<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_horror</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Horus</book-title><annotation><p>London, 1888. Ein Schiff l�uft in den Hafen ein. Der einzige Passagier an Bord ist eine Frau - r�tselhaft, anmutig wie eine Katze und mit einer Haut schwarz wie die Nacht. Sie nennt sich Bast und sagt, sie sei nach London gekommen um ihre Schwester zu suchen. Doch das R�tsel um Bastet, so ihr eigentlicher Name, geht viel tiefer. Ihre Familie ist alt, sehr alt. Einst hat man sie als G�tter verehrt, noch immer sind sie mehr als gew�hnliche Sterbliche, und ihre Gef�hle sind �bermenschlich. Liebe treibt sie, Hunger brennt in ihnen, und Hass legt sich �ber die Stadt wie die dunklen Schwingen eines riesigen Falken. Und w�hrend des Nachts ein M�rder durch die nebligen Gassen von London schleicht, entbrennt in den unterirdischen Kan�len ein Kampf zwischen M�chten, die so alt sind wie die Menschheit. Vergessen Sie alles, was Sie bislang �ber Jack the Ripper und die alt�gyptischen G�tter wussten! Wolfgang Hohlbein gibt auf unnachahmliche Weise Einblick in seine ganz eigene Interpretation beider Legenden.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Anubis" number="2"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-07">07 April 2012</date><id>3B310F2E-CC0B-4F33-ACCC-26C14E0A2248</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Gustav L�bbe</publisher><city>Ulm</city><year>2007</year><isbn>ISBN 978-3-7857-2257-2</isbn></publish-info></description><body><section><p><strong>Wolfgang Hohlbein</strong></p><p><strong>Horus</strong></p><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p>scanned 09_2008/V1.0</p><empty-line/><p>London, 1888. Durch die nebligen Gassen schleicht ein M�rder, den man Jack the Ripper nennt. Und im Labyrinth der unterirdischen Kan�le entbrennt ein Kampf zwischen M�chten, die so alt sind wie die Menschheit. Sie waren einst G�tter. Noch immer sind sie mehr als gew�hnliche Sterbliche. Liebe treibt sie, Hunger brennt in ihnen, und Hass legt sich �ber die Stadt wie die dunklen Schwingen eines riesigen Falken. Das Zeichen des Horus.</p><empty-line/><p>ISBN: 978-3-7857-2257-2</p><p>Verlag: Gustav L�bbe</p><p>Erscheinungsjahr: 2007</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!</strong></p></section><section><p><strong>Buch</strong></p><empty-line/><p>London, 1888. Ein Schiff l�uft in den Hafen ein. Der einzige Passagier an Bord ist eine Frau - r�tselhaft, anmutig wie eine Katze und mit einer Haut schwarz wie die Nacht. Sie nennt sich Bast und sagt, sie sei nach London gekommen um ihre Schwester zu suchen. Doch das R�tsel um Bastet, so ihr eigentlicher Name, geht viel tiefer. Ihre Familie ist alt, sehr alt. Einst hat man sie als G�tter verehrt, noch immer sind sie mehr als gew�hnliche Sterbliche, und ihre Gef�hle sind �bermenschlich. Liebe treibt sie, Hunger brennt in ihnen, und Hass legt sich �ber die Stadt wie die dunklen Schwingen eines riesigen Falken. Und w�hrend des Nachts ein M�rder durch die nebligen Gassen von London schleicht, entbrennt in den unterirdischen Kan�len ein Kampf zwischen M�chten, die so alt sind wie die Menschheit. Vergessen Sie alles, was Sie bislang �ber Jack the Ripper und die alt�gyptischen G�tter wussten! Wolfgang Hohlbein gibt auf unnachahmliche Weise Einblick in seine ganz eigene Interpretation beider Legenden.</p></section><section><p><strong>Autor</strong></p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/><p>Wolfgang Hohlbein ist ein Ph�nomen. Kein anderer nach 1950 geborener Autor im deutschsprachigen Raum hat Hohlbeins Weltauflage von weit �ber 30 Millionen B�chern auch nur ann�hernd erreicht. Mit seinen mehr als 160 ver�ffentlichten Romanen wurde er zum Wegbereiter neuer deutscher Phantastik. Seine B�cher wurden bislang in 34 Sprachen �bersetzt, darunter ins Chinesische und Koreanische. Wolfgang Hohlbein wohnt mit seiner Familie und zahlreichen Haustieren in einem verwunschenen Haus mit Garten in der N�he von Neuss.</p></section><section><title><p id="PROLOG">PROLOG</p></title><p>Sie war mit einem Gef�hl von Endg�ltigkeit in dieses Land gekommen, das sie erschreckte.</p><p>Es hatte schon auf der �berfahrt begonnen; eine lange, qu�lende Woche voller Seekrankheit und Gestank, die sie eingepfercht wie ein Tier in einer winzigen, fensterlosen Kabine unter Deck der <emphasis>Lady of the Mist </emphasis>verbracht und dabei abwechselnd gegen die �belkeit oder die Langeweile gek�mpft hatte. In den kostbaren Stunden, in denen ihre Eingeweide nicht versucht hatten, durch ihre Speiser�hre nach oben zu kriechen, hatte sie entweder mit dem Schicksal gehadert, das sich einen so �blen Scherz mit ihr erlaubt hatte, oder den Kapit�n dieses Seelenverk�ufers verflucht, der von der ersten Sekunde an keinen Hehl daraus gemacht hatte, was er von seiner Passagierin hielt. Die exorbitante Summe, die sie ihm f�r die �berfahrt bezahlt hatte, hatte ihn nicht daran gehindert, ihr einen Verschlag zuzuweisen, in den sie zu Hause nicht einmal einen Hund eingesperrt h�tte.</p><p>Dabei war Kapit�n Maistowe im Grunde kein schlechter Kerl, sondern ein eher gutm�tiger Mensch, der seine Mannschaft gut behandelte und sogar einen gewissen Hang zur Gro�z�gigkeit an den Tag legte. Er hatte - auch wenn er insgeheim und wahrscheinlich ohne es selbst zu wissen darunter litt - ein Problem mit ihrer Herkunft - und nat�rlich mit der Tatsache, dass sie eine Frau und obendrein nicht nur wohlhabend, sondern ihm auch in jeglicher Hinsicht �berlegen war.</p><p>Und das hatte er sie sp�ren lassen, umso mehr, da er nicht dumm war und sich seinen Teil dazu gedacht haben musste, dass sie die anstrengende �berfahrt auf seinem heruntergekommenen Kahn einer bequemen Reise auf einem Luxusdampfer vorgezogen hatte, die sie sich problemlos h�tte leisten k�nnen.</p><p>Aber nun war es vorbei. Vor wenigen Minuten erst hatte der Seelenverk�ufer mit dem hochtrabenden Namen an der Kaimauer festgemacht, und Bast trat mit einem fast zeremoniell anmutenden Schritt von der schmierigen Planke herunter auf das kaum weniger glitschige Kopfsteinpflaster des Piers und sog die k�hle Nachmittagsluft in die Lungen. Sie roch eigentlich nicht besonders gut - nach Salzwasser und totem Fisch, und auch noch nach ein paar anderen, sehr viel unangenehmeren Dingen -, aber es war trotzdem ein Labsal gegen den Gestank, in dem sie die zur�ckliegenden Tage verbracht hatte.</p><p>Rings um sie herum bewegten sich Menschen, wurde gerufen und gearbeitet und gelaufen, rollten Fuhrwerke auf knarrenden, schlecht gefetteten Achsen vorbei und bellten Hunde, die sich um einen toten Fisch oder andere Abf�lle balgten. Kinder spielten inmitten des Schmutzes, und in einiger Entfernung erscholl die keifende Stimme einer Frau in einer so schrillen, durchdringenden Tonlage, dass sie den versammelten L�rm m�helos zu �bert�nen schien. Und nat�rlich wurde sie selbst schon wieder angestarrt und weckte Neugier und deutlich mehr Aufmerksamkeit, als ihr lieb sein konnte.</p><p>Aber sie war endlich an Land. Unter ihren F��en befand sich fester Boden, kein schwankendes Deck, �ber ihr spannte sich ein wolkenloser, wenngleich leicht eingetr�bter Himmel, und rings um sie herum war unendlich viel freier <emphasis>Raum, </emphasis>nicht mehr die morschen Bretterw�nde eines kaum drei mal drei Schritte messenden Gef�ngnisses, das zu allem �berfluss auch noch st�ndig hin und her schwankte.</p><p>Bast hasste es, eingesperrt zu sein.</p><p>Fast so sehr, wie zur See zu fahren.</p><p>Au�erdem war sie hungrig. So <emphasis>hungrig</emphasis> ...</p><p>Der schrille Schrei eines Vogels drang in ihre Gedanken und lie� sie erschrocken aufsehen. Ein Schatten huschte �ber den Himmel, und im gleichen Moment vernahm Bast erneut einen sonderbar hellen, durchdringenden Schrei, der nicht einmal im an- und abschwellenden Raunen und Murmeln der Menschenmenge unterging, was er eigentlich gemusst h�tte, sondern sich irgendwie darunter hindurch mogelte und schon fast unangenehm schrill in ihren Ohren gellte.</p><p>�berrascht hob Bast die Hand �ber das Gesicht, presste die Augen gegen die Sonne zusammen, die pl�tzlich nicht mehr ann�hernd so blass und kraftlos schien wie noch vor einem Moment, sondern ganz im Gegenteil geradezu schmerzhaft in ihre Augen stach, und erblickte einen schlanken, pfeilfl�geligen Schatten, der gerade seine letzte Umkreisung eines der Masten des Schiffes beendet hatte und nun, rasend schnell und immer noch schneller werdend, mit angelegten Fl�geln nicht nur auf die Menschenmenge am Pier hinabstie�, sondern, wie es schien, sogar unmittelbar auf <emphasis>sie. </emphasis>Erst im allerletzten Moment warf er sich herum und fing seinen Sturzflug so dicht �ber den K�pfen der Menge ab, dass Bast sich ernsthaft einbildete, das Rauschen der wie matt poliertes grauschwarzes Metall schimmernden Federn zu h�ren. Das Kreischen wiederholte sich, lauter und ungleich aggressiver, und Bast hatte einen fl�chtigen Eindruck von t�ckisch funkelnden Augen, schrecklichen F�ngen und einem gekr�mmten Schnabel, scharf wie eine Klinge. Dann war die unheimliche Erscheinung so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht war.</p><p>Es war ein Falke gewesen, wenn auch der gr��te Falke, den man in diesen Breiten je zu Gesicht bekommen hatte: ein Koloss von der Spannweite eines kleinen Adlers und mit F�ngen, die sein Beuteschema um ein gutes St�ck �ber das normale Ma� seiner Art hinaus erweiterten.</p><p><emphasis>Ein Falke ...? </emphasis>Ihr Herz begann schneller zu schlagen, und nahezu im gleichen Moment h�rte sie abermals einen schrillen, fast keifenden Schrei irgendwo �ber sich. Sie sp�rte, wie sich etwas in ihr anspannte.</p><p>Aber diesmal war es nur eine M�we, eine von zahllosen, die �ber dem Hafen kreisten oder scheinbar schwerelos mit reglos ausgebreiteten Fl�geln im Wind tanzten und nach Abf�llen oder irgendetwas anderem Ausschau hielten, das sie stibitzen konnten.</p><p>Ein fl�chtiges L�cheln erschien auf Basts Lippen und erlosch sofort wieder. Nur eine M�we, sonst nichts. Mit ihren Nerven stand es anscheinend nicht mehr zum Besten. Aber das war auch kein Wunder, nach der Woche, die hinter ihr lag. Und so hungrig, wie sie war ...</p><p>Sie sch�ttelte auch diesen Gedanken ab und wollte gerade weitergehen, als hinter ihr Schritte erklangen, und dann eine wohl bekannte Stimme, von der sie eigentlich gehofft hatte, sie niemals wieder h�ren zu m�ssen.</p><p>�Mylady!�</p><p>Bast drehte sich betont langsam herum und zwang ein freundliches L�cheln auf ihre Z�ge, w�hrend sie Kapit�n Maistowe entgegensah, der mit energischen, weit ausgreifenden Schritten die Planke herunter eilte. Er hatte sich umgezogen und trug nun seine Kapit�nsuniform statt der groben Wollhosen und des einfachen Leinenhemds, die er w�hrend der Fahrt getragen hatte und in denen er sich praktisch nicht mehr von irgendeinem der M�nner unterschied, die unter seinem Kommando dienten. Am Anfang hatte Bast dieses Zeichen scheinbarer Verbr�derung beeindruckt, aber mittlerweile war sie nicht mehr ganz sicher, ob es echt war. Die Uniform sa� so perfekt, dass sie sich nicht einmal die Frage stellen musste, ob sie ihm auf den Leib geschneidert worden war - und das ganz gewiss nicht vom billigsten Schneider, den er hatte finden k�nnen - und war piek sauber. Trotzdem wirkte sie an ihm irgendwie ... unpassend.</p><p>�Kapit�n?�</p><p>�Sie wollen uns schon verlassen, Mylady?� Maistowe war leicht au�er Atem, als er neben ihr ankam und stehen blieb, ohne den letzten Schritt von der Planke herunter zu tun. Auf diese Weise konnte er ihr in die Augen sehen, ohne zu ihr aufblicken zu m�ssen; eine Vorstellung, die f�r einen Mann wie ihn geradezu unertr�glich sein musste. Er war nicht nur au�er Atem, sondern sah auch nicht besonders gut aus: Sein Gesicht war blass, und unter seinen Augen lagen deutlich sichtbare dunkle Ringe. Sein Blick war ein bisschen unstet. All das mochte daran liegen, dass er in den zur�ckliegenden vier N�chten nicht besonders ruhig geschlafen hatte, sondern von schlimmen Albtr�umen geplagt worden war. Wenigstens daf�r hatte sie gesorgt.</p><p>Bast l�chelte unver�ndert weiter, w�hrend sie demonstrativ den Kopf zuerst nach rechts und dann nach links drehte und ihren Blick �ber die im Grunde wenig einladende Szenerie schweifen lie�. �Wir sind angekommen�, sagte sie. �Das hier ist doch London, oder? Es sei denn, Sie haben versehentlich den falschen Hafen angelaufen, Kapit�n.�</p><p>�Nat�rlich nicht.� Maistowe l�chelte nerv�s. �Ich dachte nur, dass ...�</p><p>�Dann gibt es auch keinen Grund mehr, noch l�nger an Bord zu bleiben�, fiel ihm Bast ins Wort. Maistowe sah ein bisschen betroffen aus, fast schon verletzt, und ganz gegen das, was sie eigentlich beabsichtigt hatte, entsch�rfte sie ihre Worte im Nachhinein, indem sie hinzuf�gte: �Bitte verzeihen Sie, Kapit�n. Das war nicht gegen Sie oder Ihr Schiff gerichtet. Ich bin einfach nicht f�r die Seefahrt geschaffen, f�rchte ich.�</p><p>Es war nicht zu erkennen, ob Maistowe die Entschuldigung annahm oder ihr auch nur glaubte, aber so weit ging ihr schlechtes Gewissen nun auch wieder nicht, noch einmal nachzuhaken. Sie sah ihn nur auffordernd an.</p><p>�Nun ja ...� Maistowe wirkte f�r einen Moment noch hilfloser, fing sich aber sofort wieder. �Dann kann ich mich nur noch einmal bei Ihnen bedanken, dass Sie mit uns gefahren sind. Kann ich sonst noch irgendetwas f�r Sie tun?�</p><p>Bast schwieg beharrlich weiter, und Maistowes L�cheln wurde noch einmal um eine ganze Gr��enordnung nerv�ser. �Ich ... �hm ... habe einen meiner M�nner losgeschickt, um einen Wagen f�r Sie zu rufen�, sagte er unsicher. �Er k�mmert sich auch um Ihr Gep�ck.�</p><p>�Das ist sehr freundlich von Ihnen, Kapit�n.� Was, zum Teufel, wollte der Kerl noch von ihr?</p><p>�Wissen Sie schon, wo Sie absteigen werden?�, fragte er.</p><p><emphasis>Und was ging ihn das an? </emphasis>�Nein�, antwortete sie h�rbar k�hler. �Aber ich nehme doch an, dass sich in einer Stadt wie London ein Hotel finden l�sst.�</p><p>�Sicher�, sagte Maistowe hastig. �Es ist nur ... also nur f�r den Fall, dass Sie noch unschl�ssig sein sollten, k�nnte ich Ihnen eine h�bsche kleine Pension empfehlen. Es ist nichts Besonderes, aber es ist sauber, und die Preise sind moderat. Die Besitzerin ist eine gute Bekannte von mir, und ihr Etablissement ist sehr ... anst�ndig.�</p><p>�Aha�, sagte Bast. <emphasis>Und?</emphasis></p><p>�Verzeihung.� Maistowe r�usperte sich unbehaglich. Jetzt tat er ihr beinahe leid. �Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, Ma'am.�</p><p>�Das sind Sie auch nicht, Kapit�n�, sagte sie l�chelnd und fast selbst ein bisschen erstaunt �ber ihre eigenen Worte. �Schreiben Sie mir die Adresse einfach auf.�</p><p>Maistowes rechte Hand fuhr so schnell in seine Jackentasche, als tr�ge er ein St�ck gl�hender Kohle darin, das sich allm�hlich durch den Stoff hindurch in sein Fleisch brannte, und f�rderte einen mehrfach zusammengefalteten Zettel zutage. Bast nahm ihn entgegen und steckte ihn ein, ohne einen Blick darauf geworfen zu haben.</p><p>�Danke.�</p><p>�Gern geschehen�, antwortete er nerv�s. Ganz offensichtlich wartete er darauf, dass sie noch etwas sagte. Doch sie hatte nicht die Absicht, ihm diesen Gefallen zu tun.</p><p>Maistowe druckste noch einen Moment herum und gab sich dann einen sichtbaren Ruck. �Wenn ich Ihnen noch einen Rat geben d�rfte, Mylady.�</p><p>�Und welchen?�</p><p>�Ihr ... �hm ... Schmuckst�ck�, sagte Maistowe. Sein Blick glitt kurz und nerv�s �ber den schweren goldenen Skarab�us, den sie an einer ebenfalls massiven Goldkette um den Hals trug. �Es ist mir schon aufgefallen, als Sie an Bord gegangen sind. Ich habe nichts gesagt, weil das an Bord der <emphasis>Lady </emphasis>kein Problem war. Meine Mannschaft ist vertrauensw�rdig. Aber es muss sehr wertvoll sein.�</p><p>Wertvoller, als du dir auch nur vorstellen kannst. �Das ist wahr�, sagte sie ruhig.</p><p>�Das hier ist London, Mylady�, fuhr Maistowe fort, immer noch nerv�s, aber zugleich auch h�rbar ernster. �Vielleicht sollten Sie es nicht ganz so offen tragen, jedenfalls nicht in dieser Gegend.�</p><p>�Ist sie etwa gef�hrlich?�, fragte Bast mit gespieltem Erstaunen.</p><p>�Nicht gef�hrlicher als jede andere Stadt�, versicherte er hastig. �Aber Sie sollten auch nicht zu leichtsinnig sein. Schlechte Menschen gibt es �berall, und man muss sie ja schlie�lich nicht unn�tig provozieren.�</p><p>Bast legte ganz automatisch die flache Hand �ber den auff�lligen Anh�nger und zog sie gleich darauf beinahe schuldbewusst wieder zur�ck. Sie trug dieses Amulett nun schon seit so vielen Jahren, dass sie sich kaum noch erinnern konnte, wann sie es das letzte Mal abgenommen hatte. Sie w�rde es ganz gewiss auch jetzt nicht tun.</p><p>�Ich kann schon auf mich achtgeben�, sagte sie. �Aber trotzdem danke f�r die Warnung.�</p><p>�Gern geschehen.� Maistowes Verlegenheit war nun beim besten Willen nicht mehr zu �bersehen, und die Tatsache, dass ihm noch irgendetwas auf der Seele lag, stand wie mit leuchtenden Buchstaben auf seiner Stirn geschrieben. Bast h�tte ohne M�he nachsehen k�nnen, was es war, aber zum einen konnte sie es sich ohnehin denken, und zum anderen interessierte es sie nicht.</p><p>�Also dann, noch einmal vielen Dank und ... �hm ... einen angenehmen Aufenthalt in London. Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann einmal wieder.�</p><p>Bast ergriff seine ausgestreckte Hand und dr�ckte sie gerade fest genug, um ihn ihre wahre Kraft sp�ren zu lassen, ohne ihm tats�chlich weh zu tun.</p><p>Maistowe trat hastig einen halben Schritt zur�ck. �Dann also ... viel Gl�ck�, stotterte er.</p><p>�Leben Sie wohl, Kapit�n�, antwortete Bast. �Und wenn Sie umgekehrt auch einen guten Rat von mir annehmen ... schlafen Sie erst einmal richtig aus. Vielleicht h�ren die Albtr�ume ja auf, jetzt, wo Sie an Land sind.�</p><p>Maistowe sah sie einen Moment lang fassungslos an, dann fuhr er auf dem Absatz herum und lief so schnell die Planke wieder hinauf, dass es schon fast wie eine Flucht aussah.</p><p>Bast sah ihm mit einer Mischung aus noch immer anhaltender Verwirrung und leiser Am�siertheit nach, erteilte sich selbst in Gedanken aber auch zugleich einen sanften Tadel. Solche kleinen Triumphe wie dieser waren nicht nur billig, sondern nur allzu oft sch�dlich oder gar gef�hrlich. Aber sie hatte der Verlockung einfach nicht widerstehen k�nnen ... und der Ausdruck von Schrecken und Hilflosigkeit auf Maistowes Gesicht gerade entsch�digte sie zwar nicht f�r alles, was sie auf dieser Reise erlitten hatte, aber f�r vieles.</p><p>Sie wartete noch einen Moment, bis Maistowe aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, bevor sie sich umdrehte, um nach den M�nnern mit ihrem Gep�ck Ausschau zu halten, von denen der Kapit�n gesprochen hatte.</p><p>Fast zu ihrer �berraschung entdeckte sie sie sofort. Am anderen Ende des Schiffes war eine zweite, breitere Planke zum Pier heruntergelassen worden, die auf einer Seite so etwas wie ein Gel�nder aus grobem Tauwerk hatte und auf der sich eine kleine Karawane von gleich vier Matrosen bewegte, die mit ihrem Gep�ck beladen waren - ein Koffer pro Mann, was Bast einigerma�en l�cherlich vorkam, denn <emphasis>so</emphasis> volumin�s oder schwer waren ihre Gep�ckst�cke nun wirklich nicht. Ein f�nfter Mann mit vollkommen leeren H�nden, daf�r aber umso wichtigerem Gebaren, eilte ihnen voraus und verschwand mit weit ausgreifenden Schritten in der wuselnden Menge, die den Pier bev�lkerte.</p><p>Bast runzelte die Stirn, konnte aber zugleich ein am�siertes L�cheln nicht ganz unterdr�cken. Vielleicht hatte Maistowe ja - wenn auch ein bisschen zu sp�t - eingesehen, dass er es ein wenig �bertrieben hatte, und meinte nun, irgendetwas wiedergutmachen zu m�ssen. Ihr sollte es recht sein. Je eher sie von hier wegkam, desto besser.</p><p>Sie folgte der kleinen Gruppe, w�hrend sie sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnte, die das angelandete Schiff nahezu ebenso aufgeregt und l�rmend belagerte wie die M�wen oben in der Luft - und vermutlich aus ganz �hnlichen Beweggr�nden -, und griff gleichzeitig zum Ausschnitt ihres Kleides, um den Anh�nger zu verbergen. Allerdings f�hrte sie die Bewegung nicht zu Ende. Maistowe hatte zweifellos recht, aber es gab da ein paar Dinge �ber sie, die er ebenso zweifellos nicht wissen konnte. Sollte ihr auff�lliger Schmuck tats�chlich jemanden dazu provozieren, ihr aufzulauern und sie zu �berfallen ... nun, umso besser.</p><p>Sie lie� die Hand wieder sinken und beschleunigte ihre Schritte und h�tte die M�nner binnen weniger Augenblicke eingeholt, h�tte sie in diesem Moment nicht zum dritten Mal jenes schrille, unheimliche Kreischen geh�rt. Unschl�ssig und ebenso davon �berzeugt, auch jetzt wieder dem Kreischen einer M�we aufgesessen zu sein, wie wenig geneigt, sich vor sich selbst zum Narren zu machen, verhielt sie im ersten Moment nicht einmal im Schritt und setzte im Gegenteil sogar dazu an, trotzig schneller zu gehen. Aber irgendetwas ... �nderte sich. Sie konnte nicht wirklich sagen, was. Vielleicht ein Wandel im Muster der nur scheinbar willk�rlichen Bewegung auf dem Pier ringsum, die in Wahrheit einem wohl geordneten Ablauf folgte, ohne dass sich einer der daran Beteiligten seiner auch nur bewusst war, vielleicht ein erschrockenes Zusammenzucken, das sie aus den Augenwinkeln heraus wahrnahm, das fragende Hochziehen einer Augenbraue, ein �berraschter Blick oder auch nur ein vages Gef�hl von Erstaunen, das sie auffing.</p><p>Was immer es war, es lie� sie herumfahren, in einer so blitzartigen, schnellen Bewegung, wie sie noch keiner der Menschen auf dem Pier ringsum je gesehen hatte, geschweige denn nachvollziehen konnte.</p><p>Und dennoch war sie nicht schnell genug.</p><p>Es war tats�chlich der Schrei einer M�we gewesen, der in diesem Moment hoch �ber ihr am Himmel ein weiteres Mal erklang; vielleicht nichts als ein purer Zufall, vielleicht tats�chlich eine Warnung, von wem auch immer geschickt. Der Falke selbst griff vollkommen lautlos an, eine schwarze Pfeilspitze, die direkt aus der Sonne heraus auf sie zielte.</p><p>Bast duckte sich im allerletzten Moment und entging so den schrecklichen Raubvogelkrallen, die nach ihren Augen hackten, nicht aber dem Schlag der schwarzen Schwingen, die wie eine gleicherma�en weiche wie unvorstellbar starke Hand in ihr Gesicht klatschten und sie r�ckw�rtstaumeln lie�en. Statt ihr die Augen auszukratzen und ihr Gesicht zu zerfetzen, zerrten ihr die Krallen nur die Kapuze vom Kopf, sodass ihr rotes Haar wie in einer lautlosen Explosion um ihre Schultern und den R�cken hinabfloss. Wenn es noch irgendjemanden auf diesem Pier gegeben hatte, der nicht auf sie aufmerksam geworden war, dann hatte sich das wohl sp�testens in diesem Augenblick ge�ndert.</p><p>Bast lie� sich von der Wucht des Anpralls ganz bewusst mitrei�en und herumwirbeln und schlug aus der Drehung heraus zu - nicht so hart, wie sie es sich gew�nscht h�tte, und nicht einmal ann�hernd so zielsicher, aber sie traf. Federn stoben in einer lautlosen schwarzen Explosion in alle Richtungen, und sie konnte sp�ren, wie die empfindlichen Knochen der Fl�gel unter der Wucht ihres Hiebes brachen. Jetzt schrie der Vogel, nicht vor Zorn oder Angriffslust, sondern vor Schmerz.</p><p>Hinter ihr erscholl ein anderes, viel lauteres Kreischen, und sie sah eine verschwommene Bewegung aus den Augenwinkeln. Ein Kind schrie, und irgendetwas zerbrach polternd, aber Bast achtete auf nichts von alledem, sondern f�hrte die Bewegung nicht nur mit grimmiger Entschlossenheit zu Ende, sondern schlug zugleich ihren Mantel zur�ck und zog ihr Schwert, w�hrend sie dem davon torkelnden Vogel nachsprang. Die fast armlange Klinge blitzte im Sonnenlicht.</p><p>Wieder kreischte ein Pferd, und diesmal begann die Bewegung nur in ihren Augenwinkeln und b�umte sich dann riesig und drohend neben und �ber ihr auf. T�dliche Hufe wirbelten nur wenige Zoll neben ihr durch die Luft, als sich das Pferd in schierer Panik aufb�umte und dann endg�ltig durchging.</p><p>Alles schien sich im Bruchteil eines einzigen Atemzuges abzuspielen, und trotzdem gefror die Zeit im gleichen Moment. Das Pferd b�umte sich mit solch ungeheurer Gewalt auf, dass sein Zaumzeug riss und der j�mmerliche Karren wie von einem Hammerschlag getroffen in St�cke sprang. Sie sah den Falken, der verzweifelt mit dem gebrochenen Fl�gel schlagend an H�he zu gewinnen versuchte und doch weiter dem Boden entgegen trudelte, und die blitzende Klinge in ihrer Hand, das heilige Schwert ihrer Vorfahren, das sie mit in dieses kalte Land am Ende der Welt gebracht hatte, damit es ihr im vielleicht schwersten Kampf ihres Lebens beistehen konnte.</p><p>Und pl�tzlich begriff sie, dass es vorbei war.</p><p>Ihr Widersacher hatte alles riskiert, um es hier und sofort zu Ende zu bringen, im selben Moment, in dem sie den Fu� auf den Boden dieses Landes setzte, und er hatte verloren. Der Vogel war verletzt, nicht t�dlich, aber schlimm genug, um ihr die Zeit zu verschaffen, die sie brauchte, um ihn einzuholen und ihr Schwert in sein Blut zu tauchen, und das war es dann. Die gro�e Schlacht w�rde nicht stattfinden.</p><p>Aber sie sah auch das Pferd, das blind vor Panik an ihr vorbeist�rmte, und das Kind auf dem Pflaster; ein vielleicht sechs oder sieben Jahre altes M�dchen mit verschmiertem Gesicht, schmutzstarrendem Haar und noch schmutzigeren Kleidern, das wie gel�hmt dastand und dem heranrasenden Pferd entgegen starrte. Es hatte keine Chance.</p><p>Die Zeit kehrte wieder zu ihrem gewohnten Ablauf zur�ck, und Bast registrierte zu ihrer eigenen �berraschung, wie sie herumfuhr und das Schwert fallen lie�. Statt sich auf den todgeweihten Vogel zu st�rzen, war sie mit zwei, drei gewaltigen S�tzen neben dem durchgehenden Hengst, packte mit der linken Hand das zerrissene Zaumzeug und krallte die Finger der anderen in seine M�hne. Die Zeit reichte nicht, es abzulenken oder gar zum Anhalten zu zwingen; noch ein, zwei rasende Schritte, und die wirbelnden Hufe w�rden das Kind zermalmen. Also tat sie das Einzige, was sie noch konnte: Sie legte ihre ganze �bermenschliche Kraft in einen gewaltigen Ruck, mit dem sie den Kopf des Pferdes zur�ck- und zur Seite riss.</p><p>Das Tier schrie, zuerst vor Schrecken und Furcht, und dann noch einmal und ungleich lauter und schriller und in schierer Agonie, als sie es zu Boden schmetterte, aber das Kreischen ging fast in dem schrecklichen Ger�usch unter, mit dem seine Vorderl�ufe brachen. Bast warf sich mit einer hastigen Bewegung zur�ck und rollte noch hastiger ein St�ck davon, um nicht ein paar Finger oder mehr einzub��en, als das verletzte Pferd um sich zu bei�en begann, sprang auf die F��e und war mit einem einzigen Satz neben dem M�dchen, das noch immer wie erstarrt dastand, um es aus der Reichweite der wild zuckenden Pferdehufe zu ziehen.</p><p>Erst dann e� sie sich vor ihm in die Hocke sinken, legte ihm beruhigend die linke Hand auf die Schulter und zwang es mit der anderen, ihr ins Gesicht zu sehen.</p><p>�Ist alles in Ordnung?�, fragte sie.</p><p>Das M�dchen starrte sie einen weiteren, endlosen Atemzug lang aus weit aufgerissenen Augen an, in denen nichts als Angst geschrieben stand, aber dann nickte es. Erst jetzt ging Bast auf, dass sie in ihrer Erregung in ihrer Muttersprache geredet hatte, aber das Kind schien die Frage trotzdem verstanden zu haben.</p><p>Behutsam griff sie nach den Gedanken des M�dchens, nahm ihr die schlimmste Furcht und richtete sich dann hastig wieder auf. Ihr erster Blick galt dem Falken, aber sie war nicht einmal wirklich �berrascht, ihn genau in diesem Moment torkelnd wieder an H�he gewinnen zu sehen. Sie machte sich nicht einmal die M�he, ihn zu verfolgen. Sie hatte ihre Chance gehabt und vertan.</p><p>Menschen rannten kopflos durcheinander, Schreie gellten, Schritte, Panik und reine chaotische Bewegung rasten wie eine Explosion �ber das Pier, und Leute rannten auf sie zu, allen voran eine schmuddelige dicke Frau mit totenbleichem Gesicht; wahrscheinlich die Mutter des M�dchens. Bast ignorierte sowohl sie als auch alle anderen, holte ihr Schwert und erl�ste das sterbende Pferd von seinen Qualen.</p><p>Als sie die blutige Klinge am Fell des Tieres abwischte, drang ein schriller Schrei an ihr Ohr. Sie sah auf und beschattete die Augen mit der Hand, um den Himmel abzusuchen. Der Falke verschwand so, wie er aufgetaucht war, unmittelbar in die Sonne hinein, die seine Silhouette in glei�endem Licht aufzul�sen begann. Bast sah dem davonfliegenden Vogel nach, bis das Feuer des Sonnengottes ihn endg�ltig verzehrt hatte, dann schob sie mit einer m�den Bewegung das Schwert wieder unter ihren G�rtel und schlug die Kapuze ihres schwarzen Mantels hoch, bevor sie sich wieder herumdrehte.</p><p>Hinter ihr war endg�ltig Panik ausgebrochen. Mindestens ein Dutzend Menschen dr�ngten sich um das gest�rzte Pferd oder versuchten sich um das M�dchen zu k�mmern, allen voran seine Mutter, die so hysterisch schrie und kreischte, als h�tten die wirbelnden Pferdehufe tats�chlich sie getroffen, statt nur das M�dchen zu bedrohen. Bast sp�rte, wie sich die Aufmerksamkeit der Menge nun allm�hlich auf sie zu richten begann. Bisher war alles einfach viel zu schnell gegangen, und sie bezweifelte au�erdem, dass die meisten hier �berhaupt wirklich gesehen hatten, was geschehen war. Aber das spielte keine Rolle. Sie hatten etwas gesehen, und im Grunde war es vollkommen egal, was. Sie wusste nur zu gut, wie es weitergehen w�rde.</p><p>Einen Moment erwog sie ernsthaft, die Erinnerung an ihre Person aus dem Ged�chtnis aller zu l�schen, aber sie wusste auch, dass ihre Kr�fte dazu nicht einmal ansatzweise ausreichten; so wenig wie die Zeit, die wenigen Zeugen ausfindig zu machen, die wirklich etwas gesehen hatten, und sich ihrer Erinnerungen anzunehmen.</p><p>Es gab nur noch eines, was sie vern�nftigerweise tun konnte. Sie schloss ihren Mantel, wandte sich um und ging davon, so schnell sie es gerade noch wagte, um es nicht nach einer Flucht aussehen zu lassen.</p><p>Die Matrosen, die ihr Gep�ck trugen, waren inzwischen in einer Seitenstra�e verschwunden, und Bast beeilte sich, zu ihnen aufzuschlie�en. Keiner der M�nner drehte sich zu ihr um oder warf auch nur einen Blick in ihre Richtung. Ob sie etwas von dem Vorfall am Kai mitbekommen hatten, lie� sich nicht sagen, aber Bast sp�rte ihre Nervosit�t und konnte sie auch durchaus verstehen. W�hrend der gesamten �berfahrt hatte sie ihre Kabine kaum ein halbes Dutzend Mal verlassen und war noch seltener an Deck gegangen. Kaum einer der M�nner hatte sie wirklich zu Gesicht bekommen, und so war es kein Wunder, dass sie vermutlich inzwischen ein Nimbus des Geheimnisvollen und vielleicht auch ein wenig Unheimlichen umgab.</p><p>Auch das war ihr gleich. Auf das Geschw�tz einiger vermutlich betrunkener Matrosen und des �blichen Hafengesindels w�rde hier so wenig jemand etwas geben wie in Kairo oder irgendeiner anderen Hafenstadt der Welt. Sie hatte die Reise nach London unerkannt zur�cklegen wollen, und wie es aussah, war ihr das auch mehr oder weniger gelungen ... bis vor ein paar Augenblicken. Aber sie konnte schlie�lich keine Wunder erwarten.</p><p>Erstaunlich schnell durchquerten ihre F�hrer das Hafengel�nde und bogen schlie�lich in eine schmale, nach Schmutz und Verfall riechende Gasse ein, in der sich selbst Bast unwohl gef�hlt h�tte, w�re sie allein gewesen. An ihrem Ende schimmerte ein schmaler Streifen aus goldfarbenem Licht, in dem der Staub des Nachmittages tanzte wie eine Vision aus einer fremden, unendlich fernen Welt, und vielleicht war es genau dieser sonderbare, friedfertige Anblick, der in ihr abermals dasselbe Gef�hl wachrief, mit dem sie von der Planke heruntergetreten war: ein Gef�hl der Endg�ltigkeit, das beinahe schon sichere Wissen, dass etwas geschehen w�rde, etwas Gro�es und Schreckliches, nach dem ihr Leben nicht mehr so sein w�rde wie zuvor.</p><p>Vielleicht w�rde hinterher <emphasis>gar nichts </emphasis>mehr so sein, wie es einmal gewesen war.</p><p>Bast sch�ttelte auch diesen Gedanken ab und rief sich selbst - nicht zum ersten Mal an diesem Tag - zur Ordnung. Sie war nerv�s, und das war verst�ndlich, denn sie hatte Isis nun seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen und keine Ahnung, wie diese auf ihr unerwartetes Auftauchen reagieren w�rde. Und vermutlich litt sie schlichtweg noch unter den Nachwirkungen der Seekrankheit. Es war nicht weiter erstaunlich, wenn sie sich selbst in eine Weltuntergangsstimmung hineinsteigerte.</p><p>Aber gef�hrlich, wenn sie nicht achtgab.</p><p>Eine zweisp�nnige Droschke rollte auf knarrenden R�dern vor das Ende der Gasse, und Bast blieb stehen und wartete in einiger Entfernung, bis die M�nner ihr Gep�ck verladen hatten und sich schon fast �berhastet zur�ckzogen. Keiner machte auch nur Anstalten, auf dem gleichen Weg zur�ckzugehen, auf dem sie gekommen waren, denn dazu h�tten sie sich in der schmalen Gasse dicht genug an ihr vorbeiquetschen m�ssen, um sie nahezu zu ber�hren, und diesen Mut brachte sichtlich keiner von ihnen auf.</p><p>Bast bedauerte es inzwischen bereits, nicht mit einer ihrer eigenen eisernen Regeln gebrochen und tiefer in Maistowe hineingesehen zu haben, denn sie fragte sich allm�hlich wirklich, was er seinen M�nnern �ber sie erz�hlt hatte. Was immer es auch gewesen sein mochte, es machte ihnen ganz offensichtlich genug Angst, sie nicht nur vor ihrer N�he, sondern selbst vor dem blo�en Augenkontakt mit ihr zur�ckschrecken zu lassen; als h�tten sie ernsthafte Angst, sie h�tte den b�sen Blick.</p><p>Was tats�chlich der Fall war, aber das konnten sie schlie�lich nicht wissen.</p><p>Der Gedanke lie� Bast abermals l�cheln, aber nur f�r einen Moment, dann trat sie sogar wieder einen Schritt in den Halbschatten der Gasse zur�ck, w�hrend sie darauf wartete, dass die M�nner mit dem Verladen ihrer Gep�ckst�cke fertig waren und sich trollten. Die leise mahnende Stimme in ihren Gedanken hatte recht: Seeleute waren ein abergl�ubisches Volk, und Geschichten wie diese neigten nur zu oft dazu, umso gr��er und dramatischer zu werden, je weiter sie die Runde machten. Es w�re nicht das erste Mal, dass sie so etwas erlebte.</p><p>Der letzte Mann verschwand, indem er den weiteren Weg au�en um den ganzen Komplex aus Lagerh�usern, Schuppen und Kontoren einschlug, und Bast trat mit gesenktem Blick aus der Gasse heraus. Der Kutscher vorne auf seinem freien Bock verrenkte sich fast den Hals in dem vergeblichen Bem�hen, einen Blick in die Schw�rze unter ihrer Kapuze zu erhaschen, und Bast ging ein wenig schneller, schl�pfte in wenig damenhafter Hast in den Wagen und zog die T�r hinter sich zu. Erst dann fiel ihr ein, dass sie dem Fahrer gar kein Ziel genannt hatte, doch noch bevor sie diesen Fehler berichtigen konnte, drang das Knallen der Peitsche von drau�en herein, und der Zweisp�nner setzte sich mit einem pl�tzlichen Ruck in Bewegung.</p></section><section><title><p id="ERSTES_Kapitel">ERSTES Kapitel</p></title><p>Wenn sie bedachte, wie schwerf�llig und plump das zweisp�nnige Gef�hrt ausgesehen hatte, dann legte es ein ganz erstaunliches Tempo vor. Die heruntergekommenen Fassaden der H�user und die kaum weniger abgerissenen Passanten jagten nur so vor�ber, und wenn sie um eine Ecke bogen oder die Stra�e abknickte, was nur zu oft und manchmal in j�hem Winkel der Fall war, schaukelte die ganze Droschke so wild, dass sie nicht weiter erstaunt gewesen w�re, w�re sie einfach umgekippt. Der Fahrer musste es ziemlich eilig haben, sein Ziel zu erreichen. Oder von hier wegzukommen.</p><p>Sie h�tte eine Menge tun k�nnen, um diese sonderbare und auch ein bisschen beunruhigende Situation zu �ndern, aber sie belie� es dabei, sich auf der harten Bank zur�ckzulehnen und abzuwarten. Es gab die eine oder andere wenig erfreuliche Erkl�rung f�r das seltsame Verhalten des Kutschers, und Bast erwog und verwarf sie eine nach der anderen. Sie traute Maistowe eine Menge Bosheiten zu, allerdings nicht, sie in einen Hinterhalt locken zu lassen; schon weil es einfach dumm gewesen w�re. H�tte er tats�chlich vorgehabt, ihr etwas anzutun, h�tte er w�hrend der langen �berfahrt mehr als genug Gelegenheit dazu gehabt; und mit deutlich geringerem Risiko.</p><p>Nun, und sollte er wirklich eine b�se �berraschung f�r sie vorbereitet haben ... Bast l�chelte fl�chtig. Jemand <emphasis>w�rde </emphasis>eine �berraschung erleben. Aber nicht sie.</p><p>Bast zog auch den Vorhang auf der anderen Seite des Wagens auf und vertrieb sich die Zeit damit, die vorbeihuschende Stadt zu betrachten. Sie war nicht zum ersten Mal in London, aber es war lange her, und die Stadt hatte sich ver�ndert, und das nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. Sie befanden sich noch immer im Hafengebiet, auch wenn der Kutscher sein Gef�hrt mit solchem Tempo �ber die schlecht gepflasterten Stra�en jagte, als w�re der Teufel pers�nlich hinter ihm her, und die Hafenviertel geh�rten in keiner Stadt der Welt zu den vornehmeren Gegenden, sondern lockten traditionell nicht nur Abenteurer und H�ndler an, sondern auch allerlei zwielichtiges Gesindel und die, die vielleicht nicht von Natur aus schlecht, aber ganz unten angekommen waren und nichts mehr zu verlieren hatten. Es war hier nicht anders, und sie hatte auch nichts anderes erwartet.</p><p>Dennoch: Die finsteren Gassen, durch die der Zweisp�nner so schnell jagte, dass Bast mehr als einmal Zeugin wurde, wie sich ein Passant nur noch mit einem beherzten Sprung in Sicherheit bringen konnte, und ihnen ein ganzer Chor von Fl�chen und w�sten Beschimpfungen folgte wie eine akustische Kielspur, waren deutlich schmutziger und verfallener, als sie sie in Erinnerung hatte, und dasselbe galt auch f�r die meisten Menschen, die sie sah. Eine Stimmung von Gereiztheit und Misstrauen schien in der Luft zu h�ngen, und Bast konnte die allgemeine Gewaltbereitschaft nahezu mit H�nden greifen. Es war, als w�re dieser Teil der Stadt ... aufgegeben worden, dachte sie verwundert. Nicht nur �u�erlich, sodass die H�user nicht mehr gepflegt und dringende Reparaturen nicht mehr ausgef�hrt worden waren, sondern auch innerlich und von seinen Bewohnern. Zwei- oder dreimal fuhren sie - obwohl heller Tag herrschte - durch eine pl�tzlich auftauchende Nebelbank, ohne dass der Kutscher sein halsbrecherisches Tempo auch nur um einen Deut verlangsamte.</p><p>Bast musste �ber ihre eigenen Gedanken l�cheln, doch h�tte sie in diesem Moment ihr eigenes Gesicht sehen k�nnen, so w�re ihr vermutlich selbst aufgefallen, dass dieses L�cheln nicht echt wirkte. Etwas blieb, ein Schatten jenes grundlosen Zweifels, den sie die ganze Zeit �ber versp�rt hatte, und der irgendwo am Rande ihres Bewusstseins nagte, fast unbemerkt, und doch stark genug, dass er sich nicht ignorieren lie� - wie ein winziger Dorn oder der Stachel einer Kaktee, den man sich eingerissen hatte und der dicht unter der Haut abgebrochen war.</p><p>Aber vielleicht war es ja auch andersherum, �berlegte sie. Vielleicht kam ihr hier nur alles so sch�big und angstvoll geduckt vor, weil sie mit diesem verst�renden Gef�hl an Land gegangen war.</p><p>Irgendwie gelang es ihr, diesen Gedanken abzusch�tteln und sich wieder auf die Fahrt zu konzentrieren, die im �brigen bald schon nicht mehr ganz so deprimierend verlief wie am Anfang. Es wurde heller, je weiter sie sich vom Hafen entfernten, fast als w�re das Tageslicht tats�chlich vor den heruntergekommenen Gassen und ihren Bewohnern zur�ckgeschreckt. Sie fuhren noch immer nicht an Geb�uden vorbei, die sie mit der Hauptstadt des britischen Empire assoziiert h�tte, aber bald s�umten doch ansehnlichere H�user die Stra�en, welche nun auch breiter und sorgf�ltiger gepflastert waren. Die Menschen waren ordentlicher gekleidet und nicht mehr so aggressiv und misstrauisch ... und es war ganz eindeutig nicht der Weg in die City.</p><p>Bast �berlegte einen Moment, ob ihr Fahrer seinem vermeintlich fremden und ortsunkundigen Gast vielleicht eine ungew�nschte Stadtrundfahrt bieten und sich damit ein h�heres Entgelt ergaunern wollte, konnte sich das aber eigentlich nicht so recht vorstellen; zumal sie ja noch nicht einmal wusste, wohin sie �berhaupt fuhren.</p><p>Sie klopfte energisch mit den Fingerkn�cheln gegen das schmale Fenster, hinter dem sie Schultern und Hinterkopf des Mannes erkennen konnte, und bekam eine Antwort, noch bevor sie die entsprechende Frage �berhaupt stellen konnte.</p><p>�Wir sind gleich da, Miss�, sagte er, ohne sich zu ihr herumzudrehen. �Noch ein paar Minuten Geduld, bitte.�</p><p><emphasis>Da?</emphasis>, dachte Bast. <emphasis>Wo, da? </emphasis>Sie sparte es sich, die Frage laut auszusprechen, sah aber nun sehr viel aufmerksamer aus dem Fenster und korrigierte ihre Einsch�tzung dieser Gegend ein wenig nach unten. Eine halbwegs saubere, noch nicht ganz gutb�rgerliche Stra�e, nicht mehr ausschlie�lich ein Arbeiterviertel, aber auch ganz gewiss keine bessere Gegend. Wo, zum Teufel, fuhr der Kerl hin?</p><p>Sie bekam die Antwort auf ihre Frage nach kaum mehr als einer weiteren Minute. Sie bogen noch einmal ab, und die Hufe der beiden Pferde klapperten pl�tzlich auf gr�berem und weniger sorgsam verlegtem Pflaster, bevor der Wagen endg�ltig zum Stehen kam und der Fahrer mit unerwarteter Beh�ndigkeit vom Bock kletterte, um den Gentleman zu spielen und ihr den Wagenschlag aufzurei�en.</p><p>Bast tat ihm den Gefallen, sich zu gedulden und erst auszusteigen, nachdem er es getan hatte, und sie griff sogar nach seinem galant ausgestreckten Arm. Sie ber�hrten sich f�r kaum einen Atemzug, aber lange genug, um Basts ohnehin nur schwaches Misstrauen endg�ltig zu zerstreuen. Der Mann musste an die sechzig sein, hatte ein gutm�tiges Gesicht, das allenfalls vom lebenslangen Genuss von zu viel Branntwein gezeichnet war, und kaum noch Haare, daf�r aber umso gewaltigere Koteletten, und sie las nicht die geringste Spur von Falschheit oder Heimt�cke in ihm. Er hatte nur getan, was man ihm aufgetragen hatte, und seine an Panik grenzende Hast, das Hafenviertel zu verlassen, resultierte aus der simplen Tatsache, dass er dort schon einmal �berfallen worden war und sich demzufolge nicht besonders wohl in dieser Umgebung f�hlte.</p><p>�Vielen Dank, Arthur�, sagte Bast und weidete sich einen halben Atemzug lang an seiner Verbl�ffung, sie seinen Namen aussprechen zu h�ren, den er weder ihr noch irgendeinem der Matrosen genannt hatte. �Und wo sind wir hier?�</p><p>��hm ... nun ja ... hier�, antwortete er verdattert und machte zugleich eine Handbewegung auf das Geb�ude, vor dem sie angehalten hatten: ein h�bsches, einigerma�en gepflegtes zweieinhalbgeschossiges Haus hinter einem geschmiedeten Zaun mit goldbronzierten Spitzen. Neben der T�r hing ein kleines, sorgsam poliertes Messingschildchen.</p><p>�<emphasis>Pension Westminster?</emphasis>�<emphasis>,</emphasis> las sie stirnrunzelnd vor. Der bedauernswerte Arthur riss die Augen noch weiter auf. Das Schild war kaum so gro� wie zwei nebeneinandergelegte H�nde und die Schrift entsprechend winzig. Selbst als er noch jung und seine Augen sch�rfer gewesen waren, h�tte er vermutlich M�he gehabt, zu erkennen, dass dort �berhaupt etwas stand, geschweige denn es <emphasis>lesen </emphasis>k�nnen.</p><p>��h ... ja, Miss�, murmelte er verwirrt. �Stimmt was nicht? Ich meine, das ist die Adresse, die mir die M�nner genannt haben.�</p><p>�Die Matrosen?�, vergewisserte sich Bast.</p><p>�Ja. Es ist auch schon alles bezahlt. Soll ich ... ich meine: Ich bringe Ihr Gep�ck hinein, wenn das in Ordnung ist.�</p><p>Bast lie� ihren Blick ein zweites Mal und aufmerksamer �ber die Fassade des georgianischen Geb�udes streifen. Einen Moment lang war sie unschl�ssig. Sie hatte nicht vorgehabt, im <emphasis>Regency </emphasis>oder <emphasis>Palace Hotel </emphasis>abzusteigen, aber ganz gewiss auch nicht in einem Etablissement, das sich <emphasis>Pension Westminster </emphasis>nannte ... aber auf der anderen Seite machte das Haus einen zwar einfachen, aber gepflegten und sauberen Eindruck, und sie war mit einem Male nahezu sicher, dass ein gewisser Kapit�n in nicht allzu ferner Zukunft hier auftauchen und sehr �berrascht sein w�rde, sie <emphasis>ganz zuf�llig </emphasis>hier anzutreffen. Vielleicht war es an der Zeit, ein kl�rendes Gespr�ch mit Kapit�n Maistowe zu f�hren ...</p><p>�Das w�re sehr freundlich�, sagte sie. �Ich gehe schon einmal hinein und sehe, ob es jemanden gibt, der Ihnen hilft. Sie sollten mit ihrem R�cken nicht so schwer tragen.�</p><p>Arthurs Unterkiefer klappte herunter, w�hrend er sie nunmehr vollkommen fassungslos anstarrte, und Bast ging weiter, ignorierte die T�rglocke und trat ein, ohne ihr Kommen in irgendeiner Form angek�ndigt zu haben.</p><p>Der Raum, den sie betrat, war unerwartet gro� und mit einer Anzahl kleiner runder Tische und dazu passender St�hle eingerichtet. Au�erdem gab es einen kleinen Kamin mit einer Couch und zwei wuchtige Ohrensessel vor einem leer ger�umten Schachtisch und eine mannshohe Standuhr, aber keine Rezeption; nicht einmal so etwas wie einen Schreibtisch. In einem Winkel welkte ein Blumenstrau� in einer kristallenen Vase unter einem h�lzernen Kruzifix - ein Symbol, das Bast immer als etwas befremdlich f�r eine Religion empfunden hatte, welche die Liebe zum N�chsten predigte. Es war nicht sehr hell, obwohl drau�en noch Tag herrschte, denn vor den Fenstern hingen schwere dunkelblaue Vorh�nge aus falschem Samt, die bis auf einen schmalen Spalt zugezogen waren. Und es war sehr still. Wenn das hier wirklich eine Pension war, dann hatte sie im Augenblick anscheinend nicht sehr viele G�ste.</p><p>�Ja, bitte?�</p><p>Bast fuhr leicht erschrocken zusammen. Sie hatte weder geh�rt, dass sich hinter ihr eine schmale T�r ge�ffnet hatte, noch die Schritte der kleinw�chsigen, schwarz gekleideten �lteren Frau, die nun darunter erschienen war. Nat�rlich lie� sie sich ihre �berraschung nicht anmerken, mahnte sich selbst aber in Gedanken zur Vorsicht. Anscheinend war sie in noch schlechterer Verfassung, als sie ohnehin angenommen hatte.</p><p>�Guten Tag�, sagte sie l�chelnd. �Ich h�tte gerne ein Zimmer - falls Sie noch etwas frei haben.�</p><p>�Ein Zimmer?� Die Frau schloss sorgf�ltig die T�r hinter sich, bevor sie mit gemessenen Schritten n�her kam und Bast dabei ganz unverbl�mt musterte. Ebenso wenig Hehl machte sie aus ihrem Erstaunen, als ihr Blick in die Dunkelheit unter ihrer immer noch hochgeschlagenen Kapuze fiel, aber das �berraschte Bast weder, noch nahm sie es ihrem Gegen�ber irgendwie �bel. Sie war solcherlei Reaktion gew�hnt und hatte sie erwartet, ganz besonders in diesem Teil der Welt.</p><p>�Das kommt ganz darauf an�, fuhr die Zimmerwirtin fort. �Wie lange m�chten Sie bleiben, und welche Art von Zimmer schwebt Ihnen vor? Einen gro�en Service kann ich Ihnen nicht bieten, falls Sie das erwarten.� Sie l�chelte beinahe entschuldigend. �Das hier ist eine Fr�hst�ckspension. Es gibt <emphasis>Bed and Breakfast, </emphasis>und sonst allenfalls eine Tasse Tee am Abend.�</p><p>�Das ist vollkommen in Ordnung�, antwortete Bast. �Ich bin nicht anspruchsvoll. Ein sauberes Zimmer und ein wenig Diskretion sind alles, was ich erwarte.�</p><p>�Diskretion?� Auf dem Gesicht der Pensionswirtin erschien ein Ausdruck von un�bersehbarem Misstrauen, als h�tte sie etwas Ungeh�riges gesagt. Ihre Augen blickten pl�tzlich h�rter, und rings um ihren Mund erschien ein Netz winziger verkniffener F�ltchen, die zuvor noch nicht da gewesen waren. Wie es aussah, dachte Bast, hatte sie genau den falschen Ton gew�hlt. Aber das war ein Fehler, der sich leicht korrigieren lie�.</p><p>Noch w�hrend sie in die Tasche griff, um den zusammengefalteten Zettel hervorzuziehen, den Maistowe ihr gegeben hatte, wurde die T�r aufgesto�en, und der Kutscher kam herein, unter der Last von gleich drei ihrer Koffer wankend. Die Zimmerwirtin runzelte die Stirn und setzte zu einer nun sichtlich ver�rgerten Bemerkung an, und Bast reichte ihr rasch den Zettel. �Ich bin auf Empfehlung hier�, sagte sie. �Kapit�n Maistowe von der <emphasis>Lady of the Mist </emphasis>war der Meinung, dass ich hier eine angenehme Unterkunft finden w�rde.�</p><p>Die Besitzerin des <emphasis>Westminster </emphasis>wirkte keineswegs beruhigt, aber immerhin nahm sie den Zettel entgegen, faltete ihn auseinander und knibbelte heftig mit den Augen, w�hrend sie die winzige Schrift in der schwachen Beleuchtung zu entziffern versuchte. Dann hellten sich ihre Z�ge auf. �Tats�chlich, das ist Jacobs Handschrift�, sagte sie. �Auch wenn ich sie nur entziffern kann, weil ich ohnehin wei�, was er geschrieben hat.�</p><p>Sie gab ihr den Zettel zur�ck und wandte sich aus der gleichen Bewegung heraus an den Kutscher. �Bringen Sie das Gep�ck der Lady auf Zimmer eins�, sagte sie. �Gleich oben das erste neben der Treppe.�</p><p>Arthur setzte sich schnaubend und unter dem Gewicht seiner Last mit deutlicher Schlagseite in Bewegung, und sie wandte sich wieder an Bast und streckte ihr die Hand entgegen. �Bitte verzeihen Sie, meine Liebe�, sagte sie, mit einem Male l�chelnd und herzlich; scheinbar eine ganz andere Person. �Ich bin Gloria Walsh, die Besitzerin der <emphasis>Pension Westminster.</emphasis>�</p><p>�Bast�, sagte Bast, w�hrend sie Mrs Walshs Hand sch�ttelte.</p><p>�Einfach nur Bast?�</p><p>�Einfach nur Bast�, best�tigte Bast. �In meiner Heimat haben die meisten Menschen nur einen Namen - oder entsetzlich viele. Gottlob bin ich nicht so einmalig, dass man mir ein ganzes Dutzend Namen gegeben hat. H�chstens zwei, und der andere tut nichts zur Sache.�</p><p>Gloria sah sie einen Moment einfach nur verwirrt an, dann blinzelte sie erneut. �Bitte verzeihen Sie, Miss Bast�, sagte sie dann. �H�tte ich gleich gewusst, dass Kapit�n Maistowe Sie schickt, dann w�re ich vielleicht nicht ganz so abweisend gewesen. Aber man muss vorsichtig sein, vor allem, wenn man als Frau ganz allein eine Pension leitet.�</p><p>�Das verstehe ich�, antwortete Bast. �Da, wo ich herkomme, ist es nicht anders.�</p><p>Mrs Walsh warf einen weiteren und noch viel unverhohlen neugierigeren Blick in Basts Gesicht hinauf, aber sie fragte nicht, wo dieses �wo ich herkomme� sein mochte. �Ja, das ist wahrscheinlich auf der ganzen Welt so�, seufzte sie. �Wissen Sie schon, wie lange Sie bleiben werden, meine Liebe?�</p><p>�Nur ein paar Tage, f�rchte ich�, antwortete Bast. �Vielleicht eine Woche ... auf keinen Fall mehr als zwei.� Sie hatte nicht vor, so lange in diesem Land zu bleiben, aber die Dinge entwickelten sich oft anders, als man es erwartete. Bisher wusste sie nicht einmal, wo Isis wirklich <emphasis>war. </emphasis>Zwar standen ihr gewisse M�glichkeiten zur Verf�gung, aber London war eine gro�e Stadt.</p><p>�Nun, wie auch immer�, fuhr Mrs Walsh fort. �Bleiben Sie ruhig so lange, wie es Ihnen genehm ist. Sagen Sie nur einen Tag zuvor Bescheid, wenn Sie ausziehen wollen. Sie sind eine Freundin von Kapit�n Maistowe?�</p><p>�Nicht ... direkt�, antwortete Bast z�gernd. �Ich bin als Passagier auf seinem Schiff hierhergekommen. Als ich an Land gegangen bin, hat er mir Ihre Adresse gegeben.�</p><p>�Und w�hrend der gesamten �berfahrt hat er so gut wie kein Wort mit Ihnen gesprochen und Sie behandelt, als w�ren Sie Luft�, vermutete Mrs Walsh.</p><p>�Woher wissen Sie das?�</p><p>�Weil Jacob Maistowe ein Mann von Ehre ist�, antwortete Mrs Walsh in einem Tonfall, als rede sie �ber ein schrulliges Kind mit einigen noch schrulligeren Angewohnheiten. �Seiner Meinung nach sind Passagiere an Bord tabu, f�r seine Mannschaft, und f�r ihn erst recht.� Sie blinzelte ihr zu. �Und daher behandelt er sie umso schlechter, je sympathischer sie ihm eigentlich sind. Aus Angst, seinen M�nnern ein schlechtes Beispiel zu bieten oder vielleicht etwas zu sagen, was ihm hinterher peinlich sein k�nnte.�</p><p>�Das ... klingt ein bisschen sonderbar�, sagte Bast z�gernd. Aber es passte zu dem, was sie erlebt hatte. <emphasis>So </emphasis>hatte sie die Sache noch gar nicht gesehen.</p><p>�Es klingt ein bisschen verr�ckt�, verbesserte Mrs Walsh sie. �Aber so ist er nun mal.� Sie blinzelte Bast noch einmal und nun geradezu verschw�rerisch zu. �Wenn er Sie wirklich so schlecht behandelt hat, dann k�nnen Sie sich etwas darauf einbilden.�</p><p>Bast war nicht sicher, dass sie das wollte, doch in diesem Moment tauchte der Kutscher wieder auf und polterte so lautstark durch das Zimmer, als w�re er noch immer genauso schwer beladen wie auf dem Hinweg und ersparte ihr die Peinlichkeit, antworten zu m�ssen.</p><p>�Sobald Ihr Gep�ck im Zimmer ist, richte ich alles her�, sagte Mrs Walsh. �M�chten Sie in der Zwischenzeit hier Platz nehmen? Ich kann Ihnen einen hei�en Tee anbieten, wenn Sie es w�nschen. Nach der anstrengenden Reise k�nnen Sie ihn sicher gebrauchen.�</p><p>Tats�chlich war die Aussicht auf einen hei�en Tee �beraus verlockend f�r Bast, aber sie sch�ttelte trotzdem den Kopf. �Machen Sie sich keine M�he�, sagte sie. �Und das Zimmer k�nnen Sie auch sp�ter in aller Ruhe herrichten. Ich f�rchte, mir bleibt im Moment gerade nur die Zeit, mich umzuziehen und ein wenig frisch zu machen, bevor ich weitermuss.�</p><p>�Sie sind in Eile?�, erkundigte sich Mrs Walsh.</p><p>�Nicht direkt in Eile�, antwortete Bast. �Ich bin gekommen, um eine Freundin zu besuchen, m�ssen Sie wissen. Wir haben uns schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.�</p><p>�Eine Freundin�, sagte Mrs Walsh. �So, so. Haben Sie die Adresse ihrer Bekannten?�</p><p>�Nur eine Stra�e�, antwortete Bast. �Sie arbeitet dort ... wie man mir gesagt hat.� Sie zog den reich bestickten Lederbeutel auf, den sie anstelle einer Tasche bei sich trug, kramte eine Weile darin herum und gab ihr schlie�lich den Zettel, auf dem sie den Namen der Stra�e notiert hatte. Mrs Walsh nahm ihn entgegen und sah darauf. Sehr lange.</p><p>�Stimmt irgendetwas nicht?�, fragte Bast.</p><p>Mrs Walshs Blick ... ver�nderte sich. �Nein�, sagte sie hastig. �Und das ist wirklich die richtige Stra�e?�</p><p>�So hat man es mir gesagt�, antworte Bast. �Warum? Was ist damit?�</p><p>�Nichts�, sagte Mrs Walsh noch einmal, und nicht minder hastig. Sie l�chelte noch immer, aber nun wirkte es nerv�s und irgendwie unangenehm ber�hrt. Schlie�lich gab sie sich einen sp�rbaren Ruck. �Nein�, sagte sie. �Es tut mir leid. Ich kenne diese Adresse nicht. London ist gro�.�</p><p>Bast hatte das Gef�hl, dass das nicht die Wahrheit war, aber sie sagte nichts dazu, sondern nahm den Zettel zur�ck und geduldete sich schweigend, bis der Kutscher auch den Rest ihrer Gep�ckst�cke nach oben gebracht hatte. Er hatte ihr zwar gesagt, dass die Fahrt bereits im Voraus bezahlt war, aber sie gab ihm dennoch ein gro�z�giges Trinkgeld.</p><p>�Sind Sie heute Abend frei, Arthur?�, fragte sie.</p><p><strong>�Ja.�</strong></p><p>�Wunderbar�, antwortete Bast. �Dann holen Sie mich doch bitte in zwei Stunden hier wieder ab. Ich muss noch ein paar Dinge erledigen, und ich f�rchte, ich kenne mich in dieser Stadt �berhaupt nicht aus.�</p><p>�In zwei Stunden? Sehr gerne.� Arthur strahlte �ber das ganze faltige Gesicht und w�re in seiner Hast, r�ckw�rts aus der T�r zu gehen, beinahe �ber seine eigenen F��e gestolpert.</p><p>Bast wartete, bis er die T�r hinter sich geschlossen hatte, erst dann drehte sie sich wieder zu Mrs Walsh um.</p><p>Die Pensionswirtin hatte sie die ganze Zeit �ber angestarrt. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich jedoch abermals ver�ndert. Etwas Nachdenkliches und Absch�tzendes lag jetzt darin. Es erlosch sofort wieder und machte einem L�cheln Platz, als sie ihrem Blick begegnete.</p><p>�Also ... Sie m�chten wirklich keinen Tee?�</p><p>�Liebend gern, sp�ter�, antwortete Bast. �Ich muss aus diesen Kleidern heraus und mich waschen. Ich habe sie die letzten Tage an Bord getragen und f�hle mich, als w�rde ich stinken wie ein Fisch.�</p><p>�Das kann ich verstehen�, antwortete Mrs Walsh l�chelnd. �Dann bringe ich Ihnen eine Sch�ssel mit hei�em Wasser und saubere T�cher.�</p><p>�Das w�re wunderbar�, antwortete Bast, w�hrend sie sich bereits herumdrehte und die Treppe am anderen Ende des Zimmers ansteuerte. �Und ... h�tten Sie vielleicht auch ein Rasiermesser, das Sie mir leihen k�nnten?�</p><empty-line/><empty-line/><p>Mrs Walsh hatte ihr nicht nur das versprochene hei�e Wasser gebracht, sondern au�erdem auch noch eine Kanne Tee und einen Teller mit Geb�ck. Bast hatte eigentlich nur anstandshalber davon probieren wollen, aber beides erwies sich als so k�stlich, dass sie sich geradezu mit Hei�hunger darauf gest�rzt und binnen weniger Augenblicke alles restlos verzehrt hatte. Erst danach hatte sie sich ihrer schmutzigen Kleider entledigt, die tats�chlich stanken, als h�tte sie eine Woche lang auf einem Fischkutter gearbeitet, um sich gr�ndlich und sehr ausgiebig zu waschen.</p><p>Danach war sie, nackt bis auf die Kette mit dem goldenen Skarab�us um ihren Hals, vor den Spiegel getreten. Der Spiegel war alt, stand nicht ganz gerade und war an einigen Stellen schon fleckig geworden, und doch zeigte er ihr nichts anderes als das Abbild einer G�ttin.</p><p>Einer schwarzen G�ttin. Nicht braun, nicht dunkel, sondern so schwarz wie die Nacht, die sich drau�en allm�hlich �ber die Stadt zu senken begann.</p><p>Bast war gr��er als die meisten M�nner, denen sie zeit ihres Lebens begegnet war, und von schlankem, athletischem Wuchs. Wie ihre Gesichtsz�ge �hnelte auch ihr K�rperbau viel mehr dem eines Europ�ers als derjenigen V�lker, die ihren Heimatkontinent bewohnten, und ihre Haut war selbst f�r eine Nubierin ungew�hnlich dunkel; sicherlich einer der Gr�nde, aus denen der Anblick ihres Gesichts allein ausreichte, um beinahe jeden Mann nerv�s zu machen, und obwohl es keine sehr junge Frau mehr war, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, konnte sie doch stolz auf ihren K�rper sein. Sie war sicherlich nicht die sch�nste Frau in dieser Stadt - nach g�ngigen Ma�st�ben -, aber allen anderen und j�ngeren und m�glicherweise sogar sch�neren Frauen gegen�ber, die je vor diesem Spiegel gestanden haben mochten, hatte sie einen gewaltigen Vorteil. Sie <emphasis>war </emphasis>eine G�ttin. Sie stand eine geraume Weile einfach da und sah sich selbst und vor allem ihr langes, in unm�glich zu b�ndigenden feuerfarbenen Locken fallendes Haar, das ebenso auffallend und f�r eine Frau ihrer Herkunft ungew�hnlich war wie ihre Gr��e, und die eine oder andere Kleinigkeit, die sich auf den ersten Blick vielleicht nicht sofort offenbarte.</p><p>Lange Zeit stand sie einfach so da, dann trat sie wieder an das kleine Tischchen heran, auf dem die Porzellansch�ssel mit hei�em Wasser stand und nahm das Rasiermesser zur Hand, das die Pensionswirtin ihr gebracht hatte. Es besa� einen Griff aus altgelbem Elfenbein und war nicht mehr so scharf, wie es sein sollte, reichte f�r ihre Zwecke aber aus. Mit einem Gef�hl tiefen Bedauerns - es w�rde Jahre dauern, bis es nachgewachsen war - schnitt sie ihr Haar zuerst kleinfingerkurz und rasierte sich anschlie�end den Sch�del vollkommen kahl. Sorgsam hob sie die abgeschnittenen Haare bis auf das allerletzte auf und verstaute sie in ihrem Beutel, bevor sie einen ihrer Koffer �ffnete und ein einfaches, lang fallendes Kleid und dazu passende Sandalen w�hlte. Das Kleid war hochgeschlossen, sodass sie die Kette mit ihrem wertvollen Anh�nger darunter verbergen konnte, und die Sandalen waren f�r die Jahreszeit - vor allem in diesem Land - zwar viel zu d�nn, f�r ihre Zwecke jedoch eindeutig besser geeignet als die hochhackigen Stiefel, die im Moment bei den Frauen hier in Mode waren.</p><p>Bevor sie das Zimmer verlie�, verbarg sie ihren nunmehr kahlen Sch�del unter einem kunstvoll gewickelten Turban von dunkelroter Farbe und nahm noch ihren Reservemantel aus dem Koffer, den sie sich allerdings nur lose �ber den linken Arm h�ngte. Ganz kurz �berlegte sie, eine Waffe mitzunehmen, entschied sich aber dann dagegen. Sie wollte schlie�lich nicht in den Krieg ziehen, sondern nur nach Isis suchen.</p><p>Auch wenn ihr Mrs Walshs Reaktion auf die Adresse vielleicht Anlass zu der einen oder anderen �berlegung gegeben hatte.</p><p>Sie hatte noch Zeit, bis ihr Fahrer kam, versp�rte aber wenig Lust, allein in ihrem Zimmer zu bleiben und ging wieder nach unten. Das Haus war noch immer so still wie bei ihrer Ankunft.</p><p>Sie war im Moment entweder tats�chlich der einzige Gast, oder die �brigen Pensionsg�ste waren noch in ihren Angelegenheiten unterwegs und kamen sp�ter. Ihr sollte es recht sein.</p><p>Im Kamin prasselte ein behagliches Feuer, und sie h�rte die Zimmerwirtin im hinteren Teil des Hauses hantieren, ging aber nicht sofort zu ihr, sondern suchte zuvor die Latrine auf, die sich in einem Holzverschlag im Innenhof der Pension befand. Sie musste nicht danach fragen - der Gestank wies ihr den Weg. Er war erb�rmlich, und er wurde noch schlimmer, als sie die T�r �ffnete und in den winzigen Verschlag trat.</p><p>Heftig schluckend, um die �belkeit niederzuk�mpfen, die aus ihrem Magen emporsteigen wollte, warf sie ihr abgeschnittenes Haar in den kreisrunden Ausschnitt in der h�lzernen Sitzfl�che und fragte sich nicht zum ersten Mal, wieso sich die Abendl�nder eigentlich f�r die �berlegene Kultur hielten oder jemals hatten halten k�nnen, wo sie doch offensichtlich nicht einmal wussten, dass eine Handvoll Kalk ausreichte, unangenehme Ger�che zu binden.</p><p>Als sie ins Haus zur�ckkehrte, prasselte das Feuer im Kamin h�her, und Mrs Walsh hatte zwei winzige T�sschen und eine Kanne mit frisch aufgebr�htem Tee auf den Schachtisch gestellt und wartete offenbar bereits auf sie.</p><p>Bast sah fl�chtig auf die gro�e Standuhr. Sie hatte noch etwas Zeit, bis die bestellte Droschke kam, und nichts dagegen, noch ein wenig zu plaudern. Noch bevor Mrs Walsh ihr einladend zuwinken konnte, nahm sie von sich aus Platz und legte den Mantel neben sich auf den Boden.</p><p>�Ich hoffe, ich wirke nicht allzu aufdringlich�, sagte Mrs Walsh, w�hrend sie Tee in eine der zierlichen Tassen goss und sie dann �ber den Tisch hinweg in ihre Richtung schob. �Aber ich kam nicht umhin, die Zeit zu erfahren, zu der Sie den Wagen bestellt haben, und als ich gerade geh�rt habe, dass Sie die Treppe herunterkommen ...�</p><p>�Schon gut�, unterbrach Bast sie. �Ich bin v�llig fremd in dieser Stadt und ganz froh, �berhaupt mit jemandem reden zu k�nnen.�</p><p>�Sie sind das erste Mal in England?�, fragte Mrs Walsh. Bast nickte, und sie nippte an ihrem Tee und fuhr fort: �Daf�r sprechen Sie unsere Sprache ganz ausgezeichnet, wenn ich das sagen darf.�</p><p>�Danke.� Bast l�chelte �ber dieses Kompliment, von dem sie sp�rte, dass es ehrlich gemeint war. Aber nat�rlich verstand sie auch die Frage, die sich dahinter verbarg. �Es befinden sich gen�gend Mitglieder des britischen Empire in meiner Heimat�, sagte sie. �Au�erdem ist ihre Sprache recht einfach zu lernen. Ganz im Gegensatz zu manchen Dialekten meiner Heimat.�</p><p>�Erz�hlen Sie das den Kindern in unseren Schulen!�, erwiderte Mrs Walsh am�siert. �Ich bin sicher, sie teilen Ihre Meinung nicht unbedingt.� Sie nippte an ihrem Tee, w�hrend sie das sagte, aber Bast entging nat�rlich nicht, dass sie sie dabei �ber den Rand ihrer zierlichen Tasse weiter sehr aufmerksam musterte.</p><p>�Immerhin gibt es hier nur eine Sprache�, antwortete Bast, �nicht gleich ein ganzes Dutzend, wie in manchen Regionen meiner Heimat.�</p><p>Diesmal klang Mrs Walshs Lachen noch am�sierter. �Oh, was das angeht, befinden Sie sich im Irrtum, meine Liebe�, behauptete sie. �Gehen Sie nur ein paar Stra�en weiter, und Sie k�nnen durchaus das Gef�hl haben, auf einem anderen Kontinent zu sein. Das reinste babylonische Sprachgewirr.� Sie nahm einen weiteren winzigen Schluck aus ihrer Tasse, stellte sie behutsam auf den Tisch zur�ck und fragte dann, immer noch l�chelnd, zugleich aber auch in beinahe besorgtem Ton: �Ich hoffe doch, Sie hatten keinen �rger mit diesen �Mitgliedern des britischen Empire�, von denen Sie gerade gesprochen haben.�</p><p>�Nicht im Geringsten�, versicherte Bast. �Im Gegenteil. Wir sind Kaufleute. Schon in der ...�, sie tat so, als m�sse sie einen Moment angestrengt �berlegen und lachte dann leise, �... ich glaube, hundertsten Generation oder so. Meine Familie lebt vom Handel mit Gew�rzen und anderen Dingen, so lange unsere Familiengeschichte zur�ckreicht. Ein gutes Verh�ltnis zu Fremden ist sozusagen unser Betriebskapital. Deshalb bin ich auch hier.�</p><p>�Ich dachte, um Ihre Freundin zu suchen?�, erkundigte sich Mrs Walsh in harmlos klingendem Ton, der alles war, nur nicht das. Ihr Blick tastete aufmerksam �ber Basts Gesicht, und f�r die Dauer eines Herzschlages erschien ein Ausdruck von Irritationen in ihren Augen, w�hrend er an dem kunstvoll gewickelten Turban h�ngen blieb. Vorhin, �berlegte Bast, als sie hereingekommen war, hatte sie die Kapuze ihres Mantels so weit nach vorne getragen, dass von ihrem Gesicht darunter nicht allzu viel zu erkennen gewesen sein konnte. Aber vermutlich hatte sie dennoch einen Schimmer ihres auff�lligen Haares gesehen und fragte sich nun, ob sie sich get�uscht und in Wahrheit vielleicht das rote Tuch wahrgenommen hatte - dessen Farbe Bast im �brigen aus keinem anderen Grund gew�hlt hatte.</p><p>�Nun, das eine schlie�t das andere nicht aus, nicht wahr?�, gab sie zur�ck, sch�ttelte aber zugleich auch den Kopf und nippte wieder an ihrem Tee, um Zeit zu gewinnen. �Meine Schwester Isis - ich nenne sie so, obwohl sie nicht wirklich meine Schwester ist; unsere Verwandtschaftsverh�ltnisse sind ziemlich kompliziert - ist nicht nur eine gute Freundin, sondern arbeitet auch in unserem Gesch�ft. Meine Familie hat sie hierher geschickt, um sich um unsere Angelegenheiten in England zu k�mmern.�</p><p>�Und seither haben Sie nichts mehr von ihr geh�rt�, vermutete Mrs Walsh.</p><p>�Wie kommen Sie darauf?�, erwiderte Bast, leicht �berrascht. Das kam der Wahrheit ziemlich nahe.</p><p>�Ich schlie�e es aus der Tatsache, dass Sie hier sind, meine Liebe�, antwortete Mrs Walsh. �Es ist nicht gerade ein Sonntagsausflug von Afrika nach London, nicht wahr? Au�erdem - wenn Sie mir meine Offenheit verzeihen - schwingt ein gewisser Unterton von Besorgnis in Ihrer Stimme mit, immer, wenn Sie �ber Ihre ... Schwester reden.�</p><p>Bast sagte nicht gleich etwas dazu, sondern sah Mrs Walsh etliche Sekunden lang absch�tzend an. F�r jeden anderen an ihrer Stelle w�re diese Antwort vielleicht genug gewesen, aber Bast hatte schon vor sehr langer Zeit lernen m�ssen, sich selbst und ihre Gef�hle gut genug in der Gewalt zu haben, um niemandem einen Blick hinter die Maske zu gestatten.</p><p>Gleich darauf bewies Mrs Walsh jedoch, was f�r eine hervorragende Beobachterin sie war, denn sie l�chelte ein kurzes, ein wenig verlegenes L�cheln, wie ein Kind, das man bei einer kleinen Verfehlung ertappt hat, das aber auch wei�, dass es nicht mit einer harten Bestrafung rechnen muss, und fuhr fort: �Nun ja, und die Adresse, die Sie mir gezeigt haben ...�</p><p>�Was ist damit?�, fragte Bast.</p><p>Mrs Walsh druckste einen Moment herum. �Sagen wir es so: Es ist vielleicht nicht die vornehmste Gegend. Zumindest keine, in der ich die R�umlichkeiten eines Gew�rzh�ndlers erwarten w�rde.�</p><p>�Wir handeln nicht nur mit Gew�rzen�, gab Bast zur�ck, vielleicht eine Winzigkeit sch�rfer, als sie es eigentlich gewollt hatte.</p><p>Mrs Walsh l�chelte weiter, aber Bast sp�rte trotzdem, dass sie bereits bedauerte, sich �berhaupt so weit vorgewagt zu haben. �Schlie�lich geht es mich auch nichts an�, sagte sie. Bast sah, wie sie innerlich mit sich k�mpfte, zu einem Entschluss kam und ihr dann so fest es in die Augen blickte, wie sie es nur konnte. �Darf ich Ihnen trotzdem einen Rat geben, mein Kind?�</p><p>�Sicher�, antwortete Bast.</p><p>�Wie gesagt, es geht mich nichts an, und Sie m�ssen auch nicht auf mich h�ren, aber wenn Sie es trotzdem wollen, dann nehmen Sie den guten Rat einer alten Frau an und fangen erst morgen mit der Suche nach Ihrer Freundin an.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil diese Stra�e in einem Viertel liegt, in dem sich eine anst�ndige Frau nicht nach Dunkelwerden zeigen sollte�, antwortete Mrs Walsh. Wie bei ihrer Begr��ung trat bei dem Wort �anst�ndig� ein verkniffener Zug in ihr Gesicht, und die Falten um ihre Mundwinkel wirkten h�rter.</p><p>Bast erschrak innerlich, wenn auch aus einem anderen Grund, als Mrs Walsh dies annehmen mochte. <emphasis>Konnte es sein, dass Isis ...?</emphasis></p><p>Nein, das war unm�glich.</p><p>�Wer sagt Ihnen denn, dass ich eine anst�ndige Frau bin?�, fragte sie l�chelnd.</p><p>�Meine Augen, mein Kind�, sagte Mrs Walsh mit einem neuerlichen, diesmal sehr gutm�tigen L�cheln. �Und die Erfahrung eines langen Lebens.� Sie hob abwehrend die Hand, als Bast etwas sagen wollte. �Aber Sie sind nun einmal auch eine Frau von einem ... exotischen �u�eren, und das k�nnte nur zu leicht dazu f�hren, dass gewisse M�nner ...� Jetzt spiegelte sich deutliche Verlegenheit auf ihrem Gesicht. Sie wusste ganz offensichtlich nicht, wie sie fortfahren sollte, ohne dabei Worte zu benutzen, die sich f�r eine anst�ndige Frau nicht geziemten.</p><p>�... falsche R�ckschl�sse ziehen?�, half Bast l�chelnd aus.</p><p>�Ja�, sagte Mrs Walsh ernst. �Zumindest in dieser Gegend, wenn Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>Bast verstand nur zu gut. Und sie erschrak erneut und noch mehr. Isis war schon immer die Kl�gere und �berlegenere von ihnen beiden gewesen, zugleich aber auch die, die sich in gewissen Situationen nicht so gut in der Gewalt hatte, wie es manchmal angezeigt gewesen w�re. Sie zerbrach sich den Kopf �ber eine entsprechende Antwort, die sowohl Mrs Walsh als auch sie selbst beruhigt h�tte, doch ihre Wirtin nahm ihr die M�he ab, indem sie eine angedeutete, aber eindeutig wegwerfende Handbewegung machte, mit der sie das Thema offensichtlich f�r abgeschlossen erkl�rte.</p><p>�Verzeihen Sie einer neugierigen alten Frau, wenn sie eine Frage stellt?�, fragte sie.</p><p>�Ich wei� nicht, wen Sie mit �alt� meinen�, antwortete Bast l�chelnd, �aber bitte.�</p><p>Mrs Walsh �berging die Bemerkung. �Woher kommen Sie, meine Liebe? Ich meine: Jacob hat zuletzt Kairo angelaufen, wenn ich richtig informiert bin, aber Sie sehen nicht aus wie eine ...�</p><p>�... �gypterin?� Bast l�chelte unersch�tterlich weiter. �Weil ich schwarz bin.� Bast lachte, aber Mrs Walsh nickte nur und sch�ttelte gleich darauf den Kopf.</p><p>�Ja. Nein ... ich meine: Ja, Sie ... sind schwarz, aber Sie sehen irgendwie nicht so aus wie ...� Sie brach ab - nun doch sichtlich verlegen - und wusste f�r den Moment nicht mehr, wohin mit ihrem Blick.</p><p>�... wie eine Negerin?�, half Bast aus. �Breite N�stern, dicke Lippen und einen goldenen Ring durch die Nase?� Sie sch�ttelte mit einem leisen Lachen den Kopf. �Stimmt. Ich bin Nubierin.�</p><p>�Aha�, sagte Mrs Walsh. Es klang genau wie �nie geh�rt�.</p><p>�Unsere Vorfahren haben nilaufw�rts gelebt, aber das ist schon lange her. Zur Zeit der Pharaonen. Seither geh�ren wir offiziell zu den �gyptern.�</p><p>�Aha�, sagte Mrs Walsh noch einmal.</p><p>�Jedenfalls haben Sie recht�, fuhr Bast fort. �Nubier sehen nicht aus wie Schwarzafrikaner, sondern eher wie Europ�er. Nur dass sie schwarz sind. Was sie �brigens auch von den meisten zentralafrikanischen V�lkern unterscheidet.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Sehen Sie mich an, und Sie wissen die Antwort�, sagte sie. �Die meisten Schwarzen sind nicht schwarz, sondern dunkelbraun.�</p><p>�<emphasis>Sie </emphasis>sind schwarz�, beharrte Mrs Walsh. Inzwischen war nicht mehr zu �bersehen, wie unangenehm ihr das Thema geworden war. Wahrscheinlich bedauerte sie l�ngst, es �berhaupt angesprochen zu haben.</p><p>�Ich bin ja auch eine Nubierin�, antwortete Bast l�chelnd. Sie nippte an ihrem Tee. Er war br�hhei� und schmeckte k�stlich. Mrs Walsh hatte irgendein Gew�rz hineingegeben, das sie nicht genau erkannte, dem Getr�nk aber einen ganz wunderbaren Beigeschmack verlieh. �Ich kenne mich in dieser Hinsicht nicht so aus, wie ich es vielleicht sollte, muss ich gestehen. Aber es ist so, dass mein Volk zwar schwarze Haut, aber eindeutig europ�ische Wurzeln zu haben scheint. Sie sind nicht die Erste, die mit ... sagen wir, <emphasis>Verwunderung </emphasis>darauf reagiert.�</p><p>Mrs Walsh nickte ein bisschen nerv�s und suchte sichtlich nach irgendetwas, womit sie unverf�nglich auf ein anderes Thema �berleiten konnte. In diesem Moment erklang hinter ihr das leise Tappen weicher Pfoten, gefolgt von einem fast kl�glichen Maunzen. Mrs Walsh runzelte die Stirn und beugte sich in ihrem Sessel zur Seite, um an ihr vorbeisehen zu k�nnen, und Bast drehte sich halb herum und blickte in die entsprechende Richtung, obwohl es nicht n�tig gewesen w�re.</p><p>Mrs Walsh hatte die T�r zur K�che nicht ganz geschlossen, als sie hereingekommen war, und eine schlanke, pechschwarze Katze war durch den schmalen Spalt hereingeschl�pft und auf halber Strecke zum Kamin stehen geblieben. Es war ein sehr sch�nes Tier, klein, aber von kr�ftigem Wuchs und mit einem prachtvollen, dichten Fell, dessen matter Glanz seine Gesundheit und Kraft verriet. Seine bernsteingelben Augen blickten sehr aufmerksam in Basts Richtung. Es maunzte noch einmal in vollkommen anderer Tonlage, bevor es mit wiegenden Schritten und steil erhobenem Schwanz langsam n�her kam.</p><p>�Cleopatra, was tust du hier?�, wunderte sich Mrs Walsh. �Du wei�t doch, dass du im Salon nichts zu suchen hast.�</p><p>�Cleopatra?�, wiederholte Bast.</p><p>�Ich fand den Namen passend, als ich sie damals aufgenommen habe�, antwortete Mrs Walsh. �Das hei�t: Eigentlich habe ich sie gar nicht aufgenommen. Sie ist eine kleine Streunerin, wissen Sie? Eines Tages stand sie einfach vor der T�r und hat so laut gemaunzt, bis ich sie hereingelassen habe, und seither scheint sie einen Narren an mir gefressen zu haben.� Sie l�chelte fl�chtig. �Oder vielleicht auch nur an meinen K�chenabf�llen.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Bast. �Sie glauben, Kleopatra w�re eine Streunerin gewesen?� Gleichzeitig beugte sie sich leicht in ihrem Sessel vor und streckte die Hand aus. Die schwarze Katze hielt f�r einen Moment inne, sah sie wieder auf diese sonderbare Art aus ihren gro�en, leuchtend gelben Augen an und kam dann mit gesenktem Kopf und laut schnurrend n�her. Ein Ausdruck von Erstaunen erschien auf Mrs Walshs Gesicht.</p><p>�Nein�, sagte sie, ohne die n�her kommende Katze dabei aus den Augen zu lassen. Sie wirkte ehrlich verbl�fft. �Aber hei�t es nicht, dass Katzen im alten �gypten heilige Tiere gewesen sind?�</p><p>�Das ist wahr�, antwortete Bast, w�hrend sie leicht die Finger rieb, um das Tier weiter anzulocken. <emphasis>Aber Kleopatra hat Katzen gehasst. </emphasis>Sie hatte schon Erstickungsanf�lle bekommen, wenn sich ihr ein solches Tier auch nur auf zwanzig Schritte Entfernung gen�hert hatte. Sie hielt die Hand jetzt still, um der Katze Gelegenheit zu geben, vorsichtig an ihren Fingern zu schnuppern, was diese auch etliche Momente lang ausgiebig tat. Dann maunzte sie h�rbar, lie� sich auf den R�cken fallen und w�lzte sich genie�erisch auf Basts Mantel, den sie neben sich auf den Boden gelegt hatte, w�hrend sie selbst ihr behutsam Bauch und Hals kraulte.</p><p>�Sie wird Ihnen den ganzen Mantel mit ihren Haaren vollfusseln�, murmelte Mrs Walsh. Der Blick, mit dem sie die Katze jetzt ma�, war eindeutig fassungslos.</p><p>�Das macht nichts�, antwortete Bast. �Ich liebe Katzen, m�ssen Sie wissen.�</p><p>�Trotzdem.� Mrs Walsh gab sich einen sichtbaren Ruck, und ihr Blick war nun eindeutig tadelnd. �Das reicht jetzt, Cleopatra! Du hast hier nichts zu suchen. Geh in die K�che oder nach drau�en.�</p><p>Die Katze rollte sich lauthals schnurrend und mit genie�erisch geschlossenen Augen weiter �ber Basts Mantel und begann schlie�lich spielerisch an ihrem Finger zu knabbern, als sie f�r einen Moment mit Kraulen innehielt. Sie ignorierte Mrs Walshs Worte vollkommen.</p><p>�Cleopatra!�, sagte Mrs Walsh noch einmal, jetzt in h�rbar sch�rferem Ton. �Was ist denn in dich gefahren? Seit wann h�rst du nicht mehr, wenn ich etwas sage?�</p><p><emphasis>Ungef�hr seit jetzt, </emphasis>dachte Bast am�siert, zog aber nach einem weiteren Moment auch die Hand zur�ck und sch�ttelte leicht den Kopf, als die Katze die Augen �ffnete und sie vorwurfsvoll ansah. �H�r auf sie und geh�, sagte Bast. <emphasis>Vielleicht habe ich sp�ter ein bisschen Zeit f�r dich, Kleines.</emphasis></p><p>Mrs Walshs Augen quollen vor Unglauben schier aus den H�hlen, als Cleopatra ihren Gast zwar noch einen Moment lang vorwurfsvoll und entt�uscht ansah, sich dann aber wieder auf die F��e rollte und mit raschen Schritten verschwand. �Es ist ganz und gar erstaunlich�, murmelte sie. �Sie kommt normalerweise niemals hier herein. Und sie l�sst sich schon gar nicht von Fremden anfassen.� Ihr Blick l�ste sich fast widerwillig von der offen stehenden T�r, hinter der die Katze verschwunden war, und suchte den Basts. �Sie k�nnen wirklich gut mit Tieren umgehen.�</p><p>�Katzen sp�ren es, wenn man sie mag�, meinte Bast nur.</p><p>�Ja, ich wei߫, sagte Mrs Walsh. Sie wirkte immer noch ein bisschen verwirrt. �Manchmal glaube ich sogar, dass sie �ber eine bessere Menschenkenntnis verf�gen als die meisten Menschen. Besitzen sie zu Hause eine Katze?�</p><p>�Besitzen?� Bast verzog die Lippen, als w�re ihr die Bedeutung dieses Wortes nicht endg�ltig klar. �In unserem Haus in Kairo lebt eine ganze Anzahl Katzen, wenn Sie das meinen. Aber niemand kann eine Katze <emphasis>besitzen. </emphasis>Sie k�nnen sie einsperren und versklaven, aber ihre Zuneigung werden Sie auf diese Weise niemals gewinnen. Sie bekommen sie geschenkt oder gar nicht.�</p><p>Das schien Mrs Walsh nun endg�ltig zu verwirren. Sie sagte eine ganze Weile gar nichts, dann aber erschien ein leises L�cheln in ihren Augen. �Ich glaube, wir werden noch eine Menge interessanter Gespr�che miteinander f�hren, meine Liebe�, sagte sie und f�gte vielleicht eine Spur hastiger hinzu: �Wenn Sie es w�nschen, hei�t das.�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Bast. �Ich freue mich darauf. Und ich bin froh, hergekommen zu sein.�</p><p>Mrs Walsh blickte fragend.</p><p>�Um ehrlich zu sein�, erkl�rte Bast, �war ich am Anfang nicht ganz sicher, ob ich �berhaupt herkommen sollte.�</p><p>�Weil Ihnen Jacob diese Pension empfohlen hat�, vermutete Mrs Walsh. Nein, es war keine Vermutung. Es war eine Feststellung.</p><p>�Ja�, gestand Bast unumwunden. �Nach dem, was Sie mir �ber Kapit�n Maistowe erz�hlt haben, habe ich ihm vielleicht unrecht getan, aber ...�</p><p>Mrs Walsh unterbrach sie mit einer entsprechenden Geste. �Daf�r m�ssen Sie sich nicht entschuldigen. Ich kenne den guten Jacob nun schon so lange, und selbst mir f�llt es bei ihm manchmal schwer, Haltung zu bewahren. Er hat ein gro�es Herz und kann der charmanteste Mensch sein, den Sie sich nur vorstellen k�nnen - aber er ist auch ein wahrer Meister darin, das zu verbergen.�</p><p>�Und woher kennen Sie sich?�, fragte Bast und trank wieder von ihrem Tee.</p><p>�Er wohnt hier�, antwortete Mrs Walsh, wobei Bast nicht entging, wie aufmerksam sie sie dabei ansah. Aber sie war nicht �berrascht. Eigentlich hatte sie nichts anderes erwartet.</p><p>�Hier?�, vergewisserte sie sich dennoch.</p><p>�Die meiste Zeit des Jahres ist er auf See�, antwortete die Zimmerwirtin. �Fr�her hatte er ein kleines Haus hier in London, aber das musste er verkaufen, als die Gesch�fte einmal schlecht gingen. Daraufhin hat er sich hier eingemietet. Anfangs sollte es nur f�r wenige Tage sein, aber es hat sich schnell erwiesen, dass dieses Arrangement f�r beide Seiten von Vorteil ist.�</p><p>Bast sagte zwar nichts, musterte Mrs Walsh aber auf eine ganz bestimmte Art und Weise, die sie leicht err�ten und eindeutig hastig den Kopf sch�tteln lie�. �Nein, nicht was Sie jetzt vielleicht annehmen, meine Liebe. Jacob und ich sind zu verschieden, um mehr als gute Freunde zu sein.�</p><p>�Dann ist das hier sozusagen sein Heimathafen?�, fragte Bast.</p><p>Diesmal lachte Mrs Walsh leise. �Wenn Sie so wollen, ja. Jacob hat keine Familie und auch keine Freunde hier in London. Dazu ist er zu selten hier. Und es lohnt nicht, ein eigenes Haus zu unterhalten, wenn man den allergr��ten Teil des Jahres auf See ist. Die wenigen Wochen zwischen seinen Reisen wohnt er hier. Und manchmal�, f�gte sie mit einem fast verschw�rerischen Augenzwinkern hinzu, �schickt er mir auch einen Gast. Ich glaube, er betrachtet es als seine Pflicht, um mich irgendwie daf�r zu entsch�digen, dass ich sein Zimmer w�hrend des ganzen Jahres f�r ihn freihalte ... nicht dass es mich wirklich etwas kosten w�rde. Die meisten Zimmer stehen ohnehin leer.�</p><p>�Das Gesch�ft geht nicht gut?�, vermutete Bast.</p><p>�Es k�nnte besser gehen ... wenn ich es wollte�, antwortete Mrs Walsh. �Aber es ist nicht n�tig. Ich habe eine kleine Erbschaft von der Schlachterei meines verstorbenen Mannes, von der ich einigerma�en bequem leben kann. Diese Pension ist mehr eine Art ... Liebhaberei von mir, wenn Sie so wollen. Irgendetwas muss man tun.