<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_horror</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Anubis</book-title><annotation><p>Mogens VanAndt ist gestrandet als Professor an einem drittklassigen College in einem kleinen Ort in Massachusetts. Eines Tages erh�lt er Besuch von einem alten Studienkollegen, Jonathan Graves, mit dem ihn ein dunkles Geheimnis verbindet - jener Schatten in seiner Vergangenheit, der seine wissenschaftliche Karriere zerst�rt hat.</p><p>Eigentlich will Mogens mit dem Freund von einst nichts mehr zu tun haben, doch dieser macht ihm ein schier unwiderstehliches Angebot. Es gehe um eine wirklich gro�e Entdeckung, vielleicht die wichtigste in der modernen Arch�ologie. Und au�erdem dr�ckt er ihm f�nfhundert Dollar und eine Fahrkarte nach Kalifornien in die Hand - nur damit Mogens sich den Fund einmal ansieht.</p><p>Mogens kann der Versuchung nicht widerstehen. Nach einer langen Eisenbahnreise bis San Francisco und einer abenteuerlichen Fahrt per Automobil kommt er in einem versteckten Lager in den Bergen an. Dort f�hrt Graves ihn zu einer unterirdischen Ausgrabungsst�tte. Es ist ein Tempel des Anubis, des schakalk�pfigen Gottes der Unterwelt, und die W�nde der unterirdischen Hallen sind �ber und �ber bedeckt mit alt�gyptischen Hieroglyphen.</p><p>Doch das ist nicht alles. Denn die steinernen H�ter des Tempels bewachen ein Tor, das seit Tausenden von Jahren verschlossen geblieben ist. Dahinter �ffnet sich der Weg in ein Reich des Schreckens, in dem die Grenzen zwischen Tod und Leben aufgehoben zu sein scheinen und aus dem die Schakale des Totengottes in die Welt der Lebenden dr�ngen.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Anubis" number="1"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-07">07 April 2012</date><id>AC41323A-A6B0-4187-B6FC-A0AAA7C25370</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Verlagsgruppe L�bbe</publisher><city>Ulm</city><year>2004</year><isbn>ISBN 3-7857-2178-1</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>Wolfgang Hohlbein</p><empty-line/><p>Anubis</p><empty-line/><p><emphasis>Roman</emphasis></p><empty-line/><p>Copyright � 2004 by Verlagsgruppe L�bbe GmbH &amp; Co. Bergisch Gladbach KG</p><p>Textredaktion: Helmut W. Pesch</p><p>Satz: D�rlemann Satz, Lemf�rde</p><p>Gesetzt aus der Goudy</p><p>Druck und Einband: Ebner &amp; Spiegel GmbH, Ulm</p><p>Printed in Germany</p><p>ISBN 3-7857-2178-1</p></section><section><p>Das Buch</p><empty-line/><p>Mogens VanAndt ist gestrandet als Professor an einem drittklassigen College in einem kleinen Ort in Massachusetts. Eines Tages erh�lt er Besuch von einem alten Studienkollegen, Jonathan Graves, mit dem ihn ein dunkles Geheimnis verbindet - jener Schatten in seiner Vergangenheit, der seine wissenschaftliche Karriere zerst�rt hat.</p><p>Eigentlich will Mogens mit dem Freund von einst nichts mehr zu tun haben, doch dieser macht ihm ein schier unwiderstehliches Angebot. Es gehe um eine wirklich gro�e Entdeckung, vielleicht die wichtigste in der modernen Arch�ologie. Und au�erdem dr�ckt er ihm f�nfhundert Dollar und eine Fahrkarte nach Kalifornien in die Hand - nur damit Mogens sich den Fund einmal ansieht.</p><p>Mogens kann der Versuchung nicht widerstehen. Nach einer langen Eisenbahnreise bis San Francisco und einer abenteuerlichen Fahrt per Automobil kommt er in einem versteckten Lager in den Bergen an. Dort f�hrt Graves ihn zu einer unterirdischen Ausgrabungsst�tte. Es ist ein Tempel des Anubis, des schakalk�pfigen Gottes der Unterwelt, und die W�nde der unterirdischen Hallen sind �ber und �ber bedeckt mit alt�gyptischen Hieroglyphen.</p><p>Doch das ist nicht alles. Denn die steinernen H�ter des Tempels bewachen ein Tor, das seit Tausenden von Jahren verschlossen geblieben ist. Dahinter �ffnet sich der Weg in ein Reich des Schreckens, in dem die Grenzen zwischen Tod und Leben aufgehoben zu sein scheinen und aus dem die Schakale des Totengottes in die Welt der Lebenden dr�ngen.</p></section><section><title><p id="_1">1.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Professor Mogens VanAndt hasste seinen Beruf. Das war nicht immer so gewesen. Es hatte eine Zeit gegeben, die objektiv sogar nur wenige Jahre zur�cklag, in Mogens' pers�nlichem Zeitempfinden jedoch Ewigkeiten, da hatte er ihn geliebt, und eigentlich, tief in seinem Innersten, tat er das noch immer. Streng genommen war es auch falsch zu sagen, dass er seinen <emphasis>Beruf </emphasis>hasste. Er hasste das, was er <emphasis>tun </emphasis>musste.</p><p>Mogens VanAndt war von Geburt her Belgier - genauer gesagt: Flame, wie allein schon sein Name verriet -, von Erziehung und Lebensart her aber durch und durch Amerikaner, und so konnte es nicht weiter �berraschen, dass er sich neuen T�tigkeiten mit einer beneidenswerten Leichtigkeit zuwandte, eine Aufgabe, die er einmal angenommen hatte, dann aber mit gro�er Akribie, ja, fast schon Besessenheit erledigte. Jeder, der ihn in seiner Jugend gekannt hatte, hatte ihm eine gro�e Zukunft prophezeit, seine Lehrer waren �beraus zufrieden mit ihm gewesen, und w�re es nach den Voraussagen seiner Professoren an der Universit�t gegangen, so w�re er wohl sp�testens f�nf Jahre nach seiner Promotion als gleichberechtigter Kollege an die Fakult�t zur�ckgekehrt, und sein Name h�tte wohl schon jetzt in mehr als einem Fachbuch gestanden und zahllose Artikel in Fachzeitschriften oder anderen entsprechenden Publikationen geziert.</p><p>Das Schicksal hatte es anders gewollt. Das Einzige, was sein Namenszug zierte, waren die Visitenkarten in der abgewetzten schweinsledernen Brieftasche, die noch aus besseren Zeiten stammte, und ein schlampig beschriftetes Schild an der T�r eines winzigen fensterlosen B�ros im Keller der Universit�t von Thompson; einer Universit�t, von der noch nie jemand geh�rt hatte und die in einer Stadt lag, die kaum jemand kannte, der weiter als f�nfzig Meilen entfernt lebte. Es gab Tage, da argw�hnte Mogens ganz ernsthaft, dass nicht einmal alle <emphasis>Bewohner </emphasis>Thompsons wussten, wie ihre Stadt hie�. Von den Studenten seiner so genannten <emphasis>Universit�t </emphasis>ganz zu schweigen.</p><p>Das brennende Holz im Kamin, das er - wie es ihm vorkam - gerade erst nachgelegt hatte, war schon wieder fast zur G�nze verkohlt. VanAndt erhob sich, ging zu dem kleinen, geflochtenen Korb mit Feuerholz neben dem Kamin hin�ber und warf ein neues Scheit in die gelben Flammen. Ein Funkenschauer stob auf, lie� Mogens in der Hocke zwei Schritte zur�ckweichen und senkte sich auf den brandfleckigen, trotzdem aber sorgsam gebohnerten Boden vor ihm. Der Professor stand auf, wich einen weiteren Schritt zur�ck und warf einen Blick auf die antiquierte Standuhr neben der T�r. Es war nach sechs. Sein Besuch hatte sich versp�tet.</p><p>Im Grunde spielte es keine Rolle. VanAndt hatte an diesem Abend nichts Besonderes vor. Das war in Thompson schlechterdings unm�glich. Das Dreitausend-Seelen-Kaff bot keine nennenswerten M�glichkeiten der Zerstreuung. Es verf�gte �ber den obligaten Saloon, der, sowohl was sein Aussehen, als auch sein Publikum anging, eindeutig ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert darstellte. Aber zum einen verabscheute der Professor Alkohol, und zum anderen galt er in der Stadt als Sonderling und Eigenbr�tler; beides Attribute, die einen Besuch in einem derartigen, zum gro�en Teil von einfachen Arbeitern und derbem Bauernvolk frequentierten Etablissement wenig angeraten erscheinen lie�en. Dar�ber hinaus gab es einen kleinen Drugstore samt angegliederter Milchbar sowie ein Lichtspielhaus, in dem an den Wochenenden sechs Monate alte Hollywood-Streifen aufgef�hrt wurden. Beides war jedoch zum Treffpunkt der Dorfjugend geworden, sodass es f�r den Professor ebenfalls nicht in Frage kam.</p><p>Und Letztens schlie�lich gab es ein gewisses Etablissement mit roten Lampen und kleinen, verschwiegenen Separees, die aber nicht ann�hernd so verschwiegen waren, wie sie sein sollten, daf�r aber entschieden kleiner, als sie sein mussten. Au�erdem entsprach das weibliche Personal nicht einmal ann�hernd Mogens' Anspr�chen, sodass er es ohnehin verzog, in monatlichen Abst�nden in die hundert Meilen entfernte Kreisstadt zu fahren, um das dortige Pendant dieser Einrichtung zu besuchen. Kurz: Professor Mogens VanAndts Leben verlief in sehr einfachen, um nicht zu sagen langweiligen Bahnen. Das Telegramm, das vor zwei Tagen gekommen war, stellte die seit Monaten aufregendste Unterbrechung in seinem t�glichen Einerlei dar.</p><p>Es klopfte. Mogens ertappte sich dabei, mit einer viel zu heftigen Bewegung vom Kamin zur�ck- und herumzufahren. Sein Herz pochte ein bisschen schneller und er musste sich beherrschen, um nicht mit der gleichen unziemlichen Hast zur T�r zu springen und sie aufzurei�en; als sei er kein ordentlicher Professor, sondern ein Zehnj�hriger, der es am Weihnachtsmorgen nicht mehr aushalten konnte, ins Wohnzimmer zu gelangen, um nachzusehen, was Santa Claus am Kaminsims zur�ckgelassen hatte. Aber Weihnachten lag Wochen zur�ck und Mogens war keine zehn mehr, sondern der vierzig mittlerweile n�her als der drei�ig. Au�erdem hielt er es f�r wenig angeraten, seinem Besuch zu zeigen, <emphasis>wie </emphasis>neugierig er auf das �berufliche Angebot� war, von dem in dem Telegramm die Rede gewesen war. So zwang er sich nicht nur mit einer bewussten Anstrengung zur Ruhe, sondern lie� noch einmal vier oder f�nf Sekunden verstreichen, ehe er die Hand nach dem T�rgriff ausstreckte und ihn herunterdr�ckte.</p><p>Es fiel Mogens sehr schwer, seine Entt�uschung zu verbergen. Vor der T�r stand kein Fremder, sondern Miss Preussler - nennen Sie mich einfach Betty, das tun alle hier, hatte sie gleich am Abend seines Einzugs gesagt, aber Mogens hatte es niemals fertig gebracht, nicht einmal in Gedanken -, seine Zimmerwirtin, und statt der sorgsam zurechtgelegten Worte, die Mogens zur Begr��ung seines Gastes ersonnen hatte, entschl�pfte ihm nur ein �berraschtes: �Oh?�</p><p>Miss Preussler hob die rechte Hand, mit der sie gerade dazu angesetzt hatte, ein weiteres Mal an die Zimmert�r zu klopfen, drohte ihm spielerisch mit dem Zeigefinger und schob sich - wie �blich, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen - an ihm vorbei ins Zimmer. �Oh?�, fragte sie. �Ist das vielleicht eine Art, eine gute Freundin zu begr��en, mein lieber Professor?�</p><p>Mogens zog es vor, gar nicht darauf zu antworten. Es bereitete ihm schon normalerweise gro�e M�he, Miss Preusslers Aufdringlichkeiten zu ertragen - die sie offensichtlich f�r den angemessenen Ausdruck der Zuneigung hielt, die sie ihm gegen�ber empfand -, aber heute fiel es ihm ganz besonders schwer.</p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete er, hastig und ein bisschen ungeschickt. �Es ist nur so, dass...�</p><p>�... Sie mich nicht erwartet haben, ich wei߫, unterbrach ihn Miss Preussler, w�hrend sie sich zu ihm umdrehte und dabei - wie Mogens keineswegs entging - einen raschen pr�fenden Blick durch das Zimmer schweifen lie�. Miss Preussler war der ordentlichste und sauberste Mensch, dem Mogens je begegnet war; und das, obwohl er selbst Sauberkeit �ber alles sch�tzte. Heute jedoch fand ihr kritischer Blick nicht das geringste St�ubchen, das vielleicht zu einem missbilligenden Stirnrunzeln Anlass gegeben h�tte. Mogens hatte die vergangenen anderthalb Stunden damit zugebracht, sein Zimmer aufzur�umen und die betagte Einrichtung auf Hochglanz zu polieren - so weit die f�nfzig Jahre alten M�bel, mit denen seine Unterkunft ausgestattet war, dies noch zulie�en.</p><p>�Sie erwarten Besuch, mein lieber Professor?�, fuhr sie fort, als sie auch nach einigen Sekunden keine Antwort bekam.</p><p>�Ja�, antwortete Mogens. �Ein fr�herer Kollege hat sich �berraschend angek�ndigt. Ich h�tte Sie selbstverst�ndlich informiert, aber die Nachricht kam wirklich sehr �berraschend. Ich wollte Sie nicht unn�tig bel�stigen. Sie haben ja auch so schon genug zu tun.�</p><p>Normalerweise reichte ein solcher Hinweis auf die Arbeit, die es f�r Miss Preussler zweifellos bedeutete, eine Pension mit einem Dauergast und zwei weiteren, die meiste Zeit leer stehenden Zimmern zu betreiben und dabei Jagd auf jedes St�ubchen und jeden Schmutzpartikel zu machen, die den Frevel begingen, sich in ihr Refugium zu wagen, vollkommen aus, sie wieder gn�dig zu stimmen. Heute jedoch nicht. Ganz im Gegenteil wirkte sie pl�tzlich ein bisschen ver�rgert - oder verletzt -, dann l�ste sich ihr Blick f�r einen Moment von seinem Gesicht und streifte das Telegramm, das zwar aufgeschlagen, aber mit der beschriebenen Seite nach unten auf dem Schreibtisch lag. Was Mogens in diesem kurzen Moment in ihren Augen las, machte ihm klar, dass sie den Inhalt des Telegramms nur zu gut kannte.</p><p>Nat�rlich kannte sie ihn. Was hatte er erwartet? Wahrscheinlich hatte sie ihn gekannt, bevor er ihn zur Kenntnis genommen hatte. Thompson war ein kleiner Ort, in dem jeder jeden kannte und in dem nichts geschah, ohne sofort zu allgemeinem Wissensgut zu werden. Trotzdem �rgerte ihn die Erkenntnis so sehr, dass er sich f�r einen Moment mit aller Kraft zur�ckhalten musste, um seine Zimmerwirtin nicht mit scharfen Worten in ihre Schranken zu weisen. Aber so l�chelte er nur und deutete eine Bewegung an, die Miss Preussler f�r ein Achselzucken halten konnte, oder wof�r auch immer sie wollte.</p><p>Nach einer weiteren Sekunde kehrte das sp�ttische L�cheln in Miss Preusslers Augen zur�ck und sie hob erneut den Zeigefinger, um ihm spielerisch zu drohen. �Aber mein lieber Professor. Ist es etwa ein Beweis guter Erziehung, eine alte Freundin zu bel�gen?�</p><p>Es lag Mogens auf der Zunge zu sagen, dass das einzig wahre Wort in diesem Satz <emphasis>alte </emphasis>war, aber <emphasis>das </emphasis>verbot ihm tats�chlich seine gute Erziehung. Davon abgesehen w�re es nicht klug, es sich ganz offen mit Miss Preussler zu verderben; zumindest nicht bevor er wusste, wer sein geheimnisvoller Besucher eigentlich war, und was er von ihm wollte. Er antwortete deshalb auch auf diese Frage nicht.</p><p>Miss Preussler war jedoch ganz offensichtlich nicht geneigt, so schnell aufzugeben; was Mogens aber keineswegs �berraschte - wenn es etwas gab, was er - wenn auch widerwillig - an seiner Zimmerwirtin bewunderte, dann war es ihre Beharrlichkeit. Miss Preussler hatte vom ersten Tage an wenig Zweifel daran gelassen, dass sie nichts unversucht lassen w�rde, den gut aussehenden, sportlich gebauten Dauergast in ihrem Haus irgendwann in ihr weiches Bett und ihre vermutlich noch weichere Umarmung zu locken - etwas, dessen blo�e <emphasis>Vorstellung </emphasis>Mogens allerdings schon einen kalten Schauer �ber den R�cken laufen lie�. Die von ihm postulierte Weichheit ihrer Umarmung lag n�mlich keineswegs an ihrer Alabasterhaut oder ihrem sanften Wesen, sondern viel mehr an etlichen �berfl�ssigen Pfunden, die die Jahre, die sie ihm voraus hatte, auf ihrer Statur abgeladen hatten. Mogens hatte sich niemals nach ihrem Alter erkundigt, schon, weil allein diese Frage eine Vertraulichkeit zwischen ihnen geschaffen h�tte, die er ganz bestimmt nicht wollte, aber er sch�tzte, dass sie ann�hernd alt genug sein musste, um seine Mutter zu sein, vielleicht nicht ganz, aber doch <emphasis>ann�hernd.</emphasis></p><p>Andererseits hatte es unbestreitbare Vorteile, Miss Preusslers Nachstellungen nicht allzu energisch abzuwehren. Manchmal ging sie ihm zwar geh�rig auf die Nerven, bemutterte ihn aber auch geradezu r�hrend, was sich in dem einen oder anderen St�ck Extra-Kuchen an Sonntagen niederschlug, einer besonders gro�en Portion auf seinem Teller, wenn es Fleisch gab, oder einem immer gef�llten Korb mit Brennholz neben dem Kamin; alles Dinge, die f�r die anderen Pensionsg�ste l�ngst nicht selbstverst�ndlich waren. Miss Preussler hatte sich sogar - obwohl �berzeugte Protestantin - mit seiner radikalen Einstellung der Kirche gegen�ber abgefunden. Sie billigte sie nicht, hatte sie aber stillschweigend akzeptiert. H�tte es �berhaupt noch eines Beweises bedurft, dass sich Miss Preussler durch eine Verwirrung der Gef�hle hoffnungslos in ihn verliebt hatte, so w�re es allein dieser Umstand gewesen.</p><p>Mogens hingegen... Nun, er f�hlte sich nicht unbedingt abgesto�en von Miss Preussler, aber doch nahe daran. Er war sicher, dass ihre Gef�hle f�r ihn echt waren, und er hatte sogar ein- oder zweimal versucht, in sich selbst wenigstens einen Funken von Zuneigung zu entdecken, aber ohne Erfolg. Dass er die unbestreitbaren Vorteile, die er aus ihren Nachstellungen zog, trotzdem annahm, f�hrte nicht nur zu einem permanenten schlechten Gewissen, sondern zuweilen auch dazu, dass er sich selbst regelrecht verachtete - was seine negativen Gef�hle Miss Preussler gegen�ber noch verst�rkte. Menschen waren schon komplizierte Gesch�pfe.</p><p>�Miss Preussler�, begann er, w�hrend er noch �berlegte, wie er sie m�glichst diplomatisch hinauskomplimentieren konnte, ohne dass es sich allzu sch�dlich auf seinen n�chsten Speiseplan auswirkte. �Ich glaube nicht, dass...�</p><p>Miss Preussler kam ihm ungewollt zu Hilfe. Ihre Argusaugen hatten einen unversch�mten Eindringling in dem Tempel der Sauberkeit entdeckt, in den sie ihr Haus verwandelt hatte: Die Ascheflocken, die vorhin aus dem Kamin gewirbelt waren. Ohne Mogens' begonnenem Satz auch nur die geringste Beachtung zu schenken, drehte sie sich in einer komplizierten, �bergewichtigen Pirouette um ihre eigene Achse und ging dabei zugleich in die Hocke; f�r Mogens sah es aus, als ob sie irgendwie auseinander fl�sse und danach in kleinerer und verbreiterter Gestalt wieder Festigkeit ann�hme. Mit einem Geschick, das nur auf lebenslange beharrliche �bung zur�ckgehen konnte, zog sie einen Staublappen aus der Sch�rzentasche und entfernte in Windeseile die mikroskopisch kleinen Ascheflocken vom Boden, dann schraubte sie sich mit einer fast noch unglaublicher wirkenden Bewegung wieder in die H�he und strahlte Mogens so herzlich an, dass ihm der Rest seines vorbereiteten Hinauswurfs buchst�blich im Halse stecken blieb.</p><p>�Ja, mein lieber Professor?�, fragte sie. �Sie wollten etwas sagen?�</p><p>�Nichts�, murmelte Mogens. �Es war... nichts.�</p><p>�Das glaube ich Ihnen nicht�, antwortete Miss Preussler. Pl�tzlich und �bergangslos wurde sie sehr ernst. Sie trat einen Schritt auf ihn zu, legte den Kopf in den Nacken, um ihm weiter ins Gesicht blicken zu k�nnen, und kam noch n�her. In ihren Augen erschien ein Ausdruck, der eine ganze Reihe misst�nender Alarmglocken hinter Mogens' Stirn anschlagen lie�. Er schickte ein Sto�gebet zum Himmel, dass sich Miss Preussler nicht ausgerechnet diesen Moment auserkoren hatte, um ihre Taktik zu �ndern und die Festung seiner Tugendhaftigkeit im Sturmangriff zu nehmen. Ganz instinktiv versteifte er sich. Er w�re vor ihr zur�ckgewichen, wenn er es nur gekonnt h�tte, aber er stand bereits mit dem R�cken an der T�r.</p><p>�Ich wei�, es ist ein denkbar schlechter Augenblick, um damit anzufangen, Professor�, begann Miss Preussler. Mogens gab ihr in Gedanken nur zu Recht. Der Augenblick <emphasis>war </emphasis>denkbar schlecht, ganz egal, was sie ihm nun sagen wollte. �Aber ich kam leider nicht umhin, den Inhalt dieses Telegramms zur Kenntnis zu nehmen. Ich bin... ein bisschen erschrocken, wenn ich ehrlich sein soll.�</p><p>�So?�, fragte Mogens spr�de.</p><p>�Professor, lassen Sie mich ganz offen sein�, fuhr Miss Preussler fort. Sie kam noch n�her. Ihr wogender Busen ber�hrte jetzt fast Mogens' Brust, und er konnte riechen, dass sie frisches Parf�m aufgelegt hatte. Ein ziemlich aufdringlicher, aber auch ein wenig muffiger Geruch, wie er fand. �Sie wohnen jetzt seit mehr als vier Jahren hier. Aber Sie sind f�r mich vom ersten Tag an weit mehr als ein normaler Gast gewesen. Es f�llt mir ein wenig schwer, es zuzugeben, aber wahr ist, dass ich eine gewisse... Sympathie...�</p><p>�Nat�rlich ist es mir aufgefallen, Miss Preussler�, fiel ihr Mogens ins Wort, wobei er sich im Stillen allerdings fragte, ob er nicht gerade einen schweren Fehler beging. �Es ist nur so, dass...�</p><p>�Sie tragen sich doch nicht etwa mit dem Gedanken, Thompson zu verlassen�, unterbrach ihn Miss Preussler. Die Worte wurden von einem schweren, tiefen Atemzug begleitet, der bewies, wie schwer es ihr fiel, sie auszusprechen. �Ich meine: Nat�rlich ist mir klar, dass ein Mann Ihres Niveaus und Ihrer Bildung an einer Universit�t wie der unseren vollkommen unterfordert ist. Es ist ja nur eine kleine Fakult�t, an der sicher nicht die weltbewegendsten Forschungen get�tigt werden. Trotzdem hat sie aber ihre unbestreitbaren Vorz�ge. Das Leben verl�uft in geregelten Bahnen und eine Frau kann auch nach Dunkelwerden noch allein auf die Stra�e gehen, ohne Angst haben zu m�ssen.�</p><p>Mogens fragte sich, wie viele Argumente Miss Preussler wohl noch zugunsten einer Stadt finden mochte, zu deren Gunsten es keine Argumente <emphasis>gab. </emphasis>Etwas sehr Sonderbares geschah, mit dem Miss Preussler nicht nur ganz bestimmt nicht gerechnet, sondern das sie wohl auch zutiefst erschreckt h�tte, h�tte sie davon gewusst: W�hrend sie fortfuhr, die fadenscheinigsten Argumente zugunsten Thompsons vorzubringen, bewirkten ihre Worte das genaue Gegenteil. Mit einem Male wurde Mogens so klar wie selten zuvor in den vergangenen vier Jahren, in welch auswegslose Lage ihn das Schicksal <emphasis>wirklich </emphasis>gebracht hatte. Bisher hatte er sich stets mit mehr oder weniger gro�em Erfolg eingeredet, hier im Grunde alles zu haben, was er zum Leben brauchte, doch nun wurde ihm pl�tzlich bewusst, dass er damit nur das �berleben gemeint hatte, nicht das Leben. Und noch etwas wurde ihm schlagartig klar: Eigentlich war er bereits fest entschlossen, das interessante berufliche Angebot, von dem in dem Telegramm die Rede war, anzunehmen.</p><p>Seine Gedanken wanderten zur�ck zu jener Zeit, die ihm so unendlich weit entfernt schien, ohne es tats�chlich zu sein, und in der seine Zukunft so klar �berschaubar und strahlend erschienen war, wie es �berhaupt nur ging. Er hatte in Harvard als einer der drei Besten seines Jahrgangs promoviert, was niemanden �berrascht hatte, und noch bis zum Abend seiner Abschlussfeier schien klar zu sein, dass ihm eine gro�e Zukunft bevorstand. Ein einziger Abend, ja, ein einziger <emphasis>Augenblick, </emphasis>hatte alles ver�ndert. Mogens war versucht, dem Schicksal allein die Schuld daran zu geben. Er hatte einen Fehler gemacht, einen schlimmen, unverzeihlichen Fehler, aber es war einfach nicht gerecht, dass er <emphasis>so </emphasis>daf�r b��en musste.</p><p>�... ist mir nat�rlich alles klar�, sagte Miss Preussler in diesem Moment. Mogens schrak sichtbar zusammen und begriff im Nachhinein, dass sie die ganze Zeit �ber nicht aufgeh�rt hatte zu reden, ohne dass er sich auch nur an ein einziges Wort erinnerte. �Aber vielleicht... ich meine, m�glicherweise... k�nnten Sie es ja in Betracht ziehen, unsere Beziehung auf eine etwas... pers�nlichere Weise zu gestalten. Ich wei�, ich bin �lter als Sie, und ich kann auch nicht mehr mit den k�rperlichen Attributen der jungen Damen mithalten, die Sie dann und wann in der Kreisstadt besuchen, aber es w�re vielleicht einen Versuch wert.�</p><p>Sie verstummte, ersch�pft und zugleich ein wenig �ngstlich, was seine Reaktion anging. Sie hatte sich ihm schlie�lich offenbart, auf eine sehr deutliche, f�r eine Frau wie sie schon geradezu unerh�rte Art, und nat�rlich konnte er jetzt nicht mehr so tun, als ahne er nichts von ihren wahren Gef�hlen. Mogens war vollkommen verunsichert. Dass Miss Preussler von seinen sporadischen Besuchen in der Kreisstadt wusste und auch, was er dort tat, �berraschte ihn und war ihm zugleich peinlich. Aber viel mehr schockierte ihn alles andere, was sie gesagt hatte. Ihre Worte hatten den m�hsam aufrechterhaltenen Status quo, in dem sie seit Jahren lebten, beendet, schlagartig und unwiderruflich. In Zukunft w�rde alles viel komplizierter werden, ja, vielleicht sogar unm�glich. Die Dinge wiederholten sich, dachte er traurig. Ein paar Worte, eine einzige, unbedachte �u�erung, und aus einer �berschaubaren, klar geplanten Zukunft war ein schwarzer Abgrund voller Ungewissheit geworden. Der Verlust war diesmal nicht ann�hernd so gro�, und doch war die Situation vergleichbar. Worte konnten so unendlich viel mehr Schaden anrichten als Taten.</p><p>�Sie sind jetzt schockiert, nicht wahr?�, fragte Miss Preussler, als er auch nach weiteren Sekunden nicht antwortete. Sie wirkte niedergeschlagen, aber auch verlegen. �Ich h�tte das nicht sagen sollen. Verzeihen Sie mir. Ich bin eine dumme alte Frau, die...�</p><p>�Miss Preussler�, unterbrach sie Mogens, �darum geht es nicht.� Er bem�hte sich, so viel Ruhe und Sanftheit in seine Stimme zu legen, wie er nur konnte, und dann tat er etwas, von dem er wusste, dass er es besser nicht tun sollte und was er in den letzten vier Jahren fast angstvoll vermieden hatte: Er streckte die Hand aus und ber�hrte Miss Preussler sanft am Arm. Sie fuhr unter seiner Ber�hrung schaudernd zusammen und Mogens stellte mit einem Gef�hl beil�ufiger �berraschung fest, dass sich ihre Haut tats�chlich sehr weich und angenehm anf�hlte.</p><p>�Ich bin froh, dass Sie es gesagt haben�, sagte er. �Nat�rlich sind mir Ihre Gef�hle mir gegen�ber nicht verborgen geblieben. Ich versichere Ihnen, dass auch Sie mir nicht gleichg�ltig sind. Es ist nur so, dass... dass es da etwas gibt, was Sie nicht �ber mich wissen.�</p><p>�Aber das ist mir doch klar, mein lieber Professor.�</p><p>�Wie?� Mogens blinzelte. Fast ohne sein Zutun zog er die Hand von ihrem Arm zur�ck.</p><p>�Glauben Sie denn wirklich, ich w�sste nicht, dass sich ein Mann Ihrer Bildung nicht ohne einen triftigen Grund in einer Stadt wie Thompson versteckt?�, fragte Miss Preussler. �Sie werden Ihre Gr�nde haben, nicht an einer der gro�en Universit�ten zu lehren, wo Sie meiner Meinung nach hingeh�ren. Aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Wenn Sie nicht dar�ber sprechen wollen, so akzeptiere ich das. Ich werde niemals auch nur eine einzige Frage stellen.�</p><p>Vor dem Haus fuhr ein Wagen vor. Das Ger�usch war nicht besonders laut, denn Mogens hatte die Fenster geschlossen, um die W�rme des Kaminfeuers drinnen zu halten, aber er hob den Kopf und sah in die entsprechende Richtung, und das beunruhigende Flackern in Miss Preusslers Augen erlosch. Sie hatte wohl begriffen, dass der kostbare Moment vorbei war, vielleicht auch, dass er niemals wiederkehren w�rde. Mogens war erleichtert, hatte aber zugleich auch ein starkes Gef�hl von Mitleid. Seufzend drehte sich Miss Preussler um, ging zum Fenster und sah hinaus.</p><p>�Das wird wohl Ihr Besuch sein�, sagte sie. Nach einer Sekunde und in leicht ver�ndertem Ton f�gte sie hinzu: �Er f�hrt einen ziemlich kostspieligen Wagen, das muss man sagen. Ich �ffne ihm die T�r.� Sie verlie� mit schnellen Schritten das Zimmer, und Mogens begab sich seinerseits zum Fenster. Der Abstand, in dem sie aneinander vorbeigingen, war weitaus gr��er als n�tig.</p><p>Er konnte den Mann, von dem Miss Preussler gesprochen hatte, nicht mehr erkennen, denn er verschwand gerade in diesem Moment aus seinem Sichtfeld, sodass er nur einen fl�chtigen Eindruck von einer schlanken Gestalt in einem eleganten Anzug hatte, aber was das Automobil anging, so hatte Miss Preussler vollkommen Recht: Es war ein sehr gro�er, sehr eleganter und vor allem sehr <emphasis>kostspieliger </emphasis>Wagen. Ein dunkelblauer Buick mit cremefarbenem Verdeck, das trotz der niedrigen Temperaturen zur�ckgeklappt war, komplett mit Wei�wandreifen und Ledersitzen. Ein solches Automobil musste mehr kosten, als er in den letzten zwei Jahren verdient hatte. Mogens war pl�tzlich noch neugieriger als bisher, den Absender des geheimnisvollen Telegramms kennen zu lernen.</p><p>So war es nicht weiter verwunderlich, dass es ihn nun noch mehr Beherrschung kostete, nicht zur T�r zu hetzen und seinem Besucher ungeduldig entgegenzueilen. Stattdessen �ffnete er die T�r nur einen Spaltbreit. Er konnte h�ren, wie sich Miss Preussler unten im Hausflur mit seinem Besucher unterhielt, viel zu lange f�r seinen Geschmack und in entschieden zu vertrautem Ton, dann bewegten sich schnelle Schritte die Treppe herauf, und Mogens dr�ckte rasch und lautlos die T�r ins Schloss und ging zu seinem Sessel zur�ck. Er fand gerade noch Zeit, sich zu setzen, da wurde auch schon an der T�r geklopft. Mogens schlug die Beine �bereinander, strich noch einmal gl�ttend mit den H�nden �ber seine Kleidung und rief dann mit fester Stimme: �Herein.�</p><p>Er sa� mit dem R�cken zum Eingang und drehte sich ganz bewusst nicht sofort um, als er das Ger�usch der T�r h�rte.</p><p>Jemand kam zwei Schritte weit herein, dann fragte eine Stimme, die ihm sonderbarerweise <emphasis>bekannt </emphasis>vorkam: �Professor VanAndt? Mogens VanAndt?�</p><p>�Ganz Recht�, antwortete Mogens und drehte sich langsam im Sessel herum. �Was kann ich f�r Sie...�</p><p>Er konnte selbst sp�ren, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Einen Moment lang stockte ihm der Atem.</p><p>�Jonathan!�</p><p>Vor ihm stand sein Schicksal. Der Mann, der die Schuld daran trug, dass er in diesem von Gott und der Welt vergessenen Kaff versauerte, statt ein Leben in Anerkennung und Reichtum zu f�hren, wie es ihm zustand. Seine pers�nliche Nemesis.</p><p>Er hatte sich ver�ndert. Die vergangenen neun Jahre hatten auch an ihm ihre Spuren hinterlassen. Er hatte etliche Pfunde zugelegt, und die Zeit hatte Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, als h�tten diese Jahre f�r ihn mindestens doppelt so lange gedauert wie f�r andere. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe, nur angedeutet, aber sichtbar, und auf seinen Wangen lag ein grauer, ungesunder Schimmer, obwohl er penibel rasiert war. Graves' Gesicht sah... verlebt aus. Trotz des sichtbar teuren Anzugs, den er trug, machte seine ganze Gestalt einen irgendwie heruntergekommenen Eindruck.</p><p>Dennoch gab es nicht den allermindesten Zweifel: Vor ihm stand der Mann, den er auf der ganzen Welt am allermeisten verachtete, und dessen Gesicht er niemals wiederzusehen gehofft hatte: Doktor Jonathan Graves.</p><p>�Es ist sch�n, dass du dich noch an meinen Namen erinnerst, Mogens�, sagte Graves. Er l�chelte, trat einen weiteren Schritt ins Zimmer herein und schob die T�r mit dem Fu� hinter sich zu. �Ich hatte schon Angst, dass du mich vergessen haben k�nntest. Schlie�lich ist es schon ziemlich lange her.�</p><p>Mogens starrte ihn aus aufgerissenen Augen an. Seine H�nde schlossen sich so fest um die Armlehnen des altersschwachen Sessels, dass das Holz �chzte. Er wollte etwas sagen, aber seine Stimme versagte. Und selbst, wenn es nicht so gewesen w�re: Hinter seiner Stirn herrschte ein solches Durcheinander, dass ihm buchst�blich die Worte fehlten. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Graves' Anblick hatte ihn getroffen wie eine Ohrfeige.</p><p>Graves kam n�her, baute sich feixend vor seinem Sessel auf und sagte: �Also nun einmal nicht so st�rmisch, mein lieber Professor. Ich kann ja verstehen, dass du dich freust, mich wiederzusehen, aber dein Enthusiasmus ist ja schon fast peinlich.�</p><p>�Was... was willst du?�, kr�chzte Mogens. Der Klang seiner eigenen Stimme erschreckte ihn.</p><p>�Aber Mogens, alter Freund�, griente Graves. �Du wirst doch nicht etwa mein Telegramm nicht bekommen haben? Das w�re nun wirklich unangenehm - obwohl es andererseits jetzt auch keine Rolle mehr spielt. Ich habe dich ja angetroffen.� Er trat einen Schritt zur�ck, sah sich ungeniert im Zimmer um und griff mit �bertrieben geschauspielertem Erstaunen nach dem Telegramm, das auf dem Tisch lag. �Du hast wohl anscheinend nur die Zeit vergessen. Noch immer ganz der zerstreute Professor von fr�her, wie?�</p><p>�Was... willst... du... Jonathan?�, wiederholte Mogens gepresst. Er musste sich jedes Wort einzeln abringen. Seine Muskeln schmerzten, so verkrampft, wie er noch immer dasa�, und er verstand seine eigene Reaktion nicht mehr. �Bist du gekommen, um deinen inneren Triumph zu genie�en?�</p><p>Seine Worte waren... albern. Sie <emphasis>klangen </emphasis>nicht einmal zornig, oder wenigstens verbittert, sondern selbst in seinen eigenen Ohren albern und billig, wie ein Zitat aus einem der Kolportage-Romane, die Miss Preussler so gerne las und von denen er einige fl�chtig durchgebl�ttert hatte, um hinter das Geheimnis ihrer Faszination zu kommen, selbstverst�ndlich ergebnislos. Aber er w�rde sich nicht auf den vertraulichen Ton seines Gegen�bers einlassen, das war er seiner Selbstachtung schuldig.</p><p>�Hast Du mein Telegramm etwa nicht gelesen, Professor?�, fragte Graves mit gespieltem Staunen und hob die Brauen.</p><p>�Das habe ich�, erwiderte Mogens. �Zum dritten Mal: Was willst du, Graves?�</p><p>Graves griente noch einige Augenblicke lang weiter, doch dann schien er endlich genug zu haben, denn er wurde pl�tzlich ernst, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich unaufgefordert. �Also gut, Mogens. Lassen wir das Theater. Ich kann mir vorstellen, wie du dich f�hlst, und ich gebe dir mein Wort, dass mir vor diesem Moment ebenso bange war wie dir - aber nun haben wir ihn ja hinter uns gebracht, nicht wahr?�</p><p>Nichts hatten sie hinter sich, rein gar nichts. In Mogens' Gedanken und Gef�hlen herrschte noch immer ein unbeschreibbarer Aufruhr, aber ein kleiner, zurzeit allerdings zur Tatenlosigkeit verdammter Teil seines Bewusstseins blieb ganz ruhig, und dieser Teil Professor VanAndts verstand seine eigene Reaktion ganz und gar nicht mehr. Er hatte angenommen, dass er sich zumindest allm�hlich wieder beruhigen w�rde, nachdem der erste Schrecken �ber Graves' unvermittelte R�ckkehr in sein Leben vor�ber war, doch das genaue Gegenteil schien der Fall zu sein. Der Aufruhr hinter seiner Stirn hielt an, ja, er schien sogar noch zuzunehmen, als h�tte Graves' blo�er Anblick etwas in ihm ausgel�st, gegen das er machtlos war.</p><p>Mogens war niemals ein gewaltt�tiger Mensch gewesen, sondern hatte Gewalt Zeit seines Lebens sogar aus tiefstem Herzen verabscheut. Nun aber war er beinahe froh dar�ber, dass ihn der Schrecken noch immer l�hmte, denn w�re es anders gewesen, dann h�tte er sich vielleicht auf Graves gest�rzt, um mit F�usten auf ihn einzuschlagen. So konnte er nichts anderes tun, als dazusitzen und den Mann anzustarren, der sein Leben zerst�rt hatte.</p><p>Was er sah, das h�tte ihn unter normalen Umst�nden h�chstwahrscheinlich erstaunt, denn Jonathan Graves bot einen sehr sonderbaren Anblick. Seine Kleidung war teuer, um nicht zu sagen luxuri�s, und in tadellosem Zustand. Seine Schuhe, die mehr gekostet haben mussten als alles, was Mogens am Leibe trug, waren auf Hochglanz poliert, die B�gelfalten seiner Hosen messerscharf, und auf den Revers seines modischen Zweireihers befand sich nicht das geringste St�ubchen. Eine kostbare Uhrkette zierte seine Weste, und er trug eine teure Seidenkrawatte mit einer Spange, die von einem fast fingernagelgro�en Rubin geziert wurde; Mogens war ziemlich sicher, dass er echt war.</p><p>Dieser Aufzug allein h�tte ihn jedoch nicht �berrascht. Jonathan war schon immer ein eitler Geck gewesen, und ein furchtbarer Angeber dazu. Was Mogens jedoch zutiefst verwirrte und zugleich auf eine schwer definierbare Weise erschreckte, das war Graves selbst. Er konnte die Gef�hle, die sein Anblick in ihm ausl�ste, nicht wirklich in Worte fassen, aber sie waren unglaublich... intensiv. Das Gef�hl, etwas Falsches zu betrachten. Etwas, das nicht nur falsch war, sondern nicht sein durfte, weil es widernat�rlich und blasphemisch war.</p><p>Er versuchte den Gedanken zu verscheuchen und wieder Ordnung in das Durcheinander hinter seiner Stirn zu bringen. In die einander widersprechenden Empfindungen, die Graves' Anblick in ihm ausgel�st hatten, mischte sich ein allm�hlich st�rker werdender Zorn auf ihn selbst. Seine Reaktion war mittlerweile nicht nur nicht mehr angemessen, sondern eines Wissenschaftlers auch einfach unw�rdig. Schlie�lich hatte er gelernt, die Dinge so zu betrachten, wie sie waren, und Fakten zu w�rdigen, nicht Emotionen. Und was Graves' Anblick in ihm ausl�ste, das <emphasis>konnten </emphasis>nur Emotionen sein. Er hatte das Gef�hl, ein durch und durch verkommenes Subjekt zu betrachten, ein heruntergekommenes, viehisches... <emphasis>Etwas, </emphasis>das den Namen Mensch nicht einmal mehr im Ansatz verdiente und nur Ekel und Widerwillen in ihm ausl�ste.</p><p>Was seine bewusste Anstrengung nicht vollbracht hatte, das bewirkten diese irrationalen Gef�hle: Mogens' Zorn verrauchte auf der Stelle, und er sp�rte, wie auch seine Muskelspannung wich und sich selbst sein rasender Herzschlag wieder beruhigte. Vielleicht weil er begriff, was in ihm vorging. Jonathan Graves war niemals ein angenehmer Mensch gewesen, aber diese extreme Reaktion tat selbst ihm Unrecht. Ganz offensichtlich war er nicht mehr in der Lage, Graves mit objektiven Augen zu betrachten. Er hatte in den vergangenen neun Jahren mehr oder weniger erfolgreich versucht, sowohl den Namen Jonathan Graves als auch das blo�e Wissen um die Existenz des Tr�gers eben dieses Namens aus seinem Bewusstsein zu verbannen, aber nun wurde ihm klar, von wie wenig Erfolg dieser Versuch in Wahrheit gekr�nt gewesen war. Er hatte Graves niemals vergessen, nicht eine Sekunde lang. Ganz im Gegenteil. Etwas in ihm hatte Graves f�r jeden Moment der Entt�uschung, jeden Augenblick der Frustration und jeden Tag der Verbitterung in neun endlosen Jahren verantwortlich gemacht, sodass er gar nicht mehr in der Lage war, ihn als menschliches Wesen zu betrachten.</p><p>Er atmete h�rbar ein, l�ste mit einer ganz bewusst langsamen Bewegung die H�nde von der Stuhllehne und sah Graves fest in die Augen; etwas, was er vor zwei oder drei Sekunden noch nicht gekonnt h�tte. �Ich frage dich noch einmal, Jonathan - was willst du hier?�</p><p>�Es wird allm�hlich langweilig, Mogens�, seufzte Graves. �Du hast mein Telegramm doch gelesen, oder? Ich dachte, es w�re eindeutig genug. Ich bin hier, um dir eine Anstellung anzubieten.�</p><p><emphasis>�Du?� </emphasis>Obwohl Mogens im Glauben war, sich vollkommen in der Gewalt zu haben, schrie er das Wort fast. Das Telegramm war zwar im Detail bewusst vage, in seiner Aussage aber unzweifelhaft gewesen. Dass ihm Graves - ausgerechnet Graves - eine Arbeit anbot, das war... grotesk!</p><p>�Warum nicht?� Graves musste den hysterischen Ton in seiner Stimme geh�rt haben, aber er ignorierte ihn einfach. Was das anging, so hatte sich Graves in den vergangenen Jahren nicht im Mindesten ver�ndert. Er war und blieb der unversch�mteste Mensch, den Mogens je kennen gelernt hatte. �Wenn es jemanden gibt, mein lieber Mogens, der deine F�higkeiten wirklich kennt, dann bin ich es. Oder willst du mir ernsthaft vormachen, dass du in diesem gottverlassenen Nest eine Anstellung gefunden hast, die deinen F�higkeiten entspricht?�</p><p>�Ich <emphasis>habe </emphasis>eine Anstellung�, antwortete Mogens k�hl. �Danke.�</p><p>Graves machte einen undefinierbaren Laut, der sich aber irgendwie... unangenehm in Mogens' Ohren anh�rte. �H�r doch auf! Wir kennen uns wirklich lange genug. Wir m�ssen uns nun wahrhaftig nichts mehr gegenseitig vormachen! Ich hatte M�he, dieses Kaff auf der Landkarte zu finden, und noch mehr M�he zu glauben, dass es hier eine Universit�t gibt!�</p><p>�Ich kann dir versichern, es gibt sie�, sagte Mogens.</p><p>Graves machte ein abf�lliges Ger�usch. �Ja, ich wei�. Eine bauf�llige Bruchbude, die beim n�chsten Windzug vermutlich umf�llt. Das aktuellste Buch in der Bibliothek ist f�nfzig Jahre alt und einige deiner so genannten Studenten sind �lter als du!� Er nickte grimmig. �Du fristest deine Tage damit, verstaubte Papiere in einem fensterlosen Keller zu sichten, die niemanden auf dieser ganzen weiten Welt interessieren. Dein Gehalt reicht mit M�he und Not f�r diese j�mmerliche Unterkunft, und du bekommst es nicht einmal regelm��ig. Du bist hier lebendig begraben, Mogens. Und manchmal fragst du dich, ob du vielleicht schon tot bist, ohne es selbst gemerkt zu haben.� Er gab wieder diesen unangenehmen - unanst�ndigen - Laut von sich, griff in seine Jacke und zog ein silbernes Zigarettenetui hervor. Mogens fiel erst jetzt auf, dass er noch immer schwarze, eng anliegende Lederhandschuhe trug. �Bin ich der Wahrheit damit nahe gekommen, oder habe ich noch etwas vergessen... o ja: Man hat dich nur eingestellt, weil man sich mit einem Akademiker deines Kalibers schm�cken wollte. Und weil du billig warst.�</p><p>�Du hast dich gut informiert, Jonathan�, sagte Mogens d�ster. Seine Worte abzuleugnen w�re sinnlos gewesen. L�cherlich. Nicht nur Graves, sondern auch sich selbst gegen�ber. Graves hatte mit wenigen Worten seine Situation so pr�zise beschrieben, wie es nur m�glich war; und zugleich brutaler, als Mogens es jemals �ber sich gebracht h�tte.</p><p>Die behandschuhten Finger klappten das Etui auf, nahmen eine Zigarette und eine kostbare Zigarettenspitze aus poliertem Schildpatt heraus, und klappten es wieder zu. Mogens hatte f�r einen ganz kurzen Moment M�he, seinen Worten noch zu folgen. Was er beobachtete, verwirrte und faszinierte ihn zugleich. Graves' Finger bewegten sich auf eine Art und Weise, wie er es noch nie zuvor gesehen, ja, nicht einmal f�r m�glich gehalten hatte, die er nicht einmal wirklich <emphasis>beschreiben </emphasis>konnte. Schnell, flie�end, scheinbar unabh�ngig voneinander und auf eine Art, als folgten sie dabei einem nicht erkennbaren, aber vorhandenen Muster. Graves' H�nde schienen ihm viel mehr eigenst�ndig denkende Wesen zu sein als Anh�ngsel seines K�rpers, die nicht wirklich den Befehlen seines Geistes gehorchten, sondern eilfertig darum bem�ht schienen, seinen W�nschen vorauszueilen.</p><p>�Selbstverst�ndlich habe ich mich informiert�, antwortete Graves sp�ttisch. Seine Finger verstauten das Zigarettenetui wieder in der Jacke und zauberten in der gleichen spinnenhaften Bewegung ein goldenes Feuerzeug hervor. �Ich fahre nicht zweieinhalbtausend Meilen weit, ohne mich vorzubereiten.� Er lie� sein Feuerzeug aufschnappen und drehte das Z�ndr�dchen. Ein schwacher Geruch nach Benzin schlug Mogens entgegen, und er sagte schnell: �Bitte nicht. Ich verabscheue den Geruch von kaltem Rauch.�</p><p>Graves hielt unger�hrt das Ende seiner Zigarette in die Flamme und nahm einen tiefen Zug. �Du wirst ihn nicht lange ertragen m�ssen�, sagte er, w�hrend sein Gesicht langsam hinter einem Vorhang aus grauem Qualm verschwand, der ihm aus Mund und Nase quoll. �Wenn wir uns einig werden - woran ich im Grunde nicht zweifle, Mogens, denn ich halte dich nach wie vor f�r einen sehr klugen Mann -, dann kannst du dieses elende Kaff und diese j�mmerliche Bruchbude hier schon heute verlassen.�</p><p>Mogens starrte missbilligend auf die brennende Zigarette im Mundwinkel seines Gegen�bers; im Grunde nur, um den Anblick seiner H�nde nicht weiter ertragen zu m�ssen, war sich aber nach einem Augenblick nicht mehr sicher, wirklich einen guten Tausch gemacht zu haben. Aus Graves' Mund und Nase quoll noch immer Rauch von dunkelgrauer, z�her Konsistenz, der sich in tr�gen Schwaden rings um ihn herum in der Luft ausbreitete und nur langsam zu Boden sank, ehe er - ungef�hr in der H�he seiner Knie - vom Luftzug des Kamins ergriffen und in die Flammen gesaugt wurde. Er bewegte sich nicht, und er sah auch nicht wirklich aus wie Zigarettenrauch, fand Mogens. Es sah eher aus, als... als sondere Graves grauen Schleim ab, der aus seinem Mund und seinen Nasenl�chern tropfte und sich wie eine Fl�ssigkeit verhielt, die leichter als Luft war.</p><p>�Interessiert?�, fragte Graves, als Mogens nicht sofort antwortete und er sein Schweigen anscheinend falsch deutete.</p><p>�Wie ich bereits sagte: Ich <emphasis>habe </emphasis>eine Anstellung�, antwortete Mogens steif.</p><p>Graves wollte antworten, doch in diesem Moment klopfte es an der T�r, und noch bevor Mogens reagieren konnte, wurde aufgemacht, und Miss Preussler kam herein. Sie ging ein wenig schr�g, was wohl daran lag, dass sie ein Tablett in den H�nden balancierte, auf dem sich eine Teekanne und zierliche Porzellantassen befanden, und sie au�erdem in einer schon fast komplizierten Haltung nach vorne und zur Seite geneigt ging, um mit dem Ellbogen die T�rklinke herunterzudr�cken. Das Porzellan auf dem Tablett klirrte leise. Mogens war zu weit entfernt, um rechtzeitig aufzustehen und ihr zu helfen, und Graves, der n�her stand, r�hrte keinen Finger. Er runzelte nur missbilligend die Stirn und folgte Miss Preussler mit Blicken, als sie ungeschickt an ihm vorbeistolperte und ihre Last mit mehr Gl�ck als Geschick unversehrt zum Tisch trug.</p><p>�Ich dachte mir, dass die Herren vielleicht eine kleine Erfrischung w�nschen�, sagte sie. �Bester englischer Tee. Und einige selbst gebackene Zimtpl�tzchen. Sie m�gen sie doch so sehr, nicht wahr, Professor?�</p><p>Mogens stellte mit einem neuerlichen Blick auf das Tablett fest, dass sich darauf Miss Preusslers bestes Geschirr befand, allerfeinstes Meissner Porzellan, aus Europa importiert und wahrscheinlich das Einzige von wahrem Wert in ihrem Haushalt, das sie normalerweise wie ihren Augapfel h�tete. Sie stellte es allerh�chstens zu Weihnachten und am 4. Juli auf den Tisch. Dazu gab es noch einen Teller mit sternf�rmigen, wei� kandierten Pl�tzchen - und au�erdem hatte er sich geirrt. Es waren nicht zwei, sondern <emphasis>drei </emphasis>Tassen.</p><p>�Es redet sich einfach besser bei einer guten Tasse Tee.�</p><p>�Das ist sehr freundlich von Ihnen�, sagte Mogens. Er deutete auf Graves. �Wenn ich vorstellen darf: Dr. Jonathan Graves. Ein ehemaliger Kommilitone.� Er deutete auf Miss Preussler. �Miss Preussler, meine Zimmerwirtin.�</p><p>Graves nickte nur wortlos. Miss Preussler l�chelte f�r einen Moment, dann gefror ihre Miene, als sie die Zigarette in Graves' Mundwinkel gewahrte. Selbstverst�ndlich herrschte in ihrem Haus allerstrengstes Rauchverbot. Etwas so Unsauberes wie Zigarettenasche h�tte sie niemals in ihrer Umgebung geduldet. Und tats�chlich setzte sie auch dazu an, Mogens' Gast h�flich, aber auch unmissverst�ndlich darauf aufmerksam zu machen, dass er einen nicht zu tolerierenden Fauxpas beging, doch dann geschah etwas Seltsames: Graves sah sie weiter aus seinen kalten, blutunterlaufenen Augen an, und Mogens konnte regelrecht sehen, wie Miss Preusslers Zorn zerbr�selte. Etwas, das er f�r Furcht gehalten h�tte, h�tte er einen Grund daf�r nennen k�nnen, erschien in ihren Augen. Sie wich nicht wirklich vor Graves zur�ck, nahm aber eine Haltung an, als wolle sie es tun.</p><p>Die T�r bewegte sich erneut. Miss Preussler hatte sie nicht vollst�ndig hinter sich geschlossen, und nun schwang sie wie von selbst ein kleines St�ck wieder auf, und eine pechschwarze, zierliche Katze kam herein, das einzige lebende Wesen mit mehr als zwei Beinen, das Miss Preussler nicht nur in ihrem Einflussbereich duldete, sondern geradezu abg�ttisch liebte. Unn�tig zu sagen, dass sie vermutlich die sauberste Katze des Landes war, wenn nicht der Welt, und Zeit ihres Lebens nicht einmal einen Floh <emphasis>gesehen </emphasis>hatte.</p><p>�Aber Cleopatra!�, sagte Miss Preussler. Sie drehte sich fast hastig um, als w�re sie froh, sich nun der Katze zuwenden zu k�nnen statt Mogens' unheimlichem Besucher. �Wer hat dir denn erlaubt, hierher zu kommen? Du wei�t doch, dass du auf den Zimmern der G�ste nichts zu suchen hast.�</p><p>�Lassen Sie sie nur, Miss Preussler�, sagte Mogens. �Sie st�rt mich nicht.� Ganz im Gegenteil, er mochte Cleopatra. Sie besuchte ihn �fter in seinem Zimmer, als Miss Preussler vermutlich ahnte. Als er die Hand nach der Katze ausstreckte, kam Cleopatra sofort zu ihm und rieb schnurrend den Kopf an seiner Wade, was Miss Preussler zu einem nachdenklichen Stirnrunzeln veranlasste. Vielleicht machte ihr der Anblick etwas klar, das ihr bisher noch gar nicht bewusst gewesen war. Nach einigen Augenblicken riss sie sich fast gewaltsam von dem Anblick los und wandte sich wieder Graves zu. Sie wirkte unsicher und Mogens begriff, dass sie offenbar M�he hatte, seinen unheimlichen Gast einzuordnen, er ihr aber nicht gefiel. Warum auch sollte es ihr anders ergehen als ihm?</p><p>�Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Miss Preussler�, sagte er noch einmal. �Ich danke Ihnen.�</p><p>Graves schwieg weiter beharrlich, w�hrend Miss Preusslers Blick noch unsicherer wurde und unstet zwischen den drei Tassen auf dem Tablett und seinem und Graves' Gesicht hin und her irrte. Sie wartete darauf, zum Bleiben aufgefordert zu werden, hatte den eindeutigen Hinauswurf in seinen Worten aber nat�rlich geh�rt. Nun wusste sie nicht mehr, was sie tun sollte. Der Anstand gebot ihr, zu gehen und Mogens und seinen Besucher allein zu lassen, aber ihre Neugier war mindestens ebenso stark - und sie war wohl wirklich fest entschlossen, um ihn zu k�mpfen. Vielleicht, dachte er, sollte er dem Schicksal in Gestalt Miss Preusslers die Entscheidung �berlassen. Er war nicht in der Verfassung, objektiv mit Graves zu reden, oder auch nur �ber das nachzudenken, was er ihm zu sagen hatte.</p><p>Cleopatra nahm ihnen die Entscheidung ab. Bisher hatte sie schnurrend den Kopf an Mogens' Bein gerieben, aber nun l�ste sie sich von ihm, drehte sich um und sah sehr aufmerksam zu Graves hoch. Ihr Verhalten �nderte sich schlagartig.</p><p>Sie legte die Ohren an, stellte das Nackenhaar auf und senkte den bisher gr��end aufgestellten Schwanz zu einen nerv�sen Wedeln; alles eindeutige Anzeichen von Furcht oder zumindest doch sehr gro�er Vorsicht. Jonathan Graves schien sich wirklich keiner allzu gro�en Beliebtheit zu erfreuen. Mogens' unbestritten geh�ssige Schadenfreude hielt jedoch nur einen Augenblick, denn trotz ihrer eindeutigen K�rpersprache bewegte sich die Katze weiter auf Graves zu; vorsichtig, aber trotzdem zielstrebig. Sie begann zu knurren, ein dunkler, grollender Laut, der eher an einen Hund erinnerte denn an eine Katze.</p><p>�Cleopatra?�, wunderte sich Miss Preussler.</p><p>Die Katze reagierte nicht auf ihre Stimme, obwohl sie das sonst stets tat, sondern ging weiter auf Graves zu und begann an seinen sorgsam polierten Schuhen zu schn�ffeln. Graves blies eine �bel riechende Qualmwolke in ihre Richtung, doch Cleopatra lie� sich nicht einmal davon verscheuchen. Sie blinzelte aus tr�nenden Augen zu Graves hoch, machte es sich mit gegr�tschten Beinen auf seinen F��en bequem - und verunzierte seine ma�geschneiderten Schuhe mit einer gewaltigen Portion �bel riechender Katzenschei�e.</p><p>Miss Preussler gab einen fast komisch wirkenden quietschenden Laut von sich und hob die Hand an den Mund, um den Schrei zu unterdr�cken, zu dem er eigentlich werden wollte, und auch Mogens riss vollkommen fassungslos Mund und Augen auf. F�r die Dauer von einem oder zwei Herzschl�gen war es ihm einfach nicht m�glich zu glauben, was er sah. W�re da nicht der bestialische, durchdringende Gestank von Katzenkot gewesen, der schlagartig das ganze Zimmer erf�llte, so h�tte er sich ernsthaft eingeredet, die bizarre Szene nur zu halluzinieren.</p><p>Miss Preussler entschl�pfte nun doch ein kleiner, keuchender Schrei. Statt auf den Mund presste sie die Hand nun auf das Herz und ihr Gesicht verlor jedwede Farbe. Einzig Graves blieb vollkommen passiv. Nicht nur, dass er sich nicht r�hrte - Cleopatras Attacke entlockte ihm nicht einmal ein Stirnrunzeln oder auch nur einen missbilligenden Blick. Er sog gelassen ein weiteres Mal an seiner Zigarettenspitze, sabberte eine z�he Rauchwolke in die Luft und schnippte seine Zigarettenasche beil�ufig auf die Katze. Cleopatra fauchte zornig, machte mit steifen Beinen einen Satz zur Seite und raste dann mit einem w�tenden Miauen und Maunzen aus dem Zimmer. Miss Preussler stie� einen dritten, noch schrilleren Schrei aus und st�rzte hinter ihr her.</p><p>�Eine unm�gliche Person�, sagte Graves. �Hat sie schon versucht, dich in ihr Bett zu kriegen?�</p><p>Mogens hatte M�he, ihm zu folgen. Er starrte weiter auf den braunen, �bel riechenden Flatsch auf Graves' Schuhen, der sich allm�hlich ausbreitete und auf den Teppich zu tropfen begann. Graves schien es nicht einmal zu bemerken. Er spielt eine Rolle, dachte Mogens. Es konnte keine andere Erkl�rung geben. Graves spielte eine sorgsam einge�bte Rolle, von der er sich durch nichts und niemanden abbringen lassen w�rde. Aber welche? Und wozu?</p><p>�Was hast du gesagt?�, murmelte er benommen. Es kostete ihn alle Kraft, seinen Blick von Graves' Schuhen zu l�sen und ihm ins Gesicht zu sehen. Graves sonderte noch immer grauen Rauch ab. Ein Speichelfaden lief aus seinem linken Mundwinkel und zog eine glitzernde Spur �ber sein Kinn, aber er reagierte auch darauf nicht.</p><p>�Unwichtig�, antwortete Graves. �Da du offensichtlich nicht in der Stimmung bist, mit mir in alten Erinnerungen zu schwelgen, reden wir �ber mein Angebot. Bist du interessiert oder nicht?�</p><p>Es gelang Mogens mit einer neuerlichen, gewaltigen Kraftanstrengung, sich von dem immer heftiger werdenden Gef�hl des Ekels zu l�sen, das Graves in ihm ausl�ste, und sich auf den Grund seines Hierseins zu konzentrieren. �Wenn ich mich recht erinnere�, sagte er, �hast du mir bisher noch kein konkretes Angebot gemacht, dass ich annehmen oder ablehnen k�nnte.�</p><p>�Du favorisierst noch immer den komplizierten Weg, wie?�, fragte Graves kopfsch�ttelnd. �Gut, wie du willst. Ich bin hier, um dir eine h�chst interessante und, nebenbei gesagt, auch �u�erst lukrative Anstellung zu offerieren. Ich kann dir aus verschiedenen Gr�nden jetzt und hier keine Einzelheiten mitteilen, aber ich versichere dir, dass du zufrieden sein wirst. Es handelt sich um eine Aufgabe, die sowohl deinen F�higkeiten als auch deinen Intentionen hundert Mal mehr entspricht als das, was du in diesem hinterw�ldlerischen Kaff tust. Und es wird, wie gesagt, hervorragend bezahlt. Ich wei�, dass du dir nicht viel aus Geld machst, aber selbst ein Mann von deinen geringen Bed�rfnissen braucht auf die Dauer mehr als <emphasis>das hier.�</emphasis></p><p>Die beiden letzten Worte sprach er in eindeutig angewidertem Ton aus, und viel lauter. Er stand auf, sog hektisch an seiner Zigarette und begann mit irgendwie <emphasis>falsch </emphasis>wirkenden Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen, wobei er erstens heftig mit beiden H�nden gestikulierte und zweitens eine Spur brauner, �bel riechender Flecke auf dem Teppich hinterlie�.</p><p>�Das ist ein bisschen wenig an Information�, sagte Mogens. Er hatte M�he, seine Stimme so unter Kontrolle zu halten, wie er es sich gew�nscht h�tte. Es fiel ihm immer schwerer, Graves' Anblick zu ertragen. Der Gestank seiner Zigarette und Cleopatras Hinterlassenschaft verbanden sich zu einem Geruch, der Mogens allm�hlich echte k�rperliche �belkeit bereitete. Er schluckte ein paar Mal, um die bittere Galle loszuwerden, die sich unter seiner Zunge angesammelt hatte, und fuhr schleppend fort: �Ich meine, immerhin erwartest du von mir, dass ich hier alles aufgebe und nur auf dein Wort vertraue. Warum, um alles in der Welt, sollte ich das wohl tun? Vertrauen? Ausgerechnet <emphasis>dir?�</emphasis></p><p>Er bereute die beiden letzten Worte sofort. Er wollte Graves die Intensit�t seiner Gef�hle ihm gegen�ber nicht eingestehen, auch wenn er mit Sicherheit darum wusste. Graves ging jedoch auch darauf nicht ein, sondern hielt nur f�r einen Moment in seinem ruhelosen Auf und Ab inne und bedachte ihn mit einem fast mitleidigen Blick. �Du entt�uschst mich, Professor. Und du beleidigst meine Intelligenz, mit Verlaub gesagt. Glaubst du wirklich, Mogens, ich mache mir die M�he, monatelang nach deinem Verbleib zu forschen und durch das halbe Land zu fahren, nur um dir einen albernen Streich zu spielen?�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. Seine behandschuhte Hand f�hrte die Zigarettenspitze zu seinem Mund und sein Gesicht verschwand wieder hinter schmierigen grauen Rauchschwaden. Mogens hatte das unheimliche Gef�hl, dass sich auch Graves' Haar auf unwirkliche Weise bewegte, wie ein Nest d�nner, sich windender W�rmer oder Schlangen. Aber auch dieser Effekt musste an den grauen Rauchschwaden liegen, die seinen Kopf einh�llten.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich glauben soll�, sagte Mogens. �Nach allem, was zwischen uns vorgefallen ist, erwartest du ernsthaft, dass ich dir <emphasis>vertraue?</emphasis>�</p><p>�Dann er�brigt sich ja auch jede Frage deinerseits, ob ich die Wahrheit sage oder nicht�, gab Graves grinsend zur�ck. Seine Z�hne kamen Mogens mit einem Mal viel schiefer vor als bisher. Sie waren gelbfleckig, und dahinter schien sich etwas Schwarzes zu bewegen, das die Stelle seiner Zunge eingenommen hatte und hinauswollte. �Ich kann dir ein wenig mehr sagen, aber nicht viel. Solltest du mein Angebot annehmen und mich begleiten, wirst du den Grund f�r meine Verschwiegenheit verstehen. F�r den Moment kann ich dir nur sagen, dass es sich um ein Forschungsprojekt von enormer Wichtigkeit handelt. Sollten wir Erfolg haben - und daran zweifle ich keinen Augenblick -, dann wirst du mehr Ruhm und wissenschaftliche Anerkennung ernten, als du dir auch nur vorstellen kannst. Was also gibt es noch lange zu �berlegen? Wenn es dir schon nicht darum geht, endlich aus diesem Loch herauszukommen, dann denk wenigstens an diese M�glichkeit. Ich spreche von einer wirklich gro�en wissenschaftlichen Entdeckung. Vielleicht der wichtigsten Entdeckung seit Beginn der modernen Arch�ologie. Du w�rst vollkommen rehabilitiert, wenn dein Name in Zusammenhang damit in unz�hligen Artikeln und Fachb�chern erschiene. Von den Geschichtsb�chern gar nicht zu reden.�</p><p>�Hast du die Arche Noah gefunden?�, fragte Mogens. Er wollte lachen, aber seine Stimme versagte und machte etwas anderes aus diesem Laut, etwas Unangenehmes, das auch noch eine Weile nach seinem Erl�schen in der Luft zu h�ngen schien und den Raum irgendwie k�lter machte.</p><p>�Nein�, antwortete Graves ernst. �Sie wurde bereits gefunden, vor mehr als f�nf Jahren.�</p><p>�Das... ist ein Scherz.�</p><p>Graves ignorierte ihn. �Bist du interessiert?�, fragte er.</p><p>Mogens �berlegte. Lange. Angestrengt. Aber er kam zu keinem Ergebnis. Er konnte Graves nicht vertrauen, nicht nach dem, was er ihm angetan hatte. Andererseits klang das, was er sagte, einfach zu verlockend, und Mogens sp�rte trotz allem irgendwie die Wahrheit hinter Graves' Worten. Als h�tte das, wor�ber er berichtete, ein solches Gewicht, dass es selbst durch seine bewusste Verschleierung hindurchschimmerte.</p><p>�Warum ich?�, fragte er schlie�lich.</p><p>�Weil wir den Besten brauchen�, antwortete Graves. �Dass man dich hier auf dieses Abstellgleis geschoben hat, ist ein himmelschreiendes Unrecht. Es spielt keine Rolle, was fr�her gewesen ist oder nicht. Ein Mann mit deinen F�higkeiten geh�rt nicht hierher. Kapazit�ten wie die deinen zu verschwenden ist ein Verbrechen!�</p><p>�Dein Mitgef�hl r�hrt mich zu Tr�nen�, sagte Mogens.</p><p>Graves' linke behandschuhte Hand machten eine wegwerfende Geste. �Ich bin nicht gekommen, um dich um Vergebung zu bitten, Mogens�, antwortete er. �Ich erwarte nicht, dass du das kannst, auch wenn ich die Ereignisse jenes ungl�ckseligen Abends verst�ndlicherweise etwas anders sehe als du. Ich bin gekommen, weil wir f�r unser Projekt einen guten Mitarbeiter suchen, einen Mann mit speziellen F�higkeiten, und weil ich wei�, was du kannst, Mogens. Ich habe nicht alle Zeit der Welt. Denk �ber mein Angebot nach, und dann entscheide dich.�</p><p>Er griff in die Jackentasche, zog einen Briefumschlag hervor und legte ihn vor Mogens auf den Tisch. Seine Handschuhe schienen dabei zu pulsieren, als h�tten sich seine Finger irgendwie verfl�ssigt und versuchten nun, ihr Gef�ngnis aus schwarzem Leder zu sprengen.</p><p>�In diesem Kuvert befindet sich eine Bahnfahrkarte erster Klasse nach San Francisco. Dar�ber hinaus der Betrag von f�nfhundert Dollar in bar, um deine Reisespesen und eventuelle andere Unkosten zu decken. Solltest du dich entscheiden, mein Angebot abzulehnen, kannst du diesen Betrag auf jeden Fall behalten. Falls du es jedoch annimmst - was ich aufrichtig hoffe -, findest du in dem Umschlag noch eine Telefonnummer, unter der du mich erreichst. Wenn du vom Bahnhof aus anrufst, lasse ich dich binnen einer Stunde abholen.�</p><p>Und damit nahm er den heruntergebrannten Rest seiner Zigarette aus der Spitze, schnippte ihn zielsicher in das flackernde Feuer im Kamin und ging ohne ein weiteres Wort zur T�r. Bevor er sie �ffnete und das Zimmer verlie�, blieb er jedoch noch einmal stehen und sagte: �Ach, und noch etwas. Falls es dir bei deiner Entscheidung hilft: Du wirst nicht unmittelbar mit mir zusammenarbeiten m�ssen. Ich denke nicht, dass wir uns �fter als ein- oder zweimal die Woche sehen werden.�</p><p>Damit ging er.</p><p>Mogens starrte wie gel�hmt auf den Briefumschlag. Er hatte nicht wirklich an der Ernsthaftigkeit von Graves' Offerte gezweifelt, auch wenn er sich �ber dessen Beweggr�nde weniger im Klaren war denn je. Jonathan Graves war der vielleicht r�cksichtsloseste Mensch, dem er jemals begegnet war, aber er war nicht dumm. Ein solch infantiler Scherz h�tte einfach nicht zu ihm gepasst. Und f�nfhundert Dollar waren einfach zu viel, um sie in einen blo�en Witz zu investieren. Es war mehr, als er in drei Monaten an dieser so genannten Universit�t verdiente; und nahezu ebenso viel, wie er in den vier Jahren seines freiwilligen Exils hatte zur�cklegen k�nnen.</p><p>Das Geld selbst z�hlte jedoch nicht. Er verschwendete �berhaupt nur insofern einen Gedanken daran, als es die Seriosit�t von Graves' Angebot zu beweisen schien. Unendlich viel wichtiger war das, was dieser Umschlag bedeutete. Nichts anderes n�mlich als einen Ausweg aus der Sackgasse, in die das Schicksal und er selbst sich in den letzten Jahren hineinman�vriert hatte.</p><p>Die T�r wurde ge�ffnet, und Mogens fuhr fast erschrocken herum, halb darauf gefasst, Graves zur�ckkommen zu sehen, wie er sich vor Lachen aussch�ttete, und um sich an seinem fassungslosen Gesicht zu weiden, wenn er ihm er�ffnete, dass sein gro�z�giges Angebot ebenso wie sein bizarres Betragen nur Teil eines versp�teten Studentenulks waren.</p><p>Statt Jonathan Graves trat jedoch Miss Preussler ein, bewaffnet mit einem Zinkeimer voller dampfender Seifenlauge, Kittelsch�rze und einem ganzen B�ndel Wischlappen. Ohne ein Wort zu verlieren, ging sie an Mogens vorbei, lie� sich auf die Knie sinken und begann an einem der Schmierflecken zu schrubben, die Graves auf dem Teppich hinterlassen hatte. Obwohl sie Mogens dabei den R�cken zudrehte, konnte er sehen, dass sie vor Scham und Verlegenheit hochrot angelaufen war.</p><p>Pl�tzlich sagte sie: �Sie k�nnen sich gar nicht vorstellen, wie peinlich mir das ist, Professor.�</p><p>�Das muss es nicht�, antwortete Mogens, aber Miss Preussler schien seine Worte gar nicht zu h�ren.</p><p>�So etwas Unerh�rtes habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Ich verstehe einfach nicht, was mit Cleopatra los ist. So etwas hat sie noch nie zuvor getan, bitte glauben Sie mir.� W�hrend sie an dem Fleck herumschubberte, begann der Gestank schlagartig zuzunehmen. Seltsamerweise war es jedoch nicht nur Katzendreck, den Mogens roch, da war noch etwas, etwas... Unheimliches, Fremdes und zugleich Absto�endes, als h�tte Graves' Gegenwart etwas in diesem Zimmer hinterlassen, das die Luft hier drinnen verpestete. Miss Preussler verzog angeekelt das Gesicht, tauchte ihren Putzlappen ins Wasser und wrang ihn �bertrieben sorgf�ltig aus, ehe sie weiterschrubbte.</p><p>�Ich verstehe �berhaupt nicht, was in die Katze gefahren ist�, fuhr sie fort, w�hrend sie immer hektischer und fester auf dem Flecken rieb, als k�nne sie nur durch gen�gend Kraft gleicherma�en auch die Schmach wegreiben, die Cleopatras unerh�rtes Betragen �ber ihr Haus gebracht hatte. �Ich werde gleich morgen mit ihr zum Tierarzt gehen und sie gr�ndlich untersuchen lassen.�</p><p>�Miss Preussler�, unterbrach sie Mogens.</p><p>Seine Zimmerwirtin h�rte auf, wie besessen an dem Fleck herumzuschrubben, starrte aber noch mindestens f�nf oder sechs Sekunden lang ins Leere, ehe sie langsam den Kopf hob und ihn fast angsterf�llt ansah.</p><p>�Machen Sie Cleopatra keinen Vorwurf�, sagte Mogens. �Wenn ich eine Katze w�re, h�tte ich vermutlich dasselbe getan.�</p><p>Mogens stand auf, wich Miss Preusslers nunmehr vollkommen fassungslosem Blick aus und ging mit schnellen Schritten zum Fenster, um es aufzumachen und den erb�rmlichen Gestank entweichen zu lassen. Dann stockte seine Hand auf halbem Wege zum Griff. Jonathan hatte mittlerweile das Haus verlassen und war unten auf der Stra�e dabei, in sein Cabriolet zu steigen. Im wortw�rtlichen Sinne. Er machte keine Anstalten, die T�r zu �ffnen, sondern kletterte mit einer schl�ngelnden, sonderbar reptilienhaft wirkenden Bewegung �ber den Wagenschlag und glitt hinter das Lenkrad. Ohne auch nur einmal aufzusehen, startete er den Motor und fuhr los.</p><p>�W�rden Sie bitte das Fenster �ffnen, Professor?�, bat Miss Preussler. �Der Gestank ist unertr�glich. Gro�er Gott, ich werde Monate brauchen, um ihn wieder aus dem Teppich herauszubekommen. Ich verstehe das gar nicht. Cleopatra muss irgendetwas Schlechtes gegessen haben.�</p><p>Mogens' Hand schloss sich um den Fenstergriff, aber er z�gerte noch immer, das Fenster aufzumachen. Graves' Buick hatte mittlerweile das Ende der Stra�e erreicht und bog ab, und trotzdem hatte er das Gef�hl, dass etwas von ihm zur�ckgeblieben war; etwas, das dort unten auf der Stra�e lauerte und sofort hereindringen w�rde, sobald er den Fehler beging, die Tore seiner Festung zu �ffnen.</p><p>Was nat�rlich eine durch und durch albere Vorstellung war.</p><p>Mogens verscheuchte den kindischen Gedanken, schalt sich im Stillen einen Narren und zog den Fensterfl�gel mit einem schon �bertrieben heftigen Ruck auf. Kalte Luft und sonst rein gar nichts str�mte herein, allenfalls noch ein wenig Feuchtigkeit. Die Flammen im Kamin prasselten h�her, als frischer Sauerstoff von au�en hereinstr�mte, es wurde fast augenblicklich k�lter im Zimmer, aber der eisige Schwall vertrieb auch den Gestank; nicht ganz, aber er machte ihn sp�rbar ertr�glicher.</p><p>Miss Preussler atmete ebenfalls h�rbar auf und kroch auf H�nden und Knien zu einem weiteren Fleck, um ihm mit Scheuerlappen und Seife zu Leibe zu r�cken. �Ich kann Ihnen wirklich nicht oft genug sagen, wie peinlich mir der Zwischenfall ist�, sagte sie. �Ich kann nur hoffen, dass er sich nicht allzu negativ auf Ihre Verhandlungen mit Mister Graves ausgewirkt hat... obwohl ich mir offen gestanden gar nicht vorstellen kann, dass ein Mann wie Sie es auch nur ein Moment lang ernsthaft in Betracht zieht, mit jemandem wie diesem Graves zusammenzuarbeiten - noch dazu in San Francisco! Glauben Sie mir, Professor VanAndt: Ich wei�, wor�ber ich spreche. Die Cousine meines verstorbenen Mannes stammte aus Kalifornien. Die Leute dort sind... seltsam. Sie w�rden dort nicht gl�cklich.�</p><p>So viel zu der Frage, ob sie an der T�r gelauscht hatte. Mogens machte jedoch keine entsprechende Bemerkung. Er nahm Miss Preussler dieses Gest�ndnis nicht einmal �bel. Vielleicht h�tte er an ihrer Stelle nicht anders gehandelt. �Wieso?�, fragte er.</p><p>�Aber, Professor, ich bitte Sie!� Miss Preussler stemmte die Handfl�chen auf die gut gepolsterten Oberschenkel, richtete den Oberk�rper gerade auf und sah ihn beinahe vorwurfsvoll an. �Dieser... <emphasis>Unhold </emphasis>ist doch nun wirklich kein Mann Ihres Niveaus, Professor! Es f�llt mir schwer zu glauben, dass Sie einmal mit ihm befreundet gewesen sein sollen!�</p><p>�Das war ich auch nicht�, antwortete Mogens. �Wir haben gemeinsam studiert, aber wir waren niemals Freunde.�</p><p>�Das konnte ich mir auch nicht vorstellen�, sagte Miss Preussler erleichtert. �Sie ziehen doch nicht wirklich in Betracht, dieses Angebot anzunehmen, oder?�</p><p>�Ich habe mich noch nicht entschieden�, antwortete Mogens.</p><p>�Professor, ich bitte Sie!� Miss Preussler wirkte ehrlich erschrocken. �Das d�rfen Sie nicht! Dieser Mann ist... nicht gut f�r Sie!�</p><p>�Wie meinen Sie das?�, fragte Mogens irritiert. Dass Graves nicht auf Anhieb Miss Preusslers Herz erobert hatte, wunderte ihn nicht. Aber konnte es sein, dass sie ihm gegen�ber dasselbe negative Gef�hl hatte wie er selbst? Und wenn ja, wieso? Sie hatte nicht das gleiche �berma� schlechter Erfahrungen mit Jonathan Graves zu verbuchen wie er. Aber dann, praktisch im gleichen Augenblick, in dem er sich diese Frage stellte, fiel ihm auch die Antwort darauf ein: Bedachte man Miss Preusslers Gef�hle f�r ihn, so musste Graves so etwas wie ihr nat�rlicher Feind sein. Er war aus dem Nichts aufgetaucht und drohte, ihn ihr wegzunehmen.</p><p>�Ich... kann es selbst nicht genau sagen�, murmelte Miss Preussler. �Aber etwas an ihm macht mir Angst. Er ist unheimlich. Ich wollte es vorhin nicht so deutlich sagen, als er anwesend war, aber irgendetwas an diesem Doktor Graves kommt mir falsch vor. Ich kann es nicht anders beschreiben. Ich f�hle mich in seiner N�he unwohl - von seinem Benehmen ganz zu schweigen. Dieser Mann ist ein <emphasis>Tier!�</emphasis></p><p>�Jetzt �bertreiben Sie aber�, sagte Mogens. Er l�chelte, setzte dazu an, das Fenster wieder zu schlie�en, und besann sich dann eines Besseren. Es war mittlerweile unangenehm frisch im Zimmer geworden, aber in der Luft lag noch immer ein �bler Geruch. Er zog es vor zu frieren, statt dem Gestank weiter ausgeliefert zu sein. Achselzuckend ging er zu seinem Platz am Kamin zur�ck und f�hrte seinen begonnenen Satz zu Ende, w�hrend er sich setzte. �Graves ist sicher kein angenehmer Zeitgenosse - aber ihn als Tier zu bezeichnen, ist des Guten dann doch ein bisschen zu viel.�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Miss Preussler hastig. �Verzeihen Sie. Ich habe mich im Ton vergriffen. Dieser Mann ist nur so...� Sie rang einen Moment nach Worten, zuckte schlie�lich mit den Schultern und rettete sich damit, sich wieder dem Schmutzfleck auf dem Teppich zuzuwenden und verbissen daran herumzuwienern.</p><p>Mogens starrte den Briefumschlag, der auf dem Tischchen vor ihm lag, nachdenklich an. Das Geld darin schien ihn zu verh�hnen, beinhaltete zugleich aber eine fast unwiderstehliche Versuchung. Es war sein Ausweg aus einem Leben, das kein Leben war, sondern eine Art allm�hliches, fast unmerkliches Sterben. Warum also z�gerte er? Vielleicht weil da tief in seinem Innern eine Stimme war, die ihn warnte, sich auch nur eine einzige weitere Sekunde mit Graves abzugeben?</p><p>Er sch�ttelte schweigend den Kopf. Sein eigenes Verhalten verwunderte ihn mittlerweile nicht mehr, sondern erschreckte ihn regelrecht, denn es war mit nichts mehr erkl�rbar. Er hatte nicht gewusst, <emphasis>wie </emphasis>sehr er Graves in Wirklichkeit hasste.</p><p>Mogens beugte sich zur Seite, goss sich eine Tasse von dem Tee ein, den Graves nicht anger�hrt hatte, und schenkte noch in der gleichen Bewegung eine zweite ein. �Setzen Sie sich einen Moment zu mir, Miss Preussler... Betty�, sagte er. �Ich m�chte mit Ihnen reden.�</p><p>Miss Preussler sah ihn �berrascht an, stand aber auch fast sofort auf und setzte dazu an, auf dem gleichen Stuhl Platz zu nehmen, auf dem Graves vorhin gesessen hatte, dann jedoch machte sie mitten in der Bewegung kehrt und zog sich einen anderen Stuhl heran.</p><p>�Miss Preussler, ich lebe jetzt seit vier Jahren unter Ihrem Dach, und es gab in diesen vier Jahren keinen Tag, an dem mir nicht bewusst gewesen w�re, dass Sie mir eine ganz besondere Behandlung zukommen lassen�, begann er.</p><p>Miss Preussler sah ihn aufmerksam und ein wenig verst�ndnislos an, aber in ihren Augen glomm eine vage Hoffnung auf, die Mogens klar machte, dass seine Worte vielleicht nicht besonders klug gew�hlt waren. Sie verstand sie nat�rlich falsch, weil sie sie falsch verstehen <emphasis>wollte. </emphasis>Aber er hatte nicht vor, ihr mitzuteilen, dass er hier bleiben und m�glicherweise sogar ihren Avancen nachzugeben gedachte; im Gegenteil. Um Zeit zu gewinnen, griff er nach einem von Miss Preusslers Zimtpl�tzchen und biss hinein. In der n�chsten Sekunde spuckte er den Bissen wieder aus, schleuderte den Rest des Zimtsterns in hohem Bogen davon und k�mpfte mit aller Macht gegen den Brechreiz an, der regelrecht aus seinem Magen herauf explodierte. Ein unbeschreiblich widerw�rtiger Geschmack erf�llte seinen Mund. Mogens kr�mmte sich in seinem Sessel, w�rgte qualvoll und schluckte einen Klumpen bitterer Galle herunter, der aus seinem Magen heraufgekrochen war. Das machte seine �belkeit nur noch schlimmer, aber er k�mpfte weiter dagegen an, und sei es nur aus dem absurden Grund, dass er es Miss Preussler nach allem nicht auch noch antun wollte, sich auf ihren Teppich zu �bergeben.</p><p>Miss Preussler starrte ihn aus aufgerissenen Augen an und verlor schon wieder alle Farbe aus dem Gesicht. �Aber was...?�, begann sie, verstummte dann zutiefst verst�rt mitten im Wort und griff ebenfalls nach einem Zimtstern. Mit spitzen Fingern brach sie ihn entzwei und stie� gleich darauf selbst einen w�rgenden Laut aus. Mogens beging den Fehler, den Blick zu heben, und seine �belkeit verst�rkte sich beinahe noch, als er das Innere des Zimtsternes sah.</p><p>Das Geb�ck war zu einer schleimig-schmierigen Masse geronnen, in der es unentwegt brodelte und kroch; wie die Oberfl�che eines Schlammvulkans, auf der Gasblasen aus der Tiefe der Erde explodierten; oder als versuche etwas Lebendes ins Freie zu kriechen. Wenn er jemals ein verdorbenes Lebensmittel gesehen hatte, dann war es dieser Zimtstern. Schon der Gedanke, dass er gerade in ein solches Pl�tzchen <emphasis>hineingebissen </emphasis>hatte, verst�rkte seine �belkeit noch einmal um ein Vielfaches.</p><p>�Aber das... das kann doch gar nicht sein�, �chzte Miss Preussler. �Das ist nicht m�glich! Ich habe diese Pl�tzchen heute Morgen gemacht! Mit Zutaten, die ich frisch gekauft habe.�</p><p>�Eine davon muss wohl schlecht gewesen sein�, sagte Mogens m�hsam. Er vermied es, einen Blick in seine Tasse zu werfen, um nicht zu sehen, welche �berraschungen dort m�glicherweise noch auf ihn warteten. Sein Magen revoltierte auch so schon schlimm genug.</p><p>�Ich... ich verstehe das einfach nicht�, stammelte Miss Preussler. �Das ist... ist...� Sie brach ab, sch�ttelte hilflos den Kopf, warf die beiden H�lften des Zimtpl�tzchens mit einer angewiderten Bewegung ins Feuer und stand auf.</p><p>�Heute ist wirklich nicht mein Gl�ckstag�, sagte sie in dem schwachen Versuch, die Situation durch einen scherzhaften Ton zu entspannen. �Ich sollte das jetzt wegwerfen. Und danach werde ich hin�ber in den General-Store gehen und ein ernstes Wort mit der Verk�uferin reden.�</p><p>Sie nahm den Teller mit den verdorbenen Pl�tzchen in die Hand und wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber noch einmal zu ihm um. �Die letzte Stunde ist etwas ungl�cklich verlaufen. Ich hoffe doch, dass das keinen Einfluss auf Ihre Entscheidung hat?�</p><p>�Bestimmt nicht�, versicherte Mogens, l�ste seinen Blick mit einiger M�he von dem Teller mit Zimtsternen in Miss Preusslers H�nden und sah wieder den Umschlag an, den Graves zur�ckgelassen hatte. �Ich habe mich noch nicht entschieden, Miss Preussler, aber ich versichere Ihnen, dass ich keine vorschnelle Entscheidung treffen werde.�</p><p>Vier Tage sp�ter stieg er auf dem Bahnhof von San Francisco aus dem Zug und rief die Telefonnummer an, die Graves ihm gegeben hatte.</p></section><section><title><p id="_2">2.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Obwohl der Pazifik so glatt wie ein Spiegel aus geh�mmertem Kupfer dalag, �berzog ihn das Licht der untergehenden Sonne doch mit einem Muster aus filigranflirrender Bewegung. Man konnte es nicht allzu lange ansehen, denn die grellen Lichtreflexe hinterlie�en schmerzhafte Nachbilder auf den Netzh�uten, die auch dann noch blieben, wenn man die Augen schloss und den Blick wandte, dennoch aber den Eindruck vager Bewegung tief unter der Oberfl�che des gewaltigen Ozeans noch verst�rkten.</p><p>Das Meer geriet langsam au�er Sicht. Zu Mogens' insgeheimer Entt�uschung waren sie nicht �ber die ber�hmte Br�cke gefahren, sondern bewegten sich von der K�ste fort landeinw�rts. Mogens vermutete, dass das Meer gar nicht mehr zu sehen sein w�rde, noch bevor die Sonne ganz untergegangen war - also in sp�testens einer halben Stunde. Der Ozean war schon jetzt zu einer schmalen Kupfersichel zur Linken zusammengeschrumpft, die mit jeder Meile, die sich der gro�e Ford nach Osten m�hte, weiter zusammenschmolz. Er versp�rte dennoch ein merkw�rdiges Gef�hl von Erleichterung, das ebenso unerkl�rlich wie intensiv war. Vielleicht, dass unter der Oberfl�che des scheinbar so reglos daliegenden Meeres etwas lauerte, das er zwar nicht sehen, daf�r aber umso deutlicher <emphasis>f�hlen </emphasis>konnte.</p><p>Er dachte noch einige Augenblicke �ber diesen sonderbaren Gedanken nach und schob ihn dann mit einem Schulterzucken von sich. Solcherlei �berlegungen waren nicht nur m��ig, sondern eines Mannes wie ihm auch schlicht unw�rdig. Selbstverst�ndlich war da etwas unter der Oberfl�che des Meeres. Der Ozean wimmelte geradezu von Leben, das dieses stille, zum allergr��ten Teil lichtlose Universum in ungleich gr��erem Ma�e erobert hatte als das Land. Doch in all der gewaltigen Anzahl fremdartiger und m�glicherweise sogar bizarrer und t�dlicher Kreaturen, die in seinen unerforschten Tiefen lauern mochten, war nicht eine Einzige, die er f�rchten musste; zumindest nicht jetzt, w�hrend er in einem Wagen sa�, der sich mit drei�ig oder auch vierzig Meilen pro Stunde vom Meer entfernte. Seine eigenen Nerven begannen ihm Streiche zu spielen, die offensichtlich umso b�ser wurden, je weiter der Tag fortschritt. Und er kannte sogar die Gr�nde daf�r.</p><p>Einer - und zweifellos der Schwerwiegendste - war Doktor Jonathan Graves, den er vermutlich binnen einer Stunde wiedersehen w�rde. Mogens hatte im Verlauf der zur�ckliegenden vier Tage an nicht sehr viel anderes gedacht als an sein bevorstehendes Zusammentreffen mit seinem ehemaligen Kommilitonen, und seine Gef�hle waren in diesen vier Tagen ein reines Wechselbad gewesen, die manchmal binnen einer einzigen Minute von einem Extrem zum anderen geschwankt hatten: Blanker, unverf�lschter Hass auf den Mann, der sein Leben zerst�rt hatte, hatte sich mit Verachtung abgewechselt - die zu einem nicht geringen Teil ihm selbst galt, dass er es �berhaupt in Betracht zog, dieses unw�rdige Angebot anzunehmen -, mit kindischem Trotz und Abgr�nden tiefsten Selbstmitleids bis hin zu einer �berlegung, von der er sich zumindest selbst einreden konnte, dass sie von reiner Vernunft diktiert wurde: Letzten Endes spielte es keine Rolle, warum er sich in der Lage befand, in der er nun einmal war. Fakt war, dass er sich nicht in einer Position befand, w�hlerisch sein zu k�nnen. Man biss nicht in die Hand, die einen f�tterte; nicht einmal dann, wenn sie einen zuvor geschlagen hatte.</p><p>�Es dauert jetzt nicht mehr lange, Professor.� Die Stimme des jungen Mannes, der links neben Mogens sa� und hinter dem gewaltigen Lenkrad des Ford mindestens so verloren und hilflos aussah, wie Mogens selbst sich f�hlte, riss ihn unsanft aber willkommen aus seinen d�steren �berlegungen. Offensichtlich deutete der Junge Mogens' irritierten Blick auch falsch, denn er nahm die rechte Hand vom Steuer und wies nach vorne, wo ein schmaler Weg von der selbst alles andere als breiten Hauptstra�e abzweigte, um nach wenigen Metern zwischen wucherndem Gestr�pp und m�chtigen Findlingen zu verschwinden. Ohne die deutende Geste seines jugendlichen Chauffeurs h�tte Mogens ihn vermutlich nicht einmal gesehen, so schmal war er. �Noch eine knappe Meile, dann haben wir's geschafft.�</p><p>�Aha.� Die Antwort - das war Mogens klar - musste aller Wahrscheinlichkeit nach leicht unh�flich wirken, wenn nicht gar wie ein glatter Affront. Aber sein Fahrer war wohl noch jung genug, um die verkappte Beleidigung darin nicht zur Kenntnis nehmen zu k�nnen - oder zu wollen. Ganz im Gegenteil wedelte er noch heftiger mit der Hand, w�hrend er zugleich mit den F��en auf Kupplung und Bremse des Ford herumzustampfen begann.</p><p>Mogens folgte den scheinbar ziellosen Bewegungen einen Moment mit sachtem Interesse. Er hatte niemals Auto fahren gelernt und versp�rte auch nicht den Drang, dies zu tun. Der Pragmatiker in ihm sah die N�tzlichkeit eines Automobils durchaus ein und wusste auch den Umstand zu sch�tzen, dass sie die Strecke, f�r die er zu Pferde oder mit einer Droschke mindestens drei, wenn nicht vier Stunden gebraucht h�tte, so in einem Bruchteil dieser Zeit zur�cklegen konnten. Aber ihm selbst waren Automobile suspekt, um nicht zu sagen: unheimlich. M�glicherweise lag es einfach an den vier Jahren, die er in Thompson verbracht hatte. Die Zeit war nicht so lang, dass der technische Fortschritt ihn h�tte �berrollen k�nnen, denn es hatte selbst in diesem Kaff Zeitungen gegeben, mit deren Hilfe er sich auf dem Laufenden gehalten hatte. Doch schon, als er in San Francisco aus dem Zug gestiegen war, war ihm klar geworden, dass Thompson offensichtlich nicht wirklich in der Vergangenheit, sondern irgendwie neben der Zeit zu existieren schien. Es hatte auch dort Automobile gegeben, nat�rlich, aber sie waren stets Fremdk�rper geblieben, Absonderlichkeiten, bei deren Anblick man stehen blieb und den Kopf drehte, vielleicht mit einem angedeuteten L�cheln, das dieser neumodischen Verr�cktheit galt, die sich bestimmt nicht lange halten w�rde. San Francisco hingegen war das genaue Gegenteil. Und auch, wenn sie sich seit einer halben Stunde beharrlich von der Stadt entfernten und die sanften H�gel, durch die sie nun fuhren, gar nicht so anders waren als die, zwischen denen Thompson eingebettet war, so hatte er dennoch das Gef�hl, sich nicht nur in einer anderen Gegend, sondern gewisserma�en in einer anderen Welt zu befinden, wenn nicht in einem anderen Universum.</p><p>�Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn's ein bisschen holperig wird�, fuhr sein Chauffeur fort. Mogens blickte fragend, und der Junge mit den fast schulterlangen blonden Locken machte eine wedelnde Handbewegung, von der Mogens inst�ndig hoffte, dass sie nicht dem entsprach, was er gerade als holperig bezeichnet hatte. �Die Stra�e f�hrt direkt �bern Berg. Es gibt ein paar �ble Schlagl�cher, aber keine Sorge - ich kenn mich aus.�</p><p>�Und die Hauptstra�e?�, fragte Mogens z�gernd.</p><p>�Zwanzig Meilen um den Berg rum, oder eine dr�ber�, sagte der Junge, als sei das Antwort genug. Mogens verzichtete darauf, etwas dazu zu sagen; eine solche Antwort - noch dazu in einem solchen Ton - konnte nur jemand geben, der noch nicht alt genug war, um zu wissen, mit was f�r unangenehmen �berraschungen das Leben zuweilen aufzuwarten pflegte. Und mit jemandem, der solche Antworten gab, zu diskutieren war vollkommen sinnlos.</p><p>Dennoch fragte er nach kurzem Z�gern: �Haben wir es denn so eilig?�</p><p>�Sie haben einen anstrengenden Tag hinter sich, Professor�, antwortete der Junge. �Ich dachte, es w�r Ihnen recht, ein bisschen fr�her anzukommen.� Er lachte, aber es klang pl�tzlich ein ganz kleines bisschen nerv�s. In seinen hellblauen, sehr klaren Augen zeigte sich zum ersten Mal, seit Mogens zu ihm in den Wagen gestiegen war, eine Spur von Unsicherheit, w�hrend er Mogens rasch und sehr aufmerksam musterte. �Ich kann nat�rlich auch...�</p><p>�Nein, nein, schon gut�, fiel ihm Mogens ins Wort. �Nehmen Sie ruhig den Weg, den Sie sich zutrauen. Ich gehe davon aus, dass Sie wissen, was Sie tun, Mister...?�</p><p>�Tom�, antwortete der Junge. �Sagen Sie einfach Tom zu mir. Und Sie k�nnen mich ruhig duzen. Eigentlich hei� ich Thomas, aber keiner nennt mich so. Auch nicht Doktor Graves.�</p><p>�Kennst du den Doktor schon l�nger, Tom?�</p><p>Tom sch�ttelte den Kopf. �Ich bin hier aufgewachsen.�</p><p>Mittlerweile hatte er den Wagen nahezu auf Schritttempo abgebremst und verlangsamte noch weiter, bis sie nahezu zum Stehen gekommen waren. Ein Knirschen erscholl, als Tom den Ganghebel nach vorne schob. Es kostete ihn sichtbare M�he, dann vollf�hrten seine F��e wieder jene kompliziert trampelnde Abfolge von Bewegungen, und der Ford bog in rechtem Winkel von der asphaltierten Hauptstra�e ab. Noch bevor seine Hinterr�der den festen Untergrund g�nzlich verlie�en, senkte sich das rechte Vorderrad mit solcher Wucht in ein Schlagloch, dass sich nicht nur der gesamte Wagen wie ein waidwund geschossenes Tier sch�ttelte, sondern auch Mogens' Z�hne mit solcher Gewalt aufeinander schlugen, dass er nur mit M�he einen Schmerzlaut unterdr�ckte. Instinktiv sah er nach vorne, halbwegs darauf gefasst, das abgebrochene Vorderrad noch ein St�ck davonrasen zu sehen, ehe es sich schwankend neigte und dann wie ein auslaufender Brummkreisel auf die Seite fiel. Stattdessen jedoch m�hte sich der Ford schnaufend aus dem Graben heraus und wurde wieder schneller.</p><p>�'tschuldigung�, sagte Tom hastig, als Mogens den Kopf drehte und ihn ansah. Er zuckte verlegen mit den Schultern und versuchte ein um Verzeihung heischendes L�cheln auf sein Gesicht zu zaubern, erreichte damit aber nichts anderes, als noch j�nger und damit endg�ltig wie ein Kind auszusehen, das sich den Wagen seines Vaters zu einer verbotenen Spritztour ausgeliehen hatte. �Ich vergess dieses verdammte Kaninchenloch immer wieder!�</p><p>Mogens fuhr sich mit der Zungenspitze �ber die Z�hne und erwartete den Geschmack von Blut, aber er wurde zu seiner Erleichterung entt�uscht. Sein Unterkiefer summte zwar, als h�tte er einen elektrischen Schlag bekommen, aber er schien sich nicht wirklich verletzt zu haben.</p><p>�So schlimm ist nur das erste St�ck�, versicherte Tom hastig. Als er keine Antwort bekam - anscheinend legte er Mogens' beharrliches Schweigen als Vorwurf aus, und das nicht ganz zu Unrecht -, f�gte er hastig hinzu: �Wenn wir an den Felsen vorbei sind, wird's besser.�</p><p>Diesmal folgte Mogens' Blick seiner Geste nicht. Stattdessen nutzte er die Gelegenheit, seinen jugendlichen Chauffeur zum ersten Mal seit ihrer Abfahrt aus San Francisco wirklich genau in Augenschein zu nehmen. Mogens' schlechtes Gewissen regte sich, und er gestand sich ein, dass er Tom bisher gar nicht wirklich als Person zur Kenntnis genommen hatte, vielmehr hatte er ihn wie dem Ford zugeh�rig betrachtet; gleichsam eine lebende Verl�ngerung der mechanischen Kutsche, die Graves geschickt hatte, um ihn abzuholen. Er tat Tom in Gedanken Abbitte und f�hrte sich vor Augen, wie jung er tats�chlich noch war. Das gewaltige Lenkrad und die schweren Pedale, die herunterzutreten seine ganze Kraft zu erfordern schien, lie�en ihn wirklich ein bisschen wie ein Kind aussehen, aber vermutlich war er letzten Endes auch nicht sehr viel mehr. Er war schm�chtig und machte einen irgendwie zerbrechlichen Eindruck. Mogens sch�tzte ihn auf vielleicht siebzehn Jahre. Das schulterlange, leicht gelockte Haar gab ihm zus�tzlich etwas Feminin-Verletzliches, das Mogens' schlechtes Gewissen sich noch st�rker r�hren lie�, als er an die beiden Koffer dachte, die Tom klaglos vom Bahnsteig getragen und im Kofferraum des Ford verstaut hatte. Sie enthielten seinen gesamten weltlichen Besitz, aber da dieser zum Gro�teil aus B�chern bestand, waren sie sehr schwer.</p><p>�Wie alt bist du, Tom?�, fragte er gerade heraus.</p><p>Mogens bemerkte, dass die Frage seinen Chauffeur in Verlegenheit brachte. Er antwortete nicht sofort, sondern gewann etliche Sekunden damit, scheinbar konzentriert auf die ausgefahrene Spur zu starren, die sich vor ihnen zwischen Gestr�pp, Felsen und braun vertrocknetem Gras entlangschl�ngelte. Mogens selbst vermied es tunlichst, in dieselbe Richtung zu blicken. Es war ihm ein R�tsel, wie der Junge sich hier orientierte. Was ihn anging, so gab es diesen Weg gar nicht.</p><p>�Siebzehn�, sagte Tom schlie�lich. Nach einer guten Sekunde und einem unbehaglichen Einatmen f�gte er hinzu: �Ungef�hr.�</p><p>�Ungef�hr?�</p><p>�Ich wei� nicht genau, wann ich geboren bin�, gestand Tom. �Meine Eltern haben mich - glaube ich - in einem Korb auf die Kirchentreppe gelegt, als ich vielleicht 'n Jahr alt war. Barmherzige Leute haben mich aufgenommen und mein Alter gesch�tzt.� Er machte ein verlegenes Gesicht, als w�re es seine pers�nliche Schuld, dass seine Eltern sich nicht um ihn hatten k�mmern k�nnen oder wollen, und f�gte noch hinzu: �So was passiert hier �fter. Sheriff Wilson hat 'n paar Nachforschungen angestellt, aber ohne Erfolg.�</p><p>Im allerersten Moment kam Mogens dies sonderbar vor. Aber dann f�hrte er sich vor Augen, wo er sich befand. Die relative N�he San Franciscos mit seinen wimmelnden Menschenmassen und den aufstrebenden Industrien und Handelszentren t�uschte nur zu leicht dar�ber hinweg, dass dieser Teil des Landes zu Recht den Beinamen �Wilder Westen� gehabt hatte. Eisenbahnverbindungen, Automobile und Dampfmaschinen allein machten aus den Einwohnern hier nicht ganz automatisch auch zivilisierte Menschen. Zumindest nicht aus allen.</p><p>�Und jetzt arbeitest du f�r Graves�, stellte er fest.</p><p>�Schon l�nger�, antwortete Tom, ganz offensichtlich froh, das Thema wechseln zu k�nnen. Er schaltete wieder in einen anderen Gang und das Getriebe unter ihren F��en gab einen Laut von sich, als versuche es, das d�nne Blech zu durchschlagen, um seine maltr�tierten Zahnr�der in ihre Waden zu bohren. Tom lachte. �Ich bin so 'ne Art M�dchen f�r alles. Ich hack Holz, mach Erledigungen und Boteng�nge... Was eben so anf�llt.�</p><p>�Und dann und wann holst du Besucher vom Bahnhof ab, die nichts Besseres zu tun haben, als dich zu beleidigen�, sagte Mogens.</p><p>Er las in Toms Gesicht, dass er schon wieder einen Fehler gemacht hatte. Offensichtlich hatte der Junge die in diesen Worten verborgene Entschuldigung nicht verstanden. Er sah ihn einen Moment lang irritiert an, konzentrierte sich f�r einen etwas - nicht viel - l�ngeren Moment wieder auf den Weg und sagte dann mit einem Schulterzucken: �Nicht sehr oft. Wir bekommen nur selten Besuch, und Doktor Graves l�sst alles, was wir brauchen, von einer Spedition anliefern.�</p><p>�Und was w�re das?�</p><p>�Nicht sehr viel�, antwortete Tom mit einem neuerlichen Schulterzucken. �Lebensmittel, dann und wann ein paar Werkzeuge...� Er hob erneut die Schultern. �Letzte Woche sind 'n paar gro�e Kisten gekommen, aber sie waren leicht. Ich glaub, sie waren leer.�</p><p>�Leere Kisten?�</p><p>�Es waren sehr seltsame Kisten�, best�tigte Tom. �Fast wie S�rge, nur viel gr��er. Doktor Graves hat das Entladen pers�nlich �berwacht und daf�r gesorgt, dass sie nach unten gebracht wurden.�</p><p>Mogens wurde hellh�rig. �Nach unten?�</p><p>�Ins Allerheiligste des Doktors.�</p><p>�Er hat dich mit dorthin genommen? Dann wei�t du also, worum es sich bei Graves' Fund handelt?�</p><p>Tom druckste einen Moment herum. Er wich Mogens' Blick nun sichtbar aus, und es war nicht mehr zu �bersehen, wie unbehaglich er sich f�hlte, w�hrend Mogens mit stummer Beharrlichkeit darauf wartete, dass er seine Frage beantwortete.</p><p>�Nein�, sagte er schlie�lich. �Sie haben da irgendwas gefunden, in einer H�hle, tief unter der Erde. Das ist alles, was ich wei�. Au�er dem Doktor d�rfen nur seine engsten Mitarbeiter die Grabungsstelle betreten.�</p><p>�Aber du hast doch sicher schon einmal einen Blick riskiert?�, bohrte Mogens in leise angedeutetem Verschw�rerton nach.</p><p>Tom wand sich jetzt immer deutlicher in seinem Sitz, aber Mogens war auch klar, dass er diesmal den richtigen Ton angeschlagen hatte. Junge Menschen waren so leicht zu manipulieren.</p><p>�Ich konnte nicht viel erkennen�, gestand Tom. �Einmal hat der Doktor vergessen abzuschlie�en, und ich hab tats�chlich 'nen Blick riskiert. Da waren Statuen.�</p><p>�Statuen?�</p><p>�Gro�e Figuren, die aus dem Fels gemei�elt waren�, best�tigte Tom. �Und Schriftzeichen. Vielleicht auch Bilder.� Er schauderte, als h�tte ihn ein pl�tzlicher, kalter Windzug getroffen, obwohl es im Wagen eher zu warm als zu kalt war, und seine Finger schlossen sich fester um das Lenkrad. �Wie gesagt: Es war nicht viel zu sehen, und ich konnte auch nicht lange bleiben. Doktor Graves ist sehr eigen, was seine Forschungen angeht. Wir d�rfen nicht dar�ber reden. Keiner, der im Lager arbeitet, und auch keiner der anderen Forscher.�</p><p>Zumindest Letzteres kam Mogens sehr unwahrscheinlich vor. Auch wenn er die letzten Jahre seines Lebens in freiwilliger Verbannung verbracht hatte, so war die Zeit seines Aufenthalts unter Forscherkollegen doch noch nicht so lange her, dass er alles vergessen hatte. Wissenschaftler liebten es, sich mit ihren Entdeckungen und Fortschritten zu br�sten und jedem, der etwas dar�ber h�ren wollte, davon zu erz�hlen - oft genug auch jedem, der es nicht wollte.</p><p>Dennoch nickte Tom heftig, als er seinen zweifelnden Blick bemerkte, und f�gte hinzu: �Der Doktor hat es strengstens verboten und alle halten sich dran. Ich kann Ihnen nicht sagen, worum es sich bei der Arbeit handelt, nur, dass sie irgendwas gefunden haben und wohl dabei sind, es auszugraben.� Er streifte Mogens' Gesicht mit einem nerv�sen Blick. �Sie werden doch nicht...�</p><p>�Keine Sorge�, beruhigte ihn Mogens. �Ich verrate dich nicht.�</p><p>Tom machte ein erleichtertes Gesicht. �Danke. Es ist nur... ich glaube, der Doktor wollte sich nicht den Spa� nehmen lassen, Ihnen seinen Fund pers�nlich zu zeigen. Er ist sehr stolz darauf.�</p><p>Es fiel Mogens schwer, das Wort <emphasis>Spa� </emphasis>mit der Erinnerung an Jonathan Graves in Einklang zu bringen. Aber er verbiss sich jede entsprechende Bemerkung. Er hatte sich mittlerweile ein hinl�ngliches Bild �ber Tom gemacht, um sicher zu sein, dass es ihn nur wenige S�tze kosten w�rde, ihn zum Weiterreden zu bringen. Aber nun, da er seinen jugendlichen Fahrer nicht mehr als blo�es Requisit auf dieser letzten Etappe seiner Reise betrachtete, sondern als Person, mochte er ihn nicht mehr in eine so unbehagliche Situation bringen. Zumal es um Graves ging. Sollten ihm oder Tom auch nur eine entsprechende Bemerkung entschl�pfen, w�rde der Junge garantiert darunter leiden m�ssen.</p><p>�Arbeitet es sich gut mit Doktor Graves?�, fragte er.</p><p>Tom bugsierte den Ford mit einem heftigen Kurbeln am Lenkrad um einen schubkarrengro�en Felsbrocken herum, der mitten auf der Fahrspur lag, bevor er antwortete. Mogens hatte nicht auf die Strecke geachtet, aber er w�re trotzdem jede Wette eingegangen, dass er vor einem Augenblick noch nicht da gewesen war. �Das kann ich so nicht sagen�, sagte Tom schlie�lich.</p><p>�Wie das?�, wunderte sich Mogens. �Wo du doch schon l�nger mit ihm arbeitest?�</p><p>�Niemand arbeitet <emphasis>mit </emphasis>dem Doktor�, antwortete Tom. �Jedenfalls nicht direkt. Er ist fast immer allein in seinem Allerheiligsten und die �brige Zeit in seiner Blockh�tte, die niemand betreten darf.� Er beantwortete Mogens' n�chste Frage, noch bevor er sie �berhaupt stellen konnte. �Ich war einmal dort. Es ist alles voller B�cher und... seltsamer Dinge. Ich wei� nicht, was sie bedeuten.�</p><p>Im allerersten Moment lie�en seine Worte - und viel mehr noch die Art, auf die er sie aussprach - Mogens einen eiskalten Schauer �ber den R�cken laufen, aber dann breitete sich ein am�siertes L�cheln auf seinen Lippen aus. Die Vertrautheit, die das kurze Gespr�ch zwischen ihnen geschaffen hatte, durfte ihn nicht vergessen lassen, mit wem er eigentlich redete - n�mlich mit einem Jungen vom Lande, dem vermutlich alles unheimlich vorkam, was irgendwie mit Wissenschaft zu tun hatte. Mogens beschloss endg�ltig, sich in Geduld zu fassen.</p><p>Auch wenn Tom sich geh�tet hatte, auch nur eine entsprechende Bemerkung zu machen, so reichte Mogens' Menschenkenntnis doch allemal, um zwischen den Zeilen zu lesen. Wenn er nur ein wenig Geschick und Umsicht walten lie�, so hatte er einen - zumindest hypothetischen - Verb�ndeten gewonnen, noch bevor er Graves auch nur wiedersah.</p><p>Auf solche Art einigerma�en vers�hnt mit dem bisherigen Verlauf seiner Reise, lehnte sich Mogens im Sitz zur�ck und versuchte, den Rest ihrer Fahrt zu genie�en, so weit die unwegsame Strecke dies zulie�. Tom hatte jedoch die Wahrheit gesagt: Die Fahrt dauerte nicht mehr allzu lange. Es begann allm�hlich zu d�mmern, und die dichter werdenden Schatten und das Licht, das sich allm�hlich ins R�tliche verschob, lie�en ihre Umgebung noch unwirklicher und auf schwer beschreibbare Weise bedrohlicher erscheinen. Die Stra�e, die gewiss nicht f�r Automobile gebaut war, sondern allenfalls f�r Ochsenkarren oder die im Klettern ge�bten Hufe von Bergziegen, schl�ngelte sich in immer steilerem Winkel den H�gel hinauf, und obwohl Tom den Weg tats�chlich wie seine Westentasche zu kennen schien, musste er ein oder zwei Mal anhalten und ein St�ck zur�cksetzen, um eine besonders scharfe Kehre zu nehmen.</p><p>Endlich aber hatten sie es geschafft; der Ford qu�lte sich auf einen schmalen Grat hinauf, rollte noch ein paar Fu� und blieb dann stehen, als Tom auf die Bremse trat und gleichzeitig den Hebel des Schaltgetriebes nach vorne schob. Der Professor setzte zu einer entsprechenden Frage an, aber dann folgte sein Blick dem Toms und ihm wurde klar, warum sein Chauffeur angehalten hatte. Der Weg folgte ein gutes St�ck weit dem Grat, schl�ngelte sich dann auf der anderen Seite in wom�glich noch steilerem Winkel den Berg hinab, sodass Mogens es nicht einmal wagte, sich vorzustellen, wie der Rest ihrer Fahrt aussehen mochte. Dahinter aber, weniger als eine Meile entfernt und in einem unregelm��igen Drittelkreis an die Flanke des Berges geschmiegt, den sie gerade erklommen hatten, lag eine kleine Stadt, wie sie typisch f�r diesen Teil des Landes war. Mogens war zwar noch nie hier gewesen, hatte sich aber selbstverst�ndlich in den letzten Tagen so weit informiert, wie es in einer Stadt wie Thompson mit ihren begrenzten M�glichkeiten ging. Der Ort schien nur aus einer einzigen Stra�e zu bestehen, die der unregelm��igen Kr�mmung der Bergflanke folgte und von unten betrachtet vermutlich schnurgerade wie mit einem Lineal gezogen aussehen musste. Die Geb�ude waren klein, zum allergr��ten Teil nur eingeschossig; nur zur Ortsmitte hin erhoben sich einige wenige gr��ere H�user, deren aufgesetzte Fassaden jene t�uschen mochten, die sie nur im Vorbeifahren eines fl�chtigen Blickes w�rdigten, von der H�he des Kammes aus betrachtet die Sch�bigkeit der dahinter liegenden Geb�ude aber eher noch unterstrichen. Zu seinem Erstaunen entdeckte Mogens sogar ein Bahnhofsgeb�ude samt dem obligatorischen Wasserturm. Aber keinerlei Schienen. Auf eine entsprechende Frage hin hob Tom die Schultern und zwang ein schiefes Grinsen auf sein Gesicht.</p><p>�Die Bahnlinie nach San Francisco ist nur ein paar Meilen entfernt - gleich auf der anderen Seite�, sagte er. �Vielleicht hat der B�rgermeister damals geglaubt, der Anschluss kam von selber, sobald der Bahnhof da ist.�</p><p>�Aber er kam nicht.�</p><p>�Nein�, best�tigte Tom kopfsch�ttelnd. �Aber das war vor meiner Geburt. Damals gab es viele Eisenbahnarbeiter hier. Etliche sind geblieben, aber die meisten sind weggegangen, nachdem klar war, dass es keinen Bahnhof geben w�rde.�</p><p>Toms Erkl�rung klang beil�ufig, und das war sie wohl auch; etwas, von dem er geh�rt hatte und das sich zugetragen hatte, lange bevor er �berhaupt auf die Welt gekommen war und ihn somit nicht ber�hrte. Mogens jedoch empfand f�r einen fl�chtigen Moment ein sonderbares Gef�hl der Trauer, w�hrend er auf den kleinen Ort hinabsah, der selbst aus der Entfernung trostlos wirkte. Er kannte die Menschen dort unten nicht und hatte weder Anteil an ihrem Schicksal noch die M�glichkeit, irgendetwas f�r sie zu tun, und dennoch ber�hrte es ihn tiefer, als er es sich im ersten Moment erkl�ren konnte. Dieser Ort war gestorben, noch bevor er jemals richtig gelebt hatte, nur weil irgendjemand mit einem willk�rlichen Federstrich entschieden hatte, dass das kleine Bahnhofsgeb�ude niemals seiner Bestimmung �bergeben werden sollte. Dabei lag eine der gr��ten St�dte des Landes praktisch zum Greifen nahe. Wie dicht doch pulsierendes Leben und allm�hliches Dahinsiechen manchmal beieinander lagen.</p><p>Er verscheuchte den Gedanken und gab Tom mit einer Geste zu verstehen, dass er weiterfahren solle. Als sie den Grat erreichten, hatten sie die D�mmerung wieder ein St�ck weit hinter sich gelassen, aber sie kroch unerbittlich hinter ihnen her und w�rde sie vermutlich eingeholt haben, bevor sie die Stadt erreichten. Mogens h�tte sich die Grabungsst�tte, von der Tom gesprochen hatte, gerne noch bei Tageslicht angesehen, sagte sich aber selbst, dass sie es vermutlich nicht mehr schaffen w�rden.</p><p>Tom schob den Ganghebel knirschend vor, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Kurz bevor sie den Berggrat verlie�en, drehte Mogens noch einmal den Kopf und sah nach Westen zur�ck. Das Meer war fast vollkommen verschwunden. Selbst von hier oben aus sah er nur noch einen kaum fingerbreiten, grell kupferfarbenen Streifen vor dem bereits dunkler werdenden Horizont. Aber er versp�rte ein sonderbares Gef�hl der Erleichterung, dass er sich im ersten Moment selbst nicht erkl�ren konnte. Obwohl der rationale Teil seines Denkens sich noch immer weigerte, diesen unheimlichen Gef�hlen irgendeine Bedeutung zuzumessen, spukten in seinem Kopf weiter Bilder von bizarren Kreaturen, die tief am Meeresgrund lebten und aus gierigen Augen in die endlose Schw�rze �ber sich starrten, die ihre Welt seit Anbeginn der Zeiten einh�llte.</p><p>Es musste an Graves liegen, entschied er. W�hrend der letzten vier Tage war nicht eine Stunde vergangen, in der er nicht mindestens einmal �ber ihr bizarres Wiedersehen in Thompson nachgedacht hatte. Mittlerweile hatte er etliches von dem revidiert, was er �ber Graves und die unheimliche Ver�nderung, die mit ihm vonstatten gegangen war, gedacht hatte. Sicherlich war Jonathan Graves niemals ein angenehmer Mensch gewesen, nicht einmal damals, w�hrend jener Zeit, als Mogens noch glaubte, in ihm, wenn schon keinen Freund, so doch zumindest einen Kommilitonen zu haben, der sich an die Regeln studentischer Kameradschaft hielt. Aber ihm seine Menschlichkeit abzusprechen war des Guten nun doch etwas zu viel.</p><p>Seine Nerven hatten ihm einen Streich gespielt, und das war nach allem Vorgefallenen auch nicht weiter verwunderlich. Mogens gab sich selbst f�r diesen allerersten Moment intellektueller Verwirrung Dispens, rief sich zugleich aber in Gedanken zur Ordnung. Er w�rde Graves nicht gestatten, Macht �ber seine Gef�hle und damit letzten Endes �ber sein Denken zu erlangen.</p><p>Was nichts daran �nderte, dass er h�rbar erleichtert aufatmete, als der Wagen die B�schung hinabzurumpeln begann und der Ozean damit au�er Sicht geriet.</p><p>Tom, der den Laut geh�rt hatte, deutete ihn falsch und sagte: �Das Schlimmste ist gleich vorbei, keine Angst.�</p><p>Mogens schluckte die Antwort herunter, die ihm auf der Zunge lag. Mochte Tom ruhig glauben, dass ihm die Fahrt durch das unwegsame Gel�nde zu schaffen machte; vielleicht trug dies ja dazu bei, die Distanz zwischen ihnen etwas kleiner werden zu lassen. Mogens war durchaus realistisch genug, sich von Toms lockerer Art nicht t�uschen zu lassen; hinter seiner bewusst zur Schau gestellten Selbstsicherheit verbarg sich das genaue Gegenteil. Mogens waren die Zwischent�ne in seiner Stimme nicht entgangen. Hinter dem Respekt, mit dem er �ber Graves sprach, verbarg sich ein Gutteil Furcht, und hinter der scheinbaren Lockerheit, die er ihm gegen�ber an den Tag legte, nichts anderes als Respekt. Mogens war unz�hligen Toms begegnet, in seinen Jahren an der Universit�t von Thompson. Junge Leute, die sich alle M�he gaben, selbstsicher, ja, zuweilen nassforsch aufzutreten, innerlich aber vor Furcht zitterten, wenn sie auch nur den Schatten eines Professors sahen. Zweifellos hatte Tom die Gelegenheit begr��t, der Monotonie seiner t�glichen Arbeit f�r ein paar Stunden zu entfliehen und mit dem Wagen in die Stadt zu fahren, aber ebenso zweifellos hatte er dem Zusammentreffen mit einem leibhaftigen Professor mit klopfendem Herzen entgegengeblickt. Viel mehr noch als die angehenden Studenten, die Jahr f�r Jahr in ewig gleichen Anz�gen, mit denselben, ewig gleichen abgewetzten Koffern, denselben ewig gleichen Scherzen - und immer der gleichen, nur unzul�nglich verhohlenen Furcht in den Augen - vor ihm erschienen, musste Mogens' blo�e Anwesenheit ihm schon fast k�rperliches Unbehagen bereiten. F�r seine angehenden Studenten war er zweifellos eine Respektsperson - auch wenn nur zu viele von ihnen sich M�he gaben, ihn dies nicht sp�ren zu lassen -, dennoch aber jemand, dessen Status sie eines Tages erlangen konnten - zumindest einige von ihnen. Einem einfachen Jungen vom Lande hingegen, der nicht einmal sein genaues Alter kannte und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch des Lesens und Schreibens nicht m�chtig war, musste er wie ein Bote aus einer Welt erscheinen, die unendlich weit von der seinen entfernt war und die er niemals erreichen konnte. Mogens fragte sich, wie viel Kraft es Tom gekostet haben musste, w�hrend der ganzen Fahrt so ruhig zu bleiben und nicht buchst�blich vor Furcht mit den Z�hnen zu klappern. Hinsichtlich seiner �berzeugung, in Graves' N�he jeden potenziellen Verb�ndeten bitter n�tig zu haben, tat er vielleicht gut daran, Toms Vertrauen zu erringen.</p><p>�Du f�hrst ausgezeichnet, Tom�, versicherte er. �Ich f�rchte, ich muss gestehen, dass ich selbst diese gr�ssliche Stra�e nicht ann�hend so souver�n bew�ltigt h�tte, wenn �berhaupt.�</p><p>Tom sah ihn zweifelnd an. �Sie wollen mir schmeicheln, Professor.�</p><p>�Keineswegs.� Mogens sch�ttelte bekr�ftigend den Kopf. �Ich war nie ein sonderlich guter Autofahrer, f�rchte ich. Ich komme aus einer kleinen Stadt. Es lohnt sich nicht, dort ein Automobil zu besitzen. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich es noch kann.�</p><p>�Was?�, fragte Tom.</p><p>�Auto fahren�, antwortete Mogens.</p><p>�Das ist jetzt ein Scherz�, sagte Tom. �So etwas verlernt man doch nicht.�</p><p>Tatsache war, dass Mogens es niemals gelernt hatte, aber so weit, dies Tom gegen�ber zuzugeben, wollte er nun doch nicht gehen. �Vermutlich nicht�, sagte er deshalb. �Dennoch fehlt mir eindeutig die �bung.�</p><p>�Verstehe�, sagte Tom. �Sie haben sicher Wichtigeres zu tun.�</p><p>�Auch das�, seufzte Mogens. Er bedauerte es schon, �berhaupt mit dem Thema angefangen zu haben. Dennoch erschien ihm alles besser, als sich weiter mit jenen unheimlichen Gedanken und Empfindungen auseinander zu setzen, die der Anblick des Ozeans in ihm wachriefen. Schon, um Tom keine Gelegenheit zu einer weiteren diesbez�glichen Frage zu geben, drehte er sich demonstrativ wieder ganz in seinem Sitz nach vorne und lie� seinen Blick �ber den kleinen Ort schweifen, der bisher um keinen Deut n�her gekommen zu sein schien, obgleich sicherlich eine Minute vergangen sein musste, seit Tom losgefahren war. Er wirkte auch um keinen Deut weniger trostlos. Mogens gestand sich ein, dass er bisher nicht einen einzigen Gedanken an sein neues Zuhause verschwendet hatte; schon, weil er felsenfest davon �berzeugt gewesen war, dass einfach jeder Ort auf der Welt besser sein musste als Thompson. Aber mittlerweile war er nicht mehr ganz so �berzeugt davon, tats�chlich einen guten Tausch gemacht zu haben. Wenn es einen Ort auf der Welt gab, der es an Trostlosigkeit mit Thompson aufnehmen konnte, dann war es dieser hier.</p><p>Mogens verscheuchte auch diesen Gedanken. Er wusste nichts �ber diese Stadt; nicht einmal ihren Namen. Auf den wortw�rtlich allerersten Blick ein - noch dazu so harsches - Urteil �ber sie zu f�llen, hie� ihr bitter Unrecht zu tun. Und Mogens hatte in seinem Leben zu viel Unrecht am eigenen Leib erfahren, um nun ins gleiche Horn zu sto�en; nicht einmal einem abstrakten Gebilde wie einer Stadt gegen�ber.</p><p>Dann gewahrte er etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte: Ein gutes St�ck die Stra�e entlang, bestimmt f�nf, sechs Meilen jenseits der Stadtgrenze - so es denn eine solche gab -, sah er eine Ansammlung kleiner, symmetrischer wei�er Flecke; vermutlich Zelte.</p><p>�Ist das das Lager?�, fragte er.</p><p>Tom sch�ttelte den Kopf. Mogens' Frage schien ihn aus irgendeinem Grund zu am�sieren. �Nein. Das sind die anderen. Die Maulw�rfe - jedenfalls nennt Doktor Graves sie so.�</p><p>�Maulw�rfe?�</p><p>�Geologen.� Tom deutete mit einer Kopfbewegung auf die Ansammlung kleiner, rechteckiger Schneeflocken am Horizont, nahm zu Mogens' Erleichterung aber diesmal wenigstens nicht die Hand vom Steuer. �Sie sind schon seit �ber einem Jahr hier. Ich wei� nicht genau, was sie dort tun, aber ich hab den Doktor einmal sagen h�ren, dass hier zwei Kontinentalplatten aneinander sto�en.� Er runzelte einen Moment lang nachdenklich die Stirn. �Die San-Andreas-Verwerfung, glaube ich.�</p><p>�Das... stimmt�, murmelte Mogens �berrascht. Seine Verbl�ffung galt jedoch weniger dem Geh�rten an sich, als vielmehr dem Umstand, diese Worte aus Toms Mund zu h�ren. Vielleicht hatte er seinen knabenhaften Chauffeur ja ebenso vorschnell und falsch eingesch�tzt wie sein zuk�nftiges Zuhause.</p><p>�Und was tun sie dort?�, fragte er.</p><p>Diesmal bestand Toms Antwort nur aus einem Schulterzucken. �Ich wei� es nicht�, gestand er. �Wir haben nichts mit denen zu schaffen. Einmal war einer von ihnen in unserem Lager, um mit dem Doktor zu sprechen, aber er ist nicht lange geblieben. Ich wei� nicht, worum es ging, aber Doktor Graves war hinterher sehr ver�rgert.�</p><p>�Du magst Doktor Graves nicht besonders, wie?�, fragte Mogens gerade heraus.</p><p>Tom sah ihn nicht an. �Ich kenne ihn zu wenig, um mir ein Urteil zu erlauben.�</p><p>F�r einen Moment begann sich unbehagliches Schweigen zwischen ihnen auszubreiten. Dann r�usperte sich Mogens und sagte: �Entschuldige, Tom. Ich wollte dich nicht in eine peinliche Situation bringen.�</p><p>Tom l�chelte nerv�s. �Das haben Sie nicht. Doktor Graves hat mir gesagt, dass Sie diese Frage stellen werden. Es macht mir nichts aus.�</p><p>Vielleicht, �berlegte Mogens, war es an der Zeit, endg�ltig das Thema zu wechseln. �Wie viele Mitarbeiter hat Doktor Graves?�, fragte er. �Au�er dir.�</p><p>�Drei�, antwortete Tom. Als er Mogens' erstaunten Blick registrierte, f�gte er mit einem bekr�ftigenden Nicken hinzu: �Manchmal heuern wir 'n paar Hilfskr�fte aus der Stadt an. Aber nur, wenn's gar nicht anders geht. Doktor Graves will keine Fremden im Lager.�</p><p>Vermutlich war es eher anders herum, dachte Mogens - er konnte sich nicht vorstellen, dass es allzu viele Fremde gab, die es lange mit Graves aushielten. Er schwieg dazu.</p><p>Der Ford rumpelte weiter durch Kaninchenl�cher und �ber Steine, und auf dem restlichen St�ck Weg bis zur Hauptstra�e hinab wurden sie derart durchgesch�ttelt, dass Mogens nicht nur die Lust auf jede weitere Frage verging, sondern er sie vermutlich auch gar nicht herausbekommen h�tte. Endlich aber hupfte der Wagen mit einem letzten, magenumdrehenden Ruck wieder auf die asphaltierte Hauptstra�e, und Mogens atmete h�rbar erleichtert auf.</p><p>�Das war's�, sagte Tom in Mogens' Meinung nach vollkommen unangemessen fr�hlichem Ton. �Jetzt sind's nur noch ein paar Meilen.�</p><p>�Sagtest du nicht vorhin, es w�re nur noch eine Meile?�, brummte Mogens.</p><p>�Bis zur Stadtgrenze�, antwortete Tom. �Aber wir haben bestimmt 'ne halbe Stunde gespart. Die Stra�e macht 'nen ziemlichen Bogen um den Berg rum. Wir sind gleich da.�</p><p>Trotz Toms unersch�tterlich fr�hlichem Ton und seines wom�glich noch breiter gewordenen Lausbubengrinsens sp�rte Mogens, wie sich die Stimmung im Wagen zusehends verschlechterte. Er hatte Tom falsch eingesch�tzt, aber er schien es mit jedem Versuch, seinen Fehler wieder gutzumachen, nur noch zu verschlimmern. Vielleicht w�re er gut beraten, f�r den Rest des Weges einfach die Klappe zu halten.</p><p>Um nicht unabsichtlich bei seinem bisher einzigen potenziellen Verb�ndeten noch mehr Boden zu verlieren, drehte er sich demonstrativ im Sitz zur Seite und betrachtete aufmerksam die Umgebung. Der Ort hielt auch aus der N�he, was er von weitem versprochen hatte: Die H�user waren einfach - um nicht zu sagen: sch�big - und wirkten auf Mogens auf sonderbare Weise... �ngstlich. Das Wort kam ihm selbst absurd vor in diesem Zusammenhang, aber ihm fiel auch keine treffendere Vokabel ein. Wenn er jemals eine Ansammlung von Geb�uden gesehen hatte, die sich wie eine Herde ver�ngstigter Tiere aneinander dr�ngte, dann diese. Angesichts der Weite der sie umgebenden Landschaft erschien ihm die dr�ckende Enge, in der sich die einfachen Holz- und Ziegelsteinbauten aneinander dr�ngten, doppelt bedrohlich. Ein kalter Schauer rann ihm �ber den R�cken. W�re der Gedanke nicht so vollkommen absurd gewesen, er h�tte gesagt, dass diese Stadt sich vor irgendetwas f�rchtete.</p><p>Mogens atmete insgeheim auf, als sie die Stadt schlie�lich hinter sich hatten. Das allerletzte Geb�ude auf der rechten Seite war ein altmodischer Mietstall, was Mogens einigerma�en ungew�hnlich vorkam; soweit er wusste, befanden sich solcherlei Geb�ude normalerweise eher im Stadtzentrum. Als sie es passierten, hatte Mogens das unheimliche Gef�hl, von einem eisigen Hauch gestreift zu werden; aber das war nat�rlich vollkommen unm�glich - zumal die Fenster des Ford geschlossen waren. Er versuchte den Gedanken als so l�cherlich abzutun, wie er war, aber es gelang ihm nicht. W�hrend das gedrungene Geb�ude aus vom Alter grau gewordenem Holz allm�hlich hinter ihnen zur�ckfiel, drehte er sich halb im Sitz herum und sah zur�ck, und wieder versp�rte er ein rasches, eisiges Fr�steln. Der Gedanke war fast noch grotesker als der zuvor, aber er hatte f�r einen Moment das gr�ssliche Gef�hl, auch seinerseits angestarrt zu werden - auf eine boshafte, lauernde Art, die die dr�uende Furcht in ihm noch zu sch�ren schien.</p><p>�Sie haben die Geschichte geh�rt?�, fragte Tom.</p><p>�Nein�, antwortete Mogens. �Welche Geschichte?�</p><p>Tom hob die Schultern und sah fl�chtig in den R�ckspiegel, bevor er antwortete; fast als m�sse er sich davon �berzeugen, dass ihnen nichts folgte. �Ich dachte, weil Sie den Stahle so angesehen haben...� Er hob die Schultern, �'ne h�ssliche Sache. Sie hat sogar in Frisco in der Zeitung gestanden. Es hat 'n paar Tote gegeben - aber ich wei� nicht genau, was passiert ist�, kam er Mogens' n�chster Frage zuvor, noch ehe dieser sie �berhaupt stellen konnte. �Die Leute sprechen nicht dr�ber.�</p><p>Mogens schwieg auch dazu, aber er dachte sich seinen Teil. Nat�rlich wusste Tom, welche Art von Verbrechen sich in diesem Geb�ude zugetragen hatte; so wie jeder hier. Mogens hatte lange genug in einer Kleinstadt gelebt, um zu wissen, dass es in einem Ort dieser Gr��e keine Geheimnisse gab. Tom geh�rte ganz zweifellos selbst zu den Leuten, die nicht dar�ber sprachen - was immer es auch war...</p><p>�Da vorne ist der Friedhof�, sagte Tom pl�tzlich. �Das Lager ist auf der anderen Seite. Nur noch 'n kleines St�ck, dann sind wir da.�</p><p>�Am Friedhof?�, wunderte sich Mogens.</p><p>Tom nickte heftig. �Nur 'n kurzes St�ck dahinter�, best�tigt er. �Sehen Sie sich nur um. Ich wette, einen solchen Friedhof haben Sie noch nie gesehen.� Er blickte weiter scheinbar konzentriert nach vorne, aber Mogens entging keineswegs, dass er ihn aus den Augenwinkeln insgeheim scharf beobachtete. Anscheinend hatte er Mogens mit seinen Worten nicht nur eine Information gegeben, sondern ein Stichwort, und nun wartete er auf eine entsprechende Reaktion.</p><p>Mogens sah nach rechts, wo in der immer rascher fallenden D�mmerung eine halbhohe, zum Gro�teil von Unkraut und wucherndem Gestr�pp �berwachsene Bruchsteinmauer aufgetaucht war. Ihm fiel rein gar nichts Ungew�hnliches auf, au�er vielleicht, dass der Friedhof f�r eine so kleine Stadt entschieden zu gro� zu sein schien. Aber schlie�lich tat er Tom den Gefallen und fragte: �Wieso?�</p><p>Tom lachte. �Der Doktor sagt, es war der einzige Friedhof auf der Welt, der auf zwei Kontinenten liegt.� Er machte eine Kopfbewegung auf die Mauer, die jetzt links von ihnen vorbeiglitt. Mogens korrigierte seine Sch�tzung, die Gr��e des Friedhofes betreffend, noch einmal ein gutes St�ck nach oben. �Die San-Andreas-Spalte verl�uft genau drunter. Ich hab mal geh�rt, wie sich zwei Geologen aus dem Lager dr�ber unterhalten haben.�</p><p>Und das, dachte Mogens, obwohl sie doch mit den Geologen aus dem benachbarten Zeltlager nichts zu tun hatten. Au�erdem fiel ihm erneut auf, wie glatt Tom dieses komplizierte Wort von den Lippen ging, �ber das so mancher seiner Studenten in Thompson gestolpert w�re. Er schwieg auch dazu, nahm sich aber fest vor, sich in den n�chsten Tagen etwas eingehender �ber Tom zu erkundigen.</p><p>Der Weg wurde schlechter, kaum dass sie die Friedhofsmauer hinter sich gelassen hatten, und verwandelte sich nach einer weiteren halben Meile endg�ltig in einen besseren Trampelpfad, der Mogens fast schlimmer vorkam als der steinige Weg, den sie �ber den Berg genommen hatten. Mogens warf Tom einen schr�gen Blick zu, den dieser aber geflissentlich ignorierte.</p><p>Schlie�lich verschwand die Stra�e ganz. Vor ihnen lag nur noch eine Mauer scheinbar undurchdringlichen Gestr�pps, auf die Tom aber unbeirrt zuhielt, ohne auch nur das Tempo zu drosseln.</p><p>��hm... Tom�, begann Mogens.</p><p>Tom l�chelte, reagierte aber ansonsten nicht, und er nahm auch das Tempo nicht zur�ck. Der Ford schoss auf das Geb�sch zu, und Mogens klammerte sich instinktiv an seinem Sitz fest und wartete auf das Ger�usch von splitterndem Holz oder auch zerbrechendem Glas.</p><p>Stattdessen fegte der wuchtige K�hlergrill des Ford nur ein paar d�nne �ste zur Seite, und vor ihnen lag eine lang gestreckte, asymmetrische Freifl�che, auf der sich eine Hand voll kleiner Blockh�tten um einen zentralen Platz dr�ngte, in dessen Zentrum sich ein niedriges wei�es Zelt erhob. Ein kleines St�ck abseits stapelten sich Balken, gehobelte Bretter und andere Baumaterialien, und jenseits der Blockh�tten entdeckte Mogens gleich drei weitere Automobile; darunter auch einen Lastwagen mit einer offenen Pritsche, auf der sich etliche l�ngliche Holzkisten stapelten. Das mussten wohl die �S�rge� sein, von denen Tom gesprochen hatte. Es war kein einziger Mensch zu erblicken.</p><p>W�hrend Tom den Ford geschickt um die Geb�ude herumchauffierte und neben den anderen Fahrzeugen abstellte, wandte sich Mogens noch einmal im Sitz um und schaute zur�ck. Die L�cke im Unterholz hatte sich hinter ihnen wieder geschlossen. Der Weg war nicht mehr zu sehen. Was hatte Tom gesagt? Doktor Graves wollte keine Fremden im Lager.</p><p>�Wir sind da�, sagte Tom �berfl�ssigerweise und stieg aus. W�hrend Mogens einen Moment lang damit besch�ftigt war, den ihm unvertrauten �ffnungsmechanismus der T�r zu ergr�nden, eilte Tom bereits um den Wagen herum und �ffnete die T�r von au�en. Mogens l�chelte verlegen, aber der Junge war diplomatisch genug, kein Wort �ber seine vermeintliche Unbeholfenheit zu verlieren, sondern trat nur zwei Schritte zur�ck und machte eine wedelnde Handbewegung zu der am weitesten entfernten Blockh�tte.</p><p>�Dort hinten ist Ihre Unterkunft�, sagte er. �Gehen Sie ruhig schon hin. Ich bring Ihnen Ihr Gep�ck.�</p><p>Mogens dachte mit einem leisen Gef�hl von schlechtem Gewissen an die beiden prall gef�llten, schweren Koffer im Gep�ckraum des Ford, aber dann wandte er sich dennoch mit einem stummen Kopfnicken um und steuerte das bezeichnete Geb�ude an. Obwohl die Stra�e staubtrocken gewesen war, war der Boden, �ber den er nun ging, so morastig, dass seine Schuhsohlen darin einsanken und seine Schritte kleine, schmatzende Laute verursachten, und er schauderte leicht, als er aus dem Windschatten des Wagens heraustrat und ihn ein eisiger Luftzug streifte. Und war da nicht ein sachtes Zittern des Bodens unter seinen F��en, so als bewege sich tief im Leib der Erde etwas Gro�es, Uraltes, das kurz davor war, aus einem �onenlangen Schlaf zu erwachen...?</p><p>Mogens sch�ttelte den Kopf, lachte �ber seine eigenen, n�rrischen Gedanken und ging schnell weiter. Seine Schritte verursachten noch immer jene schmatzenden Laute, die ihn aber jetzt nicht mehr erschreckten, sondern ihn mit einem Gef�hl deutlichen �rgers an seine fast neuen Lederschuhe denken lie�, die er sich nun m�glicherweise ruinierte.</p><p>Seine Laune sank noch weiter, als er sich der Blockh�tte n�herte, die Tom ihm gewiesen hatte. Sie war winzig, allerh�chstens f�nf oder sechs Schritte im Geviert und hatte - zumindest auf den beiden Seiten, die Mogens einsehen konnte - nur ein einziges schmales Fenster, dem ein schwerer Laden vorgelegt war. Auch die T�r machte einen �u�erst massiven Eindruck und hatte - ebenso wie der Fensterladen - zwei fingerbreite, senkrechte Schlitze, ungef�hr in Augenh�he, die aussahen wie Schie�scharten. Zusammen mit den dicken, sorgsam aufeinander gef�gten Balken, dem wuchtigen Dach und der massiven T�r dr�ngte sich Mogens unwillk�rlich der Vergleich mit einer kleinen Festung auf. Diese H�tte - zusammen mit den anderen - musste �lter sein, als er bisher angenommen hatte. M�glicherweise stammte dieses ganze Lager ja noch aus einer Zeit, in der sich seine Bewohner den Angriffen erz�rnter Ureinwohner dieses Landes erwehren mussten, denn jedes einzelne des knappen halben Dutzends kleiner Geb�ude machte einen �u�erst wehrhaften Eindruck.</p><p>Mogens �ffnete die T�r und trat geb�ckt ein, um sich nicht an dem niedrigen T�rsturz den Sch�del anzuschlagen. Als er den Kopf wieder hob, erlebte er eine �berraschung.</p><p>Das Innere des Geb�udes war weitaus ger�umiger, als er erwartet hatte - und vor allem <emphasis>heller. </emphasis>Unter der Decke brannte ein vierarmiger Leuchter mit elektrischen Gl�hbirnen, und es duftete angenehm nach Seife - und frisch aufgebr�htem Kaffee. Die Einrichtung war spartanisch, aber durchaus annehmbar. Es gab ein �berraschend breites, offenbar frisch bezogenes Bett, Tisch und St�hle sowie ein wohl gef�lltes B�cherregal und etwas, dessen Anblick Mogens nun <emphasis>wirklich </emphasis>�berraschte: Gleich neben dem B�cherbord erhob sich ein zierliches Stehpult. Es war lange her, dass Mogens so etwas auch nur <emphasis>gesehen </emphasis>hatte, aber zu der Zeit, als er selbst noch studiert hatte, hatte er es stets vorgezogen, im Stehen an einem solchen M�belst�ck zu arbeiten. Graves musste sich wohl daran erinnert haben. Offensichtlich legte er wirklich Wert darauf, ihm den Aufenthalt so angenehm wie m�glich zu gestalten. Der Gedanke verschlechterte Mogens' Laune allerdings eher, statt sie zu heben. Er war nicht bereit, Jonathan Graves auch nur die Spur einer Chance zu lassen.</p><p>Au�erdem waren da immer noch seine ruinierten Schuhe.</p><p>Mogens blickte missmutig zuerst auf die unregelm��ige Spur brauner schmieriger Fu�abdr�cke, die er auf dem frisch gebohnerten Fu�boden hinterlassen hatte, dann auf seine besudelten Wildlederschuhe. Der Anblick erinnerte ihn an einen gewissen Vorfall vor vier Tagen, der mit Graves und Miss Preusslers Katze Cleopatra zu tun hatte.</p><p>�Machen Sie sich nichts draus, Professor�, sagte eine Stimme hinter ihm. �Das passiert hier andauernd, selbst im Hochsommer. Es liegt am Boden, wissen Sie? Der Grundwasserspiegel ist so hoch, dass wir praktisch auf einem Schwamm stehen.�</p><p>Mogens drehte sich fast erschrocken um und blickte ins Gesicht eines vielleicht f�nfzigj�hrigen, grauhaarigen Mannes, der ihm allerh�chstem bis zum Kinn reichte, dennoch aber gut doppelt so viel wiegen musste wie er. Trotz dieser unbestreitbaren Fettleibigkeit und des damit einhergehenden Eindrucks von Unbeholfenheit hatte er die H�tte so lautlos betreten, dass Mogens nicht das Geringste geh�rt hatte. Jetzt stand er zwei Schritte hinter ihm, strahlte ihn an wie ein Weihnachtsmann, der sich versehentlich den Bart abrasiert hatte, und streckte ihm eine fleischige, stummelfingerige Hand entgegen.</p><p>�Mercer�, sagte er fr�hlich. �Doktor Basil Mercer. Aber vergessen Sie den �Doktor� ruhig. Sie m�ssen Professor VanAndt sein.�</p><p>Mogens z�gerte einen unmerklichen Moment, Mercers ausgestreckte Hand zu ergreifen; er hatte das H�ndesch�tteln nie gemocht, zum einen, weil er es f�r ziemlich unhygienisch hielt, zum anderen, weil ihm diese Geste eine oftmals unangemessene Intimit�t zwischen zumeist wildfremden Menschen zu schaffen schien. Mercer hatte jedoch etwas so Einnehmendes, dass er nur einen Sekundenbruchteil z�gerte, bevor er nach seiner dargebotenen Hand griff.</p><p>�Nur wenn Sie den �Professor� weglassen, Doktor Mercer�, sagte er l�chelnd. �VanAndt.�</p><p>Mercer verzog �bertrieben das Gesicht. �Dann finde ich �Professor� doch bedeutend einfacher�, meinte er. �Ein holl�ndischer Name?�</p><p>�Nein, belgisch�, entgegnete Mogens, ein Scherz, den er schon seit seiner Studentenzeit nicht mehr gemacht hatte. Fast niemand auf dieser Seite der Welt wusste, dass das kleine Belgien seinerseits wiederum aus zwei ethnischen Volksgruppen bestanden, die noch dazu �u�erst eifers�chtig auf ihrer jeweiligen kulturellen Identit�t beharrten. So mancher, dem sich Mogens auf diese Weise vorgestellt hatte, hatte verst�rt reagiert und vielleicht insgeheim gemutma�t, dass er aus Transsylvanien stammen und ein direkter Nachkomme von Vlad dem Pf�hler sein m�sse.</p><p>Mercer �berraschte ihn jedoch erneut. �Ein Flame�, sagte er fr�hlich. �Willkommen in der Neuen Welt!�</p><p>Diesmal war es Mogens, der das Gesicht verzog. �Dann doch lieber Professor�, sagte er. �Und ich bin nur in Europa geboren. Meine erste Erinnerung ist die an einen schmuddeligen Hinterhof in Philadelphia.�</p><p>�Na, dann m�ssten wir uns eigentlich kennen�, behauptete Mercer.</p><p>�Sie stammen ebenfalls aus Philadelphia?�, fragte Mogens.</p><p>�Nein.� Mercer grinste. �Aber ich war auch noch nie in Europa.�</p><p>Mogens lachte, aber es musste wohl etwas gezwungen ausgefallen sein, denn auch Mercers Grienen hielt nur noch einen kurzen Moment, bevor er Mogens' Hand loslie�, sich leicht verlegen r�usperte und einen halben Schritt zur�cktrat.</p><p>�Gut�, sagte er. �Nachdem ich die Begr��ung hinl�nglich versaut habe, k�nnen wir ebenso gut weitermachen, und ich stelle Ihnen den Rest der Mannschaft vor.�</p><p>�Ihre Kollegen?�, vermutete Mogens.</p><p>Mercer streckte den linken Daumen in die H�he. �Einen Kollegen�, sagte er. �Und eine Kollegin. Wir sind hier nur zu viert - zu f�nft, jetzt, wo Sie zu uns gesto�en sind.� Er wedelte aufgeregt mit der Hand. �Kommen Sie, Professor. Die einzige Dame in unserer Runde ist schon ganz begierig darauf, Sie kennen zu lernen.� Mogens sah sich unschl�ssig um, aber Mercer kam seinem Widerspruch zuvor.</p><p>�Diese Luxussuite l�uft Ihnen nicht davon�, sagte er. �Au�erdem wird Tom Ihre Koffer bestimmt nicht auspacken. Er ist ein angenehmer Bursche, aber ein wahrer Meister im Erfinden von Ausreden, wenn es darum geht, sich vor einer Arbeit zu dr�cken.�</p><p>Mogens resignierte, zumal Mercer durchaus Recht hatte: Seine Unterkunft lief ihm nicht davon, und auch er war begierig darauf, seine neuen Kollegen kennen zu lernen - und nat�rlich endlich zu erfahren, warum er eigentlich hier war.</p><p>So folgte er Mercer, als dieser die Blockh�tte verlie� und sich nach links wandte. Er erwartete, dass sich sein F�hrer einem der anderen H�user zuwenden w�rde, die sich - mit Ausnahme einer einzigen, etwas abseits stehenden Blockh�tte, die deutlich gr��er war - nicht von seiner eigenen Unterkunft unterschieden, aber Mercer ging schnurstracks auf das Zelt zu, das sich in der Mitte des Lagerplatzes erhob.</p><p>W�hrend Mogens ihm folgte, fiel ihm erneut auf, wie sonderbar sich der Boden unter seinen F��en anf�hlte. Es waren nicht nur die quatschenden Ger�usche, die seine Schritte verursachten. Er musste an das denken, was Mercer gerade gesagt hatte: Er hatte tats�chlich das Gef�hl, �ber einen riesigen Schwamm zu gehen. Und Mercers Erkl�rung machte das Gef�hl nicht angenehmer; ganz im Gegenteil.</p><p>Mercer betrat das Zelt als Erster, hielt mit der linken Hand die Plane zur�ck und bedeutete ihm gleichzeitig mit der anderen, vorsichtig zu sein, eine Warnung, die sich als durchaus begr�ndet erwies. Vor ihnen g�hnte ein gut zwei Meter durchmessendes, kreisrundes Loch im Boden, aus dem das Ende einer schmalen h�lzernen Leiter emporragte. Es gab weder ein Gel�nder noch irgendeine andere Vorrichtung, die der Sicherheit diente, und als Mogens sich schaudernd vorbeugte und nach unten sah, erkannte er, dass der Schacht mindestens drei�ig Fu� in die Tiefe reichte, wenn nicht noch mehr.</p><p>�Man gew�hnt sich daran�, sagte Mercer. Mogens' Schaudern war ihm keineswegs verborgen geblieben. �Sie sind doch schwindelfrei, hoffe ich.�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Mogens wahrheitsgem��. �Als Arch�ologe arbeitet man selten in luftigen H�hen.�</p><p>�Nach ein paar Tagen macht es Ihnen nichts mehr aus�, versicherte Mercer. Er griff nach der Leiter, schwang seine gewaltige K�rperf�lle mit erstaunlicher Leichtigkeit auf die oberste Sprosse und stieg drei, vier Stufen weit nach unten, bevor er wieder Halt machte und Mogens einen auffordernden Blick zuwarf, es ihm gleich zu tun. �Nur keine Sorge, Professor�, sagte er sp�ttisch. �Die Leiter ist stabil. Gute amerikanische Wertarbeit.�</p><p>Mogens l�chelte pflichtschuldig, aber er r�hrte sich trotzdem nicht, bis Mercer fast zur H�lfte den Schacht hinabgeklettert war, bis auch er z�gernd nach der Leiter griff und mit dem Fu� nach der obersten Stufe tastete. Die Leiter �chzte tats�chlich h�rbar unter Mercers Gewicht, aber das war nicht der wahre Grund seines Z�gerns. Tatsache war, dass er Mercers Frage gerade nicht ganz wahrheitsgem�� beantwortet hatte.</p><p>Mogens war alles andere als schwindelfrei. Ihm wurde im Gegenteil normalerweise schon beim blo�en <emphasis>Anblick </emphasis>eines hohen Geb�udes mulmig, und auch nur die dreistufigen Trittleitern vor den Regalen in der Universit�tsbibliothek zu benutzen, bereitete ihm k�rperliches Unbehagen. Es kostete ihn all seine Kraft, auf die Leiter zu treten und hinter Mercer nach unten zu klettern. Seine H�nde und Knie zitterten, als er neben Mercer in der Tiefe anlangte, und sein Atem ging so schnell, als w�re er eine Meile weit um sein Leben gerannt. Er blieb ein paar Sekunden mit geschlossenen Augen stehen und wartete, bis sich sein h�mmernder Herzschlag wieder beruhigt hatte.</p><p>�Man gew�hnt sich daran�, sagte Mercer noch einmal, als Mogens die Augen wieder �ffnete und sich mit klopfendem Herzen umsah. Es waren dieselben Worte, aber sein Tonfall hat sich ver�ndert. Mogens h�rte nun echtes Mitgef�hl in seiner Stimme, vielleicht sogar eine Spur von Sorge.</p><p>�Ich war nur... ein wenig �berrascht�, sagte er nerv�s. �Damit habe ich nicht gerechnet.�</p><p>Mercer sah ihn noch einen Herzschlag lang durchdringend an und wechselte dann mit einem unbehaglichen R�uspern das Thema. �Von jetzt an geht es nur noch geradeaus. Kommen Sie.�</p><p>Mogens warf noch einen unbehaglichen Blick in die Runde, bevor er sich seinem F�hrer anschloss. Der Schacht, der oben kreisrund war und einen Durchmesser von gut sieben Fu� hatte, erweiterte sich hier zu einer asymmetrischen H�hle von der gut doppelten Gr��e. Ein Teil der W�nde bestand aus verwittertem grauem Fels. Die Konsistenz des Restes war nicht zu erkennen, denn er war mit groben Brettern abgest�tzt, zwischen denen hier und da kleine Rinnsale hervorsickerten, die sich am Boden zu �lig schimmernden Pf�tzen sammelten. Mogens sah stirnrunzelnd auf seine Schuhe hinab. Der Morast, �ber den er sich gerade ge�rgert hatte, war verschwunden, aber daf�r waren sie nun v�llig durchn�sst.</p><p>�Ich f�rchte, das ist meine Schuld�, sagte Mercer in einem Ton ehrlichen Bedauerns. �Ich h�tte Sie warnen sollen. Aber wir haben uns alle schon so sehr daran gew�hnt...� Er hob entschuldigend die Schultern.</p><p>�Das... macht nichts�, sagte Mogens. Was Unsinn war. Die Schuhe, die er trug, waren nicht nur sein bestes, sondern zugleich auch sein <emphasis>einziges </emphasis>Paar. �Wohin f�hrt dieser Gang?�, fragte er mit einer entsprechenden Geste auf einen knapp f�nf Fu� hohen, sorgsam mit Brettern und fast armdicken, gehobelten Balken abgest�tzten Tunnel, der unmittelbar hinter Mercer tiefer in die Erde hineinf�hrte. An seinem Ende schimmerte ein blasses, gelbes Licht.</p><p>�Wir haben hier �berall elektrischen Strom�, sagte Mercer, dem Mogens' erstaunter Blick keineswegs entgangen war. �Graves hat einen Generator herbeischaffen lassen, der das ganze Lager versorgt, sowohl ober- als auch unterirdisch.� Er nickte gewichtig. �Man kann gegen den guten Doktor sagen, was man will, aber was er anpackt, das macht er richtig.�</p><p>�Was kann man denn gegen ihn sagen?�, erkundigte sich Mogens.</p><p>Statt zu antworten, grinste Mercer nur, beugte sich �chzend vor und drang geb�ckt in den Tunnel ein. Mogens musste ein Grinsen unterdr�cken, als er den unbeholfenen Watschelgang sah, zu dem die niedrige Decke und seine eigene K�rperf�lle Mercer zwangen, und er lie� ihm einen angemessenen Vorsprung, bevor er ihm folgte; schon aus �sthetischen Gr�nden. Mercers gewaltiges Hinterteil f�llte den Gang vor ihm aus wie ein heruntergefallener Vollmond und sein gekr�mmter R�cken scharrte unter der Decke entlang, sodass der Doktor unentwegt �chzte und schnaubte wie eine altersschwache Lokomotive, die sich eine viel zu gro�e Steigung hinaufqu�lte. Dann und wann l�sten sich Holzsplitter oder auch kleine Steinchen von der nur zum Teil verkleideten Decke, sodass es Mogens schon aus diesem Grund angeraten schien, einen gewissen Sicherheitsabstand einzuhalten - er trug nicht nur sein einziges Paar Schuhe, sondern auch seinen besten Anzug.</p><p>Gottlob war der Tunnel nicht besonders lang. Nach kaum drei Dutzend Schritten richtete sich Mercer schnaufend vor ihm wieder auf. Dann trat auch Mogens aus dem Tunnel heraus und in einen unerwartet gro�en, von einer Anzahl elektrischer Gl�hbirnen fast taghell erleuchteten Raum.</p><p>Im ersten Moment blinzelte er, geblendet durch das ungewohnt grelle Licht, und er erkannte nur Schemen. Immerhin identifizierte er zwei oder drei weitere Schemen; vermutlich die anderen Kollegen, von denen Mercer gesprochen hatte.</p><p>�Kommen Sie, Professor!� Mercer wedelte aufgeregt mit beiden H�nden. �Ich stelle Ihnen den Rest der Bande vor!�</p><p>Mogens blinzelte noch einmal, um seinen Augen Gelegenheit zu geben, sich an die fast schattenlose Helligkeit zu gew�hnen, die das elektrische Licht verbreitete, dann richtete er sich vollends auf und fuhr sich gl�ttend mit beiden H�nden �ber den zerknitterten Anzug. Nicht, dass da noch viel zu retten gewesen w�re; aber dass er gezwungen war, in einem so schmuddeligen Loch herumzukriechen bedeutete ja nicht, dass er auch seine W�rde aufgeben musste.</p><p>Mercer war an einen langen, mit Ger�tschaften, B�chern und Fundst�cken �bers�ten Holztisch getreten, dem Mogens nur einen fl�chtigen Blick schenkte, bevor er sich den beiden Personen zuwandte, die dahinter standen und ihm auf v�llig unterschiedliche Weise entgegenblickten. Es handelte sich um einen schlanken, fast asketisch wirkenden Mann ungef�hr in Mogens' Alter und eine deutlich �ltere, grauhaarige Frau mit verh�rmtem Gesicht, die ihn mit einem Ausdruck musterte, den Mogens als feindselig eingestuft h�tte, w�re ihm auch nur irgendein Grund daf�r eingefallen.</p><p>�Darf ich vorstellen?� Mercer deutete h�ndewedelnd auf den asketischen Mann. �Doktor Henry McClure.�</p><p>McClure nickte kaum merklich, wobei sich seine Lippen zu einem ebenso fast unmerklichen, nichtsdestotrotz aber ehrlich wirkenden L�cheln verzogen, das Mogens mit einem angedeuteten Kopfnicken beantwortete.</p><p>�Doktor Suzan Hyams�, erkl�rte Mercer mit einer entsprechenden Geste auf die Grauhaarige. Ihre Reaktion entsprach g�nzlich den Blicken, mit denen sie Mogens ma�: Sie verzog das Gesicht zu einer Miene, deren Bedeutung sich Mogens wohl aussuchen konnte, die aber keinesfalls <emphasis>freundlich </emphasis>war, und sparte sich sogar das angedeutete Kopfnicken, zu dem sich McClure aufgerafft hatte.</p><p>Mogens schenkte ihr trotzdem sein freundlichstes L�cheln, bevor er sich mit einem fragenden Blick an Mercer wandte. �Graves...?�</p><p>�Der Doktor l�sst sich entschuldigen�, sagte McClure fast hastig. �Er wird sp�ter zu uns sto�en. Suzan und ich k�nnen Ihnen inzwischen schon einmal alles zeigen.�</p><p>Mogens war entt�uscht. Es war nicht so, dass er sich auf das Wiedersehen mit Graves gefreut h�tte - aber er wollte es hinter sich bringen; schon weil er ahnte, dass auch diese neuerliche Verz�gerung nur Teil von Graves' Plan war, ihm seine Machtlosigkeit vor Augen zu f�hren.</p><p>�Herumf�hren?�, fragte er. Er sah sich unbehaglich um. �F�r den Anfang w�rde es mir schon reichen, wenn mir jemand erkl�ren w�rde, worum es hier eigentlich geht.�</p><p>�Genau darum habe ich vorgeschlagen, Sie herumzuf�hren, Professor�, sagte Mercer. �Das macht es einfacher. Und es geht schneller. Glauben Sie mir.�</p><p>Mogens lie� seinen Blick noch einmal �ber die Gesichter McClures und Hyams schweifen, dann aber hob er nur die Schultern und wandte seine Konzentration dem ausladenden Holztisch zu, hinter dem die beiden Aufstellung genommen hatten. Es war ein wirklich gewaltiger Tisch, dessen blo�e Abmessungen sich Mogens verwundert fragen lie�, wie Mercer und seine Kollegen dieses Monstrum hier herunterbekommen hatten. Die Platte war ann�hernd einen Zoll stark und ma� sicher drei auf sieben Fu�, wenn nicht mehr, dennoch bog sie sich nahezu unter der Last der darauf gestapelten B�cher, Werkzeuge, wissenschaftlicher Instrumente und Fundst�cke. Trotz des schon fast unangenehm hellen Lichtes konnte Mogens nicht auf den ersten Blick erkennen, worum es sich dabei handelte, denn die meisten waren mit T�chern abgedeckt oder so herumgedreht, dass nur die R�ckseiten gro�er, wie es ihm vorkam teilweise eher unsachgem�� aus dem Fels gebrochener Steinplatten zu erkennen waren. Mogens streckte die Hand aus, um nach einer der Platten zu greifen, aber Mercer sch�ttelte rasch den Kopf und streckte sogar die Hand aus, wie um ihn zur�ckzuhalten.</p><p>�Verderben Sie uns doch nicht den Spa�, lieber Professor�, sagte er l�chelnd. �Wir haben hier so selten Gelegenheit, mit unseren Entdeckungen anzugeben, dass wir diesen Moment eigentlich aus vollen Z�gen genie�en wollten.�</p><p>Im ersten Moment reagierte Mogens nahezu ver�rgert, aber dann gewahrte er das Glitzern in Mercers Augen und musste fast gegen seinen Willen l�cheln. F�r einen Mann von wissenschaftlicher Reputation, der Mercer zweifellos war, lie� er Mogens' Meinung nach die angemessene Ernsthaftigkeit vermissen, aber durch sein unbestritten albernes Gehabe schimmerte doch zugleich eine Herzlichkeit, die es Mogens unm�glich machte, ihm wirklich b�se zu sein.</p><p>�Also gut�, sagte er. �Worum geht es?�</p><p>McClure trat einen Schritt vom Tisch zur�ck und drehte sich gleichzeitig halb herum, und auch Mercer machte eine seiner typischen wedelnden Handbewegungen in dieselbe Richtung. Als Mogens' Blick der Geste folgte, gewahrte er einen weiteren, zu seiner Erleichterung allerdings sehr viel h�heren Stollen, der auf der anderen Seite der H�hle tiefer in die Erde hineinf�hrte. Der Zugang war mit einer grob aus Latten zusammengef�gten T�r verschlossen, die allerdings einen alles andere als stabilen Eindruck erweckte. Selbst Mogens, der von eher schw�chlicher Konstitution war, traute sich zu, sie ohne besondere M�he aufzubrechen.</p><p>Mercer und McClure eilten voraus, w�hrend sich Hyams nicht von ihrem Platz r�hrte, sondern ihnen nur mit finsterem Gesicht nachblickte. �Begleiten Sie uns nicht, meine Liebe?�, fragte Mercer.</p><p>�Ich habe zu tun�, antwortete Hyams knapp und mit einer erkl�renden Geste auf den �berladenen Tisch. �Doktor Graves wollte die �bersetzung bis heute Abend fertig haben.�</p><p>�Er wird Ihnen gewiss nicht den Kopf ab...�, begann Mercer, sprach den Satz aber dann nicht zu Ende, sondern belie� es bei einem angedeuteten Achselzucken und einem leisen Seufzen, bevor er sich wieder umwandte und seinen Weg fortsetzte. Schweigend �ffnete er die Lattent�r - Mogens fiel auf, dass sie nicht einmal ein Schloss hatte -, trat hindurch und wartete, bis Mogens und McClure ihm gefolgt waren.</p><p>�Nehmen Sie es ihr nicht �bel�, sagte McClure. �Suzan ist im Grunde ganz umg�nglich. Sie macht im Moment nur eine... schwierige Zeit durch.�</p><p>Mogens hatte das sichere Gef�hl, dass er eigentlich etwas ganz anderes hatte sagen wollen, aber er zuckte nur mit den Schultern und wandte sich um, um seine Umgebung in genaueren Augenschein zu nehmen. Auch dieser Stollen wurde elektrisch beleuchtet; wenn auch nicht ann�hernd so grell wie die gro�e H�hle, durch die sie gerade gekommen waren.</p><p>In Abst�nden von vielleicht f�nfzehn oder zwanzig Schritten hingen nackte Gl�hbirnen unter der Decke, deren gelblicher Schein einen geradezu unglaublichen Anblick enth�llte.</p><p>�Aber das ist doch...� Mogens �chzte, trat mit zwei raschen Schritten an Mercer und McClure vorbei an die Wand und lie� seinen Blick ungl�ubig �ber den grauen Fels gleiten. Was er sah, war... unm�glich!</p><p>�Ich wusste, dass es Ihnen gef�llt�, sagte Mercer fr�hlich.</p><p>Mogens h�rte seine Worte gar nicht. Er starrte die Wand vor sich an, das Unglaubliche, das darauf zu sehen war, hob den Arm und lie� die Hand dann wieder sinken, als h�tte er Angst, das Bild k�nne wie eine Seifenblase zerplatzen, wenn er es ber�hrte. Verwirrt drehte er den Kopf und starrte abwechselnd Mercer und McClure an.</p><p>�Das... das ist ein Scherz, oder?�, murmelte er.</p><p>�Keineswegs�, antwortete Mercer. Er strahlte wie ein Honigkuchenpferd, und auch McClure l�chelte mit un�bersehbarem Stolz. Und nat�rlich war es kein Scherz. Ganz davon abgesehen, dass nicht einmal der infantilste Witzbold der Welt einen solchen Aufwand betrieben h�tte, nur um sich einen Jux zu machen, h�tte es niemand <emphasis>gekonnt. </emphasis>Was er sah, war echt.</p><p>Ebenso echt wie unm�glich. Die Wand vor ihm war �bers�t mit Bildern. Etliche waren gemalt, mit kr�ftigen, plakativen Farben, denen das blasse elektrische Licht den Gro�teil der Leuchtkraft nahm, die sie zweifellos hatten, die meisten aber waren mit tiefen Linien in den Stein hineingemei�elt, Bilder, die vor einer Ewigkeit und <emphasis>f�r </emphasis>die Ewigkeit geschaffen worden waren.</p><p>Da war eine riesige, hundek�pfige Gestalt mit nachtschwarzer Haut und gl�henden Augen, daneben die katzenk�pfige Bastet und Isis, ein St�ck weiter der krokodilsgesichtige Sobek, Seth, Aton und Amun-Ra... auf dem vielleicht zwanzig Schritte messenden Teilst�ck der Wand, das Mogens �berblicken konnte, tummelte sich ein ganzer Reigen �gyptischer Gottheiten und Pharaonen. Manche der abgebildeten Gestalten waren Mogens g�nzlich unbekannt, viele wirkten auf sonderbare Weise... falsch, als w�ren sie nach demselben Vorbild erschaffen, aber von einem vollkommen anderen K�nstler, der aus einer anderen Schule mit g�nzlich verschiedener Tradition stammte, viele aber waren Mogens so vertraut, dass ihm ein eisiger Schauer nach dem anderen �ber den R�cken lief. Erneut streckte er die Hand aus, um das Relief zu ber�hren, und wieder wagte er es nicht und zog die Finger unverrichteter Dinge zur�ck.</p><p>�Nun?�, griente Mercer. �Ist die �berraschung gelungen?�</p><p>Mogens schwieg. Er konnte nichts sagen. Fassungslos starrte er abwechselnd Mercer, die Wandreliefs und -malereien, McClure und wieder die unglaublichen Bilder vor sich an.</p><p>�Das... das ist...�</p><p>�... noch nicht einmal das Beste�, fiel ihm Mercer ins Wort. Er begann so aufgeregt mit beiden H�nden in der Luft herumzufuchteln, als versuchte er Fliegen zu verscheuchen. �Kommen Sie, mein Lieber.� Er grabschte nach Mogens' Arm und zog ihn einfach mit sich.</p><p>Mogens war viel zu perplex, um sich �ber Mercers plumpe Vertraulichkeit zu �rgern. Widerspruchslos folgte er Mercer, der ihn wie ein Kind an der Hand ergriffen hatte und ihn einfach hinter sich her zerrte. Dabei schrie alles in ihm danach, sich loszurei�en, um wieder an die Wand heranzutreten und das unglaubliche Bild anzustarren, das Unm�gliche, das sich dennoch wahrhaftig und real vor ihm erhob, eingemei�elt in Jahrmillionen alten Stein und so fassbar, wie etwas nur sein konnte. Er musste tr�umen. Mogens hatte w�hrend seiner Studienzeit - und auch in den Jahren danach - mehr als eine Unwahrscheinlichkeit erlebt, und doch war dies hier etwas vollkommen anderes. Es war etwas, das nicht sein konnte, weil es nicht sein <emphasis>durfte.</emphasis></p><p>Aber es <emphasis>war.</emphasis></p><p>Der Tunnel war sicherlich hundert Schritte lang, wenn nicht mehr, und f�hrte dabei in sanftem Gef�lle tiefer in die Erde hinein. Da es nur wenige Gl�hbirnen gab, wechselten sich Bereiche ausreichender Helligkeit mit solchen schattenerf�llten Halbdunkels ab, in denen die gemei�elten und gemalten Figuren zu unheimlichem Eigenleben zu erwachen schienen.</p><p>Mogens glaubte ein sonderbares, helles Fl�stern und Wispern zu h�ren, das allm�hlich an Lautst�rke zunahm, je tiefer sie in die Erde eindrangen, zweifellos aber nur seiner eigenen Einbildung entstammte. Seine Fantasie schlug Kapriolen, aber das war nun wirklich kein Wunder.</p><p>Der Tunnel endete vor einer weiteren T�r, die jedoch diesmal aus massiven Eisenst�ben bestand und ein wuchtiges, sichtbar nagelneues Vorh�ngeschloss besa�, das ganz den Eindruck vermittelte, selbst einer Attacke mit einem Schwei�brenner gelassen standzuhalten. Es war jedoch nicht eingerastet. Als Mercer die Hand um einen der fast daumendicken Eisenst�be schloss, schwang das Gitter mit einem leisen Quietschen auf, und sie betraten den dahinter liegenden Raum.</p><p>Und mit ihm vollends eine andere Zeit.</p><p>Der Raum war quadratisch, ma� mindestens sechzig Fu� im Geviert und war mehr als f�nfzehn Fu� hoch. Auch seine W�nde waren mit prachtvollen Bildern und Reliefarbeiten �bers�t, die Motive aus der alt�gyptischen G�tter- und Pharaonenwelt zeigten, denen Mogens aber kaum mehr als einen fl�chtigen Blick schenkte.</p><p>Was er drau�en als Wandmalerei und flaches Relief gesehen hatte, das stand nun dreidimensional und �berlebensgro� vor ihm. Rechts und links des Einganges, unter dem sie stehen geblieben waren, erhoben sich zwei mehr als mannshohe Horus-Statuen aus poliertem Alabaster, deren Schn�bel vergoldet waren und deren Augen aus faustgro�en Rubinen bestanden, die vom Licht der elektrischen Gl�hlampen auf unheimliche Weise zum Leben erweckt zu werden schienen. Direkt vor Mogens, dennoch die gesamte Mitte des Raumes beherrschend, erhob sich eine gewaltige, �ber und �ber mit Gold und kunstvollen Malereien �bers�te Totenbarke aus gl�nzendem schwarzem Holz, die von jeweils zwei sieben Fu� gro�en Anubis-Statuen an Bug und Heck vorw�rts gestakt wurde - des Herrn und W�chters der Totenwelt, mit Menschenleib und Schakalskopf, mit Juwelenaugen, die von innen heraus zu gl�hen schienen. Die Barke stand auf einem riesigen Quader, der aus purem Gold zu bestehen schien. Flankiert wurde sie von zwei lebensgro�en Streitwagen samt Lenkern und prachtvoll aufgez�umten Pferden aus poliertem Marmor, und l�ngs der W�nde erhoben sich buchst�blich Dutzende weiterer lebensgro�er Statuen, die �gyptische G�tter und Fabelwesen darstellten. Nicht alle davon waren Mogens bekannt, was aber nichts an ihrer Glaubhaftigkeit �ndern musste. Mogens war kein �gyptologe, auch wenn er sich durchaus f�r das Gebiet interessiert hatte - aber das �nderte nichts an der Erkenntnis, die ihn wie ein Schlag traf:</p><p>Sie befanden sich in einer �gyptischen Grabkammer!</p><p>�Nun?�, fragte Mercer. �Habe ich zu viel versprochen?�</p><p>Es war Mogens nicht m�glich, zu antworten. Er wollte zumindest nicken, aber nicht einmal das gelang ihm. Er stand einfach da, bewegungslos, unf�hig, sich zu r�hren, auch nur zu blinzeln, ja, f�r einen Moment sogar, zu atmen. Er h�rte, dass auch McClure irgendetwas zu ihm sagte, aber er verstand die Worte nicht, und es war ihm auch nicht m�glich, sich darauf zu konzentrieren oder auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.</p><p>�Das... das ist...�</p><p>�Beeindruckend, nicht wahr?�</p><p>Mogens' Herz begann in j�hem Entsetzen zu h�mmern, als eine der lebensgro�en Gestalten aus ihrer jahrtausendelangen Starre erwachte und mit einem staksigen Schritt von ihrem Podest heruntertrat. Elektrisches Licht brach sich auf riesigen, schimmernden Augen ohne das mindeste menschliche Gef�hl, riss furchtbare Krallen aus dem �onenalten Halbdunkel und verlieh den gleitenden Bewegungen der raubtierhaften Gestalt noch zus�tzlich etwas Bedrohliches, das weit �ber die Grenzen des Sichtbaren hinausging.</p><p>Dann machte die unheimliche Gestalt einen zweiten Schritt, der sie vollends ins gelbe Licht der Gl�hbirnen hinausbrachte, und Mogens erkannte seinen Irrtum und unterdr�ckte im letzten Moment einen keuchenden Schrei. Es war kein jahrtausendealter �gyptischer D�mon, sondern niemand anderes als Doktor Jonathan Graves; er trat auch nicht von einem Steinsockel herunter, sondern aus dem Schatten einer gro�en Steinstatue heraus, hinter der er bisher unsichtbar gestanden hatte. Statt gr�sslicher Raubtierkrallen erblickte Mogens die altvertrauten schwarzen Lederhandschuhe, und das gnadenlose Schimmern in seinem Gesicht war das reflektierte Licht, das von den Gl�sern einer randlosen Brille zur�ckgeworfen wurde, die er mit zwei Gummib�ndern hinter seinen Ohren befestigt hatte. Dennoch war die Erleichterung, die Mogens versp�rte, nicht vollkommen. Die Chim�re war wieder zum Menschen geworden, aber sie bewegte sich nicht wie ein Mensch, sondern schien sich vielmehr auf eine unheimliche, schl�ngelnde Art in die Wirklichkeit zur�ckzuwinden.</p><p>Es war Mercer, der den Bann brach. �Doktor Graves�, sagte er tadelnd. �Ihren ausgepr�gten Sinn f�r dramatische Auftritte in Ehren, aber Sie sollten bedenken, dass es Menschen mit schwachem Herzen gibt!�</p><p>Graves lachte; ein meckernder, unangenehmer Laut, der auf unheimliche Weise gebrochen von den bemalten W�nden zur�ckhallte. �In diesem Falle haben Sie es nicht mehr besonders weit, mein lieber Doktor�, sagte er. �Immerhin ist das hier ja ein Grab.�</p><p>H�tte Mogens noch Zweifel gehabt, was die Identit�t seines Gegen�bers anging, sp�testens diese Bemerkung h�tte sie beseitigt. Aber er hatte sie nicht. Vor ihm stand Jonathan Graves, kein D�mon, der �ber den Abgrund der Zeiten hinweggeeilt war, um ihn zu verderben.</p><p>Nicht, dass er sich dadurch besser gef�hlt h�tte.</p><p>�Jonathan�, sagte er lahm. Es war nicht unbedingt eine eloquente Begr��ung, und dennoch schon fast mehr, als er in diesem Moment hervorbrachte. Mogens h�tte seinen eigenen Zustand kaum in Worte fassen k�nnen. Er f�hlte sich... erschlagen. Der Wissenschaftler in ihm beharrte unbeeindruckt von allem was er sah darauf, dass es einfach unm�glich war, aber seine Augen beharrten auf dem Gegenteil.</p><p>�Mogens.� Graves zauberte einen Ausdruck auf sein Gesicht, den Mogens noch vor einer Minute auf der Physiognomie dieses Mannes f�r einfach nicht denkbar gehalten h�tte: n�mlich ein ehrliches, durch und durch echtes L�cheln. Ohne Mercer - der nachdenklich die Stirn runzelte und anscheinend vergeblich versuchte, seine Bemerkung richtig einzuordnen - auch nur eines weiteren Blickes zu w�rdigen, trat er auf den Professor zu und steckte ihm die behandschuhte Rechte entgegen. �Ich freue mich, dass du gekommen bist. Genau genommen habe ich nie daran gezweifelt, aber um ehrlich zu sein, bin ich in den letzten ein, zwei Tagen doch ein wenig nerv�s geworden. Aber nun bist du ja da.�</p><p>VanAndt griff ganz automatisch nach seiner ausgestreckten Hand, und der winzige, noch zu rationalem Denken f�hige Teil seines Bewusstseins registrierte fast beil�ufig, dass Graves' H�ndedruck vollkommen anders war, als er erwartet hatte, n�mlich nicht schwammig und von unheimlicher kribbelnder Bewegung erf�llt, als w�re da unter dem schwarzen Leder seines Handschuhs nicht nur Haut und Muskulatur und Knochen, sondern noch etwas anderes, auf widernat�rliche Art lebendig Kriechendes, das best�ndig und beharrlich versuchte, aus seinem von Menschenhand geschaffenem Gef�ngnis auszubrechen, sondern ein ganz normaler, ja, durchaus angenehmer H�ndedruck, fest und beinahe schon vertrauenerweckend. Selbst in diesem Moment emotionaler und intellektueller Aufgew�hltheit begriff Mogens, dass er einfach nicht aus seiner Haut konnte. Etwas in ihm war einfach nicht bereit, Graves auch nur eine solche Kleinigkeit wie einen ganz normalen menschlichen H�ndedruck zuzubilligen.</p><p>�Ich bin...�, begann er ungeschickt, sprach aber nicht weiter, sondern fl�chtete sich in ein hilfloses Schulterzucken.</p><p>�Du bist ein klitzekleines bisschen �berrascht, das ist mir klar�, sprang Graves ein. �Und ich muss gestehen, ich w�re zutiefst entt�uscht, wenn es nicht so w�re.�</p><p>Mogens konnte immer noch nicht antworten. Der Schock sollte nachlassen, aber das Gegenteil schien der Fall. Das Gef�hl von Unwirklichkeit, das ihn ergriffen hatte, wurde immer heftiger. Seit Jonathan Graves so unvermittelt wieder in seinem Leben aufgetaucht war, hatte alles, was geschehen war, etwas von einem Albtraum an sich gehabt; nun aber begann dieser Traum eindeutig absurde Z�ge zu entwickeln. Sie befanden sich in einem �gyptischen Tempel, tief unter der Erde und <emphasis>keine f�nfzig Meilen von San Francisco entfernt!</emphasis></p><p>�Das ist... unglaublich�, stie� er schlie�lich hervor.</p><p>�Aber wahr, wie du siehst�, feixte Graves. Er lie� Mogens' Hand los, trat zur�ck und machte eine weit ausladende Geste. �Willkommen in meinem Reich, mein lieber Professor.�</p><p>Mein <emphasis>Reich? </emphasis>Mogens registrierte diese sonderbare Formulierung nur am Rande. Er versuchte mit Macht, seinen Blick von der unglaublichen Umgebung loszurei�en und sich g�nzlich auf Graves zu konzentrieren, aber es wollte ihm nicht gelingen.</p><p>�Ich bin... tief beeindruckt�, murmelte er. Das war nicht das, was Graves h�ren wollte, aber in seinen Gedanken herrschte noch immer ein heilloses Chaos.</p><p>�Vielleicht sollte ich zur�ckgehen und den Cognac holen, den Suzan unter ihrem Arbeitsplatz versteckt hat�, sagte Mercer. �Der gute Professor sieht mir ganz so aus, als k�nnte er einen kr�ftigen Schluck gebrauchen.�</p><p>�Das wird... nicht n�tig sein�, antwortete Mogens schleppend. �Danke.�</p><p>�Unser lieber Professor verabscheut Alkohol�, sagte Graves. �Jedenfalls war das fr�her so. Und ich nehme nicht an, dass sich daran etwas ge�ndert hat, oder?� Er wartete einen Moment vergebens auf eine Antwort, deutete schlie�lich ein Schulterzucken an und wandte sich vollends zu Mercer um.</p><p>�Vielen Dank, Doktor. Sie und Doktor McClure k�nnen jetzt wieder an Ihre Arbeit gehen. Ich �bernehme dann den Rest.�</p><p>Mercer setzte dazu an, etwas zu sagen, belie� es aber dann bei einem resignierenden Seufzen und der Andeutung eines Schulterzuckens, w�hrend sich McClure kommentarlos umwandte und ging. Graves hatte seine Leute anscheinend gut im Griff.</p><p>Graves wartete nicht nur, bis die beiden gegangen waren und die Gittert�r hinter sich geschlossen hatten, sondern auch, bis ihre Schritte leiser geworden und schlie�lich ganz verklungen waren. Als er sich endlich wieder zu Mogens umwandte, hatte sich der Ausdruck auf seinem Gesicht ver�ndert. Er l�chelte nach wie vor, aber es war jetzt kein albernes Schuljungengrinsen mehr, sondern nur noch ein L�cheln; aber in seinen Augen schien auch pl�tzlich etwas... Lauerndes zu sein.</p><p>Mogens rief sich in Gedanken zur Ordnung. Was er sah, war einfach zu gewaltig, als dass seine pers�nlichen Gef�hle Graves gegen�ber dabei eine Rolle spielen oder gar sein Urteilsverm�gen tr�ben durften. Er atmete tief ein, straffte die Schultern und zwang sich, Graves' Blick nicht nur standzuhalten, sondern sein L�cheln zu erwidern. Zu seiner eigenen �berraschung gelang es ihm sogar. �Ich muss mich wohl bei dir entschuldigen, Jonathan�, begann er mit einem unbehaglichen R�uspern. �Ich wei� selbst nicht genau, was ich erwartet habe, aber das hier...�</p><p>�Hast du nicht erwartet, ich wei߫, sagte Graves. �Ich w�re auch h�chst erstaunt, wenn es anders gewesen w�re.� Das L�cheln verschwand endg�ltig von seinen Z�gen und machte einem Ausdruck gro�en Ernstes Platz. �Auch ich muss mich f�r mein geheimnistuerisches Benehmen entschuldigen. Aber nun, nachdem du wei�t, worum es geht, kannst du sicherlich verstehen, dass ich nicht einmal eine Andeutung machen konnte - so schwer es mir auch gefallen ist.�</p><p>Mogens nickte. Weitere Erkl�rungen waren kaum vonn�ten, aber Graves fuhr trotzdem fort: �Du kannst dir zweifellos vorstellen, welch katastrophale Folgen es h�tte, wenn davon auch nur ein einziges Wort an die �ffentlichkeit dringen w�rde.� Er wedelte wieder mit beiden H�nden, wenn auch jetzt nicht mehr ganz so ausholend wie gerade. �Aber genug davon, Mogens. Komm, ich f�hre dich herum.� Ganz fl�chtig erschien noch einmal das breite Schuljungengrinsen auf seinem Gesicht. �Ich vermute, du platzt innerlich schon vor Neugier.�</p><p>Das entsprach der Wahrheit, sodass Mogens nur wortlos nickte, aber da war zugleich auch noch mehr. Es w�rde zweifellos noch lange dauern, bis sich sein Intellekt von der j�hen Erkenntnis des Unm�glichen, mit dem er konfrontiert worden war, erholt hatte, aber zugleich begann auch das Gef�hl der Unwirklichkeit, das ihn ergriffen hatte, immer st�rker zu werden. Er folgte Graves widerspruchslos, aber es fiel ihm nach wie vor schwer, sich auf seine Erkl�rungen und Ausf�hrungen zu konzentrieren. Vermutlich tat er ihm damit bitter Unrecht. Mogens war weder Agyptologe, noch interessierte er sich �ber das normale Ma� hinaus f�r diesen Themenkreis. Dennoch schlugen ihn Graves' Erkl�rungen in ihren Bann. Er sah nicht auf die Uhr, aber es musste mehr als eine Stunde vergehen, in der ihm Graves voller un�bersehbarem Besitzerstolz �sein Reich� pr�sentierte, und Mogens erfuhr in dieser Zeit mehr �ber die Mythologie des alten �gypten und h�rte mehr Namen von Gottheiten, Herrschern und D�monen als in seinen gesamten Jahren an der Universit�t zuvor. Er verstand nicht die H�lfte von dem, was ihm Graves in immer gr��er werdendem �berschwang wissenschaftlichen Entdeckerstolzes erkl�rte, und von dieser H�lfte wiederum hatte er einen Gutteil schon wieder vergessen, noch bevor Graves' improvisierte F�hrung auch nur halb vor�ber war.</p><p>�Du siehst, Mogens�, schloss Graves, nachdem er ihm jede einzelne Statue erkl�rt, ihm die Bedeutung jedes einzelnen Reliefs und den Sinn nicht aller, aber doch vieler Hieroglyphen dargelegt hatte, �ich habe keineswegs �bertrieben, als ich von der Bedeutung meines�, er verbesserte sich, �... <emphasis>unseres </emphasis>Fundes gesprochen habe.�</p><p>�Aber hier!� Mogens sch�ttelte den Kopf, trotz allem, was er in der letzten Stunde geh�rt hatte, auf eine Art noch immer genau so fassungslos wie im allerersten Moment. �Auf dem nordamerikanischen Kontinent! Das ist...�</p><p>Er konnte nicht weitersprechen. Auch wenn dies hier nicht sein ausgewiesenes Fachgebiet war, so schwindelte ihn doch allein bei der Vorstellung des Erdbebens, das diese Entdeckung in der Fachwelt ausl�sen musste, sollte sie sich als echt erweisen. Und selbstverst�ndlich <emphasis>war </emphasis>sie echt. Ganz davon zu schweigen, dass das hier selbst die Dimensionen des verr�cktesten Witzbolds der Welt sprengte und sich jeder denken konnte, dass eine F�lschung diesen Ausma�es nicht die geringste Aussicht auf Erfolg haben konnte, da sich zweifellos die gesamte wissenschaftliche Fachwelt darauf st�rzen und akribisch nach dem allergeringsten Hinweis auf einen Betrug oder eine T�uschung suchen w�rde, <emphasis>wusste </emphasis>er einfach, dass dieser Tempel authentisch war. Er konnte das Alter der ihn umgebenden W�nde sp�ren, den Atem der Jahrhunderte, die an den gemei�elten Augen der lebensgro�en Steinstatuen vor�bergezogen waren. Nichts hier war falsch. Und zugleich war hier auch nichts richtig. Graves hatte ihm noch nicht alles gesagt, das sp�rte er. Bei allem zur Schau getragenen wissenschaftlichem �berschwang, mit dem ihm Graves seine fantastische Entdeckung pr�sentierte, hatte er ihm doch bisher noch etwas Wichtiges vorenthalten, vielleicht sogar das Wichtigste �berhaupt. Ein noch viel gr��eres, m�glicherweise bedrohliches Geheimnis, das seit �onen unter der sichtbaren Oberfl�che der Dinge lauerte.</p><p>�Ich wei�, was du sagen willst, und glaub mir, auch mir erging es nicht anders, als ich diesen Raum das erste Mal zu Gesicht bekam.� Graves sch�ttelte heftig den Kopf, wie um einen Widerspruch, zu dem Mogens gar nicht angesetzt hatte, im Keim zu ersticken. �Aber es ist durchaus denkbar, dass Menschen aus dem alten �gypten vor langer Zeit die K�sten dieses Landes erreicht haben. Vergiss nicht, dass das Reich der Pharaonen mehrere Jahrtausende lang Bestand hatte! Es gibt Theorien - sie sind umstritten, das gebe ich zu, aber es <emphasis>gibt </emphasis>sie -, wonach die Kultur der s�damerikanischen Ureinwohner auf ein viel �lteres Volk zur�ckgeht, dessen Ursprung und Herkunft bis heute unbekannt sind. Denke nur an die �hnlichkeit zwischen den Pyramiden der Maya und denen des alten �gypten. Und Mexiko ist nicht <emphasis>so </emphasis>weit entfernt von hier.� Er wedelte wieder aufgeregt mit beiden H�nden. �Aber was rede ich! Suzan kann dir das alles viel besser erkl�ren.�</p><p>�Doktor Hyams?�</p><p>Wieder nickte Graves so heftig, dass seine Brille von der Nase zu rutschen drohte. Seltsam: Mogens konnte sich gar nicht erinnern, dass Graves jemals eine Sehhilfe gebraucht hatte. �Sie ist �gyptologin�, sagte er. �Und zwar eine sehr gute.�</p><p>�Was mich zu meiner n�chsten Frage bringt.� Mogens machte eine weit ausholende Geste: �Das alles hier ist ja h�chst interessant, um nicht zu sagen sensationell - aber was willst du von mir? Ich bin zwar Arch�ologe, aber das alte �gypten ist nun wahrlich nicht mein Spezialgebiet - ganz davon abgesehen, dass du ja bereits eine Spezialistin auf diesem Gebiet hast.�</p><p>�Eine Koryph�e, um genau zu sein�, best�tigte Graves. �Doktor Hyams geh�rt zu den f�hrenden K�pfen auf ihrem Gebiet.�</p><p>Und als solche, dachte Mogens, war sie vermutlich alles andere als gl�cklich �ber den Umstand, dass Graves noch einen weiteren Spezialisten zurate gezogen hatte. Mogens glaubte die vermeintlich grundlose Feindseligkeit in Hyams' Augen jetzt ein wenig besser zu verstehen; was aber nicht bedeutete, dass er sich dadurch besser f�hlte.</p><p>�Du hast nat�rlich Recht, Mogens�, fuhr Graves fort. �Es gibt einen Grund, aus dem du hier bist. Einen sehr triftigen Grund sogar. Aber es ist sp�t geworden. Du hast zweifellos einen anstrengenden Tag hinter dir und musst m�de und hungrig sein. Ich habe dir noch eine Menge zu erkl�ren, aber f�r den Moment soll es genug sein.�</p></section><section><title><p id="_3">3.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Es war schon lange dunkel geworden, als sie an die Erdoberfl�che zur�ckkehrten. Mogens war so �berw�ltigt vom Sturm der Eindr�cke und Gedanken, dass er erst wieder richtig zu sich kam, als er die T�r seiner Blockh�tte aufstie�. Dort erlebte er eine neue �berraschung. Das elektrische Licht, dessen Vorhandensein ihn immer noch mit einem sachten Gef�hl von Erstaunen erf�llte, war ausgeschaltet, und an seiner Stelle verbreiteten eine Petroleumlampe mit gelbem Schirm und ein halbes Dutzend Kerzen warme, behagliche Helligkeit. Ein wei�es Leinentuch lag auf dem Tisch, und jemand - vermutlich Tom - hatte wei�es Porzellangeschirr und Gl�ser aufgetragen, und Mogens hatte kaum Mantel und Jacke abgelegt, da ging die T�r in seinem R�cken wieder auf und Tom kam herein, beladen mit einem Tablett voller dampfender Sch�sseln und einer Kanne mit frisch aufgebr�htem Kaffee, das er kommentarlos vor Mogens auf den Tisch lud.</p><p>�Nehmen Sie Platz, Professor�, sagte er, als er damit fertig war. �Ich mache das schon.�</p><p>Mogens war viel zu verbl�fft, um zu widersprechen und gehorchte schweigend. Mit wachsendem Erstaunen sah er zu, wie Tom mit einem Geschick, das jedem Oberkellner in einem gehobenen Restaurant zur Ehre gereicht h�tte, seine Mahlzeit auftrug, sch�ttelte aber rasch den Kopf, als er nach der mitgebrachten Weinflasche greifen und ihm einschenken wollte. �Bitte nicht.�</p><p>Tom wirkte im allerersten Moment verwirrt, dann aber machte sich ein fast schuldbewusster Ausdruck auf seinem Gesicht breit. �O ja, ich verga�. Sie trinken ja keinen Alkohol. Bitte verzeihen Sie!�</p><p>�Das macht doch nichts.� Mogens machte eine Geste auf den schon fast �berreich gedeckten Tisch. �Du hast das gro�artig gemacht. Hast du Erfahrung im Gastronomiewesen?�</p><p>Tom sch�ttelte den Kopf und fuhr fort, Fleisch, So�e und knusprig gebratene Kartoffeln auf seinen Teller zu h�ufen. Allein der Geruch reichte aus, Mogens das Wasser im Munde zusammenlaufen zu lassen. Pl�tzlich sp�rte er, wie hungrig er war; immerhin war das - wenn auch �berreichliche - Fr�hst�ck, das ihm Miss Preussler am Morgen zum Abschied zubereitet hatte, die einzige Mahlzeit dieses Tages gewesen, und mittlerweile war acht l�ngst vorbei. Er musste sich beherrschen, um nicht mit unziemlicher Hast nach Messer und Gabel zu greifen. Sein Magen knurrte h�rbar, was ihm peinlich war. Tom l�chelte jedoch nur. �Ich hoff, es schmeckt Ihnen. Ich bin kein gelernter Koch.�</p><p>�Wenn es auch nur ann�hernd so gut schmeckt, wie es aussieht, wird es zweifellos die k�stlichste Mahlzeit, die ich seit Jahren bekommen habe�, antwortete Mogens.</p><p>Tom l�chelte geschmeichelt, machte dann aber eine fragende Handbewegung zur T�r. �Wenn das dann alles war... Ich muss mich noch um die andern k�mmern.�</p><p>�Du machst das alles ganz allein?� Mogens hoffte, dass Tom ihm seine Entt�uschung nicht zu deutlich anmerkte. Er hatte gehofft, sich w�hrend des Essens ein wenig mit dem Jungen unterhalten zu k�nnen, um auf diese Weise vielleicht Antwort auf die eine oder andere Frage zu bekommen, die Graves ihm zu stellen keine Gelegenheit gegeben hatte.</p><p>�Halb so wild�, antwortete Tom geschmeichelt. �Und die Arbeit macht mir wirklich Spa�. Ich hab schon dran gedacht, in der Stadt ein Restaurant zu er�ffnen, wenn die Arbeit hier vorbei ist. Aber bis dahin ist noch 'ne Menge Zeit.�</p><p>�Hat Doktor Graves das gesagt?�, erkundigte sich Mogens. �Dass es noch lange dauert?�</p><p>So unverf�nglich die Frage klang, schien sie Tom doch sichtbar in Verlegenheit zu bringen. Er druckste einen Moment herum und sagte schlie�lich: �Bitte verzeihen Sie, Professor, aber Doktor Graves hat uns verboten, au�erhalb der H�hlen �ber irgendwas zu sprechen, was mit unserer Arbeit zu tun hat.�</p><p>�Ist schon gut, Tom�, sagte Mogens. �Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.�</p><p>Tom nickte nerv�s. �Ich... ich komm dann sp�ter noch mal, um das Geschirr abzur�umen. Wenn Sie was brauchen, machen Sie einfach die T�r auf und rufen mich.� Er ging schnell, um Mogens keine Gelegenheit zu einer weiteren unangenehmen Frage zu geben, und Mogens seinerseits sch�ttelte auch noch den letzten Gedanken an Jonathan Graves und seinen ebenso sensationellen wie unheimlichen Fund ab und konzentrierte sich aufs Essen.</p><p>Schon nach den ersten Bissen wurde ihm klar, dass es tats�chlich die beste Mahlzeit war, die er seit Jahren au�erhalb der vier W�nde von Miss Preussler bekommen hatte; sie h�tte auch dem Vergleich mit der K�che jedes gehobenen Hotelrestaurants standgehalten. Ganz offensichtlich verf�gte Tom �ber sein fahrerisches K�nnen hinaus noch �ber eine Menge anderer verborgener Talente. Obwohl Tom ihm eine schon fast �berreichliche Portion aufgetan hatte, verzehrte er sie zur G�nze und tupfte auch noch den letzten Tropfen So�e mit einem St�ck Brot auf.</p><p>Ein Gef�hl wohliger Ermattung machte sich in ihm breit, nachdem er fertig gegessen hatte. Sein Blick blieb f�r einen Moment auf dem schmalen, aber frisch bezogenen Bett h�ngen und allein der Anblick reichte, um aus dem Gef�hl wohliger Entspannung eine bleierne Schwere werden zu lassen. Seine Augenlider drohten von selbst zuzufallen und f�r einen Moment kostete es ihn all seine Willenskraft, nicht sofort und hier auf dem Stuhl einzuschlafen.</p><p>Er hatte jedes Recht, m�de zu sein. Immerhin lag ein �u�erst anstrengender - und langer - Tag hinter ihm, von der Kraft, die ihn der Schock �ber Graves' Entdeckung gekostet hatte, noch nicht einmal zu reden. Es w�re nicht nur verst�ndlich, sondern auch durch und durch vern�nftig gewesen, der Verlockung nachzugeben und sich die wenigen Schritte bis zu seinem Bett zu schleppen und sich darauf auszustrecken, um auf der Stelle einzuschlafen.</p><p>Aber das wollte er nicht.</p><p>Es widersprach nicht nur all seinen Gewohnheiten, sich zu so fr�her Stunde zum Schlafen zur�ckzuziehen, sondern erschien ihm angesichts dessen, was er heute erlebt hatte, geradezu verbrecherisch. Auch wenn er sich vollkommen dar�ber im Klaren war, dass er die wahre Tragweite dieser unglaublichen Entdeckung noch lange nicht �berblicken konnte, so gab es an einem doch nicht den allergeringsten Zweifel: Dies war nicht nur der wichtigste Tag seines Lebens, sondern ein Tag, der in die Geschichtsb�cher eingehen w�rde, ein Tag, von dem nicht nur seine Forscherkollegen, sondern vielleicht die ganze Welt noch in Jahrzehnten sprechen w�rde. Was sollte er sagen, wenn man ihn fragte, wie er diesen Tag weltver�ndernder Erkenntnis verbracht hatte?</p><p>Dass er sich eine Stunde lang umgesehen, dann ein hervorragendes Mahl genossen und sich anschlie�end fr�h schlafen gelegt hatte?</p><p>Er k�mpfte die M�digkeit nieder, schenkte sich eine zweite und in rascher Folge eine dritte Tasse Kaffee ein und mobilisierte noch einmal all seine Willenskraft, um die M�digkeit niederzuk�mpfen, w�hrend er darauf wartete, dass die belebende Wirkung des Koffeins einsetzte.</p><p>Der Rest Kaffee in seiner Kanne war noch nicht einmal sp�rbar abgek�hlt, da lie� seine Schl�frigkeit nach, und nur einen Moment sp�ter begann sich auch die bleierne Schwere wieder von seinen Gliedern zu heben. Er f�hlte sich alles andere als frisch, aber er widerstand auch der Versuchung, noch eine weitere Tasse zu trinken. Wenn er es �bertrieb, w�rde er m�glicherweise die ganze Nacht wach liegen und daf�r morgen umso ersch�pfter sein. Er stand auf, strich in einer ebenso instinktiven wie sinnlosen Bewegung seine Kleider glatt und begann mit einer ersten etwas gr�ndlicheren Inspektion des Raumes, der f�r die n�chsten Wochen und m�glicherweise sogar Monate sein Zuhause sein sollte.</p><p>Sie verlief jedoch nicht deutlich ergiebiger als die erste. Zog er den Platz f�r Bett, Tisch und Stehpult ab, so reichte der verbleibende Raum kaum aus, um hier drinnen mehr als einen Besucher zu empfangen und dabei Gefahr zu laufen, einen Anfall von Klaustrophobie zu erleiden. Tom hatte sein Gep�ck hereingeschafft und die beiden Koffer unge�ffnet neben dem Bett abgestellt, was Mercer sicherlich als einen weiteren Beweis seiner Faulheit auslegen w�rde, w�hrend es f�r Mogens eher ein Beleg seiner Diskretion war.</p><p>Mogens trat an das Stehpult, das Graves f�r ihn herbeigeschafft hatte, und klappte es auf. Das kleine Fach unter der schr�gen Arbeitsplatte enthielt nichts au�er einem Federhalter samt Tintenfass und einer ledernen Schreibmappe mit gut hundert Blatt bl�tenwei�em Papier - aber was hatte er erwartet? Dass Graves ihm eine handschriftliche Notiz hinterlassen hatte, in dem er ihm sein gro�es Geheimnis offenbarte? Wohl kaum.</p><p>Vielleicht war ja das B�cherregal ergiebiger. Mogens sch�tzte die Anzahl der B�nde, die sich auf den roh gezimmerten Brettern reihten, auf weit mehr als zweihundert, und Graves hatte sie gewiss nicht herbeischaffen lassen, damit er sich des Abends die Zeit mit unterhaltsamer Lekt�re vertreiben konnte. Zumindest w�rde ihm allein die Auswahl der Titel einen Hinweis auf den Grund seines Hierseins geben.</p><p>Mogens machte einen Schritt auf das Regal zu und blieb dann wieder stehen. Das Licht war nicht sonderlich gut. Die Petroleumlampe und die flackernden Kerzen verbreiteten zwar eine anheimelnde Helligkeit, die jedoch kaum dazu geeignet schien, zu lesen. Statt weiterzugehen sah er zu der elektrischen Lampe unter der Zimmerdecke hoch und folgte dem fingerdicken schwarzen Kabel mit Blicken bis zur T�r, wo es in einem schweren Drehschalter endete. Mogens ging hin und legte den Schalter um. Das Ergebnis war ein schweres Klacken, aber die Lampe blieb dunkel.</p><p>Mogens versuchte es noch einmal, mit demselben Ergebnis, und dann wider besseres Wissen auch noch ein drittes Mal. Die Lampe blieb dunkel. Anscheinend bekam sie keinen Strom.</p><p>Das Licht h�tte vermutlich ausgereicht, zumindest die Titel auf den Buchr�cken zu entziffern, doch Mogens war nun einmal bei der T�r und er hatte Toms Worte nicht vergessen, wonach er ihn nur zu rufen brauchte, wenn ihm irgendetwas fehlte. Vielleicht war das ja die Gelegenheit, noch einmal ein paar Worte mit Graves' �M�dchen f�r alles� zu wechseln.</p><p>Er verlie� die H�tte und spielte kurz mit dem Gedanken, noch einmal zur�ckzugehen und seinen Mantel zu holen, denn der Wind, der ihm entgegenschlug, war unerwartet k�hl, entschied sich aber dann dagegen. Bis zu den anderen H�tten waren es nur ein paar Schritte. Ein wenig k�hle Luft w�rde ihn nicht umbringen. Rasch �berquerte er den freien Platz, steuerte wahllos das n�chstliegende Geb�ude an und hob die Hand, um zu klopfen, lie� den Arm aber dann wieder sinken und sah sich stirnrunzelnd um. Er hatte ein Ger�usch geh�rt, wusste aber im ersten Moment weder, aus welcher Richtung es kam, noch, was es zu bedeuten hatte. Aber es wirkte falsch, auf schwer in Worte zu kleidende Weise <emphasis>bedrohlich.</emphasis></p><p>Mit klopfendem Herzen sah sich Mogens um. Nachdem die Sonne untergegangen war, war es nahezu vollkommen dunkel geworden. Selbst seine eigene H�tte war nur noch als gedrungener schwarzer Schemen zu erkennen, obwohl sie kaum mehr als ein gutes Dutzend Schritte entfernt war. Die Finsternis dahinter war absolut. Mogens' Verstand sagte ihm, dass sie wahrscheinlich nichts anderes als eben Dunkelheit enthielt, aber da war pl�tzlich noch eine andere Stimme in seinem Kopf, und diese Stimme erz�hlte von gr�sslichen Gestalten und unheimlichen Kreaturen, die lautlos durch die Nacht schlichen und ihn aus gierigen schwarzen Augen anstarrten.</p><p>Es gelang Mogens mit einiger Anstrengung, diese unheimliche Vorstellung abzusch�tteln, aber es blieb ein sonderbar belegtes Gef�hl auf seiner Seele zur�ck. Die lauernden Schatten mochte er sich eingebildet haben, das raschelnde Ger�usch ganz gewiss nicht. Irgendetwas war da, vielleicht ein Mensch, m�glicherweise aber auch ein streunendes Tier, und das mochte alles sein von einer harmlosen Katze bis hin zu einem Luchs. Er sollte wirklich nicht hier herumstehen, sondern wieder in seine Unterkunft gehen oder sich bestenfalls auf die Suche nach Tom machen, um ihm mitzuteilen, dass da irgendetwas durch das Lager schlich.</p><p>Mogens wollte seinen Vorsatz gerade in die Tat umsetzen, als sich das Ger�usch wiederholte, und es war jetzt nicht nur lauter, sondern auch eindeutig zu identifizieren. Schritte. Nicht das behutsame Schleichen einer Wildkatze oder eines streunenden Hundes, sondern ganz eindeutig die Schritte eines Menschen, der nicht unbedingt schlich, aber offensichtlich dennoch bem�ht war, nicht allzu viel �berfl�ssigen L�rm zu machen. Zwar gab es mindestens hundert ebenso glaubw�rdige wie harmlose Erkl�rungen daf�r, aber Mogens' Gedanken bewegten sich so unverr�ckbar in Bahnen von Bedrohung und Heimt�cke wie die eisernen R�der einer Lokomotive auf ihren Schienen, und er konnte beinahe gar nicht anders, als sich umzuwenden und mit klopfendem Herzen in die gleiche Richtung zu gehen. Einem unvoreingenommenen Beobachter w�re das Verhalten des Professors zweifellos sehr mutig vorgekommen, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Mogens hatte einfach zu gro�e Angst davor, in sein Haus zur�ckzugehen und nicht zu wissen, was die Ursache des unheimlichen Schleichens und Raschelns war. Er hatte zu viele N�chte voller h�llischer Visionen und Albtr�ume hinter sich, aus denen er schwei�gebadet und mit h�mmerndem Puls aufgewacht war, um seiner Fantasie zu gestatten, ihn derart aufgepeitscht in den Schlaf zu begleiten.</p><p>Er sah nichts, aber als er zwischen seiner und der von Graves bewohnten Blockh�tte hindurchging, h�rte er das Ger�usch schleichender Schritte zum dritten Mal, und irgendwo in der Dunkelheit vor ihm schien sich etwas zu bewegen; kaum mehr als ein Schatten unter anderen Schatten, aber dennoch deutlich genug, um keine Einbildung sein zu k�nnen. Mogens' Verstand versuchte zum letzten Mal, ihm den Wahnsinn seines Vorhabens zu erkl�ren, aber seine Furcht vor den D�monen des Unbekannten war einfach st�rker. Langsam und mit klopfendem Herzen, aber ohne zu stocken, bewegte er sich in die entsprechende Richtung und erreichte nach wenigen Augenblicken die ausgefahrene Spur, die die Reifen von Toms Wagen im weichen Boden hinterlassen hatte. Sie war leicht zu erkennen, trotz der k�mmerlichen Lichtverh�ltnisse. In den parallel verlaufenden Gr�ben hatte sich Wasser gesammelt, das aus dem morastigen Grund gesickert sein musste und das blasse Sternenlicht zur�ckwarf wie zwei nebeneinander liegende, endlose schmale Spiegel.</p><p>Mogens unterdr�ckte nur mit M�he einen Schreckensschrei, als etwas warnungslos in sein Gericht peitschte und eine d�nne Spur aus schnell verg�nglichem, aber heftigem Schmerz zur�cklie�. Instinktiv hob er die H�nde, um sich vor einem weiteren Angriff zu sch�tzen, aber alles, was er ertastete, waren d�nnes Ge�st und taufeuchtes Laub. Eine fl�chtige Erinnerung blitzte vor seinem geistigen Auge auf: dunkelgr�ne �ste, die von der K�hlerhaube des Ford beiseite gefegt wurden und gegen die Windschutzscheibe peitschten. Was auch sonst? Er war der Fahrspur des Ford gefolgt und hatte den Anfang des Weges erreicht, der parallel zur Friedhofsmauer verlief.</p><p>Nun z�gerte er doch, weiterzugehen. Ihm war schon bei seiner Ankunft klar geworden, dass sich jemand - vermutlich Tom und ebenso vermutlich auf Graves' ausdr�ckliche Anweisung hin - gro�e M�he gemacht hatte, die Zufahrt zur Lichtung zu verbergen, aber er hatte dieser Beobachtung vielleicht nicht die angebrachte Bedeutung zugemessen. Was, wenn es Graves gar nicht nur darum ging, seine Entdeckung vor allzu neugierigen Blicken zu verbergen?</p><p>Dieser Gedanke �berschritt eindeutig die Grenze zur Paranoia, und Mogens verscheuchte ihn �rgerlich. Mit einer fast schon zornigen Bewegung legte er die �ste zur Seite und setzte seinen Weg fort.</p><p>Nachdem er die lebendige Barriere durchschritten hatte, wurde die Sicht schlagartig besser. Mogens blieb �berrascht stehen und sah in den Himmel. Der Mond war im Verlauf der letzten Woche immer schmaler geworden und stand nun als kaum noch fingerbreite Sichel am Himmel, aber die Nacht war auch sehr klar und das gewaltige Diadem aus funkelnden Sternen glich das fehlende Mondlicht nahezu aus, da es nicht von der kleinsten Wolke oder Eintr�bung behindert wurde. Es war nicht auf dieser Seite zu hell. Dr�ben in Graves' Lager war es eindeutig zu <emphasis>dunkel: </emphasis>als g�be es dort etwas, das das Licht abschreckte.</p><p>Wieder raschelten Schritte, dann erscholl ein lang anhaltendes Poltern und Kollern, das von weither, aber auch eindeutig von jenseits der Friedhofsmauer kam. Mogens machte einen einzelnen Schritt und blieb wieder stehen. Sein Herz begann zu pochen. Vorhin, als er zusammen mit Tom hier entlanggefahren war, war es ihm gelungen, diese uralte Mauer als nichts anderes als ein Hindernis aus unregelm��igen Steinen zu betrachten, das von keinerlei Bedeutung f�r ihn war, aber nun wollte ihm dieses Kunstst�ck partout nicht mehr gelingen. Seit jener schicksalhaften Nacht vor neun Jahren hatte Mogens keinen Friedhof mehr betreten, und er hatte sich auch geschworen, es nie wieder zu tun. Aber das Ger�usch kam eindeutig von dort, und im gleichen Ma�e, in dem Mogens immer verzweifelter versuchte, den entfesselten D�monen seines Unterbewusstseins Herr zu werden, wuchs in ihm auch die �berzeugung, dass es von m�glicherweise lebenswichtiger Bedeutung f�r ihn war, die Ursache dieses Ger�usches zu ergr�nden. Er ging weiter, erreichte nach wenigen Schritten die Friedhofsmauer und blieb mit klopfendem Herzen wieder stehen. War das Ger�usch noch zu h�ren? Sein eigenes Blut rauschte so laut in Mogens' Ohren, dass er nicht sicher war.</p><p>Mogens z�gerte noch einen letzten, schweren Herzschlag, dann aber legte er mit einer schon beinahe trotzigen Bewegung die H�nde auf die abbr�ckelnde Mauerkrone, stemmte den rechten Fu� in eine der fast fingerbreiten Fugen des verwitterten Mauerwerks und schwang sich mit einer kraftvollen Bewegung hin�ber. Die Geschmeidigkeit, mit der er diese ihm vollkommen ungewohnte sportliche Anstrengung bew�ltigte, �berraschte ihn beinahe selbst, und um ein Haar h�tte sie auch in einer Katastrophe geendet, denn das Niveau des Friedhofsbodens lag ein gutes St�cke tiefer als das des Weges auf der anderen Seite, sodass aus dem geplanten federnden Satz ein ungeschicktes Stolpern wurde, das in einem Sturz zu enden drohte. Mogens streckte hastig die H�nde aus und fand im allerletzten Moment Halt an einem uralten, schr�g stehenden Grabstein, der sich unter seinem Gewicht langsam und mit einem sonderbar schmatzenden Laut zur Seite neigte.</p><p>Mogens stand einen Moment lang in fast grotesk vorgebeugter Haltung da, kam dann endlich auf die einzig richtige Idee und stie� sich mit einer entschlossenen Bewegung ab. Der Grabstein verlor endg�ltig seinen Halt und fiel mit einem dumpfen Ger�usch in den Morast, in dem er nahezu zur H�lfte versank, und Mogens fand mit wild rudernden Armen sein Gleichgewicht wieder. Das h�tte ihm zu allem �berfluss noch gefehlt: der L�nge nach in den Schlamm zu st�rzen und von Kopf bis Fu� besudelt ins Lager zur�ckzukehren!</p><p>Mogens blieb sicher eine halbe Minute reglos stehen und wartete darauf, dass seine H�nde und Knie aufh�rten zu zittern, und betrachtete w�hrenddessen nachdenklich den Grabstein, den er unabsichtlich umgesto�en hatte und der nun ganz langsam weiter im Schlamm versank. In gewissem Sinne, dachte er missmutig und mit einem fast resignierenden Blick auf seine Schuhe, tat er es dem Grabstein gleich: Auch er versank allm�hlich im Boden, nicht ganz so schnell und ganz sicher auch nicht so tief wie der Grabstein, der mehrere Zentner wiegen musste, aber seine Schuhe waren schon fast zur G�nze in dem wabbeligem Morast versunken, und wenn er noch lange hier herumstand und seinem eigenen Versinken zusah, dann steckte er wahrscheinlich bald bis an die Waden im Dreck.</p><p>Mogens gedachte allerdings nicht, es so weit kommen zu lassen. Mit einiger Anstrengung zog er die F��e aus dem Morast und brachte dabei sogar das Kunstst�ck fertig, keinen seiner Schuhe einzub��en. Sie waren trotzdem ruiniert, wie er �bellaunig feststellte, und m�glicherweise war dieser Teilsieg �ber den Morast nicht einmal von Dauer, denn er machte zwar einen raschen Schritt zur Seite, begann aber fast augenblicklich schon wieder einzusinken. Er musste einen regelrechten kleinen Tanz auff�hren, bis er eine Stelle fand, an der der Boden auch nur halbwegs fest genug erschien, um sein Gewicht zu tragen.</p><p>Verwirrt sah er sich um. Der Grabstein, den er versehentlich umgesto�en hatte, war l�ngst nicht der einzige, der keinen sehr festen Stand mehr gehabt hatte. Ganz im Gegenteil: Die allermeisten Grabsteine, die er im blassen Licht der Mondsichel sah, standen nicht mehr gerade, sondern in unterschiedliche Richtungen gekippt, wie Halme eines versteinerten Kornfeldes, �ber dem sich ein Tornado ausgetobt hatte. Etliche waren auch ganz umgest�rzt und zum Teil oder auch nahezu vollkommen im Boden versunken. �berall zwischen den schr�g stehenden oder umgest�rzten Grabsteinen brach sich das Sternenlicht auf reglos daliegendem Wasser, wo N�sse aus dem schwammigen Boden herausgesickert war und sich zu Pf�tzen gesammelt hatte. Es sah aus, als w�re der verlassene Friedhof mit Millionen kleiner Spiegelscherben �bers�t.</p><p>Mogens runzelte verwirrt die Stirn, als ihm die Bedeutung dieser Beobachtung klar wurde. Wer um alles in der Welt war so verr�ckt, einen Friedhof mitten in einem <emphasis>Sumpf </emphasis>anzulegen?</p><p>Er besann sich wieder auf den Grund seines Hierseins, drehte sich in einem langsamen Dreiviertelkreis und versuchte die Dunkelheit mit Blicken zu durchdringen. Es war hier deutlich heller als in Graves' Lager, aber eine mondlose Nacht blieb eine mondlose Nacht, und Mogens konnte nicht wirklich weiter als f�nfzehn oder zwanzig Schritte sehen. Dennoch glaubte er nach einer Weile eine Bewegung wahrzunehmen, irgendwo links von ihm und im Grunde schon weit jenseits des Bereiches, den er �berhaupt �berblicken konnte. Sie war vage, und irgendetwas daran kam ihm auf unheimliche Weise <emphasis>falsch </emphasis>vor, ohne dass er sagen konnte, wieso. Zugleich glaubte er auch wieder Stimmen zu h�ren, doch auch daran war etwas nicht so, wie es sein sollte.</p><p>Die zwar immer leiser werdende, aber trotzdem noch vorhandene Stimme seiner Vernunft fl�sterte ihm zu, dass jetzt nun unwiderruflich der Moment gekommen war, mit dieser kindischen Mutprobe Schluss zu machen und zur�ckzugehen, bevor er sich m�glicherweise mehr ruinierte als nur ein Paar wildlederner Schuhe. Doch statt auf sie zu h�ren, wandte sich Mogens in Richtung des unheimlichen Schattens und ging los. So kindisch ihm selbst der Gedanke auch vorkam, es <emphasis>war </emphasis>eine Mutprobe, und er hatte sich schon zu weit auf dieses Spiel mit sich selbst eingelassen, um jetzt noch zur�ckzuk�nnen. Er konnte gewinnen oder verlieren, ihr aber nicht mehr aus dem Weg gehen.</p><p>Mogens war fest entschlossen, sie zu bestehen. Er hatte sich den schlimmsten D�monen seines Lebens gestellt und sich so lange zugeredet, bis er selbst zu der �berzeugung gekommen war, dass Graves kein von Gott gesandter Racheengel war, der zu dem einzigen Zweck existierte, sein Leben zu verheeren, sondern nichts weiter als ein unangenehmer Mensch. Er w�rde nun gewiss nicht vor dieser anderen, viel kleineren Herausforderung kapitulieren und Rei�aus vor einem verlassenen Moorfriedhof nehmen, auf dem ihn ein Schatten narrte. Mogens bewegte sich weiter auf den verschwimmenden Schemen zu, verlor ihn aber zwischenzeitlich immer wieder aus den Augen, denn er musste mindestens ebenso konzentriert darauf achten, wohin er seine Schritte lenkte, wollte er nicht Gefahr laufen, doch noch einen Schuh einzub��en oder zu st�rzen.</p><p>Er h�tte damit rechnen m�ssen, war aber dennoch zutiefst entt�uscht, als er irgendwann einmal aufsah und der Schatten nicht mehr da war. Obwohl der Weg immer schlechter wurde, ging er noch einige Schritte weiter, bevor er endg�ltig bereit war, die Sinnlosigkeit seines Tuns einzusehen und entt�uscht Halt machte. Es hatte keinen Sinn mehr, sich etwas vorzumachen: Falls dort vorne �berhaupt jemals etwas gewesen war - jetzt war es definitiv nicht mehr da, und er konnte ebenso gut kehrtmachen. Mit ein wenig Gl�ck schaffte er es vielleicht sogar, rechtzeitig genug zu seiner Unterkunft zur�ckzukehren, um sich umzuziehen und zu s�ubern, bevor Tom kam, um das Geschirr abzur�umen, sodass niemand etwas von seiner Abwesenheit bemerkte.</p><p>Er hatte nicht vor, den gleichen Weg zur�ckzugehen, den er gekommen war, sondern wandte sich nach links, wo die Friedhofsmauer nur ein gutes Dutzend Schritte entfernt war. Sie kam ihm hier ein wenig h�her vor als an dieser Stelle, an der er sie das erste Mal �berstiegen hatte, aber die Aussicht, den R�ckweg halbwegs trockenen Fu�es zur�cklegen zu k�nnen, erschien ihm ein kleines bisschen Kletterei durchaus wert.</p><p>Er umging einen mehr als mannshohen, deutlich schr�g stehenden Grabstein, trat mit einem weit ausgreifenden Schritt �ber eine besonders gro�e Schlammpf�tze hinweg und hob den Blick.</p><p>Und sah seiner Vergangenheit ins Gesicht.</p><p>Neun Jahre seines Lebens l�sten sich im Bruchteil einer Sekunde einfach auf. Er befand sich nicht mehr auf einem sumpfigen Friedhof vierzig Meilen �stlich von San Francisco, sondern war wieder achtundzwanzig Jahre alt, hatte seine Promotion seit einer knappen Woche hinter sich und strolchte ebenso trunken vor Liebe wie von teurem Portwein �ber den kleinen Friedhof, der nur einen knappen Steinwurf vom Campus entfernt lag und nicht nur von trauernden Hinterbliebenen frequentiert wurde, sondern in noch weit gr��erem Ma�e von Studentenp�rchen vorzugsweise beiderlei Geschlechts, die den jahrhundertealten Gottesacker als verschwiegenen Treffpunkt zu sch�tzen wussten, seit es diese Universit�t gab. Er war wieder mit Janice zusammen, h�rte ihr helles Lachen, ihre leichten, huschenden Schritte und ihre �bertrieben geschauspielerten, kleinen Schreckensschreie, die sie immer dann ausstie�, wenn er ihrer Meinung nach Gefahr lief, sie in der Dunkelheit des mittern�chtlichen Friedhofes zu verlieren. Sie waren nicht allein auf dem Friedhof. Die Feier hatte bis weit in der Abend gedauert, und mit jeder Stunde, die verging, jedem Glas Punsch, das sie getrunken hatten war die Stimmung ausgelassener geworden, die Scherze infantiler. Es war noch nicht Mitternacht gewesen, aber auch nicht mehr lange bis dahin, als das alte Faktotum des Studentenwohnheims erschien, nur mit einem zerschlissenen Morgenmantel und Filzpantinen bekleidet, mit verstrubbeltem Haar und einem Gesicht, das von langen Stunden gezeichnet war, in denen er vergeblich versucht hatte, den L�rm aus der oberen Etage zu ignorieren, und die Feier griesgr�mig f�r beendet erkl�rte. Er war nicht wirklich zornig gewesen, denn zu viele Jahre mit zu vielen Abschlussfeiern hatten ihn gelehrt, wie sinnlos Aufregung �ber ein gewisses Ma� hinaus war - vor allem Studenten gegen�ber, die das letzte Semester und alle Pr�fungen erfolgreich hinter sich gebracht und somit auch nichts mehr zu verlieren hatten. Nicht einmal mehr mit einem Hausverweis konnte er ihnen drohen, denn die meisten Studenten hatten den Campus bereits verlassen, und die, die es noch nicht getan hatten, waren im Begriff, auszuziehen. Auch in Mogens' Brieftasche befand sich bereits eine Fahrkarte nach New Orleans, wo er - zugegeben durch die F�rsprache seines Doktorvaters und ohne selbst ganz genau zu wissen, was ihn erwartete - eine Anstellung an einem kleinen, aber �u�erst renommierten Forschungsinstitut in Aussicht hatte; nichts Besonderes, wie sein Professor gesagt hatte, und schon gar keine gut bezahlte Stellung, aber eine, die zwei unbestreitbare Vorz�ge hatte: Zum einen war sie ein ausgezeichnetes Sprungbrett f�r eine wissenschaftliche Karriere, und zum anderen geh�rte dazu eine kleine, aber separate Wohnung, die auch f�r zwei durchaus ausreichend war, wenn man ein wenig zusammenr�ckte. Janice hatte noch ein Jahr vor sich, aber ein Jahr, so endlos es einem auch erscheinen mochte, wenn es vor einem lag, war eine �berschaubare Zeit, die irgendwann zu Ende ging. Janices Leistungen und Noten waren nicht ganz so �berragend wie die von Mogens, trotzdem aber gut genug, keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass sie in sp�testens einem Jahr nachkommen w�rde. Janices Eltern waren ebenso wenig wie die Mogens' in der Lage, ihre Tochter �ber das absolut Notwendige hinaus zu unterst�tzen, aber auch, wenn Mogens' neue Stellung schlecht bezahlt wurde, sie <emphasis>wurde </emphasis>bezahlt, und wenn er sich ein wenig einschr�nkte und besonnen wirtschaftete, dann w�rde das ersparte Geld ausreichen, ihr in den Semesterferien und zu den Feiertagen eine Fahrkarte nach New Orleans zu schicken. Das mit dem Zusammenr�cken w�rde sich dann schon ergeben, dachte Mogens, w�hrend er wieder einmal stehen blieb und auf die leichten Schritte lauschte, die irgendwo rechts vor ihm in der Dunkelheit erklangen.</p><p>Nicht, dass er vorhatte, noch so lange zu warten. Janice und er hatten sich an dem Tag kennen gelernt, an dem sie nach Harvard gekommen war, und seit mittlerweile gut drei Jahren waren sie zusammen. Sie waren noch nicht bis zum �u�ersten gegangen, aber Mogens war ein gesunder junger Mann mit normalen Bed�rfnissen und Janice eine moderne, aufgeschlossene junge Frau, die die Grenzen einer gewissen Sittsamkeit zwar niemals �berschritten h�tte, trotzdem aber manchmal Dinge tat und vor allem <emphasis>sagte, </emphasis>die Mogens' strenggl�ubiger Mutter die Schamesr�te ins Gesicht getrieben h�tte. Sie hatten nicht dar�ber <emphasis>gesprochen, </emphasis>das verbot ihnen allein der Anstand, aber gewisse Bemerkungen und vor allem <emphasis>Blicke </emphasis>hatten Mogens doch begreifen lassen, dass sie ihm das allerletzte Geschenk noch vor seiner Abreise machen w�rde, um das Treueversprechen auf das kommende Jahr zu besiegeln. Was nichts anderes bedeutete als heute oder sp�testens morgen, denn schon am Tag darauf w�rde er seine wenigen, schon seit Tagen fertig gepackten Habseligkeiten nehmen und Harvard verlassen.</p><p>Wieder erklangen Schritte vor ihm in der Dunkelheit, die ihn aus seinen Gedanken herausrissen. Mogens hatte sich hinter einen der fast mannshohen, uralten Grabsteine geduckt, die diesen Teil des Friedhofes beherrschten, um seinerseits nicht gesehen zu werden, aber das war vermutlich gar nicht n�tig. Die Dunkelheit war fast vollkommen. Neumond war erst zwei oder drei N�chte her, und der Himmel war bedeckt. Fr�her am Abend hatte es nach einem Unwetter ausgesehen. Der Regen war ausgeblieben, aber die Wolken hielten sich trotz des frischen Windzugs hartn�ckig, und es war so dunkel, dass Mogens M�he hatte, die ber�hmte Hand vor Augen zu sehen. Seinem neckischen Versteckspiel mit Janice war diese stygische Finsternis nicht unbedingt zutr�glich, f�r das, was Jonathan und er sich ausgedacht hatten, kam sie jedoch wie bestellt.</p><p>W�hrend er konzentriert auf die leichtf��igen Schritte lauschte und versuchte, ihre genaue Entfernung und Richtung einzusch�tzen, kamen ihm zum letzten Mal Zweifel. Nicht, dass er Skrupel gehabt h�tte. Marc und vor allem diese schreckliche Ellen, eine unm�gliche Person, mit der er jetzt seit einem guten Jahr zusammen war, was absolut niemand verstehen konnte - b�se Zungen behaupteten, nicht einmal er selbst -, hatten sich diesen Denkzettel schon lange verdient. Alle Vorbereitungen waren getroffen, Jonathan, Beth und vor allem Janice instruiert, und sie hatten ihren Plan lange und ausgiebig genug besprochen, dass eigentlich nichts mehr schief gehen konnte.</p><p>Dabei hatte es ganz harmlos angefangen. Jonathan Graves, Marc Devlin und er selbst, Mogens, teilten sich seit gut sechs Jahren dasselbe Zimmer im Wohnheim der Studentenvereinigung, und so hatte es gar nicht ausbleiben k�nnen, dass jeder nahezu alles �ber die jeweils anderen wusste. Mogens hatte dies nie sonderlich viel ausgemacht. Er f�hrte ein normales Studentenleben und hatte - wenn �berhaupt - die gleichen Geheimnisse, die alle Studenten seines Alters hatten. Jonathan, Marc und er waren keine wirklichen Freunde und empfanden auch nicht genug Sympathie f�reinander, um es jemals zu werden, aber sie waren Zimmergenossen und Kommilitonen, und das bedeutete, dass man einander respektierte und auch �ber gewisse Schw�chen und Mangelhaftigkeiten des anderen hinwegsah. Die ersten f�nf dieser sechs Jahre hatte diese unausgesprochene Vereinbarung funktioniert, die so alt war wie das Studentenleben. Dann hatte Marc Ellen kennen gelernt, und alles war anders geworden.</p><p>Ellen war eine sonderbare Person, und nicht nur Mogens fragte sich vergebens, was Marc an ihr fand. Sie war weder sonderlich attraktiv, noch gl�nzte sie durch au�ergew�hnliche Klugheit oder Eloquenz. Aber sie �bte einen unbestreitbar schlechten Einfluss auf Marc aus. Er begann sich zu ver�ndern, wurde egoistisch und unduldsam, und in der Folge in zunehmendem Ma�e �berheblich. Nichts, woran er nichts auszusetzen gehabt h�tte, kein Verhalten seiner Zimmerkameraden, �ber das er sich nicht beschwert, keine kleine Schw�che, auf die er nicht hingewiesen und sich ausgiebig dar�ber lustig gemacht h�tte, und das oft genug auf boshafte Art. Anfangs hatten sowohl Jonathan als auch Mogens versucht, dieses Verhalten einfach zu ignorieren, was ihnen aber schwerer und schwerer fiel, bis es sich am Ende als vollkommen unm�glich herausstellte.</p><p>Und so wurde der Plan geboren, es Marc und seiner rothaarigen Harpyie am letzten Abend heimzuzahlen. Eine Idee war schnell gefunden, schlie�lich wurden es weder Marc noch Ellen m�de, ihnen eifrig Munition zu liefern.</p><p>Ein Punkt, auf dem Marc - vor allem <emphasis>coram publico - </emphasis>herumzureiten nicht m�de wurde, war Mogens' allseits bekannte Vorliebe f�r �ber- und Au�ersinnliches. Zwar stimmte es, dass Mogens dieser Passion schon fast besessen nachhing, doch jedermann wusste, das er dabei von einem rein wissenschaftlichen, rationalen Standpunkt ausging. Je obskurer ihm eine Geschichte erschien, je verr�ckter eine Legende war, je scheinbar unerkl�rlicher ein Vorfall, desto begeisterter st�rzte sich Mogens darauf und versuchte, den wahren Kern in den Legenden zu finden, das Erkl�rbare aus dem scheinbar Unerkl�rbaren zu extrahieren und zu begreifen, was scheinbar unbegreiflich war; und wenn schon nicht das, so doch wenigstens zu verstehen, <emphasis>warum </emphasis>es unbegreiflich blieb. Mogens war zu einem J�ger des Okkulten geworden, aber aus dem einzigen Grund, all diese Dinge ihres Zaubers zu berauben. Jedermann hier wusste das, Marc eingeschlossen - was ihn aber keineswegs daran hinderte, sich in zunehmendem Ma�e �ber �diesen Unsinn� lustig zu machen; vornehmlich dann - und mit ihrer tatkr�ftigen Unterst�tzung -, wenn er sich in Ellens Begleitung befand. Er lie� buchst�blich keine Gelegenheit aus, zu betonen, dass kein auch nur halbwegs intelligenter Mensch wirklich an einen solchen Quatsch glauben konnte.</p><p>Also lag es auf der Hand, es ihm genau auf diese Weise heimzuzahlen. Obwohl Mogens im Grunde nichts von solcherlei infantilen Scherzen hielt, hatte ihn Marc in den letzten Monaten weit genug gereizt, um sich einen kr�ftigen Denkzettel verdient zu haben.