�</p><p>Von drau�en war das Klappern von Pferdehufen und das Knarren von R�dern zu h�ren. Bast warf einen Blick auf das Ziffernblatt der Standuhr mit seinen verschn�rkelten Zeigern. Arthur kam auf die Sekunde p�nktlich. Wahrscheinlich hatte er in einer Seitenstra�e gewartet, um nicht zu fr�h zu erscheinen. M�glicherweise sogar die ganzen zwei Stunden.</p><p>Sie stand auf, b�ckte sich nach ihrem Mantel und schl�pfte hinein. Ein seltsames Gef�hl �berkam sie, noch bevor sie die Bewegung ganz zu Ende gef�hrt und sich gleichzeitig zum Ausgang gedreht hatte. Sie hatte nicht vergessen, was Mrs Walsh �ber ihr Ziel erz�hlt hatte, und auch nicht ihre �berlegungen, was Isis anging. Und dennoch sp�rte sie pl�tzlich eine leise, kribbelnde Erregung, etwas, das ganz tief in ihr zu erwachen begann und von dem sie nur zu gut wusste, dass es st�rker werden w�rde, ganz egal, wie sehr sie auch versuchte, es zu unterdr�cken.</p><p>�Sie wollen also nicht auf mich h�ren�, stellte Mrs Walsh fest. Sie klang nicht einmal entt�uscht. Augenscheinlich hatte sie genau diese Reaktion erwartet.</p><p>�Ich f�rchte, das kann ich nicht�, antwortete Bast in bedauerndem Ton. �Es ist leider richtig, dass ich meine Freundin so schnell wie m�glich finden muss. Aber ich danke Ihnen trotzdem f�r Ihre Warnung. Keine Sorge. Ich kann auf mich aufpassen.�</p><p>Mrs Walsh sagte nichts mehr dazu. �M�chten Sie, dass ich Ihnen sp�ter noch ein Abendessen zubereite oder Ihnen eine Kanne Tee aufs Zimmer stelle?�, erkundigte sie sich.</p><p>�Sagten Sie nicht, es gibt hier nur Fr�hst�ck?�</p><p>Mrs Walsh l�chelte. �F�r eine gute Freundin von Jacob mache ich schon mal eine Ausnahme.� Ihr L�cheln wurde eine Spur breiter. �Au�erdem muss ich schlie�lich auch selbst dann und wann etwas essen. Ob ich nun nur f�r mich koche oder f�r zwei, macht keinen Unterschied.�</p><p>Einen Moment lang wusste Bast nicht, was sie von diesen Worten halten sollte. Mrs Walsh sagte die Wahrheit, das sp�rte sie - es gab nur sehr wenige Menschen, denen es gelungen w�re, sie zu bel�gen -, und doch hatte sie das Gef�hl, dass da noch mehr war. Als ob sie ihr etwas verheimlichte.</p><p>Unsinn! Bast schob den Gedanken fast �rgerlich von sich. Sie war ersch�pft und hungrig und m�de von der anstrengenden Reise, und die Andeutungen, die Mrs Walsh �ber Isis und deren Aufenthaltsort gemacht hatte, beunruhigten sie anscheinend mehr, als sie zugeben wollte.</p><p>�Das ist sehr freundlich von Ihnen�, antwortete sie, �und ich werde sicher morgen oder an einem der n�chsten Tage auf Ihr Angebot zur�ckkommen. Aber ich muss zuerst ... ein paar Dinge in Erfahrung bringen. Sie brauchen nicht auf mich zu warten.�</p><p>�Die T�r ist immer offen�, antwortete Mrs Walsh. Anscheinend war das Thema damit f�r sie erledigt. �Dann w�nsche ich Ihnen viel Erfolg bei der Suche.�</p><p>�Und ich werde vorsichtig sein�, f�gte Bast hinzu. �Das verspreche ich.�</p><p>Damit ging sie, noch bevor die Pensionswirtin Gelegenheit zu einer weiteren Erwiderung fand.</p><p>Die Droschke wartete exakt an derselben Stelle vor dem Haus, an der Bast zuvor ausgestiegen war. Arthur hatte bereits die T�r ge�ffnet und stand l�chelnd daneben, und sie ergriff auch jetzt wieder seinen galant ausgestreckten Arm, lie� sich von ihm beim Einsteigen helfen - obwohl er sie im Grunde genommen eher behinderte - und nahm Platz, bevor sie ihm den Zettel reichte, den sie vorhin schon Mrs Walsh gezeigt hatte. Sie war nicht �berrascht, einen mindestens ebenso erschrockenen und zweifelnden Ausdruck auf seinem Gesicht zu gewahren, als er die Adresse im schwachen Licht der Gaslaternen entzifferte, doch er sagte nichts, sondern nickte nur, gab ihr den Zettel zur�ck und schloss die T�r.</p><p>W�hrend er nach vorn ging und seine m�den Glieder zwang, den Kutschbock zu ersteigen, lehnte sich Bast auf der Bank zur�ck und warf einen langen, nachdenklichen Blick aus dem Fenster. Das Gef�hl einer leisen, erwachenden Erregung tief in ihrer Seele war immer noch da. Einen Moment lang k�mpfte sie noch aus reiner Gewohnheit dagegen an, aber sie wusste auch, wie sinnlos dieses Bem�hen war.</p><p>Und warum eigentlich?</p><p>Der Wagen setzte sich knarrend in Bewegung, und Arthur wendete das sperrige Gef�hrt mit erstaunlichem Geschick auf der schmalen Stra�e. Bast lauschte in sich hinein und versuchte wider besseres Wissen ein allerletztes Mal, die Vernunft �ber die Instinkte siegen zu lassen. Aber es war ein halbherziger Versuch, der von vornherein zum Scheitern verurteilt war, und sie hatte ihn im Grunde nur unternommen, weil sie aus irgendeinem absurden Bed�rfnis heraus das Gef�hl gehabt hatte, ihn sich schuldig zu sein.</p><p>Der Wagen rollte auf die breitere, besser gepflasterte Hauptstra�e hinaus und wandte sich in �stliche Richtung. Basts Blick ging erneut durch das Fenster, strich �ber die jetzt zum gr��ten Teil dunkel daliegenden Geb�ude und den Himmel, der von einer sonderbaren Klarheit war, aber auch so finster, wie man es selten erlebte, selbst in einer so gro�en Stadt wie London.</p><p>Sie lie� sich zur�cksinken, schloss die Augen und atmete die kalte, klare Nachtluft ein. Das Tasten und Regen tief in ihrem Inneren wurde st�rker, und w�hrend Arthur seine Peitsche knallen lie� und das Tempo der Kutsche steigerte, begann sich ein sachtes, erwartungsvolles L�cheln auf ihren Lippen breitzumachen, ohne dass sie selbst es auch nur sp�rte.</p><p>Das Raubtier war erwacht.</p><p>Und vor ihm wartete eine ganze Stadt voller Beute.</p><empty-line/><empty-line/><p>Die Fahrt dauerte nicht so lange, wie sie erwartet hatte. Bast hatte die Gardinen vor den schmalen Fenstern schlie�lich wieder geschlossen und sich zur�ckgelehnt und ihre Gedanken treiben lassen, aber ihr war nat�rlich dennoch nicht entgangen, dass die Fahrt - wenn auch in scharfem Tempo - nicht sehr viel l�nger als zehn Minuten gedauert hatte, bevor der Wagen wieder langsamer wurde, und sie ahnte bereits, in welchem Ma�e sich ihre Umgebung ver�ndert hatte, noch bevor sie sich wieder aufrichtete und die Gardine zur�ckzog.</p><p>Sie erlebte trotzdem eine �berraschung. Der Wagen wurde immer langsamer, was auch daran lag, dass die Stra�e voller Menschen war, sodass Arthur sein Gef�hrt nur noch im Schritttempo durch die Menge bugsieren konnte. Zum Teil lag dies in der Enge der Stra�e begr�ndet: Die schmalbr�stigen und in den seltensten F�llen mehr als zweigeschossigen H�user standen sich nahe genug gegen�ber, dass ihr Fahrer wohl ein Problem bekommen h�tte, w�re ihm auch nur ein zweites gleichartiges Gef�hrt entgegengekommen. Au�erdem war es dunkler, als sie erwartet hatte, denn von den in regelm��igen Abst�nden angebrachten Gaslaternen brannte nur jede dritte oder vierte. Doch trotzdem und ungeachtet der bereits fortgeschrittenen Stunde war die Stra�e noch voller Menschen; zum Gro�teil Paare, die Hand in Hand oder auch in sittsamem Abstand nebeneinander flanierten oder einfach auf dem Gehsteig vor den H�usern standen und redeten. Manche dr�ckten sich auch in einem Hauseingang herum oder gegen eine Mauer gelehnt, k�ssten sich oder zeigten sich noch weniger zur�ckhaltend, und aus etlichen offen stehenden T�ren drangen Gel�chter und schrille, viel zu laute und zumindest in Basts Ohren nur zu oft misst�nende Musik.</p><p>Die Kutsche kam mit einem sanften Ruck endg�ltig zum Stehen, und Bast stieg rasch aus und ging nach vorne, um Arthur die M�he zu ersparen, eigens vom Wagen heruntersteigen zu m�ssen. Er war sicher schon den ganzen Tag auf den Beinen, und vermutlich tat ihm jeder Knochen im Leib weh, vor allem, seit er ihr Gep�ck in die Pension und die Treppe hinaufgetragen hatte, was ihr im Nachhinein beinahe ein schlechtes Gewissen bereitete.</p><p>�Das hier ist die richtige Stra�e?�, vergewisserte sie sich. Ihre Stimme klang selbst in ihren eigenen Ohren zweifelnd.</p><p>�Die Adresse, die auf Ihrem Zettel gestanden hat, Miss�, antwortete er. Es war nicht zu �bersehen, dass er sich nicht wohl f�hlte; nicht in dieser Gegend und auch nicht dabei, sie allein hier abzusetzen. Aber er besa� auch nicht den Mut, ihr seine Begleitung anzubieten - auch wenn es ohnehin nicht mehr als eine Geste gewesen w�re. �Whitechapel.�</p><p>Bast konnte nirgendwo eine Kirche entdecken, weder in wei� noch in irgendeiner anderen Farbe, aber sie konnte ohnehin nur ein kurzes St�ck der Stra�e unmittelbar vor ihr ausmachen; vielleicht ein halbes Dutzend Gastst�tten und einschl�giger H�user, die sich unmittelbar vor ihnen erhoben und mit ihrem L�rm und dem aufdringlichen Licht den Eindruck erweckten, viel zahlreicher zu sein. Alles was dahinter lag, war in nahezu vollkommene Dunkelheit geh�llt, doch Basts scharfe Sinne verrieten ihr trotzdem, dass es dort vielleicht dunkel, aber keineswegs still oder gar verlassen war.</p><p>Und nicht nur ihre Sinne. Etwas in ihr sp�rte das Leben und das aufgepeitschte Miasma entfesselter Sinneslust und purer animalischer Gier in dieser Dunkelheit und reagierte mit einer eigenen, unendlich viel d�stereren Gier darauf, die sie kaum noch zu beherrschen vermochte.</p><p>�Ist alles in Ordnung. Miss?�, fragte Arthur.</p><p>�Ja, nat�rlich�, versicherte Bast hastig. <emphasis>Sah man es ihr so deutlich an? </emphasis>�Ich ... war nur ein wenig �berrascht, das ist alles.�</p><p>�Das ist das East End, Miss�, antwortete er. �Keine besonders gute Gegend.�</p><p>�Geht es hier immer so zu?�, fragte Bast, eigentlich aus keinem anderen Grund als dem, �berhaupt etwas zu sagen und das Ungeheuer in ihrem Inneren zu bes�nftigen. Reden half. Nicht viel, aber es half.</p><p>�Heute ist Freitag, Miss�, antwortete er. �Da gibt es Lohn. Aber es ist auch sonst keine besonders gute Gegend. Keine, in die ich meine Tochter gehen lassen w�rde, wenn Sie verstehen, was ich meine.�</p><p>Er hatte keine Tochter, wie Bast sehr wohl wusste, aber das sagte sie nicht laut, sondern machte stattdessen nur ein verstehendes Gesicht und gab sich gleichzeitig M�he, ein ganz kleines bisschen verlegen auszusehen. Es war v�llig absurd - aber mit einem Male war es ihr wichtig, was Arthur von ihr dachte.</p><p>�Soll ich hier auf Sie warten, Miss?�, fragte der Kutscher, als sich das Schweigen unbehaglich in die L�nge zu ziehen begann. �Oder Sie sp�ter wieder abholen?�</p><p>�Das ist freundlich von Ihnen, Arthur�, antwortete sie. �Aber ich muss ... gewisse Erkundigungen einziehen. Mit einigen Leuten reden ... vielleicht einer Spur nachgehen ...� Sie hob bedauernd die Schultern. �Ich wei� nicht, wie lange es dauert.�</p><p>Arthur war un�bersehbar erleichtert, dass sie sein Angebot ausgeschlagen hatte, f�hlte sich aber auch ebenso offensichtlich unwohl dabei, sie allein hier zur�ckzulassen.</p><p>�Sind Sie f�r morgen schon bestellt?�, fragte Bast.</p><p>Erwartungsgem�� sch�ttelte er den Kopf. �Ich bin niemals fest gebucht, Miss�, antwortete er. �Ich fahre meine Pl�tze ab und warte darauf, dass mich jemand braucht.�</p><p><emphasis>Und das nur zu oft ohne Erfolg, </emphasis>dachte Bast bedauernd. Sie l�chelte. �Dann kommen Sie doch morgen gegen Mittag zur Pension�, sagte sie. �Ich bin das erste Mal in London, und ich kenne hier niemanden, also werde ich Sie sicher brauchen. Wenn wir uns auf einen angemessenen Preis einigen, kann ich Sie vielleicht f�r die ganze Zeit meines Aufenthalts hier mieten. Eine Woche, vielleicht sogar zwei.�</p><p>�Das wird sicher gehen�, antwortete er �berrascht - und fast ein bisschen ungl�ubig.</p><p>Bast �ffnete ihren Beutel, um ihn f�r die Fahrt hierher zu entlohnen, aber er sch�ttelte rasch den Kopf und hob zus�tzlich abwehrend die Hand.</p><p>�Das ist nicht n�tig, Miss. Ich meine: Wir k�nnen das morgen erledigen.�</p><p>�Wie Sie w�nschen.�</p><p>Arthur griff mit beiden H�nden nach den Z�geln, knallte aber noch nicht damit, sondern wandte sich noch einmal an sie und machte zugleich eine Kopfbewegung auf das n�chstgelegene Lokal, einen winzigen Pub auf der anderen Stra�enseite, durch dessen offen stehende T�r rotes Licht auf den Gehsteig fiel. �Wenn Sie schon hier Ihre Erkundigungen einholen m�ssen, Miss, gehen Sie dorthin�, sagte er. �Das ist zwar auch kein anst�ndiges Lokal, aber am ehesten noch das, in das eine Lady allein gehen kann.� Sein Tonfall machte mehr als klar, dass eine Lady seiner Meinung nach in <emphasis>kein </emphasis>Lokal allein gehen konnte - wenigstens nicht, wenn sie wirklich eine Lady <emphasis>war -,</emphasis> aber Bast sp�rte die gute Absicht dahinter und schenkte ihm nur noch ein dankbares L�cheln, und endlich griff er wirklich nach seinen Z�geln und fuhr davon.</p><p>Sie sah ihm nach, bis der Wagen am Ende der Stra�e angelangt und verschwunden war. Beil�ufig registrierte sie, dass sie anscheinend die Einzige war, die darauf achtete. Die Stra�e erweckte zwar nicht den Eindruck, aber der Anblick einer Mietdroschke, aus der ein nobel gekleideter Fahrgast stieg, schien hier absolut nichts Besonderes zu sein.</p><p>Daf�r gewahrte sie nach einem Moment etwas, womit sie hier zuallerletzt gerechnet hatte: einen leibhaftigen englischen Bobby in seinem schwarzen Rock mit den schimmernden Messingkn�pfen, dem hohen Hut und einer Trillerpfeife, die an einer wei�en Kordel um seinen Hals hing. Bast hatte schon viel von diesen Polizisten geh�rt und sah ihn ganz unverhohlen neugierig an. Der Mann schlenderte fast gem�chlich in ihre Richtung, wobei sein Blick unentwegt, aber offenbar ohne allzu gro�es Interesse �ber die T�ren der Lokale und die Menschen davor glitt. Er schien weder an der lauten Musik noch an den Betrunkenen oder den in eindeutiger Absicht dastehenden Frauen Ansto� zu nehmen.</p><p>Dennoch war Bast nicht wirklich �berrascht, als der Polizist mit einem pl�tzlichen Stirnrunzeln die Richtung �nderte und geradewegs auf sie zusteuerte. Fl�chtig fragte er sich, wozu er �berhaupt hier war und wen er eigentlich vor wem besch�tzen sollte, verzichtete aber darauf, diesen Gedanken bis zu seinem konsequenten Ende zu verfolgen. Der Bobby war l�ngst nicht der Einzige, der sie ganz unverhohlen anstarrte. Aber was hatte sie erwartet? In ihrer nachtschwarzen Kleidung, dem roten Turban und mit ihrer au�ergew�hnlichen Gr��e stach sie hier hervor wie der sprichw�rtliche bunte Hund - oder der wehe Daumen, wie die Engl�nder sagten. Seltsamerweise kamen die negativsten Schwingungen, die sie auffing, ausnahmslos von Frauen.</p><p>Sie widerstand nur mit M�he der Versuchung, einigen von ihnen zu demonstrieren, wie man sich f�hlte, wenn man <emphasis>wirklich </emphasis>vom b�sen Blick getroffen wurde und geduldete sich, bis der Bobby n�her kam und unmittelbar vor ihr stehen blieb. Die Art, auf die er sie ma�, gefiel ihr noch sehr viel weniger als seine bisherige Interesselosigkeit, aber sie schluckte auch dazu jede Bemerkung herunter. Sie war nicht hier, um sich mit der Obrigkeit anzulegen.</p><p>�Guten Abend, Miss�, sagte er.</p><p>Bast nickte schweigend und sah ihn scheinbar verst�ndnislos an. Sollte er ruhig erst einmal glauben, dass sie seiner Sprache nicht m�chtig war.</p><p>�Sprechen Sie unsere Sprache?�, fuhr er auch prompt fort.</p><p>�Ja�, antwortete sie. Etwas in ihr ... regte sich. St�rker als bisher. Bast lauschte in sich hinein und stellte ohne die mindeste �berraschung fest, dass es der Bobby war, auf den sie so heftig reagierte. So lange, wie sie diesen niemals endenden Kampf nun schon f�hrte, erkannte das Ungeheuer in ihr die Art von Beute, auf die sie es manchmal loslassen musste, mittlerweile sicherer als sie selbst und zerrte nun an seinen Ketten, um seine Gier zu stillen. Es kostete sie immer gr��ere M�he, es zu b�ndigen.</p><p>�Das macht die Sache einfacher�, fuhr der Polizist fort. Sein Blick irrte noch einmal leicht irritiert �ber ihr Gesicht, das sich nahezu eine Handspanne �ber dem seinigen befand, und glitt dann nach unten, um f�r einen eindeutig zu langen Moment dort h�ngen zu bleiben, wo sich ihr Kleid �ber ihren Br�sten spannte.</p><p>Schlie�lich r�usperte er sich. �W�rden Sie mir bitte Ihren Ausweis zeigen, Miss?�</p><p>�Wozu?�, erkundigte sich Bast.</p><p>Sein Blick wurde um etliche Grade k�hler. �Weil ich es Ihnen sage�, antwortete er scharf. �Also zeigen Sie mir jetzt Ihre Papiere - falls Sie welche besitzen -, bevor Sie wirklich �rger bekommen!�</p><p>�Nein�, antwortete Bast. �Die gehen Sie nichts an.�</p><p>Zorn flackerte f�r einen Moment in seinem Blick auf und erlosch wieder. �Ganz wie Sie meinen�, sagte er in leicht verwundertem Ton, als w�re er sich selbst nicht ganz dar�ber im Klaren, warum er das �berhaupt sagte. Was der Wahrheit ziemlich nahekam.</p><p>Basts Mitleid mit ihm hielt sich in Grenzen, und erst jetzt, wo sie sich unmittelbar gegen�berstanden, sah sie auch, dass er tats�chlich keine Waffe trug, ganz wie man es ihr erz�hlt hatte; nicht einmal einen Schlagstock. Obwohl sie es gewusst hatte, kam ihr diese Tatsache mehr als seltsam vor - dass ausgerechnet eine Nation, die ihren gewaltigen Milit�rapparat r�cksichtslos einsetzte, um ein weltweites Imperium zu errichten, so stolz darauf war, dass die Polizeibeamten in ihrem Heimatland unbewaffnet waren.</p><p>Der Bobby sah sie immer noch mit einer Mischung aus Verwirrung und allm�hlich aufkeimender Panik an, und Bast sah endlich ein, wie albern das war, was sie tat, und gab seinen Willen behutsam wieder frei. Er atmete h�rbar auf und machte ganz instinktiv einen Schritt zur�ck.</p><p>�Aber wenn Sie schon einmal da sind, Konstabler�, fuhr sie fort, als w�re in der Zwischenzeit rein gar nichts geschehen, �k�nnen Sie mir vielleicht helfen. Ich bin fremd in dieser Stadt und suche eine bestimmte Adresse.� Sie zwang ein angedeutetes L�cheln auf ihre Lippen und versuchte die Blicke zu ignorieren, die sie mittlerweile aus allen Richtungen trafen. �Der Kutscher war so freundlich, mich in die richtige Stra�e zu fahren, aber bei der Hausnummer musste er passen.�</p><p>�Die H�user hier haben keine Nummern�, antwortete er lahm. �Jedenfalls sind sie nicht angeschlagen. Was suchen Sie denn?�</p><p>�Nummer neunzehn�, antwortete Bast, ohne dass sie den Zettel zu Hilfe nehmen musste, den sie vorhin Arthur gezeigt hatte, und der �berraschte Ausdruck auf dem Gesicht des Konstablers erkl�rte ihr, dass ihm diese Nummer nicht nur durchaus etwas sagte, sondern es sich auch nicht unbedingt um ein ganz gew�hnliches Haus zu handeln schien.</p><p>�Nummer neunzehn?�, vergewisserte er sich. �In dieser Stra�e? Sind Sie sicher?�</p><p>�Ja�, antwortete Bast. �Wieso?�</p><p>Der Mann setzte zu einer Antwort an, belie� es aber dann bei einem fast ver�chtlichen Verziehen der Lippen. Sein Blick saugte sich erneut und dieses Mal ganz unverhohlen an ihrem Kleid fest, als er mit einer Kopfbewegung hinter sich wies. �Das ist gleich dort hinten. Aber Sie sollten nicht allein dorthin gehen.�</p><p>�Dann begleiten Sie mich doch�, schlug Bast vor.</p><p>�Das ist eigentlich nicht mein ...� Er brach ab, r�usperte sich und sah pl�tzlich aus, als w�re ihm etwas eingefallen. �Selbstverst�ndlich, Miss.�</p><p>Als sie losgingen, hielt er ihr sogar den Arm hin, aber Bast schlug das Angebot mit einem wortlosen Kopfsch�tteln aus. Das W�hlen und Rei�en in ihrem Inneren hatte sich ein wenig beruhigt, aber sie wusste nicht, was passieren w�rde, wenn sie ihn wirklich ber�hrte.</p><p>Sie passierten die Pubs und Lokale in raschem Tempo, und Bast lie� ihre Sinne vorsichtig schweifen. Wie sie erwartet hatte, sp�rte sie rein gar nichts von Isis' N�he, was bedeutete, dass sie entweder nicht hier war oder sich �beraus sorgsam abschirmte - das eine w�re �rgerlich, die zweite M�glichkeit h�chst sonderbar und vielleicht sogar ein bisschen beunruhigend -, aber ihr allererster Eindruck von diesem Ort best�tigte sich noch. Auch wenn sie sich normalerweise h�tete, solche Begriffe vorschnell zu benutzen: Dies hier war ein S�ndenpfuhl, die britische Variante von Sodom und Gomorrha, und je l�nger sie lauschte, desto mehr stie� es sie innerlich ab. Bast war nicht pr�de, und Lust oder auch nur Gen�sslichkeit war ihr keineswegs fremd, ganz im Gegenteil. Aber das, was sie nun f�hlte war ... anders. Dumpf, wie ein Ger�usch, das man unter Wasser h�rte und dem jede H�he und jegliche Klarheit fehlte. Ihr war, als bewegte sie sich durch einen Sumpf, aus dem ein unsichtbares fauliges Gas sickerte, welches ganz langsam ihre Sinne zu verwirren begann.</p><p>Der Bobby blieb stehen. �Da w�ren wir.�</p><p>Mittlerweile hatten sie den hell erleuchteten Bereich der Stra�e hinter sich gelassen, und Bast sah erst jetzt, dass es auch hier Licht gab, auch wenn hier nur jede f�nfte Laterne brannte ... und zwar <emphasis>genau </emphasis>jede f�nfte, nicht <emphasis>ungef�hr - </emphasis>was ganz gewiss kein Zufall war, sondern wohl eher eine Sparma�nahme der Stadt, der die Sicherheit der Menschen in diesem Viertel nicht �berm��ig am Herzen zu liegen schien.</p><p>Es war dennoch weder vollkommen dunkel noch g�nzlich einsam. Hinter dem einen oder anderen Fenster brannte Licht, und obwohl sich Bast nun wohlweislich auf ihre - wenngleich sehr scharfen - rein menschlichen Sinne beschr�nkte, sah sie hier und da schattenhafte Bewegung, eine Gestalt in der Dunkelheit oder ein Huschen am Rande der dunstigen Lichth�fe, die die wenigen Stra�enlaternen erzeugten, oder h�rte Ger�usche, die zumeist sehr eindeutig waren.</p><p>Sie befanden sich in der dunkleren und eindeutig billigeren Verl�ngerung der Stra�e, in der Arthur sie abgesetzt hatte, und das Haus mit der Nummer neunzehn - die im �brigen tats�chlich nirgendwo zu lesen war - passte zu dieser Beschreibung: ein heruntergekommener unverputzter Ziegelsteinbau mit halb eingesunkenem Dach und W�nden, in denen sich l�ngst der Schwamm eingenistet hatte. Die Fensterl�den waren ausnahmslos geschlossen, lie�en aber, so verrottet, wie sie waren, trotzdem das unstete rote Licht hindurch, das im oberen Geschoss des Hauses brannte. Das untere Stockwerk des Hauses war dunkel, und die wenigen Fenster waren roh mit Brettern vernagelt, und das allem Anschein nach schon seit Jahren. Eine schmale h�lzerne Treppe mit einem Gel�nder, das ganz so aussah, als ob man es besser nicht als St�tze nehmen sollte, f�hrte in halsbrecherischem Winkel nach oben und m�ndete vor einer T�r, die von zwei tr�be glimmenden Gaslaternen flankiert und von einem vierschr�tigen Kerl bewacht wurde, der selbst in der Dunkelheit und als blo�er Schatten beeindruckend wirkte.</p><p>�Was genau suchen Sie hier, Ma'am?�, erkundigte sich ihr unfreiwilliger F�hrer.</p><p>�Es ist gut, Konstabler�, antwortete sie. �Danke, dass Sie mich begleitet haben. Von hier aus komme ich allein zurecht.�</p><p>�Sind Sie sicher, dass ...�</p><p>�Ja, ich bin sicher�, unterbrach ihn Bast eine Spur sch�rfer. �Gehen Sie nach Hause und k�mmern Sie sich um Ihre Frau und Ihre Kinder.�</p><p>Der Bobby sah sie noch einen halben Atemzug lang hoffnungslos verst�rt an und hatte es dann pl�tzlich sehr eilig, ihrem Befehl Folge zu leisten - denn um nichts anderes hatte es sich gehandelt. Wahrscheinlich w�rde er sich in den n�chsten Tagen �ber sein eigenes Verhalten wundern. Aber er w�rde vermutlich auch nie begreifen, was f�r ein Gl�ck er trotz allem gehabt hatte. Sie h�tte ebenso gut auch daf�r sorgen k�nnen, dass er pl�tzlich sein Interesse an dem einen oder anderen h�bschen Knaben oder jungen Mann hier im East End entdeckte ...</p><p>Bast sah ihm nach, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, und g�nnte sich f�r die gleiche Zeit den kleinen Luxus, weiter in bizarren Rachevorstellungen zu schwelgen. Das war zwar albern und tats�chlich nichts anderes als kindisch, aber es half, auch wenn sie solcherlei Vergeltungsfantasien nie nachgab ...</p><p>Nun ja. H�chst selten.</p><p>Wirklich nicht oft.</p><p>Bast l�chelte noch einen Moment still in sich hinein, dann sch�ttelte sie die kindischen Gedanken endg�ltig ab und ging weiter.</p><p>Der Schatten oben am Ende der Treppe erwachte raschelnd aus seinem D�sen, als er ihr Nahen bemerkte, und Bast sp�rte, wie aufmerksam und bereit er pl�tzlich war; alles andere als der lustlos herumlungernde T�rsteher, der nur die Minuten z�hlte, die er noch ausharren musste. Aber f�r ihn war sie schlie�lich auch nicht mehr als ein - beunruhigend gro�er - Schatten, der sich aus der Dunkelheit heraus auf ihn zubewegte.</p><p>Als sie die Treppe auf halbe H�he erklommen hatte, trat er ihr bis an den Rand des kleinen Absatzes oben entgegen, und sie sp�rte, wie seine Aufmerksamkeit deutlicher Anspannung wich. �Kann ich etwas f�r Sie tun, Sir ...�, fragte er, stockte f�r einen Moment und verbesserte sich dann gleicherma�en irritiert wie �berrascht, als ihr Gesicht in den Lichtschein der beiden kleinen Gaslaternen hinter ihm geriet: �... Ma'am?�</p><p>Bast setzte ihren Weg unbeeindruckt und ohne etwas zu sagen fort, und ganz wie sie erwartet hatte, blieb er nicht einfach stehen, bis er eine zufrieden stellende Antwort bekommen hatte, wie er es zweifellos bei jedem anderen getan h�tte, sondern wich instinktiv zwei oder drei Schritte zur�ck, sodass sie sich auf gleicher H�he gegen�berstanden, als auch Bast endlich stehen blieb. Wortw�rtlich. Er war einer der wenigen M�nner, die nicht nur ebenso gro� waren wie sie selbst, sondern sie tats�chlich noch eine Winzigkeit �berragte. Und er war unglaublich massig. Das allermeiste davon war Fett, und Bast h�tte kein zweites Mal hinsehen m�ssen, um zu erkennen, dass der Bursche alles andere als gut in Form oder auch nur gesund war. Trotzdem war er ein Koloss, dessen blo�er Anblick sicherlich ausreichte, um die meisten zu beeindrucken.</p><p>�Ich bin auf der Suche nach jemandem�, antwortete Bast mit einiger Verz�gerung. Sie l�chelte, so freundlich sie nur konnte, was die Verwirrung ihres Gegen�bers nicht unbedingt zu mindern schien. Er bewegte sich wieder einen halben Schritt auf sie zu oder versuchte es zumindest, hielt aber genauso schnell wieder inne und schien f�r einen Moment einfach nicht zu wissen, wie er reagieren sollte. Schlie�lich fuhr er sich mit dem Handr�cken �ber das stoppelb�rtige Doppelkinn und sagte: �Hier? Ich meine ... wissen Sie, wo Sie hier sind, Ma'am?�</p><p>Besonders das letzte Wort kam ihm sichtlich schwer �ber die Lippen, und obwohl Bast es schon unz�hlige Male erlebt hatte, am�sierte sie sich doch f�r einen Moment �ber den Ausdruck von Hilflosigkeit und Verwirrung auf seinen Z�gen, die sicherlich noch ungleich gr��er gewesen w�re, h�tte sein Stolz es zugelassen. Im allerersten Moment war er offensichtlich nicht ganz sicher gewesen, doch mittlerweile musste er nicht nur an ihrem Kleid und den Konturen darunter erkannt haben, dass er einer Frau gegen�berstand, wenn auch vielleicht der ungew�hnlichsten, die ihm je begegnet war. Es war nicht nur der Umstand, dass sie fast so gro� war wie er und ihr Gesicht schw�rzer als die Nacht, aus der sie aufgetaucht war, oder ihre ungew�hnliche Kleidung und ihre stolze Haltung. Tief in sich waren sie Seelenverwandte, das sp�rte Bast. Mochten sie auch �u�erlich so gut wie nichts gemeinsam haben, so z�hlten sie doch beide nicht zu der Beute, sondern zu den J�gern, und er musste das ebenso deutlich sp�ren wie sie, auch wenn er mit diesem Gef�hl zweifellos nichts anfangen konnte.</p><p>�Es ist ein wenig kompliziert zu erkl�ren�, sagte sie, immer noch l�chelnd, aber ohne seinen Blick dabei loszulassen. �Wenn Sie mich einfach einlassen, schaue ich mich selbst um.�</p><p>Sie wollte weitergehen, doch der Riese vertrat ihr - auch wenn es ihn sichtliche �berwindung kostete, aber sie war schon erstaunt, dass er sie �berhaupt aufbrachte - mit einem automatischen Schritt den Weg und sch�ttelte unsicher den Kopf. �Das ... ist leider nicht m�glich, Ma'am�, sagte er. �Ich meine ... es ist ... leider so, dass Frauen hier ...� Seine Verwirrung war jetzt offensichtlich vollkommen, denn er brach hilflos ab und fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen.</p><p>�... keinen Zutritt haben?�, half Bast aus. Die Antwort bestand aus einem hilflosen Achselzucken, doch er r�hrte sich keinen Zoll von der Stelle.</p><p>Aber Basts Geduld war am Ende. �Das gilt nicht f�r mich�, sagte sie. �Lassen Sie mich vorbei!�</p><p>Aus dem Ausdruck von Verwirrung und Unschl�ssigkeit in seinen Augen wurde abgrundtiefes und mit Schrecken gemischtes Erstaunen, als er mit einem hastigen Schritt beiseitetrat und den Weg freigab.</p><p>Rotes Licht und ein Durcheinander aus Ger�uschen und zum gr��ten Teil unangenehmen, ausnahmslos aber aufdringlichen Ger�chen schlugen ihr entgegen, als sie durch die T�r trat. Der Raum dahinter war unerwartet gro� und hell erleuchtet, wenn auch von einem roten, flackernden Licht, das mehr Schatten als wirkliche Helligkeit schuf und es trotz allem schwer machte, �berhaupt etwas zu erkennen. Die W�nde verbargen sich hinter zerschlissenen Vorh�ngen aus falschem Samt und Streifen von besticktem Brokat, die nicht zusammenpassten, und eine Anzahl nicht minder zerschlissener und bunt zusammengew�rfelter Sofas und Tischchen war wahllos im Raum verteilt. �berall brannten Kerzen und auch die eine oder andere Petroleumlampe - nat�rlich mit einem roten Schirm -, sodass es Bast schon fast wie ein kleines Wunder vorkam, dass das ganze Geb�ude nicht l�ngst in Flammen aufgegangen war, und inmitten der das Auge beleidigenden Unordnung an den W�nden gewahrte sie etliche amateurhaft gemalte Bilder eindeutigen Inhaltes. Gleich gegen�ber dem Eingang sa�en drei junge Frauen auf einer schmuddeligen Chaiselongue, alle drei aufdringlich geschminkt und mit wenig mehr als ihrer Unterw�sche bekleidet. Eine davon war fast noch ein Kind. Nein! Bast sah noch einmal hin und verbesserte sich: Sie <emphasis>war </emphasis>noch ein Kind. Und nur ein kleines St�ck daneben stand ein zerschrammter Sekret�r, hinter dem die fetteste alte Frau hockte, die Bast seit langer Zeit zu Gesicht bekommen hatte. Nebenbei bemerkt, auch so ziemlich die h�sslichste.</p><p>Bast sch�tzte sie auf mindestens dreihundert Pfund, wenn nicht mehr. Das Haar hing ihr wirr in die Stirn, und ihr Gesicht war von einem Leben gezeichnet, in dem es nur Alkohol und andere, sch�dlichere Freuden und viel zu viele Jahre gegeben hatte, in denen sie ihren K�rper und irgendwann, vermutlich ohne es selbst zu bemerken, auch ihre Seele verkauft hatte. Ihre Augen starrten Bast mit einem Misstrauen an, das schon so sehr Teil ihrer selbst geworden war, dass sie es selbst nicht mehr bemerkte, und f�r einen ganz kurzen Moment erschien ein Ausdruck von �berraschung und Erstaunen darin, dann wechselte er zu Zorn, als ihr Blick Basts Gesicht loslie� und das des T�rstehers hinter ihr fixierte.</p><p>�Was f�llt dir ein, Ben ...?�, begann sie, w�hrend sie bereits mit einem Ruck aufstand und mit kleinen, stampfenden Schritten und h�rbar �chzend vor Anstrengung unter ihrem eigenen Gewicht um den Sekret�r herumkam.</p><p>Bast brachte sie mit einer beil�ufig wirkenden Geste zum Schweigen. �Das ist in Ordnung�, sagte sie. �Ich habe ihn gebeten, mich einzulassen.�</p><p>Das fl�chige, nur aus Falten bestehende Gesicht der Alten zeigte einen verwirrten, beinahe schon best�rzten Ausdruck, aber nat�rlich widersprach sie nicht, und nach einem weiteren Atemzug h�rte Bast, wie die T�r hinter ihr ins Schloss gedr�ckt wurde. Sie hatte kein gutes Gef�hl, zumal die drei Frauen auf der Couch pl�tzlich nicht nur �berrascht, sondern geradezu fassungslos dreinblickten, aber sie hatte auch keine Zeit und erst recht keine Lust, sich mit der Alten herumzustreiten. So freundlich, wie sie nur konnte - was bedeutete, dass ihr L�cheln nicht halb so herzlich war wie das, welches sie gerade dem Kerl auf der Treppe geschenkt hatte -, sagte sie: �Bitte verzeihen Sie den �berfall. Ich bin auf der Suche nach einer Freundin, und man hat mir gesagt, dass ich sie vielleicht hier finden k�nnte.�</p><p>Sie wusste, dass Isis nicht hier war. Ganz gleich, wie gut sie sich auch zu verstecken versuchte, h�tte sie sich in diesem Geb�ude oder auch nur in der N�he aufgehalten, h�tte sie es gesp�rt. Aber irgendwo musste sie ja schlie�lich mit ihrer Suche anfangen. Behutsam lockerte sie den Griff um den Willen der abenteuerlichen Empfangsdame, wenn auch nicht weit genug, um irgendein Risiko einzugehen. Die beiden �lteren Frauen auf der Couch starrten sie weiter fassungslos und mit offenem Mund an, w�hrend das M�dchen zwischen ihnen aus blicklosen Augen ins Leere starrte.</p><p>Aber Bast verbot es sich, irgendetwas zu sagen. Sp�ter. Vielleicht.</p><p>�Eine Freundin?�, vergewisserte sich die Alte mit leicht schleppender Stimme. Ihr Blick flackerte, und ihre H�nde begannen kleine, unbewusste Bewegungen zu vollf�hren, mit denen sie am Stoff ihres sch�bigen Kleides zupfte. �Hier?�</p><p>�So hat man es mir gesagt�, antwortete Bast. Sie bem�hte sich, ihr L�cheln ein bisschen herzlicher wirken zu lassen, wenn auch ohne gro�en Erfolg. �Eigentlich m�ssten Sie sich an sie erinnern. Sie sieht mir ein wenig �hnlich.�</p><p>�Hier ist niemand, der aussieht wie du, Sch�tzchen�, antwortete die Alte ver�chtlich. Vielleicht lie� Bast ihr etwas zu viel Freiheit, denn obwohl sie noch immer eine gro�e Verwirrung und noch eine Spur von Angst in ihren Augen las, erschien nun auch zugleich etwas wie Gier darin, eine anz�gliche, begehrliche Gier, die eine kurze, aber hei� lodernde Flamme von Zorn in ihr aufflackern lie�. Aber sie beherrschte sich weiter.</p><p>�Wahrscheinlich tr�gt sie andere Kleidung und vermutlich auch eine andere Haartracht�, fuhr sie mit unver�nderter Stimme fort und ma� die beiden Frauen neben ihr zugleich mit einem fragend-auffordernden Blick. Die �ltere von ihnen reagierte gar nicht, w�hrend die andere ganz sacht den Kopf sch�ttelte. Bast war verwirrt. Weder die Alte noch diese beiden hatten gelogen - das h�tten sie gar nicht gekonnt in diesem Moment -, doch je aufmerksamer sie zugleich auch ihre anderen Sinne umhertasten lie�, desto deutlicher sp�rte sie, dass Isis tats�chlich hier gewesen war. Vor nicht allzu langer Zeit. Ihre Gegenwart hing wie ein schwacher, bet�render Duft in der Luft, der vergebens den Gestank nach Gewalt und Leid und tierischer Lust zu durchdringen versuchte, der diesen grauenhaften Ort beherrschte. Was um alles in der Welt hatte Isis nur an einem Ort wie diesem gesucht?</p><p>�Wie hei�t denn deine Freundin, Sch�tzchen?�, fragte die Alte. Sie schnaubte immer noch, als h�tte sie soeben einen langen anstrengenden Fu�marsch hinter sich gebracht, und nicht die wenigen Schritte um den Sekret�r herum. �Und wer hat dir erz�hlt, dass du sie hier bei uns findest?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Bast.</p><p>�Du wei�t nich', wie deine Freundin hei�t?�</p><p>�Sie wird sicher nicht unter ihrem richtigen Namen hier leben�, antwortete Bast.</p><p>�Weil sie Dreck am Stecken hat�, vermutete die Alte, und Bast sch�ttelte noch einmal und jetzt sp�rbar ver�rgert den Kopf. Bevor sie antwortete, ging sie die wenigen Schritte zur Chaiselongue hin und lie� sich vor dem jungen M�dchen in die Hocke sinken, um ihr direkt ins Gesicht sehen zu k�nnen. Das Kind reagierte nicht auf ihre Ann�herung. Sein Blick schien geradewegs durch sie hindurchzugehen.</p><p>�Der Name, den sie in ihrer Heimat tr�gt, w�re hier sehr ... ungew�hnlich. Deshalb nehme ich an, dass sie sich einen Namen zugelegt hat, der einem Abendl�nder ein wenig leichter �ber die Zunge geht.�</p><p>�Der 'nem Abendl�nder ein wenig leichter �ber de Zunge jeht�, wiederholte die Alte, wobei sie in einen noch breiteren, fast schon ordin�ren Slang verfiel. �Na dann pass mal auf, dass du nich' �ber deine eigene stolperst, Sch�tzchen. Ei'm Abendl�nder! Sprecht ihr bei euch alle so jestelzt?� Sie lachte meckernd und sch�ttelte so heftig den Kopf, dass Bast die Bewegung sp�rte, obwohl sie nicht einmal in ihre Richtung sah. �Nee, so eine war nich' hier. An jemand, der so 'ne jequirlte Kacke redet, w�rd ich mich bestimmt erinnern.�</p><p>Bast erwiderte nichts darauf, sondern ber�hrte das M�dchen behutsam an der Wange und versuchte seinen Blick einzufangen, aber es gelang ihr nicht. Die Augen der Kleinen waren so leer wie ihr Gesicht, das ausgesprochen h�bsch gewesen w�re, w�re darin auch nur die Spur irgendeines Gef�hls gewesen. Und auch das, was sie f�hlte, als Bast in sie hineinzulauschen versuchte, war kaum weniger beunruhigend. Nur ein Gemisch aus dumpfer Furcht und Resignation.</p><p>�Was habt ihr mit ihr gemacht?�, fragte sie.</p><p>Die Frage galt den beiden Frauen vor ihr, aber es war die Alte, die antwortete. �Niemand hat was mit der Kleinen <emphasis>gemacht, </emphasis>Sch�tzchen�, sagte sie scharf. �Sie is' 'n bisschen m�de, das ist alles. Hat sich wohl zu viel zugemutet, die Kleine. Schlie�lich is' sie ja noch 'n halbes Kind.�</p><p>Bast konnte nicht sagen, was sie im ersten Moment w�tender machte: das, was die Alte und ihre Handlanger diesem unschuldigen Kind angetan hatten, oder die Kaltschn�uzigkeit, mit der sie �ber sie sprach, als w�re sie kein Mensch, sondern ein Ding, �ber das sie nach Belieben verf�gen konnte. Sie beherrschte sich, aber es kostete sie fast alle Kraft, die sie aufbringen konnte. So sehr der Anblick des dunkelhaarigen blassen M�dchens auch ihr Herz anr�hrte - sie war nicht deswegen hier.</p><p>�Also, deine Freundin is' nich' hier�, fuhr die Alte hinter ihr fort. Ihre Stimme war um einen Hauch sch�rfer geworden. �Niemand hat sie gesehen, und niemand kennt sie. Wenn deine Fragen damit beantwortet sind, kannst du wieder gehen.�</p><p>�Ist es Ihnen unangenehm, �ber sie zu sprechen?� Bast stand auf, drehte sich betont langsam zu ihr herum und sah so kalt und absch�tzig auf sie herab, wie sie nur konnte. Es zeigte nicht die geringste Wirkung. Offensichtlich geh�rte die Puffmutter nicht zu den Menschen, die sich einsch�chtern lie�en und war innerlich genauso robust, wie ihr �u�eres vermuten lie�. Und mindestens ebenso verkommen.</p><p>�Noch was?�, fragte sie in pl�tzlich fast drohendem Ton. �Zu viele Fragen zu stellen is' nich' gut f�rs Gesch�ft, wei�t du? Muss ich erst Ben rufen, damit er dir beim Rausgehen hilft?�</p><p>Bast hatte nicht �bel Lust, es darauf ankommen zu lassen, und sei es nur, um die Reaktion der Alten zu sehen, wenn sie ihren Muskelberg wirklich hereinrief und er ihr nicht nur galant die Hand k�sste, sondern auch alle ihre Fragen brav und bis ins Detail beantwortete. Aber sie mahnte sich zur Ruhe. Daf�r, dass sie nur ein paar diskrete Erkundigungen hatte einziehen wollen, hatte sie schon viel zu viel Aufsehen erregt.</p><p>�Sind Sie ganz sicher, dass Sie sie nicht gesehen haben?�, fragte Bast ruhig. �Es ist sehr wichtig f�r mich, m�ssen Sie wissen. �berlegen Sie bitte noch einmal. Sie ist etwas kleiner als ich und hat langes schwarzes Haar, das sie gerne zu einer Frisur bindet, die man hier ... einen Pferdeschwanz nennt, glaube ich. Sie muss vor ungef�hr zwei Jahren gekommen sein.�</p><p>�Nie jesehen�, beharrte die Alte. Und sie sagte die Wahrheit. Bast hatte ihre Frage nicht nur auf der Ebene des H�rbaren gestellt, und sie �bte genug Druck aus, um sicher zu sein. Vielleicht mehr, als gut war.</p><p>Doch sie bekam Hilfe von unerwarteter Seite. �Das k�nnte Patsy sein�, sagte die j�ngere der beiden Frauen.</p><p>Die Augen der Alten verengten sich zu zwei schmalen, �rgerlichen Schlitzen, die in der feisten Masse ihres Gesichtes beinahe verschwanden, und Bast drehte sich rasch wieder zu den beiden Frauen um, wobei sie es sorgsam vermied, das M�dchen zwischen ihnen auch nur anzusehen.</p><p>�Patsy?�</p><p>�Sie ist vor zwei Jahren aufgetaucht�, antwortete sie. �Ganz wie Sie es gesagt haben. Sie hat einen Job gesucht, aber sie war nicht lange hier. Nur ein paar Tage.�</p><p>�Einen Job?�, wiederholte Bast ungl�ubig. �Sie hat eine Arbeit gesucht? <emphasis>Hier</emphasis>?� Alles in ihr wollte die blo�e Vorstellung emp�rt von sich weisen.</p><p>Und doch ... es <emphasis>w�re </emphasis>m�glich. Vollkommen absurd, aber m�glich. Sie war schockiert.</p><p>�Ich hab sie rausgeschmissen�, best�tigte die Alte. �Hat genau so 'ne jequirlte Kacke geredet wie du und die Kunden dumm angequatscht. So was kann ich hier nich' gebrauchen.�</p><p>�Sie hat schwarzes Haar und sieht Ihnen tats�chlich eine bisschen �hnlich�, fuhr die andere fort.</p><p>�Nur, dass sie nicht schwarz ist�, sagte die Alte. Sie machte ein ordin�res Ger�usch. �Und jetzt zieh endlich Leine, Sch�tzchen. Wenn du die Kleine willst, sie kostet zwei Pfund die Stunde. Wenn nicht, verschwinde von hier und halt uns nicht auf. Es sei denn, du willst in Wahrheit was ganz anderes.�</p><p>�Und was k�nnte das sein?�, fragte sie ruhig.</p><p>�Vielleicht suchst du ja auch Arbeit�, antwortete die Alte grinsend. Der Blick, mit dem sie Bast nun ma�, wurde ... taxierend, auf eine anz�gliche Art, die ihr umso schlimmer erschien, als er von einer Frau kam. �Du redest zwar einen gottesl�sterlichen Unsinn, aber so wie du aussiehst ... Ich kenn da ein paar Gentlemen, die 'ne Menge Geld f�r ein Sch�ferst�ndchen mit dir springen lassen w�rden. Also wenn du interessiert bist, lass es mich wissen, Sch�tzchen. Ich bin sicher, wir werden uns schon einig.�</p><p>Bast beherrschte ihre schon wieder aufflackernde Wut mit immer mehr M�he. Aber sie hielt sich im Zaum. Statt irgendetwas zu sagen, drehte sie sich wieder zu den beiden anderen Frauen um. Sie wollte es nicht, aber ihr Blick suchte wie von selbst den des M�dchens und fand auch diesmal nichts als Leere. Pl�tzlich sp�rte sie einen harten Klo� im Hals, der ihr fast schwer machte, zu atmen. Ein Leben, das zu Ende war, noch bevor es wirklich begonnen hatte. Sie h�tte der Alten befehlen k�nnen, das M�dchen nicht nur gehen zu lassen, sondern ihr auch einen sicheren Platz zu suchen und sie au�erdem mit einer gro�z�gigen Entsch�digung auszustatten, und sie h�tte es ohne zu Z�gern getan ... aber wozu? Schon bald w�re sie nicht mehr hier, um ihre sch�tzende Hand �ber das M�dchen zu halten, und dann w�rde es nur umso mehr unter dem leiden, was sie getan hatte. Um noch einmal Isis' Lieblingssatz zu zitieren: <emphasis>Du kannst nicht die ganze Welt retten, Liebes.</emphasis></p><p>�Wo finde ich diese Patsy?�</p><p>�Versuch's dr�ben im <emphasis>Ten Bells</emphasis>�<emphasis>,</emphasis> sagte die Alte, bevor eine der beiden anderen ihre Frage beantworten konnte. �Ich hab geh�rt, da is' sie manchmal. Is' aber schon eine Weile, dass sie das letzte Mal dort aufgetaucht is'.�</p><p>�Daf�r, dass Sie nichts �ber sie wissen, wissen Sie eine Menge �ber sie, finde ich�, sagte Bast k�hl.</p><p>�Ich wei� was �ber Patsy, nicht �ber deine Freundin�, erwiderte sie. �Das is' nich' die, nach der du suchst. Aber geh ruhig hin und bring dich in Schwierigkeiten, wenn du willst. Wird aber umsonst sein.�</p><p>Bast setzte zu einer scharfen Antwort an. Aber sie lauschte gleichzeitig auch noch einmal in ihr Gegen�ber hinein und schrak diesmal sogar ganz k�rperlich ein kleines St�ckchen vor ihr zur�ck. Da war etwas tief in ihr, etwas Dumpfes, Fauliges, das allm�hlich in ihr heranwuchs und sie verzehren w�rde. Sie w�rde sterben, und das sehr bald.</p><p>Das hatte keinen Sinn mehr. Bast hatte l�ngst eingesehen, dass es ein Fehler gewesen war, �berhaupt herzukommen. Sie verstand nicht mehr ganz, warum sie es �berhaupt getan hatte. Sie begann Fehler zu machen.</p><p>Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich herum und verlie� das zweifelhafte Etablissement.</p><empty-line/><empty-line/><p>Das <emphasis>Ten Bells, </emphasis>im Schatten von Christs Church gelegen, stellte sich als eines jener Lokale heraus, vor Jenen Arthur sie gewarnt hatte. Von au�en winzig, ein schmalbr�stiges, hohes Haus mit vergitterten Fenstern, die eher an Schie�scharten erinnerten und es irgendwann vor langer Zeit vielleicht sogar einmal gewesen sein mochten, entpuppte es sich als ein einzelner niedriger Raum, den man anscheinend gewonnen hatte, indem die Trennw�nde zu den benachbarten Geb�uden einfach herausgerissen worden waren. Schwere, grob gezimmerte Balken, von denen einige schon bedrohlich durchhingen, st�tzten die Decke, und die Luft war so verr�uchert und dick, dass sie in der Kehle brannte und ihr die Tr�nen in die Augen trieb.</p><p>Bast hatte eine geraume Weile gez�gert, das Lokal �berhaupt zu betreten; nicht aus Furcht - dazu bestand nicht der geringste Grund -, sondern weil sie einfach v�llig verwirrt und durcheinander war.</p><p>Es lag an dem M�dchen. Sie wurde die Erinnerung an das schmale Gesicht mit den so schrecklich leeren Augen einfach nicht los. Isis hatte zweifellos recht, zugleich aber auch so unrecht, wie es nur ging. Niemand konnte die ganze Welt retten, nicht einmal sie - aber vielleicht wog es manchmal ebenso viel, sich auch nur um ein einziges Leben zu sorgen.</p><p>Mindestens genauso aber schockierte sie die Welt, in der sie sich unversehens wiedergefunden hatte, als sie aus Arthurs Wagen gestiegen war. Selbstverst�ndlich gab es Pl�tze wie diesen auch in ihrer Heimat, und Bast war in ihrem langen Leben schon an Orten gewesen und hatte Dinge erlebt, die selbst der alten Puffmutter die Schamesr�te ins Gesicht getrieben h�tten ... aber warum sollte Isis hierhergekommen sein? Gut, sie war gewissen Belangen des Lebens gegen�ber schon immer weit offener gewesen als sie selbst, aber das hier war ... Schmutz, in jeglicher Hinsicht. Etwas, das sie einfach <emphasis>nicht n�tig hatte, </emphasis>ganz gleich, wonach sie auch suchen mochte.</p><p>Und Isis war auch nicht im Ten <emphasis>Bells, </emphasis>wie Bast erkannte, als sie durch die T�r trat und einen ersten Blick in die Runde warf. Nicht einmal ihren scharfen Augen w�re es m�glich gewesen, in dem gro�en, hoffnungslos �berf�llten Raum mit seinem Durcheinander aus Tischen und B�nken und dicht an dicht dasitzenden Leibern auf Anhieb eine bestimmte Person auszumachen, aber sie h�tte ihre N�he ebenso zweifelsfrei gesp�rt, wie sie es gewusst h�tte, w�re sie in einem der Zimmer am oberen Ende der Treppe gewesen.</p><p>�He, S��e, komm rein und mach die T�r zu, oder geh wieder und mach sie von drau�en zu�, kr�hte eine betrunkene, aber halbwegs fr�hliche Stimme irgendwo links von ihr.</p><p>Bast machte sich nicht einmal die M�he, hinzusehen. Sie hatte schon viel eher damit gerechnet, angesprochen zu werden - und ein Teil von ihr, den sie immer m�hsamer noch im Zaum halten konnte, gierte geradezu danach -, und immerhin hatte der Bursche zumindest den Mut aufgebracht, sie �berhaupt anzusprechen, statt sie nur anzustarren, wie es im Augenblick praktisch jedermann tat, der in der N�he des Eingangs sa�. Sie schloss auch die T�r nicht hinter sich, sondern schlenderte langsam in Richtung der lang gestreckten Theke, die die gesamte rechte Seite des Raumes beherrschte. Das Interesse an ihrer Person schien hinter ihr ebenso schnell wieder zu erl�schen, wie es aufgeflammt war, und im Grunde, �berlegte sie, h�tte sie hier gar nicht auffallen d�rfen, trotz ihres exotischen �u�eren. Das Ten <emphasis>Bells </emphasis>war ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Menschenrassen und -klassen. Bei den meisten handelte es sich um einfache Arbeiter und Tagel�hner, von denen in Anbetracht der fortgeschrittenen Stunde der Gro�teil bereits betrunken war, aber Bast gewahrte auch M�nner - meist fortgeschrittenen Alters - in feineren Kleidern, Frack und Zylinder oder Gehrock, und zu ihrer nicht geringen �berraschung selbst einige Asiaten und zwei hochgewachsene Dunkelh�utige, von denen sie mindestens einer auf eine Art interessiert ansah, die ihr �berhaupt nicht gefiel. Ganz kurz �berlegte sie, sich an ihn zu wenden und ihn nach Isis zu fragen, entschied sich aber dann dagegen und setzte stattdessen ihren Weg zur Theke fort. Trotz des Gedr�nges fiel es ihr unerwartet leicht, denn wer immer sie sah, versuchte ihr ganz instinktiv Platz zu machen, nur dass es manchmal einfach nicht ging.</p><p>Ihre auff�llige Erscheinung erwies sich ausnahmsweise einmal als Vorteil, denn obwohl an der Theke ein solches Gedr�nge herrschte, dass das Personal dahinter mit dem Ausschenken kaum nachkam, musste sie nur wenige Augenblicke warten, bis die Bedienung kam: ein kleinw�chsiger d�rrer Kerl mit schmutzigen H�nden und noch schmutzigeren roten Haaren, der auf den ersten Blick so aussah, als w�re er kaum alt genug, um das trinken zu d�rfen, was er ausschenkte.</p><p>�Was darf's sein?�, fragte er, nicht nur nahezu akzentfrei, sondern auch mit einem vollkommen ehrlichen L�cheln, das das d�stere Lokal ringsum ebenso aufzuhellen schien wie Basts Stimmung.</p><p>�Etwas zu trinken und eine Auskunft�, antwortete Bast, �wenn das m�glich w�re.�</p><p>�Das Getr�nk auf jeden Fall�, antwortete der Rothaarige schmunzelnd und ma� sie mit einem weiteren freundlichen, aber auch ganz unverhohlen neugierigen Blick. �Was wollen Sie denn trinken?�</p><p>�Das ist mir gleich. Beraten Sie mich.� Bast griff in ihren Beutel und zog zwei Sixpencest�cke heraus, die schneller in seiner Rocktasche verschwanden, als ihre Blicke der Bewegung folgen konnten. Nahezu ebenso schnell verschwand er und kam gleich darauf mit einem Krug Bier zur�ck, und das eindeutig zu schnell, um es frisch gezapft zu haben. Bast probierte trotzdem davon und verzog anerkennend die Lippen, um ihr am�siertes L�cheln zu kaschieren: Wie sie es erwartet hatte, war das Bier zu warm und auch nicht mehr ganz frisch. Aber er hatte etwas f�r sie ausgew�hlt, was er anscheinend f�r passend hielt: starkes, pechschwarzes Ale. Der Bursche gefiel ihr.</p><p>�Und was wollen Sie wissen?�, fragte er.</p><p>�Ich suche jemanden�, antwortete Bast, w�hrend sie einen zweiten, gr��eren Schluck nahm. Der Geschmack wurde dadurch nicht besser. �Eine Frau. Man hat mir gesagt, dass sie manchmal hier verkehrt. Ihr Name ist Patsy.�</p><p>�Patsy Kline?�, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen. <emphasis>Klang </emphasis>er <emphasis>ein bisschen erschrocken? </emphasis>Sein L�cheln begann auf jeden Fall so schnell zu verblassen, dass man dabei zusehen konnte.</p><p>Bast hob die Schultern. �Ich kenne nur ihren Vornamen�, sagte sie. �Aber man hat mir versichert, dass sie h�ufiger hier verkehrt und dass man sie hier kennt.�</p><p>�Wissen Sie, wie viele hier �h�ufig verkehren�?� Der junge Bursche tat einen Moment lang so, als verst�nde er gar nicht, wovon sie sprach, aber er war kein besonders guter Schauspieler, und nach einem kurzen Moment schien er das auch selbst einzusehen. �Sie ist manchmal hier�, sagte er. �Hab sie aber schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Und ich wei� nicht viel �ber sie. Was wollen Sie denn von ihr?�</p><p>Er log, das sp�rte Bast. <emphasis>Warum? </emphasis>�Und wer kann mir sagen, wo ich sie eventuell finde?�, fragte sie.</p><p>Von der Freundlichkeit des Rothaarigen war nicht mehr viel �brig, und Bast sp�rte, wie sich auch die Stimmung in ihrer unmittelbaren Umgebung ver�nderte. Es wurde stiller, als mehr als einer der G�ste seine Unterhaltung unterbrach und sie unauff�llig zu belauschen versuchte oder sie auch ganz offen anstarrte. Wie es aussah, war der Name Patsy Kline hier nicht unbekannt.</p><p>�Fragen Sie die da hinten, am letzten Tisch am Fenster.�</p><p>Basts Blick folgte der Richtung, in die seine ausgestreckte Hand wies. Unter dem schmalen Fenster am anderen Ende des �berf�llten Raumes standen gleich drei Tische, und alle waren voll besetzt. Irgendetwas musste sie wohl falsch gemacht haben, aber sie konnte sich jetzt weniger denn je vorstellen, dass sie tats�chlich �ber Isis sprachen. Sie sollte gehen und ihre Suche anderswo fortsetzen.</p><p>Aber es war bislang ihre einzige Spur. Also leerte sie ihren Krug mit wenigen, gro�en Schlucken, stellte ihn ein wenig heftiger als notwendig auf die Theke zur�ck und gab dem Rothaarigen mit einer Kopfbewegung zu verstehen, ihr einen zweiten an den Tisch zu bringen. Er schien widersprechen zu wollen - Bast hatte bisher keine einzige Bedienung hier drinnen gesehen, und anscheinend war es �blich, dass sich die G�ste ihre Getr�nke selbst holten, was auch das Gedr�nge an der Theke erkl�rte -, aber sie gab ihm gar nicht erst die Gelegenheit dazu, sondern wandte sich um und bahnte sich einen Weg durch das Gedr�nge.</p><p>Auch jetzt wurde ihr Platz gemacht, wo es nur ging, und auch jetzt sp�rte sie die gleicherma�en neugierigen wie misstrauischen Blicke, die ihr folgten, mit beinahe k�rperlicher Intensit�t. Und obgleich dies ein Gef�hl war, das sie nun wahrlich kennen sollte, fiel es ihr zunehmend schwerer, es zu ignorieren. Bast versuchte vergebens, ihre eigenen Gef�hle zu analysieren. <emphasis>Was war los mit ihr? </emphasis>Sie war als J�gerin hierhergekommen, aber sie f�hlte sich in zunehmendem Ma�e verunsichert und ... belauert. Wie Beute.</p><p>Sie hatte die drei Tische erreicht, die der Rothaarige ihr gewiesen hatte. Die beiden vorderen waren mit den �blichen Zechern besetzt, ebenso einfachen wie groben Typen mit harten und zum Gro�teil von einem ausschweifenden Leben gezeichneten Gesichtern, die sie mit einer Mischung aus Erstaunen und anz�glicher Neugier anstarrten. Einer der Burschen machte eine Bemerkung, die zu verstehen Bast sich gar nicht erst die M�he machte. An dem dritten Tisch, der ganz am Ende des Raumes an der Wand stand, sa�en vier Frauen unterschiedlichen Aussehens, zugleich aber auch irgendwie �hnlicher Art. Drei von ihnen waren vielleicht in Basts Alter - zumindest in dem, nach dem sie aussah -, w�hrend die vierte deutlich j�nger sein musste; vielleicht Anfang zwanzig, wenn nicht weniger. Alle vier waren auf �hnliche Weise gekleidet, und Bast war sicher, dass der einzige Grund, weshalb sie nicht nur in Mieder und Strumpfhaltern dasa�en, in der selbst f�r die Jahreszeit untypischen K�lte zu suchen war, die drau�en herrschte. Auch hier bildete die J�ngere vielleicht die einzige Ausnahme, denn sie trug als Einzige nicht nur das Haar zu einem strengen Knoten gebunden, sondern auch ein hochgeschlossenes, einfaches Kleid, das nichts zeigte, trotzdem aber auf eine raffinierte Art aufreizend wirkte. Man sah ihm an, dass es einmal teuer gewesen sein musste, nun aber nicht nur seine besten Tage bereits hinter sich hatte, sondern ganz offensichtlich auch f�r eine andere Besitzerin geschneidert und sp�ter eher schlecht als recht umge�ndert worden war.</p><p>�Ja?�, fragte einer der �lteren Frauen. Sie versuchte �berraschung zu heucheln, was ihr aber nicht wirklich gelang. Sie und die anderen hatten Basts Ann�herung nat�rlich bemerkt und sie schon auf halbem Wege neugierig in Augenschein genommen.</p><p>�Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Unterhaltung st�re�, antwortete Bast. �Aber die Bedienung an der Theke hat mir gesagt, dass Sie mir m�glicherweise helfen k�nnten.�</p><p>Die Frau, die sie angesprochen hatte, sagte gar nichts dazu, sondern runzelte nur die Stirn und sah jetzt ein bisschen misstrauisch aus, w�hrend ihre Nachbarin ihr Glas zur Hand nahm und einen geh�rigen Schluck daraus trank, bevor sie fragte: �Kommt drauf an, wobei.�</p><p>�Ich bin auf der Suche nach einer Freundin�, antwortete Bast. �Man hat mir gesagt, dass Sie sie kennen. Ihr Name ist Patsy. Patsy Kline.�</p><p>Jetzt starrten sie alle vier an. Vor allem die J�ngere sah pl�tzlich beinahe ein bisschen feindselig aus.</p><p>�Kommt darauf an, was du von ihr willst, Sch�tzchen�, sagte diejenige, die sie zuerst angesprochen hatte.</p><p>�Na, kannst du dir das nicht denken, Liz?�, mischte sich einer der Burschen vom Nebentisch ein. Er lachte, ein leises, unangenehmes Ger�usch. �Schau sie dir an. Patsy ist doch daf�r bekannt, dass sie ab und an auch nichts gegen ein h�bsches Weibsst�ck einzuwenden hat.�</p><p>�Wenn der Preis stimmt�, f�gte sein Tischnachbar hinzu.</p><p>Bast wandte langsam den Kopf und brachte ihn und seinen Kumpan mit einem eisigen Blick zum Verstummen. Woran sich nichts �nderte, das war die anz�gliche Art, auf die nicht nur die beiden sie musterten, sondern auch die zwei anderen M�nner, die mit ihnen am Tisch sa�en. Keiner von ihnen war deutlich �lter als zwanzig, sch�tzte Bast, und keiner kleiner als sechs Fu� und damit genau in jener Verfassung, in der jugendliches Ungest�m und die Kraft und Statur eines Erwachsenen nur zu oft eine ganz besonders gef�hrliche Mischung ergaben. Den Rest hatte der Alkohol erledigt, dem sie in offensichtlich gro�em Ma�e zugesprochen hatten. Der Tisch vor ihnen war �bers�t mit leeren Bierkr�gen und Gl�sern, die weitaus st�rkere Getr�nke enthalten hatten. Sie taxierte die vier nacheinander mit einem raschen, aber sehr aufmerksamen Blick, kam zu dem Schluss, dass sie keine wirkliche Gefahr darstellten, und wandte sich wieder den Frauen zu.</p><p>�Mein Name ist Bast�, sagte sie, w�hrend sie sich ungefragt einen freien Stuhl vom Nebentisch heranzog und darauf niederlie�. �Vielleicht hat sie einmal von mir gesprochen.�</p><p>Alle vier sahen sie nur weiter auf eine Art an, die klarmachte, dass die Antwort auf diese Frage ein klares Nein war, und schlie�lich sagte die J�ngere: �Bast? Das ist ein seltsamer Name.�</p><p>�Auch nicht verr�ckter als <emphasis>Faye</emphasis>�<emphasis>,</emphasis> kicherte eine Stimme hinter ihr. �Oder <emphasis>Marie-Jeanette.</emphasis>�</p><p>Bast wusste, dass es der M�he nicht wert war. Dennoch drehte sie sich abermals betont langsam auf ihrem Stuhl herum und ma� den Burschen mit einem zweiten, diesmal v�llig anderen Blick, der ihn nicht nur endg�ltig verstummen, sondern auch sp�rbar blass werden lie�. Mit einem Male hatte er es sehr eilig, wegzusehen und einen Punkt irgendwo unter der geschw�rzten Decke anzustarren.</p><p>�Kennen Sie Patsy?�, fragte sie geradeheraus.</p><p>�Nat�rlich kennen wir Patsy, Sch�tzchen�, antwortete eine der Alteren. �Hier gibt's wohl keinen, der sie nicht kennt. Die Frage ist, ob sie dich kennt.�</p><p>Bast schwieg einen winzigen Moment. �Um ehrlich zu sein�, sagte sie schlie�lich, �ich bin nicht einmal ganz sicher.�</p><p>�Du bist nicht sicher, ob Patsy dich kennt?�, wiederholte Liz, mehr verwirrt als misstrauisch. Bast �berlegte, ob Liz die Abk�rzung ihres Vornamens war oder vielleicht f�r das englische <emphasis>Lizard </emphasis>stand, was so viel wie �Echse� bedeutete. Irgendwie h�tte es gepasst. Diese Frau war ... kalt.</p><p>�Ich bin nicht sicher, ob sie wirklich die ist, nach der ich suche�, antwortete Bast. �Ich bin auf der Suche nach einer Freundin, das ist alles. Das Letzte, was ich von ihr wei�, ist eine Adresse hier in der Stadt. Ich habe dort nachgefragt, und man hat mir diesen Namen genannt und mich in dieses Lokal geschickt. Allerdings ...�, sie blickte sich demonstrativ um und gab sich M�he, dabei m�glichst zweifelnd auszusehen, �bin ich mittlerweile nicht mehr ganz sicher, ob man mir nicht einen Streich gespielt hat.�</p><p>�Wie ist denn die Adresse, bei der du gefragt hast?�, erkundigte sich Liz.</p><p>�Hier in dieser Stra�e�, antwortete Bast. �Haus Nummer neunzehn.�</p><p>Die vier Frauen sahen sich einen Moment lang �berrascht und fragend an. Zumindest die J�ngste machte ein betroffenes Gesicht, w�hrend Liz eher noch misstrauischer zu werden schien. <emphasis>Was hatte sie jetzt schon wieder falsch gemacht?</emphasis></p><p>�Hast du mit der fetten Maude gesprochen?�, fragte sie.</p><p>Bast hob die Schultern. �Sie hat mir ihren Namen nicht genannt, aber ...�, sie wiederholte ihr Achselzucken und l�chelte zugleich knapp, �ja, die Beschreibung stimmt.�</p><p>�Dann <emphasis>hat </emphasis>sie dir einen Streich gespielt�, sagte Liz. �Maude hasst neugierige Fragen. Du kannst von Gl�ck sagen, dass du so billig davongekommen bist und sie dir nicht ihren Schl�ger auf den Hals gehetzt hat.�</p><p>�Diesen ... Ben? Ich fand ihn eigentlich ganz nett.�</p><p>�Das ist er auch�, sagte die J�ngere - Faye - rasch, bevor Liz etwas darauf erwidern konnte. �Wenn man ihn ein bisschen besser kennt. Aber wie kommst du darauf, dass Patsy deine Freundin sein k�nnte?�</p><p>�Wo sie ihr doch so �hnlich sieht�, f�gte Liz sp�ttisch hinzu.</p><p>Bast wollte antworten, doch in diesem Moment h�rte sie ein Poltern hinter sich, und zwischen Liz' unsauber gezupften Augenbrauen erschien eine steile Falte. Bast hatte diesen Blick schon zu oft gesehen, um zu wissen, was er bedeutete: �rger.</p><p>Aus ihrer Vermutung wurde Gewissheit, als sie sich herumdrehte.</p><p>Die vier Burschen am Nebentisch starrten sie grinsend an, jetzt aber auch zugleich mit einer geh�rigen Portion Schadenfreude, und der Grund daf�r ragte wie ein schmuddeliger Berg �ber ihr auf und funkelte sie aus Augen an, die vor Wut beinahe schwarz waren. Eigentlich starrte er auch nicht direkt <emphasis>sie </emphasis>an, sondern den Stuhl, auf dem sie sa�. Bast wurde im Nachhinein klar, dass der freie Stuhl in einem so hoffnungslos �berf�llten Lokal eigentlich ungew�hnlich war, und nat�rlich <emphasis>war </emphasis>er auch nicht wirklich frei gewesen. Sein Besitzer, der einen Gestank verstr�mte, als k�me er gerade von einer mit Whisky und schalem Bier gef�llten Latrine zur�ck und h�tte weder Papier noch Wasser benutzt, war jetzt zur�ck, und er machte ganz und gar nicht den Eindruck, als h�tte er vor, den Rest des Abends stehend zuzubringen. Er war nicht sichtbar �lter als die vier anderen, aber noch ein gutes St�ck breitschultriger und gr��er; fast so gro� wie sie selbst.</p><p>�Ja?�, fragte sie.</p><p>�Du sitzt auf meinem Stuhl, Sch�tzchen�, sagte er. Er lallte noch nicht wirklich, war aber allerh�chstens noch einen Krug Bier oder zwei Schn�pse davon entfernt.</p><p>�Er war frei, und mir ist kein Schild mit Ihrem Namen darauf aufgefallen, das an der Lehne gehangen h�tte ... ganz davon abgesehen, dass ich ihn nicht kenne.�</p><p>Der Kerl machte gro�e Augen und versuchte einem Moment lang tats�chlich, ihren Worten einen Sinn abzugewinnen, aber dann verd�sterte sich sein Gesicht noch mehr. �Wenn du mich auf den Arm nehmen willst, dann ...�</p><p>�Mach keinen �rger, Roy�, sagte Liz ruhig. �Setz dich einfach woanders hin.�</p><p>�Halt's Maul.� Der Bursche zog lautstark die Nase hoch und machte Anstalten, ihr das Ergebnis seiner Bem�hungen vor die Fu�e zu spucken - vielleicht auch anderswohin -, und Bast stand auf und drehte sich in der gleichen, flie�enden Bewegung ganz zu ihm um.</p><p>Es funktionierte nicht. Roy wich tats�chlich einen ganzen Schritt vor ihr zur�ck, aber in seinen Augen erschien allenfalls ein Ausdruck sanfter �berraschung, als er ihre Gr��e registrierte, keine Spur von Schrecken oder gar Unsicherheit. Er war vor ihr zur�ckgewichen, um die H�nde freizuhaben, aus keinem anderen Grund.</p><p>�Wenn du glaubst, dass ich ...�</p><p>�Ich glaube nicht, dass es viel Sinn hat, diese Unterhaltung fortzusetzen�, unterbrach ihn Bast, sch�ttelte ansonsten nur den Kopf und sprach nichts von dem aus, was ihr noch auf der Zunge lag. Wie oft hatte sie Situationen wie diese schon erlebt? Sie wusste es l�ngst nicht mehr. Aber dies war wieder einmal eine jener seltenen Gelegenheiten, bei denen sie sich beinahe w�nschte, als Mann geboren zu sein.</p><p>Allerdings wirklich nur <emphasis>beinahe.</emphasis></p><p>�He, wenn es dir hier nicht gef�llt, dann lass uns doch woanders hingehen�, schlug der Kerl vor. �Ich kenne da ein nettes kleines Lokal gar nicht weit von hier, wo wir es uns gem�tlich machen k�nnen. Da gibt's was Anst�ndiges zu trinken. Und hinterher k�nnten wir vielleicht noch ein bisschen Spa� haben.�</p><p>Bast hatte zwar eine ungef�hre Vorstellung davon, was er sich darunter vorstellte, aber sie klammerte sich trotzdem noch einen Moment lang wider besseres Wissen an die Hoffnung, dass der Bursche einfach aufgeben und gehen w�rde, wenn sie ihn nur beharrlich genug ignorierte.</p><p>Aber nat�rlich tat er das nicht, sondern fuhr ganz im Gegenteil fort: �Oder wir gehen erst mal irgendwo einen Happen essen, was h�ltst du davon?�</p><p>�Nichts�, antwortete Bast. �Ich bin nicht hungrig, danke.�</p><p>�Ich auch nicht, ehrlich gesagt�, antwortete er. �Aber ich h�tte Appetit, wenn du verstehst, was ich meine.� Er tat wieder einen halben Schritt und legte ihr die Hand auf die Schulter. Da sie gewusst hatte, dass er ganz genau das tun w�rde, geschah dar�ber hinaus jedoch nichts. �Nun stell dich nicht so an, S��e�, sagte er. �Wir zwei passen doch wunderbar zusammen. Ein Prachtbursche wie ich und ein Rasseweib wie du ...�</p><p>�Es tut mir leid, aber ich m�chte jetzt meine Unterhaltung weiterf�hren�, sagte Bast ruhig, griff nach seiner Hand und dr�ckte seine Finger kurz, aber so kr�ftig zusammen, dass sie seine Gelenke knacken h�ren konnte. Aus der gleichen Bewegung heraus trat sie nun ihrerseits einen halben Schritt auf ihn zu, sodass er vor ihr zur�ckweichen musste, ob er wollte oder nicht. Vielleicht trug ja auch der Umstand dazu bei, dass sie seine Finger weiter mit der Kraft eines Schraubstockes zusammenquetschte. Ein wenig mehr, und sie w�rden brechen. Aber das wollte sie nicht. Noch nicht.</p><p>�Wie gesagt, ich habe etwas anderes vor�, sagte sie ruhig. �Vielen Dank f�r Ihre Aufmerksamkeit, aber ich habe leider keine Zeit mehr.� Sie verst�rkte den Druck auf seine Finger f�r eine halbe Sekunde noch um eine Winzigkeit - nicht genug, um ihn zu verletzen, aber ausreichend, um ihm <emphasis>wirklich </emphasis>weh zu tun, lie� los und l�chelte knapp und so k�hl, wie sie gerade noch konnte, ohne dass es albern wirkte.</p><p>Der Kerl prallte hastig einen Schritt zur�ck und umschloss seine gequetschten Finger mit der anderen Hand. Der Schmerz trieb ihm die Tr�nen in die Augen, aber das war nicht unbedingt ein Zeichen von Feigheit. Ganz im Gegenteil. Bast wusste, wie schmerzhaft ein solcher Griff war. Sie hatte schon weit kr�ftigere M�nner dabei wimmend in die Knie brechen sehen. Und nur den Bruchteil einer Sekunde darauf verschwand der Ausdruck von Schmerz auch aus seinen Augen und machte brodelndem Zorn Platz. Er war nicht nur kein Feigling, dachte Bast, sondern offensichtlich auch hart im Nehmen. Gut zu wissen.</p><p>�Du verdammte bl�de Kuh!�, zischte er. �Ich werd dir ...�</p><p>�Halt den Mund, Roy, und h�r auf Liz und setz dich wieder hin�, sagte eine Stimme hinter ihm. Roy machte ein �berraschtes Gesicht, drehte sich leicht schwankend herum und sah dann noch �berraschter auf eine rothaarige Gestalt hinab, die ihm kaum bis zur Brust reichte und den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen. Es war der Kellner von der Theke, der den Krug Bier brachte, den sie bestellt hatte. Er <emphasis>hatte </emphasis>Angst, das sp�rte Bast, aber er beherrschte sich ausgezeichnet. �Wir wollen keinen �rger hier drin.�</p><p>�Die Schlampe sitzt auf meinem Stuhl�, beschwerte sich Roy. Er knetete seine gequetschten Finger noch immer mit der anderen Hand.</p><p>�Die Schlampe ist eine Lady, und im Moment steht sie neben deinem Stuhl�, antwortete der Rotschopf sanft. �Au�erdem hat sie recht: Dein Name steht nicht drauf.�</p><p>�Er k�nnte ihn sowieso nicht lesen�, meinte Faye und kicherte. �Wenn er ihn �berhaupt kennt.�</p><p>Der Rothaarige warf ihr einen z�gerlichen Blick zu, knallte den Krug so fest auf den Tisch, dass es spritzte, und funkelte Roy warnend an. �Und jetzt spiel ausnahmsweise mal den Gentleman und �berlass einer Dame deinen Platz.�</p><p>�Dame - ha!�, machte Roy. Aber der gef�hrliche Moment war vorbei. Er funkelte Bast noch einen Augenblick lang w�tend und herablassend zugleich an - das war er sich selbst und seinem Ruf bei den anderen schuldig, vermutete sie -, aber schlie�lich wandte er sich mit einer Mischung aus einem Schnauben und einem blubbernden R�lpser ab und wankte um den Tisch herum, um sich zwischen die anderen auf die Bank zu quetschen.</p><p>�Und Sie sollten Ihr Bier austrinken und verschwinden�, fuhr der Rothaarige fort. �Wir brauchen hier keinen �rger. Schon gar nicht mit Roy und seiner Bande.�</p><p>�Vielen Dank, trotzdem�, antwortete Bast. Sie bezahlte das Bier, gab ihm ein gro�z�giges Trinkgeld und schenkte ihm noch ein strahlendes L�cheln obendrauf, das allerdings an ihm abprallte. Sie setzte sich erst wieder, nachdem er gegangen war.</p><p>�Das war ziemlich mutig von dir�, sagte Faye und nickte anerkennend.</p><p>�Eher ziemlich dumm�, murrte Liz. �Mit denen solltest du dich lieber nicht anlegen.�</p><p>�Roy und seine Freunde?� Bast griff nach dem Bierkrug, trank aber nicht davon. Alkohol - egal in welchen Mengen - hatte keine Wirkung auf sie, aber das zweite Bier w�rde auch nicht besser schmecken als das erste. �Keine Sorge. Ich kenne solche M�nner. Hunde, die bellen, bei�en nicht ... so hei�t es doch, oder?�</p><p>�Diese schon�, behauptete Liz. Sie versuchte unauff�llig an ihr vorbeizulinsen, um Roy und seine vier Freunde im Auge zu behalten. �Das sind ganz �ble Kerle. Hier bei uns ist keine, die sie noch nicht ...�</p><p>�Noch nicht was?�, fragte Bast, als sie nicht weitersprach, sondern nur die Lippen zu einem schmalen Strich zusammenpresste, blutleer und so gerade wie eine schlecht verheile alte Narbe. <emphasis>Als ob sie sich das nicht denken konnte.</emphasis></p><p>�Ich nicht�, behauptete Faye. �Er hat's versucht, aber ich hab ihm in die Eier getreten, dass er gedacht hat, sie kommen ihm zu den Ohren wieder raus.�</p><p>�Ja, und danach haben sie dich so zusammengeschlagen, dass du zwei Wochen im Spital gelegen hast�, sagte eine der beiden anderen Frauen.</p><p>�Jedenfalls ist mir keiner von ihnen an die W�sche gegangen�, antwortete Faye patzig. Dann lachte sie leise und trank den Rest aus ihrem Glas. �Jedenfalls nicht, ohne daf�r zu bezahlen.�</p><p>Bast sah sie einen Moment lang mit gespielter �berraschung an, dann drehte sie sich auf ihrem Stuhl herum und sah durch den �berf�llten Raum zur Theke hin. Trotz des Gedr�nges sp�rte der Rothaarige ihren Blick sofort - Bast hatte daf�r gesorgt -, und sie hob die Hand und machte mit gespreizten Fingern auf die vier Frauen am Tisch aufmerksam. Der Rotschopf nickte widerwillig.</p><p>�Hast du die Spendierhosen an?�, erkundigte sich Liz. Sie klang weder �berrascht noch in irgendeiner Art dankbar, aber Bast sp�rte auch, dass ihr Misstrauen nicht ihr pers�nlich galt, sondern der ganzen Welt. Wenn sie lange genug lebte, dachte sie, hatte sie gute Aussichten, ebenso verbittert und feindselig zu werden wie Maude; wenn auch vielleicht nicht so fett.</p><p>Der Gedanke f�hrte zu einem anderen, den sie nicht haben wollte: der Erinnerung an ein bleiches M�dchengesicht, das sie aus leeren Augen vorwurfsvoll anzublicken schien. �Immerhin beantwortet ihr meine Fragen�, antwortete sie ungeschickt. �Und ihr habt mich vor diesen Kerlen gewarnt.�</p><p>�Was immer das helfen mag�, sagte Liz. �Ich bin Elizabeth, aber hier nennen mich alle nur Long Liz. Das da�, sie deutete nacheinander auf die anderen, �sind Kate, Marie-Jeanette und Faye. Du suchst also eine Freundin und meinst, es k�nnte Patsy sein.�</p><p>�Es w�re immerhin m�glich�, antwortete Bast.</p><p>�Ist sie auch ...?�, begann Faye.</p><p>�Schwarz?�, half ihr Bast aus, als sie nicht weitersprach, sondern ganz im Gegenteil pl�tzlich ein bisschen verlegen aussah. Sie musste an das denken, was die Frau in Maudes zwielichtigem Etablissement �ber Patsy gesagt hatte, und sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich bezweifle sowieso, dass ich hier richtig bin. Aber ich hatte diese Adresse - Nummer neunzehn -, und eines von Maudes ... <emphasis>M�dchen </emphasis>hat mir gesagt, dass sie vor ungef�hr zwei Jahren dort aufgetaucht sei. Das h�tte gepasst ... und es ist die einzige Spur, die ich habe.�</p><p>�Dann hast du ein Problem�, sagte die Frau mit dem franz�sisch klingenden Namen. In ihrer Stimme war nicht der leiseste Hauch eines entsprechenden Dialekts. �London ist gro�. Wenn hier eine nicht gefunden werden will, dann wird sie auch nicht gefunden.�</p><p>�Ja, das habe ich bef�rchtet�, seufzte Bast. Sie spielte weiter mit ihrem Krug und setzte ihn dann hastig ab, als sie Liz' Stirnrunzeln bemerkte. Der Krug fasste nahezu eine halbe Gallone und musste an die f�nf Pfund wiegen. Selbst die Kerle am Nebentisch hoben ihre Kr�ge mit beiden H�nden an, wenn sie daraus tranken. �Wahrscheinlich war es dumm von mir. Immerhin war ich bei Maude und habe gesehen, welche Art von <emphasis>Gesch�ft </emphasis>sie betreibt.�</p><p>�Und jetzt bist du schockiert, dass sie sich mit solchen wie uns abgibt?�, fragte Liz.</p><p>�Keineswegs�, antwortete Bast ruhig. �Ich bin keine Moralistin. Was jemand tut oder nicht, ist ganz allein seine Entscheidung.� <emphasis>Vorausgesetzt, er ist alt genug, um diese Entscheidung zu treffen.</emphasis></p><empty-line/><empty-line/><p>�Wie nobel�, sagte Liz.</p><p>�Aber es k�me hin�, sagte Faye hastig und wenigstens zum Teil wohl auch, um Liz zum Schweigen zu bringen. Sie legte den Kopf schr�g und sah Bast forschend an. �Wenn ich es genau bedenke, siehst du ihr sogar ein bisschen �hnlich.�</p><p>�Ha!�, machte Kate.</p><p>�Nein, im Ernst�, beharrte Faye. �Ich meine: Nat�rlich sieht sie ihr kein bisschen �hnlich, aber trotzdem ...� Sie lachte nerv�s. �Also wenn Patsy schwarz w�re, dann k�nnte man glauben, sie w�ren Schwestern.�</p><p>�Bl�dsinn�, schnaubte Liz, w�hrend Bast nun doch einen Schluck von ihrem warmen Ale nahm; wenn auch nur, um sich hinter dem wuchtigen Krug zu verstecken. Faye war eine ausgezeichnete Beobachterin. Tats�chlich sahen sich Isis und sie nicht im Geringsten �hnlich, aber da war noch eine andere, tiefer gehende Art der Verwandtschaft, die dem sehenden Auge verborgen blieb, welche die junge Frau aber ganz offensichtlich sp�rte.</p><p>Fast zu ihrer Erleichterung kam in diesem Moment der Rotschopf, um ihre Bestellung zu bringen; ein Tablett mit vier Gl�sern, die billigen, daf�r aber umso st�rkeren Whisky enthielten.</p><p>�Das ist die letzte Runde, Ladys�, sagte er. �Gleich ist Sperrstunde.�</p><p>�Seit wann interessiert sich hier einer daf�r?�, erkundigte sich Kate.</p><p>�Seit die Zeiten gef�hrlich geworden sind, Sch�tzchen�, antwortete er. �Vor allem f�r anst�ndige Ladys wie euch.�</p><p>Bast bezahlte - als sie den Preis h�rte und zugleich Kates �berraschten Gesichtsausdruck bemerkte, verzichtete sie dieses Mal darauf, ihm ein Trinkgeld zu geben - und wartete, bis er wieder au�er H�rweite war, dann hob sie ihren Krug und prostete den Frauen zu. Faye, Marie-Jeanette und nach kurzem Z�gern auch Kate taten dasselbe und tranken. Liz r�hrte ihr Glas nicht an.</p><p>�Warum sagt ihr mir nicht einfach, wo ich diese Patsy finde?�, fragte sie. �Ein einziger Blick, und ich wei�, ob sie die ist, nach der ich suche.�</p><p>�Wer sagt dir denn, dass Patsy gefunden werden will?�, fragte Liz.</p><p>�Ich bin ihre Freundin�, sagte Bast. �Sie hat nicht den geringsten Grund, sich vor mir zu verstecken. Das ist wahr.� Zugleich sorgte sie daf�r, dass Liz ihr glaubte. Trotzdem verschwand das Misstrauen nicht vollkommen aus ihrem Blick.</p><p>�Was genau willst du denn von ihr?�, fragte sie.</p><p>�Das ist ... eine Familienangelegenheit�, antwortete Bast ausweichend. �Rein privat. Aber es ist wichtig.�</p><p>�Und das sieht Patsy genauso?�, wollte Liz wissen.</p><p>�Ich glaube, sie ist gar nicht in der Stadt�, sagte Faye. �Jedenfalls habe ich sie schon lange nicht mehr gesehen. Bestimmt seit zwei Wochen.�</p><p>�Eher drei�, mischte sich Kate ein. �Seit das mit Dark Annie passiert ist.�</p><p>�Dark Annie?�, fragte Bast.</p><p>�Eine Freundin von uns�, sagte Liz. �Jedenfalls war sie das.�</p><p>�War?�</p><p>�Jemand hat sie umgebracht�, sagte Kate. �H�ssliche Geschichte.�</p><p>�Jemand hat sie aufgeschlitzt wie ein Schwein und dann ausgeweidet�, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie geh�rte Roy, aber Bast machte sich weder die M�he, sich zu ihm herumzudrehen, noch gar, darauf zu antworten. <emphasis>Roy? Warum eigentlich nicht? Aber nicht jetzt.</emphasis></p><p>�Aber das hat nichts mit Patsy zu tun�, sagte Faye hastig. �Ist ganz normal, dass sie ab und zu einfach verschwindet. Manchmal f�r 'ne Woche oder zwei, manchmal auch l�nger. Einmal ist sie f�r geschlagene drei Monate verschwunden und dann ganz pl�tzlich wieder aufgetaucht. Sie hat uns nie gesagt, wo sie war.�</p><p><emphasis>Und ihr habt auch ganz bestimmt nicht gefragt, </emphasis>dachte Bast. �Dann wisst ihr also nicht, wo ich sie finden k�nnte�, schloss sie. Sie machte keinen Hehl aus ihrer Entt�uschung. �Hat sie eine Adresse? Ich meine eine Wohnung, wo man mir vielleicht weiterhelfen kann?�</p><p>Faye hob die Schultern. �Sie wohnt irgendwo in Aldgate ... glaube ich.� Ein weiteres, noch unschl�ssigeres Achselzucken. �Irgendwo im East End jedenfalls. Aber genau wei� ich es nicht.�</p><p>�Ihr stellt nicht sehr viele Fragen�, meinte Bast.</p><p>�Nicht so viele wie du�, sagte Liz.</p><p>Bast verstand. Sie verstand auch, dass sie gar nicht erst h�tte herkommen sollen. Isis war entweder nicht hier, oder sie <emphasis>wollte </emphasis>nicht gefunden werden ... so oder so war das, was sie hier tat, pure Zeitverschwendung. Au�er vielleicht, dass es noch zu einem kleinen T�te-�-T�te mit Roy und seinen Freunden kam ...</p><p>Als h�tte sie ihre Gedanken gelesen, wurde Fayes Blick pl�tzlich ernster. �Die machen hier gleich dicht�, sagte sie.</p><p>�Und?�</p><p>�Whitechapel ist keine besonders gute Gegend�, sagte Faye. �Jedenfalls nicht f�r eine Frau, die allein unterwegs ist.� Sie warf einen verstohlenen, aber bedeutungsschweren Blick auf einen Punkt irgendwo hinter ihr, den Bast allerdings nur mit geschauspielerter Verst�ndnislosigkeit quittierte. �Bevor sie hier Schluss machen, sollten wir vielleicht noch eine gewisse ... �rtlichkeit aufsuchen.� Faye verdrehte die Augen, um ihr irgendetwas zu signalisieren. �Ich meine: Es ist ein weiter Weg nach Hause, und drau�en ist es verdammt kalt. Und wir Frauen haben es in gewisser Hinsicht nicht ganz so einfach wie M�nner, denen ein Baum oder eine Mauer ausreicht.�</p><p>Bast tat beharrlich weiter so, als verst�nde sie gar nicht. �Und?�, fragte sie nur noch einmal.</p><p>�Es gibt dort einen Hinterausgang�, sagte Kate leise. �Ich glaube, Faye wollte dir anbieten, ihn dir zu zeigen.�</p><p>�Das ist sehr freundlich�, antwortete Bast. �Aber ich muss nicht. Und ich habe es auch nicht sehr weit nach Hause. Vielleicht eine halbe Stunde. Ein kleiner Spaziergang tut mir wahrscheinlich gut.� Sie deutete mit einem gequ�lten L�cheln auf das Bier, das sie kaum anger�hrt hatte. �Ich f�rchte, ich habe zu viel getrunken.�</p><p>Faye starrte sie ungl�ubig an, und Liz sagte k�hl: �Du musst wissen, was du tust, Sch�tzchen.�</p><p>�Ja, ich denke, ich wei� es�, antwortete Bast. Sie stand auf. �Noch einmal vielen Dank f�r alles. Und ... wenn eine von euch etwas von Patsy h�rt, dann sagt ihr doch einfach, dass Bast nach ihr gefragt hat. Wenn sie die Richtige ist, dann wei� sie, wer ich bin.�</p><p>Und damit schob sie ihren Stuhl zur�ck und ging.</p><p>Roy und seine vier Kumpane starrten sie geradezu hasserf�llt an, als sie stolz erhobenen Hauptes an ihnen vor�berging, ohne sie auch nur eines Blickes zu w�rdigen, aber Bast griff in einer wie zuf�llig erscheinenden Geste in ihren Ausschnitt und sorgte daf�r, dass sie den massiven goldenen Anh�nger sahen, bevor sie das Ten <emphasis>Bells </emphasis>endg�ltig verlie�.</p><empty-line/><empty-line/><p>Das Ungeheuer in ihr tobte. Bast hatte ihm Beute versprochen und dieses Versprechen bisher nicht eingel�st, und es war noch nie sehr geduldig gewesen. Jetzt <emphasis>schrie </emphasis>es vor Hunger und Gier, und es fiel ihr immer schwerer, es im Zaum zu halten.</p><p>Au�erdem fror sie erb�rmlich.</p><p>Sowohl ihr Kleid als auch der schwarze Kapuzenmantel, den sie dar�ber trug, waren aus einem schweren, dicht gewebten Stoff, der die K�lte eigentlich zuverl�ssig abhalten sollte. Sie hatte die Kleidungsst�cke zu keinem anderen Zweck ausgew�hlt, als sie sich auf den Weg in dieses kalte, neblige Land gemacht hatte. Aber England hatte sie ein weiteres Mal �berrascht. Es war Ende September, doch die Temperaturen entsprachen eher dem Jahreswechsel, und die K�lte war <emphasis>anders, </emphasis>als sie erwartet hatte.</p><p>Bast war niedrige Temperaturen gew�hnt. Auch in ihrer Heimat, die die meisten Europ�er nur mit Sonnenglut und unertr�glicher Hitze assoziierten, fielen die Temperaturen nachts manchmal weit unter den Gefrierpunkt, und sie war schon in L�ndern gewesen, in denen der Schnee <emphasis>nie </emphasis>schmolz und sich die Sonne nur in der H�lfte des Jahres am Himmel zeigte. Aber diese K�lte hier war ... anders.</p><p>Es war nicht einmal <emphasis>wirklich </emphasis>kalt. Der feine Nieselregen - eigentlich eher eine Art feuchter Dunst -, der sie empfangen hatte, als sie das <emphasis>Ten Bells </emphasis>verlie�, w�rde noch Wochen brauchen, bevor er sich in Schnee oder Hagel verwandelte, aber es war eine kriechende, heimt�ckisch feuchte K�lte, die ebenso beharrlich wie unaufhaltsam unter ihre Kleider geglitten war und sich l�ngst darangemacht hatte, auch unter ihre Haut zu kriechen und nicht nur ihre Muskeln, sondern auch ihre Knochen ganz langsam zu einer por�sen Masse erstarren zu lassen, die bei der geringsten unvorsichtigen Bewegung wie Glas zerspringen musste. Bast war an Orten gewesen, die hundertmal k�lter waren als dieser, und trotzdem fragte sie sich zum ersten Mal in ihrem langen Leben ganz ernsthaft, ob jemand ihrer Art eigentlich <emphasis>erfrieren </emphasis>konnte.</p><p><emphasis>Wahrscheinlich nicht, </emphasis>dachte sie missmutig. Wahrscheinlicher war eher, dass sie einfach steif umfiel und in einem oder zehn oder auch hundert Jahren von irgendjemandem gefunden und aufgetaut wurde, den anschlie�end der Schlag traf, wenn die vermeintliche Eismumie die Augen aufschlug und um einen hei�en Tee bat.</p><p>Was f�r eine durch und durch <emphasis>d�mliche </emphasis>Vorstellung!</p><p>Ein leises Poltern drang in ihre Gedanken und bewahrte sie davor, in wom�glich noch kindischere Fantasien abzugleiten.</p><p>Bast ging raschen Schrittes, aber �u�erlich vollkommen ruhig weiter. Sie blickte sich weder um, noch zeigte sie auch nur das mindeste Anzeichen von Nervosit�t; allenfalls, dass sie als Reaktion auf die bei�ende K�lte die Schultern ein wenig zusammengezogen hatte. All ihre Sinne waren jedoch pl�tzlich zum Zerrei�en angespannt, und die Nacht schien von einem Atemzug auf den anderen voller Ger�usche und Ger�che zu sein. Der Gro�teil der H�user, die die schmale Stra�e flankierten, lag bereits im Dunkeln, nur hier und da brannte noch ein einzelnes Licht, das die wattige Schw�rze jedoch nicht wirklich verscheuchen konnte, sondern die Szenerie ganz im Gegenteil eher noch gespenstischer erscheinen lie�. Die Stra�e gl�nzte nass wie ein welliger, in unz�hlige Splitter zerborstener Spiegel, und trotz der K�lte war jener leichte Nebel aufgekommen, f�r den diese Stadt ber�chtigt war. Die Stra�enlaternen und wenigen Fenster, hinter denen noch Licht brannte, hatten faserige H�fe, und alle Laute klangen ged�mpft und auf eine Weise verzerrt, die es selbst ihren scharfen Ohren unm�glich machte, die genaue Richtung zu orten, aus der sie kamen. Irgendwo vor ihr, noch ein gutes St�ck au�erhalb ihrer Sichtweite, war ein Paar auf dem Heimweg, nerv�s und ein bisschen �ngstlich, weil es die Zeit vergessen hatte und von der fr�h hereinbrechenden Dunkelheit in einer Gegend �berrascht worden war, in die es sich selbst bei Tageslicht nur mit einem unguten Gef�hl gewagt h�tte, und Bast ging ein bisschen langsamer, um den Abstand zu ihnen zu wahren, denn sie wollte keine Unbeteiligten mit hineinziehen; nicht weil sie ein so gro�es Herz hatte, sondern aus rein pragmatischen �berlegungen heraus: Unbeteiligte Zuschauer waren zugleich auch Zeugen, die sie bei dem, was m�glicherweise geschehen w�rde, nun wahrlich nicht gebrauchen konnte.</p><p>Auch hinter ihr waren Schritte, nahezu ebenso weit entfernt, aber der Nebel und die Erregung der Jagd verzerrten die Ger�usche zu sehr, als dass sie sagen konnte, wie weit entfernt sie wirklich noch waren und wie viele.</p><p>Bast ging wieder etwas schneller, steuerte den Lichtschein einer der wenigen Gaslaternen an, die noch brannten, und blieb unmittelbar an seinem Rand stehen, sodass ihre Verfolger ihre Gestalt als deutlichen Umriss erkennen konnten, und sah sich mit kleinen, verwirrten Bewegungen um. Nicht weit vor ihr brannte noch Licht in einem Haus, und sie sah einen Moment lang konzentriert hin, als �berlege sie, einfach dort zu klopfen und um Hilfe zu bitten, ging dann aber - nach einem nerv�sen Blick �ber die Schulter - weiter. An der n�chsten Abzweigung angekommen, wandte sie sich nicht nach rechts, wie es richtig gewesen w�re, sondern nach links. Die Stra�e war hier schmaler, und es brannten nun �berhaupt keine Laternen mehr. Auch die H�user lagen so dunkel und still da, als w�re s�mtliches Leben in diesem Teil der Stadt einfach erloschen. Sie ging schneller und war jetzt nur noch eine Winzigkeit davon entfernt, wirklich zu rennen. Dann h�rte sie auch vor sich Schritte.</p><p>Bast blieb stehen und lauschte einen Moment lang konzentriert. In das Ger�usch der Schritte mischte sich jetzt noch ein anderer Laut, ein sonderbares <emphasis>Wusch-Wusch, </emphasis>wie das Ger�usch eines Dreschflegels, der durch die Luft fuhr, ohne jemals irgendetwas zu treffen. Bast runzelte verwirrt die Stirn - und stie� einen halblauten Fluch aus. Hastig fuhr sie herum, lief ein paar Schritte in die Richtung zur�ck, aus der sie gekommen war und glitt in eine schmale L�cke zwischen zwei heruntergekommenen H�usern, wo sie mit klopfendem Herzen wartete, w�hrend das Ger�usch schwerer, nicht allzu eiliger Schritte langsam n�her kam.</p><p>Es war eine Gestalt in einem dunklen, knielangen Gehrock, dessen Messingkn�pfe in der Dunkelheit gl�nzten wie nasses Gold. Der schwarze Helm mit dem schimmernden Messingstern lie� sie gr��er erscheinen, als sie war, und im Gegensatz zu dem Konstabler, den sie vorhin getroffen hatte, <emphasis>war </emphasis>dieser Mann bewaffnet, wenn auch nur mit einem Schlagstock aus poliertem Holz, der mit einer Kordel an seinem rechten Handgelenk befestigt war, um das er ihn mit regelm��igen Bewegungen kreisen lie�. Das war das seltsame Ger�usch, das sie geh�rt hatte.</p><p>Bast sp�rte, dass er dazu ansetzte, einen Blick in die L�cke zu werfen, in die sie sich zur�ckgezogen hatte, �berzeugte ihn hastig davon, dass es nicht n�tig war, und wartete nun tats�chlich mit angehaltenem Atem, bis er vorbeigegangen war. Trotz allem erschien ein d�nnes, fl�chtiges L�cheln auf ihren Lippen. Anscheinend gab es tats�chlich ein in allen Kulturen und zu allen Zeiten g�ltiges Gesetz, nach dem sich die Obrigkeit niemals zeigte, wenn man sie wirklich brauchte, aber stets zur Stelle war, wenn man sie nun wirklich nicht gebrauchen konnte.</p><p>Sehr viel langsamer als Bast recht gewesen w�re, ging er an ihrem Versteck vor�ber und hielt dann doch noch einmal inne. Er h�rte damit auf, seinen Schlagstock kreisen zu lassen, und sah f�r die Dauer von zwei oder drei schweren Herzschl�gen unschl�ssig aus, als h�tte er irgendetwas geh�rt oder gesp�rt, das ihn verunsicherte, setzte seinen Weg aber dann doch fort, ohne auch nur einen Blick in ihre Richtung geworfen zu haben, und auch das regelm��ige <emphasis>Wusch-Wusch </emphasis>seines Schlagstocks setzte wieder ein.</p><p>Bast atmete erleichtert auf. Sie h�tte daf�r sorgen k�nnen, dass der Mann sie nicht einmal wahrnahm, wenn er ihr direkt ins Gesicht gesehen h�tte, aber zu diesem letzten Mittel nahm sie nur Zuflucht, wenn es gar nicht mehr anders ging. Eingriffe wie dieser hinterlie�en Spuren, und sei es auch nur ein Gef�hl des Unbehagens, das den Betroffenen �ber Tage hinweg verfolgte, wenn er an jenen bestimmten Moment zur�ckdachte, und sie hatte im Laufe dieses Abends schon genug Fehler gemacht. So geduldete sie sich, bis sich die Schritte allm�hlich entfernten und der Mann die Abzweigung erreichte und seine Streife in die Richtung fortsetzte, aus der sie gerade gekommen war.</p><p>Erst dann wurde ihr klar, dass er auf diese Weise unweigerlich auf die M�nner treffen musste, die sie verfolgten.</p><p>�rger wallte in Bast auf; �rger auf sich selbst, nicht sofort daran gedacht und ihn doch in die entgegengesetzte Richtung weggeschickt zu haben. Sie �berlegte einen Moment lang ernsthaft, ihm zu folgen und ihr Vers�umnis - falls noch m�glich - nachzuholen, sah aber ein, dass es dazu jetzt ohnehin zu sp�t war. In den letzten Augenblicken, bevor sie sich so hastig hatte verstecken m�ssen, waren die Schritte ihrer Verfolger sp�rbar n�her gekommen, und was geschehen w�rde, w�rde nun einmal geschehen.</p><p>Sie lauschte. Die Nacht war nach wie vor voller Ger�usche, die das Ohr eines normalen Menschen nicht wahrgenommen h�tte, aber das, worauf sie mit einem Gef�hl banger Entt�uschung und noch immer bohrenden �rgers �ber sich selbst wartete, geschah nicht. Kein �berraschter Ausruf, keine Schreie oder rennende Schritte, und auch nicht die Ger�usche eines Kampfes oder das Schrillen einer Trillerpfeife.</p><p>Bast atmete erleichtert auf. Offensichtlich hatten auch ihre Verfolger die Gefahr rechtzeitig erkannt und entsprechende Ma�nahmen getroffen. Sie hoffte nur, dass sie diese unerwartete Begegnung nicht den Mut verlieren und auf den Gedanken kommen lie�, sich f�r den Rest der Nacht einem anderen Am�sement zuzuwenden.</p><p>Nur einen Moment sp�ter wurde ihre Frage beantwortet. Die Schritte waren wieder da und kamen jetzt sogar rascher n�her, und auch Bast verlie� ihr Versteck, wartete, bis die Schritte ihrer Verfolger hinter ihr um die Ecke bogen und sie sicher sein konnte, von ihnen auch gesehen zu werden und begann dann zu rennen; nicht ann�hernd so schnell, wie sie es gekonnt h�tte, aber doch schnell genug, um es nach einer kopflosen Flucht aussehen zu lassen. Nach zwei oder drei Dutzend schneller, weit ausgreifender Schritte st�rmte sie mit wehendem Mantel quer �ber die Stra�e, wechselte pl�tzlich die Richtung und tauchte schlie�lich in eine der zahllosen schmalen G�sschen ein, die diesen Teil der Stadt in ein wahres Labyrinth verwandelten, in dem schon so mancher verschwunden und nie wieder daraus aufgetaucht war.</p><p>Sie rannte noch ein knappes Dutzend Schritte weiter - und blieb dann wie angewurzelt stehen, als sie die beiden schattenhaften Gestalten gewahrte, die am anderen Ende der Gasse aufgetaucht waren. Hinter ihr kamen hastige, trappelnde Schritte n�her und brachen dann ab.</p><p>�So sp�t noch unterwegs, und das in dieser Gegend?�, erklang eine h�mische Stimme hinter ihr. �Das ist aber ziemlich leichtsinnig.�</p><p>Bast ma� die beiden Schatten vor sich mit einem raschen, aufmerksamen Blick - sie waren noch gute zehn oder zw�lf Meter entfernt und r�hrten sich nicht -, bevor sie sich mit einer ebenso langsamen wie m�hsam beherrscht wirkenden Bewegung herumdrehte.</p><p>Auch hinter ihr waren zwei M�nner aufgetaucht. Einer von ihnen war Roy, der andere der Bursche, der am Tisch unmittelbar neben ihm gesessen hatte.</p><p>�Was f�r eine �berraschung�, grinste Roy. �So sieht man sich wieder.�</p><p>Bast schwieg dazu. Es w�re auch vollkommen gleich, was sie gesagt h�tte - die Kerle waren nicht gekommen, um zu reden.</p><p>Das Ungeheuer in ihr zerrte jetzt mit Macht an seinen Ketten, aber sie hielt es mit derselben Macht zur�ck. Sie musste sicher sein, auch wirklich den Richtigen gegen�berzustehen.</p><p>�Was ... wollt ihr?�, fragte sie, wenn auch jetzt mit jener leisen, aber festen Stimme und jener ganz bestimmten Art von trotzigem Mut, hinter dem M�nner wie Roy instinktiv die schiere Todesangst erkannten.</p><p>�Oh, nichts.� Roys Grienen wurde noch breiter. �Wir wollten Sie nur sicher nach Hause begleiten, Lady. Ist keine gute Gegend hier. Hat man Sie denn nicht gewarnt, dass es f�r eine Frau gef�hrlich sein kann, hier allein unterwegs zu sein, und noch dazu nachts?�</p><p>�Ich ... kann schon auf mich aufpassen�, antwortete sie nerv�s. Ihr Blick tastete unstet an ihm vorbei und durch die Schatten und Winkel im vorderen Teil der Gasse; wie ein in die Enge getriebenes Tier auf der verzweifelten Suche nach einem Ausweg. �Aber trotzdem vielen Dank f�r die Warnung. Ich habe gar nicht gedacht, dass man heutzutage noch auf echte Gentlemen trifft.�</p><p>�Ist auch nicht so�, antwortete Roy fr�hlich. Die Gestalt hinter ihm bewegte sich unruhig, und Bast h�rte, wie auch die beiden Burschen hinter ihr n�her kamen.</p><p>Sie fuhr sich nerv�s mir der Zungenspitze �ber die Lippen. �Ich ... danke Ihnen jedenfalls f�r Ihre F�rsorge. Aber ich habe es jetzt nicht mehr weit bis nach Hause. Die paar Schritte schaffe ich schon noch�, sagte sie und versuchte, einen Schritt an ihm vorbeizutun.</p><p>Nat�rlich blieb es bei dem Versuch. Roy machte keine Anstalten, sie anzufassen - noch nicht -, aber er streckte rasch den Am zur Seite und verwehrte ihr so den Weg. �Nicht so schnell, S��e�, sagte er. Sein L�cheln erlosch und machte etwas anderem Platz, wof�r Bast keinen passenden Ausdruck kannte, obwohl sie es schon unz�hlige Male gesehen hatte. �Da ist noch eine Sache zwischen uns zu kl�ren.�</p><p>Bast wich mit gespieltem Erschrecken einen Schritt vor ihm zur�ck - sehr viel weiter konnte sie nicht, ohne gegen einen der beiden anderen Kerle zu prallen, die inzwischen noch n�her gekommen waren und sich vermutlich auch noch einbildeten, sie w�ren dabei besonders leise gewesen. �Sie ... meinen doch nicht etwa diese dumme Sache mit dem Stuhl�, sagte sie nerv�s. �Ich bitte Sie! Das war doch ... nur ein Missverst�ndnis.�</p><p>�F�r mich nicht�, antwortete er. �Ich kann's nun mal auf den Tod nich' ausstehn, wenn man mich vor meinen Freunden l�cherlich macht.� Er zuckte die Achseln und machte einen einzelnen, wiegenden Schritt auf sie zu. �Au�erdem war es mein Lieblingsstuhl. Ich bin da 'n bisschen eigen, wei�t du?�</p><p>Bast verstand nicht ganz, warum er sich nicht l�ngst einfach auf sie gest�rzt hatte. Anscheinend f�hlte er sich sehr sicher und wollte mit ihr spielen.</p><p>So oder so, Bast gemahnte sich auf jeden Fall in Gedanken zur Vorsicht. Roy war zwar nicht ganz so gro� wie sie, aber ein gutes St�ck schwerer, und auch die anderen waren alles andere als Schw�chlinge. Bast bedauerte es inzwischen schon fast, keine Waffe mitgenommen zu haben. Immerhin waren sie zu viert.</p><p>�Also gut, es tut mir leid�, sagte sie. �Ich entschuldige mich bei Ihnen. Es kommt bestimmt nicht noch einmal vor.�</p><p>�Nein, ganz bestimmt nicht�, sagte Roy.</p><p>Bast sah die Bewegung kommen, tauchte im letzten Moment unter seiner zupackenden Hand weg und versetzte ihm gleichzeitig einen Sto� vor die Brust, der ihn mit einem �berraschten Grunzen zur�cktaumeln lie�. Gleichzeitig fuhr sie herum - und genau in die Arme eines der beiden Kerle, die sich von hinten an sie angeschlichen hatten.</p><p>Es war, als w�re sie unversehens mit dem Kopf in ein Jauchefass getaucht und h�tte vergessen, Mund und Nase fest zu schlie�en. Gewalt, pure Lust am Qu�len und dem Verbreiten von Furcht explodierte in ihren Gedanken, ein solcher Sumpf niedriger Begierden, dass der erschrockene Schrei, der �ber ihre Lippen kam, nicht einmal mehr vorget�uscht war. Sie hatte genau das gewollt, diesen Blick in die tiefsten Abgr�nde seiner Seele, um auch ganz sicher zu sein, aber was sie nicht erwartet hatte, das war der Morast aus abgrundtiefer Verkommenheit, ein klebriger Sumpf, der sie um ein Haar mit sich in die Tiefe gerissen h�tte und wie S�ure an den Ketten fra�, die ihr eigenes Ungeheuer hielten. Um ein Haar h�tte es sich losgerissen, aber irgendwie gelang es ihr, es noch einmal zu b�ndigen.</p><p>Sie fragte sich beinahe selbst, warum.</p><p>Aus ihrem Schrei wurde ein ersticktes Keuchen, als der Kerl sie mit solcher Wucht gegen die Mauer stie�, dass ihr Hinterkopf gegen den rauen Stein prallte und sie f�r einen Augenblick nichts als eine Explosion aus reinem wei�em Schmerz sah.</p><p>Als das farbige Flimmern vor ihren Augen erlosch, war es wieder Roy, der vor ihr stand, nicht mehr der Bursche, der sie gesto�en hatte. Das Grinsen war wieder auf sein Gesicht zur�ckgekehrt, ohne jenen anderen, schlimmeren Ausdruck verscheucht zu haben.</p><p>�Wo wir gerade �ber meinen Stuhl sprechen�, griente er, �ich bin da wirklich sehr eigen. Ist 'ne richtige Marotte von mir. Aber wenn ich's mir genau �berlege, f�llt mir schon noch was anderes ein, wo ich mich draufsetzen k�nnte.�</p><p>Bast schwieg. Diesmal hatte sie sich sorgsam abgeschirmt, aber sie musste ihn auch nicht ber�hren, um in den Abgrund zu blicken, der sich hinter seinem brutalen �u�eren verbarg. Was sie f�hlte, schn�rte ihr buchst�blich die Kehle zu.</p><p>�Tja, Sch�tzchen, jetzt zeigen wir dir mal, was echte englische Gentlemen sind�, sagte Roy. Dann erlosch sein L�cheln, als er ihr direkt in die Augen sah und ihm ganz allm�hlich d�mmerte, dass mit einem Male nicht mehr die kleinste Spur von Furcht darin zu erkennen war. Bast lie� ihm auch genug Zeit, um zu begreifen, dass hier irgendetwas nicht so lief, wie er es sich vorgestellt hatte, bevor sie sich mit einem sanften L�cheln von der Wand abstie� und ...</p><p>�Aufh�ren! Sofort!�</p><p>Die Stimme kam vom stra�enw�rtigen Rand der Gasse und war noch nicht einmal besonders laut, aber so befehlsgewohnt und scharf, dass Roy ganz instinktiv vor ihr zur�ckprallte und ganz eindeutig erschrocken aussah. Dann verzerrte sich sein Gesicht vor Wut zu einer Fratze, und er machte einen Schritt in Richtung des schlanken Schattens. Allerdings nur einen einzigen, denn der so pl�tzlich aufgetauchte Fremde hob den Arm, und selbst das schwache Licht, das hier in der Gasse herrschte, reichte aus, um die Waffe zu offenbaren, mit der er direkt auf Roys Gesicht zielte.</p><p>�Keinen Schritt weiter�, sagte er drohend. Sein Gesicht blieb weiter im Schatten, aber Bast hatte seine Stimme l�ngst erkannt.</p><p>Sie war nicht einmal wirklich �berrascht, sondern empfand eher so etwas wie eine sanfte Resignation, nicht auch das vorausgesehen zu haben.</p><p>�Was soll der Bl�dsinn?�, fauchte Roy. �Wer bist du? Was mischst du dich hier ein?�</p><p>Maistowe antwortete nicht darauf, sondern kam einen Schritt n�her, sodass sein Gesicht nun doch wenigstens schemenhaft zu erkennen war, und fuchtelte drohend mit seinem Revolver. �Kommen Sie her, Bast�, sagte er. �Schnell! Und wenn sich einer von euch auch nur r�hrt, dann schie�e ich.�</p><p>�Glaub ich nicht�, sagte Roy gelassen.</p><p>Bast versuchte nicht einmal, ihm eine Warnung zuzurufen. Sie w�re ohnehin zu sp�t gekommen.</p><p>Die Gestalt tauchte so lautlos und schnell hinter Maistowe auf wie ein Schatten, den die Nacht ausgespien hatte, und vermutlich sp�rte er nicht einmal, was ihn traf. Ein dumpfer, sonderbar trockener Schlag erscholl, und Maistowe lie� seine Waffe fallen und kippte ohne den geringsten Laut nach vorne. Das alles dauerte nicht einmal eine Sekunde, in der sich Bast einen weiteren, noch sch�rferen Tadel erteilte. Verdammt, sie hatte doch <emphasis>gewusst, </emphasis>dass die Kerle zu f�nft waren!</p><p>Roy drehte sich mit einem breiten Grinsen zu ihr herum. �Was f�r ein Idiot�, sagte er. �Ein Freund von dir?�</p><p>�Nein�, seufzte sie. �Nur ein gutm�tiger Amateur.�</p><p>�Ach - und was bist du?�, erkundigte sich Roy.</p><p>�Weder das eine noch das andere�, antwortete Bast l�chelnd. �Du wirst es gleich erfahren.�</p><p>Roy sah sie verwirrt an. �Was soll denn das jetzt wie ...�</p><p>Bast stie� ihm beide Handballen mit solcher Wucht in den Leib, dass er quer durch die Gasse torkelte und an der gegen�ber liegenden Wand landete, und noch bevor er nach Luft ringend zusammenbrach, war sie bereits herumgewirbelt und mit zwei, drei rasend schnellen Schritten neben Maistowe - genauer gesagt, neben dem so �berraschend aufgetauchten Angreifer, der sich in diesem Moment nach dem Revolver b�cken wollte, den Maistowe fallen gelassen hatte. Ihr Fu� stie� die Waffe davon, bewegte sich schneller weiter, als sein Blick ihm �berhaupt folgen konnte und landete mit solcher Wucht in seinem Gesicht, dass sie h�ren konnte, wie seine Z�hne splitterten. Noch immer aus der gleichen Bewegung heraus fuhr sie herum und nahm zugleich eine geduckte Abwehrhaltung ein, die Beine leicht gespreizt und in sicherem Stand, und die Arme mit nach au�en gekreuzten Handfl�chen vor dem Leib.</p><p>Es war �berfl�ssig, aber Bast sah trotzdem, dass ihre prinzipielle Vorsicht nur zu berechtigt gewesen war. Einer der Kerle war neben Roy auf die Knie gesunken und machte irgendwelche sehr hilflos wirkenden Gesten, als k�nnte er seinem Boss auf diese Weise das Atmen erleichtern, die beiden anderen jedoch bewegten sich bereits in ihre Richtung. Beide hatten Messer gezogen, und allein die Art, wie sie ihre Waffen hielten, machte ihr klar, dass sie auch damit umzugehen verstanden. Ihre Vorsicht war nur zu berechtigt gewesen, und sie sollte sich auch h�ten, diesen Kampf unn�tig in die L�nge zu ziehen.</p><p>Sie hatte es auch nicht vor.</p><p>Bast wartete, bis einer der Kerle mit seinem Dolch nach ihr stie�, schlug seine Waffe mit der flachen Hand beiseite und stie� sich mit einem federnden Satz ab. Der grelle Schmerz, mit dem der rasiermesserscharfe Stahl in ihr Fleisch biss, entlockte ihr einen keuchenden Schrei, aber sie f�hrte ihre Bewegung dennoch perfekt zu Ende, knickte mitten im Sprung in der H�fte ein und schien f�r einen Sekundenbruchteil nahezu waagerecht in der Luft zu schweben, bevor sie mit dem rechten Bein zustie� und dem v�llig �berraschten Kerl neben sich den Sch�del zertr�mmerte. Gleichzeitig rammte sie den linken Ellbogen zur Seite, doch der pochende Schmerz in ihrer Hand und ihre eigene Hast beeintr�chtigten ihre Zielsicherheit. Statt seines Kehlkopfes traf ihr Ellbogen nur sein Jochbein und brach es mit einem trockenen Knacken. Es reichte, dass der Kerl sein Springmesser fallen lie� und sich br�llend vor Schmerz am Boden w�lzte, aber der Schlag lie� auch einen neuerlichen, noch heftigeren Schmerz durch ihren Arm zucken. Sie landete nicht halbwegs so elegant und flie�end, wie sie es gewohnt war, sondern verlor das Gleichgewicht, glitt aus und fiel zu allem �berfluss nun auch noch auf das rechte Knie hinab.</p><p>Das Ergebnis war ein noch schlimmerer Schmerz, der ihr buchst�blich die Tr�nen in die Augen trieb.</p><p>Trotzdem stemmte sie sich unverz�glich wieder in die H�he, machte einen humpelnden Schritt und w�re um ein Haar erneut gest�rzt, als sich ihr geprelltes Knie mit einer w�sten Schmerzexplosion f�r die r�cksichtslose Behandlung revanchierte.</p><p>Bast sog scharf die Luft zwischen den Z�hnen ein und dr�ngte den Schmerz mit einer bewussten Willensanstrengung zur�ck. Ihr Knie pochte noch immer, und sie w�rde in den n�chsten Minuten sicher keine Luftspr�nge vollf�hren k�nnen, aber es sah auch nicht so aus, als w�re das n�tig. Einer der Kerle war mit Sicherheit tot, die beiden anderen w�lzten sich wimmernd am Boden und pressten die H�nde gegen das Gesicht, um es am Auseinanderfallen zu hindern, und Roy sa� gegen die Wand gelehnt und mit aschfahlem Gesicht da und rang noch immer r�chelnd nach Luft. Der Einzige, der noch stand, beziehungsweise neben Roy kniete, war der Kerl von vorhin, der den Streit im Ten Bells �berhaupt erst angefangen hatte �Verschwinde�, sagte Bast ruhig. �Von dir will ich nichts. Aber ich warne dich auch nicht noch einmal.�</p><p>Der Kerl stand tats�chlich auf, aber er war entweder weitaus mutiger, als Bast ihn eingesch�tzt hatte, oder noch d�mmer - wahrscheinlich beides -, denn er wandte sich keineswegs um, um Fersengeld zugeben, wie es vermutlich jeder andere in seiner Lage jetzt getan h�tte, sondern machte ganz im Gegenteil einen stampfenden Schritt auf sie zu und zog pl�tzlich ebenfalls eine Waffe unter seiner Jacke hervor - kein Stilett wie seine beiden Kumpane, sondern ein kurzstieliges Hackbeil, wie es Fleischer benutzten; eine gemeine Waffe, deren blo�er Anblick nicht von Tod, sondern von Schmerz und grausamen Verst�mmelungen k�ndete, und ganz genau das sollte sie auch.</p><p>Bast hob bedauernd die Schultern. Sie hatte ihn schlie�lich gewarnt.</p><p>Als das Beil heruntersauste, t�uschte sie eine Bewegung an, wie um ihm auszuweichen, und machte dann stattdessen einen raschen Schritt nach vorne. Die boshafte Waffe verfehlte ihr Gesicht knapp und zischte harmlos hinter ihr durch die Luft. Bast versetzte dem Burschen mit der rechten Hand eine schallende Ohrfeige, die seine Lippen aufplatzen und einen Strom von hellrotem Blut aus seiner Nase schie�en lie�, griff mit der anderen Hand nach unten und zwischen seine Beine und schloss die Finger mit aller Gewalt zur Faust.</p><p>Sein Schrei hatte kaum noch etwas Menschliches. Aber er dauerte auch nicht sehr lange.</p><p>�Nein�, wimmerte Roy, als Bast mit einem weiten Schritt �ber den wimmernden Kerl hinwegstieg und sich bewusst langsam auf ihn zubewegte. Er versuchte, r�cklings vor ihr davonzukriechen, aber seine gebrochenen Rippen machten ganz offensichtlich jede Bewegung zur Qual. Alles, was er erreichte, war, seinen Halt an der Wand zu verlieren und schwer auf den Hinterkopf zu fallen. Nicht dass es ihm irgendetwas genutzt h�tte, w�re es anders gewesen.</p><p>�Nein!�, wimmerte er erneut. �Wer ... wer bist der? Was willst du von mir? <emphasis>Was </emphasis>bist du?�</p><p>Bast nahm mit gespreizten Beinen �ber ihm Aufstellung, l�chelte fast sanft auf ihn hinab und lie� sich dann auf seinen Scho� sinken. �Welche Frage soll ich zuerst beantworten?�, fragte sie. �Obwohl ich glaube, dass du die Antwort auf mindestens eine davon schon kennst.�</p><p>Roy quietschte vor Schrecken, als Bast die Hand nach seinem Gesicht ausstreckte. Aber sie tat es nicht, um ihn zu verletzen oder ihm irgendetwas anzutun, sondern nur, um das Blut abzuwischen, das noch immer ihre Handfl�che besudelte. Ihr eigenes Blut. Das Ungeheuer in ihr kreischte vor Gier, doch obwohl Bast seine Fesseln l�ngst gel�st hatte, st�rzte es sich noch nicht auf ihn. Jetzt, wo ihm seine Beute sicher war, genoss es die Vorfreude auf sein Mahl, als w�re es in dieser Hinsicht seinem Opfer �hnlich.</p><p>Was es auch war, wie Bast nur zu gut wusste.</p><p>Roy b�umte sich pl�tzlich unter ihr auf, und Bast schlug ihm so hart mit dem Handr�cken ins Gesicht, dass er vor Schmerz keuchte.</p><p>�Keine Angst�, sagte sie sanft. �Ich tue dir nichts. Ich wei� doch, was eine Lady einem echten Gentleman schuldig ist.�</p><p>�Was ... was willst du?�, wimmerte er.</p><p>Bast schlug ihn noch einmal, und h�rter, sodass sich sein eigenes Blut zu den roten Schmieren hinzugesellte, die sie gerade auf seinem Gesicht hinterlassen hatte. Roy �chzte, und unter ihrem Scho� wurde es warm. Ein durchdringender Gestank stieg ihr in die Nase, und Bast harte M�he, ihren Ekel zu unterdr�cken. Der Kerl hatte sich vor Angst in die Hosen gepinkelt.</p><p>Nun, er hatte Grund dazu.</p><p>Trotzdem musste sich Bast beherrschen, um ihm nicht das Knie dorthin zu rammen, woher diese W�rme kam. Aber das verbot sich im Moment von selbst.</p><p>�Du ... du hast sie alle ... alle umgebracht�, wimmerte er. �Einfach so.�</p><p>�Nicht einfach so, und nicht alle�, antwortete Bast. �Jedenfalls noch nicht.�</p><p>�Bitte!�, winselte Roy. �Ich tue alles, was du ...�</p><p>Bast legte ihm den Zeigefinger �ber die Lippen. �Schschsch�, machte sie. �Ganz ruhig. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde dir nichts tun. Keine Angst.�</p><p>Roy wimmerte noch erb�rmlicher, und f�r einen ganz kurzen Moment regte sich fast so etwas wie Mitleid in ihr. Vielleicht w�re es sogar zu echtem Mitleid geworden, w�re sie ihm nicht nahe genug gewesen, um trotz ihrer sorgf�ltigen Blockade zu sp�ren, wie oft er selbst schon dieses Wimmern geh�rt und dieselbe, bodenlose Angst in den Augen seiner Opfer gesehen hatte, ohne mehr als Verachtung und b�se Freude dabei zu f�hlen.</p><p>�Keine Angst�, sagte sie noch einmal. �Ich werde dich nicht t�ten.�</p><p>Etwas wie eine verzweifelte, wenngleich ungl�ubige Hoffnung loderte in seinen Augen auf. �Du ... du willst mich nicht ... t�ten?�, fl�sterte er.</p><p>�T�ten?� Basts L�cheln erlosch und machte einem Ausdruck Platz, der schlimmer war als das, was sie vorhin auf seinem Gesicht gesehen hatte. �Nein�, sagte sie. �Mit dir habe ich etwas Besseres vor.�</p><p>Roys Augen weiteten sich in schierem Entsetzen. Er versuchte noch einmal und mit �berraschender Kraft, sie von sich herunterzusto�en, doch Bast stie� ihn m�helos mit der linken Hand zur�ck und griff mit der anderen nach unten. Sie machte sich nicht die M�he, seinen G�rtel zu �ffnen, sondern riss das nahezu handbreite Lederband ohne die geringste M�he entzwei und ...</p><p>Hinter ihr ert�nte ein Scharren, dann ein St�hnen und hechelnde Atemz�ge, und als Bast sich erschrocken herumdrehte, sah sie direkt in Maistowes vor Schmerz verschleierte Augen. Er war aufgewacht, obwohl das eigentlich unm�glich war. Sie hatte geh�rt, wie hart der Schlag gewesen war, der ihn getroffen hatte. Trotzdem stemmte er sich st�hnend auf Ellbogen und Knie hoch, und die Benommenheit wich zusehends aus seinem Blick. Sein Gesicht war blut�berstr�mt und so bleich wie das einer Wasserleiche. �Miss Bast?�, murmelte er verwirrt. �Was ... was tun Sie ... da?�</p><p>Bast starrte ihn geschlagene f�nf Sekunden lang einfach nur fassungslos an, bevor sie sich wieder herumdrehte und auf Roy hinuntersah. �Wei�t du was, Roy?�, seufzte sie. �Du wirst es wahrscheinlich nie begreifen, aber heute ist wirklich dein Gl�ckstag.�</p><p>Und damit h�mmerte sie Roy die Faust mit solcher Gewalt gegen die Schl�fe, dass er auf der Stelle das Bewusstsein verlor.</p><empty-line/><empty-line/><p>�So, das wird Ihnen guttun. Trinken Sie!� Mrs Walsh setzte die Tasse aus hauchd�nnem chinesischem Porzellan behutsam und mit beiden H�nden an Maistowes Lippen, zugleich aber auch mit einem solchen Nachdruck, dass dieser nicht einmal auf die <emphasis>Idee </emphasis>zu kommen schien, sich ihr zu widersetzen, sondern den dampfend hei�en Inhalt gehorsam hinunterschluckte; auch wenn er anschlie�end heftig die Lippen verzog.</p><p>�Danke�, murmelte er.</p><p>Mrs Walsh stellte die zerbrechliche Tasse behutsam auf den kaum weniger zerbrechlich aussehenden dreibeinigen Tisch neben der Couch, auf der Maistowe Platz genommen hatte - genau genommen war er eher darauf <emphasis>zusammengebrochen, </emphasis>kaum dass Bast ihn hereingebracht hatte -, und hob die Schultern.</p><p>�Ich wei�, er wird Ihnen vermutlich nicht besonders gut schmecken�, sagte sie, �aber er wird Ihnen ganz gewiss guttun. Ich habe einen geh�rigen Schuss Ingwersirup hineingegeben, das wird Ihnen helfen.�</p><p>Maistowe reagierte nur mit einem weiteren, angestrengt wirkenden Verziehen der Lippen darauf, das Mrs Walsh ein wenig zu verstimmen schien, aber das wohl die einzige Reaktion war, zu der er sich im Moment noch aufraffen konnte. Bast war ebenso erstaunt wie �berrascht, dass er den Weg hierher �berhaupt noch aus eigener Kraft geschafft hatte ... nun ja, wenigstens zum gr��ten Teil. Die letzte Dreiviertelmeile hatte sie ihn getragen, aber sie bezweifelte, dass er sich daran wirklich noch erinnerte. Maistowe war selbst jetzt eher ohnm�chtig als bei vollem Bewusstsein und hielt sich nur noch mit letzter Kraft in einer halbwegs sitzenden Position aufrecht. Bast h�tte gerne etwas f�r ihn getan, aber sie konnte es einfach nicht, jedenfalls nicht im Moment und nicht, solange Mrs Walsh in der N�he war. Nehmen war leider umso vieles leichter als Geben.</p><p>�Ich ... danke Ihnen�, sagte Maistowe m�hsam. Er fuhr sich mit einer fahrigen Handbewegung durch das Gesicht, blinzelte einen Moment lang verst�ndnislos auf seinen eigenen Handr�cken hinab, als w�rde er nicht wirklich begreifen, was er da sah, und sch�ttelte dann beinahe erschrocken den Kopf, als Mrs Walsh die Hand nach der Teetasse ausstreckte.</p><p>�Dann mache ich Ihnen jetzt eine Kleinigkeit zu essen�, erkl�rte Mrs Walsh. �Nach einer kr�ftigen Mahlzeit f�hlen Sie sich bestimmt besser.�</p><p>Maistowe brauchte im Moment so ziemlich alles, nur nichts zu essen, aber er brachte augenscheinlich auch nicht die Kraft auf, um zu protestieren, sondern raffte sich nur zu einem matten L�cheln auf und etwas, das man als Kopfnicken deuten konnte, wenn man wollte. Mrs Walsh stand jedenfalls mit einem leisen Seufzen auf und wandte sich in Richtung K�che - allerdings nicht, ohne Bast im Vor�bergehen einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen zu haben.</p><p>�Danke�, murmelte Maistowe, nachdem sie die T�r hinter sich zugezogen hatte.</p><p>Bast sah ihn nur fragend an.</p><p>�Dass Sie nichts gesagt haben�, fuhr Maistowe erkl�rend fort. �Es w�re mir doch ... ein wenig peinlich gewesen, wenn Gloria erfahren h�tte, dass Sie mich zur�cktragen mussten.�</p><p>�Oh�, machte Bast �berrascht. �Ich h�tte nicht gedacht, dass Sie sich daran erinnern ... au�erdem war es nur das letzte St�ck.�</p><p>�Es ist mir ... sehr peinlich�, beharrte Maistowe.</p><p>�Ich werde niemandem etwas davon sagen�, antwortete Bast. �Von Rechts wegen h�tte ich Sie ohnehin liegen lassen und einen Arzt rufen m�ssen. Der Kerl h�tte Ihnen den Sch�del zertr�mmern k�nnen, wissen Sie das eigentlich?�</p><p>Maistowe zog erneut eine Grimasse, aber er gewann zuerst einmal Zeit, indem er abermals die Hand hob und mit spitzen Fingern �ber seinen Hinterkopf tastete. Das Ergebnis war ein schmerzerf�lltes Zischen, mit dem er die Luft einsog, und eine nicht minder schmerzerf�llte Grimasse. Als er die Hand schlie�lich zur�ckzog und seine Fingerspitzen betrachtete, wirkte er regelrecht erstaunt, kein Blut darauf zu erblicken.</p><p>�Irgendwie werde ich das Gef�hl nicht los, dass es ihm gelungen ist�, murmelte er.</p><p>�Viel h�tte nicht gefehlt�, best�tigte Bast ernst. Sie hatte Maistowe untersucht, soweit sie es auf der dunkle Stra�e gekonnt und der Kapit�n der <emphasis>Lady </emphasis>es zugelassen hatte, und war fast erstaunt gewesen, wie glimpflich er trotz allem davongekommen war. Vermutlich w�rde er in den n�chsten Tagen heftige Kopfschmerzen haben, aber das war auch alles.</p><p>�Sie h�tten ebenso gut tot sein k�nnen�, f�gte sie hinzu.</p><p>Maistowe nickte, und das anscheinend ein wenig zu heftig, denn er verzog schon wieder das Gesicht und schwankte ganz leicht. �Sie aber auch, meine Liebe�, sagte er.</p><p>Bast tat ihm nicht den Gefallen, darauf zu antworten, und f�r eine Weile machte sich ein fast betretenes Schweigen zwischen ihnen breit, das Maistowe zwar schlie�lich selbst brach, dies aber auf eine Weise, die Bast beinahe ebenso unangenehm war. Sein Blick tastete noch einen Moment unstet �ber ihr Gesicht und ihre Gestalt und blieb schlie�lich an ihrer rechten Hand h�ngen. Seine Augen verengten sich �berrascht. �Ihre Hand!�</p><p>�Was ist damit?� Bast unterdr�ckte gerade noch im letzten Moment den Impuls, die Finger der Rechten zur Faust zu ballen.</p><p>�Sie ...� Maistowe sch�ttelte verwirrt den Kopf, ohne dass sein Blick ihre Hand auch nur f�r einen Atemzug losgelassen h�tte. �Sie waren verletzt!�</p><p>Bast ballte nun doch f�r einen ganz kurzen Moment die Faust, �ffnete sie dann wieder und spielte mit den Fingern. Gleichzeitig sah sie Maistowe mit einem verzeihenden, aber auch ganz sacht sp�ttischen L�cheln an. �Sie m�ssen sich geirrt haben, Kapit�n�, sagte sie. �Da ist nichts, sehen Sie?�</p><p>Maistowe starrte ihre Hand nur weiter an, und er zweifelte ganz offensichtlich einfach an dem, was er sah, n�mlich nichts. Von dem tiefen Schnitt, den ihr die Klinge des Kerls zugef�gt hatte, war nichts mehr zu sehen. �Aber da ... da war doch ...�, stammelte er. �Ich meine ... all das Blut, und ...�</p><p>�Das nicht das meine war�, unterbrach ihn Bast. �Sie haben sich get�uscht, Kapit�n, aber das sollten Sie sich nicht selbst zum Vorwurf machen. Immerhin waren Sie halb bewusstlos, und es war dunkel in der Gasse, und alles ging sehr schnell.�</p><p>�Ja, so ... muss es wohl gewesen sein�, antwortete Maistowe schleppend. Aber er klang nicht �berzeugt, und er war es ganz offensichtlich auch nicht, denn nach einer weiteren Sekunde ergriff er pl�tzlich Basts Hand und zog sie ein St�ck zu sich heran. Seine Fingerspitzen fuhren �ber ihre schwarze, vollkommen unversehrte Haut.</p><p>Die Ber�hrung lie� Bast erschauern, wenn auch auf eine vollkommen andere Art, als er auch nur ahnen konnte. Irgendwie war es ihr gelungen, die Bestie in ihrem Inneren noch einmal zu b�ndigen, aber sie hatte sich l�ngst nicht wieder vollkommen beruhigt, und das w�rde sie auch nicht, bevor sie nicht bekommen hatte, was ihr zustand.</p><p>Hinter ihr schlug eine T�r, und als Bast sich herumdrehte, sah sie genau in Mrs Walshs Gesicht, die hereingekommen und �berrascht stehen geblieben war. Sie sagte nichts, aber zwischen ihren Augen war eine daf�r umso vielsagendere senkrechte Falte aufgetaucht, und der Ausdruck in ihren Augen schwankte zwischen Verbl�ffung und etwas, das vielleicht noch kein �rger war, es aber sehr leicht werden konnte.</p><p>Maistowe lie� ihren Arm hastig los und straffte die Schultern. Auch er sah pl�tzlich unangenehm ber�hrt aus.</p><p>�Ihre Besorgnis ehrt Sie, Kapit�n�, sagte Bast, �aber sie ist unn�tig. Wie Sie selbst sehen: Mir fehlt nichts.� Sie drehte sich ganz zu Mrs Walsh um und hob die Handfl�che in ihre Richtung. �Der gute Kapit�n war in Sorge, ich k�nnte verletzt worden sein, aber er muss sich geirrt haben - was ja auch nur zu verst�ndlich ist bei all der Aufregung.�</p><p>In der ersten Sekunde �nderte sich weder Mrs Walshs Blick noch der misstrauische Ausdruck auf ihrem Gesicht, w�hrend sie zuerst Basts Handfl�che und dann einen Punkt hinter ihr ansah.</p><p>Bast drehte sich nicht herum, aber sie konnte regelrecht sp�ren, wie Maistowe err�tete.</p><p>�Sie h�tten beide verletzt werden k�nnen oder Schlimmeres�, sagte Mrs Walsh schlie�lich. Das Misstrauen wich endlich aus ihrem Blick, aber nicht, um dem gewohnten freundlichen L�cheln Platz zu machen. Sie sah jetzt eindeutig ver�rgert aus, und sie machte keinen Hehl aus ihren Gef�hlen. �Ich dachte, ich hatte mich deutlich genug ausgedr�ckt, was diese Gegend angeht�, sagte sie. �Anscheinend haben Sie mir nicht richtig zugeh�rt. Gibt es dort, wo Sie herkommen, keine schlechten Menschen?�</p><p>Mehr, <emphasis>als du dir vorstellen kannst. Und nicht nur </emphasis>Menschen. �Doch�, antwortete sie schuldbewusst. �Und Sie haben recht, Mrs Walsh. Sie haben mich gewarnt, und ich h�tte auf Sie h�ren sollen. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass sie mir zu f�nft auflauern w�rden.�</p><p>�Zu f�nft?�, �chzte Mrs Walsh.</p><p>�Miss Bast hat sie ...�, begann Maistowe.</p><p>Bast fiel ihm eine Spur zu hastig ins Wort: �Ich f�rchte, es war ganz allein meine Schuld. Ich habe wohl nicht begriffen, wie gef�hrlich diese M�nner waren, und sie leichtfertig provoziert. Wenn Kapit�n Maistowe nicht aufgetaucht w�re, dann h�tte die Geschichte durchaus �bel enden k�nnen.�</p><p>�Jacob?� Mrs Walsh wirkte ehrlich �berrascht. Maistowe ebenso.</p><p>�Er war wirklich sehr tapfer�, best�tigte Bast, �wenn auch mit ein wenig ... Hilfe.� W�hrend sie sprach, griff sie unter ihren Mantel und zog Maistowes Revolver heraus. �Nicht einmal dieser hinterh�ltige Schlag konnte ihn davon abhalten, diese Bande in die Flucht zu treiben.�</p><p>�Was wohl Ihr Gl�ck war�, f�gte Mrs Walsh hinzu. �Haben Sie eine Vorstellung davon, was diese Kerle Ihnen angetan h�tten?�</p><p>�Ich f�rchte, ja�, antwortete Bast. �Aber gottlob ist Kapit�n Maistowe ja gerade noch rechtzeitig aufgetaucht.�</p><p>�Danken Sie dem Herrn daf�r�, sagte Mrs Walsh ernst. �Das war mehr als leichtsinnig von Ihnen. Sie haben sich in gro�e Gefahr gebracht.�</p><p><emphasis>Und vor allem Jacob Maistowe. </emphasis>Mit einem Male war ihr klar, warum Mrs Walsh so zornig auf sie war. Es ging nicht darum, dass sie sich in Gefahr gebracht hatte, eine Fremde, mit der sie nichts verband au�er einem kurzen Gespr�ch und einer Tasse Tee, die sie zusammen getrunken hatten. Sie hatte Maistowe in Gefahr gebracht, und das nahm sie ihr pers�nlich �bel.</p><p>�So schlimm war es nun auch wieder nicht�, wiegelte Maistowe ab. �Sie wissen doch, wie diese Kerle sind. Eine gro�e Klappe, aber in ihrem Herzen sind sie nichts anderes als erb�rmliche Feiglinge.� Er wirkte noch immer vollkommen verst�rt. Er sprach zwar zu Mrs Walsh, sah Bast dabei aber unverwandt an, und Mrs Walsh h�tte schon blind sein m�ssen, um nicht zu begreifen, dass da noch eine ganze Menge war, von dem sie nichts wusste und ganz offensichtlich auch nichts wissen sollte.</p><p>Einen kurzen Moment lang �berlegte sie, die Erinnerung an die h�ssliche Szene aus Maistowes Ged�chtnis zu tilgen und auch seine Zimmerwirtin zu bes�nftigen, entschied sich aber dann dagegen. Sie verabscheute es, den freien Willen eines Menschen so zu missachten, und sie war nicht einmal sicher, ob ihre Kr�fte noch dazu ausgereicht h�tten, ersch�pft und hungrig, wie sie im Augenblick war. M�glicherweise w�re es sogar gef�hrlich, denn da war noch immer dieses <emphasis>Ding </emphasis>in ihrem Inneren, das nur darauf wartete, dass sie in ihrer Konzentration nachlie�, es zu b�ndigen.</p><p>�Kann ich Ihnen in der K�che helfen, Mrs Walsh?�, fragte sie.</p><p>�Nein. Ich f�rchte, ich kann Ihnen ohnehin nicht mehr anbieten als den aufgew�rmten Rest meines eigenen Abendessens. Ich bin eigentlich nur gekommen, um zu fragen, ob Sie Tee oder Kaffee w�nschen ...� Sie hob die Schultern. �In Ihrer Heimat bevorzugt man doch Kaffee, wenn ich richtig informiert bin, oder?�</p><p>�Nicht unbedingt�, antwortete Bast. �Au�erdem ist Ihr Tee viel zu k�stlich, als dass ich mir auch nur eine einzige Tasse davon entgehen lassen w�rde.�</p><p>Mrs Walshs L�cheln war ungef�hr so herzlich wie das von Roy vorhin. Sie war nicht gekommen, um sich nach ihren W�nschen bez�glich Tee oder Kaffee zu erkundigen. Aber sie sagte auch nichts mehr, sondern belie� es bei einem abermaligen stummen Achselzucken und ging in die K�che zur�ck. Cleopatra, die schwarze Katze, nutzte die Gelegenheit, um durch die offene T�r hereinzuschl�pfen und sich laut schnurrend an Basts Bein zu reiben.</p><p>�Das tut mir leid�, sagte Maistowe.</p><p>�Was?�</p><p>�Gloria.� Maistowe machte ein verlegenes Gesicht. �Ich muss mich f�r sie entschuldigen.�</p><p>�Sie m�ssen sich ganz und gar nicht entschuldigen. Ganz im Gegenteil. Sie k�nnen sich gl�cklich sch�tzen, eine solche Freundin zu haben, Kapit�n Maistowe.�</p><p>�Ja, da haben Sie vermutlich recht.� Maistowe l�chelte schmerzlich. �Ach ja ... und ich muss mich bei Ihnen bedanken.�</p><p>�Wof�r jetzt schon wieder?�</p><p>Maistowe machte eine Kopfbewegung auf die T�r, die sich hinter Mrs Walsh geschlossen hatte. �Dass Sie mir die Rolle des tapferen Helden zugedacht haben, der im letzten Moment auf einem strahlend wei�en Pferd erscheint und den Drachen erschl�gt.�</p><p>�Was Sie getan haben, <emphasis>war </emphasis>ziemlich tapfer�, sagte Bast.</p><p>�Eher ziemlich dumm�, sagte Maistowe, wartete eine geschlagene Sekunde lang vergebens darauf, dass Bast ihm widersprach, und fuhr dann mit einem leisen Seufzen und einem neuerlichen Kopfsch�tteln fort: �Ich bin kein tapferer Mann, f�rchte ich. Und Gloria wei� das auch. Aber was Sie getan haben, war ganz und gar unglaublich. Ich habe ... so etwas noch nie erlebt. Um ehrlich zu sein, h�tte ich es nicht einmal f�r m�glich gehalten. Lernt man so etwas dort, wo Sie herkommen?�</p><p>�Ich musste fr�h lernen, mich meiner Haut zu wehren�, antwortete Bast ausweichend. �Und ich hatte Gl�ck ... und ein wenig Hilfe.� Sie hob abwehrend beide H�nde, als Maistowe widersprechen wollte, und Cleopatra protestierte, als sie dazu mit Kraulen innehielt. �Jetzt stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel, Kapit�n. H�tten Sie die Kerle nicht abgelenkt, w�re es vielleicht anders ausgegangen.�</p><p>Sie hielt Maistowe aufmerksam im Auge, w�hrend sie das sagte. Maistowe hielt ihrem Blick �berraschend fest stand, und Bast fragte sich immer unbehaglicher, <emphasis>was </emphasis>er eigentlich gesehen hatte. Offenbar mehr, als ihr lieb sein konnte. Sie war bisher davon ausgegangen, dass er die ganze Zeit �ber bewusstlos gewesen war, aber das war ganz offensichtlich nicht der Fall gewesen. M�glicherweise hatte er zumindest einen Teil von dem gesehen, was geschehen war.</p><p>Sie war beinahe froh, als die T�r aufging und Mrs Walsh zur�ckkam, schwer beladen mit einem Tablett voller Geschirr und einer gro�en Porzellansch�ssel, aus der ein verlockender Duft stieg. Maistowe wollte aufstehen, um ihr zu Hilfe zu eilen, doch Bast dr�ckte ihn mit sanfter Gewalt wieder auf die Couch zur�ck und erhob sich ihrerseits, wenn auch zu langsam: Mrs Walsh hatte ihr Ziel bereits erreicht und lud ihr Tablett ebenso vorsichtig wie geschickt, aber mit einem h�rbaren Klirren auf dem kleinen Schachtisch vor dem Kamin ab, an dem sie am Nachmittag Tee getrunken hatten. Bast musste sie nicht einmal fragen, um zu wissen, dass sie jedes Wort geh�rt hatte.</p><p>Als sie Mrs Walsh half, das Tablett abzur�umen, bemerkte sie, dass sich nur zwei Suppenteller nebst der dazugeh�rigen L�ffel darauf befanden; dazu ein geflochtenes K�rbchen mit k�stlich duftendem frischem Brot, eine Kanne Tee und drei Tassen aus feinstem chinesischen Porzellan.</p><p>�Oh nein�, beantwortete Mrs Walsh eine Frage, die sie noch gar nicht gestellt hatte. �Ich habe bereits gegessen. Und in meinem Alter braucht man ohnehin nicht mehr so viel. Aber ich trinke gern noch eine Tasse Tee mit Ihnen, wenn Sie gestatten.�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Bast. Eigentlich war ihr nicht nach Reden zumute, zumindest nicht �ber das, was Mrs Walsh vermutlich vorschwebte. Sie hatte Angst, noch mehr Fehler zu begehen, als ihr ohnehin schon unterlaufen waren. Sowohl Maistowe als auch Mrs Walsh wussten schon entschieden zu viel.</p><p>Und da war immer noch dieses <emphasis>Ding </emphasis>in ihr, das knurrend an seiner Kette zerrte.</p><p>Trotzdem nickte sie nach einem Augenblick.</p><p>Maistowe gesellte sich unsicheren Schrittes zu ihnen, lie� es sich aber dennoch nicht nehmen, einen der schweren St�hle zu ergreifen und herbeizutragen; und er setzte sich auch erst, nachdem Bast Platz genommen hatte. Was auch immer er sonst sein mochte, dachte sie sp�ttisch, er war ein Gentleman alter Schule.</p><p>Mrs Walsh schenkte ihnen Suppe ein und runzelte missbilligend die Stirn, als Cleopatra mit steil erhobenem Schwanz herangetigert kam und lautstark maunzend weitere Streicheleinheiten einforderte, enthielt sich zu Basts Erstaunen aber jeden Kommentars und setzte sich schlie�lich ebenfalls, um sich einen Tee einzugie�en.</p><p>�Und vor dem Essen lassen Sie uns dem Herrn danken�, sagte sie streng, �der Sie auf so wunderbare Weise errettet hat. Wollen Sie ein Gebet sprechen?�, fragte sie, an Bast gewandt.</p><p>Basts Blick ging beinahe erschrocken zu dem Kruzifix im Winkel, aber sie wusste f�r einen Augenblick wirklich nicht, was sie sagen sollte. Etwa, dass sie noch nie in ihrem Leben ein Gebet gesprochen - oder dass fr�her einmal Menschen Gebete an sie gerichtet hatten?</p><p>Maistowe rettete sie aus der Verlegenheit. �Vielleicht w�re es besser, wenn jeder still f�r sich betet.�</p><p>Mrs Walsh runzelte die Stirn, aber sie sagte nichts. Sie a�en schweigend. Die Suppe war ebenso hei� wie k�stlich, und wenn es sich tats�chlich nur um die Reste von Mrs Walshs Abendessen handelte, dann schien es wohl zu ihren Angewohnheiten zu geh�ren, f�r mindestens zwei oder drei Tage vorzukochen; denn obwohl Maistowe kr�ftig zulangte und sich auch Bast einen Nachschlag nahm, war die Terrine noch nicht einmal zur H�lfte geleert, als sie fertig war und Mrs Walshs fragend-auffordernden Blick mit einem stummen Kopfsch�tteln beantwortete.</p><p>Cleopatra wartete artig, bis sie sich in ihrem Sessel zur�cklehnte, dann aber sprang sie blitzartig auf ihren Scho�, wo sie sich zu einem behaglich schnurrenden Ball zusammenrollte. Mrs Walshs Stirnrunzeln vertiefte sich noch mehr, aber sie hielt sich immer noch zur�ck.</p><p>�Das war k�stlich, meine Liebe�, sagte Maistowe. Er warf Mrs Walsh einen fragenden Blick zu, wartete, bis sie mit einem kaum angedeuteten Kopfnicken darauf reagierte und klaubte dann einen Zigarillo aus seiner Brusttasche, den er sich mit einem brennenden Span aus dem Kamin anz�ndete. Cleopatra hob den Kopf und fauchte leise.</p><p>�Sie mag keinen Tabakqualm�, sagte Mrs Walsh. �Eine scheu�liche Angewohnheit.� Und sie sagte es in einem Ton, der deutlich machte, dass dies wohl eher <emphasis>ihre </emphasis>Meinung zu diesem Thema darstellte.</p><p>Wovon sich Maistowe allerdings nicht im Geringsten beeindrucken lie�. Er lehnte sich ganz im Gegenteil in seinem Stuhl zur�ck, nahm einen zweiten, noch tieferen Zug und schloss genie�erisch die Augen.</p><p>�Bitte verzeihen Sie, Gloria�, seufzte er. �Ich wei�, dass Sie es nicht m�gen, wenn ich hier drinnen rauche, aber das musste ich jetzt einfach haben.�</p><p>�Das verstehe ich doch, Jacob�, antwortete Mrs Walsh �Schlie�lich geraten Sie ja nicht jeden Tag in eine solch haarstr�ubende Situation.�</p><p>�Gottlob nicht�, best�tigte Maistowe. Er lachte leise und nahm einen dritten, noch tieferen Zug �Abgesehen von Piraten, mit denen ich mich st�ndig herumschlagen muss, Seeschlangen und Walen und anderen, noch unerquicklicheren Gefahren, mit denen man sich auf hoher See konfrontiert sieht, versteht sich.�</p><p>�Versteht sich�, sagte Mrs Walsh.</p><p>Maistowe machte ein gewichtiges Gesicht, dann lachte er pl�tzlich und schnippte seinen Zigarillo zielsicher in den Kamin. Er wurde allerdings auch sofort wieder ernst.</p><p>�Nein�, sagte er. �Um der Wahrheit die Ehre zu geben - ich bin kein K�mpfer.�</p><p>�Obwohl Sie eine Waffe haben?�, fragte Bast.</p><p>�Eine Waffe zu haben und damit auf einen Menschen zu schie�en sind zwei grundverschiedene Dinge�, antwortete er betr�bt. �Ich besitze diesen Revolver nun schon seit sehr vielen Jahren, aber ich h�tte mir nie tr�umen lassen, ihn eines Tages benutzen zu m�ssen. Ich war nicht einmal sicher, ob er noch funktioniert.�</p><p>�Und trotzdem hatten Sie ihn bei sich?�</p><p>�Jacob hat die Waffe eingesteckt, als ich ihm die Adresse genannt habe, zu der Sie unterwegs waren�, antwortete Mrs Walsh an Maistowes Stelle. Bast unterdr�ckte ein L�cheln. Cleopatra h�rte pl�tzlich auf zu schnurren und hob abermals den Kopf.</p><p>�War Ihre Suche denn wenigstens erfolgreich?�, fragte Maistowe.</p><p>�Ich f�rchte, nein�, antwortete Bast. �Ich habe einen Namen in Erfahrung gebracht, und eine Beschreibung, die ungef�hr zutreffen k�nnte. Aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ...�</p><p>Sie brach ab und blickte ein wenig beunruhigt auf die schwarze Katze hinab, die pl�tzlich ein dunkles, tief aus ihrer Brust emporsteigendes Knurren ausstie�. Sie hatte die Ohren gespitzt und starrte sehr aufmerksam in Richtung des geschlossenen Fensters.</p><p>�... Ihre Schwester in einer solchen Gegend lebt�, beendete Mrs Walsh den Satz. Sie nickte. �Nun, offen gestanden konnte ich mir das auch nicht vorstellen, nachdem ich Sie kennen gelernt habe. Das East End ist wirklich eine �ble Gegend, m�ssen Sie wissen.�</p><p>Cleopatras Knurren wurde lauter, und Bast sp�rte, wie sie sich auf ihrem Scho� spannte. Auch sie sah zum Fenster und lauschte gleichzeitig angespannt mit allen Sinnen. Irgendetwas ... war dort drau�en. Aber sie konnte nicht sagen, was. �Ja, das ... habe ich gemerkt�, antwortete sie schleppend. Es fiel ihr schwer, sich auf Mrs Walshs Worte zu konzentrieren.</p><p>�Nicht nur wegen dieser Kerle�, sagte Mrs Walsh. �Erst vor Kurzem hat es dort zwei schreckliche Morde gegeben. Nicht, dass die Opfer es sich nicht selbst zuzuschreiben h�tten. Leider Gottes ist es so, dass sich in diesem Viertel der Abschaum der Gesellschaft herumtreibt. Aber diese Morde waren ganz besonders grauenhaft, wie man h�rt.�</p><p>�Vielleicht waren es ja dieselben Burschen, die uns aufgelauert haben�, sagte Maistowe nachdenklich.</p><p>Das waren sie nicht, aber Bast kam nicht dazu, ihn auf seinen Irrtum hinzuweisen, denn in diesem Moment stie� Cleopatra ein w�tendes Zischen aus, verwandelte sich in einen schwarzen Blitz aus Fell und Z�hnen und stie� sich mit solcher Wucht von ihrem Scho� ab, dass sich die Krallen ihrer Hinterl�ufe schmerzhaft durch den Stoff in ihre Oberschenkel gruben. So schnell, dass sie sich f�r einen Moment tats�chlich in einen Schatten zu verwandeln schien, dem nicht einmal mehr Basts Blicke folgen konnten, schoss sie quer durch das Zimmer, stie� sich mit einem zweiten, noch kraftvolleren Sprung ab, landete auf dem kleinen Beistelltisch, auf dem Mrs Walsh vorhin Maistowes Tasse abgestellt hatte und flog von dort aus weiter zum Fenster. Die Tasse polterte zu Boden und zerschellte, und Mrs Walshs erschrockener Aufschrei vermischte sich mit dem Ger�usch von zerrei�endem Stoff, als sich Cleopatras Krallen in den falschen Samt der Vorh�nge gruben.</p><p>Nicht nur der Samt der Vorh�nge war falsch, auch die fingerdicke Eisenstange, an der sie aufgeh�ngt waren, gaukelte eine Festigkeit vor, die sie ganz und gar nicht besa�. Die komplette Gardinenstange samt der Vorh�nge und der daran h�ngenden schwarzen Katze fiel herunter. Cleopatras Fauchen und Spucken h�rte sich mit einem Male viel mehr verdutzt und emp�rt an als w�tend, und Mrs Walsh stie� einen zweiten, diesmal eindeutig entsetzten Schrei aus, schlug die Hand vor den Mund und sprang so heftig auf, dass ihr Stuhl um ein Haar umgefallen w�re.</p><p>Und vor dem Fenster ... verschwand ein Schatten.</p><p>Es ging so schnell, dass auch sie nicht mehr als einen fl�chtigen Schemen sah; und vielleicht einen noch fl�chtigen Eindruck von schlagendem schwarzem Gefieder und einem schrecklichen, gekr�mmten Schnabel hatte.</p><p>Und trotzdem war sie diesmal vollkommen sicher, dass es ein Falke gewesen war.</p></section><section><title><p id="ZWEITES_Kapitel">ZWEITES Kapitel</p></title><p>Es war ein unruhiger Rest der Nacht gewesen, und nicht nur f�r Bast. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte - Mrs Walsh hatte sich nach dem ersten, beinahe hysterischen Ausbruch f�r den Rest des Abends in beleidigtes Schweigen geh�llt und weder die schwarze Katze noch sie auch nur noch eines einzigen Blickes gew�rdigt, woran auch Maistowes bescheidene Versuche, die heruntergerissene Gardinenstange wieder an ihrem Platz zu befestigen und den Schaden irgendwie zu begrenzen, nichts ge�ndert hatten -, hatten sie nur noch eine kurze Weile zusammengesessen und versucht, irgendwelche Belanglosigkeiten auszutauschen, um damit die Peinlichkeit des Moments zu �berspielen. Nat�rlich hatte es nicht funktioniert, und so hatte sich Bast nicht einmal die Zeit genommen, ihren Tee auszutrinken, sondern sich schlie�lich unter einem Vorwand zur�ckgezogen.</p><p>Nat�rlich war an Schlaf nicht zu denken gewesen, jedenfalls nicht sofort. Stattdessen war sie, ohne Licht zu machen, ans Fenster des kleinen, nach Osten f�hrenden Zimmers getreten, um es zu �ffnen und den Nachthimmel aufmerksam mit Blicken abzusuchen. Sicher eine halbe Stunde, wenn nicht l�nger, hatte sie einfach so dagestanden und die Unterseiten der bauchigen schwarzen Wolken angestarrt, die so tief �ber der Stadt hingen, dass man meinte, sie mit den ausgestreckten Armen ber�hren zu k�nnen. Von dem Vogel war keine Spur mehr zu sehen. Nat�rlich nicht.</p><p>Aber Bast war trotzdem nicht nur vollkommen sicher, dass es sich tats�chlich um einen Falken und nicht um eine irregeleitete M�we oder eine besonders vorwitzige Taube gehandelt hatte, sondern dar�ber hinaus auch, dass es genau dasselbe gro�e Tier gewesen war, das sich schon am Morgen am Hafen so sonderbar verhalten hatte. Und dass es sich nicht um einen gew�hnlichen Falken handelte, war ihr ebenfalls klar.</p><p>Schlie�lich war die K�lte weit genug ins Zimmer gekrochen, dass sie es nicht mehr aushielt, sondern das Fenster schloss und sich unter die Bettdecke verkroch. Es dauerte lange, bis sie einschlief, und es war alles andere als eine ruhige Nacht. Immer wieder schrak sie hoch, mit einem schlechten Geschmack im Mund, klopfendem Herzen und der verschwommenen Erinnerung an Tr�ume, die etwas ungemein Bedrohliches gehabt hatten, ohne dass sie sich an Einzelheiten erinnern konnte. Vage, hektisch wechselnde Bilder und Gef�hle ohne irgendeinen Zusammenhang oder etwas wie eine Handlung, und sei sie noch so absurd. Bilder voller Angst und Flucht, voller Schreie und verlockendem Duft von warmem Blut. Tr�ume von der Jagd. Und sie war ganz offensichtlich nicht die Einzige, der der Schlaf in dieser Nacht keine Erholung brachte. Mehr als einmal h�rte sie Ger�usche, und ein- oder zweimal auch ged�mpfte Stimmen, die unten im Haus murmelten.</p><p>Als sie schlie�lich wieder einmal die Augen aufschlug und feststellte, dass die Schw�rze vor dem Fenster allm�hlich einem wattigen, grauen Zwielicht zu weichen begann, gab sie es auf. Statt weiter um einen Schlaf zu ringen, der nicht kommen wollte und wenn doch, so keinerlei Erquickung brachte, stand sie auf, wusch sich fl�chtig mit dem nicht mehr ganz sauberen und l�ngst kalt gewordenen Wasser vom vergangenen Nachmittag und schl�pfte in ihr schwarzes Kleid, bevor sie noch einmal an den Spiegel herantrat und einen kurzen, absch�tzenden Blick hineinwarf.</p><p>Was sie sah, gefiel ihr nicht. Einem anderen w�re es wohl allein durch die nachtschwarze Farbe ihres Gesichts nicht aufgefallen, aber Bast entgingen keineswegs die dunklen Ringe, die unter ihren Augen lagen, oder der ungesunde Glanz ihrer Haut. Ihre Lippen waren spr�de geworden und rissig, und als sie noch einmal und genauer hinsah, stellte sie fest, dass ihre Nasenfl�gel und Fingerspitzen ganz leicht zitterten. Jeder andere - h�tte er es �berhaupt bemerkt - h�tte diese verr�terischen Anzeichen auf die Aufregung des vergangenen Abends und mangelnden Schlaf geschoben, doch Bast wusste es besser. Sie war <emphasis>hungrig. </emphasis>Ihre dunkle Schwester begann zu erwachen und verlangte mit Macht nach Nahrung, und da sie sie ihr vorenthielt, begann sie nun damit, sie selbst zu verzehren. Noch war es nicht wirklich gef�hrlich, doch Bast f�hlte schon wieder jenes d�stere W�hlen und Gieren tief in sich. Das Ungeheuer zerrte an seinen Ketten. Die Explosion purer Gewalt vom gestrigen Abend hatte es vielleicht ein wenig bes�nftigt, doch das w�rde nicht allzu lange vorhalten. Ihr blieb nicht mehr sehr viel Zeit.</p><p>Bast verscheuchte die d�steren Bilder aus ihrem Kopf, bevor sie dem Ungeheuer, das in ihr lauerte, ihrerseits als Nahrung dienen konnten, und wollte sich gerade abwenden, als ihr Blick abermals auf ihrem eigenen Spiegelbild h�ngenblieb. Sie hatte sich gewaschen, aber anscheinend nicht gr�ndlich genug: An ihrer rechten Hand klebte noch immer Blut. Einige wenige Tropfen nur, die auf ihrer Haut beinahe schwarz eingetrocknet und damit so gut wie unsichtbar waren. Aber <emphasis>so gut wie </emphasis>war nicht genug. Maistowe hatte gestern schon viel zu viel gesehen und begann bereits Verdacht zu sch�pfen.</p><p>W�hrend sie sich ein zweites Mal und jetzt sehr viel gr�ndlicher die H�nde wusch und anschlie�end den roten Schal vom vergangenen Abend gegen einen nunmehr ebenfalls schwarzen austauschte und ihn zu einem kunstvollen Turban wickelte, kam sie zu einem Entschluss. Neben etlichen anderen war ihr gestern ein ganz besonders schwerer Fehler unterlaufen, den sie aber auf der Stelle wiedergutmachen w�rde und konnte.</p><p>Sie verlie� das Zimmer und war kein bisschen �berrascht, um ein Haar �ber eine bernstein�ugige schwarze Katze zu stolpern, die direkt vor der T�r sa� und erwartungsvoll zu ihr hochblickte. Wie Bast vermutete, schon die ganze Nacht.</p><p>Gegen ihren Willen musste sie l�cheln. �Guten Morgen, Kleines�, sagte sie. �Bist du gekommen, um dich bei mir zu beschweren, weil ich nicht auf dich geh�rt habe?�</p><p>Cleopatra maunzte leise, wie um ihre Frage zu bejahen, und Bast fuhr immer noch l�chelnd und mit einem angedeuteten Kopfsch�tteln fort: �Du hast vollkommen recht, wei�t du? Ich war dumm. Aber so sind wir nun einmal. Wir h�ren selten auf das, was man uns sagt. Dabei hast du dir doch wirklich alle M�he gegeben.�</p><p>Die Katze maunzte erneut, und Bast lie� sich f�r einen Moment in die Hocke sinken, um sie mit den Fingerspitzen zwischen den Ohren zu kraulen. �Hast die ganze Zeit vor meiner T�r gesessen und auf mich aufgepasst, habe ich recht? Und ich Dummkopf habe es nicht einmal gemerkt. Wahrscheinlich h�tte ich dich besser hereingelassen. Ich bin sicher, du h�ttest mich vor diesen h�sslichen Tr�umen besch�tzt.�</p><p>Pl�tzlich hatte sie das intensive Gef�hl, angestarrt zu werden. Bast sah auf und blickte direkt in Mrs Walshs Gesicht, die die Treppe heraufgekommen und so stehen geblieben war, dass sie nun ihrerseits zu ihr heraufblicken musste. Sie sah �berrascht aus, und das nicht unbedingt auf angenehme Weise. Ihr Blick irrte best�ndig zwischen ihr und der Katze hin und her, und Bast konnte regelrecht sehen, wie es hinter ihrer Stirn zu arbeiten begann. Nat�rlich hatte sie geh�rt, dass sie mit der Katze gesprochen hatte. Nicht was - Bast begriff erst im Nachhinein, dass sie ganz automatisch zu ihrer Muttersprache gewechselt war -, aber die Tatsache allein, dass sie sich mit einer <emphasis>Katze </emphasis>unterhielt, schien ihr doch einigerma�en seltsam vorzukommen.</p><p>Bast erhob sich mit einer flie�enden Bewegung, und Cleopatra sah fast erschrocken zu Mrs Walsh zur�ck und huschte dann schuldbewusst davon.</p><p>�Ich ... verzeihen Sie�, sagte Mrs Walsh. Pl�tzlich wirkte sie verlegen. �Ich habe Ger�usche geh�rt und nahm an, dass Sie wach sind. Ich wollte Sie nicht st�ren.�</p><p>�Das haben Sie nicht�, versicherte Bast rasch. �Im Gegenteil. Ich wollte ohnehin mit Ihnen reden.�</p><p>�Das trifft sich gut�, antwortete die Zimmerwirtin. Sie hatte ihre Fassung mittlerweile vollends zur�ckgewonnen, kam weitere zwei oder drei Stufen weit die Treppe herauf und l�chelte pl�tzlich wieder. �Ich habe Tee gemacht und mich gefragt, ob Sie vielleicht Lust haben, mir bei einer Tasse Gesellschaft zu leisten.�</p><p>�Gern�, antwortete Bast, �aber es gibt da ...�</p><p>�... etwas zu bereden, das sagten Sie bereits�, fiel ihr Mrs Walsh ins Wort. �Aber l�sst sich das nicht viel besser bei einer guten Tasse Tee bewerkstelligen?�</p><p>Bast resignierte innerlich. Sie musste hier weg, und das schneller und aus weitaus gewichtigeren Gr�nden, als Mrs Walsh auch nur ahnen konnte, aber die alte Dame hatte etwas an sich, wogegen sie nicht ankam, wollte sie nicht unh�flich oder gar verletzend werden - und das war etwas, was sie noch viel weniger wollte. Also nickte sie nur, und Mrs Walsh machte auf der Stufe kehrt und ging die Treppe wieder hinunter.</p><p>Aus irgendeinem Grund hatte sie fest damit gerechnet, Kapit�n Maistowe im gleichen Stuhl wie am vergangenen Abend sitzend anzutreffen, als h�tte er sich in all den Stunden dazwischen �berhaupt nicht von der Stelle ger�hrt. Aber er war nicht da. Im Kamin flackerte bereits wieder ein Feuer, das behagliche W�rme und den Duft von brennendem Buchenholz verbreitete, und zumindest auf den ersten Blick waren alle Spuren der kleinen Katastrophe vom vergangenen Abend verschwunden: Der Tisch war ordentlich abger�umt, das zerbrochene Geschirr verschwunden, und selbst die heruntergerissene Gardine hing wieder so ordentlich an ihrem Platz, als w�re gar nichts geschehen. Wie es aussah, hatte auch Mrs Walsh nur eine sehr kurze Nacht hinter sich.</p><p>Bast lie� sich auf einen der beiden freien St�hle am Tisch sinken und erwartete, dass Mrs Walsh es ihr gleichtat, doch sie ging mit raschen Schritten an ihr vorbei und �ffnete die Haust�r. Ein Schwall f�hlbarer, nach Nebel riechender K�lte wehte zu ihnen herein, und Bast h�rte, wie sie einige S�tze mit jemandem drau�en vor der T�r wechselte, machte sich aber nicht die M�he, die Worte zu verstehen. Es verging auch nur noch ein Augenblick, bis Mrs Walsh sich zu ihr gesellte und Platz nahm.</p><p>�Ich hoffe, Sie hatten trotz allem einen einigerma�en erholsamen Schlaf�, begann sie, w�hrend sie zuerst ihr und dann sich selbst Tee einschenkte. �H�tte ich gewusst, dass Sie so fr�h aufstehen, h�tte ich selbstverst�ndlich schon ein Fr�hst�ck f�r Sie vorbereitet.�</p><p>�Das ist v�llig in Ordnung�, antwortete Bast. �Ich pflege auch zu Hause niemals zu fr�hst�cken.�</p><p>Es war nicht wirklich fr�h, wie ihr ein kurzer Blick auf die gro�e Standuhr in der Ecke klarmachte. Im Haus herrschte noch immer Dunkelheit und die ganz besondere Stille, wie sie f�r die kurzen Augenblicke unmittelbar vor dem Erwachen des Tages typisch sind. Die D�mmerung war hereingebrochen, hatte aber die Festung dieses Hauses, hinter deren Mauern sich die Nacht zur�ckgezogen hatte, noch nicht ganz erobert; immerhin neigte sich das Jahr allm�hlich seinem Ende entgegen, und die Tage endeten fr�h und begannen daf�r umso sp�ter.</p><p>Sie belie� es bei einem Schulterzucken und einem angedeuteten L�cheln und rettete sich dar�ber hinaus, indem sie einen Schluck Tee trank und den Genuss mehr als n�tig in die L�nge zog. Der Tee war k�stlich und hei� und entsch�digt sie ein bisschen f�r die unruhige Nacht, die hinter ihr lag. Aber schlie�lich stellte sie die Tasse ab und sah Mrs Walsh an.</p><p>�Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen�, begann sie. �Es tut mir aufrichtig leid, dass ich Ihnen solche Umst�nde bereitet habe.�</p><p>�Aber ich bitte Sie!�, sagte diese kopfsch�ttelnd. �Das war schlie�lich nicht Ihre Schuld!�</p><p>�Das mag sein�, antwortete Bast, �aber es war trotzdem falsch von mir, �berhaupt hierherzukommen und Sie einem unn�tigen Risiko auszusetzen.� Sie unterstrich ihre Worte mit einem bekr�ftigenden Kopfsch�tteln, als Mrs Walsh dazu ansetzte, zu widersprechen. �Sie haben mich freundlich aufgenommen, obwohl ich eine vollkommen Fremde f�r Sie bin, �ber die Sie rein gar nichts wissen, und ich habe es Ihnen gedankt, indem ich den Kapit�n und Sie in Gefahr gebracht habe. Das ist unverzeihlich.�</p><p>Mrs Walsh setzte abermals zu einem Widerspruch an, und Bast machte eine abwehrende Handbewegung und sch�ttelte noch einmal und noch entschiedener den Kopf. �Ich f�rchte, ich werde mir eine andere Unterkunft suchen m�ssen.�</p><p>Sie wusste selbst nicht genau, mit welcher Reaktion sie gerechnet hatte, doch Mrs Walsh wirkte allerh�chstens ein bisschen entr�stet.</p><p>�H�tten Sie mir gestern schon gesagt, worum es geht, dann h�tte ich Sie warnen k�nnen, meine Liebe. Das East End ist ein �bler Ort. Keine Gegend f�r eine Frau. Ich h�tte Sie warnen m�ssen. In der Tat mache ich mir Vorw�rfe, es nicht getan zu haben.�</p><p>�Das m�ssen Sie wirklich nicht�, sagte Bast, aber Mrs Walsh nahm ihre Antwort nicht einmal zur Kenntnis.</p><p>�Es war keineswegs ein Zufall, dass Kapit�n Maistowe Ihnen gestern gefolgt ist�, fuhr sie fort. �Nachdem er die Adresse geh�rt hatte, die auf Ihrem Zettel stand, hatte er Angst, dass Sie in Schwierigkeiten geraten k�nnten.� Sie z�gerte einen - Bast war sicher, genau bemessenen - Moment, bevor sie in ver�ndertem Ton hinzuf�gte: �Whitechapel ist eine Lasterh�hle, und Gottes Strafe wird alle treffen, die sich gegen seine Gebote vers�ndigen.�</p><p>Bast nippte an ihrem Tee. Er schien pl�tzlich nicht mehr ganz so gut zu schmecken wie noch gerade. Immer wenn Mrs Walsh das Gespr�ch auf Religion brachte, war ihr irgendwie unwohl zumute. Sie schwieg.</p><p>�H�tten Sie gleich gesagt, worum es geht, dann w�re es vermutlich nicht einmal zu diesem h�sslichen Zwischenfall gestern Abend gekommen. Jacob Maistowe verf�gt �ber ausgezeichnete Verbindungen zu den Beh�rden. Wenn Sie es w�nschen, kann er Ihnen dabei behilflich sein, den Aufenthaltsort Ihrer Schwester zu ermitteln.�</p><p>Bast ertappte sich dabei, einen Moment lang ernsthaft �ber dieses Angebot nachzudenken. Sie konnte sich immer noch nicht wirklich erkl�ren, warum Isis sich vor ihr verstecken sollte, aber wenn es jemanden gab, der ihr ganz gewiss <emphasis>nicht </emphasis>helfen konnte, sie zu finden, dann waren es die Beh�rden. �Wie gesagt ...�, begann sie.</p><p>�Ja, ich verstehe�, seufzte Mrs Walsh. �Bitte verzeihen Sie. Ich wollte nicht aufdringlich erscheinen. Aber ich habe geh�rt, dass bei Ihnen im Orient die Gesetze der Gastfreundschaft heilig sind. Ob Sie es glauben oder nicht, das gilt auch hier - jedenfalls in dieser Pension!�</p><p>Bast konnte nur hoffen, dass sie sich weit genug in der Gewalt hatte, damit Mrs Walsh ihr ihre wahren Gef�hle nicht ansah. Sie war nichts anderes als aufdringlich; zugleich aber schien sie es auf ihre Art gut mit ihr zu meinen. Beinahe schon ein bisschen zu hastig griff Bast nach ihrer Teetasse, um sich erneut dahinter zu verkriechen. Mrs Walsh sah sie unverwandt weiter an, und zumindest in diesem Moment war Bast vollkommen sicher, dass sie ihre Gedanken ebenso m�helos erriet, wie sie selbst normalerweise die ihres Gegen�bers.</p><p>Gerade, als der Moment wirklich peinlich zu werden drohte, h�rte sie das Tappen weicher Pfoten, und als sie sich herumdrehte, gewahrte sie Cleopatra, die mit wiegenden Schritten die Treppe herunter- und direkt auf sie zukam. Mrs Walsh sah die Katze schon wieder missbilligend an, und Cleopatra blieb mitten im Schritt stehen, be�ugte ihre Herrin aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen, drehte pl�tzlich den Kopf und fauchte das Fenster an, vor dem sie in der vergangenen Nacht den Vogel gesehen hatten.</p><p>�Keine Sorge�, sagte Bast. �Er ist fort. Und du hast ihm einen solchen Schrecken eingejagt, dass er auch ganz bestimmt nicht wiederkommt.�</p><p>Die Katze fauchte noch einmal, warf Bast einen langen, irgendwie entr�stet wirkenden Blick zu und drehte sich dann auf der Stelle herum, um auf dem gleichen Weg, aber viel schneller, zu verschwinden, auf dem sie gerade aufgetaucht war.</p><p>Bast sah ihr kopfsch�ttelnd nach, wandte sich dann langsam wieder zu Mrs Walsh um - und gestand sich selbst sein, schon wieder einen Fehler gemacht zu haben. Mrs Walsh l�chelte, aber sie tat es ganz eindeutig nur, um sich ihre Verbl�ffung nicht allzu deutlich anmerken zu lassen.</p><p>�Verzeihen Sie, Mrs Walsh�, sagte Bast. �Ich vergesse immer, dass Sie es nicht m�gen, wenn sie hier im Haus ist.�</p><p>�Das ist ganz und gar erstaunlich�, murmelte Mrs Walsh. Sie sah nachdenklich in die Richtung, in die die Katze verschwunden war, brachte aber irgendwie das Kunstst�ck fertig, Bast dabei keinen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen. �Wenn man sieht, wie gut Sie sich mit ihr verstehen, dann k�nnte man fast glauben, Sie w�ren es wirklich.�</p><p>�Wirklich?�, wiederholte Bast. Erschrocken. �Wer?�</p><p>�Bastet�, antwortete Mrs Walsh.</p><p>�<emphasis>Bastet?</emphasis>� Bast gab sich gar nicht mehr die M�he, ihre �berraschung zu verhehlen. Es w�re ohnehin sinnlos gewesen.</p><p>�Der Name der Katzeng�ttin im alten �gypten�, erkl�rte Mrs Walsh. �Ich nehme doch an, Ihr Name ist davon abgeleitet?� Pl�tzlich klang sie nicht nur ein ganz kleines bisschen triumphierend, sie sah auch so aus.</p><p>Bast nahm es als ein weiteres Anzeichen f�r den schlechten Zustand, in dem sie sich nun schon seit Tagen befand, dass sie f�r einen Moment beinahe in Panik geriet. Es war ganz und gar unm�glich, dass Mrs Walsh ...</p><p>Sie brach den Gedanken mit einer bewussten Anstrengung ab und erteilte sich selbst eine scharfe R�ge. Nat�rlich wusste sie von nichts - wie auch? �Sie �berraschen mich�, antwortete sie. �Ich h�tte nicht gedacht, dass Ihnen dieser Name gel�ufig ist.�</p><p>�Weil ich nur eine dumme alte Engl�nderin bin?�, meinte Mrs Walsh. Sie klang nicht verstimmt.</p><p>�Weil ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet habe, dass �berhaupt jemand in diesem Teil der Welt etwas �ber die Geschichte meiner Heimat wei�, oder gar �ber seine G�tter. Diese Geschichten sind sehr alt.� Sie lie� ihr L�cheln ganz bewusst eine Spur w�rmer werden und verlieh ihren Worten zugleich auf anderem Wege etwas mehr Glaubw�rdigkeit. Nicht zu viel, aber doch gerade genug, um die Saat, die Mrs Walsh selbst gelegt hatte, aufgehen zu lassen. �Tats�chlich ist mein voller Name Bastet.�</p><p>�Warum benutzen Sie ihn dann nicht?�, fragte Mrs Walsh. �Es ist ein sehr sch�ner Name, finde ich.�</p><p>�Solange ich in meinem Heimatland bleibe und nicht mit Ausl�ndern spreche, die sich in der �gyptischen Geschichte auskennen�, meinte Bast mit einem schiefen L�cheln. �Manchmal ist es ein wenig peinlich, mit dem Namen einer G�ttin herumzulaufen.�</p><p>Mrs Walsh griff nach ihrer Tasse, stellte fest, dass sie leer war, und schenkte sich nach. Fragend hielt sie Bast die Kanne hin, doch diese antwortete nur mit einem stummen Kopfsch�tteln. Der Tee war k�stlich, aber sie war schon viel zu lange hier. Sie musste auf jeden Fall fort sein, bevor Maistowe auftauchte.</p><p>�Diese Bescheidenheit ehrt Sie, mein Kind�, fuhr Mrs Walsh fort, �und Sie haben anscheinend keine Ahnung, wie viele Menschen hierzulande Maria hei�en - oder mitunter gar Jesus.�</p><p>Bast lachte. �Daf�r hatte ich das zweifelhafte Vergn�gen, eine Woche lang die Gesellschaft einiger Seeleute zu genie�en, deren Sprache leider nicht ganz so geschliffen war wie die Ihre, Mrs Walsh�, antwortete sie. �Irgendwie hat es mir nicht gefallen, wie Sie das Wort Bastet ausgesprochen haben.� Als sie ihren wirklichen Namen benutzte - wobei sie sich im Stillen zum hundertsten Male verfluchte, nicht unter irgendeinem anderen, vollkommen unverf�nglichen und am besten f�r europ�ische Zungen unaussprechlichen Namen gereist zu sein -, verlieh sie ihrer Stimme einen ganz bewusst breiten, schon ein bisschen ordin�ren Akzent, sodass sich das Wort ganz eindeutig wie Bastard anh�rte. Mrs Walsh blickte schockiert, lachte dann aber mit.</p><p>�Wahrscheinlich haben Sie recht�, gestand sie. �Sowohl was ihren Namen angeht als auch die mangelnde Bildung allzu vieler meiner Landsleute. Aber mit ein wenig Gl�ck wird sich genau das bald �ndern, zumindest hier in London.�</p><p>�Wieso?�, fragte Bast, wenn auch eigentlich nur aus Gewohnheit und um �berhaupt etwas zu sagen. Den allergr��ten Teil ihrer Konzentration verwandte sie im Moment darauf, irgendeine glaubhafte Ausrede zu ersinnen, die es ihr erm�glichte, von hier zu verschwinden, ohne Mrs Walsh allzu deutlich vor den Kopf zu sto�en.</p><p>�Sagen Sie nur, Sie haben noch nicht davon geh�rt�, antwortete Mrs Walsh �berrascht.</p><p>�Nein�, antwortete Bast. ��hm ... wovon?�</p><p>�Von der Ausstellung�, antwortete Mrs Walsh. �Es gibt seit sechs Monaten eine Ausstellung �gyptischer Kunstsch�tze im Britischen Museum, hier in London. Am Anfang war sie nur f�r wenige Wochen geplant, aber sie war so erfolgreich, dass man sie verl�ngert hat, und inzwischen �berlegt die Museumsleitung sogar, sie zu einer dauerhaften Einrichtung zu machen. Ich war der Meinung, dass man selbst in Kairo davon geh�rt h�tte.�</p><p>Das Einzige, wovon Bast geh�rt hatte, war, dass das britische Empire - und dies nicht erst seit sechs Monaten - alles in seiner Macht Stehende tat, um die Kunstsch�tze ihres Landes zu rauben. Sie sch�ttelte nur den Kopf.</p><p>�Das ist ein Fehler�, sagte Mrs Walsh. �Sie sollten sich diese Ausstellung auf gar keinen Fall entgehen lassen. Ich selbst war bereits zweimal dort und habe nicht einmal die H�lfte von allem gesehen, was es zu bestaunen gibt. Und dabei vergeht keine Woche, in der nicht neue St�cke hinzukommen.� Sie machte ein nachdenkliches Gesicht, und Bast musste nicht einmal hinter diese Maske schauen, um zu wissen, dass ihr Einfall alles andere als spontan war, sondern sie das Gespr�ch so oder so auf das Thema gebracht h�tte. �Ich frage mich, ob Sie mit Ihrer Suche nicht dort anfangen sollten.�</p><p>�Im Museum? Warum?�</p><p>�Warum nicht?�, erwiderte Mrs Walsh. �Einen Versuch w�re es wert, meinen Sie nicht auch?� Sie winkte ab, als Bast widersprechen wollte. �Jacob ist in irgendwelchen Gesch�ften unterwegs und wird erst am sp�ten Nachmittag zur�ckkehren, aber er hat mir fest versprochen, schon einmal gewisse Erkundigungen einzuziehen, was Ihre Freundin angeht.� Ihr L�cheln �nderte sich, wurde eine Spur nachsichtiger. �Geben Sie ihm eine Chance, und sei es nur, um seine Ehre nicht zu verletzen.�</p><p>Bast antwortete nicht sofort darauf. Mrs Walshs Pl�ne gefielen ihr ganz und gar nicht, erschreckten sie sogar ein bisschen, aber sie sagte sich auch, dass es ohnehin zu sp�t war, um Maistowe jetzt noch von irgendetwas abhalten zu wollen. Wahrscheinlich w�rde er ohnehin nichts herausfinden. Wenn es ihr nicht gelang, Isis zu finden, was sollte da ein Mann wie Jacob Maistowe ausrichten?</p><p>�Ich verstehe nicht so ganz ...�, begann sie, nur um von Mrs Walsh sofort unterbrochen zu werden.</p><p>�... wie Ihnen diese Ausstellung helfen soll, Ihre Freundin zu finden?�</p><p>Bast nickte.</p><p>�M�glicherweise gar nicht�, gestand Mrs Walsh. �Aber auf der anderen Seite ... wer wei�? Wenn Ihre Freundin �gypterin ist wie Sie, d�rfte diese Ausstellung zweifellos ihr Interesse gefunden haben. Sechs Monate sind eine lange Zeit. Es w�re immerhin m�glich, dass sie schon dort gewesen ist, und vielleicht erinnert man sich ja an sie.�</p><p>�Wenn sie auch nur halb so auff�llig ist wie ich, meinen Sie?�, vermutete Bast.</p><p>Mrs Walsh wirkte ein bisschen verlegen. Bast bedauerte ihre eigenen Worte auch schon beinahe wieder, gestand sich zugleich aber auch ein, dass Mrs Walsh m�glicherweise recht hatte. Isis war wohl nicht so auff�llig wie sie; sie war weder schwarz noch von so au�ergew�hnlicher Gr��e. Doch wer immer sie sah, h�tte schon blind sein m�ssen, damit sie als durchschnittliche Engl�nderin durchging - oder auch �berhaupt als <emphasis>durchschnittlich.</emphasis></p><p>�Ich mache Ihnen einen Vorschlag�, fuhr Mrs Walsh fort, die ihr Schweigen offensichtlich als Zustimmung auslegte oder doch zumindest als das Z�gern, das es bedeutete. �Und ich werde ein Nein nicht akzeptieren. Das sind Sie mir schuldig, nach all der Aufregung, die Sie in meinen friedlichen Tagesablauf gebracht haben.� Sie knibbelte ihr verschw�rerisch zu. �Wenn Sie wirklich darauf bestehen, in ein anderes Hotel zu ziehen, dann akzeptiere ich das und werde nicht versuchen, Sie von irgendetwas zu �berzeugen, das Sie nicht wollen. Aber warten Sie wenigstens ab, bis Jacob zur�ck ist, und h�ren sich an, was er herausgefunden hat - oder auch nicht. Und machen Sie einer alten Frau die Freude und begleiten mich ins Museum. Wir fragen dort nach Ihrer Freundin. Selbst wenn man sie dort nicht kennt, verspreche ich Ihnen ein ganz erstaunliches Erlebnis.�</p><p>Bast war regelrecht entsetzt. Sie w�rde Gloria Walsh <emphasis>ganz bestimmt nicht </emphasis>mit dorthin nehmen, und noch viel weniger w�rde sie warten, bis Maistowe zur�ck war und ihr die Ergebnisse seines kleinen Detektivspieles pr�sentierte. Sie musste verschwinden. <emphasis>Jetzt.</emphasis></p><p>Und h�rte sich zu ihrer eigenen �berraschung antworten: �Nun ja, wahrscheinlich haben Sie recht. Ein weiterer Tag macht sicherlich keinen Unterschied mehr.�</p><p>Sie fragte sich selbst, warum sie nicht den Mund gehalten hatte.</p><empty-line/><empty-line/><p>Diese Frage stellte sie sich eine Stunde sp�ter noch immer, ohne eine Antwort darauf gefunden zu haben oder sich auch nur weniger �ber ihre eigene Reaktion zu wundern, die so ganz und gar nicht typisch f�r sie war, als sie zusammen mit Mrs Walsh aus der Kutsche stieg und schaudernd den Mantel enger die Schultern zusammenzog. Sie war nicht einmal ganz sicher, ob dieses Fr�steln nur an der �u�eren K�lte lag oder ob sie vielleicht der Anblick, der sich ihnen bot, so sehr irritierte, dass ihr ein kalter Schauer �ber den R�cken lief.</p><p>Sah man davon ab, dass der wolkenlose und strahlend blaue Himmel ein Versprechen auf eine W�rme und Trockenheit abgab, das er nicht halten konnte, dass die Menschen, die sie umgaben, anders gekleidet und lauter waren und sich in einer Sprache unterhielten, die ihre an den melodischen Klang anderer Sprachen gew�hnten Ohren beleidigte, und dass diese Stadt in ihrer G�nze entsetzlich stank, so erweckte der Anblick des am oberen Ende einer gewaltigen Freitreppe liegenden kolossalen Baues seltsam vertraute Erinnerungen in ihr, stie� sie zugleich aber auch geradezu ab. Sie hatte durchaus etwas Gro�es erwartet, als Mrs Walsh von einem Museum gesprochen hatte, vielleicht etwas wie das �gyptische Museum in Kairo - in dem sie, unbeschadet von allem, was sie Mrs Walsh gegen�ber behauptet hatte, schon unz�hlige Male gewesen war -, doch der von kolossalen S�ulenreihen flankierte Eingang der nicht minder gewaltigen Museumshalle hatte sie im allerersten Moment regelrecht schockiert. Jeder der Pfeiler war dicker als die st�tzenden S�ulen, die das Dach des Horustempels in Theben getragen hatten, und hoch wie der Mast des Schiffes, doch im Gegensatz zu diesen dienten sie nicht wirklich dem Zweck, den gewaltigen dreieckigen Giebel zu st�tzen oder gar ein Dach zu tragen, sondern einzig und allein ihrer eigenen Gr��e. Der riesige zweifl�gelige Eingang dahinter unterstrich diesen Eindruck noch; denn nicht einmal zu Zeiten, als tats�chlich Riesen �ber die Erde gewandelt waren, w�re eine T�r dieser Gr��e zu irgendeinem vorstellbaren Zweck notwendig gewesen - au�er ebenjenem, dem dieses ganze Geb�ude diente: demjenigen, der davorstand und es betrachtete, seine eigene Winzigkeit und Bedeutungslosigkeit vor Augen zu f�hren.</p><p>�Was haben Sie, meine Liebe?�</p><p>Mrs Walshs Stimme drang ebenso hart und unmelodisch an ihr Ohr wie die Gespr�chsfetzen und einzelnen Worte der Menge ringsum, und doch war Bast ihr beinahe dankbar, brachte sie diese Frage doch nicht nur in die Wirklichkeit zur�ck, sondern zerst�rte auch den unguten Zauber des Augenblicks, in dessen F�den sie sich mehr und mehr zu verstricken gedroht hatte. Bast nahm es als neuerliche Warnung, ihren momentanen Zustand der Schw�che nicht zu untersch�tzen und endlich etwas dagegen zu unternehmen. Zu ihrer eigenen gelinden �berraschung war der Hunger tief in ihrer Seele nicht mehr ganz so schlimm, seit sie an diesem Morgen erwacht war, aber er war da, keineswegs erloschen und nicht einmal wirklich schlafend, sondern nur lautlos und geduldig auf der Lauer liegend wie eine sandfarbene gro�e Schlange in ihrem Versteck, die vollkommen mit ihrer Umgebung verschmolzen war und nur auf einen Moment der Unaufmerksamkeit wartete, um hervorzuschnellen und ihr Opfer zu verschlingen.</p><p>Es w�re nicht das erste Mal, dass sie so etwas erlebte.</p><p>�Miss Bast?�, fragte Mrs Walsh. Sie l�chelte unersch�tterlich weiter, wie sie es nahezu immer tat, aber sie klang zugleich auch eindeutig besorgt, und Bast rief sich in Gedanken ein zweites Mal und noch sch�rfer zur Ordnung.