</p><p>Dennoch war er f�r einen Moment nicht mehr ganz sicher, ob sich das, was ihnen allen bei der Planung wie eine hervorragende Idee erschienen war, nicht in Wahrheit als �u�erst dummer Einfall erweisen w�rde. Marc und Ellen <emphasis>hatten </emphasis>sich diesen D�mpfer verdient, ganz ohne Zweifel - aber wenn er jetzt in die Tasche griff und die Kautschukmaske aufsetzte, an der Jonathan, Janice und er eine gute Woche gebastelt hatten, dann w�rde das dem Rest des Abends einen vollkommen anderen Verlauf geben, als es im Moment noch m�glich war.</p><p>Mogens dachte an das lautlose Versprechen, das er in Janice Augen gelesen hatte, und eine Woge kribbelnder W�rme begann sich in seinem Leib auszubreiten. Gut, sie befanden sich auf einem <emphasis>Friedhof, </emphasis>eine - unabh�ngig von Gr�nden der Piet�t und Sittlichkeit - durchweg morbide Umgebung, aber schlie�lich waren sie keine mittelalterlichen Scholaren, sondern aufgekl�rte junge Akademiker des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, und ihm blieben nur noch zwei Tage, bis er und Janice sich f�r endlose Monate lang nicht mehr sehen konnten. Friedhof hin oder her, es gab genug verschwiegene Winkel, und der zur�ckliegende Abend und der ungewohnte Portwein taten ihre Wirkung. Mogens war oft genug auch tags�ber hier gewesen, um sich auszukennen.</p><p>Es gab - nicht einmal weit von seinem Standort entfernt - gleich eine ganze Anzahl kleiner, schon vor einem Menschenalter aufgegebener Mausoleen, die vor allem von j�ngeren Studentenp�rchen gern als verschwiegener Treffpunkt benutzt wurden. Was man allein schon daran sah, dass es das Friedhofspersonal schon vor langer Zeit aufgegeben hatte, die Vorh�ngeschl�sser an den T�ren zu erneuern, die sowieso in jeder Nacht wieder aufgebrochen wurden. Auch Mogens war schon das eine oder andere Mal dort gewesen, wenn auch nicht mit Janice und nicht mehr, seit aus ihrer platonischen Freundschaft mehr geworden war. Dennoch wusste er, dass es nur wenige Schritte bis zum n�chsten dieser verschwiegenen kleinen Totenh�user waren, ebenso, wie ihm klar war, dass es in dieser speziellen Nacht vermutlich nur einer fl�chtigen Kopfbewegung bedurfte, damit Janice ihn dorthin begleitete.</p><p>Falls es Janice war, deren Schritte er noch immer in der Dunkelheit vor sich h�rte. Mogens war sich dessen mittlerweile nicht mehr so sicher wie noch vor Augenblicken. Jonathan und er waren den anderen in einigem Abstand gefolgt, aber sie hatten sich aus den Augen verloren, als Janice - was zu ihrem Plan geh�rte - pl�tzlich losgerannt war und ihr mittern�chtliches Versteckspiel damit er�ffnet hatte. Sie hatten vereinbart, dass sie und Beth daf�r Sorge tragen w�rden, dass sich die beiden anderen nicht allzu weit von Jonathan und ihm entfernten, aber die Dunkelheit, die Mogens behinderte, konnte sie schlie�lich ebenso narren, sodass sie m�glicherweise in die falsche Richtung gegangen war. Und es war nicht einmal sicher, dass es sich bei Graves, ihm selbst nebst ihren weiblichen Begleiterinnen und den beiden Opfern ihres geplanten Ulks um die einzigen n�chtlichen Besucher des Gottesackers handelte. Bei allem �berschwang w�re es ihm doch unangenehm gewesen, Fremde - wom�glich noch in einer peinlichen Situation - zu �berraschen. Und er <emphasis>war </emphasis>nicht mehr sicher, dass die Schritte dort vor ihm tats�chlich Janice oder einem der anderen aus ihrer Gruppe geh�rten.</p><p>Er war nicht einmal sicher, dass sie einem Menschen geh�rten.</p><p>Mogens erschrak ein wenig vor seinem eigenen Gedanken. Was sollte es sonst sein, das sich da in der Nacht vor ihm bewegte? Es gab in diesem Teil des Landes schon seit f�nfzig Jahren keine frei lebenden Tiere mehr - zumindest keine, die gro� genug waren, <emphasis>solche </emphasis>Schritte zu machen -, und trotz - oder gerade wegen - seiner schon fast an eine Obsession grenzenden Leidenschaft f�r alles Okkulte und Unerkl�rliche war Mogens der vielleicht realistischste Mensch, den er selbst kannte. Er verscheuchte den Gedanken fast erschrocken, richtete sich weiter hinter seiner Nekropolen-Deckung auf und zog die Hand aus der Tasche.</p><p>H�tte er es dabei belassen und sich unverz�glich auf die Suche nach Janice gemacht, dann w�re nicht nur dieser Abend, sondern sein gesamtes Leben vollkommen anders verlaufen. Doch in diesem Augenblick wiederholte sich das unheimliche Schlurfen, und als Mogens die Augen anstrengte, da erblickte er einen gedrungenen Schatten, gerade an der fragilen Grenze, an der wirklich Gesehenes und die Ausgeburten von Fantasie und Furcht miteinander zu verschmelzen beginnen. Mit dieser Gestalt war irgendetwas nicht so, wie es sein sollte, und nun war es gerade Mogens' unstillbare Neugier allem Unbekannten und vermeintlich Unerkl�rlichem gegen�ber, die sein Jagdfieber weckte, und das Schicksal nahm seinen Lauf.</p><p>Mogens hatte seine Augen mittlerweile so angestrengt, dass sie zu tr�nen begannen. Dennoch konnte er den sonderbaren Schatten jetzt besser erkennen, und offensichtlich hatte sich der Wind gedreht, denn die unheimlichen, schlurfenden Schritte waren nun merklich deutlicher zu h�ren. Mogens schob sich behutsam an seiner Deckung vorbei, huschte hinter einen weiteren, etwas kleineren Grabstein und sank in die Hocke, lie� den struppigen schwarzen Schatten zwanzig Schritte voraus dabei aber nicht aus den Augen. Das Licht reichte auch aus dieser Entfernung nicht, um Einzelheiten zu erkennen, aber immerhin sah Mogens jetzt, dass es sich um eine eindeutig menschen�hnliche Gestalt handelte. Menschen�hnlich, nicht menschlich. Sie war hoch gewachsen und hatte Arme, Beine und einen Kopf, aber irgendwie erschien ihm nichts davon... <emphasis>richtig. </emphasis>Die Arme waren zu lang und pendelnd, wie die eines aufrecht gehenden Primaten, der Sch�del zu gedrungen und irgendwie deformiert, und auch mit der ganzen K�rperhaltung stimmte etwas nicht. Obwohl sich der unheimliche Schatten im Moment nicht bewegte, musste Mogens wieder an die sonderbar schlurfenden Schritte denken, die er geh�rt hatte. Ein kalter Schauer lief seinen R�cken hinab, und es gelang ihm nicht vollkommen, sich selbst einzureden, dass es nur der Wind war, der allm�hlich auffrischte.</p><p>Was war das? Ein Mensch doch wohl kaum. Aber es gab kein Tier von solcher Gr��e und Wuchs, und...</p><p>Um ein Haar h�tte Mogens laut aufgelacht, als ihm klar wurde, dass es selbstverst�ndlich kein Tier dieser Gestalt gab, weder hier noch sonst wo auf der Welt. Vor ihm stand niemand anderer als Jonathan Graves, dem die Kautschukmasken, die sie angefertigt hatten, um Marc und seiner Freundin einen geh�rigen Schrecken einzujagen, ganz offensichtlich nicht ausreichten. Mogens hatte keine Vorstellung, wo Graves dieses sonderbare Kost�m aufgetrieben hatte und was es darstellte, aber zumindest bei den herrschenden Lichtverh�ltnissen und �ber die Entfernung von gut zwanzig Schritten hinweg war seine Wirkung �u�erst erschreckend. Selbst er war f�r einen Moment darauf hereingefallen, und er sollte es nun <emphasis>wirklich </emphasis>besser wissen.</p><p>�Jonathan?�, rief er. Er hatte die Stimme zu einem hellen Fl�stern gesenkt, das allerh�chstem die zwanzig Schritte weit trug, die Jonathan entfernt war - schlie�lich wollte er ihm ja nicht den Spa� verderben und Marc und Ellen im allerletzten Moment noch warnen -, aber Graves hatte ihn offensichtlich trotzdem geh�rt, denn er fuhr auf der Stelle und mit einem knurrenden Laut herum und nahm eine geduckte, lauernde Haltung an. Selbst seine Bewegungen wirkten wie die eines Tieres, kaum wie die eines Menschen. Mogens hatte sich bereits halb hinter seiner Deckung erhoben, erstarrte aber nun noch einmal mitten in der Bewegung und blinzelte gleicherma�en verwirrt wie beunruhigt zu dem struppigen Schatten hin. Er erkannte auch jetzt nichts als eine blo�e Silhouette, aber da waren spitze, fuchsartige Ohren, schreckliche Krallen und mattsilbernes Sternenlicht, das sich auf t�ckisch funkelnden Augen brach.</p><p>�Jonathan?�, fragte er noch einmal. Sein Herz klopfte. Er schalt sich selbst in Gedanken einen Dummkopf - Marc h�tte seine helle Freude, k�nnte er ihn in diesem Moment sehen! -, f�hrte die begonnene Bewegung energischer zu Ende und trat mit einem schwungvollen Schritt hinter dem Grabstein hervor, und die fuchsohrige Gestalt war von einem Blinzeln auf das N�chste verschwunden.</p><p>�Jonathan?�, fragte er zum dritten Mal, und diesmal konnte Mogens selbst h�ren, dass das Beben in seiner Stimme nicht nur �berraschung war, oder auf die K�lte und Anstrengung zur�ckzuf�hren. Er bekam so wenig eine Antwort wie die beiden Male zuvor, aber f�r einen winzigen Moment glaubte er wieder jene sonderbar schlurfenden Schritte zu h�ren, die sich nun schnell entfernten. Einen Atemzug sp�ter war er allein.</p><p>Mogens' Herz klopfte jetzt so stark, dass er seinen eigenen Puls bis in die Fingerspitzen f�hlen konnte. Es kostete ihn alle �berwindung, zu der er f�hig war, weiterzugehen und sich der Stelle zu n�hern, an der er die unheimliche Gestalt gesehen hatte. Eines war ihm mittlerweile klar geworden: Ihr kleiner Racheplan war ganz und gar keine gute Idee. Nicht, wenn er bedachte, wie sogar <emphasis>er selbst </emphasis>auf die unerwartete Begegnung mit dem verkleideten Graves reagiert hatte. Sie wollten Marc und Ellen einen Denkzettel verpassen, nicht sie zu Tode erschrecken. Sie mussten mit diesem Unsinn aufh�ren, bevor noch jemand zu Schaden kam!</p><p>Er erreichte die Stelle, an der Graves gestanden hatte, und sah sich aufmerksam um, ohne selbst genau zu wissen, <emphasis>wonach </emphasis>er eigentlich suchte. Die Gestalt - Graves! Er musste aufpassen, was er dachte. Indem er den Schatten nicht als das bezeichnete, was er gewesen war, verlieh er ihm eine Bedrohlichkeit, die ihm nicht zustand! Graves war so spurlos verschwunden, als h�tte es ihn nie gegeben. Obwohl Mogens mittlerweile fest entschlossen war, es gut sein zu lassen und den kindischen Streich nicht auf die Spitze zu treiben, hatte er immer noch Hemmungen, laut zu rufen. Aber immerhin hatte er eine ziemlich konkrete Vorstellung, in welche Richtung Graves gegangen war. Mogens machte zwei Schritte in dieselbe Richtung, blieb wieder stehen und sah stirnrunzelnd zu Boden.</p><p>Obwohl es nicht geregnet hatte, waren Gras und Erdreich feucht und schwer von der N�sse, die in der Luft lag. Er konnte deutlich die frische Fu�spur sehen, die seinen Weg kreuzte. Es war eine sehr seltsame Spur. Mogens lie� sich in die Hocke sinken und streckte die Hand aus, um mit den Fingerspitzen �ber die niedergetretenen Grashalme zu tasten. Er war kein au�ergew�hnlich talentierter Spurenleser, aber man musste kein direkter Nachfahre von Chingachgook sein, um zu erkennen, dass diese F�hrte keine Minute alt war. Das Licht reichte selbst aus dieser geringen Entfernung nicht aus, um Einzelheiten zu erkennen, aber es war auch nicht zu �bersehen, dass diese Abdr�cke viel zu gro� waren, um von normalen menschlichen F��en hinterlassen worden zu sein, und dar�ber hinaus viel zu tief. Das Wesen, das diese Spuren verursacht hatte, hatte mindestens drei Zentner gewogen, wenn nicht mehr. Selbst wenn sich Graves - was sich Mogens beim besten Willen nicht vorstellen konnte - die M�he gemacht h�tte, zu seiner Verkleidung noch �bergro�e Schuhe anzuziehen - warum sollte er anderthalb Zentner Bleigewichte mit sich herumschleppen?</p><p>Inzwischen deutlich mehr alarmiert als verwirrt, richtete sich Mogens wieder auf und versuchte erneut, die Dunkelheit mit Blicken zu durchdringen. Falls �berhaupt m�glich, war es noch dunkler geworden, sodass er Graves - Graves? - vermutlich nicht einmal dann gesehen h�tte, w�re er in zehn Schritten Entfernung an ihm vorbeigelaufen, aber er kannte immerhin die Richtung, in die er sich entfernt hatte. Der Friedhof lag als fast geometrisches Muster unterschiedlich gro�er, kubischer Schatten vor ihm, aber es gab ein paar Ausrei�er aus diesem System: Nicht weit von ihm entfernt erhob sich ein gedrungener kubischer Schatten, der in einem gleichschenkeligem Dreieck endete, das trotzig zum Himmel wies; das Mausoleum, das Janice, Beth, Graves und er als Treffpunkt ausgemacht hatten. Mogens war �berrascht, wie nahe er ihm schon war, setzte sich aber trotzdem sofort und mit schnellen Schritten in Bewegung. Lautlos huschende Schatten und eine noch leiser schleichende Furcht begleiteten ihn, und sein Herz begann im gleichen Ma�e schneller zu klopfen, in dem er sich dem Mausoleum n�herte. Er musste an die unheimliche Spur denken, die er gefunden hatte, und sein Mund wurde trocken. Vielleicht hatten Devlin und seine extrovertierte Freundin ja Recht gehabt, dachte er. Vielleicht <emphasis>gab </emphasis>es Dinge, mit denen man sich besser nicht besch�ftigte.</p><p>Als er n�her kam, sah er, dass im Innern des Mausoleums Licht brannte; ein blassgelber, sorgsam abgeschirmter Schein, den er selbst aus zehn Schritten Entfernung vermutlich �bersehen h�tte, h�tte er nicht genau gewusst, wonach er zu suchen hatte. Mogens beschleunigte seine Schritte noch mehr, schob mit der linken Hand die Gittert�r auf und beugte instinktiv die Schultern, um sich nicht den Kopf an dem niedrigen T�rsturz anzuschlagen, der f�r die kleinw�chsigeren Menschen eines fr�heren Jahrhunderts gebaut worden war. Der Raum dahinter war leer. Die Petroleumlampe, deren Schein ihn hergelockt hatte, stand auf dem Fu�boden, und von irgendwoher drang ein ged�mpftes, scharrendes Ger�usch an sein Ohr.</p><p>�Jonathan?�</p><p>Eine endlose Sekunde lang bekam er keine Antwort, dann rief eine ged�mpfte, helle Stimme: �Mogens?�</p><p><emphasis>Janice. </emphasis>Mogens atmete h�rbar erleichtert auf, war aber zugleich auch schon wieder alarmiert. Er konnte Janice h�ren, aber wo war sie? Der Raum ma� nicht einmal f�nf Schritte im Quadrat und war vollkommen leer! Au�er dem Eingang gab es noch eine zweite, vergitterte T�r auf der anderen Seite, hinter der eine schmale Steintreppe steil in die Tiefe f�hrte. So lange sich Mogens zur�ckerinnern konnte, war sie verschlossen und mit einem uralten und ebenso rostigem wie schwerem Vorh�ngeschloss gesichert gewesen. Jetzt stand sie eine Handbreit auf, und das Vorh�ngeschloss lag zerbrochen davor auf dem Boden.</p><p>�Janice�, rief er. �Bist du da unten?�</p><p>�Mogens?� Janices Stimme drang so hohl und verzerrt zu ihm herauf, als spr�che sie vom Grund eines Brunnenschachtes. �Mogens, komm hierher! Du musst dir das ansehen! Das ist fantastisch!�</p><p>Mogens trat z�gernd auf die offen stehende T�r zu. Jetzt, wo er n�her kam sah er, dass auch von unten ein gelblicher, wenn auch weit blasserer und flackernder Lichtschein heraufdrang. Der Gedanke, dass Janice dort unten war, beunruhigte ihn mehr, als er sich selbst erkl�ren konnte. Etwas... stimmte nicht. Er <emphasis>konnte </emphasis>es erkl�ren, aber diese Erkl�rung war zu grotesk, als dass er dem Gedanken auch nur erlaubt h�tte, Gestalt anzunehmen, und als sein Blick im Vorbeigehen das zerbrochene Schloss streifte, wuchs seine Beunruhigung sogar noch. Es war nicht einfach nur zerbrochen, sondern regelrecht zerfetzt. Die schwere eiserne Lasche, mit der es an der T�r befestigt gewesen war, war aufgebogen wie das d�nne Blech einer Konservendose. Nein, verbesserte er sich selbst, er war nicht besorgt bei dem Gedanken, dass Janice dort unten war - die Vorstellung versetzte ihn in Panik.</p><p>Er zog die T�r weiter auf, machte aber dann noch einmal kehrt, um die Lampe zu holen. Die Schatten gerieten in unruhige huschende Bewegung, als er sie hochhob und sich umdrehte, und f�r einen unendlich kurzen Moment schien da noch etwas anderes zu sein, als versuchten k�rperlose Dinge aus jenem schmalen Grenzbereich zwischen der Welt des Lichts und der Dunkelheit in die Schatten zu fliehen. Ein sonderbar fader Geschmack begann sich auf seiner Zunge auszubreiten. Er h�tte nicht hierher kommen sollen. Diese ganze verr�ckte Idee ging mittlerweile weit �ber einen Studentenulk hinaus. Mogens war trotz allem noch nicht bereit, an das Wirken �bernat�rlicher Kr�fte zu glauben, oder gar daran, dass er gerade drau�en tats�chlich einer Kreatur begegnet sein sollte, die sich nur hinter der Maske des scheinbar Menschlichen verbarg, in Wahrheit aber etwas g�nzlich anderes war.</p><p>Dennoch wurde ihm mit jeder Sekunde klarer, wie d�nn das Eis war, auf dem sie sich bewegten. Letzten Endes spielte es keine Rolle, ob er von einem Werwolf aufgefressen wurde oder den Rest seines Lebens als geistig zerr�ttetes Wrack verbrachte. Er w�rde Janice holen und dann machen, dass er hier wegkam, so schnell er nur konnte.</p><p>Fast im Laufschritt st�rmte er die Treppe hinab. Nach weniger als einem Dutzend Stufen fand er sich in einem niedrigen Kellerraum mit gew�lbter Decke wieder, in dessen Mitte sich ein gewaltiger steinerner Sarkophag befand. Janice stand auf der anderen Seite des dunkelgrauen Steinsarges und hielt eine halb heruntergebrannte Kerze in der rechten Hand. Die andere hatte sie halb erhoben, um ihre Augen vor dem unerwartet grellen Licht der Petroleumlampe zu sch�tzen.</p><p>�Mogens, sieh dir das an!�, sagte sie aufgeregt. �Komm her!�</p><p>Mogens r�hrte sich nicht von der Stelle, hob aber die Lampe h�her, um besser sehen zu k�nnen. Was er gerade oben schon einmal erlebt hatte, schien sich zu wiederholen: F�r den Bruchteil einer Sekunde war es ihm, als fl�chteten unheimliche k�rperlose <emphasis>Dinge </emphasis>vor dem Licht, und ein eisiger Hauch schien seine Seele zu streifen. Als h�tte er etwas von dort oben mitgebracht, das nun auch in den Schatten hier unten lauerte. Mogens verscheuchte auch diesen Gedanken, nicht aber die Warnung, die er zugleich auch bedeutete. Das Eis, auf dem er sich bewegte, wurde d�nner, und irgendetwas in ihm selbst arbeitete mit aller Macht daran, es endg�ltig zu zerbrechen.</p><p>�Was tust du hier'�, fragte er barsch. Janice schien seinen r�den Ton jedoch gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern setzte nur mit der linken Hand die Kerze auf den Rand des Steinsarkophags - Mogens w�nschte sich, sie h�tte es nicht getan -, w�hrend sie ihn mit der anderen aufgeregt heranwedelte.</p><p>�Sieh dir das an!�, sagte sie. �Das ist unglaublich! Ich h�tte nie gedacht, dass es so etwas hier gibt!�</p><p>�Einen Sarg?�, fragte Mogens. �Was ist an einem Sarg in einem Mausoleum so au�ergew�hnlich?�</p><p>�Das doch nicht, Dummkopf�, schalt ihn Janice. <emphasis>�Das </emphasis>hier!�</p><p>Widerwillig hob Mogens die Lampe noch ein wenig h�her und trat um den Sarkophag herum, um an ihre Seite zu gelangen. Im allerersten Moment fiel ihm noch immer nichts Au�ergew�hnliches auf, dann aber sah er, dass die schmale Nische, vor der Janice stand, gar keine Nische war. Wo hundert Jahre altes Mauerwerk oder massiver Fels sein sollten, da gewahrte Mogens den Anfang eines schmalen, in sanfter Neigung tiefer in die Erde hineinf�hrenden Tunnels, dessen W�nde allerdings nicht gemauert waren, sondern aus Erdreich und Lehm zu bestehen schienen.</p><p>F�r einen Moment gewann die Neugier des Wissenschaftlers noch einmal die Oberhand �ber die irrationale Furcht, die von ihm Besitz ergriffen hatte. Schweigend trat er neben Janice und streckte den Am aus, der die Petroleumlampe hielt, um in den Tunnel hineinzuleuchten. Das Licht reichte nur wenige Schritte weit in den Stollen hinein, ehe es von der wattigen Dunkelheit an seinem Ende regelrecht aufgesogen zu werden schien. Mogens schob auch diesen Eindruck auf den angespannten Zustand, in dem sich sein Nervenkost�m befand, konnte sich aber eines neuerlichen eisigen Schauderns trotzdem nicht erwehren.</p><p>Auch ohne die bizarren Vorf�lle von gerade w�re der Anblick nichts anderes als unheimlich gewesen. Der Tunnel war nicht besonders hoch - vielleicht f�nf Fu�, und das nicht einmal �berall - und nur auf den ersten Blick regelm��ig geformt. W�nde und Boden sahen kaum so aus, als w�ren sie mit Werkzeugen bearbeitet worden, sondern wirkten eher wie mit grober Gewalt aus dem Erdreich herausgebrochen, und h�tte er nicht gewusst, dass es vollkommen unm�glich war, so h�tte er geschworen, an manchen Stellen die Spuren gewaltiger Klauen zu entdecken, die Erdreich und sogar Fels in St�cke gerissen hatten.</p><p>�Was ist das, Mogens?�, fl�sterte Janice in fast ehrf�rchtigem Ton.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Mogens. Die Wahrheit war, dass er es gar nicht wissen <emphasis>wollte. </emphasis>Irgendetwas lauerte in der fast stofflich wirkenden Dunkelheit am Ende des Ganges, etwas unvorstellbar Fremdartiges und B�ses, das Janice und ihn aus gierigen Augen anstarrte, und er konnte sp�ren, dass es n�her kam, langsam, aber mit schrecklicher Unaufhaltsamkeit.</p><p>�Lass uns gehen�, sagte er. �Bitte!�</p><p>Janice wandte irritiert den Kopf und sah ihn an, aber Mogens vermochte selbst nicht zu sagen, ob der verwirrte Ausdruck in ihren Augen an seiner Bitte lag, oder an dem fast flehenden Ton, in dem er das letzte Wort ausgesprochen hatte.</p><p>�Aber interessiert dich das denn gar nicht?�, wunderte sie sich. �Niemand wei� von diesem Gang! Vielleicht erstreckt er sich unter dem gesamten Friedhof, oder...�</p><p>�Ja, vielleicht�, unterbrach sie Mogens. Er gab sich jetzt gar keine M�he mehr, auch nur freundlich zu klingen. Die Hand mit der Laterne zitterte so stark, dass das Licht im Tunnelanfang in wippende Bewegung geriet, sodass die Schatten abermals einen grotesken Tanz aufzuf�hren begannen. �Komm!�</p><p>Janice war nun vollends verwirrt, aber in den Ausdruck von Verst�rtheit auf ihren Z�gen mischte sich auch eine erste Spur von Erschrecken. Fast automatisch machte sie einen halben Schritt zur�ck, blieb dann aber sofort wieder stehen und sah in den Gang hinein. Die Schatten zitterten heftiger, h�pften von rechts nach links, vor und zur�ck, als versuche etwas aus der Dunkelheit hervorzubrechen und die sch�tzende Barriere aus Licht zu �berrennen. Mogens versuchte sich einzureden, dass es nur das immer heftiger werdende Zittern der Lampe in seiner Hand war, aber er <emphasis>wusste </emphasis>einfach, dass das nicht stimmte. Da <emphasis>war </emphasis>etwas, ein namenloses Ding, das in der Dunkelheit lauerte, und es kam n�her.</p><p>Und dann tat er etwas, das er sich bis ans Ende seines Lebens nicht verzeihen sollte: Er drehte sich mit einem Ruck um, schob sich zwischen Janice und dem steinernen Sarkophag hindurch und war mit wenigen schnellen Schritten wieder bei der Treppe. Janice sog scharf die Luft zwischen den Z�hnen ein und hatte sich halb in seine Richtung umgewandt, als er wieder stehen blieb, - machte aber noch immer keine Anstalten, ihm nachzukommen. Mogens konnte den Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht erkennen, denn indem er die Laterne mitgenommen hatte, war sie allein zur�ckgeblieben, nur besch�tzt vom flackernden roten Licht der kleinen Kerzenflamme, das der heranst�rmenden Finsternis nicht wirklich Einhalt zu gebieten vermochte. Schatten huschten �ber ihr Gesicht wie kleine, rauchige Tiere. Etwas n�herte sich ihr aus der Dunkelheit des Stollens.</p><p>�Mogens? Janice?� Rostiges Eisen quietschte, und Mogens konnte gerade noch einen erschrockenen Aufschrei unterdr�cken, als �ber ihm Schritte erklangen und ein unregelm��iger Kreis aus gelbem Lampenlicht die Stufen herabzuh�pfen begann. �Seid ihr dort unten? Nicht, dass es mich etwas anginge - aber was tut ihr beiden Turtelt�ubchen da?� Graves lachte anz�glich, w�hrend er von einem verschwommenen Schemen hinter dem Lampenschein allm�hlich zu einer menschlichen Gestalt heranwuchs. �Ich komme jetzt runter. Also bringt zu Ende, womit auch immer ihr gerade besch�ftigt seid, und zieht euch an.�</p><p>Mogens atmete erleichtert auf, fuhr aber zugleich auch hastig wieder zu Janice herum. �Bleib, wo du bist, Jonathan! <emphasis>Janice!�</emphasis></p><p>Das letzte Wort hatte er geschrien, doch Janice reagierte nicht, sondern stand weiter wie gel�hmt da und starrte ihn aus weiten Augen an. Mogens h�rte, wie Graves weiter die Treppe herunterkam. Der Lichtschein seiner Laterne begann sich mit dem von Mogens' Lampe zu vermischen, und er sagte irgendetwas in sp�ttischem Ton, das Mogens nicht verstand.</p><p>�Janice�, flehte er. �Bitte.�</p><p>�Aber, Mogens... was...?� Janice brach mit einem erschrockenen Keuchen ab und schlug die Hand vor den Mund, als ein unheimlicher, scharrender Laut erscholl. Aber er kam nicht aus dem Tunnel. Er hatte sich get�uscht. Das Scharren drang <emphasis>aus dem Sarkophag!</emphasis></p><p>Die Kerze, die Janice auf seinem Rand abgestellt hatte, begann zu zittern. Ihr Licht flackerte heftiger, und mehr und schnellere kleine Schattentierchen huschten �ber Janices Gesicht. Das Scharren erklang erneut, aber lauter diesmal, <emphasis>schwerer, </emphasis>wurde zum dumpfen r�chelnden Schleifen von Stein auf Stein, und die Kerze zitterte noch st�rker, neigte sich zur Seite und fiel um. Nur f�r den Bruchteil eines Atemzuges verschlang die Finsternis Janices Gestalt, bevor er die Lampe wieder h�her hob und ihre erstickende Umarmung sprengte. Janice war zwei Schritte von dem Sarkophag zur�ckgewichen. Im hellgelben, tanzenden Licht der Petroleumlampe war ihr Gesicht bleich wie das einer Toten, und die Furcht hatte ihre Augen schwarz werden lassen.</p><p>�Was ist denn <emphasis>hier </emphasis>los?� Graves blieb auf der letzten Stufe stehen und hob den Arm, sodass sich der Schein seiner eigenen Laterne dem von Mogens' Lampe hinzugesellte. Das Scharren wurde lauter, und der Deckel des Sarkophags <emphasis>begann sich zu bewegen! </emphasis>Graves stie� ein erschrockenes Keuchen aus, und auch Janice schrie auf und schlug auch noch die andere Hand vor den Mund. Ein haarfeiner Riss entstand, weitete sich zu einem Spalt, in dem eine schlammverkrustete, dreifingerige Hand erschien, die sich kraftvoll um den steinernen Rand des Sarkophages schloss und den Spalt verbreiterte.</p><p>Janice kreischte. Graves lie� ein noch lauteres, entsetztes Keuchen h�ren, und der Spalt wurde noch breiter. Mogens versp�rte einen eisigen Schauer puren Entsetzens, als er die Hand deutlicher sah. Es war keine menschliche Hand, sondern eine gewaltige, fellbedeckte Pranke, gro� wie ein Schaufelblatt und mit f�rchterlichen Krallen. Ein muskul�ser, absurd langer Arm folgte, dann wurde der zentnerschwere Sargdeckel mit einem so gewaltigen Ruck zur Seite geschleudert, dass er quer durch den Raum flog und gegen die Wand prallte, wo er in St�cke brach.</p><p>Und der Wahnsinn gerann zu einem K�rper.</p><p>Mogens wusste nicht, ob er schrie, aber jemand schrie, das Licht begann einen irrsinnigen, stroboskopischen Tanz aufzuf�hren, in dem die Bewegungen des... <emphasis>Dings </emphasis>zu einer Abfolge rasend schnell aufeinander folgender Momentaufnahmen des Irrsinns wurden, und Mogens sah eine gr�ssliche, fellbedeckte Gestalt von vage menschen�hnlichem, verkr�ppeltem Wuchs, gr��er als ein Mann, aber viel massiger, mit unf�rmiger tonnenartigen Brust, langen peitschenden Armen und muskul�sen Beinen, deren Kniegelenke in irgendwie falschem Winkel angeordnet zu sein schienen, und f�rchterlichen Krallen an H�nden und F��en. Das Schlimmste aber war der Sch�del. Bis zum Hals hinauf hatte die Kreatur immerhin noch eine vage �hnlichkeit mit einem Menschen, doch alles, was dar�ber lag, war ein purer Albtraum. Der groteske Sch�del �hnelte entfernt dem eines Hundes, war jedoch breiter und gleichzeitig gedrungener und hatte gro�e, spitze Ohren, aus denen struppige Haarb�schel wuchsen. Die Schnauze war �berm��ig in die L�nge gezogen, unter der breiten Hundenase aber so gerade wie mit einem Messer abgeschnitten, und hinter den widerlich hellrosa wie n�ssendes Fleisch gl�nzenden Lefzen blitzte ein m�rderisches Gebiss aus Dutzenden schr�g stehender, dolchspitzer Z�hne. Der Kiefer musste kr�ftig genug sein, um einem Mann ohne sp�rbare Anstrengung einen Arm abzubei�en. Doch so albtraumhaft dieser Sch�del auch war, gab es doch noch eine Steigerung.</p><p>Es waren die Augen. Die groteske Kreatur hatte nicht die Augen eines Tieres, auch nicht die rot gl�henden Augen eines D�mons, sondern Augen, die Mogens f�r die eines Menschen gehalten h�tte, w�ren sie nicht von einer so abgrundtiefen Bosheit und einer Gier erf�llt gewesen, dass sich etwas in Mogens' Seele bei ihrem blo�en Anblick gekr�mmt h�tte wie ein waidwundes Tier.</p><p>Das alles sah Mogens in einer einzigen, nicht enden wollenden Sekunde. Dann wanderte das tanzende Licht weiter, das Ungeheuer stie� ein r�chelndes Knurren aus und warf sich mit einem unvorstellbar kraftvollen Satz auf Janice.</p><p>Mogens schleuderte die Laterne nach ihm. Die Petroleumlampe �berschlug sich zweimal in der Luft, traf das Ungeheuer genau zwischen den Schulterbl�ttern und zerbrach klirrend. Loderndes Petroleum ergoss sich �ber R�cken und Schultern der Kreatur und setzte ihr Fell in Brand, aber einige Spritzer der brennenden Fl�ssigkeit regneten auch auf Janices Haar und Kleider hinab, und ihre Schreie wurden noch gellender. Mogens st�rzte los, flankte mit der puren Kraft der Verzweiflung �ber den offen stehenden Sarkophag hinweg und rammte dem grotesken Gesch�pf die zusammengefalteten F�uste in den Nacken.</p><p>Es war, als h�tte er auf Fels geschlagen. Die Muskeln unter dem schlammverschmierten Fell waren hart wie Eisen, und Mogens schrie vor Schmerz auf, als das brennende Petroleum seine H�nde versengte. Das Ungeheuer fuhr dennoch mit einem w�tenden Knurren herum, lie� f�r einen Moment ab und schlug mit einem lichterloh brennenden Arm nach ihm. Mogens versuchte sich unter dem Hieb wegzuducken und gleichzeitig zur�ckzuschlagen, aber er war f�r das eine zu langsam, und das andere blieb ohne die geringste Wirkung. Er traf die Schnauze der Albtraumkreatur mit einem wuchtigen Fausthieb und sp�rte selbst, wie die Haut �ber seinen Fingerkn�cheln aufplatzte, als sie gegen den eisenharten Kiefer prallte, doch praktisch im selben Sekundenbruchteil traf auch ihn der Arm der Bestie.</p><p>Der Hieb war so gewaltig, dass Mogens von den F��en gerissen und nach hinten geschleudert wurde. Aus seinem gellenden Schrei wurde ein halb ersticktes Keuchen, als ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde, und er konnte selbst sp�ren, wie drei oder vier seiner Rippen gleichzeitig brachen. Mit hilflos rudernden Armen st�rzte er nach hinten und in den offen stehenden Sarkophag. Das Letzte, was er sah, war das brennende Ungeheuer, das sich br�llend vor Wut und Schmerz wieder zu Janice umwandte, um sie in die Arme zu schlie�en und mit sich in den Tunnel zu schleifen. Dann schlug sein Hinterkopf auf dem Rand des steinernen Sarges auf, und Mogens verlor das Bewusstsein.</p></section><section><title><p id="_4">4.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>�Ich wurde erst am n�chsten Morgen wieder wach�, schloss Mogens ersch�pft seinen Bericht. W�hrend der letzten Minuten war seine Stimme immer leiser geworden, und die letzten Worte hatte er fast nur noch gefl�stert. Sein Hals schmerzte, und obwohl Tom ihm die nassen Kleider ausgezogen und ihn in gleich drei warme Wolldecken gewickelt hatte, zitterte er vor K�lte noch immer am ganzen Leib. �Das ist jetzt neun Jahre her, aber ich habe den Anblick dieser gr�sslichen Kreatur niemals vergessen. Und vergangene Nacht habe ich sie wiedergesehen.�</p><p>Tom goss einen weiteren Becher Kaffee ein - es war der dritte, wenn Mogens richtig gez�hlt hatte, m�glicherweise aber auch schon der vierte - und reichte ihn Mogens, bevor er sich neben ihn auf die Bettkante setzte. Mogens nahm einen tiefen Schluck und schloss beide H�nde um den emaillierten Kaffeebecher, aber weder die innere noch die �u�ere W�rme zeitigten die erhoffte Wirkung. Irgendetwas in ihm schien zu Eis erstarrt zu sein, endg�ltig und unwiderruflich.</p><p>�Aufm Friedhof�, vermutete Tom.</p><p>Mogens nickte. Er nahm einen weiteren Schluck. Der Kaffee war so hei�, dass er sich fast die Zunge verbrannte, aber das Gef�hl, innerlich zu Eis zu erstarren, wurde eher noch schlimmer. �Ja�, sagte er. �Ich habe die ganzen Jahre versucht, mir einzureden, dass alles nur eine schreckliche Halluzination gewesen ist. Der Schock �ber Janices Tod, oder vielleicht auch ausgel�st von dem Schlag auf den Hinterkopf. So etwas kommt vor, wei�t du? Menschen verlieren ihr Ged�chtnis oder glauben sich an Dinge zu erinnern, die sie niemals erlebt haben.�</p><p>�Ich hab davon geh�rt�, sagte Tom.</p><p>�Aber gestern Nacht habe ich dieses Gesch�pf gesehen.� Mogens' Stimme wurde schrill. �Ich habe ihm gegen�bergestanden, Tom, Auge in Auge! Und ich schw�re dir, es war dieselbe Kreatur, die ich damals auf dem Friedhof gesehen und f�r Graves gehalten habe und die Janice...� Seine Stimme versagte, aber Tom verstand ihn trotzdem. Er sagte zwar nichts, aber in seinen Augen erschien ein Ausdruck ehrlichen Mitgef�hls.</p><p>�Und was passierte dann?�, fragte er nach einer Weile. �Damals in Harvard. Ich meine: Hat man Ihre Freundin gefunden?�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens. Er nippte - diesmal vorsichtiger - wieder an seinem Kaffee und schluckte schwer, ehe er weitersprach. �So wenig wie Marc und Ellen. Nachdem ich erwacht war, hat man mir erz�hlt, dass der Stollen eingest�rzt ist, in den dieses... <emphasis>Ding </emphasis>Janice gezerrt hat. Ich selbst bin nie wieder in dieses Mausoleum gegangen, aber ich habe geh�rt, dass sie sogar ein paar Yards weit gegraben haben, bis sie wieder aufh�ren mussten, weil der Tunnel einzust�rzen drohte und es einfach zu gef�hrlich wurde. Sie haben keine Spur von ihr gefunden. Weder von Janice noch von den beiden anderen.�</p><p>�Und Sie?�, fragte Tom mitf�hlend.</p><p>�Was glaubst du?�, antwortete Mogens bitter. �F�r die Polizei war der Fall ganz eindeutig. Sie hatten das aufgebrochene Schloss und den ge�ffneten Sarg. Zwei junge Leute, die sich nachts auf dem Friedhof treffen, und von denen einer eine allgemeine Vorliebe f�r alle m�glichen obskuren Dinge hat...� Er hob mit einem angedeuteten Seufzen die Schultern. �Und dazu noch die Kautschukmaske, die sie in meiner Jackentasche fanden. Nein, Tom - f�r den ermittelnden Polizeibeamten war der Fall schon aufgekl�rt, bevor ich das Bewusstsein zur�ckerlangte.�</p><p>�Und Sie haben niemandem von diesem... Gesch�pf erz�hlt?�, fragte Tom.</p><p>Mogens seufzte noch tiefer. �Das war mein schwerster Fehler, Tom. Ich habe davon erz�hlt, aber das hat alles nur noch viel schlimmer gemacht. Niemand hat mir geglaubt. Weder die Polizei, noch meine Kollegen und Professoren, oder die, die ich f�r meine... <emphasis>Freunde </emphasis>gehalten habe.� Er machte ein leises, bitteres Ger�usch, von dem er selbst nicht genau wusste, ob es ein Lachen oder das genaue Gegenteil war. �Die meisten hielten es f�r eine dumme Ausrede. Einige hielten mich schlichtweg f�r verr�ckt. Niemand hat mir geglaubt. Ich glaube, ich h�tte es auch nicht, w�re es anders herum gewesen.�</p><p>�Aber Graves!�, entfuhr es Tom. �Ich... ich meine: der Doktor! Er muss das Monster doch auch gesehen haben?�</p><p>�Das dachte ich auch�, sagte Mogens leise. �Aber da habe ich mich wohl geirrt.�</p><p>Tom sah ihn zweifelnd an. Er sagte nichts, aber Mogens sp�rte, dass es ihm schwer fiel, dieser letzten Bemerkung zu glauben. Und warum sollte er auch? Sie war gelogen. Die Wahrheit war, dass Graves abgestritten hatte, in dieser Nacht auch nur auf dem Friedhof gewesen zu sein. Die Wahrheit war, dass es <emphasis>Graves </emphasis>gewesen war, der den untersuchenden Polizeibeamten von seiner Obsession f�r alles Okkulte und �bersinnliche erz�hlt hatte, und die Wahrheit war, dass er, Mogens, vier Monate in einer Gef�ngniszelle verbracht hatte, und nur der Tatsache, dass die Universit�t einen Skandal gescheut und interveniert hatte, hatte er es zu verdanken, dass er sich nicht, aller seiner akademischen Grade entkleidet, anschlie�end auf der Anklagebank eines Gerichts wiedergefunden hatte. Graves war es gewesen, der eine Woche sp�ter im Zug nach New Orleans gesessen hatte, um die Stelle anzutreten, die eigentlich f�r ihn vorgesehen gewesen war, und in die Wohnung einzuziehen, die auf Janice und ihn gewartet hatte. Und Mogens hatte in der Folge feststellen m�ssen, dass es schwarze Listen nicht nur gab, sondern dass sie offensichtlich zu den meistgelesenen Schriften des Landes geh�rten.</p><p>Nichts von alledem sprach er aus. Er hatte Tom schon deutlich mehr verraten als irgendeinem anderen Menschen auf der Welt vor ihm - tats�chlich hatte er mit <emphasis>niemandem </emphasis>�ber die Ereignisse jener schrecklichen Nacht gesprochen, seit er Harvard verlassen hatte -, aber er wollte ihn nicht auch noch mit seinen pers�nlichen Problemen belasten.</p><p>Toms Blick machte ihm jedoch klar, dass er das meiste von dem, was Mogens gerade nicht ausgesprochen hatte, wohl ohnehin erraten haben musste; wenn schon nicht im Detail, so doch zumindest dem Sinn nach. Mogens hatte ja auch von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, dass Graves und er keine Freunde waren. Tom schien auch etwas dazu sagen zu wollen, doch in diesem Moment wurden drau�en Stimmen laut, und der Junge stand stirnrunzelnd auf, ging zur T�r und �ffnete sie, um hinauszusehen. Auch Mogens versuchte einen Blick nach drau�en zu erhaschen, aber Tom hatte die T�r nur einen Spaltbreit ge�ffnet und verstellte ihm zus�tzlich den Blick.</p><p>�Bin gleich zur�ck, Professor�, sagte er, trat mit einem raschen Schritt vollends hinaus und zog die T�r hinter sich zu. Mogens sah nur ein rasches Flackern der grau heraufziehenden D�mmerung, bevor sich die T�r wieder schloss, aber immerhin h�rte er die Stimmen f�r diesen Moment deutlicher, sodass er nicht nur eine davon als die von Jonathan Graves identifizieren konnte, sondern auch ihren erregten Tonfall h�rte. Anscheinend war dort drau�en ein heftiger Streit im Gange. Mogens �berraschte dies jedoch ebenso wenig, wie es ihn im Grunde interessierte. Er konnte sich niemanden vorstellen, mit dem Jonathan Graves nicht �ber kurz oder lang in Streit geriet.</p><p>Seine Gedanken waren im Moment jedoch weit mehr mit Tom besch�ftigt - und dem zur�ckliegenden Abend, nat�rlich. Er erinnerte sich nicht, was weiter auf dem Friedhof passiert war, und ebenso wenig konnte er sagen, wie er wieder hierher in seine Blockh�tte gekommen war. Tom hatte ihm erz�hlt, dass er ihn gefunden und hierher zur�ckgetragen hatte, und wie die Dinge lagen, hatte Mogens keinen Grund, am Wahrheitsgehalt dieser Behauptung zu zweifeln - auch wenn es ihm zugegebenerma�en schwer fiel, sich vorzustellen, dass dieser schm�chtige Junge ihn ganz allein �ber die f�nf Fu� hohe Friedhofsmauer gehoben und dann bis hierher getragen haben sollte. Auf der anderen Seite: Warum sollte Tom ihn bel�gen? Er hatte keinen Grund dazu, und davon abgesehen weigerte sich Mogens einfach, sich Tom als L�gner vorzustellen. Er hatte selten einen Menschen getroffen, zu dem er rascher und vorbehaltloser Vertrauen gefasst hatte als zu diesem sanften, fast femininen Jungen. Auch dass er sich ihm so ganz selbstverst�ndlich anvertraut hatte, machte ihm erstaunlich wenig aus. Als gebildetem Mann war ihm nat�rlich klar, dass er sich in einer Ausnahmesituation befunden hatte; einer Lage, in der er einfach mit jemandem reden musste, um nicht an dem Entsetzen zu zerbrechen, das die Erinnerungen heraufbeschworen hatten. Wahrscheinlich h�tte er sich jedem anvertraut, der bei seinem Erwachen neben seinem Bett gesessen h�tte; selbst wenn es Miss Preussler gewesen w�re.</p><p>Das Besondere war, dass es ihm bei Tom nichts ausmachte. Nachdem er damals mit Schimpf und Schande aus Harvard davongejagt worden war, hatte er die Geschichte niemandem erz�hlt, und noch vor Tagesfrist h�tte er geschworen, dieses Geheimnis eines Tages mit ins Grab zu nehmen. Dennoch hatte es ihm nichts ausgemacht, Tom von den Ereignissen jener schicksalhaften Nacht erz�hlt zu haben. Bei jedem anderen w�re ihm diese Entgleisung so peinlich gewesen, dass er unverz�glich abgereist w�re, um nie wieder zur�ckzukommen. Bei Tom aber war sein Geheimnis in guten H�nden, das sp�rte er einfach. Immerhin hatte ihm der Junge gestern Nacht m�glicherweise das Leben gerettet. Wenn er nicht rechtzeitig genug aufgetaucht w�re... Mogens schauderte bei dem blo�en Gedanken, allein und schutzlos der Gnade dieser hundek�pfigen Bestie ausgeliefert zu sein.</p><p>K�nnte er sich doch wenigstens erinnern, was geschehen war, nachdem er sich herumgedreht und so unversehens dem Schrecken aus seiner Vergangenheit gegen�bergestanden hatte! Aber da war nichts. Seine Erinnerungen endeten mit dem Anblick jenes gr�sslichen, wolfsschn�uzigen Gesichts, und das N�chste, was er gesehen hatte, war Tom, der auf einem Schemel neben seinem Bett sa� und geduldig darauf wartete, dass er erwachte.</p><p>Die T�r ging auf, und Tom kam zur�ck. Mogens erinnerte sich an den lautstarken Streit, dessen Ohrenzeuge er zumindest zum Teil geworden war, und versuchte in Toms Gesicht zu lesen, aber es gelang ihm nicht. �Was war los?�, fragte er gerade heraus. Als Tom auch darauf nur mit einem ausweichenden Schulterzucken antwortete, f�gte er hinzu: �Du bekommst doch meinetwegen hoffentlich keinen �rger mit Graves?�</p><p>�Nein�, antwortete Tom. �Es ist einer von den Maulw�rfen.�</p><p>Im ersten Moment sah Mogens ihn nur verst�ndnislos an, aber dann erinnerte er sich an das Gespr�ch, das Tom und er gestern im Wagen gef�hrt hatten.</p><p>�Einer der Geologen?�</p><p>�Sie schleichen st�ndig um das Lager und auf dem Friedhof herum�, best�tigte Tom. �Doktor Graves ist sehr w�tend dar�ber. Einmal hat er sogar damit gedroht, den n�chsten von ihnen zu erschie�en, den er auf dem Grabungsfeld erwischt.� Er hob die Schultern. �Ich glaube zwar nicht, dass er das wirklich tun w�rde, aber es <emphasis>klang </emphasis>ziemlich �berzeugend.�</p><p>Zumindest in einem Punkt stimmte Mogens mit Tom �berein: Auch er glaubte nicht, dass Graves' Drohung, auf die Geologen zu schie�en, ernst gemeint gewesen war. Jonathan Graves verf�gte �ber weit subtilere Mittel, seine Ziele zu erreichen.</p><p>�M�chten Sie noch 'nen Kaffee, Professor?�, fragte Tom.</p><p>Mogens reichte ihm zwar den leeren Becher, sch�ttelte aber zugleich auch den Kopf und bedeutete ihm mit einer Geste, ihn auf den Tisch zu stellen. �Ich glaube, ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt, Tom�, sagte er. �Ohne dich w�re ich jetzt nicht mehr am Leben.�</p><p>�Unsinn�, widersprach Tom impulsiv, machte f�r eine Sekunde ein erschrockenes Gesicht und verbesserte sich dann hastig und mit einem verlegenen L�cheln: �Ich meine: Wie kommen Sie denn darauf?�</p><p>�Nun, wenn mich dieses Ungeheuer...�</p><p>�Aber da war kein Ungeheuer, Professor�, fiel ihm Tom ins Wort.</p><p>�Was soll das hei�en, kein Ungeheuer!�, sagte Mogens. �Ich habe es doch genau gesehen!�</p><p>Tom antwortete nicht gleich, und als er es tat, sprach er mit leiserer, ver�nderter Stimme und ohne Mogens dabei ins Gesicht zu sehen. �Ich f�rchte, <emphasis>ich </emphasis>bin es, der sich bei Ihnen entschuldigen muss, Professor�, sagte er. �Sie haben gestern Abend kein Ungeheuer gesehen, sondern mich.�</p><p>�Dich?� Mogens sch�ttelte heftig den Kopf. �Ganz bestimmt nicht, Tom. Ich wei�, was ich gesehen habe. Ich wollte das Licht einschalten, aber es funktionierte nicht, und da habe ich mich daran erinnert, dass du gesagt hast, ich brauchte nur nach dir zu rufen, wenn ich etwas wollte. Also bin ich nach drau�en gegangen, um nach dir zu suchen. Dabei habe ich Schritte geh�rt, und einen Schatten gesehen. Jemand ist durch das Lager geschlichen.�</p><p>�Wir schalten den Generator aus, sobald der Letzte den Tempel verlassen hat�, sagte Tom. �Er ben�tigt 'ne Menge Treibstoff, der eigens aus Frisco hergeschafft werden muss.� Er hob die Schultern. �Ich h�tt Ihnen das sagen sollen. Verzeihen Sie.�</p><p>Als ob das jetzt eine Rolle spielte! �Ich <emphasis>habe </emphasis>jemanden gesehen�, beharrte Mogens. �Und ich bin ihm nachgegangen. Er ist durchs Lager geschlichen und hinaus zum alten Friedhof!�</p><p>�Das war ich�, sagte Tom.</p><p>Mogens starrte ihn an. �Du?�</p><p>�Ich mach jeden Abend eine Runde durch das Lager�, best�tigte Tom. �Manchmal sogar zus�tzlich noch mal in der Nacht. Manchmal schleichen Neugierige hier rum. Kinder aus der Stadt oder auch Indianer, die alles stehlen, was nicht niet- und nagelfest ist, um es gegen Schnaps einzutauschen. Und auch Leute mit... weniger harmlosen Absichten. Manchmal geh ich auch hinaus zum alten Friedhof, um dort nach dem Rechten zu sehen. Gestern Abend war ich auch dort. Ich hatte die ganze Zeit �ber das Gef�hl, dass mir jemand folgt, also hab ich mich hinter einem alten Grabstein versteckt und gewartet. Und als Sie dann n�her gekommen sind...� Er machte ein schuldbewusstes Gesicht und sah Mogens mit sichtlicher Kraftanstrengung nun doch in die Augen. �Es tut mir wirklich Leid, Professor. Wenn ich geahnt h�tte, dass ich Sie so erschrecke, dann h�tt ich mich fr�her bemerkbar gemacht.�</p><p>�Das ist l�cherlich!�, sagte Mogens. Seine Stimme zitterte. �Warum tust du das, Tom? Um mich zu beruhigen? Das brauchst du nicht. Ich wei�, was ich gesehen habe!�</p><p>Aber wusste er das wirklich? Was, wenn Tom Recht hatte und tats�chlich <emphasis>er </emphasis>es gewesen war, den er gesehen hatte, und nicht die Bestie aus seiner Vergangenheit? Dann m�sste er zugeben, dass er sich wie eine hysterische alte Jungfer vor einem Schatten erschreckt hatte und in Ohnmacht gefallen war.</p><p>�Ich wei�, was ich gesehen habe�, beharrte er. Selbst in seinen eigenen Ohren klang es trotzig, nicht mehr wirklich �berzeugt.</p><p>�Das bezweifle ich nicht�, antwortete Tom. �Aber k�nnte es nicht auch so gewesen sein: Sie haben diese schreckliche Geschichte erlebt, vor fast zehn Jahren. Doktor Graves ist nicht Ihr Freund, und allein ihn wiedergesehen zu haben muss all die schlimmen Erinnerungen wieder in Ihnen geweckt haben - und dazu noch die ganzen unheimlichen Sachen, die da unten im Tempel sind und von denen ein normaler Mensch alleine schon Albtr�ume bekommt.�</p><p>�Wof�r h�ltst du dich eigentlich?�, fragte Mogens b�se. �F�r einen Psychiater?�</p><p>�Und dann haben Sie Schritte geh�rt und sind mir nachgeschlichen. Noch dazu auf einem Friedhof�, fuhr Tom unger�hrt fort. �Und pl�tzlich waren all die Erinnerungen wieder da. Ihr Zorn auf den Doktor, dem Sie nie verziehen haben, dass er Sie so im Stich gelassen hat. Der Schmerz �ber den Verlust Ihrer Freundin, und die Erinnerung an diese furchtbare Nacht - und dann noch dieser Friedhof, der sogar mir manchmal unheimlich ist.� Er sch�ttelte seufzend den Kopf. �Als ich so dumm war, wie aus dem Nichts vor Ihnen aufzutauchen, da <emphasis>mussten </emphasis>Sie ja dieses... Ding sehen. Mir war es jedenfalls so ergangen. Und ich glaube, jedem anderen auch.�</p><p>Mogens starrte den jungen Mann aus aufgerissenen Augen an. Er konnte nicht sagen, was ihn mehr schockierte: die zwingende Logik, die aus Toms Worten sprach, oder die Leichtigkeit, mit der der Junge seine Situation erkannt und analysiert hatte. Ein ungebildeter Waisenjunge vom Lande, der nicht einmal wusste, wie alt er war? L�cherlich! Wer zum Teufel <emphasis>war </emphasis>dieser Junge?</p><p>Mogens stellte die Frage laut.</p><p>�Sie schmeicheln mir, Professor�, antwortete Tom. �Aber diesmal irren Sie sich. Ich bin nicht sehr klug. Aber ich bin ein guter Beobachter, und ich hab 'ne Menge Zeit, um nachzudenken.�</p><p>�Und du liebst es, Spielchen zu spielen�, f�gte Mogens finster hinzu. Aber es war sonderbar: Es gelang ihm einfach nicht, wirklich zornig auf Tom zu werden. Nicht einmal jetzt. So zwingend Toms Argumentation sich im ersten Moment auch anh�rte, wusste er doch, dass sie nicht stimmte. Aber etwas in ihm wollte, dass sie <emphasis>wahr </emphasis>war.</p><p>�Nein�, erwiderte Tom lachend. Mogens h�tte den Finger nicht auf den Unterschied legen k�nnen, aber von einem Moment auf den anderen war er wieder der sch�chterne blasse Junge, den noch deutlich mehr Jahre vom Mannsein als von der Kindheit trennten und der aus gro�en neugierigen Augen in eine Welt blickte, die er nicht verstand, und dem er deutlich mehr Vertrauen entgegenbrachte, als vielleicht gut war. �Ich mach mir nur Sorgen um Sie, Professor. Ich wei�, es steht mir nicht zu, aber...� Er suchte einen Moment vergeblich nach Worten und rettete sich schlie�lich in ein Schulterzucken. �Sie sind anders als Doktor Graves und die anderen.�</p><p>�Anders?�</p><p>Die T�r wurde aufgerissen, und Graves st�rmte herein. Sein Gesicht war dunkel vor Zorn, und er warf die T�r mit solcher Wucht hinter sich zu, dass Tom auf seinem Stuhl erschrocken zusammenfuhr und aufsprang.</p><p>�Verdammte Schlammw�hler!�, polterte er. �Nicht einmal...� Er stockte, sowohl mitten im Satz als auch in der Bewegung. Sein Kopf bewegte sich rasch von rechts nach links und wieder zur�ck, und Mogens war klar, dass er mit einem einzigen Blick nicht nur den gesamten Raum, sondern auch die Situation erfasste. Am Ende der Bewegung blieb sein Blick auf Mogens' schlammverkrusteten Schuhen und den verdreckten Kleidern h�ngen, die in einem unordentlichen Haufen neben seinem Bett auf dem Boden lagen.</p><p>�Hast du das Lager verlassen, Mogens?�, fragte er. Ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr er zu Tom herum. Der Zorn in seinen Augen wurde nicht wirklich st�rker, nahm aber eine andere Qualit�t an.</p><p>�Tom!�, schnappte er. �Ich hatte dich angewiesen, Professor VanAndt dahingehend zu unterrichten, dass niemand ohne mein ausdr�ckliches Einverst�ndnis das Gel�nde zu verlassen hat!�</p><p>�Das hat er�, sagte Mogens rasch, und noch bevor Tom auch nur dazu ansetzen konnte, sich zu verteidigen. Graves zog nachdenklich die Brauen zusammen, und auch Tom hatte sich f�r eine halbe Sekunde nicht wirklich in der Gewalt, denn er sah ihn regelrecht fassungslos an, was Graves nat�rlich keineswegs entging.</p><p>�Es ist nicht seine Schuld�, fuhr Mogens in bestimmterem, lauterem Ton fort. �Tom hat mich schon auf der Autofahrt hierher von deinem Wunsch in Kenntnis gesetzt.� Er setzte sich gerade auf und widerstand der Versuchung, die Decke enger um die Schultern zu ziehen, als ihm ein weiterer kalter Schauer �ber den R�cken lief. Mit Graves schien ein Schwall eisiger Luft hereingekommen zu sein, aber Mogens war nicht einmal sicher, ob sein Fr�steln daran lag oder an den eisigen Blicken, mit denen Graves ihn ma�.</p><p>�Aber anscheinend nicht deutlich genug�, sagte er schlie�lich - in einem Ton, der keinen Zweifel daran lie�, wie wenig Glauben er Mogens' Worten schenkte.</p><p>�Oh, Tom war schon deutlich genug�, antwortete Mogens k�hl. �Mir ist nur noch nicht ganz klar, in welcher Eigenschaft ich eigentlich hier bin, Jonathan. Als Mitarbeiter oder als Gefangener.�</p><p>Graves runzelte noch heftiger die Stirn. Er sagte nichts.</p><p>�Nun?� Mogens stand auf und sah Graves herausfordernd in die Augen. �Was genau bin ich?�</p><p>Graves' Lippen wurden zu einem schmalen, fast blutleeren Strich. Doch statt auf seine Frage zu antworten, machte er eine abgehackte Kopfbewegung auf den Haufen schmutziger Kleider zu seinen F��en, w�hrend derer er Mogens aber keinen Sekundenbruchteil aus den Augen lie�. �Was ist passiert?�</p><p>�Ich war ungeschickt�, antwortete Mogens. �Ohne Tom h�tte die Sache vielleicht ein b�ses Ende genommen. Du solltest ihm dankbar sein, statt ihm Vorhaltungen zu machen.�</p><p>�Was dir klar machen sollte, dass meine Anweisung einen Sinn hat, Mogens�, versetzte Graves. �Die Umgebung hier ist nicht ohne Gefahr - vor allem f�r jemanden, der sich nicht auskennt. In diese S�mpfe ist schon so mancher hineingegangen, der nie wieder herausgekommen ist.� Er hob die Schultern, als w�re damit alles gesagt, und wandte sich direkt an Tom. �Hast du nichts zu tun?�</p><p>Tom verschwand so schnell, als h�tte er sich buchst�blich in Nichts aufgel�st - allerdings erst, nachdem er Mogens noch einen raschen, dankbaren Blick zugeworfen hatte, der Graves ebenso wenig entging wie sein Erstaunen zuvor.</p><p>�Warum sch�tzt du ihn?�, fragte er, kaum dass sie allein waren. Da Mogens nicht antwortete, fuhr er mit einem neuerlichen Achselzucken und mit einem angedeuteten Seufzen fort: �Du magst den Jungen, was ich verstehen kann. Jeder mag ihn. Er ist ein kluger Bursche, und ausgesprochen nett. Aber er braucht eine starke Hand. Und ich sch�tze es nicht, wenn einer mit den Angestellten fraternisiert.� Er hob die behandschuhte Rechte, als Mogens auffahren wollte. �In einer Stunde sp�testens wirst du verstehen, warum ich auf diesen Sicherheitsvorkehrungen bestehe.� Er sah sich suchend um.</p><p>�Hast du noch einen Kaffee f�r einen ehemaligen Studienkollegen �brig?�</p><p>Mogens ignorierte den vers�hnlichen Ton in Graves' Stimme ebenso geflissentlich wie seinen Versuch, ein L�cheln auf seine Z�ge zu zwingen. Es blieb bei dem Versuch. Jonathan Graves' Gesicht war nicht von der Art, die zu einem L�cheln war.</p><p>�Da steht welcher�, sagte er mit einer Kopfbewegung in Richtung Tisch. Gleichzeitig streifte er die Decke ab, b�ckte sich nach seinem Koffer und klappte ihn auf, um sich frische Kleider zu nehmen.</p><p>�Zieh nicht unbedingt deinen besten Sonntagsstaat an�, riet ihm Graves, der irgendwo hinter seinem R�cken lautstark mit Tassen und Geschirr klapperte. �Wir m�ssen durch etwas... unwegsames Gel�nde.�</p><p>Mogens registrierte das kurze Stocken in seinen Worten sehr wohl, ebenso, wie ihm klar war, dass es dem einzigen Zweck diente, ihn zu einer entsprechenden Frage zu provozieren. Er tat ihm nicht den Gefallen, sondern schwieg beharrlich, h�rte aber dann doch auf seinen Rat und w�hlte die einfachsten Kleider, die er in seiner ohnehin bescheidenen Auswahl fand.</p><p>W�hrend er sich ankleidete, konnte er h�ren, wie Graves sich einen Becher Kaffee einschenkte und Platz nahm. Etwas an seinem Schweigen machte Mogens klar, dass Graves auf eine ganz bestimmte Reaktion oder Frage seinerseits wartete, und vielleicht h�tte er ihm den Gefallen sogar getan, h�tte er nicht in der Bewegung einen kurzen, fast unabsichtlichen Blick aus den Augenwinkeln auf Graves' Gesicht aufgefangen. Es war nur ein vager Eindruck; eine rasche Vision aus jenem schmalen Grenzbereich, in dem das wirklich Gesehene nicht mehr ausreichte und von den gespeicherten Informationen aus dem Ged�chtnis - oder der Fantasie - erg�nzt werden musste; und in diesem Fall wohl ganz eindeutig aus seiner Fantasie. Denn was Mogens in jenem kurzen, irrealen Augenblick sah, das war nicht Graves' Gesicht, sondern eine albtraumhafte Larve, die nur oberfl�chliche �hnlichkeit mit einem menschlichen Antlitz hatte. Durch Graves' Z�ge schimmerte etwas Raubtierhaftes, Wildes, das sich normalerweise unter seinen menschlichen Z�gen verbarg, nun aber, aus diesem ganz bestimmten Blickwinkel und in diesem ganz bestimmten Moment, durch die Oberfl�che des normalerweise Sichtbaren hindurchschimmerte. Vielleicht sah er Graves in diesem Moment zum allerersten Mal so, wie er wirklich war; nicht das, wonach er aussah, sondern das, was er <emphasis>war: </emphasis>Ein reptilienhaftes <emphasis>Ding, </emphasis>das lauerte und schlich und auf seine Gelegenheit wartete, zuzuschlagen.</p><p>Und selbstverst�ndlich war es nicht wirklich Graves, den er sah. Es war das, was er sehen <emphasis>wollte, </emphasis>das Bild von Doktor Jonathan Graves, das er sich in dem zur�ckliegenden Jahrzehnt zurechtgelegt hatte, die Essenz von mehr als neun Jahren Hass, verletztem Stolz und Selbstzerfleischung. Mogens war sich dieses Umstandes vollkommen bewusst, wie er sich auch dar�ber im Klaren war, dass <emphasis>er </emphasis>es war, der sich damit ins Unrecht setzte. Dennoch f�hrte diese blitzartige dunkle Vision dazu, dass er Graves nicht antwortete, sondern sich im Gegenteil weit mehr Zeit dabei lie�, sich anzukleiden, als notwendig gewesen w�re. Er kam sich selbst durch und durch albern dabei vor, seiner kindischen Furcht zu erliegen, aber sein Herz klopfte bis zum Hals, als er sich schlie�lich aufrichtete und umwandte.</p><p>Graves hatte einen Stuhl umgedreht, sa� rittlings darauf und hatte die Handgelenke l�ssig auf der Stuhllehne aufgest�tzt. Dann und wann nippte er an dem Kaffee, den er sich eingeschenkt hatte, w�hrend er Mogens aus seinen kalten, fast ausdruckslosen Augen musterte.</p><p>�Einen Penny f�r deine Gedanken, Mogens�, sagte er.</p><p>�Lieber nicht�, antwortete Mogens. �Du wolltest mir etwas zeigen?�</p><p>Graves sah ein bisschen verletzt aus. �Wir hatten keinen guten Start, wie?�, sagte er, Mogens' Frage ignorierend. �Das tut mir Leid. Ich hatte es mir anders vorgestellt, nach all der Zeit. Vielleicht zu einfach. Mein Fehler. Es tut mir Leid.�</p><p>�Dir tut etwas Leid?� Mogens zog die linke Augenbraue hoch. �Es f�llt mir ein wenig schwer, das zu glauben.�</p><p>�Gib mir eine Chance.�</p><p>�Die gleiche, die du mir gegeben hast?� Mogens suchte vergebens nach einer Antwort auf die Frage, warum er sich �berhaupt auf diese Diskussion einlie�. Er war fast erstaunt, seine eigene Stimme zu h�ren, als er fortfuhr: �Warum hast du nichts gesagt, damals? Ein einziges Wort, Jonathan, und...�</p><p>�... nichts h�tte sich ge�ndert�, fiel ihm Graves ins Wort. �Sie h�tten mir ebenso wenig geglaubt wie dir, Mogens. Wir h�tten beide als verr�ckt gegolten, das w�re der einzige Unterschied gewesen - und w�ren vielleicht beide ins Gef�ngnis gegangen.�</p><p>�Und da hast du es vorgezogen, dass ich allein als verr�ckt gelte�, sagte Mogens bitter.</p><p>Graves trank einen langen Schluck Kaffee, w�hrenddessen er Mogens durchdringend �ber den Rand der Tasse hinweg ansah. Dann sagte er ganz ruhig: �Ja.�</p><p>W�re er aufgestanden und h�tte Mogens warnungslos ins Gesicht geschlagen, h�tte der Schock nicht gr��er sein k�nnen. �Wie bitte?�, kr�chzte er.</p><p>�Bist du jetzt schockiert?�, fragte Graves. �Ich an deiner Stelle w�re es.�</p><p>Es dauerte einige Sekunden, bis Mogens die wahre Implikation dieses Gest�ndnisses aufging. �Dann... dann hast du es auch gesehen?� Sein Herz jagte. Er hatte Angst vor Graves' Antwort. Panische Angst.</p><p>Wieder trank Graves einen Schluck Kaffee, bevor er antwortete. Seine gef�hllosen Augen musterten Mogens in dieser Zeit, die sich zu einer endlosen Aufeinanderfolge zeitloser Ewigkeiten der Qual dehnte, so kalt, als sp�re er seine Pein genau und dehne diesen Moment bewusst lang hinaus, um sich daran zu weiden. Aber dann hob er die Schultern und sagte in sehr leisem, nachdenklichem Ton: �Ich wei� nicht, was ich gesehen habe. Ich habe <emphasis>etwas </emphasis>gesehen, das stimmt, aber ich wei� nicht, was es war. Wei�t du es?�</p><p>Als ob er diesen Moment je vergessen k�nnte, und wenn er hundert Jahre alt wurde! Das Bild hatte sich unausl�schlich in sein Ged�chtnis eingebrannt, eine Narbe in seinem Kopf, die niemals heilen w�rde, so wenig, wie sie je aufh�ren w�rde zu schmerzen: Janice, die von einem Ungeheuer mit lodernden Schultern und Kopf davongeschleift wurde und ebenso verzweifelt wie vergeblich um Hilfe schrie, und den unwiderruflich letzten Blick, den er aus ihren Augen aufgefangen hatte. Es war nicht die Todesangst gewesen, mit der er gerechnet hatte. Vielleicht - sicher - war sie da gewesen, aber was <emphasis>Mogens </emphasis>gesehen hatte, war das verzweifelte Einfordern eines Versprechens, das er ihr nie laut, sehr wohl aber im Stillen f�r sich gegeben hatte, und das er nun nicht mehr einhalten konnte: Das Versprechen, immer und unter allen Umst�nden f�r sie da zu sein, sie vor jeder Gefahr zu besch�tzen, und sei es mit seinem eigenen Leben. Er hatte dieses Versprechen nicht eingehalten, und es spielte keine Rolle, warum.</p><p>�Gib mir eine Chance, Mogens�, sagte Graves. �Ich bitte dich.�</p><p>�Dir?� Der beinahe flehende Ton in Graves' Stimme machte es Mogens unm�glich, all die Verachtung in seine Stimme zu legen, die er f�r ihn empfand. Nicht einmal einen Bruchteil.</p><p>�Oh, ich verstehe.� Pl�tzlich war ein h�hnischer, b�ser Ton in seiner Stimme, und seine Augen blitzten. �DU musst niemandem eine zweite Chance geben, nicht wahr? Warum auch? Dir ist wehgetan worden. Du hast einen schrecklichen Verlust erlitten, und vor allem und am schlimmsten: Man hat dir Unrecht getan. Und daraus leitest du jetzt das Recht ab, f�r den Rest deines Lebens alles Leid dieser Welt f�r dich reklamieren zu k�nnen.�</p><p>Er beugte sich vor und verzog die Lippen zu einem Ausdruck, den Mogens im ersten Moment f�r ver�chtlich hielt, bis ihm sein Irrtum klar wurde.</p><p>�Du h�ltst mich f�r ein Ungeheuer, nicht wahr? Du glaubst, du h�ttest das alleinige Recht auf Schmerz und Leid?� Er schnaubte. �Was bildest du dir eigentlich ein, VanAndt?�</p><p>�Ich?�, �chzte Mogens. Er war vollkommen fassungslos. Er hatte buchst�blich mit allem gerechnet - aber nicht damit, dass Jonathan seinerseits zum Angriff �bergehen und <emphasis>ihm </emphasis>Vorw�rfe machen w�rde Das war... absurd.</p><p>�Ja, du!�, schnappte Graves. Seine Hand schloss sich mit einem so heftigen Ruck um den emaillierten Becher, dass das d�nne Metall wie das Blech einer leeren Konservendose zusammengequetscht wurde. Kaffee spritzte und lief �ber seine in schwarzes Leder geh�llten H�nde, ohne dass er es auch nur bemerkte. �Was glaubst du denn, wie die letzten zehn Jahre f�r mich waren? Was glaubst du, warum du <emphasis>hier </emphasis>bist?�</p><p>Mogens sah ihn verst�rt an.</p><p>�Glaubst du�, fuhr Graves fort, �ich h�tte jene Nacht vergessen, Mogens?� Er sch�ttelte heftig den Kopf. �Gewiss nicht. Nicht f�r einen Tag, in all den Jahren. Ich habe Janice ebenso gemocht wie du, Mogens. Du magst sie geliebt haben, aber auch f�r mich war sie eine gute Freundin. Ich wei�, was du durchgemacht hast, Mogens.�</p><p>�Das bezweifle ich�, fl�sterte Mogens.</p><p>�Oh, verzeihen Sie, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, verehrter Professor�, sagte Graves b�se und wieder ganz f�rmlich. �Ich wollte keinesfalls an Ihrem Ruhm als gr��ter leidender M�rtyrer dieses Kontinents kratzen. Ich wei�, was Sie durchgemacht haben. Aber Sie hatten wenigstens noch Ihren Hass auf mich.�</p><p>�Wie kommst du darauf, dass...�</p><p>�Ich wei�, dass du mich hasst�, unterbrach ihn Graves. �Ich hasse mich selbst f�r das, was ich getan habe. Aber ich habe es getan, und ich bin kein Mann, der sich f�r Fehler entschuldigt, die nicht r�ckg�ngig zu machen sind. Und ich bleibe dabei: Es h�tte nichts ge�ndert. Im Gegenteil. Wir w�ren beide f�r verr�ckt erkl�rt worden.� Er machte eine wedelnde Geste. �Ich h�tte all das hier wahrscheinlich nicht gefunden. Ich w�re nicht hier. <emphasis>Du </emphasis>w�rst nicht hier.�</p><p>�Und warum <emphasis>bin </emphasis>ich hier?�, fragte Mogens.</p><p>�Nat�rlich, weil du gut bist�, versetzte Graves. Er hob die zerbeulte Kaffeetasse an den Mund, setzte dazu an, daraus zu trinken, stutzte dann und blickte eine geschlagene Sekunde lang verwirrt darauf hinab, ehe er sie mit einem angedeuteten Achselzucken wieder auf den Tisch setzte. �Glaube es, oder lass es bleiben, aber ich halte dich f�r den besten Wissenschaftler deines Faches. Aus keinem anderen Grund habe ich dich kommen lassen.� Er z�gerte einen winzigen Moment. �Und nat�rlich als Wiedergutmachung.�</p><p>�Wiedergutmachung? Wof�r?�</p><p>�F�r das, was ich dir angetan habe�, antwortete Graves. Er schnitt Mogens mit einer herrischen Geste das Wort ab, als dieser widersprechen wollte. �Spare es dir, mir vorzuhalten, dass ich nur mein schlechtes Gewissen beruhigen m�chte. Wenn du das glauben willst, soll es mir recht sein. Wenn das hier publik wird - und das wird es, Mogens -, dann schert es niemanden mehr, was du getan hast und was nicht.�</p><p>�Wie kommst du darauf, dass ich Almosen von dir annehmen w�rde?�, fragte Mogens. Seine Stimme zitterte, aber er konnte den Grund daf�r selbst nicht genau benennen.</p><p>�Warum wartest du nicht erst einmal ab, bis ich dir gezeigt habe, worauf wir <emphasis>wirklich </emphasis>gesto�en sind?�, fragte Graves.</p><p>�Worauf...� Mogens brach verwirrt ab. �Aber ich dachte, der Tempel...?�</p><p>�Ja, das dachte ich auch�, sagte Graves. Er stand auf. �Und am Anfang war es auch so. Versteh mich nicht falsch: Der Tempel ist eine Sensation, vielleicht die gr��te arch�ologische Sensation dieses Jahrhunderts - zumindest bisher. Und doch ist es nicht alles.�</p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Mogens verwirrt. �Was hast du gefunden?�</p><p>Graves sch�ttelte den Kopf und grinste pl�tzlich breit. �O nein, so geht das nicht�, sagte er. �Lass mir die kleine Freude, dich noch ein wenig auf die Folter zu spannen. Dar�ber hinaus ist es bedeutend einfacher, wenn ich es dir zeige. Komm.�</p><p>Er wandte sich zur T�r, �ffnete sie und wedelte ungeduldig mit der Hand, als Mogens z�gerte, ihm zu folgen. Das Sonnenlicht verwandelte seine Gestalt in einen schwarzen Schattenriss ohne Tiefe, und erneut sp�rte Mogens einen raschen, eisigen Schauer, denn der Anblick erinnerte ihn an das Bild, das er aus den Augenwinkeln gesehen zu haben glaubte. Es war so wenig real wie dieses, und es verging ebenso schnell.</p><p>Mogens sch�ttelte die Erinnerung mit einer f�hlbaren Kraftanstrengung ab und verlie� hinter Graves die H�tte.</p></section><section><title><p id="_5">5.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Was Mercer ihm gestern bereits prophezeit hatte, schien sich �berraschend schnell zu bewahrheiten: Mogens f�hlte sich noch immer nicht besonders wohl dabei, die schmale Leiter hinunterzuklettern, die unter seinem und Graves' gemeinsamem Gewicht h�rbar �chzte, aber es machte ihm schon nicht mehr ganz so viel aus wie am vergangenen Tag. Nat�rlich lag es daran, dass er seine Nervosit�t niemals in Graves' N�he zugegeben h�tte, aber anscheinend gew�hnte er sich tats�chlich an seine neue Umgebung.</p><p>Und dazu kam nat�rlich seine Neugier. Nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen war, sch�mte sich Mogens seiner eigenen Gef�hle beinahe, aber er kam dennoch nicht umhin zuzugeben, dass es Graves gelungen war, seine Neugier zu wecken. Die Entdeckung dieses unterirdisch gelegenen �gyptischen Tempels - nur wenige Meilen von San Francisco entfernt - war an sich schon sensationell genug. Mit welchem noch gr��eren Wunder wollte Graves denn noch aufwarten?</p><p>Auf dem Weg nach unten und durch den Gang mit den Wandmalereien und Reliefarbeiten versuchte er mehrmals, Graves wenigstens eine Andeutung zu entlocken, bekam aber stets nur ein geheimnisvolles L�cheln zur Antwort. So sehr sich Mogens in diesem Moment auch dar�ber �rgerte, konnte er Graves zugleich auch verstehen. M�glicherweise h�tte er an dessen Stelle nicht anders reagiert. Aber was konnte Graves entdeckt haben, das <emphasis>das hier </emphasis>noch in den Schatten stellte?</p><p>Mogens fasste sich notgedrungen in Geduld, w�hrend er durch den nur schwach erhellten Stollen tappte. Gestern war er von dem Gesehenen viel zu erschlagen gewesen, um auf Einzelheiten zu achten, nun aber musterte er die Malereien und Reliefs, an denen sie vorbeikamen, umso genauer, und ihm fielen doch gewisse Unterschiede zu der �gyptischen Kunst auf, die er kannte. Er war kein Spezialist, was diese Epoche anging, aber er war im Laufe seines Studiums nat�rlich nicht umhin gekommen, sich auch mit der Kunst und Kultur des alten �gypten zu besch�ftigen. Was er gestern schon gemutma�t hatte, schien sich nun zu best�tigen: Es gelang ihm nicht, die Bildnisse und Steinmetzarbeiten einer bestimmten Epoche zuzuordnen. Aber das musste nichts bedeuten, wie ihm der Wissenschaftler in ihm erkl�rte. Schlie�lich waren sie hier zweifellos in einem �gyptischen Tempel, aber nicht in �gypten. Das Reich der Pharaonen war vor mehr als zwei Jahrtausenden untergegangen, aber diese Anlage konnte ebenso gut viel �lter sein - oder auch viel j�nger. Es war so, wie Graves gestern gesagt hatte: Das alte Pharaonenreich hatte mehrere tausend Jahre lang existiert; eine f�r einen Menschen unvorstellbar lange Zeit, in der buchst�blich <emphasis>alles </emphasis>vorstellbar war.</p><p>Mogens schwindelte, als er versuchte, sich das Erdbeben vorzustellen, das diese Entdeckung in der Fachwelt - und nicht nur dort - hervorrufen musste. Und auch sein schlechtes Gewissen meldete sich wieder. Gleich wie entr�stet er war und egal was Graves ihm in der Vergangenheit angetan hatte, seine Neugier war geweckt, und Mogens war auch gegen die Verlockung nicht gefeit, als einer von den Wissenschaftlern in die Geschichtsb�cher einzugehen, denen dieser Fund zugeschrieben wurde.</p><p>�Wie hast du das alles hier �berhaupt entdeckt?�, fragte er, nur um �berhaupt etwas zu sagen. Er h�tte es nicht ertragen, weiter schweigend hinter Graves herzugehen.</p><p>�Genau genommen war es Tom�, antwortete Graves; allerdings erst, nachdem sie den Stollen verlassen und wieder in die Grabkammer hineingetreten waren. Die roten Rubinaugen der beiden Horusstatuen rechts und links des Eingangs schienen missbilligend auf sie herabzublicken, und Mogens ertappte sich bei dem vollkommen absurden Gedanken, dass es nicht gut war, an einem heiligen Ort wie diesem �ber solche Banalit�ten zu reden. �Ihm haben wir das alles zu verdanken.�</p><p>�Tom?�</p><p>�Nicht genau diesen Raum, und er wusste auch gewiss nicht, worauf er da �berhaupt gesto�en ist�, erkl�rte Graves. Er machte eine Kopfbewegung zur Decke hinauf. �Wir sind hier ziemlich genau unter dem S�drand des alten Friedhofs. Tom hat eines der alten Gr�ber ge�ffnet und ist dabei auf einen Hohlraum gesto�en. Da er ihm sonderbar vorkam, ist er zu mir gekommen und hat mich um Rat gefragt.�</p><p>�Warum?�, fragte Mogens beinahe erschrocken.</p><p>�Wir kennen uns schon seit vielen Jahren�, antwortete Graves. �Wenn ich in San Francisco bin, besuche ich ihn regelm��ig, und bei meinem letzten Besuch...�</p><p>�Das meine ich nicht�, unterbrach ihn Mogens. Seine Stimme wurde eine Spur schriller. �Was hast du vorher gesagt? Tom hat ein altes Grab ge�ffnet? Warum?�</p><p>John setzte zu einer Antwort an, belie� es aber dann bei einem leicht irritierten Blick und einem angedeuteten Schulterzucken. �Ehrlich gesagt, habe ich ihn das nie gefragt�, gestand er. �Ich war viel zu aufgeregt, als mir klar wurde, was sein Fund wirklich bedeutete.� Er sch�ttelte ein paar Mal den Kopf. �Das muss man sich einmal vorstellen: Da suchen Tausende von Forschern seit hundert Jahren mit unglaublichem Aufwand alle L�nder dieses Erdballs ab, um die R�tsel unserer Vergangenheit zu l�sen, und ein einfacher Junge vom Lande, der nicht einmal richtig lesen und schreiben kann, st��t auf die gewaltigste Sensation aller Zeiten.�</p><p>Mogens hatte M�he, seinen Worten zu folgen. Das konnte kein Zufall sein! Tom hatte ein Grab ge�ffnet? Warum? Und warum auf einem Friedhof, der seit einer Generation nicht mehr benutzt wurde. Mit einem Mal erf�llte ihn der Gedanke mit Besorgnis, dass es noch keine Stunde her war, dass er Tom - ausgerechnet Tom - seine Geschichte erz�hlt hatte!</p><p>�H�rst du mir �berhaupt zu?� Es war nicht die Frage an sich, sehr wohl aber der scharfe, fast schon �rgerliche Ton, in dem sie gestellt wurde, der Mogens aus seinen Gedanken riss und ihn irritiert - und auch ein wenig verlegen - aufblicken lie�. Er rettete sich in ein nichts sagendes L�cheln, aber ihm wurde auch klar, dass Graves' ver�rgerter Ton nicht von ungef�hr kam: Er konnte sich tats�chlich nicht erinnern, was er zuletzt gesagt hatte.</p><p>�Entschuldige�, sagte er. �Ich war... in Gedanken.�</p><p>�Ja, das scheint mir auch so.� Graves sch�ttelte seufzend den Kopf. �Gro�er Gott, Mann, da halte ich dir den wichtigsten wissenschaftlichen Vortrag dieses Jahrhunderts, und du h�rst mir nicht einmal <emphasis>zu!</emphasis>�</p><p>Mogens war verwirrt, und umso mehr, als er das sp�ttische Glitzern in Graves' Augen bemerkte und ihm klar wurde, dass diese Worte wohl das sein mussten, was Graves f�r eine scherzhafte Bemerkung hielt. �Entschuldige�, sagte er noch einmal. �Wir sind hier genau unter dem Friedhof, sagst du?�</p><p>�Nicht direkt�, antwortete Graves. Er sah Mogens noch immer leicht vorwurfsvoll an, ging aber zu seiner Erleichterung nicht mehr auf dieses Thema ein. �Tom hat damals nur den Beginn eines halb versch�tteten Tunnels gefunden. Den Schacht, durch den wir gerade heruntergestiegen sind, haben wir erst sp�ter angelegt.� Er machte eine Kopfbewegung. �Komm. Wir haben noch ein gutes St�ck zu gehen. Wir k�nnen unterwegs weiter reden.�</p><p><emphasis>Noch ein gutes St�ck?, </emphasis>dachte Mogens verwundert. Sie befanden sich doch bereits im Herzen der unterirdischen Anlage. Er hatte sich heute so wenig wie gestern die M�he gemacht, seine Schritte zu z�hlen, aber sie mussten mehr als hundert Meter unter der Erde zur�ckgelegt haben, seit sie die Leiter herabgestiegen waren. Er sah Graves fragend an, folgte ihm aber widerspruchslos, als dieser sich in Bewegung setzte und in geringem Abstand an der gewaltigen Totenbarke vorbeiging. Mogens selbst machte einen gr��eren Bogen um das Ding, als notwendig gewesen w�re. Dennoch hatte er das unheimliche Gef�hl, dass die geschnitzten Augen der mannsgro�en Anubis-Statuen an Bug und Heck des Schiffes jeden seiner Schritte beobachteten.</p><p>Er sch�ttelte auch diesen Gedanken ab, aber es fiel ihm jetzt deutlich schwerer. Je tiefer sie in diese unterirdische Tempelanlage eindrangen, desto schwerer fiel es ihm, seine Gedanken in jenen ordentlichen, streng logischen Bahnen ablaufen zu lassen, die einem Wissenschaftler wie ihm anstanden.</p><p>Graves tauchte unter den ausgestreckten Armen einer �berlebensgro�en, stierk�pfigen G�tterstatue hindurch, deren Bedeutung Mogens nicht sofort gel�ufig war, richtete sich wieder auf und bedeutete ihm ungeduldig gestikulierend, sich zu beeilen. Mogens gehorchte, aber das ungute Gef�hl in ihm nahm zu, ebenso wie seine irrationale Furcht. Als er sich, Graves' Beispiel folgend, unter den ausgestreckten Armen der gewaltigen Granitstatue hindurchduckte, musste er sich der absurden Vorstellung erwehren, von der gewaltigen steinernen Gottheit in einer t�dlichen Umarmung umschlossen zu werden. Es kostete ihn gro�e Willenskraft, nicht h�rbar erleichtert aufzuatmen, als er neben Graves ankam und sich aufrichtete.</p><p>Wieder sah Graves ihn fragend an, und wieder wich Mogens seinem Blick aus und versuchte sich zu einem L�cheln zu zwingen. �Und?�</p><p>Graves war an eine schmale, aber mehr als mannshohe Nische herangetreten, in der eine wei�e Marmorstatue stand, die eine Katze in der typischen stolzen Haltung ihrer Art zeigte. Statt Mogens' Frage zu beantworten, griff er mit beiden H�nden nach dem Kopf der Katzenstatue und spannte die Muskeln an, als versuche er allen Ernstes, ihn abzubrechen. Anstelle dessen jedoch ert�nte nach einem kurzen Moment ein schweres Klacken, und dann ein anhaltendes Schaben und Schleifen, wie von zwei gewaltigen M�hlsteinen, die aneinander rieben. Graves trat mit einem L�cheln zur�ck, das man nicht mehr anders als triumphierend bezeichnen konnte, und hob in einer theatralischen Geste die H�nde. Mogens sah ihm einige Augenblicke lange gleicherma�en verst�rt wie �rgerlich zu und setzte gerade zu einer entsprechenden Bemerkung an, als das Scharren lauter wurde und sich ein sachtes Zittern des Bodens unter seinen F��en hinzugesellte. An der Wand direkt vor ihnen entstand ein zwei Finger breiter Spalt, der sich rasch zu einem Durchgang erweiterte, nicht besonders breit, aber ausreichend, um sich mit einiger Anstrengung hindurchzuzw�ngen.</p><p>Graves sah ihn Beifall heischend an.</p><p>�Beeindruckend�, sagte Mogens - was der Wahrheit entsprach. Er war beeindruckt, wenn auch gewiss nicht von Graves' laienspielerischer Darstellung. �Wie hast du das herausgefunden?�</p><p>�Mit Hilfe des �ltesten und treuesten Verb�ndeten der Wissenschaft�, antwortete Graves fr�hlich. Mogens tat ihm den Gefallen, fragend zu blicken, und Graves f�gte hinzu: �Des Zufalls.�</p><p>Das muss das sein, was Tom als Graves' �Allerheiligstes� bezeichnet hat, dachte Mogens. Er konnte sich gerade noch beherrschen, eine entsprechende Bemerkung zu machen, kam �ber diesen Gedanken aber auf eine andere Frage, die ihn unbewusst schon die ganze Zeit �ber besch�ftigt hatte, seit sie die Leiter heruntergekommen waren. �Wo sind Mercer und die anderen?�</p><p>�Sie haben ihren freien Tag�, antwortete Graves. �Heute ist Sonntag. Sie sind schon vor Sonnenaufgang losgefahren, um den Tag in Frisco zu verbringen. Aber ich dachte mir, dass du weder besonderen Wert auf die Gesellschaft deiner neuen Kollegen noch auf die profanen Vergn�gungen legst, denen sie sich hingeben.�</p><p>Mogens verzichtete vorsichtshalber darauf, zu antworten, sondern machte eine auffordernde Geste, die Graves aber ignorierte. Mogens war nicht wohl bei dem Gedanken, sich durch den schmalen Spalt zu zw�ngen und in den finsteren Gang dahinter zu treten, und auch seine wissenschaftliche Neugier, die er jetzt immer heftiger f�hlte, �nderte daran nichts. Er war Forscher - Arch�ologe -, und er sollte keine Angst davor haben, in einen unbekannten Raum einzudringen. Aber er <emphasis>hatte </emphasis>Angst.</p><p>Mogens �berwand seine Furcht, atmete noch einmal tief und h�rbar ein und trat durch die T�r. Graves folgte ihm in so geringem Abstand, dass er seinen Atem im Nacken sp�ren konnte, und quetschte sich - vollkommen widersinnig - an ihm vorbei, kaum dass sie den angrenzenden Gang betreten hatten. �Warte einen Moment.�</p><p>Mogens blieb gehorsam stehen und versuchte mehr Einzelheiten seiner neuen Umgebung zu erkennen, w�hrend Graves sich ein paar Schritte entfernte und lautstark herumzuhantieren begann. Einen Moment sp�ter konnte er h�ren, wie ein Streichholz angerissen wurde, dann flammte das unangenehm grelle Licht einer Karbidlampe auf.</p><p>In ihrem Schein erkannte Mogens eine Wand aus metergro�en, fast ohne Fugen aufeinander gesetzten Steinquadern. Anders als in der Grabkammer gab es hier keine Wandmalereien oder Reliefs. Der Gang war gute sechs Fu� hoch und so schmal, dass Mogens sich unwillk�rlich fragte, wie Mercer seine gewaltige Leibesf�lle hindurchgequetscht haben mochte, von der schmalen Geheimt�r gar nicht zu reden. Er stellte die Frage laut.</p><p>�Du bist der Erste, der diese G�nge sieht, Mogens�, antwortete Graves, w�hrend er seine Lampe herumschwenkte und den schmalen Tunnel entlangzugehen begann. Es war eine sehr starke Lampe, deren Strahl bestimmt f�nfundzwanzig oder drei�ig Schritte weit reichte, bevor er allm�hlich zu verblassen begann. Zumindest auf diesem St�ck sah er nichts als gleichf�rmige W�nde aus graubraunen Steinquadern.</p><p>�Du hast es Mercer und den anderen nicht gezeigt?�, wunderte sich Mogens. �Warum?�</p><p>�Gedulde dich nur noch einen kleinen Moment�, sagte Graves. �Dann wirst du mich verstehen.�</p><p>Mogens verzog das Gesicht, aber er ersparte sich jede weitere Frage. Graves war offensichtlich entschlossen, dieses alberne Spiel bis zum Ende zu f�hren. Dennoch hatte Graves ihm eine Frage beantwortet, die Mogens besch�ftigte, seit er Mercer, Hyams und McClure getroffen hatte. Er begriff vor allem Hyams' un�bersehbare Ablehnung jetzt ein wenig besser. Sie war Arch�ologin, und nach Mercers und Graves' Aussage eine der besten dieses Landes, doch Graves hatte nicht sie zu Rate gezogen, um das allergr��te Geheimnis dieses Tempels zu l�ften, sondern einen Fremden geholt, und noch dazu jemanden, der zwar auf einem verwandten Gebiet arbeitete, aber definitiv <emphasis>kein </emphasis>�gyptologe war. Jeder an ihrer Stelle w�re verletzt gewesen; und Wissenschaftler waren ein ganz besonderes V�lkchen, was Empfindlichkeiten und Eitelkeit anging.</p><p>�Pass auf.� Graves wedelte mit seiner Lampe. �Dort vorne wird es ein wenig holperig.�</p><p>Vor ihnen war ein Teil der Tunneldecke eingest�rzt, und heruntergefallene und zerbrochene Steinquader bildeten ein Gewirr aus Steintr�mmern, Schutt und scharfkantigen Spitzen, das Mogens auf den ersten Blick schier undurchdringlich erschien. Graves marschierte jedoch in scharfem Tempo darauf zu, b�ckte sich mit einer Bewegung, die allein schon verriet, wie oft er diesen Weg schon gegangen war, unter einem schr�g aus der Decke ragenden Felsquader hindurch, und war im n�chsten Augenblick einfach verschwunden. Mit ihm erlosch das Licht.</p><p>Mogens versp�rte ein kurzes, aber heftiges Aufwallen von Panik, als die Dunkelheit wie eine Woge aus klebriger Schw�rze �ber ihm zusammenschlug, aber das Licht kehrte zur�ck, bevor die Furcht endg�ltig Gewalt �ber ihn erlangen konnte.</p><p>�Komm schon, Mogens!� Graves' Stimme klang pl�tzlich ged�mpft. �Aber pass auf, wohin du trittst.�</p><p>Mogens duckte sich unter dem Steinquader hindurch und blinzelte in das grelle Licht, das durch einen unregelm��igen Spalt in dem Schutthaufen fiel, der den Tunnel blockierte.</p><p>Sp�testens hier w�re der Weg f�r Mercer ohnehin zu Ende gewesen. Der Spalt war so schmal, dass sich Mogens fast wunderte, wie Graves, der ein gutes St�ck gr��er war als er selbst und auch deutlich breitschultriger, es fertig gebracht hatte, hindurchzukriechen.</p><p>Auch Mogens war nicht besonders wohl beim Anblick des schmalen Felsspalts. W�re er allein gewesen, so h�tte er in diesem Moment vermutlich kehrtgemacht. Vor Graves jedoch konnte er sich diese Bl��e unm�glich geben, also lie� er sich auf H�nde und Knie sinken und folgte ihm.</p><p>Der Spalt war noch enger, als er bef�rchtet hatte, und Graves hielt zu allem �berfluss das Licht die ganze Zeit �ber auf sein Gesicht gerichtet, sodass er nahezu blind war und sich jeden Zentimeter m�hsam ertasten musste. Harter Fels schrammte �ber seinen Hinterkopf und seine Schultern, und Graves' Warnung erwies sich im Nachhinein als gut gemeinter Rat: Der Durchgang war zwar kaum einen Meter tief, sodass sich Mogens schon nach einem Moment wieder aufrichten konnte, doch als er es tat, waren nicht nur seine H�nde zerschunden, sondern auch sein Hemd hing in Fetzen und er hatte sich das rechte Knie seiner Hose durchgescheuert.</p><p>�Mach dir nichts draus�, sagte Graves fr�hlich. �Wenn das hier vorbei ist, kannst du dir den besten Schneider des Landes leisten.� Er nahm endlich die Lampe herunter, sodass Mogens nicht mehr ununterbrochen blinzeln und gegen die Tr�nen ank�mpfen musste, und gestikulierte tiefer in den Gang hinein. �Komm. Es ist nicht mehr weit. Aber eine weitere kleine Kletterpartie kann ich dir leider nicht ersparen.�</p><p>Beides waren h�chst subjektive Einsch�tzungen, wie Mogens bald herausfinden sollte, und beides war nicht wahr - zumindest seiner Einsch�tzung nach. Der Tunnel wurde immer unwegsamer. Schutthalden und gewaltige Steinquader, teils zerbrochen, teils noch in einem St�ck, blockierten den Weg, und �berall lagen Steine oder g�hnten Fallgruben, manche metertief, manche nur flache Mulden, dennoch aber heimt�ckisch genug, um zu st�rzen oder sich einen Fu� zu verstauchen, was hier unten durchaus fatale Folgen haben konnte. Sie mussten sich nicht mehr durch atemabschn�rende Spalten quetschen, aber mehr als einmal auf H�nden und Knien kriechen oder waghalsige Kletterpartien in Kauf nehmen. Es war Mogens in dieser unheimlichen Umgebung unm�glich, die Entfernung zu sch�tzen, die sie wirklich zur�cklegten. Vermutlich waren es kaum mehr als f�nfzig oder sechzig Yards, aber er hatte das Gef�hl, Meilen zur�ckgelegt zu haben, als sie endlich wieder stehen blieben.</p><p>�Jetzt haben wir es gleich geschafft.� Sie waren vor einer Schutthalde angekommen, die den Gang nahezu vollkommen ausf�llte, und Graves fuchtelte mit seiner Lampe aufgeregt zu ihrem oberen Ende hin. Das Licht huschte so hektisch hin und her, dass Mogens den schmalen Spalt zwischen der Halde und der Tunneldecke erst beim zweiten oder dritten Hinsehen erkannte. �Halte mal!�</p><p>Mogens griff ganz automatisch zu und nahm die Karbidlampe. Graves wandte sich um und begann mit schnellen, fast spinnenhaft anmutenden Bewegungen die Tr�mmerhalde hinaufzuklettern, w�hrend Mogens versuchte, ihm mit dem Kreis aus zitterndem Licht zu folgen. Kleine Steinchen kollerten zu ihm herab, und ihr Echo hallte sonderbar lang und verzerrt in der Leere des Ganges hinter ihm wider. Verborgen unter diesem Ger�usch glaubte Mogens jedoch pl�tzlich noch einen anderen, viel unheimlicheren Laut zu vernehmen; etwas wie das Scharren gro�er, horniger F��e, die �ber harten Fels schleiften.</p><p>Erschrocken fuhr er herum und richtete den Strahl des Karbidlichts in den mit Steinquadern und Tr�mmern �bers�ten Tunnel. Sein Herz begann zu pochen. War da nicht etwas gewesen, eine verstohlene, huschende Bewegung, wie von einer gro�en haarigen Kreatur, die vor dem Licht des Scheinwerfers floh?</p><p>�Komm rauf, Mogens!� Graves hatte die Schutthalde erklommen und war schon halb in dem schmalen Spalt zwischen ihrem Grat und der Decke verschwunden. �Das ist das letzte Hindernis. Und es lohnt sich, das verspreche ich dir!�</p><p>Noch eine Sekunde lang starrte der Professor mit klopfendem Herzen in den Tunnel hinter sich, dann riss er sich von dem unheimlichen Anblick los und schalt sich in Gedanken einen Narren. Hinter ihm war nichts. Wenn es dort �berhaupt eine Bewegung gab, die ihren Ursprung nicht in seiner �berreizten Fantasie hatte, dann war es allenfalls eine Ratte. Er packte den Scheinwerfer fester, drehte sich mit einer schon fast �bertrieben schwungvollen Bewegung um und machte sich an die gar nicht so leichte Aufgabe, Graves zu folgen, ohne die Lampe fallen zu lassen oder von einer selbst ausgel�sten Steinlawine in die Tiefe gerissen zu werden.</p><p>Graves hatte nicht auf ihn gewartet, sondern war bereits weitergekrochen. Mogens konnte ihn irgendwo in der Dunkelheit vor sich rumoren h�ren, aber selbst als er den Scheinwerfer hob und den starken Strahl in die entsprechende Richtung lenkte, war nichts zu erkennen. Auf der anderen Seite der Halde musste sich ein weit gr��erer Hohlraum erstrecken, denn das wei�e Karbidlicht verlor sich einfach, ohne auf Widerstand zu treffen.</p><p>�Bleib oben�, drang Graves' Stimme aus der Dunkelheit an sein Ohr. �Ich mache Licht.�</p><p>Mogens h�rte ihn einen Moment in der Schw�rze unter sich hantieren, dann vernahm er einen Laut, der ein fl�chtiges, aber schadenfrohes L�cheln auf seinen Lippen erscheinen lie�: das unverkennbare Ger�usch, mit dem ein Kopf gegen Stein prallte, direkt gefolgt von einem nur unzul�nglich unterdr�ckten Fluch. Im n�chsten Moment wurde ein Streichholz angerissen und Graves' Gestalt tauchte im warmen Licht einer Petroleumlampe auf, deren Docht allm�hlich h�her gedreht wurde. Mogens erkannte W�nde aus gro�en behauenen Felsquadern, �hnlich denen drau�en im Gang, nur das diese hier mit Malereien und Reliefarbeiten bedeckt waren. Als Graves sich zu ihm umdrehte, hatte er den fl�chtigen Eindruck, eine zweite, massige Gestalt zu sehen, die unweit von Graves in der Dunkelheit stand.</p><p>�Lass den Scheinwerfer oben�, sagte Graves. �Aber l�sch das Licht. Die Kartusche h�lt nicht sehr lange, und wir brauchen sie f�r den R�ckweg.�</p><p>W�hrend Mogens gehorchte, entz�ndete Graves eine weitere Laterne. Der Kreis von Helligkeit, in dem er stand, war nun deutlicher zu sehen, ohne allerdings nennenswert gr��er zu werden. Eine der Lampen reichte er an Mogens weiter, als dieser bei ihm angelangt war, die zweite nahm er selbst. Dann wandte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging los.</p><p>Mogens folgte ihm mit einem Gef�hl wachsenden Staunens, das sich aber mehr und mehr mit Unglauben, ja fast einem Empfinden von <emphasis>Unwirklichkeit </emphasis>vermischte, je tiefer sie in den Raum eindrangen und je mehr sich seine Augen an das ver�nderte Licht gew�hnten.</p><p>Sein allererster Eindruck war, sich in einer weiteren Grabkammer oder vielleicht auch einem Tempel zu befinden, �hnlich der oberen Kammer, aber dieser Eindruck hielt nur wenige Momente an. Die Kammer war ungleich gr��er als die oben, daf�r aber nicht einmal ann�hernd in so gutem Zustand. Etliche der fast mannsdicken S�ulen, die die Decke trugen, waren umgefallen und zerborsten, und an mindestens einer Stelle war auch die Decke selbst heruntergebrochen, sodass Steinquader und nachgesacktes Erdreich und Steine einen gewaltigen Schuttberg bildeten. Auch die Wandmalereien und Reliefs befanden sich in keinem gutem Zustand. Die Farben waren so verblasst, dass die Bedeutung der meisten Bilder nur noch zu erahnen war, und selbst die in den Stein gemei�elten Linien waren �berall ausgebrochen. Es gab auch hier zahlreich kleine und gro�e Statuen, die menschliche Gestalten, aber auch �gyptische Gottheiten darstellten, doch die meisten davon waren von ihren Sockeln gest�rzt oder auf andere Weise zerbrochen. Dennoch kam ihm irgendetwas daran... <emphasis>falsch </emphasis>vor, ohne dass er imstande gewesen w�re, das Gef�hl in Worte zu kleiden.</p><p>Das Sonderbarste �berhaupt aber war die Form des gesamten Raumes. Das Licht der beiden Sturmlaternen reichte nicht ann�hernd, um ihn vollends zu erhellen, aber Mogens erkannte dennoch nach einer Weile, dass die Kammer einen achteckigen Grundriss hatte - was f�r einen alt�gyptischen Sakralraum absolut untypisch war.</p><p>Sie hatten den Raum mehr als zur H�lfte durchquert, als Mogens stehen blieb. Graves ging noch zwei oder drei Schritte weiter, bevor auch er innehielt und sich wieder zu ihm umdrehte.</p><p>�Nun?�, fragte er. �Habe ich zu viel versprochen?�</p><p>�Das ist unglaublich�, murmelte Mogens. �Aber wieso hast du es f�r dich behalten? Gro�er Gott, Jonathan - Doktor Hyams w�rde ihre Seele verkaufen, um nur einen einzigen Blick auf das hier zu werfen!�</p><p>�Ich kann Suzan hier unten nicht gebrauchen�, antwortete Graves. �So wenig wie einen der anderen.�</p><p>�Aber mich?�, wunderte sich Mogens. �Wieso?�</p><p>Statt direkt zu antworten, sah ihn Graves auf eine Art an, die Mogens ein Fr�steln den R�cken hinablaufen lie�, dann ging er mit schnellen Schritten weiter und steuerte die n�chstgelegene Wand an. Er sagte immer noch nichts, wartete aber mit nun sichtbarer Ungeduld, bis Mogens zu ihm aufgeschlossen hatte, und hob dann seine Laterne h�her. Mogens setzte zu einer weiteren Frage an.</p><p>Aber er sagte nichts. Sein Blick tastete immer hektischer und ungl�ubiger �ber die Wand, und er sp�rte, wie sein Herz zu rasen begann. Auch diese Wand war �bers�t mit Malereien und zum Teil ebenfalls ausgemalten Reliefarbeiten. Da waren die �blichen Gestalten aus der �gyptischen G�tterwelt, Pharaonen und Schlachtenszenen, Kartuschen mit Hieroglyphen und vage vertraut anmutende Symbole - aber da war noch mehr. Zwischen den vertrauten Abbildern von Horus, Seth und Anubis waren andere, d�sterere Umrisse: bizarr verformte Gestalten, die nichts �hnelten, was Mogens jemals gesehen hatte, ihn aber trotzdem mit einer kreat�rlichen Furcht erf�llten, die es ihm fast unm�glich machte, die Bilder l�nger anzusehen. Dazwischen waren Schriftzeichen, sinnlos einander �berschneidende Linien, die keinem erkennbaren Muster folgten, in Mogens aber das unheimliche Gef�hl wachriefen, sich in einer nicht wirklich sichtbaren, aber dennoch vorhandenen Bewegung zu befinden.</p><p>�Was... ist das?�, murmelte er. Lag es wirklich nur an seiner eigenen Furcht, dass er das Gef�hl hatte, irgendetwas aus den Gestalten, die sie umgaben, reagiere mit einem unwilligen Regen auf seine Frage?</p><p>�Ich hatte gehofft, du k�nntest es mir sagen�, antwortete Graves. Er klang nicht wirklich entt�uscht. Vielmehr so, als w�re auch das die sorgsam zurechtgelegte Antwort auf eine Frage, die er vorausgesehen hatte. Nicht zum ersten Mal begriff Mogens, dass Graves noch immer mit ihm spielte. Der Gedanke machte ihn w�tend.</p><p>Graves gab ihm jedoch keine Gelegenheit, seinem Unmut Ausdruck zu verleihen, denn er trat von der Wand zur�ck und ging weiter. W�hrend Mogens ihm folgte, vermied er es bewusst, die unheimlichen Bildnisse auf den W�nden genauer anzusehen. Aber es nutzte nichts. Es war, als h�tte er sich besudelt, indem er die gr�sslichen Malereien nur mit seinen Blicken ber�hrt hatte. Irgendetwas war in ihm zur�ckgeblieben, das er nicht los wurde, einem schlechten Geschmack auf der Zunge gleich, nachdem man in ein verdorbenes Lebensmittel gebissen hatte, und der sich einfach nicht fortsp�len lie�. Dasselbe galt f�r etliche der zerbrochenen Statuen, an denen sie vor�ber kamen. Viele hatten gewohnte Formen, aber nicht alle, und manche waren dergestalt, dass Mogens es vorzog, sie nicht genauer in Augenschein zu nehmen.</p><p>Eher um sich abzulenken, sah er in die andere Richtung und versuchte, sich �ber die sonderbare Symmetrie der unterirdischen Zeremonienkammer klar zu werden, aber auch dieser Versuch schlug fehl. Er war mittlerweile nicht einmal mehr sicher, ob seine erste Einsch�tzung richtig gewesen war. Vielmehr schien sich die Kammer auf fast unheimliche Weise jedem Versuch zu entziehen, ihre genaue Form zu erfassen; als w�re sie nach den Regeln einer Geometrie erbaut, die nicht die der Menschen war.</p><p>Graves steuerte eine breite, aus einem knappen halben Dutzend Stufen bestehende Treppe an - alle nicht nur unterschiedlich hoch, sondern auch auf eine mit Worten kaum zu beschreibende Weise in sich gedreht und verzerrt, die es nahezu unm�glich machte, sie auch nur anzusehen -, die zu einem fast deckenhohen Tor aus grauem Metall hinauff�hrte. Etwas in Mogens' Seele schien sich zusammenzuziehen, als er den Fehler beging, die d�steren Linien und Symbole anzusehen, die in das uralte Metall graviert waren.</p><p>Ohne dass es ihm selbst bewusst war, wurden seine Schritte immer langsamer, und ein leises Schwindelgef�hl ergriff von ihm Besitz, als er hinter Graves die Treppe hinaufging. Der schwarze Stein unter ihm f�hlte sich richtig an, aber er sah einfach nicht so aus, als w�re er f�r menschliche F��e gemacht - oder f�r die F��e auch nur irgendeines Wesens, das er sich vorstellen konnte.</p><p>Graves lie� sich seine Ungeduld nicht anmerken, auch wenn Mogens sie deutlich sp�rte, sondern wartete schweigend, bis er neben ihm angelangt war, bevor er die Laterne hob, um eine der beiden monstr�sen Statuen zu beleuchten, die das zweigeteilte Tor flankierten.</p><p>Um ein Haar h�tte Mogens aufgeschrien.</p><p>Die Statue war an die sieben Fu� hoch und bestand aus schwarzem Gestein, das trotz seines sichtbaren Alters gl�nzte wie sorgsam polierter Marmor. Sie zeigte eine massige, zweibeinige Gestalt, die auf einem ungleichen, mit bedrohlichen Bildern und Symbolen �bers�tem W�rfel hockte; ein missgestalter, aufgebl�hter Balg wie der einer Kr�te, plumpe, in breiten Schwimmf��en endende Beine und muskul�se Arme, die zu ebenfalls fischartigen, dennoch aber mit grauenhaften Krallen bewehrten H�nden m�ndeten, die wie zur Verh�hnung eines Gebets im Scho� der grotesken Kreatur gefaltet waren. Ein Kranz aus Dutzenden schl�ngelnder Tentakeln s�umte den massigen Sch�del, aus dem Mogens zwei fast handtellergro�e, glotzende Augen �ber einem schrecklichen Papageienschnabel entgegenstarrten.</p><p>�Gro�er Gott�, fl�sterte Mogens.</p><p>Graves hob seine Laterne ein wenig h�her, sodass auch die Statue auf der anderen Seite des Tores f�r einen Moment aus den Schatten auftauchte. Die Haltung war eine andere, aber es war die gleiche, absurd-bizarre Kreatur. �Gott?� Graves sch�ttelte den Kopf. �Vielleicht. Die Frage ist nur, welcher.�</p><p>Seine Worte lie�en Mogens einen neuerlichen, noch k�lteren Schauer �ber den R�cken laufen. Vermutlich waren sie nur als Bonmot gedacht, vielleicht war es auch seine Art, die Spannung abzubauen, doch sie bewirkte bei Mogens das genaue Gegenteil. Hatte ihm der Anblick der beiden steinernen Kolosse bisher nur Unbehagen bereitet, so erf�llte er ihn nun pl�tzlich mit Furcht, die mit jedem Atemzug st�rker wurde. Es fiel ihm immer schwerer, sich der absurden Vorstellung zu erwehren, von den beiden steinernen D�monen schweigend und bedrohlich angestarrt zu werden. Trotz der Kunstfertigkeit, mit der sie geschaffen worden waren, bestand nicht der geringste Zweifel daran, dass sie aus nichts anderem als unbelebtem schwarzem Stein bestanden - und trotzdem <emphasis>wusste </emphasis>irgendetwas in Mogens mit unersch�tterlicher Gewissheit, dass sie nur auf einen Anlass warteten, den allergeringsten Fehler, den er begehen mochte, um aus ihrem �onenalten Schlaf zu erwachen und sich auf ihn zu st�rzen.</p><p>Es gelang ihm mit einiger M�he, sich dieser durch und durch kindischen Vorstellung zu erwehren, nicht aber, sie ganz zu verscheuchen; der Gedanke blieb, irgendwo tief in ihm, verborgen im verschwiegensten Winkel seiner Gedanken, aber lauernd wie eine Spinne, die geduldig in ihrem Netz sa� und auf ihre Gelegenheit wartete, sich auf eine ahnungslose Beute zu st�rzen.</p><p>�Du hast mich gefragt, warum ich es den anderen nicht gezeigt habe�, fuhr Graves nach einer geraumen Weile fort, und mit leiserer, fast ehrf�rchtig gesenkter Stimme. Er sprach auch nicht weiter, doch das w�re auch gar nicht notwendig gewesen. Mogens kannte die Antwort auch so. Dies hier war nicht das, wonach es auf den ersten Blick ausgesehen hatte. Die Kammer trug unzweifelhaft die Handschrift des alten �gypten, doch hier wurden nicht nur Ra und Bastet verehrt, und die Gebete derer, die einst hier gekniet haben mochten, hatten l�ngst nicht nur Isis und Osiris gegolten. Und es waren auch nicht nur die unheimlichen Malereien und Reliefs; nicht einmal allein der Anblick der monstr�sen Torw�chter. Hier waren �ltere, ungleich blasphemischere G�tter verehrt worden, und die widernat�rlichen Riten und Zeremonien hatten ihre Spuren hinterlassen, wie ein unheimliches Echo, das die Zeiten �berdauert hatte und noch immer unh�rbar in der Luft hing.</p><p>�Und warum... bin ich hier?�, fragte er mit belegter Stimme.</p><p>�Ich dachte, das w�sstest du bereits�, antwortete Graves leise. Er sah ihn einen Herzschlag lang durchdringend an, dann wandte er sich um und trat an das gewaltige Tor heran. Das flackernde Licht seiner Petroleumlampe erweckte die beiden monstr�sen W�chterstatuen zu scheinbarem Leben, sodass Mogens den unheimlichen Eindruck hatte, die gemei�elten Tentakel sich wie ein Nest wimmelnder Schlangen und W�rmer bewegen zu sehen.</p><p>Graves hob langsam die Hand, z�gerte noch einmal und ber�hrte das mattgraue Metall der T�r dann beinahe ehrf�rchtig. Das Licht seiner Sturmlaterne flackerte st�rker, und ein Wasserfall kleiner huschender Schatten ergoss sich �ber die T�r, gefolgt von etwas Anderem, Schlimmeren, das noch nicht ganz erwacht, aber eindeutig im Erwachen begriffen war.</p><p>�Es ist dort�, sagte Graves. Seine Stimme war nur ein Fl�stern, kaum mehr als ein wispernder Hauch, der sich mit dem Echo l�ngst verklungener widernat�rlicher Gebete und Beschw�rungsformeln zu etwas Neuem und zugleich Uraltem verband, das Mogens' Furcht neue Nahrung gab. �Hinter dieser T�r. F�hlst du es nicht? Ich kann es f�hlen. Es ist dort und wartet auf uns.�</p><p>Mogens konnte nicht antworten, denn die Furcht schn�rte ihm die Kehle zu. Aber er sp�rte, dass Graves Recht hatte. Etwas war hinter dieser T�r, etwas Uraltes und unvorstellbar M�chtiges, das seit �onen eingesperrt und gebunden war, aber nicht machtlos. Schon der blo�e Gedanke, dieses Tor zu �ffnen und freizulassen, was immer dahinter lauerte, war beinahe mehr, als er ertragen konnte.</p><p>�Du... du willst dieses Tor... aufmachen?�, fl�sterte er ungl�ubig.</p><p>�Ich habe es versucht�, antwortete Graves. Der entsetzte Unterton in Mogens' Stimme schien ihm entgangen zu sein; oder er interessierte ihn nicht. Seine schwarz behandschuhten Finger glitten weiter �ber die sinisteren Bilder und Glyphen, die in die Oberfl�che des grauen Metalls graviert waren wie Tore in eine andere, verbotene Welt, in der der Wahnsinn und der Tod zu Hause waren. Das Licht flackerte st�rker, und Mogens hatte den unheimlichen Eindruck, dass etwas unter dem schwarzen Leder darauf reagierte. �Mit allen Mitteln habe ich es versucht, aber es ist mir nicht gelungen.� Er lie� - endlich - die Hand sinken, trat einen Schritt zur�ck und wandte sich mit einem tiefen Seufzen wieder zu Mogens um.</p><p>�Dieses Metall wurde nicht von Menschenhand erschaffen, Mogens�, sagte er. �Und kein von Menschen geschaffenes Werkzeug kann es zerst�ren.�</p><p>�Und was...� Mogens fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und setzte neu an. Er wich Graves' Blick aus. �Und wie komme ich da ins Spiel?� Er kannte die Antwort. Er wusste l�ngst, warum Graves ihn hier heruntergef�hrt hatte. Er hatte es im selben Moment gewusst, in dem er die Kammer betreten hatte.</p><p>�Es gibt andere Wege, ein Tor zu �ffnen, als mit Mei�el und Sprengstoff, Mogens�, sagte Graves beinahe sanft.</p><p>�Du wei�t, dass ich... dass ich mich mit solchen Dingen nicht mehr befasse�, sagte Mogens stockend. Er wollte etwas ganz anderes sagen, schreien, weglaufen, sich die F�uste ins Gesicht schlagen - aber er konnte nichts von alledem. Graves' Ansinnen war so ungeheuerlich, dass er zu keinerlei Reaktion wirklich f�hig war; nicht einmal dazu, wirklich zu <emphasis>denken.</emphasis></p><p>�Du hast deine B�cher seit jener schrecklichen Nacht nicht mehr anger�hrt, ich wei߫, sagte Graves. �Seit jenem Tag verleugnest du all das, was du vorher so vehement - und mit Recht - verteidigt hast.� Er sch�ttelte den Kopf. �Tief in dir wei�t du, dass es ein Fehler ist.�</p><p>�Und was erwartest du jetzt von mir?� Mogens' Stimme war nicht mehr als ein heiseres, halb ersticktes Kr�chzen, und dennoch klang sie in seinen eigenen Ohren wie ein verzweifelter Schrei. �Dass ich diese T�r <emphasis>auf zaubere?�</emphasis></p><p>�Wenn du so willst, ja�, best�tigte Graves unverbl�mt. �Obwohl du so gut wei�t wie ich, dass das Unsinn ist.� Er hob die Hand, als Mogens widersprechen wollte, und fuhr mit leicht erhobener, sch�rferer Stimme fort: �Soll ich dir jetzt den gleichen Vortrag halten, den du selbst mir und vielen anderen unz�hlige Male gehalten hast?�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens abweisend. �Ich will nichts mehr von diesem Unsinn h�ren. Nie wieder.�</p><p>�Unsinn?� Graves sch�ttelte den Kopf. Die Bewegung wirkte ungehalten, fast zornig. �Warum verleugnest du pl�tzlich alles, woran du jemals geglaubt hast? Es ist hier! Du sp�rst es, ebenso deutlich wie ich. Jeder, der diesen Raum betr�te, w�rde es sp�ren. Leugne es nicht!�</p><p>�Ich will davon nichts mehr h�ren!� Mogens schrie jetzt wirklich. �Nie wieder! Ich habe genug Schaden angerichtet!�</p><p>�Deine Selbstvorw�rfe machen Janice nicht wieder lebendig, Mogens�, sagte Graves leise. �Was damals geschehen ist, war nicht deine Schuld. Wenn jemanden die Schuld trifft, dann allerh�chstens mich.�</p><p>Mogens widersprach ihm nicht. Wenn Graves ihn hier heruntergebracht hatte, damit er ihm die Absolution erteilte, dann hatte er sich den Weg umsonst gemacht. �Und du glaubst, zum Dank w�rde ich dir helfen, mit <emphasis>dem hier </emphasis>ber�hmt zu werden?�, fragte er b�se. �Erz�hl mir nicht, dass es die hehre Wissenschaft ist, um deretwegen du hier bist, Jonathan. Du hast diese Entdeckung hier eifers�chtig bewacht wie einen Schatz! Du hast deinen Fund Hyams, Mercer und McClure nicht verschwiegen, weil das hier nicht ihr Fachgebiet ist, sondern weil du ihn mit niemandem teilen willst! Du willst ihn ganz f�r dich allein! Den Ruhm, die wissenschaftliche Unsterblichkeit - bei Gott, ich bin sicher, wenn das hier eine gew�hnliche Grabkammer irgendwo in der �gyptischen W�ste w�re, h�ttest du keine Skrupel, ihre Sch�tze zu pl�ndern und zu verkaufen! Wann hast du dich entschlossen, mich um Hilfe zu bitten? Nachdem dir klar geworden ist, dass du dieses Tor allein niemals aufbekommen wirst?�</p><p>�Und wenn es so w�re?�, fragte Graves unger�hrt.</p><p>�Was bringt dich dann auf die Idee, dass ich dir helfen w�rde - selbst wenn ich es k�nnte?�</p><p>�Weil das hier deine Chance ist, sich zu rehabilitieren, Mogens�, antwortete Graves. �Du wirst Janice nicht zur�ckbekommen, und auch die beiden anderen werden gewiss nicht wieder lebendig - aber du k�nntest deine Ehre wiederherstellen. Keiner dieser so genannten ernsthaften Wissenschaftler, die damals �ber dich gelacht haben, wird es noch wagen, dir zu widersprechen, nachdem er <emphasis>das hier </emphasis>gesehen hat. Alle, die dich damals einen Verr�ckten genannt haben, werden sich bei dir entschuldigen! Sie werden katzbuckeln und kriechen und dir die Stiefel lecken, nur um einen einzigen Blick hierauf werfen zu d�rfen!� Seine Stimme wurde leiser, war nun wie das Fl�stern des Verf�hrers, und genau wie dieses erf�llte sie ihren Zweck, obwohl er die Absicht dahinter erkannte. �Du wirst der Erste sein, Mogens. Der erste Wissenschaftler der Welt, der beweist, dass es Magie wirklich gibt.�</p></section><section><title><p id="_6">6.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>H�tte es Graves' Hilfe nicht bedurft, um den R�ckweg aus dem versiegelten chthonischen Labyrinth zu finden, so w�re er die gesamte Strecke zur�ck in seine Blockh�tte gerannt, schon, um aus Graves' unmittelbarer N�he zu entkommen.</p><p>Aber es war ein sinnloses Unterfangen. Er hasste Graves. Er hasste ihn in diesen Momenten so sehr, dass er allein deshalb nicht mehr in seiner N�he bleiben konnte, weil er sich selbst nicht mehr traute. Er hasste Graves, weil alles wieder da war, weil die Begegnung mit ihm alles zur�ckgebracht hatte, jeden Schmerz, jede Sekunde der Verzweiflung, jede Nacht voller Selbstvorw�rfe und Leid. Und weil er Recht hatte.</p><p>Denn eines war klar: Mogens <emphasis>w�rde </emphasis>ihm helfen. Er war noch weit davon entfernt, es sich selbst einzugestehen, aber er wusste, dass Graves am Ende siegen w�rde. Ganz einfach, weil jedes Wort, das er gesagt hatte, der Wahrheit entsprach.</p><p>Zornig und frustriert, wie er gewesen war, hatte er sich auf sein zerw�hltes Bett fallen lassen und die n�chste Stunde damit verbracht, die Decke �ber sich anzustarren und vergeblich zu versuchen, Ordnung in das Chaos hinter seiner Stirn zu bringen. Wom�glich h�tte er noch viel l�nger so dagelegen, h�tte es nicht irgendwann an der T�r geklopft und Tom w�re hereingekommen.</p><p>Mogens stemmte sich erschrocken auf die Ellbogen hoch und blinzelte den blond gelockten Jungen einen Moment lang verwirrt an. Er konnte sich nicht erinnern, mit einem �Herein!�, auf Toms Klopfen geantwortet zu haben, aber es war ihm aus irgendeinem Grund ungemein peinlich, dass Tom ihn hier am helllichten Tag auf dem Bett liegend antraf. Er richtete sich hastig weiter auf und schwang die Beine vom Bett.</p><p>�Tom.�</p><p>�Professor.� Tom schob die T�r hinter sich zu und schien f�r einen Moment nicht mehr zu wissen, was er mit seinen H�nden anfangen sollte. Er trat verlegen von einem Fu� auf den anderen.</p><p>�Ja?� Mogens stand endg�ltig auf und ging zum Tisch, machte aber dann wieder kehrt und lie� sich erneut auf die Bettkante sinken. Der einzige Stuhl in seinem Quartier war der, auf dem Graves vorhin gesessen hatte, und Mogens brachte es einfach nicht �ber sich, darauf Platz zu nehmen.</p><p>�Sie... Sie waren mit dem Doktor unten?�, begann Tom unsicher. Er sah Mogens nicht an.</p><p>�Ja.�</p><p>�Und er hat Ihnen alles gezeigt? Den geheimen Gang und...�</p><p>�Ich habe ihm nichts gesagt, wenn es das ist, was dir Angst macht�, sprang Mogens ein, als Tom nicht weitersprach, sondern nur die Unterlippe zwischen die Z�hne zog und immer nerv�ser von einem Bein auf das andere trat. �Er wei� nicht, dass du sein Geheimnis kennst.�</p><p>Tom atmete erleichtert auf, aber seine Nervosit�t blieb. �Den Gang, und den... den Raum dahinter?�</p><p>�Du warst in der Kammer?�, entfuhr es Mogens �berrascht.</p><p>�Nur einmal�, antwortete Tom hastig. �Und auch nur ganz kurz. Dieser Raum war mir unheimlich. Ich hab nichts anger�hrt, das schw�r ich!�</p><p>�Das glaube ich dir�, antwortete Mogens, was der Wahrheit entsprach. Selbst er h�tte in dieser unheimlichen Kammer freiwillig gewiss nichts anger�hrt. �Keine Sorge, Tom - ich habe nichts gesagt, und ich werde auch nichts sagen.� Er machte eine rasche Geste, als Tom erleichtert aufatmete und unverz�glich dazu ansetzte, die H�tte zu verlassen. �Aber ich habe eine andere Frage an dich, Tom.�</p><p>Die Erleichterung, die kurzfristig in Toms Augen aufgeblitzt war, erlosch wieder und machte neuer, mit Misstrauen gepaarter Furcht Platz. �Ja?�</p><p>Mogens wiederholte seine wedelnde Handbewegung, mit der er diesmal aber auf den Stuhl deutete, auf dem er gerade selbst beinahe Platz genommen h�tte. Tom folgte seiner Aufforderung, aber erst nach einem sp�rbaren Z�gern, und es war ihm anzusehen, wie unwohl er sich dabei f�hlte. Er drehte den Stuhl wieder richtig herum, bevor er Platz nahm. Mogens war jedoch klar, dass es nicht etwa daran lag, dass Graves den Stuhl mit seiner Ber�hrung irgendwie besudelt hatte. Vielmehr war er selbst es gewesen, der mit seiner Einladung, sich zu setzen - die Tom zweifellos als einen Befehl aufgefasst haben musste -, aus einem harmlosen Gespr�ch ein Verh�r gemacht hatte.</p><p>�Doktor Graves hat mir erz�hlt, dass eigentlich du es warst, der das alles hier entdeckt hat�, begann er.</p><p>Tom machte ein verlegenes Gesicht. �Das war nur ein Zufall�, sagte er bescheiden. �Ich war...�</p><p>�Auf dem Friedhof, um dort <emphasis>was </emphasis>zu tun?�, fiel ihm Mogens ins Wort.</p><p>Tom zog verst�ndnislos die Augenbrauen zusammen. �Zu tun?�</p><p>�Es ist ein Friedhof�, erinnerte Mogens. �Graves sagt, du h�ttest ein Grab ge�ffnet? Warum?�</p><p>�Nicht deshalb, was Sie jetzt vielleicht denken�, antwortete Tom. �Ich hab damals noch f�r die Geologen gearbeitet.�</p><p>�Die Maulw�rfe?�</p><p>Tom sch�rzte trotzig die Lippen. �Es war gutes Geld, f�r 'ne einfache Arbeit. Ich hab nichts Unrechtes getan.�</p><p>�Das behauptet ja auch niemand�, sagte Mogens rasch. Der schrille Unterton in Toms Stimme war ihm nicht entgangen. Er durfte nicht vergessen, mit wem er sprach. Toms manchmal �berraschende Art t�uschte nur zu leicht dar�ber hinweg, dass er einem sehr einfachen Menschen gegen�bersa�. Einfache Menschen reagieren manchmal sehr direkt, wenn sie sich angegriffen f�hlen. �Ich war nur �berrascht. Der Streit heute Morgen...�, er machte eine Kopfbewegung zur T�r, �... das war auch einer der Geologen, nicht wahr?�</p><p>Tom nickte. Sein Gesicht wirkte verstockt. �Es war nicht der erste Streit zwischen dem Doktor und ihnen�, sagte er widerwillig.</p><p>�Und worum ging es dabei?�</p><p>�Um das, worum es immer geht.� Tom hob die Schultern. �Doktor Graves spricht nicht mit mir dar�ber, aber ich hab das eine oder andere geh�rt.� Er zuckte abermals mit den Schultern, wie um klar zu machen, dass das, was er sagte, keineswegs der Wahrheit entsprechen musste. �Sie sind ver�rgert, dass wir hier sind. Sie glauben, die Ausgrabungen des Doktors st�ren ihre Arbeit.�</p><p>�Die Arbeit eines Geologenteams?�</p><p>Ein weiteres Schulterzucken. �Davon versteh ich nichts. Ich wei� nur, dass sie fr�her oft hier waren. Aber seit der Doktor dieses Gel�nde gekauft hat, l�sst er niemanden mehr hierher.�</p><p>�Graves hat all das hier <emphasis>gekauft?�, </emphasis>vergewisserte sich Mogens.</p><p>Tom nickte. �Schon vor einem Jahr. Gleich, nachdem er gesehen hat, was ich entdeckt hatte. Alle haben ihn f�r verr�ckt gehalten.� Er l�chelte fl�chtig. �Das Gel�nde ist vollkommen wertlos. Ein Sumpf, der immer gr��er wird, und ein alter Friedhof, der allm�hlich im Boden versinkt. Niemand kann was damit anfangen.�</p><p>Etwas an dieser Information weckte Mogens' Aufmerksamkeit, aber er konnte im ersten Moment selbst nicht sagen, was. Er schob den Gedanken von sich, nahm sich aber vor, Toms Antwort sp�ter noch einmal in der geb�hrenden Ruhe zu �berdenken. �Worin bestand deine Arbeit f�r das Geologenteam?�</p><p>�Nichts Besonderes.� Tom hob zum f�nften oder sechsten Mal die Schultern. �Ich hab nie verstanden, dass sie mir Geld daf�r gezahlt haben. Ich sollte ihnen Bericht erstatten, wie schnell die Gr�ber im Boden versinken, das ist alles.� Er begann unbehaglich mit den H�nden zu ringen und schien schon wieder nicht zu wissen, wohin mit seinem Blick.</p><p>�Das ist f�r einen Geologen zweifellos von gro�em Interesse�, sagte Mogens. Er sch�ttelte den Kopf. �Obwohl ich es nicht verstehe. Wer legt einen Friedhof mitten in einem <emphasis>Sumpf </emphasis>an?� Mercers Worte fielen ihm wieder ein. <emphasis>Der Boden hier ist wie ein einziger gro�er Schwamm.</emphasis></p><p>�Das war nicht immer so�, antwortete Tom. �Der Sumpf w�chst.�</p><p>�Er w�chst?�, wiederholte Mogens zweifelnd. Er war kein Geologe, aber er hatte nie geh�rt, dass ein Sumpfgebiet <emphasis>wuchs.</emphasis></p><p>Tom nickte jedoch best�tigend. �Er breitet sich aus�, sagte er. �Ich kann mich noch erinnern, wie es fr�her war. Als Kinder haben wir manchmal auf dem alten Friedhof gespielt. Damals hat der Sumpf dr�ben auf der anderen Seite des Lagers geendet. Aber seither ist er gewachsen. Einige machen sich sogar Sorgen, dass er eines Tages die Stadt bedrohen k�nnte, aber ich glaub das nicht.�</p><p>Und das - fand Mogens - war wirklich eine Sensation; und f�r die <emphasis>Maulw�rfe </emphasis>aus dem Lager der Geologen ganz sicher mehr als eine <emphasis>kleine. </emphasis>Tom erz�hlte wie von Dingen, die unendlich lange zur�cklagen, aber er war <emphasis>siebzehn, </emphasis>und das bedeutete, dass sich der Sumpf in <emphasis>kaum mehr als einem Jahrzehnt </emphasis>�ber die Lichtung hinweg und bis zum Friedhof hin ausgedehnt hatte. Auch wenn Mogens kein Fachmann auf diesem Gebiet war, so war das doch nach seinem Daf�rhalten schlechterdings unm�glich. Und Graves wunderte sich, dass das Geologenteam darauf dr�ngte, seine Nachforschungen fortzusetzen?</p><p>�Ich danke dir�, sagte er. �Du hast mir wirklich sehr geholfen. Und keine Sorge�, f�gte er hinzu, als er das unruhige Flackern in Toms Augen registrierte. �... Doktor Graves wird nichts von unserem kleinen Geheimnis erfahren.�</p><p>�Danke�, sagte Tom. �Ich...� Er verstummte, sah Mogens noch eine schier endlose Sekunde lang gleicherma�en erleichtert wie zweifelnd an und rannte dann regelrecht aus dem Haus.</p><p>Mogens sah ihm mit einer Mischung aus Erleichterung und einer sonderbaren Art von Verwirrung hinterher. Das Gespr�ch mit Tom hatte ein seltsames Gef�hl in ihm hinterlassen. Er hatte keinen Grund, Tom zu misstrauen. Was er gesagt hatte, klang schl�ssig und �berzeugend, und viel wichtiger noch: Er hatte <emphasis>gesp�rt, </emphasis>dass Tom die Wahrheit sagte.</p><p>Warum also misstraute er ihm immer noch?</p><p>Mogens gab sich die Antwort auf seine eigene Frage selbst: Weil er niemandem mehr traute. Weder Tom noch Graves und am allerwenigsten sich selbst.</p><p>Er stand mit einem Ruck auf. Es nutzte niemandem, wenn er sich weiter Selbstzweifeln und -vorw�rfen hingab. Mogens f�hrte sich mit Gewalt vor Augen, dass er Wissenschaftler war, ein Mann, der gelernt hatte, Fakten zu beurteilen, nicht Gef�hle. Den �Blick f�r das Wesentliche� zu bewahren, wie es sein Doktorvater in Harvard immer ausgedr�ckt hatte.</p><p>Um ein Haar h�tte Mogens laut aufgelacht, als ihm klar wurde, was er gerade gedacht hatte. Der einzige Grund, aus dem er hier war, war der Orkan von Gef�hlen, den Graves' Besuch in Thompson in ihm ausgel�st hatte. Und was, wenn nicht das, was er <emphasis>gef�hlt </emphasis>hatte, hatte zu seiner Entscheidung gef�hrt, Graves' unsittliches Angebot anzunehmen und hier zu bleiben, ja, ihm sogar dabei zu <emphasis>helfen, </emphasis>das monstr�se Geheimnis des unterirdischen Tempels zu l�sen, statt das zu tun, was er tun sollte - n�mlich von hier zu verschwinden, so schnell und so weit fort er nur konnte?</p><p>Nur um seine H�nde zu besch�ftigen, begann Mogens den Tisch abzur�umen, auf dem noch das Fr�hst�ck stand, das Tom f�r ihn zubereitet hatte. Mogens hatte es nicht anger�hrt, abgesehen von dem starken Kaffee, den Tom ihm gekocht hatte, aber allein der Anblick der l�ngst kalt und unansehnlich gewordenen Speisen - R�hrei, Speck und gebutterter Toast - erinnerte ihn daran, dass er seit dem vergangenen Abend nichts mehr gegessen hatte. Mittlerweile war es fast wieder Mittag. Sein Magen knurrte. Die Speisen boten keinen Anblick, der dazu angetan gewesen w�re, ihn irgendetwas davon essen zu lassen, aber in der Kanne befand sich noch ein Rest Kaffee. Auch er war l�ngst kalt, aber Mogens hatte kalten Kaffee hei�em schon immer vorgezogen. Er griff nach der zerquetschten Tasse und stockte mitten in der Bewegung, als er sich erinnerte, dass es Graves gewesen war, der die Tasse nicht nur zerdr�ckt, sondern auch aus ihr <emphasis>getrunken </emphasis>hatte. Mogens w�re eher verdurstet, als dass er seinen Lippen gestattet h�tte, diesen Becher zu ber�hren.</p><p>Dennoch stockte er f�r einen Moment mitten in der Bewegung, und sein Gesicht verzog sich angewidert. Mogens war pl�tzlich nicht mehr sicher, dass es sich auch wirklich um die gleiche Tasse handelte, aus der Graves getrunken hatte. Sie war zu einem St�ck Blechschrott verformt, und auf ihrem Boden befand sich noch ein kleiner Rest Kaffee - aber sie erinnerte trotzdem mehr an etwas, das man nach einem langen Winter im Wald gefunden hatte. Die Emaille war gerissen und abgeplatzt, und das Metall, das darunter zum Vorschein kam, rostig und verwittert. Als Mogens eine unvorsichtige Bewegung machte, drohte der Griff abzubrechen und der winzige Rest Kaffee, der sich noch darin befand, gl�nzte �lig; kleine, gr�ne Klumpen schwammen auf seiner Oberfl�che und dar�ber hatte sich ein ekelhafter Belag abgesetzt, der in Mogens Bilder von verwesenden Dingen wachrief, die irgendwann einmal gelebt hatten und nun zu einer anderen, ungesunden Form von Leben wurden.</p><p>Mit spitzen Fingern stellte er die Tasse auf den Tisch zur�ck und schob sie angewidert so weit von sich weg, wie es ging, ohne dass sie von der Tischkante fiel. Er musste ein paar Mal schlucken, um die �belkeit loszuwerden, die aus seinem Magen heraufkriechen wollte. Pedantisch - und innerlich gewappnet gegen einen weiteren ekelhaften Anblick - kontrollierte er auch das restliche Geschirr, aber er erlebte keine weitere �berraschung. Alles andere, was auf dem Tisch stand, war tadellos in Ordnung. Trotzdem nahm er sich vor, ein ernstes W�rtchen mit Tom zu reden. Nicht auszudenken, wenn <emphasis>er </emphasis>versehentlich aus dieser Tasse getrunken h�tte!</p><p>Nachdem er auf dem Tisch f�r Ordnung gesorgt hatte, wandte er sich seinem Bett und den beiden Koffern zu. Tom hatte die schlammverschmierten Kleider aus der vergangenen Nacht bereits weggeschafft, vermutlich, um sie zu waschen, und Mogens verstaute den k�mmerlichen verbliebenen Rest in den Schubladen des Schrankes. Was jetzt noch von seiner bescheidenen weltlichen Habe in den Koffern war, bestand aus Papieren und B�chern. Die Unterlagen verteilte er auf dem Schreibtisch und der Klappe des Stehpults, f�r die B�cher w�rde sich im Regal noch ein Pl�tzchen finden.</p><p>Mogens durch diese profane T�tigkeit gerade wieder ein wenig im Steigen befindliche Laune sank erneut, w�hrend er seine B�cher auf die vorhandenen L�cken verteilte und sein Blick dabei ganz automatisch �ber die R�cken der B�nde glitt, die bereits darauf standen. Bei einem Gro�teil davon handelte es sich um genau das, was er angesichts dessen, was ihm hier in den letzten anderthalb Tagen begegnet war, auch erwartet hatte: einige B�nde �ber die Ureinwohner des s�damerikanischen Kontinents, die Maya, Inkas und Azteken, eine ganze Anzahl B�cher �ber die Geschichte des alten �gypten und seiner G�tter- und Pharaonenwelt, die nur zu oft nahezu unentwirrbar ineinander �bergingen, sowie etliche klassische Werke der Arch�ologie, deren Anblick Mogens zu einem ver�chtlichen Verziehen der Lippen veranlasste, denn das meiste davon hatte er bereits w�hrend seines Studium auswendig gekannt, und mehr als nur eine der in diesen B�chern vertretenen Theorien hatten sich l�ngst als falsch herausgestellt. Hielt Graves ihn f�r einen Idioten?</p><p>Aber es waren auch B�cher darunter, deren Anblick ihm alles andere als ein L�cheln entlockte. B�nde, die er ebenso gut kannte, aber seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatte, denn sie geh�rten zu einem Kapitel seines Lebens, das er f�r endg�ltig abgeschlossen gehalten hatte. Es waren B�nde �ber uralte Kulte, �ber Magie und Okkultismus, �ber l�ngst vergessene Mythen und untergegangene Kulturen, die nur noch in den Legenden der Menschen ihre Spuren hinterlassen hatten, �ber verbotenes Wissen und Geheimnisse, die den Tod brachten. Er glaubte pl�tzlich wieder Graves' Stimme zu h�ren. <emphasis>Der erste Wissenschaftler der Welt, der beweist, dass es </emphasis>Magie <emphasis>wirklich gibt. </emphasis>War es m�glich? Konnte es tats�chlich sein, dass Graves und er den Beweis in H�nden hielten, dass das, wor�ber die allermeisten ihrer Kollegen die Nase r�mpften, <emphasis>wahr </emphasis>war - nicht nur blo�er Aberglaube und irregeleitete Naivit�t derer, die schwach im Geiste waren, sondern wissenschaftlich belegbare Realit�t?</p><p>Mogens war sich der Gefahr bewusst, die allein von dieser <emphasis>Frage </emphasis>ausging. Es war nur zu leicht, sich selbst von etwas zu �berzeugen, das man glauben wollte; eine Verlockung, vor der auch ein Wissenschaftler nicht gefeit war. Ein solcher vielleicht am allerwenigsten, hatte er doch ganz andere Argumente und M�glichkeiten bei der Hand, auch das Unerkl�rliche zu beweisen und das scheinbar Unm�gliche zu erkl�ren.</p><p>Und dennoch: Nach dem, was er vor einer Stunde gesehen und vor allem <emphasis>gesp�rt </emphasis>hatte: Es <emphasis>war </emphasis>m�glich.</p><p>Nicht alle B�cher, die sich auf dem Bord fanden, waren Mogens bekannt. Etliche sagten ihm gar nichts, andere kamen ihm nur vom Titel her vage vertraut vor, und es waren zwei oder drei darunter, bei denen es sich zweifellos nur um Repliken handeln konnte, waren doch allein die Namen der Originale schon fast sagenumwoben; und manche von der Art, die man nur im Fl�sterton nannte.</p><p>Z�gernd griff er nach einem schweren, in grobporiges schwarzes Leder gebundenen Folianten. Er war so schwer, dass er beide H�nde brauchte, um ihn aus dem Regal zu nehmen. Der in abbl�tternden Goldbuchstaben in den Einband gepr�gte Titel lautete <emphasis>De Vermis Mysteriis, </emphasis>was Mogens nichts sagte, ihm aber einen sonderbar unwohlen Schauer �ber den R�cken laufen lie�. Fast behutsam schlug er den Band auf. Die Seiten bestanden aus vergilbtem Pergament, das so alt war, dass es beim Umbl�ttern nicht nur h�rbar knisterte, sondern Mogens fast bef�rchtete, sie k�nnten einfach zerbrechen, und waren mit winzigen Buchstaben einer fast kalligraphischen Handschrift bedeckt. Dazwischen befanden sich sonderbare, kabbalistische Symbole und unheimlich anmutende Zeichnungen, deren blo�es Betrachten Mogens schon Unbehagen bereitete.</p><p>�Sei vorsichtig damit�, sagte eine Stimme hinter ihm.</p><p>Mogens fuhr so erschrocken herum, dass er das Buch um ein Haar tats�chlich fallen gelassen h�tte. Er hatte nicht einmal geh�rt, dass die T�r aufgegangen war. �Jonathan.�</p><p>Graves schob die T�r hinter sich ins Schloss und kam n�her. Sein Blick glitt aufmerksam �ber den Tisch, bevor er sich wieder Mogens zuwandte und fortfuhr: �Es sind zum Teil unersetzliche Originale. Wirklich sehr wertvoll.�</p><p>�Originale?� Mogens griff instinktiv fester zu, was Graves ein fl�chtiges L�cheln entlockte.</p><p>�Eine Leihgabe einer kleinen Universit�t in Massachusetts�, best�tigte er. �Du kannst dir nicht vorstellen, was f�r eine M�he es mich gekostet hat, sie zu bekommen. Ich musste meine Seele verpf�nden, damit der Kurator sie herausgibt.� Er grinste. �Und die h�tte ich gerne wieder.�</p><p>Mogens bezweifelte, dass Graves so etwas wie eine Seele hatte, behielt diese Meinung aber wohlweislich f�r sich und drehte sich fast hastig um, um das Buch ins Regal zur�ckzustellen. �Du musst dir ja sehr sicher gewesen sein, dass ich zustimme.�</p><p>�Nennen wir es: vorsichtig optimistisch�, antwortete Graves. �Ich hoffe, du kannst mit dieser Auswahl etwas anfangen. An ein paar Titel konnte ich mich von fr�her erinnern, aber ich bin kein Fachmann auf diesem Gebiet und musste mich wohl oder �bel auf den Rat des Kurators verlassen. Aber nach allem, was ich geh�rt habe, ist die Miskatonic University f�hrend auf diesem Gebiet. Ihre Bibliothek genie�t einen ausgezeichneten Ruf.�</p><p>Mogens hatte noch nie etwas von dieser Universit�t geh�rt, so wenig wie von der dazugeh�rigen Stadt, aber die Auswahl der Titel auf den Regalbrettern vor sich schien Graves' Behauptung zu best�tigen; auch wenn Mogens bezweifelte, dass es sich tats�chlich bei allen um Originale handelte. Er war im Gegenteil fast sicher, dass etliche jener B�cher, von denen nur hinter vorgehaltener Hand geredet wurde, niemals existiert hatten. Doch ob F�lschungen oder nicht, alt waren diese B�nde zweifellos.</p><p>�Und diese B�cher l�sst du einfach so hier herumstehen?�, wunderte er sich. �In einem unverschlossenen Haus, in dem jeder nach Belieben ein- und ausgehen kann?�</p><p>�Oh, f�r unsere Sicherheit ist schon gesorgt, keine Angst�, beruhigte ihn Graves. �Und f�r die unseres Besitzes auch.� Er kam zwei weitere Schritte n�her, und wieder tastete sein Blick sehr aufmerksam �ber den Tisch, den Mogens gerade aufger�umt hatte. �Aber ich bin nicht gekommen, um mit dir �ber B�cher zu fachsimpeln, Mogens. Hast du dich entschieden?�</p><p>�Entschieden?� Mogens verstand nicht sofort, was Graves meinte.</p><p>�Was mein Angebot betrifft.� Graves machte eine erkl�rende Geste und verbesserte sich: �Meine <emphasis>Bitte. </emphasis>Wirst du mir helfen?�</p><p>�Es ist noch keine zwei Stunden her!�, sagte Mogens. �Ein wenig mehr Zeit solltest du mir schon geben, um eine so weitreichende Entscheidung zu treffen.�</p><p>�Gerade Zeit ist es, was wir nicht im �berma� haben, f�rchte ich�, sagte Graves betr�bt.</p><p>�Warum die Eile?�, fragte Mogens. �Du bist seit einem Jahr hier. Welche Rolle spielen da ein paar Stunden oder Tage?�</p><p>�Eine gro�e, f�rchte ich�, sagte Graves. �In wenig mehr als einer Woche ist Vollmond. Bis dahin sollten wir unsere Vorbereitungen abgeschlossen haben.�</p><p>Mogens blinzelte ihn verst�rt an.</p><p>�Vollmond?�</p><p>�Spielt der Vollmond nicht bei vielen magischen Ritualen eine wichtige Rolle?�, fragte Graves. Er l�chelte fast sch�chtern. �Ich meine: Wir reden doch hier �ber das, was unsere gesch�tzten Kollegen als Magie bezeichnen, oder?�</p><p>�Aber das bedeutet nicht, dass wir jetzt nachts an einem Kreuzweg auf den Vollmond warten und dabei Kr�tensteine und Fledermausfl�gel verbrennen m�ssen, oder?�, fragte Mogens.</p><p>�Wenn es hilft.� Graves blieb vollkommen ernst. Er machte eine Kopfbewegung auf die T�r hinter sich. �Die anderen werden bald zur�ck sein. Ich w�re dir verbunden, wenn du ihnen nichts von der Kammer erz�hlen w�rdest. Zumindest nicht, bis du dich entschieden hast.�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Mogens in leicht beleidigtem Ton. �Und danach �brigens auch nicht. Ganz gleich, wie meine Entscheidung ausfallen wird.�</p><p>�Oh, ich bin sicher, du wirst dich richtig entscheiden�, sagte Graves l�chelnd. �Aber lass dir nicht zu viel Zeit damit. Ich werde nach dem Abendessen noch einmal vorbeikommen, um deine Entscheidung zu erfahren.�</p><p>Mogens sah ihn scharf an. Bildete er es sich nur ein, oder war da ein ganz sachter drohender Ton in Graves' Stimme?</p><p>�Ich werde dar�ber nachdenken�, sagte er und wandte sich br�sk um.</p><p>�Tu das�, antwortete Graves.</p><p>Mogens wartete, bis er das Ger�usch der T�r geh�rt hatte, die ins Schloss fiel, und er lie� auch dann noch einmal gute f�nf oder zehn Sekunden verstreichen, bevor er sich mit zornig zu F�usten geballten H�nden umdrehte, fest entschlossen, Graves kurzerhand hinauszuwerfen, sollte er wieder eins seiner Spielchen mit ihm spielen. Graves war jedoch nicht mehr da, und einen Moment lang kam sich Mogens einfach nur albern vor. Dass er begriff, dass selbst das vermutlich zu dem Spiel geh�rte, das Graves ihm aufgezwungen hatte, machte es auch nicht unbedingt einfacher.</p><p>Mogens versuchte sich eine Weile damit abzulenken, die Titel auf den Buchr�cken vor sich zu studieren, aber es half nicht. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu Graves und der unheimlichen Kammer unter dem Friedhof zur�ck, und schlie�lich gab er es auf und trat wieder vom Regal zur�ck. Eine noch k�rzere Weile versuchte er, sich mit dem Ordnen und Sortieren seiner Papiere abzulenken, aber das fruchtete beinahe noch weniger. Er richtete Unordnung an statt Ordnung, und Mogens <emphasis>hasste </emphasis>Unordnung. Nein, er brauchte etwas weit Simpleres, um sich auf andere Gedanken zu bringen.</p><p>Vielleicht sollte er zu Tom gehen und ihn bitten, ihm noch einen Kaffee zu kochen - und ihn bei dieser Gelegenheit gleich wegen der verdorbenen Tasse zur Rede stellen. Er umkreiste den Tisch, um sie zu holen, aber sie war nicht mehr da.</p><p>Mogens runzelte �berrascht die Stirn. Wider besseres Wissen suchte sein Blick den gesamten Tisch ab, und schlie�lich ging er sogar in die Hocke, um unter den Tisch zu sehen, aber es blieb dabei: Die Tasse war verschwunden.</p></section><section><title><p id="_7">7.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Mercer und die beiden anderen kamen erst lange nach Sonnenuntergang zur�ck. Das Brummen des n�her kommenden Wagens war schon eine geraume Weile zu h�ren gewesen, ehe die Sto�stange das Ge�st am anderen Ende des Lagers teilte und die Scheinwerfer einen Teil der schlammigen Stra�e aus der Dunkelheit rissen. Obgleich Mogens nichts von Automobilen verstand, glaubte er doch den Klang des Ford wieder zu erkennen, mit dem Tom ihn aus San Francisco abgeholt hatte. Der Wagen bewegte sich nicht sehr schnell, und er fuhr auch alles andere als gerade; die Scheinwerfer h�pften so wild hin und her, dass Mogens nicht einmal �berrascht gewesen w�re, h�tte der Ford eine der Blockh�tten gerammt. Aber das Wunder geschah: Der Wagen kurvte um alle Hindernisse herum und verschwand schlie�lich hinter dem Geb�ude, hinter dem Tom auch die anderen Fahrzeuge abgestellt hatte. Nur einen Moment sp�ter h�rte Mogens das Ger�usch zuschlagender Autot�ren und dann Stimmen und das helle Lachen einer Frau. Hyams.</p><p>Eine innere Stimme riet ihm, ins Haus zur�ckzugehen. Er hatte nichts gegen Hyams und die beiden anderen, aber er glaubte kaum, dass sie ihm bei der Entscheidung, die er zu treffen hatte, von gro�em Nutzen sein w�rden. Aber noch w�hrend er mit sich rang, auf sie zu warten oder nicht, tauchten drei schwarze Silhouetten hinter der Blockh�tte auf und verharrten pl�tzlich mitten in der Bewegung. Die Stimmen verstummten ebenso j�h wie Hyams' Lachen, und Mogens wusste, dass es zu sp�t war. Kurz nach der Mittagsstunde hatte Tom den Generator ausgeschaltet, sodass er genau wie gestern auf Kerzenlicht angewiesen war, aber in der offen stehenden T�r war er dennoch nicht zu �bersehen.</p><p>�Mein lieber Professor!�, rief Mercer im N�herkommen. �Zu so sp�ter Stunde noch auf?�</p><p>Mogens widerstand der Versuchung, demonstrativ auf seine Taschenuhr zu sehen. Er wusste auch so, dass es noch nicht einmal neun war. Vor einer knappen Stunde hatte ein sehr wortkarger Tom das Essen aufgetragen, ohne dass Graves gekommen war, wie er es versprochen hatte. Er zog es vor, nicht zu antworten, aber die schleppende Art, auf die Mercer sprach, war ihm keineswegs entgangen. Mercer und die beiden anderen - wenn auch in gr��er werdendem Abstand - kamen n�her, und Mogens begann sich den Kopf dar�ber zu zerbrechen, wie er sie am besten abweisen konnte, ohne allzu unh�flich zu wirken und damit sein ohnehin nicht gerade gutes Verh�ltnis zu seinen neuen Kollegen noch mehr zu belasten.</p><p>Er fand keine. Es h�tte ihm vermutlich auch nichts genutzt, wie ihm sp�testens beim ersten Blick in Mercers Gesicht klar wurde. Es wirkte noch rosiger als sonst, und seine Augen hatten einen w�ssrigen Glanz. Er wankte mindestens so heftig hin und her, wie es der Ford vor einer Minute getan hatte. Mercer war betrunken. Mogens hoffte nur, dass er nicht am Steuer gesessen hatte.</p><p>�Wir haben Sie vermisst, Professor�, fuhr Mercer in aufger�umtem Ton fort. �San Francisco ist eine gro�artige Stadt! Das n�chste Mal m�ssen Sie uns unbedingt begleiten.�</p><p>Mogens sagte immer noch nichts, aber Mercer lie� sich auch davon nicht beeindrucken, sondern hievte seine gewaltige K�rperf�lle schnaubend die kleine Treppe herauf, und Mogens trat hastig zur Seite, da er fast bef�rchten musste, von ihm �berwalzt zu werden. �Wir d�rfen doch hereinkommen, nur auf einen kleinen Plausch unter Kollegen?�</p><p>�Sicher.� Mogens trat einen weiteren Schritt zur�ck und machte eine einladende Bewegung in Richtung der beiden anderen. McClure warf ihm ein rasches, um Verst�ndnis heischendes L�cheln zu, w�hrend er in Hyams' Gesicht vergeblich zu lesen versuchte. Allerdings sp�rte er die Ablehnung, die die Arch�ologin ihm entgegenbrachte, deutlicher denn je.</p><p>Mercer marschierte fr�hlich an ihm vorbei und nahm uneingeladen auf dem einzigen Stuhl Platz, den es im Zimmer gab. �Das n�chste Mal m�ssen Sie uns unbedingt begleiten, Professor�, sagte er noch einmal, und mit noch schwererer Zunge. �Wenn unser Zerberus Sie gehen l�sst, hei�t das.�</p><p>�Zerberus?�</p><p>�Graves�, erkl�rte McClure. �Mercer liebt es, Doktor Graves so zu nennen - vor allem, wenn er zu tief ins Glas geschaut hat, wie heute. Und nat�rlich, wenn er es nicht h�ren kann.�</p><p>Mercer reagierte mit einem breiten Grinsen. �Sie sind ein Spielverderber, McClure�, sagte er. �Warum g�nnen Sie einem armen alten Mann nicht einmal dieses kleine Vergn�gen?�</p><p>Der Art nach zu schlie�en, auf die Mercer sprach, dachte Mogens, war es wohl eher ein ziemlich hochprozentiges Vergn�gen gewesen. Wieder begegnete er jenem halb verst�ndnisvollen, ein ganz kleines bisschen aber auch mitleidigem L�cheln in McClures Augen, als er den Pal�ontologen ansah.</p><p>�Wir wollen Sie auf keinen Fall st�ren�, sagte McClure. �Sie haben gewiss einen anstrengenderen Tag hinter sich als wir.�</p><p>Zumindest was Mercer anging, hatte Mogens da gewisse Zweifel. �Sie st�ren keineswegs, Doktor�, sagte er. �Ich f�rchte nur, ich kann Ihnen nichts anbieten - au�er einem Becher kalten Kaffees vielleicht.�</p><p>�Aber das ist doch vollkommen in Ordnung�, versicherte Mercer, w�hrend er sich bereits schnaufend vorbeugte und nach der Kanne griff. Es gab nur die eine Tasse, aus der Mogens gerade getrunken hatte, woran Mercer aber keinen Ansto� zu nehmen schien. Ungeachtet des l�ngst kalt gewordenen Restes, der sich noch darin befand, schenkte er sich nach und griff anschlie�end unter seinen Mantel, um eine flache Schnapsflasche hervorzuziehen, aus der er einen kr�ftigen Schuss in den Kaffee goss. McClure runzelte missbilligend die Stirn, enthielt sich aber jeden Kommentars, sondern wandte sich mit einem leicht verlegenen L�cheln wieder direkt an Mogens.</p><p>�Und wie haben Sie Ihren ersten Tag hier verbracht, Professor?�</p><p>�So wie Sie vermutlich auch�, antwortete Mogens. �Doktor Graves hat mich herumgef�hrt und mir alles gezeigt.�</p><p>Er sah nicht hin, aber er registrierte dennoch den scharfen, fast feindseligen Blick, den Hyams ihm aus den Augenwinkeln heraus zuwarf. Aber auch sie sagte nichts, sondern drehte sich nach einer Sekunde weg und trat an das B�cherregal heran. Mogens war nicht wohl dabei, aber ihm fiel kein plausibler Grund ein, sie zur�ckzuhalten.</p><p>McClure blieb ihm die Antwort auf seine indirekt gestellte Frage schuldig.</p><p>�Das hat er doch, oder?�, hakte Mogens nach.</p><p>McClure druckste einen Moment herum und antwortete schlie�lich, ohne ihm in die Augen zu sehen: �Wir sprechen au�erhalb der Grabungsstelle nicht �ber unsere Arbeit. Doktor Graves w�nscht es nicht.�</p><p>�Und Sie tun und lassen zweifellos immer alles, was Doktor Graves w�nscht�, gab Mogens zur�ck. Der bei�ende Spott in seiner Stimme tat ihm augenblicklich selbst Leid, umso mehr, als er sah, dass der Anteil von Verlegenheit in McClures Blick noch wuchs. Aber es war Hyams, die antwortete, nicht McClure.</p><p>�In diesem Punkt sind wir mit Doktor Graves vollkommen einer Meinung, Professor VanAndt. So lange unsere Arbeit hier nicht abgeschlossen ist, ist absolute Verschwiegenheit das oberste Gebot. Wahrscheinlich haben Sie es noch nicht bemerkt, aber nicht alle sind mit dem einverstanden, was wir hier tun, und wir werden misstrauisch und �u�erst aufmerksam beobachtet. Und wer wei�, vielleicht belauscht? M�chten Sie, dass Ihnen jemand die Fr�chte Ihrer Arbeit stiehlt?�</p><p>Den letzten Satz sprach sie mit einer sonderbaren Betonung aus, fand Mogens. Und noch viel unangenehmer war der Blick, mit dem sie ihn dabei ma�.</p><p>�Selbstverst�ndlich nicht�, antwortete er so ruhig, wie er nur konnte. �So wenig, wie ich selbst so etwas je tun w�rde.�</p><p>�Sehen Sie, Professor, und so geht es jedem von uns�, antwortete Hyams k�hl. Dann deutete sie auf das Bord und fragte: �Sind das Ihre B�cher?�</p><p>�Einige�, antwortete Mogens. �Die meisten hat Graves herbeischaffen lassen.�</p><p>�Eine sonderbare Auswahl�, sagte Hyams, w�hrend sie sich wieder vollends dem B�cherregal zuwandte. �Was, sagten Sie noch einmal, ist Ihr Fachgebiet?�</p><p>�Arch�ologie�, antwortete Mogens, obwohl er sehr sicher war, dass Hyams dies ebenso gut wusste wie die beiden anderen und er selbst.</p><p>Hyams nahm einige B�nde heraus, studierte die Titel oder warf einen eher fl�chtigen Blick hinein, bevor sie sie wieder zur�ckstellte. <emphasis>�Das Buch der toten Namen�, </emphasis>sagte sie. <emphasis>�Atlantis: Die vorsintflutliche Welt.� </emphasis>Sie ma� ihn mit einem schwer zu deutenden, aber nicht sehr angenehmen Blick. �Was soll das sein? Braucht man so etwas neuerdings in der Arch�ologie?�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens, m�hsam beherrscht. �Ich interessiere mich rein privat f�r diese Themen.�</p><p>�F�r Zauberei?�</p><p>�F�r Okkultismus�, verbesserte sie Mogens.</p><p>�Und das ist ein Unterschied?� Hyams zog beinahe ver�chtlich die Brauen zusammen. �Das m�ssen Sie mir erkl�ren, Professor.�</p><p>Mogens schob es auf seine Einbildung, dass es sich f�r ihn so anh�rte, als spr�che sie das Wort �Professor� wie eine Beleidigung aus. Das machte ihn w�tend. Er beherrschte sich aber und bem�hte sich im Gegenteil, so ruhig und sachlich zu antworten, wie er nur konnte.</p><p>�Mich interessiert der <emphasis>wissenschaftliche </emphasis>Aspekt dieser Dinge, Doktor�, sagte er. �Fast jeder Aberglaube geht auf einen realen Kern zur�ck. Die Medizin beginnt gerade zu entdecken, dass viele der alten Naturheilmittel keineswegs Hokuspokus, sondern im Gegenteil h�chst wirksam sind.�</p><p>�Das mag sein, oder auch nicht.� Hyams schob sein Argument mit einem Achselzucken zur Seite, das seinen Zorn noch weiter anstachelte. �Aber das ist wohl kaum das, wor�ber wir hier reden oder worum es in diesen B�chern geht. Was ist mit dem Glauben an D�monen und heidnische G�tter? Wo ist der wissenschaftliche Beweis f�r die Wirksamkeit von <emphasis>Zauberspr�chen?</emphasis>�</p><p>�Nirgends�, gab Mogens unumwunden zu. �Allerdings gibt es auch keinen Beweis, dass sie <emphasis>nicht </emphasis>wirken.�</p><p>�Das ist jetzt nicht Ihr Ernst�, �chzte Hyams. �Was soll an irgendwelchem sinnlosem Gestammel...�</p><p>�Wer sagt Ihnen, dass es das ist?�, unterbrach sie Mogens und brachte die �gyptologin mit einer fast befehlenden Geste zum Schweigen, falls sie ihm ihrerseits ins Wort fallen wollte. �Nein, ich wei�, was Sie jetzt sagen wollen, Doktor Hyams, aber bitte, h�ren Sie mir einfach einen kurzen Moment zu.�</p><p>Hyams zog ver�chtlich die linke Augenbraue hoch, aber sie schwieg.</p><p>�Ich denke, dass es weit mehr Kr�fte in der Natur gibt, die wir <emphasis>nicht </emphasis>verstehen, als solche, <emphasis>die </emphasis>wir verstehen�, begann Mogens. �Naturwissenschaftliche Kr�fte, meine ich. Energie, Kraftfelder, Str�mungen.� Er sah fragend von einem zum anderen. McClure nickte z�gernd, und Mercer nahm einen weiteren Schluck Kaffee mit Rum - oder was auch immer sich in seiner Flasche befand -, w�hrend Hyams �berhaupt nicht reagierte, sondern ihn nur weiter mit ausdruckslosem Gesicht anstarrte.</p><p>�Einige dieser Kr�fte verstehen wir und einige k�nnen wir sogar beherrschen�, fuhr Mogens fort. �Wir modifizieren Funkwellen, um Morsezeichen zu senden. Wir erzeugen elektrischen Strom, um unsere H�user zu beleuchten und wir erhitzen Wasser, um mit dem Dampf unsere Maschinen zu betreiben.�</p><p>�Sie sprechen �ber <emphasis>Energie, </emphasis>Professor�, gab McClure zu bedenken. �Nicht �ber <emphasis>Worte.�</emphasis></p><p>�Und was sind Worte anderes als Schallwellen?�, fragte Mogens in beinahe triumphierendem Ton. �Was, wenn sie etwas bewirken, von dem wir keine Vorstellung haben? Wenn sie mit Kr�ften der Natur kommunizieren, von deren Existenz wir m�glicherweise noch gar nichts ahnen?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Hyams sp�ttisch. �Aber irgendwelche keltischen Druidenpriester vor f�nftausend Jahren haben sie gekannt.�</p><p>�M�glicherweise�, sagte Mogens. �Selbstverst�ndlich hatten sie keine Ahnung von der Existenz elektrischen Stroms, von Strahlungen und Kraftfeldern. Aber vielleicht haben sie einfach etwas beobachtet. Vielleicht ist ihnen aufgefallen, dass bestimmte Dinge geschehen, wenn sie bestimmte Worte sagen. Sie haben das, was sie beobachtet haben, in Worte gekleidet, ohne zu ahnen, dass es nicht die Worte sind, sondern das Muster an Schallwellen, das sie dabei hervorrufen.�</p><p>�Das ist doch Bl�dsinn�, sagte Hyams.</p><p>Mogens hob die Schultern. �Ich sage nicht, dass es so gewesen ist�, antwortete er. �Ich sage, dass es so gewesen sein k�nnte.�</p><p>�Oh, nat�rlich�, versetzte Hyams sp�ttisch. �Und es gibt sicher auch den Teufel und Werw�lfe und fliegende D�monen.�</p><p>�Es gab auf dieser Welt Gesch�pfe, die selbst uns wie D�monen vorkommen w�rden�, antwortete Mogens ruhig. �Vielleicht gibt es so etwas wie ein kollektives Ged�chtnis. Es kann schwerlich ein Zufall sein, dass bestimmte Archetypen immer wieder auftauchen, in allen Zeiten und allen Kulturen. Wir alle haben die gleichen Ur�ngste, Doktor. Gleich, in welchem Teil der Welt wir geboren und in welchem Kulturkreis wir aufgewachsen sind. Vielleicht ist das, was wir sp�ren, die Erinnerung unserer Vorfahren, die seit Millionen Jahren in unserem kollektiven Ged�chtnis gespeichert ist.�</p><p>Hyams lachte trocken auf. �Und Sie nennen sich Wissenschaftler?�</p><p>�Ich habe keine Behauptungen aufgestellt�, sagte Mogens sanft. �Ich wollte Ihnen nur verdeutlichen, was mich an diesen Dingen interessiert.�</p><p>�Als Wissenschaftler, nehme ich an�, sagte Hyams sp�ttisch. Sie lachte erneut ver�chtlich - aber pl�tzlich ver�nderte sich etwas in ihrem Blick. Ihr L�cheln erlosch, und ihre Augen wurden schmal, w�hrend sie Mogens mit einer vollkommen neuen, anderen Feindseligkeit anstarrte.</p><p>�VanAndt�, murmelte sie. Sie wandte mit einem Ruck den Kopf, starrte eine Sekunde lang sein B�cherregal und dann wieder ihn an. �Aber nat�rlich! Ich <emphasis>wusste, </emphasis>dass ich Ihren Namen schon einmal geh�rt habe.�</p><p>�Was soll das hei�en, meine Liebe?�, fragte McClure.</p><p>In Hyams' Augen erschien etwas Neues, Eishartes, das Mogens innerlich erschauern lie�. �Das sollten Sie unseren neuen Kollegen besser selbst fragen�, sagte sie. �Gute Nacht, <emphasis>Professor VanAndt!�</emphasis></p><p>Und damit ging sie. Mogens setzte dazu an, sie zur�ckzuhalten, sah aber im letzten Moment die Sinnlosigkeit dieses Vorhabens ein und lie� die Hand wieder sinken. Hyams st�rmte aus dem Haus und lie� die T�r hinter sich aufstehen; wie Mogens vermutete, allerdings nur, weil sie ihr einfach zu schwer war, um sie hinter sich zuzuknallen.</p><p>F�r einen Moment machte sich betretenes Schweigen in der H�tte breit, das McClure schlie�lich mit einem unbehaglichen R�uspern beendete. �Ja, wir sollten jetzt... auch gehen�, sagte er stockend. �Es war ein anstrengender Tag. Kommen Sie, Mercer. Ich bin sicher, auch Professor VanAndt ist froh, wenn er seine Ruhe hat.� Er wartete, bis Mercer - widerstrebend - aufgestanden war, dann zwang er sich, Mogens noch einmal direkt anzusehen. �Gute Nacht.�</p><p>Es war Mogens nicht m�glich, McClure mit mehr als einem abgehackten Nicken zu antworten. Mercer und er gingen, aber es verstrich noch einmal mehr als eine halbe Minute, bis Mogens auch nur die Kraft fand, sich aus seiner Erstarrung zu l�sen und ihnen nachzugehen, um die T�r hinter ihnen zu schlie�en. Das also war sein erstes wirkliches Gespr�ch mit seinen neuen Kollegen gewesen - um es auf einen einfachen Nenner zu bringen: eine Katastrophe.</p><p>Aber immerhin, dachte er, hatte die Sache wenigstens ein Gutes: Es konnte kaum noch schlimmer kommen.</p><p>Er sollte sich t�uschen.</p></section><section><title><p id="_8">8.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Graves war an diesem Abend nicht mehr gekommen. Mogens hatte mehrmals mit dem Gedanken gespielt, seinerseits zu ihm hin�berzugehen - schlie�lich waren es nur wenige Schritte bis zu der Blockh�tte, die Graves bewohnte -, sich aber dann anders entschieden und war fr�h zu Bett gegangen. Fast zu seiner eigenen �berraschung schlief er augenblicklich ein und erwachte erst am n�chsten Morgen, weitaus entspannter und ausgeruhter, als er selbst es nach dem zur�ckliegenden Tag f�r m�glich gehalten h�tte, und ohne die allergeringste Erinnerung an einen Albtraum.</p><p>Er war auch nicht von selbst erwacht. Ein leises Rumoren und Hantieren in seiner unmittelbaren N�he hatte ihn geweckt, und noch bevor er die Augen aufschlug, stieg ihm der Duft von frisch aufgebr�htem Kaffee in die Nase.</p><p>Mogens richtete sich auf und erblickte Tom, der emsig dabei war, den Fr�hst�ckstisch zu decken. In den Kaffeeduft mischte sich nun der Geruch von gebratenem Speck und Eiern, und ohne dass Mogens es verhindern konnte, lie� sein Magen ein lautes Knurren h�ren. Tom wandte mit einem Ruck den Kopf und sah ihn im allerersten Moment so betroffen an, als h�tte Mogens ihn bei etwas Verbotenem ertappt, aber dann l�chelte er. �Morgen, Professor. Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt.�</p><p>Mogens richtete sich weiter auf, schwang die Beine vom Bett und verbarg f�r einen Moment das Gesicht in den H�nden. Er f�hlte sich ausgeruht und frisch, war aber im ersten Moment noch so benommen, dass er nur mit M�he ein G�hnen unterdr�cken konnte. �Doch, das hast du�, sagte er. �Es macht ja wohl auch wenig Sinn, ein so k�stliches Fr�hst�ck zu bereiten und dann abzuwarten, bis es kalt geworden ist.� Er nahm die H�nde herunter, schn�ffelte �bertrieben und sah die gedeckte Fr�hst�ckstafel an. �Hat Graves dich beauftragt, mir irgendetwas schonend beizubringen?�</p><p>�Sir?�, fragte Tom verwirrt.</p><p>�Diese Portion scheint mir eher f�r einen Bauarbeiter gedacht�, erkl�rte Mogens l�chelnd. �Hat er vielleicht vergessen zu erw�hnen, dass ich den Tempel ganz allein mit einer Spitzhacke ausgraben soll?�</p><p>�Wenn ich mich richtig erinnere, war die Rede eher von einem L�ffel�, antwortete Tom todernst, sch�ttelte aber sofort den Kopf und fuhr wieder l�chelnd fort: �Um ehrlich zu sein: Es ist 'ne doppelte Portion. Doktor Mercer wollte heute Morgen kein Fr�hst�ck, und es war mir zu schade zum Wegwerfen.� Sein L�cheln floss zu einem Grinsen auseinander. �Ich glaub, er f�hlt sich heut nicht so gut.�</p><p>�Gestern Abend schien er sich jedenfalls ganz ausgezeichnet zu f�hlen.� Mogens stand auf, grub die Taschenuhr aus seiner Jacke, die er in Ermangelung eines Kleiderhakens �ber die Stuhllehne geh�ngt hatte und klappte den Deckel auf. Es war noch nicht einmal sechs, selbst f�r Mogens, der gewiss kein Langschl�fer war, eine ungewohnt fr�he Zeit.</p><p>�Ich hoffe doch, du machst es dir jetzt nicht zur schlechten Angewohnheit, mich immer so fr�h wecken�, sagte er g�hnend.</p><p>Tom blinzelte. �Fr�h?�</p><p>Mogens zog eine Grimasse. �Schon gut�, seufzte er. Er griff nach der Kanne, um sich einen Kaffee einzugie�en, z�gerte aber ganz unwillk�rlich und unterzog die Tasse einer kurzen, aber sehr aufmerksamen Inspektion, bevor er sich einschenkte und die erste Tasse in einem einzigen Zug herunterst�rzte.</p><p>�Nehmen Sie Platz, Professor�, sagte Tom. �Ich mach das schon.�</p><p>�Danke�, antwortete Mogens, trat aber ganz im Gegenteil einen Schritt vom Tisch zur�ck und machte eine leicht verlegene Kopfbewegung zur T�r. Da er gerade aufgestanden war, versp�rte er ein menschliches Bed�rfnis, aber es war ihm peinlich, dar�ber zu sprechen. �Ich bin sofort zur�ck.�</p><p>Die entsprechende �rtlichkeit befand sich ein St�ck abseits der H�user und auf halbem Wege zu den B�schen, die das Lager zum Friedhof hin abschirmten. Mogens eilte mit weit ausgreifenden Schritten dorthin. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und es war empfindlich kalt, und er dachte sehns�chtig an das k�stliche Fr�hst�ck, das Tom vorbereitet hatte, sodass er sich beeilte, in seine Unterkunft zur�ckzukommen. Er hatte jedoch noch nicht den halben Weg hinter sich gebracht, als er das Motorenger�usch eines Automobils h�rte und �berrascht wieder innehielt.</p><p>Ein Scheinwerferpaar erschien hinter dem Unterholz, dann brach der dazugeh�rige Wagen durch das Ge�st und Mogens machte instinktiv zwei Schritte zur Seite, um nicht �ber den Haufen gefahren zu werden. Die Gefahr bestand nicht im Geringsten - der Wagen fuhr zwar in scharfem Tempo an ihm vorbei, aber auch in mindestens zehn oder zw�lf Schritten Abstand -, doch Mogens erschrak trotzdem wie ein Dieb, der sich auf frischer Tat ertappt f�hlte.</p><p>Es war nicht irgendein Automobil, sondern ein Polizeiwagen.</p><p>Statt zu seiner H�tte und dem Fr�hst�ck zur�ckzukehren, das dort auf ihn wartete, machte Mogens kehrt und folgte dem Streifenwagen mit schnellen Schritten. Das Automobil kurvte so dicht an dem Zelt im Herzen des Lagers vorbei, dass der d�nne Stoff wie ein Segel im Wind knatterte, steuerte Graves' Haus an und kam so abrupt davor zum Stehen, dass der Morast unter seinen R�dern aufspritzte. Mogens beschleunigte seine Schritte abermals, sodass er zwar noch nicht wirklich rannte, aber auch nicht mehr weit davon entfernt war.</p><p>Ein untersetzt gebauter Mann mit einem schon fast absurd gro�en Stetson stieg aus dem Streifenwagen. Praktisch im gleichen Augenblick ging auch schon die T�r der Blockh�tte auf, und Graves trat hinaus. Mogens war noch zu weit entfernt, um die Gesichter der beiden M�nner zu erkennen, aber er konnte die Spannung, die zwischen ihnen knisterte, selbst �ber die Entfernung hinweg sp�ren. Er ging noch schneller und langte bei Graves und seinem uniformierten Besucher an, als dieser gerade seinen riesigen Cowboyhut absetzte und die Schultern straffte, um Graves geb�hrend zu begegnen.</p><p>�Mogens!� Graves machte keinen Hehl daraus, wie wenig begeistert er �ber Mogens' Auftauchen war. �So fr�h schon wach?�</p><p>Mogens erschrak, als er in Graves' Gesicht sah. Es war keine vierundzwanzig Stunden her, dass sie sich gesehen hatten, aber Graves schien in dieser Zeit um Jahrzehnte gealtert zu sein. Sein Gesicht wirkte eingefallen. Dunkle Schatten lagen auf seinen Wangen und in seinen Augen flackerte eine Wildheit, bei deren Anblick sich Mogens beherrschen musste, um nicht unwillk�rlich einen Schritt zur�ckzutreten. Doktor Jonathan Graves hatte ganz eindeutig keine gute Nacht hinter sich.</p><p>�Ich konnte nicht mehr schlafen�, antwortete Mogens und f�gte mit einer Kopfbewegung auf den Streifenwagen hinzu: �Der Verkehrsl�rm wird in letzter Zeit immer schlimmer. Und dabei bin ich extra aufs Land gezogen, um meine Ruhe zu haben.� Er grinste, aber er sp�rte selbst, dass der ohnehin lahme Scherz seine Wirkung verfehlte. Graves verzog die Lippen zu etwas, das das genaue Gegenteil eines L�chelns war, und sein Besucher sah f�r einen Moment so betroffen aus, als h�tte er seine Worte tats�chlich ernst genommen.</p><p>�Professor Mogens VanAndt�, sagte Graves mit einer entsprechenden Geste in Mogens' Richtung. �Mein neuer Mitarbeiter.� Er wies aus der gleichen Bewegung heraus auf den Polizisten. �Sheriff Wilson.�</p><p>�Professor.� Wilson deutete ein Kopfnicken an, das Mogens weniger neutral erschien, als ihm lieb gewesen w�re, und setzte dazu an, etwas zu sagen, doch Graves kam ihm zuvor.</p><p>�Was f�hrt Sie zu dieser fr�hen Stunde hierher, Sheriff?�, fragte er. �Sie wissen, dass ich die Anwesenheit von Fremden auf meinem Gel�nde nicht sch�tze.�</p><p>Von Wilsons Gesicht verschwand auch noch die letzte Spur von Freundlichkeit, als er sich zu Graves umwandte. �Ich habe auch nur ein paar Fragen, Doktor�, sagte er k�hl. �Es geht um ein Mitglied des Geologenteams, das dr�ben auf der anderen Seite campiert. Doktor Phillips, um genau zu sein.�</p><p>�Phillips?� Mogens' Miene verd�sterte sich noch weiter. Er gab sich nicht einmal die M�he, so zu tun, als denke er �ber Wilsons Worte nach. �Nie geh�rt.�</p><p>�Ich glaube, ich habe noch zu tun�, sagte Mogens und wollte sich unverz�glich abwenden, um zu gehen, aber Wilson hielt ihn mit einer knappen Geste zur�ck.</p><p>�Nein, bleiben Sie, Professor�, sagte er. �Es kann gut sein, dass ich auch an Sie noch ein paar Fragen habe.�</p><p>�Aber ich bin erst seit einem Tag hier!�</p><p>Wilson ignorierte seine Antwort und wandte sich wieder an Graves. �Es wundert mich ein wenig, dass Sie Doktor Phillips nicht kennen wollen, Doktor Graves�, sagte er. �Wo Sie doch erst gestern Morgen mit ihm gesprochen haben.�</p><p>�Ich?�, fragte Graves.</p><p>�Es gibt Zeugen, die einen heftigen Streit zwischen Doktor Phillips und Ihnen beobachtet haben wollen�, best�tigte Wilson. �Hier.�</p><p>F�r den Bruchteil eines Herzschlages sah Graves nicht mehr Wilson, sondern Mogens an, und in seinen Augen blitzte etwas auf, das fast an Hass grenzte. Dann aber hatte er sich wieder in der Gewalt und wandte sich dem Sheriff zu.</p><p>�Ach, <emphasis>der.� </emphasis>Graves sch�rzte ver�chtlich die Lippen. �Ja, das ist wahr. Ich wusste nicht, dass sein Name Phillips ist. Er war hier, das ist richtig.�</p><p>�Also geben Sie zu, dass es einen Streit gab?�, vergewisserte sich Wilson.</p><p>�Das ganze Gel�nde hier ist Privatbesitz, Sheriff�, sagte Graves k�hl. �Ich habe meinen gesch�tzten Kollegen von der geologischen Fakult�t schon vor einem halben Jahr verboten, meinen Grund und Boden zu betreten. Wie Sie ja selbst am besten wissen, versto�en sie permanent gegen dieses Verbot. Ich habe einen Fremden auf meinem Grund und Boden ertappt, der dort nichts zu suchen hat, und war nicht begeistert davon.� Sowohl sein Blick als auch sein Tonfall wurden deutlich herausfordernder. �Dabei w�re es eigentlich die Aufgabe der Beh�rden, daf�r zu sorgen, dass meine Rechte als Staatsb�rger und Grundbesitzer gewahrt bleiben.�</p><p>�Nun, zumindest soweit es Phillips betrifft, m�ssen Sie sich keine Sorgen mehr machen, Doktor�, antwortete Wilson. �Er wird Sie mit Sicherheit nicht mehr bel�stigen. Seine Leiche wurde heute Nacht unweit von hier gefunden.�</p><p>�Er ist tot?�, entfuhr es Mogens unwillk�rlich, was ihm diesmal nicht nur einen Blick von Graves, sondern auch einen von Wilson eintrug. Er h�tte sich am liebsten auf die Zunge gebissen.</p><p>�Das ist anzunehmen, nachdem man seinen Leichnam gefunden hat�, sagte Graves b�se. Er wandte sich wieder zu Wilson um. �Was ist geschehen? Ein Unfall?�</p><p>�Das wissen wir noch nicht genau�, gestand dieser. �Sein Leichnam wird noch untersucht. Er ist in einem furchtbaren Zustand - als h�tte ihn ein Raubtier angefallen und zerfleischt. Auch wenn ich mir beim besten Willen kein Raubtier vorstellen kann, das imstande w�re, so etwas zu tun.�</p><p>�Und jetzt glauben Sie, dass ich ihn umgebracht habe?�, fragte Graves h�hnisch.</p><p>�Sie waren der Letzte, der mit Doktor Phillips gesprochen hat�, antwortete Wilson ruhig. �Seither hat ihn niemand mehr gesehen. Ich <emphasis>muss </emphasis>diese Fragen stellen.�</p><p>�Was Ihnen zweifellos das Herz bricht�, schnappte Graves. Er sch�ttelte zornig den Kopf. �Ich muss Sie entt�uschen, Sheriff. Ich werde dem N�chsten, der widerrechtlich einen Fu� auf meinen Grund und Boden setzt, m�glicherweise eine Ladung Schrotkugeln auf den Pelz brennen, aber ich bringe niemanden um. Und ich pflege widerrechtliche Eindringlinge auch nicht in St�cke zu rei�en.� Graves machte eine unwillige Geste. �Wenn das alle Fragen gewesen sind, dann tut es mir Leid, Ihnen nicht helfen zu k�nnen, Sheriff.�</p><p>Wilson drehte sich zu Mogens um und setzte seinen �bergro�en Stetson wieder auf - was seine Gestalt aber keineswegs imponierender erscheinen lie�, sondern eher komisch. �Und Sie, Doktor...?�</p><p>�VanAndt�, half Mogens aus. �Professor VanAndt.�</p><p><emphasis>�Professor </emphasis>VanAndt.� Wilson zuckte mit den Schultern, um klar zu machen, wie wenig Respekt ihm Mogens' akademischer Titel abn�tigte. �Haben Sie Doktor Phillips gestern gesehen, <emphasis>Professor</emphasis>?�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens wahrheitsgem��.</p><p>�Das ist bedauerlich.� Wilson seufzte. �Sollte Ihnen noch irgendetwas einfallen, was der Aufkl�rung dieser schrecklichen Geschichte dienlich sein k�nnte, dann benachrichtigen Sie mich bitte unverz�glich, Professor. Und Sie ebenfalls, Doktor Graves.� Er tippte mit Zeige- und Mittelfinger der Linken gegen den Rand seines albernen Cowboyhutes, stieg in den Wagen und fuhr davon.</p><p>Graves sah ihm finster nach, bis er - jetzt ebenso langsam, wie er zuvor schnell gefahren war - verschwunden war. Dann wandte er sich mit kaum weniger finsterem Gesichtsausdruck an Mogens.</p><p>�Dieser kleine, dumme Mann�, sagte er. �Er kommt sich vor wie Sherlock Holmes und Wyatt Earp in einer Person, nur weil er schon einmal das Wort <emphasis>Bluff </emphasis>geh�rt hat. Was bildet er sich ein, wer er ist?�</p><p>�Dann glaubst du nicht, dass ich...?�, begann Mogens, allerdings nur, um auf der Stelle unterbrochen zu werden.</p><p>�Dass du irgendetwas geh�rt oder gesehen haben k�nntest, das diesen Dummkopf von Sheriff interessieren m�sste?� Graves grinste w�lfisch - und Mogens hatte dieses Gef�hl wortw�rtlich. Im noch schwachen Licht der D�mmerung, die gerade erst heraufzuziehen begann, erinnerte sein Gesicht Mogens tats�chlich an das eines Wolfs, der mit gefletschten Z�hnen seine Beute musterte. �Wo denkst du hin? Selbstverst�ndlich nicht! Der verlogene kleine Gesetzesh�ter macht mir Schwierigkeiten, seit ich hierher gekommen bin, aber man kann ihm eine gewisse Schl�ue nicht absprechen. Er wei�, dass du neu hier bist und versucht einen Keil zwischen uns zu treiben. Das ist die Gefahr an solchen Leuten: Sie sind vielleicht nicht sonderlich intelligent, aber man sollte sich davor h�ten, sie zu untersch�tzen.�</p><p>Mogens hatte M�he, seinen Worten zu folgen. Irgendetwas stimmte mit Graves' Gesicht nicht. Es schien sich... zu ver�ndern. Das W�lfische darin nahm zu, ohne dass es sich dabei um eine wirklich <emphasis>materielle </emphasis>Ver�nderung zu handeln schien. Dennoch war sie un�bersehbar. Durch Graves' ausgezehrte, aber dennoch immer noch menschliche Z�ge schimmerte in immer st�rkerem Ma�e das Raubtier, das darunter verborgen war.</p><p>�Aber warum sollte der Sheriff das tun?�, fragte er m�hsam. Nicht weil er sich diese Frage tats�chlich stellte, sondern weil es einfach das Erste war, was ihm einfiel. Er musste aufh�ren, Graves anzustarren. Aber er konnte es nicht.</p><p>�Weil er daf�r bezahlt wird�, schnappte Graves. �Diese verdammten Maulw�rfe versuchen mich von hier zu vertreiben, seit ich gekommen bin. Aber das wird ihnen nicht gelingen!� Der Zorn in seinen dunklen, mit einem Male viel tiefer in den H�hlen zu liegen scheinenden Augen loderte zu blankem Hass auf. Ein d�nner Speichelfaden lief sein Kinn herunter, offensichtlich ohne dass er es bemerkte.</p><p>�Und welchen Grund sollten die Geologen daf�r haben?�, fragte Mogens. �Sie sind Wissenschaftler wie wir!�</p><p>�Vergleiche mich nie wieder mit diesen... diesen Dilettanten!�, knurrte Graves. Nicht im �bertragenen Sinne, dachte Mogens schaudernd. Er <emphasis>knurrte </emphasis>tats�chlich. �Und jetzt geh fr�hst�cken, Mogens. Wir haben einen langen anstrengenden Tag vor uns. Ich erwarte dich in einer halben Stunde unten im Tempel.�</p></section><section><title><p id="_9">9.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Schon aus ebenso purem wie kindischem Trotz heraus erschien Mogens nicht p�nktlich nach Ablauf einer halben Stunde an seinem neuen Arbeitsplatz, sondern erst, nachdem mehr als die doppelte Zeitspanne verstrichen war. Aber das war nicht der einzige Grund. Es war nicht einmal der <emphasis>haupts�chliche </emphasis>Grund. Der eigentliche Grund f�r diese Versp�tung war, dass er sich davor f�rchtete, Jonathan Graves wiederzusehen.</p><p>Mogens versuchte vergeblich, den Gedanken als so l�cherlich abzutun, wie er selbst in seinen eigenen Ohren klang. Es gab keinen Grund, Graves zu f�rchten. Noch vor Wochenfrist hatte er jeden Grund daf�r gehabt, aber dieser Moment war vorbei; er hatte sich seiner pers�nlichen Nemesis gestellt, und nun gab es keinen Anlass mehr, vor Graves zu zittern. Er konnte ihn hassen, ihn verachten und zutiefst verabscheuen - und von all diesen Empfindungen war mehr als genug in ihm -, aber er brauchte keine Angst mehr vor ihm zu haben. Aber genau das hatte er.</p><p>Mogens' Bewegungen wurden immer langsamer, als er die Leiter herunterstieg. W�hrend er den niedrigen Gang zur ersten H�hle entlangschritt, versuchte er sich �ber seine eigenen Empfindungen klar zu werden. Nat�rlich wusste er, dass sich Graves' Gesicht vorhin nicht <emphasis>wirklich </emphasis>ver�ndert hatte. Es musste am Licht gelegen haben, oder an seiner eigenen M�digkeit und Nervosit�t, vielleicht auch an einer Kombination von allem. Menschen verwandeln sich nicht in... <emphasis>Dinge, </emphasis>die in der D�mmerung auseinander flie�en und sie zu neuer, schrecklicherer Gestalt zusammensetzen. Nicht einmal Jonathan Graves tat so etwas, auch wenn Mogens keine Skrupel gehabt h�tte, ihm sogar solcherlei Abscheulichkeiten zuzutrauen. Das Problem war, <emphasis>dass </emphasis>er bereit war, diesen Unsinn zu glauben - <emphasis>jeden </emphasis>Unsinn zu glauben, solange es Jonathan Graves nur schadete.</p><p>Tats�chlich war ihm im Nachhinein klar geworden, dass ein nicht geringer Teil von ihm vorhin geradezu begierig darauf gewartet hatte, dass Wilson mehr als nur einen vagen Verdacht �u�ern und dass sich dieser Verdacht als <emphasis>wahr </emphasis>herausstellen w�rde. Vielleicht war es in Wahrheit nicht so sehr Graves, um den er sich Sorgen machen sollte, sondern er selbst. Dass er Graves niemals wirklich verzeihen konnte, sondern zeit seines Lebens hassen oder zumindest verachten w�rde, das war ihm ebenso klar, wie es auch Graves klar sein musste. Mogens war jedoch zutiefst erschrocken �ber die Intensit�t seines Hasses. Vielleicht stimmte es, was die Psychologen sagten, dass ein gewisses Ma� an Rachegedanken, ja, sogar Hass durchaus gesund und bei der �berwindung eines traumatischen Erlebnisses hilfreich war. Doch das, was Mogens in sich sp�rte, war ganz gewiss <emphasis>nicht </emphasis>mehr gesund.</p><p>Er hatte das Ende des Stollens nahezu erreicht, und seine Schritte wurden noch einmal langsamer, als er Stimmen vor sich h�rte - die von Graves und gleich darauf die von Doktor Hyams, die schrill und beinahe hysterisch klang. Mogens machte noch zwei weitere Schritte und blieb dann stehen, als er begriff, dass er mitten in einen heftigen Streit hineinplatzte.</p><p>�... verstehe Ihre Erregung, ehrlich gesagt, nicht ganz�, sagte Graves in diesem Moment. �Was fehlt Ihnen, Suzan? Mangelt es Ihnen an irgendwelchen Materialien? Brauchen Sie mehr Geld? Gr��eren Entscheidungsspielraum?�</p><p>�Darum geht es nicht, und das wissen Sie verdammt genau, Graves!�, schnappte Hyams. �Wir schuften seit einem Jahr wie die Sklaven f�r Sie! Wir sehen kaum das Tageslicht, und wir d�rfen kein Wort �ber unsere Arbeit verlieren, obwohl wir hier die vielleicht sensationellste Entdeckung des Jahrhunderts gemacht haben!�</p><p>�Weil, meine Liebe�, unterbrach sie Graves. <emphasis>�Weil, </emphasis>nicht <emphasis>obwohl.�</emphasis></p><p>�Papperlapapp!�, fauchte Hyams. �Es geht doch darum, dass wir uns seit einem Jahr bem�hen, ernsthafte wissenschaftliche Arbeit zu leisten, und Sie, Sie holen einen... einen <emphasis>Hexenmeister!�</emphasis></p><p>Mogens hatte genug geh�rt. Ihm war klar, dass er im allerung�nstigsten aller nur denkbaren Augenblicke hereinplatzte, aber selbst das war ihm mit einem Mal egal. Es machte keinen Sinn, auf Zehenspitzen durch einen Porzellanladen zu schleichen, durch den zuvor ein Hurrikan getobt war. Er ging weiter, steuerte mit energischen Schritten auf Graves und Hyams zu und registrierte eher beil�ufig, dass auch die beiden anderen anwesend waren. McClure f�hlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut, und diese Ausstrahlung von Unwohlsein explodierte regelrecht, als er Mogens' ansichtig wurde, w�hrend Mercer einfach nur m�de aussah und alle M�he zu haben schien, dem Gespr�ch �berhaupt zu folgen.</p><p>�Stehen Sie schon lange da und lauschen?�, empfing ihn Hyams feindselig.</p><p>�Es war nicht n�tig, zu lauschen�, antwortete Mogens. �Sie waren laut genug.� Er streifte Graves mit einem raschen, aufmerksamen Blick und wandte sich dann wieder der Arch�ologin zu. Er musste sich beherrschen, um nicht unh�flich zu werden, und er musste sich noch mehr beherrschen, um nichts zu sagen oder etwas zu tun, was sie noch mehr provozierte. �Hexenmeister� war l�ngst nicht das schlimmste Wort, mit dem man ihn in den letzten Jahren belegt hatte, und doch �rgerte es ihn ungemein.</p><p>�Es tut mir aufrichtig Leid, dass Sie so �ber mich denken, Doktor Hyams�, sagte er mit erzwungener Ruhe. �Ich dachte wirklich, Sie h�tten verstanden, was ich Ihnen gestern Abend zu erkl�ren versucht habe. Ich habe nichts mit schwarzer Magie und Hokuspokus im Sinn. Ich bin Wissenschaftler, genau wie Sie!�</p><p>�Und zwar einer der besten, den ich kenne�, mischte sich Graves ein. Hyams wollte auffahren, doch Graves brachte sie mit einer herrischen Geste zum Schweigen und fuhr mit erhobener Stimme fort: �Genug! Ich dulde diese kindischen Eifers�chteleien nicht! Daf�r haben wir wirklich keine Zeit! Ich kann Ihnen versichern, Suzan, dass Professor VanAndt nicht hier ist, um Ihnen irgendetwas von Ihrem wohlverdienten Ruhm streitig zu machen - ebenso wenig wie einem von Ihnen, meine Herren. In wenigen Tagen werden Sie verstehen, warum ich den Professor zurate gezogen habe. Und bis dahin bitte ich mir ein wenig von der Disziplin aus, die ich von Forschern Ihres Kalibers erwarten darf!�</p><p>Zu Mogens' nicht geringem Erstaunen widersprach niemand. Selbst Hyams blickte ihn nur noch einen Moment lang herausfordernd an, drehte sich dann aber mit einem trotzigen Verziehen der Lippen weg, und auch McClure und Mercer brachten irgendwie das Kunstst�ck fertig, furchtbar besch�ftigt auszusehen, obwohl sie weiter mit leeren H�nden dastanden.</p><p>�Komm, Mogens.� Graves machte eine Geste in seine Richtung, die kaum weniger herrisch war als die, mit der er Hyams zum Schweigen gebracht hatte. �Wir haben zu tun!�</p><p>Mogens schloss sich ihm ganz automatisch an, als er sich umwandte und auf die Brettert�r zuging, die zu dem Hieroglyphengang f�hrte. Verwirrt sah er zu Hyams und den beiden anderen zur�ck. Da er selbst zu jener Gattung geh�rte, wusste er nur zu gut, wie allergisch Wissenschaftler im Allgemeinen auf Autorit�t reagierten. Umso unglaublicher kam es ihm nun vor, dass sich Hyams, Mercer und McClure wie versch�chterte Sch�ler von Graves hatten abkanzeln lassen. Andererseits hatte auch er selbst Graves' befehlendem Ton ganz instinktiv gehorcht.</p><p>Sie brachten den Gang in so scharfem Tempo hinter sich, dass Mogens kaum die n�tige Zeit fand, seine Gedanken zu ordnen, bevor sie die Gittert�r an seinem jenseitigen Ende erreichten. Sie stand offen, aber Graves drehte sich um, kaum dass Mogens an ihm vorbeigetreten war, lie� das Vorh�ngeschloss einrasten und zog den Schl�ssel ab, um ihn in die Westentasche zu stecken. Mogens sah ihn fragend, aber auch ein ganz kleines bisschen alarmiert an. Er hatte es noch nie ertragen, eingesperrt zu sein.</p><p>�Ich will nur sichergehen, dass wir auch ungest�rt bleiben�, sagte Graves, dem Mogens' Blick nicht verborgen geblieben war. �Normalerweise �ffne ich die Geheimt�r nur sonntags, wenn Hyams und die anderen in der Stadt sind.�</p><p>�Und du wunderst dich, dass die anderen allm�hlich misstrauisch werden?�, fragte Mogens.</p><p>Graves hob zur Antwort nur die Schultern und ging weiter. Er war ganz offensichtlich nicht bereit, weiter �ber dieses Thema zu reden.</p><p>Sie steuerten die Geheimt�r an, wie Mogens nicht anders erwartet hatte - aber zu seiner nicht geringen �berraschung stand sie weit offen, und er bemerkte erst jetzt, als er unmittelbar davor stand, das dicke Elektrokabel, das sich �ber den Boden schl�ngelte und in dem dahinter liegenden Gang verschwand.</p><p>Die zweite - und weitaus gr��ere - �berraschung war die schlanke Gestalt, die ihnen entgegenkam, kaum dass sie wenige Schritte weit in den Tunnel eingedrungen waren.</p><p>�Tom!�</p><p>Tom nickte ihm fl�chtig zu und wandte sich dann an Graves. �Ich bin fast fertig, Doktor Graves�, sagte er. �Ich muss nur noch die Lampen holen und anschlie�en.�</p><p>�Das hat Zeit bis heute Nacht�, antwortete Graves. �Du kannst das erledigen, nachdem du das Abendessen aufgetragen hast. Jetzt geh und ruh dich ein paar Stunden aus.�</p><p>Tom nickte dankbar und entfernte sich rasch. Graves sah ihm nach, bis er den Gang verlassen hatte und seine Schritte drau�en verklungen waren, dann f�gte er leiser und mit einem angedeuteten Kopfsch�tteln hinzu: �Der Junge hat die ganze Nacht gearbeitet.�</p><p>�Ich dachte, dir w�re daran gelegen, dass niemand von diesem Gang erf�hrt�, sagte Mogens.</p><p>�Das ist auch so�, best�tigte Graves. �Niemand, der nicht ohnehin schon von seiner Existenz wei� - und dessen, wohin er f�hrt.� Er l�chelte fl�chtig. �Untersch�tze niemals die Neugier eines Kindes, Mogens. Hyams und die beiden anderen m�gen noch dar�ber spekulieren, was ich hier gefunden habe, aber Tom wusste es bereits kurz nach mir.� Er hob die Schultern. �Wir brauchen Licht f�r unsere Arbeit. Mir war nicht danach, Kabel zu verlegen und Lampen zu installieren - ganz davon zu schweigen, dass ich es gar nicht k�nnte. Du vielleicht?�</p><p>Mogens sch�ttelte den Kopf. �Und du vertraust Tom?�</p><p>�Habe ich eine andere Wahl?� Graves lachte. Aber er wurde auch sofort wieder ernst. �Nein, ich vertraue Tom. Vielleicht ist er sogar der Einzige hier, dem ich wirklich vertrauen kann. Dich nat�rlich ausgenommen�, f�gte er mit einem feinen L�cheln hinzu.</p><p>�Nat�rlich�, sagte Mogens.</p><p>Sie gingen weiter, nachdem Graves wieder die Karbidlampe aus der Nische in der Wand genommen und eingeschaltet hatte. Das schwarze Elektrokabel, so dick wie Mogens' Handgelenk, ringelte sich vor ihnen in der Dunkelheit und wies ihnen den Weg, endete aber vor dem Schutthaufen, der den Gang von der eigentlichen Zeremonienkammer trennte. Wie am Vortage kletterte Graves voraus. Diesmal lie� er die eingeschaltete Lampe oben auf der Halde liegen, sodass ihr grelles Licht Mogens zumindest nicht mehr die Tr�nen in die Augen trieb, als er ihm folgte.</p><p>Graves hatte diesmal in der Kammer gleich vier Sturmlaternen entz�ndet, als Mogens sie betrat. Das Licht war somit doppelt so hell, schien die Dunkelheit aber dennoch nicht nennenswert mehr zu vertreiben, sondern die Schw�rze jenseits seiner vagen Grenzen noch zu betonen. Mogens hatte erneut das Gef�hl, gro�e, sich auf sonderbar ungesunde Weise bewegende Schemen zu sehen, die sich dem Licht n�herten, es aber nicht wirklich zu ber�hren wagten.</p><p>�Da du hier bist, muss ich dich nicht mehr fragen, wie du dich entschieden hast, nehme ich an�, sagte Graves, w�hrend er Mogens gleich zwei der vier Lampen reichte, die er entz�ndet hatte. �Also lass uns beginnen. Wir haben nicht alle Zeit der Welt.�</p><p>Mogens griff gehorsam nach den beiden Laternen und folgte Graves, der zielstrebig die so seltsam unregelm��ige Treppe ansteuerte, welche zu dem monstr�sen Tor mit seinen beiden noch viel monstr�seren Torw�chtern hinauff�hrte. Das hellere Licht h�tte den Effekt mildern sollen, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Der flackernde Schein schien das unheimliche Spiel der Schatten und vermeintlichen Bewegung noch zu verst�rken. Sie sollten nicht dort hinaufgehen. Dieses gewaltige Tor aus unzerst�rbarem Metall hatte einen Sinn, so wie auch die beiden oktopoiden W�chterd�monen nicht grundlos dort oben standen oder nur der Fantasie des pr�historischen K�nstlers entsprungen waren, der sie erschaffen hatte.</p><p>�Und was genau erwartest du jetzt von mir?� Mogens f�hlte sich hilflos, schlimmer noch: deplatziert. Im wortw�rtlichen Sinne an einem Ort, an dem er nicht sein sollte. An dem kein Mensch sein sollte.</p><p>Graves war ein paar Schritte vorausgeeilt, blieb aber genau wie Mogens stehen, bevor der Schein seiner Lampen die monstr�sen Statuen vollends aus der Dunkelheit rei�en konnten, in der sie seit Jahrtausenden geschlafen - und gewartet? - hatten. �Wenn ich die Antwort auf diese Frage w�sste, w�rst du nicht hier�, sagte er.</p><p>Er hob eine seiner Laternen, aber ihr Licht schien die riesige krakengesichtige Kreatur auf ihrem schwarzen Steinsockel nicht wirklich zu ber�hren, sondern im allerletzten Moment davor zur�ckzuprallen wie eine Hand, die der Flamme um ein Haar zu nahe gekommen w�re und im allerletzten Moment zur�ckzuckte, bevor sie sich verbrennen konnte. Im Gegenzug schien die unheimliche Steingestalt mit einem j�hen Satz auf sie zuzuspringen, ohne die zitternde Barriere indes weiter �berwinden zu k�nnen, als das Licht zuvor die Schatten vertrieben hatte. Doch sie zogen sich auch nicht wieder zur�ck, sondern krallten sich in den Rand aus zerbrechlicher Helligkeit, um ihn geduldig zu belagern und daran zu nagen, so wie die Finsternis das Licht seit Anbeginn der Zeiten belagert hatte - Kombattanten in einem Krieg, der ewig w�hren mochte, an dessen letztendlichem Ausgang es aber keinen Zweifel gab.</p><p>Statt sich der Treppe und damit dem Tor weiter zu n�hern, machte Mogens im rechten Winkel kehrt und steuerte die n�chstgelegene Wand an, um die Malereien und Hieroglyphen darauf einer ersten, gr�ndlicheren Untersuchung zu unterziehen.</p><p>Was er erfuhr, war schlimm genug.</p></section><section><title><p id="_10">10.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>W�hrend der n�chsten zwei oder drei Tage sah er seine neuen Kollegen so gut wie gar nicht - was zu einem Gutteil daran lag, dass zumindest McClure und Hyams ihm aus dem Weg gingen und er auf Mercers Gesellschaft von sich aus keinen besonderen Wert legte. So sympathisch ihm der fettleibige Trunkenbold auch auf den ersten Blick vorgekommen sein mochte, war ihm seine jovialoberfl�chliche Art im Grunde doch zutiefst zuwider.</p><p>Es machte ihm nichts aus. Mogens war Zeit seines Lebens ein Einzelg�nger gewesen, und in den zur�ckliegenden Jahren hatte er sich zudem an das Alleinsein gew�hnt. Dazu kam, dass ihn seine Arbeit bald so in Beschlag nahm, dass er jedwede St�rung ohnehin nur als Bel�stigung empfunden h�tte. Tom war an jenem Tag nicht mehr zur�ckgekehrt, um das Stromkabel zu verlegen und die Lampen anzuschlie�en, was Mogens aber nicht wirklich als Manko empfunden hatte. Ganz im Gegenteil war ihm tief in seinem Innern nicht wohl bei dem Gedanken, die unterirdische Katakombe mit von Menschen geschaffenem Kunstlicht zu fluten. Und es kam noch etwas hinzu: Je mehr der unheimlichen Symbole und Bildnisse er fand, desto weniger <emphasis>wollte </emphasis>er sie sehen. Es war fast absurd: Im gleichen Ma�e, in dem Mogens die Geheimnisse der alten Bilderschrift zu entr�tseln begann, wuchs die Faszination, mit der ihn die Geschichte erf�llte, die sie zu erz�hlen hatte - aber auch seine Furcht. Bald begann er die Dunkelheit, die ihn bei seinem ersten Besuch hier unten mit solchem Unbehagen erf�llt hatte, fast als einen Freund zu betrachten, verbarg sie doch die unheimlichen Bilder und gemei�elten G�tzenstatuen barmherzig vor seinem Blick. Wenn er allein in der Kammer war, reduzierte er die Beleuchtung meist auf ein Minimum und arbeitete oft genug nur im Schein einer Petroleumlampe.</p><p>Die meiste Zeit aber verbrachte er ohnehin allein in seiner H�tte und in der Gesellschaft der B�cher, die Graves herangeschafft hatte. Ihm war rasch klar geworden, wie wenig Sinn es machte, ziel- und wahllos herumzustochern. Er musste das R�tsel dieser uralten Bildersprache - denn um nichts anderes konnte es sich seiner Meinung nach handeln - l�sen, wollten sie dem viel gr��eren, d�steren Geheimnis der Kammer auf die Spur kommen.</p><p>Was nichts anderes bedeutete, als dass sich Mogens der Aufgabe gegen�bersah, eine vollkommen unbekannte Sprache zu entschl�sseln, deren Wurzeln nicht nur wom�glich Tausende von Jahren in die Vergangenheit zur�ckreichten, sondern die auch mit nichts zu vergleichen war, was er jemals gesehen hatte. Jeder andere an Mogens' Stelle h�tte vielleicht vor der schieren Gr��e dieser Aufgabe kapituliert, Mogens aber sah nur die Herausforderung, die er - ohne wirkliche �berzeugung, sie zu bew�ltigen, aber dennoch mit Begeisterung - annahm.</p><p>Zweifellos h�tte er Hyams' Hilfe dabei gut gebrauchen k�nnen, denn auch wenn das alte �gypten nie sein spezielles Fachgebiet gewesen war - um ehrlich zu sein, hatte es ihn nie sonderlich interessiert -, erkannte er doch praktisch auf den ersten Blick, dass es sich bei den Wandmalereien um ein schier unentwirrbares Konglomerat aus �gyptischen Hieroglyphen und einer anderen, viel �lteren Schrift handelte. Sicher w�re es Hyams ein Leichtes gewesen, diese beiden vollkommen differenten Sprachen mit einem einzigen Blick zu unterscheiden; Mogens kostete es einen Tag, auch nur ein grobes Raster zu entwickeln, mittels dessen er dasselbe auch nur versuchen konnte. Dennoch erwog er nicht einmal den Gedanken, sie um ihren Rat zu fragen; davon abgesehen, dass sie sich vermutlich glattweg geweigert h�tte, bei seinem �Hexenwerk� mitzuhelfen, w�rde Graves mit Sicherheit nicht zulassen, dass eine weitere Person das Geheimnis seines Allerheiligsten entdeckte.</p><p>Er kam jedoch auch so - wenn auch langsam - voran. Am Abend des zweiten Tages hatte er eine Art grobes Alphabet erarbeitet - um der Wahrheit die Ehre zu geben: zu einem nicht geringen Teil <emphasis>erraten - </emphasis>und begann nach �hnlichkeiten zu suchen. Zu seiner �berraschung fand er sie.</p><p>Er brauchte einen weiteren Tag, doch schlie�lich stie� er in einem der B�cher auf ein Symbol, das ihm vage bekannt vorkam. Es war nicht identisch, nicht einmal wirklich �hnlich; jedem anderen w�re vielleicht nicht einmal eine �hnlichkeit aufgefallen, aber irgendetwas daran... erinnerte Mogens an die unheimlichen Wandmalereien. Von dem Symbol, das er auf einer der uralten, handgeschriebenen Seiten entdeckte, ging die gleiche unheimliche Ausstrahlung aus, dasselbe Kratzen an den Pforten seiner Seele, das er auch unten in der Katakombe versp�rt hatte.</p><p>Jenem ersten Symbol folgte ein weiteres, und noch eines und noch eines, und endlich war es, als h�tte sich in seinem Geist eine T�r aufgetan, hinter der das Begreifen, das ihm bisher gefehlt hatte, s�uberlich in langen Regalen aufgestapelt lag und nur darauf wartete, von ihm genutzt zu werden. Mehr als einmal wurde ihm selbst unheimlich, als er sich der Leichtigkeit bewusst wurde, mit der er in die Geheimnisse einer Sprache eindrang, die untergegangen war, bevor es Menschen auf dieser Welt gab. Aber genau so war es. Nachdem Mogens einmal durch jene geheimnisvolle T�r getreten war, fiel es ihm nicht nur zunehmend leichter, sich das Verst�ndnis der verschlungenen Buchstaben und Bildsymbole zu eigen zu machen. Er entwickelte auch ein wachsendes Verst�ndnis daf�r, was diese Sprache <emphasis>war, </emphasis>n�mlich viel mehr als eine Aneinanderreihung von Worten und Informationen, die das Verm�chtnis derer weitergaben, die sie gesprochen hatten, sondern in gewissem Sinne ein Teil ihrer Sch�pfer selbst. Es gab einen fundamentalen Unterschied zwischen dieser und jeder anderen Sprache, der Mogens jemals begegnet war: Diese Sprache hatte eine Seele.</p><p>Am Abend des dritten Tages, nachdem er mit seiner Arbeit begonnen hatte, lie� Graves ihn durch Tom in die Zeremonienkammer rufen, was ungew�hnlich genug war. Normalerweise verlie�en sie alle bei Einbruch der Dunkelheit die unterirdische Grabungsst�tte, und Graves duldete es nicht, dass sich jemand allein �dort unten herumtrieb�, wie er es ausgedr�ckt hatte. Noch ungew�hnlicher erschien es Mogens, dass der Generator noch lief; w�hrend er Tom zum Zelt folgte, konnte er wieder das schwache Vibrieren des Bodens unter seinen F��en sp�ren. Und obwohl er l�ngst wusste, dass es nur das Arbeiten der gro�en Maschine war, das er wahrnahm, lief ihm ein Schauer �ber den R�cken; denn er hatte mehr denn je das unheimliche Empfinden, das Regen eines gewaltigen lebenden Wesens tief unter seinen F��en zu sp�ren.</p><p>Allein um diesen bizarren Gedanken zu vertreiben, schritt er schneller aus, sodass er Tom einholte, noch bevor sie das Zelt und die nach unten f�hrende Leiter erreichten. �Hat Doktor Graves gesagt, was er von mir will?�, fragte er.</p><p>Tom hob die Schultern und griff mit beiden H�nden nach der Leiter. �Nein. Er hat mir nur gesagt, ich soll Sie holen.� Nachdem er zwei Sprossen weit hinabgeklettert war, f�gte er hinzu: �Er war ziemlich ungeduldig.�</p><p>Das ist nichts Besonderes, dachte Mogens. Ganz im Gegenteil hatte er Graves niemals anders als ungeduldig und unwirsch erlebt. Aber da war etwas in Toms Stimme, das ihn aufhorchen lie�, ein ganz sachtes Zittern, als spr�che er �ber etwas, wor�ber er eigentlich nicht reden wollte - und das Mogens au�erdem verriet, dass da noch mehr war. Etwas war zwischen Tom und Graves vorgefallen, aber Mogens verbot sich, eine entsprechende Frage zu stellen.</p><p>Seit jener Nacht auf dem Friedhof war die Distanz zwischen Tom und ihm deutlich gr��er geworden, was Mogens nicht verstand, aber zutiefst bedauerte. Er hatte sich jedoch vorgenommen, nicht in Tom zu dringen, um den Jungen nicht noch zus�tzlich zu verschrecken. Fr�her oder sp�ter, so hoffte er wenigstens, w�rde Tom schon von sich aus wieder Vertrauen zu ihm fassen. So folgte er ihm schweigend nach unten in den Tempel und durch die offen stehende Geheimt�r. Tom ging mit so schnellen Schritten voraus, dass Mogens ihn nicht noch einmal ansprechen musste, um zu begreifen, dass er nicht reden <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>Tom hatte den Schutthaufen am Ende des Ganges w�hrend der letzten Tages weit genug abgetragen, dass es keines halsbrecherischen Kletterkunstst�cks mehr bedurfte, um in die dahinter liegende Kammer zu gelangen, aber er blieb zwei Schritte davor stehen und deutete mit einer unbehaglichen Kopfbewegung nach vorne. �Doktor Graves erwartet Sie dort.�</p><p>�Du kommst nicht mit?�</p><p>�Ich... geh nicht gerne dort hinein�, antwortete Tom. �Es ist ein unheimlicher Ort. Ich w�rd lieber hier drau�en warten, wenn's Ihnen nichts ausmacht.�</p><p>Mogens nickte nur. Er konnte Tom besser verstehen, als dieser wahrscheinlich ahnte. Obwohl ihn der Inhalt der Kammer in zunehmendem Ma�e faszinierte, wuchs doch auch gleichzeitig die Furcht, die er vor dem empfand, was hinter ihren Geheimnissen lauern mochte. Die T�r, durch die er gegangen war, war nicht die letzte. Hinter ihr, noch weit entfernt, aber bereits in Reichweite, wartete eine weitere T�r, hinter der ein viel dunkleres, vielleicht t�dliches R�tsel verborgen lag.</p><p>�Du brauchst nicht auf mich zu warten�, sagte er. �Ich finde den R�ckweg schon allein. Es ist sp�t.�</p><p>�Das macht nichts�, antwortete Tom. �Au�erdem muss ich sowieso noch nach dem Generator sehen. Der Treibstoff muss nachgef�llt werden.�</p><p>Mogens widersprach nicht mehr, obwohl der Teil von ihm, der ganz eindeutig nicht in diese Kammer gehen wollte, es liebend gern getan h�tte. Stattdessen kletterte er einigerma�en geschickt �ber den kleiner gewordenen Schutthaufen hinweg und richtete sich auf der anderen Seite wieder auf.</p><p>Zu seiner �berraschung war der Raum nahezu dunkel. Graves hatte nur eine einzige der zahlreichen Gl�hlampen eingeschaltet, die Tom auf seine Anweisung hin installiert hatte, sodass es nur eine einsame verlorene Insel aus gelblicher Helligkeit irgendwo am jenseitigen Ende des gro�en, asymmetrischen Raumes gab. Von Graves selbst war keine Spur zu sehen, obwohl Tom gesagt hatte, dass er hier auf ihn wartete.</p><p>�Jonathan?�, rief er. Er bekam keine Antwort, abgesehen allerh�chstens von einem vagen Rascheln irgendwo in der Dunkelheit, das aber ebenso gut seiner eigenen �berreizten Fantasie entsprungen sein konnte. Schlie�lich zuckte er mit den Schultern und tastete sich mit ausgestreckten H�nden dorthin vor, wo Tom den Lichtschalter an der Wand befestigt hatte.</p><p>�Nein, tu das nicht - bitte.�</p><p>Mogens fuhr erschrocken zusammen und in der gleichen Bewegung herum. Obwohl er Graves' Stimme zweifelsfrei erkannt hatte, begann sein Herz f�r einen Moment wie wild zu klopfen, w�hrend er aus aufgerissenen Augen in die Dunkelheit starrte. Er hatte sich die Bewegung nicht nur eingebildet. Das Rascheln wiederholte sich, dann bewegte sich ein Schatten am Rande des beleuchteten Bereichs.</p><p>�Ich habe ein wenig Kopfschmerzen�, fuhr Graves fort. �Das Licht tut meinen Augen weh.�</p><p>Mogens hob die Schultern. Ihm war nicht wohl bei der Vorstellung, in fast v�lliger Dunkelheit durch den mit Tr�mmern und zerborstenen Statuen �bers�ten Raum zu gehen, aber aus irgendeinem Grund war es ihm unm�glich, Graves zu widersprechen. Statt seine Handbewegung zum Lichtschalter fortzusetzen, ging er zu der Wandnische, in der Graves die Sturmlaternen abgestellt hatte, und entz�ndete eine davon. Dagegen schien Graves keine Einw�nde zu haben, also machte er sich auf den Weg und ging mit vorsichtigen Schritten zwischen den wirr durcheinander liegenden Tr�mmerst�cken hindurch.</p><p>�Was gibt es denn so Dringendes, dass du mich zu dieser sp�ten Stunde hast rufen lassen?�, fragte er.</p><p>�Ich wollte sichergehen, dass wir auch wirklich allein sind�, antwortete Graves. �Jemand hat sich an dem Vorh�ngeschloss zu schaffen gemacht. Die anderen werden allm�hlich misstrauisch.�</p><p>�Hyams?�</p><p>�Vielleicht�, antwortete Graves. �Obwohl ich auch Mercer nicht traue. Er trinkt.�</p><p>�Das ist nichts Neues.� Mogens versuchte vergeblich, Graves' Gestalt genauer zu erkennen, w�hrend er sich ihm n�herte. Irgendetwas daran irritierte ihn, aber er konnte nicht sagen, was. Und als h�tte Graves seine Gedanken gelesen, wich er ein kleines St�ck weiter in die Dunkelheit zur�ck, sodass er ein Schemen mit vage zerflie�enden R�ndern blieb, auch als Mogens n�her kam.</p><p>�Was er in seiner Freizeit treibt, geht mich nichts an�, antwortete Graves. �Aber als ich ihn heute Mittag gesprochen habe, hatte er eine Alkoholfahne. Es w�rde mich nicht wundern, wenn er herumschn�ffelt.� Auch mit seiner Stimme stimmte etwas nicht, dachte Mogens. Es war ganz eindeutig Jonathan Graves' Stimme, aber sie wurde von einem unheimlichen, rasselnden Ger�usch begleitet, als bereite es ihm M�he, zu sprechen, vielleicht sogar zu atmen. Er fragte sich, ob Graves vielleicht krank war.</p><p>�Aber deshalb habe ich Tom nicht gebeten, dich zu holen�, fuhr Graves fort. �Wie weit bist du mit deiner Arbeit, Mogens?�</p><p>�Ich habe gerade erst angefangen�, sagte Mogens. �Das wei�t du doch.�</p><p>�Dennoch muss ich dich ein wenig um Eile bitten. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Heute ist bereits der Drei�igste.�</p><p>�Und?�</p><p>�In wenigen Tagen ist Vollmond�, erinnerte Graves. Er l�ste sich von seinem Platz und ging mit sonderbar m�hevoll anmutenden Schritten auf die Metallt�r zu. Mogens fiel auf, wie sorgsam er darauf zu achten schien, dem Licht nicht zu nahe zu kommen, weder dem der elektrischen Gl�hlampe noch dem seiner Sturmlaterne. �Wenn wir das Tor bis dahin nicht ge�ffnet haben, m�ssen wir einen weiteren Monat warten.�</p><p>�Aber das ist doch nur eine Theorie�, sagte Mogens. �Und selbst wenn: Du wartest jetzt seit einem Jahr darauf, dieses Tor zu �ffnen. Welchen Unterschied macht da ein weiterer Monat?�</p><p>�Vielleicht keinen�, antwortete Graves. �Vielleicht auch den zwischen Sieg oder Niederlage, Mogens. Zwischen Erfolg und Untergang.�</p><p>�Seit wann dieser Hang f�rs Melodramatische?�, fragte Mogens.</p><p>�Oh, ich meine das durchaus ernst�, antwortete Graves. �Ich bin nicht sicher, wie lange das alles hier noch existiert - zumindest in einer Form, die uns allen zug�nglich ist.�</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte Mogens verwirrt.</p><p>�So bitter ernst, wie es sich anh�rt�, antwortete Graves. Er trat einen Schritt von der gewaltigen grauen Metallplatte zur�ck, drehte sich dann zu Mogens herum und seufzte, ein tiefer, rasselnder Laut, der Mogens einen kalten Schauer �ber den R�cken laufen lie�. �Erinnerst du dich daran, was Tom dir �ber den Sumpf erz�hlt hat, Mogens, und �ber den Friedhof, der allm�hlich darin versinkt?�</p><p>Mogens nickte.</p><p>�Der Friedhof ist nicht das Einzige, was versinkt�, sagte Graves.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Mogens begriff, was Graves damit sagen wollte. �Du meinst...�</p><p>�Dies alles hier versinkt allm�hlich in der Erde�, sagte Graves leise. �Hast du dich nie gefragt, warum sich die Sch�pfer dieses Tempels die M�he gemacht haben, ihn so tief in den Boden zu legen? Ich glaube, das war gar nicht der Fall. Diese ganze Anlage war einst oberirdisch, Mogens, vielleicht in einen Fels gemei�elt, vielleicht auch eine Pyramide wie die der Azteken und Inkas. Im Laufe der Millennien ist sie versunken, langsam, aber unerbittlich. Es muss Jahrtausende gedauert haben, doch irgendwann war sie g�nzlich versunken, und nicht lange danach haben die Menschen sie vergessen.� Er lachte leise. �Als unsere Vorfahren dann dieses Land besiedelten und den Friedhof anlegten, da ahnten sie nichts von alledem hier. Und wie sollten sie auch?�</p><p>�Selbst wenn es so w�re...�, begann Mogens, wurde aber sofort wieder von Graves unterbrochen.</p><p>�Es geht schneller, Mogens�, sagte er. �Ich wei� nicht, warum, aber der Prozess beschleunigt sich. Der Sumpf hat Jahrtausende gebraucht, um diesen Tempel zu verschlingen, und kaum ein Jahrhundert, um sich auch des Friedhofs zu bem�chtigen. Als ich das erste Mal hier war, da hatte die Leiter, die hier herunterf�hrte, zwei Sprossen weniger.�</p><p>�Aber wie kann das sein?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Graves. �Alles, was ich wei� ist, dass uns nicht mehr allzu viel Zeit bleibt. Ich bin nicht sicher, dass wir noch bis zum n�chsten Vollmond warten k�nnen.�</p><p>�Du wei�t nicht, was du da von mir verlangst�, sagte Mogens. �Das hier ist etwas vollkommen Unbekanntes. Vielleicht sind wir beide tats�chlich die ersten Menschen seit Jahrtausenden, die diese Schriftzeichen hier zu sehen bekommen, vielleicht seit noch viel l�ngerer Zeit. Welche Kultur auch immer das hier erschaffen hat: Sie ist seit unendlich langer Zeit verschwunden.�</p><p>�Das wei� ich�, antwortete Graves.</p><p>�Aber du wei�t anscheinend nicht, was es bedeutet�, antwortete Mogens gereizt. �Niemand hat so etwas je gesehen: Es gibt keine Literatur, keinerlei Anhaltspunkte, niemanden, den ich um Rat fragen k�nnte.�</p><p>�Und dennoch ist es dir gelungen, die Bedeutung dieser Schrift zu entr�tseln�, sagte Graves.</p><p>Mogens starrte ihn an. �Woher wei�t du das?�</p><p>�Ist es etwa nicht wahr?�</p><p>�Ich habe ein paar Worte und Symbole entziffert, das ist wahr�, gestand Mogens. Er war ebenso �berrascht wie verwirrt, aber er sp�rte auch einen wachsenden Zorn in sich. Er hatte mit niemandem �ber die Fortschritte bei seiner Arbeit gesprochen, auch nicht mit Graves, und das bedeutete nichts anderes, als dass Graves ihn bespitzeln lie�. Es war nicht sonderlich schwer zu erraten, von wem.</p><p>�Rei� dem armen Tom nicht den Kopf ab, Mogens�, sagte Graves. Anscheinend war es im Moment nicht besonders schwer, seine Gedanken zu erraten. �Ich musste ziemlich massiv werden, um etwas von ihm zu erfahren. Der Junge scheint einen Narren an dir gefressen zu haben. Du hattest also Erfolg?�</p><p>�Versprich dir nicht zu viel davon�, grollte Mogens. �Wie gesagt: Ich glaube die Bedeutung einiger weniger Symbole entziffert zu haben, aber das bedeutet nicht, dass ich diese Sprache lesen k�nnte - <emphasis>falls </emphasis>es sich �berhaupt um eine Sprache handelt. Und selbst wenn ich es k�nnte�, f�gte er rasch und mit leicht erhobener Stimme hinzu, als Graves dazu ansetzte, etwas zu sagen, �hie�e das erst einmal gar nichts.�</p><p>�Wieso?�, schnappte Graves.</p><p>�Nimm nur die alten R�mer und Griechen zum Vergleich�, antwortete Mogens. �Ihre Sprachen sind l�ngst bekannt; man lernt sie heute in der Schule. Und trotzdem sind noch lange nicht alle Geheimnisse dieser beiden gro�en Kulturen entr�tselt, und es gibt Schriftzeugnisse aus ihrer Fr�hzeit, die wir bis heute nicht lesen k�nnen. Das hier... das hier ist etwas vollkommen <emphasis>Anderes. </emphasis>Hunderte von Wissenschaftlern w�rden ein Jahrzehnt ben�tigen, um auch nur die Bedeutung dieses einen Raumes zu entschl�sseln. Und du erwartest von mir, dergleichen in vier oder f�nf Tagen zu bewerkstelligen?� Er sch�ttelte den Kopf. �Nein, Jonathan - was du verlangst, ist unm�glich.�</p><p>�Unsinn!� Graves' Stimme war pl�tzlich wie ein Bellen, und Mogens konnte den brodelnden Zorn sp�ren, der die Gestalt, die wenige Schritte vor ihm in den Schatten stand, erf�llte. Graves schwieg eine oder zwei Sekunden, doch als er weitersprach, hatte er sich wieder halbwegs in der Gewalt.</p><p>�Nun, nachdem du mir ausf�hrlich erkl�rt hast, was du <emphasis>nicht </emphasis>kannst, Mogens, warum zeigst du mir nicht einfach, was du <emphasis>kannst?� </emphasis>Er machte eine ausladende Geste. �Nur keine Scheu. Ich habe gro�es Vertrauen in deine F�higkeiten. Wie mir scheint, gr��eres als du selbst.�</p><p>Mogens war nahe daran, einfach auf dem Absatz kehrtzumachen und zu gehen. Stattdessen jedoch wandte er sich mit einem Ruck um und trat an den schmalen Ausschnitt der Wand heran, der von der einzigen brennenden Lampe erhellt wurde.</p><p>Und etwas sehr Sonderbares geschah: Mogens hatte die verschlungenen Bildsymbole kaum angesehen, da begann er ihre Bedeutung zu <emphasis>verstehen.</emphasis></p><p>Es war nicht so wie in den vergangenen beiden Tagen, als er an seinem Pult gestanden und die Notizen, die er sich hier unten gemacht hatte, mit den Zeichnungen in Graves' B�chern verglichen hatte. Das Gef�hl, das ihn jetzt �berkam, war ungleich intensiver, und es ging tiefer als alles, was er jemals zuvor erlebt h�tte. Es war nicht so, dass er die Worte verstand, f�r die diese d�steren Symbole standen. Das war unm�glich. Kein menschliches Wesen h�tte die Worte jener uralten Sprache verstehen oder gar aussprechen k�nnen, ohne dass sein Geist daran zerbrochen w�re wie ein d�nnes Kristallglas unter einem Hieb von Thors Hammer.</p><p>Aber er verstand die <emphasis>Geschichte, </emphasis>die diese unaussprechlichen Worte erz�hlten...</p><p>�Es waren nicht die �gypter�, murmelte er. �Dieser Ort ist viel �lter, Graves. Kannst du es f�hlen?�</p><p>Er sah nicht zu Graves zur�ck, aber er konnte dessen Nicken sp�ren.</p><p>�Sie waren hier, lange bevor es Menschen gab�, fuhr Mogens fort. �Und sie werden noch hier sein, wenn die letzte Erinnerung an die Menschen l�ngst verblasst ist. Sie sind die, die waren, die sind und die immer sein werden. Sie sind tot, und dennoch am Leben; lebendig, und dennoch unbelebt. Sie schlafen in ihren Kerkern tief im Scho� der Erde und auf dem Grund der Ozeane, und sie warten auf den Tag, an dem sie ihre Fesseln sprengen und ihren angestammten Platz als Herrscher �ber diese Welt wieder einnehmen werden.�</p><p>Ohne dass er selbst sich dessen bewusst gewesen w�re, war seine Stimme zu einem monotonen, an- und abschwellenden Singsang geworden, als erz�hle er nicht wirklich die Geschichte dieser Bilder, sondern rezitiere eine uralte Litanei, einem Muster von T�nen und Lauten folgend, das �lter war als die Sonne und nicht f�r menschliche Kehlen gedacht. Sein Hals begann bald zu schmerzen von den fremdartigen, gutturalen Lauten, die dem wahren Klang der Worte, f�r die sie standen, nicht einmal nahe kamen, und der menschliche Teil seiner Seele kr�mmte sich unter jedem Wort, jedem kr�chzenden Laut und jeder hervorgew�rgten Silbe dieser uralten verbotenen Sprache wie ein getretenes Tier.</p><p>Trotzdem war er nicht f�hig, aufzuh�ren. Nachdem die Worte einmal angefangen hatten, aus ihm herauszubrechen, war es ihm unm�glich, sie aufzuhalten. Wie ein insektoider Parasit, der sich in ihm eingenistet hatte und unbemerkt vom Ei zur Larve herangereift war, um sich mit Zangen und Klauen einen Weg ins Freie zu fressen, sprudelten sie weiter und weiter aus ihm hervor, brachen �ber seine blutigen Lippen und seinen bald von den gr�sslichen Lauten und blasphemischen Silben wund gescheuerten Hals und erz�hlten die Geschichte derer, die von den Sternen gekommen waren, als diese Welt noch jung und von anderen, den Menschen ebenso fremd erscheinenden Kreaturen bewohnt gewesen war, und die auf den Tag warteten, an dem ihr finsterer Gott, der schlafend in seinem Palast auf dem Meeresgrund lag, die Fesseln des Todes abstreifen und seine Herrschaft �ber sein angestammtes Reich erneut antreten w�rde. Er erz�hlte von anderen, gewaltigen Wesen, die von den Sternen gekommen waren und den �lteren G�ttern ihren Platz streitig machten, und gewaltigen Kriegen, die das Antlitz des Planeten wieder und wieder verw�stet hatten, bis er sich in eine rot gl�hende Kugel aus geschmolzener Schlacke und brennender Lava verwandelte, auf der irgendwann der immer w�hrende Zyklus des Lebens neu begann, und von Gesch�pfen, die so unvorstellbar fremd und b�sartig waren, dass ihr blo�er Anblick den Tod brachte.</p><p>Und irgendwann war es vorbei. Die Worte versiegten, und Mogens f�hlte bittere Galle und nach Kupfer schmeckendes Blut seine Kehle herabrinnen. Er wankte vor Schw�che, und er f�hlte sich auf eine Weise ausgelaugt, die weit �ber das k�rperliche Ma� hinausging.</p><p>Aber es war nicht vorbei. Nachdem die Worte versiegt waren, begann sich eine unheimliche, erstickende Stille in der Zeremonienkammer breit zu machen, eine Stille, die so gewaltig und allumfassend war, dass sie in seinen Ohren zu dr�hnen schien, und unter der etwas herankroch, etwas Uraltes und unvorstellbar B�ses, das seine Worte geweckt hatten und das sich nun weigerte, wieder in das Grab des Vergessens zur�ckzukehren.</p><p>Es war Graves, der das atemabschn�rende Schweigen brach, nicht er. �Du hast also nur einige wenige Worte entziffert, wie?�, fragte er sp�ttisch. �Vielleicht sollte ich froh sein. H�ttest du noch mehr �bersetzt, h�tte die Zeit bis zum n�chsten Vollmond vielleicht nicht mehr gereicht.�</p><p>Mogens versuchte noch immer vergeblich, wirklich zu begreifen, was er gerade erlebt hatte. Er kam sich unwirklich vor, wie in einem Albtraum gefangen, in dem er zur Rolle eines blo�en Zuschauers verdammt war. Graves' unzul�nglicher Versuch, sp�ttisch zu klingen, brach die Spannung nicht, sondern schien alles im Gegenteil eher noch schlimmer zu machen. Aber ihm fehlte die Kraft, den Freund von einst zurechtzuweisen.</p><p>�Ich habe das nicht �bersetzt�, sagte er m�hsam. Er versuchte den Kopf zu sch�tteln, aber selbst f�r diese winzige Bewegung fehlte ihm beinahe die Kraft, sodass es bei einer blo�en Andeutung blieb.</p><p>�Es klang auch nicht wirklich nach dir, Mogens�, pflichtete ihm Graves bei. Es gelang ihm irgendwie, zwar weiter sp�ttisch zu klingen, aber zugleich auch so etwas wie ein Schaudern in seine Stimme zu legen. �Gro�er Gott, Mogens - was war das? So etwas habe ich nie zuvor geh�rt.�</p><p>Mogens antwortete nicht sofort, aber sein Z�gern lag nicht nur daran, dass seine Kehle wundgescheuert war und schmerzte. Was auch immer er mit seinen Worten geweckt hatte, es war noch immer da. �Ich wei� es nicht�, murmelte er. �Ich bin nicht einmal sicher, dass ich das war, Jonathan. Es war...� Seine Stimme versagte, und er sp�rte, wie er am ganzen Leib zu zittern begann. Vergeblich versuchte er, dem Beben seiner H�nde und Knie Einhalt zu gebieten. Etwas hatte ihn ber�hrt, und unter dieser Ber�hrung schien ein Teil von ihm gleichsam zu Eis erstarrt zu sein.</p><p>�Ich wei� nicht, was es war�, murmelte er. �Irgendetwas...� Er suchte nach Worten, aber er fand keine. Vielleicht weil Worte gleich welcher menschlichen Sprache nicht ausreichten, um das grenzenlose Entsetzen zu beschreiben, das er empfunden hatte. Das er noch empfand.</p><p>�... hat Besitz von dir ergriffen?�, schlug Graves vor, als Mogens nicht weitersprach.</p><p>�Warum... warum sagst du das?�, fragte Mogens stockend.</p><p>�Ist es etwa nicht wahr?�, gab Graves zur�ck. Er legte den Kopf schr�g. Mogens konnte sein Gesicht noch immer nicht erkennen, da Graves aus irgendeinem Grund sorgsam darauf bedacht schien, au�erhalb des Lichtscheines zu bleiben, aber seine Stimme klang auf fast obsz�ne Weise erregt.</p><p>�Unsinn�, widersprach Mogens. Es klang lahm. Wen wollte er damit �berzeugen?</p><p>Graves jedenfalls nicht, denn der begann pl�tzlich mit beiden H�nden zu gestikulieren, und seine Stimme wurde noch einmal eine Spur schriller. �Ja, begreifst du denn nicht, Mogens? Du hast es selbst gesagt: Niemand kann eine vollkommen unbekannte Sprache erlernen, in nur drei Tagen! Dir ist das gelungen! Meinst du nicht auch, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht?�</p><p>�Und?� Er wusste l�ngst, worauf Graves hinauswollte. Er hatte es gewusst, noch bevor Graves auch nur das erste Wort ausgesprochen hatte, aber er hatte sich geweigert, diesem Gedanken auch nur das Recht auf Existenz zuzubilligen - von Glaubw�rdigkeit ganz zu schweigen -, und er tat es noch immer.</p><p>�Mogens, verstehst du denn nicht? Das ist der Beweis: Das, wonach du zeit deines Lebens gesucht hast! Was gerade geschehen ist, das ist nicht mit unserer Wissenschaft und Logik zu erkl�ren! Du bist im Recht, Mogens! Du hattest die ganze Zeit �ber Recht, und die anderen waren die Narren, nicht du! Da ist etwas au�erhalb unseres Verst�ndnisses. Wenn das, was wir gerade erlebt haben, keine Magie war, dann wei� ich nicht, was man als solche bezeichnen soll!�</p><p>�Ich will davon nichts h�ren�, antwortete Mogens.</p><p>Graves lachte, aber auch dieser Laut klang eher wie ein Bellen in Mogens' Ohren. �Ich verstehe dich nicht, Mogens�, sagte er. �Du kommst mir vor wie ein Mann, der sein gesamtes Leben damit zugebracht hat, St�cke aneinander zu reiben, um damit Feuer zu machen. Und als es ihm endlich gelungen ist, starrt er nur die Flammen an und weigert sich zu glauben, was er sieht. Gib Acht, dass du dich nicht verbrennst!�</p><p>�Ja, vielleicht hast du Recht, Jonathan�, murmelte Mogens. <emphasis>Und vielleicht hatte er sich schon verbrannt.</emphasis></p><p>Graves sog mit einem scharfen Laut die Luft zwischen den Z�hnen ein. Als er weitersprach, klang seine Stimme wie die eines Mannes, der vergeblich versucht, einem st�rrischen Kind etwas zu erkl�ren und allm�hlich zu begreifen begann, wie hoffnungslos zum Scheitern verurteilt dieser Versuch war.</p><p>�So begreife doch! Du hast gewonnen! Wir beide haben gewonnen! Wir stehen ganz kurz vor dem Ziel!�</p><p>Aber vielleicht sollten wir dieses Ziel nicht erreichen, dachte Mogens schaudernd. Vielleicht durften sie es nicht. Er schwieg.</p><p>�Wir k�nnen es schaffen, Mogens!�, fuhr Graves fort. �Ich sp�re es. Komm! Komm!� Er machte eine Bewegung, wie um nach Mogens zu greifen und ihn mit sich zu zerren, brach die Geste dann aber im allerletzten Moment ab, als w�re ihm gerade noch rechtzeitig eingefallen, dass er sich in das Licht hineinbewegen musste, um ihm nahe genug zu kommen, um sein Vorhaben auszuf�hren. Stattdessen drehte er sich auf dem Absatz um und ging wieder zum Tor. Mogens erschauerte, als sein Blick eine der beiden gewaltigen W�chterstatuen streifte. Es konnte nur an dem unsteten Licht liegen, und dem Zustand seiner eigenen Nerven, aber f�r einen Moment schienen sich die armlangen Tentakel, die seinen Sch�del s�umten, zu bewegen, als wollten sie nach dem frechen Eindringling greifen.</p><p>�Der Schl�ssel ist hier�, sagte Graves erregt. �Ich wei� es! Er ist hier, direkt vor unseren Augen, Mogens! Wir brauchen nur danach zu greifen.�</p><p>Mogens w�nschte sich, er w�rde das nicht tun. Wieder glaubte er eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahrzunehmen, ein zitterndes Wogen und Greifen, als versuche etwas aus dem Bereich jenseits des Wirklichen sich an die Realit�t heranzutasten. Etwas kratzte wie mit harten Insektenklauen an seiner Seele. Aber er war einfach zu m�de, um auch nur irgendetwas zu sagen. Der Kontakt mit jener schrecklichen uralten Macht hatte ihn nicht nur bis an den Grund seiner Seele erschreckt, sondern ihn auch ausgelaugt.</p><p>�Es muss hier irgendwo sein!� Graves' Stimme begann zu zittern, drohte vor Erregung gar zu brechen. �Ich kann es sp�ren, und du auch, Mogens! Ich wei� es! Sag es mir!�</p><p>Es kostete Mogens fast seine ganze Kraft, zu antworten. �Jonathan, bitte! Wir sollten jetzt nichts �bereiltes tun. Lass uns zur�ckgehen und �ber das nachdenken, was wir gerade erlebt haben.�</p><p>�Nein!�, schrie Graves. �Du wei�t es! Du wei�t, wie man dieses Tor �ffnet! Aber du willst es mir nicht sagen!�</p><p>Mogens sah alarmiert auf. In Graves' Stimme war ein neuer, gef�hrlicher Unterton, der selbst durch den Schleier aus M�digkeit und Furcht drang, der sich �ber Mogens' Gedanken gelegt hatte.</p><p>�Wo ist es?�, keuchte Graves. �Welches Wort �ffnet diese T�r?�</p><p>�Abrakadabra�, antwortete Mogens kopfsch�ttelnd. �Du bist ja verr�ckt.�</p><p>Graves stie� einen zischenden Laut aus, bewegte sich drohend auf ihn zu und prallte erneut im letzten Moment zur�ck, bevor er aus den Schatten heraustreten konnte.</p><p>Aber vielleicht doch nicht rechtzeitig genug.</p><p>Es war vielleicht nur ein einzelnes Bild, nur die winzige Zeitspanne zwischen dem Heben und Senken eines Lidschlag, und doch war es so entsetzlich, dass Mogens nur deshalb nicht aufschrie, weil er selbst dazu zu erschrocken war. Und dabei war es nicht einmal Graves' Gesicht, das er sah. Es war seine Hand, die f�r eine halbe Sekunde oder weniger in den Bereich des verr�terischen Lichts geriet, sodass Mogens sie erkennen konnte. Aber war es wirklich noch die Hand von Jonathan Graves? War es �berhaupt die Hand eines <emphasis>Menschen?</emphasis></p><p>Mogens glaubte es nicht. Was er sah, das war eine schwielige Pfote, gr��er als jedwede menschliche Hand, die er je gesehen hatte, und mit schrecklichen Klauen bewehrt. Borstiges dickes Haar, das auf dem Handr�cken begann, h�llte das Gelenk ein und verschmolz mit den Schatten dahinter.</p><p>Mogens blinzelte, und als er die Augenlider wieder hob, hatte Graves - Graves? - den Arm zur�ckgezogen, und die gr�ssliche Klaue war wieder in barmherzigen Schatten verborgen. Mogens' Herz jagte.</p><p>�Sag es mir!�, kreischte Graves. �Du bist es mir schuldig!�</p><p>Er schrie nicht wirklich. Er... <emphasis>blubberte. </emphasis>Seine Stimme hatte kaum noch etwas Menschliches, sondern war zu einem nassen, schaumigen Sabbern geworden, dem Kreischen einer tollw�tigen Bestie mit haarigen Pfoten und Klauen. Wieder kam er n�her, und wieder prallte er zur�ck, aber diesmal schien es Mogens, als pralle er <emphasis>tats�chlich </emphasis>von dem Licht zur�ck, ein mythisches Ungeheuer, das sich mit rasender Wut gegen die Barriere aus sch�tzender Helligkeit warf, ohne sie durchdringen zu k�nnen. Aber wie lange noch?</p><p>Fast ohne sein Zutun machte Mogens rasch zwei, drei Schritte zur�ck und starrte die unheimliche Gestalt in den Schatten an. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er versuchte sich mit aller Macht einzureden, dass es nur seine Nerven waren, die ihm einen Streich spielten, zusammen mit der Ersch�pfung und dem verwirrenden Spiel von Licht und Dunkelheit hier unten, und ein Teil von ihm wollte diese Erkl�rung auch glauben, ja, klammerte sich mit fast verzweifelter Kraft daran, weil alles andere bedeutet h�tte, seinen letzten Halt in der Realit�t loszulassen und endg�ltig in den Wahnsinn abzugleiten. Aber ein anderer Teil von ihm wusste, dass es nicht so war. Das... Ding da vor ihm war nicht mehr Graves.</p><p>Mogens begriff die Gefahr, die in diesem Gedanken lauerte, und tat das Einzige, wozu er �berhaupt noch f�hig war: Er fuhr auf dem Absatz herum und rannte los, so schnell er nur konnte.</p><p>�VanAndt!�, kreischte die schrille, gurgelnde Stimme hinter ihm. �Komm zur�ck! Ich befehle es dir! Du bist es mir schuldig!�</p><p>Mogens rannte nur noch schneller. Die Petroleumlampe behinderte ihn, also schleuderte er sie in seiner Panik beiseite. Sie flog drei oder vier Meter weit und zerbarst dann in einer Wolke aus Glassplittern und auseinander spritzendem brennendem Petroleum. Rotgelber Feuerschein trieb die dr�uende Dunkelheit f�r einen Moment zur�ck, und Mogens tat etwas, was er schon im allern�chsten Moment bitter bereuen sollte: Er lief noch schneller, drehte aber im Rennen den Kopf und sah zu Graves zur�ck.</p><p>Graves hatte aufgeh�rt, w�ste Drohungen hinter ihm herzukreischen, und sich wieder dem Tor und den beiden gewaltigen steinernen G�tzenbildern zugewandt und die Arme in die H�he gerissen, sodass er Mogens an den Priester eines uralten heidnischen Kultes erinnerte, der seine bizarren G�tter anbetete. Im hektisch flackernden Licht des brennenden Petroleums sah es mehr denn je aus, als bewegten sich die Tentakel der beiden gewaltigen G�tzenbilder, ja, als versuchten sie gar zur G�nze aus ihrer Erstarrung zu erwachen und sich von ihren gemei�elten Sockeln zu erheben, und auch mit Graves selbst schien eine neuerliche, noch viel schrecklichere Ver�nderung vonstatten gegangen zu sein, denn er...</p><p>Mogens' Fu� verfing sich an einem Hindernis. Ein scharfer Schmerz schoss durch seinen Kn�chel, und noch w�hrend er von seinem eigenen Schwung herum - und zugleich weiter nach vorne gerissen wurde, wusste er, dass er st�rzen w�rde. Verzweifelt und mit wild rudernden Armen versuchte er seinen Fall noch irgendwie abzufangen, aber es war vergeblich.</p><p>Der Aufprall auf den steinernen Boden war hundertmal schlimmer, als er erwartet hatte. Mogens hatte das Gef�hl, einen Hammerschlag mitten ins Gesicht bekommen zu haben. Irgendetwas in seinem Mund zerbrach, und er schmeckte Blut. Zugleich wurde sein Bein mit grausamer Wucht herumgerissen und im Gelenk verdreht, denn sein rechter Fu� steckte noch immer unbarmherzig in der Spalte fest, in der er sich verfangen und so seinen Sturz ausgel�st hatte. Der Schmerz war entsetzlich, zugleich aber seltsam irreal, als betr�fe er ihn schon gar nicht mehr selbst.</p><p>Er verlor nicht das Bewusstsein, aber alles wurde pl�tzlich leicht und gleichsam unwirklich, und selbst das kalte Entsetzen, das ihn gepackt hatte, verebbte allm�hlich zu einem blassen Echo irgendwo am Rande seines schw�cher werdenden Bewusstseins. Blut lief seine Kehle hinab und drohte ihn zu ersticken. Der Boden, auf dem er lag, schien sich zu winden wie ein verwundetes Tier, und das Pochen seines eigenen Herzens nahm in seinen Ohren die Lautst�rke dr�hnender, unrhythmischer Hammerschl�ge an.</p><p>Unter Aufbietung jedes bisschen Willens, das er noch in sich fand, dr�ngte er die drohende Ohnmacht zur�ck, presste die Handfl�chen gegen den Boden und stemmte sich in die H�he. Sein Fu� reagierte mit einer w�tenden Schmerzattacke, und Mogens biss die Z�hne zusammen, lie� sich wieder ein St�ck zur�cksinken und versuchte den Fu� aus der steinernen Falle zu ziehen. Es ging, aber diesmal war der Schmerz alles andere irreal, sondern so grausam, dass ihm �bel wurde. Sein Kn�chel musste gebrochen sein. Er war gefangen, hilflos eingesperrt in einem steinernen Grab tief unter der Erde - und dies zusammen mit Graves, der sich mit jeder Sekunde mehr in ein Ungeheuer verwandelte.</p><p>Mogens dr�ngte die Panik zur�ck, die seine Gedanken endg�ltig in einen schwarzen, sich immer schneller und schneller drehenden Strudel zu rei�en drohte, und w�lzte sich st�hnend auf den R�cken. Ein gut halbmetergro�er Steinquader st�rzte von der Decke und zerbrach unmittelbar neben ihm in St�cke. Ein Hagel winziger, rasiermesserscharfer Steinsplitter �bersch�ttete sein Gesicht und biss wie mit rot gl�henden Rattenz�hnchen in seine Haut. Mogens br�llte vor Schmerz und riss instinktiv die H�nde vor das Gesicht, um sich vor weiteren Attacken zu sch�tzen, war aber zugleich vor Entsetzen auch wie gel�hmt. Das dumpfe, trommelnde Dr�hnen hielt an, aber Mogens begriff auch endlich, dass es nicht das Ger�usch seines au�er Kontrolle geratenen Herzschlages war, das er h�rte. Rings um ihn herum regneten Steine von der Decke. Der ganze Raum schien sich zu sch�tteln wie ein Schiff in st�rmischer See. Ein unheimliches Grollen und Rumoren drang aus der Erde herauf, und die Luft war pl�tzlich so voller Staub, dass jeder Atemzug zur Qual wurde.</p><p>Ein Erdbeben! Vielleicht hatte Graves ja Recht gehabt, und die gesamte Tempelanlage versank im Boden, nicht irgendwann, nicht in einem Monat oder einer Woche, und schon gar nicht langsam, sondern <emphasis>jetzt, </emphasis>in diesem Augenblick!</p><p>Die schiere Todesangst verlieh ihm die Kraft, trotz der pochenden Schmerzen in seinem Fu� aufzuspringen und loszuhumpeln. Der Boden zitterte so heftig, dass er fast sofort wieder gest�rzt w�re. Er wagte es nicht, sich zu Graves umzudrehen, schrie aber aus Leibeskr�ften: <emphasis>�Jonathan! Ein Erdbeben! Lauf!�</emphasis></p><p>Er bezweifelte, dass Graves ihn h�rte. Das Rumpeln und Dr�hnen hatte sich mittlerweile zu einem infernalischen Get�se gesteigert, das jeden anderen Laut �bert�nte. Der Boden zitterte immer noch heftiger, und in die dumpfen, in immer rascherer Abfolge ert�nenden Hammerschl�ge mischte sich jetzt ein neuer, noch viel unheimlicherer Laut: ein schweres Knirschen und Mahlen, das direkt aus dem Boden zu dringen schien, als baue sich tief im Leib der Erde eine gewaltige Spannung auf, unter der irgendetwas zerbrechen musste.</p><p>�Jonathan!�, br�llte er verzweifelt. �Lauf!�</p><p>Wieder st�rzte etwas in seiner unmittelbaren N�he zu Boden und zerbarst; diesmal verletzten ihn die Splitter nicht, aber der Hagel kleiner gef�hrlicher Geschosse machte ihm endg�ltig klar, in welcher Gefahr er sich befand. Aus den Augenwinkeln glaubte er zu sehen, wie sich einer der gewaltigen St�tzpfeiler, die die Decke trugen, zu neigen begann, und das Knirschen und Mahlen wurde lauter. Etwas traf seine Schulter, und nur einen Sekundenbruchteil darauf schrammte eine unsichtbare Kralle �ber seinen R�cken und hinterlie� eine Spur aus loderndem Schmerz. Der Boden, �ber den er stolperte, zitterte mittlerweile nicht mehr, sondern hob und senkte sich wie der R�cken eines w�tenden Bullen, der seinen Reiter abzuwerfen versuchte.</p><p>Mogens fiel mehrmals auf die Knie, und mehr als einmal entging er nur um Haaresbreite einem st�rzenden Quader, der sich aus der Decke l�ste. Dennoch taumelte er mit zusammengebissenen Z�hnen weiter. Der Ausgang lag jetzt unmittelbar vor ihm. Das Beben und der Regen aus zerbrochenem Stein hatten die Flammen des brennenden Petroleums ebenso verschlungen wie Graves' Sturmlaterne, sodass der Raum in vollkommene Dunkelheit geh�llt war, aber die elektrischen Lampen, die Tom drau�en im Gang installiert hatte, brannten wie durch ein Wunder immer noch. Mogens stolperte hustend und halb blind vor Schmerz und Furcht weiter, tief in sich davon �berzeugt, dass es nur die Absicht eines grausamen Schicksals sein konnte, ihm bis zum allerletzten Moment die Hoffnung zu lassen, dass er den rettenden Ausgang vielleicht doch noch erreichte, nur um ihn dann im Augenblick des vermeintlichen Triumphs zu zerschmettern.</p><p>Aber das Schicksal hatte ein Einsehen. Hinter ihm nahm das Grollen und Dr�hnen immer noch mehr zu, als br�che der gesamte Raum zusammen, und er wurde noch zweimal von fallenden Steinen getroffen. Doch er erreichte den rettenden Ausgang, ohne zerschmettert oder von einem j�h aufklaffenden Abgrund im Boden verschlungen zu werden. Schlitternd und kriechend �berwand er den meterhohen Schuttberg und bedankte sich in Gedanken bei Tom daf�r, dass dieser das Hindernis in den letzten beiden Tagen abgetragen hatte. H�tte die Barriere noch bis unter die Decke gereicht, h�tte er kaum den Mut gehabt, sich durch den schmalen Spalt zu quetschen.</p><p>Erst, als er sich unmittelbar unter der brennenden Gl�hlampe befand, blieb er schwer atmend stehen und wandte sich um. Er konnte den Tr�mmerhaufen �berblicken, den er gerade �berwunden hatte, doch alles, was auch nur einen halben Schritt dahinter lag, schien einfach aufgeh�rt zu haben zu existieren. Mogens sah nichts au�er einem brodelnden Chaos aus reiner Bewegung, das Staub und kleine Steinsplitter ausspie. Es erschien ihm selbst fast absurd, dass er aus dieser H�lle entkommen sein sollte. Graves war verloren, daran bestand kein Zweifel.</p><p>Und vielleicht war er es auch, und die verzweifelte Hoffnung, an die er sich klammerte, war nur eine weitere Grausamkeit des Schicksals.</p><p>Noch war er keineswegs in Sicherheit. Auch hier zitterten und bebten die W�nde. Zwar hielt die Decke bislang den gewaltigen Ersch�tterungen stand, aber Mogens glaubte nun auch hier drau�en jenes furchtbare Mahlen und �chzen zu h�ren, das den endg�ltigen Untergang der Tempelkammer angek�ndigt hatte. Die Gl�hlampe schwankte wild an ihrem Kabel hin und her und tauchte den Gang in hektisch flackerndes Licht und fl�chtende Schatten, und �berall rieselte Staub; hier und da h�rte er auch schon das Poltern erster, fallender Steine. Auch dieser Tunnel w�rde zusammenbrechen, und wenn das geschah, dann war er verloren. In dem schmalen Gang hatte er keine Chance, den fallenden Steinen auszuweichen.</p><p>F�r Graves konnte er nichts mehr tun, und er rettete ihn auch nicht, wenn er hier blieb und wartete, bis er ebenfalls zermalmt wurde. Mogens st�rmte weiter. F�r einen Moment blieb das Zittern und Vibrieren des Bodens hinter ihm zur�ck, doch dann konnte er sp�ren, wie das Beben mit einem gewaltigen Satz in seine Richtung sprang, einem w�tenden Beutej�ger gleich, der sein Opfer entkommen sieht und zur Verfolgung ansetzte. Die Lampen unter der Decke schaukelten st�rker. Irgendwo, nicht sehr weit hinter ihm, krachte etwas mit einem ungeheuren Schlag zu Boden, dann explodierten gleich drei der Gl�hlampen, die den Gang vor ihm erhellten, in einem grellen Funkenschauer, und Mogens fand sich erneut in fast vollkommener Dunkelheit wieder. Er st�rmte trotzdem weiter, blind vor Angst, aber auch in dem absoluten Wissen, keine andere Wahl zu haben, als das Risiko dieses irrsinnigen Spurts durch die Finsternis.</p><p>Nat�rlich schaffte er es nicht.</p><p>Dieses Mal war das Schicksal tats�chlich grausam genug, ihn sein Ziel nahezu erreichen zu lassen: Vor ihm lag die offen stehende T�r des Geheimganges. Die Tempelkammer dahinter war unversehrt - zumindest war sie noch hell erleuchtet -, und Mogens mobilisierte noch einmal alle Kr�fte zu einem verzweifelten Endspurt.</p><p>Etwas traf seine Brust mit der Gewalt eines Hammerschlages, trieb ihm die Luft aus den Lungen und lie� ihn mit solcher Wucht zur�cktaumeln, dass er gegen die gegen�berliegende Wand prallte und zusammenbrach.</p><p>Diesmal war der Schlag so heftig, dass er ihm wirklich f�r einen Moment das Bewusstsein raubte. Aber es konnte wortw�rtlich nur ein Augenblick gewesen sein, denn als er die Augen wieder �ffnete, war er noch im Begriff, an der Wand zu Boden zu gleiten. Die Welt rings um ihn herum br�llte und verbog sich, und das unheimliche Knirschen und Mahlen hatte ihn endg�ltig eingeholt; nur, dass er es viel mehr <emphasis>sp�ren </emphasis>konnte als <emphasis>h�ren. </emphasis>Der Korridor brach zusammen.</p><p>Jetzt.</p><p>Mogens stemmte sich keuchend in die H�he, aber irgendetwas schien mit der Zeit nicht mehr zu stimmen, so als h�tte das Beben auch ihr Gef�ge besch�digt. Mogens stemmte sich mit der Kraft purer Todesangst in die H�he, und er <emphasis>war </emphasis>schnell, und dennoch schien alles, was er tat, grotesk langsam zu gehen, als eilten die Geschehnisse ihm so unerbittlich voraus wie ein Schatten. Die Wand, an der er lehnte, begann sich pl�tzlich zu verbiegen und zu zucken, als w�re sie nur ein kunstvolles dreidimensionales Bild auf d�nnem Papier, und Mogens begriff, dass der Stollen unwiderruflich zusammenbrach, eine grausame Falle aus hunderten und aberhunderten Tonnen Fels und Erdreich, die �ber ihm zusammenschnappte. Es waren vielleicht drei Schritte, die ihn von der rettenden T�r trennten, nur den Bruchteil eines Augenblicks, w�re er nur in der Lage gewesen, sich normal zu bewegen. Aber es war, als wate er durch halb erstarrten Teer.</p><p>Pl�tzlich erschien eine Gestalt vor ihm. Sie war zu weit entfernt, um ihn retten zu k�nnen, und nicht stark genug, die unz�hligen Tonnen Felsgestein aufzuhalten, die sich erbarmungslos auf ihn herabsenkten, aber ihr blo�er Anblick gab Mogens noch einmal neuen Mut: eine widersinnige Hoffnung, die allein durch den Umstand gen�hrt wurde, nicht mehr allein zu sein, sondern ein anderes menschliches Wesen in seiner N�he zu wissen.</p><p>Nur, dass es kein menschliches Wesen war.</p><p>Mogens erstarrte mitten in der Bewegung und verschenkte die vielleicht unwiderruflich allerletzte Sekunde, die ihm das Schicksal doch noch einmal gew�hrt hatte, indem er die groteske, verkr�ppelthaarige Kreatur anstarrte, die vor ihm aufgetaucht war. Es war das Ungeheuer, die Bestie aus seinen Albtr�umen, die Janice geholt hatte und nun gekommen war, um auch seinem Sterben zuzusehen. Sie war deutlich gr��er, als er sie in Erinnerung hatte, mit gr�sslichen Klauen und einem Schakalskopf: einer langen Hundeschnauze voller m�rderischer F�nge, die Augen gl�hende Kohlen, die von uralter Bosheit und einer t�ckischen, funkelnden Intelligenz erf�llt waren. Geifer troff aus ihrem Maul, w�hrend sie Mogens anstarrte, und ihre schrecklichen Klauen �ffneten und schlossen sich ununterbrochen, als k�nne sie es nicht mehr erwarten, ihre F�nge in Mogens' Fleisch zu schlagen und ihn zu zerrei�en.</p><p>Statt den letzten, rettenden Schritt zu tun, trat Mogens zur�ck, eine Entscheidung, die trotz der kreischenden Panik, die seine Gedanken verheerte, ganz bewusst war: Lieber w�rde er den Tod unter den zusammenbrechenden Felsmassen erleiden, ehe er sich in die Gewalt dieses Ungeheuers begab.</p><p>Eine neuerliche, noch heftigere Ersch�tterung riss ihn von den F��en. Er prallte erneut gegen den Quader, den das Beben halb aus der Wand gedr�ckt hatte, um seine verzweifelte Flucht zu stoppen, und beobachtete aus vor Entsetzen geweiteten Augen, wie sich die Decke �ber seinem Kopf bog und verschob und erste, noch kleinere Steine und Erdreich in seine Richtung spie, nicht gro� genug, um ihn zu t�ten, aber allemal ausreichend, ihn zu verletzen und die letzten Sekunden seines Lebens in Momente gr�sslicher Qual zu verwandeln.</p><p>Es war nicht die Angst vor dem Tod, die Mogens noch einmal die Kraft gab, sich herumzuwerfen und unter demselben Steinquader Schutz zu suchen, der ihm gerade zum Verh�ngnis geworden war, sondern die Angst vor der Pein, die ihm vorausgehen mochte. W�hrend er sich unter der halbmetergro�en k�nstlichen Felsnase zusammenkr�mmte, beobachtete ein Teil von ihm mit kaltem, fast wissenschaftlichem Interesse, wie sich die Decke weiter durchbog wie eine nasse Zeltplane unter dem Gewicht des Regens und sich gr��ere, t�dlichere Steine daraus l�sten, tonnenschwere Brocken, vor denen ihn auch der Quader nicht mehr sch�tzen w�rde.</p><p>Pl�tzlich griff eine Hand nach ihm. Es war keine menschliche Hand, sondern eine haarige, klauenbewehrte Pranke, die sich mit unmenschlicher Kraft um sein Handgelenk schloss und ihn mit solcher Gewalt herumriss, dass Mogens vor Pein aufbr�llte und das Gef�hl hatte, das Gelenk w�rde ihm aus der Schulter gerissen. Als er aufsah, bot sich ihm durch einen Nebel aus Schmerz und Furcht hindurch ein schier unglaublicher Anblick: Die Kreatur hatte ihn mit der linken Hand gepackt und zerrte ihn so m�helos hinter sich her, wie ein Riese ein widerspenstiges Kind mitgeschleift h�tte.</p><p>Mit der anderen Hand st�tzte sie die Decke ab. So unglaublich es Mogens selbst in diesem Moment noch erschien: Die Kr�fte der bizarren Kreatur schienen auszureichen, die tonnenschweren Steinquader wenn schon nicht an ihrem Fall zu hindern, so doch den Einsturz zumindest hinl�nglich genug zu verlangsamen, um Zeit zu gewinnen, in Sicherheit zu gelangen.</p><p>Sicherheit?</p><p>Mogens b�umte sich auf und versuchte mit verzweifelter Kraft, den Griff der Bestie zu sprengen und sich loszurei�en. Das Ungeheuer fuhr herum und versetzte ihm einen Hieb mit dem Handr�cken. Seine Krallen zerfetzten Mogens' Hemd, hinterlie�en vier d�nne, brennende Risse auf seiner Haut und lie�en ihn halb benommen zur�cksinken. Fast wie in Trance registrierte er, wie das Monstrum ihn brutal aus dem Gang herauszerrte, der unmittelbar hinter ihnen mit gewaltigem Get�se zusammenbrach. Halb besinnungslos, wie er war, versuchte er nach der Kreatur zu treten und traf sogar, aber das <emphasis>Ding </emphasis>schien es nicht einmal zu sp�ren. Vorn�ber gebeugt und humpelnd zerrte es ihn �ber den rauen Boden, bis sie die Mitte der Tempelkammer und die riesige geschnitzte Barke erreicht hatten, wo es ihn ablud und sich knurrend zu ihm umwandte. Gnadenlose, kalt gl�hende Augen starrten Mogens an, und das blasphemisch h�ndische Gesicht kam n�her und beugte sich schn�ffelnd �ber ihn.</p></section><section><title><p id="_11">11.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Mogens schlug nach ihm.</p><p>Die Bestie heulte vor Wut und Schmerz auf, zuckte zur�ck und schlug ihrerseits nach ihm, und <emphasis>dieser </emphasis>Hieb raubte Mogens endg�ltig das Bewusstsein.</p><p>Mogens schlug die Augen auf und stie� einen gellenden Schrei aus. Die Visage des Ungeheuers war �ber ihm, nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt und nahe genug, dass er ihren nach Verwesung und Aas stinkenden Atem riechen konnte. Grausame Augen taxierten ihn kalt, das schreckliche Maul war halb ge�ffnet, sodass er die fauligen, kreuz und quer stehenden nadelspitzen F�nge sehen konnte. Mogens warf sich herum und versuchte, der Kreatur die F�uste gegen die Kehle zu schmettern. Aber er war viel zu langsam. Das Wesen wich seinem Hieb ohne die geringste M�he aus, packte im n�chsten Moment seine Handgelenke und hielt sie mit nur einer seiner riesigen Pranken fest; so als h�tte sie Mogens' n�chste Bewegung schon vorausgeahnt, noch bevor er selbst sich ihrer bewusst wurde: Mogens zog die Knie an, um dem Ungeheuer die F��e in den Leib zu rammen, aber das <emphasis>Ding </emphasis>blockierte seine Beine mit der anderen Pfote. �Professor?�</p><p>Der Griff des Ungeheuers war so hart wie Stahl. Mogens sp�rte, dass er nicht einmal die Spur einer Chance hatte, sich zu befreien, aber er k�mpfte trotzdem mit der Kraft eines Wahnsinnigen weiter, warf sich herum, schrie und wand sich und versuchte zu treten. <emphasis>�Professor! H�ren Sie auf! So beruhigen Sie sich doch!�</emphasis></p><p>Mogens beruhigte sich nicht, sondern k�mpfte im Gegenteil nur noch mit viel gr��erer Kraft, und eine Hand klatschte in sein Gesicht und warf seinen Kopf mit solcher Gewalt herum, dass ihm die Luft wegblieb. Erst nach einer Sekunde sah er wieder auf und es verging noch ein weiterer, qu�lend schwerer Herzschlag, bis das Gesicht des Albtraummonsters �ber ihm zerfloss und sich neu und auf fast unheimliche Weise zu dem eines Jungen mit fast m�dchenhaft zerbrechlichen Z�gen und schulterlangem blondem Haar zusammensetzte. Was sich nicht �nderte, war der st�hlerne Griff, mit dem er Mogens' Handgelenke zusammenpresste.</p><p>�Alles in Ordnung mit Ihnen, Professor?�, fragte Tom. Nicht nur sein Blick, sondern vor allem der besorgte Ton in seiner Stimme machte Mogens klar, dass er nur <emphasis>ja </emphasis>zu sagen brauchte, um sich f�r alle Zeiten in Toms Augen l�cherlich zu machen.</p><p>�Tom?�, murmelte er. �Du?�</p><p>Er zwang sich mit einer gewaltigen Willensanstrengung, seine Muskeln zu entspannen. Es verging noch ein Moment, aber als Tom sp�rte, dass Mogens' Widerstand erlahmte, lie� auch er seine Handgelenke los, und einen Moment sp�ter zog er auch die andere Hand zur�ck, die Mogens' Knie blockierte.</p><p>�Ist alles in Ordnung, Professor?�, fragte er z�gernd.</p><p>Nichts war in Ordnung. Mogens h�tte �ber die Frage gelacht, h�tte er die Kraft dazu gehabt. �Entschuldige, Tom�, sagte er. �Es tut mir Leid. Ich... hatte wohl einen Albtraum.�</p><p>�Und dazu hast du auch allen Grund, Mogens.� Es war nicht Tom, der diese Worte sagte, und Mogens erkannte die Stimme schon mit der ersten Silbe, die sie aussprach. Und dennoch - nein: <emphasis>deswegen - </emphasis>dauerte es eine geschlagene Sekunde, bevor er die Kraft aufbrachte, den Kopf zu drehen und den Sprecher anzublicken.</p><p>�Jonathan?�, hauchte er ungl�ubig.</p><p>�Immerhin erinnerst du dich noch an meinen Namen�, sagte Graves sp�ttisch. Er lehnte mit vor der Brust verschr�nkten Armen an der Wand neben der T�r und sah mit einem Ausdruck auf Mogens herab, den dieser nicht zu deuten vermochte, der aber alles andere als angenehm war. �Das gibt Anlass zur Hoffnung. Vielleicht haben die Steine doch nicht <emphasis>alle </emphasis>deinen Kopf getroffen.�</p><p>Mogens nahm seine Worte nicht einmal zur Kenntnis. Tom lie� ihn endg�ltig los - wenn auch erst, nachdem er Graves einen fragenden Blick zugeworfen und dieser mit einem kaum merklichen Nicken sein Einverst�ndnis signalisiert hatte -, und Mogens richtete sich in eine halb sitzende Position auf.</p><p>�Du... du lebst?�, murmelte er.</p><p>Graves sah ihn an, als m�sse er ernsthaft eine Sekunde �ber diese Frage nachdenken. Auch dann antwortete er nicht sofort, sondern faltete die Arme auseinander, streifte seinen Hemds�rmel hoch und kniff sich selbst in den Unterarm.</p><p>�Au!�, sagte er. Dann wandte er sich grinsend an Mogens. �Ja, es f�hlt sich zumindest so an, als w�re ich noch am Leben.� Sein L�cheln erlosch �bergangslos. �Das ist mehr, als man um ein Haar von dir h�tte behaupten k�nnen, Mogens. Wenn Tom nicht gewesen w�re, w�rden wir dieses Gespr�ch hier wohl kaum f�hren. Aber ich m�sste mich wieder mit diesem Dummkopf von Sheriff herumschlagen.�</p><p>Mogens sah ihn verst�ndnislos an, und Graves deutete mit einem gl�nzenden schwarzen Handschuh auf Tom. �Tom hat dir das Leben gerettet, Mogens. Gib Acht, dass das nicht zu einer schlechten Angewohnheit wird.�</p><p>Mogens blickte verst�ndnislos von einem zum anderen. Graves grinste schon wieder, w�hrend Tom eindeutig mit jeder Sekunde verlegener wurde.</p><p>�Das war pures Gl�ck�, sagte er stockend. �Ich war im richtigen Augenblick da, aber das war auch alles.�</p><p>�Ja, und mit ein bisschen weniger Gl�ck w�rst du jetzt tot�, f�gte Graves hinzu. Er sch�ttelte den Kopf. �Du bist zu bescheiden, Tom.�</p><p>�Ich erinnere mich kaum, was passiert ist�, sagte Mogens - was nur zu einem geringen Teil der Wahrheit entsprach. Streng genommen erinnerte er sich an jeden einzelnen furchtbaren Augenblick der zur�ckliegenden Nacht - aber er konnte nicht sagen, was von diesen Erinnerungen echt und was nur Ausgeburt einer schrecklichen Fieberfantasie war. Er setzte sich weiter auf und versp�rte einen heftigen, rei�enden Schmerz im Kn�chel, der ihm ein qualvolles Keuchen entlockte. Ganz eindeutig war nicht <emphasis>alles, </emphasis>woran er sich zu erinnern glaubte, blo�e Einbildung.</p><p>�Was ist passiert?�, fragte er.</p><p>�Ein Erdbeben�, antwortete Graves und hob die Schultern. Zugleich machte er eine bes�nftigende Handbewegung. �Es war nicht besonders stark. Vielleicht sind in der Stadt ein paar Teller von den Regalen gefallen, aber das glaube ich nicht einmal.�</p><p>Das war es, was er <emphasis>sagte. </emphasis>Sein Blick jedoch sagte etwas ganz anderes. Mogens hielt ihm eine Sekunde lang stand, dann erwiderte er ihn mit einem fast ebenso unmerklich angedeutetem Nicken und wandte sich wieder direkt an Tom. �Mir w�re jetzt nach einer Tasse deines k�stlichen Kaffees, Tom.�</p><p>Tom z�gerte. F�r einen Moment sah er regelrecht verloren aus, aber dann tauschte er wieder einen raschen und diesmal eindeutig Hilfe suchenden Blick mit Graves und stand schlie�lich auf, um mit schnellen Schritten das Haus zu verlassen.</p><p>�Der Junge hat dir das Leben gerettet, Mogens�, sagte Graves ernst. �Du solltest vielleicht ein wenig mehr Dankbarkeit zeigen.�</p><p>�Ich wei߫, murmelte Mogens. Graves hatte durchaus Recht, und sein schlechtes Gewissen regte sich und unterstrich seine Worte noch. Aber er war viel zu verwirrt, um auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.</p><p>�Und du?�</p><p>Graves sah ihn fragend an.</p><p>�Wie bist du rausgekommen?�, verdeutlichte Mogens seine Frage. �Ich dachte, du... du w�rst tot. Gro�er Gott, als dort unten alles zusammenbrach...�</p><p>�F�r einen Mann, der von sich behauptet, ein �berzeugter Agnostiker zu sein, nimmst du den Namen des Herrn ziemlich oft in den Mund�, spottete Graves. Er sch�ttelte den Kopf und machte zugleich eine Bewegung, die an ein halbes Achselzucken erinnerte. �Es war dann doch nicht so schlimm, wie es im ersten Moment schien. Ich hatte mehr Angst um dich als um mich, Mogens. Du h�ttest zu mir kommen sollen, statt davonzulaufen. Als ich dich in den Tunnel rennen sah, da glaubte ich, es w�re um dich geschehen. Das war ziemlich dumm, Mogens. Wenn Tom dich nicht gefunden h�tte, dann w�rst du jetzt tot.�</p><p><emphasis>Tom. </emphasis>Etwas an diesem Namen klang... <emphasis>falsch </emphasis>in Mogens' Ohren. Er versuchte sich an die vergangene Nacht zu erinnern, aber in seinem Kopf st�rzten die Gedanken und Bilder wild durcheinander. Da war etwas, doch es wollte ihm einfach nicht gelingen, die Erinnerung zu fassen. Ein gr�ssliches Gesicht mit einer Hundeschnauze und rot gl�henden Augen, Krallen, die sein Hemd ebenso m�helos zerfetzten wie die Haut darunter...</p><p>Mogens richtete sich vollends auf und sah an sich herab. Sein Hemd starrte vor Dreck und war �ber Brust und Schulter zerrissen. Auf seiner kaum weniger verdreckten Haut darunter waren vier d�nne, verkrustete Linien zu sehen, die wie Feuer brannten. Kratzer, die er sich bei seiner verzweifelten Flucht zugezogen hatte.</p><p>�Du willst ihm das doch nicht etwa vorhalten, oder?�, fragte Graves. �Der arme Junge macht sich auch so schon genug Vorw�rfe, dich allein gelassen zu haben, statt drau�en im Gang auf dich zu warten, wie er es versprochen hatte.�</p><p>Mogens schwieg. Selbstverst�ndlich war ihm klar, wie unsinnig dieser Gedanke war, aber f�r <emphasis>ihn </emphasis>waren diese Risse die Schrammen, die die Krallen des Ungeheuers in seine Haut gerissen hatten...</p><p>Er sch�ttelte den Gedanken ab. �Was war das, da drinnen?�, murmelte er. �Haben... haben <emphasis>wir </emphasis>das getan?�</p><p>�Das Erdbeben?� Graves lachte. �Kaum. Ich hoffe, du glaubst mir jetzt etwas mehr, Mogens. Die gesamte Tempelanlage versinkt in der Erde. Uns bleibt nicht mehr allzu viel Zeit.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Mogens wirklich begriff, was Graves mit diesen Worten sagen wollte. Er richtete sich kerzengerade auf. �Du... du willst noch einmal dort hinunter?� Schon bei der blo�en Vorstellung, erneut diesen furchtbaren Raum aufzusuchen, zog sich sein Magen zu einem harten Klumpen zusammen.</p><p>�Was dachtest du?�, antwortete Graves. �Mogens, du hast doch nicht etwa vergessen, was wir gestern erlebt haben?� Er begann aufgeregt mit den H�nden zu fuchteln. �Wir haben es geschafft, Mogens! <emphasis>Du </emphasis>hast es geschafft! Wir haben den Beweis.�</p><p>�Du willst <emphasis>noch einmal </emphasis>dorthin?�, vergewisserte sich Mogens. Seine Stimme wurde zu einem tonlosen Kr�chzen. �Du... du willst diese T�r <emphasis>�ffnen?�</emphasis></p><p>�Du etwa nicht?�</p><p>�Aber das d�rfen wir nicht�, antwortete Mogens. �Jonathan, du musst es doch auch gesp�rt haben!�</p><p>�Gesp�rt?� Graves' Augen wurden schmal. Seine H�nde h�rten auf, hektische Bilder in die Luft zu malen, und erstarrten in einer zupackenden Geste. Mogens wurde klar, dass er einen Fehler gemacht hatte. Aber es war zu sp�t, ihn zu korrigieren. �Da ist also noch mehr�, fuhr Graves nach einer Weile fort. �Ich hatte Recht! Diese Kammer ist nur der Eingang! Das wahre Geheimnis wartet erst noch darauf, entdeckt zu werden!�</p><p>Mogens musste an die beiden gewaltigen G�tzenbilder denken, die das Tor bewachten, und eine Klaue purer Angst krallte sich in seine Seele. Obwohl er wusste, dass es ein weiterer Fehler war, fuhr er fort: �Du hast Recht, Graves. Da ist etwas hinter dieser T�r. Aber es hat einen Grund, dass sie verschlossen ist.� Er schauderte. �Bist du noch gar nicht auf die Idee gekommen, dass, was immer sich hinter dieser T�r befindet, vielleicht dort <emphasis>eingesperrt </emphasis>worden ist?�</p><p>�Jetzt bist du es, der Unsinn redet�, sagte Graves.</p><p><emphasis>�Nein!� </emphasis>Mogens sprang auf und sank gleich darauf st�hnend wieder auf die Bettkante zur�ck, als ihm prompt schwindelig wurde. Nicht mehr schreiend, aber in fast verzweifelt flehendem Ton fuhr er fort: �Gro�er Gott, Graves, reicht dir wirklich nicht, was da drinnen geschehen ist?�</p><p>�Was da drinnen...?� Graves riss verbl�fft die Augen auf. �Mogens, du glaubst doch nicht im Ernst, dass <emphasis>wir </emphasis>an diesem Ungl�ck schuld sind?�</p><p>�Du etwa nicht?�</p><p>Graves' Stimme wurde fast sanft. �Das war ein Erdbeben. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ein ganz normales Erdbeben, wie es in dieser Gegend nicht einmal un�blich ist. Du kannst nicht ernsthaft glauben, dass wir irgendetwas damit zu schaffen haben.�</p><p>Nein, es war keine Sache des Glaubens. Er <emphasis>wusste </emphasis>es. Sie hatten etwas geweckt, etwas, das seit Urzeiten hinter jener verschlossenen T�r eingesperrt war und auf ihre blo�e Anwesenheit reagiert hatte. Was sie gesp�rt hatten, das war vielleicht nicht mehr als ein fl�chtiges R�uspern gewesen, kaum mehr als das Zucken eines Giganten, der sich im Schlaf regte. Und dennoch hatte die Erde gebebt und Felsen waren geborsten. Was mochte geschehen, wenn sie diesen Koloss <emphasis>weckten</emphasis>? �Ich werde nicht wieder dort hinuntergehen, Jonathan�, sagte er leise, aber sehr ernst und mit bitterer Entschlossenheit. �Nie wieder.�</p><p>Graves seufzte. �Du bist jetzt verwirrt, Mogens. Du w�rst um ein Haar ums Leben gekommen, Vielleicht sollte ich nicht zu viel von dir verlangen.� Er l�ste sich von seinem Platz an der T�r. �Tom wird dir einen starken Kaffee br�hen, und danach k�mmert er sich um deine Verletzungen. Wir unterhalten uns sp�ter noch einmal, wenn du dich beruhigt hast.�</p></section><section><title><p id="_12">12.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Tom kam nicht, um den versprochenen Kaffee zu bringen, wor�ber Mogens aber nicht gram war. So sehr er sich im Moment auch davor f�rchtete, allein zu sein, so wenig wollte er Tom in diesem Augenblick sehen. Es spielte keine Rolle, dass ihm sein Verstand sagte, dass er Tom bitter Unrecht tat. Die vermeintliche Erinnerung, die ihm seine entfesselte Fantasie vorgaukelte, war einfach zu entsetzlich, als dass er Tom in diesem Moment unbefangen h�tte gegen�bertreten k�nnen.</p><p>Er verschloss die T�r, zog sich aus und wusch sich, so gut es ging, mit kaltem Wasser. Er hatte nichts, um seine Verletzungen zu versorgen, aber dies erwies sich auch kaum als notwendig: Sein ganzer K�rper f�hlte sich zwar an wie ein einziger blauer Fleck - und er sah auch beinahe so aus -, aber mit Ausnahme der vier Schrammen, die auf seiner linken Schulter begannen und sich quer �ber seine Brust zogen, schien er tats�chlich ohne einen Kratzer davongekommen zu sein. Selbst sein Kn�chel, der immer noch schmerzte, war kaum angeschwollen; zumindest schien er nicht gebrochen, ja, nicht einmal ernsthaft verstaucht zu sein. War dies auch, wie alles andere in der unterirdischen Kammer, Ausgeburt eines Fiebertraums gewesen?</p><p>Nachdem er die Schrammen notd�rftig ges�ubert hatte, stellte er fest, dass sie nicht ann�hernd so tief waren, wie es sich anf�hlte. Sie brannten wie Feuer, sahen aber wirklich aus, als h�tten menschliche Fingern�gel sie hinterlassen, nicht die Krallen eines mythischen Ungeheuers. Mogens zog sich um - sein Vorrat an sauberen und vor allem <emphasis>unbesch�digten </emphasis>Kleidern begann rapide zusammenzuschmelzen - und �berlegte gerade, unter welchem Vorwand er doch zu Tom gehen und sich bei ihm entschuldigen und vor allem sich f�r die neuerliche Lebensrettung bedanken konnte, als er das Ger�usch eines Automobils h�rte, das drau�en vorfuhr.</p><p>Mogens trat ans Fenster und runzelte �berrascht die Stirn. Der Wagen fuhr nicht in so halsbrecherischem Tempo wie bei seinem ersten Besuch, aber es war ganz eindeutig Sheriff Wilsons Streifenwagen, und er steuerte auch diesmal direkt Graves' H�tte an. Mogens meinte hinter der verdreckten Windschutzscheibe eine zweite Gestalt zu erkennen, die neben der des Sheriffs sa�. Wilson war nicht allein gekommen.</p><p>Ihm war klar, dass Graves alles andere als erfreut reagieren w�rde, dennoch verlie� er die H�tte und ging mit raschen Schritten los. Es war ihm gleich, was Graves meinte. Tief in seinem Innern hatte er l�ngst beschlossen, nicht l�nger hier zu bleiben. Es war ein Fehler gewesen, �berhaupt zu kommen, und ein noch viel gr��erer Fehler, Graves zu trauen. In seinem verzweifelten Bem�hen, sein Schicksal doch noch einmal herumzurei�en, hatte er geglaubt, was er glauben <emphasis>wollte, </emphasis>und vergessen, was ein Teil von ihm mit unersch�tterlicher Gewissheit wusste: dass alles, was Jonathan Graves ber�hrte, unweigerlich verderben musste.</p><p>Er hatte sich nicht get�uscht: Wilson war nicht allein gekommen. W�hrend er aus dem Wagen stieg und seinen �bergro�en Hut aufsetzte, �ffnete sich auch die Beifahrert�r, und ein untersetzter, elegant gekleideter Mann mit sch�tterem Haar und Brille stieg aus. Er w�re Mogens viel sympathischer gewesen, h�tte er sich nicht mit Blicken umgesehen, in denen m�hsam verhaltene Wut funkelte.</p><p>�Sheriff Wilson.�</p><p>�Professor.� Wilson tippte wieder mit zwei Fingern an den Rand des Cowboyhutes und schenkte ihm ein knappes, aber eindeutig ehrlich gemeintes L�cheln. Sein Begleiter drehte sich um und sah Mogens mit einem Ausdruck gelinder �berraschung an, der vermutlich seinem akademischen Titel galt. Er sagte nichts, aber der Zorn in seinen Augen schien sogar noch zuzunehmen. Mogens verstand das nicht.</p><p>Er kam auch nicht dazu, eine entsprechende Frage zu stellen, denn in diesem Moment flog die T�r hinter ihnen so ungest�m auf, dass sie mit einem Knall gegen die Wand prallte, und Graves st�rmte heraus.</p><p>�Steffen!�, br�llte er. Sein Gesicht war vor Wut rot angelaufen. �Wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass...�</p><p>Er brach mitten im Wort ab, als er Mogens bemerkte, atmete h�rbar ein und wandte sich dann mit einer gezwungen ruhigen Bewegung zu Wilson um.</p><p>�Sheriff Wilson, ich fordere Sie auf, diesen Mann von meinem Grund und Boden zu entfernen. Doktor Steffen und seine Mitarbeiter haben von mir ausdr�ckliches Hausverbot erhalten.�</p><p>Steffen setzte zu einer geharnischten Erwiderung an, doch Wilson brachte ihn mit einem raschen Blick zum Verstummen und wandte sich direkt an Graves. �Das ist mir bekannt, Doktor Graves�, sagte er. �Ich bitte Sie jedoch, Doktor Steffen zumindest anzuh�ren. Was er zu sagen hat, k�nnte wichtig sein - auch f�r Sie und Ihre Mitarbeiter.�</p><p>Graves' Miene verd�sterte sich wom�glich noch mehr, aber er schluckte die w�tende Antwort, die ihm auf der Zunge lag, herunter und zwang sich zu einem abgehackten Nicken.</p><p>�Doktor.� Wilsons Stimme enthielt mehr als dieses eine Wort; n�mlich die inst�ndige Bitte, sich zu beherrschen und die Situation nicht noch schlimmer zu machen, indem er �l ins Feuer goss. Vielleicht war Graves nicht der Einzige hier, der zu cholerischen Wutausbr�chen neigte.</p><p>Steffen atmete tief ein, aber als er antwortete, klang seine Stimme so sachlich wie die eines Dozenten, der seinen Studenten im H�rsaal einen Vortrag hielt. �Es gab ein Erdbeben in der vergangenen Nacht, Doktor Graves. Ein ziemlich heftiges Beben sogar.�</p><p>�So?�, fragte Graves. �Mir ist nichts dergleichen aufgefallen. Ich habe geschlafen.�</p><p>Mogens war in diesem Moment froh, dass weder Wilson noch sein Begleiter in seine Richtung sahen, denn er konnte ein erschrockenes Zusammenzucken nicht unterdr�cken. Graves setzte der Unverfrorenheit aber noch die Krone auf, indem er sich direkt an ihn wandte. �Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, Professor VanAndt?�</p><p>Mogens war so perplex, dass er ganz automatisch den Kopf sch�ttelte. Steffen warf ihm einen kurzen, pr�fenden Blick zu und wandte sich dann wieder an Graves, ohne dass man seinem Gesicht ansehen konnte, zu welchem Ergebnis er gekommen war. �Das �berrascht mich, Doktor Graves. Das Beben war wie gesagt ziemlich heftig. Man konnte es sogar in der Stadt noch sp�ren. Und nach den Ergebnissen unserer Messger�te zu schlie�en, muss das Epizentrum genau hier gelegen haben. Direkt unter diesem Platz.�</p><p>�Dann sollten Sie Ihre Messger�te vielleicht einer gr�ndlichen �berpr�fung unterziehen, Doktor�, sagte Graves kalt. �Niemand hier hat irgendetwas Derartiges bemerkt.�</p><p>�Wem wollen Sie das erz�hlen, Graves?�, schnappte Steffen.</p><p>�Ihnen�, l�chelte Graves.</p><p>Steffens ohnehin nur m�hsam aufrechterhaltene Selbstbeherrschung zerbrach. �L�gen Sie mich nicht an, Graves�, schnappte er. �Ich will jetzt endlich wissen, was Sie und Ihre so genannten Kollegen dort unten treiben!�</p><p>�Ich f�rchte, ich verstehe nicht ganz, wovon Sie sprechen, verehrter <emphasis>Kollege.� </emphasis>Graves blieb nicht nur erstaunlich ruhig, er <emphasis>genoss </emphasis>Steffens wachsenden Zorn ganz im Gegenteil sichtlich.</p><p>Steffen wandte sich bebend vor Wut an Wilson. �Sheriff! Ich verlange, dass Sie etwas tun. <emphasis>Sofort!�</emphasis></p><p>Wilson sah ein wenig hilflos aus. �Ich f�rchte, in diesem Punkt muss ich mich Doktor Graves anschlie�en�, sagte er. �Ich begreife ebenfalls nicht ganz, was Sie wollen.�</p><p>Steffen begann aufgeregt in Graves' Richtung zu gestikulieren. �Sie m�ssen etwas unternehmen, Sheriff�, keuchte er. �Diese... diese <emphasis>Leute </emphasis>sind keine Wissenschaftler! Ich wei� nicht, was sie hier treiben, aber was immer es ist, es ist <emphasis>gef�hrlich</emphasis>! Ich verlange sofort zu sehen, was dort unten vorgeht!�</p><p>Wilson sah noch hilfloser aus als bisher, w�hrend sich auf Graves' Gesicht ein immer zufriedeneres Grinsen ausbreitete. Welche Argumente der Geologe auch noch vorbringen mochte, begriff Mogens, er hatte bereits verloren. Graves hatte ihn genau dorthin gebracht, wo er ihn hatte haben wollen; ganz einfach, indem er ihn reden lie�.</p><p>Schlie�lich drehte sich Wilson mit einem resignierenden Seufzen zu Mogens um. �Und Sie, Professor? Sind Sie sicher, dass Sie nichts bemerkt haben?�</p><p>Mogens antwortete nicht sofort. Er durfte nicht vergessen, dass er mit einem Polizisten sprach, ein Mann, dessen Beruf es war, Wahrheit von L�ge zu unterscheiden und der gelernt hatte, mehr zu sehen als nur das, was auf den ersten Blick erkennbar war. Und auch, wenn Graves Wilson ganz offensichtlich verachtete, so sp�rte Mogens doch, dass er gut in dem war, was er tat. Mogens hatte sich zwar umgezogen, und die einzige wirkliche Verletzung, die er davongetragen hatte, war unter seinem Hemd verborgen. Dennoch sah er bestimmt nicht so aus, als h�tte er eine Nacht voll erquickendem Schlaf hinter sich. Wilson musste zumindest sp�ren, dass hier irgendetwas nicht so war, wie Graves ihn Glauben machen wollte. Dennoch hob er nach kurzem Z�gern die Schultern. �Ich habe nichts bemerkt. Es tut mir Leid.�</p><p>�Was haben Sie denn erwartet?� Steffen machte ein ver�chtliches Ger�usch. �Die stecken doch alle unter einer Decke!�</p><p>�Bitte m��igen Sie sich, Steffen�, sagte Graves k�hl. �Ich lasse nicht zu, dass Sie meine Mitarbeiter beleidigen.� Er l�chelte weiter, doch als er sich zu Wilson umwandte, war dieses L�cheln zu etwas geworden, das das genaue Gegenteil ausdr�ckte.</p><p>�Sheriff, ich bin ein geduldiger Mann, aber das wird jetzt allm�hlich l�cherlich. Seit wir mit unserer Arbeit hier begonnen haben, hat Doktor Steffen nichts unversucht gelassen, um in unsere Ausgrabungsst�tte einzudringen. Ich wei� nicht warum, und ich werde mich auch h�ten, irgendwelche Mutma�ungen anzustellen, aber das ist grotesk!�</p><p>Steffen fuhr auf. �Ich verlange...�</p><p><emphasis>�Sie�</emphasis>, fiel ihm Graves mit pl�tzlich schneidender Stimme ins Wort, �haben hier gar nichts zu verlangen. Seien Sie froh, dass ich Sheriff Wilson nicht bitte, eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Verleumdung aufzunehmen!�</p><p>�Ich wei� nicht, was Sie dort unten tun�, zischte Steffen. �Aber ich werde es herausfinden, das verspreche ich Ihnen!�</p><p>Graves lachte ganz leise. �Heute ist der erste April, Doktor Steffen. Ich nehme zu Ihren Gunsten an, dass Sie sich an die gute alte Sitte erinnert haben, anderen zum ersten April einen Streich zu spielen. Oder wollen Sie allen Ernstes behaupten, unsere Arbeit hier w�re schuld an diesem Erdbeben?�</p><p>Sogar in Mogens' Ohren klang das absurd - obwohl er es besser wissen sollte. Steffen sagte auch nichts mehr, sondern presste nur w�tend die Lippen aufeinander und funkelte ihn an, w�hrend Wilson pl�tzlich so betreten aussah wie ein Kind, das mit der Hand in der Zuckerdose ertappt worden war.</p><p>�Ich verlange diese angebliche Ausgrabungsst�tte zu sehen�, beharrte Steffen.</p><p>�Ja, das kann ich mir denken�, beharrte Graves. �Wer bezahlt Sie, Steffen? Eine andere Universit�t? Eine Zeitung?�</p><p>�Die Frage ist eher, wer <emphasis>Sie </emphasis>bezahlt�, gab Steffen patzig zur�ck. �Ich habe mich �ber Sie erkundigt, Graves. Die so genannte Universit�t, die Ihre Ausgrabungen hier finanziert, genie�t einen �u�erst zweifelhaften Ruf, und...�</p><p>�Das reicht jetzt�, unterbrach ihn Graves. �Ich danke Ihnen f�r Ihren Besuch.�</p><p>Steffen starrte ihn eindeutig fassungslos an, aber Wilson gab ihm keine Gelegenheit, noch etwas zu sagen. �Ich entschuldige mich f�r die St�rung, Doktor Graves�, sagte er. �Sollte ich noch Fragen haben, darf ich mich noch einmal bei Ihnen melden?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Sheriff. Guten Tag.�</p><p>Steffen und er stiegen wieder in den Wagen, und Graves wartete mit steinernem Gesicht, bis sie abgefahren waren. �Verstehst du jetzt, was ich meine, Mogens?�, fragte Graves. �Uns bleibt wirklich nicht mehr viel Zeit.�</p><p>�Wozu?�, fragte Mogens. �Hast du Angst, Steffen k�nnte herausfinden, was wir dort unten wirklich getan haben?�</p><p>�Was haben wir denn getan?� Graves lachte wieder. �Nur zu, Mogens - geh hin�ber zu Steffens Lager und rede mit ihm. Ich werde nicht versuchen, dich daran zu hindern. Geh hin und erz�hle ihm, dass wir einen D�mon aus der Vergangenheit heraufbeschworen und damit das Erdbeben ausgel�st haben!�</p><p>Er atmete tief ein, machte einen halben Schritt zur�ck und gab sich dann einen sichtbaren Ruck. �Entschuldige, Mogens. Das war unfair. Ich... wir sind wohl beide etwas nerv�s.�</p><p>�Ja�, antwortete Mogens. �Das scheint mir auch so.� Er deutete in die Richtung, in die der Streifenwagen verschwunden war. �Warum zeigst du Steffen nicht einfach, was du gefunden hast?�</p><p>�Steffen?�, keuchte Graves. �Bist du verr�ckt?�</p><p>�Keineswegs�, antwortete Mogens. �Ich kenne diese Art von M�nnern, Jonathan. Und du kennst sie auch. Steffen wird nicht aufgeben, bevor er sein Ziel erreicht hat.�</p><p>�Vielleicht hast du sogar Recht�, sagte Graves nach kurzem Nachdenken. �Was Steffen angeht, nicht deinen verr�ckten Vorschlag, ihm alles zu zeigen. Er wird nicht aufgeben; umso mehr sollten wir uns beeilen.� Er machte eine Kopfbewegung zum Zelt hin. �Tom war vorhin unten im Tunnel. Es ist schlimm, aber nicht so schlimm, wie es h�tte kommen k�nnen. Ich habe Tom gebeten, die am st�rksten besch�digten Teile des Gangs mit ein paar Balken abzust�tzen, und er hat mir zugesagt, die Arbeit bis heute Nachmittag zu beenden. Du solltest die Zeit nutzen, um dich ein wenig auszuruhen. Ich werde das jedenfalls tun. Ich f�rchte, in den n�chsten Tagen werden wir kaum noch zum Schlafen kommen.�</p><p>�Hast du mir nicht zugeh�rt, Jonathan?�, fragte Mogens. �Ich werde nicht wieder dort hinuntergehen.�</p><p>�O doch, Mogens, das wirst du�, antwortete Graves l�chelnd.</p><p>�Willst du mich zwingen?�</p><p>�Ich w�sste nicht, wie�, bekannte Graves freim�tig. �Aber es wird auch kaum notwendig sein. Dazu kenne ich dich zu gut, Mogens. Ganz egal, was man �ber dich sagt und was andere �ber dich denken m�gen, du bist ein Forscher mit Leib und Seele. Du <emphasis>kannst </emphasis>gar nicht aufh�ren, bevor du das Geheimnis dieser T�r gel�st hast. Und nun geh und versuche zu schlafen. Heute Nacht wirst du deine Kraft bitter n�tig haben.�</p></section><section><title><p id="_13">13.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Obwohl Mogens nicht vorgehabt hatte, Graves' Rat zu folgen und zu schlafen, �berkam ihn doch eine pl�tzliche M�digkeit, kaum dass er in sein Quartier zur�ckgegangen war, sodass er sich aufsein Bett sinken lie� - nicht um zu schlafen, sondern nur, um zur Ruhe zu kommen und seine Gedanken zu ordnen. Kaum aber hatte sein Kopf das Kissen auch nur ber�hrt, da sank er in einen tiefen, traumlosen Schlummer, aus dem er erst lange nach der Mittagsstunde erwachte, k�rperlich erfrischt wie schon seit langem nicht mehr, aber �rgerlich auf sich selbst: Zweifellos hatte sich sein K�rper einfach nur genommen, was ihm zustand, nach den Anstrengungen und der �berstandenen Todesangst der letzten Nacht, aber er hatte nicht schlafen <emphasis>wollen, </emphasis>allein schon deswegen, weil Graves ihm genau das geraten hatte, und er empfand es beinahe als pers�nliche Niederlage, der M�digkeit nachgegeben zu haben.</p><p>Er war hungrig. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass Tom schon seit einer guten Stunde mit dem Mittagessen in Verzug war, was seinen �rger nur noch weiter sch�rte.</p><p>Angesichts der wirren Bilder aus der vergangenen Nacht, mit der ihn seine Erinnerung immer noch zu qu�len versuchte, scheute er davor zur�ck, hinauszugehen und nach Tom zu suchen, sodass er nur einen Schluck Wasser trank und sich sodann wieder seinen B�chern zuwandte, um sich abzulenken.</p><p>Es funktionierte nicht.</p><p>Es waren nicht nur sein grummelnder Magen und die innere Unruhe, die ihm aus seinen Tr�umen hin�ber in die Wirklichkeit gefolgt waren, die es Mogens fast unm�glich machten, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Etwas hatte sich ver�ndert. Die Bilder, Symbole und Zeichnungen, die ihm bisher so eing�ngig erschienen waren, waren ihm auf einmal so unverst�ndlich wie Keilschrift-Texte. Noch am Tage zuvor hatte er die B�cher, die Graves aus der Bibliothek der Miskatonic-Universit�t herbeigeschafft hatte, mit einer geradezu erstaunlichen M�helosigkeit entziffern k�nnen, nun aber weigerten sich die uralten Schriften pl�tzlich, irgendetwas von ihrem Geheimnis preiszugeben. Es war, als h�tte das Wissen, das er sich in den letzten Tagen so m�helos angeeignet hatte, seinen Zweck erf�llt; nicht mehr als ein Werkzeug, das ihm f�r eine gewisse Weile zur Verf�gung gestellt und nun wieder weggenommen worden war. Es war frustrierend, aber zugleich erschreckte es ihn auch auf eine Weise, die er sich kaum erkl�ren konnte. War ihm auch seine F�higkeit abhanden gekommen, die Schrift zu erfassen, so war doch etwas geblieben, das ihn schaudern lie�: das sichere Wissen, an etwas ger�hrt zu haben, an das nicht ger�hrt werden durfte.</p><p>Er hatte gute zwei Stunden in den B�chern gebl�ttert, bis er endlich zu einem Entschluss kam. Ganz egal, was geschah, und was Graves ihm auch immer anbot oder womit er ihm drohte: Er w�rde nicht wieder dort hinuntergehen, sondern diesen verfluchten Ort ganz im Gegenteil verlassen, und das noch heute.</p><p>Mogens klappte das Buch zu, in dem er zuletzt gebl�ttert hatte, stellte es sorgsam an seinen Platz auf dem B�cherbord zur�ck und verlie� das Haus, um zu Graves hin�berzugehen und ihn von seinem Entschluss in Kenntnis zu setzen.</p><p>Er platzte mitten in einen f�rchterlichen Streit hinein. Graves war nicht allein. Die T�r zu seiner Blockh�tte stand - ungew�hnlich genug - weit auf, und Mogens h�rte erregte Stimmen, schon bevor er sich dem Haus auch nur auf zehn Schritte gen�hert hatte.</p><p>Er identifizierte Hyams' Stimme - warum �berraschte ihn das nicht? -, aber auch die von McClure. Mogens war f�r einen Moment im Zweifel, ob er weitergehen sollte. Dass das Verh�ltnis zwischen Graves und den anderen nicht das Beste war, hatte er schon in seiner allerersten Stunde hier herausgefunden, sich aber bisher mit einigem Erfolg bem�ht, sich aus diesem Disput herauszuhalten. Aber auch daf�r war es zu sp�t. Die Zeit, sich aus irgendetwas <emphasis>herauszuhalten, </emphasis>was mit dieser unheimlichen Fundstelle zusammenhing, war schon l�ngst vorbei.</p><p>Ohne anzuklopfen, trat Mogens ein und warf einen raschen Blick in die Runde, bevor er sich Graves und den anderen zuwandte. Er war noch nie hier drinnen gewesen, aber die kurze Beschreibung, die Tom ihm auf der Fahrt im Automobil hierher gegeben hatte, erwies sich als so treffend, dass er das Gef�hl hatte, dieser Raum w�re ihm seit langem vertraut. Eine ganze Wand wurde von einem gewaltigen Regal voller B�cher und Pergamentrollen eingenommen und auf dem gro�en Tisch, hinter dem Graves sa�, erhob sich ein Durcheinander aus Glaskolben und -r�hren, Bunsenbrennern, Tiegeln und Kolben, das Mogens mehr an das Labor eines mittelalterlichen Alchimisten erinnerte als an irgendetwas, das einem seri�sen Wissenschaftler des gerade erwachten zwanzigsten Jahrhunderts anstand.</p><p>Mogens schenkte all dem kaum mehr als einen fl�chtigen Blick. Er war nicht nur mitten in einen Streit hineingeplatzt, er sp�rte auch �berdeutlich, wie unwillkommen er in dieser Runde - und vor allem in diesem speziellen Moment - war. McClure, der im Augenblick seines Eintretens mit erregter Stimme und noch viel erregterem Gestikulieren auf Graves eingeredet hatte, brach mitten im Wort ab und sah betroffen in seine Richtung, w�hrend Hyams ihn kampflustig anfunkelte. Mercer sah weg.</p><p>�Komme ich ungelegen?�, fragte Mogens.</p><p>�Keineswegs�, antwortete Graves. Mercer und McClure gaben sich alle M�he, durch ihn hindurchzusehen, w�hrend allein Hyams' Blicke ausreichten, seine Frage mit einem eindeutigen <emphasis>Ja </emphasis>zu beantworten.</p><p>�Tritt ruhig ein, Professor�, fuhr Graves fort. Ein d�nnes, nicht sehr langlebiges L�cheln huschte �ber sein Gesicht. �Deine gesch�tzten Kollegen reden gerade �ber dich, Professor. - Aber ich nehme doch an, es ist dir lieber, wenn sie <emphasis>mit </emphasis>dir reden.�</p><p>Mogens war nicht nach rhetorischen Spitzfindigkeiten. �Was geht hier vor?�, fragte er scharf.</p><p>�Sagte ich das nicht bereits, Professor?�, gab Graves zur�ck. �Es geht um dich.�</p><p>Es war das dritte Mal, dass er Mogens nicht mit seinem Namen ansprach, sondern mit seinem akademischen Grad, und Mogens glaubte nicht, dass das ohne Grund geschah. Graves' Absicht verfehlte jedoch ihr Ziel: Indem er das Gewicht seines Professorentitels so �berm��ig betonte, schien er seine Position eher zu schw�chen.</p><p>�Unsinn!�, sagte Hyams, bevor Mogens antworten konnte. �Es geht nicht um Sie, <emphasis>Professor.� </emphasis>Aus ihrem Mund klang dieses Wort eher ver�chtlich, fand Mogens - und dazu h�tte es des abf�lligen L�chelns, das ihre schmalen Lippen umspielte, gar nicht mehr bedurft. �Nehmen Sie sich blo� nicht so wichtig.� Sie wandte sich demonstrativ wieder zu Graves um. �Also, wie lautet Ihre Antwort?�</p><p>Graves sch�ttelte m�de den Kopf. �Meine Erziehung verbietet mir, Ihnen die Antwort zu geben, die Sie eigentlich verdienen, meine Liebe�, sagte er. �Auch wenn ich annehme, dass Sie sie sicher kennen. Ich lasse mich nicht erpressen. Nicht einmal von einer attraktiven Frau wie Ihnen, Doktor Hyams.�</p><p>�Erpressen?� Hyams dachte einen Moment �ber dieses Wort nach. Dann zuckte sie mit den Schultern. �Nun, wenn Sie es so sehen wollen...� Sie streifte Mogens mit einem kurzen, eisigen Blick. �Ich gebe Ihnen eine Stunde Zeit, �ber das nachzudenken, was ich Ihnen gesagt habe, Doktor Graves. Entscheiden Sie sich richtig.�</p><p>�Dasselbe w�rde ich Ihnen raten, Doktor Hyams�, antwortete Graves eisig. �Wir haben einen Vertrag.�</p><p>�Dann verklagen Sie mich doch.� Hyams funkelte ihn noch einen Moment lang herausfordernd an, aber als der Widerspruch nicht kam, auf den sie ganz offensichtlich wartete, drehte sie sich mit einem Ruck um und st�rmte durch die offen stehende T�r hinaus. McClure folgte ihr auf dem Fu�, w�hrend Mercer sp�rbar z�gerte und sich auch noch sp�rbarer nicht besonders wohl in seiner Haut f�hlte, als er ihr endlich nachging und selbst das erst, nachdem er Mogens einen fast flehend um Verst�ndnis bettelnden Blick zugeworfen hatte.</p><p>�Dummk�pfe�, grollte Graves. �Falls du dich noch nie gefragt haben solltest, was man unter dem Wort <emphasis>Blaustrumpf </emphasis>versteht, Mogens, dann sieh dir Hyams an.�</p><p>�Was hatte das zu bedeuten?�, fragte Mogens. �Was war hier los?�</p><p>Graves seufzte. �Etwas, das ich schon seit einer geraumen Zeit bef�rchtet habe�, r�umte er ein. �Miss Hyams mag kein sehr angenehmer Mensch sein, aber sie ist nicht dumm. Sie hat von Anfang an geargw�hnt, dass dort unten noch mehr ist als ein versunkener Tempel, den die Nachfahren alt�gyptischer Seeleute errichtet haben.� Er seufzte. �Das Erdbeben, Mogens. Sie hat irgendetwas gefunden. Ich wei� nicht was. Ich hatte allen verboten, noch einmal nach unten zu gehen, aber ich h�tte mir denken sollen, dass Hyams sich nicht daran halten w�rde.� Er hob die Schultern. �Also gut, du willst wissen, was sie wollte? Sie hat mir ein Ultimatum gestellt. Aber ich sch�tze es nicht, unter Druck gesetzt zu werden.�</p><p>�Was f�r ein Ultimatum?�</p><p>�Nun, sie hat mich vor die Wahl gestellt, ihr zu zeigen, was wir wirklich gefunden haben - oder sie und die beiden anderen legen ihre Arbeit nieder und gehen.�</p><p>�Und?�, fragte Mogens.</p><p>�Sollen sie gehen�, sagte Graves kalt. �Wir brauchen sie nicht mehr.� Er stand auf, kam um den Tisch herum und streckte den Arm aus, wie um Mogens die Hand auf die Schulter zu legen, hielt dann aber im letzten Moment inne, als Mogens instinktiv zur�ckzuckte. Er h�tte es nicht ertragen, von diesen schrecklichen H�nden ber�hrt zu werden.</p><p>Mogens r�usperte sich unbehaglich. �Jonathan, du...�</p><p>�Wir sind fast am Ziel, Mogens!�, fiel ihm Graves ins Wort. �Verstehst du denn nicht? Wir brauchen diese Dummk�pfe nicht mehr!�</p><p>�Sie werden nicht �ber das schweigen, was sie hier gesehen haben�, gab Mogens zu bedenken.</p><p>�Und?� Graves machte eine wegwerfende Geste. �Sollen sie! Was spielt das jetzt noch f�r eine Rolle? Wir haben es geschafft, begreifst du das denn nicht? Sollen sie reden! Sollen sie meinetwegen zu Wilson laufen und ihm alles erz�hlen, oder sogar zu diesem Dummkopf Steffen. Es st�rt mich nicht. Jetzt nicht mehr.�</p><p>�Vor ein paar Stunden noch hast du dich ganz anders angeh�rt�, erinnerte ihn Mogens.</p><p>�Da war mir noch nicht klar, wie nahe wir unserem Ziel sind�, sagte Graves, pl�tzlich erregt und scheinbar nicht mehr imstande, still zu stehen oder auch nur die H�nde ruhig zu halten. �Tom ist mit seiner Arbeit fertig. Wir k�nnen binnen einer Stunde wieder hinuntergehen und unser Werk fortsetzen.�</p><p>Mogens sah ihn beinahe fassungslos an. �Hast du mir gar nicht zugeh�rt?�, fragte er. �Ich werde diesen verfluchten Ort nicht noch einmal betreten! Um keinen Preis.�</p><p>Er trat demonstrativ einen Schritt zur�ck und straffte die Schultern. Graves starrte ihn mit ausdruckslosem Gesicht an, aber in seinen Augen begann wieder dieselbe lodernde Wut zu erwachen, mit der er Hyams und die beiden anderen zuvor gemustert hatte. �Du solltest dir das gut �berlegen, Mogens�, sagte er kalt.</p><p>Irgendetwas schien sich unter seinem Gesicht zu bewegen. Er... <emphasis>ver�nderte </emphasis>sich, auf eine unsichtbare, grauenerregende Weise, die es Mogens immer schwerer machte, ihn auch nur anzusehen, geschweige denn, seinem Blick standzuhalten.</p><p>Dennoch fuhr er fort: �Ich habe es mir �berlegt, Jonathan. Mein Entschluss steht fest. Ich werde von hier verschwinden, noch heute. Ich h�tte erst gar nicht kommen sollen.�</p><p>�Du elender Narr!�, zischte Graves. �Dann geh doch! Lauf zu den anderen, und beeil dich! Vielleicht haben sie noch Platz f�r dich in ihrem Wagen!�</p><p>Mogens setzte zu einer Antwort an, aber es war ihm pl�tzlich nicht mehr m�glich, Graves' Blick weiter standzuhalten oder noch l�nger in dieses unheimliche, sich unentwegt weiter ver�ndernde Gesicht zu sehen. Wozu auch? Graves geh�rte nicht zu den M�nnern, die <emphasis>Argumenten </emphasis>zug�nglich waren, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatten.</p><p>Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging zu seiner Unterkunft zur�ck, um seine Koffer zu packen.</p></section><section><title><p id="_14">14.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Er brauchte nicht lange, um seine Kleider in den beiden abgewetzten Koffern zu verstauen, mit denen er gekommen war. Seine ohnehin bescheidene Habe war noch weiter zusammengeschmolzen; das gestern Nacht getragene Hemd und die Hose konnte er nur noch wegwerfen, und auch die Kleider, die er auf dem Friedhof getragen hatte, waren vermutlich nicht mehr zu retten. Mogens stopfte alles, was noch �brig war, unordentlich in den Koffer und wandte sich dann dem Regal zu, um die mitgebrachten B�cher auszusortieren.</p><p>Die T�r ging auf, und Mogens sp�rte, wie jemand hereinkam und nach zwei schweren Schritten stehen blieb.</p><p>�Nur keine Bange�, sagte er, ohne sich umzudrehen. �Ich nehme nur mit, was mir geh�rt. Deinen kostbaren Originalen wird nichts geschehen.�</p><p>�Aber das wei� ich doch, mein lieber Professor�, sagte eine Stimme hinter ihm, die ganz eindeutig <emphasis>nicht </emphasis>Jonathan Graves geh�rte. �Sie w�rden doch niemals etwas anr�hren, das nicht Ihnen geh�rt.�</p><p>Mogens fuhr herum und erstarrte f�r geschlagene f�nf Sekunden mitten in der Bewegung. Er konnte selbst sp�ren, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.</p><p>�Miss Preussler?�</p><p>�Es ist sch�n, dass Sie mich noch erkennen, nach all der Zeit�, sagte Miss Preussler sp�ttisch. Sie war es tats�chlich. Es war vollkommen unm�glich, ausgeschlossen und absolut l�cherlich - Miss Preussler war zweieinhalbtausend Meilen weit weg, in einem Kaff am anderen Ende des Landes, und sie hatte Thompson Zeit ihres Lebens nie verlassen! Aber sie <emphasis>war </emphasis>es! Sie stand zwei Schritte hinter der T�r, mit einem abgewetzten Koffer in der linken und einen kleinen Bastkorb in der rechten Hand, aus dem Mogens zwei orangerote gl�hende Augen entgegenstarrten.</p><p>�Miss Preussler�, murmelte Mogens noch einmal.</p><p>�Ja, das sagten Sie bereits�, erwiderte Miss Preussler und zog eine Schnute. �Ich sollte jetzt eigentlich b�se sein, Professor. Ist das vielleicht eine Art, eine gute alte Freundin zu begr��en?�</p><p>Sie stellte den Bastkorb mit Cleopatra ab, lie� den Koffer, den sie in der anderen Hand trug, einfach fallen und breitete die Arme aus, als erwarte sie allen Ernstes, dass Mogens ihr vor Freude um den Hals fiel.</p><p>Mogens r�hrte sich nicht von der Stelle. Das konnte er gar nicht.</p><p>�Aber wo... ich meine: Wie kommen <emphasis>Sie </emphasis>denn hierher?�, stotterte er.</p><p>Miss Preussler lie� entt�uscht die Arme sinken. Eine Sekunde lang verlor sie die Kontrolle �ber ihre Physiognomie; sie sah nicht nur so aus, Mogens erkannte ganz deutlich, dass sie nahe daran war, in Tr�nen auszubrechen. Im n�chsten Moment aber hatte sie sich wieder in der Gewalt und zwang ein - wenn auch leicht verungl�cktes - L�cheln auf ihre Z�ge.</p><p>�Nun, es war eine recht lange und beschwerliche Reise, das gebe ich gern zu�, sagte sie. �Aber ich habe sie gerne auf mich genommen, um Sie wiederzusehen, mein Lieber.�</p><p>�So�, machte Mogens. Das war gewiss nicht unbedingt die intelligenteste aller vorstellbaren Antworten. Sie war nicht einmal besonders h�flich. Aber es war alles, was er herausbrachte. Seine Gedanken drehten sich wirr im Kreis. Miss <emphasis>Preussler? Hier? </emphasis>Aber warum?</p><p>Miss Preussler seufzte. �Ja, ich sehe schon, die schiere Wiedersehensfreude hat Sie �berw�ltigt. Ich h�tte Sie vorwarnen sollen. Soll ich in die Stadt zur�ckfahren und Ihnen ein Telegramm schicken, oder reicht es, wenn ich noch einmal nach drau�en gehe und anklopfe?�</p><p>�Nein, das... das sicher nicht.� Mogens brach ab, raffte mit einiger M�he zumindest genug Kraft zusammen, um entschuldigend die Achseln zu heben und setzte nach einem unbehaglichen R�uspern neu an. �Bitte entschuldigen Sie mein Betragen, Miss Preussler. Ich war nur so �berrascht, Sie zu sehen.�</p><p>Endlich l�ste er sich aus seiner Erstarrung und eilte um den Tisch herum und auf Miss Preussler zu, blieb aber vorsichtshalber in zwei Schritten Abstand wieder stehen, bevor sie seine Bewegung falsch deuten und auf die Idee kommen konnte, ihn etwa doch noch in die Arme zu schlie�en.</p><p>�Ich... ich wei� gar nicht, was ich sagen soll�, sagte er. �Zuerst einmal herzlich willkommen. Aber dennoch: Wie kommen Sie hierher? Ich meine: Warum um alles in der Welt haben Sie diese lange und beschwerliche Reise auf sich genommen?�</p><p>Miss Preussler ma� ihn mit einem langen, gleicherma�en sp�ttischen wie auch leicht tadelnden Blick, aber sie antwortete nicht sofort auf seine Frage, sondern sah sich zuerst ausgiebig und stirnrunzelnd im Zimmer um, wobei der Ausdruck auf ihrem Gesicht zunehmend missbilligender wurde.</p><p>�O je�, murmelte sie. �Wenn ich mich hier so umsehe, dann scheint es ja h�chste Zeit zu sein, dass ich gekommen bin. Diesem�, sie z�gerte einen Moment, als h�tte sie Hemmungen, das Wort <emphasis>Zimmer </emphasis>im Zusammenhang mit dem auszusprechen, was sie sah, �... <emphasis>Raum </emphasis>fehlt ganz eindeutig die Hand einer Frau.�</p><p>Und dann tat sie etwas, was Mogens abermals ungl�ubig Mund und Augen aufrei�en lie�: Ohne auch nur ihren Mantel abzulegen, ging sie an ihm vorbei und b�ckte sich nach dem unordentlichen Haufen zerrissener Kleider, der neben seinem Bett auf dem Boden lag. Mogens war nicht ganz sicher, glaubte aber, sie etwas murmeln zu h�ren, das sich wie <emphasis>�M�nner!� </emphasis>anh�rte.</p><p>�Aber Miss Preussler, ich bitte Sie!�, sagte er. �Was tun Sie denn da? Legen Sie doch erst einmal ab.�</p><p>Miss Preussler richtete sich schnaufend wieder auf, seine zerrissene Hose in der rechten und das zerfetzte Hemd in der linken Hand wie zwei Beutest�cke, die sie nach langer Jagd endlich errungen hatte. �Das t�te ich ja gerne, aber ich f�rchte, dazu muss ich erst einmal den n�tigen Platz schaffen�, sagte sie. �Professor, ich muss mich wundern. Sie waren doch immer ein so auf Ordnung bedachter Mann!�</p><p>Mogens ging zu ihr, nahm ihr die beiden zerrissenen Kleidungsst�cke aus den H�nden und lie� sie genau dort wieder zu Boden fallen, wo sie sie gerade aufgehoben hatte.</p><p>�Ich war gerade dabei, zu packen�, sagte er.</p><p>Miss Preussler blinzelte. �Packen?�</p><p>�Ich reise ab�, best�tigte Mogens. �Es tut mir Leid, aber ich f�rchte, Sie haben sich den weiten Weg vergebens gemacht.�</p><p>�Sie bleiben nicht hier?�, vergewisserte sich Miss Preussler. Sie klang nicht entt�uscht, oder gar �rgerlich. Im Gegenteil.</p><p>�Ja�, sagte er. �Die Arbeit ist... anders, als ich mir vorgestellt habe. Ich f�rchte, es war ein Fehler, �berhaupt hierher zu kommen.�</p><p>Miss Preussler sparte es sich, zu antworten: <emphasis>Das habe ich Ihnen ja gleich gesagt, </emphasis>aber er konnte die Worte so deutlich in ihren Augen lesen, als <emphasis>h�tte </emphasis>sie es gesagt. �Bieten Sie mir trotzdem einen Platz an?�, fragte sie.</p><p>Mogens fuhr hastig herum und zog den einzigen Stuhl heran, den es in seinem Zimmer gab. Ein Stapel Papiere lag darauf, den er hochhob und einen Moment lang fast hilflos in den H�nden hielt, bevor er ihn auf die schr�ge Platte des Stehpults legte. Er rutschte herunter, und die Papiere verteilten sich auf dem Boden. Miss Preussler zog die Augenbrauen hoch, aber sie schwieg dazu und wartete, bis Mogens ihr aus dem Mantel geholfen hatte, und nahm dann Platz. Ihr Blick glitt viel sagend �ber den unordentlich �berladenen Tisch, aber zu Mogens' �berraschung sagte sie auch dazu nichts.</p><p>�Ihre Arbeit hier gef�llt Ihnen also nicht�, sagte sie, wobei es ihr nicht ganz gelang, einen gewissen Unterton von Zufriedenheit aus ihrer Stimme zu verbannen.</p><p>�Ja... ich meine, nein�, sagte Mogens irritiert. �Es ist nur... nicht das, was ich erwartet habe.�</p><p>�Es ist dieser schreckliche Mensch, nicht wahr? Dieser Doktor Graves.� Miss Preussler beantwortete ihre eigene Frage mit einem Nicken, das keinen Widerspruch zulie�. �Nun, dann war es ja vielleicht ganz klug von mir, Ihr Zimmer noch nicht weiterzuvermieten.�</p><p>Mogens brauchte eine geschlagene Sekunde, bis er begriff, was Miss Preussler �berhaupt meinte. �Sie haben...?�</p><p>�Aber ich wusste doch, dass Sie zur�ckkommen, mein lieber Professor�, antwortete Miss Preussler l�chelnd. �Jemand von Ihrem gebildeten Wesen kann es unm�glich lange in der Gesellschaft eines solchen Unholds wie diesem Graves aushalten. Und dann diese Umgebung hier!� Sie lie� ihren Blick demonstrativ durch das Zimmer schweifen und sch�ttelte dann noch demonstrativer den Kopf. �Nein, das ist nichts f�r Sie. Ich habe gewusst, dass Sie zur�ckkommen. Allerdings�, f�gte sie nach einer fast unmerklichen Pause hinzu, �h�tte ich nicht gedacht, dass es so schnell gehen w�rde. Aber ich wusste, dass Sie zur�ckkommen.�</p><p>So oft, wie sie diesen Punkt betonte, erwartete sie offenbar eine ganz bestimmte Reaktion von Mogens. Aber er blieb sie ihr schuldig, zumindest im ersten Moment.</p><p>Mogens gestand sich ein, dass er noch gar nicht dar�ber nachgedacht hatte, wohin er von hier aus gehen wollte. Zur�ck nach Thompson? Allein die Vorstellung erf�llte ihn mit einem Entsetzen, das dem, das er bei dem Gedanken an Graves versp�rte, kaum nachstand.</p><p>�Sie kommen doch zur�ck?�, fragte Miss Preussler direkt, als er auch nach etlichen weiteren Sekunden noch nicht antwortete. �Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Professor. Ich habe mit dem Dekan gesprochen. Sie k�nnen Ihren Posten wieder antreten. Man wird Ihnen eine Woche Gehalt abziehen, aber das ist auch alles. Er war zuerst nicht besonders davon angetan, das muss ich gestehen, aber es ist mir gelungen, ihn umzustimmen.� Sie l�chelte verschmitzt. �Ich verf�ge �ber gewisse Informationen �ber seine Schwiegertochter, von denen er offensichtlich nicht wollte, dass sie an die �ffentlichkeit gelangen.�</p><p>Mogens schwieg weiter. Nat�rlich w�rde er nach Thompson zur�ckkehren. Er war noch nicht so weit, es sich selbst gegen�ber einzugestehen, aber tief in sich hatte er l�ngst begriffen, dass er genau dies tun w�rde. Er w�rde nach Thompson zur�ckgehen, er w�rde seinen verhassten Posten in einem fensterlosen winzigen B�ro im Keller der Universit�t wieder antreten und wieder in das Zimmer mit dem brandfleckigen Boden in Miss Preusslers Pension einziehen, und sein Leben w�rde weitergehen, als w�re seine endlose Monotonie niemals unterbrochen worden. Die Vorstellung jagte ihm einen Schauder �ber den R�cken. Und dennoch wusste er, sein Entschluss, Graves zu begleiten, war nichts als ein letztes verzweifeltes Aufbegehren gewesen, sein allerletzter Versuch, dem zu entkommen, was aus seinem Leben geworden war, aber dieser Versuch war gescheitert, und er wusste, dass er die Kraft f�r einen weiteren derartigen Versuch nicht mehr aufbringen w�rde.</p><p>�Ja�, fl�sterte er, mehr zu sich, als an Miss Preussler gewandt. �Ich komme mit Ihnen zur�ck.�</p><p>Miss Preussler strahlte. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, drang ein halblautes Miauen aus dem Korb, den sie neben der T�r abgesetzt hatte, gefolgt von einem ungeduldigen Kratzen.</p><p>�Cleopatra.� Miss Preussler drehte erschrocken den Kopf. �Oh, ich dumme alte Frau. Die �rmste ist jetzt seit Stunden in diesem Korb eingesperrt.�</p><p>Sie wollte aufstehen, aber Mogens sch�ttelte rasch den Kopf und wandte sich zur T�r. �Bleiben Sie sitzen, Miss Preussler�, sagte er. �Ich mache das schon. Sicher muss sie raus. Wir wollen doch nicht, dass am Ende noch ein Ungl�ck geschieht.�</p><p>Miss Preussler schwieg dazu, und Mogens wurde zu sp�t klar, dass diese Worte vielleicht nicht besonders klug gew�hlt gewesen waren, mochten sie Miss Preussler doch an einen gewissen Zwischenfall erinnern, der im Zusammenhang mit Cleopatra stand und ihr �beraus peinlich gewesen war. Er sagte jedoch nichts mehr dazu, sondern lie� sich neben dem Korb in die Hocke sinken und �ffnete die Verschl�sse. Er war einfach zu m�de, um auf pers�nliche Empfindlichkeiten R�cksicht zu nehmen.</p><p>Mogens hatte den Korb kaum ge�ffnet, da sprang Cleopatra mit einem zornigen Fauchen heraus und war wie ein schwarzer Blitz durch die offen stehende Haust�r verschwunden. Miss Preussler sog h�rbar die Luft zwischen den Z�hnen ein.</p><p>�Keine Sorge�, sagte Mogens rasch. �Ihr passiert schon nichts. Schlie�lich ist sie eine Katze.�</p><p>Trotz dieser optimistischen Worte richtete er sich auf und machte einen raschen Schritt aus der T�r, um nachzuschauen, in welche Richtung Cleopatra verschwunden war. Er konnte die Katze zwar nicht mehr sehen, doch als er sich wieder umwenden und ins Haus zur�ckgehen wollte, h�rte er erregte Stimmen. Mogens sah hin und entdeckte Graves und Hyams, die vor einer der H�tten standen und so heftig gestikulierend miteinander stritten, dass es nahezu nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung aussah.</p><p>Gerade, als Mogens �berlegte, ob er hin�bergehen und versuchen sollte, den Streit zu schlichten, sah er den Ford, in dem Tom ihn hergebracht hatte, um die Ecke biegen, nur dass diesmal Mercer am Steuer sa�, w�hrend McClure im Fond Platz genommen hatte. Er hielt mit leise quietschenden Bremsen unmittelbar neben Graves und der �gyptologin an, und Mercer beugte sich �chzend �ber den Beifahrersitz, um die T�r zu �ffnen. Graves warf sie mit einer zornigen Bewegung wieder zu. Hyams riss sie unverz�glich wieder auf und fuhr Graves so br�sk an, dass er einen Schritt zur�cktrat und nicht noch einmal versuchte, sie aufzuhalten. Nur einen Moment sp�ter war Hyams eingestiegen, und Mercer fuhr so hastig los, dass zwei meterhohe Schmutzfont�nen unter den Hinterr�dern hochspritzten und Graves sich mit einer hastigen Bewegung in Sicherheit bringen musste. So viel zu seinem Plan, zusammen mit Mercer und den beiden anderen von hier zu verschwinden.</p><p>Miss Preussler hatte sich schon wieder erhoben und war emsig damit besch�ftigt, den Tisch aufzur�umen, als er ins Haus zur�ckkam und die T�r hinter sich schloss. �Die Papiere sollten Sie besser selbst aufheben, Professor�, sagte sie. �Sonst werfe ich am Ende noch irgendetwas durcheinander.�</p><p>�Lassen Sie doch bitte auch alles �brige stehen und liegen�, sagte Mogens. Miss Preussler hielt keineswegs in ihrem heiligen Kreuzzug gegen das Chaos inne, drehte aber zumindest den Kopf in seine Richtung und sah ihn fragend an. �Mit Cleopatra ist doch alles in Ordnung? Sie sehen so besorgt aus.�</p><p>�Mit Cleopatra ist alles in Ordnung�, antwortete er. �Ich f�rchte nur, wir haben ein kleines Problem.�</p><p>�Ein Problem?�</p><p>�Wie es aussieht, ist uns gerade unsere letzte Mitfahrgelegenheit genommen worden.� Er machte ein fragendes Gesicht. �Wie sind Sie hierher gelangt, wenn ich fragen darf?�</p><p>�Ein freundlicher Lastwagenfahrer hat mich von San Francisco aus mitgenommen�, antwortete Miss Preussler. �Allerdings nur bis zur Stadt. Von dort aus musste ich laufen.�</p><p>�Aber das sind bestimmt drei Meilen!�</p><p>�Wem sagen Sie das?�, seufzte Miss Preussler. �Nun ja, ein kleiner Spaziergang dann und wann soll ja ganz gesund sein.�</p><p>Mogens �berlegte. Der Ford war nicht das einzige Fahrzeug, das ihnen zur Verf�gung stand, wohl aber das einzige, das zu fahren er sich zugetraut h�tte - zumindest nachdem er Tom dabei zugesehen hatte und f�r das kurze St�ck bis zur Stadt. Einen der schwerf�lligen Lastwagen zu beherrschen traute er sich jedoch nicht zu. Es w�rde ihm wohl nichts anderes �brig bleiben, als Tom darum zu bitten, Miss Preussler und ihn zu fahren.</p><p>�Jetzt h�ren Sie doch auf, hier aufzur�umen�, sagte er sanft. �Darum kann Tom sich k�mmern.�</p><p>�Ist dieser Tom derjenige, der hier f�r Ordnung sorgt?�, fragte Miss Preussler. Sie sch�ttelte missbilligend den Kopf. �Ich hoffe, er erf�llt seine �brigen Pflichten etwas besser.�</p><p>Die T�r flog auf und Graves polterte herein. �Diese Dummk�pfe�, fauchte er erregt. �Sie begreifen einfach nicht, dass...� Er brach mitten im Satz ab und riss ungl�ubig die Augen auf, als er Miss Preussler erkannte -</p><p>�Sie!�, kr�chzte er.</p><p>�Guten Tag, Doktor Graves�, antwortete Miss Preussler k�hl.</p><p>Graves starrte sie an, schien etwas sagen zu wollen und wandte sich dann mit einem Ruck zu Mogens um. �Was geht hier vor? Was hat diese Person hier zu suchen?�</p><p><emphasis>�Miss Preussler�, </emphasis>antwortete Mogens betont, �wird nicht lange bleiben, Jonathan, mach dir keine Sorgen. Miss Preussler ist nur gekommen, um mir einen kurzen H�flichkeitsbesuch abzustatten.�</p><p>�Ein Wort, das Ihnen anscheinend nicht sehr gel�ufig ist�, f�gte Miss Preussler mit einem zuckers��en L�cheln hinzu, w�hrend sie unbeirrt fortfuhr, den Tisch aufzur�umen. �Ein Gentleman h�tte sich zuerst nach dem <emphasis>Befinden </emphasis>einer Dame erkundigt, bevor er sich �ber deren <emphasis>Anwesenheit </emphasis>beschwert.�</p><p>Graves sah aus, als tr�fe ihn im n�chsten Augenblick der Schlag. Die Blicke, mit denen er abwechselnd Mogens und Miss Preussler ma�, spr�hten vor Mordlust. Aber er sprach nichts von alledem aus, was Mogens in seinen Augen las, sondern zwang sich zu einem abgehackten Nicken. �Bitte verzeihen Sie, Miss Preussler�, sagte er steif. �Ich war nur...� Er hob die Schultern. �Normalerweise ist es Au�enstehenden nicht gestattet, sich auf dem Gel�nde aufzuhalten. Unsere Arbeit hier ist streng vertraulich. Aber in Ihrem Fall mache ich nat�rlich gern eine Ausnahme.� Er wandte sich direkt an Mogens. �Hyams, Mercer und McClure sind gerade abgefahren.�</p><p>�Ich habe es gesehen�, antwortete Mogens k�hl. �Sagten sie nicht etwas von einer Stunde?�</p><p>�Offensichtlich haben sie es sich anders �berlegt.�</p><p>�Das ist bedauerlich.� Mogens deutete auf seine erst halb gepackten Koffer. �Ich hatte gehofft, zusammen mit ihnen nach San Francisco fahren zu k�nnen. Jetzt muss ich Tom bitten, Miss Preussler und mich mit einem der Lastwagen in die Stadt zu bringen. Du hast doch nichts dagegen?�</p><p>�Im Prinzip nicht�, antwortete Graves unger�hrt. �Ungl�ckseligerweise ist Tom vor einer halben Stunde weggefahren, und ich f�rchte, dass er wohl kaum vor Sonnenuntergang zur�ck sein wird. Und ich selbst habe noch nie ein solches Vehikel gefahren und traue es mir offen gestanden in derart schwierigem Gel�nde auch nicht zu.� Er l�chelte fl�chtig in Miss Preusslers Richtung. �Ich w�rde unsere kurze Bekanntschaft nur �u�erst ungern damit beenden, uns alle in den Stra�engraben zu bef�rdern.�</p><p>�Soll das hei�en, dass wir erst heute Abend von hier weg k�nnen?�, fragte Mogens.</p><p>Graves nickte. �Es sei denn, du m�chtest mit all deinem Gep�ck zu Fu� die drei Meilen in die Stadt gehen�, sagte er. �Gibt es dort ein Gasthaus?�, wollte Miss Preussler wissen. Graves nickte, lie� aber praktisch sofort ein Kopfsch�tteln folgen. �Schon, aber das ist wirklich kein Etablissement, das ich einer Dame empfehlen kann. Warum bleiben Sie nicht einfach hier?�</p><p>�Hier?�</p><p>�Warum nicht?�, erwiderte Graves. Er hatte seine Selbstbeherrschung jetzt endg�ltig zur�ckerlangt. �Wir haben genug Platz, jetzt, wo Doktor Hyams und die anderen abgereist sind. Morgen fr�h kann Tom Professor VanAndt und Sie dann direkt nach San Francisco bringen.� Er l�chelte. �Und ich bekomme die Gelegenheit, Sie und den Professor zum Abendessen einzuladen, um mich auf diese Weise f�r mein unm�gliches Benehmen zu entschuldigen.�</p></section><section><title><p id="_15">15.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Miss Preussler hatte ihn gebeten, noch einmal nach drau�en zu gehen und nach Cleopatra zu sehen, was Mogens auch gern getan hatte - allerdings ohne Erfolg. Er hatte auch nicht wirklich damit gerechnet: Niemand fand eine Katze, wenn diese sich nicht finden lassen <emphasis>wollte, </emphasis>und Cleopatra wollte es ganz offensichtlich nicht.</p><p>Mogens suchte auch nicht wirklich nach ihr, aber er nahm diesen Vorwand dankend an, um auf die andere Seite des Lagers zu gehen und sich die dort abgestellten Automobile anzusehen. Wenn ein siebzehnj�hriger Junge vom Land einen solchen Wagen fahren konnte, dann sollte es ihm im Grunde doch auch gelingen.</p><p>Sein Mut sank jedoch, nachdem er auch nur einen Blick ins F�hrerhaus des ersten Pritschenwagens geworfen hatte. Abgesehen von dem �bergro�en Lenkrad, das in Mogens' Augen die Dimensionen eines Schiffssteuers hatte, konnte er keine �hnlichkeit mit dem Ford erkennen, in dem Tom ihn hergebracht hatte. Es gab gleich zwei Ganghebel und auch die Pedale schienen anders angeordnet zu sein. Mogens konnte nicht einmal erkennen, wie dieses Fahrzeug <emphasis>gestartet </emphasis>wurde, und er war jetzt nicht mehr ganz so sicher wie noch vor einer Minute, dass Graves' Ablehnung, sie zu fahren, nur pure Unh�flichkeit gewesen war. Vermutlich bestand f�r einen unkundigen Fahrer tats�chlich die Gefahr, mit einem solchen Monstrum im Stra�engraben zu landen. Dennoch besah er sich auch noch den zweiten Wagen, allerdings mit dem gleichen Ergebnis.</p><p>�Versuch es erst gar nicht, Mogens�, sagte eine Stimme hinter ihm. �Ich wei�, dass du nicht Auto fahren kannst. Du w�rdest dieses Ding nicht einmal ankriegen... so wenig wie ich, �brigens.�</p><p>Mogens drehte sich betont langsam um und ma� Graves mit einem eisigen Blick von Kopf bis Fu�. �Spionierst du mir nach?�</p><p>�Ich k�nnte genauso gut fragen, ob du hier herumschn�ffelst, Mogens�, antwortete Graves.</p><p>�Ich suche Cleopatra�, sagte Mogens.</p><p>�Cleopatra?�</p><p>�Miss Preusslers Katze�, erkl�rte Mogens. �Sie ist aus dem Haus gelaufen, und Miss Preussler sorgt sich um sie. Immerhin ist das hier eine ungewohnte Umgebung f�r sie.�</p><p>�Sie hat ihre <emphasis>Katze </emphasis>mitgebracht?�, wunderte sich Graves. �Zu einem <emphasis>H�flichkeitsbesuch?. </emphasis>Eine sonderbare Person.� Er lachte. �Was will sie wirklich hier, Mogens? Niemand reist zweitausend Meilen, nur um einmal <emphasis>Hallo </emphasis>zu sagen.�</p><p>�Miss Preussler�, antwortete Mogens, �ist manchmal etwas eigenwillig. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann erreicht sie es meistens auch.�</p><p>�Und jetzt hat sie sich in den Kopf gesetzt, dich zur�ckzuholen�, vermutete Graves. Er sch�ttelte den Kopf. �Und? Wirst du mit ihr gehen?�</p><p>�Was interessiert dich daran?�, gab Mogens zur�ck, ohne Graves' Frage damit direkt zu beantworten.</p><p>Graves hob die Schultern. �Vielleicht kann ich nur nicht verstehen, wieso ein Mann mit deinen F�higkeiten es vorzieht, in einem Kaff am Ende der Welt zu versauern, statt die Gelegenheit zu ergreifen, sich nicht nur zu rehabilitieren, sondern dar�ber hinaus in die Geschichtsb�cher einzugehen.� Er sch�ttelte abermals den Kopf. �Die allermeisten anderen Wissenschaftler, die ich kenne, w�rden ihre Seele verkaufen, um nur einen einzigen Blick in diesen Raum zu werfen.�</p><p>�Ja, vielleicht�, sagte Mogens. �Und du, Jonathan? Hast du deine Seele bereits verkauft? Und wenn ja, an wen?�</p><p>Graves setzte zu einer w�tenden Antwort an, presste aber dann nur die Lippen aufeinander und belie� es bei einem abgehackten Kopfsch�tteln. �Das hat keinen Sinn�, seufzte er. �Eigentlich bin ich gekommen, um mich bei dir zu entschuldigen, Mogens. Ich habe mich heute Morgen unm�glich benommen. Ich war au�er mir, wegen Hyams und den anderen. Es tut mir aufrichtig Leid.�</p><p>�Das glaube ich dir sogar�, sagte Mogens. �Aber es �ndert nichts an meinem Entschluss. Ich werde ebenfalls gehen.�</p><p>�Und ich habe keine Chance, dich umzustimmen?�, fragte Graves.</p><p>�Nein�, antwortete Mogens. Er machte eine Kopfbewegung auf die beiden Pritschenwagen. �Wenn du mich angelogen hast, weil du glaubtest, mich umstimmen zu k�nnen, dann war die M�he umsonst.�</p><p>�Angelogen?�</p><p>�Beide Wagen sind hier�, antwortete Mogens. �Mit dem dritten sind Hyams und die beiden anderen weggefahren. Wenn du Tom also nicht zu Fu� in die Stadt geschickt hast, dann nehme ich an, dass er sich noch hier im Lager aufh�lt.�</p><p>�Es hat wohl keinen Sinn, dir etwas vormachen zu wollen�, seufzte Graves. �Ja, du hast Recht. Tom ist unten im Tunnel. Ich hatte gehofft, dich vielleicht doch noch �berreden zu k�nnen. Warum diese pl�tzliche Ablehnung, Mogens? Interessiert es dich tats�chlich nicht, was wir dort unten gefunden haben?�</p><p>�Du begreifst es immer noch nicht, Jonathan�, antwortete Mogens. �Ich werde gehen, <emphasis>weil </emphasis>ich wei�, was dort unten ist. Wir haben etwas geweckt, das mit gutem Grund dort unten eingesperrt wurde. Wir haben schon viel zu viel angerichtet. Es ist ein Wunder, dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind!�</p><p>�Du glaubst das tats�chlich, wie?�, fragte Graves. �Du glaubst allen Ernstes, dass <emphasis>wir </emphasis>dieses Erdbeben ausgel�st haben.�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens. �Ich wei� es. Gib dir keine M�he. Ganz egal, was du sagst oder tust, ich werde dir nicht weiterhelfen.�</p><p>Er wollte sich umwenden und gehen, aber Graves hielt ihn mit einer raschen Bewegung am Arm zur�ck. Seine Ber�hrung war so unangenehm, dass Mogens allein um ihretwillen mitten im Schritt erstarrte. Graves war unerwartet stark, sein Griff tat <emphasis>weh. </emphasis>Aber das war nicht alles. Er f�hlte sich nicht wirklich an wie der Griff eines Menschen. Unter dem schwarzen Handschuh <emphasis>pulsierte </emphasis>etwas, als umh�lle das gl�nzende Leder nicht tats�chlich die Finger eines Menschen, sondern ein Gewimmel aus unz�hligen schleimigen W�rmern, die gewaltsam in diese Form gepresst worden waren und nun versuchten, ihr Gef�ngnis zu sprengen.</p><p>Als h�tte Graves Mogens' Gedanken gelesen, lie� er seinen Arm los und trat hastig zwei Schritte zur�ck. �Entschuldige. Aber ich bitte dich, mich anzuh�ren. Nur noch dieses eine Mal.�</p><p>Es fiel Mogens schwer, Graves' Worten zu folgen. Er blickte auf seinen Arm herab, dorthin, wo Graves' Hand ihn ber�hrt hatte. Sie war nicht mehr da, aber er sp�rte ihre Ber�hrung immer noch, als h�tte sich der Abdruck der von schwarzem Leder umh�llten Finger in seine Haut eingebrannt. Er hatte das Gef�hl, von etwas Unheiligem, durch und durch <emphasis>Unmenschlichem </emphasis>besudelt worden zu sein, etwas, das so... so falsch war, dass es nicht sein <emphasis>durfte.</emphasis></p><p>�Ich bitte dich, noch ein einziges Mal mit mir nach unten zu gehen, Mogens�, fuhr Graves fort. �Tom hat den Gang wieder ger�umt und die am schlimmsten besch�digten Stellen abgest�tzt, und er hat gute Arbeit geleistet. Es besteht also keine Gefahr. Und du musst kein Wort sagen, wenn du nicht willst!�</p><p>�Warum willst du dann, dass ich dich begleite?�, fragte Mogens. �Ich <emphasis>werde </emphasis>dir nicht helfen, Jonathan.�</p><p>�Und ohne deine Hilfe habe ich nicht die geringste Aussicht, diese T�r zu �ffnen�, f�gte Graves hinzu. �Du siehst also, es besteht nicht die geringste Gefahr. Ich kann diese Schrift nicht einmal lesen.�</p><p>Ich kann sie auch nicht mehr lesen, wollte Mogens antworten, aber er sagte sich, dass Graves ihm das kaum glauben d�rfte und es als blo�e Schutzbehauptung abtun w�rde. �Warum dann also die M�he?�, fragte er erneut.</p><p>�Weil du es mir verdammt noch mal schuldig bist!�, antwortete Graves. <emphasis>�Du </emphasis>glaubst, dass dort unten etwas Gef�hrliches begraben liegt. Ich glaube das nicht. Was ist an dieser Situation so au�ergew�hnlich? Zwei Wissenschaftler, die unterschiedlicher Meinung �ber einen Fund sind! �berzeuge mich!�</p><p>�Du bist ja verr�ckt�, seufzte Mogens. �Gib endlich Ruhe, Jonathan. Ich werde nicht mit dir kommen.� Er machte eine Handbewegung in Richtung seiner H�tte. �Ich denke, ich werde jetzt zu Miss Preussler gehen und sie zu einem kleinen Spaziergang einladen. Unser Gep�ck lassen wir dann morgen abholen.�</p><p>�Wovor hast du Angst, Mogens?�, fragte Graves. �Dass ich dort unten �ber dich herfallen und dir etwas antun k�nnte?� Er lachte b�se. �Oder dass du dir eingestehen musst, dass ich vielleicht Recht habe?�</p><p>Die ehrliche Antwort w�re ein klares <emphasis>Ja </emphasis>gewesen, auf <emphasis>beide </emphasis>Fragen. Mogens schenkte ihm jedoch nur einen ver�chtlichen Blick und wandte sich ab, um zu gehen. Endg�ltig.</p></section><section><title><p id="_16">16.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Obwohl Mogens kaum l�nger als zehn Minuten fort gewesen war, hatte Miss Preussler ein kleines Wunder vollbracht, als er in die Blockh�tte zur�ckkam. Er hatte den Raum noch nie so ordentlich - und vor allem sauber - gesehen wie jetzt, nicht einmal am Tag seiner Ankunft. Irgendwie schien es Miss Preussler gelungen zu sein, eines der fundamentalsten Gesetze der Physik au�er Kraft zu setzen, jenes n�mlich, nach dem das Innere eines Raumes niemals gr��er sein kann als sein �u�eres. Sie hatte nicht nur alles ordentlich an seinen Platz ger�umt, der Raum schien auch auf fast magische Weise gr��er geworden zu sein, sodass Mogens zum ersten Mal das Gef�hl hatte, sich frei bewegen zu k�nnen, ohne Angst haben zu m�ssen, irgendwo anzusto�en oder etwas umzuwerfen.</p><p>�Haben Sie Cleopatra gefunden?�, fragte sie, als Mogens den Raum betrat, und ohne sich zu ihm herumzudrehen. Mogens antwortete nicht gleich. Miss Preussler stand vor dem B�cherregal und wandte ihm den R�cken zu, sodass er nicht genau erkennen konnte, was sie tat. Klar jedoch war, dass sie sich an den B�chern zu schaffen machte - wenn auch vermutlich nur, um sie abzustauben und pr�zise auf den Regalb�den auszurichten - und dass ihm nicht sonderlich wohl dabei war.</p><p>�Ich f�rchte, nein�, sagte er. �Aber Sie sollten sich keine Sorgen machen. Cleopatra wird bestimmt nichts passieren. Die Umgebung hier ist sicher, und es gibt keine gef�hrlichen Tiere.� Sah man von dem Sumpf ab, der unmittelbar hinter dem Lager begann, und verga� man das, was Sheriff Wilson �ber den get�teten Geologen erz�hlt hatte, f�gte er in Gedanken hinzu. Ihm war nicht besonders wohl dabei, Miss Preussler anzul�gen, aber er sah auch keinen Sinn darin, sie unn�tig zu beunruhigen. Er wusste, wie sehr Miss Preussler an Cleopatra hing. Und er tr�stete sich damit, dass Cleopatra schlie�lich eine Katze war und hoffentlich noch ein paar Reserveleben �brig hatte.</p><p>Miss Preussler wirkte jedoch keineswegs beunruhigt, sondern schenkte ihm im Gegenteil ein L�cheln. �Oh, ich mache mir keine Sorgen um Cleopatra. Sie ist eine kleine Herumtreiberin, das wei� ich, aber sie kommt stets wieder nach Hause zur�ck. Wir m�ssen ihr nur ein wenig Zeit lassen.�</p><p><emphasis>Zeit </emphasis>war genau das, wovon sie Mogens' Meinung nach im Moment am allerwenigsten hatten. Er konnte zwar selbst keinen Grund daf�r benennen, aber es war gerade jenes letzte, an sich harmlos anmutende Gespr�ch mit Graves gewesen, das ihm klar gemacht hatte, wie gut sie daran t�ten, so schnell wie m�glich von hier zu verschwinden. Graves geh�rte nicht zu den M�nnern, die einfach aufgaben.</p><p>Andererseits w�rde Miss Preussler aber ganz bestimmt nicht ohne Cleopatra von hier weggehen. Er ersparte es sich gleich, auch nur eine entsprechende Bemerkung zu machen.</p><p>�Die B�cher, Miss Preussler�, sagte er stattdessen. �Es... w�re mir lieber, wenn Sie sie nicht anfassen w�rden.�</p><p>Einen Moment lang sah Miss Preussler ziemlich betroffen aus, aber sie fing sich sofort wieder. �Ich habe sie nur ordentlich hingestellt. Und vielleicht ein wenig abgestaubt. Ich werde bestimmt nichts wegnehmen oder in Unordnung bringen!�</p><p>�Sicher nicht�, antwortete Mogens resignierend. Wie h�tte er ihr auch erkl�ren k�nnen, dass es schon gef�hrlich war, einige von diesen B�chern auch nur zu <emphasis>ber�hren</emphasis>? Mehr noch: Vielleicht war es schon gef�hrlich, sie auch nur in seiner N�he zu haben.</p><p>�Bitte verzeihen Sie.�</p><p>�Nat�rlich verzeihe ich Ihnen, mein lieber Professor�, antwortete Miss Preussler. �Wenn Sie mir versprechen, dass Sie endlich damit aufh�ren, f�r alles und jedes um Verzeihung zu bitten, hei�t das.�</p><p>Mogens hob nur die Schultern. Er druckste noch einen Moment herum und sagte dann: �Ich f�rchte, es ist mir nicht gelungen, eine angemessene Transportm�glichkeit f�r uns zu bekommen. Wir werden wohl zu Fu� in die Stadt gehen m�ssen.�</p><p>�Zu Fu�?� Miss Preussler blinzelte. �Aber was ist mit der Einladung Ihres Freundes?�</p><p>�Graves?� Mogens sch�ttelte impulsiv den Kopf. �Graves ist nicht mein Freund.�</p><p>�Das konnte ich mir auch kaum denken�, sagte Miss Preussler. �Aber wollen Sie ihn wirklich so vor den Kopf sto�en? Er scheint mir kein Mann zu sein, der es einfach so hinnimmt, br�skiert zu werden.�</p><p>�Ich w�rde es dennoch vorziehen, in der Stadt zu �bernachten, und nicht hier�, antwortete Mogens. �Ich wei�, es ist ein langer Fu�marsch, aber wir k�nnen unser Gep�ck hier lassen. Ich lasse es morgen abholen.�</p><p>Er h�rte sogar selbst, wie diese Worte klingen mussten, aber Miss Preussler �berraschte ihn ein weiteres Mal. Sie ging mit keinem Wort auf seine fadenscheinige Argumentation ein - sondern nickte einfach.</p><p>�Wenn Sie es w�nschen, Professor. Aber wir k�nnen doch noch warten, bis Cleopatra zur�ck ist?�</p><p>H�tte Mogens in diesem Moment darauf bestanden, die Katze zur�ckzulassen und auf der Stelle zu gehen, er war sicher, dass sie sich ihm nicht widersetzt h�tte, und vielleicht war es einzig seine �berraschung �ber diese Erkenntnis, die ihn davon abhielt, genau das zu tun. Es starrte Miss Preussler einfach nur fassungslos an, und schlie�lich deutete sie seinen ungl�ubigen Blick falsch und atmete erleichtert auf, und der kostbare Moment war vor�ber. Jetzt <emphasis>konnte </emphasis>er nicht mehr zur�ck.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte er. �Es ist noch fr�h. Auf eine halbe Stunde kommt es sicher nicht an.�</p><p>Das war nicht der erste Fehler, der ihm unterlief, seit Jonathan Graves wieder in sein Leben getreten war.</p><p>Aber vielleicht der schlimmste.</p></section><section><title><p id="_17">17.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Cleopatra kam nicht innerhalb der n�chsten halben Stunde zur�ck, aber daf�r begann sich der Himmel zuzuziehen. Zuerst waren es nur vereinzelte, lockere Wolken, �ber das Firmament verteilt wie Baumwollbl�ten, die dem Pfl�cker aus seinem Beutel gefallen waren. Aber sie blieben nicht einzeln, sondern wurden mehr, und als Mogens einmal zuf�llig aus dem Fenster sah, hatte er das unheimliche Gef�hl, eine vage Bewegung oben am Himmel zu erkennen; als strebten die Wolken einem gemeinsamen Mittelpunkt zu, der nur ein kleines St�ck abseits des Lagers war. Zwanzig Minuten nach seinem Gespr�ch mit Graves rollte der erste, noch entfernte Donnerschlag �ber den Himmel, und weitere zwanzig Minuten darauf hing eine geschlossene Decke aus kompakten, nahezu schwarzen Wolken �ber dem Land, und es begann zu regnen.</p><p>�Wir werden wohl auf unseren Spaziergang verzichten m�ssen�, sagte Miss Preussler betr�bt.</p><p>Mogens antwortete nicht darauf, aber er wusste, dass sie Recht hatte. Im Moment war der Regen noch nicht mehr als ein seidiges Rauschen, das �ber die Fenster strich, aber der Donner hatte zugenommen, und er war auch deutlich lauter geworden. Was jetzt noch ein sanfter Fr�hlingsregen war, mochte sich binnen k�rzester Zeit zu einem Unwetter auswachsen. Drei Meilen k�nnen ein verdammt langer Spaziergang sein, in einem Gewittersturm.</p><p>Es wurde zusehends dunkler. Das Unwetter entwickelte sich genau so, wie Mogens es vorausgesehen hat, und bald war aus dem seidigen Streicheln des Regens das w�tende Trommeln unsichtbarer F�uste geworden, laut genug, um selbst das Grollen der Donnerschl�ge nahezu zu verschlucken, und aus dem Wind war ein heulender Sturm geworden, der an den Fensterl�den zerrte und selbst die schwere T�r vibrieren lie�. Mogens hatte das elektrische Licht eingeschaltet und bl�tterte in seinen Notizen; nicht weil ihm wirklich der Sinn danach stand, zu arbeiten, sondern weil er auf diese Weise nicht mit Miss Preussler reden musste. Ihre N�he war ihm nicht wirklich unangenehm, aber sie machte alles schrecklich kompliziert. W�re sie nicht gewesen, h�tte er sich vielleicht trotz des Unwetters auf den Weg gemacht. Irgendetwas hier hatte sich ver�ndert, seit Hyams und die anderen fort waren. Vielleicht war es auch umgekehrt. Vielleicht waren sie gegangen, <emphasis>weil </emphasis>sich etwas ver�ndert hatte und weil sie die Gefahr sp�rten, die langsam aus der Tiefe der Erde zu ihnen heraufkroch.</p><p>�Ich wei� zwar, dass es mich nichts angeht�, sagte Miss Preussler, �und dass ich es wahrscheinlich sowieso nicht begreifen werde, aber trotzdem: Worum geht es bei Ihrer Arbeit hier eigentlich?�</p><p>Mogens l�ste widerstrebend den Blick von seinen Notizen und drehte sich noch widerstrebender zu Miss Preussler um. Ihm war klar, dass sie nur ein wenig Konversation machen wollte, denn mit der Dunkelheit und dem Trommeln der Regenf�uste auf dem Dach hatte auch die Langeweile in die Blockh�tte Einzug gehalten. Der Raum war so klein, dass selbst Miss Preussler nichts mehr zum Putzen oder Aufr�umen gefunden hatte. Aber ihm war nicht nach Reden. Schon gar nicht �ber dieses Thema.</p><p>�Es ist sehr kompliziert, Miss Preussler�, sagte er ausweichen. �Und wir reden im Allgemeinen nicht �ber unsere Arbeit.�</p><p>�Weil dieser unm�gliche Doktor Graves es Ihnen verboten hat�, vermutete Miss Preussler.</p><p>Mogens sch�ttelte den Kopf. �Nein.� Einen Moment sp�ter verbesserte er sich: �Ja.�</p><p>Miss Preussler runzelte viel sagend die Stirn, und Mogens kapitulierte innerlich und klappte die Mappe mit seinen Notizen zu, bevor er sich endg�ltig zu ihr umdrehte. Sie <emphasis>hatte </emphasis>ihre Konversation, aber Mogens registrierte beinahe �berrascht, dass ihm dies im Grunde gar nicht so unrecht kam. Vielleicht war der Klang einer menschlichen Stimme genau das, was er im Moment brauchte, um die Geister zu vertreiben, die zwischen den Zeilen seiner Aufzeichnungen hervorgekrochen waren und seine Gedanken vergifteten.</p><p>�Doktor Graves hat uns tats�chlich verboten, au�erhalb der Grabungsst�tte �ber unsere Arbeit zu sprechen - aber was Jonathan Graves sagt, interessiert mich nicht mehr.�</p><p>Miss Preussler schenkte ihm ein beif�lliges Nicken. Sie schwieg.</p><p>�Es ist nur so, dass ich nicht dar�ber reden m�chte�, fuhr er nach einer unbehaglichen Pause fort. Zwischen Miss Preusslers sorgsam nachgezogenen Augenbrauen entstand eine steile Falte, aber sie schwieg beharrlich weiter, sodass Mogens sich gen�tigt sah, zumindest noch den Versuch einer Erkl�rung hinzuzuf�gen. �Es gibt Dinge, �ber die sollte man nicht reden, Miss Preussler. Ich m�chte nur noch m�glichst schnell von hier fort und nie wieder daran denken.�</p><p>Die Falte zwischen Miss Preusslers Augenbrauen vertiefte sich, und Mogens hatte pl�tzlich das Gef�hl, einen Fehler gemacht zu haben - auch wenn er sich beim besten Willen nicht denken konnte, welchen. �Sie besch�ftigen sich hier doch nicht etwa mit gottesl�sterlichen Dingen, Professor?�, fragte sie.</p><p>�Nein!�, antwortete Mogens hastig - vielleicht eine Spur zu hastig, denn zu der steilen Falte �ber Miss Preusslers Nasenwurzel gesellte sich nun auch noch ein Ausdruck von mit Missbilligung gepaartem Misstrauen in ihren Augen. Und vielleicht hatte er ihr auch nicht die Wahrheit gesagt, dachte er. Da er nicht an Gott glaubte, konnte er ihn auch schwerlich l�stern. Aber vielleicht kam es ja auf die Definition des Wortes Gott an. �Sagen Sie mir die Wahrheit, Professor.� Miss Preussler hob die Hand, um ihm mit dem Zeigefinger zu drohen. �Ich habe diesem schrecklichen Menschen nie getraut, vom ersten Augenblick an nicht.�</p><p>�Es hat nichts mit Graves zu tun�, sagte Mogens. Es <emphasis>war </emphasis>ein Fehler gewesen. Aus einer harmlosen Konversation war er unversehens in eine Situation abgeglitten, sich <emphasis>verteidigen </emphasis>zu m�ssen. �Wir haben etwas gefunden, was... besser nicht gefunden worden w�re, Miss Preussler. Das ist alles, was ich Ihnen dar�ber sagen kann.�</p><p>�Manche Dinge sind vielleicht zu Recht vergessen�, sagte Miss Preussler mit einer Weisheit, die er niemals von ihr erwartet h�tte. Noch viel weniger h�tte er das erwartet, was sie als N�chstes sagte. �Wenn Sie es w�nschen, Professor, k�nnen wir gehen. Das bisschen Regen macht mir nichts aus. Ich bin nicht aus Zucker.�</p><p>�Das w�rde ich Ihnen auf gar keinen Fall empfehlen.� Graves trat ein, begleitet von einem Regenschauer und einer Sturmb�e, die mit einem triumphierenden Heulen hereinfauchte und sich unverz�glich auf Mogens' Papiere st�rzte, um sie in einen wirbelnden Schneesturm rechteckiger wei�er Flocken zu verwandeln, dr�ckte die T�r mit sichtlicher M�he hinter sich ins Schloss und stampfte mehrmals und heftig mit den F��en auf, um das Wasser abzusch�tteln, das in wahren Sturzb�chen an seiner schwarzen Regenjacke herablief. �Um nicht zu sagen, ich w�rde es nicht zulassen, meine liebe Miss Preussler.�</p><p>Er drehte sich schnaubend zu Mogens und ihr um. �Das Unwetter wird noch schlimmer, f�rchte ich. Sie k�nnten diesen Spaziergang durchaus mit dem Leben bezahlen.�</p><p>Miss Preussler sah ihn einen Herzschlag lang vorwurfsvoll an, sagte aber nichts, sondern stand wortlos auf, um die Papiere aufzuheben, die der Wind durcheinander gefegt hatte. Auch Mogens starrte Graves an, wenn auch aus einem vollkommen anderen Grund. Graves hatte ganz eindeutig auf Miss Preusslers Vorschlag geantwortet, aber wie hatte er sie �berhaupt verstehen k�nnen, auf der anderen Seite der massiven T�r und noch dazu eingeh�llt in Regen und br�llenden Sturm?</p><p>�Bei diesem Wetter jagt man nicht einmal den sprichw�rtlichen Hund vor die T�r.� Graves kam n�her und sah stirnrunzelnd auf Miss Preussler hinab, die sich bereits in die Hocke hatte sinken lassen und darauf wartete, dass auch die letzten Bl�tter schaukelnd zu Boden sanken.</p><p>�Oh�, sagte er. �Das... tut mir Leid.�</p><p>Miss Preussler tat ihm nicht den Gefallen, <emphasis>Aber das macht doch nichts </emphasis>oder etwas in dieser Art zu sagen, sondern schenkte ihm nur einen k�hlen Blick und fuhr fort, die heruntergefallenen Papiere einzusammeln. Graves wartete noch einen Moment vergebens auf eine Absolution, die nicht kam, dann zuckte er mit den Schultern und nahm unaufgefordert auf dem Stuhl Platz, den Miss Preussler gerade notgedrungen ger�umt hatte. �Das ist noch lange nicht alles�, fuhr er mit einer Kopfbewegung zur T�r hin fort. �Da braut sich ein Sturm zusammen, wie ich ihn hier noch nicht erlebt habe. Ich hoffe, das Wetter hat sich bis morgen fr�h beruhigt.� Er wandte sich zu Miss Preussler um. �Tom hat die H�tte f�r Sie hergerichtet, die Doktor Hyams bisher bewohnt hat. Ich dachte mir, dass Sie lieber in einem Bett schlafen, in dem auch bisher eine Frau gelegen hat.�</p><p>Miss Preussler reagierte auch darauf nicht, aber Mogens, der ihr Gesicht zumindest im Profil sah, konnte ein fl�chtiges Gef�hl von Zufriedenheit nicht ganz verleugnen. Graves hatte weitere Minus-punkte bei ihr gesammelt; einfach, indem er die Worte Frau und Bett zusammen in einem Satz verwendet hatte.</p><p>�Aber es bleibt doch bei unserer Verabredung zum Abendessen?�, fuhr Graves fort.</p><p>�Ich bin nicht besonders hungrig.� Miss Preussler richtete sich auf die Knie hoch und stampfte den ersten Stapel Papier auf die Tischplatte vor Mogens. �Und es w�re mir auch peinlich, wenn Sie sich meinetwegen eigens so viel M�he machen w�rden.�</p><p>�Aber ich bitte Sie!� Graves winkte mit beiden H�nden ab. �So selten, wie wir hier Besuch haben, ist es mir ein Vergn�gen. Au�erdem�, f�gte er mit einem angedeuteten L�cheln hinzu, �bereitet es mir keine M�he. Allenfalls die, Tom ein paar zus�tzliche Anweisungen zu geben. Er ist ein ausgezeichneter Koch, Sie werden sehen.�</p><p>Miss Preussler w�rdigte ihn auch jetzt noch keiner Antwort, aber sie unterbrach ihre Arbeit f�r einen kurzen Moment, um einen Blick in die Runde zu werfen, der daf�r umso beredter war. Vielleicht �berlegte sie, ob Toms F�higkeiten als Koch wohl ebenso zu w�nschen �brig lassen w�rde wie die als Haush�lter.</p><p>�Also gut.� Graves stand auf und machte keinen Hehl aus seiner Entt�uschung �ber die Entwicklung, die dieses Gespr�ch genommen hatte. Anscheinend war er mit einer bestimmten Absicht hierher gekommen, die er nun offensichtlich nicht mehr verwirklichen zu k�nnen glaubte. �Dann werde ich mal wieder nach dem Rechten sehen. Es bleibt dann dabei: in zwei Stunden dr�ben in meiner H�tte.� Er machte ein paar Schritte in Richtung T�r und blieb dann wieder stehen, um sich noch einmal zu Miss Preussler umzudrehen.</p><p>�Ach, Miss Preussler - machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Katze. Sie hat sich vor dem Unwetter in Sicherheit gebracht. Tom k�mmert sich um sie.�</p><p>�Cleopatra ist bei Ihnen?�, fragte Miss Preussler zweifelnd.</p><p>�Ich f�rchte, Ihre vierbeinige Freundin hat mich nicht unbedingt in ihr Herz geschlossen�, bekannte Graves mit einem verlegenen L�cheln. �Daf�r scheint sie einen um so gr��eren Narren an Tom gefressen zu haben. Ich gebe ihm Bescheid, dass er sie zum Essen mitbringt.�</p></section><section><title><p id="_18">18.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Das Unwetter tobte noch gute anderthalb Stunden mit wachsender Wut, bevor seine Kraft allm�hlich nachlie� und aus dem heulenden Orkan ein normaler Wind und aus dem h�mmernden Trommelfeuer wieder normaler Regen wurde. Mogens �ffnete ein paar Mal die T�r, um nach drau�en zu sehen, und der Regen war jedes Mal schw�cher geworden. Auf geradezu unheimliche Weise p�nktlich, um ihnen keinen Vorwand zu liefern, Graves' Einladung auszusitzen, h�rte der Regen ganz auf. Der Wind flaute zu einer sachten Brise ab, deren Kraft kaum noch ausreichte, um die Wolken am Himmel auseinander zu treiben.</p><p>Dennoch wurde es nicht hell. Im gleichen Ma�e, in dem die Regenwolken �ber ihnen ihre Farbe verloren und sich schlie�lich ganz aufl�sten, senkte sich die D�mmerung �ber das Land. Es blieb dunkel, auch als sie das Haus verlie�en und sich auf den kurzen Weg zu Graves' Unterkunft machten.</p><p>Sie erlebten noch eine weitere, diesmal aber angenehme �berraschung: Obwohl der stundenlange Regen den Platz endg�ltig in einen Morast verwandelt hatte, erreichten sie die H�tte trockenen Fu�es, denn jemand - vermutlich Tom - hatte sich die M�he gemacht, einen Weg aus Planken dorthin zu legen, sodass sie zwar vorsichtig balancieren mussten, aber zumindest nicht Gefahr liefen, bis an die Kn�chel in Schlamm zu versinken. Miss Preussler zeigte sich �u�erst angetan von dieser Zuvorkommenheit, in Mogens weckte sie jedoch nur eine Mischung aus �rger und kindischem Trotz. Auch wenn er sich wenig um solcherlei Dinge gek�mmert hatte, war ihm doch klar, dass Tom praktisch alle im Lager anfallenden Arbeiten allein verrichtete. Dutzende der schweren Bohlen herbeizuschleppen und auszulegen musste eine ziemliche Plackerei gewesen sein - und eine �berfl�ssige dazu. Bei Miss Preussler hatte Graves von Anfang an keine Chance gehabt, und was ihn anging, h�tte er den Weg zu seiner H�tte mit massiven Goldbarren pflastern k�nnen, ohne dadurch irgendetwas an Mogens' Entschluss zu �ndern, so bald wie m�glich abzureisen.</p><p>Graves' H�tte war vom warmen Schein zahlreicher Kerzen erhellt, als sie eintraten, und das war nicht alles, was sich ver�ndert hatte. Die Ver�nderung war beinahe so radikal wie die, die in Mogens' Quartier stattgefunden hatte, nur dass Graves keine Miss Preussler zur Verf�gung gehabt hatte: Der Raum war bis in den hintersten Winkel pedantisch aufger�umt, und der gro�e Tisch, der sich Mogens noch vor wenigen Stunden als ein einziges Chaos dargeboten hatte, war zu einer festlichen Tafel f�r drei Personen gedeckt worden, das jedem Nobelrestaurant Ehre gemacht h�tte: Es gab kostbares Porzellan, Gl�ser aus geschliffenem Kristallglas und schweres Silberbesteck mit Einlagen aus Gold. In der Luft lag ein Wohlgeruch, der Mogens das Wasser im Munde zusammenlaufen lie�. Die allergr��te �berraschung aber stellte Jonathan Graves selbst dar: Er hatte sich umgezogen und trug Frack, ein bl�tenwei�es Hemd und Fliege, dazu Gamaschen und hochglanzpolierte Schuhe. Mogens, der sich f�r die geplante Reise eher nach Kriterien wie Zweckm��igkeit und Robustheit umgezogen hatte, kam sich pl�tzlich sch�big, ja, fast ein wenig schmuddelig vor, was seinen �rger auf Graves noch mehr anstachelte. Vermutlich hie�e es, Graves trotz allem zu viel Bosheit zu unterstellen, indem er annahm, dass irgendeine Absicht dahinter steckte, aber Mogens gefiel diese Vorstellung. Es war, als suche er nun, wo er sich einmal von Graves' Einfluss freigemacht hatte, fast krampfhaft nach allem, was er seinem ehemaligen Kommilitonen anlasten konnte.</p><p>Graves erhob sich bei ihrem Eintreten, eilte Miss Preussler entgegen und verbeugte sich zu einem perfekten Handkuss. Miss Preussler war viel zu perplex, um irgendetwas anderes zu tun, als einfach dazustehen und Graves anzustarren. Ihre �berraschung, erkannte Mogens besorgt, war jedoch eher angenehmer Art.</p><p>�Meine liebe Miss Preussler!�, begr��te sie Graves. �Mogens! Willkommen in meiner bescheidenen Behausung!�</p><p>Er richtete sich auf, trat einen Schritt zur�ck und machte eine einladende Geste auf den gedeckten Tisch. �Bitte nehmen Sie doch Platz. Tom wird Ihnen sofort einen Aperitif bringen.�</p><p>Noch immer reichlich perplex, folgte Miss Preussler seiner Einladung augenblicklich, w�hrend es in Mogens' Fall einer Wiederholung seiner wedelnden Geste bedurfte. Mogens war kaum weniger �berrascht als Miss Preussler - vermutlich sogar mehr, denn anders als sie hatte er diesen Raum noch vor wenigen Stunden in einem g�nzlich anderem Zustand gesehen. Es war ihm vollkommen unverst�ndlich, wie Tom dieses Wunder in so kurzer Zeit vollbracht und dabei auch noch dieses zumindest himmlisch riechende Mahl zubereitet hatte - ganz davon zu schweigen, dass Graves behauptete, er habe auch noch den einsturzgef�hrdeten Tunnel gesichert und die schlimmsten Tr�mmer beseitigt.</p><p>Graves nahm ebenfalls Platz und wandte sich mit einem um Vergebung heischenden L�cheln an Miss Preussler. �Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, meine Liebe. Mir ist nat�rlich klar, dass das hier nicht dem Standard entspricht, den eine Frau wie Sie gewohnt ist, aber wir waren leider gezwungen, ein wenig zu improvisieren. Wir haben hier nicht sehr oft Besuch.�</p><p>�Aber ich bitte Sie, Doktor Graves!�, antwortete Miss Preussler. �Das ist... das ist geradezu fantastisch! Ich wei� gar nicht genau, was ich sagen soll!�</p><p>�Darf ich das als Kompliment auffassen?�</p><p>�Und ob Sie das d�rfen!�, antwortete Miss Preussler.</p><p>�Danke sehr�, antwortete Graves. �Aber das Kompliment geb�hrt wohl eher Tom. Ich muss gestehen, dass er zum Gro�teil f�r dieses Wunder verantwortlich zeichnet.�</p><p>�Ah ja, Tom.� Miss Preussler nickte. �Der Professor hat mir von ihm erz�hlt. Ich w�rde diesen bemerkenswerten jungen Mann gerne einmal kennen lernen.�</p><p>�Ihr Wunsch ist mir Befehl, Gn�digste�, sagte Graves. Und es war ganz gewiss kein Zufall, dass genau in diesem Moment die T�r aufging und Tom hereinkam, beladen mit einem Silbertablett, auf dem eine Kristallkaraffe und drei dazu passende Gl�ser standen. Ein schwarzer Schemen mit orangerot gl�henden Augen flitzte zwischen seinen Beinen hindurch, sprang mit einem Satz auf Miss Preusslers Scho� und rollte sich schnurrend zu einem Ball zusammen.</p><p>�Cleopatra, da bist du ja wieder!�, rief Miss Preussler erfreut. �Wo warst du nur die ganze Zeit, du kleine Rumtreiberin?� Sie begann die Katze zwischen den Ohren zu kraulen. Cleopatras Schnurren wurde noch lauter, aber nur f�r einen Moment - dann setzte sie sich auf, machte einen Buckel und drehte den Kopf in Graves' Richtung. Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen und sie lie� ein Fauchen h�ren, bei dem sie anscheinend ein Dutzend winziger, aber nadelspitzer Z�hnchen bleckte.</p><p>�Aber Cleopatra, was soll denn das?�, schimpfte Miss Preussler. �Wirst du dich wohl unserem Gastgeber gegen�ber anst�ndig benehmen?�</p><p>Als h�tte Cleopatra die Worte verstanden, rollte sie sich wieder zusammen. Sie fauchte nicht mehr, aber sie begann auch nicht wieder zu schnurren, und sie lie� Graves keine Sekunde aus den Augen.</p><p>�Tja, mir scheint, bei dieser schwarzen Sch�nheit habe ich keine Chance�, sagte Graves l�chelnd.</p><p>Miss Preussler erstarrte. Ihre Hand, die immer noch Cleopatras Kopf streichelte, erstarrte ebenfalls, und aus dem L�cheln auf ihren Lippen wurde etwas anderes. In ihren Augen flackerte eine Verlegenheit, die beinahe an Panik grenzte. Sie brauchte eine Weile, um sich weit genug wieder zu fangen, um wenigstens antworten zu k�nnen. �Doktor Graves�, begann sie stockend, �wegen Cleopatras schrecklicher Entgleisung damals... es... es tut mir aufrichtig Leid.�</p><p>Graves blinzelte. �Ich f�rchte, ich wei� nicht genau, wovon Sie reden.�</p><p>�Nun, Sie erinnern sich doch gewiss an... an Cleopatras...� Miss Preussler verstummte endg�ltig. Sie war sichtlich nicht mehr in der Lage, zu reden. Die Verlegenheit hatte hektische rote Flecke auf ihre Wangen gezaubert.</p><p>�Was immer es gewesen sein mag, Miss Preussler�, fuhr Graves fort, �ich bin sicher, Cleopatra hatte ihre Gr�nde daf�r. Ich konnte noch nie gut mit Katzen umgehen. Wenn �berhaupt, dann bin ich wohl eher ein Hundetyp. So weit mir mein Beruf Zeit f�r Haustiere l�sst.�</p><p>Miss Preussler tauschte einen ungl�ubigen Blick mit Mogens, aber auch der konnte nur verwirrt die Schultern heben. Wenn Graves schauspielerte, dann tat er es perfekt. Aber war es denn m�glich, dass sich Graves nicht mehr an den bizarren Zwischenfall erinnerte, der kaum mehr als eine Woche zur�cklag?</p><p>Wohl haupts�chlich, um das unbehagliche Schweigen zu beenden, das pl�tzlich im Raum lag, wandte sich Graves mit einer knappen Geste an Tom. Tom �ffnete die Karaffe und schenkte Miss Preussler und ihm von der goldbraunen Fl�ssigkeit ein, die sie enthielt, aber als er auch Mogens eingie�en wollte, sch�ttelte dieser rasch den Kopf.</p><p>�Der gute Professor trinkt niemals Alkohol, Tom�, sagte Graves mit einem leicht belustigten Unterton. Er selbst griff unverz�glich nach seinem Glas, leerte es mit einem einzigen Zug und bedeutete Tom, ihm nachzuschenken.</p><p>�Nun, was ich �brig lasse, daf�r scheinst du ja reichlich Verwendung zu finden.� Mogens funkelte ihn an, aber Graves l�chelte nur und prostete ihm mit dem nachgef�llten Glas zu, allerdings ohne zu trinken.</p><p>�Meine Herren�, sagte Miss Preussler. �Wir wollen doch nicht streiten.�</p><p>�Oh, wir streiten nie, Miss Preussler�, antwortete Graves l�chelnd. �Hat Ihnen Mogens nicht verraten, dass wir alte Studienkollegen sind? Unser Umgangston ist manchmal etwas rau. Bitte verzeihen Sie.�</p><p>�Sie waren Kommilitonen?�, wunderte sich Miss Preussler.</p><p>�Viele Jahre lang�, antwortete Graves. �Wir haben uns sogar ein Zimmer geteilt.� Er seufzte. �Umso bedauerlicher ist es, dass der gute Professor sich nun entschlossen hat, seine Arbeit hier nicht fortzusetzen. Und das, obwohl wir so kurz vor dem Ziel sind.� Er hob rasch die Hand, als er sah, dass Mogens dazu ansetzte, etwas zu sagen. �Aber verzeihen Sie. Wir wollen jetzt nicht �ber unerfreuliche Dinge reden. Tom, w�rst du so nett, das Essen aufzutragen? Ich bin sicher, unsere G�ste sind hungrig.�</p><p>Tom entfernte sich rasch, und Graves griff erneut nach seinem Glas und nippte daran. Wieder begann sich ein unangenehmes Schweigen zwischen ihnen breit zu machen.</p><p>�Darf ich Ihnen eine vielleicht etwas indiskrete Frage stellen, Doktor Graves?�, fragte Miss Preussler pl�tzlich.</p><p>�Nur zu�, antwortete Graves l�chelnd. �Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass eine Dame wie Sie �berhaupt wei�, was das Wort <emphasis>indiskret </emphasis>bedeutet.�</p><p>Miss Preussler reagierte nicht auf seine plumpe Schmeichelei, sondern deutete mit einer Kopfbewegung auf Graves' H�nde. �Warum tragen Sie immerzu diese schrecklichen Handschuhe - sogar beim Essen?�</p><p>�Das ist Ihnen aufgefallen? Sie sind eine ausgezeichnete Beobachterin, Miss Preussler. Mein Kompliment.� Er seufzte. �Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ich tue es aus R�cksicht auf alle, die in meiner N�he sind. Meine H�nde bieten keinen sehr sch�nen Anblick, m�ssen Sie wissen.�</p><p>�Was ist passiert?�</p><p>Graves' Blick verd�sterte sich, als h�tte ihre Frage die Erinnerung an etwas in ihm geweckt, woran er sich lieber nie erinnert h�tte. �Es ist keine sehr sch�ne Geschichte�, begann er. �Auch wenn sie schnell erz�hlt ist. Es war auf einer meiner Expeditionen in den s�damerikanischen Dschungel. Ich bin mit einer... Substanz in Ber�hrung gekommen, die ich besser nicht ber�hrt h�tte.�</p><p>�Sie haben sich eine Vergiftung zugezogen?�</p><p>�So k�nnte man es nennen�, antwortete Graves. �Die Folgen waren jedenfalls �u�erst fatal. Eine davon war ein sehr unangenehmer Hautausschlag, den ich seither nicht wieder losgeworden bin. Gottlob beschr�nkt er sich nur auf meine H�nde. Aber es sieht wirklich schrecklich aus.�</p><p>�Haben Sie einen Arzt konsultiert?�, fragte Miss Preussler.</p><p>�Die besten�, antwortete Graves. �Aber noch einmal: Lassen Sie uns �ber angenehmere Dinge reden. Wie war Ihre Reise hierher?�</p><p>Miss Preusslers Gesichtsausdruck nach zu urteilen, geh�rte dieses Thema nicht unbedingt zu den <emphasis>angenehmeren </emphasis>Dingen, �ber die Graves eigentlich reden wollte. �Ganz entsetzlich�, antwortete sie. �Diese Eisenbahnen sind so laut und unbequem. Eine durch und durch unzivilisierte Art zu reisen, wenn Sie mich fragen.�</p><p>�Da m�gen Sie Recht haben�, antwortete Graves. �Dennoch eine sehr effektive. Es gibt viele, die behaupten, dass dieses Land erst durch die Eisenbahn wirklich gro� geworden ist.�</p><p>�Das mag sein�, sagte Miss Preussler unger�hrt. �Aber bedeutet gro� auch immer automatisch <emphasis>besser?�</emphasis></p><p><emphasis>�Touche�, </emphasis>sagte Graves l�chelnd. �Vor Ihnen muss man sich in Acht nehmen, scheint mir. Sie sind die lebende Antwort auf die Frage, warum Frauen keinen Zutritt in Debattierclubs haben.�</p><p>Tom kam zur�ck, um das Essen zu servieren, und das, was er ihnen auftischte, �bertraf sogar noch die Erwartungen, die der festlich gedeckte Tisch und der verlockende Duft geweckt hatten. Allein beim Anblick der auf dem Tablett gestapelten Speisen lief Mogens abermals das Wasser im Mund zusammen, und sein Magen knurrte h�rbar. Er konnte es kaum abwarten, bis Tom zuerst ihm und dann Miss Preussler aufgetan hatte.</p><p>Tom machte jedoch keinerlei Anstalten, auch Graves' Teller zu f�llen, sondern w�nschte ihnen nur einen guten Appetit und ging wieder, und Miss Preussler wandte sich verwirrt an Graves. �Essen Sie nichts?�</p><p>�Ich f�rchte, nein�, antwortete Graves. �Auch das geh�rt zu den Folgen jener unangenehmen Krankheit, die ich mir damals zugezogen habe.� Er hob demonstrativ die H�nde. �Ich reagiere allergisch auf die allermeisten Lebensmittel und kann nur ganz bestimmte Dinge zu mir nehmen. Diese zweifellos k�stliche Mahlzeit, die Tom f�r Sie zubereitet hat, w�rde mich vermutlich umbringen.�</p><p>�Aber das ist ja entsetzlich!�, sagte Miss Preussler.</p><p>�Es ist nicht so schlimm, wie es sich anh�rt�, antwortete Graves. �Man findet andere Befriedigungen, wenn einem der Genuss der gewohnten kleinen Freuden im Leben pl�tzlich verwehrt wird.�</p><p>�Zum Beispiel?�, fragte Mogens.</p><p>�Nun, zum Beispiel die Arbeit.� Obwohl Mogens die Frage gestellt hatte, wandte sich Graves weiterhin an Miss Preussler. �Oder auch eine gute Zigarette, dann und wann.� Er machte eine wedelnde Geste. �Aber lassen Sie sich davon bitte nicht aufhalten. Es w�re eine Schande um das wundervolle Essen. Und w�rde Tom, nebenbei bemerkt, wahrscheinlich das Herz brechen.�</p><p>Miss Preussler z�gerte noch einen kurzen Moment, aber dann griff sie nach ihrem Besteck und begann zu essen, und nur einen Augenblick sp�ter folgte Mogens ihrem Beispiel.</p><p>Das Essen war k�stlich. Mogens hatte ja schon zuvor Gelegenheit gehabt, Toms Kochk�nste kennen zu lernen, aber mit dieser Mahlzeit hatte er sich selbst �bertroffen. Sie a�en lange und mehr als ausgiebig, und Mogens erlebte schon wieder eine �berraschung, indem sich Jonathan Graves nicht nur als ein vorbildlicher Gastgeber herausstellte, sondern auch als ein �beraus eloquenter Gespr�chspartner und ein Mann von unerwartetem Witz und Esprit. Je weiter der Abend fortschritt, desto verwirrter f�hlte sich Mogens. Der Jonathan Graves, der mit ihnen am Tisch sa�, schien kaum noch �hnlichkeit mit dem Mann zu haben, den er von fr�her her kannte, oder dem, mit dem er die letzten Tage verbracht hatte - und schon gar nicht mit dem unfl�tigen, barbarischen... <emphasis>Etwas, </emphasis>das ihn in Thompson besucht hatte. <emphasis>Dieser </emphasis>Jonathan Graves war intelligent, wohlerzogen und charmant, und das in einem Ausma�, dass es selbst Mogens zunehmend schwerer wurde, ihm weiter mit Ablehnung zu begegnen. Graves trank drei Gl�ser Cognac, w�hrend sie a�en, aber er wartete artig, bis Mogens und Miss Preussler ihre Mahlzeit beendet hatten, bevor er sein silbernes Etui aufklappte und sich eine Zigarette anz�ndete.</p><p>�Eines der wenigen kleinen Laster, die mir noch geblieben sind�, sagte er, als er Miss Preusslers vorwurfsvollen Blick bemerkte. Er nahm einen tiefen Zug und wandte sich gleichzeitig an Tom. �W�rdest du uns bitte Kaffee holen, Tom?�</p><p>Tom ging, und Graves blickte kurz seine Zigarette an, dann Miss Preussler und schlie�lich wieder die brennende Zigarette mit der affektierten Schildpattspitze, so als w�re ihm bei ihrem Anblick etwas eingefallen. �Da ist noch etwas, was mir die ganze Zeit schon auf der Seele liegt, Miss Preussler�, begann er z�gernd.</p><p>�Ja?�</p><p>�Nun, es geht um... um unser erstes Zusammentreffen in Thompson�, antwortete Graves. �Es stand unter keinem sehr guten Stern, f�rchte ich. Ich m�chte mich daf�r in aller Form bei Ihnen entschuldigen, Miss Preussler. Und bei dir nat�rlich auch, Mogens.�</p><p>Er schwieg einen Moment. Als er weitersprach, sah man ihm an, wie schwer es ihm fiel. �Ich f�rchte, ich habe mich unm�glich benommen.�</p><p>�Nun, der Professor und ich waren... ein wenig befremdet�, r�umte Miss Preussler ein.</p><p>�Das kann ich mir vorstellen�, sagte Graves. �Bitte halten Sie es jetzt nicht f�r eine billige Ausrede, die mir gerade zupass kommt, aber auch das hat mit jenem ungl�ckseligen Missgeschick zu tun, das mir damals zustie�.�</p><p>�Dass du dich wie ein Tier benimmst?�, fragte Mogens gerade heraus. Miss Preussler warf ihm einen erschrockenen Blick zu, aber Graves sog nur an seiner Zigarette und nickte.</p><p>�Ich f�rchte�, sagte er, �es war meine Schuld. Seit damals... bin ich unter gewissen Bedingungen nicht mehr sehr leistungsf�hig. Manchmal verliere ich geradezu die Kontrolle �ber mich selbst. Ich war m�de und ersch�pft von der langen Fahrt, und ich war hungrig und dar�ber hinaus nerv�s, weil ich nicht wusste, wie du reagieren w�rdest, Mogens. Wie gesagt, es war mein Fehler. Aber mir brannte die Zeit unter den N�geln, wie man so sch�n sagt.� Er atmete h�rbar aus. �So, es war mir wichtig, diesen Punkt zu kl�ren.�</p><p>�Dennoch werde ich diesen Ort morgen fr�h verlassen, Jonathan�, sagte Mogens. Graves' Erkl�rung machte ihn zornig, und das umso mehr, <emphasis>weil </emphasis>sie verlockend �berzeugend schien. �Gib dir keine M�he.�</p><p>�Schon gut�, antwortete Graves. �Ich wei�, wann ich verloren habe.�</p><p>�Aber was ist das denn f�r eine omin�se Arbeit, dass Sie sich dar�ber so entzweit haben?�, fragte Miss Preussler.</p><p>F�r einen winzigen Moment glaubte Mogens, ein triumphierendes Aufblitzen in Graves' Augen zu sehen, aber es ging zu schnell, als dass er sicher sein konnte, und im n�chsten Moment schon hatte Graves sich wieder unter Kontrolle. �Unsere Arbeit hier interessiert Sie?�, fragte er.</p><p>�Nur wenn es Ihnen nichts ausmacht�, antwortete Miss Preussler. �Professor VanAndt hat mir erkl�rt, dass Sie ungern �ber Ihre Arbeit reden.�</p><p>Diesmal war Mogens sicher, dass ihm Graves einen raschen, aber eindeutig triumphierenden Blick zuwarf, nicht etwa, weil er sich nie perfekt unter Kontrolle gehabt h�tte, sondern weil er <emphasis>wollte, </emphasis>dass Mogens diesen Blick sah. �Das stimmt�, sagte er. �Ich wollte bis jetzt nicht, dass jemand erf�hrt, was wir hier gefunden haben. Und das war ein Fehler.�</p><p>�Wie?�, entfuhr es Mogens.</p><p>�Du hast Recht, Mogens�, sagte Graves. �Ich war so sehr von dem Gedanken besessen, der ganzen Welt in einem triumphalen Moment unsere Entdeckung zu pr�sentieren, dass ich wohl den Blick f�r die Realit�t verloren habe. Es tut mir Leid.� Er drehte sich zu Miss Preussler um. �Falls es Sie interessiert, Miss Preussler, w�re es mir eine Freude, Ihnen unsere Entdeckung zu zeigen.�</p><p>Nicht nur Miss Preussler war �berrascht. Mogens starrte Graves regelrecht schockiert an, und f�r einen Moment verschlug es ihm - wortw�rtlich - den Atem. Das triumphierende Funkeln war noch immer in Graves' Blick, tief verborgen am Grunde seiner Augen und unsichtbar f�r Miss Preussler, aber nicht f�r ihn. Ganz und gar nicht f�r ihn. Er war Graves in die Falle getappt. Und er wusste noch nicht einmal jetzt, als er sie fast zuschnappen zu h�ren meinte, wie sie wirklich aussah.</p><p>�Meinen Sie... das ernst?�, fragte Miss Preussler ungl�ubig. Sie warf einen hilflosen Blick in Mogens' Gesicht, doch Mogens ging nicht darauf ein.</p><p>Graves daf�r umso mehr. �Selbstverst�ndlich�, antwortete er. �Professor VanAndt hat mich �berzeugt, auch wenn ich ihm ansehe, dass es ihm selbst noch schwer f�llt, das zu glauben. Was nutzt es schon, den kostbarsten Schatz der Welt sein Eigen zu nennen, wenn niemand da ist, mit dem man ihn teilen k�nnte?�</p><p>�Du willst Miss Preussler... <emphasis>zeigen, </emphasis>was wir gefunden haben?�, vergewisserte sich Mogens.</p><p>�Ja�, antwortete Graves. �Wenn sie m�chte, gleich jetzt.�</p><p><emphasis>�Jetzt!�, </emphasis>wiederholte Mogens ungl�ubig.</p><p>�Warum nicht?�, wollte Graves wissen. �Tom hat die Tr�mmer beiseite ger�umt. Das Licht funktioniert einwandfrei, und die Sch�den waren nicht so schlimm, wie es im ersten Moment den Anschein gehabt hat.� Er machte eine auffordernde Geste zur T�r. �Wenn Sie es w�nschen, k�nnen wir gleich gehen, Miss Preussler. Es ist noch nicht so sp�t, und Sie sind sicher begierig darauf zu erfahren, was wir entdeckt haben.�</p><p>�Vielleicht... hat das ja noch Zeit bis morgen�, sagte Miss Preussler stockend. Sie sah verwirrt aus und auf eine Weise hilflos, dass sie Mogens nicht nur aufrichtig Leid tat, sondern sein Zorn auf Graves auch schlagartig wuchs.</p><p>�Ganz wie Sie w�nschen, Miss Preussler�, sagte Graves. Er machte keinen Hehl aus seiner Entt�uschung. �Es ist nur so, dass...�</p><p>Die T�r flog auf und Tom st�rmte herein, aber nicht, um den Kaffee zu bringen, um den Graves ihn gebeten hatte. Ohne Mogens oder Miss Preussler auch nur eines Blickes zu w�rdigen, ging er zu Graves und fl�sterte ihm etwas ins Ohr. Mogens konnte nicht verstehen, was er sagte, aber Graves runzelte - unangenehm! - �berrascht die Stirn und stand auf, noch bevor Tom ganz zu Ende gesprochen hatte.</p><p>�Bitte entschuldigen Sie mich einen Moment�, sagte er. �Ich bin gleich zur�ck.�</p><p>Er ging, und zu Mogens' Entt�uschung schloss sich Tom an und verlie� unmittelbar hinter ihm das Haus. Bevor sich die T�r schloss, konnte Mogens ein helles Scheinwerferpaar drau�en vor dem Haus erkennen. Ein Wagen war vorgefahren.</p><p>�Was bedeutet das?�, fragte Miss Preussler.</p><p>Mogens hob nur die Schultern. Er wusste es nicht - und es interessierte ihn im Augenblick auch nicht. �Miss Preussler, ich bitte Sie!�, sagte er beschw�rend. �Trauen Sie diesem Mann nicht! Sie wissen nicht, wer er wirklich ist!�</p><p>Miss Preussler wirkte ein wenig irritiert. Sie sah unsicher zu der T�r hin, durch die Graves und Tom verschwunden waren, und versuchte schlie�lich zu l�cheln, aber es geriet eher zu einem Ausdruck der Hilflosigkeit. �Ich finde, dass er eigentlich ein ganz netter Mann ist�, sagte sie schleppend. �Man sollte ihm wenigstens eine Chance geben, meinen Sie nicht?�</p><p>�Das hat sich vor einer Woche in Thompson aber noch ganz anders angeh�rt�, erinnerte sie Mogens.</p><p>�Nun, da hatte ich ja auch noch keine Ahnung von dem schrecklichen Schicksalsschlag, der ihn getroffen hat�, antwortete sie. Ihre Stimme wurde leiser. �Ich wusste ja gar nicht, dass Ihr Beruf so gef�hrlich ist, Professor.�</p><p>Mogens zog vielsagend die Augenbrauen zusammen. Er hatte sich jeden Kommentar zu der Geschichte gespart, die Graves ihnen aufgetischt hatte, aber das bedeutete nicht zwangsl�ufig, dass er sie auch glaubte. Er hatte nie von einer Krankheit geh�rt, die mit solchen Symptomen einherging, wie Graves sie beschrieben hatte. Und auch nicht von einem Gift, das eine derartige Wirkung zeigte. Au�erdem beschr�nkte sich die unheimliche Verwandlung, die manchmal mit Graves vonstatten zu gehen schien, l�ngst nicht auf seinen K�rper. Ganz und gar nicht. Aber gleichwie - Graves' Geschichte hatte ihren Zweck eindeutig erf�llt: Er hatte Miss Preusslers Mitleid erregt, und jemand, den Betty Preussler einmal in ihr gro�es Herz geschlossen hatte, der hatte kaum eine Chance, jemals wieder daraus zu entkommen.</p><p>�Ich bitte Sie einfach, ihm nicht zu trauen�, sagte er. �Bitte glauben Sie mir, Miss Preussler. Ich kenne Jonathan Graves besser als Sie. Dieser Mann ist�, er suchte vergeblich nach einem passenden Wort und schloss schlie�lich mit einem Achselzucken, �... schlecht.�</p><p>Das traf es nicht einmal ann�hernd, aber es <emphasis>gab </emphasis>kein Wort um zu beschreiben, was er f�r Jonathan Graves empfand.</p><p>�Aber was ist denn nur so schrecklich an dem, was Sie dort unten entdeckt haben?�, fragte Miss Preussler.</p><p>�Das kann ich Ihnen nicht sagen�, antwortete Mogens. �Warum glauben Sie mir nicht einfach?�</p><p>�Weil es nicht sonderlich fair ist, einen Mann anzugreifen und ihm nicht die M�glichkeit zu geben, sich zu verteidigen�, antwortete Miss Preussler.</p><p>Und so ging es weiter. Mogens war von Miss Preusslers pl�tzlichem Sinneswandel so �berrascht, dass er sich regelrecht beherrschen musste, um nicht w�tend zu werden. Er hatte keine Ahnung wie - was umso erstaunlicher war, da er ja schlie�lich die ganze Zeit dabei gesessen hatte -, aber irgendwie war es Graves gelungen, Miss Preussler nahezu auf seine Seite zu ziehen. Sie diskutierten gute f�nf Minuten in m�hsam beherrschter, aber angespannter Stimmung, und Mogens war - absurd genug - regelrecht erleichtert, als Graves schlie�lich zur�ckkam.</p><p>Er war sehr blass. Sein Blick wich dem Mogens' und Miss Preusslers aus, w�hrend er zu seinem Platz ging und sich setzte.</p><p>�Ist... etwas passiert?�, fragte Miss Preussler z�gernd.</p><p>Graves schenkte sich ein Glas Cognac ein, bevor er antwortete. Seine H�nde zitterten leicht, sodass der Flaschenverschluss aus geschliffenem Kristall h�rbar klirrte. �Das war Sheriff Wilson�, sagte er.</p><p>�Was wollte er?� Mogens richtete sich kerzengerade auf. Ein ungutes Gef�hl begann sich in ihm breit zu machen.</p><p>�Es hat einen Unfall gegeben�, antwortete Graves. Er st�rzte den Inhalt seines Glases mit einem einzigen Zug herunter und machte eine Bewegung, wie um sich unverz�glich nachzuschenken, setzte das Glas dann aber wieder ab und z�ndete sich stattdessen eine weitere Zigarette an.</p><p>�Einen Unfall? Was f�r ein Unfall?� Mogens beugte sich erregt vor. �Jonathan, so lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!�</p><p>�Mercer�, sagte Graves leise. �Und McClure.� Er nahm einen tiefen, fast gierigen Zug aus seiner Zigarette. �Sie sind tot. Und Hyams wahrscheinlich auch.�</p><p>Mogens starrte ihn aus ungl�ubig aufgerissenen Augen an, und Miss Preussler hob erschrocken die Hand vor den Mund, wie um einen Schrei zu ersticken.</p><p>�Ihre Kollegen?�, hauchte sie. �Aber das ist ja entsetzlich!�</p><p>�Was ist geschehen?�, fragte Mogens noch einmal, und jetzt in scharfem, fast zornigem Ton.</p><p>Graves hob andeutungsweise die Schultern. �Wilson konnte mir noch keine Einzelheiten sagen�, antwortete er. �Nur so viel, dass sie wohl von der Stra�e abgekommen und eine B�schung hinabgest�rzt sind, wobei der Wagen offensichtlich in Flammen aufgegangen ist. Nicht einmal weit von hier - sie haben es gerade bis zur anderen Seite des Friedhofs geschafft. Mercer und McClure sind im Wagen verbrannt.�</p><p>�Und Doktor Hyams?�, fragte Mogens.</p><p>�Sheriff Wilson vermutet, dass sie aus dem Wagen geschleudert wurde�, antwortete Graves. �Aber er sagt, dass sie wohl keine �berlebenschance gehabt hat, so, wie das Wrack des Automobils aussieht.�</p><p>�Dann hat man sie noch nicht gefunden?�, fragte Miss Preussler.</p><p>Allein der Blick, der Graves' Kopfsch�tteln begleitete, machte die schwache Hoffnung zunichte, die bei Miss Preusslers Frage in Mogens aufgeglommen war. �Nein�, sagte er. �Sie mussten die Suche abbrechen, wegen des Unwetters und der hereinbrechenden D�mmerung.�</p><p>�Und wenn die arme Frau vielleicht doch noch lebt und nun schwer verletzt dort drau�en liegt?�, fragte Miss Preussler.</p><p>�Ich kenne die Stelle, wo es passiert ist�, antwortete Graves. �Glauben Sie mir, niemand, der mit dem Wagen dort hinunterst�rzt, hat auch nur die kleinste Aussicht zu �berleben. Es ist schon tags�ber gef�hrlich dort; deshalb hat Wilson seine M�nner auch abgezogen, doch sobald es hell geworden ist, machen sie weiter.� Er schlug so pl�tzlich und warnungslos mit der flachen Hand auf den Tisch, dass Mogens erschrocken zusammenzuckte. �Mercer, dieser verdammte Idiot! Ich habe ihm hundertmal gesagt, er soll die Finger vom Schnaps lassen!�</p><p>�Du glaubst, er war betrunken?�, fragte Mogens.</p><p>�Mercer war <emphasis>immer </emphasis>betrunken�, schnappte Graves. �W�re er nicht so ein hervorragender Wissenschaftler gewesen, h�tte ich ihn schon l�ngst rausgeworfen.�</p><p>�Mein Gott, wie furchtbar�, fl�sterte Miss Preussler. Cleopatra hob den Kopf, sah Graves an und fauchte. Graves warf der Katze einen Blick zu, als wolle er sie damit aufspie�en, goss sich nun doch einen weiteren Cognac ein und drehte das Glas in den Fingern, allerdings ohne zu trinken. Dann stand er mit einem Ruck auf.</p><p>�Ihr werdet eure Abreise ein wenig verschieben m�ssen, f�rchte ich�, sagte er in ver�ndertem Ton und direkt an Mogens gewandt. �Sheriff Wilson bittet uns, ihm morgen Vormittag zur Verf�gung zu stehen. Er hat noch ein paar Fragen an uns.�</p><p>Mogens nickte. �Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Es tut mir aufrichtig Leid, dass dieser sch�ne Abend einen so unsch�nen Abschluss finden muss.� Er wandte sich an Miss Preussler. �Tom zeigt Ihnen Ihre Unterkunft.�</p></section><section><title><p id="_19">19.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Es wurde alles andere als eine ruhige Nacht. Mogens hatte - gemeinsam mit Tom, der ebenso bleich und schweigsam geworden war wie Graves - Miss Preussler zu der Blockh�tte begleitet, die Doktor Hyams bis zu diesem Morgen bewohnt hatte. Tom hatte auch hier aufger�umt und zumindest oberfl�chlich f�r Sauberkeit gesorgt; was Miss Preusslers Anspr�chen normalerweise niemals gen�gt h�tte. Heute jedoch nahm sie es nur mit einem knappen, dankbaren L�cheln zur Kenntnis und sagte dar�ber hinaus gar nichts. Auch sie wirkte schockiert, obwohl sie Hyams und die beiden anderen gar nicht gekannt hatte. Mogens druckste noch eine Weile herum und war dann froh, sich unter einem Vorwand verabschieden zu k�nnen.</p><p>Obwohl es noch relativ fr�h war, versuchte er zu schlafen, aber er warf sich bestimmt eine Stunde ruhelos auf seinem Bett hin und her, bevor er endlich in einen unruhigen, von sinnlosen Tr�umen heimgesuchten Schlummer fiel, aus dem er immer wieder hochschrak.</p><p>Das letzte Mal erwachte er nicht von selbst, sondern weil jemand neben seinem Bett stand. Mogens fuhr erschrocken hoch und blinzelte die massige Gestalt f�r die Dauer von zwei oder drei angsterf�llten Herzschl�gen benommen an, bevor er sich weit genug aus den Klauen des Albtraums befreien konnte, den er gerade noch durchlitten hatte, um sie zu <emphasis>erkennen.</emphasis></p><p>In gewissem Sinne zumindest war das, was er sah, selbst ein Bild wie aus einem Albtraum. Miss Preussler stand, in einen dunkelroten Morgenmantel geh�llt, der ganz eindeutig schon bessere Zeiten gesehen hatte, neben seinem Bett und hielt eine brennende Kerze in der Rechten. Mit der anderen Hand hielt sie ihren Morgenrock �ber der Brust zusammen, aber Mogens konnte nicht entscheiden, ob sie nun bef�rchtete, jemandem einen unschicklichen Einblick in ihre Kleider zu gew�hren oder vielmehr Angst davor hatte, deren Inhalt k�nnte unkontrolliert herausquellen. Sie trug anscheinend keine Korsage, was zur Folge hatte, dass ihr ohnehin nicht gerade elfenhafter K�rper in alle Richtungen auseinander zu flie�en schien. Ihr Haar hing wirr und str�hnig herab, das Gesicht wirkte teigig und ein wenig verquollen, und auch mit ihren Z�hnen stimmte etwas nicht. Als sie den Mund �ffnete, um zu reden, sah Mogens, dass etliche davon fehlten.</p><p>�Miss Preussler�, murmelte er, w�hrend er sich, noch immer ein wenig schlaftrunken, aufsetzte.</p><p>�Ich... �h... bitte, verzeihen Sie die St�rung zu dieser unm�glichen Stunde�, sagte Miss Preussler z�gernd. Es war ihr sichtbar peinlich, mitten in der Nacht - und noch dazu in diesem Aufzug! - vor ihm zu erscheinen. �Aber ich kann Cleopatra nicht finden.�</p><p>�Cleopatra?�</p><p>�Meine Katze, Professor.�</p><p>�Ich wei�, wer Cleopatra ist, Miss Preussler�, erwiderte Mogens ruhig.</p><p>�Ich... ich kann sie nicht finden, Professor�, sagte Miss Preussler. �Sie ist fort.�</p><p>Immer noch ein wenig benommen setzte er sich vollends auf und angelte umst�ndlich nach seiner Weste, um einen Blick auf das Ziffernblatt der Taschenuhr zu werfen. So unruhig er geschlafen hatte, ebenso schwer fiel es ihm, wirklich aufzuwachen. Er starrte eine geschlagene Sekunde auf das Ziffernblatt, das unter dem verschn�rkelten Deckel zum Vorschein kam, bevor er die Uhrzeit erkannte: Es war ein gutes St�ck nach Mitternacht. �Fort�, wiederholte er m�de.</p><p>Miss Preussler nickte ein paar Mal. Die Kerze in ihrer Hand zitterte st�rker und erweckte Schatten und andere, finsterere Dinge zu scheinbarem Leben. �Sie war so unruhig, dass ich sie am Ende hinausgelassen habe. Aber sie ist nicht wieder gekommen. Ich habe l�nger als eine Stunde gewartet und immer wieder nach ihr gerufen, aber sie ist nicht zur�ckgekommen. Ich mache mir Sorgen, dass ihr etwas zugesto�en ist.�</p><p>Mogens starrte weiter auf das Ziffernblatt. Es fiel ihm immer noch schwer, so etwas wie Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Es fiel ihm auch schwer, weiterhin die Ruhe zu bewahren. Selbst halb benommen, wie er noch war, konnte ihm nicht entgehen, wie unangenehm Miss Preussler die Situation war - was nichts daran �nderte, dass er sich im gleichen Ma�e mehr �ber sie �rgerte, in dem sich seine Gedanken kl�rten.</p><p>�Miss Preussler�, sagte er m�hsam beherrscht. �Cleopatra ist eine Katze, und Katzen sind vornehmlich nachtaktive Tiere. Ich glaube nicht, dass Sie sich allzu gro�e Sorgen um sie machen sollten, nur weil sie ein wenig herumstreicht.�</p><p>�Aber das hier ist eine vollkommen fremde Umgebung f�r Cleopatra, und so lange ist sie noch nie weggeblieben�, antwortete Miss Preussler. �Sie kommt normalerweise immer, wenn ich sie rufe!�</p><p>�Und was soll ich Ihrer Meinung nach jetzt tun, Miss Preussler?�, fragte er.</p><p>�Ich dachte, Sie... Sie k�nnten vielleicht... Tom�, begann Miss Preussler. �Vorhin ist sie doch auch bei ihm gewesen, und... und ich wei� ja noch nicht einmal, wo ich ihn finde, und au�erdem kann ich doch nicht zu ihm gehen, mitten in der Nacht und... und so wie ich bin.�</p><p>Mogens klappte den Uhrendeckel zu und sah demonstrativ zu Miss Preussler hoch. Nein, dachte er, das konnte man dem armen Jungen wirklich nicht antun. �Also gut�, seufzte er. �Ich werde zu Tom hin�bergehen und ihn fragen, ob er Cleopatra gesehen hat.�</p><p>Miss Preussler strahlte. �Das ist wirklich zu freundlich von Ihnen, Professor.� Sie schien darauf zu warten, dass er aufsprang und unverz�glich aus dem Haus st�rmte, aber Mogens r�hrte sich nicht, sondern sah nur seinerseits auffordernd zu ihr hoch. Auf diese Weise vergingen geschlagene f�nf Sekunden, bis Mogens sich endlich r�usperte und eine Kopfbewegung zur T�r machte.</p><p>�Professor?�</p><p>�Ich w�rde mich gerne anziehen�, sagte Mogens sanft.</p><p>�Oh.� Miss Preussler fuhr erschrocken zusammen und sah mit einem Male noch verlegener aus. �Nat�rlich. Bitte verzeihen Sie, Professor. Ich bin aber auch manchmal...� Zu Mogens' Erleichterung sprach sie den Satz nicht zu Ende, sondern drehte sich endlich um und ging. Ein Windsto� l�schte die Flamme ihrer Kerze, als sie das Haus verlie�, doch in dem winzigen Bruchteil einer Sekunde, der verging, bevor die Dunkelheit das Licht endg�ltig besiegte, schienen die Schatten eine andere Qualit�t anzunehmen, als h�tten sie sich zu <emphasis>Dingen </emphasis>verdichtet, Dingen mit Rei�z�hnen und Klauen und peitschenden Tentakeln voller schrecklicher Saugm�nder, die sich auf ihn zu st�rzen versuchten. Diesmal war es die Dunkelheit, die sich als sein Verb�ndeter erwies, denn die grotesken Manifestationen hatten nur in dem zeitlosen Moment <emphasis>zwischen </emphasis>Dunkelheit und Licht Bestand, nicht in einem von beidem. Was zur�ckblieb, war ein tiefer, namenloser Schrecken, der Mogens auf eine Weise ber�hrte, die er noch nie zuvor kennen gelernt hatte.</p><p>Er sch�ttelte den Gedanken ab, stand auf und tastete im Dunkeln nach seinen Kleidern. Nur noch ein letzter Rest des Albtraumes, aus dem er anscheinend immer noch nicht vollkommen erwacht war, tr�stete er sich. Etwas anderes <emphasis>konnte </emphasis>es nicht gewesen sein. Die Bilder waren einfach zu absurd gewesen, so bizarr, dass sie in ihrer Gr�sslichkeit schon fast wieder l�cherlich wirkten.</p><p>Warum aber verzichtete er dann darauf, Licht zu machen, sondern zog sich stattdessen in vollkommener Dunkelheit an und tastete sich auf die gleiche Weise auch zur T�r?</p><p>Mogens war �berrascht, wie hell es war, als er aus dem Haus trat. Der Mond war noch schmaler geworden und stand als sichelf�rmige Linie am Himmel, die kaum mehr nennenswertes Licht spendete. Aber der abgezogene Sturm hatte auch die Wolken mitgenommen, und am Himmel funkelte eine erstaunliche Anzahl von Sternen, die ein bleiches, farbenverzehrendes Licht verbreiteten, und in dem morastigen Boden hatten sich zahllose Pf�tzen gebildet, die das Licht zus�tzlich reflektierten. Noch etwas hatte sich ver�ndert, aber es dauerte eine Weile, bis Mogens erkannte, was: Die Br�cke aus Planken und gehobelten Bohlen, die Tom �ber den morastigen Platz gelegt hatte, war verschwunden. Tom hatte keine Zeit verloren. Und er schien - so ganz nebenbei - auch keinen Schlaf zu ben�tigen.</p><p>Mogens sah fl�chtig zu Graves' H�tte hin und stellte fest, dass hinter ihren schmalen Fenstern noch Licht brannte - was ihn nicht unbedingt �berraschte. Graves w�rde keine besonders gute Nacht haben. Mogens' Mitleid mit ihm hielt sich jedoch in Grenzen. Ihm war auch nicht nach einer Unterhaltung mit Graves, sodass er sich in die entgegengesetzte Richtung wandte, um zu Tom zu gehen. Er glaubte nicht, dass Cleopatra dort war - vermutlich trieb sie sich irgendwo im Wald herum oder streifte auf der Suche nach einer fetten Maus durch die B�sche, und Mogens war nicht ann�hernd so sicher, wie er Miss Preussler gegen�ber getan hatte, dass Cleopatra tats�chlich nach ein paar Stunden freiwillig zur�ckkehren w�rde. M�glicherweise hatte Miss Preussler einen schweren Fehler gemacht, indem sie ihre Katze mit hierher brachte. Mogens verstand nicht allzu viel von Katzen, aber er wusste, dass selbst lang domestizierte Haustiere manchmal wieder verwilderten, wenn sie einmal die Freiheit geschmeckt hatten, vor allem in einer fremden Umgebung.</p><p>W�re er eine Katze gewesen, h�tte er zumindest die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, aus Thompson zu verschwinden. Mogens l�chelte �ber seinen eigenen Gedanken, war aber auch zugleich ein wenig verwirrt, denn solcherlei Albernheiten passten im Grunde gar nicht zu ihm. Aber vielleicht sollte er heute nicht zu streng mit sich selbst sein. Er hatte eine Menge sonderbarer und erschreckender Dinge erlebt, und auch die Nachricht �ber das schreckliche Ungl�ck, das Mercer und den beiden anderen zugesto�en war, war nicht spurlos an ihm vor�ber gegangen. Wie konnte er da erwarten, so distanziert und logisch zu reagieren wie sonst?</p><p>So schwer es ihm gefallen war, wach zu werden, so deutlich sp�rte er, dass er jetzt vermutlich keinen Schlaf mehr finden w�rde. Also konnte er ebenso gut auch nachsehen, ob Tom vielleicht noch wach war; und sei es nur, um Miss Preussler nicht anl�gen zu m�ssen. Statt also zu Graves zu gehen, wandte er sich in die entgegengesetzte Richtung, in der Toms H�tte lag. Er schlug einen komplizierten Slalom-Kurs ein, um den Pf�tzen auszuweichen. Der Erfolg war allerdings m��ig: Mogens wich zwar den Wasseransammlungen aus, die das Sternenlicht reflektierten, aber der Boden dazwischen f�hlte sich jetzt nicht mehr an wie ein Schwamm, wie Mercer es ausgedr�ckt hatte, sondern hatte eher die Konsistenz von Schokoladenpudding. Er sank bei jedem Schritt beinahe bis an die Kn�chel ein und war froh, keinen seiner Schuhe verloren zu haben, als er Toms H�tte erreichte. Vermutlich w�re er besser beraten gewesen, in die Pf�tzen zu treten.</p><p>Auch in Toms Unterkunft brannte noch Licht, aber es war nicht der warme Schein von Kerzen oder einer Petroleumlampe, sondern das viel gleichm��igere Leuchten einer elektrischen Gl�hbirne. Offensichtlich hatte Tom den Generator heute Nacht nicht ausgeschaltet. Mogens dachte mit einem schiefen L�cheln daran zur�ck, wie m�hsam er sich durch sein dunkles Zimmer zur T�r getastet hatte, sch�ttelte den Kopf und klopfte an.</p><p>Er bekam keine Antwort. Sicher war es m�glich, dass Tom einfach vergessen hatte, das Licht auszuschalten, und eingeschlafen war, und das Letzte, was er wollte war, Tom zu wecken. So �berm��ig, wie Graves Tom in Anspruch nahm, hatte er jede Minute Schlaf, die er bekommen konnte, redlich verdient. Dennoch klopfte er noch einmal an und schob schlie�lich den Riegel zur Seite, als er keine Antwort bekam. �Tom?�, fragte er leise. �Bist du noch wach?�</p><p>Er bekam auch jetzt keine Antwort, �ffnete die T�r aber dennoch weiter und trat ein, wobei er sich bem�hte, m�glichst wenig L�rm zu machen, um Tom nicht zu wecken, sollte er tats�chlich schlafen.</p><p>Tom schlief nicht; zumindest nicht in seinem Bett. Er war gar nicht da. Trotzdem machte Mogens noch einen weiteren Schritt in die H�tte hinein und blieb dann stehen, um sich fassungslos und aus aufgerissenen Augen umzusehen.</p><p>Mogens war niemals zuvor hier gewesen, zum einen, weil sich bisher nicht die Gelegenheit ergeben hatte, zum anderen, weil es zu Mogens' Prinzipien geh�rte, die Privatsph�re anderer zu achten.</p><p>Vielleicht h�tte er sich auch heute Nacht besser daran gehalten.</p><p>Der Raum bot ein einziges Bild des Chaos. Mogens hatte noch nie zuvor eine derartige Unordnung gesehen; und auch nicht so viel Schmutz. Auf Tischen, Regalen, St�hlen und Borden stapelten sich wahre Berge von B�chern und Papieren, Werkzeugen und Kleidern, wissenschaftlichen Instrumenten und Karten, Beuteln und Kisten und Kartons, T�pfen und Geschirr und Schuhen, Vorratsbeh�ltern und Steinen und Fundst�cken. �ber allem lag ein leiser, aber �u�erst unangenehmer Geruch nach Verfall und F�ulnis, aber auch noch nach etwas anderem, das undefinierbar, aber viel �lter und von �blerer Art war.</p><p>Mehr als nur ungl�ubig sah Mogens sich um. Er war regelrecht schockiert. Er wusste wenig �ber Tom, aber was er hier sah, das wollte so gar nicht zu dem Bild passen, das er sich von dem Jungen gemacht hatte.</p><p>Das Schlimmste war der Schmutz. Es war nicht nur der Gestank, auch wenn er �bel genug war und immer schlimmer zu werden schien, statt dass er sich daran gew�hnte. Er sah nicht nur Unordnung und Durcheinander, sondern auch Teller mit schimmelnden Essensresten, angebrannte T�pfe und schmutziges Besteck, und in einer Kanne eine �lig gl�nzende Fl�ssigkeit, deren blo�er Anblick sich saure Galle unter Mogens' Zunge ansammeln lie�. Er musste an den Becher denken, aus dem Graves getrunken hatte.</p><p>Ein Ger�usch, das von drau�en hereindrang, lie� Mogens zusammenfahren. Hastig verlie� er die H�tte, zog die T�r hinter sich zu und trat mit einem raschen Schritt zur Seite und in den Schatten des Geb�udes. Nach dem, was er gerade gesehen hatte, w�re es ihm um so peinlicher gewesen, h�tte Tom erfahren, dass er seine Unterkunft betreten hatte.</p><p>Zu seiner Erleichterung war es nicht Tom. Das Ger�usch wiederholte sich, und diesmal war es so deutlich, dass Mogens die Richtung identifizieren konnte, aus der es kam. Aufmerksam sah er dorthin und erblickte tats�chlich einen Schatten, der geduckt davonhuschte und in den B�schen jenseits des Zeltes verschwand. Aber er war viel zu klein, um einem Menschen zu geh�ren.</p><p>Eher schon einer Katze.</p><p>Mogens stritt einen Moment lang mit sich selbst, aber dann l�ste er sich aus dem Schatten der niedrigen Blockh�tte und bewegte sich in die gleiche Richtung. Er war nicht sehr optimistisch: Selbst wenn es Cleopatra gewesen war, die er gesehen hatte, standen seine Aussichten nicht sonderlich gut, die Katze auch zu finden; gar davon zu reden, sie <emphasis>einzufangen. </emphasis>Aber was hatte er zu verlieren? Seine Schuhe waren ohnehin verdorben und vielleicht tat ihm ein wenig handfeste Ablenkung ganz gut, nach dem, was er gerade erlebt hatte. Er versuchte sich an die genaue Position zu erinnern, an der der Schatten im Geb�sch verschwunden war, und beschleunigte seine Schritte.</p><p>Ein Entschluss, den er beinahe augenblicklich bereute.</p><p>Schon mit dem ersten Schritt versank er bis �ber die Kn�chel im Schlamm. Mit einem gemurmelten Fluch zog Mogens den Fu� wieder heraus, was ihm auch mit einiger M�he gelang, aber es gab ein saugendes Ger�usch, mit dem ihm der Schuh vom Fu� gezogen wurde. Hastig lie� er sich auf die Knie fallen und grub mit beiden H�nden im Schlamm, bevor der Schuh endg�ltig im Morast versinken konnte, schlie�lich besa� er nur dieses eine Paar.</p><p>Er fand seinen Schuh, drehte ihn um, um Wasser und Morast hinauslaufen zu lassen, und schl�pfte grimassenschneidend hinein. Als er aufblickte, sah er in ein Paar gelb gl�hender Augen, das ihn aus den B�schen heraus anstarrte. H�tte er nicht gewusst, dass es vollkommen unm�glich war, w�re er sicher gewesen, dass ihn die Katze schadenfroh angrinste. Als er sich erhob, drehte sich Cleopatra um und verschwand raschelnd im Geb�sch.</p><p>Mogens eilte ihr nach, so schnell er konnte - was nicht sonderlich schnell war, denn er hatte keine Lust, schon wieder irgendwo einzusinken und seine Schuhe wom�glich endg�ltig zu verlieren. Die Aussicht, Sheriff Wilson am n�chsten Morgen auf Socken gegen�berzutreten, erf�llte ihn nicht unbedingt mit Begeisterung.</p><p>Es wurde besser, als er in das Unterholz eindrang. Der Boden war auch hier nass, sodass er leise, quatschende Ger�usche verursachte, aber er sank wenigstens nicht mehr bei jedem Schritt ein.</p><p>Daf�r peitschten ihm �ste und nasses Blattwerk ins Gesicht und zerrten an seinen Kleidern.</p><p>Mogens blieb stehen, sah sich in der nahezu vollkommenen Dunkelheit hilflos um und fragte sich, was er hier eigentlich tat. Seine Aussichten, Cleopatra einzufangen, waren praktisch gleich Null, aber er hatte sich immerhin davon �berzeugt, dass die Katze unversehrt war und sich kein schlimmeres Vergehen zuschulden kommen lie�, als ihre neu gewonnene Freiheit zu genie�en. Sollte sie es tun, so lange sie es konnte. Er jedenfalls sollte jetzt besser zur�ckgehen, bevor ihm am Ende noch ein Missgeschick zustie�, das wom�glich schlimmer war als der Verlust eines Schuhs.</p><p>Gerade, als er so weit war, diesen Entschluss in die Tat umzusetzen, h�rte er ein Rascheln irgendwo links von sich, gefolgt von einem w�tenden Fauchen und dem Ger�usch brechender Zweige. Dann wieder ein Fauchen, das diesmal eindeutig �ngstlich klang.</p><p>�Cleopatra?�, rief er.</p><p>Das Fauchen und die Ger�usche splitternder �ste und zerbrechender Zweige hielten an, und Mogens machte einen nun hastigen Schritt in die entsprechende Richtung. Wie es sich anh�rte, war Cleopatra auf einen eindeutig gr��eren Gegner gesto�en als auf eine Maus, und immerhin war sie �ber Jahre hinweg nahezu das einzige lebende Gesch�pf gewesen, das ihm so etwas wie Freundschaft entgegengebracht hatte. Mogens war es sich allein deshalb schuldig, ihr beizustehen.</p><p>Aus den Ger�uschen war mittlerweile eindeutig der L�rm eines Kampfes geworden. Cleopatras Fauchen steigerte sich zu einem Kreischen und Spucken, und dazu kamen helle, rei�ende Laute; Cleopatras Krallen schienen eindeutig etwas gefunden zu haben, das zu zerrei�en sich lohnte. Aber etwas an diesen Ger�uschen sagte Mogens auch, dass der Kampf nicht einseitig war; da war noch mehr als Cleopatras Fauchen und das Ger�usch ihrer Krallen, die auf Widerstand trafen. Mogens glaubte etwas wie ein Knurren zu h�ren, ein Ger�usch, so tief und vibrierend, dass er es mehr <emphasis>sp�rte, </emphasis>als dass seine Ohren es wahrnahmen, und das von etwas ungemein Gro�em und B�swilligen zu stammen schien.</p><p>Mogens hielt instinktiv einen Moment inne, schob seine Bedenken dann aber beiseite und versuchte im Gegenteil, schneller zu gehen. Cleopatra war ganz offensichtlich auf einen gleichwertigen Gegner gesto�en, vielleicht sogar auf ein Wesen, das seinerseits sie als willkommene Beute betrachtete, m�glicherweise einen Dachs oder einen Bergl�wen, ein Gesch�pf also, das selbst einem Menschen unter bestimmten Umst�nden gef�hrlich werden konnte. Mogens vertraute jedoch darauf, dass auch ein solches Gesch�pf seinen normalen Instinkten folgen und beim Anblick eines Menschen die Flucht ergreifen w�rde. Das Fauchen und Kreischen steigerte sich noch einmal, und dann h�rte Mogens einen schrecklichen, rei�enden Laut, und dann nichts mehr.</p><p>Er blieb stehen und sah sich mit hektischen, wilden Blicken um. Dunkelheit umgab ihn wie eine kompakte Mauer, die aus allen Richtungen zugleich auf ihn einst�rmte, und in deren Schutz noch etwas anderes herankroch, etwas Uraltes mit Krallen und schnappenden M�ndern und schrecklichen, lichtlosen Augen. Sein Herz h�mmerte so laut, dass es jedes andere Ger�usch zu �bert�nen schien. Etwas <emphasis>kam. </emphasis>Etwas Riesiges, das ihn verderben w�rde, und dem er nicht mehr entkommen konnte, ganz egal, wie schnell er lief. Der �lteste und schlimmste Albtraum, in dem er rennen konnte, so schnell und so lange es nur ging, ohne seinem unsichtbaren Verfolger entkommen zu k�nnen, war Wirklichkeit geworden - einem Verfolger zudem, der ihn unweigerlich einholen musste, sobald er auch nur einen einzigen Blick in seine Richtung warf. Vielleicht hatte es einen Grund, dass so viele Menschen diesen ganz besonderen Nachtmahr kannten und f�rchteten. Vielleicht war es gar kein Albtraum, sondern die vorweggenommene Erinnerung an etwas, das noch kam, die Begegnung mit den schrecklichen Wesenheiten, die auf der Schwelle zwischen Leben und Tod lauerten und jeden, der sie �berschritt, in ihre Verderben bringende Umarmung schlossen.</p><p>Nur mit �u�erster Willenskraft gelang es Mogens, diese bizarre Vorstellung abzusch�tteln und sich wieder auf den Grund seines Hierseins zu besinnen. Die unheimliche Stille hielt noch immer an, und auch wenn Mogens den Gedanken mit aller Macht unterdr�ckte, so wusste er doch tief in seinem Herzen genau, dass dieses schreckliche Schweigen nur eines bedeuten konnte. �Cleopatra?�</p><p>Selbst der Klang seiner eigenen Stimme kam ihm in diesem Moment bedrohlich vor, etwas, das in dieser Umgebung nicht sein durfte. Dennoch rief er noch zweimal den Namen der Katze, ohne dass indes auch nur die mindeste Reaktion erfolgte.</p><p>Immerhin hatten sich seine Augen weit genug an die ver�nderten Lichtverh�ltnisse gew�hnt, um ihn erkennen zu lassen, dass die Dunkelheit nicht vollkommen war. Hier und da fand ein verirrter Lichtstrahl seinen Weg durch das Ge�st und brach sich auf einem nassen Blatt oder dem feuchten Boden. D�rre �ste schlossen sich zu einem K�fig aus Schattenfingern rings um ihn, und durch das Ger�usch des Windes im Blattwerk �ber seinem Kopf schimmerte noch etwas anderes wie ein rasselndes schweres Atmen.</p><p>Mogens merkte, dass seine Gedanken schon wieder auf Pfade abzugleiten drohten, die nur in den Irrsinn f�hren konnten, und rief sich mit einer neuerlichen und noch gr��eren Willensanstrengung zur Ordnung. Er vollendete seine Drehung und strengte die Augen an, um die Dunkelheit irgendwie zu durchdringen, erweckte damit aber nur die Schatten und Umrisse zu neuem, unwillkommenem Leben. Er wollte noch einmal Cleopatras Namen rufen, aber eine innere Stimme hielt ihn zur�ck. Ganz gleich, wie nachhaltig ihm sein Verstand versicherte, dass es hier rein gar nichts gab, was er zu f�rchten hatte - da war noch eine andere Stimme in ihm, und <emphasis>diese </emphasis>Stimme beharrte hartn�ckig darauf, dass da vor ihm etwas war, etwas, das nicht hierher geh�rte und das die Dunkelheit als Versteck nutzte. Eine von den Kreaturen, die in der D�mmerung lebten.</p><p>Mit einer fast schon trotzigen Bewegung ging er weiter. D�rre �ste streiften mit einem Gef�hl wie Spinnenbeine �ber sein Gesicht und das Wispern in den Baumwipfeln nahm zu. Mogens machte einen weiteren Schritt, den Blick aufmerksam zu Boden gerichtet, und nach einem weiteren Moment glaubte er tats�chlich etwas zu erkennen. Einer der Schatten am Boden vor ihm erschien ihm etwas massiger als die �brigen.</p><p>Trotz des Optimismus, den er sich selbst mit einigem Erfolg einredete, blieb Mogens in weitaus gr��erem Abstand stehen, als notwendig gewesen w�re, und lie� sich in die Hocke sinken, bevor er den Arm ausstreckte, um den Umriss zu ber�hren. Er f�hlte warmes, drahtiges Fell. Es <emphasis>war </emphasis>Cleopatra. Aber sie r�hrte sich nicht.</p><p>Sp�testens jetzt konnte er sich selbst nicht mehr dar�ber bel�gen, dass der Katze etwas Schlimmes zugesto�en sein musste, doch absurderweise war der erste Gedanke, der ihm bei dieser Erkenntnis durch den Kopf ging, die Frage, wie er diese Nachricht Miss Preussler beibringen sollte, und nicht etwa die, ob er sich wom�glich selbst in Gefahr befand.</p><p>Er z�gerte noch einen allerletzten Moment, dann aber ignorierte er die warnende Stimme in seinem Innern endg�ltig und schloss die Hand um Cleopatras Hinterl�ufe. Die Katze reagierte auch darauf nicht, sondern lie� sich widerstandslos von Mogens aus dem Geb�sch zerren. Ihr K�rper war zwar noch warm, aber so schlaff, dass sich Mogens keiner Illusion mehr hingab, was er erblicken w�rde, sobald er sie ins Licht gezogen hatte. Sie kam ihm auch leichter vor, als sie sein sollte.</p><p>M�glicherweise lag das daran, dass sie keinen Kopf mehr hatte.</p><p>Mogens' Atem stockte. Ein so eisiges Entsetzen griff nach seinem Herzen, dass er tats�chlich zu sp�ren glaubte, wie es zuerst einen, dann noch einen und schlie�lich noch einen Schlag �bersprang und auch dann nur so m�hevoll und schwer weiterarbeitete, als h�tte sich sein Blut in z�hfl�ssigen Teer verwandelt, den es kaum durch seine Adern zu pumpen imstande war. Von einem Entsetzen gepackt, das auf eine eigenartige Weise fast schlimmer zu sein schien als jenes, das er damals in jener schrecklichen Nacht unter dem Mausoleum empfunden hatte, sa� er wie zur Salzs�ule erstarrt in der Hocke da und starrte Cleopatras geschundenen K�rper an, ohne <emphasis>wirklich </emphasis>zu begreifen, was er da sah. Nicht nur Cleopatras Kopf fehlte, sondern auch die rechte Schulter samt des daran befindlichen Laufs. Die schreckliche Wunde h�tte heftig bluten m�ssen, doch zumindest in dem blassen Sternenlicht, das seinen Weg durch das Bl�tterdach gefunden hatte, konnte Mogens nur wenige dunkelrote Tropfen erkennen. Mogens registrierte all diese - und noch viel mehr, viel schlimmere - Details mit der kalten Sachlichkeit eines Wissenschaftlers, der gelernt hatte, Dinge zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie zu werten, aber auf einer anderen, tieferen Ebene seines Bewusstseins empfand er noch immer dasselbe l�hmende Entsetzen, das es ihm unm�glich machte, auch nur einen Muskel zu r�hren, ja, in diesem Moment auch nur zu <emphasis>atmen.</emphasis></p><p>Und vielleicht rettete ihm dieses Entsetzen das Leben.</p><p>Noch w�hrend er dasa� und versuchte, die eisige Umklammerung der Furcht zu sprengen, erwachte ein weiterer, massiger Schatten vor ihm zum Leben. Was er f�r einen Busch oder Strauch gehalten hatte, wurde zu einem struppigen, fuchsohrigen Umriss mit kolossaler Schulterbreite, der sich wie ein mythischer Gigant aus der griechischen Sagenwelt langsam vor und �ber ihm aufrichtete. Das Knurren erklang erneut, aber diesmal war Mogens sicher, es nicht wirklich zu <emphasis>h�ren, </emphasis>sondern mit jeder Faser seines K�rpers zu sp�ren. Unheimliche, d�sterrote Augen starrten aus mehr als sechs Fu� H�he auf Mogens herab, und ein Geruch, der eine Mischung aus Blut, Verwesung und noch etwas Anderem, Unangenehmerem war, schlug ihm entgegen. Das Ungeheuer starrte nicht einfach nur in seine Richtung, es <emphasis>sah ihn an, </emphasis>aus Augen, die in der Dunkelheit besser sahen als die eines Menschen im hellen Licht der Sonne, und der ekelhafte Gestank nahm noch zu, als sich das <emphasis>Ding </emphasis>vorbeugte und dabei das Maul �ffnete, wobei ein ganzer Wald nadelspitzer Fang- und Rei�z�hne im Sternenlicht aufblitzte.</p><p>Mogens wusste mit unersch�tterlicher Gewissheit, dass er nun sterben w�rde. Die Kreatur, die Cleopatra auf so entsetzliche Weise zugerichtet hatte, hatte auch ihn entdeckt, und es bestand kein Zweifel daran, dass die kleine Katze kaum mehr als ein Appetithappen f�r einen Koloss wie diesen gewesen sein konnte, so wenig wie Zweifel daran bestand, was als N�chstes geschehen musste. Mogens empfand eine leise Verwirrung �ber den Umstand, dass er noch immer keine wirkliche Angst hatte, zugleich aber ein absurdes Gef�hl von Dankbarkeit, dass es so war. Ergeben schloss er die Augen und wartete auf den Tod.</p><p>Er kam nicht. Der rei�ende Schmerz, auf den er wartete, blieb aus. Das unheimliche Knurren wiederholte sich und nahm f�r einen Moment noch an Intensit�t zu, doch das N�chste, was Mogens h�rte, war das scharfe Brechen von Zweigen und dann leise, tappende Schritte, die sich entfernten. Als er die Augen wieder �ffnete, war der Schatten verschwunden.</p><p>Und dann geschah etwas ganz und gar Unglaubliches.</p><p>Mogens sp�rte, wie sich seine Finger �ffneten und den toten Leib der Katze fallen lie�. Sein Herz begann zu rasen, und nur eine Sekunde sp�ter begann er am ganzen Leib zu zittern, als die Angst, die er bisher vermisst hatte, nun mit doppelter Wucht zuschlug. Kalter Schwei� erschien auf seiner Stirn, nicht allm�hlich, sondern so j�h wie eine Explosion, und seine Eingeweide zogen sich zu einem Ball aus reinem Schmerz zusammen, sodass er sich wie unter Kr�mpfen kr�mmte.</p><p>Und dennoch ber�hrte ihn nichts von alledem wirklich. Mogens war zeit seines Lebens nie ein besonders mutiger Mann gewesen; zwar auch kein Feigling, aber gewiss auch niemand, der die Herausforderung suchte oder sich sogar keck in eine gef�hrliche Situation gest�rzt h�tte. Nun aber war es, als betr�fe die lodernde Furcht, die er in jeder Faser seines K�rpers sp�rte, gar nicht ihn. Mehr noch, als g�be es da mit einem Mal <emphasis>zwei </emphasis>Mogens VanAndt, die sich unabh�ngig voneinander denselben K�rper teilten: den einen, der sich wimmernd vor Furcht kr�mmte und nur deshalb nicht in Panik davonrannte, weil ihn dieselbe Panik zugleich auch l�hmte, und auch noch einen anderen, vollkommen neuen Mogens, der alle Furcht abgestreift hatte. Jenseits allen Zweifels war er sich der Tatsache bewusst, derselben Kreatur ins Auge geblickt zu haben, die vor neun Jahren Janice verschleppt und sein Leben verheert hatte, aber er f�rchtete es nicht mehr. Es war, als h�tte ihn die sichere Gewissheit des Todes, die er gerade versp�rt hatte, gleichsam eine Grenze �berschreiten lassen. Er wusste nun, dass er den Tod nicht mehr zu f�rchten brauchte, unbeschadet der Kreaturen, die auf der Schwelle der Wirklichkeit lauerten. Es spielte keine Rolle mehr, ob er lebte oder starb. Niemand brauchte ihn. Niemand w�rde ihn vermissen. Sein Leben hatte vor neun Jahren geendet, und seither hatte er allenfalls noch existiert. Er w�rde nicht mehr davonlaufen. Nie mehr.</p><p>Er stand auf, trat aus dem Geb�sch hervor und machte sich auf den Weg, um seinem Schicksal entgegenzutreten.</p></section><section><title><p id="_20">20.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Trotz der Dunkelheit fiel es ihm nicht schwer, der Spur des Gesch�pfes zu folgen. Seine F��e hatten tiefe Abdr�cke im aufgeweichten Boden hinterlassen, in denen sich Wasser zu sammeln begann, aber Mogens h�tte seine Spur wohl auch dann nicht verloren, w�re es nicht so gewesen. Es war weniger die F�hrte der Bestie, der er folgte, sondern vielmehr der blo�en Spur ihres Vorhandenseins, die sie zur�ckgelassen hatte, so als h�tte ihre blo�e Existenz eine Wunde in die Wirklichkeit gerissen, die nur ganz allm�hlich wieder verheilte.</p><p>Die F�hrte bewegte sich ein kurzes St�ck in westlicher Richtung vom Lager weg und Mogens' gerade neu gewonnene Entschlossenheit geriet schon wieder ins Wanken, als ihm klar wurde, dass sie in direkter Linie zum Friedhof hin f�hrte. Er war nicht sicher, ob sein Mut reichen w�rde, der Bestie auch dorthin zu folgen, denn die Friedhofsmauer zu �bersteigen hie�e nicht nur, dem Ungeheuer gegen�berzutreten, sondern dies auch auf seinem ureigensten Gebiet zu tun, einem Terrain, auf dem nicht nur das Ungeheuer zu Hause war, sondern auch alle Schrecken aus seiner eigenen Vergangenheit. Die Entscheidung blieb ihm jedoch erspart. Unmittelbar vor der Friedhofsmauer, die an dieser Stelle halb niedergebrochen war, schwenkte die Spur scharf nach links, und als Mogens ihr folgte, erreichte er nach wenigen Dutzend Schritten die Stra�e, die parallel zu der halbhohen Mauer verlief. Die F�hrte aus sich langsam mit Wasser f�llenden Fu�abdr�cken endete hier, aber die zweite, unsichtbare Spur der Bestie war nach wie vor da. Sie f�hrte weiter vom Lager fort und folgte der Stra�e.</p><p>Mogens z�gerte nun doch. Die an Panik grenzende Angst, die er �berwunden hatte, war nicht zur�ckgekehrt, aber an ihrer Stelle machte sich nun eine ganz andere, rein intellektuell begr�ndete Furcht in ihm breit, n�mlich die Frage, ob die Kreatur ihn vielleicht ganz bewusst vom Lager weglockte, um dann �ber ihn herzufallen. Fast gleichzeitig wurde ihm klar, wie l�cherlich dieser Gedanke war. Das Monstrum konnte ihm antun, was immer es wollte - und vor allem <emphasis>wo immer </emphasis>es das wollte. W�re es sein Tod gewesen, den die Kreatur im Sinn hatte, dann w�re er jetzt schon nicht mehr am Leben.</p><p>Aber vielleicht gab es ja Dinge, die schlimmer waren als der Tod...</p><p>Mogens verdr�ngte den Gedanken und ging weiter. Er stellte sich auch ganz bewusst nicht der Frage, was er eigentlich tun w�rde, wenn es ihm tats�chlich gelang, die groteske Kreatur einzuholen. Er hatte nichts bei sich, was er als Waffe nutzen konnte, ganz zu schweigen davon, dass der blo�e Gedanke, die Kreatur anzugreifen, absolut l�cherlich war. Dennoch ging er weiter und beschleunigte seine Schritte sogar noch, blieb aber in fast regelm��igen Abst�nden stehen, um zu lauschen. Er h�rte nichts, aber er konnte nach wie vor sp�ren, dass das unheimliche Wesen irgendwo dort vor ihm war; nicht einmal besonders weit entfernt. Mogens versp�rte ein eisiges Fr�steln bei der Vorstellung, es k�nne vielleicht seinerseits ab und zu stehen bleiben und aus seinen unheimlichen gl�henden Augen zu ihm zur�ckblicken, um sich davon zu �berzeugen, dass der Abstand nicht etwa zu gro� wurde und Mogens seine Spur verlor. Er ging trotzdem weiter. Er war nicht einmal sicher, ob er �berhaupt noch kehrtmachen konnte, selbst wenn er es gewollt h�tte. Mogens f�hlte sich in der Lage eines Mannes, der leichtsinnigerweise angefangen hatte, einen immer steiler und steiler werdenden Hang hinabzulaufen und nun nicht mehr anhalten konnte.</p><p>Jetzt, eingeh�llt in Dunkelheit und K�lte, die beide auf unterschiedliche Weise, aber gleich heftig an seinen Nerven zerrten, kam ihm der Weg ungleich l�nger vor als an dem Tag, als Tom mit dem Wagen hier entlanggefahren war. Sein Zeitempfinden war hoffnungslos erloschen, aber er hatte das Gef�hl, Stunden an der unregelm��ig ausgebrochenen Mauer entlangzumarschieren. Aber auch realistisch betrachtet legte er eine halbe Meile zur�ck, wenn nicht mehr. Er hatte nicht gewusst, dass der Friedhof so gro� war; eigentlich viel <emphasis>zu </emphasis>gro� f�r eine so kleine Stadt wie die, zu der er geh�rte.</p><p>Mogens blieb stehen, als er ein Ger�usch h�rte. Es war nicht das Knurren der Bestie, sondern ein anderer Laut, den er nicht zu identifizieren vermochte, der aber irgendetwas in ihm ber�hrte und ihn beunruhigte. Mit aller Konzentration, die er aufzubringen imstande war, versuchte er die Dunkelheit vor sich mit Blicken zu durchdringen. Vor ihm stieg der schmale asphaltierte Weg j�h an und ging dann in die kaum nennenswert breitere Hauptstra�e �ber, beschrieb auf halber Strecke jedoch einen scharfen Knick, der in Mogens ungute Erinnerungen wachrief, war es doch genau die Stelle, an der ihm schon auf der Herfahrt der Angstschwei� auf die Stirn getreten war.</p><p>Erst dann wurde ihm klar, dass es nicht nur <emphasis>diese </emphasis>Erinnerung war, die ihn mit solchem Unbehagen erf�llte. Dies war die Stelle, von der Graves vorhin erz�hlt hatte. Der Ort, an dem der Wagen abgest�rzt war.</p><p>Mogens z�gerte nun aus ganz anderen Gr�nden, weiterzugehen. Er hatte nie zu jenen Menschen geh�rt, die voller morbider Faszination zum Ort eines Ungl�cks eilten, oder sich beispielsweise ein brennendes Haus ansahen, und <emphasis>diesen </emphasis>speziellen Ort wollte er ganz gewiss nicht sehen. Denn auch wenn es nicht den mindesten Anlass dazu gab, f�hlte er sich doch auf sonderbare Weise mitverantwortlich f�r das Schreckliche, das Hyams und den beiden anderen zugesto�en war. Ja, er fragte sich sogar, ob es nicht in Wahrheit dieses furchtbare Geschehen war, das ihn hergelockt hatte, und ob seine Fantasie den Anblick eines fuchsohrigen Ungeheuers mit gl�henden Augen vielleicht nur erschaffen hatte, um ihn hierher zu locken. Allein die <emphasis>Vorstellung, </emphasis>dass ein ihm bisher selbst unbekannter Teil seines Bewusstseins zu einer solchen Morbidit�t imstande sein k�nnte, war so erschreckend, dass er auf der Stelle den R�ckweg angetreten h�tte, h�tte er nicht in diesem Moment erneut jenen sonderbar klagenden Laut geh�rt, und diesmal so deutlich, dass er sicher war, ihn auch tats�chlich geh�rt zu haben, und ihn sich nicht nur einzubilden. Es <emphasis>war </emphasis>ein Klagen, etwas wie das Seufzen des Windes, nur qualvoller. Und es war eindeutig eine <emphasis>menschliche </emphasis>Stimme.</p><p>Mogens erschauerte erneut, und fast gegen seinen Willen h�rte er noch einmal Miss Preusslers Stimme. <emphasis>Und wenn die arme Frau vielleicht doch noch lebt und nun schwer verletzt dort drau�en liegt? </emphasis>Aber das konnte nicht sein. So grausam <emphasis>durfte </emphasis>das Schicksal nicht sein.</p><p>Wie um ihn zu verh�hnen, drehte sich der Wind, und das leise Wehklagen drang nun deutlicher an sein Ohr. Vielleicht war es nur das, was seine Fantasie dem Laut hinzuf�gte, doch f�r Mogens wurde er nun eindeutig zum herzzerrei�enden Flehen einer Frau, und nun gab es kein Zur�ck mehr. Er ging weiter, n�herte sich vorsichtig der Stelle, an der die Stra�e in einen j�hen Abgrund �berging und beugte sich mit klopfendem Herzen vor.</p><p>Wider alle Vernunft hatte er sich bisher immer noch an die verzweifelte Hoffnung geklammert, doch am falschen Ort zu sein, aber der Wagen war da, trotz des schwachen Lichts und der Entfernung deutlich zu erkennen, wie er zertr�mmert und ausgebrannt unter ihm auf der Seite lag. Die B�schung war nicht einmal so tief, wie er sie in Erinnerung gehabt zu haben glaubte - vielleicht f�nfzig, sechzig Fu�, allerh�chstens -, doch daf�r um etliches steiler, und mit zahllosen Felsbrocken und d�rrem Gestr�pp �bers�t. Vermutlich waren es diese Felsbrocken gewesen, �berlegte Mogens, die den Sturz zu einer solchen Katastrophe hatten werden lassen. �berall im nassen Gras schimmerten Glassplitter und Bruchst�cke von zerfetztem Metall und trotz des reinigenden Regens lag noch immer ein scharfer Brandgeruch in der Luft.</p><p>W�re der Wagen nur die B�schung hinabgeschlittert, w�re er m�glicherweise sogar auf den R�dern geblieben, oder h�tte sich allerh�chstem am Ende seiner Rutschpartie beh�big �berschlagen, was, wie Mogens wusste, spektakul�rer und vor allem gef�hrlicher aussah, als es im Allgemeinen war. Die tonnenschweren scharfkantigen Felsbrocken aber hatten aus dem fast harmlosen Abrutschen einen t�dlichen Spie�rutenlauf gemacht, indem sie das Automobil wie mit Riesenf�usten zertr�mmerten, bis es am Ende zerbrach und in Flammen aufging. Mogens' Herz begann abermals schneller zu schlagen, w�hrend sein Blick �ber den absch�ssigen Hang tastete und er sich fragte, wie um alles in der Welt er dort hinunterkommen sollte, ohne sich den Hals zu brechen.</p><p>Aber das musste er. Das Wimmern und Wehklagen war nicht mehr zu h�ren, doch das machte es beinahe noch schlimmer. Selbst wenn man Hyams' Leichnam niemals fand, ja, selbst <emphasis>wenn </emphasis>man ihn fand und sich herausstellen sollte, dass sie zu diesem Zeitpunkt l�ngst tot gewesen war, w�rden ihn die klagenden Laute doch bis ans Ende seines Lebens verfolgen, wenn er jetzt nicht dort hinunterging.</p><p>Er versuchte es. Graves' Warnung, wonach dieses Gel�nde schon bei Tageslicht und gutem Wetter nicht ungef�hrlich sei, klang ihm noch deutlich im Ohr, und er begriff schon nach den ersten Schritten, dass sie bitter ernst gemeint gewesen war. Der Hang war noch absch�ssiger, als er ausgesehen hatte, und mit dichtem Gras bewachsen, das die N�sse so glatt wie Schmierseife gemacht hatte. Mogens schlitterte die B�schung mehr hinab, als er ging, und mehr als einmal drohte er zu fallen und fand nur im letzten Moment an einem Ast oder einem Felsbrocken Halt. Dazu kam, dass der sich �berschlagende Wagen nicht nur tiefe Furchen in die Grasnarbe gerissen hatte, in denen matschig aufgeweichter Boden zum Vorschein kam, der seinen F��en noch weniger Halt bot, sondern auch zahllose mehr oder wenig spitze Tr�mmerst�cke aus dem Erdreich ragten. Es kam Mogens selbst fast wie ein kleines Wunder vor, dass er das Ende des Abhangs erreichte, ohne zu st�rzen oder sich an den scharfkantigen Tr�mmern und Glasscherben auf andere Weise verletzt zu haben. Mit der Frage, wie er diese B�schung wieder <emphasis>hinaufkommen </emphasis>sollte, besch�ftigte er sich vorsichtshalber noch gar nicht.</p><p>Das Wrack des ausgebrannten Wagens lag jetzt nur noch wenige Schritte vor ihm. Selbst bei der herrschenden Dunkelheit konnte Mogens erkennen, wie schrecklich es zerst�rt war. Das Wrack war kaum noch als Automobil zu erkennen, und was der Sturz nicht zertr�mmert, zerbrochen, verbogen und zermalmt hatte, das hatte das nachfolgende Feuer verheert. Obwohl der Brand Stunden zur�cklag, strahlte der ausgegl�hte Metallklumpen noch immer eine sp�rbare Hitze aus. Selbst der Boden, �ber den er ging, war trocken und warm.</p><p>Mogens riss seinen Blick m�hsam vom Wrack des Fords los und trat einen Schritt zur Seite, um sich aus angestrengt zusammengekniffenen Augen umzusehen. Jetzt w�re er froh gewesen, das herzzerrei�ende Wehklagen noch einmal zu h�ren, doch mittlerweile war selbst das Wispern des Windes verstummt, und es war fast unheimlich still.</p><p>�Hyams?�, rief er.</p><p>Nat�rlich bekam er keine Antwort. Er machte zwei z�gernde Schritte, blieb stehen und ging abermals weiter, wobei er instinktiv einen deutlich gr��eren Abstand zum Wagen hielt, als es selbst angesichts der davon ausgehenden Hitze notwendig gewesen w�re. Das Fahrzeug war zum Grab zweier Menschen geworden, vielleicht sogar von dreien, und seine blo�e N�he machte ihm Angst. Er h�tte nicht den Mut gehabt, den Friedhof zu betreten, aber das hatte ihm nichts genutzt, denn der Friedhof war ihm nachgekommen.</p><p>Sein Fu� stie� gegen etwas, das h�rbar raschelte. Mogens blieb stehen und erkannte einen verschwommenen l�nglichen Umriss, der mit einer schwarzen Plane abgedeckt war. Behutsam lie� er sich in die Hocke sinken und streckte die Hand aus, um das Tuch beiseite zu schlagen.</p><p>Im n�chsten Moment prallte er mit einer so entsetzten Bewegung zur�ck, dass er das Gleichgewicht verlor und r�cklings zu Boden fiel. Sein Hinterkopf schrammte an einem Stein entlang, und der dumpfe Schmerz war so heftig, dass ihm f�r einen Moment �bel wurde. Er lief nicht Gefahr, das Bewusstsein zu verlieren, aber f�r endlose Sekunden drehte sich die Dunkelheit hinter seinen geschlossenen Lidern heftig um sich selbst, dass er es nicht wagte, auch nur die Augen zu �ffnen, aus Angst, sich auf der Stelle �bergeben zu m�ssen. Und noch l�nger dauerte es, bis er die Kraft fand, sich aufzurappeln und erneut dem schrecklichen Anblick zu stellen, den die schwarzen Segeltuchplane bisher barmherzig verborgen hatte.</p><p>Es waren zwei bis zur Unkenntlichkeit verbrannte K�rper. Mogens nahm an, dass es sich um Mercer und McClure handelte, aber das konnte er nur noch raten, und er h�tte auch nicht sagen k�nnen, wer nun wer war. Die Flammen hatten ihnen die Kleider vom Leib gebrannt, Haare und Augenbrauen verzehrt und jedwedes Vertraute aus ihren Z�gen getilgt. Sie schienen deutlich kleiner geworden zu sein, als h�tte die ungeheure Hitze, die ihre Haut geschw�rzt und ihre Glieder im Tode sich hatte zusammenziehen lassen, sie gleichsam schrumpfen lassen. Nicht einmal mehr der Unterschied zwischen dem fast asketischen McClure und Mercers beleibter Erscheinung war noch wirklich zu erkennen, zumindest nicht auf den ersten Blick, als h�tte das Feuer sein Fett einfach wegschmelzen lassen wie Butter in einer zu hei�en Pfanne.</p><p>Obwohl dieser Anblick vielleicht das Schrecklichste war, das Mogens jemals gesehen hatte, zwang er seinen rebellierenden Magen gewaltsam zur Ruhe und hielt ihm so lange Stand, wie er nur konnte, und sei es nur, um ihm auf diese Weise wenigstens den schlimmsten Schrecken zu nehmen. Ein Teil seines Verstandes reagierte emp�rt auf die Erkenntnis, dass Wilson die Leichen der beiden Wissenschaftler einfach hier liegen gelassen hatte, als w�ren auch sie nichts mehr als zwei weitere Tr�mmerst�cke, aber zugleich erinnerte er sich auch zu gut daran, wie schwer es ihm gefallen war, den schl�pfrigen Abhang herunterzusteigen. Bei der Heftigkeit des Unwetters, das am Nachmittag hier getobt hatte, musste es vollkommen unm�glich gewesen sein, die beiden Toten den Hang hinaufzuschaffen. Wilson oder seine Leute hatten sie hier hingelegt und zugedeckt, um sie am n�chsten Tag abzutransportieren, ohne dabei Leib und Leben zu riskieren.</p><p>Aber es waren nur zwei Leichen. Wo war Hyams?</p><p>Bevor er sich erhob, zog er die Plane wieder an Ort und Stelle, dann drehte er sich langsam einmal um sich selbst und versuchte dem Durcheinander aus Schatten und verschwommenen grauen Umrissen irgendeinen Sinn abzugewinnen. Er versuchte sich vorzustellen, wie es vorhin hier ausgesehen haben mochte, nicht nur bei einer Dunkelheit, die fast ebenso tief gewesen war wie jetzt, sondern auch bei str�mendem Regen und inmitten eines heulenden Gewittersturms. Vermutlich hatten Wilson und seine Leute die ber�hmte Hand vor Augen nicht mehr gesehen. Aber Mogens hielt Wilson - obwohl er ihn kaum kannte - f�r einen sehr gewissenhaften Mann, der zumindest die n�here Umgebung des Wagens sorgsam abgesucht haben w�rde - auch wenn er gar nicht hatte wissen k�nnen, dass noch eine dritte Person im Wagen gesessen hatte. Er konnte es sich also sparen, die unmittelbare N�he in Augenschein zu nehmen.</p><p>Aber genau das war das Problem. Der Wagen war auf einem relativ ebenen Flecken zum Liegen gekommen, der von Tr�mmerst�cken und einem Gewirr scharfkantiger Felsen begrenzt wurde. Einige davon waren kaum gr��er als Hundeh�tten, andere halb so hoch wie ein Haus, ausnahmslos aber waren sie scharfkantig und gef�hrlich. Selbst wenn Hyams aus dem Wagen geschleudert worden war, bevor dieser in Flammen aufging, hatte sie keine �berlebenschance gehabt, wenn sie in diese Felsen gest�rzt war.</p><p>Dennoch lie� sich Mogens nicht davon abhalten, zwischen den kreuz und quer daliegenden Findlingen umherzuklettern und den Boden abzusuchen. Auch wenn ihm sein Verstand sagte, dass niemand einen Sturz zwischen diese Felsen �berleben konnte, so war er doch zugleich sicherer denn je, sich das St�hnen und Flehen nicht nur eingebildet zu haben.</p><p>Wie weit mochte ein K�rper fliegen, der aus einem sich �berschlagenen Automobil geschleudert wurde? Sicher nicht allzu weit, vielleicht f�nfundzwanzig oder drei�ig Fu�. Wenn Hyams hier irgendwo war, dann vermutlich in unmittelbarer N�he. Ansonsten h�tte er wohl auch kaum noch oben auf der Stra�e ihre vermeintlichen Hilferufe h�ren k�nnen.</p><p>Mogens suchte die Umgebung in gut drei�ig Schritten Umkreis ab, und er fand zwar Hyams nicht, aber er stie� auf etwas anderes. Fast in gerader Linie hinter dem ausgebrannten Wagen und kaum zehn Schritte entfernt t�rmten sich die Felsen zu einer Art steinernem Baldachin, der den Regen in einem dreieckigen Bereich abgehalten hatte. Dennoch gab es einen dunklen Fleck auf dem Boden, wo keiner h�tte sein sollen. Mogens beugte sich vor, streckte die Hand aus und f�hlte etwas Feuchtes und Warmes. Als er den Arm wieder hob, sahen seine Handfl�che und Finger im Sternenlicht scheinbar schwarz aus, aber Mogens wusste, dass sie in Wirklichkeit rot waren. Es h�tte des charakteristischen Geruchs nicht mehr bedurft, um ihm zu sagen, dass der Boden voller Blut war. Und es war <emphasis>warmes </emphasis>Blut. Hyams lebte also noch. Mehr noch: Obschon der gro�e Blutfleck, vor dem er kniete, bewies, wie schwer verletzt sie sein musste, war sie ganz offensichtlich noch in der Lage gewesen, sich zu bewegen. Ungl�ckseligerweise hatte der Regen nur einen kleinen Bereich des Bodens unmittelbar vor ihm verschont, alles andere hatte sich in braunen Morast verwandelt, der kaum z�hfl�ssiger war als wirklicher Sumpf, und in dem keine Spur l�nger als wenige Augenblicke Bestand hatte. Es war nicht zu erkennen, in welche Richtung sich Hyams davongeschleppt hatte.</p><p>Mogens �berlegte, wie ein Mensch mit so schweren Verletzungen wohl reagieren mochte. Sicherlich nicht mehr <emphasis>vern�nftig. </emphasis>Eher schon wie ein waidwundes Tier, das sich irgendwo einen gesch�tzten dunklen Ort suchte, um zu sterben. Andererseits wusste er auch, dass gerade so schwer verwundete Menschen manchmal zu unglaublichen Leistungen imstande waren. Kurz: Dies war ein R�tsel, das er kaum durch blo�es �berlegen w�rde l�sen k�nnen. Ihm blieb nichts anderes �brig, als auf gut Gl�ck weiterzusuchen und zu hoffen, dass er Hyams fand, bevor es zu sp�t war.</p><p>In regelm��igen Abst�nden den Namen der �gyptologin rufend, begann Mogens den Fundort in gr��er werdenden Kreisen abzusuchen. Er bekam weder eine Antwort, noch stie� er auf weitere Blutspuren oder gar Hyams selbst. Mogens sah in jede Felsspalte, tastete in jeden Schatten und lugte hinter Steine, die nicht einmal ann�hernd gro� genug waren, dass sich ein Mensch dahinter verbergen konnte, aber schlie�lich gab er es auf. So schwer es ihm fiel, es zuzugeben: Es war sinnlos, die Suche auf diese Weise fortzusetzen. Auch wenn er mehr denn je das Gef�hl hatte, Hyams feige im Stich zu lassen, so gab es doch nur noch eines, was er f�r sie tun konnte: Er w�rde ins Lager zur�ckgehen und Graves und Tom alarmieren. In wenigen Stunden wurde es hell, und dann konnte Tom mit dem Wagen in die Stadt fahren und Wilson und so viele weitere M�nner wie nur m�glich holen, sodass sie die Suche bei Tageslicht und unter besseren Bedingungen fortsetzen konnten.</p><p>Falls es dann nicht zu sp�t war f�r Hyams.</p><p>Niedergeschlagen machte er sich auf den R�ckweg. Er brauchte deutlich l�nger dazu, als er erwartet hatte, denn er hatte sich deutlich weiter vom Wrack des Ford entfernt, als ihm bewusst gewesen war; aber immerhin war es jetzt heller geworden, sodass er nicht mehr Gefahr lief, blindlings gegen einen Felsen zu laufen. Alles in allem musste mehr als eine halbe Stunde seit dem Moment verstrichen sein, in dem er hier unten angelangt war, bis er das ausgebrannte Wrack wieder erreichte.</p><p>Die beiden Leichname waren verschwunden.</p><p>Mogens trat in gut f�nfzehn oder zwanzig Schritten Entfernung zwischen den Felsen hervor, aber er sah es trotz des blassen Lichts sofort: Die Zeltplane, die er sorgsam wieder �ber die beiden verkohlten K�rper gezogen hatte, lag in Fetzen gerissen da, und Mercers und McClures sterbliche �berreste waren definitiv verschwunden. Mogens blieb wie vom Donner ger�hrt sekundenlang stehen und starrte die zerfetzte schwarze Plane an, ohne wirklich zu begreifen, was er da sah, dann ging er mit fast schleppenden Schritten weiter und sank unmittelbar daneben in die Hocke. Z�gernd streckte er den Arm aus, aber er stockte, ehe er die Bewegung zu Ende bringen konnte. Seine Finger begannen zu zittern.</p><p>Die zerfetzte Plane war nicht alles. Von dort aus, wo die beiden verbrannten K�rper gelegen hatten, f�hrten zwei tiefe Schleifspuren weg und verschwanden zwischen den Felsen, und unmittelbar daneben gewahrte Mogens einen tiefen, bizarr verzerrten Fu�abdruck. Auf den allerersten Blick h�tte man ihn f�r den eines Menschen halten k�nnen, aber Mogens wusste nur zu gut, welche Kreatur ihn wirklich hinterlassen hatte. Zitternd vor m�hsam unterdr�ckter Angst und von einem Entsetzen gepackt, das ihn daran hinderte, klar zu denken, hob er den Kopf und folgte der Schleifspur weiter mit Blicken. Obwohl sie nach wenigen Schritten zwischen den Felsen verschwand, konnte er sie noch ein gutes St�ck weit verfolgen. Allein in dem kurzen Bereich, den er im diffusen Licht des sichelf�rmigen Neumonds einigerma�en �berblicken konnte, entdeckte er zwei weitere riesige Fu�abdr�cke.</p><p>Mogens drehte sich in der Hocke um und stand auf, und im gleichen Moment fiel ein so grelles, blendend wei�es Licht in sein Gesicht, dass er erschrocken die Hand vor die Augen hob. �Stehen bleiben!�, herrschte ihn eine w�tende Stimme an.</p><p>Mogens h�tte sich nicht einmal r�hren k�nnen, wenn er es gewollt h�tte. Das grelle Licht paralysierte ihn regelrecht, und es bohrte sich so schmerzhaft in seine Augen, dass er nur mit M�he ein St�hnen unterdr�cken konnte. Hastig hob er auch noch die andere Hand, um seine Augen zu sch�tzen, und blinzelte durch einen Schleier aus Tr�nen in den glei�enden Lichtschein. Schatten bewegten sich dahinter, und statt nachzulassen, nahm die qu�lende Helligkeit sogar noch zu, als sich ein zweiter Scheinwerferstrahl dem ersten hinzugesellte.</p><p>�Was zum Teufel tun Sie hier, Professor VanAndt?�, herrschte ihn Sheriff Wilson an.</p></section><section><title><p id="_21">21.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>�Noch einen Kaffee - oder vielleicht etwas St�rkeres, Professor?� Sheriff Wilson schwenkte die Kaffeekanne in Mogens' Richtung und machte ein fragendes Gesicht, zuckte dann aber nur gleichm�tig mit den Schultern, als dieser mit einem Kopfsch�tteln ablehnte, und schenkte sich einen weiteren Becher der dampfenden Fl�ssigkeit ein, die nicht nur wie geschmolzener Teer aussah, sondern nach Mogens' Daf�rhalten auch genau so schmeckte.</p><p>�Ganz wie Sie wollen, Professor�, sagte er. �Aber Sie sollten es sich �berlegen. Ich f�rchte, wir haben noch ein ziemlich langes Gespr�ch vor uns.�</p><p>Mogens verzichtete auf eine Antwort. Es war lange her, aber er hatte gewisse Erfahrungen im Umgang mit Gesetzesh�tern, genug zumindest, um zu wissen, dass jedes Wort �berfl�ssig war. Er konnte nicht sagen, ob Wilson ihn verd�chtigte, und wenn ja, <emphasis>wessen </emphasis>�berhaupt, aber was er mit absoluter Gewissheit sagen konnte war, dass Wilson sich bereits eine Meinung �ber das gebildet hatte, was er drau�en beim Wrack des Fords gesehen hatte, und dass jeder Versuch, ihn von irgendetwas anderem zu �berzeugen, nichts als verschwendeter Atem war. Die Art, auf die Wilson seine Fragen stellte; die Art, auf die er zuh�rte; die Art, auf die er ihn ansah; selbst die Art, auf die er scheinbar gar nichts tat, waren Mogens nur zu bekannt. F�r Wilson war der Fall bereits klar, und nichts, was Mogens auch immer sagen oder tun konnte, w�rde ihn von seiner vorgefassten Meinung abbringen.</p><p>�Also noch einmal von vorn?�, fragte Wilson. In seiner Stimme war ein ganz sachter, fast flehender Unterton, doch endlich mit der Wahrheit r�berzukommen, und vor allem sein Blick machte Mogens klar, wie m�de es der Sheriff war, ihm immer und immer wieder dieselben Fragen zu stellen, und immer und immer wieder die gleichen Antworten zu bekommen - nur nicht die, die er h�ren wollte. Aber er machte ihm auch ebenso klar, dass Wilson durchaus bereit war, noch Stunden so weiterzumachen und wenn es sein musste, Tage.</p><p>Mogens zog die d�nne Wolldecke enger um die Schultern, die Wilson ihm gegeben hatte, und unterdr�ckte mit M�he ein Schaudern, das seine Ursache zu gleichen Teilen in M�digkeit wie in ganz banaler K�lte hatte. Unter der groben Wolldecke, die wie Sandpapier auf seiner Haut kratzte, war er nackt. Wilson hatte ihm seine schmutzstarrenden Kleider abgenommen, angeblich, um sie reinigen zu lassen, aber Mogens nahm an, dass es ihm viel mehr darum ging, sie nach Blut oder anderen verr�terischen Spuren zu untersuchen.</p><p>�Ich bitte Sie, Sheriff�, sagte er m�de. �Ich kann Ihnen nicht mehr sagen als das, was ich Ihnen schon ein Dutzend Mal gesagt habe. Ich kann Sie nicht zwingen, mir zu glauben, aber Sie werden nichts anderes von mir h�ren, und wenn das hier noch einen ganzen Tag dauert.�</p><p>Er hatte sich bem�ht, einen allenfalls resignierenden Tonfall in seine Stimme zu legen, und keinesfalls herausfordernd oder gar herablassend zu klingen, aber dieser Versuch schien offensichtlich nicht unbedingt von Erfolg gekr�nt zu sein, denn er konnte regelrecht sehen, wie sich etwas in Wilsons scheinbar gleichm�tig dreinblickenden Augen �nderte. Mogens gemahnte sich in Gedanken zur Vorsicht. Wilson hatte vermutlich nicht einmal etwas gegen ihn, aber er war ein einfacher Mann, und wie viele einfache Menschen begegnete er Akademikern mit einer Mischung aus Respekt und aus Unsicherheit geborener Aggressivit�t.