</p><p>�Es ist ... nichts�, antwortete sie, ein bisschen hastig und mit einem L�cheln, das ebenso wenig �berzeugte wie ihre Worte. �Ich war nur ... �berrascht, das ist alles.�</p><p>Mrs Walsh lie� sie im Unklaren dar�ber, was sie von dieser Antwort hielt, und wandte sich stattdessen wortlos ab, um den Kutscher zu bezahlen. Sie hatte schon im Vorhinein darauf bestanden, sowohl die Fahrt hierher als auch das Eintrittsgeld f�r sie beide zu �bernehmen, und Bast hatte nicht dagegen protestiert - obwohl sie l�ngst erkannt hatte, dass nicht alles von dem stimmte, was Mrs Walsh �ber ihre wirtschaftliche Lage und den Zweck ihrer Pension erz�hlt hatte. M�glicherweise betrachtete sie es tats�chlich als ihre Aufgabe und auch eine Art von Zeitvertreib, die winzige Fr�hst�ckspension zu leiten und sich um das Wohl ihrer G�ste zu k�mmern, aber wenn, dann war es ein Zeitvertreib, den sie zugleich bitter n�tig hatte. Aus einem Grund, den herauszufinden Bast sich nicht die M�he gemacht hatte und der sie auch nichts anging, lief ihre Pension schon seit langem nicht so gut. Streng genommen war ihr grauhaariger Dauergast zugleich auch beinahe ihr einziger Gast, sah man von den gelegentlichen Besuchern ab, die er manchmal von seinen Reisen anschleppte und mehr oder weniger trickreich dazu brachte, dass sie sich f�r ein paar Tage bei Mrs Walsh einmieteten. Die wenigen Pennys f�r die Kutsche und die vermutlich noch geringere Summe, die die beiden Billetts kosten w�rden, w�rden daf�r sorgen, dass sich auch Mrs Walshs eigener Speiseplan in den n�chsten Tagen tats�chlich auf das Fr�hst�ck beschr�nken musste. Bast nahm sich vor, Mrs Walsh bei ihrem Auszug mehr als gro�z�gig zu entsch�digen, ahnte zugleich aber auch schon, dass sie sich damit eine nicht unbedingt leichte Aufgabe gestellt hatte.</p><p>�Ja, ich kann mir vorstellen, dass Sie �berrascht sind�, kn�pfte Mrs Walsh an das unterbrochene Gespr�ch an, nachdem sie den Fahrer bezahlt und Bast wie eine gestrenge Mutter am Arm ergriffen und ein St�ck weit zur�ckgezogen hatte, damit sie den losrollenden R�dern des Fuhrwerkes nicht zu nahe kam, �und auch, dass Sie beeindruckt sind.�</p><p>Bast sah sie ebenso fragend wie verst�ndnislos an.</p><p>�Dieses Geb�ude ist gro�artig, nicht wahr? Sie m�ssen sich vorkommen wie in Ihrer Heimat. Sieht es nicht ganz aus wie ein �gyptischer Tempel?�</p><p>Eher wie ein griechischer, dachte Bast. Oder ein r�mischer. Oder nichts von alledem. Im Grunde war es ein heilloses Konglomerat der unterschiedlichsten Baustile und -richtungen. Der Architekt, der dieses Stein gewordene Monstrum ersonnen hatte, hatte zweifellos in bester Absicht gehandelt und versucht, die monumentalen Bauten der Vergangenheit nachzuempfinden, und ebenso zweifellos erreichte dieses Geb�ude bei den meisten Betrachtern die beabsichtigte Wirkung. F�r sie jedoch war es nichts als ein unzul�nglicher Versuch, etwas nachzuahmen, das Menschen auch fr�her schon nicht zu erschaffen imstande gewesen waren. Wie konnten sich Sterbliche einbilden, etwas zu schaffen, das nur vordergr�ndig aus Stein und Holz und anderen, verg�nglichen Materialien bestand und doch im Grunde nichts anderes war als Stein gewordene Zeit?</p><p>�Es ist ... erstaunlich�, sagte sie noch einmal.</p><p>�Dann warten Sie erst einmal ab, bis Sie sein Inneres sehen�, sagte Mrs Walsh stolz. �Die gr��ten Kunstsch�tze der Welt sind hier versammelt. Und das ist noch lange nicht alles.�</p><p>Bast hatte sowohl eine vage Vorstellung, was sie hinter den altehrw�rdigen Mauern dieses Geb�udes erwartete, als auch eine noch sehr viel konkretere davon, ob sie alles das wirklich sehen wollte oder nicht. Aber Mrs Walsh war nicht mehr zu bremsen. Vielleicht nur, um ihr einen Gefallen zu tun und das noch immer anhaltende, beharrliche Fl�stern und Locken tief unter ihren Gedanken zum Verstummen zu bringen, fragte Bast mit gespieltem Interesse: �Was denn, meine Liebe?�</p><p>�Oh, alles einfach�, antwortete Mrs Walsh. <emphasis>Ihr </emphasis>Erstaunen war ganz eindeutig nicht gespielt. �London.�</p><p>�London?�</p><p>Sie begannen nebeneinander die breite Freitreppe hinaufzugehen, deren Stufen gerade eine Winzigkeit zu hoch - und entschieden zu breit - waren, um sie <emphasis>wirklich </emphasis>bequem �berwinden zu k�nnen. Au�erdem stimmte etwas mit dem Winkel nicht. Selbst Bast mit ihrer au�ergew�hnlichen Gr��e musste best�ndig den Kopf in den Nacken legen, um das Geb�ude in seiner G�nze ansehen zu k�nnen, was zumindest in ihrem Fall allerdings nicht dazu f�hrte, dass sie sich irgendwie klein oder gar unbedeutend vorkam, sondern einfach nur genervt. Es war unbequem.</p><p>�London�, best�tigte Mrs Walsh. �Sie m�ssen einen ganz schrecklichen ersten Eindruck von unserem Land und dieser Stadt bekommen haben, aber London ist nicht nur so. Es hat auch sch�ne Seiten, und es leben eine Menge ganz wunderbare Menschen hier. Und glauben Sie mir, Gott schaut auf London.�</p><p>Bast h�tete sich, irgendetwas darauf zu erwidern, denn dann w�re Mrs Walsh vermutlich erst richtig in Fahrt gekommen und h�tte aus dem Museumsbesuch m�glicherweise eine komplette Stadtrundfahrt samt einer Besichtigung der Tower Bridge und der Kronjuwelen gemacht. Sie fragte sich immer noch, was sie eigentlich hier tat.</p><p>Bast hob den Blick, um das gewaltige Giebelfeld �ber dem Eingang noch einmal aus der N�he in Augenschein zu nehmen und hatte die Antwort auf ihre Frage.</p><p>Ein in Stein gehauenes Basrelief zeigte in einem Stil, der den griechischen Tempeln der Antike nachempfunden war, eine Ansammlung von allegorischen Gestalten oder G�ttern, die es in dieser Form niemals gegeben hatte, doch Bast musste - beinahe gegen ihren Willen - zugeben, dass sich der K�nstler wirklich angestrengt hatte und allein die Gr��e der Figuren selbst auf sie nicht ohne Wirkung blieb. Oder h�tte es zugeben m�ssen, h�tte sie die gemei�elten Figuren l�nger als auch nur einen Sekundenbruchteil angesehen.</p><p>Stattdessen starrte sie den Falken an, der auf der Spitze des gewaltigen steinernen Dreiecks hockte und mit kalt glitzernden Augen auf sie herabblickte.</p><p>Bast erstarrte mitten in der Bewegung, und das so abrupt, dass Mrs Walsh es im ersten Augenblick nicht einmal bemerkte, sondern zwei Schritte weiter war, bevor auch sie innehielt, sich irritiert herumdrehte und sie gleicherma�en fragend wie ein ganz kleines bisschen beunruhigt ansah. �Was haben Sie?�, begann sie, folgt dann ihrem Blick und sah nun ihrerseits den schwarzen Vogel zwei oder drei endlose, schwere Herzschl�ge lang an, bevor sie sich von seinem Anblick losriss und abermals zu Bast herumdrehte.</p><p>�Es ist nur ein Vogel�, sagte sie, zweifellos aus keiner anderen Absicht heraus, als sie zu beruhigen. Ihre Worte erreichten das Gegenteil. Es war nicht <emphasis>nur </emphasis>ein Vogel.</p><p>�Das ist ein Falke�, hauchte Bast.</p><p>Mrs Walsh wirkte nun vollends irritiert, und etwas musste in Basts Stimme gewesen sein, das sie erschreckte. Sie sah kurz zu dem Vogel hinauf, der reglos, als w�re auch er nur eine aus Stein gemei�elte Statue, die das Dach des gewaltigen Bauwerks kr�nte, dort oben hockte und sie aus seinen gnadenlosen Augen taxierte. �Sie ... haben scharfe Augen, mein Kind�, sagte sie. �Es <emphasis>ist </emphasis>ein Falke. Ungew�hnlich. Aber <emphasis>so </emphasis>ungew�hnlich nun wieder nicht.�</p><p>Bast sagte nichts dazu. Sie konnte es nicht. Der Blick des schwarzen Riesenvogels l�hmte sie wie die hypnotische Bewegung der Kobra das Kaninchen. Etwas ging von ihm aus, das nicht nur ihren K�rper in vollkommene Starre versetzte, sondern auch ihre Gedanken - und etwas, das �lter und m�chtiger war. Das Ungeheuer in ihr schrie auf und zog sich fast panisch in sein Versteck zur�ck, so tief in ihr, dass nicht einmal mehr sie selbst seine Anwesenheit sp�rte, und ihre H�nde begannen ganz leicht zu zittern. Sie f�hlte es, konnte aber nichts dagegen tun.</p><p>�Es gibt eine Menge Falken in London�, fuhr Mrs Walsh fort. Ihre Stimme klang nerv�s, und ihre Worte erreichten auch jetzt wieder das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigt hatte. �Und auch andere Raubv�gel. Bussarde, Habichte ...� Sie lachte leise und unecht. �Dann und wann verirrt sich sogar ein Adler hierher, obwohl es sie doch angeblich schon lange nicht mehr in freier Wildbahn gibt. Was erschreckt Sie so an diesem Tier?� Sie lachte noch einmal, lauter und h�rbar nerv�ser jetzt. �Sie sind vollkommen harmlos. Manchmal schlagen sie eine Taube oder eine unvorsichtige junge Katze ...� Sie legte den Kopf auf die Seite und versuchte ohne gro�en Erfolg, ein sp�ttisches L�cheln auf ihr Gesicht zu zwingen. �Aber Sie sind vor ihm sicher, trotz Ihres Namens, meine Liebe.�</p><p><emphasis>Wenn du w�sstest, </emphasis>dachte Bast. Aber Mrs Walshs Worte, so falsch sie auch gewesen sein mochten, erreichten dennoch etwas, was all ihrer verzweifelten Anstrengung nicht gelungen war: Der Bann fiel von ihr ab, und sie konnte wieder halbwegs klar denken.</p><p>Bast blinzelte, und als sie die Augen wieder �ffnete, war der Vogel verschwunden.</p><p>�Verzeihen Sie�, brachte sie irgendwie hervor. �Ich war nur ... ein wenig erschrocken. Wahrscheinlich sitzen mir die Anstrengungen der Reise doch noch mehr in den Knochen, als ich zugeben m�chte�, meinte Bast lahm und aus dem vollkommen grundlosen Bed�rfnis heraus, sich verteidigen zu wollen.</p><p>�Sie sind sehr tapfer, mein Kind�, erwiderte Mrs Walsh, �aber zuzugeben, dass man Angst hat, ist kein Zeichen von Schw�che. Wobei ich nicht glaube, dass Sie wirklich Angst haben k�nnen.�</p><p>Bast sah sie nur fragend und irritiert an.</p><p>�Jacob hat mir erz�hlt, was gestern Abend passiert ist�, fuhr Mrs Walsh fort. Sie sch�ttelte den Kopf, wie um einen Widerspruch im Keim zu ersticken, zu dem Bast gar nicht angesetzt hatte. �Es ist ihm nicht leichtgefallen, glauben Sie mir, meine Liebe. Schlie�lich ist er ein Mann.�</p><p>�Was ist ihm nicht leichtgefallen?�</p><p>�Zuzugeben, dass <emphasis>Sie </emphasis>es waren, die <emphasis>ihn </emphasis>gerettet hatte, und nicht umgekehrt�, antwortete Mrs Walsh. Das L�cheln verschwand von ihrem Gesicht. �Sie sind nicht das, was Sie zu sein vorgeben, meine Liebe. Aber keine Sorge - ich werde Sie nicht mit neugierigen Fragen bel�stigen. Warum auch immer Sie wirklich hierhergekommen sind, ich bin sicher, Sie haben gute Gr�nde daf�r. Sie gehen mich nichts an ... es sei denn, Sie wollen dar�ber reden.�</p><p>Bast ignorierte die un�berh�rbare Frage, die sich in diesen Worten verbarg, und Mrs Walsh sah sie zwar noch einen Moment lang erwartungsvoll an, akzeptierte dieses Schweigen aber schlie�lich, wenn auch mit einer sp�rbaren, kaum verhohlenen Entt�uschung.</p><p>Sie h�tte nicht herkommen sollen. Sie sollte nicht hier sein. Nicht vor diesem Geb�ude. Nicht in dieser Stadt. Nicht einmal in diesem Land. Der j�he Schrecken, der sie beim Anblick des Falken �berkommen hatte, verblasste allm�hlich wie die Erinnerung an einen schlimmen, aber kurzen Schmerz, doch die Angst blieb. Es war das dritte Mal, dass sie diesem unheimlichen Vogel begegnete, und sie h�tte schon beim ersten Mal begreifen m�ssen, dass dieses Tier alles war, nur kein harmloser Vogel, und dass sich ihre Wege ganz gewiss nicht durch Zufall gekreuzt hatten. Fr�her h�tte sie es begriffen. Was musste noch geschehen, bis sie sich endlich eingestand, was mit ihr nicht stimmte?</p><p>�Miss Bast?�, fragte Mrs Walsh, nun wieder in eindeutig besorgtem Ton, und Bast verscheuchte auch diesen Gedanken - mit noch mehr M�he - und zwang sich zu einem kleinen, nerv�sen L�cheln.</p><p>�Es ist alles in Ordnung�, versicherte sie.</p><p>�Ganz bestimmt?� Mrs Walsh sah nicht unbedingt so aus, als w�rde sie dieser Behauptung Glauben schenken oder w�re auch nur im Mindesten beruhigt. �Vielleicht war es doch keine so gute Idee, hierherzukommen�, fuhr sie fort. �Verzeihen Sie einer dummen alten Frau, die ...�</p><p>�Das hat nichts mit Ihnen zu tun�, unterbrach sie Bast, ebenso nerv�s wie unbeholfen. �Sie haben recht: Ich hatte ein schlimmes Erlebnis mit einem Raubvogel, in meiner Jugend. Seither habe ich ... Probleme mit solchen Tieren. Es ist lange her, und es ist albern, ich wei�, aber ...� Sie beendete den Satz mit einem Schulterzucken, und Mrs Walsh nickte mitf�hlend.</p><p>�Das verstehe ich�, sagte sie - was Bast ernsthaft bezweifelte. �Wir m�ssen auch nicht dort hineingehen, wenn Sie es nicht wollen. Es war nur eine Idee von mir, und wie es aussieht, keine besonders gute. Lassen Sie uns einfach zur�ckfahren und noch einen Tee trinken.�</p><p>Und nat�rlich w�re das das einzig Vern�nftige. Was g�be es dort drinnen zu sehen, was sie nicht bereits kannte und was sie nicht zudem in Trauer oder auch Zorn versetzen w�rde, es missbraucht und verschleppt und so weit fort von ihrer Heimat zu sehen? Gloria Walsh hatte in diesem Moment zweifellos recht; wenn auch auf eine Art und Weise, die sie niemals begreifen w�rde. Und Bast setzte gerade dazu an, ihr zuzustimmen und irgendeinen anderen, willk�rlich ausgew�hlten Ort vorzuschlagen, den sie ihr zeigen konnte, um den vermeintlich schlechten Eindruck wettzumachen, den ihre Heimatstadt ihrer Meinung nach bei ihr hinterlassen haben musste, als sie die Gestalt sah.</p><p>Es war nicht einmal wirklich eine Gestalt, aber auch kein blo�er Schatten, sondern etwas ... dazwischen; wie ein Schwarm winziger schwarzer Fliegen, der sich durch eine blo�e Laune des Zufalls zu einer Form zusammengefunden hatte, die an eine menschliche Gestalt erinnerte, oder feiner schwarzer W�stensand, mit dem der Wind spielte. Sie stand einfach da, von einem Lidschlag auf den anderen wie aus dem Nichts erschienen, direkt unter dem weit offen stehenden Eingang des Museums, riesig und lautlos und vollkommen ohne Tiefe, und ganz offensichtlich existierte sie tats�chlich nicht, oder wenn doch, dann nur f�r sie, denn noch w�hrend Bast dastand und die unheimliche Erscheinung anstarrte, bewegte sich ein �lteres Paar auf dem Weg ins Museum direkt auf die Erscheinung zu und trat hindurch, ohne auch nur einen Augenblick zu stocken. Aber f�r Bast war sie mehr als real. Sie sp�rte nicht nur ihre Pr�senz, wie das Knistern elektrischer Energie kurz vor dem Ausbruch eines Sommergewitters auf der Haut, sie f�hlte auch den Blick uralter, gnadenloser Augen, die direkt bis in die verborgensten Abgr�nde ihre Seele zu schauen schienen.</p><p>�Miss Bast?�, fragte Mrs Walsh noch einmal. Jetzt klang sie nicht besorgt, sondern eindeutig erschrocken.</p><p>Bast blinzelte, und die Erscheinung war verschwunden. Aber sie sp�rte, wie schnell und hart ihr Herz schlug, und ihre rechte Hand glitt ganz ohne ihr Zutun unter ihren Mantel. Alles, was sie fand, war der grobe Stoff ihres schwarzen Kleides, anstelle des vertrauten Gewichts der Waffe, die sie normalerweise dort zu tragen pflegte.</p><p>�Ich bin jetzt ziemlich sicher, dass es keine gute Idee war, hierherzukommen�, fuhr Mrs Walsh energischer fort. �Lassen Sie uns woanders hingehen. Was halten Sie vom Trafalgar Square? Wir sind nicht allzu weit entfernt, und er ist zu Recht auf der ganzen Welt ber�hmt, und ...�</p><p>�Nein�, unterbrach sie Bast. Ihr fiel auf, dass Mrs Walshs Blick ihrer rechten Hand gefolgt war, und sie zog sie hastig wieder zur�ck. Diese alte Frau war nicht ann�hernd so unbedarft, wie sie sich gab, und sie hatte ihr und Maistowe schon mehr als genug Anlass zu der einen oder anderen Spekulation gegeben. �Sie haben mich wirklich neugierig gemacht. Ich m�chte sehen, wie es dort drinnen ist.�</p><p>Sie lauschte in sich hinein. Der Schrecken, den ihr der Anblick des unheimlichen Schemens eingejagt hatte, begann bereits wieder zu verblassen, doch darunter glaubte sie nun etwas wie ein leises, unendlich b�ses Lachen zu h�ren. Ihre Kr�fte schwanden. Die Ketten, die das Ungeheuer hielten, waren noch immer stark, doch ihre dunkle Schwester war nicht auf pure Kraft angewiesen, um ihre Fesseln zu zerrei�en, sondern verstand sich ebenso auf List und T�cke. Bald, sehr bald, w�rde sie ihr geben m�ssen, wonach sie verlangte.</p><p>Trotz regte sich in ihr. Bevor Mrs Walsh antworten konnte, sch�ttelte sie den Kopf, zwang ein grimmiges L�cheln auf ihre Lippen und straffte demonstrativ die Schulter. �Ich benehme mich wie ein dummes Kind, das Angst vor der Dunkelheit hat.� Als ob alle Kinder und Erwachsenen der Welt, die die Dunkelheit f�rchteten, nicht allen Grund dazu gehabt h�tten! �Kommen Sie. Zeigen Sie mir, was Ihre Forscher zusammengetragen haben, und ich erz�hle Ihnen, was von dem, was sie zu wissen glauben, alles falsch ist.�</p><p>Sie gab Mrs Walsh gar keine Gelegenheit, noch einmal zu widersprechen, sondern ging entschlossen und mit so schnellen Schritten los, dass die alte Frau M�he hatte, mit ihr Schritt zu halten.</p><p>Als sie sich dem eigentlichen Eingang des Museums n�herten, griff sie nach dem losen Ende ihres Turbans und befestigte es so vor ihrem Gesicht, dass nur noch wenig mehr als die Augen davon zu sehen waren, gleichzeitig schloss sie ihren Mantel. Jetzt war nicht einmal mehr zu erkennen, ob sich ein Mann oder eine Frau unter all der fallenden Schw�rze verbarg. Einem sehr aufmerksamen Beobachter w�ren vielleicht ihre schlanken H�nde mit den spitz gefeilten Fingern�geln aufgefallen, aber Bast wusste auch, dass vermutlich niemand darauf achten w�rde. Selbst in ihrer Heimat, wo weder ihre Kleidung noch ihre nachtschwarze Haut Anlass zu einem zweiten Blick geboten h�tten, erregte ihre Erscheinung Aufsehen. Hier, in dieser fremden Stadt voller fremder Menschen, ganz gleich, wie viele exotische G�ste sich auch hierher verirren mochten, konnte sie sich nicht ernsthaft einbilden, unbemerkt zu bleiben. Mit ein bisschen Gl�ck, dachte sie sp�ttisch, w�rden die meisten hier sie vielleicht f�r einen Teil der Ausstellung hatten, einen kost�mierten Statisten, den man losgeschickt hatte, um Besucher anzulocken.</p><p>Mrs Walsh kommentierte ihre improvisierte Verkleidung mit einem wortlosen Stirnrunzeln und beeilte sich, zu ihr aufzuschlie�en und dabei nicht zu sichtbar zu schnauben. Und kaum dass sie das riesige Portal durchschritten hatten, erschien auch wieder das stolze Besitzerl�cheln auf ihrem Gesicht, mit dem sie bereits aus der Droschke ausgestiegen war.</p><p>Bast konnte es ihr nicht verdenken. Der Eindruck, den die Eingangshalle auf den ersten Blick bot, unterschied sich nicht von dem, den sie bereits von au�en gehabt hatte: Alles hier war riesig, pomp�s und diente auf eine schrecklich falsche Weise dem einzigen Zweck, dem Besucher zu demonstrieren, wozu die Erbauer dieses Geb�udes f�hig waren. Aber obwohl sie die Absicht dahinter erkannte, konnte selbst sie sich der Atmosph�re dieses Bauwerks nicht ganz entziehen. Auf einen Menschen wie Mrs Walsh, der seine Heimatstadt noch nie verlassen hatte und das Original nicht kannte, das dieses Monstrum von Geb�ude nachzuahmen versuchte, musste es eine wahrhaft beeindruckende Wirkung haben. Und Bast musste zugeben, dass die Architekten dieser Halle gewusst hatten, was sie taten. Vielleicht war alles etwas zu gro�, etwas zu glatt und zu sauber und viel zu pomp�s, und doch hatte man das fast k�rperliche Empfinden von Alter und Ehrw�rdigkeit, und die geschickt angebrachten Fenster und bunten Oberlichter sorgten f�r eine gelungene Illumination, die dieses Gef�hl noch unterstrich. Obwohl es anders h�tte sein m�ssen, war die Halle nahezu taghell, doch das Licht fiel in scharf abgegrenzten Bahnen herein, in die vermutlich nicht nur ihre Einbildung das Flirren von Staub und hei�em W�stensand hineininterpretierte, der darin tanzte, und die Schatten dazwischen waren zu tief und zu dunkel, als verl�re sich der Blick nicht einfach nur in unbeleuchteten Gefilden, sondern glitte gleichsam in eine vergangene Zeit. Selbst hier in der Eingangshalle, die im Grunde nicht mehr als Leere und einige wenige, sorgsam gerahmte Bilder und in gl�sernen Vitrinen autgestellte Exponate zeigte, die Bast allesamt nicht interessierten, glaubte man schon den Atem der Zeit zu sp�ren, als h�tte man den ersten Schritt auf einer Reise in die Vergangenheit getan.</p><p>�Kommen Sie, meine Liebe.� Mrs Walsh zupfte an ihrem �rmel und deutete nach rechts; anscheinend wahllos tiefer hinein in das Flirren von Schatten und Licht. Nicht, dass es n�tig gewesen w�re. Etwas ... wehte ihr aus dieser Richtung entgegen, etwas wie ein lautloses Fl�stern und Locken, das einen Teil ihrer Seele ber�hrte, von dem sie schon gar nicht mehr wirklich gewusst hatte, dass sie ihn besa�. Etwas war dort. Etwas, von dem sie nicht sicher war, ob es da sein sollte. Ob es <emphasis>�berhaupt </emphasis>sein sollte.</p><p>Mrs Walsh sah sie forschend an. �Und Sie sind wirklich sicher, dass Sie sich wohl f�hlen?�</p><p>�Wohl f�hlen?�</p><p>�Nehmen Sie 's mir nicht �bel, aber Sie ... sehen nicht gut aus�, antwortete Mrs Walsh unbehaglich. Sie lachte nerv�s. �Ich wei� ja, dass es gar nicht m�glich ist, aber w�re es nicht so, w�rde ich glattweg behaupten, dass Sie ein bisschen blass sind, mein Kind. Stimmt irgendetwas nicht mit Ihnen?�</p><p>Bast setzte zu einem Kopfsch�tteln und einer vielleicht eine Spur sch�rferen Antwort an, besann sich aber dann eines Besseren und sagte gar nichts.</p><p>Sie durchquerten die gro�e Eingangshalle, und Mrs Walsh schob sich auf dem letzten St�ck schnaubend an ihr vorbei, um an einem kleinen Tischchen unmittelbar neben dem Durchgang zwei Billetts zu l�sen, und nat�rlich wurden sie angestarrt; nicht nur von der �ltlichen Frau, die in einer dunkelblauen Fantasieuniform hinter dem Tisch sa� und die wenigen M�nzen einstrich, die Mrs Walsh aus ihrer zerschlissenen Geldb�rse klaubte. Bast versuchte das Gef�hl zu ignorieren - schlie�lich war sie es wahrlich gewohnt, angestarrt zu werden -, aber es wollte ihr nicht gelingen. Dieses Gef�hl hier war ... anders. Unangenehmer. Es waren nicht die neugierigen und zu einem �berraschend gro�en Teil nicht nur scheuen, sondern auch feindseligen Blicke der anderen Museumsbesucher, die sie mit diesem unheimlichen Gef�hl erf�llten. Es war, als w�re es das Geb�ude selbst, das sie anstarrte - oder etwas, das unmittelbar hinter seinen Mauern lebte.</p><p>Dann trat sie hinter Mrs Walsh durch eine weitere, nur unwesentlich kleinere T�r als die, durch die sie dieses Geb�ude betreten hatten, und aus ihrer vagen Ahnung wurde Gewissheit. Es <emphasis>war </emphasis>ein Schritt in eine andere Welt.</p><p>Unmittelbar hinter dem Eingang, mit gro�em Geschick so platziert, dass jeder, der den Saal betrat, eine hinreichende Menge beeindruckender Details wahrnehmen, die beiden Statuen in ihrer ganzen Gr��e aber nicht sofort mit Blicken erfassen konnte, sodass man im allerersten Moment nicht wirklich begriff, was man sah, sehr wohl aber einen fast k�rperlichen Eindruck von Gr��e und Gewaltigkeit bekam, erhoben sich zwei kolossale steinerne Statuen, jede mehr als acht Meter hoch und aus �gyptischem Sandstein gemei�elt, dem all die vergangenen Millennien zwar die Farbe der Bemalung, aber nichts von seiner lebendigen, warmen Beschaffenheit hatten nehmen k�nnen. Auch wenn sie auf den ersten Blick vollkommen unterschiedlich erscheinen mochten, so zeigten sie doch nicht nur beide dieselbe Person, einen sitzenden Mann mit �gyptischer K�nigskrone, dessen H�nde die Jahrtausende nicht nur seiner Finger, sondern auch des Schlangenszepters beraubt hatten, sondern waren auch unter der Anleitung desselben K�nstlers entstanden; genauer gesagt: derselben K�nstlerin<emphasis>.</emphasis></p><p>Die beiden Statuen zeigten Ramses IL, einmal als jungen Mann, fast noch ein Knabe, einmal als den weisen, alten Herrscher, als der er weniger in die Geschichte als in die Herzen der Menschen eingegangen war.</p><p>Der Anblick war ein Schock. F�r einen Moment, der so kurz war, dass er selbst Mrs Walshs aufmerksamen Blicken entging, die wie gebannt auf ihrem Gesicht hingen, glaubte sie Musik zu h�ren, sp�rte sie den Duft von warmem Zedernholz und den Geruch von hei�em Sand, und f�r einen - noch unendlich viel k�rzeren, unendlich s��en - Augenblick durchrieselte sie ein warmer Schauer, f�hlte sie wieder die Ber�hrung seiner Lippen auf ihrer Haut, das z�rtliche Streicheln seiner H�nde, die ihren K�rper mit derselben Aufmerksamkeit erkundeten, wie sie auch f�hig gewesen waren, die Geschicke eines ganzen Volkes zu leiten, ein Kind zu streicheln oder ein Schwert zu f�hren, glaubte sie seine Stimme zu h�ren, die ihr Worte der Liebe ins Ohr fl�sterte und ein Versprechen auf die Ewigkeit abgab, das er so wenig h�tte einhalten k�nnen wie alle anderen vor ihm und danach.</p><p>Dann l�ste sich ihr Blick von der Stein gewordenen Erinnerung an den Mann, mit dem sie fast ein Jahrhundert lang verheiratet gewesen war, erkundete den Raum dahinter, und was sie sah, l�schte die Erinnerung augenblicklich aus und lie� eine wahre Explosion einander widersprechender Gef�hle und Empfindungen hinter ihrer Stirn und in ihrem Herzen aufflammen. Pl�tzlich war alles da, was sie erwartet und bef�rchtet hatte: Zorn, Trauer, Entsetzen und Wut und noch viel mehr, viel Schlimmeres. Aber der Sturm erlosch so schnell, wie er gekommen war, und alles was zur�ckblieb, war eine auf sonderbare Weise mit Schmerz gepaarte, stille Emp�rung.</p><p>Pl�tzlich war sie froh, den Schleier vor ihrem Gesicht befestigt zu haben, denn obwohl davon wenig mehr als ihre Augen zu sehen waren, schien ihre Reaktion Mrs Walsh nicht entgangen zu sein. Bast kam ihrer entsprechenden Frage zuvor, indem sie rasch den Kopf sch�ttelte und eine zus�tzliche Bewegung mit der Hand machte. �Ich war nur �berrascht�, sagte sie.</p><p>�Aber doch hoffentlich angenehm.�</p><p>�Nach Ihren Worten habe ich eine Menge erwartet, aber nicht ... das�, erwiderte Bast ausweichend. �Es ist ... beeindruckend.�</p><p>Zumindest <emphasis>das </emphasis>war es, wie Bast widerwillig eingestehen musste. Der Raum war riesig - nicht wirklich gr��er als die monstr�se Eingangshalle, die sie gerade durchquert hatten, erweckte aber durch die geschickte Platzierung der ausgestellten Statuen, Stelen und Wandbilder und das raffiniert eingesetzte Licht den Eindruck, sie w�re es - und angef�llt mit den unterschiedlichsten Fundst�cken; angefangen von den beiden kolossalen Statuen beiderseits des Eingangs bis hin zu endlosen Reihen gl�serner Vitrinen voller antikem Schmuck, Waffen, Gegenst�nden des t�glichen Bedarfs und sorgsam restaurierten Papyrusrollen.</p><p>Und nichts davon geh�rte hierher.</p><p>Der schon erloschen geglaubte Zorn flammte noch einmal und noch hei�er in ihr auf, erlosch aber auch fast genauso schnell wieder. Es gab nichts, was sie tun konnte, nicht hier und nicht jetzt, und Bast gemahnte sich in Gedanken zur Besonnenheit. Es war zweifelsohne ein Fehler gewesen, �berhaupt hierherzukommen, aber es war auch noch nie ihre Art gewesen, �ber vergossene Milch zu jammern. Wenn sie schon einmal hier war, konnten sie auch tun, wozu sie eigentlich gekommen waren. Oder es wenigstens versuchen.</p><p>�Also?�, fragte sie.</p><p>Mrs Walsh sah sie verst�ndnislos an.</p><p>�Wir sind nicht nur hierhergekommen, um die Kunstsch�tze meines Landes zu besichtigen�, erinnerte Bast sanft. Das �meines� bedauerte sie schon, bevor sie das Wort ganz ausgesprochen hatte, doch Mrs Walsh schien es gar nicht geh�rt zu haben, oder sie hatte sich noch besser in der Gewalt, als Bast ohnehin schon annahm. Sie sah zwar ein wenig verdutzt aus, blickte sich aber zugleich auch schon suchend um und deutete nach kaum einer Sekunde auf eine grauhaarige Gestalt in der gleichen, dunkelblauen Fantasieuniform, wie sie auch die Kartenverk�uferin am Eingang getragen hatte, die unweit einer der riesigen Statuen stand und die Besucher aus Argusaugen beobachtete. �Ich werde einen der W�chter fragen�, sagte sie. �Vielleicht erinnert er sich ja an Ihre Freundin.�</p><p>Bast fragte sich zwar, warum sie sich mit dieser Frage nicht gleich an die Kartenverk�uferin am Eingang wandte - schlie�lich musste jeder Besucher zwangsl�ufig an ihr vorbei, ob er wollte oder nicht -, belie� es aber bei einem stummen Kopfnicken. Immerhin hatte sie Mrs Walsh auf dem Weg hierher eine knappe Beschreibung von Isis geliefert, die vollkommen ausreichte - schlie�lich war es mit Isis nicht anders als mit ihr selbst: Auch wenn sie nicht �ber ihre beeindruckende Gr��e und nachtschwarze Haut verf�gte, so verga� doch niemand so schnell ihr Gesicht, der es einmal gesehen hatte.</p><p>Doch es gab noch einen anderen Grund, aus dem sie geradezu erleichtert war, als Mrs Walsh sich unverz�glich herumdrehte und den W�chter ansteuerte. Das bange Gef�hl, das sie schon drau�en in der Halle �berkommen hatte, war noch immer da. Zorn und Emp�rung hatten es vielleicht f�r einen Moment �berdeckt, wie das Heulen eines W�stensturmes das leise Rieseln einer Sanduhr, aber es war trotzdem noch immer da; leise und atemabschn�rend und bedrohlich, und dieser Vergleich war ihr nicht von ungef�hr gekommen: Es hatte etwas Unaufhaltsames, mit der Gewissheit eines sehr, sehr schlimmen Endes.</p><p>Etwas war hier. Und es ... <emphasis>interessierte </emphasis>sich f�r sie.</p><p>Bast lauschte mit allen Sinnen in die Runde, aber es gelang ihr nicht, mehr als ein allgemeines vages Gef�hl der Bedrohung aufzufangen. Vielleicht, versuchte sie sich selbst zu beruhigen, galt es nicht einmal ihr, nicht <emphasis>nur </emphasis>ihr. Nicht alles von dem, was den Besuchern hier pr�sentiert wurde, war echt; <emphasis>l�ngst </emphasis>nicht alles. Vieles war schlichtweg falsch datiert oder zugeordnet, bei mehr als einem Exponat handelte es sich um eine F�lschung - einige davon so plump und schlecht, dass sie vor Schadenfreude laut losgelacht h�tte, w�re da nicht noch immer diese nagende Furcht in ihr gewesen. Aber nur zu vieles war authentisch, magische Steine von magischen Orten, gewaltsam entwurzelt und verschleppt und ihrer eigentlichen Bestimmung beraubt, und Bast h�tte den Herren dieser gr��ten Sammlung geraubter Grabbeigaben und Kunstsch�tze der Welt durchaus verraten k�nnen, dass auch <emphasis>Dinge </emphasis>ein Ged�chtnis haben und manchmal nicht erfreut darauf reagieren, gestohlen und missbraucht zu werden.</p><p>Mrs Walsh begann mit ged�mpfter Stimme, aber heftig gestikulierend, mit dem Museumsw�chter zu debattieren - ihr Vorhaben schien nicht besonders gut zu verlaufen -, und Bast dachte einen Moment lang daran, zu ihr zu gehen, entschied sich aber dann f�r das genaue Gegenteil. Das Gef�hl, beobachtet zu werden, war noch immer da, und dass sie es weder verifizieren noch seinen genauen Ursprung benennen konnte, machte es nicht besser. Und es hatte schon immer zu ihren Grunds�tzen geh�rt, lieber zu viel als zu wenig Vorsicht walten zu lassen.</p><p>Mehr um auf andere Gedanken zu kommen als aus irgendeinem anderen Grund begann sie zwischen den nur scheinbar willk�rlich aufgereihten Vitrinen und Ausstellungsst�cken umherzuschlendern. Nach dem, was Mrs Walsh ihr am Morgen �ber diese Ausstellung erz�hlt hatte, hatte sie mit einem weitaus gr��eren Ansturm von Besuchern gerechnet, doch in der gro�en Halle hielten sich kaum ein Dutzend Menschen auf; Mrs Walsh und den grauhaarigen W�chter mitgerechnet. Aber von keinem der anderen Besucher ging irgendeine Bedrohung aus; nur die gewohnte Mischung aus Neugier, Scheu und instinktiver Ablehnung, die aus der simplen Furcht der Menschen vor dem Unbekannten resultierte.</p><p>Vielleicht war es doch nur der Zorn dieses Ortes, den sie sp�rte.</p><p>Sie �berzeugte sich mit einem raschen Blick �ber die Schulter davon, dass Mrs Walsh noch immer in ein heftiges Streitgespr�ch mit dem Museumsw�chter verwickelt war, der die Diskretion den Besuchern hier gegen�ber mindestens ebenso ernst zu nehmen schien wie ein katholischer Priester das Beichtgeheimnis, schlenderte weiter und blieb vor einem nicht nur unvollkommen, sondern auch falsch zusammengesetzten Streitwagen vom Ende der dritten Dynastie stehen, von dem das dazugeh�rige Schild behauptete, er stamme aus der vierten; ein zierlich anmutendes, aber erstaunlich <emphasis>gro�es </emphasis>zweir�driges Gef�hrt, das von zwei prachtvollen, halb im Aufb�umen befindlichen wei�en Schlachtr�ssern gezogen wurde und mitten in einer dynamischen Bewegung erstarrt zu sein schien, wie eine jener Daguerrotypien, wie sie in den letzten Jahren immer mehr in Mode gekommen waren, die ein geheimnisvoller Zauber mit Farbe und Tiefe ausgestattet hatte; beeindruckend, aber schrecklich falsch.</p><p>Sie betrachtete das fast mannshohe Gef�hrt einen Moment lang kopfsch�ttelnd und wandte sich dann einer Vitrine aus dunklem Mahagoni und Glas daneben zu, deren Oberfl�che von unz�hligen tastenden Fingern�geln, Ringen und Manschettenkn�pfen in nach hinten abnehmendem Ma�e zerkratzt war, und betrachtete die darin ausgestellten St�cke. Es war ein scheinbar chaotisches Sammelsurium der unterschiedlichsten Dinge: Waffen, Schmuckst�cke und ein mit kalligrafischer Pr�zision beschrifteter Papyrus. Hinter ihrem Schleier huschte ein fast ver�chtliches L�cheln �ber ihre Z�ge, als ihr Blick �ber die kleine Messingtafel am Rande der Vitrine huschte.</p><p>�Darf ich fragen, was Sie so am�siert?�</p><p>Bast fuhr so erschrocken herum, dass sie um ein Haar gegen die Vitrine gesto�en w�re, und starrte den Besitzer der Stimme, die so pl�tzlich hinter ihr erklungen war, einen Herzschlag lang beinahe entsetzt an. Wieso hatte sie ihn nicht geh�rt? Und wie hatte er wissen k�nnen, wie es hinter ihrem Schleier aussah?</p><p>Gar nicht, wie ihr nach einem zweiten, schweren Herzschlag und einem Blick in sein von einem wei�en Vollbart beherrschtes Gesicht klar wurde. Er sah interessiert aus, und in seinen Augen war eine winzige Spur derselben Scheu zu erkennen, die sie auch bei allen anderen hier sp�rte, aber kein Hauch von Ablehnung oder gar Furcht. Bast sch�tzte ihn auf Ende sechzig. Er war einen knappen Kopf kleiner als sie, von untersetzter Statur, und seine H�nde verrieten, dass sie nicht nur Arbeiten gewohnt waren, die man mit dem dreiteiligen Anzug assoziieren w�rde, den er momentan trug.</p><p>�Verzeihung�, sagte er, nachdem sich das Schweigen eine endlose weitere Sekunde lang dahingeschleppt hatte. �Ich wollte Sie nicht st�ren ... verstehen Sie unsere Sprache?�</p><p>�Ein wenig�, antwortete Bast. �Und Sie st�ren nicht. Ich war nur ein wenig �berrascht.�</p><p>�Von dem, was Sie hier sehen?�</p><p>�Von Ihrer Frage.� Sie l�ste den Schleier von ihrem Gesicht, und seine Reaktion war genauso am�sant, wie sie erwartet hatte ein kurzer Moment des Erstaunens, gefolgt von einem noch k�rzeren des Erschreckens und dann deutlicher Verlegenheit. Aber er fing sich auch sofort wieder.</p><p>�Wenn ich drei�ig Jahre j�nger w�re, w�rde ich antworten, dass ein Gesicht wie dieses nur l�cheln kann�, antwortete er am�siert. �Aber die Wahrheit ist, dass ich Ihr Kopfsch�tteln bemerkt habe ... und so ganz nebenbei war auch Ihr Lachen nicht zu �berh�ren.� Er streckte ihr die Hand entgegen. �Bitte verzeihen Sie mir. Ich wollte gewiss nicht aufdringlich erscheinen. Ich wei� gar nicht, wo meine Manieren geblieben sind. Renouf. Peter Le Page Renouf. Ich ... arbeite hier.�</p><p>�Bast�, antwortete Bast automatisch, w�hrend sie seine ausgestreckte Rechte ergriff und sehr behutsam dr�ckte.</p><p>�Bast?�</p><p>�Um genau zu sein, Bastet�, antwortete Bast und zog eine Grimasse. �Meine Eltern hatten eine gro�e Vorliebe f�r die Mythologie und Geschichte Afrikas ... aber leider nicht besonders viel Geschmack.�</p><p>�Wie dieser junge Rider Haggard�, seufzte Renouf. Bast verstand nicht genau, was er meinte.</p><p>�Ich habe also gelacht und den Kopf gesch�ttelt?�, fragte sie, als w�re sie nicht ganz sicher. Nat�rlich erinnerte sie sich genau, das getan zu haben - aber sie erinnerte sich im Nachhinein, und das war ein weiteres Warnzeichen. Sie begann die Kontrolle zu verlieren. Ihre Zeit wurde knapp.</p><p>�Deswegen sind Sie mir aufgefallen�, best�tigte Renouf und sch�ttelte praktisch im gleichen Moment den Kopf. �Unter anderem.�</p><p>�Unter anderem?�</p><p>�Um ehrlich zu sein: Sie sind mir schon vorher aufgefallen. Gleich nachdem Sie hereingekommen sind. Gef�llt Ihnen unsere kleine Sammlung?�</p><p>�Sie ist ... beeindruckend�, antwortete Bast. Das h�rbare Z�gern vor dem letzten Wort war Absicht. Und es h�tte ihrer au�ergew�hnlichen Beobachtungsgabe und noch au�ergew�hnlicheren Sinne nicht bedurft, um sie erkennen zu lassen, dass ihm das keineswegs entging.</p><p>�Das freut mich zu h�ren�, antwortete er trotzdem. �Ich nehme an, das alles hier ist Ihnen vertraut ... vertrauter als den meisten jedenfalls.�</p><p>�Und wie kommen Sie zu dieser Annahme?�, wollte Bast wissen.</p><p>Renouf l�chelte unersch�tterlich weiter, wirkte aber zugleich nun zum ersten Mal ein bisschen verlegen. �Nun ... Ihre Kleidung�, antwortete er, �Ihr Name und Ihre - verzeihen Sie -, Ihre Hautfarbe. Sie kommen aus �gypten? Dem s�dlichen �gypten, nehme ich an?�</p><p>�Nubien�, antwortete Bast. �Das ist richtig.�</p><p>�Die Heimat der schwarzen Pharaonen�, strahlte Renouf. �Ja, das dachte ich mir. Vor allem, als ich Ihr Interesse an unserer neuesten Errungenschaft bemerkt habe.� Er deutete mit un�bersehbarem Stolz auf den restaurierten Streitwagen. �Er befindet sich seit einem halben Jahr in unserem Besitz, aber wir haben bis jetzt gebraucht, um ihn instand zu setzen. Ich hoffe doch, er findet Gnade vor Ihrem kundigen Auge?�</p><p>F�r jeden anderen h�tte diese Frage ironisch geklungen, aber sie las in seinen Augen, dass sie vollkommen ernst gemeint war. Sie z�gerte eine endlose Sekunde lang, bevor sie antwortete, und sie wusste selbst, dass ihre Antwort nicht besonders klug war. Aber seine schon fast aufdringliche Art, mit seinem Wissen zu gl�nzen, �rgerte sie ein bisschen.</p><p>�Die Beschl�ge sind falsch�, sagte sie. �Und der Fahrer stand viel weiter vorne. Au�erdem war es ein Einsp�nner.�</p><p>�Mit einer Mitteldeichsel?�, fragte er zweifelnd und ein ganz kleines bisschen �berheblich. �Ich bitte Sie!�</p><p>�Das Pferd wurde wechselweise rechts oder links angespannt�, antwortete Bast ruhig. �Je nachdem, auf welcher Seite der Bogensch�tze stand. Und sie waren kleiner.�</p><p>�Die Wagen?� Renouf l�chelte milde. �Das hier ist keine Kopie, sondern ein jahrtausendealtes Original - das meiste davon jedenfalls.�</p><p>�Die Pferde�, erwiderte Bast. �Vollbl�ter wie diese h�tten in der W�ste nicht lange �berlebt. Sie haben kleine, z�he Ponys benutzt ... genau wie Ihre Kreuzritter, nebenbei bemerkt.�</p><p>Renouf schien einen Moment lang ernsthaft �ber diese Worte nachzudenken, sch�ttelte aber dann den Kopf. �Eine interessante Theorie�, sagte er. Aber irgendwie klang es wie <emphasis>bl�dsinnige. </emphasis>Au�erdem sch�ttelte er noch einmal und nur noch �berzeugter den Kopf. �Wir haben eine Menge Aufzeichnungen und Bilder gefunden ...�</p><p>�... von denen bekannt ist, dass die alten �gypter ein schwatzhaftes Volk mit einem Hang zum �bertreiben und Heroisieren war�, fiel ihm Bast sanft ins Wort. Sie wusste selbst nicht genau, warum sie das sagte. Der Mann war ihr durchaus sympathisch, soweit man das bei jemandem sagen konnte, den man erst seit ein paar Augenblicken kannte, und doch genoss sie es zugleich, ihm ein paar zugespitzte Bambussplitter unter die Fingern�gel zu treiben. Vielleicht nicht wegen dem, <emphasis>wer </emphasis>er war, sehr wohl aber wegen dem, <emphasis>was </emphasis>er war. �Glauben Sie mir, es w�re ein Fehler, alles f�r bare M�nze zu nehmen, was Sie auf Papyrus geschrieben sehen - oder auch in Stein gemei�elt.�</p><p>�Sie klingen, als h�tten Sie einen solchen Wagen schon einmal gesehen�, sagte Renouf.</p><p>Sie war auf einem gefahren. Sie hatte einen Wagen wie diesen in die Schlacht gelenkt, unz�hlige Male und in viel zu vielen Schlachten. Wer wei� ... vielleicht sogar ganz genau <emphasis>diesen </emphasis>Wagen.</p><p>�Und wenn?�, fragte sie geheimnisvoll.</p><p>Einen winzigen Moment lang wirkte Renouf nun tats�chlich irritiert, aber dann lachte er. �Dann m�sste ich Sie unter einem Vorwand verhaften lassen, um dieses Geheimnis aus Ihnen herauszupressen�, sagte er. Er lachte noch einmal, gutm�tig. �Sie gefallen mir, Miss Bastet�, sagte er geradeheraus. �Sie h�tten nicht zuf�llig Zeit und Lust, ein wenig mit mir zu plaudern? Um offen zu sein, es kommt selten vor, dass sich mir die Gelegenheit bietet, das Angenehme mit dem N�tzlichen zu verbinden.�</p><p>�Und welcher Teil ist der Angenehme, und welcher der N�tzliche?�</p><p>�Beide, nat�rlich�, sagte Renouf. �Ich kann zwar oft und ausgiebig �ber meine Passion und meinen Beruf reden, aber meine Gespr�chspartner sind meistens nicht nennenswert j�nger als die Fundst�cke, �ber die wir reden.�</p><p>�Wer sagt Ihnen, dass es bei mir anders ist?�</p><p>Jetzt wirkte Renouf so verwirrt, dass er Bast beinahe leidtat. �Wie gesagt�, wiederholte er unsicher, �ich w�rde gerne ein wenig mit Ihnen plaudern. Es k�nnte interessant werden.�</p><p>�H�tten Sie denn Zeit daf�r?�, fragte Bast. �Wo Sie doch hier arbeiten?�</p><p>�Das ist richtig�, antwortete er schmunzelnd. �Ich bin der Direktor der �gyptischen Abteilung, genauer gesagt: der Abteilung f�r orientalische Altert�mer. Meine Stellung, wenn auch nicht unumstritten, gew�hrt mir doch gewisse Privilegien.�</p><p>�Sie versuchen nicht zuf�llig, mir den Hof zu machen, Mister Renouf?�, fragte Bast.</p><p>�Keineswegs�, antwortete Renouf. Er klang ein bisschen erschrocken. �Ich war nur angenehm �berrascht, jemanden Ihrer ... �hm ... Herkunft hier bei uns zu sehen, und sein Interesse zu bemerken.� Er l�chelte sch�chtern. �Und Ihr Urteil?� Er sah sie nichts anderes als auffordernd an. �Reden Sie ruhig frei von der Leber weg. Nur weil ich Professor f�r orientalische Sprachen und alte Geschichte bin, bedeutet das nicht, dass ich nicht offen f�r andere Meinungen w�re.�</p><p>Bast seufzte lautlos in sich hinein. Renouf <emphasis>versuchte </emphasis>ihr den Hof zu machen, aus welchem Grund auch immer, und auch wenn da ein winziger Teil in ihr war, dem dieser Gedanke schmeichelte, war das doch zugleich im Moment so ziemlich das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Sobald sie eine ruhige Minute fand, dachte sie, sollte sie dringend �ber die genaue Bedeutung des Wortes <emphasis>unauff�llig </emphasis>nachdenken.</p><p>Sie beschloss, das Gespr�ch an dieser Stelle zu beenden, warf einen fast sehns�chtigen Blick in Mrs Walshs Richtung und stellte fest, dass sie ihr Gespr�ch in genau diesem Augenblick - und sichtlich ohne Erfolg - zu Ende gebracht hatte und sich wutschnaubend herumdrehte, um Renouf und sie anzusteuern. Gut, diese wenigen Augenblicke konnte sie auch noch gute Miene zum eigentlich nicht einmal wirklich so b�sen Spiel machen. Ihr unfreiwilliges T�te-�-T�tes mit Renouf mit einem Affront zu beenden, fiel vermutlich auch nicht wirklich in die Kategorie <emphasis>unauff�llig. </emphasis>�Ganz ehrlich?�</p><p>�Ich bitte darum.�</p><p>�Zu Zeiten als das hier gemacht worden ist�, sie machte eine angedeutete Geste, die die gesamte Halle einschloss, �und in meiner Heimat hat man Grabr�uber hingerichtet.�</p><p>Nein, das war jetzt ganz eindeutig <emphasis>nicht </emphasis>mehr dazu angetan, ihn zu bes�nftigen, oder ihn sie m�glichst schnell wieder vergessen zu lassen.</p><p>Zu ihrer �berraschung reagierte er jedoch nicht verletzt oder auch nur verstimmt, sondern zauberte ganz im Gegenteil sogar ein L�cheln auf sein Gesicht. �Vollkommen zu Recht�, sagte er. �Ginge es nach mir, dann w�re das m�glicherweise auch heute noch so.� Er lachte erneut, als er ihre Verwirrung bemerkte. �Sie machen sich �ber mich lustig, nicht wahr? Sie geh�ren doch nicht wirklich zu denen, die wissenschaftliche Arbeit als Grabr�uberei bezeichnen?�</p><p>�Als was bezeichnen Sie es denn?�, gab Bast zur�ck. Wo blieb Mrs Walsh?</p><p>�Als genau das�, antwortete er. �Wissenschaft. Wir holen die Vergangenheit ans Tageslicht und entrei�en sie dem Vergessen. Niemand tut das, um sich zu bereichern. Ihr Volk hat eine gro�artige Geschichte, Miss Bast. M�chten Sie wirklich, dass sie f�r alle Zeit in Vergessenheit ger�t? Doch wohl kaum.�</p><p>Bei <emphasis>manchem davon w�re es besser, </emphasis>dachte Bast. Aber sie sparte es sich, das laut auszusprechen. Diese Diskussion f�hrte zu nichts. Seine Worte waren ehrlich gemeint, das sp�rte sie, aber genau das war es, was sie so schlimm machte. Sie hatte die, die es wirklich gut mit ihr meinten, schon immer mehr gef�rchtet als ihre Feinde.</p><p>�Ich f�rchte, dass mir im Moment die Zeit fehlt, weiter mit Ihnen zu plaudern, so am�sant es auch sein mag, Professor�, seufzte sie. �Vielleicht ein andermal.�</p><p>Renouf machte keinen Hehl aus seiner Entt�uschung, fing sich aber auch jetzt fast augenblicklich wieder. �Dann werfen Sie wenigstens noch einen Blick auf unseren ganzen Stolz�, sagte er und gestikulierte zugleich auf die zerschrammte Vitrine hinab. Er lachte. �Wenn Sie schon einen �gyptischen Streitwagen im Original gesehen haben, dann k�nnen Sie vielleicht auch dieses Schriftst�ck �bersetzen, und ich kann hinterher behaupten, ich h�tte es selbst getan und die Lorbeeren einheimsen.�</p><p>Bast beugte sich gehorsam vor und warf einen Blick auf das Papyrus, und Renouf redete fr�hlich weiter: �Meine Kollegen und ich streiten seit einem Jahr �ber die genaue �bersetzung. Wir ordnen es Ramses II. zu, aber bisher konnten wir uns nicht einigen, ob es sich nun um ein k�nigliches Edikt handelt, die Absetzung eines Statthalters betreffend, oder um eine Schm�hschrift gegen einen fremden Potentaten.�</p><p>Bast hatte das Gef�hl, dass Renouf sie auf die Probe stellen wollte, aber sie antwortete wahrheitsgem��: �Es stammt aus der Zeit Ramses I., und es ist ein Pamphlet, in der sich eine Frau �ber die st�ndigen Seitenspr�nge ihres Gemahls mokiert, der ein hochrangiger Beamter am Hofe des Pharao war.� Sie richtete sich wieder auf und sah Renouf vollkommen ernst und so fest in die Augen, wie er es gerade noch aushielt. �Sie macht sich lustig dar�ber, dass er jedem Rockzipfel nachl�uft, wo er doch im ehelichen Bett schon lange nicht mehr seinen Mann steht.�</p><p>Renouf starrte sie nun fassungslos an, und obwohl ihre innere Stimme ihr mittlerweile zuschrie, endlich die Klappe zu halten, f�gte sie aus der Erinnerung noch hinzu: �Er wurde �brigens hingerichtet, nachdem bekannt wurde, dass einer der Rockzipfel, denen er nachjagte, zum Harem des Pharao geh�rte.�</p><p>Ra - oder wer immer auch das Schicksal der Welten in diesem Moment lenkte - hatte endlich ein Einsehen mit ihr und lie� Mrs Walsh auftauchen; schnaubend vor Emp�rung und so aufgebracht, dass sie all ihre gute Erziehung verga� und sich r�cksichtslos zwischen Renouf und sie schob.</p><p>�Dieser Kerl ist einfach unm�glich�, ereiferte sie sich. �Ich habe ihm nur eine ganz h�fliche Frage gestellt, und er f�hrt sich auf, als h�tte ich ihm ein ... ein unsittliches Angebot gemacht!�</p><p>Renouf blickte fragend, und Bast machte eine erkl�rende Geste auf Mrs Walsh, dann auf Renouf. �Mrs Gloria Walsh, eine ... Freundin von mir - Professor Renouf, Direktor der orientalischen Abteilung des Museums.�</p><p>Jetzt war es Mrs Walsh, die fassungslos Mund und Augen aufriss, w�hrend Renouf abermals seine Geistesgegenwart bewies und augenblicklich seine Fassung zur�ckerlangte.</p><p>�Gibt es irgendein Problem, gn�dige Frau?�</p><p>Mrs Walsh funkelte ihn nur an, und Bast beeilte sich, in bes�nftigendem Ton zu erkl�ren: �Nicht wirklich. Wir sind aus einem bestimmten Grund hierhergekommen, aber mittlerweile glaube ich fast, dass es keine so gute Idee gewesen ist.�</p><p>�Darf ich fragen, worum es geht?�, erkundigte sich Renouf. �Vielleicht kann ich ja behilflich sein.�</p><p>�Wir wollten ... einige Erkundigungen einziehen�, antwortete Bast ausweichend. �Erkundigungen, die einen der Besucher hier betreffen. Aber vermutlich tut die gute Mrs Walsh Ihrem Personal unrecht. Ich nehme doch an, dass Sie zur Verschwiegenheit verpflichtet sind, was Ihre Besucher hier angeht.�</p><p>Renouf nickte zwar, sagte aber trotzdem: �Das kommt ganz darauf an, was Sie wissen wollen.�</p><p>�Ich suche nach einer Freundin aus meiner Heimat�, antwortete Bast. �Leider wei� ich wenig mehr �ber sie, als dass sie sich seit einer Weile in London aufh�lt. Mrs Walsh kam auf die Idee, dass sie vielleicht hier gewesen sein k�nnte.�</p><p>�Wenn sie Ihnen �hnelt, dann erinnert man sich ganz bestimmt an sie�, antwortete Renouf nonchalant. �Und der gute Henry erinnert sich nicht?�</p><p>�Angeblich nicht�, verbesserte ihn Mrs Walsh.</p><p>Renouf ignorierte die erste H�lfte ihrer Antwort. �Wir haben hier eine Menge Personal�, sagte er. �Und noch dazu arbeiten sie in zwei Schichten. Wenn Sie f�r den Augenblick mit der einen H�lfte vorliebnehmen k�nnen ...� Er zog eine gravierte Taschenuhr aus der Weste und klappte den Deckel auf, ohne allerdings wirklich einen Blick auf das Ziffernblatt zu werfen. �Wie es der Zufall will, ist gerade Mittagszeit. Sie k�nnen mit allen sprechen, wenn Sie es w�nschen.�</p><p>�Das w�re m�glich?�, fragte Bast �berrascht.</p><p>�Wenn es Ihnen nichts ausmacht, mich in die Unterwelt zu begleiten�, antwortete Renouf.</p><p>�Wie?� Nat�rlich war es nur ein Scherz und nicht einmal ein guter. Aber er erschreckte sie, als verberge sich unter den Worten, die er aussprach, noch eine zweite, ungleich d�sterere Botschaft. Beinahe ohne dar�ber nachzudenken, warf sie alle ihre Bedenken und Hemmungen �ber Bord und lauschte in ihn hinein. Aber da war keine Spur von Falschheit oder gar Heimt�cke.</p><p>�In die Unterwelt?�</p><p>�Ein Scherz, bitte verzeihen Sie.� Renouf r�usperte sich unbehaglich. �Der Aufenthaltsraum des Personals befindet sich unten im Keller. Es ist nicht weit, aber vielleicht ein wenig ... unbequem. Aber wenn Sie sich meiner F�hrung anvertrauen wollen, begleite ich Sie gerne dorthin. Die Pause beginnt in zehn Minuten.� Ein beinahe sch�chternes L�cheln. �Und es gibt dort unten noch eine ganze Anzahl interessanter Artefakte, die ich Ihnen zeigen k�nnte, wenn Sie es w�nschen.�</p><p>�Um meine Meinung dazu zu h�ren?� Sie versuchte es mit aller Kraft, aber es gelang ihr nicht, die Andeutung eines L�chelns ganz von ihren Lippen zu verbannen. Dieser Mann ... verwirrte sie. Sie wurde nicht schlau aus ihm. Und das war zumindest ungew�hnlich. Und eigentlich sollte es sie erschrecken.</p><p>�Wenn Sie es w�nschen.� Renouf machte eine einladende Geste, und f�r einen einzigen, unendlich kurzen Moment war sich Bast fast sicher, dass die Schatten hinter ihm darauf reagierten, wie etwas Gro�es, D�steres, das sich tr�ge zu regen begann. Und war da nicht ein Ger�usch, das es vorher nicht gegeben hatte, etwas wie das Schlagen schwarzer, metallisch gl�nzender Fl�gel? Ihr Blick tastete �ber die Schatten hinter Renouf, glitt �ber das sorgsam polierte Holz des Streitwagens und das mattwei�e Fell der beiden ausgestopften Pferde und die Dunkelheit dahinter, aber da war auch nicht mehr als Dunkelheit; nur die blo�e Abwesenheit von Licht, in der sich rein gar nichts verbarg.</p><p>Nerv�s sah sie sich weiter um und lauschte nunmehr mit all ihren Sinnen - auch mit denen, die Renouf und vermutlich auch Mrs Walsh zu Tode erschreckt h�tten, h�tten sie auch nur von ihrer Existenz geahnt -, aber da war ... nichts.</p><p>Gar nichts.</p><p>Um ein Haar h�tte sie vor Schrecken aufgeschrien.</p><p>Sie sp�rte ... nichts. Sie h�rte und sah Renouf und Mrs Walsh, vernahm das leise Murmeln der anderen Museumsbesucher und das ged�mpfte Ger�usch ihrer vorsichtigen Schritte und, wenn sie sich mit aller Macht konzentrierte, sogar ein leises, regelm��iges H�mmern oder Klopfen, das aus einem anderen Raum her�berdrang, aber das war alles. All ihre anderen Sinne, die sie �ber so lange Zeit zu einer der wenigen Sehenden in einer Welt der Blinden gemacht hatten, waren pl�tzlich nicht mehr da. Selbst die gestaltlose Furcht, die die ganze Zeit �ber beharrlich am Rande ihres Bewusstseins gekratzt hatte, war pl�tzlich verschwunden. Von einer Sekunde auf die andere war es, als w�re sie all ihrer Sinne beraubt worden. Sie f�hlte sich einsam und unendlich verloren, taub und blind zugleich. Ihr Herz begann zu h�mmern.</p><p>�Miss Bast?�, fragte Mrs Walsh. Sie klang alarmiert, besorgt. �Stimmt etwas nicht?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast hastig, �Ich meine ... nein. Keine Sorge. Es ist alles in Ordnung.� <emphasis>Was f�r ein Unsinn. </emphasis>Hier stimmte etwas sogar ganz und gar nicht, aber nicht mit diesem Geb�ude oder den ausgestellten und geraubten Kunstsch�tzen, sondern mit <emphasis>ihr. </emphasis>Es waren nicht ihre Sinne, die sie im Stich lie�en - ihre Kraft erlosch, so einfach war das. Was sie erlebte, war das Gegenst�ck zu einem Schw�cheanfall bei einem Verhungernden. Sie brauchte Nahrung. Bald �Ganz sicher?�, beharrte Mrs Walsh.</p><p>Sie schwieg.</p><p>So schnell die Schw�rze sie �berkommen hatte, so rasch und lautlos meldeten sich ihre Sinne wieder zur�ck, und obwohl sie sie nur f�r wenige Augenblicke im Stich gelassen hatten, taten sie es mit so schneidender Sch�rfe, dass Bast einen hastigen Schritt zur Seite machen musste, um nicht zu deutlich zu schwanken.</p><p>�Ganz sicher?�, fragte Mrs Walsh noch einmal.</p><p>�Wenn es Ihnen heute nicht passt, kann ich gerne einen anderen Termin f�r Sie arrangieren�, schlug Renouf vor. Irrte sie sich, oder sah auch er sie pl�tzlich besorgt an?</p><p>�Nein, das wird nicht n�tig sein�, sagte sie rasch. �Wenn wir schon einmal hier sind, w�re es doch dumm, den Weg noch einmal zu machen.�</p><p>Renouf sah ungef�hr so �berzeugt aus wie Mrs Walsh, aber er war zumindest h�flich genug, nicht noch einmal zu fragen, sondern machte nur eine einladende Handbewegung. �Dann folgen Sie mir, meine Damen.�</p><p>Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich herum und ging gerade schnell genug voraus, dass es Mrs Walsh alle M�he kosten musste, mit ihm Schritt zu halten. Bast mochte sich t�uschen - weder an seinem freundlichen L�cheln noch an seiner Zuvorkommenheit hatte sich auch nur eine Winzigkeit ge�ndert, seit Mrs Walsh aufgetaucht war -, aber sie hatte das Gef�hl, dass er nicht unbedingt begeistert von deren Anwesenheit war. Konnte es sein, dass er ...?</p><p>Nein. Obwohl sich Bast nicht einmal gestattete, die Frage ganz zu Ende zu denken, beantwortete sie sie doch zugleich im selben Moment. Renouf gefiel sich vielleicht darin, den Charmeur zu spielen, und sicher schmeichelte es ihm, dass sie dieses kleine Spielchen mitspielte, aber das war auch schon alles. Sie musste seine Gedanken nicht lesen, um zu wissen, dass er im Grunde ganz genau das war, wonach er auch auf den ersten Blick aussah: ein harmloser Gelehrter mit den perfekten Manieren eines Gentlemans. Und au�erdem sch�tzte sie ihn realistisch genug ein, um zu begreifen, dass sie nicht nur einen guten Kopf gr��er war als er, sondern auch gute drei�ig Pfund schwerer und in ungleich besserer Verfassung. Sie h�tte nicht einmal sein m�ssen, was sie war, um m�helos mit ihm fertig zu werden.</p><p>W�hrend sie gleichzeitig versuchte, zu Renouf aufzuschlie�en und den Abstand zu Mrs Walsh nicht zu gro� werden zu lassen - mit dem Ergebnis nat�rlich, dass keines von beidem wirklich klappte -, warf sie einen fl�chtigen Blick �ber die Schulter zu Henry zur�ck. Der grauhaarige Museumsw�chter blickte ihnen genauso missmutig nach, wie sie es nach Mrs Walshs Worten auch erwartet hatte, zugleich aber auch so misstrauisch und aufmerksam, wie man es von einem Beamten im Dienste Ihrer Majest�t erwarten konnte ... aber er runzelte zugleich auch irgendwie verwirrt die Stirn, und Bast hatte das sonderbar sichere Gef�hl, dass dieses Stirnrunzeln nicht nur Mrs Walsh und ihr galt, sondern in mindestens ebensolchen Ma�e auch Renouf. Anscheinend war das Verh�ltnis des Direktors zum Personal nicht das Beste.</p><p>Sie erreichten das jenseitige Ende der Halle und gingen unter einem erst zum Teil fertig gestellten Fries vorbei, das Osiris' Reise in die Unterwelt darstellte. Wenn es irgendwann einmal fertig war, w�rde es diesen Teil der Halle in den Ausschnitt eines Pharaonengrabes verwandeln, und das mit einer Detailtreue, der sie sogar eine widerwillige Bewunderung zollen musste - zumindest so lange, bis sie nahe genug war, um die halb verblassten Bilder genauer zu erkennen, dann schlug ihre Bewunderung in einen j�hen, kalten Zorn um.</p><p>Es war keine Kopie. Jemand hatte den echten Wandverputz aus einem Pharaonengrab entfernt - sie wusste sogar, aus welchem - und hierher gebracht, und er war dabei nicht einmal besonders vorsichtig zu Werke gegangen. Viele der Besch�digungen, die die Restauratoren mit gro�em Geschick auszubessern versucht hatten, ohne dass sie ihrem kundigen Blick wirklich entgingen, waren neu, wo Menschen mit einer einzigen unbedachten Bewegung mehr Schaden angerichtet hatten als die Zeit in ungez�hlten Jahrhunderten. Und das alles aus keinem anderen Grund als dem, es der immerw�hrenden Dunkelheit und Stille zu entrei�en, f�r die es einzig und allein erschaffen worden war, und es von den Blicken neugieriger Menschen besudeln zu lassen, die nicht einmal wussten, was sie da sahen.</p><p>�Stimmt irgendetwas nicht, meine Liebe?�</p><p>Bast fuhr zusammen, als Mrs Walshs Stimme unmittelbar neben ihr erklang. War sie wirklich so lange in die Betrachtung versunken gewesen?</p><p>�Sie sehen erschrocken aus.�</p><p>�Eher ... �berrascht�, antwortete Bast. Sie h�rte sogar selbst, wie lahm diese Antwort klang. Trotzdem deutete sie auf das halb fertige Relief und f�gte mit einem raschen und ebenso nerv�sen, wenig �berzeugenden L�cheln hinzu: �Ich h�tte nicht erwartet, so etwas hier zu sehen.�</p><p>Mrs Walsh musterte sie f�r die Dauer eines weiteren, endlosen Atemzuges aufmerksam - und nicht im Geringsten �berzeugt von dieser schalen Ausrede -, ehe sie ihren Blick von ihrem Gesicht losriss und sich dem Relief zuwandte.</p><p>�Erstaunlich�, sagte sie. �Vor allem, wenn man bedenkt, mit welch primitiven Mitteln diese Menschen gearbeitet haben m�ssen.�</p><p>Bast gestattete sich nicht, w�tend zu werden. �Glauben Sie mir, Mrs Walsh, diese Menschen waren nicht halb so primitiv, wie Ihre Landsleute im Allgemeinen annehmen ... oder Sie glauben machen wollen.�</p><p>Mrs Walshs Blick wurde noch zweifelnder; sie belie� es dann aber bei einem angedeuteten Schulterzucken und einem kaum h�rbaren Seufzen. �Gleichwie�, sagte sie, �es ist auf jeden Fall ein erstaunliches St�ck Handwerkskunst. Und an einem Platz wie diesem mag es auch seine Berechtigung haben ... auch wenn es zweifellos heidnischen Inhaltes ist.�</p><p>�Zweifellos�, best�tigte Bast. Einen winzigen Moment lang war sie ernsthaft versucht, Mrs Walsh zu verraten, wie viel von ihrem christlichen Glauben auf die Geschichte ihres Volkes zur�ckzuf�hren war und wie viele Passagen ihrer Bibel aus anderen Religionen und unendlich viel �lteren, unendlich wahreren Glaubensbekenntnissen zusammengestohlen war. Aber sie verzichtete darauf. Nicht jetzt.</p><p>Sie wollte sich herumdrehen und ihren Weg fortsetzen, doch in diesem Moment hob Mrs Walsh die Hand und deutete auf eine bestimmte Stelle des Reliefs. �Schauen Sie!�</p><p>Bast tat ihr den Gefallen und sah genauer hin. Ihr fiel nichts Au�ergew�hnliches auf.</p><p>�Ich finde, diese Figur sieht aus wie Sie�, erkl�rte Mrs Walsh am�siert. �Oder?�</p><p>Und warum auch nicht?, dachte Bast, im ersten Moment fast verwirrt. Sie <emphasis>war </emphasis>sie. �Das ist Bastet�, best�tigte sie. �Die alte Katzeng�ttin unserer Vorfahren. Meine - wie nennt man es bei Ihnen - Namenspatronin.�</p><p>Der Blick, mit dem Mrs Walsh sie daraufhin ma�, gefiel ihr gar nicht. Aber sie verscheuchte den Gedanken, der daraus erwachsen wollte.</p><p>�Und wer ist die Figur daneben?�, fragte Mrs Walsh. �Sie sieht aus wie Ihre Schwester ... die Schwester Ihrer Namenspatronin, meine ich nat�rlich.�</p><p>Neben der schlanken, in ein wei�es und mit prachtvollen goldenen und roten Stickereien �bers�tes Gewand gekleideten Gestalt - sie erinnerte sich genau, wie es ausgesehen hatte und wie anstrengend es gewesen war, Stunde um Stunde reglos Modell stehen zu m�ssen, bis dieser Dummkopf von Zeichner endlich mit seiner Skizze zufrieden gewesen war - mit dem stilisierten Katzenkopf stand eine zweite, nahezu identische Gestalt, die wie ein Schatten der ersten wirkte. Ihre Umrisse waren nicht so klar und pr�zise, die Farben verblasst und dunkler und auf eine Art gemalt, die einem das Atmen schwer werden lie�, wenn man zu lange hinsah. Die Dummk�pfe, die dieses Relief gestohlen und hierhergebracht hatten, hatten damit begonnen, sie in helleren und klareren Farben zu restaurieren, weil sie offensichtlich dem Irrtum erlegen waren, die Zeit h�tte diesem Teil des Bildes aus irgendeinem Grund besonders heftig zugesetzt. Woher sollten sie auch wissen, dass dieser Effekt nicht nur beabsichtigt, sondern ganz besonders realistisch war?</p><p>�Das ist ...�, um ein Haar w�re ihr herausgerutscht: <emphasis>meine, </emphasis>�<emphasis>... </emphasis>Bastets Schwester�, antwortete sie. �Sachmet.�</p><p>�Sie sieht irgendwie ... unheimlich aus�, sagte Mrs Walsh. �Nicht wie jemand, den ich kennen lernen m�chte.�</p><p>Gegen ihren Willen musste Bast l�cheln. Man konnte gegen Mrs Walsh sagen, was man wollte, sie war auf jeden Fall eine sehr scharfsichtige alte Frau. �Das m�chten Sie auch nicht�, best�tigte sie mit einem fl�chtigen L�cheln. �Es ist nur eine alte Legende. Bastet war eine sehr sanftm�tige G�ttin, sagt man. So friedliebend und sanft, dass in ihrer Seele kein Platz mehr f�r Zorn und Gewalt war. Aber es liegt nun einmal in der Natur des Menschen, beides in sich zu tragen, und so blieb es nicht aus, dass eines Tages Sachmet erschien, ihr dunkles Ich. Sie verk�rperte alles, was Bastet nicht war.�</p><p>�Des Menschen? Waren sie denn keine G�tter?�</p><p>�Vielleicht ist der Unterschied nicht so gro�, wie viele meinen�, antwortete Bast, immer noch l�chelnd. �Bastet jedenfalls, so sagt die Legende, war so voller Liebe zu den Menschen und so g�tig und sanft, dass sie Sachmet erschaffen musste, um dem dunklen Teil ihrer Seele einen K�rper zu verleihen. Seither k�mpfen beide Seiten um die Vorherrschaft.�</p><p>�W�re es doch nur auch in Wahrheit so einfach�, meinte Mrs Walsh mit einem leisen Seufzen und als w�re sie es in diesem Moment, die Basts Gedanken las. �Diese Welt w�re ein besserer Ort, wenn wir allem Schlechten in uns einen eigenen K�rper geben k�nnten, nicht wahr?�</p><p>�Aber vielleicht w�rden wir dadurch genau das verlieren, worum wir zu k�mpfen glauben�, antwortete Bast.</p><p>Mrs Walsh dachte einen Moment sichtlich �ber diesen Gedanken nach und hob schlie�lich erneut die Schultern. �Ein interessanter Gedanke�, sagte sie. �Vielleicht sollten wir ihn ein andermal aufgreifen und vertiefen ... aber im Moment ist leider nicht der richtige Zeitpunkt daf�r, f�rchte ich.� Sie deutete zu Renouf hin. �Der gute Professor wartet sicher schon auf uns.�</p><p>Sie hatte recht, dachte Bast, und das nicht nur, was Renouf anging. Ohne einen konkreten Grund daf�r angeben zu k�nnen, hatte sie pl�tzlich das sehr sichere Gef�hl, dass es besser war, sich auf dieses Gespr�ch mit Mrs Walsh gar nicht einzulassen. Sie nickte nur, wandte sich um und beeilte sich, zu Renouf hinzugehen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Der Direktor war vor einer schmalen Seitent�r stehen geblieben, die so geschickt in die Wandvert�felung eingelassen war, dass sie selbst wahrscheinlich daran vorbeigelaufen w�re, ohne sie auch nur zu bemerken. W�hrend er einen kompliziert aussehenden Schl�ssel aus der Jackentasche zog und drei Anl�ufe brauchte, um ihn ins Schloss zu nesteln und herumzudrehen, ma� er sie erneut mit einem jener sonderbar besorgten Blicke, sah aber sofort weg, als er begriff, dass sie ihn bemerkte.</p><p>�Kommen Sie, meine Damen�, sagte er. �Aber geben Sie auf Ihre Schritte acht. Gleich hinter der T�r ist eine kleine Stufe.� Bast musste sich b�cken, um durch die T�r zu treten, und Renouf hatte vergessen zu erw�hnen, dass die T�rschwelle die eigentliche Stufe war; ihr Schritt fiel deutlich gr��er aus als geplant, und sie musste einen hastigen zweiten Schritt machen und die Arme ausstrecken, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Renouf trat hinter ihr durch die T�r und streckte Mrs Walsh die Hand entgegen, um sie vor einem �hnlichen Missgeschick zu bewahren. Sein Gesicht blieb vollkommen unbewegt.</p><p>�War das Ihre Revanche f�r gerade, Professor Renouf?�, fragte sie.</p><p>�Aber ich bitte Sie, gn�dige Frau!�, antwortete Renouf mit gespielter Emp�rung. �Wof�r halten Sie mich?� Aber seine Augen funkelten, w�hrend er das sagte, und Bast verzichtete vorsichtshalber darauf, irgendetwas zu antworten. Sie wartete, bis Renouf die T�r hinter Mrs Walsh geschlossen hatte und sah ihn mit wachsender Ungeduld an. Renouf machte eine Kopfbewegung nach links und ging los, und Bast sah sich neugierig um. Der Gang, in dem sie sich befanden, war fensterlos und so schmal, dass sie die W�nde auf beiden Seiten m�helos mit den ausgestreckten Armen hatte ber�hren k�nnen. Das einzige Licht, das es �berhaupt gab, stammte von einer Anzahl schwacher Gaslampen, die in viel zu gro�en Abst�nden brannten. Die W�nde bestanden aus unverputztem Ziegelstein, und es roch schlecht. Weder sie noch Mrs Walsh verloren auch nur ein einziges Wort dar�ber, doch Renouf wusste anscheinend, wie diese Umgebung auf Fremde wirkte.</p><p>�Es sind nur ein paar Schritte�, sagte er in entschuldigendem Tonfall. �Ich muss mich f�r die Unbequemlichkeit entschuldigen. Aber wie �berall ist auch bei uns das Geld knapp. Unsere Mittel reichen gerade, um die Teile des Museums instand zu halten, die dem Publikum zug�nglich sind.�</p><p>�Und f�r die Bequemlichkeit des Personals bleibt da nicht viel �brig�, vermutete Mrs Walsh. Sie seufzte. �Kein Wunder, dass der W�rter so unfreundlich war.�</p><p>�Henry und unfreundlich?�, fragte Renouf. �Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Aber ich werde mit ihm reden, damit so etwas nicht noch einmal vorkommt.�</p><p>�Das wird sicher nicht n�tig sein�, sagte Bast rasch. �Sie m�chten Mrs Walsh doch nicht in Verlegenheit bringen, indem Sie dem armen Burschen ihretwegen einen Verweis erteilen, oder?�</p><p>Mrs Walsh sah nicht so aus, als w�rde ihr Haar deswegen noch mehr ergrauen, und Bast fuhr rasch fort: �Wo sind wir hier? Zwischen den gro�en S�len?�</p><p>�Ja.� Renouf wirkte ein bisschen �berrascht. �Die W�nde sind nicht massiv, sondern dienen als Versorgungsg�nge.�</p><p>�Um die Besucher zu bespitzeln oder das Personal?�, erkundigte sich Mrs Walsh spitz.</p><p>�Glauben Sie mir, Gn�digste, bei manchen der Besucher, die hier tagt�glich ein- und ausgehen, w�re es vermutlich besser, sie auf Schritt und Tritt im Auge zu behalten. Aber wir benutzen diese G�nge, um schneller von Saal zu Saal zu gelangen und gewisse Dinge zu transportieren, ohne den Museumsbetrieb zu st�ren. So, da w�ren wir.�</p><p>�Oh�, machte Mrs Walsh.</p><p>Der Gang endete nicht vor einer Wand oder einer weiteren T�r, sondern m�ndete in einer eisernen Wendeltreppe, deren Stufen in halsbrecherischem Winkel in die Tiefe f�hrten. Auch unter ihnen schimmerte bleiches Gaslicht, aber es kam Bast so verschwommen und weit vor, als dr�nge es aus der Tiefe eines leblosen Ozeans empor.</p><p>�Sie machen sich wirklich keine Sorgen um die Bequemlichkeit Ihres Personals, wie?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>�Es sind nur wenige Stufen, und es sieht schlimmer aus, als es ist�, antwortete Renouf. �Aber ich kann verstehen, wenn es Ihnen zu m�hsam ist. Wenn Sie es w�nschen, bringe ich Sie zur�ck in die Halle, und Ihre Begleiterin und ich gehen allein.�</p><p>�Ha!�, machte Mrs Walsh, warf ihm einen geradezu vernichtenden Blick zu und begann stolz erhobenen Hauptes die Treppe hinunterzugehen. Die betagte Konstruktion �chzte unter Mrs Walshs Gewicht, und die Dunkelheit dort unten erf�llte Bast mit immer gr��erem Unbehagen, obwohl ihre Sinne ihr sagten, dass dort keine Gefahr auf sie lauerte. Aber noch viel weniger gefiel ihr der Gedanke, dass Renouf ganz offensichtlich daran gelegen war, Mrs Walsh zur�ckzulassen. Sie fragte sich, warum.</p><p>Sie richtete diese Frage auch an ihn, lautlos und auf eine Weise, auf die er ihr die Antwort nicht verweigern konnte ... aber sie bekam sie trotzdem nicht.</p><p>Renouf hatte anscheinend nichts zu verbergen und f�hrte nichts im Schilde. Er war allenfalls ein wenig verstimmt �ber Mrs Walshs Begleitung, weil sie ihn seiner Meinung nach daran hinderte, ein wenig mit ihr zu sch�kern. Wenn er Geheimnisse hatte, dann waren sie so tief in ihm verborgen, dass nicht einmal sie sie entdecken konnte.</p><p>Dicht hinter Mrs Walsh eilte sie die Metallstufen hinab und wartete ungeduldig, bis sich auch Renouf zu ihnen gesellt hatte.</p><p>�Dort entlang.� Renouf wedelte in die Tiefe des Ganges hinein, der sich in seiner Breite von dem oben unterschied, aber ebenso schmucklos und schlecht beleuchtet war wie der oben. �Gleich die dritte T�r auf der rechten Seite.�</p><p>Mrs Walsh sah sich demonstrativ schaudernd um. �Was ist das hier?�</p><p>�Nun, unser Keller, gn�dige Frau�, antwortete Renouf, w�hrend er bereits losging. �Alles, was man auch in jedem anderen Keller finden w�rde - die Heizung, Wasserrohre und Brennstoff und allerlei nutzlosen Kram, den man langst h�tte wegwerfen sollen, von dem man sich aber einfach nicht trennen kann ... wie in jedem anderen Keller auch; nur ein wenig gr��er eben. Und unser Magazin nat�rlich.�</p><p>�Magazin?�</p><p>�Wir haben viel zu viele Exponate, um sie alle gleichzeitig auszustellen, gn�dige Frau�, antwortete Renouf, dem es sichtliche Freude bereitete, �ber seine Sch�tze zu reden. �Das k�nnten wir gar nicht. Nicht einmal unser Platz reicht dazu aus. Das allermeiste lagern wir hier unten ein und tauschen es von Zeit zu Zeit aus.�</p><p>Sie hatten die T�r erreicht, auf die er gerade gedeutet hatte, und Renouf dr�ckte die Klinke herunter und zog sie auf, trat jedoch nicht hindurch, sondern machte nur eine einladende Geste mit der freien Hand. �Bitte, die Damen.� Er blinzelte Bast zu. �Und keine Sorge. Dahinter gibt es keine Stufe.�</p><p>Aber auch keine Menschen. Hinter der T�r brannte das ruhige gelbe Licht einer Petroleumlampe, und sie h�rte nicht den mindesten Laut. Ganz pl�tzlich war ihr Misstrauen wieder da, und dass sie nach wie vor genau wusste, wie wenig Grund es daf�r gab, machte es eher schlimmer. Mrs Walsh trat gehorsam durch die T�r, aber Bast r�hrte sich nicht, sondern sah Renouf nur aus schmalen Augen an.</p><p>�Was soll das?�, fragte sie. �Das ist nicht der Aufenthaltsraum.�</p><p>�Nein�, gestand Renouf. �Ich gebe zu, Sie haben mich ertappt. Der Aufenthaltsraum liegt hinter der n�chsten T�r, und selbstverst�ndlich bringe ich Sie sofort dorthin. Aber ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen, Ihnen unseren gr��ten Schatz zu zeigen. Tun Sie einem alten Mann die Freude und schenken Sie ihm f�nf Minuten Ihrer Zeit. Sie werden es nicht bereuen, das verspreche ich.�</p><p>Bast wusste, dass sie es bereuen w�rde, aber trotz allem konnte sie nicht anders, als die Mischung aus Unversch�mtheit und Nonchalance zu bewundern, die Renouf an den Tag legte ... und er hatte ihre Neugier geweckt. Auch wenn sie ziemlich sicher war, dass ihr das, was er ihr zeigen wollte, noch sehr viel weniger gefallen w�rde als die Halle oben.</p><p>Sie war es allein ihrem Stolz schuldig, noch einen Herzschlag lang zu z�gern und ihn trotzig anzufunkeln, aber dann trat sie doch an ihm vorbei und geb�ckt durch die T�r.</p><p>Etwas ... streifte sie.</p><p>Es war kein k�rperliches Gef�hl, sondern ein Empfinden wie die Ber�hrung schwebender Spinnweben auf der Haut, nur dass dieses klebrige Tasten ihre Seele streifte und ungleich d�sterer und k�lter war, sodass sich etwas in ihr kr�mmte wie unter einem j�hen Schmerz. Und vielleicht h�tte sie sogar auf diese allerletzte, verzweifelte Warnung noch reagiert, h�tte sie das, was sie erblickte, nicht trotz allem so vollkommen �berrascht.</p><p>Wie sie erwartet hatte, war Mrs Walsh der einzige Mensch, der sich in dem weitl�ufigen, niedrigen Raum befand, aber das nahm sie kaum zur Kenntnis.</p><p>Sie hatte geglaubt, die perfide Zurschaustellung gestohlener Vergangenheit oben in der Halle w�re das Schlimmste, was sie an diesem Ort erwarten konnte.</p><p>Das hier war schlimmer. Keine blo�e Verh�hnung von allem, was ihr heilig und wertvoll war, sondern ein Schlag ins Gesicht ihres ganzen Volkes, ein Anblick, der sie im Innersten in lautloser Wut aufschreien lie�, zugleich aber auch so vollkommen l�hmte, dass sie einfach wie erstarrt dastand und nicht einmal den winzigsten Laut herausbrachte.</p><p>�Nun, habe ich zu viel versprochen?� Etwas stimmte mit Renoufs Stimme nicht, aber sie war auch nicht f�hig, <emphasis>darauf </emphasis>zu reagieren, so wenig wie auf das un�berh�rbare Ger�usch, mit dem er die T�r hinter sich ins Schloss zog.</p><p>Sie war in einem Grab. In einem Tempel. Auf einem Schlachtfeld und in einem Wohnhaus, in der Werkstatt eines Goldschmiedes und der Kammer eines Stadtschreibers, alles zugleich und nichts davon und noch tausend andere Dinge ... Der Raum war angef�llt mit den herausgerissenen und gesch�ndeten Eingeweiden ihrer Vergangenheit, die Geschichte eines ganzen Volkes, in St�cke gerissen und in Kisten und Kartons und S�cke verpackt und hierher verschleppt, an einen Ort, der so kalt und dunkel war wie die H�lle. Sie hatten sich nicht einmal die M�he gemacht, sie sorgf�ltig aufzustapeln oder zu sortieren. Alles lag durch- und �bereinander, vieles war besch�digt oder zerst�rt, als h�tte hier rohe Gewalt geherrscht statt der behutsamen Hand eines Wissenschaftlers: Kisten waren aufgebrochen oder so achtlos �bereinandergestapelt, dass sie zu Boden gest�rzt und zerborsten waren, S�cke waren aufgerissen und kostbare Kanopen aus Alabaster in St�cke geschlagen. Zorn �berkam Bast, ein kalter, fordernder Zorn, der wie eine Flamme in ihr emporloderte und alles andere verzehrte.</p><p>Zitternd drehte sie sich zu Renouf herum, aber alles, was sie in seinem Gesicht las, war ein ebenso k�hles wie �berhebliches L�cheln und eine K�lte, die sie schaudern lie�.</p><p>�Und das ist also Ihr ganzer Stolz?�, fragte Mrs Walsh. Wahrscheinlich hatten die Worte sp�ttisch klingen sollen, doch ihre Stimme zitterte ganz leicht, und irgendetwas hier drinnen verlieh ihnen einen d�steren Nachhall.</p><p>�Nicht ganz�, antwortete Renouf. Auch seine Stimme hatte sich ver�ndert, und sein Gesicht ... flackerte, anders konnte Bast es nicht bezeichnen. Sie war noch immer wie gel�hmt, und noch immer von einer kreischenden, lodernden Wut erf�llt, die jeden anderen Gedanken einfach hinwegfegte. �Aber wir kommen der Sache nahe. Nur noch einen ganz kurzen Moment Geduld.�</p><p>Etwas zerbrach mit einem h�sslichen Knirschen unter seinem Fu�, als er an Bast vorbeiging. Winzige Alabasterscherben regneten zu Boden, und aus der kreischenden Wut in Bast wurde pure Qual. �Warum ... tun Sie das?�, brachte sie m�hsam hervor.</p><p>Mrs Walsh drehte sich halb zu ihr herum, und aus der Verwirrung auf ihrem Gesicht wurde Erstaunen, dann fast augenblicklich blanker Schrecken, und Bast wurde klar, dass sich in ihrem eigenen Gesicht blanke Mordlust widerspiegelte.</p><p>�Aber ich bitte Sie, Bast.� Renouf lachte glucksend, w�hrend er sich einem mehr als mannshohen Gegenstand auf der anderen Seite des Raumes n�herte, der beinahe bis unter die gew�lbte Decke hinaufreichte und mit einem Tuch abgedeckt war. �Das ist doch nur ... alter Krempel, irgendwelcher Plunder, den die heidnischen Ureinwohner zur�ckgelassen haben und der zu Recht vergessen worden ist.� Das Knirschen wiederholte sich, als er diesmal mit Absicht auf eine hauchzarte Schale aus halb durchsichtigem Alabaster trat und sie unter dem Absatz zermalmte. Das Ger�usch, mit dem der jahrtausendealte Stein zersplitterte, schnitt wie ein Messer in Basts Seele. Sie sp�rte den Schmerz des heiligen Gegenstandes wie ihren eigenen. Tr�nen der Wut verschleierten ihren Blick, aber sie war noch immer nicht f�hig, die unheimliche L�hmung abzusch�tteln. Hilflos ballte sie die Fauste, so fest, dass sich ihre Fingern�gel in die Handfl�chen gruben.</p><p>�Professor Renouf, ich muss mich doch sehr wundern!�, sagte Mrs Walsh. �Sie sehen doch wohl, dass ...�</p><p>�Halt die Klappe�, unterbrach sie Renouf, beinahe im Plauderton. Mrs Walsh japste vor Unglauben und starrte ihn aus hervorquellenden Augen an, und Renouf ging weiter und fuhr dabei nahezu im Plauderton fort: �Und jetzt kommen Sie mir nicht mit heiligen Artefakten und der W�rde Ihres Volkes und all dem Mist. Ihre Vorfahren waren unzivilisierte Wilde, die sich gegenseitig wegen einer Handvoll Datteln oder einem Schluck Wasser umgebracht haben, und wenn wir sie nicht daran hindern w�rden, dann w�rden sie es wahrscheinlich auch heute noch so halten. Sie glauben, dieses Zeug hier h�tte irgendwelchen Wert?� Er streckte die Hand nach dem Tuch aus und trat gleichzeitig nach einer kniehohen Anubis-Statue aus poliertem schwarzem Marmor, die gegen die Wand geschleudert wurde und zerbrach. Bast wimmerte. �Es ist nur Abfall. Aber eine ganze Menge Dummk�pfe in diesem Land findet aus irgendeinem Grund Gefallen daran, also graben wir es aus und bringen es hierher und verdienen gutes Geld damit. Aber ich verga�: Ich wollte Ihnen ja noch unsere allerneueste Errungenschaft zeigen.�</p><p>Und damit riss er das Tuch mit einem einzigen Ruck herunter, mit dem sichtlichen Stolz und dem Gehabe eines K�nstlers, der seine allerneueste Kreation enth�llte, und Bast versuchte gar nicht mehr, ein gequ�ltes Keuchen zu unterdr�cken.</p><p>Unter dem Tuch kam eine gut acht Fu� hohe Statue aus glattpoliertem Sandstein zum Vorschein. Sie stand auf einem flachen, quaderf�rmigen Sockel aus demselben Material, in den das alt�gyptische Henkelkreuz gemei�elt war, und zeigte einen stilisierten Raubvogel mit einem gewaltigen Schnabel, grausamen Augen und einer hohen zackenlosen Krone, und trotz der schimmernden H�rte des Materiales und des Atems der Jahrtausende, den sie mit einer fast greifbaren Intensit�t verstr�mte, wirkte sie auf unheimliche Weise <emphasis>lebendig, </emphasis>erf�llt von einer Kraft und Vitalit�t, die den gesamten Raum zu durchfluten schien.</p><p>�Voil�!�, sagte Renouf und machte eine �bertrieben deutende Geste. �Unsere allerneueste Errungenschaft, gerade aus dem Horustempel in Nedfu eingetroffen. Noch mehr Plunder, aber damit verdienen wir zweifellos noch mehr Geld.�</p><p>Er lie� das Tuch fallen, drehte sich halb herum und b�ckte sich in der gleichen Bewegung nach etwas, das Bast nicht erkennen konnte, weil er es zugleich mit seinem K�rper verdeckte. �Sehen Sie, Miss Bast, auf diese Weise erweisen sich Ihre zur�ckgebliebenen Landsleute am Ende doch noch als n�tzlich.�</p><p>�Professor, das ist ungeheuerlich!�, keuchte Mrs Walsh. �Was erlauben Sie sich, so ...�</p><empty-line/><empty-line/><p>�Verdammt noch mal, ich habe gesagt, du sollst <emphasis>die Klappe halten</emphasis>!� Die letzten drei Worte hatte er geschrien, und Bast konnte hinterher nicht sagen, ob es das war, was den Bann endg�ltig brach, oder die ebenso pl�tzliche wie rasend schnelle Bewegung, mit der er aufsprang und herumwirbelte, lautlos und so elegant und flie�end wie ein Tanz und so rasend schnell, dass er selbst vor ihren Augen zu einem flackernden Schemen zu werden schien, dem der Blick kaum noch zu folgen vermochte.</p><p>Sie sah dennoch, dass seine Hand nicht mehr leer war, sondern poliertes Elfenbein umklammerte. Ein bronzefarbener Blitz z�ngelte auf Mrs Walshs Kehle zu und w�rde sie enthaupten, ehe sie auch nur begriff, was geschah. Bast war noch immer wie gel�hmt, und sie verstand wom�glich noch viel weniger als Mrs Walsh, was hier wirklich geschah.</p><p>Aber etwas anderes verstand es.</p><p>Die Kette zerriss, und das Ungeheuer erwachte mit einem lautlosen Schrei.</p><p>Sachmet schlug zu.</p><p>Ihre Handkante traf Renoufs Ellbogen und zertr�mmerte ihn, sodass der t�dliche Schwerthieb Mrs Walshs Kehle verfehlte und ihr lediglich eine Haarstr�hne abtrennte, die in einer lautlosen Explosion schattenhafter Bewegung vor ihrem Gesicht auseinanderflog. Renouf grunzte vor Schmerz und taumelte, lie� das Schwert aber keineswegs fallen, sondern trat nur mit einer unglaublich schnellen Bewegung zur Seite und wechselte die Waffe in die unversehrte Hand.</p><p>Bast lie� ihm nicht die Zeit zu einem zweiten und wom�glich besser gezielten Hieb. Sie t�uschte einen weiteren Schlag nach seinem Arm an, lie� sich pl�tzlich in die Hocke sinken und stie� das linke Bein hart und schnell nach vorne. Auch dieser Angriff ging ins Leere, denn er hatte die Bewegung nicht nur vorausgeahnt, sondern reagierte sogar noch schneller, als sie erwartet hatte, aber er reagierte auch <emphasis>genau so, </emphasis>wie sie es erwartet hatte, indem er einen blitzschnellen Schritt zur Seite machte und gleichzeitig mit dem Schwert zustie�.