</p><p>�Sheriff, was erwarten Sie eigentlich von mir?�, fuhr er, nach einer sp�rbaren Pause und mit deutlich ver�nderter, ruhigerer Stimme fort. �Ich <emphasis>kann </emphasis>Ihnen nicht mehr sagen. Ich bin nach drau�en gegangen, um nach einer Katze zu suchen, die verschwunden war.�</p><p>�Und Sie haben sie gefunden, aber leider nicht mehr lebendig�, seufzte Wilson. �Irgendein Raubtier hatte sie in St�cke gerissen. Doch statt zur�ckzugehen und Hilfe zu holen - oder wenigstens eine Waffe! - haben Sie sich auf eigene Faust und mit leeren H�nden an die Verfolgung des Raubtieres gemacht, das, wie Sie selbst sagen, eine ausgewachsene Katze in St�cke gebissen hat.� Er sch�ttelte den Kopf. �K�nnen Sie sich vorstellen, welches Tier in der Lage ist, so etwas zu tun, Professor?�</p><p>Mogens schwieg. Er konnte es sich nicht vorstellen, er <emphasis>hatte es gesehen, </emphasis>aber er hatte Wilson nichts von dem glut�ugigen Ungeheuer erz�hlt. So etwas hatte er einmal getan, vor neun Jahren, und er w�rde es nie wieder tun.</p><p>�Sie m�ssen entweder ein sehr mutiger Mann sein, Professor, oder ein sehr dummer�, fuhr Wilson fort, als er keine Antwort bekam.</p><p>�Dumm�, mischte sich eine Stimme von der T�r her ein, �w�re es allerh�chstens, wenn Professor VanAndt jetzt auch nur noch eine einzige Ihrer Fragen beantworten w�rde, Sheriff.� Wilson sah mit einem Ruck auf, und Mogens konnte nicht nur erkennen, dass alle Farbe aus seinem Gesicht wich, sondern auch, wie sich seine Augen mit einer j�hen Mischung aus Schrecken und Zorn f�llten, ohne dass er h�tte sagen k�nnen, welches dieser beiden Gef�hle nun �berwog. Dann fuhr auch er �berrascht zusammen, als er sich auf seinem Sitz umdrehte und den uneingeladenen Gast erkannte, der Wilsons B�ro betreten hatte. �Jonathan!�</p><p>Graves nickte ihm fl�chtig zu, bevor er die T�r mit einer unn�tig heftigen Bewegung hinter sich ins Schloss warf und an Wilsons Schreibtisch herantrat. �Was geht hier vor?�, fragte er herausfordernd.</p><p>Im allerersten Moment schien es, als reiche allein Graves' herrischer Ton, um Wilsons Widerstand zusammenbrechen zu lassen, dann aber erinnerte sich der Sheriff ganz offensichtlich, wo sie hier waren. Er stand nicht auf, funkelte Graves aber mit trotzig vorgerecktem Kinn an und lie� ganz bewusst einige Sekunden verstreichen, bevor er antwortete: �Guten Morgen, Doktor Graves. Und um Ihre Frage zu beantworten: Ich habe einige Fragen an Professor VanAndt, und ich denke nicht, dass es Sie etwas angeht, was...�</p><p>�Oh, Sie <emphasis>denken�, </emphasis>fiel ihm Graves h�hnisch ins Wort. �Nun, dann werde ich Ihnen sagen, was ich <emphasis>denke, </emphasis>Sheriff.� Er wedelte mit der Hand in Mogens' Richtung, ohne Wilson dabei auch nur f�r eine Sekunde aus den Augen zu lassen. �Es geht mich sehr wohl etwas an, wenn Sie einen meiner Mitarbeiter verh�ren, Sheriff!�</p><p>�Niemand hat etwas von einem Verh�r gesagt�, antwortete Wilson. Es versuchte, selbstbewusst zu klingen, aber seine Worte h�rten sich eigentlich nur noch verstockt an. Er hatte bereits verloren, begriff Mogens. �Ich habe lediglich ein paar Fragen an Professor VanAndt.�</p><p>�Und dazu muss er sich ausziehen und halb nackt vor Ihnen auf einem Stuhl sitzen?�</p><p>�Das hat damit nichts zu tun�, sagte Mogens rasch. �Meine Kleider waren verschmutzt. Sheriff Wilson war so freundlich, sie s�ubern zu lassen.�</p><p>Graves warf ihm einen kurzen, eisigen Blick zu, sprach jedoch an Wilson gewandt weiter. �Was ist geschehen?�</p><p>�Wir haben Ihren�, er deutete auf Mogens, �... <emphasis>Mitarbeiter </emphasis>in der N�he des ausgebrannten Wagens aufgegriffen. Er hat sich daran zu schaffen gemacht.�</p><p>Graves hob scheinbar gelangweilt die Schultern. �Was nicht strafbar ist, oder? Streng genommen geh�rt der Wagen immer noch mir. Und ich habe nichts dagegen, dass Professor VanAndt ihn sich anschaut.�</p><p>In Wilsons Augen blitzte es auf. ��bertreiben Sie es nicht, Doktor Graves! Das hier ist vielleicht nur eine einfache kleine Stadt, und ich bin nur ein einfacher Sheriff, aber wir wissen hier immerhin, was Recht ist und was nicht. Die Ursache des Unfalls ist noch nicht gekl�rt. Es sind zwei Menschen ums Leben gekommen, vielleicht sogar drei, und Professor VanAndt wurde mitten in der Nacht dabei beobachtet, wie er sich in der N�he des ausgebrannten Fahrzeugs herumgetrieben hat.� Er lie� eine kurze, genau bemessene Pause folgen, bevor er fast triumphierend hinzuf�gte: �Und die Leichen Doktor McClures und Doktor Mercers sind verschwunden.�</p><p>�Und?�, fragte Graves so ruhig, als w�re an dieser Neuigkeit rein gar nichts Besonderes. �Glauben Sie jetzt vielleicht, dass Professor VanAndt sie weggeschafft hat?�</p><p>�Immerhin hatte er Blut an den H�nden�, sagte Wilson.</p><p>�Ja, Doktor Hyams' Blut!�, begehrte Mogens auf.</p><p>�Doktor Hyams?� Immerhin schien es Mogens zumindest f�r einen Moment gelungen zu sein, Graves' Aufmerksamkeit zu erregen. �Wieso Hyams? Soll das hei�en...?�</p><p>�Sie ist noch am Leben�, sagte Mogens. �Jedenfalls glaube ich, dass sie das war, als Sheriff Wilson mich verhaftet hat.�</p><p>Graves fuhr mit einer zornigen Bewegung wieder zu Wilson herum, aber diesmal kam ihm der Sheriff zuvor. �Selbstverst�ndlich nehme ich Professor VanAndts Aussage ernst�, sagte er. �Auch wenn es mir, offen gestanden, schwer f�llt, sie zu glauben. Trotzdem habe ich f�nf M�nner zur Unfallstelle hinausgeschickt, um noch einmal das ganze Gel�nde absuchen zu lassen. Glauben Sie mir - sollte Doktor Hyams noch am Leben sein, dann finden meine Leute sie.�</p><p>�Und sollte sie nicht mehr am Leben sein, Sheriff...�, Graves beugte sich herausfordernd vor und st�tzte die Fingerkn�chel auf Wilsons Schreibtisch ab, �... dann werden <emphasis>meine Leute </emphasis>herausfinden, wann Doktor Hyams gestorben ist. Und sollte sich herausstellen, dass sie sterben musste, weil Sie nicht auf Professor VanAndt geh�rt und die Suche nach ihr zu sp�t eingeleitet haben, dann gnade Ihnen Gott!�</p><p>Wilsons Gesicht verlor auch noch das letzte bisschen Farbe, aber Graves gab ihm keine Gelegenheit, etwas zu erwidern, sondern fuhr mit leiserer, aber beinahe noch schneidenderer Stimme fort: �Darf ich nun davon ausgehen, dass ich Professor VanAndt wieder mit zur�ck ins Lager nehmen kann? Wir haben eine Menge Arbeit vor uns!�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Wilson gepresst. Er warf Mogens einen pr�fenden Blick zu. �Sie haben zwar nicht genau meine Gr��e, aber ich k�nnte Ihnen meine Reserveuniform anbieten - nur f�r den R�ckweg.�</p><p>�Und zweifellos werden Sie auch so freundlich sein, sie selbst wieder abzuholen, nicht wahr?�, fragte Graves h�hnisch. �Am besten gleich heute Nachmittag.�</p><p>Wilsons Gesicht verd�sterte sich noch weiter, aber er schluckte die zornige Antwort, die ihm auf der Zunge lag, mit sichtbarer M�he herunter und ging, vermutlich um die versprochene Uniform zu holen. Graves wartete gerade, bis er den Raum verlassen und die T�r hinter sich geschlossen hatte, dann fuhr er zu Mogens herum, und die vermeintliche Gelassenheit glitt wie eine Maske von seinem Gesicht.</p><p>�Was, um alles in der Welt...�, begann er.</p><p>�Es ist wieder da, Jonathan�, fiel ihm Mogens ins Wort.</p><p>Graves legte den Kopf auf die Seite. <emphasis>�Was </emphasis>ist wieder da?�</p><p>�Das... das Ding�, antwortete Mogens. Seine Stimme zitterte so heftig, dass er M�he hatte, �berhaupt weiterzusprechen. �Das Ungeheuer vom Friedhof, das Janice geholt hat.�</p><p>�Was redest du da, Mogens?�, fragte Graves. Er versuchte zu lachen, aber es gelang ihm nicht. �Das ist doch Unsinn.�</p><p>�Ich habe es gesehen�, fuhr Mogens beinahe im Fl�sterton fort. �Es hat Cleopatra get�tet, und... und ich glaube, es hat auch Hyams geholt.� Er atmete tief ein, um �berhaupt die Kraft zum Weitersprechen zu finden. �Vor ein paar Tagen, Jonathan, drau�en auf dem Friedhof, da habe ich es zum ersten Mal gesehen. Es war das Ding aus dem Mausoleum. Dasselbe, das damals Janice und die beiden anderen geholt hat. Es ist hier, Jonathan.�</p><p>Er rechnete mit Widerspruch; vielleicht, dass Graves ihn auslachte, zumindest aber zweifelte, aber Graves sah ihn nur sekundenlang schweigend und sehr nachdenklich an, bevor er in sehr ernstem Ton fragte: �Bist du sicher?�</p><p>�Ja�, antwortete Mogens. �Todsicher.�</p><p>Graves schwieg eine ganze Weile. Er sah sehr nachdenklich aus, aber auch sehr erschrocken. �Aber warum?�, murmelte er. �Warum jetzt? Warum hier?�</p><p>�Vielleicht war es die ganze Zeit hinter uns her, Jonathan�, antwortete Mogens. �Vielleicht... hat es all die Jahre nur darauf gewartet, dass es uns zusammen erwischt.�</p><p>�Unsinn�, sagte Graves. Er lachte, aber er klang noch immer nerv�s. Jetzt vielleicht noch mehr. �Das ist... ich meine: Das ergibt �berhaupt keinen Sinn. Warum sollte es... Ich habe doch gar nichts...�</p><p>�Ich habe es verletzt�, sagte Mogens leise. �Aber du warst dabei, Jonathan. Vielleicht will es uns ja beide.� Er hob die Schultern. �Es kann kein Zufall sein, dass es nach all der Zeit wieder auftaucht. Wir waren seit jener Nacht nie wieder zusammen, Jonathan.� Er z�gerte einen Moment, fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und sah rasch zu der T�r, durch die Wilson verschwunden war, dann zum Eingang, bevor er weitersprach. �Und da ist noch etwas.�</p><p>�Was?�</p><p>�Tom�, sagte Mogens. �Ist er bei dir?�</p><p>Graves sah ebenfalls rasch zu der T�r, durch die er gerade selbst hereingekommen war, bevor er antwortete. �Nein. Ich bin mit dem Buick gekommen. Warum fragst du?�</p><p>�Weil ich glaube, dass... dass er irgendetwas damit zu tun hat�, antwortete Mogens z�gernd.</p><p>�Tom?�</p><p>Mogens nickte. Er antwortete nicht gleich, und als er es tat, da sprach er mit leiser, stockender Stimme. Pl�tzlich ergab alles einen Sinn, auch wenn er sich immer noch weigerte, es zu glauben. Tom, der so unglaublich viel wusste. Der alles konnte und keinen Schlaf zu brauchen schien. Der immer und stets zur Stelle war, wenn man ihn brauchte. Der auf alles eine Antwort hatte. �In der Nacht, in der ich es zum ersten Mal gesehen habe, Jonathan, drau�en auf dem Friedhof. Es war Tom. Er hat mich zur�ckgebracht, nachdem ich in Ohnmacht gefallen war. Ich meine, er... er sagt, dass <emphasis>er </emphasis>es war, den ich dort drau�en gesehen habe, aber ich bin nicht mehr sicher, dass das stimmt. Er <emphasis>muss </emphasis>es einfach gesehen haben.�</p><p>Graves schwieg. Er wurde noch blasser.</p><p>�Was hast du?�, fragte Mogens.</p><p>�Tom�, antwortete Graves. �Miss Preussler hat ihn gebeten, ihm die Ausgrabungsstelle zu zeigen. Als ich losgefahren bin, haben sie sich gerade auf den Weg nach unten gemacht.�</p></section><section><title><p id="_22">22.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Die Minuten, die vergangen waren, bis Wilson mit den versprochenen Kleidern zur�ckkehrte, hatten sich zu schieren Ewigkeiten gedehnt, und die wenigen Augenblicke, die Mogens brauchte, um sich umzuziehen, noch viel mehr. Wilson hatte mit einer knappen Geste auf den Nebenraum gedeutet, aber Mogens streifte kurzerhand die Decke von den Schultern und zog sich in fliegender Hast um, obwohl Mogens klar war, dass er Wilsons Misstrauen damit nur noch neue Nahrung gab. Ohne sich auch nur zu verabschieden, st�rmte er aus dem Haus und musste sich beherrschen, um nicht zur anderen Stra�enseite zu <emphasis>rennen, </emphasis>wo Graves' Buick abgestellt war.</p><p>Graves kommentierte sein auff�lliges Benehmen mit einem missbilligenden Stirnrunzeln, aber er sagte kein Wort, sondern startete den Wagen und fuhr so schnell los, dass Mogens sich instinktiv an seinem Sitz festklammerte. Mogens konnte nicht beurteilen, ob er sicherer fuhr als Tom, aber er fuhr auf jeden Fall <emphasis>schneller. </emphasis>Sie ben�tigten nur wenige Minuten, um die Stadt hinter sich zu lassen und die Abzweigung zum Friedhof und dem dahinter liegenden Lager zu erreichen. Mogens' Herz begann schneller zu schlagen, als sie sich der Stelle n�herten, an der der Wagen abgest�rzt war. Jetzt, bei Tageslicht, konnte er die schwarzen Gummispuren erkennen, die der Ford auf seinem Weg in die Katastrophe auf dem Stra�enbelag hinterlassen und die selbst der Regen nicht v�llig getilgt hatte.</p><p>Graves trat so hart auf die Bremse, dass Mogens im Sitz nach vorne geworfen wurde und hastig beide Arme ausstreckte, um sich am Armaturenbrett abzust�tzen. Das Ergebnis war ein stechender Schmerz, der durch seine Handgelenke fuhr und ihm ein scharfes Keuchen entlockte. Graves bedachte ihn mit einem fast ver�chtlichen Kopfsch�tteln und streckte die Hand nach dem T�rgriff aus.</p><p>�Was tust du, Jonathan?�, fragte Mogens erschrocken. �Wir haben keine Zeit!�</p><p>�Es k�nnte wichtig sein.� Graves �ffnete die T�r und stieg aus. Mogens starrte ihn einen Herzschlag lang fast entsetzt an, aber er sah auch ein, dass jeder Versuch, Graves zur Eile anzuspornen, nur einen weiteren Zeitverlust bedeuten w�rde, und stieg ebenfalls aus. Es bereitete ihm M�he, die T�r zu �ffnen. Seine Handgelenke schmerzten. �Jonathan!�</p><p>Graves tat das, was er meistens tat, wenn Mogens ihn ansprach: Er ignorierte ihn. Mit gesenktem Blick trat er um den Wagen herum und folgte der unterbrochenen schwarzen Gummispur der Autoreifen. �Dort hinten ist er vom geraden Weg abgekommen, siehst du?�</p><p>�Jonathan, glaubst du wirklich, dass das jetzt wichtig...�</p><p>�Ja�, unterbrach ihn Graves. �Das glaube ich. Vielleicht wichtiger, als du ahnst.�</p><p>Mogens starrte ihn noch einen Herzschlag lang zornig an, aber er sp�rte, wie sinnlos jedes weitere Wort gewesen w�re. Widerwillig drehte er sich um und sah in die Richtung, in die Graves' schwarz behandschuhte Rechte wies. Die Spur verlor sich immer wieder zwischen Unkraut und aufgebrochenen Stellen im Asphalt, wo die Natur die erstickende Decke, die die Menschen �ber sie ausgegossen hatte, wieder gesprengt hatte und sich Pilze und Wurzelwerk Bahn brachen. Aber nachdem er einmal erkannt hatte, worauf Graves ihn aufmerksam machen wollte, fiel es Mogens nicht mehr schwer, ihm zu folgen.</p><p>�Ich bin bis jetzt davon ausgegangen, dass Mercer betrunken war und deshalb die Kontrolle �ber den Wagen verloren hat�, sagte Graves nachdenklich. Er seufzte. �Wahrscheinlich war er betrunken, aber was den Rest angeht, habe ich dem guten Doktor anscheinend Unrecht getan. Sieh mal da: Er hat kurz vor der Friedhofsmauer so hart gebremst, dass der Wagen ins Rutschen gekommen ist. Er muss irgendetwas ausgewichen sein. Etwas, das von dort gekommen ist.�</p><p>Er war r�cksichtsvoll genug, das Wort nicht auszusprechen, aber wozu auch? Seine ausgestreckte Hand deutete auf die Friedhofsmauer, und nicht nur auf eine beliebige Stelle, sondern genau dorthin, wo die Mauer aus roh aufeinander gef�gten Bruchsteinen zum Teil niedergebrochen war. Es konnte noch nicht lange her sein. An den Bruchstellen hatte sich noch kein Moos gebildet, und etliche der herausgefallenen Steine - sie waren nach <emphasis>au�en </emphasis>gest�rzt, erkannte Mogens schaudernd, so als w�re irgendetwas mit Urgewalt aus dem ummauerten Friedhofsgel�nde herausgebrochen - waren auf die Stra�e gerollt. Es geh�rte nicht mehr viel Fantasie dazu, sich auszumalen, was sich hier abgespielt hatte. Mercer mochte zu schnell gefahren sein, und er mochte auch betrunken gewesen sein, aber nichts davon war letzten Endes schuld an dem Unfall gewesen. Etwas war aus dem Friedhof gekommen und hatte die Mauer durchbrochen, und Mercer hatte vor Schrecken das Lenkrad verrissen und deshalb die Kontrolle �ber den Wagen verloren.</p><p>�Wir m�ssen jetzt wirklich weiter, Jonathan�, sagte er. �Miss Preussler ist m�glicherweise in Gefahr.�</p><p>Graves schien seine Worte gar nicht geh�rt zu haben. Er starrte die unterbrochene Reifenspur noch einen Moment an, dann drehte er sich um und trat so dicht an die Stelle heran, an der sie endg�ltig abbrach, dass sich eine Hand voll kleiner Steinchen unter seinen Schuhspitzen l�ste und mit einem Ger�usch wie Glasmurmeln im Beutel eines Kindes den Hang hinunterkollerte.</p><p>�Es ist meine Schuld, Mogens�, sagte Graves leise. �Ich h�tte sie nicht fahren lassen d�rfen.�</p><p>�Jonathan�, sagte Mogens beschw�rend. �Miss Preussler! Sie ist mit Tom ganz allein dort unten!�</p><p>Graves reagierte nicht. Eine kleine Ewigkeit lang stand er wie erstarrt da und blickte das zerschmetterte Autowrack unter ihnen an. Selbst �ber die gro�e Entfernung hinweg konnte Mogens noch die Schleifspuren erkennen, die zwischen den Felsen verschwanden. Fast beil�ufig registrierte er, dass dort unten niemand war, der nach Hyams suchte.</p><p>�Ich habe geglaubt, es w�re nur nachts gef�hrlich�, murmelte Graves. �Ich dachte, tags�ber...� Er zog sein Etui aus der Jackentasche und versuchte, sich eine Zigarette anzuz�nden, aber seine H�nde zitterten zu sehr. �Ich habe einen furchtbaren Fehler gemacht, Mogens. Einen Fehler, der Mercer, McClure und vielleicht auch Hyams das Leben gekostet hat. Es ist meine Schuld.�</p><p>�Aber das ist doch Unsinn�, protestierte Mogens. �Du konntest doch nicht ahnen, was geschehen w�rde!�</p><p>�Du denkst, Hyams und die beiden anderen h�tten uns deinetwegen verlassen, habe ich Recht?�, fuhr Graves fort. Er lachte hart. �Du hast Recht, aber es ist nicht deine Schuld, Mogens. Ich wollte es so.� Er versuchte noch einmal, sich eine Zigarette anzuz�nden, und diesmal gelang es ihm. Er sah Mogens nicht an, als er weitersprach, sondern starrte durch den grauen Rauch, den er selbst ausatmete, unverwandt auf das zerschmetterte Automobil hinab. Seine Stimme wurde leiser. �Ich h�tte sie zur�ckhalten k�nnen. Ein einziges Wort h�tte gen�gt und sie w�ren geblieben. Ich <emphasis>wollte, </emphasis>dass sie fuhren. Ich dachte, es w�re sicherer f�r sie. Ich habe sie umgebracht, weil ich sie retten wollte. W�re es nicht so entsetzlich, k�nnte man es f�r einen besonders gelungenen Scherz des Schicksals halten.�</p><p>�Ich... verstehe nicht, was...�, begann Mogens.</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, unterbrach ihn Graves. �Wie k�nntest du auch? Ein weiterer Fehler, Mogens. Vielleicht ist es das, was ich immer am meisten an dir gehasst habe: Du f�hrst mir meine menschliche Unzul�nglichkeit vor Augen.�</p><p>�Jonathan, bist du verr�ckt?�, fragte Mogens. �Miss Preussler ist mit Tom dort unten, und du...�</p><p>�Miss Preussler ist nicht in Gefahr�, unterbrach ihn Graves.</p><p>Mogens blinzelte. �Sie ist mit Tom dort unten�, erinnerte Mogens. �Und damit wahrscheinlich sicherer, als w�re sie hier bei uns.� Graves l�chelte traurig, als er Mogens' Verwirrung registrierte.</p><p>�Hast du denn nicht verstanden, was ich dir �ber Tom erz�hlt habe?�, fragte Mogens.</p><p>�Jedes Wort�, erwiderte Graves. �Aber es gibt da etwas, was <emphasis>ich </emphasis>dir �ber Tom erz�hlen muss. Du hast Recht, Mogens. Er... <emphasis>hat </emphasis>diese Kreatur auf dem Friedhof gesehen. Du hast sie dir nicht nur eingebildet.�</p><p>Mogens schwieg. Graves' Er�ffnung traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Er versuchte irgendeinen Sinn darin zu erkennen, aber es gelang ihm nicht - vielleicht, weil er zu sp�ren begann, dass sich hinter diesem scheinbaren Eingest�ndnis ein noch viel gr��eres und schrecklicheres Geheimnis verbarg. Er war nicht sicher, ob er es wirklich kennen wollte.</p><p>�Komm, Mogens, fahren wir weiter.� Graves warf seine Zigarette auf den Boden und trat sie sorgsam mit dem Absatz aus, bevor er sich umdrehte und mit raschen Schritten um den Wagen herumging, um wieder hinter dem Steuer Platz zu nehmen. Er lie� den Buick anrollen, kaum dass Mogens sich neben ihn gesetzt und noch bevor er wirklich Zeit gefunden hatte, die T�r zu schlie�en, aber er fuhr jetzt nicht mehr ann�hernd so schnell wie zuvor.</p><p>Ohne sein Zutun, aber auch ohne dass er etwas dagegen tun konnte, saugte sich Mogens' Blick an der unregelm��ig ausgebrochenen L�cke in der Friedhofsmauer fest. Sein Herz begann schneller zu schlagen und er ertappte sich dabei, die H�nde im Scho� zusammenzufalten, damit sie nicht zitterten. Anders als bei den ersten beiden Malen, die er diesen Friedhof zuvor gesehen hatte, lag der Bereich jenseits der niedergebrochenen Mauer jetzt im hellen Sonnenlicht da, sodass er erkennen konnte, dass dort absolut nichts war, was er h�tte f�rchten m�ssen. Aber dasselbe hatte Mercer vermutlich auch gedacht, als er sich eben dieser Stelle n�herte, und nicht einmal eine Minute sp�ter waren er und die beiden anderen tot gewesen.</p><p>Graves sprach erst weiter, als sie die Stelle passiert und ein gutes St�ck hinter sich gelassen hatten. �Du darfst es Tom nicht �bel nehmen, Mogens. Er wollte dich nicht bel�gen. Ich musste ihn richtiggehend dazu zwingen, dir diese haarstr�ubende Geschichte aufzutischen.�</p><p>�Er war sehr �berzeugend�, sagte Mogens. Seine Stimme war so flach, dass er fast selbst davor erschrak.</p><p>�Der Junge mag dich, Mogens�, antwortete Graves. �Gerade deshalb wollte er dich nicht anl�gen.�</p><p>�Worauf... willst du hinaus, Jonathan?�, fragte Mogens stockend. �Willst du damit sagen, dass Tom... Bescheid wei�?�</p><p>�Ich bin nicht wegen des Tempels hierher gekommen�, antwortete Graves. �Ich bin <emphasis>ihretwegen </emphasis>hier.� Er machte eine abgehackte Kopfbewegung auf die Friedhofsmauer, ohne den Blick von der Stra�e zu nehmen. �Dass wir den Tempel entdeckt haben, war eher ein Zufall.�</p><p>�Und Tom...?�</p><p>�Oh, er hat dir die Wahrheit gesagt, was das betrifft�, versicherte Graves hastig. �Er stammt tats�chlich aus dieser Gegend. Und er hat den Zugang zum Tempel auch wirklich rein zuf�llig gefunden. Aber w�hrend der letzten f�nf Jahre�, f�gte er nach einer winzigen, aber sp�rbaren Pause hinzu, �hat er mich zum gr��ten Teil auf meinen Reisen begleitet. Vieles von dem, was ich herausfinden konnte, habe ich Tom zu verdanken. Ohne ihn w�re ich m�glicherweise schon nicht mehr am Leben, Mogens, ganz gewiss aber nicht hier.�</p><p>�F�nf Jahre?�, wunderte sich Mogens. �Aber damals muss er gerade...�</p><p>�Zw�lf�, best�tigte Graves. �Er war ungef�hr zw�lf Jahre alt, vielleicht auch dreizehn, wer wei� das schon genau? Aber er war ein aufgeweckter Bursche, das habe ich gleich gemerkt. Gleich in der Nacht, in der ich ihn dabei �berraschte, wie er mein Zelt durchw�hlte�, f�gte er mit einem angedeuteten Schmunzeln hinzu.</p><p>�Wie er <emphasis>was!�, </emphasis>fragte Mogens.</p><p>Graves' L�cheln wurde breiter. �Er hat versucht, mich zu bestehlen, ja�, best�tigte er, hob aber rasch die Hand und hinderte Mogens so daran, etwas zu erwidern. �Urteile nicht vorschnell, Mogens. Wir sind hier nicht in San Francisco, und schon gar nicht in Harvard. Nicht einmal in deinem geliebten Thompson. Das hier ist die Wildnis, auch wenn San Francisco nur einen Steinwurf entfernt sein mag. Es ist ein hartes Land, mit harten Menschen. Wenn du glaubst, dass sie das Wort Barmherzigkeit kennen, dann bist du ein noch romantischerer Narr, als ich ohnehin schon dachte.� Er sch�ttelte heftig den Kopf, obwohl Mogens ihm gar nicht widersprochen hatte. �Welche Aussichten hat ein Waisenjunge hier, der zu niemandem geh�rt, der weder lesen noch schreiben kann und f�r den sich niemand verantwortlich f�hlt? Er kann zum Dieb werden - oder versuchen, Pr�sident der Vereinigten Staaten zu werden. Tom hat sich f�r den Dieb entschieden.� Er lachte, als h�tte er ein besonders gelungenes Bonmot zum Besten gegeben, aber Mogens blieb ernst.</p><p>�Er hat mir erz�hlt, er <emphasis>h�tte </emphasis>Adoptiveltern gehabt�, sagte er. �Das hatte er�, best�tigte Graves. �Sie wurden get�tet. Von den Bestien.�</p><p>Sie hatten das Ende des asphaltierten Weges erreicht, und Graves nahm den Fu� vom Gas, sodass der Buick die Barriere aus Zweigen und Bl�ttern fast behutsam teilte; Mogens nahm an, dass er den Lack des teuren Automobils nicht verkratzen wollte. �Wie so viele.�</p><p>�Ich f�rchte, ich kann dir nicht ganz folgen, Jonathan�, sagte Mogens - was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Er ahnte l�ngst, was Graves ihm so umst�ndlich zu erkl�ren versuchte, aber ein Teil von ihm str�ubte sich nach wie vor hartn�ckig, diese Wahrheit zu erkennen.</p><p>Graves fuhr wieder etwas schneller und antwortete erst, als sie den schlammigen Platz �berquert hatten und auf seine Blockh�tte zusteuerten. �Du hast geglaubt, ich h�tte dich verraten, Mogens.� Er schnitt Mogens mit einer Bewegung, die zornig und auf eine sonderbare Weise resignierend zugleich wirkte, das Wort ab, als er widersprechen wollte. �Leugne es nicht. Ich habe gesehen, wie du mich angeblickt hast. Du hast dich von mir im Stich gelassen gef�hlt. Ich war dein Freund, und als du mich gebraucht hast, habe ich dich verleugnet. Du musst mich hassen. Ich an deiner Stelle w�rde es gewiss tun.�</p><p>Er brach ab, vermeintlich, um den Wagen anzuhalten und die T�r zu �ffnen, in Wahrheit aber wohl eher, weil er auf eine ganz bestimmte Reaktion wartete. Mogens schwieg jedoch beharrlich. Was Graves ihm erz�hlte, war erschreckend und verwirrend zugleich, aber nichts, was auch immer er sagen oder ihm offenbaren konnte, w�rde ihn dazu bringen, ihm zu verzeihen. Weder konnte, noch <emphasis>wollte </emphasis>er das.</p><p>�Vielleicht war ich feige, aber ich habe auf meine Weise versucht, Bu�e zu tun�, fuhr Graves fort, als Mogens zwar ebenfalls ausstieg, sich aber weiter beharrlich weigerte, auf seine Worte einzugehen. Seine Stimme wurde sch�rfer, zugleich aber fast unmerklich schriller. Offensichtlich legte er Mogens' Schweigen dergestalt aus, dass er glaubte, sich verteidigen zu m�ssen. Mogens war es nur recht.</p><p>�W�hrend du in Selbstmitleid und Kummer versunken bist, habe ich versucht, das R�tsel zu l�sen! Ich habe <emphasis>sie </emphasis>gesucht, Mogens - und ich habe <emphasis>sie </emphasis>gefunden.� Er gestikulierte - pl�tzlich w�tend - in Richtung des Friedhofs und fuhr noch lauter fort: <emphasis>�Sie </emphasis>sind nicht nur hier, Mogens. Es gibt sie �berall! Nicht nur hier und in Harvard, sondern �berall auf der Welt. �berall, wo Menschen beerdigt werden, da sind auch <emphasis>sie. </emphasis>Sie leben von den Toten, Mogens. Unsere Friedh�fe sind ihre Futtertr�ge! Ich wei� noch nicht genau, was <emphasis>sie </emphasis>sind, oder woher <emphasis>sie </emphasis>kommen, aber ich glaube, dass <emphasis>sie </emphasis>existieren, so lange es Menschen gibt. <emphasis>Sie </emphasis>sind unsere Aasgeier, Mogens.�</p><p>�Du bist ja verr�ckt�, sagte Mogens. Aber sein Protest klang nicht einmal in seinen eigenen Ohren echt.</p><p>Graves ignorierte ihn auch einfach. �Die Menschen wissen von ihnen�, fuhr er fort. �Sie haben es immer gewusst. Sie leben in ihren Legenden, Mogens. Die Werw�lfe. Die Widerg�nger und Ghoule und Untoten.� Er sch�ttelte grimmig den Kopf. �Du hast es immer gewusst. Du <emphasis>wolltest </emphasis>es nur nicht wissen. Du verleugnest dieses Wissen, weil du den Gedanken nicht ertr�gst.�</p><p>�Das... das ist absurd�, stammelte Mogens. Er wusste selbst nicht mehr wirklich, warum er das sagte, aber Graves beantwortete diese Frage f�r ihn.</p><p>�Du willst es nicht wahrhaben, weil es Janices Tod kleiner machen w�rde�, sagte er hart. �Weil es bedeuten w�rde, dass nichts Besonderes daran war.�</p><p>�H�r auf!�, sagte Mogens. Seine Stimme zitterte.</p><p>Aber Graves h�rte nicht auf. Seine Stimme wurde schneidend, und ein bewusst verletzender Unterton mischte sich hinein. �Ich kann dir versichern, es war nichts Au�ergew�hnliches daran�, fuhr er fort. �Ich jage diese Ungeheuer seit neun Jahren, seit dem Tag, an dem ich Harvard verlassen habe! Du hast dich wie ein verletztes Tier in ein Loch verkrochen, um deine Wunden zu lecken, aber ich habe sie gesucht, Mogens! Und ich habe <emphasis>sie </emphasis>gefunden, �berall auf der Welt! Hier! In Europa! In den W�sten Asiens und den Dschungeln S�damerikas, auf den eisigen H�ngen des Himalaja und in den Savannen Afrikas! <emphasis>Sie </emphasis>sind �berall, Mogens, und ich kann dir eins versichern: Was dir widerfahren ist, ist rein gar nichts Au�ergew�hnliches. Du glaubst, es w�re der Teufel pers�nlich, der aus der H�lle heraufgestiegen ist, um dich zu bestrafen?� Er lachte b�se. �Du t�uschst dich, Mogens. So wichtig bist du nicht. Es war nichts Besonderes. Es ist vorher passiert, und es wird weiterhin passieren. Einfach...�, er schnippte mit den Fingern; ein Laut, der durch das schwarze Leder seiner Handschuhe zu einem sonderbar weichen, <emphasis>fl�ssigen </emphasis>Ger�usch gemacht wurde, �... so.�</p><p>�H�r auf, Jonathan!�, wimmerte Mogens. �Du wei�t ja nicht, was du da redest! Was wei�t du von Verlust?�</p><p>�Oh, du glaubst, ich h�tte nicht daf�r bezahlt?�, schnappte Graves. W�tend hob er die H�nde und streckte Mogens die gespreizten Finger entgegen. Etwas Dunkles, Wogendes erschien in seinen Augen, wie ein schwarzes Aufblitzen, das Mogens instinktiv einen halben Schritt vor ihm zur�ckweichen lie�. �Du t�uschst dich! Ich habe bezahlt, mehr, als du dir auch nur <emphasis>vorstellen </emphasis>kannst, Mogens! Ich habe Dinge gesehen, die kein Mensch jemals sehen sollte. Und ich habe mehr daf�r bezahlt, als irgendein Mensch je bezahlen sollte.� Er nahm die H�nde herunter und sch�ttelte trotzig den Kopf. �Aber habe ich aufgegeben? Nein! Ich verkrieche mich nicht beleidigt in einer Ecke und hadere mit dem Schicksal, Mogens. Und du solltest endlich auch damit aufh�ren!�</p><p>�Warum tust du mir das an, Jonathan?�, wimmerte Mogens. Er zitterte am ganzen Leib. Graves' Gestalt begann vor ihm zu verschwimmen, als hei�e Tr�nen in seine Augen schossen. Er versuchte nicht einmal mehr, sie zur�ckzuhalten. �Warum tust du mir das an?�</p><p>�Damit du aufh�rst, dich selbst zu zerfleischen, Mogens.� Graves' Stimme wurde sanft. �Deine Trauer um Janice in Ehren, aber neun Jahre sind genug. Du tust Janice keinen Gefallen damit, Mogens. Wenn du etwas f�r sie tun willst, dann hilf mir, das Geheimnis dieser Ungeheuer zu l�ften. Wenn die Welt erst einmal wei�, dass <emphasis>sie </emphasis>existieren, dann k�nnen wir <emphasis>sie </emphasis>auch bek�mpfen.�</p><p>�Sagtest du nicht gerade selbst, dass die Menschen es gar nicht wissen wollen?�, fragte Mogens bitter.</p><p>�Dann hilf mir, sie dazu zu zwingen!�, antwortete Graves. �Wenn wir der Welt beweisen, dass es <emphasis>sie </emphasis>gibt, wird sie die Augen nicht l�nger vor der Wahrheit verschlie�en k�nnen!�</p><p>Mogens schwieg lange. Endlos lange. Er wusste nicht, was er in dieser Zeit dachte, was in ihm vorging. Etwas zerbrach in diesen Momenten in ihm, lautlos und seltsam undramatisch, aber auch endg�ltig. Graves hatte Recht, mit jedem einzelnen Wort, das er gesagt hatte. Genau wie ein verletztes Tier sich an einen dunklen, stillen Ort zur�ckzieht, um zu sterben, hatte er sich in den letzten neun Jahren seines Lebens in einem staubigen Kellerloch in Thompson verkrochen, um seinen Schmerz zu pflegen. Das Selbstmitleid, das Graves ihm - zu Recht - vorgeworfen hatte, war zugleich auch alles gewesen, was ihm �berhaupt noch die Kraft gegeben hatte, am Leben zu bleiben. Graves hatte ihm auch das jetzt noch genommen. Nun hatte er nichts mehr. Er f�hlte sich leer.</p><p>�Und was erwartest du jetzt von mir?� Selbst diese wenigen Worte hervorzubringen kostete ihn fast mehr Kraft, als er noch hatte. Auch in ganz handfestem Sinne: Das Gef�hl des Ausgelaugtseins beschr�nkte sich nicht nur auf seine Seele. Er musste die Hand ausstrecken und sich an Graves' Wagen festhalten, um �berhaupt noch auf den Beinen zu bleiben.</p><p>�Dass du dich entscheidest, Mogens�, antwortete Graves. �Jetzt. Ich wei�, es ist unfair. Es kommt zu schnell, und ich lasse dir nicht wirklich eine Wahl. Aber auch mir bleibt keine Wahl. Und keine Zeit. Sag nein, und ich lasse dich noch heute von Tom zum Bahnhof bringen. Mach dir keine Sorgen wegen Sheriff Wilson - ich bringe das in Ordnung. Ich gebe dir eine Fahrkarte zur�ck nach Thompson, oder wohin auch immer du willst, und das Gehalt f�r ein Jahr. Oder du kommst mit mir nach unten, und wir erl�sen den armen Tom endlich aus der Gesellschaft deiner entz�ckenden Zimmerwirtin.�</p><p>Noch einmal vergingen endlose Sekunden qu�lenden Schweigens, aber dann drehte sich Mogens demonstrativ zu dem gro�en Zelt in der Mitte des Lagerplatzes herum und holte h�rbar Luft. �Gehen wir Tom retten�, sagte er. <emphasis>Und vielleicht den Rest der Welt.</emphasis></p></section><section><title><p id="_23">23.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Eines wurde Mogens recht schnell klar: Zumindest im Augenblick hatte es Tom eindeutig n�tiger als die Welt, gerettet zu werden. Obwohl der Generator lief und mit seinem gleichm��igen Tuckern jedes andere Ger�usch zu �bert�nen versuchte, h�rten sie Miss Preusslers Stimme schon, als sie die Leiter hinabstiegen und in die unterirdische Anlage eindrangen. Graves sagte nichts, aber Mogens entging weder sein unwilliges Stirnrunzeln noch die Tatsache, dass er schneller ausschritt, je mehr sie sich der Tempelkammer n�herten.</p><p>�Davon war nicht die Rede, verdammt�, knurrte er. �Er sollte ihr lediglich den Gang zeigen!�</p><p>�Jetzt bist du zu hart mit Tom.� Mogens hatte M�he, ein Grinsen zu unterdr�cken. �Ich habe dir schon mal gesagt: Wenn sich Miss Preussler einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann erreicht sie es im Allgemeinen auch.�</p><p>Graves' Stirnrunzeln wurde noch tiefer, aber er sagte nichts mehr, sondern schritt nur noch schneller aus, sodass sie kaum eine Minute sp�ter in die gro�e, von elektrischen Gl�hbirnen fast taghell erleuchtete Tempelkammer traten. Miss Preussler war im ersten Moment zwar nicht zu sehen, aber ganz und gar un�berh�rbar. Ihre Stimme drang hinter der schwarzen Totenbarke hervor, und nun erschien auch auf Mogens' Gesicht ein besorgter Ausdruck. �Die Geheimt�r ist doch hoffentlich...�</p><p>�... sicher verschlossen, mach dir keine Sorgen�, fiel ihm Graves ins Wort. Aber f�r Mogens' Geschmack klang es fast ein bisschen zu �berzeugt, so als erlaube Graves sich nicht, irgendeine andere M�glichkeit auch nur in Betracht zu ziehen. Und er ging auch eindeutig zu schnell weiter, um seine pl�tzliche Besorgnis zu verhehlen. Mogens fiel ein kleines St�ck zur�ck. Um wirklich mit ihm Schritt zu halten, h�tte er schon rennen m�ssen.</p><p>Ihrer beider Sorge erwies sich jedoch als unbegr�ndet - zumindest, soweit sie die Geheimt�r betraf. Die kleine Horusfigur stand so unver�ndert wie seit vermutlich Jahrtausenden in ihrer Nische, und die verborgene T�r dahinter war verschlossen. Nicht einmal Mogens, der wusste, wonach er zu suchen hatte, vermochte mehr zu erkennen als scheinbar massiven Stein.</p><p>Tom hingegen machte einen durch und durch ungl�cklichen Eindruck. So wie Miss Preussler auch wandte er ihnen den R�cken zu, als sie sich unter dem ausladenden Heck der Barke hindurchb�ckten, aber er musste ihre Schritte wohl geh�rt haben, denn er drehte sich praktisch im gleichen Moment um, und auf seinem Gesicht erschien eine Mischung aus Schuldbewusstsein und Erleichterung, wobei die Erleichterung zumindest im ersten Moment eindeutig �berwog. Dann erblickte er die Polizeiuniform, die Mogens trug, und ein fragender Ausdruck machte sich auf seinen Z�gen breit.</p><p>�Also wirklich, Thomas - du musst dir schon etwas Besseres ausdenken, wenn du eine arme alte Frau wie mich auf den Arm nehmen willst�, sagte Miss Preussler gerade. �Auch wenn ich...� Sie brach mitten im Wort ab, denn sie hatte sich im Reden umgedreht und just in diesem Moment Mogens und Graves entdeckt. �Professor! Doktor Graves!�, rief sie erfreut. �Sie sind zur�ck! Wie wunderbar!� Dann brach sie abermals ab und runzelte tief die Stirn. �Professor VanAndt! Haben Sie eine neue Anstellung gefunden?�</p><p>Im allerersten Moment verstand Mogens die Frage nicht, aber dann gewahrte er das am�sierte Funkeln in Miss Preusslers Augen, und er musste nicht an sich hinabsehen, um dessen Grund zu erraten. In der verwaschenen Polizistenkluft, die Wilson ihm gegeben hatte, musste er absolut l�cherlich aussehen. Sowohl Hosenbeine als auch Hemds�rmel waren ein geh�riges St�ck zu kurz, doch wie zum Ausgleich waren ihm beide Kleidungsst�cke um gleich mehrere Nummern zu weit.</p><p>�Meine eigenen Kleider waren ein wenig mitgenommen�, sagte er mit einem verlegenen L�cheln. �Sheriff Wilson war so gro�z�gig, mir diese Uniform zu borgen. Das erschien mir doch etwas schicklicher, als nur in eine Wolldecke geh�llt zur�ckzukommen.�</p><p>Die Worte hatten unverf�nglich klingen sollen, aber sie schienen ihre Absicht wohl zu verfehlen, denn das L�cheln wich schlagartig sowohl aus ihrem Gesicht als auch aus ihren Augen. �Es ist doch alles in Ordnung?�, fragte sie besorgt.</p><p>Graves kam Mogens' Antwort zuvor. �Selbstverst�ndlich�, sagte er rasch. �Der gute Professor war einfach nur ein wenig tollpatschig. Offensichtlich hat er vergessen, dass wir hier nicht an der Universit�t von Thompson sind oder in Ihrem wundersch�nen Haus, sondern mitten in der Wildnis. Aber keine Sorge - er selbst hat dieses Erlebnis weitaus besser �berstanden als seine Kleider.� Er grinste breit in Mogens' Richtung, aber in diesem scheinbar schadenfrohen Grienen verbarg sich zugleich ein fast beschw�render Blick, ja bei dieser Version zu bleiben.</p><p>�Ich bin ja so froh, dass Ihnen nichts zugesto�en ist�, sagte Miss Preussler. �Ich habe mir solche Vorw�rfe gemacht, Sie mitten in der Nacht in den Wald hinausgejagt zu haben, und das nur wegen einer Katze!�</p><p><emphasis>Nur wegen einer Katze?, </emphasis>wiederholte Mogens �berrascht in Gedanken. Cleopatra war f�r Miss Preussler weitaus mehr als nur eine Katze!</p><p>�Es ist ja nichts passiert�, antwortete er unsicher. �Nur Cleopatra...�</p><p>�Sie wird ganz gewiss wieder auftauchen, machen Sie sich keine Sorgen, Miss Preussler�, mischte sich Graves ein. �Tom wird nachher nach ihr suchen. Ich hoffe doch, Sie waren zufrieden mit dem, was er Ihnen bisher gezeigt hat?�</p><p>F�r die Dauer eines Atemzuges blitzte erneut ein schwaches Misstrauen in Miss Preusslers Augen auf, und Mogens war nahezu sicher, dass sie Graves' Absicht durchschaut hatte, sie von diesem Thema abzubringen; noch dazu auf so plumpe Art. Dann aber nickte sie nur umso heftiger. �Oh, sicher�, sagte sie. �Ihr junger Assistent ist ein ganz ausgezeichneter Fremdenf�hrer. Aber er ist auch ein Schalk, das muss ich Ihnen einmal sagen.�</p><p>�So?�, fragte Graves. Er l�chelte, aber der Blick, den er Tom dabei aus den Augenwinkeln zuwarf, war eisig. M�glicherweise drohend.</p><p>Miss Preussler nickte eifrig. �Ja, stellen Sie sich vor, er wollte mir doch tats�chlich weismachen, dass dieser heidnische Tempel mehr als f�nftausend Jahre alt ist. Er war sehr �berzeugend, das muss ich ihm lassen, aber am Schluss habe ich dann doch gemerkt, dass er sich nur einen Scherz mit mir erlauben wollte.� Sie drohte Tom spielerisch mit dem Zeigefinger. �F�nftausend Jahre! Wo doch jedermann wei�, dass die Welt gerade einmal viertausend Jahre alt ist!�</p><p>Graves tauschte einen verbl�fften Blick mit Mogens, der seinerseits versuchte, ihm mit den Augen eine Warnung zukommen zu lassen, aber Graves konnte oder wollte ihn nicht verstehen. �Viertausend Jahre, Miss Preussler?� Er sch�ttelte den Kopf. �Ich f�rchte, Sie tun dem armen Tom Unrecht. Er wollte Sie keineswegs auf den Arm nehmen. Im Gegenteil. Wir sind noch nicht ganz fertig mit unserer Arbeit, aber es k�nnte durchaus sein, dass das alles hier noch deutlich �lter ist als f�nftausend Jahre. M�glicherweise doppelt so alt.�</p><p>�Humbug!� Miss Preussler funkelte Graves �rgerlich an. �Es ist eine Tatsache, dass die Welt keinen Tag �lter ist als viertausend Jahre! Sie m�gen ein guter Wissenschaftler sein, Doktor Graves, doch mir scheint, Sie sollten vielleicht etwas mehr Zeit auf das Studium der Schrift verwenden.�</p><p>�Der... Schrift?�, wiederholte Graves.</p><p>�Die Bibel, Doktor Graves�, erkl�rte Miss Preussler. �H�tten Sie es getan, w�ssten Sie, was f�r einen Unsinn Sie reden. Reverend Fredericks hat es mir genau erkl�rt.�</p><p>�Reverend Fredericks?�</p><p>Mogens fing einen verwirrten Blick von Tom auf, aber er reagierte nicht darauf, sondern drehte sich fast hastig weg, damit weder Tom noch Graves das schadenfrohe Grinsen sahen, das sich auf seinen Z�gen breit machen wollte. Er hatte Graves warnen wollen, aber dieser hatte ja nicht geh�rt. Mogens wusste, was nun geschehen w�rde.</p><p>�Reverend Fredericks!�, best�tigte Miss Preussler kampflustig. �Es steht alles geschrieben, Doktor Graves. Sie brauchen nur die Stammb�ume derer zur�ckverfolgen, die zur Zeit unseres Heilands gelebt haben, und Sie erhalten genau diese Zahl. Das ist eine ganz einfache Rechenaufgabe. Man muss nur genau hinsehen.� Sowohl ihr Blick als auch ihre Tonlage wurden ganz eindeutig triumphierend. �Das ist wohl selbst nach Ihrer Definition eine <emphasis>rein wissenschaftliche </emphasis>Methode, will ich meinen.�</p><p>Graves wirkte jetzt eindeutig mehr als nur ein wenig verst�rt, aber er war klug genug, Miss Preussler nicht mehr zu widersprechen. �Nun ja, das ist... eine interessante Theorie�, sagte er z�gernd. �Vielleicht sollten wir sie zu gegebener Zeit in unsere Arbeit mit einbeziehen.�</p><p>�Wann ist denn die <emphasis>gegebene Zeit, </emphasis>das Wort unseres Herrn in die Arbeit <emphasis>mit einzubeziehen?</emphasis>�, fragte Miss Preussler spitz.</p><p>�Sicherlich bald�, antwortete Mogens an Graves' Stelle. �Aber im Moment haben wir ein paar andere Dinge zu besprechen.� Er war sich durchaus der Gefahr bewusst, sich durch diese �u�erung seinerseits Miss Preusslers heiligen Zorn zuzuziehen, aber wenn er das Thema nicht gewaltsam abw�rgte, konnte es gut sein, dass sie Graves in eine theologische Grundsatzdiskussion verstrickte, die Stunden dauerte. So lange es um ihn, Mogens, ging, hatte sie ihre religi�sen Grunds�tze ihrem Jagdinstinkt geopfert, doch daf�r legte sie bei anderen einen nur um so gr��eren missionarischen Eifer an den Tag; vielleicht um vor sich selbst Bu�e f�r diese Verfehlung zu tun.</p><p>�Andere Dinge?�, fragte Miss Preussler auch prompt.</p><p>�Wie es hier weitergeht�, sprang Graves ein. Er deutete auf Mogens. �Nachdem die ungl�ckselige Miss Hyams und die beiden anderen uns verlassen haben, m�ssen wir die ganze Arbeit allein erledigen. Das muss gut �berlegt werden und vor allem sorgsam geplant und organisiert. Das verstehen Sie doch sicher.�</p><p>Miss Preussler blinzelte. �Sie haben es ihm noch nicht gesagt, Professor?�</p><p>�Ich... habe mich anders entschieden, Miss Preussler�, antwortete Mogens z�gernd. �Ich bleibe hier. Wenigstens noch f�r einige Tage.�</p><p>�Das freut mich�, antwortete Miss Preussler. �Um ehrlich zu sein, hatte ich schon ein ganz schlechtes Gewissen Doktor Graves gegen�ber. Ich hatte Angst, Sie w�rden nur meinetwegen abreisen wollen.�</p><p>�Das hat mit Ihnen nicht das Geringste zu tun�, versicherte Mogens. �Ich hatte private Gr�nde. Aber ich habe mich mit Doktor Graves ausgesprochen, und er hat mich �berzeugt. Ich kann ihn nicht auch noch im Stich lassen, nun, wo die anderen fort sind.�</p><p>�Hat man die arme Miss Hyams gefunden?�, fragte Miss Preussler.</p><p>�Bisher nicht�, antwortete Mogens.</p><p>�Aber Sheriff Wilson ist ein f�higer Mann�, f�gte Graves hinzu. �Wenn sie noch am Leben ist, dann wird er sie finden.�</p><p>�Ich dachte, Sie m�gen ihn nicht.�</p><p>�Sheriff Wilson und ich sind keine Freunde, das ist richtig�, antwortete Graves. �Doch das bedeutet nicht, dass ich prinzipiell an seinen F�higkeiten zweifle. Wilson wird alles in seiner Macht Stehende tun.� Er atmete h�rbar ein. �Aber nun m�ssen wir gehen. Tom kann Sie zu einem sp�teren Zeitpunkt gern weiter herumf�hren, aber im Augenblick ist unsere Zeit ein wenig knapp, f�rchte ich.�</p><p>Miss Preussler war ein bisschen beleidigt, aber sie gab sich M�he, sich nichts anmerken zu lassen. �Sicher�, sagte sie verschnupft.</p><p>�Tom wird Sie zur�ckbringen�, fuhr Graves fort. �Professor VanAndt und ich haben hier noch ein paar Dinge zu erledigen. Aber wir kommen nach, so schnell es uns m�glich ist.�</p><p>�Sicher�, antwortete Miss Preussler k�hl. �Thomas?�</p><p>Tom beeilte sich, Miss Preussler nach drau�en zu f�hren, und Graves sah ihnen wortlos nach, bis sie verschwunden waren. Dann drehte er sich kopfsch�ttelnd wieder zu Mogens um. �Ich nehme alles zur�ck, was ich �ber dich gesagt habe, Mogens. Du hast dich nicht in ein Loch verkrochen. Du warst in der H�lle.�</p><p>�Miss Preussler hat ihre Qualit�ten�, sagte Mogens.</p><p>�Man muss nur lange genug danach suchen, wie?�, fragte Graves h�hnisch.</p><p>Mogens ignorierte ihn. �Wir m�ssen sie von hier fortschaffen�, sagte er. �Ich m�chte nicht, dass ihr etwas geschieht.�</p><p>�Was liegt dir an dieser Frau?�, fragte Graves verwirrt. �Wie ich das sehe, bist du ihr nichts schuldig.�</p><p>�Das mag sein�, antwortete Mogens. �Trotzdem w�rde ich es mir nie verzeihen, wenn ihr etwas zustie�e.�</p><p>Wieder schwieg Graves eine ganze Weile, w�hrend der er Mogens so nachdenklich ansah, dass sich dieser verwirrt fragte, was er eigentlich gerade gesagt hatte. Er sch�ttelte den Gedanken mit einer merklichen Anstrengung ab. �Ging es dir nun darum, Miss Preussler los zu werden, oder wolltest du tats�chlich etwas mit mir besprechen?�</p><p>Statt ihm zu antworten, trat Graves in die Wandnische und �ffnete die Geheimt�r, indem er den Kopf der Horusstatue umdrehte. Die Steinplatte bewegte sich knirschend zur Seite, und Mogens wartete darauf, dass sich aus dem Gang, der dahinter zum Vorschein kam, Schatten ergossen wie eine Flut klumpig geronnener Dunkelheit. Stattdessen drang aus dem schmalen Durchgang hellgelbes, warmes Licht.</p><p>�Ich habe Tom gebeten, noch ein paar zus�tzliche Lampen zu installieren�, sagte Graves, als er Mogens' Erstaunen bemerkte.</p><p>�Wozu?�, fragte Mogens.</p><p>�Ich hatte den Eindruck, dass dir das Dunkel nicht behagt�, antwortete Graves. �Und es ist auch weniger gef�hrlich. Tom hat den Gang zuverl�ssig abgest�tzt, keine Sorge, aber es sind doch einige Tr�mmerst�cke von der Decke gefallen. Ich m�chte nicht, dass du zu Schaden kommst.�</p><p>�Diese Gefahr besteht wohl kaum�, antwortete Mogens. Er sah Graves �rgerlich an. �Ich werde nicht dort hineingehen.�</p><p>�Aber ich dachte, wir w�ren uns einig�, sagte Graves �berrascht.</p><p>�Dass ich dir helfe, ja�, antwortete Mogens. Er machte eine trotzige Kopfbewegung in den Gang. �Aber nicht <emphasis>dabei.�</emphasis></p><p>Die Verwirrung in Graves' Gesicht nahm noch zu. �Aber du...� Er unterbrach sich, sch�ttelte sacht den Kopf und nickte gleich darauf. �Oh, jetzt verstehe ich. Aber das eine geht nicht ohne das andere, f�rchte ich. Anscheinend habe ich mich immer noch nicht klar genug ausgedr�ckt. Ich glaube, wir sind der L�sung ganz nahe. Wir brauchen Beweise, Mogens.� Er wies mit der Hand in den offen stehenden Geheimgang. �Und sie sind dort drinnen. Aber du bist der Einzige, der mir helfen kann, sie zu finden.�</p><p>�Nein�, sagte Mogens.</p><p>Graves' Gesicht verd�sterte sich vor Zorn. Aber er beherrschte sich, auch wenn es ihn sichtliche Anstrengung kostete. �Ich hoffe, du �berdenkst diesen Entschluss noch einmal�, sagte er steif.</p><p>�Kaum�, antwortete Mogens. �Und jetzt w�re ich dir dankbar, wenn wir gehen k�nnten. Ich w�rde gerne diese albernen Kleider ablegen.�</p></section><section><title><p id="_24">24.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Bis zu diesem Tage hatte sich der Speiseplan des Lagers auf ein ausgiebiges Fr�hst�ck und ein noch ausgiebigeres Abendessen beschr�nkt, die Mogens und seine Kollegen jeder f�r sich in seiner jeweiligen Unterkunft eingenommen hatten; zum einen, wie Mogens angenommen hatte, um Zeit zu sparen - der Hin- und R�ckweg in den unterirdischen Tempel nahm jedes Mal nahezu eine Viertelstunde in Anspruch, und Tom hielt sich eisern an den Zeitplan, den Graves f�r den Betrieb des Generators aufgestellt hatte -, aber haupts�chlich wohl, weil es selbst Toms an Zauberei grenzende F�higkeiten �berfordert h�tte, neben den unz�hligen Arbeiten, die er schon zu verrichten hatte, nicht nur auch noch eine dritte warme Mahlzeit t�glich zuzubereiten, sondern sie auch in f�nf getrennten Unterk�nften aufzutragen.</p><p>Das Fr�hst�ck hatte an diesem Tag f�r Mogens jedoch lediglich aus zwei Tassen des lauwarmen bitteren Gebr�us bestanden, von dem Wilson behauptet hatte, es handele sich um Kaffee, und so sa� Mogens gegen Mittag mit leise knurrendem Magen und entsprechend gesunkener Laune �ber seinen B�chern, als von drau�en ein nerv�ses metallisches Klingeln hereindrang; fast wie ein Gong, nur blecherner.</p><p>Mogens sah von seiner Lekt�re auf und blickte zur T�r, ohne dem Laut indes einen Sinn abgewinnen zu k�nnen. Seine Ver�rgerung galt nicht allein der St�rung seiner Konzentration, sondern viel mehr sich selbst. Er sa� jetzt seit guten zwei, wenn nicht mehr Stunden �ber den B�chern, die Graves aus der Universit�tsbibliothek von Arkham mitgebracht hatte, und versuchte vergebens, den Buchstaben und Zeichnungen irgendeinen Sinn abzugewinnen.</p><p>Nat�rlich verstand er die <emphasis>Worte. </emphasis>Er vermochte sie zu S�tzen aneinander zu reihen und deren Sinn zu erfassen, aber das viel tiefer gehende, fast mystische Verst�ndnis f�r die in den vermeintlich harmlosen Worten verborgene, unheimliche Botschaft wollte sich nicht mehr einstellen. Das d�stere Geheimnis, das sich ihm zuvor beim Lesen der uralten Schriften erschlossen hatte, war verschwunden. Das Buch hatte aufgeh�rt, mit ihm zu reden.</p><p>Vielleicht hatte er auch einfach aufgeh�rt, ihm zuzuh�ren.</p><p>Mogens war im Zweifel mit sich selbst. Mit jedem Moment, der verging, war er sicherer, dass es ein Fehler gewesen war, auf Graves zu h�ren und zu bleiben. Graves' Argumente waren zwingend; es gab nichts, was er dagegen sagen konnte, nichts was <emphasis>daf�r </emphasis>sprach, nicht hier zu bleiben und das R�tsel jener unheimlichen Kreaturen zu l�sen, die Janice get�tet und sein Leben in einen Scherbenhaufen verwandelt hatten. Und doch: Tief drinnen in ihm war eine leise, dr�ngende Stimme, die ihm beharrlich zufl�sterte, dass er hier weg musste, dass Graves ihm trotz allem noch immer nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte und dass es da noch ein weiteres, viel gef�hrlicheres Geheimnis gab. Und dass er in Gefahr war, einer schrecklichen Gefahr, die mit jedem Moment gr��er wurde, wenn er blieb. Es war nicht nur ein Gef�hl. Es war ein absolutes, tief verwurzeltes Wissen, das keine Begr�ndung brauchte. Etwas lauerte dort unten, hinter der verschlossenen T�r.</p><p>Unabh�ngig davon war sich Mogens des Umstandes bewusst, dass er Graves gegen�ber alles andere als objektiv war. Mit dem, was Graves ihm am Morgen offenbart hatte, hatte er ihn quasi �berrumpelt, aber mit jeder Minute, die verstrich, erwachte Mogens' Misstrauen weiter. Es spielte keine Rolle, ob er Graves' Verhalten fair beurteilte oder nicht. Die Wahrheit war: Er <emphasis>wollte </emphasis>ihm gegen�ber nicht Gerechtigkeit walten lassen. Etwas in ihm hatte regelrecht Angst vor dem Augenblick, in dem er vielleicht zugeben musste, im Unrecht gewesen zu sein. Graves hatte sich in einem Punkt geirrt: W�hrend der letzten neun Jahre war es nicht nur der Schmerz um Janice gewesen, der ihm die Kraft zum Weiterleben gegeben hatte, sondern mindestens in gleichem Ma�e auch sein Hass auf Jonathan Graves. Er war nicht bereit, ihn auch noch aufzugeben.</p><p>Das Scheppern wiederholte sich, und es klang diesmal eindeutig ungeduldiger, fast zornig. Mogens warf noch einen letzten, abschlie�enden Blick in den aufgeschlagenen Folianten - mittlerweile weigerten sich selbst die Buchstaben, einen Sinn zu ergeben, sondern reihten sich vor seinen Augen zu einer Kette wirrer Zeichen und Symbole, die sich auf unheimliche Weise zu bewegen begannen, wenn er sie zu lange anblickte -, sah die Sinnlosigkeit seines Tuns endlich ein und klappte das Buch endg�ltig zu. Vielleicht erwartete er einfach zu viel von sich selbst. Immerhin hatte er heute Dinge erfahren, die nicht nur die letzten neun Jahre seines Lebens in einem vollkommen anderen Licht erscheinen lie�en, sondern auch sein gesamtes Weltbild ins Wanken brachten. Glaubte er tats�chlich, dies alles mit einem Achselzucken abtun und zur Tagesordnung �bergehen zu k�nnen, als w�re nichts passiert?</p><p>Die Antwort auf diese Frage war ein ganz eindeutiges <emphasis>Ja, </emphasis>aber die Vorstellung war zugleich auch so absurd, dass er �ber sich selbst den Kopf sch�ttelte, w�hrend er das Buch an seinen angestammten Platz auf dem Regal zur�ckstellte und zur T�r ging.</p><p>Das Scheppern und Klingen ert�nte zum dritten Mal, als Mogens die T�r �ffnete, und als er aus dem Haus trat und in das ihm nach Stunden angestrengten Lesens im Halbdunkel seiner H�tte als glei�end hell erscheinende Sonnenlicht blinzelte, bot sich ihm ein Anblick, der ebenso verbl�ffend wie komisch war: Miss Preussler stand, mit Kittelsch�rze und H�ubchen bewaffnet, auf den Stufen ihres Hauses und hielt einen gro�en Kochtopfdeckel am ausgestreckten rechten Arm. Ihre andere Hand hielt eine ebenso gro�formatige Sch�pfkelle, mit der sie fr�hlich auf selbigen einschlug.</p><p>Mogens war nicht der Einzige, den der L�rm neugierig gemacht hatte. Beinahe gleichzeitig mit ihm trat auch Graves aus dem Haus. Selbst �ber die gro�e Entfernung hinweg glaubte Mogens den ver�rgerten Ausdruck auf seinem Gesicht zu erkennen.</p><p>�Was ist denn da los?�, raunzte er. �Was soll dieser infernalische L�rm, Miss Preussler?�</p><p>Miss Preussler schlug fr�hlich noch zweimal mit dem Sch�pfl�ffel gegen ihren improvisierten Gong. �Das Essen ist fertig�, rief sie. �Wo bleiben Sie denn?�</p><p>�Essen?� Graves wiederholte das Wort, als k�nne er nicht wirklich etwas damit anfangen.</p><p>�Es ist Mittagszeit, Doktor�, antwortete Miss Preussler. �Also kommen Sie bitte, bevor alles kalt wird.�</p><p>Damit verschwand sie wieder im Haus, und die T�r fiel hinter ihr zu. Graves warf Mogens einen fast hilflosen Blick zu, auf den dieser aber nur mit einem knappen Achselzucken reagierte, bevor er wieder ins Haus zur�cktrat, um sich die H�nde zu waschen und ein frisches Hemd anzuziehen; es war das letzte, das er in seinem Koffer fand. Sein Magen knurrte wieder, als h�tten Miss Preusslers Worte jeden seiner K�rperteile einzeln daran erinnert, dass er heute noch nichts zu sich genommen hatte, und ihre lautstarke Einladung zum Essen kam Mogens nur recht. Er w�re ihr allerdings auch gefolgt, wenn er nicht hungrig gewesen w�re. Sich einer Einladung Miss Preusslers zum Essen entziehen zu wollen, war ein hoffnungsloses Unterfangen. Zum Abschluss trat er noch einmal an den fleckigen Spiegel �ber dem Waschbecken heran, nur um sicherzugehen, dass sein �u�eres Miss Preusslers gestrengen Blicken auch standhalten w�rde.</p><p>Der Blick in den Spiegel war... unheimlich. Die blinden Stellen und zahllosen Kratzer und Schrammen nahmen seiner Physiognomie jegliche Vertrautheit, aber sie machten sie nicht wirklich zu der eines Fremden, sondern lie�en sie auf eine d�stere Weise <emphasis>falsch </emphasis>erscheinen, so wie ein menschliches Gesicht niemals aussehen sollte. Es war nicht einmal wirklich erschreckend, aber Mogens musste pl�tzlich wieder an das denken, was Graves ihm am Morgen erz�hlt hatte, �ber die Dinge, die Menschen niemals sehen sollten, und das <emphasis>machte </emphasis>ihm Angst. Sein Herz begann schneller zu schlagen, und er war nicht einmal �berrascht, als die Schatten hinter seinem Spiegelbild zu scheinbarem Leben zu erwachen begannen.</p><p>Mogens gestattete den abstrusen Ausgeburten seines Unterbewusstseins nicht, sich zu materialisieren, sondern dr�ngte sie mit einer bewussten Willensanstrengung zur�ck und verlie� mit schnellen Schritten das Haus. Als er die Stelle passierte, an der der Spiegel ihm die t�nzelnden Schatten vorgegaukelt hatte, vermeinte er etwas wie einen eisigen Hauch zu sp�ren, der seine Seele streifte. Mogens unterdr�ckte das Fr�steln, das �ber seinen R�cken laufen wollte, und erteilte sich selbst in Gedanken eine weitere R�ge. Sich der Tatsache bewusst zu sein, dass er sich in einer au�ergew�hnlichen Gem�tsverfassung befand, gab seiner Fantasie noch lange nicht das Recht, derart �ber die Str�nge zu schlagen.</p><p>Obwohl er sich beeilt hatte, kam er als Letzter an. Tom hatte bereits am Tisch Platz genommen, w�hrend Graves zwei Schritte daneben stand und irgendwie hilflos wirkte, um nicht zu sagen, deplatziert. Ebenso wie Tom trug er die gleichen Kleider wie am Morgen. Miss Preussler goutierte den Umstand, dass Mogens sich - wenn auch als Einziger - zum Essen umgezogen hatte, mit einem dankbaren L�cheln, fragte aber trotzdem in prophylaktisch-missbilligendem Ton: �Sie haben sich doch hoffentlich die H�nde gewaschen, Professor?�</p><p>Ihr verstohlenes Blinzeln entging Mogens so wenig wie das m�hsam unterdr�ckte Funkeln in ihren Augen, aber er beschloss, das Spiel mitzumachen und streckte gehorsam die H�nde aus, sodass Miss Preussler seine Fingern�gel begutachten konnte.</p><p>�So ist es gut�, sagte sie zufrieden. �Bei all diesen alten B�chern wei� man ja nie, wer sie vorher angefasst hat und welche Krankheiten er wom�glich gehabt hat!� Sie deutete auf den Tisch. �Setzen Sie sich, Professor. Und was ist mit Ihnen, Doktor Graves?�</p><p>Mogens h�tte fast laut aufgelacht, als er sah, dass Graves ganz automatisch auf seine schwarzen Handschuhe hinabsah, bevor er sich in ein reichlich verungl�cktes L�cheln rettete. �Miss Preussler, wir... essen hier eigentlich nicht zu Mittag.�</p><p>�Ja, so habe ich mir das gedacht�, sagte Miss Preussler. �Aber mit dieser halb garen M�nnerwirtschaft ist ab sofort Schluss. Ich glaube, es war h�chste Zeit, dass hier endlich eine Frau nach dem Rechten sieht. Wissen Sie denn nicht, wie wichtig eine regelm��ige Ern�hrung ist, Doktor?�</p><p>�Ihre Sorge in Ehren, Miss Preussler�, sagte Graves in nun leicht ungeduldigem Ton. �Aber f�r so etwas haben wir keine Zeit.�</p><p>�Humbug!�, fuhr ihm Miss Preussler �ber den Mund. �Essen und Trinken h�lt Leib und Seele zusammen, und ein leerer Bauch studiert nicht gern, oder etwa nicht?� Sie wedelte unwillig in Richtung Tisch. �Jetzt setzen Sie sich schon und fangen an zu essen. Oder wollen Sie mich beleidigen?�</p><p>Mogens sp�rte, wie irgendetwas hinter Graves' noch immer halbwegs beherrschter Fassade umzukippen drohte. W�hrend er seinen Teller heranzog und nach dem Besteck griff, sagte er rasch: �Aber Miss Preussler! Haben Sie vergessen, dass Doktor Graves nur gewisse Nahrungsmittel zu sich nehmen darf?�</p><p>�Oh�, sagte Miss Preussler betroffen. Sie hatte es vergessen. Aber sie fing sich sofort wieder. �Wenn Sie mir die Zutaten Ihrer speziellen Di�t nennen, k�mmere ich mich gerne auch darum.�</p><p>�Nein, danke�, sagte Graves eisig. �Ich gehe zur�ck an meine Arbeit. Und ich w�re Ihnen dankbar, wenn Sie sich ebenfalls ein wenig beeilen w�rden, meine Herren.�</p><p>Er ging. Tom wollte sich unverz�glich erheben und ihm nacheilen, erstarrte aber dann mitten in der Bewegung, als ihn ein eisiger Blick aus Miss Preusslers Augen traf. �Und unterstehe dich, etwa zu schlingen, Thomas�, sagte sie streng. �Eine zu hastig gegessene Mahlzeit ist fast ebenso sch�dlich wie eine ausgelassene!�</p><p>Tom verdrehte die Augen, war aber zugleich auch klug genug, nicht zu widersprechen. Mogens grinste. Allerdings nur, solange Miss Preussler nicht in seine Richtung sah.</p><p>Zumindest war es die Mahlzeit wert, Miss Preusslers Vorhaltungen zu ertragen. Mogens hatte seine Zimmerwirtin schon immer als gute K�chin gesch�tzt, aber heute hatte sie sich selbst �bertroffen. Er vertilgte nicht nur die Portion, die er schon auf seinem Teller vorgefunden hatte, sondern auch noch eine zweite, und er h�tte sich vermutlich auch noch ein weiteres Mal nachgenommen, h�tte Tom ihn nicht immer verwirrter - und auch ein bisschen vorwurfsvoll - angesehen. Er selbst hatte nur lustlos auf seinem Teller herumgestochert und kaum etwas zu sich genommen.</p><p>�Nimm es mir nicht �bel, Tom�, sagte Mogens mit vollem Mund. �Nichts gegen deine Kochk�nste, aber Miss Preusslers K�che ist nun einmal etwas ganz Besonderes.�</p><p>Tom runzelte die Stirn. Er <emphasis>war </emphasis>beleidigt. Mogens lie� es dabei bewenden, trank zum Abschluss noch eine Tasse starken schwarzen Kaffee und stand schlie�lich auf. �Das war wirklich ganz ausgezeichnet, Miss Preussler. Aber nun muss ich mich leider verabschieden. Ich f�rchte, Doktor Graves hat Recht: Wir haben wirklich sehr viel zu tun.�</p><p>�Gehen Sie ruhig, Professor�, antwortete Miss Preussler. Sie sah sich demonstrativ um und f�gte seufzend hinzu: �Ich habe auch noch reichlich Arbeit hier.�</p><p>Mogens fragte sich zwar im Stillen, was sie meinen k�nnte - denn abgesehen von den unvermeidbaren Spuren, die das Zubereiten der Mahlzeit hinterlassen hatte, war es hier drinnen so sauber, dass man buchst�blich vom Boden essen konnte -, aber er stellte vorsichtshalber die Frage nicht laut. Das Ergebnis w�re ohnehin nur eine spitze Bemerkung oder ein endloser Vortrag �ber die Unvereinbarkeit der Begriffe M�nner und <emphasis>Ordnung </emphasis>gewesen; oder wahrscheinlich beides. Er forderte Tom nur mit einem Kopfnicken auf, ihm zu folgen, und verlie� das Haus.</p><p>Tom wollte sich unverz�glich in Richtung seiner Unterkunft entfernen, aber Mogens hielt ihn mit einer schnellen Bewegung zur�ck. �Einen Moment, Tom.�</p><p>Tom blieb gehorsam stehen, aber er tat es auch ebenso un�bersehbar widerwillig, und er blickte so anklagend auf die Hand hinab, die ihn festhielt, dass Mogens den Arm hastig zur�ckzog. �Ja?�</p><p>�Das gerade war nicht so gemeint, Tom�, sagte er. �Ich bin von allen hier am meisten erleichtert, wenn sie endlich wieder weg ist. Aber glaub mir, Tom, es ist nicht besonders klug, Miss Preusslers Unmut zu erregen.�</p><p>Tom nickte. Er sagte nichts. Im ersten Moment kam Mogens seine Verstocktheit geradezu kindisch vor, aber dann f�hrte er sich vor Augen, dass Tom genau das war: ein Kind. Statt weiter auf das Thema einzugehen und es damit allerh�chstem noch schlimmer zu machen, sagte er: �Wir m�ssen sie von hier wegbringen, Tom. Am liebsten w�re mir, heute noch.�</p><p>�Das wird nicht gehen�, antwortete Tom. �Sheriff Wilson hat verboten, dass irgendjemand das Lager verl�sst, bevor der Unfall nicht restlos aufgekl�rt ist.�</p><p>�Aber das ist er doch�, sagte Mogens mit geschauspielerter Verwunderung. �Oder etwa nicht?�</p><p>Tom zog die Unterlippe zwischen die Z�hne und starrte an ihm vorbei ins Nichts. Er schwieg.</p><p>�Ich meine: F�r den Sheriff m�sste die Sache ganz klar sein�, fuhr Mogens fort. �Mercer war betrunken. Jedermann wei�, dass er praktisch immer betrunken war. Dazu noch das schlechte Wetter. Bei diesem h�llischen Gewittersturm w�re es selbst einem n�chternen Fahrer nicht leicht gefallen, den Wagen auf der Stra�e zu halten. Kein Wunder, dass Mercer die Gewalt �ber das Steuer verloren hat.�</p><p>�Ja, so muss es wohl gewesen sein�, antwortete Tom, noch immer ohne ihn anzublicken.</p><p>�Zumindest f�r Wilson.�</p><p>Tom sah erschrocken hoch und senkte dann hastig wieder den Blick. Er sah aus, als w�nsche er sich weit weg.</p><p>�Nur, dass Mercer gar nicht betrunken war�, fuhr Mogens fort, �jedenfalls nicht mehr als sonst. Und dass sie mindestens eine Stunde vor dem Unwetter losgefahren sind. Bis zu der Stelle, an der sie von der Stra�e abgekommen sind, haben sie allerh�chstem f�nf Minuten gebraucht.� Er hielt Tom bei diesen Worten aufmerksam im Auge, aber der Junge starrte nur weiter blicklos ins Leere.</p><p>�Graves hat mir alles erz�hlt�, sagte er gerade heraus.</p><p>Tom schrak nun doch ein wenig zusammen, und Mogens fuhr rasch und mit einem beruhigenden Kopfsch�tteln fort: �Ich bin dir nicht b�se, Tom. Ich bin sicher, du hast mich nicht freiwillig angelogen.�</p><p>�Doktor Graves hat es von mir verlangt�, sagte Tom leise. Wieder wich er Mogens' Blick aus, wenn auch jetzt wohl aus vollends anderen Gr�nden.</p><p>�Ich wei߫, antwortete Mogens. �Das hat er mir ebenfalls gesagt.� Er l�chelte, um die Situation ein wenig zu entspannen. �Und ich muss schon sagen, deine Erkl�rung war so �berzeugend, dass ich sie tats�chlich geglaubt habe.�</p><p>�Das war nicht meine Idee�, antwortete Tom.</p><p>�Graves?�</p><p>Tom nickte, und Mogens sp�rte ein rasches Aufwallen von fast bizarrer Wut. W�re diese Erkl�rung von Tom gekommen, h�tte er sie bewundert, da sie jedoch von Graves kam, �rgerte sie ihn ungemein.</p><p>�Du warst trotzdem gut�, sagte er nach einer winzigen Pause, und auch nicht in vollkommen �berzeugendem Ton. �Und ich sage es noch einmal: Ich bin dir nicht b�se. Ich kenne Doktor Graves schon eine Weile l�nger als du. Ich wei�, dass er sehr... <emphasis>�berzeugend </emphasis>sein kann, wenn er etwas wirklich will.� Er machte eine Kopfbewegung zum anderen Ende des Lagers hin. �Komm mit, Tom. Gehen wir ein St�ck.�</p><p>�Doktor Graves...�, begann Tom unsicher.</p><p>�Das geht schon in Ordnung�, unterbrach ihn Mogens. �Ich m�chte, dass du mir ein wenig �ber dich erz�hlst.�</p><p>��ber mich?� Tom wirkte regelrecht erschrocken.</p><p>Mogens nickte, aber er setzte sich auch in Bewegung und ging langsam los, sodass Tom ihm wohl oder �bel folgen musste, bevor er antwortete. �Doktor Graves hat mir erz�hlt, wie ihr euch kennen gelernt habt.�</p><p>Diesmal fuhr Tom mehr als nur ein wenig zusammen. In seinen Augen flammte Panik auf. �Er...?�</p><p>�Diese... <emphasis>Kreaturen </emphasis>haben deine Eltern get�tet, nicht wahr?�, fragte Mogens rasch. Er verbesserte sich. �Deine Adoptiveltern.�</p><p>�Sie <emphasis>waren </emphasis>meine Eltern�, antwortete Tom. Er wirkte verwirrt, beinahe verst�rt, als h�tte er etwas g�nzlich anderes erwartet. �Jedenfalls f�r mich.�</p><p>�Du musst nicht dar�ber reden, wenn du nicht willst�, sagte Mogens. �Ich kann mir vorstellen, dass es dir schwer f�llt.�</p><p>Sie legten vier oder f�nf Schritte zur�ck, bevor Tom antwortete, und als er es tat, da war seine Stimme auf fast unheimliche Weise ver�ndert. Er sah abwechselnd Mogens und die Barriere aus nahezu undurchdringlichem Dickicht an, auf die sie sich langsam zubewegten, aber seine Augen schienen etwas vollkommen anderes zu sehen. �Niemand hat mir geglaubt�, sagte er. �Ich habe <emphasis>sie </emphasis>gesehen, und ich habe es allen erz�hlt, aber niemand hat mir geglaubt.� Vielleicht war es ein bitteres Lachen, das Mogens h�rte, vielleicht auch ein unterdr�cktes Schluchzen, als ihn die Erinnerung zu �bermannen drohte. Mogens hatte ein schlechtes Gewissen, dem Jungen diese Qualen zuzumuten, aber er hatte mehr denn je das Gef�hl, dass es wichtig war, alles zu erfahren und nicht nur das, was Graves ihm verraten <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>�Erz�hl einfach, Tom�, bat er. �Und h�r auf, wenn es zu schlimm wird.� Als ob er das k�nnte! Mogens hatte zu viele eigene und schmerzhafte Erfahrungen im Erz�hlen schlimmer Geschichten, um nicht zu wissen, dass es unm�glich war, aufzuh�ren, wenn man erst einmal die Kraft aufgebracht hatte, anzufangen.</p><p>�Wir haben ganz hier in der N�he gelebt�, begann Tom. �Gleich auf der andern Seite des Friedhofs. Meine Eltern hatten dort 'ne kleine Farm. Heute gibt es sie nicht mehr. Sie ist verfallen, nachdem niemand mehr dort gelebt hat, und irgendwann ist Feuer ausgebrochen. Was �brig geblieben ist, hat sich der Sumpf geholt. Aber damals haben wir hier gelebt, und es war 'n gutes Haus.� Seine Hand deutete nach Osten; vermutlich in die Richtung, in der die Farm gelegen hatte. Mogens fragte sich, was man in einer Gegend wie dieser anpflanzen konnte. �Mein Vater hat sich was dazuverdient, indem er auf den alten Friedhof Acht gegeben hat. Niemand wollte das machen. Die Leute haben komische Geschichten �ber den Friedhof erz�hlt, und es wurd auch nicht gut bezahlt, aber wir brauchten das Geld. Die Farm hat nicht viel abgeworfen. Und dann war da auch noch das Baby.�</p><p>Mogens wich einer der zahllosen Pf�tzen aus, die der gestrige Regen zur�ckgelassen hatte, und wappnete sich innerlich dagegen, jetzt m�glicherweise Toms gesamte Lebensgeschichte zu h�ren. Trotzdem lieferte er Tom gehorsam das gew�nschte Stichwort: �Baby?�</p><p>�Eine Schwester�, best�tigte Tom. �Ich war acht, als sie geboren wurde.� Er l�chelte sch�chtern. �Vielleicht auch neun. Sie war von Anfang an krank und ist kein Jahr alt geworden.�</p><p>�Sie ist gestorben?�, vergewisserte sich Mogens.</p><p>�Gleich im ersten Winter�, best�tigte Tom. �An Lungenentz�ndung.�</p><p>�Das tut mir Leid�, sagte Mogens.</p><p>�Ich hab sie ja gar nicht richtig gekannt�, erwiderte Tom. �Sie war immer nur krank. Wenn sie nicht geschrien hat, hat sie geschlafen. Und im ersten Winter ist sie gestorben. Mein Vater hat sie aufm Friedhof beerdigt, aber es war 'n besonders schlimmer Winter. Der Boden war so hart gefroren, dass er kein Grab ausheben konnte.�</p><p>�Und da hat er sie in ein altes Grab gelegt�, vermutete Mogens.</p><p>�Es hat niemandem mehr geh�rt�, sagte Tom im hastigen Tonfall einer Verteidigung. �Es hat bestimmt f�nfzig Jahre leer gestanden. Niemand hat sich drum gek�mmert, und es sollte ja auch nicht f�r lange sein, nur bis meine Eltern das Geld f�r 'ne richtige Beerdigung zusammenhatten oder bis zum Fr�hjahr, bis der Boden nicht mehr so hart gefroren war, und...�</p><p>�Ist ja schon gut�, unterbrach ihn Mogens. �Ich kann das verstehen. Aber wie hast du das gemeint - es hat lange leer gestanden? Ein Grab steht nicht leer. War es ein Mausoleum?�</p><p>�Ja�, antwortete Tom. �Deshalb hat mein Vater sie auch da beerdigt.�</p><p>�Aber als er sie umbetten wollte, da war ihr Leichnam verschwunden�, vermutete Mogens.</p><p>Tom nickte wortlos. Mogens wollte eine weitere Frage stellen, aber seine Kehle war pl�tzlich wie zugeschn�rt. Noch vor wenigen Augenblicken hatte er sich gefragt, ob er es Tom zumuten konnte, �ber die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit zu sprechen, und nun war <emphasis>er </emphasis>es, den die Erinnerungen zu �bermannen drohten.</p><p>Sie verlie�en das Lager und gingen ein gutes St�ck an der gr�nen Dornenbarriere entlang, die das knappe halbe Dutzend altert�mlicher Blockh�tten von der Friedhofsmauer trennte, bevor Mogens die Kraft fand, weiterzusprechen.</p><p>�Und weiter?�</p><p>�Sheriff Wilson ist gekommen und sogar 'n Detektiv aus der Stadt�, antwortete Tom. �Sie haben alles abgesucht, den ganzen Friedhof, aber sie haben nichts gefunden.�</p><p>Wie gut er diese Geschichte doch kannte. �Sie <emphasis>konnten </emphasis>nichts finden.�</p><p>�Ja, aber das wusst ich damals noch nicht�, antwortete Tom. Seine Stimme wurde hart, und ein Unterton von kaltem, unvers�hnlichem Zorn erschien darin, Zorn gegen alle und jeden und gegen sich selbst. �Niemand hat meinem Vater geglaubt. Nicht mal ich.�</p><p>�Aber er hatte Recht.�</p><p>�Von da an hat er sich jede Nacht auf die Lauer gelegt�, fuhr Tom mit leiser, vollkommen ausdrucksloser Stimme fort. �Nacht f�r Nacht, Wochen, Monate...� Er hob die Schultern. �Ich glaub, die Leute in der Stadt haben ihn f�r verr�ckt gehalten.�</p><p>�Und du?�</p><p>Tom zuckte erneut die Achseln, als w�re das Antwort genug. �In einer Nacht hab ich Sch�sse geh�rt. Zwei oder drei, ich wei� nicht mehr genau. Meine Mutter hatte Angst und ich auch. Nicht viel sp�ter fiel dann noch mal 'n Schuss. Diesmal nur einer, und dann konnten wir meinen Vater schreien h�ren. Ich hab noch nie zuvor 'nen Menschen so schreien h�ren. Ich hab gewartet, dass er wieder schie�t, aber es war still. Er hat nicht mehr geschossen.�</p><p>Etwas sehr Sonderbares geschah, das Mogens regelrecht erschreckte, obwohl der Wissenschaftler in ihm den Grund daf�r nat�rlich kannte: Jetzt, als Tom �ber die allerschlimmsten Momente sprach, die seine Erinnerung f�r ihn bereit hielt, wurde seine Stimme ganz ruhig. Schmerz und Zorn waren daraus verschwunden, als berichte er von etwas, das einem anderen widerfahren war, und gar nicht ihm selbst. �Meine Mutter hatte schreckliche Angst. Sie hat versucht, es sich nicht anmerken zu lassen, aber ich hab es gemerkt. Sie hat Vaters zweite B�chse aus dem Schrank geholt und mich auf den Dachboden geschickt, damit ich mich verstecke. Ich wollte das nicht. Ich wollt sie besch�tzen, aber dann hab ich doch gehorcht.�</p><p>Und vermutlich hatte er sich genau das nie vergeben, dachte Mogens. Ein acht- oder neunj�hriger Junge, der mit angeh�rt hatte, wie sein Vater starb und auch seine Mutter nicht hatte retten k�nnen. Wie <emphasis>konnte </emphasis>er sich das jemals vergeben? �Sp�ter sind sie dann gekommen�, fuhr Tom fort. �Ich hab nichts gesehen. Es gab ein paar Ritzen in den Bodenbrettern, aber ich konnte nichts erkennen, und meine Mutter hatte mich eingeschlossen. Ich hab Sch�sse von unten geh�rt. Ein oder zwei Sch�sse und... und diese Schritte, schwere, schlurfende Schritte. Und dann dieses schreckliche Atmen.�</p><p>�Du hast sie nicht gesehen?�</p><p>�Irgendwie hab ich die Klappe dann doch aufgekriegt. Meine Mutter war nicht mehr da, alles war voller Blut. Und dann hab ich es gesehen. Nur ganz kurz. Es war nur ein Schatten vor dem Nachthimmel, aber es war nicht der Schatten eines Menschen.�</p><p>�Und deine Mutter?�, fragte Mogens. Es war eine dumme Frage, durch und durch �berfl�ssig, aber er sp�rte, wie nahe Tom pl�tzlich doch daran war, die Beherrschung zu verlieren. Er musste ihn - gleich wie - aus jenem schrecklichen Moment herausrei�en, in dem das neunj�hrige Kind begriffen hatte, dass es nichts anderes tun konnte, als hilflos dabei zuzusehen, wie seine Mutter vor seinen Augen verschleppt wurde. Einen Moment lang schien es, als w�re dieser verzweifelte Versuch zum Scheitern verurteilt, aber dann kroch die Dunkelheit ebenso pl�tzlich wieder in die Tiefe seiner Augen zur�ck, wie sie zuvor Besitz davon ergriffen hatte.</p><p>�Sie haben sie nie gefunden. Und meinen Vater auch nicht.�</p><p>�Und niemand hat dir geglaubt�, sagte Mogens leise. �Du hast es allen erz�hlt, aber niemand hat dir geglaubt. Man hat dir nicht einmal zugeh�rt, habe ich Recht?�</p><p>Tom sch�ttelte stumm den Kopf. �Sheriff Wilson hat mich f�r 'ne Weile bei sich wohnen lassen�, antwortete er. �Er hat mir immer wieder dieselben Fragen gestellt. Er wollte unbedingt rausfinden, was wirklich passiert ist. Am Schluss haben sie dann entschieden, dass meine Eltern von wilden Tieren verschleppt worden sind.�</p><p>�So ganz falsch hat er damit ja auch gar nicht gelegen�, sagte Mogens.</p><p>�Sie sind keine <emphasis>Tiere!�, </emphasis>antwortete Tom zornig. �Ich wei� nicht, was sie sind, aber sie sind keine Tiere!� Seine Stimme bebte, und in seinen Augen erschien ein Ausdruck, der Mogens schaudern lie�. Nicht einmal, weil dieser Hass so intensiv und unstillbar war, sondern weil er ihn <emphasis>�berhaupt </emphasis>sah. Ein so junger Mensch sollte nicht so furchtbar hassen, und vielleicht war das das eigentliche Verbrechen, das die Kreaturen aus den Tiefen der Erde ihm angetan hatten: Sie hatten ihn hassen gelehrt, auf eine Art, auf die kein Mensch jemals hassen sollte.</p><p>�Sp�ter sind dann Leute aus der Stadt gekommen, die noch mal alles untersucht haben. Sie haben auch viele Fragen gestellt.�</p><p>�Aber niemand hat dir geglaubt�, wiederholte Mogens leise. Er erschrak, als er sich selbst des bitteren Klangs bewusst wurde, der in seiner Stimme war. F�r einen Moment glaubte er sich in seine eigene Vergangenheit zur�ckversetzt, und der hilflose Schmerz des Jungen wurde zu seinem eigenen. Wie gut er Tom doch verstehen konnte! Der arme Junge konnte es nicht wissen, aber er erz�hlte in diesen Augenblicken nicht nur seine eigene Geschichte, sondern zugleich auch die seine, Mogens'. Er fragte sich, wie viele Leben die unheimlichen Gesch�pfe schon auf diese Weise zerst�rt hatten. Zum allerersten Mal im Leben wurde er sich der tats�chlichen Bedeutung des Wortes <emphasis>Mitleid </emphasis>bewusst, denn genau das war es, was er in diesem Moment empfand, in einer Intensit�t, die beinahe an wirklichen k�rperlichen Schmerz grenzte: zwei Menschen, die das gleiche Leid teilten.</p><p>�Sie haben mich mit nach San Francisco genommen�, fuhr Tom fort. �In ein Waisenhaus. Aber ich bin immer wieder weggelaufen. Nach dem dritten oder vierten Mal hat Sheriff Wilson dann entschieden, dass ich hier bleiben darf.�</p><p>Mogens sah ihn zweifelnd an. �Aber damals kannst du h�chstens neun oder zehn Jahre alt gewesen sein.�</p><p>�Alt genug, um f�r mich selbst zu sorgen�, antwortete Tom in fast trotzigem Ton. �Es gibt immer Arbeit f�r jemanden, der keine Angst hat, schmutzige Finger zu kriegen.�</p><p><emphasis>Oder den einen oder anderen kleinen Diebstahl zu begehen, </emphasis>f�gte Mogens lautlos hinzu. Aber er dachte diesen Gedanken voller Gutm�tigkeit und W�rme, und mit einem solchen Gef�hl von Zuneigung, dass es ihn fast selbst �berraschte. Mehr noch: Er musste pl�tzlich an sich halten, um Tom nicht in die Arme zu schlie�en und tr�stend an sich zu pressen. Dass er es nicht tat, lag wom�glich weniger daran, dass er Angst hatte, der Junge k�nne die Geste falsch verstehen, sondern in mindestens ebenso gro�em Ma�e daran, dass es zuzugeben bedeutet h�tte, dass er diesen Trost mindestens so n�tig brauchte wie Tom.</p><p>Mogens r�usperte sich ein paar Mal, um den unbehaglichen Moment zu �berbr�cken. Fast ohne sich der Bewegung selbst bewusst zu sein, trat er zwei Schritte von Tom zur�ck, um auf diese Weise nicht nur die �u�ere Distanz zwischen ihnen zu vergr��ern.</p><p>�Und darum bewachst du jetzt hier den Friedhof�, vermutete er.</p><p>Tom nickte abgehackt. Sie hatten die ausgefahrene Spur erreicht, die vom Lager wegf�hrte, und sein Blick war starr dorthin gerichtet, wo das schmutzige Grauwei� der Friedhofsmauer durch das Blattwerk hindurchschimmerte wie Bein durch verwesendes Fleisch. �Sheriff Wilson hat mir den alten Posten meines Vaters gegeben. Er sagte, damit ich mir was verdienen kann, und weil es sonst niemand machen will. Er wei� es, Professor. Er wei� es so wie alle anderen. Niemand muss einen leeren Friedhof bewachen, auf dem seit zwanzig Jahren keiner mehr beigesetzt wurde. Es ist so, wie Doktor Graves sagt: Sie alle wissen es. Sie wollen es nur nicht wissen. Und sie wollen nicht, dass es ihnen jemand sagt.� Er lachte leise, nur, dass es kein wirkliches Lachen war, sondern ein Laut, der sich wie eine Messerklinge aus Eis in Mogens' Seele bohrte. �Er wartet nur darauf, dass <emphasis>sie </emphasis>mich auch holen.�</p><p>Abermals erschrak Mogens �ber die Bitterkeit, die in Toms Stimme war. Vielleicht hatte er Recht. Vielleicht gab es einen Grund f�r all die uralten d�steren Geschichten, die sich um Friedh�fe rankten, nicht nur hier, sondern �berall auf der Welt. M�glich, dass die Menschen tief in sich schon immer das Wissen um die Gesch�pfe der Nacht getragen hatten, und dass es kein Zufall war, dass es nur in Legenden und Schauergeschichten Ausdruck fand. Waren nicht die �berzeugendsten L�gen die, die sich mit dem Mantel der Wahrheit tarnten? Mit einem Male wurde ihm klar, wie ungeheuerlich die Aufgabe war, die sich Graves und dieser Junge - und mit ihnen auch er - vorgenommen hatten. Es war kein Zufall, dass die Menschen das Wissen um dieses furchtbare letzte Geheimnis in ihre Legenden und Mythen verbannt hatten. Wie konnten sie erwarten, dass sie etwas als Wahrheit akzeptierten, mit dem Eltern seit tausend Generationen ihre Kinder erschreckten?</p><p>Dennoch sagte er nach einer Weile: �Vielleicht wollte er dir nur einen Gefallen tun.�</p><p>Tom sah ihn fast ver�chtlich an. �Ja, vielleicht.� Er wandte sich mit einem Ruck ab und wollte gehen, doch Mogens hielt ihn auch jetzt wieder zur�ck, wenn auch diesmal nur mit einer Geste, und ohne ihn zu ber�hren. �Zeigst du es mir?�, fragte er. �Was?�</p><p>�Das Grab�, antwortete Mogens. �Das Mausoleum, in dem deine Schwester...�</p><p>Er sprach nicht weiter, aber Tom hatte ihn verstanden und nickte. Allerdings r�hrte er sich auch nicht von der Stelle. �Sind Sie sicher, dass Sie dorthin wollen, Professor?�, fragte er. �Die Frage ist, ob <emphasis>du </emphasis>dir sicher bist, Tom�, antwortete Mogens sanft.</p><p>Seine Taktik ging auf. Er hatte auf den Stolz des Kindes gezielt, das Tom trotz allem immer noch war, und offensichtlich hatte er getroffen. Tom funkelte ihn einen Atemzug lang beinahe zornig an, aber dann drehte er sich mit einem Ruck um und schlug die d�nnen �ste mit einer so w�tenden Bewegung beiseite, dass Mogens sch�tzend die H�nde hochrei�en musste, damit sie ihm nicht ins Gesicht peitschten, als er ihm folgte.</p><p>Mogens war im Innersten nicht ann�hernd so sicher, wie er sich Tom gegen�ber gab. Ganz im Gegenteil: Tom hatte ihn gr�ndlicher durchschaut, als er zuzugeben bereit war, als er ihn fragte, ob er wirklich sicher sei, auf den Friedhof gehen zu wollen. Er war nicht sicher. Er hatte panische Angst davor, diesen Friedhof zu betreten. Toms Erz�hlung hatte auch die Gespenster seiner eigenen Vergangenheit wieder geweckt, und sein Herz schlug mit jedem Schritt schwerer, den er sich der verfallenen Mauer n�herte. Und gerade deshalb <emphasis>musste </emphasis>er es jetzt zu Ende bringen, denn Mogens ahnte, dass er vielleicht nie wieder den Mut dazu aufbringen w�rde, wenn er jetzt kehrtmachte. Es war eine n�rrische Vorstellung - vielleicht sogar gef�hrlich -, dass man jeder Furcht Herr werden konnte, wenn man sich nur zwang, ihr ins Auge zu sehen, aber in diesem Fall traf sie zweifellos zu. Dennoch wurde Toms Vorsprung best�ndig gr��er. Dass er anhalten und auf Mogens warten musste, bis dieser hinter ihm �ber die Mauer gestiegen war, lag nicht nur daran, dass er der ge�btere Kletterer war.</p><p>Auch bei Tageslicht bot der Friedhof einen durch und durch unheimlichen Anblick; auf eine Weise vielleicht sogar noch unheimlicher als bei Nacht. Wo die Nacht die Schatten im gleichen Ma�e zum Leben erweckte, wie sie die Umrisse der Dinge verschleierte, enth�llte das Tageslicht jede bizarre Einzelheit eines Ortes, der allm�hlich in der Erde versank. Die meisten Grabsteine standen schr�g, wie Masten einer langsam verrottenden Flotte steinerner Galeeren auf einem bizarren megalithischen Schiffsfriedhof, und etliche waren auch zur G�nze umgefallen oder nahezu im Boden versunken. Die Erde f�hlte sich auf unangenehme Weise weich an, nicht so morastig, dass er darin zu versinken drohte, sondern auf eine Unbehagen weckende Weise federnd, die einem das Gef�hl gab, �ber ein straff gespanntes Segeltuch zu laufen, das bei der geringsten unbedachten Bewegung zu zerrei�en drohte.</p><p>�Da hinten.� Tom deutete zur Mitte des Friedhofes. Mogens nickte, und Tom ging mit schnellen Schritten voraus, auch jetzt wieder so rasch, dass Mogens sich sputen musste, um nicht zu weit zur�ckzufallen.</p><p>Zur Mitte des Friedhofes hin wurden die Grabsteine allm�hlich gr��er, wie H�user einer mittelalterlichen Stadt, die zum Zentrum hin immer pr�chtiger wurden, bis sie sich an den Fu� der zentralen Trutzburg schmiegten. Es gab nur ein einzelnes, bescheidenes Mausoleum, das nicht ann�hernd so prachtvoll war wie das, das Mogens' Albtr�ume beherrschte. Dennoch stockte er, als er sich dem halbhohen, kantigen Gebilde aus verwittertem Sandstein n�herte, das Toms Ziel war. Auch wenn die �hnlichkeit allenfalls oberfl�chlich blieb, so war ihm doch, als bewege er sich nunmehr auch k�rperlich zur�ck in der Zeit, um sich dem schrecklichsten aller Augenblicke seines Lebens zu n�hern.</p><p>Widerwillig setzte er sich wieder in Bewegung - er hatte tats�chlich das Gef�hl, einen k�rperlichen Widerstand �berwinden zu m�ssen, als w�re da etwas, das ihn mit verzweifelter Kraft zur�ckzuhalten versuchte - und n�herte sich dem Mausoleum mit langsamen Schritten, was es ihm erm�glichte, das Geb�ude in seiner G�nze in Augenschein zu nehmen.</p><p>Seine erste Einsch�tzung war nicht ganz fair gewesen. Das Mausoleum <emphasis>war </emphasis>deutlich kleiner als das auf dem Friedhof von Harvard, und W�nde und der Eingang waren auch nicht so �berreich mit Steinmetzarbeiten verziert, aber der Eindruck der Sch�bigkeit r�hrte dennoch zum allergr��ten Teil von den Spuren des Alters und der Verwitterung her, die die Jahrzehnte auf dem graubraunen Sandstein zur�ckgelassen hatten. Das Geb�ude war auch deutlich gr��er, als er auf den ersten Blick angenommen hatte, doch wie die Grabsteine und - platten ringsum hatte es begonnen, im Boden zu versinken und stand auch ein wenig schr�g. Die drei Stufen, die vormals zu der gut sechs Fu� hohen T�r hinaufgef�hrt hatten, waren nicht nur schief und zu einem Mosaik aus Hunderten von Bruchst�cken geborsten, sondern begannen nun auch gute zwei Fu� <emphasis>unter </emphasis>dem Bodenniveau, sodass es Mogens einiges an M�he kostete, in das Geb�ude zu gelangen, ohne sich den Kn�chel zu verstauchen oder sich den Kopf am T�rsturz anzuschlagen.</p><p>Er z�gerte auch unmerklich, es zu tun. Obwohl im hellen Tageslicht daliegend, bot der Eingang doch einen unheimlich d�steren Anblick. Die Dunkelheit auf der anderen Seite schien absolut, aber sie war es nicht, die Mogens innerlich erschauern lie�. Es war die physikalisch nicht existente Trennlinie zwischen Dunkelheit und Licht, die gedachte Schwelle, auf der das Grauen lebte. Bildete er es sich ein oder versuchte die Dunkelheit tats�chlich, schattige Arme auszubilden, die wie nervend�nne peitschende Tentakel in die Wirklichkeit hinauszugreifen trachteten?</p><p>Mogens schloss die Augen und trat mit einem entschlossenen Schritt hindurch. Nichts geschah. <emphasis>Nat�rlich </emphasis>geschah nichts.</p><p>Tom war bereits vorausgeeilt und entz�ndete eine Sturmlaterne, deren gelber Schein mit dem wenigen hereinstr�menden Tageslicht wetteiferte. Mogens sah sich schaudernd um. Er wusste nicht, was er erwartet hatte - nichts Konkretes sicherlich, aber <emphasis>irgendetwas </emphasis>eben -, doch der Raum war vollkommen leer. Dennoch jagten Schauer der Furcht in rascher Folge �ber seinen R�cken. Das hier war seine Vergangenheit, auch wenn die �hnlichkeit nur vage zu sein schien. Indem er Tom folgte, war er an den Anfang seiner eigenen Leidensgeschichte zur�ckgekehrt; vielleicht, um den Kreis zu schlie�en.</p><p>Mogens sch�ttelte den Gedanken ab und zwang sich, das Innere des winzigen Raumes einer zweiten, etwas genaueren Inspektion zu unterziehen. Er blieb so leer, wie er war - ein niedriges Rechteck von allerh�chstens drei auf f�nf Schritten. Auf dem Boden gab es ein etwas kleineres, helleres Rechteck, wo vielleicht einmal ein steinerner Sarkophag gestanden hatte, vielleicht auch nur ein Podest f�r einen h�lzernen Sarg. Die W�nde waren fleckig, was die Reste l�ngst verblichener Malereien sein mochten, vielleicht auch nur Schmutz. Dennoch <emphasis>war </emphasis>etwas hier. Mogens konnte es sp�ren. Es war so intensiv, dass Mogens beinahe meinte, es mit H�nden greifen zu k�nnen. Die Gespenster aus seiner Vergangenheit, die Gestalt anzunehmen versuchten.</p><p>�Hier?�, fragte er.</p><p>Tom deutete mit einer Kopfbewegung auf das helle Rechteck am Boden. Ohne dass es ihnen selbst bewusst gewesen w�re, hatten sie diesen unheimlichen Schatten aus der Vergangenheit gemieden und sich so dicht an die grauen Sandsteinw�nde gedr�ngt, dass ihre F��e au�erhalb davon blieben. �Wir haben den Sarg hierhin gestellt�, sagte er. �Eigentlich war es gar kein richtiger Sarg, weil meine Eltern kein Geld daf�r hatten, nur eine einfache Holzkiste. Aber wir hatten sie mit Steinen abgedeckt, und meine Mutter hatte einen Kranz aus Tannengr�n geflochten.�</p><p>Seine Stimme drohte zu versagen und Mogens sp�rte erneut, wie gef�hrlich nahe er daran war, die Kontrolle zu verlieren. Mogens erinnerte sich mit Nachdruck daran, dass er nicht der Einzige war, den dieser Ort mit etwas konfrontierte, das besser ungeweckt geblieben w�re.</p><p>�Und du hast sie hier gesehen?�, fragte er rasch. �Diese... Kreaturen?�</p><p>�Am Anfang hab ich hier auf sie gewartet�, antwortete Tom. �Hier haben sie meinen Vater umgebracht. Sheriff Wilson hat sein Gewehr hier gefunden, und es war alles voller Blut. Ich hab gehofft, dass sie zur�ckkommen. Am Anfang hab ich sogar hier geschlafen. Mit einem Gewehr.�</p><p>�Aber sie sind nicht gekommen.�</p><p>�Ich glaube, sie wissen, dass wir hier sind�, murmelte Tom. �Sie beobachten uns. Sie wissen alles �ber uns - viel mehr als wir �ber sie.�</p><p>Mogens �berwand seine instinktive Scheu und trat �ber das Rechteck am Boden hinweg, um die Wand, vor der Tom stehen geblieben war, einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Etwas daran hatte seine Aufmerksamkeit erregt, ohne dass er im ersten Moment sagen konnte, was. Vielleicht eine bestimmte Anordnung der Schmutz- und Wasserflecken, eine Regelm��igkeit, die sich dem bewusst suchenden Auge entzog, aber dennoch da war.</p><p>�Sie k�nnen sich die M�he sparen, Professor�, sagte Tom. �Da ist nichts.�</p><p>Mogens blickte fragend, und Tom fuhr mit einem bekr�ftigenden Nicken fort: �Doktor Graves hat alles genau abgesucht. Er sagt, sie brauchen keine Geheimg�nge oder -t�ren, um zu kommen oder zu gehen. Die Erde h�lt sie nicht auf, weil sie ihre ureigensten Gesch�pfe sind.�</p><p>Mogens blickte zweifelnd, aber er erinnerte sich gerade nach rechtzeitig daran, dass dieser unscheinbare Junge die letzten f�nf Jahre seines Lebens zusammen mit Graves verbracht hatte und vermutlich hundertmal mehr �ber diese unheimlichen Wesen wusste als er.</p><p>�Und so hast du auch Graves kennen gelernt�, vermutete er. �Ich nehme an, er hat von der Geschichte deiner Eltern geh�rt und ist deswegen hierher gekommen.�</p><p>Tom nickte. Ganz tief in seinen Augen glomm wieder ein Funke von Furcht auf, und Mogens sprach rasch und in bewusst leichterem Ton weiter. �Du musst mir unbedingt erz�hlen, was du auf deinen Reisen rausgefunden hast. Doktor Graves ist ein wenig knauserig, wenn es um Informationen geht.�</p><p>�Doktor Graves hat mir verboten, �ber unsere Reisen zu sprechen�, antwortete Tom. �Er will es Ihnen selbst sagen.�</p><p>�Du meinst: das, was er mir sagen will�, vermutete Mogens. Tom sah ihn einen Herzschlag lang hoffnungslos verwirrt an, aber dann lachte er.</p><p>�Ja. So ungef�hr.� Er deutete mit seiner Laterne zur T�r. �K�nnen wir jetzt wieder gehen? Ich f�hl mich nicht sehr wohl hier. Und Doktor Graves ist bestimmt schon ungeduldig.�</p></section><section><title><p id="_25">25.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Graves war nicht ungeduldig.</p><p>Er sch�umte vor Wut.</p><p>Sie waren kaum zur�ck im Lager, als er Tom und ihn auch schon in scharfem Ton in seine Blockh�tte befahl, und Mogens hatte die T�r noch nicht vollends hinter sich geschlossen, da begann er Tom so hysterisch anzuschreien, dass der Junge nach einer Sekunde ungl�ubigen Schreckens r�cklings vor ihm zur�ckwich und am ganzen Leib zu zittern begann.</p><p>Auch Mogens starrte Graves eine geschlagene Sekunde lang einfach nur fassungslos an - dass Graves nicht begeistert �ber ihre Versp�tung sein w�rde, nachdem er sie beim Essen noch so eindringlich zur Eile aufgefordert hatte, �berraschte ihn nicht, aber es gab auf der anderen Seite auch nicht den mindesten Grund f�r diesen schon fast cholerischen Anfall -, aber dann versuchte er sich sch�tzend vor Tom zu stellen.</p><p>�H�r auf, Jonathan!�, sagte er, noch immer mehr verwirrt als wirklich zornig. �Bist du verr�ckt? Tom hat mir doch nur...�</p><p>�O ja, ich wei� recht gut, was Tom <emphasis>nur hat!�, </emphasis>fiel ihm Graves ins Wort. �Wie oft habe ich dir verboten, dich auf dem Friedhof herumzutreiben? Muss ich denn erst...�</p><p>�Ich glaube, das reicht jetzt�, unterbrach ihn Mogens, und fast zu seinem eigenen Erstaunen war in seiner Stimme pl�tzlich eine solche Sch�rfe, dass nicht nur Tom ihn �berrascht ansah, sondern auch Graves mitten im Wort abbrach und ungl�ubig die Augen aufriss. Mogens funkelte ihn warnend an und drehte sich dann betont ruhig zu Tom um.</p><p>�Mach dich an deine Arbeit, Tom�, sagte er. �Und keine Sorge. Ich werde dieses Missverst�ndnis aufkl�ren.�</p><p>Er wartete, bis Tom - nicht ohne einen abschlie�enden, unsicheren Blick in Graves' Richtung - das Haus verlassen hatte, ehe er sich wieder zu Graves umdrehte. �Was sollte das?�, fragte er, beinahe noch leiser, aber in unver�ndert schneidendem Ton. �Wenn du jemanden anschreien willst, dann mich. Ich habe Tom praktisch gezwungen, mir den Friedhof zu zeigen. Er wollte es nicht.�</p><p>�Dieser dumme Junge sollte es verdammt noch mal besser wissen!�, fauchte Graves. �Es ist gef�hrlich dort! Er durfte dieses Risiko nicht eingehen. Nicht jetzt, wo wir so kurz vor dem Ziel sind!�</p><p>�Ganz so gef�hrlich kann es wohl nicht sein�, antwortete Mogens. �Immerhin hat dieser <emphasis>dumme Junge </emphasis>jahrelang dort gelebt, ohne dass ihm etwas zugesto�en w�re.�</p><p>�Das war etwas vollkommen anderes!�, schnappte Graves. Er war immer noch erregt, aber schon nicht mehr ganz so w�tend wie noch vor einem Augenblick, jetzt, wo das Objekt seines Zorns nicht mehr anwesend war. �Er hat <emphasis>dich </emphasis>in Gefahr gebracht!�</p><p>�Ach, und wo ist da der Unterschied?�, fragte Mogens. �Ist mein Leben mehr wert als das des Jungen?�</p><p>�Zumindest dir sollte es mehr wert sein�, erwiderte Graves. Er funkelte Mogens noch einen Moment lang herausfordernd und in der Erwartung einer Entgegnung auf seine zynische Bemerkung an. Als sie nicht kam, hob er die Schultern, ging zu seinem Tisch und kramte einen Moment hektisch in dem Durcheinander darauf herum, bis er sein Etui fand und sich mit zitternden Fingern eine Zigarette entz�ndete.</p><p>�Entschuldige�, sagte er. �Ich bin...� Er hob die Schultern und r�usperte sich, bevor er von neuem ansetzte. �Ich habe wohl ein wenig zu heftig reagiert�, gestand er ein. �Es tut mir Leid.�</p><p>�Du solltest dich lieber bei Tom entschuldigen�, sagte Mogens, aber diesmal erntete er nur ein Kopfsch�tteln und ein hartes, humorloses Lachen.</p><p>�Wo denkst du hin, Mogens? Wenn man erst einmal anf�ngt, sich bei Untergebenen zu entschuldigen, dann ist der Respekt bald dahin. Tom wird es �berstehen, ohne seelischen Schaden zu nehmen.� Er spuckte eine Qualmwolke in Mogens' Richtung. �Wir sollten uns nicht streiten, Mogens. Daf�r ist unsere Zeit einfach zu kostbar. Es sind nur noch zwei Tage.�</p><p>�Zwei Tage bis wann?�</p><p>�Vollmond�, antwortete Graves. �Nicht einmal mehr ganz, morgen Nacht ist Vollmond. Ich dachte, du w�sstest das.�</p><p>Mogens seufzte. �Und ich dachte, du h�ttest diesen Unsinn endlich vergessen.�</p><p>�Unsinn?� Graves runzelte demonstrativ die Stirn. Dann warf er seine Zigarette auf den Boden, trat sie aus und kam mit schnellen Schritten um den Tisch herum. �Komm mit, Mogens.�</p><p>�Wohin?�</p><p>�Ich m�chte dir ein wenig <emphasis>Unsinn </emphasis>zeigen�, antwortete Graves. �Komm!�</p></section><section><title><p id="_26">26.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Das Tuckern des Generators kam ihm wenn schon nicht lauter, so doch unregelm��iger vor als in der Vergangenheit. Etwas Neues war hinzugekommen, das man nur hier unten h�ren konnte, so als bereite es der Maschine nun mehr M�he, die Aufgabe zu erf�llen, f�r die sie erbaut worden war, was sich in einer Art mechanischem Schnauben bemerkbar machte. Es war ein Laut, der gerade an der Grenze des wirklich noch H�rbaren kratzte und Mogens vielleicht gerade deshalb umso mehr beunruhigte.</p><p>Letzten Endes hatte er doch resigniert und sich bereit erkl�rt, Graves hier herab zu folgen, und auch wenn ihm Graves sein Ehrenwort verpf�ndet hatte, dass sie der Tempelkammer nicht einmal nahe kommen w�rden, war es doch eine weitere Niederlage; eine weitere winzige Bresche in einer fast regelm��igen Aneinanderreihung von winzigen Breschen in seiner Verteidigung, die am Ende unweigerlich zu deren Zusammenbruch f�hren musste. Mogens hasste ihn auch daf�r.</p><p>�Dort dr�ben.� Sie hatten den ersten, noch an eine auf nat�rliche Weise entstandene H�hle erinnernden Raum erreicht, in dem Hyams' gro�er Arbeitstisch stand, und Graves deutete mit einer Handbewegung nach links, in das Halbdunkel jenseits des von elektrischem Licht erhellten Bereichs hinein. Mogens' Blick folgte der Geste, aber er erkannte nur ein Durcheinander von Schemen und unterschiedlichen Abstufungen von Grau und Schwarz. Obwohl er schon ein Dutzend Mal hier unten gewesen war, hatte er diesem Raum nur insofern Aufmerksamkeit gezollt, dass er ihn m�glichst schnell durchquerte, um zum eigentlichen Objekt seiner Neugier zu gelangen - und Hyams und den beiden anderen dabei m�glichst aus dem Weg zu gehen. Tats�chlich wurde ihm erst in diesem Moment klar, dass er sich niemals auch nur <emphasis>gefragt </emphasis>hatte, was seine drei Kollegen hier unten eigentlich taten.</p><p>Er bedeutete Graves mit einer einladenden Geste, vorauszugehen. Graves verdrehte zwar die Augen, aber er gehorchte. Mogens folgte ihm.</p><p>Die H�hle erwies sich als gr��er, als er bisher angenommen hatte. Es gab Durchg�nge zu mindestens zwei oder drei weiteren R�umen, die Graves aber ignorierte, w�hrend Mogens versuchte, im Vorbeigehen zumindest einen Blick hinein zu erhaschen. Was er sah, war jedoch entt�uschend. Leere H�hlen unterschiedlicher Form und Abmessung, die keine Spuren menschlicher Bearbeitung aufwiesen. Eine davon schien Graves zu nutzen, um den Generator und andere technische Ger�tschaften darin unterzubringen. Mogens konnte in der Dunkelheit jenseits des niedrigen Eingangs zwar nichts erkennen, aber das r�chelnde Tuckern des Generators drang daraus hervor, und ein ganzes B�ndel dick isolierter Gummikabel und -schl�uche ringelte sich schwarzen Schlangen gleich vor ihm �ber den Boden.</p><p>�Das hier ist der Teil, den wir zuerst entdeckt haben�, erkl�rte Graves, w�hrend er so sicher und schnell durch die Dunkelheit eilte, als h�tte er die Nachtsicht einer Katze. �Nat�rlich war damals hier noch alles voller Schutt und Ger�ll. Man h�tte keinen Schritt tun k�nnen, ohne Gefahr zu laufen, sich den Hals zu brechen. Tom und ich haben fast einen Monat gebraucht, um hier aufzur�umen, und beinahe noch einmal so lange, um den Generator hier herunterzuschaffen und die Kabel zu verlegen.�</p><p>�Das habt ihr aber nicht allein getan�, sagte Mogens zweifelnd.</p><p>�Nur Tom und ich�, behauptete Graves. �Wir mussten das verdammte Ding in s�mtliche Einzelteile zerlegen und hier unten wieder zusammenbauen. Wobei das Zerlegen der einfachere Teil war.� Er lachte leise. �Ohne Tom h�tte ich es vermutlich nie geschafft. Der Junge ist ein Genie, wenn es um Maschinen geht. Manchmal habe ich das Gef�hl, er braucht sie nur anzusehen, damit alles wieder funktioniert.�</p><p>Er blieb stehen. Mogens h�rte ihn einen Moment im Halbdunkel rumoren, dann vertrieb der Schein einer Petroleumlampe die Finsternis. Mogens erkannte, dass Graves vor einem unregelm��ig geformten Durchgang stehen geblieben war, der in eine Art Tunnel mit grob behauenen W�nden zu f�hren schien.</p><p>�Komm, Mogens. Aber pass auf deinen Kopf auf. Die Decke ist sehr niedrig.�</p><p>Trotz dieser Warnung und obwohl der Tunnel nur wenige Schritte ma� und Mogens vorsichtig und weit nach vorne gebeugt ging, schrammte sein Hinterkopf zweimal unsanft gegen den harten Fels, bevor das Licht von Graves' Lampe vor ihm pl�tzlich an Leuchtkraft verlor, als es in einen weitaus gr��eren Raum fiel. Mogens machte einen letzten, schnellen Schritt und richtete sich erleichtert auf, und Graves hob seine Lampe und kn�pfte an das an, was er auf der anderen Seite des Durchgangs begonnen hatte. �Und nachdem wir das hier gefunden hatten, haben wir zum ersten Mal �berlegt, einen Kollegen zu Rate zu ziehen.�</p><p>�Falls es mit der Jagd auf Ungeheuer mal nicht mehr so klappt, solltest du dich vielleicht bei einem Schmierentheater bewerben�, sagte Mogens. �Untalentiert genug dazu bist du.�</p><p>Graves grinste fr�hlich und hielt die Petroleumlampe h�her, und Mogens verga� schlagartig s�mtliche Albernheiten und zog stattdessen �berrascht die Augenbrauen hoch.</p><p>Der Schein dieser einzelnen Lampe reichte keineswegs aus, um den Raum auch nur zu einem nennenswerten Teil zu erhellen, aber er sah dennoch gleich, was Graves meinte.</p><p>Sie waren nicht die ersten Besucher, die hierher kamen. Der Boden war uneben und von tiefen Rissen durchzogen, hier und da aber offenbar k�nstlich gegl�ttet, und er entdeckte allein auf dem kleinen St�ck, das vom Licht der Laterne aus der vielleicht seit Jahrhunderten andauenden Finsternis gerissen wurde mindestens drei Feuerstellen, wo der Fels wieder und wieder so gro�er Hitze ausgesetzt gewesen war, dass sich Ru� und Asche schlie�lich f�r alle Zeiten in seine Oberfl�che eingebrannt hatten.</p><p>�Das ist...�, begann er verbl�fft.</p><p>�Ja�, sagte Graves in einem v�llig unangemessen fr�hlichem Ton. �Genau das habe ich auch gesagt, als ich es das erste Mal gesehen habe.�</p><p>Mogens h�rte kaum noch hin, und das lag nicht allein daran, dass ihm Graves' kindisches Betragen allm�hlich auf die Nerven zu gehen begann. Er h�tte wohl auch nicht hingeh�rt, h�tte Jonathan Graves in diesem Moment einen Satz von h�chster wissenschaftlicher Bedeutsamkeit von sich gegeben. Er war viel zu sehr damit besch�ftigt zu <emphasis>staunen.</emphasis></p><p>Dabei war es keineswegs so, dass er so etwas zum ersten Mal gesehen h�tte...</p><p>�Das ist beeindruckend, nicht?�, fragte Graves fr�hlich. �Wei�t du, woran es mich erinnert? An die Vorlesungen von Professor Talbot. Du erinnerst dich doch bestimmt noch, wie gef�rchtet sie bei uns Studenten waren! Talbot und seine Megalithkulturen!� Er hob seine Lampe ein wenig h�her, sodass ihr Schein auf einen etwas gr��eren Teil der W�nde fiel. �Aber wenn man das hier sieht, kann man seine Begeisterung fast verstehen.�</p><p>�Jonathan, h�r endlich auf zu plappern�, murmelte Mogens. �Wei�t du eigentlich, was das hier ist?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Graves. �Die Frage ist doch wohl eher: Wei�t <emphasis>du, </emphasis>was es ist?�</p><p>Mogens war pl�tzlich nicht einmal mehr ganz sicher, ob er Graves' Frage wirklich bejahen konnte. Die W�nde waren mit primitiven Zeichnungen und Bildern �bers�t, und nahezu alles, was er erblickte, erinnerte auf schon fast verbl�ffende Art an genau die Fotografien und Illustrationen, f�r die Professor Talbot bei seinen Studenten tats�chlich ber�chtigt gewesen war. Es waren H�hlenmalereien, Tausende von Jahren alt und jede f�r sich einmalig, und dennoch im Grunde nicht einmal etwas Besonderes, denn man fand sie an zahllosen Orten in Europa, Zentralafrika und auch Asien.</p><p>Nur nicht in Nordamerika.</p><p>�Das... das ist eine wissenschaftliche Sensation�, murmelte er.</p><p>�Ja, ja�, sagte Graves am�siert. �Fast so sensationell wie die Entdeckung eines �gyptischen Anubis-Tempels drei�ig Meilen �stlich von San Francisco, nicht wahr?�</p><p>Mogens starrte ihn nur an. Graves gestattete sich den kleinen Luxus, sich eine kurze Weile an Mogens' un�bersehbarer Verwirrung zu weiden, aber dann wurde er �bergangslos wieder ernst. �Glaub mir, mein Freund, ich habe auf meinen Reisen noch viel unglaublichere Dinge gesehen. Aber deshalb habe ich dich nicht hergebracht. F�llt dir denn gar nichts auf?�</p><p>Mogens fiel eine ganze Menge auf, aber er war auch ziemlich sicher, dass nichts davon das war, was Graves meinte. Er hob die Schultern.</p><p>�Lassen wir die nebens�chliche Frage einmal beiseite, wie ein Zeugnis der vorgeschichtlichen europ�ischen Megalithkultur auf den nordamerikanischen Kontinent kommt�, sagte Graves mit einem neuerlichen angedeuteten L�cheln, �so haben wir hier zweifellos einen heiligen Ort.�</p><p>Mogens schwieg noch immer, aber sein Gesichtsausdruck musste wohl B�nde sprechen, denn Graves sah sich ganz offensichtlich zu einer Erkl�rung gen�tigt. �Ich habe mehr als einen solcher Orte mit eigenen Augen gesehen, Mogens�, sagte er und hob rasch die Hand. �Nein, ich wei�, was du jetzt sagen willst, aber wir haben weder die Zeit, noch bin ich in der Stimmung, eine theologische Diskussion mit dir zu f�hren. Seit jener schrecklichen Nacht glaube ich so wenig an Gott oder den Teufel wie du. Dennoch bin ich sicher, dass es so etwas wie heilige Orte gibt.�</p><p>�Das klingt logisch�, sagte Mogens sp�ttisch. Jedenfalls versuchte er, sp�ttisch zu klingen.</p><p>�Denk dir meinetwegen ein anderes Wort aus, wenn es dir so schwer f�llt, diesen Begriff zu benutzen�, sagte Graves unwillig. �Ich habe solche Orte gesehen, Mogens. Heilige Pl�tze, an welche die Menschen seit dem Tag kommen, als sie angefangen haben, ihren G�ttern zu huldigen. Man findet sie �berall auf der Welt. Man muss nur genau hinsehen - oder tief genug graben. Eine mittelalterliche Kirche �ber einem r�mischen Tempel, und darunter ein keltischer Steinkreis. Noch tiefer vielleicht ein vorzeitlicher Ritualplatz, und wenn man noch tiefer gr�bt...� Er hob die Schultern. �Es gibt Orte, denen etwas Besonderes anhaftet, und die Menschen sp�ren es. Seit Urzeiten kommen sie zu diesen Stellen, um ihre Tempel und Heiligt�mer darauf zu errichten. Vielleicht sp�ren sie, dass etwas da ist, das sie anbeten m�ssen.�</p><p><emphasis>Oder einsperren, </emphasis>dachte Mogens schaudernd. Vielleicht war es ja genau anders herum. Vielleicht errichteten die Menschen ihre heiligen Pl�tze ganz instinktiv immer am gleichen Ort, um ihn zu <emphasis>versiegeln.</emphasis></p><p>�Wusstest du, dass genau hier �ber unseren K�pfen eine anglikanische Kirche errichtet werden sollte?�, fuhr Graves fort und beantwortete seine eigene Frage gleich mit einem Nicken. �Das war nat�rlich, bevor man herausgefunden hat, dass all das hier im Boden versinkt. Wir sind an einem solchen heiligen Ort, Mogens. Oder glaubst du wirklich, dass es Zufall ist: Diese H�hle, der �gyptische Tempel und darunter dieses andere, �ltere Heiligtum - und wer wei�, was wir hinter der T�r noch entdecken werden.�</p><p>�Was soll das?�, fragte Mogens misstrauisch. �Ist das jetzt nur ein weiterer Trick, um mich zu �berreden? Die M�he kannst du dir sparen.�</p><p>Graves drehte sich vollkommen unbeeindruckt um, machte ein paar Schritte und bedeutete Mogens mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. �Ich habe viele dieser H�hlenmalereien gesehen�, fuhr er fort. �Wahrscheinlich genug, um selbst den alten Talbot vor Neid erblassen zu lassen. Sie sind nat�rlich �berall anders, ganz abh�ngig davon, welche Kultur sie erschaffen hat, und auf welchem Kontinent man sie findet. Und doch gibt es �hnlichkeiten. Manche Symbole wiederholen sich, ganz gleich aus welcher Epoche und welcher Zivilisation der K�nstler stammt, der die Bilder erschuf. Sie sind nicht leicht zu erkennen, aber wenn man wei�, worauf man zu achten hat, dann findet man sie. Und ganz besonders auf ein Symbol bin ich immer wieder gesto�en, in allen L�ndern, in die ich kam. In Tempeln, in alten Schriften und auf Wandmalereien. Aber nirgends war es so deutlich wie hier.� Er hob seine Laterne, sodass ihr Lichtschein auf einen ganz bestimmten Teil der Wand fiel.</p><p>Mogens tat wirklich sein Bestes, um der verwirrenden Anordnung von grob in den Stein gekratzten Strichen, Kreisen, Linien und Punkten irgendeinen Sinn abzugewinnen, aber sie blieb genau das: eine verwirrende Anordnung von grob in den Stein gekratzten Strichen, Kreisen, Linien und Punkten.</p><p>�Aha�, sagte er.</p><p>Graves warf ihm einen �rgerlichen Blick zu, aber er beherrschte sich. �Wie gesagt: Man muss wissen, wonach man zu suchen hat. Das sind Sternbilder. Sternbilder und Planetenkonstellationen, um genau zu sein.�</p><p>�Sternbilder aus der Steinzeit?�, fragte Mogens zweifelnd.</p><p>�Aber, aber, Professor!�, seufzte Graves. �Muss ich ausgerechnet dir als Arch�ologen erkl�ren, was f�r ausgezeichnete Astronomen unsere Vorfahren waren? Denke nur an die Mayas oder die alten �gypter und das gro�artige Observatorium von Stonehenge!�</p><p>�Das hier d�rfte um einiges �lter sein�, sagte Mogens.</p><p>�Mindestens zehntausend Jahre�, best�tigte Graves. �Jedenfalls hat die bedauernswerte Miss Hyams es darauf gesch�tzt.� Er l�chelte fl�chtig. �Sagt dir der Name Dogon etwas?� Mogens verneinte. �Nun, das wundert mich nicht�, fuhr Graves in fast ver�chtlichem Ton fort. �Solcherlei Wissen wird an unseren Universit�ten nicht gern weitergegeben, weil es nicht in das bequeme Weltbild dieser verkn�cherten Professoren passt!�</p><p>Er machte ein ver�chtliches Ger�usch, wandte sich dann aber wieder den angeblichen Planetenkonstellationen und Sternbildern zu. �Die Dogon sind ein Stamm, der in der afrikanischen Savanne lebt�, fuhr er fort. �Ein sehr alter Stamm. Sie haben keine schriftlich niedergelegte Geschichte, sodass es keine verl�sslichen Zahlen gibt, aber ich pers�nlich bin davon �berzeugt, dass ihre Kultur weit �lter ist als selbst die der Pharaonen.�</p><p>Er schien auf eine ganz bestimmte Reaktion zu warten, und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, tat ihm Mogens den Gefallen.</p><p>�Und?�, fragte er.</p><p>�Erkl�r mir eines, Mogens�, sagte Graves, indem er sich zu ihm umdrehte und in eindeutig triumphierendem Ton. �Wie kann ein Volk vermeintlich primitiver Wilder, das von der Jagd und einfachem Ackerbau lebt und nicht einmal eine Schrift hat, von der Existenz des Sirius wissen?�</p><p>Mogens sah ihn nur verst�ndnislos an.</p><p>�Des Sirius�, wiederholte Graves. Er wirkte ein bisschen entt�uscht. �Eines Fixsterns am...�</p><p>�Ich wei�, was der Sirius ist�, fiel ihm Mogens �rgerlich ins Wort. �Ich verstehe nur nicht, was das alles <emphasis>hiermit </emphasis>zu tun hat. Komm zur Sache, Jonathan.�</p><p>�Ich bin l�ngst dabei�, antwortete Graves. �Die Dogon kennen diesen Stern. Sie wissen alles �ber seine Gr��e, seine Helligkeit und Position, und sie kennen seine Bahn am Firmament auf die Bogensekunde genau. Sie wissen sogar, wie viele Planeten er hat und auf welchen Umlaufbahnen sie sich bewegen. Astronomie ist nicht etwa ihre Passion, oder eine Wissenschaft, die sie seit Jahrtausenden betreiben. Ich war dort. Ich habe sie besucht und studiert, und ich kann ohne falsche �berheblichkeit �ber sie sagen, dass sie nichts als ein Volk dummer, ungebildeter Primitiver sind. Und doch verf�gen diese Wilden �ber ein Wissen �ber diesen einen Stern am Himmel, das wir mit all unserer jahrhundertelangen Erfahrung und unseren modernen Instrumenten nicht einmal ann�hernd erreichen k�nnen. Es gibt nur eine einzige Erkl�rung daf�r.�</p><p>�Und welche w�re das?�, fragte Mogens.</p><p>�Jemand hat es ihnen gesagt�, antwortete Graves. �Jemand, der von dort gekommen ist.�</p><p>Das war l�cherlich, und Mogens sagte auch genau das.</p><p>�Ja, ganz genau diese Reaktion habe ich erwartet�, zischte Graves. �Wie sollte es auch anders sein? Schlie�lich bist du ja ein...�, er stie� die beiden letzten Worte wie eine Beschimpfung aus, �... <emphasis>seri�ser Wissenschaftler!�</emphasis></p><p>�Ich bitte dich, Jonathan!�, antwortete Mogens. �Wesen, die...�</p><p>�... von den Sternen gekommen sind, um die Erde in Besitz zu nehmen�, fiel ihm Graves ins Wort. �Genau das ist es doch, was auf den W�nden der Tempelkammer geschrieben steht, oder nicht? Du selbst hast es mir vorgelesen, wenn ich mich richtig erinnere. Oder war deine �bersetzung fehlerhaft?�</p><p>�Doktor Hyams hat dir sicher auch einen Teil der Hieroglyphenschrift dr�ben im Tempel �bersetzt�, antwortete Mogens ver�chtlich. �Glaubst du deshalb auch, dass es Aton und Seth und all die anderen Bewohner der �gyptischen G�tterwelt wirklich gegeben hat?�</p><p>�Wer wei�?�, gab Graves mit einer Ernsthaftigkeit zur�ck, die Mogens ihm unwillk�rlich einen fast erschrockenen Blick zuwerfen lie�. �Millionen von Menschen glauben fest daran, dass ein allm�chtiger Gott mit einer sterblichen Frau einen Sohn aus Fleisch und Blut gezeugt hat, um sie von ihren S�nden zu erl�sen. Klingt das etwa weniger verr�ckt?�</p><p>Mogens h�tete sich, direkt darauf zu antworten. �Ich dachte, du wolltest keine theologische Diskussion mit mir f�hren�, sagte er stattdessen.</p><p>�Ich hatte nichts dergleichen vor�, antwortete Graves. �Ich wollte dir nur klar machen, wie wenig wir im Grunde �ber unsere Vergangenheit wissen. Und das Volk der Pharaonen hat vor wenigen tausend Jahren gelebt, Mogens. Wie k�nnen wir uns da anma�en, �ber etwas urteilen zu wollen, das <emphasis>hunderttausend Jahre </emphasis>zur�ckliegt?�</p><p>Er wartete auch jetzt wieder vergebens auf eine Antwort und wandte sich schlie�lich mit einem resignierenden Achselzucken wieder der Felswand zu. Seine Stimme nahm einen sachlich-dozierenden Ton an. �Dies hier sind Planetenkonstellationen�, erkl�rte er.</p><p>�Aus dem System des Sirius�, vermutete Mogens sp�ttisch.</p><p>�Das dachte ich im ersten Moment auch�, erkl�rte Graves unger�hrt, �denn das hier abgebildete Sonnensystem hat nicht nur einen Planeten mehr als das unsere, dar�ber hinaus haben auch <emphasis>zwei </emphasis>seiner Welten Ringe, und manche Planeten haben etliche Monde mehr, als uns bislang bekannt sind. Aber ich habe eine Abschrift dieser Zeichnung mehreren Astronomen gezeigt, und sie sind �bereinstimmend zu der Auffassung gelangt, dass es sich durchaus um eine Karte unseres Sonnensystems handelt, nur dass sie eben fehlerhaft ist - oder sehr alt.�</p><p>Mogens schwieg beharrlich.</p><p>�Es ist eine Karte unseres Sonnensystems�, fuhr Graves in leicht verletztem Tonfall fort. �Sie zeigt eine ganz bestimmte Planetenkonstellation. Eine sehr seltene Konstellation, Mogens, wie sie nur alle paar tausend Jahre einmal vorkommt.�</p><p>�Lass mich raten�, sagte Mogens sp�ttisch. �Dieser Zeitpunkt ist heute.�</p><p>�Ganz genau�, antwortete Graves. Er drehte sich zu Mogens um, aber das triumphierende L�cheln, das sich auf seinem Gesicht breit gemacht hatte, erlosch, als er des sp�ttischen Funkelns in Mogens' Augen gewahr wurde.</p><p>�Vielleicht nicht genau <emphasis>heute, </emphasis>aber jetzt�, antwortete er �rgerlich. �Ja. Die Konstellation beginnt jetzt, mit diesem Vollmond, und wird zwei, vielleicht drei Monate anhalten. Vielleicht haben wir eine zweite Chance, und m�glicherweise sogar eine dritte - aber ich glaube das nicht. Weder Wilson noch diese verdammten Maulw�rfe werden uns so viel Zeit lassen.�</p><p>�Zeit�, wiederholte Mogens misstrauisch. �Wozu?�</p><p>�Die Pforte zu �ffnen�, antwortete Graves. �Ich bin sicher, die Antworten auf all unsere Fragen sind hinter dieser T�r! Interessiert es dich denn wirklich nicht, Mogens? Sag mir nicht, dass es dich nicht reizt, das gr��te R�tsel der Menschheitsgeschichte zu l�sen.�</p><p>�Ich dachte, wir w�ren aus einem anderen Grund hier�, sagte Mogens. Es gelang ihm nicht, seine Stimme ganz so beil�ufig klingen zu lassen, wie er es gerne gehabt h�tte. Es spielte keine Rolle, ob Graves bewusst �bertrieb oder sich diese ganze Geschichte gar aus den Fingern gesogen hatte, um ihn zu k�dern - es war ihm gelungen. Niemand, ganz gleich ob nun Wissenschaftler oder nicht, h�tte diese Frage guten Gewissens mit <emphasis>nein </emphasis>beantworten k�nnen.</p><p>�Vielleicht ist es ja ein und derselbe�, antwortete Graves geheimnisvoll. Und selbstverst�ndlich waren auch diese Worte mit Bedacht gew�hlt, so, wie sich Graves vermutlich jedes einzelne Wort dieses Gespr�ches sorgsam zurechtgelegt hatte. F�r einen Moment glaubte Mogens ihn regelrecht zu sehen, wie er hinter seinem Schreibtisch sa�, die H�nde flach nebeneinander auf die Platte gepresst und die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, den Blick ins Nichts gerichtet, w�hrend er dar�ber nachdachte, wie und mit welchen Argumenten - oder auch Drohungen - er ihn doch noch dazu bringen konnte, ihm zu Diensten zu sein. Er traute Graves ohne weiteres zu, sich jede denkbare Reaktion und jede nur m�gliche Antwort auf seine Argumente vorgestellt und sich seinerseits wieder eine Erwiderung zurechtgelegt zu haben.</p><p>Graves manipulierte ihn, das war Mogens klar, aber er nahm es ihm noch nicht einmal �bel. Er w�re im Gegenteil fast schon entt�uscht gewesen, h�tte er es nicht zumindest versucht. Nein, der bittere Geschmack auf seiner Zunge kam von der Erkenntnis, dass er sich manipulieren lie�; und dass da etwas in ihm war, was sich gar nicht gegen Graves' Einfl�sterungen wehren <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>Er sp�rte sogar selbst, wie m�de er sich anh�rte, als er antwortete: �Gib dir keine M�he, Jonathan. Ich bleibe bei meiner Entscheidung. Ich h�tte nicht einmal hierher kommen sollen.�</p><p>Graves seufzte, aber auch seine Entt�uschung war nicht echt, sondern nur Teil seines sorgsam inszenierten Planes, eine von vermutlich nicht einmal sonderlich vielen Variationen, die er vorausgesehen und eingeplant hatte. �Mogens, du...�</p><p>�Bringst du mich zur�ck?�, fiel ihm Mogens ins Wort.</p><p>�Bevor du es dir doch noch anders �berlegen kannst?�, fragte Graves.</p><p>Mogens musterte ihn einen Herzschlag lang k�hl, dann drehte er sich mit einem angedeuteten Achselzucken um und ging.</p><p>�Warte, Mogens�, sagte Graves hastig. �Ich leuchte dir. Der Weg ist nicht ungef�hrlich. Nicht, dass du dich am Ende noch verletzt!�</p><p>�Ein gebrochenes Bein m�sste dir doch wie ein Geschenk des Himmels vorkommen�, sagte Mogens b�se.</p><p>�Bring mich nicht auf Ideen�, sagte Graves, w�hrend er mit schnellen Schritten an ihm vorbeiging und sich gleichzeitig b�ckte, um sich nicht an der niedrigen Tunneldecke zu sto�en.</p><p>Im ersten Augenblick war Mogens ihm ehrlich dankbar daf�r, denn er h�tte sich tats�chlich kaum zugetraut, den R�ckweg bei vollkommener Dunkelheit ohne nennenswerte Blessuren zu bew�ltigen, dann aber lief ihm ein eisiger Schauer �ber den R�cken. Graves verschwand geduckt in dem niedrigen Gang, und das Licht seiner Laterne mit ihm, aber es kam Mogens auf sonderbare Weise <emphasis>langsam </emphasis>vor, als h�tten ihm die ungez�hlten Jahrhunderte der Dunkelheit, die in dieser H�hle gewisserma�en konserviert waren, die Konsistenz einer z�hen Fl�ssigkeit verliehen. Der gelbe Schein glitt tr�ge �ber den Fels und schien F�den zu ziehen, als h�tten die scharfen Grate und Kanten die verletzliche Haut der Wirklichkeit aufgerissen, und aus diesen Wunden quoll...</p><p>Mogens presste die Lider erschrocken und so fest aufeinander, dass nicht nur bunte Lichtblitze �ber seine Netzh�ute zuckten, sondern auch dann noch blassgr�ne Nachbilder vor seinen Augen tanzten, als er die Lider wieder hob. Er war dankbar daf�r.</p><p>�Worauf wartest du, Mogens?� Graves hatte das andere Ende des kurzen Tunnels erreicht und gestikulierte ungeduldig mit seiner Lampe. �Sag nicht, du h�ttest am Ende doch noch einen Anfall pl�tzlichen Forscherdrangs erlitten!�</p><p>Sein Herz klopfte so stark, dass Graves es auf der anderen Seite eigentlich h�ren musste. Die gr�nen Nachbilder erloschen, aber er hatte sich die geisterhaften Schattenarme so wenig eingebildet wie die d�nnen peitschenden Nervenf�den, die...</p><p>Mogens w�rgte den Gedanken mit Gewalt ab und beeilte sich, Graves zu folgen. <emphasis>Nat�rlich </emphasis>hatte er sich die Schatten eingebildet. Es gab hier unten keine Geister, so wenig wie oben auf dem Friedhof oder an irgendeinem anderen Ort auf der Welt, und es war auch kein heiliger, verwunschener oder sonst wie �bernat�rlicher Platz, sondern nichts als ein finsteres, kaltes Loch in der Erde. Das Einzige, mit dem hier etwas nicht stimmte, war seine eigene Fantasie.</p><p>Da er sich viel zu hastig bewegte, stie� er sich auch diesmal den Kopf; und sogar weit heftiger als vorhin. Der Schmerz war so schlimm, dass er ihm die Tr�nen in die Augen trieb, aber Mogens begr��te ihn geradezu, war er doch etwas Lebendiges, ein Teil der greifbaren Welt, in der er lebte, und Beweis daf�r, dass er noch dazu geh�rte. Er verbiss sich jeden Schmerzlaut und zwang wieder die gleiche, verbissene Starre wie bisher auf seine Z�ge, als er sich auf der anderen Seite aufrichtete und Graves gegen�bertrat, auch wenn es ihm schwer fiel.</p><p>Graves sah ihn jedoch nicht einmal an, sondern fuhr mit einer fast milit�risch-zackigen Bewegung auf dem Absatz herum und st�rmte voraus, und das so schnell, dass Mogens alle M�he hatte, mit ihm Schritt zu halten. Prompt stolperte er �ber die Kabel, denen er vorhin so m�hsam ausgewichen war, und w�re um ein Haar gest�rzt. Sein Missgeschick konnte Graves keinesfalls entgangen sein, aber er stockte nicht einmal im Schritt, geschweige denn, dass er zu ihm zur�ckgesehen h�tte.</p><p>Mogens blickte ihm �rgerlich nach und nahm sich vor, in Zukunft in Graves' Gegenwart lieber dreimal zu �berlegen, was er sagte, statt wie bisher nur zweimal. M�glicherweise hatte er Graves mit seiner scherzhaft gemeinten Bemerkung auf Ideen gebracht.</p><p>Dennoch beschleunigte er seine Schritte noch, auch wenn er sich h�tete, ganz zu Graves aufzuschlie�en - wie er sich selbst mit Erfolg einredete, um die angespannte Stimmung, die zwischen ihnen herrschte, nicht noch weiter zu verschlimmern. Tief in sich kannte er aber den wahren Grund: Weiter zu Graves aufzuschlie�en h�tte auch zwangsl�ufig dazu gef�hrt, in das verzerrte Oval aus Licht hineinzutreten, das seine Lampe auf den Boden warf, und dazu wiederum h�tte er die Grenze zwischen Dunkelheit und Licht �berqueren m�ssen; und damit die Schwelle, auf der die Schatten lauerten.</p><p>Sie hatten die gro�e H�hle halb durchquert, als vor ihnen ein m�hsames �chzen und Schlurfen erscholl, und praktisch in gleichen Moment gewahrte Mogens eine Gestalt, die sich ihnen durch den Zugangstunnel n�herte. Graves' Laterne reichte nicht aus, um ihn mehr als einen schwarzen, aber ganz zweifelsfrei <emphasis>missgestalten </emphasis>Schemen erkennen zu lassen, doch was ihm seine Augen nicht zeigen konnten, das erledigte seine Fantasie daf�r um so effektiver: Noch bevor Graves seine Lampe hob, erkannte er ein gewaltiges struppiges <emphasis>Ding </emphasis>mit drahtigem Fell, spitzen Fuchsohren und schrecklichen F�ngen, das mit schlurfenden Schritten auf sie zu humpelte. Diesmal konnte er einen erschrockenen Aufschrei nicht mehr ganz unterdr�cken.</p><p>Graves hob seine Lampe, und das Licht verwandelte das Ungeheuer in Tom. Er ging tats�chlich so weit nach vorne gebeugt, dass aus seinen Schritten ein m�hsames Schlurfen und Dahinschleppen wurde, und der grotesk verkr�ppelte Schatten, der Mogens zu Tode erschreckt hatte, kam von der riesigen l�nglichen Kiste, die der Junge sich auf die Schultern geladen hatte und unter deren Gewicht er nahezu zusammenzubrechen drohte. Sie war eindeutig gr��er als er selbst, und Toms m�hsamen Schritten und seinem verzerrtem Gesicht nach zu urteilen, schien sie auch um einiges mehr zu wiegen als er.</p><p>Als er Mogens' Schrei h�rte, blieb er mitten im Schritt stehen, was zur Folge hatte, dass er endg�ltig unter seiner Last zu straucheln drohte, und auch Graves drehte sich zu ihm um und zog fragend die Augenbrauen hoch. Mogens ignorierte seinen verwirrten Blick jedoch und eilte zu Tom hin, um ihn aufzufangen.</p><p>Er kam gerade noch rechtzeitig, um die schlimmste Katastrophe zu verhindern. Tom k�mpfte tapfer mit seiner Last, aber einmal aus dem Gleichgewicht gekommen, hatte er keine Chance. Er kippte hilflos nach vorn und zugleich zur Seite und w�re unweigerlich gest�rzt, h�tte Mogens ihn nicht in letzten Augenblick erreicht und mit beiden H�nden beherzt zugegriffen. Wenigstens versuchte er es.</p><p>Die Kiste war so schwer, dass Mogens unter ihrem Gewicht ebenfalls ins Straucheln geriet und im n�chsten Augenblick in die Knie sank. Die schwere h�lzerne Kiste entglitt seinen H�nden vollends und polterte zu Boden, als auch Tom den Kampf gegen die Schwerkraft endg�ltig verlor und loslie�. Immerhin gelang es ihnen auf diese Weise, den mehr als mannsgro�en Kasten zwar hart, aber doch einigerma�en unbesch�digt auf den Boden gleiten zu lassen.</p><p>�Verdammt, passt doch auf!� Graves war mit zwei schnellen Schritten heran und schwenkte seine Lampe hin und her, um die Kiste besorgt zu begutachten. �Ist etwas passiert?�</p><p>�Mir nicht�, antwortete Mogens �rgerlich, �und deiner wertvollen Kiste offensichtlich auch nicht.�</p><p>Er stemmte sich �chzend wieder in die H�he und warf gleichzeitig einen raschen, besorgten Blick auf Tom hinab. Der Junge beantwortete ihn mit einem raschen Kopfsch�tteln und einem fl�chtigen L�cheln, das aber kaum so lange Bestand hatte, wie es brauchte, um �berhaupt zu entstehen. Dann sah er Graves an, und ein Ausdruck nur noch m�hsam unterdr�ckter Furcht ergriff von seinem blassen Gesicht Besitz.</p><p>�Das will ich hoffen�, knurrte Graves. Er stellte seine Lampe auf den Boden, lie� sich auf die Knie fallen und tastete mit zitternden H�nden �ber das Holz. �Du hast ja keine Ahnung, wie wichtig diese Kisten sein k�nnten.�</p><p>�Aber ich bin sicher, du wirst es mir gleich sagen, Jonathan�, antwortete Mogens sp�ttisch. Er wandte sich ganz zu Tom um. �Ist alles in Ordnung?�</p><p>�Mir ist nichts passiert�, sagte Tom rasch. Mit einer ebenso raschen, fast anmutig erscheinenden Bewegung stand er endg�ltig auf und fuhr sich gl�ttend �ber seine Kleider. Mogens fiel auf, dass seine Hose �ber dem rechten Knie zerrissen war, und darunter glaubte er Blut zu sehen. Aber er sagte nichts. Er war sicher, dass es Tom peinlich gewesen w�re.</p><p>�berhaupt sah er den Jungen pl�tzlich mit anderen Augen als noch vor einer halben Stunde. Er hatte schlie�lich am eigenen Leib gesp�rt, wie schwer diese Kiste war. Es war ihm ein R�tsel, wie Tom es fertig gebracht hatte, sie den gesamten Tunnel allein entlangzuschleppen. Wie es ihm gelungen war, dieses Monstrum die Leiter herunterzuschaffen, vermochte er sich nicht einmal vorzustellen.</p><p>Graves hatte die �u�erliche Inspektion mittlerweile beendet und robbte auf den Knien um die Kiste herum und beugte sich vor. Mogens h�rte ein schweres, metallenes Schnappen. �Hilf mir mal!�, befahl Graves.</p><p>Sein Ton gefiel Mogens nicht, aber diese sonderbare Kiste - und viel mehr noch Graves' bemerkenswertes Verhalten - hatten seine Neugier geweckt. Weit langsamer und auch deutlich umst�ndlicher, als es Graves augenscheinlich recht war, ging er um die Kiste herum und lie� sich neben ihm in die Hocke sinken. Aus der N�he betrachtet wirkte die Kiste tats�chlich - Mogens erinnerte sich an das Gespr�ch, das Tom und er auf der Herfahrt gef�hrt hatten - wie ein Sarg, wenn auch ein ungew�hnlich <emphasis>massiver </emphasis>Sarg. Er war deutlich �ber sechs Fu� lang und knappe zwei breit und schien aus massiven Eichenbohlen zu bestehen, die nicht genagelt oder verzapft, sondern sorgsam verschraubt und zus�tzlich mit breiten Eisenb�ndern verst�rkt waren. Das Schnappen, das Mogens geh�rt hatte, stammte von zwei wuchtigen Schnappschl�ssern, die von massiven Federn an Ort und Stelle gehalten wurden. Als Graves mit beiden H�nden nach dem Deckel griff und Mogens mit einer Kopfbewegung dazu aufforderte, ihm zu helfen, sp�rte er, wie ungemein schwer er war. Das bizarre Gebilde musste mehrere Zentner wiegen.</p><p>Sein Inneres bot einen beinahe noch absonderlicheren Anblick. Boden und W�nde waren mit einem seltsamen Gewebe gepolstert, das eher an Metall als an Stoff erinnerte, und es gab vier wuchtige Vorrichtungen, die unschwer als Hand- und Fu�fesseln zu erkennen waren, und als sie den Deckel weiter aufklappten, konnte Mogens eine Anzahl von Luftl�chern darin erkennen. Er sog scharf die Luft ein. �Das ist...�</p><p>�... genau das, wof�r du es h�ltst�, fiel ihm Graves ins Wort. Er beugte sich vor. Seine Finger tasteten pr�fend �ber das Innere des Sarges. Erst nach einer geraumen Weile richtete er sich auf, st�tzte die F�uste auf die Oberschenkel und lie� ein erleichtertes Seufzen h�ren. �Anscheinend ist nichts besch�digt�, sagte er.</p><p>�Du, du hast das nicht wirklich vor?�, fragte Mogens fassungslos.</p><p>�Eine dieser Bestien zu fangen?� Graves nickte heftig. �Was hast du gedacht?�</p><p>�Aber...�, begann Mogens, nur, um sofort wieder von Graves unterbrochen zu werden.</p><p>�Was hast du gedacht, wie wir die Welt von der Existenz dieser Gesch�pfe �berzeugen sollen? Glaubst du etwa, es reicht, wenn wir beide uns auf ein Podium stellen und ein wenig �ber unsere Erlebnisse plaudern?� Er sch�ttelte zornig den Kopf. �Gewiss nicht! Wir brauchen einen Beweis, Mogens, einen handfesten Beweis! Wir m�ssen eine dieser Bestien fangen, und zwar lebendig! Nur so k�nnen wir die Welt davon �berzeugen, dass es sie gibt!�</p><p>Mogens starrte ihn ebenso fassungslos wie entsetzt an. So unglaublich es ihm auch selbst erschien - er hatte bisher nicht einmal dar�ber <emphasis>nachgedacht, </emphasis>wie Graves seinen ebenso ehrgeizigen wie wahnwitzigen Plan in die Tat umsetzen wollte. �Das kannst du nicht wirklich ernst meinen�, murmelte er.</p><p>�Hast du eine bessere Idee?�, fragte Graves geh�ssig. �Ich bin f�r konstruktive Vorschl�ge immer offen.�</p><p>�Aber wie...� Mogens rang ebenso vergeblich um Worte, wie er versuchte, seine Gedanken zu ordnen. �Wie willst du das schaffen?�, stammelte er. �Wie willst du eines von diesen... <emphasis>Dingern </emphasis>einfangen?�</p><p>�Aber das sollte dir doch eigentlich klar sein, mein lieber Professor�, antwortete Graves mit einem s�ffisanten L�cheln. �Wie f�ngt man eine Beute, die sich nicht fangen lassen will? Mit einem K�der.�</p></section><section><title><p id="_27">27.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Obwohl Mogens fast schon gewaltsam darauf bestanden hatte, ihm zu helfen, hatte Tom sich nicht davon abbringen lassen, auch die beiden anderen Kisten allein in die H�hle hinunterzuschaffen. Letztendlich h�tte er es ihm einfach befehlen k�nnen, aber Mogens wusste auch, dass er damit mehr Schaden als Nutzen anrichten w�rde; das Einzige, worauf er bestand war, dass Tom zu Miss Preussler ging, um sein verletztes Knie versorgen zu lassen.</p><p>Sheriff Wilson kam zwei Stunden sp�ter. Mogens war in seine Unterkunft zur�ckgekehrt, um seine Gedanken zu ordnen und zu einem Entschluss zu gelangen, aber nat�rlich gelang ihm weder das eine noch das andere. Als er das Ger�usch des Automobils h�rte und aus dem Fenster sah und Wilsons Wagen erkannte, war er regelrecht erleichtert. Er verlie� das Haus und eilte in Schlangenlinien �ber den aufgeweichten Platz, um den zahllosen Pf�tzen auszuweichen, die seit dem vergangenen Abend deutlich schlammiger geworden waren, aber kaum kleiner.</p><p>Wilson hatte vor Graves' H�tte angehalten und war halb aus dem Wagen gestiegen, aber seine rechte Hand lag noch immer auf dem Lenkrad, und als Mogens bei ihm anlangte, dr�ckte er gerade zum dritten Mal auf die Hupe. Das misst�nende Quaken zeitigte jedoch keinerlei Erfolg. Die T�r zum Blockhaus blieb verschlossen. Das einzige Ergebnis seiner Bem�hungen war, dass die T�r einer anderen H�tte aufflog und Miss Preussler unter der �ffnung erschien, um ihm einen tadelnden Blick zuzuwerfen.</p><p>�Ich an Ihrer Stelle w�rde mit dem L�rm aufh�ren�, sagte Mogens.</p><p>Wilson fuhr fast erschrocken herum und sah eine Sekunde lang regelrecht hilflos aus, aber seine Hand blieb weiter auf dem Lenkrad liegen. �Professor VanAndt!�</p><p>�Wirklich, ich an Ihrer Stelle w�rde es mir zweimal �berlegen, Miss Preusslers Unmut zu erregen�, fuhr Mogens fort. �Das ist schon so manchem - gro� oder klein - schlecht bekommen.� Er trat ganz um das Automobil herum und f�gte mit einem L�cheln hinzu: �Ich schlie�e mich da durchaus mit ein.�</p><p>�Miss Preussler?� Wilson sah fragend �ber den Platz. Miss Preussler war unter der T�r stehen geblieben und hatte die H�nde in die gut gepolsterten H�ften gestemmt. Sie war zu weit entfernt, um ihr Gesicht zu erkennen, aber Mogens konnte ihre strafenden Blicke regelrecht sp�ren, und auch Wilson schien es ganz �hnlich zu ergehen, denn er nahm nicht nur die Hand von der Hupe, sondern trat auch einen Schritt zur�ck und warf Miss Preussler ein gr��endes Nicken zu, indem er mit Zeige- und Mittelfinger an seine Hutkrempe tippte. Miss Preussler schenkte ihm noch einen abschlie�enden eisigen Blick und trat dann ins Haus zur�ck.</p><p>�Meine Haush�lterin�, erkl�rte Mogens. Miss Preussler w�rde ihm diese kleine L�ge sicher verzeihen, sollte sie �berhaupt je davon erfahren.</p><p>�Sie haben Ihre Haush�lterin mit hierher gebracht?�</p><p>�Sagen wir es so�, antwortete Mogens ausweichend. �Ich konnte sie nicht davon abbringen, mir zu folgen.�</p><p>Die Andeutung eines fl�chtigen L�chelns erschien auf Wilsons Lippen. �Ja, ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen, Professor.� Er wurde sofort wieder ernst. �Ich bin eigentlich gekommen, um mit Doktor Graves zu reden. Sie wissen nicht zuf�llig, wo er sich aufh�lt?�</p><p>�Ich nehme an, er ist bei seiner Arbeit�, antwortete Mogens.</p><p>Wilson sah ihn fragend an, aber Mogens vertiefte das Thema nicht weiter; sein Zorn auf Graves war nicht so gro�, dass er ihm in den R�cken gefallen w�re. �Wenn Sie gekommen sind, um die Uniform abzuholen, die Sie mir freundlicherweise geliehen haben, muss ich Sie noch um ein wenig Geduld bitten�, sagte er stattdessen. �Miss Preussler hat sich nicht davon abbringen lassen, sie zu waschen.�</p><p>Wilsons Stirn umw�lkte sich. Das war nicht das gewesen, was er hatte h�ren wollen. �Das hat Zeit�, sagte er in leicht unwilligem Ton. �Ich w�rde jetzt wirklich gern mit Doktor Graves sprechen.�</p><p>Mogens wollte es nicht, aber er sah ganz unwillk�rlich zu dem gro�en Zelt in der Mitte des schlammigen Platzes hin.</p><p>Wilsons Blick folgte dem seinen, und zwischen seinen hellgrauen Augenbrauen entstand eine tiefe, nachdenkliche Falte.</p><p>�Ich werde Tom schicken, um Doktor Graves zu holen�, sagte Mogens rasch.</p><p>�Tun Sie das�, antwortete Wilson, hob aber absurderweise auch gleichzeitig die Hand, um ihn mit einer Geste zur�ckzuhalten. �Aber vielleicht k�nnen Sie mir ja auch einige Fragen beantworten.�</p><p>Mogens hob wortlos die Schultern. Er bedauerte es bereits, �berhaupt herausgekommen zu sein. Vermutlich w�re er besser beraten gewesen, einfach abzuwarten, bis Wilson unverrichteter Dinge wieder gefahren war. �So weit es mir m�glich ist�, antwortete er ausweichend.</p><p>�Oh, daran zweifle ich eigentlich nicht�, sagte Wilson. Er nahm seinen Stetson ab und begann ihn in den H�nden zu drehen, aber er war ein erb�rmlicher Schauspieler. Die Unsicherheit, die er Mogens auf diese Weise vorgaukeln wollte, war das genaue Gegenteil. �Ich hatte heute Morgen Besuch, Professor. Doktor Steffen - erinnern Sie sich?�</p><p>�Der Geologe.� Mogens konnte sich gerade noch beherrschen, nicht das Wort zu benutzen, das Graves favorisierte: <emphasis>Maulwurf.</emphasis></p><p>Wilson nickte. �Sie h�tten ihn beinahe noch angetroffen, w�ren Sie nur ein paar Minuten l�nger geblieben. Aber vielleicht ist es auch ganz gut so. Doktor Graves und er sind nicht unbedingt das, was man gute Kollegen nennt, f�rchte ich.�</p><p>Es war keine Feststellung, sondern eine Frage, aber Mogens weigerte sich, auch nur mit einem Nicken oder einem Schulterzucken darauf zu antworten.</p><p>�Doktor Steffen war ziemlich erregt�, fuhr Wilson fort, nachdem er schlie�lich eingesehen hatte, dass er keine Antwort bekommen w�rde. �Er sagt, es h�tte in der vergangenen Nacht weitere Erdst��e gegeben.� Sein Blick wurde eindeutig lauernd, aber Mogens reagierte auch diesmal nur mit einem Achselzucken.</p><p>�Ich habe nichts gesp�rt.�</p><p>�Niemand hat das�, bekannte Wilson. �Aber Doktor Steffen beharrt darauf. Er hat mir ein Blatt Papier gezeigt, das von einem seiner Messger�te stammt. Nicht dass ich es wirklich verstanden h�tte.� Er hob in einer Geste nicht wirklich �berzeugend gespielter Verlegenheit die Schultern. �Ehrlich gesagt sind es f�r mich nicht mehr als bunte Linien und Striche auf Papier. Aber Doktor Steffen besteht darauf, dass diese Aufzeichnungen den Beweis f�r einen weiteren Erdsto� darstellen. Er war ziemlich besorgt. Und er behauptet nach wie vor, dass das - wie hei�t es? Epizentrum?� Er sah Mogens stirnrunzelnd an und sprach erst weiter, als dieser zustimmend genickt hatte. �Ja, das Epizentrum also genau hier unter Ihrem Lager gewesen ist.�</p><p>�Ich habe nichts bemerkt�, sagte Mogens noch einmal, �Und Doktor Graves auch nicht. Er h�tte es mir sicher gesagt.�</p><p>�Ja, sicher�, sagte Wilson. Er machte keinen Hehl aus seiner Entt�uschung, aber er gab auch nicht auf. Er �nderte nur seine Taktik. �Was tun Sie hier eigentlich, Professor VanAndt?�, fragte er.</p><p>�Sie wissen, dass ich Ihnen das nicht sagen kann, Sheriff�, antwortete Mogens. �Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir hier rein arch�ologische Forschungen betreiben.�</p><p>�Das hei�t, Sie graben etwas aus.�</p><p>Mogens schmunzelte. �Sie sind hartn�ckig, Sheriff, das muss man Ihnen lassen. Aber ich muss Sie entt�uschen. Wir <emphasis>graben </emphasis>nichts aus. Wir sehen uns lediglich ein paar Dinge an. Sehr alte Dinge - aber nichts von dem, was wir tun, ist in irgendeiner Weise dazu geeignet, ein Erdbeben zu verursachen, nicht einmal ein ganz kleines.�</p><p>Wilson ignorierte sein L�cheln ebenso wie seinen scherzhaften Ton. �Doktor Steffen scheint anderer Meinung zu sein�, sagte er ernst. �Sie sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen, Professor. Steffen ist ein renommierter Wissenschaftler, und er kennt eine Menge einflussreicher Leute. Er kann Ihnen eine Menge Schwierigkeiten machen.�</p><p>�Soll das eine Drohung sein, Sheriff?�, fragte Mogens. Er bedauerte seine eigenen Worte sofort, als er sie ausgesprochen hatte. Er wusste selbst nicht genau, <emphasis>warum </emphasis>er so reagiert hatte. So ziemlich das Letzte, was er im Moment wollte, war sich offen auf Graves' Seite zu schlagen und Wilson damit noch mehr zu verprellen.</p><p>Wilson schien ihm seine kleine Entgleisung jedoch nicht �bel zu nehmen. �Keineswegs, Professor�, antwortete er unger�hrt. �Aber Doktor Steffen wird die Sache kaum auf sich beruhen lassen. Soviel ich wei�, ist er genau in diesem Moment auf dem Weg nach San Francisco, um geeignete Schritte einzuleiten, die ihm Zutritt zu Ihrer Ausgrabungsstelle verschaffen.� Er sch�ttelte den Kopf. �Es tut mir Leid, wenn Sie mich falsch verstanden haben, Professor. Ich wollte Ihnen nicht drohen, sondern Sie ganz im Gegenteil warnen. Sehen Sie - ich bin daf�r verantwortlich, dass in meiner Stadt Ruhe und Ordnung herrschen. Dieser Streit dauert jetzt schon ein Jahr an. Er muss ein Ende haben. Leider ist weder mit Doktor Graves noch mit Doktor Steffen ein vern�nftiges Gespr�ch m�glich. Ich hatte die vage Hoffnung, dass Sie vielleicht vern�nftiger sein k�nnten.�</p><p>�Das kommt ganz darauf an, was Sie unter dem Wort <emphasis>vern�nftig </emphasis>verstehen�, antwortete Mogens.</p><p>�Ich kann Doktor Steffen schwerlich bes�nftigen, wenn ich nicht wei�, was hier vorgeht�, sagte Wilson.</p><p>Mogens seufzte. �Sie wissen, dass ich daran nichts �ndern kann. Doktor Graves' Anweisungen sind in diesem Punkt eindeutig. Ich w�rde meine Anstellung riskieren.�</p><p>�Es liegt mir nat�rlich fern, Ihnen Schwierigkeiten zu bereiten, Professor�, versicherte Wilson hastig. Er war vielleicht kein guter Schauspieler, dachte Mogens, aber er gab sich immerhin M�he, �berzeugend zu l�gen. �Aber es w�re dennoch von Vorteil, wenn ich wenigstens eine Ahnung h�tte.�</p><p>�Verstehen Sie etwas von der Megalithkultur, Sheriff?�, fragte Mogens.</p><p>Wilson blinzelte.</p><p>�Aber Sie leiden nicht zuf�llig an Klaustrophobie?�, fuhr Mogens fort.</p><p>Wilson blinzelte erneut.</p><p>�Platzangst�, erkl�rte Mogens.</p><p>�Nein�, antwortete Wilson. �Jedenfalls nicht, dass ich w�sste.�</p><p>Mogens �berlegte nur noch einen Augenblick, dann trat er demonstrativ zur�ck und drehte sich zur Mitte des Platzes hin, um auf das Zelt zu deuten. �Dann wollen wir hoffen, dass Sie sich nicht irren�, sagte er. �Sonst stehen Ihnen ein paar unangenehme Minuten bevor.�</p><p>Wilson zog �berrascht die Brauen hoch. �Sie...?�</p><p>�Ich hoffe, Sie haben noch Verwendung f�r einen Deputy-Sheriff, der Waffen hasst und seine Haush�lterin mitbringt�, sagte Mogens. �Wenn Doktor Graves uns �berrascht, k�nnte es gut sein, dass ich eine neue Anstellung brauche.�</p></section><section><title><p id="_28">28.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Auf dem ganzen Weg nach unten fragte sich Mogens vergeblich, warum er das eigentlich tat. Ob Graves vor Zorn sch�umen w�rde oder nicht, war ihm gleich. Wenn es nach ihm ging, konnte Jonathan Graves getrost der Schlag treffen. Er war ihm keinerlei Loyalit�t schuldig, nicht nach allem, was er getan hatte und ganz offensichtlich noch zu tun beabsichtigte, aber er kam sich trotzdem vor wie ein Verr�ter.</p><p>Mogens tr�stete sich damit, dass er Graves letzten Endes einen Gefallen tat. Er konnte nicht beurteilen, ob es Steffens angebliche <emphasis>Erdst��e </emphasis>wirklich gegeben hatte oder ob sie nur ein Vorwand waren, um dem Geologen Zutritt zur Ausgrabungsstelle zu verschaffen, aber er pflichtete Wilson bei, was seine Einsch�tzung Steffens anging. Graves untersch�tzte ihn. Der Geologe w�rde nicht aufgeben, bevor er nicht <emphasis>gesehen </emphasis>hatte, was sie dort unten taten. Und er w�rde ganz bestimmt mehr sehen als Wilson.</p><p>Wie sich zeigte, litt Sheriff Wilson zwar nicht unter Klaustrophobie, stellte sich aber auf dem Weg nach unten weit ungeschickter an als selbst Mogens. Er brauchte gut doppelt so lange wie er, um die Leiter hinabzusteigen, und sein Fu� rutschte allein auf dem kurzen St�ck zweimal von den Sprossen ab, sodass es Mogens im Nachhinein fast wie ein kleines Wunder vorkam, dass er den Grund des Schachtes erreichte, ohne abzust�rzen und sich den Hals zu brechen - eine Vorstellung, die Graves vermutlich gefallen h�tte.</p><p>�Ich f�hle mich nicht wohl auf Leitern�, gestand Wilson mit einem nerv�sen L�cheln, als er endlich neben ihm angelangt war; mit ganz leicht zitternden H�nden und schwei�bedeckter Stirn. �Um ehrlich zu sein, ist mir am wohlsten, wenn ich mit beiden F��en sicher auf der Erde stehe. Das war schon immer so, schon als ich ein Kind war.�</p><p>�Dann sollten Sie Gott jeden Abend in Ihrem Nachtgebet daf�r danken, dass Sie nicht drei�ig Jahre fr�her geboren worden sind�, sagte Mogens. Wilson zog fragend die linke Augenbraue hoch und Mogens f�gte hinzu: �Dann h�tten Sie Ihren Beruf im Sattel eines Pferdes aus�ben m�ssen.�</p><p>Wilson lachte pflichtschuldig, aber Mogens sah ihm an, dass er diese Bemerkung nicht besonders lustig fand. Rasch deutete er mit einer Kopfbewegung hinter sich. �Kommen Sie. Ab jetzt bleiben wir auf festem Grund.�</p><p>Wilson murmelte etwas, das sich wie <emphasis>sehr witzig </emphasis>anh�rte und fuhr sich mit dem Unterarm �ber die Stirn, um den Schwei� wegzuwischen, schloss sich ihm aber gehorsam an, als er sich umdrehte und geb�ckt in den niedrigen Tunnel eindrang.</p><p>�Sie haben elektrisches Licht�, sagte Wilson anerkennend. �Doktor Graves hat wirklich an nichts gespart.�</p><p>Mogens nickte nur und beschleunigte seine Schritte ein wenig. Er versuchte sich auf die Ger�usche vor ihnen zu konzentrieren - die Frage, wie er reagieren sollte, wenn sie in die H�hle hineintraten und sich unversehens Graves gegen�bersahen, stellte er sich vorsichtshalber erst gar nicht -, aber alles, was er h�rte, war das gleichm��ige Tuckern des Generators. Jener sonderbare Unterton war noch darin, und Mogens schien es auch so, als w�re er lauter geworden.</p><p>�Wir haben nicht einmal in der Stadt �berall elektrischen Strom�, fuhr Wilson hinter ihm fort. �In meinem B�ro haben wir noch Gaslaternen - aber offen gesagt vermisse ich es auch nicht. Manchmal erschrecken mich all diese modernen Dinge richtiggehend. Sie machen das Leben nicht wirklich einfacher, finde ich. Es mag bequem sein, nur einen Schalter umlegen zu m�ssen, damit es hell wird, aber ich frage mich immer, ob wir uns letzten Endes damit wirklich einen Gefallen tun. Ich meine: Was, wenn all dieses neumodische Zeugs irgendwann einmal nicht mehr funktioniert? Eine Petroleumlampe kann jedes Kind reparieren. Fr�her haben wir sie uns selbst gebaut, aus einer alten Konservendose und einem Docht. Aber einen Generator?�</p><p>Mogens h�tete sich, zu antworten. Wilson plapperte, nicht weil er etwas zu sagen hatte - oder gar <emphasis>wusste, </emphasis>wor�ber er sprach -, sondern um seine Nervosit�t zu �berspielen. Anscheinend fl��te ihm diese Umgebung mehr Unbehagen ein, als er zugeben wollte.</p><p>�Doktor Graves scheint ein sehr wohlhabender Mann zu sein�, fuhr Wilson im gleichen, nerv�splappernden Ton fort. �Das alles hier muss ein Verm�gen gekostet haben. Sie kennen sich schon lange?�</p><p>�Wir haben zusammen studiert�, antwortete Mogens. �Aber seit damals haben wir uns ein wenig aus den Augen verloren.�</p><p>Wilsons Frage irritierte ihn. Der Sheriff hatte vollkommen Recht. Graves hatte ihm erz�hlt, dass er dieses ganze Gel�nde gekauft hatte - und auch wenn es vermutlich nicht besonders teuer gewesen war, umsonst war es sicher nicht gewesen. Dazu kamen die Automobile, der Generator, die wissenschaftliche Ausstattung und die exorbitanten Sal�re, die Graves seinen Kollegen mit Sicherheit ebenso gezahlt hatte wie ihm, um sie hierher zu locken... all das <emphasis>hatte </emphasis>ein Verm�gen gekostet, und vermutlich nicht einmal ein kleines.</p><p>Mogens fragte sich, woher es kam. Graves hatte weder verm�gende Eltern, noch hatte er w�hrend ihrer gemeinsamen Zeit in Harvard �ber nennenswerte Geldmittel verf�gt. Ganz im Gegenteil war es meistens Mogens gewesen, der ihm das eine oder andere kurzfristige Darlehen gegeben hatte, obwohl er selbst alles andere als gut betucht gewesen war.</p><p>Sie erreichten das Ende des Tunnels und damit die gro�e H�hle, die anders als am Morgen jetzt hell erleuchtet war; Tom hatte s�mtliche elektrische Lampen eingeschaltet. Nur ein St�ck jenseits der Stelle, an der sie am Morgen die Kiste abgestellt hatten, standen nun drei der gro�en sarg�hnlichen Beh�ltnisse, gerade weit genug zur Seite ger�ckt, dass man aus dem Tunnel heraustreten konnte, ohne dar�ber zu stolpern. Wilson schenkte ihnen jedoch kaum Beachtung, sondern sah sich aus staunend aufgerissenen Augen um. Mogens registrierte voller Unbehagen, dass die Lattent�r zu dem mit Hieroglyphen verzierten Gang weit offen stand, und auch dahinter Licht brannte. So schnell, wie er es wagte, ohne Wilsons Misstrauen durch zu gro�e Hast noch weiter zu sch�ren, drehte er sich herum und deutete in die entgegengesetzte Richtung, wobei er Wilson wie durch Zufall den direkten Blick auf den Gang vertrat.</p><p>�Was Sie interessieren d�rfte, ist dort hinten�, sagte er.</p><p>Wilson sah ihn beinahe lauernd an. �Woher wissen Sie, was mich interessiert, Professor?�, wollte er wissen.</p><p>�Sie wollten wissen, was wir hier gefunden haben�, antwortete Mogens achselzuckend. �Sie k�nnen sich gern auf eigene Faust umsehen. Allerdings bezweifle ich, dass Sie die wirklich interessanten Dinge auch nur erkennen w�rden.�</p><p>�Weil ich nur ein dummer kleiner Sheriff aus einem hinterw�ldlerischen Kaff bin�, vermutete Wilson.</p><p>�Weil das, was wir entdeckt haben, auf den ersten Blick ziemlich unspektakul�r ist�, antwortete Mogens in ganz bewusst leicht ver�rgertem Ton. �Aber wie gesagt: Es steht Ihnen frei, sich allein umzusehen. Wir haben keine Geheimnisse.� Es gelang ihm jetzt, einigerma�en beil�ufig zu klingen, aber er wusste selbst nicht zu sagen, wie lange noch. Innerhalb der letzten zwanzig Minuten hatte er Wilson einen geh�rigen Vertrauensvorschuss gegeben, aber der Sheriff strengte sich nicht unbedingt an, ihn einzul�sen.</p><p>Wilson ma� ihn auch jetzt noch gute f�nf Sekunden lang - eine Ewigkeit - mit durchbohrenden Blicken, aber dann entspannte er sich sichtbar und sagte, nachdem er seinen Hut abgenommen hatte: �Bitte, Professor. Gehen Sie voraus.�</p><p>Zumindest innerlich atmete Mogens vorsichtig auf. Es gefiel ihm nicht, Wilson auf eine so �berhebliche Art zu behandeln - schon, weil er sich mit einem derartigen Betragen mehr in Graves' N�he r�ckte, statt sich von ihm abzugrenzen -, aber Wilson schien es geradezu darauf angelegt zu haben. Mogens ging betont langsam weiter und trat an den langen Arbeitstisch heran. Ohne Wilson, der die daraufliegenden Werkzeuge, Artefakte, Papiere und B�cher ebenso neugierig wie verst�ndnislos musterte, auch nur eines Blickes zu w�rdigen, nahm er eine der Petroleumlampen, von denen sich mehr als ein halbes Dutzend in dem Durcheinander fanden, wenn man sich nur die M�he machte, genau hinzusehen. Er entz�ndete den Docht, reichte die Lampe an Wilson weiter und entz�ndete eine zweite Sturmlaterne f�r sich. Wilson warf noch einen fast sehns�chtigen Blick zu der offen stehenden T�r, schloss sich Mogens dann aber zu seiner insgeheimen Erleichterung an.</p><p>Jetzt, wo die H�hle fast taghell erleuchtet war, kam sie ihm gr��er vor als am Morgen, als er Graves auf die gleiche Weise gefolgt war wie Wilson nun ihm. Einen kurzen Moment lang war er nicht einmal sicher, ob er den richtigen Durchgang auf Anhieb finden w�rde, denn es gab davon deutlich mehr, als er bisher angenommen hatte. Die H�hle schien nur der Ausgangspunkt zu einem wahren Labyrinth unterirdischer Stollen und G�nge zu sein. Sie hatten nicht alle Zeit der Welt. Dass Graves sie bisher noch nicht entdeckt hatte, kam ihm schon fast wie ein kleines Wunder vor, aber gerade <emphasis>weil </emphasis>es so unwahrscheinlich war, begann er zu hoffen, dass sie diesen Besuch m�glicherweise sogar unbehelligt zu Ende bringen w�rden. Was Graves hinterher sagte oder auch tat, war ihm vollkommen gleichg�ltig. Mogens hatte sich - wieder einmal - entschlossen, das Lager endg�ltig zu verlassen, und das noch heute. Er hoffte sogar, Wilson dazu �berreden zu k�nnen, Miss Preussler und ihn mit zur�ck in die Stadt zu nehmen.</p><p>Diesmal war nicht er es, der �ber die Kabel und Schl�uche stolperte, die sich aus der Generatorh�hle herausringelten.</p><p>Wilson �bernahm das f�r ihn.</p><p>Der Lichtschein seiner Laterne flackerte, und Mogens h�rte einen ged�mpften Fluch und drehte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie Wilson mit einem schon fast komisch anmutenden Ausfallschritt sein Gleichgewicht wieder fand, wobei ihm der Stetson vom Kopf fiel und davonrollte.</p><p>�Geben Sie Acht, wo Sie hintreten, Sheriff�, sagte Mogens. �Hier liegt eine Menge Zeug rum.�</p><p>�Ja, das ist mir aufgefallen�, antwortete Wilson verdrie�lich. �Aber das hier sieht nicht aus, als w�re es dreitausend Jahre alt.� Sein Blick folgte dem handgelenksdicken schwarzen Kabel, �ber das er gestolpert war, bis zum Eingang der Nebenh�hle, aus der es sich herausringelte, und er b�ckte sich nach seinem Hut. Er setzte ihn zwar auf, machte aber in unver�ndert vorgebeugter Haltung zwei weitere Schritte und hob seine Laterne, um den Raum jenseits des Durchgangs auszuleuchten. Im n�chsten Moment stie� er einen anerkennenden Pfiff aus.</p><p>�Na, <emphasis>das </emphasis>nenne ich einen modernen Generator!�</p><p>Mogens war mit einem einzigen Schritt neben ihm und musste nur einen Blick in die niedrige H�hle werfen, um Wilsons erstaunte Reaktion nachempfinden zu k�nnen.</p><p>Was sich vor ihnen im Licht der beiden Sturmlaternen erhob, das musste zweifellos der Generator sein, den Tom und Graves so m�hsam hier heruntergeschafft hatten - aber er �hnelte nichts, was Mogens jemals gesehen hatte.</p><p>Das <emphasis>Gebilde - </emphasis>eine andere Bezeichnung daf�r wollte Mogens beim besten Willen nicht einfallen - war gut vier Fu� hoch und sicher zweimal so lang, und es gab weder R�der noch Riemen oder Kolben, die sich drehten, um die erzeugte Kraft zu �bertragen. Daf�r bot ihr �u�eres einen um so bizarreren Anblick. Nicht nur, dass Mogens keinerlei bewegliche Teile oder auch nur irgendeinen vertrauten Mechanismus entdecken konnte, er sah nicht eine einzige gerade Kante, nicht einen rechten Winkel oder auch nur eine einzige glatte Fl�che - und im �brigen auch nicht eine einzige Schwei�naht oder Schraube. Das Gebilde, das schnaubend und �chzend vor ihnen stand, war von so tiefschwarzer Farbe, dass seine Flanken das Licht ihrer Sturmlaternen nicht reflektierten, sondern regelrecht aufzusaugen schien. H�tte Mogens dieses beunruhigend aussehende Gebilde in Worte fassen sollen, so h�tte er wohl eher etwas Lebendiges beschrieben, ein schwarzes gekr�mmtes Ding wie eine Schnecke, das eindeutig <emphasis>gewachsen </emphasis>aussah und nicht <emphasis>gemacht </emphasis>und das einem beim blo�en Hinsehen Unbehagen bereitete, wenn man es zu lange betrachtete.</p><p>�So etwas Verr�cktes habe ich noch nie gesehen�, murmelte Wilson. Er sah Mogens fragend an. �Ist das �berhaupt ein Generator?�</p><p>�Ich bin kein Ingenieur�, antwortete Mogens ausweichend. �Aber was soll es sonst sein?�</p><p>�Jedenfalls ist das nicht in einer amerikanischen Fabrik gebaut worden�, sagte Wilson, in einem Ton, als h�tte f�r ihn schon allein die Vorstellung, Menschen aus dem Land der Freien und Tapferen h�tten dieses Ding konstruiert, etwas Obsz�nes. �Wahrscheinlich stammt es aus Europa�, schloss er kopfsch�ttelnd. �Die bauen ja da die verr�cktesten Sachen.�</p><p>Mogens war erleichtert, als Wilson endlich zur�cktrat und sich aufrichtete. Die H�hle versank wieder im Dunkel, doch w�hrend Mogens sich umdrehte und weiterging, musste er das unheimliche Empfinden niederk�mpfen, von unsichtbaren gierigen Augen angestarrt zu werden. Er hatte das Gef�hl, einen Frevel begangen zu haben, einfach nur, indem er dieses bizarre Gebilde <emphasis>angesehen </emphasis>hatte.</p><p>Er sch�ttelte den Gedanken ab und ging so schnell weiter, dass Wilson alle M�he hatte, mitzuhalten. Es verging nur noch ein Augenblick, bis sie den Durchgang erreichten und Mogens sich b�ckte, um hindurchzutreten. Er reduzierte sein Tempo gerade weit genug, um halbwegs sicher durch den niedrigen Stollen zu gehen und schloss dabei - ohne es selbst wirklich zu merken - ganz instinktiv die Augen, um die furchteinfl��enden Schatten nicht sehen zu m�ssen, die am Ende dieses Tunnels lauerten. Hinter ihm begann Wilson lauthals zu fluchen, als sein Hinterkopf auf die gleiche unsanfte Weise Bekanntschaft mit dem harten Fels machte wie der Mogens' vor wenigen Stunden, und das - wie es sich anh�rte - gleich mehrmals. Er trug den Hut, den er vor kaum einer Minute erst aufgesetzt hatte, wieder in den H�nden, als er hinter Mogens aus dem Stollen trat.</p><p>�Sie h�tten mich warnen k�nnen, Professor�, grummelte er. �Das ist ja lebensgef�hrlich.�</p><p>�Man gew�hnt sich daran�, antwortete Mogens. �Ihnen ist doch nichts passiert, hoffe ich?�</p><p>Wilson schenkte ihm einen giftigen Blick und setzte umst�ndlich seinen Hut wieder auf, bevor er antwortete. �Ich hoffe, diese halsbrecherische Kletterei lohnt sich auch�, knurrte er.</p><p>�Ganz bestimmt�, versicherte Mogens. �Kommen Sie!� Er hob seine Lampe, drehte sich um und ging mit raschen Schritten zu derselben Stelle, die ihm Graves am Morgen gezeigt hatte. Wilson folgte ihm, wenn auch langsamer, und er blieb eine ganze Weile schweigend und mit angestrengt gerunzelter Stirn neben ihm stehen und starrte auf die Wand.</p><p>�Ich f�rchte, Sie m�ssen mir ein wenig helfen, Professor�, sagte er nach einer Weile.</p><p>�Sie sehen es nicht?� Mogens schwenkte seine Lampe langsam hin und her, sodass der Lichtschein die Jahrtausende alten Felszeichnungen aus der ewigen Dunkelheit rissen. Vielleicht war das keine gute Idee, denn die flackernde Aufeinanderfolge von Licht und Schatten offenbarte die uralten Malereien nicht nur den Blicken der Beobachter, sondern schien sie gleichsam auch zu unheimlichem Leben zu erwecken.</p><p>�Ich sehe es schon�, antwortete Wilson. Er hob die Schultern. �Nur ist mir nicht ganz klar, was daran so au�ergew�hnlich sein soll.�</p><p>�Das sind Felsmalereien�, erkl�rte Mogens. �Sie sind wahrscheinlich mehrere tausend Jahre alt.�</p><p>�Ich <emphasis>wei�, </emphasis>was Felszeichnungen sind�, antwortete Wilson scharf. �Wie gesagt, ich bin vielleicht nur ein dummer kleiner Sheriff vom Lande, aber sogar <emphasis>ich </emphasis>habe schon einmal von H�hlenmalereien geh�rt. Stellen Sie sich vor, ich habe sogar schon einmal welche gesehen. Vor ein paar Jahren, in Utah.�</p><p>Die Feindseligkeit in seiner Stimme am�sierte Mogens, aber er verzog keine Miene. �Solche ganz bestimmt noch nicht, Sheriff. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Selbst die meisten meiner Kollegen w�rden den Unterschied nicht bemerken - wenigstens nicht auf den ersten Blick.�</p><p>�Ich sehe ihn nicht einmal auf den dritten�, sagte Wilson.</p><p>�Aber er ist da, glauben Sie mir. Diese Malereien sind etwas ganz Besonderes. Wenn wir erst einmal so weit sind, unsere Entdeckung der �ffentlichkeit pr�sentieren zu k�nnen, dann m�ssen eine Menge Lehrb�cher �ber die Fr�hgeschichte unseres Landes neu geschrieben werden.�</p><p>Wilson sah ihn zweifelnd an. �Deswegen?�</p><p>�Sie d�rften gar nicht da sein�, antwortete Mogens. �Nach allem, was wir bisher �ber dieses Land zu wissen geglaubt haben, hat es hier noch gar keine Menschen gegeben, als diese Wandmalereien entstanden sind.� Er legte eine ganz genau bemessene Pause ein. �Verstehen Sie nun, warum Doktor Graves so sehr darauf bedacht ist, dass niemand fr�hzeitig von unserer Entdeckung erf�hrt? Das hier ist vielleicht der sensationellste arch�ologische Fund des Jahrhunderts!�</p><p>�Wenn Sie es sagen, Professor.� Wilson wirkte jetzt eindeutig hilflos, und Mogens musste sich beherrschen, um nicht triumphierend zu grinsen. Er hatte Wilson richtig eingesch�tzt. So wenig, wie der Sheriff irgendetwas anderes als �berheblichkeit von einem Wissenschaftler wie ihm erwartete, so sehr war er nur zu bereit, jede Erkl�rung zu glauben, die Mogens ihm anbieten w�rde, so lange sie sich nur akademisch genug anh�rte.</p><p>�Ich gehe ein ziemliches Risiko ein, indem ich Ihnen das hier zeige, Sheriff�, fuhr Mogens fort, �aber ich denke, ich kann Ihnen vertrauen. Wir brauchen nur noch wenige Tage, um unsere Arbeit hier abzuschlie�en. Schauen Sie sich ruhig um. Sehen Sie hier irgendetwas, das nach einem Erdbeben aussieht? Die gr��te Maschine, die wir einsetzen, ist der Generator, der unseren Strom erzeugt.�</p><p>�Doktor Steffen war der Meinung, dass Sie m�glicherweise Sprengladungen benutzen, um Ihre Ausgrabungen voranzutreiben.�</p><p>�Sprengladungen?� Mogens lachte. �Kaum. Doktor Steffens F�higkeiten als Wissenschaftler in Ehren, aber er ist Geologe, kein Arch�ologe. Sprengstoff ist <emphasis>sein </emphasis>Metier. Wir arbeiten hier eher mit Zahnb�rste und Pinsel als mit Dynamit.�</p><p>Hinter Wilson ert�nte ein leises, rhythmisches Klatschen. Mogens fuhr erschrocken herum und hob seine Lampe, und Graves klatschte noch zweimal in die H�nde und trat dann vollends in den Lichtschein der Sturmlaterne.</p><p>�Bravo�, sagte er kalt. �Das war ja eine flammende Rede. Hast du jemals daran gedacht, Prediger zu werden, Mogens? Das Talent dazu hast du auf jeden Fall.�</p><p>Er klatschte noch einmal in die H�nde und kam einen Schritt n�her, und selbst das kalte falsche L�cheln in seinen Augen erlosch und machte blanker, kaum noch verhaltener Wut Platz. �Darf ich fragen, was du hier tust?�</p><p>�Professor VanAndt hat mich auf meinen ausdr�cklichen Wunsch hierher gef�hrt�, mischte sich Wilson ein.</p><p>Graves ignorierte ihn. �Ich habe <emphasis>dich </emphasis>gefragt, Mogens�, wiederholte er. �Ich dachte, ich h�tte mich klar genug ausgedr�ckt, was die Anwesenheit von Fremden hier unten angeht.�</p><p>Mogens �ffnete den Mund, um sich zu verteidigen, aber Wilson kam ihm zuvor, indem er mit einem schnellen Schritt zwischen Graves und ihn trat. �Es ist ganz allein meine Entscheidung gewesen, hierher zu kommen, Doktor Graves�, sagte er kalt.</p><p>Graves' Blick l�ste sich fast widerwillig von Mogens' Gesicht und wandte sich dem Sheriff zu. Der brodelnde Zorn in seinen Augen machte einem Ausdruck fast ebenso gro�er Verachtung Platz. �Ich f�rchte, Sie haben hier nichts zu <emphasis>entscheiden, </emphasis>Sheriff�, sagte er. �Sie befinden sich hier auf Privatbesitz. Ich dachte, ich h�tte das schon erw�hnt.�</p><p>Wilson zog ein eng zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Hemdtasche, das er Graves hinhielt. Graves griff jedoch nicht danach, sondern starrte es nur an, als w�re es irgendetwas Ekelhaftes.</p><p>�Ich f�rchte, Sie sind es, der sich im Irrtum befindet, Doktor Graves�, sagte er. �Das hier ist ein richterlicher Beschluss, der mich erm�chtigt, Ihren <emphasis>Privatbesitz </emphasis>zu betreten und mich darauf umzusehen.�</p><p>Mogens war �berrascht. Wenn Wilson einen Gerichtsbeschluss hatte, warum hatte er dann nichts davon gesagt?</p><p>�Ein Gerichtsbeschluss?�, vergewisserte sich Graves. Er klang �berrascht; �berrascht und ungl�ubig und auch ein wenig erschrocken zugleich, aber er r�hrte noch immer keinen Finger, um nach dem Blatt zu greifen, das Wilson ihm auffordernd hinhielt.</p><p>Schlie�lich seufzte der Sheriff und steckte es wieder ein. �Ich habe ihn noch in der vergangenen Nacht beantragt. Stellen Sie sich vor, selbst bei uns auf dem Lande gehen die Dinge manchmal schnell.�</p><p>�Vergangene Nacht?� Graves nickte anerkennend. �Steffen verliert keine Zeit. Wie viel bezahlt er Ihnen, Sheriff? Ich frage nur, weil ich unter Umst�nden bereit sein k�nnte, sein Angebot zu �berbieten.�</p><p>Mogens stand noch immer halb hinter Wilson, sodass er sein Gesicht nicht erkennen konnte, aber er sah, wie Wilson heftig zusammenzuckte. �Das hat mit Doktor Steffen nicht das Geringste zu tun�, schnappte er. �Ich habe mit dem Friedensrichter gesprochen, gleich nachdem ich letzte Nacht drau�en bei der Unfallstelle war und die Spuren gesehen habe.�</p><p>�Spuren?�</p><p>�Jemand hat die Leichen verschwinden lassen�, erinnerte Wilson.</p><p>�Und?�, fragte Graves. Er versuchte, gelassen zu klingen, aber ganz gelang es ihm nicht. Irgendetwas geschieht mit seinem Gesicht, dachte Mogens schaudernd. Der Ausdruck �berheblicher Verachtung war nach wie vor in seinen Augen, aber darunter erwachte allm�hlich noch etwas anderes, d�stereres, das sich lautlos und schnell in seinem gesamten Gesicht auszubreiten begann. Mogens musste sich beherrschen, um nicht erschrocken einen Schritt vor ihm zur�ckzuweichen. Er fragte sich, wieso Wilson es nicht sah.</p><p>�Die Leute hier reagieren empfindlich, wenn es um die Ruhe ihrer Toten geht, Doktor�, antwortete Wilson. �Seit Wochen geschehen sonderbare Dinge auf dem Friedhof. Die Leute sagen, man h�rt des Nachts unheimliche Ger�usche, und manche meinen, seltsame Schatten gesehen zu haben. Und nun sind zwei Leichname verschwunden. Vielleicht drei.�</p><p>�Und?� Graves hob betont desinteressiert die Schultern. �Was geht mich das an? H�tten Sie die beiden Toten abtransportiert, wie es eigentlich Ihre Aufgabe gewesen w�re, statt sie wie M�ll liegen zu lassen, w�re das sicherlich nicht passiert.�</p><p>Mogens hielt instinktiv den Atem an, aber zu seiner �berraschung nahm Wilson auch diese neuerliche Provokation hin, ohne darauf zu reagieren.</p><p>�Es waren keine Tiere, die sich an den Leichen zu schaffen gemacht haben�, sagte er ruhig.</p><p>�Keine Tiere?� Graves lachte geh�ssig. �Was denn sonst?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Wilson. �Es gibt Spuren, Doktor Graves. Spuren, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Aber es waren nicht die Spuren eines Tieres. Jedenfalls nicht die eines Tieres, das ich kenne.�</p><p>�Das ist l�cherlich�, sagte Graves. �Worauf wollen Sie hinaus?�</p><p>�Auf nichts�, antwortete Wilson. �Ich sage nur, was geschehen ist. Die Leute reden. Was hier vorgeht, macht ihnen Angst. Und Leute, die Angst haben, tun manchmal Dinge, die sie besser nicht tun sollten.�</p><p>Die D�sternis schien nun schneller aus Graves' Augen hervorzubrechen, und etwas begann <emphasis>unter </emphasis>seinem Gesicht Gestalt anzunehmen. Wieso <emphasis>sah </emphasis>Wilson es nicht?</p><p>�Ich fasse das als Drohung auf, Sheriff�, sagte Graves kalt.</p><p>Wilson hob gleichm�tig die Schultern. �Das Wort <emphasis>Warnung </emphasis>w�re mir lieber. Aber ganz wie Sie wollen.�</p><p>Er schien noch mehr sagen zu wollen, belie� es aber dann bei einer Mischung aus einem Kopfsch�tteln und einem Achselzucken und trat so weit zur�ck, dass er Graves und Mogens zugleich im Auge behalten konnte. Etliche Sekunden lang sah er sie abwechselnd und mit wechselndem Ausdruck in den Augen an, dann hob er die Hand und ber�hrte damit die Brusttasche, in die er seinen Durchsuchungsbefehl gesteckt hatte.</p><p>�Das hier gibt mir das Recht, Ihren ganzen Laden sofort dicht zu machen�, sagte er k�hl. �Bedanken Sie sich bei Professor VanAndt, dass ich es nicht tue.�</p><p>Graves warf Mogens einen raschen Blick zu. Er wirkte nicht dankbar, sondern im Gegenteil beinahe noch w�tender. Aber er beherrschte sich. �Ganz wie Sie w�nschen, Sheriff.�</p><p>Wilson wandte sich direkt an Mogens. �W�rden Sie mich dann zur�ckbringen?�</p><p>�Selbstverst�ndlich.� Mogens machte einen Schritt, aber Wilson hob noch einmal die Hand, und er blieb wieder stehen.</p><p>�Noch etwas�, sagte Wilson. �Bis die Angelegenheit endg�ltig aufgekl�rt ist, muss ich Sie bitten, das Lager nicht zu verlassen.�</p></section><section><title><p id="_29">29.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Auf dem Weg nach oben bemerkte Mogens, dass eine der drei sarg�hnliche Kisten verschwunden war. Zu seiner Erleichterung schien es Wilson jedoch nicht aufzufallen, obgleich er mit einem gro�en Schritt dar�ber hinwegtrat, statt um die Beh�ltnisse herumzugehen. Auch auf dem gesamten Weg zur�ck zu seinem Wagen sagte Wilson kein einziges Wort, und als er schlie�lich einstieg, fasste sich Mogens ein Herz und bat ihn, Miss Preussler und ihn mit in die Stadt zu nehmen, was von Wilson aber mit rohen Worten abschl�gig beschieden wurde; der Hausarrest, unter den er Graves gestellt hatte, gelte nicht nur f�r ihn und Tom, sondern auch f�r Mogens und selbst Miss Preussler. Er fuhr ab, ohne ihm Gelegenheit zu einer weiteren Frage zu geben.</p><p>F�r die n�chsten zwei Stunden sah er weder Graves noch Tom oder Miss Preussler, aber Mogens h�tte hinterher auch nicht sagen k�nnen, wie er diese Zeit zugebracht hatte; als Graves schlie�lich - soweit er sich erinnern konnte, zum ersten Male �berhaupt - an seine T�r klopfte und eintrat, nachdem er ein �berraschtes <emphasis>Herein </emphasis>gerufen hatte. Mogens fand sich selbst wie aus einem fiebergeplagten Traum erwachend an seinem Stehpult wieder, ein aufgeschlagenes Buch, dessen Titel er nicht kannte, vor sich und ein belegtes Gef�hl auf der Zunge. Er sah Graves einen Moment lang fast verst�ndnislos an, dann blickte er noch viel verunsicherter auf das aufgeschlagene Buch vor sich herab und schlug es mit einer - nicht <emphasis>fast, </emphasis>sondern <emphasis>eindeutig - </emphasis>erschrockenen Bewegung zu und stellte es an seinen Platz auf dem Regal zur�ck, ehe er sich seinem unwillkommenen Besucher zuwandte.</p><p>�Jonathan.�</p><p>Der Angesprochene trat vollends ein und schloss die T�r hinter sich, sah aber zuerst das B�cherregal an, von dem sich Mogens gerade abwandte, und erst dann ihn, und obwohl Mogens sein Gesicht im schwachen Licht des bereits verblassenden Nachmittags nicht genau erkennen konnte, meinte er seinen zufriedenen Gesichtsausdruck doch geradezu zu sp�ren. Zugleich fragte er sich - vergebens - in welchem Buch er eigentlich gerade gebl�ttert hatte; und warum.</p><p>�Professor VanAndt.�</p><p>Mehr als alles machte der Umstand, dass Graves ihn nicht nur mit seinem Nachnamen, sondern vor allem mit seinem akademischen Grad ansprach Mogens klar, dass er nicht nur gekommen war, um die Zeit bis zum Abendessen mit einem belanglosen Gespr�ch zu �berbr�cken. Er blickte das gesichtslose Schemen, in das Graves sich verwandelt hatte, nachdem die T�r hinter ihm wieder geschlossen war, einen Moment lang unschl�ssig an und antwortete dann ganz bewusst in einer Umkehrung von Graves' ungewohnter Anrede: �Jonathan.�</p><p>Es funktionierte, wenn auch nur f�r einen kurzen Moment. Graves stockte mitten in der Bewegung, und selbst sein Umriss wirkte irgendwie irritiert. Dann aber fing er sich wieder und f�hrte seine unterbrochene Bewegung umso energischer zu Ende. Ohne eine ausdr�ckliche Aufforderung abzuwarten, ging er zum Tisch und setzte sich.</p><p>�Du arbeitest wieder, Mogens?�, fragte er.</p><p>�Nein�, antwortete Mogens - was zugleich der Wahrheit entsprach, wie es auch von Graves' Standpunkt aus v�llig absurd klingen musste: Immerhin hatte er ihn �ber eines seiner B�cher gebeugt angetroffen, als er hereingekommen war. Gleichzeitig kramte Mogens angestrengt in seinem Ged�chtnis, aber es war fast erschreckend: Er konnte sich erinnern, in einem von Graves' mitgebrachten B�chern gelesen zu haben, und er wusste sogar, dass ihm seine Lekt�re etwas ungemein Wichtiges verraten hatte, aber er konnte sich partout nicht erinnern, was.</p><p>Nicht einmal mehr, welches Buch es gewesen war.</p><p>Graves seufzte. �Ich kann dich verstehen, Mogens. Ich an deiner Stelle w�rde wahrscheinlich nicht anders reagieren.� Wieder legte er eine kleine Pause ein. Der Schatten, in den er sich verwandelt hatte, drehte den Kopf direkt in Mogens' Richtung, und er konnte seinen bohrenden Blick regelrecht sp�ren. Er schwieg.</p><p>�Also gut, ich verstehe�, seufzte Graves. �Du ziehst es vor, den Beleidigten zu spielen. Wahrscheinlich habe ich nicht das Recht, es dir �bel zu nehmen, auch wenn ich gestehen muss, dass ich gehofft habe, es w�re anders. Im Grunde bin ich auch nur gekommen, um dir von deiner Miss Preussler auszurichten, dass das Abendessen in einer Viertelstunde bereit ist - und um mich bei dir zu entschuldigen.�</p><p>Sp�testens jetzt w�re es Mogens' Part gewesen, irgendetwas zu sagen - und sei es nur eine entsprechende Frage zu stellen, die er als Stichwort nutzen konnte, um fortzufahren. Aber er schwieg beharrlich weiter.</p><p>�Du hattest vollkommen Recht, Wilson die H�hlenmalereien zu zeigen�, sagte Graves nach einer Weile. �Es war ganz genau die richtige Entscheidung. Unglaublich, sich vorzustellen, was dieser kleinm�tige Hinterw�ldler-Sheriff mit seinem <emphasis>Gerichtsbeschlu� </emphasis>alles h�tte anrichten k�nnen. Es war eine kluge Idee von dir, ihn direkt in die H�hle mit den Felsmalereien zu f�hren - sonst hat er doch nichts Relevantes gesehen, oder?�</p><p>Einen Moment lang spielte Mogens ganz ernsthaft mit dem Gedanken, das Gegenteil zu behaupten, nur um zu sehen, wie Graves sich wand und vor Schrecken kreidebleich wurde. Er fand durchaus Gefallen an dieser Vorstellung. Aber nat�rlich tat er nichts dergleichen, sondern sch�ttelte nur den Kopf.</p><p>Graves atmete h�rbar auf. �Hervorragend�, sagte er. �Du hast genau das Richtige getan. Wilson ist jetzt wieder in seinem B�ro in der Stadt und kommt sich vermutlich ungeheuer wichtig vor, weil wir ihn in unser Geheimnis eingeweiht haben. Bis er begreift, dass es in Wahrheit um etwas ganz anderes geht, ist es l�ngst zu sp�t. Du hast ganz hervorragend reagiert, Mogens. Ich war es, der sich im Irrtum befand. Ich hoffe, du nimmst meine Entschuldigung an.�</p><p>�Betrachte es als Abschiedsgeschenk, Jonathan�, antwortete Mogens. �Freu dich dar�ber, denn es wird das unwiderruflich Letzte sein, was ich f�r dich getan habe.�</p><p>Graves zeigte sich nicht sonderlich beeindruckt. �Sind wir jetzt wieder so weit, dass du beleidigt die Koffer packst und wegrennst wie ein kleiner Junge, der seinen Willen nicht bekommen hat? Das wievielte Mal? Das dritte oder das vierte?�</p><p>�Das letzte Mal�, antwortete Mogens. �Darauf kannst du dich verlassen.�</p><p>Er hatte mit Widerspruch gerechnet, einem neuerlichen Versuch Graves', ihn zum Bleiben zu �berreden - oder ihn auch unter Druck zu setzen, je nachdem, welche Taktik ihm im Augenblick am erfolgversprechendsten erschien -, aber er tat nichts dergleichen, sondern hob nur die Schultern.</p><p>�Ungl�ckseligerweise ist Sheriff Wilson dagegen, dass du und die entz�ckende Miss Preussler uns allzu schnell verlassen�, sagte er und stand auf. �Aber mach dir keine Sorgen. Ich werde nicht mehr versuchen, dich zu etwas zu �berreden, was du nicht wirklich selbst willst.� Er wandte sich zur T�r und ging zwei Schritte, aber dann blieb er doch noch einmal stehen und drehte sich zu Mogens um. ��berleg es dir noch mal Mogens�, sagte er. �Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du dir tats�chlich die Gelegenheit entgehen l�sst, herauszufinden, warum Janice sterben musste.�</p></section><section><title><p id="_30">30.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Miss Preussler hatte sich mit dem Abendessen selbst �bertroffen, aber abgesehen von Tom wusste es niemand zu w�rdigen. Graves a� wie �blich nichts, hatte sich aber anscheinend in sein Schicksal gef�gt und leistete ihnen schweigend und mit einer Tasse Kaffee Gesellschaft, w�hrend Mogens lustlos genug in seiner Portion herumstocherte, um anscheinend auch Miss Preussler selbst den Appetit auf ihr Essen zu verg�llen. Sie sagte nichts, sah ihn aber so vorwurfsvoll an, dass Mogens seinen Teller nach ein paar Minuten endg�ltig von sich schob und sich auf ein leichtes Unwohlsein herausredete; eine Behauptung, die Miss Preussler ihm zwar bestimmt nicht glaubte, mit der sie sich aber dennoch zufrieden gab. Einzig Tom verzehrte nicht nur seine eigene Portion, sondern auch noch die Mogens', nachdem er sie ihm hingeschoben und auffordernd genickt hatte. Anders als bisher dr�ngte Graves nicht zum sofortigen Aufbruch, kaum dass Tom den letzten Bissen heruntergeschlungen hatte, sondern beantwortete die wenig hoffnungsvolle Geste, mit der Miss Preussler die Kaffeekanne in seine Richtung schwenkte ganz im Gegenteil, indem er seine leere Tasse hob und sich nachschenken lie�.</p><p>�Was ist los mit Ihnen, Doktor?�, fragte Miss Preussler in dem schwachen Versuch, die angespannte Stimmung aufzulockern. �Sagen Sie nicht, dass Sie heute Morgen aufgewacht sind und wie durch ein Wunder von Ihrer krankhaften Arbeitswut geheilt waren?�</p><p>�Ganz im Gegenteil, Miss Preussler�, antwortete Graves, w�hrend er an seinem Kaffee nippte. �Ich f�rchte, Tom und ich haben eine lange Nacht vor uns. Wir k�nnen mit unserer Arbeit aus bestimmten Gr�nden erst gegen Mitternacht anfangen, aber ich f�rchte, sie wird wohl auch bis in die fr�hen Morgenstunden andauern.�</p><p>�Das ist �u�erst unvern�nftig, Doktor Graves�, beschied ihn Miss Preussler. �Wissen Sie denn nicht, dass der Schlaf vor Mitternacht der allerwichtigste ist?� Sie sch�ttelte missbilligend den Kopf und stutzte dann pl�tzlich. �Thomas und Sie?�</p><p>�Professor VanAndt hat sich entschlossen, nicht weiter an unserer Arbeit teilzunehmen�, sagte Graves.</p><p>Miss Preussler warf einen �berraschten Blick in Mogens' Richtung. �Ist das wahr?�</p><p>�Ich reise morgen ab�, best�tigte Mogens. �Sobald Sheriff Wilson es zul�sst, hei�t das.�</p><p>�Oh�, machte Miss Preussler. Aus einem Grund, den Mogens nicht nachvollziehen konnte, wirkte sie entt�uscht. �Und dazu haben Sie sich so pl�tzlich entschieden?�</p><p>�Es gibt f�r mich hier nichts mehr zu tun�, antwortete Mogens. Er sah Graves bei diesen Worten an, nicht sie, aber in dessen Gesicht regte sich kein Muskel.</p><p>�Ich nehme doch an, dass Sie mich begleiten�, fuhr er - nunmehr direkt an Miss Preussler gewandt - fort.</p><p>�Na...nat�rlich�, antwortete sie stockend. �Es kommt ein wenig �berraschend, aber ich... ich habe kein Problem damit.� Seltsam, dachte Mogens. Sie klang so, als h�tte sie durchaus ein Problem damit. Ein ziemlich gro�es sogar.</p><p>�Tom kann Professor VanAndt und Sie zum Bahnhof in San Francisco fahren�, sagte Graves, hob aber gleichzeitig auch abwehrend die Hand. �Keine Sorge - ich regele das mit Sheriff Wilson.� Er nippte an seinem Kaffee und warf Mogens einen raschen, undeutbaren Blick zu, ehe er sich wieder an sie wandte und fortfuhr: �Ich hoffe doch, Sie haben bis dahin Ihre Katze wieder gefunden.�</p><p>Miss Preussler machte ein betr�btes Gesicht. �Ja, allm�hlich beginne ich mir ernsthafte Sorgen um Cleopatra zu machen�, sagte sie. �Sie ist noch niemals so lange weggeblieben. Aber nat�rlich ist hier auch alles neu und fremd f�r sie, und sie hat eine Menge zu entdecken.�</p><p>�Vielleicht sollten Sie eine Schale mit Milch vor die T�r stellen�, schlug Graves vor. Er nippte wieder an seinem Kaffee, wobei er Mogens �ber den Rand der emaillierten Tasse hinweg fast sp�ttisch musterte.</p><p>�Ja, das sollte ich vielleicht tun�, sagte Miss Preussler.</p><p>Mogens stand mit einer so abrupten Bewegung auf, dass Miss Preussler ihn regelrecht erschrocken ansah. �Wo wollen Sie hin, Professor?�, fragte sie.</p><p>�Raus�, schnappte Mogens. �Cleopatra suchen.�</p></section><section><title><p id="_31">31.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Er tr�umte. Anders als in einem normalen Traum war ihm vollkommen klar, dass er tr�umte, und als w�re das allein noch nicht sonderbar genug, war er sich sogar �ber die Ursachen dieses bizarren Nachtmahrs im Klaren. Niemand anderes als Graves war daf�r verantwortlich, indem er mit seiner abschlie�enden Frage die Erinnerung nicht nur an die schrecklichsten Augenblicke seines Lebens wachgerufen hatte, sondern auch und vor allem die an Janice. So war es nicht weiter verwunderlich, dass er sich in seinem Traum zwar im Bett liegend in seiner H�tte wieder fand, komplett angezogen und sogar noch mit seinen Schuhen an den F��en, so wie er sich darauf ausgestreckt hatte, aber nicht mehr allein war. Janice stand am Fu�ende seines Bettes, Janice mit ihrem wallenden roten Haar, ihren melancholischen Augen und den zerbrechlichen Z�gen. Sie trug sogar noch dasselbe dunkelrote Kleid wie in jener schicksalhaften Nacht, und Mogens glaubte einen sachten Brandgeruch wahrzunehmen, und dazu noch etwas Anderes, Unangenehmeres, ein leicht fauliges Aroma, so schwach, dass es fast mehr zu erahnen als wirklich zu sp�ren war.</p><p>Ein Teil von ihm reagierte mit schierer Panik auf Janices Anblick, aber ein anderer und - zumindest im Moment noch - weitaus st�rkerer Teil seines Bewusstseins analysierte das unheimliche Trugbild mit einer Mischung aus rein wissenschaftlichem Interesse und einer Art am�sierter Anerkennung, die der Pr�zision seiner eigenen Vorstellungskraft galt. Janice trug das rote Kleid, in dem er sie das allerletzte Mal gesehen hatte, so wie es sie in seiner Vorstellung <emphasis>immer </emphasis>trug; die Erinnerung an Janice war so unverr�ckbar mit der an dieses rote Kleid verbunden, dass er sie stets darin sah, wenn er an ihre gemeinsame Zeit zur�ckdachte. Auch ihre Frisur war dieselbe, eine gepflegte, zugleich aber ungez�gelte rote M�hne, die bis weit �ber ihre Schultern hinabfiel und selbst dann noch irgendwie renitent wirkte, wenn sie gerade vom Friseur kam. Ihre gesamte Erscheinung strahlte eine Mischung aus Anmut und einer Kraft aus, die in krassem Gegensatz zu ihrer grazilen Gestalt und der weichen Stimme stand. Nat�rlich war sich Mogens dar�ber im Klaren, dass dieses Bild von Janice idealisiert war und nicht der Wahrheit entsprach. Dennoch konnte man seinem Unterbewusstsein nicht vorwerfen, dass es fantasielos gewesen w�re, oder die Tatsache, dass es die Janice-Erinnerung stets auf die gleiche Weise kleidete, auf reine Bequemlichkeit zur�ckzuf�hren w�re. Es <emphasis>war </emphasis>Janice, aber es war nicht genau die Janice von vor neun Jahren. Das knappe Jahrzehnt, das seit jener furchtbaren Nacht verstrichen war, war nicht spurlos an ihr vor�bergegangen; sie war eindeutig �lter geworden und auf eine frauliche Art sogar noch sch�ner, als er sie in Erinnerung hatte.</p><p>In seinem Traum versuchte Mogens aufzustehen oder sich wenigstens auf die Ellbogen hochzustemmen, aber er war wie gel�hmt. Alles, was er konnte, war reglos dazuliegen und die Erinnerung anzustarren, die Gestalt angenommen hatte und langsam n�her kam. Der Anteil von Furcht in seinen Gedanken wuchs, aber Mogens konnte selbst nicht sagen, <emphasis>was </emphasis>er eigentlich f�rchtete. Sicher nicht nur die Erinnerung an jene gr�ssliche Nacht. Der furchtbare Schmerz und das noch ungleich schrecklichere Gef�hl der Machtlosigkeit hatten sich unausl�schlich in sein Ged�chtnis eingebrannt, aber dennoch war ann�hernd ein Jahrzehnt vergangen, und kein Schmerz, der einen nicht t�tete oder buchst�blich um den Verstand brachte, hielt mit unverminderter Kraft so lange an. Er hatte die Szene unz�hlige Male in seinen Tr�umen durchlebt, wieder und wieder und immer wieder, sowohl im Schlaf als auch im Wachen, und unz�hlige Male war er schreiend und schwei�gebadet und mit rasendem Herzschlag aufgewacht. O ja, er kannte die Furcht, die die Erinnerung brachte - aber das hier war anders. Was er nun sp�rte, war nicht die Angst vor der Vergangenheit, sondern eine d�stere Vorahnung, das sichere Wissen um etwas, das kommen w�rde. Bald. Schrecklich. Und unausweichlich.</p><p>Die Janice-Erscheinung kam langsam n�her, auf eine unheimliche, gleitende Art, bei der man keine Schritte sah und die ihm endg�ltig klar gemacht h�tte, dass er nur tr�umte, h�tte er noch daran gezweifelt. Dennoch explodierte seine Furcht regelrecht, ohne dass er Trost aus dem Wissen ziehen konnte, nur einem Albdruck zu erliegen. Sein Herz h�mmerte. Bittere Galle sammelte sich unter seiner Zunge, und er versuchte mit aller Gewalt, die unsichtbaren Fesseln abzustreifen, die ihn gefangen hielten. Es gelang ihm nicht. Seine Furcht wuchs weiter.</p><p>Endlich h�rte das schreckliche, schrittlose Gleiten der unheimlichen Erscheinung auf, und sie blieb stehen, um ihn aus Janices Augen anzustarren, Janices Augen in Janices Gesicht, die nicht Janices Augen waren, so wenig, wie ihr Gesicht ihr Gesicht war. Es war eine Maske, nichts als die perfekte Mimikry einer unheimlichen Kreatur, die sich diese Larve �bergest�lpt hatte, um sich an ihre ahnungslose Beute heranzuschleichen, bis ihre Fluchtdistanz unterschritten und ein Entkommen unm�glich geworden war.</p><p>Die Maske zu erkennen hie�, sie zu durchschauen. Janices Gesicht ver�nderte sich nicht <emphasis>wirklich, </emphasis>aber es schien pl�tzlich auf eine schreckliche Art abzurutschen, als h�tte es seinen Halt in der Wirklichkeit verloren und glitte nunmehr vollends in die Dimension des Irrsinns ab, in der die Albtr�ume entstanden. Ihre Augen f�llten sich mit tintiger Schw�rze, und unter ihrer Haut begannen sich Dinge zu bewegen.</p><p>�Warum hast du mich im Stich gelassen, Mogens?�, fragte das Gesicht, das sich immer vergeblicher bem�hte, Janice zu sein. �Ich habe dir vertraut, aber du hast mich im Stich gelassen.� Auch ihre Stimme war nicht die von Janice. Sie hatte keine �hnlichkeit damit, ja, nicht einmal mehr wirklich mit irgendeiner <emphasis>menschlichen </emphasis>Stimme, sondern war wie ein nasses, m�hsames Gluckern und R�cheln, als h�tte der Sumpf, der sich unaufh�rlich an das Geb�ude heranschob, pl�tzlich zur Sprache gefunden. Die Gestalt hob die H�nde, aber sie f�hrte die Bewegung nicht zu Ende, denn ihre Finger begannen zu schmelzen, verwandelten sich in ein wei�es wimmelndes Durcheinander aus wuselndem Gew�rm und nassen Maden, die sich noch einen Moment lang in der unnat�rlichen Erscheinungsform hielten, in die eine unheimliche Macht sie hineingepresst hatte, bevor sie auseinander brachen und auf das Fu�ende seines Bettes herabfielen.</p><p>Die Vorstellung, dasselbe k�nne im n�chsten Augenblick mit ihrem Gesicht passieren, war mehr, als er ertragen konnte. Mogens schrie so gellend auf, als h�tte man ihm einen gl�henden Dolch in die Brust gesto�en, warf sich herum und fiel von der schmalen Liege. Er schlug so hart mit dem Gesicht auf dem Boden auf, dass ihm vor Schmerz fast �bel wurde. Er schmeckte Blut, w�lzte sich st�hnend herum und sah einen Schatten aus dem Augenwinkel, der um das Bett herum und auf ihn zuglitt, ein Schemen mit zerfallenden H�nden und schmelzendem Gesicht, das mit der Stimme des Sumpfes sprach.</p><p>Mit der Kraft schierer Todesangst sprang Mogens auf. Sein H�ftknochen stie� dabei mit solcher Wucht gegen die Tischkante, dass das gesamte M�bel ins Wanken geriet und rote Nebel aus purer Qual vor seinen Augen zu tanzen begannen. Wimmernd vor Pein und mit der rechten Hand schwer auf die Tischplatte gest�tzt humpelte Mogens weiter, erreichte irgendwie die T�r und riss sie auf.</p><p>Die kalte Luft traf ihn wie ein Schlag. Mogens taumelte, erinnerte sich im allerletzten Moment der drei Stufen, welche die T�r �ber den schlammigen Platz erhoben, und brachte es irgendwie fertig, nicht der L�nge nach in den Morast zu st�rzen, sondern nur einen fast grotesk anmutenden Ausfallschritt zu machen, an dessen Ende er auf das rechte Knie herabsank. Der Schmerz, der dabei durch seine angeschlagene H�fte tobte, war so schlimm, dass er ein gequ�ltes Wimmern h�ren lie�. Tr�nen schossen ihm in die Augen. Dennoch rappelte er sich hastig auf, stolperte einen Schritt zur�ck und lie� sich mit zusammengebissenen Z�hnen auf die Treppenstufen sinken.</p><p>Es dauerte gute drei oder vier Minuten, bis der Schmerz in seiner H�fte allm�hlich verebbte. Er zitterte am ganzen Leib, und saurer Speichel hatte sich unter seiner Zunge angesammelt. Mogens widerstand der Versuchung, ihn herunterzuschlucken - davon w�re ihm garantiert endg�ltig �bel geworden -, beugte sich vor und spie einen dicken Schleimklumpen in den Morast; mit dem Ergebnis, dass ihm nun durch das davon herr�hrende Ekelgef�hl schlecht wurde. Mogens sa� gute weitere f�nf Minuten auf der Treppe und wartete mit geschlossenen Augen darauf, dass seine Eingeweide aufh�rten zu rebellieren.</p><p>Das geschah auch, aber langsam, und die abklingende �belkeit lie� ein Gef�hl der Schw�che in seinen Gliedern zur�ck, das auf seine Art fast ebenso schlimm war. Selbst die kleine Bewegung, mit der er schlie�lich die Hand hob und sich den kalten Schwei� vom Gesicht wischte, schien ihn fast mehr Kraft zu kosten, als er aufbringen konnte.</p><p>Und dennoch war Mogens fast froh �ber diese k�rperliche Schw�che, lenkte sie ihn doch von der panischen Angst ab, die ihn aus dem Haus getrieben hatte. Mogens wusste nicht, auf wen er w�tender sein sollte - auf Graves, der mit seinen Worten diese gr�ssliche Vision heraufbeschworen hatte, oder auf sich selbst, sich so manipulieren zu lassen, obwohl er die Absicht hinter Graves' Bemerkung durchschaut hatte.</p><p>Er streckte vorsichtig das rechte Bein aus. Es tat weh, und wahrscheinlich w�rde seine ganze rechte H�fte sp�testens morgen fr�h ein einziger blauer Fleck sein, aber er sp�rte zugleich auch, dass das Bein sein Gewicht tragen konnte. Er stand auf, machte einen Schritt und drehte sich zum Haus um. Er konnte sich nicht erinnern, die T�r hinter sich geschlossen zu haben, aber sie war zu, und Mogens ertappte sich bei einem Gef�hl insgeheimer Erleichterung dar�ber. Fast automatisch machte er einen Schritt und blieb dann wieder stehen. So erleichtert er innerlich dar�ber war, die T�r geschlossen zu sehen, ebenso sehr musste er sich eingestehen, dass er nicht den Mut hatte, sie zu �ffnen. Das bisschen, was von seinem analytischen Verstand noch �brig war, beharrte immer lauter darauf, dass er nur einem Trugbild zum Opfer gefallen war.</p><p>Dennoch hatte er nicht die Kraft, sich ihm zu stellen.</p><p>Er konnte jetzt nicht in seine H�tte zur�ckgehen, aber hier drau�en konnte er auch nicht bleiben. Mogens machte ein paar Schritte in Richtung auf Hyams' ehemalige H�tte, die nun von Miss Preussler bewohnt wurde, schwenkte dann aber mitten in der Bewegung herum und ging, langsamer werdend, aber ohne wirklich anzuhalten, auf das Zelt zu. Nach der inneren war dies nun auch die �u�ere Kapitulation, aber selbst das war ihm mittlerweile beinahe gleichg�ltig. Mogens weigerte sich rundheraus, auch nur die M�glichkeit in Betracht zu ziehen, dass seine unheimliche Begegnung irgendetwas anderes als ein Albtraum gewesen sein k�nnte, aber selbst wenn es anders w�re - es spielte keine Rolle. Graves hatte die Gespenster der Vergangenheit endg�ltig geweckt. Er w�rde keine Ruhe mehr finden, wenn er den Weg, auf den Graves ihn halb gelockt und den er halb freiwillig betreten hatte, nicht zu Ende ging.</p><p>Ganz gleich, wie dieses Ende aussah.</p></section><section><title><p id="_32">32.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Anders als in der vergangenen Nacht war der Generator ausgeschaltet, und somit herrschte unten im Gang, als Mogens die Leiter hinunterstieg und sich auf den Weg zu Graves und Tom machte, pechschwarze Dunkelheit. So unheimlich ihm das Arbeitsger�usch des Generators auch gewesen war, so sehr vermisste er es jetzt beinahe, denn die Stille, die ihn empfing, war beinahe noch bedr�ckender. Es schien nicht nur die reine Abwesenheit von Ger�uschen zu sein. An ihre Stelle war etwas anderes getreten; etwas Fremdes, das nicht hierher geh�rte und sich wie eine w�rgende Decke �ber das Hier und Jetzt legte und jeden Laut erstickte. Selbst seine Schritte schienen nicht mehr das allermindeste Ger�usch zu verursachen. W�re nicht am Ende des Tunnels ein blasses, flackerndes Licht gewesen, so h�tte Mogens wohl sp�testens jetzt der Mut verlassen, und er w�re auf der Stelle umgekehrt.</p><p>Zu seiner Entt�uschung war die gro�e H�hle leer. Von Graves und Tom war keine Spur zu entdecken, und auch die drei gro�en Kisten waren verschwunden. Auf dem Tisch stand eine einsame Petroleumlampe, deren Licht das sie umgebende Durcheinander aus Papieren, Werkzeugen und Fundst�cken in eine bizarre Skulptur aus schr�gen Linien und Schatten verwandelte.</p><p>Immerhin gab es ein zweites Licht, das ihm den Weg wies. Mogens war nicht �berrascht, aber ihm lief ein kalter Schauer �ber den R�cken, als er sah, dass es aus dem zur Tempelkammer f�hrenden Gang kam. Der einzige Grund, aus dem er weiterging, war vermutlich, dass umzukehren ihn mehr Mut gekostet h�tte, als seinen Weg fortzusetzen.</p><p>Auch die Lampen im Hieroglyphengang brannten nicht, aber der Raum an seinem anderen Ende war hell genug erleuchtet, sodass er zumindest nicht Gefahr lief, zu stolpern oder sich auf andere Weise an den W�nden zu verletzen. Und auf halbem Wege h�rte er auch endlich wieder Stimmen. Ganz zweifelsfrei kamen sie von Tom und Graves, dennoch hatte Mogens im ersten Moment M�he, sie zu identifizieren. Die sonderbare Stille, die ihn hier unten empfangen hatte, war noch immer da, nur nicht mehr so allumfassend wie zuvor; sie verschlang nun nicht mehr jegliches Ger�usch, sondern schien nur noch gewisse Frequenzen zu �berdecken, sodass sich Graves' Stimme sonderbar dumpf und verzerrt anh�rte, als bef�nde er sich unter Wasser.</p><p>Mogens schob auch diesen bizarren Eindruck auf seine eigene Nervosit�t und beschleunigte seine Schritte - mit dem Ergebnis, dass er die nur halb ge�ffnete Gittert�r am Ende des Ganges �bersah und unsanft dagegen prallte. Tom, der mit dem R�cken zum Eingang dagestanden hatte, fuhr alarmiert herum und sah f�r einen Moment regelrecht entsetzt aus, zumindest aber sehr erschrocken. Graves hingegen drehte sich betont gelassen zu ihm um und sah ihn gute f�nf Sekunden lang eindeutig zufrieden an. Dann griff er mit einer schon �bertrieben langsamen Bewegung in die Westentasche, zog seine Uhr hervor und klappte den Deckel auf. Mogens hatte das sichere Gef�hl, dass diese Geste vollkommen �berfl�ssig war. Graves wusste auf die Minute genau, wie sp�t es war.</p><p>Er wandte sich auch nicht an ihn, als er sprach, sondern an Tom. �Ich habe gewonnen, Tom�, sagte er fr�hlich. �Du schuldest mir einen Dollar.�</p><p>�Gewonnen?�, wiederholte Mogens fragend.</p><p>Graves lie� den Deckel seiner kostbaren goldenen Taschenuhr mit einem �bertrieben heftigen Ger�usch zuklappen, das mehrfach gebrochen und verzerrt von den W�nden widerhallte und dabei zu etwas anderem zu werden schien. �Tom und ich haben gewettet�, sagte er. �Er hat einen Dollar daraufgesetzt, dass du entweder gar nicht oder erst nach Mitternacht kommst. Ich hingegen habe zwanzig Dollar darauf gewettet, dass du sp�testens um elf hier bist.� Er wiegte den Kopf. �Es war knapp. Acht Minuten sp�ter, und du w�rst mich teuer zu stehen gekommen, Mogens.�</p><p>�Das h�ttest du mir sagen sollen, Tom�, sagte Mogens. �Um Doktor Graves zu sch�digen, h�tte ich selbst die Gesellschaft von Miss Preussler noch f�r zehn Minuten ertragen.�</p><p>�Ich wusste nicht, dass du mich so sehr hasst, Mogens�, seufzte Graves. Er steckte seine Uhr ein. �Es ist schlimm, wenn die Domestiken anfangen, sich zu verb�nden.�</p><p>�Vor allem, wenn sie Grund dazu haben�, sagte Mogens. Er drehte sich zu Tom um. �Den Dollar kriegst du selbstverst�ndlich von mir zur�ck, Tom.�</p><p>Graves verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen und wurde dann �bergangslos ernst. �Ich freue mich, dass du doch noch gekommen bist. Um ehrlich zu sein, war ich mir dessen gar nicht so sicher.�</p><p>Das war gelogen. Graves hatte nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass er kommen w�rde. Er hatte es <emphasis>gewusst. </emphasis>Mogens verzichtete allerdings darauf, eine entsprechende Bemerkung zu machen. Stattdessen trat er endg�ltig in den Raum hinein und sah sich dabei ein zweites Mal und aufmerksamer um.</p><p>Wie �berall war auch hier das elektrische Licht ausgeschaltet, doch Tom und Graves hatten mindestens ein halbes Dutzend �l- und Petroleumlampen aufgestellt, die die Tempelkammer mehr als ausreichend beleuchteten, sie zugleich aber in etwas anderes zu verwandeln schienen, von dem Mogens noch nicht zu sagen wusste, ob es ihm gefiel. Das warme Licht schien alle Kanten zu gl�tten und die Umrisse der Dinge nahezu aufzul�sen, sodass aus vertrauten Formen Unvertrautes wurde, die spitzen Z�hne der Anubis-Statuen und der schreckliche Horus-Schnabel aber zugleich auch etwas von ihrer Bedrohlichkeit einb��ten.</p><p>Dar�ber hinaus gab es aber auch noch weitere Ver�nderungen. Die drei sarg�hnlichen Kisten, die Mogens drau�en vermisst hatte, standen nun hier. Die Deckel von zweien waren aufgeklappt, und zwischen ihnen spannte sich ein auf den ersten Blick sinnloses Gewirr aus Seilen, Knoten und mechanischen Umlenkrollen. Mogens' Blick folgte einem der dickeren Seile. Es f�hrte �ber eine Art komplizierten Flaschenzug zur Decke hinauf, wo mehrere aus fast daumendicken Seilen geflochtene, weitmaschige Netze aufgeh�ngt waren.</p><p>�Ihr wart nicht unt�tig�, sagte er anerkennend, musste aber zugleich auch ein heftiges Gef�hl von �rger unterdr�cken, als er daran dachte, dass Graves <emphasis>Stahln�gel </emphasis>in eine mit f�nftausend Jahren alten Fresken geschm�ckte Decke getrieben hatte.</p><p>Gro�er Gott, der Mann war <emphasis>Wissenschaftler! </emphasis>Wusste er denn nicht, welchen Schaden er anrichtete?</p><p>�Das gr��ere Lob geb�hrt Tom�, antwortete Graves. �Eigentlich hat er die ganze Arbeit gemacht. Ich habe ihm nur gesagt, was er tun soll.�</p><p>�Ja�, murmelte Mogens. �Das habe ich mir gedacht.�</p><p>Graves legte f�r einen Moment den Kopf auf die Seite und sah ihn aus eng zusammengekniffenen Augen an, aber dann zuckte er nur mit den Schultern. �Ich bin auf jeden Fall froh, dass du dich entschieden hast, uns zu helfen... Du willst uns doch helfen, nehme ich an?�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens grob. �Das will ich nicht. Ich will nicht einmal hier sein.�</p><p>�Das kann ich gut verstehen�, behauptete Graves ernst. �Aber glaub mir, du hast dich richtig entschieden. Wenn wir Erfolg haben, dann wirst du in kurzer Zeit nicht nur vollst�ndig rehabilitiert sein, sondern wir wissen auch, was mit Janice und den anderen geschehen ist. Und vielleicht werden sie dann die Letzten gewesen sein, die ein so schreckliches Schicksal erleiden mussten.�</p><p><emphasis>�Wenn </emphasis>wir Erfolg haben�, sagte Mogens mit belegter Stimme. Er starrte die Netze unter der Decke an.</p><p>�Du zweifelst daran?� Die Vorstellung schien Graves zu am�sieren. Er zog sein Zigarettenetui aus der Jacke und klappte es auf, steckte es dann aber unverrichteter Dinge wieder ein, ohne sich bedient zu haben, nachdem Tom ihm einen erschrockenen Blick zugeworfen hatte. �Verzeihung�, murmelte er. �Ich verga�.� Mogens blickte fragend, und Graves f�gte hinzu: �Die Ghoule haben einen sehr hoch entwickelten Geruchssinn.�</p><p>�Ghoule?�</p><p>�Irgendwie muss man sie nennen, oder?� Graves hob abermals Schultern. �Es ist auf die Dauer ein wenig l�stig, immer von <emphasis>Kreaturen </emphasis>oder Wesen und <emphasis>Gesch�pfen </emphasis>zu reden.� Er zog sein Etui schon wieder aus der Tasche, bedachte es mit einem langen, fast wehm�tigen Blick und steckte es schlie�lich endg�ltig weg. �Sind alle Vorbereitungen getroffen?�, wandte er sich an Tom.</p><p>�Ja�, antwortete Tom, sch�ttelte absurderweise aber zugleich auch den Kopf. �Aber ich will zur Vorsicht noch mal den Alarmdraht �berpr�fen.�</p><p>Graves sah ihm kopfsch�ttelnd nach, als er hinter der Totenbarke verschwand. �Ein guter Junge�, sagte er. �Manchmal w�sste ich gar nicht mehr, was ich ohne ihn tun sollte. Habe ich dir erz�hlt, dass er mir das Leben gerettet hat?�</p><p>Mogens war nicht ganz sicher, aber er nickte trotzdem. Dieses Eingest�ndnis �berraschte ihn kein bisschen. Er wusste jetzt noch viel weniger als am ersten Tag, was er von Tom zu halten hatte, aber er h�tte diesem Jungen dennoch blindlings sein Leben anvertraut. Au�erdem meldete sich sein schlechtes Gewissen, wie jedes Mal, wenn er an Tom dachte oder ihn sah. Der ungeheuerliche Verdacht, in dem er ihn gehabt hatte, machte ihm zu schaffen. Dass Tom es offensichtlich ein wenig an der gebotenen Ordnung und Hygiene mangelte, war betr�blich, gab ihm aber noch lange nicht das Recht, vorschnell �ber ihn zu urteilen. Da Mogens selbst ein Opfer ungerechter Verurteilung geworden war, reagierte er in diesem Punkt schon fast �bersensibel.</p><p>Graves sah - diesmal l�nger - auf die Uhr. Er wirkte ein wenig besorgt, fand Mogens, und er sagte es auch. Graves sch�ttelte jedoch nur den Kopf, klappte den Uhrdeckel deutlich leiser als beim ersten Mal zu und sah aus schmalen Augen in die Richtung, in die Tom verschwunden war. �Sie kommen meistens gegen Mitternacht�, sagte er. �Ich bin nicht sicher, aber ich nehme an, dass es mit der Stellung des Mondes zu tun hat.�</p><p>�Nicht der des Sirius?� Mogens bedauerte die Frage, noch bevor er sie ganz ausgesprochen hatte, aber er konnte sie sich trotzdem nicht verkneifen.</p><p>Ausnahmsweise erwies sich Graves diesmal als der Vern�nftigere von ihnen, denn er belie� es bei einem b�sen Blick, statt irgendetwas darauf zu erwidern und so den Streit aufzunehmen, den Mogens v�llig grundlos vom Zaun gebrochen hatte.</p><p>�Verzeihung�, murmelte Mogens.</p><p>�Schon gut.� Graves winkte ab. Der schwarze Handschuh, in dem seine Finger steckten, bewegte sich dabei auf eine unheimliche Weise, die Mogens an die gr�ssliche Art denken lie�, auf die Janices H�nde auseinander gefallen waren. Er sah rasch weg und schluckte den bitteren Klo� herunter, der sich in seinem Hals bilden wollte.</p><p>�Du bist nerv�s�, fuhr Graves fort. �Das bin ich auch, glaub mir.�</p><p>Seine demonstrative Gro�mut �rgerte Mogens schon wieder, aber diesmal hatte er sich gut genug in der Gewalt, um die Bemerkung herunterzuschlucken, die ihm auf der Zunge lag.</p><p>Etwas geschah mit dem Licht. Wo vorher goldbraune Helligkeit geherrscht hatte, breiteten sich nun Schatten aus.</p><p>�Ich habe Tom gesagt, er soll die Lampen l�schen�, sagte Graves, dem Mogens' fast unmerkliches Zusammenzucken nicht verborgen blieb. �Sie reagieren auf Licht. Ich glaube, es bereitet ihnen Schmerzen. Ihre Augen sind sehr empfindlich.�</p><p>Eine weitere Laterne erlosch, dann noch eine und schlie�lich die vorletzte. Die Dunkelheit schien wie eine Woge aus kompakter Schw�rze �ber ihnen zusammenzuschlagen, und Mogens glaubte regelrecht zu sehen, wie selbst der Lichtschein der letzten Laterne, die unmittelbar vor Graves' F��en stand, unter dem Anprall der D�sternis ein St�ck zur�ckwich. Sein Herz begann schneller zu schlagen, als er den gedrungenen Schatten sah, der sich vor ihnen aus der Dunkelheit sch�lte. Obwohl er genau wusste, dass es niemand anderes als Tom war, glaubte er f�r einen kurzen Moment spitze Fuchsohren zu erkennen, blitzende F�nge und rot gl�hende Augen, die ihn gierig anstarrten. Aber es war auch diesmal wieder nur seine eigene Fantasie, die ihm einen b�sen Streich spielte. Dennoch h�mmerte sein Herz wie verr�ckt, als er Graves folgte, der die Laterne aufnahm und sich damit hinter den Schutz eines m�chtigen Sandsteinquaders zur�ckzog, der vielleicht einmal der Sockel einer l�ngst verschwundenen Statue gewesen war. Pl�tzlich war er fast froh �ber die Dunkelheit, die das Zittern seiner H�nde verbarg. Der bittere Geschmack der Furcht begann sich in seinem Mund auszubreiten.</p><p>Er fragte sich, ob er der richtige Mann f�r diese Aktion war. Tom gesellte sich zu ihnen und huschte im n�chsten Moment wieder davon, um hinter einem anderen Steinblock Deckung zu nehmen, nachdem Graves ihm einen entsprechenden Wink gab, und es <emphasis>war </emphasis>Tom, ganz zweifelsfrei - wer sollte es denn auch sonst gewesen sein, fragte die sp�ttische Stimme seiner Vernunft in Mogens' Gedanken -, aber er hatte trotzdem immer mehr M�he, sich der Vorstellung zu erwehren, dass sich sein Gesicht pl�tzlich auf gr�ssliche Weise zu ver�ndern begann, spitzer und l�nger wurde und eine sabbernde Hundeschnauze voller schrecklicher F�nge bildete, wie seine Fingerspitzen aufplatzten und sich m�rderische Klauen daraus hervorschoben und spitze Ohren und borstiges Fell aus seinem Sch�del herauswuchsen. Und es war nur seine Fantasie, die ihm so zu schaffen machte - was mochte geschehen, wenn er erst einmal wirklich einer dieser Bestien gegen�berstand?</p><p>�Hast du eine Waffe bei dir?�, fragte er.</p><p>�Wozu?� Graves sch�ttelte den Kopf. �Wir wollen einen Ghoul <emphasis>lebend </emphasis>fangen.�</p><p>�Deinen wissenschaftlichen Ehrgeiz in Ehren�, sagte Mogens, �aber es k�nnte sein, dass er nicht damit einverstanden ist.�</p><p>Graves deutete mit einer Kopfbewegung zur Decke hoch. �Diese Netze stammen von einem Ausr�ster, der normalerweise Gro�wildj�ger in Afrika beliefert. Sie sind stark genug, um einen w�tenden Gorilla zu b�ndigen.�</p><p>�Und wenn sie st�rker sind als ein w�tender Gorilla?�</p><p>�Dann haben wir ein Problem�, antwortete Graves l�chelnd. Aber er sch�ttelte auch gleich darauf beruhigend den Kopf. �Keine Sorge, Mogens. Ich habe einige Erfahrung mit diesen Kreaturen. Sie sind Aasfresser, keine Beutej�ger.�</p><p>�Das sind Hy�nen auch. Dennoch sind sie gef�hrlich.�</p><p>�Sie sind normalerweise nicht aggressiv�, beharrte Graves. �Das �berleben ihrer Art h�ngt davon ab, dass niemand von ihrer Existenz wei�.�</p><p>Mogens widersprach nicht, aber er sah so bezeichnend zu Tom hin�ber, dass Graves sich offensichtlich zu einer Erkl�rung gen�tigt f�hlte. �Sein Vater hat sie angegriffen. Vergiss das nicht. Selbst das friedlichste Tier wehrt sich, wenn man es angreift.�</p><p>�Und seine Mutter?� Mogens sprach bewusst leise, damit Tom seine Worte nicht verstand, aber ganz schien es ihm nicht gelungen zu sein, denn Tom wandte den Kopf in seine Richtung und sah ihn aus Augen an, die pl�tzlich dunkel vor Schmerz und Zorn wurden. Gerade hatte Mogens �berlegt, ob <emphasis>er </emphasis>der richtige Mann f�r diese Aktion war. Vielleicht sollte er diesen Gedanken relativieren. M�glicherweise sollte die Frage lauten: Waren <emphasis>sie </emphasis>die Richtigen? Vielleicht hatte der Umstand, dass sie ohne Waffen hergekommen waren, ja einen ganz anderen Grund, als Graves behauptete.</p><p>Graves beantwortete seine Frage erst mit einiger Versp�tung, und auch nicht wirklich �berzeugt: �Vielleicht wollten sie nur ihr Revier verteidigen.�</p><p>�Und Janice?�, fragte Mogens bitter. �Mussten sie gegen Janice auch nur <emphasis>ihr Revier verteidigen</emphasis>?�</p><p>Graves wand sich einen Moment, bevor er sich in ein trotziges Schulterzucken rettete. �Um genau diese Fragen zu beantworten, sind wir hier. Und jetzt sollten wir besser schweigen, um sie nicht schon zu verscheuchen, bevor sie �berhaupt gekommen sind.�</p><p>Das war nicht der Grund, aus dem er Mogens zum Schweigen aufforderte. Er wollte nicht weiter �ber dieses Thema reden, begriff Mogens, vielleicht, weil er weniger dar�ber wusste, als er ihm gegen�ber den Anschein zu erwecken versuchte. Vielleicht auch, weil er <emphasis>mehr </emphasis>dar�ber wusste.</p><p>Graves streckte die Hand nach seiner Laterne aus und drehte den Docht herunter, und das Licht zog sich unter dem Ansturm der Dunkelheit weiter zur�ck, bis es zu einem blassgelben d�steren Schimmer geworden war, der kaum noch Helligkeit spendete, die Dunkelheit an ihrem Rand aber noch zu betonen schien. Dahinter kroch die Furcht heran.</p><p>Graves hob die Hand, um Tom einen Wink zu geben. Es war zu dunkel, als dass Mogens erkennen konnte, was genau Tom tat, aber nur einen Moment sp�ter begann sich eines der Seile zu spannen und Mogens glaubte ein helles, rhythmisches Quietschen zu h�ren. Der Deckel der letzten, bisher verschlossenen Kiste schwang auf. Ein sonderbarer, leicht s��licher Geruch stieg Mogens in die Nase, fremd und auf unangenehme Weise zugleich vertraut, aber es dauerte noch einen Moment, bis Mogens ihn <emphasis>wirklich </emphasis>erkannte. Ungl�ubig und entsetzt zugleich sog er die Luft ein.</p><p>�Das ist...�</p><p>�Was hast du erwartet?�, fiel ihm Graves ins Wort, leise, aber in einem fauchenden Ton, der an das Zischen einer angreifenden Schlange erinnerte, kurz bevor sie zuschlug. �Dass wir sie mit den sterblichen �berresten von Miss Preusslers Katze anlocken?� Er sch�ttelte zornig den Kopf. �Diese Kreaturen ern�hren sich von <emphasis>Menschenfleisch, </emphasis>Mogens!�</p><p>�Aber du... du...� Mogens begann zu stammeln und brach schlie�lich ab. Was h�tte er sagen sollen, das Graves nicht mit einer einzigen h�mischen Bemerkung entkr�ften konnte? Und das mit Recht. Graves hatte ihn nicht ein einziges Mal belogen. Ganz im Gegenteil: Der Einzige, der stets und beharrlich die Augen vor der Realit�t verschlossen hatte, war <emphasis>er.</emphasis></p><p>Und irgendwie tat er das sogar jetzt noch, denn das Schlimmste war noch nicht vorbei, obwohl er es h�tte wissen m�ssen. Er <emphasis>wusste </emphasis>es. Graves hatte es ihm ja gesagt. Er hatte es einfach nicht wissen <emphasis>wollen.</emphasis></p><p>Mogens starrte Graves noch einige Sekunden lang fassungslos an. Der s��liche Verwesungsgeruch wurde st�rker, und Mogens schob sich mit klopfendem Herzen �ber den Rand ihrer Deckung und strengte sich an, um einen Blick ins Innere der Kiste zu werfen. So schwach das Licht war, hatten sich seine Augen doch mittlerweile weit genug an die Dunkelheit gew�hnt, um ihn zumindest einige Schritte weit sehen zu lassen. Aber beinahe bedauerte er, dass es so war.</p><p>Hyams sah gar nicht aus, wie er sich eine Tote vorgestellt hatte. Vielmehr schien sie zu schlafen. An ihrem Hals befand sich eine klaffende Wunde, und ihre ehemals wei�e Bluse hatte sich fast zur G�nze dunkel gef�rbt, aber Graves war zumindest piet�tvoll genug gewesen, ihr Gesicht zu s�ubern und ihre Augen zu schlie�en.</p><p>�Das ist... Hyams�, stammelte Mogens. �Gro�er Gott, Jonathan, du... du hast Doktor Hyams...?�</p><p>�Ich habe dir gesagt, dass wir einen K�der brauchen�, antwortete Graves kalt.</p><p>�Aber Hyams!�, �chzte Mogens. �Um Gottes willen, Graves, was hast du getan?�</p><p>�Ich habe gar nichts <emphasis>getan�, </emphasis>antwortete Graves scharf und bedeutete Mogens gleichzeitig mit einem �rgerlichen Wink, sich wieder zu setzen und nicht so laut zu sein. �Doktor Hyams ist bei einem Unfall ums Leben gekommen, hast du das schon vergessen?�</p><p>�Aber du... du kannst sie doch nicht...�, stammelte Mogens. �Ich meine... um Himmels willen, Jonathan! Du... du hast fast ein Jahr mit dieser Frau zusammengearbeitet! Du hast sie gekannt! Du kannst sie doch nicht... nicht einfach als <emphasis>K�der </emphasis>benutzen!�</p><p>�Ich bin sicher, Doktor Hyams h�tte nichts dagegen�, antwortete Graves unger�hrt. �Was kann sich jemand wie sie mehr w�nschen, als selbst nach dem Tod noch der Wissenschaft zu dienen?� Er lachte b�se. �Was hast du geglaubt, wer in diesem Sarg liegt? Cleopatra?�</p><p>�Aber... aber ich dachte... nachdem Sheriff Wilson von den Grabsch�ndungen erz�hlt hatte...�</p><p>�Oh, ich verstehe�, unterbrach ihn Graves h�misch. �Du hast geglaubt, dass Tom und ich uns des Nachts heimlich auf den Friedhof geschlichen und die Leiche irgendeines armen Tropfes ausgebuddelt haben.� Graves sch�ttelte heftig den Kopf. �W�rdest du dich dabei wohler f�hlen?�</p><p>�Verdammt noch mal, ja!�, br�llte Mogens.</p><p>Graves fuhr heftig zusammen und wurde eine Spur blasser, was aber vermutlich eher an der Lautst�rke von Mogens' Worten lag.</p><p>�Ich bitte Sie, Professor, m��igen Sie Ihren Ton�, sagte er ironisch. �Nicht so laut!�</p><p>�Es w�re ein Unterschied�, wiederholte Mogens. �Und das wei�t du verdammt genau, du Monster.� Aber er sprach tats�chlich leiser.</p><p>�Bist du jetzt fertig?�, fragte Graves.</p><p>Mogens starrte ihn an. Er schwieg.</p><p>�Wie gesagt: Wir sind alle nerv�s, und ich nehme dir diese Entgleisung nicht �bel. Aber zweimal ist genug. Wenn das alles hier zu viel ist f�r dich, verstehe ich das. Du kannst gehen, wenn du es w�nschst. Ich werde es dir nicht �bel nehmen. Aber wenn du bleibst, dann verbitte ich mir weitere derartige Auftritte. Haben wir uns verstanden?�</p><p>Graves starrte ihn an. Mogens starrte zur�ck, aber am Ausgang dieses stummen Duells bestand kein Zweifel, so wie an keinem der K�mpfe, die sie bisher ausgefochten hatten. Als er in den Zug nach San Francisco gestiegen war, war er zugleich in einen Krieg gezogen, den er schon verloren hatte, noch bevor der erste Schuss gefallen war. Graves hatte sich nicht einmal anstrengen m�ssen, um ihn zu gewinnen. Er hatte einfach gesiegt, weil er <emphasis>da </emphasis>war.</p><p>Und so war es schlie�lich auch diesmal Mogens, der den Blick senkte und stumm nickte.</p><p>�Also gut�, sagte Graves. �Und jetzt sollten wir wirklich schweigen. Ich habe das Gef�hl, dass es nun nicht mehr lange dauert.�</p><p>Zumindest in diesem Punkt sollte er sich t�uschen. M�glicherweise verging wirklich nicht mehr allzu viel Zeit, doch selbst eine kurze Zeit konnte zu einer schieren Ewigkeit werden, und so dehnten sich die Sekunden zu Stunden, und die Minuten zu Unendlichkeiten. Mindestens ein Dutzend Mal glaubte er Ger�usche zu h�ren, und mindestens ebenso oft gaukelten ihm seine Augen verkr�ppelt-humpelnde Bewegung in den Schatten dazu vor, doch jedes Mal stellte es sich nur als Trugbild heraus.</p><p>Und dann h�rte das Schlurfen und Schleichen pl�tzlich nicht mehr auf, und der Schatten, der fuchsohrig und humpelnd aus der Dunkelheit vor ihm auftauchte, war kein weiterer Albdruck.</p><p>Der Ghoul war da.</p><p>Mogens hatte das Gef�hl, lautlos und schnell von innen heraus zu Eis zu erstarren. Er hatte geglaubt, sich hinl�nglich gegen diesen Moment gewappnet zu haben, aber auch das geh�rte anscheinend zu der Kette aufeinander aufbauender und einander verschlimmernder Irrt�mer, aus denen sein Leben bestand, seit er diesen verfluchten Ort betreten hatte. Es war nicht das erste Mal seit jener furchtbaren Nacht in Harvard, dass er wieder einem dieser Ungeheuer gegen�berstand, doch Mogens begriff erst jetzt wirklich, dass es Dinge gab, auf die man sich nicht vorbereiten <emphasis>konnte, </emphasis>ganz egal, wie sehr man es auch versuchte.</p><p>Graves hatte sich geirrt: Der Schatten vor ihm <emphasis>war </emphasis>das Ding, das Janice geholt hatte, sein ganz pers�nlicher D�mon, von der H�lle zu keinem anderen Zweck erschaffen und ausgespien, als ihn zu verderben. Es hatte nichts damit zu tun, dass er sich zu wichtig nahm, denn ganz genau das war das Wesen der H�lle: Dass sie nichts belanglos tat oder nebenbei, sondern jedes einzelne ihrer Opfer mit all ihrer Macht und ihrer gesamten Bosheit zu verfolgen trachtete.</p><p>�Keinen Laut mehr jetzt!�, zischte Graves. Mogens l�ste seinen Blick nicht f�r eine Sekunde von dem gedrungenen Schatten, aber er konnte sp�ren, wie Graves sich neben ihm anspannte. Gleich darauf hob er die Hand, um Tom einen verstohlenen Wink zu geben. Mogens' Herz schlug schneller, w�hrend er den Schatten beobachtete, der allm�hlich n�her kam, aber das Blut, das immer schneller und schneller durch seine Adern pumpte, schien nun aus Eiswasser zu bestehen, in dem rasiermesserscharfe Schollen schwammen.</p><p>Der Ghoul kam n�her, aber er schien zugleich auch mit jedem Schritt langsamer zu werden. Mogens glaubte ein misstrauisches Schn�ffeln zu h�ren, wie von einem Hund, der die Witterung einer Beute aufgenommen hatte, zugleich aber eine Falle bef�rchtete. Er bewegte sich nicht in direkter Linie auf den offen stehenden Sarg mit Hyams' Leichnam zu, sondern schn�ffelte unentwegt von links nach rechts. Der Blick seiner unheimlichen, rot gl�henden Augen tastete misstrauisch �ber den angebotenen K�der, aber auch �ber die beiden anderen offen stehenden S�rge, und mindestens einmal sah er Mogens so direkt in die Augen, dass dieser vollkommen sicher war, dass das Ungeheuer ihn einfach gesehen haben <emphasis>musste. </emphasis>Tats�chlich stockte das Monster f�r einen Moment im Schritt, ging aber dann nach kurzem Z�gern weiter.</p><p>Vielleicht auf Armesl�nge vor dem Sarg blieb der Ghoul noch einmal stehen und Mogens sp�rte, wie Graves neben ihm erschrocken zusammenfuhr, als er den Kopf in den Nacken legte und zur Decke hinaufsah. Er <emphasis>konnte </emphasis>das Netz gar nicht �bersehen. Und dennoch ging er nach einem abermaligen Z�gern weiter und beugte sich �ber den Sarg mit Hyams' leblosem K�rper. Seine schrecklichen Klauen �ffneten sich, um sich in das Fleisch seiner Beute zu graben.</p><p><emphasis>�Tom!�, </emphasis>schrie Graves.</p><p>Der Kopf des Ungeheuers flog mit einem Ruck in den Nacken, und f�nf Schritte neben Mogens erwachte der Schatten, zu dem Tom bisher erstarrt gewesen war, zu fast explosivem Leben. Mogens konnte nicht erkennen, was er tat, doch noch w�hrend auch Graves hochsprang, ert�nte ein metallischrei�endes Ger�usch, und ihm war, als erwache die gesamte Decke der Tempelkammer zu zitternder Bewegung.</p><p>Der Ghoul reagierte unglaublich schnell. Mit einem Heulen wie dem eines angeschossenen Wolfs wirbelte er hoch und herum und schien sich dabei selbst in einen rasenden Schatten zu verwandeln, der sich fast schneller bewegte, als Mogens' Blicke ihm zu folgen vermochten.</p><p>Doch nicht schnell genug.</p><p>Die gesamte Decke schien auf ihn herabzust�rzen. Selbst Mogens zog instinktiv den Kopf zwischen die Schultern, und das schreckliche Wolfsheulen der Kreatur steigerte sich zu einem irrsinnigen Kreischen der Wut, als das schwere Netz auf sie herniederpeitschte und sie zu Boden riss.</p><p>�Licht!�, br�llte Graves. �Mogens, mach Licht!�</p><p>Er flankte kurzerhand �ber den Steinquader, der ihnen als Deckung gedient hatte, und auch Tom war l�ngst auf dem Weg dorthin, wo sich der Schatten des Ghouls mit dem heruntergefallenen Netz zu einem Chaos aus reiner Bewegung verwoben hatte.</p><p>Mogens griff hilflos nach der Lampe, die Graves stehen gelassen hatte, und hob sie in die H�he. Das Licht reichte nicht aus, um mehr zu erkennen, auch nicht, als Mogens den Docht h�her drehte. Er sah aus den Augenwinkeln, wie Graves und Tom den tobenden Ghoul beinahe gleichzeitig erreichten und sich todesmutig auf ihn warfen, machte einen Schritt in ihre Richtung und blieb wieder stehen. Graves und sein jugendlicher Gehilfe k�mpften mit dem Ungeheuer, aber er konnte keine Einzelheiten erkennen. Er hatte nur <emphasis>Angst.</emphasis></p><p>�Hilf uns�, schrie Graves. �Mogens! Er ist zu stark f�r uns!�</p><p>Mogens machte einen weiteren Schritt. Sein Herz h�mmerte. Angst floss wie z�hfl�ssiger Teer durch seine Adern und lie� alle seine Bewegungen grotesk langsam werden. Er wollte Graves helfen, aber zugleich hatte die Panik seine Gedanken lichterloh in Flammen gesetzt, und er wollte nur noch <emphasis>weg. </emphasis>Er hatte noch niemals solche Angst gehabt wie jetzt.</p><p>�Mogens, <emphasis>um Himmels willen!�, </emphasis>br�llte Graves. Und dann schrie auch Tom: <emphasis>�Professor!�</emphasis></p><p>Es war Toms Schrei, der Mogens aus seiner Erstarrung riss, nicht der Graves'. Seine Angst war keinen Deut schw�cher geworden, sondern nahm im Gegenteil mit jedem h�mmernden schweren Herzschlag noch zu, aber die blo�e Vorstellung, Tom im Stich zu lassen, war noch unendlich viel schlimmer.</p><p>Mit einem Schrei, mit dem er all seine Angst hinausbr�llte, st�rzte er vor und fiel der L�nge nach hin, als sich sein Fu� prompt in einem der Stricke verfing, die Tom kreuz und quer durch den Raum gespannt hatte.</p><p>Instinktiv riss er die Arme vor das Gesicht, und dar�ber hinaus d�mpften die gleichen Seile, die ihn zu Fall gebracht hatten, auch seinen Aufprall, sodass er sich dieses Mal nicht verletzte. Jedoch blieb er einen Moment benommen liegen, und als er sich wieder hochstemmte, hatte der bizarre Kampf eine dramatische Wendung genommen. Obwohl Graves und Tom in der �berzahl waren und der Ghoul von dem schweren Netz behindert wurde, dessen blo�es Gewicht schon ausgereicht h�tte, um einen normalen Menschen niederzuhalten, drohten sie den Kampf zu verlieren. Der Ghoul hatte sich mittlerweile auf alle viere hochgestemmt und biss und schlug fauchend um sich. Die fast daumendicken Stricke des Netzes sch�tzten Graves und den Jungen zwar vor seinen Z�hnen und Krallen, aber es gelang ihnen auch nicht, das Ungeheuer niederzuringen. Tom hatte sich auf seinen R�cken geworfen und versuchte mit aller Macht, ihn zu b�ndigen, aber ebenso h�tte er auch versuchen k�nnen, einen w�tenden Grizzly mit blo�en H�nden zu besiegen. Es sah beinahe schon komisch aus.</p><p>�Hilf uns, verdammt!�, keuchte Graves. �Wir m�ssen ihn umwerfen!�</p><p>Mogens hatte nicht die mindeste Vorstellung, wozu das gut sein sollte, aber Graves' befehlender Ton riss ihn einfach mit. Graves tat etwas, was Mogens im ersten Moment ebenso sinnlos erschien wie Toms vermeintlich albernes Herumgehampel: Er nahm einen Schritt Anlauf und warf sich dann mit seinem ganzen K�rpergewicht gegen die Bestie. Der Ghoul heulte auf und schnappte nach ihm. Das Gorillanetz sch�tzte Graves auch jetzt vor seinen Z�hnen, aber Mogens h�rte Stoff rei�en. Ein nur noch halb unterdr�ckter Schrei kam �ber Graves' Lippen, als er zur�cktaumelte.</p><p>�Jonathan, um Gottes willen - bist du verletzt?�, keuchte Mogens.</p><p>Graves antwortete nicht gleich, sondern starrte aus hervorquellenden Augen an sich herab. Die F�nge des Ghouls hatten seine Jacke und auch das Hemd so sauber wie Rasierklingen aufgeschlitzt, die Haut darunter aber wie durch ein Wunder nicht einmal angeritzt.</p><p>�Schnell!�, schrie Tom. �Ich kann ihn nicht mehr lange halten!�</p><p>Tats�chlich hatte sich der Ghoul weiter aufgerichtet. Seine schnappenden Kiefer und Klauen verfingen sich immer wieder in den Maschen des Netzes, aber es war nur noch eine Frage von Augenblicken, bis er Tom abgesch�ttelt hatte und seine ganze Kraft darauf verwenden konnte, sich aus dem Netz zu befreien.</p><p>Diesmal versuchten sie es gemeinsam. Der Ghoul br�llte vor Wut und schlug nach ihm, doch ihr gemeinsamer Anprall - zusammen mit Toms Bem�hungen - war selbst f�r ihn zu viel. Das Ungeheuer st�rzte schwer auf die Seite, wobei es Tom um ein Haar unter sich begraben h�tte, und Mogens und Graves nutzten die Gelegenheit, es hastig noch weiter in das Netz einzuwickeln. Die Bestie schlug, trat und biss um sich, doch nun richteten sich ihre w�tenden Bewegungen und ihre �bermenschliche Kraft gegen sie selbst, denn je verzweifelter sie sich wehrte, desto hoffnungsloser verstrickte sie sich in den Maschen des Netzes. Nach nur wenigen weiteren Augenblicken hatte der Ghoul sich praktisch selbst au�er Gefecht gesetzt, und das gr�ndlicher und vor allem schneller, als es seinen menschlichen Kontrahenten jemals m�glich gewesen w�re. Aus seinem Wutgebr�ll war ein drohendes Knurren und Geifern geworden.</p><p>Graves richtete sich schwer atmend auf und trat einen Schritt zur�ck. �Ist jemand verletzt?�, fragte er.</p><p>Mogens zuckte mit den Schultern, was in diesem Moment die einzige Antwort war, die er geben konnte. Er hatte eine ganze Anzahl derber St��e und Schl�ge abbekommen, und mit ziemlicher Sicherheit w�rde seine H�fte morgen fr�h nicht das Einzige an ihm sein, das ein pr�chtiger blauer Fleck zierte. Aber er glaubte nicht, dass er ernstlich verletzt war.</p><p>Auch Tom schien mit dem Schrecken davongekommen zu sein, w�hrend Graves' einzige Blessuren aus einer zerrissenen Jacke samt dem dazugeh�rigen Hemd zu bestehen schienen.</p><p>�Also gut�, sagte Mogens grimmig. �Dann lasst ihn uns in die Kiste schaffen. Schnell.�</p><p>Obwohl das Ungeheuer sicher gefesselt und so gut wie hilflos war, musste Mogens all seinen Mut zusammennehmen, um sich ihm noch einmal zu n�hern und Graves und Tom dabei zu helfen, es zu einer der vorbereiteten Kisten zu zerren. Es kostete ihn auch nicht nur unerwartet viel �berwindung, sondern ebenso gro�e Kraft. Selbst wenn man das enorme Gewicht des Fangnetzes bedachte, musste der Ghoul mindestens doppelt so viel wiegen, wie er gedurft h�tte; die Kreatur war nicht gr��er als ein durchschnittlich gewachsener Mensch, zwar kr�ftig, aber keinesfalls <emphasis>so </emphasis>massig, wie sie es angesichts ihres Gewichtes h�tte sein m�ssen.</p><p>Daf�r war sie aber auch �bermenschlich stark. Selbst zu dritt und obwohl er so hoffnungslos in das Netz verstrickt war, dass er sich kaum noch r�hren konnte, gelang es ihnen nur mit �u�erster M�he, den Ghoul zu b�ndigen. Das Ungeheuer machte es ihnen noch zus�tzlich schwer, indem es sich knurrend und geifernd vor Wut hin und her warf. Mogens handelte sich zwei oder drei weitere blaue Flecke ein, und auch Tom bekam einen Tritt in den Leib, der ihn vor Schmerz aufst�hnen lie�, aber am Ende gelang es ihnen dennoch, das Ungeheuer in die schwere Holzkiste zu bugsieren. W�hrend Mogens und Tom den Ghoul auf Graves' Gehei� hin niederhielten, wandte Graves selbst all seine Kraft auf, um das linke Handgelenk der Bestie mit einer der schweren Eisenschellen zu binden, die mit der Innenwand des Sarges verschraubt waren. Seine Kraft reichte sogar noch aus, auch den anderen Arm des Monstrums zu fesseln, aber dann sank er zu Tode ersch�pft zu Boden und sch�ttelte matt den Kopf. Tom �berlie� es Mogens allein, das tobende Ungeheuer zu b�ndigen, w�hrend er den zweiten Teil der undankbaren Aufgabe �bernahm, die Glieder des Ghouls mittels eiserner Ringe zu fixieren. Seine Nase blutete, als er es endlich geschafft hatte und sich schwer atmend neben Graves zu Boden sinken lie�. Im ersten Moment hatte er nicht einmal die Kraft, den Arm zu heben und sich das Blut aus dem Gesicht zu wischen.</p><p>Endlich lie� sich auch Mogens von der Brust des Ungeheuers hinuntergleiten. Obwohl der Ghoul mittlerweile noch zuverl�ssiger gebunden war, kroch er hastig r�cklings so weit zur�ck, bis er mit Schultern und Hinterkopf gegen den zweiten leeren Sarg stie�. Der Anprall war so heftig, dass der Deckel mit einem Knall zuschlug, der wie ein Kanonenschuss durch die dunkle Tempelkammer hallte.</p><p>�Wir haben es geschafft, Mogens�, sagte Graves. Er rang so kurzatmig nach Luft, dass Mogens M�he hatte, ihn �berhaupt zu verstehen. Dennoch war nicht zu �berh�ren, wie zufrieden er war. �Ich kann es fast selbst nicht glauben, aber wir haben es geschafft. Wei�t du �berhaupt, was das bedeutet?�</p><p>�Ja�, antwortete Mogens gepresst. �Dass ich mich morgen fr�h wahrscheinlich nicht mehr bewegen kann.� Er verzog schmerzerf�llt das Gesicht. Sein ganzer K�rper f�hlte sich taub an, und seine Ohren klingelten noch immer von dem Knall, mit dem der Deckel zugefallen war.</p><p>�Wir haben es geschafft!�, wiederholte Graves in einem Ton, als zweifelte er selbst am meisten an dem, was er sagte. �Und es war noch dazu leichter, als ich gedacht hatte.�</p><p>�Leichter?�, kr�chzte Mogens fassungslos.</p><p>Wie um seine eigenen Worte ad absurdum zu f�hren, versuchte sich Graves hochzustemmen und sank mit verzerrtem Gesicht und einem h�rbaren Keuchen zur�ck. Dennoch fuhr er, kaum wieder zu Atem gekommen, fort: �Du hast immer noch keine Ahnung, womit wir es zu tun haben, wie?�</p><p>Das hatte Mogens tats�chlich nicht. Aber er war jetzt weniger sicher denn je, ob er es �berhaupt wissen wollte.</p><p>M�hsam stemmte er sich hoch, ging zu der offen stehenden Kiste und beugte sich mit klopfendem Herzen vor, wobei er instinktiv einen Abstand einhielt, der ihn aus der Reichweite der Krallen und Z�hne des Ghouls hielt, obwohl dieser gleich doppelt gefesselt war. Graves gesellte sich zu ihm, w�hrend Tom ging, um die Laterne zu holen. Mogens registrierte beil�ufig, aber mit einem Gef�hl ehrlicher Dankbarkeit, dass er im Vorbeigehen den Deckel der dritten Kiste schloss, in der Hyams' Leichnam lag.</p><p>�Wir haben es geschafft, Mogens�, sagte Graves zum dritten Mal. �Wei�t du, was das bedeutet?�</p><p>Der Triumph in Graves' Stimme war mittlerweile nicht mehr zu �berh�ren, aber Mogens versuchte vergeblich, in sich selbst etwas �hnliches zu entdecken. Ganz im Gegenteil sp�rte er pl�tzlich, dass die Angst immer noch da war, kein bisschen weniger schlimm als zuvor, nur, dass sie jetzt eine andere Qualit�t angenommen hatte. Sein Herz begann schon wieder heftiger zu pochen, als er sich vorbeugte, um das Unget�m zu betrachten.</p><p>Selbst gefesselt bot der Ghoul einen Furcht einfl��enden Anblick. Mogens korrigierte seine Sch�tzung, das Gewicht des Ungeheuers betreffend, ein geh�riges St�cke nach oben. Die Kreatur ma� allerh�chstem sechs Fu� und konnte somit kaum gr��er sein als Graves, aber sie war unglaublich massig. Mogens sch�tzte ihr Gewicht auf mindestens zweihundertf�nfzig Pfund, und er war sicher, dass davon nicht eine Unze �berfl�ssiges Fett war. Als er die Kisten, die Graves vorbereitet hatte, das erste Mal gesehen hatte, da hatte er die schweren Eichenbretter, die breiten eisernen B�nder und die massiven Hand- und Fu�fesseln f�r hoffnungslos �bertrieben gehalten. Jetzt fragte er sich, ob sie ausreichten.</p><p>�Was f�r ein Koloss�, murmelte er.</p><p>�Ja�, sagte Graves. �Wenn man das Endergebnis sieht, dann sollte man vielleicht in Erw�gung ziehen, unsere Ern�hrungsgewohnheiten zu �ndern.�</p><p>Mogens warf ihm einen eisigen Blick zu. �Du bist geschmacklos, Jonathan�, sagte er.</p><p>Graves grinste nur noch breiter. �Dieser Meinung ist unser Freund da bestimmt nicht.� Er hob rasch die Hand, als er sah, dass Mogens zu einer noch sch�rferen Entgegnung ansetzte, und fuhr in ver�ndertem Ton und ernster fort: �Und das ist noch nicht einmal das gr��te Exemplar, dem ich je begegnet bin. Bei weitem nicht.�</p><p>Was Mogens anging, so reichte ihm dieses Exemplar vollkommen. Der Ghoul sah nicht nur aus, als k�nne er mit blo�en H�nden einen B�ren zerrei�en, er strahlte auch eine Wildheit und Wut aus, die Mogens einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�. Das Allerschlimmste aber war das Gef�hl, etwas vollkommen Fremdem gegen�berzustehen, etwas, das so absolut <emphasis>falsch </emphasis>war, dass sich alles in Mogens einfach weigerte, es als real anzuerkennen.</p><p>Graves beugte sich vor, streckte die Hand aus und zerrte ein paar Mal kr�ftig an den Maschen des Netzes, bis er einen Blick auf den Schritt des Ghouls werfen konnte.</p><p>�Was soll das?�, fragte Mogens.</p><p>�Ein m�nnliches Exemplar�, sagte Graves. Es klang nicht wirklich wie die Antwort auf seine Frage, dachte Mogens, sondern eher wie etwas, das er zu sich selbst gesagt hatte, und das ihn mit Besorgnis erf�llte.</p><p>�Und was stimmt daran nicht?�, fragte er.</p><p>�Oh, nichts�, antwortete Graves hastig. �Es ist alles in Ordnung.� Er grinste schief. �Im Gegenteil, wenn das da ein Mensch w�re, dann w�rde ich jetzt vor lauter Neid gr�n im Gesicht werden.�</p><p>Mogens schenkte ihm einen eisigen Blick, und Graves schaltete sein infantiles Grinsen wieder ab. �Es ist nur so, dass alle Ghoule, die wir bisher gesehen haben, m�nnlich waren. Nat�rlich sind wir noch niemals so nahe an eines dieser Gesch�pfe herangekommen wie jetzt, aber ich bin dennoch sicher, dass es alles M�nnchen waren. Und das ist sonderbar.�</p><p>�Vielleicht gehen nur die M�nnchen auf Futtersuche�, vermutete Mogens.</p><p>�Das w�re ungew�hnlich�, sagte Graves. �Bei den meisten Raubtieren sind es eher die Weibchen, die jagen. Allenfalls, dass beide Gattungen auf Nahrungssuche gehen.�</p><p>�Sagtest du nicht selbst, dass das hier eine vollkommen unbekannte Spezies ist, �ber die wir so gut wie nichts wissen?�, gab Mogens zur�ck.</p><p>Graves sah ihn einige Sekunden lang nachdenklich an, aber dann nickte er widerwillig. �Nat�rlich. Du hast Recht. Aber sonderbar ist es trotzdem. Nun ja, wir haben ja jetzt ein Exemplar, um wenigstens einige ihrer Geheimnisse l�sen zu k�nnen.�</p><p>Als h�tte er seine Worte verstanden, b�umte sich der Ghoul gegen seine Fesseln auf und stie� ein lang gezogenes Heulen aus. Mogens wich instinktiv einen halben Schritt zur�ck, und auch Graves fuhr merklich zusammen. Tom, der noch zwei Schritte entfernt war und gerade mit einer zweiten Laterne zur�ckkam, blieb instinktiv stehen und sah nerv�s �ber die Schulter zur�ck in die Dunkelheit, aus der er gerade gekommen war.</p><p>�Was hast du jetzt mit ihm vor?�, fragte Mogens - im Grunde nur, um die Furcht zu �berspielen, die erneut in seinem Herzen erwachen wollte.</p><p>�Zuerst einmal schaffen wir ihn hier raus�, antwortete Graves. Auch er klang ein wenig nerv�s. �Tom hat in den letzten Tagen Material f�r einen stabilen Gitterk�fig aus der Stadt geholt. Binnen einer Stunde k�nnen wir ihn zusammenbauen.�</p><p>�Und dann?�</p><p>Wieder lie� das gefesselte Ungeheuer jenes unheimliche, klagende Wolfsheulen h�ren, sodass es einen Moment dauerte, bis Graves antworten konnte. �Sheriff Wilson hat einen Telefonanschluss in seinem B�ro�, sagte er. �Ich muss ein paar Anrufe t�tigen, aber im Grunde sind die meisten Vorbereitungen schon getroffen. Mit etwas Gl�ck k�nnen wir ihn morgen Abend nach San Francisco bringen, um ihn der �ffentlichkeit zu pr�sentieren - und nat�rlich einem Auditorium unserer gesch�tzten Kollegen.� Er seufzte. �Mach dich auf etwas gefasst, Mogens. Du wei�t, was diese Entdeckung ausl�sen wird. Sie werden nichts unversucht lassen, uns als Dummk�pfe oder Betr�ger hinzustellen. Oder beides.�</p><p><emphasis>Vermutlich beides, </emphasis>dachte Mogens. Er gestand sich ein, dass das Schlimmste noch nicht �berstanden war. Genau genommen hatte es noch nicht einmal angefangen. Und es kam gewiss nicht von ungef�hr, dass er bisher noch nicht einmal dar�ber <emphasis>nachgedacht </emphasis>hatte, welches Erdbeben sie in der Welt der Wissenschaft ausl�sen w�rden, wenn sie diese Kreatur der �ffentlichkeit pr�sentierten. Aber auch jetzt war nicht der richtige Moment dazu, und er sagte es auch.</p><p>�Du hast Recht�, sagte Graves. �Tom.�</p><p>Tom stellte seine Laterne am Fu�ende der Kiste ab und machte eine fragende Geste. �Das Netz?�</p><p>Graves �berlegte einen Moment, aber dann sch�ttelte er zu Mogens' Erleichterung den Kopf. �Besser, wir lassen es, wo es ist. Das wird ihn nicht umbringen.� Ganz offensichtlich bewegten sich seine Gedanken in eine �hnliche Richtung wie die von Mogens. Die massiven Hand- und Fu�fesseln sahen stabil genug aus, um selbst den Kr�ften eines w�tenden Gorillam�nnchens zu trotzen. Angesichts dessen, was Graves vorhin selbst �ber die Herkunft des Netzes gesagt hatte, nahm Mogens sogar an, dass ein solches Tier bei der Konstruktion seiner �S�rge� Pate gestanden hatte. Er war zugleich aber sicher, dass der Ghoul �ber weit gr��ere K�rperkr�fte verf�gte als jeder Gorilla. Vielleicht war Graves auf all seinen Reisen diesen Gesch�pfen doch nicht so nahe gekommen, wie er behauptet hatte.</p><p>Wieder heulte der Ghoul. Diesmal versuchte er nicht, sich gegen seine Fesseln zu stemmen - vielleicht, weil er die Sinnlosigkeit seines Tuns eingesehen hatte -, aber das Heulen hielt l�nger an und klang klagender; viel weniger w�tend oder zornig, sondern eher wie ein Hilferuf. Mogens versuchte den Gedanken fast erschrocken abzusch�tteln, aber seine noch immer auf Hochtouren laufende Fantasie griff ihn begierig auf und bastelte sich auch noch ein zweites, entfernteres und daher leiseres Wolfsheulen dazu, das darauf antwortete. Es kostete ihn alle M�he, die unheimliche Vision zu verscheuchen.</p><p>Aber vielleicht war es ja auch gar keine Vision...</p><p>Als Mogens aufsah, hatten sich Graves und Tom halb umgewandt und sahen mit schreckensbleichen Gesichtern in die Dunkelheit jenseits der Totenbarke.</p><p>Dorthin, wo der Geheimgang lag, der zur zweiten Tempelkammer f�hrte.</p><p>Und damit in die Richtung, aus der das an- und abschwellende Heulen kam, das auf die Hilferufe des Ghouls antwortete...</p><p>�Die T�r!�, sagte Graves erschrocken. �Tom, schlie� die T�r!�</p><p>Tom erwachte mit einer Verz�gerung von einer weiteren Sekunde aus seiner Erstarrung und st�rzte los, aber es war zu sp�t. Er hatte den zweiten Schritt noch nicht zu Ende getan, als ein dumpfes Poltern erscholl, gefolgt von dem typischen Bersten zerbrechenden Steins. Genau auf der Grenze zwischen v�lliger Dunkelheit und gerade noch erahnbarer Schatten begann einer der lebensgro�en Streitwagen zu wanken. Vor f�nftausend Jahren bemaltes Holz wurde von einem gewaltigen Hieb zertr�mmert, und die lebensgro�e Pferdestatue st�rzte zu Boden und zerbrach in mehrere Teile.</p><p>Der Platz, an dem sie gestanden hatte, blieb jedoch nicht leer. Noch w�hrend die einzelnen Teile der zerbrochenen Skulptur davonrollten, wuchs ein gedrungener, spitzohriger Schatten an ihrer Stelle empor, und unheimliche, rot gl�hende Augen starrten Mogens an. Das gr�ssliche Wolfsheulen war verstummt, doch daf�r h�rte Mogens nun einen fast noch furchteinfl��enderen Laut: eine Mischung aus einem Knurren und einem grollenden Fauchen, die Mogens das Blut in den Adern gerinnen lie�.</p><p>Nicht so Tom. Auch er erstarrte f�r eine Sekunde, dann aber stie� er einen gellenden Schrei aus, riss die Arme in die H�he und rannte los, um sich mit blo�en F�usten auf den Ghoul zu st�rzen.</p><p>Er erreichte ihn nie.</p><p>Es war nicht dieser Ghoul, der Tom ansprang und zu Boden riss, sondern ein anderer, viel n�herer Teil der Schatten, der zu pl�tzlichem Leben erwachte. Aus Toms Schrei wurde ein entsetztes Keuchen, das mit erschreckender Pl�tzlichkeit abbrach, als der Ghoul ihn unter sich begrub.</p><p>Mogens erschrak nicht einmal wirklich. Er war viel zu entsetzt, um noch �berraschung empfinden zu k�nnen. Die Wirklichkeit war endg�ltig zum Albtraum geworden, und der Albtraum zur Wirklichkeit. Obwohl vollkommen gel�hmt und hilflos vor Entsetzen, empfand Mogens doch zugleich eine vollkommen absurde Erleichterung, als der Ghoul endg�ltig aus den Schatten trat und von einem blo�en Schemen zu einer massigen, muskel- und fellbepackten Gestalt mit m�rderischen Z�hnen und Klauen wurde. Er hatte keinen Zweifel daran, dass er nun sterben w�rde, in dieser Minute, innerhalb der n�chsten Sekunden, und doch war er erleichtert, dass ihm der allergr��te Schrecken erspart blieb. Die beiden Ghoule brachten den sicheren Tod, doch das, was er f�r einen gr�sslichen zeitlosen Moment zu sehen glaubte, das <emphasis>Janice-Ding </emphasis>aus seinem Albtraum, hatte den Wahnsinn gebracht, den Sturz in den bodenlosen Abgrund eines Irrsinns, der hundertmal schlimmer w�re als der Tod.</p><p>Die beiden Ghoule kamen langsam n�her. Sie hatten aufgeh�rt zu knurren, und stattdessen h�rte Mogens nun ein Schn�ffeln und Hecheln, das von einem tiefen, aber nicht einmal unbedingt drohend winkenden Grollen begleitet wurde. Ein �belkeit erregender, s��licher Odem wehte Mogens entgegen, den er zuerst f�r Verwesungsgestank hielt, bis er begriff, dass es der K�rpergeruch von Wesen war, die sich so lange von verfaulendem Fleisch ern�hrt hatten, bis der Geruch ihrer Nahrung zu ihrem eigenen geworden war.</p><p>�Um Himmels willen, Mogens - <emphasis>lauf!�, </emphasis>br�llte Graves. Mogens r�hrte sich nicht, aber Graves fuhr auf dem Absatz herum und zerrte ihn so derb mit sich, dass er um ein Haar das Gleichgewicht verloren h�tte und zwei, drei Schritte hilflos hinter ihm her stolperte, bevor es ihm gelang, seine Balance wieder zu finden und sich loszurei�en.</p><p>�Tom!�, keuchte er. �Sie haben Tom! Wir m�ssen ihm helfen!�</p><p>Graves stolperte noch zwei Schritte weiter und blieb unweit des Ausgangs stehen, bevor er sich hastig umdrehte. �Helfen? Bist du wahnsinnig? Wie denn helfen! <emphasis>Renn, </emphasis>Mann!�</p><p>Als ob es daf�r nicht l�ngst zu sp�t w�re! Die beiden Ghoule waren allerh�chstens noch drei oder vier Schritte entfernt, und Mogens hatte schon mehr als einmal erlebt, wie unglaublich schnell diese scheinbar so schwerf�lligen Gesch�pfe sein konnten. Er konnte rennen und wie ein Feigling auf der Flucht sterben, oder das tun, was er vor neun Jahren h�tte tun sollen, und sich seinem Schicksal stellen. Statt Graves zu folgen, drehte er sich wieder um und erwartete den Tod. Er hatte keine Angst. Er hat gesehen, was die Klauen dieser Monster anrichten konnten. Es w�rde schnell gehen.</p><p>Die beiden Unget�me waren bis auf zwei oder drei Meter herangekommen, nun aber erstaunlicherweise stehen geblieben. Tiefe, drohende Knurrlaute drangen aus ihren Kehlen, und beide hatten die Z�hne gefletscht und die Lefzen hochgezogen. Mogens sp�rte ihre Wut und Wildheit, aber da war auch noch mehr. Jedes einzelne dieser Gesch�pfe war in der Lage, ihn in einer Sekunde in St�cke zu rei�en, und dennoch sp�rte er etwas, das zwischen Respekt und Furcht schwankte. Da war etwas, was Graves gesagt hatte. Aasfresser. Sie waren Aasfresser, keine Beutej�ger, und genau wie Geier oder Hy�nen waren sie schreckliche Gegner, wenn sie zum Kampf gezwungen wurden, aber sie wichen ihm dennoch aus, so lange es nur ging.</p><p>Vorsichtig, unendlich langsam, um nicht durch eine unbedachte Bewegung doch noch einen Angriff zu provozieren, hob er die Arme und wich r�ckw�rts gehend vor den beiden Ghoulen zur�ck. Eine der Bestien schnappte nach ihm, aber es war eine reine Drohgeb�rde; die zusammenschlagenden Kiefer kamen nicht einmal in seine N�he. Unendlich behutsam machte er einen weiteren Schritt.</p><p>Hinter den beiden Ungeheuern bewegte sich ein Schatten, und Mogens h�rte ein halblautes St�hnen.</p><p>�Tom, um Gottes willen, bleib liegen!�, keuchte er. �R�hr dich nicht!�</p><p>Er sah nicht hin, um sich davon zu �berzeugen, dass Tom seine Warnung beherzigte, sondern machte einen weiteren Schritt, und dann noch einen und noch einen, bis er neben Graves stand.</p><p>�Mogens, was...�, begann Graves.</p><p>�Still!�, unterbrach ihn Mogens hastig, aber in so erschrockenem Ton, dass Graves mitten im Satz verstummte. �Sie tun uns nichts! Sieh doch! Ich glaube, sie wollen nur ihren Kameraden befreien!�</p><p>Tats�chlich waren ihm die beiden Ghoule nicht weiter gefolgt, sondern n�herten sich - noch immer misstrauisch schn�ffelnd, knurrend und dann und wann drohend in seine und Graves' Richtung schnappend - dem Sarg, in dem der gefangene Leichenfresser lag. Mogens erschauerte, als er sah, mit welcher Leichtigkeit ihre Krallen die daumendicken Stricke des Netzes zerfetzten. Nur einen Moment sp�ter zerbrachen auch die eisernen Fesseln, die den Ghoul hielten, und die Kreatur richtete sich mit einem triumphierenden Heulen auf. Ihre wie spitze nadelscharfe Dolche gebogenen F�nge schnappten w�tend in Mogens' Richtung. �bel riechender Geifer troff von ihren Lefzen, und in ihren Augen loderte die blanke Mordlust, aber auch sie machte keine Anstalten, sich auf ihn oder Graves zu st�rzen.</p><p>Stattdessen gesellte es sich zu seinen beiden Kameraden, die sich schn�ffelnd und knurrend dem Kasten mit Hyams' Leichnam n�herten. Ein einziger, w�tender Krallenhieb zerfetzte den Deckel aus fast fingerdickem Eichenholz, ein zweiter Hieb lie� die Metallb�nder davonfliegen, mit denen er verst�rkt war. Eines der Gesch�pfe stie� ein triumphierendes Zischen aus, w�hrend es sich vorbeugte und den Leichnam der Arch�ologin in die H�he riss.</p><p>Irgendwo hinter ihnen erscholl ein lautstarkes Scheppern und Klirren, und als Mogens erschrocken herumfuhr, sah er ein flackerndes gelbrotes Licht, das sich durch den Hieroglyphengang n�herte.</p><p><emphasis>�Ju - hu, </emphasis>Doktor <emphasis>Gra - haves! </emphasis>Professor?�, ert�nte eine wohl bekannte, schrille Stimme. �Ich bin es, Betty Preussler!� Das Flackern der Kerze kam n�her, und einen Augenblick sp�ter wurde auch die Besitzerin der Stimme sichtbar, die mit einem Tablett voller schepperndem Geschirr, einer dampfenden Kanne und der brennenden Kerze vor der Brust auf sie zu kam. �Ich dachte mir, wenn Sie schon nicht auf mich h�ren und die ganze Nacht durcharbeiten, dann bringe ich Ihnen wenigstens einen starken Kaffee.�</p><p>�Um Gottes willen�, keuchte Mogens. Dann sp�rte er die Bewegung hinter sich und schrie, so laut er konnte: <emphasis>�Miss Preussler! Laufen Sie weg! Retten Sie sich!�</emphasis></p><p>Selbstverst�ndlich lief Miss Preussler nicht weg, sondern machte im Gegenteil noch zwei weitere Schritte, bevor sie stehen blieb und verst�ndnislos in seine Richtung blinzelte. �Aber Professor�, sagte sie. �Ich wollte Ihnen doch nur...�</p><p>Mogens h�rte, wie Graves hinter ihm entsetzt aufschrie und sich zur Seite warf, dann traf ihn etwas mit solcher Wucht in die Seite, dass er gegen die Wand geschleudert wurde und benommen in die Knie brach. Eine rote Lohe aus reinem Schmerz explodierte vor seinen Augen, sodass er f�r einen Moment fast blind war. Aber er h�rte Miss Preussler schreien, dann das Scheppern von Metall und das helle Splittern von zerbrechendem Porzellan, und dann noch einmal ihre Schreie, h�her, spitzer diesmal, und von einem Entsetzen erf�llt, das selbst den Nebel aus Schmerz durchdrang, der sich �ber Mogens' Sinne gelegt hatte. St�hnend w�lzte er sich herum und zwang sich, die Augen zu �ffnen.</p><p>Graves war auf der anderen Seite des Ausganges ebenfalls gegen die Wand geprallt und zu Boden gesunken. Er hatte die Knie an den Leib gezogen und die Unterarme sch�tzend vors Gesicht gerissen. Einer der Ghoule stand drohend �ber ihn gebeugt da, knurrte und geiferte ihn an und schlug manchmal mit den Krallen in seine Richtung, ohne ihn indes auch nur zu ber�hren. Der zweite Ghoul hatte sich Hyams' Leichnam �ber die Schulter geworfen und entfernte sich humpelnd, und gerade in diesem Augenblick tauchte das dritte Ungeheuer aus dem Gang auf. Es hatte Miss Preussler mit beiden Armen gepackt und trug sie ohne die geringste M�he, und zumindest war sie noch am Leben und bei Bewusstsein, denn sie kreischte aus Leibeskr�ften, schlug und trat wie besessen auf ihren Entf�hrer ein und versuchte gar, ihm mit den Fingern�geln das Gesicht zu zerkratzen. Das Unget�m zeigte sich davon jedoch nicht im Geringsten beeindruckt, sondern machte sich im Gegenteil nicht einmal die M�he, ihre Attacken abzuwehren.</p><p>Beseelt vom Mut der Verzweiflung, sprang Mogens hoch und warf sich auf den Ghoul.</p><p>Es gelang ihm nicht, das Ungeheuer zu Boden zu werfen, oder es auch nur dazu zu bringen, sein hilflos strampelndes Opfer loszulassen. Der Ghoul reagierte mit einem unwilligen Knurren und einer blitzartigen Bewegung, die fast beil�ufig aussah, Mogens aber mit der Wucht eines Hammerschlages traf und ihm die Luft aus den Lungen trieb. Messerscharfe Krallen schlitzten sein Hemd auf, und er hatte weniger Gl�ck als Graves zuvor: Vier grausame, parallel verlaufende Linien aus glei�endem Schmerz rasten von seinem Oberschenkel bis fast unter seine Achsel hinauf, und Mogens sank erneut auf die Knie und fiel gleich darauf auf die Seite. Warmes Blut lief klebrig und schwer an seinem K�rper herab, und der Schmerz wurde so schlimm, dass er darum flehte, das Bewusstsein zu verlieren.</p><p>Diese Gnade wurde ihm nicht gew�hrt. Mogens trieb eine Zeit lang auf dem schmalen Grat zwischen Wachsein und Ohnmacht dahin, aber schlie�lich k�mpfte er sich m�hsam wieder ins Bewusstsein zur�ck - absurd genug, denn zugleich w�nschte er sich auch nichts mehr, als endlich von der grausamen Qual erl�st zu werden. Aber da war noch etwas, was er tun musste, etwas, das wichtiger war als seine Furcht, mehr wog als der gr�ssliche Schmerz. Er stemmte sich hoch, st�rzte prompt auf die verwundete Seite und wimmerte vor Schmerz, aber irgendetwas gab ihm die Kraft, die Pein niederzuk�mpfen und sich ein weiteres Mal in die H�he zu arbeiten.</p><p>Es konnte nicht lange gedauert haben. Die Ghoule waren verschwunden, aber er glaubte noch einen verschwommenen Schatten irgendwo vor sich zu erkennen, und Miss Preusslers verzweifelte Schreie waren zwar leiser geworden, aber keineswegs verstummt. Taumelnd kam Mogens auf die F��e, presste die Hand auf die verletzte Seite und kr�mmte sich vor Schmerz, zwang sich aber dennoch, einen weiteren Schritt zu tun. Miss Preusslers Schreie wurden leiser, zugleich aber deutlich verzweifelter.</p><p>�Mogens, was tust du?�, schrie Graves.</p><p>Mogens ignorierte ihn, zwang sich zu einem weiteren Schritt und biss die Z�hne zusammen, um ein Wimmern zu unterdr�cken. Er wagte es nicht, an sich hinabzublicken, aber er sp�rte, wie nass und schwer seine Kleider von seinem eigenen Blut waren. Er hatte noch nie zuvor solche Schmerzen erlitten. Dennoch stolperte er weiter, zwang sich st�hnend, sich vollends aufzurichten und schaffte es sogar, seine Schritte um eine Winzigkeit zu beschleunigen. Miss Preusslers Schreie wurden leiser, aber noch waren sie zu h�ren. Er musste sie retten. Ganz gleich wie. Ganz gleich, was es ihn kostete. Es durfte nicht noch einmal geschehen. Er durfte nicht noch einmal versagen.</p><p>�Mogens, bist du wahnsinnig?�, br�llte Graves hinter ihm. �Bleib hier! Sie werden dich umbringen!�</p><p>Mogens taumelte weiter. Er konnte sp�ren, wie vielleicht nicht das Leben, wohl aber mehr und mehr von seiner Kraft aus den schrecklichen Wunden aus ihm herausfloss, die ihm die Bestie geschlagen hatte. Und trotzdem taumelte er nicht nur weiter, sondern wurde auch mit jedem stolpernden Schritt schneller. Um ein Haar w�re er gest�rzt, als sein Fu� gegen den abgebrochenen Sch�del der Pferdestatue stie�, aber schlie�lich erreichte er die Geheimt�r, die hinter der Horus-Statue lag. Der steinerne G�ttervogel war zerborsten und lag in mehrere St�cke zerbrochen am Boden, und auch die T�r selbst war wie von einem gewaltigen Axthieb gespalten. Dahinter g�hnte ein scheinbar bodenloser, vollkommen schwarzer Abgrund.</p><p>Eine zitternde Linie aus bleichem Licht glitt �ber ihn hinweg und tastete nach dem offen stehenden Geheimgang. Mogens hielt verwirrt mitten im Schritt inne und wandte den Kopf. Graves hockte noch immer an der Wand neben dem Ausgang und schrie ihm weiter verzweifelte Warnungen zu, umzukehren, aber Tom hatte weitaus besonnener reagiert und folgte ihm nicht nur, sondern hatte sich auch eine der beiden brennenden Laternen gegriffen.</p><p>�Professor! Um Gottes willen! Warten Sie!�</p><p>Mogens stolperte noch einen halben Schritt weiter und blieb dann - fast zu seiner eigenen �berraschung - tats�chlich stehen. Alles drehte sich um ihn, wurde unwichtig, und die Schmerzen hatten ein Ma� erreicht, das er sich noch vor wenigen Augenblicken nicht einmal h�tte <emphasis>vorstellen </emphasis>k�nnen, war zugleich aber auf eine sonderbare Art unwichtig geworden, sodass er ihn kaum noch st�rte. Es war Toms Stimme gewesen, die ihn zur�ckgerufen hatte. W�re es Graves gewesen, w�re er vielleicht aus schierem Trotz einfach weiter getorkelt, selbst wenn es seinen sicheren Tod bedeutete.</p><p>Vielleicht war es auch schon zu sp�t. Die Wunden, die ihm der Ghoul zugef�gt hatte, bluteten immer heftiger. Seine Kleider hingen nass und schwer an seinem Leib, und er konnte den s��lichen Kupfergeruch, den er verstr�mte, mittlerweile selbst sp�ren. Er war Beute. Alles an ihm signalisierte: Beute. Und er floh nicht vor seinen J�gern, <emphasis>er rannte ihnen hinterher.</emphasis></p><p>Tom langte schwer atmend neben ihm an. Die Laterne in seiner Hand zitterte so stark, dass ihr Lichtschein die Hieroglyphen in den W�nden zu unheimlichem huschendem Leben zu erwecken schien. Metall blitzte in seiner anderen Hand, vielleicht eine Waffe, und auch sein Gesicht war blut�berstr�mt, aber Mogens vermochte nicht zu sagen, ob es sein eigenes Blut war.</p><p>�Geht es noch?�</p><p>Mogens hatte M�he, den Worten irgendeinen Sinn abzugewinnen. Die H�hle hatte aufgeh�rt, sich um ihn zu drehen, und die Welt begann zu steinerner H�rte zu gerinnen, die ihn zu erdr�cken drohte. Er bekam keine Luft mehr, als enthielte jeder gequ�lte Atemzug, zu dem er seine Lungen zwang, ein bisschen weniger Sauerstoff als der vorhergehende. Ein Teil von ihm begriff mit kristallener Klarheit, dass es die Folgen des Blutverlustes waren, die er sp�rte; der Wissenschaftler in ihm, der ihm in emotionslosem Ton erkl�rte, was genau in diesem Moment in seinem K�rper geschah: sein Herz schlug immer schneller, um sein Blut mit dem Sauerstoff anzureichern, den jede Faser seines K�rpers so verzweifelt ben�tigte, aber ganz gleich, wie angestrengt Herz und Lungen auch arbeiteten, es war einfach nicht mehr genug Blut <emphasis>da, </emphasis>um den kostbaren Sauerstoff dorthin zu bringen, wo er gebraucht w�rde.</p><p>Oder, um es anders auszudr�cken: Er war dabei, bei vollem Bewusstsein zu verbluten.</p><p>�Ja�, murmelte er.</p><p>Toms Blick wurde f�r einen Moment noch besorgter. Eine weitere, unendlich kostbare der so verzweifelt wenigen Sekunden, die ihm noch blieben, verstrich und war unwiederbringlich dahin, bevor Tom zu einem Entschluss kam und nickte.</p><p>�Also gut�, sagte er und hielt ihm die Hand hin. Was Mogens f�r eine Waffe gehalten hatte, war eine klobige Lampe, die wei�es Licht und einen scharfen Karbidgeruch verstr�mte, als Tom sie entz�ndete. Sie wog eine Tonne. Mogens musste beide H�nde zu Hilfe nehmen, um sie zu halten, und selbst dann war er nicht sicher, sie nicht doch nach ein paar Schritten fallen zu lassen. Es spielte keine Rolle mehr. Tom machte abrupt auf dem Absatz kehrt und drang mit schnellen Schritten in den Hieroglyphengang ein, und zu Mogens' eigener, unendlich gro�er �berraschung gelang es ihm nicht nur, ihm zu folgen, sondern auch, mit ihm Schritt zu halten. Der Teil von ihm, der sich noch immer mit verzweifelter Kraft an eine Illusion namens Logik klammerte und ihm zuschrie, dass er dabei war, sich umzubringen, wurde leiser; verzweifelter und hysterischer, aber leiser. Er hatte Recht - Mogens konnte mittlerweile tats�chlich sp�ren, wie das Leben in harten, pulsierenden St��en aus ihm herausfloss. Seine Schritte hinterlie�en blutige Fu�abdr�cke auf dem staubigen Boden, und die Schmerzen gingen allm�hlich in ein auf absurde Weise fast angenehmes Schwindelgef�hl �ber. Aber es war gleich. Mochte der Tod dort vorne am Ende des Tunnels auf ihn warten, er musste ihn zu Ende gehen, um seine Schuld dem Schicksal gegen�ber zur�ckzuzahlen. Es <emphasis>durfte nicht noch einmal geschehen.</emphasis></p><p>Gegen Ende des Tunnels begann Toms Vorsprung doch sichtbar anzuwachsen. Der hektisch hin und her tanzende Schein seiner Lampe entfernte sich allm�hlich und war dann pl�tzlich verschwunden, um nur einen Moment sp�ter blasser und sonderbar zerfasert wieder aufzutauchen. Er hatte die Schutthalde �berwunden und die Torkammer betreten. Mogens h�rte ihn irgendetwas rufen, aber er verstand die Worte nicht. Vielleicht war es auch nur ein Schrei.</p><p>Mogens versuchte ihm zu folgen, aber seine Kraft reichte nicht mehr. Todesangst und Panik und ein seit einem Jahrzehnt gesch�rter Trotz dem Schicksal gegen�ber hatten es ihm erm�glicht, auch jene letzten, finalen Kraftreserven anzuzapfen, die tief in jedem Menschen verborgen sind, aber nun neigte sich auch jenes letzte Reservoir dem Ende entgegen. Seine Kraft reichte noch, sich die Schutthalde hinauf zu qu�len, aber nicht weiter. Auf ihrem Kamm brach er zusammen. Die Lampe entglitt Mogens aus von seinem eigenen Blut glitschig gewordenen Fingern, ging aber erstaunlicherweise nicht aus, sondern rollte auf der anderen Seite klappernd und sich unentwegt �berschlagend die Halde hinab, wodurch ihr Licht in regelm��igem Takt erlosch und wieder grell aufflammte, ein gl�hender Dolch, der wei�e Bahnen aus geometrischen Linien und Winkeln in die Dunkelheit schnitt, Teile von Skulpturen und bizarre Halbgesichter aus der ewigen Nacht sch�lte und rascher wieder in ihr finsteres Gef�ngnis zur�ckstie�, als der Blick sie erfassen konnte, lie� Hieroglyphen und Basreliefs aufblitzen und zu einer Bewegung erwachen, die nicht sein durfte. Aber da war auch noch mehr. Trotz seines geschw�chten Zustandes und obwohl der Bewusstlosigkeit ungleich n�her als dem Wachsein erkannte es Mogens: Es waren nicht nur die Schatten. Genau auf der Schwelle zwischen glei�ender Helligkeit und absoluter Schw�rze, auf dem unendlich schmalen Grat, an dem sich Licht und Schatten endg�ltig voneinander trennten und aus dem Janice zu ihm gekommen war, <emphasis>bewegte sich etwas. </emphasis>Da waren... Dinge. Unheimliche, gestaltlose Dinge, die sich bewegten, ohne jemals von der Stelle zu kommen, Dinge, deren Zeit verging, ohne dass auch nur der millionste Teil einer Sekunde verstrich.</p><p>Dann erlosch die Lampe mit einem endg�ltigen, hellen Klingen und dem Splittern von Glas, und barmherzige Dunkelheit senkte sich �ber die Kammer und gebot dem Wahnsinn Einhalt, der seine Klauen bereits in Mogens' Verstand geschlagen hatte.</p><p>Aber nur f�r einen Moment, viel, viel zu kurz, dann flammte Toms Lampe anstelle seiner eigenen, erloschenen auf, und wenn Mogens geglaubt hatte, es k�nne nicht mehr schlimmer kommen als in jenem winzigen zeitlosen Moment, in dem er einen Blick in den Abgrund zwischen Licht und Dunkel geworfen hatte, so sah er sich get�uscht.</p><p>Der eng geb�ndelte Strahl aus Toms Lampe tastete nicht �ber die W�nde und erweckte auch die Hieroglyphen und gemei�elten Reliefs nicht zum Leben. Er fiel genau auf das monstr�se steinerne Tor am anderen Ende der Halle.</p><p>Es stand offen.</p><p>Aber es war nicht leer.</p></section><section><title><p id="_33">33.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Diesmal wusste er von Anfang an, dass es ein Traum war. Aber dieses Wissen half ihm nicht gegen den Schrecken, den der Traum brachte: Janice war da, aber auch Graves, und irgendwie schien auch Miss Preussler anwesend zu sein, obwohl er sie weder sah noch h�rte oder es irgendein anderes Anzeichen ihrer Anwesenheit gegeben h�tte.</p><p>�Warum hast du sie im Stich gelassen, Mogens?�, fragte Janice. �Du h�ttest das nicht tun d�rfen. Nicht noch einmal. Zuerst hast du mich verraten, und nun sie.�</p><p>Anders als zuvor brauchte sie diesmal keinen Vorwand, um in seinen Traum zu gelangen, und auch keine komplizierte Verkleidung. Vielleicht brauchte sie keinen Vorwand mehr, um in seine Tr�ume zu gelangen, denn sie hatte immer darin gelebt.</p><p>Langsam kam sie n�her. T�ren und Fenster seiner sch�bigen H�tte waren geschlossen, aber ihr Haar bewegte sich dennoch, als spiele der Wind damit. Vielleicht war es aber auch gar kein Haar, sondern ein Gespinst aus haarfeinen, lebenden Schlangen, deren augenlose Sch�del blind umhertasteten.</p><p>H�rte er nicht ein ganz leises Schaben und Kratzen, wie von Tausenden kleiner, schuppiger Leiber, die sich gierig aneinander rieben?</p><p>�Es scheint, dass du jeder Frau Ungl�ck bringst, die deinen Weg kreuzt�, sprach Janice weiter, w�hrend sie n�her kam und schlie�lich neben seinem Bett stehen blieb.</p><p>Mogens versuchte sich zu bewegen, aber es war ihm unm�glich, und als er an sich herabsah, erkannte er auch, warum: Er hatte keine H�nde und F��e mehr. Seine Glieder waren mit dem zerschlissenen Bettzeug verwachsen, als h�tte das <emphasis>Professor! H�ren Sie mich? </emphasis>fadenscheinig gewordene Leinen angefangen, sein Fleisch zu verzehren. Leint�cher? Aber sie hatten keine Leint�cher benutzt, sondern...</p><p>�Aber ich wusste immer, dass du ein Versager bist�, fuhr Janices Stimme unerbittlich fort. �Ein liebenswerter Versager, aber trotzdem ein Versager. Kein Mann, auf den eine Frau in Not sich verlassen sollte.� Ihr Schlangenhaar wippte zustimmend, und auch Graves, der bisher schweigend und vollkommen reglos dagestanden und ihn aus Augen angestarrt hatte, die die eines Schakals waren, nickte zustimmend.</p><p>�Erst ich, und nun die arme Miss Preussler�, sagte Janice. �Zwei von zwei, das kann man nun wirklich nicht als gute Erfolgsbilanz bezeichnen. Nicht einmal vom wissenschaftlichen Standpunkt aus.�</p><p>�Ganz besonders nicht vom wissenschaftlichen Standpunkt aus�, pflichtete ihr Graves bei. Er paffte eine seiner starken schwarzen Zigaretten, und sein Gesicht verschwand im gleichen Ma�e hinter schleimigen grauen Wolken, wie es sich darin aufzul�sen schien. Mogens, <emphasis>verdammt, wach auf! </emphasis>Er begann seine Handschuhe auszuziehen. Die Finger, die darunter zum Vorschein kamen, waren keine Finger, sondern B�ndel von d�nnen, augenlosen W�rmern, zu unterschiedlich langen Z�pfen verflochten, sodass sie in die Finger ihres schwarzledernen Gef�ngnisses passten, und doch jeder f�r sich von einer eigenen, t�ckischen Intelligenz beseelt, die nur aus einem einzigen Grund existierte: zu zerst�ren und zu vernichten.</p><p>Er versuchte erneut, sich zu bewegen, und konnte es nun weniger denn je. Nicht nur seine H�nde und F��e, sondern auch seine Arme und Beine hatten sich in graues Leinen verwandelt, von dem gelbliche, noch nicht g�nzlich geronnene Einbalsamierungsfl�ssigkeit tropfte. Ein dumpfes, an- und abschwellendes Rauschen und Brausen lag mit einem Male in der Luft, und Janice kam noch n�her. Unter ihren Schritten bebte die Erde. <emphasis>Wach auf, um, Himmels willen! </emphasis>Ihr Haar bauschte sich, eine Million winziger augenloser Kobras, die sich zum Angriff aufstellten...</p><p>... und Mogens erwachte endg�ltig. Der Wahnsinn zog sich lautlos und schnell wieder in die finsteren Gefilde zur�ck, aus denen er emporgestiegen war, nicht besiegt, aber f�r den Moment geschlagen, und die Atem abschn�rende Irrealit�t seines Albtraumes gerann wieder zu der kaum weniger bedr�ckenden Realit�t seiner H�tte. Janice war verschwunden und Graves auf geheimnisvolle Weise von seinem Platz an der T�r direkt an die Seite seines Bettes gelangt. Seine Augen waren nun wieder die eines Menschen, nicht l�nger als die eines Schakals, und auch seine H�nde waren nun wieder - <emphasis>seine H�nde! Gro�er Gott, seine H�nde!</emphasis></p><p>Mogens fuhr mit einem Schrei hoch und starrte seine H�nde und F��e an, die sich in Klumpen aus unansehnlichem grauem Leinenstoff verwandelt hatten. Die faserige Masse hatte sein Fleisch gefressen und seine Knochen absorbiert und begannen nun...</p><p>�Mogens! Um Himmels willen, so beruhige dich doch! Es ist alles in Ordnung! Es war nur ein Traum!�</p><p>Graves' in schwarzes Leder geh�llte Handschuhe dr�ckten ihn mit sanfter Gewalt wieder auf das verschwitzte Bettzeug zur�ck, und er sagte noch einmal: �Es war nur ein Traum.�</p><p>Ein Teil von ihm wusste, dass Graves die Wahrheit sprach - der Teil von ihm, der ihn auch unten in den Katakomben davor bewahrt hatte, endg�ltig dem Wahnsinn anheim zu fallen; der Wissenschaftler, der sich trotz allem bem�hte, die Dinge noch sachlich zu sehen und wenigstens den Anschein von Vernunft zu wahren, eine Erkl�rung zu finden, und sei sie noch so unwahrscheinlich. Aber dieser Teil von ihm wurde leiser, verlor an Kraft und vor allem an <emphasis>�berzeugung. </emphasis>Sp�testens dort unten, in der Dunkelheit des Hieroglyphenganges, hatte er eine Grenze �berschritten, hinter der es keine wirkliche Umkehr mehr gab; zumindest nicht, ohne etwas mitzubringen.</p><p>Mit klopfendem Herzen betrachtete er seine H�nde. Nat�rlich hatten sie sich nicht in graues Einbalsamierungstuch verwandelt - dazu taten sie viel zu weh -, aber es waren dennoch nicht mehr die H�nde, die er kannte. Jemand hatte sie mit offensichtlich gro�er M�he, daf�r aber umso weniger Geschick verbunden. Die Bandagen aus nicht wirklich sauberem Verbandsmull sa�en so fest, dass es ihm vollkommen unm�glich war, auch nur einen Finger zu bewegen.</p><p>�Mach dir keine Sorgen, Mogens�, sagte Graves, als er seinen Blick bemerkt. <emphasis>Seinem </emphasis>Gesichtsausdruck nach zu schlie�en <emphasis>machte </emphasis>er sich Sorgen, auch wenn er mit einem gezwungenen L�cheln und in ebenso unecht wirkendem, optimistischem Ton fortfuhr: �Es sieht schlimmer aus, als es ist.�</p><p>Janice, die immer noch irgendwie unsichtbar in den Schatten stand und ihm zuh�rte, sch�ttelte stumm den Kopf, und der Blick ihrer unheimlichen leuchtenden Schakalsaugen bezichtigte ihn einer L�ge, die auch Mogens schon erkannt hatte.</p><p>�Es f�hlt sich schlimm an�, murmelte er.</p><p>Graves bem�hte sich weiter nach Kr�ften um Gesichtsausdruck und Tonfall eines Vaters, der seinem Sohn zu erkl�ren versucht, dass die Welt nicht untergeht, weil er sich einen Splitter eingerissen hat. �Ein paar Kratzer�, behauptete er. �H�sslich, und ich nehme an, dass sie auch ziemlich wehtun, aber halb so schlimm. Tom hat deine H�nde verbunden.� Er verzog die Lippen. �Er ist ein guter Junge mit einer Menge unterschiedlicher Talente, aber ich f�rchte, zum Krankenpfleger ist er weniger geeignet.�</p><p>Mogens blieb ernst und hob die H�nde vor das Gesicht, um sie noch einmal und eingehender zu betrachten. Es war nicht verwunderlich, dass er die Finger nicht bewegen konnte. Tom musste tats�chlich so etwas wie der untalentierteste Krankenpfleger der Welt sein, denn er hatte seine Finger kurzerhand zusammengebunden, sodass seine H�nde aussahen, als steckten sie in grob gen�hten F�ustlingen. Mogens fragte sich, ob es sich dabei tats�chlich nur um Ungeschick handelte, oder ob es vielleicht einen Grund dazu gab. Das Fleisch, das er unter dem schmuddeligen Verbandsmull nicht sehen konnte, brannte jedenfalls, als h�tte er die H�nde in S�ure getaucht.</p><p>Seltsam. Er erinnerte sich gar nicht, sich die H�nde verletzt zu haben...</p><p>Daf�r erinnerte er sich pl�tzlich umso deutlicher an blitzende F�nge, die nach seinem Gesicht schnappten, und rasiermesserscharfe Klauen, die ebenso m�helos und schnell wie ein chirurgisches Pr�zisionsmesser durch sein Fleisch geglitten waren.</p><p>Die Erinnerung weckte den Schmerz. Mogens setzte sich mit einem Ruck abermals auf, wodurch nicht nur das Brennen in seiner Seite zu noch gr��erer Qual aufloderte, sondern auch die d�nne Decke von seinen Schultern glitt. Darunter war er nackt, wenigstens zum gro�en Teil. Wo seine zerschundene und schmutzige Haut nicht sichtbar war, erblickte er straff angelegte Verb�nde aus demselben grauen Verbandsmull, mit dem auch seine H�nde umwickelt waren.</p><p>�Eigentlich m�sste doch f�r dich jetzt ein Traum in Erf�llung gegangen sein�, griente Graves. Mogens starrte ihn finster an, aber Graves' Grinsen wurde nur noch breiter. �Wahrscheinlich bist du der erste Arch�ologe der Welt, der aus eigener Erfahrung wei�, wie sich eine Mumie f�hlt�, erkl�rte er, w�hrend er sich gem�chlich zur�cklehnte und sich mit umst�ndlichen Bewegungen eine Zigarette anz�ndete, den Umstand, dass er sich an einem Krankenlager befand, geflissentlich ignorierend.</p><p>Mogens versuchte, sich noch weiter aufzurichten, lie� es aber bleiben, als ihm leicht schwindelig wurde. Au�erdem bemerkte er nun, dass er auch unter der Decke auf seinen H�ften nichts weiter trug als die Verb�nde - die ihm tats�chlich eine gewisse �hnlichkeit mit einer �gyptischen Mumie verliehen, wie er widerwillig eingestehen musste - und es w�re ihm peinlich gewesen, nackt vor Graves zu stehen; auch wenn das nun wirklich albern war. Vermutlich war es Graves gewesen, der ihn ausgezogen hatte.</p><p>So klein seine Bewegung auch gewesen sein mochte, reichte sie doch offensichtlich aus, Graves' Missfallen zu erregen, denn er blies kopfsch�ttelnd eine �bel riechende graue Wolke in seine Richtung und sagte: �Du solltest dich noch nicht zu viel bewegen, alter Junge. Die Verletzungen sind gottlob nicht so schlimm, wie es im ersten Moment den Anschein hatte, aber du hast eine Menge Blut verloren.�</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Mogens und setzte sich schon aus purem Trotz noch ein St�ck weiter auf. Er mochte es nicht, wenn Graves ihn �alter Junge� nannte. Der Kerl war ein halbes Jahr <emphasis>j�nger </emphasis>als er, verdammt!</p><p>�Wenn ich das w�sste�, antwortete Graves und schlabberte eine weitere Woge aus grauem Qualm in seine Richtung. Mogens hustete demonstrativ, wodurch sich Graves dazu bem��igt zu f�hlen schien, einen weiteren, noch tieferen Zug an der Zigarette zu nehmen. �Scheint, als w�re etwas schiefgegangen�, f�gte er hinzu.</p><p><emphasis>�Etwas schief gegangen?� </emphasis>Mogens �chzte. Seine Erinnerungen an die zur�ckliegende Nacht waren immer noch l�ckenhaft, aber selbst des Wenige, woran er sich erinnerte, war ganz gewiss nicht dergestalt, dass er es mit dem saloppen Ausdruck <emphasis>schief gegangen </emphasis>bezeichnet h�tte. Graves musterte ihn nur k�hl, deutete ein Achselzucken an und sog erneut an seiner Zigarette.</p><p>Mogens kramte angestrengt in seinem Ged�chtnis, aber er stie� nur auf ein wirres Durcheinander aus gr��tenteils sinnlosen und <emphasis>ausnahmslos </emphasis>Furcht erregenden Bildern, von denen er sp�rte, dass sie sehr wohl in der Lage gewesen w�ren, sich zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzuf�gen, ohne dass es ihm indes gelang. Konnte es sein, dass sich ein Teil von ihm gar nicht erinnern <emphasis>wollte?</emphasis></p><p>Er tat so, als versuche er in eine etwas bequemere Position auf dem Bett zu rutschen, nutzte die Bewegung aber in Wahrheit, um unauff�llig an Graves vorbeizulinsen und nach Janice Ausschau zu halten. Sie war tats�chlich da, ein Schatten in den Schatten, der ihn aus unheimlichen glosenden Schakalaugen anstarrte, w�hrend ihre Lippen zwei lautlose, schreckliche Worte formten; die Erinnerung an das, woran er sich um keinen Preis hatte erinnern wollen.</p><p>�Miss Preussler!�, entfuhr es ihm. Pl�tzlich war alles wieder da. Die Erinnerung traf ihn mit der Wucht eines Faustschlags. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er Graves an und fl�sterte noch einmal: �Miss Preussler, Jonathan! Was... was ist mit ihr?�</p><p>Aus den Schatten heraus antwortete Janices lautlossp�ttische Stimme. <emphasis>Aber das wei�t du doch, mein kleiner Dummkopf. Ihr ist dasselbe zugesto�en wie all deinen Frauen. </emphasis>Graves jedoch hob nur abermals die Schultern und deutete gleichzeitig ein Kopfsch�tteln an.</p><p>�Mann Gottes, Jonathan�, keuchte Mogens, �Miss Preussler befindet sich in der Gewalt dieser... dieser Bestien... oder ist vielleicht schon tot. Und alles, was dir dazu einf�llt, ist ein <emphasis>Kopf sch�tteln?�</emphasis></p><p>�Br�chte es sie zur�ck, wenn ich in Tr�nen ausbr�che?�, fragte Graves kalt. �Was geschehen ist, ist bedauerlich. Niemandem tut das, was deiner bemitleidenswerten Zimmerwirtin widerfahren ist, mehr Leid als mir, das versichere ich dir. Aber was geschehen ist, ist nun einmal geschehen und l�sst sich nicht mehr r�ckg�ngig machen.�</p><p>�Und das ist alles, was dir dazu einf�llt?�, fl�sterte Mogens ungl�ubig. So wenig, wie er sich noch vor einer Minute hatte erinnern k�nnen, so schwer fiel es ihm nun, sich der entsetzlichen Bilder zu erwehren, die aus allen Richtungen zugleich auf ihn einst�rmten.</p><p>�Es war ein Experiment, das au�er Kontrolle geraten ist�, erwiderte Graves, noch immer �u�erlich scheinbar vollkommen unber�hrt, dennoch aber in h�rbar sch�rferem Ton. �Ich sagte bereits, es tut mir Leid! Aber manchmal m�ssen dem wissenschaftlichen Fortschritt eben auch Opfer gebracht werden, so bedauerlich uns das auch erscheinen mag.�</p><p>Graves starrte ihn fassungslos an. Er hatte eine Menge von Graves erwartet, aber das ersch�tterte selbst ihn. �Opfer gebracht?�, murmelte er ungl�ubig.</p><p>�Auch ich habe Opfer gebracht�, versetzte Graves. �Und du, Mogens, wenn ich dich daran erinnern darf. Oder hast du das gottverlassene Loch schon vergessen, aus dem ich dich herausgeholt habe?�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens gepresst. Er musste sich mit aller Kraft beherrschen, um Graves nicht anzuschreien. Wenn er diesem Mann bisher vielleicht noch einen Rest von Menschlichkeit zugebilligt hatte, so hatte Graves ihn sp�testens in diesem Moment verspielt. �Da gibt es nur einen Unterschied, wei�t du: Niemand hat uns gezwungen, hierher zu kommen. Wir beide kannten das Risiko. Miss Preussler hatte nicht die leiseste Ahnung, worauf sie sich einl�sst.�</p><p>Graves setzte zu einer sichtlich noch sch�rferen Antwort an, �berlegte es sich aber dann anders und stand mit einem Ruck auf. �Niemand hat sie gezwungen, vergangene Nacht zu uns herunter zu kommen. Ganz im Gegenteil. Ich hatte es ihr ausdr�cklich untersagt!� Er schnitt Mogens mit einer herrischen Geste das Wort ab, als er widersprechen wollte, m��igte aber trotzdem seinen Ton, als er fortfuhr: �Du bist im Moment erregt, Mogens. Das kann ich verstehen, nach allem, was du mitgemacht hast. Ruh dich eine Weile aus. Ich komme sp�ter noch einmal zu dir, und dann reden wir. Ich habe interessante Neuigkeiten.�</p></section><section><title><p id="_34">34.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Obwohl er zugeben musste, dass Graves vollkommen Recht hatte, was seine k�rperliche Verfassung anging, dachte Mogens �berhaupt nicht daran, den Rat zu beherzigen und sich auszuruhen. Ganz im Gegenteil wartete er nur, bis Graves die H�tte verlassen hatte, bevor er die Beine aus dem Bett schwang und aufstand. Der morsche Bretterboden war so kalt, dass ihm ein eisiger Schauer �ber den R�cken lief. Die Decke glitt endg�ltig von seinen Schultern und fiel zu Boden. Mogens versuchte danach zu greifen, aber seine bandagierten H�nde brachten nicht das n�tige Geschick auf. Missmutig betrachtete er das zerkn�llte Tuch zu seinen F��en und hielt dann noch missmutiger nach seinen Kleidern Ausschau. Er entdeckte sie als Haufen unordentlicher Lumpen neben der T�r, schlurfte m�hsam hin und b�ckte sich noch m�hsamer danach, nur um festzustellen, dass sein erster Eindruck richtig gewesen war. Es <emphasis>waren </emphasis>nur noch Fetzen. Hose, Jackett, Weste und Hemd waren wie von skalpellscharfen Klingen zerschlitzt und so �berreich mit eingetrocknetem Blut getr�nkt, dass der Stoff wie trockenes Herbstlaub knisterte, als er ihn hochhob. Nichts davon war noch zu gebrauchen. Selbst die hausfraulichen K�nste einer Betty Preussler h�tten wohl nicht mehr ausgereicht, <emphasis>diese </emphasis>Sch�den zu reparieren.</p><p>W�re sie noch da gewesen.</p><p>Gerade, als er mit Graves gesprochen hatte, war er einfach nur zornig gewesen, zornig auf das Schicksal und zutiefst emp�rt �ber Graves' zynisch-unmenschliche Reaktion, aber nun �berkam ihn eine tiefe, schmerzende Trauer, als er an sie dachte. Wie oft hatte er sie insgeheim verflucht, wenn sie ihm mit ihren Nachstellungen und ihrem gluckenhaften Gehabe auf die Nerven gegangen war: Wie oft hatte er ihr die Pest an den Hals gew�nscht, wenn er von der Universit�t nach Hause gekommen war und festgestellt hatte, dass sie wieder einmal seine Sachen durchw�hlt und seine Korrespondenz einer gr�ndlichen Inspektion unterzogen hatte? Mehr als einmal hatte er sich bei dem heimlichen Wunsch ertappt, sie m�ge an einem ihrer verfluchten Zimtpl�tzchen ersticken, mit denen sie ihm auf Schritt und Tritt auflauerte, oder �ber ihren allgegenw�rtigen Putzeimer stolpern und sich den Hals brechen - aber eines hatte er ihr ganz gewiss nicht gew�nscht: den Tod.</p><p>Und schon gar nicht auf diese Weise.</p><p>Mogens versuchte, den Gedanken zu verscheuchen, erreichte damit aber eher das genaue Gegenteil. Seine Erinnerungen an die vergangene Nacht waren noch immer l�ckenhaft, und er mutma�te, dass das nicht von ungef�hr kam; m�glich, dass ihn sein Bewusstsein aus gutem Grund vor den allerschlimmsten Bildern besch�tzte, weil er sonst Schaden daran genommen h�tte. An eines aber erinnerte er sich pl�tzlich mit vollkommener Klarheit: Betty Preusslers gellende Schreie und den Ausdruck absoluten Entsetzens, den er in ihrem Gesicht gelesen hatte, als das Unget�m sie gepackt und davongeschleift hatte.</p><p>Warum war sie auch nur dort hinunter gekommen? Gro�er Gott, nach allem, was geschehen war, hatte ihr etwas so L�cherliches wie eine Kanne Kaffee, die sie ihnen gegen ihren erkl�rten Willen bringen wollte, den Tod gebracht!</p><p>Wer nicht h�ren will...</p><p>In diesem einen Punkt hatte Graves sogar Recht, auch wenn die Art, auf die er seine Argumente vorgebracht hatte, aufs H�chste verachtenswert war. Niemand hatte Miss Preussler gebeten, vergangene Nacht in den Tempel zu kommen. Niemand hatte sie gebeten, ihm von Thompson aus hierher zu folgen - nein, verbesserte er sich in Gedanken: ihn zu verfolgen! -, und niemand hatte ihr geraten, hier zu bleiben, nachdem all diese schrecklichen Ereignisse ihren Anfang genommen hatten.</p><p>�Es <emphasis>war </emphasis>nicht meine Schuld�, sagte er, an das Janice-Ding gewandt, das noch immer in den Schatten stand und ihn aus seinen unheimlichen Schakalaugen anstarrte. In diesem Moment funktionierte es sogar. Indem er Miss Preussler zumindest eine Mitschuld an den Geschehnissen gab, entlastete er sich selbst, und auch wenn er nur zu gut wusste, dass diese L�ge nicht lange halten w�rde, so brauchte er im Moment doch vor allem eines: Einen klaren Kopf. �Es war nicht meine Schuld, h�rst du?�, sagte er noch einmal. �Ich habe sie gewarnt.�</p><p>Das Janice-Ding stie� ein leises, entt�uschtes Knurren aus und zog sich dann lautlos zur�ck, und hinter Mogens sagte eine Stimme: �Professor?�</p><p>Mogens fuhr so hastig herum, dass ihm prompt schwindelig wurde und er sich abst�tzen musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er hatte weder geh�rt, wie die T�r aufgegangen, noch dass Tom hereingekommen war. Der Junge stand nur zwei Schritte hinter ihm und sah mit einer Mischung aus Verwirrung und Sorge zu ihm auf. Er hatte ein schmales B�ndel unter den linken Arm geklemmt und trug ein mit einem sauberen Tuch abgedecktes Tablett in den H�nden.</p><p>�Professor?�, fragte er noch einmal. �Ist alles in Ordnung?�</p><p>Mogens riskierte es nicht, den Kopf zu sch�tteln, sondern sah Tom nur betroffen an. Tom seinerseits blinzelte verwundert in die Runde und fragte dann: �Mit wem haben Sie gesprochen?�</p><p>Es lag Mogens auf der Zunge, einfach zu sagen. �Mit niemandem�, und das Thema damit und mit dem entsprechenden harschen Ton zu beenden, was Tom auch zweifellos akzeptiert h�tte. Stattdessen zwang er sich zu einem schiefen Lachen und antwortete leise: �Mit niemandem, den du sehen k�nntest, Tom.�</p><p>Er humpelte mit vorsichtigen kleinen Schritten zum Bett zur�ck und lie� sich auf die Bettkante sinken. Sein Herz pumpte, und als er sich nach dem Betttuch b�ckte, um seine Bl��e zu bedecken, zitterten seine H�nde so heftig, dass er wohl auch ohne die Bandagen M�he gehabt h�tte, es zu ergreifen. Die wenigen Schritte hatten ihn so ersch�pft, als w�re er meilenweit �ber einen steilen Bergpfad gewandert.</p><p>Tom sah ihn weiter verwirrt an, sodass Mogens mit einem leicht wehm�tigen L�cheln hinzuf�gte: �Nur ein Gespenst aus meiner Vergangenheit, Tom. Es besucht mich ab und zu.�</p><p>Fast zu seiner �berraschung konnte er dem Jungen ansehen, dass er dies wohl verstand, denn er nickte nur, trug sein Tablett zum Tisch und lud dann das mitgebrachte B�ndel auf einem der St�hle ab. �Ich dachte mir, ich bringe Ihnen etwas zu essen�, sagte er. �Sie m�ssen sehr hungrig sein. Keine Angst�, f�gte er rasch hinzu, als er Mogens' Stirnrunzeln bemerkte, �ich habe es nicht selbst gekocht. Es ist noch von gestern �brig geblieben.�</p><p>�Danke�, sagte Mogens. �Ich bin wirklich ein wenig hungrig. Aber woher wusstest du das?� <emphasis>Ein wenig hungrig </emphasis>war hoffnungslos tief gestapelt. Er war nicht nur zu Tode ersch�pft, sondern auch so ausgehungert, dass er eine lebende Kuh verspeisen k�nnte.</p><p>�Ich bitte Sie, Professor!�, sagte Tom g�nnerhaft. �Nach einem so gro�en Blutverlust, wie Sie ihn erlitten haben, ist das vollkommen normal.�</p><p>�Und woher wei�t du <emphasis>das </emphasis>wiederum?�, wollte Mogens wissen.</p><p>Er vermochte Toms Gesichtsausdruck nicht endg�ltig zu deuten, als er antwortete, aber er war irgendwie... seltsam. �Ich bin jetzt schon viele Jahre mit Doktor Graves zusammen, Professor. Und ich habe ihn in dieser Zeit wahrlich oft genug zusammengeflickt, um mir ein gewisses Wissen angeeignet zu haben.�</p><p>Mogens blickte stirnrunzelnd auf seine zu Klumpen zusammengeschn�rten H�nde hinab, und Tom sagte hastig: �Das war ich nicht.�</p><p>�Nein?�</p><p>Tom sch�ttelte �bertrieben heftig den Kopf. �Doktor Graves hat darauf bestanden, Ihre H�nde selbst zu verbinden. Ich bin vielleicht kein guter Koch, aber f�r <emphasis>das da </emphasis>w�rde ich mich in Grund und Boden sch�men. Und so schlimm sind die Verletzungen auch gar nicht - wenn Sie mich fragen.� Er fuhr ganz sacht zusammen, als w�re ihm gerade klar geworden, dass er sich m�glicherweise im Ton vergriffen hatte, und f�gte mit einem leicht verungl�ckten L�cheln und leiser hinzu: �Aber ich hab auch nicht allzu genau hingesehen.�</p><p>Daf�r sah Mogens nun umso genauer hin und entdeckte auch an Toms Handgelenk, Hals und Kn�chel hellgrauen Verbandsstoff, der unter seiner Kleidung hervor lugte. Sein schlechtes Gewissen meldete sich. Er war bisher nicht einmal auf den <emphasis>Gedanken </emphasis>gekommen, dass Tom vielleicht auch verletzt sein k�nnte.</p><p>�Das ist nichts�, sagte Tom hastig, als er seinen Blick bemerkte. �Nur ein paar Schrammen.�</p><p>Wenn Tom nicht dar�ber reden wollte, dann war das seine Sache, fand Mogens. �Wenigstens warst du klug genug, dich nicht von Graves verbinden zu lassen�, sagte er.</p><p>Tom lachte, aber es konnte nicht dar�ber hinwegt�uschen, wie unangenehm ihm das Thema war. Mogens beschloss, es zu wechseln.</p><p>�Ist Doktor Graves schon oft schwer verletzt worden?�, fragte er.</p><p>�Das eine oder andere Mal�, antwortete Tom und begann unbehaglich von einem Fu� auf den anderen zu treten. Im n�chsten Augenblick zwang er sich zu einem jungenhaften Grinsen und drohte Mogens sp�ttisch mit dem Finger. �Sie wollen mich aushorchen, Professor�, sagte er. �So etwas geh�rt sich nicht.�</p><p>Mogens blieb ernst. �Ja�, sagte er gerade heraus. �Meinst du denn nicht auch, dass es allm�hlich an der Zeit w�re, mir alles zu erz�hlen, Tom?�</p><p>�Professor?�</p><p>�Stell dich nicht dumm, Tom - und behandle <emphasis>mich </emphasis>nicht, als w�re ich dumm�, sagte Mogens, allerdings in einem Ton, der den Worten den allergr��ten Teil ihrer Sch�rfe gleich wieder nahm. �Graves hat mir eine Menge verraten, aber gewiss nicht alles.�</p><p>�Ich wei� nicht, wovon Sie sprechen, Professor�, antwortete Tom. Sein Ton war merklich k�hler geworden. �Wenn da etwas ist, was Sie nicht verstehen, dann sollten Sie Doktor Graves fragen. Ich bin nur sein Gehilfe.�</p><p>Mogens konnte fast k�rperlich f�hlen, wie die Stimmung kippte; als w�ren die Temperaturen im Raum schlagartig um mehrere Grade gesunken. Er bedauerte das. Tom war der Letzte, dem er irgendeinen Vorwurf machen wollte. Aber nun, wo er einmal so weit gegangen war, konnte er ebenso gut auch weitermachen. Es gab zwar keinen wirklichen Grund daf�r, aber tief in sich sp�rte Mogens, dass seine Zeit ablief.</p><p>�Das ist wohl wahr�, antwortete er. �Ungl�ckseligerweise weicht der Doktor meinen entsprechenden Fragen aus. Dort unten ist noch mehr als ein f�nftausend Jahre altes Grab, habe ich Recht?�</p><p>Tom begann sich regelrecht zu winden, aber sein Gesicht nahm zugleich auch einen Ausdruck von Verstocktheit an, dass Mogens begriff, dass er nichts weiter aus ihm herausholen w�rde. Er hatte das zerbrechliche Verh�ltnis zwischen ihnen vollkommen umsonst belastet.</p><p>�Ich muss jetzt gehen, Professor�, sagte Tom k�hl. �Es ist schon sp�t, und ich hab noch viel zu tun.� Er deutete, schon im Herumdrehen, auf das B�ndel, das er auf den Stuhl gelegt hatte. �Ich hab Ihnen saubere Kleidung gebracht. Doktor Graves ist zwar der Meinung, Sie sollten wenigstens ein paar Stunden schlafen, aber ich glaub, das werden Sie sowieso nicht tun.�</p><p>Mogens wartete, bis er bei der T�r war und die Hand nach der Klinke ausstreckte, dann sagte er: �Noch eine letzte Frage, Tom.�</p><p>Tom bleib zwar deutlich widerwillig stehen, aber er <emphasis>blieb </emphasis>stehen und sah stumm �ber die Schulter zu ihm zur�ck.</p><p>�Gestern Nacht, Tom�, sagte Mogens. �In der Tempelkammer. Du hast deine Lampe auf das Tor gerichtet.�</p><p>Tom nickte. Sein Gesicht erstarrte zu Stein.</p><p>�Was hast du gesehen, Tom?�, fragte Mogens.</p><p>Tom starrte ihn eine weitere, endlose Sekunde lang ausdruckslos an, dann sagte er k�hl: �Ich wei� nicht, wovon Sie reden, Professor�, und verlie� fast fluchtartig das Haus.</p></section><section><title><p id="_35">35.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Mogens blieb nicht nur vollkommen verst�rt zur�ck, sondern auch mit einem �beraus schlechtem Gewissen. Er hatte Tom nicht einfach nur verunsichert, sondern auch zutiefst verletzt, und das hatte er ganz gewiss nicht gewollt. Zugleich fragte er sich allerdings auch, warum Tom so �beraus verschreckt auf diese Frage reagiert hatte.</p><p>Die Antwort war so offensichtlich, dass Mogens ganz automatisch den Kopf sch�ttelte, sie sich �berhaupt hatte stellen zu m�ssen. Er <emphasis>hatte </emphasis>etwas gesehen, und es <emphasis>hatte </emphasis>ihn erschreckt - aber kein bisschen �berrascht.</p><p>Wieso aber konnte <emphasis>er </emphasis>sich nicht daran erinnern?</p><p>Mogens sp�rte, wie seine Gedanken schon wieder auf Pfaden zu wandeln begannen, die sie am Ende vielleicht genau dorthin f�hren w�rden, wo das Janice-Ding in der Dunkelheit wohnte, und das w�rde er im Moment nicht ertragen.</p><p>Mogens wandte sich einem n�her liegenden Problem zu: Tom hatte ihm zwar frische Kleider gebracht, aber mit seinen bandagierten H�nden war er kaum in der Lage, sie hochzuheben, und ganz gewiss nicht, sie anzuziehen. Dar�ber hinaus musste er wissen, was mit seinen H�nden geschehen war. Tom hatte behauptet, die Verletzung w�re nicht so schlimm, aber auf der anderen Seite hatte Graves darauf bestanden, sie ihm h�chstpers�nlich und noch dazu auf diese sonderbare Weise zu bandagieren, und Jonathan tat prinzipiell <emphasis>nichts </emphasis>Sinnloses.</p><p>Mogens sah sich unversehens mit einem neuen, vollkommen unerwarteten Problem konfrontiert, als er damit begann, seine Bandagen zu l�sen. Durch die eng geschn�rten Binden praktisch des Geschickes beider H�nde beraubt, war es ihm nahezu unm�glich, den straff angelegten Verbandsstoff auch nur zu lockern. Erst, als er die Z�hne zu Hilfe nahm, gelang es ihm, einen Anfang an seiner linken Hand zu machen. Er bezahlte daf�r mit so heftigen Schmerzen, dass ihm die Tr�nen in die Augen schossen, und fast noch schlimmer war der Geschmack. Graves musste die Verb�nde mit irgendeiner Salbe oder Tinktur getr�nkt haben. Obwohl Mogens sorgf�ltig darauf achtete, dass seine Lippen nicht mit dem groben Verbandsstoff in Ber�hrung kamen, l�ste der Geschmack ein so heftiges Gef�hl von �belkeit in seinem Magen aus, dass er sich um ein Haar �bergeben h�tte. Dennoch arbeitete er verbissen weiter und lockerte nach und nach einen Streifen nach dem anderen, bis sich der Verband schlie�lich vollends l�ste und mit einem sonderbar schweren und nassen Laut zu Boden fiel.</p><p>Was darunter zum Vorschein kam, war so verbl�ffend, dass Mogens f�r einen Moment sowohl den tobenden Schmerz als auch die kaum minder qu�lende �belkeit verga�.</p><p>Er hatte erwartet, seine Finger aufs Schrecklichste verst�mmelt zu erblicken, denn seine H�nde f�hlten sich nicht nur an, als w�ren sie geh�utet worden, sondern dar�ber hinaus auch noch, als w�re jeder einzelne Knochen darin gebrochen.</p><p>Aber sie waren vollkommen unversehrt. Mogens gewahrte nicht den winzigsten Kratzer; allenfalls zwei oder drei Stellen, an denen die Haut leicht ger�tet war. Dazu kam noch etwas, das ihm erst nach einigen weiteren Augenblicken richtig bewusst wurde: Jetzt, da er den Verband entfernt hatte, lie�en die Schmerzen rasch nach. Was zur�ckblieb, war ein allenfalls noch unangenehmes Brennen und Kribbeln.</p><p>Hastig und nun im Besitz einer funktionst�chtigen Hand, entfernte er auch den Verband von seiner Rechten und wurde mit demselben, fast schon unheimlichen Anblick belohnt. Auch seine rechte Hand war nahezu unversehrt; ein paar Schrammen, die er sich wahrscheinlich zugezogen hatte, als er auf der Tr�mmerhalde gest�rzt war, und auch die Schmerzen in dieser Hand lie�en sofort nach, nachdem er den Verband entfernt hatte.</p><p>Noch etwas fiel ihm auf: Seine Haut war von einer d�nnen, klebrigen Schicht bedeckt, die einen leicht scharfen, aber nicht einmal wirklich unangenehmen Geruch verstr�mte. Was zum Teufel hatte ihm Graves da auf die Finger geschmiert? Und vor allem: Warum?</p><p>Tom war vorausschauend genug gewesen, ihm nicht nur ein kr�ftiges Fr�hst�ck zu bringen, sondern auch eine Schale mit frischem Wasser. Nachdem er die schleimige Schicht vollends abgewaschen und seine H�nde schlie�lich schon fast �bertrieben sorgsam trocken gerieben hatte, wurde sein Verdacht zur Gewissheit: Die Schmerzen waren wie weggeblasen. Nicht irgendeine Verletzung, die er sich im Laufe der vergangenen Nacht zugezogen hatte, war f�r die Schmerzen verantwortlich gewesen, sondern die Salbe, die Graves auf seine Verb�nde gegeben hatte.</p><p>Mogens wurde f�r einen Moment zornig, beruhigte sich aber dann auch fast ebenso schnell wieder.</p><p>Graves mochte seine Gr�nde gehabt haben. Aber Mogens nahm sich fest vor, ihn zu fragen, und sich diesmal auch ganz gewiss nicht mit irgendwelchen Halbwahrheiten oder Ausfl�chten abspeisen zu lassen. Im Moment jedoch hatte er Wichtigeres zu tun.</p><p>Nachdem er sich angezogen hatte - die Kleider mussten Tom geh�ren, denn sie passten weder richtig, noch waren sie wirklich sauber -, machte er sich wie ein hungriger Wolf �ber das Essen her. Tom hatte seinen Appetit gro�z�gig eingesch�tzt; dennoch hatte er nicht das Gef�hl, wirklich satt zu sein, obwohl er alles bis auf den letzten Kr�mel verzehrte.</p><p>Wie sp�t mochte es sein? Mogens durchw�hlte die beklagenswerten �berreste seiner Kleider nach seiner Taschenuhr, ohne jedoch f�ndig zu werden, und vor dem einzigen, noch dazu nicht besonders gro�en Fenster waren die L�den vorgelegt, sodass im Innern der H�tte ein schummeriges Halbdunkel herrschte. Das wenige Licht jedoch, das durch die schmalen Ritzen der altersschwachen L�den drang, war so klar, dass es nur das eines noch recht jungen Tages sein konnte. Also hatte er noch nicht einmal sehr lange geschlafen, wenn man seinen Zustand und den immensen Blutverlust bedachte, den er erlitten hatte. Dennoch viel zu viel Zeit.</p><p>Mogens warf einen sehns�chtigen Blick auf das zerw�hlte Bett, dessen Laken so schwei�nass waren, dass er den unangenehmen, s�uerlichen Geruch selbst hier noch wahrnehmen konnte. Doch es half nicht. Sie hatten nur noch so wenig Zeit und so unendlich viele Fragen.</p><p>Entschlossen stand er auf und wandte sich zur T�r. Schon auf dem Weg dorthin wurde ihm wieder schwindelig, und es wurde nicht besser, als er das Haus verlie� und sich quer �ber den schlammigen Platz hinweg auf den Weg zu Graves' H�tte machte.</p><p>Was die Tageszeit anging, so hatte er sich versch�tzt, und zwar zu seinen Ungunsten. Die Sonne hatte den Zenith schon �berschritten, und es musste nach zwei sein, wenn nicht drei.</p><p>Er war mindestens zw�lf Stunden bewusstlos gewesen. Gott allein wusste, was in dieser Zeit unten in den H�hlen geschehen sein mochte oder welche Ungeheuer die ewige Nacht dort unten ausbr�tete, um sie auf eine ahnungslose Welt loszulassen.</p><p>Allein auf dem kurzen St�ck zu Graves' H�tte musste er zweimal innehalten, um neue Kraft zu sch�pfen. Der �ble Geschmack war noch immer in seinem Mund und sorgte daf�r, dass er zumindest einen der Gr�nde nicht verga�, aus denen er zu Graves unterwegs war, und er nutzte die zweite Zwangspause, die ihm Schwindel und Schw�chegef�hl auferlegte, um seine H�nde noch einmal im hellen Sonnenlicht zu betrachten.</p><p>Sie waren nicht ganz so unversehrt, wie er noch vorhin geglaubt hatte. Zwar konnte er auch jetzt noch keine Verletzungen entdecken, die �ber einige vernachl�ssigbaren Schrammen hinausgingen, aber seine Haut war leicht ger�tet - vor allem an den Handfl�chen -, und es gab zwei oder drei kleine n�ssende Stellen, die ihm vorher im schwachen Licht seiner H�tte nicht aufgefallen waren.</p><p>Mogens ballte pr�fend erst die eine, dann die andere Hand zur Faust und ging dann weiter.</p><p>Graves �ffnete nicht, als er gegen die T�r klopfte, zuerst zaghaft, dann etwas energischer und schlie�lich so laut, dass Graves es einfach h�ren <emphasis>musste, </emphasis>wenn er da war. Es erfolgte keine Reaktion.</p><p>Mogens wandte sich entt�uscht um und lie� seinen Blick unschl�ssig �ber den weiten Platz und die Ansammlung unterschiedlich gro�er Geb�ude schweifen. Graves konnte buchst�blich �berall sein, in jenem einzelnen dieser Geb�ude, selbst unten in den H�hlen, und er hatte nicht die Kraft, �berall nach ihm zu suchen. Aber er konnte auch nicht einfach in seine H�tte zur�ckkehren und darauf hoffen, dass Graves fr�her oder sp�ter von selbst bei ihm auftauchte, um ihm all seine Fragen zu beantworten. Ebenso gut konnte er auch hier auf ihn warten.</p><p>Obwohl es ihm selbst nach allem, was geschehen war, nachgerade l�cherlich vorkam, empfand er doch ein heftiges Gef�hl von schlechtem Gewissen, als er die T�rklinke herunterdr�ckte und das kleine Haus betrat. Auch hier waren die L�den vorgelegt, sodass Mogens seine Umgebung mehr erahnte als wirklich sehen konnte; eine Umgebung, die zudem nur aus verschwommenen Schatten und Schemen und allesamt gleicherma�en unwirklich wie bedrohlich anmutenden Umrissen zu bestehen schien. Mogens versuchte, sich die genaue Einrichtung und die Standorte des Mobiliars ins Ged�chtnis zu rufen, um sich wenigstens unbeschadet an eines der Fenster vorzutasten, prallte prompt in der Dunkelheit gegen einen Stuhl, der mit einem lautstarken Poltern umfiel, und kam erst dann auf die n�chstliegende Idee, n�mlich kurzerhand die T�r offen zu lassen. Sein schlechtes Gewissen, das ihm sagte, dass er hier ein unerw�nschter Eindringling war, hatte ihn wohl offensichtlich dazu veranlasst, sich auch wie ein solcher zu benehmen.</p><p>Beim zweiten Anlauf erreichte er das Fenster ohne gr��ere Zwischenf�lle oder Verletzungen, zog es auf und stie� auch den altersschwachen, zweigeteilten Laden nach au�en. Das Sonnenlicht, das hereinstr�mte, wirkte im ersten Moment deplatziert; die Luft war voller Staub, der hell aufleuchtete wie ein Schwarm winziger goldfarbener Insekten, die allesamt im gleichen Sekundenbruchteil dem Licht zu nahe gekommen waren, und f�r einen winzigen Moment, jenen zeitlosen Augenblick, in dem die Dunkelheit zur�ck wich, ohne dass das Licht ihr bereits gefolgt war, schienen die Dinge rings um ihn herum eine vollkommen andere, bedrohliche Gestalt anzunehmen, sprungbereit lauernde Schatten, die Gesichter und M�nder hatten und ihn gierig anstarrten; ihrer Beute noch nicht habhaft, aber schon gewiss.</p><p>Der Augenblick verging, ehe er auch nur wirklich erschrecken konnte, aber er lie� etwas wie einen neuerlichen, noch schlechteren Geschmack in ihm zur�ck. Diesmal nicht auf seiner Zunge, sondern auf seiner Seele.</p><p>Mogens verscheuchte den unheimlichen Gedanken, schalt sich im Stillen den Feigling, der er ganz offensichtlich auch war, und beeilte sich nun, auch zu den beiden anderen Fenstern zu eilen und sie aufzumachen; wie er sich selbst sogar einigerma�en erfolgreich einredete, weil es hier drinnen finster und die Luft so stickig war, dass man sie kaum noch atmen konnte, in Wahrheit aber wohl viel mehr, weil er Angst vor den Schatten hatte und den Dingen, die darin lebten.</p><p>Zumindest die Luft wurde merklich besser, auch wenn Mogens nun umso deutlicher wahrnahm, wie erb�rmlich es hier drinnen stank - nach Graves' gr�sslichen Zigaretten, abgestandenem Essen und alten B�chern, aber auch nach noch etwas anderem, das er nicht richtig bezeichnen konnte, obgleich es eindeutig der unangenehmste Geruch von allem war.</p><p>Mit einiger M�he gelang es ihm, sich auch von diesem Gedanken frei zu machen. Er war nicht hierher gekommen, um sich ein Urteil �ber Graves' Reinlichkeit oder seine Essgewohnheiten zu bilden. Er musste mit Graves sprechen - und vor allem musste er sich setzen, wollte er nicht Gefahr laufen, dass Graves ihn bewusstlos und zitternd auf dem Fu�boden vorfand, wenn er zur�ckkam. Die kleine Anstrengung, das Zimmer dreimal zu durchqueren und die Fenster zu �ffnen, war offensichtlich schon mehr, als er sich im Moment zumuten konnte.</p></section><section><title><p id="_36">36.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Mogens steuerte auf zitternden Knien die n�chste Sitzgelegenheit an, die er entdeckte: den gro�en Ohrensessel hinter Graves' Schreibtisch, der zugleich das einzige M�belst�ck im Raum war, das auch nur halbwegs bequem aussah. Minutenlang blieb er einfach dahinter sitzen, lauschte mit geschlossenen Augen auf das schwere Schlagen seines Herzens, das sich nur ganz allm�hlich wieder beruhigte, und genoss das Prickeln und Kribbeln, mit dem das Gef�hl bleierner Schwere in seinen Gliedern in eine angenehme M�digkeit �berging. Erst nach einer geraumen Weile und nachdem sich auch das immer noch anhaltende Schwindelgef�hl hinter seiner Stirn gelegt hatte, wagte er es wieder, die Lider zu heben.</p><p>Vielleicht h�tte er das besser nicht getan. Der Raum war von einem hellen Sonnenlicht erf�llt, wie er es m�glicherweise monatelang nicht mehr gesehen hatte, vielleicht �berhaupt noch nie, seit Doktor Jonathan Graves hier eingezogen war, und dennoch machte das Licht ihn nicht wirklich <emphasis>hell. </emphasis>Es war wieder genau wie vorhin, als er das Fenster ge�ffnet hatte, ja diesmal beinahe noch schlimmer: In jenem zeitlosen Moment, in dem die Dunkelheit hinter seinen Lidern nicht mehr da war, das helle Licht der Nachmittagssonne seine Netzh�ute aber auch noch nicht erreicht hatte, hatte er abermals das Gef�hl, einen Blick in eine dritte, unheimliche Welt zu werfen, in die Dimensionen der D�mmerung, in der jener im Grunde gar nicht existente, winzige Augenblick f�r alle Zeiten gefangen war, den es zwischen der Sch�pfung und dem absoluten Nichts gegeben haben mochte; samt all den unfertigen, von unvorstellbarem Hass auf alles Lebende und F�hlende beseelten Kreaturen, die darin lebten.</p><p>Auch dieser Moment war zu schnell vor�ber, um ihn wirklich zu erschrecken - aber pl�tzlich empfand er einen tiefen, beinahe schon an Hass grenzenden Groll auf Graves. Dieses Gef�hl war nicht neu. Weder sein Zorn noch diese irreale Angst vor der Dunkelheit, die kindische und eines Wissenschaftlers wie ihm durch und durch unw�rdige, deswegen aber nicht weniger schlimme Furcht vor der Nacht mit ihren Bewohnern, die ihn so lange heimgesucht und ihm so unendlich viele Albtr�ume und Visionen beschert hatte. Er hatte geglaubt, wenigstens das �berwunden zu haben, zumindest <emphasis>diesen </emphasis>Teil des Preises f�r seinen schrecklichen Verrat an Janice endg�ltig bezahlt zu haben, aber nun hatte ihm Graves selbst diese kleine Gnade genommen. Die Schuld war nicht bezahlt, sondern war um ein weiteres Leben angewachsen. Die Visionen waren wieder da, und mit ihnen die Furcht. Vielleicht war das die Strafe, die sich das Schicksal f�r ihn ausgedacht hatte. Vielleicht reichten ihm Einsamkeit und Ausgesto�ensein noch nicht, und seine wahre S�hne bestand darin, f�r den Rest seines Lebens einen Blick in diesem Abgrund zwischen den Welten werfen zu m�ssen. Vielleicht w�rde er nie wieder einen dunklen Raum betreten k�nnen, nie wieder einen Sonnenuntergang erleben, ohne dass er Angst davor hatte, nie wieder das Privileg genie�en, einfach nur die Augen schlie�en zu d�rfen, ohne Furcht vor dem Moment, in dem er sie wieder �ffnete.</p><p>Vielleicht war er aber auch nur zu Tode ersch�pft und am Ende seiner Kr�fte und hatte das, was er in der vergangenen Nacht unten in der Tempelkammer erlebt hatte, noch nicht hinreichend verarbeitet. Er wusste ja noch nicht einmal wirklich, was es gewesen war.</p><p>Von einer pl�tzlichen inneren Unruhe gepackt, die es ihm einfach unm�glich machte, weiter still sitzen zu bleiben, stand er auf, begann ruhelos in dem kleinen Zimmer auf und ab zu gehen und trat schlie�lich an das schwere B�cherregal hinter Graves' Schreibtisch heran; nicht einmal so sehr, weil ihn die B�cher tats�chlich interessiert h�tten, sondern weil es einfach zu seinen Gewohnheiten geh�rte, sich den Inhalt der B�cherregale anzusehen, wenn er irgendwo zum ersten Mal war. In den meisten F�llen eine sehr zuverl�ssige Methode, sich einen ersten Eindruck von seinem Besitzer zu verschaffen. Mogens war weder zum ersten Mal hier, noch hatte er es n�tig, sich einen <emphasis>Eindruck </emphasis>von Jonathan Graves zu verschaffen; aber der schreckliche Moment schien immer noch nicht ganz vor�ber zu sein. Obwohl sich die Schatten zur�ckgezogen hatten und der Abgrund zwischen Tag und Nacht zumindest im Moment wieder versiegelt zu sein schien, kam ihm dieses Zimmer und insbesondere seine Einrichtung nicht wirklich <emphasis>richtig </emphasis>vor. Mogens konnte das Gef�hl nicht in Worte fassen, nicht einmal in jene nonverbale Gedankensprache, die mit Gef�hlen und bizarren Querverweisen und Erinnerungsfetzen arbeitete. Etwas hier drinnen war nicht so, wie es sein sollte. Es war, als w�re die Welt um eine Winzigkeit aus ihrer Balance gekippt und h�tte sich in eine Richtung geneigt, von der er bisher nicht einmal gewusst hatte, dass es sie gab - und es auch gar nicht wissen <emphasis>wollte. </emphasis>Vielleicht war dieses B�cherregal mit seinen vertrauten Umrissen und den ihm zum allergr��ten Teil ebenso gel�ufigen Titeln das einzig noch normal Gebliebene in diesem Raum, etwas wie ein Rettungsanker, an den er sich klammern konnte, um nicht endg�ltig den Halt in der Wirklichkeit zu verlieren.</p><p>Auch das war etwas, was Mogens bereits ernsthaft in Betracht gezogen hatte: die Frage, ob er vielleicht im Begriff war, den Verstand zu verlieren. Mogens war kein starker Mann, weder k�rperlich noch mental. Er hatte sich ganz im Gegenteil schon oft gefragt, wieso er die Ereignisse jener f�rchterlichen Nacht vor neun Jahren bei einigerma�en gesundem Verstand verkraftet hatte - Ereignisse, an denen manche sehr viel st�rkere Charakter ganz zweifellos zerbrochen w�re. Eine Antwort auf diese Frage hatte er nie gefunden, aber vielleicht hatte er sie jetzt, und vielleicht lautete sie einfach: Nein.</p><p>Mogens sp�rte die Gefahr, die hinter diesen Gedanken lauerte. Mit zitternden H�nden griff er sich wahllos eines der B�cher, nahm es vom Regal und schlug es auf. Es war ein Band �ber das fr�he �gypten, von dem es auch ein Exemplar in seiner eigenen kleinen Bibliothek in seinem Zimmer in Miss Preusslers Pension in Thompson gab und den er so gut kannte, dass er manche Passagen auswendig rezitieren konnte. Dennoch schienen die Buchstaben im allerersten Moment nicht den geringsten Sinn zu ergeben. Mogens starrte die aufgeschlagenen Seiten an, doch er h�tte ebenso gut auch eine Tonscherbe mit bisher noch nicht �bersetzten, f�nftausend Jahre alten Hieroglyphen in den H�nden halten k�nnen.</p><p>�Darf ich fragen, was du da tust?�, fragte eine scharfe Stimme hinter ihm.</p><p>Mogens fuhr mit einer so schuldbewussten Bewegung zusammen, dass er das Buch um ein Haar fallen gelassen h�tte, und drehte sich so hastig um, dass ihm schon wieder leicht schwindelig zu werden drohte. Graves hatte das Haus nicht nur vollkommen lautlos betreten, sondern sich auch dem Schreibtisch bis auf weniger als einen Schritt gen�hert, ohne dass Mogens es auch nur bemerkt hatte. Er sah sehr zornig aus.</p><p>�Jonathan�, stammelte Mogens.</p><p>Graves' Gesicht verfinsterte sich noch weiter. �Nun�, sagte er, �immerhin scheinst du dich ja wenigstens noch an meinen Namen zu erinnern. Wenn du schon vergessen hast, wessen Unterkunft das hier ist.�</p><p>�Das habe ich keineswegs�, entgegnete Mogens in einem, wie er meinte, ebenso k�hlen wie selbstbewussten Ton, der Graves aber nicht im Geringsten zu beeindrucken schien.</p><p>�Wenn das so ist, dann muss ich mich doch sehr wundern�, versetzte Graves. �Oder geh�rt es zu deinen schlechten Angewohnheiten, die Privatsachen anderer zu durchw�hlen?�</p><p>Im ersten Moment verstand Mogens nicht einmal genau, wovon er �berhaupt sprach. Dann sah er verbl�fft auf den aufgeschlagenen Band in seinen H�nden und schlie�lich wieder in Graves' Gesicht. �Aber es ist doch nur ein Buch�, sagte er verwirrt.</p><p>�Ich sch�tze es trotzdem nicht, wenn jemand in meinen Sachen herumst�bert�, antwortete Graves. �Schon lange nicht, wenn ich nicht dabei bin.� Er eilte um den Schreibtisch herum, nahm Mogens das Buch mit einer r�den Bewegung aus den H�nden und stellte es an seinen Platz zur�ck; wenigstens versuchte er es. Aber er war so zornig und aufgebracht, dass er sich dabei ungeschickt genug anstellte, den Einband zu knicken. Schlie�lich warf er das Buch mit einer �rgerlichen Geste auf den Schreibtisch und funkelte Mogens an.</p><p>�Was, zum Teufel, hast du dir dabei gedacht?�, fauchte er.</p><p>Mogens prallte vor dem lodernden Zorn zur�ck, den er in Graves' Augen las. Er hatte erwartet, dass Graves mit einem gewissen Unmut auf dieses unerlaubte Eindringen in seine Privatsph�re reagieren w�rde - aber was er in Graves' Augen las, das war kein �rger, sondern blanke Wut; mehr noch, er sp�rte ganz deutlich, dass Graves sich nur noch m�hsam beherrschen konnte, sich nicht auf ihn zu st�rzen und ihn durchzusch�tteln, wenn nicht gar Schlimmeres.</p><p>�Ich... ich wollte nur mit dir reden, Jonathan�, sagte er verwirrt. �Ich versichere dir... dass...�</p><p>�Steck dir deine Versicherungen irgendwo hin!�, unterbrach ihn Graves. F�r einen Moment verwandelte sich das Lodern in seinem Blick in blanke Mordlust, und Mogens prallte erneut um noch zwei weitere stolpernde Schritte zur�ck.</p><p>Vielleicht war es diese Reaktion, die Graves wieder zur Vernunft brachte. Einen Atemzug lang starrte er Mogens noch hasserf�llt an, aber dann machte die m�rderische Wut einem Ausdruck ebenso gro�er Betroffenheit Platz. Verwirrt trat er von einem Fu� auf den anderen, streckte die Hand im Mogens' Richtung aus und lie� den Arm dann fast hastig wieder sinken, als Mogens abermals zusammenfuhr und vorsichtshalber noch einen weiteren Schritt Distanz zwischen sie brachte.</p><p>�Ich...� Graves fuhr sich fahrig mit dem Handr�cken seines schwarzen Handschuhs �ber die Lippen. Er musste zwei-, oder dreimal schlucken, um �berhaupt weiter sprechen zu k�nnen. �Es tut mir Leid, Mogens�, sagte er schlie�lich. �Ich... ich wei� auch nicht, was in mich gefahren ist. Ich habe mich aufgef�hrt wie ein Idiot. Bitte verzeih mir.�</p><p>�Schon gut�, sagte Mogens. Es war nicht einmal gelogen. Er war Graves nicht einmal wirklich b�se. Dazu war er viel zu verwirrt.</p><p>�Nein, es ist <emphasis>nicht </emphasis>gut�, widersprach Graves nerv�s. �Ich wei� auch nicht, was...� Er brach ab, rettete sich in ein beinahe hilflos wirkendes Kopfsch�tteln und drehte sich schlie�lich mit einem Ruck weg. Einige Sekunden lang besch�ftigte er sich damit, das Buch vom Schreibtisch zu nehmen und mit jetzt schon fast �bertrieben langsamen, pr�zisen Bewegungen an seinen Platz zur�ckzustellen.</p><p>�Es tut mir Leid�, sagte er, nun wieder ruhiger, aber ohne auch nur in Mogens' Richtung zu sehen. �Ich glaube, wir sind alle ein bisschen nerv�s, nach gestern Nacht. Nimmst du meine Entschuldigung an?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Mogens. �Und so ganz Unrecht hattest du ja auch nicht. Ich h�tte nicht ungefragt hier eindringen sollen.�</p><p>Graves wandte sich betont langsam zu ihm um. Er hatte sich nun wieder vollkommen in der Gewalt. �Das stimmt�, sagte er. �Das h�ttest du wirklich nicht.� Er war tats�chlich wieder ganz der alte Jonathan Graves.</p><p>�Was tust du �berhaupt hier?�, fragte er. �Wolltest du dich umbringen, alter Junge? Du geh�rst ins Bett! Von Rechts wegen geh�rtest du in eine Klinik, zumindest aber in die Obhut eines guten Arztes.�</p><p>�Und warum bin ich es nicht?�, fragte Mogens.</p><p>�Weil uns daf�r keine Zeit bleibt, f�rchte ich�, antwortete Graves ernst. �Heute ist der letzte Tag, Mogens. In wenigen Stunden geht die Sonne unter. Du solltest die Zeit wirklich nutzen, um noch ein wenig Kraft zu sch�pfen.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Mogens �berhaupt begriff, wovon Graves sprach. Er konnte sogar selbst sp�ren, wie ihm alles Blut aus dem Gesicht wich. �Du willst <emphasis>noch einmal </emphasis>dort hinunter?�, murmelte er ungl�ubig.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Graves. �Du etwa nicht?�</p><p>Mogens konnte ihn nur fassungslos anstarren.</p><p>�Du etwa nicht?�, wiederholte Graves.</p><p>�Na... nat�rlich nicht�, antwortete Mogens stockend. �Wie... wie kannst du auch nur auf die Idee kommen? Hast du vergessen, was gestern Nacht dort unten passiert ist?�</p><p>�Nicht einen Augenblick lang�, versicherte Graves grimmig. �Aber du anscheinend.� Er schnitt Mogens mit einer w�tenden Geste das Wort ab, bevor dieser auch nur zu einer Erwiderung ansetzen konnte. �Wir stehen ganz kurz vor der L�sung, Mogens! Noch wenige Stunden, begreifst du das nicht? Die gr��te wissenschaftliche Entdeckung dieses Jahrhunderts - ach was, aller Zeiten! -, und du fragst mich, ob ich noch einmal dort hinunter will? Bist du von Sinnen?�</p><p>Mogens schwieg. Graves war schon wieder dabei, sich in Rage zu reden, und er war wenig versessen darauf, ihn noch einmal in demselben Zustand zu erleben wie gerade. Dennoch lie� ihn allein die Vorstellung, noch einmal dort hinunterzugehen, einen eisigen Schauer des Entsetzens �ber den R�cken laufen.</p><p>�Was genau erwartest du dort unten zu finden?�, fragte er, so ruhig er konnte.</p><p>Graves starrte ihn mit �bertrieben geschauspielerter Verbl�ffung an.</p><p>�Stellst du diese Frage im Ernst?�</p><p>�Mir ist noch nie zuvor im Leben etwas so ernst gewesen, Jonathan�, antwortete Mogens. Diesmal war <emphasis>er </emphasis>es, der Graves das Wort abschnitt, noch bevor er wirklich antworten konnte. �Ich <emphasis>war </emphasis>dort unten, und ich <emphasis>habe </emphasis>gesehen, was dort ist - aber ich bin immer weniger sicher, ob wir beide wirklich dasselbe gesehen haben.�</p><p>Graves starrte ihn an. Er schwieg, aber in seinem Gesicht arbeitete es, und Mogens sp�rte, dass er auf dem richtigen Wege war. Tief in ihm erwachte etwas, was weit schlimmer war als die Mischung aus Hass und Verachtung, die er Graves bisher entgegengebracht hatte: Eine gewaltige, immer gr��er werdende Emp�rung. Graves hatte ihn belogen. Wieder einmal, und vielleicht von Anfang an.</p><p>�Es geht dir gar nicht um den Tempel, habe ich Recht?�, fragte er.</p><p>Graves schwieg verbissen weiter, aber das gab dem ungeheuerlichen Verdacht, der allm�hlich in Mogens Gestalt annahm, nur neue Nahrung. �Es ist dir nie darum gegangen, dass es dort unten einen f�nftausend Jahre alten �gyptischen Tempel gibt�, fuhr er fort. �Du wolltest der Welt nie etwas beweisen. Ich wei� nicht, warum du hier bist, Graves, aber es geht dir nicht um eine wissenschaftliche Sensation. Das hast du nur den armen Narren erz�hlt, die f�r dich gearbeitet haben. O ja... und mir nat�rlich. Was suchst du wirklich?� Graves starrte ihn weiter nur an, aber f�r einen Moment zerbrach die Maske aus �berheblicher Selbstsicherheit, und f�r den gleichen, fast zeitlosen Augenblick - kaum l�nger als der, in dem er in den Abgrund zwischen Tag und Nacht geblickt hatte - glaubte Mogens den <emphasis>wahren </emphasis>Jonathan Graves hinter dieser Maske zu erkennen: einen Mann mit brennenden Augen, verh�rmtem Gesicht und versteinerter Seele, einen Getriebenen, dessen Leben und Tun nur von einem einzigen Gedanken beherrscht wurden. Graves war besessen. Er wusste nur noch nicht, wovon.</p><p>�Du bist ja verr�ckt�, murmelte Graves. Seine Stimme war jetzt fast sanft, klang zugleich auch irgendwie resignierend und verst�ndnisvoll. Der Moment, begriff Mogens, war vor�ber. Vielleicht f�r eine Sekunde war ihm einen Blick auf den wahren Jonathan Graves verg�nnt gewesen, einen Mann, von dem er pl�tzlich wusste, dass er in den zur�ckliegenden Jahren mindestens ebenso sehr gelitten hatte wie er und dass sein Schicksal kein bisschen weniger beneidenswert gewesen war als sein eigenes. Nun aber hatte er seine Fassung zur�ckerlangt, und es w�rde Mogens nicht gelingen, die Mauer, die er rings um sich herum errichtet hatte, ein zweites Mal zu durchbrechen. Zumindest nicht jetzt, und nicht hier. �Ich nehme es dir nicht �bel, Mogens�, fuhr Graves fort. �Wenn jemand Schuld hat, dann wohl ich. Ich h�tte dich nicht in diesem Zustand allein lassen d�rfen.�</p><p>�Das ist immer noch keine Antwort auf meine Frage�, sagte Mogens, obgleich er wusste, wie sinnlos es jetzt war. �Es ist dir nie darum gegangen, der Welt oder auch nur deinen Kollegen zu beweisen, dass die Pharaonen f�nftausend Jahre vor Kolumbus hier waren, habe ich Recht? Du suchst etwas ganz anderes.�</p><p>Aber Graves hatte die Mauer wieder aufgebaut, und sie war h�her und massiver denn je. Sein Blick war kalt. Und dennoch f�gte Mogens - nicht nur wider besseres Wissen, sondern beinahe schon <emphasis>gegen </emphasis>seinen eigenen Willen - noch einmal hinzu: �Was hoffst du dort unten zu finden, Graves?�</p><p>Sein Gegen�ber sch�ttelte nur den Kopf. Statt direkt zu antworten, griff er unter seine Jacke, kramte eine Zigarette und ein Streichholzbriefchen hervor und benutzte beides, um sein Gesicht wieder hinter einer grauen Wolke aus sich tr�ge in der Luft ausbreitenden Schwaden zu verstecken. �Ich halte dir deinen momentanen Zustand zugute�, sagte er, �und werfe mir vor, dich wohl �berfordert zu haben. Dort unten ist nichts, Mogens - nichts, was wir beide nicht schon gesehen h�tten. Aber ist das etwa nicht genug?� Er nutzte einen weiteren Zug aus seiner Zigarette, um eine in ihrer Wirkung vermutlich genau berechnete Kunstpause einzulegen, und verzog die Lippen zu einem ganz leicht abf�lligen L�cheln. �Was glaubst du denn, wonach ich suche?�, fragte er sp�ttisch. �Nach dem Stein der Weisen vielleicht oder dem heiligen Gral?�</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde blitzte eine bisher versch�ttet gewesene Erinnerung in Mogens' Kopf auf. Toms Scheinwerferstrahl hatte das Tor erfasst, aber die beiden gewaltigen, mit unheimlichen Bildern verzierten schwarzen Fl�gel hatten weit offen gestanden, und dahinter... das Bild entglitt ihm, aber er hatte das unheimliche Gef�hl, dass es das erst tat, nachdem er gesehen hatte, was hinter dem offen stehenden Tor zum Vorschein kam. Ein Teil von ihm, der eindeutig st�rker war als sein bewusster Wille, <emphasis>wollte nicht, </emphasis>dass er es erkannte.</p><p>Er wechselte das Thema. �Was unternehmen wir jetzt wegen Miss Preussler?�, fragte er.</p><p>Graves paffte unger�hrt weiter an seiner Zigarette, und die Schwaden vor seinem Gesicht waren jetzt so dicht, dass Mogens den Ausdruck darauf mehr erahnte, als er ihn wirklich sah. �Was willst du denn unternehmen, mein Freund?�, fuhr er sp�ttisch fort. �M�chtest du ein Gebet f�r sie sprechen? Nur zu.�</p><p>Es fiel Mogens nicht leicht, sich zu beherrschen, aber irgendwie brachte er das Kunstst�ck doch fertig. Mit einer Ruhe, die ihn fast selbst �berraschte, antwortete er: �Wir k�nnen die Sache nicht einfach so auf sich beruhen lassen. Immerhin ist ein Mensch ums Leben gekommen.�</p><p>�Will hei�en?�, erkundigte sich Graves unger�hrt.</p><p>�Wir m�ssen irgendwie darauf reagieren�, antwortete Mogens. �Hast du Sheriff Wilson schon verst�ndigt?�</p><p>Der Ausdruck von Verbl�ffung auf Graves' Gesicht wirkte vollkommen echt. �Sheriff Wilson?�, wiederholte er verst�ndnislos.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte Mogens. �Die arme Frau ist tot, Graves! In einem solchen Fall verst�ndigt man im Allgemeinen die Beh�rden, oder etwa nicht?�</p><p>�Das mag sein�, antwortete Graves. Seine Augen wurden schmal. �Und ich werde es selbstverst�ndlich nachholen - morgen.�</p><p>�Morgen?�, wiederholte Mogens. �Was soll das hei�en, morgen?�</p><p>�Sobald alles vor�ber ist�, antwortete Graves. �Sobald wir...�</p><p>�Aber wir k�nnen nicht so lange warten!�, unterbrach ihn Mogens. �Wir h�tten den Sheriff l�ngst benachrichtigen m�ssen! Ich bin davon ausgegangen, dass Tom das noch in der vergangenen Nacht erledigt hat!�</p><p>Graves ma� ihn etliche Sekunden lang mit einem Blick, den man nur noch als ver�chtlich bezeichnen konnte. �Allm�hlich beginne ich mir doch Sorgen um deine geistige Gesundheit zu machen, alter Junge�, sagte er dann. �Wei�t du �berhaupt, was du da redest?�</p><p>�Miss Preussler ist tot!�, antwortete Mogens. Er war vollkommen fassungslos.</p><p>Graves nickte, sagte aber trotzdem: �Das wissen wir noch gar nicht. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass sie <emphasis>verschwunden </emphasis>ist. Ich will gerne einr�umen, dass die Wahrscheinlichkeit, sie noch einmal lebend oder gar unversehrt wiederzusehen, nicht besonders hoch ist. Vielleicht sollten wir der bedauernswerten Miss Preussler sogar <emphasis>w�nschen, </emphasis>nicht mehr am Leben zu sein. Dennoch bleibt es bisher nur eine reine Vermutung. Eine blo�e Annahme, auf die hin allein ich unm�glich den Erfolg jahrelanger Arbeit aufs Spiel setzen kann!� Mogens wollte protestieren, aber Graves machte eine w�tende Kopfbewegung und stie� eine graue Rauchwolke in seine Richtung; ein ver�rgerter Drache, der ein drohendes Knurren von sich gab. �Hast du auch nur eine <emphasis>Vorstellung </emphasis>davon, was passieren w�rde, wenn wir jetzt zu Wilson gehen? In sp�testens einer Stunde w�rde es hier von Polizisten nur so wimmeln, und l�ngstens eine Stunde sp�ter von Reportern, Schaulustigen und Gaffern! Von unseren gesch�tzten <emphasis>Kollegen </emphasis>von nebenan gar nicht zu reden! Sie w�rden alles durchw�hlen, auf den Kopf stellen und durcheinander bringen. Ich lasse nicht die Arbeit eines Jahrzehnts kaputtmachen, nur...�</p><p>�... weil ein Mensch ums Leben gekommen ist?�, fiel ihm Mogens ins Wort.</p><p>�Weil du nicht einen einzigen Tag abwarten konntest!�, schnappte Graves w�tend. �Was soll das, Mogens? Ich verlange nichts Ungesetzliches von dir! Nicht einmal etwas Unmoralisches! Ein einziger Tag, das ist alles, worum ich dich bitte! Morgen fr�h kannst du meinetwegen nach San Francisco gehen und dort mit der gr��ten Zeitung sprechen. Posaune es ruhig heraus, ich habe nichts dagegen. Nimm von mir aus den gesamten Ruhm f�r dich in Anspruch, selbst das ist mir egal! Aber wenn heute irgendjemand erf�hrt, was wir dort unten gefunden haben, dann war alles umsonst, und das lasse ich nicht zu!�</p><p>�Du hast es immer noch nicht verstanden�, murmelte Mogens ersch�ttert. �L�sst dich der Tod eines Menschen wirklich so kalt?�</p><p>�Nein!�, antwortete Graves heftig. �Du hast Recht. Aber es war nicht unsere Schuld. Weder deine noch meine. Es war ein furchtbares Ungl�ck, eine Verkettung schrecklicher Zuf�lle, die niemals h�tten passieren d�rfen. Aber wenn wir jetzt alles wegwerfen, wof�r ich so lange gearbeitet habe - wof�r wir <emphasis>beide </emphasis>so lange gearbeitet und wof�r wir beide so viel bezahlt haben, Mogens! -, dann war ihr Tod nicht nur furchtbar, sondern auch sinnlos. Willst du das?�</p><p>Mogens fragte sich, warum er sich nicht einfach umdrehte und ging. Es war vollkommen zwecklos, dieses Gespr�ch fortzusetzen. Graves verstand nicht, wovon er sprach, und er verstand nicht, was Graves meinte. Es war, als h�tte sie pl�tzlich eine babylonische Sprachverwirrung befallen, sodass sie zwar noch die gleiche Sprache benutzten, die Worte aber f�r den jeweils anderen keinen Sinn mehr ergaben. Es war noch nicht lange her, da hatte er sich ernsthaft gefragt, ob er vielleicht dabei war, den Verstand zu verlieren. Jetzt fragte er sich dasselbe, was Graves betraf. Der Mann war verr�ckt. Vielleicht sogar <emphasis>gef�hrlich </emphasis>verr�ckt.</p><p>�Es tut mir Leid�, sagte er leise, aber mit fester, entschlossener Stimme, �aber ich werde nicht noch einmal dort hinuntergehen. Weder heute, noch morgen, noch sonst irgendwann. Ich packe jetzt meine Sachen und bitte Tom, mich in die Stadt zu fahren. Ich werde Sheriff Wilson von dem unterrichten, was hier geschehen ist.�</p><p>�Ich f�rchte, Tom wird keine Zeit haben�, sagte Graves kalt.</p><p>�Dann muss ich eben zu Fu� gehen.�</p><p>Graves lachte geh�ssig. �In deinem Zustand? Mach dich nicht l�cherlich!�</p><p>Mogens zuckte scheinbar unbeteiligt mit den Schultern. �Vielleicht hast du ja Gl�ck, und ich breche unterwegs vor Ersch�pfung zusammen�, sagte er, aber er l�chelte nicht bei diesen Worten, und sein Blick lie� den der schmalen Augen hinter den tr�ge in der Luft schwebenden, grauen Rauchschwaden keinen Moment lang los. �Aber ich werde gehen, jetzt. Das h�tte ich schon vor langer Zeit tun sollen. Vielleicht w�re die arme Miss Preussler dann noch am Leben.�</p><p>�Vielleicht h�ttest du gar nicht erst hierher kommen sollen�, fauchte Graves.</p><p><emphasis>�Du </emphasis>warst es, der mich geholt hat�, erinnerte Mogens.</p><p>Graves verzog ver�chtlich die Lippen. �Selbst mir unterl�uft dann und wann ein Fehler�, sagte er.</p><p>Mogens verzichtete auf eine Antwort. Das Gespr�ch konnte nur eskalieren, ganz gleich, was er sagte oder tat - und das in jeder Beziehung. Mogens hatte sich, solange er Graves kannte, niemals Gedanken dar�ber gemacht - wozu auch? -, aber nun fiel ihm mit einem Male auf, wie �berlegen ihm Jonathan Graves auch in rein k�rperlicher Hinsicht war: ein gutes St�ck gr��er als er, deutlich breitschultriger und um mindestens drei�ig Pfund schwerer, hatte Graves schon w�hrend seiner Zeit als Student mehr als nur ein Angebot bekommen, in der Football-Mannschaft der Universit�t mitzuspielen - etwas, was seiner schulischen Laufbahn ohne Zweifel gut bekommen w�re. Graves, der sich nicht im mindesten f�r jedwede Art sportlicher Aktivit�t interessierte, hatte sich nicht einmal die M�he gemacht, darauf zu antworten, und die Jahre, die seither vergangen waren, hatten seiner Form sichtlich wenig gut getan. Dennoch war er noch immer deutlich kr�ftiger als Mogens, und selbst wenn es anders gewesen w�re: Mit einem Male sp�rte er die Gewaltbereitschaft, die Graves ausstrahlte wie einen �blen Geruch. Das war neu, selbst f�r Graves, und es erschreckte Mogens. Er fragte sich ganz ernsthaft, ob Graves ihn nicht m�glicherweise sogar mit Gewalt zur�ckhalten w�rde, wenn er darauf bestand, zu gehen, schrak aber so sehr vor seinem eigenen Gedanken zur�ck, dass er ihn hastig verscheuchte.</p><p>�Ich werde jetzt gehen�, sagte er. �Leb wohl, Jonathan.�</p><p>Graves presste die Kiefer so fest aufeinander, dass sich Mogens nicht weiter gewundert h�tte, seine Z�hne knirschen zu h�ren, aber er sagte kein Wort, sondern starrte ihn nur weiter beinahe hasserf�llt an, und schlie�lich drehte sich Mogens mit einem Ruck herum und ging zur T�r.</p><p>Als er die Hand nach der Klinke ausstreckte, sagte Graves: �Mogens, bitte!�</p><p>Mogens w�rde nie wieder den Mut aufbringen, Graves so offen die Stirn zu bieten. Er wusste, wenn er jetzt stehen blieb oder sich auch nur zu Graves umdrehte, dann hatte er verloren.</p><p>Er blieb stehen, drehte sich zu Graves herum und versuchte, seinem Blick Stand zu halten.</p><p>�Lass uns reden, Mogens�, bat Graves. �Nur f�nf Minuten.�</p><p>�Eine�, antwortete Mogens - und das war schon mehr, als er sollte.</p><p>�F�nf Minuten�, beharrte Graves. �Und danach lasse ich dich von Tom mit dem Wagen in die Stadt bringen, wenn du es immer noch willst.�</p><p>Die einzig �berhaupt denkbare Antwort auf diese Frage w�re ein emp�rtes Nein gewesen. Graves w�rde dieses Angebot nicht machen, w�re er nicht ziemlich sicher, ihn vielleicht doch noch umstimmen zu k�nnen. Vielleicht hatte er sogar gute Argumente, wer wei�? Aber Mogens <emphasis>wollte </emphasis>sich nicht umstimmen lassen. An Miss Preusslers Tod konnte er nichts mehr �ndern, und zumindest in einer Hinsicht hatte Graves Recht: Er h�tte das Ungl�ck vermutlich nicht einmal verhindern k�nnen. In einem anderen Punkt jedoch irrte sich Graves gewaltig. Er verlangte etwas Unmoralisches von ihm, etwas <emphasis>durch und durch </emphasis>Unmoralisches. Es war genau anders herum: Wenn er jetzt nachgab und abwartete - und sei es nur einen Tag! -, dann war Betty Preusslers Tod vollkommen umsonst gewesen. Dann h�tte er sie ebenso im Stich gelassen wie damals Janice.</p><p>�Du hast ja Recht�, seufzte Graves. �Ich bin ein grober Klotz. Ich h�tte das nicht sagen sollen, ich wei�. Es... es h�ngt nur so unglaublich viel davon ab, Mogens. Nur eine einzige Nacht. Was soll ich tun? Vor dir auf die Knie fallen und dich anflehen?�</p><p>�Das w�rde nichts nutzen�, sagte Mogens ruhig. �Eine halbe Minute ist bereits um.�</p><p>Graves stampfte seine noch nicht einmal halb aufgerauchte Zigarette mit solch �bertriebener Kraft in den �berquellenden Aschenbecher, dass ein Schauer winziger roter Funken auf die Papiere auf seinem Schreibtisch ringsum niederregnete, sch�ttelte den Kopf und z�ndete sich absurderweise sofort eine neue an. Seine H�nde bewegten sich auf sonderbare, fast unheimliche Art - Mogens konnte nicht beschreiben, was ihn an diesem Anblick so erschreckte, aber die H�nde eines Menschen <emphasis>sollten </emphasis>sich einfach nicht so bewegen -, und auch unter seinen Handschuhen zuckte und brodelte es ununterbrochen. Mogens ertappte sich dabei, Graves' H�nde anzustarren, und drehte mit einem hastigen Ruck den Kopf, aber es war zu sp�t. Graves hatte seinen Blick bemerkt.</p><p>�Du hast mich nie gefragt, was eigentlich mit meinen H�nden passiert ist, Mogens�, sagte er.</p><p>Das stimmte nicht. Mogens <emphasis>hatte </emphasis>ihn gefragt, aber nicht wirklich eine Antwort bekommen. �Ich hoffe doch, nicht dasselbe wie mit meinen�, sagte er - eine Antwort, die ihm ganz spontan einfiel und eigentlich vollkommen unsinnig war, und die ihn trotzdem zutiefst erschreckte.</p><p>�Nein�, sagte Graves. Er runzelte die Stirn, paffte an seiner Zigarette und fuhr mit einer fragenden Kopfbewegung auf Mogens' H�nde fort. �Hast du dir die Verb�nde entfernt?�</p><p>�Ja�, antwortete Mogens. �Die Salzs�ure, mit der sie impr�gniert waren, hat doch ziemlich gebrannt. Zwei Minuten.� Graves streckte fordernd die H�nde aus. �Das war nicht besonders klug. Zeig her.�</p><p>Obwohl Mogens eine fast panische Angst davor versp�rte, von Graves angefasst zu werden, streckte er ganz automatisch die H�nde aus und lie� es zu, dass Graves seine H�nde betastete und herumdrehte, wie ein Lehrer, der die schmutzigen Fingern�gel eines Sch�lers begutachtet.</p><p>Er hatte sich nicht get�uscht, was Graves' H�nde anging - die Ber�hrung geh�rte mit zu dem Unangenehmsten, was er je erlebt hatte. Seine Handschuhe waren einfach nur Handschuhe aus altem Leder, aber <emphasis>darunter </emphasis>bewegte sich etwas; nicht nur Muskeln und Sehnen, sondern noch mehr, ein auf unheimliche Weise <emphasis>falsches </emphasis>Kriechen und Sich-Zusammenziehen und Dehnen und Strecken, sodass Mogens sich mit aller Kraft beherrschen musste, um sich nicht angeekelt loszurei�en.</p><p>Wenigstens schien Graves mit dem Ergebnis seiner Untersuchung zufrieden zu sein, denn er lie� endlich Mogens' H�nde los und sagte, wenn auch nicht in g�nzlich �berzeugtem Ton: �Allem Anschein nach hast du Gl�ck gehabt. Aber man kann nie wissen. Beobachte deine Haut in den n�chsten Tagen.�</p><p>�Seit ich das Zeug los bin, mit dem du mich verarztet hast, geht es mir schon wieder viel besser�, sagte Mogens. �Was hattest du vor? Mich ein bisschen zu foltern?�</p><p>�Die Salbe ist ein wenig unangenehm, zugegeben�, antwortete Graves, �aber sie wirkt.�</p><p>�Wogegen?�, fragte Mogens.</p><p>�Du hast die Biester angefasst�, erinnerte Graves.</p><p>�Und? Willst du mir vielleicht erz�hlen, sie w�ren giftig?�</p><p>�Nicht im klassischen Sinne, vermutlich�, sagte Graves. �Aber man kann nie wissen. Diese Kreaturen sind Aasfresser, Mogens, vergiss das nicht. Wer wei� schon, was f�r Krankheitserreger und Keime sich auf ihrer Haut tummeln.�</p><p>�Oder ihren Z�hnen?�</p><p>�Tom hat auch deine anderen Wunden versorgt�, antwortete Graves unger�hrt. �Aber keine Sorge, er hat eine andere Salbe genommen.�</p><p>�Wie beruhigend�, sagte Mogens spr�de. �Und warum verschwendest du deine wertvolle Zeit damit, dich mit mir �ber Krankheitskeime und Salben zu unterhalten? Die H�lfte deiner f�nf Minuten ist bereits um.�</p><p>�Woher willst du das wissen, wenn du doch keine Uhr hast.� Graves blies eine weitere �bel riechende Qualmwolke in seine Richtung. �Die f�nf Minuten sind um, wenn ich es sage.�</p><p>Mogens sparte es sich, zu widersprechen. Es w�re sinnlos. Der Streit, der ganz zweifellos daraus entstehen musste, w�rde die Wartezeit nur verl�ngern. Wenn er sich damit einen stundenlangen Fu�marsch in die Stadt ersparte, den er vielleicht nicht einmal bew�ltigen konnte, was machten da ein paar Minuten?</p><p>�Verzeih�, sagte Graves. M�glicherweise war ihm ja selbst aufgefallen, dass er sich im Ton vergriffen hatte. �Es... es f�llt mir nicht leicht, die richtigen Worte zu finden. Ich war es bisher nie gewohnt, bitten zu m�ssen.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Mogens. �Und ich glaube, ich wei� auch, was du sagen willst. Aber mein Entschluss steht fest.� Er sch�ttelte bekr�ftigend den Kopf, um seinen nachfolgenden Worten mehr Gewicht zu verleihen. �Ich werde gehen.�</p><p>�Um was zu tun?�, erkundigte sich Graves. �Sheriff Wilson zu erz�hlen, was mit der armen Miss Hyams und mit Miss Preussler passiert ist?� Er sch�ttelte ebenfalls den Kopf und sah Mogens gleicherma�en lauernd wie auch irgendwie herausfordernd an. �Bitte bedenke, mein Freund: Dein Wort st�nde gegen das meine und das von Tom. Sheriff Wilson kennt mich seit einer geraumen Weile. Ich will nicht behaupten, dass er mir gegen�ber freundschaftliche Gef�hle hegt oder mich auch nur sch�tzt. Aber du bist vollkommen fremd f�r ihn. Wem w�rde er wohl glauben?�</p><p>�Ich halte Sheriff Wilson f�r einen sehr klugen Mann�, sagte Mogens unger�hrt. Er war entt�uscht, nicht einmal so sehr von Graves - er hatte erwartet, dass dieser sich am Ende aufs Drohen verlegen w�rde -, sondern eigentlich mehr von sich selbst, in seiner bodenlosen Naivit�t tats�chlich geglaubt zu haben, Graves w�rde doch noch so etwas wie menschliche Z�ge entwickeln. �Er wird die Wahrheit herausfinden, daran zweifle ich nicht.�</p><p>�Mogens - bitte!�, sagte Graves. �Willst du denn wirklich alles wegwerfen?�</p><p>�Dort unten ist nichts, was diesen Preis wert w�re�, antwortete Mogens.</p><p>�Und diese Worte aus dem Munde eines Mannes wie dir?�, murmelte Graves kopfsch�ttelnd. �Du bist ein Mann der Wissenschaft, Mogens, genau wie ich! Hast du denn wirklich all unsere Tr�ume vergessen? All die Geschichten, denen wir damals an der Universit�t gelauscht haben, all das, was wir selbst jemals erreichen wollten?�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens. �Aber ich habe noch viel weniger vergessen, was du selbst mir erz�hlt hast, Jonathan. Oder was Tom mir erz�hlt hat. Und ich habe schon gar nicht vergessen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Was muss denn noch passieren, bis du begreifst, dass wir hier etwas geweckt haben, dem wir nicht gewachsen sind?�</p><p>Graves sog erneut an seiner Zigarette, und Mogens konnte regelrecht sehen, wie sich die Gedanken hinter seiner Stirn �berschlugen. �Also gut�, seufzte er schlie�lich. �Wahrscheinlich spielt es jetzt sowieso keine Rolle mehr. Fr�her oder sp�ter h�ttest du es ohnehin erfahren. Sp�testens heute Nacht.�</p><p>�Was?�, fragte Mogens.</p><p>�Du hast Recht�, sagte Graves. �Dort unten ist tats�chlich noch mehr als nur ein altes Pharaonengrab. Viel mehr, als du dir auch nur vorstellen kannst.�</p><p>Mogens konnte sich eine ganze Menge vorstellen, aber er sp�rte auch, wie zumindest ein Teil von ihm fast begierig nach dem K�der schnappte, den Graves ihm hinwarf. Der Versuch war so durchsichtig, dass er schon fast l�cherlich wirkte; der K�der war nicht besonders originell, und auch nicht besonders geschickt gew�hlt. Er konnte die gef�hrlichen Widerhaken darin deutlich sehen. Und dennoch tat er seine Wirkung. Letztendlich war er mit einem Gutteil seiner Seele immer genau das gewesen, als was Graves ihn gerade bezeichnet hatte: ein Mann der Wissenschaft. Die langen Jahre in seinem selbst gew�hlten Exil hatten ihn fast vergessen lassen, warum er diesen Beruf gew�hlt hatte und keinen anderen. Die zahllosen N�chte, in denen er schwei�gebadet und von Albtr�umen geplagt aufgewacht war, und die daf�r umso tristeren, sich in einer endlosen Folge nicht enden wollender Stunden aneinanderreihenden Tage in seinem fensterlosen Verlies im Keller der Universit�t hatten ihn glauben machen, dass das Feuer der Wissenschaft in ihm erloschen war. Aber das stimmte nicht. Ein Teil von ihm hatte niemals aufgeh�rt, diese eine, ultimative Frage zu stellen, auf die letzten Endes jeder Forscherdrang hinausl�uft: <emphasis>Warum?</emphasis></p><p>�Nein�, sagte er.</p><p>�Nein?�, wiederholte Graves ungl�ubig. �Aber du wei�t doch noch gar nicht, was ich gefunden habe!�</p><p>�Und ich will es auch gar nicht wissen�, antwortete Mogens. �Du hast Recht, Jonathan - ich bin ein Mann der Wissenschaft, genau wie du. Aber es gibt einen Unterschied zwischen uns. Ich glaube, dass es Dinge gibt, die wir nicht wissen <emphasis>sollten.�</emphasis></p><p>�Wenn alle so d�chten wie du�, antwortete Graves ver�chtlich, �dann s��en wir heute noch auf B�umen und w�rden uns gegenseitig mit St�cken bewerfen!�</p><p>�Ja�, sagte Mogens ruhig, �das ist m�glich. Aber Miss Preussler w�re auch vielleicht noch am Leben.�</p><p>�Und Janice auch�, sagte Graves.</p><p>Das Schlimmste war vielleicht, dass diese Worte ebenso durchsichtig waren wie die zuvor. Mogens erkannte die verletzende Absicht dahinter so deutlich, als h�tte Graves ihm seinen Angriff zuvor angek�ndigt, aber das machte sie kein bisschen weniger schlimm. Er sp�rte, wie eine Woge aus purem Zorn in ihm emporstieg, und f�r einen Moment wollte er nichts mehr, als sich einfach auf Graves zu st�rzen und ihm die F�uste ins Gesicht zu schlagen.</p><p>Nat�rlich tat er das nicht. Schon, weil er ebenso deutlich sp�rte, dass es ganz genau das war, was Graves wollte. Statt ihm noch weiter zuzuh�ren und sich am Ende m�glicherweise doch noch zu einer Dummheit hinrei�en zu lassen, drehte er sich abermals herum, streckte wortlos die Hand nach der T�rklinke aus - und im selben Moment wurde die T�r von drau�en aufgesto�en, und Tom stolperte herein. Er war vollkommen aufgel�st.</p><p>�Miss Preussler!�, stammelte er. �Sheriff Wilson!�</p><p>�Was ist los?�, raunzte ihn Graves an. Er machte eine herrische Handbewegung. �Tom, rei� dich zusammen! Was ist mit Miss Preussler und dem Sheriff?�</p><p>Tom musste zwei- oder dreimal einatmen, bevor er �berhaupt im Stande war, weiterzusprechen. �Sheriff Wilson ist gekommen�, stie� er dann hervor. �Er hat Miss Preussler gefunden. Sie lebt!�</p></section><section><title><p id="_37">37.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Noch vor weniger als einer Viertelstunde war Mogens nicht sicher gewesen, ob seine Kraft ausreichte, den schlammigen Platz �berhaupt noch einmal zu �berqueren. Jetzt, als er dicht hinter Graves und Tom her st�rmte, sp�rte er die Anstrengung kaum. Er fiel ein paar Schritte zur�ck, erreichte die sch�bige H�tte, die Miss Preussler von Doktor Hyams �bernommen hatte, aber nur wenige Sekunden nach den beiden anderen, und obwohl sein Herz jagte und seine Lungen bei jedem Atemzug zu zerrei�en drohten, hielt er nicht einmal im Laufen inne, sondern schlug nur einen hastigen Bogen um den Wagen des Sheriffs, der neben der offenen T�r stand, und �berwand die drei h�lzernen Stufen davor mit einem einzigen Satz.</p><p>Um ein Haar w�re er gegen Wilson geprallt, der sich unmittelbar hinter der T�r aufgebaut hatte und sie mit seinen breiten Schultern nahezu vollkommen blockierte. Es war auch Wilson, der den Zusammensto� verhinderte, denn er trat im letzten Moment blitzschnell zur Seite und lie� ihn passieren; aber Mogens entging keineswegs der rasche, ebenso absch�tzige wie misstrauische Blick, mit dem der Sheriff ihn ma�.</p><p>Im Augenblick interessierte ihn das aber nicht im Geringsten. Mit zwei weiteren, weit ausgreifenden Schritten war er fast vollends durch den Raum und prallte dann mit einem keuchenden Laut zur�ck, als er die Gestalt sah, die auf dem schmalen Feldbett lag. W�hrend des gesamten Weges hierher hatte er keinen einzigen klaren Gedanken fassen k�nnen - und wie auch? -, aber seine Fantasie war nicht m�de geworden, ihn mit den schrecklichsten Visionen zu qu�len. Schlie�lich hatte er mit eigenen Augen gesehen, was ihr widerfahren war.</p><p>Nichts von all den Schreckensbildnissen, die er erwartet hatte, traf zu.</p><p>Die Wirklichkeit war tausend Mal schlimmer.</p><p>Dabei war sie nicht einmal verletzt; jedenfalls nicht, soweit Mogens das erkennen konnte. Miss Preussler lag lang ausgestreckt auf dem einfachen Feldbett, das sie mit ihrer gewaltigen Leibesf�lle zumindest in der Breite eindeutig �berforderte, ihre Haare waren zerzaust und schmutzig, und auf ihrem Gesicht, den Armen und den nackten Schultern prangten ein paar frische, offensichtlich gerade erst verschorfte Kratzer und Schrammen. Alles unterhalb ihrer Achseln bis hinab zu den Waden war in eine graue Wolldecke gewickelt, die vermutlich aus Wilsons Automobil stammte. Auch ihre nackten F��e waren zerschrammt und starrten vor Schmutz. Ihre Augen standen weit offen, und sie war ganz offensichtlich auch bei Bewusstsein, aber Mogens w�nschte sich fast, es w�re nicht so gewesen. Niemals zuvor hatte er ins Antlitz eines Menschen geblickt, in dessen Z�ge sich ein Ausdruck solch abgrundtiefen Grauens gegraben hatte.</p><p>�Was... was ist mit ihr passiert?�, fl�sterte er.</p><p>Tom, der auf der anderen Seite des Bettes auf die Knie gesunken war und Miss Preusslers linke Hand hielt, sah nur kurz und mit einem Ausdruck zu Mogens auf, der eher w�tend als besorgt oder gar mitleidig wirkte, aber Graves sagte: �Sheriff Wilson wird uns das sicher gleich erkl�ren.� Er hatte am Fu�ende des Bettes Aufstellung genommen und sah etwa so teilnahmsvoll auf Miss Preussler hinab wie ein Angler, der einen besonders mageren Fisch aus dem Wasser gezogen hatte und sich �berlegte, ob es sich �berhaupt lohnte, ihn auszunehmen, oder ob er ihn besser einfach hier liegen lassen sollte.</p><p>�Ich f�rchte, das kann ich nicht�, antwortete Wilson. Nicht nur Graves drehte sich langsam zu ihm herum und zog fragend die linke Augenbraue hoch; auch Mogens wandte �berrascht den Kopf und sah den Sheriff mit einem Ausdruck leiser Verwirrung an.</p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Graves. �Sie k�nnen es nicht?�</p><p>Wilson hob mit einer Bewegung die Schulter, von der Mogens nicht sagen konnte, ob sie hilflos wirkte oder von m�hsam unterdr�cktem Zorn erf�llt. Bevor er antwortete, trat auch er an das Bett heran und blickte lange Sekunden nachdenklich und mit gerunzelter Stirn auf Miss Preussler hinab. �Ich kann Ihnen nicht viel sagen, f�rchte ich�, wiederholte er. �Ich hatte im Gegenteil gehofft, dass <emphasis>Sie </emphasis>mir einige Fragen beantworten k�nnten.�</p><p>�Wir?�, wiederholte Graves. Seine linke Hand pulsierte unter dem schwarzen Leder des Handschuhs ganz leicht. �Aber wie k�nnten wir?�</p><p>Wilson riss sich vom Anblick der halb bewusstlosen Frau los und wandte sich mit einer betont langsamen Bewegung ganz zu Graves um. �Nun, zum einen�, antwortete er, �weil diese Frau ganz offensichtlich zu Ihnen geh�rt. Und zum anderen, weil ich sie ganz in der N�he gefunden habe.�</p><p>�Wo?�, entfuhr es Mogens.</p><p>Die Frage - vielleicht aber auch der ganz eindeutig schuldbewusst klingende Ton, in dem er sie hervorgesto�en hatte - erregte eindeutig Graves' Missfallen, denn er spie�te ihn mit Blicken regelrecht auf. Wilson wandte langsam den Kopf in seine Richtung und sah auch ihn etliche Sekunden lang nachdenklich und durchdringend an, bevor er antwortete.</p><p>�Auf dem alten Friedhof. Gleich vorne, wo er an die Stra�e st��t. Sie wissen, wo das ist?�</p><p>Mogens begann sich unter seinem Blick zunehmend unwohler zu f�hlen. Als er Wilson das erste Mal begegnet war, hatte er geglaubt, es mit einem vermutlich warmherzigen und sehr aufrichtigen, aber nicht allzu hellen Landpolizisten zu tun zu haben, der sein Bestes tat, um seiner Aufgabe gerecht zu werden, aber mehr eben auch nicht. Allein der Blick jedoch, mit dem ihn Wilson jetzt ma�, lehrte ihn eines Besseren. Wilson war weder ein Dummkopf, noch w�rde er sich von Graves' �berheblichem Benehmen und ihren akademischen Titeln beeindrucken lassen. Er konnte nat�rlich nicht wissen, was sich hier zugetragen hatte, aber er sp�rte offensichtlich, dass sie etwas damit zu tun haben mussten.</p><p>�Sie haben sie so gefunden?�, vergewisserte sich Graves. �Ich meine...?�</p><p>�Unbekleidet, wenn es das ist, was Sie wissen wollten, ja�, sagte Wilson unger�hrt und wandte Graves jetzt wieder seine volle Aufmerksamkeit zu. �Und in einem v�llig hysterischen Zustand. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um �berhaupt ein vern�nftiges Wort aus ihr herauszubekommen. Wenn ich nicht gewusst h�tte, dass sie zu Ihnen geh�rt, h�tte ich sie erst einmal in die Stadt mitgenommen, zum Arzt. Was tut sie �berhaupt hier?�</p><p>�Miss Preussler ist erst seit wenigen Tagen bei uns�, antwortete Graves. Er deutete auf Mogens. �Genau genommen geh�rt sie zu Professor VanAndt.�</p><p>Mogens war sicher, dass Graves seinen akademischen Grad ganz bewusst erw�hnt hatte, aber er war ebenso sicher, dass Wilson dieser Umstand so wenig entgangen war wie ihm, und dass er sein Misstrauen vermutlich eher noch sch�rte, statt es zu bes�nftigen. Wilson wandte noch einmal den Kopf in seine Richtung und ma� ihn mit einem langen, taxierenden Blick von Kopf bis Fu�, dann hob er - obwohl er den Hut in den H�nden trug, die Linke an die Stirn und tippte mit Zeige- und Mittelfinger dagegen, als bef�nde sich seine Krempe noch dort oben. �Ach ja, Professor�, sagte er. �Ihre... Haush�lterin. So sagten Sie doch, nicht wahr?�</p><p>�Das ist eine etwas kompliziertere Geschichte�, sagte Graves rasch, bevor Mogens antworten konnte. �Und sie hat auch ganz sicher nichts mit dem zu tun, was Miss Preussler zugesto�en ist.� Er sch�ttelte ein paar Mal hintereinander und �bertrieben heftig den Kopf, bevor er sich leicht vorbeugte und Miss Preussler mit einem langen, gespielt verst�ndnislosen Blick ma�. �Sie hatte keine Kleider an, sagen Sie?�, vergewisserte er sich. �Hat man sie...?�</p><p>�Das war auch mein erster Gedanke�, sagte Wilson, als Graves nicht weitersprach. Er sch�ttelte den Kopf. �Ich habe sie danach gefragt, aber sie sagt, nein. Jedenfalls�, schr�nkte er in etwas leiserem Tonfall und mit einem neuerlichen, sonderbaren Blick in Mogens' Richtung ein, �soweit ich sie verstehen konnte.�</p><p>�Aber warum haben Sie sie nicht in die Stadt gebracht?�, fragte Graves. �Die Frau geh�rt zu einem Arzt!�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte Wilson. �Aber es war ihr ausdr�cklicher Wunsch, hierher gebracht zu werden. Ich habe versucht, sie vom Gegenteil zu �berzeugen, aber es ist mir nicht gelungen. Ich kann niemanden festnehmen, nur weil er oder sie vielleicht Opfer eines Verbrechens geworden ist. Die Frau war nicht verletzt, und trotz ihres hysterischen Benehmens war sie ganz offensichtlich zugleich auch genug Herrin ihres Verstandes, um ihren Willen klar zu formulieren. Sie wollte hierher. Zu jemandem namens Mogens.�</p><p>�Das bin ich�, antwortete Mogens rasch.</p><p>�Mogens...?�, wiederholte Wilson. �Sagten Sie nicht, Ihr Name w�re -�</p><p>�Mogens VanAndt�, unterbrach ihn Mogens. �Ich bin geb�rtiger Flame. Meine Eltern stammen aus Br�ssel.�</p><p>�Das liegt in Europa, nicht wahr?�, fragte Wilson.</p><p>Mogens zollte ihm in Gedanken noch ein wenig mehr Respekt, als er es ohnehin bisher schon getan hatte. Selbst die Studenten, die er in den letzten neun Jahren unterrichtet hatte, wussten nicht alle, wo Br�ssel lag. Bei einigen von ihnen argw�hnte er sogar, dass sie nicht einmal wussten, wo Europa war. Er nickte. �Ja. Aber ich bin hier aufgewachsen. Und seit meinem vierten Lebensjahr amerikanischer Staatsb�rger, bevor Sie fragen.�</p><p>Der gutm�tige Ausdruck, der trotz allem noch immer irgendwo in Wilsons Augen gewesen war, erlosch, und Mogens begriff, dass er soeben einen schweren Fehler begangen hatte. Er h�tte jetzt selbst nicht mehr sagen k�nnen, warum ihm dieser Bl�dsinn �berhaupt entschl�pft war, doch ganz offensichtlich f�hlte sich Wilson von ihm angegriffen, und damit augenscheinlich in seinem Misstrauen best�tigt.</p><p>�Wie kommen Sie darauf, dass Miss Preussler Opfer eines Verbrechens geworden ist?�, fragte Graves spr�de.</p><p>Wilson ma� ihn mit einem fast schon ver�chtlichen Blick und drehte sich demonstrativ ganz zu Mogens um. �Miss... wie war ihr Name noch gleich?�</p><p>�Preussler�, antwortete Mogens. �Betty Preussler. Wenn Sie die Adresse brauchen, kann ich sie Ihnen geben.�</p><p>�Das wird nicht n�tig sein�, antwortete Wilson. �Jedenfalls im Augenblick nicht. Ich nehme an, dass Sie noch einige Zeit hier bleiben werden - nur wenn ich doch noch eine Frage haben sollte.�</p><p>�Und welche Frage k�nnte das sein?�, fragte Graves. Warum auch immer, er schien es darauf angelegt zu haben, Wilsons Misstrauen zur Gewissheit zu machen.</p><p>�Zum Beispiel die, wann Sie Miss Preussler das letzte Mal gesehen haben�, antwortete Wilson k�hl, �und ob es zu ihren Gewohnheiten geh�rt, unbekleidet auf Friedh�fen herumzulaufen.�</p><p>Graves ignorierte den zweiten Teil seiner Frage. �Gestern Abend�, sagte er. �Miss Preussler hat uns das Abendessen zubereitet - ein ganz vorz�gliches Abendessen, nebenbei bemerkt -, und danach haben wir uns zur�ckgezogen. Wir gehen hier fr�h schlafen, m�ssen Sie wissen. Wir arbeiten vierzehn Stunden am Tag, manchmal auch mehr.�</p><p>Wilson zog es vor, die Spitze zu �berh�ren. �Und heute?�, fragte er.</p><p>�Wir haben seit Sonnenaufgang gearbeitet�, antwortete Graves. �Das Fr�hst�ck bereiten wir uns im Allgemeinen selbst. Miss Preussler ist nicht unsere K�chin. Sie ist nur hergekommen, um Professor VanAndt zu besuchen. Deshalb ist ihr Fehlen auch bisher niemandem aufgefallen. Ich glaube, wir alle sollten uns in Miss Preusslers Namen bei Ihnen bedanken, Wer wei�, wie es ihr ergangen w�re, w�ren Sie nicht zuf�llig im richtigen Moment vorbeigekommen.�</p><p>�Das war kein Zufall�, antwortete Wilson.</p><p>Graves l�chelte knapp, kramte eine Zigarette aus seiner Westentasche und schnippte fast in der gleichen Bewegung ein Streichholz an. Lag es wirklich nur an der winzigen, grell flackernden Flamme, dass Mogens den Eindruck hatte, irgendetwas versuche mit aller Kraft, aus dem Gef�ngnis seiner schwarzen Handschuhe zu entkommen?</p><p>�Sondern?�, fragte Graves, nachdem er einen ersten, tiefen Zug genommen und eine graue Rauchwolke zielsicher in Wilsons Gesicht gesabbert hatte.</p><p>�Ich war ohnehin auf dem Weg zu Ihnen, Doktor Graves�, antwortete Wilson unger�hrt.</p><p>�Und warum?�</p><p>�Ich f�rchte, dass ich in einer etwas unangenehmen Angelegenheit zu Ihnen komme�, antwortete Wilson, wobei er sich nicht die geringste M�he gab, zu verhehlen, wie sehr er diese Worte genoss. �Ich habe Ihnen ein Schreiben des Gerichts zu �bergeben.�</p><p>�Welchen Inhalts?�, fragte Graves unger�hrt.</p><p>Auf dem Bett lie� Miss Preussler einen sonderbaren Laut h�ren; eine Mischung aus einem St�hnen und etwas, das vielleicht ein Wort werden sollte, aber nur zu einem verschwommenen Murmeln wurde. Dennoch warf Wilson einen fast schuldbewussten Blick in ihre Richtung und deutete dann zur T�r. �Vielleicht besprechen wir das lieber drau�en�, schlug er vor.</p><p>Graves deutete ein Schulterzucken an und wandte sich ohne ein weiteres Wort zur T�r; wenn auch nicht, ohne Mogens einen warnenden Blick zuzuwerfen, ihm blo� nicht zu folgen.</p><p>Mogens hatte nichts dergleichen vorgehabt. Wenn Graves Probleme mit der Justiz hatte, so interessierte ihn das allerh�chstens insofern, dass sie gar nicht gro� genug sein konnten. Er wartete gerade lange genug ab, bis Graves und der Sheriff das Haus verlassen hatten, dann lie� er sich behutsam auf die Bettkante sinken und griff nach Miss Preusslers Hand.</p><p>Ihre Haut f�hlte sich warm an, auf eine unangenehme Art warm: fiebrig. Sie reagierte auf die Ber�hrung, wenn auch erst nach einer geraumen Weile - sie drehte m�hsam den Kopf und sah ihn an, und nachdem weitere, schier endlose Sekunden verstrichen waren, erschien die Andeutung eines L�chelns auf ihren Z�gen.</p><p>�Professor�, sagte sie.</p><p>�Mogens�, antwortete Mogens. �Meine Freunde nennen mich Mogens.� Er machte eine rasche, abwehrende Bewegung, als Miss Preussler antworten wollte, denn er konnte ihr ansehen, wie sehr sie das Sprechen anstrengte. �Nicht reden�, sagte er. �Es ist alles in Ordnung. Sie sind jetzt bei uns. Hier kann Ihnen niemand etwas tun.�</p><p>Tom sah ihn an, als hege er gewisse Zweifel an dieser Behauptung, und auch Miss Preussler sah nicht wirklich �berzeugt aus, oder gar beruhigt.</p><p>�M�chten Sie etwas trinken?�, fragte er. Miss Preussler fuhr sich mit der Zungenspitze �ber die Lippen, fast als m�sse sie erst pr�fen, ob sie tats�chlich durstig war. Mogens wollte sich mit einer entsprechenden Bitte an Tom wenden, doch der Junge war bereits aufgestanden und eilte zum Tisch. Als er zur�ckkam, trug er jedoch kein Glas oder Becher in der Hand, sondern eine flache Emaillesch�ssel und einen Schwamm, mit dem er behutsam Miss Preusslers Lippen betupfte. Er wartete geduldig, bis sie die Tropfen mehrmals hintereinander abgeleckt hatte, dann tauchte er den Schwamm tiefer in seine Sch�ssel, dr�ckte ihn aus und begann anschlie�end sehr behutsam, ihr Gesicht und ihren Hals zu s�ubern.</p><p>Die Z�rtlichkeit, mit der Tom zu Werke ging, r�hrte Mogens. Trotz der ohnehin nicht wirklich ernst gemeinten kleinen Z�nkereien zwischen ihnen hatten sich Tom und Miss Preussler vom ersten Moment an gut vertragen, nun aber fragte er sich, ob Tom nicht m�glicherweise mehr in ihr sah; vielleicht die Mutter, die ihm viel zu fr�h weggenommen worden war.</p><p>�F�hlen Sie sich jetzt besser?�, fragte er, nachdem er fertig war und die Sch�ssel neben sich auf den Boden gestellt hatte. Die H�nde wischte er sich kurzerhand an der Jacke ab, und Mogens war sicher, in Miss Preusslers Augen trotz ihres bejammernswerten Zustandes ein missbilligendes Funkeln zu erkennen.</p><p>�Viel besser�, sagte sie. �Danke, Thomas. Du bist ein guter Junge.�</p><p>Tom war das un�bersehbar peinlich. Er stand hastig auf, trug die Sch�ssel zur�ck zum Tisch und besch�ftigte sich einige Augenblicke lang damit, vermutlich vollkommen sinnlos herumzuklappern.</p><p>Gerade, als er zur�ckkam, drang von drau�en Graves' Stimme herein. Mogens konnte die Worte nicht verstehen, aber sie klangen sehr laut und �beraus w�tend. Nur einen Augenblick sp�ter h�rten sie das Zuschlagen einer Autot�r, und ein Automobil fuhr weg.</p><p>�Das klingt nach �rger�, sagte Tom.</p><p>Wahrscheinlich war es gut, dass Mogens nicht dazu kam, darauf zu antworten, denn Tom hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als die T�r aufflog und ein �u�erst �bellauniger Graves hereinstampfte.</p><p>�Dummk�pfe!�, schimpfte er. �Verdammtes Ignorantenpack! Und so was nennt sich Wissenschaftler!�</p><p>�Was ist passiert?�, fragte Mogens.</p><p>Graves wedelte �rgerlich mit einem schmal zusammengefalteten Blatt Papier, auf dem ein amtlich aussehendes Siegel prangte. �Unsere gesch�tzten Kollegen von nebenan�, ereiferte er sich.</p><p>�Die Geologen?�, fragte Tom.</p><p>�Maulw�rfe!�, stie� Graves fast hasserf�llt hervor. �Verdammte Dreckw�hler! Sie sind einfach nicht in der Lage, �ber den Rand der L�cher hinauszublicken, die sie selbst gebuddelt haben! Aber das lasse ich nicht auf mir sitzen. Diese so genannten <emphasis>Wissenschaftler </emphasis>werden sich noch wundern!�</p><p>Dann, ganz pl�tzlich, verschwand der w�tende Ausdruck wie weggeblasen von seinem Gesicht und machte einem breiten Grinsen Platz. �War ich �berzeugend?�, fragte er.</p><p>Mogens blinzelte, und auch Tom sah ihn mit einem Ausdruck vollkommener Verwirrung an.</p><p>�Doktor Graves?�</p><p>Graves' Grinsen wurde noch breiter, w�hrend er das Schriftst�ck mit einer nachl�ssigen Bewegung in der Innentasche seines Jacketts verschwinden lie�. �Ich hoffe doch, ich war �berzeugend. Schlie�lich wollte ich unseren gesch�tzten Ordnungsh�ter nicht entt�uschen.�</p><p>�Was war das f�r ein Schreiben, das er dir �bergeben hat?�, fragte Mogens.</p><p>Graves machte eine wegwerfende Handbewegung �Ein Gerichtsbeschluss, den unsere gesch�tzten Kollegen erwirkt haben�, antwortete er. �Er verbietet mir und jedem Mitglied meiner Gruppe, die H�hle noch einmal zu betreten, bevor sich nicht eine Kommission von Sachverst�ndigen davon �berzeugt hat, dass von unserer Arbeit keine Gefahr ausgeht. Ich kann mir schon vorstellen�, f�gte er in ver�chtlichem Ton hinzu, �wie sich diese <emphasis>Kommission </emphasis>zusammensetzt!�</p><p>�Wir d�rfen unsere Arbeitsstelle nicht mehr betreten?�, fragte Tom ungl�ubig.</p><p>�Bei Androhung einer Strafe von tausend Dollar�, best�tigte Graves fr�hlich. �F�r jedes Mal, wenn wir gegen diesen Beschluss versto�en.�</p><p>�Aber das k�nnen sie doch nicht!�, protestierte Tom.</p><p>�Ich f�rchte, sie k�nnen es doch�, antwortete Graves und schlug mit der flachen Hand dorthin, wo er das Blatt unter seinem Jackett trug.</p><p>�Mit welcher Begr�ndung?�, wollte Mogens wissen.</p><p>Graves machte ein abf�lliges Ger�usch. �Unsere <emphasis>verehrten Kollegen�, </emphasis>antwortete er, mit einer Betonung, als spr�che er �ber etwas ausnehmend Ekelhaftes, �sind der Meinung, dass unsere Ausgrabungen ihre Messungen beeintr�chtigen. Und man <emphasis>k�nne nicht ausschlie�en, dass von ihnen auch eine erhebliche Gefahr f�r die Stadt und Leib und Leben ihrer </emphasis>Bewohner <emphasis>ausginge. </emphasis>Idioten!�</p><p>Irgendwie machte Graves nicht den Eindruck, dass ihn das wirklich beeindruckte, oder gar �rgerte, und Mogens sagte das auch.</p><p>�Damit hast du ausnahmsweise einmal Recht, mein lieber Professor�, antwortete Graves fr�hlich. �Papier ist bekanntlich geduldig. Bevor Wyatt Earp Wilson auch nur begreift, was ich mit seinem Gerichtsbeschluss anzufangen gedenke, ist schon alles vorbei. Heute ist der entscheidende Tag, vergiss das nicht. Wir brauchen nur noch eine einzige Nacht.�</p><p>Es gefiel Mogens nicht, wie er <emphasis>wir </emphasis>sagte, aber er sparte es sich, irgendetwas dazu anzumerken, sondern wandte sich wieder zu Miss Preussler um. Sie war Graves und seinen Worten zwar schweigend, aber offenbar sehr aufmerksam gefolgt, und ihr Gesichtsausdruck sprach B�nde. Mogens wusste nur zu gut, was sie von Kraftausdr�cken jener Art hielt, wie Graves sie gerade benutzt hatte, und ein Gerichtsbeschluss Tangierte bei ihr nur unwesentlich unter Moses' Gesetzestafeln.</p><p>�Das spielt jetzt alles keine Rolle mehr, Miss Preussler�, sagte er. �Alles, was im Moment z�hlt ist, dass Sie am Leben und wieder zur�ck sind. Wir alle haben uns die gr��ten Sorgen um Sie gemacht. Um ehrlich zu sein, habe ich schon das Schlimmste bef�rchtet, als ich gesehen habe, wie diese... diese <emphasis>Ungeheuer </emphasis>Sie verschleppt haben.�</p><p>Dem Ausdruck nach zu schlie�en, den er in ihren Augen las, war das, was ihr zugesto�en war, schlimm genug gewesen, und er war nicht sicher, ob er wirklich wissen wollte, was es gewesen war. Einen Moment lang verlor sich ihr Blick in eine Ferne, die von erschreckenden und fremdartigen Dingen erf�llt war - vielleicht <emphasis>ihre </emphasis>Welt zwischen Tag und Nacht -, doch sie fand ihre Beherrschung erstaunlich schnell wieder und zwang sich sogar zu einem matten L�cheln, auch wenn ihre Augen von diesem L�cheln auf sonderbare Weise unber�hrt blieben. Ihre Hand schloss sich ein wenig fester um seine Finger.</p><p>�Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen sich nicht mit diesen gottlosen Menschen einlassen, Professor�, sagte sie. �Ich wusste, dass es ein b�ses Ende nehmen w�rde.�</p><p>�Immerhin leben Sie ja noch, meine Liebe�, sagte Graves k�hl. �Was haben Sie dort unten gesehen, Miss Preussler?�</p><p>Mogens war nicht sicher, ob sie ihm �berhaupt antworten w�rde, und es verging auch eine geraume Weile, bevor sie es tat. �Meinen Sie nicht, dass <emphasis>Sie </emphasis>zuallererst <emphasis>mir </emphasis>ein paar Fragen beantworten sollten, Doktor Graves?�, fragte sie.</p><p>�Nein�, antwortete Graves gelassen. �Glauben Sie mir, meine Liebe, es ist besser, wenn Sie nichts �ber all diese Dinge wissen. Besser f�r uns, aber auch besser f�r Sie. Sie haben schon viel zu viel gesehen. Wir hatten unsere guten Gr�nde, Sie eindringlich davor zu warnen, dort hinunter zu kommen.� Er wartete einen Moment lang vergebens auf eine Reaktion und fuhr dann fort: �Umso wichtiger ist es f�r uns, dass Sie uns erz�hlen, was Sie hinter dieser T�r gesehen haben - das verstehen Sie doch, oder?�</p><p>�Jonathan, h�r endlich auf�, sagte Mogens m�de. �Sie will nicht dar�ber reden, begreifst du das nicht?�</p><p>�Lassen Sie ihn ruhig, Professor�, sagte Miss Preussler. �Doktor Graves ist ein schlechter Mensch. Das habe ich vom ersten Moment an gesp�rt. Vielleicht bin ich ja selbst schuld. Ich h�tte nicht herkommen sollen.�</p><p>�Nein, das h�tten Sie nicht�, antwortete Mogens ernst. �Aber ich bin trotzdem froh, dass Sie es getan haben.�</p><p>�Miss Preussler�, sagte Graves. �Was haben Sie gesehen?�</p><p>Miss Preussler ignorierte ihn. Der Griff um Mogens' Hand wurde noch fester. �Diese Kreaturen, Professor�, sagte sie leise. �Diese schrecklichen Kreaturen... sagen Sie mir, dass Sie hergekommen sind, um sie zu vernichten.�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens bedauernd. �Ich wusste nicht, dass es sie gibt, jedenfalls nicht hier.�</p><p>�Aber nachdem Sie es wussten?�</p><p>�Ich f�rchte, das liegt au�erhalb unserer M�glichkeiten, liebe Miss Preussler�, sagte Graves, bevor Mogens Gelegenheit fand, zu antworten. Ausnahmsweise war Mogens ihm sogar dankbar daf�r, ihm ins Wort gefallen zu sein. �Jedenfalls, solange Sie sich weigern, uns zu verraten, was Sie gesehen haben.�</p><p>Mogens musste sich beherrschen, um nicht einfach aufzuspringen und Graves zu ohrfeigen, nur damit er endlich den Mund hielt. H�tte Miss Preussler seine Hand nicht so fest gehalten, h�tte er es vielleicht wirklich getan. Selbst Tom starrte Graves einen Moment lang mit einem Ausdruck kaum noch verhohlener Wut in den Augen an.</p><p>�Aber Sie werden sie vernichten?�, vergewisserte sich Miss Preussler. �Das sind gottlose Kreaturen, Doktor Graves. Sie haben kein Recht, unter den Augen des HERRN ZU wandeln.�</p><p>�Was haben Sie hinter dieser T�r gesehen?�, beharrte Graves.</p><p>�Mehr als ich wollte�, antwortete sie. �Mehr als irgendein Mensch sehen sollte. Diese Ungeheuer... es... es waren so viele. So unglaublich viele.�</p><p>Mogens tauschte einen raschen, beunruhigten Blick mit Tom. Er hatte gewusst, dass sie es mit mehr als nur einer dieser unheimlichen Kreaturen zu tun hatten - seit gestern Nacht wenigsten wussten sie, dass es mindestens drei waren -, aber <emphasis>viele</emphasis>?</p><p>�Viele?�, fragte er.</p><p>�Dutzende�, antwortete Miss Preussler. Ihre Stimme wurde leiser, und etwas von der Dunkelheit kehrte zur�ck, die Mogens vorhin in ihren Augen gesehen hatte. �Wenn nicht Hunderte. Ich konnte nicht alles sehen. Sie hatten mich gepackt und... und ich hatte auch Angst. Es war alles so schrecklich.�</p><p>�Sie m�ssen nicht dar�ber reden, wenn Sie nicht wollen, Miss Preussler�, sagte Mogens leise.</p><p>Graves bedachte ihn mit einem Blick, den er fast k�rperlich zwischen den Schulterbl�ttern sp�ren konnte, aber Miss Preussler sch�ttelte nur den Kopf, warf ihm einen raschen, dankbaren Blick zu und fuhr dann, an Graves gewandt, fort: �Ich kann Ihnen nicht viel mehr sagen, Doktor. Ich hatte gro�e Angst, und es war sehr dunkel dort unten. Aber es gibt viele von diesen Kreaturen. Sehr viele. Sagen Sie mir, dass Sie sie vernichten werden.�</p><p>Graves schwieg.</p><p>�Wie sind Sie ihnen entkommen?�, fragte Tom fast hastig.</p><p>�Ich bin ihnen nicht entkommen�, antwortete Miss Preussler.</p><p>�Nicht entkommen?�, fragte Graves. �Was meinen Sie damit?�</p><p>Die Dunkelheit in ihren Augen war nicht nur wieder da, sie nahm zu. �Sie... sie haben mich an diesen schrecklichen Ort geschleift�, sagte sie leise. �Ich glaube, ich muss kurz in Ohnmacht gefallen sein. Es ging eine Treppe hinunter, eine sehr lange Treppe, das wei� ich noch. Dann war da ein Haus, und...� Ihre Stimme versagte. Ihr Griff war mit einem Mal so fest, dass es wehtat, aber Mogens gab keinen Laut der Klage von sich, und er unternahm auch keinen Versuch, seine Hand zu befreien. Er konnte sp�ren, wie unendlich schwer es Miss Preussler fiel, weiter zu sprechen. Aber vielleicht musste sie es zugleich auch, um nicht an den schrecklichen Bildern zu zerbrechen, die die Frage aus ihrer Erinnerung heraufbeschworen hatte.</p><p>��berall waren diese Kreaturen�, fuhr sie mit leiser, zitternder Stimme fort. �Sie... sie haben mir die... die Kleider vom Leib gerissen. Alle Kleider. Ich meine... ich... ich war sicher, sie w�rden mich t�ten. Ich war ganz sicher. Aber sie haben mich nur... nur angefasst und <emphasis>beschn�ffelt.�</emphasis></p><p>�Beschn�ffelt?�, vergewisserte sich Graves. Er klang interessiert, fand Mogens - aber eigentlich nicht sonderlich �berrascht.</p><p>�Ja�, sagte Miss Preussler. Sie schluckte ein paar Mal schwer, und ihr Blick schien nun geradewegs durch ihn hindurch zu gehen, an einen Ort noch jenseits der Dunkelheit. �Es war so schrecklich. So... so entw�rdigend. Sie haben mich �berall beschn�ffelt, ich meine... wirklich <emphasis>�berall. </emphasis>Ich... ich wollte sterben vor Scham, aber ich konnte nichts tun.�</p><p>�Schon gut�, sagte Mogens sanft. �Es waren nur Tiere, Miss Preussler. Nur ein paar hirnlose Ungeheuer. Es muss Ihnen nicht peinlich sein.�</p><p>�Und dann haben sie Sie einfach gehen lassen?�, fragte Graves.</p><p>�Nein�, antwortete Miss Preussler. �Irgendwann sind mir die Sinne geschwunden. Ich bin oben auf dem Friedhof wieder wach geworden. Die Kreaturen waren nicht mehr da.�</p><p>�Und dann hat Sheriff Wilson Sie gefunden�, vermutete Mogens.</p><p>Miss Preussler presste die Lippen aufeinander. Mogens konnte nicht anders, als die Kraft dieser Frau zu bewundern, aber er sah dennoch pl�tzlich Tr�nen in ihren Augen schimmern. �Es war so... so... entw�rdigend�, fl�sterte sie mit bebender Stimme. �Ich sch�me mich so.�</p><p>�Das brauchen Sie nicht�, sagte Mogens sanft. �Es ist alles vorbei. Ruhen Sie sich ein wenig aus, und sp�ter wird Tom uns dann mit dem Wagen in die Stadt fahren. Mit ein wenig Gl�ck sitzen wir heute Abend schon in einem Zug, der uns nach Hause bringt.�</p><p>�Aber das geht nicht, Professor�, sagte Miss Preussler.</p><p><emphasis>�Was?�</emphasis>, fragte Mogens.</p><p>�Wir k�nnen nicht einfach davonlaufen�, erkl�rte Miss Preussler. �Es geht nicht nur um mich, Professor. Ich habe dort unten... noch etwas gesehen.�</p><p>�Was?�, fragte Mogens. Sein Herz klopfte.</p><p>�Ich war nicht die Einzige dort unten�, antwortete Miss Preussler. �Es gibt dort noch mehr Frauen. Und sie sind am Leben.�</p></section><section><title><p id="_38">38.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Vor einer guten Stunde war die Sonne untergegangen, und seither hatte Mogens den verzierten Deckel seiner Taschenuhr mindestens ein Dutzend Mal auf und wieder zugeklappt, um einen Blick auf die verschn�rkelten Zeiger darunter zu werfen. Obwohl er ziemlich sicher war, dass in mehr oder weniger gleichm��igen Abst�nden getan zu haben, schien doch jedes Mal deutlich weniger Zeit verstrichen zu sein, seit er zuvor auf die Uhr geblickt hatte. Als er den Deckel jetzt wieder aufklappte, um im Licht der einzelnen, schon fast heruntergebrannten Kerze auf Graves' Schreibtisch einen Blick auf die Stellung der Zeiger zu werfen, kam es ihm so vor, als h�tten sie sich nicht im Mindesten von der Stelle ger�hrt.</p><p>�Professor?�</p><p>Mogens widerstand der Versuchung, Graves, der auf der anderen Seite des unordentlichen Schreibtisches sa�, einen zornigen Blick zuzuwerfen - er hatte ohnehin seine Zweifel, ob er eine Chance gehabt h�tte, die dichten, grauen Schwaden aus Zigarettenrauch zu durchdringen, die Graves mittlerweile wie eine Mauer zwischen ihnen errichtet hatte. Graves rauchte ohnehin sehr viel - selbst vom Standpunkt eines eher toleranten Menschen aus betrachtet, der das Rauchen zwar f�r eine �beraus unangenehme Angewohnheit hielt, dar�ber hinaus aber der Meinung war, dass jeder f�r sich das Recht hatte, zu entscheiden, auf welche Art und Weise er sich umzubringen gedachte -, doch seit sie hier hereingekommen waren, paffte er praktisch ununterbrochen. Mogens war sich bis jetzt nicht ganz schl�ssig, ob das nun ein Anzeichen von Nervosit�t war oder ob Graves vielleicht glaubte, in sp�testens einigen Stunden ohnehin nie wieder rauchen zu k�nnen, und seinem Laster auf diese Weise ein allerletztes Mal fr�nte; wobei das eine das andere nicht unbedingt ausschloss.</p><p>Mit einer schon fast �bertrieben bed�chtigen Bewegung klappte er die Uhr zu, steckte sie sorgsam in die Westentasche und beantwortete Graves' Frage ganz bewusst erst, nachdem er noch einige weitere Sekunden hatte verstreichen lassen. �Selbstverst�ndlich bin ich nerv�s�, sagte er. �Du etwa nicht?�</p><p>Graves wiegte den Kopf; zumindest vermutete Mogens, dass die Bewegung, die er in den dichten Rauchschwaden wahrzunehmen glaubte, diese Bedeutung hatte. �Ich bin nicht ganz sicher�, antwortete er. �Ich meine: Ich sollte es sein, nicht wahr? Aber ich f�hle mich... sonderbar.�</p><p>�Sonderbar?� Mogens zog fragend die Augenbrauen hoch. �Ich an deiner Stelle h�tte Angst. Viel mehr als ich an meiner Stelle.�</p><p>Graves lachte leise. �Kannst du mir das erkl�ren?�</p><p>�Ich nehme doch an, dass du besser wei�t als ich, was uns dort unten erwartet�, sagte er. �Zumindest hoffe ich es.�</p><p>�Ich muss dich entt�uschen, f�rchte ich�, antwortete Graves. �Etwas Gro�es. Dessen bin ich mir sicher. Aber sehr viel mehr wei� ich auch nicht. N�her als jetzt bin ich dem Geheimnis in all den Jahren nie gekommen. Und um deine Frage zu beantworten: Selbstverst�ndlich habe ich Angst. Ich w�re kein Mensch, wenn ich keine Angst h�tte.�</p><p>Was den Grad von Graves' Menschlichkeit anging, dachte Mogens, so w�re das sicher ein Thema f�r eine lange und hitzige Diskussion. Aber nicht jetzt.</p><p>Er ertappte sich dabei, schon wieder nach der Uhr in seiner Westentasche greifen zu wollen und zog die Hand hastig wieder zur�ck, doch die Bewegung war Graves nicht entgangen. �Es sind noch �ber drei Stunden bis Mitternacht, Mogens�, sagte er. �Warum gehst du nicht in deine Unterkunft und versuchst noch ein wenig Schlaf zu finden? Tom wird dich rechtzeitig wecken.�</p><p>�Schlaf?�, wiederholte Mogens. �K�nntest du denn schlafen, an meiner Stelle?�</p><p>�Ich kann ja nicht einmal an meiner Stelle schlafen�, sagte Graves am�siert, w�hrend er einen weiteren tiefen Zug aus seiner Zigarette nahm. Inmitten der grauen Schwaden leuchtete ein winziges rotes Auge auf und erlosch wieder. �Steht dir der Sinn nach einer Partie Schach?�</p><p>�Schach?�, vergewisserte sich Mogens in fast ungl�ubigem Ton. �Du denkst ernsthaft daran, jetzt Schach zu spielen?�</p><p>�Warum nicht?�, gab Graves zur�ck. �Ich kenne Leute, die sich damit vergn�gen, alle paar Sekunden auf die Uhr zu sehen. Da halte ich Schach f�r eine weitaus sinnvollere Methode, die Zeit zu �berbr�cken. Es ist ein �u�erst beruhigendes Spiel, und es sch�rft den Blick f�r das Wesentliche. Beides k�nnte sich als hilfreich erweisen.�</p><p>Er wartete Mogens' Antwort erst gar nicht ab, sondern stand auf, ging zu einer kleinen Kommode und kam nach wenigen Augenblicken mit einem in Leder gebundenen Etui zur�ck, aus dem er ein kleines, aber �u�erst kunstvoll geschnitztes Schachspiel nahm, dessen Figuren - obgleich keine davon gr��er war als der kleine Finger eines Neugeborenen - jede f�r sich ein kleines Meisterwerk darstellte. Allerdings hatten sie auch einen kleinen Sch�nheitsfehler.</p><p>�Die Figuren�, sagte Mogens.</p><p>�Was soll damit sein?�, fragte Graves, w�hrend er bereits - mit beiden T�rmen beginnend und sich rasch nach innen vorarbeitend - die Figuren auf seiner Seite aufstellte.</p><p>�Sie sind wei߫, sagte Mogens.</p><p>�Das kommt daher, dass sie aus Elfenbein geschnitzt sind�, sagte Graves. Er klang ein bisschen belustigt.</p><p>�Aber sie sind <emphasis>alle </emphasis>wei�!�, protestierte Mogens. �Auf beiden Seiten!�</p><p>�Elfenbein ist nun einmal wei߫, erkl�rte Graves am�siert.</p><p>�Und wie soll man damit spielen, wenn man sie nicht auseinander halten kann?�, fragte Mogens.</p><p>Graves war mittlerweile damit fertig, seine Figuren aufzustellen, beugte sich vor und tat das Gleiche mit denen auf seiner Seite. Mogens beobachtete mit einer Mischung aus Faszination und einem leisen Ekelgef�hl, wie sich seine Finger dabei bewegten. Es war ihm auch jetzt nicht m�glich, zu sagen, <emphasis>was </emphasis>an dieser Art der Bewegung so falsch und absto�end war, aber es blieb dabei: Graves' H�nde bewegten sich auf eine Art, wie es die H�nde eines Menschen einfach nicht tun sollten. Mit solchen Fingern, dachte er, m�sste Graves eigentlich einen hervorragenden Falschspieler abgeben.</p><p>�Du meinst, es w�re schwierig, Freund und Feind auseinander zu halten, mit diesen Figuren?�, erkundigte sich Graves. �Wie im richtigen Leben?� Er lie� sich in seinen Stuhl zur�ckfallen, nachdem er die letzte Figur aufgestellt hatte. �Das ist ein ganz besonderes Schachspiel, Mogens. Es ist sehr alt und sehr wertvoll, aber das ist nicht der Grund, aus dem ich es nur hervorhole, um mit ganz besonderen Menschen zu spielen.�</p><p>�Sondern?�, erkundigte sich Mogens.</p><p>�Es gibt durchaus Unterschiede�, sagte Graves, �man muss nur ganz genau hinsehen. Und man muss sich die Stellung seiner eigenen Figuren gut genug einpr�gen. Wie gesagt: wie im richtigen Leben.� Er machte eine wedelnde Handbewegung. �Du f�ngst an, Mogens. Du hast Wei�.�</p><p>Im allerersten Moment �berlegte sich Mogens ernsthaft, ob er sich wirklich auf dieses alberne Kr�ftemessen einlassen sollte oder ob es nicht kl�ger w�re, einfach aufzustehen und zu gehen. Ein Teil von ihm schreckte davor zur�ck, sich diese Bl��e zu geben, aber ein anderer - weitaus gr��erer - war viel zu vern�nftig, um sich auf dieses Niveau herabzulassen. Dennoch beugte er sich auf dem Stuhl vor und besah sich die winzigen Figuren genauer. Graves hatte Recht: Es gab winzige Unterschiede - auch wenn sie nach Mogens' Daf�rhalten l�ngst nicht ausreichten, um die Figuren noch identifizieren zu k�nnen, wenn sie ihre geordnete Schlachtformation erst einmal aufgegeben hatten und sich die gegnerischen Reihen zu durchdringen begannen. Aber was hatte er schlie�lich zu verlieren au�er ein wenig Zeit, die ihm ohnehin zur Qual wurde, und einem bedeutungslosem Spiel?</p><p>Er er�ffnete klassisch, indem er den K�nigsbauern zwei Felder nach vorne zog, und Graves machte ein abf�lliges Gesicht und reagierte mit der ebenso klassischen Entgegnung darauf. Fast zu seiner eigenen �berraschung ertappte sich Mogens schon nach wenigen Z�gen dabei, sich nicht nur fast vollst�ndig auf die Partie zu konzentrieren, sondern auch den schon beinahe verbissenen Willen zu versp�ren, sie auf gar keinen Fall zu verlieren. Fr�her, an der Universit�t, hatten Graves und er oft Schach miteinander gespielt, wenn auch auf einem normalen Brett mit Figuren unterschiedlicher Farbe, und neun von zehn Partien hatte er, Mogens, gewonnen. Aber eben nicht alle, und die wenigen Niederlagen, die Graves ihm beigebracht hatte, waren ausnahmslos vernichtend gewesen, und fast ausnahmslos sehr schnell gekommen. Graves geh�rte zu jenen nahezu unberechenbaren Spielern, die im Grunde nicht besonders gut waren, und schon gar nicht kreativ, daf�r aber manchmal zu vollkommen unsinnigen Reaktionen neigten, mit denen sie ihre Gegner aus dem Konzept brachten oder einfach �berrumpelten. Nichts anderes, sinnierte Mogens, hatte Graves auch getan, um ihn hierher zu bringen. Er hatte ihn schlichtweg �berrumpelt. Aber das w�rde ihm nie wieder gelingen.</p><p>Er erlebte eine �berraschung; allerdings keine angenehme. Graves hatte in den letzten Jahren offensichtlich eine Menge dazugelernt. Er spielte noch immer nicht wirklich meisterhaft, trotzdem aber sehr viel besser, als Mogens es in Erinnerung hatte und erwartete, und es wurde erwartungsgem�� schlimmer, als ihre Figuren sich nahe kamen. Die Aufgabe, sich die Stellung aller seiner sechzehn Figuren einzupr�gen, nahm einen gro�en Teil seiner geistigen Kapazit�t in Anspruch, und er war ihr trotz aller M�he nicht vollends gewachsen. Zwei- oder dreimal sch�ttelte Graves nur ebenso stumm wie sp�ttisch den Kopf, als er nach einer Figur greifen wollte, um ihn darauf hinzuweisen, dass es nicht seine eigene war, und er verlor einen Springer und drei Bauern, weil er genau den umgekehrten Fehler machte. Dennoch trieb er Graves' Figuren langsam, aber unerbittlich vor sich her. Nach kaum mehr als zwanzig oder f�nfundzwanzig Z�gen gab es am Ausgang der Partie eigentlich keinen Zweifel mehr. Er schlug Graves ein Remis vor, das dieser jedoch ablehnte.</p><p>�Man sollte niemals aufgeben, bevor das Spiel nicht wirklich zu Ende ist�, sagte er. �Diese Maxime habe ich mir schon vor langer Zeit zu eigen gemacht. Ohne sie w�re ich vermutlich nicht mehr am Leben.�</p><p>Mogens sah nicht einmal von Schachbrett hoch. Er sp�rte, dass Graves das nicht nur gesagt hatte, um Konversation zu machen, sondern um eine ganz bestimmte Reaktion, wahrscheinlich eine Frage, seinerseits zu provozieren. Aber er hatte pl�tzlich keine Lust mehr, sich auf eine Diskussion irgendwelcher Art mit Jonathan Graves einzulassen, und au�erdem wusste er, dass er sofort und endg�ltig den �berblick verlieren w�rde, wenn er auch nur ein einziges Mal vom Schachbrett aufsah.</p><p>�Du wei�t, dass sie nicht dort unten ist, nicht wahr?�, fragte Graves pl�tzlich.</p><p>�Wer?�, gab Mogens zur�ck. Er hoffte, dass Graves sich ebenso sehr auf das Schachbrett konzentrierte wie er selbst und sein unmerkliches Zusammenzucken so vielleicht nicht bemerkt hatte.</p><p>�Janice�, antwortete Graves.</p><p>Diesmal fuhr Mogens so heftig zusammen, dass Graves es gar nicht �bersehen haben konnte. Er schwieg.</p><p>Graves zog seinen einzigen verbliebenen Turm vor und brachte ihn damit derart offensichtlich in Gefahr, dass Mogens sich fragte, welche Falle wohl dahinter stecken mochte. Er streckte die Hand nach seinem L�ufer aus, um das so �berdeutlich dargebotene Geschenk anzunehmen, zog sie dann wieder zur�ck und lie� seinen Blick nachdenklich �ber die restlichen Figuren auf dem Schachbrett schweifen. Er sah keine Falle, aber das bedeutete nicht, dass keine da war.</p><p>�Du bist mir noch eine Antwort schuldig�, sagte Graves. �Dabei bin doch eigentlich ich es, der schweigen sollte.�</p><p>�Warum?�, gab Mogens beinahe widerwillig zur�ck.</p><p>�Weil ich wei�, dass dein pl�tzlicher Sinneswandel nur einen einzigen Grund haben kann�, antwortete Graves. �Du hoffst, Janice dort unten zu finden. Du wei�t nat�rlich, dass das nicht der Fall sein wird. Es ist sogar nahezu vollkommen ausgeschlossen. Aber etwas genau zu wissen, hat noch nie jemanden davon abgehalten, an das genaue Gegenteil zu glauben.�</p><p>Mogens schlug den Turm nun doch. Wenn es eine Falle war, dann war sie so raffiniert aufgebaut, dass er sie auch dann nicht entdecken w�rde, wenn er noch eine Stunde auf das Schachbrett starrte. �Du redest Unsinn, Jonathan�, sagte er in ganz bewusst br�skem Tonfall. �Wenn Miss Preussler die Wahrheit sagt, dann ist es einfach unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dort hinunterzugehen und diese armen Menschen aus der Gewalt der Bestien zu befreien.�</p><p>�Wenn sie die Wahrheit sagt?�, wiederholte Graves und machte einen weiteren, Mogens' Meinung nach noch viel unsinnigeren Zug, der ihn nun vollends verwirrte. �Zweifelst du etwa pl�tzlich an Miss Preusslers Aufrichtigkeit?�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens. �Aber sie hat es selbst gesagt: Sie war in Panik. Sie hatte Todesangst. Wahrscheinlich war sie vollkommen hysterisch - ich an ihrer Stelle w�re es jedenfalls gewesen -, und dazu noch diese Bestien, die ihr wei� Gott was angetan haben. Ich w�re jedenfalls nicht erstaunt, wenn sie einer Halluzination erlegen w�re.�</p><p>Graves konzentrierte sich f�r eine gute Minute auf das Schachbrett, bevor er antwortete. �Dann hast du die Hoffnung also aufgegeben, Janice zu finden?�, erkundigte er sich in fast beil�ufigem Ton.</p><p>�Jonathan - was soll das?�, fragte Mogens. �Ich tue, was du willst, und begleite dich noch einmal diese verfluchte Kammer hinab. Was hast du vor? Willst du mich aus purer Bosheit ein bisschen qu�len?�</p><p>�Nein�, sagte Graves, zog seine Dame vor und schlug damit Mogens' Turm. �Ich will gewinnen. Schachmatt.�</p><p>Mogens starrte ebenso verbl�fft wie fassungslos auf das Schachbrett. Er streckte die Hand nach den Figuren aus, zog sie wieder zur�ck, streckte sie noch einmal aus und sch�ttelte schlie�lich verwirrt den Kopf. �Sag mir nicht, du hast dieses Thema nur angesprochen, um mich abzulenken�, sagte er.</p><p>�Ich pflege jeden Vorteil zu nutzen, der sich mir bietet�, sagte Graves gelassen. �Du gibst zu, dass ich dich geschlagen habe?�</p><p>�Wenn du darauf bestehst�, sagte Mogens �bellaunig. �Auch wenn ich nicht verstehe, wie. Aber bitte: Du hast mich geschlagen.�</p><p>�Und noch dazu mit deiner eigenen Dame�, sagte Graves l�chelnd.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Mogens �berhaupt begriff: Die Figur, mit der Graves ihn schachmatt gesetzt hatte, geh�rte ihm. �Das ist Betrug�, sagte er emp�rt.</p><p>�Ich sagte doch, Mogens: Ich pflege jeden Vorteil zu nutzen, den ich bekommen kann.�</p><p>�Indem du betr�gst?�, fragte Mogens ver�chtlich.</p><p>�Du warst schon immer der bessere Spieler, Mogens�, sagte Graves ruhig �Ich kann dich nicht schlagen. Nicht, wenn ich mich an die Regeln halte.�</p><p>�Also betr�gst du?�</p><p>�Ich �ndere die Regeln�, verbesserte ihn Graves. �Manchmal ist das die einzige M�glichkeit, um zu �berleben.�</p><p>Mogens war nicht ganz sicher, was Graves ihm damit sagen wollte, oder ob er ihm <emphasis>�berhaupt </emphasis>etwas sagen wollte und sich nicht vielleicht einfach nur aufspielte, aber er versp�rte pl�tzlich den intensiven Wunsch, das Schachbrett samt allen Figuren vom Tisch zu fegen. Vielleicht hielt ihn einfach der Respekt vor der kostbaren Antiquit�t zur�ck, die dieses Spiel darstellte. Er stand auf. �Du hast Recht, Jonathan�, sagte er knapp. �Ich werde noch einmal hin�bergehen und versuchen, ein wenig Ruhe zu finden.�</p><p>Eine - bescheidene - Befriedigung hatte er: Graves wirkte ganz eindeutig entt�uscht. Dieses ganze Spiel und alles, was er gesagt hatte, waren nur Vorbereitung gewesen, aber er wollte pl�tzlich gar nicht mehr wissen, worauf.</p><p>Auch wenn ihm sein Verstand sagte, dass er vielleicht besser daran t�te, hier zu bleiben und ihm zuzuh�ren.</p><p>Stattdessen st�rmte er regelrecht aus dem Haus und legte auch das erste halbe Dutzend Schritte beinahe rennend zur�ck, bevor er langsamer wurde und schlie�lich ganz stehen blieb. Sein Puls ging so schnell, dass er ein paar Mal bewusst langsam und tief ein- und ausatmen musste, um nicht zu hyperventilieren. Hatte er vor wenigen Minuten noch geglaubt, dass es Graves nicht noch einmal gelingen w�rde, ihn zu �berrumpeln? Nun, es <emphasis>war </emphasis>ihm gerade gelungen. Er hatte ihn so gr�ndlich und nachhaltig aus der Fassung gebracht, wie er es bisher nicht einmal f�r m�glich gehalten hatte. Und er wusste nicht einmal, wieso.</p><p>Vielleicht gab es gar keinen Grund. Vielleicht war Graves einfach nur ein Ungeheuer, dem es Freude bereitete, andere zu qu�len.</p><p>Mogens blieb einige Minuten lang reglos stehen und wartete, bis sich sein h�mmernder Pulsschlag beruhigt hatte und auch sein Atem wieder halbwegs normal ging. M�glicherweise deutete er einfach zu viel in jede Kleinigkeit hinein. Sie waren alle nerv�s, und er hatte furchtbare Angst vor dem, was vor ihnen lag und was...</p><p>Die Erde unter seinen F��en bebte.</p><p>Eigentlich war es gar kein richtiges Beben, keine wirkliche Bewegung, sondern eher etwas wie die Antwort auf eine Bewegung - als h�tte sich tief unter seinen F��en im Scho�e der Erde etwas Gigantisches geregt und w�re gleich darauf wieder in Schlaf versunken. Die Ersch�tterung war nicht sehr heftig gewesen - Mogens war nicht einmal sicher, dass er sie �berhaupt zur Kenntnis genommen h�tte, h�tte er jetzt noch drinnen bei Graves gesessen und seinen Weisheiten gelauscht, die vermutlich aus einem chinesischen Gl�ckskeks stammten -, aber zugleich auch auf eine Weise <emphasis>m�chtig, </emphasis>die ihn innerlich aufst�hnen lie�. Nichts war geschehen. Die Erde hatte keine Risse bekommen. Der Himmel begann nicht einzust�rzen. Er h�rte weder das Klirren von zerbrechendem Glas noch das Bersten zusammenbrechender Geb�ude, nicht ein einziger Vogel erhob sich aus den Baumwipfeln, kein Hund bellte. Und dennoch traf die Ersch�tterung zugleich etwas in seinem Innern mit solch verheerender Wucht, dass er sich innerlich kr�mmte und sich in seiner Menschlichkeit selbst verletzt f�hlte. Vielleicht war es nicht einmal wirklich ein Erdbeben gewesen, dachte Mogens beunruhigt. Vielleicht hatte die <emphasis>Wirklichkeit </emphasis>gebebt, und die Ersch�tterung, die er gesp�rt hatte, war nicht einmal real gewesen; etwas, das seine Sinne nur als solche deuteten, weil ihnen die Worte fehlten, um zu beschreiben, was wirklich geschehen war.</p><p>Hinter ihm klappte eine T�r. Mogens fuhr so erschrocken zusammen und herum, dass sein Herz schon wieder wie wild zu h�mmern begann. Seine H�nde zitterten. Im allerersten Moment sah er nur Schatten, dann glomm ein winziges rotes Auge auf und blinzelte ihm zu.</p><p>�Du hast es also auch gesp�rt.�</p><p>�Selbstverst�ndlich.� Graves schlenderte gem�chlich heran, schnippte den heruntergebrannten Stummel seiner Zigarette davon und z�ndete sich eine neue an, noch bevor er ihn erreicht hatte. �Und nicht nur ich.�</p><p>Er machte eine Kopfbewegung zur anderen Seite des Platzes. In Toms H�tte war Licht angegangen, und nur wenige Augenblicke sp�ter fiel ein dreieckiger Lichtschein aus dem Haus. Ein sonderbares L�cheln huschte f�r einen kurzen Moment �ber sein Gesicht, dann trat er einen halben Schritt zur�ck und legte den Kopf in den Nacken, um in den Himmel hinaufzusehen.</p><p>Mogens folgte seinem Blick. Der Himmel war so klar, dass jeder einzelne Stern wie ein Nadelstich in einer tiefschwarzen Pappe funkelte, hinter der eine extrem starke Lichtquelle brannte, und f�r einen Moment, bevor er die vertrauten Sternbilder und Konstellationen erkannte, schien sich das gesamte Firmament �ber ihm zu drehen, als f�hrten die Sterne einen schwerelosen Tanz auf, um sich zu einem geheimnisvollen und bedeutenden Muster neu zu ordnen.</p><p>Mogens blinzelte, und die Sterne waren wieder normal. Vielleicht hatte er sich nur zu hastig bewegt. Sein Kreislauf spielte noch immer verr�ckt, und wenn er ehrlich war, dann galt das nicht nur f�r seinen Kreislauf. Er war in der vergangenen Nacht schwer verletzt worden, und er war kein Mann, der solcherlei gewohnt war. Allein der Blutverlust, den er erlitten hatte, h�tte ihn normalerweise f�r zwei oder drei Tage ans Bett gefesselt, von den tiefen Schnittwunden, die ihm die Krallen des Ghouls zugef�gt hatten, ganz zu schweigen. Wenn man all das bedachte, f�hlte sich Mogens schon beinahe unnat�rlich gut und tatendurstig, aber er machte sich nichts vor. In seinem Zustand dort hinunterzugehen und sich m�glicherweise auf einen Kampf mit den Ghoulen einzulassen - was hatte Miss Preussler gesagt' Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte? - war Irrsinn.</p><p>Tom kam heran. Seine Schritte erzeugten sonderbare, saugende Laute in dem aufgeweichten Boden. Ger�usche, die auf unm�glich in Worte zu fassende Weise ebenso falsch und <emphasis>lebendig </emphasis>wirkten wie das vermeintliche Erdbeben gerade. Ohne ein Wort nickte er Mogens zu und nahm dann neben Graves Aufstellung, um auf die gleiche Weise in den Himmel hinaufzusehen wie er.</p><p>Nach einer Weile sagte er leise: �Es beginnt, nicht wahr?�</p><p>Graves nickte. �Ja�, sagte er. �Es beginnt.�</p><p>Die Worte jagten Mogens einen eisigen Schauer �ber den R�cken. Graves' Stimme war kaum mehr als ein Fl�stern gewesen, und doch lie� ihr Klang Mogens abermals erschauern. Graves hatte... <emphasis>gl�cklich </emphasis>geklungen. Auf eine Art gl�cklich, die Mogens Angst machte.</p><p>Auch er sah noch einmal konzentriert in dieselbe Richtung wie Tom und Graves. Der klare Sternenhimmel bot einen Anblick von majest�tischer Pracht, aber er konnte dennoch nichts Au�ergew�hnliches dort oben entdecken.</p><p>�Wovon redet ihr?�, fragte er. Irgendwie hatte er das Gef�hl, etwas Falsches zu tun. Dieser besondere Augenblick war etwas so Kostbares, dass der blo�e Klang seiner Stimme ein Sakrileg darstellte.</p><p>Mogens rief sich in Gedanken zur Ordnung. Was war nur mit ihm los? Anscheinend begann ihn Graves' pseudo-philosophisches Gerede schon anzustecken.</p><p>�Hast du dich jemals gefragt, was dort oben ist?�, fragte Graves, noch immer in diesem sonderbaren Ton, der Mogens jetzt allerdings viel mehr <emphasis>ehrf�rchtig </emphasis>erschien als gl�cklich, und ohne den Blick von dem loszurei�en, was immer er dort oben auch sehen mochte.</p><p>�Sterne�, antwortete Mogens automatisch. �Unendlich viele Sterne.�</p><p>�Sicher�, antwortete Graves l�chelnd. �Aber zwischen den Sternen. Dahinter, Mogens.�</p><p>�Hinter den Sternen?�, wiederholte Mogens verst�ndnislos. �Wie meinst du das?�</p><p>�Leben, Mogens, Leben�, antwortete Graves. �Hast du dich niemals gefragt, ob es dort oben vielleicht Leben gibt? Menschen wie wir oder vielleicht auch andere, bizarrere Wesen?�</p><p>Selbstverst�ndlich hatte sich Mogens diese Frage schon gestellt, so wie sie sich wohl jeder irgendwann einmal stellt, wenn er in den Nachthimmel hinaufsah und diese unverstellbare Menge von Sternen erblickt. Er war nie zu einer Antwort gelangt, und er fand auch nicht, dass jetzt der passende Moment war, um dar�ber zu diskutieren.</p><p>Er kam allerdings nicht dazu, eine entsprechende Bemerkung zu machen, denn in diesem Moment sagte eine Stimme hinter ihm: �Was f�r ein gottesl�sterlicher Unsinn, Doktor Graves!�</p><p>Mogens fuhr beinahe erschrocken herum, w�hrend Graves noch einmal zwei oder drei Atemz�ge verstreichen lie�, bevor er sich betont ruhig umwandte und Miss Preussler mit einem Blick ma�, in dem sich ein leicht am�siertes und ein ver�chtliches Glitzern um die Vorherrschaft stritten. �Miss Preussler�, sagte er. �Was tun Sie hier, meine Liebe? Sie sollten im Bett liegen und sich ausruhen, nach allem, was Sie mitgemacht haben.�</p><p>Miss Preussler kam noch zwei Schritte n�her, stemmte die F�uste in die ausladenden H�ften und ma� den gut einen Fu� gr��eren Graves mit einem Blick, der ihn pl�tzlich irgendwie kleiner wirken lie� als sie selbst. �Ja, das w�rde Ihnen gefallen�, sagte sie nickend. �Dann w�rde ich diese gottesl�sterlichen Reden nicht h�ren, die Sie schwingen, nicht wahr?� Sie drehte mit einem Ruck den Kopf und funkelte nun Mogens kein bisschen weniger ver�rgert an, sodass er sicher war, ihr ganzer, heiliger Zorn w�rde sich nun auf ihn entladen. Als sie weitersprach, klang ihre Stimme jedoch unerwartet sanft; eindeutig mehr entt�uscht und besorgt als zornig.</p><p>�Und Sie, Professor?�, sagte sie kopfsch�ttelnd. �Sie stehen da und h�ren sich dieses Geschw�tz kommentarlos an? Ein Mann von Ihrer Bildung? Ich h�tte wahrlich mehr von Ihnen erwartet.�</p><p>Mogens wusste im ersten Moment nicht einmal, was er sagen sollte. Als er Miss Preussler das letzte Mal gesehen hatte - vor zwei Stunden -, da hatte sie leichenblass und vollkommen ersch�pft und ver�ngstigt auf dem Bett gelegen, und er w�re nicht einmal sicher gewesen, dass sie auch nur die Kraft aufbrachte, aufzustehen. Jetzt war weder von dem einen noch dem anderen irgendetwas zu entdecken. Miss Preussler hatte sich nicht nur angezogen, ihr Haar gerichtet und sich gr�ndlich ges�ubert, sie war auch wieder ganz die alte, resolute Betty Preussler, die nichts in ihrer Umgebung duldete, was ihrem Weltbild, ihrer Sicht der Dinge und ihrem Gef�hl f�r Sauberkeit und Anstand widersprach. H�tte er den bejammernswerten Zustand, indem sie sich am Morgen befunden hatte, nicht mit eigenen Augen gesehen, so h�tte er niemals f�r m�glich gehalten, dass sich ein Mensch derart schnell davon erholen konnte.</p><p>�Aber ich bitte Sie, meine liebe Miss Preussler�, sagte Graves. �Lassen Sie Ihren gerechten Zorn nicht an dem armen Professor aus. Wir haben eine rein akademische Diskussion gef�hrt, das ist alles.�</p><p>�Eine rein akademische Diskussion, so?�, wiederholte Miss Preussler, w�hrend sie sich wieder ganz zu Graves herumdrehte. Ihre Augen funkelten kampflustig. �Es mag sein, dass ich nichts von Ihren wissenschaftlichen Themen verstehe, mein lieber Doktor�, sagte sie, �denn ich bin schlie�lich nur eine dumme alte Frau aus einer kleinen Stadt. Aber ich erkenne sehr wohl, wenn jemand den HERRN verspottet - auch, wenn er versucht, diese Ketzereien als wissenschaftliche Diskussion zu tarnen.�</p><p>Graves wirkte f�r einen kurzen Moment verst�rt, und Mogens hatte alle M�he, das schadenfrohe Grinsen zu unterdr�cken, das sich auf seinem Gesicht ausbreiten wollte. Er hatte - ein einziges Mal, in all den Jahren! - versucht, diese Art von Gespr�ch mit seiner Zimmerwirtin zu f�hren, und diesen Versuch wohlweislich niemals wiederholt. Graves war weder entsprechend vorgewarnt, noch genoss er Miss Preusslers uneingeschr�nkte Sympathie, wie er, und so beging er den Fehler, es nicht gut sein zu lassen, sondern ihr zu antworten. �Aber Miss Preussler, ich bitte Sie!�, sagte er. �Niemand wollte Ihnen zu nahe treten, weder Ihnen noch Ihrem Glauben, das versichere ich Ihnen. Kommen Sie, meine Liebe.�</p><p>Er streckte den Arm aus, wie, um ihn ihr um die Schulter zu legen, aber er f�hrte die Bewegung dann vorsichtshalber doch nicht zu Ende, als er ihrem Zorn spr�henden Blick begegnete. Einen Herzschlag lang wirkte er noch verunsicherter als zuvor, dann deutete er ein Schulterzucken an, zwang erneut ein L�cheln auf sein Gesicht und machte eine Handbewegung in den Himmel hinauf. �Es liegt mir fern, Gottes Sch�pfung irgendwie anzuzweifeln oder auch nur kleiner zu machen. Sehen Sie all diese Sterne dort oben?�</p><p>Miss Preussler nickte abgehackt.</p><p>�Was glauben Sie, wie viele es sind?�, fuhr Graves fort.</p><p>�Viele�, antwortete sie. �Tausende.�</p><p>Graves sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Es sind viel mehr�, sagte er. �Millionen, Miss Preussler, viele, viele Millionen, allein in unserer Milchstra�e - Sie wissen, was eine Milchstra�e ist?�</p><p>Mit der letzten Frage, mutma�te Mogens, hatte er sich auch noch den allerletzten Rest von Sympathien bei Miss Preussler verspielt - falls er denn noch welche gehabt hatte. Statt sich einzumischen, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, beschloss er spontan, einfach ruhig zu sein und zuzusehen, wie sich Graves um Kopf und Kragen redete.</p><p>�Es gibt allein in unserer Milchstra�e mehrere Millionen Sterne, und viele von diesen Sternen dort oben�, er spie�te mit dem gl�henden Ende seiner Zigarette in den Himmel, als wollte er ein weiteres gro�es Loch hineinbrennen, �kommen uns nur vor wie Sterne, weil sie so unendlich weit entfernt sind, aber sie sind in Wahrheit ihrerseits wiederum ganze Milchstra�en.�</p><p>�H�chst interessant�, sagte Miss Preussler k�hl. �Und was genau wollen Sie mir damit sagen, Doktor?�</p><p>�Dass das Universum unendlich ist, meine liebe Miss Preussler�, antwortete Graves. �Jedes einzelne dieser winzigen Lichter dort oben ist in Wahrheit eine Sonne, ebenso gewaltig und lebensspendend wie die unsere. Und ihre Anzahl �bersteigt unser aller Vorstellungskraft.�</p><p>�Und?�, fragte Miss Preussler. Sie klang ein wenig gereizt, und Mogens ertappte sich dabei, wie er ganz instinktiv einen halben Schritt zur�ckwich. Ein gewisser Sicherheitsabstand war m�glicherweise nicht das Schlechteste, wenn Titanen aufeinander prallten.</p><p>�Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Wunder des Lebens unter all diesen unz�hligen Sonnen nur ein einziges Mal entstanden sein soll.�</p><p>�Und Gott der HERR schuf den Menschen nach seinem Vorbild�, antwortete Miss Preussler. �Sie haben es selbst gesagt, Doktor Graves: Es ist ein Wunder. Nicht mehr und nicht weniger.�</p><p>�Aber steht denn irgendwo in der Bibel, dass er <emphasis>nur </emphasis>den Menschen erschaffen hat?�, fragte Graves liebensw�rdig.</p><p>Miss Preussler sog h�rbar die Luft ein. �Doktor Graves�, sagte sie scharf. �Ich dulde eine solche Gottesl�sterung nicht in meiner N�he.�</p><p>�Aber Miss Preussler, ich...�</p><p>�Genug�, unterbrach ihn Miss Preussler in noch sch�rferem Ton. �Das ist Ketzerei, Doktor Graves. Glauben Sie mir, wenn dieser Junge nicht bei uns w�re, dann w�rde ich Ihnen jetzt die Antwort geben, die Ihnen geb�hrt. Und jetzt w�rde ich Sie darum bitten, das Thema zu wechseln. Wie viel Zeit bleibt uns noch?�</p><p>�Uns?� Graves blinzelte. �Was meinen Sie mit <emphasis>uns, </emphasis>Miss Preussler?�</p><p>�Aber Sie haben doch noch immer vor, dort hinunterzugehen und diese armen Menschen zu befreien, nehme ich an.�</p><p>�Selbstredend�, antwortete Graves, �aber Sie haben doch nicht etwa vor...�</p><p>�... Sie zu begleiten?�, unterbrach ihn Miss Preussler. �Aber nat�rlich werde ich mit Ihnen gehen.�</p><p>�Ich f�rchte, das kann ich nicht zulassen�, sagte Graves ruhig.</p><p>�Und ich f�rchte, Sie k�nnen mich nicht daran hindern�, antwortete Miss Preussler.</p><p>Mogens erlebte ein kleines Wunder: Graves' Gesicht verfinsterte sich erwartungsgem��, und in seinen Augen glomm ganz genau jener Ausdruck auf, der schon vor einem Jahrzehnt seine Kommilitonen an der Universit�t stets dazu bewogen hatte, einen m�glichst gro�en Bogen um ihn zu schlagen, und er konnte sehen, wie sich seine Kiefermuskeln so verspannten, dass er allen Ernstes damit rechnete, im n�chsten Moment das abgebissene Ende seiner Zigarette zu Boden fallen zu sehen. Statt der erwarteten Explosion jedoch blieb Graves zwei oder drei Sekunden lang vollkommen still, dann sagte er ganz ruhig: �Miss Preussler, ich f�rchte, Sie haben nicht ganz verstanden, worum es hier geht. Es k�nnte dort unten... ziemlich gef�hrlich werden. Um ehrlich zu sein - ich rechne sogar ernsthaft damit, dass wir in einen Kampf mit diesen Kreaturen verstrickt werden.�</p><p>�Und da wollen Sie eine arme, schutzlose alte Frau wie mich nat�rlich nicht in Gefahr bringen.� Miss Preusslers Stimme troff geradezu vor Hohn. �Ich denke, ich habe bewiesen, dass ich selbst auf mich aufpassen kann, Doktor Graves.�</p><p>Mogens genoss den Anblick von Graves' Gesicht in vollen Z�gen.</p><p>�Unm�glich!�, sagte er. �Ich kann diese Verantwortung unm�glich �bernehmen und...�</p><p>�Niemand verlangt von Ihnen, irgendeine Verantwortung f�r mich zu �bernehmen�, sagte Miss Preussler. Ihre Stimme war pl�tzlich viel ruhiger, fast schon sanft, was f�r Mogens ein ganz unzweifelhaftes Zeichen darstellte, dass das Thema damit f�r sie erledigt war. �Ich werde Sie, Thomas und den Professor begleiten. Punktum.�</p><p>Graves begann fast verzweifelt mit den behandschuhten H�nden zu ringen. �Miss Preussler, ich bitte Sie, nehmen Sie Vernunft an!�, flehte er. �Diese Kreaturen sind m�glicherweise nicht einmal die gr��te Gefahr, auf die wir dort unten sto�en. Wir w�ren unter Umst�nden noch nicht einmal in der Lage, Sie zu besch�tzen!�</p><p>�Sie meinen, ich w�re nur eine Belastung f�r Sie�, sagte Miss Preussler. Sie sch�ttelte abermals den Kopf. �Aber auch was das angeht, kann ich Sie beruhigen, Doktor. Mit Gottes Hilfe bin ich diesen Unholden schon einmal entkommen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass dies ohne Grund geschehen ist. Dort unten sind noch andere Menschen, die der Rettung bed�rfen.�</p><p>�Und genau deshalb werden wir dort hinuntergehen, Miss Preussler!�, antwortete Graves in einem Tonfall, den er selbst f�r �berzeugend und keinen Widerspruch duldend halten mochte, der in Mogens' Ohren jedoch schon fast verzweifelt klang. �Wir werden tun, was immer in unserer Macht steht, das versichere ich Ihnen, aber...�</p><p>�Ich komme mit�, unterbrach ihn Miss Preussler, und diesmal in einem Ton solcher Endg�ltigkeit, dass selbst Graves es nicht mehr wagte, ihr sofort zu widersprechen. �Es sei denn, Sie versuchen mich mit Gewalt daran zu hindern.�</p><p>Graves' Augen wurden schmal. �F�hren Sie mich nicht in Versuchung, Miss Preussler�, sagte er leise.</p><p>�In diesem Fall allerdings�, fuhr Miss Preussler unger�hrt fort, �m�sste ich mich auf der Stelle auf den Weg in die Stadt machen, um Sheriff Wilson von meiner Entdeckung zu berichten.�</p><p>Es war bei der herrschenden Dunkelheit schlecht zu erkennen - aber Mogens glaubte regelrecht zu <emphasis>h�ren, </emphasis>wie auch noch das letzte bisschen Farbe aus Graves' Gesicht wich. �Das w�rden Sie nicht tun!�, keuchte er.</p><p>�Das <emphasis>m�sste </emphasis>ich sogar�, korrigierte ihn Miss Preussler sanft. �Dort unten befinden sich Menschen in Lebensgefahr, Doktor Graves. Ich bin sogar verpflichtet, ihnen zu helfen. Und wenn ich das selbst nicht kann, so doch wenigstens die Beh�rden zu informieren.�</p><p>�Einen Fu�marsch in die Stadt?�, erwiderte Graves ver�chtlich und beging damit seinen allerletzten und schlimmsten Fehler, auf den es aber vermutlich schon gar nicht mehr ankam. �Sie w�ren allein bis Sonnenaufgang unterwegs, um das B�ro des Sheriffs auch nur zu erreichen.�</p><p>Miss Preussler l�chelte zuckers��. �Aber ich bitte Sie, mein lieber Doktor�, sagte sie. �Bis zum Lager Ihrer gesch�tzten Kollegen ist es allerh�chstens eine Stunde, selbst f�r eine alte Frau, die nicht mehr so gut auf den Beinen ist. Ich bin sicher, dort wird man mir gewiss eine Fahrgelegenheit in die Stadt zur Verf�gung stellen.�</p><p>Graves' Gesicht erstarrte endg�ltig zu Stein. �Das ist Erpressung, das wissen Sie.�</p><p>�Jetzt �bertreib es nicht, Jonathan�, mischte sich Mogens ein. Er gab sich keine M�he mehr, das schadenfrohe Grinsen von seinen Lippen zu verbannen. �So, wie ich die Sache sehe, nutzt Miss Preussler lediglich alle ihre M�glichkeiten.� Er grinste noch breiter. �Ein guter Bekannter hat mir vor nicht einmal langer Zeit erz�hlt, dass man die Regeln eben manchmal �ndern muss, wenn man das Spiel sonst nicht gewinnen kann.�</p><p>Sowohl Miss Preussler als auch Tom blickten ihn einen Moment lang nur verst�ndnislos an, aber der Ausdruck in Graves' Augen war nichts anderes als pure Mordlust. Er sog so heftig an seiner Zigarette, dass das Ende fast wei� aufleuchtete, schleuderte sie dann mit einer w�tenden Bewegung zu Boden und hob den Fu�, um ihn sichtlich mit aller Kraft darauf niedersausen zu lassen. Stattdessen jedoch zog er pl�tzlich die Augenbrauen zusammen, machte einen fast komisch anmutenden halben Storchenschritt nach hinten und lie� sich noch aus der gleichen Bewegung heraus in die Hocke sinken.</p><p>�Was haben Sie?�, fragte Tom. Er klang alarmiert.</p><p>Graves antwortete nicht, sondern beugte sich in der Hocke weiter vor und machte eine Bewegung, wie um sich mit den H�nden auf dem Boden abzust�tzen, schrak dann aber im letzten Moment aus irgendeinem Grund davor zur�ck. Trotz des schlechten Lichtes konnte Mogens erkennen, wie erschrocken der Ausdruck auf seinem Gesicht pl�tzlich war.