</p><p>Sie versuchte nicht, dem Stich auszuweichen, sondern drehte nur den Oberk�rper ein kleines St�ck zur Seite, sodass die Klinge nicht ihre Kehle durchbohrte, sondern nur eine Spur aus brennendem Schmerz an ihrem Hals hinterlie� und sich knirschend in den Boden grub, und sie hatte ihren Gegner vollkommen richtig eingesch�tzt: Statt die Waffe loszulassen und sich in Sicherheit zu bringen, versuchte er sie loszurei�en, und diesmal traf Basts hochschnellender Fu� sein Ziel. Der Elfenbeingriff barst in St�cke, und Renouf taumelte mit einem schmerzerf�llten �chzen zur�ck und prallte gegen die riesige Horusstatue.</p><p>Bast war mit einem einzigen Satz auf den F��en und �ber ihm, aber diesmal war sie es, die ihren Gegner untersch�tzte. Seine zertr�mmerte Hand schlug wie eine Raubvogelklaue nach ihrem Gesicht. Fingern�gel und Knochensplitter zerfurchten ihre Haut, und nicht einmal so sehr der grelle Schmerz als vielmehr ihr eigenes Blut, das ihr pl�tzlich in die Augen lief und sie blendete, lie� sie zur�ckprallen und ihren Griff um eine Winzigkeit lockerer werden, sodass es Renouf nicht nur gelang, sich loszurei�en, sondern sie auch so wuchtig von sich zu sto�en, dass sie mit hilflos rudernden Armen auf den R�cken fiel und ihr Hinterkopf hart gegen den Stein prallte.</p><p>Sie verlor nicht das Bewusstsein, aber der grelle Schmerz l�schte ihren Blick f�r einen Moment einfach aus, und eine bleierne Schwere begann von ihren Gliedern Besitz zu ergreifen, so lautlos und schnell wie ein Tintenfleck in wei�em L�schpapier und ebenso dunkel.</p><p>Es gelang ihr, die Schw�che zur�ckzudr�ngen und sich auf H�nde und Knie hochzustemmen. Zu sp�t, viel zu sp�t. W�re ihr Gegner auch nur halb so gut gewesen wie sie, so h�tte sie nicht einmal mehr diesen Gedanken denken k�nnen - doch er verzichtete darauf, seinen Vorteil zu nutzen, sondern taumelte stattdessen ein paar Schritte davon und lie� sich schwer auf die Knie fallen. Ganz gewiss nicht aus Schw�che.</p><p>Bast beging nicht den Fehler, ihrem allerersten Impuls nachzugeben und sich unverz�glich auf ihn zu st�rzen, sondern rollte ihrerseits herum, ergriff das Schwert, das Renouf fallen gelassen hatte und sprang auf die F��e. Ein Schmerzenslaut kam �ber ihre Lippen, als das zersplitterte Elfenbein des Griffes in ihre Handfl�che biss, aber sie schloss die Faust trotzig nur noch fester um die Waffe und fuhr zu ihrem Gegner herum.</p><p>Wie es aussah, war ihre Entscheidung richtig gewesen.</p><p>Auch Renouf war inzwischen wieder auf den Beinen und hielt eine Waffe in der Hand: ein sichelf�rmig gekr�mmtes Schwert, das fast doppelt so lang war wie ihre eigene Waffe, und dessen Griff sich vermutlich nicht wie wei� gl�hendes Eisen in seine Handfl�che grub. Und allein die Art, auf die er diese bizarr anmutende Waffe hielt, machte ihr klar, dass er es nicht zum ersten Mal tat, und dass er sehr wohl damit umzugehen verstand.</p><p>Aber nicht so gut wie sie. Auch das erkannte sie.</p><p>�Du solltest ...�, begann Renouf, und Bast st�rmte ansatzlos vor und schlug zu.</p><p>Wie sie erwartet hatte, riss er - gebrochene Finger oder nicht - sein Sichelschwert in die H�he und fing den Schlag ohne M�he ab, aber auch der zweite Teil ihrer Rechnung ging auf. Sachmet wusste l�ngst, nicht <emphasis>wen, </emphasis>aber <emphasis>was </emphasis>sie vor sich hatte, und sie kannte ihre eigenen Grenzen, und damit auch seine. Sie hatte gar nicht versucht, ihn zu treffen, sondern sein Schwert. Die pure Wucht des Hiebes, in dem all ihre ganze furchtbare Kraft lag, lie� die kaum verheilten Knochen in seiner Hand abermals brechen, und der Schmerz war selbst f�r ihn zu viel. Renouf br�llte auf, taumelte zur�ck und prallte gegen eine der wahllos aufgestapelten Kisten, auf der eine Petroleumlampe stand. Das Schwert flog - ebenso in St�cke zerbrochen wie ihr eigenes - davon, und Renouf st�rzte hilflos zu Boden und riss die Lampe mit sich. Wie durch ein Wunder prallte sie klirrend neben ihm auf den harten Stein, ohne zu zerbrechen. Bast setzte ihm nach, den zersplitterten Stumpf des Schwertes noch immer in der Hand, und Renouf packte die heftig flackernde Petroleumlampe und schleuderte sie ihr ins Gesicht.</p><p>Jedenfalls versuchte er es. Bast warf sich zur Seite und riss im letzten Moment den Arm vor das Gesicht - schnell, <emphasis>rasend </emphasis>schnell, aber nicht schnell genug. Die Lampe prallte gegen ihren Unterarm und zerbarst. Brennendes Petroleum spritzte in alle Richtungen davon und setzte ihren Turban und ihren Mantel in Brand. Schmerz und unertr�gliche Hitze h�llten sie ein, als w�re sie selbst nicht mehr als eine lodernde, lebendig gewordene Fackel, und als sie zur�cktaumelte und ihren schmelzenden Turban herunterriss, wurde es im ersten Moment <emphasis>schlimmer, </emphasis>nicht besser. Auch ihr Mantel stand pl�tzlich in Flammen. Bast taumelte schreiend zur�ck, riss den lodernden schwarzen Stoff von den Schultern und fiel hustend und qualvoll nach Atem ringend auf die Knie. Die Qual wurde f�r einen Moment so schlimm, dass sie das Bewusstsein zu verlieren drohte, aber da war noch immer ein anderer, st�rkerer Teil in ihr, der ihre H�nde zwang, sich zu bewegen und die Flammen auszuschlagen und die h�llische Qual einfach zu ignorieren. Da war Bewegung, irgendwo am Rande des immer kleiner werdenden Ausschnitts der Wirklichkeit, den sie noch wahrnehmen konnte, aber es war ihr nicht mehr m�glich, darauf zu reagieren. Wimmernd kr�mmte sie sich am Boden, ergab sich ganz dem grausamen Schmerz, der ihr Fleisch verzehrte und sie einh�llte wie eine zweite, unsichtbare Flamme, und zog irgendwie Kraft daraus. Vielleicht nicht sie, aber das ... <emphasis>Ding </emphasis>in ihr, das sie hasste und f�rchtete wie nichts anderes auf der Welt und das doch der einzige Grund war, aus dem sie �berhaupt noch lebte, und sie sp�rte, wie sich irgendetwas tief in ihr <emphasis>�nderte. </emphasis>Vielleicht zum allerersten Mal war dieses Ungeheuer, gegen das sie seit so langer Zeit k�mpfte, nicht ihr Feind, sondern ihr Verb�ndeter. Es war <emphasis>seine </emphasis>Kraft, die sie rettete, nicht ihre eigene. Der Schmerz erlosch, und eine neue, unglaublich <emphasis>d�stere </emphasis>Kraft durchstr�mte sie.</p><p>Bast sprang auf die F��e, riss instinktiv die Arme vor das Gesicht und sah einen verzerrten Schatten �ber sich. Ein Schlag traf sie, hart genug, um ihr die Luft aus den Lungen zu treiben und sie zwei-, dreimal hilflos nach Atem ringend �ber den Boden rollen zu lassen, aber nicht hart genug, um sie zu verletzen oder gar zu t�ten. Wie durch einen tanzenden Schleier aus Schwarz und Rot und Tausenden unm�glicher Schattierungen dazwischen sah sie, wie der Schemen herumwirbelte und zur T�r sprang und dann einfach verschwunden war.</p><p>Das Ungeheuer, dessen Name Sachmet war, schrie vor Wut und Entt�uschung auf, aber nicht einmal seine Kraft reichte aus, um sie sofort aufspringen und die Verfolgung aufnehmen zu lassen. F�r einige Sekunden - nicht einmal viele, vielleicht zwei oder drei, zugleich aber eine schiere Ewigkeit in dem Strudel schierer Kraft und Blut trinkender destruktiver Energie, in den sie hineingerissen worden war und der sie zu verschlingen drohte - trieb sie tats�chlich am Rande der Bewusstlosigkeit entlang, aber schlie�lich gelang es ihr, mit tr�gen, aber hartn�ckigen Schwimmbewegungen den Rand dieser t�dlichen Str�mung zu erreichen und sich irgendwie an Land zu ziehen.</p><p>Das Erste, was Bast bewusst wahrnahm, war ein d�nnes, schluchzendes Wimmern, ein fast erstickter, unglaublich j�mmerlicher Laut, der wie ein wei� gl�hender Speer in ihre Gedanken stach und sie dazu brachte, den Kopf zu wenden und nach seiner Ursache Ausschau zu halten, statt den Schemen zu verfolgen.</p><p>Mrs Walsh war nur ein kleines St�ck neben ihr auf die Knie gesunken und rang keuchend und zitternd wie unter unertr�glichen Kr�mpfen nach Atem, obwohl die schlimmste Verletzung, die sie davongetragen hatte, nicht mehr als eine abgetrennte Haarlocke war. Statt Renouf hinterherzust�rmen, wie es die lautlos kreischende Stimme in ihr verlangte, war sie mit einem einzigen Schritt neben Mrs Walsh, legte ihr die Hand unter das Kinn und zwang sie mit sanfter Gewalt, ihr ins Gesicht zusehen. Ein Fehler, wie sie sofort begriff. Mrs Walsh beruhigte sich nicht. In ihren Augen loderte das blanke Entsetzen, und wie h�tte es auch anders sein k�nnen, blickte sie doch in ein verbranntes, zerschnittenes und blut�berstr�mtes Gesicht, dessen linke Wange herunterklappte wie ein St�ck loser Tapete von einer faulenden Wand.</p><p>�Es ist alles in Ordnung�, sagte sie.</p><p>Mrs Walshs Blick erkl�rte ihr das genaue Gegenteil, und Bast legte ihr rasch die flache Hand auf die Stirn und sorgte daf�r, dass ihre Furcht tats�chlich erlosch; zumindest in einem Ausma�, in dem sie ihren freien Willen nicht zu sehr sch�ndete oder gar Schaden hinterlie�.</p><p>Sie sah zur T�r. Sie stand einen Spalt breit offen, und Renouf war verschwunden. Aber sie konnte seine hastigen Schritte drau�en auf dem Gang noch h�ren. Er war schnell. Nicht zu schnell f�r sie, aber viel zu schnell, um noch mehr Zeit zu vergeuden.</p><p>Hastig sprang sie auf und warf einen raschen Blick in die Runde. Obwohl es ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen war, hatte der Kampf mit dem vermeintlichen Museumsdirektor doch nur wenige Sekunden gedauert, und dennoch glich die Kammer einem Schlachtfeld. Was zuvor nur unordentlich und lieblos aufeinandergestapelt gewesen war, war nun zerst�rt und zerborsten; �berall lagen Tr�mmer und Splitter und zermahlenes Glas und zerbrochener Alabaster, und die schmelzenden �berreste ihres Turbans und der noch immer lichterloh in Flammen stehende Mantel waren nicht alles, was brannte.</p><p>�L�schen Sie das Feuer, Mrs Walsh�, sagte sie. �Und warten Sie hier.� Sie z�gerte einen kaum sp�rbaren Moment. Dann: �F�nf Minuten. Wenn ich bis dahin nicht zur�ck bin, laufen Sie.�</p><p>Und schon in der n�chsten Sekunde lief auch sie, st�rmte aus der Kammer und wandte sich nach rechts, in die Richtung, in der Renoufs hastige schwere Schritte verschwunden waren. Sein Vorsprung war gro�, zehn oder zw�lf Sekunden, eine Ewigkeit f�r ein Wesen, das sich so schnell zu bewegen imstande war wie er - aber sie hatte eine reelle Chance, ihn dennoch einzuholen, denn sie war mindestens genauso schnell. Falls ihre Kr�fte reichten. Das Feuer in ihr brannte hell und so hei�, dass sie sich nichts vorstellen konnte, was sie wirklich aufzuhalten vermochte, aber sie kannte auch nur zu gut den Preis, den sie daf�r bezahlen w�rde. Es war eine Flamme, die sich selbst verzehrte, unwiderstehlich hei�, aber kurzlebig. Sie hatte nicht viel Zeit, um den Namenlosen einzuholen und zu stellen.</p><p>Den Namenlosen! Als ob sie nicht wusste, wen sie jagte!</p><p>Sie beschleunigte ihre Schritte noch einmal und sah, wohin ihr Gegner geflohen war: Auch in dieser Richtung endete der Gang vor einer eisernen Wendeltreppe, die weiter nach unten f�hrte.</p><p>Das schwere Metallger�st dr�hnte unter hastigen Tritten, und ein fauliger Geruch nach totem Wasser und verwesenden Dingen schlug ihr entgegen, lange bevor sie die Treppe erreichte.</p><p><emphasis>Kurz </emphasis>bevor sie sie erreichte, flog eine T�r auf der rechten Seite des Korridors auf, und gleich drei M�nner in den dunkelblauen Uniformen des Aufsichtspersonals st�rmten ihr entgegen.</p><p>Einer von ihnen tat ihr - und vor allem sich selbst - den Gefallen, bei ihrem Anblick einfach zu erstarren, aber die beiden anderen waren dumm genug, sich ihr in den Weg zu stellen, der eine albernerweise mit blo�en H�nden, der andere zauberte pl�tzlich einen Schlagstock aus Hartholz hervor, mit dem er auf sie loszugehen versuchte.</p><p>Bast blieb keine Zeit, um R�cksicht zu nehmen; aber das war vielleicht auch gut so; zumindest f�r den Kerl mit dem Schlagstock. Statt das zu tun, was ihre innere Stimme von ihr verlangte, n�mlich ihm seinen Schlagstock bis zum Anschlag in eine K�rper�ffnung zu rammen, in der er ihn ganz bestimmt nicht gerne hatte, schlug sie ihm seine l�cherliche Waffe mit einer fast beil�ufigen Bewegung, die ihn noch beil�ufiger gegen die Wand schleuderte und halb bewusstlos daran zu Boden sinken lie�, aus der Hand, rannte den anderen kurzerhand �ber den Haufen und flog die eiserne Treppe mehr hinunter, als sie ging. Renoufs Schritte verklangen unter ihr, noch bevor sie die dritte Stufe erreicht hatte, aber sie wusste trotzdem, wo er war. Das Raubtier in ihr hatte Witterung aufgenommen, und sie w�rde die Spur nicht wieder verlieren.</p><p>Sie �berwand die letzten vier oder f�nf Stufen mit einem einzigen Satz, fiel auf ein Knie herab und opferte eine unendlich wertvolle Sekunde, um sich umzusehen und zu lauschen. Ger�usche und Ger�che und andere, viel subtilere und nachhaltigere Eindr�cke st�rmten aus allen Richtungen auf sie ein, und f�r einen unendlich kurzen Moment f�hlte sie sich desorientiert und hilflos. Dann schnappte die Wirklichkeit wie eine bis zum Zerrei�en gespannte Feder an ihren angestammten Platz zur�ck, und Bast erkannte, dass sie sich in einem Keller unter dem Keller befand, einem sonderbaren Ort auf halbem Wege zwischen der Stadt und der modernden Unterwelt, in der F�ulnis und Schimmel l�ngst die Oberhand gewonnen hatten. Auch hier bestanden die W�nde aus nacktem Ziegelstein, aber es gab kaum Licht, und in den Fugen des Mauerwerks hatte sich giftiger Schimmel eingenistet, und sie h�rte das harte Trappeln winziger, aber daf�r umso zahlreicherer krallenbewehrter Pfoten und h�rte das �lige Gluckern faulenden Wassers ... und irgendwo nicht sehr weit vor ihr noch immer das Ger�usch hastiger Schritte, die sich nach wie vor entfernten. Schnell. Aber nicht schnell genug.</p><p>Auch �ber ihr klangen Ger�usche auf: Stimmen, durcheinanderhastende Schritte und das Schlagen von T�ren und aufgeregte Rufe. Noch waren keine Tritte auf der Treppe zu h�ren, aber das w�rde gewiss nicht mehr lange so bleiben.</p><p>Sie sprang auf und rannte den sich rasch entfernenden Schritten ihres Widersachers hinterher, wobei sie wesentlich mehr Wert auf Schnelligkeit legte als darauf, etwa leise zu sein. Es w�re vollkommen sinnlos gewesen; der Feind, den sie jagte, hatte ebenso scharfe Sinne wie sie und w�rde ihre N�he allein durch die W�rme ihres Blutes sp�ren - von ihren Atemz�gen und Schritten und dem Rascheln ihrer Kleidung ganz zu schweigen.</p><p>F�r einen kurzen Moment h�rte das Ger�usch hastiger Schritte irgendwo in der Dunkelheit vor ihr auf. Anscheinend war ihre Beute stehen geblieben, vielleicht um sich zu orientieren, vielleicht auch aus der l�cherlichen Hoffnung heraus, dass sie in ihrer Hast und bei der nahezu vollkommenen Schw�rze hier unten einfach an ihm vor�berst�rmen k�nnte. Auch Bast blieb stehen und lauschte einen Moment lang mit geschlossenen Augen und angehaltenem Atem. Das Ger�usch von tr�ge flie�endem Wasser war lauter geworden, und sie h�rte erneut das Scharren winziger harter Krallen auf moosbewachsenem, faulem Stein, dazu aber auch noch ein ungleich leiseres, leichteres Huschen, vielleicht der Laut von Spinnenf��en, die �ber das seidige Gewebe ihres Netzes glitten. Dann, nach einer kleinen Ewigkeit, vernahm sie einen einzelnen, schweren Atemzug, und einmal darauf aufmerksam geworden, st�rzten sich ihre Sinne ganz ohne ihr Zutun gierig auf die Quelle dieses Ger�uschs, und nun h�rte sie das rasende H�mmern eines Herzens. Sie �ffnete die Augen, st�rmte weiter und rannte geb�ckt durch einen niedrigen, halbrunden Durchgang, mehr eine Tunnel�ffnung als eine T�r - und blieb im n�chsten Moment stehen, als sie begriff, warum ihr Gegner tats�chlich angehalten hatte. Vor ihr war nichts als Schw�rze. Auch das allerletzte bisschen Licht war erloschen, sodass selbst ihre nachtsichtigen Augen pl�tzlich blind waren.</p><p>Daf�r h�rte sie nun wieder Schritte. Nicht ann�hernd so schnell wie zuvor, sondern ganz im Gegenteil vorsichtig und schleifend, und immer wieder scheinbar willk�rlich die Richtung wechselnd. Bast triumphierte innerlich. Sie wusste immer noch nicht, mit wem sie es wirklich zu tun hatte - aber ganz offensichtlich verf�gte der andere nicht �ber dieselben scharfen Sinne wie sie. Die Dunkelheit war l�stig, hinderte sie aber nicht wirklich. Als sie weiterlief, tat sie es mit geschlossenen Augen, um sich ganz auf die anderen Sinneseindr�cke konzentrieren zu k�nnen, aber kaum weniger schnell als zuvor.</p><p>Entsprechend rasch schmolz der Abstand nun zusammen. Die schleifenden Schritte wurde lauter, wechselten noch ein- oder zweimal j�h die Richtung - und waren fort.</p><p>Abermals blieb sie stehen, lauschte ... aber da war nichts mehr. Nicht einmal mehr Atemz�ge. Nur das Pl�tschern von flie�endem Wasser war lauter geworden, und jetzt h�rte sie auch noch ein anderes, neues Ger�usch, das vorher nicht da gewesen war: ein Rascheln und Rennen und Scheuern, als rieben sich zahllose winzige haarige Leiber aneinander, manchmal auch ein schmerzerf�lltes oder zorniges Pfeifen und Piepsen ... Ratten, die vor irgendetwas flohen.</p><p>Ein kurzes, zufriedenes L�cheln huschte in der Dunkelheit �ber Basts Gesicht, w�hrend sie die Richtung wechselte und weiterlief. Ihre Beute war schlau, aber sie sp�rte keine Ver�rgerung, sondern eher das Gegenteil. Ein Wild zu jagen, das sich wehrte und ihr mit List zu entkommen versuchte, machte die Jagd viel aufregender.</p><p>Sinne, von denen sie trotz all der unz�hligen Jahre, die ihr nun schon zur Verf�gung standen, niemals wirklich begriffen hatte, wie sie funktionierten, warnten sie, dass sie an ihrem Ziel vorbeizulaufen drohte. Bast machte kehrt, wandte sich nach links und sah pl�tzlich wieder Licht: einen ungesunden, flackernden grauen Schein, der aus einer �ffnung im Boden heraufdrang. Vorsichtig, jederzeit auf einen Hinterhalt oder einen pl�tzlichen Angriff gefasst, lie� sie sich am Rande des Schachts in die Hocke sinken und beugte sich behutsam vor.</p><p>Das Ger�usch der fl�chtenden Ratten wurde lauter, und sie konnte das Wasser, das sie bisher nur geh�rt hatte, jetzt sehen. Es floss tr�ge, von wei�em und gr�nem Schaum und den widerlichsten Beimengungen durchsetzt durch einen gemauerten Kanal zwanzig Fu� unter ihr. Im allerersten Moment war der Gestank so schlimm, dass sie zur�ckschreckte, aber dann wurde ihr L�cheln noch zufriedener. Ihr Gegner <emphasis>war </emphasis>schlau. Einem auch nur eine Winzigkeit weniger aufmerksamen Verfolger als ihr w�re er auf diese Weise vielleicht entkommen; m�glicherweise w�re er sogar <emphasis>ihr </emphasis>entkommen, h�tte sie die Jagd nicht l�ngst ihrer dunklen Schwester �berlassen.</p><p>Dennoch blieb sie auf der Hut. Sie verwandte weitere f�nf oder sechs Sekunden darauf, erneut und mit wieder geschlossenen Augen zu lauschen, bevor sie sich abermals vorbeugte und einen zweiten aufmerksamen Blick nach unten warf. Sie hatte von dem erstaunlichen System unterirdischer Kan�le und Abfl�sse geh�rt, das sich unter den Kellern Londons erstreckte, h�tte aber dennoch nicht etwas so Gewaltiges erwartet. Der Kanal war keine R�hre, sondern ein regelrechter gemauerter Fluss, mindestens drei�ig Fu� breit. Das schwarze, stinkige Wasser machte es unm�glich, seine Tiefe zu erkennen, aber sie f�hlte, dass er tief war, und die widerw�rtige Br�he schoss mit der Geschwindigkeit eines Wildwasserbaches dahin. Abfall und F�kalien tanzten darin, manchmal trug die Str�mung auch einen gr��eren, formlosen Gegenstand mit sich, und obwohl sie flach und ganz bewusst nur durch den Mund atmete, schien der Gestank doch immer nur noch weiter zuzunehmen. Unmittelbar vor ihr begann eine Reihe eiserner Trittstufen, die senkrecht in die Tiefe f�hrten. Der faulige Belag, der das rostzerfressene Metall bedeckte, war an einigen Stellen verschmiert; der erste wirkliche Fehler, der ihrem Gegner unterlaufen war. Vielleicht auch eine Falle.</p><p>Sie w�rde es herausfinden.</p><p>Ohne das geringste Z�gern sprang sie in den Schacht, kam gut f�nf oder sechs Meter tiefer unmittelbar neben dem Rand des Abwasserkanals auf und verfluchte sich selbst f�r ihren Leichtsinn, noch bevor sie auf dem glitschigen Belag aus F�ule und schmierigem Moos, der den Boden bedeckte, ausglitt und schwer auf den R�cken fiel. Sofort rollte sie sich auf die F��e und hoch und drehte sich blitzschnell einmal um ihre Achse, mit halb ausgebreiteten Armen und darauf gefasst, einen heimt�ckischen Schlag oder Tritt abzufangen. Aber sie war allein.</p><p>Mit klopfendem Herzen sah sie sich um. Das Licht - sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo es herkam - war so schwach, dass die Augen eines normalen Menschen kaum mehr als einen dunkelgrauen Schimmer wahrgenommen h�tten, wie in einer mondlosen Nacht mit bedecktem Himmel, einen Moment, bevor die D�mmerung hereinbrach. Aber ihr reichte es aus, nicht nur zu erkennen, dass sie nicht nur vollkommen allein, sondern auch in einer Welt gestrandet war, wie sie bizarrer und d�sterer kaum sein konnte. Klebriger F�ulnisgestank schien die Luft zu etwas zu machen, das man greifen konnte und das sich wie ein schmieriger Film auf ihr Gesicht und ihre H�nde legte; wo es eine der zahllosen Brand- oder Schnittwunden ber�hrte, die sie davongetragen hatte, verursachte es einen heftig brennenden Schmerz. Der halbrunde Stollen war mehr als zehn Fu� hoch und doppelt so breit, und es gab keinen Fingerbreit, der nicht von F�ulnis und Verfall bedeckt war. Es war eine Kloake, zu nichts anderem erschaffen als die Abf�lle und Reste der Menschen zu beseitigen, die in der Stadt �ber ihr lebten, aber sie erinnerte sich pl�tzlich an die Abwasserkan�le ihrer Heimatstadt, f�nftausend Jahre zuvor und am anderen Ende der Welt. Sie waren sauberer gewesen. <emphasis>Reiner.</emphasis></p><p>Bast verscheuchte den Gedanken und warf einen zweiten, sichernden Blick nach rechts und links, bevor sie dicht an den Rand des steinernen Flussbettes herantrat und ihren Blick �ber das faulige Wasser gleiten lie�.</p><p>Ein leises Gef�hl von �belkeit kroch aus ihrem Magen herauf, als der Gestank noch schlimmer wurde. Es nutzte l�ngst nichts mehr, nur durch den Mund zu atmen. Sie roch die Verwesung ringsum trotzdem, und zus�tzlich konnte sie sie jetzt <emphasis>schmecken.</emphasis></p><p>Dann entdeckte sie, wonach sie gesucht hatte.</p><p>�Du kannst jetzt herauskommen�, sagte sie. Sie hatte sp�ttisch klingen wollen, aber selbst die Laute, die ihre Kehle hervorbrachte, schienen pl�tzlich etwas Schmieriges und Klebriges zu haben, und der gemauerte Kuppelgang verschluckte jedes Echo und nahm ihnen damit auch noch den letzten Rest von Lebendigkeit. Sie r�usperte sich, widerstand mit M�he der Versuchung, den sauer schmeckenden Speichel, der sich immer schneller unter ihrer Zunge sammelte, ins Wasser zu spucken, und fuhr lauter und nun deutlich ver�rgert fort: �Verdammt, zwing mich nicht, dich da rauszuholen. Dann w�re ich wirklich w�tend, wei�t du?�</p><p>Sogar ihr selbst kamen diese Worte ein bisschen l�cherlich vor. Sie war aus keinem anderen Grund hier, als ihn zu t�ten, und was konnte sie ihm schon Schlimmeres antun? Aber es verging nur noch ein winziger Moment, bis sich der Schatten einen Fu� unter der Wasseroberfl�che regte und mit einer schl�ngelnden Bewegung aufzutauchen begann.</p><p>Irgendetwas war an dieser Bewegung genauso falsch wie an seinem Umriss, doch als sie begriff, was es war, war es zu sp�t.</p><p>Bast schrie in purem Entsetzen auf und prallte zur�ck, aber sie war weder schnell genug, noch auf das glitzernde Ungeheuer vorbereitet, das in einer Explosion aus schaumig aufspritzendem Wasser, metallisch gl�nzenden Schuppen und Z�hnen und Klauen und schierer Kraft aus dem Fluss schoss. Ihr Fu� glitt auf den schmierigen Steinen aus und machte ein ungeschicktes Stolpern aus dem hastigen Schritt r�ckw�rts, zu dem sie angesetzt hatte, dann prallte die schuppige Schnauze des Drachen mit solcher Wucht gegen ihre Brust, dass sie einfach von den F��en gehoben und gegen die Wand direkt unter dem Schacht geschleudert wurde.</p><p>Der Aufprall war nicht so hart, dass ihr die Sinne schwanden, aber sie fand an den glitschigen Steinen einfach keinen Halt, rutschte hilflos daran hinab und rollte mit einer verzweifelten Bewegung herum, als etwas Riesiges, schuppig Gl�nzendes auf sie herabst�rzte. Kiefer, die stark genug waren, um einen Ochsen zu zerrei�en, schnappten mit einem gr�sslichen Ger�usch unmittelbar neben ihrem Gesicht zusammen, und stahlharte Krallen rissen Furchen in den zerbr�ckelnden Stein.</p><p>Bast schlug instinktiv mit der geballten Faust und aller Kraft zu, doch das einzige Ergebnis war ein rei�ender Schmerz, der durch ihre Fingerkn�chel bis in die Schulter hinauftobte und ihr die Tr�nen in die Augen trieb. Das Ungeheuer schien den Hieb nicht einmal zu sp�ren, revanchierte sich aber prompt mit einem peitschenden Schlag seines nahezu mannslangen, geschuppten Schwanzes. Bast keuchte vor Schmerz, als der gezackte Knochenkamm an einer Seite ihr Bein aufriss, trat dennoch gleichzeitig mit dem anderen Fu� zu und schaffte es tats�chlich, die gigantische Kreatur zu ersch�ttern. Nicht wirklich, nicht, dass sie ihr auch nur wehgetan h�tte, aber immerhin verfehlte ihr blitzschneller Tatzenhieb sein Ziel und riss nur den Stein neben ihrer Schulter auf, statt ihr Gesicht bis auf die Sch�delknochen zu zerfetzen. Unverz�glich versuchte sie aufzuspringen, aber das verletzte Bein gab unter ihrem Gewicht nach, und sie fiel ein zweites Mal auf den R�cken; diesmal so schwer, dass ihr die Luft aus den Lungen gepresst wurde und f�r einen Moment alle Kraft aus ihren Gliedern wich.</p><p>Auch jetzt gelang es den wogenden schwarzen Schleiern vor ihren Augen nicht, ihr Bewusstsein zu verschlingen, doch sie zur�ckzudr�ngen, kostete sie wertvolle Zeit, und als es ihr endlich gelungen war, war es zu sp�t. Der Nildrache war herumgefahren und st�rzte sich zischend auf sie. Ein gewaltiges Maul, gespickt mit Z�hnen so lang wie ihre Daumen, aber doppelt so dick und spitz wie Dolche, stie� auf ihr Gesicht herab. Bast konnte seinen Atem riechen, hei� und nach Verwesung und den seit langer Zeit toten Dingen stinkend, von denen er sich hier unten ern�hren musste, warf sich herum und versuchte seinen Sch�del zu packen wie den Kopf eines w�tenden Hundes, der nach ihrer Kehle schnappte, und etwas in ihr lachte bei dem blo�en Gedanken hysterisch auf. Sie k�mpfte nicht mit einem Hund, sondern mit einem leibhaftigen <emphasis>Drachen. </emphasis>Nicht einmal ihre Kr�fte waren denen des Ungeheuers gewachsen.</p><p>Aber der grelle, alles ausl�schende Schmerz, den sie erwartete, kam nicht. Der Sch�del des schuppigen Ungeheuers senkte sich weiter, ohne ihre verzweifelten Anstrengungen auch nur zur Kenntnis zu nehmen, doch statt zuzuschnappen und damit alles zu beenden, erstarrte der Drache pl�tzlich.</p><p>Dann, so schnell und konsequent, wie er sie niedergeworfen hatte, glitt er zur�ck.</p><p>Bast rang keuchend nach Atem, was ihr im allerersten Moment nicht einmal wirklich gelingen wollte. Das pure Gewicht des Ungeheuers hatte ihr mindestens zwei oder drei Rippen gebrochen, und sie schmeckte ihr eigenes Blut, das aus ihrer Kehle nach oben stieg, w�hrend sie w�rgend nach Luft rang. Trotzdem stemmte sie sich auf die Ellbogen hoch und kroch r�cklings weit genug davon, um wenigstens die Illusion von Sicherheit zu haben - was genauso l�cherlich war wie ihr Versuch, den Drachen im Ringkampf zu besiegen. Aber das Ungeheuer machte keine Anstalten, sie zu verfolgen. Es sa� einfach da, ein geschuppter Gigant in Schwarz und Gr�n, mehr als zehn Fu� lang und mindestens so schwer wie f�nf ausgewachsene M�nner, und starrte sie aus seinen kalten Echsenaugen an, in denen sie nichts anderes las als Gier und berechnende, reptilienhafte Intelligenz. Sie konnte den Hunger sp�ren, der in den Eingeweiden des Drachen w�hlte, seine unbeschreibliche Wut und die noch viel gewaltigere Entt�uschung, um die Beute, die er schon so sicher geglaubt hatte, im letzten Moment betrogen worden zu sein. Er <emphasis>wollte </emphasis>sich auf sie st�rzen, mit jeder Faser seines gewaltigen Drachenleibs, aber irgendetwas hielt ihn zur�ck.</p><p>Bast zwang ihren Blick, das gepanzerte Ungeheuer loszulassen und die Schatten dahinter abzutasten. Selbst jetzt, wo sie wusste, wonach sie zu suchen hatte, fiel es ihr schwer, die Gestalt wirklich zu erkennen. Sie schien wie aus dem Nichts aufzutauchen; als h�tte sie selbst nicht mehr Substanz als die dunstige Schw�rze, die den Tunnel erf�llte, der Schatten eines Schattens, der sich dem Blick nur widerwillig preisgab.</p><p>Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sein Gesicht ebenso schwarz war wie das ihre und er auch Kleidung in der gleichen Farbe trug. Bast fragte sich, ob er sich bisher versteckt hatte, oder vielleicht die ganze Zeit �ber da gewesen war und sie ihn einfach nicht gesehen hatte.</p><p>�Sobek.�</p><p>Die Gestalt antwortete nicht, aber nur einen Moment sp�ter h�rte sie ein schleifendes Rascheln, und dann sagte eine andere Stimme: �Immerhin erkennst du uns noch. Offen gestanden ist das schon fast mehr, als ich zu hoffen gewagt habe.�</p><p>Seltsamerweise schien die Stimme von oben zu kommen, nicht aus Richtung der schattenhaften Gestalt, und auch nicht hinter ihr. Bast blickte auf und versp�rte einen neuen, heftigen Schwall von �rger �ber sich selbst, als sie den Mann, den sie verfolgt hatte, die eisernen Trittstufen �ber sich herabsteigen sah. Das letzte St�ck legte er mit einem Sprung zur�ck, den er weitaus sicherer und eleganter beendete als sie gerade, nickte dem gesichtslosen Schatten hinter dem Drachen knapp zu und wandte sich dann mit einer fast gem�chlichen Bewegung und einem nichts anderem als herzlichen L�cheln zu Bast herum. Allerdings war er pl�tzlich nicht mehr schm�chtig, wei�b�rtig und an die siebzig Jahre alt. Er trug auch keinen eleganten Dreiteiler mehr. Er war nicht einmal mehr wei�.</p><p>Bast starrte ihn ausdruckslos an, nicht einmal wirklich erschrocken, aber unendlich zornig auf sich selbst, dass sie sich derart leicht hatte �bert�lpeln lassen, und der schwarzgesichtige Riese machte eine knappe Geste, woraufhin sich der Drache herumdrehte und mit einem gewaltigen Aufplatschen im Wasser verschwand.</p><p>�Eigentlich h�tte ich es wissen m�ssen�, murmelte sie.</p><p>�Was?�</p><p>�Dass du nicht allein bist. Nicht einmal die Ratten hier sind feige genug, um vor dir zu fl�chten, Horus.�</p><p>Es waren Falkenaugen, die auf sie herabstarrten, nicht die eines Menschen, und f�r einen kurzem Moment wurden sie beinahe schwarz vor Zorn. Dann kehrte das L�cheln auf die ebenholzschwarzen Z�ge zur�ck. �Du hast dich nicht ver�ndert in all den Jahren�, sagte er. �Und ich bin bis heute nicht ganz sicher, was sch�rfer ist - deine Zunge oder dein Schwert.� Er streckte die Hand aus, um ihr aufzuhelfen, aber Bast kroch nur ein weiteres St�ck vor ihm davon.</p><p>Horus seufzte. �Ich bitte dich, Bastet! Ich gebe ja zu, dass es f�r eine Zeit einer meiner gr��ten W�nsche war, dich vor mir im Staub kriechen zu sehen, aber doch nicht in <emphasis>dem da.</emphasis>� Er wiederholte seine Geste, und diesmal - wenn auch z�gernd - griff Bast nach seiner Hand und lie� sich von ihm auf die F��e helfen.</p><p>Sie biss die Z�hne zusammen, um einen Schmerzlaut zu unterdr�cken, aber die dunklen Augen ihres Gegen�bers funkelten trotzdem am�siert, als er sie anblickte und erkannte, wie es tats�chlich in ihr aussah. Sie hatte kaum noch die Kraft, auf eigenen Beinen zu stehen, geschweige denn, ihm etwas entgegenzusetzen. Au�erdem waren sie zu zweit.</p><p>Horus trat einen halben Schritt zur�ck, sah einen Moment lang auf die Hand hinab, mit der er ihr aufgeholfen hatte, und wischte sie dann mehrmals und mit so angeekeltem Gesicht an seinem Gewand ab, als h�tte er sich besudelt. �Widerlich�, murmelte er. �Ich wei�, man sagt so etwas nicht zu einer Dame - aber du stinkst, Bastet.�</p><p>�Das ist wahr�, gestand Bast. �Ich habe geh�rt, das passiert allen, die dir zu nahe kommen.� Alles drehte sich um sie. Jetzt, wo der Kampf vorbei war und sich das Ungeheuer geifernd und knurrend in sein Versteck zur�ckzog, schwappten M�digkeit und Schw�che wie eine erstickende schwarze Woge �ber ihr zusammen. Mit einem Male f�hlte sie sich so matt, dass sie sich beherrschen musste, um sich nicht an seiner Schulter festzuhalten.</p><p>Aber nat�rlich h�tte sie sich eher die Hand abgehackt, als <emphasis>das </emphasis>zu tun.</p><p>�Ein am�santer Gedanke�, sagte Horus. �Vielleicht komme ich ja irgendwann darauf zur�ck.�</p><p>Sobek sagte etwas in einer fremden, sonderbar melodisch klingenden Sprache und kam n�her, und Horus nickte irgendwie betr�bt und fuhr in ver�ndertem Ton fort. �Er hat recht. Jetzt ist nicht der Moment f�r Albernheiten.�</p><p>�Dann h�r auf ihn und bring es zu Ende, Horus�, sagte Bast. �T�te mich, aber h�r auf, mich zu verspotten.�</p><p>�T�ten?� Horus wirkte ehrlich �berrascht. �Was redest du? Du wei�t, dass ich niemals eine der Unsrigen t�ten w�rde. Das ist der Unterschied zwischen uns, wei�t du?�</p><p>Sobek kam n�her, schweigend und mit vollkommen starrer Miene, wie fast immer. Er war ein sehr gro�er, fast hagerer Mann, noch einen Fingerbreit gro�er als Horus, der seinerseits Bast um ein gutes St�ck �berragte, und Bast konnte sich nicht erinnern, ihn in all den Jahren auch nur ein einziges Mal l�cheln gesehen zu haben. Ungeachtet seiner menschlichen Gestalt hatte er zugleich etwas Echsenhaftes an sich. Aber im Moment hatte er auch die rechte Hand unter den Mantel geschoben, und Bast wusste, dass sie auf dem Griff eines Schwertes lag, das er darunter trug. Sie selbst war waffenlos, zu Tode ersch�pft und dem Zusammenbruch nahe, und selbst wenn all das nicht gewesen w�re, h�tte es wahrscheinlich nichts ge�ndert. Sobek war der Einzige von allen, den sie im Schwertkampf niemals hatte besiegen k�nnen.</p><p>�Ich sage es gerne noch einmal�, seufzte Horus. �Wir sind nicht hier, um dir etwas anzutun.�</p><p>�Oh, ich verstehe�, murmelte sie. �Du wolltest nur in aller Ruhe ein Bad nehmen, vermute ich. Bitte verzeih, dass ich dich gest�rt habe.� Sie funkelte ihn an. �Was willst du?�</p><p>�Mit dir reden�, antwortete Horus. �Mehr nicht.�</p><p>�Geh�rt es neuerdings zu deinen Angewohnheiten, eine Unterhaltung mit dem Schwert in der Hand zu beginnen?�</p><p>Horus l�chelte. �Willst du wirklich behaupten, dass ich dich in Gefahr gebracht habe? Bastet! Du wei�t, dass es niemanden gibt, der dir mit dem Schwert gewachsen w�re.� Er sah kurz zu Sobek zur�ck. �Na ja, fast niemanden.�</p><p>�Und deshalb wolltest du Mrs Walsh t�ten?�</p><p>�Mrs Walsh?� Horus tat so, als m�sse er �ber die Bedeutung dieses Namens nachdenken, dann nickte er. �Oh, deine grauhaarige Freundin. Du sorgst dich tats�chlich um eine Sterbliche?�</p><p>��berrascht dich das?� Bast machte ein abf�lliges Ger�usch. �Siehst du, da h�tten wir schon zwei Dinge, die uns unterscheiden. Also, was wollt ihr von mir?�</p><p>�Mit dir reden�, antwortete Horus erneut. �Du h�ttest nicht herkommen sollen, Bastet. Misch dich nicht ein.�</p><p>�Bringt ihr mich sonst um?�, fragte Bast sp�ttisch.</p><p>�Nein�, antwortete Horus. �Wir t�ten einander nicht. Aber es gibt Schlimmeres als den Tod - muss ich dir das sagen?� Er seufzte sehr tief. �Warum stellst du dich gegen uns, Bastet? Wir sind von gleicher Art.�</p><p>�Nur �u�erlich�, antwortete Bast kalt.</p><p>Horus ignorierte ihre Worte. �H�r auf, uns zu bek�mpfen�, sagte er. �Ich bitte dich!�</p><p>�Wenn ihr aufh�rt, Menschen zu t�ten.�</p><p>�Menschen zu t�ten�, wiederholte Horus. �Wie nobel. Aber ... t�usche ich mich, oder h�ttest du gerade nichts lieber getan, als genau das? Du h�ttest Renouf am liebsten umgebracht, habe ich recht?�</p><p>�<emphasis>Du </emphasis>warst Renouf.�</p><p>�Aber das wusstest du nicht.� Horus machte eine zornige Geste, als sie antworten wollte. �Was glaubst du, warum ich diese erniedrigende Rolle gespielt habe? Weil es mir Spa� macht? Gewiss nicht. Ich habe nur ausgesprochen, was <emphasis>sie </emphasis>denken. Was sie <emphasis>tun! </emphasis>Und du wei�t, dass es so ist! Sie pl�ndern unsere Gr�ber! Sie entweihen unsere heiligen St�tten und rei�en die Gebeine unserer Vorv�ter aus ihrer ewigen Ruhe, um sich daran zu bereichern! Sie verwandeln unsere Vergangenheit in ...�, er machte eine zornige, ausholende Geste, �<emphasis>das hier!</emphasis>�</p><p>�Von welchen Gebeinen sprichst du, Horus?�, fragte Bast kalt. �Von denen derer, die <emphasis>du </emphasis>get�tet hast, um dich von ihnen zu ern�hren?�</p><p>Horus ignorierte die Frage. �Wir t�ten <emphasis>sie?</emphasis>�<emphasis>, </emphasis>zischte er. �Oh nein! <emphasis>Sie </emphasis>sind es, die <emphasis>uns </emphasis>t�ten! Wir t�ten vielleicht ihre K�rper, aber sie t�ten unsere Geschichte! Sie entweihen alles, was uns jemals heilig war. Sie treten unseren Glauben mit F��en und machen Dinge, f�r die Tausende mit Freuden gestorben sind, zu ihrem Spielzeug!�</p><p>Bast antwortete nicht gleich; schon weil sie Angst vor den Worten hatte, die �ber ihre Lippen kommen mochten. Nat�rlich durchschaute sie die Absicht hinter Horus' Worten - sie waren so l�cherlich, dass sie eigentlich h�tte beleidigt sein m�ssen, dass er auf eine derart plumpe Weise versuchte, sie zu manipulieren -, aber da war ein Teil in ihr, der wusste, dass er <emphasis>recht </emphasis>hatte.</p><p>Trotzdem sch�ttelte sie schlie�lich den Kopf. �Nein�, sagte sie grimmig. �Ich werde bestimmt nicht zusehen, wie ihr sie zu eurem Vieh macht.�</p><p>�Und was willst du dagegen tun?�, fragte Horus. �Uns t�ten?�</p><p>Darauf antwortete Bast gar nicht, aber das schien der schwarzgesichtige H�ne auch gar nicht erwartet zu haben. Er sch�ttelte nur traurig den Kopf und wandte sich ab, um direkt neben Sobek zu treten, bevor er sich wieder zu ihr herumdrehte. Nichts davon war Zufall, so wenig wie irgendeines der Worte, die er bisher gesprachen hatte. Horus �berlie� niemals etwas dem Zufall. Und er hatte schon immer einen gewissen Hang zur Theatralik gehabt, aber das stand ihm m�glicherweise auch zu. Schlie�lich war er ein Gott.</p><p>�Geh, Bastet�, sagte er. �Komm zu uns und lebe, wie es dir zusteht, oder geh zu deinen sterblichen Freunden und lebe mit ihnen, aber stell dich uns nicht noch einmal in den Weg. Weder Sobek noch ich w�rden dir etwas antun, aber nicht alle denken so wie wir.�</p><p>�Das war jetzt eine Drohung, habe ich recht?�, fragte Bast sp�ttisch.</p><p>�Nein�, antwortete Horus. �Nur die Wahrheit.�</p><p>Und verschwand.</p><empty-line/><empty-line/><p>Bast starrte die Stelle, an der Sobek und er gerade noch gestanden hatten, eine geschlagene Sekunde lang an, bevor sie �berhaupt begriff, dass die beiden nicht mehr da waren. Dann ballte sie in ohnm�chtiger Wut die F�uste und murmelte den ordin�rsten Fluch in ihrer Muttersprache, an den sie sich erinnern konnte. Sie hasste es, wenn er das tat. Nat�rlich war es kaum mehr als ein billiger Taschenspielertrick, nicht viel spektakul�rer als der billige Zauber, den man auf jedem Jahrmarkt bestaunen konnte, aber bei Horus <emphasis>�rgerte </emphasis>es sie einfach.</p><p>So wie so ziemlich alles, was Horus tat.</p><p>Ein gluckerndes Platschen drang in ihre Gedanken. Bast drehte beinahe widerwillig den Kopf und sah eine fast terriergro�e Ratte, die ein kleines St�ck oberhalb ihrer Position ins stinkende Wasser des Kanals gesprungen war und mit hektischen Paddelbewegungen gegen die Str�mung ank�mpfte, vielleicht durch eine ungeschickte Bewegung ins Wasser gefallen, vielleicht auch auf der Jagd nach einer K�stlichkeit, die die Str�mung herantrieb.</p><p>Was immer es war, Bast sollte es nie erfahren, denn pl�tzlich spritzte das Wasser rings um die Ratte auf, und ein gewaltiges Kieferpaar schloss sich mit einem Knall wie eine zuschnappende B�renfalle.</p><p>Der Drache war verschwunden, ohne dass sie mehr als einen fl�chtigen Blick auf glitzernde Schuppen und ein einzelnes, starrendes Echsenauge erhaschte, aber Bast hatte die Warnung verstanden.</p><p>Dass sie Sobek nicht mehr sah, bedeutete nicht, dass er nicht mehr da war.</p><p>Au�erdem musste sie zur�ck. Die f�nf Minuten, die sie mit Mrs Walsh vereinbart hatte, waren l�ngst vorbei.</p><p>Sie hatte ein weiteres Problem: Der Sprung den Schacht hinab war eine Kleinigkeit gewesen, selbst in ihrem Zustand, aber nun lag die unterste Sprosse einen guten Meter �ber ihr, selbst wenn sie die Arme ausstreckte und sich auf die Zehenspitzen stellte. Unter normalen Umst�nden h�tte sie �ber einen solchen Sprung nicht einmal <emphasis>nachgedacht, </emphasis>aber ersch�pft und verletzt, wie sie war, brauchte sie vier oder f�nf Versuche, bevor sie das rostige Eisen zu fassen bekam. Und als es ihr endlich gelang, kostete es sie jedes bisschen Kraft, das sie noch aufbringen konnte, sich weit genug in die H�he zu ziehen, um einen Fu� auf die unterste Leitersprosse zu stellen und ihre gequ�lten Handgelenke und Schultermuskeln zu entlasten.</p><p>Zitternd vor Anstrengung und mit rasendem Puls hielt sie inne und versuchte, neue Kraft zu sch�pfen, aber das Reservoir in ihr war leer. Da war nichts mehr, woraus sie sch�pfen konnte. Der schier unersch�pfliche Quell war versiegt; wie eine Oase, deren unterirdischer Zufluss versandet war. Sie hatte zu lange gewartet, zu viel gegeben und zu wenig genommen, und jetzt bezahlte sie den Preis daf�r. F�r einen Moment glaubte sie noch einmal Horus' Augen vor sich zu sehen, und das sp�ttische Glitzern darin, und vielleicht war es einzig diese Vision, die ihr die Kraft gab, sich Hand �ber Hand und mit zusammengebissenen Z�hnen weiter in die H�he zu ziehen. Wenn sie versagte, dann w�rde Mrs Walsh den Preis bezahlen, und diesen Triumph w�rde sie Horus nicht zugestehen. Noch nicht.</p><p>Oben angelangt, sank sie am Rande des Schachtes auf die Knie und konzentrierte sich endlose Sekunden lang auf nichts anderes, als tief ein- und auszuatmen und darauf zu warten, dass die Kraft wieder in ihre Glieder zur�ckkehrte, was irgendwann auch geschah, aber langsam, qualvoll und nicht einmal ann�hernd in dem Ma�e, das n�tig gewesen w�re. Aber immerhin reichte es, damit sie sich auf die F��e hochstemmen und loshumpeln konnte. Sie musste sich mit der Linken an der Mauer abst�tzen, um �berhaupt von der Stelle zu kommen und nicht sofort wieder hinzufallen.</p><p>Nach ein paar Dutzend Schritten wurde es besser. Ihre Kraft kehrte nicht zur�ck, aber sie fand in einen gleichm��igen, wenn auch langsamen Rhythmus, mit dem sie vorw�rtskam, und schlie�lich - endlich - sah sie auch wieder Licht vor sich. Aber sie h�rte auch Stimmen, und es war auch nicht nur das blasse graue Streulicht, das normalerweise hier unten herrschte, sondern der flackernde Schein von Petroleumlampen. Ihre Hoffnung, Mrs Walsh noch irgendwie unbeschadet aus dieser Geschichte herauszubekommen, sank.</p><p>Aber <emphasis>aufgeben </emphasis>hatte noch nie zu ihrem Wortschatz geh�rt.</p><p>Langsam und weitaus unsicherer als auf dem Hinweg tastete sie sich die Strecke zur�ck, die sie gekommen war, und hielt mit angehaltenem Atem und klopfendem Herzen inne, als der kalkwei�e Strahl einer Karbidlampe unmittelbar vor ihr durch den Durchgang fiel. Ganz instinktiv prallte sie zur�ck, presste sich gegen die Wand und wurde zu einem Schatten.</p><p>Zwei, drei, schlie�lich vier M�nner in den dunkelblauen Uniformen des Wachpersonals traten vor ihr durch den bogenf�rmigen Durchgang. Einer von ihnen war mit einer modernen Karbidlampe ausgestattet, deren Zischen die Schatten, in die sie sich zur�ckgezogen hatte wie etwas Feindseliges und B�ses zu durchdringen schien; wie ein Bote aus einer zuk�nftigen, noch gar nicht geborenen Welt, in der die Dinge schwieriger werden w�rden, wenn nicht unm�glich. Die anderen trugen flackernde Petroleumlampen, deren Licht die erstickende Schw�rze nicht wirklich zu besiegen vermochte.</p><p>Mit angehaltenem Atem und zu vollkommener Reglosigkeit erstarrt presste sie sich gegen den rauen Stein und wartete, bis die M�nner an ihr vor�bergegangen waren. Keiner nahm Notiz von ihr. Niemand bemerkte sie, obwohl das flackernde Petroleumlicht zwei-, dreimal direkt in ihr Gesicht fiel. Zu einem Schatten zu werden �berstieg nicht einmal ihre kaum noch vorhandenen Kr�fte, aber es kostete sie ungeheure �berwindung, die M�nner einfach an sich vorbeigehen zu lassen.</p><p>Sie waren alles, was sie brauchte. Alles, was sie haben <emphasis>musste. </emphasis>Sie waren Leben, warmes, pulsierendes Blut und die Kraft, die zwischen ihr und dem endg�ltigen Sieg ihrer dunklen Schwester stand und der Vorstellung, so zu werden wie Horus und Sobek und so viele der anderen. Es w�re so leicht. Ein einziger Schritt, ein blitzschnelles Rei�en und Zuschlagen, eine einzige, fl�chtige Ber�hrung, ja, ein blo�er <emphasis>Gedanke, </emphasis>und die Qual h�tte ein Ende, das grausame W�hlen und Zerren in ihren Eingeweiden w�rde endlich verstummen, und sie ...</p><p>... w�re endg�ltig zu dem Ungeheuer geworden, das sie so lange und so verzweifelt tief in sich eingesperrt hatte.</p><p>Vielleicht war es der Anblick des letzten Mannes, der an ihr vorbeiging. Es war ein grauhaariger, missmutig aussehender Endf�nfziger mit einem verbitterten Zug um den Mund und harten Augen, niemand, den sie gerne gekannt h�tte. Aber sie <emphasis>kannte </emphasis>ihn, und vielleicht war es letzten Endes kein anderer als Horus selbst gewesen, der ihm das Leben rettete, denn schlie�lich war er selbst es gewesen, der ihm einen Namen gegeben hatte. Es war Henry, der grauhaarige W�chter, der Mrs Walshs Unmut in so gro�em Ma�e erregt hatte, und sie konnte niemanden <emphasis>nehmen, </emphasis>dessen Namen sie kannte. Das Ungeheuer in ihr schrie in gellender Wut und uners�ttlicher Gier auf, halb wahnsinnig vor Hunger, aber irgendwie - <emphasis>irgendwie - </emphasis>gelang es ihr, die Bestie noch einmal zu z�geln.</p><p>Vielleicht war sie auch mittlerweile selbst zu schwach, um den Kampf noch aufzunehmen. Basts Hand, schon halb nach dem Gesicht des ahnungslosen Mannes ausgestreckt, sank zitternd wieder herab, und ein leises, wimmerndes St�hnen kam �ber ihre Lippen.</p><p>Henry blieb stehen.</p><p>Bast konnte verhindern, dass er sie sah, selbst jetzt noch und beinahe ohne ihr Zutun, aber er hatte etwas geh�rt, und er hatte Angst; eine Furcht, die er selbst f�r unbegr�ndet halten oder allenfalls auf seine unheimliche Umgebung schieben mochte und deren wahren Grund er ganz gewiss nicht wissen wollte.</p><p>Er blieb stehen und hob den Arm, der die flackernde Petroleumlampe hielt, und der Anblick erinnerte Bast nun vollends an die Karikatur eines Nachtw�chters, der durch die Stra�en einer bizarren unterirdischen Stadt schlich und sich selbst davon zu �berzeugen versuchte, das Zittern seiner H�nde k�me nur von der �u�eren K�lte. F�r einen Moment fiel der Lichtschein direkt auf ihr Gesicht, und Bast sah, wie sich seine Augen weiteten, als sie etwas erblickten, was sein Geist nicht wahrnehmen konnte. Dann senkte er die Lampe wieder und ging weiter, und auch Bast wartete jetzt nur noch einen ganz kurzen Moment, bevor sie sich aus ihrem unsichtbaren Versteck l�ste und ihren Weg fortsetzte.</p><p>M�glicherweise hatte sie dabei doch ein verr�terisches Ger�usch verursacht, denn kaum war sie durch den gemauerten Durchgang gehuscht, da folgte ihr etwas Kleines, blendend Wei�es, das lautlos wie eine suchende Hand �ber den Boden huschte und ihre Spur aufzunehmen versuchte, und nahezu gleichzeitig h�rte sie eine erschrockene Stimme; sie wusste, dass sie Henry geh�rte, obwohl sie sie noch nie zuvor geh�rt hatte, denn sie bebte vor m�hsam unterdr�ckter Furcht: �Was ist los?�</p><p>�Nichts�, antwortete eine andere Stimme. �Ich dachte nur, ich ... h�tte etwas geh�rt.�</p><p>�Was willst du denn hier unten h�ren?�, erwiderte eine dritte, h�rtere Stimme. �Hier ist nichts. Nur Ratten und Spinnen.�</p><p>�Aber sie ist hier runtergelaufen! Ben hat es gesehen. Und Matt auch!�</p><p>Bast seufzte lautlos in sich hinein. Also wussten sie nicht nur, dass sie hier war, sondern auch, dass sie eine Frau verfolgten. Sehr viel schlechter h�tte es gar nicht laufen k�nnen!</p><p>�Matt! Bl�dsinn! Wahrscheinlich ist er wieder mal betrunken! Und Ben plappert sowieso alles nach, was man ihm vorsagt! Lasst uns umkehren, bevor noch was passiert!�</p><p>�Noch eine Minute, okay. Wir gehen noch bis zur n�chsten Abzweigung und machen dann kehrt.�</p><p>Bast hatte genug geh�rt - und wom�glich noch weniger Zeit, als sie ohnehin geglaubt hatte. Wenn die M�nner umkehrten, dann <emphasis>w�rden </emphasis>sie sie sehen, und sie w�re m�glicherweise gezwungen, etwas zu tun, was sie nicht tun wollte. Das unnat�rlich wei�e Licht der Karbidlampe zog sich zitternd zur�ck, und auch Bast setzte ihren Weg fort, so schnell sie konnte. Nach wenigen Augenblicken hatte sie die Treppe erreicht und huschte lautlos �ber die Gitterstufen nach oben.</p><p>Wahrscheinlich w�re es nicht n�tig gewesen, vorsichtig zu sein, denn sie h�rte einen ganzen Chor aufgeregter Stimmen und durcheinanderhastender Schritte und schlagender T�ren, noch bevor sie das obere Ende der Wendeltreppe erreichte. So viel zum Thema <emphasis>unauff�llig, </emphasis>dachte sie grimmig. Zumindest in diesem Bereich des Museums herrschte Ausnahmezustand. Warum hatte sie nicht gleich einen Reporter samt seiner Kamera eingeladen, Mrs Walsh und sie zu begleiten?</p><p>Wenigstens auf dem n�chsten St�ck hatte sie Gl�ck. Trotz der allgemeinen Aufregung war sie allein, als sie das obere Ende der Treppe erreichte und losst�rmte, aber das w�rde ganz bestimmt nicht lange so bleiben.</p><p>Und ihre Gl�cksstr�hne war auch reichlich kurz: Sie war sehr sicher, die T�r hinter sich geschlossen zu haben, aber jetzt stand sie sperrangelweit offen, und sie h�rte aufgeregte Stimmen, die wild durcheinanderredeten. Eine davon geh�rte Gloria Walsh. Und als w�re das nicht genug, n�herten sich ihr nun auch von hinten Schritte.</p><p>Bast verga� auch noch den allerletzten Rest von Vorsicht, legte das letzte St�ck im Laufschritt zur�ck und st�rmte durch die T�r.</p><p>Es war schlimmer, als sie erwartet hatte. Mrs Walsh sa�, noch immer am ganzen Leib zitternd und totenbleich, auf einer sarggro�en Kiste - was sie allerdings nicht daran hinderte, sich lautstark und heftig gestikulierend mit einem von gleich drei W�chtern zu streiten, die au�er ihr noch hier drinnen waren. Der zweite war damit besch�ftigt, sehr aufmerksam durch den Raum zu schreiten und seinen Inhalt zu inspizieren, w�hrend sein Kamerad scheinbar dasselbe tat, aber dann und wann stehen blieb und mit dem Fu� aufstampfte. Funken stoben auf, und in der Luft hing Brandgeruch. Bast registrierte auf einer tieferen Ebene, dass sich irgendetwas hier drinnen ver�ndert hatte, aber sie konnte nicht genau sagen was, und jetzt war auch nicht der richtige Moment, um <emphasis>dar�ber </emphasis>nachzudenken.</p><p>Rasch und ohne auch nur einen Sekundenbruchteil zu z�gern durchquerte sie den Raum, erreichte den ersten Mann, bevor er ihre Anwesenheit auch nur bemerkte und ber�hrte ihn beinahe sanft im Nacken. Der Mann verdrehte die Augen und brach mit einem lautlosen Seufzen zusammen, und danach wurde es schwieriger.</p><p>Der Vorteil der �berraschung war dahin, und die beiden anderen M�nner reagierten weitaus schneller und konsequenter, als ihr lieb war: Der, mit dem Mrs Walsh gestritten hatte, richtete sich erschrocken auf und hielt pl�tzlich wie durch Zauberei einen Schlagstock in der Hand, der andere wandte sich unverz�glich zur Flucht und versuchte, an ihr vorbei zur T�r zu kommen.</p><p>Bast stellte ihm ein Bein, und er fiel der L�nge nach hin und setzte seinen Weg hilflos auf Bauch und Gesicht schlitternd fort, und noch bevor er so wuchtig gegen die Wand prallte, dass er augenblicklich das Bewusstsein verlor, sprang sie den dritten W�chter an und entrang ihm seine Waffe.</p><p>Er setzte sich zur Wehr, und f�r einen Sterblichen war er nicht nur �berraschend stark und entschlossen, sondern auch schnell.</p><p>Vielleicht war sie auch nur besonders langsam geworden.</p><p>Gleichwie, der W�chter zeigte sich wenig beeindruckt von der M�helosigkeit, mit der sie ihm seinen Kn�ppel weggenommen hatte, sondern versuchte entschlossen nach ihrem Gesicht zu schlagen. Bast fegte seine Hand beiseite, aber er trat prompt nach ihr und erwischte das noch nicht g�nzlich verheilte Bein, wo sie der Schwanzhieb des Drachen getroffen hatte. Sie sank mit einem schmerzerf�llten Zischen auf ein Knie, und der Mann erwies sich nicht nur als unerwartet mutig, sondern auch klug, denn er zog aus seinem unerwarteten Erfolg die einzig richtige Konsequenz - er versuchte nicht, einen weiteren Schlag zu landen, sondern wirbelte auf dem Absatz herum und st�rmte zur T�r.</p><p>Ungl�ckseligerweise musste er dabei an Mrs Walsh vorbei. Sie streckte das Bein aus und lie� ihn �ber ihren Fu� stolpern. Anders als sein Kamerad fiel er nicht besonders schwer und verlor schon gar nicht das Bewusstsein, aber Bast war �ber ihm, bevor er sich wieder aufrappeln konnte. Ihre Finger tasteten nach dem Nervenknoten an seinem Hals und dr�ckten ihn, und jegliches Leben wich aus seinen Augen.</p><p>Aber es war noch da, warm und pulsierend und unglaublich verlockend, und sie war hungrig, so unvorstellbar <emphasis>hungrig ... </emphasis>Ohne sich der Bewegung auch nur selbst bewusst zu sein, drehte sie den Bewusstlosen auf den R�cken und beugte sich �ber ihn. Ihre Lippen n�herten sich seinem Gesicht, dem pulsierenden, warmen Leben darunter und ...</p><p>�Miss Bast?�, murmelte Mrs Walsh. �Was ... was tun Sie da?�</p><p>Mit einer Willensanstrengung, die ihre Kraft beinahe �berstieg, lie� sie den bewusstlosen W�chter los und richtete sich auf. Die Qual in ihrem Inneren wurde unertr�glich, und das entt�uschte Heulen der Bestie vermischte sich mit dem glei�enden Schmerz des Hungers zu schierer Agonie, die sie innerlich zu zerrei�en schien. Alles verschwamm vor ihren Augen. Schw�che pulsierte in immer rascher aufeinanderfolgenden Wellen durch ihre Glieder. Sie war dabei, den Kampf zu verlieren.</p><p>�Miss Bast?�, murmelte Mrs Walsh noch einmal.</p><p>Es war ihr Blick, der den Bann brach. Nichts anderes als das blanke Entsetzen, das Bast darin las. Und etwas Tieferes, Abgr�ndiges, das auch in Mrs Walshs Seele lauerte, wie die Bestie in ihr selbst; ein menschliches Ungeheuer, das nur auf ein Wort wartete, um ebenfalls geweckt zu werden ...</p><p>�Was tun Sie, Miss Bast?�, wimmerte Mrs Walsh. Sie fl�sterte nur noch, und Bast sp�rte, wie dicht sie davor stand, zu zerbrechen. Aber auch ein zerschmetterter Geist war Leben, und vielleicht erwies sie ihr eine Gnade, wenn sie ...</p><p>�Nein!�, sagte Bast entschlossen. �Noch nicht. So einfach besiegst du mich nicht, Horus.�</p><p>�Miss Bast�, murmelte Mrs Walsh verst�rt.</p><p>�Es ist nichts�, antwortete sie rasch. �Keine Sorge.� Sie brachte sie mit einer raschen Geste und einer zus�tzlichen, sachten Ber�hrung ihres Geistes zum Schweigen. �Es ist nicht so, wie es aussieht, glauben Sie mir. Ich erkl�re Ihnen alles, aber jetzt m�ssen wir von hier verschwinden. Haben Sie das verstanden?�</p><p>Mrs Walsh starrte sie weiter aus weit aufgerissenen Augen an und schwieg. Sie hatte nichts verstanden, aber sie w�rde gehorchen, und das war im Moment alles, was z�hlte.</p><p>Bast stand auf und unterdr�ckte im letzten Moment den Impuls, Mrs Walshs Hand zu ergreifen, um ihr auf die F��e zu helfen. Hunger und Schmerz kamen jetzt in Wellen, jede einzelne ein winziges bisschen st�rker als die vorhergehende. Im Moment erlebte sie einen Augenblick der Klarheit, aber sie wagte nicht vorauszusagen, wie lange er anhalten w�rde. Wahrscheinlich war es besser, wenn sie sie nicht ber�hrte.</p><p>W�hrend sich Mrs Walsh umst�ndlich und keuchend wie unter einer unsichtbaren Zentnerlast in die H�he stemmte, warf Bast noch einmal einen raschen Blick in die Runde. Schon gerade, bei ihrer R�ckkehr, war ihr an diesem Raum irgendetwas <emphasis>anders </emphasis>vorgekommen, und jetzt sah sie, dass dies keineswegs nur ein grundloses Gef�hl gewesen war, oder eine Folge ihrer Nervosit�t. Vorhin war hier alles verw�stet und durcheinander gewesen, ein heilloses Chaos aus zerst�rten und lieblos hingeworfenen Dingen und gesch�ndeten Heiligt�mern, und nahezu alles davon war auch da, bis hin zu der gewaltigen Horusstatue, aber es gab kein Durcheinander, keine Zerst�rung au�er der, die Horus und sie selbst angerichtet hatten. Auf dem Boden lagen die zerbrochenen Reste der beiden Schwerter und zahllose schimmernde Glassplitter. Die verkohlten Reste ihres Mantels qualmten noch immer vor sich hin und verpesteten die Luft, und hier und da glomm eine einzelner Funke, wie zum Beweis, dass sie sich zumindest <emphasis>diesen </emphasis>Teil der Geschehnisse nicht nur eingebildet hatte. Dar�ber hinaus aber war alles penibel in Regalen aufgestapelt und sorgsam verpackt; sie sah zahllose B�ndel und Kartons und Kisten und S�cke, die mit kleinen, akribisch beschrifteten Zetteln markiert waren. Ein ganz normaler Lagerraum, wie sie ihn in jedem ordentlich gef�hrten Museum auf der Welt erwartet h�tte.</p><p>Bast war viel mehr erstaunt als wirklich erschrocken. Horus war schon immer ein Meister der T�uschung gewesen, aber das h�tte sie ihm nicht zugetraut. Er hatte dazugelernt.</p><p>Oder sie selbst wurde nachl�ssiger.</p><p>Sie ging zur T�r, sp�hte auf den Flur hinaus und sah zumindest auf den ersten Blick nichts, aber der aufgeregte L�rm und das Stimmengewirr hatten noch zugenommen. Jemand kam.</p><p>�Kommen Sie, Mrs Walsh�, sagte sie. �Und denken Sie daran: Gehen Sie einfach weiter. Ganz egal, was passiert.�</p><p>Mrs Walsh setzte dazu an, zu widersprechen, aber das lie� Bast nicht zu. Mit einem entschlossenen Schritt verlie� sie die Kammer, wartete, bis Mrs Walsh neben sie getreten war und ging dann mit langsamen, aber festen Schritten los.</p><p>Der n�chste Schw�cheanfall kam, als sie den Durchgang zur gro�en Halle fast erreicht hatten, und es war nichts anderes als pures Gl�ck, dass ihnen in diesem Moment niemand begegnete. Bast sank hilflos mit der Schulter gegen die Wand und blieb am ganzen Leib zitternd und mit geschlossenen Augen stehen, die Stirn gegen den Stein gelehnt und die H�nde zu F�usten geballt.</p><p>�Miss Bast?�, fragte Mrs Walsh verst�rt. �Ist alles in Ordnung mit Ihnen?�</p><p>�Nur einen Moment�, fl�sterte Bast. Sie war nicht einmal sicher, ob sie die Worte tats�chlich aussprach, oder es nur versuchte. Der Hunger war <emphasis>grausam. </emphasis>�Und ... kommen Sie mir nicht zu nahe. Bitte.�</p><p>Aus dem Moment wurde eine Minute, vielleicht auch zwei, dann zog sich die Flut aus reiner Qual widerwillig und langsam wieder zur�ck, und ihr Blick kl�rte sich. Mrs Walsh war bis zur gegen�ber liegenden Wand zur�ckgewichen und starrte sie aus Augen an, in denen das pure Entsetzen flackerte.</p><p>Bast atmete h�rbar ein, zwang ein zitterndes L�cheln auf ihre Lippen und nahm Mrs Walsh zugleich so viel von ihrer Furcht, wie es ihr m�glich war. Sehr viel war es nicht.</p><p>Drau�en in der gro�en Halle war von der allgemeinen Aufregung nichts zu bemerken, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Henry war nat�rlich verschwunden und irrte m�glicherweise noch immer durch die Kellergew�lbe, aber seinen Platz neben den gewaltigen Ramsesstatuen nahmen nun gleich zwei seiner Kollegen ein. Beide waren deutlich j�nger als er und von ausgesucht kr�ftiger Statur, und Bast musste kein zweites Mal hinsehen, um zu erkennen, dass sie ihre Aufgabe sehr ernst nahmen und dass diese nicht nur daraus bestand, die normalen Museumsbesucher im Auge zu behalten und darauf zu achten, dass niemand die ausgestellten Preziosen und Kunstwerke ber�hrte.</p><p>Sie war nicht die Einzige, deren Gedanken sich in diese Richtung bewegten. Mrs Walsh ging zwar gehorsam neben ihr her, aber ihre Nervosit�t nahm mit jedem Schritt weiter zu. �Sie warten auf uns�, fl�sterte sie.</p><p>�Ich wei߫, antwortete Bast. �Gehen Sie weiter.�</p><p>�Aber sie ... sie werden uns erkennen�, murmelte Mrs Walsh. �Was sollen wir nur tun?�</p><p>�Nichts�, antwortete sie. �Gehen Sie einfach weiter. Nichts wird geschehen.�</p><p>Sie nahmen denselben Weg zur�ck, den sie gekommen waren, und Bast registrierte ohne wirkliches Erstaunen, dass Horus sein Netz aus L�gen und T�uschungen bereits hier drau�en ausgeworfen hatte: Das einzig Echte an dem Fries, der sie vorhin so erz�rnt hatte, war die Auswahl seiner Motive. Alles andere war eine geschickte Kopie, bei der die K�nstler nicht einmal die Spuren des Alters und die typischen Besch�digungen vergessen hatten, die die Jahrtausende darin hinterlassen hatten. Horus hatte dazugelernt, eine Menge sogar. Oder diese Falle war wirklich <emphasis>sehr </emphasis>gr�ndlich vorbereitet gewesen - was sie bei jemandem wie Horus nicht im Mindesten �berraschen w�rde.</p><p>Aber wie hatte er wissen k�nnen, dass sie hierherkam?</p><p>Mrs Walshs Schritte wurden langsamer, je n�her sie den beiden W�chtern kamen. Sie sagte nichts mehr, aber sie ging weiter - wenn auch langsamer werdend und auf dem letzten St�ck tats�chlich mit angehaltenem Atem. Einer der beiden sah ihnen mit ausdruckslosem Gesicht, daf�r aber umso aufmerksameren Blicken nach, w�hrend der andere weiter die Halle im Auge behielt.</p><p>�Wieso ... haben sie uns nicht aufgehalten?�, murmelte Mrs Walsh verst�rt.</p><p>Bast antwortete erst, nachdem sie durch die T�r und au�er H�rweite der Kassiererin waren. Auch sie blickte ihnen aufmerksam und auch ein wenig verwundert nach. Auf ihrer Stirn erschien etwas, das zu einer nachdenklichen Falte geworden w�re, h�tte Bast ihre Gedanken nicht behutsam in eine andere Richtung gelenkt. Vielleicht fragte sie sich, wer die beiden neuen Museumsw�chter waren, die mit schnellen Schritten an ihr vor�bergingen, und warum sie sich partout nicht an ihre Gesichter erinnern konnte, obwohl es doch gerade einmal eine Sekunde her war.</p><p>�Wie haben Sie das gemacht?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>�Was?�</p><p>�Wieso versuchen sie nicht, uns aufzuhalten? Wieso ... <emphasis>erkennen </emphasis>sie uns nicht?� Mrs Walshs Blick irrte �ber ihr Gesicht und ihr zerfetztes, brandgeschw�rztes Kleid und ihr blutiges Gesicht.</p><p>�Vielleicht suchen sie uns ja gar nicht�, antwortete Bast. �M�glicherweise sind sie ja hinter jemand ganz anderem her.�</p><p>Mrs Walsh sah sie zweifelnd und verst�rt zugleich an, aber Bast beschleunigte ihre Schritte nur. Sie durchquerten die Halle, schnell, aber ohne Hast. Bast fiel auf, dass es pl�tzlich auch hier uniformierte W�chter gab; zwei neben dem Ausgang und jeweils einer neben dem Durchgang zu jedem anderen Raum. Keiner von ihnen warf auch nur mehr als einen fl�chtigen Blick in ihre Richtung, aber nicht einmal sie selbst wusste, wie lange sie ihre Tarnung noch aufrechterhalten konnte.</p><p>Es reichte immerhin, um das Museum zu verlassen, und auch noch die halbe Freitreppe hinunter, aber dann sp�rte sie, wie die n�chste Woge bleierner Schwere heranrollte. Obwohl es noch nicht einmal Mittag war, begann das Licht am Himmel �ber ihr zu verblassen. Mrs Walsh sagte etwas, das sehr besorgt klang, ohne dass sie die Worte verstand, und pl�tzlich wurden auch alle anderen Laute unscharf und leiser.</p><p>Dann nichts mehr.</p></section><section><title><p id="DRITTES_Kapitel">DRITTES Kapitel</p></title><p>Sie tr�umte von der Jagd. In diesem Traum war sie eine Wildkatze, die lautlos und t�dlich durch die Savannen und W�lder ihrer Heimat strich, kaum mehr als ein Schatten in der hereinbrechenden D�mmerung, und doch die unumstrittene Herrscherin dieses Landes, so weit das Auge reichte. Es war Nacht. Sie jagte nur nachts, denn sie war weder auf Augen noch Ohren angewiesen, um ihre Beute zu finden, sondern verf�gte �ber viel feinere, untr�glichere Sinne. Ihre Beute war irgendwo vor ihr, vielleicht noch ein Dutzend kraftvoller Spr�nge entfernt, erf�llt von einer scheinbar grundlosen Unruhe, die sie mehr verwirrte als wirklich erschreckte, aber nicht besonders aufmerksam, f�hlte sie sich doch sicher und besch�tzt von der Dunkelheit einer sternenklaren, aber vollkommen mondlosen Nacht. Sie h�tte sie mit wenigen beherzten Spr�ngen erreichen k�nnen, aber sie bewegte sich dennoch unendlich behutsam weiter, um sich erst im allerletzten Moment zu zeigen. Zeigen w�rde sie sich ihr auf jeden Fall. Es w�re ihr ebenso gut m�glich gewesen, sich nahe genug an ihr Opfer anzuschleichen, um es mit einer einzigen, blitzartigen Bewegung zu t�ten, noch bevor es �berhaupt begriff, was geschah, doch damit h�tte sie sich selbst um den Lohn der Jagd betrogen. Nahezu ebenso wichtig wie das Blut und das Leben, das sie trinken w�rde, waren die allerletzten Sekunden im Leben ihres Opfers, das finale Begreifen vor seinem unwiderruflich allerletzten Atemzug, wenn ihm klar wurde, dass es vorbei war und ihm keine Flucht und kein noch so verzweifeltes Wehren mehr helfen w�rden. Es war dieser Moment, der Anblick der reinen Angst in den Augen ihrer Beute, der Geschmack ihres Schmerzes, der aus der reinen Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme einen Rausch machte, eine Explosion der Sinne, die diesen Moment zu etwas Unbeschreiblichem werden lie�.</p><p>Sie wusste, dass sie tr�umte.</p><p>Anders als die meisten Menschen - zu denen sie ohnehin nicht geh�rte - tr�umte sie l�ngst nicht in jeder Nacht und - ebenfalls anders als die meisten - erinnerte sie sich nicht nur an nahezu jeden Traum, sondern war sich auch stets des Umstandes bewusst, zu tr�umen.</p><p>Das machte die Jagd nicht weniger aufregend.</p><p>Unendlich vorsichtig schlich sie weiter und n�herte sich ihrem Opfer in weitem Bogen und von der windabgewandten Seite. Nicht vollkommen. Sie bewegte sich ganz bewusst so, dass ihre Beute einen schwachen Hauch ihrer Witterung wahrnahm; nicht genug, um aus ihrer vagen Beunruhigung echte Furcht zu machen oder gar einen Fluchtreflex auszul�sen, sondern gerade genug, um sie zu verunsichern, ihre Furcht auf einer tieferen Ebene zu sch�ren, die l�ngst nicht ausreichte, bis in ihr bewusstes Denken vorzudringen, aber genug, um die Illusion von Sicherheit zu ersch�ttern, in der sie sich bisher gewogen hatte. Nur ein zarter Vorgeschmack, kaum mehr als ein Hauch dessen, was folgen w�rde Etwas ... war nicht richtig. Etwas geschah.</p><p>Nicht einmal ihre �berscharfen Sinne vermochten im ersten Moment zu erkennen, was es war ... vielleicht ein Schatten, der �ber den Himmel glitt, ohne dass es ihn wirklich gab, ein eisiger Hauch, der viel mehr ihre Seele als ihren K�rper streifte ...</p><p>Sie hielt inne. Ihre scharfen Katzenaugen suchten den Himmel ab, und ihr unvorstellbar scharfes Geh�r lauschte auf T�ne, die schw�cher waren als das Atmen einer Grille, und langsamer als die Gespr�che der Berge, die seit Anbeginn der Zeit miteinander fl�sterten.</p><p>Nichts. Sie war so allein wie seit Millennien - und dennoch: Etwas war da. Sie sp�rte es, mit Sinnen, die nicht einmal sie verstand, vielleicht weil sie �lter waren, als selbst ihre Erinnerungen zur�ckreichten.</p><p>Bast war ver�rgert. Dies war ein Traum, der keinerlei Einfluss auf sie oder ihr wirkliches Leben hatte, aber etwas st�rte die Erregung der Jagd, dieses unglaubliche Prickeln, das sie so sehr brauchte und im wirklichen Leben so selten bekam.</p><p>Sie sch�ttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf ihr Opfer. Der kurze Moment der Verwirrung hatte sie nicht daran gehindert, ihren Weg fortzusetzen und sich ihm weiter zu n�hern; weit genug, um ihm auch die allerletzte Chance auf eine Flucht zu nehmen, selbst wenn es in diesem Moment und ganz genau gewusst h�tte, was auf es zukam. Sie war nach wie vor ver�rgert, auch wenn sie nicht einmal selbst genau sagen konnte, warum. Etwas stimmte nicht; und was immer dieses Etwas war, es verdarb ihr den Spa� an der Jagd, wie ein sachter, aber bitterer Beigeschmack, der es ihr unm�glich machte, die bevorstehende Mahlzeit in vollen Z�gen zu genie�en.</p><p>Sie sch�ttelte auch diesen Gedanken ab und schlich weiter an ihre Beute heran. Sie sp�rte, wie deren Unruhe wuchs und ihr zum ersten Mal der Gedanke an Flucht kam, aber nun war es endg�ltig zu sp�t. Sie konnte sie jetzt sehen, ein schlanker, angstvoll in der Dunkelheit zusammengekauerter Schatten mit aufmerksamen Augen, die so voller Angst waren, dass ein f�hlbarer Schauer der Erregung ihren kraftvollen K�rper durchrieselte. Nur noch ein winziges St�ck. Sie spannte sich zum Sprung.</p><p>Ein Schatten glitt �ber den Himmel, und sie h�rte den Laut schlagender Fl�gel, die die Nacht teilten, mit einem Ger�usch wie eine Klinge, die durch nasses Fleisch glitt.</p><p>Ihre Beute hob mit einem Ruck den Kopf, und auch sie sah auf und erblickte einen riesigen, pfeilfl�geligen Schatten, der den Sternenhimmel verdunkelte. Ein schriller, pfeifender Schrei erscholl, und pl�tzlich wurde es kalt.</p><p>Die Antilope sprang auf und verschwand mit gewaltigen Spr�ngen in der Dunkelheit. Sie h�tte ihr folgen und sie m�helos mit ein paar kraftvollen Spr�ngen einholen k�nnen, aber sie blieb geduckt und reglos hocken und starrte in den Himmel hinauf. Wut und Entt�uschung lie�en ein zischendes Fauchen �ber ihre Lippen kommen, und ihre Krallen gruben sich in hilfloser Frustration in den Boden, w�hrend der Blick ihrer zu schmalen Schlitzen verengten Pupillen dem Schatten am Himmel folgte. Etwas Dunkles, unvorstellbar Drohendes ging von der fliegenden Chim�re aus, und ein Schwall k�rperloser, grausamer K�lte, der selbst ihren schlafenden K�rper in der Wirklichkeit zum Erschauern brachte.</p><p>Der Falke antwortete mit einem neuerlichen, kr�chzenden Schrei auf ihr Fauchen und nahm die Herausforderung an, indem er pl�tzlich die Fl�gel anlegte und in einem rasenden Sturzflug auf sie herabstie�.</p><p>Bast empfing ihn mit blitzenden Klauen und gebleckten F�ngen. Federn und Fell flogen, Blut und Erdreich explodierten in einem Geysir reiner Gewalt und rasender Bewegung, und ein greller Schmerz raste durch ihren K�rper, als sich die F�nge des gewaltigen Raubvogels in ihr Fleisch gruben.</p><p>Das Schlimmste war die K�lte.</p><p>Es war wie Eis, das ihre Seele einh�llte, ein grausam kaltes Feuer, das sie innerlich verbrannte und ihre Menschlichkeit zu verzehren begann.</p><p>Trotzdem wehrte sie sich mit verzweifelter Kraft. Auch ihre Krallen und Z�hne fanden ihr Ziel. Sie schmeckte Blut und Fleisch, und aus ihrem Hunger wurde pure Raserei, und dann ...</p><p>... kippte der Traum, und sie fand sich urpl�tzlich in nahezu vollkommener Dunkelheit wieder. Die Schreie waren verstummt. Sie war wach, nicht aus dem Traum erwacht, sondern in die Wirklichkeit zur�ckgefallen, und es war eine Wirklichkeit, die auf ihre Weise kaum minder schlimm war als der Traum.</p><p>Sie war wieder in ihrem Zimmer in Mrs Walshs Pension, aber sie konnte sich weder erinnern, wie sie hierhergekommen war, noch wieso es so dunkel und kalt war.</p><p>Au�erdem war der Falke noch immer da. Er sa� auf dem kleinen Schr�nkchen neben ihrem Bett und starrte aus gelb gl�henden Augen auf sie herab.</p><p>Bast blinzelte und fand nicht nur endg�ltig in die Wirklichkeit zur�ck, der Falke verwandelte sich auch in den schwarzen Schattenriss einer Katze, und die Dunkelheit war pl�tzlich nicht mehr ganz so undurchdringlich wie bisher. Die K�lte - wenn auch nicht mehr ganz so grausam wie zuvor - blieb.</p><p>�Du bist mir vielleicht ein sch�ner W�chter�, sagte sie, w�hrend sie die Hand ausstreckte und die schwarze Katze fl�chtig zwischen den Ohren kraulte. �Ich dachte, du wolltest auf meine Tr�ume aufpassen, hm?�</p><p>Cleopatra antwortete mit einem dunklen Schnurren und stupste sie mit der Nase an, als sie die Hand zur�ckziehen wollte, und sie fuhr fort, sie zu kraulen. Bast wusste, dass sie ihr unrecht tat. Wahrscheinlich war es die Katze gewesen, die sie aus diesem verst�renden Traum befreit hatte. Aber sie war verwirrt. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so desorientiert und hilflos aufgewacht zu sein. Sie wusste noch immer nicht, wie sie zur�ck in dieses Zimmer gekommen war.</p><p>Und sie war sich auch nicht im Mindesten der Tatsache bewusst, dass Cleopatra und sie keineswegs allein im Zimmer waren, bis sie ein klapperndes Ger�usch auf der anderen Seite des Bettes h�rte und eine Stimme in einem Tonfall irgendwo zwischen Am�siertheit und sanftem Tadel sagte: �Nun geben Sie nicht der armen Katze die Schuld, mein Kind. Sie hat die ganze Zeit �ber auf Sie aufgepasst. Ich wollte sie wegjagen, aber sie lie� sich nicht verscheuchen. Ich glaube, sie w�re jedem an die Kehle gegangen, der Ihnen auch nur nahe gekommen w�re.�</p><p>Bast starrte sie an. Mrs Walsh stand vor dem Fenster - das Klappern war das Ger�usch gewesen, mit dem sie es geschlossen hatte - und kramte mit einer Hand in ihrer Sch�rze herum, w�hrend sie mit der anderen den Glaskolben von einer Petroleumlampe hob, die neben ihr auf der Kommode stand. �Also geben Sie dem armen Tier bitte nicht die Schuld, wenn Sie schlechte Tr�ume haben.�</p><p>Bast starrte sie nur weiter wortlos an. Sie hatte M�he, dem zu folgen, was Mrs Walsh sagte, und sie hatte noch mehr M�he, zu begreifen, wo sie �berhaupt herkam. Wieso hatte sie ihre Anwesenheit nicht sofort gesp�rt, gleich nachdem sie aufgewacht war?</p><p>Mrs Walsh hatte endlich gefunden, wonach sie gesucht hatte, und zog ein P�ckchen Streichh�lzer aus der Kitteltasche. Rasch entz�ndete sie die Lampe, setzte das Glas wieder ein und wandte sich mit einem gleicherma�en besorgten wie m�tterlichen Tonfall wieder an sie. �Wie geht es Ihnen, mein Kind?�</p><p>Irgendwann, dachte sie, w�rde sie Mrs Walsh vielleicht sagen, wie l�cherlich es war, st�ndig von ihr mein Kind genannt zu werden. Aber nicht heute. Sie war immer noch vollkommen verwirrt. Und sie sp�rte eine sonderbar gestaltlose Furcht, die ganz allm�hlich in ihr heranwuchs. Sie wusste nicht, wovor ... aber vielleicht wollte sie es auch einfach nur nicht wissen.</p><p>�Gut�, sagte sie.</p><p>Mrs Walsh hob zweifelnd eine Augenbraue, was Bast eine Menge �ber die Glaubw�rdigkeit dieser Antwort verriet. Sie widerstand der Versuchung, in den Spiegel zu sehen, und ein zweiter Blick in Mrs Walshs Gesicht machte das auch �berfl�ssig. Wenn sie so aussah, wie sie sich f�hlte, dann war ein Blick in den Spiegel wahrscheinlich auch keine besonders gute Idee.</p><p>Abgesehen von allem anderen fror sie immer noch, was zum einen sicher daran lag, dass es im Zimmer empfindlich kalt war, zum anderen aber auch daran, dass sie unter der d�nnen H�keldecke nackt war. Ein wenig erschrocken hob sie die Decke an und warf einen Blick an sich hinab. Sie konnte sich auch nicht erinnern, sich ausgezogen zu haben. Aber eigentlich konnte sie sich an gar nichts erinnern, seit sie das Museum verlassen hatten ...</p><p>�Keine Sorge�, sagte Mrs Walsh. �Es ist alles noch dran und vollkommen unversehrt.� Die letzten beiden Worte, fand Bast, sprach sie auf eine sehr sonderbare Weise aus.</p><p>�Haben Sie ...?�, begann sie.</p><p>�... Sie ausgezogen?� Mrs Walsh nickte. �Und jetzt sparen Sie sich alles Weitere! Ich k�nnte Ihre Mutter sein, mein liebes Kind, und stellen Sie sich vor, ich habe tats�chlich schon einmal ein nacktes Hinterteil gesehen.� Sie legte den Kopf auf die Seite, und ihr Blick wurde taxierend. �Sie m�ssen hungrig sein. Wenn Sie sich ankleiden und ein wenig frisch machen, dann warten Jacob und ich mit einem kleinen Abendessen unten auf Sie.�</p><p>�Ich bin eigentlich nicht ...�, begann Rast, nur um sofort und in jeden Widerspruch im Keim erstickenden Ton von Mrs Walsh unterbrochen zu werden:</p><p>�Unsinn. Sie haben gestern Abend kaum etwas gegessen, und heute den ganzen Tag �ber auch nicht. Sie m�ssen halb verhungert sein. Und erz�hlen Sie mir nicht, Sie m�ssten auf Ihre Figur achten! Das wei� ich besser!�</p><p>Bast resignierte, schon weil sie diesen Tonfall zu gut kannte, um nicht zu wissen, wie vollkommen sinnlos jeder weitere Widerspruch sein musste. Und so ganz nebenbei: Sie <emphasis>war </emphasis>hungrig; wenn auch auf eine vollkommen andere Art.</p><p>Sonderbarerweise - und auch das fiel ihr auch jetzt erst auf - nicht ann�hernd so sehr, wie sie es erwartet h�tte. Sie sp�rte die Gier der Bestie noch immer tief in sich, ein best�ndiges W�hlen und Verlangen, das niemals ganz aufgeh�rt hatte und niemals ganz aufh�ren w�rde. Aber es war nicht mehr so unertr�glich wie bisher. Das war seltsam und auch ein wenig beunruhigend.</p><p>Aber vielleicht hatte das Ungeheuer seine Kraft w�hrend ihres Kampfes mit Horus und dem Drachen verbraucht und schlief.</p><p>Wenn auch sicher nicht f�r lange.</p><p>�Also gut�, seufzte sie. �Ich komme.�</p><p>�Eine andere Antwort h�tte ich auch nicht akzeptiert�, sagte Mrs Walsh. �Ich gehe dann und koche uns frischen Tee.� Sie bewegte sich zur T�r, blieb aber auf halbem Wege noch einmal stehen und sagte: �Und lassen Sie das Fenster zu. Frische Luft ist ja etwas Wunderbares, aber es ist bitterkalt. Sie holen sich den Tod.�</p><p>Kaum, dachte Bast am�siert, schwieg aber, und das ohnehin nur angedeutete L�cheln verschwand augenblicklich von ihren Lippen, kaum dass Mrs Walsh das Zimmer verlassen und die T�r hinter sich geschlossen hatte. Mit einem Ruck schlug sie die Decke zur Seite und stand auf. Sie erschauerte, als die eisige Luft ihre nackte Haut wie eine unsichtbare prickelnde Hand ber�hrte. Es war wirklich bitterkalt hier drinnen.</p><p>Nackt ging sie zum Spiegel, drehte ihn ein wenig, um das Licht der Petroleumlampe aufzufangen, und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Auf den ersten Blick wirkte sie makellos, schlank und auf eine zeitlose Art sch�n, wie sie es seit Ewigkeiten gewohnt war, aber sie sah auch sofort, was Mrs Walsh so offensichtlich irritiert hatte: Sie mochte �u�erlich dieselbe sein, aber sie hatte sich ver�ndert; auf eine unsichtbare und dennoch un�bersehbare Art. Es war, als w�re ... etwas nicht mehr da.</p><p>Sie sch�ttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich ganz auf das, was sie sah: eine Frau in jenem schwer zu definierenden Alter zwischen drei�ig und f�nfzig, die trotzdem etwas ungemein Jugendliches ausstrahlte; nicht jene Art oberfl�chlicher Jugendlichkeit, wie sie die M�nner in jenem Viertel suchten, in dem sie gestern Nacht gewesen war und hinter dem sich nur zu oft eine vorzeitig gealterte Seele und ein gebrochener Geist verbargen, sondern etwas wortw�rtlich Zeitloses, die Aura eines Menschen, dem der ewige Wechsel der Jahreszeiten und �onen nichts anzuhaben vermochte ... auch wenn dieses Bild nicht ganz den Tatsachen entsprach. Sie war nicht unsterblich. Gewalt - wenn auch nur extreme Gewalt - vermochte sie zu t�ten, und sie alterte, doch auch das nur sehr, sehr langsam. Weder sie noch einer der anderen wusste, wie alt sie wirklich werden konnten. Sie waren j�nger gewesen, als sie sich das erste Mal zusammengefunden hatten, halbe Kinder noch. Heute waren sie erwachsen, und die Zeit hatte Spuren in ihrer aller Gesichter hinterlassen. Doch seitdem waren Jahrtausende vergangen. Sie hatte Kulturen entstehen und wieder verschwinden sehen, hatte den Aufstieg und den Fall von Imperien miterlebt - und nur zu oft selbst herbeigef�hrt - und das feurige Sterben eines Kontinents. Und sie w�rde weitere Kulturen erwachen und wieder verschwinden sehen, manche still und in W�rde entschlummernd, manche mit einem Schrei und mit Feuer und Tod; weitere Weltreiche w�rden aufstehen und wieder fallen, und vor ihr lagen noch weitere, viele Jahrtausende, bevor sie wirklich alt wurde und irgendwann starb.</p><p>Bast bezweifelt, dass sie diesen Tag erleben w�rde. L�ngst nicht alle von denen, die damals zusammengekommen waren, um eine Welt zu erschaffen, waren heute noch am Leben. Es gab ... Unf�lle. Manche waren ermordet, einige beinahe aus Versehen get�tet worden, und manche einfach verschwunden. Es war nicht leicht, ein Gott zu sein, und ihre Gemeinschaft hatte einen grausamen Preis f�r diese simple Erkenntnis bezahlt.</p><p>Irgendwann w�rde es auch ihr so ergehen, das wusste sie. Wahrscheinlich w�rde keiner von ihnen eines nat�rlichen Todes sterben. Wesen wie sie waren nicht dazu erschaffen, an Altersschw�che einzugehen.</p><p>Das intensive Gef�hl, beobachtet zu werden, riss sie auf unangenehme Weise in die Wirklichkeit zur�ck. Alarmiert sah sie auf, konnte im ersten Moment nichts entdecken und begegnete dann dem Blicke zweier gelb leuchtender Katzenaugen, die sie durch den Spiegel anstarrten. Bildete sie es sich nur ein, oder funkelten sie in unverhohlenem Spott?</p><p>�Du hast ja recht�, seufzte Bast. �Ich bin eine eitle Ziege. Aber wenn du erst einmal die ersten paar tausend Jahre hinter dir hast, dann f�ngst du auch an, aufmerksamer nach Falten zu suchen, wenn du vor einem Spiegel stehst. Wirst schon sehen.�</p><p>Cleopatra ma� sie mit einem weiteren, noch sp�ttischeren Blick und begann sich dann lautstark schnurrend zu putzen. Bast setzte ihre Inspektion gewissenhaft fort, verbot ihren Gedanken aber dieses Mal abzuschweifen, sondern inspizierte ihr Spiegelbild mit akribischer Gr�ndlichkeit. Ohne einen Vergleichsma�stab fiel ihre enorme Gr��e nicht auf, denn ihr K�rper war so perfekt proportioniert wie ein Kunstwerk, nicht wie ein lebendes Wesen, ein Anblick, den keiner rasch verga�. Allein die Kombination ihrer pechschwarzen Haut mit den fast aristokratisch anmutenden, kaukasischen Z�gen war ungew�hnlich genug, und h�tte sie ihr Haar wie �blich r�ckenlang und offen in seiner feuerroten Farbe getragen, w�re sie noch auff�lliger gewesen.