</p><p>Auch er lie� sich in die Hocke sinken und sah dorthin, wo Graves' Zigarettenstummel zu Boden gefallen war. Er lag immer noch hellrot gl�hend da, und als Mogens sich weiter vorbeugte, stieg ihm ein scharfer Geruch in die Nase; fast wie der Gestank von verschmortem Fleisch. In der n�chsten Sekunde korrigierte er sich in Gedanken. Nein - nicht <emphasis>fast. </emphasis>Das <emphasis>war </emphasis>der Gestank von schmorendem Fleisch, denn die Zigarette war nicht auf den schlammigen Boden gefallen, sondern hatte etwas Wei�es, Lebendiges getroffen, das sich nun unter der grausamen Hitze wand und drehte, ohne dem t�dlichen Feuer, das sich in sein Fleisch brannte, entkommen zu k�nnen.</p><p>�Gro�er Gott!�, stie� Miss Preussler hervor. �Was ist denn das?�</p><p>Graves antwortete noch immer nicht, bewegte sich aber in der Hocke einen halben Schritt zur�ck, und Mogens musste sich mit aller Kraft beherrschen, um nicht nur nicht dasselbe zu tun, sondern gleich in die H�he zu springen und einen angeekelten Laut zu unterdr�cken. Das Ding, auf das Graves' Zigarette gest�rzt war, war eine Art Augen- und f�hlerloser Schnecke, deutlich dicker, aber kaum gr��er als der Zigarettenstummel. Ihre Haut war nahezu durchsichtig, sodass man die winzigen, fremdartigen Organe darunter erkennen konnte, die in rasendem Takt pumpten und sich bewegten, um gegen die grausame Glut anzuk�mpfen, die sich immer weiter in ihr schmelzendes Fleisch fra�, und Mogens musste fast all seine Willenskraft aufbieten, um sich selbst davon zu �berzeugen, dass das leise Zischen, das er h�rte, das Ger�usch des brennenden Fleisches war, und kein Schrei.</p><p>�Doktor Graves!�, keuchte Miss Preussler. �Ich flehe Sie an - erl�sen Sie diese arme Kreatur!�</p><p>Graves starrte sie einen Moment lang einfach nur fassungslos an, und selbst Mogens war �berrascht, doch keiner von ihnen kam dazu, Miss Preusslers Wunsch zu erf�llen, oder auch nur etwas darauf zu erwidern.</p><p>Auch Tom hatte sich auf die Knie niedergelassen und vorgebeugt, und er bewies erneut, dass er ein weitaus pragmatischerer Mensch war als Graves oder gar Mogens. Ganz zweifellos musste der Anblick f�r ihn ebenso ekelerregend sein wie f�r sie, was ihn aber nicht daran hinderte, ein Streichholz anzurei�en und die Flamme an den Docht der kleine Karbidlampe zu halten, die er mitgebracht hatte. Das wei�e Licht war Mogens' an die Dunkelheit gew�hnten Augen im allerersten Moment so unangenehm, dass er die Lider zusammenkniff und sch�tzend die Hand vors Gesicht hielt.</p><p>Trotzdem sah er, dass die Schnecke nicht allein gekommen war.</p><p>Ganz und gar nicht.</p><p>Miss Preussler stie� einen kleinen, spitzen Schrei aus und schlug beide H�nde vor den Mund, und auch Mogens' Selbstbeherrschung reichte nun nicht mehr. Abrupt sprang er in die H�he, prallte einen Schritt zur�ck und fuhr herum - nur um erneut und diesmal ebenfalls mit einem angeekelten Laut auf den Lippen zu erstarren.</p><p>So weit das wei�e Licht der Laterne reichte, war der gesamte Boden rings um sie herum zu wimmelndem, schleimigem Leben erwacht. Es mussten Millionen sein, zumindest aber Tausende und Abertausende haarloser, winziger, sich drehender, windender, kriechender und krabbelnder Leiber, die aus dem Boden herausgekrochen waren, ihre Fu�stapfen f�llten - Mogens versuchte sich mit aller Gewalt dagegen zu wehren, aber pl�tzlich h�rte er wieder das gr�ssliche Ger�usch, das ihre Schritte vorhin auf dem vermeintlich matschigen Untergrund verursacht hatten, und mit einem Male bekam es eine ganz andere, schreckliche Bedeutung in seinen Ohren -, sich in Furchen und Radspuren ergossen und sich hier und da zu grotesken Gebilden aufzut�rmen schienen, die ebenso schnell wieder in sich zusammenfielen, wie sie entstanden.</p><p>�Mein Gott, Professor - was ist das?�, hauchte Miss Preussler.</p><p>Selbst wenn Mogens die Antwort auf diese Frage gewusst h�tte, h�tte er in diesem Moment keinen Laut hervorgebracht. Er sp�rte zwar instinktiv, dass sie nicht wirklich in Gefahr waren, aber der Anblick war so bizarr und ekelerregend, dass er ihm buchst�blich die Kehle zuschn�rte. �berall rings um sie herum wuselte und glitt es, und auch wenn die Gesch�pfe vermutlich nicht in der Lage waren, irgendeine Lebens�u�erung von sich zu geben, so produzierten sie in ihrer Masse und Bewegung sehr wohl Ger�usche: ein schleimiges, gluckerndes Flie�en und Klatschen, ein Ger�usch wie Schritte in klebrigem Morast, aber ungleich ekelerregender, fremdartiger, und als w�re das allein noch nicht genug, war er nun fast sicher, ein Muster in der allgegenw�rtigen Bewegung zu erkennen. Die einzelnen Tiere bewegten sich scheinbar vollkommen willk�rlich, und dennoch hatte Mogens pl�tzlich den sicheren Eindruck, dass Miss Preussler, Tom, Graves und er sich genau im Zentrum eines sich langsam drehenden und zugleich um sie schlie�enden Kreises befanden, eines sich unendlich langsam bewegenden Malstroms, der sich unerbittlich um sie schloss und sie unweigerlich in die Tiefe rei�en musste, wenn sie hier blieben.</p><p>�Keine Angst, Miss Preussler�, sagte Graves. �Das... das sind nur ein paar Schnecken oder W�rmer. Ekelhaft, aber nicht gef�hrlich. Das Beben muss sie aus der Erde getrieben haben.� Aber auch seine Stimme zitterte, und er hatte M�he, sie unter Kontrolle zu behalten.</p><p>Tom hob seine Lampe ein wenig h�her, sodass der zitternde Lichtkreis, den sie schuf, zwar blasser, zugleich aber deutlich gr��er wurde. Aber auch hinter der Grenze aus Dunkelheit, die sie bisher umgeben hatte, war nicht als der aufgew�hlte, schlammige Morast des Platzes zu sehen. �berall zitterte und wogte es, und Mogens wusste mit einer intuitiven Gewissheit, dass sich das Bild auch dahinter noch fortsetzen w�rde. Das schleimige Ger�usch wurde lauter, und pl�tzlich glaubte er darin fast so etwas wie ein Fl�stern zu vernehmen. Zumindest aber ein Muster, ebenso versteckt und fast unsichtbar wie die Bewegung der gr�sslichen Gesch�pfe und trotzdem ebenso deutlich.</p><p>�Vielleicht sollten wir trotzdem besser ins Haus gehen�, schlug Tom vor.</p><p>Keiner von ihnen widersprach. Selbst Graves wandte sich mit einer hastigen Bewegung um und ging los, und Mogens folgte ihm ebenso schnell. Nach zwei Schritten blieb er wieder stehen und drehte sich zu Miss Preussler um, doch Tom war ihnen auch diesmal zuvorgekommen: Er war neben sie getreten, hielt mit der linken Hand die Laterne hoch �ber seinen Kopf und hatte mit der anderen Miss Preusslers Arm ergriffen und f�hrte sie. F�r den Bruchteil eines Augenblicks empfand Mogens einen tiefen Stich einer vollkommen widersinnigen Eifersucht, f�r die er sich fast augenblicklich sch�mte. Er hatte weder einen Grund noch ein Recht dazu: Tom war der Einzige, der sich in diesem Augenblick auch nur ann�hernd wie ein Mann verhalten hatte, obwohl er es noch nicht einmal ganz war.</p><p>Er konzentrierte sich darauf, Graves so rasch zu folgen, wie es nur ging - was sich als gar nicht so einfach erwies. Die Zahl der Schnecken war noch viel gr��er, als es im ersten Moment den Anschein gehabt hatte. Mogens schrak instinktiv davor zur�ck, auf die gr�sslichen Gesch�pfe zu treten, doch es erwies sich als nahezu unm�glich, auch nur einen Flecken Boden zu finden, der gro� genug war, um seinen Fu� darauf zu setzen. Die ekelerregenden Kreaturen zerplatzten mit leisen, widerlichen Ger�uschen, wenn er darauf trat, und er konnte f�hlen, wie seine Schuhsohlen klebrige F�den hinter sich her zogen, wenn er den Fu� wieder hob. Sein Magen begann zu rebellieren, und tief in ihm erwachte eine Furcht, die uralt und viel zu archaisch war, als dass er sie mit Logik oder k�hler Sachlichkeit bek�mpfen konnte. Mogens war halb wahnsinnig vor Furcht und ganz eindeutig am Ende seiner Kraft und Beherrschung angelangt, als er endlich das Haus erreichte und sich mit einem gro�en Schritt auf die unterste der drei h�lzernen Stufen vor der Eingangst�r rettete. Vielleicht war der einzige Grund, aus dem er nicht hysterisch geworden war, Miss Preussler, die wenige Schritte hinter ihm war, und in deren Gegenwart er sich eine solche Schw�che nicht leisten wollte.</p><p>Graves hatte mittlerweile die T�r ge�ffnet und war bereits im Haus verschwunden. Mogens wollte ihm folgen - er musste es, denn Miss Preussler kam nur wenige Schritte hinter ihnen herangewalzt, und sie machte nicht den Eindruck, als w�rde sie anhalten, nur weil ein v�llig verst�rter Professor von der Universit�t ihrer Heimatstadt leichtsinnigerweise die Treppe blockierte -, aber dann z�gerte er doch noch einmal, lie� sich hastig in die Hocke sinken und schl�pfte aus seinen Schuhen, so schnell er konnte.</p><p>Und keinen Sekundenbruchteil zu langsam. Miss Preussler reagierte auf die lebende Barrikade, die er bildete, ganz genau so, wie er erwartet hatte - n�mlich gar nicht -, und Mogens konnte sich gerade noch mit einem hastigen Satz durch die T�r retten, bevor sie hereinst�rmte. Tom hatte l�ngst den Anschluss verloren und folgte ihr in vier oder f�nf Schritten Abstand, hielt aber dann ebenso wie Mogens auf der obersten Stufe an und drehte sich noch einmal um; wenn auch nicht, um seine Schuhe auszuziehen, sondern um seine Lampe noch h�her zu heben, sodass ihr Lichtschein nun einen guten Teil des Platzes vor dem Haus erhellte.</p><p>Was Mogens in dem knochenbleichen Licht erkannte, verlieh der �belkeit, die in seinem Magen und in seinen Eingeweiden w�hlte, eine vollkommen neue Qualit�t.</p><p>So weit das Auge blickte, schien der gesamte Platz zu wimmelndem, schleimigem, kriechendem Leben erwacht zu sein. Von der schrecklichen Malstrom-Bewegung war nun nichts mehr zu sehen, aber er korrigierte seine Sch�tzung, was die Anzahl der Kreaturen anging, noch einmal um ein gewaltiges St�ck nach oben. Er war pl�tzlich nicht einmal mehr sicher, ob es tats�chlich ein Erdbeben gewesen war, was er vorhin gesp�rt hatte. Die schiere Menge dieser gr�sslichen Gesch�pfe erschien ihm durchaus gro� genug, um zumindest die M�glichkeit in Betracht zu ziehen, dass es ihre blo�e Ann�herung gewesen war, die das Zittern im Boden hervorgerufen hatte.</p><p>�O mein Gott�, murmelte Miss Preussler. Sie war hinter ihn getreten und blickte an seiner Schulter vorbei nach drau�en. �Was ist das? Doktor Graves, was sind es f�r gr�ssliche Kreaturen?�</p><p>�Das wei� ich nicht, Miss Preussler�, antwortete Graves. Er hatte sich wieder gefangen. Das Zittern m�hsam unterdr�ckter Panik war aus seiner Stimme verschwunden, und auch sein Gesicht hatte wieder den gewohnten, �berheblichen Ausdruck angenommen. �Ich bin Altertumsforscher, meine Liebe, kein Biologe.�</p><p>�Gerade haben Sie gesagt, Sie w�ssten...� Miss Preussler r�usperte sich, setzte noch einmal neu an und sagte in ver�ndertem Ton: �Nein, machen Sie mir nichts vor. Sie <emphasis>wissen, </emphasis>was das bedeutet.�</p><p>�Ich wollte, es w�re so�, antwortete Graves. �Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wei� es nicht. Irgendeine Art von Schnecken oder W�rmern oder anderes Getier, nehme ich an.�</p><p>�In solch gro�e Zahl?� Miss Preussler sch�ttelte den Kopf. �Das kann ich nicht glauben.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Graves fortfuhr, und als er es tat, meinte Mogens einen sonderbaren nachdenklichen, zugleich aber un�berh�rbaren Unterton von Besorgnis in seiner Stimme zu vernehmen. �Aber es muss so sein�, antwortete er. �Ich nehme an, das Erdbeben hat sie nach oben getrieben.�</p><p>�Das Erdbeben?�, wiederholte Miss Preussler.</p><p>�Ja�, beharrte Graves. Dann, nach einigen weiteren Sekunden und noch sehr viel leiser, f�gte er hinzu: �Oder etwas anderes.�</p></section><section><title><p id="_39">39.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Obwohl in dem kleinen Zelt gleich zwei Lampen brannten, wurde es nicht richtig hell. Der kalte, wei�e Schein der beiden Laternen trieb die Dunkelheit zwar zur�ck, sodass sie sich wie eine Meute ver�ngstigter Ratten in Ecken und Winkeln zusammenkauerte, sich in Ritzen und hinter Steinen verkroch, um Umrisse schmiegte und alle Linien und Kanten mit zus�tzlichen, schattenhaften Konturen versah, die sich dem direkten Erkennen entzogen, aber dennoch stets pr�sent waren und beharrlich gerade an der Grenze des �berhaupt noch Wahrnehmbaren kratzten, ein Gef�hl wie ein pochender Zahn, den man zwar aus seinem direkten Bewusstsein verdr�ngen konnte, aber niemals <emphasis>ganz </emphasis>vergessen. Aber sie war da. Sie lauerte dicht hinter der zitternden Grenze, die der fahle Lichtschein markierte, und sie wartete am unteren Ende des Schachtes unmittelbar neben ihnen: eine ganze Welt voller Dunkelheit, die bereit war, sie in sich aufzusaugen und einfach zu verschlingen. Der Gedanke, sich mit nicht mehr als einer l�cherlichen Lampe dem Kampf gegen eine Dunkelheit zu stellen, die allumfassend war und vielleicht schon l�nger w�hrte, als es diese Welt gab, war l�cherlich und Angst machend zugleich.</p><p>�Woran denken Sie, Professor?�</p><p>Mogens schrak aus seinen finsteren �berlegungen hoch, aber er ben�tigte eine Sekunde, um zu begreifen, dass es Miss Preusslers Stimme war, die er h�rte, und eine zweite, um zu erkennen, aus welcher Richtung sie kam. Er fragte sich, ob sie diese Frage vielleicht mehrmals hatte stellen m�ssen, bevor der Klang ihrer Stimme durch die Mauer aus Furcht gedrungen war, die er um seine Gedanken errichtet hatte, konnte es aber nicht genau sagen. M�hsam drehte er den Kopf und sah sie an.</p><p>Miss Preussler sa� im Schneidersitz auf der anderen Seite des Schachtes, wohl nur durch einen Zufall so weit von ihm entfernt, wie es in dem kleinen Zelt nur m�glich war, ohne mit dem R�cken gegen die Plane zu sto�en, und sah ihn voller un�bersehbarer Sorge an. Sie hatte sich umgezogen und trug nun ein einfaches Kleid aus robustem Baumwollstoff, schmucklos, aber auch ohne �berfl�ssige Falten oder Zierrat, der sie beim Klettern behindern oder in dem sie sich sogar verfangen konnte, dazu robuste Halbstiefel und einen breitkrempigen Hut, der eher auf eine englische Rennbahn gepasst h�tte als zu einer Expedition zum Mittelpunkt der Erde. Eigentlich h�tte sie l�cherlich aussehen m�ssen, aber sie tat es nicht, sondern strahlte ganz im Gegenteil eine ruhige Zuversicht aus, die dem Licht, das die beiden Grubenlampen mit einem leisen Zischen verstr�mten, etwas von seiner H�rte nahm.</p><p>�An nichts�, antwortete er mit einiger Versp�tung.</p><p>�An nichts?� Miss Preussler sch�ttelte sanft den Kopf. �Niemand denkt an nichts, mein lieber Professor.�</p><p>�Ich habe nur ein wenig... philosophiert�, antwortete er, leise und nach einem abermaligen Z�gern.</p><p>�Lassen Sie mich an Ihren philosophischen �berlegungen teilhaben?�</p><p>Mogens sah fl�chtig zum Eingang hin. Wo blieb nur Graves? Er war vor gut zehn Minuten fortgegangen, um nach Tom zu suchen, der sich versp�tete, und Mogens ertappte sich nicht zum ersten Mal dabei, Graves' R�ckkehr zugleich herbeizusehnen wie sich beinahe zu w�nschen, er w�rde gar nicht zur�ckkommen.</p><p>Er musste an etwas denken, was er einmal �ber Soldaten gelesen hatte, die auf eine gro�e Schlacht warteten. Angeblich, so hie� es, konnten viele von ihnen den Moment des Angriffs gar nicht abwarten, selbst wenn jedermann klar war, dass die wenigsten von ihnen die Schlacht �berleben w�rden. Damals, als er diesen Bericht gelesen hatte, war ihm das absurd vorgekommen, aber nun verstand er es nur zu gut. Nichts war schlimmer als Warten. Selbst wenn man wusste, dass das, worauf man wartete, furchtbar sein w�rde.</p><p>�Professor?�, sagte Miss Preussler. �Sie wollten mir etwas erz�hlen.�</p><p>Mogens glaubte nicht, dass sich Miss Preussler wirklich f�r seine Gedanken interessierte. Aber er sp�rte die gute Absicht hinter ihrer Frage und schenkte ihr ein kurzes, dankbares L�cheln. �Ich habe �ber die Dunkelheit nachgedacht�, sagte er.</p><p>�Die dort unten?� Miss Preussler deutete auf die Leiter, die drei Sprossen weit aus dem Schacht herausragte. �Sie �ngstigt Sie.�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens rasch, aber Miss Preussler lie� diese Antwort nicht gelten.</p><p>�Selbstverst�ndlich f�rchten Sie sie�, sagte sie. �Sie wollen es nur nicht zugeben, weil Sie ein Mann sind und in meiner Gegenwart nicht als Feigling dastehen m�chten. Aber Mut ohne Furcht ist kein Mut, sondern Dummheit.�</p><p>Mogens lachte leise. �Ich dachte, <emphasis>Sie </emphasis>wollten an <emphasis>meinen </emphasis>philosophischen �berlegungen teilhaben.�</p><p>��ber die Dunkelheit?� Miss Preussler sch�ttelte heftig den Kopf. �Was gibt es �ber die Dunkelheit nachzudenken? Wir haben Lampen.�</p><p>Mogens sah in die Richtung, in der die Schatten lauerten. �Sie ist trotzdem da�, sagte er. �Sie ist immer da, Miss Preussler. Sie war sogar das Erste, was war. Das steht sogar in Ihrer Bibel.�</p><p>Miss Preussler zog fl�chtig die Augenbraunen zusammen, aber es dauerte einen Moment, bis ihm klar wurde, dass sie an dem Wort �Ihrer� Ansto� genommen hatte. �Doch dann sprach der HERR: ES werde Licht�, antwortete sie tadelnd.</p><p>�Ja, aber dazu musste er eine Bedingung erf�llen�, sagte Mogens. �Er musste <emphasis>sein, </emphasis>verstehen Sie, Miss Preussler? Das ist der Unterschied. Bevor es Gott gab, war nichts. Nur Dunkelheit.�</p><p>�Gott war immer da�, sagte Miss Preussler tadelnd. �Und er wird immer sein.�</p><p>Mogens war im Grunde nicht in der Stimmung, eine theologische Grundsatzdiskussion zu f�hren, schon gar nicht mit ihr. Dennoch fuhr er fort: �Das mag sein, Miss Preussler. Aber lassen wir Gott einmal aus dem Spiel...� Er hob rasch und bes�nftigend die Hand, als sie auffahren wollte. �Ich wei�, dass das Ihrer Meinung nach nicht geht, aber lassen Sie es uns nur f�r diesen einen Gedanken einmal versuchen - was bleibt dann �brig? Irgendetwas muss <emphasis>sein, </emphasis>damit es Licht wird. Energie, Bewegung, Entropie...�</p><p>�Gott?�, schlug Miss Preussler vor.</p><p>�Gott�, best�tigte Mogens unger�hrt. �Gleich, was. Irgendetwas muss <emphasis>da sein. </emphasis>Und alles, was <emphasis>ist, </emphasis>vergeht irgendwann. Die Dunkelheit ist immer da. Sie ist die B�hne, auf der das St�ck des Lebens gespielt wird. Doch wenn der letzte Vorhang f�llt, dann wird die Dunkelheit noch immer da sein.�</p><p>Fast zu seiner �berraschung dachte Miss Preussler tats�chlich einen Moment lang angestrengt �ber diese Worte nach, aber dann sch�ttelte sie nur umso entschiedener den Kopf. �Das ist kein sch�ner Gedanke�, sagte sie. �Das will ich nicht glauben. Lehrt man solcherlei Unsinn an Ihren Universit�ten? Dann wundert es mich nicht, dass es um unsere Jugend so schlimm steht.�</p><p>�Und vor allem um ihre P�nktlichkeit.� Graves trat geb�ckt durch den Eingang und lie� sich mit einem �bertriebenen �chzen am Rand des Schachtes in die Hocke sinken. Seine Gelenke knackten h�rbar. �Ich werde ein ernstes Wort mit Tom reden m�ssen, wenn das hier vorbei ist. Ich wei� nicht, was der Junge treibt. Immer, wenn ich da bin, ist er dort, und anders herum.�</p><p>�Wahrscheinlich hat er gerade das M�rchen vom Hasen und dem Igel gelesen�, sagte Mogens am�siert.</p><p>Graves spie�te ihn mit Blicken regelrecht auf, enthielt sich aber jeden Kommentars, sondern beugte sich vor und sp�hte einen Moment lang so konzentriert in den Schacht hinab, als k�nne er all die Antworten, die in der Dunkelheit dort unten verborgen waren, einfach herbeizwingen, wenn er es nur beharrlich genug versuchte.</p><p>�Unsere Zeit wird allm�hlich knapp�, sagte er schlie�lich.</p><p>Mogens zog die Taschenuhr hervor, klappte den Deckel auf und erschrak. �Es sind nur noch wenige Minuten bis Mitternacht.�</p><p>Graves' Blick wurde fast ver�chtlich. �Niemand hat je gesagt, dass wir genau zur Geisterstunde dort unten sein m�ssen�, sagte er liebensw�rdig.</p><p>�Aber ich dachte...�</p><p>�Meinen Berechnungen nach musste sich das Tor irgendwann innerhalb der n�chsten Stunde �ffnen und bis morgen Mittag ge�ffnet bleiben. Nat�rlich kann man es nicht auf die Minute genau sagen, aber ich bin mir ziemlich sicher.�</p><p>Das war eine interessante Information, dachte Mogens ver�rgert. Graves hatte bisher nichts von irgendwelchen Berechnungen gesagt, und er war sogar ziemlich sicher, dass ihm die Worte auch jetzt nur versehentlich entschl�pft waren. Ein weiterer Minuspunkt in Graves' Bilanz. Aber die sah sowieso katastrophal aus.</p><p>�Welches Tor?�, fragte Miss Preussler misstrauisch. �Sie wollen sich doch nicht schon wieder mit irgendwelchen unchristlichen Riten besch�ftigen, Doktor.�</p><p>�Vor�, verbesserte sie Graves arrogant. �Vorchristlich, meine Liebe. Nicht unchristlich.� Er hatte immer noch nicht endg�ltig akzeptiert, dass es ihm nicht gelungen war, sie von ihrem Vorhaben abzubringen, und verlegte sich nun aufs Bocken.</p><p>�Das ist f�r mich kein Unterschied, Doktor�, beschied ihn Miss Preussler. �Ketzerei bleibt Ketzerei.�</p><p>Graves setzte zu einer w�tenden Antwort an, belie� es aber dann nur bei einem trotzigen Verziehen der Lippen und stand mit einem Ruck auf. �Ich werde noch einmal sehen, wo Tom bleibt�, grollte er im Hinausgehen. �Und vielleicht suche ich bei der Gelegenheit auch gleich Holz f�r einen Scheiterhaufen.�</p><p>Mogens sah ihm kopfsch�ttelnd nach, wandte sich aber trotzdem mit einer bes�nftigenden Geste wieder zu Miss Preussler um. Er g�nnte Graves jeden einzelnen Nadelstich, den sie ihm versetzte, aber es mochte sein, dass sie in weniger als einer Stunde darauf angewiesen waren, einander ihr Leben anzuvertrauen.</p><p>�Ja, ich wei�, es ist schon gut�, kam sie seinen Worten zuvor. �Das war dumm. Aber es f�llt mir nun einmal schwer, Sympathien f�r diesen Mann zu empfinden.�</p><p>�So wie mir�, sagte Mogens.</p><p>�Warum sind Sie dann mit ihm gegangen?�</p><p>Mogens wusste sehr wohl, dass er jetzt besser beraten w�re, nicht zu antworten oder allenfalls mit einer Ausflucht oder einer frommen L�ge, aber zugleich hatte er auch pl�tzlich das Gef�hl, ihr wenigstens jetzt die Wahrheit schuldig zu sein. �Ich dachte, es w�re meine letzte Chance�, sagte er.</p><p>�Ihre letzte Chance? Worauf?�</p><p>�Wieder ins Leben zur�ckzukehren�, antwortete Mogens leise. �Allem zu entkommen. Dieser schrecklichen Universit�t. Dieser Stadt mit ihrer Enge und Kleinm�tigkeit. Diesem furchtbaren Zimmer. Ihnen.�</p><p>�Oh�, machte Miss Preussler.</p><p>�Das war es, was ich damals dachte�, fuhr Mogens ruhig fort. �Aber ich habe rasch gemerkt, wie sehr ich mich get�uscht habe. Vielleicht sind wir immer mit dem unzufrieden, was wir haben. Und vielleicht merken wir immer erst dann, wie kostbar es ist, wenn wir es nicht mehr haben.� Er war zu weit entfernt, um nach Miss Preusslers Hand zu greifen, aber er h�tte es gern getan, und er hatte das sichere Gef�hl, dass sie es auch wusste.</p><p>�Ich habe vorhin zu Ihnen gesagt, dass Sie nicht h�tten herkommen sollen�, fuhr er fort. �Dasselbe gilt auch f�r mich. Ich h�tte Graves niemals vertrauen d�rfen. Der Mann ist ein Monster.�</p><p>�Warum haben Sie es dann getan?�</p><p>�Das ist eine lange Geschichte�, antwortete Mogens.</p><p>�Und sie hat mit dem zu tun, weswegen Sie in unsere enge und kleinm�tige Stadt gekommen sind�, vermutete Miss Preussler. Sie legte den Kopf auf die Seite und sah ihn fragend an. �Einer Frau?�</p><p>�Ja�, h�rte sich Mogens zu seiner eigenen �berraschung antworten.</p><p>�Aber Sie m�chten nicht dar�ber reden.�</p><p>Wenn es �berhaupt einen Menschen auf der Welt gab, mit dem er �ber jene schreckliche Nacht vor neun Jahren sprechen konnte - und, ja, und <emphasis>wollte! -,</emphasis> dann war es Miss Preussler. Aber nicht jetzt.</p><p>�Sp�ter, Miss Preussler�, sagte er. �Vielleicht bin ich eines Tages so weit, dar�ber reden zu k�nnen.�</p><p>�Aber wenn Sie doch einsehen, dass es ein Fehler war, Doktor Graves zu vertrauen�, fuhr Miss Preussler fort, �warum folgen Sie ihm dann noch immer?� Sie deutete auf den Schacht. �Ich sehe Ihnen doch an, wie viel Angst Sie vor dem haben, was dort unten ist. Warum gehen Sie nicht einfach? Niemand zwingt Sie, noch einmal an diesen schrecklichen Ort zur�ckzugehen.�</p><p>�So wenig wie Sie?�, fragte Mogens.</p><p>Miss Preussler sch�ttelte heftig den Kopf. �Wenn Sie sich entschlie�en zu gehen�, sagte sie ernst, �dann werde ich Sie begleiten. Ganz gleich, was sonst geschieht.�</p><p>Mogens versp�rte ein kurzes, aber ungemein tiefes Gef�hl von Dankbarkeit, aber zugleich auch eine tiefe Scham, als er sich an alles erinnerte, was er je �ber Miss Preussler gedacht hatte. Vielleicht, dachte er ernsthaft, war Miss Preussler die einzige Person auf der Welt, der wirklich etwas an ihm lag.</p><p>�Ich habe keine Wahl�, sagte er bedauernd. Auch in diesem Punkt hatte Graves Recht gehabt. Er wusste, wie aberwitzig gering die Chance war, Janice dort unten und noch dazu lebend wiederzufinden, aber zu wissen, dass etwas nicht sein konnte, hatte Menschen noch niemals daran gehindert, dennoch daran zu glauben.</p><p>Miss Preussler antwortete nicht mehr, und f�r eine Weile begann sich eine sehr sonderbare Stille zwischen ihnen breit zu machen. Mogens war fast froh, als nach einigen Minuten die Zeltplane zur�ckgeschlagen wurde und Graves zur�ckkam, diesmal nicht allein, sondern gefolgt von Tom.</p><p>Mogens zog �berrascht die Brauen zusammen, als er den Jungen sah. Genau wie Graves trug er eine Art Tropenanzug samt Stiefeln und Helm, an dem er eine Grubenlampe befestigt hatte. Es sah einigerma�en albern aus, fand Mogens, musste zugleich aber zugeben, dass Tom wieder einmal als Einziger halbwegs praktisch gedacht hatte. Aber er trug einen gewaltigen Rucksack auf dem R�cken und dazu in jeder Hand ein Repetiergewehr. Auch Graves war nicht mit leeren H�nden gekommen. Er hielt eine brennende Zigarette in der rechten und ein mit einem Schraubdeckel verschlossenes Glas in der linken Hand, in der sich eines der kleinen haarlosen Schneckengesch�pfe befand.</p><p>�Sie sind alle wieder in der Erde verschwunden�, sagte er, als er Mogens' fragenden Blick bemerkte. �Ich konnte gerade noch ein Exemplar einfangen. Wir werden es sp�ter untersuchen.�</p><p>�Und warum bringst du es mit hierher?�</p><p>�Man wei� nie, wo eine Reise endet, nicht wahr?�, fragte Graves achselzuckend. Er sah Mogens und Miss Preussler abwechselnd an. �Bereit?�</p><p>Mogens stand wortlos auf, w�rdigte Graves jedoch nicht einmal einer Antwort, sondern streifte die beiden Gewehre in Toms H�nden mit einem unbehaglichen Blick. Selbstverst�ndlich war es richtig, dass Tom Waffen mitgebracht hatte, nach allem, was sie erlebt hatten, aber das �nderte nichts daran, dass ihn ihr Anblick erschreckte.</p><p>Tom deutete seinen Blick falsch und hielt ihm eines der Gewehre hin. Mogens sch�ttelte fast erschrocken den Kopf und wich sogar einen halben Schritt zur�ck. Miss Preussler hingegen schien sich eher f�r den gewaltigen Rucksack zu interessieren, den Tom auf einem Traggestell auf dem R�cken trug. Er �berragte seinen Kopf nicht nur um mehr als eine Handspanne, Mogens vermutete, dass er nicht viel weniger wog als Tom selbst.</p><p>�Was, um alles in der Welt, schleppst du da mit, Thomas?�, fragte sie. �Hast du vor, zu einer Expedition zum Nordpol aufzubrechen?�</p><p>Tom grinste. �Was man eben so braucht, Miss Preussler. Kleider zum Wechseln, Lebensmittel f�r eine Woche, Probiergl�ser und Decken, Doktor Graves' fotografische Ausr�stung, Munition und Schlafs�cke, Petroleum f�r die Lampen...�</p><p>�Ein Klavier?�, fragte Miss Preussler l�chelnd.</p><p>Tom machte ein betroffenes Gesicht. �Ich wusste, dass ich was vergessen hab�, sagte er. �Soll ich rasch laufen und es holen?�</p><p>�H�r mit den Albernheiten auf, Tom�, sagte Graves streng. Er klappte seine Uhr auf. �Es wird Zeit.� Er wandte sich dem Schacht zu, hielt dann noch einmal inne und reichte Tom das Glas mit der einzelnen Schnecke. �Hier, nimm das.�</p></section><section><title><p id="_40">40.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Die Stille war allumfassend. Was Mogens vorhin �ber die Dunkelheit gedacht hatte, das galt hier unten ebenso f�r jegliche Art von Ger�usch. So wie Dunkelheit der Urzustand der Dinge war, <emphasis>bevor </emphasis>sie waren, hatte es Stille gegeben, lange bevor das erste Ger�usch durch das Universum hallte, und ebenso wie die Dunkelheit w�rde sie wieder herrschen, wenn alles vor�ber und das kurze Zwischenspiel l�ngst vergessen war, das die Menschen Ewigkeit nannten.</p><p>Dabei war die Stille fast noch schlimmer als die Dunkelheit. Das Dunkel konnten sie mit den Strahlen ihrer Lampen vertreiben, die lautlos wie die tastende Hand eines Blinden vor ihnen hereilte, die Stille jedoch schien sich beharrlich zu weigern, den Lauten zu weichen, die sie selbst verursachten.</p><p>Vielleicht, dachte Mogens schaudernd, weil es eben nicht nur Stille war, sondern etwas von ganz anderer, bedrohlicher Qualit�t. Die Dunkelheit war immer hier unten gewesen, bevor diese R�ume und G�nge entstanden waren; und auch die allermeiste Zeit danach. Die Stille aber war neu, und sie bedeutete mehr, als Mogens zuzugeben bereit war. Selbst so tief unter der Erde war es niemals ganz still. Man h�tte das Knacken des Felsens h�ren m�ssen, das Rascheln winziger Lebewesen, die es selbst hier unten gab, das Ger�usch der Luft, die durch das Labyrinth aus G�ngen und nat�rlich entstandenen Hohlr�umen strich, ja, selbst die bewusst kaum wahrnehmbaren und dennoch stets pr�senten Atemz�ge der Erde selbst, deren Lebenszyklus sich vielleicht gar nicht einmal so sehr von dem des Menschen unterschied, nur dass er unendlich viel langsamer war.</p><p>Nichts von alledem war zu sp�ren. Es war nicht einfach nur still, weil hier unten nichts mehr war, was ein Ger�usch verursacht h�tte. Das Gegenteil war der Fall. Irgendetwas <emphasis>war </emphasis>hier. Das Schweigen hatte Substanz gewonnen und war zu etwas geworden, das einfach nichts anderes in seiner N�he mehr zulie�.</p><p>Der Weg kam ihm weiter vor als jemals zuvor. Er hatte sich niemals die M�he gemacht, die Schritte vom Eingang hierher in die erste, gr��te Kammer zu z�hlen, und doch war er fast sicher, dass sie nun mindestens die doppelte Anzahl zur�ckgelegt hatten wie jemals zuvor. Miss Preussler war so dicht neben ihn getreten, dass der grobe Stoff ihres Kleides manchmal seine Schulter streifte, ein ganz normaler menschlicher Reflex in dieser lebensfeindlichen und stillen Umgebung, und dennoch fragte sich Mogens instinktiv, ob sie wohl auch nur ahnte, wie viel Kraft sie ihm allein durch ihre blo�e N�he gab - und ob es umgekehrt wohl auch so war.</p><p>Graves und Tom waren bisher etliche Schritte vorausgeeilt, nun aber blieben sie stehen, sodass der Abstand zwischen ihnen wieder zusammenschmolz. Graves lie� den Lichtstrahl seiner Laterne langsam �ber die Felsw�nde gleiten, z�gernd und fast unsicher, als suche er nach etwas, von dem er zwar genau wusste, dass es da war, w�hrend er zugleich aber auch bef�rchtete, es zu �bersehen. Tom tat im Gro�en und Ganzen dasselbe, nur dass er das Repetiergewehr erhoben und auch bereits durchgeladen hatte - Mogens erinnerte sich im Nachhinein an das scharfe metallische Klicken, mit dem die Patrone in die Kammer geglitten war, und er war ziemlich sicher, dass es nicht das mindeste Echo verursacht hatte - und mit seinem Lauf dem zitternden Lichtkreis auf der Wand folgte.</p><p>�Was suchst du?�, fragte er, nachdem Miss Preussler und er neben den beiden angekommen waren.</p><p>Graves machte eine unwillige Geste, still zu sein, und lie� seinen Lichtstrahl weiter und mit enervierender Langsamkeit �ber die W�nde gleiten, wo sie ein bizarres Panoptikum aus nat�rlich gewachsenen Felsformen und gemei�elten G�ttergesichtern und -gestalten aus der Schw�rze riss und fast ebenso rasch wieder in ewige Dunkelheit zur�ckstie�. Das huschende Licht erschuf die Illusion von Leben, wo keines war, schien die Stille aber nur noch zu verst�rken. Mogens versuchte vergeblich, sich des beklemmenden Gef�hls zu erwehren, das mit diesem Schweigen einherging. Sein Herz schlug langsam, aber schwer und sehr hart.</p><p>�Irgendetwas ist hier�, murmelte er.</p><p>Graves machte erneut eine Geste, still zu sein, was ihn aber nicht daran hinderte, zu antworten. �Das will ich doch hoffen.�</p><p>Tom senkte sein Gewehr - nicht weit, aber dennoch genug, dass auch Mogens' Anspannung ein wenig sank -, nickte fast unmerklich und ging dann zusammen mit Graves los; allerdings nicht in Richtung des Hieroglyphenganges, wie Mogens erwartet hatte, sondern in die entgegengesetzte. Mogens tauschte einen �berrascht-fragenden Blick mit Miss Preussler - welche Antwort er erwartete, wusste er allerdings selbst nicht - und beeilte sich dann, Tom und Graves zu folgen. Auch Miss Preussler und er waren mit jeweils einer der kleinen, aber ungemein starken Grubenlampe ausger�stet, doch sie waren �bereingekommen, solange es nichts Au�ergew�hnliches zu sehen gab, immer nur die H�lfte ihrer Lampen zu benutzen, um Brennstoff zu sparen.</p><p>Sie gingen, langsam und immer wieder innehaltend, wenn Graves stehen blieb, das Licht seines Scheinwerfers �ber die W�nde, den Boden und ein- oder zweimal auch �ber die Decke gleiten lie�, weiter in den riesigen unterirdischen Saal hinein. Die Wandmalereien nahmen ab, je weiter sie sich vom Eingang entfernten, und bald sahen sie nur noch scharfkantigen Fels, den keines Menschen Hand je ber�hrt hatte. Dann fiel mehr Lichtschein durch einen niedrigen, unregelm��ig geformten Durchgang, hinter dem er sich in vollkommener Schw�rze verlor.</p><p>�Was ist das hier, Professor?�, fl�sterte Miss Preussler.</p><p>Mogens war schon einmal hier gewesen und wusste auch, was auf der anderen Seite des niedrigen Durchgangs lag, aber er verstand nicht, warum Graves sie hierher f�hrte, und so deutete er nur ein Schulterzucken an und folgte ihm und Tom.</p><p>Obwohl er vorgewarnt war, stie� er sich zweimal den Kopf an der niedrigen Decke, bevor er sich wieder aufrichten konnte, und so wie es sich anh�rte, erging es Miss Preussler hinter ihm nicht viel besser; auch wenn er argw�hnte, dass sie wohl eher M�he hatte, nicht in dem schmalen Gang stecken zu bleiben.</p><p>In der kleinen H�hle angekommen, die sich dahinter erstreckte, trat er gerade weit genug zur Seite, um ihr Platz zu machen, und blieb dann stehen. Er f�hlte sich mit jedem Moment unwohler. Er sollte nicht hier sein. Er <emphasis>wollte </emphasis>nicht hier sein.</p><p>Auch Graves war stehen geblieben und lie� den Strahl seiner Grubenlampe langsam �ber die gegen�berliegende Wand mit den Felszeichnungen der Dogon streichen. Nach allem, was Mogens in den zur�ckliegenden Tagen hier unten gesehen hatte, kamen ihm die einfachen Strichzeichnungen primitiv und ungelenk vor - aber zugleich schienen sie auch etwas zu beinhalten, was all den Hieroglyphen, Basreliefs und Skulpturen im anderen Teil der Anlage abging. Mogens konnte nicht sagen, was, aber es war da.</p><p>Graves lie� seinen Lichtstrahl noch einmal langsam �ber den Stein tasten, richtete ihn f�r einen kurzen Moment auf eine bestimmte Stelle - und schaltete die Lampe dann ab. Neben Mogens fuhr Miss Preussler sp�rbar zusammen.</p><p>�Tom�, sagte Graves, �l�sch das Licht.�</p><p>Tom gehorchte, und es wurde schlagartig und absolut dunkel. Miss Preussler sog scharf die Luft zwischen den Z�hnen ein, und auch Mogens' ungutes Gef�hl nahm schlagartig noch weiter zu. �Doktor Graves, halten Sie es f�r eine gute Idee, dass...�</p><p>�Still�, unterbrach ihn Graves. Mogens konnte h�ren, wie er neben ihm in der Dunkelheit eine unwillige Bewegung machte. �Sehen Sie!�</p><p>Im ersten Moment sah Mogens auch weiter gar nichts. Die Dunkelheit erschien ihm absolut. Aber dann erkannte er, dass das nicht stimmte.</p><p>Vor ihnen glomm ein ganz sachter, blaugr�ner Schein, so unstet wie der Glanz eines leuchtenden Insekts und auch kaum weniger schwach. Selbst in der vollkommenen Dunkelheit, die ringsum herrschte, dauerte es etliche Sekunden, bis sich seine Augen weit genug umgestellt hatten und er das System in dem scheinbar willk�rlichen Tanz winziger leuchtender Staubk�rner erkannte.</p><p>�Ist es das, Doktor Graves?�, fragte Tom. Seine Stimme bebte vor Aufregung �Ist es das?�</p><p>�Ja, Tom�, antwortete Graves. �Das ist es.� <emphasis>Seine </emphasis>Stimme klang nicht aufgeregt, sondern ganz eindeutig voller Ehrfurcht.</p><p>�Das ist was, Jonathan?�, fragte Mogens. Er machte einen einzelnen Schritt, um an Graves vorbeizugehen, aber der griff rasch nach seinem Arm und hielt ihn zur�ck. �Nicht!�, sagte er. �R�hr es nicht an. Sieh nur hin. Erkennst du es denn nicht?�</p><p>Mogens konzentrierte sich, aber im allerersten Moment ohne Erfolg: Die leuchtenden P�nktchen blieben, was sie waren: ein gutes Dutzend unterschiedlich gro�er und unterschiedlich heller Funken, die einander umtanzten wie Staubk�rner, mit denen der Wind spielt. Und dennoch kam ihm etwas daran bekannt vor, auf eine fast schon unheimliche Weise.</p><p>Dann wusste er es. Er hatte dieses Muster schon einmal gesehen, nur nicht frei im Raums schwebend und als Tanz winziger leuchtender Punkte, die einander umkreisten und sich zu necken schienen, sondern dunkel und zweidimensional, als ungelenke und dennoch sehr pr�zise Felszeichnung, die in den uralten Stein der H�hle geritzt war.</p><p>Aber nicht nur dort. �O mein Gott�, hauchte er. �Das... das ist... Sirius!�</p><p>�Wie er vor f�nftausend Jahren am Himmel gestanden hat, ja�, best�tigte Graves. Seine Stimme bebte vor Stolz. �Die alte Heimat der Dogon.�</p><p>Mogens hatte mit einem Male das Gef�hl, dass sich die Dunkelheit der H�hle ebenso schnell um ihn zu drehen beg�nne, wie die winzigen Abbilder l�ngst vergangener Sternenkonstellationen einander umkreisten. Er war kein Astronom, aber Sirius war ein sehr pr�gnanter Stern, den man auch ohne allzu gro�e wissenschaftliche Vorbildung am Himmel erkannte. Es gab keinen Zweifel. Jetzt, einmal darauf aufmerksam geworden, h�tte Mogens die Konstellation auch ohne Graves' Hilfe ganz eindeutig identifiziert. Was da vor ihm schwerelos und dreidimensional in der Luft tanzte, war ein pr�zises Abbild des Sirius und seiner Begleiter.</p><p>�Aber das ist doch... vollkommen unm�glich�, hauchte er. �Wie kann das...?�</p><p>�Das ist das Werk des Teufels!�, sagte Miss Preussler neben ihm. Mogens konnte sie nicht einmal als Schatten in der fast vollkommenen Schw�rze erkennen, aber er sp�rte, wie sie sich bekreuzigte.</p><p>�Das ist wundersch�n�, fl�sterte Graves. �Sehen Sie sich nur die Pr�zision der Bewegungen an! Ihre Eleganz und Genauigkeit! Ich bin ganz sicher, h�tten wir die M�glichkeit, es zu vergleichen, wir w�rden herausfinden, dass die Bahnen der Sterne um keinen Millimeter abweichen!�</p><p>�Und ich bleibe dabei, es ist Teufelswerk!�, sagte Miss Preussler. Ihre Stimme zitterte, war nun aber dennoch hart, fast befehlend geworden. Mogens lauschte jedoch vergebens auf einem Unterton von Panik oder Hysterie darin. �Wir werden diesen unheiligen Ort auf der Stelle verlassen! Kommen Sie, Professor!�</p><p>Sie ergriff Mogens am Arm und zwang ihn mit einer fast gewaltsamen Bewegung herum. Mogens versuchte sich ganz instinktiv zu widersetzen, doch in diesem Moment bekam Miss Preussler von g�nzlich unerwarteter Seite Sch�tzenhilfe.</p><p>�Sie haben Recht, meine Liebe�, sagte Graves. �Es wird Zeit, dass wir gehen. Aber gedulden Sie sich noch einen kurzen Moment. Nicht, dass sich am Ende noch jemand verletzt.�</p><p>Vor ihnen in der Dunkelheit klapperte etwas, dann h�rten sie das Ger�usch, wie ein Schwefelholz angerissen wurde. Mogens versp�rte ein Gef�hl fl�chtiger, aber sehr tiefer Entt�uschung, als eine winzige Flamme den Tanz der Sterne ausl�schte, dann leuchtete Graves' Scheinwerfer auf. Mogens hob geblendet die Hand �ber das Gesicht, und auch Miss Preussler kniff die Augen zusammen und drehte sich mit einer erschrockenen, hastigen Bewegung herum. Fast schon fluchtartig verlie� sie die H�hle, und Mogens folgte ihr kaum weniger schnell - drehte jedoch noch einmal den Kopf und versuchte �ber die Schulter zur�ck einen Blick auf die Felszeichnungen zu werfen. Graves' Scheinwerfer blendete ihn jedoch so sehr, dass er nichts sah au�er bunten Lichtblitzen und Sternen g�nzlich anderer Herkunft, die �ber seine Netzh�ute tanzten und ihm die Tr�nen in die Augen trieben.</p><p>Drau�en in der gro�en H�hle angekommen, ging Graves noch ein Dutzend Schritte weiter, bevor er anhielt und auf Tom wartete, der gewisse Schwierigkeiten damit hatte, sich mitsamt seinem gewaltigen Rucksack durch die schmale �ffnung im Fels zu quetschen, dabei die beiden Gewehre zu tragen und gleichzeitig auch noch seine Lampe zu entz�nden. Irgendwie brachte er es schlie�lich doch fertig, kam dabei jedoch aus dem Takt und w�re um ein Haar gest�rzt, was ihm einen weiteren zornigen Blick von Graves eintrug.</p><p>�Ich hatte Recht!�, wandte sich Graves in triumphierendem Ton an Mogens. �Gro�er Gott, Mogens - ich hatte von Anfang an Recht!�</p><p>Mogens suchte vergeblich nach einer Antwort, die auch nur entfernt dazu geeignet schien, das Durcheinander von Gef�hlen, Gedanken und Empfindungen zu beschreiben, das hinter seiner Stirn tobte, doch Miss Preussler kam ihm auch diesmal zuvor.</p><p>�Wagen Sie es nicht, den Namen des HERRN in den Mund zu nehmen, an einem solchen Ort!�, sagte sie emp�rt.</p><p>�Aber Miss Preussler, ich bitte Sie!�, antwortete Graves. Er drehte sich so zu ihr herum, dass der grelle Lichtstrahl aus seiner Lampe direkt in ihr Gesicht fiel und sie geblendet die Augen schloss. Bevor er weitersprach, senkte er die Lampe hastig um ein kleines St�ck. �Miss Preussler, bitte glauben Sie mir, das hier hat rein gar nichts mit Gott oder dem Teufel zu tun. Und schon gar nicht mit Gottesl�sterung.�</p><p>�Wagen Sie es nicht...!�, begann Miss Preussler erneut, doch diesmal wurde sie von Mogens unterbrochen.</p><p>�Ich f�rchte, ich muss Doktor Graves Recht geben�, sagte er.</p><p>Miss Preussler drehte sich ganz langsam zu ihm herum, und ein Ausdruck ungl�ubigen Staunens erschien in ihren Augen. Mogens fuhr jedoch in unver�ndertem Ton und mit einem bekr�ftigenden Kopfsch�tteln in Richtung der H�hle fort, aus der sie gerade gekommen waren: �Ich kann verstehen, wie sehr Sie das erschreckt haben muss, was wir gerade gesehen haben. Bitte, glauben Sie mir, mir erging es nicht anders. Und doch f�rchte ich, befinden Sie sich diesmal im Irrtum. Das dort hatte nichts mit Zauberei oder dem Werk des Teufels zu tun.� Aber stimmte das wirklich? Mogens war beinahe erstaunt �ber die Ruhe und sichere �berzeugungskraft, die aus seiner Stimme sprach. Und doch: Was er sagte, das war nicht <emphasis>wirklich </emphasis>das, was er empfand. Nat�rlich war es der Wissenschaftler in ihm, der diese Worte sprach. Er war nicht nur von ihrer Wahrhaftigkeit <emphasis>�berzeugt, </emphasis>er <emphasis>wusste, </emphasis>dass es so war. Und doch war da zugleich auch noch eine andere, leise und doch viel eindringlichere Stimme, die nicht den logischen Teil seines Verstandes ansprach, sondern etwas viel �lteres und M�chtigeres.</p><p>�Professor!�, hauchte Miss Preussler ungl�ubig. �Was reden Sie da?�</p><p>Mogens sch�ttelte noch einmal den Kopf. �Nicht alles, was wir nicht verstehen und was uns erschreckt, ist deshalb gleich unbedingt das Werk Satans�, sagte er.</p><p>�Das ist wahr, Miss Preussler�, f�gte Graves hinzu. �Auch, wenn Sie der Gedanke immer noch erschrecken mag, doch wessen Zeuge wir gerade geworden sind, das ist der unumst��liche Beweis daf�r, dass es dort drau�en zwischen den Sternen noch andere Wesen gibt. Ihr Wirken mag uns unheimlich und erschreckend vorkommen, aber bitte glauben Sie mir: Es ist nicht der Geh�rnte, der hier seine Hand im Spiel hat.�</p><p>�H�ren Sie auf!�, antwortete Miss Preussler. Ihre Stimme bebte.</p><p>�Ich kann Sie ja verstehen�, sagte Graves l�chelnd. �Auch wenn Sie es nicht glauben, aber ich kann sehr gut nachempfinden, was Sie jetzt f�hlen, meine Liebe. Auch mir erging es nicht anders, damals, als ich auf die ersten Hinweise gesto�en bin. Und es hat lange gedauert, bis ich bereit war, die Augen zu �ffnen und zu sehen. Ihre Auffassungen von Religion und Glauben und die meine m�gen voneinander abweichen, und doch glaube auch ich an einen allm�chtigen Sch�pfer, der das Universum erschaffen hat und �ber uns wacht.�</p><p>Miss Preussler sah ihn nun vollends verst�rt an. �Das glaube ich Ihnen nicht�, antwortete sie, ohne dass in ihrer Stimme wirkliche �berzeugung gewesen w�re. �Kein wirklicher Christenmensch w�rde solch ketzerische Thesen aufstellen.�</p><p>�Aber macht es denn Gottes Sch�pfung nicht nur umso wunderbarer, wenn man daran glaubt, dass er noch mehr Welten wie die unsere erschaffen hat?�, fragte Graves beinahe sanft. �Vielleicht Tausende. Vielleicht Millionen, mit Millionen V�lkern, die an ihn glauben?�</p><p>Miss Preussler wirkte nun endg�ltig verst�rt. Sie setzte - ganz automatisch, wie es Mogens erschien - zu einer weiteren, geharnischten Antwort an, sch�ttelte dann aber nur hilflos den Kopf. Statt noch etwas zu sagen, bedachte sie Graves mit einem zornig-verst�rten und Mogens mit einem eindeutig vorwurfsvollen Blick, dann drehte sie sich mit einem Ruck herum und ging zu Tom hin, der in einigen Schritten Abstand stehen geblieben war.</p><p>Graves sah ihr kopfsch�ttelnd nach, mit einem Male aber gar nicht mehr zornig oder arrogant, wie es Mogens schien, sondern fast sanft, dann hob er seine Lampe und drehte sich gleichzeitig herum.</p><p>�Komm, Mogens�, sagte er. �Gehen wir ein St�ck voraus. Ich glaube, Miss Preussler m�chte im Moment allein sein. Keine Sorge - sie ist bei Tom in guten H�nden.�</p><p>Mogens z�gerte zwar, sah aber dann ein, dass Graves vermutlich Recht hatte. Er hatte Miss Preussler niemals zuvor so ersch�ttert gesehen; nicht einmal am Morgen, nachdem der Sheriff sie zur�ckgebracht hatte.</p><p>Schweigend schloss er sich Graves an, und sie gingen in die Richtung zur�ck, aus der sie gekommen waren. Erst nach einer geraumen Weile - und auch erst, nachdem er einen raschen Blick �ber die Schulter zur�ckgeworfen und sich �berzeugt hatte, dass Tom und Miss Preussler weit genug hinter ihnen zur�ckgefallen waren, um seine Worte nicht h�ren zu k�nnen - kn�pfte er wieder an das unterbrochene Gespr�ch an. �Das war genial, Jonathan�, sagte er. �Ich h�tte niemals geglaubt, dass es jemandem m�glich w�re, Miss Preussler auf diese Weise zu �berrumpeln.�</p><p>T�uschte er sich, oder blitzte es in Graves' Augen kurz und am�siert auf, als er seine Worte h�rte? �Wer sagt, dass ich sie �berrumpelt habe?�</p><p>�Du hast wieder einmal die Regeln ge�ndert, nicht wahr?�, vermutete Mogens.</p><p>Graves sch�ttelte heftig den Kopf. �Keineswegs�, sagte er. �Was ich gesagt habe, war meine ehrliche �berzeugung.�</p><p>Nun war es Mogens, der ihn verwirrt ansah. �Du willst behaupten, dass du pl�tzlich an Gott glaubst?�, fragte er.</p><p>�Ich habe gesagt, dass all diese Welten dort drau�en von einem Gott erschaffen worden sind�, best�tigte Graves. �Aber habe ich gesagt�, f�gte er hinzu, und pl�tzlich klang seine Stimme ein ganz kleines bisschen besorgt, �von welchem?�</p></section><section><title><p id="_41">41.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Mogens war verst�rt, und das Gef�hl wurde mit jedem Schritt schlimmer, den er Graves und dem zitternden bleichen Finger aus Licht folgte, den dieser in die Dunkelheit vorausschickte. H�tte er versucht, sich diese Situation vorher in Gedanken auszumalen, so h�tte er erwartet, dass er am Anfang verst�rt und ungl�ubig reagieren w�rde, sp�ter dann zweifelnd und schlie�lich, nachdem er eine angemessene Schamfrist eingehalten und seinem akademischen Verstand hinl�nglich Zeit gew�hrt hatte, alle notwendigen Bedenken vorzubringen und alle Argumente gegeneinander abzuw�gen, freudig erregt. Aber das genaue Gegenteil war der Fall.</p><p>Der Anblick der tanzenden Sterne hatte ihn einfach �berw�ltigt. Da war gar kein Platz mehr gewesen f�r Zweifel, f�r irgendein Wenn und Aber oder logische Argumente. Er hatte gesehen, und das, was er gesehen hatte, das hatte die Barrieren seines Intellekts einfach �berrannt, blitzschnell und ohne ihm auch nur die mindeste Chance zur Gegenwehr zu lassen. In dem Moment, als er in der uralten H�hle gestanden und dem faszinierenden Tanz eines Sternbildes zugesehen hatte, das in dieser Konstellation schon seit f�nftausend Jahren nicht mehr existierte, hatte er <emphasis>gewusst, </emphasis>dass Graves die Wahrheit sagte. Er hatte es wissen <emphasis>wollen.</emphasis></p><p>Nun kamen die Zweifel.</p><p>Selbstredend gab auch der hartn�ckig kritischste Teil seines Verstandes - der Wissenschaftler in ihm, den er f�r seinen Geschmack in letzter Zeit entschieden zu oft bem�hen musste - zu, dass es mit der H�hle der Dogon etwas Besonderes auf sich hatte. Selbst der gr��te Zweifler konnte das, was er gerade mit eigenen Augen gesehen hatte, nicht einfach wegdiskutieren. Aber waren eine f�nftausend Jahre alte Felszeichnung und eine Hand voll tanzender Lichter tats�chlich schon Beweis genug f�r das, was Graves behauptete? Die ganz eindeutige Antwort auf diese Frage war nat�rlich nein. Mogens kannte die Gefahr, in die gerade Menschen mit einem vermeintlich wissenschaftlich geschultem Verstand gerne gerieten, wenn sie etwas glauben <emphasis>wollten. </emphasis>Die Geschichten geradezu l�cherlich gro�er Irrt�mer, T�uschungen und L�gen h�tten ganze B�nde gef�llt, h�tte sich jemand die M�he gemacht, sie niederzuschreiben, und Graves und er hatten in ihrer Zeit als Studenten zahlreiche N�chte damit zugebracht, sich �ber die Irrt�mer und Fehlinterpretationen zu am�sieren, denen gestandene Professoren und hoch angesehene Experten aufgesessen waren. Die schwebenden Lichter allein bedeuteten nichts, gar nichts.</p><p>�Tom!� Graves' Stimme drang so warnungslos in seine Gedanken, dass er erschrocken zusammenzuckte und sich alarmiert umsah. Sie hatten den Hieroglyphengang erreicht und schon beinahe zur G�nze durchschritten, ohne dass er es wirklich zur Kenntnis genommen h�tte. Jetzt war Graves stehen geblieben und hatte den Arm ausgestreckt. Das Licht der Grubenlampe, die er in der anderen Hand hielt, verlor sich in der Schw�rze des Ganges vor ihnen, aber Mogens war nerv�s genug, um eine Bewegung darin zu gewahren, die es nicht gab.</p><p>�Bring mir das Gewehr!�, verlangte Graves. Tom beeilte sich, an Mogens vorbeizukommen und die Waffe hin�ber zu reichen, und Graves f�gte in Mogens' Richtung und in wenig �berzeugendem Ton hinzu: �Eine reine Vorsichtsma�nahme.�</p><p>Er nahm das Gewehr entgegen, klemmte es sich mit einer Bewegung, die eine beunruhigende Routine in solcherlei Dingen verriet, unter den Arm und fuhr fort: �Vielleicht w�re es trotzdem besser, wenn du ein St�ck zur�ckbleiben w�rdest. Um ein wenig auf Miss Preussler aufzupassen.�</p><p>Seine Worte klangen nicht wirklich �berzeugend, fand Mogens. Wenn es sich wirklich um eine reine Vorsichtsma�nahme handelte, warum wirkte Graves dann pl�tzlich so nerv�s?</p><p>Er ging nicht zu Miss Preussler zur�ck, sondern wartete, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte und wollte weitergehen, doch Graves wedelte noch einmal mit der Hand und sagte: �Bitte entz�ndet die Lampen. Wir sind jetzt gleich da.�</p><p>Miss Preussler gehorchte sofort, und auch Mogens versuchte es, aber er stellte sich dabei so ungeschickt an, dass Tom es schlie�lich aufgab und zur�ckkam, um ihm zu helfen. Das fast unmerkliche Zischen der Grubenlampen vereinigte sich zu einem hellen Wispern, das von den verzierten W�nden aufgenommen wurde und uralte, verbotene Geschichten erz�hlte, auf die irgendetwas aus der Dunkelheit heraus zu antworten schien.</p><p>�Danke�, sagte Mogens, als Tom ihm die Lampe reichte. Tom nickte wortlos und schickte eines seiner �blichen, jungenhaften L�cheln hinterher, aber Mogens meinte trotzdem, eine gewisse Anspannung in ihm zu f�hlen und einen Ernst, den er zuvor nur ein einziges Mal an ihm bemerkt hatte: damals, als er vom Tod seiner Eltern berichtete.</p><p>Tom hielt ihm auch das zweite Gewehr hin, aber Mogens sch�ttelte fast erschrocken den Kopf und konnte sich gerade noch beherrschen, nicht ein St�ck zur�ckzuweichen. Er verabscheute Waffen noch immer genauso wie vor zehn Minuten, und dar�ber hinaus war er sicher, dass der Junge mit dem Gewehr deutlich besser umgehen konnte als er.</p><p>�Wie Sie meinen, Professor�, sagte Tom achselzuckend. �Bleiben Sie einfach hinter mir. Ich passe schon auf Sie auf.�</p><p>�Sollen wir jetzt ein paar Schritte zur�ckbleiben, oder dicht hinter Ihnen?�, fragte Miss Preussler stirnrunzelnd, nachdem sie sich herumgedreht hatte und wieder an Graves' Seite getreten war. Graves schoss einen �rgerlichen Blick �ber die Schulter in ihre Richtung zur�ck, zuckte knapp mit den Achseln und ging dann weiter.</p><p>Sie waren nicht mehr allzu weit vom Ende des Ganges entfernt. Das vereinigte Licht ihrer Lampen fiel bereits auf die Schutthalde und verlor sich in der Schw�rze der Tempelkammer dahinter. Mogens wartete darauf, dass der Anblick Erinnerungen an die zur�ckliegende Nacht weckte, doch alles, was er sp�rte, war eine st�rker werdende Furcht. Er erinnerte sich immer noch nicht, was er hinter dem offen stehenden Tor gesehen hatte - nur, dass es durch und durch gr�sslich gewesen war.</p><p>Unbeschadet ihrer eigenen Worte ging Miss Preussler etwas langsamer, sodass der Abstand zwischen Graves und ihnen wieder gr��er wurde, und als sie weitersprach, wusste Mogens auch, warum. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Fl�stern, was allerdings nicht viel nutzte; die verzierten W�nde fingen jeden Laut auf und warfen ihn zischelnd verst�rkt und verzerrt zur�ck: die Stimme der b�sen Hexe aus dem M�rchen, die die Kinder in die offen stehenden T�r des Backofens lockt.</p><p>�Wie konnte ein so netter, junger Mann wie Sie nur an jemandem wie Doktor Graves geraten?�, fragte sie.</p><p>�Wir waren einmal...�, begann Mogens ganz automatisch, brach aber dann ab und schwieg einen Moment nachdenklich. Um ein Haar h�tte er <emphasis>Freunde </emphasis>gesagt, aber das Wort wollte ihm einfach nicht �ber die Lippen, und das lag <emphasis>nicht </emphasis>nur an den vergangenen neun Jahren. Miss Preussler sah ihn fragend und auf eine ganz besondere Art an, und schlie�lich fuhr er mit einem angedeuteten Achselzucken fort: �Studienkollegen.�</p><p>�An der Universit�t, nehme ich an�, sagte Miss Preussler.</p><p>Graves warf ihr im Gehen einen unverhohlen ver�chtlichen Blick �ber die Schulter hinweg zu, den Miss Preussler so wenig �bersah, wie er ihre Worte �berh�rt hatte. Von seiner ungewohnten Sanftm�tigkeit und Ruhe war nichts mehr geblieben. Der Moment, in dem sie in der H�hle gestanden und dem faszinierenden Tanz der Sternbilder zugesehen hatten, hatte sie beide f�r einen kurzen Augenblick ver�ndert; vielleicht hatte er sowohl in Mogens als auch in Graves etwas geweckt, was bisher sogar von ihnen selbst unerkannt geschlummert hatte. Aber nun war er vorbei, und sie fielen beide wieder in ihre gewohnten Verhaltensmuster zur�ck. Seltsamerweise beruhigte dieser Gedanke Mogens eher, statt ihn zu st�ren.</p><p>�Lassen Sie mich raten, Professor�, fuhr Miss Preussler fort. Sie hatte nat�rlich genau wie er bemerkt, wie sinnlos es war, zu fl�stern, und dass Graves ihre Worte trotzdem h�rte, ja, wie es aussah, sogar konzentriert darauf lauschte. Es schien sie jedoch nicht zu st�ren, denn sie sprach in ganz normalen Tonfall und Lautst�rke weiter. Jetzt schien die sonderbare Akustik dieses Ganges ihre Worte jedoch eher zu d�mpfen. �Es hat mit dieser Frau zu tun, von der Sie mir erz�hlt haben.�</p><p>Graves belie� es jetzt nicht mehr bei einem schr�gen Blick �ber die Schulter zur�ck, sondern drehte mit einem Ruck Kopf und Oberk�rper, sodass sein Scheinwerferstrahl f�r einen Moment einen w�tenden Tanz �ber W�nde, Decke und Boden vor ihm auff�hrte, und funkelte Mogens fast hasserf�llt an, enthielt sich aber auch jetzt jeden Kommentars und wandte sich nach einer weiteren Sekunde wieder um.</p><p>�Janice, ja�, antwortete Mogens leise. �Aber nicht so, wie Sie vielleicht meinen, Miss Preussler.�</p><p>Er hatte nicht mit diesem Tiefschlag gerechnet, aber sie verzichtete darauf, nachzuhaken, wof�r ihr Mogens im Stillen sehr dankbar war, und so fuhr er - obwohl er es eigentlich gar nicht vorgehabt hatte - fort: �Es war eine schreckliche Geschichte. Ich m�chte nicht dar�ber reden, nur so viel: Sie ist damals ums Leben gekommen. Durch meine Schuld. Allein meine Schuld.�</p><p>Er musste sie nicht einmal ansehen, um zu sp�ren, wie wenig sie ihm diese Version glaubte. Miss Preussler war weder dumm noch unsensibel; beide Attribute hatte er im Zusammenhang mit ihr in Gedanken - und nicht nur da - in den letzten Jahren gro�z�gig und oft verwendet, aber ihm war l�ngst klar geworden, wie bitter Unrecht er ihr damit getan hatte. Sie war weder das eine noch das andere. Ganz im Gegenteil. Wenn auch auf eine Art, zu der er erst jetzt ganz allm�hlich Zugang fand, und innerhalb der festen Regeln einer kleinen, scharf umrissenen Welt, war sie doch im Grunde eine sehr kluge und �u�erst warmherzige Person, selbst wenn sie von einer Sekunde auf die andere zur Furie werden konnte.</p><p>�Falls wir diese Nacht �berleben, Professor�, sagte sie, �dann m�ssen wir beide uns unterhalten.�</p><p>�Woran ich immer gr��ere Zweifel habe�, f�gte Graves geh�ssig und in einer Lautst�rke, die eingedenk seiner eigenen Worte geradezu absurd schien, hinzu. �Ich verderbe euch beiden Turtelt�ubchen ja nur ungern den Moment eurer gro�en Vers�hnung, aber ich w�rde euch dennoch dringend bitten, jetzt endlich <emphasis>die Klappe zu halten!�</emphasis></p><p>Die letzten Worte hatte er beinahe geschrien. Miss Preussler blinzelte nur und sah ihn konzentriert an. Sie sagte nichts mehr, was nach Mogens' Einsch�tzung aber weniger an Graves' scharfem Ton lag, als vielmehr daran, dass sie es f�r einfach unter ihrer W�rde hielt, auf ein derartiges Benehmen �berhaupt zu reagieren, w�hrend Mogens ein erschrockenes Gesicht machte und f�r einen Sekundenbruchteil innehielt. Graves nickte zufrieden, machte ein grimmiges Gesicht und setzte seinen Weg mit stampfenden Schritten fort.</p><p>Seine Zufriedenheit war jedoch fehl am Platze; auch Mogens' Reaktion war keineswegs darauf zur�ckzuf�hren, dass er ihn eingesch�chtert h�tte - das konnte er schon lange nicht mehr -, vielmehr hatte er am Rande seines Scheinwerferstrahles f�r einen kurzen Moment etwas aufblitzen sehen. Janice war nat�rlich nur f�r ihn wirklich zu sehen, und sie war auch nicht wirklich da - zum allerersten Mal war er sich dieses Umstandes vollkommen bewusst -, aber er wusste zugleich auch, dass sie irgendwo in den Schatten dort vorne auf ihn wartete. Und - und auch das zum allerersten Mal - dieser Gedanke hatte pl�tzlich rein gar nichts Erschreckendes oder Furchteinfl��endes mehr, sondern ganz im Gegenteil etwas zutiefst Beruhigendes.</p><p>�Was f�r ein unm�glicher Mensch�, sagte Miss Preussler schlie�lich; gerade so leise, dass Graves die Worte h�ren musste, aber nicht sicher sein konnte, ob er es auch sollte. Diesmal reagierte er auch nicht darauf, sondern beschleunigte ganz im Gegenteil seine Schritte noch einmal, bis er den Tr�mmerberg erreicht hatte und stehen blieb. Tom setzte dazu an, ihn unverz�glich zu erklimmen, doch Graves hielt ihn mit einer entsprechenden Bewegung zur�ck und winkte Mogens und Miss Preussler zugleich mit dem anderen Arm zu, rascher zu ihnen aufzuschlie�en. �Bitte verzeihen Sie meinen groben Ton�, sagte er, als sie neben ihm angelangt waren. �Ich bin wohl... ein bisschen nerv�s.�</p><p>Miss Preussler musterte ihn ausdruckslos und dachte gar nicht daran, ihm in irgendeiner Form Absolution zu erteilen.</p><p>�Wir sollten jetzt leise sein�, fuhr Graves in leicht verschnupftem Tonfall, tats�chlich aber nun fl�sternd, fort. �Und sehr vorsichtig.�</p><p>�Glauben Sie, dass Sie das da�, Miss Preussler deutete mit einer Kopfbewegung auf das Gewehr in Graves' linker Armbeuge, �wirklich brauchen?�</p><p>�Ich hoffe nicht�, antwortete Graves. �Ich f�rchte sogar, <emphasis>wenn </emphasis>wir es brauchen, wird es uns nicht mehr viel nutzen.� Er sch�ttelte trotzig den Kopf. �Aber sicher ist sicher, nicht wahr?�</p><p>�Nicht wahr�, best�tigte Miss Preussler. Mogens hatte alle M�he, ein Grinsen zu unterdr�cken. Miss Preussler war wirklich in jeder Situation f�r eine �berraschung gut.</p><p>Graves schien diese Antwort nicht im Geringsten komisch zu finden. Er war jedoch - ausnahmsweise - klug genug, nichts darauf zu erwidern, sondern sah Miss Preussler ganz im Gegenteil pl�tzlich sehr ernst und voller echter Sorge an. �Das ist jetzt unwiderruflich der letzte Moment, es sich noch einmal zu �berlegen, Ma'am�, sagte er. �Noch k�nnen Sie kehrt machen. Sie m�ssen den Weg nur zur�ckgehen und kommen automatisch wieder zum Ausgang.�</p><p>�Haben Sie Probleme mit Ihrem Geh�r, Doktor?�, antwortete Miss Preussler mit einem liebensw�rdigen L�cheln. �Ich dachte doch, ich h�tte mich klar genug ausgedr�ckt.�</p><p>�Wenn wir jetzt weitergehen�, antwortete Graves unger�hrt, �k�nnen wir vielleicht nicht mehr umkehren.�</p><p>Statt ihm zu antworten, ma� ihn Miss Preussler nur noch einmal mit einem langen, ganz offen ver�chtlichen Blick, dann raffte sie ihren Rock, drehte sich auf dem Absatz herum und begann mit erstaunlichem Geschick die Schutthalde hinaufzusteigen.</p><p>Graves starrte sie einen Herzschlag lang verbl�fft an und versuchte dann den Arm auszustrecken, um sie zur�ckzuhalten, doch Miss Preussler hatte nicht nur bereits die H�lfte der aus Schutt und Tr�mmern bestehenden Halde erklommen, sie �berraschte sie alle auch ein weiteres Mal. Als sie gerade so weit war, dass sie von der anderen Seite aus sichtbar geworden w�re, lie� sie sich auf H�nde und Knie herabsinken und kroch das allerletzte St�ck des Weges auf allen vieren. Oben angekommen, legte sie sich flach auf den Bauch und sp�hte aufmerksam und vollkommen reglos �ber den Rand ihrer Deckung hinweg; w�re sie hundert Pfund leichter gewesen, h�tte man sie f�r einen Indianer halten k�nnen, der sich im Geb�sch anpirscht, um einen Hinterhalt f�r die wei�en Eindringlinge zu legen.</p><p>Mogens schenkte Graves einen fast triumphierenden Blick, auf den dieser jedoch nur mit einem Ausdruck noch gr��erer Sorge reagierte. �Das gef�llt mir nicht�, fl�sterte er. �Es k�nnte wirklich gef�hrlich werden, wei�t du?� Er machte eine Bewegung mit dem Gewehr. �Ich habe das ernst gemeint. Wenn wir die Dinger brauchen, dann werden sie uns vielleicht nicht mehr viel nutzen.�</p><p>�Warum schleppen wir sie dann mit?�, fragte Mogens.</p><p>�Weil wir... ach, vergiss es!� Graves machte mit einem Ruck auf dem Absatz kehrt und folgte Miss Preussler - schneller und auf eine Art, die auch noch Mogens' letzte Zweifel daran beseitigten, dass er so etwas nicht zum ersten Mal tat, aber kein bisschen leiser als sie. Ganz im Gegenteil lie� er sich erst sehr viel sp�ter auf alle viere hinab, sodass die Gefahr, von der anderen Seite aus gesehen zu werden, viel gr��er war. Mogens sah ihm kopfsch�ttelnd nach, doch dann machte Tom eine auffordernd-ungeduldige Handbewegung, und auch er begann den Tr�mmerberg zu erklettern. Tom bildete den Abschluss, und nur wenige Augenblicke sp�ter lagen sie nebeneinander auf dem Kamm der Schutthalde, wie vier ungleiche Soldaten, die aus ihrem Sch�tzengraben heraussp�hten und mit klopfendem Herzen nach ihrem Feind Ausschau hielten.</p><p>Auf der anderen Seite war jedoch - zumindest im ersten Moment - rein gar nichts zu sehen. Sowohl Graves als auch Tom hatten ihre Scheinwerferstrahlen direkt in die gro�e Tempelkammer gerichtet, doch das wei�e Licht schien mit jedem Meter, den es zur�cklegte, mehr an Substanz und Leuchtkraft zu verlieren; als fiele es nicht in einen leeren Raum, sondern in das schwarze Wasser auf dem tiefsten Grund der Ozeane, in dem es keine Existenzberechtigung mehr hatte und keine Macht. Nur hier und da tauchte ein Umriss aus der Schw�rze auf, der sich jedoch beharrlich weigerte, einen Sinn oder gar eine vertraute Form zu ergeben. Hier ein Tr�mmerst�ck, das aus dem einzigen Grund da war, die Verg�nglichkeit alles von Menschen Geschaffenem zu demonstrieren und die Sinnlosigkeit all ihren Bem�hens, sich gegen dieses Urgesetz des Universums aufzulehnen. Da die zerbrochene H�lfte einer G�tterstatue, halb Mensch, halb Vogel, deren halbierter Blick h�hnisch und warnend zugleich war. Dort ein heruntergefallenenes St�ck der Wandverkleidung, auf dem sich zerbrochene Hieroglyphen zu einem neuen, finsteren Sinn gruppiert hatten. Erst, als auch Miss Preussler und als Letzter Mogens selbst ihre Lampen hoben und in die Schw�rze hineinrichteten, wurde es ein wenig besser.</p><p>Dennoch erschrak Mogens bis ins Mark. Er war selbst hier gewesen, als die Katastrophe die Tempelkammer traf und in einer einzigen Sekunde zerst�rte, was ann�hernd f�nf Jahrtausende �berdauert hatte, und doch hatte er das Ausma� der Verheerung nicht einmal ann�hernd so gro� in Erinnerung. S�ulen waren umgest�rzt und zerborsten, prachtvolle G�tterstatuen und Standbilder von ihren Sockeln gest�rzt und in St�cke gebrochen. Ganze Abschnitte der Wandverkleidung waren heruntergefallen und zu unansehnlichen Schutthalden am Fu�e schwarzgrauer Felsw�nde geworden, und der ehemals grandiose Mosaikfu�boden hatte sich in den Grund eines ausgetrockneten, seit einem Jahrhundert von der Sonne verbrannten Sees verwandelt, der von einem Labyrinth haarfeiner bis handbreiter klaffender Risse und Spalten durchzogen wurde.</p><p>Graves und Tom schwenkten ihre Scheinwerferstrahlen langsam und methodisch hin und her. Obwohl die Lampen sehr stark waren, reichte ihr Licht nicht, den ganzen Raum auszuleuchten, sehr wohl aber, Mogens zu zeigen, dass sich die Zerst�rung nicht nur auf einen kleinen Bereich vor dem Eingang beschr�nkte, sondern im Gegenteil im hinteren Teil des Raumes noch gr��er zu sein schien. Er war jetzt sicher, diesen Raum das letzte Mal nicht in diesem Zustand gesehen zu haben, und nach einer Weile brachte er dies auch gegen�ber Graves zum Ausdruck.</p><p>�Ich f�rchte, du hast Recht�, sagte dieser. �Es muss zu einem weiteren Einsturz gekommen sein, seit wir das letzte Mal hier unten waren.�</p><p>Seiner Stimme war eine gewisse Sorge anzuh�ren, die wohl aber eher der Standfestigkeit des Bodens galt, der vor ihnen lag, und m�glicherweise den hunderttausend Tonnen Fels, die �ber ihren K�pfen hingen; keine Spur von dem Bedauern, das Mogens empfand. Es war noch nicht lange her, da war dieser Raum mit all seinen Wundern und uralten Sch�tzen und Kostbarkeiten vollkommen unversehrt gewesen: ein Fund, der nicht nur die Geschichte der Arch�ologie revolutioniert h�tte, sondern f�r Mogens auch einem Geschenk Gottes gleichkam. Nun war hier alles zerst�rt. Bedachte man, wie wenig Hinterlassenschaften es aus dem Jahrtausende w�hrenden Reich der Pharaonen noch gab, stellte selbst diese verw�stete Kammer noch einen ungeheuerlichen Schatz dar; aber sie war nicht mit dem zu vergleichen, was er noch vor zwei Tagen mit eigenen Augen gesehen und zum Teil in den H�nden gehalten hatte. In das Bedauern, das Mogens versp�rte, mischte sich Zorn. Ein Zorn, der kein wirkliches Ziel hatte, vielleicht gerade deshalb aber umso schlimmer war. Warum machte ihm das Schicksal ein solches Geschenk, um es ihm dann sofort wieder wegzunehmen?</p><p>�Es scheint alles ruhig zu sein�, sagte Graves. Warum klang seine Stimme dann besorgt?</p><p>�Sie meinen, diese Ungeheuer sind nicht da?�, fragte Miss Preussler.</p><p>Statt zu antworten, schwenkte Graves seinen Scheinwerfer abermals herum und machte eine entsprechende Geste, woraufhin auch Tom seine Lampe in dieselbe Richtung schwenkte und nach einem kurzen Augenblick auch Mogens und Miss Preussler.</p><p>Selbst die vereinigten Lichtb�ndel reichten kaum aus, auf der anderen Seite mehr als vage Schemen aus der Dunkelheit zu rei�en. Mogens glaubte einen verschwommenen Lichtreflex zu erkennen, vielleicht die Stufen, die hinauf zu dem monstr�sen Tor und seinen gigantischen W�chterstatuen f�hrte, vielleicht auch nur ein Tr�mmerst�ck - was, dachte er erschrocken, wenn das Beben das Tor versch�ttet hatte? Aber das tanzende Licht erschuf auch dort Bewegung, wo keine sein sollte, und seine Fantasie drohte schon wieder au�er Kontrolle zu geraten.</p><p>Graves schwenkte seine Laterne wieder zur Seite, sodass ihr Lichtschein sich den Weg zur�cktastete und schlie�lich auf der anderen Seite der Halde zur Ruhe kam. Tom erhob sich, ohne dass es einer weiteren Aufforderung bedurfte, huschte geduckt und nahezu lautlos nach unten und hob sein Gewehr, um die Schw�rze jenseits des zitternden Lichtkreises zu bedrohen.</p><p>�Miss Preussler�, sagte Graves.</p><p>�Ja, ich wei� - meine unwiderruflich letzte Chance, umzukehren�, antwortete sie, w�hrend sie sich bereits schnaubend in die H�he stemmte. �Sie erw�hnten es bereits.�</p><p>Graves schien wohl endg�ltig kapituliert zu haben, denn er zuckte nur beil�ufig mit den Schultern und eilte dann hinter Tom her, und Miss Preussler streckte die Hand aus, um Mogens aufzuhelfen. Jetzt war nicht der Moment f�r Stolz, ganz davon abgesehen, dass sich die Schnitte in seiner Seite und seinem Oberschenkel den allerunpassendsten aller Augenblicke ausgesucht hatten, um sich mit pochenden Schmerzen wieder zur�ckzumelden, sodass er das Angebot dankbar annahm und ohne �berraschung feststellte, wie wenig M�he es ihr machte, ihn hochzuziehen.</p><p>�Ich w�nschte, Sie w�rden auf Doktor Graves h�ren�, sagte er. �Dieses Mal hat er ausnahmsweise Recht, Miss Preussler.�</p><p>�Und Sie allein mit diesem schrecklichen Menschen lassen?�, antwortete sie. �Ganz gewiss nicht.�</p><p>�Vielen Dank f�r deine Hilfe, Mogens�, sagte Graves sp�ttisch. �Aber wir sollten jetzt trotzdem weiter gehen. Und mach dir keine Sorgen: Sollten wir dieser Ungeheuer mit unseren Gewehren nicht Herr werden, hetzen wir einfach Miss Preussler auf sie.�</p><p>Mogens beendete das sinnlose Gespr�ch, indem er mit balancierend ausgebreiteten Armen die Halde hinunterschlitterte, ebenso schnell wie Graves und Tom zuvor, aber zu seinem Leidwesen nicht einmal ann�hernd so leise. Seine Bewegung l�ste eine ganze Lawine winziger Steinchen und Tr�mmerst�cke aus, die ihn polternd ein- und �berholten und ein nicht enden wollendes klickendes, kollerndes und wisperndes Echo in der lastenden Dunkelheit ringsum wachrief. Mogens versp�rte ein kurzes, aber heftiges Gef�hl von Entsetzen, als er einen fast faustgro�en Stein beobachtete, der in einen der Risse im Boden rollte und einfach darin verschwand, und das ohne den mindesten Laut. Bisher war er davon ausgegangen, dass dieser Tempel aus dem massiven Fels herausgemei�elt war und sich der Boden unter ihren F��en fest und solide bis zum Mittelpunkt der Erde fortsetzte - aber woher wusste er das eigentlich?</p><p>�Zur�ckbleiben�, sagte Graves. �Und leise - bitte.�</p><p>Sie gingen weiter, und Mogens bem�hte sich tats�chlich, die F��e m�glichst leise aufzusetzen, um nicht noch mehr �berfl�ssige Ger�usche zu verursachen, obwohl er das Gef�hl hatte, das H�mmern seines Herzens allein m�sse schon ausreichen, um die Kammer endg�ltig zum Einsturz zu bringen.</p><p>Und er glaubte auch nicht, dass es einen Unterschied machte. Die Ghoule waren nicht hier. H�tten die Ungeheuer tats�chlich irgendwo in der Dunkelheit hier unten auf sie gelauert, w�ren sie l�ngst �ber sie hergefallen.</p><p>Vor ihnen stolperte Tom �ber ein Tr�mmerst�ck, das er in der Dunkelheit �bersehen hatte. Er fing sich rasch wieder, ohne dass es zu einem gr��eren Ungl�ck kam, stie� aber einen lautstarken Fluch aus und warf fast im gleichen Augenblick einen um Verzeihung heischenden Blick zu Miss Preussler zur�ck, den diese jedoch ebenso wenig zur Kenntnis zu nehmen schien wie seine Entgleisung zuvor. Ihre Aufmerksamkeit galt vielmehr dem, wor�ber Tom gestolpert war: der oberen H�lfte einer zerbrochenen Statue, die einen Menschen mit einem stilisierten Raubvogelkopf zeigte.</p><p>�Das ist... unheimlich�, sagte sie z�gernd. �Eine faszinierende Arbeit, aber irgendwie auch unheimlich. Welches Volk hat so etwas gemacht?�</p><p>�Es ist auf jeden Fall nicht das Werk des Teufels, Miss Preussler�, sagte Graves sp�ttisch, �das kann ich Ihnen versichern, sondern vielmehr das einer Kultur, die schon gewaltige Wunderwerke geschaffen hat, als das Christentum noch nicht einmal eine Idee war.�</p><p>�Ich bin durchaus mit der Kunst des alten �gypten vertraut, Doktor Graves�, beschied ihn Miss Preussler. �Der Herr Professor hat mich oft genug an seinem Wissen teilhaben lassen, und selbst eine dumme alte Frau wie ich erkennt eine Statue des Horus, wenn sie vor ihr liegt.�</p><p>Graves warf ihr einen leicht irritierten Blick zu, und auch Mogens war nicht wenig �berrascht. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen er sich mit Miss Preussler �ber seine Arbeit und die Kultur des alten �gypten unterhalten hatte, waren die, bei denen sie ihre Missbilligung zum Ausdruck brachte, dass sich ein doch so vern�nftiger, intelligenter junger Mann wie er mit solchen abstrusen Dingen abgab. Das Eingest�ndnis schien Miss Preussler auch ein wenig peinlich zu sein, und Mogens nahm an, dass ihr Wissen zweifellos aus den B�chern auf den Regalen in seinem Zimmer stammte, die sie in seiner Abwesenheit gr�ndlich durchgebl�ttert hatte. Mogens vermochte allerdings nicht zu sagen, was ihr an diesem Eingest�ndnis unangenehmer war - die Tatsache, dass sie damit praktisch zugab, in seiner Abwesenheit sein Zimmer durchsucht zu haben, oder der Umstand, dass sie den Inhalt seiner gottesl�sterlichen Machwerke immerhin so sehr interessiert hatte, dass sie sich den Namen mindestens einer dieser heidnischen Gottheiten gemerkt hatte.</p><p>�Trotzdem�, fuhr sie in mehr verunsichertem als zweifelndem Ton fort, �ist hier etwas... sonderbar.�</p><p>�Nur sehr wenige Menschen haben jemals ein echtes Kunstwerk aus dem alten �gypten in H�nden gehalten, Miss Preussler�, sagte Mogens. �Das meiste, was in unseren Museen steht und fast alles, was Sie in meinen B�chern gesehen haben, sind Kopien von Kopien.�</p><p>Miss Preussler gab sich zwar mit dieser Erkl�rung zufrieden, warf ihm aber dennoch einen weiteren, noch verwirrteren Blick zu, und auch Mogens war ganz und gar nicht sicher, ob diese Erkl�rung tats�chlich ausreichte. Selbst er hatte den Odem des Fremden und irgendwie Nichtmenschlichen gesp�rt, als er das erste Mal hier heruntergekommen war, und eigentlich sp�rte er ihn immer noch; jetzt vielleicht sogar st�rker denn je. Vielleicht war es eben nicht nur die Faszination eines uralten Originals, die diese Statuen und Bilder ausstrahlten. Mogens sah sich schaudernd nach rechts und links um, aber er war mit einem Male fast froh, nicht sehr viel mehr als verschwommene Schatten erkennen zu k�nnen.</p><p>Sie waren dem Tor mittlerweile nahe genug gekommen, um Einzelheiten zu erkennen. Mogens hatte es bisher fast krampfhaft vermieden, direkt dorthin zu sehen, schon aus Angst, den vergessenen Schrecken der vergangenen Nacht wieder zu begegnen. Nun aber ging es nicht mehr anders. Mogens brachte all seinen Mut zusammen und zwang sich, geradeaus nach vorne zu blicken.</p><p>Die allgemeine Zerst�rung hatte auch vor diesem Teil der Kammer nicht Halt gemacht, auch, wenn die schlimmsten und sichtbarsten Besch�digungen vielleicht nicht einmal unmittelbar auf das Erdbeben zur�ckzuf�hren waren. Die Treppe mit ihren sonderbar flachen Stufen war geborsten und mit Felstr�mmern und heruntergefallenen Steinen �bers�t. Einer der gewaltigen St�tzpfeiler war umgefallen, der andere stand noch, wirkte aber sonderbar gestaucht und schien sich nach unten deutlich zu verdicken. Die beiden riesigen, d�monischen W�chter, die rechts und links des Tores gestanden hatten, waren von ihren Sockeln gest�rzt und in tausend St�cke zerborsten, was Mogens mit einem Gef�hl vollkommen unwissenschaftlicher Erleichterung erf�llte. Er versuchte sich einzureden, dass der Grund daf�r haupts�chlich in Miss Preusslers Anwesenheit zu suchen war, die sp�testens beim Anblick dieser grotesken, krakenk�pfigen Gestalten kaum noch daran geglaubt h�tte, es mit f�nftausend Jahre alten Artefakten aus dem Reich der Pharaonen zu tun zu haben. Aber er wusste, dass das nicht stimmte. Auch ihm selbst hatte schon die blo�e Erinnerung an die monstr�sen, �bermenschlich gro�en Gestalten fast k�rperliches Unbehagen bereitet. Er war froh, ihnen nicht mehr gegen�bertreten zu m�ssen.</p><p>Es war jedoch nicht das Erdbeben, das die beiden Figuren zerst�rt hatte. Vielmehr hatte etwas das Tor, das sich nach innen �ffnete, mit solcher Gewalt aufgesto�en, dass die beiden riesigen schwarzen H�lften die Statuen einfach von ihren Sockeln gefegt worden waren. Mogens konnte ein Schaudern nicht mehr unterdr�cken, als er sich die gewaltigen Kr�fte vorzustellen versuchte, die dazu notwendig waren. Nicht einmal die �bermenschlich starken schakalk�pfigen Ghoule w�ren dazu in der Lage gewesen.</p><p>�Haben sie Sie dorthin verschleppt?�, fragte Graves.</p><p>Die Frage galt Miss Preussler, die nur mit einem wortlosen Kopfnicken die Lippen zusammenpresste. Graves sah nicht einmal zu ihr zur�ck, doch ihr Schweigen schien ihm als Antwort zu gen�gen. Er schwenkte seinen Scheinwerferstrahl kurz nach rechts und links, ohne dass das Licht in der allgemeinen Zerst�rung mehr als zerbrochene Statuen und zerborstene Hieroglyphen sichtbar werden lie�, und richtete den Strahl dann direkt auf das offen stehende Tor. Mogens' Herz begann zu klopfen.</p><p>Hinter dem Tor war nichts Au�ergew�hnlicheres zu sehen als die gleiche Licht verzehrende Dunkelheit, die auch rings um sie herum herrschte, nur dass sie dort fast noch intensiver zu sein schien. M�glicherweise war sie von dort gekommen, eine lautlose schwarze Springflut, die aus den Tiefen der Erde emporgestiegen und in diesen Raum hin�bergeschwappt war.</p><p>�Tom!�, sagte Graves.</p><p>Tom eilte ohne zu z�gern die flachen Stufen hinauf. Mogens stockte der Atem, als er das riesige Tor erreichte und sich verbeugte, aber nichts geschah. Tom trat, mit der gebotenen Vorsicht zwar, aber dennoch ohne zu z�gern durch das Tor, sah sich rasch nach beiden Seiten um und schien dann einen Moment lang konzentriert in eine unbekannte Tiefe zu blicken. Er hatte seine Lampe mitgenommen, aber ihr Licht war zu einem kaum noch sichtbaren Schimmer geworden, und Mogens hatte pl�tzlich das unheimliche Gef�hl, dass die Dunkelheit selbst damit anfing, seine Umrisse aufzul�sen.</p><p>Graves setzte seine Inspektion noch einige Sekunden lang fort, dann wandte er sich halb zu ihnen um und winkte ihnen mit dem Gewehr zu. �Hier ist nichts�, sagte er. �Nur eine Art Treppe.�</p><p>�Eine Art?�, fragte Miss Preussler leise. �Was ist <emphasis>eine Art </emphasis>Treppe?�</p><p>Mogens k�mpfte seine Furcht nieder und setzte sich in Bewegung, um es herauszufinden.</p><p>Hinter dem monstr�sen Tor lag nichts Schlimmeres als ein gro�er, vollkommen leerer Raum. Das hin und her tanzende Licht ihrer Lampen tastete �ber W�nde aus schwarzem, nur grob bearbeitetem Fels ohne Inschriften oder Verzierungen. Mogens war nicht unbedingt entt�uscht; nach der barbarischen Pracht des Tores hatte er irgendetwas Au�ergew�hnliches auf der anderen Seite erwartet - was genau, h�tte er nicht sagen k�nnen. Aber die kalte N�chternheit dieser Felsenkammer verwirrte ihn. Das einzig Au�ergew�hnliche, das ihm auffiel, war ein leichter Geruch wie nach Salzwasser, der in der Luft lag.</p><p>Tom deutete mit seiner Lampe nach links, in die Richtung, in die er gerade so konzentriert geblickt hatte. Graves ging wortlos dorthin, und auch Mogens folgte ihm. Sein Herz jagte noch immer, und er merkte erst jetzt, wie stark seine H�nde zitterten, und ballte sie rasch zu F�usten.</p><p>Was Tom entdeckt hatte, das schien tats�chlich der Anfang von etwas zu sein, was man mit einiger Fantasie und noch mehr gutem Willen als Treppe bezeichnen konnte: Ein enger, unregelm��ig geformter Schacht, der in schwindelnd machendem Winkel in die Tiefe f�hrte, und in dem es eine unregelm��ige Reihe noch unregelm��igerer... nun ja: Stufen gab.</p><p>Keine von ihnen sah aus wie die andere. Manche waren flach und winzig, eher f�r die F��e von Zwergen gedacht als von Menschen, andere wieder so monstr�s und riesig, dass es fast unm�glich schien, sie zu �berwinden, in schr�gem Winkel gegeneinander geneigt oder gebrochen, manche auch auf eine Art und Weise verdreht und verbogen, dass allein ihr Anblick ein leises Gef�hl von �belkeit in Mogens' Magen ausl�ste. Er verstand pl�tzlich, was Tom gemeint hatte, als er von �einer Art Treppe� sprach. Er war nicht sicher, ob es sich tats�chlich um eine solche handelte, oder nur um etwas, das ihre menschlichen Sinne in Ermangelung eines anderen Begriffes als Treppe deuteten.</p><p>�Und Sie sind ganz sicher, dass Sie auf diesem Wege fortgebracht worden sind, Miss Preussler?�, fragte Graves.</p><p>Mogens konnte den zweifelnden Ton in seiner Stimme verstehen. Er war nicht sicher, ob er sich selbst zutraute, diese Treppe hinunterzusteigen - auch wenn er das ungute Gef�hl hatte, dass er es in nicht allzu ferner Zukunft herausfinden w�rde. Aber ein sich noch dazu heftig wehrendes Opfer von Miss Preusslers Gewicht und K�rperma�en gegen seinen Willen dort hinunter zu transportieren, traute er nicht einmal den Ghoulen zu.</p><p>Auch Miss Preussler antwortete nicht sofort, sondern blickte einen Moment lang mit zweifelndem Gesicht in den vermeintlichen Treppenschacht hinab.</p><p>�Ich wei� nicht�, sagte sie z�gernd. �Es ging alles sehr schnell, und...� Sie unterbrach sich, sch�ttelte den Kopf und verbesserte sich dann mit pl�tzlich entschiedener, fester Stimme: �Nein. Ich bin sicher. Es geht dort hinunter.�</p><p>�Wenn Sie es sagen...�, murmelte Graves wenig begeistert. Dennoch lie� er seinen Lichtstrahl noch einmal und sehr langsam durch den gro�en, unregelm��ig geformten Raum schweifen. Aber da war nichts - nur rauer, rissiger Fels, auf dem hier und da N�sse gl�nzte, vielleicht auch Salzkristalle, wenn man den sonderbaren Meeresgeruch bedachte, der in der Luft lag. Die Kammer kam Mogens immer sonderbarer vor. Warum hatte man dieses aufwendige Tor mit seinen beiden monstr�sen W�chterstatuen erschaffen, wenn dahinter... <emphasis>nichts </emphasis>war?</p><p>�Wir brauchen ein Seil�, sagte Graves.</p><p>Tom lehnte sein Gewehr gegen die Wand, machte aber keine Anstalten, seinen Rucksack abzusetzen oder irgendwie hinein zu greifen, sondern begann wortlos und mit zusammengebissenen Z�hnen in den Schacht hinunter zu klettern.</p><p>�Tom?�, fragte Graves.</p><p>�Einen Moment, Doktor Graves�, antwortete Tom zwischen zusammengebissenen Z�hnen hervor. �Lassen Sie mich was �berpr�fen.�</p><p>Graves wirkte nicht begeistert, aber er schwieg, und auch Mogens enthielt sich jeden Kommentars, sog aber pl�tzlich und erschrocken die Luft ein, als Tom den Halt verlor und ein ganzes St�ck absackte. Seine Finger fanden jedoch sofort wieder Halt an dem rauen Fels. Er hielt einen Moment inne, l�chelte Mogens beruhigend zu und kletterte dann noch vorsichtiger weiter. Schon nach einem Augenblick waren auch Kopf und Schultern in der Tiefe verschwunden, und nur einen Atemzug sp�ter auch sein �berdimensionaler Tornister. �Dacht ich's mir doch�, drang seine Stimme aus dem Schacht hervor.</p><p>�Was?�, fragte Graves.</p><p>�Weiter unten wird es leichter.�</p><p>Auch Mogens beugte sich mit klopfendem Herzen vor und sp�hte an Graves vorbei und direkt in Toms Gesicht, der sich keine zwei Meter unter ihnen befand und sich mit leicht gespreizten Beinen und durchgedr�ckten Armen an den W�nden des Schachtes abst�tzte, wie ein Bergsteiger, der einen Felskamin hinabklettert.</p><p>�Hier ist ein Knick�, sagte er. �Danach wird es viel einfacher. Vielleicht, wenn Miss Preussler als Erste...?�</p><p>�Wenn sie es denn wirklich will...�, sagte Graves.</p><p>Miss Preussler streifte ihn nur mit einem ver�chtlichen Blick, drehte sich um und lie� sich schnaufend auf H�nde und Knie hinabsinken, dann begann sie mit dem rechten Bein nach unten zu tasten. Mogens wusste nicht, wie und vor allem <emphasis>wo </emphasis>Tom sie festhielt - und er wollte es auch gar nicht so genau wissen -, aber irgendwie gelang es ihm wohl, denn als Graves und er nach ihren ausgestreckten Armen griffen und sie festhielten, sank sie nur ganz allm�hlich in den Schacht hinab; auch wenn Mogens dabei das Gef�hl hatte, dass ihm die Arme aus den Schultergelenken gerissen wurden. Sie h�rten Tom �chzen, dann jedoch rief er: �Alles klar. Sie k�nnen loslassen.�</p><p>Mogens gehorchte nur zu gern. Die Schnittwunden in seiner Seite pochten wie wild, als er ersch�pft die Arme sinken lie� und zur�cktrat, und er sp�rte etwas Nasses und Warmes an seiner Brust hinunterlaufen. Mindestens einer der kaum verheilten Risse war wieder aufgebrochen. Es tat h�llisch weh.</p><p>Graves betrachtete ihn einen Moment kritisch. �Schaffst du es noch?�, fragte er.</p><p>�Bestimmt�, antwortete Mogens kurzatmig. �Ich brauche nur... einen Augenblick...�</p><p>Graves schien dazu seine eigene, etwas andere Meinung zu haben, aber er belie� es bei einem wortlosen Achselzucken und begann auf die gleiche Weise wie Miss Preussler zuvor in den Schacht hinunterzusteigen. Nur deutlich schneller.</p><p>Als er sich an dem rauen Felsen festklammerte, verrutschte einer seiner Handschuhe. Nicht sehr weit, und auch nur f�r einen ganz kurzen Moment, sodass Mogens nur einen einzelnen Blick darunter werfen konnte.</p><p>Doch das war schon eindeutig mehr, als er eigentlich wollte.</p><p>Er konnte nicht einmal genau sagen, was er sah. Keine Haut, und ganz sicher auch kein menschliches Fleisch. Der schwarze Handschuh rollte ein St�ck nach oben, wie eine Wurstpelle, die man nach dem Kochen abzieht, und darunter kam etwas Wei�es, Wimmelndes zum Vorschein, wie B�ndel gl�nzender, ineinander gedrehter, pulsierender Nervenf�den.</p><p>Bevor Mogens genauer hinsehen konnte, verschwand Graves' Hand in der Tiefe, und er war allein.</p><p>Sein Herz jagte. Nachdem Graves fort war, hatte er nur noch eine einzige Lampe, die eigentlich ausreichen sollte, den kleinen Raum hinl�nglich zu erhellen, es aber einfach nicht tat. Die Dunkelheit st�rmte aus allen Richtungen zugleich auf ihn ein und nahm ihm nicht nur die Sicht, sondern in zunehmendem Ma�e auch den Atem.</p><p>�Komm, Mogens!� Graves' Stimme drang so hohl und verzerrt wie aus einem unendlich tiefen, hallenden Schacht zu ihm herauf, von den Echos zu etwas gemacht, das seiner Furcht noch zus�tzliche Nahrung gab. �Tom hat Recht. Hier unten wird es leichter. Bring sein Gewehr mit!�</p><p>Mogens nahm mit spitzen Fingern die B�chse von der Wand und reichte sie Graves in die Tiefe hinab, bevor er sich ebenfalls auf H�nde und Knie sinken lie� und dann r�cklings in den Schacht zu klettern begann. Er rechnete damit, dass Tom oder Graves ihm halfen, wie sie es bei Miss Preussler getan hatten, aber deren Stimmen entfernten sich eher unter ihm, und eingedenk der unheimlichen, �belkeit erregenden Geometrie dieses Schachtes, die er vorhin gesehen hatte, wagte er es nicht, nach unten zu blicken, sondern kletterte Hand �ber Hand und mit fest zusammengepressten Augenlidern, bis er endlich wieder festen, wenn auch leicht absch�ssigen Boden unter den F��en sp�rte.</p><p>�Gib acht, Mogens�, sagte Graves' Stimme hinter ihm. �Pass auf deinen...�</p><p>Mogens drehte sich mit immer noch geschlossenen Augen herum, richtete sich mit einem erleichterten Seufzen auf und knallte so hart mit dem Sch�del gegen den Fels, dass er Sterne sah.</p><p>�... Kopf auf�, schloss Graves. Mogens war sicher, sich den schadenfrohen Unterton in seiner Stimme nicht nur einzubilden.</p><p>St�hnend hob er die Hand an den Kopf, fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch das Haar und sp�rte zu seiner eigenen �berraschung zwar kein Blut, daf�r aber einen so heftig pochenden Schmerz, dass ihm �bel wurde.</p><p>�Mach dir nichts draus�, sagte Graves fr�hlich. �Das ist uns allen passiert.�</p><p>Mogens konnte nicht wirklich erkennen, was daran so komisch sein sollte, doch dann �ffnete er endlich die Augen, blickte in Graves' grinsendes Gesicht und legte dann den Kopf in den Nacken. Verbl�fft riss er die Augen auf.</p><p>�Habe ich Ihnen schon gesagt, dass Sie ein unm�glicher Mensch sind, Doktor Graves?�, fragte Miss Preussler.</p><p>�Mehrmals, meine Liebe�, antwortete Graves. �Mehrmals.�</p><p>Mogens h�rte kaum hin, denn was er sah, das war so verbl�ffend und unm�glich zugleich, dass er selbst den pochenden Schmerz unter seiner Sch�deldecke f�r einen Moment einfach verga�. Der Gang, in dem sie sich befanden, bestand aus dem gleichen gl�nzend schwarzen Gestein wie der Raum hinter dem Tor, und seine Decke befand sich mindestens zwei Meter �ber ihren K�pfen. Aber als er den Arm ausstreckte, stie�en seine Finger fast unmittelbar auf harten Widerstand.</p><p>�Aber das ist doch... unm�glich�, murmelte er. Es war nicht so, dass er auf ein <emphasis>unsichtbares </emphasis>Hindernis gesto�en w�re, nein, er konnte sehen, wie seine Fingerspitzen den Fels zwei Meter �ber seinem Kopf ber�hrten, obwohl er den Arm noch nicht einmal halb ausgestreckt hatte!</p><p>�Interessant?�, fragte Graves. Seine Stimme war von einem absurden Stolz erf�llt.</p><p>�Ich finde es eher erschreckend�, sagte Miss Preussler. �Mit diesem Ort stimmt etwas nicht.�</p><p>�Ich denke eher, dass mit unseren <emphasis>Sinnen </emphasis>etwas nicht stimmt�, antwortete Graves.</p><p>�Vielleicht mit den Ihren, Doktor�, versetzte Miss Preussler spitz.</p><p>�Nein, nein�, beharrte Graves. �Ich meine das ernst, meine Liebe. Mit diesem Ort ist alles in Ordnung. Ich vermute, dass unsere unzul�nglichen menschlichen Sinne mit seiner Geometrie nichts anfangen k�nnen.�</p><p>�Was f�r ein f�rchterlicher Unsinn!�, sagte Miss Preussler.</p><p>Graves sch�ttelte l�chelnd den Kopf. �Ganz wie Sie meinen�, sagte er. �Aber bis wir eine bessere Erkl�rung gefunden haben, sollten wir uns dennoch darauf einigen, unseren Sinnen nicht mehr vollkommen zu vertrauen.�</p><p>Mogens folgte dem albernen Disput der beiden nur mit halbem Ohr. Gerade nach dem, was er vorhin mit eigenen Augen gesehen hatte, tendierte er stark dazu, Graves Recht zu geben. Er verstand nur nicht, wie Graves das Kunstst�ck fertig brachte, etwas so ganz und gar Unvorstellbares mit einer solchen Gelassenheit auszusprechen. Z�gernd hob er noch einmal den Arm und registrierte mit kein bisschen weniger Verbl�ffung als beim ersten Mal, wie seine Fingerspitzen gegen rauen Widerstand stie�en, obwohl er keinerlei perspektivische Verzerrung oder irgendeinen anderen Hinweis auf eine optische T�uschung gleich welcher Art erkennen konnte. Es war ein zutiefst verst�render Anblick.</p><p>�Aus diesem Grund wollt ich auch kein Seil benutzen�, sagte Tom. �Ich war nicht ganz sicher, woran ich es festbinden sollte.�</p><p>�Also hast du dich lieber auf das verlassen, was dir dein Tastsinn verraten hat�, f�gte Graves mit einem anerkennenden Nicken hinzu. �Das war sehr klug von dir, Tom.�</p><p>Tom l�chelte geschmeichelt, und auch Mogens musste die Voraussicht des Jungen anerkennen; zugleich aber war an dem, was er gesagt hatte, zwar nichts auszusetzen, aber irgendetwas, was ihn st�rte.</p><p>�Gehen wir weiter�, schlug Graves vor. �Vorsichtig.�</p><p>Er selbst ging - wortw�rtlich - mit gutem Beispiel voran, denn er wandte sich zwar um und ging mit festen, ruhigen Schritten los, hielt aber die linke Hand mit dem Gewehr sichernd vor und ein St�ck �ber den Gesicht, die andere, die die Lampe hielt, weit nach vorne ausgestreckt, wie ein Blinder, der sich behutsam in einem ihm vollkommen unbekanntes Zimmer vorantastete. Zugleich <emphasis>ging </emphasis>er eigentlich nicht im klassischen Sinne, sondern lie� die F��e vor sich �ber den Boden schleifen, als misstraue er auch der Festigkeit des scheinbar massiven Felsens. Es sah einigerma�en albern aus, aber schon nach wenigen Schritten sah Mogens den Sinn dieser �bertrieben erscheinenden Vorsichtsma�nahme ein. Graves' tastend vorgestreckte Hand prallte so unsanft gegen einen Felsvorsprung, der noch meterweit entfernt schien, dass die Lampe scheppernd hin und her schaukelte und f�r einen Moment zu erl�schen drohte. Nur einen Moment sp�ter stolperte er �ber eine Unebenheit im Boden, die Mogens einen Lidschlag zuvor noch nicht einmal <emphasis>gesehen </emphasis>hatte, und auch ihm und den beiden anderen erging es nicht viel besser. Trotz aller Vorsicht stie�en sie sich mehrmals hart und schmerzhaft an Felsen, die sie regelrecht anzuspringen schienen, und einmal w�re Mogens fast gest�rzt, als er sich auf einem Vorsprung abzust�tzen versuchte, der ungleich weiter entfernt war, als es aussah.</p><p>Sie tasteten sich auf diese Weise ein geh�riges St�ck weit durch den unheimlichen Gang, dann verschwand Graves pl�tzlich hinter einem Knick, der eigentlich noch mindestens f�nfundzwanzig oder drei�ig Schritte weit entfernt sein sollte, und als Mogens ihm mit klopfendem Herzen folgte, weitete sich der Stollen zu einer gro�en, unregelm��ig geformten H�hle, in der sich das Licht ihrer Laternen verlor, ohne auf Widerstand zu sto�en.</p><p>�Und jetzt?�, fragte Graves.</p><p>Die Frage galt Miss Preussler, die dicht hinter Mogens aus dem unheimlichen Stollen heraustrat und h�rbar erleichtert aufatmete. Dennoch konnte sie Graves' Frage nur mit einem hilflosen Schulterzucken beantworten und mit einem ebenso irritierten wie angsterf�llten Blick in die Runde. �Ich bin nicht sicher�, sagte sie z�gernd. �Aber ich glaube nicht, dass wir hier entlanggekommen sind. Jedenfalls erinnere ich mich nicht.�</p><p>Graves wirkte ein bisschen ver�rgert, gab sich aber redliche M�he, sich nichts davon anmerken zu lassen, hob seine Laterne und streckte vorsichtig die Hand nach einem fast mannshohen Stalagmiten aus, der gute zehn Schritte entfernt in ihrem Licht auftauchte. Seine Finger griffen ins Leere. Graves nickte, als w�re er mit dem, was er gerade erlebte, �u�erst zufrieden, ging, auf die gleiche, �bervorsichtige Weise wie bisher auch, auf den emporgereckten Zeigefinger aus schwarzem Stein zu und ber�hrte ihn fl�chtig. Mogens sah, wie sich seine Lippen lautlos bewegten, als er zur�ckkam. Vermutlich z�hlte er seine Schritte.</p><p>�Ich glaube, es ist vorbei�, sagte er. �Hier scheint wieder alles normal zu sein. Aber wir sollten uns trotzdem in Acht nehmen.�</p><p>�Das ist nicht der richtige Weg�, sagte Miss Preussler.</p><p>�Gerade sagten Sie noch, Sie w�ssten nicht, ob Sie schon einmal hier waren oder nicht�, sagte Graves.</p><p>�Ich k�nnte mich bestimmt...�, begann Miss Preussler, wurde diesmal aber sofort und in leicht sch�rferem Ton von Graves unterbrochen.</p><p>�Miss Preussler, ich bitte Sie!�, sagte er. �Sie haben es selbst gesagt - Sie haben ein paar Mal das Bewusstsein verloren, und Sie waren vermutlich - mit Verlaub - ein wenig aufgeregt.�</p><p>�Warum sagen Sie nicht hysterisch, wenn Sie es schon meinen?�, fragte Miss Preussler schnippisch.</p><p>�Weil ich es nicht gemeint habe�, erwiderte Graves. Er seufzte. �Miss Preussler, ich habe es l�ngst aufgegeben, Ihnen irgendetwas vormachen zu wollen. Sie sind gegen meinen erkl�rten Willen hier, und ich habe Ihnen gesagt, dass wir vielleicht nicht in der Lage sein w�rden, R�cksicht auf Sie zu nehmen; so wenig wie auf irgendeinen von uns. Also lassen Sie es dabei, dass ich Ihren Einwand zur Kenntnis genommen habe. Vielleicht ist das der Weg, den Sie genommen haben, vielleicht auch nicht. Es mag durchaus mehr als einen Weg nach unten geben.�</p><p>Auch in diesem Punkt gab ihm Mogens im Stillen Recht, und auch in diesem Punkt sch�rten Graves' Worte sein Unbehagen nur noch. Er fragte sich, was genau Graves unter <emphasis>unten </emphasis>verstand.</p><p>Als h�tte sie seine Gedanken gelesen, antwortete Miss Preussler: �Sie wissen nicht, was dort unten auf uns wartet, Doktor Graves!�</p><p>�Nein�, bekannte Graves unger�hrt. �Aber ich denke, dass wir es herausfinden, wenn wir weitergehen.� Er sch�ttelte - heftiger - den Kopf, um Miss Preusslers Widerspruch im Keim zu ersticken. �Es ist zu sp�t, umzukehren�, sagte er, und wie um seinen Worten zus�tzliches Gewicht zu verleihen, fuhr er auf dem Absatz herum und st�rmte die n�chsten Schritte regelrecht dahin, bevor seine Vernunft wieder die Oberhand gewann und er ein etwas gem��igteres Tempo einschlug, sodass sie zu ihm aufschlie�en konnten.</p><p>Mogens konnte hinterher nicht sagen, wie lange sie durch diese fast vollkommene Dunkelheit gegangen waren, an deren Rand nur dann und wann ein verschwommener Schatten auftauchte - ein scharfkantiger Dolch aus schwarzer Lava oder Obsidian, der sich trotzig dem unsichtbaren steinernen Himmel �ber ihren K�pfen entgegenreckte; ein gedrungener Umriss wie ein versteinerter Gnom, der dar�ber wachte, dass sie nicht vom Weg abkamen - einmal auch ein fast schon filigranes Gespinst, das eher an eine Koralle als an harten Fels erinnerte -, aber vermutlich war es nicht einmal sehr lange. Und obwohl diese Umgebung mit ihrer Dunkelheit, ihren bizarren steinernen W�chtern und den lang anhakenden, aufs Unheimlichste gebrochenen und verzerrten Echos, die aus der Dunkelheit zu ihnen zur�ckkehrten, alles hatte, selbst das Herz eines tapferen Mannes mit Furcht zu erf�llen, atmete er ganz im Gegenteil innerlich eher auf. Hier unten mochte es unheimlich sein - Mogens konnte nicht einmal die M�glichkeit von der Hand weisen, dass es hier durchaus ernst zu nehmende Gefahren gab, in der Dunkelheit verborgen auf sie lauerten oder in deren Rachen sie geradewegs hineinmarschierten, ohne es zu ahnen - , und doch war es trotz allem eine vertraute Welt, eine vertraute Angst, nicht dieses gr�ssliche, die Sinne verdrehende Schattenreich, durch das sie am Anfang gekommen waren. Mogens versuchte fast verzweifelt, eine logische Erkl�rung f�r diesen unheimlichen Effekt zu finden, und er hatte auch Erfolg damit: Vielleicht war der Treppenschacht mit einem unsichtbaren und geruchlosen Gas gef�llt gewesen, das ihre Wahrnehmungen verzerrte, vielleicht gab es dort eine Anomalie in der Schwerkraft oder einem der anderen Naturgesetze, denen die menschlichen Sinne unterliegen, ohne dass man es im Allgemeinen sp�rt. Ihm fielen noch mehr, mindestens genauso �berzeugende Erkl�rungen ein - und doch sp�rte er zugleich, dass keine von ihnen der Wahrheit auch nur nahe kam.</p><p>Endlich verlor sich der zitternde Lichtstrahl vor ihnen nicht mehr in der Dunkelheit, sondern traf auf Widerstand. Noch ein Dutzend Schritte, und sie standen vor einer Felswand, in der sich nicht einmal ein handbreiter Riss zeigte, geschweige denn ein Durchgang.</p><p>�Und jetzt, meine liebe Miss Preussler?�, fragte Graves.</p><p>�Ich sagte doch, dass ich nichts...�, begann sie.</p><p>�Sagen Sie eine Richtung�, fiel ihr Graves ins Wort.</p><p>�Also gut. Rechts.�</p><p>�Gut�, sagte Graves und wandte sich nach links. �Sp�ren Sie den Luftzug, meine Liebe?�, fragte er, w�hrend er bereits losmarschierte, ohne sich auch nur mit einem Blick zu vergewissern, ob sie ihm folgten oder nicht. �Diesen leichten Salzwassergeruch? Ich w�rde doch vorschlagen, dass wir in seine Richtung gehen, statt uns von ihm zu entfernen.�</p><p>Mogens warf Miss Preussler einen fast flehenden Blick zu, nicht darauf zu antworten, und sie schluckte zu seiner Erleichterung auch alles herunter, was ihr dazu sichtbar auf der Zunge lag. Graves' pl�tzliche Streitlust verwirrte ihn, aber vielleicht war das auch nur seine Art, mit der Nervosit�t fertig zu werden.</p><p>Davon abgesehen hatte er Recht. Der Luftzug wurde allm�hlich st�rker, und auch der Salzwassergeruch nahm sp�rbar zu. Sie legten vielleicht noch zwei Dutzend Schritte zur�ck, bevor Graves wieder langsamer wurde und schlie�lich stehen blieb.</p><p>�Das Licht�, sagte er. �L�scht eure Lampen.�</p><p>Mogens war nicht wohl dabei, und er sagte es auch. �Und was, wenn diese Bestien irgendwo hier auf uns lauern?�</p><p>�Dann locken wir sie mit unseren Lichtern allerh�chstem an�, antwortete Graves. �Dar�ber hinaus bin ich davon �berzeugt, dass sie im Moment anderweitig besch�ftigt sind.�</p><p>�Darf ich auch fragen, womit?�</p><p>�Sicher d�rfen Sie das, mein lieber Professor�, antwortete Graves ironisch und l�schte seine Laterne.</p><p>Mogens tat es ihm gleich und verbiss es sich, noch einmal nachzuhaken. Irgendwie war ihm Graves beinahe sympathischer gewesen, als er sich noch wortkarg und hochn�sig gegeben hatte. Nachdem auch Tom und Miss Preussler ihre Laternen gel�scht hatten, wurde es f�r einen Moment dunkel, allerdings wirklich nicht f�r sehr lange. Schon nach zwei oder drei Sekunden begann Graves' Gestalt als zerfaserter Schemen wieder vor ihm aus der Dunkelheit aufzutauchen, eingefasst von einem blassgr�nen, seltsam unwirklichen Schein. Z�gernd ging er weiter und blieb unmittelbar neben Graves wieder stehen. Nur ein paar Schritte vor ihnen g�hnte ein kaum meterhoher, aber mehr als zehnmal so breiter Spalt in der Felswand, bei dessen Anblick Mogens unwillk�rlich an das grinsende Maul eines Drachen denken musste. In dem mattgr�nen Schein dahinter schien sich etwas zu bewegen, aber Mogens konnte nicht sagen, was.</p><p>�Du warst schon einmal hier unten�, vermutete er.</p><p>�Keineswegs�, antwortete Graves. �Aber es ist eine einfache logische Schlussfolgerung, dass es hier unten Licht geben muss. Diese Kreaturen m�gen sehr empfindliche Augen haben, aber sie <emphasis>haben </emphasis>Augen. W�rden sie in absoluter Dunkelheit leben, brauchten sie die nicht.�</p><p>Er ging weiter. Unendlich behutsam - und mit einer Bewegung, aus der deutlich mehr Furcht sprach, als ihm vermutlich selbst bewusst war - lie� er sich vor dem Spalt in die Hocke sinken und sp�hte hindurch. �Alles ruhig�, sagte er. �Ihr k�nnt kommen.�</p><p>Er wartete ihre Reaktion auch diesmal nicht ab, sondern b�ckte sich mit einer unerwartet raschen Bewegung unter dem �berh�ngenden Felsen hindurch und richtete sich dr�ben wieder auf. Die Barriere war nicht besonders dick - weniger als einen halben Meter, sch�tzte Mogens -, sodass er eigentlich weiter h�tte sichtbar bleiben m�ssen. Seine Gestalt schien sich jedoch in dem blassgr�nen Schein auf der anderen Seite einfach aufzul�sen, wie die eines Schwimmers, der in ein Becken mit vollkommen veralgtem Wasser tauchte.</p><p>�Jonathan?�, fragte Mogens alarmiert.</p><p>Er bekam keine Antwort, sodass er sich dicht vor dem Spalt in die Hocke sinken lie� und konzentriert hindurchsp�hte. Er glaubte einen Schatten zu erkennen, war aber nicht sicher.</p><p>�Graves?�, fragte er noch einmal, und jetzt gab er sich gar keine M�he mehr, den besorgten Ton in seiner Stimme zu unterdr�cken.</p><p>Etwas scharrte, und dann h�rte er Graves' halb erstickte, qualvolle Stimme: �Mogens - in Gottes Namen, hilf mir!�</p><p>Mogens b�ckte sich hastig unter dem Fels hindurch und sprang auf der anderen Seite so hastig wieder auf, dass er sich abermals den Sch�del anschlug und die Bewegung nicht zu Ende f�hrte, sondern mit zusammengebissenen Z�hnen gleich wieder auf die Knie sank.</p><p>�Ich wusste, dass es funktioniert�, sagte Graves feixend. �In dir steckt eben doch ein guter Kerl.�</p><p>Mogens musste die finsteren Blicke nicht spielen, mit denen er Graves ma�, w�hrend er aufstand und sich zugleich den schmerzenden Sch�del rieb. �Ich spare es mir, dir zu sagen, was in dir steckt, meiner Meinung nach.�</p><p>�Sehr vern�nftig�, antwortete Graves. Dann erlosch sein Grinsen wie abgeschaltet. �Pass auf, Mogens. Wir k�nnen uns keine Verletzungen leisten.�</p><p>Mogens verga� alles, was er Graves hatte sagen wollen, als er sich aufrichtete und sein Blick an ihm vorbei fiel.</p><p>Hinter und unter Graves erstrecke sich eine gewaltige H�hle, deren Dimensionen nicht nur seine Vorstellungskraft sprengten, sondern auch schlichtweg seine Sinne �berforderten. Er war nicht einmal sicher, ob es sich tats�chlich noch um eine H�hle handelte oder nicht vielmehr um etwas, wof�r man eigentlich ein eigenes Wort h�tte erfinden m�ssen.</p><p>Der Raum war schlichtweg gigantisch. Der h�chste Punkt des gewaltigen, steinernen Firmaments musste sich eine viertel Meile, wenn nicht mehr, �ber ihren K�pfen befinden, und seine Ausdehnung wagte Mogens nicht einmal zu sch�tzen. Die Entfernung zwischen hier und dem gegen�berliegenden Ende des gewaltigen Felsendomes betrug sicherlich eine Meile, wenn nicht gar ein Mehrfaches. Und diese riesige, tief unter der Erde gelegenen Kammer - aber so tief konnte sie nicht sein, fl�sterte eine leise, beruhigte Stimme irgendwo in Mogens' Hinterkopf; sie waren ein gutes St�ck nach unten geklettert und auch der Schattengang und die anschlie�ende H�hle hatten sie weiter abw�rts gef�hrt, aber nicht so weit - war nicht leer.</p><p>Unter ihnen erstreckte sich die bizarrste Stadt, die Mogens jemals gesehen hatte.</p><p>Im allerersten Moment h�tte er nicht einmal sagen k�nnen, ob es sich tats�chlich um eine Stadt handelte, oder nur eine willk�rliche Ansammlung sonderbar geometrischer Felsformen und -formationen, die sein wissenschaftlicher Verstand nur als eine solche deutete, um wenigstens den Anschein von Ordnung in das unvorstellbare Chaos dort unten zu bringen. Da waren riesige, bizarr verformte Gebilde, die aussahen wie lebende Dinge, die vielleicht einmal hatten H�user werden wollen, aber auf halbem Wege dorthin zu sonderbar organischer Form erstarrt waren. Es gab Linien und Parallelen, die sich auf vollkommen unm�gliche Weise bogen, verzerrten und schnitten, an Stellen endeten, wo sie es nicht h�tten tun d�rfen, oder sich in Winkeln ber�hrten, die vollkommen unm�glich waren. Ein Gro�teil dieser bizarren Bauwerke schien zerst�rt und halb verfallen - auch wenn dies angesichts der vollkommen absurden Geometrie nur sehr schwer einzusch�tzen war -, anderes machte den Eindruck, niemals wirklich zu Ende gebaut worden zu sein. Das Allerschlimmste aber war, dass Mogens trotz aller dieser Fremdartigkeit, trotz der �belkeit erregenden, nichteuklidischen Geometrie, die ihr zugrunde lag, etwas auf schreckliche Weise <emphasis>Vertrautes </emphasis>in der Anlage dieser Stadt zu erkennen glaubte.</p><p>�Nun?�, fl�sterte Graves neben ihm. �Habe ich dir zu viel versprochen, Mogens?�</p><p>Mogens konnte nicht antworten. Er konnte nicht einmal nicken. Obwohl ihn der Anblick dieser monstr�sen unterirdischen Stadt so sehr entsetzte wie selten etwas zuvor im Leben, obwohl ihr blo�es Dasein irgendetwas in ihm zu verletzen schien, sodass er sich wie ein getretener Wurm zu kr�mmen begann und lautlose Schmerzensschreie ausstie�, obwohl dieses gr�ssliche Bild schlicht und einfach seine Menschlichkeit beleidigte, war es ihm zugleich auch unm�glich, sich seiner morbiden Faszination zu entziehen oder auch nur den Blick zu wenden. Er h�rte, wie Tom hinter ihm durch den Felsspalt gekrochen kam und erschrocken die Luft ausstie�, als er des unglaublichen Anblicks gew�rtig wurde, aber er war nicht imstande, auch nur irgendwie darauf zu reagieren. Das schreckliche Bild brannte sich wie S�ure in seine Gedanken, und das Entsetzen, mit dem es ihn erf�llte, begann allm�hlich die Qualit�t eines echten, k�rperlichen Schmerzes anzunehmen und hielt ihn dennoch zugleich mit eiserner Kraft gefangen.</p><p>Erst, als Graves ihn am Arm ber�hrte und ihm einen auffordernden Blick zuwarf, schrak er aus seiner Erstarrung hoch und drehte sich hastig herum. Hinter ihnen kroch als letzte nun auch Miss Preussler durch den Spalt im Fels, hatte aber sichtbare Schwierigkeiten, ihre K�rpermasse durch die schmale �ffnung zu quetschen. Mogens und Graves taten ihr M�glichstes, um ihr behilflich zu sein, und es gelang ihnen auch, sie ins Freie zu ziehen, ohne dass sie sich mehr als ein paar harmlose Schrammen einhandelte - und vermutlich ein paar nicht ganz so harmlose in ihrem Stolz. Statt sich bei ihnen zu bedanken, schenkte sie jedenfalls zuerst Graves und dann auch Mogens einen vernichtenden Blick, warf mit einem Ruck den Kopf in den Nacken und drehte sich dann abrupt weg.</p><p>�Wenigstens wissen wir jetzt, dass Miss Preussler nicht auf <emphasis>diesem </emphasis>Weg hier herunter gekommen sein kann�, sagte Graves am�siert.</p><p>Mogens war ziemlich sicher, dass Miss Preussler die Worte geh�rt hatte - und es auch sollte - , und sie setzte auch sofort zu einer entsprechenden Antwort an. Alles, was sie jedoch h�ren lie�, war ein entsetztes Keuchen. Dann schlug sie die Hand vor den Mund. Trotz der unheimlichen, gr�nen Beleuchtung konnte Mogens erkennen, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich und ihre Augen vor Entsetzen dunkel wurden.</p><p>�Gro�er Gott�, stammelte sie. �Was ist das?�</p><p>Graves legte den Kopf auf die Seite. Seine Augen wurden schmal. �Sagten Sie nicht, Sie w�ren schon einmal hier unten gewesen?�, fragte er misstrauisch.</p><p>�Nicht...� Miss Preussler warf einen fast Hilfe suchenden Blick in Mogens' Richtung, dann drehte sie sich wie magisch angezogen wieder herum. �Ich meine... nicht hier. Ich habe es nicht...� Ihre Stimme versagte.</p><p>�Sie haben es noch nie zur G�nze gesehen, nicht wahr?�, fragte Mogens.</p><p>�Ich war... in... in einem Haus�, stammelte Miss Preussler. �Einer Art Haus. Ich meine... ich dachte, es...�</p><p>�Schon gut�, sagte Mogens, als ihre Stimme ihr endg�ltig den Dienst verweigerte. Miss Preussler nickte hilflos. Mogens warf Graves, der schon wieder zu einer spitzen Bemerkung ansetzte, einen so vernichtenden Blick zu, dass er es nicht wagte, auch nur ein einziges Wort zu sagen.</p><p>�Was ist das, Professor?�, wimmerte Miss Preussler. �Bitte, sagen Sie mir, was das hier ist!�</p><p>Wie gern h�tte Mogens ihr diese Frage beantwortet. Wie gern h�tte er sie <emphasis>sich selbst </emphasis>beantwortet. Doch alles, was er zustande brachte, war ein hilfloses Kopfsch�tteln. Selbst der unerm�dlich um eine rationale Erkl�rung bem�hte Teil in ihm, den er bisher niemals - au�er bei einer einzigen, schrecklichen Gelegenheit vor vielen Jahren - wirklich zum Schweigen hatte bringen k�nnen, war nun verstummt. Er f�hlte sich leer. Erschlagen von der Gr��e und bizarren Fremdartigkeit dieser unterirdischen Stadt.</p><p>Und doch - wie schon einmal - sp�rte er etwas auf schreckliche Weise Vertrautes an diesem unvertrauten Anblick.</p><p>�Ist das... so etwas wie ihre Stadt?�, fragte er, ohne ihn anzusehen, aber an Graves gewandt.</p><p>�Ich bin nicht sicher�, antwortete Graves. �Ich meine: Ich habe nicht angenommen, dass sie in Erdl�chern oder H�hlen hausen. Dazu erschienen sie mir trotz allem zu zivilisiert, und ihre Physiologie zu weit entwickelt. Aber das...� Er sch�ttelte erneut den Kopf und sah pl�tzlich ebenso hilflos aus, wie Mogens sich f�hlte. �Ich wei� es nicht�, gestand er.</p><p>�Woher kommt das Licht?�, fragte Tom. Mogens sah ihn fast hilflos an, doch Graves hatte bereits eine Antwort parat - f�r Mogens' Geschmack beinahe eine Spur zu schnell, obgleich er zugeben musste, dass sie durchaus einleuchtend klang.</p><p>�Seht ihr diese leuchtenden Flecken, �berall auf den Felsen und unter der Decke?�, fragte er mit einer entsprechenden Geste. Nicht nur Toms, sondern auch Mogens' Blicke folgten der Bewegung. Tats�chlich erkannten sie �berall auf dem Stein - hier und da selbst auf dem Boden - gro�e, unregelm��ig geformte Flecken, achtlos eingestreute Fetzen aus gr�nem Segeltuch gleich, die eben jenes blassgr�ne Licht ausstrahlten, das den gesamten riesigen Raum erf�llte. Das Schimmern der einzelnen Flecken war kaum zu bemerken, in seiner Gesamtheit war diese sonderbare Schein jedoch fast so hell wie der Vollmond in einer wolkenlosen Nacht.</p><p>�Ich nehme an, es handelt sich um leuchtende Pilze oder anderweitige unbekannte Organismen, die aus sich heraus leuchten.�</p><p>�Und das nennen Sie <emphasis>nicht </emphasis>das Werk des Teufels?�, fragte Miss Preussler. In Graves' Augen blitzte es schon wieder ver�rgert auf, doch Mogens warf ihm einen raschen, mahnenden Blick zu. Miss Preussler hatte den Schock, der dieser Anblick f�r sie bedeuten musste, noch lange nicht �berwunden. Ebenso, wie er sich in Momenten wie diesem fast verzweifelt an seinen wissenschaftlichen Verstand und seine Logik klammerte, war es f�r sie ihr unersch�tterlicher Glaube, an dem sie sich nun festhielt, um nicht vollends den Halt in der Wirklichkeit zu verlieren. Auch Graves schien das wohl im allerletzten Moment zu begreifen, denn er verzichtete auf eine seiner �blichen, boshaften Spitzen, sondern antwortete ganz im Gegenteil in sachlichem, nur erkl�rendem Tonfall.</p><p>�So etwas ist nicht ungew�hnlich, meine Liebe�, sagte er. �Der Wissenschaft sind zahlreiche Lebensformen bekannt, die Licht erzeugen. Haben Sie etwa noch nie ein Gl�hw�rmchen gesehen?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Miss Preussler. �Aber das ist doch wohl ein Unterschied!�</p><p>�Wieso?�, fragte Graves. Er sch�ttelte den Kopf. �Im Prinzip ist es genau dasselbe. Wenn Sie mir nicht glauben, dann fragen Sie Mogens. Er wird Ihnen best�tigen, dass so etwas gar nicht so ungew�hnlich ist. Es gibt Tiefseefische, die regelrechte Laternen vor sich her tragen, um Beute damit anzulocken, und zahlreiche Pflanzen, die dasselbe tun, um Insekten anzuziehen, die sie best�uben. Das hier�, er deutete wahllos auf den n�chstbesten mattgr�n leuchtenden Flecken, �ist im Grunde nichts anderes. Erstaunlich und bisher sicherlich unbekannt, aber kein Wunder. Und auch kein Teufelswerk.�</p><p>Mogens hatte nicht den Eindruck, dass sich Miss Preussler mit diese Erkl�rung wirklich zufrieden gab, aber sie widersprach auch nicht, sondern warf ihm nur einen neuerlichen, Beistand heischenden Blick zu und schien ein wenig verletzt zu sein, als er nicht in der erhofften Form darauf reagierte. Schlie�lich machte sie eine beinahe schon trotzig wirkende Handbewegung in die H�hle hinab. �Und gleich wollen Sie mir erz�hlen, dass das dort unten alles Menschenwerk ist.�</p><p>�Keineswegs�, sagte Graves. Er sch�ttelte traurig den Kopf und schien noch mehr sagen zu wollen, dann aber stockte er und sah Miss Preussler auf eine Art an, die auch Mogens dazu bewog, ihr noch einmal und aufmerksamer ins Gesicht zu blicken.</p><p>Er hatte ganz automatisch angenommen, dass sich ihre Frage auf die monstr�se Stadt dort unten bezog, aber nun, als er sie aufmerksamer ansah, wurde ihm klar, dass das nicht stimmte. Sie sah zwar in die entsprechende Richtung, aber ihr Blick - und vor allem das Entsetzen, das er darin gewahrte - galt nicht den bizarren H�usern und Ruinen. Vielmehr starrte sie die schr�g abfallende B�schung vor ihnen an, die mit Millionen spitzer, heller Steintr�mmer �bers�t war. Und das war der zweite Irrtum, dem Mogens erlegen war.</p><p>Was er f�r Stein gehalten hatte, waren Knochen. Sch�del, Rippen, Becken, Ellen und Speichen, Oberschenkel- und Schienbeinknochen, Hand- und Fu�kn�chelchen, Wirbel und Jochbeine, Schulterbl�tter und Kniescheiben.</p><p>Es waren Gebeine. Millionen von menschlichen Gebeinen.</p></section><section><title><p id="_42">42.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Er hatte der Versuchung widerstanden, seine Taschenuhr zu ziehen und einen Blick darauf zu werfen - was ihm nicht schwer gefallen war, denn Mogens hatte all sein Geschick und all seine Kraft ben�tigt, um auf dem schrecklichen Untergrund aus nur lose aufeinander liegenden Knochen sein Gleichgewicht zu wahren - aber er sch�tzte, dass sie eine gute halbe Stunde ben�tigt hatten, um den Fu� des furchtbaren Knochenberges zu erreichen. Auch dort wurde es nicht wirklich besser. Der Boden war hier zwar nicht mit einer fast meterdicken Schicht aus menschlichen Gebeinen und Knochensplittern �bers�t, aber der groteske Gletscher war nicht stabil. Selbst unter ihren vorsichtigen Schritten hatten sich immer wieder kleine, gr�ssliche Lawinen aus sich �berschlagenden Totensch�deln und hochgewirbelten Armen und Beinen gel�st, die ihnen sp�ttisch zuzuwinken schienen, und selbst auf einer Entfernung von gut f�nfzig Schritt vom Fu� des Hanges entfernt stie�en sie �berall auf menschliche �berreste. Die meisten davon waren so vermodert und alt, dass man ihre Natur nur noch erahnen konnte - und selbst das nur, wenn man wusste, worum es sich handelte -, aber dieses Erahnen war schon deutlich mehr, als Mogens wollte. Noch vor gar nicht langer Zeit, als sie oben hinter dem Felsspalt gestanden und sich bereit gemacht hatten, hier herunterzuklettern, hatte er sich Sorgen gemacht, ob Miss Preussler dem wachsenden psychischen Druck Stand halten w�rde. Jetzt war er sich nicht mehr sicher, ob er selbst es schaffen w�rde.</p><p>Mogens war - w�hrend seiner Studienzeit, aber auch davor, denn die Faszination f�r alte Kulturen und untergegangene Reiche hatte ihn von Kindesbeinen an begleitet - in mehr als einem Grab gewesen, und er hatte vermutlich �fter in einen grinsenden Totensch�del geblickt als die meisten der Studenten, die er in den letzten Jahren unterrichtet hatte, in ihren B�chern. H�tte man ihm noch gestern prophezeit, dass ihm beim Anblick eines Grabes die Angst die Kehle zuschn�ren w�rde, h�tte er laut dar�ber gelacht.</p><p>Aber das hier war kein gew�hnliches Grab.</p><p>Mogens fragte sich vergeblich, die Spuren wie vieler Jahrhunderte unter ihren F��en zu Staub zerfallen waren. Der kleine Friedhof, hinter dem Graves' Lager lag, war kaum hundert Jahre alt, und die Stadt, deren Menschen ihre Toten dort beigesetzt hatten, nicht einmal ann�hernd gro� genug, als dass es ausschlie�lich die Gebeine ihrer verstorbenen Bewohner sein konnten. Selbst wenn es vorher an der gleichen Stelle ein Heiligtum der Ureinwohner gegeben hatte, vielleicht einen Friedhof der Indianer, die hier gelebt hatten, bevor die Wei�en kamen und sie von ihrem Land vertrieben, h�tten Jahrtausende nicht gereicht, diese ungeheuerliche Anzahl von Knochen zu erkl�ren. Die Ungeheuer mussten ihre Opfer aus weitem Umkreis hierher geschafft haben.</p><p>�Dort vorne!� Graves ausgestreckte Hand deutete auf eine niedrige, sonderbar missgestalt wirkende Mauer vielleicht ein Dutzend Schritte entfernt, die man f�r eine willk�rlich erstarrte Masse aus Lava h�tte halten k�nnen, h�tte es darin nicht eine T�r und mehrere Fenster�ffnungen gegeben, die ganz eindeutig k�nstlichen Ursprungs waren.</p><p>Sie hatten eine ganze Weile beratschlagt, wie sie weiter vorgehen sollten. Selbst Graves hatte f�r einen winzigen, aber sp�rbaren Moment gez�gert, als Mogens vorschlug, umzukehren und zu einem sp�teren Zeitpunkt und besser vorbereitet wieder zu kommen, sich dann aber nicht einmal die M�he gemacht, darauf zu antworten. Mogens hatte diesen Vorschlag auch nicht wirklich ernst gemeint. Was er oben in der Tempelkammer gesehen hatte, hatte ihm klar gemacht, dass es m�glicherweise kein Sp�ter mehr geben w�rde. Der Raum musste unter der geringsten neuerlichen Ersch�tterung zusammenbrechen, und eine solche w�rde unweigerlich kommen, wenn man die geografische Lage der Ausgrabungsst�tte ber�cksichtigte. Er hatte einfach das Gef�hl gehabt, es sich selbst schuldig zu sein, diesen Vorschlag zumindest gemacht zu haben, aber er w�re vermutlich eher entsetzt gewesen, h�tte Graves ihn angenommen.</p><p>So blieb ihnen kein anderer Weg als der, den sie schlie�lich aufgenommen hatten, so sehr sie auch alle vor der blo�en Vorstellung zur�ckschreckten, �ber die Gebeine seit langem Verstorbener zu klettern.</p><p>Aber zumindest in einem Punkt war das Schicksal ihnen gn�dig gestimmt: Weder von den schrecklichen Ghoulen noch von anderen, wom�glich noch furchtbareren Bewohnern, die diese unterirdische verbotene Welt haben mochte, war bis jetzt auch nur eine Spur zu sehen gewesen. Die riesige H�hle lag wie ausgestorben da. Mogens hatte diesen Umstand nicht unbedingt bedauert, aber es beunruhigte ihn trotzdem.</p><p>Ein Teil von ihm war sehr froh, bisher keines der schakalk�pfigen Ungeheuer zu Gesicht bekommen zu haben, aber ein anderer wollte um jeden Preis wissen, wo sie waren. Dennoch signalisierte er Graves nur mit einem stummen Kopfnicken, dass er verstanden hatte, und machte sich mit schnellen Schritten und leicht geduckt auf den Weg. Ganz fl�chtig kam ihm der Gedanke, dass sie sich benahmen wie Krieger, die sich im Schutz der Nacht an eine von Feinden besetzte Festung heranpirschten, aber an dem Gedanken war ganz und gar nichts Komisches.</p><p>Er beschleunigte seine Schritte noch ein wenig und schaffte es tats�chlich, an Tom vorbeizuziehen, der zwar kr�ftig ausschritt, aber unter der Last seines �berdimensionalen Rucksacks mittlerweile doch sichtbar in die Knie zu gehen begann. Anders Miss Preussler. Sie bewegte sich scheinbar langsam, aber mit einer gleichm��igen Beharrlichkeit, die letzten Endes dazu f�hrte, dass es die meiste Zeit <emphasis>er </emphasis>war, der mit <emphasis>ihr </emphasis>Schritt zu halten versuchte, und nicht umgekehrt. Auch jetzt erreichte Miss Preussler die Wand, auf die Graves gedeutet hatte, ein gutes St�ck vor ihm und verschwand ohne z�gern hinter dem, was er f�r eine T�r hielt. Mogens legte noch einmal einen Schritt zu und schaffte es immerhin, sich wenigstens nicht auch noch auf dem letzten St�ck von Tom �berholen zu lassen.</p><p>Vollkommen au�er Atem und auf zitternden Knien taumelte er durch die T�r und fand sich in einem kleinen, asymmetrisch geformten und vollkommen leeren Raum wieder, in dem es keine leuchtenden Flecken gab, sodass es hier drinnen fast vollkommen dunkel war.</p><p>�Hier m�ssten wir eigentlich erst einmal sicher sein�, sagte Graves. Auch sein Atem ging schwer, was Mogens wenigstens halbwegs vers�hnte. Zumindest war er nicht das einzige Mitglied ihrer kleinen Expedition, dessen Kr�fte begrenzt waren. �Wir sollten eine kleine Pause einlegen. Nur ein paar Minuten.�</p><p>�Sagten Sie nicht, unsere Zeit... w�re begrenzt?�, fragte Mogens, noch immer m�hsam nach Luft ringend.</p><p>Tom st�rmte herein und rettete Graves so davor, sofort antworten zu m�ssen. Stattdessen kramte er umst�ndlich unter seiner Tropenjacke, zog eine an einer d�nnen goldenen Kette befestigte Taschenuhr hervor und klappte den Deckel auf. Er gewann noch einige weitere Sekunden, indem er mit zusammengekniffenen Augen - vergeblich - versuchte, in dem schwachen Licht hier drinnen die Stellung der Zeiger zu erkennen. Schlie�lich klappte er den Deckel mit einem entt�uschten Achselzucken wieder zu und steckte die Uhr ein.</p><p>�Auf ein paar Minuten kommt es sicher nicht an�, sagte er. �Niemand hat etwas davon, wenn wir blindlings losrennen.�</p><p>�Seltsam�, sagte Mogens, �und ich dachte, ganz genau das h�tten wir die ganze Zeit �ber getan.�</p><p>Graves' Reaktion bestand nur aus einem eisigen Blick - und einer ungeduldig-befehlenden Geste in Toms Richtung. �Mach Licht, Tom.�</p><p>Tom, der ersch�pft mit dem R�cken gegen die Wand gesunken war und sichtlich alle M�he hatte, nicht in die Knie zu brechen, raffte sich zu einem m�den Nicken auf und begann ungeschickt an seiner Laterne herumzunesteln. Der Anblick erf�llte Mogens mit einer Mischung aus �rger und Schrecken. Seit er Tom kennen gelernt hatte, hatte der Junge klaglos und zuverl�ssig alle Befehle und Anordnungen von Graves ausgef�hrt, aber nun war mit seinen Kr�ften sichtlich am Ende.</p><p>�Halten Sie das f�r eine gute Idee?�, fragte er.</p><p>�Licht zu machen?� Graves nickte. �Durchaus.�</p><p>�Und wenn <emphasis>sie </emphasis>es bemerken?�</p><p>�Die Ghoule?� Graves sah sich demonstrativ um. �Siehst du welche?�</p><p>�Nein�, mischte sich nun auch Miss Preussler ein. �Aber <emphasis>sie </emphasis>k�nnten <emphasis>uns </emphasis>sehen.�</p><p>Graves sch�ttelte mit einem ver�chtlichen L�cheln den Kopf. �Kaum�, sagte er. �Glauben Sie mir, meine Liebe - wenn sie in der N�he w�ren, dann w�rden wir dieses Gespr�ch jetzt nicht f�hren.� Er drehte sich wieder zu Tom herum, und sein Tonfall wurde ungeduldiger. �Was ist mit der Lampe?�</p><p>�Sofort, Doktor Graves�, sagte Tom hastig. Er bem�hte sich, den Docht in Brand zu setzen, aber seine Bewegungen waren so fahrig, dass er um ein Haar die Lampe umgeworfen h�tte. Erst nach dem dritten oder vierten Versuch gelang es ihm. Wei�es, nach dem milden gr�nen Schein, der sie die letzte halbe Stunde begleitet hatte, fast in den Augen schmerzendes Licht erf�llte den Raum und lie� nicht nur Mogens blinzeln.</p><p>Er h�rte mehr, als er sah, wie sich Graves von seinen Platz an der Wand l�ste und auf die andere Seite des Zimmers ging. Mogens versuchte, die Tr�nen wegzublinzeln, die ihm die ungewohnte Helligkeit in die Augen getrieben hatte, erreichte damit aber eher das Gegenteil und fuhr sich schlie�lich mit dem Handr�cken �bers Gesicht. Es wurde ein wenig besser, aber nicht viel. Selbst, nachdem seine Augen hinl�nglich Zeit gehabt hatten, sich umzustellen, konnte er immer noch nicht mit der gewohnten Sch�rfe sehen. Licht und Schatten waren zu scharf voneinander getrennt, und alle Linien schienen zus�tzliche, harte Konturen bekommen zu haben, die in den Augen schmerzten. Mogens rieb sich noch einmal mit dem Zeigefinger �ber die Augen, aber es �ndert nichts. Vielleicht lag es auch nicht an seinen Augen, sondern an diesem seltsamen Raum. Der Effekt erinnerte ihn an das unheimliche Erlebnis, das sie oben im Treppenschacht gehabt hatten, nur, dass er nicht so stark war.</p><p>�Nun, Miss Preussler, wo sind jetzt Ihre... Gefangenen?�, fragte Graves. Er stand hoch aufgerichtet vor der gegen�berliegenden Wand und schien interessiert irgendetwas zu betrachten, das Mogens nicht erkennen konnte.</p><p>�Ich... ich bin nicht... sicher�, antwortete Miss Preussler z�gernd. Auch sie blinzelte in die ungewohnte Helligkeit, aber der unsichere Ausdruck in ihrem Blick war nicht allein darauf zur�ckzuf�hren. �Ich glaube, ich war nicht... in diesem Teil der Stadt.�</p><p>�Vielleicht nicht einmal in dieser Stadt?�, fragte Mogens ruhig. Er drehte sich dabei nicht zu ihr herum, sondern besah sich weiter scheinbar interessiert die Wand und hob schlie�lich sogar die Hand, um behutsam mit den Fingerspitzen �ber den rauen Stein zu fahren. Bevor Miss Preussler antworten konnte, winkte er Mogens mit der anderen zu sich.</p><p>�Komm, Mogens. Sieh dir das hier an.�</p><p>Mogens l�ste sich widerwillig von seinen Platz neben der T�r und ging zu ihm. Erst, als er sich der Wand bis auf weniger als zwei Schritte gen�hert hatte, erkannte er, dass sie nicht so roh und unbearbeitet war, wie es bisher den Anschein gehabt hatte. In den zu bizarren Formen erstarrten Steinen waren Linien und Formen eingeritzt, den primitiven Felszeichnungen �hnlich, die er in der H�hle der Dogon gesehen hatte, nur ungleich grober und ungeschickter. Mogens war nicht einmal ganz sicher, ob es sich tats�chlich um Zeichnungen handelte oder nicht viel mehr nur um eine Laune des Zufalls, die man als solche deuten konnte.</p><p>Graves schien es ganz �hnlich zu erkl�ren, denn er fragte: �Was h�ltst du davon?�</p><p>�Das ist nun wirklich nicht mein Fachgebiet�, antwortete Mogens ausweichend.</p><p>�Aber du hast doch Augen im Kopf, oder?�, fragte Graves. Sein Zeigefinger fuhr immer noch an den Linien und Umrissen entlang, und Mogens hatte auch jetzt wieder das unheimliche Gef�hl, dass sich etwas unter dem schwarzen Leder seiner Handschuhe bewegte; ein schwaches, unrhythmisches Pulsieren, das die in den Stein geritzten Linien ebenfalls zu unheimlicher Bewegung zu erwecken schien.</p><p>Statt weiter auf Graves' Frage einzugehen, tat er etwas, wozu er noch vor einer halben Stunde nicht einmal den Mut gehabt h�tte. Er trat vollends an Graves' Seite, hob rasch den Arm und ergriff sein Handgelenk. Graves' Augen weiteten sich �berrascht. Ganz instinktiv versuchte er sich loszurei�en, aber Mogens hielt seine Hand so fest, dass er schon Gewalt h�tte anwenden m�ssen. F�r einen Sekundenbruchteil blitzte Wut in seinen Augen auf, aber sie verging, bevor die Situation eskalieren konnte.</p><p>�Meinst du nicht, dass es an der Zeit w�re, uns endlich zu erz�hlen, worum es hier �berhaupt geht?�, fragte Mogens. Er hatte Graves' Hand so gepackt, dass seine Finger das schwarze Leder der Handschuhe nicht ber�hrten, aber sein Blick fixierte die unheimlichen Gebilde �berdeutlich, und Graves h�tte schon blind sein m�ssen, um nicht zu begreifen, wovon er sprach. Er versuchte noch einmal, sich loszurei�en, doch Mogens hielt seinen Arm mit eiserner Kraft fest, und schlie�lich resignierte Graves. Er nickte Mogens wortlos zu, und endlich lie� dieser seinen Arm los und trat einen halben Schritt zur�ck.</p><p>�Du wei�t es wirklich nicht, wie?�, fragte er mit mildem Kopfsch�tteln. �Seltsam - ich war davon �berzeugt, dass du es l�ngst herausgefunden hast.�</p><p>�Was?�, fragte Mogens. �H�r endlich auf, in R�tseln zu sprechen.� Seine Stimme klang m�de, fast resignierend. Er hatte zornig klingen wollen, aber er konnte nicht mehr.</p><p>�Warum, glaubst du�, fuhr Graves fort, �habe ich dich wohl hierher geholt, Mogens?�</p><p>Mogens sah ihn nur verst�ndnislos an, doch Graves machte eine auffordernde Geste, und so antwortete er schlie�lich. �Weil du meine Hilfe ben�tigst.�</p><p>�Deine Hilfe. Ja, sicher.� Aus irgendeinem Grund schien diese Antwort Graves zu am�sieren. �Und wobei?� Er kam Mogens' Antwort zuvor, indem er den Kopf sch�ttelte und ihm mit einer entsprechenden Bewegung seiner schrecklichen H�nde das Wort abschnitt. �Einen f�nftausend Jahre alten Tempel auszugraben? Oder die Hieroglyphenschriften an den W�nden zu entziffern?� Er lachte h�sslich. �Nimm es mir nicht �bel, Mogens, aber f�r diese Aufgabe gibt es wahrlich Kollegen, die besser qualifiziert sind. Die bedauernswerte Miss Hyams zum Beispiel war eine Koryph�e auf ihrem Gebiet - aber das hast du zweifellos selbst bemerkt.�</p><p>Mogens starrte ihn fast hasserf�llt an. �Weshalb dann?�, fragte er gepresst.</p><p>�Weil du <emphasis>glaubst, </emphasis>Mogens�, antwortete Graves. �Weil du von allen Menschen, die ich kenne, vielleicht der einzige bist, der wei�, dass der Glaube der Pharaonen nicht nur ein dummer Aberglaube war! Du hast es gesehen, in jener schrecklichen Nacht auf dem Friedhof, aber du hast es auch vorher schon gewusst. Ich habe es gleich gesp�rt, schon bei unserem allerersten Zusammentreffen. Deshalb habe ich deine Freundschaft gesucht, Mogens.�</p><p>�Wie schade, dass du sie nie gefunden hast�, sagte Mogens. Das war albern. Er konnte selbst h�ren, wie dumm diese Worte klangen. An der Freundschaft gerade dieses Mannes, den er wie niemanden sonst auf der Welt verachtete und aus tiefstem Herzens hasste, war ihm nun wirklich nicht gelegen - und trotzdem verletzte ihn der Gedanke zutiefst, dass Graves' Buhlen um seine Freundschaft von Anfang an nichts als Kalk�l gewesen war.</p><p>Graves machte sich nicht einmal die M�he, darauf zu antworten. �Du hast stets gesp�rt, dass da mehr ist, nicht wahr?�, fuhr er fort. Etwas in seiner Stimme �nderte sich, was Mogens nicht sofort einordnen konnte, was ihn aber alarmierte. Man h�tte den Ton, der pl�tzlich in Graves' Worten mitschwang, durchaus f�r Begeisterung halten k�nnen - aber war es nicht nur ein kleiner Schritt von Begeisterung zur Besessenheit?</p><p>�Wie... meinst du das?�, fragte er vorsichtig.</p><p>�Wie lange hat das Reich der Pharaonen bestanden?�, fragte Graves und gab sich auch gleich selbst die Antwort. �Dreitausend Jahre? Vier? Niemand wei� es genau, aber es hatte unvorstellbar lange Bestand, l�nger als jede andere Kultur, die es jemals auf dieser Welt gegeben hat.�</p><p>�Worauf willst du hinaus?�, fragte Mogens misstrauisch. Er begann es zu ahnen. Nein - das war falsch. Er <emphasis>wusste </emphasis>es. Eigentlich hatte er es die ganze Zeit �ber gewusst, nur war die Vorstellung so absurd, dass er ihr bisher einfach nicht gestattet hatte, Gestalt anzunehmen.</p><p>�Glaubst du denn wirklich, dass sich ein ganzes Volk �ber so lange Zeit hinweg irren kann?� Graves begann erregt mit beiden Armen zu gestikulieren, aber Mogens hatte dabei das unheimliche Gef�hl, dass er viel weniger die Arme in die Luft warf, als dass es seine H�nde waren, die sich aus eigenem Antrieb heraus bewegten und dabei seine Arme einfach mit sich rissen. �Niemals, Mogens! Es ist unm�glich. Eine einfache mathematische Gleichung. Was sie gesucht haben, existiert.�</p><p>�Wovon redet dieser Verr�ckte?�, fragte Miss Preussler alarmiert. �Was haben die Pharaonen gesucht?� Graves sah nicht einmal in ihre Richtung, aber Mogens antwortete leise: �Unsterblichkeit, Miss Preussler. Das ganze Trachten der alten �gypter galt der Unsterblichkeit. Dem Leben nach dem Tode.�</p><p>�Was f�r ein Unsinn�, antwortete sie.</p><p>Graves schoss einen �rgerlichen Blick in ihre Richtung, belie� es aber dann lediglich bei einem ver�chtlichen Verziehen der Lippen und fuhr, wieder an Mogens gewandt und im gleichen eifernden Ton fort: �Ich bin �berzeugt davon, dass sie Recht hatten! Sie waren auf dem richtigen Weg, nur mit den falschen Mitteln.�</p><p>Mogens �berlegte sich seine n�chsten Worte sehr genau. Das Flackern in Graves' Augen hatte noch zugenommen, und auch der Ton, in dem er sprach, alarmierte ihn mehr und mehr. Ein falsches Wort mochte durchaus reichen, um eine Katastrophe heraufzubeschw�ren. �Ich habe mehr als eine Mumie mit eigenen Augen gesehen, Jonathan�, sagte er, wobei er ganz bewusst Graves' Vornamen benutzte. �Und glaub mir, ich habe in keiner einzigen davon irgendetwas Lebendes gefunden. Oder gar die Unsterblichkeit.�</p><p>�Weil du die falschen Mittel benutzt hast!� Graves machte eine Geste, als wolle er seine Worte k�rperlich beiseite fegen. �Ihr Ziel war richtig, aber der Weg war falsch. Und wie h�tten sie es auch wissen sollen? Selbst ich habe es erst nach vielen Jahren und unz�hligen bitteren R�ckschl�gen verstanden.�</p><p>�Wo du doch �ber so viel mehr Erfahrung verf�gst als die �gyptischen Hohepriester, die nur <emphasis>dreitausend </emphasis>Jahre Zeit hatten, sich mit diesem Problem zu befassen�, sagte Mogens sp�ttisch.</p><p>�Sie waren Primitive, trotz allem�, behauptete Graves. �Primitive, die eine erstaunlich hohe Stufe der Kultur erklommen hatten, aber dennoch Primitive. Sie haben versucht, ein wissenschaftliches Problem mit Mitteln des Aberglaubens zu l�sen. Sie mussten scheitern.�</p><p>�W�hrend Sie versuchen, ein abergl�ubisches Problem mit Mitteln der Wissenschaft zu l�sen�, sagte Miss Preussler. �Wie originell.�</p><p>Graves ignorierte sie weiter. �Dreitausend Jahre, Mogens�, sagte er begeistert. �Glaubst du wirklich, sie h�tten all diese ungeheuerlichen Anstrengungen vollbracht ohne den geringsten Beweis?� Er sch�ttelte heftig den Kopf. �Ganz gewiss nicht, Mogens. Die Pharaonen <emphasis>wussten, </emphasis>dass ihre G�tter existieren!�</p><p>�Ach?�, fragte Mogens. �Woher?�</p><p>�Weil sie sie gesehen haben�, antwortete Graves triumphierend. �Ebenso wie ich.�</p><p>�Du bist wahnsinnig�, murmelte Mogens.</p><p>�Wahnsinnig? So?� Graves l�chelte das triumphierende, durch nichts zu ersch�tternde L�cheln eines Wahnsinnigen. �Und wenn ich einen Beweis h�tte?�</p><p>�Einen Beweis�, wiederholte Mogens. �Und wie sollte der aussehen?�</p><p>�Es hat lange gedauert�, antwortete Graves, ohne damit wirklich zu antworten, �viel zu lange, aber am Ende habe ich es schlie�lich begriffen. Und wei�t du, wo? An dem einzigen Ort auf der Welt, der daf�r geschaffen ist.�</p><p>Er machte eine heftig wedelnde Handbewegung auf Tom, der an der Wand in die Hocke gesunken war und einfach zu ersch�pft schien, um mit mehr als einem m�den Blick darauf zu reagieren. �Tom und ich waren in Afrika. Wir standen im Schatten der gro�en Pyramide von Gizeh, als es mir endlich klar geworden ist.�</p><p>�Was?�, fragte Mogens. �Dass du den Verstand verloren hast? Gro�er Gott, sag mir nicht, dass wir hierher gekommen sind, um einem Hirngespinst hinterherzujagen�</p><p>�Dass wir an der falschen Stelle gesucht haben�, antwortete Graves unger�hrt. �Es ist der Sirius, Mogens. Wusstest du, dass die Pyramiden von Gizeh exakt nach seiner Position ausgerichtet sind?�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens. �Sind sie nicht. Diese Theorie wurde schon vor langer Zeit verworfen.�</p><p>�Weil sie allesamt Ignoranten sind!�, ereiferte sich Graves. �Es ist wahr, Mogens! Nicht nach dem Sirius von heute, sondern der Stelle, wo er vor mehreren tausend Jahren gestanden hat. Warum wohl nennt man den Sirius auch den Hundsstern? Die Dogon haben es erkannt, und die alten �gypter auch! Ihre G�tter waren keine Hirngespinste. Sie waren real, lebende Wesen wie du und ich, und sie kamen vom Sirius.�</p><p>Ersch�pft brach er ab. Sein Blick wurde fordernd, und nur einen Moment sp�ter zornig, als er nicht die Reaktion bekam, auf die er wartete. Dennoch sagte er ruhig: �Du glaubst mir nicht.�</p><p>�Wie k�nnte ich auch�, antwortete Mogens. �Ich bin ja auch nur ein dummer Ignorant.�</p><p>�Ich werde es dir beweisen�, sagte Graves und begann langsam seine Handschuhe abzustreifen.</p><p>Miss Preussler stie� einen gellenden Schrei aus.</p></section><section><title><p id="_43">43.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Was unter Jonathans Handschuhen zum Vorschein gekommen war, waren keine H�nde. Es war nicht einmal menschliches Fleisch. Als Graves das schwarze Leder endg�ltig abstreifte, da platzte etwas hervor, was vielleicht im allerersten Moment noch an die gr�ssliche Verh�hnung einer menschlichen Hand erinnerte; pulsierende, ungleich lange Str�nge nur losen wei�en B�ndeln zusammengedrehter, zuckender augenloser W�rmer. Dann, noch bevor der Schrecken, der mit diesem f�rchterlichen Anblick einherging, auch nur wirklich nach seinem Herzen greifen konnte, platzten sie mit einem widerlichen nassen Ger�usch auseinander, wie eine Armee winziger, eigenst�ndig denkende Kreaturen, die die Mauern ihres Gef�ngnisses g�nzlich gesprengt hatten und der Freiheit entgegenstrebten. Wo Graves' H�nde sein sollten, da wuchsen nun lange, peitschenden B�ndel aus Millionen und Abermillionen d�nner, nahezu farbloser zuckender F�den, die hin und her wogten wie wei�er Seetang in der Str�mung eines unsichtbaren Ozeans.</p><p>�Graves - gro�er Gott!�, keuchte Mogens. �Was... was hast du getan?�</p><p>Miss Preussler stie� einen weiteren, wenngleich diesmal eher wimmernden Schrei aus und schlug die H�nde vor den Mund, w�hrend Tom das, was aus Graves' Armen hervorgekrochen war, nur mit einem abgestumpftem Entsetzen betrachtete. Er genoss diesen grauenhaften Anblick sichtlich nicht zum ersten Mal.</p><p>�Du wolltest einen Beweis, Mogens�, sagte Graves. Er warf die Arme in die Luft, wie ein Marktschreier, der zwei Str�u�e besonders exotischer Blumen anpries, und sprang zwei- oder dreimal wie irre auf der Stelle. Mogens war sicher, dass er die Schwelle zum Wahnsinn in diesem Moment eindeutig �berschritten hatte. �Du wolltest einen Beweis?�, kreischte er noch einmal. �Da hast du ihn! Reicht dir das?�</p><p>�Ja�, murmelte Mogens entsetzt. �Das reicht mir.�</p><p>�Oh, ich verstehe�, antwortete Graves zu einem neuerlichen, irren Kichern. �Du h�ltst mich f�r verr�ckt, nicht wahr? Du glaubst, ich h�tte den Verstand verloren, habe ich Recht?� Er sch�ttelte heftig den Kopf und warf noch einmal die schrecklichen H�nde in die H�he, dann - ganz pl�tzlich - fiel sein wahnwitziges Benehmen von ihm ab, wie ein Mantel, der seinen Dienst getan hatte, und den er nicht mehr ben�tigte. Vielleicht auch wie eine Maske. �War es das, was du sehen wolltest?�, fragte er kalt.</p><p>Weder registrierte Mogens die Worte wirklich, noch w�re er in der Lage gewesen, irgendwie darauf zu antworten. Sein Blick hing wie hypnotisiert an den schrecklichen, hin und her peitschenden B�ndeln, in denen Graves' Arme endeten, und sein Entsetzen hatte einen Grad erreicht, der ihn nicht mehr l�hmte, sondern etwas in ihm zum Sterben zu bringen schien.</p><p>�Tu das weg�, wimmerte er. �Tu das weg, Jonathan!�</p><p>Graves gab einen sonderbaren Laut von sich - vielleicht ein abf�lliges Lachen, vielleicht aber das genaue Gegenteil.</p><p>Ganz langsam senkte er die Arme und hielt seine gr�sslichen Nicht-H�nde vors Gesicht. Ein Ausdruck h�chster Konzentration erschien auf seinen Z�gen. Im allerersten Moment geschah nichts, dann jedoch �nderte sich etwas in der bisher scheinbar willk�rlichen Bewegung der peitschenden F�den. Etwas wie ein Muster machte sich darin bemerkbar, langsam und nahezu widerwillig zuerst, aber zunehmend. Nach und nach begannen sich die einzelnen, zuckenden Nervenf�den wieder zusammenzuf�gen, bis sie etwas wie die klumpig verwachsene, b�se Parodie einer menschlichen Hand zu bilden schienen. Der Anblick war auf seine Art beinahe noch gr�sslicher als vorher, als seine Finger auseinandergeplatzt waren; denn die Zerst�rung von etwas Vertrautem war trotz allen Entsetzens, das sie begleiten mochte, noch immer leichter zu ertragen als der Anblick dieser gr�sslichen, durch und durch unmenschlichen... Dinge, die sich zu der h�llischen Verh�hnung einer menschlichen Hand zusammenballten.</p><p>Mogens ertrug den Anblick nicht l�nger als eine Sekunde, bevor er mit einem wimmernden Laut die Augen schloss. Aber es nutzte nichts. Er sah die gr�sslichen, peitschenden Str�nge noch immer mit der gleichen Deutlichkeit vor sich. Er w�rde sie nie wieder vergessen k�nnen.</p><p>�Und das ist dein Beweis?�, h�rte er sich selbst fragen. Es schien nicht einmal seine eigene Stimme zu sein, die diese Worte formte, denn er war im Augenblick gar nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn einen zusammenh�ngenden Satz zu formulieren. �Wof�r? Dass du schon vor langer Zeit und unwiderruflich wahnsinnig geworden bist?�</p><p>�Ich kann deine Reaktion verstehen, Mogens�, antwortete Graves, ruhig und mit einer so gelassen, fast am�siert klingenden Stimme, dass Mogens unwillk�rlich die Augen wieder �ffnete und ihn ansah. Graves hatte bereits einen seiner Handschuhe wieder �bergestreift - das schwarze Leder pulsierte und zuckte, als versuche sich, was immer darunter auch eingesperrt sein mochte, mit verzweifelter Kraft gegen sein Gef�ngnis zu wehren - und war gerade damit besch�ftigt, auch den anderen anzuziehen. Er l�chelte, doch Mogens entging nicht der Ausdruck verbissener Konzentration, der sich dicht unter der Oberfl�che dieses L�chelns verbarg, ebenso wenig wie das Netz aus feinen Schwei�perlen, das auf seiner Stirn erschienen war. Was immer Graves tat, forderte all seine Kraft von ihm.</p><p>�Mich h�tte es vermutlich auch zu Tode erschreckt, w�re ich unvorbereitet mit diesem Anblick konfrontiert worden�, fuhr er fort. �Gottlob ist mir eine gewisse... �bergangsfrist geblieben, mich daran zu gew�hnen.�</p><p>�Und das ist also dein Beweis�, sagte Mogens noch einmal. Beinahe zu seiner eigenen �berraschung gelang es ihm, seine Stimme - ann�hernd - ruhig klingen zu lassen.</p><p>�Durchaus�, antwortete Graves. Er zog auch den zweiten Handschuh bis zum Gelenk hinauf, �berzeugte sich mit zwei raschen, aber sehr aufmerksamen Blicken davon, dass die Handschuhe fest und sicher sa�en, und wandte sich dann zu Miss Preussler um.</p><p>�Ich bitte Sie aufrichtig um Vergebung, meine Liebe�, sagte er. �Ich h�tte Ihnen das gerne erspart, aber ich f�rchte, uns bleibt im Moment keine Zeit mehr f�r lange Erkl�rungen. Und um deine Frage zu beantworten�, er drehte sich wieder zu Mogens herum, �so h�tte ich von dir als Wissenschaftler erwartet, dass du ein wenig gelassener mit so etwas umgehst.�</p><p><emphasis>�Gelassener!�, </emphasis>keuchte Mogens. <emphasis>�Damit?�</emphasis></p><p>�Du solltest wissen, dass auch ein Fehlschlag durchaus als wissenschaftlicher Beweis anzuerkennen ist�, antwortete Graves. �Was mir damals widerfahren ist, war ein schrecklicher Unfall. Ein noch dazu voll und ganz selbst verschuldeter Unfall, herbeigef�hrt aus Ungeduld und Gier, und wenn es �berhaupt eine Entschuldigung daf�r gibt, dann die, dass ich jung und unerfahren und ungeduldig war.� Er hob demonstrativ die H�nde vor das Gesicht, und obwohl sie nun wieder in ihren schwarzen Handschuhen steckten, musste Mogens sich beherrschen, um nicht erneut mit einem entsetzten Laut zur�ckzuprallen. �Aber ich habe f�r diese Dummheit bezahlt, Mogens.�</p><p>�Ja�, sagte Mogens. �Mit deinem Verstand.�</p><p>�Ich habe mit Dingen experimentiert, von denen ich keine Ahnung hatte�, antwortete Graves unger�hrt. �Um ein Haar h�tte es mich das Leben gekostet, und auch so ist der Preis, den ich daf�r bezahlt habe, entsetzlich. Und dennoch war es der unumst��liche Beweis, dass ich auf dem richtigen Wege war.�</p><p>�Auch noch den Rest deines K�rpers zu verlieren?�, fragte Mogens.</p><p>�Aber ich habe nichts <emphasis>verloren�, </emphasis>antwortete Graves kopfsch�ttelnd. �Ganz im Gegenteil. Meine H�nde sind noch immer da. Sie haben sich nur... ver�ndert.� Er ballte erst die rechte, dann die linke Hand zur Faust, �ffnete sie dann mit einem Ruck wieder, bewegte die Finger so schnell, als spiele er auf der Tastatur eines unsichtbaren Klaviers. �Siehst du? Sie sind nichts Fremdes oder Feindseliges. Sie gehorchen mir noch immer. Ich kann damit ganz im Gegenteil Dinge tun, die fr�her unm�glich waren. Mein Fleisch hat sich ver�ndert. Ich kann gut verstehen, dass es dich erschreckt. Aber daran ist nichts, was mir Angst machen m�sste. Ganz im Gegenteil: Diese H�nde sind zehnmal so stark wie die deinen, Mogens. Zehnmal so stark wie die jedes andere Menschen. Und sie sind unverwundbar. Ich kann damit f�hlen, und ich sp�re Schmerzen darin wie jeder andere, aber ich kann sie in kochendes Wasser tauchen, gl�hende Kohlen damit ber�hren, und jede Wunde, die ihnen zugef�gt wird, heilt binnen weniger Stunden oder Tage.�</p><p>�Und... und das ist Ihre... Ihre... <emphasis>Unsterblichkeit?�, </emphasis>hauchte Miss Preussler. Ihre Stimme bebte vor Entsetzen.</p><p>Graves sch�ttelte heftig den Kopf. �Sie verstehen es nicht!�, behauptete er. �Es war ein Fehler! Ich habe den falschen Weg beschritten, genau wie es die alten �gypter taten, aber ich habe meinen Irrtum fr�h genug begriffen. <emphasis>Dieser </emphasis>Weg�, er streckte Miss Preussler die gespreizten Finger entgegen, �ist der falsche. Er ist sicher nicht f�r Menschen gedacht. Aber er hat mir den richtigen Weg gewiesen. Und jetzt sind wir ganz kurz vor dem Ziel.�</p><p>�Wieso?�, fragte Mogens.</p><p>�Weil wir kurz davor stehen, denen gegen�berzutreten, die die Unsterblichkeit auf diese Welt gebracht haben. Den G�ttern des alten �gypten.�</p><p>Mogens sah aus den Augenwinkeln, dass Miss Preussler zu einer zornigen Entgegnung ansetzte, und machte eine rasche, bes�nftigende Geste in ihre Richtung. �Wie meinst du das?�, fragte er beunruhigt.</p><p>�Weil sich das Tor zu den Sternen in dieser Nacht �ffnet�, antwortete Graves. �Jetzt, Mogens. Heute. Es ist bereits ge�ffnet.�</p><p>�Das Tor zu den Sternen�, wiederholte Mogens. Er gab sich alle M�he, einfach nur fragend zu klingen, doch der Ton, in dem er diese Worte ausgesprochen hatte, schien Graves' Unmut zu erregen, denn sein Gesicht verzerrte sich schon wieder zu einer Grimasse aus Zorn und �berheblicher Ungeduld.</p><p>�Was, glaubst du, habe ich in den vergangenen zehn Jahren getan, du Narr?�, fauchte er. �Ich habe �berall auf der Welt nach Beweisen f�r meine Theorie gesucht, und ich habe sie gefunden. Sie sind �berall! Man muss nur die Augen aufmachen, um sie zu sehen. Die Vorfahren der Dogon <emphasis>waren </emphasis>hier; sie sind es noch. Und alle achtzehn Jahre, wenn die Sterne in einer ganz bestimmten Konstellationen stehen, dann �ffnet sich das Tor zu ihrer Heimat, und sie kommen hierher, um nach ihren Kindern zu sehen. Wir werden ihnen begegnen, Mogens! Verstehst du denn nicht? Du und ich - wir werden den G�ttern von den Sternen gegen�berstehen! Wir werden der Geschichte ins Gesicht blicken!�</p><p>Ersch�pft lie� er die Arme sinken und brach ab. Das irrsinnige Flackern in seinen Augen wurde schw�cher, erlosch aber nicht ganz, und von seiner Stirn und seinen Schl�fen tropfte noch immer Schwei�. Er wartete sichtbar darauf, dass Mogens irgendetwas erwiderte, aber Mogens schwieg.</p><p>Was h�tte er auch sagen sollen?</p><p>�Und deshalb haben Sie uns hier heruntergef�hrt?�, murmelte Miss Preussler ersch�ttert. �Sie haben alle das getan, weil Sie tats�chlich glauben, irgendwelchen... G�tzen von den Sternen zu begegnen?�</p><p>�Ich habe nicht erwartet, dass Sie mich verstehen�, antwortete Graves kalt. �Und ich habe Sie gewarnt, mitzukommen.�</p><p>Nur ganz allm�hlich fand Mogens seine Fassung wieder. Er zweifelte jetzt nicht mehr im Geringsten daran, dass Graves vollkommen und unwiderruflich dem Wahnsinn verfallen war - einer ganz besonders t�ckischen, gef�hrlichen Art des Wahnsinns vielleicht, die sich hinter einem vermeintlich vern�nftigen Auftreten und durchaus �berzeugenden Worten verbarg, aber nichtsdestoweniger Wahnsinn blieb -, doch das �nderte nichts daran, dass sie hier waren und sich in einer schrecklichen Gefahr befanden; gleich, wie die am Ende auch aussehen mochte.</p><p>�Und du bist ganz sicher, dass es hier geschieht?�, fragte er, �und heute?�</p><p>Graves nickte. �Was das <emphasis>Heute </emphasis>angeht, war ich es seit langer Zeit�, antwortete er. �Meine Berechnungen sind richtig. Das Hier...� Er hob die Schultern. �Um ehrlich zu sein, war ich nicht ganz sicher, bis vor kurzer Zeit. Aber nun, wo wir das hier gefunden haben... ja. Ich bin sicher.�</p><p>Er fuhr mit einer so pl�tzlichen, kraftvollen Bewegung herum, dass Mogens unwillk�rlich erschrocken zusammenzuckte, hob aber auch zugleich beruhigend die Hand und winkte ihm, n�her zu kommen. �Hier, sieh!�</p><p>Mogens gehorchte nur z�gernd und mit einem ziemlich unguten Gef�hl. Graves gestikulierte ihm jedoch immer heftiger zu, w�hrend er zugleich mit der anderen Hand aufgeregt auf das Mauerwerk vor sich deutete. �Sieh hier! Und hier!� Sein Zeigefinger stie� bei jedem Wort wie ein Dolch auf das Mauerwerk herab, markierte Linien und Punkte, wo sich die in den Stein gekratzten Rillen trafen oder �berschnitten. �Siehst du es denn nicht?�</p><p>Mogens sah rein gar nichts. F�r ihn waren und blieben die Linien, die f�r Graves eine so gewaltige Bedeutung zu haben schienen, nichts weiter als sinnloses Gekrakel; und vielleicht nicht einmal das. Er sch�ttelte wortlos den Kopf.</p><p>�Wei�t du was, Mogens?�, fragte Graves. �Du hattest Recht. Du bist ein Ignorant.�</p><p>�Ich bin vor allem Arch�ologe, Jonathan�, antwortete Mogens, so ruhig er konnte. �Aber wenn du meine ganz private Meinung h�ren willst, dann bedeutet das hier gar nichts.�</p><p>Seltsamerweise schien seine Antwort Graves eher zu am�sieren, statt ihn w�tend zu machen, womit er gerechnet hatte. �Wenn das so ist�, antwortete er, �dann ist es vielleicht jetzt angezeigt, dir etwas zu zeigen, was dich wirklich �berzeugt. Nebenbei auch an der Zeit, dass du etwas f�r das exorbitante Gehalt tust, das ich dir bezahle.�</p><p>�Und was sollte das sein?�</p><p>Graves grinste pl�tzlich wieder breit. �Hast du etwa schon vergessen, warum wir hierher gekommen sind?�, fragte er. �Ich denke, deine liebe Freundin Miss Preussler brennt noch immer darauf, die Walk�re zu spielen und die armen Gefangenen zu befreien. Meine Pl�ne sehen indes ein wenig anders aus. Keine Sorge - ich werde deine Hilfe nicht mehr lange ben�tigen. Und ich werde auch nicht von dir verlangen, dass du dich in Gefahr begibst, weder um deinen kostbaren Leib noch deine unsterbliche Seele. Ich erwarte, dass du mir deine F�higkeiten vielleicht noch ein- oder zweimal zur Verf�gung stellst. Was du danach tust, ist deine Sache.� Er drehte sich mit einem demonstrativen Ruck um und ging zur T�r. Doch bevor er den Raum verlie�, f�gte er noch hinzu: �Ich f�r meinen Teil habe eine Verabredung mit den G�ttern.�</p></section><section><title><p id="_44">44.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Wenn es �berhaupt etwas gab, womit Mogens seine Situation vergleichen konnte, so kam er sich vor wie eine Ratte in einem Labyrinth, das zur Versuchsanordnung eines wahnsinnig gewordenen Forschers geh�rte. Er hatte l�ngst aufgeh�rt, mitzuz�hlen, wie oft sie in Sackgassen gelandet waren, wie viele Male sie vor j�h aufklaffenden Abgr�nden gestanden, wie viele Mauern sich pl�tzlich vor ihnen aufget�rmt hatten und wie oft sie den Weg zur�ck gegangen waren, den sie sich zuvor m�hsam gesucht hatten. Er war nicht einmal sicher, ob sie ihrem Ziel tats�chlich n�her gekommen waren oder sich nicht sogar davon entfernten.</p><p>Es war ihm auch gleich. Der - erstaunlicherweise immer noch halbwegs klar gebliebene - wissenschaftliche Teil seines Verstandes hatte es l�ngst aufgegeben, irgendein System in diesem unterirdischen Labyrinth erkennen zu wollen, Mogens w�re nicht einmal mehr �berrascht gewesen festzustellen, dass sich ihre Umgebung ver�nderte, w�hrend sie sie passierten. Er kam sich vor, als irrten sie durch die versteinerten Arterien und Venen einer gigantischen, unterirdischen Kreatur, die seit Jahrmillionen hier unten schlief.</p><p>Zumindest sein Zeitgef�hl hatte er sich erhalten - wenn auch mit Hilfe seiner Taschenuhr, die er in mehr oder weniger regelm��igen Abst�nden z�ckte, um einen Blick auf die Zeiger zu werfen. Es war jetzt nach zwei in der Nacht, was bedeutete, dass mehr als eine Stunde vergangen war, seit sie das Tor in der Tempelkammer durchschritten hatten. Mogens' subjektivem Zeitempfinden nach schien mindestens die zehnfache Zeit verstrichen zu sein und dem Grad seiner Ersch�pfung nach noch sehr viel mehr. Einer der Schnitte unter seiner Achsel war wieder aufgebrochen und blutete, zwar nicht besonders stark, aber doch best�ndig - Hemd und Hose auf seiner rechten Seite waren bereits nass und schwer von seinem eigenen Blut, und wenn er l�nger als einige Sekunden auf der Stelle verharrte, hinterlie� er einen schmierigen roten Abdruck auf dem Boden.</p><p>Miss Preussler hatte ihn schon zweimal darauf angesprochen, aber er hatte ihre Bedenken jedes Mal mit einer beil�ufigen Bemerkung abgetan. M�glicherweise w�rde ihm das sogar noch einmal gelingen, aber bestimmt nicht �fter.</p><p>Irgendwo vor ihm hielt Graves pl�tzlich inne, um sich mit ebenso unsicheren wie zornigen Bewegungen, die Mogens mittlerweile nur zu gut kannte, umzusehen. Auch Mogens hielt an. Zwischen Graves und ihm lagen noch gute zehn Schritte, und falls sich herausstellen sollte, dass sie abermals in eine Sackgasse geraten waren und umkehren mussten, waren das zwanzig, hin und zur�ck gerechnet.</p><p>Mogens erschrak, als er sich seiner eigenen �berlegungen bewusst wurde. Er begann schon mit einzelnen Schritten zu geizen. Wie mochte er sich in einer Stunde f�hlen, oder zwei?</p><p>�Ist Ihnen nicht gut, Professor?�</p><p>Selbst Miss Preusslers Stimme ben�tigte ein paar Sekunden, um den Nebel aus dumpfer Ersch�pfung und Furcht zu durchdringen, der sich �ber seine Gedanken gelegt hatte. Mit einer Bewegung, die sehr viel mehr �ber seine wirkliche Verfassung aussagte, als ihm lieb war, wandte er sich halb zu ihr herum und sch�ttelte den Kopf, und er zwang sogar ein halbwegs �berzeugendes L�cheln auf sein Gesicht.</p><p>Wenigstens glaubte er, dass es ihm gelang. Aber als er in Miss Preusslers Gesicht blickte, wurde ihm klar, dass es wohl eher zur Grimasse geraten war.</p><p>�Nicht besonders�, gestand er, statt das Gegenteil zu behaupten und sich damit endg�ltig zum Narren zu machen. �Aber ich halte schon noch durch, keine Sorge.�</p><p>�Selbstverst�ndlich halten Sie durch�, sagte Miss Preussler. Sie drohte ihm - nicht ganz spielerisch - mit dem Zeigefinger. �Sie geh�ren zu den Menschen, die selbst dann noch behaupten, es ginge ihnen gut, wenn sie mitten im Ozean ohne Rettungsring und mit einem Stein an den Beinen im Meer treiben, ich wei�. Warum m�sst ihr jungen Leute immer Tapferkeit mit Starrsinn verwechseln? Es ist keine Schande, zuzugeben, dass es einem schlecht geht, mein lieber Junge.�</p><p>�Ganz so jung bin ich nicht mehr, Miss Preussler�, sagte Mogens sanft.</p><p>�Im Vergleich mit mir schon�, antwortete sie.</p><p>Mogens war der vierzig deutlich n�her als der drei�ig, aber er sparte es sich, sie auf etwas hinzuweisen, was sie ohnehin wusste. Stattdessen zuckte er vorsichtig mit den Achseln und rettete sich in ein dieses Mal ganz bewusst leicht schiefes L�cheln. �Sie haben Recht�, gestand er. �Es ist mir tats�chlich schon besser gegangen.�</p><p>�Ihre Wunde ist wieder aufgebrochen�, vermutete Miss Preussler, Wenn man in Betracht zog, dass sein Hemd mittlerweile wie ein triefend nasses braunrotes Tuch an seiner Brust klebte, war das allerdings auch nicht sehr schwer zu erraten. Er nickte.</p><p>�Lassen Sie mich sehen�, verlangte Miss Preussler.</p><p>Mogens warf einen raschen Blick zu Graves und Tom hin, bevor er mit einem widerstrebenden Nicken reagierte und noch widerstrebender seine Jacke auszuziehen begann. Die beiden hatten sich nicht von der Stelle ger�hrt, waren aber offenbar in eine von hitzigem Gestikulieren begleitete Diskussion verstrickt.</p><p>Auch seine Jacke war mittlerweile schwer von Blut. Er legte sie behutsam neben sich auf einen Stein, zog auch das Hemd aus und biss die Z�hne zusammen, als Miss Preussler ohne viel Federlesens - oder ihn gar um Erlaubnis zu fragen - damit begann, auch seinen Verband zu l�sen.</p><p>�Ist es schlimm?�, fragte er, als sie fertig war und die blutgetr�nkten Lappen einfach fallen lie�. Ihren Gesichtsausdruck zog er vor lieber nicht zu deuten.</p><p>�W�ren wir jetzt zu Hause, w�rde ich nein sagen�, antwortete Miss Preussler, sch�ttelte aber trotzdem den Kopf und f�gte mit einem aufmunternden L�cheln hinzu: �Das kriegen wir schon hin.�</p><p>�So schlimm?�</p><p>�Wer immer diesen Verband angelegt hat, hatte keine Ahnung�, sagte sie.</p><p>�Ich glaube, es war Tom.�</p><p>�Dann eben ein Ahnungsloser, der in bester Absicht gehandelt hat�, beharrte Miss Preussler. �Aber so schlimm sieht es gar nicht aus. Ich brauchte nur etwas, um die Wunde vern�nftig zu verbinden, dann wird es schon gehen.� Sie �berlegte einen Moment, lie� sich dann kurz entschlossen in die Hocke sinken und riss mit einiger M�he einen handbreiten Streifen aus dem Saum ihres Kleides.</p><p>�Vielleicht sollten wir Tom fragen�, schlug Mogens vor. �Bestimmt hat er auch Verbandszeug in seinem Gep�ck.�</p><p>�Ja, bestimmt�, antwortete Miss Preussler und richtete sich schnaubend auf. �Die Arme hoch, und bei�en Sie die Z�hne zusammen. Es k�nnte wehtun.�</p><p>Mogens gehorchte. Es <emphasis>tat </emphasis>weh, genau wie sie gesagt hatte, aber es war ein sonderbar wohltuender Schmerz, der ihm zwar im ersten Moment die Tr�nen in die Augen trieb, aber zugleich auch Linderung versprach. Dar�ber hinaus legte Miss Preussler den Verband so fest an, dass er ihm fast den Atem abschn�rte. Doch das Ergebnis z�hlte, und das schien zufriedenstellend zu sein. Zwar begann sich auch der improvisierte frische Verband nahezu augenblicklich dunkel zu f�rben, doch Mogens sp�rte zugleich auch, wie die Blutung nachlie� und dann ganz aufh�rte, noch bevor Miss Preussler ganz fertig war.</p><p>�So�, sagte sie aufgekratzt. �Ein paar Stunden Schlaf und eine kr�ftige Mahlzeit, und Sie sind wieder ganz der Alte.�</p><p>�Ich f�rchte, an einem von beidem wird es wohl scheitern�, antwortete Mogens l�chelnd. �Aber vielen Dank. Ich f�hle mich tats�chlich schon viel besser.�</p><p>�Was, zum Teufel, wird das da?�, erklang Graves' Stimme hinter ihnen.</p><p>�Miss Preussler hat meinen Verband erneuert�, antwortete Mogens, w�hrend er sich gezwungen langsam zu ihm herumdrehte.</p><p>�Und wozu soll das gut sein?�, schnappte Graves. �Wir gehen schlie�lich nicht auf eine Modenschau!�</p><p>Mogens schluckte die scharfe Antwort herunter, die ihm auf der Zunge lag, und b�ckte sich nach seiner Jacke. Die Bewegung bereitete ihm zwar M�he, aber er zog sich trotzdem noch weit umst�ndlicher und langsamer an, als notwendig gewesen w�re - schon, weil er sp�rte, dass Graves sich dar�ber �rgerte. Das war zwar albern, tat aber ungemein gut.</p><p>�Wohin gehen wir denn?�, fragte er, w�hrend er mit zusammengebissenen Z�hnen versuchte, so in die �rmel zu schl�pfen, dass die Wunde nicht sofort wieder aufbrach. �Wieder einmal zur�ck?�</p><p>Graves' Gesicht verd�sterte sich noch ein bisschen mehr, aber er gab sich zumindest M�he, sich zu beherrschen. �Tom hat einen Durchgang gefunden�, antwortete er. �Hier geht es anscheinend nicht weiter.�</p><p>Er schien noch mehr sagen zu wollen, runzelte aber dann nur die Stirn und blickte missbilligend auf die blutigen Verb�nde hinab, die Mogens achtlos fallen gelassen hatte.</p><p>�H�ltst du das f�r eine kluge Idee?�, fragte er. �Der Geruch k�nnte die Ghoule anlocken.�</p><p>Wenn es hier unten Ghoule g�be, dachte Mogens, dann w�ren sie l�ngst hier. Sie hatten in der guten Stunde, die sie jetzt hier unten waren, nicht eine einzige der Kreaturen zu Gesicht bekommen. Laut und in leicht trotzigem Tonfall sagte er. �Sie sind Aasfresser, Jonathan. Ich glaube nicht, dass sie von Blutgeruch angelockt werden.�</p><p>�Was war noch gleich dein Fachgebiet?�, fragte Graves, w�hrend er vergeblich versuchte, die Stoffstreifen mit dem Fu� so unter einen Stein zu schieben, dass man sie nicht mehr sah. �Arch�ologie? Dann beschr�nk dich auch darauf, �ber alte Steine zu sprechen.�</p><p>Mogens schluckte die Antwort herunter, die ihm auf der Zunge lag, und auch Miss Preussler schwieg, obwohl ihr anzusehen war, wie schwer es ihr fiel. Sie hatte kein Wort mehr mit Graves gesprochen, seit seinem schrecklichen Auftritt, und sie hatte offensichtlich nicht vor, etwas daran zu �ndern. Mogens w�nschte sich beinahe, ebenso klug gewesen zu sein wie sie.</p><p>�Gehen wir?�</p><p>Graves drehte sich auf dem Absatz herum und ging gerade schnell genug los, dass er ihm nicht ohne Anstrengung folgen konnte. Tom war mittlerweile am Ende der schmalen, von lotrecht emporstrebenden schwarzen W�nden gebildeten Gasse verschwunden. Mogens hielt vergeblich nach einer weiteren T�r oder irgendeiner anderen Art von Durchgang Ausschau. Erst, als sie das Ende der Gasse nahezu erreicht hatten, erschien wie aus dem Nichts eine knapp anderthalb Meter hohe �ffnung vor ihnen. Dahinter war das wei�e, ruhig brennende Licht von Toms Lampe zu erkennen.</p><p>Einfach nur, um es auszuprobieren, trat Mogens wieder einen Schritt zur�ck, und die �ffnung verschwand. Als er sich wieder nach vorne bewegte, war sie wieder da. Ein weiteres R�tsel, das er wohl niemals l�sen w�rde.</p><p>Was er hinter dieser unheimlichen �ffnung - es fiel ihm selbst in Gedanken schwer, sie <emphasis>T�r </emphasis>zu nennen - fand, das war mehr als ein R�tsel. Es grenzte an ein Wunder.</p><p>Mogens hielt verbl�fft inne und sah sich in der gro�en, rechteckigen Kammer um. Die erste �berraschung war die T�r selbst. Wie auch immer diese neuerliche Unm�glichkeit zu erkl�ren war, von dieser Seite aus betrachtet war die T�r eine ganz normale T�r, deutlich gr��er als von der anderen Seite und von klarer, rechteckiger Form, wie �berhaupt alles hier drinnen der klaren Geometrie und strengen Linienf�hrung entsprach, wie er sie aus den Gr�bern und Tempelruinen des alten �gypten kannte. Der Schritt durch die T�r war nicht nur wie ein Schritt in eine andere Welt gewesen, sondern auch in eine andere Zeit. Mogens war vollkommen fassungslos.</p><p>�Erstaunlich, nicht wahr?�, fragte Graves. �Ich denke, wir kommen unserem Ziel allm�hlich n�her.�</p><p><emphasis>Erstaunlich, </emphasis>fand Mogens, war nicht unbedingt das richtige Wort. Was er sah, das war vielmehr verwirrend und beunruhigend zugleich. Der Raum war deutlich gr��er, als er erwartet h�tte, und zwei der vier W�nde, die in seltsam <emphasis>falschem </emphasis>Winkel aufeinander stie�en, waren prachtvoll auf die Art der alten �gypter bemalt und �ber und �ber mit Hieroglyphen in leuchtenden Farben bedeckt.</p><p>�Ist das nicht fantastisch?�, fragte Graves. �Ich hoffe doch, ich habe damit das eine oder andere gutmachen k�nnen. Ich meine: Die allermeisten deiner Kollegen h�tten ihren rechten Arm daf�r gegeben, das hier auch nur ein einziges Mal sehen zu k�nnen.�</p><p>Mogens warf einen fl�chtigen Blick auf Graves' in schwarzes Leder geh�llte H�nde und schwieg. Er war noch immer vollkommen fassungslos, aber da war auch noch mehr. Etwas stimmte hier nicht, aber es war ihm nicht m�glich, dieses Gef�hl genauer in Worte zu kleiden. Er trat einen Schritt an Graves vorbei und blieb wieder stehen, um sich noch einmal aufmerksam umzusehen. Das Gef�hl, dass hier irgendetwas nicht so war, wie es sein sollte, wurde st�rker, aber er konnte es noch immer nicht richtig begr�nden. Der Raum ma� vielleicht zwanzig Schritte im Geviert und wirkte auf den allerersten Blick quadratisch; auch wenn es hier nicht einen auch nur ann�hernd rechten Winkel gab. Die Decke war so niedrig, dass selbst Graves nicht mehr wirklich aufrecht stehen konnte, und Mogens fragte sich automatisch, wie sich die viel gr��eren Ghoule hier drinnen bewegen mochten. Als er den Blick hob und nach oben sah, hatte er die Antwort: Auch die Decke war mit sonderbaren Bildern und Schriftzeichen bemalt, die aber mittlerweile verschmutzt und verwischt waren und an zahllosen Stellen abzubl�ttern begannen. Da hatte sich mehr als ein Ghoul den Sch�del angesto�en.</p><p>Das hintere Drittel des Raumes war in Schatten getaucht, wo das Licht ihrer Lampen es nicht mehr erreichte, doch Mogens glaubte schemenhaft die Umrisse breiter, steinerner Stufen zu erkennen, die hinunter in die Tiefe f�hrten. Der leise Meeresgeruch, der sie bisher so stetig und undurchdringlich begleitet hatte, dass sie ihn kaum noch bewusst zur Kenntnis nahmen, war hier viel deutlicher, und es schien auch sp�rbarer k�hler zu sein. Nur ein kleines St�ck neben ihm befand sich ein gro�er, rechteckiger Abdruck auf dem Boden, wo vielleicht einmal ein Altar oder irgendein anderer, schwerer Gegenstand unbekannten Zweckes gestanden hatte.</p><p>�Nun, Mogens?�, fragte Graves in leicht quengeligem Ton, ganz offensichtlich entt�uscht, dass Mogens seinen Fund nicht in angemessener Weise zu w�rdigen schien, �was sagst du?�</p><p>Mogens sagte auch weiter nichts. Stattdessen trat er dichter an die Wand heran und lie� seinen Blick aufmerksam �ber die unheimlichen Malereien und Schriftzeichen gleiten. Und dann begriff er es: Nichts von alledem hier war alt�gyptisch. <emphasis>Es sah so aus, </emphasis>aber es war es nicht. Die Bildersprache war nicht die der alten Pharaonen, und die Hieroglyphen waren keine Hieroglyphen. Alles, was er sah, machte den Eindruck, als h�tte jemand mit sehr gro�er Kunstfertigkeit und noch gr��erer M�he - daf�r aber umso weniger Sachverstand - versucht, einen Tempel aus der Zeit der Pharaonen nachzubilden.</p><p>�Was steht dort?�, fragte Graves aufgeregt. ��bersetz es, Mogens!�</p><p>�Ich f�rchte, das kann ich nicht�, antwortete Mogens kopfsch�ttelnd.</p><p>�Was soll das hei�en - du kannst es nicht?�, fauchte Graves. �Wozu zum Teufel habe ich dich denn mitgenommen?�</p><p>�Um die alte Schriftzeichen zu �bersetzen�, antwortete Mogens ruhig. Er sch�ttelte den Kopf. �Aber das hier sind keine Hieroglyphen. Sie sehen nur so aus.�</p><p>Graves wurde w�tend. �Was soll der Unsinn?�, schnappte er. Allm�hlich begann er mit beiden H�nden in Richtung der Wand zu zirkulieren. �Das sind doch ganz eindeutig...�</p><p>�... Symbole einer Bildersprache, die stark an �gyptische Hieroglyphenschrift erinnert�, unterbrach ihn Mogens leise, aber auch in so entschiedenem Ton, dass Graves es nicht mehr wagte, ihm noch einmal ins Wort zu fahren, sondern ihn nur verdutzt und zugleich ein wenig erschrocken ansah.</p><p>�Ich wei� nicht, wer diese Schriftzeichen geschaffen hat�, fuhr er fort. �Wenn dich mein erster, h�chst subjektiver Eindruck interessiert, dann w�rde ich sagen, es war jemand, der versucht hat, in Hieroglyphen zu schreiben, ohne sie lesen zu k�nnen.� Er zuckte fast ungl�cklich mit den Achseln. �Ungef�hr so wie ein Analphabet, der wahllos Buchstaben aus einem Lexikon nachzeichnet und sich dann wundert, dass die Worte keinen Sinn ergeben.�</p><p>Graves wirkte f�r einen Moment sehr verwirrt, dann nachdenklich. �Du meinst, jemand h�tte versucht, in Hieroglyphen zu schreiben, ohne Hieroglyphen lesen zu k�nnen.�</p><p>�So ungef�hr�, best�tigte Mogens.</p><p>�Und wenn es genau andersherum war?�, fragte Graves. �Wenn <emphasis>das hier </emphasis>das Original ist?�</p><p>Mogens starrte ihn verbl�fft an. Der Gedanke war so absurd - und zugleich so nahe liegend -, dass er sich vergebens fragte, wieso er nicht von selbst daraufgekommen war. Wenn es an dieser sonderbaren Schrift etwas gab, dessen er sich vollkommen sicher war, dann, dass sie unvorstellbar <emphasis>alt </emphasis>war. Zwar waren die Bilder vollkommen unbesch�digt und die Farben von einer Intensit�t und Leuchtkraft, als w�ren sie erst gestern auf den steinernen Untergrund aufgetragen worden, aber er konnte die Jahrtausende, die diese Bilder gesehen hatten, fast mit H�nden greifen.</p><p>Hinter ihnen polterte etwas, und dann drang Toms Stimme verzerrt aus der Tiefe zu ihm hoch: �Doktor Graves! Professor!�</p><p>Mogens und Graves fuhren erschrocken herum und waren nahezu gleichzeitig bei der Treppe. Mogens war umsichtig genug, Graves den Vortritt zu lassen, denn dieser machte ganz den Eindruck, als ob er ihn glattweg �ber den Haufen rennen w�rde, wenn er nicht schnell genug war, folgte ihm aber so dicht, wie es nur ging.</p><p>Die Treppe f�hrte mehr als ein Dutzend Stufen weit in engen Windungen nach unten. Die bizarren Stufen waren so steil, dass Mogens schon unter normalen Umst�nden und bei ausreichender Beleuchtung Hemmungen gehabt h�tte, auch nur einen Fu� darauf zu setzen, aber Graves �berwand immer zwei oder drei davon mit tollk�hnen Spr�ngen, sodass der Abstand zwischen ihnen wieder gr��er wurde, blieb aber dann, kaum unten angekommen, so abrupt stehen, dass Mogens es zu sp�t registrierte und gegen ihn prallte. Graves machte einen hastigen Ausfallschritt nach rechts, um sein Gleichgewicht wieder zu finden, und auch Mogens gewann den Kampf um seine Balance - wenn auch m�hsam - und setzte automatisch zu einer Entschuldigung an.</p><p>Die Worte blieben ihm buchst�blich im Hals stecken, als er sah, was sich hinter Graves befand.</p><p>Der Raum, in den sie die Treppe gef�hrt hatte, war gewaltig - kein gemauertes Zimmer, sondern eine weitl�ufige, auf nat�rliche Weise entstandene H�hle, von deren gew�lbter Decke bizarre Kalkgew�chse herabhingen und hier und da Wasser tropfte. Auch der Boden war uneben, mit Rissen und gef�hrlichen Stolperfallen �bers�t, doch alledem schenkte Mogens nur einen fl�chtigen Blick und <emphasis>weniger </emphasis>als einen fl�chtigen Gedanken. Er starrte einfach nur fassungslos das bizarre Gebilde an, das dicht vor Graves auf den schwarzen Wellen eines schmalen Kanals schaukelte, der die H�hle in zwei ungleich gro�e H�lften zerteilte.</p><p>Es war ein Boot. Der schlanke, an beiden Enden nach oben gebogene Bug, der an die einfachen Schilfboote erinnerte, wie sie selbst heutzutage noch auf manchen Fl�ssen im Norden Afrikas in Gebrauch waren, allerdings g�nzlich aus ebenholzschwarzem, gl�nzend poliertem Holz bestand, musste gute sechs oder sieben Meter messen, und die hoch gebogenen Enden waren mit prachtvollen, wie reines Gold schimmernden Spitzen aus Metall verziert. Von kunstvoll gedrechselten Pf�hlen getragen, erhob sich in der Mitte des Rumpfes ein gro�er, in den prachtvollsten Farben leuchtender Baldachin, unter dem ein mehr als mannslanger, schwarzer Block ruhte, auf dessen Oberseite die Umrisse einer bizarren Gestalt eingraviert waren.</p><p>Es war ein Sarkophag. Was da vor ihnen auf dem Wasser lag, war eine �gyptische Totenbarke.</p><p>Mogens versp�rte ein heftiges Erschauern von Ehrfurcht, als ihm klar wurde, dass er vielleicht seit Tausenden von Jahren der erste Mensch war, der ein solches Gebilde mit eigenen Augen erblickte, keine Abbildung in einem Buch, keine spielzeuggro�e Kopie in der Vitrine eines Museums, sondern das <emphasis>Original, </emphasis>das vielleicht seit Jahrtausenden im Wasser dieses Kanals lag. Es war nicht ganz so, wie er es in Erinnerung hatte. Gewisse Details waren anders - das Boot war insgesamt gr��er, als man allgemein angenommen und bei den g�ngigen Rekonstruktionen zugrunde gelegt hatte, und vieles wirkte insgesamt eleganter, anderes daf�r aber wieder auch grobschl�chtiger, fast, als w�re es nicht wirklich f�r menschliche H�nde gedacht. Und etwas fehlte. Obwohl es geradezu �berdeutlich war, dauerte es ein paar Sekunden, bis Mogens es wirklich sah.</p><p>�Die Ruderer�, murmelte er.</p><p>Graves sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Eigentlich m�sste in Bug und Heck jeweils eine lebensgro�e Anubis-Statue stehen�, erkl�rte Mogens. �Eine am Ruder und die zweite als Navigator im Bug. Aber vielleicht wird das Boot ja nicht von Statuen begleitet, sondern...� <emphasis>Sondern von ihren Vorbildern selbst, </emphasis>wollte er sagen, aber er lie� das Ende des Satzes unausgesprochen.</p><p>Es gelang ihm endlich, seine Starre zu �berwinden. Er ging an Graves vorbei und blieb mit klopfendem Herzen am Ufer des kleinen Kanals stehen, auf dem die Barke schwamm. Das Gef�hl der Ehrfurcht blieb, aber er sp�rte auch zugleich immer deutlicher, dass es auch mit diesem Boot dasselbe war wie mit den Wandmalereien und Schriftzeichen oben. Es <emphasis>sah aus </emphasis>wie etwas, von dem er zu wissen glaubte, was es war, ohne es indes wirklich zu sein.</p><p>Als h�tte er seine Gedanken gelesen, sagte Graves in diesem Moment: �Vielleicht ist auch das hier das eigentliche Original, nach dessen Vorbild alle anderen Kopien erschaffen wurden.�</p><p>�Das sollten wir uns vielleicht besser nicht w�nschen�, sagte Tom.</p><p>Mogens fuhr alarmiert herum. Tom war nur wenige Schritte neben ihm an den Kanal heran getreten und hatte sich nach vorne gebeugt. Er betrachtete konzentriert den Sarkophag. Der Ausdruck auf seinem Gesicht gefiel Mogens ganz und gar nicht.</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte er. �Was soll...?�</p><p>Er brach mitten im Satz ab, als er zu Tom hinging und sein Blick ebenfalls �ber die mattschwarze Oberfl�che des Sarkophags strich. Tom musste seine Frage nicht mehr beantworten. Aus dem noch immer anhaltenden Gef�hl von Ehrfurcht in Mogens wurde... etwas anderes.</p><p>Das Bild, das in die Oberfl�che des Sarkophages eingraviert war, zeigte die liegende Gestalt eines hoch gewachsenen, muskul�sen Mannes, der die typische Kleidung eines �gyptischen Pharao oder zumindest hochrangigen Edelmannes trug: einen knielangen gestreiften Rock, bis �ber die Waden hinauf geschn�rte Sandalen, und einen prachtvollen, mit Gold verzierten G�rtel. Die Arme waren �ber der Brust gekreuzt, und in den H�nden hielt er eine Art Zepter, das aber keine �hnlichkeit mit irgendetwas aufwies, was Mogens jemals zu Gesicht bekommen hatte.</p><p>Sein Kopf war ein purer Albtraum.</p><p>Wenn die Abbildung tats�chlich den Kopf des Wesens zeigte, das sich im Innern des Sarkophages befand und nicht eine bizarre Maske, dann war es kein Gesch�pf, das jemals auf dieser Welt gelebt hatte.</p><p>Er war sehr viel gr��er als der eines Menschen und wuchs ansatzlos und ohne sichtbaren Hals direkt aus den Schultern heraus. Es gab kein wirkliches Gesicht, sondern nur eine schuppige Fl�che mit mehreren d�nnen Schlitzen, die Mund und Nase darstellen mochten, daf�r aber umso gr��ere, starre Augen. Etwas wie ein kurzer, aber ungemein kr�ftiger Papageienschnabel nahm dem gr�sslichen Anblick auch noch die allerletzte Menschlichkeit. Das Gesch�pf hatte keine Haare, sondern nur eine Art Flossenkamm, der in der Mitte des Sch�dels begann und in seinem Nacken verschwand und etwas wie einen um den gesamten Hals herumlaufenden zotteligen Bart, der allerdings nicht aus Haaren zu bestehen schien, sondern aus einem Gewirr fingerlanger, fleischiger Tentakel.</p><p>�Was... ist denn... das?�, kr�chzte Graves, der ihm gefolgt war. Seine Stimme klang belegt.</p><p>Mogens antwortete nicht, sondern riss seinen Blick mit einiger M�he von dem schrecklichen Gesicht los und betrachtete noch einmal die H�nde, die das sonderbare Zepter hielten. Er sah jetzt, dass sie nur vier Finger hatten statt f�nf und zus�tzliche, schuppige Schwimmh�ute dazwischen. Es gab noch mehr Unterschiede zwischen der Physiologie dieses Gesch�pfes und der eines Menschen, aber etwas in Mogens schreckte davor zur�ck, allzu genau hinzusehen.</p><p>�Wer wei߫, sagte er mit leiser, belegter Stimme, die sich vergebens um einen sarkastischen Ton bem�hte. �Vielleicht auch das Original, nach dem die alten �gypter erschaffen worden sind.�</p><p>�Das ist nicht komisch�, antwortete Graves.</p><p>Es hatte auch nicht komisch sein sollen. Mogens erschrak fast vor seinen eigenen Worten, denn er hatte etwas ausgesprochen, was er ganz und gar nicht hatte aussprechen wollen. �Ich hoffe, es sind nicht die G�tter, mit denen du verabredet bist, Jonathan�, sagte er.</p><p>Graves sog h�rbar die Luft ein, doch in diesem Moment drang Miss Preusslers Stimme vom oberen Ende der Treppe zu ihnen herab. �Professor? Tom? Ist alles in Ordnung?�</p><p>�Sicher�, antwortete Mogens hastig. �Bleiben Sie oben, Miss Preussler. Die Treppe ist nicht ungef�hrlich. Tom hat nur einen Kanal entdeckt. Wir kommen sofort wieder hoch.�</p><p>Graves warf ihm einen raschen, dankbaren Blick zu. Wenn auch aus vollkommen unterschiedlichen Gr�nden, so war ihnen doch beiden ganz und gar nicht daran gelegen, dass Miss Preussler hier herunter kam und das unheimliche G�tzenbild sah. Mogens w�re es fast lieber gewesen, h�tte auch er es nicht gesehen.</p><p>�Ich frag mich, wohin dieser Kanal f�hrt�, murmelte Tom. Nachdenklich lie� er sich in die Hocke sinken und streckte den linken Arm zum Wasser hinab, w�hrend er sich mit der anderen Hand am Rumpf des Bootes festhielt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Mogens war nicht wohl, als er das sah, aber er schwieg.</p><p>Tom tauchte die Hand ins Wasser und ber�hrte die Fingerspitzen vorsichtig mit der Zunge, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte. <emphasis>Dabei </emphasis>war Mogens noch viel weniger wohl.</p><p>�Salzig�, sagte Tom. �Das ist Salzwasser.� Er wischte sich die Finger an der Hose ab. �Der Kanal muss 'ne Verbindung zum Meer haben.�</p><p>�Hier?�, fragte Mogens zweifelnd. �So weit im Binnenland?�</p><p>�So weit ist es gar nicht�, antwortete Graves. �Luftlinie...� Er �berlegte einen Moment. �Vielleicht zwei oder drei Meilen. Kaum mehr.� Mogens' zweifelnder Blick schien ihm nicht zu entgehen. �Die Stra�e, die ihr genommen habt, f�hrt ein ganzes St�ck an der K�ste entlang. Man merkt es nur nicht, weil die H�gel dazwischen liegen.�</p><p>Mogens nahm das so hin - zumal er gar nicht wirklich an Graves' Aussage gezweifelt hatte. Viel mehr hatte ihn pl�tzlich der Schatten einer Erinnerung gestreift, die irgendetwas mit dem Meer zu tun hatte, ihm aber wieder entglitt, bevor sie wirklich Gestalt annehmen konnte. Es war keine angenehme Erinnerung gewesen - aber alles andere h�tte ihn beinahe �berrascht. Seit sie vor anderthalb Stunden die Leiter heruntergestiegen waren, schienen sie einen Teil der Welt betreten zu haben, in dem nichts Angenehmes oder Beruhigendes mehr Bestand haben konnte.</p><p>�Was ist das da, im Wasser?� Graves deutete auf die fast reglos daliegende schwarze Oberfl�che des Kanals hinter dem Boot. Etwas schwamm auf der Wasseroberfl�che, und zum Teil wohl auch ein St�ck darunter; ein d�nnes Geflecht, wie schwarzer Seetang oder B�schel aus d�nnen Haaren, die sich in der Str�mung bewegten. Tom wollte sich abermals vorbeugen, um danach zu greifen, doch Graves hielt ihn mit einer abermaligen, unwilligen Geste zur�ck. �Seetang�, wiederholte er. �Wie ich gesagt habe: Der Kanal muss eine Verbindung zum Meer hin haben. Komm - wir wollen die gute Miss Preussler nicht l�nger als n�tig warten lassen.�</p><p>Ohne Mogens' Antwort abzuwarten, ging er mit raschen Schritten zur Treppe zur�ck. Mogens warf noch einen allerletzten, unsicheren Blick auf die monstr�se Gestalt auf dem Deckel des Sarkophags. Ein Teil von ihm war noch immer von dem blo�en Anblick zu Tode erschreckt, aber da war auch noch ein anderer, auf eine schon fast obsz�n morbide Weise faszinierter Teil, der sich fragte, was er wohl erblicken w�rde, wenn sie den Deckel der schwarzen Truhe anhoben. Er sah schwer aus, aber nicht so schwer, dass Tom, Graves und er ihn nicht mit gemeinsamen Kr�ften bew�ltigen k�nnten.</p><p>Fast entsetzt verscheuchte er den Gedanken und beeilte sich, zu Graves aufzuschlie�en.</p><p>Miss Preussler wartete voller Ungeduld am oberen Ende des Treppenschachtes. Schon der Ausdruck auf ihrem Gesicht machte Mogens klar, was sie von seiner Behauptung hielt, dort unten g�be es absolut nichts Au�ergew�hnliches zu sehen, doch obwohl Graves etliche Sekunden vor ihm hier oben angekommen war, hatte sie ihn bisher nicht einmal eines Blickes gew�rdigt. Wenn sich Miss Preussler einmal zu etwas entschlossen hatte, dann blieb sie diesem Entschluss im Allgemeinen auch treu.</p><p>�Also?�, fragte sie.</p><p>�Wasser�, antwortete Mogens. �Tom hat einen Kanal entdeckt.� Er kam jeder entsprechenden Frage mit einem Kopfsch�tteln zuvor. �Aber es ist kein Trinkwasser.�</p><p>�Was tun wir dann noch hier?�, fragte sie.</p><p>Graves hinderte Mogens mit einer unwilligen Geste daran, zu antworten. �Lass uns diese Bilder noch einmal betrachten�, sagte er. �Mir ist da etwas aufgefallen. Komm.� Er ging eilig voraus, lie� seinen Blick ungeduldig, fast hektisch zweimal �ber die gro�e, bemalte Wand gleiten und deutete dann mit dem Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle im unteren Drittel des verwirrenden Gem�ldes. �Dort. Siehst du?�</p><p>Tats�chlich sah Mogens beinahe sofort, was er meinte. Der Ausschnitt des Bildes, auf den Graves ihn aufmerksam machte, w�re ihm vorher in der Gesamtheit dieses unheimliche Kunstwerkes gar nicht aufgefallen, jetzt jedoch sprang er ihm regelrecht ins Auge. Zwar grob und fast bis an die Grenzen des Unkenntlichen heran stilisiert, nun aber dennoch deutlich zu erkennen, hatte der unbekannte K�nstler dort einen Kanal gemalt, auf dem eine Totenbarke schwamm. In einer vollkommen falschen Perspektive dar�ber war auch der Raum zu erkennen, in dem sie selbst sich befanden. Mogens hatte f�r einen winzigen Moment das schreckliche Gef�hl, sogar vier kleine Gestalten auszumachen, die vor einer bemalten Wand standen, auf der ein Bild mit einer winzig kleinen Totenbarke und vier noch kleineren Gestalten zu sehen war, die vor einer bunt bemalten Wand standen, auf der... aber nat�rlich war es nur Einbildung. Im allerersten Moment h�tte Mogens fast �ber den Streich gelacht, den ihm seine eigene Fantasie spielte, aber schon im zweiten bereitete ihm dieser Umstand deutlich Sorge. Er musste aufpassen, sich am Ende nicht selbst als die gr��te Gefahr zu erweisen, die ihm drohte.</p><p>�Das k�nnte so etwas wie eine Karte sein�, sagte Graves, wobei er Mogens mit einem Blick bedachte, aus dem man deutlich herauslesen konnte, dass er diese Schlussfolgerung eigentlich von ihm erwartet h�tte.</p><p>�M�glich�, antwortete Mogens. Graves wirkte noch ver�rgerter, und Mogens musste ihm im Stillen Recht geben. Jetzt, einmal darauf aufmerksam geworden und mit einem Bezugspunkt, an dem sie sich orientieren konnten, gab es eigentlich gar keinen Zweifel mehr an der Richtigkeit von Graves' Schlussfolgerung. Nachdem er den Weg zur�ckverfolgt und sich an die Topografie dieser Karte, die vollkommen fremden Gesetzen zu gehorchen schien, gew�hnt hatte, erkannte er sogar etliche der Geb�ude und Stra�en wieder, an denen sie vorbeigekommen waren - wenn man sie denn so nennen wollte.</p><p>Und ihm fiel noch etwas auf. Am Anfang war es nur der Verdacht, kaum mehr als ein vages Gef�hl, das umso unsch�rfer wurde, je angestrengter er versuchte, es klar zu erfassen, doch es war wie mit dem Bild selbst: Je l�nger er hinsah, desto mehr vertraute Symbole und Zeichen meinte er zu erkennen. Noch weigerten sie sich, irgendeinen Sinn zu ergeben, aber er war pl�tzlich sicher, dass sie es tun w�rden, wenn er nur ein wenig Zeit h�tte, sie zu studieren.</p><p>�Hast du etwas entdeckt?�, fragte Graves. Er war und blieb ein guter Beobachter, wie sich Mogens missmutig eingestehen musste. Er nickte, machte aber auch gleich darauf eine Bewegung, die eine eher unentschlossene Geste daraus werden lie�.</p><p>�Ich bin mir nicht sicher�, sagte er ausweichend. �Aber m�glicherweise kann ich doch einige dieser Hieroglyphen entziffern.�</p><p>�Worauf wartest du dann noch?�</p><p>�So einfach ist das nicht�, antwortete Mogens. Graves wollte auffahren, doch diesmal fuhr Mogens in einen Ton sachlicher Bestimmtheit fort, der keinen Widerspruch duldete: �Das hier ist nicht einfach irgendein alter Dialekt, den man eben einmal �bersetzen kann. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich mich nicht irre. Es gibt eine gewisse �hnlichkeit zur Hieroglyphenschrift der �gypter, aber das muss nichts bedeuten. Und selbst die Hieroglyphen sind bisher nur zu einem kleinen Teil entziffert.�</p><p>�Und was willst du mir damit sagen, Mogens?�, fragte Graves.</p><p>�Unter normalen Umst�nden w�rde ich Monate brauchen, bevor ich auch nur eine erste, vorsichtige Prognose abgeben k�nnte.�</p><p>�Leider Gottes sind die Umst�nde nicht normal�, sagte Graves.</p><p>�Eben�, versetzte Mogens. �Insofern ist es wahrscheinlich nicht zu viel verlangt, wenn ich einige wenige Minuten von dir erwarte.� Er machte einen ungeduldige, wedelnde Handbewegung. �Warum studieren Tom und du nicht ein wenig die Karte? Wenn es sich tats�chlich um eine solche handelt, k�nnte sie von Nutzen sein.�</p><p>Anscheinend war Graves viel zu �berrascht von seinem pl�tzlichen, ungewohnt energischen Ton, um noch einmal zu widersprechen. Er schenkte ihm jedenfalls nur einen verwunderten Blick, dann zuckte er trotzig mit den Schultern und drehte sich demonstrativ weg, um zu tun, wozu Mogens ihn aufgefordert hatte.</p><p>Mogens bedauerte seine Worte inzwischen schon wieder. Es war gut m�glich, dass er den Mund ein wenig zu voll genommen hatte - eine oberfl�chliche �hnlichkeit konnte man auch feststellen, wenn man einen in Englisch geschriebenen Text mit einer Seite aus einem portugiesischen Buch verglich. Die Buchstaben sahen gleich aus, selbst manche der Worte �hnelten sich. Und doch hatten sie sehr wenig miteinander zu tun. Jemand, der eine �bersetzung von der einen in die andere Sprache anfertigen wollte, ohne sie beide zu kennen, musste zwangsl�ufig scheitern. Doch auch, wenn es anders war - er war gar nicht sicher, ob er den Text, der auf dieser Wand niedergeschrieben stand, �berhaupt verstehen <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>Wenn er ehrlich war, dann wollte er ja noch nicht einmal hier sein.</p><p>Und trotzdem begann ihn die Aufgabe schon nach wenigen Sekunden in ihren Bann zu ziehen. Es war so, wie er bef�rchtet hatte - er glaubte manches zu verstehen, aber es ergab keinerlei Zusammenhang, und er musste seine Meinung immer wieder revidieren und von vorne beginnen. Und doch: Nach und nach <emphasis>ergab </emphasis>das Gelesene einen Sinn. Zumindest war da etwas wie eine Ahnung, ein noch schwacher Schemen des gro�en Zusammenhanges, der sich hinter diesen unverst�ndlichen Worten und Symbolen verbarg, und je l�nger Mogens sich darauf konzentrierte, desto intensiver wurde das unheimliche Gef�hl, dass er ihn nur nicht wirklich verstand, weil etwas in ihm vor der Bedeutung dessen, was da vor ihm lag, zur�ckschreckte.</p><p>Nach einer geraumen Weile gab er auf. M�glich, dass die Aufgabe einfach nicht zu l�sen war oder er einfach zu viel in zu kurzer Zeit von sich selbst erwartete. �Es hat keinen Zweck�, sagte er resignierend.</p><p>�Und das wei�t du nach ein paar Minuten?�, fragte Graves sp�ttisch. �Sagtest du nicht, es werde Monate brauchen, um auch nur eine erste, vorsichtige Einsch�tzung abgeben zu k�nnen?�</p><p>�Dabei bleibe ich auch�, antwortete Mogens. �Aus diesem Grund kann ich dir auch nach ein paar Minuten nichts sagen.� Er hob fast trotzig die Schultern. �Manches davon kommt mir bekannt vor. Aber es ergibt keinen Sinn.� Graves starrte ihn weiter feindselig-herausfordernd an, und obwohl Mogens sp�rte, dass es ein Fehler war, f�hlte er sich dennoch zu einer weiter gehenden Erkl�rung gen�tigt. Fast widerwillig hob er die Hand und deutete nacheinander auf einige der Symbole und Kartuschen. �Dieses Symbol hier zum Beispiel <emphasis>k�nnte </emphasis>das alt�gyptische Wort f�r Herrscher bedeuten oder auch K�nig. Das gleich daneben k�nnte man mit dem Wort <emphasis>Ernte </emphasis>�bersetzen, es k�nnte aber auch genauso gut f�r eine Durchfallerkrankung stehen, die im alten �gypten weit verbreitet war. Das hier wiederum bedeutet <emphasis>Wasser, </emphasis>m�glicherweise aber auch Stra�e oder <emphasis>Leben. </emphasis>Das alles ergibt �berhaupt keinen Sinn. Vielleicht ist es ein Gedicht, m�glicherweise eine Warnung, oder auch nur die Stra�ennamen, falls das hier wirklich eine Karte ist.�</p><p>�M�glicherweise fehlt dir auch nur ein wenig Zeit und Mu�e�, antwortete Graves in unerwartet verst�ndnisvollem Ton, �oder einfach mehr Text, um ihn mit deinen Erinnerungen zu vergleichen. Vielleicht tr�stet es dich zu h�ren, dass wenigstens Tom und ich Erfolg hatten. Ich bin jetzt sicher, dass es sich tats�chlich um eine Karte handelt.� Pl�tzlich l�chelte er sogar. �Wir sind nicht mehr sehr weit von unserem Ziel entfernt.�</p></section><section><title><p id="_45">45.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Sie verlie�en das Geb�ude auf demselben Weg, auf dem sie es betreten hatten, wandten sich dann aber nach links und folgten den sonderbar organisch wirkenden W�nden ein gutes Dutzend Schritte weit, ehe sich pl�tzlich ein schmaler Spalt vor ihnen auftat, in dem Graves ohne zu z�gern verschwand - und das im w�rtlichen Sinne: Die Dunkelheit verschlang ihn, als h�tte er eine unsichtbare Barriere durchschritten, und als Mogens all seinen Mut zusammennahm und ihm folgte, erlebte er eine weitere, unheimliche �berraschung: Der Spalt, durch den er sich blind tastete, war nicht nur absolut dunkel, sondern auch kalt wie die H�lle. Es waren nur wenige Schritte, aber seine Haut brannte wie Feuer, als er auf der anderen Seite heraustrat, und seine Kleider waren bretthart gefroren und knisterten bei jeder Bewegung. Er hoffte, dass Miss Preussler und Tom, die hinter ihm kamen, klug genug waren, die Luft anzuhalten, um sich nicht die Lungen zu ver�tzen.</p><p>Wie es aussah, hatte Graves Recht gehabt. Waren sie bisher durch eine unterirdische Landschaft gegangen, die mehr an einen Gestalt gewordenen Albtraum erinnerte, so lag ein gutes St�ck unter ihnen nun die Stadt, deren Plan Graves vorhin so aufmerksam studiert hatte, und Mogens erstarrte bei ihrem Anblick vor Ehrfurcht.</p><p>Auch, wenn dieser allererste Eindruck nur wenige Sekunden anhielt, so hatte er im ersten Moment doch das Gef�hl, einen Schritt in eine Jahrtausende zur�ckliegende Vergangenheit getan zu haben. Und einen Schritt hinein in seinen gr��ten Traum.</p><p>Unter ihnen lag das alte Theben, Karnak in seiner Bl�tezeit, Achenaton, wie es sich seine Sch�pfer ertr�umt, aber niemals in solcher Pracht vollendet hatten - alles gemeinsam und noch viel mehr: Eine Stadt von einer Majest�t und Sch�nheit, wie sie der Sand der �gyptischen W�ste niemals hatte begraben k�nnen. Da waren Tempel und prachtvolle, von endlosen Reihen �berlebensgro�er steinerner Statuen ges�umte Alleen, reich verzierte Wohn- und Zeremoniengeb�ude, und im Herzen dieser gewaltigen, sich in jede Richtung mindestens eine halbe Meile erstreckende Stadt thronte eine gigantische, ebenm��ige Pyramide mit einer golden schimmernden Spitze. Es war ein Anblick, der ihm den Atem raubte, seinen Pulsschlag zum Stocken brachte und ihn mit einem berauschenden, nie gekannten Gl�cksgef�hl erf�llte.</p><p>Und zugleich war er absolut grauenerregend.</p><p>Es vergingen nur wenige Sekunden, bevor der Sturm der Euphorie, der in Mogens' Brust tobte, die ersten Risse bekam. Gierig, fast schon verzweifelt, sog er jedes einzelne Bild in sich auf, konnte gar nicht so schnell von einem Wunder zum n�chsten blicken, wie er es wollte, wie ein Verhungernder, der sich von einem Atemzug auf den anderen an der �berreich gedeckten Tafel eines K�nigs wiederfindet und sich im ersten Moment einfach nur lachend und irre kreischend inmitten all der aufgefahrenen K�stlichkeiten w�lzt, gar nicht f�hig, seinen Hunger zu stillen.</p><p>Aber einige dieser Speisen waren vergiftet.</p><p>Mogens h�tte im ersten Moment nicht einmal sagen k�nnen, was es war. Etwas wie ein Schatten schien �ber all dieser Pracht zu liegen, wie ein ganz leiser Verwesungsgeruch, den man vergeblich mit den teuersten Parf�ms und Essenzen zu �berdecken versuchte. Hier war ein Schatten, wo keiner sein sollte, da eine Linie, die sich in eine Richtung kr�mmte, die zu erkennen menschliche Sinne nicht geschaffen waren, dort eine Verzierung, die zu einer gierig ausgestreckten Kralle wurde. Es war, als w�re nicht unbedingt die Welt, aber die Realit�t dort vorne aus den Fugen geraten und beg�nne zu br�ckeln, wie ein unglaublich altes Gem�lde, durch dessen prachtvolle Farben allm�hlich ein viel �lteres, d�stereres Bild schimmerte, das mit den Farben des Wahnsinns gemalt war. Mogens registrierte kaum, wie Tom und nur einen Augenblick sp�ter auch Miss Preussler neben ihnen erschienen. Tom sagte kein Wort, sondern erstarrte einfach zur Salzs�ule, w�hrend Miss Preussler ein sonderbares kleines Ger�usch ausstie�, dass Mogens nicht genau deuten konnte, und die Hand vor den Mund schlug.</p><p>�Und du bist ganz sicher, dass du dorthin willst, Jonathan?�, fragte er.</p><p>�Sicher?� Graves lachte schrill. �Hast du den Verstand verloren, Mogens? Keine Macht der Welt k�nnte mich jetzt noch daran hindern!�</p><p>Vielleicht keine Macht <emphasis>dieser </emphasis>Welt, dachte Mogens. Er sagte nichts, und wozu auch? Ein einziger Blick in Graves' Gesicht machte ihm klar, wie vollkommen sinnlos jedes weitere Wort gewesen w�re.</p><p>Graves drehte sich, ein ebenso gl�ckliches wie irrsinniges L�cheln auf dem Gesicht, zu Miss Preussler um. �Ist das der Ort, an dem Sie waren? Wohin hat man Sie gebracht?�</p><p>�Ich... bin nicht ganz sicher�, antwortete sie - aber auch jetzt wieder an Mogens gewandt, nicht an ihn. �Es war...� Sie suchte einen Herzschlag lang vergeblich nach Worten und fand schlie�lich in einem hilflosen Nicken Zuflucht. �Ich war... es sah anders aus, aber ich war dort.�</p><p>�Und wo genau?�, fragte Mogens. �Die Gefangenen, von denen Sie gesprochen haben... in welchem Geb�ude sind sie untergebracht?�</p><p>�Ich... ich bin nicht ganz sicher�, wiederholte sie z�gernd. �Aber ich erkenne es bestimmt wieder, wenn ich es sehe.� Sie fuhr sich nerv�s mit dem Handr�cken �ber das Gesicht. Raureif glitzerte in ihrem Haar, und auch ihre Kleider waren steif gefroren und knisterten bei jeder Bewegung. Aber die K�lte in ihren Augen hatte einen anderen Grund.</p><p>�Ich will nicht dorthin�, sagte sie leise. �Dieser Ort... ist die H�lle.�</p><p>�Aber ich bitte Sie, meine Liebe�, sagte Graves. �Was Sie sehen, das erschreckt Sie zweifellos. Um offen zu sein, erschreckt es mich ebenso. Aber es ist nichts B�ses, bitte glauben Sie mir. Was Sie dort sehen, ist ein Teil einer vollkommen fremden Welt! Sie ist so verschieden von der unseren, dass wir sie nie und nimmer verstehen werden. Nicht einmal unsere <emphasis>Sinne </emphasis>sind imstande, sie wirklich zu erfassen. Es ist ganz nat�rlich, dass es Ihnen Angst macht. Aber das ist ganz und gar nicht notwendig. Ganz im Gegenteil! Begreifen Sie denn nicht, welches Geschenk uns hier gemacht worden ist? Wir sind vielleicht die ersten Menschen dieser Welt, die <emphasis>das hier </emphasis>sehen d�rfen.�</p><p>Miss Preussler zweifelte - dem Blick nach zu schlie�en, mit dem sie ihn ma� - ganz eindeutig an seinem Verstand. Sie setzte zu einer Antwort an, schien sich dann im letzten Moment wieder daran zu erinnern, die Kommunikation mit ihm endg�ltig und unwiderruflich eingestellt zu haben, und wandte sich mit einem zugleich hilflos wie beinahe flehend wirkenden Blick abermals an Mogens.</p><p>�Ich kann verstehen, wenn Sie nicht noch einmal dorthin zur�ckkehren wollen�, sagte er. �Tom und ich k�nnen alleine versuchen, die Gefangenen zu finden. Aber Sie m�ssten uns schon sagen, wo...�</p><p>�Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht mitgehe�, unterbrach sie ihn. �Ich habe lediglich gesagt, dass ich es nicht <emphasis>will.</emphasis>�</p><p>�Wie r�hrend�, sagte Graves. �Ehrlich - mir bricht das Herz beim Anblick von so viel Mut und Selbstlosigkeit. Nur, was Tom angeht, muss ich Sie wohl entt�uschen. Ich f�rchte, dass ich seine Dienste selbst in Anspruch nehmen muss.�</p><p>Mogens verzichtete auf eine Antwort, konnte aber einen raschen, fragenden Blick in Toms Gesicht nicht ganz unterdr�cken. Was er sah, verwirrte ihn. Aber es alarmierte ihn auch ein ganz kleines bisschen. Tom stand noch immer wie zur sprichw�rtlichen Salzs�ule erstarrt da und blickte auf die unterirdische Stadt hinunter. Auf seinem Gesicht war die gleiche Mischung von fassungslosem Staunen und Entsetzen abzulesen, wie sie auch Mogens empfand, nur dass der Anteil von Entsetzen deutlich gr��er zu sein schien. Aber da war auch noch mehr. In seinen Augen stand eine grimmige Entschlossenheit geschrieben, die Mogens einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�.</p><p>�Tom?�, fragte er.</p><p>Im allerersten Moment schien es, als w�rde Tom �berhaupt nicht reagieren. Dann fuhr er leicht zusammen, riss seinen Blick von der Ansammlung bizarrer H�user, Stra�en und Geb�ude los und verzog die Lippen zu einem d�nnen, vollkommen verungl�ckten L�cheln. �Alles in Ordnung, Professor�, sagte er. �Ich war nur �berrascht. Damit... habe ich nicht gerechnet.�</p><p>�Das hat wohl keiner von uns�, antwortete Mogens.</p><p>�Und dort unten warten sicherlich noch viel mehr und gr��ere Wunder auf uns�, f�gte Graves hinzu. �Aber wir werden sie m�glicherweise nie zu Gesicht bekommen, wenn wir noch lange hier herumstehen und reden.�</p><p>Was nicht unbedingt das Schlechteste w�re, f�gte Mogens in Gedanken hinzu. Er wunderte sich allm�hlich �ber sich selbst. Ein Teil von ihm befand sich noch immer in einem Zustand schierer Euphorie. Der Forscher, der er die ganze Zeit �ber immer gewesen war, jubilierte innerlich, und es war ihm vollkommen egal, welches finstere Geheimnis sich unter der Oberfl�che des Sichtbaren verbergen mochte und ob er m�glicherweise mit dem Leben f�r diese Entdeckung bezahlen musste. Und dennoch wurde seine Furcht immer st�rker. Mit jedem schweren, h�mmernden Herzschlag in seiner Brust verstand er besser, was Miss Preussler gerade gemeint hatte. Sie hatten vermutlich gar keine andere Wahl, als dort hinunter zu gehen, gleich, aus welchen Gr�nden - aber er <emphasis>wollte </emphasis>es nicht. Um keinen Preis. Ein immer gr��er werdender Teil in ihm selbst kr�mmte sich vor Entsetzen bei der blo�en Vorstellung, nur einen Fu� in diese abscheuliche Stadt zu setzen.</p><p>�Aber wo sind all diese... Gesch�pfe?�, murmelte Miss Preussler. �Als ich gestern hier unten war, da waren es Hunderte. Wohin sind sie verschwunden?�</p><p>�Spielt das eine Rolle?�, fragte Graves. �Wir sollten froh sein, sie nicht zu sehen.� Er sah sich konzentriert um und deutete dann mit dem ausgestreckten Arm nach rechts. �Dort dr�ben ist eine Br�cke.�</p><p>Mogens h�tte f�r das, was Graves als Br�cke bezeichnete, ohne Schwierigkeiten ein halbes Dutzend anderer, weniger schmeichelhafte Bezeichnungen gefunden, aber er musste Graves Recht geben. Das Niveau der Stadt lag gute f�nfzehn oder zwanzig Meter unter ihnen, als w�re sie ihn einen Krater hinein gebaut worden, der hier tief unter der Erde g�hnte. Mogens traute sich zwar trotz seines geschw�chten Zustandes immer noch zu, die zerschrundene B�schung hinunterzuklettern, doch der Weg, den Graves entdeckt hatte, war zweifellos einfacher. Und vermutlich auch sicherer. Zugleich stellte er sich nat�rlich dieselbe Frage wie Miss Preussler gerade. Hier unten sollte es von Ghoulen wimmeln. <emphasis>Wo waren sie?</emphasis></p><p>Ohne ein weiteres Wort setzten sie sich in Bewegung.</p><p>Sie mussten trotz allem ein kleines St�ck weit eine fast schon halsbrecherische Kletterpartie hinter sich bringen, um sich ihren Weg �ber rasiermesserscharfe Steine und Grate zu suchen, bis sie Graves' <emphasis>Br�cke </emphasis>erreicht hatten. Danach wurde es schlimmer. Mogens nahm in Gedanken seine Einsch�tzung zur�ck, dass dieser Weg der leichtere w�re, aber er konnte Graves nicht die Schuld daran geben, so gerne er es auch getan h�tte. Der k�hn geschwungene, steinerne Bogen, der zum Niveau der Stadt hinunterf�hrte, machte einen soliden und �u�erst breiten Eindruck, doch sobald sie ihn betreten hatten, �nderte sich das schlagartig. Nicht nur Mogens' Sinne begannen regelrecht Amok zu laufen, kaum dass er den Boden aus zyklopischen Steinquadern ber�hrte, die auf schier unfassliche Weise <emphasis>falsch </emphasis>miteinander vermauert waren. Seine Augen sagten ihm, dass die Br�cke weiter solide und massiv stand, aber sein Gleichgewichtssinn behauptete das Gegenteil. St�ndig hatte er das Gef�hl, die Arme ausstrecken zu m�ssen, um nicht zu st�rzen, und die Br�cke schien ununterbrochen sowohl ihre Breite als auch ihre Form zu ver�ndern. Mogens versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass es vermutlich ganz genauso war, wie Graves gerade Miss Preussler gegen�ber behauptet hatte: Es war nicht diese Umgebung, mit der etwas nicht stimmte. Es waren nur ihre eigenen, unzul�nglichen menschlichen Sinne, die verr�ckt spielten, weil sie mit dem, was sich ihnen darbot, nichts anfangen konnten.</p><p>Aber war dieser Gedanke tats�chlich eine Beruhigung?</p><p>Endlich aber hatten sie es geschafft, und Graves - nat�rlich Graves; niemals h�tte er sich das nehmen lassen - war der Erste, der seinen Fu� auf den Boden der eigentlichen Stadt setzte. Er verlieh dem Moment das ihm seiner Meinung nach wohl zustehende Gewicht, indem er zwei oder drei Herzschl�ge lang einfach mit geschlossenen Augen stehen blieb, sodass sie gezwungen waren, ebenfalls anzuhalten und zu warten, bis er endlich zur Seite trat und ihnen Platz machte.</p><p>Mogens wandte sich mit einem fragenden Blick an Miss Preussler. �Wohin?�</p><p>Suchend und mit einem hilflosen Ausdruck sah sie sich um. Schlie�lich deutete sie - z�gernd - auf ein gro�es, mit prachtvollen Farben bemaltes Geb�ude von quadratischem Grundriss, das nur etwa vierzig oder f�nfzig Meter entfernt lag. �Dorthin�, sagte sie, und f�gte nach einer Sekunde und leise hinzu: �Glaube ich.�</p><p>�Daf�r ist jetzt keine Zeit�, sagte Graves unwillig. �Uns bleiben nur noch wenige Stunden.�</p><p>�Wof�r?�, wollte Mogens wissen.</p><p>�Hast du mir denn �berhaupt nicht zugeh�rt, du Narr?�, fauchte Graves. �Das Tor ist ge�ffnet, Mogens! Der Weg zum Hundsstern steht offen!�</p><p>�Und?�, fragte Mogens ruhig. Erneut lief ihm ein rascher, eisiger Schauer �ber den R�cken. Dass Graves auf eine gewisse Art wahnsinnig war, hatte er mittlerweile endg�ltig begriffen. Aber vielleicht war ihm das wahre Ausma� dieses Wahnsinns - und seine Gef�hrlichkeit! - trotz allem noch nicht ganz klar gewesen.</p><p>�Und?�, keuchte Graves. �Mogens! Wir k�nnen ihnen gegen�bertreten, verstehst du denn nicht? Dieser Weg �ffnet sich nur zweimal in einem ganzen Menschenleben! Wir k�nnen diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen!�</p><p>�Und was genau meinst du damit?�, wiederholte Mogens. Er war ziemlich sicher, die Antwort zu kennen, so wie auch Graves umgekehrt wissen musste, dass er sie kannte. Und doch war es wichtig f�r ihn, Graves dazu zu zwingen, sie laut auszusprechen.</p><p>�Im Augenblick sind wir relativ sicher�, sagte Graves. �Mir war nicht ganz klar, ob ich die alten Schriften richtig gedeutet habe, aber nun bin ich sicher. Solange das Tor ge�ffnet ist, scheinen die Diener zu schlafen. Aber sie werden erwachen, sobald es sich wieder schlie�t, und wenn wir dann noch hier sind, t�ten sie uns.�</p><p>�Die Diener?�</p><p>Graves' Gesicht wurde zu einer h�sslichen Grimasse der Ungeduld. �Die Ghoule.� Er machte eine unwillige Handbewegung. �Nenn sie, wie du willst. Wichtig ist, dass sie uns nicht gef�hrlich werden, solange wir keinen Fehler machen.�</p><p>�Dann w�re jetzt die Gelegenheit, die Gefangenen zu befreien�, sagte Mogens.</p><p>Graves' Reaktion war ganz genau die, die er erwartet hatte. �Bist du von Sinnen?�, keuchte er. �Uns bleiben vielleicht noch zwei Stunden, allerh�chstens drei! Wir haben keine Zeit f�r so einen romantischen Unsinn!�</p><p>�Menschenleben zu retten w�rde ich nicht als romantischen Unsinn bezeichnen�, antwortete Mogens ruhig.</p><p>Graves setzte sichtlich dazu an, aufzufahren, riss sich dann aber im letzten Moment wieder zusammen und antwortete erst nach einer sp�rbaren Pause und mit einem bedauernden Kopfsch�tteln. �Dein Verhalten ehrt dich, Mogens�, sagte er. �Aber das hier ist jetzt nicht der Moment f�r gro�e Gesten. Schon gar nicht, wenn sie sinnlos sind.�</p><p>�Menschenleben zu retten ist auch nicht sinnlos�, beharrte Mogens.</p><p>�Wenn man bei dem Versuch scheitert, schon�, antwortete Graves. Er wandte sich nun ganz zu Miss Preussler um und fuhr in noch sanfterem Tonfall fort. �Es tut mir aufrichtig Leid, meine Liebe, aber Tatsache ist, dass diesen Menschen nicht mehr zu helfen ist. Glauben Sie mir, sie waren im gleichen Moment verloren, in dem sie in die Gewalt dieser Gesch�pfe geraten sind.�</p><p>�Und woher wollen Sie das wissen?�, fragte Miss Preussler. Ihr Entsetzen �ber das, was sie h�rte, war nun eindeutig gr��er als ihr Stolz, der es ihr bisher unm�glich gemacht hatte, direkt mit Graves zu sprechen.</p><p>�Ich wei� viel �ber diese Kreaturen�, gestand Graves. �Es gibt so viel mehr, was ich nicht wei�, aber manches habe ich in den letzten zehn Jahren doch herausgefunden. Die Zeit reicht nicht, um es Ihnen zu erkl�ren, und Sie w�rden es wahrscheinlich auch gar nicht verstehen - aber glauben Sie mir dies: Diesen bedauernswerten Menschen ist nicht mehr zu helfen. Niemand, der einmal in die Gewalt dieser Wesen ger�t, kann gerettet werden.�</p><p>�Niemand?�, wiederholte Miss Preussler sp�ttisch.</p><p>Graves nickte nur noch einmal, und noch �berzeugter. �Sie sind die Erste, die ihnen jemals entkommen ist, soviel ich wei߫, sagte er. �Und ich verstehe es nicht wirklich.�</p><p>�Wo es einmal eine Ausnahme gegeben hat, da kann es auch noch andere geben�, beharrte Miss Preussler. Sie machte eine zornige Handbewegung, als Graves etwas darauf erwidern wollte, und fuhr in h�rbar sch�rferem Tonfall fort. �Genug, Doktor Graves. Sie sind ein Monstrum! Wie k�nnen Sie annehmen, ich w�re bereit, auch nur das Leben eines einzigen Menschen zu riskieren, nur um mich mit diesen... <emphasis>Ungeheuern </emphasis>zu treffen? Ich werde diese Gefangenen suchen, und wenn es sein muss, ganz allein!�</p><p>�Und damit alles aufs Spiel setzen?�, fragte Graves. �Wenn Sie die Diener wecken, ist alles vorbei. Dann werden Sie nicht nur die Gefangenen nicht befreien, Sie besiegeln damit auch unser Schicksal.�</p><p>�Dieses Risiko werde ich wohl eingehen m�ssen�, antwortete Miss Preussler unger�hrt.</p><p>�Das kann ich nicht erlauben, f�rchte ich�, erwiderte Graves.</p><p>�Und wie wollen Sie mich daran hindern?�, erkundigte sich Miss Preussler in fast freundlichem Tonfall. �Vielleicht mit Gewalt?�</p><p>�Wenn es sein muss�, best�tigte Graves.</p><p>Mogens sagte nichts dazu, aber er tat etwas anderes: Er trat mit einem einzigen, demonstrativen Schritt unmittelbar neben Miss Preussler und verschr�nkte herausfordernd die Arme vor der Brust. Graves' Augen wurden schmal. Er straffte sich. Einen Moment lang versuchte er einfach, Mogens niederzustarren. Als ihm das nicht gelang, warf er einen herausfordernden Blick in Toms Richtung.</p><p>Tom senkte betreten die Augen und sah weg.</p><p>�Mogens, so sei doch vern�nftig!� Graves' Stimme wurde beschw�rend, ja, schon beinahe flehend. �Versuch doch wenigstens zu verstehen, wovon ich spreche!�</p><p>�Ich f�rchte, ich verstehe dich nur zu gut�, antwortete Mogens traurig.</p><p>�Wohl kaum! Uns bietet sich hier die vielleicht gr��te Chance, die sich Menschen jemals geboten hat, seit diese Welt existiert. Begreifst du denn nicht, was wir alles von ihnen lernen k�nnen? Was sie uns geben k�nnen?�</p><p>Mogens sah ihn nur weiter traurig an. Er wusste, dass sie verloren hatten. Dieses Gespr�ch war vollkommen sinnlos. Statt zu antworten, sah er auf bezeichnende Art auf Graves' in schwarzes Leder geh�llte <emphasis>H�nde </emphasis>hinab und sch�ttelte noch einmal den Kopf.</p><p>�Aber ich <emphasis>muss </emphasis>dorthin!� Graves schrie fast, w�hrend er heftig gestikulierend mit beiden Armen auf die monstr�se Pyramide im Herzen der Stadt deutete. �Verstehst du es denn nicht! Es ist alles genau so, wie es in den alten Schriften beschrieben wird! Und ich habe es gesehen, vorhin, auf dem Plan! Das Tor ist dort, in dieser Pyramide! Und es ist offen!�</p><p>Auch wenn er es im Grunde gar nicht wollte, hob Mogens noch einmal den Kopf und sah in dieselbe Richtung, in die Graves' schreckliche H�nde deuteten. Schon der blo�e Anblick des monstr�sen Bauwerkes bereitete ihm jetzt eine fast k�rperlich sp�rbare �belkeit. Es war, als w�rde es schlimmer, mit jedem Schritt, den sie sich dieser gemauerten Obsz�nit�t n�herten. Mogens korrigierte seine Sch�tzung, was ihre Gr��e anging, noch einmal um ein geh�riges St�ck nach oben, und er fragte sich zugleich, wieso es ihm nicht sofort und auf den ersten Blick aufgefallen war. Diese Pyramide war keine blo�e Kopie des Grabmals des Cheops in Gizeh. Es war mit ihr wie mit den Hieroglyphen, dem Boot und allem anderen hier. Dies war das Original, nach dessen Vorbild die gro�en Pyramiden in Kairo errichtet worden waren. Ihre Gr��e und Proportionen entsprachen exakt denen der Cheopspyramide, und die vermeintlichen Unterschiede r�hrten einzig daher, dass all die verstrichenen Jahrtausende <emphasis>diesem </emphasis>Bauwerk nichts hatten anhaben k�nnen. Alles war da. Selbst die gewaltige, mit purem Gold bedeckte Spitze, die bei den Pyramiden �gyptens l�ngst dem Ansturm der Zeit und der Gier der Menschen zum Opfer gefallen war, schimmerte prachtvoll und h�hnisch auf sie herab.</p><p>Und zugleich war dieses monstr�se Etwas so vollkommen <emphasis>anders, </emphasis>so absto�end und furchteinfl��end in all seiner Gr��e, dass er das Gef�hl hatte, zugrunde gehen zu m�ssen, wenn er es zu lange ansah.</p><p>�Also gut!�, fauchte Graves. �Dann gehe ich eben allein. Ich bin tief entt�uscht von dir, Mogens. Und von dir auch, Tom. Nach allem, was ich f�r dich getan habe, h�tte ich mir etwas mehr Loyalit�t erhofft.�</p><p>Weder Mogens noch Tom antworteten. Tom drehte sich noch um ein kleines St�ck weiter weg und presste die Lippen aufeinander.</p><p>�Ihr wisst ja nicht, was ihr da verschenkt�, murmelte Graves, sch�ttelte noch einmal den Kopf und drehte sich dann herum, um mit raschen Schritten in Richtung der Pyramide davon zu gehen. Mogens wollte ihm nachblicken, aber die verdrehte, sinnverwirrende Fremdartigkeit dieses Ortes spielte ihm abermals einen Streich. Obwohl Graves nicht rannte, schrumpfte seine Gestalt schon nach wenigen Schritten zusammen und entschwand dann g�nzlich seinen Blicken.</p><p>�Danke, Tom�, sagte Miss Preussler. Ihre Stimme wurde weich. �Das war sehr tapfer von dir.�</p><p>�Nein�, widersprach Tom. Er machte eine Kopfbewegung in Richtung der Pyramide, ohne sie indes direkt anzusehen. �Tapfer war es gewesen, Doktor Graves zu begleiten. Aber das kann ich nicht. Ich geh nicht dahin. Dieser Ort ist <emphasis>b�se.�</emphasis></p><p>Auch Mogens h�tte es nicht besser ausdr�cken k�nnen. Er musste sogar eingestehen, dass Tom in seiner einfachen, direkten Art viel pr�ziser ausgedr�ckt hatte, was er selbst in einem Sturm komplizierter Gef�hle und Gedanken nicht so hatte auf den Punkt bringen k�nnen. Alles, was er beim Anblick dieser monstr�sen Pyramide empfand, lief auf dieses eine, schlichte Wort hinaus, auch wenn es in seiner von Wissenschaft und Logik gepr�gten Welt eigentlich nichts zu suchen hatte. Sie war b�se.</p><p>Mogens war ersch�ttert von der schlichten Einfachheit dieses Gedankens. Er bedurfte keiner Erkl�rungen, keiner Begr�ndung und keines Wenn und Aber, denn er enthielt eine fundamentale Wahrhaftigkeit, die keinerlei Zweifel zulie�. Selbst der Wissenschaftler in ihm schwieg, obwohl er noch vor weniger als einer Stunde die Existenz von etwas wie dem absolut B�sen - oder auch Guten - vehement bestritten h�tte. Waren dies doch Begriffe aus der Gef�hls- und Gedankenwelt des Menschen, die in der rein logisch erkl�rbaren Welt der Wissenschaft nichts verloren hatten. Aber vielleicht war es genau umgekehrt. Vielleicht war es nicht die Wissenschaft, die als eherne Grundpfeiler das Gef�ge des Universums st�tzte, sondern vielleicht waren es gerade Begriffe wie Gut und B�se, Richtig und Falsch, Glaube und Zweifel, die das Universum zusammenhielten, und vielleicht war es kein Zufall, dass seinen Gesch�pfen zuerst das F�hlen gegeben wurde und erst dann das Denken.</p><p>Es kostete ihn einige M�he, diesen Gedanken abzusch�tteln und sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.</p><p>�Dann sollten wir uns auf den Weg machen�, sagte er. �Ich wei� nicht, wie viel Zeit uns bleibt, aber ich f�rchte, dass sie so oder so knapp wird.� Er warf Tom bei diesen Worten einen fragenden Blick zu, auf den er aber auch diesmal wieder nur ein zaghaftes Kopfsch�tteln zur Antwort bekam. Immerhin setzte sich der Junge als erster in Bewegung und schlug die Richtung ein, in die Miss Preussler gerade gedeutet hatte, und kaum hatte er die ersten zwei oder drei Schritte getan, da wiederholte sich der unheimliche Effekt, den er gerade schon bei Graves beobachtet hatte: obwohl Tom nicht schnell ging, schien er sich rasend schnell zu entfernen, als lege er mit jedem Schritt ein Zehnfaches der eigentlich m�glichen Entfernung zur�ck. Mogens beeilte sich, Miss Preussler am Arm zu ergreifen und Tom zu folgen. Irgendetwas sagte ihm, dass ihre Aussichten, einander wiederzufinden, sollten sie sich in dieser unheimlichen, unwirklichen Umgebung aus den Augen verlieren, nicht gerade gut standen.</p><p>Das Gef�hl, etwas durch und durch Falsches zu tun, wurde mit jedem Schritt schlimmer, den sie tiefer in die Stadt eindrangen. Noch immer war keine Spur der Bewohner dieser unterirdischen Nekropole zu sehen, und noch immer h�rten sie nicht das mindeste Ger�usch, und dennoch schn�rte das Gef�hl, beobachtet, aus unsichtbaren, gierigen Augen belauert und angestarrt zu werden, Mogens mit jedem Schritt mehr den Atem ab. Er wagte es schon l�ngst nicht mehr, auch nur in Richtung der monstr�sen Pyramide zu sehen, die wie ein steinerer Gott �ber dieser Stadt thronte, aber es nutzte nichts. Er konnte <emphasis>sich </emphasis>verbieten, dieses groteske Gebilde anzustarren, aber er konnte <emphasis>ihm </emphasis>nicht verbieten, seinerseits <emphasis>sie </emphasis>anzustarren. Der Gedanke war vollkommen absurd, und doch war es ganz genau das, was nicht nur Mogens in diesem Moment f�hlte: Es war dieses Geb�ude, das sie belauerte. Nichts in ihm oder seiner N�he, nicht die Kreaturen, die es erschaffen hatten oder auch heute noch bewohnen mochten, sondern dieses entsetzliche... <emphasis>Etwas </emphasis>selbst.</p><p>Sie betraten eine der breiten Alleen, die die Stadt in regelm��igen Abst�nden zerteilten und allesamt auf die Pyramide in ihrem Zentrum zu strebten. Ohne es auch nur selbst zu bemerken, hielten sie ganz instinktiv den gr��ten nur m�glichen Abstand zu den unheimlichen Geb�uden, die die Stra�e s�umten, sodass sie im Grunde etwas sehr Dummes taten: Sie bewegten sich ohne jegliche Deckung und f�r jedermann weithin sichtbar genau in der Mitte der Stra�e. Wenn in diesem Moment auch nur einer der unheimlichen Bewohner dieser Stadt aus seinem Haus trat und zuf�llig in ihre Richtung blickte, dann <emphasis>musste </emphasis>er sie einfach sehen, dachte Mogens. Und dennoch ging er gerade weiter, nahm lieber die Gefahr einer fr�hzeitigen Entdeckung in Kauf, als sich einem dieser gr�sslichen Gebilde aus Stein und gemauerter Furcht auch nur eine Sekunde fr�her zu n�hern, als unbedingt n�tig war.</p><p>Wieder war es, als h�tte Miss Preussler seine Gedanken gelesen; auch wenn die Wahrheit wohl eher die war, dass ihre �berlegungen in die gleiche Richtung gingen wie seine. Sie sah sich in immer k�rzeren Abst�nden und mit deutlich zunehmender Nervosit�t um und murmelte schlie�lich: �Ich verstehe das nicht. Wo sind sie alle?�</p><p>�Vielleicht hatte Graves ja Recht mit seiner Vermutung�, antwortete Mogens. �Tom?�</p><p>Er hatte eigentlich gar nicht mit einer Antwort gerechnet. Doch nachdem er einige weitere Schritte getan hatte - und noch immer, ohne ihm dabei in die Augen zu sehen -, sagte Tom: �Ich wei� es wirklich nicht, Professor. Doktor Graves hat mir nie sehr viel �ber die Ergebnisse seiner Arbeit erz�hlt. Ein bisschen hab ich aufgeschnappt und mir das eine oder andere auch zusammengereimt, aber...�</p><p>�Aber du hast es nicht geglaubt, nicht wahr?�, f�hrte Mogens den Satz zu Ende, als Tom nicht antwortete, sondern nur wieder betreten den Blick senkte und die Unterlippe zwischen die Z�hne zog, um darauf herumzukauen. �Wie h�ttest du auch? Ich glaube es ja selbst nicht - nicht einmal jetzt, wo ich es sehe.�</p><p>Tom warf ihm einen kurzen, dankbaren Blick zu, blieb aber weiter so niedergeschlagen, wie er war. �Aber ich h�tte es tun sollen�, beharrte er. �Doktor Graves hat... sehr viel f�r mich getan. Ich wei�, dass Sie nicht viel von ihm halten, Professor, und ich nehm an, dass Sie gute Gr�nde daf�r haben. Aber er hat mir das Leben gerettet, und er hat...� Er suchte einen Moment lang vergebens nach Worten und hob schlie�lich die Schultern. �Ich bin ihm auf jeden Fall mehr schuldig, als ich jemals zur�ckzahlen kann.�</p><p>�Das ist Unsinn, Thomas�, sagte Miss Preussler. �Dieser Mann hat sich mit dem Teufel eingelassen. Du bist ihm gar nichts schuldig. Was immer er f�r dich getan hat oder auch nicht, geschah ganz gewiss nur aus Eigennutz. Mach dir bitte keine Vorw�rfe.� Sie wechselte abrupt das Thema und deutete nach links. �Dort dr�ben.�</p><p>Ihr ausgestreckter Arm deutete auf ein monstr�ses Geb�ude, das Mogens an eine auf absurde Art detonierte Mastaba erinnerte und aus der Entfernung bunt bemalt und fast freundlich gewirkt hatte. Jetzt wirkten die Farben matt und vermittelten dem Betrachter ein staubiges Gef�hl, das es einen fast schwer machte, zu atmen. Mogens' Unbehagen wuchs noch weiter, als er die beiden riesigen Statuen rechts und links des offen stehenden Einganges betrachtete. Aus der Ferne hatte er sie f�r gro�e Sphinxen gehalten, doch sie waren es nicht. Die gemauerten W�chter, die das Tor flankierten, stellten so wenig eine Sphinx dar, wie die Gestalt auf dem Sarkophag ein Mensch gewesen war.</p><p>�Vielleicht... h�tten Sie das Gewehr nehmen sollen, das Graves Ihnen angeboten hat, Professor�, sagte Miss Preussler nerv�s.</p><p>Mogens hielt einen Moment inne und sah sie �berrascht an. Miss Preussler verabscheute Waffen mindestens ebenso sehr wie er, das wusste er. Dennoch nickte sie bekr�ftigend, als sie seinen verwunderten Blick bemerkte, und f�gte mit einer Geste auf ihr Ziel hinzu: �Dort drinnen sind sehr viele von <emphasis>ihnen.�</emphasis></p><p>�Wenn Doktor Graves Recht hat, dann schlafen <emphasis>sie�, </emphasis>sagte Tom. �Und ich glaub, er hat Recht.�</p><p>�Alle?�, vergewisserte sich Mogens.</p><p>�Doktor Graves hat mir mal erz�hlt, dass sie nur die Diener der alten G�tter waren�, sagte Tom, w�hrend sie weitergingen. �Und er war wohl der Meinung, dass es sich noch dazu nur um mindere Kreaturen handelte.�</p><p>�Es gibt keine <emphasis>minderen Kreaturen, </emphasis>Thomas�, verbesserte ihn Miss Preussler mit einem Unterton von sanftem Tadel.</p><p>�Doktor Graves war jedenfalls der Meinung, sie w�ren nicht viel mehr als Tiere, die nur f�r niedrige Arbeiten bestimmt waren�, beharrte Tom. �Oder vielleicht auch so was wie ihre Krieger. Er hat nicht oft mit mir dr�ber gesprochen, und ich hab auch nicht alles verstanden, wenn ich ehrlich bin. Aber ich glaub, er war der Meinung, dass sie in eine Art... Schlaf versinken, wenn sich das Tor �ffnet.�</p><p>�Und wozu sollte das gut sein?�, fragte Miss Preussler.</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Tom, f�gte dann aber trotzdem - und leiser - hinzu: �Vielleicht f�rchten die G�tter <emphasis>sie </emphasis>selbst.�</p><p>Miss Preusslers Stimme wurde streng. �H�r endlich mit diesem dummen Gerede von �G�ttern� und �m�chtigen Wesen� auf, Thomas�, sagte sie. �Es gibt keine G�tter, Tom. Nur einen einzigen Gott, und der f�rchtet sich ganz bestimmt nicht vor diesen Scheusalen.�</p><p>�Aber Doktor Graves...�, begann Tom.</p><p>�... ist wahnsinnig, so einfach ist das!�, unterbrach ihn Miss Preussler. �Und jetzt will ich nichts mehr von diesen Mann und seinem verr�ckten Gerede h�ren!�</p><p>Es war schwer, Toms Reaktion genau einzusch�tzen. Im allerersten Moment sah er Miss Preussler beinahe verstockt an, und Mogens glaubte f�r eine Sekunde sogar so etwas wie blanke Feindseligkeit in seinen Augen aufblitzen zu sehen. Dann aber zwang er sich zu einem sch�chternen L�cheln und setzte zu einer Antwort an - und ein einzelner Schuss peitschte �ber den Platz.</p><p>Tom fuhr wie von der Tarantel gestochen herum. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. <emphasis>�Doktor Graves!�</emphasis></p><p>Mogens ahnte, was passieren w�rde, aber er z�gerte einen Sekundenbruchteil zu lange. Tom sah sich hektisch um. Sein Blick flackerte, w�hrend er vergebens versuchte, die Richtung herauszufinden, aus der der Schuss gekommen war. �Doktor Graves�, keuchte er noch einmal.</p><p>�Tom - <emphasis>nicht!�, </emphasis>schrie Mogens - aber es war zu sp�t. Tom wirbelte auf der Stelle herum und rannte mit gewaltigen S�tzen davon, und Mogens' zupackende H�nde griffen ins Leere. Tom war mit zwei Schritten verschwunden, aufgesogen von der unheimlichen Perspektive dieser verzerrenden Welt. Nur das Ger�usch seiner Schritte war noch f�r einen weiteren Moment zu h�ren, bevor es ebenfalls erlosch.</p><p>�Um Himmels willen, Professor, so <emphasis>tun </emphasis>Sie doch etwas�, hauchte Miss Preussler. �Halten Sie ihn auf!�</p><p>Aber wie denn? Mogens machte tats�chlich einen halben Schritt in die Richtung, in die Tom verschwunden war, blieb aber sofort wieder stehen. Tom war nicht einfach nur davongelaufen. Er war so spurlos verschwunden, als h�tte er niemals existiert. Mogens versp�rte ein neuerliches, eisiges Fr�steln, als ihm klar wurde, dass er nicht einmal mit wirklicher Sicherheit sagen konnte, in welche Richtung er davongelaufen war. Vielleicht gab es so etwas wie <emphasis>Richtungen </emphasis>hier unten gar nicht.</p><p>�Lassen Sie ihn, Miss Preussler�, sagte er leise. �Ich glaube nicht, dass wir ihn zur�ckholen k�nnten. Selbst wenn wir w�ssten, wo er ist.�</p><p>�Wahrscheinlich haben Sie Recht�, pflichtete sie ihm niedergeschlagen bei. �Der arme Junge.� Sie atmete schwer ein und aus, dann drehte sie sich langsam und mit h�ngenden Schultern wieder zu Mogens um. �Kommen Sie, Professor�, sagte sie. �Hier gibt es noch andere, die unserer Hilfe bed�rfen. Suchen wir diese armen Menschen.�</p></section><section><title><p id="_46">46.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Von all den Schrecken, die er im Innern des Geb�udes bef�rchtet hatte, wartete kein einziger auf sie, als sie durch das Tor schritten. Die Wirklichkeit war ganz im Gegenteil beinahe entt�uschend, zumindest aber banal: Ein rechteckig geschnittener, vollkommen leerer Raum mit hoher Decke, dessen W�nde nur sparsam bemalt waren, sich aber in einem denkbar schlechtem Zustand befand. Der Putz war �berall in gro�en, h�sslichen Flecken abgebl�ttert und gab den Blick auf das darunter liegende Mauerwerk frei, das ebenfalls stark besch�digt war. Einer der gewaltigen Balken, die die Decke trugen, war gebrochen, wodurch die gesamte Deckenkonstruktion durchhing und deutlich aus der Waage gerutscht war, worin m�glicherweise der Grund f�r das sonderbar missgestalt wirkende �u�ere dieses ganzen Geb�udes zu suchen war. Mogens fragte sich sogar ganz automatisch, ob dasselbe nicht vielleicht auch auf alle anderen Geb�ude der Stadt zutraf. War das, was er f�r den Beweis einer vollkommen fremdartigen, unbegreiflichen Dimension gehalten hatte, am Ende nur profaner Verfall? Er glaubte nicht wirklich an diese Erkl�rung, konnte sie aber auch nicht ganz von der Hand weisen. Was immer das Geheimnis dieser unterirdischen Stadt auch sein mochte - ob sie nun tats�chlich von Gesch�pfen aus dem Bereich des Hundesterns errichtet worden war oder von Menschen dieser Welt -, eines waren sie ganz gewiss: unvorstellbar alt. Niemand hatte bisher eine Stadt untersucht, die f�nftausend Jahre alt war, und somit wusste auch niemand, was eine derartige Zeitspanne anzurichten vermochte.</p><p>Noch etwas - g�nzlich Unerwartetes - geschah: So sehr ihn der allgegenw�rtige Verfall hier drinnen �berraschte, so beruhigend wirkte er doch zugleich auf ihn. Der Gedanke, dass letzten Endes nicht einmal diese unheimlichen Zeugnisse einer fremdartigen Kultur der Zeit wirklich trotzen konnten, hatte etwas Vers�hnliches. Graves' Gro�e Alte mochten G�tter sein, vom menschlichen Standpunkt aus, aber sie waren sterbliche G�tter.</p><p>�Und nun?�, fragte er.</p><p>Miss Preussler fuhr unmerklich zusammen, als Mogens' Worte die unheimliche Stille durchbrachen. Irgendetwas in der Dunkelheit jenseits des Einganges fing den Klang seiner Stimme auf und warf ihn auf eine Art verzerrt und gebrochen zur�ck, der viele seiner �berlegungen von soeben ihrer Grundlage beraubte. <emphasis>Echos </emphasis>ver�ndern sich nicht, nur weil das, was sie erzeugten, <emphasis>alt </emphasis>war.</p><p>�Ich bin nicht sicher�, antwortete sie - fl�sternd, und das nicht, weil sie Angst hatte, geh�rt zu werden, vermutete Mogens, sondern um nicht erneut eines dieser Schauder machenden Echos zu erzeugen. �Es ging eine Treppe hinunter. Ziemlich weit�, f�gte sie nach kurzem Z�gern hinzu.</p><p>Statt zu antworten, stellte Mogens seine Lampe ab und begann in den Jackentaschen zu graben, bis er ein Streichholzbriefchen gefunden hatte. An der simplen Aufgabe, die Karbidlampe zu entz�nden, w�re er um ein Haar gescheitert. Bisher hatte Tom diese kleinen Pflichten f�r sie �bernommen, und Mogens brauchte fast eine Minute, um die einfache Mechanik zu ergr�nden, mittels derer er den Glaskolben nach oben schieben konnte, um den Docht zu erreichen. Bei Miss Preusslers Lampe war er dann schon deutlich schneller.</p><p>Auch im kalten Licht der beiden Grubenlaternen verlor der Raum nichts von seinem sichtlichen Alter. Mogens entdeckte nirgendwo auch nur eine Spur von Staub - ein weiteres R�tsel, das er vermutlich nie l�sen w�rde -, aber daf�r un�bersehbare Anzeichen von Verfall. Die W�nde waren �berall gerissen, und der zerbrochene Tragbalken �ber ihren K�pfen war nicht allein: Gut die H�lfte der m�chtigen Balken, die die Decke trugen, waren mehr oder weniger stark besch�digt. Mogens dachte besorgt an die heftigen Erdst��e zur�ck, die die Tempelkammer oben verw�stet hatten. Er verstand nicht allzu viel von Statik und Ingenieurskunst, aber er war ziemlich sicher, dass dieses Geb�ude einer starken Ersch�tterung nicht standhalten w�rde.</p><p>Sie passierten mehrere T�ren, die in benachbarte, ebenfalls vollkommen leere R�ume von beinahe noch gewaltigeren Dimensionen f�hrten, dann standen sie vor einer weiteren, diesmal geschlossenen T�r. Sie unterschied sich von allem, was sie bisher hier drinnen gesehen hatten, aber der Anblick war Mogens trotzdem nicht neu.</p><p>Sie war kleiner als ihre monstr�se eiserne Schwester oben in der Tempelkammer und bestand aus grobporigem, im Laufe der Jahrtausende fast zu Stein gewordenem Holz und hatte nur einen und nicht zwei Fl�gel, und dennoch war die �hnlichkeit un�bersehbar. In ihre Oberfl�che waren dieselben, unheimlichen Zeichen und Symbole eingraviert, von denen Mogens nun vollkommen sicher war, dass es sich um nichts anderes als Warnungen handelte, und auch zu ihrer Rechten und Linken erhoben sich zwei monstr�se, steinerne W�chter: schreckliche Zwitter aus Mensch, Tier und fremdartiger Abscheulichkeit, die ihn - obwohl er sie nicht zum ersten Mal sah - nun bis ins Mark erschreckten.</p><p>�Wie schrecklich�, murmelte Miss Preussler neben ihm. �Welches kranke Hirn denkt sich so etwas aus?�</p><p>�Wahrscheinlich... ist es nur eine Warnung�, sagte Mogens schleppend. Es fiel ihm immer schwerer, dem Anblick dieser gr�sslichen Gesch�pfe standzuhalten - aber vielleicht lag das gar nicht an der detailbesessenen Genauigkeit dieser in Stein gemei�elten, krakenk�pfige Ungeheuer. Obwohl er sich mit schon fast verzweifelter Kraft dagegen wehrte, stieg pl�tzlich ein anderes Bild aus seiner j�ngeren Erinnerung in ihm empor: Das eines nahezu identischen, wenngleich kleineren Wesens, dessen Abbild in das schwarze Holz eines Sarkophags hineingeschnitzt worden war...</p><p>�Eine Warnung.� Miss Preussler machte ein sonderbares Ger�usch. �Dann sollten wir vielleicht besser darauf h�ren, wie?�, fragte sie - und trat mit einem entschlossenen Schritt zwischen den beiden gewaltigen W�chterstatuen hindurch, hob ihre Lampe und legte die gespreizten Finger der anderen Hand gegen die T�r.</p><p>Mogens fuhr so heftig zusammen, als h�tte er einen elektrischen Schlag bekommen. F�r den Bruchteil einer Sekunde war er felsenfest davon �berzeugt, dass etwas Schreckliches geschehen w�rde - etwa dass die unheimlichen steinernen W�chter zu pl�tzlichem Leben erwachen und sich auf sie st�rzen, der Boden sich auftun und die ungl�ckliche Miss Preussler verschlingen oder die sonderbaren Symbole und Linien auf der T�r selbst mit einem Male hervorbrechen und sich wie ein Nest wuselnder Schlangen oder W�rmer um sie wickeln w�rden, um sie zu erdr�cken.</p><p>Das Dramatischste, was geschah, war das Herabrieseln einer d�nnen Staubfahne...</p><p>Miss Preussler dr�ckte die T�r trotz ihres unzweifelhaft enormen Gewichts ohne sichtbare Anstrengung auf, hob ihre Lampe noch ein kleines St�ckchen h�her und leuchtete durch den entstandenen Spalt, bevor sie sich wieder zu Mogens herumdrehte und dazu ansetzte, etwas zu sagen. Dann aber zog sie stattdessen nur die Augenbrauen zusammen, legte den Kopf auf die Seite und sah ihn gleicherma�en fragend wie alarmiert an. �Professor?�</p><p>Mogens fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen. Er konnte nicht antworten. Pl�tzlich w�nschte auch er sich, Toms Gewehr doch genommen zu haben. Nicht, dass er Waffen mit einem Male weniger verabscheut h�tte als zuvor, sondern weil es offensichtlich in der Natur des Menschen liegt, sich in Momenten der Gefahr zu verteidigen - und dazu eignete sich eine Waffe nun einmal besser als eine Laterne.</p><p>�Professor?�, fragte Miss Preussler noch einmal, als sie auch nach einigen weiteren Sekunden noch keine Antwort bekam. �Ist alles in Ordnung?�</p><p>Endlich gelang es Mogens, sich vom Anblick der unheimlichen Standbilder loszurei�en. �Sicher�, sagte er nerv�s. �Ich war nur...� Er suchte einen Moment nach Worten und rettete sich schlie�lich in eine Antwort, die der Wahrheit so nahe kam, wie er es gerade noch wagte. �Der Anblick dieser... <emphasis>Dinger </emphasis>hat mich wohl doch mehr erschreckt, als ich zugeben m�chte�, sagte er mit einer entsprechenden Geste auf die Statuen. Irrte er sich, oder hatte die eine den Kopf um ein kleines St�ckchen weiter nach links gedreht? Und hatte sich die mit unheimlichen Schwimmh�uten versehene Hand der anderen nicht um eine Winzigkeit gehoben, wie um sich zum Zupacken bereit zu machen?</p><p>Miss Preussler sah offensichtlich nichts dergleichen, denn auch ihr Blick ging noch einmal und sehr aufmerksam �ber die beiden steinernen Kolosse, aber ihre einzige Reaktion war ein leicht sp�ttisches L�cheln in seine Richtung. �Sollte es nicht eigentlich genau anders herum sein, Professor?�, fragte sie sp�ttisch. �Sollte <emphasis>ich </emphasis>nicht hysterisch reagieren, und <emphasis>Sie </emphasis>versuchen, mich zu beruhigen?�</p><p>�Das ist alles geplant, Miss Preussler�, antwortete er mit einem nerv�sen L�cheln. �Indem ich Ihnen das Gef�hl gebe, mich beruhigen zu m�ssen, beruhige ich in Wahrheit Sie. So haben Sie weniger Gelegenheit, �ber Ihre eigene Furcht nachzudenken, wissen Sie?�</p><p>�Raffiniert�, antwortete sie. �Muss man studiert haben, um sich einen solchen Unsinn auszudenken?�</p><p>�Mindestens zehn Jahre�, best�tigte Mogens.</p><p>Sie lachten, und zu seiner �berraschung musste Mogens gestehen, dass es durchaus funktionierte, denn das Lachen nahm dem Moment wenigstens einen Teil seiner Atem abschn�renden Beklemmung. Miss Preussler stie� die T�r ohne viel Federlesens weit genug auf, um als Erste hindurch treten zu k�nnen, und sie setzten ihren Weg fort.</p><p>Auf dem ersten St�ck unterschied sich der Gang auf der anderen Seite nicht von der gro�en Halle, durch die sie gekommen waren, denn er hatte dieselbe klare Linienf�hrung und war in ebenso schlechtem Zustand. Doch diese �hnlichkeit nahm mit jedem Schritt ab, den sie weiter vordrangen. Trotz der un�bersehbaren Anzeichen allgegenw�rtigen Verfalls war die Halle zugleich fast klinisch sauber gewesen. Hier stie�en sie auf immer mehr Tr�mmer und Schutt. Die Luft war mit Staub geschw�ngert, und es stank.</p><p>Nach nur einem knappen Dutzend Schritten mussten sie m�hsam �ber wahre Tr�mmerberge hinwegsteigen, und selbst das starke Licht ihrer beiden Lampen weigerte sich, der Dunkelheit, die sie aus allen Richtungen zu belagern schien, mehr als vage Umrisse zu entlocken. Dennoch wurden Miss Preusslers Schritte eher schneller, und obwohl sie sich M�he gab, es nicht zu deutlich werden zu lassen, sp�rte Mogens deutlich, dass sie nur aus R�cksicht auf ihn nicht noch schneller ging.</p><p>Sie erreichten die Treppe, von der sie gesprochen hatte, bevor die Situation vollends peinlich werden konnte, und Miss Preussler blieb stehen und versuchte mit ihrer Lampe in die Tiefe zu leuchten. Man konnte nicht viel erkennen, aber der �ble Geruch kam eindeutig von dort unten, und das kalte wei�e Licht riss zumindest die ersten drei der vier Stufen aus der Dunkelheit. Sie unterschieden sich so sehr von der strengen Geometrie des Geb�udes, wie es nur ging, und wirkten, als h�tte sie jemand mit blo�en H�nden aus dem Fels herausgebrochen.</p><p>�Lassen Sie mich vorgehen�, sagte er - was das genau Gegenteil dessen war, was er wirklich wollte.</p><p>Miss Preussler sch�ttelte auch nur den Kopf. �Diese Treppe ist sehr steil, mein Junge�, sagte sie sp�ttisch. �Wenn ich das Gleichgewicht verliere und gegen Sie falle, werden Sie mich kaum halten k�nnen, oder?�</p><p>Sie gab Mogens gar keine Gelegenheit, noch einmal den Gentleman zu spielen, sondern setzte sich unverz�glich in Bewegung und verschwand schnaubend in der Tiefe; scheinbar m�hsam und �bervorsichtig, aber dennoch so schnell, dass Mogens sich sputen musste, um nicht den Anschluss zu verlieren.</p><p>Wie sich zeigte, hatte sie eher unter- als �bertrieben. Die Treppe war geradezu halsbrecherisch, und sie schien kein Ende zu nehmen. Mogens sch�tzte, dass sie sich mindestens zehn oder zw�lf Meter tiefer unter der Erde befanden, als die ungleichen Stufen unter seinen F��en endlich wieder halbwegs ebenem Boden wichen. Er blieb stehen, schloss die Augen und atmete gezwungen tief ein und aus, w�hrend er darauf wartete, dass das Schwindelgef�hl endlich verging. Eine Treppe hinunterzugehen, die sich wie ein versteinertes Schneckenhaus um sich selbst drehte und deren Stufen allesamt unterschiedlich hoch und breit waren, tat seinem Gleichgewichtssinn offensichtlich nicht besonders wohl.</p><p>Die verpestete Luft hier unten einzuatmen anscheinend auch nicht. Der Gestank, eine Mischung aus faulem Wasser, menschlichen und tierischen Ausscheidungen, Moder und einem durchdringenden Raubtiergeruch, nahm ihm fast den Atem, und er begann ein Gef�hl leiser �belkeit in seinem Magen zu sp�ren, das sich nicht so anf�hlte, als w�rde es besser werden.</p><p>�Dort vorne�, sagte Miss Preussler. �Ich erinnere mich jetzt wieder. Es ist nicht mehr weit!�</p><p>Hie� das, dass sie sich vorher nicht erinnert hatte, dachte Mogens fast hysterisch, und auf gut Gl�ck vorausgegangen war?</p><p>Er stellte die Frage vorsichtshalber nicht laut.</p><p>Jedwede �hnlichkeit mit einem von Menschen oder auch nur irgendeinem anderen vernunftbegabten Wesen erschaffenen Bauwerk l�ste sich auf, als sie weitergingen. Die Treppe hatte sie in nichts anderes als ein offenbar willk�rlich entstandenes H�hlenlabyrinth hinab gef�hrt. Zu dem gr�sslichen Gestank, der mit jedem Schritt schlimmer zu werden schien, gesellte sich nun auch noch ein wahres Konzert kaum minder unangenehmer und unheimlicher Ger�usche: ein schweres und rhythmisches Gluckern und Klatschen, das sich nicht wirklich wie das Ger�usch von Wasser anh�rte, sondern das einer viel z�heren, klebrigen Fl�ssigkeit; ein hohles, wisperndes Heulen und Wehklagen, das sich beharrlich weigerte, sich Mogens' Erkl�rung zu beugen, es w�re nur das Ger�usch von Wind, der sich an Graten und Unebenheiten brach; dann und wann ein Kollern, wie von einem Stein, der von der Decke gest�rzt - oder von einem krallenbewehrten Fu� angesto�en worden - war; und manchmal etwas wie ein dumpfes St�hnen. Und auch die leuchtenden Flecke auf den W�nden waren wieder da: Bakterien, Pilze, Sporen oder mikroskopisch kleine, leuchtende Organismen, m�glicherweise aber auch etwas, das so weit von Mogens' fast verzweifelt zusammengebastelter Erkl�rung entfernt war, wie es nur ging.</p><p>Miss Preussler lie� sich von alledem jedoch nicht im geringsten irritieren, ja, ihre Schritte schienen ganz im Gegenteil eher an Festigkeit zuzunehmen. Mit einer Entschlossenheit, von der Mogens sich zwang, zu glauben, sie beruhe auf sicherem Wissen und nicht etwa nur auf dem Vertrauen in ihr Gl�ck, eilte sie voraus und durchquerte mehrere unterschiedlich gro�e, verschieden geformte H�hlen und Passagen, bevor sie pl�tzlich stehen blieb und fast erschrocken in seine Richtung gestikulierte, ebenfalls anzuhalten.</p><p>�Still!�, fl�sterte sie. Gleichzeitig setzte sie ihre Lampe zu Boden und drehte an dem kleinen R�dchen, das den Docht zum Erl�schen brachte. Mogens tat rasch und mit einem unguten Gef�hl dasselbe, doch es wurde nicht so dunkel, wie er bef�rchtet hatte. Zwar brauchten ihre Augen auch jetzt wieder einige Sekunden, um sich von dem fast schattenlosen wei�en Licht der Karbidlampen wieder an den milden, alle Umrisse aufl�senden gr�nen Schein zu gew�hnen, dann aber konnte er beinahe besser sehen als zuvor.</p><p>�Dort dr�ben�, fuhr Miss Preussler, immer noch im Fl�sterton, fort. �Ich glaube, das ist der Raum, in dem ich gewesen bin.�</p><p>Ein einzelnes Wort in diesem Satz gefiel Mogens ganz und gar nicht, aber er ersparte es sich auch jetzt, seine Zweifel an ihren Qualit�ten als F�hrerin in Worte zu kleiden. Es war ohnehin zu sp�t. Mit einem wortlosen Nicken forderte er sie auf, weiterzugehen.</p><p>Miss Preussler duckte sich unter einem weiteren Felsvorsprung hindurch und erstarrte dann mitten in der Bewegung. Mogens konnte sehen, wie sie die Hand vor den Mund schlug, um einen Schrei zu unterdr�cken, und war mit einem einzigen Satz neben ihr.</p><p>Um ein Haar h�tte er selbst aufgeschrien, als er sah, wor�ber Miss Preussler beinahe gestolpert w�re.</p><p>Es war ein Ghoul. Das Gesch�pf kauerte in sonderbar geduckter, vorgebeugter Haltung auf dem Boden, den Kopf mit den spitzen Ohren und der langen Schakalschnauze gesenkt und beide Arme weit nach vorne gestreckt. Der Anblick erinnerte Mogens an die Haltung, in der die meisten Muselmanen zu beten pflegten, nur, dass <emphasis>dieses </emphasis>Gesch�pf ganz gewiss nicht niedergekniet war, um zu beten. Das gr�ne Licht, das sich in den weit offen stehenden, starren Augen der Kreatur spiegelte, verlieh ihr etwas durch und durch Unmenschliches.</p><p>�Um Himmels willen, Professor, seien Sie vorsichtig�, fl�sterte Miss Preussler, als Mogens sich behutsam der knienden Kreatur n�herte. Mogens deutete zwar ein Nicken an, bewegte sich aber dennoch weiter und lie� sich dicht neben dem Ghoul in die Hocke sinken. Sein Herz klopfte vor Furcht, und seine H�nde zitterten so heftig, dass er sie unbewusst zu F�usten ballte, und dennoch sp�rte er instinktiv, dass von der Kreatur keine Gefahr ausging; jedenfalls nicht im Moment.</p><p>�Ist es... tot?�, fl�sterte Miss Preussler.</p><p>�Nein�, antwortete Mogens. �Aber irgendetwas...� Er zuckte fast hilflos mit den Schultern und streckte die Hand nach der struppigen Schulter des Gesch�pfes aus, wagte es aber doch nicht, sie zu ber�hren. �Ich wei� es nicht�, gestand er schlie�lich. �Er scheint zu schlafen - aber ich bin nicht sicher.� Eigentlich stimmte das nicht. Er war ziemlich sicher, dass die Kreatur nicht schlief, sondern in eine Starre verfallen war. Seine Augen waren weit ge�ffnet und blinzelten dann und wann, und Mogens meinte sogar ganz leise, sein schweres, rasselndes Atmen zu h�ren. Dennoch war er beinahe sicher, die Kreatur getrost anfassen, ja, sogar umsto�en zu k�nnen, ohne dass sie erwacht w�re.</p><p>Sein wissenschaftlicher Ehrgeiz ging jedoch nicht so weit, diesen Verdacht experimentell zu �berpr�fen. Er stand auf.</p><p>�Vielleicht hat Graves ja Recht, und sie schlafen alle�, sagte er. �Kommen Sie. Und vorsichtig.�</p><p>Seine Warnung war h�chst �berfl�ssig. Miss Preussler ging in so weitem Bogen um die reglose Kreatur herum, wie es �berhaupt nur m�glich war, und Mogens meinte sogar zu sehen, dass sie die Luft anhielt, w�hrend sie an dem schlafenden Ghoul vorbeischlich.</p><p>Diese erste, schlafende Kreatur blieb nicht die einzige. Sie stie�en auf immer mehr reglose, allesamt in derselben, wie betend anmutenden Haltung erstarrten Ghoule, je tiefer sie in das unterirdische Labyrinth vordrangen. Mogens blieb noch zwei- oder dreimal stehen, um einen Blick auf eines der schlafenden Gesch�pfe zu werfen, wagte es aber trotz allem nicht, sie zu ber�hren. Ihm fiel auf, dass sie allesamt in die gleiche Richtung blickten. Aber das mochte Zufall sein.</p><p>�Das ist unheimlich�, fl�sterte Miss Preussler. �Mir w�re fast wohler, wenn sie noch wach w�ren.�</p><p>Mogens nicht. Er setzte gerade zu einer entsprechenden Antwort an, als hinter ihm ein halblautes, klagendes Ger�usch erscholl; fast wie ein St�hnen.</p><p>Mogens fuhr alarmiert herum -</p><p>- und sein Herz h�rte auf zu schlagen.</p><p>Er hatte sich nicht get�uscht. Es war ein St�hnen gewesen. Vor ihnen bewegte sich eine schemenhafte, blasse Gestalt, die sich in der flackernden blassgr�nen Helligkeit nahezu aufzul�sen schien. Dennoch erkannte Mogens, dass es sich um eine Frau handelte. Sie war in zerschlissene Lumpen geh�llt und starrte vor Dreck, und ihr Haar hing in langen, verfilzten Str�hnen bis weit in ihr Gesicht.</p><p>Trotzdem erkannte Mogens sie sofort.</p><p>Es war Janice.</p></section><section><title><p id="_47">47.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Mogens erwachte auf der Seite liegend, am ganzen Leib zitternd und in f�taler Haltung zusammengekr�mmt. Sein Herz pochte, und das allererste, mit dem sich sein K�rpergef�hl zur�ckmeldete, war ein schrecklicher Durst. Sein Hals schmerzte, und als er versuchte, die Augen zu �ffnen, gelang es ihm nicht auf Anhieb. Dann, mit der gleichen, nahezu explosiven Pl�tzlichkeit, mit der er die Kontrolle �ber seinen K�rper und seine Sinne verloren hatte, kehrte beides zur�ck.</p><p>�Bleiben Sie liegen, Professor.�</p><p>Mindestens sein Erinnerungsverm�gen schien noch nicht vollkommen zur�ckgekehrt zu sein, denn im allerersten Moment kam ihm die Stimme vollkommen fremd vor. Dann - und erst einen Sekundenbruchteil, nachdem er die Augen ge�ffnet und in ihr Gesicht geblickt hatte - erkannte er sie. �Alles wieder in Ordnung?�, fragte Miss Preussler. Mogens wollte antworten, aber seine Stimme versagte ihm den Dienst. Sein Hals schmerzte immer noch heftig. Alles, was er zustande brachte, war ein hilfloses Kr�chzen.</p><p>�Einen Moment.� Miss Preussler verschwand f�r einen Herzschlag aus seinem Gesichtsfeld, kam zur�ck und setzte eine flache Metallflasche an seine Lippen. Mogens schluckte ganz automatisch und rang im n�chsten Moment hustend und fast verzweifelt japsend nach Luft. Was er f�r Wasser gehalten hatte, war keins.</p><p>�Nicht so hastig�, sagte Miss Preussler und zog die Flasche zur�ck. Mogens konnte sich t�uschen, aber er meinte einen ganz leisen Unterton von Schadenfreude in ihrer Stimme zu h�ren. �Sie bekommen noch mehr, aber nicht so schnell.�</p><p>�Das... ist kein Wasser�, kr�chzte Mogens. Wenigstens seine Stimme gehorchte ihm wieder.</p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete Miss Preussler. �Allerbester Kentucky-Whiskey, garantiert zw�lf Jahre alt - und damit fast so alt wie ich�, f�gte sie augenzwinkernd hinzu. Aber das sp�ttische L�cheln verschwand fast ebenso so schnell wieder aus ihren Augen, wie es darin erschienen war. �Geht es wieder?�</p><p>Mogens versuchte zu antworten und brachte diesmal immerhin ein nicht mehr ganz so qualvolles Husten an Stelle eines halb erstickten Kr�chzens zustande. Von einem gelegentlichen Gl�schen Portwein einmal abgesehen - und selbst das nur ganz selten und zu ausgesuchten Gelegenheiten - trank er niemals Alkohol, ja, verabscheute ihn geradezu. Aber er musste eingestehen, dass das warme Gef�hl, das sich rasch in seinem Magen ausbreitete, durchaus angenehm war. Und obwohl seine Kehle brannte, als h�tte er versehentlich mit verd�nnter S�ure gegurgelt, schien der Schmerz zugleich aber den Kampf gel�st zu haben, der seine Stimmb�nder befallen hatte. �Ja�, brachte er m�hsam hervor. Miss Preussler sah ihn noch einen weiteren Moment lang un�bersehbar zweifelnd an, dann aber zuckte sie mit den Schultern, setzte die Reiseflasche selbst an die Lippen und nahm einen Schluck, der deutlich gr��er war als der, den Mogens gerade getrunken hatte.</p><p>�Was ist passiert?�, murmelte er. �Ich... es tut mir wirklich Leid. Ich wei� auch nicht... ich meine... bitte entschuldigen Sie, dass...�</p><p>�Sie sollten sich vielleicht einmal entscheiden, ob Sie sich nicht erinnern k�nnen oder ob das, woran Sie sich nicht erinnern k�nnen, Ihnen nun peinlich ist�, sagte Miss Preussler mit sanftem Spott, w�hrend sie die Flasche sorgsam wieder zuschraubte und in einer Falte ihres Kleides verschwinden lie�, wo anscheinend eine Tasche verborgen war. So sp�ttisch ihrer Stimme klang, so ernst war der Blick, mit dem sie ihn w�hrenddessen ma�.</p><p>Statt irgendetwas darauf zu erwidern, setzte sich Mogens weiter auf und drehte den Kopf. Sie waren nicht allein. Nur ein paar Schritte entfernt kauerte eine zitternde Gestalt vor der Wand. Sie hatte die Knie an den Leib gezogen und sa� beinahe in der gleichen Haltung da, in der er gerade noch auf dem Boden gelegen hatte, hatte aber die Arme gehoben und die H�nde sch�tzend �ber dem Kopf zusammengefaltet. Was er von ihrem Gesicht erkennen konnte, war hinter einem Vorhang aus str�hnigem, schmutzstarrendem schwarzem Haar verborgen, aber er konnte die Furcht in ihrem Blick fast k�rperlich f�hlen, obwohl er ihre Augen nicht einmal wirklich erkennen konnte.</p><p>Langsam, um sie nicht durch eine hastige Bewegung noch mehr zu �ngstigen, stand er auf, ging zu der jungen Frau hin�ber und lie� sich einen halben Schritt vor ihr wieder in die Hocke sinken. Unendlich behutsam streckte er die Hand aus, ergriff ihren Arm und dr�ckte ihn mit sanfter Gewalt nach unten. Die junge Frau versuchte erschrocken, noch weiter vor ihm zur�ckzuweichen, was aber nicht m�glich war, weil sie sich bereits mit aller Kraft gegen die raue Felswand presste, und zog stattdessen die Knie noch weiter an den Leib. Sie zitterte heftig. Ihre Augen waren schwarz vor Angst.</p><p>Es waren nicht Janices Augen. So wenig, wie ihr Gesicht das von Janice war. Sie hatte nicht einmal �hnlichkeit mit ihr. Sie war viel zu jung - nicht einmal ganz in dem Alter, in dem Janice gewesen war, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten, dabei aber so abgemagert und ausgezehrt, dass sie fast wie eine Greisin wirkte -, und soweit er ihr Gesicht unter all dem Schmutz, Schorf und Grind �berhaupt erkennen konnte, schienen ihre Z�ge leicht asiatischen Einschlag zu haben. Ihre Lippen waren aufgeplatzt und entz�ndet, und Mogens sah, dass ihr nahezu alle Z�hne im Unterkiefer fehlten. Da das Kleid, das sie trug, praktisch nur noch aus Fetzen bestand, konnte er sehen, dass sich auch der Rest ihres K�rpers in einem ebenso bemitleidenswerten Zustand befand. Die junge Frau war nicht nur halb verhungert, sondern ganz offensichtlich auch schwer misshandelt worden, und das �ber l�ngere Zeit.</p><p>�Verstehen Sie mich?�, fragte er. Er hatte nicht wirklich mit einer Antwort gerechnet, doch er bekam eine Reaktion, auch wenn sie ihm schier den Atem abschn�rte. Die junge Frau begann noch heftiger zu zittern. Abermals versuchte sie, vor ihm zur�ckzuweichen, und die Angst in ihrem Blick wurde zu etwas, das sich wie ein gl�hender Dolch in seine Brust bohrte. Er fand pl�tzlich keine Worte mehr und fuhr sich hilflos mit der Zunge �ber die Lippen.</p><p>�Sie... Sie brauchen keine Angst zu haben�, murmelte er. �Ich tue Ihnen nichts.�</p><p>Auch damit schien er es nur noch schlimmer zu machen. Die junge Frau begann leise zu wimmern und verbarg abermals das Gesicht hinter den Armen.</p><p>�Das hat keinen Sinn�, sagte Miss Preussler leise hinter ihm. �Ich f�rchte, das arme Ding versteht gar nicht, dass Sie ihm etwas sagen wollen. Ich habe es auch schon versucht. Vielleicht spricht sie unsere Sprache nicht.�</p><p>Mogens fragte sich beil�ufig, wie lange er eigentlich bewusstlos gewesen war, hielt seinem Blick dabei aber fest auf das Gesicht der jungen Frau gerichtet. Er sagte nichts - Miss Preusslers Theorie erschien ihm aus irgendeinem Grund nicht besonders �berzeugend, aber er hatte das Gef�hl, dass es schon allein der Klang seiner Stimme war, der sie nahezu zu Tode erschreckte -, hob aber, noch sehr viel langsamer als beim ersten Mal, den Arm, streckte behutsam die Hand in ihre Richtung aus und drehte sie ein paar Mal hin und her, um ihr zu zeigen, dass sie leer und nicht etwa zur Faust geballt war, um sie zu schlagen. Das Wimmern der jungen Frau wurde nur noch lauter, und sie zitterte pl�tzlich am ganzen Leib. Mit einem Male wurde Mogens klar, dass er ihr Todesangst einjagte.</p><p>Obwohl er sich mehrere Schritte von der jungen Frau entfernt hatte und nicht einmal in ihre Richtung sah, w�hrend er mit Miss Preussler redete, hockte sie noch immer zusammengekauert an der Wand und hatte die Arme �ber den Kopf gehoben wie ein Kind, das bestraft worden war und nun Angst hatte, noch weiter geschlagen zu werden. �Ich glaube nicht...�, begann er vorsichtig, wurde aber sofort von Miss Preussler wieder unterbrochen.</p><p>�Lassen Sie es mich noch einmal versuchen. Vielleicht hat sie sich inzwischen ja ein wenig beruhigt.�</p><p>Mogens musste sich nicht einmal umsehen, um zu wissen, dass das bestimmt nicht der Fall war. Aber was h�tte er sagen sollen? Dass sie dieses arme Wesen auf keinen Fall mitnehmen konnten, weil sie sie nur belasten, ja, m�glicherweise sogar in Gefahr bringen w�rde? Zweifellos entsprach das den Tatsachen, und ebenso zweifellos wusste Miss Preussler dies genau so wie er - aber es auch nur <emphasis>auszusprechen </emphasis>h�tte ihn auf die gleiche Stufe wie Graves gestellt, sowohl in Miss Preusslers Augen als auch in seinen eigenen. So hob er nur die Schultern, wandte sich demonstrativ - allerdings noch immer sehr langsam, um das M�dchen nicht durch eine unbedachte, schnelle Bewegung noch mehr zu verschrecken - ab und ging zum jenseitigen Ausgang der H�hle. Auch dahinter schimmerte das wohlbekannte, geisterhaft gr�ne Licht, doch Mogens nahm unterwegs trotzdem seine Lampe auf und kramte schon einmal in der Jackentasche, um die Schachtel mit den Schwefelh�lzern im Bedarfsfall gleich zur Hand zu haben.</p><p>Er brauchte sie nicht. Der nicht einmal anderthalb Meter hohe Durchgang f�hrte in einen schmalen Stollen, der h�her und breiter wurde, je mehr er sich seinem Ende n�herte, das vielleicht f�nfzehn oder zwanzig Schritte entfernt lag, und dabei immer mehr von seinen nat�rlichen Unebenheiten verlor, bis er schlie�lich in pr�zise errichtetes Mauerwerk �berging. Auf dem letzten St�ck waren die leuchtenden gr�nen Flechten sorgsam entfernt worden, aber Mogens konnte die Wandmalereien, die die monstr�sen Steinplatten verzierten, dennoch deutlich erkennen; denn hinter der sorgsam gemauerten T�r, in der der Korridor endete, brannte rotes und gelbes Licht. Als er n�her kam, mischte sich der typische Geruch von brennendem Holz in den immer noch allgegenw�rtigen Gestank, der die Luft verpestete.</p><p>Mit klopfendem Herzen und geduckt, obwohl die T�r mindestens zwei Meter hoch war, trat Mogens in den angrenzenden Raum und hob vollkommen sinnloserweise die Laterne, als er sich aufrichtete und sich dabei rasch einmal um seine eigene Achse drehte.</p><p>Der Raum war ebenso leer wie die gro�e Halle, durch die sie oben gekommen waren, befand sich aber in einem viel weiter fortgeschrittenen Stadium des Verfalls. Ein Teil der Decke war eingest�rzt und gab den Blick auf einen unregelm��ig geformten, schmalen Schacht frei, der offensichtlich bis zur Oberfl�che hinauff�hrte, und auch die gegen�berliegende Wand zeigte deutliche Spuren gewaltsamer Zerst�rung. Ein fast handbreiter Riss spaltete sie vom Boden bis zur Decke, und in dem flackernden r�tlichen Licht, das den Raum erf�llte, konnte Mogens Schwaden von tanzendem Staub erkennen. Als er sich dem Riss n�herte, sah er, dass noch immer ein Strom aus Staub und feinen Schmutzpartikeln daraus zu Boden rieselte. Was immer hier geschehen war - es lag noch nicht sehr lange zur�ck. Mogens musste wieder an das schwache Erdbeben denken, das sie am Abend versp�rt hatten. Er hatte mittlerweile nicht mehr die geringste Vorstellung davon, wie tief sie sich unter der Erde befinden mochten, doch was sie dort oben nur als sachtes Zittern versp�rt hatten, das konnte hier unten durchaus ein gewaltiger Erdsto� gewesen sein.</p><p>Mogens sah nachdenklich in die Richtung zur�ck, aus der er gekommen war. Ganz leise drang Miss Preusslers Stimme an sein Ohr. Er konnte nicht verstehen, was sie sagte, wohl aber den beruhigenden, sanften Klang ihrer Worte. Vielleicht hatte sie ja tats�chlich Erfolg, und es gelang ihr, das Vertrauen der jungen Frau zu erringen. Selbst dann w�rde sie noch eine enorme Belastung f�r sie darstellen, aber l�ngst nicht mehr in dem Ma�e, wie sie es w�re, wenn man sie mit Gewalt zwingen m�sste mitzukommen.</p><p>Pl�tzlich erschrak er vor seinen eigenen Gedanken. Sie waren hergekommen, um Menschen wie sie und andere, die ihr schreckliches Schicksal teilten, zu finden. Wieso suchte ein Teil von ihm jetzt angestrengt nach Gr�nden, sie hierlassen zu k�nnen? Hastig sch�ttelte er den Gedanken ab und zwang sich, seine Inspektion des Raumes fortzusetzen - auch wenn es nicht mehr allzu viel zu sehen gab. Was von den Wandmalereien und Fresken die gewaltsame Zerst�rung �berstanden hatte, war ihm genauso unverst�ndlich und r�tselhaft wie alles andere, was er im oberen Teil der Stadt gesehen hatte.</p><p>Mogens war nicht wohl bei der Vorstellung, seine Erkundung auf eigene Faust fortzusetzen und sich noch weiter von Miss Preussler und dem M�dchen zu entfernen, aber er musste ihr wohl oder �bel noch ein wenig Zeit geben, und zumindest bis jetzt bestand kaum die Gefahr, sich zu verirren. Die Kammer hatte nur einen einzigen weiteren Ausgang, und Mogens nahm sich fest vor, sp�testens dann kehrtzumachen, wenn er eine Abzweigung oder Kreuzung erreichte, an der er sich entscheiden musste, in welche Richtung er weitergehen sollte.</p><p>Die Entscheidung wurde ihm abgenommen. Gerade, als er sich in Bewegung setzen wollte, h�rte er einen scharrenden Laut hinter sich, doch als er erschrocken herumfuhr, waren es nur Miss Preussler und das dunkelhaarige M�dchen, die hinter ihm die Kammer betraten. Mogens zog �berrascht die Augenbrauen hoch. Miss Preussler hatte das M�dchen an der Hand ergriffen, aber nicht etwa, um es mit sanfter Gewalt hinter sich her zu ziehen, sondern einzig, um es zu f�hren. Ganz im Gegenteil klammerte sich das M�dchen mit der anderen Hand fest an ihren Oberarm, und seine ganze Haltung machte klar, dass es zwar immer noch sehr ver�ngstigt war, aber ein gewisses Zutrauen gefasst hatte.</p><p>�Das ging ja schnell�, sagte er �berrascht.</p><p>�Ich habe selbst nicht damit gerechnet�, gestand Miss Preussler, was sie aber nicht daran hinderte, ihn voller un�bersehbarem Stolz anzublicken. Im n�chsten Moment �nderte sich etwas an ihrem Gesichtsausdruck. Sie wirkte eher nachdenklich, ein ganz kleines bisschen aber auch sp�ttisch, als sie fortfuhr: �Eigentlich hat sie sich fast sofort beruhigt, nachdem Sie fort waren, Professor.�</p><p>�So?�, fragte Mogens.</p><p>Miss Preusslers L�cheln wurde noch breiter und war jetzt eher ein schadenfrohes Grinsen, und Mogens verzichtete vorsichtshalber darauf, das Thema noch weiter zu vertiefen. Stattdessen zwang er ein beruhigendes L�cheln auf sein Gesicht und machte einen Schritt auf das M�dchen zu. �Du brauchst keine Angst mehr zu haben�, begann er. �Wir sind...�</p><p>Weiter kam er nicht. Das M�dchen keuchte erschrocken, lie� Miss Preusslers Arm los und war mit einem einzigen, raschen Schritt hinter ihr; abermals wie ein Kind, das sich erschrocken hinter dem R�cken eines Erwachsenen versteckt. Mogens blieb �berrascht mitten im Schritt stehen, und auch Miss Preussler wirkte f�r einen Moment beinahe hilflos. Dann bedeutete sie ihm mit einem hastigen Blick, nicht n�her zu kommen und drehte sich herum. Jedenfalls versuchte sie es. Das M�dchen klammerte sich jedoch pl�tzlich und mit solcher Kraft an ihr fest, dass sie fast M�he hatte, nicht von den F��en gerissen zu werden.</p><p>�Aber was ist denn nur los mit dir?�, rief sie. �Du musst keine Angst haben. Niemand tut dir etwas!�</p><p>Die Gegenwehr des M�dchens wurde eher noch heftiger; sie krallte sich jetzt mit beiden H�nden in Miss Preusslers Kleid und versuchte gleichzeitig, sich hinter ihr zusammen zu kauern, mit dem Ergebnis, dass Miss Preussler nun tats�chlich um ihre eigene Balance ringen musste und zu st�rzen drohte. Ganz automatisch trat Mogens auf sie zu und streckte die Arme aus, und das M�dchen stie� einen spitzen Schrei aus und krallte sich noch heftiger an sie.</p><p>�Professor, gehen Sie weg!�, keuchte Miss Preussler. �Rasch!�</p><p>Mogens war viel zu perplex, als dass er irgendetwas anderes h�tte tun k�nnen. Verwirrt wich er zwei oder drei Schritte r�cklings vor ihnen zur�ck, und das M�dchen beruhigte sich tats�chlich. Zwar klammerte es sich noch immer mit solcher Kraft an Miss Preussler fest, dass es ihr fast den Atem nahm, h�rte aber zumindest auf zu schreien.</p><p>Dennoch wich er vorsichtshalber noch einen weiteren Schritt zur�ck und lie� die Arme sinken. Und tats�chlich beruhigte sich das M�dchen zusehends; vor allem, als Miss Preussler sich endlich irgendwie frei gemacht und sie ihrerseits in die Arme geschlossen hatte.</p><p>�Bleiben Sie zur�ck, Professor�, sagte Miss Preussler, ohne sich zu ihm herumzudrehen. Stattdessen begann sie dem M�dchen beruhigend mit der Hand �ber das Haar zu streichen, w�hrend sie sie mit dem anderen Arm fest an sich dr�ckte. Das M�dchen erwiderte ihre Umarmung kaum weniger heftig als zuvor, aber sie lie� Mogens dennoch keine Sekunde lang aus den Augen. M�glicherweise, dachte er beunruhigt, war Miss Preusslers Bemerkung ja nicht ganz so scherzhaft gemeint gewesen, wie er sich eingebildet hatte.</p><p>�Ich glaube, wir bekommen ein Problem�, sagte er vorsichtig.</p><p>Miss Preussler reagierte genau so, wie er bef�rchtet hatte: Sie verzichtete zwar darauf, etwas zu sagen, aber der Zorn spr�hende Blick, den sie ihm �ber die Schulter hinweg zuwarf, war beredt genug.</p><p>Mogens geduldete sich - oder versuchte es wenigstens. Und wahrscheinlich tat er Miss Preussler sogar Unrecht, denn die Schnelligkeit, mit der es ihr gelang, das vollkommen ver�ngstigte M�dchen wieder zu beruhigen, war schon fast unheimlich. Vermutlich vergingen wenig mehr als zwei oder drei Minuten, bevor sie sich wieder zu ihm herumdrehte und ihm mit einem Nicken zu verstehen gab, dass sie weitergehen konnten, aber ihm kam es vor wie Stunden.</p><p>�Sagte ich schon, dass wir ein Problem bekommen?�, fragte Mogens.</p><p>�Ja�, antwortete Miss Preussler k�hl. Mogens wartete einen Moment lang vergebens darauf, dass sie noch etwas hinzuf�gte, und drehte sich schlie�lich mit einem leicht trotzig wirkenden Schulterzucken herum.</p><p>�Sagen Sie ruhig Bescheid, wenn ich zu dicht vor Ihnen her gehe�, knurrte er. Das war albern, und er wusste es auch selbst, aber er hatte es einfach sagen m�ssen. Miss Preussler war auch klug genug, nicht direkt darauf zu antworten, doch Mogens entging keineswegs, dass sie erst losging, als er sich gute vier oder f�nf Schritte von ihr und dem M�dchen entfernt hatte. Ihm lag eine weitere spitze Bemerkung auf der Zunge, aber er schluckte sie herunter.</p><p>Sie verlie�en die Kammer durch den einzigen anderen Ausgang, den es gab, und waren noch keine zehn Schritte weitergegangen, als sie an die erste Abzweigung gelangten. Sp�testens hier, dachte Mogens, h�tte er ohnehin Halt gemacht, um auf Miss Preussler zu warten, oder w�re umgekehrt. Unschl�ssig blieb er stehen und blickte zuerst nach rechts, dann nach links. In beiden Richtungen setzte sich der bemalte Korridor ungef�hr gleich weit fort, bevor er von einem weiteren Durchgang voller schwebendem gr�nem Licht verschlungen wurde.</p><p>�Und jetzt?�, fragte er, w�hrend er sich zu Miss Preussler und dem M�dchen herumdrehte. �Werfen wir eine M�nze, oder haben Sie eine Lieblingsrichtung?�</p><p>Auch Miss Preussler war stehen geblieben. Sie f�hrte das M�dchen jetzt wieder neben sich, hatte ihm aber sch�tzend die Arme um die Schultern gelegt, und Mogens wusste im allerersten Moment nicht, was er von diesem Anblick halten sollte. Es war schwer zu sagen, was intensiver war, die Furcht, die wieder st�rker in den dunklen Augen der Frau aufflammte, als sie sah, dass er stehen geblieben war und sich zu ihnen herumgedreht hatte, oder der Ausdruck von grimmiger Entschlossenheit auf Miss Preusslers Gesicht, ihre neue Adoptivtochter gegen jedwede Gefahr zu verteidigen - und auch gegen ihn. Vielleicht sogar insbesondere gegen ihn.</p><p>Er wusste auch nicht, was ihn mehr erschreckte.</p><p>Da er keine Antwort bekam, zuckte er nach einigen Sekunden abermals mit den Achseln, wandte sich wieder um und drehte sich wahllos nach links, um loszugehen. Wie erwartet, vergingen auch jetzt wieder ein paar Sekunden, bevor er Schritte hinter sich h�rte, doch sie brachen schon nach wenigen Augenblicken wieder ab. Als er hinter sich blickte, stellte er fest, dass Miss Preussler angehalten hatte. Das M�dchen hatte sich aus ihrer Umarmung gel�st und zerrte heftig an ihrer Hand. Sie gab nicht den mindesten Laut von sich, sch�ttelte aber immer hektischer den Kopf und gestikulierte dabei mit der freien Hand in die entgegengesetzte Richtung.</p><p>�Anscheinend hat sie Angst vor dem, was dort vorne ist�, sagte Miss Preussler. �Vielleicht sollten wir besser auf sie h�ren.�</p><p>Mogens blickte unentschlossen einen Moment in das gr�ne Licht am Ende des Korridors. Ihm pers�nlich machte hier unten so ziemlich alles Angst, aber er konnte in dem sonderbar flie�enden Schimmer nichts Au�ergew�hnliches wahrnehmen. Was nichts bedeuten musste. Dieses unheimliche Licht zeigte einem alles, wenn man nur lange genug hinein sah. Und wer immer diese junge Frau auch war, sie kannte sich ganz bestimmt besser hier aus als sie. Dennoch str�ubte sich alles in Mogens gegen die Vorstellung, ihrer beider Leben in die Hand einer jungen Frau zu legen, die ihnen nicht nur vollkommen unbekannt, sondern m�glicherweise auch nicht mehr Herrin ihres Verstandes war.</p><p>Der Boden unter seinen F��en zitterte; ganz sacht nur, eigentlich war es eher ein rasches Erschauern und kein wirklicher Erdsto�. Dennoch drang in der n�chsten Sekunde ein tiefes, mahlendes Knirschen aus der Erde herauf, ein Ger�usch, das Bilder von kontinentalgro�en Gesteinsplatten vor Mogens' innerem Auge entstehen lie�, die sich mit Urgewalt aneinander rieben, bis sie sich gegenseitig zermalmt hatten, von zusammenst�rzenden Gebirgen und unterirdischen Feuerstr�men, aus denen rot gl�hende Lava emporschoss. Mit einer enormen Willensanstrengung gelang es ihm, die Schreckensvisionen fast so schnell wieder abzusch�tteln, wie sie entstanden waren, und m�glicherweise h�tte er es sogar geschafft, das ganze Beben als blo�e Einbildung abzutun, doch unwirklicherweise war die Wirklichkeit gegen ihn. Hinter ihm sog auch Miss Preussler erschrocken die Luft ein, und von der Decke rieselten pl�tzlich kleine Staubfahnen. Irgendwo, sehr weit entfernt, st�rzte etwas polternd um.</p><p>�Also gut�, sagte er. �Nehmen wir den anderen Gang.� Er wollte unverz�glich loseilen, blieb aber schon nach dem ersten Schritt wieder stehen, als das M�dchen abermals erschrocken die Augen aufriss und sich sch�tzend hinter Miss Preussler verbarg. Erst als die beiden Frauen wieder in den anderen Gang zur�ckgewichen waren und den Abstand zwischen sich und ihm auf ein gutes halbes Dutzend Schritte vergr��ert hatten, beruhigte sie sich wieder.</p><p>�Vielleicht sollten <emphasis>wir </emphasis>besser vorausgehen�, sagte Miss Preussler. �Aus irgendeinem Grund scheint sie Angst vor Ihnen zu haben, Professor.�</p><p>�Kommt nicht in Frage�, entschied Mogens. Noch bevor Miss Preussler Gelegenheit fand, zu widersprechen - oder einfach zu tun, wonach ihr der Sinn stand, was ohnehin auf dasselbe hinauslief -, eilte er an ihr vorbei und in die jenseitige Fortsetzung des Korridors. Auch das war nicht besonders klug, wie er sich eingestehen musste. Miss Preusslers Vorschlag war durchaus vern�nftig. Sie konnten schwerlich an jeder Abzweigung oder Kreuzung dieses komplizierte Man�ver wiederholen, nur weil das M�dchen jedes Mal in Panik zu geraten drohte, wenn er ihm zu nahe kam. Mogens eilte trotzdem weiter. Es war ihm mittlerweile gleich, ob er sich klug verhielt oder nicht. Es war auch alles andere als <emphasis>klug </emphasis>gewesen, �berhaupt hierher zu kommen.</p><p>Erst als er das Ende des Ganges erreicht hatte, wurde er wieder langsamer und hob zugleich die linke Hand, damit Miss Preussler und ihre Begleiterin ebenfalls ihre Schritte verlangsamten. Hinter der T�r war schemenhaft zu erkennen, dass sich dort keine weitere Kammer erstreckte, sondern ein offensichtlich enorm gro�er, ausschlie�lich von dem lebendigen gr�nen Licht erhellter Raum. Der �ble Geruch, der sie auf Schritt und Tritt begleitete, war ihm mittlerweile schon fast nicht mehr aufgefallen, nun aber schlug er ihm verst�rkt so ekelhaft entgegen, dass sein Magen zu revoltieren begann. Mogens verhielt f�r einen Moment im Schritt, atmete gezwungen tief ein und aus - was sich als keine wirklich gute Idee erwies, denn der Strom an bitterer Galle, die sich unter seiner Zunge sammelte, nahm eher noch zu - und bedeutete Miss Preussler zugleich mit einer entsprechenden Handbewegung, ganz stehen zu bleiben. Er drehte sich nicht zu ihr herum, ging aber erst weiter, als das Ger�usch ihrer Schritte tats�chlich verstummt war.</p><p>Er hatte sich nicht get�uscht. Zwar befand sich hinter der T�r keine weitere H�hle, sondern wieder eine Kammer mit sorgsam behauenen und bemalten W�nden, doch war der Raum von gewaltigen Dimensionen. So weit Mogens dies �berhaupt erkennen konnte, musste er mindestens drei�ig oder vierzig Meter breit und um ein Mehrfaches l�nger sein.</p><p>Allerdings war dies eine blo�e Sch�tzung, denn der unterirdische Saal war nahezu vollkommen eingest�rzt.</p><p>Die W�nde waren �berall geborsten, wo der Stein unter dem unvorstellbaren Druck nachgegeben hatte, der auf ihn ausge�bt worden war. Die Decke, einst prachtvoll bemalt und von einem wahren Wald meterdicker Steins�ulen gest�tzt, hing an zahlreichen Stellen durch wie eine viel zu d�nne Zeltplane, auf der sich das Regenwasser gesammelt hatte, und schien weiter hinten in der Halle g�nzlich niedergebrochen zu sein; genau sagen konnte Mogens das nicht, denn das gr�ne Licht nahm im gleichen Ma�e ab, in denen die Spuren gewaltsamer Zerst�rung mehr wurden, als h�tten die sonderbaren Pflanzen ihre nat�rliche Leuchtkraft im gleichen Moment eingeb��t, in dem sie gewaltsam von ihrem Untergrund losgerissen worden waren.</p><p>Dar�ber hinaus wurde seine Aufmerksamkeit fast g�nzlich von etwas gefesselt, das ihn zumindest im allerersten Moment noch weitaus mehr erschreckte als die Spuren, die das Erdbeben hinterlassen hatte. Es gab in dieser Halle nicht nur Tr�mmer...</p><p>Schon in dem kleinen Bereich unmittelbar hinter der T�r, den Mogens genau �berblicken konnte, befand sich nahezu ein halbes Dutzend Ghoule. Keines der unheimlichen Gesch�pfe regte sich. Die meisten kauerten in derselben, nahezu absurd anmutenden Gebetshaltung am Boden wie das erste der unheimlichen Gesch�pfe, auf das sie hier unten gesto�en waren, mindestens zwei jedoch lagen auch in seltsam verrenkter Haltung da.</p><p>�Professor?�, fragte Miss Preussler. Ihre Stimme klang beunruhigt.</p><p>�Bleiben Sie da�, antwortete Mogens. �Wenigstens einen Moment.�</p><p>Mit heftig klopfendem Herzen bewegte er sich weiter in den Raum hinein. Er bedauerte jetzt, seine Lampe nicht angez�ndet zu haben, aber er wagte es zugleich auch nicht, dieses Vers�umnis nachzuholen, denn obwohl er die Z�ndholzschachtel griffbereit in der linken Hand hielt, h�tte das bedeutet, den Blick - und sei es nur f�r eine Sekunde - von den reglos da hockenden Ghoulen zu wenden. Und das wagte er nicht, denn er war aller Logik zum Trotz vollkommen sicher, dass sich die Ungeheuer im gleichen Sekundenbruchteil auf ihn st�rzen m�ssten, in dem er nicht mehr in ihre Richtung sah. Im Grunde war das, was er tat, vollkommener Wahnsinn. Er konnte allein in seiner direkten N�he sechs, acht, schlie�lich zehn der unheimlichen Gesch�pfe ausmachen, und noch mehr in dem schw�cher erhellten Teil des Raumes. Seine Knie zitterten mittlerweile so heftig, dass er M�he hatte, einen Fu� vor den anderen zu setzen.</p><p>Dennoch ging er weiter. Keines der unheimlichen Gesch�pfe nahm auch nur Notiz von ihm, obwohl Mogens auch diesmal dieselbe, beunruhigende Beobachtung machte wie vorhin: Die Ghoule schienen nicht zu schlafen oder bewusstlos zu sein. Die Augen der gr�sslichen Gesch�pfe standen offen, und er h�rte ihre rasselnden, schweren Atemz�ge, manchmal auch etwas wie ein Keuchen.</p><p>�Professor?�, drang Miss Preusslers Stimme aus dem Gang hinter ihm. �Ist alles in Ordnung?�</p><p>�Nur einen Moment noch�, antwortete Mogens. Ihm w�re lieber gewesen, sie h�tte ihn nicht gezwungen, zu reden.</p><p>Sein Verstand sagte ihm, dass es keinen Unterschied machte, aber das �nderte nichts daran, dass er immer fester davon �berzeugt war, dass die Ghoule bei der geringsten Unvorsichtigkeit seinerseits aus ihrer sonderbaren Starre erwachen und sich auf ihn st�rzen w�rden. Er zwang sich, seine Furcht zu ignorieren und weiter zu gehen. Sein Interesse galt weniger der unerkl�rlichen Starre, in die die Kreaturen verfallen waren, sondern den beiden anderen Ghoulen.</p><p>Die Gesch�pfe waren ohne jeden Zweifel tot. Eines von ihnen lag in so verdrehter und unnat�rlich verrenkter Haltung da, dass nicht einmal ein so z�her Organismus wie der seine noch am Leben sein konnte. Mogens vermochte nicht zu sagen, was ihn umgebracht hatte, daf�r bestand am Schicksal des zweiten umso weniger Zweifel. Er lag in weniger verdrehter Haltung da, sondern war auf die Seite gerollt, und man h�tte ihn f�r schlafend halten k�nnen, h�tte er nicht in einer gewaltigen, schon halb eingetrockneten Blutlache gelegen, und h�tte er noch einen Sch�del gehabt. Wo sein Kopf sein sollte, lag ein fast halbmetergro�er Steinquader.</p><p>Unsicher lie� sich Mogens neben der erschlagenen Kreatur auf die Knie senken, um sie genauer zu untersuchen, aber er wagte es nicht, sie zu ber�hren. Obwohl von dem Ghoul ganz gewiss keine Gefahr mehr ausging, fl��te er ihm beinahe mehr Angst ein als seine lebenden Br�der ringsum.</p><p>Mogens stand wieder auf und legte den Kopf in den Nacken, um zur Decke hinauf zu sehen, aus der hier nur einige wenige Steinquader herausgebrochen waren, gerade einmal eine Hand voll, die zum Teil in St�cke zerborsten auf dem Boden verstreut waren. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese wenigen Tr�mmerst�cke gleich zwei der reglos dahockenden Ghoule t�dlich getroffen hatten, war nicht einmal besonders gro�. Das Schicksal hatte es nicht besonders gut mit den Schakalk�pfigen gemeint.</p><p>Vielleicht sogar noch weniger gut, als er bisher angenommen hatte...</p><p>Mogens fuhr wie elektrisiert herum, als er ein halblautes, rasselndes Keuchen hinter sich h�rte.</p><p>H�tte sich der Ghoul tats�chlich auf ihn st�rzen wollen, so w�re seine Reaktion hoffnungslos zu sp�t gekommen. Das Gesch�pf plante jedoch nichts dergleichen. Es hatte sich m�hsam auf beide Knie und die rechte Hand hochgestemmt und verharrte jetzt zitternd einen Moment lang in dieser Position. Dann kippte es langsam und mit einem abermaligen, dumpfen St�hnen auf die Seite und erstarrte wieder zur Reglosigkeit.</p><p>Mogens' Herz h�mmerte zum Zerspringen. Er hatte panische Angst. Aber nichts geschah. Die Bestie blieb einfach reglos in der gleichen Haltung auf der Seite liegen, in der sie gest�rzt war. Manchmal drang ein tiefes, qualvolles St�hnen aus ihrer muskul�sen Brust, und ihre Glieder zitterten ganz leicht, aber sie unternahm keinen Versuch, sich zu bewegen oder gar aufzustehen.</p><p>In diesem Moment tat Mogens etwas sehr Mutiges, ja, f�r seine Verh�ltnisse geradezu Tollk�hnes: Statt sich in Sicherheit zu bringen, so lange er es noch konnte, ging er zu dem Ghoul hin�ber und beugte sich behutsam vor, um ihn genauer zu betrachten.</p><p>Die Kreatur war ganz eindeutig bei Bewusstsein, und Mogens' Herz machte einen j�hen Satz in seiner Brust, als er dem Blick ihrer unheimlichen Augen begegnete und eindeutiges <emphasis>Erkennen </emphasis>darin las. Der Ghoul war nicht nur bei klarem Bewusstsein, er <emphasis>sah ihn an, </emphasis>und er <emphasis>wusste ganz genau, </emphasis>was er sah!</p><p>Dennoch beugte er sich mit klopfendem Herzen noch weiter vor, und ein neuerlicher, noch eisigerer Schauer lief ihm �ber den R�cken, als er die schreckliche Wunde sah, die in der Seite der Kreatur klaffte. Auch sie musste von einem der fallenden Steine herr�hren und nahezu t�dlich sein. Und dennoch, trotz der entsetzlichen Schmerzen, die er litt, und der Gewissheit seines sicheren Todes, bot der Ghoul sichtlich all seine Kraft auf, um jeden Laut zu unterdr�cken und m�glichst ruhig zu liegen.</p><p>�Professor, was....?� Miss Preusslers Schritte n�herten sich rasch und brachen dann ebenso pl�tzlich wieder ab. �Gro�er Gott, was ist denn <emphasis>das?�</emphasis></p><p>Es kostete Mogens einige M�he, seinen Blick von dem sterbenden Ghoul loszurei�en und zu ihr aufzusehen. Miss Preussler stand kaum einen Schritt hinter ihm und starrte aus weit aufgerissenen Augen auf die zitternde Kreatur hinab. Sie hatte die Hand vor den Mund geschlagen, wie um einen Schrei zu unterdr�cken, und in dem alle Farben ausl�schenden gr�nen Schein, der die Halle erf�llte, wirkte ihr Gesicht noch bleicher und verschreckter.</p><p>�Ich glaube fast, Graves hatte Recht�, murmelte Mogens. �Sie scheinen in eine Art... Starre verfallen zu sein. Ich wei� nicht, warum. Aber wir...�</p><p>Der Boden erzitterte. Diesmal war es mehr als nur ein kurzes R�tteln, sondern ein harter, dr�hnender Schlag, der sie beide um ein Haar von den F��en gerissen h�tte und nicht nur ein lang anhaltendes, st�hnendes Echo in den W�nden ringsum hervorrief, sondern auch einen Hagel - gottlob ausnahmslos kleinerer - Steine und Tr�mmer von der Decke regnen lie�. Wie durch ein Wunder wurden weder er noch Miss Preussler getroffen. Die Luft war pl�tzlich so voller Staub, dass er kaum noch atmen konnte.</p><p>�Wir m�ssen... raus hier�, sagte er hustend. �Der ganze Laden bricht zusammen!�</p><p>Miss Preussler riss sich mit sichtlicher M�he vom Anblick des sterbenden Ghoul los und starrte ihn an. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber ihre Lippen bewegten sich nur stumm, und vielleicht zum allerersten Mal �berhaupt sah Mogens in ihren Augen nicht nur eine vage Furcht, sondern blanke Todesangst. Mit einer sonderbar k�hlen Sachlichkeit fragte er sich, was er tun sollte, wenn sie tats�chlich in Panik geriet und m�glicherweise etwas Dummes tat. Miss Preussler wog gut doppelt so viel wie er, und wie sie gerade erst an diesem Morgen unter Beweis gestellt hatte, befand sie sich trotz ihres fortgeschrittenen Alters in ausgezeichneter k�rperlicher Verfassung. Mogens glaubte nicht, dass er ihrer Herr werden konnte, wenn sie die Kontrolle �ber sich verlor.</p><p>Der gef�hrliche Moment ging jedoch ebenso schnell vorbei, wie er gekommen war. Das bedrohliche Flackern in ihren Augen erlosch, und f�r einen - noch k�rzeren - Moment sah sie fast peinlich ber�hrt aus, um ein Haar die Kontrolle �ber sich verloren zu haben. Dann war auch das vorbei, und sie trat einen Schritt zur�ck und straffte demonstrativ die Schultern, nur um sogleich wieder n�her zu kommen und ihm wortlos die Z�ndholzschachtel aus der Hand zu nehmen. Mit einem unerwarteten Geschick riss sie eines der Schwefelh�lzchen an und hielt es an den Docht ihrer Grubenlampe. Mogens schloss geblendet die Augen. �Sie haben mir lang und breit erkl�rt, dass diese Stadt seit f�nftausend Jahren existiert, Professor�, sagte sie ruhig. �Da wird sie wohl auch noch einige wenige weitere Stunden stehen bleiben.�</p><p>Mogens sparte es sich, ihr zu erkl�ren, dass die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe nicht nur proportional zum Alter dieser Ruinen stieg, sondern mit jedem weiteren Erdsto� regelrecht explodierte. Stattdessen blinzelte er vorsichtig in die Runde, damit sich seine Augen wieder an das grellwei�e Licht gew�hnten. So sehr er sich auch gegen den Gedanken str�ubte, Miss Preussler hatte vermutlich sogar Recht, wenn auch aus vollkommen anderen Gr�nden. Selbst wenn sie den R�ckweg auf Anhieb fanden - was Mogens bezweifelte -, w�rden sie mindestens eine Stunde brauchen, um die Oberfl�che wieder zu erreichen. Sie hatten gar keine andere Wahl, als dieses schreckliche Risiko einzugehen.</p><p>�F�nftausend Jahre!�, f�gte Miss Preussler in tadelndem Ton hinzu. �Wo doch jedermann wei�, dass Gott der HERR die Welt erst vor viertausend Jahren erschaffen hat! Wenn wir hier heraus sind, Professor, dann werden wir ein langes und sehr ernsthaftes Gespr�ch f�hren m�ssen.�</p><p>Mogens fragte sich fl�chtig, ob er sich unter diesen Umst�nden �berhaupt w�nschen sollte, hier heraus zu kommen, verscheuchte diesen Gedanken aber als so albern, wie er war, und nahm ihr stattdessen die Streichholzschachtel wieder ab, um auch seine Lampe zu entz�nden.</p><p>�Wo ist das M�dchen?�, fragte er.</p><p>Miss Preussler starrte ihn eine halbe Sekunde lang betroffen an, machte �Oh!� und war dann wie der Blitz verschwunden.</p><p>Mogens wartete darauf, dass sich zumindest ein leises Gef�hl von Schadenfreude bei ihm einstellte, was aber nicht der Fall war, und sch�ttelte auch diesen Gedanken ab. Auch seine Lampe brannte mittlerweile und stach einen grellwei�en Lichtkegel in die Halle. Im Bereich dieses Lichtes konnte er nun weit besser sehen als zuvor - es war schon erstaunlich, dachte er, wie schnell sich die menschlichen Sinne mit dem beschieden, was sie bekommen konnten, und einem das Gef�hl gaben, ausreichend versorgt zu werden. Doch das wei�e Licht l�schte die mattgr�ne Helligkeit dahinter umso gr�ndlicher aus. Tr�ge Staubschwaden bewegten sich lautlos durch den Lichtkegel und gaukelten ihm Bewegung vor, wo keine sein sollte.</p><p>Mogens schwenkte den zitternden Lichtfinger langsam weiter und versuchte, mehr Einzelheiten im hinteren Teil der Halle zu erkennen, aber es gelang ihm nicht. Das wandernde Licht vermittelte ihm nur einen allgemeinen Eindruck von Zerst�rung, die noch weitaus schlimmer zu sein schien, als er bisher geglaubt hatte. Der gesamte hintere Teil der Decke schien heruntergebrochen zu sein. Meterdicke steinerne Pfeiler waren geknickt wie Schilfrohre, einfach in St�cke zerborsten, oder ragten wie die Masten versunkener Schiffe aus den versteinerten Wellen eines Schuttozeans. Hunderte, wenn nicht tausende Tonnen von Fels und Steinquadern waren kaum drei�ig oder vierzig Schritte von ihm entfernt niedergest�rzt. Wenn sich auch in diesem Teil der Kammer Ghoule aufgehalten hatten, als sich die Katastrophe ereignete, so hatten sie nicht die mindeste �berlebenschance gehabt.</p><p>Etwas Helles blitzte im vorbeihuschenden Schein der Lampe auf; eine Bewegung, die anders war als der tr�ge Tanz der Staubschleier. Mogens schwenkte den Strahl wieder zur�ck, und tats�chlich: Unmittelbar am Fu�e einer gewaltigen Schutthalde bewegte sich etwas. Hatte doch eines der unheimlichen Gesch�pfe die Katastrophe �berstanden?</p><p>Z�gernd trat Mogens n�her. Obschon ihm sein logischer Verstand sagte, dass von einem verletzten Ghoul mit gro�er Wahrscheinlichkeit keine Gefahr ausging, bewegte er sich mit �u�erster Vorsicht; schlie�lich waren waidwunde Raubtiere bekannterma�en die gef�hrlichsten.</p><p>Es handelte sich jedoch nicht um einen der Schakalk�pfigen. Was sich im Licht der starken Karbidlampe tr�ge wand, das war etwas, was Mogens im allerersten Moment an eines der ekelerregenden Schneckenwesen erinnerte, auf die sie oben im Lager gesto�en waren; nur dass es deutlich gr��er und noch um Einiges unappetitlicher anzusehen war. Niederst�rzende Felsbrocken hatten es teilweise zerquetscht, sodass Mogens seine urspr�ngliche Gr��e nur sch�tzen konnte, doch allein der �brig gebliebene Teil war deutlich gr��er als eine M�nnerhand, und der K�rper war auch deutlich gegliedert; vielleicht, dass das Gesch�pf sogar so etwas wie einen Kopf gehabt hatte. Die Verwandtschaft zu den Schneckenwesen war jedoch un�bersehbar. Auch sein Fleisch war durchsichtig, sodass man das hektische Pulsieren sonderbar fremdartig anmutender Organe darunter erkennen konnte.</p><p>Mogens hob den Fu�, um die ekelhafte Kreatur vollends zu zerquetschen, �berlegte es sich aber dann anders und schwenkte seine Lampe in einem langsamen Halbkreis. Er entdeckte noch mehr der widerw�rtigen Gesch�pfe, nahezu alle mehr oder weniger schlimm verletzt, dann blieb der tastende Lichtstrahl an einer Hand h�ngen, die aus den Tr�mmern ragte.</p><p>Einer <emphasis>menschlichen </emphasis>Hand.</p><p>Erneut lieferten sich sein Verstand und seine archaischen Instinkte ein ebenso stummes wie verbissenes Duell, w�hrend er sich bereits auf die Knie fallen lie� und mit beiden H�nden zu graben begann. Wer immer unter dieser Schutthalde lag, hatte keine gr��ere �berlebenschance gehabt wie die viel z�heren und robusteren Ghoule, aber das �nderte nichts daran, dass unmittelbar vor ihm ein versch�tteter Mensch lag.</p><p>Mogens begann immer hektischer und rascher zu graben, zerrte Steine und Schutt beiseite und wuchtete Tr�mmerbrocken weg, die er unter normalen Umst�nden nicht um einen Millimeter h�tte bewegen k�nnen. Mit blo�en H�nden grub und w�hlte er sich tiefer in den Schuttberg hinein, bis er Unter- und Oberarm, Schulter und schlie�lich einen Teil eines Gesichtes freigelegt hatte. Dann, ebenso pl�tzlich, wie er zu graben begonnen hatte, lie� er die Arme wieder sinken.</p><p>Es gab nichts mehr, was er noch tun konnte. Abgesehen von einer Anzahl eher oberfl�chlicher Schrammen und Kratzer konnte er keinerlei nennenswerte Verletzungen entdecken, aber die weit offen stehenden Augen der dunkelhaarigen Frau waren leer.</p><p>�Da sind wir wieder, Professor�, erklang Miss Preusslers Stimme hinter ihm. �Stellen Sie sich nur vor, dieses arme Kind war doch tats�chlich...�</p><p>Sie brach mit einem erschrockenen Laut ab, als sie nahe genug herangekommen war, um zu sehen, was Mogens da gerade ausgegraben hatte, und auch Mogens fuhr beunruhigt zusammen, als er aufblickte und erkennen musste, dass Miss Preussler nicht allein gekommen war. Auch jetzt hatte sich das M�dchen mit beiden H�nden an Miss Preusslers Schulter geklammert, und Mogens bef�rchtete schon das Schlimmste, als auch sie die Tote unter den Tr�mmern entdeckte. Ihre Augen, und auch ihr Gesicht, blieben jedoch vollkommen teilnahmslos. Wenn sie die Fremde kannte, so bedeutete sie ihr nichts.</p><p>Dennoch sagte Mogens rasch: �Vielleicht w�re es besser, wenn...�</p><p>Miss Preussler verstand, was er ihr sagen wollte, obwohl er den Satz nicht einmal ganz zu Ende sprach. Mit einer Art sanfter, aber trotzdem nachdr�cklicher Gewalt l�ste sie die H�nde des M�dchens von ihrem Oberarm, legte ihr zugleich den Arm um die Schultern und versuchte, sie ein kleines St�ck zur Seite zu bugsieren, gerade weit genug, damit sie den schrecklichen Anblick nicht mehr in aller Deutlichkeit sehen konnte. Das M�dchen wich auch gehorsam einen Schritt zur Seite, dann jedoch blieb es stehen, versuchte mit der linken Hand nach Miss Preusslers Scheinwerfer zu greifen und gestikulierte mit der anderen in die Dunkelheit am oberen Ende der Tr�mmerhalde hinauf. Miss Preussler versuchte, sie noch weiter zur�ck zu delegieren, erreichte damit aber nicht mehr, als dass ihr Widerstand noch zunahm und ihr Gestikulieren hektischer wurde.</p><p>�Anscheinend will sie dorthin�, sagte Miss Preussler, wobei sie Mogens �ber die Schulter hinweg einen fast flehenden Blick zuwarf.</p><p>Mogens sch�ttelte entschieden mit dem Kopf. �Das ist viel zu gef�hrlich�, sagte er bestimmt. �Dort liegt alles in Schutt und Asche.� Allein schon bei dem <emphasis>Gedanken, </emphasis>noch tiefer in dieses Labyrinth aus Tr�mmern, gef�hrlichen Fallgruben und rasiermesserscharfen steinernen Klingen und Spitzen einzudringen, wurde ihm beinahe k�rperlich �bel.</p><p>Das M�dchen stellte sein Gestikulieren und Zerren jedoch keineswegs ein, sondern riss nur immer fester an Miss Preusslers Arm, woran auch deren vergebliche Versuche, beruhigend auf sie einzureden, nichts �nderten. Schlie�lich riss es sich los und begann auf H�nden und Knien, aber dennoch mit erstaunlicher Beh�ndigkeit, den Tr�mmerberg hinaufzuklettern.</p><p>Miss Preussler sah ihm einen Herzschlag lang fast entsetzt nach, dann aber erschien ein Ausdruck grimmiger Entschlossenheit auf ihrem Gesicht. Mit der linken Hand hob sie ihre Lampe hoch �ber den Kopf, mit der anderen raffte sie ihre R�cke und folgte ihm. Mogens sp�rte eine Art dumpfes Entsetzen, was aber nur einen winzigen Moment vorhielt, bevor es Resignation wich. Er sparte sich den Atem, Miss Preussler zur�ckrufen oder auf irgendeine andere Art zur Vernunft bringen zu wollen, sondern kletterte ihr gleich hinterher.</p><p>Der Aufstieg erwies sich als noch schwieriger, als er bef�rchtet hatte. Der Berg aus Tr�mmern und zerborstenen, riesigen Steinquadern und -platten war nicht ann�hernd so massiv, wie er ausgesehen hatte. Immer wieder l�sten sich unter seinen H�nden und F��en einzelne Tr�mmerst�cke, manchmal auch ein ganzes Segment, um polternd hinter ihm herabzust�rzen, und Mogens war nicht ann�hernd so sicher, wie er es gerne gewesen w�re, sich das bedrohliche Knistern und Knacken, das aus der unsichtbaren Decke �ber ihren K�pfen herabzudringen schien, tats�chlich nur einzubilden. Zweimal st�rzte er und schlitterte ein ganzes St�ck des Weges zur�ck, den er sich gerade m�hsam herauf gequ�lt hatte, und er w�re fast selbst �berrascht gewesen, w�re er nicht als Letzter oben angekommen.</p><p>Miss Preussler streckte ihm hilfreich den Arm entgegen, und w�ren Mogens' Ersch�pfung und Frustration noch ein ganz kleines bisschen gr��er gewesen, und sein Stolz nur eine Winzigkeit kleiner, h�tte er dieses Angebot sicher auch angenommen. So warf er ihr nur einen trotzigver�rgerten Blick zu, robbte die letzten anderthalb Meter aus eigener Kraft nach oben - wobei er sich nicht nur einen Fingernagel abbrach, was erstaunlich schmerzhaft war, sondern auch so hart den rechten Oberschenkel anschlug, dass die Wunde unter seinem Verband wieder zu bluten begann - und langte schlie�lich, keuchend vor Ersch�pfung und mit zusammengebissenen Z�hnen, aber mit halbwegs intaktem Stolz, neben ihr an. Miss Preussler ma� ihn mit einem sonderbaren Blick, von dem er nicht zu sagen vermochte, ob er nun geringsch�tzig oder auf eine missbilligende Art am�siert war, sagte aber nichts dazu.</p><p>Ihre M�he schien umsonst gewesen zu sein. Die junge Fremde war verschwunden, auch wenn es noch nicht allzu weit entfernt sein konnte - Mogens konnte ihre hektisch keuchenden Atemz�ge und das Ger�usch ihrer Schritte nicht weit vor sich in der Dunkelheit ausmachen, begleitet von dem ununterbrochenen Kollern und Poltern von Steinen, die sich unter ihren Schritten l�sten. Aber es dauerte einen Moment, bis es ihm gelang, sie mit seinem Scheinwerferstrahl zu erfassen.</p><p>Nur eine halbe Sekunde sp�ter gesellte sich auch das Licht von Miss Preusslers Lampe hinzu, und das M�dchen drehte erschrocken den Kopf und sah aus zusammengekniffenen Augen zu ihnen zur�ck. Das Licht schien ihm Schmerzen zu bereiten, ihm vielleicht auch Angst einzufl��en - was es aber nicht daran hinderte, mit erstaunlichem Geschick und Schnelligkeit weiter zu st�rmen, als h�tte es sein Lebtag lang nichts anderes getan, als �ber Ruinen zu klettern und unsichtbaren Hindernissen auszuweichen. Es entfernte sich geradezu unglaublich schnell von ihnen. Noch ein paar Augenblicke, dachte Mogens, und selbst das starke Licht der beiden Scheinwerfer w�rde es nicht mehr erreichen.</p><p>Miss Preusslers �berlegungen schienen wohl in eine �hnliche Richtung zu gehen, denn sie setzte dazu an, sich hochzustemmen und ihre Verfolgung fortzusetzen, aber diesmal ergriff Mogens sie am Arm und hielt sie fest. �Wollen Sie sich umbringen?�, fragte er.</p><p>�Aber...�</p><p>�Kein Aber!�, schnitt ihr Mogens das Wort ab. Miss Preussler, die einen solchen Ton noch niemals zuvor von ihm geh�rt hatte, riss ungl�ubig die Augen auf und starrte ihn verdattert an, und Mogens fuhr, vielleicht eine Spur leiser, doch keinen Deut weniger entschieden, fort: �Wir m�ssen hier weg! Die H�hle kann jeden Moment einst�rzen, begreifen Sie das nicht?�</p><p>Mogens war fast erleichtert, nun endlich doch so etwas wie Schrecken in ihren Augen zu erkennen. Einen Atemzug lang starrte sie ihn noch zweifelnd und fragend an, dann warf sie mit einem Ruck den Kopf in den Nacken und richtete auch ihren Scheinwerferstrahl auf die Decke.</p><p>Mogens w�nschte sich fast, sie h�tte es nicht getan. Seine Einsch�tzung, was die Standfestigkeit dieses unterirdischen Saales anging, war wohl eher zu optimistisch gewesen. Die ehemals prachtvoll bemalte Decke �ber ihnen hing tats�chlich durch wie ein nasses Segeltuch, und an zahllosen Stellen rieselte Staub herab. Nur ein einzelner, sonderbar gestaucht wirkender St�tzpfeiler in ihrer unmittelbaren N�he schien sie noch davon abzuhalten, endg�ltig herunterzust�rzen, und wie es um dessen Standfestigkeit bestellt war, dar�ber wagte Mogens nicht einmal nachzudenken. Er �berlegte fast panisch, wie lange der letzte Erdsto� zur�cklag. Sicherlich nicht mehr als f�nf oder sechs Minuten. Zwischen ihm und dem vorhergehenden Beben war deutlich mehr Zeit verstrichen, und zwischen diesem und denen davor noch einmal sehr viel mehr. Nat�rlich gab es keinen Beweis daf�r, dass es �berhaupt noch zu einer weiteren Ersch�tterung kommen w�rde, aber <emphasis>wenn </emphasis>die Beben aufeinander folgten, taten sie es offensichtlich in k�rzer werdenden Abst�nden. Wenn die Erde noch einmal bebte, dann konnte dies buchst�blich jeden Augenblick geschehen, und wenn <emphasis>das </emphasis>passierte, denn w�rde diese ganze Halle wie ein Kartenhaus in sich zusammenst�rzen.</p><p>�Aber wir k�nnen sie doch nicht einfach...�, begann Miss Preussler.</p><p>�Was?�, fiel ihr Mogens ins Wort. Er sch�ttelte bedauernd den Kopf. �Glauben Sie mir, Miss Preussler - ich will dieses arme Gesch�pf genauso wenig im Stich lassen wie Sie. Aber wir m�ssen hier weg. Und wir holen es ja nicht einmal mehr ein.�</p><p>Tats�chlich war das Ger�usch der Schritte mittlerweile fast vollkommen verstummt, und als Mogens seinen Scheinwerferstrahl wieder in die Richtung lenkte, in die sich das M�dchen entfernt hatte, riss er nichts anderes als ein Durcheinander aus Tr�mmerst�cken und tanzendem Staub aus der Dunkelheit. �Wollen Sie wirklich dort hinein?�, fragte er.</p><p>Miss Preussler schwieg. In ihrem Gesicht arbeitete es, und Mogens kam sich auf eine absurde Art feige und fast wie ein Verr�ter vor; weniger an dieser unbekannten jungen Frau, f�r die sie aller Wahrscheinlichkeit nach so oder so nicht mehr viel tun konnten, sondern vielmehr an Miss Preussler, die auf seine Hilfe und Unterst�tzung vertraut hatte, und an sich selbst.</p><p>Dennoch sagte er nach einigen weiteren Sekunden leise, diesmal fast sanft: �Miss Preussler... Betty... bitte. Wir m�ssen weg hier. Schnell.�</p><p>�Ja�, fl�sterte sie. T�uschte sich Mogens, oder schimmerten ihre Augen pl�tzlich feucht? �Sie haben Recht, Professor.�</p><p>Mogens atmete erleichtert auf, und noch bevor er es ganz getan hatte, drang ein gellender, lang anhaltender Schrei aus der Dunkelheit vor ihnen.</p><p>Miss Preussler sprang so schnell auf, dass schon ihre eigene Bewegung sie wieder von den F��en riss und sie hart auf die Knie fiel. Sofort war sie jedoch wieder auf den F��en und st�rmte, ihre Laterne hektisch hin und her schwenkend, wie um die bedrohliche Dunkelheit vor sich mit einer gl�henden Schwertklinge aus Licht zu zerteilen, voran. Mogens war eine Sekunde lang so entsetzt, dass er nichts anderes tun konnte als dazuhocken und ihr nachzustarren. Dann aber sprang er hastig auf die Beine und rannte hinter ihr her.</p><p>Obwohl auch er jetzt keinerlei R�cksicht mehr nahm, fiel er immer rascher hinter Miss Preussler zur�ck. Mogens versuchte noch schneller auszugreifen, erreichte damit aber nicht mehr, als endg�ltig aus dem Takt zu kommen und beinahe zu st�rzen. Als er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, war auch Miss Preussler nahezu aus dem Lichtkegel seines Scheinwerfers verschwunden, und vermutlich h�tte er sie binnen weniger weiterer Momente endg�ltig aus den Augen verloren, w�re sie nicht pl�tzlich stehen geblieben. Ihr Lichtstrahl h�rte auf, hektisch hin und her zu tanzen, und richtete sich auf einen Punkt, den Mogens nicht einsehen konnte. Er versuchte, noch schneller zu laufen, kam abermals ins Stolpern und hielt schlie�lich schwer atmend neben ihr an.</p><p>�Was zum Teufel haben Sie sich dabei ge...?� Der Rest seiner Frage blieb Mogens buchst�blich im Hals stecken, als er sah, wohin der Schein ihrer Grubenlampe fiel.</p><p>Unmittelbar vor Miss Preussler war die Hallendecke vollends zusammengebrochen, aber ein kleines St�ck neben ihr ragte der mannshohe Rest einer zerborstenen S�ule aus dem Schutt, die zumindest einen kleinen Teil davon wie durch ein Wunder noch gehalten hatte, sodass ein unregelm��ig geformter, vielleicht zwei Meter hoher Hohlraum darunter verblieben war.</p><p>Er war zur Todesfalle geworden. Mogens z�hlte auf Anhieb mindestens ein halbes Dutzend Gestalten, die mit zerschmetterten Gliedma�en und K�rpern in ihrem Blut dalagen. Mogens nahm an, dass sich die Frauen - es waren <emphasis>ausnahmslos </emphasis>Frauen, so weit er das auf den ersten Blick beurteilen konnte - hierher gefl�chtet hatten, als der Saal rings um sie herum zusammenzust�rzen begann. Der stehen gebliebene Pfeiler hatte sie davor bewahrt, von der Decke zermalmt zu werden, die sich �berall rings um sie herum wie der Stempel einer �berdimensionalen Presse herabgesenkt hatte, sie aber dennoch nicht retten k�nnen. Die Decke war nicht zur G�nze zusammengebrochen, trotzdem aber �berall geborsten, sodass ein t�dlicher Regen aus Steinquadern und Staub auf das halbe Dutzend ungl�ckseliger Frauen heruntergest�rzt war. Das Schicksal hatte ihnen noch zwei oder drei zus�tzliche Sekunden geschenkt, aber nur, um sie dann umso grausamer zu treffen.</p><p>�Sind das... die Frauen, die Sie gesehen haben?�, fragte er stockend. Seine Stimme versagte fast.</p><p>�Ich... glaube�, antwortete Miss Preussler, ebenso leise und stockend wie er, und mit offensichtlich ebenso gro�er M�he. Sie fuhr sich mit einer fahrigen Handbewegung �ber Kinn und Lippen. �Aber ich... bin nicht sicher, ob...� Ihre Stimme versagte endg�ltig. Mogens konnte ihre Verunsicherung verstehen. Der Tod war sicher schnell �ber das halbe Dutzend Frauen gekommen, aber nicht leicht. Sie waren buchst�blich gesteinigt worden und boten einen furchtbaren Anblick. Das einzig lebende Wesen in dem asymmetrisch geformten Hohlraum war das dunkelhaarige M�dchen, das zwei oder drei Schritte entfernt auf den Knien sa� und sich leicht vor und zur�ck wiegte. Wenigstens hatte sie aufgeh�rt zu schreien.</p><p>�K�mmern Sie sich um sie�, sagte Mogens. �Bitte.� W�hrend Miss Preussler endlich ihre Starre �berwand und auf das M�dchen zuging, raffte auch Mogens all seinen Mut zusammen und lie� sich neben dem ersten Leichnam in die Hocke sinken. Die Bewegung wurde von einem leisen, aber durchdringenden Knacken begleitet. Mogens redete sich zumindest ein, dass es seine Kniegelenke waren, und nicht die Decke �ber seinem Kopf.</p><p>Er hatte sich nicht get�uscht. Die Frau war tot, erschlagen von einem der zahllosen Tr�mmerst�cke, die von der Decke gest�rzt waren, und dem weit mehr �berraschten als qualvollen Ausdruck auf ihrem Gesicht nach zu urteilen schien es zumindest schnell gegangen zu sein. Es fiel Mogens schwer, ihr Alter zu sch�tzen. Sie war nicht so jung wie das M�dchen, von Miss Preusslers Alter aber ungleich weiter entfernt als von dem seinen, wirkte aber dennoch zugleich auf eine Weise gebrechlich und ausgezehrt, als h�tte das Leben mehr von ihr verlangt als von anderen selbst in einer mehrfachen Spanne der Jahre, die sie durchlitten hatte.</p><p>�Professor�, sagte Miss Preussler.</p><p>Mogens ignorierte sie und wandte sich der n�chsten Toten zu. Und der n�chsten. Und der n�chsten.</p><p>Es war vielleicht das Entsetzlichste, was er jemals hatte tun m�ssen, aber Mogens zwang sich, jeden einzelnen Leichnam zumindest fl�chtig zu untersuchen, schon, um auch sicher zu sein, dass auch tats�chlich kein Leben mehr in ihnen war - auch wenn er sich gleichzeitig dabei ertappte, beinahe schon panisch auf die Vorstellung zu reagieren, tats�chlich noch eine �berlebende zu finden, oder sogar mehr als eine.</p><p>�Professor!�, sagte Miss Preussler noch einmal. Ihre Stimme klang ein wenig schrill. Dennoch setzte Mogens seine Untersuchung fort, bis er sich davon �berzeugt hatte, dass es tats�chlich keine Lebenden mehr gab, was ihn mit einem sonderbar zwiesp�ltigen Gef�hl erf�llte: einer Mischung aus dumpfer Trauer und einem seltsam ziellosen Zorn, aber auch einer sp�rbaren Erleichterung, f�r die er sich heftig sch�mte, die aber dennoch da war.</p><p>�Professor!�, sagte Miss Preussler zum dritten Mal, und diesmal glaubte Mogens auch in ihrer Stimme einen leisen Unterton von Panik wahrzunehmen. Alarmiert sah er auf - und seine Augen weiteten sich ungl�ubig.</p><p>Das M�dchen sa� noch immer auf den Knien und wiegte sich langsam vor und zur�ck. Seine Augen waren geschlossen, und es presste ein schmales, in Lumpen geh�lltes B�ndel an die Brust. Mogens glaubte zu h�ren, dass sie ein leises, rhythmisches Summen von sich gab.</p><p>Von einem unguten Gef�hl erf�llt, stand er auf und trat auf sie zu, und aus diesem unguten Gef�hl wurde blankes Entsetzen, als er sah, was sich in dem B�ndel befand, das sie mit so verzweifelter Kraft an sich presste.</p><p>Es war ein Kind.</p><p>Und zugleich auch nicht.</p><p>Ganz zweifellos handelte es sich um einen S�ugling von allerh�chstens drei oder vier Monaten, aber ebenso zweifellos war es auch kein <emphasis>menschliches </emphasis>Baby. Seine Haut war von einem dichten, hellbraunen Flaum bedeckt, der sp�ter zu einem borstigen Fell werden w�rde. Seine H�nde, so winzig sie auch noch sein mochten, �hnelten schon jetzt deutlich eher Raubtierklauen als menschlichen Fingern, und wo sein Gesicht sein sollte, starrte Mogens der dreieckige Sch�del eines Schakals an.</p><p>Es war ein Ghoul.</p></section><section><title><p id="_48">48.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Sicher eine halbe Minute, wenn nicht l�nger, stand Mogens einfach da und starrte das gr�ssliche Gesch�pf an, das in den Armen des M�dchens lag. Er hatte das Gef�hl, den Boden unter den F��en zu verlieren, aber diesmal lag es nicht an einem neuen Erdsto� oder Beben. Alles drehte sich um ihn.</p><p>Das Entsetzen, das er nun versp�rte, war von einer g�nzlich anderen, neuen Art, und es hatte seine Wurzeln weniger in dem, was er sah, als in dem, was es <emphasis>bedeutete - </emphasis>auch wenn dieser Gedanke einfach zu grotesk und zugleich zu grauenerregend war, als dass er ihm gestattete, ganz Gestalt anzunehmen.</p><p>Und er war noch nicht einmal das Schlimmste... �Es ist tot, Professor�, sagte Miss Preussler mit leiser, tonloser Stimme. �Sehen Sie.� Sie trat - unendlich vorsichtig - auf das M�dchen zu und streckte die H�nde nach dem blutigen B�ndel in seinen Armen aus, kam ihm aber nicht einmal nahe genug, um es zu ber�hren. Das M�dchen prallte erschrocken zur�ck und presste den S�ugling nur noch fester an sich. H�tte Mogens der blo�e Anblick im allerersten Moment nicht einfach zu sehr schockiert, h�tte er es sofort bemerkt:</p><p>Das Ghoul-Kind war ebenso tot wie alle anderen hier, erschlagen von der heruntergest�rzten Decke oder vielleicht auch unter Schutt und Staub erstickt. Die zerschlissenen Lumpen, in die es eingewickelt worden war, waren schwer und nass von Blut, und auch aus dem leicht ge�ffneten Maul, in dem schon jetzt eine doppelte Reihe winziger, aber nadelspitzer Z�hne blitzte, war ein d�nnes, braunrot verkrustetes Rinnsal gelaufen.</p><p>Die Erde zitterte, diesmal so leicht, dass Mogens die Ersch�tterung kaum sp�rte. Trotzdem rieselte Staub von der Decke, und nur einen Moment sp�ter h�rten sie einen tiefen, grollenden Laut, der weniger aus dem Boden unter ihren F��en zu kommen schien als vielmehr aus der Luft selbst.</p><p>�Wir m�ssen hier raus�, sagte Mogens nerv�s. �Bitte, Miss Preussler - Sie m�ssen sie irgendwie beruhigen. Bringen Sie sie dazu, dieses... <emphasis>Ding </emphasis>wegzulegen.�</p><p>Erwartungsgem�� warf ihm Miss Preussler einen strafenden Blick zu, und auch Mogens selbst bedauerte seine Worte fast - aber er brachte es einfach nicht fertig, von diesem gr�sslichen Gesch�pf als <emphasis>Kind </emphasis>zu sprechen. W�hrend er irgendwie versuchte, seine Aufmerksamkeit zwischen Miss Preussler und dem M�dchen mit seiner schrecklichen Last aufzuteilen und zugleich auf ein verd�chtiges Knacken im Fels oder ein Zittern des Erdbodens unter seinen F��en zu lauschen, jagten sich in seinem Hinterkopf die Gedanken. Was er sah, brachte ihn nahe an den Rand purer Hysterie. Zwar versuchte ihm sein Verstand zu erkl�ren, dass es ein Dutzend anderer und logischerer Erkl�rung f�r das gab, was er sah, aber etwas sagte ihm zugleich mit unersch�tterlicher Gewissheit, dass keine davon zutraf, und es f�r diesen entsetzlichen Anblick nur eine einzige Deutung gab, so vollkommen widersinnig sie auch klingen mochte.</p><p>�Sie haben Recht, Professor�, sagte Miss Preussler unsicher. �Ich... versuche es.�</p><p>Man sah ihr an, wie unwohl sie sich f�hlte, als sie zum zweiten Mal auf das M�dchen zutrat und - sehr viel behutsamer als gerade - die Hand ausstreckte. Schrecken und Mitleid standen noch immer �berdeutlich in ihrem Gesicht geschrieben, aber der Anteil von Entsetzen darin nahm zu. �Du... musst es hier lassen, verstehst du?�, fl�sterte sie. �Ich wei�, wie du dich f�hlst. Es... es tut mir unendlich Leid, aber... aber wir k�nnen dein Kind nicht mitnehmen.�</p><p>Das M�dchen duckte sich angstvoll, aber immerhin versuchte sie nicht mehr, vor Miss Preussler zur�ckzuweichen. Sie lie� es sogar zu, dass sie sie sanft in die Arme schloss, presste das blutige B�ndel aber nur noch fester an sich.</p><p>Der Boden zitterte ganz leicht. Das grollende Ger�usch wiederholte sich nicht, aber von der Decke rieselte mehr Staub, und nicht weit entfernt l�ste sich ein kopfgro�er Steinquader und krachte zu Boden.</p><p>�Miss Preussler�, sagte Mogens nerv�s.</p><p>�Du musst es hier lassen, verstehst du mich?�, fuhr Miss Preussler leise fort. Sanft strich sie dem M�dchen mit der Hand �ber das Haar. Sie duldete die Ber�hrung, doch als Miss Preussler mit der anderen Hand nach dem B�ndel in ihren Armen greifen wollte, riss sie sich los und sprang einen Schritt zur�ck. Ihre Augen blitzten, und sie gab einen Laut von sich, der fast wie das Fauchen einer zornigen Katze klang.</p><p>�Miss Preussler!�, sagte Mogens noch einmal. Sie machte eine unwillige Geste in seine Richtung, fuhr aber fort, beruhigend auf das M�dchen einzureden. Mogens wusste, wie sinnlos es war. Sie konnten ja noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob sie ihre Worte �berhaupt verstand.</p><p>�Das hat keinen Sinn�, sagte er. Jetzt war nicht mehr der Moment f�r Geduld oder sanftm�tiges Zureden. Wenn sie nicht innerhalb der n�chsten Minuten hier heraus kamen, waren sie verloren. Entschlossen trat er auf Miss Preussler zu, schob sie kurzerhand zur Seite und streckte die H�nde nach dem Kind aus.</p><p>Das M�dchen schrie gellend. Ihre Fingern�gel, abgebrochen und schartig, aber zugleich auch scharf wie Rasierklingen, fuhren �ber Mogens' Handr�cken und hinterlie�en tiefe, h�llisch brennende Kratzer in seiner Haut, und er konnte gerade noch im letzten Moment den Kopf zur�ckwerfen, als sie aus der gleichen Bewegung heraus auch nach seinem Gesicht schlug. Ungeschickt stolperte er zur Seite und gegen den stehen gebliebenen Pfeiler, der unter seinem Anprall f�hlbar erbebte. Mehr Staub rieselte von der Decke. Der Boden erzitterte, und diesmal h�rte er nicht nach ein paar Sekunden wieder damit auf, sondern das Vibrieren und Sch�tteln hielt an, und auch das unheimliche Grollen und St�hnen war wieder da. Mogens war jetzt sicher, dass es nicht das Ger�usch von Felsmassen und Steinen war, die sich aneinander rieben, sondern tats�chlich die Luft selbst, die unter den unvorstellbaren Gewalten aufst�hnte, die sich tief unter ihnen im Herzen der Erde zusammenballten.</p><p>Mogens begriff mit einer Art sonderbar teilnahmslosem Entsetzen, dass es nicht sein Anprall gewesen war, der die S�ule zum Erzittern gebracht hatte. Was er bef�rchtet hatte, bewahrheitete sich: Es war das n�chste Beben, und obwohl der Boden unter ihnen nur ganz sacht erzitterte, sp�rte er doch, dass es nicht aufh�ren, sondern das Schlimmste bisher �berhaupt werden w�rde. Aus dem vereinzelten Rieseln von Staub und winzigen Steinchen wurde ein anhaltendes, sandiges Ger�usch, wie der Laut eines schmirgelnden Wasserfalls, in dessen Zentrum sie sich befanden, und er konnte den unbarmherzig gr��er werdenden Druck, der auf dem steinernen Pfeiler in seinem R�cken lastete, fast k�rperlich sp�ren.</p><p><emphasis>�Raus hier!�, </emphasis>schrie er. Miss Preussler starrte ihn nur aus gro�en Augen an, und auch das M�dchen blieb weiter in seiner geduckten, abwehrbereiten Haltung stehen, das tote Kind sch�tzend an die Brust gepresst und die andere Hand - tats�chlich zu einer Kralle verkr�mmt - drohend halb erhoben. Irgendwo polterte ein Stein. Etwas streifte Mogens' Schulter und bohrte sich unmittelbar neben ihm mit solcher Gewalt in den Boden, dass ein Hagel winziger Steinsplitter gegen sein Bein prallte, und Mogens lie� alle R�cksicht fahren und war mit einem einzigen Satz wieder neben dem M�dchen. Ihre Fingern�gel zielten nach seinen Augen, aber die schiere Todesangst gab Mogens nicht nur fast �bermenschliche Kr�fte, sondern auch eine ebensolche Schnelligkeit. Beinah m�helos packte er ihr Handgelenk, wirbelte auf dem Absatz herum und st�rmte los, das M�dchen einfach hinter sich her zerrend. Aus den Augenwinkeln sah er, wie auch Miss Preussler endlich die L�hmung absch�ttelte und sich ihnen anschloss, aber er konnte nur beten, dass sie sich auch diesmal mit der gleichen Beh�ndigkeit und demselben Tempo bewegte wie vorhin.</p><p>Halb blind st�rmte er in die Richtung los, in der er den Ausgang vermutete. Aus dem sachten Erschauern des Bodens war l�ngst ein r�ttelndes Sto�en geworden, dem der Rest der Halle die Antwort nicht lange schuldig blieb. Immer mehr Steine und Tr�mmer regneten von der Decke, und Mogens' Magen zog sich vor Entsetzen zu einem harten Ball zusammen, als er aus den Augenwinkeln zu sehen glaubte, wie sich auch einer der letzten �brig gebliebenen St�tzpfeiler langsam zu neigen begann, wie ein Gewichtheber, der aller verzweifelten M�he zum Trotz ganz allm�hlich in die Knie bricht. Verzweifelt versuchte er, noch schneller zu laufen. Vorhin, als er dem M�dchen und Miss Preussler gefolgt war, war ihm der Weg weit vorgekommen, jetzt schien er kein Ende mehr zu nehmen. Vielleicht rannten sie ja in die falsche Richtung, tiefer in den zusammenbrechenden Saal hinein, statt dem rettenden Ausgang entgegen. Die Lampe war keine Hilfe. Ihr Lichtschein tanzte so wild hin und her wie das Achterlicht eines Schiffchens, das unversehens in den urgewaltigsten aller St�rme geraten war, und was er in dem irrwitzigen Kaleidoskop aus aufblitzendem Wei� und nachtschwarzen Schatten sah, das verwirrte ihn mehr, statt ihm den Weg zu weisen. Steine regneten rings um sie herum zu Boden. Hinter ihnen erscholl ein ungeheures dr�hnendes Poltern, als w�re eine ganze Wand der Halle zusammengebrochen, und die Schw�rze �ber seinem Kopf kam n�her. Dann stie� sein Fu� pl�tzlich ins Leere. Mogens versuchte instinktiv, sich zur�ckzuwerfen, um auf diese Weise vielleicht sein Gleichgewicht doch noch wieder zu erlangen, aber es war zu sp�t.</p><p>Er fiel, lie� das Handgelenk des M�dchens los und prallte so hart auf Schultern und Hinterkopf, dass ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Die Lampe entglitt seinen Fingern, schlug einen fast zeitlupenhaft anmutenden, doppelten Salto in der Luft und zerbrach, als sie auf dem Boden aufprallte. Mogens wartete auf eine Explosion oder eine Stichflamme, aber das Licht ging einfach nur aus.</p><p>Trotzdem wurde es nicht vollkommen dunkel. Nur ein kleines St�ckchen vor ihm schimmerte es in sanftem Gr�n durch die Schw�rze.</p><p>Halb benommen w�lzte er sich herum, stemmte sich auf H�nde und Knie hoch und versuchte den Staub wegzublinzeln, der ihm in die Augen gedrungen war. Er machte es nur schlimmer. Der Staub schmirgelte wie Sandpapier, und der Schmerz trieb ihm noch mehr Tr�nen in die Augen. Als bef�nde er sich unter Wasser, sah er einen wie betrunken hin und her torkelnden Lichtfinger auf der anderen Seite der Schutthalde emporstechen und �ber die Decke streichen - Gro�er Gott, sie <emphasis>bewegte </emphasis>sich! -, und in all dem Chaos aus dr�hnenden, krachenden, polternden und berstenden Lauten meinte er etwas wie ein qualvolles Wimmern irgendwo neben sich zu vernehmen, aber er sah nichts au�er schierer Bewegung, die aus allen Richtungen zugleich auf ihn einst�rmte.</p><p>Etwas von der Gr��e einer Holzf�llerh�tte l�ste sich aus der Decke und st�rzte nur ein kleines St�ck neben ihm mit solcher Gewalt zu Boden, dass Mogens hochgeschleudert und ein St�ck zur Seite geworfen wurde. Er prallte auf etwas Weiches, das wie unter Schmerzen aufst�hnte, griff ganz instinktiv zu und riss das M�dchen mit sich in die H�he, als er auf die F��e sprang. Hinter ihnen schlitterte Miss Preussler mit ebenso ungeschickt aussehenden wie schnellen Bewegungen die B�schung herab, und entgegen allem, was er selbst geglaubt hatte, kam Mogens nicht nur in die H�he, sondern entdeckte auch den rettenden Ausgang, nur einige wenige Schritte vor sich.</p><p>Irgendwie schafften sie es. Mogens h�tte nicht sagen k�nnen, wie - es waren nur Sekunden, weniger als zehn Schritte, die er auf den Ausgang zu torkelte und das sich heftig str�ubende M�dchen mit purer Gewalt hinterher zerrte, aber es waren zugleich Ewigkeiten des Chaos, in denen sein bewusster Verstand einfach ausgeschaltet war und Instinkte und ein uralter �berlebenswille die Kontrolle �ber seinen K�rper �bernahmen.</p><p>Vermutlich rettete ihm das das Leben. Mogens konnte hinterher nicht sagen, wie oft er getroffen worden war, wie viele Schl�ge er hatte einstecken m�ssen, die unter normalen Umst�nden mehr als ausreichend gewesen w�ren, ihn niederzustrecken. Das zappelnde M�dchen immer noch mit eiserner Kraft festhaltend und dichtauf gefolgt von Miss Preussler, die ihm mit hysterischer Stimme irgendetwas zuschrie, was er nicht verstand, taumelte er in den rettenden Korridor und noch zwei oder drei Schritte weiter, bevor er gegen die Wand prallte und hilflos daran zu Boden sank.</p><p>F�r einen Moment musste er wohl tats�chlich das Bewusstsein verloren haben, denn das N�chste, woran er sich erinnerte, war, halb liegend, halb mit Schultern und Hinterkopf gegen die Wand gest�tzt, die Augen wieder zu �ffnen und in Miss Preusslers Gesicht hinaufzublicken, die unentwegt an seinen Schultern r�ttelte und dabei immer dasselbe Wort schrie, das er erst nach ein paar Sekunden als �Professor!� erkannte.</p><p>�Es ist gut�, nuschelte er fast unverst�ndlich. Seine Zunge wollte ihm nicht richtig gehorchen, und sein Mund war voller Staub. Mit einiger M�he gelang es ihm, ihre Hand zur Seite zu schieben und sich halbwegs aufzusetzen. Wenigstens h�rte sie auf, wie von Sinnen an seinen Schultern zu r�tteln, wodurch sein Hinterkopf immer wieder gegen den harten Stein schlug.</p><p>�Geht es Ihnen gut, Professor?�, fragte Miss Preussler. Ihre Stimme bebte vor Sorge.</p><p>Mogens wollte antworten, konnte es nicht und versuchte sich zu r�uspern, woran er um ein Haar erstickt w�re. Seine Kehle f�hlte sich an, als w�re er von innen geh�utet worden.</p><p>�Geht es Ihnen auch wirklich gut?�, vergewisserte sich Miss Preussler. Mogens zwang sich unter qualvollem Husten und Atemringen zu etwas, was sie zumindest als Nicken deuten konnte, und erstaunlicherweise gab sie sich mit dieser wenig �berzeugenden L�ge zufrieden. Nach einem letzten, absch�tzenden Blick in sein Gesicht wandte sie sich um und ging zu dem M�dchen, das mit angezogenen Knien auf der anderen Seite des Ganges hockte und ein zerfetztes B�ndel gegen die Brust presste. Das Dr�hnen und Klingeln in seinen Ohren legte sich allm�hlich, und Mogens h�rte jetzt, dass sie ein leises, auf- und absteigendes Summen von sich gab, in dessen Takt sie den Oberk�rper vor und zur�ck wiegte. Der Anblick ber�hrte ihn auf eine vollkommen unerwartete Weise so tief, dass er ihn nicht l�nger ertrug und hastig wegsah.</p><p>Allerdings war auch das, was er in der anderen Richtung erblickte, kaum erbaulicher.</p><p>Mogens war im ersten Moment fast froh, sich nicht mehr genau an die letzten Sekunden erinnern zu k�nnen. Auch der Gang hatte das Erdbeben nicht unbeschadet �berstanden. Ein wirres Muster aus durcheinander laufenden Rissen und Spr�ngen durchzog die Decke, und weiter zum Ausgang hin waren die W�nde sichtbar zusammengedr�ckt. Der Saal, der dahinter liegen sollte, war nicht mehr da. Die T�r wurde von einer kompakten Masse aus Steintr�mmern und Schutt ausgef�llt. Mogens rann noch im Nachhinein ein eisiges Fr�steln �ber den R�cken, als er begriff, wie knapp sie einem grauenhaften Tod entronnen waren. Und die Gefahr war noch nicht vorbei.</p><p>Mogens r�usperte sich - vorsichtiger - noch einmal und sagte mit belegter Stimme: �Wir m�ssen weiter. Ich bin nicht sicher, ob dieser Gang noch einem weiteren Erdsto� standh�lt.�</p><p>�Und was geschieht mit ihr?�, fragte Miss Preussler. �Sie wird das Kind nicht zur�cklassen.�</p><p>�Dann soll sie es von mir aus mitnehmen�, seufzte Mogens resignierend. �Wir k�mmern uns sp�ter darum.� Wichtig war jetzt nur, dass sie diese Todesfalle verlie�en, solange sie dazu noch in der Lage waren.</p><p>M�hsam arbeitete er sich an der Wand in die H�he und lauschte einen Moment mit geschlossenen Augen in sich hinein. Er konnte sich nicht erinnern, sich jemals zuvor so schlecht gef�hlt zu haben, nicht einmal nach dem Angriff der beiden Ghoule. Aber seine Kraft musste einfach reichen.</p><p>�Kommen Sie?� Ohne Miss Preusslers Reaktion oder die des M�dchens abzuwarten, wandte er sich um und begann mit kleinen, schweren Schritten den Gang zur�ckzuschlurfen. Erst an der Kreuzung blieb er stehen und sah zur�ck. Die beiden Frauen folgten ihm, wenn auch in gro�em Abstand und langsamer, als ihm lieb gewesen w�re. Mogens verbot sich, dar�ber nachzudenken, wie viel Zeit ihnen noch bis zum n�chsten Erdsto� blieb, und wie hart dieser vielleicht wurde.</p><p>Er ereilte sie, als sie die Treppe fast erreicht hatten, und es war der h�rteste bisher �berhaupt. Der gesamte Gang zuckte und wand sich rings um sie herum wie eine riesige, steinerne Schlange, und aus der Tiefe des Labyrinths drang ein nicht enden wollendes dr�hnendes Bersten und Poltern. Mogens war zu m�de, um noch wirklich zu erschrecken. Er wartete einfach ab, bis der Boden seine Versuche einstellte, ihn abzusch�tteln wie ein bockendes Pferd seinen Reiter, und bedeutete Miss Preussler dann mit einer m�den Geste, vorauszugehen.</p><p>Sie z�gerte. �Aber da sind noch mehr...�, begann sie.</p><p>�Ich wei߫, unterbrach sie Mogens in fast resignierendem und vielleicht gerade deshalb umso nachdr�cklicherem Ton. �Aber wir k�nnen nicht zur�ck. Seien Sie froh, wenn wir sie retten k�nnen.�</p><p>Miss Preussler ma� das dunkelhaarige M�dchen und seine schreckliche Last mit einem langen, traurigen Blick und deutete schlie�lich ein Nicken an. Wortlos ergriff sie sie am Arm und wollte an Mogens vorbeigehen, aber das M�dchen versteifte sich sofort und starrte Mogens aus weit aufgerissenen, erschrockenen Augen an. Vermutlich hatte er auch noch den allerletzten Rest ihres Vertrauens verspielt, als er versucht hatte, ihr das Kind wegzunehmen. Wortlos drehte er sich herum und begann als erster die Treppe hinauf zu steigen.</p></section><section><title><p id="_49">49.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Nein, es war keine Einbildung: Die Treppe <emphasis>war </emphasis>l�nger geworden, und es kostete ihn erheblich mehr M�he, sie nach oben zu steigen, als er selbst angesichts seines geschw�chten Zustandes erwartet h�tte. Es vergingen auch nur wenige Augenblicke, bis er eine Erkl�rung f�r diese scheinbare Unm�glichkeit fand: Durch die andauernden Erdst��e musste sich der gesamte unterirdische Teil des Labyrinths um mehrere Meter abgesenkt haben, und eine Laune des Zufalls hatte es gewollt, dass der Treppenschacht nicht zusammengebrochen war, sondern sich wie ein �bergro�er Gummischlauch gedehnt hatte, allerdings mit katastrophalen Folgen: Etliche Stufen waren weggebrochen oder so absurd auseinander gezogen, dass Mogens es nicht mehr wagte, sie mit seinem K�rpergewicht zu belasten. Der Weg nach oben gestaltete sich dadurch noch m�hsamer und kr�ftezehrender, als er ohnehin bef�rchtet hatte. Mogens war fast �berrascht, als er endlich die letzte Stufe bew�ltigt und das Tor erreicht hatte.</p><p>Vollkommen ausgelaugt lie� er sich zu Boden sinken. Selbst die kleine Bewegung, den Kopf zu drehen und zu Miss Preussler und dem M�dchen zur�ckzublicken, verlangte ihm eine f�hlbare Anstrengung ab.</p><p>Die beiden Frauen waren ein St�ck zur�ckgefallen, wenn auch nicht so weit, wie er erwartet hatte. Das M�dchen �berwand die Stufen mit erstaunlichem Geschick, vor allem, wenn er bedachte, dass sie dabei nur eine Hand zu Hilfe nehmen konnte, w�hrend sich Miss Preussler mit einer Art beh�biger Unaufhaltsamkeit bewegte, dass es gar nicht sicher schien, ob sie tats�chlich zum Halten kommen w�rde, sobald sie ihn erreicht hatte.</p><p>Mogens war nicht besonders versessen darauf, es herauszufinden. Obwohl die kurze Rast nur wenige Sekunden gedauert hatte, f�hlte er sich doch weit genug erholt, um aufzustehen und weiter zu gehen.</p><p>Um ein Haar w�re es sein letzter Schritt gewesen.</p><p>Vielleicht rettete ihm tats�chlich seine Schw�che das Leben, denn er hatte seine Kr�fte eindeutig �bersch�tzt; als er durch das Tor trat, wurde ihm schwindelig, er taumelte und entging dem Klauenhieb des Ghoul, der auf der anderen Seite der T�r lauerte, so um Haaresbreite. Die Krallen des Ungeheuers rissen tiefe Furchen in das schwarze Holz der T�r und �bersch�tteten Mogens mit einem Hagel winziger Splitter, und noch w�hrend er zur�cktaumelte, nahm er eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahr, duckte sich ganz instinktiv und entging so wie durch ein Wunder auch dem zweiten, wom�glich noch kraftvoller gef�hrten Hieb.</p><p>Dem dritten nicht mehr.</p><p>Es war pures Gl�ck, dass ihn die Pranke des Ungeheuers in der Aufw�rtsbewegung traf, und nicht mit den t�dlichen Klauen. Trotzdem riss ihn der Hieb von den Beinen und schleudere ihn fast einen Meter weit durch die Luft und mit solcher Wucht gegen die Wand, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Das Monstrum stie� ein fast triumphierend klingendes Bellen aus und setzte ihm nach, und wieder waren es wohl nur seine Instinkte, die ihn retteten. Mogens ahnte die Bewegung mehr, als er sie sah, warf sich instinktiv herum und entging dem niederbrechenden Fu� des Ghouls erneut nur um Haaresbreite. Die skalpellscharfen Krallen an seinen Zehen schlitzten seine Kleidung auf, ber�hrten aber wie durch ein Wunder nicht einmal seine Haut, und Mogens rollte sich verzweifelt auf den R�cken, packte mit beiden H�nden nach dem Fu�gelenk des Ghoul und trat gleichzeitig nach oben aus.</p><p>Das Ergebnis kam seiner verzweifelten Hoffnung nicht einmal nahe. Obwohl er mit aller Gewalt am Bein des Ungeheuers riss, schien es seine Anstrengungen nicht einmal zu bemerken, und sein hochgerissener Fu� verfehlte die Stelle zwischen den Beinen, an der auch ein Ghoul ganz besonders empfindlich sein musste, und schrammte nur an seinem Oberschenkel entlang. Immerhin schien ihm das wehzutun, denn der Ghoul heulte vor Schmerz und Wut schrill auf und versetzte ihm einen so wuchtigen Tritt, dass er meterweit �ber den gefliesten Boden rollte und heftig nach Atem ringend liegen blieb. Alles verschwamm vor seinen Augen, und vielleicht gelang es ihm nur aus dem einzigen Grund, nicht das Bewusstsein zu verlieren, weil er wusste, dass er dann nie wieder aufwachen w�rde.</p><p>Seine Kraft reichte jedoch nicht f�r mehr. Er wollte sich hochstemmen, aber seine Arme gaben unter dem Gewicht seines eigenen K�rpers nach.</p><p>Der Ghoul kam n�her, aber er schien es nun nicht mehr besonders eilig zu haben, als wisse er genau, dass ihm sein Opfer nun nicht mehr entkommen konnte - was der Wahrheit ziemlich nahe kam. Mogens war nicht einmal mehr in der Lage, aufzustehen, geschweige denn, zu fliehen.</p><p>Und wohin auch? Wenn die Ghoule aus ihrer unheimlichen Starre erwacht waren, dann gab es hier unten keinen Ort mehr, an dem sie in Sicherheit waren.</p><p>Hinter ihm erscholl ein spitzer Schrei. Der Ghoul fuhr mit einem Knurren herum, und auch Mogens drehte m�hsam den Kopf und erblickte Miss Preussler und das M�dchen, die hintereinander durch das Tor getreten waren.</p><p>Miss Preussler starrte das Ungeheuer aus aufgerissenen Augen an, w�hrend die junge Frau nicht einmal erschrocken wirkte, sondern allenfalls leise �berrascht. Da war auch Angst, aber es war eine vollkommen andere Art von Angst, als Mogens erwartet h�tte.</p><p>�Miss Preussler!�, schrie er. �Laufen Sie weg.� Aber es war viel zu sp�t. Miss Preussler �berwand ihre Erstarrung endlich, doch der Ghoul war bereits herumgefahren und hatte sie mit einem einzigen Satz erreicht. Seine m�rderischen F�nge blitzten auf und n�herten sich Miss Preusslers Kehle.</p><p>Was die Angst um sein eigenes Leben nicht bewirkt hatte, das schaffte dieser Anblick. Mogens sprang hoch, st�rzte auf das Ungeheuer zu und rammte ihm mit aller Gewalt die Schulter in die Seite. Diesmal war der Anprall selbst f�r das Ungeheuer zu viel. Mogens glaubte zwar, sein Schultergelenk knirschen zu h�ren, und der Schmerz war so schlimm, dass ihm �bel wurde und er auf die Knie fiel, aber auch der Ghoul taumelte haltlos zur�ck und st�rzte.</p><p>Ungl�ckseligerweise kam er auch fast ebenso schnell wieder auf die F��e.</p><p>Noch w�hrend Mogens mit zusammengebissenen Z�hnen aufstand und die Tr�nen wegzublinzeln versuchte, die ihm der Schmerz in die Augen trieb, kam er geduckt und mit pendelnden Armen n�her. Geifer tropfte von seinen F�ngen, und in seinen Augen funkelte blanke Mordlust. Wenigstens eines begriff Mogens in diesem allerletzten Moment, der ihm vielleicht noch blieb: Diese Kreaturen waren keine Tiere. Mogens hatte noch nie von einem Tier geh�rt, das aus blo�er Mordlust t�tete, doch genau das war es, was er nun sah.</p><p>Das Ungeheuer hatte ihn fast erreicht und hob die Klauen. Mogens �berlegte mit einer fast wissenschaftlichen, kalten Neugier, wie ihn die Kreatur wohl t�ten w�rde - mit ihren schrecklichen Krallen oder einem raschen Biss in die Kehle -, und sonderbarerweise hatte er fast gar keine Angst; allenfalls vor den Schmerzen, die ihm der Ghoul vielleicht zuf�gen w�rde, aber nicht mehr wirklich vor dem Tod.</p><p>Der Ghoul stie� ein heiseres Bellen aus und sprang ihn an, und hinter ihm erscholl ein peitschender Knall, und der Kopf der Bestie explodierte. Der Ghoul wurde mitten im Sprung herumgerissen und st�rzte mit unkontrolliert zuckenden Gliedma�en zu Boden, und Mogens stolperte hilflos einen Schritt zur�ck und sah sich wild um.</p><p>Ein zweiter, deutlich gr��erer Ghoul, den er bisher noch nicht einmal bemerkt hatte, st�rzte heulend auf ihn zu. Mogens riss entsetzt die Arme vor das Gesicht und stolperte einen weiteren Schritt zur�ck.</p><p>�Professor! Runter!�</p><p>Mogens lie� sich einfach fallen - und hinter ihm krachte ein zweiter Schuss. Die Kugel pfiff so dicht an ihm vorbei, dass er die Hitze der verbrannten Luft zu sp�ren glaubte, traf den Ghoul in die Schulter und riss ihn herum. Noch bevor er g�nzlich zu Boden fallen konnte, fiel ein dritter Schuss, der ihn diesmal mit schon fast unheimlicher Pr�zision in die Brust traf und auf der Stelle t�tete.</p><p>Mogens blieb sekundenlang wie gel�hmt liegen und starrte den reglosen Ghoul an. Er begriff nicht, was geschehen war, nicht einmal, als Miss Preussler zu ihm eilte und ihn auf die F��e zu ziehen versuchte. Erst als hinter ihm Schritte erschollen, fand er allm�hlich wieder zu sich selbst. Unsicher und Miss Preusslers hilfreich ausgestreckte H�nde geflissentlich ignorierend setzte er sich auf und drehte sich gleichzeitig halb herum. Seine Augen wurden gro�.</p><p>�Sie k�nnen jetzt aufstehen, Professor�, sagte Tom mit einem breiten, fast jungenhaften Grinsen. �Es waren nur diese beiden. Im Augenblick sind wir wohl sicher.�</p><p>�Thomas, mein lieber Junge!�, seufzte Miss Preussler. Sie klang unendlich erleichtert. �Gott schickt dich, da bin ich ganz sicher! Aber du h�ttest wirklich keine einzige Sekunde sp�ter kommen d�rfen!�</p><p>�Oh, ich bin schon seit 'ner ganzen Weile hier�, antwortete Tom in fast fr�hlichem Ton. Er blinzelte Mogens zu. �Ich wollte sehen, wie sich der Professor h�lt. Ich finde, f�r einen Mann wie ihn hat er sich gar nicht schlecht geschlagen.�</p><p>Mogens erwiderte sein L�cheln zwar schwach, aber er war nicht sicher, dass Tom tats�chlich nur einen Scherz gemacht hatte. Er wollte es im Grunde auch gar nicht wissen.</p><p>�Danke�, sagte er einfach.</p><p>�Kein Problem�, antwortete Tom feixend, allerdings nur, um gleich darauf und mit umso abrupter wirkender Pl�tzlichkeit ernst zu werden. �Sind Sie verletzt?�, fragte er.</p><p>�Nicht ernsthaft�, antwortete er. Mogens hoffte zumindest, dass das stimmte, und vielleicht haupts�chlich, um sich selbst von der Wahrheit dieser Behauptung zu �berzeugen, stemmte er sich unbeholfen in die H�he. Es gelang ihm nicht so m�helos, wie er es gerne gehabt h�tte, aber es gelang ihm - und das war vielleicht schon mehr, als er insgeheim erwartet hatte.</p><p>Tom musterte ihn einen Moment lang kritisch, schien dann aber zu einem Ergebnis zu gelangen, das ihn zufrieden stellte, und drehte sich zu Miss Preussler um. Ein Ausdruck nicht besonders �berzeugend geschauspielerter �berraschung erschien auf seinem Gesicht, als er das M�dchen ansah. �Wer ist das?�, fragte er.</p><p>�Wir wissen ihren Namen nicht�, sagte Mogens rasch, bevor Miss Preussler antworten konnte. �Sie war unten.� Er deutete mit einer Kopfbewegung zur T�r. Toms Blick formulierte eine stumme Frage, die er mit einem ebenso wortlosen Kopfsch�tteln beantwortete.</p><p>�Wo kommst du her, Thomas?�, fragte Miss Preussler. �Der Professor und ich haben kaum noch zu hoffen gewagt, dich lebend wiederzusehen.�</p><p>�Viel h�tt auch nicht gefehlt�, antwortete Tom in unerwartet ruppigem Ton, der klar machte, dass er nicht weiter �ber dieses Thema reden wollte. Allerdings entsch�rfte er ihn auch sogleich durch ein nun schon wieder jungenhaft wirkendes Grinsen.</p><p>�Sind dort unten noch mehr?�, fragte er.</p><p>Diesmal antwortete Mogens ganz bewusst so schnell, dass Miss Preussler keine Chance hatte, ihm zuvor zu kommen. �Dort unten ist alles zerst�rt�, sagte er. �Wir sind gerade noch so herausgekommen.�</p><p>�Da haben Sie verdammtes Gl�ck gehabt, Professor�, sagte Tom. Sein Blick flackerte f�r einen Moment unsicher, als er das zerfetzte B�ndel in den Armen des M�dchens streifte, aber er verbiss sich jede entsprechende Bemerkung.</p><p>�Was ist mit Graves?�, fragte Mogens. �Hast du etwas von ihm geh�rt?�</p><p>�Es hat ihn ziemlich �bel erwischt�, antwortete Tom, �aber er wird sich wieder erholen, da bin ich sicher. Er hat schon Schlimmeres �berstanden.�</p><p>�Graves lebt?�, vergewisserte sich Mogens ungl�ubig. Er hatte nicht damit gerechnet, noch einmal etwas von Graves zu h�ren, geschweige denn, ihn noch einmal lebend wiederzusehen. �Wo ist er?�</p><p>�Vorne, in dem kleineren Raum links vom Eingang�, antwortete Tom mit einer entsprechenden Geste und verbesserte sich rasch: �Rechts, von hier aus gesehen. Aber machen Sie sich bemerkbar, wenn Sie sich ihm n�hern. Er ist ziemlich nerv�s. Und er hat ein Gewehr.�</p><p>�Wir gehen vielleicht besser alle zusammen�, schlug Miss Preussler vor. �Ich muss nicht unbedingt l�nger in der Gesellschaft dieser...�, sie sah fl�chtig auf die toten Ghoule hinab, <emphasis>�Kreaturen </emphasis>bleiben, als unbedingt notwendig ist.�</p><p>�Dann gehen wir -�, sagte Tom. �Professor?�</p><p>Mogens nickte. Auch ihm bereitete die N�he der beiden Ghoule - ob tot der lebendig - zunehmend gr��eres Unbehagen.</p><p>�Dann kommen Sie�, sagte Tom. Er schwang sich in einer �bertriebenen Bewegung das Gewehr �ber die Schulter, die nicht so recht zu ihm passen wollte, fand Mogens. So als diene sie haupts�chlich dem Zweck, ihm selbst Mut zu machen. �Aber seien Sie vorsichtig. Ich hab zwar nur diese beiden Ungeheuer gesehen, aber man kann nie wissen.�</p><p>Tom schien von ihm zu erwarten, dass er vorausging. Als Mogens sich nicht r�hrte, zuckte er mit den Schultern und wandte sich mit einer demonstrativ beil�ufigen Bewegung um, um die F�hrung zu �bernehmen. Auch Miss Preussler und das M�dchen setzten sich in Bewegung - wenn auch erst, nachdem Mogens mehrere Schritte zur Seite gemacht hatte. Das M�dchen hatte ganz offensichtlich immer noch Angst vor ihm; und der Sicherheitsabstand, auf dem es beharrte, war ganz eindeutig gr��er geworden - m�glicherweise aus dem simplen Grund heraus, dass es hier oben einfach mehr Platz gab.</p><p>Mogens seinerseits studierte das Gesicht des M�dchens sehr aufmerksam, als es in vier oder f�nf Schritten Abstand an ihm vor�ber ging. Bisher hatte er es eher vermieden, sie so offen anzustarren; einerseits aus einem vollkommen absurden Gef�hl von Takt heraus, andererseits aber auch, weil er sp�rte, dass er ihr damit tats�chlich Angst machte. Etikette schien ihm hier unten jedoch wenig Sinn zu machen, und das heftige Brennen, wo seine Handr�cken Bekanntschaft mit ihren Fingern�geln gemacht hatten, sorgte daf�r, dass sich sein schlechtes Gewissen in Grenzen hielt.</p><p>Der Anblick des toten Kindes, das sie mit aller Kraft an sich dr�ckte, jagte ihm noch immer einen eisigen Schauer �ber den R�cken, viel aufschlussreicher aber fand er im Moment die Blicke, die sie den toten Ghoulen zuwarf. Sowohl Tom als auch Miss Preussler hatten ganz unbewusst einen Bogen geschlagen, um dem Leichnam des erschossenen Ungeheuers nicht zu nahe zu kommen, doch das M�dchen schien solcherlei Hemmungen nicht zu kennen. Ganz im Gegenteil fehlten nur Zentimeter, und sie w�re einem der toten Ghoule auf die Hand getreten. Mogens wusste viel zu wenig �ber sie, um den Ausdruck in ihren Augen deuten zu k�nnen, aber immerhin sah er seinen ersten Eindruck von vorhin best�tigt: Das M�dchen hatte nicht die geringste Angst vor den Ghoulen. Sie f�rchtete sie, aber was sie an diesen Wesen �ngstigte, war ganz eindeutig nicht das blanke Entsetzen, das jeden Menschen bei der blo�en <emphasis>Erkenntnis </emphasis>der Existenz einer so gr�sslichen Zwitterkreatur aus Mensch und Tier �berkommen musste. Was die dunkelhaarige junge Frau beim Anblick des Wesens empfand, das war durchaus Furcht, aber jene Art von resignierender Furcht, die ein Mensch einer Naturgewalt gegen�ber empfinden mochte, die ihn mit beil�ufiger Gleichg�ltigkeit auszul�schen vermochte, im Prinzip aber nicht feindselig war - und nicht einmal wirklich gef�hrlich, solange man wusste, wie man mit ihr umzugehen hatte.</p><p>Auf jeden Fall, f�gte er finster in Gedanken hinzu, scheint sie diese Kreaturen deutlich weniger zu f�rchten als mich.</p><p>Mogens brach diese unerfreuliche �berlegung ab und lie� seinen Blick aufmerksam �ber W�nde und Decke der gro�en Halle schweifen. Er konnte nicht sagen, ob die Spuren von Zerst�rung und Verfall, die er auch hier auf Schritt und Tritt sah, alt oder auf das gerade �berstandene Beben zur�ckzuf�hren waren. Auf jeden Fall hatte es dieses Geb�ude nicht ann�hernd so schwer getroffen wie das unterirdische Labyrinth. Weiter oben, wo der Himmel nicht mehr aus Stein bestand, war m�glicherweise nur ein sachtes Zittern zu sp�ren gewesen, und vielleicht nicht einmal das. Pl�tzlich kam Mogens zu Bewusstsein, wie vollkommen fremd und unbekannt diese Welt war, durch die sie sich bewegten. Sie befanden sich vielleicht f�nfzig Meter unter der Erdoberfl�che - wahrscheinlich weniger -, und trotzdem bewegten sie sich durch eine Welt, die so vollkommen fremdartig und bizarr war, dass sie ebenso gut auf der Oberfl�che eines anderen Planeten liegen k�nnte - was in gewissem Sinne sogar zutraf. Mogens fragte sich, wie viele Geheimnisse wohl noch unentdeckt unter ihren F��en darauf warten mochten, entdeckt zu werden.</p><p>Tom blieb pl�tzlich stehen und rief: �Doktor Graves? Ich bin's, Tom. Ich hab den Professor und Miss Preussler gefunden. Wir kommen jetzt zu Ihnen rein.�</p><p>Er bekam keine Antwort, aber das schien ihm zu gen�gen. Er bedeutete Miss Preussler und dem M�dchen zwar mit einer entsprechenden Geste zur�ckzubleiben und nahm auch das Gewehr von der Schulter, trat aber dann ohne zu z�gern durch die T�r. Miss Preussler folgte ihm, und als auch Mogens sich in Bewegung setzte, beeilte sich das M�dchen, sich ihm anzuschlie�en - wenn auch vermutlich mehr, damit der Abstand zwischen Mogens und ihr nicht zu klein wurde.</p><p>Der Saal, den sie betraten, war nur unwesentlich kleiner als die Halle hinter dem Eingang, aber niedriger und deutlich besser erhalten. Decke und W�nde waren kaum besch�digt, und auch den Fresken und Wandmalereien hatte die Zeit nicht sehr viel anhaben k�nnen. Ein gutes Dutzend Fackeln - die meisten waren kaum heruntergebrannt, und Mogens nahm an, dass Tom sie entz�ndet hatte - sorgte f�r flackernde, aber �berraschend intensive Helligkeit, erf�llte die Luft aber auch mit einem durchdringenden Brandgeruch, der zum Husten reizte.</p><p>Graves hockte mit angezogenen Beinen vor der gegen�berliegenden Wand, und Mogens musste ihm nur einen einzigen, fl�chtigen Blick zuwerfen, um Toms �berm��ig erscheinende Vorsicht zu verstehen. Graves hatte das Gewehr quer �ber den Knien liegen und umklammerte es mit beiden H�nden. Er befand sich in einem furchtbaren Zustand - einem Zustand, in dem Menschen dazu neigen, �bereilt zu reagieren und Fehler zu machen.</p><p>Er war vollkommen durchn�sst. Sein Haar klebte am Sch�del und hing ihm in wirren Str�hnen ins Gesicht, und aus seiner Kleidung tropfte Wasser, das sich bereits zu einer ansehnlichen Pf�tze unter ihm gesammelt hatte. Er zitterte am ganzen Leib, und als Mogens sich ihm vorsichtig n�herte, sah er, dass sein Gesicht eingefallen und grau wirkte, als w�re er in den letzten zwanzig Minuten um die gleiche Anzahl von Jahren gealtert.</p><p>�Gro�er Gott, Jonathan�, fl�sterte er. �Was ist mit dir passiert?�</p><p>Im allerersten Moment sah es so aus, als h�tte Graves seine Worte nicht einmal geh�rt. Erst nach ein paar Sekunden hob er langsam und zitternd den Kopf und sah Mogens an. Doch was er in seinen Augen las, das war sehr viel weniger Erkennen, als vielmehr ein blankes, abgrundtiefes Entsetzen. �Wasser�, stammelte er. �Es... es ist voller Wasser, Mogens.�</p><p><emphasis>�Was </emphasis>ist voller Wasser?�, fragte Mogens.</p><p>Graves' H�nde schlossen sich fester um Schaft und Lauf des Gewehres, aber es war keine Bewegung, von der Gefahr ausging. Graves brauchte einfach irgendetwas, an dem er sich mit aller Kraft festklammerte konnte, um nicht den Halt in der Wirklichkeit zu verlieren. �Wasser, Mogens�, stammelte er noch einmal. �Sie leben im Wasser!�</p><p>�Wer lebt im Wasser?�, erwiderte Mogens verwirrt. Dann begann er zu begreifen. �Die Pyramide?�, fragte er. �Du warst in der Pyramide? Du hast sie gesehen?�</p><p>Graves sch�ttelte abgehackt den Kopf. Sein Zittern verst�rkte sich. �Ich war dort, Mogens�, fl�sterte er. �Das Tor. Es ist offen.�</p><p>Mogens riss ungl�ubig die Augen auf. �Das Tor?�, wiederholte er. �Du warst dort? Du hast sie gesehen?�</p><p>Graves nickte. Der Ausdruck von Entsetzen in seinen Augen nahm noch zu. �Es ist alles voller Wasser�, fl�sterte er. �Da sind... St�dte. Gewaltige Dinge. Ich habe sie gesehen, Mogens.�</p><p>�Die alten G�tter der �gypter?�</p><p>Die abgehackte Bewegung, mit der Graves antwortete, war unm�glich zu deuten. Sie konnte ein Nicken sein, ebenso gut aber auch ein Kopfsch�tteln oder etwas g�nzlich anderes. �Die Bewohner des Hundssterns�, fl�sterte er. �Sie sind keine G�tter, Mogens. Sie sind...� Er schluckte schwer, l�ste die linke Hand vom Lauf seines Gewehrs und fuhr sich nerv�s damit �ber den Mund.</p><p>�Was?�, fragte Mogens erregt. �Was sind sie, Jonathan?�</p><p>Das Flackern in Graves' Augen nahm f�r einen Moment noch zu, und f�r eine noch winzigere Zeitspanne war Mogens fast sicher, dass er den schmalen Grat zum Wahnsinn �berschritten hatte. Dann aber geschah etwas Unerwartetes: Graves' Blick kl�rte sich. Wahnsinn und Terror waren von einem Sekundenbruchteil auf den anderen aus seinen Augen verschwunden, und die alte, geringsch�tzige �berheblichkeit kehrte wieder zur�ck.</p><p>�Nichts�, sagte er. �Wir werden sp�ter dar�ber reden, in der geb�hrenden Ruhe. Jetzt halte ich es allerdings eher f�r angezeigt, von hier zu verschwinden.� Er f�gte nicht hinzu: <emphasis>Solange wir es noch k�nnen, </emphasis>aber irgendwie h�rte Mogens es trotzdem.</p><p>�Sie sind erwacht, nicht wahr?�, fragte er leise.</p><p>�Die Ghoule?� Graves schien einen Herzschlag lang �ber diese Frage nachdenken zu m�ssen, sch�ttelte aber dann den Kopf. �Nein. Nur einige wenige, die uns bis hierher verfolgt haben. Aber ich f�rchte, uns bleibt trotzdem nicht mehr sehr viel Zeit.�</p><p>Er l�ste nun auch die andere Hand vom Gewehr, um die Taschenuhr unter seiner Jacke hervorzuziehen und mit einer flie�enden Bewegung des Daumens den Deckel aufzuklappen. �Wenn meine Berechnungen richtig sind�, sagte er, nachdem er einen Blick auf das Ziffernblatt geworfen und den Deckel wieder zugeklappt hatte, �weniger als eine Stunde.�</p><p>�Eine Stunde?�, wiederholte Mogens z�gernd. �Was geschieht dann?�</p><p>�Das Tor hat bereits begonnen, sich zu schlie�en�, antwortete Graves. �Ich f�rchte, sp�testens dann werden sie alle aus ihrer Starre...� Er brach mitten im Satz ab. Seine Augenbrauen rutschten ein St�ck nach oben und verschwanden unter den nassen Haarstr�hnen, als er die schmale, dunkelhaarige Gestalt neben Miss Preussler gewahrte. Die beiden Frauen waren in einigen Schritten Abstand stehen geblieben. Miss Preussler musterte Graves auf ihre schon gewohnte missbilligende Art, an der auch das, was sie zwischenzeitlich erlebt hatten, nichts ge�ndert zu haben schien, w�hrend der Ausdruck in den Augen des M�dchens zwischen Neugier und m�hsam niedergehaltener Furcht schwankte.</p><p>�Ich sehe, du hattest Erfolg�, fuhr Graves in ver�ndertem Ton fort. �Wenn auch nicht allzu viel.�</p><p>Kein Zweifel, dachte Mogens, er war wieder fast ganz der Alte. �Wir konnten nichts f�r die anderen tun�, antwortete er. �Wir waren unten, in einer Art Labyrinth. Das Beben hat es fast vollkommen zum Einsturz gebracht. Wir sind mit M�he und Not noch herausgekommen.�</p><p>�Ja, das habe ich bef�rchtet�, sagte Graves. �Offensichtlich f�hrt das �ffnen und Schlie�en des Tores zu gewissen Nebenwirkungen. Was auch nicht weiter erstaunlich ist, wenn man bedenkt, welch gewaltige Kr�fte vonn�ten sein m�ssen, um...� Er brach abermals ab. Seine Augen wurden schmal. �Was tr�gt sie da?�, murmelte er.</p><p>Ohne Mogens' Antwort abzuwarten, stand er auf und ging mit raschen Schritten auf das M�dchen zu. Sie reagierte ganz genau so, wie Mogens erwartet hatte: Mit einem hastigen Schritt sprang sie zur�ck, presste das B�ndel nunmehr mit beiden Armen und noch fester an sich und suchte schlie�lich hinter Miss Preusslers R�cken Schutz. Graves runzelte zwar verwundert die Stirn, hielt aber dennoch in unver�ndertem Tempo auf sie zu und blieb erst stehen, als Miss Preussler eine unmissverst�ndliche Geste machte und ihm den Weg vertrat.</p><p>�Das sollten Sie lieber lassen, Doktor Graves�, sagte sie k�hl.</p><p>�Wieso?�, schnappte Graves.</p><p>�Weil dieses arme Kind vollkommen verst�rt und ver�ngstigt ist�, antwortete Miss Preussler. �Und sie scheint mir Angst vor M�nnern zu haben.�</p><p>�Ach?�, machte Graves. Er trat dennoch einen weiteren Schritt auf sie zu und streckte fordernd die Hand aus. �Zeig mir, was du da hast!�</p><p>�Was sind Sie nur f�r ein unm�glicher Mensch, Doktor Graves�, sagte Miss Preussler kopfsch�ttelnd. �K�nnen Sie sich denn gar nicht vorstellen, was dieses arme Kind durchgemacht hat?� Sie funkelte Graves herausfordernd an und f�gte, als sie keine Antwort bekam, hinzu: �Aber vermutlich ist Ihnen das egal.�</p><p>�Was sie uns zu erz�hlen hat, k�nnte lebenswichtig sein�, antwortete Graves. �Auch f�r Sie, Miss Preussler.�</p><p>�Wenn das stimmt, haben wir ein Problem�, mischte sich Mogens ein. Graves drehte sich fast widerwillig zu ihm herum und zog fragend die Augenbrauen zusammen, und Mogens musste sich beherrschen, um nicht zu schadenfroh zu klingen, als er fortfuhr: �Sie kann n�mlich nicht reden.�</p><p>�Wie praktisch�, sagte Graves sp�ttisch. �Und was tr�gt sie da bei sich?� Er hob erneut die Hand, und das M�dchen verkroch sich noch weiter hinter Miss Preusslers R�cken.</p><p>�Lassen Sie es mich noch einmal versuchen�, sagte Miss Preussler hastig. �Vielleicht bringe ich sie zum Reden. Allerdings nur, wenn Sie sie nicht vorher noch weiter einsch�chtern, Sie grober Klotz.�</p><p>Ihre Worte schienen Graves eher zu am�sieren. �F�nf Minuten�, sagte er. �Allerh�chstens. Tom, Mogens - kommt mit.�</p><p>Er winkte den beiden Angesprochenen zu und wandte sich zugleich mit einem Ruck zur T�r, machte aber noch einen kleinen Umweg, um das Gewehr zu holen, das er gegen die Wand gelehnt hatte. Mogens fiel ein leichter Schie�pulvergeruch auf, als er an ihm vor�berging, und er musste wieder an den einzelnen Schuss denken, den sie geh�rt hatten, kurz bevor Tom sie verlie�. Was immer sich auch in der Pyramide zugetragen hatte - die erste Begegnung zwischen einem modernen Menschen und den Bewohnern des Sirius schien nicht unbedingt friedlich verlaufen zu sein.</p><p>Er wartete, bis sie sich au�er Miss Preusslers H�rweite befanden, aber dann konnte er seine Ungeduld nicht l�nger beherrschen. �Wollt ihr mir nicht erz�hlen, was euch widerfahren ist?�, fragte er.</p><p>�Vielleicht sp�ter�, antwortete Graves. Er machte eine unwillige Geste, als Mogens widersprechen wollte. �Du erwartest nicht, dass ich dir von der vielleicht wichtigsten Begebenheit der Menschheitsgeschichte zwischen T�r und Angel erz�hle�, sagte er.</p><p>Mogens erwartete eigentlich nicht, dass Graves ihm <emphasis>�berhaupt etwas </emphasis>erz�hlen w�rde - jedenfalls nichts, von dem er nicht mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen konnte, dass er es ohnehin schon wusste. Dennoch fuhr er fort: �Ich wollte nur meiner Erleichterung Ausdruck verleihen, dich lebend und unversehrt wiederzusehen. Miss Preussler und ich waren ganz krank vor Sorge um dich.�</p><p>�Ja, ich bin sicher, es hat euch das Herz gebrochen�, versetzte Graves. Er sch�ttelte den Kopf. �Ich kann dich verstehen, Mogens. Bei Gott, ich an deiner Stelle w�rde wahrscheinlich versuchen, die Wahrheit mit Gewalt aus mir herauszupr�geln! Aber ich muss dich noch um ein wenig Geduld bitten. Ich muss... �ber einiges nachdenken. Sp�ter wirst du alles erfahren, darauf gebe ich dir mein Wort.�</p><p>�Und wenn wir es nicht hier heraus schaffen?�, fragte Mogens.</p><p>�Wenn wir nicht binnen einer Stunde hier heraus sind�, antwortete Graves ruhig, �dann werden wir alle mit Gewissheit sterben. Und dann spielt es auch keine Rolle mehr, oder?�</p><p>Mogens sparte es sich, ihn darauf hinzuweisen, dass es dann auch keine Rolle spielte, wenn er ihm vorher erz�hlte, was er herausgefunden hatte. Graves wollte nicht �ber seine Erlebnisse reden, und diese Weigerung hatte nichts mit dem Zeitpunkt zu tun. Vielleicht war es einfach zu entsetzlich gewesen. Auch wenn er wieder zu seiner gewohnten Arroganz zur�ckgefunden hatte, so waren ihm die �berstandenen Strapazen doch deutlich anzusehen.</p><p>Sie hatten den Ausgang fast erreicht. Tom, der die F�hrung �bernommen hatte, nahm das Gewehr von der Schulter und gebot ihnen mit der anderen Hand, zur�ckzubleiben. �Ich seh mich drau�en um�, sagte er mit gesenkter Stimme. �Ich glaub zwar, dass ich sie alle erwischt hab, aber man kann nie wissen. Warten Sie hier.�</p><p>�Sei vorsichtig�, sagte Graves. �Und beeil dich.�</p><p>Tom lud sein Gewehr durch, bevor er das Geb�ude verlie�, was seiner zur Schau getragenen Zuversicht etliches von ihrer Glaubw�rdigkeit nahm. Schon nach wenigen Schritten war er fast aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden, aber das lag diesmal nicht an der sonderbaren perspektivischen Verzerrung, die in dieser Stadt vorherrschte; vielmehr bewegte sich Tom, kaum dass er die vermeintliche Mastaba verlassen hatte, mit einer Eleganz und Schnelligkeit, die jedem Indianerscout zur Ehre gereicht h�tte. So schnell, dass das Auge ihm kaum noch zu folgen vermochte, huschte er von Deckung zu Deckung und war schlie�lich ganz verschwunden.</p><p>�Ein guter Junge�, sagte Graves. �Manchmal von etwas schlichtem Gem�t, aber durchaus brauchbar. Ohne ihn w�re ich nicht mehr am Leben.�</p><p>�Ich auch nicht�, sagte Mogens. Er verbesserte sich. �Wir auch nicht.�</p><p>�Die beiden Ghoule, die dir an der T�r aufgelauert haben�, vermutete Graves.</p><p>Mogens nickte ganz automatisch. Erst dann fiel ihm auf, was Graves �berhaupt gesagt hatte. �Woher wei�t du, dass es zwei waren?�, fragte er. Graves antwortete nicht, und Mogens fuhr nach einer Sekunde und mit zornbebender Stimme fort: �Du hast sie gesehen. Du hast gesehen, dass sie uns hinter der T�r aufgelauert hatten, aber du hast es nicht f�r n�tig befunden, uns zu Hilfe zu kommen.�</p><p>�Tom ist ein ausgezeichneter Sch�tze, wie du vermutlich selbst best�tigen kannst�, antwortete Graves k�hl. �Und ich war in diesem Moment ein wenig... indisponiert.� Er drehe sich auf dem Absatz herum. �Lass uns nachsehen, wie weit Miss Preussler mit ihrer Seelenmassage ist.�</p><p>�Sollten wir nicht besser auf Tom warten?�, fragte Mogens.</p><p>�Wozu?� Graves ging einfach weiter. �Tom kann schon auf sich aufpassen. Sollte er auf eine Gefahr sto�en, mit der er nicht fertig wird, dann k�nnen wir ihm wahrscheinlich auch nicht mehr helfen.�</p><p>�Ein Grund mehr, es zu versuchen.�</p><p>�Bl�dsinn�, fauchte Graves. �Wir sind Wissenschaftler, Mogens, keine Soldaten! Was ist los mit dir? Hast du pl�tzlich dein Abenteurerblut entdeckt?�</p><p>�Wenn du wirklich so denkst, wozu hast du dann ein Gewehr?�, fragte Mogens.</p><p>�Weil es sich gut macht�, antwortete Graves, �vor allem, wenn Frauen dabei sind. Habe ich dir vergessen zu erz�hlen, dass ich unstillbar in Miss Preussler verliebt bin?�</p><p>�Das trifft sich gut�, sagte Mogens. �Dasselbe hat mir Miss Preussler �ber ihre Gef�hle f�r dich gestanden. Sie wusste nur nicht, wie sie es dir klar machen sollte.� Er sah Graves so treuherzig an, wie er konnte. �Ich bin durchaus bereit, den <emphasis>Postillon d'Amour </emphasis>zu spielen, wenn du es w�nschst.�</p><p>�Aus alter Freundschaft, nehme ich an�, vermutete Graves.</p><p>Mogens lachte zwar leise, f�hrte das sinnlose Gepl�nkel aber nicht weiter. Sie hatten die Halle auch bereits wieder erreicht. Miss Preussler redete noch immer mit beruhigenden Gesten auf das M�dchen ein. Der angstvolle Ausdruck auf ihrem Gesicht schien ein wenig nachgelassen zu haben. Dennoch hob Miss Preussler rasch die Hand, als sie ihre Schritte h�rte, und auch Mogens streckte rasch den Arm aus und hielt Graves zur�ck.</p><p>�H�r besser auf sie�, sagte er. �Ich bin froh, dass das M�dchen wenigstens zu ihr ein wenig Zutrauen gefasst hat. Sie scheint panische Angst vor Fremden zu haben.�</p><p>Graves funkelte ihn zwar �rgerlich an und riss seinen Arm los, aber er blieb dennoch stehen und geduldete sich, bis Miss Preussler sich endlich zu ihnen herumdrehte und nickte.</p><p>�Kommen Sie n�her�, sagte sie. �Aber nicht zu nahe. Und erschrecken Sie sie nicht.�</p><p>Graves zog eine Grimasse, und auch Mogens fand Miss Preusslers Sorge mittlerweile eindeutig �bertrieben. Graves bewegte sich jedoch tats�chlich sehr vorsichtig, und er blieb auch sofort wieder stehen, als Miss Preussler ihm mit einem missbilligenden Stirnrunzeln zu verstehen gab, dass das jetzt genug war. Er war jetzt auch nahe genug, um zu erkennen, was sich in dem B�ndel befand.</p><p>�Ist das... ein Kind?�, fragte er z�gernd.</p><p>�Wenn Sie es so nennen wollen�, antwortete Miss Preussler und schlug das Tuch beiseite, das das Gesicht des vermeintlichen Babys bedeckte.</p><p>Graves' Reaktion �berraschte Mogens. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Graves in Hysterie verfallen w�rde, doch Graves reagierte praktisch �berhaupt nicht. Er wirkte nicht einmal �berrascht, sondern allenfalls interessiert.</p><p>�Ich w�rde es auf jeden Fall als totes Kind bezeichnen�, sagte er. �Wieso tr�gt sie es bei sich?�</p><p>�Warum versuchst du nicht, es ihr wegzunehmen, Jonathan�, fragte Mogens. Er blickte auf seine H�nde hinab. Die Kratzer hatten aufgeh�rt zu bluten, brannten aber immer noch wie Feuer. Sobald sie wieder oben im Lager waren, dachte er, wurde er Miss Preussler bitten m�ssen, die Wunden gr�ndlich zu desinfizieren. Wei� der Teufel, wie viele Krankheitserreger unter den schmutzigen N�geln des M�dchens waren. Einen Augenblick sp�ter musste er �ber seine eigenen Gedanken l�cheln. Wenn er sich richtig konzentrierte, dann fielen ihm vielleicht zwei oder drei Punkte ein, �ber die es sich eher Sorgen zu machen lohnte...</p><p>�Sind Sie weitergekommen?�, wandte sich Graves an Miss Preussler. �Ich meine: Konnten Sie mit ihr reden?�</p><p>�Nein�, antwortete Miss Preussler. Sie wirkte ein bisschen niedergeschlagen. �Entweder sie kann nicht sprechen, oder sie will es nicht. Ich glaube allerdings eher, sie kann es nicht. Das Einzige, was ich bisher mit Sicherheit wei� ist, dass sie gro�e Angst vor M�nnern hat.� Sie zuckte ungl�cklich mit den Schultern. �Und dass sie sich weigert, dieses tote Kind zur�ckzulassen.�</p><p>�Das k�nnte daran liegen, dass es ihres ist�, sagte Graves ruhig.</p><p>Miss Preussler wurde kreidebleich. �Was reden Sie da? Dieses... dieses Ding ist nicht einmal ein Mensch.�</p><p>�Zum Teil sicher nicht�, best�tigte Graves. �Zu einem anderen schon. Nein, Miss Preussler, ich f�rchte, diese bedauernswerte junge Dame ist die Mutter dieses schrecklichen Gesch�pfes.�</p><p>�Das ist vollkommen absurd!�, beharrte Miss Preussler. Aber die Blicke, mit denen sie das M�dchen ma�, wirkten mit einem Mal unsicherer, fast �ngstlich.</p><p>�Es best�tigt das, was ich vermutet habe�, murmelte Graves. �Auch wenn ich zugeben muss, dass ich es vorgezogen h�tte, mich zu irren.�</p><p><emphasis>�Was </emphasis>hast du vermutet, Jonathan?�, fragte Mogens.</p><p>Graves ignorierte ihn. Einige Sekunden lang sah er das M�dchen mit gro�er Konzentration an, dann wandte er sich an Miss Preussler. �Ich bitte um Entschuldigung, meine Liebe, aber ich f�rchte, ich muss Ihnen eine etwas unschickliche Frage stellen.�</p><p>�Ich kann mir kaum etwas vorstellen, was noch... <emphasis>unschicklicher </emphasis>ist als das hier.�</p><p>Graves druckste einen Moment herum. �Sie waren niemals verheiratet, nicht wahr?�, fragte er dann.</p><p>�Nein.�</p><p>�Aber Sie haben doch sicherlich... ich meine... also... haben Sie jemals...�</p><p>�Ja?�, fragte Miss Preussler.</p><p>Graves r�usperte sich unbehaglich und sah pl�tzlich �berallhin, nur nicht in ihre Richtung �K�nnen Sie Kinder bekommen, Miss Preussler?�, stie� er schlie�lich hervor.</p><p>�Wie?�, keuchte Miss Preussler.</p><p>�Haben Sie jemals in Erfahrung gebracht, ob Sie in der Lage sind, Kinder zu geb�ren?�, fragte Graves. �Wenn Sie verheiratet w�ren, selbstverst�ndlich�, f�gte er hastig hinzu.</p><p>Selbst im Farben ver�ndernden Licht der Fackeln konnte Mogens erkennen, dass Miss Preussler heftig err�tete. Aber der Ausbruch, auf den er wartete, blieb aus. �Nein�, gestand sie nach einer Weile. �Es... gab da einen jungen Mann, vor vielen Jahren. Er hatte ehrbare Absichten. Wir wollten heiraten, aber er entstammte einer sehr wohlhabenden und einflussreichen Familie aus dem S�den, und er war ihr letzter m�nnlicher Nachkomme. Seine Familie hatte wohl Angst, dass die Linie mit ihm endet, sollte er keine Nachkommen haben.�</p><p>�Also haben sie darauf bestanden, dass Sie sich einer entsprechenden Untersuchung unterziehen�, vermutete Graves.</p><p>�Ja�, best�tigte Miss Preussler. Aber sie sah Mogens bei diesem Wort an, und er konnte erkennen, wie unendlich schwer es ihr fiel, �ber diese intimen Details aus ihrem allerprivatesten Leben zu sprechen. �Das Ergebnis entsprach nicht unseren Erwartung. Ich kann keine Kinder bekommen. Diese Gnade hat Gott der HERR mir nicht zuteil werden lassen.�</p><p>�Seien Sie dankbar, dass es so ist�, antwortete Graves. �Gott war gn�dig zu Ihnen. Ihre Unfruchtbarkeit ist wahrscheinlich der Grund, aus dem Sie noch leben und bei uns sind.�</p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Mogens.</p><p>Graves fuhr, an Miss Preussler gewandt, fort. �Erinnern Sie sich, was Sie mir erz�hlt haben? Die Ghoule haben Sie untersucht, auch an... �hm... intimen Stellen. Ich glaube, sie haben Sie nur gehen lassen, weil Sie nicht in der Lage sind, Kinder zu geb�ren.�</p><p>�Unsinn!�, sagte Mogens. Aber das war wenig mehr als ein blo�er Reflex, in Grunde nur der Ausdruck des Entsetzens, mit dem ihn das erf�llte, was Graves sagte. Dennoch fuhr er mit schriller Stimme fort: �Woher sollten diese Kreaturen das wissen?�</p><p>�Was wei� ich�, antwortete Graves. �Vielleicht haben sie es gerochen. Vielleicht sp�ren sie es irgendwie. Manche Tiere verf�gen �ber sehr scharfe Sinne, Mogens, und diese Wesen stammen nicht einmal von unserer Welt. Und es passt alles zu dem, was ich in den letzten Jahren in Erfahrung gebracht habe.�</p><p>Mogens weigerte sich immer noch zu akzeptieren, was er h�rte, auch wenn er tief in sich l�ngst begriffen hatte, dass es so war. Er konnte trotzdem nicht anders: �Du willst uns doch nicht ernsthaft weismachen...�</p><p>�... dass diese Ungeheuer menschliche Frauen entf�hren, um sich mit ihnen fortzupflanzen?�, fiel ihm Graves ins Wort. Er zuckte die Achseln. �Was ich wei� ist, dass ich niemals ein Weibchen dieser Bestien zu Gesicht bekommen habe. Und dass sie schon seit langer Zeit Frauen entf�hren, von denen nie wieder eine Spur gesehen wird. Reim dir den Rest selbst zusammen.�</p><p>�Aber das ist v�llig unm�glich!�, beharrte Mogens. �Es ist eine vollkommen fremde Spezies! Wie k�nnen sie sich mit Menschen paaren?�</p><p>�Du hast es selbst gesagt, Mogens�, antwortete Graves. �Es ist eine vollkommen fremde Spezies. Wir wissen nicht, wozu sie f�hig sind und wozu nicht. Wir wissen nicht einmal, ob die Kreaturen, die wir kennen gelernt haben, tats�chlich dieselben sind, die vor so langer Zeit hierhergekommen sind. Vielleicht waren sie ganz anders. Vielleicht ist das, was wir kennen, nur das Ergebnis der Vermischung unserer beider Rassen.�</p><p>Mogens hatte das Gef�hl, dass das noch nicht alles war. Es war m�glicherweise alles, was Graves sagen wollte, aber ganz gewiss nicht alles, was er <emphasis>wusste. </emphasis>Bevor er jedoch eine entsprechende Frage stellen konnte, mischte sich Miss Preussler ein.</p><p>�Bitte verzeihen Sie, Doktor Graves�, sagte sie. �Ich bin sicher keine Wissenschaftlerin und verstehe nichts von alledem, wor�ber Sie da reden - aber was Sie sagen, erscheint mir vollkommen unsinnig.�</p><p>�So?�, fragte Graves. Er wirkte leicht am�siert.</p><p>�Ich meine: Selbst wenn Sie Recht haben, was die Herkunft dieser Kreaturen angeht - wie kann sich eine Spezies entwickeln, die nur aus m�nnlichen Exemplaren besteht?� Sie l�chelte unsicher. �Auch wenn ich nicht viel Erfahrung in diesen Dingen habe, so scheint mir da doch... etwas zu fehlen.�</p><p>�Ein sehr kluger Einwand�, antwortete Graves. �Um ehrlich zu sein: Ich wei� es nicht. Niemand wei�, warum diese Wesen hierher gebracht worden sind. Vielleicht war es niemals geplant, dass sie sich fortpflanzen. Es ist gut m�glich, dass sie k�nstlich erschaffen worden sind.�</p><p>�K�nstlich?�, wiederholte Miss Preussler ungl�ubig.</p><p>�Vielleicht�, schr�nkte Graves ein. �Oder sie wurden nur hierher gebracht, um eine bestimmte Aufgabe zu erf�llen. Vielleicht wurden sie nur als Arbeiter hergebracht oder als W�chter... ich nehme nicht einmal an, dass sie hier bleiben sollten. Irgendetwas muss schief gegangen sein. Vielleicht sind einige wenige Exemplare entkommen und haben einen Weg gefunden, sich fortzupflanzen.�</p><p>�Und das hast du all die Zeit �ber gewusst?�, fl�sterte Mogens entsetzt.</p><p>�Nicht gewusst�, korrigierte ihn Graves. �Aber ich habe es geahnt - oder sollte ich besser sagen: bef�rchtet.�</p><p>�Und du hast es niemals jemandem gesagt?� Mogens' Stimme begann zu zittern. Er h�tte Graves angeschrien, h�tte er noch die Kraft dazu gehabt.</p><p>�Gesagt?�, wiederholte Graves, w�hrend er sich g�nzlich zu ihm herumdrehte und ihn auf sonderbar nachdenklich und teilnahmsvoll zugleich wirkende Weise ansah. �Aber wem denn?�</p><p>�Allen!�, erwiderte Mogens. �Der Polizei! Dem Milit�r! Den... den Beh�rden! Mir!�</p><p>Graves l�chelte milde. �Aber was h�tte ich ihnen denn sagen sollen?�, fragte er. �Dass ich den Verdacht habe, Gesch�pfe aus einer fremden Welt trieben seit Jahren ihr Unwesen bei uns? Dass ich glaube, dass sie Frauen entf�hren, damit sie ihre Kinder austragen, und unter Friedh�fen leben und sich von Leichen ern�hren?� Er sch�ttelte fast sanft den Kopf. �Wer h�tte mir wohl geglaubt?�</p><p>�Ich�, antwortete Mogens. Pl�tzlich drohte seine Stimme zu versagen. Es fiel ihm immer schwerer, Graves anzusehen, und noch schwerer, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. �Ich�, fl�sterte er noch einmal.</p><p>�Ich wei߫, antwortete Graves. �Du w�rst vielleicht der Einzige gewesen, mein Freund. Weil du sie gesehen hast. Aber ich konnte es dir nicht sagen.�</p><p>�Warum?�, murmelte Mogens. Brennende Hitze schoss ihm in die Augen, aber er sch�mte sich dieser Tr�nen nicht.</p><p>�Du warst noch nicht so weit�, antwortete Graves. �Was h�tte ich dir sagen sollen? Dass ich wei�, was mit Janice passiert ist?� Er sch�ttelte heftig den Kopf. �Du w�rst daran zerbrochen, Mogens. Ich <emphasis>konnte </emphasis>es dir nicht sagen.�</p><p>Mogens erwiderte nichts mehr darauf, und wie h�tte er es auch gekonnt? Seine Stimme versagte ihm endg�ltig den Dienst, und die Tr�nen liefen nun frei und ungehemmt �ber sein Gesicht. In seiner Brust tobte ein Orkan von Gef�hlen. Aber er versuchte vergeblich, auch nur eine Spur von Hass oder auch nur Zorn darin zu finden, der Graves galt. Graves hatte Recht. Selbst wenn er ihm geglaubt h�tte, so w�re er an diesem Wissen zerbrochen. Vielleicht war das Einzige, was ihn in den zur�ckliegenden neun Jahren am Leben erhalten hatte, tats�chlich die Hoffnung gewesen, Janice k�nnte noch leben, und er k�nnte sie eines Tages wiedersehen. Und trotzdem w�re der Gedanke, welcher Art dieses Leben war und welches gr�ssliche Schicksal ihr drohte, tausendmal schlimmer als das sichere Wissen um ihren Tod gewesen.</p><p>Statt noch irgendetwas zu Graves zu sagen, drehte er mit einem Ruck den Kopf und sah wieder das M�dchen an. Sie erwiderte seinen Blick mit einer Art vorsichtiger Neugier, aber die schreckliche Leere zog sich dennoch nicht ganz aus ihren Augen zur�ck. Mogens wusste nichts von diesem M�dchen, weder ihren Namen noch ihre Herkunft, und schon gar nichts �ber ihr Schicksal, wie sie in die Gewalt der Ghoule geraten war. Eines aber machte ihm dieser Blick in ihren Augen mit unersch�tterlicher Gewissheit klar: Wenn jemals etwas Menschliches in ihr gewesen war, so war es ihr genommen worden. Was die Ghoule ihren Opfern antaten, das ging �ber die blo�e k�rperliche Gewalt, die sie aus�bten, hinaus. Dieses bedauernswerte Gesch�pf bestand nur noch aus Furcht und Schmerz, und Mogens sp�rte auch, dass es nichts gab, was sie noch retten, ihr ihre verlorene Menschlichkeit zur�ckgeben konnte.</p><p>�Das sind also Ihre G�tter von den Sternen, Doktor�, sagte Miss Preussler bitter. �Die Wesen, denen Ihr ganzes Trachten und Handeln galt. Sie haben Ihr ganzes Leben lang nichts anderes getan, als nach ihnen zu suchen, habe ich Recht? Und? Hat es sich gelohnt?�</p><p>Graves antwortete nicht gleich. Obwohl Mogens sein Gesicht nur im Profil erkennen konnte, sah er doch den stummen Kampf, der sich hinter seiner Stirn abspielte. �Vielleicht habe ich mich geirrt�, sagte er ganz leise. �Vielleicht sind sie doch keine G�tter.�</p><p>�Woher kommt dieser pl�tzliche Sinneswandel?�, fragte Miss Preussler.</p><p>�Ich hatte niemals eine <emphasis>Meinung </emphasis>�ber sie, Miss Preussler�, antwortete Graves ernst. �Ich bin Wissenschaftler, und als solcher war ich neugierig.�</p><p>�Ach?�, fragte Miss Preussler. Sie sah auf seine H�nde hinab. �Mehr nicht?�</p><p>Graves blieb ihr die Antwort auf diese Frage schuldig und wandte sich stattdessen zu Mogens um. �Wir sollten sp�ter dar�ber reden�, sagte er. �Gab es au�er diesem armen M�dchen noch andere �berlebende?�</p><p>�Nicht mehr�, sagte Mogens schleppend. Er hatte M�he, sich auf die Beantwortung dieser einfachen Frage zu konzentrieren. Seine Gedanken �berschlugen sich noch immer. Er hatte das Gef�hl, den Boden unter den F��en zu verlieren.</p><p>�Das Beben�, vermutete Graves.</p><p>�Dort unten ist alles zusammengest�rzt�, antwortete Miss Preussler an Mogens Stelle. �Aber das bedeutet nicht, dass es nicht noch andere gibt. Als ich vergangene Nacht hier war...�</p><p>�Das mag sein�, fiel ihr Graves ins Wort. �Ich bin im Gegenteil sogar fast sicher, dass es noch andere gibt. Aber ich f�rchte, wir k�nnen im Moment nichts f�r sie tun. Uns bleibt nicht mehr sehr viel Zeit, von hier zu verschwinden.� Er zog seine Taschenuhr heraus und klappte den Deckel auf. �Eine gute halbe Stunde, um genau zu sein.�</p><p>�Ich werde hier nicht weggehen, solange sich ein einziger Mensch in der Gewalt dieser Bestien befindet�, sagte Miss Preussler entschieden.</p><p>�Dann werden Sie sterben�, antwortete Graves, �und retten niemanden. Nicht einmal dieses eine M�dchen.� Miss Preussler wollte auffahren, doch Graves fuhr mit einem Kopfsch�tteln und ganz leicht erhobener, trotzdem aber noch immer sanfter Stimme fort: �Seien Sie vern�nftig, Miss Preussler. Niemand hat etwas davon, wenn wir umkommen, und genau das wird geschehen, wenn sich das Tor schlie�t und die Ghoule erwachen.�</p><p>�Aber wir... k�nnen sie doch nicht einfach im Stich lassen�, sagte Miss Preussler. Sie wirkte unsicher, zugleich aber noch immer entschlossen, wenn auch jetzt auf eine eher trotzige Art.</p><p>�Wir k�nnten zur�ckkommen�, antwortete Graves. Er deutete auf das M�dchen. �Mit ihr und dem Kind als Beweis muss man uns glauben. Wir k�nnten wiederkommen und diesem ganzen Spuk ein Ende bereiten. Aber nur, wenn wir die n�chste Stunde �berleben.�</p><p>Miss Preussler schwieg endlose Sekunden. In ihrem Gesicht arbeitete es. Mogens konnte den verzweifelten Kampf erkennen, den sie mit sich selbst ausfocht. Um nichts auf der Welt w�rde sie auch nur einen einzigen Menschen hier zur�cklassen - aber Graves' Worte waren auch von einer zwingenden Logik, der sie nicht viel entgegenzusetzen hatte. Fast hilflos sah sie das M�dchen an, als erhoffe sie sich von ihr die Entscheidung, die sie selbst nicht zu treffen wagte, doch schlie�lich nickte sie.</p><p>�Also gut�, sagte sie. �Aber bilden Sie sich nicht ein, Sie k�nnten sich mit irgendeiner Ausrede davonmachen, Doktor Graves. Ich will Ihr Ehrenwort, dass Sie wirklich vorhaben, zur�ckzukommen und diese H�llenbrut auszul�schen.�</p><p>�Das haben Sie�, antwortete Graves.</p><p>Mogens hatte seine ganz eigene Meinung, was den Wert von Graves' <emphasis>Ehrenwort </emphasis>anging - aber er glaubte trotzdem zu sp�ren, dass es ihm zumindest in diesem Moment vollkommen ernst damit war. Was um alles in der Welt hatte Graves im Innern der Pyramide erlebt?</p><p>�Dann lassen Sie uns gehen�, sagte Miss Preussler.</p></section><section><title><p id="_50">50.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Tom kam zur�ck, gerade als sie sich dem Ausgang n�herten. Mogens h�tte nicht sagen k�nnen, ob es an der verwirrenden Optik der nichtmenschlichen Stadt drau�en lag oder er sich ganz bewusst an sie herangepirscht hatte, doch er tauchte so warnungslos aus dem Nichts auf, dass selbst Graves deutlich erschrocken zusammenfuhr.</p><p>Mogens' Sorge galt im ersten Moment allerdings mehr dem M�dchen, das Graves und ihm zusammen mit Miss Preussler in einigen Schritten Abstand folgte. Auf Toms unerwartetes Auftauchen reagierte sie so gut wie gar nicht, aber Mogens fragte sich, was sie wohl tun w�rde, wenn sie dieses Geb�ude verlie�en. Oder gar diese Stadt.</p><p>�Wie sieht es aus?�, fragte Graves, bevor Tom auch nur dazu kam, ein einziges Wort zu sagen.</p><p>�Nicht gut�, antwortete Tom unumwunden.</p><p>Graves schrak diesmal deutlich heftiger zusammen. �Haben <emphasis>sie </emphasis>uns gefunden?�, fragte er.</p><p>�Wer?�, fragte Mogens. �Von wem redest du?�</p><p>Sowohl Graves als auch Tom ignorierten ihn einfach. �Nicht direkt�, antwortete Tom. �Aber ich f�rchte, wir kommen nicht auf demselben Weg wieder raus, auf dem wir reingekommen sind. Ich hab etliche von <emphasis>ihnen </emphasis>auf dem Weg zum Eingang gesehen.�</p><p>�Von wem redest du?�, fragte Mogens. �Graves! Du hast gesagt, dass diese Bestien alle schlafen!�</p><p>�Das stimmt auch�, antwortete Graves unger�hrt. �Ich f�rchte, es handelt sich um eine Art... W�chter.�</p><p>�Die Sie alarmiert haben, als Sie in die Pyramide eingedrungen sind�, sagte Miss Preussler.</p><p>�Schuldzuweisungen�, antwortete Graves k�hl, ��ndern leider nichts an unserer Situation.� Er wandte sich an Tom.</p><p>�Wie viele sind es? Glaubst du, dass wir uns mit unseren Gewehren n�tigenfalls den Weg freik�mpfen k�nnen?�</p><p>Tom warf einen fl�chtigen Blick zu Mogens und den beiden Frauen, dann sch�ttelte er stumm den Kopf.</p><p>�Dann brauchen wir einen anderen Weg nach drau�en�, sagte Graves besorgt.</p><p>�Was ist mit dem Kanal?�, fragte Mogens.</p><p>�Was f�r ein Kanal?� Miss Preussler wurde hellh�rig.</p><p>�Es war Salzwasser�, fuhr Tom fort, als Graves nicht sofort antwortete, sondern ihn nur unentschlossen ansah. �Ich bin ziemlich sicher, dass er 'ne Verbindung zum Meer hat.�</p><p>�Von welchem Kanal reden Sie?�, fragte Miss Preussler. �Doktor Graves! Professor!�</p><p>�Und das Boot ist gro� genug f�r uns alle�, fuhr Tom unbeeindruckt fort.</p><p>�Was f�r ein Boot?�, fragte Miss Preussler scharf. <emphasis>�Professor!�</emphasis></p><p>�Tom hat ein Boot entdeckt�, antwortete er fast widerwillig. �Und einen Kanal, der m�glicherweise nach drau�en f�hrt.�</p><p>Miss Preussler starrte ihn an. Warum auch immer - Mogens konnte ihr ansehen, wie sehr sie die Tatsache erz�rnte, dass man ihr diese Entdeckung vorenthalten hatte. �Und das ging mich bisher nichts an, vermute ich�, sagte sie.</p><p>�Wir wollten Sie nicht unn�tig beunruhigen, meine Liebe�, sagte Graves, nun wieder in seinem gewohnten, arrogant�berheblichen Ton. �Au�erdem erschien uns dieser Kanal bisher nicht von gro�em Nutzen.� Er wandte sich wieder an Tom. �Ist der Weg bis dahin ungef�hrlich?�</p><p>Tom hob nur die Schultern.</p><p>�Worauf warten wir dann noch?�, fragte Miss Preussler. Sie klang noch immer ver�rgert. �Wenn uns wirklich nur noch so wenig Zeit bleibt, dann sollten wir sie nicht mit unn�tigem Reden vertr�deln.�</p><p>Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, h�tte Graves zu diesem Thema auch das eine oder andere beizutragen gehabt, aber er belie� es bei einem angedeuteten Achselzucken und wandte sich dann mit einem umso �bertriebeneren Nicken wieder an Tom. �Also gut. Wir beide gehen voraus. Mogens - du und die Frauen folgen uns, wenn ihr unser Zeichen seht.�</p><p>Welches Zeichen, wollte Mogens fragen, doch Graves und der Junge wandten sich bereits um und waren in der n�chsten Sekunde aus der T�r. Tom schien auch jetzt wieder von einem Atemzug zum n�chsten zu einer vollkommen anderen Person zu werden und bewegte sich erneut mit jener katzenhaften Geschmeidigkeit, die Mogens vorhin schon so an ihm bewundert hatte, w�hrend Graves ihm rasch, aber auf eine irgendwie unbeholfen wirkende Art folgte. Wie er es schon mehrmals beobachtet hatte, schienen sie sich beide deutlich schneller zu entfernen, als eigentlich m�glich war. Selbst wenn Mogens es gewagt h�tte, Graves noch eine entsprechende Frage nachzurufen, h�tte er sie vermutlich schon nach dem ersten Atemzug nicht mehr geh�rt. Die beiden entfernten sich in dieselbe Richtung, aus der sie vorhin alle gekommen waren, und Tom verschwand hinter einer der monstr�sen Tierstatuen, die die gewaltige Allee s�umten; vielleicht sog ihn die verzehrende Optik dieser unheimlichen Stadt auch einfach auf.</p><p>�Das mit dem Boot tut mir Leid�, sagte Mogens unbehaglich. �Wir h�tten es Ihnen sagen sollen - aber es erschien mir wirklich nicht wichtig.� Aber war das wirklich die Wahrheit, fragte er sich. Die ehrliche Antwort gerade h�tte Nein gelautet. Dieses Boot <emphasis>war wichtig. </emphasis>Aber etwas daran - irgendetwas in dieser unterirdischen H�hle - hatte ihn zutiefst erschreckt.</p><p>�Es ist schon gut�, antwortete Miss Preussler in einem unerwartet sanften, fast schon m�tterlichen Ton, der ihn begreifen lie�, dass der Zorn und die Emp�rung in ihrer Stimme einzig Graves gegolten hatten, nicht ihm. �Ich... ich muss mich noch bei Ihnen bedanken, Professor.�</p><p>Mogens wandte sich mit fragendem Gesichtsausdruck zu ihr um. �Wof�r?�</p><p>Miss Preussler druckste einen Moment herum. Schlie�lich antwortete sie, ohne ihm direkt in die Augen zu blicken: �Was Sie vorhin getan haben, war sehr mutig.�</p><p>�Ich verstehe nicht...�, antwortete Mogens. Das war die Wahrheit. Er verstand tats�chlich nicht gleich, wovon sie �berhaupt sprach.</p><p>�Dieses Ungeheuer, das mich angegriffen hat�, erkl�rte sie. �Es h�tte mich get�tet, wenn Sie nicht eingegriffen h�tten. Sie haben Ihr Leben riskiert, um mich zu retten.�</p><p>Mogens hob verlegen die linke Schulter, und er konnte selbst sp�ren, wie sich ein fast albernes Grinsen auf seinen Lippen ausbreitete. Miss Preusslers Worte machten ihn tats�chlich verlegen, und sie entsprachen ebenso sehr der Wahrheit, wie sie nicht stimmten. Zweifellos hatte er sein Leben riskiert, indem er den Ghoul angriff, aber sein scheinbar selbstloses Verhalten hatte nichts mit Mut zu tun gehabt. Tatsache war, dass er gar nicht dar�ber nachgedacht hatte.</p><p>�Ich wollte eigentlich...�</p><p>�... keinen Dank, ich wei߫, unterbrach ihn Miss Preussler. �Gerade das macht es ja so schwer.� Sie sch�ttelte den Kopf, und ein sonderbar weicher Ausdruck erschien in ihren Augen, den Mogens nicht zu deuten vermochte. �Sie sind ein so guter Mensch, Professor, und Sie machen es einem so schwer. Aber ich glaube, ich habe Ihnen lange Zeit �ber Unrecht getan.�</p><p>�Womit?�, fragte Mogens.</p><p>Bevor sie antwortete, drehte Miss Preussler den Kopf und ma� das M�dchen mit einem sehr langen, sehr traurigen Blick. �Das M�dchen, von dem Sie mir erz�hlt haben. Ihre Freundin.�</p><p>�Janice.�</p><p>�Janice�, best�tigte Miss Preussler. �Diese Ungeheuer haben sie geholt?�</p><p>�Ja�, best�tigte Mogens bitter. �Ich war dabei. Und es war meine Schuld.�</p><p>�Unsinn�, sagte Miss Preussler sanft. �Das glaube ich Ihnen nicht.�</p><p>�Aber es ist die Wahrheit�, murmelte Mogens. �Sie haben sie vor meinen Augen entf�hrt, und ich habe nichts getan, um sie daran zu hindern.�</p><p>Miss Preusslers H�nde machten eine unwillige Geste, wie um seine Worte wegzuwischen. �Und was h�tten Sie tun sollen?�, fragte sie. �Diese Kreaturen mit blo�en H�nden angreifen? Sie w�ren get�tet worden.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Mogens. Aber das war nicht der Punkt. Vielleicht w�re es seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, bei dem Versuch get�tet zu werden, Janice zu retten. Aber er hatte einfach dagestanden und zugesehen, starr vor Schrecken und gel�hmt vor Entsetzen und - ja, und vor Angst -, und er hatte nichts getan. Warum hatte er vor neun Jahren nicht ebenso reagiert wie vor neun Minuten? Das Schlimme an dem, was er erlebt hatte, war nicht sein Versagen. In diesem Punkt hatte Miss Preussler vollkommen Recht: Es h�tte nichts ge�ndert. Er w�re get�tet oder bestenfalls schwer verwundet worden, und der Ghoul h�tte Janice trotzdem verschleppt. Aber er hatte es ja nicht einmal <emphasis>versucht.</emphasis></p><p>�Machen Sie sich keine Vorw�rfe, Professor�, sagte Miss Preussler. Anscheinend war es in diesem Moment nicht schwer, seine Gedanken zu lesen. �Niemandem ist damit geholfen.� Sie zwang sich zu einem L�cheln, das aber eben so verungl�ckte wie der aufmunternde Ton, in dem sie weiter zu reden versuchte. �Wenn Sie noch etwas f�r dieses arme M�dchen tun wollen, dann helfen Sie mir, ein Auge auf Doktor Graves zu halten.�</p><p>�Sie trauen ihm nicht�, vermutete Mogens. Was f�r eine Frage!</p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete sie. �Im Moment glaubt er vermutlich sogar selbst, was er sagt. Aber das wird nicht so bleiben. Ich kenne Menschen wie Graves zur Gen�ge. Wenn wir hier herauskommen, dann wird er es sich �berlegen. Ein Mann wie er wird niemals zulassen, dass das alles hier zerst�rt wird. Aber das wiederum werde <emphasis>ich </emphasis>nicht zulassen.�</p><p>Ihre Worte klangen nicht nur bitterernst, Mogens sp�rte auch, dass sie genau so gemeint waren. Und sie hatte Recht. Irgendetwas hatte Graves zutiefst erschreckt und bis auf den Grund seiner Seele verst�rt, und jetzt, in diesem Augenblick, meinte er zweifellos ganz genau das, was er gesagt hatte. Aber das w�rde nicht so bleiben. Jonathan Graves w�rde niemals zulassen, dass diese Stadt zerst�rt wurde.</p><p>Selbst Mogens - sogar noch in diesem Moment - versp�rte ein tiefes Bedauern bei dem Gedanken, all diese fantastischen Artefakte, diesen unersch�pflichen Schatz und uraltes Wissen zerst�ren zu sollen, und auch er sp�rte, wie leicht es w�re, der fl�sternden, verlockenden Stimme in sich nachzugeben. Unbeschadet all des Schreckens, auf den sie gesto�en waren, all der entsetzlichen Dinge, die sich noch hier unten verbergen mochten, hatten sie doch zugleich einen Schatz unten unermesslichem Wert gefunden; ein Artefakt aus einer vollkommen fremden, andersartigen Welt, der nicht nur ihnen, sondern wom�glich der gesamten Menschheit einen Schritt in eine Zukunft erm�glichte, von der sie bisher noch nicht einmal zu tr�umen gewagt h�tte. Das Volk, das diese unbegreifliche Stadt errichtet hatte, hatte den Abgrund zwischen den Sternen �berwunden, w�hrend die Menschen gerade zaghaft damit begannen, sich auf zerbrechlichen Fl�geln aus Segeltuch und Holz f�r wenige Augenblicken von der Oberfl�che ihres Planeten zu erheben. All das hier zu zerst�ren, auch nur einen einzigen Stein zu zerschlagen, ein einziges Bild auszul�schen war weit mehr als ein Dolchsto� ins Herz eines Arch�ologen, es war ein Verbrechen an der Menschheit, Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, die ihr gestohlen wurden.</p><p>Und dennoch musste es sein. Hinter all dem Unbegreiflichen, hinter all dem �berlegenen Wissen, dem Wohl, das seine Anwendung f�r die Menschen bedeuten mochte, lauerte noch etwas anderes. Mogens hatte es die ganze Zeit �ber gesp�rt, nicht erst, seit sie hier heruntergekommen waren, sondern schon sehr viel l�nger - vielleicht seit jenem schrecklichen Tag, an dem er Janice verloren hatte -, und erst jetzt, in genau diesem Moment war er dazu bereit, es sich auch selbst einzugestehen: Sie waren auf das absolut B�se gesto�en. Mogens zweifelte nicht daran, dass es ihnen gelingen konnte, der Ungeheuer und alle anderen Gefahren, die hier unten lauern mochten, Herr zu werden. Er zweifelte nicht daran, dass sie die Ghoule ausl�schen und auch alle anderen Gefahren und Fallen �berwinden und am Ende selbst das Tor zu den Sternen verschlie�en oder gar f�r ihre eigene Zwecke nutzen konnten. Selbst ihnen war es gelungen, den Gefahren bisher zu trotzen, drei schwache, verwundbare Menschen, die kaum etwas anderes als ihre blo�en H�nde und ihren Willen zu �berleben besa�en. Die simple Tatsache, dass sie noch lebten, bewies, dass ihre Feinde nicht un�berwindlich waren. Sie konnten sie besiegen, und sie konnten den Schatz bergen, den ihnen die Besucher vom Sirius dagelassen hatten. Aber der Preis, den sie - und vielleicht die ganze Welt - daf�r w�rden zahlen m�ssen, war zu hoch.</p><p>�Sie glauben, diesem M�dchen etwas schuldig zu sein�, fuhr Miss Preussler fort. �Und Sie haben Recht, Professor. Sie sind ihr schuldig, diesem Albtraum ein Ende zu bereiten. Wir k�nnen nichts mehr f�r sie tun. Aber wir k�nnen daf�r sorgen, dass nicht noch mehr Unschuldige ihr Schicksal teilen m�ssen.�</p><p>Mogens wollte antworten, doch in diesem Moment kam Graves zur�ck, und obwohl es vollkommen unm�glich war, dass er auch nur ein einziges Wort von dem verstanden hatte, was Miss Preussler oder er gesagt hatten, musste ihm doch irgendetwas aufgefallen sein, denn er setzte zwar dazu an, etwas zu sagen, zog aber dann nur die Augenbrauen zusammen und sah sie mit sich rasch verfinsterndem Gesichtsausdruck an, um schlie�lich mit den Schultern zu zucken; als h�tte er sich in Gedanken selbst eine Frage gestellt und die m�gliche Antwort dann als belanglos abgetan.</p><p>�Der Weg scheint frei zu sein�, sagte er. �Falls ihr euer Gespr�ch also f�r einen kurzen Moment unterbrechen k�nnt, w�re das jetzt m�glicherweise der Augenblick, um aufzubrechen.�</p><p>Mogens trat wortlos an ihm vorbei und aus dem Haus. Er hatte das Gef�hl, dass es k�lter geworden war; und als er ausatmete, sah er eine graue Dampfwolke vor dem Gesicht. Auch Miss Preussler blickte �berrascht hoch, und er konnte sehen, wie sich auf ihren nackten Unterarmen eine G�nsehaut bildete.</p><p>�Das muss mit dem Tor zusammenh�ngen�, sagte Graves. �Je mehr man sich der Pyramide n�hert, desto k�lter wird es.� Er machte eine Kopfbewegung in die Richtung, in die Tom verschwunden war. �Beeilen wir uns.�</p><p>Sie gingen - sehr schnell - los, und Mogens atmete insgeheim auf, als sich ihnen das M�dchen ohne Z�gern anschloss. Auch Miss Preussler wirkte deutlich erleichtert; offensichtlich hatte auch sie mit mehr Schwierigkeiten gerechnet. Vielleicht erwies es sich ja nun als Vorteil, dass die junge Frau praktisch willenlos war. Mogens glaubte jedoch nicht, dass das so bleiben w�rde.</p><p>Er sollte Recht behalten.</p><p>Sie lie�en die Allee und auch den Rest der Stadt unbehelligt hinter sich, doch als sie die Br�cke erreichten, blieb die junge Frau urpl�tzlich stehen. Miss Preussler ergriff sie wieder am Arm und versuchte sie mit sanfter Gewalt auf die Br�cke hinauf zu ziehen, aber sie riss sich los und wich ganz im Gegenteil einen Schritt zur�ck.</p><p>�Miss Preussler, bitte!�, sagte Graves. �Unsere Zeit ist knapp.�</p><p>�Seien Sie still�, antwortete Miss Preussler unwillig und wandte sich mit einem beruhigenden L�cheln an das M�dchen. �Du brauchst keine Angst zu haben�, sagte sie. �Wir bringen dich in Sicherheit. Du willst doch auch raus hier, oder? Weg von diesen schrecklichen Ungeheuern.�</p><p>Sie hob beruhigend die Hand, aber ihre Geste zeitigte eher den gegenteiligen Effekt: Das M�dchen machte einen weiteren halben Schritt zur�ck, presste das B�ndel mit dem toten Kind noch fester an die Brust und sch�ttelte heftig den Kopf. Ein erschrockener, fast schon entsetzter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.</p><p>�Ja, du hast Angst�, seufzte Miss Preussler. �Wenn ich doch nur w�sste, ob du mich wenigstens verstehst.� Sie legte den Kopf auf die Seite und sah das M�dchen fragend an, bekam aber keine irgendwie geartete Reaktion zur Antwort.</p><p>�Miss Preussler�, sagte Graves. �Bitte!�</p><p>Diesmal ignorierte sie ihn vollends. �Du musst uns einfach vertrauen�, fuhr sie an das M�dchen gewandt und mit leiser, zugleich sanfter wie auch sehr eindringlicher Stimme fort. �Diese Ungeheuer werden bald aufwachen. Wenn wir dann noch hier sind, werden sie uns t�ten - und dich wieder verschleppen. Das willst du doch nicht, oder?�</p><p>Sie bekam auch jetzt keine Antwort, aber Graves riss endg�ltig der Geduldsfaden. Mit einem gemurmelten Fluch trat er an Miss Preussler vorbei und streckte die H�nde nach dem M�dchen aus. Miss Preussler machte eine Bewegung, wie um ihn zur�ckzuhalten, aber Graves schob sie einfach zur Seite. �Wir haben keine Zeit f�r diesen Unsinn!�, knurrte er.</p><p>Das M�dchen reagierte ganz genau so, wie Mogens erwartet hatte: Das tote Kind noch immer fest an die Brust gedr�ckt, versuchte es einen weiteren Schritt vor Graves zur�ckzuweichen und schlug gleichzeitig mit der freien Hand nach ihm. Mogens hatte ja bereits Bekanntschaft mit ihren Fingern�geln gemacht und g�nnte es Graves insgeheim, diese schmerzhafte Erfahrung zu wiederholen, doch Graves dachte nicht daran, sich das Gesicht zerkratzen zu lassen, oder vielleicht Schlimmeres. Blitzschnell packte er das Handgelenk des M�dchens, verdrehte ihren Arm und schlug ihm gleichzeitig mit der anderen Hand so fest ins Gesicht, dass sie wankte. Miss Preussler schrie emp�rt auf, und auch Mogens sog erschrocken die Luft zwischen den Z�hnen ein, doch Graves lie� sich weder von dem einen noch von dem anderen beeindrucken, sondern trat ganz im Gegenteil mit einem raschen Schritt noch dichter an das M�dchen heran und entriss ihm das Kind.</p><p>Die junge Frau schrie gellend auf und wollte sich mit hochgerissenen Armen auf ihn werfen, aber Graves stie� sie so derb zur�ck, dass sie taumelte und schlie�lich ungeschickt auf die Knie fiel. Sofort sprang sie wieder in die H�he und attackierte ihn erneut. Graves stie� sie ein zweites Mal zu Boden, sch�ttelte �rgerlich den Kopf und versetzte ihr bei ihrem n�chsten Angriff einen Schlag mit dem Handr�cken quer �ber das Gesicht, der sie zum dritten Mal auf die Knie herabsinken lie�. Diesmal kr�mmte sie sich, schlug beide H�nde vor den Mund und begann leise zu wimmern.</p><p>�Graves, was f�llt Ihnen ein?�, keuchte Miss Preussler.</p><p>Graves w�rdigte sie nicht einmal einer Antwort. Mitleidlos sah er auf die schluchzende junge Frau herab und wartete, bis sie den Kopf hob und zu ihm hochsah, und hielt das tote Kind an einem ausgestreckten Arm vor sich. �Willst du das hier?�, fragte er. �Kein Problem. Du bekommst es wieder, sobald wir auf der anderen Seite sind.�</p><p>�Graves, Sie...�, begann Miss Preussler, wurde aber sofort und in scharfem Ton von Graves unterbrochen.</p><p>�Halten Sie den Mund, Gn�digste�, sagte er abf�llig. �Ich habe keine Lust, mich umbringen zu lassen, nur weil Sie auf die Befindlichkeiten einer halb schwachsinnigen Fremden R�cksicht nehmen wollen! Sie wird schon mit uns kommen, wenn sie ihr Kind wiederhaben will. Aber Sie k�nnen gerne hier bleiben und sie tr�sten, wenn Sie es w�nschen. Ich f�r meinen Teil gehe jedenfalls. Mogens, kommst du?�</p><p>Er wartete auch Mogens' Antwort nicht, sondern fuhr auf dem Absatz herum und begann mit schnellen Schritten �ber die Br�cke davon zu gehen. Miss Preussler starrte ihm w�tend und entsetzt zugleich hinterher, w�hrend Mogens f�r einen Moment einfach hin und her gerissen war. Graves' R�cksichtslosigkeit emp�rt ihn genauso sehr wie Miss Preussler, aber er musste auch widerwillig zugeben, dass er Recht hatte. Jede Minute, die sie verloren, mochte sich durchaus als genau die erweisen, die am Ende �ber Leben und Tod entschied.</p><p>Das M�dchen nahm ihnen die Entscheidung ab. Zwei, drei endlose, schwere Atemz�ge lang starrte sie Graves noch aus weit aufgerissenen Augen an, dann sprang sie mit einem wimmernden Laut auf die F��e und rannte hinter ihm her. Graves, der ihre Schritte geh�rt haben musste, warf ihr einen sp�ttischen Blick �ber die Schulter hinweg zu und ging ebenfalls schneller. Er rannte zwar nicht, schritt aber so vehement aus, dass die junge Frau ihn wohl erst einholen w�rde, wenn sie auf der anderen Seite der Br�cke angekommen waren.</p><p>�Dieser Mann ist ein Monster�, murmelte Miss Preussler.</p><p>�Ja�, gestand Mogens, f�gte aber mit einem entschuldigenden Kopfnicken in Graves' Richtung hinzu: �Aber anscheinend funktioniert es.�</p><p>Miss Preussler starrte ihn so w�tend an, dass er beinahe sicher war, dass sich ihr heiliger Zorn nun auf ihn entladen w�rde. Dann aber sch�ttelte sie nur ver�chtlich den Kopf und beeilte sich, Graves und dem M�dchen auf die Br�cke hinauf zu folgen. Auch Mogens trat auf das bizarre Bauwerk, das, kaum dass sein Fu� es ber�hrt hatte, schon wieder seine Sinne auf dieselbe, schwindelnd machende Art zu narren begann wie vorhin, warf aber noch einmal einen Blick �ber die Schulter zur�ck. Die Stadt lag noch immer ruhig und wie ausgestorben da, und dennoch sp�rte er zugleich auch die Anwesenheit von etwas Fremdem, das ihn aus unsichtbaren Augen zu belauern und jeden seiner Schritte aufmerksam zu registrieren schien. Fast ohne sein Zutun folgte sein Blick der von monstr�sen Statuen ges�umten Allee bis zu der riesigen, fast schwarzen Pyramide im Zentrum. Nun, da er wusste, was sie beherbergte, kam sie ihm bedrohlich vor: der Umriss eines kauernden Ungeheuers, das sich jederzeit zum Sprung spannen und mit all seiner schrecklichen Macht �ber sie herfallen konnte. Die vergoldete Spitze fing das gr�ne Licht, das den gewaltigen Felsendom erf�llte, auf sonderbare Weise auf und schien es zu verst�rken und zugleich in etwas Anderes, Boshaftes zu verwandeln.</p><p>Irgendetwas lauerte dort. Er konnte es sp�ren. Und er war sicher, dass dieses... Etwas ihre Anwesenheit ebenso deutlich f�hlte.</p><p>Mogens sch�ttelte den Gedanken ab und beschleunigte seine Schritte, um zu Miss Preussler aufzuschlie�en, auch wenn ihm nicht wohl dabei war. Graves, der am Schluss noch ein kurzes St�ck in einen leichten Trab verfallen war, hatte mittlerweile das jenseitige Ende der Br�cke erreicht, und auch das M�dchen hatte ihn fast eingeholt. Graves' Grausamkeit schien nicht so weit zu reichen, dass er es auf die Spitze getrieben h�tte - kurz, bevor die junge Frau bei ihm war, lie� er sich in die Hocke sinken und legte das leblose Kind fast behutsam zu Boden. Dann sprang er auf, machte drei rasche Schritte zur�ck und bewegte sich dabei gleichzeitig so, dass er dem M�dchen den Fluchtweg �ber die Br�cke abschnitt, sollte sie auf den Gedanken kommen, in die Stadt zur�ckzukehren. Sie riss jedoch nur das Kind an sich, presste es nun mit beiden Armen sch�tzend gegen die Brust und verkroch sich dann in einem Winkel der mehr als mannshohen, schwarzen Felsen, vor der die Br�cke endete.</p><p>Miss Preussler �bersch�ttete Graves mit einer wahren Flut von Beschimpfungen und Vorw�rfen, die dieser jedoch mit stoischem Gesichtsausdruck und ohne ein Wort der Verteidigung �ber sich ergehen lie�, und als auch Mogens als Letzter bei ihnen anlangte, wandte sie sich mit einem Ruck um und trat auf das M�dchen zu. Diesmal reagierte die junge Frau tats�chlich so, wie Mogens erwartet hatte und Miss Preussler anscheinend auch: Sie presste sich mit aller Kraft gegen den rauen Fels, und f�r einen winzigen Moment nahm ihr Gesicht einen gehetzten, fast panischen Ausdruck an. Ihr Blick irrte hierhin und dorthin, blieb f�r eine Sekunde an Graves' hoch aufgeschossener Gestalt h�ngen, die den einzigen Fluchtweg versperrte, und sie machte tats�chlich eine schwache Bewegung, wie um es trotzdem zu versuchen, zog sich aber praktisch im gleichen Augenblick auch schon wieder in die Nische zur�ck.</p><p>�Bitte, mein Kind, du musst mir vertrauen!�, sagte Miss Preussler in flehendem Ton. Sie streckte vorsichtig die Hand nach dem M�dchen aus, erreichte damit aber nicht mehr, als dass es das Kind noch fester gegen sich presste und allen Ernstes zu versuchen schien, in den Felsen hineinzukriechen. Es hatte aufgeh�rt zu wimmern, aber sein Gesicht war eine einzige Grimasse der Furcht.</p><p>W�tend fuhr Miss Preussler zu Graves herum. �Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben!�, sagte sie aufgebracht. �Ist Gewalt denn alles, wozu Sie f�hig sind?�</p><p>Graves zog ver�chtlich die linke Augenbraue hoch. Ohne auf Miss Preusslers Worte zu reagieren, l�ste er sich von seinem Platz, trat auf sie zu und schob sie dann - ihre neuerlichen, geharnischten Proteste beharrlich ignorierend - einfach aus dem Weg. Gleichzeitig streckte er den linken Arm in Richtung des M�dchens aus.</p><p>Die junge Frau wimmerte vor Angst, und Mogens hielt instinktiv den Atem an, als er in Miss Preussler Gesicht sah. Der Ausdruck darauf machte ihm klar, dass sie etwas wie das, was er vorhin auf der anderen Seite der Br�cke getan hatte, nicht noch einmal dulden w�rde.</p><p>Graves versuchte aber auch nicht, dem M�dchen das Kind noch einmal zu entrei�en. Er machte zwar eine entsprechende Bewegung, lie� den Arm dann aber sofort wieder sinken, trat demonstrativ einen Schritt zur�ck und wies mit der anderen Hand in die Richtung, in der ihr Ziel lag. Er sagte nichts, aber das M�dchen hatte verstanden, was er von ihm wollte. Ohne Graves' Gesicht auch nur einen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen, geduckt und wimmernd vor Furcht, aber gehorsam trat sie aus der Felsnische heraus und bewegte sich langsam in die Richtung, in die Graves deutete.</p><p>�Sehen Sie?�, fragte Graves mit einem d�nnen, �berheblichen L�cheln. �Es funktioniert.�</p><p>�Habe ich schon gesagt, dass ich Sie f�r einen Unmenschen halte, Doktor Graves?�, fragte Miss Preussler spr�de.</p><p>�Mehrmals�, best�tigte Graves. �Aber Sie k�nnen sich sp�ter noch in aller Ausf�hrlichkeit bei mir bedanken, meine Liebe. Jetzt gehen Sie bitte. Unsere Zeit wird nicht mehr.�</p><p>Nat�rlich gehorchte Miss Preussler erst, nachdem sie ihm einen letzten, vernichtenden Blick zugeworfen hatte, dann aber wandte sie sich mit einem Ruck um und beeilte sich, zu dem M�dchen aufzuschlie�en. Mogens beobachtete, wie sie ihr den Arm um die Schulter legen wollte und das M�dchen die Bewegung erschrocken absch�ttelte. Er hoffte, dass Graves nicht trotz allen scheinbar sichtlichen Erfolgs letztendlich einen Fehler gemacht hatte. Wenn die junge Frau sich im falschen Moment entschloss, etwas Unbedachtes zu tun, konnte das gut zu ihrer aller Verh�ngnis werden.</p><p>�Wie viel Zeit bleibt uns noch?�, fragte er, w�hrend sie den beiden Frauen in vorsichtigem Abstand folgten.</p><p>Graves hob die Schultern. Er sah ihn nicht an, als er antwortete. �Nicht mehr viel, f�rchte ich�, sagte er. �Ich hoffe nur, Tom hat Recht, und dieser Kanal f�hrt tats�chlich nach drau�en.�</p><p>�Und wenn nicht?�, fragte Mogens.</p><p>�Er muss einfach�, erwiderte Graves. Er sah sich unbehaglich um. �Ich habe verdammt viele von diesen Biestern gesehen, auf dem Weg zur Pyramide.� Er zwang sich zu einem aufmunternden L�cheln. �Aber mach dir keine Sorgen, Mogens.�</p><p>�Weil du schon aus schlimmeren Situationen entkommen bist?�, fragte Mogens.</p><p>Graves warf ihm einen sonderbaren Blick zu. �Schlimmer wohl kaum�, sagte er. �Aber es waren tats�chlich einige dabei, die nicht sehr viel weniger gef�hrlich waren.�</p><p>Vorsichtshalber verzichtete Mogens darauf, eine entsprechende Frage zu stellen. Er bedauerte schon, Graves �berhaupt angesprochen zu haben. Auch wenn der gr��te Teil ihres Weges jetzt hinter ihnen lag, so hatte er doch das ungute Gef�hl, dass die gr��te <emphasis>Gefahr </emphasis>vielleicht erst kam. Wo blieb nur Tom?</p><p>Als w�re dieser Gedanke ein Stichwort gewesen, tauchte der Junge pl�tzlich drei�ig oder vierzig Meter vor Miss Preussler zwischen den Felsen auf. Trotz des unsicheren und gef�hrlichen Untergrundes bewegte er sich im Laufschritt. Miss Preussler blieb stehen, und auch Graves stockte f�r einen Moment, lief aber dann umso schneller weiter. �Tom!�, rief er. �Was ist...�</p><p>�Still!�, keuchte Tom erschrocken. �Versteckt euch! Schnell!�</p><p>Das war leichter gesagt als getan. Der Pfad, �ber den sie sich bewegten, wurde von mehr als mannshohen Felsen auf der einen und einem gut zehn Meter tiefen Abgrund auf der anderen Seite flankiert. Zahllose Risse und Spalten g�hnten im schwarzen Gestein, doch nicht einer von ihnen w�re auch nur ann�hernd breit genug gewesen, um sich darin zu verstecken. F�r einen Moment drohte ihn Panik zu �bermannen, und auch Graves sah sich mit immer hektischeren Kopfbewegungen um. Dann deutete er nach oben, auf einen Punkt, der nur wenige Schritte hinter Miss Preussler und dem M�dchen lag. �Dort!�, rief er. �Wir m�ssen klettern!�</p><p>Mogens versp�rte ein eiskaltes Fr�steln, als sein Blick Graves' ausgestreckter Hand folgte. Vielleicht drei oder vier Meter �ber ihnen befand sich tats�chlich ein horizontaler Spalt im Felsen, der mehr als breit genug war, sie allesamt aufzunehmen. Dort hinaufzuklettern erschien ihm jedoch als ein Ding der Unm�glichkeit. Ausgerechnet an dieser Stelle war die Wand nahezu spiegelglatt, gerade dass es einige winzige Risse und Unebenheiten gab, an denen vielleicht ein ausgebildeter Bergsteiger mit der entsprechenden Ausr�stung und vor allem gen�gend Zeit h�tte hinaufklettern k�nnen, sie aber vermutlich nicht - und Miss Preussler und das M�dchen, das noch immer das tote Kind an sich presste, ganz bestimmt nicht.</p><p>�Sie kommen!� Tom langte keuchend neben ihnen an und lie� sich mit der Schulter gegen das schwarze Gestein sinken. Trotz der K�lte war er schwei�gebadet. �Sie sind auf dem Weg hierher.�</p><p>�Hast du sie gesehen?�, fragte Graves.</p><p>Tom sch�ttelte m�hsam den Kopf. Er war so au�er Atem, dass er zweimal ansetzen musste, bevor er antwortete. �Nein. Ich... glaub nicht. Aber sie sind dicht hinter mir.�</p><p>Graves stellte keine weitere Frage mehr, sondern hob entschlossen die Arme und begann mit einem Geschick, das Mogens ihm nie und nimmer zugetraut h�tte, an der fast senkrechten Felswand hinaufzuklettern. Schon nach wenigen Augenblicken hatte er den Sims erreicht, zog sich mit einem h�rbaren �chzen hinauf und war f�r einen Moment verschwunden. Dann tauchten sein Kopf und seine Schultern wieder auf, und er begann heftig zu gestikulieren. �Hier ist eine H�hle. Schnell!�</p><p>Mogens hob wenig optimistisch die Arme, lie� sie aber sofort wieder sinken und sah hilflos von Miss Preussler zu Graves und wieder zur�ck. Ihr Blick wirkte nicht hilflos, sondern regelrecht entsetzt, zugleich aber auf eine sonderbar entschlossene Art resigniert.