</p><p>Nichts davon interessierte sie im Augenblick. Sie musterte ihr Spiegelbild kritisch und Zentimeter f�r Zentimeter, und nach einigen Augenblicken wurde sie f�ndig: Unter ihren Fingern�geln klebte Blut; vermutlich ihr eigenes. Es war nicht leicht zu entdecken, denn auch ihre Fingern�gel waren schwarz, doch Mrs Walsh hatte scharfe Augen, und einen weiteren Lapsus wie den von heute Morgen sollte sie sich besser nicht leisten. Mrs Walsh - und auch Maistowe - hatte ohnehin schon zu viel gesehen. Sie w�rde etwas unternehmen m�ssen, dachte sie betr�bt, w�hrend sie zur Waschsch�ssel ging und sich die Fingern�gel so lange schrubbte, dass sie beinahe schon wieder zu bluten begonnen h�tten. Bald. Am besten noch heute.</p><p>Aber ganz gleich, was sie ihr und Maistowe auch antun musste, es w�rde nicht ann�hernd so schlimm sein wie das, was Horus und Sobek mit ihnen machen w�rden.</p><p>Auch das war etwas, was sie sehr bitter hatte lernen m�ssen: Menschen wie sie waren nicht nur f�r die Ewigkeit geschaffen, sondern auch f�r die Einsamkeit. Einen Sterblichen zu lieben hatte sie sich schon vor Jahrtausenden verboten, und selbst ihre Freundschaft brachte nur zu oft den Tod.</p><p>Sie beendete ihre Manik�re, indem sie Mrs Walshs Rasiermesser benutzte, um ihren Sch�del von dem bereits wieder sichtbaren Haarflaum zu befreien, nahm ein neues, ebenfalls schwarzes Kleid aus ihrem Koffer und w�hlte anschlie�end wieder den roten Turban von gestern; das schwarze Tuch, das sie am Morgen getragen hatte, war ebenso verschwunden wie das dazugeh�rige Kleid.</p><p>Zusammen mit Cleopatra, die ihr auf dem Fu� folgte, verlie� sie das Zimmer und blieb am oberen Ende der Treppe stehen, um einen Moment zu lauschen. Mrs Walsh und Kapit�n Maistowe unterhielten sich leise unten im Erdgeschoss. Bast machte sich nicht die M�he, auf die Worte zu achten, denn allein der Tonfall und die gel�ste Stimmung, die sie von unten auffing, machten ihr klar, dass sie nur �ber Belanglosigkeiten redeten. Pl�tzlich bekam sie ein schlechtes Gewissen, hier oben zu stehen und zu lauschen, und ging mit schon fast hastigen Schritten weiter.</p><p>Die beiden sa�en auch jetzt wieder am Kamin, in dem ein behagliches Feuer prasselte, aber der kleine Schachtisch war einem gr��eren Tisch gewichen, der Platz f�r drei Personen bot. Mrs Walsh hatte bereits f�r drei gedeckt, und Bast registrierte erst jetzt den verlockenden Bratenduft, der aus der K�che her�berwehte. Sie war nicht auf diese Art hungrig, denn sie ben�tigte nur sehr wenig k�rperliche Nahrung. Trotzdem lie� ihr der Geruch das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es h�tte Mrs Walshs einladenden Nickens nicht einmal mehr bedurft, um sie auf dem einzigen freien Stuhl am Tisch Platz nehmen zu lassen.</p><p>�Ah, da sind Sie ja schon, meine Liebe!� Mrs Walsh stand auf. �Dann werde ich jetzt das Essen holen. Ich wei� ja nicht, wie es mit euch ist, aber ich f�r meinen Teil sterbe vor Hunger.�</p><p>W�hrend sie sich herumdrehte und in die K�che enteilte, registrierte Maistowe Basts Eintreten erst jetzt, mit einiger Versp�tung, und machte Anstalten, sich h�flich zu erheben. Aber Bast winkte hastig ab, und Maistowe war perplex - oder auch m�de - genug, um dieses Angebot anzunehmen und sich mitten in der Bewegung wieder zur�cksinken zu lassen.</p><p>�Ich bin froh, Sie unversehrt wiederzusehen, Bast�, begann er mit einem nerv�sen L�cheln und einem noch viel nerv�seren Blick, mit dem er sie von Kopf bis Fu� musterte. Fast schon ein bisschen �ngstlich. Seine Finger spielten nerv�s mit einem silbernen Zigarettenetui, aber Bast entdeckte weder einen Aschenbecher noch Streichh�lzer, und ihr feiner Geruchssinn verriet ihr auch, dass seit dem gestrigen Abend hier drinnen nicht mehr geraucht worden war. Anscheinend war es gestern wirklich die gro�e Ausnahme gewesen, und Bast nahm an, dass Mrs Walsh ihm den Kopf abrei�en w�rde, wenn er versuchte, aus diesem Sonderfall eine Regel zu machen.</p><p>�So schlimm war es nun auch wieder nicht�, sagte sie ausweichend. �Mrs Walsh hat vermutlich hoffnungslos �bertrieben.�</p><p>�Das habe ich geh�rt, meine Liebe�, hallte Mrs Walshs Stimme aus der K�che her�ber. Bast machte ein ertapptes Gesicht, und Cleopatra lie� ein Ger�usch h�ren, das sich fast wie ein sp�ttisches Lachen anh�rte.</p><p>Maistowe ging diskret �ber beides hinweg, nahm einen Zigarillo aus seinem Etui, drehte es ein paar Mal nerv�s in den Fingern und steckte es dann wieder zur�ck. Man h�tte nicht �ber ihre au�ergew�hnlichen F�higkeiten verf�gen m�ssen, um zu erkennen, dass ihm etwas auf der Seele brannte. Wahrscheinlich wollte er warten, bis Mrs Walsh zur�ck war, bevor er begann. Und da war noch etwas: Er sagte nichts mehr, aber sein Blick irrte vier- oder f�nfmal zur T�r, und dieselbe Bewegung unterdr�ckte er mindestens noch einmal doppelt so oft.</p><p>�Erwarten Sie jemanden, Kapit�n?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>�Um ehrlich zu sein, ja�, antwortete er verlegen. �Ich f�rchte nur, dass er nicht mehr kommt. Er ist schon mehr als eine Stunde �ber die Zeit, und normalerweise ist Abberline die P�nktlichkeit in Person.�</p><p>��ber eine ...�, begann Bast und brach dann erstaunt mitten im Satz ab, als ihr Blick auf die mannshohe Standuhr fiel.</p><p>Es war nach elf. Sie konnte sich nicht nur nicht erinnern, wie sie hierhergekommen war ... sie hatte mehr als zw�lf Stunden geschlafen? Aber das war doch unm�glich!</p><p>�Ich f�rchte, er wird nicht mehr kommen�, seufzte Maistowe. �Das ist wirklich bedauerlich, aber ich bin sicher, er hat einen guten Grund daf�r.�</p><p>Bast starrte immer noch die Uhr an. Sie f�hlte sich wie ins Gesicht geschlagen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal zw�lf Stunden ununterbrochen geschlafen hatte - oder ob �berhaupt jemals. Was bei Ra hatten Horus und Sobek mit ihr gemacht?</p><p>�Nun ja, er ... �hm ... wird seine guten Gr�nde haben�, sagte Maistowe noch einmal und r�usperte sich unecht. Anscheinend deutete er ihr beharrliches Schweigen vollkommen falsch, aber Bast war nicht in der Stimmung, dieses Missverst�ndnis aufzukl�ren. Zw�lf Stunden? Zw�lf Stunden!</p><p>�Darf ich Ihnen eine vielleicht etwas pers�nliche Frage stellen?�, fuhr Maistowe unbehaglich fort.</p><p>�Warum nicht?�, erwiderte Bast. �Solange Sie nicht erwarten, dass ich ehrlich antworte.�</p><p>Maistowe blieb ernst, aber Bast war auch nicht sicher, dass er ihre Worte �berhaupt geh�rt hatte. �Also, es geht mich nichts an, ich wei�, aber ich frage mich trotzdem seit gestern schon, warum Sie sich Ihr wundersch�nes Haar abgeschnitten haben.�</p><p>Bast sah ihn einfach nur stirnrunzelnd an, und hinter ihr sagte Mrs Walsh in tadelndem Tonfall: �Sie haben vollkommen recht, Jacob. Es geht Sie nichts an. Man fragt eine Dame nicht, warum sie ihr Aussehen ver�ndert hat. Man sagt allerh�chstens, dass es einem gef�llt.�</p><p>�Ob es die Wahrheit ist oder nicht�, pflichtete ihr Bast bei. Sie stand auf, um Mrs Walsh zu helfen, die mit einem hoch beladenen Tablett aus der K�che kam, aber genau wie gestern sch�ttelte Mrs Walsh nur den Kopf und scheuchte sie mit einem entsprechenden Blick aus dem Weg, um das Tablett ebenso schnell wie geschickt selbst abzur�umen. Der Duft, der aus den Terrinen und Sch�sseln aufstieg, lie� ihr abermals das Wasser im Mund zusammenlaufen, und dann - es war ihr ein wenig peinlich - h�rte sie, wie ihr Magen knurrte.</p><p>�Verzeihen Sie�, sagte sie rasch.</p><p>Maistowe tat so, als h�tte er nichts geh�rt, aber Mrs Walsh l�chelte nur fl�chtig. �Es ist doch keine Schande, hungrig zu sein�, sagte sie. �Vor allem nicht nach einem Tag wie diesem.� Sie wedelte mit der Hand. �Nun setzen Sie sich schon und greifen Sie zu.�</p><p>Bast gehorchte, zumindest was das Setzen anging, r�hrte ihr Besteck aber nicht an. �Wegen heute Morgen ...�, begann sie.</p><p>�... habe ich tats�chlich die eine oder andere Frage an Sie�, fiel ihr Mrs Walsh ins Wort, �das ist wahr. Aber nichts kann so wichtig sein, dass es nicht Zeit bis nach dem Essen h�tte. Ich bin jedenfalls sehr hungrig, und Sie wissen ja, was man sagt: Ein leerer Bauch studiert nicht gern.�</p><p>�Ich dachte immer, es hie�e genau andersherum�, schmunzelte Bast.</p><p>�Das ist eine L�ge, die die Studenten in die Welt gesetzt haben, um sich selbst etwas vorzumachen�, behauptete Mrs Walsh, w�hrend sie zuerst Maistowe und dann ihr eine gewaltige Portion Stew auftat.</p><p>Bast musste sich beherrschen, mit der angemessenen Ruhe nach ihrem Besteck zu greifen und nicht zu schlingen. Mit einem leisen Gef�hl von Erstaunen registrierte sie, dass sie tats�chlich hungrig war - rein k�rperlich hungrig -, und das war wirklich ungew�hnlich. Vielleicht versuchte irgendetwas in ihr, auf diese Weise einen anderen, viel dunkleren Hunger zu kompensieren, den sie im Moment nicht stillen konnte.</p><p>Genau wie am vergangenen Abend a�en sie schweigend, und genau wie am vergangenen Abend lehnte sich Maistowe anschlie�end mit einem durch und durch zufriedenen Seufzen zur�ck und zog sein Zigarettenetui hervor, lie� es aber fast hastig wieder verschwinden, als Mrs Walsh ihm einen Blick zuwarf, der vermutlich selbst Horus und Sobek mitsamt ihrem Drachen in die Flucht geschlagen h�tte. Aus der gleichen Bewegung heraus sah er wieder auf das Ziffernblatt der Standuhr, und Bast tat dasselbe. Es ging auf halb zw�lf zu.</p><p>�Anscheinend kommt Ihr Bekannter nicht mehr�, sagte sie.</p><p>�Ja, so sieht es aus�, antwortete Mrs Walsh an seiner Stelle.</p><p>�Das ist bedauerlich, zumal Inspektor Abberline im Grunde nur Ihretwegen herkommen wollte.�</p><p>Es dauerte fast eine Sekunde, aber dann machte es tats�chlich und h�rbar Klick hinter Basts Stirn. �<emphasis>Inspektor </emphasis>Abberline?�, fragte sie alarmiert.</p><p>Mrs Walsh hob bes�nftigend die Hand. �Keine Sorge, mein Kind�, sagte sie. �Es ist nicht so, wie Sie denken.�</p><p>�So?�, fragte Bast. �Was denke ich denn?�</p><p>Mrs Walsh �berging die Frage. �Ich habe Ihnen doch erz�hlt, dass Jacob �ber gute Verbindungen zu den Beh�rden verf�gt�, sagte sie, �und dass wir Ihnen helfen k�nnen, Ihre Verwandte zu finden. Inspektor Frederick Abberline ist der f�r Whitechapel zust�ndige Kriminalbeamte, und wie es der Zufall will, ist er auch ein guter Freund von Jacob. Wenn es au�erhalb von diesen ... Kreisen jemanden gibt, der etwas �ber Ihre ... Schwester wei�, dann er. Aus diesem Grunde hat Jacob ihn gebeten, hierherzukommen und mit Ihnen zu reden. Ganz inoffiziell�, f�gte sie hastig hinzu.</p><p>�Warum?�, fragte Bast. �Ich meine: Warum tun Sie das f�r mich?�</p><p>�Sie meinen, weil Sie eine Fremde f�r uns sind und wir eigentlich keinen Grund haben, uns um Sie zu sorgen, mein Kind?� Mrs Walsh schenkte ihr einen tadelnden Blick. �Gottlob denkt nicht jeder so. Und au�erdem�, f�gte sie mit einem diesmal eindeutig sp�ttischen Augenzwinkern hinzu, �bin ich neugierig. Eine durchaus weibliche Eigenschaft, nicht wahr?�</p><p>�Aber manchmal auch eine gef�hrliche�, antwortete Bast ernst.</p><p>�Aber ich bitte Sie�, erwiderte Mrs Walsh. �Was sollte mir schon passieren, mit jemandem wie Ihnen an meiner Seite?�</p><p>�Ich meine es ernst, Mrs Walsh�, sagte Bast ruhig. Sie warf einen raschen Seitenblick auf Maistowe und erkannte, dass es nicht notwendig war, ihre Worte mit Bedacht zu w�hlen. Mrs Walsh hatte ihm alles erz�hlt. Was hatte sie denn erwartet? �Ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie mir helfen wollen, aber ...�</p><p>�Geholfen haben, meine Liebe�, unterbrach sie Mrs Walsh. �Wahrscheinlich erinnern Sie sich nicht - so wenig wie ich verstehe, wie es uns �berhaupt m�glich war, das Museum zu verlassen -, aber Sie sind zusammengebrochen, kaum dass wir in der Droschke sa�en. Ich hatte meine liebe M�he, den Kutscher dazu zu �berreden, �berhaupt loszufahren.�</p><p>�Das tut mir leid�, sagte Bast ehrlich. �Ich wollte nicht, dass ...�</p><p>�... Sie mir etwas schuldig sind? Also, ich schon.� Mrs Walsh l�chelte fl�chtig, aber Maistowe wurde immer nerv�ser und begann unruhig in seinem Sessel hin und her zu rutschen, ohne dass er etwas gegen die Bewegung tun konnte. �Finden Sie nicht, dass Sie uns ein paar Erkl�rungen schulden?�, fuhr Mrs Walsh fort.</p><p>�Zum Beispiel?�</p><p>�Zum Beispiel �ber das, was heute Morgen geschehen ist�, antwortete Mrs Walsh. �Was ich gesehen habe.�</p><p>�Was haben Sie denn gesehen, Mrs Walsh?�, fragte Bast. Sie hob die Hand. �Nein, ich meine diese Frage ernst. Was man sieht, muss nicht unbedingt das sein, was wirklich ist.�</p><p>�Sie sprechen in R�tseln�, antwortete Mrs Walsh, leicht verstimmt. �Also gut, wenn Sie darauf bestehen, Spielchen zu spielen, dann muss ich mich wohl oder �bel ...�</p><p>�So ist es nicht, Mrs Walsh�, fiel ihr Bast ins Wort. �Ich kann mir gut vorstellen, wie Sie und Kapit�n Maistowe sich f�hlen, und ich k�nnte gut verstehen, wenn Sie jetzt ver�rgert oder auch zornig auf mich sind, aber ...�</p><p>�Das bin ich keineswegs�, fiel ihr nun Mrs Walsh ins Wort. �Ich bin ein wenig entt�uscht.�</p><p>�Weil ich Ihnen nicht vertraue�, vermutete Bast.</p><p>�Weil Sie mich f�r dumm zu halten scheinen�, versetzte Mrs Walsh, nun doch h�rbar ver�rgert, �und sich nicht einmal die M�he machen, es irgendwie zu verhehlen.�</p><p>Bast seufzte. �Bitte, Mrs Walsh! Ich kann Ihre Reaktion verstehen, und glauben Sie mir, es tut mir aufrichtig leid, dass es so kommen musste. All das heute Morgen ... Sie h�tten nichts davon sehen sollen.�</p><p>�Weil es gef�hrlich f�r mich sein k�nnte?�, fragte Mrs Walsh sp�ttisch.</p><p>�F�r Sie und den Kapit�n, ja�, antwortete sie ernsthaft. Maistowe fuhr bei diesen Worten sichtbar zusammen und sah pl�tzlich noch nerv�ser aus, aber Mrs Walsh lachte nur noch einmal, und diesmal klang es beinahe schon ver�chtlich.</p><p>�Wie kommt es nur, dass mich diese Antwort nicht �berrascht?�, fragte sie sp�ttisch. �Vielleicht, weil ich sie erwartet habe?�</p><p>�Das mag sein, aber es �ndert nichts daran, dass es die Wahrheit ist�, sagte Bast. �Heute Morgen habe ich Ihnen gesagt, dass ich mir eine andere Unterkunft suchen werde, und ich h�tte es besser sofort getan, statt mit Ihnen in dieses Museum zu gehen. Dann w�re Ihnen eine Menge erspart geblieben ... und mir auch.�</p><p>�Eine ziemlich unangenehme Begegnung zum Beispiel.�</p><p>�Und dieses Gespr�ch, ja�, best�tige Bast unger�hrt. So wie ihr und Maistowe die mindestens ebenso unangenehme Erfahrung, f�r den Rest ihres Lebens mit der Erinnerung an zwei komplette Tage herumzulaufen, an die sie sich eben nicht erinnerten. Bast fragte sich, warum sie es nicht gleich tat; Mrs Walsh und Maistowe zwang, ihr einfach zuzuh�ren, ihre Erinnerungen ausl�schte und ging. Es w�re m�glich. Sie hatte so etwas schon oft getan. Sehr oft. Fr�her war sie den komplizierten, aber auch eleganteren Weg gegangen und hatte die Erinnerungen ihrer Opfer nicht einfach nur ausgel�scht, sondern durch neue und unverf�ngliche ersetzt; Mrs Walsh und Kapit�n Maistowe beispielsweise h�tten sich sehr wohl an einen Gast erinnert, allerdings an einen Mann mit vielleicht heller Haut und eher unauff�lligem Aussehen, und auch nur insofern, dass an ihm rein gar nichts Au�ergew�hnliches gewesen war und sie eher froh gewesen waren, als er auszog. Aber irgendwann hatte sie begriffen, wie t�ckisch ein solches Vorgehen war. Falsche Erinnerungen waren wie vermeintlich harmlose Wege voller heimt�ckischer Fallgruben, in denen sich der arglose Wanderer hoffnungslos verstricken und manchmal auch verirren konnte. Sie konnte keine Erinnerungen an Dinge f�lschen, von denen sie nichts wusste. Menschen wurden von Bekannten und Nachbarn auf Begebenheiten und Gespr�che angesprochen, an die sie sich nicht mehr erinnerten, oder bezogen sich auf Vorf�lle, die es nie gegeben hatte. Sie hielten Dinge f�r erledigt, ohne sie getan zu haben, oder taten sie doppelt, und irgendwann begannen sie nerv�s zu werden und Nachforschungen anzustellen, die niemals zu einem Ergebnis f�hrten. Manche zerbrachen daran. Der menschliche Geist war ungeheuer belastbar und zu geradezu unvorstellbaren Leistungen f�hig, aber zugleich auch so zerbrechlich wie feinstes chinesisches Porzellan. Letzten Endes hatte sich die uneleganteste und direkteste Methode als am besten erwiesen: Sie l�schte die entsprechenden Erinnerungen aus und hinterlie� nichts als Leere, �ber die sie sich den Kopf zerbrechen konnten, bis sie schwarz waren. Brutal, aber effizient.</p><p>Bast setzte dazu an, genau das zu tun, und Mrs Walsh sagte: �Aber wir sind doch bereits in Gefahr, man Kind.�</p><p>Die unsichtbare Faust, die bereits zum Hieb ausgeholt hatte, verharrte mitten in der Bewegung. Bast blinzelte. �Wie?�</p><p>Mrs Walsh l�chelte. �Sie vergessen anscheinend, dass ich dabei war, mein Kind. Sie m�gen ja tapfer sein, und au�erordentlich stark, und ganz zweifellos verf�gen Sie noch �ber eine Menge anderer F�higkeiten, von denen ich nichts wei�, aber wenn Sie mir meine Offenheit verzeihen: Sonderlich klug scheinen Sie mir nicht zu sein.�</p><p>�Wie meinen Sie das?� Bast sp�rte selbst, dass ihr L�cheln ziemlich verungl�ckte.</p><p>�Nun, ich wei� nicht, welchen Streit Sie mit Professor Renouf haben, oder ob das �berhaupt sein richtiger Name ist, aber er hat mich gesehen. Sie haben ihm meinen Namen genannt. Wenn er tats�chlich so gef�hrlich ist, wie Sie anzunehmen scheinen, dann wird er meinen Aufenthaltsort rasch herausfinden und hierherkommen.�</p><p>�Nein, Mrs Walsh�, sagte Bast beruhigend. �Das wird er nicht. Daf�r habe ich gesorgt.�</p><p>Aber hatte sie das wirklich? Ganz pl�tzlich war da ein Gef�hl in ihr, das sie nur sehr selten versp�rte: Zweifel. Da war etwas, etwas, das sie - beunruhigend genug - vergessen hatte, und das wichtig war. Hing es mit Horus zusammen - oder mit Gloria Walsh?</p><p>�Wer sind Sie wirklich?�, fragte Mrs Walsh geradeheraus.</p><p>�Das habe ich Ihnen gesagt�, antwortete Bast.</p><p>�Ja, das haben Sie�, sagte Mrs Walsh. �Ich beginne mich allerdings zunehmend zu fragen, ob Sie nicht tats�chlich die Wahrheit gesagt haben, <emphasis>Bastet.</emphasis>�</p><p>�Ich f�rchte, ich ... verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen, Mrs Walsh�, sagte Bast steif �Sie <emphasis>sind </emphasis>Bastet, habe ich recht?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>Bast starrte sie viel zu lange und viel zu ersch�ttert an, um ihrer Antwort noch irgendeine Glaubw�rdigkeit zu verleihen. �Sie wissen selbst, wie sich das anh�rt, nicht wahr?�</p><p>Mrs Walsh schwieg, aber sie hielt ihrem Blick auch so unersch�tterlich stand, dass Bast sich ernsthaft zu fragen begann, ob es ihr �berhaupt m�glich sein w�rde, ihren Willen zu brechen, und Maistowe sagte: �Ich habe mich gestern Abend nicht geirrt, habe ich recht?�</p><p>�Womit?�</p><p>�Als Sie dem Kerl das Messer aus der Hand geschlagen haben, da war ich sicher, Sie h�tten sich dabei verletzt�, antwortete er. �Sp�ter war Ihre Hand unversehrt, aber als ich Sie darauf angesprochen habe, haben Sie behauptet, ich hatte mich wohl get�uscht.�</p><p>Bast fragte sich immer mehr, warum sie dieses Gespr�ch nicht einfach beendete - aber da war auch noch immer das verst�rende Gef�hl, etwas sehr Wichtiges vergessen zu haben. Sie schwieg beharrlich weiter.</p><p>�Und Ihr kleiner Zusammensto� mit Professor Renouf heute Morgen ist auch nicht ganz folgenlos geblieben, nicht wahr?�, f�gte Mrs Walsh hinzu. �Sie wurden verletzt. Vor meinen Augen.�</p><p>Daher also ihre so sonderbar betonten Worte vorhin, dachte Bast. Sie gestand sich ein, dass sie nicht nur Maistowe, sondern auch Mrs Walsh untersch�tzt hatte. Und sich selbst �bersch�tzt. Sie begann nachl�ssig zu werden, und sie begann Fehler zu machen; immer mehr und immer schlimmere Fehler.</p><p>�Sie haben recht�, sagte sie leise, hob aber auch sofort die Hand und zwang ein knappes L�cheln auf ihre Lippen. �Nicht mit dem, was Sie �ber meinen Namen gesagt haben. Aber Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich eine G�ttin bin. G�tter findet man heute nur noch im Museum. Aber ich - ich und die anderen -, wir sind auch keine Menschen wie der Kapit�n oder Sie.�</p><p>�Oder irgendjemand sonst hier in London�, stellte Mrs Walsh fest. �Und was genau sind Sie?�</p><p>Und dann wusste sie es. Horus kannte Mrs Walsh. Er kannte auch Maistowe, und er musste nur wie ein ganz normaler Mensch zwei und zwei zusammenz�hlen, um dieses Haus und damit auch Mrs Walsh zu finden. <emphasis>Deine grauhaarige Freundin, </emphasis>hatte er unten in der Kanalisation zu ihr gesagt. Wie hatte sie das nur vergessen k�nnen?</p><p>�Miss Bast?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>Bast fuhr leicht zusammen, als ihr klar wurde, dass sie sekundenlang einfach dagesessen und ins Leere gestarrt hatte.</p><p>�Oh ja, bitte entschuldigen Sie�, sagte sie hastig. �Wie schon gesagt, wir sind keine Menschen wie die meisten anderen. Und wir verf�gen �ber gewisse ... F�higkeiten.�</p><p>�Und welche w�ren das?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>Bast sah sie traurig an. Nun blieb ihr wirklich keine Wahl mehr. Sie w�rde Mrs Walsh und Kapit�n Maistowe jede Erinnerung an sie und alles, was mit ihr zusammenhing, nehmen. Aber nicht jetzt. Das w�rde nichts nutzen. Sie k�nnte aufstehen und gehen, und alles, woran sie sich erinnern w�rden, w�re ein Gef�hl sonderbarer Leere und verlorener Zeit, aber das w�rde sie nicht retten, denn Horus w�rde kommen. Und er w�rde sie t�ten, denn er war nie der sanftm�tige und verzeihende Gott gewesen, als den die Menschen ihn zu kennen glaubten. Sie musste hierbleiben, ob sie wollte oder nicht, und sie musste sie zumindest bis zu einem gewissen Punkt einweihen, wollte sie ihre Leben retten. Pl�tzlich war alles furchtbar kompliziert geworden.</p><p>Statt Mrs Walshs Frage zu beantworten, zeigte sie es ihr.</p><empty-line/><empty-line/><p>Sie selbst war in die K�che gegangen, um Tee aufzubr�hen, auf die Art ihrer Heimat, s�� und stark und so hei�, wie es gerade noch ging, ohne sich ernsthaft zu verbr�hen.</p><p>Sowohl Mrs Walsh als auch Maistowe hatten ihn getrunken, ohne zu protestieren, und Maistowe hatte sogar nach einer zweiten Tasse verlangt und sie kommentarlos heruntergest�rzt. Seine H�nde hatten noch immer gezittert, als er die geleerte Tasse auf den Unterteller zur�ckstellte, und h�tte es noch irgendeines Beweises daf�r bedurft, wie sehr sie das Gesehene erschreckt hatte, so w�re es wohl die Tatsache gewesen, dass Mrs Walsh keinerlei Einw�nde erhob, als er sich mit zitternden Fingern einen Zigarillo anz�ndete.</p><p>Und es war auch Mrs Walsh, die als Erste ihre Fassung wiederfand - nach guten f�nf Minuten, in denen sich Bast immer wieder vergebens fragte, ob sie nicht gerade einen weiteren und vielleicht sogar den bisher schwersten Fehler gemacht hatte.</p><p>�Das war ... wirklich beeindruckend�, sagte sie mit belegter Stimme. �Ich war richtig erschrocken. Dabei sollte ich es nicht sein, nicht wahr?� Sie versuchte zu l�cheln, brachte aber nur ein nerv�ses Verziehen der Lippen zustande. �So haben Sie es also bewerkstelligt, uns aus dem Museum herauszuholen, nicht wahr? Ich habe mich die ganze Zeit �ber gefragt, wie Sie es geschafft haben. Ich hatte schon fast angefangen, an Zauberei zu glauben.�</p><p>Sie lachte nerv�s, und auch Bast l�chelte zur�ck, zollte Mrs Walsh in Gedanken zugleich aber auch abermals Respekt. Diese grauhaarige Frau war offenbar h�rter im Nehmen, als es den Anschein hatte. Immerhin hatte sich Bast gerade vor ihren Augen in einen grauhaarigen, missmutig dreinblickenden Mann in der dunkelblauen Uniform eines Museumsw�chters verwandelt, dieselbe Gestalt, die sie auch angenommen hatte, um unter den Augen ihrer vermeintlichen Kollegen aus dem Museumsgeb�ude herauszuspazieren. So mancher w�re bei diesem Anblick schreiend zusammengebrochen. Maistowe machte �brigens ganz den Eindruck, als st�nde er kurz davor.</p><p>�Mit Zauberei hat das rein gar nichts zu tun�, antwortete sie, ebenso sanft wie unrichtig. �Wenn man es genau nimmt, dann ist es nicht viel mehr als ein Taschenspielertrick.�</p><p>�Sie nehmen mich auf den Arm�, antwortete Mrs Walsh.</p><p>�Vielleicht vereinfache ich es ein wenig�, r�umte Bast ein. �Aber eigentlich l�uft es genau darauf hinaus: Illusion.�</p><p>�Illusion?�, wiederholte Mrs Walsh zweifelnd ... aber vielleicht auch nicht nur zweifelnd. Da war noch etwas. Etwas, das sie immer noch nicht greifen konnte.</p><p>�Der Mensch sieht nur das, was er sehen will�, erkl�rte sie. �Die menschlichen Sinne sind sehr leicht zu t�uschen, wenn man wei�, wie es geht. Ich gebe zu, es ist ein bisschen mehr als das, was Sie vielleicht von einem Ihrer Jahrmarktszauberer geboten bekommen.�</p><p>�Oder in einem Variet�, f�gte Mrs Walsh hinzu.</p><p>�Oder in einem Variet�, best�tigte Bast, �u�erlich unger�hrt. �Aber im Prinzip ist es dasselbe. Nur dass wir es ... ein wenig besser k�nnen.�</p><p>�Wir?�, hakte Mrs Walsh nach.</p><p>�Die M�nner, die ... meine Freundin und mich verfolgen ...�, begann sie und verfluchte sich selbst f�r ihr pl�tzliches Ungeschick, auch nur die simpelsten Worte zu finden. �Die M�nner, vor denen ich Sie warnen muss�, fuhr sie unbeholfen fort, �beherrschen diese Kunst leider ebenso gut wie ich. Sehr wenig von dem, was Sie gesehen zu haben glauben, ist wirklich passiert.�</p><p>�Sie wollen behaupten, er h�tte Sie nicht mit einem Schwert angegriffen?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>�Nicht so, wie es ausgesehen hat�, behauptete Bast. �Ich wei�, es ist schwer zu glauben, aber gerade das ist es, was sie so gef�hrlich macht.�</p><p>�Sie haben nicht mit ihm gek�mpft?�, fragte Mrs Walsh, und sie klang kein bisschen �berzeugt.</p><p>�Nicht so, wie Sie es vielleicht gesehen haben�, antwortete Bast ausweichend. Sie konnte sp�ren, wie Maistowe sie anstarrte. Irgendwie konnte sie sein missbilligendes Stirnrunzeln beinahe h�ren. �Er war nicht einmal der Mann, f�r den Sie ihn gehalten haben - und ich auch, in diesem Moment. Oh, ich bin sicher, dass der Direktor der �gyptischen Abteilung des Britischen Museums Peter Renouf hei�t, und dass er auch ganz genau so aussieht, wie sie ihn gesehen haben, und dasselbe Gehabe hat und die gleichen Worte benutzt ...�</p><p>�Aber er war es nicht�, sagte Mrs Walsh. �Wollen Sie das damit sagen?�</p><p>Bast nickte. �Ja.�</p><p>Mrs Walsh sah sie immer noch unverwandt an. Sie wirkte ... entt�uscht. Nach einer kleinen Ewigkeit sagte sie: �Ich habe mir das also alles nur eingebildet?�</p><p>�Sie haben gesehen, was man Sie sehen lassen wollte�, antwortete Bast.</p><p>Mrs Walsh sah sie weiter an. Zehn Sekunden, dann zwanzig ... eine Minute. Sie wirkte entt�uscht. Schlie�lich seufzte sie tief und stemmte sich mit einer sehr m�hsam wirkenden Bewegung aus ihrem Sessel hoch.</p><p>�Warum l�gen Sie, mein Kind?�, fragte sie, ohne dass in ihren Worten auch nur die allermindeste Spur von Vorwurf zu h�ren war.</p><p>�L�gen?� Bast war verwirrt. Und alarmiert. Hier ging etwas vor, das sie nicht verstand, und das ihr beinahe Angst machte.</p><p>Mrs Walsh antwortete nicht darauf, sondern stand vollends auf und verschwand in einem der angrenzenden Zimmer, allerdings nur, um einen Augenblick sp�ter zur�ckzukommen, und auch das nicht mit leeren H�nden. Etwas wie eine unsichtbare eisige Hand ber�hrte Bast im Nacken, als sie erkannte, was sie �ber den Armen trug.</p><p>�Es war also alles nur Einbildung?�, fragte sie k�hl. �Sie meinen damit, dass es nur so etwas wie eine Illusion gewesen ist. Sie haben weder mit diesem vermeintlichen Renouf gek�mpft, noch hat er die Lampe nach Ihnen geworfen und Ihre Kleidung damit in Brand gesetzt.� Sie seufzte. Es klang entt�uscht und irgendwie traurig. �Dann nehme ich an, Ihr Kleid ist derselben Illusion erlegen und hat sich nur eingebildet, zu verbrennen?� Bast sagte gar nichts darauf, sondern starrte nur weiter die verkohlten Fetzen des Kleides an, das sie am Morgen getragen hatte. Auf den ersten Blick war kaum zu erkennen, wie sehr die Flammen dem schwarzen Kleidungsst�ck zugesetzt hatten, aber die zahllosen Schnitte und Risse waren ebenso wenig zu �bersehen wie das eingetrocknete Blut.</p><p>�Sie sollten uns wirklich nicht anl�gen, Bastet�, seufzte Mrs Walsh.</p><p>Bast sch�ttelte nur den Kopf. Mrs Walsh sah sie einen Moment lang an, dann warf sie das Kleid ohne viel Federlesens ins Feuer und nahm wieder Platz. Der Stoff fing mit einem einzigen Schlag Feuer und brannte mit einer so enormen Hitze, dass sie alle drei ein kleines St�ck vom Kamin wegr�ckten.</p><p>F�r eine ganze Weile waren das Prasseln der Flammen und das leise Zischen, mit dem der schwarze Stoff zu Asche zerfiel, die einzigen Laute, die zu h�ren waren.</p><p>�Ich verstehe�, sagte Mrs Walsh. �Sie wollen meine Frage nicht beantworten.�</p><p>�Das kann ich nicht, Mrs Walsh�, antwortete sie ernst. �Bitte glauben Sie mir - Sie wissen schon viel mehr, als Sie wissen d�rften. Aber ich verspreche Ihnen, dass weder Kapit�n Maistowe noch Ihnen etwas geschehen wird. Ich werde dieses Land verlassen, sobald ich getan habe, weshalb ich hergekommen bin.�</p><p>�Ihre Schwester zu finden�, vermutete Mrs Walsh.</p><p>�Um sie vor den M�nnern zu warnen, auf die wir heute Morgen getroffen sind, ja�, sagte Bast. �Sie ist in Gefahr. In noch weitaus gr��erer Gefahr, als ich bisher angenommen habe, f�rchte ich.�</p><p>�Die M�nner von heute Morgen ...�</p><p>�Sie sind viel mehr auf der Suche nach ihr als nach mir, f�rchte ich�, sagte Bast. �Ich muss sie finden. Und das m�glichst schnell.�</p><p>�Dann sollten wir Ihnen umso mehr dabei helfen�, sagte Maistowe. �Wenn es tats�chlich so ist, wie Sie sagen, und wir uns in Gefahr befinden, solange Sie bei uns sind.�</p><p>Bast musste gegen ihren Willen lachen. Maistowe war hartn�ckig, das musste sie ihm lassen. Dennoch sch�ttelte sie den Kopf. �Ich wei� Ihr Angebot zu sch�tzen. Kapit�n Maistowe�, sagte sie. �Aber ich f�rchte, dass ich es ausschlagen muss.�</p><p>�Weil ich Ihnen nur zur Last fallen w�rde�, vermutete Maistowe s�uerlich.</p><p>�Ich w�rde Sie nur in noch gr��ere Gefahr bringen�, sagte Bast sanft, �und das kann ich nicht verantworten.� Maistowe wollte etwas sagen, doch Bast sch�ttelte rasch den Kopf und fuhr mit leicht erhobener Stimme fort: �Gestern Abend w�ren Sie fast get�tet worden, und auch ich bin keineswegs unbesiegbar. Glauben Sie mir, es ist sicherer, wenn ich mich allein auf die Suche mache.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Maistowe. Er begann die Stelle an seinem Hinterkopf zu massieren, wo ihn gestern der Schlag getroffen hatte. �Und Sie m�ssten nicht nebenbei noch das Kinderm�dchen f�r mich spielen.�</p><p>�Jetzt stellen Sie sich nicht so mimosenhaft an, Jacob�, sagte Mrs Walsh sp�ttisch. �Ich nehme doch an, dass Sie nicht zum ersten Mal in Ihrem Leben verpr�gelt worden sind.�</p><p>�Das ist richtig�, seufzte Maistowe. �Aber es war das erste Mal, dass mich eine Frau gerettet hat. Gegen f�nf Kerle.�</p><p>�Was mich zu der Frage bringt, ob es wirklich klug ist, sich ganz allein mit f�nf Whitechapel-Schl�gern anzulegen�, versetzte Mrs Walsh spitz. Aber im n�chsten Moment wurde sie daf�r umso ernster und sah Bast stirnrunzelnd an. �Sie haben vollkommen recht, meine Liebe, und ich hoffe zumindest, dass der gute Jacob aus seinem gestrigen Fehler etwas gelernt hat. Aber Tatsache ist, dass Sie seine Hilfe brauchen werden.�</p><p>�Wieso?�</p><p>Mrs Walsh tauschte einen raschen Blick mit Maistowe, bevor sie antwortete. �Sie m�gen �ber eine Menge au�ergew�hnlicher F�higkeiten verf�gen, Bast, aber Sie kennen sich sicher nicht in Whitechapel aus.� Der Gedanke schien sie zu am�sieren.</p><p>�Was genau wollen Sie damit sagen?�, fragt Bast.</p><p>�Man redet bereits �ber Sie, mein Kind�, antwortete Mrs Walsh l�chelnd. Sie deutete auf Maistowe. �Jacob hat sich ein wenig umgeh�rt. Ich f�rchte, bisher hat er noch nichts �ber Ihre Freundin in Erfahrung bringen k�nnen ... aber daf�r umso mehr �ber Sie.�</p><p>�Was genau meinen Sie damit?�, fragte Bast. Als ob sie das nicht w�sste.</p><p>�Nicht diese f�nf Kerle, mit denen Sie zusammengesto�en sind, meine Liebe�, antwortete Mrs Walsh am�siert, w�hrend sie Bast mit einem neuerlichen, noch sp�ttischeren Blick ma�. �Man erz�hlt sich etwas von einem geheimnisvollen Fremden, der pl�tzlich aufgetaucht ist und die Kerle in die Flucht geschlagen haben soll. Sie w�rden niemals zugeben, dass eine Frau sie so zugerichtet hat ...� Sie wurde �bergangslos wieder ernst. �Aber man redet auch �ber Sie, meine Liebe.�</p><p>�Und ... was?�, fragte Bast z�gernd.</p><p>�Sie stellen Fragen, Bast�, antwortete Mrs Walsh. �Die Leute dort m�gen es nicht, wenn man Fragen stellt. Und Sie stellen viele Fragen, und Sie stellen sie den falschen Leuten.�</p><p>Bast sagte nichts dazu, aber sie gestand sich im Stillen ein, dass Mrs Walsh recht hatte. Sie war nie sonderlich gut in solchen Dingen gewesen, und sie hatte sich auch jetzt nicht gerade geschickt angestellt.</p><p>�Sie sollten Jacobs Angebot annehmen�, fuhr Mrs Walsh fort. �Auch wenn er es in meiner Anwesenheit niemals zugeben w�rde, so kennt er sich in diesem Viertel doch ziemlich gut aus, und er kennt eine Menge Leute.� Sie warf Maistowe einen so zuckers��en Blick zu, dass dieser hastig an seinem Zigarillo sog und eine dicke Rauchwolke paffte, hinter der sein Gesicht nahezu verschwand. �Er kann Ihnen helfen.�</p><p>Das Schlimme war, dachte Bast, dass sie vermutlich recht hatte. So, wie es aussah, w�rde sie Hilfe brauchen, und vermutlich waren Maistowe und Mrs Walsh sogar genau die Richtigen f�r diese Rolle. Aber statt ihr Angebot anzunehmen, sch�ttelte Bast nur abermals den Kopf, und ein Gef�hl von Trauer �berkam sie. Es w�re ihr Untergang. Nicht weil sie es wollte, oder weil Horus und Sobek au�ergew�hnlich grausam w�ren, sondern weil es immer so war. Im Krieg der G�tter wurden Menschen zermalmt, selbst wenn es gn�dige G�tter waren.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte sie sanft, �aber es geht nicht.�</p><p>�Ich glaube nicht, dass ...�, begann Mrs Walsh, und Bast fiel ihr eine Spur sch�rfer und mit leicht ver�nderter Betonung ins Wort:</p><p>�Ich sagte: Nein. Und bitte verzeihen Sie mir.�</p><p>�Was?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>�Das, was ich jetzt tun muss.� Sie lie� Mrs Walsh nicht einmal die Zeit, �ber diese Worte nachzudenken, sondern tat endlich das, was sie gleich h�tte tun sollen.</p><p>Vielleicht f�r die Dauer eines halben Atemzuges erschien so etwas wie Schrecken in Mrs Walshs Augen, dann wurden sie leer. �Vergessen Sie alles, Gloria�, sagte Bast sanft. �Und Sie ebenfalls, Jacob. Vergessen Sie dieses Gespr�ch, ebenso wie�, sie deutete auf den Kamin und das schon nahezu vollkommen verbrannte Kleid, �das da. Vergessen Sie alles, was Sie heute Abend gesehen haben. Vergessen Sie, was ich Ihnen �ber mich und meinesgleichen erz�hlt habe. Und tun Sie diese Nacht nichts anderes als das, was Sie immer tun - oder immer schon tun wollten. Und jetzt wachen Sie auf!�</p><p>Mrs Wash sch�ttelte irritiert den Kopf und sah sie aus nun wachen, aber verst�ndnislosen Augen an. Sie warf einen Blick auf Maistowe, der in seinem Sessel sa�, als w�re er nur kurz eingenickt und h�tte M�he, wieder zu sich zu kommen.</p><p>�Ich ... ich glaube, Sie sollten zu Bett gehen, Jacob�, sagte sie, nahm ihm mit einem missbilligenden Stirnrunzeln den Zigarillo aus der Hand und schnippte ihn in die Flammen. �Wir alle sollten zu Bett gehen. Ich r�ume das hier weg.�</p><p>Genau das tat sie, nahm das benutzte Geschirr, stapelte es zusammen und trug es in die K�che.</p><p>Bast �berlegte einen Augenblick lang, ob sie ihr vielleicht helfen sollte, entschied sich dann aber doch dagegen. Besser, alles so zu lassen, wie es immer war - das Absp�len und Entsorgen der Reste sollte sie doch lieber Mrs Walsh �berlassen. Sie g�hnte und streckte sich katzenhaft.</p><p>�Gute Nacht�, sagte sie zu niemandem Bestimmten, bevor sie sich daranmachte, die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufzusteigen.</p><p>�Gute Nacht�, h�rte sie Maistowe noch sagen. �Schlafen Sie gut.�</p><p>Aber an Schlaf war nicht zu denken. Zu viel war heute geschehen, und viel von dem Geschehenen hatte sie noch nicht verarbeitet. Sie legte sich angekleidet auf ihr Bett und starrte gegen die Decke. Irgendwie hatte sie das Gef�hl, nach den Ereignissen des heutigen Tages mit mehr Gl�ck als Verstand noch einmal davongekommen zu sein. Sie begann Fehler zu machen, und das st�rte sie am meisten, Fehler, die ihr fr�her nicht unterlaufen w�ren, und sie hatte ihre verbliebenen Kr�fte dazu einsetzen m�ssen, diese Fehler auszub�geln, anstatt dazu, bei dem, weshalb sie �berhaupt hierhergekommen war, irgendwelche Fortschritte zu erzielen.</p><p>Sie lauschte mit ihren Sinnen in die Stille des Hauses hinein. Mrs Walsh hatte aufgeh�rt, in der K�che zu werkeln, und sie konnte sie �berhaupt nicht mehr sp�ren, als w�re sie gar nicht im Haus. Vielleicht schlief sie wirklich den Schlaf der Gerechten. Maistowe dagegen h�rte sie in seinem Zimmer rumoren; er schien einen unregelm��igen Schlaf zu haben, denn hin und wieder quietschten seine Bettfedern.</p><p>Schlie�lich hielt sie es nicht l�nger aus. Sie brauchte Antworten, und morgen mochte es bereits zu sp�t sein. Sie stand auf, nahm ihren Mantel vom Haken, und nur einen Augenblick sp�ter �ffnete sie das Fenster, schl�pfte hinaus und verschwand so lautlos wie ein Schatten in der Nacht.</p><empty-line/><empty-line/><p>Mitternacht war l�ngst vor�ber, es musste auf eins zugehen, als sie Whitechapel erreichte. Sie hatte sich nicht sonderlich beeilt und zu allem �berfluss unterwegs auch noch zwei- oder dreimal die falsche Abzweigung genommen - irgendwie sahen die Stra�en hier alle gleich aus, und gestern Nacht war sie einfach zu aufgeregt gewesen, um auf den Weg zu achten -, und sie erlebte eine weitere �berraschung, kurz bevor sie die Stra�e erreichte, in der das <emphasis>Ten Bells </emphasis>lag: In einem Land, in dem die Gasth�user und Pubs um zehn schlossen, hatte sie erwartet, das Viertel still und schlafend vorzufinden, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Schon von Weitem sah sie Licht - den flackernden roten Schein von Fackeln, aber auch das ruhigere gelbe Licht von Petroleumlampen und die unruhig umhersuchenden bleichen Finger der Karbidlaternen, mit denen die Londoner Bobbys ausger�stet waren - und h�rte Stimmen, und noch bevor sie in die Stra�e einbog, roch sie Blut.</p><p>F�r einen Moment hielt sie inne, schloss die Augen und lie� all ihre Sinne aufmerksam umhertasten. Da waren Furcht und Erregung, Sensationslust und pure Neugier und Angst und Zorn, alles was sie von der Menschenmenge erwartet hatte, die ganz offensichtlich hinter der n�chsten Stra�enbiegung zusammengelaufen war, aber auch noch mehr. Der Geruch nach Blut - menschlichem Blut - war st�rker geworden, und darunter ersp�rte sie nun noch etwas, das allen anderen hier verborgen bleiben musste: den Geruch von Gewalt und Angst und Tod - und gro�er Furcht. Nichts von alledem war den Menschen in diesem Viertel fremd. Gewalt und Angst und auch der Tod geh�rten zu ihrem Leben wie die t�glichen Mahlzeiten und die allabendlichen Alkoholexzesse und die k�ufliche Liebe. Aber das hier war ... anders.</p><p>Etwas regte sich, tief in ihr. Bast lauschte einen Moment in sich hinein und dachte einen noch k�rzeren Moment ganz ernsthaft daran, kehrtzumachen und in die Pension zur�ckzukehren oder doch zumindest diese Stra�e und die Menschenansammlung hinter der n�chsten Biegung zu meiden. Die N�he so vieler Menschen mit ihrer Furcht und Gier und vor allem der intensive Blutgeruch begannen das Ungeheuer bereits wieder aus seinem Schlummer zu erwecken. Es regte sich, es begann zu erwachen, und Bast war ganz und gar nicht sicher, dass es ihr noch ein weiteres Mal gelingen w�rde, es wieder in seinen K�fig zu sperren.</p><p>Oder ob sie das �berhaupt wollte.</p><p>Statt auf ihre innere Stimme zu h�ren, straffte sie die Schultern, ging weiter und bog mit festen Schritten in die Stra�e ein, an deren anderen Ende das <emphasis>Ten Bells </emphasis>lag; und ein St�ck davor Maudes modernes Sklavenhaus. Sie war ein wenig �berrascht - ohne es zu merken, hatte sie offensichtlich einen gro�en Bogen geschlagen und kam nun aus der entgegengesetzten Richtung, was eine Menge �ber ihren Orientierungssinn und damit �ber ihren Allgemeinzustand aussagte, aber der Gedanke entglitt ihr auch fast augenblicklich wieder, als sie die Menschenmenge sah, die nur ein paar Schritte vor ihr auf der rechten Stra�enseite zusammengelaufen war. Der gr��te Teil davon bestand aus demselben Publikum, das sie schon aus der vergangenen Nacht kannte, M�nner und Frauen, die hier wohnten oder arbeiteten oder auch anderen, zweifelhaften Besch�ftigungen nachgingen, und es schienen auch etliche �brig gebliebene Zecher darunter zu sein, obwohl die Kneipen schon seit Stunden geschlossen hatten, und sicher auch der eine oder andere Neugierige, den der Aufruhr hergetrieben hatte. Mit alledem hatte sie gerechnet - aber sie sah auch eine �berraschend gro�e Anzahl uniformierter Polizisten - mindestens ein Dutzend - und gleich vier oder f�nf Droschken, von denen zwei quer zur Fahrbahn abgestellt worden waren, dass ein Durchkommen so gut wie unm�glich war; jedenfalls nicht, ohne von einem der Bobbys bemerkt zu werden, die die Stra�e und jeden, der kam oder ging, im Auge behielten.</p><p>Aus ihrem unguten Gef�hl wurde Gewissheit. Was immer hier passiert war, schien weit �ber das normale Ma� an Gewaltt�tigkeiten und Mord hinauszugehen, an das die Menschen hier gew�hnt waren. Sie sp�rte Neugier und Sensationslust und genau jene erleichterte Schadenfreude, die sie erwartet hatte, aber da waren auch Furcht und ein tief sitzendes, nagendes Erschrecken, das beinahe jedermann hier ergriffen hatte. Nahrung f�r ihre dunkle Schwester.</p><p>Da es zu sp�t war, um umzukehren, ohne damit noch mehr Aufsehen zu erregen, ignorierte sie den bohrenden Blick des ihr am n�chsten stehenden Bobbys und steuerte die schmale L�cke zwischen den beiden quer gestellten Droschken an, w�hrend sie zugleich versuchte, einen Blick �ber die K�pfe der Gaffer hinweg zu erhaschen. Allzu viel konnte sie nicht erkennen; gerade, dass ein ausgestreckter regloser K�rper auf dem Boden lag, und dass es offensichtlich eine Frau war. Aber der Blutgeruch wurde f�r einen Moment so stark, dass sie es kaum noch ertrug. Wenn sie nicht bald Nahrung fand, w�rde das Ungeheuer schlichtweg seine Ketten zerrei�en und sie �berw�ltigen.</p><p>�Sir?�</p><p>Bast war so in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie fast gegen den Bobby geprallt w�re, der ihr unversehens den Weg vertrat. Erschrocken prallte sie einen halben Schritt zur�ck, und ihr Gegen�ber wirkte f�r den Moment mindestens ebenso verwirrt wie sie, denn er blinzelte ein paar Mal und schien im allerersten Moment nicht zu wissen, was er sagen sollte.</p><p>�Ahm ... Misses?�</p><p>�Miss�, verbesserte ihn Bast und fing sich wieder. �Was kann ich f�r Sie tun, Konstabler?�</p><p>�Miss, gut.� Der Mann schien sich endlich daran zu erinnern, was f�r eine Uniform er trug, und straffte nicht nur die Schultern, sondern bem�hte sich auch, einen m�glichst offiziellen Ausdruck auf sein Gesicht zu zwingen, wenn auch mit m��igem Erfolg.</p><p>Wahrscheinlich war es nur ihr ungew�hnliches �u�eres, das ihn irritierte, denn Bast sp�rte auch, dass er im Grunde seines Herzens ein gutm�tiger Mensch war und weder hierher noch in diese Uniform geh�rte. Aber er nahm seine Pflicht ernst. Ihr Anblick verwirrte ihn nach wie vor, doch er unterdr�ckte seine Furcht und sagte: �Darf ich Sie nach Ihrem Namen und dem Grund Ihres Hierseins fragen, Ma'am?�</p><p>�Warum?�, erkundigte sich Bast.</p><p>�Es ist ein Verbrechen geschehen, Ma'am�, antwortete er ruhig, aber auch in sehr entschiedenem Tonfall. �Wir haben Anweisung, die Personalien eines jeden aufzunehmen, der sich im Moment hier aufh�lt. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen damit Umst�nde bereite, aber Sie tragen damit vielleicht zur Aufkl�rung eines Verbrechens bei.�</p><p>�Was f�r ein Verbrechen?�, erkundigte sie sich. Sie sah erneut zu der Menge der Gaffer hin, konnte aber auch jetzt kaum etwas erkennen.</p><p>�Ein Mord, Ma'am�, antwortete der Konstabler. �Eine Stra�endirne wurde ermordet.�</p><p>Das Wort war nicht abwertend gemeint gewesen, oder gar �berheblich. Es war eine blo�e Feststellung.</p><p>�Wenn ich Sie also um Ihre Legitimation bitten d�rfte? Sie wissen doch hoffentlich, dass Sie als ausl�ndischer Staatsb�rger verpflichtet sind, Ihre Papiere st�ndig bei sich zu tragen?�</p><p>Bast hatte das nicht gewusst, aber es �berraschte sie auch nicht sonderlich. Das Problem war eher, dass sie keine Papiere hatte, weder bei sich, noch in der Pension. Sie besa� keine.</p><p>�Und ... wenn ich sie nun leider Gottes nicht bei mir h�tte?�, fragte sie mit dem unschuldigsten Augenaufschlag, den sie zustande brachte.</p><p>Und der leider nicht besonders viel nutzte. �In diesem Fall m�sste ich Sie bitten, uns zur Wache zu begleiten, um Ihre Identit�t festzustellen, Ma'am�, antwortete der Polizist. �Nat�rlich handelt es sich nur um eine Formalit�t, aber ich habe meine Befehle.� Er klang aufrichtig bedauernd, aber zugleich auch nicht so, als w�rde er auch nur einen Zoll von seiner Position abweichen. Und damit hatte sie ein Problem. Anders als seinen Kollegen gestern konnte sie ihn nicht einfach zwingen, zu vergessen, dass er sie �berhaupt gesehen hatte. Es waren einfach zu viele Zeugen da, die sie unm�glich alle unter ihren Einfluss bringen konnte.</p><p>Aber sie konnte etwas anderes tun.</p><p>Bast �ffnete ihren Beutel und suchte nach irgendetwas, was sie ihm hinhalten und wovon er sp�ter Stein und Bein schw�ren w�rde, dass es sich um ein in einer ihm vollkommen fremden Sprache abgefasstes Ausweisdokument gehandelt h�tte, und hinter ihr sagte eine Stimme: �Gibt es ein Problem, Konstabler?�</p><p>Der Bobby legte �rgerlich die Stirn in Falten, und Bast drehte sich mit einem Ruck herum und erstarrte.</p><p>�Kapit�n Maistowe! Aber ... aber was ... tun Sie denn hier?�</p><p>Er konnte gar nicht hier sein! Das war unm�glich!</p><p>�Ihnen helfen, meine Liebe�, antwortete Maistowe l�chelnd. �Und wie es aussieht, scheint das ja wohl auch vonn�ten zu sein.� Sein L�cheln erlosch, als er sich wieder an den Streifenbeamten wandte. �Wo ist das Problem, Konstabler ...�</p><p>�Stowe�, antwortete der Bobby. �Und es gibt kein Problem, Sir. Ich tue lediglich meine Pflicht. Wenn Sie sich also einen Moment gedulden w�rden ... und vielleicht schon einmal Ihre Papiere bereithalten.�</p><p>Maistowe sah nicht unbedingt so aus, als w�re es sonderlich gut um seine Geduld bestellt, aber er widersprach nicht, sondern ma� den Konstabler nur mit einem ebenso k�hlen wie absch�tzenden Blick, bevor er sich auf dem Absatz herumdrehte und mit schnellen Schritten auf die Menge der Schaulustigen zuging. Der Streifenbeamte sah ihm mit gerunzelter Stirn nach, w�hrend Bast sich immer noch wie vor den Kopf geschlagen f�hlte. Wieso war Maistowe hier? Er konnte nicht hier sein! Es war vollkommen unm�glich! Sie hatte ihm befohlen, ins Bett zu gehen und das gesamte Gespr�ch zu vergessen!</p><p>�Ma'am�, sagte der Konstabler. �Haben Sie nun Ihre Papiere oder nicht?�</p><p>�Ich ... �hm ... sofort.� Bast kramte weiter in ihrem Beutel, zog das Erstbeste hervor, was ihr in die Finger fiel - es war das entwertete Billet vom Vormittag -, und reichte es ihm. Der Mann warf einen raschen Blick darauf und runzelte die Stirn noch tiefer.</p><p>�Das ist eine Eintrittskarte f�r das Britische Museum, Ma'am�, sagte er.</p><p>�Nein, das ist es nicht�, antwortete Bast. Was ... geschah hier?</p><p>�Ich f�rchte, doch�, erwiderte er, pl�tzlich in h�rbar k�hlerem Ton. �Und ich f�rchte, ich muss Sie jetzt wirklich ...�</p><p>�Was gibt es denn hier, Konstabler Stowe?�</p><p>Bast fuhr zum zweiten Mal binnen weniger Augenblicke erschrocken herum und blickte ins Gesicht eines vielleicht vierzigj�hrigen, schlanken Mannes in Anzug und Pelerine, der in Maistowes Begleitung zur�ckgekommen war. Er machte einen durchaus gutm�tigen Eindruck, wirkte zugleich aber zumindest im Moment gereizt und ungeduldig.</p><p>�Inspektor.� Der Bobby ber�hrte seinen Helm mit den Fingerspitzen. �Diese Lady hier ...�</p><p>�Ist mir bekannt�, unterbrach ihn der Neuank�mmling. �Das geht in Ordnung. Sie k�nnen weitermachen, Konstabler. Gute Arbeit.�</p><p>Der Konstabler widersprach zwar nicht, aber er sah mit einem Male ziemlich ungl�cklich aus, und einen weiteren Moment lang blickte er noch ungl�cklicher auf die Eintrittskarte hinunter, von der Bast vergeblich versucht hatte, ihm weiszumachen, es w�re ihr Pass. Der Blick des Inspektors folgte der Bewegung, dann nahm er ihm das Billett aus der Hand und betrachtete es stirnrunzelnd.</p><p>�Geh�rt das Ihnen, Ma'am?�, fragte er.</p><p>Bast nahm ihm die Karte ab und lie� sie in ihrem Beutel verschwinden. �Ja.�</p><p>�Sie waren im Museum, gn�dige Frau?�</p><p>Die Art, auf die er diese Frage stellte, gefiel Bast nicht. Sie versuchte zu ergr�nden, warum das so war, aber es gelang ihr nicht.</p><p>�Das Museum�, mischte sich Maistowe ein, �ist ein h�chst interessanter Ort - vor allem f�r jemanden, der zum ersten Mal in London ist.� Er deutete mit �bertriebener Gestik zuerst auf Bast, dann auf den Dunkelhaarigen. �Das ist Miss Bast, eine gute Freundin. Bast - Inspektor Abberline. Ich habe von ihr erz�hlt.�</p><p>�Es freut mich, Sie kennen zu lernen�, sagte Abberline.</p><p>�Ganz meinerseits�, erwiderte Bast. Sie hatte das Gef�hl, allm�hlich den Boden unter den F��en zu verlieren. Was geschah mit ihr?</p><p>�Sie waren also im Museum, Miss Bast�, fuhr Abberline fort. �Nun, ich hoffe, es hat Ihnen gefallen. Darf ich fragen, wann Sie dort gewesen sind?�</p><p>�Heute Nachmittag�, antwortete Maistowe, rasch und noch bevor sie es tun konnte. Bast konnte gerade noch den Impuls unterdr�cken, ihm einen �berraschten Blick zuzuwerfen. �Der Genuss wurde nur ein wenig gest�rt, weil dort eine ziemliche Aufregung geherrscht hat. Sie wissen nicht zuf�llig, was dort vorgefallen ist?�</p><p>Abberline starrte sie weitere endlose Sekunden lang durchdringend an, aber dann l�chelte er pl�tzlich. Zugleich sah er allerdings wieder sehr ungeduldig aus. �Nein, leider nicht�, antwortete er. �Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, Jacob. So gerne ich noch ein wenig mit Ihnen und Ihrer reizenden Begleitung reden w�rde, ist meine Zeit im Moment doch knapp, f�rchte ich.�</p><p>�Ein weiterer Mord?�, vermutete Maistowe.</p><p>Abberline nickte, und Maistowe f�gte in nun eindeutig besorgtem Ton hinzu: �War er es wieder?�</p><p>�Das kann ich noch nicht sagen�, antwortete Abberline. �Ihr wurde die Kehle durchgeschnitten und sonst nichts, was auf den ersten Blick dagegenspricht, aber ich kann noch nichts Genaues sagen. Vielleicht morgen, wenn ...�, ein Schatten huschte �ber sein Gesicht, �... die Post durch ist.�</p><p>�Schlimme Sache�, best�tigte Maistowe.</p><p>�Ja.� Abberline seufzte. �Und nun entschuldigen Sie mich bitte, Kapit�n. Wenn es meine Zeit erlaubt, besuche ich Sie vielleicht morgen, um mit Ihnen zu reden: Sie wohnen wieder in der <emphasis>Pension Westminster, </emphasis>nehme ich an?�</p><p>�Wie �blich�, best�tigte Maistowe.</p><p>�Dann nehmen Sie noch einen guten Rat von mir an und gehen Sie dorthin zur�ck, zusammen mit Ihrer Begleitung�, sagte Abberline. �Das hier ist im Moment keine gute Gegend f�r eine Frau. Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Die Pflicht ruft. Miss Bast.�</p><p>Er drehte sich um und ging, und Maistowe blickte ihm kopfsch�ttelnd nach. �Nicht nur jetzt, f�rchte ich�, murmelte er, allerdings mehr an sich selbst gewandt als an Bast.</p><p>Ein greller, von einem zischenden Laut begleiteter Blitz loderte hinter ihnen auf, und Bast fuhr auf dem Absatz herum, duckte sich und hob abwehrend die H�nde vor die Brust. Aber nichts war geschehen. Abgesehen von einem sonderbar unangenehmen Geruch, der mit einem Mal in der Luft lag, hatte sich das Bild nicht ver�ndert.</p><p>�Miss Bast, was haben Sie?�, fragte Maistowe. �Das war nur ein Blitzlicht! Der Photograph, sehen Sie?�</p><p>Basts Blick folgte seiner deutenden Geste. Gleich neben Abberline und den drei oder vier Constablern, die neben ihm standen und allesamt ein bisschen hilflos aussahen, stand ein kleinw�chsiger Mann mit Schnauzbart, der einen w�rfelf�rmigen Holzkasten auf einem metallenen Dreibein vor sich aufgebaut hatte. In seiner Vorderseite war eine gl�serne Linse in einem Messingring angebracht, und in der rechten Hand hielt er einen Stab mit einem T-St�ck aus Eisen an seinem oberen Ende, von dem bei�ender Rauch aufstieg.</p><p>�Photograph?�, wiederholte sie fragend.</p><p>�Eigentlich arbeiten sie f�r die Zeitung�, best�tigte Maistowe, �aber Abberline hat eine private Vereinbarung mit einigen von ihnen. Er l�sst ihnen dann und wann ein paar Informationen zukommen, und sie machen daf�r Photographien von Tatorten f�r ihn. Er ist ein ... sehr moderner Polizeibeamter. Er glaubt, dass ihm diese Bilder helfen, den T�ter zu �berf�hren.� Er lachte gutm�tig. �Ich pers�nlich kann mir nicht vorstellen, wie eine Photographie dabei helfen sollte, einen Mord aufzukl�ren, aber das �ndert nichts daran, dass ich Abberline f�r einen sehr f�higen Polizisten halte. Wenn jemand diesen Kerl erwischen kann, dann er.�</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>Bevor Maistowe antwortete, ergriff er sie mit einer freundschaftlichen Bewegung an der Schulter und zog sie mit sich, w�hrend er weiterging. �Das ist eine h�ssliche Geschichte�, sagte er. �Jemand t�tet Frauen, hier in Whitechapel. Nicht, dass das etwas Besonderes w�re ... ich muss leider sagen, dass ein Menschenleben in dieser Gegend nicht besonders viel wert ist. Aber dieser Irre ...�</p><p>�Er�, sagte Bast. Maistowe warf ihr einen fragenden Blick zu, und Bast sagte: �Sie haben Abberline gerade gefragt, ob er es war.�</p><p>�Er�, best�tigte Maistowe. �Er t�tet nur Dirnen. Frauen, die ihren K�rper f�r Geld feilbieten. Und er t�tet sie nicht nur auf besonders grausame Weise, sondern br�stet sich mit seinen Morden. Er schreibt Briefe an die Zeitungen, und er schreibt auch Briefe an die Polizei, um sie zu verspotten. Abberline ist nicht besonders gl�cklich dar�ber. Aber er wird ihn kriegen. Abberline ist wirklich gut.�</p><p>Sie hatten sich ein gutes Dutzend Schritte entfernt und blieben jetzt wieder stehen. Bast sah zur�ck und hatte f�r einen winzigen Moment das Gef�hl, ein bekanntes Gesicht zu sehen ... Aber als sie genauer hinsah, war dort nichts.</p><p>Daf�r hatte sie erneut das Gef�hl, die ganze Welt w�rde sich um sie drehen. Es verging so schnell wie beim ersten Mal.</p><p>Maistowe hatte von alledem nichts mitbekommen und plapperte fr�hlich weiter. �In einem Punkt hat Abberline allerdings recht: Whitechapel ist kein guter Platz f�r eine Frau, und jetzt vielleicht noch weniger als sonst. Sie sollten nicht hier sein. Schon gar nicht allein und nachts.�</p><p>�Ich kann auf mich aufpassen�, versicherte Bast.</p><p>�Das wei� ich�, antwortete Maistowe hastig und mit einem fast verlegenen L�cheln. �Ich meine: Wer w�sste es besser als ich? Aber es ist m�glicherweise selbst f�r Sie nicht ungef�hrlich. Die Kerle, die Sie gestern Nacht �berfallen haben, sind immer noch hier. Und sie haben Freunde.�</p><p>Bast sah ihn einen Moment lang absch�tzend an, aber dann musste sie fast gegen ihren Willen l�cheln. �Sie meinen das ernst, nicht wahr?�</p><p>�Nat�rlich.� Die Frage schien Maistowe zu verwirren.</p><p>�Und warum?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Warum tun Sie das?�, fragte sie. �Gestern Abend w�ren Sie fast get�tet werden, und jetzt bel�gen Sie einen Mann, den Sie als Ihren Freund bezeichnen, um mich zu sch�tzen. Warum tun Sie das?�</p><p>�Sie waren Passagier auf meinem Schiff�, antwortete Maistowe ernsthaft. �Und ich war es, der Sie in Mrs Walshs Pension geschickt hat.� Er hob die Schultern. �Ich f�hle mich f�r Sie verantwortlich.�</p><p>�Und sonst interessiert Sie nichts an mir?�, fragte sie l�chelnd.</p><p>Maistowe wirkte pl�tzlich noch verlegener und sah pl�tzlich �berall hin, nur nicht in ihre Richtung.</p><p>�Sind Sie denn sicher, dass Sie der Richtigen helfen?�, fuhr sie sp�ttisch fort. �Sie wissen nichts �ber mich, Kapit�n. Ich k�nnte eine der B�sen sein.�</p><p>�Sie?� Maistowe sch�ttelte heftig den Kopf �Niemals. Obwohl ... eine Frage h�tte ich schon, wenn Sie gestatten.�</p><p>�Und welche?�</p><p>�Warum sind Sie aus dem Fenster gestiegen, statt die T�r zu benutzen?�</p><p>Das konnte er gar nicht wissen, dachte Bast. Das durfte er gar nicht wissen. Er h�tte tief und fest schlafen m�ssen und sich an rein gar nichts erinnern d�rfen! �In meiner Heimat haben die H�user keine T�ren�, antwortete sie. �Wir steigen immer aus den Fenstern. Hier ist das anders, ich wei�, aber Sie wissen ja, wie schwer man alte Angewohnheiten wieder loswird.�</p><p>Maistowe sah f�r einen Moment so hilflos aus, dass er ihr beinahe leidtat, und sie f�gte kopfsch�ttelnd und mit einem Lachen hinzu: �Nein, das war nat�rlich ein Scherz. Die Wahrheit ist, dass ich Mrs Walsh und Sie nicht wecken wollte. Ich war nicht sicher, ob Sie schon schlafen, aber daf�r umso sicherer, dass Sie sich Sorgen machen w�rden, wenn Sie h�ren, dass ich noch einmal weggehe.�</p><p>�Womit Sie vollkommen recht haben�, best�tigte Maistowe. �Warum nehmen Sie meine Hilfe nicht an, Bast? Ich wei�, dass ich Ihnen in vielerlei Hinsicht eher l�stig als von Nutzen bin, aber glauben Sie mir, ich kenne mich hier einigerma�en aus, und ich kann Ihnen sicher helfen, Ihre Schwester zu finden.�</p><p>Bast resignierte. Er hatte ja recht. �Und was genau schlagen Sie vor?�, fragte sie.</p><p>�Es gibt jemanden, der vielleicht wissen k�nnte, wo sie sich aufh�lt. Und wie es der Zufall will, ist er mir noch einen Gefallen schuldig.�</p><p>�Wie es der Zufall will.�</p><p>�In der Tat.� Maistowe hob die Schultern und ging langsam weiter. �Ich bin allerdings nicht sicher, ob es nicht bereits zu sp�t ist. Selbst hier haben die meisten Lokale inzwischen geschlossen, und ...� Er unterbrach sich, wusste f�r einen kurzen Moment anscheinend nicht wohin mit seinem Blick und deutete dann zur�ck in die Richtung, aus der sie gerade erst gekommen waren. �Vielleicht w�re es besser, wenn Sie hier warten, w�hrend ich mit meinem ... �hm ... Kontaktmann rede�, sagte er z�gernd. �Ich bin sicher, dass Inspektor Abberline sich Ihrer annehmen wird.�</p><p>Bast verzichtete darauf, �berhaupt etwas dazu zu sagen; zum Beispiel, dass Abberline im Moment ganz gewiss Besseres zu tun hatte, als das Kinderm�dchen f�r sie zu spielen. Er w�rde sie zum Teufel jagen.</p><p>Statt auch nur irgendetwas zu sagen, ging sie einfach weiter. Maistowe setzte zu einem schwachen Protest an, seufzte aber dann nur resignierend und machte ein paar rasche Schritte, um wieder zu ihr aufzuschlie�en.</p><p>Angesichts der fortgeschrittenen Stunde brannte noch in erstaunlich vielen H�usern Licht; selbst aus dem <emphasis>Ten Bells </emphasis>am anderen Ende der Stra�e drangen noch ged�mpfte Stimmen und Gel�chter und das Klirren von Gl�sern, obwohl die Sperrstunde l�ngst vor�ber war. Sie stellte Maistowe eine entsprechende Frage, auf die sie aber nur ein Kopfsch�tteln und einen fast mitleidigen Blick erntete.</p><p>�Nicht alles, was man sich in Ihrer Heimat �ber London erz�hlt, entspricht auch den Tatsachen�, sagte er. �So wenig wie das, was man sich hier �ber Ihre Heimat erz�hlt.� Er hob die Schultern. �Das mit der Sperrstunde ist schon richtig, aber die Leute hier ... haben sich mit der Obrigkeit arrangiert.�</p><p>Bast verstand sehr wohl, was er meinte, aber sie war dennoch ein wenig erstaunt. Nat�rlich gab es Viertel wie diese auch in Kairo - oder nahezu jeder anderen Stadt auf der Welt. Aber sie hatte noch nie erlebt, dass es so offen geschah, und schamlos. Nicht nur unter den Augen der Obrigkeit, sondern ganz eindeutig mit deren Duldung. Die Briten waren schon ein sonderbares Volk.</p><p>�Sind Sie jetzt schockiert?�, fragte Maistowe. Anscheinend war es in diesem Moment nicht besonders schwer, in ihrem Gesicht zu lesen. Sie sch�ttelte - aus einem vollkommen anderen Grund, als Maistowe annehmen mochte - beinahe erschrocken den Kopf.</p><p>�Nicht schockiert. Nur ... �berrascht. Ich dachte immer, das Empire w�re ganz besonders sittenstreng.�</p><p>�Das ist es auch�, antwortete Maistowe ernsthaft. �Und Viertel wie diese sind der Grund, aus dem das System funktioniert. Nicht alle B�rger des Empire sind Blaustr�mpfe oder presbyterianische Priester, wenn Sie ... �hm ... verstehen, was ich meine.�</p><p>�Ich glaube schon�, antwortete Bast sp�ttisch. �Wenn ich mich ein wenig anstrenge.�</p><p>Maistowe sah sie einen halben Atemzug lang irritiert an und rettete sich dann in ein verlegenes Grinsen. �Nun ja�, fuhr er fort. �Manchmal entsteht eben ein gewisser ...�</p><p>�Druck?�, schlug Bast vor.</p><p>�... Druck, genau�, best�tigte Maistowe. �Und er braucht ein Ventil. Ohne diese Frauen hier ... g�be es vielleicht Probleme. Es k�nnte zu ... schlimmen Dingen kommen.�</p><p>Bast sah demonstrativ �ber die Schulter zur�ck.</p><p>�Noch schlimmeren Dingen�, sagte Maistowe hastig. �Schlie�en Sie nicht von einem einzelnen Verr�ckten auf alle, Bast. Die meisten M�nner, die hier verkehren, sind ganz normal.�</p><p>So wie du, dachte Bast sp�ttisch. Allerdings h�tete sie sich, diese Antwort laut auszusprechen, oder auch nur irgendetwas zu sagen. Allm�hlich begann ihr Maistowes Geschnatter auf die Nerven zu gehen. Es wurde Zeit, dass sie ihn loswurde.</p><p>Sie war nur nicht ganz sicher, ob sie es noch konnte. Ihre Unf�higkeit, Konstabler Stowe zu beeinflussen, erschreckte sie noch immer, und sie hatte bisher nicht den Mut aufgebracht, dar�ber nachzudenken, warum das so gewesen war. Und sie hatte ihn auch jetzt nicht. Es gab tausend m�gliche Gr�nde, und nicht einer davon war so schlimm wie der eine, vor dem sie sich f�rchtete.</p><p>Maistowe stockte pl�tzlich. Er blieb nicht stehen, aber er wurde sp�rbar langsamer, und sein Blick irrte nach rechts und eine steile h�lzerne Treppe hinauf, die zu einer von zwei tr�be glimmenden roten Gaslaternen flankierten und von einem Koloss von Mann bewachten T�r emporf�hrte.</p><p>�Kapit�n?�</p><p>Maistowe r�usperte sich unbehaglich. �Ich ... bin nicht ganz sicher�, antwortete er unbeholfen. �Aber der Beschreibung nach ... k�nnte dies das Haus sein.�</p><p>Bast zog fragend die linke Augenbraue hoch.</p><p>�Der Mann, mit dem ich gesprochen habe�, sagte Maistowe. �Er ... meint, dass ich hier vielleicht etwas �ber Ihre Freundin erfahren k�nnte.�</p><p>�So?�, fragte Bast. Sie lauschte konzentriert. Ihre besonderen Sinne lie�en sie nach wie vor im Stich, was sie allm�hlich wirklich zu �ngstigen begann, aber ihr Geh�r und Geruchssinn waren trotzdem weitaus sch�rfer als die Maistowes. Hinter dieser T�r gab es niemals eine Sperrstunde, und im Moment geschah dort ganz genau das, womit Maude und ihre M�dchen ihr t�glich Brot verdienten. Der Gedanke erregte sie aber auf eine Art, die sie nicht wollte. Nicht jetzt, und schon gar nicht, solange Maistowe dabei war. Aus einem vollkommen absurden Grund heraus, den sie selbst nicht benennen konnte, w�re es ihr peinlich gewesen.</p><p>�Jedenfalls hat man es mir so gesagt�, versicherte Maistowe hastig. Er war ein wirklich erb�rmlicher L�gner. �Die Beschreibung stimmt.�</p><p>�Nun, dann sollten wir vielleicht dort nachfragen�, schlug Bast vor. �Oder?�</p><p>�Sicher�, sagte Maistowe rasch. �Es ist nur so, dass ...� Er fuhr sich nerv�s mit dem Handr�cken �ber das Kinn. �Das dort oben ist wirklich nicht der passende Ort f�r eine Dame, und ...�</p><p>�... es w�re Ihnen lieber, wenn ich hier warten und Sie allein dort hinaufgehen lie�e�, unterbrach ihn Bast. �Hier unten, ganz allein und mitten in der Nacht und in einem Viertel, in dem ein wahnsinniger M�rder herumschleicht, der Frauen abschlachtet.�</p><p>Sie seufzte �bertrieben. �Was w�rde Mrs Walsh wohl zu diesem Vorschlag sagen?�</p><p>�So war das gewiss nicht gemeint ...�</p><p>�Kapit�n Maistowe, machen Sie es nicht f�r uns beide schwerer, als es ist�, unterbrach ihn Bast, zwar weiterhin in gutm�tig-sp�ttischem Ton, aber auch ganz bewusst eine Spur sch�rfer. �Gehen wir hinauf und reden mit Maude.�</p><p>�Maude?�, wiederholte Maistowe verdutzt.</p><p>�Ich war schon einmal hier�, antwortete Bast l�chelnd. �Aber sie war nicht besonders kooperativ, um es vorsichtig auszudr�cken. Wer wei� - vielleicht sagt sie Ihnen ja mehr als mir.�</p><p>Maistowe starrte sie an. Bast konnte f�r einen Moment nicht sagen, ob er ertappt oder sogar w�tend aussah. Aber das war ihr auch gleich. Sie hatte schon zu viel Zeit verloren, und eine Menge davon aus keinem anderen Grund als dem, dass er hier war.</p><p>Was er ganz und gar nicht gedurft h�tte.</p><p>�H�ren Sie mit dem Unsinn auf, Kapit�n�, sagte sie sanft. �Es ist mir vollkommen gleich, ob Sie hier verkehren oder mit wem und wie oft. Und ich werde auch Mrs Walsh gegen�ber ganz bestimmt nichts sagen, wenn das Ihre Sorge sein sollte.� Sie machte eine �rgerliche Geste die Treppe hinauf. �Wenn Sie wirklich glauben, dass Maude Ihnen mehr verr�t als mir, dann lassen Sie uns dort hinaufgehen. Und wenn nicht, dann kehren Sie um und gehen in die Pension zur�ck und lassen mich allein weitermachen.�</p><p>Maistowe starrte sie nicht nur aus weit aufgerissenen Augen an und wirkte wie das personifizierte schlechte Gewissen, er sah zugleich auch so verletzt aus, dass Bast ihre eigenen Worte schon wieder bedauerte, aber sie schluckte alles herunter, was ihr auf der Zunge lag, und sah Maistowe nur k�hl an, und schlie�lich fuhr er sich abermals mit dem Handr�cken �ber das Kinn und nickte abgehackt.</p><p>�Wie Sie w�nschen.� Maistowe drehte sich mit einem Ruck herum und steuerte die Treppe an. Bast folgte ihm nach kurzem Z�gern, beschleunigte ihre Schritte aber dann und versuchte ihn auf halber H�he der Treppe einzuholen, und ganz zweifellos w�re es ihr auch gelungen ...</p><p>... h�tte nicht jemand pl�tzlich das Licht ausgeschaltet.</p><p>Es dauerte kaum eine Sekunde, und es kam ihr tats�chlich ganz genau so vor: Von einem Lidzucken auf das n�chste wurde ihr schwarz vor Augen, und ihre Beine waren mit einem Mal nicht mehr imstande, das Gewicht ihres K�rpers zu tragen. Sie stolperte, streckte instinktiv die Hand nach dem Gel�nder aus und griff daneben. Ihr Fu� verfehlte die n�chste Stufe, und sie schlug so schmerzhaft mit dem Knie auf die Kante, dass ein Gewitter grellroter Blitze die Schw�rze vor ihren Augen zerriss.</p><p>Als sie verblassten, war auch der Schw�cheanfall vor�ber. Sie fiel, fing ihren Sturz aber im letzten Moment mit ausgestreckten H�nden ab und verwandelte ihn eher in ein ungeschicktes Stolpern.</p><p>Trotzdem fuhr Maistowe �ber ihr herum und hetzte so hastig zu ihr zur�ck, dass er nun seinerseits um ein Haar das Gleichgewicht verloren h�tte und sich im buchst�blich allerletzten Moment an dem wackeligen Gel�nder festhielt, um nicht kopf�ber die Treppe herunterzust�rzen.</p><p>�Miss Bast, um Himmels willen!�, stie� er dennoch hervor. �Was haben Sie?�</p><p>�Nichts!� Bast fegte seine hilfreich ausgestreckte Hand mit einer zornigen Bewegung beiseite und stemmte sich aus eigener Kraft hoch. Ihr linkes Knie pochte. Alles drehte sich um sie.</p><p>Dann schnappte die Wirklichkeit mit einem fast h�rbaren Ruck an ihren angestammten Platz zur�ck, und sie bedauerte ihre eigene Reaktion zutiefst.</p><p>�Sie hatten recht, Kapit�n�, sagte sie mit einem verungl�ckten L�cheln, w�hrend sie sich umst�ndlich aufrappelte und mit einer linkischen Geste ihren Mantel glatt strich. �Das ist wirklich kein Ort f�r eine Frau. Vor allem nicht f�r eine, die nicht wei�, wohin sie ihre F��e setzen soll.�</p><p>Die Worte waren ebenso unbeholfen, wie sie sich hilflos und erschrocken f�hlte, und Maistowe sah sie auch nur weiter verst�rt an. �Ist ... wirklich alles in Ordnung?�</p><p>�Wirklich�, versicherte sie. Was f�r ein Unsinn! Nichts war in Ordnung. Sie zuckte mit den Schultern. �Vielleicht war doch alles ein wenig viel f�r mich. Aber es ist alles in Ordnung, wirklich.�</p><p>�Soll ich Sie zur�ck in die Pension bringen?�, fragte Maistowe. �Ich kann sicher einen Wagen finden.�</p><p>�Das ist eine gute Idee�, antwortete Bast. Sie deutete die Treppe hinauf. �Sobald wir hier fertig sind.�</p><p>Maistowe starrte sie mit offenem Mund an, und Bast ging mit schnellen Schritten an ihm vorbei und steuerte das obere Ende der Treppe an. Ihr Knie pochte noch immer so heftig, dass sie fast all ihre Kraft brauchte, um nicht zu humpeln, und der Schmerz trieb ihr die Tr�nen in die Augen. Nichts davon h�tte passieren d�rfen, nicht ihr, aber sie wusste zugleich auch nur zu gut, was all diese Symptome bedeuteten. Ihre Zeit lief ab. Sehr viel schneller, als sie bef�rchtet hatte.</p><p>Ein massiger Schatten trat ihr entgegen, als sie den Absatz am oberen Ende der Treppe erreichte, und stockte dann, und sie konnte seine �berraschung sp�ren, noch bevor sie den dazugeh�rigen Ausdruck auf seinem Gesicht sah.</p><p>�Hallo, Ben�, sagte sie. �Sch�n, Sie wiederzusehen. Wie geht es Ihnen?�</p><p>Der stoppelhaarige Riese starrte sie nur �berrascht an, und Bast ging einfach an ihm vorbei und streckte die Hand nach der T�rklinke aus, hielt aber dann mitten in der Bewegung inne und drehte sich herum, um auf Maistowe zu warten. Etwas regte sich in ihr; ein d�steres W�hlen und Verlangen, das sie immer schwerer unterdr�cken konnte.</p><p>Maistowe hatte seine Verwirrung endlich �berwunden und schloss nun mit schon fast �bertrieben hastigen Schritten zu ihr auf. Der T�rsteher ma� auch ihn nur mit einem hilflosen Blick und r�hrte sich vorsichtshalber gar nicht, und Bast machte einen demonstrativen Schritt zur�ck und wies auf die T�r. Maistowe sah irgendwie ungl�cklich aus, griff aber gehorsam nach der Klinke und trat vor ihr ein.</p><p>Flackerndes rotes Licht und ein wahres Crescendo der unterschiedlichsten Ger�che und Sinneseindr�cke schlugen ihr entgegen, und erneut wurde ihr schwindelig. Alles drehte sich um sie, und sie konnte sp�ren, wie der Boden unter ihren F��en schwankte. Ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, streckte sie die Hand aus und ergriff Maistowes Unterarm, um sich daran festzuhalten. Sie registrierte auch seinen �berraschten Blick, aber sie war nicht imstande, irgendetwas zu erwidern. Es war alles zu viel. Hunger. Sie war so unvorstellbar hungrig.</p><p>Wie durch einen blutgetr�nkten Nebel hindurch registrierte sie, dass die fette Frau so unver�ndert hinter ihrem zerschrammten Sekret�r sa�, als h�tte sie sich seit der vergangenen Nacht keinen Zoll von der Stelle ger�hrt, und auch der Raum selbst hatte sich nicht ver�ndert - mit einer Ausnahme: Auf der zerschlissenen Couch links der T�r sa�en auch jetzt wieder drei Frauen - aufdringlich geschminkt, mit gef�rbtem Haar und in billigem Mieder, aber sie hatten andere Gesichter. Und in der Luft lag derselbe, aufdringliche Geruch wie gestern, nach Lust und Alkohol und ungez�gelten Sinnesfreuden und anderen, schlimmeren Dingen, und etwas in ihr ... explodierte.</p><p>�Was, zum Teufel ...?�, begann Maude, brach mitten im Satz ab und blinzelte, eindeutig �berrascht. �Kapit�n Maistowe?�</p><p>Bast sah kaum hin, aber Maistowes zunehmende Nervosit�t konnte ihr gar nicht entgehen. Dass er nicht vor Verlegenheit von einem Fu� auf den anderen trat, war auch schon alles. Er kam allerdings auch nicht dazu, auf Maudes Begr��ung zu antworten, denn in diesem Moment fiel der Blick der alten Vettel auf Bast, und ihr Gesicht verd�sterte sich schlagartig.</p><p>�Du schon wieder!�, zischte sie. �Ich dachte, ich h�tte dir gesagt, dass du hier unerw�nscht bist, Sch�tzchen.� Ihre Augen wurden schmal, w�hrend sie ihre tonnenf�rmige Figur schnaubend in die H�he stemmte. Der kleine Sekret�r �chzte unter ihrem Gewicht, als sie sich darauf abst�tzte. �Ben, du hirnloses St�ck Schei�e! Ich habe dir gesagt, dass dieses Weibsst�ck hier nicht mehr reinkommt!�</p><p>�Nur die Ruhe, Maude!�, mischte sich Maistowe ein. Er klang beinahe noch nerv�ser, machte aber zugleich auch einen raschen Schritt zur Seite, um auf diese Weise den Blickkontakt zwischen ihnen zu unterbrechen und sich gleichzeitig sch�tzend vor sie zu stellen. Bast fand das ziemlich mutig. Maude reichte ihm zwar kaum bis zur Brust, aber sie sah auch ganz so aus, als k�nne sie ihn einfach niederwalzen, wenn sie wollte. �Wir sind nur hier, um ...�</p><p>�Nur einen Moment, Jacob!�, fertigte ihn Maude ab. �Ich komme gleich zu Ihnen, sobald ich mit der S��en hier fertig bin! Suchen Sie sich schon mal eines der M�dchen aus!� Sie versuchte vergeblich, sich an Maistowe vorbeizuschieben, und funkelte Bast dabei aus kampflustig zusammengekniffenen Augen an.</p><p>Bast war nicht in der Stimmung, auch nur dar�ber zu sprechen, aber sie merkte es sich f�r sp�ter, und sei es nur, um Maistowe damit aufzuziehen: Er bekam tats�chlich rote Ohren und bem�hte sich pl�tzlich so krampfhaft, nicht in ihre Richtung zu sehen, dass es schon fast l�cherlich war.</p><p>�Hier ... �hm ... liegt offensichtlich ein Missverst�ndnis vor�, stammelte er. �Wir sind ... aus einem anderen Grund hier.�</p><p>�Ach?�, schnappte Maude. �Und aus welchem?� Sie blinzelte. �Wir?�</p><p>�Wir geh�ren zusammen�, best�tigte Maistowe. �Miss Bast ist eine gute Freundin von mir.�</p><p>�So? Dann verstehe ich nicht genau, was Sie hier wollen, Kapit�n.� Maude stemmte kampflustig die F�uste in die volumin�sen Fettw�lste, die die Stellen ihrer H�ften eingenommen hatten. �Wenn Sie eines der M�dchen wollen, gut. Aber der da habe ich gestern schon gesagt, dass wir hier kein Auskunftsb�ro sind. Und wenn Sie und Ihre Freundin was anderes im Sinn haben, sind Sie hier falsch! Solche Schweinereien laufen hier nicht.�</p><p>Bast konnte sich keine Schweinerei vorstellen, die hier nicht lief, vorausgesetzt, der Preis stimmte, und sie setzte gerade zu einer entsprechend scharfen Antwort an, doch Maistowe kam ihr zuvor.</p><p>�Bitte, Maude!�, sagte er und hob bes�nftigend die H�nde. Gleichzeitig warf er Bast einen raschen und beinahe beschw�renden Blick zu. �Das alles ist wirklich nur ein Missverst�ndnis! Wir sind nur hier, weil ich gehofft hatte, Sie k�nnten uns behilflich sein. Selbstverst�ndlich w�rden wir Sie f�r Ihren Aufwand und die Umst�nde entsch�digen.�</p><p>Hinter ihnen fiel die T�r ins Schloss, als Ben - wenn auch mit geh�riger Versp�tung - auf die keifende Stimme seiner Herrin reagierte und hereinkam. Bast blieb unger�hrt, aber Maistowe wurde schlagartig noch nerv�ser, setzte dazu an, etwas zu Maude zu sagen, und wandte sich dann stattdessen an Bast.</p><p>�Wenn Sie vielleicht ... ich meine ... vielleicht w�rde es helfen, wenn ich einen Moment allein ...�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Bast. Sie drehte sich nun doch zu Ben herum, schenkte ihm ein fl�chtiges L�cheln und begann dann scheinbar ziellos durch den gro�en, nur schummrig erleuchteten Raum zu schlendern. Maudes Blick folgte ihr unter misstrauisch zusammengekniffenen Augenlidern, aber wenigstens hatte sie aufgeh�rt zu keifen, und sie machte auch keine Anstalten, ihren Schl�ger auf sie loszulassen. Bast war sehr erleichtert dar�ber; aber ein kleiner Teil von ihr bedauerte es auch.</p><p>Maistowe lenkte Maudes Aufmerksamkeit mit einer entsprechenden Geste wieder auf sich und begann mit ged�mpfter Stimme auf sie einzureden, w�hrend Ben wie ein lebender Berg vor der T�r stehen geblieben war und sie mit vor der Brust verschr�nkten Armen blockierte. Trotz der bei�enden K�lte drau�en trug er nur eine zerschlissene Jacke und darunter ein schmuddeliges Unterhemd, das aus mehr L�chern als Stoff bestand, sodass sie seine gewaltigen Muskelpakete sehen konnte; eine ganz bewusste, wortlose Drohung, die ihre Wirkung auf sie nicht verfehlte - wenn auch in v�llig anderer Hinsicht, als sich Ben auch nur tr�umen lassen mochte. Er musterte sie ausdruckslos, aber nicht unfreundlich, und Bast erwiderte seinen Blick nicht nur gelassen, sondern taxierte ihn auch ganz unverhohlen. Er war so gro� wie sie und tats�chlich noch kr�ftiger gebaut, als ihr gestern aufgefallen war - vielleicht, weil sie ihn gestern nicht auf diese Weise angesehen hatte -, und obwohl sein Gesicht schmutzig war und einen brutalen Zug hatte, war doch zugleich etwas darin, was sie anzog. Er war ... stark.</p><p>Bast riss ihren Blick von der h�nenhaften Gestalt los und schlenderte weiter durch den Raum, wobei sie es sorgsam vermied, in Maistowes oder Maudes Richtung zu sehen; ihr entging trotzdem nicht, dass Maistowe inzwischen seine Brieftasche hervorgeholt hatte, in der sich ein erstaunlich dickes B�ndel Geldscheine befand. Sie mied auch den Blickkontakt mit den drei Frauen, die auf der Couch neben der T�r sa�en und sie ganz unverbl�mt neugierig - und auch ein bisschen feindselig - anstarrten und auf Kunden warteten, die in dieser Nacht wohl nicht mehr kommen w�rden.</p><p>Sehr viel mehr gab es allerdings auch nicht zu sehen. Der falsche Samt an den W�nden war noch immer so sch�big und zerschlissen wie gestern, und die billigen �lgem�lde kein bisschen weniger eindeutig und geschmacklos.</p><p>Dennoch hatte sich etwas ver�ndert: Gestern hatten die Bilder sie nicht interessiert, und sie hatte sie bestenfalls h�sslich gefunden. Heute stie�en sie sie ab, und das beunruhigte sie, denn es bedeutete, dass sie sie ber�hrten. Das h�tten sie nicht gedurft. Ihre Abwehr begann zusammenzubrechen, und damit auch die Gewalt �ber das Ungeheuer, das sie so tief in sich eingesperrt hatte.</p><p>Sie wandte sich mit einem Ruck ab, runzelte die Stirn und drehte sich dann noch einmal herum, um eines der Bilder genauer zu betrachten.</p><p>Es war so dilettantisch und schlecht gemalt wie alle anderen und zeigte gleich drei unbekleidete M�nner und Frauen bei einem ziemlich akrobatisch aussehenden Liebesspiel, das Bast schon aufgrund der dargestellten physiologischen Unm�glichkeiten nicht wirklich interessierte ... aber da war etwas anderes gewesen, das ihren Blick eingefangen hatte.</p><p>Es war das Gesicht einer der jungen Frauen. Die �hnlichkeit war allerh�chstens oberfl�chlich, aber sie war da, und ...</p><p>�Wo ist das M�dchen?�, fragte Bast, w�hrend sie mit einem neuerlichen Ruck zu Maude und Maistowe herumfuhr. Maistowe hatte gerade dazu angesetzt, der alten Vettel einen nicht unerheblichen Teil seiner Barschaft auszuh�ndigen und sah schon wieder wie ein ertappter S�nder aus, und Maudes Augen wurden noch schmaler.</p><p>�Welches M�dchen?�, fragte sie. Dann lie� ihr Blick Basts Gesicht los und fiel auf das Bild hinter ihr, und ihre Miene hellte sich auf. �Oh, du hast das Bild gesehen. Ein richtiges Kunstwerk, nicht? Ich lasse sie extra nach meinen M�dels malen. Kosten mich eine Stange Geld, aber meinen Kunden ...�</p><p>�Die Kleine�, unterbrach sie Bast. �Wo ist sie?� Aus den Augenwinkeln registrierte sie, wie Ben die Arme herunternahm und pl�tzlich ein bisschen angespannt wirkte, w�hrend Maistowe sie einfach nur verst�ndnislos anblinzelte.</p><p>�Wenn du Cindy meinst, die ist besch�ftigt�, antwortete Maude herablassend. �Musst dich ein bisschen gedulden.�</p><p>�Besch�ftigt? Wo?�</p><p>�Ich glaube nicht, dass dich das ...�, begann Maude, aber Bast h�rte schon gar nicht mehr hin. Maudes Blick hatte sie verraten, und Bast fuhr auf dem Absatz herum und st�rmte in Richtung der T�r, die sie ganz instinktiv angesehen hatte.</p><p>�He!�, keuchte Maude. �Was soll das? Bist du verr�ckt?�</p><p>Bast ignorierte sie, riss die T�r auf und eilte hindurch. Dahinter lag ein schmaler, nur von einer einzelnen ru�enden �llampe erhellter Gang, von dessen W�nden der Putz in gro�en Flecken abbl�tterte. Ein durchdringender Gestank nach Erbrochenem und noch anderen, sehr viel unangenehmeren Dingen lag in der Luft, und auch noch etwas, das sie im ersten Moment nicht richtig benennen konnte, aber �ber die Ma�en alarmierte.</p><p>�He!�, br�llte Maude hinter ihr. �Komm sofort zur�ck! Ben! Wirf sie raus!�</p><p>Bast riss wahllos die erste T�r auf, an der sie vorbeikam. Der Raum dahinter war leer und dunkel und stank noch erb�rmlicher als der Gang, und pl�tzlich h�rte sie hinter sich schwere, stampfende Schritte, als Ben Maudes Befehl gehorchte und die Verfolgung aufnahm. Bevor er auch nur den Gang erreicht hatte, war sie bei der n�chsten T�r, riss sie auf und st�rmte, ohne zu z�gern, hindurch. Hinter ihr begann Maistowe ihren Namen zu rufen, und nun konnte sie auch Maudes langsamere, aber ungleich schwerere Schritte h�ren. Nichts davon war wichtig. Etwas in ihr ... kreischte vor Zorn, und als sie mit einem gewaltigen Satz durch die T�r st�rmte, gesellte sich noch ein zweiter, tausendmal gierigerer Schrei hinzu.</p><p>Dieses Zimmer war nicht leer. Ein halbes Dutzend Kerzen sorgten f�r flackernde gelbe Beleuchtung, und die gesamte Einrichtung bestand aus einem roh aus Brettern zusammengezimmerten Bett, auf dessen schmutzstarrendem Laken ein vielleicht f�nfzigj�hriger Mann, eine kaum halb so alte dunkelhaarige Frau und ein Knabe von allerh�chstens zw�lf Jahren lagen. Alle drei waren nackt. Der Junge regte sich nicht und sah aus, als w�re er bewusstlos - wenn nicht tot -, obwohl die rechte Hand des Grauhaarigen seinen schlaffen Penis mit solcher Kraft umschloss, dass es ihm entsetzliche Schmerzen bereiten musste. Seine Linke lag auf der Brust des M�dchens und knetete sie kaum weniger grob. So viel zu Maudes Behauptung, sie dulde keine Schweinereien in ihrem Haus.</p><p>Aber das war es nicht, wonach sie gesucht hatte. Der Grauhaarige h�rte f�r einen Moment auf, an seinen beiden Bettgenossen herumzukneten, die zusammengenommen gerade einmal halb so alt waren wie er, drehte den Kopf und sah sie fragend und ein bisschen �berrascht - und kein bisschen schuldbewusst - an, und Bast fuhr auf dem Absatz herum und st�rmte wieder auf den Flur hinaus.</p><p>Und um ein Haar in Ben hinein, dem die zwei oder drei Sekunden ausgereicht hatten, um sie einzuholen. Jedwede Freundlichkeit war aus seinem Gesicht verschwunden, und er kam ihr pl�tzlich noch gr��er und furchteinfl��ender vor als ohnehin - und er war eindeutig schneller, als sie es bei einem so gro�en und schweren Mann f�r m�glich gehalten h�tte. Ohne viel Federlesens ergriff er sie am Oberarm und zerrte sie so grob herum, dass sie einen zischenden Schmerzlaut ausstie�.</p><p>�Das reicht jetzt, Miss�, sagte er. �Sie gehen besser, bevor ich Sie wirklich rauswerfen muss.�</p><p>Bast riss sich los und wich einen Schritt zur�ck; aber das gelang ihr nur, weil er es zulie�. �Ich suche nur das M�dchen�, sagte sie.</p><p>�Tut mir leid, aber das kann ich nicht zulassen�, antwortete Ben. Er sprach nicht einmal laut, und ein einziger Blick in seine Augen machte Bast auch klar, dass er ihr ganz gewiss weder wehtun wollte, noch Freude daran empfunden h�tte, wie es vielen erging, die seinen Beruf aus�bten. Aber sie sah auch genau so deutlich, dass er es ohne zu Z�gern tun w�rde, wenn sie ihn dazu zwang.</p><p>Hinter ihr erscholl ein ged�mpftes Klatschen, gefolgt von einem schluchzenden Wimmern, das von einem zweiten, deutlich h�rteren Schlag zum Verstummen gebracht wurde. Ben sah f�r einen winzigen Moment auf, abgelenkt, und Bast sch�tzte ihn als viel zu stark und gef�hrlich und sich selbst im Augenblick als in viel zu schlechter Verfassung ein, um sich diese Chance entgehen zu lassen. So schnell, dass er den Schlag vermutlich nicht einmal kommen sah, schmetterte sie ihm die Handkante gegen den Kehlkopf und fuhr aus der gleichen Bewegung heraus herum. Noch w�hrend der Riese w�rgend und nach Luft ringend in die Knie sank und beide H�nde um den Hals schlug, erreichte sie die T�r, hinter der sie das Wimmern geh�rt hatte, und sprengte sie kurzerhand mit der Schulter auf. Sie flog mit solcher Wucht gegen die Wand, dass sie in St�cke brach.</p><p>Das Zimmer �hnelte dem, in dem sie gerade gewesen war, wie eine genaue Kopie: flackerndes Kerzenlicht und ein grob zusammengeschustertes Bett mit schmutzigen Laken, auf denen allerdings nur eine einzelne, angstvoll zusammengekauerte Gestalt lag. Das M�dchen von gestern Abend, nur dass sie das Haar jetzt offen trug und nackt war, sodass Bast erkennen konnte, dass sie gerade dabei war, vom Kind zur Frau zu werden. Sie hatte die Beine an den Leib gezogen und beide Knie mit den H�nden umschlungen Obwohl ihr das Haar weit ins Gesicht fiel, konnte Bast sehen, dass ihre linke Wange ger�tet war und das Auge zuzuschwellen begann.</p><p>Der Mann, der ihr das angetan hatte, stand unmittelbar neben ihr und hatte offensichtlich gerade zu einem weiteren Schlag ausgeholt, war aber jetzt mitten in der Bewegung erstarrt und glotzte aus ungl�ubig aufgerissenen Augen abwechselnd sie und die zerborstene T�r an. Bast sch�tzte ihn auf vielleicht vierzig Jahre, und obwohl er im Moment nichts weiter als kn�chellange baumwollene Unterhosen trug, wirkte er trotzdem auf eine schwer zu greifende Weise ... elegant.</p><p>Und zumindest im Augenblick ziemlich aufgebracht. �He!�, fauchte er. �Was f�llt dir ein?�</p><p>Jedenfalls nicht, auf seine Frage zu antworten. Bast st�rmte an ihm vorbei zum Bett, und der Kerl beging den Fehler, nach ihr greifen zu wollen. Bast schmetterte ihm den Handr�cken mit solcher Gewalt ins Gesicht, dass er gegen die Wand geschleudert wurde und das Bewusstsein verlor, noch bevor er zu Boden fiel.</p><p>�Keine Sorge, mein Kleines�, sagte sie, w�hrend sie sich �ber das Bett beugte und die Arme nach Cindy ausstreckte. Das M�dchen kr�mmte sich nur noch weiter zusammen und begann leise zu schluchzen, aber seine Willenskraft reichte offensichtlich nicht einmal mehr, um von ihr wegzukriechen. Bast lie� sich auf die Bettkante sinken und schloss es so behutsam in die Arme, als best�nde es aus hauchd�nnem zerbrechlichem Glas. �Keine Angst, mein Kleines�, fl�sterte sie. �Niemand tut dir mehr etwas. Jetzt nicht mehr, das verspreche ich dir.�</p><p>Cindy h�rte nicht auf zu zittern, und ihr Schluchzen wurde sogar noch lauter; und dann noch einmal, als Maistowe hereingest�rmt kam, dicht gefolgt von einer lebenden Lawine, die nur rein zuf�llig die Gestalt einer gerade einmal f�nf Fu� gro�en, aber unglaublich fetten Frau angenommen hatte. Maistowe riss ungl�ubig die Augen auf und schien dann mitten im Schritt zur Salzs�ule zu erstarren, w�hrend Maude die Situation mit einem einzigen Blick zu erfassen schien und hastig zu dem bewusstlosen Freier eilte, um neben ihm niederzuknien.</p><p>�Sie Wahnsinnige!�, keuchte sie. �Was haben Sie getan? Wissen Sie, wer das ist? Sie haben ihn umgebracht!�</p><p>Der Mann war nicht tot; wahrscheinlich nicht einmal schwer verletzt, und Bast machte sich nicht einmal die M�he, zu ihm hinzusehen. Behutsam hob sie Cindys Kinn an und zwang sie, ihr ins Gesicht zu sehen, und was sie erblickte, sch�rte ihren Zorn nur noch mehr. Cindys Gesicht schwoll so rasch an, dass man beinahe dabei zusehen konnte. Ihr linkes Auge war fast vollkommen geschlossen, doch was Bast in ihrem Blick las, war ... nichts. Ihre Augen waren so leer wie gestern Abend. Aber pl�tzlich wurde ihr klar, warum das so war. Und jetzt erkannte sie auch den Geruch, der im Raum hing.</p><p>�Sie haben ihr Opium gegeben�, sagte sie leise.</p><p>�Seit wann ist das verboten?�, fauchte Maude. �Und was geht dich das �berhaupt an? Ben! Ben, verdammt noch mal!�</p><p>Bast sah nun doch auf und glitt mit einer raschen Bewegung von der Bettkante und in die H�he, als Ben tats�chlich unter der aus den Angeln gerissenen T�r erschien. Er war kurzatmig und wankte leicht, und die Atemnot hatte sein Gesicht puterrot anlaufen lassen, aber er war ganz eindeutig z�her, als sie erwartet hatte - und was ihm im Augenblick vielleicht an Kraft fehlte, das machte er durch Wut mehr als wett. In seinen Augen loderte die blanke Mordlust.</p><p>Bast trat ihm scheinbar ruhig entgegen, sah, wie sich seine Schultermuskeln spannten, duckte sich m�helos unter dem gewaltigen Schwinger weg, den er in ihre Richtung abschoss, und der scheinbar so plumpe Riese �berraschte sie ein weiteres Mal, indem er ihr die andere Faust mit solcher Wucht in den Leib rammte, dass ihr die Luft aus den Lungen getrieben wurde und sie ein St�ck weit zur�cktaumelte.</p><p>Bast trat ihm mit aller Gewalt vors Knie und sp�rte, wie irgendetwas darin nachgab. Ben grunzte vor Schmerz, aber nicht einmal dieser Tritt vermochte einen Koloss wie ihn zu stoppen. Er st�rmte einfach weiter, trieb sie mit seiner blo�en Masse vor sich her und rammte sie mit solcher Gewalt gegen die Wand, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Dennoch rammte sie ihm die versteiften Finger der rechten Hand in die Rippen; dicht unterhalb des Herzens und mit solcher Gewalt, dass sie sp�ren konnte, wie ihm abermals die Luft wegblieb und fast alle Kraft aus seinem K�rper wich.</p><p>Leider nur fast. Und bei einem Koloss wie ihm reichte selbst der verbliebene Rest aus, um sie nicht nur weiter gegen die Wand zu pressen, sondern auch beide H�nde um ihren Hals zu legen und erbarmungslos zuzudr�cken. Wahrscheinlich sogar, um ihr das Genick zu brechen.</p><p>Jetzt hatte sie keine andere Wahl mehr.</p><p>Sie schloss die Augen, entspannte sich, soweit es in ihrer ungl�ckseligen Lage �berhaupt m�glich war, und griff nach der unsichtbaren Flamme, die in seinem Inneren brannte.</p><p>Es war schwer, ungeheuer schwer, nicht sofort alles zu nehmen. Ihre Gier erwachte zur lodernden Wut einer explodierenden Sonne. Alles in ihr schrie danach, das Leben mit einem einzigen, brutalen Ruck aus ihm herauszurei�en und nichts als eine leere, sterbende H�lle zur�ckzulassen. Aber das durfte sie nicht. Nicht bei ihm und nicht, so lange Maistowe und Maude und das M�dchen dabei waren, denn das h�tte bedeutet, dass sie auch sie t�ten musste.</p><p>Irgendwie gelang es ihr, das Ungeheuer noch einmal zu b�ndigen, auch wenn es sie so unvorstellbare �berwindung kostete, dass sie fast zu k�rperlicher Qual wurde. Die Bestie in ihr heulte vor Wut und Entt�uschung noch lauter auf, aber statt sein Leben einfach im Bruchteil eines Augenblickes aus ihm herauszurei�en, nahm sie nur gerade so viel, um ihn weiter zu schw�chen. Sein W�rgegriff lockerte sich, nicht weit genug, um sie wieder atmen zu lassen, aber genug, um ihr Spielraum f�r einen harten Kopfsto� gegen sein Gesicht zu gew�hren. Ein helles, deutlich h�rbares Knacken erscholl, als sein Nasenbein brach. Bens Blick verschleierte sich vor Schmerz, und er st�hnte leise, w�hrend hellrotes Blut aus seiner Nase schoss und sein Gesicht besudelte. Er lie� immer noch nicht los, und der Blutgeruch war beinahe mehr, als sie ertragen konnte.</p><p>Mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung sprengte sie seinen Griff, stie� ihm die flachen H�nde vor die Brust und trat ihm wuchtig unter das Kinn; hart genug, um ihn quer durch den Raum an die gegen�ber liegende Wand zu schleudern, wo er bewusstlos zusammenbrach, aber nicht hart genug, um ihn zu t�ten. Ben schlug mit einem Ger�usch auf den Boden auf wie ein mit Mehl gef�llter Sack, den man vom Fockmast eines Schiffes auf das Deck herunterfallen l�sst, und Bast taumelte zur Seite und musste dann einen weiteren, hastigen Schritt machen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und ebenfalls zu st�rzen. F�r einen Moment rauschte das Blut so laut in ihren Ohren, dass es jedes andere Ger�usch �bert�nte, und alles, was sie sah, waren rote Nebel und tanzende Schatten, die vergeblich versuchten, sich zu Formen zusammenzuf�gen.</p><p>Der Schw�cheanfall verging so rasch wie der, der sie drau�en auf der Treppe getroffen hatte, aber diesmal blieb etwas wie ein schlechter Geschmack auf ihrer Seele zur�ck. Sie machte einen weiteren Schritt und taumelte noch einmal, und diesmal so sehr, dass Maistowe hastig die Hand ausstreckte, um sie zu st�tzen. Maude und er mochten annehmen, dass sie vor Schw�che wankte, und das war auch gut so, aber der Schw�cheanfall war l�ngst vor�ber. Was sie taumeln lie� war das Gef�hl, innerlich in St�cke gerissen zu werden. Das Wenige, was sie von Ben genommen hatte, war l�ngst nicht genug gewesen, um ihren Hunger zu stillen, sondern schien ihn fast im Gegenteil eher noch angestachelt zu haben. Sie h�tete sich, Maistowes Angebot anzunehmen und sich auf ihn zu st�tzen. Sie wusste nicht, was passieren w�rde, wenn sie ihn ber�hrte.</p><p>�Miss Bast?� In Maistowes Stimme schwang fast so etwas wie Panik mit. �Ist auch wirklich alles in Ordnung?�</p><p>Sie antwortete nur mit einem kraftlosen Nicken, schleppte sich weiter zum Bett und erschrak selbst, als sie das rasselnde Ger�usch h�rte, das ihre Atemz�ge begleitete. Sie hatte Ben ganz eindeutig untersch�tzt. Er hatte ihr fast den Kehlkopf zerquetscht. W�re sie ein gew�hnlicher Mensch gewesen, dann w�re sie jetzt tot oder zumindest ohnm�chtig. Ein weiterer in einer immer l�nger werdenden Reihe von Fehlern. M�de fragte sie sich, wann sie wohl einen Fehler machen w�rde, der ihr zum Verh�ngnis wurde.</p><p>Aber vielleicht hatte sie das ja schon.</p><p>�Es ist ... schon in Ordnung�, sagte sie, noch immer ein wenig atemlos. Schw�che und M�digkeit kamen jetzt schubweise, aber in abflauenden und in immer gr��eren Abst�nden aufeinanderfolgenden Wellen; eine schwarze Flut, die vergebens gegen die K�ste angerannt war und nun allm�hlich verebbte. Aber sie w�rde wiederkommen, bald, und dann w�rde sie doppelt so stark sein. Sie kannte die Anzeichen nur zu gut.</p><p>Bast lauschte in sich hinein und versuchte abzusch�tzen, wie viel Zeit ihr noch blieb, bevor sie endg�ltig die Kontrolle verlor und ihre dunkle Schwester erwachte. Eine Stunde, sch�tzte sie. Zwei, mit sehr viel Gl�ck.</p><p>Sie schloss die Augen, atmete tief ein und dr�ngte die letzte schwarze Woge mit aller Macht zur�ck, bevor sie sich wieder zu Cindy herumdrehte und sie erneut in die Arme schloss. Das M�dchen lie� es auch diesmal widerstandslos mit sich geschehen, aber das hatte nichts damit zu tun, dass sie etwa Vertrauen zu ihr gefasst oder ihre Worte auch nur wirklich geh�rt h�tte. Ihr Blick war noch immer leer, aber unter dieser Leere und tief in ihr Inneres eingebrannt tobte ein entsetzlicher Schmerz. Bast war nicht in der Lage, ihn ihr zu nehmen, aber sie konnte ihn zumindest bet�uben, selbst jetzt noch. Wenigstens das konnte sie f�r sie tun. Die Leere in Cindys Augen wurde noch allumfassender. Ihre Tr�nen versiegten, und schlie�lich h�rte sie auch auf zu zittern und lie� es zu, dass Bast sie sanft an sich dr�ckte und ihr besch�tzend die Hand auf den Kopf legte.</p><p>�Warum haben Sie das getan?�</p><p>Die Frage galt Maude, die noch immer neben dem bewusstlosen Freier kniete und sie aus aufgerissenen Augen anstarrte.</p><p>�Das Opium?�, f�gte Bast hinzu. �Warum? Hat Ihnen nicht gereicht, was Sie ihr ohnehin schon angetan haben?�</p><p>�Aber ... sie wollte es�, stammelte Maude. �Sie hat darum gebettelt!�</p><p>�Ja, weil sie das alles hier sonst wahrscheinlich gar nicht ertragen h�tte�, murmelte Bast. Tr�nen der Wut wollten ihr in die Augen schie�en, aber Zorn war ein Gef�hl, das sie sich im Moment nicht leisten konnte. Sie dr�ngte es zur�ck, lie� das M�dchen vorsichtig los und stand auf, um sich nach ihren Kleidern zu b�cken. Aber sie ber�hrte sie nicht. Es waren ordin�re, billige Fetzen, wie sie keine Frau tragen sollte, und schon gar kein Kind. Sie h�tte das Gef�hl gehabt, sie zu besudeln, wenn sie sie auch nur angefasst h�tte.</p><p>Stattdessen hob sie den schwarzen Mantel auf, den der Freier getragen hatte, eine modische Pelerine ganz �hnlich der Inspektor Abberlines, nur sichtlich um etliches teurer, brachte das M�dchen mit einem lautlosen Befehl dazu, aufzusehen, und legte ihr den Mantel um die Schultern.</p><p>�Wie ist ihr Name?�, fragte sie.</p><p>�Cindy�, antwortete Maude.</p><p>�Ich meine ihren richtigen Namen. Wie lautet er?�</p><p>�Cindy�, beharrte Maude. �Das ist der einzige Name, den ich kenne. So hat man sie mir vorgestellt, als ich sie ... als sie hergekommen ist.�</p><p>�Hergekommen?� Bast starrte sie eisig an. �Als Sie sie gekauft haben, meinen Sie.�</p><p>Darauf antwortete Maude gar nicht, aber sie wirkte pl�tzlich mehr verstockt als eingesch�chtert. Der Schreck ebbte allm�hlich ab, und nun kam die wahre Maude wieder zum Vorschein, eine Frau, die ebenso wenig Angst wie Skrupel hatte und Bast zweifellos einen gewissen Respekt abgen�tigt h�tte - w�re der Rest von ihr das genaue Gegenteil von dem gewesen, was er nun einmal war. So empfand sie nichts als Verachtung und Abscheu.</p><p>Maude stand auf. Die Bewegung wirkte pl�tzlich gar nicht mehr schwerf�llig und m�hsam, und der bewusstlose Mann neben ihr, dem gerade noch ihre ganze Sorge gegolten hatte, schien sie pl�tzlich nicht mehr zu interessieren. �Und?�, fragte sie herausfordernd. �Was geht's dich an?�</p><p>�Ich dachte, die Sklaverei w�re in diesem Land abgeschafft�, antwortete Bast. �Und ihr nennt uns Barbaren?�</p><p>�Noch mal, was geht's dich an?�, schnappte Maude. �Sie hat es doch gut bei mir. Sie bekommt genug zu essen, Kleider und ein Dach �ber dem Kopf, und ...�</p><p>Bast ohrfeigte sie. Nicht einmal fest, aber hart genug, um sie zum Schweigen zu bringen und ihre Unterlippe aufplatzen zu lassen. Maude taumelte einen halben Schritt zur�ck und wischte sich mit dem Handr�cken das Blut vom Kinn, aber alles, was in ihren Augen geschrieben stand, war blanker Hass.</p><p>Sie wandte sich an Maistowe. �Sie kommt mit. Vielleicht ist es doch gut, dass Sie mich begleitet haben, Kapit�n. Bitte gehen Sie und versuchen Sie einen Wagen zu finden. Vielleicht wird Ihnen ja Ihr Freund Abberline helfen.�</p><p>�He!�, protestierte Maude. �Was soll das hei�en?�</p><p>�Dass ich das M�dchen mitnehme�, antwortete Bast ruhig. Ein gar nicht so kleiner Teil von ihr fragte sich, ob sie eigentlich den Verstand verloren hatte, aber sie hielt Maudes Blick gelassen stand. �Haben Sie etwas dagegen?�</p><p>�Und ob ich das habe!�, fauchte Maude. �Die Kleine geh�rt mir! Ich habe f�r sie bezahlt!�</p><p>�Wie viel?�, fragte Bast.</p><p>�Drei�ig Pfund�, behauptete Maude.</p><p>�Verzeihung, Maude, aber zehn k�me der Wahrheit wohl n�her, nehme ich an�, mischte sich Maistowe ein. �Wenn �berhaupt.�</p><p>�Und?� Maude st�lpte trotzig die Unterlippe vor. �Ich hatte Unkosten! Musste die Kleine erst mal rausf�ttern! So d�rr wie sie war, h�tte kein Mann sie auch nur anger�hrt! Die Kleider und das Zimmer, das sie belegt, was glaubt ihr, was das kostet! Ich brauche noch Monate, um auch nur meine Unkosten wieder herauszukriegen!�</p><p>Maistowe wollte widersprechen, aber Bast brachte ihn mit einer fast befehlenden Geste zum Schweigen. �Es ist gut�, sagte sie. �Wir bezahlen Ihnen die drei�ig Pfund. Kapit�n Maistowe, haben Sie zuf�llig so viel bei sich? Sie bekommen es selbstverst�ndlich zur�ck.�</p><p>�Und mein entgangener Verdienst?�, lamentierte Maude.</p><p>��bertreiben Sie es nicht�, antwortete Bast eisig. �Oder legen Sie Wert darauf, dass sich die Beh�rden f�r das interessieren, was in Ihrem Etablissement wirklich vorgeht?�</p><p>Das war ganz offensichtlich der falsche Ton. Maude sah keineswegs eingesch�chtert oder gar ver�ngstigt aus, sondern wirkte ganz im Gegenteil eher triumphierend. Also gut.</p><p>Bast sah ihr tief in die Augen und gab ihr etwas, wovor sie Angst haben konnte.</p><p>Sehr gro�e Angst.</p><p>Maude wurde kreidebleich und wich einen Schritt vor ihr zur�ck, und dann noch einen und noch einen, bis sie mit dem R�cken gegen die Wand stie�. Dann begann sie am ganzen Leib zu zittern.</p><p>�Wir nehmen das M�dchen mit�, sagte sie. �Ob wir uns jemals wiedersehen, liegt ganz bei Ihnen, Maude. Sie bekommen, was Sie verlangen, und damit sollten Sie sich zufriedengeben. Haben Sie das verstanden?�</p><p>Maude nickte. Sie war sehr blass. Und sie meinte dieses Nicken ernst.</p><p>�Gut.� Bast warf Maistowe einen auffordernden Blick zu. �Gehen wir.�</p><p>Maistowe war viel zu erschrocken, um zu widersprechen - oder �berhaupt etwas zu sagen. Gehorsam wandte er sich um und eilte aus dem Zimmer, w�hrend Bast dem M�dchen die H�nde auf die Schultern legte und es wie eine willenlose Puppe vor sich her auf den Flur schob. Sehr viel mehr war es im Augenblick auch nicht, aber das war vermutlich auch besser so. Sie musste dieses Kind zuallererst hier heraus und in Sicherheit bringen, f�r alles andere war sp�ter noch Zeit.</p><p>Maistowe war nur ein paar Schritte weit gegangen und dann wieder stehen geblieben, das aber so weit von dem immer noch bewusstlosen T�rsteher entfernt, wie es nur ging. Er sah ungl�cklich aus; und sehr, sehr erschrocken.</p><p>�Nehmen Sie sie�, bat Bast. �Bringen Sie sie zu Mrs Walsh und bitten Sie sie, sich um sie zu k�mmern, bis ich zur�ck bin.�</p><p>�Und Sie?�, fragte Maistowe z�gernd.</p><p>�Ich habe hier noch zu tun�, antwortete Bast. �Aber ich komme nach, sobald ich kann.�</p><p>Maistowe wirkte nicht �berzeugt. Er r�hrte sich auch nicht, sondern starrte Cindy nur aus gro�en Augen an. Wenn Bast jemals einen Mann gesehen hatte, der Angst hatte, dann ihn und jetzt.</p><p>�Gehen Sie jetzt, Kapit�n�, sagte Bast. Und sie sagte es nicht nur, sondern verlieh ihren Worten auch auf anderem Wege Nachdruck; mit schlechtem Gewissen, aber ohne eine Wahl. Ihre Zeit lief ab, und das immer schneller.</p><p>Eine weitere, schier endlose Sekunde verstrich, aber dann l�ste er sich mit einer schon fast �bertriebenen Bewegung aus seiner Starre, ergriff Cindy bei der Hand und f�hrte sie weg. Bast wartete, bis sich die T�r am Ende des schmalen Ganges hinter ihnen geschlossen hatte, dann lie� sie sich neben dem noch immer bewusstlosen Ben in die Hocke sinken und legte ihm die Hand auf die Stirn. Sie konnte nicht nur nehmen, sondern auch geben, und nach einem Moment �ffnete Ben st�hnend die Augen und k�mpfte sich ins Bewusstsein zur�ck.</p><p>�Bleib liegen�, sagte sie sanft. �Dir ist nichts passiert. In ein paar Stunden wirst du dich wieder vollkommen gesund f�hlen.� Sie l�chelte fl�chtig. �Und mach dir nichts draus, dass ich dich geschlagen habe. Kein normaler Mann kann mich besiegen, wei�t du?� Und dabei w�re es ihm um ein Haar gelungen. F�r einen Sterblichen war er geradezu unvorstellbar stark, und ...</p><p>Bast sp�rte gerade noch rechtzeitig die Gefahr, die sich unter dem Schutz dieses Gedankens einschleichen wollte, und zog die Hand so hastig zur�ck, als h�tte sie versehentlich eine gl�hende Herdplatte ber�hrt.</p><p>�Und was ist mit meinem Geld?�, fragte Maude hinter ihr.</p><p>Bast schwieg geschlagene drei Sekunden - genau die Zeit, in der sie ganz ernsthaft den Gedanken erwog, sie zu t�ten -, aber dann stand sie auf, drehte sich mit einer erzwungen ruhigen Bewegung zu ihr herum und sagte k�hl: �Ich lasse es Ihnen morgen bringen. So lange werden Sie mir doch sicher vertrauen, oder?� Ihr L�cheln wurde noch eine Spur k�hler. �Es sei denn, Sie legen Wert darauf, dass ich es Ihnen pers�nlich bringe.�</p><p>Sie war nicht besonders �berrascht, dass Maude darauf nicht bestand.</p><empty-line/><empty-line/><p>Mittlerweile war der neue Tag schon mehr als eine Stunde alt, aber durch die Ritzen in den geschlossenen Fensterl�den des <emphasis>Ten Bells </emphasis>fiel noch immer flackerndes rotes Licht, und man konnte nach wie vor das Klirren von Gl�sern und die Stimmen der Zecher h�ren, f�r die das Wort Sperrstunde so wenig Bedeutung zu haben schien wie irgendein Begriff aus ihrer seit f�nftausend Jahren vergessenen Muttersprache. Der einzige Unterschied zu ihrer Erinnerung von gestern war, dass die T�r jetzt geschlossen war.</p><p>Bast klopfte. Nat�rlich erfolgte keinerlei Reaktion - jedenfalls keine, die auf den ersten Blick sichtbar gewesen w�re -, aber ihre feinen Sinne verrieten ihr trotzdem, dass ihr Klopfen geh�rt worden war, und dass nun irgendjemand aufmerksam lauschte. Sie konzentrierte sich, erkannte den Rhythmus, auf den der andere wartete, und klopfte erneut: Einmal, Pause, zweimal, Pause, und dann noch einmal.</p><p>�Verdammt nochmal, Red, mach die T�r auf�, rief sie. �Bevor ich sie eintrete!�</p><p>Sie machte sich nicht die M�he, ihre Stimme zu verstellen - das erledigte schon das dicke Holz der T�r f�r sie -, aber die Reaktion lie� nicht lange auf sich warten. Schlurfende Schritte n�herten sich der T�r, dann wurde sie unsanft aufgerissen, und ein ziemlich verdutzter rothaariger Bursche sah zu ihr hoch. �Aber was ...?�</p><p>Bast schob ihn kurzerhand zur Seite und trat geb�ckt durch die niedrige T�r. Das <emphasis>Ten Bells </emphasis>war nicht ann�hernd so �berf�llt und l�rmend wie gestern, f�r ein Gasthaus, das seit gut drei Stunden geschlossen sein sollte, allerdings sehr gut besucht. Die Luft war so dick, dass man sie buchst�blich schneiden konnte, und nicht nur vom Tabak- und Alkoholgestank erf�llt, sondern auch von demselben, s��lichen Geruch, den sie vorhin in Maudes Lasterh�hle wahrgenommen hatte; wenn auch nicht ann�hernd so stark.</p><p>Nur jeder dritte oder vierte Tisch war besetzt, und wie nicht anders zu erwarten, starrten f�r zwei oder drei Augenblicke nahezu alle G�ste neugierig in ihre Richtung, und l�ngst nicht bei allen erlosch das Interesse so schnell, wie ihr lieb gewesen w�re. Es hielten sich freilich nur noch gut zwanzig oder drei�ig Personen in dem niedrigen Raum auf. Und noch etwas hatte sich ver�ndert; auch wenn diese Ver�nderung auf den ersten Blick vielleicht nicht sichtbar und eher zu sp�ren als wirklich zu erkennen war: Die G�ste sa�en allein oder in kleinen Gruppen an ihren Tischen, redeten, stritten, lachten oder betranken sich auch stumm und mit grimmiger Entschlossenheit, aber die allgemeine Stimmung war trotzdem angespannt. Bast konzentrierte sich auf zwei oder drei Gespr�chsfetzen und registrierte ohne die geringste �berraschung, dass es nur ein einziges Thema zu geben schien: den neuerlichen Mord, der quasi vor ihrer Haust�r stattgefunden hatte.</p><p>Jemand zupfte an ihrem Mantel, und als Bast sich herumdrehte, sah sie in das Gesicht des rothaarigen Burschen hinab, der sie eingelassen hatte. Er wirkte noch immer genauso verst�rt und �berfahren wie gerade, erk�mpfte sich seine Fassung aber nun mit sichtlicher Anstrengung zur�ck.</p><p>�Was?�, machte Bast, ganz bewusst unfreundlich.</p><p>Ganz wie sie erwartet hatte, hatte der Rotschopf es pl�tzlich sehr eilig, ihren Mantel loszulassen und sich ein St�ck weit zur�ckzuziehen. Irgendwie sah er pl�tzlich noch kleiner und eingesch�chterter aus. Trotzdem brachte er es irgendwie fertig, all seinen Mut zusammenzukratzen und die schmalen Schultern zu straffen. �Verzeihen Sie, Ma'am�, sagte er, �aber wir haben eigentlich geschlossen. Schon seit einer ganzen Weile.�</p><p>�Geschlossen?� Bast warf einen demonstrativen Blick in die Runde.</p><p>�Das ist eine geschlossene Gesellschaft�, behauptete Red. �Wir sind ... �hm ... nur privat hier.�</p><p>�Und das sind alles Ihre guten Freunde, vermute ich�, sagte Bast. Sie wartete, bis er genickt hatte, und f�gte dann hinzu: �Das trifft sich gut. Schlie�lich sind wir doch auch gute Freunde, oder?�</p><p>�Also, eigentlich ...�</p><p>�Ich suche nur jemanden, keine Sorge�, fuhr sie unbeeindruckt fort, als h�tte er gar nichts gesagt. �Ich bleibe nicht lange. Aber f�r ein Bier wird es reichen.� W�hrend sie das sagte, ma� sie ihn mit einem knappen, absch�tzenden Blick, der aber zu genau dem Ergebnis f�hrte, das sie erwartet hatte: Der Bursche war vielleicht etwas �lter, als sie ihn gestern eingesch�tzt hatte, und jetzt, m�de und ersch�pft von einem viel zu langen Tag, wirkte er um einiges ernster und auf eine unpassende Art erwachsener, aber unter dieser Maske, die ihm das Leben gegen seinen Willen �bergest�lpt hatte, blieb er ein Kind.</p><p>Und er w�rde niemals erwachsen werden.</p><p>Bast blickte tiefer in ihn hinein und ber�hrte etwas, das sie erschauern lie�; wie etwas Faulendes, Totes, das zu lange unentdeckt und verwesend in einem verborgenen Winkel gelegen hatte. Der Tod hatte ihn bereits gezeichnet. Noch zwei Monate, sch�tzte sie. Vielleicht drei. Ein fl�chtiges Gef�hl von Mitleid �berkam sie und erlosch wieder, bevor es wirklich Besitz von ihr ergreifen konnte.</p><p>�Wenn ... Sie die drei von gestern suchen, die sitzen da hinten�, sagte er z�gernd. Bast war ganz und gar nicht auf der Suche nach Liz und ihren Freundinnen gewesen, sondern nach etwas ganz anderem, aber ihr Blick folgte trotzdem der Richtung, in die seine ausgestreckte Hand wies. Die drei Frauen sa�en am gleichen Tisch wie gestern - offenbar ihr Stammplatz -, hatten ihr aber den R�cken zugewandt, sodass sie sie nicht gleich erkannt hatte, und schienen merkw�rdig gedr�ckter Stimmung zu sein.</p><p>�Also gut�, sagte sie. �Bring mir einen Krug Bier ... oder gleich eine Runde an den Tisch. Und f�r dich auch eins.�</p><p>Sie ging los, bevor er irgendwelche Einw�nde erheben konnte, und schlenderte bewusst langsam durch den Raum. Noch immer wurde sie angestarrt, und obwohl sie mehr als einen Blick offen erwiderte, sah l�ngst nicht jeder hastig weg, wie sie es gewohnt war. Anscheinend war es mit ihrer einsch�chternden Wirkung nicht mehr allzu weit her.</p><p>Aber um genau das zu �ndern, war sie ja hier. Ein Teil von ihr tastete weiter aufmerksam umher und suchte nach einem geeigneten Opfer, und er tat es mit wachsender Nervosit�t. Noch blieb ihr Zeit, eine Auswahl zu treffen, aber wenn sie nicht bald f�ndig wurde, dann w�rde der Hunger die Oberhand gewinnen, und das bedeutete m�glicherweise den Tod eines Unschuldigen.</p><p>Nein, nicht m�glicherweise. Ganz sicher ...</p><p>Bast sch�ttelte den Gedanken mit einiger M�he ab, trat an den Tisch heran und nahm schweigend und unaufgefordert auf einem freien Stuhl Platz. Sie erkannte Kate, Marie-Jeanette und Faye, und au�erdem noch zwei weitere Frauen, die gestern Abend nicht dabei gewesen waren und sie unverhohlen neugierig anstarrten. Niemand sagte etwas, und Faye l�chelte sogar fl�chtig, aber sie h�tte schon blind sein m�ssen, um nicht zu sp�ren, dass etwas nicht stimmte.</p><p>�Stimmt irgendetwas nicht?�, fragte sie �bergangslos.</p><p>Fayes L�cheln wurde traurig, und eine der beiden anderen Frauen stand wortlos auf und ging. Die andere sah sie stirnrunzelnd und sehr aufmerksam an, aber Bast interessierte sich nicht genug f�r sie, um ihr mehr als einen fl�chtigen Blick zu schenken. Das Wissen, angestarrt zu werden, nahm allm�hlich eine fast k�rperliche Intensit�t an. Sie hatte das Gef�hl ... begrapscht zu werden.</p><p>�Was?�, fragte sie.</p><p>�Liz�, antwortete Faye leise.</p><p>�Was ist mit ihr?� Bast sah sich ganz automatisch noch einmal um, obwohl ihr schon beim N�herkommen aufgefallen war, dass eine der vier Frauen fehlte. �Sie ist nicht da.�</p><p>�Und sie kommt auch nicht mehr�, f�gte Kate hinzu. Im Gegensatz zu Faye l�chelte sie nicht, und ihr Gesicht und ihre Stimme waren so kalt wie Stein. �Und jetzt sag nicht, du wei�t es noch nicht. Oder willst du uns erz�hlen, dass du rein zuf�llig ausgerechnet jetzt hier auftauchst?�</p><p>�Ich habe nicht die geringste Ahnung ...�, begann Bast, und dann konnte sie fast k�rperlich sp�ren, wie hinter ihrer Stirn etwas einrastete.</p><p>�Liz?�, murmelte sie schockiert. �Sie ist ...?�</p><p>�Tot�, antwortete Kate hart. �Wenn du ein paar Schritte weiter die Stra�e runtergehst, kannst du sie vielleicht noch sehen. Er hat wieder zugeschlagen.�</p><p>�Das steht noch gar nicht fest�, sagte Faye. �Es k�nnte auch ...�</p><p>�... ein reiner Zufall sein?�, unterbrach sie Kate. Sie klang bitter, aber auch h�rbar feindselig, und es war eine Feindseligkeit, die ihr galt. Bast konnte sie nur weiter verst�rt anblicken. Liz war tot? Das war schlimm, aber es h�tte sie nicht so erschrecken d�rfen, wie es das getan hatte. Schlie�lich war sie eine Wildfremde f�r sie. Sie hatte sie nur ein einziges Mal getroffen, und sie war noch dazu eine Frau von zweifelhaftem Ruf und nicht unbedingt angenehmem Charakter; niemand, den sie freiwillig zu ihren Freunden gez�hlt h�tte. Au�erdem geh�rte der Tod - noch dazu der Tod Sterblicher - so sehr zu ihrem Alltag, dass er sie gar nicht h�tte ber�hren d�rfen.</p><p>Aber er tat es. Sie f�hlte sich pers�nlich angegriffen, aus einem Grund, den sie im ersten Moment nicht einmal selbst benennen konnte.</p><p>�Und ihr seid sicher, dass es derselbe war, der schon eure Freundinnen get�tet hat?�</p><p>Sowohl Kate als auch Marie-Jeanette nickten - die Fremde, deren Namen sie nicht kannte, blickte sie weiter stumm und auf die gleiche, unangenehme Art absch�tzend an. Bast versuchte ihren Blick zu erwidern, aber ihr Interesse erlosch ebenso rasch wieder wie gerade - und au�erdem hatte sie im Moment wirklich andere Probleme -, w�hrend Faye nur die Schultern hob.</p><p>�Vielleicht. Ich ... bin nicht sicher.�</p><p>�Bl�dsinn!�, schnaubte Kate. �Du willst es nicht wahrhaben, S��e, das ist alles. Aber das wird dir nichts nutzen, wenn er sich dich als N�chste vornimmt und dich aufschlitzt.�</p><p>Pl�tzliche Wut nahm die Stelle verzweifelter Trauer in Fayes Blick ein, und sie setzte zu einer scharfen Antwort an, die zweifellos zu einem heftigen Streit zwischen ihnen gef�hrt h�tte, w�re nicht in diesem Moment Red hinter ihnen aufgetaucht, um das bestellte Bier zu bringen. Faye schluckte alles herunter, was ihr so sichtbar auf der Zunge lag und begn�gte sich mit einem giftigen Blick in Richtung ihrer beiden Freundinnen, w�hrend der Rotschopf die Kr�ge lautstark und so unsanft auf dem Tisch ablud, dass der Schaum spritzte.</p><p>�Bitte!�, sagte Bast bes�nftigend, als sie wieder allein waren. �Ihr seid erregt, und ich kann mir auch vorstellen, dass ihr Angst habt, aber damit tut ihr euch keinen Gefallen. Warum erz�hlt ihr mir nicht einfach, was passiert ist?�</p><p>�Warum sollten wir?�, fragte Kate. Sie tauschte einen Blick mit Marie-Jeanette, der Bast nicht gefiel, aber sie konnte auch dieses Gef�hl nicht begr�nden. Tief in sich sp�rte sie, wie die n�chste Welle verzehrender Schw�che heranzurollen begann, und versuchte sich gegen ihren Anprall zu wappnen. �Ich finde, du stellst ziemlich viele Fragen f�r jemanden, den wir gar nicht kennen.�</p><p>�Er hat ihr die Kehle durchgeschnitten�, sagte Faye leise. �Einfach so. Ganz ohne Grund. Ist einfach pl�tzlich aufgetaucht und hat es getan. Wie ein Gespenst.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Bast die wahre Bedeutung dieser Worte begriff. �Moment mal�, sagte sie ungl�ubig. �Soll das hei�en, du hast es gesehen? Du warst dabei?�</p><p>Faye nickte zwar, sagte aber trotzdem: �Nein. Nicht ... direkt, meine ich. Wir waren drau�en. Zusammen. Liz an ihrem Stammplatz, und ich an meinem, auf der anderen Stra�enseite. Wir stehen da immer, wei�t du? Seit es angefangen hat. So, dass ... dass wir uns gegenseitig im Auge behalten k�nnen.�</p><p>�Und das hat Liz ja auch wirklich geholfen�, sagte Kate abf�llig. �Nicht wahr?�</p><p>�Was hast du gesehen?�, fragte Bast rasch. Gleichzeitig versuchte sie, Kate ein wenig zu beruhigen, aber nicht einmal mehr dazu reichte ihre Kraft.</p><p>�Eigentlich nichts�, antwortete Faye. �Es ... ging unheimlich schnell. Er ist einfach aufgetaucht und ... und hat ihr die Kehle durchgeschnitten. Ich habe es erst gemerkt, als ... als sie zusammengebrochen ist. Hat nicht einmal mehr geschrien.� Ihre Stimme versagte, und sie verlor den Kampf gegen die Tr�nen endg�ltig. Hastig trank sie einen Schluck Bier, wobei sie beide H�nde brauchte, um den schweren Krug anzuheben, und trotzdem einen Teil seines Inhalts versch�ttete, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber das Gesicht, um Tr�nen und Bier wegzuwischen, und fuhr schlie�lich mit noch leiserer, m�hsam beherrschter Stimme fort: �Ich bin gleich hingelaufen, aber ich konnte nichts mehr machen. Sie war ... da war so viel Blut, und ...�</p><p>Bast legte ihr beruhigend die Hand auf den Unterarm, und wenigstens diese kleine, menschliche Geste tat ihren Dienst. Faye beruhigte sich nicht wirklich, aber sie schenkte ihr zumindest ein kleines, dankbares L�cheln.</p><p>�Du h�ttest nichts mehr tun k�nnen�, sagte sie.</p><p>�Au�er dich vielleicht selbst umbringen lassen�, f�gte Kate ver�chtlich hinzu. �Was h�ttest du gemacht, wenn der Kerl auch auf dich losgegangen w�re, Sch�tzchen?�</p><p>�Er war ja schon weg�, antwortete Faye.</p><p>�Ja, weil er so gro�e Angst vor dir hatte, nicht wahr?�, versetzte Kate b�se. Sie sch�ttelte den Kopf. �So was D�mliches! Wenn er nicht weggelaufen w�re, dann w�rst du jetzt auch tot. Warum schneidest du dir nicht gleich selbst die Kehle durch? Das geht schneller als das, was der Kerl mit dir machen w�rde!�</p><p>�Lass sie in Ruhe�, mischte sich Marie-Jeanette ein. �Sie zittert ja jetzt noch vor Angst. Ich finde, was sie getan hat, war sehr mutig.� Direkt an Faye gewandt und mit einem leisen L�cheln f�gte sie hinzu: �Ist schon gut, Kleines. Mach dir keine Vorw�rfe. Du h�ttest nichts tun k�nnen. Und Liz hat bestimmt nichts gemerkt. So was geht ganz schnell.�</p><p>Bast h�tte ihr sagen k�nnen, dass das nicht stimmte. An einer durchschnittenen Kehle zu sterben war ein leiser Tod, aber gewiss kein schneller. Wenn Liz Gl�ck gehabt hatte, dann hatte der Schock sie das Bewusstsein verlieren lassen, aber sehr viel wahrscheinlicher war sie an ihrem eigenen Blut erstickt, qualvoll und �ber zwei oder drei Minuten hinweg, eine Ewigkeit, in der sie ihren Schmerz nicht einmal hatte hinausschreien k�nnen.</p><p>Trotzdem sagte sie: �Das stimmt. Wahrscheinlich hat sie gar nichts gesp�rt.�</p><p>�Na, du musst es ja wissen!�, schnaubte Kate und tauschte schon wieder einen jener eigenartigen Blicke mit Marie-Jeanette und der Fremden neben sich. �Ich finde, du stellst eine Menge Fragen f�r jemanden, der in dieser Gegend angeblich niemanden kennt und hier auch nicht herpasst!�</p><p>Bast ignorierte die kaum noch verhohlene Feindseligkeit in Kates Blick und wandte sich wieder direkt an Faye. �Hast du der Polizei erz�hlt, was du gesehen hast?�</p><p>�Es war doch nur ein Schatten.�</p><p>�Der Polizei?� Kate lachte h�sslich. �Sch�tzchen, du hast wirklich keine Ahnung, wie das hier l�uft, wie? Als ob die uns besch�tzen w�rden: Sie h�tten Faye mitgenommen und erst mal ins Loch geworfen, und vielleicht w�rden sie sie nach einer Woche wieder gehen lassen - nachdem sie alle ihren Spa� mit ihr gehabt haben, hei�t das.�</p><p>Bast sp�rte, wie bitterernst diese Worte gemeint waren, aber es fiel ihr trotzdem schwer, sie zu glauben. Ganz egal, was Maistowe auch von Abberlines F�higkeiten als Polizist zu halten schien, er war ein grundehrlicher Mann, der seinem Beruf aus �berzeugung nachging. Sie sch�ttelte den Kopf und setzte zu einer entsprechenden Entgegnung an, doch Kate kam ihr abermals zuvor.</p><p>�Du hast wirklich nicht die geringste Ahnung, aber du stellst eine Menge Fragen, finde ich. Suchst du eigentlich immer noch nach Patsy, deiner Freundin? Ich meine: Sie ist doch deine Freundin, oder?�</p><p>Bast nickte. �Sicher. Warum fragst du?�</p><p>�Ich wundere mich nur ein bisschen�, antwortete Kate. �Weil, wenn sie wirklich deine Freundin ist, dann ist es schon irgendwie komisch, dass du sie nicht mal erkennst - wo sie doch die ganze Zeit neben mir sitzt.�</p><p>Bast starrte sie einen halben Atemzug lang einfach nur verwirrt an, dann wandte sie mit einem Ruck den Kopf und blickte in ein Gesicht, das ihr vertraut war wie ihr eigenes Spiegelbild.</p><p>�Hallo Bastet�, sagte Isis.</p><p>Bast h�rte die Worte kaum. Sie konnte Isis nur anstarren, dieses so unendlich vertraute, nachtschwarze Gesicht unter einer ungeb�ndigten dunkelroten Haarpracht, das einfach nicht zu �bersehen war, und das sich selbst jetzt ihrem Erkennen nur deshalb nicht entzog, weil Isis es zulie�.</p><p>�Sch�n, dich nach so langer Zeit wiederzusehen�, fuhr Isis fort. �Und ich dachte schon, du willst mich nicht erkennen.� Sie legte den Kopf schr�g. Das L�cheln blieb auf ihrem Gesicht, aber in ihren Augen erschien ein nachdenklicher, fast schon lauernder Ausdruck. �Bastet ist doch richtig, oder? Oder sollte ich Sachmet sagen?�</p><p>Wieder sp�rte Rast das Herannahen einer Woge saugender Schw�che, aber sie war pl�tzlich nicht einmal mehr sicher, ob diese Mattigkeit tats�chlich aus ihr selbst kam, oder ob da etwas - jemand - war, der ihr die Kraft stahl.</p><p>Dieser Verdacht beleidigt mich, Schwester, erklang Isis' Stimme hinter ihrer Stirn. So etwas w�rde ich niemals tun, du solltest das eigentlich wissen.</p><p>�H�r ... auf damit�, murmelte Bast stockend. �Du wei�t, dass ich das nicht mag.�</p><p>�Womit?� Kate runzelte die Stirn, und auch Marie-Jeanette blickte fragend von ihr zu Isis und wieder zur�ck.</p><p>Dann tu etwas dagegen, fuhr Isis l�chelnd fort. Oder kannst du das nicht mehr?</p><p>�He, was ist hier los?�, erkundigte sich Kate misstrauisch. �Ihr beide kennt euch also doch?�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Isis, ohne dass ihre Augen Basts Blick loslie�en. �Aber ich nehme es ihr nicht �bel, dass sie mich nicht sofort erkannt hat. Wir haben uns sehr lange nicht mehr gesehen. Wie lange war es noch genau?� <emphasis>Zweihundert Jahre? Oder sind es schon dreihundert? Die Zeit vergeht so schnell, dass ich mich manchmal frage, wo die Jahre geblieben sind.</emphasis></p><p>Bast versuchte vergeblich, die lautlos fl�sternde Stimme zwischen ihren Schl�fen zum Verstummen zu bringen. Isis' Gesicht ... Nein, es ver�nderte sich nicht wirklich vor ihren Augen. Sie erkannte es nur pl�tzlich nicht mehr, als s��e sie einer vollkommen Fremden gegen�ber, keiner Frau, mit der sie die Jahrtausende geteilt hatte.</p><p>Bitte h�r damit auf!</p><p>Ganz wie du willst. Aber du solltest dir endlich selbst eingestehen, in welch schlechtem Zustand du bist. Du brauchst ...</p><p>�Ich wei� selbst, was ich brauche!�, fauchte Bast laut. Isis - die nun wieder Isis war, wenn auch vermutlich nur f�r sie selbst, nicht f�r Kate oder Marie-Jeanette oder Faye oder irgendeinen anderen hier drinnen - l�chelte nur verzeihend und lie� ihren Blick endlich los, und die Schw�che rollte endg�ltig heran und drohte sie zu �bermannen. Isis streckte rasch den Arm �ber den Tisch und ergriff ihre Hand, und die Dunkelheit zog sich fast erschrocken zur�ck, als eine Woge unsichtbarer, warmer Kraft durch ihren K�rper str�mte.</p><p>Siehst du, Schwester? Ich wei� es sehr wohl.</p><p>�Kann es sein, dass ihr beide uns auf den Arm nehmen wollt?�, fragte Kate. �Was soll das Theater? Ich ...�</p><p>�Es ist schon gut, Kate.� Isis machte eine winzige, kaum sichtbare Bewegung mit den Fingern der freien Hand, und etwas in Kates Blick erlosch. F�r die Dauer von zwei oder drei Atemz�gen wirkte sie einfach nur verwirrt und hilflos, dann atmete sie h�rbar ein und stand mit einem pl�tzlichen Ruck auf.</p><p>�Na ja, dann lasse ich euch zwei Turtelt�ubchen mal ein bisschen allein�, sagte sie, irgendwie schleppend. �Ihr habt euch nach so langer Zeit bestimmt eine Menge zu erz�hlen.�</p><p>�Was hast du vor?�, fragte Faye alarmiert. Isis zog ihre Hand zur�ck, und der Strom erquickender St�rke erlosch. Was blieb, war ein t�uschendes Gef�hl von Sicherheit, und das Wissen, dass es nur geliehene Kraft war, und dass sie einen vielleicht zu hohen Preis daf�r zahlen w�rde.</p><p>�Na was schon?�, antwortete Kate. �Die Nacht ist noch jung, S��e. Liz war genauso meine Freundin wie deine, aber um sie zu trauern, macht keinen von uns satt, wei�t du? Ich muss sehen, dass ich was Warmes in den Bauch bekomme.� Sie grinste anz�glich. �So oder so.�</p><p>Deine Freundin, sp�ttelte Isis lautlos. Glaubst du immer noch, dass es schade um sie ist?</p><p>�Aber du kannst doch jetzt nicht arbeiten!� Faye klang eindeutig entsetzt. �Was ist denn, wenn er noch da drau�en ist?�</p><p>�Aber du hast doch selbst gesagt, dass es nicht der Ripper war�, antwortete Kate. �Au�erdem kommt der Kerl ganz bestimmt nicht wieder. Nicht heute Nacht, mach dir keine Sorgen. Schlie�lich hast du ihn ja verjagt!� Sie setzte dazu an, sich herumzudrehen und zu gehen, hielt aber dann mitten in der Bewegung noch einmal inne und wandte sich mit einem fragenden Blick an Maire-Jeanette.</p><p>�Ihr seid verr�ckt�, murmelte Faye, als auch Kates blonde Freundin aufstand und sich zum Gehen wandte.</p><p>�M�glich. Aber morgen fr�h ganz bestimmt nicht so hungrig wie du, S��e�, antwortete Kate.</p><p>Sie ging. Bast wartete, bis Marie-Jeanette und sie au�er H�rweite waren, dann wandte sie sich in vorwurfsvollem Ton an Isis. �Warum hast du sie nicht zur�ckgehalten?�</p><p><emphasis>Warum sollte ich? Welche Rolle spielt es schon, ob sie jetzt stirbt oder in drei�ig Jahren? </emphasis>Laut sagte sie: �Sie hat v�llig recht. Heute Nacht kommt er bestimmt nicht zur�ck. Es wimmelt von Polizei und Neugierigen. Und solltest du moralische Bedenken haben ... die findet heute Nacht auch bestimmt keinen Kunden mehr.�</p><p>�Aber sie w�rden ...�, begann Faye, und Isis wiederholte ihre winzige Handbewegung. Faye verstummte mitten im Satz und schien f�r einen Moment nicht mehr zu wissen, wo sie war, dann wurden ihre Augen tr�b. Sie griff nach ihrem Bierkrug, trank aber nicht, sondern hielt ihn nur mit beiden H�nden fest und starrte aus blicklosen Augen hinein.</p><p>�Keine Sorge�, sagte Isis. �Sie h�rt nichts mehr. Wir brauchen uns nicht zu verstellen.�</p><p>�Warum tust du das?�, fragte Bast vorwurfsvoll. �Du wei�t, dass es nicht richtig ist.�</p><p>�Was?� Isis' Stimme wurde sp�ttisch. �Den freien Willen eines Menschen zu missachten?� Sie lachte, aber es klang einfach nur h�sslich. �Nein, meine Frage von vorhin war vollkommen �berfl�ssig. Sachmet w�rde einen solchen Unsinn nicht reden. Du bist Bastet. Noch.�</p><p>Bast streifte Faye mit einem nerv�sen Blick, aber es war so, wie Isis gesagt hatte: Ihr Gesicht und ihre Augen waren leer. Sie war bei Bewusstsein, aber zugleich auch gefangen in einer eigenen, isolierten Welt, in die nichts hinein- oder herausdrang. Der Anblick stimmte sie traurig. Ganz egal, was Isis sagte und ob sie recht hatte oder nicht - es war nicht richtig.</p><p>�Also, was willst du hier?�, fragte Isis pl�tzlich.</p><p>�Ich habe dich gesucht.�</p><p>�Ja, und jetzt hast du mich gefunden.� Sie zog eine Grimasse. �Aber du erwartest nicht, dass ich dir vor Freude um den Hals falle, oder? Ich dachte, ich h�tte mich gut genug vor dir und den anderen versteckt, aber das war wohl ein Irrtum.�</p><p>�Horus ist hier�, sagte Bast.</p><p>Isis zog zweifelnd die linke Augenbraue hoch, aber Bast sp�rte zugleich auch nicht die leiseste �berraschung. �Hier? In London?�</p><p>�Ich habe ihn gesehen�, best�tigte Bast. �Heute Morgen erst. Ihn und Sobek.�</p><p>�Und du lebst noch? Mein Kompliment!�</p><p>�Er w�rde mir nie etwas antun�, sagte Bast �berzeugt. �Du kennst seinen Standpunkt.�</p><p>�Oh ja, der gute Horus und seine Ehre!� Isis machte ein abf�lliges Ger�usch. �Wir t�ten einander nicht, nicht wahr? Aber wir sehen zu, wie andere das f�r uns erledigen. Ja, das klingt ganz nach meinem Gatten, wie er leibt und lebt. Was will er?�</p><p>�Das hat er nicht gesagt�, antwortete Bast, �aber ich nehme an, dasselbe wie ich. Er sucht dich!�</p><p>�Und deshalb bist du gekommen - um mich vor ihm zu warnen?�, vermutete Isis. Ihre Miene verd�sterte sich. �Du erwartest doch keine Dankbarkeit, oder?�</p><p>�Wir wollen, dass du zur�ckkommst�, antwortete Bast ruhig. �Nicht nur ich. Die anderen auch ... jedenfalls die meisten.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Warum�, best�tigte Isis. �Was st�rt es euch, wo ich lebe oder wie?�</p><p>�Weil du nicht hierher geh�rst�, antwortete Bast �berzeugt. �Nicht in dieses Land, und schon gar nicht ...�, sie machte eine ausholende, angewiderte Geste, �... hierher.�</p><p>�Ja, jetzt kommt tats�chlich die gute alte Bastet wieder zum Vorschein, wie wir sie alle kennen und lieben, nicht wahr?�, fragte Isis. Sie lachte, aber ihre Augen schienen sich pl�tzlich in Stein zu verwandeln. �Wie schade nur, dass du bei dir selbst nicht dieselben Ma�st�be anlegst.�</p><p>Bast schluckte, als h�tte sie sie unversehens geohrfeigt. Und irgendwie hatte sie das auch. �Faye und die anderen haben mir erz�hlt, dass du ...�</p><p>�Dass ich hier arbeite? Stimmt�, unterbrach sie Isis. �Nur dann und wann, und nicht unbedingt aus denselben Gr�nden wie sie. Hast du ein Problem damit?�</p><p>�Ich nicht, aber vielleicht deine Kunden.�</p><p>Isis lachte leise. �Bis jetzt hat es noch jeder �berlebt, keine Sorge. Ich wei�, wie weit ich gehen kann. Ganz im Gegensatz zu dir.�</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Man erz�hlt sich hier eine interessante Geschichte �ber Roy und seine Bande�, antwortete Isis l�chelnd. �Wie es aussieht, hat ihnen jemand ziemlich �bel mitgespielt. Ich nehme nicht an, dass du etwas dar�ber wei�t? Wie man h�rt, sollst du gestern Abend einen ziemlich heftigen Streit mit ihnen gehabt haben.�</p><p>�So schlimm war es nun auch wieder nicht�, antwortete Bast achselzuckend. Sie wollte nicht �ber Roy und seine Schl�gerbande sprechen. Sie wollte dieses Gespr�ch �berhaupt nicht f�hren, nicht so. Alles begann ihr zu entgleiten.</p><p>�Schlimm genug, wie man sich erz�hlt�, sagte Isis. �Einer der Kerle ist tot, und die drei anderen werden wohl so schnell nicht aus dem Hospital kommen. Roy ist der Einzige, der einigerma�en ungeschoren davongekommen ist. Da frage ich mich, warum.�</p><p>�Vielleicht hatte er einfach Gl�ck�, antwortete Bast spr�de. �Oder wer immer ihn und seine Bande aufgemischt hat, wurde gest�rt ... was wei� ich.� Sie machte eine unwillige Handbewegung. �Aber ich bin nicht hier, um �ber Roy zu reden.�</p><p>�Sondern?�</p><p>��ber dich, Isis�, antwortete Bast ernst. �Komm zur�ck! Ich wei� nicht, warum Horus und Sobek wirklich hier sind, aber ich habe kein gutes Gef�hl dabei.�</p><p>�Du meinst, ich w�re in Gefahr?� Isis lachte leise. �Nicht doch, Schwesterchen. Du hast mir doch gerade selbst gesagt, dass er niemals die Hand gegen einen von uns erheben w�rde. Und schon gar nicht gegen seine <emphasis>Geliebte.</emphasis>�</p><p>Allein die Art, auf die sie dieses Wort betonte, lie� Bast schon wieder unmerklich zusammenfahren. Verdammt, ja, sie hatte sich mit Horus eingelassen, und es war nicht nur eine Entt�uschung gewesen, seither war kaum ein Tag vergangen, an dem sie es nicht bereut hatte. Und es war so lange her!</p><p>�Ich dachte, du h�ttest mir verziehen�, sagte sie. �Mehr als dich um Verzeihung bitten kann ich nicht.�</p><p>�Verzeihung?� Isis spielte perfekt die �berraschte. �Da gibt es nichts zu verzeihen. Von mir aus kannst du Horus haben und irgendwo auf der Welt eine Dynastie mit ihm gr�nden. Er ist mir vollkommen egal - und das war es auch schon, bevor du dein Interesse an ihm entdeckt hast, Schwester.�</p><p>�Vielleicht sieht er das ja nicht so�, antwortete Bast. Sie klang pl�tzlich ebenso spr�de und abweisend wie Isis, aber insgeheim war sie erleichtert. Isis' Worte waren aufrichtig gemeint; ganz bewusst verletzend vielleicht, aber ehrlich. �Und selbst wenn doch ... du solltest nicht hierbleiben. Ich bin nicht ganz sicher, ob sie mir das alles nicht nur vorgespielt haben, um mich zu provozieren, aber wenn nicht ...� Sie hob die Schultern. �Du kennst Horus besser als ich. Ich f�rchte, Sobek und er befinden sich auf irgendeinem verr�ckten Kreuzzug.�</p><p>�Jetzt �bernimmst du schon ihren Wortschatz�, sagte Isis sp�ttisch. �Aber dann solltest du das auch richtig tun. Sie waren es, die die Kreuzz�ge gegen uns gef�hrt haben, nicht umgekehrt.�</p><p>�Du wei�t, wovon ich rede.�</p><p>�Ja. Von Horus und seiner alten Lieblingsidee, dass sie kein Recht haben, unsere Geschichte zu pl�ndern. Irgendwie kann ich das nachvollziehen. Warst du schon einmal im Britischen Museum?�</p><p>�Heute, ja�, antwortete Bast. Sie behielt Isis' Gesicht bei diesen Worten aufmerksam im Auge, aber wenn sie wusste, was heute Morgen wirklich geschehen war, so hatte sie sich meisterhaft in der Gewalt.</p><p>�Dann wei�t du, dass er recht hat�, sagte Isis. �Horus ist nicht der Einzige, der nicht gl�cklich dar�ber ist, die heiligsten St�tten unseres Volkes entweiht zu sehen, aber keine Sorge ...�, sie hob rasch die Hand, �... ich halte ihn f�r genau so verr�ckt wie du. Die Zeiten wandeln sich.�</p><p>�Horus ist nicht verr�ckt, er ist gef�hrlich�, erwiderte Bast ernst. �F�r uns alle. Auch f�r dich. Er <emphasis>kann </emphasis>diesen Krieg nicht gewinnen.�</p><p>�Ich f�rchte, damit hast du recht�, seufzte Isis. �Aber er wird wohl auch der Erste sein, der es merkt.�</p><p>�Es k�nnte unser aller Untergang sein�, antwortete Bast so ernst, wie sie nur konnte. �Wir haben all die Jahrhunderte �berlebt, weil niemand von unserer Existenz wusste. Wenn Horus diesen verr�ckten Krieg anf�ngt; dann k�nnte sich das �ndern. Und wenn die Menschen erst einmal wissen, dass es uns gibt, dann ist es vorbei.� Ihre Stimme wurde leiser und nahm zugleich einen fast beschw�renden Ton an. �Komm mit mir, Isis.�</p><p>�Und wohin?�</p><p>�Zuerst einmal zur�ck in unsere Heimat, wo wir hingeh�ren.�</p><p>�Wo wir hingeh�ren�, wiederholte Isis sp�ttisch. Sie trank einen gewaltigen Schluck aus ihrem Bierkrug, obwohl Alkohol auf sie ebenso wenig Wirkung hatte wie auf Bastet oder irgendeinen anderen aus ihrer Familie. Sie sch�ttelte heftig den Kopf. �Wer hat dich geschickt? Amun oder Ra selbst?�</p><p>�Niemand hat mich geschickt�, antwortete Bast, ebenso nachdr�cklich wie falsch. Tats�chlich hatten Ra und die anderen sie gebeten, Isis zur�ckzuholen, aber es w�re nicht n�tig gewesen. Sie w�re auch von sich aus gegangen. �Aber sie haben recht. Du hast es selbst gesagt: Die Zeiten �ndern sich. Wir sollten uns zur�ckziehen und warten, bis alles vor�ber ist, wie wir es schon so oft getan haben.�</p><p>�Bis was vor�ber ist?�</p><p>�Das alles hier�, antwortete Bast ernst. �Diese Kultur wird untergehen, wie alle anderen vor ihr. Willst du mit ihr untergehen?�</p><p>�Ich werde mich wenigstens nicht in einem Loch in der W�ste verkriechen und darauf warten, dass mir der Himmel auf den Kopf f�llt�, erwiderte Isis. �Und du irrst dich. Dieses Land wird nicht untergehen. Das Empire wird fallen, wie andere Reiche zuvor. Wie Rom, Babylon und das Reich der Inkas - die, so ganz nebenbei, wir gest�rzt haben -, aber die Welt wird nie wieder so werden, wie sie war. Ich suche mir meinen eigenen Platz darin.�</p><p>�Wenn du wirklich recht hast�, sagte Bast traurig, �dann ist in dieser Welt kein Platz mehr f�r uns.�</p><p>�Das wird sich zeigen�, antwortete Isis ruhig. �Du hast den Weg umsonst gemacht, Bastet. Geh wieder nach Hause. Und hab keine Angst vor Horus. Ich rede mit ihm. Er wird dir nichts tun.�</p><p>�Aber dir vielleicht.�</p><p>Isis lachte. �Er wird mich nicht einmal finden, wenn ich es nicht will.�</p><p>�Ich habe dich auch gefunden.�</p><p>�Weil ich es zugelassen habe�, antwortete Isis ruhig.</p><p>Ein Gef�hl l�hmender Resignation begann sich in Bast breitzumachen. Ihr Zusammentreffen mit Isis verlief nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte mit Schwierigkeiten gerechnet - schlie�lich kannte sie Isis nun wirklich lange genug -, aber nicht mit dieser totalen Ablehnung. Was hatte Isis erlebt in den Jahren, die sie sich nicht gesehen hatten?</p><p>�Den Wandel der Zeit, Schwester�, antwortete Isis, und Bast begriff, dass sie abermals ihre Gedanken gelesen hatte.</p><p>�So wie wir alle.�</p><p>�Nicht so�, widersprach Isis. �Die Zeiten �ndern sich, Bastet, sie haben sich schon ge�ndert, und sie werden sich weiter �ndern und schneller, als du es wahrhaben willst. Die Zeiten der G�tter sind vorbei. Die Menschen brauchen uns nicht mehr. Vielleicht haben sie uns nie wirklich gebraucht.�</p><p>Sie stand auf. �Du wolltest mit mir reden, du hast mit mir geredet. Jetzt fahr wieder nach Hause und sag den anderen, dass ich nicht zur�ckkommen werde. Und versuche nicht noch einmal, mich zu finden.�</p><p>Und damit verschwand sie. Sie ging nicht etwa, sondern war von einem Blinzeln zum anderen einfach nicht mehr da, genau wie es Horus am Morgen getan hatte. Und genau wie bei ihm �rgerte sie diese billige Effekthascherei, aber bei ihr hatte es etwas ... Erniedrigendes, das sie fast w�tend machte. Sie f�hlte sich abgefertigt wie ein dummes Kind, und in diesem Fall tat es weh.</p><p>Und es weckte ihren Trotz. Isis glaubte, sie w�re nicht in der Lage, sie gegen ihren Willen zu finden?</p><p>Nun, das w�rde sich zeigen.</p><p>�Wo ist sie hingegangen?�</p><p>Bast fuhr aus ihren Gedanken hoch und blinzelte Faye verst�ndnislos an. �Wer?�</p><p>�Patsy. Deine Freundin.� Die Leere war aus ihren Augen verschwunden, aber nun sah sie gleicherma�en verwirrt wie misstrauisch aus. �Das ... war sie doch, oder? Wo ist sie �berhaupt so schnell hin?�</p><p>�Sicher, das war ... Patsy�, antwortete Bast hastig.</p><p>Der Anteil von Misstrauen in Fayes Blick nahm noch zu. �Ist nicht ihr richtiger Name�, vermutete sie.</p><p>�Ist Faye denn deiner?�</p><p>�Nein�, gestand Faye freim�tig. �Aber ich versteh immer noch nicht ganz, wohin sie so schnell verschwunden ist. Ich habe gar nichts mitgekriegt. Bin ich einged�st, oder was?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast. �Aber du siehst aus, als w�rdest du es gleich. Patsy musste weg. Sie hat wohl noch eine Verabredung ... glaube ich.�</p><p>�Und dann l�sst sie dich einfach hier sitzen, wo ihr euch so lange nicht mehr gesehen habt? Ihr scheint keine besonders guten Freundinnen zu sein.�</p><p>�Doch, das sind wir�, versicherte Bast hastig. �Aber ... Patsy ... war schon immer ein bisschen ...�</p><p>�Eigenwillig?�, half Faye aus. Sie lachte. �Ja, das klingt ganz nach Patsy Kline. Hat sie dir gesagt, dass sie wiederkommt ... morgen oder sp�ter?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil du dich nicht wundern solltest, wenn sie nicht auftaucht�, antwortete Faye. �So ist es nun mal ... aber das wei�t du ja bestimmt. Wo ihr euch doch schon so lange kennt.�</p><p>�Ja, sicher�, antwortete Bast. �Und du? Wie lange kennst du Patsy schon?�</p><p>�So lange wie die anderen�, antwortete Faye. �Ein gutes Jahr. Vielleicht ein bisschen l�nger.�</p><p>�So lange lebst du schon hier?�, vermutete Bast. �Und vorher?�</p><p>�Vorher?�</p><p>�Du musst doch irgendwo aufgewachsen sein. Was hast du vorher gemacht? Bevor du ...�</p><p>�Bevor ich als Hure gearbeitet hab?�, fiel ihr Faye ins Wort. Ihr Blick wurde hart. �Ja, ich bin woanders aufgewachsen. Auf einem Gutshof in Sussex. Meine Mutter war dort Magd, und wir hatten einen richtig noblen Herrn. Einen Gentleman, �berall hoch angesehen und f�r seine Gro�z�gigkeit bekannt. Ein richtiger Gentleman, und ein echter Mann. Muss er wohl gewesen sein - immerhin hat er meine Mutter fast jede Nacht in sein Schlafzimmer geholt ... wenigstens, bis ich zw�lf war. Danach hat er immer mehr Geschmack an ihrer Tochter gefunden.�</p><p>�Das tut mir leid�, sagte Bast.</p><p>Sie meinte das ehrlich, aber Fayes Blick wurde eher noch ver�chtlicher. �Ach, tut es das?�, fragte sie b�se. �Mir nicht. Ich habe jedenfalls schnell gelernt, wie das Leben so ist.�</p><p>�Und dann bist du hierhergekommen?�</p><p>�Warum nicht?�, schnaubte Faye ver�chtlich. �Wo ist der Unterschied? Fr�her hab ich die Beine nur f�r einen alten Bock breitgemacht und daf�r Essen und ein winziges Zimmer bekommen, und manchmal sogar einen Penny, wenn er ganz besonders gute Laune hatte. Heute verdiene ich gutes Geld, und keiner macht mir Vorschriften.�</p><p>�Schon gut�, antwortete Bast. �Ich wollte dir keine Vorw�rfe machen.�</p><p>�Die stehen dir auch nicht zu�, sagte Faye ernst, aber nicht mehr wirklich feindselig. Ihr Zorn verrauchte so schnell wie ein pl�tzlich aufgeflammter Schmerz, der ebenso rasch wieder erloschen war, und ihre Schultern sanken kraftlos nach vorne. �Entschuldige.�</p><p>�Da gibt es nichts zu entschuldigen�, antwortete Bast sanft. �Im Gegenteil. Ich muss mich entschuldigen. Du hast recht. Es steht mir nicht zu, �ber dich oder irgendjemanden hier zu urteilen.� Sie zwang sich zu einem L�cheln. �Wahrscheinlich war ich nur entt�uscht.�</p><p>�Wegen Patsy?� Faye nickte, trank einen Schluck von ihrem Bier und schob den Krug dann mit angewidertem Gesicht demonstrativ von sich. �Euer Gespr�ch ist nicht so gelaufen, wie du gehofft hast, wie?�</p><p>�Nicht unbedingt�, gestand Bast. �Wie gesagt: Sie ist manchmal ein bisschen stur.� Sie machte eine Kopfbewegung auf Fayes Krug. �M�chtest du ein frisches?�</p><p>�Wenn ich das wollte, w�rde ich es nicht hier bestellen�, antwortete Faye ernsthaft. �Bisher konnte es keiner beweisen, aber es geht das Ger�cht, dass Red in seine F�sser pinkelt, um das Bier zu strecken. Keine Ahnung, ob es stimmt, aber das schmeckt jedenfalls so.�</p><p>�Wir k�nnen woanders hingehen�, schlug Bast vor.</p><p>�Hier, in dieser Gegend?� Faye lachte leise. �Du bist wirklich fremd hier. Au�er dem <emphasis>Ten Bells </emphasis>hat nichts mehr auf. Jedenfalls nichts, was du kennen m�chtest.�</p><p>Sie schien auf Widerspruch zu warten. Als er nicht kam, zuckte sie nur mit den Schultern und begann mit ihrem Krug zu spielen. �Au�erdem habe ich schon genug getrunken. Die Kerle m�gen es nicht, wenn dein Atem nach Bier oder Schnaps stinkt.�</p><p>Bast sah sich demonstrativ zweifelnd um, und Faye sch�ttelte heftig den Kopf. �Doch nicht die hier. Von denen w�rd ich keinen mit der Kneifzange anfassen.�</p><p>�Nicht deine Preisklasse?�, vermutete Bast.</p><p>�Ich nicht ihre�, antwortete Faye. �Unter einer Guinee r�hrt mich keiner an. Und selbst daf�r gibt's noch lange nicht alles.�</p><p>Bast bezweifelte, dass die meisten von denen, die sich momentan hier drinnen aufhielten, so viel in der Woche verdienten. �Hier?�, fragte sie.</p><p>�Du w�rdest dich wundern, wie viele feine Herrschaften sich in diese Gegend verirren, sobald die Sonne untergegangen ist. Musst dir nur mal die Kutschen ansehen, die hier manchmal stehen. Bei denen kriegen manchmal die Pferde besseres Essen als wir. Ich kenne eine Menge von ihnen.�</p><p>�Pferde?�</p><p>�Die feinen Herren aus den Kutschen. Manche sind gar nicht mal so �bel. Nicht alle, aber manche. Einer hat mich sogar einmal mit in sein Haus genommen. Ein richtiger Palast. Hat mir angeboten, ganz bei ihm zu bleiben, aber ich wollte nicht ... obwohl es wirklich ein richtiger Palast war.�</p><p>Aus dem Munde jeder anderen h�tte diese Behauptung einfach nur angeberisch geklungen, aber Bast glaubte ihr. Fayes Kleider waren so provozierend und sch�big wie die der anderen, ihre Schminke entschieden zu aufdringlich und ihre Frisur nichts anderes als billig - aber sie hatte etwas Kindliches, das selbst jetzt, m�de und verschreckt wie sie war, durch all das hindurchschimmerte.</p><p>Aber wie lange noch?</p><p>�Wie alt bist du?�, fragte sie.</p><p>�Zwanzig�, behauptete Faye. �Warum?�</p><p>�Sechzehn�, vermutete Bast. �Habe ich recht?�</p><p>�Aber nur noch zwei Wochen, dann werde ich zwanzig.�</p><p>�Und das die n�chsten drei Jahre lang.�</p><p>�Mindestens f�nf�, verbesserte sie Faye. �Wahrscheinlich sogar mehr.�</p><p>�Und dann?�, fragte Bast, zwar lachend, aber trotzdem nun wieder in ver�ndertem Ton.</p><p>�Dann gibt es nicht�, antwortete Faye �berzeugt. �Ich spare. Kate und die anderen geben das meiste gleich wieder aus, f�r Gin und Bier oder Opium, aber ich habe schon ein h�bsches S�mmchen zusammen. In ein paar Jahren kann ich von hier weggehen und mir irgendwo ein kleines Haus kaufen. Vielleicht sogar einen eigenen Laden. Hab noch nicht genau dar�ber nachgedacht.�</p><p>Bast schwieg dazu. Faye w�rde kein eigenes Gesch�ft besitzen und auch kein eigenes Haus. Oh, sie glaubte an diesen Traum, wie es alle getan hatten, als sie hierhergekommen waren, und Bast glaubte ihr auch, dass sie gut verdiente und auch das meiste davon f�r ihren Traum sparte. Aber was Isis vorhin zu ihr gesagt hatte, das galt auch - und noch viel mehr - f�r Faye. Die Zeit blieb nicht stehen. Faye war trotz der aufdringlichen Schminke und ihrer provozierenden Kleider noch ein Kind, ein M�dchen im K�rper einer Frau, aber mit der unschuldigen Ausstrahlung eines Kindes, und das war es, was all die feinen Gentlemen an ihr faszinierte, nicht ihr wundersch�nes Gesicht und ihre durchaus ansehnliche Figur.</p><p>Aber wie lange noch, bis dieses zweifelhafte Geschenk, das ihr die Natur gemacht hatte, verbraucht war, oder eine andere, j�ngere und unverbrauchtere Faye kam? Bald w�rde sie anfangen, weniger zu sparen, und irgendwann w�rden ihre Freier weniger werden und vielleicht nicht mehr ganz so spendabel und gro�z�gig sein, und irgendwann, in gar nicht allzu ferner Zukunft, w�rde sie neben Kate und Marie-Jeanette und den anderen stehen und sich f�r ein paar Pennys feilbieten, und ihren m�hsam zusammengesparten Traum St�ck f�r St�ck f�r etwas anderes ausgeben; falls er ihr nicht vorher gestohlen wurde, oder irgendjemand sie umbrachte.</p><p>�Hab ich was Falsches gesagt?�, fragte Faye.</p><p>Bast sch�ttelte hastig den Kopf und zwang sich zu einem L�cheln. Faye war eine gute Beobachterin - oder man sah ihr ihre Gedanken deutlicher an, als sie wahrhaben wollte. Sie lauschte in sich hinein und stellte fest, dass die von Isis geliehene Kraft beinahe aufgebraucht war. Sie war nicht �berrascht, aber alarmiert. Sie stand kurz vor dem Zusammenbruch, und wenn er kam, dann w�rde er schnell, brutal und endg�ltig sein. Sie w�rde t�ten, wenn sie bis dahin keine L�sung fand. Vielleicht Faye.</p><p>�Nein�, antwortete sie. �Es ist nur ... sp�t geworden. Ich muss allm�hlich an den R�ckweg denken.�</p><p>�Ich auch�, sagte Faye. �Aber ich hab's nicht so weit wie du. Gehen wir noch ein St�ck zusammen? Ist nicht sehr weit, nur ein paar Stra�en ... und in der N�he ist ein Droschkenplatz. Mit ein bisschen Gl�ck bekommst du dort sogar noch einen Wagen.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Letzten Endes waren es dann nicht ein paar, sondern f�nf Stra�en, und sie brauchten gut zwanzig Minuten, obwohl es bitterkalt war und Faye, die statt einer Jacke nur einen d�nnen Netzschal �bergeworfen hatte, ein forsches Tempo anschlug. Sie redeten wenig, was ebenfalls an der K�lte lag. Bast hatte nicht mehr genug Kraft, um sich dagegen zu sch�tzen, und schon lange bevor sie ihr Ziel erreichten, waren ihre Fingerspitzen und Zehen und Lippen taub vor K�lte und prickelten.</p><p>Immerhin bewegten sie sich nicht tiefer ins East End hinein, sondern n�herten sich seinem Rand. Die Stra�en und Geb�ude waren hier noch immer alles andere als vornehm oder auch nur vertrauenerweckend - Bast nahm schon auf halbem Wege alles zur�ck, was sie je �ber Mrs Walsh und das Westminster gedacht hatte; verglichen mit dieser Gegend hatte Maistowe sie geradezu k�niglich untergebracht -, aber immerhin brannte hier nicht nur jede dritte Stra�enlaterne, und allein auf dem kurzen Weg begegneten ihnen zwei Bobbys, die ihre Runden zwar alles andere als aufmerksam machten, aber sie machten sie, und das allein hatte schon etwas Beruhigendes.</p><p>Dabei h�tte es das nicht haben sollen. Ganz im Gegenteil. Das nun wirklich Allerletzte, was sie in dieser Nacht gebrauchen konnte, war der m�glicherweise einzige wirklich aufmerksame Streifenbeamte der Stadt, der seine Runden drehte und im falschesten aller Augenblicke auftauchte.</p><p>�Wir sind gleich da�, sagte Faye pl�tzlich und deutete auch auf eine niedrige Toreinfahrt auf der gegen�ber liegenden Stra�enseite. Die beiden zweist�ckigen Geb�ude, die sie flankierten, lagen in vollkommener Dunkelheit da, und der Hof, auf den sie f�hrte, erst recht. Nicht einmal Basts scharfe Augen vermochten die absolute Dunkelheit dahinter zu durchdringen.</p><p>�Ich hab nur ein kleines Zimmer�, fuhr das M�dchen fort, �keine richtige Wohnung. Aber es geh�rt mir allein. Ich muss es mit niemandem teilen, und ich hab sogar einen eigenen Ofen, um einzuheizen oder mir etwas zu kochen.�</p><p>Sie waren stehen geblieben, und Faye stampfte ob der K�lte mit den F��en auf und blies in die zusammengelegten H�nde. �Danke, dass du mich begleitet hast�, sagte sie. �Ehrlich gesagt ...�</p><p>�Hattest du Angst, allein nach Hause zu gehen�, unterbrach sie Bast. �Das verstehe ich.�</p><p>�Normalerweise begleiten wir uns immer gegenseitig�, gestand Faye leicht verlegen. �Aber heute ist alles irgendwie ... anders. Solange sie den Ripper nicht geschnappt haben ...�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Bast. �Ihr habt Angst.�</p><p>�Ja�, gestand Faye. �Du anscheinend nicht, wie?�</p><p>�Sollte ich das denn?�</p><p>�Wei� nicht�, antwortete Faye. �Eigentlich schon, aber irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass du �berhaupt vor irgendetwas Angst hast ... hast du geh�rt, was gestern Nacht mit Roy und seiner Bande passiert ist?�</p><p>�Roy?�</p><p>�Der Bursche aus dem Ten Bells�, antwortete Faye. Bast war nicht ganz sicher, ob ihr fragender Blick tats�chlich echt war oder ob sich etwas Lauerndes dahinter verbarg. �Der, mit dem du dich um den Stuhl gestritten hast.�</p><p>�Nein�, sagte Bast. �Ich meine: Ich erinnere mich an ihn, aber was soll mit ihm sein?�</p><p>�Mit ihm nichts, aber seine Bande hat es ziemlich �bel erwischt�, antwortete Faye. �Einer ist angeblich tot, und die anderen sind auch nicht viel besser dran. Angeblich sind sie mit einer anderen Bande aneinandergeraten, aber unter der Hand erz�hlt man sich, dass es nur ein einzelner Mann gewesen sein soll.� Sie lachte. Unecht. �Manche behaupten sogar, es w�re eine Frau gewesen.�</p><p>�Eine dunkelh�utige Frau in einem schwarzen Mantel?� Bast genoss f�r einen halben Atemzug das ungl�ubige Staunen, das sich auf Fayes Gesicht ausbreitete. Dann sch�ttelte sie den Kopf. �Wenn ja, muss es eine andere gewesen sein. Ich allein gegen f�nf? Ich wollte, ich k�nnte so etwas ... aber jetzt wei� ich wenigstens, warum ich gestern Nacht unbehelligt nach Hause gekommen bin. Ehrlich gesagt war mir nicht unbedingt wohl auf dem R�ckweg.�</p><p>�Roy und seine Schl�ger sind gleich nach dir gegangen�, best�tigte Faye.</p><p>�Und offenbar auf die Falschen getroffen�, f�gte Bast hinzu. �Und? Bricht dir das das Herz?�</p><p>�Nicht unbedingt�, antwortete Faye. Sie klang, als h�tte sie eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen. Irgendwie ... entt�uscht.</p><p>�Der Droschkenstand�, erinnerte sie. Sie hatte nicht vor, eine Droschke zu nehmen, oder gar ins Westminster zur�ckzukehren. Ganz im Gegenteil: Was sie suchte, befand sich in der entgegengesetzten Richtung; in der, aus der sie gerade gekommen waren.</p><p>�Oh ja, sicher.� Aus irgendeinem Grund wirkte Faye pl�tzlich verlegen; das naive Kind, das sie unter all der Schminke und aufdringlichem Rouge auch war, und das nicht wusste, was es sagen sollte. �Gleich am Ende der Stra�e und dann rechts. Da steht fast immer ein Wagen, sogar um diese Zeit.�</p><p>�Fast?�</p><p>�Immer�, verbesserte sich Faye hastig. �Aber du ... also ich meine, wenn du noch einen Moment mit reinkommen willst, dann mache ich uns noch einen hei�en Tee. Der wird dir bestimmt guttun, so kalt, wie es ist.�</p><p>Bast sah sie einen Moment lang verwirrt an - und dann verstand sie. �Du musst das nicht tun�, sagte sie sanft.</p><p>Fayes Augen wurden schmal. �Was?�</p><p>�Ich komme gerne mit�, sagte Bast. �Auf einen Tee. Und um mit dir zu reden. Aber sonst nichts.�</p><p>�Sonst habe ich dir auch nichts angeboten, wenn ich mich richtig erinnere�, antwortete Faye spr�de.</p><p>�Schon gut.� Bast hob beruhigend die Hand. �Du hast recht. Ein hei�er Tee w�re wunderbar.�</p><p>Faye sah nicht �berzeugt aus. Nicht, dass sie ihr kaum verhohlenes Angebot bedauerte, aber sie schien wohl begriffen zu haben, dass sie zu weit gegangen war, und nun war sie w�tend - nicht auf sich selbst, sondern auf Bast. Sie <emphasis>war </emphasis>ein Kind.</p><p>Und es war genau diese Erkenntnis, die Bast dazu brachte, eine auffordernde Geste zur anderen Stra�enseite zu machen, statt auf dem Absatz herumzufahren und zu gehen, was in diesem Moment das einzig Vern�nftige gewesen w�re.</p><p>Faye sah eine Sekunde lang so aus, als wolle sie sie jetzt davonjagen, aber ihr Zorn erlosch so schnell wieder, wie er gekommen war, und machte - nicht einmal echtem - kindlichem Trotz Platz. Mit einem �rgerlichen Schulterzucken, das sie sich selbst schuldig zu sein schien, und zu einem d�nnen Strich zusammengepressten Lippen fuhr sie herum und �berquerte mit schnellen Schritten die Stra�e. Bast musste sich beeilen, um sie in der Dunkelheit der Toreinfahrt nicht aus den Augen zu verlieren.</p><p>Unter ihren Stiefelsohlen klapperte nebelfeuchtes Kopfsteinpflaster, und irgendetwas klimperte h�rbar, als Faye einen Schl�sselbund aus ihrem Beutel kramte. Selbst f�r Basts Augen war sie kaum mehr als ein zerflie�ender Schatten in der Dunkelheit, w�hrend sie sich an einer noch dunkleren T�r vor sich zu schaffen machte.</p><p>Und war sie wirklich mehr?, fragte sich Bast. Mehr als ein Schatten, der fl�chtig im endlosen Strom der Zeit aufblitzte und wieder verschwunden sein w�rde, noch bevor die Welt ihn auch nur wirklich zur Kenntnis nehmen konnte?</p><p>Wahrscheinlich nicht. Nur ein Kind, dem das Schicksal von Anfang an keine Chance einger�umt hatte, und das vielleicht voller Tr�ume und Illusionen war, aber ohne irgendeine Zukunft. Die Welt w�rde nicht reicher werden ohne sie ... aber auch ganz gewiss nicht �rmer. Da war nichts von Bedeutung in ihr. Nichts au�er der warmen, so jungen und gerade deshalb so kr�ftig brennenden Flamme des Lebens in ihr. Eine W�rme, die sie so dringend brauchte ...</p><p>Bast presste die Kiefer so fest zusammen, dass ihre Z�hne h�rbar knirschten und ein heftiger Schmerz durch ihren Sch�del schoss, und es half, vielleicht ein allerletztes Mal. Das Ungeheuer zog sich noch einmal zur�ck, und der Schatten wurde wieder zu Faye. Etwas klackte, und dann verschwand sie in der noch tieferen Dunkelheit jenseits der T�r. Bast ballte die H�nde zu F�usten, aber es gelang ihr zumindest, ihre Kiefermuskeln zu entspannen. Sie schmeckte ihr eigenes Blut, und das bittere Kupferaroma machte sie fast wahnsinnig.</p><p>�Einen Moment nur�, drang Fayes Stimme aus der Dunkelheit. �Ich mache Licht.�</p><p>In der Dunkelheit hinter der T�r begann ein leises Rascheln und Klappern - Schwefelh�lzer in einer Schachtel, wie ihr das Ger�usch verriet -, aber auch hinter ihr waren pl�tzlich Laute ... ein Schleichen und Anpirschen, das erneut und diesmal ungleich st�rker von dem Gef�hl begleitet wurde, angestarrt und belauert zu werden. Etwas kam.</p><p>Hinter der T�r flammte ein Streichholz auf und wurde nur einen Augenblick sp�ter zum ruhig brennenden Licht einer Petroleumlampe. Der gelbe Schein trieb die Gespenster in die Nacht zur�ck, und Bast trat mit einem raschen Schritt und gebeugt unter dem niedrigen T�rsturz hindurch.</p><p>Das Zimmer war winzig, aber geschmackvoll, wenn auch einfach, eingerichtet und sauber. Es gab ein Bett, einen Stuhl und einen winzigen Tisch und den Ofen, von dem Faye gesprochen hatte, und unter dem schmalen Fenster sogar etwas wie eine improvisierte Waschgelegenheit. Es war bitterkalt. Die papierd�nnen W�nde und das gesprungene Fenster konnten die K�lte nicht wirklich drau�en halten. Schon jetzt konnte sie ihren eigenen Atem als grauen Dampf vor ihrem Gesicht erkennen. Im Winter musste es hier drinnen schlichtweg unertr�glich sein.</p><p>�Setz dich�, sagte Faye, w�hrend sie bereits in die Hocke ging, um mithilfe einer zusammengekn�llten Zeitung und einiger Holzsp�ne den Ofen anzufachen. Sie stellte sich nicht besonders geschickt dabei an, fand Bast. Aber sie sagte nichts dazu, sondern lie� sich auf den niedrigen Hocker sinken und sah sich weiter unverbl�mt neugierig um. Die einzige andere Sitzgelegenheit, das Bett, w�re bequemer gewesen, aber sie hatte Angst, Faye damit etwas zu signalisieren, was sie ganz bestimmt nicht wollte.</p><p>Aber eigentlich wollte sie auch nicht hier sein.</p><p>�Der Tee kommt gleich�, sagte Faye. �Ich muss nur noch Wasser holen. Aber bis ich zur�ck bin, ist das Feuer wahrscheinlich richtig in Gang.�</p><p>�Mach dir keine Umst�nde ...�, begann Bast, aber Faye schnitt ihr nur mit einem Kopfsch�tteln das Wort ab, klaubte einen verbeulten Teekessel von der Ofenplatte und war aus der T�r verschwunden, bevor sie sie wirklich zur�ckhalten konnte. Bast wartete, bis sie die T�r hinter sich geschlossen hatte, dann stand sie rasch auf, lie� sich vor dem Ofen in die Hocke sinken und �ffnete die Klappe. Das winzige Fl�mmchen dahinter drohte allein dadurch beinahe wieder zu erl�schen. Das Feuer war nicht ungeschickt, sondern geradezu dilettantisch aufgeschichtet und w�rde sich allerh�chstens selbst ersticken, wenn sie nichts tat. Bast fragte sich kopfsch�ttelnd, wie sie eigentlich den letzten Winter �berstanden hatte.</p><p>Mittels eines rostigen Sch�rhakens schichtete sie das Feuerholz um, blies noch einmal in die Flammen, um sie kr�ftiger anzufachen, und wurde mit einem Funkenschauer und prasselnden roten Flammen belohnt. Als Faye kaum eine Minute sp�ter wieder zur�ckkam, sa� sie bereits wieder auf ihrem Schemel, und der winzige Kanonenofen begann bereits wohlige W�rme zu verbreiten.</p><p>Wenigstens, wenn man nicht weiter als zehn Zoll entfernt war.</p><p>Faye stellte den Teekessel klappernd auf der Herdplatte ab und runzelte erstaunt die Stirn, als sie die W�rme sp�rte, die die zerschrammte Eisenplatte ausstrahlte, ma� Bast mit einem irritierten Blick und tat das Thema dann mit einem Achselzucken ab. �Der Tee dauert nur f�nf Minuten�, sagte sie. �Hab den Kessel extra nur halb voll gemacht, aber f�r zwei Tassen reicht es.� Sie wirkte pl�tzlich ein bisschen verlegen. �Ich kann dir leider nichts zu Essen anbieten. Hab nichts im Haus, und ehrlich gesagt ... ich bin auch keine besonders gute K�chin.�</p><p>�Hat deine Mutter es dir nicht beigebracht?�, erkundigte sich Bast gutm�tig.</p><p>�Wir durften nicht in die K�che.� Faye lie� sich in die Hocke sinken und �ffnete eine eisenbeschlagene Truhe, deren Inneres in verschiedene Quadrate unterteilt war, in denen sie ihre Kleider und eine bescheidene Auswahl an Geschirr und K�chenger�ten aufbewahrte; alles s�uberlich aufgestapelt und sortiert. Das Zimmer war zu klein f�r einen Schrank. �Unser Herr hatte eine eigene K�chin, und sie hat wie ein Drache dar�ber gewacht, dass niemand ihr Heiligtum betritt. Hat wahrscheinlich Angst gehabt, dass ihr jemand eine Erbse stiehlt, oder einen Krumen Brot.� Sie lachte leise. �So fett, wie sie war, hat sie das meiste wahrscheinlich selbst gegessen.�</p><p>Sie zog ein silberfarbenes Tee-Ei an einer Kette aus ihrer Schatztruhe, legte es auf den Tisch und b�ckte sich erneut, um eine Teekanne und zwei zierliche Tassen aus hauchzartem Porzellan auszugraben, die sie sehr behutsam vor Bast auf der Tischplatte ablud. �Ein Geschenk eines Gentlemans�, erkl�rte sie stolz. �Sch�n, nicht? So etwas Kostbares hatten wir nicht einmal auf unserem Gutshof zu Hause.�</p><p>�Desselben, der dir angeboten hat, ganz zu ihm zu ziehen?�, fragte Bast. Das Porzellan war wirklich kostbar, deutlich teurer als das, das Mrs Walsh wie ihren Augapfel h�tete. Sie fragte sich, ob Faye es tats�chlich geschenkt bekommen oder vielleicht gestohlen hatte.</p><p>�Er war wirklich gro�z�gig�, antwortete Faye. �Hat mir eine Menge Geschenke gemacht. Auch ein sch�nes Kleid. Nicht so einen Fetzen wie das da.� Sie wies ver�chtlich an sich herab. �Sondern ein wirklich sch�nes Kleid, wie es die vornehmen Damen tragen. Es ist da in der Kiste.�</p><p>�Warum ziehst du es nicht an?�</p><p>�Um ins <emphasis>Ten Bells </emphasis>zu gehen?� Faye starrte sie an, als zweifele sie an ihrem Verstand. �Nein, das hebe ich mir f�r eine besondere Gelegenheit auf.�</p><p>Bast fragte sich, welche.</p><p>�Dieser Gentleman, von dem du immer sprichst - wie war er?�</p><p>�Munro?�</p><p>�Ist das sein Name?�</p><p>�Sein Vorname�, antwortete Faye. �Seinen Nachnamen hat er mir nie genannt, und ich habe auch nicht gefragt. Aber ich wei�, wo er wohnt.�</p><p>�Das ist anzunehmen, wenn er dich zu sich geholt hat�, antwortete Bast am�siert, aber Faye sch�ttelte heftig den Kopf.</p><p>�Sein Fahrer hat mich immer in einer Kutsche mit geschlossenen Fenstern abgeholt�, sagte sie. �Ich glaube, er wollte nicht, dass ich wei�, wo sein Haus ist. Aber ich bin nicht dumm. Das Haus erkenne ich wieder. Ist ein richtiger Palast. Und der Weg dorthin ist ganz einfach. Ich konnte vielleicht nichts sehen, aber ich bin schlie�lich nicht taub. Wir sind �ber die Br�cke gefahren und dann direkt unter Big Ben vorbei und danach nur noch einmal rechts abgebogen. Wenn ich wollte, w�rde ich es wiederfinden. W�re ganz einfach.�</p><p>�Willst du das denn?�, fragte Bast.</p><p>Faye z�gerte, eine Winzigkeit nur, aber sp�rbar genug. Dann hob sie die Schultern. �Ich wei� nicht�, antwortete sie. �Fr�her hat er mich oft kommen lassen, mindestens einmal in der Woche. Aber seit ich ihm gesagt habe, dass ich nicht ganz zu ihm ziehen will, ruft er mich nur noch selten. Vielleicht ist er ver�rgert.�</p><p>�Oder entt�uscht?� Bast sah sich demonstrativ in dem winzigen Zimmer um. �Vielleicht h�ttest du sein Angebot annehmen sollen.� Sie meinte das ernst, allerdings nicht so, wie Faye es ganz offensichtlich verstand, denn f�r einen ganz kurzen Moment blitzten ihre Augen zornig auf.</p><p>�Ich werde nie wieder irgendwem geh�ren!�, sagte sie scharf. �Ganz egal, wie nett er ist, oder wie reich. Das hier ist vielleicht kein Palast, und dir kommt es wahrscheinlich sch�big vor, aber es ist meins. Ich habe es mir ehrlich erarbeitet.�</p><p>Sie hatte es sich erkauft, dachte Bast traurig, mit ihrer Jugend und ihrer kindlichen Frische, aber beides w�rde nicht ewig vorhalten. Nicht einmal mehr lange. Ihr K�rper und ihr Gesicht mochten makellos sein, aber ihre Seele hatte bereits tiefe Wunden davongetragen. Bald w�rden sie zu Narben werden, die nie wieder verschwanden.</p><p>�Hier!� Vielleicht gerade der Umstand, dass sie nichts mehr gesagt hatte, schien Faye dazu zu provozieren, sich noch weiter zu verteidigen. Sie b�ckte sich wieder nach ihrer Kiste, grub mit �rgerlichen Bewegungen darin herum und f�rderte einen braunen Briefumschlag zutage, den sie Bast geradezu triumphierend hinhielt. �Das habe ich schon zusammen, in nicht einmal einem Jahr! Ich mache weiter, bis ich einundzwanzig bin, und dann habe ich genug zusammen, um von hier wegzugehen und das anzufangen, was Leute wie du ein anst�ndiges Leben nennen!