</p><p>�Gehen Sie ruhig�, sagte sie. �Das schaffe ich nicht. Aber es gibt keinen Grund, aus dem sie uns alle kriegen sollten.�</p><p>�Reden Sie nicht so ein dummes Zeug�, sagte Graves �rgerlich. �Wir sind zusammen hergekommen, und wir werden auch zusammen wieder gehen.�</p><p>�Ich bin keine Bergziege, Doktor Graves�, antwortete Miss Preussler spr�de, �falls es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein sollte.�</p><p>�Mit einer solchen h�tte ich Sie niemals verglichen, Gn�digste,� antwortete Graves. �Tom, hilf ihr!�</p><p>Tom? Mogens sah den Jungen verwirrt an. Tom war eine halbe Handspanne kleiner als er, und auch, wenn Mogens im Grunde nicht daran zweifelte, dass sich Tom vermutlich als st�rker und ganz gewiss als ausdauernder als er selbst erweisen w�rde, wenn es darauf ankam, so �nderte all das nichts an der Tatsache, dass der Junge allenfalls halb so viel wog wie sie. Auch ihre Gedanken mussten sich wohl auf ganz �hnlichen Pfaden bewegen, denn sie sah einfach nur fassungslos aus, Tom aber schien sich mit solcherlei �berlegungen gar nicht aufzuhalten. Ganz im Gegenteil reichte er Mogens entschlossen sein Gewehr, lehnte sich mit leicht gegr�tschten Beinen mit dem R�cken gegen die Wand und verschr�nkte die H�nde auf der H�he seines Bauchnabel.</p><p>�Was hast du vor, Thomas?�, fragte Miss Preussler unsicher.</p><p>Tom machte eine aufmunternde Kopfbewegung. �Steigen Sie auf meine H�nde�, sagte er. �Ich heb Sie hoch.�</p><p>�Bist du verr�ckt?�, entfuhr es Miss Preussler.</p><p>�Verdammt noch mal, tun Sie endlich, was er Ihnen sagt!�, polterte Graves.</p><p>Vielleicht war es sein befehlender Ton, der sie so perplex machte, dass sie ganz automatisch gehorchte, vielleicht gewann im letzten Augenblick doch noch die schiere Todesangst die �berhand - Miss Preussler hob jedenfalls den Saum ihres Kleides, setzte mit sichtlicher Anstrengung den rechten Fu� in Toms zusammengefaltete H�nde und wuchtete sich schnaubend in die H�he. Tom �chzte, ging deutlich in die Knie und begann nach vorne zu kippen, und auch Miss Preussler selbst drohte f�r einen Moment das Gleichgewicht zu verlieren. Sie begann wild mit den Armen in der Luft zu rudern, womit sie nat�rlich alles nur noch schlimmer machte, und Mogens sprang, ohne nachzudenken, vor und stie� ihr die flachen H�nde gegen den R�cken. Im allerersten Moment war er nicht nur �berzeugt davon, dass auch dieser Versuch zum Scheitern verurteilt war, sondern auch, dass Miss Preussler in der n�chsten Sekunde mit der Wucht eines umst�rzenden Baumes auf ihn fallen und ihn einfach erschlagen w�rde. Aber das Wunder geschah: Miss Preussler fiel nicht, sondern prallte mit ausgebreiteten Armen gegen die Wand, und ihre tastenden Finger mussten wohl irgendwo Halt gefunden haben. Tom �chzte und brach um einige weitere Zentimeter in die Knie, als sie nunmehr auch das andere Bein hob und den Fu� auf seine Schulter setzte, und Mogens f�hlte sich so �berrumpelt und hilflos, dass er sie um ein Haar losgelassen h�tte, als sie sich schnaubend weiter in die H�he wuchtete und seine Handfl�chen nun nicht mehr gegen ihren R�cken, sondern gegen ihr beeindruckendes Ges�� dr�ckten. H�tte er nachgegeben, so w�re sie mit Sicherheit gest�rzt, sodass er nicht loslie�, sondern nur - vergebens - nach irgendeiner Haltung tastete, die f�r sie beide etwas weniger peinlich war, und �ber ihnen warf sich Graves etwas weiter vor und streckte die schwarzen behandschuhten H�nde nach ihr aus. �Ihre Arme!�, keuchte er. �Strecken Sie die H�nde aus!� Miss Preusslers H�nde glitten mit scharrenden Ger�uschen �ber den rauen Fels, als sie die Arme hob, aber dann z�gerte sie, und Mogens sp�rte ganz sicher, dass sie die �berwindung beinahe nicht aufgebracht h�tte, Graves' schreckliche H�nde zu ber�hren.</p><p>Letztendlich tat sie es doch, und Graves packte mit festem Griff ihre Handgelenke und begann zu ziehen. �Helfen Sie mit!�, keuchte er. �Tom! Mogens! Schiebt!�</p><p>Mogens mobilisierte noch einmal all seine Kr�fte, und Tom brachte irgendwie das Kunstst�ck fertig, sich herumzudrehen und seine H�nde unter Miss Preusslers Fersen zu schieben, um sie st�hnend und mit hochrotem Gesicht, wie ein Gewichtheber, der sich entschieden zu viel zugemutet hatte, weiter nach oben zu stemmen. Hinterher kam es Mogens selbst wie ein - alles andere als kleines - Wunder vor, aber sie schafften es. Graves zog, Tom und er dr�ckten und schoben, w�hrend Miss Preussler alles in ihrer Macht Stehende zu tun schien, um sie nach Kr�ften zu behindern, doch pl�tzlich war ihr Gewicht verschwunden. Mogens taumelte mit einem erleichterten Keuchen zur�ck und sah gerade noch Miss Preusslers spitzenbesetzte kn�chellange Unterhosen in der Felsspalte verschwinden, dann gaben seine Beine unter ihm nach, und er sank haltlos auf die Knie. Auch Tom rutschte ersch�pft an der Wand entlang in die Hocke, blieb aber nur einen Herzschlag lang sitzen, bevor er sich wieder hochstemmte und Mogens einen auffordernden Blick zuwarf.</p><p>�Jetzt Sie, Professor�, sagte er.</p><p>Mogens sch�ttelte m�hsam den Kopf. Sein Herz h�mmerte, als wollte es zerspringen, und sein R�cken und seine Schultermuskeln taten so weh, als h�tte er versucht, mit zwei Sarkophagdeckeln zu jonglieren. �Du... zuerst�, keuchte er.</p><p>�Ich kann allein da raufklettern�, antwortete Tom. �Schaffen Sie das auch?�</p><p>Das war ein Argument, dem Mogens schwerlich etwas entgegenzusetzen hatte; auch wenn er ganz und gar nicht �berzeugt war, dass Tom es wirklich aus eigener Kraft schaffen w�rde. Trotzdem widersprach er nicht noch einmal, sondern k�mpfte sich m�hsam auf die Beine, setzte den Fu� auf die gleiche Art wie Miss Preussler zuvor in Toms gefaltete H�nde und kletterte von dort aus auf seine Schultern. Seine Bewunderung f�r Miss Preusslers Leistung wuchs, als er sp�rte, wie schwer es ihm fiel, unsicher auf Toms Schultern balancierend und sich nur mit der reinen Anspannung seiner Muskeln gegen die Wand zu pressen und das Gleichgewicht zu halten.</p><p>Er verschenkte noch einmal kostbare zwei Sekunden, indem er einfach wie erstarrt dastand und nicht einmal zu atmen wagte, dann fand er noch einmal irgendwo in sich ein letztes Qu�ntchen von Mut, l�ste behutsam die H�nde von ihrem ohnehin kaum vorhandenen Halt und streckte die Arme aus. Graves ergriff ihn mit solcher Kraft, dass er vor Schmerz aufst�hnte, und unter ihm drehte sich Tom abermals herum und schob ihn einfach weiter in die H�he. Mogens korrigierte seine Meinung, was Toms Kraft anging. Der Junge war nicht ebenso stark wie er; er war viel st�rker. Mogens f�hlte sich regelrecht in die H�he katapultiert und konnte gerade noch den Kopf einziehen, als die Felsspalte regelrecht auf ihn zuzuspringen schien. Seine H�fte schrammte ein letztes Mal schmerzhaft �ber harten Stein, dann schlitterte er hilflos eine gut anderthalb Meter lange Schr�ge hinab und kam mit einem Ruck zur Ruhe, der ihm auch noch das letzte bisschen Luft aus den Lungen presste. Alles begann sich um ihn zu drehen. Er sp�rte, dass er schon wieder das Bewusstsein zu verlieren drohte, k�mpfte die Ohnmacht mit einer verzweifelten Willensanstrengung zur�ck und stemmte sich vorsichtig auf die Ellbogen hoch. Miss Preussler lag irgendwo in der Dunkelheit neben ihm auf der Seite. Er konnte ihr Gesicht nur als hellen Fleck erkennen, weil es so dunkel in der Spalte war, aber sie drehte es hastig weg, als er in ihre Richtung blickte.</p><p>�Mogens, verdammt - hilf mir!�, erklang Graves' Stimme hinter ihm.</p><p>Mogens drehte sich hastig herum, kroch auf H�nden und Knien zu Graves hin und streckte sich auf die gleiche Art wie er neben ihm aus. Als er Kopf und Schultern �ber die Kante schob, bot sich ihm ein �beraus erstaunlicher Anblick: erst im Nachhinein wurde ihm klar, dass keiner von ihnen - auch Miss Preussler nicht - auch nur einen einzigen Gedanken an das M�dchen verschwendet hatte, und nach allem, was sie bisher getan hatte, h�tte er damit gerechnet, dass sie die Gelegenheit ergreifen und fliehen w�rde. Ganz im Gegenteil jedoch schien sie Miss Preussler und ihm sehr aufmerksam zugesehen zu haben, denn sie kletterte schnell, ja, fast schon geschmeidig, auf die gleiche Art auf Toms H�nde und von dort aus hinauf auf seine Schultern, wobei sie das Kind immer noch mit einem Arm gegen sich presste und somit nur eine einzige Hand zum Klettern nutzen konnte. Dennoch stellte sie sich ungleich geschickter als er oder gar Miss Preussler an. Und sie z�gerte nicht einmal eine Sekunde, mit der freien Hand nach oben zu greifen. Als Graves jedoch nach ihrem Handgelenk greifen wollte, bewegte sie den Arm mit einem Ruck zur Seite. Mogens verschenkte eine weitere, unersetzliche Sekunde, bevor ihm klar wurde, was die Bewegung bedeutete. Hastig schob er sich ein kleines St�ck weiter vor, griff mit beiden H�nden nach ihrem Arm und zog sie m�hsam zu sich darauf. Obwohl es ihm all seine Kraft abverlangte und er nicht einmal sicher war, es wirklich zu schaffen, sah Graves ihm nur sp�ttisch dabei zu und r�hrte keinen Finger, um ihm zu helfen.</p><p>Kaum war das M�dchen in Sicherheit, riss es sich los und kroch auf Knien und einer Hand tiefer in den Hohlraum hinein. Mogens sackte keuchend zu Boden und brauchte einen Augenblick, bevor er auch nur wieder einige wenige Worte hervorsto�en konnte.</p><p>�Vielen Dank... f�r deine... Hilfe, Jonathan�, japste er.</p><p>�Du bist auch ganz gut allein zurechtgekommen�, antwortete Graves. �Au�erdem hatte ich keine gro�e Lust, mir die Augen auskratzen zu lassen.� Er sah wieder nach unten. �Tom! Beeil dich!�</p><p>Zur Antwort kam Toms Gewehr aus der Tiefe geflogen. Graves fing es mit einer geschickten Bewegung auf und beugte sich wieder vor, doch Tom bewies, dass Mogens' Zweifel auch in dieser Hinsicht nicht angebracht gewesen waren. Schnell und geschickt wie eine Stubenfliege kroch er an der vermeintlich spiegelglatten Wand empor und war nach kaum f�nf Sekunden neben ihnen.</p><p>Sehr viel l�nger h�tte es auch nicht dauern d�rfen.</p><p>Es war nicht so, dass Mogens die Kreaturen als Erster sah. Vielmehr <emphasis>sp�rte </emphasis>er ihr Nahen, auf eine Art, die ihm vollkommen fremd war, als h�tte er mit einem Mal einen neuen, zus�tzlichen Sinn entwickelt. Er sp�rte pl�tzlich, dass sich ihm etwas Fremdes n�herte, etwas durch und durch <emphasis>Falsches.</emphasis></p><p>Dennoch h�tte er um ein Haar aufgeschrien, als er die Kreaturen <emphasis>sah.</emphasis></p><p>Es waren ann�hend ein Dutzend, und nach allem, was Tom erz�hlt hatte, hatte er wie ganz selbstverst�ndlich angenommen, dass es sich zum Ghoule handelte, doch das traf nur auf die ersten drei oder vier zu. Der Rest war... <emphasis>anders.</emphasis></p><p>Mogens fand keine Worte, um die erschreckende Fremdartigkeit der Kreaturen zu beschreiben. Keiner von ihnen �hnelte dem anderen, und keiner von ihnen war ein Mensch, auch wenn sie allesamt auf den ersten Blick grob menschen�hnlich zu wirken schienen - was hie�, dass sie aufrecht auf zwei Beinen liefen, einen K�rper, Arme und einen Kopf hatten. Doch was auf den ersten Blick noch beinahe vertraut erschien, das wurde auf den zweiten zu einer umso grausameren Verh�hnung jeglichen Lebens.</p><p>Mogens hatte geglaubt, mit der schrecklichen Vermischung zwischen Mensch und Schakal dem Entsetzlichsten begegnet zu sein, was nur vorstellbar war, und m�glicherweise stimmte das sogar - nur, dass das schlimmste �berhaupt <emphasis>Vorstellbare </emphasis>nicht das schlimmste M�gliche sein musste.</p><p>Ganz und gar nicht.</p><p>Die Prozession absurder Spottgeburten, die sich nun langsam den absch�ssigen Pfad herunter bewegte, schien ausnahmslos aus gr�sslichen Zwitterwesen aus Mensch und Tier zu bestehen. Vielleicht war es gerade das, was den Anblick so unertr�glich machte: M�glicherweise w�re Mogens nicht ann�hernd so abgrundtief entsetzt und tief im Grunde seiner Menschlichkeit... <emphasis>emp�rt </emphasis>gewesen, w�ren es tats�chlich vollkommen fremdartige, unverst�ndliche Kreaturen gewesen. Aber das waren sie nicht, und es war gerade das vermeintlich Vertraute an ihnen, was es Mogens schier unm�glich machte, ihrem Anblick standzuhalten. Da waren Wesen mit Fl�geln und gr�sslichen Raubvogelschn�beln, geschuppte, stachelige, felltragende Kreaturen, grauenhafte Hybriden aus Mensch und Schlange, Krokodil und Frau, Kind und Skorpion und Falke und Mann. Und es waren...</p><p>Die Erkenntnis traf Mogens mit der Wucht eines Faustschlages.</p><p>Was dort unter ihnen vorbeizog, das waren keine willk�rlich von einem blinden Schicksal erschaffenen Monster.</p><p>Es waren die alten �gyptischen G�tter.</p><p>Mogens erkannte nicht alle Kreaturen wieder. Manche hatten vielleicht nie Eingang in das Pantheon der �gyptischen G�tterwelt gefunden. Manche waren den Menschen vielleicht nie begegnet, andere vielleicht erst gekommen, nachdem das Volk der Pharaonen schon l�ngst wieder verschwunden war, wieder andere vielleicht zu entsetzlich, um selbst in Gestalt eines D�mons in den Legenden der Menschen weiter zu existieren, doch nur zu viele erkannte er wieder. Da waren Horus und Thoth, Seth und Ra, Bastet und Sobek und andere, niedere G�tter, deren Namen niemals festgehalten worden waren, deren Bildnisse er aber kannte. Es war ein Anblick, der ihn f�r einen Moment an den Rand des Wahnsinns brachte - und sogar einen Schritt dar�ber hinaus.</p><p>Wie er den R�ckweg fand, wusste er nicht. Vielleicht fand er ihn auch nicht wirklich. Etwas in ihm zerbrach und blieb unwiderruflich und unrettbar zur�ck in jener grauen Welt des Zwielichts, die auf dem schmalen Grat zwischen Hell und Dunkel existiert und in der nicht nur der Wahnsinn, sondern auch alle Hoffnungen und �ngste beheimatet sind.</p><p>Und dennoch war das noch nicht das Allerschlimmste. So grauenhaft der Anblick dieser gr�sslichen Kreaturen auch sein mochte, schlimmer als das, was er sah, war das, was er <emphasis>f�hlte. </emphasis>Etwas - nein, er verbesserte sich in Gedanken: nicht etwas, <emphasis>alles - </emphasis>an diesen Gesch�pfen war <emphasis>falsch. </emphasis>Sie bewegten sich nicht richtig, sondern auf eine Art, die er nicht in Worte kleiden konnte; sie <emphasis>waren </emphasis>nicht richtig, auf eine Art, die er noch viel weniger in Worte kleiden konnte, weil es keine Worte in irgendeiner Sprache dieser Welt gab, um es zu beschreiben, weil alles an ihnen falsch, falsch, <emphasis>falsch </emphasis>war.</p><p>�Was meinst du damit?�, fragte Graves.</p><p>Mogens sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Du hast gesagt: nicht <emphasis>hierher�, </emphasis>erkl�rte Graves. �Was meinst du damit?�</p><p>Mogens konnte sich nicht erinnern, etwas Derartiges gesagt zu haben, aber wenn er nicht davon ausging, dass Graves pl�tzlich seine Gedanken lesen konnte, dann musste er es wohl. Fast beil�ufig und erst mit einer Versp�tung von zwei oder drei Sekunden erschrak er �ber die Tatsache, dass Graves �berhaupt etwas gesagt hatte, bevor ihm klar wurde, dass das Panoptikum der Ungeheuer ihr Versteck l�ngst passiert hatte.</p><p>�Sie geh�ren nicht hierher�, antwortete er schlie�lich, leise und mit fast tonloser, belegter Stimme.</p><p>�Ja, zu dem Schluss k�nnte man fast gelangen, wenn man sie so sieht, nicht wahr?�, fragte Graves. Er klang auf eine vollkommen unangemessene Weise am�siert, fand Mogens. �Und ich f�rchte, sie sind in der Tat so unangenehm, wie sie aussehen. Selbstverst�ndlich ist so etwas immer eine Frage des Standpunktes.�</p><p>�Findest du das in irgendeiner Art komisch?�, fragte Mogens kalt.</p><p>Graves sch�ttelte heftig den Kopf. �Nein�, sagte er. �Das sollte es auch nicht sein. Bitte verzeih, wenn ich mich missverst�ndlich ausgedr�ckt habe. Ich wollte dich nicht verspotten. Ich kann mir vorstellen, was du bei ihrem Anblick empfindest. Mir erging es nicht anders, als ich sie das erste Mal sah. Sie sind schrecklich, und ich bin sicher, dass sie tats�chlich sehr gef�hrlich sind. Aber gerade du als Wissenschaftler solltest nicht vergessen, was sie sind.�</p><p>�Und was sind sie Ihrer Meinung nach, Doktor Graves?�</p><p>Es war nicht Mogens, der diese Frage gestellt hatte, sondern Miss Preussler. Sie hatte sich nicht von ihrem Platz entfernt, aber dennoch ganz offensichtlich jedes Wort geh�rt und auch, wenn sie die Ungeheuer nicht gesehen hatte und annehmen mussten, dass sie noch immer �ber die Ghoule sprachen, machte sie das Geh�rte doch eindeutig w�tend.</p><p>�Gesch�pfe einer vollkommen anderen Welt, Miss Preussler�, antwortete Graves ruhig.</p><p>�Mir kommen sie eher vor wie Gesch�pfe des Satans�, sagte sie.</p><p>�Sie verstehen nicht�, antwortete Graves. �Es handelt sich nicht einfach nur um eine unbekannte Spezies, irgendein unbekanntes Tier, das ein Forscher aus Afrika oder Asien mitgebracht hat oder von irgendeinem anderen wei�en Fleck auf der Landkarte.� Er sch�ttelte heftig den Kopf, um seinen Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen, l�chelte aber trotzdem unersch�tterlich weiter. Seine Stimme hatte die gewohnte �berheblichkeit verloren und klang eher wie die eines Lehrers, der seinen Sch�lern geduldig zum unz�hligsten Male eine komplizierte Materie erkl�rt, auch wenn er insgeheim sehr wohl wusste, wie wenig sie sie verstanden. �Diese Wesen sind das Ergebnis einer vollkommen anderen Evolution, Miss Preussler. Sie sind mit nichts zu vergleichen, was es auf dieser Welt gibt.�</p><p>�Und worauf wollen Sie hinaus?�, erkundigte sich Miss Preussler misstrauisch.</p><p>�Dass es unn�tig ist, Angst vor ihnen zu haben�, antwortete Graves. �Es ist nichts Verwerfliches. Es ist verst�ndlich, aber falsch. Diese Wesen sind vollkommen fremd. Wir Menschen k�nnen ja nicht einmal miteinander in Frieden leben, wie k�nnen Sie da erwarten, Gesch�pfen einer so fremden Welt ohne Vorbehalte begegnen zu k�nnen.�</p><p>�Ich habe keine Vorbehalte�, sagte Miss Preussler. �Mir reicht, was ich gesehen habe.� Sie warf einen bezeichnenden Blick in Richtung des M�dchens, das mit angezogenen Knien im hintersten Winkel der H�hle hockte. Seine Augen waren leer, und es lie� ein leises, unmelodisches Summen h�ren, w�hrend es das reglose Schakalkind schaukelte, aber nach dem, was Mogens gerade erlebt hatte, war er gar nicht mehr so sicher, dass sie tats�chlich so wenig von dem mitbekam, was rings um sie herum geschah, wie er bis jetzt angenommen hatte.</p><p>Auch Graves war Miss Preusslers Blick gefolgt und sch�ttelte jetzt traurig den Kopf. �Ja, Sie haben Recht, Miss Preussler�, sagte er. �Es ist schrecklich, was man diesen armen Menschen angetan hat. Aber man darf diese Wesen nicht mit unseren Ma�st�ben messen.�</p><p>�Aber das tue ich doch gar nicht�, antwortete Miss Preussler. �Ich verurteile sie nicht, Doktor Graves. Ich will sie einfach nur umbringen.�</p><p>Graves' L�cheln gefror. Er erwiderte nichts mehr, aber Mogens konnte ihm nicht nur ansehen, wie schwer es ihm nun fiel, noch weiter die Fassung zu wahren - er begriff auch endg�ltig, dass Miss Preussler Recht gehabt hatte. Graves w�rde niemals zulassen, dass all dies hier zerst�rt wurde.</p><p>�Ich glaube, wir k�nnen jetzt weiter�, mischte sich Tom ein. �Sie sind weg.�</p><p>Graves sah ihn stirnrunzelnd an. Er wirkte ver�rgert, aber Mogens hatte den Eindruck, dass sein �rger weit mehr der Tatsache galt, dass Tom es �berhaupt gewagt hatte, von sich aus das Wort zu ergreifen, und nicht dem, <emphasis>was </emphasis>er sagte. Als er schlie�lich nickte, sah es aus, als n�hme er es Tom �bel, Recht zu haben.</p><p>�Meinetwegen�, sagte er widerwillig. �Aber vielleicht gehst du doch besser voraus und �berzeugst dich davon, dass auch wirklich niemand auf uns wartet.�</p></section><section><title><p id="_51">51.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Auf dem Weg zur�ck bebte die Erde noch zweimal. Aber es waren schwache Erdst��e, der letzte kaum mehr als ein Zittern, der allerletzte, schwache Schauder eines �berstandenen Fiebers. Aus dem Boden drangen keine Maden mehr, und es regnete auch keine Steine und Felsbrocken von der Decke. Trotzdem atmete nicht nur Mogens erleichtert auf, als sie den von K�lte und Dunkelheit erf�llten Spalt im Felsen erreichten, der sie vorhin hierher gef�hrt hatte. Der Weg war nicht einmal mehr weit gewesen - wenige hundert Schritte, die sie in ebenso wenigen Augenblicken zur�ckgelegt hatten -, aber auf dem letzten St�ck war Graves immer nerv�ser geworden und hatte allein zweimal seine Taschenuhr herausgezogen, um einen Blick auf das Ziffernblatt zu werfen. M�glicherweise wusste er doch mehr �ber die pr�zise Dauer der Frist, die noch blieb; vielleicht hatte er auch schlicht und einfach nur Angst. Mogens verzichtete darauf, ihn zu fragen.</p><p>Graves trat ohne zu z�gern als Erster durch den Spalt und wurde von der darin herrschenden Dunkelheit verschlungen, und ganz wie Mogens erwartet hatte, kostete es Miss Preussler eine Menge an gutem Zureden und bes�nftigenden Gesten, bis sie auch das M�dchen dazu bewegen konnte, in die schmale Schlucht hineinzutreten, in der mehr als nur Dunkelheit und die Abwesenheit von W�rme auf sie warteten. Schlie�lich aber �berwanden sie auch dieses letzte Hindernis beinahe leichter - und auf jeden Fall schneller -, als er bef�rchtet hatte, und wenige Augenblicke sp�ter erreichten sie das Haus, unter dem der Kanal mit der Barke lag. Mogens hielt vor allem ihre dunkelhaarige Begleiterin aufmerksam im Auge, und auch Tom drehte immer wieder im Gehen den Kopf, um einen Blick zu ihr zur�ckzuwerfen. Das M�dchen folgte ihnen jetzt gehorsam, aber ihr Verhalten hatte sich nicht ge�ndert, weil sie Vertrauen zu ihnen gefasst oder gar begriffen hatte, dass sie ihr nur helfen wollten. Sie hatte aufgegeben. Sp�testens das, was Graves getan hatte, hatte sie so eingesch�chtert, dass sie es nicht mehr wagte, sich zu widersetzen. Aber das musste nicht so bleiben. Besser, er blieb auf der Hut.</p><p>Mogens trat als Letzter geb�ckt durch den niedrigen Eingang, der ihm jetzt mehr denn je wie das aufgerissene Maul eines amorphen Ungeheuers vorkam, richtete sich auf der anderen Seite wieder auf und hob sch�tzend die Hand vor die Augen, w�hrend er in das unerwartet grelle, wei�e Licht blinzelte. Graves und Tom hatten ihre Lampen wieder entz�ndet, und der Junge war gerade in diesem Augenblick damit besch�ftigt, dasselbe auch mit Miss Preusslers Laterne zu tun. Angesichts der gewaltigen Gefahr, in der sie nach wie vor schwebten, h�tte Mogens erwartet, dass Graves sofort die Treppe nach unten ansteuern w�rde, um so schnell wie �berhaupt nur m�glich auf das Boot zu kommen. Stattdessen jedoch war er wieder an die gegen�berliegende Wand herangetreten und hatte seine Lampe erhoben, um die Zeichen und Bilder darauf zu studieren.</p><p>�Was in Gottes Namen tust du da, Jonathan?�, murmelte Mogens. Fast entsetzt deutete er auf die Treppe. �Lass uns gehen! Oder h�ltst du das f�r den richtigen Moment, sich antike Wandmalereien anzusehen?�</p><p>Graves l�ste nicht einmal seinen Blick von der Wand. Ganz im Gegenteil hielt er die Lampe noch ein St�ck h�her und hob nun auch die andere Hand, um mit den Fingerspitzen beinahe z�rtlich die Konturen einer Hieroglyphe nachzuzeichnen, die an eine bizarre Mischung aus einem Vogel und etwas ganz und gar Unbekanntem erinnerte. �Du bist ein Dummkopf, Mogens�, sagte er. �Wenn nicht jetzt, wann ist dann der richtige Moment? Wir werden diese Bilder vielleicht niemals wiedersehen. Vielleicht wird sie nie wieder ein Mensch sehen.�</p><p>�Vielleicht w�re es besser gewesen, wenn sie niemals von einem Menschen gesehen worden <emphasis>w�ren�, </emphasis>erwiderte Mogens.</p><p>Nun l�ste Graves doch seinen Blick von den Wandmalereien, drehte ganz langsam den Kopf und ma� ihn mit einem langen, unendlich ver�chtlichen Blick. �Ich muss mich bei dir entschuldigen�, sagte er k�hl. �Ich habe dich gerade einen Dummkopf genannt, Mogens, aber das stimmt nicht. Du bist etwas Schlimmeres. Du bist ein Ignorant.�</p><p>Mogens schluckte alles herunter, was ihm dazu auf der Zunge lag. Von seinem Standpunkt aus hatte Graves vermutlich sogar Recht - aber was bewies das schon, vom Standpunkt eines Wahnsinnigen aus? Statt Graves die Antwort zukommen zu lassen, die ihm geb�hrte, deutete er nur ein Schulterzucken an und fragte noch einmal: �K�nnen wir jetzt weitergehen?�</p><p>�Nur einen Moment noch�, antwortete Graves. �Ich will zumindest noch eine Aufnahme von dieser Wand machen. Gottlob war ich vorausschauend genug, Tom aufzutragen, meine fotografische Ausr�stung mitzubringen.�</p><p>�Eine Aufnahme?� Mogens h�tte das Wort fast geschrien. Erwartete dieser Verr�ckte tats�chlich, dass sie in aller Ruhe abwarteten, bis Tom die Kamera ausgepackt, m�hsam zusammengebaut und alle notwendigen Vorbereitungen getroffen hatte, um eine <emphasis>Fotografie </emphasis>von dieser Wand anzufertigen? Mogens verstand herzlich wenig vom Fotografieren, und es interessierte ihn auch nicht - aber er hatte oft genug zugesehen, um zu wissen, dass so etwas Zeit beanspruchte. Zeit, die sie nicht hatten.</p><p>Graves musste seinen Einwand vorausgesehen haben, denn er hob rasch die Hand, um ihm das Wort abzuschneiden. �Keine Angst - es dauert allerh�chstens zwei oder drei Minuten. Ich habe vorausgesehen, dass wir m�glicherweise wenig Zeit haben werden, und alles schon vorbereitet. Tom muss die Kamera nur aufstellen. Gebt der Wissenschaft und dem Rest der Welt wenigstens die Chance, einen einzigen Blick auf dieses Bild zu werfen.�</p><p>Auch wenn uns dieser eine Blick m�glicherweise das Leben kostet, dachte Mogens. Aber seltsam - es gelang ihm nicht, die Worte auszusprechen. Trotz aller Angst war da immer noch ein Teil in ihm, der Graves Recht gab. Es war nur ein Bild, das keinen Schaden anrichten konnte. Und es konnte so unendlich wichtig sein.</p><p>Graves deutete sein Schweigen richtig und machte eine ungeduldige Geste in Toms Richtung. �Du hast es geh�rt, Tom. Bau die Kamera auf. Und beeil dich.�</p><p>�Sie riskieren unser Leben wegen einer <emphasis>Fotografie?�, </emphasis>fragte Miss Preussler ungl�ubig.</p><p>�Andere riskieren unser Leben wegen einer Schwachsinnigen, die den Rest ihrer Tage im Irrenhaus verbringen wird�, murmelte Graves boshaft, g�nnte Miss Preussler aber nicht einmal einen Blick, sondern wandte seine Aufmerksamkeit wieder der bemalten Wand zu.</p><p>�Das ist unglaublich�, fl�sterte er. Seine Stimme bebte vor Ehrfurcht, und seine Augen leuchteten in einer Begeisterung, die Mogens erschreckte. �Jetzt verstehe ich es erst. H�tte ich es doch nur vorher gewusst!�</p><p>�Wovon redest du?�, fragte Mogens. Er wollte es nicht. Alles in ihm schrie ihm zu, dass es besser war, nicht mehr Graves zu sprechen, nicht unbeabsichtigt vielleicht die eine, entscheidende Frage zu stellen, die diesen launischen Mann endg�ltig auf die andere Seite des schmalen Grates abrutschen lie�, auf dem er seit ihrer Ankunft hier unten balancierte. Trotzdem wiederholte er, als Graves nicht sofort antwortete: �H�ttest du <emphasis>was </emphasis>nur vorher gewusst?�</p><p>�Dieses Bild�, antwortete Graves und begann heftig mit der freien Hand zu gestikulieren. Die Bewegung �bertrug sich auf die Lampe, die er in der anderen Hand hielt, sodass das Licht �ber die Fresken und Bilder zu tanzen begann und sie zu unheimlichem Leben erweckte. �Das hier ist viel mehr als nur ein Bild, Mogens!�, sagte er erledigt. �Es ist eine Karte! Eine Karte ihrer Heimat!�</p><p>�Ein Lageplan der Stadt, ich wei߫, antwortete Mogens, aber Graves sch�ttelte nur noch einmal und noch heftiger den Kopf. Die vermeintliche Bewegung, mit der Licht und Schatten das Bild erf�llten, nahm noch zu. Es war, als beginne tief im Innern der Wand irgendetwas zu erwachen. �Es ist eine Karte der Stadt�, best�tigte er, �zugleich aber eine Karte ihres Heimatstaates, siehst du es nicht?�</p><p>Mogens sch�ttelte den Kopf. �Nein.�</p><p>�Wie k�nntest du auch?�, gab Graves mit einem sonderbaren L�cheln zur�ck. �Du hast nicht gesehen, was ich gesehen habe. Ich war in der Pyramide. Ich habe Wunder gesehen, die zu schauen du dein Leben geben w�rdest, Mogens, nur f�r einen einzigen Blick.� Er trat einen halben Schritt zur�ck und deutete nun mit ausgestrecktem Arm auf die Wand. �Sie haben ihre Stadt nach dem Vorbild ihrer Heimat gebaut, verstehst du nicht? Das dort...�, er deutete auf die Pyramide, �... ist die Sonne ihrer Heimat. Der Sirius. Dieses Geb�ude, und dieses, und dieses hier...�, er deutete auf drei weitere, besonders auff�llige Symbole, und Mogens erkannte zu seinem Schrecken in einem davon genau die vermeintliche Mastaba wieder, in der Miss Preussler und er gewesen waren, �... m�ssen die Welten sein, die den Hundsstern umkreisen. Diese weniger aufw�ndigen Geb�ude hier stehen m�glicherweise f�r kleine Trabanten. Es ist ein Wunder, Mogens! Allein dieses Bild wird unsere Auffassung vom Universum und den Gesetzen, denen es gehorcht, von Grund auf ver�ndern!�</p><p>�Eine h�bsche Theorie�, sagte Mogens. �Aber unsere Kollegen von der astronomischen Fraktion werden dich steinigen, wenn du sie ihnen vortr�gst.�</p><p>�Gar nichts werden sie!�, antwortete Graves ver�chtlich. �Sie werden mich auslachen, daran besteht kein Zweifel. Aber das Lachen wird ihnen im Halse stecken bleiben, wenn sie das hier sehen.�</p><p>�Was?�, fragte Miss Preussler. Ihre Stimme war angespannt. �Wenn sie <emphasis>was </emphasis>sehen, Doktor Graves?�</p><p>Graves hatte sich ausgezeichnet in der Gewalt, aber letzten Endes doch nicht gut genug. Wenn schon nicht Miss Preussler, so fiel doch Mogens, der ihm viel n�her war, das kurze, erschrockene Zusammenzucken auf und der Ausdruck von Betroffenheit, der sich f�r einen noch viel k�rzeren Moment in seinen Augen spiegelte. Dann aber sch�ttelte er nur den Kopf und sagte: �Die Fotografie, meine liebe Miss Preussler. Was sonst?� Er drehte sich halb herum. �Tom. Wie weit bist du mit der...� Er stockte mitten im Wort. �Tom? Worauf zum Teufel wartest du? Bau die Kamera auf! Uns l�uft die Zeit davon!�</p><p>Tats�chlich hatte Tom bisher keinen Finger ger�hrt, und er bewegte sich auch jetzt nicht, sondern sah Graves nur verlegen an.</p><p>�Tom!�, sagte Graves scharf.</p><p>�Ich... ich f�rchte, das kann ich nicht, Doktor Graves�, stammelte er. Mogens konnte sich kaum erinnern, ihn jemals so unsicher erlebt zu haben.</p><p>�Was soll das hei�en?�, fauchte Graves. �Tom, zum Teufel noch mal - bau die Kamera auf, oder gib mir den verdammten Rucksack, und ich mache es selbst!�</p><p>Er trat einen Schritt auf Tom zu und streckte tats�chlich die H�nde aus, wie um seine Worte unverz�glich in die Tat umzusetzen, aber Tom trat einen Schritt zur�ck und hob abwehrend die H�nde. Graves blieb wieder stehen. �Tom?�, fragte er verwirrt.</p><p>�Es... es tut mir Leid, Doktor Graves�, sagte Tom. Es klang fast gequ�lt. �Aber ich... ich hab sie... vergessen.�</p><p>�Vergessen?�, �chzte Graves.</p><p>�Und was, um alles in der Welt, schleppst du dann in diesem riesigen Rucksack mit dir herum?�, fragte Miss Preussler verwirrt.</p><p>�Das w�rde mich allerdings auch interessieren�, f�gte Graves hinzu.</p><p>�Es tut mir wirklich Leid�, stotterte Tom. �Ich hatte sie bereitgelegt, aber ich muss sie in der Eile...�</p><p>�Der Rucksack, Tom�, unterbrach ihn Graves. �Zeig mir deinen Rucksack!�</p><p>Tom presste die Kiefer aufeinander. Sein Blick wurde gehetzt. �Es tut mir...�</p><p>�Der Rucksack!�, unterbrach ihn Graves noch einmal und in deutlich sch�rferem Ton, gab Tom aber gar keine Gelegenheit, zu reagieren, sondern war mit zwei schnellen Schritten bei ihm, riss ihn mit einer kraftvollen Bewegung herum und machte sich an den Schnallen seines Rucksacks zu schaffen: Tom versuchte sich zu wehren, aber Graves schlug seine H�nde einfach beiseite und zerrte so ungeduldig an den Lederriemen, dass eine der Schnallen abriss und davonflog. Mit einem triumphierenden Laut griff er in den Tornister - und riss ungl�ubig die Augen auf. �Aber was...?�</p><p>Tom riss sich los und fuhr mit einem Schrei herum. Graves machte eine ganz instinktive Bewegung, um ihn festzuhalten, aber Tom tauchte blitzschnell unter seiner Hand weg, sprang zur Seite und versetzte Graves seinerseits einen Sto�, der ihn zur�cktaumeln und gegen die Wand prallen lie�, wo er haltlos zu Boden sank. Noch bevor Mogens auch nur wirklich begriffen hatte, was geschah, war Tom mit einem Satz an ihm vorbei und aus der T�r.</p><p>�Aber was...?�, keuchte Mogens und riss ungl�ubig die Augen auf, als er sah, was Graves da in der Hand hielt: Eine in braunrotes Packpapier eingeschlagene Rolle vom doppelten Durchmesser eines Daumens, etwas l�nger als eine Hand und mit einer d�nnen Z�ndschnur an einem Ende.</p><p>�Um Gottes willen, was... was ist das?�, fl�sterte Miss Preussler.</p><p>Graves staunte seinen Fund aus aufgerissenen Augen an. �Dynamit�, stammelte er. �Der... der ganze Rucksack ist voller Dynamit!�</p><p>�Dynamit?�, wiederholte Miss Preussler verst�rt. �Aber wieso denn? Ich meine, was... was will er denn...?�</p><p>�Dieser verdammte Dummkopf!� Graves sprang mit einem Schrei auf die F��e und schleuderte die Dynamitstange von sich. Mogens zog instinktiv den Kopf zwischen die Schultern und wartete wider besseres Wissen auf eine Explosion, aber die Dynamitstange prallte nur harmlos gegen die Wand, und Graves war mit einer einzigen Bewegung herum und schon fast bei der T�r.</p><p>�Bring die Frauen zum Boot, Mogens!�, schrie er. �Ich versuche ihn aufzuhalten! Wenn ich in zehn Minuten nicht zur�ck bin, rette dich und die anderen!�</p><p>Die letzten Worte erriet Mogens mehr, als er sie verstand, denn Graves war bereits drau�en und st�rmte davon.</p><p>�Dynamit?�, fragte Miss Preussler noch einmal. �Aber... aber ich verstehe nicht... was hat er denn mit Dynamit vor?�</p><p>�Etwas sehr Dummes, f�rchte ich�, antwortete Mogens. Dann drehte er sich mit einer entschlossenen Bewegung g�nzlich zu ihr um und deutete zugleich auf die Treppe. �Graves hat Recht. Wir haben keine Zeit. Gehen Sie, Miss Preussler. Ich erkl�re Ihnen alles auf dem Weg nach unten!�</p><p>Er eilte zur Treppe und konnte gerade noch den Impuls unterdr�cken, das M�dchen am Arm zu ergreifen; stattdessen drehte er noch einmal um und kehrte zur T�r zur�ck. Sowohl Graves als auch Tom hatten ihre Lampen hier gelassen. Er nahm eine davon an sich und richtete die andere so aus, dass ihr Lichtstrahl auf die Treppe fiel. Mehr konnte er nicht f�r Graves tun, und mehr <emphasis>wollte </emphasis>er auch nicht tun. Bevor er wieder zur�ckging, zog er seine Taschenuhr heraus und sah auf das Ziffernblatt. Graves hatte ihm eine Frist von zehn Minuten abverlangt, und die w�rde er bekommen, aber keine einzige Sekunde mehr!</p><p>Miss Preussler und das M�dchen hatten die Treppe mittlerweile erreicht und waren zwei oder drei Stufen weit nach unten gestiegen, nun aber war die junge Frau stehen geblieben und weigerte sich beharrlich, weiter zu gehen. Miss Preussler redete beruhigend auf sie ein, aber sie sch�ttelte nur immer wieder den Kopf und w�re vermutlich sogar wieder zur�ckgewichen, h�tte Mogens nicht hinter ihr gestanden und ihr den Weg verwehrt.</p><p>�Worauf warten Sie?�, fragte Mogens ungeduldig.</p><p>�Sie will nicht weitergehen�, antwortete sie. �Irgendetwas dort unten scheint ihr furchtbare Angst zu machen.�</p><p>Was Mogens ihr nicht verdenken konnte. Vielleicht war es einfach die Treppe an sich, �berlegte er. Immerhin f�hrte der Weg wieder hinab in die Erde, zur�ck in die Welt, in der sie Schlimmeres erlebt haben musste, als er sich auch nur vorstellen konnte.</p><p>Er sagte nichts, blickte aber demonstrativ auf die Uhr, und Miss Preussler wandte sich wieder um und fuhr fort, mit leiser, beruhigender Stimme auf das M�dchen einzureden. Sie verbrauchte einen Gutteil ihrer wenigen Zeit - ann�hernd drei Minuten -, aber schlie�lich gelang es ihr, die junge Frau zum Weitergehen zu bewegen.</p><p>Bis sie die letzte Stufe erreicht hatten. Miss Preussler blieb erschrocken stehen, als sie weit genug nach unten gestiegen war, um das Boot zu erkennen, das M�dchen aber reagierte nahezu panisch. Diesmal war es ihr gleich, dass Mogens hinter ihr stand. Sie fuhr auf dem Absatz herum und h�tte Mogens wahrscheinlich einfach �ber den Haufen gerannt, w�re die Treppe nur breit genug daf�r gewesen.</p><p>Sie prallte hart genug gegen ihn, um ihn nahezu aus dem Gleichgewicht zu bringen. Mogens prallte gegen die Wand des schmalen Treppenschachtes, und ob er nun mit Absicht zugriff oder sich nur festklammerte, um nicht von den F��en gerissen zu werden, es gelang ihm, das M�dchen zu packen zu kriegen. In der allerersten Sekunde wehrte es sich mit erstaunlicher Kraft gegen seinen Griff, dann aber konnte er regelrecht sp�ren, wie es erschlaffte. F�r einen halben Atemzug musste er sie tats�chlich festhalten, damit sie nicht fiel.</p><p>�Professor?�, fragte Miss Preussler alarmiert.</p><p>�Es ist schon in Ordnung�, sagte Mogens rasch und hoffte, dass das stimmte. Behutsam ergriff er das M�dchen bei den Schultern, drehte es mit sanfter Gewalt herum und schob es die verbliebenen drei Stufen die Treppe hinab. �Hier, nehmen Sie sie. Ich glaube, sie hat sich nur erschreckt.�</p><p>�Das kann ich ihr nicht verdenken�, antwortete Miss Preussler, griff aber zugleich auch nach dem Handgelenk der jungen Frau und zog sie sanft in ihre Umarmung. Diesmal wehrte sie sich nicht, aber der Anblick alarmierte Mogens trotzdem. Von dem vorsichtigen Vertrauen, das sie zu Miss Preussler gefasst hatte, war nichts mehr geblieben. Sie lie� einfach alles mit sich geschehen.</p><p>�Was ist das f�r ein gr�ssliches... Ding?�, fuhr Miss Preussler mit einem Blick auf die Barke fort. �Sagen Sie nicht, das ist das Boot, von dem Graves gesprochen hat!�</p><p>�Ich f�rchte, doch�, antwortete Mogens, w�hrend er sich behutsam an ihr vorbeischob und dann mit umso weiter ausgreifenden Schritten dem Ufer zustrebte. Er konnte Miss Preusslers Reaktion durchaus verstehen. Vorhin, als er zum ersten Mal hier gewesen war, war es ihm nicht aufgefallen, weil ihn die blo�e Tatsache der Entdeckung einfach erschlagen hatte, aber nun sah er, wie unheimlich die Barke tats�chlich war. Wie bei den Bewohnern dieser unterirdischen Welt selbst war der Unterschied nicht wirklich in Worte zu fassen, aber er war da: Alles an diesem fantastischen Gef�hrt war so, wie es sein sollte, und zugleich auf entsetzliche Weise <emphasis>falsch. </emphasis>Dabei war die Barke noch nicht einmal komplett. Mogens fragte sich, was Miss Preussler wohl gesagt h�tte, h�tten die beiden lebensgro�en Anubis-Statuen in Bug und Heck gestanden, die er von zahllosen Abbildungen und Miniaturen her kannte.</p><p>�Sie glauben nicht ernsthaft, dass ich auch nur einen Fu� auf dieses gottesl�sterliche Ding setze�, sagte Miss Preussler hinter ihm.</p><p>�Ich f�rchte, uns bleibt keine andere Wahl�, antwortete Mogens abwesend, und ohne den Blick auch nur f�r eine Sekunde von der schwarzen Barke zu nehmen: Vielleicht konnte er Miss Preusslers Beunruhigung so gut verstehen, weil ihn der Anblick selbst beunruhigte; mehr, als er trotz allem gedurft h�tte. Etwas... hatte sich ver�ndert. Aber er konnte nicht sagen, was. Unstet huschte sein Blick �ber das nachtfarbene Boot, glitt an den bizarren Konturen und feindseligen Linien entlang und tastete �ber Winkel und Kanten, die so falsch waren, dass etwas in ihm emp�rt aufschrie. Er sp�rte etwas, und es lag nicht nur daran, dass er das Boot nun mit anderen Augen betrachtete. Eine... Pr�senz. Da war eine Gefahr, die es bisher noch nicht gegeben hatte. Aber es war ihm nicht m�glich, sie zu greifen.</p><p>Mogens sch�ttelte den Gedanken ab und sah auf die Uhr. Die Frist, die Graves sich selbst gesetzt hatte, war nahezu verstrichen. Ihm blieben noch weniger als drei Minuten - auch wenn Mogens bezweifelte, dass diese Zeit �berhaupt ausreichte, um Miss Preussler und das M�dchen zum Betreten der Barke zu �berreden und abzulegen.</p><p>�Gibt es denn gar keinen anderen Weg hier heraus?�, fragte Miss Preussler mit zitternder Stimme.</p><p>�Ich f�rchte, nein�, antwortete Mogens. Er wandte sich halb zu ihr um, eigentlich nur, um ihr einen beruhigenden Blick zuzuwerfen, runzelte aber dann �berrascht die Stirn, als er ins Gesicht des M�dchens sah. Sie wirkte noch erschrockener als zuvor. Ihre Augen waren schwarz vor Angst, und ihre Finger hatten sich mit solcher Kraft in das zerlumpte B�ndel gekrallt, das sie an die Brust presste, dass sie das Kind mit Sicherheit verletzt h�tte, w�re es noch am Leben gewesen. Miss Preussler und er waren nicht die Einzigen hier, die der Anblick der schwarzen Barke mit etwas erf�llte, das �ber reine Furcht hinausging.</p><p>Diese Erkenntnis war nicht neu. Und trotzdem: Etwas daran irritierte ihn, und es verging auch nur noch eine einzige weitere Sekunde, bis ihm klar wurde, was. Die junge Frau starrte gar nicht das Boot an. Ihr Blick war so teilnahmslos dar�ber hinweggeglitten, als w�re dieses monstr�se Ding das Selbstverst�ndlichste von der Welt; was es f�r sie vermutlich auch war. Sie starrte das <emphasis>Wasser </emphasis>an.</p><p>Auch Mogens blickte konzentriert auf die schwarz und nahezu unbewegt daliegende Wasseroberfl�che hinab, konnte aber keinen Unterschied zu vorhin erkennen. Es gab eine ganz leichte Str�mung, gerade genug, um das Wasser, nicht aber etwa das Boot zu bewegen, und vielleicht hatte die Anzahl der haard�nnen Algen, die sich unter seiner Oberfl�che bewegten, ein wenig zugenommen. Aber das war schon alles.</p><p>Mogens warf Miss Preussler einen entsprechenden Blick zu, auf das M�dchen aufzupassen, trat mit einem gro�en Schritt in die Barke hinein und registrierte erleichtert, dass das Boot unter seinem Gewicht ganz sanft schwankte. Er war froh, dass ihm diese M�glichkeit erst im Nachhinein eingefallen war - aber es h�tte gut sein k�nnen, dass es sich gar nicht um ein richtiges Boot handelte, sondern vielmehr um eine Skulptur aus Stein, die nur um des authentischen Anblicks willen hier aufgestellt worden war.</p><p>�Kommen Sie!�, sagte er. �Wir m�ssen uns beeilen!�</p><p>�Aber Doktor Graves...�, begann Miss Preussler unsicher.</p><p>�Doktor Graves�, unterbrach sie Mogens, w�hrend er sich bereits einmal um sich selbst drehte, um nach den Rudern Ausschau zu halten, �hat noch ungef�hr zwei Minuten. Wenn er bis dahin nicht zur�ck ist, fahren wir ab. Er hat es schlie�lich selbst gesagt.�</p><p>�Aber wir k�nnen ihn doch nicht einfach im Stich lassen!�, protestierte Miss Preussler.</p><p>Mogens sah sie nur �berrascht an. Nach allem, was bisher geschehen war, h�tte er eine etwas andere Reaktion von ihr erwartet. Der gute Kern, der unter Miss Preusslers sprichw�rtlicher rauer Schale schlug, musste wohl noch gr��er sein, als er bisher geahnt hatte. Und zweifellos hatte sie Recht. Dennoch sch�ttelte er nur noch einmal entschlossen den Kopf und atmete zugleich innerlich erleichtert auf, als er genau das fand, wonach er Ausschau gehalten hatte: Zwar keine Ruder, aber doch zwei kr�ftige, mehr als mannslange Stangen, mit denen man das Boot von der Stelle staken konnte.</p><p>�Er hat es selbst gesagt�, antwortete er, w�hrend er sich bereits nach einer Stange b�ckte. Sie war unerwartet schwer und f�hlte sich so glatt und massiv in seiner Hand an, als best�nde sie aus Metall oder Stein, nicht aus Holz. Mogens musste beide H�nde zu Hilfe nehmen, um sie �berhaupt hochheben und ihr Ende ins Wasser hinabgleiten lassen zu k�nnen. �Vielleicht sollten wir ausnahmsweise einmal auf das h�ren, was er sagt.�</p><p>Die Stange stie� schon nach einem �berraschend kurzen St�ck auf Widerstand. Der Kanal war offensichtlich gerade tief genug, dass das Boot darauf schwimmen konnte. Mogens stemmte sich probehalber mit seinem ganzen K�rpergewicht dagegen. Im allerersten Moment geschah nichts, dann aber l�ste sich die Barke, langsam, zitternd und so widerwillig wie ein lebendes Wesen, das nicht mit dem einverstanden ist, was von ihm verlangt wurde, vom Ufer und begann sich tr�ge auf der Stelle zu drehen. �Kommen Sie�, sagte er noch einmal. �Es wird Zeit.�</p><p>Miss Preussler w�re nicht Miss Preussler gewesen, h�tte sie nicht noch ein paar Sekunden verstreichen lassen, in denen sie einfach ihn und das Boot abwechselnd anstarrte, dann aber trat sie mit einem pl�tzlich entschlossenen Schritt zu ihm herab und zog in der gleichen Bewegung auch das M�dchen mit sich. Mogens hatte fest damit gerechnet, dass sie sich str�uben oder gar wehren w�rde, aber ihr Widerstand schien endg�ltig gebrochen zu sein. Fast willenlos folgte sie Miss Preussler, das B�ndel mit dem toten Kind weiter fest an die Brust gedr�ckt und mit leerem Blick, der starr auf die Wasseroberfl�che gerichtet blieb. Und ganz pl�tzlich wurde Mogens auch klar, was er sah: einen Menschen, der mit seinem Leben abgeschlossen hatte. Der Augenblick, in dem sie das, was immer sie in diesen schwarzen Fluten auch sehen mochte, noch zu Tode ge�ngstigt hatte, war vor�ber. Sie hatte aufgegeben und f�gte sich in ihr Schicksal, vielleicht weil ihre Kraft einfach nicht mehr reichte, um zu k�mpfen, vielleicht auch, weil sie niemals gelernt hatte, sich zu wehren.</p><p>Mogens' Blick folgte dem der jungen Frau. Es war nicht einfach nur das Boot, das sie anstarrte. Die gr��te Angst hatte sie sichtlich vor dem schwarzen Sarkophag, vielleicht auch vor der monstr�sen Gestalt, die in seinen Deckel eingraviert war, und Mogens fragte sich, ob sie ein solch monstr�ses Wesen vielleicht schon einmal <emphasis>tats�chlich </emphasis>zu Gesicht bekommen hatte. Noch vor weniger als einer Stunde h�tte er einen solchen Gedanken als l�cherlich von sich gewiesen, aber jetzt jagte er ihm einen eisigen Schauer �ber den R�cken.</p><p>�Nehmen Sie die Stange, Miss Preussler�, sagte er. �Bitte.�</p><p>�Doktor Graves' Frist ist noch nicht um�, sagte sie stur.</p><p>Mogens funkelte sie einen Moment lang w�tend an, aber er sagte nichts. Sie hatte ja Recht, auch wenn es sich vermutlich nur noch um wenige Augenblicke handelte; und es ging dabei gar nicht so sehr um Graves. Miss Preussler hatte viel rascher als er begriffen, dass er sich den Rest seines Lebens fragen w�rde, ob Graves nicht vielleicht doch noch im allerletzten Moment gekommen war. Er hatte einmal in seinem Leben jemanden im Stich gelassen, und er w�rde es nicht noch einmal tun. Wortlos dr�ckte er ihr die Stange in die Hand, b�ckte sich nach der zweiten und ging zum Bug der Barke. Etwas wie ein kalter Luftzug schien ihn zu streifen, als er den schwarzen Sarkophag passierte, aber das mochte Einbildung sein. Nicht erst, seit sie dieses Boot betreten hatten, konnte er seinen Sinnen nicht mehr in gewohntem Umgang vertrauen.</p><p>Obwohl Miss Preussler die Stange nur lose in den H�nden hielt, drehte sich die Barke weiter langsam auf der Stelle, bis der hochgezogene Bug genau in die Richtung wies, in der sich der Kanal in der Dunkelheit verlor, und kam mit einem sachten Zittern zur Ruhe; ein weiterer Zufall, der Mogens einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�. Aber vielleicht hatte sich das Boot ja auch einfach nur in die Str�mung gedreht. Er w�re nicht einmal mehr �berm��ig �berrascht gewesen, h�tte sich die Barke in diesem Moment von sich aus in Bewegung gesetzt, aber sie erzitterte nur noch einmal sacht und kam dann endg�ltig zur Ruhe, und Mogens rammte seine Stange ins Wasser und sah noch einmal auf das Ziffernblatt seiner Uhr. Graves' Frist war abgelaufen. Wenn sie jetzt aufbrachen, gab es nichts, was er sich h�tte vorwerfen k�nnen. Graves selbst h�tte nicht anders gehandelt. Ganz im Gegenteil - Mogens war nicht einmal sicher, ob er tats�chlich bis zum Ablauf der vereinbarten Frist gewartet h�tte, und mit jeder Sekunde, die er weiter verstreichen lie�, setzte er sein Leben und das der beiden Frauen mehr aufs Spiel.</p><p>�Was hat... Thomas mit dem Dynamit vor?�, fragte Miss Preussler stockend.</p><p>�Etwas sehr Dummes�, antwortete Mogens. �Und ich f�rchte, es ist meine Schuld.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Ich h�tte es wissen m�ssen�, antwortete er halblaut. �Sp�testens, als ich diesen gewaltigen Rucksack gesehen habe.�</p><p>�Das haben wir alle�, antwortete Miss Preussler. �Und wir alle haben uns gefragt, was er wohl darin tr�gt - ich habe ja sogar noch meine Scherze dar�ber gemacht. Aber niemand hat ihn gefragt. Ich auch nicht.�</p><p>�Sie wussten ja auch nicht, dass Toms Eltern von diesen Ungeheuern get�tet worden sind�, antwortete Mogens bitter. �Ich nehme nicht an, dass er es Ihnen erz�hlt hat?� Er drehte sich halb zu ihr herum und fuhr fort: �Sie haben seine Mutter entf�hrt und seinen Vater praktisch vor seinen Augen umgebracht. Der Junge hat noch eine Rechnung mit diesen Biestern offen, Miss Preussler.�</p><p>�Und jetzt glauben Sie, er will sich r�chen�, vermutete sie und beantwortete ihre eigene Frage gleich mit einem Nicken.</p><p>�Ich w�sste nicht, wozu er sonst einen ganzen Rucksack voller Sprengstoff brauchte�, sagte Mogens. Er sah zur Treppe hin. Das tanzende Licht ihrer Scheinwerfer gaukelte ihm eine Bewegung vor, die es nicht gab. Keine Spur von Graves. Mogens dachte an die Prozession grauenerregender Missgeburten zur�ck, die an ihrem Versteck vorbeigezogen war, und seine Hoffnung, Tom oder auch nur Graves noch einmal lebend wiederzusehen, sank noch weiter. Er sah auf die Uhr. Sie waren gute drei Minuten �ber die Zeit. Er konnte nicht l�nger warten. Er hatte nicht einmal das Recht dazu. Er spielte nicht nur mit seinem Leben, sondern auch mit dem der beiden Frauen.</p><p>Seine Hand schloss sich fester um die Stange, doch statt das Boot damit von der Stelle zu bewegen, lie� er nur den Deckel seiner Taschenuhr mit einem scharfen Knall zuschnappen und steckte sie ein.</p><p>�Sie h�tten es sich niemals verziehen�, sagte Miss Preussler leise.</p><p>�Was?�</p><p>�Ihn zur�ckgelassen zu haben�, antwortete sie. �Es ist richtig, zu warten.� Und als h�tte sie seine Gedanken gelesen, f�gte sie mit einem schmalen L�cheln noch hinzu: �Gerade <emphasis>weil </emphasis>er es umgekehrt wahrscheinlich nicht getan h�tte.�</p><p>�Wir k�nnen trotzdem nicht mehr lange warten�, antwortete er. �Noch ein paar Minuten.�</p><p>Miss Preussler antwortete nicht mehr, aber ihr Blick wurde f�r einen Moment weich, und das war ihm ein fast gr��erer Trost als alles, was sie h�tte sagen k�nnen.</p><p>Er wandte sich wieder nach vorne und richtete den Scheinwerfer direkt auf das Wasser. Unter seiner Oberfl�che bewegte sich etwas, aber er konnte nicht wirklich erkennen, was. Neugierig und beunruhigt zugleich beugte er sich vor und lenkte den Lichtstrahl unmittelbar neben dem Boot auf die Flut. Es waren die Algen - oder das, was er bisher daf�r gehalten hatte, auch wenn ihn der Anblick jetzt mehr an ein Gespinst feiner Haare erinnerte, das sich, einem eigenen, anderen Takt als dem der Str�mung gehorchend, tr�ge im Wasser bewegte. Mogens lie� sich in die Knie sinken und streckte die Hand aus, um das sonderbare Gespinst zu ber�hren, aber irgendetwas warnte ihn, es zu tun. Vielleicht war es die sonderbare Bewegung, die ihm jetzt immer deutlicher auffiel, auch wenn daran nichts wirklich Bedrohliches zu sein schien. Dennoch war es eine Bewegung, die nicht h�tte sein d�rfen.</p><p>Ohne die Finger ins Wasser getaucht zu haben, richtete er sich wieder auf und wollte gerade nach seiner Laterne greifen, um auch die Ufer des Kanals einer etwas genaueren Inspektion zu unterziehen, als er ein Ger�usch h�rte.</p><p>Abrupt fuhr er herum und richtete den Strahl seiner Grubenlampe gerade im richtigen Moment auf die Treppe, um zu sehen, wie Graves hereinstolperte; und das wortw�rtlich. Er machte zwei, drei, schlie�lich vier Schritte, von denen einer gr��er und ungeschickter war als der andere, fiel schlie�lich auf H�nde und Knie herab und versuchte, den Schwung seiner eigenen Bewegung zu nutzen, um wieder in die H�he zu springen - wodurch er endg�ltig nach vorne gerissen wurde und haltlos �ber den rauen Boden auf das Ufer zuschlitterte.</p><p>Hinter ihm st�rmte ein Ghoul herein.</p><p>Das Ungeheuer �berwand die letzten drei oder vier Stufen mit einem einzigen, federnden Satz, mit dem er zwar ebenfalls auf H�nden und Knien landete, aber sofort wieder in die H�he schoss. Mit einem zornigen Knurren fuhr er herum und hielt nach seiner Beute Ausschau. F�nge und Z�hne blitzten im kalten Licht des Scheinwerfers, und seine Augen funkelten t�ckisch. War das Blut, was da von seinen Rei�z�hnen tropfte?</p><p>Mit einem ungeheuerlichen Br�llen st�rzte der Ghoul vor, weit nach vorne gebeugt und auf eine groteske Art h�pfend, wie ein absurd gro�er Affe. Seine Krallen rissen Funken aus dem Stein und verfehlten Graves' Gesicht nur um Haaresbreite. Graves schrie auf, warf sich herum, und der Ghoul stie� mit seinem gewaltigen, klauenbewehrten Fu� nach seinem Gesicht. Graves entging ihm auch dieses Mal mit einer verzweifelten Bewegung, doch der Fu� der riesigen Bestie stanzte mit grausamer Wucht auf seine linke Hand hinab und zermalmte sie.</p><p>Graves br�llte vor Schmerz. <emphasis>�Mogens!�, </emphasis>kreischte er. <emphasis>�Schie�!�</emphasis></p><p>Mogens hatte nichts, um zu schie�en. Graves musste seine eigene Waffe irgendwo verloren haben, und Toms Gewehr lehnte immer noch oben an der Wand, wo er es zur�ckgelassen hatte. Mogens konnte ihn nur hilflos anstarren, w�hrend Miss Preussler ihre Lampe herumschwenkte und den Strahl direkt ins Gesicht des Ungeheuers richtete. Der Ghoul br�llte wie unter Schmerzen auf, riss die Arme vor das Gesicht, um seine empfindlichen Augen zu sch�tzen und prallte ein St�ck zur�ck, und Graves nutzte die Chance, um sich trotz seiner schrecklichen Verletzung aufzurappeln und weiter auf das Boot zuzustolpern. Der Ghoul knurrte w�tend und st�rzte ihm nach. Seine Krallen blitzten auf wie winzige, gef�hrliche Messer. Mogens h�rte das Ger�usch von rei�endem Stoff, das von einem gellenden Schrei aus Graves' Kehle verschluckt wurde, doch Graves stolperte dennoch weiter, erreichte das Ufer und stie� sich mit einer verzweifelten Bewegung ab. Er landete ungeschickt und mit solcher Wucht unmittelbar neben Mogens im Boot, dass die Barke sich f�hlbar auf die Seite legte und mit einem schweren Klatschen zur�ckfiel. Der pl�tzliche Ruck brachte auch das M�dchen aus dem Gleichgewicht. Es prallte gegen den Sarkophag und st�rzte, und auch Mogens k�mpfte einen Moment lang mit gespreizten Beinen um seine Balance und gewann diesen Kampf nur, weil er sich mit beiden H�nden an der Stange festhielt. Einzig Miss Preussler reagierte mit erstaunlicher Kaltbl�tigkeit: Das Ungeheuer st�rmte br�llend heran, und als es noch zwei Schritte vom Ufer entfernt war, beugte sie sich vor und riss die Stange zur Seite. Der Ghoul registrierte die Gefahr vielleicht noch im letzten Moment und versuchte, sich herumzuwerfen, aber es war zu sp�t. Er prallte mit nahezu ungebremstem Tempo gegen die Stange, deren Ende noch immer im Schlamm des Kanalbodens steckte. Mogens glaubte die Rippen des Ungeheuers knirschen zu h�ren, und aus dem w�tenden Br�llen des Ghoul wurde ein wimmerndes R�cheln. Das Ungeheuer brach in die Knie, schlang die Arme um den Oberk�rper und begann sich langsam zur Seite zu neigen, und Mogens hoffte schon, dass er einfach weiter kippen und ins Wasser st�rzen w�rde. Zu seinem Entsetzen musste er jedoch erkennen, dass sich der Ghoul im letzten Moment wieder fing und sogar damit begann, sich schwankend wieder hochzuarbeiten.</p><p>�Miss <emphasis>Preussler!�, </emphasis>br�llte er. �Die <emphasis>Stange! Staken Sie.� </emphasis>Gleichzeitig stemmte auch er sich mit verzweifelter Gewalt gegen die Stange. Das Boot begann zu zittern. Eine einzige, furchtbare Sekunde lang schien es sich gar nicht von der Stelle zu r�hren, dann aber setzte es sich schwerf�llig in Bewegung.</p><p>Der Ghoul war mittlerweile wieder ganz auf die F��e gekommen, aber er musste sich wohl doch schwerer verletzt haben, als es im ersten Moment den Anschein gehabt hatte. Er wankte. Blut lief aus seinem halb offen stehenden Maul. Er <emphasis>hatte </emphasis>sich verletzt, wenn auch wohl nicht schlimm genug. Mogens registrierte voller Entsetzen, wie sich das Ungeheuer zum Sprung spannte. Das Boot hatte sich mittlerweile ein St�ck vom Ufer entfernt und wurde schneller, aber l�ngst nicht schnell genug. Selbst Mogens h�tte sich zugetraut, es vom Ufer aus mit einem beherzten Satz zu erreichen - f�r den Ghoul konnte es kaum mehr als ein gro�er Schritt sein.</p><p>Die Bestie stie� sich ab und landete mit solcher Wucht unmittelbar neben Graves in der Barke, dass das Boot zu wanken begann und sich bedrohlich auf eine Seite legte. Mogens musste sich mit aller Kraft an die Stange klammern, um nicht �ber Bord zu st�rzen, und auch der Ghoul k�mpfte heulend und mit wild fuhrwerkenden Armen um sein Gleichgewicht. Seine Krallen zischten wie Messer durch die Luft, verfehlten Graves' Gesicht um Haaresbreite - und trafen das tote Kind, das das M�dchen im den Armen hielt! Es wurde ihr einfach entrissen, flog im hohen Bogen durch die Luft und klatschte meterweit entfernt ins Wasser.</p><p>Die junge Frau schrie auf, als h�tten die rasiermesserscharfen Krallen sie selbst getroffen, wirbelte herum und streckte mit einer verzweifelten Bewegung die Arme aus, wie um es aufzufangen, und Mogens war felsenfest davon �berzeugt, dass sie sich im n�chsten Sekundenbruchteil ins Wasser st�rzen und hinter ihrem Kind her schwimmen w�rde. Stattdessen fuhr sie mit noch spitzerem, gellenderem Schrei herum und warf sich mit weit ausgebreiteten Armen gegen den Ghoul. Ihre Fingern�gel zerkratzten sein Gesicht, rissen tiefe, blutende Furchen in die lange Schakalschnauze und l�schten eines der gl�henden Augen aus, und ihr Anprall war so gewaltig, dass sie den ohnehin wankenden Koloss endg�ltig von den F��en riss. Haltlos kippte er nach hinten und fiel �ber Bord. Aber im letzten Moment schlossen sich seine gewaltigen Arme um das M�dchen, sodass er es mit sich riss.</p><p>Mogens streckte ebenso entsetzt wie vergeblich die Arme aus, aber er war viel zu weit entfernt, um noch irgendetwas tun zu k�nnen. In einer gewaltigen Woge aus aufspritzender Gischt verschwanden das Ungeheuer und die junge Frau im Wasser.</p><p>Mit einem einzigen Satz war Mogens in der Mitte des Bootes, und auch Miss Preussler lie� ihre Stange los und balancierte hastig �ber den schwankenden Grund heran. Fast verzweifelt beugte Mogens sich vor, konnte aber im ersten Moment nichts anderes erkennen als sch�umendes Wasser und zwei formlose Schatten, die irgendwo unter seiner Oberfl�che miteinander zu ringen schienen. Der Kanal schien zu kochen.</p><p>Miss Preussler warf sich vor und versuchte nach dem M�dchen zu greifen, aber Mogens riss sie zur�ck. Ohne es begr�nden zu k�nnen, <emphasis>wusste </emphasis>er einfach, dass sie dieses Wasser nicht ber�hren durften.</p><p>Pl�tzlich tauchte eine Hand aus den Wellen auf. Mogens griff ganz automatisch danach, zog mit aller Kraft und schaffte es irgendwie, Kopf und Schultern der jungen Frau �ber Wasser zu bekommen und griff auch mit der anderen Hand zu, aber das M�dchen machte keinerlei Anstalten, ihm zu helfen, sondern begann sich ganz im Gegenteil mit derselben irrationalen Kraft zu wehren, mit der manche Ertrinkende ihre Retter mit ins Verderben rei�en, und tats�chlich war es pl�tzlich Mogens, der f�r einen Atemzug darum k�mpfte, nicht �ber Bord gerissen zu werden. Erst, als auch Miss Preussler abermals nach ihrem Arm griff und ihm half, gelang es ihnen mit vereinten Kr�ften, sie aus dem Wasser und halbwegs an Bord zu ziehen.</p><p>Pl�tzlich aber wurde das M�dchen mit einem harten Ruck zur�ckgerissen. Ein keuchender Schmerzlaut kam �ber seine Lippen, und selbst Mogens und Miss Preussler wurden wieder ein St�ck nach vorne gerissen. Eine gewaltige Pranke hatte sich um den Unterschenkel des M�dchens gekrallt und versuchte sie mit brutaler Kraft zur�ckzurei�en.</p><p>�Jonathan! Hilf uns!�, keuchte Mogens.</p><p>Graves hatte sich mittlerweile aufgerappelt und rumorte irgendwo hinter ihnen herum, aber er dachte offenbar gar nicht daran, ihnen zu helfen. Wahrscheinlich war er einfach zu schwer verletzt. Mogens verdoppelte seine Anstrengungen, das M�dchen zu sich �ber die Bordwand zu ziehen, und auch Miss Preussler zerrte und zog nach Kr�ften. Der Ghoul umklammerte ihr Bein noch immer mit unerbittlichem Griff, aber seine Kraft war nicht so unwiderstehlich, wie Mogens bef�rchtet hatte. Das Ungeheuer wirkte benommen. Rings um seinen Sch�del herum kochte das Wasser noch immer, aber der Schaum hatte sich rosa gef�rbt. Blut quoll in Str�men aus seiner leeren Augenh�hle, und seine Bewegungen wirkten benommen und trotz aller Kraft fahrig und ziellos. Vielleicht hatte es sich an der Wand des Kanals den Sch�del angeschlagen, oder seine Verletzung war schwerer, als es den Anschein hatte.</p><p>Dennoch gelang es nicht einmal seinen und Miss Preusslers vereinten Kr�ften, das M�dchen vollends an Bord zu ziehen. Ganz im Gegenteil: Die junge Frau klammerte sich mit so verzweifelter Kraft an die niedrige Bordwand, dass ihre Fingern�gel abbrachen und sich das Wasser auch hier blassrosa zu f�rben begann, und auch Mogens und Miss Preussler zogen und zerrten mit aller Gewalt. Trotzdem wurde sie, ganz langsam, aber auch mit schrecklicher Unaufhaltsamkeit, wieder zur�ck ins Wasser gezerrt. Das Boot begann sich immer weiter zu neigen, und Mogens sp�rte, wie seine Kr�fte im gleichen Ma�e nachlie�en, wie die des Ungeheuers zuzunehmen schienen. Das Monster stie� jetzt ein lang gezogenes, schreckliches Heulen aus, in dem sich Wut, Schmerz und noch etwas Anderes, Schlimmeres mischten, und als Mogens instinktiv in seine Richtung sah, �berlief ihn ein neuerlicher, eisiger Schauer. Erst jetzt sah er, dass das Ungeheuer �ber und �ber mit F�den des d�nnen, glitzernden Tangs bedeckt war, die au�erhalb des Wassers eher fleischfarben bis wei� zu schimmern schienen, statt schwarz, und ihn nun mehr denn je an Haar erinnerten. Die Ber�hrung musste ihm unangenehm sein, denn es benutzte nur eine Hand, um das M�dchen festzuhalten, w�hrend es mit der anderen immer hektischer versuchte, das glitzernde Geflecht von seinem Gesicht und seinen Schultern zu rei�en. Dennoch zerrte es unbarmherzig weiter am Bein des M�dchens. Das Boot neigte sich weiter, und Mogens wurde mit schrecklicher Gewissheit klar, dass der Ghoul die Barke eher zum Kentern bringen oder das Bein seines Opfers herausrei�en w�rde, bevor er loslie�.</p><p>�Graves!�, schrie er verzweifelt. �Hilf uns!�</p><p>Er rechnete auch diesmal nicht wirklich damit, dass Graves irgendetwas tun w�rde, um ihnen zu helfen; oder auch nur <emphasis>konnte. </emphasis>In der n�chsten Sekunde jedoch tauchte Graves breitbeinig hinter ihnen auf. Er hielt eine der beiden Stangen in den H�nden. Sie war zu lang, um damit zuschlagen zu k�nnen, doch das versuchte er auch gar nicht. Stattdessen stie� er dem Ghoul das stumpfe Ende mit solcher Gewalt ins Gesicht, dass mehrere seiner Rei�z�hne abbrachen und die gr�ssliche Kreatur ein gepeinigtes Heulen ausstie�.</p><p>Sie lie� das Bein des M�dchens trotzdem nicht los.</p><p>Ganz im Gegenteil gruben sich ihre Krallen nur noch tiefer in ihr Fleisch, sodass das Bein heftig zu bluten begann. Graves fluchte, stie� noch einmal zu und zielte diesmal auf die Kehle des Ungeheuers. Er traf nicht so gut, wie er es vermutlich beabsichtigt hatte - seine verletzte Hand musste ihn stark behindern, ganz abgesehen von den h�llischen Schmerzen, die er zweifellos litt -, doch der Sto� zeitigte dennoch Wirkung. Das Monster lie� endlich das Bein seines Opfers los, warf beide Arme in die Luft und tauchte mit einem gurgelnden Laut unter, und Graves stie� mit seiner Stange nach ihm, um es noch weiter unter Wasser zu dr�cken und wom�glich zu ertr�nken.</p><p>�Schnell jetzt�, schrie er. �Zieh! Ich wei� nicht, wie lange ich ihn halten kann!�</p><p>Mogens warf sich mit verzweifelter Kraft zur�ck, und gemeinsam mit Miss Preussler gelang es ihm tats�chlich, die junge Frau ein gutes St�ck weit �ber die Bordwand zu ziehen. Aber nicht vollst�ndig. Nicht einmal so weit, wie er erwartet h�tte. Obwohl die Bestie ihr Bein losgelassen hatte, schien irgendetwas sie noch immer festzuhalten.</p><p>Die Stange in Graves' H�nden begann immer heftiger zu zucken und hin und her zu peitschen. Es war ihm gelungen, den Ghoul tats�chlich bis auf den Grund des Kanals hinab zu dr�cken und dort festzuhalten, aber die Bestie wehrte sich mit verzweifelter Kraft. Graves' Gesicht war vor Anstrengung verzerrt, aber es war nur noch eine Frage von Sekunden, bis er die Stange loslassen musste, oder sie ihm einfach aus den H�nden gerissen wurde.</p><p>Mogens verdoppelte seine Anstrengungen noch einmal, aber es fiel ihm immer schwerer, das M�dchen zu halten. Keuchend beugte er sich vor und sah endlich, was das M�dchen festhielt: Seine Beine hatten sich in dem wehenden Tang verfangen, der sich d�nn wie Haar, aber in gewaltiger Menge um seine Kn�chel gewickelt hatte.</p><p>Mogens warf sich mit einer entschlossenen Bewegung vor, griff mit beiden H�nden nach dem glitzernden Gespinst und versuchte es zu zerrei�en.</p><p>Es blieb bei dem blo�en Versuch.</p><p>Mogens schrie vor Schmerz und �berraschung auf, prallte zur�ck und sank unbeholfen neben Miss Preussler zu Boden. Seine H�nde brannten, als h�tte er sie in S�ure getaucht, und die Haut begann sich dort, wo er den vermeintlichen Tang ber�hrt hatte, unverz�glich zu r�ten. Das M�dchen schrie nicht vor Angst, sondern vor Schmerzen.</p><p>�Lassen Sie das!�, fauchte Graves. Er versetzte dem untergetauchten Ghoul noch einen abschlie�enden, harten Sto�, warf dann die Stange neben sich ins Boot und zog mit fliegenden Fingern ein Taschenmesser aus der Jacke. Er konnte nur die rechte Hand und die Z�hne zu Hilfe nehmen, um die Klinge herauszuklappen, sodass es ihm um ein Haar ins Wasser gefallen w�re, aber er erlangte im letzten Moment die Kontrolle �ber seine Bewegungen zur�ck und beugte sich weit vor, um die Beine des M�dchens zu erreichen. Mogens starrte ihn aus aufgerissenen Augen an. Hatte Graves den Verstand verloren? Die Klinge war kaum so lang wie sein kleiner Finger und sah alles andere als scharf aus. Er w�rde eine Stunde brauchen, um die ineinander gedrehten Haarb�schel damit durchzus�beln!</p><p>Hinter ihnen begann das Wasser zu brodeln, und Mogens h�tte um ein Haar aufgeschrien, als er den Ghoul inmitten einer sch�umenden Gischtexplosion aus spritzendem Wei� und schmierigem Rosa durch die Wasseroberfl�che brechen sah.</p><p>Das Wesen bot einen grauenerregenden Anblick. Es war �ber und �ber mit d�nnen, fahlwei�en F�den bedeckt, die seine Gliedma�en umschlangen, seine Schnauze und Krallen umwickelten und sich sogar, winzigen gierigen �rmchen gleich, in seine leere Augenh�hle vorgetastet hatten. Was von seiner Haut und insbesondere seinem Gesicht unter der wimmelnden Masse �berhaupt noch zu sehen war, glich einer einzigen blutenden Wunde, als h�tten die peitschenden Str�nge damit begonnen, seine Haut aufzul�sen.</p><p>Mogens geriet in Panik. Obgleich ihm der brennende Schmerz in seinen H�nden klar machte, dass sein Verdacht vielleicht nicht so absurd war, wie ihn sein Verstand glauben machen wollte, warf er sich abermals vor, grub die H�nde in das zerfetzte Kleid der jungen Frau und zog und riss mit aller Kraft. Graves hatte zu seiner �berraschung bereits einen Gutteil der schleimigen F�den durchgeschnitten. So harmlos die winzige Klinge auch aussehen mochte, zerteilte sie die hauchd�nnen tastenden F�hler doch fast m�helos, und mit jedem Strang, den Graves abschnitt, fiel es ihnen leichter, die junge Frau an Bord zu ziehen. Schlie�lich zerrissen die letzten F�den mit einem peitschenden Knall, und das M�dchen schoss regelrecht �ber die niedrige Bordwand und begrub Miss Preussler und ihn halbwegs unter sich.</p><p>Graves lie� das Messer fallen, sank neben ihnen auf die Knie und begann mit blo�en H�nden an den abgeschnittenen Str�ngen und �rmchen zu rei�en, die sich bis weit �ber die Knie hinauf um beide Beine des M�dchens gewickelt hatten. Die Haut, die darunter zum Vorschein kam, war ger�tet und blutete an zahllosen Stellen, und der W�rgegriff der so haarfein erscheinenden F�den war noch im Tode so unbarmherzig, dass Graves all seine Kraft aufwenden musste, um sie abzurei�en. Mogens stemmte sich ungeschickt hoch und streckte die Arme aus, um ihm zu helfen, aber Graves stie� ihn so derb zur�ck, dass er abermals das Gleichgewicht verlor und hart mit Schultern und Hinterkopf gegen den Sarkophag prallte.</p><p>�Bist du verr�ckt?�, keuchte er. �Sorg lieber daf�r, dass wir hier wegkommen!�</p><p>Mogens blinzelte die grellen Lichtpunkte weg, die vor seinen Augen tanzten. Der Schmerz in seinem Hinterkopf war so schlimm, dass ihm �bel wurde, aber er k�mpfte ihn nieder und stemmte sich mit zusammengebissenen Z�hnen hoch. Miss Preusslers Stange war ins Wasser gefallen und schwamm unerreichbare drei oder vier Meter hinter ihnen; aber selbst wenn sie n�her gewesen w�re, h�tte Mogens es nicht gewagt, danach zu greifen und die H�nde ins Wasser zu tauchen. Millionen glitzernder F�den bildeten einen lebenden Teppich �berall rings um sie herum auf der Wasseroberfl�che. Der Ghoul war verschwunden, aber dort, wo er untergegangen war, brodelte und sch�umte das Wasser noch immer.</p><p>Mogens k�mpfte seine Furcht nieder, schloss die H�nde um die Stange, die Graves fallen gelassen hatte, und balancierte hastig zum Heck der Barke. Das Boot musste in die Str�mung geraten sein, denn sie hatten sich schon ein gutes St�ck von der Stelle entfernt, an der der Ghoul ins Wasser gefallen war, aber sie bewegten sich erb�rmlich langsam. Wenn ein weiteres Ungeheuer auftauchte, dann waren sie verloren. Der Kanal war einfach nicht breit genug!</p><p>Der Gedanke spornte Mogens noch einmal an. Entschlossen rammte er das Ende der Stange ins Wasser und stemmte sich mit aller Kraft dagegen. Im allerersten Moment geschah nichts. Das Boot zitterte widerwillig auf der Stelle und schien ganz im Gegenteil sogar <emphasis>langsamer </emphasis>zu werden, statt Fahrt aufzunehmen, und eine rasche, irgendwie <emphasis>lebendig </emphasis>wirkende Bewegung lief durch die Masse der F�den. Tastend, wie eine neugierig suchende Hand wickelten sich zwei, drei aus jeweils hunderten einzelner F�den bestehenden Str�nge um die Stange, krochen zu Mogens' Entsetzen sogar ein gutes St�ck weit daran empor und fielen dann mit einem h�rbaren Klatschen ins Wasser zur�ck, als h�tten sie den Eindringling in ihr nasses Reich einer fl�chtigen Pr�fung unterzogen und dann schlagartig das Interesse an ihm verloren.</p><p>Vielleicht, weil er nicht lebendig war, dachte Mogens schaudernd. Was immer dieses Zeug auch war - es war ganz gewiss kein Tang oder irgendein anderes, unbekanntes Gew�chs. Es war lebendig, und es hatte ganz eindeutig einen eigenen Willen. Vielleicht hatte es kein eigenes Bewusstsein, aber es folgte mindestens einem starken Instinkt, ein wom�glich vernunftloses, aber deshalb nicht minder gef�hrliches Raubtier, das blind nach Beute tastete.</p><p>�Mach schneller, um Himmels willen!�, keuchte Graves hinter ihm. �Sie m�ssen gleich hier sein!�</p><p>Mogens fragte vorsichtshalber nicht, wen Graves damit meinte. Stattdessen stemmte er sich mit verzweifelter Kraft gegen die Stange, und endlich setzte sich die Barke ganz allm�hlich in Bewegung. Qu�lend langsam zuerst, dann aber rasch schneller werdend, drehte sich der aufw�rts geschwungene Bug vollends in die Str�mung und nahm Fahrt auf. Es bewegte sich nicht wirklich schnell, aber es <emphasis>bewegte </emphasis>sich.</p><p>�Mogens! Komm her�, befahl Graves.</p><p>Mogens stemmte sich mit nur noch gr��erer Verbissenheit gegen die Stange, ohne das Boot damit nennenswert weiter beschleunigen zu k�nnen. Er sah immerhin �ber die Schulter zur�ck und erblickte Miss Preussler, die mit leichenblassem Gesicht auf ihn zusteuerte. Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, nahm sie ihm die Stange aus den H�nden und rammte sie mit solcher Kraft ins Wasser, dass die Barke nicht nur sp�rbar zitterte, sondern auch deutlich schneller wurde.</p><p>�Gehen Sie!�, raunte sie ihm zu. �Ich will nicht, dass Sie zu lange mit ihm allein ist.�</p><p>Mogens z�gerte. �Sind Sie sicher, dass Sie...�, begann er.</p><p>Miss Preussler rammte die Stange noch einmal ins Wasser, und das Boot wurde abermals schneller. Sie sagte nichts, und Mogens wandte sich ohne ein weiteres Wort um.</p><p>Graves gestikulierte ihm ungeduldig zu, sich zu beeilen, w�hrend er zugleich mit spitzen Fingern einige lose F�den abpfl�ckte und �ber Bord warf, die an seinen Handschuhen haften geblieben waren. Ein leises Gef�hl von �belkeit stieg in Mogens auf, als er Graves' linke Hand sah. Der Ghoul hatte sie ihm regelrecht zerquetscht. Die N�hte des schwarzen Handschuhs waren aufgeplatzt, und etwas Wei�es, Feuchtes quoll hervor. Graves schien es nicht einmal zu merken.</p><p>Wortlos riss er Mogens' H�nde an sich, drehte sie hin und her und sch�ttelte dabei ununterbrochen den Kopf. �Irrsinn�, murmelte er immer wieder. �Was f�r ein Irrsinn.�</p><p>Mogens konnte gar nichts anderes tun, als die Tortur mit zusammengebissenen Z�hnen �ber sich ergehen zu lassen. Seine H�nde brannten immer noch wie Feuer. Graves' Ber�hrung tat so weh, dass ihm die Tr�nen in die Augen schossen. Er konnte nur mit M�he ein gequ�ltes Wimmern unterdr�cken.</p><p>�Was, zum Teufel, hast du dir dabei gedacht?�, fuhr ihn Graves an. Sein Mitleid hielt sich offensichtlich in Grenzen. �Wei�t du nicht, was dir passieren kann, wenn du dieses Teufelszeug anfasst?�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens gepresst. �Woher auch?�</p><p>Graves verzog abf�llig die Lippen, griff zu, und Mogens schrie vor Schmerz auf, als er etwas wie einen d�nnen, sich windenden wei�en Faden aus dem Fleisch seines Handr�ckens riss und �ber Bord warf. Die Wunde begann fast augenblicklich zu bluten, aber Graves gab sich damit keineswegs zufrieden, sondern untersuchte seine H�nde akribisch noch ein zweites und sogar drittes Mal, bevor er ihn endlich loslie�. Der Zorn in seinem Blick hatte kein bisschen ab-, sondern eher noch zugenommen.</p><p>�Du hast mehr Gl�ck als Verstand�, sagte er kopfsch�ttelnd. �Warst du vielleicht scharf auf H�nde wie diese?� Er hob die behandschuhten H�nde und spreizte die Finger. Unter dem schwarzen Leder schien etwas zu pulsieren. Etwas, das <emphasis>heraus </emphasis>wollte.</p><p>Statt zu antworten - und wenn er ehrlich war, haupts�chlich, um dem gr�sslichen Anblick von Graves' zerquetschter Hand zu entrinnen -, beugte sich Mogens zu dem M�dchen hinab und streckte die H�nde nach ihren Beinen aus, aber er wagte es nicht, sie zu ber�hren; nicht nur, weil das M�dchen zusammenfuhr und erschrocken ein St�ck vor ihm davonkroch, sondern vor allem wegen des entsetzlichen Anblicks, den sie boten. F��e, Waden und Schienbeine der jungen Frau sahen aus wie geh�utet. Die gr�sslichen Tentakel hatten tiefe, blutige Striemen in ihrer Haut hinterlassen, und Dutzende winziger, heftig blutender Wunden.</p><p>�Keine Sorge�, sagte Graves sp�ttisch. �Sie wird vielleicht ein paar Narben zur�ckbehalten, aber mehr nicht. Ich glaube, ich habe sie alle gefunden.�</p><p>�Du glaubst?�, fragte Mogens.</p><p>Graves hob die Schultern. �Also gut: Ich bin mir sicher�, verbesserte er sich. �Bist du jetzt zufrieden?�</p><p>�Nein�, antwortete Mogens scharf. Er stand auf. �Es w�re vielleicht ganz hilfreich gewesen, wenn du uns von Anfang an gesagt h�ttest, wie gef�hrlich dieses Teufelszeug ist.�</p><p>�Ich konnte nicht ahnen, wie nahe wir ihm kommen w�rden�, antwortete Graves unger�hrt. �Wenn ich dich �ber jede Gefahr informiert h�tte, auf die wir hier unten m�glicherweise sto�en, dann s��en wir jetzt noch oben im Lager beisammen.� Er schnitt Mogens mit einer energischen Handbewegung das Wort ab. �Genug jetzt. Niemand ist ernsthaft zu Schaden gekommen, das ist ja wohl die Hauptsache.�</p><p>�Niemand au�en dir.� Mogens machte eine Kopfbewegung auf Graves' zerquetschte Hand. Graves runzelte die Stirn und sah ihn einen Herzschlag lang mit einem Ausdruck vollkommener Verst�ndnislosigkeit an. Dann folgte er seinem Blick und fuhr leicht zusammen.</p><p>�Ach das�, sagte er. �Das ist halb so wild. In ein paar Tagen sieht man nichts mehr davon.�</p><p>Mogens' Magen begann zu revoltieren, als er den Arm hob und die Hand vor dem Gesicht hin und her schlenkerte, als w�rde das allein seinen Worten mehr Glaubhaftigkeit verleihen. Der Handschuh bewegte sich wie ein nasser Sack, der mit einem z�hfl�ssigen Brei gef�llt war. Wei�er Schleim tropfte aus den aufgeplatzten N�hten und zog d�nne, glitzernde F�den hinter sich her. �Siehst du?�, sagte Graves mit einem breiten Grinsen, das zweifellos keinen anderen Ursprung hatte als den, dass man Mogens deutlich ansah, was er bei diesem Anblick empfand. �Alles in Ordnung.�</p><p>Mogens konzentrierte sich wieder hastig auf Miss Preussler und die junge Frau, schon, weil er bef�rchtete, sich sonst im n�chsten Moment �bergeben zu m�ssen. Auch Miss Preussler sah zu Graves hin, und der Ausdruck in ihren Augen spiegelte mindestens genau so gro�en Ekel wie den, den er selbst empfand, auch wenn der weniger Graves' Hand zu gelten schienen, als vielmehr ihm selbst und seinem Benehmen.</p><p>�Sie sind uns dennoch eine Erkl�rung schuldig, Doktor Graves�, sagte sie pl�tzlich. Obwohl sie sich vorsichtig bewegte, schwappte bei jedem Schritt Wasser zu ihnen herein, in dem glitzernde schwarze F�den trieben. Bisher war ihnen keiner davon auch nur nahe gekommen, aber Mogens konnte sich des schrecklichen Eindrucks nicht erwehren, eine tausendfingerige Hand zu beobachten, die vielleicht langsam, aber auch �beraus aufmerksam zu ihnen hereintastete. Auch sie hatte den unheimlichen Eindringling bemerkt, und obwohl sie sich bem�hte, m�glichst ruhig zu klingen, konnte sie die Furcht doch nicht ganz verhehlen, mit der sie der Anblick erf�llte.</p><p>�Inwiefern?�, fragte Graves.</p><p>�Insofern�, antwortete Miss Preussler mit einer heftigen Kopfbewegung auf die wehende Gespinste im Wasser.</p><p>Graves verzog abf�llig die Lippen. �Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Diese... Substanz ist nicht gef�hrlich, solange man eine gewisse Vorsicht walten l�sst.�</p><p>�Nicht gef�hrlich?� Mogens blickte demonstrativ auf seine H�nde hinab. Sie sahen nicht ann�hernd so schlimm aus wie die Beine des M�dchens, aber f�r seinen Geschmack schlimm genug.</p><p>�Es zeigt normalerweise kein Interesse an menschlichem Protein�, antwortete Graves. �Ich wei� nicht, warum es uns attackiert hat. Vielleicht war es die N�he des Ghouls.�</p><p>�Das klingt einleuchtend�, sagte Mogens sp�ttisch.</p><p>Graves schnaubte. �Du �berraschst mich immer wieder, Mogens�, sagte er. �Wenn auch immer �fter in negativer Hinsicht. Es <emphasis>sollte </emphasis>einleuchtend klingen, wenigstens f�r dich.�</p><p>Mogens schwieg und sah ihn nur mit einer Mischung aus Zorn und Verst�ndnislosigkeit an, aber Graves reagierte ganz anders, als er hoffte, n�mlich mit einer w�tenden Handbewegung in die Runde.</p><p>�Was ist los mit dir? Hast du all dein Wissen oben im Lager zur�ckgelassen? Was glaubst du denn, was das hier ist?�</p><p>�Ein Schiff�, antwortete Mogens, aber Graves schnitt ihm nur erneut und mit einer noch �rgerlicheren Geste das Wort ab.</p><p>�Es ist nicht <emphasis>irgendein </emphasis>Schiff, Mogens. Es ist eine Totenbarke. Und das hier...�, er lie� seine zerschmetterte Hand mit einem widerlichen Klatschen auf den schwarzen Block neben sich hinuntersausen, �... ist ein Sarkophag. Sie stammen aus dem Meer, Mogens. Sie kommen aus dem Wasser, und sie kehren nach dem Tod dorthin zur�ck. Vielleicht ist das ihre urspr�ngliche Form. Das, woraus sie entstanden sind, und wozu sie nach ihrem Tod wieder werden - was wei� ich.� Er zuckte trotzig mit den Schultern. �Und ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht. Mit ein wenig Gl�ck sind wir in einer Stunde hier heraus, und dieser Albtraum hat ein Ende.�</p><p>Mogens wollte antworten, doch dann blickte er nur den Sarkophag an und runzelte nachdenklich die Stirn. Seltsam - er h�tte schw�ren k�nnen, dass vorhin etwas von dem wei�en Schleim aus den aufgeplatzten N�hten von Graves' Handschuh auf den Sarkophagdeckel getropft war. Aber das schwarze Holz war vollkommen sauber. Wahrscheinlich hatte er sich get�uscht. Aber ein ungutes Gef�hl blieb, und es wurde sogar noch st�rker, als auch Graves einen Moment lang stirnrunzelnd auf den Sarkophag hinunterblickte. Dann wechselte er mit einer sichtlichen Anstrengung das Thema.</p><p>�Du kannst mir sp�ter so viele Vorw�rfe machen, wie es dir Spa� macht. Jetzt haben wir ein anderes Problem. Hilf mir mal.�</p><p>Er legte die H�nde um eine der vier St�tzen, die den geschnitzten Baldachin �ber dem Sarkophag trugen, und begann mit aller Gewalt daran zu zerren. Der gedrechselte, mehr als mannslange Pfeiler r�hrte sich nicht, obwohl Graves mit so gro�er Anstrengung zerrte und zog, dass seine Augen ein St�ck weit aus den H�hlen quollen. �Zum Teufel noch mal, hilf mir gef�lligst!�, �chzte er.</p><p>�Wei�t du eigentlich, was du da gerade zu zerst�ren versuchst?�, fragte Mogens. Er r�hrte sich nicht.</p><p>�Ja. Ein... Jahrtausende altes... unersetzliches... Artefakt�, �chzte Graves. �Und es w�re nicht... notwendig, wenn... du... die Stange nicht... fallen gelassen h�ttest. Und jetzt hilf mir endlich... oder du... wirst herausfinden... wie sich ein Pharao in seinem... Pyramidengrab unter... einer Million Tonnen Fels... gef�hlt hat. Wir brauchen etwas zum... Staken.�</p><p>Mogens starrte ihn noch eine geschlagene Sekunde lang an. Graves war dabei, etwas einfach Unersetzliches zu zerst�ren - aber er hatte zugleich auch Recht: Ihre fantastische Entdeckung nutzte nichts, wenn sie niemandem davon erz�hlen konnten. Der Wissenschaftler in ihm w�rde sich f�r den Rest seines Lebens daf�r hassen, aber er griff trotzdem beherzt zu, um Graves zu helfen.</p><p>Es nutzte nichts. Obwohl sie mit aller Gewalt zogen und r�ttelten, r�hrte sich der Pfeiler nicht. Nach vielleicht zwei oder drei Minuten gaben sie schwei�gebadet und am Ende ihrer Kr�fte auf, ohne dass es ihnen gelungen war, die so zerbrechlich aussehende St�tze auch nur zu lockern. Mogens lie� sich schwer atmend gegen den Sarkophag sinken, w�hrend sich Graves vorbeugte, die Handfl�chen auf den Oberschenkeln abst�tzte und fast asthmatisch nach Luft japste.</p><p>�Wovor... fliehen wir... eigentlich?�, keuchte Mogens. �Vor Ghoulen?�</p><p>�Vielleicht�, antwortete Graves, kaum weniger au�er Atem als er. �Obwohl ich nicht glaube, dass sie es wagen, uns bis hierher zu verfolgen. Sie f�rchten das, was im Wasser ist.�</p><p>�Zumindest einem scheint es keine besondere Angst gemacht zu haben�, mischte sich Miss Preussler ein, aber Graves sch�ttelte nur den Kopf.</p><p>�Ich f�rchte, das war meine Schuld�, gestand er. �Ich habe ihn verletzt. Diese Kreaturen reagieren ausgesprochen b�sartig, wenn man ihnen weh tut.�</p><p>�Ach?�, fragte Miss Preussler spitz. �Sonst nicht?�</p><p>Graves richtete sich auf, sog h�rbar die Luft in die Lungen und wischte sich mit dem Handr�cken den Schwei� von der Stirn. Einige Sekunden lang starrte er scheinbar nachdenklich ins Wasser, dann zog er seine Taschenuhr heraus, klappte den Deckel auf und studierte etwas l�nger und stirnrunzelnd die Stellung der Zeiger. Dann sagte er: �Lassen Sie es gut sein, Miss Preussler.�</p><p>Miss Preussler stemmte sich mit nur noch gr��erer Anstrengung gegen die Stange. �Wieso?�, fragte sie �chzend. �Versto�e ich gerade... gegen irgendeine Gewerkschaftsauflage?�</p><p>Graves klappte seine Uhr zu. �Dieser Kanal hat eindeutig eine Verbindung zum offenen Meer�, sagte er.</p><p>�Und?�, �chzte Miss Preussler. �Hoffen Sie vielleicht, dass die K�stenwache uns zu Hilfe kommt?�</p><p>Graves b�ckte sich nach seiner Laterne und richtete den Strahl auf das gemauerte Ufer. �Sehen Sie die dunkle Linie zwei Finger breit �ber dem Wasserspiegel, meine Liebe?�, fragte er. �Der Wasserstand ist gesunken. Drau�en muss mittlerweile die Ebbe eingesetzt haben.�</p><p>Miss Preussler h�rte auf zu staken. �Und?�</p><p>�Das hei�t, die einsetzende Ebbe zieht uns hinaus�, antwortete Graves.</p><p>Miss Preussler blinzelte. Ihr Gesicht gl�nzte vor Schwei�. �Ist das wahr?�, wandte sie sich an Mogens.</p><p>�Es ist wahr�, sagte Graves unwillig. �Also h�ren Sie auf, sich unn�tig zu verausgaben, und k�mmern Sie sich lieber um das M�dchen. Ich glaube, sie hat ein wenig Zuspruch n�tig.�</p><p>Miss Preussler funkelte ihn an. Aber sie sagte nichts, sondern zog nur mit einer einzigen, �rgerlichen Bewegung die Stange aus dem Wasser, warf sie mit einer �bertrieben kraftvollen Bewegung unmittelbar vor Graves' F��e und ging zu dem M�dchen hin. Graves sah ihr stirnrunzelnd, aber auch mit einem nicht g�nzlich unterdr�ckten sp�ttischen Glitzern in den Augen zu, hob aber nach einem Moment wieder den Kopf und musterte - nun eindeutig besorgt - die langsam vor�bergleitenden W�nde. Sie hatten die H�hle l�ngst hinter sich gelassen und fuhren nahezu lautlos durch einen gemauerten Tunnel, dessen Decke sich nur wenige Zentimeter �ber dem h�lzernen Baldachin befand. Er fragte sich, ob dieses sonderbare Boot passend f�r den Kanal gebaut worden war, oder umgekehrt, kam aber zu keiner eindeutigen Antwort. Logik hatte in diesem gemauerten Albtraum nicht mehr viel Bedeutung.</p><p>Mogens hob den Blick und suchte die Decke ab. Auch hier gab es �berall Bilder, verschlungene Fresken und Reliefarbeiten, aber auch noch andere Dinge, die ihn �ber die Ma�en erschreckten, zugleich aber auf eine morbide Weise faszinierten. Wenn man lange genug hinsah, begannen sich die Bilder scheinbar zu bewegen und zu einem neuen, unheimlicheren Sinn zu gruppieren, und beinahe glaubte er auch so etwas wie ein lautloses Fl�stern zu h�ren, eine geisterhafte Stimme tief unter seinen Gedanken, die verbotene Geschichten aus einer Jahrmillionen zur�ckliegenden Zeit erz�hlte.</p><p>�Wie lange... brauchen wir bis zur K�ste?�, fragte Miss Preussler z�gernd.</p><p>Graves hob die Schultern. �Auf jeden Fall zu lange�, murmelte er. �Ich wei� es nicht. Wir sind vier oder f�nf Meilen von der K�ste entfernt, aber ich habe nicht die leiseste Vorstellung, wie schnell dieses Boot ist.� Er sog h�rbar die Luft ein. �Ich f�rchte allerdings, dass Tom auf jeden Fall schneller sein wird.�</p><p>�Das Dynamit�, vermutete Miss Preussler. �Er will irgendetwas damit in die Luft sprengen. Aber wir sind doch viel zu weit entfernt, als dass die Explosion...�</p><p>�Tom will nicht <emphasis>irgendetwas </emphasis>in die Luft sprengen, Miss Preussler�, unterbrach sie Graves. �Er ist auf dem Weg zur Pyramide, um sie zu zerst�ren.�</p><p>�Das ist doch l�cherlich�, antwortete sie. �Auch wenn ich vielleicht nur eine dumme Frau bin, Doktor Graves, so wei� ich doch, dass nicht einmal die hundertfache Menge an Sprengstoff ausreichen w�rde, um ein so gewaltiges Bauwerk zu zerst�ren.�</p><p>Graves l�chelte traurig Er wandte sich an Mogens, als er antwortete: �Ich f�rchte, er hat vor, das Tor zu sprengen.�</p><p>�Die Verbindung zum Sirius?�, entfuhr es Mogens.</p><p>�Er h�tte es niemals sehen d�rfen. Er h�tte niemals davon <emphasis>erfahren </emphasis>d�rfen. Es ist meine Schuld. Wie konnte ich nur auf die Idee kommen, ihn hierher mitzunehmen!�</p><p>�Und was passiert, wenn es ihm gelingt?�, fragte Miss Preussler. Ihre Stimme zitterte.</p><p>�Das wei� ich nicht�, gestand Graves. �Niemand kann sagen, was geschieht, wenn ein so m�chtiges Instrument au�er Kontrolle ger�t. Vielleicht nichts. Aber ich f�rchte...� Er sprach nicht weiter, sondern breitete nur in einer Geste der Hilflosigkeit die H�nde aus, und Mogens versp�rte einen Schauer eisigen Entsetzens. Seine Fantasie weigerte sich, ihm auszumalen, was geschehen mochte, wenn Tom mit seinem Rucksack voller Sprengstoff auch nur in die <emphasis>N�he </emphasis>des Tores kam. Er hatte es niemals gesehen, und er war auch kein Physiker oder Astronom, aber ihm war klar, welch wortw�rtlich unvorstellbarer Gewalten - ob physikalischer, psychischer oder vielleicht auch g�nzlich anderer Art - es bedurfte, die ungeheuerlichen Entfernungen zwischen den Sternen zu �berbr�cken, und was geschehen konnte, wenn diese Kr�fte au�er Kontrolle gerieten.</p><p>�Ich wei� nicht, was geschehen wird, Miss Preussler�, sagte Graves noch einmal. �Vielleicht nichts, vielleicht auch etwas Unverstellbares.�</p><p>�Die gesamte H�hle k�nnte zusammenst�rzen�, murmelte Miss Preussler betroffen.</p><p>�Das k�nnte passieren�, antwortete Graves ernsthaft. �Es k�nnte aber auch das Ende unserer ganzen Welt bedeuten.�</p></section><section><title><p id="_52">52.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Wenn Graves' Behauptung zutraf, dass sie sich ungef�hr drei Meilen von der K�ste entfernt befanden, w�rden sie mindestens eine Stunde brauchen; vermutlich sogar mehr, denn das Boot wurde zwar noch ein wenig schneller, bewegte sich dennoch aber erb�rmlich langsam. Die riesigen Steinquader, aus denen der Tunnel gebaut war und die zitternden F�den im Wasser machten es schwer, ihr Tempo zu sch�tzen, aber Mogens glaubte nicht, dass sie sich schneller bewegten als ein gem�chlich dahinschlendernder Spazierg�nger. Wahrscheinlich lagen vor ihnen eher zwei Stunden als eine, aber genau so wahrscheinlich war, dass es keine Rolle spielte - sie w�rden es so oder so nicht schaffen. Nach Graves' Worten hatte sich ein bedr�ckendes Schweigen ausgebreitet. Selbst Miss Preussler schien begriffen zu haben, in welch entsetzlicher Gefahr sie schwebten, und vielleicht war ihr auch die Schlussfolgerung aus Graves' Worten klar, die zwar keiner von ihnen auszusprechen wagte, die aber dennoch ebenso unausgesprochen wie un�berh�rbar im Raum hing: dass sie nur eine einzige Hoffnung hatten, so schrecklich sie auch sein mochte. N�mlich die, dass die Ungeheuer Tom erwischten, bevor er in die N�he der Pyramide kam. Der Gedanke war so unmenschlich, dass Mogens sich fast sch�mte, ihn �berhaupt gedacht zu haben, und doch wurde er ihn nicht mehr los; auch wenn er zugleich ahnte, dass Tom sich vermutlich nicht aufhalten lassen w�rde.</p><p>Nachdem sie dem Tode so knapp entronnen waren, hatte sich ein ungutes, lastendes Schweigen zwischen ihnen auszubreiten begonnen. Das einzige Ger�usch war das noch immer anhaltende seidige Rauschen, in dem Mogens nun sogar einen verborgenen Rhythmus zu erkennen glaubte, auch wenn er es immer noch nicht einordnen konnte, und das auf die Dauer eine einlullende Wirkung zu entfalten begann. Er lie� sich mit dem R�cken gegen die Bordwand sinken und schloss die Augen. Allerdings nur f�r einen Moment. Die Dunkelheit hinter seinen geschlossenen Lidern erschreckte ihn. Hastig �ffnete er die Augen wieder und sah zu Graves hin, der im Bug der Barke Aufstellung genommen hatte. Wie er so dastand, einen Fu� auf die niedrige Bordwand gest�tzt und die Lampe in der erhobenen Hand, erinnerte er Mogens an Kapit�n Ahab, der auf den Wei�en Wal wartete. Der Gedanke war auf eine hysterische Art erheiternd, lie� ihm aber zugleich auch einen Schauer �ber den R�cken laufen. Nicht einmal so sehr wegen der ihm innewohnenden Symbolik, sondern weil er eine andere, bisher vergessen geglaubte Erinnerung weckte. Die Erinnerung an etwas... <emphasis>Gro�es.</emphasis></p><p>�Wo endet dieser Kanal, Jonathan?�, fragte er nachdenklich.</p><p>�Im Meer, nehme ich an�, antwortete Graves mit leichtem Spott in der Stimme. �Jedenfalls liegt die Vermutung nahe, wenn man in Betracht zieht, dass es sich um Salzwasser handelt. Warum fragst du?�</p><p>Mogens konnte nicht unmittelbar darauf antworten. Der Gedanke war noch zu vage und die Erinnerung noch nicht klar genug erwacht, aber es hatte etwas mit Tom zu tun.</p><p>Dann wusste er es. Es war am ersten Tag gewesen, als Tom ihn mit dem Wagen in San Francisco abgeholt hatte. Sie waren ein St�ck weit an der K�ste entlanggefahren, und er hatte etwas <emphasis>gesp�rt, </emphasis>etwas Gewaltiges und Fremdes, das weit drau�en im Meer lauerte, unerkannt und verborgen und mit der Geduld eines Wesens, f�r das Zeit keine Rolle spielte. Was hatte Graves gesagt, nachdem er aus der Pyramide zur�ckgekehrt war? <emphasis>Es ist voller Wasser</emphasis>.</p><p>�Ich bewundere Sie, Professor�, sagte Miss Preussler leise. �Ich wei� nicht, ob ich an Ihrer Stelle die Kraft h�tte.�</p><p>�Welche Kraft?�</p><p>�Nicht zu fragen�, antwortete Miss Preussler.</p><p>�Fragen? Wonach?�</p><p>�Professor, Sie wissen, dass ich nicht begeistert von den Dingen bin, mit denen Sie sich besch�ftigen, aber mir ist dennoch klar, dass das alles hier die Erf�llung Ihres Lebens sein muss, ganz gleich, was ich davon halte. Sie m�ssen tausende Fragen haben.�</p><p>Sie irrt sich, dachte Mogens. Es waren nicht tausende, es waren Millionen. Und dies hier unten war nicht die Erf�llung seines Lebens. Er h�tte sein Leben <emphasis>gegeben, </emphasis>um nur einen einzigen Blick in diese fantastische Welt zu werfen. Trotzdem sch�ttelte er den Kopf. �Es gibt Antworten, die vielleicht nicht f�r Menschen bestimmt sind�, sagte er.</p><p>�Und so etwas aus dem Mund eines Wissenschaftlers�, seufzte Graves. Sie hatten zwar leise gesprochen, aber er hatte jedes Wort verstanden.</p><p>Mogens verzichtete auf eine Antwort, Miss Preussler allerdings nicht.</p><p>�Gerade einem Mann der Wissenschaft steht ein wenig Demut gut zu Gesicht, Doktor Graves�, sagte sie.</p><p>�Ganz wie Sie meinen, meine Liebe�, seufzte Graves. Er hatte offensichtlich keine Lust, weiter �ber dieses Thema zu reden, vielleicht auch nur nicht mit <emphasis>ihr.</emphasis></p><p>Miss Preussler schien jedoch nicht gewillt, so leicht aufzugeben. Sie setzte zu einer ver�rgerten Antwort an - und aus dem Sarkophag drang ein leises, scharrendes Kratzen.</p><p>Mogens richtete sich kerzengerade auf, und auch Graves fuhr herum und starrte den Sarkophag aus aufgerissenen Augen an.</p><p>�Was...?�, begann Miss Preussler, wurde aber sofort von Graves unterbrochen.</p><p>�Still!�, zischte er. �Schweigen Sie!�</p><p>Erstaunlicherweise sprach Miss Preussler tats�chlich nicht weiter, l�ste aber das M�dchen behutsam aus ihren Armen und richtete sich auf.</p><p>Mogens lauschte mit klopfendem Herzen. Das Ger�usch wiederholte sich nicht, aber es h�tte der Reaktion der anderen nicht bedurft, um ihn davon zu �berzeugen, dass er es sich nicht nur eingebildet hatte. Es war nicht laut gewesen, aber so durchdringend wie eine Messerklinge: der Laut stahlharter Krallen auf kaum weniger hartem Holz, und war da nicht auch etwas wie ein ganz leises, schweres Atmen gewesen?</p><p>�Was war das?�, fragte Miss Preussler noch einmal.</p><p>�Nichts�, antwortete Graves.</p><p>�Danach h�rte es sich aber gar nicht an�, beharrte sie.</p><p>�Es war aber nichts!� Graves wurde w�tend. �Das Holz arbeitet, oder sonst was. Bitte, Miss Preussler - unsere Lage ist schlimm genug, auch ohne dass wir uns selbst verr�ckt machen.� Er versuchte, seinen Worten im Nachhinein mit einem L�cheln noch etwas von ihrer Sch�rfe zu nehmen, was ihm aber nicht wirklich gelang; vor allem nicht, als er zu ihnen zur�ckkam und sich dabei bem�hte, in so gro�em Abstand an dem schwarzen Sarkophag vor�berzugehen, wie er nur konnte. Auch Miss Preussler sagte nichts mehr, aber der Blick, mit dem sie die geschnitzte Figur auf dem Sarkophagdeckel ma�, sprach B�nde. Nach einem Moment drehte auch sie sich wieder herum und ging zu ihrem Platz zur�ck. Das Boot schwankte bedenklich, als sie sich wieder setzte, um das M�dchen in die Arme zu schlie�en.</p><p>Das unheimliche Ger�usch wiederholte sich nicht - wenigstens nicht innerhalb der n�chsten halben Stunde, in der die Barke in gleichm��igem Tempo und fast ruhig dahinglitt. Niemand sprach. Das sonderbare Schleifen, das Mogens so beunruhigt hatte, wurde allm�hlich leiser und verstummte dann irgendwann ganz, ohne dass er seine Herkunft ergr�ndet h�tte, und es wurde allm�hlich k�lter. Dann und wann schwappte eine Welle herein, sodass das Boot ganz langsam voll zu laufen drohte, ohne dass sie irgendetwas dagegen tun konnten. Sie hatten nichts, um zu sch�pfen, und es mit blo�en H�nden zu versuchen, verbot sich von selbst. Die allm�hlich gr��er werdende Pf�tze war voller wehender Haare, und auch, wenn Graves behauptet hatte, sie w�ren im Grunde harmlos, wagte es doch keiner, diese Behauptung auf die Probe zu stellen. Nicht einmal er selbst.</p><p>Vielleicht w�rden sie es ausprobieren m�ssen, ob sie wollten oder nicht, dachte Mogens besorgt.</p><p>Dann und wann stie� das Boot gegen ein Hindernis, das unter der Wasseroberfl�che verborgen war, oder scharrte �ber den Grund des Kanals, und diese Gelegenheiten - obschon selten - schienen mehr zu werden, f�r Mogens ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die Barke entweder allm�hlich voll lief und somit tiefer im Wasser lag, oder der Wasserstand des Kanals selbst fiel. Mogens, der zeit seines Lebens auf dem festen Land geblieben war und keinerlei Erfahrung mit dem Meer hatte, gr�belte eine Weile ergebnislos dar�ber nach - haupts�chlich, um sich zu besch�ftigen -, wie weit der Wasserspiegel wohl noch fallen mochte, bis die Ebbe ihren niedrigsten Stand erreicht hatte. Schon als sie losgefahren waren, hatte unter dem Boot allerh�chstens ein halber Meter Wasser gelegen, jetzt konnte es kaum noch eine Handbreit sein, und wie die scharrenden Ger�usche bewiesen, unter denen die Barke dann und wann erzitterte, nicht einmal mehr das �berall. Zweifellos hatten die Konstrukteure des Kanals diesen Umstand einkalkuliert - aber hatten sie auch die M�glichkeit ber�cksichtigt, dass das Boot mit dem zus�tzlichen Gewicht von vier Menschen belastet wurde?</p><p>�Dort vorne ist etwas�, drang Graves' Stimme in seine Gedanken. Mogens setzte sich gerade auf und sah in die entsprechende Richtung, aber er erkannte nichts anderes als das, was die ganze Zeit �ber da gewesen war: Dunkelheit. Auch Miss Preussler richtete sich etwas weiter auf und sah ihn fragend an, bekam aber nur ein angedeutetes Achselzucken zur Antwort.</p><p>Graves wedelte mit der freien Hand und schwenkte seine Lampe herum. Selbstverst�ndlich stach ihnen der Lichtstrahl dabei in die Augen, sodass er im allerersten Moment nichts als wei�e Lichtblitze und dann allm�hlich verblassende, gr�ne Nachbilder auf den Netzh�uten sah. Er schrieb Graves in Gedanken einen weiteren Minuspunkt gut, sparte sich aber jeden Kommentar und wartete geduldig, bis er wieder richtig sehen konnte.</p><p>Im allerersten Moment war er nicht einmal sicher, ob ihm seine Augen nicht nur einen weiteren Streich spielten, denn alles, was er sah, war ein verwaschener grauer Fleck, der ununterbrochen seine Form zu ver�ndern schien und manchmal auch ganz verschwand.</p><p>�Und?�, fragte Miss Preussler.</p><p>�Wir haben es geschafft�, antwortete Graves aufgeregt.</p><p>�Geschafft?�, wiederholte Miss Preussler bitter. �Sie meinen, Thomas hat sein Ziel nicht erreicht?�</p><p>�Vermutlich�, antwortete Graves k�hl. �W�re es anders, dann w�ren wir jetzt nicht mehr am Leben und viele andere Menschen ebenfalls. W�re Ihnen das lieber?�</p><p>�Selbstverst�ndlich nicht�, antwortete Miss Preussler spr�de. �Aber ich will diese Rechnung auch nicht machen. Sie gestatten, dass es mir trotzdem um den Jungen Leid tut.�</p><p>�Mir auch, Miss Preussler�, antwortete Graves, und es klang sogar durchaus ehrlich. Dann aber machte er eine wegwerfende Handbewegung und sprach in wieder begeistertem Ton weiter: �Verstehen Sie denn nicht? Das da vorne muss der Ausgang sein! Das ist Tageslicht!� Tats�chlich hatte der blassgraue Schimmer eindeutig mehr �hnlichkeit mit matter D�mmerung statt mit dem gr�nen Geisterlicht, das die unterirdische Welt ansonsten erf�llte. Trotzdem sah Miss Preussler ihn zweifelnd an. �Tageslicht? Aber das...�</p><p>�... w�rde bedeuten, dass es drau�en schon hell geworden ist�, unterbrach Graves sie aufgeregt. �Wir waren wohl l�nger unterwegs, als ich dachte, welche Rolle spielt das schon? In ein paar Minuten sind wir drau�en. Wir haben es geschafft!�</p><p>Mogens tat sich schwer damit, sich von Graves' Begeisterung anstecken zu lassen. Nat�rlich war er erleichtert, aber er rechnete im Kopf auch nach und kam auf allerh�chstens zwei Stunden, die vergangen sein konnten, seit sie das Tor in der Tempelkammer durchschritten hatten. Auch wenn Zeit die sonderbare Eigenschaft hatte, scheinbar langsamer zu verstreichen, je gef�hrlicher die Ereignisse waren, so <emphasis>konnte </emphasis>es drau�en noch nicht Tag sein.</p><p>�Anscheinend gelten unsere Regeln hier nicht mehr in gewohnter Weise�, sagte Graves, als er seinen zweifelnden Blick bemerkte und richtig deutete. �Zerbrich dir sp�ter den Kopf dar�ber, Mogens. Alles, was jetzt z�hlt ist, dass wir es geschafft haben.�</p><p>Mogens war sich dessen ganz und gar nicht sicher. Der graue Fleck aus verwaschener Helligkeit wurde allm�hlich gr��er und auch deutlicher, nun, wo Graves nicht mehr mit seiner Lampe in seine Richtung fuchtelte. Aber irgendetwas stimmte damit nicht.</p><p>Wieder tauschten er und Miss Preussler einen raschen Blick, und diesmal war Mogens sicher, in ihren Augen eindeutig mehr als nur Beunruhigung zu erkennen. Und er zweifelte auch pl�tzlich daran, dass sie das M�dchen nur so fest an sich presste, um ihr das Gef�hl von W�rme und Sicherheit zu vermitteln. Vielleicht war diese Geste nicht nur einseitig. Sp�testens seit dem zur�ckliegenden Morgen hatte er endg�ltig begriffen, wie stark diese Frau war - aber das musste nicht bedeuten, dass sie nicht manchmal auch selbst etwas von dem Schutz und der St�rke brauchte, die sie so �berreichlich zu verteilen im Stande war.</p><p>Qu�lend langsam, wie es ihm vorkam, bewegte sich die Barke weiter. Der graue Fleck am Ende des Tunnels kam nur ganz allm�hlich n�her, als w�rde das Boot immer langsamer, je mehr es sich seinem Ziel n�herte. Mogens konnte immer noch nicht sagen, was ihn an dem Anblick so sehr st�rte, aber das Gef�hl wurde nicht schw�cher, sondern nahm ganz im Gegenteil noch zu.</p><p>W�hrend er gegen das immer schlimmer werdende Gef�hl ank�mpfte, dass ihr Tempo im gleichen Ma�e sank, in dem sie sich der Quelle des grauen Lichts n�herten, blickte Mogens seit langer Zeit zum ersten Mal wieder zur Seite. Bisher hatte es dort nicht viel zu sehen gegeben. Graves hatte den Lichtstrahl seines Scheinwerfers fast w�hrend der gesamten Reise geradeaus nach vorne gerichtet, um nach pl�tzlich auftauchenden Steinen oder anderen Hindernissen Ausschau zu halten - es h�tte ihnen wenig genutzt, denn sie hatten weder ein Ruder oder noch irgendeine andere M�glichkeit, um Geschwindigkeit oder Kurs ihres Bootes zu beeinflussen -, nun aber hatte er die Lampe zur Seite gedreht, um den blassen Schein am Ende des Tunnels nicht einfach auszul�schen, sodass Mogens sehen konnte, wie sehr sich ihre Umgebung ver�ndert hatte.</p><p>H�tte er nicht die unterirdische Stadt gesehen und gewusst, wonach er Ausschau halten musste, so w�re er kaum auf die Idee gekommen, sich in irgendetwas anderem als einer nat�rlich entstandenen H�hle aufzuhalten: Die Zeit hatte die jahrtausendealten Fresken, Hieroglyphen und Bilder ebenso spurlos ausgel�scht, wie sie die Steinmetzarbeiten glatt geschmirgelt und die kunstvollen Linien der Reliefs wieder ausgef�llt hatte. Die ehemals sorgsam polierten Bl�cke, aus denen W�nde und Decke bestanden, waren von jahrhundertealten Ablagerungen bedeckt, jahrtausendelang von Salz und N�sse zerfressen und �ber Millennien durch Schimmel, Moder und das geduldigen Nagen mikroskopisch feiner Organismen aufgeweicht und pockennarbig. Hier und da waren ganze Bl�cke aus der Decke herausgebrochen und ins Wasser gest�rzt, Teile der W�nde zusammengesackt oder so deformiert, dass die blo�e Tatsache, dass sie noch standen, den Naturgesetzen zu trotzen schien.</p><p>Und es wurde schlimmer, je n�her sie der Quelle des grauen Lichts kamen. W�hrend sie sich dem Ende ihrer Reise n�herten, war es gleichsam wie eine zweite, umgekehrte Reise durch die Zeit: Nachdem sie das Tor in der Tempelkammer durchschritten hatten, waren sie der Treppe hinab folgend in eine Jahrtausende zur�ckliegende, nahezu unversehrte Vergangenheit gelangt. Jetzt schien es, als z�gen die Jahrhunderte im selben, gleichm��igen Tempo an ihnen vor�ber, in denen die Barke �ber das Wasser glitt; die unbegreifliche Kraft, die die Stadt unter der Erde vor der Macht der Jahrtausende besch�tzte, nahm auf dem Weg zum Ende des Tunnels hin immer mehr ab. Selbst Mogens konnte auf dem allerletzten St�ck nur noch willk�rlich anmutende Formen erkennen, vielleicht - da er wusste, wonach er zu suchen hatte - eine Linie, die eine Spur zu gerade war, um tats�chlich von der Hand der Natur geschaffen worden zu sein, einen Winkel, der eine Winzigkeit zu exakt verlief, eine Rundung, die ein wenig zu pr�zise erschien. Dennoch w�re kein noch so aufmerksamer Besucher, der zuf�llig hier herunter geraten w�re, auch nur auf den Gedanken gekommen, sich in irgendetwas anderem als einer auf nat�rliche Weise entstandenen H�hle zu befinden. Selbst die Wasseroberfl�che war nicht mehr glatt, sondern bildete ein Labyrinth aus Steinen, Felszacken und kleinen Stromschnellen, durch das die Barke wie von Geisterhand bewegt ihren Weg fand, ohne auch nur ein einziges Mal irgendwo anzusto�en.</p><p>Dann h�rte er das Scharren. Es gelang Mogens, sich noch drei oder vier Sekunden lang selbst einzureden, dass es nur das Ger�usch eines Steines war, �ber den das Boot schrammte, aber zugleich wusste er auch genau, dass das nicht stimmte. Ebenso genau, wie er wusste, woher der Laut kam.</p><p>Es war der Sarkophag.</p><p>Das Scharren und Kratzen kam aus dem Sarkophag. Es war nicht einmal lauter als vorhin, aber auf eine schwer zu greifende Weise... <emphasis>pr�senter, aggressiver - </emphasis>und diesmal war es genau anders herum: Nicht seine Fantasie vervollst�ndigte das Ger�usch, es war das Scharren, das die passenden Bilder in seinem Kopf entstehen lie�.</p><p>Sie waren zu schlimm, um sich ihnen zu stellen, aber die Wirklichkeit war auch nicht viel erfreulicher, nahm sie ihm doch auch noch die allerletzte M�glichkeit, sich selbst zu bel�gen: Er war nicht der Einzige, der das Ger�usch geh�rt hatte. Auch Miss Preussler hatte sich kerzengerade aufgesetzt und sah den Sarkophag aufmerksam an - und sehr alarmiert. Graves hatte sich herumgedreht und starrte auf den schwarzen Block. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war nicht zu deuten, aber er war nicht angenehm.</p><p>�Das Holz arbeitet also, wie?�, fragte Miss Preussler. Die Worte sollten zweifellos sp�ttisch klingen, aber ihre Stimme zitterte zu sehr, und sie war zu blass. Graves fuhr sich nerv�s mit der unversehrten Hand �ber das Kinn. �Was... soll es sonst sein?�, murmelte er. Aus dem Sarkophag drang ein abermaliges, hartes Kratzen, und Mogens sagte: �Vielleicht h�ttest du dar�ber ein bisschen eher nachdenken sollen - bevor du uns auf eine Totenbarke geschickt hast, zum Beispiel.�</p><p>Das war ungerecht, und er wusste es, und Graves reagierte auch entsprechend ungehalten. �Unsere Auswahl war nicht besonders gro�, falls du dich noch erinnerst, mein Freund�, blaffte er. �Au�erdem - was erwartest du? Da ist nichts. Den Springteufel, der im allerletzten Moment noch aus der Kiste kommt, um die tapferen Helden doch noch ins Verderben zu rei�en, gibt es nur in schlechten Romanen.�</p><p>Aus dem Innern des Sarkophags drang ein zustimmendes Kratzen, und Graves fuhr sich abermals und noch nerv�ser �ber das Kinn. Diesmal benutzte er die linke, zerschmetterte Hand, und es war irgendetwas an dieser Bewegung, das Mogens' Aufmerksamkeit auf sich zog, auch wenn es einen Moment dauerte, bis er es erkannte: Graves' Hand war noch immer zerschmettert und auf gr�ssliche Art deformiert, aber sie sah l�ngst nicht mehr so schlimm aus wie vorhin. W�re der aufgeplatzte Handschuh nicht gewesen, w�re der Unterschied kaum mehr aufgefallen.</p><p>�Vielleicht... sollten wir dieses schreckliche Ding einfach �ber Bord werfen�, sagte Miss Preussler nerv�s.</p><p>�Nur zu�, antwortete Graves. �Ich sch�tze, dass es ungef�hr eine Tonne wiegt, wenn nicht mehr. Aber lassen Sie sich nicht aufhalten.�</p><p>Miss Preussler schoss einen w�tenden Blick in seine Richtung ab, aber sie wiederholte ihren Vorschlag nicht, und auch Graves wandte sich nach einer weiteren Sekunde wieder um und starrte nach vorne. Aus dem Sarkophag drang ein ged�mpfter, klappernder Laut, der Mogens an das Ger�usch einer Schere erinnerte.</p><p>Sie hatten das Ende des Kanals jetzt fast erreicht. Die Str�mung hatte auf den letzten Metern deutlich zugenommen, und die Barke war schneller geworden, wich aber noch immer jedem Hindernis mit schon fast unheimlicher Sicherheit aus. Vor ihnen lag etwas wie ein winziger Katarakt, in dem sich das Wasser sch�umend und wei� an gef�hrlichen Felsgraten und Riffen brach, die dicht unter seiner Oberfl�che lauerten; ein Anblick, der Mogens normalerweise zu Tode erschreckt h�tte, w�hrend er ihn jetzt kaum zur Kenntnis nahm. Er wusste einfach, dass die Barke auch dieses Hindernis �berwinden w�rde. Angst machte ihm das, was dahinter lag.</p><p>Der Kanal m�ndete in einen kreisrunden See, der in einer gewaltigen, kuppelf�rmigen H�hle lag, und endlich wurde Mogens auch klar, was ihn an dem Anblick die ganze Zeit �ber so irritiert hatte. Das graue Licht, das die H�hle erf�llte, war tats�chlich Tageslicht. Aber es kam aus der falschen Richtung. �ber ihnen erhob sich eine gewaltige Kuppel aus grauem und schwarzem Fels, die vollkommen fugenlos war. Das Licht kam aus dem Wasser.</p><p>Graves seufzte tief. �Ich sch�tze, wir haben ein Problem�, sagte er. W�hrend er sich zugleich langsam um sich selbst drehte und sein Blick aufmerksam �ber den schmalen Uferstreifen tastete, begann er mit der rechten Hand seine zermalmte Linke zu kneten; fast als versuche er das zerschmetterte Innere wieder in die richtige Form zu dr�cken. Die Barke begann sich ganz langsam auf der Stelle zu drehen. Das Kratzen und Schaben aus dem Sarkophag wurde lauter. Etwas <emphasis>geschah.</emphasis></p><p>�Professor�, sagte Miss Preussler beunruhigt.</p><p>�Ich wei߫, antwortete Mogens nerv�s. �Jonathan...�</p><p>Graves machte eine herrische Bewegung, still zu sein. Mogens konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Sein Blick tastete immer unsteter und fahriger �ber das Ufer, und Mogens konnte ihm deutlich ansehen, dass er etwas ganz Bestimmtes suchte.</p><p>Er konnte ihm ebenso deutlich ansehen, dass er es nicht fand.</p><p>�Jonathan�, sagte er noch einmal. Aus dem Innern des Sarkophags drang ein Scharren, dann ein lautstarkes, dumpfes Poltern.</p><p>�Wir... wir m�ssen schwimmen�, antwortete Graves. Der Ton in seiner Stimme war pure Verzweiflung.</p><p>Mogens �chzte. �Bist du verr�ckt?�</p><p>�Es ist der einzige Weg�, beharrte Graves. �Ich dachte, es g�be hier...� Er sprach nicht weiter. Panik flackerte in seinen Augen, w�hrend er sich mit immer hektischeren Bewegungen im Kreis drehte und das Ufer nach etwas absuchte, das ganz eindeutig nicht <emphasis>da war. </emphasis>Trotz ihrer fast perfekten Kuppelform war diese H�hle nichts anderes als eine H�hle, kein k�nstlich errichtetes Geb�ude. Vielleicht hatte es auf dem schmalen Uferstreifen einmal Statuen oder Standbilder gegeben, doch wenn, dann waren sie l�ngst Opfer der Zeit geworden. Zernagter Stein und willk�rliche Formen aus schwarzem Fels, das war alles, was er erblickte. Kein Ausgang.</p><p>�Jonathan!�, sagte er zum dritten Mal, und diesmal klang seine Stimme eindeutig hysterisch. Aus dem Sarkophag antwortete ein Laut wie das Scharren von Stahl auf Stein.</p><p>�Wir m�ssen schwimmen�, beharrte Graves. �Es ist der einzige Weg!� Er deutete auf das graue Licht im Wasser. �Die H�hle muss eine Verbindung nach drau�en haben! Sieh doch selbst!�</p><p>Schwimmen? Mogens str�ubten sich allein bei dem blo�en Gedanken die Haare. Graves musste endg�ltig den Verstand verloren haben. Selbst ohne den Vorhang aus tr�ge wehenden F�den im Wasser w�re es unm�glich gewesen, die H�hle auf diesem Weg zu verlassen. Zweifellos <emphasis>gab </emphasis>es eine unterseeische Verbindung zum offenen Meer, wie das Licht tats�chlich bewies, aber der Durchlass musste f�nf, vielleicht auch zehn Meter unter Wasser liegen!</p><p>Das Boot begann sich immer rascher zu drehen, als w�re es in den Griff eines Strudels geraten, der es nun immer unbarmherziger in die Tiefe zu ziehen begann. Aber da war kein Strudel. Der See lag vollkommen ruhig und glatt da, und einzig die winzigen Wellen, die von der Bewegung der Barke selbst verursacht wurden, kr�uselten seine Oberfl�che.</p><p>Dann erkannte Mogens, dass er sich get�uscht hatte. Es <emphasis>gab </emphasis>eine Bewegung, aber sie stammte nicht vom Wasser. Es war das haarfeine Gespinst, in dessen tr�gem Hin und Her sich pl�tzlich ein Muster abzuzeichnen begann. Der Vergleich mit einem Strudel hatte sich Mogens nicht von ungef�hr aufgedr�ngt. Was bisher ein willk�rliches, unsicheres Tasten, Suchen und Gleiten gewesen war, wurde allm�hlich zu einer gro�en, kreisf�rmigen Bewegung, in der sich Millionen und Millionen haarfeiner glitzernder Str�nge zu einem einzigen, wogenden Kreis zusammenschlossen, der sich allm�hlich schneller zu drehen begann - und in dessen exaktem Zentrum sich die Barke befand!</p><p>�Weg!�, br�llte Graves. �Schwimmt zum Ufer!�</p><p>Aber es war zu sp�t. Ein Zischen erklang, ein Ger�usch wie Millionen Wassertropfen auf einer gigantischen Herdplatte, und pl�tzlich schoss ein Wald aus peitschenden d�nnen F�den um sie herum aus dem Wasser. Graves prallte zur�ck, hob in einer vollkommen sinnlosen Geste sch�tzend die H�nde vor das Gesicht und stolperte gegen den Sarkophag, der trotz seines enormen Gewichtes unter dem Anprall sichtbar erzitterte. Der Deckel rutschte mit einem scharrenden Laut zur Seite und fiel �ber Bord.</p><p>Darunter erwachte ein Albtraum.</p><p>Es war die lebendig gewordene Ausgabe des Reliefs auf dem Sarkophagdeckel, nur dass die Kreatur ungleich gr��er war, ein Koloss, gegen den selbst die Ghoule zwergenhaft gewirkt h�tten, mehr als zwei Meter gro� und ungeheuer massig; ein Gigant, der selbst in dem gewaltigen Sarkophag kaum Platz gefunden haben konnte. Sein K�rper �hnelte tats�chlich dem eines Menschen, auch wenn er so �berm��ig muskul�s war, dass es schon fast grotesk wirkte. Anstelle von H�nden hatte er jedoch zwei gewaltige Krebsscheren, und sein Kopf war ein schierer Albtraum: ein zuckender Wust aus Tausenden und Abertausenden d�nner peitschender Tentakel, einer grotesken Seeanemone mit viel zu vielen �rmchen gleich, aus dem zwei gewaltige, von unstillbarer Bosheit erf�llte Augen herausglotzten, die trotz allem auf unheimliche Weise menschlich aussahen und vielleicht gerade deshalb umso schrecklicher wirkten. Darunter schnappte ein gewaltiger, gef�hrlich gebogener Papageienschnabel, in dem sich eine fleischige Zunge bewegte. All das war aber nichts gegen das, was Mogens beim Anblick des Ungeheuers <emphasis>f�hlte. </emphasis>Die Kreatur verstr�mte Feindseligkeit wie einen giftigen Geruch, der Mogens wortw�rtlich den Atem abschn�rte. Es war nicht einmal so sehr sein �u�eres, das Mogens bis auf den Grund seiner Seele entsetzte. Er hatte h�sslichere und ungleich absto�endere Gesch�pfe zu Gesicht bekommen - aber niemals ein Wesen, das so durch und durch <emphasis>fremd </emphasis>war. Alles in ihm schrie gequ�lt auf. Der Anblick der absurden Kreatur war so vollkommen <emphasis>falsch, </emphasis>dass sich jeder Deut von Mogens' Menschsein einfach weigerte, auch nur die blo�e Tatsache seiner Existenz zu akzeptieren.</p><p>Graves fuhr mit einem gellenden Schrei herum und schlug mit seiner Lampe nach dem Koloss, kein bewusster oder gar �berlegter Angriff, sondern ein blinder Reflex - mit katastrophalen Folgen. Die Lampe traf eine der hochgerissenen Scherenh�nde des Monsters und zerbarst. Blut von sonderbar falscher, unangenehmer Farbe spritzte, und bevor die Laterne endg�ltig erlosch, setzte sie einen Teil des Tentakelkranzes in Brand, der den Sch�del der Albtraumkreatur s�umte. Das Ungeheuer br�llte auf, ein schriller, zwitschernder Laut, eher wie das Tr�llern eines Vogels als wie ein Laut, den ein so offensichtlich dem Meer entstammendes Gesch�pf ausst��t, wandte sich mit einem schwerf�lligen Schritt vollends zu Graves um und streckte die gr�sslichen Scherenh�nde aus, in einer Bewegung, die langsam und schwerf�llig wirkte, in Wahrheit aber so schnell war, dass das Auge ihr kaum zu folgen vermochte. Graves riss sch�tzend die Arme vor das Gesicht, und die grausamen Krebsscheren schnappten nach seinen Armen und schnitten ihm beide H�nde dicht unterhalb der Gelenke ab.</p><p>Graves kreischte, ein einzelner, spitzer Schrei, der ebenso pl�tzlich wieder abbrach, starrte seine Armst�mpfe an, aus denen Blut in zwei hellroten, pulsierenden Font�nen schoss, und kippte dann r�cklings �ber Bord, und das Ungeheuer fuhr mit peitschenden Tentakeln und schnappenden Scheren herum und stampfte auf Mogens und die beiden Frauen zu. Ein Teil seines Sch�dels und seine linke Schulter brannten, und in seinen Augen loderte eine Mischung aus Qual, Zorn und einem unstillbaren Hass auf alles Lebendige und F�hlende, die Mogens auf der Stelle l�hmte. Dann...</p><p>Es begann mit einem ganz sachten Erzittern, kaum mehr als ein fl�chtiges Schaudern, das durch das Wasser lief. Die Ersch�tterung reichte nicht einmal aus, die Oberfl�che des Sees zu kr�useln oder die schmale Kielspur der Barke zu zerst�ren.</p><p>�Thomas�, sagte Miss Preussler leise.</p><p>Wie um ihre Worte zu unterstreichen, lief eine zweite, heftigere Ersch�tterung durch den See. Selbst das Ungeheuer blieb stehen und sah irritiert - oder beunruhigt - den Tunnel an, aus dem sie gekommen waren. Hier und da begann das Wasser zu sprudeln, als w�re seine Temperatur schlagartig bis nahe an den Siedepunkt erh�ht worden, und die Barke drehte sich jetzt nicht nur im Kreis, sondern begann sp�rbar zu schwanken. Mogens hielt instinktiv die Luft an und streckte gleichzeitig die H�nde aus, um sich irgendwo festzuklammern, aber das Schwanken h�rte auf, noch bevor er auch nur wirklich erschrecken konnte, und auch das sprudelnde Wasser beruhigte sich fast augenblicklich wieder. Die F�den bewegten sich noch einen Moment unruhig, wie Schilf, mit dem der Wind spielt, und kamen dann ebenfalls zur Ruhe.</p><p>Die Stille, die folgte, kam ihm fast noch erschreckender vor. Sie war absolut - als h�tte die Ersch�tterung einfach alle Ger�usche aus der Welt herausgefegt.</p><p>Sie hielt eine einzelne, schier endlose Sekunde an, als w�re die Zeit f�r die gleiche Spanne einfach stehen geblieben, dann knackte es h�rbar in Mogens' Ohren, die Kreatur machte einen weiteren, stampfenden Schritt in ihre Richtung, und ein ungeheures Br�llen schlug �ber ihnen zusammen. Der Wasserspiegel sackte von einem Sekundenbruchteil auf den n�chsten um mehr als eine Handbreit ab, und die Barke kippte zur Seite und schlug nur deshalb nicht um, weil der Wald aus wehenden F�den sie auffing. Dann war das Wasser ebenso pl�tzlich wieder da. Die Barke wurde regelrecht in die H�he katapultiert, das Ungeheuer k�mpfte mit wirbelnden Armen und gespreizten Beinen um sein Gleichgewicht, und dann verschwand das Licht.</p><p>Es war nicht etwa so, dass ihre Laternen erloschen oder irgendetwas das graue Tageslicht verdeckte, auch wenn Mogens das im allerersten Moment nat�rlich annahm. Auch das gr�ne Leuchten erlosch. Es wurde schlagartig und absolut dunkel - eine Dunkelheit, wie Mogens sie noch niemals zuvor erlebt hatte. So, wie die erste Ersch�tterung alle Ger�usche aus der Welt getilgt hatte, hatte dieser zweite Schlag jegliches Licht ausgel�scht. Und wie die Ger�usche kam es zur�ck. Pl�tzlich war das wei�e Licht ihrer Grubenlampen wieder da. Ihre Lampen waren nicht erloschen, es war einfach nur dunkel geworden, als w�ren sie f�r einen Moment in einen Abgrund zwischen den Wirklichkeiten geschleudert worden, in dem nicht einmal mehr Licht Bestand hatte, und Mogens fand sich, auf dem R�cken liegend und verzweifelt nach Atem ringend, auf dem Boden der Barke wieder. Nicht nur Licht und Ger�usche waren f�r einen Moment verschwunden gewesen, sondern auch aller Sauerstoff.</p><p>Die Barke tanzte wild auf dem Wasser des Sees, der sich von einem Augenblick auf den anderen in einen rei�enden unterirdischen Wildwasserbach verwandelt hatte. Das Licht der Grubenlampen tanzte wie wild �ber die gew�lbte Decke und die W�nde, und ringsum brodelte und kochte das Wasser, spie siedenden Schaum und tausende wie in Agonie peitschende haarfeine Arme hoch in die Luft. Das Br�llen und Dr�hnen hielt noch immer an und war, soweit das �berhaupt m�glich schien, sogar noch lauter geworden, der infernalische L�rm einer ungeheuerlichen, nicht enden wollenden Explosion, der in Wellen durch den Schacht herantobte und ihre Trommelfelle zum Zerplatzen zu bringen schien.</p><p>Das Ungeheuer war verschwunden, ebenso wie die meisten Fangarme und auch Graves.</p><p>Miss Preussler schrie irgendetwas, das er nicht verstand. Die Luft schien zu kochen. Mogens klammerte sich mit verzweifelter Kraft irgendwo fest, aber es nutzte nichts. Das Boot bockte wie ein durchgehendes Pferd, das mit aller Kraft seinen Reiter abzuwerfen versucht, und Mogens wurde mit grausamer Wucht abwechselnd gegen die Bordwand und den Sarkophag geworfen. Dann begann sich die Barke, immer noch zitternd und wild von einer Seite auf die andere kippend, erneut auf der Stelle zu drehen, als w�re sie in einen Strudel geraten. Die letzte Laterne kippte um, h�pfte wie ein eckiger silberner Ball �ber das Deck und flog �ber Bord, als sich das Boot unter einem neuerlichen Schlag hob, und pl�tzlich begann es ringsum Steine und Felsbrocken zu regnen. Der gesamte Felsendom zitterte, wand und drehte sich wie ein gigantisches lebendes Wesen, das unertr�gliche Qualen litt, und begann rings um sie herum in St�cke zu brechen. Steintr�mmer prallten auf das Deck, zerschmetterten Holz und Aufbauten und lie�en das Wasser aufspritzen. Ein tonnenschwerer Quader traf den hochgezogenen Bug und trennte ihn so sauber ab wie eine steinerne Guillotine, und pl�tzlich war das Wasser einfach <emphasis>verschwunden. </emphasis>Die Barke krachte mit verheerender Wucht auf den mit Schlamm und Steinen �bers�ten Grund des Sees und neigte sich knirschend zur Seite, nur, um gleich darauf zitternd wieder emporzusteigen, als das Wasser ebenso pl�tzlich wieder zur�ckkehrte, wie es verschwunden war.</p><p>Es regnete immer noch Steine. Mogens hatte aufgeh�rt zu z�hlen, wie oft er getroffen worden war. Er wusste nicht, ob er schwer verletzt oder was mit den anderen war. Alles schien sich in einer einzigen, unendlich langen Sekunde abzuspielen, auch wenn die Zeit zugleich nur so dahinzurasen schien und seine hilflosen Bewegungen zu einer grotesk langsamen Pantomime reduzierte. Er war gefangen in reinem Chaos, einem Orkan aus zuckendem Licht und kochendem Wasser und br�llendem L�rm, und es wurde immer noch schlimmer. Eine Druckwelle raste durch den Tunnel heran, fetzte auch noch die letzten verbliebenen Aufbauten vom Deck der Barke und riss ihm den Atem aus den Lungen. Die leuchtenden Flecken an Decke und W�nden gl�hten hell auf, wie Ru�, der sich an der Innenseite eines Kamins abgelagert hat und von einer unsichtbaren Stichflamme getroffen wird, und erloschen dann, und ein noch h�rterer, geradezu unvorstellbarer Schlag traf den gesamten steinernen Dom. Die Erde st�hnte, als h�tte sie etwas in ihren Grundfesten ersch�ttert, und es regnete noch mehr Steine, Felsbrocken und Tr�mmer. Die Luft vibrierte so stark, dass er sie nicht mehr atmen konnte, und er konnte jeden einzelnen Knochen im Leib sp�ren. Es <emphasis>konnte </emphasis>einfach nicht schlimmer werden.</p><p>Aber es wurde schlimmer.</p><p>Das Br�llen erreichte eine Lautst�rke, die die Grenze des Ertr�glichen �berstieg und h�rte einfach auf - wenn auch nicht, weil das unvorstellbare Dr�hnen und Bersten tats�chlich verstummt w�re. Mogens war taub, vielleicht f�r immer - und dann kippte das Boot um.</p><p>Mogens wurde in hohem Bogen durch die Luft geschleudert, dann schlug er auf einer Wasseroberfl�che auf, die sich pl�tzlich so hart und unnachgiebig wie eine Glasscheibe anf�hlte. Instinktiv versuchte er, den Atem anzuhalten und sich anzuspannen, um dem Aufprall wenigstens die schlimmste Wucht zu nehmen, aber ihm gelang weder das eine noch das andere. Der Anprall pr�gelte ihm die Luft aus den Lungen und raubte ihm nahezu das Bewusstsein. Er wurde zwei, drei Meter weit unter Wasser gedr�ckt und so wild herumgewirbelt, dass er binnen einer einzigen Sekunde jegliche Orientierung verlor. Sein Gleichgewichtssinn erlosch. Selbst wenn er noch imstande gewesen w�re, Schwimmbewegungen zu machen, h�tte er nicht mehr gewusst, wo oben und unten gewesen w�re. Seine Lungen brannten, als w�ren sie mit fl�ssigem Feuer gef�llt, und jeder einzelne Knochen in seinem Leib schien zerbrochen zu sein.</p><p>Es war einfach nur Gl�ck, dass er wieder an die Wasseroberfl�che kam.</p><p>Gierig sog er sich die Lungen voller Luft. Beinahe sofort packte ihn ein Wasserwirbel und riss ihn erneut in die Tiefe, aber dieser eine, kostbare Atemzug brachte vielleicht die Entscheidung �ber Leben und Tod. Seine Lungen brannten noch immer unertr�glich, und jede noch so winzige Bewegung wurde zu einer schieren Qual - aber er hatte seinen Gleichgewichtssinn zur�ck, und irgendwie brachte er es auch fertig, einige matte, aber halbwegs zielgerichtete Schwimmbewegungen zu machen, die ihn zur�ck zur Oberfl�che brachten.</p><p>Etwas griff nach seinem Fu�, eine sanfte, aber zugleich auch unerbittlich starke Hand, die ihn wieder zur�ck in die Tiefe zerren wollte. Mogens geriet in Panik, begann wild um sich zu treten und zu schlagen und begriff im allerletzten Moment, dass er es nur schlimmer machte, je mehr er sich zu wehren versuchte. Obwohl es allen seinen Instinkten widersprach, zwang sich Mogens zur Ruhe, k�mpfte den immer heftiger werdenden Impuls nieder, einfach Atem zu holen, und zog seinen Fu� fast behutsam aus der sanften Umklammerung des Haargespinstes. Er kam frei. Eine Sekunde sp�ter durchbrach er die Wasseroberfl�che und kehrte in die H�hle zur�ck.</p><p>Auch wenn es ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen war, konnte er doch nur wenige Sekunden unter Wasser gewesen sein. Die H�hle wankte noch immer. Ein gewaltiger, gezackter Riss spaltete die steinerne Kuppel �ber seinem Kopf in zwei ungleiche H�lften. Aus dem Kanal, der sie hierher gef�hrt hatte, quollen dichte Rauchwolken, in denen es immer wieder grellwei� und orangerot aufblitzte. Der ganze See sch�ttelte sich. Die Barke trieb, kieloben und in St�cke zerbrochen, nur ein kleines St�ck neben ihm. Weder von Miss Preussler und dem M�dchen noch von Graves war irgendeine Spur zu sehen.</p><p>Dann erblickte er eine Gestalt am Ufer.</p><p>Sie stand hoch aufgerichtet und vollkommen reglos da, scheinbar unber�hrt von dem Chaos aus st�rzenden Felsen, Staub und hochspritzendem Wasser, kaum mehr als ein Schatten, und winkte ihm zu, und obwohl Mogens ihr Gesicht nicht einmal schemenhaft sehen konnte, erkannte er sie dennoch sofort.</p><p>Es war Janice.</p><p>Nat�rlich war es vollkommen unm�glich. Selbst in dem hysterischen Zustand, in dem sich Mogens befand, war ihm klar, dass er einer Halluzination erlag. Janice war tot, neun Jahre zuvor und hunderte von Meilen entfernt gestorben, und selbst wenn nicht, so konnte sie auf gar keinen Fall <emphasis>hier</emphasis> sein, und schon gar nicht <emphasis>jetzt. </emphasis>Etwas in ihm <emphasis>wollte </emphasis>sie sehen, so einfach war das.</p><p>Und trotzdem z�gerte Mogens keine Sekunde, in Richtung des Phantoms loszuschwimmen.</p><p>Die Distanz zum Ufer betrug vielleicht f�nfundzwanzig oder drei�ig Meter, selbst f�r einen unge�bten Schwimmer wie ihn keine un�berwindliche Entfernung. Aber rings um ihn herum regneten noch immer Steine von der Decke. Das eigentliche Beben war l�ngst vor�ber. Erdbeben, selbst solche von extremer St�rke, w�hren selten l�nger als wenige Sekunden, und seit der erste Erdsto� den See getroffen hatte, mussten trotz allem Minuten vergangen sein. Dennoch erzitterte das Wassers, durch das er schwamm, noch immer ununterbrochen, und der Felsendom �ber seinem Kopf <emphasis>bewegte </emphasis>sich. Ein unheimliches Knistern und St�hnen erf�llte die Luft, und von Zeit zu Zeit l�sten sich noch immer Steine aus dem instabil gewordenen Gef�ge und st�rzten ins Wasser herab. Vielleicht w�rde die ganze H�hle zusammenbrechen. Auch wenn Mogens nicht besonders viel von Geologie verstand, so sch�tzte er den Erdsto� doch als hart genug ein, um den Felsendom nachhaltig in seinen Grundfesten zu ersch�ttern.</p><p>Mogens w�re gern schneller geschwommen, wagte es aber nicht. Das Wasser war voller wehender, d�nner Haarf�den. Zwar schien das unheimliche Gespinst keinerlei Notiz von ihm zu nehmen, aber seine Ber�hrung war selbst im Wasser noch unangenehm schmerzhaft, wie die Nesself�den einer monstr�s gro�en Qualle, und er hatte Angst, sich in dem Geflecht zu verfangen und einfach zu ertrinken. Das Wasser war entsetzlich kalt, und es schien mit jeder Sekunde, die er sich weiter darin aufhielt, noch k�lter zu werden. Mogens zwang sich dennoch, mit ruhigen, langsamen Z�gen zu schwimmen, und irgendwie gelang es ihm sogar, das unregelm��ige Bombardement aus Felsbrocken und Steinen zu ignorieren, das rings um ihn herum niederprasselte. Wenn ihn eines der heimt�ckischen Geschosse traf, war er ohnehin verloren.</p><p>Unversehrt, aber vollkommen ersch�pft erreichte Mogens das flache Ufer und zog sich gerade weit genug hinauf, dass sein Gesicht nicht mehr im Wasser lag, bevor er zusammenbrach und nichts anderes tat, als einfach dazuliegen und zu atmen und das herrliche Gef�hl zu genie�en, sich nicht zu ununterbrochener qualvoller Bewegung zwingen zu m�ssen, um nicht in die Tiefe gesogen zu werden.</p><p>Aber er wusste auch, dass er sich diesem Luxus nicht hingeben durfte. Er war so ersch�pft, dass es beinahe wehtat, und die K�lte hatte noch zus�tzlich jedes bisschen Kraft aus seinen Gliedern gesogen. So absurd es ihm auch selbst vorkam - es bestand durchaus die Gefahr, dass er schlichtweg einschlief, wenn er noch l�nger hier liegen blieb, um nie wieder aufzuwachen.</p><p>Aber er war so unendlich m�de.</p><p>Er musste ja nicht einschlafen. Vielleicht reichte es ja schon, wenn er nur f�r ein paar Sekunden die Augen schloss, seinem K�rper nur einen Moment der Entspannung g�nnte, zwei oder drei Atemz�ge, nur gerade genug, um das bisschen Kraft zu sch�pfen, das er brauchte, um die wenigen Schritte bis zu dem rettenden Spalt im Felsen zur�ckzulegen. Eine Sekunde, vielleicht zwei, das war alles, was er brauchte.</p><p>Jemand rief seinen Namen, und als er nicht sofort darauf reagierte, ber�hrte ihn eine k�hle Hand an der Wange und strich dann sanft �ber sein Gesicht.</p><p>Mogens fuhr mit einer erschrockenen Bewegung hoch. Sein Herz begann zu h�mmern, w�hrend er sich wild umsah.</p><p>Niemand war da, und niemand hatte seinen Namen gerufen. Kaum eine Handbreit neben ihm war ein kopfgro�er Stein ins Wasser gest�rzt, und die Ber�hrung, die er gesp�rt hatte, war das eiskalte Wasser gewesen, das �ber sein Gesicht spritzte. Ein neuer, eisiger Schrecken durchfuhr ihn, als er begriff, was sein vermeintliches Erlebnis <emphasis>wirklich </emphasis>bedeutete: Er <emphasis>war </emphasis>eingeschlafen, und sein Unterbewusstsein hatte diesen Weg gew�hlt, um ihn wachzur�tteln.</p><p>Mogens stemmte sich mit zusammengebissenen Z�hnen hoch und wandte noch einmal den Kopf. Aus dem Tunnel quollen noch immer dichte Rauchschwaden, in denen es jetzt aber nicht mehr wetterleuchtete. Die Wolke breitete sich langsam �ber den See aus, wobei sie allm�hlich flacher und zugleich breiter wurde; ein stummer Bote der Vernichtung, der die unterirdische Stadt anheim gefallen war. Die ungeheure Explosion, die sie geh�rt hatten, konnte unm�glich nur von dem Dynamit in Toms Rucksack stammen. Die H�hle mitsamt der unterirdischen Stadt und allen ihren Wundern und Mysterien war zerst�rt, und zweifellos waren auch die Tempelkammer und Graves' gesamte Ausgrabungsstelle vernichtet worden, m�glicherweise sogar das dar�ber befindliche Lager selbst.</p><p>Aber das Gef�hl des Bedauerns, auf das er wartete, kam nicht. Er empfand eine fl�chtige Trauer, als er Toms gedachte, der sein junges Leben einer so sinnlosen Sache wie Rache geopfert hatte, doch selbst dieses Gef�hl blieb vage, so als sp�re er tief in sich, dass es im Grunde nicht berechtigt war. Wenn es jemals einen Grund f�r einen Menschen gegeben hatte, sein Leben zu opfern, dann f�r Tom. Und vielleicht war Tom ja das letzte Opfer in diesem Krieg gewesen, der seit f�nftausend Jahren hier unten tobte.</p><p>Ein tonnenschwerer Felsbrocken st�rzte nicht weit von ihm entfernt zu Boden und brachte Mogens dazu, seine Einsch�tzung hastig zu korrigieren: Wenn er noch lange hier blieb, dann konnte es durchaus zumindest noch <emphasis>ein </emphasis>weiteres Opfer geben, und das w�re dann wirklich sinnlos.</p><p>Keuchend stemmte er sich in die H�he, machte einen einzelnen Schritt und fiel wieder auf H�nde und Knie, als sich der Boden unter ihm bewegte.</p><p>Mogens keuchte vor Schmerz, als seine Handgelenke einfach unter dem Gewicht seines K�rpers nachgaben. Im ersten Moment war er fest davon �berzeugt, sich die H�nde gebrochen zu haben, doch daf�r war der Schmerz beinahe zu schlimm. St�hnend w�lzte er sich auf den R�cken, und seine Augen wurden gro� vor Entsetzen, als er die Decke �ber sich sah. Sie <emphasis>bewegte </emphasis>sich. Die gewaltige Kuppel hatte sich verschoben und bekam immer mehr Risse und Spr�nge. Sonnenlicht stach in schmalen, scharf begrenzten Bahnen durch den berstenden Fels und lie� den Staub in der Luft in allen Farben des Regenbogens aufleuchten, ein Anblick von ebenso bizarrer wie t�dlicher Sch�nheit. Die Anzahl der schimmernden Lichtspeere nahm rasend schnell zu, und der Felsendom, noch vor Minuten eine perfekte Kuppel, wie sie pr�ziser nicht von einem Michelangelo h�tte entworfen sein k�nnen, verschob sich immer mehr ins Bizarre. Ein tiefes, sonderbar st�hnendes Ger�usch erklang, nicht mehr das Grollen einer Explosion oder die peitschenden Laute von zerbrechendem Fels, die ein Erdbeben begleiten, sondern tats�chlich etwas wie ein Seufzen, der letzte Atemzug eines gewaltigen, uralten Wesens, das starb. Das Erdbeben war vorbei, aber die H�hle brach zusammen. <emphasis>Jetzt -</emphasis></p><p>Ohne die H�nde zu Hilfe zu nehmen, die noch immer h�llisch wehtaten, sprang Mogens in die H�he und stolperte los. �ber ihm verschob sich der Felsendom mit einem gr�sslichen Knirschen und Mahlen weiter, der massive Stein begann zu zucken und sich in Wellen hin und her zu bewegen wie die Kuppel eines Zirkuszeltes, die vom Sturmwind gepeitscht wird. Auch der Boden unter ihm bewegte sich wieder, nicht mehr mit den brutalen, harten St��en wie bisher, sondern auf eine ungleich schrecklichere, wogende Art, als w�re er tats�chlich etwas Lebendiges, das sich in Qualen wand. Grelles Sonnenlicht stach Mogens in die Augen, als er auf dem gezackten Riss in der Wand zustolperte. Er war fast blind. Irgendetwas st�rzte unmittelbar neben ihm zu Boden und �bersch�ttete ihn mit einem Hagel messerscharfer Steinsplitter, als es zerplatzte, und in der H�hlenwand entstand ein zweiter, schmaler Riss, durch den goldfarbenes Licht hereinbrach, grell wie gl�hender Stahl.</p><p>Er konnte sp�ren, wie sich der gesamte Felsendom zur Seite neigte. Der Himmel erbrach Felsen und t�dliches Gestein, und pl�tzlich war der graue Schimmer, der bisher aus der Tiefe des Wassers heraufgedrungen war, einfach verschwunden; die unterseeische Verbindung zum Meer musste zusammengebrochen sein.</p><p>Die pure Todesangst verlieh ihm noch einmal neue Kraft. Mogens spurtete los, wurde von irgendetwas an Schulter und H�fte getroffen und schrie seinen Schmerz hinaus, versuchte aber dennoch verzweifelt, noch schneller zu laufen. Ihm blieben bestenfalls noch wenige Sekunden - aber es waren auch nur noch ein Dutzend Schritte, ein allerletztes Mal, dass er auf sein Gl�ck vertrauen und einfach hoffen musste, nicht doch noch von einem herabst�rzenden Felsbrocken erschlagen oder einer j�h aufklaffenden Spalte im Boden verschlungen zu werden.</p><p>Die Gestalt erschien wie aus dem Nichts. Wo gerade noch der rettende Weg ins Freie gewesen war, erhob sich pl�tzlich ein Schatten, schlank und durch das grelle Licht hinter ihm zu einer tiefenlosen Silhouette ohne Gesicht reduziert, nichts, was wirklich Substanz oder Realit�t gehabt h�tte, sondern nur ein weiterer Spuk, mit dem ihn seine losgelassene Fantasie peinigte. Janice war nicht da. Sie war tot, sie war niemals da gewesen, sondern nur Ausdruck seiner eigenen Unf�higkeit, loszulassen. Aber Mogens war auch nicht mehr in der Verfassung, logisch zu denken. Der winzige Teil von ihm, der vielleicht noch einen Rest von Vernunft bewahrt hatte, schrie in verzweifelter Panik auf, als er sich mitten im Schritt herumwarf und in die Richtung weiterstolperte, in die der ausgestreckte Arm des Phantoms deutete, nicht mehr dem rettenden Ausgang entgegen, sondern auf den zweiten, neu entstandenen Riss im Fels zu, der ungleich weiter entfernt war, hinter Tonnen von wild durcheinander gest�rzten Felstr�mmern und m�glicherweise nicht einmal breit genug, um ihn �berhaupt durchzulassen. Aber Logik spielte keine Rolle mehr. Mogens stolperte weiter, prallte gegen einen Felsen, wurde abermals getroffen und erlangte wie durch ein Wunder mit wild rudernden Armen sein Gleichgewicht zur�ck, gerade, als er davon �berzeugt war, st�rzen und sich auf dem mit scharfen, t�dlichen Steinklingen �bers�ten Boden den Sch�del einschlagen zu m�ssen. Etwas traf sein Knie mit der Gewalt eines Hammerschlages, dann sp�rte er, wie seine rechte Schulter wie von einer d�nnen, wei� gl�henden Klinge getroffen und aufgerissen wurde und warmes Blut seinen R�cken hinunter lief, doch nichts von alledem vermochte ihn aufzuhalten. Janice stand noch immer da und deutete mit ausgestrecktem Arm auf den Spalt im Fels. Es war Irrsinn, er wusste es, aber er w�rde sie nicht ein zweites Mal im Stich lassen, und wenn sie ihn ins Verderben wies, vielleicht konnte er dann endlich den Preis bezahlen, den er ihr schon vor zehn Jahren schuldig gewesen w�re.</p><p>Hinter ihm st�rzte ein gewaltiger Abschnitt der Felsendecke ein, und der Spalt, vor dem sich ihre schlanke Gestalt erhob, schloss sich mit einem knirschenden, dumpfen Laut, in genau in dem Moment, in dem Mogens ihn erreicht h�tte, w�re er seinem urspr�nglichen Weg gefolgt.</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter erreichte er den rettenden Ausgang, quetschte sich mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung hindurch und taumelte auf den von Sonnenlicht �berfluteten Strand hinaus. Hinter ihm brach ein ganzer Abschnitt der Felsenk�ste zusammen und rutschte mit ungeheurem Get�se ins Meer, aber das h�rte Mogens schon nicht mehr.</p><p>Er brach zusammen und verlor das Bewusstsein, noch bevor sein Kopf auf dem nassen Sand aufschlug.</p></section><section><title><p id="_53">53.</p></title><subtitle><image l:href="#1"/></subtitle><p>Diesmal war es keine Einbildung: Die Hand, die auf seiner Stirn lag, war ebenso real wie die Stimme, die in monotonem, aber ungemein beruhigendem Tonfall auf ihn einredete. Er fror noch immer erb�rmlich, denn er lag fast bis zu den H�ften im eisigen Wasser, das mit sanftem Wellengang an seinen Beinen zerrte und jedes Mal ein winziges bisschen W�rme mehr mitnahm. Er wartete darauf, dass sich auch die Schmerzen zur�ckmeldeten - die letzte klare Erinnerung, die er hatte -, aber alles, was er sp�rte, war etwas wie ein furchtbarer Muskelkater am ganzen K�rper.</p><p>M�hsam �ffnete er die Augen und blinzelte so direkt in die Sonne, dass er sofort und mit einem zischenden Laut die Augen wieder schloss. Es h�tte fr�her Morgen sein m�ssen, aber die Sonne stand fast genau �ber ihm, und ihr Licht war unertr�glich grell. Mogens ertappte sich bei der durch und durch albernen, aber in diesem Moment durchaus ernsthaft gestellten Frage, ob es �berhaupt noch die Sonne war, die er kannte, oder nicht vielmehr der Hundsstern.</p><p>Aber das war albern. <emphasis>Es ist voller Wasser, </emphasis>hatte Graves gesagt; aber er konnte atmen.</p><p>Vorsichtig drehte er den Kopf, bis er die Ber�hrung des Sonnenlichts nicht mehr f�hlte, und �ffnete dann zum zweiten Mal die Augen. Das Licht war nach wie vor unangenehm hell, zumal es vom fast wei�en Sand des Strandes reflektiert wurde, auf dem er lag, aber nicht mehr unertr�glich. Ein verschwommener Schatten zeichnete sich auf dem Sand neben ihm ab, und in einiger Entfernung gewahrte er einen ebenfalls verschwommenen, formlosen Umriss in beruhigendem Gr�n. Mogens blinzelte, und sein Blick kl�rte sich.</p><p>�Jetzt stellen Sie sich nicht so zimperlich an, Professor�, sagte eine Stimme neben ihm. �Sie sind noch am Leben, und soweit ich es erkennen kann, auch noch in einem St�ck.�</p><p>Womit er auch noch die M�glichkeit ausschlie�en konnte, gestorben und im Paradies zu sein, dachte Mogens mit einem lautlosen Seufzen, w�hrend er den Kopf auf die andere Seite drehte und in Miss Preussler Gesicht hinaufblinzelte. Seine Augen funktionierten immer noch nicht richtig, aber er erkannte trotzdem, dass der Ausdruck auf ihren Z�gen nicht wirklich zu dem sp�ttischen Klang ihrer Stimme passte. Wenn er jemals in das Gesicht eines Menschen geblickt hatte, der fast krank vor Sorge war, dann jetzt in das ihre.</p><p>�Wenigstens bin ich nicht in der H�lle�, murmelte er.</p><p>�Wenn Sie das aus dem Umstand schlie�en, dass ich auch hier bin, sind Sie vielleicht etwas voreilig, Professor�, antwortete Miss Preussler. �Nach allem, was ich in den vergangenen Stunden mit angesehen habe, ohne etwas dagegen zu tun, werde ich zumindest f�r etliche Jahrhunderte im Fegefeuer schmoren m�ssen.� Sie machte ein todernstes Gesicht bei diesen Worten, aber in ihren Augen funkelte es sp�ttisch, und als Mogens die Ellbogen in den Sand stemmte, um sich aufzusetzen, sch�ttelte sie rasch den Kopf und machte eine abwehrende Handbewegung. �Nicht so hastig, Professor. Sie waren immerhin mehr als zehn Minuten ohnm�chtig. Damit ist nicht zu spa�en.�</p><p>�Bewusstlos�, verbesserte sie Mogens, w�hrend er sich behutsam in eine halb sitzende Position hochstemmte. Miss Preussler hatte Recht: Ihm wurde fast sofort schwindelig.</p><p>�Bewusstlos?� Miss Preussler blinzelte. �Und wo ist der Unterschied?�</p><p>�Frauen fallen in Ohnmacht, Miss Preussler�, antwortete er und zog die Beine aus dem eisigen Wasser. �M�nner verlieren das Bewusstsein.�</p><p>�Aha�, sagte Miss Preussler. Sie stand auf. �Offensichtlich geht es Ihnen ja schon wieder ganz gut.�</p><p>Mogens verzog die Lippen zu einem gequ�lten Grinsen und versuchte ebenfalls aufzustehen, glitt aber im feuchten Sand augenblicklich aus und fiel ungeschickt nach hinten.</p><p>�Geben Sie Acht, Professor�, sagte Miss Preussler sp�ttisch. �Nicht dass Sie am Ende wieder das Bewusstsein verlieren.�</p><p>�Ich werde mich bem�hen�, �chzte Mogens. Umst�ndlich stemmte er sich erneut und sehr viel vorsichtiger hoch und lauschte einen Moment mit geschlossenen Augen in sich hinein. Anscheinend hatte er sich tats�chlich weder etwas gebrochen noch irgendwelche anderen schweren Verletzungen zugezogen, aber das Muskelkater-Gef�hl war noch immer da und lie� jede noch so kleine Bewegung zu einer f�hlbaren Anstrengung werden. Mogens biss die Z�hne zusammen. Aber er ertappte sich absurderweise auch dabei, dieses Gef�hl zugleich in vollen Z�gen zu genie�en, bewies es ihm doch, dass er noch am Leben war.</p><p>Ein Schatten huschte durch sein Gesichtsfeld, als er sich herumdrehte, und Mogens hielt f�r einen Moment in der Bewegung inne und blinzelte gegen das grelle Sonnenlicht nach S�den. Irgendwo, weit hinter der zerbr�ckelnden Linie der Steilk�ste, stiegen graue und schwarze Rauchwolken in den Himmel. Dort hinten brannte es, und der Anblick l�ste ein ebenso sonderbares Gef�hl in ihm aus wie der dumpfe Beinahe-Schmerz, der noch immer jede seiner Bewegungen begleitete. Der schwarze Rauch bedeutete zweifellos irgendein Ungl�ck und m�glicherweise auch Leid oder Tod, die �ber Menschen gekommen waren, aber er war auch ein Teil des Lebens, so wie ihm der Schmerz in seinen Gliedern letzten Endes bewies, dass auch er noch am Leben war.</p><p>�Da hinten brennt es�, sagte er.</p><p>Miss Preussler nickte. Sie sagte nichts, aber irgendetwas war an ihrem Schweigen, was Mogens beunruhigte.</p><p>�Ich m�chte wissen, was passiert ist�, fuhr er fort. Er dachte einen Moment angestrengt nach, kam aber zu keinem Ergebnis. Er hatte sich den Weg, den Tom und er genommen hatten, nicht gemerkt. Wozu auch? �Ist das... unser Lager?�, fragte er z�gernd.</p><p>Statt zu antworten, sah ihn Miss Preussler auf eine Weise an, die ihm einen kalten Schauer �ber den R�cken laufen lie�, und das eindeutig l�nger, als ihm angemessen schien, dann hob sie die Hand und deutete auf einen schmalen Pfad, der in einiger Entfernung an der Steilk�ste hinauff�hrte. �Ich war oben.� Ihre Stimme klang... sonderbar, dachte Mogens.</p><p>�Also ist es unser Lager�, murmelte er. Nat�rlich. Das Beben war zweifellos stark genug gewesen, um auch an der Oberfl�che sp�rbar zu sein und nicht nur das Lager zu zerst�ren, sondern m�glicherweise auch...</p><p>Mogens erschrak. �O Gott�, fl�sterte er. �Nicht die Stadt!� Fast entsetzt starrte er Miss Preussler an. �Dort m�ssen... mein Gott, dort leben Hunderte von Menschen. Sagen Sie mir, dass es nicht die Stadt ist!�</p><p>�Nein�, antwortete Miss Preussler; aber sie tat es auf eine Art, die rein gar nichts Beruhigendes hatte, sondern seine Angst eher noch sch�rte. �Nicht die Stadt. Es ist San Francisco. Es brennt.�</p><p>Mogens starrte sie an.</p><p>�Man kann nicht viel sehen�, antwortete Miss Preussler leise. �Wir sind mindestens drei�ig Meilen entfernt. Aber es sieht aus, als st�nde der ganze Horizont in Flammen. Das Feuer muss gewaltig sein, wenn man den Rauch bis hierher sieht.�</p><p>�San Francisco?�, wiederholte Mogens ungl�ubig. �Aber das... das ist doch nicht m�glich. Wir sind doch viel zu weit...� San Francisco? Das konnte nicht sein. Die Explosion war gewaltig gewesen, aber nicht <emphasis>so </emphasis>gewaltig. <emphasis>Drei�ig Meilen! </emphasis>Unm�glich! Das <emphasis>konnte </emphasis>nicht sein!</p><p>Mogens sch�ttelte den Gedanken mit Gewalt ab und f�hrte seine begonnene Bewegung mit einiger Versp�tung zu Ende. Weniger als ein Dutzend Schritte hinter ihnen war die gesamte Steilk�ste zusammengebrochen. Der schmale Streifen aus wei�em Sand, der die f�nfzehn Meter hohe Felswand vom Wasser trennte, war unter einem Wirrwarr aus zerborstenem Stein und zyklopischen Felstr�mmern verschwunden, das sich wie eine roh aufgesch�ttete Mole drei�ig, vierzig Meter weit ins Meer erstreckte, bevor es allm�hlich flacher wurde und schlie�lich ganz verschwand. Noch immer hing Staub wie feiner Nebel in der Luft, und obwohl der Wind seew�rts wehte, glaubte Mogens einen schwachen Geruch wie nach zermahlenem Stein und faulem Seetang zu versp�ren. Weit drau�en im Meer, gerade an der Grenze des �berhaupt noch Sichtbaren, schien etwas im Wasser zu treiben, das wehende Haar einer Meerjungfrau, die sich langsam wieder in die lichtlosen Tiefen zur�ckzog, aus der sie gekommen war. Aber das lautlose Wogen und Gleiten dicht unter der Wasseroberfl�che nahm bereits ab, so wie auch der Staub allm�hlich auseinander trieb. Nur noch kurze Zeit, und das gewaltige Tr�mmerfeld w�rde sich in nichts mehr von zahllosen anderen Stellen unterscheiden, die es an diesem Teil der K�ste gab.</p><p>�Ist es vorbei?�, fragte Miss Preussler leise. Er hatte sogar geh�rt, dass sie neben ihn getreten war; trotzdem fuhr er so erschrocken zusammen, dass sie ihn fast schuldbewusst ansah und wieder einen Schritt weit vor ihm zur�ckwich.</p><p>�Ich wollte, ich w�sste es�, murmelte er, zwang sich aber schon im n�chsten Augenblick zu einem aufmunternden L�cheln. �Doch�, behauptete er. �Ich denke, es ist vorbei!�</p><p>�Und woher nehmen Sie diese �berzeugung, Professor?�, fragte sie. Mogens fiel erst jetzt auf, wie schlecht sie aussah. Das Sonnenlicht, das er das letzte Mal vor tausend Jahren auf ihrem Gesicht gesehen hatte, verlieh ihren Z�gen eine Lebendigkeit, die ihn im allerersten Moment dar�ber hinwegget�uscht hatte, wie m�de und unglaublich ersch�pft sie aussah. Sie war, ebenso wie er, bis auf die Haut durchn�sst. Haare und Kleider klebten nass und schwer an ihr, und unter der Sonnenbr�une war ihre Haut so fahl wie die einer Toten. Ihr bisher so glattes Gesicht hatte nun dunkle, tief eingegrabene Linien bekommen, und als Mogens in ihre Augen blickte, wusste er, was man darunter verstand, wenn man sagte, dass ein Mensch seine Unschuld verloren hatte. Miss Preussler <emphasis>hatte </emphasis>ihre Unschuld verloren. Sie alle hatten das, in dieser Nacht. Und einige von ihnen auch noch mehr.</p><p>�Nun, ganz einfach, Miss Preussler�, antwortete er in gezwungen lockerem Ton. �Ich glaube nicht, dass irgendein Mensch so etwas zweimal im Leben �berstehen kann. Und da ich nicht vorhabe, so bald zu sterben, muss es wohl vorbei sein.�</p><p>Miss Preussler blieb ernst. �Ich bin so erleichtert, dass Sie noch am Leben sind, Professor�, sagte sie. �Als ich gesehen habe, wie der Berg zusammenbrach, da war ich sicher, es w�re um Sie geschehen. Wie, um Himmels willen, sind Sie dort herausgekommen? Die Engel m�ssen ihre sch�tzende Hand �ber Sie gehalten haben.�</p><p>�Vermutlich�, antwortete Mogens l�chelnd. �Auch wenn ich glaube, dass es nur einer war.� Ihr Blick wurde fragend - fast ein bisschen misstrauisch -, aber Mogens kam ihr zuvor, indem er selbst eine Frage stellte: �Wie sind <emphasis>Sie </emphasis>herausgekommen? Als die Barke umgeschlagen ist...�</p><p>�... dachte ich, es w�re um mich geschehen�, fiel ihm Miss Preussler ins Wort. �Ich hatte wohl einfach Gl�ck. Ich...� Sie suchte einen Moment sichtbar nach Worten, und als sie endlich weitersprach, sah sie Mogens nicht mehr direkt in die Augen, so als w�ren ihr ihre eigenen Worte �beraus peinlich. �Nun, um offen zu sein, ich... kann nicht schwimmen.�</p><p>�Sie k�nnen nicht schwimmen?�, vergewisserte sich Mogens.</p><p>Sein �berraschter Ton galt eher dem Umstand, dass sie lebend vor ihm stand und �berhaupt zu diesem Eingest�ndnis in der Lage war, aber Miss Preussler schien ihn wohl gr�ndlich misszuverstehen, denn sie sah sich ganz offensichtlich zu einer Verteidigung gen�tigt. �Ich habe diese Fertigkeit eben nie erlernt�, sagte sie patzig. �Und? Die Gelegenheit hat sich nie ergeben. Und ich war bisher auch der Meinung, sie nicht zu ben�tigen.�</p><p>Mogens versuchte, sich Miss Preussler in einem Badeanzug vorzustellen und hatte pl�tzlich eine ziemlich konkrete Ahnung, warum sich ihr niemals die Gelegenheit geboten hatte, diese Fertigkeit zu erlernen. Nat�rlich h�tete er sich, sich auch nur irgendetwas davon anmerken zu lassen, aber Miss Preussler schoss einen so zornigen Blick in sein Gesicht ab, als h�tte sie seine Gedanken gelesen. Als sie fortfuhr, war ihre Stimme um mehrere Grade abgek�hlt.</p><p>�In diesem Moment jedenfalls dachte ich, es w�re aus. Es war keine angenehme Erfahrung.�</p><p>�In diesem H�llenstrudel h�tte es Ihnen auch nichts genutzt, schwimmen zu k�nnen�, sagte er hastig. Es klang unbeholfen, sogar in seinen eigenen Ohren, aber pl�tzlich hatte <emphasis>er </emphasis>das Gef�hl, sich verteidigen zu m�ssen - vielleicht, weil eine Verletzung nicht wirklich weniger schlimm war, nur weil man sie nicht laut aussprach.</p><p>�Vermutlich nicht�, antwortete sie, schon wieder halbwegs vers�hnt, aber dennoch kurz angebunden. �Ich wei� nicht, was danach passiert ist. Als ich wieder aufgewacht bin, haben wir hier am Strand gelegen.�</p><p>�Wir?�</p><p>�Dieses arme M�dchen und ich�, best�tigte Miss Preussler. �Ich glaube, sie hat mich aus dem...�</p><p>�Sie lebt?�, unterbrach sie Mogens aufgeregt. Er musste sich beherrschen, um nicht zu schreien. �Wo? Wo ist sie?�</p><p>�In einer H�hle, nur ein paar Schritte von hier�, antwortete Miss Preussler. �Das arme Kind war vollkommen verst�rt. Ich glaube, sie hat noch niemals den Himmel gesehen. Er scheint ihr furchtbare Angst zu machen, und...�</p><p>�Wo?<emphasis>�</emphasis>, unterbrach sie Mogens. Diesmal schrie er wirklich.</p><p>Miss Preusslers Blick k�hlte noch einmal um mehrere Grade ab, und ihre Stimme wurde spr�de wie Glas. �Kein Grund, unh�flich zu werden, Professor, oder gar Ihre guten Manieren zu vergessen.�</p><p>Sie lie� noch einen angemessen tadelnden Blick folgen, aber dann drehte sie sich gehorsam herum und ging mit unerwartet schnellen Schritten und trotzig in den Nacken geworfenem Kopf �ber den Strand davon. Mogens musste sich pl�tzlich sputen, um nicht den Anschluss zu verlieren.</p><p>Die wenigen Schritte, von denen sie gesprochen hatte, erwiesen sich als eine Strecke von gut hundert Metern oder mehr. Mogens versuchte Miss Preussler unterwegs noch zweimal anzusprechen, und sei es nur, um sich f�r sein r�des Verhalten von gerade zu entschuldigen, aber sie h�llte sich in beleidigtes Schweigen, und schlie�lich gab er es auf und fasste sich in Geduld, bis sie die H�hle erreichten.</p><p>Streng genommen war es keine H�hle, sondern nur ein Fels�berhang, unter dem die geduldige Kraft des Wassers �ber Jahrhunderte hinweg einen Teil der weicheren Felsschicht ausgesp�lt hatte. Die junge Frau sa� in �ngstlicher Haltung zusammengekauert im hintersten Winkel der H�hle, so weit vom Sonnenlicht und der schrecklichen Weite jenseits des Eingangs entfernt, wie es nur ging, und Graves sa� mit leerem Gesicht neben ihr.</p><p>Mogens prallte abrupt zur�ck und stie� ein �berraschtes Keuchen aus. �Jonathan!� Aber wieso lebte er noch? Er hatte <emphasis>gesehen, </emphasis>wie - <emphasis>ihn das Ungeheuer t�tete! </emphasis>Nein, dachte Mogens. Genau genommen hatte er es nicht gesehen. Er hatte gesehen, was ihm die Kreatur angetan hatte, und danach war er �ber Bord gest�rzt und im Wasser versunken. Aber kein Mensch konnte eine so grauenvolle Verletzung �berleben, wie sie Graves erlitten hatte.</p><p>�Wie...?�, murmelte er hilflos.</p><p>�Er lag am Strand, als ich zu mir gekommen bin�, antwortete Miss Preussler leise. �Ich dachte mir, es ist einfacher, wenn ich es Ihnen zeige, Professor.� Sie versuchte - vergeblich - zu l�cheln und hob schlie�lich hilflos die Schultern. �Ich wei� nicht, wo er hergekommen ist, oder wieso er noch lebt. Die Einzige, die uns diese Frage vielleicht beantworten k�nnte, ist diese arme junge Frau, und sie kann nicht sprechen.�</p><p>Mogens sah nur fl�chtig zu dem M�dchen hin, konzentrierte sich aber sofort wieder auf Graves. Er war nicht nur am Leben, sondern offensichtlich auch bei Bewusstsein - falls man seinen Zustand so nennen konnte. Er hatte die Unterarme in den Scho� gebettet, und jemand - vermutlich Miss Preussler -, hatte ein St�ck nasses Tuch �ber die Stelle gelegt, an der seine H�nde sein sollten. R�cken und Hinterkopf hatte er gegen den Fels gelehnt, und seine Augen waren ge�ffnet und blinzelten, wenn auch sehr langsam; es war mehr ein gleichm��iges, bewusstes Senken und Heben der Lider als ein wirkliches Blinzeln. Sein Blick war auf einen Punkt irgendwo im Nichts gerichtet, aber Mogens glaubte nicht, dass er wissen wollte, was Graves sah.</p><p>�Jonathan?�, fragte er.</p><p>Er bekam keine Antwort.</p><p>�Doktor Graves?�</p><p>Diesmal reagierte Graves, wenn auch nicht sofort. Sein Blick verharrte noch einen Moment auf jenem schrecklichen Punkt in der Unendlichkeit und kehrte auch dann nur ganz allm�hlich in die Realit�t zur�ck.</p><p>�Das hat aber verdammt lange gedauert�, sagte er. Seine Stimme war ein heiseres, d�nnes Fisteln, das kaum noch �hnlichkeit mit der Stimme hatte, die Mogens kannte.</p><p>�Was?�</p><p>�Bis du es endlich �ber dich gebracht hast, mich mit meinem Titel anzureden.� Graves gluckste leise. �Sind wir jetzt richtig gute Freunde?�</p><p>�Wieso, zum Teufel, lebst du immer noch?�, fragte Mogens. �Wie hast du es geschafft, zu entkommen?�</p><p>�Das <emphasis>immer </emphasis>nehme ich dir �bel�, sagte Graves. Er hustete; ein trockener, qualvoller Laut, unter dem sich sein ganzer K�rper sch�ttelte. Er brauchte fast eine halbe Minute, um wieder zu Atem zu kommen.</p><p>�Wieso ich noch lebe?� Graves hob die Arme, sodass das Tuch herunterrutschte. Mogens spannte sich instinktiv, um sich gegen den schrecklichen Anblick zu wappnen - aber er war ganz anders, als er erwartet hatte. Er <emphasis>war </emphasis>schrecklich, doch statt der blutigen St�mpfe, die er erwartet hatte, sah er nur zwei glatte, wei�liche Fl�chen, unter denen sich etwas zu bewegen schien; eine Bewegung wie von wimmelnden Maden oder W�rmern, die ein Gef�hl pl�tzlicher �belkeit aus seinem Magen emporsteigen lie�. Hastig sah er weg.</p><p>�Sagte ich dir nicht, dass ich nicht so leicht umzubringen bin?�, fragte Graves. Er lachte, diesmal ohne zu husten, drehte seine Armst�mpfe vor dem Gesicht und betrachtete sie einen Moment lang mit nachdenklichem Gesicht. Miss Preussler gab ein w�rgendes Ger�usch von sich und lie� sich rasch neben dem M�dchen in die Hocke sinken, und gewiss nicht durch Zufall so, dass sie Graves dabei nicht nur den R�cken zudrehte, sondern der jungen Frau auch zugleich den Blick auf Graves' Armst�mpfe verstellte.</p><p>�Wir sind schon ein tolles Team, nicht wahr?�, kicherte Graves. �Hat Miss Preussler dir von San Francisco erz�hlt?�</p><p>�Wir k�nnen nicht wissen, ob es wirklich San Francisco ist�, sagte Mogens.</p><p>�O doch, das ist es�, antwortete Graves. �Wir haben ganze Arbeit geleistet. Aber mach dir nichts draus, Mogens. Dich trifft keine Schuld. Fr�her oder sp�ter musste das passieren. Wusstest du, dass die Stadt auf einem Erdbebengebiet erbaut wurde? Die Stadtverwaltung wei� das, aber man zieht es vor, dieses Wissen f�r sich zu behalten, zumal die Grundst�ckspreise seit Jahren in astronomische H�hen schnellen. Selbst schuld, wenn ihnen jetzt der Himmel auf den Kopf gefallen ist.�</p><p>�Was sind Sie nur f�r ein Mensch!�, murmelte Miss Preussler.</p><p>Graves warf ihrem R�cken einen ver�chtlichen Blick zu, verbiss sich jedoch jede Antwort und lie� zu Mogens' Erleichterung endlich die Arme wieder sinken. Stattdessen wandte er sich wieder an Mogens. Der h�hnische Ausdruck verschwand von seinem Gesicht und machte unendlicher Bitterkeit Platz. �Du willst wissen, wie ich entkommen bin, Mogens?� Er machte eine Kopfbewegung auf die beiden Frauen neben sich. �Wie wir alle entkommen sind? Sie wollten uns nicht, deshalb sind wir noch am Leben!�</p><p>Miss Preussler drehte nun doch den Kopf und sah ihn gleicherma�en ungl�ubig wie erschrocken an, und auch das dunkelhaarige M�dchen blickte in seine Richtung. F�r einen Moment, den Bruchteil einer Sekunde nur, und doch sollte Mogens ihn nie im Leben wirklich vergessen, kreuzten sich ihre Blicke, und was er in diesem unendlich kurzen und doch endlosen Moment in diesen Augen las, das ersch�tterte ihn bis auf den Grund seiner Seele. Da waren Angst und Entsetzen und eine abgrundtiefe Furcht, dass er es kaum ertrug, und all das hatte er erwartet, aber da war auch noch mehr. F�r den Bruchteil einer Sekunde erblickte er in ihren Augen etwas <emphasis>Vertrautes, </emphasis>etwas, das er kannte und wonach er sich verzehrte wie nach nichts anderem auf der Welt.</p><p>Dann war der Moment vor�ber, der Blick des M�dchens wanderte weiter, und Graves fuhr mit leiser, bitterer Stimme fort: �Sie wollten uns nicht t�ten, Mogens, verstehst du?� Er lachte ganz leise, aber es konnte genau so gut auch ein Schluchzen sein. �Ich glaube, wir sind es nicht einmal wert, von ihnen get�tet zu werden. Sie sind uns so �berlegen, dass sie uns nicht einmal zur Kenntnis nehmen. Wir sind... weniger als Staub. Vielleicht existieren wir f�r sie nicht einmal!�</p><p>�Immerhin haben wir sie besiegt�, antwortete Mogens schleppend. Es fiel ihm schwer, sich auf Graves' Worte zu konzentrieren.</p><p>�Besiegt?� Graves lachte schrill. �O nein, Mogens. Wir haben sie nicht <emphasis>besiegt. </emphasis>Niemand kann sie besiegen. Vielleicht haben wir sie darauf aufmerksam gemacht, dass es uns gibt, und vielleicht w�re es besser gewesen, das nicht zu tun.� Seine Stimme wurde leiser. �Da drau�en sind noch mehr von ihnen, Mogens. Noch so unendlich viel mehr.�</p><p>�Ja�, antwortete Mogens. �Vielleicht.� Aber f�r ihn war es vorbei. Er sah wieder das M�dchen an, und obwohl dessen Augen nun wieder so erschrocken und von Angst erf�llt waren wie die ganze Zeit �ber und obwohl das, was er gerade darin erblickt hatte, nicht mehr zu sehen war, wusste er doch, dass es da war. Es w�rde immer da sein, und selbst, wenn er es nie wieder zu Gesicht bekommen sollte, war doch allein das Wissen um seine Existenz Grund genug f�r all die Schrecknisse, die er ertragen und �berstanden hatte.</p><p>�Es ist vorbei�, sagte er leise. Dann drehte er sich langsam um, und er war nicht �berrascht, eine schattenhafte Gestalt drau�en auf dem Strand vor der H�hle zu erkennen. Zum allerersten Mal erschrak er nicht, als er Janice erblickte, und es gab auch keinen Grund mehr dazu, denn als er in ihre Augen sah, begann sie zu l�cheln, und da wusste er, dass er seine Aufgabe nicht nur erf�llt, sondern dass er es gut gemacht hatte.</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" content-type="image/jpeg">/9j/2wBDAAUDBAQEAwUEBAQFBQUGBwwIBwcHBw8LCwkMEQ8SEhEPERETFhwXExQaFRERGCEYGh0dHx8fExciJCIeJBweHx7/2wBDAQUFBQcGBw4ICA4eFBEUHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh7/wAARCAH0ATIDASIAAhEBAxEB/8QAHQAAAQQDAQEAAAAAAAAAAAAAAAECBwgEBQYDCf/EAGwQAAEDAwEEAwcNBg0NDwQDAAEAAgMEBREGBxIhMQgTQRQiMlFhcYEJFUJSYnKRkqGxsrPBIzM3daLRFhckJzhTY3N0goO0wiUmKDQ2Q0VVZZOj0vA5REZUZGZ2d4SFlLXE4fEYNZWkV8PT/8QAGgEAAwEBAQEAAAAAAAAAAAAAAAECAwQFBv/EAD8RAAIBAwIDAwgIBQIHAAAAAAABAgMEEQUhEjFBBhNRFCIyYXGBkcEVNEJSYqHR8CMkJTOxFiY2Q0WCwuHx/9oADAMBAAIRAxEAPwCoOSlGUgITggpIUFyMuQCEuUFDd9/tnfGKUPf7d/xil3UuEDAOf7Z/xil3n+3d8YoQgQbz/bP+MUbz/bP+MUIQAbz/AGz/AIxRvP8AbP8AjFCEAG8/2z/jFG8/2z/jFCEAG8/2z/jFG8/2z/jFCEAG8/2z/jFG8/2z/jFCEAG8/wBs/wCMUbz/AGz/AIxQhABvP9s/4xRvP9s/4xQhABvP9s/4xRvP9s/4xQhABvP9s/4xRvP9s/4xQhABvP8AbP8AjFG8/wBs/wCMUIQAbz/bO+FGX+2d8KMoygAy/wBs74UZf7d3woyjKADLvbv+MUZd7d/xihCBhl3t3/GKMu9u/wCMUIQAbz/bv+MUbz/bv+MUIQAv+3hoSIQI88BO4JceRACAE4JeCXCEDBCEIAEIW70RYqHUep6Sy1V9pLG2qduR1VY0mIPPghxHggnhk8EAaRCsxcuiFqC22ue51+v9PUtHTxGWeaWKRrI2AZLiT2YUf7JdjlLtJu10tVk19Zo6yhkd1cc1NI11VCCAJoweYz2cxwzzQLJE6FKe1LY5RbPdSW6w3raHaJayqlAqI6aCV5o4iOEkgxwBOMDmeJ5BdzN0Uaun0wdTv2l6ZbZe5xUmuIeYeq9vveJAZK5oUjbKtjepdpd+raXSs0E9popjHLdpmujgIB4EAjeJIIIbjOOeF1m0foy610rpuW+2240Goqel3nVcVBvGWJrebg0jvsdoHEeJAZINQt5oOw0epNTU9nr9Q0eno5shtZWBxiD+xrscs+PsU93Doh6gt9snuddtA09TUNPGZZqiWKRsbGAZLi49mEshkrQhZl3pqOhutRSUVxZc4InljKlkZY2TBxkA8cKTtjOxs7UqCQWjXFiorlHvdfbamCTrmMHJ47HNPjHLOCjIESjjyQrMTdEPUFI4Mn2g6WpyRwD43sJ+FavWvRZ1HprRd31QdY2Sup7ZRSVj44Yn5kaxpcQ0nhyCYZK9oXSbOdFaj2gahjsWmaE1VW5nWyFxDY4YwQC97jwAyQPOQpm1F0R9bUNpnqLXqGx3auhaHGiiLmPcPIXcPNnGUDK6oXe6y2Sav0Roij1LqmjFt7tru5YKOUfdyAwuLzg4aOGMHj2rgXOA58EAKhSntT2I3vQWzax63qrvRVlJdupxDHE5r4uti6wZz8Ci+kZDJPEypqW00Tnhr5XNLgwdrsDiceJAhiFZPT/RJvl/s9Nd7TtC09V0NXGJYJooHua9h5Hh83kUO3vQx09tRqNC6jv9Ja3U1U6nmuMkbjBH3m8x5bzDXZaM9mc8QgMnHIVidRdFqv07pyXUd42k6cgtMMYlfUCGRwLTy3ceETngBzUHaT01eNWakp7Bp6kfXVtQ/djDRgAdr3H2LQOJJ5JZA06FY+r6Ieso7eRT6p09NdTB1zKAvc1zvJn7cY8qjnU2xbWWldAXLV2p6T1pjpKyKkjpZuMk7nu3XObjIDQe0+F2ZHFMMkbIQhAwQhCABCEJZAEIQjICcUvFCEwBCEIAEIQgBU13IlKkHPigD6H22R+s+h6RM3fnq9HvZhvbIyEgflRhVr6BVujuG3V1a4EettjqKiMjlvOMcePglcrDdCiujvPR8o6SSQy9zVdVQSA9g3t8D4soUXdAa1tt2v8AXzp2DrKGKKkc88N0GWQkf6NqCSO+m1ajbdvVynaxzBcaKnq8n2R3Swn4WFSv0jgdM9DHRNgbN31Q6gjlHa9nUvmcPh3VpfVCbO9+sNGXRnhV1NNQgDt6uVjh9euk6cTaSGXZfo2GMyQOryNw8csb1UOPgcUAdaymi2OdDeY0eKe6G09ZJN2mrqf9Uv3W+RrVGvqfmo6l921No6qeZKOSljr4d55P3QO3JPjBwz7zyqT+nJM239HiqpIRhstypKdg8gdv/wBBV46C8hG3qKM+ztVT8zUDOO6TekotFbYtS2qjhEVBLIyqo4xybHMzf73yNO81XC6Q7j/9IdwOf8EUXzRqBvVDaHqNp1jrs/2zZAz4kz/9dTv0h/2Idw/FFF80aQj58OGDwU39Cab+yBtrRnBoKrI8f3H8/FQkeYU1dCAf2RNq/gVZ9UUxnS+qDvxtU08O/aPWFpwHEce6Jl1GxPVcl+6GmvLFWTGWssVsrIW5OSaeSFz4/Pg9Y3yABcz6oSf12dPNPM2FoH/iJlGmyrUVRpduuNNXMmibeNNVtI5k/eYnZGXx/CN9vlLglkCznQc0zSad2N1et6kYqLtJLI9x7KenLmAfGEhVUbVtQ1Xb9qDdoMNxkFykqjUVDd49XMwvy6Jw9oW8MdnZhXc0bSwWbocUrIDgfoLlqs/uktM6U/lPK+dsJ+5MJ9qhgXG6a2oKLVWwnQ+pLac01fXtniAPLeheS0+biCqgUNFNc66nt9OM1FVPHBGPdPcGj5Su6k1h649Hqn0jVVQM9n1H3TSQuPfdzzRSb277lr+J8six9gVqddttejaRr90+vUE58ojd1h+RqMAXR6ZdigqujjdIKYBrbPJSVELfE1kjYiPivK+e/AjJX1H2rW39Emy7V9kgLXPq7ZVRA+1k6skD4cL5bMy4NBGDhPAI+hPQmJPR4tJJJxWVeP8AOuVfOn5p/wBb9r9NfGxYivFqje8+2liPVu/J3FJOyK+Vul+g/PqK2zmGpt1U+Zrh5KxuR5jnB8iyOn3a473sssWsbcOtZR1YIkH7ROzId8LWfGQBrdvu/wD/AEN6F3DjNNaN7/w/D5cL19T30hTRaXv+uqtgFTUVvrfA93sYY2tfI4eQucM+8Xlt+4dB/QP8Hs/81UldE2i9bOjTZz+3RVVV8eR/5kkxFMtfbRb/AFm227a7tt0fDcYLk8Uj2u4MhiO7Gwe4xzbyKsn0i9Y020Lod02rKfdY6qqqMTxg+BM2Tdkb6HfIqVPf1j5Jhzkkc74SpE01rA/pC6s0LcKo49cKO5W+Mn903ZmjP8mcD3RTGR2AlShBQMRCEJCYIQhIAQhCBhhGEnpS+lUIEYR6UIAEIQgYI8iEnagC5/qdN1EmktU2Jw/tS5Mq2HySM3D9UFhaigqNCaF6Qtzig6jrL9DHTEDGBM6NzceQCZq5X1Pe69z7TL/Zy7hXWxsjGeWN44/A4qVunU+ns2w6sZSxMilv99pmVrm8DJuRl4J8f3hgRkk3HSDtEOq6fZRd6SAVcY1bb5Ccf72lALvQQ1pUW9L+u7p6S+z21g5jpY6acjxOlrHAj4Iwp76PdRS6h2FaHq6ykY7ue3QdVvexkgHVNcPL3hPpVUukteOt6X7XuJMdBUW2Fo8QbuOcPhe5JoCb+n2c7DaP/pDTfVzKv3QgJb0gqA+2ttU38kFWH6e8W9sMDscI73Su+SQfaq+dBpgk2/0pP97tdW78lo+1CGdl6ou3OotIO7fW6q+SRimDpB/sQq38S0XzRKGfVGZf66tIwjsts/5UjVM/SD/YhVv4lovmjQSfPlvIKbOhF+yJtP8AAaz6oqE8hrcuOAFOnQwpKmg6SlDR1sD4KiCjrBJG8Yc09URgplMsttn2IjaRtg0zqquraYWa10jIqqiLSZKndme/dHZuneAOezKpXt6e5m2rWrngBzbvUADxDeU89MzVV10dt80lfrVVSQz0NrjqGtaeD8VE2Wkdoc0uafOq6bWrvQ6g2k6kvlukfJSXCvkqYS9uHbrzkAjxjOPQlgC+FKP7DelP/MSL+ZNVCtGaH1frOOqdpSw1N3NIWCdlPguZvZwcE8u9KvvSjPQ3pf8AoJD/ADJqodslulfaNpWm6q2VU9LUOulNGXxOxvMMrctPjBQ9yUbz9JPa0yN0kugL1Gxoy4mNoA+Vdf0ILULl0hqN00HWNttLPUcf724N3QfhcAp46ed1rbZsqt0FJWT07Ky79XUdW7G+zqn975lGHQLhp7ZXbQNZzylsdktEcb2+Njy+VzvR1A+FCKJ26M+pP0V020KKeYuczWNaGs9pBI1gZ8rXqgWr7XLZdV3e0TN3JaGunp3M8W5I4fYrO+p3XaYXvV1smIc+ppqeuLzzLmveD9Yoa6UdsFo6QWsaTH36uFYP5eNkp+V5TBE26T/3O2/e+n/njF3Fhczaj0HX0xzNWMsckWDzFRSO73PnMbT5iuH0l/udt+99P/PGLbep+XqGt0XqnSFScmnqxVNZ42Ts3Xej7mPSSkSYvSCBb0HtBgjB7ns4/wD1Spb6PGW9GHTfD/Akg+WRcB0xLLHpvouWjT8E7poLbXUNJE9wwS1jXgcOzAwPQu96OEwk6MOnfJaZG/K9C3GfPzRuktRaumNBpi01F0q44TK6GAZdug+JdS3YjtdLS52zy+tA4kmEAD5VwtiulfY62mvNqq5aSupniSGaJ265jhxyCvoB0v7zc7b0fqmqoLhPSTzz0sUskT91zmOzvN8x7UYGfP2thmoq2ejqY9yeCR0cjc53XA4I4eXgvFIwkOJJOT2ntSpjBCEKRMEIQgAQhCBghCFQAhCEACEIQAIQhAExdDC5Pt3SMsEbSAK6CqpnE/vLnj4SwD0qZ/VD63GmNJUBd3k1dNNIz3rMNP5RVYdj1yjsu1zR93mmMUNNeqV8zx2R9YN75Mj0qdfVDq3rNb6atWSO57fJO8dnfSYHyBAiW+gvdYq/YTFSibrJKC51ELmn2AO69o+BwVQttt3bPt91Ve4T1oivr3s8ojfjH5GFYb1Ou5OfY9ZWZ33ulqaWsYPLIyRjvqmKo9+rXXTUNzuZ4Gtq5Z8H3TyftSyBfnphEXjow19fCBJnuGs/i9Ywk/A5V86AtC+s20VFazgyjtFQ5/meWNHykKW9g9+oNrXR5rdmdTUj16pLSaBwceJjHCGTHDg3DW/xcnOcJ3Rh2dVexbS2qtYbRGU9qe9rWjMzXOZTxFznEbrjnfdu4GM96PGmBD/T9r2Ve2WKiacmhstO1w8Tnve76JYrD9IX9iFcPxPQfNEqW7Qrzc9q21653G126oqay+VAFLTNGXhrRuxt9DG8flV7tsulNQX3o8V+krNQd23Z1upaeOBkjW7z2bgcA5xA4YPb2JElFNh+kv0cbV9Paddvmnmqmy1RbyEMffvzwPY0geUgdqmnYk1p6duo2M8Ftfd2t82HALvehtsV1RoO7XbUOs7VHQV00QpKSHr2SvEZIc9xLCQMkNA454HguY2EacvFT0ytZalgoZRabfdLrHNVOHeF75HNawHtdxzjsCBnN+qGDG1rTw/5vt/nEyrW4ZBVqfVBdO3yo1nY9Tw22omtLLU2kfUxxlzY5RLK8hxHg5D24J5qrAwSmNH0B2PXGa/dDiDePXSt05W0RA446pssbG/FaxUa2aRyS7QNMQxDMkl2pGMHujMxWY6BW0Gjip7lszusjWd0yuqrc5xAD8jEsXHt5EePjha7ZR0bdU6V2y0141S6lptL6frDcIrg6qZioER3ouXFmDul29gdiAO59UQ4bM9PDxXvj/mnLnOiXU23SHRx15qzUduNba56pzZomnjUw9W2PquOBzkcOfatp057rbNR7ItNXGxXCnulLNfd1ktK/fY49W7gCOa1WqNLX7TnQQgtLbXVR11TMyur4g078EbpesBcPeNbnxdqMCN9sA2n7G7htLo7FozZ5V6duV0ikjZUbrMbrGF7mnDicYZlRf097QKLbJS3ZvEXCzxHPumPLPmACj/owU96l266RqbPTVE74LlH3SYmk7lO7LZnO8TerL8qw/qgWlbhXWKw6ntlumqIba+anrJYwXdVG8tLCQOzIdx7PSjIGp0n/ud1+99N/O2rgOgzqBtp27U1qkf3l5oJ6UYOBvsb1zSfQx7R51M+k9AarHQfrtLG2SevVbTvqYKQeG5rp2ytbj2xaOXlVQtnt3n0rtIst+ewxy2y5U73NfluA12Hg+TBOUhIul07g39Iprj/AI7pvmkXv0MLjHc+jlHQNlMslFVVdI8e09m1vxXtPpXh08HsfsEic3iH3qldnziRQ/0HdodHpvUVx0dd6oQU15eyaiLj3gqW97u/x2/K0BGSit08PfyUY++RzGL8rCvt02AB0dJB2isoB8qiym6MOrBt2mqquClp9Hw3D1w7uNUzL4d/rOq3PC6zsOQGgZ48lI3TGv1l1D0eLjV2O6UdxiZeaaN8lNIHAOD+I9BymBRI80qQ80qBghCEmAIQhIAQhCABCEKgBCEIAEIQgAXrSwvqKiOCMAySODGguABJOBxPALySHBGDyQBJsewrbFFM2WPQF3Y9h3muDo+9I5HwuwpNf6K2zXbUdsbrS33qqu9eO5aAV9Ux75t3iWt3n+nz8FbLoO6hu+odjRZdqt1Ubbc5bfTPd4TYWxxva0ntx1hx5MDsVPNuuo7xetr+pKm4Vs8rqS4TU9NlxxFGx5a1rfFjCBHS6Z2X9IjSdRNPpvTup7TLUM6uZ1HUti6xoOQHYdxCj3W+jdU6LrYaXVVmntVRUMMscUzmlzm5xvYaTgZyOPiK+iXRyvV0v2w3TF7utW+puFRRSdZO7m4se9oJ9DQqd9G3TFRtj20y3PWNZUXSnpo3XOvdK/L5nAjcjz2N3iOHibgY5hCOR0Js72qXami1Fo7TWoW47+GvpsxZ947LT6RlaTWV+1zcax1t1xfNRVU1Mcdz3SqlkdGfNIeCtV0qduOptA69s+ltFzw0kVBTx1lY18QcJw7wIPcs3fa4K3fSr0bZtpmxlm0qy0gFxoLdHcopWjvpaRzN97H+PcaSfIWlMZVzZpo3a7WQDVGzi23psbi6nFdbapsRznDmeGD6D2ceS7KeydK2jp5qqrqdfQxxAuklde3ANb5fuuAB41jdB6/3ah28Wix09dNHbbtHUNq6cHvJTHTyyMJHjDmhS/6odfrvbrBpOx0dwlpqC6yVj6yJrt0S9V1W6D4wN88PGQgCH9PU3Sfv9lpr1Z7tr2voKpu9DPBfHua4f53h6V6PsHSetVJI99Rrm30jXmSV7rt1THSPcSXOcZBkkldJ0Bb5dY9od20yKt7rbPQOqjAT3oka5g3h4uB4rO9UEv11Gt7LpdlXI20+t7ap0APemUveN4+gBJsRysumulPV00lJMdfVVPMwskjfdN5jmOBBBHWHIIKivWmgtX6IdTjVdhqbSaveMAnLcv3cZxgnlkfCr0dDS+XW+7EaGa6VklVLBWT0sUjzlwjYRujPbjKpBtlv121BtLv1Vd6+aslgr6imhfIc7sTJX7rR5BkoQ0ajSOnNQ6lvDbbpmilrrgWl7YYpGteQPFkjPoUp3LZ50lLtbvWy9W3WVxt/D9SVNy34uHLvXSY4KGqKqqKGojq6SaSnqoXCSGaN26+Nw5EFfSytv12b0bKjVAqneu40Y6490dvX9xdZvfG4oBlDrvpLazs/omSV9j1LZqGOqZWslhLzBHOwODJC5pLWuAc4A57SmWzaTtdvd6prTQ661RU1VbIIYYPXSQdY53AN4uA48lPXRa6QOr9Ra+p9Ga3qaa50t1jeylqHRNjfFKGlwYd0AOa4AjiM5x5lxnTS2YW7Q+rKDUOnYXQW29ul6yANwynnbgkNPYHAkge5KYGg03sx6RWme6TpyxaqtDqkgzOoaoQmTGcZLXAnmfhW2fp3pYPZuvk2iuaeYN2cR9YrRdEm8XTUewaxXO91s1bXb9RB10rsuLI5ntYCe3DQB6FUmo6Q+1e16nrZP0TS1UNPXyfqWaCN0bmteRu8sgYHjRgR73KDpN2makiud517SGrl6mnEl4cA+TBIaO/54BWlvWxvbre7lJc7to2/V9XOd6aonla+SQ4xkuLsk4VhOmzdaa97A9L3+2SHqK+401VTvaeO6+FzgfQpN6O99ul66PlgvVzq5KmuNBMXzPOXOMb3tBPjOGBGAKd3PQ3SEvFD+he6Uep7jT0scb/WyouLZRG1o3WO6rreAHYcLmL9sf2n2C01F6vWkLjRUFIzrJp3lmI2jtOHEhbnY3rfU8vSGs9+lu9TJX3G6spayR7s9dFI/dcw+55YHZgeJfQrVlpivelbvYKgnqrlQzUj3DmBIwtJHl4oGfOrS0W2LaBYZrNYqzVV8tNLiOSk9dXuij9r9zLxw8XDCS47Ltr+m9NVprdK3egsxYJa4PlaITueC53f4yOzt7PIm7BrredLbdLBBSTvp5zco6Ktby32OeGvaR6VN3qh19ukN401pZtS4WmWkkq5IRw35A/dBd48diAKmoQhAwQhCQmCEISGCEIQAIQhUAIQhAAhCEAHakPgpe1J7FAF7fU+vwN3HgP7o5/qKdU32rH9dLVvkvFV9a5XI9T6wNjdxzw/rjn+op1Tbatj9NLVhLnDN4qsd6f21yTYkX76Kn7GzSP8Am+ulUU+pzWfqtI6ovxY39VV8VHG/t+5xl7h/pGlSv0VgR0bNIggg9wTcD+/Srh/U9mbmw+4H2+o53f6CnH2JslFaellXC4dIrWEzSSI54YB/J08bD8rSrjdGZtNfOjFYbfMwTQ1FtnopmHtG/IwtPoOFR3b48nbhro/5frB/pSro9B55PR6s4P/AB+rb/pikUVZ6INNNR9KDTVJMMOhkro3DxFtJOD8ylj1R8/g/wD+8f8A064Ho8RdR0z6SDOdy7Xb+b1K771R1r3HQG6xzseuOcDOP7XSA4joCfhtreP+BZ/pxrO9UEI/Tbs3D/ArPrHrC6AuG7bK0ljm/wBRZxxGPZxrO9UEOdrVmwOHrKz616TAmzoI/gEpfxtVfSaqPa//ALvdSfjar+uerxdBH8AlL+Nqr6TVRzX/APd9qP8AG1X9c9UmBopPvbz7lfSC5/sQ6r/q9f8A+Xr5wSfe3+9X0gufHoiVIH/8ev8A/L1KkDKPdHg/r4aFHb69U/zq0/qhnV/pS2Ynw/X6Pd/zM2VBXQv0ZV6j2y2+9vo5H2uxB1XPOQQzrd3ETc+23++x4gu59UA1vRXS62jQtvnbJ62F1bcN3iGyubiNufGGFxI92FWQJl6En7HnTv8ACqzP/iZFQHUfHUt3B/4/P9Y5X+6Ef7HbTh/5TWfzmRVK2ebPn6suOu9R19M59n07S11Q88W9dU5f1TMjxHvj5GgdqbYkba+aoN+6H1ktjnZnsOpO4yP3MxSSRn6Q/iq0nRg/Yu2D8XVf1ky+fVLcq2lslZaIp8UdZJHNUR7je+fHvbhzjIxvu7e1fQXowfsXbB+Lav6yZAyj+xv8NGkvLfab64L6QHUcX6Y40cYD1htHrmJ97hu9aYy3Hoznyr5v7G/w0aR/HtN9cFcjaXf22Dpe7PGSuDYbnaZ7a/PjkkcY/hkawelAFfNe6f8A0M9NTuGIfcZdRUdXFw9hPuSfISW+cLqfVFPwgaV/FUv1q7DpS2B1L0jNmOpo2nduFZBRyH3UUzXD5HFcf6op+EDSv4ql+tQxFX0ICEYKBCEJCBCEJDBCEIAEIQqAEIQgAQhCABJ7FKmnwUmBez1P7P6TNx/6RzfUU647WXSesVl1ZerTUbJrVXPoq+aB07pmB0pa4guOYjxK7L1P8frM3D/pHN9RTqnG1T8Kmrs/44qvrXIUcEn0f2S6op9Z7LrVqaltMVograaR7KONwc2IBzm4BAA7M8u1RR6n4c7Cqv3OoJ/qYD9q7PorfsadKfi+f62VcB6nZUxv2O3ql6zelZqGR5b7Vpp4APon4EAVT268dt2us/4/rD/pSrpdBwf2Pln4f4Qqz/piqc9I+nNLt71tARjN1lk+Ph/zOV0uhfB3J0ebCSMdY+pqBw9iZnJjK0dHo73TajOc/wBVrt9RUKyPSd2r2/Zk/Tpr9IUeofXLund697W9T1fV8stdz3h8AVZOjFOJ+mBa6yPj3RX3Z/wwVBCkf1R3/gF/3h/6dS9wO36O23K2bSNdS6eodCUOnyKKSofUQSNLnBhb3uAxvj+RQ/6oJw2sWf8AE7frXrD6Aw/XsqvxLUfTjWX6oJ+Fizfidv1r0sATf0EfwCU342qvpNVHNf8A932o/wAb1f1z1eLoI/gEpvxtVfSaqPa//u+1H+Nqv656pIDRSr6aWG6R2Lo2UN9mpGVsds0dHWPpX43ahsdEHmN2QeDsYPDtXzyuGlzQbNrTquoJa+63Cqp4Yz+1Qxx5d6XPPwK/Fz/Yg1f/AFev/wDLikgOW2DbeNL7S5ajRTbANL1ktLI+lp6ZwEUjMd9uubjddxzy5cVWXpQ7L6nZjrJhjrau42m7709NVVRLpd/I32Pd7JwyDvdu8tN0bamag27aJngdgyXOKA+9eCx3wtcQrSdP+igq9kdpr3xAy0t4YGP7QHRvyPMcD4AmB0/QnP8AY6aePiqq0/8A7L1x9r2yWDX2z7adpqlsNNYa63WyskEMBbipaCWul4NHEO3c8/C5rsuhGA7o72AdndNd/OXqifr1cdOauulfbJGCSZ1ZSTMkbvNkilc9j2keZ+R4iAUxI508ivol0Yh/Yu2D8W1f1kyopS6ZDtld11hUCoAjutNbaQsxuPf1Ukk29njwHV4x7ZXs6MX7FzT/AOLav6yZIbKPbGfwz6R/HlN9cFO3TvuU9l2y6HvEDy2ahoWVUbhzD46neB+FqgnYz+GfSP48pvrQpo9UP47RtMj/ACM765yGBYXblbYdT6X0bqSljy636gttxjPaIpHBhH5bCfMoA9UROdoGlT/kiT65WA6KN/ZqPYFpmV3fVFDC631A8ToXFjfhYGO/jKvvqiP4QNK/iiT65AisKEITGCEISBghCEhghCEACEIVACEIQAIQhAAiTmhe9FAauphp2ywwulkDA+aQMY3J5uceAHlSYF5fU/fwNXA/84pvqKdU32s/hU1d+OKr61yud0eNQbJNlmzmPTUu1HTdXXS1L6uulbWN3OucGtIZ7kNY0Z7cZVcts+jtJ1O1c1Oldo+lq606gqpKh00tc3Nvd4b+sx7Hnu9p5c+KEyS3PRW4dGnSef8AF9R9bKoI9Ttvzaa66n02/G/Uww10fl3CWO+R7VNGzXXWx3RegbTpSHadYqqOgpnQumkrG5kc4kuPLgMk4HYqhTywbFdrdu1BozVtr1TQQOL6eWkqGuMkJO66CZo8Fxbnjy9kOKTYJGy6aFpdbukLfqpwIjr6WmrWemFrHflMKthoipGz7olUNxqXB3cGmDWAkY3pHxukZH6TI1vnUf6tvvR722OsWodS6sFnqaHeE1LUP7mlkZz6iTIIc3OTvMPk5rgulnt4tut7VDofQ0r5LDE8Prqss3BUlngMjDsO3QePEDJA7BlAzh+hq0jpIaSzwLhWu82aKdSx6o7y0H/3h/6dcV0Q7fouxawpdf6t19Y7PLQCVlHb5atgleXxujc6QE963DjgczkHgOcl9K2p2cbUtNUNXZNp+lzdrKJnU0EtexjagSbuW++70Y7PGmBG/QJ4bZ6r8TTD8qNZfqgP4WrH+J2/WPWz6IEeg9FzHWmpdoGm6e4VVL1MNB3cA+Bjjl3We770d72eNZvSypdD7TK63ai0ptI0k65UkApZaWqujI2SR7xcHNcTgEZ5dqHuBJvQR/AFSfjWr+k1Uj1jTy1W0i+01PGZJ57zVRRNHa50zg35SFdzYRqfZPs02c0mmDtR05XTxTSTzyisbul7zkgeQclxemtKdHOzbSI9cfpqUVTVx1z65lPLWxdSJXP3s+DngeXFHIlM5PpnaXptF7LdlemKUd7b4q2GR3t5d2IyO9Ly4+lWCuf7ECr/AOrx/wD5cVEHSrumh9qd60VaLXtD0zT0VJLWS11bJWt3IWOEQAA7XHdPBSpPrzYvLsyk0GdpdjNA+zG0GXu1nW9WYOp3vFnHFSMpd0ZKKav276Jhi9hcmTO97G0vd8jSrNeqDXCCDZrYbSJ/utXeTKGeNkUTt4+gyM+MtZs7oujtsguNRq2i1/Fe62KmdHC187Z3x559XHG0ZceWTyBPjKgnbftFqds20uGdskVptMRFLbDXS9UyCMuy6WU8Q0nmcZ4cOKYy3XQk4dHjT/8AC6z+cvVAdTZ/RBdMf8fnx/nHK+uxrV2yHZzoC26Wj2qadrjS9Y+SZ1a1oe97i5xDfYjJ5KJjsr6NU2oDcZ9sUU0ctQ6eSH1xgDOJLt3wc4+VMRq9r2lv0JdDLRFBJ/bFZc2XGo8jp4ZHgehpaPQp56L37Fyx/wACqvrJVwHSs1RoPaBomy6b09rzTPWOvDOskfXNEcEZjeC9x7AOA85XdbN9ZbHdHbObZo1m0/TdVFR0pgdMa1oMhcXFzsdnFxSGUm2Mg/pyaR/HtL9aFM/qhx/XH0zj/EzvrnLUbN9C6F09ttjvFftZ0pLpm3zmrpJxcoxNUHf7yJ0ee93eZdyPDHk7HphDZztDtdHqTTe0bTtRerRSvi7j7tb+qY97ew3j4fE48fJGRGz9Ty1BLNZdU6YcTilqIq+Mdg6xu474SwLl/VEfwgaV/FMn1xUfdEXW9t0NtigrL7XQ0NprqKajq6mXO7HnD2Hhyy+Noz2ZXT9ODVemdW6x07U6YvtDd4ae3PjlfSzB4Y4yk4OORwmmMr0hBHFCYAhCEgBCEJDBCEIAEIQqAEIQgAQhCABHPghCTAHhoGcBdfp3SlpuNHQzVlXVRy1HhCONuG5OBz4+Vce/JIUk0kZht8EbfCbGAPOAF599cToRTidtnRjWk+LkRvPG2GqdDjO64jK9KYNfL1eMLa63ibHrC6Pb4E05nj4ewk79vyOC0vI5C7PSimcrxGTi+h2tr0zp+4NwLncY5B4Ub4G5C3FHs/sc9RHCLrXsc97Yw7qGYaXEDePHkM5PkWl2Zb9RW1e8fBaz7VJNvgcHE+ML5/UNQqW1XhTwevb2sKscpEL6ft0VVqFtBdO6YWtLxOyDd63LRxDd/hnI5edSvYtlOhrzTRVtJqrUIGeI7ih3mO+PwUe7U6E27X10wcd0PZVRkfurWyfb8KlHo3Gass9ymmPWHuvt8wK6tWvaltZO6oSw0cdpRjVr91JGBqLZxs6sj20U2odT11S87zooaaFpjb497e5+5XVaW2C7NNSW4V1t1vqOWA8HMdRwtfGfERvcCoq26unbtGrYQ4hkcMHb7jPz8VM3RFmlqNMXGaaaSWTurm858S47++uLW0VxxZy0se00pUqdWq6eDC1RsP2ZaYo4ai5611Vj+9RRUcG/J71cPoHQ+zO9V1bS3vUWo6D9Vv7klibBMzqfY9dz3ZPHw3fKux6ZU09E7TboJpYTUmq6zcfje3BFu8v3x/wqu1urayhkbJS1EkRke0O3TjOHAro0q6r31iq/Fjjz0zjDa95lc0oUanAkWvPRd2e9wmqdrjUAgY3rDJ3NDjd+BcD+ltsgN79axqXWHU5x64dyQbmfe893HbhWG1a50WyK6OjJBZa5N0+ZpwqD+uNwEvXd2TdbjG9vLh7Papd6pSlUm0sY5L2+su7tqVBpZe5bRvRZ2fTNDo9cagkBGQ8U0Th9Fa2u6NWzyX9QWvaZWi4ZwI5YIZPyA5rvlU2aJG7pG2OcN/NMw8/GMn5SVUjaLraewa61JYY9O6aq7f3a58fdFua6eLeAPezZ6wYz415+hatqepyqQqzSceW3Pf2mtza0aMVLf4nrtL6PGstI0k1ytktNqS0xR9ZJLSd5NGPdQnvvilyjPSFJbK++U1LeTUxURJ6404b1w97vcM+dWt2Aa4rtTaNY+omlNXQP6veMvfYGOHj5bpHpHYoZ6T+laOyatgv9th7mpbrvmSJgw1kzcb2PPvB3pXsafq9apdysqy4ZR5PPPOc+zkY1bNRipxeUzprHsc2Y3qg7rotaan/dIu4Id9jvjLF1Hsd2cWWiNVUax1Kc/e4+4Id55+MsTo61dRNa7xJPLJI/ro2d872O4UnSDqqiG32qWnmkjf10je9d2bq53qV19IeRZXtx8jpVtQ7jvd/iRtVaZjuGrhZdO9dO2X726p3d+Mey6zd4Nx2rtI9llhoAWXbV1Qag8GdzUjWxnzdY4Fwz2gBY+w6jHctyrycyylsAJ9i0Ye74Tu/AvLWWpKmw65c+OgtlcySlDHR11K2Zo8Li3PI+VepK5qyupUIPCj19pirel3aqSW7NPqDZrfKOQOtMzbvA/n3NEWyM981xHwgla3VOmhp600VTPWPkrJ37ssbGjcjHH2XM8l0mi9RComdQyM6qADMTN/PV+RvufmXhtU40NH2jrv6LlpTu6zr91MU7al3LqU2cAUJUh5r04ybPOxgEIQmIEIQkMEIQgAQhCoAQhCABCEIAEIQECwelJGZKyKIeze1vyqTA3kfIuA01GJbzS57HF3wBSFGWOl6vfbvDm3PELwdZnxOC8Eevpi81vxOP2gxYutHJjhLSM4+PczH/AEQuc5LtNosIFDa6ntbLPBn/ADcg+m5cX25Xq2U+O3izguo8NaR3Gx9pfcLiHDvdyP8ApqVbc+I1j6PH3VlP1o8oOfzFRpsQjMl0ubSOG5ER+V+ZSNFJFT7SLXRng6ptZ9JFRKPmPyL5bWYOrdVILmoo9eyn3dBP1nB7fra+C5Wm4YOJqZ9OT7qN5I/Je1dz0Uow6yXd+O9bXuA+I0BO6QtnM+ziK4tb31vuEbnHxMkaWO/K6tZnRGj/AK3LucZHdzh6dyM/nXDeXnf9muP7rX5NE06fBqTl4/oRX0gAW7UbkP3Gn+rCmfobt3tGXE/8tf8ARYoc6Q4xtXug/caf6sKa+hezOirl/Dn/AEWLTtBLj7PU2/wGVov51+80PTYGGaQ/7d9CBVzjGZYffj6QVkOm8MfoQ99XfRgVcIfvsXv2/OF6/ZSWNGoez5nPfL+YkX41sMbI7z2f1Mn+g5fP/wDvBPkX0D1yP1pLyP8AJk30Hr5/Y/U58y8jsHT7q3rJfeZvqr4pRPobpWUN0ZaeP+9W/MqSbbzvbU9Qkf8AGv6LVcvTUpGjrTx/3q35iqY7Y3b21DUB8dV/RauLsXP+oV1+FG+rL+WgST0UakspNRMceAMOPSHfmW36S4bPoCF5PfRV0Th6Q4fauf6MTHMoNRSnwTJCB58O/Os/pF1e7o2OnPhSVcQHoDj9i7Ksc9o014BT20/3Gl6O0n6gvHi6+P6JXnt+k3rbbv353zFeWwBxZQXcfu8f0Sm7dyTbrbn9uPzFdklnW17fkTH6h7vmY+xaoYLRWxA4cyUu84LW/m+RazbNSPFwoboB9zex0Lj7oHh8h+RYWyWvEF8qKNxxHMzeb525+wn4F3etLb68WCooyB1rB1sXvm8fzrrr1fJtSSfJipR8os/WiHLbVGkro6gZO6cEZ7O1dltFk66wUModnee04/inB9IwfSuCIIcWnmOYXS3CdtRoG3njvwVboSc8wGlw+kR6F7Val58J+B51GpmE4eJzyQ80IXWjlBCEIAEIQkMEIQgAQhCoAQhCABCEIAEBCQqW8Ab3QsZdeZX9kcZx6SF11O8G/th9m6lL3+cyPx8gatJs5pw6GsqyOTg0HzAk/Ysqkm/XMqYc8AxtOR5WRsB+UOXi3Xn1Kr8IHrWz4KNP2mw2gQ50VNw4wVcE38XEjXfKY/gUcYwFNGpqDunSF4jEe8e4y8fxXsefkaVDA75XoldTtseDMtThivnxRJvR4jM11uvDOGRD4BJ+ZbzadV+s+1fSdS07oFLuPPiD55Wf0gVhdGaIvu15LRybD80oXj0nQ6n1taSzgfW7fafF93eR8y8309dqU31ga8XDp6l6ye9Y2VuoNA3q2tbkVdA97Me3A32/lNauI6HTHO0fd3uGT64kfkR5UmbLbiy86NtdeW466EfDz+Yhc90e7KbFW65s4He0t+nbEPcEMLfySF8VGtjSr22+7P5npTjm4pz8V8ivnSNGNrt2Hiig+qCm7oXD+si5fw9/0WKE+kkMbYbx+9wfVBTd0LB/WLcj/wAvf9Fi+k13zuztLH4PkebbbXz95oOm8MnR/wC+V30YFXBoxLH++N+cKyPTc8LR/wC+130YFXHH3Rn7436QXrdlX/RqHs+Zne/WJF89cuzsovI/yZN9B6oE77wfeq+mtn/rW3kf5Nm+g9ULP3g+9K8jsA27atn7zNNW9KJezTkodpG1gn+8NVPNqzXy7Sr2yNpc41HAAZJ7wK2enpSdKWvHZC1c/FeHfq6/WvZ4QaSXq6q50VFRzTR+V2O/+1cHZeXkl3VrYztj9/A7b6HeUoxyczss09Lo/Qm5ej3LVTSOqqhko3eqHehoPmDc+PKibbPqL17vYgh+803Ly5/9lM9+t0GrLVHU0t6qA/nSuf39M93imj/2IVcNWW67W3UNZS3kDusP7/d8A+Ldxwx5l9DotNXNZ3df0308OZyX8uGkqceXiSDsJJFvux/d4/olJtycXW62j92PzFN2HEi33Ufu8f0Sl24ZFutnj60/MVlnOue/5GkfqHu+ZGtpqvW+4QVTeJa7vh5O1TdTVDaqkgqYnbwcwOB8fDn6R8ygfHHJ8ykfZfd3TQG2ynJZgN/o/Ae9Xq6vaqa77qjm06tweZ9k0O0eyi2301kTf1NWN6xp8T/ZD4eK0vrxX+sHrD139T+6e6uq3G/fd3d3s4zy8ql7Udk9ftPVFC0ZnYespjjlJ4vSOChN7Sxxa4EEHB845rp0268ooJvmjK+o9zU25MRCEL0jhBCEKRAhCEDBCEIAEIQqAEIQgAQhCABGM8EIzjikwJI2cUwj02HEffZnO+xcnbasv133XxG/XuHwuKk7QVs/rYoA47uQCT5+K8bbsbLq6N/6J3d47rcetz+z0r5+lcU1Oq5v0k0etVpSioKK5HcR27uunfSDve62Opd7xda0x59G/n0KsrRuh3kOFbm00HVRsYXOPV7u6S3HFvLh6FWDXVA2261vVCwd7FXTNb5t84+TC4uzNfvJVYeGPmXqUdov2kp9E6Hfvd8Zzy2nPyTLB6WMZbr60Mz4Nszj+WlW56H7Q++3x3ibTj5Jlrel0N3aNa/LbMf6aVTF/wC4ZL8PyIkv6evb8yUOiddG12zA2/I6ygrHNPjwe++0KWbHYGWy+3i7Mn3zc3Me+PdxuubG1mc548GBVs6IF2NNqW42UnLKljZseXwPtarWcnAZ5L4LtTCVrq9bHKST/fvR6VjLvLePqKQ9JIEbZ7z72D6pqmvoYcdAXX8YO+ixQt0jXh+2S8n3MH1TVM/QzcBoC7Dt9cHfRYvsdc/4eh7Inm2216zSdNkZn0iPd1n0IFXfcHWM/fG/OFYzpmM62o0l7+t+hAq/SQlsjT7tvzher2Yf9Ho+/wDyyL1fxpFztcSD9K66j/J030HKi8jf1OT7n7FdnWsh/Szug/yfP9BypWW5o8+4+xed2GhwWUvaaarvOBcWwS40zbBn+8BVb2kTSw7SbtNFLJGWTgtLHEEHcbyVlbFKf0NW0Z5QBVn2jgnXt3z+2t+rasOykMXVbPgvkdGpehD3kjbELnLUWSrppJC7qphj0j/YehYu3ugDrfQXYDMsT+pkP7m7O78BGPSsLYMe/u7fdRfMV0G2YAaJqs8wYz/pGj7V2r+FqrS6tfmiYefaJvwOe2G8KG4/vzfopm285oqL9+P0U7Yef6nXI+Odv0Uzbcf1DQfvx+itP+rf93/iNfUf34kXjJB8nNbHTtebbdIqnJ3Ae/b4x2ra6Dpe7LfqaEDJNsBHonid/RXNHmV9TlVHKL6HitcPIsZpiQVdJFWNfv8AuvbeI+kYPmIUXbbdOvs2qIqxjcUt0Dp2u8UgOXj4cH0rrtg1y7ttwtrjl8D+qx7k5cw/THoC6zb3ZGV2zKSrcB1lsmbPGcce+O64ekY+BfG2lV2F/wB1LlJ4+PI925xc2/Eum5Wk80I5oX2586CEIUgCEIQMEIQgAQhCoQIQhDGgQhCCkCTG9lvjwPlwlW10fRG4aqtlIBnfqWF3vQQT8ymb4YOXgEVmSRLuquosujA51NHVw03VnqJHOayUCRrd126QcEE8iubk2kaVMbhBsnssLt07h9ea52D4/vnHzLd7c2mn0lTQAHD6iMfTd86hZeHoVNVbRVJc231aO7UZ8NdxXgW12Rz+uWg7VM4c4mtPkPb8uVBe32hNBtWuzQDioEU4z270bc/KCpr6L57s2cRh7TiGZ8YPjIe4/wBILhel9a+5NZWS4MYQKm39S845vY9zvovC+e0VeS63Wh45/U7LqXHbQZn9DVub5qAY47tOfkmWt6XrP1zLW0j/AAVn/TSrfdC2lnNdqWqMZ6hopm7/AGZxMtZ0v6acbRbRU7h6l1qDd/y9dKtYVM9qZR/D8jPH8ivb8zhNh93Fi2pWmpecMleYHHyO5fLhW61rqWmoDvMkBDmhw4+PiPkKpDAHU1ZDUxEiSF7ZGnyg5+xSPqDWVRc6RhMhIYwM59g/9sLTtHoy1CcZGlhV7tM5XaXXG47QLvXS8cmPHoClrovVM1q15qOyVhAkktVNUdWDy4t8XDlKMqGaRhuE4lP3urrYqfj7Uuz8oUi7B7y2q26XOuLsC5w1beJ8TmlrfyeC9HVqHHpdel4Qf5GEPNuIy8Xk6/paHrqzSX/a/oRfmUG3CLFOCOe+351Y/b3pW6aisVFc7TSVFbU2pznS00IzI+F+GvLQOJI4Hhx4KErHp+tvN6pqH1vr4qdkrJK6eWmfG2nja4OIJcB3xxyWHZmrBaTT39HZjvU1Wb8Sdtd1/wCt3WN/5I8fklVIbETQj97+xTltQ1X/AFOmt1OcveMdX5FD1REI6YDHPh8ifZeg6dvKT6seoSTmn6iQZdUVFzn05p6KrnpIa6vhgnmpz90awkNOPjZ9Cj7VLa6PUtxhusT2V1PO6mn3xxL4vubs+XLOPlyiQOZPbKoOkjMb98Fh4jEnPz5C6/arpd9BqPUBfNLLVQXmVr45BmR7ZT1jH+XJeB53Dxr2aNvGgopLms5OdzdVteBmbBo+8u8vYXxjPoK2W3Cbd022D9ulYz8re/orZ7NbDUae0yyOuYYaud5mli/ahyDT5eGfSo+2y3v10vUNPFwip++/N8PP0rwaObjU5SS2R3STo2kYy5m02Kd7a7j4hVNH5AXntrOaCh8RnP0SvfYzE4WOtmIIZJVn5GheO2eJzrXRygHcZOM+kFGH9M5/fIFvY/vxNZsPYH3e7MPJ1G0H/OsXL6otBsmo622kHq2SExZ/az4PyYXVbDf/AL3dP4G365i7/aToKq1Va2V1qiBu1LxYzwe6Y/aDPsgeI8eSPEvVq3kbe9cZ8pYOWNvKpbRlHoR3sNuXcOvaanyd2qbJER7poDmH5Mekqw22CIfpTX8ntpT8nH7FBOxDSd4rNpFHLJbauCC2l09XLLE5gZw8Ek44kloxzUu9I+9x2rQctnaczVo3D5GnH2By+e1ymquq2yp887/H9Dos5ONrUbKrjkEqByQvuzxMYBCEIECEISGCEIQAIQhWIEIQkxoEISgIKQmFMGzabTmnLNDVQ6j0aLpVR700lwfWPmiB/vbWxwFrcdvEk+MBRFhLgeJc9aHerDZcJcJYSv1Rp+8WyotF81DoGroZxxDX3Fkkbx4L2O6g7rgfJg8QeBKh+zWbT0+u5bTcNRUQskMryK49axk7W8W4PVOc3PlYubAcE9oc5Z0bWNBNQbwzWdSVR5luy0Ns2nWS026mtVpv+zmit9I3cp4Y3XLvW+U9Txce09q89T6/sGrLFUWLUV/2dV1vmy4dXLXxzQvxgPY80x3XDh5DjiCOCrRFSgnks+moQQOC4Vo9nGt3+HxeOTVTm/N6Fh9M6/s+mbDFYNM6k2dUVuh5GSaufLM728juobvO9GB2LSa61FJrS0S2y46w2dVEDvvZZLXNlhd7dh6jgfJyPaolp7aMjgPgW7obaN0cB8Ca060hPvFHzvEac2sdDUm1dzPfAaqGrLHFvXw725IM8CN4A/IF7V9iFPaqeqivtEe6ntikperl7pgz4TnN3N0tHjDiupo7RvYHVZ+Rcfrat7n1BNRQnLKLEL2+2c7w/gwB6F2pOXJ8hcWD1qRPQ3zdHK1Q/dPft71rvSjZVNFS6jbUVVIayEwyCSISFjiD2tcOIcOY8oC5aOprJpnyvqXvMh78vJJd4snK7vY9Q906zpIOYlEjMfyZPzrVQ8xpmdWfFLJNUWq8UOKHXELRwPU6jtk8c0ePa1NNkO/jDJWtu17r7rmnu+07TjKfn/U6Csrp/wCL1jQz4Ss+XSLzkEZTY9HuB4MHwLhjptot1H/H6Arqo/tEc38Wr7pT2OCrIk/tu4XDddVVXk3R3sTPE0cfKtNT6QdXwNrDq/SdvIcWxwV1RUMlhI8YbC4fKpcqtIva0nqlo6zTTmEkwjh5F2bJbMnMpc+ZFF+o+4aqOi7vpLh3NuRd0U+91T94l2WZAJGX9oCmnafbw/U+pqAMlnuN2orZNA8D2BpxvDzl0bVDoibWanjZu5Dqj7VZM0bavaZYK/gawaThkIPhFzanq+99133ALg1urKjYSlFZaX7/AMHTYTjGupS5bkN1eqre/TzZrzfKi5XdwPXWe2W90LIpR7GoqJPl3N5R7Zaan1Hq0u1BcaK00/fSkzmRrO95RhzGP5+Zd3tPtFDQ7SL1T28t6uoLa1ga/eA3+Egz2kPB+FcfWW3P+2FpbVKc6fFDbiXq2yVWpy4uGXQkJ10tsFPHS0mstnlLTxjdZCx1wG6P8x8q8X3S3TwyUtXrLZ3U00g3HxSOuHfD/MfL2KLKuix2LXz0o8SfktPOcv8AL9CO8nw8PQ7qz+s2lbpe5rfqyyua6lYY3QmeZ5zI125HvQtDnDd7cLK01r+0Q3cZfdLIf8YZdUiTvv79D/8A54IUXyRYKXkFv5PCeXLfP7/eTFVJw82L5Fmana8xlE6KTaJpOWKP72W0lydIf5F7Nz5cZUDa81K7Ud5M5qauqHZLUANc7+KOAz/tjC54t7UwnB5KbbT6NvLigt/d+hNWvUmuFsRCELsRiCEIQQwQhCABCEIAEIQrECEISBClK3kkKcxJmiHJMJUoChMvA6NvFZEUWSvBh75ZtOOCzm2b04p7mbSQZAW5pKYcOCwKIcAt3Rt5LFtnUkjNo6ZpIW/t1ECAsCgjGQuotUTcBRyFw5FrpIbFYK68SkA0kLnxZ7XkEMHnzg+hV1mfLUVEtRLIXySvL3uPMknJJUv9IC5insNpsUZw6okNdLjta0ljW/Dk+hRBEeBXVRjmHF4nDUn5xl0eWUgjI8Jxk+AkKXejxQudtAskhHBtVx/jDdUQRTtdHFGOZG58pKnro5hn6LaCQ472qjx6DlbcOYSM29yzvrJHji3KT1jjHJuF14gAJw3KV1O0syW4WWGI4SssbPEuJ2g0YpNI3SWMfdOqLWed3D7VMNZA3lhR5tYi/rZqI/G75kordFZKezTyUN+ilgaC5k3b51PGnLnUO2iUFL3PknSuJKnwDT/d+sc7+iOGe0KFKumzfX59t8ymejdTU+32wDqOvEVgGeqP3x7WNc3/AG5Ly9bWLdv1M7LbeOPYanahpWWhFpv0tK+njM76FzSzdcGP4xucOzLgOHPiuAq6XiQWKeturXybM7zOZiDEyOojHi6qVr/9u30KGLmzMhd48H0EZ+1edoFw69B56PHz+Z1V4tyy+Zx1bT8TwWmrYcArp69vErQV44Fe3lmeEaOdmFhyZys+oGCsOTC6qb2OWpFJnn2JOCUhIQtkzneMjSmpxTUEsEIQkQwQhCABCEIAQoHJKjsVAASdqUckIAO1OYU1JyKMFo9spW801vJObzUM0Q9vNZtNyCwmc1m03Ys5vDOiibugGSFu6Rp4LT0Axhb2iGQFzz5nSbu2MzurqrRHnC5i28C1dbZezCWRETdITvdoEEfYy10/y7x+1R6wqSukbBJHq+31hjIjqbbGwP8AbOY5zT9ijRhwu6B5Mng9Y42iHOe+31M+wK8U9FfaN9Q/dZG8ZPlUIPc9smeO7lb7Sl5NvqmyFxDCchWxxeT6jOaBLIAO3ITH8uKrZonpB11XSQMu3F7WAb7N3v8A3TuBPzKRKbataZ4MyycVlhg2SDOOPAKHtvl4it9E2jDgJnsc4jzo1Htgp6NhFHIFXnaltDm1FcHVFQ4772tY0BCjgZzc9S+a5uYHASPfgHt+BdNseqHXvbvT5uR+4RP6v90Y1vgens548SjI3SttlylqoeMpjcMSR+B/8KWuijap26luF/E1EwUsbWRy1EW+HvdlzscRjG4O+7F5evSULGrN/da+OEdtsszRK23a5CLQN6gPDuilkYI2d8ziPN4SiSpG/Swv9tAx3wsaftXd9IC4z1lpdBJWUE0DN6YdzbvDdaeYHPmuDYx0dmt0cn3yOhgY/wA4javB7LU3TsFSbzg9K7gopSXrNBWx4ytBcBjK6a4Y48Fz1c0HPBfTLdnIjnqoHPNYLxzWzrWgHktbKBxW8Dmqo8jyTUp5IWyOZjHpAUrk1UiGCEIQQwQhCQwQhCAGg8UuV5NPFOBTFk9EJuUuUwFCXCaOacgpMe3klHNJ7FDTxUlI9mrNpBxCw2cws+lHJZSe52UjeUfABbu35WiojxC31DwAWEuZ0G/tvMLq7LzC5O28wuotDuIU4Jkee2HSp1RoMzUYzcbRmqiZ+2R/31o8u7338QqthBkHiVzLHI6Pdcw4c05BUR7UNiN07pmvWh4xW0ku9LLbOU8Ls8om+zb4gOIHj5rppzOGrDkQ5Q2yqufW9yYAp2N38rYW/TtxqWVgo6ujnmo4XTSQ9YA5zWjLt32xAycDjwPiWTp+WO22eeWunqKKrkqixkLojh7WjDgfFglZNnvlitE8sXc0t1pZ5myy0zZOqcd0OAAkwSPCPYsqk5dDuoUaDScts5NJHXmHHc5miPs41IehZ2XasFDVXmgpZy+Nje7rh3Ox2+eQIa4k+TCjO3Yic+5Yw2mJxEfbex/OvSmu39Sqqj7ngEjpo6htWSRNGY896wjlne49vAYXWuR5sniWSVdpFJDZ6uttkt8sba63gipihrp398Hfeu+p2tMo8QcuEtkVVV3BljorfU1OpKysibS1ImxuM7GNaRwJyDv55diwob7LU0Fwhr521E9VUNqjNO10k8knfb3f59lvEknOSB516UHdJcLnGS+e0llSGP3suh3u+b5gfkcolE0Ujf6y0tT6SvMAueoI7heHyb8wgb1sOc9/mQnvvgXf6d1vFoK0izU1Tb6N1dv9dS1VL1zKf9rlbI32/InsLc4UVXvVlvu43avTNPEW5NKKZ7g2Fuc7gGeAJJ+FJNBXayfRRWGxTzVsMBFVFTsdI7O9vCRzsYHPHH2q82dn5RFKr0PVncW9FPuXnOOjz/8Ac+GTvdot3/RJd2WFlPAayq6uCMwS74j77ek/28S3l4bklrPBaAG+YcAsfQuhabSlCaurmiqbtPlpdGcinZwy1p9seRdy7Fk3DtTt6Ct6UaaecE1K3fScsYOYrc8eC0NcDx4Loa5p48Voq1uM8VsuZKNBXNOStXMOa3Na3nxWnnHE8VqtmZVEYx5Jqc5NWyONjHJoTnJqtGbBAQhDIBCEJACEIQBjg8UuUzPFCozR6gp2V5tKcCgpHoE4pjU5JlHp7FDRxQ3knN5qWzRI9Y+YWwpexYEXYs+m4ELCT3Oyijc0Q4hbyjPALR0Z5LdUnILN8zoN/bXHgultbvB865egI4cV0Fsdy4qMiZ29nl5cV0tJVBgBz2rjLXIQAtuaktiJzyCb3MGsFfOkRx1peARl8d5qH747WvZE4fao0A4gjmpH26P3deVm596roIqke+3dx3ysKjvGCuum9jjqx4tjcRQMFg3MO659Q6X4n/ytE9uX727uhdDJvtt3W90N3mMcMe//APhc6ZCX4eVdPfIqu2B8LSXhrXYKlDZ1Qd0TTyTnqpjSVNG9mPvjZInD/Y+NRZv99kBb6O/1MVst8cFXPHU0Mr5I3b3EF2OR9CiqswcfEq3e7NLJGaeR0PEFpId8ymbo0TAW/Ubs4eZKVvoxN+ZQ1XVLqurkqZN4ySnee5zsklSjsAmNN69uHgOdTN9P3T/WSn6Iqf8Ad25Et3R4dlcxcTkELd1UwfnitNX8QcLl5HoQlsc7WAAFaOtaOOQt/WjgVpa1pweCTL6HPVo4ngtRUNxk4W8rWHJWpqWnBWkXkiayjXPHBMC9JBhefJdKORrcYU3HFPTVSMpCFIlKRMzYIQhIAQhCAMXCMcE53BIFRkAC9G80NHBOaEFRFbzT2po5p7EmaId2JQeKErRxUmqPeAclnwc1gxcMLOpuLgsJczspI2tH2LeUnILTUjeS3NJ2LNs2NzQuxhb+2u4Bc/SY4Ld0DgGhRgR01BNgDiluNf1cTu+7Fp21PVjmtTerhljuPYqRk+Ry20vdu9E4nHW0/fwv7fdDzEfKAotY5dzqqr62Co4+w3VH7HFdVM4a6xgyZJS4YWM/nlPLgmnitIrhObORAl3yEnJHAowGRMHPBSXoasFtoIoh79/vjz/Mo1GMhdFaqvqpRxU1XlHRbvEiaqOubIziUlQ7eBPYuRstz3wMldEypD41xHoMwq1uScLT1bTk5W8qQ3C1FY0ZS6mi5GgrWDJWmqW81v6xvE8Fp6tuM8FaeBNbGnnbxXi7ksqoHArEPNdEHk5JrcQrzK9Ew81Zg0IeSRKUiZmwQhCBIEIQgZ4hKAgDingKiEgYE5A5IQUgwntSNGUuMJNlodjglYOKBySt5qDaJkMGQFn0zeWFgQ5K2VJ4QXPI66ZtKYHgtvR9i1lKM4Wyp8ghZmht6Y4Wygm3cLUQPxher590c00gbNjV1ga3muYvNwHEbyfca4AEZXKXKqL3nBWiRm3gxrjUb+8udkPFy2kpJDitY4ZJW9M8+5lnB544JRwCUjASYyFqc7DCavYDksptIDE14xk+UqW8FwpubwjChG+5bCHvAF63O3Ot9dJSPnimdHjL4jlpyAeB9K8ZI9z2WeXyjKTaZqqMoczfWmu6sgZXaWqt3428VGcMha4ELpLLXEboJWFRI7KT8TuJJA5q1tVxdwSwVIeBkolcCcrHB0ZRrKwcCtLWN4lb2rGcrUVjeBKcSkaOdvErClHfLZVDeJWDK3BWsGc1VHgkPIpxSLZnMeRSlDkFUYYEQhCQgQhCBiY4pexB5oVCBCEoGUDFj5p55JrRxSlQy0hQvRoTAvaNqTNoRye8LMLYUg4rDgHkWwpRx5LnkddNbGzpOAWxgdwWvpuDVmMeA1Qlk0M0SYWPV1GO1eUkuGrVV9QQea0SM2eNyqzvHitLJLvOOV61Uhc48VhSEhaJZOWpISZ43CtcTxKy587hWHhaQWDlqvKQrjlHYk5FLlWZPmOZgc1ktlIAwVhHPYvVrsAZRLcuE8PYz2y7w4rzeQXrwL84wlZne4rLgOl1crc9g7hwWZRTvjcDlYeMFOY/vsIcRxbR2VsrQ5oyVtxI1zc5XGW6fdI4roKefLBxWUonTGWTJqncFq6vi1Zz37w4rCqcYUJYNU8mpqBjK18vMraTjgVrpxx4K4mdVGIe1InuCZhbnI+Y1yblOfyXnxyqMnyFQhCZIIQhLAAhCEwBOCQBKOaTY0hwSpDyShSaIVqyoBlY7BwWTBzWU5YN6Zl0wOeS2UAwVgQcws+M8Vm1k6oIzIiMJ5fgLwY4Bec04blKMcA3gdVVJa0jK1FZPvBLV1O9kLXzS5WiRhOpgSR5JXm7BCQvyUyV4AWijg55PO55z8liHmvRz95N3Volg5ZSyJjKUNwlCEyQBCCCeSCAOSc0lAJCDwU6DmveCjlq/vXHHYvDjDN1SSfQ0kuFZMlpQOa8mOTwVDNIzbM2J/FbWhqMAAlaJj908VlwS4OcrNnRCbR0bJQ4c15zOGFgU8/lXq+TeCnBvGR41BWDIFlTFY0nFUhTeTFcF5Fesi8VojmfMR44JmF6FMPNUmYvkNQhCokEIQgAQhKOSSBAnNSJwSZaQqUBIDxSgqS0erAsmBq8YwsqMLKZ00lgyIQAsyI8VixHgvUP3QpN2/A9JZN3tWFUT+VE0ucrBnfk81aRjOeBJZAc5WM4glD85SDGFaRzSeRO3K8agkt4L1dyKxHHIOSrSyZTYoGeCz6ahlJj4Y6zvWe68gW82f6cN0lkqZTuxsGAXHDc+dZeumes+oBbreDF3LF1ckg49+5u875Dhc3lGajhHobxtlCn3k+px9Yzueqkgy1+4cbw5FYyyOp3n+Mkr3ulvnoRGZo9zfzjyrr4jjccmEeSblZIhy6GP9sLcengn3ej7jrRTeTKaZSibjQM7Yb/ABASdXMfvW/97kPtHeLe5A9hIXbay0hS19sZcrNSOiZI0kA+EHjIexw5tc0gggqK2ktILTgjkVM+zCqnqGQ2+o+7U93ifiXxVMfheLm3dPn49q87UMwh3q6HdaSUm0yGJWujeY5GlrmnBBXp4PJdRtKtENJc5ZIpTJx9gODfkA+DK5ZvAcV10qyqwUjGvRdCXB06Hq3vgvWM4HBY2SDhe0J4ocUQmzMhkIKymSrXg4OV7scoaN4SwZD3ZXhIUu9xXm9yMlOWTwfzK8ivWQrzK0XIxfMRMcnpj1SMnyGoQhUSCEIQADgUpKQpEkCPRngpQkb4KUJNmqHJWjikHNOB4qS0j2jWVFwCxWFe8buCykjaLMlr8Jsj+GV5F/BeEs3YUoItzwgllycBY7nHmUrz2rz3lskc0pbikppQU1xKpIzbGyydiIaWWatZTQtMkj8brQOJJ7F6U0DppmRtBc5zw0AeMldds3sZ1FrPq+o60Z/28fzLG4rqjSlN9EbWlDvq8aeebJj2T2aax6ZrrzB3R3HQwmtqXjIawgZ3d4FzSc9jmjzqEb1UVt0tlbe5+Mk91fJJ5S5v2Kc9tclv0xskkttAXMmrJRTSvfutczdOXtyGtkIx2PafOuY0MLbcti8NtFPC6pIqDUSHwmPbUNx8MfBeNo+KsZXfWeM+7P6noXss1FT6b49nJER2elY65QuqGgse4f8Ast3tKY1kVBluO+IHmxxWuq4zRX11KH5bE4EfOEmqp5bm6kklkwzfLR8HFe39pM89LEDEqYeprLJHjk2Mn0uXvr2HqrpGQOJhI/KWRqSPd1NbI2eC1kQ+BydtJ3fXCk3eboST8ZVxbr3mbhji9xzERwQCpNoBU6e0vSV0Z+50twbWwh/FrnYDXNx2Ag8VFxJ3wB41Ie0m7wQWy2WSD77HTiSo/jR+D8PFKbz5vRjoywjo9qzprlaBJ18ssZ4x7/VMi/it8JQ4/sXa1N37t0xC2eL7oI+r3+o3nfCuJk4Li0yn5PS7p9Dpv58STXM9ByT28CvJhzhe2V34wcNJ4PRrk8FeITgVLRsmeoJQSmNKXKlRwMbImBPecrzKtEyEKa8JxSHiqRmNHJInEJuFQsAhCEC4QCUpO1IUkJHo3wUoSM4hOCTRongUobzSJW+EpZaZ7NTg7gvMHhhGcKOZWR7nnHBeTnDt5pScrzcmkIU5TSUoKa4rRIiQhKQlNc5NJKeDNs2tmaWzuqSeEDTP6Wjh+UQpd6MGl5L9cJZZ2xGBpacySbns/cvYfYuwRyKhuk6xlrnwRmQiP0Z3j8wU/wCwraFozQ2nInXO61MFbN99p46Kp5e+65rPycryNW43T4YLOX/jc9LTqnd5qPmlj47GF0y7mW6vtFpjfVPpoKMzZqJzK8Pe8gjLiTya0DJPnUT6G1L6yUtXBnhLu8PN+dbLb3qm26x2nXK92iSWShkDGxOkZuuOGjPDz5XBRgnK69PoOFnCE1vj/wBnHcV3Gtt0Ntca99RdJq12B1h5LLp6uGojjY72BXOuOUrCR2rq4UZQryN9qyo625QTwHl/rLBv9w9ca0VOMHGPgWBI57+aYeARw4RM6nE8itdh4d4jlZl9r5bhcpa6fjJLjPoAA+QBYI8yUq1sRnJsDMe5+qBKxJl0WiKGgrjOK+4UtEIwCDOT3+fEACSsXV9thtlzNLDUwVAHEuidn7AueM1x8J2ThxUsmnjPer0Ye+TGtwAns4OC3OaOx6ApU0JVJtkcClLk0ZSFIY4lNPNCExMCk7EpSBNEsMJMJyExCYQlQlkDyR2I7UFNEIUHgnjkvMJzShl7DspRzSJw5qWUmOCd2Jo5p+OCnCKGHgE3mtjT2uSWk63rB71eZttT+1qVUi02W4yW2DAKYVvqTTtVUPDc7ufIumtOzF9c9rXXN0e94oM/asp3tKn6bwRKnOXJEcEhZlpt7rhLuCeKINY57nPOAA1pP2KerF0b6W5/8KZov+yg/apFpei3pY26GjGtdQRGIO/3tBjL/D5DJafESVj9J2nLvEie7kuhWHT1oglrrfTEx3KCad/WMEJjhcWDJDZRgnA4rLtepLuLvb4mVTYadspFNT1LpKmGD3rJy5vyY7CrUDoyWN1npLNPtIvElspKh1TDTdzxhrJHcHkHmN4cDx7B4gsGPo4WuCxVVgg2n1TLXVSdbPAbbES53e8d/wAIY3eHHh8OU7+2eczRam10Kh6uc2S+TubSCmkb3k7BE2L7oCd47je9b6FqaUAhXFPRh0k23TUEWvpmRzSNke42+J0g3WuADXnLmg72SM8cLS1HRX0rBnqto1T/AOBaf6Sh61YwjmVVL3kqhKbzgqeBxTi1WYqejXYoyca5rpT27lsY3P5Sx2dHWwj/AIUXYgc/1LGM/lKP9Qae+VWPxGrSr4FcAx5C8zwOCrRM6OemnNaW367ytdy3jE3+in1XRq0/CW9ZfK2NzuW9PD/qrV6zafeIdrU8CrkHasump4s/q0Ed5vx+7+Tt8fuSrN0HR00aXCR+pbwN0g5b1XDH8Xit1F0f9AVDWwyan1BPgAboEI4B297XhxSWsWr6gqEkVppqWst1CKlwHXO3y0U1T92pfA3esx4LXdZw45WTfI46xlPS1dbLVXKogZMyQT9e5m83LmOcQ073LmXDjzKs5B0bNlrayWsmumoJKdz95sAqYxu45d9uZOFt6bo8bFAevmZfKp3DhJcDjycgCiGq28945+Bpwz+0UidjMfuGbvnTe1Xqq9gOxienJ9bJ4Qz9ouJyuWq9hmwoGLqaq7//AJAfmz5FH03aLm38AjbzfIqEAPGlDCrdP2IbDohl812H/eY/1ViybJtgsRw6vu4P4yH5ldPVrWpyb+A+6kiqGEhVoLjsy2Exd8ytr2uHY64kk/kqPNdab2VUUZZZprk2cA99JVNc0/InG/g+UX8ClTbljJEGO1KEnIHxZQOS9BPJi85Fb2ozwQOaExLmJlGUYRhGTThQuUJPShLcWEMCRHJCtGAJcpuUpTAc0p45rzZzXqxS0XFD2jKyI2ZC84m5KzY2jdWMzVRybeknmioA6OCklY0bpDmnewnPvMkRbi3QPDh254LEt07Gy9VJE5zJTu53uSypKeKJ72sndIwOxuPdxC89wUJY8T0YvvIZ8D3pdUvhzJ62wlzf3QreWnaZU2+RsjbVDJvDkZTgLh66lbTzl8BO5LzDnZwtbJIBHI1vDddwOeGFbtIVeZDm4LpuTtQbfaqnZuMsEW924qSP6KyGdIWqhfvNsM257LduOP8A+vxqv3XDvSm9cPuij6KpGflNNfZLAy9IiveMes0v/wCRz/QWFNt6r3nPrPL/AOLz/QUGsc3rn+9Xi1/3GP3yp6XSE7qC+yTJNtuuTH9Y23Fu9+7732Lzl243kN3RTEZ8U+PsUPuevJ71nPs5psudP82Zu/muiJYl23aheMdQSPdVDvzrAm2wakkdvCOFh7O/eftUZlyQuWkdE0+H/Jj8DHy6oSPVbYNXTgNfUxhreXE/nTP03NVkg90QOcBw70u+1R1zQt46bar7CM5XNTxJAO13Wvsb0Y/eMTDtd14PBvRePdMXAkJFsrS3+6R39Rnffpt61xj17d6G4WJU7Ttaz/4bqR5nkLjEK1b010DvpHX/AKY2te5e5/0Q1u54t9aqo1XqGc9/d6w/yrlpUKo0oR5IXfT8TPku90fzuFWf5Z3515i41+e+rKg+eRx+1YoOEF2Sq4V4CU5dWZPd1Q499USnzuKWOVz399I4+fKxBwPJZNJgv5JsqMk+pkytAavMhe7x3q8c8VKwatSyIEqBxQORQJcwQhCC8ghCEDPA5S8UwOKdlUjmFATm8UgPBDeBQ3gY/dXrG0lDBlZEQAUuWTaCwOhaQeSyM4C8t4NTXyLPmaizzFuCOxb2Oviq7Wypl++HvJPfD/2IXMySIoamUZh6z7m/vseULOrS4i4VlDZm0qpGO343+A4LVvYwmRjPAa1e7njjkrFm4H3wVU4YFUkmN3G9W1eb2jccncA3mmnd3SMrdI5Gxp5Jjk8kAZPILrNQaA1JZtMw6hmZQ1NDJT09S401U2SSGOobmF72eE0O5Zxz4KhNnIH2a83exXe/pUayOqbTpltNRG53QyxxRiqZiKeNm+6nkOe8mDS0lhwRvN8a0VbpG+0eizq2pggjtvri62gmZvWOna3ecAzngDGTy4jxpGb3OeSELqrTs91Nd9Wt0rR08Qur6RtSyGV+6Xh0Am3W+N26eXkWrv8AZK2xMtjK7qd64W+KvhEcgcRHIXbu8PYu708PFg9qZLRqW80r0Dwl2VPoC5R7QLHpa4dR191ZTTDqqhvCOZnWN752AHlh4NPbwQBxrEOXfv2ey3Cotb7JcaCOC426ormOuNZFAerglfHIeZ9o4gdoa49iZbNkmsLjU3KCFtsY+3TU8MgkrGtErqje7n6t3gu6zd73jxy3xpFYOBQuztezm+3Gwuu0VZZYCO6x3HUVzWVWaZu9M3qvC3g3jjxLi+1MTHYQOCcEEIEJhBATgMlG5xQPA0LIoR93yvIBZFIAH5SmVBGU4jCx5DhPLvEmOWa5HSxodlOCY3wk9X0IXMc1I7gUreSMcUi0NwhOwhAYMJvFPASYwnAquRgejGp7WjKbG4ZWRG0KGaRQrAAF6AgBNcAF5vkwFHMvI6STivMyLyc/JTHlWkLjwOe4lxK8XPIOQleTheZfhVjJhKW2TIjkc/ARLlxwF50RLnle4B3zlLGCs8UTwLTg8UBgIHfJ72803d5cVSIwxsn3t3mKsbcKajfoq0PbN181RZtM0dZT+D3PTvmc50nut50bG49jnyquZAIwpPvW0HT1ZYZrZTUl3Y+TTlutwlc1jd2opH7wdgHwXefI8qBsliyVclBcKnUTIhJW23aZqWqjJGcmK29YG+ksC5zbJax+gmi0dSMEJ/Rd1jffVzXyx738l1J8mVoJtrenpdR0tXHZ7tRWuonul1uNKySN+bhW0vc7zHy+5N5jPHvncF4Dadpu5T2utv8AT3w1NNfLbXzimbHiRlJRR05IcXAhzjGHeJBJ2N6uL29IGHW9liit0LtK1tdbvZNIpaeeIOx/IKN+kvRx2/aLT0UJjMUNnpOo6s5b1Tmb0eP4jmrNp9o9mqY7VVXybUtxuVLY7raqieZzJOtbUtlbFglxIa3rnZ7fEuL2jambqy90Vz3XtkgtdJQyb3snQRNj3vTuhPIYMXWFFpuijtJ07eKm4umt0UtwE0Jj7nqiPukTcgbzWnkeOfGpau4z0j9nvDh3Bp3+ZwqCZOLTnOMKab7tQ0eblZLxZ7Ten1tvms5kbVdTGHw0EXV7jHAvLS/gSTnwfgBINJshfZtGNq6g09M7RF862bq98xjuivy7d4E+bKkvQ9NSG73+ifWiGgpLloptqqS3PdsEbXdyvdjG51rdwnI7ze48lENDrXRMVwoqOSl1DHp6g0/W2amLTC6rldUyyyOkcM7jcde4YGc9WOIzw3mm9r2lbe+7ur7ZfTH3RZXWqKHqciO1jEDZXn2/ssA47EDNbfJJBoqtvFwqRbNQw6qvPVUMUTu/kl7iZM3e5cGucMdoUQN8E+dSxbtc6OksD6m8Ud7n1Cau8V4EYh7i7orYGxtPE7/3Pda4cPCUTsz1eTzQJioGU5rcp+5hIpIRgwU5zeKA3iF6SjGEZNOEYIwngFvJJkhBck9xrYc3OUjnYKQOOUnM8UJbDyKzi5OIw5MDsOT2985N8hRHhPI4JvIpw4BQaITdQnZQmMwWYK9GAZXlC04XswEFWzCO56MZ3yyMYavNvBJLJgKDZBI/gsd78lBOUwppENjuxMcUZTScp4MmxCmkZTkhCZmzKszN58h9qwn5VkSMAaw+3cVnaQpWVNJdJHNLQyBoyPKVl09vgFvhdO+MFhe5uX4JGVzTqpSwehSo/wAJS8TQyxADO8V4HHJbapjiwcPBWvkYGnI4q6U8mNSngx8ceSR28O0p5LuwLye557QtjCQJClSFBA0obwQOKCgMjshISkwhABlGUiEAenDdSjsCaAQU4eEEB0PTGMJ7QXHgmji4BerCGPUtm8VuhsLXdezI4ZWRcYTE2N2Oe8PmWQ9rHUjZgOIc351l6kiDLTTy45yOHyBY95lnRKGImgJ4JQV55StK2OXiHpCkcU0HimJs9BlekXNMa4L0YeKJMqkj0PNOCQpVnJm4IQhZ5Awol7oQuhnPTPU8ljy80IUo3fIamu5oQrRzo80IQhg/RBA5hCEGaO/2csadJanJaMhsQ/KKfqcRUFosL4aeFxnpC6TfZnJyeKELyJf3Ge7T+rxOYErJ5uq7mp4/dMZ33wnKxJGhuce3+1CF3QOOoYh7V5lCF0nDMRIUIQQMQhCABCEIAEo5oQgB6aOaEIA92817sJQhQjePQzq7hSvb2bn5ltNSD+tSld29d/RCELil6SO1/wBqRyLkrEIXoHnQHFMPNCEIo9IeS9YuaEKWVSPU80/sQhZyNgQhCkD/2Q==</binary>
<binary id="1" content-type="image/jpeg">/9j/2wBDAAUDBAQEAwUEBAQFBQUGBwwIBwcHBw8LCwkMEQ8SEhEPERETFhwXExQaFRERGCEYGh0dHx8fExciJCIeJBweHx7/2wBDAQUFBQcGBw4ICA4eFBEUHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh7/wAARCAB5ADoDASIAAhEBAxEB/8QAHAAAAQUBAQEAAAAAAAAAAAAABQIEBgcIAwAB/8QAUBAAAAUCAwMDCw8ICwAAAAAAAQIDBAUABgcREhMhMRQiQQgyQlFSYWJxgZGzFRYjJDM0NkRyc4Kho7GyFyc3U2OSosIlJkNkZXSEwcPR4v/EABQBAQAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAD/xAAUEQEAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA/9oADAMBAAIRAxEAPwDZdQbEjEiGs1RCPBJeXn3XvOHZBrcLD28uxDvjupWLl6jZ8AnyBvy6dklQaRTMOKqxuAj4JeI0zwnw9Rtfbzkup6p3TIhqkJBXebMewJ2ihQR9vA4z3gUXE7crWyGSoe8YpMqrnLwlh60fk06NghHOc1Za+r4fuP1p5XT9xant6i7NbbhswccneOsmzdTuDqc0B8mefkoRhzLu5UX7lwocybkqTlApuwKICnl5RSE30qCNK4a3pFJge0sVZ8qiYc1CZKR6iPe3gBgpvFYoTdszCMBizDJwy7g+hrMtTCePcD2hMPuY941XAFD7gh4yfiHETMMknjFwQSKoqFzKYKB6mcqiZTkMBimDMBAcwGl1TNgPZHDW/ksNplys5t6R1Gtp4uYBMnlxamHLeIdjVzUFOwAevPqi52VXDWws1uRgyDo5UqXUqbxgHNq23LhFs3OuuoVNMgZmMYdwVVXU1jyhK/JE3ujm7nom+jpCrBDKUuFUuebeOEoeNYxc/wCEoh+9QM3b9y7kYgwx5wacsOO1OYCiBioq5c3jvphFrOoifKxJDSTlpyJEgvBKUoAYplB4fTpxeyhhVyKqYnIkOVk0jxU1gUBHxBn569OruZK5W8Ki6VZJET1HXTMOoyggIlTy3dgUxs+9QHE5dqLlFsom5RVXOJEyqJCXUIFEw7+HABolQeHgU48doq+evl9+SjlXXpz7QcAp9KHcJsF1GiaargiYmTIopoIY2W4BNkOQUEA6o+AUmcMHz5lmSUgxCVYLF65NVEdQ5eMuoKKW5iJb8nb0bJKyBUVHbRJc6Yh1gnIBhDyZ10LOFn8PJJ0o2O1X5EsRy3UHMUzbMR49JRAQEB6QEBrE0G7nwhWIIqjsuTJ6Of0aQyoNWdS8TO3LrXz91ut/9RwqVW1/SsrPpLnWKm2kDkAEVDEzN055Dv3AWov1L3wMn+/dEj+MKlcwAJFvHTzM2BN5Nw57I+/x0EOloBWBTulFJRzm7YE5McVROc5gOcQy6dW/f5KHNyyrhKVjZEHJV3gMuSrOQPrOcq+nru8Xjl0VYkIFyHQOzM9YgLJYyGarU4nOBesMPsnZFyGu84pczaOFVN9GmOKhEw9qG4nOBe78KgXGoOYd5GMeXOXKTgpyKmXVFTM5S6gEBNmIcDbs6JXQAetyVHP4kr+AaAxaSbGPiGhDqGK1lFm5RUPqNpAFiEzEe8JfPRi8FQStKYObsWSv4BoIZacGjF4UysgkqYx5SKM5WAQ4HFAQEfLWVbZaEG24wda3vNLsvACtipJ7LB4U+5gjehGsjWwdT1tRfMS95o9I9wFBorqUfZMOpRTu7hfG+0qVXCPMu837FEn8H/qor1JO7Cpc/dzL032lSmeJ7dmEBzDlTyOMA94ypCf8dAOiZ96e/wC42abtusZE6WzZKE0GVyLlmQ+/V5qIeuVSQu5lAuIxwyKDgFNS2ZRU0pGPu3ZCAHAvAa5YctGLyMdCu3K5KB0wzUKBh6wM/rpsNvyERdaUy4WFSOSfJpsk+UKHFMqobM3NNuLzhLwoC0u3SQkl2Lk4ooSDgrls8y9wdEAuknl0FEO3zy1zuV+o4sucaO09k+QaG2xA60c+Bi94chqVu2rZ80VaO0CKoqBpOQwZgIVX2Isf6nxA8pF4qxyFBN4mppVQA5gDSsbske/1330Bx0OWEio/4CPoKx/ay6/rYiub8SR6PACtL2hMyM3gzNOF0UyRyEa5asFg69wmkmYm0HoyHTuy7Q1m+1G7gbWiRA4e8kejwAoNFdSUH5nG5u7fuh+1NScQbvBtLTLZo2MsBtk1QkBOUEGzomsxCD06wUARrp1JQfmUjB7py6H7Y1I6oVryFgnKILkKu60s00dkGYn55gPq7YDQTbDJqLW0Wpz9e5zXP5eH1AFErxQFxbD8pM9omkKyeXdp88v1lCgZmMgxQg4lvLvSrGKTae5jzEy8/sPkh9KnDRm/Xk5NmvPPxIkJDkLkn7mcghl1vdAPmoJIzXTdNEnSRgMRYhTlEOkBDOovjBp/JpO6igIcm6eHXBRSyx/qlGE2m02bcqevutPNz+qg2M36L5z5knpC0HWaSIjhI+ImmQhSwSu4oZfFxrLdnkztKGH+4IejLWqLky/JRJCO4QglfQDWWbN2XrQhvZfiCHoy0F79SX+gyH8JZz6c9KxVH1XxIs6HzDYIvtSvSBj6DqaR+il/HSepL/QZD+Cs5D7c9OXKPL8UoxXZ+9JZdZQf9Lsk/wCegmSBtveig57mLACCHhLHER+pIvnr639hvR+U3BywROT6B1AN+MtfbeTKd9MvulZ8KYD4KZCky84Gr5ceaDuJlAKPtd1sFPm1eZ+PZj5KBFlCJGD5puAraRcJpl7kmvUUPMYKG40l1YYzBQ6SpB9qSi0CUiUzNtC5++ir/vpk/wBwGh2L4asO5MvQOyD7UlAu6A/NPLZ9EEt6AayjZwphaMNu+IIejLWrbtyLhRLFEeMGt6Aay5Z0eUbQhh1jvYIdH7MtBdfU5CFvP70w8WHJaGmlHTYB6Wrjnp/cPnqTkiwh7nVfv3Sft+WO6IImyAiRG5igXx5mMNQ3Hq2H8TPssUoBiZ+rGk2E2wAMuWs888++JKkdsWvhTfFvNZ+Mho+QZOclCHERESm6QEM9whnQH2EuyYPXCKLlB0zVVO4E6JwE6RjjqNqDtZiO+iSjyNnYR4Vk8ScpmTOnqROBshy+oaAGwow6ObUa04/V0GAo5/fS22FlgNinBtbbdAFOv2ahy6vHkagdNF3KvI5hkdBws8aJGdNyHDaDzQEDF8WofPQ2+zr3TCFiIOVZNXwOA27V2YoHMBeICTjuHIfJXVPCfDtMc07WZlHLLPM+eXnrg+w3w0jkDyjy349sm1IJzOFFDhsyhxHPVuoAOPsy6tzA4YtVQFpuVRRiEAS/tV1S6TafJqqZWxZ0fFW1FxZ0SnOzZotzG2Zd4kIBc+HeqpcMIZpiLiSne7WLMzs6BHZwqZxMPLXHS45w8A7GtDUHzoEBCqansMrhtCac3PhG9QbHcH2j6BdD7UcD2yfqzVc1e6aComWNcbGGI0xDgJiznw9cZ03Mq1H5KxAEBo2XGvCkU9fr4iAD5wf+qk18fBxz8msPL/CNX/Mh940Go5THe0D621pNpW73/AiUWzOcgm7QqCAFChCdmX1ik6K5xIEsBbhDlUSt9otqOt8+p/KFSvBD4Pm8YVYo9NA1io5nFRyEdHN02zVAgESSTLkUoBwAKd16vUH/2Q==</binary>
</FictionBook>