�</p><p>Bast griff z�gernd nach dem Umschlag, �ffnete ihn und betrachtete stirnrunzelnd die wenigen Banknoten, die er enthielt. F�nfundzwanzig, drei�ig ... zweiunddrei�ig Pfund Sterling. Eine Menge Geld f�r eine Gegend wie diese, und noch mehr f�r ein M�dchen wie Faye ... aber auch der Preis f�r ein Jahr ihres Lebens. Sie gab Faye den Umschlag zur�ck.</p><p>�Und das bewahrst du einfach so hier auf? Hast du keine Angst, dass man es dir stiehlt?�</p><p>�Wer rechnet schon damit, dass eine wie ich so viel Geld hat?�, antwortete Faye. �Und irgendwo muss ich es verstecken. Ist immer noch sicherer, als es bei mir zu tragen. Kate ist allein dieses Jahr schon zweimal �berfallen worden, und Liz ...�</p><p>Sie brach ab, und ein Schatten huschte �ber ihr Gesicht.</p><p>�Entschuldige�, sagte Bast. �Ich wollte nicht ...�</p><p>�Schon gut�, wehrte Faye ab. �Ist nicht deine Schuld. Ich wei� auch nicht, was mit mir los ist. Ich meine ... Liz war nicht unbedingt meine beste Freundin.� Sie l�chelte nerv�s. �Eigentlich war sie ziemlich mies.�</p><p>�Wie langst warst du mit ihr und den anderen zusammen?�, fragte Bast.</p><p>�Nicht lange.� Faye b�ckte sich, um ihren Briefumschlag wieder zu verstecken ... oder es einem Dieb leichter zu machen, der vermutlich die ganze Kiste mitnehmen w�rde. �Ein paar Wochen erst. Seit das mit Polly und Dark Anny passiert ist. Wir haben gedacht, dass wir ein bisschen gegenseitig auf uns aufpassen k�nnten, aber ...�</p><p>Sie sprach auch jetzt nicht weiter, sondern begann auf ihrer Unterlippe herumzukauen und starrte einen Moment ins Leere, bevor sie sich mit einem Ruck erhob und zum Ofen herumdrehte. Das Feuer darin brannte mittlerweile hoch genug, um zumindest die Illusion von W�rme zu erzeugen. Das Wasser im Kessel kochte noch nicht, aber Faye wich ihrem Blick weiter aus, indem sie das silberne Tee-Ei �bertrieben mit Bl�ttern f�llte und ein wenig mit dem Geschirr klapperte.</p><p>Etwas huschte drau�en am Fenster vorbei. Fl�gel? Ein Schatten von der Farbe schwarzen Eisens, mit Krallen und einem schrecklichen Schnabel und gnadenlosen Augen? Bast starrte mit klopfendem Herzen zum Fenster und lauschte zugleich mit allen Sinnen, aber da war nichts. Was immer es gewesen war, war verschwunden - oder ihre Nerven hatten ihr einen Streich gespielt.</p><p>�Was ist?�, fragte Faye alarmiert.</p><p>�Nichts.� Bast riss ihren Blick vom Fenster los. Die Dunkelheit dahinter kam ihr massiver vor als noch vor einem Moment; als h�tte sie sich in etwas Stoffliches verwandelt, das lautlos gegen das Glas anrannte.</p><p>�Nichts�, sagte sie noch einmal. �Ich dachte, ich h�tte etwas geh�rt, aber ich habe mich get�uscht.�</p><p>Faye wirkte nicht �berzeugt. Sie sah ebenfalls zum Fenster und warf Bast dann einen weiteren, noch unsichereren Blick zu. Schlie�lich drehte sie sich wieder zum Herd, h�ngte das Tee-Ei in die Kanne und goss hei�es Wasser darauf. F�r eine Weile wurde es sehr still.</p><p>Als schlechte K�chin hatte sich Faye ja schon selbst bezeichnet, aber ihr Tee war nicht minder grausig; das Wasser war nicht hei� genug gewesen, und sie lie� ihn ungef�hr drei Sekunden lang ziehen, bevor sie zuerst ihr und danach sich selbst einschenkte. Bast schluckte tapfer und ohne eine Miene zu verziehen, leerte ihre Tasse aber nur zu einem Drittel, damit Faye nicht etwa auf die Idee kam, ihr nachzuschenken. Die Dunkelheit vor den Fenstern wogte st�rker.</p><p>�Eigentlich hast du recht�, sagte Faye unvermittelt.</p><p>�Womit?�</p><p>�Mit Onkel Munro�, antwortete Faye. �Meinem ... G�nner. Vielleicht h�tte ich sein Angebot annehmen sollen. Dann w�re mir wenigstens dieser scheu�liche Tee erspart geblieben.�</p><p>�Na ja, wenn du es schon selbst sagst�, antwortete Bast.</p><p>Faye machte ein �bertrieben beleidigtes Gesicht, aber das hielt sie gerade einmal einen halben Atemzug durch, dann prustete sie vor Lachen heraus, und auch Bast konnte nicht mehr an sich halten und begann so schallend zu lachen, dass sie ihre Tasse mit beiden H�nden festhalten musste. So komisch war die Bemerkung gar nicht gewesen, aber das Lachen l�ste die Spannung, und es dauerte lange, bis sich beide wieder halbwegs beruhigt hatten. Schlie�lich nahm ihr Faye kommentarlos die Tasse aus der Hand und stellte sie auf den Tisch. �Ich wollte dich nicht vergiften�, sagte sie. �Aber Hausarbeit hat mir noch nie gelegen.�</p><p>�Mir auch nicht�, antwortete Bast wahrheitsgem��. Ebenso ehrlich f�gte sie hinzu: �Ich h�tte ihn wahrscheinlich auch nicht besser hingekriegt.�</p><p>Fayes Blick wurde nachdenklich, aber der stumme Vorwurf, den Bast bisher darin gesehen hatte, kam nicht zur�ck, als h�tten sie - beide - ohne es zu merken eine Grenze �berschritten und sich ein gutes St�ck aufeinander zubewegt. �Du bist reich, hab ich recht?�</p><p>�Wie kommst du darauf?�, fragte Bast.</p><p>�Weil du so redest, wie du redest�, antwortete Faye. �Nur reiche Leute sprechen so. Au�erdem ...� Sie machte eine entsprechende Kopfbewegung. �Dein Anh�nger. Er ist aus Gold, habe ich recht?�</p><p>Bast hob instinktiv die Hand an den Ausschnitt, um den goldenen Skarab�us zu verdecken, dann aber besann sie sich eines Besseren, zog die Kette �ber den Kopf und hielt sie dem M�dchen hin. Faye starrte sie eine Sekunde lang aus ungl�ubig aufgerissenen Augen an, ehe sie mit einer fast ehrf�rchtigen Bewegung danach griff.</p><p>�Das ... ist wundersch�n�, murmelte sie. �Und so schwer. Das ist massives Gold, habe ich recht? Es muss wirklich sehr wertvoll sein.�</p><p>�Das ist es�, best�tigte Bast. �Aber das Gold stellt den geringsten Wert dar. Es ist uralt, wei�t du? Und es befindet sich seit vielen Jahrhunderten im Besitz unserer Familie.� Au�erdem war der goldene Skarab�us noch aus einem vollkommen anderen Grund unvorstellbar wertvoll, aber das behielt sie lieber f�r sich; ebenso wie die kleine Ungenauigkeit, dass es Jahrtausende und nicht Jahrhunderte waren.</p><p>Faye drehte den Anh�nger noch einen Moment beinahe ehrf�rchtig zwischen den Fingern, bevor sie ihn mit deutlichen Anzeichen des Bedauerns zur�ckgab und zusah, wie Bast die Kette wieder �berstreifte.</p><p>�Und du meinst also, ich w�re leichtsinnig, weil ich mein Geld hier in der Kiste aufbewahre?�, fragte sie. �In einer Gegend wie dieser ist es auch ziemlich leichtsinnig, mit so etwas Wertvollem herumzulaufen. Willst du �berfallen werden?�</p><p>Die ehrliche Antwort auf diese Frage h�tte Ja gelautet, aber das konnte sie schlecht sagen. Statt �berhaupt zu antworten, fragte sie ihrerseits: �Warum wolltest du wissen, ob ich reich bin?�</p><p>�Vielleicht weil mich interessiert, was jemand wie du in so einer Gegend sucht�, sagte Faye. �Du hast es nicht n�tig, zu kochen, du willst mich nicht ... was suchst du hier?�</p><p>�Meine Freundin.�</p><p>�Patsy, ich wei�. Aber das ist nicht der einzige Grund, hab ich recht?� Sie sch�ttelte den Kopf. �Du musst darauf nicht antworten, aber ich habe recht, stimmt's?�</p><p>�Vielleicht�, antwortete Bast.</p><p>�Also ja�, sagte Faye triumphierend.</p><p>Bast gab innerlich auf. Statt zu antworten, wurde sie nun vollends ernst und sagte: �Du musst das hier nicht tun, das wei�t du, nicht wahr?�</p><p>�Und wenn ich es will?�, gab Faye zur�ck.</p><p>�Willst du es denn?�</p><p>Faye dachte tats�chlich einen Moment ernsthaft �ber diese Frage nach, doch dann nickte sie. �Ich glaube schon. So gro� ist die Auswahl f�r jemanden wie mich nicht. Und es ist besser als vorher.�</p><p>�Da hattest du keine Wahl�, antwortete Bast sanft. �Und es ist ein Unterschied, das wei�t du.�</p><p>�M�glich.� Fayes Blick wurde wieder abweisend, aber diesmal nicht, weil sie zornig auf sie war, sondern weil sie nicht �ber das Thema reden wollte. �Aber es ist das Beste, was ich kriegen kann.�</p><p>�Und wenn es anders w�re?�</p><p>Faye legte den Kopf auf die Seite. �Wenn was anders w�re?�</p><p>�Du willst das hier noch ... wie lange machen?�</p><p>�Bis ich einundzwanzig bin�, antwortete Faye. �Wenn ich vorher irgendwo hingehe und sie mich erwischen, stecken sie mich sowieso nur in irgendein Loch und nehmen mir alles weg.�</p><p>�Das ist eine lange Zeit.�</p><p>�Nicht so lange wie die vier Jahre auf dem Gutshof�, antwortete Faye. �Was soll das? Warum stellt du mir all diese Fragen?�</p><p>�Weil ich nicht glaube, dass du es schaffst�, antwortete Bast geradeheraus. �Und weil ich es sehr schade f�nde, wenn du so enden w�rdest wie Liz oder Kate und die anderen. Glaubst du nicht, dass sie auch einmal so gedacht haben wie du? Ein paar Jahre, nur bis wir genug f�r ein besseres Leben zusammenhaben, und dann h�ren wir damit auf und fangen irgendwo anders neu an?� Sie sch�ttelte den Kopf. �Wie viele von ihnen haben es wohl geschafft?�</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete Faye. �Ist mir auch egal. Ich werde es schaffen.� Sie funkelte sie an. �Was soll das? Wer bist du �berhaupt? Eine von diesen Weltverbesserinnen, die rumlaufen, uns Moral predigen und dann wieder in ihre sch�nen reichen H�user zur�ckgehen, wenn es ihnen zu viel wird? Jeden Tag eine gute Tat und so?�</p><p>�Meine gute Tat f�r heute habe ich schon hinter mir�, antwortete Bast l�chelnd.</p><p>�Was soll dann die Fragerei? Willst du dein schlechtes Gewissen beruhigen?�</p><p>Die Wahrheit war so einfach wie selbst f�r sie �berraschend. �Weil ich dich mag�, antwortete sie geradeheraus. �Nein, nicht so, wie du vielleicht meinst. Ich glaube nicht, dass du so bist wie Kate und Marie-Jeanette und die anderen. Aber irgendwann w�rdest du so sein wie sie, und das w�rde mir sehr leidtun.�</p><p>�Warum? Du kennst mich doch gar nicht.�</p><p>Aus demselben Grund, dachte Bast, aus dem Maistowe sich in den Kopf gesetzt hatte, ihr zu helfen, einer vollkommen Fremden, die sie ebenfalls kaum kannte. Weil Menschen so etwas nun einmal taten.</p><p>�Das hier ist nicht das Leben, das du f�hren willst�, sagte sie, statt Fayes Frage direkt zu beantworten. �Ich wei�, du glaubst, du k�nntest es f�r ein paar Jahre f�hren und dann einfach abstreifen, so wie ein schmutziges Kleid, das einem nicht mehr gef�llt, und dann einfach ein anderes anziehen. Aber das funktioniert nicht, glaub mir. Das Leben ist zu kurz, um auch nur einen einzigen Tag davon zu verschenken.�</p><p>�Klingt ja toll�, sagte Faye sp�ttisch. �In welchem Buch hast du den Unsinn gelesen?�</p><p>�Ich bin �lter, als ich aussehe�, antwortete Bast ernst. �Ich habe es oft genug selbst gesehen.� Sie hob die Hand, als Faye sie unterbrechen wollte. �Du hast recht, wei�t du? Ich bin reich. Sehr viel reicher, als du dir vorstellen kannst. Ich kann es mir leisten, mein Gewissen zu beruhigen, einfach so.� Ihr war klar, wie diese Worte klangen, und dass sie m�glicherweise das genaue Gegenteil dessen bewirken w�rden, was sie sollten. Aber dieses Risiko musste sie eingehen; ebenso, wie sie ganz bewusst darauf verzichtete, Faye in ihrer Entscheidung zu beeinflussen. Es musste ihre Wahl sein. �Ich kann dir helfen, hier rauszukommen, wenn du willst. Aber du musst es wollen.�</p><p>�Und du?�, fragte Faye, misstrauischer denn je, aber auch ... verwirrt. �Was willst du? Du machst das alles doch nicht nur, weil du ein so guter Mensch bist. Was muss ich daf�r tun?�</p><p>Nat�rlich w�rde sie ihre wahren Gr�nde nicht verstehen - und wie auch? Bast verstand sie ja selbst nicht wirklich. Sie nahm Zuflucht zu einer kleinen Notl�ge. �Wie gesagt: Ich kann es mir leisten, ein guter Mensch zu sein. Au�erdem verlangt es meine Religion von mir.�</p><p>�Was? Ein guter Mensch zu sein?� Faye lachte, aber es klang nicht echt.</p><p>�Anderen zu helfen. Mir wurde beigebracht, dass das Leben heilig ist, und dass wir es sch�tzen m�ssen. Auch das eines Fremden.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Faye. �Mohammed und Allah und so. Du bist Muselmanin.�</p><p>�Muslima�, verbesserte sie Bast und sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich bin etwas ... �lteres.�</p><p>Faye schwieg einen Moment, dann noch einen und noch einen, und Bast konnte in ihrem Gesicht lesen, wie es in ihr arbeitete. Nat�rlich glaubte sie ihr nicht. Wie h�tte sie das gekonnt? Sie witterte eine Falle oder fragte sich zumindest, welchen Preis sie wirklich f�r dieses vermeintlich gro�z�gige Angebot bezahlen musste.</p><p>�Und wie ... soll das gehen?�, fragte sie z�gernd. �Ich kann hier nicht einfach weg. Wo soll ich hin?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Bast ehrlich. �Aber wir werden eine L�sung finden. Ich bleibe nicht mehr allzu lange in diesem Land, aber so lange k�nnen wir gemeinsam dar�ber nachdenken.�</p><p>�Und dann?� Faye wirkte ... entt�uscht. Und trotzig. �Du f�hrst nach Hause in deinen Palast oder deine Oase, und ich bleibe hier und kann sehen, wie ich zurechtkomme?�</p><p>�Ich habe nicht gesagt, dass ich die Verantwortung f�r dein Leben �bernehme�, antwortete Bast sanft. �Aber ich kann dir helfen, es selbst zu lernen.�</p><p>�In einer Woche oder zwei?�</p><p>�Manchmal reicht dazu schon eine Stunde�, erwiderte Bast. �Und manche lernen es nie.� Sie seufzte �bertrieben. �Bekomme ich noch eine Tasse von diesem scheu�lichen Tee?�</p><p>�Willst du etwa behaupten, dass er dir schmeckt?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast. �Aber er ist hei�, und drau�en ist es ziemlich kalt.�</p><p>Faye tat ihr nicht den Gefallen, zu l�cheln oder auch nur die Lippen zu verziehen, drehte sich aber zum Ofen und streckte die Hand nach dem Kessel aus; aber sie f�hrte die Bewegung nicht zu Ende.</p><p>Etwas war drau�en.</p><p>Bast h�rte es - was beunruhigend genug war - nur den Bruchteil eines Atemzuges vor ihr, und im ersten Moment vermochte sie es nicht einmal zu identifizieren: Es war ein Schleifen und Klappern, vermutlich Schritte, aber ein Teil von ihr bestand darauf, dass es das Kratzen stahlharter Krallen auf Stein und das Rasseln eiserner Fl�gel w�re.</p><p>�Da ist jemand�, sagte Faye alarmiert, und die Worte verscheuchten die Gespenster. Es waren Schritte. �Jemand kommt - aber um diese Zeit?�</p><p>�Wei� irgendjemand, dass du hier wohnst?� Bast stand auf.</p><p>�Nur Kate. Aber sie war nur einmal hier, und warum sollte sie ausgerechnet heute ...?�</p><p>Bast fand noch Zeit, zu begreifen, dass es keineswegs die Schritte einer Frau waren, die sich der T�r n�herten, und dass sie keineswegs vorsichtig waren, aber sie war nicht in der Verfassung, so schnell und vor allem richtig zu reagieren, wie sie es gewohnt war. Die T�r flog so wuchtig auf, dass Faye gerade noch zur Seite springen konnte, um nicht getroffen zu werden, und eine breitschultrige Gestalt erschien unter der �ffnung. Der Teekessel fiel zu Boden und verspritzte hei�es Wasser in alle Richtungen. Faye stie� einen kleinen, spitzen Schrei aus, aber Bast konnte nicht sagen, ob vor Schmerz oder Schrecken, und sie selbst wich mit einer einzigen flie�enden Bewegung an die Wand zur�ck und verschmolz mit den Schatten.</p><p>�Wo ist sie?�, lallte eine betrunkene Stimme. �Wo ist dieses schwarze Mistst�ck? Ich wei�, dass sie hier ist!�</p><p>Es war Roy. Bast h�tte ihn allein an seinem Gestank erkannt, aber er wankte in diesem Moment auch vollkommen herein, sodass sein Gesicht in den Lichtschein der kleinen Petroleumlampe geriet. Es war angeschwollen und unter dem linken Auge fast schwarz angelaufen - Bast konnte sich gar nicht erinnern, so hart zugeschlagen zu haben -, und er war so betrunken, dass seine Unterlippe herunterhing und gl�nzender Speichel �ber sein Kinn lief.</p><p>Aber er war trotzdem schnell. Faye �berwand endlich ihren Schrecken und versuchte an ihm vorbei ins Freie zu st�rmen, aber er packte sie m�helos und schleuderte sie auf das Bett, w�hrend er mit der anderen die T�r zuwarf.</p><p>�Nicht so schnell, Kleines�, lallte er. �Wo ist sie?� Sein Blick irrte unstet durch den Raum, blieb f�r einen winzigen Moment scheinbar direkt auf Basts Gesicht h�ngen und wanderte dann weiter, ohne sie zur Kenntnis genommen zu haben.</p><p>�Ich ... ich wei� nicht, was ...�, begann Faye und brach dann mit einem erschrockenen Keuchen ab, als Roy die Hand hob, wie um sie zu schlagen.</p><p>�L�g mich nich' an, du kleine Schlampe�, grollte er. �Ich wei�, dass sie zusammen mit dir weggegangen ist! Ich habe mit Red gesprochen, und er hat gesagt, ihr wart ein Herz und eine Seele! Hast es mit ihr getrieben, was?�</p><p>Immerhin schlug er nicht zu. Faye hob trotzdem die H�nde, um ihr Gesicht zu sch�tzen, und kroch auf dem Bett ein kleines St�ck vor ihm davon, und nun irrte auch ihr Blick fast verzweifelt durch das winzige Zimmer, und ein Ausdruck absoluter Fassungslosigkeit vertrieb f�r einen Moment sogar die Furcht von ihrem Gesicht, als sie Bast so wenig sah wie Roy zuvor.</p><p>�Sie ... sie ist nicht hier�, stammelte sie. �Ich wei� nicht, wo sie ist. Wirklich! Sie ... sie ist weg!�</p><p>�Aber ihr habt's miteinander getrieben, hab ich recht?�, lallte Roy. �Verdammtes schwarzes Weibsst�ck! Ich hoffe, sie ist auf ihre Kosten gekommen, denn das war das letzte Mal. Ich bring sie um, die bl�de Sau!� Er versuchte in die Jackentasche zu greifen, schaffte es erst beim zweiten Mal und zog einen sechssch�ssigen Revolver mit schon fast absurd langem Lauf heraus.</p><p>�Ich knall das schwarze Weib nieder, wenn ich sie erwische�, lallte er. �Oder dich, wenn du mir nicht sagst, wo sie hingegangen ist!� Er versuchte auf Faye zu zielen, hatte seine Bewegungen aber nicht mehr weit genug unter Kontrolle; vielleicht war die Waffe im Moment auch einfach zu schwer f�r ihn. Der Lauf schwankte wild umher und zielte �berallhin, nur nicht auf sie.</p><p>Trotzdem kroch Faye �ngstlich noch weiter von ihm weg. �Aber ich ... ich wei� es doch nicht!�, wimmerte sie. �Bitte! Sie war gerade noch hier, das schw�re ich! Noch vor einer Sekunde!�</p><p>�Ach, dann ist sie wohl an mir vorbei, ohne dass ich sie gesehen habe, wie?�, kicherte Roy. �Ja, sicher, so muss es gewesen sein. Schlie�lich ist sie ja schwarz wie die Nacht.�</p><p>�Aber ich wei� doch wirklich nicht, wo ...�</p><p>�Auch gut, dann knall ich eben zuerst dich ab�, lallte Roy. Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht, und noch mehr Speichel lief aus seinem Mund und tropfte an seinem Kinn hinab. �Aber zuerst zeigst du mir, was du von der schwarzen Schlampe gelernt hast.� Er begann an seinem G�rtel zu fummeln, aber seine betrunkenen Finger waren dieser komplizierten Aufgabe nicht gewachsen; was vielleicht auch daran lag, dass das handbreite Lederband durchgerissen und mit einem groben Hanfstrick ziemlich st�mperhaft repariert worden war.</p><p>�Bitte, Roy!�, wimmerte Faye. �Wir hatten nie Streit, und ...�</p><p>�Haben wir auch jetzt nicht�, griente Roy. �Vielleicht lass ich dich ja sogar am Leben, wenn du h�bsch brav die Beine breitmachst.�</p><p>�Das reicht!�</p><p>Bast trat mit einem lautlosen Schritt aus dem Schatten hervor und ma� Roy mit einem eisigen L�cheln. Er erwiderte ihren Blick bl�de und schien gar nicht zu begreifen, was er sah, aber Fayes Augen quollen vor Unglauben und Entsetzen schier aus den H�hlen, und ihr Gesicht verlor auch noch das allerletzte bisschen Farbe. �Lass sie in Ruhe, Roy. Du willst doch gar nichts von ihr. Oder hast du es wirklich n�tig, dich an Kindern zu vergreifen?�</p><p>Roy blinzelte, und in seinen Augen d�mmerte allm�hlich die Erkenntnis, dass irgendetwas hier nicht so war, wie es sein sollte. Er versuchte die Pistole zu heben, aber er wackelte auch jetzt nur w�st damit hin und her, und allem Anschein nach hatte er jetzt sogar M�he, zu stehen. Bast beging trotzdem nicht den Fehler, ihn zu untersch�tzen. Eine versehentlich abgefeuerte Kugel war genauso t�dlich wie ein gezielter Schuss, wenn sie traf. Au�er wenn sie wirklich sehr gro�es Pech hatte, w�rde sie auch eine Pistolenkugel nicht t�ten oder auch nur nennenswert aufhalten - aber da war immer noch Faye, und niemand konnte sagen, wozu Roy in diesem Zustand f�hig war.</p><p>�Nimm die Pistole runter, Roy�, sagte sie ruhig. �Ich bin nicht hier, um Streit mit dir anzufangen.�</p><p>Roy lie� gehorsam den Arm sinken, und nun erschien ein Ausdruck vollkommener Verbl�ffung auf seinem verquollenen Gesicht. Vielleicht begann er sich allm�hlich zu fragen, wo sie �berhaupt herkam ... aber wahrscheinlich wunderte er sich einfach, warum seine rechte Hand nicht tat, was er von ihr wollte.</p><p>�Steck das Ding weg�, sagte sie. Roy gehorchte. Aus seiner Verwirrung wurde ... Angst?</p><p>�Irgendwie ist die Sache zwischen uns von Anfang an nicht gut gelaufen�, fuhr Bast fort, w�hrend sie langsam auf ihn zuschlenderte. �Ich sch�tze, es war von Anfang an ein gro�es Missverst�ndnis.�</p><p>Roy wollte etwas sagen, aber das lie� sie nicht zu, so wenig, wie sie die Ketten lockerte, an denen das Ungeheuer in ihr zerrte und heulte. Noch nicht. Aus dem verwirrten Staunen in Roys Augen wurde blankes Entsetzen.</p><p>�Aber ich glaube, ich wei� jetzt, was du wirklich willst�, fuhr sie l�chelnd fort. �Warum hast du das nicht gleich gesagt? Das h�tte uns beiden eine Menge �rger erspart.�</p><p>Roy starrte sie einfach nur weiter an. Selbst wenn sie seinen Willen losgelassen h�tte, w�re er wahrscheinlich nicht imstande gewesen, auch nur ein einziges Wort zu sagen - aber sie h�tete sich nat�rlich, das zu tun.</p><p>�Faye, wei�t du, wo Kate wohnt?�, fragte sie. �Oder Marie-Jeanette?�</p><p>�Im ... St. Catherine's House�, antwortete Faye stockend. �Warum?�</p><p>�Wei�t du, wo das ist?�</p><p>�Nicht weit von hier, ja, aber ....�</p><p>�Dann geh dorthin und frag sie, ob du heute Nacht bei ihnen bleiben kannst�, unterbrach sie Bast, w�hrend sie ihren Mantel abstreifte. �Roy und ich haben etwas zu ... besprechen.�</p></section><section><title><p id="VIERTES_Kapitel">VIERTES Kapitel</p></title><p>Obwohl die T�r geschlossen war und vor dem schmalen Fenster noch immer vollkommene Dunkelheit herrschte, drangen ged�mpfte Laute und ein gelegentliches Aufblitzen von gelbem Licht nicht nur durch das Fenster, sondern auch durch ihre geschlossenen Lider, sonderbarerweise aber nicht ganz in ihr Bewusstsein. Sie f�hlte sich beobachtet und auf eine unangenehme Weise sowohl schwere-, als auch k�rperlos. Und auf eine gr�ssliche Weise isoliert und so einsam wie nie zuvor. Etwas - <emphasis>jemand? - </emphasis>schien alles, was sie ausmachte, in einen bodenlosen schwarzen Abgrund gesto�en zu haben, in dem nichts anderes Bestand hatte als Einsamkeit. Und da war immer noch das Gef�hl, angestarrt zu werden. Auf eine wirklich nicht angenehme Art.</p><p>Bast versucht die Augen zu �ffnen, aber nicht einmal das gelang ihr im allerersten Moment. Sie f�hlte sich ... benommen, aber auf eine sonderbare, schon lange nicht mehr erlebte Art. Matt, aber nicht ersch�pft. Aber <emphasis>sehr </emphasis>matt. Wie nach einer ... Unsinn!</p><p>Der blo�e �rger �ber ihre eigenen, vollkommen unsinnigen Gedanken gab ihr die Kraft, die Augen zu �ffnen und einen Anblick zu genie�en, der fast noch absurder war als das, was sie gerade gedacht hatte: Ein schmales Gesicht, das irgendwie zugleich einer reifen Frau wie einem zornigen Kind zu geh�ren schien und sie missmutig musterte. Was f�r ein verr�ckter Traum!</p><p>Wenn es denn ein Traum war.</p><p>�War es das, was du wolltest?�, fragte Faye. Bast verstand nicht, was sie meinte.</p><p>Jedenfalls nicht, bis sie den Kopf in den zerschlissenen Kissen drehte und in ein feistes, auf einer Seite unf�rmig angeschwollenes Gesicht blickte, das sie aus halb ge�ffneten und vollkommen leeren Augen ansah.</p><p>Bast fuhr mit einem so pl�tzlichen Ruck hoch, dass ihr prompt schwindelig wurde und das ganze Zimmer rings um sie herum zu schwanken begann.</p><p>Vielleicht war sie es auch, die wankte.</p><p>Schlaftrunkenheit war etwas, das sie praktisch nicht kannte; vielleicht empfand sie sie daher als umso schlimmer. Aber vielleicht lag es auch nur an ihrer Schw�che. Wie viel auch immer sie von Roy hatte nehmen k�nnen, es konnte kaum gereicht haben, um ihren Hunger auch nur halbwegs zu stillen. Aber immerhin hatte es Schlimmeres verhindert.</p><p>Seltsamerweise f�hlte sie sich nicht hungrig und auch nicht schwach.</p><p>Bast lauschte in sich hinein, aber der w�hlende Hunger war nicht mehr da. Er war nicht <emphasis>vollkommen </emphasis>verschwunden, aber er war auch l�ngst nicht mehr so unertr�glich und qualvoll wie vergangene Nacht.</p><p>Wenn es denn �berhaupt schon die vergangene Nacht war.</p><p>Sie sch�ttelte die Benommenheit ab, so gut sie konnte, und setzte sich noch weiter auf. Die d�nne Decke, unter der sie aufgewacht war, rutschte endg�ltig von ihren Schultern und fiel zu Boden, und sie sp�rte erst jetzt, wie eisig es hier drinnen war. Das Feuer in dem kleinen Ofen war l�ngst erloschen, und es war nicht nur kalt, sondern auch feucht, was es besonders unangenehm machte. Sie war in Roys Arm aufgewacht, der von ihrer Schulter geglitten war, als sie sich aufrichtete, und ihr Oberschenkel ber�hrte noch immer sein Bein, aber auch seine Haut war kalt und f�hlte sich so unangenehm an wie nasser Ton.</p><p>Vor dem Fenster lastete noch immer vollkommene Schw�rze, was bedeutete, dass die D�mmerung noch mindestens eine halbe Stunde entfernt war, aber manchmal brach sich ein vereinzelter Lichtstrahl auf dem gesprungenen Glas, und sie h�rte noch immer Stimmen und andere, ged�mpfte Ger�usche. Rings um sie herum erwachte die Stadt.</p><p>�Du hast mir nicht geantwortet.�</p><p>Bast drehte m�hsam den Kopf und blickte ins Fayes Gesicht - in der ersten Sekunde vollkommen verst�ndnislos, und dann umso erschrockener, als sie erstens begriff, dass Faye schon die ganze Zeit neben dem Bert gestanden und sie angestarrt hatte, und zweitens, dass sie es einfach <emphasis>vergessen </emphasis>hatte, wenigstens f�r diesen Moment.</p><p>�Und ich habe dir beinahe geglaubt�, fuhr Faye fort. �Dieses ganze moralische Gequatsche und dass ich meine Zukunft selbst bestimmen und darauf achten soll, meine Seele nicht zu verletzen, und wei�t du was? Beinahe h�tte ich dir sogar geglaubt! Dabei willst du auch nichts anderes als all die anderen, die hierherkommen.�</p><p>Bast verstand die Bitterkeit in ihrer Stimme nicht, aber sie war eigentlich auch noch viel zu benommen, um wirklich dar�ber nachzudenken. Schlaftrunken schwang sie die Beine von der schmalen Liege, schauderte sichtbar, als ihre Fu�sohlen die eisigen Dielen ber�hrten und reckte sich dann ungeniert und ausgiebig. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Faye ihren K�rper ebenso ausgiebig - und ebenso ungeniert - betrachtete, aber sie empfand keine Scham. Ganz gleich, was sie wirklich sein mochte, sp�testens seit dem vergangenen Abend war Faye f�r sie ein Kind und w�rde das wahrscheinlich auch immer bleiben, und wenn sie eines Tages achtzig sein w�rde.</p><p>�Haben sie dich im St. Catherine's nicht aufgenommen?�, erkundigte sie sich, w�hrend sie sich nach ihrem Kleid b�ckte.</p><p>�Das St. Catherine's House ist nur f�r Frauen, die keine Wohnung haben�, antwortete Faye. �Aber sie haben mir einen hei�en Tee gemacht, und ich konnte ein paar Stunden bleiben. Sie h�tten mich noch l�nger bleiben lassen, aber ich war in Sorge um dich.�</p><p>�Also bist du zur�ckgekommen.� Bast schl�pfte in ihr Kleid, strich es mit beiden H�nden glatt und verzog angewidert das Gesicht, als ihre Finger durch schmierige N�sse glitten. Blut? Seltsam - sie hatte eine Menge mit Roy angestellt, aber sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er dabei <emphasis>geblutet </emphasis>hatte ... dann wurde ihr klar, dass es eher von Bens zertr�mmertem Nasenbein stammte. Ein fl�chtiges Gef�hl von Bedauern �berkam sie, als sie an den h�sslichen Zwischenfall vom vergangenen Abend zur�ckdachte. Ben hatte letztlich nur getan, wof�r er bezahlt wurde, und irgendwie ... war er kein wirklich �bler Kerl. Sie hoffte, dass sie ihn nicht allzu sehr verletzt hatte.</p><p>Rasch und ohne dass Faye es bemerkte, wischte sie sich die H�nde an ihrem Gewand ab und fuhr fort, als w�re nichts geschehen: �Und was h�ttest du getan, wenn ich in Gefahr gewesen w�re? Ihn niedergeschlagen?�</p><p>�Wohl kaum�, schnappte Faye. �Aber ich h�tte dir ... ach, verdammt, ich wei� es nicht, aber ich h�tte versucht, irgendwas zu tun. Aber das war ja nicht n�tig, nicht wahr?�</p><p>�Nein, war es nicht�, antwortete Bast k�hl. Ganz pl�tzlich, von einem Atemzug auf den n�chsten, ging ihr Fayes Benehmen auf die Nerven. Was fiel diesem dummen Kind ein? Sie benahm sich, als w�re sie ihre Mutter, die sie mit dem Kohlenmann im Bett erwischt hatte!</p><p>�rgerlich wandte sie sich um, ging zur Kommode und wusch sich mit dem abgestandenen Wasser in der Sch�ssel H�nde und Gesicht. Es war eiskalt und schon nicht mehr sauber gewesen, als sie gestern Nacht gekommen war, aber an ihren Fingern klebte jetzt wenigstens kein Blut mehr, das Faye Anlass zu weiteren dummen Fragen geben w�rde.</p><p>�Nein, das war wirklich nicht n�tig!�, schnaubte Faye. �Verdammt noch mal, was hast du eigentlich mit ihm gemacht? Der Kerl ist ja fast tot!�</p><p>�Mit ihm gemacht? M�chtest du Einzelheiten wissen, Kleines, oder ...� Wieso <emphasis>fast? </emphasis>Bast starrte das dunkelhaarige M�dchen eine halbe Sekunde lang verst�ndnislos an, dann fuhr sie herum, war mit einem einzigen Schritt neben dem Bett und beugte sich �ber die reglose Gestalt darauf.</p><p>Roy lag noch immer in vollkommen unver�nderter Haltung da, mit offenen Augen und leerem Blick, und sein Atem ging so flach, dass man schon sehr genau hinsehen musste, um �berhaupt zu sehen, dass er noch atmete.</p><p>Aber er atmete, und das h�tte er eigentlich nicht gedurft.</p><p>Bast beugte sich weiter vor, zog die Decke zur�ck und legte die flache Hand auf Roys Brust. Sein Herz schlug sehr langsam, vielleicht zwanzig oder f�nfundzwanzig Mal in der Minute, aber es schlug, und seine Haut war warm.</p><p>�Er ... lebt?�, murmelte sie.</p><p>�Nat�rlich lebt er ... so gerade noch!�, sagte Faye. �Hast du was anderes erwartet?� Sie kam zornig n�her. �Aber h�ttest du vorher gesagt, was du vorhast, dann h�tte ich Miete f�r das Zimmer verlangt!� Sie klang w�tend, so viel w�tender, als selbst angesichts dieser Situation erkl�rbar schien, dass Bast �berrascht aufsah. Sie erkannte dieselbe Wut auf ihrem Gesicht, die auch in ihrer Stimme zu h�ren war, aber darunter verbarg sich auch ein nur noch m�hsam beherrschter Schrecken. Sie lachte nerv�s. �He, einen Moment lang hast du wirklich gedacht, er w�re tot, wie? Also wenn ich es nicht schon vorher gewusst h�tte, dass Patsy wirklich deine Freundin ist, dann w�rd ich dir sp�testens jetzt glauben.�</p><p>�Wieso?�, fragte Bast. Sie hatte fast M�he, dieses einzelne Wort auszusprechen. Roy war ganz eindeutig am Leben ... <emphasis>aber das h�tte er nicht gedurft! </emphasis>So hungrig, wie sie gewesen war, h�tte sie sich nicht einmal mehr gewundert, wenn sie Roy <emphasis>wirklich </emphasis>aufgefressen h�tte!</p><p>�Warum? Sag nicht, du wei�t nichts von Patsys Todesk�ssen.�</p><p>�Patsys ... Todesk�ssen?�</p><p>�Es hei�t nat�rlich nur so�, beeilte sich Faye zu versichern.</p><p>Anscheinend war der Schrecken, den dieses Wort Bast eingejagt hatte, deutlich in ihrer Stimme zu h�ren gewesen. �Ein paar von den Jungs haben es so genannt.�</p><p>�Was?�</p><p>�Patsy macht das nicht oft, nur wenn sie einen Kerl nicht leiden kann ... oder er ganz besonders aufdringlich ist. Aber ich hab's einmal gesehen. Der Bursche wollte einfach keine Ruhe geben, bis Patsy ihm nicht wenigstens einen Kuss geben w�rde. Und dann hat sie ihn gek�sst.� Sie hob die Schultern. �Der Kerl ist zusammengebrochen wie vom Blitz getroffen. Hat kaum noch geatmet, und es hat �ber eine Stunde gedauert, bis er wieder zu sich gekommen ist ... und mehr als zwei, bis er auch nur wieder so weit auf den Beinen war, um nach Hause zu wanken. Hab den Kerl seither nie wieder hier im East End gesehen.�</p><p>�Ja, das klingt ganz nach ihr�, murmelte Ben.</p><p>�Bringst du mir den Trick bei?�, fragte Faye. �Damit k�nnte ich hier ganz gro� rauskommen.� Als sie keine Antwort bekam, beugte sie sich tiefer �ber Roy, sah ihm aufmerksam ins Gesicht und tastete schlie�lich mit den Fingerspitzen nach seiner Halsschlagader, wie um sich davon zu �berzeugen, dass er auch tats�chlich noch lebte.</p><p>�Ich muss jetzt gehen�, sagte Bast. �Es wird schon bald hell.�</p><p>�Und du musst vor Tagesanbruch wieder zu Hause sein, weil Sonnenlicht f�r dich t�dlich ist�, vermutete Faye. �Was bist du - so 'ne Art Vampyr?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast ernst. �Woher kennst du dieses Wort?�</p><p>�Stell dir vor, ich kann lesen�, antwortete Faye schnippisch. �Ich liebe diese deutschen Schauergeschichten. Aber ich glaube nicht, dass es so was wirklich gibt.�</p><p>�Und damit hast du auch recht�, antwortete Bast. �Aber ich muss jetzt wirklich gehen. Ich bin schon viel zu lange hier. Ich habe meiner Zimmerwirtin versprochen, mich um etwas zu k�mmern.�</p><p>�Und den l�sst du hier ...�, Faye machte eine Kopfbewegung auf Roy, �... damit ich mich mit ihm am�sieren kann, wenn er wach wird?�</p><p>�Nat�rlich nicht!� Bast riss die Decke endg�ltig herunter und gab Faye zugleich mit einer Kopfbewegung zu verstehen, sich nach Roys Kleidern zu b�cken, die �berall im Zimmer herumlagen - genauer gesagt, seine Jacke, das zerschlissene Hemd und seine Schuhe. Socken und Hose hatte er nicht mehr ausbekommen, bevor sie ihn auf das Bett hinabgezerrt hatte. Sie schlabberte um seine Kn�chel, was einigerma�en l�cherlich aussah ... was allerdings auch schon fast alles war, was l�cherlich an ihm wirkte. Dass Roy ein au�ergew�hnlich gro�er und kr�ftiger Bursche war, hatte sie schon vorgestern auf den ersten Blick gesehen, aber so, wie er jetzt dalag, vollkommen entspannt ohne den brutalen Ausdruck, den er anscheinend bewusst auf sein Gesicht zwang, war er durchaus gut aussehend und �berdurchschnittlich gut gebaut, in jeder Hinsicht.</p><p>Bast lauschte einen Moment lang in sich hinein, aber alles, woran sie sich - fl�chtig - erinnerte, war seine kurze, aber unerwartet kr�ftige Umarmung und das unendlich erleichternde Gef�hl, ihn zu <emphasis>nehmen, </emphasis>seine Kraft aus ihm herauszurei�en und ihr eigenes, immer schneller schwindendes Reservoir damit aufzuf�llen. Roy - ohne Roy in seinem Kopf - w�re vielleicht gar kein so �bler Kerl gewesen; w�re er in einer anderen Stadt, unter anderen Bedingungen oder in einer anderen Zeit geboren, vielleicht w�re er sogar zu jemandem geworden, den sie h�tte m�gen k�nnen. F�r einen Moment empfand sie nichts als Mitleid beim Anblick seines kr�ftigen K�rpers und des entspannten Gesichts, und f�r denselben Moment sah sie beinahe den Mann vor sich, der er h�tte werden k�nnen, nicht der, zu dem ein teilnahmsloses Schicksal ihn gemacht hatte.</p><p>�Wenn du noch das eine oder andere mit ihm vorhast, kann ich auch gern wieder gehen�, sagte Faye schnippisch.</p><p>Bast bedachte sie zur Antwort nur mit einem eisigen Blick und forderte sie mit einer ebenso wortlosen Geste auf, ihr dabei zu helfen, Roy wieder anzuziehen. Er wurde nicht wach und gab noch nicht einmal einen Laut von sich, und Faye h�rte zwar nicht auf, sie mit einer Mischung aus Verachtung und stummer Emp�rung anzusehen, wirkte aber zugleich auch immer besorgter. Bast erging es - fast zu ihrem eigenen Erstaunen - nicht anders, und schlie�lich legte sie die flache Hand auf Roys Stirn und lauschte einen Moment lang konzentriert in ihn hinein. Roys Herz schlug so langsam und schwach, dass sie sich konzentrieren musste, um seinen Puls �berhaupt noch zu sp�ren. Er lebte, aber wie lange noch? Die Flamme war fast erloschen.</p><p>Und dann tat sie etwas, was sie selbst vielleicht am allerwenigsten verstand: Sie gab Roy ein wenig von der geraubten Kraft zur�ck. Nicht viel; nicht einmal ann�hernd so viel, wie sie genommen hatte, aber doch genug, um aus dem erl�schenden Funken wieder eine Flamme zu machen, die weiter brennen w�rde.</p><p>Roy gab ein halblautes, seufzendes St�hnen von sich und bewegte den Kopf, wachte aber nicht auf, und Faye sah sie aus gro�en Augen an. �Was hast du gemacht?�</p><p>�Nichts�, antwortete Bast ebenso abweisend wie wenig �berzeugend. �Aber ich sch�tze, dass er bald aufwacht. Wei�t du irgendeine stille Ecke, wo wir ihn ablegen k�nnen?�</p><p>Faye nickte. �Ja, aber ...�</p><p>�Dann geh hinaus und sieh nach, ob die Luft rein ist�, fiel ihr Bast ins Wort. �Bevor es hell wird.�</p><p>Faye wirkte zwar beinahe noch ver�rgerter, wandte sich aber gehorsam zur T�r und verschwand f�r einen Moment auf dem Hof. Als sie zur�ckkam, wirkte sie besorgt, gab ihr zugleich aber auch mit einem wortlosen Nicken zu verstehen, dass alles in Ordnung war.</p><p>�Dann hilf mir.� Bast h�tte Roy ohne Probleme allein tragen k�nnen, aber Faye war auch so schon misstrauisch genug. Gemeinsam trugen sie ihn aus der Wohnung und �ber den kleinen Innenhof, wo Faye ihr f�r einen Moment Roys Gewicht allein �berlie�, um einen weiteren, sichernden Blick auf die Stra�e hinauszuwerfen.</p><p>�Alles ruhig�, sagte sie, als sie zur�ckkam. �Aber beeilen wir uns trotzdem lieber. Es wird gleich hell.�</p><p>Und es war auch nicht ann�hernd so ruhig, wie Faye glaubte. Hinter den meisten Fenstern brannte bereits Licht - zum allergr��ten Teil Petroleum - und auch ein paar vereinzelte Gaslampen, nicht der flackernde Kerzenschein, der die �rmlichen Wohngegenden kennzeichnete -, und Bast sp�rte das erwachende Leben �berall ringsum. Und sie sp�rte auch, dass ihnen zumindest ein Augenpaar ebenso �berrascht wie misstrauisch folgte. Aber daran konnte sie nichts �ndern. Und vielleicht war der Anblick eines bewusstlosen Mannes, der aus dem Haus getragen wurde, in diesem Viertel ja nicht <emphasis>so </emphasis>au�ergew�hnlich.</p><p>Bevor sie die Toreinfahrt verlie�en, bedeutete sie Faye, Roy auf die F��e zu stellen und sich seinen Arm um die Schulter zu legen; sie selbst ergriff seinen anderen Arm und legte die freie Hand so um seine H�ften, dass sie den allergr��ten Teil seines Gewichts st�tzen konnte. Sollte jetzt jemand aus dem Fenster sehen oder unversehens in die Stra�e einbiegen, dann w�rde er nur zwei Frauen erblicken, die einen Betrunkenen nach Hause brachten. Bast tadelte sich selbst im Stillen daf�r, nicht gleich auf diesen Gedanken gekommen zu sein.</p><p>�Dort dr�ben.� Faye machte eine Kopfbewegung zur anderen Stra�enseite. Die H�user dort lagen noch in vollkommener Dunkelheit da - seltsamerweise brannte hinter keinem einzigen Fenster dort dr�ben ein Licht -, aber sie ersp�hte eine schmale Gasse, die Faye nun ansteuerte. Wie Faye gesagt hatte, war die Stra�e vollkommen leer, aber sie sp�rte eine allgemeine Unruhe, die wie eine knisternde Spannung in der Luft lag.</p><p>Sie erreichten ihr Ziel unbehelligt. Faye, die bereits unter Roys Gewicht wankte, obwohl Bast den allergr��ten Teil davon trug, wollte ihn unverz�glich zu Boden sinken lassen, doch Bast sch�ttelte nur den Kopf und deutete tiefer in die Gasse hinein. Selbst ihre scharfen Augen erkannten dort nichts au�er vollkommener Schw�rze, aber sie h�rte das erschrockene Pfeifen einer Ratte und dann das hastige Davonhuschen winziger Pfoten.</p><p>Die Gasse erwies sich als kaum meterbreite Baul�cke zwischen zwei H�usern, die nach einem knappen Dutzend Schritte vor einer windschiefen Bretterwand endete. Faye lie� Roys Arm mit einem h�rbaren Seufzer von der Schulter rutschen und sank selbst zitternd gegen die Mauer, w�hrend Bast Roy wenig sanft zu Boden sinken lie� und sich fragte, ob die Ratte wohl zur�ckkommen und sich an der unerwarteten Mahlzeit g�tlich tun w�rde.</p><p>�Und ... jetzt?�, fragte Faye atemlos.</p><p>�Jetzt gehst du nach Hause�, antwortete Bast, �und ich auch. Mach dir keine Sorgen�, kam sie Fayes n�chster Frage zuvor. �Er wird sich an nichts erinnern, wenn er aufwacht.� <emphasis>Wenn </emphasis>er aufwachte. Ganz sicher war sie immer noch nicht.</p><p>�Und du?� Faye sah unsicher auf den bewusstlosen Roy hinab. �Ich meine: Kommst du zur�ck?�</p><p>�Ganz bestimmt�, versicherte Bast. �Ich muss immer noch mit Patsy reden.�</p><p>�Du hast mit ihr geredet.�</p><p>�Aber sie nicht mit mir�, antwortete Bast. �Jedenfalls nicht so, wie ich es mir vorgestellt h�tte. Ich muss sie finden und mich eingehend mit ihr unterhalten - und nicht nur f�r f�nf Minuten.� Sie schnitt Faye mit einer Handbewegung das Wort ab, als sie widersprechen wollte. �Geh jetzt. Ich finde dich schon.�</p><p>Das war ganz offensichtlich nicht das, was Faye hatte h�ren wollen, aber Bast gab ihr keine Gelegenheit, noch einmal zu widersprechen, sondern wandte sich rasch um und ging, blieb aber schon nach zwei oder drei Schritten wieder stehen und wandte sich noch einmal zu ihr um. �Wo finde ich einen Wagen?�</p><p>�Gleich rechts in der Goulsten Street�, antwortete Faye, �aber ...�</p><p>Bast ging weiter, ohne hinzuh�ren, bog nach rechts ab und gleich an der n�chsten Kreuzung abermals nach rechts - und blieb wie angewurzelt wieder stehen. Einen Moment lang �berlegte sie ernsthaft, ob sie sich verirrt hatte, oder sie ihre Erinnerungen narrten, denn der Anblick unterschied sich kaum von dem, der sich ihr gestern Abend geboten hatte. Am anderen Ende der Stra�e hatte sich ein regelrechter Menschenauflauf gebildet. Fackeln und der hektisch hin und her tastende Lichtschein zahlreicher Karbidlampen verhalfen dem Morgen zu einer vorzeitigen D�mmerung, und selbst die kleine Flotte aus Fuhrwerken und Droschken war wieder da, als h�tte sie jemand genommen und in exakt gleicher Konstellation hier abgestellt: Jeweils zwei quer gestellte Wagen blockierten die Stra�e vor und hinter der Menschenmenge, und wer vielleicht diese Barrikade passieren wollte, musste an mindestens zwei von einem guten Dutzend Bobbys vorbei, die peinlich genau seine Personalien notierten, bevor sie ihn gehen lie�en; was �brigens l�ngst nicht immer der Fall war. Einer der zahlreichen Wagen war eine massive viersp�nnige Kutsche mit vergitterten Fenstern, hinter denen sie die Umrisse von mindestens zwei M�nnern ausmachte, und drei oder vier weitere standen ein St�ck abseits und wurden von einer gut doppelt so gro�en Anzahl missmutig dreinblickender Bobbys bewacht. Anscheinend war es an diesem Abend wirklich nicht ratsam, das East End aufzusuchen, ob mit oder ohne g�ltige Ausweispapiere.</p><p>Zumindest nicht f�r sie. Bast war ebenso beunruhigt wie neugierig, was dort passiert war, aber sie hatte nicht vergessen, wie es ihr am vergangenen Abend ergangen war, und sie konnte kaum damit rechnen, abermals in letzter Sekunde Beistand von unerwarteter Seite zu bekommen. Etwas war da geschehen, was mindestens genau so schlimm zu sein schien wie der Mord an Liz, wenn nicht schlimmer, und der Anblick dieses gewaltigen Polizeiaufgebotes und der nerv�sen Menschenmenge beunruhigte sie ebenso sehr, wie er schlicht und einfach ihre Neugier weckte - aber ihre Vorsicht und ihre Instinkte rieten ihr auch nachdr�cklich, auf der Stelle kehrtzumachen und zu verschwinden. Und vermutlich h�tte sie auch auf ihre innere Stimme geh�rt, w�re nicht in diesem Moment �ber den K�pfen der Menschenmenge ein grelles, kalkwei�es Licht aufgeflammt; ein glei�ender Blitz, der im gleichen Sekundenbruchteil auch schon wieder erlosch, in dem er die Nacht endg�ltig verjagte, alle Farben ausl�schte und die Zuschauer zu tiefenlosen schwarzen Silhouetten werden lie�.</p><p>Eine davon war nicht die eines Menschen.</p><p>Es war der Schatten eines riesigen Vogels, schwarz, grausam, mit gewaltigen, schimmernden Fl�geln, einem grausamen Schnabel und f�rchterlichen F�ngen, die ...</p><p>Das grelle Licht erlosch, und die Dinge wurden wieder zu dem, was sie waren. Der unheimliche Schatten verschwand, aber so unendlich kurz der Moment auch gewesen sein mochte - Bast wusste, was sie gesehen hatte.</p><p>Aus ihrem unguten Gef�hl wurde Gewissheit, und auch wenn die warnende Stimme ihrer Vernunft keinen Deut leiser geworden war, setzte sie ihren Weg nun doch fort; statt kehrtzumachen und sich zur�ckzuziehen, bevor irgendjemand auf sie aufmerksam wurde. Sollte das geschehen, w�rde sie eben zu anderen Mitteln greifen m�ssen.</p><p>Ihr Blick tastete aufmerksam �ber die zusammengelaufene Menschenmenge, w�hrend sie - langsamer werdend - n�her kam. Es war genau die Zusammenstellung, die sie erwartet hatte: M�nner in derben Kleidern und mit m�den Gesichtern, die auf dem Weg zur Arbeit hier vorbeigekommen waren, Neugierige, die der L�rm und die Aufregung angelockt hatten, ein paar �brig gebliebene Zecher oder Freier aus den nahe gelegenen Etablissements und die �blichen Gaffer, die aus den umliegenden H�usern herbeigeeilt waren ... es gab anscheinend nichts, was Menschen mehr erschreckte und zugleich anzog als Gewalt und Tod; vorausgesetzt, sie stie�en anderen zu.</p><p>Was sie nicht sah, war die unheimliche Gestalt von gerade. W�ren die Umst�nde nur ein bisschen anders gewesen, h�tte sich Bast m�glicherweise eingestanden, einer simplen T�uschung erlegen zu sein. Auch ihre Sinne waren nicht unfehlbar, und sie hatte wahrlich jeden Grund, nerv�s zu sein. Sie r�umte sogar die M�glichkeit ein, sich tats�chlich get�uscht und in Wahrheit einen Menschen gesehen zu haben, statt eines riesigen Falken; einen Mann in einem schwarzen Mantel und mit Turban und Schwert, aber auch von einem solchen war keine Spur zu sehen.</p><p>Bast blieb stehen und lauschte mit allen Sinnen und so konzentriert, wie sie nur konnte, doch alles, was sie empfing, war eine nerv�se Mischung aus Entsetzen und morbider Faszination, nur hier und da vielleicht eine Spur von echtem Mitgef�hl oder Trauer, aber nicht das, worauf sie wartete.</p><p>Das bedeutete nichts. Noch vor wenigen Tagen h�tte sie �ber die blo�e Vorstellung gelacht, aber Horus hatte ihr <emphasis>bewiesen, </emphasis>dass er unmittelbar vor ihr stehen konnte, ohne dass sie imstande war, hinter seine Maske zu blicken. Sie <emphasis>wusste</emphasis>einfach, dass er da war.</p><p>�Miss?�</p><p>Bast war so sehr in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie den Bobby nicht einmal bemerkt hatte, der sich ihr von hinten gen�hert hatte. Und es verging noch eine weitere, geschlagene Sekunde, bis sie ihn erkannte.</p><p>�Oh, hallo, Konstabler ... Stowe?� Der Bobby nickte, und Bast fuhr mit einem perfekt geschauspielerten nerv�sen L�cheln fort: �Es tut mir leid, Konstabler, aber ich f�rchte, ich habe meine Papiere noch immer nicht ...�</p><p>�Darum geht es nicht, Ma'am�, unterbrach Stowe sie h�flich, aber entschieden. �Wenn Sie mich freundlicherweise begleiten w�rden?�</p><p>�Begleiten? Wohin?� F�r einen Moment �berkam sie beinahe so etwas wie Panik. Was um Ras willen wollte Stowe von ihr? Woher wusste sie �berhaupt, dass er Stowe <emphasis>war? </emphasis>Was, wenn ...</p><p>�Der Inspektor w�rde Sie gerne sprechen, Ma'am�, antwortete er. Gleichzeitig machte er eine Handbewegung hinter sich, von der Bast nicht sagen konnte, ob sie nun einfach erkl�rend war oder sich ein Befehl dahinter verbarg. So oder so deutete er auf Abberline, der nur ein kleines St�ck entfernt dastand und sich gerade �ber etwas beugte, das mit einem wei�en Tuch abgedeckt war. Es h�tte der h�sslichen, dunkelbraun eingetrockneten Flecken darauf nicht bedurft, um Bast zu sagen, was sich darunter verbarg.</p><p>�Inspektor Abberline?�, erkundigte sie sich �berfl�ssigerweise - und aus keinem anderen Grund als dem, Zeit zu gewinnen. Ihre Gedanken rasten. Irgendetwas stimmte hier nicht. Irgendetwas war hier ganz und gar nicht so, wie es zu sein vorgab. Sie wusste nicht, was, aber eines wusste sie mit jeder Sekunde mehr: Sie sollte nicht hier sein.</p><p>�Ich f�rchte, er wird darauf bestehen, Ma'am�, antwortete Stowe. �Also kommen Sie bitte mit!�</p><p>Bast fragte sich fl�chtig, was er wohl tun w�rde, wenn sie sich weigerte, mit ihm zu kommen, dachte diesen Gedanken aber vorsichtshalber nicht zu Ende. Weder Stowe noch sein Dutzend Kollegen stellten irgendeine Bedrohung f�r sie dar - nicht mehr, wo ihre Schw�che �berwunden und sie nahezu im Vollbesitz ihrer Kr�fte war -, aber sie war nicht hierhergekommen, um einen Kleinkrieg mit ihm und der kompletten Londoner Polizei zu beginnen ... und au�erdem war sie schlicht und einfach neugierig, was Abberline von ihr wollte. Sie wartete vielleicht noch einen Atemzug l�nger, als gut war, aber dann nickte sie. �Ganz wie Sie w�nschen, Konstabler.�</p><p>Stowe starrte eine Sekunde lang verst�ndnislos auf die Hand, die sie ihm hinhielt, dann zuckte er mit den Schultern und wandte sich um, um vorauszugehen. Bast fragte sich, ob er das genaue Gegenteil eines typischen englischen Gentlemans war oder schlichtweg Angst hatte, sie zu ber�hren. Zu seinen Gunsten nahm sie Letzteres an.</p><p>Immerhin sorgte die Autorit�t seiner Uniform daf�r, dass die Gaffer ihnen Platz machten. Die Vorstellung, einen von ihnen auch nur zu ber�hren, w�re ihr im Moment schon beinahe unertr�glich gewesen.</p><p>Abberline richtete sich �chzend auf, als sie n�her kamen, und drehte sich mit einer unendlich m�de wirkenden Bewegung herum. Er sah ersch�pft aus, unendlich m�de und am Ende seiner Kr�fte, nicht nur in k�rperlicher Hinsicht. Unter seinen Augen lagen schwere, fast schwarze Ringe, und sein Haar war stumpf geworden und hing ihm in Str�hnen in die Stirn.</p><p>�Miss Bast�, sagte er m�de.</p><p>�Bast reicht�, antwortete Bast. �Das Miss klingt so offiziell.�</p><p>�Bast, gut�, sagte Abberline m�de. �Ich f�rchte jedoch, dass wir uns leider auch ganz offiziell hier sehen. Ich dachte, Jacob wollte Sie zur�ck in die Pension begleiten?�</p><p>�Das hatte er auch vor�, antwortete Bast. �Aber ich wurde ... aufgehalten.�</p><p>�So lange?�</p><p>Bast hob zur Antwort nur die Schultern, und zu ihrer �berraschung gab sich Abberline mit dieser Antwort sogar zufrieden; wenigstens f�r den Moment. Zwei oder drei Atemz�ge lang starrte er sie nur an, genauer gesagt einen Punkt ungef�hr zwei Handbreit unterhalb ihres Gesichts, und einen Moment lang fragte sie sich ganz ernsthaft - auch wenn das eigentlich nicht zu ihm passte -, ob er ihre Br�ste anstarrte.</p><p>Dann wurde ihr klar, was es wirklich war.</p><p>�Sie sehen recht, Inspektor�, sagte sie k�hl. �Das ist Blut. Aber nicht meines.�</p><p>�Es stammt von Ben, ich wei߫, unterbrach sie Abberline. Er klang beinahe noch m�der. �Maudes Rausschmei�er.�</p><p>�Sie sind gut informiert�, sagte Bast anerkennend.</p><p>�Das ist mein Beruf�, antwortete Abberline. �Hier im East End geschieht nicht viel, von dem ich nicht wei�. Au�erdem kommt es nicht jeden Tag vor, dass jemand dem st�rksten Burschen des ganzen Viertels eine blutige Nase verpasst - und das noch dazu mit blo�en H�nden. So etwas spricht sich schnell herum.� Er seufzte noch einmal, und noch tiefer, und etwas in seinem Blick ... �nderte sich. Bast konnte nicht sagen, was, aber es gefiel ihr nicht.</p><p>�Wie gesagt: Sie sind gut informiert�, wiederholte sie.</p><p>�Leider nicht gut genug�, erwiderte Abberline. �Sie wissen, was hier passiert ist?�</p><p>Bast antwortete mit einer Mischung aus einem Nicken und einem Kopfsch�tteln - was der Wahrheit auch ziemlich nahekam. Abgesehen von den h�sslichen braunroten Flecken auf dem Tuch, unter dem sich deutlich die Umrisse eines menschlichen K�rpers abzeichneten, stieg ihr mittlerweile ein deutlicher Blutgeruch in die Nase, und auf einer tieferen Ebene das nur langsam verblassende Echo brutal explodierender Gewalt und sehr gro�er Angst. Im Stillen bedankte sie sich noch einmal bei Roy. Ohne das, was er ihr gegeben hatte, w�re es vielleicht mehr gewesen, als sie ertragen konnte, und m�glicherweise - wahrscheinlich - h�tte sie etwas getan, das ... nicht gut war.</p><p>Abberline wartete einen Moment lang vergebens auf eine andere Antwort, dann lie� er sich erneut in die Hocke sinken und schlug das Tuch gerade weit genug zur Seite, dass sie das Gesicht darunter erkennen konnte.</p><p>�Kate�, murmelte sie. Seltsam - sie war nicht einmal �berrascht. Nicht wirklich.</p><p>�Sie kennen diese Frau�, stellte Abberline fest. Er klang noch weniger �berrascht.</p><p>�Das ist Kate, ja�, antwortete Bast. Sie war nicht �berrascht, aber sie f�hlte sich, als h�tte ihr jemand ins Gesicht geschlagen. Und sie glaubte Horus' Blick geradezu zwischen den Schulterbl�ttern zu sp�ren. Den Spott in seinen Augen.</p><p>�Catherine Eddowes, um genau zu sein, ja�, sagte Abberline. �Jeder hier in Whitechapel kennt Kate, genau wie ihre Freundinnen. Polly, Dark Anny, Liz, Marie-Jeanette und Faye. Wie es aussieht, sind nicht mehr viele von ihnen �brig. Wissen Sie, was ich mich frage, Bast? Woher kennen Sie diese Frauen? Soweit ich wei�, sind Sie erst seit zwei oder drei Tagen in diesem Land.�</p><p>�Ich kenne sie nicht wirklich�, antwortete Bast. �Eigentlich so gut wie gar nicht. Ich bin gestern kurz mit ihr und den anderen ins Gespr�ch gekommen, das ist alles.�</p><p>�W�hrend Sie auf der Suche nach Ihrer Freundin waren�, nickte Abberline.</p><p>�Ja.�</p><p>�Waren Sie erfolgreich?�</p><p>�Ja und nein�, antwortete Bast ausweichend. �Ich habe sie gefunden, aber unser Gespr�ch ist leider nicht ganz so verlaufen, wie ich gehofft habe.� Sie runzelte die Stirn. �Was genau wird das, Inspektor? Ein Verh�r?�</p><p>�G�be es denn einen Grund, Sie zu verh�ren?�, fragte Abberline.</p><p>�Sie glauben nicht ernsthaft, dass ich etwas mit diesen Morden zu tun habe, oder?�, fragte sie.</p><p>Abberline dachte eindeutig l�nger �ber diese Frage nach, als ihr lieb war, aber dann sch�ttelte er den Kopf. �Nein�, sagte er. �Es sei denn, Sie w�ren zu <emphasis>so etwas </emphasis>f�hig.� Und damit schlug er mit einem Ruck das Tuch endg�ltig zur Seite.</p><p>Irgendwo hinter ihr schrie eine Frau entsetzt auf, und ein mehrstimmiges, erschrockenes Keuchen erklang. Selbst Bast gelang es nicht vollends, ein erschrockenes Zusammenzucken zu unterdr�cken. Sie hatte in ihrem Leben eine Menge gesehen, und manches davon war schlimmer gewesen als das, was man Kate angetan hatte ... aber hier in dieser kalten, heruntergekommenen Gasse, umringt von Neugierigen, die aus keinem anderen Grund als dem gekommen waren, sich an dem schrecklichen Bild zu erg�tzen und in dem festen Wissen, dass der Mensch, der f�r all das verantwortlich war, irgendwo ganz in der N�he war und sie beobachtete, war der Anblick beinahe mehr, als sie ertragen konnte.</p><p>Kate war nicht einfach nur tot. Jemand hatte ihr die Kehle durchgeschnitten, aber das hatte ihm ganz offensichtlich noch nicht gereicht. Sie war regelrecht geschlachtet worden.</p><p>Und ihr Kopf und ihre Schultern lagen in einer Lache ihres eigenen, erst halb eingetrockneten Blutes, aber ein ungleich gr��erer, nass glitzernder roter See hatte sich unter ihrem K�rper gebildet. Ihr Leib war vom Brustbein bis hinab zur Scham - und durch sie <emphasis>hindurch - </emphasis>s�uberlich aufgeschlitzt worden, und so pr�zise und glatt dieser Schnitt auch war, war zumindest sein oberer Rand brutal ausgefranst, weil jemand die Wunde mit roher Gewalt auseinandergezerrt hatte, sodass der Blick ungehindert in Kates Bauchh�hle und auf ihre Ged�rme und ihre inneren Organe und Unmengen von Blut und brutal zerfetztem Gewebe und Muskeln fiel. Bast sp�rte, wie sich bittere Galle unter ihrer Zunge zu sammeln begann, aber sie beging nicht den Fehler, sie herunterzuschlucken, was alles nur viel schlimmer gemacht h�tte. Trotzdem begannen ihre Eingeweide immer heftiger zu rebellieren.</p><p>�Haben ... Sie das getan?�, fragte sie mit bebender Stimme.</p><p>�Um nachzusehen, was noch da ist?� Abberline sch�ttelte den Kopf. Er war noch immer sehr blass, aber Bast war jetzt nicht mehr sicher, ob es tats�chlich nur an seiner M�digkeit lag. Aber ihr entging auch nicht, wie aufmerksam er sie trotz allem im Auge behielt. �Das war nicht notwendig, f�rchte ich. Er hat ihre ... inneren Organe entnommen. Wenigstens einige. Welche und wie viele genau, wird uns morgen der Arzt sagen, aber das ist eindeutig seine Handschrift.� Er seufzte matt, schlug die Decke wieder �ber den schrecklich zugerichteten Leichnam und richtete sich mit einer Bewegung auf, die wie die eines uralten, gebrechlichen Mannes wirkte. �Was f�r ein Ungeheuer. Aber wenigstens hat er ihr vorher die Kehle durchgeschnitten. Sie d�rfte nicht allzu viel gesp�rt haben.�</p><p>Bast schluckte den bitteren Speichel nun doch herunter, atmete h�rbar ein und fragte dann mit belegter Stimme: �Warum zeigen Sie mir das, Inspektor?�</p><p>�Damit Sie sehen, womit wir es zu tun haben�, antwortete Abberline.</p><p>�Und warum sollte ich das sehen?�</p><p>�Ich dachte, es w�rde Ihnen vielleicht helfen, gewisse ... Entscheidungen zu treffen.�</p><p>�Was f�r Entscheidungen sollten das sein?�</p><p>Statt sofort zu antworten, wandte sich Abberline um und bedeutete ihr mit einer stummen Geste, ihm zu folgen.</p><p>Sie gingen nur wenige Schritte weit, bis sie vor einer br�chigen Ziegelsteinmauer stehen blieben. Abberline winkte einen Konstabler herbei - Bast registrierte beil�ufig, dass es Stowe war - und wies ihn mit einer immer noch wortlosen Handbewegung an, seine Lampe einzuschalten und auf die Mauer zu richten. Der wei�e Strahl war so glei�end, dass Bast im ersten Moment M�he hatte, die mit pr�zisen wei�en Kreidebuchstaben gemalten Worte zu entziffern, die jemand auf den nassen Stein geschrieben hatte.</p><p>Und als es ihr gelungen war, verstand sie sie nicht.</p><p>��Die Juwes sind nicht die Menschen, die f�r nichts beschuldigt werden��, murmelte sie. �Was hast das zu bedeuten?�</p><p>Abberline hob die Schultern. �Ich hatte gehofft, dass Sie vielleicht eine Idee dazu haben k�nnten�, sagte er.</p><p>�Ich?�</p><p>�Nein, nicht dass ich auch nur im Entferntesten glauben w�rde, Sie h�tten irgendetwas mit dieser schrecklichen Sache zu tun�, versicherte Abberline hastig; und sehr ehrlich, wie sie sp�rte. �Jacob Maistowe hat mir erz�hlt, dass Sie eine weit gereiste Frau mit einer gro�en Erfahrung in fremden Kulturen und arkanen Br�uchen sind. Bitte verzeihen Sie. Es war ... eine dumme Idee.�</p><p>F�r Bast h�rte es sich eher nach einer <emphasis>verzweifelten </emphasis>Idee an; was ihr wiederum eine Menge dar�ber sagte, wie sich Abberline wirklich f�hlte. Sie wusste nicht viel �ber diesen Mann, aber er machte einen ehrlichen Eindruck, und sie vermutete, dass er unter alledem hier weit mehr litt, als er nach au�en hin eingestand.</p><p>Immerhin konnte sie ihm den Gefallen tun, sich die kryptische Inschrift noch einmal anzusehen und nach irgendeinem verborgenen Sinn darin zu suchen. Aber sie fand ihn nicht.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte sie ehrlich. �Aber f�r mich ergibt das keinen Sinn. Ich wei� nicht einmal, was das Wort <emphasis>Juwes </emphasis>bedeutet ... allerdings bin ich des Englischen auch nicht so m�chtig, wie ich es gerne w�re.�</p><p>�Sie sprechen besser Englisch als die meisten Briten, die ich kenne�, versicherte Abberline l�chelnd, wurde aber auch sofort wieder ernst und sch�ttelte den Kopf. �Au�erdem kenne ich dieses Wort auch nicht.�</p><p>�Es k�nnte <emphasis>Jews </emphasis>hei�en, Sir�, mischte sich Stowe ein. �Juden.�</p><p>Abberline sah nicht so aus, als w�re er erbaut �ber diese ungefragte Hilfe, aber er dachte trotzdem einen Moment angestrengt �ber diese M�glichkeit nach. Anschlie�end sah er noch weniger begeistert aus.</p><p>�Dann erg�be es wenigstens <emphasis>so etwas </emphasis>wie einen Sinn�, sagte er d�ster. �Aber dann h�tten wir ein noch gr��eres Problem, f�rchte ich.�</p><p>�Wieso?�</p><p>Statt zu antworten, dachte Abberline einen weiteren Augenblick lang angestrengt nach, bevor er sich - pl�tzlich sehr entschlossen - direkt an Stowe wandte. �Holen Sie einen Lappen und entfernen Sie diese Schmiererei, Konstabler�, sagte er.</p><p>Stowe riss ungl�ubig die Augen auf. �Aber Sir! Das ist ...�</p><p>�Habe ich mich irgendwie unklar ausgedr�ckt, Konstabler?�, fiel ihm Abberline ins Wort. Pl�tzlich klang seine Stimme schneidend.</p><p>�Nein, Sir�, antwortete Stowe. �Es ist nur, weil ...�</p><p>�Dann tun Sie, was ich gesagt habe, und entfernen Sie das�, unterbrach ihn Abberline erneut. �Und danach nehmen Sie einen Wagen und bringen Sie diese Lady nach Hause. Miss Bast - ich bringe das hier zu Ende und komme dann zu Ihnen. Ich m�chte Sie bitten, solange in der Pension auf mich zu warten.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Insgeheim war sie doch froh gewesen, nicht allein und zu Fu� zur Pension zur�ckgehen zu m�ssen; nicht weil sie Angst davor gehabt h�tte, allein durch die Stra�en dieser verrufenen Gegend zu gehen, oder gar Angst vor der Dunkelheit oder etwas noch Alberneres, sondern weil sie sich schlichtweg selbst nicht traute. Dass die qu�lende Gier in ihrem Inneren nicht mehr zu sp�ren war, bedeutete ganz und gar nicht, dass das Ungeheuer auch tats�chlich schlief. Sie wagte nicht zu sagen, was passiert w�re, w�re sie im Morgengrauen einem einsamen Wanderer begegnet.</p><p>Was ihr weniger gefiel, war die Art, auf die Stowe sie zur�ck in Mrs Walshs Obhut brachte - zwar tats�chlich mit einem Wagen, wie Abberline es ihm aufgetragen hatte, aber nicht mit <emphasis>irgendeinem, </emphasis>von denen nun wahrlich genug zur Auswahl standen, sondern mit einem <emphasis>Gef�ngniswagen, </emphasis>einem der beiden klobigen schwarzen Monster mit den vergitterten Fenstern, die sie vorhin schon bewundert hatte. Zumindest hatte er darauf verzichtet, die T�r von au�en zu verriegeln.</p><p>Damit h�rte seine R�cksichtnahme dann aber auch schon auf.</p><p>Bast hatte ihn gebeten, eine Stra�e vorher anzuhalten, um ihr die Peinlichkeit zu ersparen, in Begleitung eines uniformierten Bobbys aus einem Gefangenentransporter zu steigen, aber er tat nichts dergleichen, sondern lenkte den Wagen ganz im Gegenteil bis unmittelbar vor den Eingang der Pension, und als w�re das allein noch nicht genug, begleitete er sie noch bis zur T�r.</p><p>�Das war sehr freundlich von Ihnen, Konstabler�, sagte sie. Sie r�hrte keinen Finger, um die T�r zu �ffnen, obwohl sie wusste, dass sie unverschlossen war. �Aber von hier aus finde ich den Weg allein.�</p><p>�Daran zweifle ich nicht, Ma'am�, antwortete Stowe unbehaglich. Er wich ihrem direkten Blick aus. �Aber Inspektor Abberline hat mir ausdr�cklich aufgetragen, Sie ... �hm ...�</p><p>�Zu bewachen�, half Bast aus, als er nicht weitersprach, sondern pl�tzlich etwas ungemein Interessantes auf seinen Schuhspitzen entdeckt zu haben schien. �Wozu genau? Um mich vor irgendetwas zu besch�tzen, vor dem ich nicht besch�tzt werden muss, oder um sicherzugehen, dass ich nicht verschwinde?�</p><p>�Das hat er nicht gesagt, Ma'am�, erwiderte Stowe k�hl. �Mein Befehl lautet nur, hier bei Ihnen zu warten, bis der Inspektor nachkommt.�</p><p>Bast dachte einen ganz kurzen Moment lang daran, ihn trotzdem fortzuschicken. Sie h�tte es gekonnt, ohne die geringste M�he - aber damit h�tte sie nicht nur Abberlines Misstrauen neue Nahrung gegeben, sondern auch Stowe Schwierigkeiten bereitet, und beides wollte sie nicht.</p><p>Die T�r ging auf, und Mrs Walsh, die offensichtlich jedes Wort geh�rt hatte, sagte k�hl: �Dann sollten Sie Ihre Pflicht auch tun, Konstabler. Aber tun Sie auch <emphasis>mir </emphasis>einen Gefallen und parken Sie dieses schreckliche Gef�hrt nicht direkt vor meiner T�r. Meinen G�sten d�rfte das nicht gefallen, und ich m�chte auch kein Gerede in der Nachbarschaft.�</p><p>Stowe wirkte f�r einen Moment unentschlossen und fast ein wenig hilflos, dann aber drehte er sich schon beinahe hastig um und eilte davon, um den Wagen anderswo zu parken.</p><p>�Wir m�ssen uns unterhalten, meine Liebe�, sagte Mrs Walsh k�hl. �Jacob und ich haben Ihnen zwar unsere Hilfe angeboten, aber ich f�rchte, Sie legen dieses Angebot ein wenig zu gro�z�gig aus.�</p><p>�Das mit dem Konstabler tut mir leid�, sagte Bast. �Es lag nicht in meiner Absicht ...�</p><p>�Das meine ich nicht�, antwortete Mrs Walsh. Sie trat einen Schritt zur�ck und zog die T�r dabei weiter auf, um Bast an sich vorbeizulassen, und sie gehorchte schweigend.</p><p>In dem kleinen Salon brannte Licht, obwohl es drau�en mittlerweile hell geworden war, und im Kamin brannte ein behagliches Feuer. Der kleine Tisch davor war verwaist, aber das Teeservice darauf bewies, dass Maistowe und Mrs Walsh in dieser Nacht offenbar ebenso wenig Schlaf gefunden hatten wie sie. Mrs Walsh geleitete sie wortlos zum Tisch, bedeutete ihr mit einer fast befehlenden Geste, Platz zu nehmen und verschwand mit schnellen Schritten in der K�che, um einen Augenblick sp�ter mit einer sauberen Tasse zur�ckzukommen.</p><p>�Wie geht es Cindy?�, fragte Bast.</p><p>Mrs Walsh hob die Teekanne, sah sie fragend an und ignorierte Basts ablehnendes Kopfsch�tteln, indem sie ihr dennoch einschenkte. Erst dann antwortete sie: �Das M�dchen, meinen Sie? Es schl�ft. Es war nicht leicht, es zu beruhigen, aber am Ende ist es mir schlie�lich gelungen. Jacob ist jetzt oben bei ihr und passt auf.� Sie seufzte. �Wir h�tten Sie fr�her zur�ckerwartet, meine Liebe.�</p><p>�Ich wei�, und es tut mir auch leid�, sagte Bast. �Ich wollte Kapit�n Maistowe und Ihnen bestimmt keine Schwierigkeiten bereiten, aber ich ... wurde aufgehalten.�</p><p>�Ja, das scheint mir auch so.� Mrs Walsh warf einen bezeichnenden Blick zur T�r. �Hat Sie dieser Gentleman wegen des M�dchens begleitet?�</p><p>�Cindy?� Bast sch�ttelte den Kopf. �Nein. Keine Sorge, Mrs Walsh. Es hat nichts damit zu tun. Ich f�rchte, es hat einen weiteren Mord gegeben.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Mrs Walsh. �Jacob hat mir davon erz�hlt.�</p><p>�Nein, das meine ich nicht�, sagte Bast. �Noch einen Mord. Vor vielleicht einer Stunde.�</p><p>�Einen zweiten Mord? Den zweiten in nur einer Nacht?� Mrs Walsh riss die Augen auf. �Gro�er Gott! In was f�r Zeiten leben wir nur? Aber, wenn Sie mir die Frage verzeihen, was haben <emphasis>Sie </emphasis>damit zu tun?�</p><p>�Nichts�, versicherte Bast hastig. �Vielleicht kam es Inspektor Abberline einfach nur seltsam vor, dass er mich zweimal in einer Nacht getroffen hat, noch dazu unter solchen Umst�nden. Aber es wird sich alles aufkl�ren, keine Sorge. Der Inspektor hat versprochen, noch vorbeizukommen.�</p><p>�Das will ich hoffen�, sagte Mrs Walsh ernst. �Es tut dem Ruf meines Hauses nicht gut, wenn die Polizei hier ein- und ausgeht.�</p><p>Das Klappen einer T�r hielt Bast davon ab, zu antworten. Sie sah zur Treppe und erblickte Maistowe, der mit h�ngenden Schultern die Stufen herunterkam. Er sah m�de aus und sehr ersch�pft, und Bast erschrak ein bisschen. Manchmal verga� sie, dass normale Menschen regelm��ig in jeder Nacht Schlaf brauchten.</p><p>�Ah, Bast, da sind Sie ja.� Er sparte es sich, ein <emphasis>endlich </emphasis>hinzuzuf�gen, aber es klang trotzdem so, als h�tte er es getan.</p><p>�Wie geht es der Kleinen?�, fragte Bast rasch und stand auf, doch Maistowe sch�ttelte den Kopf und hob die H�nde, w�hrend er mit schleppenden Schritten weiter die Treppe herunterkam.</p><p>�Sie schl�ft jetzt, und Sie sollten sie auch schlafen lassen�, sagte er. �Es war nicht leicht.�</p><p>�Das Opium?�, fragte Bast. Maistowe sch�ttelte den Kopf, und sie sah aus den Augenwinkeln, wie Mrs Walsh die Stirn runzelte und pl�tzlich noch besorgter aussah; und auch ein wenig ver�rgert. Offensichtlich hatte Maistowe ihr alles erz�hlt.</p><p>�Nein�, antwortete Maistowe �Die Wirkung hat schon vor Stunden nachgelassen. Danach wollte sie unbedingt weg.�</p><p>�Weg?�</p><p>�Zur�ck zu Maude�, seufzte Maistowe. �Man mag es kaum glauben.�</p><p>�Dann m�chte ich sie trotzdem sehen�, sagte Bast entschieden. �Keine Sorge - ich wecke sie nicht auf. Ich m�chte sie nur sehen.�</p><p>�Um was zu tun?�, fragte Mrs Walsh. �Verzeihen Sie, meine Liebe, aber ich halte es trotzdem f�r besser, wenn <emphasis>wir </emphasis>uns zuerst einmal unterhalten.�</p><p>Bast z�gerte zwar noch einen Moment, nahm dann aber wieder Platz. Sie w�rde es sp�ren, wenn Cindy erwachte, auch durch die geschlossene T�r hindurch. Auch Maistowe setzte sich und griff mit einer leicht zitternden Hand nach seiner Teetasse, und Mrs Walsh sah sie mit einer Mischung aus Sorge und leisem Vorwurf an.</p><p>�Ich nehme an, Sie wollen zu ihr, um sie von ihrem n�rrischen Entschluss abzubringen, wieder in dieses gr�ssliche Haus zur�ckzugehen.� Mrs Walsh machte eine unwillige Geste, obwohl Bast gar nicht hatte widersprechen wollen. �Ich bin ziemlich sicher, dass Sie Mittel und Wege haben, auch wenn ich mir nicht einmal vorzustellen vermag, wie ... und es ehrlich gesagt auch gar nicht will. Ich will Ihnen auch gar keine Vorw�rfe machen. Jacob hat mir alles erz�hlt. Ich an Ihrer Stelle h�tte vielleicht dasselbe getan - wenn ich dazu in der Lage gewesen w�re, nat�rlich, hei�t das. Aber wie soll es nun weitergehen mit diesem M�dchen? Ich meine: Haben Sie dar�ber nachgedacht, was nun mit ihr geschehen soll?�</p><p>Die ehrliche Antwort auf diese Frage lautete <emphasis>nein, </emphasis>und Bast sagte das auch.</p><p>�Ja, das dachte ich mir.� Mrs Walsh seufzte tief und kam ihrem Widerspruch mit einem abermaligen Kopfsch�tteln zuvor. �Um es noch einmal zu sagen: Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Aber die Lage ist leider sehr kompliziert. Nat�rlich mussten Sie das arme Kind da wegholen, kein Zweifel, aber was soll nun mit ihr geschehen?�</p><p>�Ich hatte gehofft, dass sie erst einmal hierbleiben k�nnte�, antwortete Bast.</p><p>�Das kann sie selbstverst�ndlich�, antwortete Mrs Walsh. �Aber f�r wie lange? Dies ist ein anst�ndiges Haus. Ich bin gerne bereit, mich ein paar Tage um sie zu k�mmern und sie ein wenig zu bemuttern und aufzup�ppeln. Aber irgendwann ...� Sie machte eine hilflose Geste.</p><p>�Ich verstehe�, seufzte Bast. �Sie kann nicht auf Dauer hierbleiben, das ist mir klar.�</p><p>�Nein�, best�tigte Mrs Walsh. �Ich f�rchte nicht. Zumindest nicht auf unbegrenzte Zeit. F�r ein paar Tage vielleicht ... aber nicht auf Dauer, nein.�</p><p>�Sie m�ssen Gloria verstehen, Bast�, sagte Maistowe. �Sie ist keineswegs herzlos oder egoistisch, aber sie ist ...�</p><p>�... eine anst�ndige Frau, die versucht, ein anst�ndiges Leben zu f�hren�, fiel ihm Mrs Walsh ins Wort. �Ich wei�, dass die Welt da drau�en schlecht ist, Miss Bast, und ich tue, was in meinen bescheidenen Kr�ften liegt, die Schlechtigkeit einzud�mmen. Aber ich kann mein Haus nicht auch noch zu einem Heim f�r gefallene M�dchen machen, deren unsittlicher Lebenswandel vielleicht erzwungen sein mag, aber ...�</p><p>�Schon gut�, unterbrach sie Bast. �Sie haben vollkommen recht, Mrs Walsh. Ich habe nicht nachgedacht. Mein Fehler. Es tut mir leid.�</p><p>Mrs Walsh l�chelte milde. �Das muss es nicht. Wie gesagt: Ich an Ihrer Stelle h�tte wahrscheinlich nicht anders gehandelt, aber ...�</p><p>Die T�r ging auf, und Konstabler Stowe kam herein. Mrs Walsh brach mitten im Wort ab und sah beinahe ver�rgert aus, aber Bast war �ber das pl�tzliche Auftauchen des Bobbys geradezu erleichtert.</p><p>Maistowe hatte sich �berrascht von seinem Stuhl erhoben. �Konstabler?�</p><p>�Konstabler Stowe - Kapit�n Maistowe.� Bast machte eine erkl�rende Geste. �Sie kennen sich ja bereits.�</p><p>�Ja, sicher�, antwortete Maistowe verst�rt. �Aber ...�</p><p>�Der Konstabler war so freundlich, mich nach Hause zu begleiten�, erkl�rte Bast. �Anscheinend war Inspektor Abberline der Meinung, dass es so sicherer sei.� Sie winkte Stowe herbei, stand auf und bot ihm aus der gleichen Bewegung heraus ihren Platz an, w�hrend sie sich zugleich wieder an Mrs Walsh wandte. �Lassen Sie uns sp�ter dar�ber reden. Wir sind alle m�de und k�nnten etwas Schlaf gebrauchen ... sobald Inspektor Abberline wieder gegangen ist, hei�t das.�</p><p>�Abberline?�, fragte Maistowe �berrascht.</p><p>�Wir warten auf ihn�, best�tigte Bast. �Er wollte nachkommen, sobald seine Untersuchungen abgeschlossen sind, und ich vermute, es wird auch nicht mehr allzu lange dauern.� Sie warf Stowe einen fragenden Blick zu, auf den dieser allerdings nur mit einem hilflosen Schulterzucken reagierte. Er r�hrte sich jedoch auch nicht von der Stelle, um ihrer Einladung zu folgen.</p><p>�Inspektor Abberline kommt her?�, fragte Maistowe.</p><p>Bast gab keine weitere Erkl�rung ab, sondern trat im Gegenteil nur vollends vom Tisch zur�ck und wandte sich zur Treppe. �Konstabler Stowe, seien Sie doch so freundlich und erkl�ren Sie Kapit�n Maistowe, was passiert ist. Ich m�chte nach dem M�dchen sehen und ein wenig ausruhen. Bitte rufen Sie mich, wenn der Inspektor eintrifft.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Abberline kam erst kurz vor Mittag, aber damit hatte Bast insgeheim auch gerechnet. Sie war auch nicht �berrascht gewesen, als ihre feinen Sinne ihr verraten hatten, dass Mrs Walsh und nur eine kleine Weile sp�ter auch Maistowe friedlich in ihren Sesseln vor dem Kamin eingeschlafen waren; vielleicht schon etwas mehr, als gar nicht lange danach auch Stowe der behaglichen W�rme und Stille erlag und wegzud�mmern begann - schlie�lich war auch er nur ein Mensch und die ganze Nacht auf den Beinen gewesen.</p><p>Sie selbst schlief nicht, sondern hielt die ganze Zeit neben Cindys Bett Wache, obwohl es nicht einmal n�tig gewesen w�re. Sie hatte tats�chlich getan, was Mrs Walsh ihr unterstellt hatte, und nicht nur daf�r gesorgt, dass Cindy ihren Wunsch verga�, in Maudes Bordell zur�ckzukehren, sondern auch daf�r, dass sie mindestens bis zum Abend durchschlafen w�rde. Aber sie war sehr behutsam dabei vorgegangen. Statt dem M�dchen die Erinnerungen an die letzten drei oder vier Monate komplett zu nehmen - was sie gekonnt h�tte, aber mit dem Risiko, ihm einen ernsthaften geistigen Schaden zuzuf�gen -, hatte sie nur daf�r gesorgt, dass sie ein wenig verblassten und so verschwommen wie die an einen vielleicht schlimmen, aber �berstandenen Albtraum wurden, und selbst das nicht auf Dauer. Aber wenn sie erst einmal ein wenig Abstand gewonnen und Zutrauen zu Mrs Walsh und ihr gefasst hatte, dann w�rde sie auch mit dieser schrecklichen Episode fertig werden. In diesem Punkt kam es ihr zugute, dass sie noch ein Kind war. Kinder waren sehr verwundbar, aber zugleich unglaublich stark. Bast nutzte die Zeit, um ebenfalls ein wenig zu entspannen - Schlaf brauchte sie nicht. Sie f�hlte sich nach der Nacht mit Roy so erfrischt und stark und konnte Tage, wenn es sein musste <emphasis>Wochen </emphasis>ohne Schlaf auskommen - und �ber ihr begonnenes Gespr�ch mit Mrs Walsh nachdenken. So ungern sie es zugab: Mrs Walsh hatte recht. Sie hatte nicht eine Sekunde lang dar�ber nachgedacht, was mit dem M�dchen geschehen sollte, wenn sie sie erst einmal Maudes Zugriff entzogen hatte. Sie konnte nicht hierbleiben; das h�tte sie nicht einmal gekonnt, wenn Mrs Walsh sich so vehement gegen diese Idee gewehrt h�tte. Sie selbst w�rde in wenigen Tagen oder sp�testens Wochen nicht mehr hier sein, um sie zu besch�tzen, und das East End war keine halbe Stunde zu Fu� entfernt. Selbst wenn Maistowe dort nicht bekannt gewesen w�re, w�re die Gefahr einfach zu gro�, dass irgendjemand sie zuf�llig sah und Maude oder einem ihrer Handlanger davon erz�hlte. Bast erwog einen Moment lang den Gedanken, die alte Vettel zu t�ten und damit zumindest ein Problem aus der Welt zu schaffen, entschied sich aber dann dagegen. Sie konnte Maude beseitigen, nicht aber das Problem. Wenn sie nicht mehr da war, w�rde sofort jemand anders Maudes Platz einnehmen. Vielleicht ein Schlimmerer.</p><p>Die gro�e Standuhr unten im Salon hatte bereits zw�lf geschlagen, als sie das Ger�usch einer Droschke h�rte, die in die Stra�e einbog. Rasch verlie� sie das Zimmer, eilte die Treppe hinab und kam gerade noch zurecht, um Stowes Sessel im Vorbeigehen einen kleinen Stupser zu versetzen, der ihn erschrocken hochfahren und sie im allerersten Moment verst�ndnislos anblinzeln lie�. Als sie weiter zur T�r ging, h�rte sie, wie er hinter ihr aufstand und sich mit den H�nden �ber die Uniform fuhr, um die �rgsten Falten zu gl�tten.</p><p>Abberline sah genauso m�de und �bern�chtigt aus wie alle anderen, aber sein Gesicht war zus�tzlich noch von tiefen Sorgenfalten gezeichnet, die aller Schlaf der Welt nicht gl�tten konnte und die ihn um mindestens zehn Jahre �lter erscheinen lie�en, als er war. Als Bast ihm die T�r �ffnete, bedankte er sich nur mit einem m�den L�cheln und trat dann wortlos an ihr vorbei ins Haus. Bast warf einen raschen Blick auf die Stra�e hinaus und stellte fest, dass er nicht allein gekommen war. Sein Wagen war zwar deutlich dezenter als der, mit dem Stowe sie zur�ckgebracht hatte, aber direkt daneben hatte ein weiterer Bobby Aufstellung genommen und beobachtete die Stra�e in beide Richtungen. Mrs Walsh w�rde begeistert sein.</p><p>�Miss Bast�, sagte Abberline. �Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber ich hatte noch eine l�ngere Unterredung mit meinem Vorgesetzten.�</p><p>�Sie war hoffentlich nicht zu unangenehm.�</p><p>Abberline verzichtete darauf, etwas dazu zu sagen und wandte sich stattdessen an Stowe. �Konstabler. Sie k�nnen jetzt Schluss machen. Bringen Sie den Wagen zur�ck zum Pr�sidium und gehen Sie nach Hause. F�r den Rest des Tages haben Sie dienstfrei.�</p><p>Stowe bedankte sich mit einem Kopfnicken, klaubte seinen Helm vom Tisch und ging. Als er an ihr vorbeikam, schenkte er ihr ein stummes, aber sehr dankbares L�cheln.</p><p>�Stowe ist ein guter Mann, der ohnehin mehr tut, als er m�sste�, sagte Abberline, nachdem er gegangen war. Er runzelte die Stirn, als er Maistowe und Mrs Walsh schlafend in ihren Sesseln entdeckte, sagte aber nichts dazu. �Ich wollte, ich h�tte mehr M�nner wie ihn.�</p><p>Er r�usperte sich, streckte die Hand aus, wie um Maistowe an der Schulter zu ber�hren, tat es dann aber doch nicht und belie� es bei einem abermaligen, allerdings lauteren R�uspern, und Maistowe riss fast erschrocken die Augen auf. �Was ...?�</p><p>�Ich bin es nur, Jacob�, sagte Abberline rasch. �Ich wollte Sie nicht erschrecken. Verzeihen Sie.�</p><p>�Das haben Sie auch nicht�, log Maistowe. �Ich bin nur ... ich muss wohl kurz eingenickt sein.�</p><p>�Sie haben geschnarcht wie eine S�ge, mein Lieber�, sagte Mrs Walsh, die ebenfalls aufgewacht war und mit wenig Erfolg versuchte, ein G�hnen zu unterdr�cken. Sie hatte zwar auch geschlafen - und zwar deutlich tiefer als Maistowe -, bewies aber ebenso viel Geistesgegenwart wie W�rde, indem sie aufstand und sagte: �Dann werde ich uns einen frischen Tee aufbr�hen, damit wir alle erst einmal richtig wach werden. Es war eine lange Nacht.�</p><p>�Ja, und ich ... �hm ... mache mich ein wenig frisch�, f�gte Maistowe hinzu. Er stand so hastig auf, dass er schwankte und sich an der Sessellehne festhalten musste, fing sich aber auch sofort wieder und wandte sich mit einem nerv�sen L�cheln an Abberline. �Nehmen Sie doch Platz, Frederick�, sagte er. �Ich bin gleich zur�ck.�</p><p>�Nur keine Eile�, antwortete Abberline. �Gottlob habe ich jetzt auch endlich Feierabend.�</p><p>Maistowe verschwand, zwar nicht ann�hernd so w�rdevoll wie Mrs Walsh, aber daf�r deutlich schneller, und Abberline lie� sich mit einem ersch�pften Seufzer in den Sessel sinken, den er gerade freigegeben hatte. Bast z�gerte einen Moment, seinem auffordernden Blick zu folgen, aber dann nahm sie doch ihm gegen�ber Platz. Abberline wollte ihr irgendetwas sagen, das sp�rte sie, aber er fand entweder nicht die richtigen Worte oder traute sich nicht.</p><p>Sie machte es ihm leichter. �Was genau wollte Ihr Vorgesetzter von Ihnen, Inspektor?�, fragte sie.</p><p>�Es war in der Tat eine sehr aufregende Nacht im East End, Miss Bast�, antwortete Abberline. �Nicht nur wegen dieser beiden gr�sslichen Morde.�</p><p>�So?�, fragte Bast.</p><p>�Es kam zu ... etlichen Gewaltt�tigkeiten�, fuhr Abberline fort. Seine Stimme und sein Gesicht waren so m�de wie zuvor, aber er sagte das nicht nur so. Sein Blick war pl�tzlich sehr aufmerksam.</p><p>�Ist das so au�ergew�hnlich in dieser Gegend?�, fragte Bast.</p><p>�Leider Gottes nicht�, gab Abberline zu. �Aber es war doch ... anders. Einer von Maude Frankeis Schl�gern ist ziemlich �bel verpr�gelt worden, wie man mir berichtet hat.�</p><p>�Ich kenne mich in diesem Milieu nicht besonders gut aus�, antwortete Bast, �aber f�llt so etwas nicht unter den Begriff <emphasis>Berufsrisiko?</emphasis>�</p><p>�In gewissem Sinne ja.� Abberline l�chelte matt und wurde sofort wieder ernst. �Leider Gottes war das nicht alles. Es gab noch einen weiteren Zwischenfall. Ein ... angesehener Gentleman wurde �berfallen und aufs Schlimmste misshandelt und ausgeraubt.�</p><p>�Ein angesehener Gentleman?�</p><p>Abberline l�chelte, hielt sie aber weiter aufmerksam im Auge. �Ich bin nicht befugt, seinen Namen zu nennen, aber es handelt sich um ein Mitglied des Parlaments. Ein Mann mit Familie und einem tadellosen Ruf.�</p><p>�Und ein solcher Mann treibt sich in einer Gegend wie dem East End herum?�, fragte Bast.</p><p>�Er hat wohl von diesem schrecklichen Mord geh�rt und wollte sich an Ort und Stelle davon �berzeugen, dass die Polizei auch alles in ihrer Macht Stehende tut, um dieses gr�ssliche Verbrechen aufzukl�ren�, antwortete Abberline. �Ungl�cklicherweise beging er den Fehler, einen Teil der Strecke zu Fu� zur�cklegen zu wollen. Dabei wurde er �berfallen - von zwei riesigen Kerlen, von denen einer vollkommen schwarz gekleidet gewesen sein soll, und angeblich auch schwarze Haut gehabt haben soll. Ihnen ist nicht zuf�llig ein solcher Mann aufgefallen?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast. �Und der einzige <emphasis>Gentleman, </emphasis>den ich gesehen habe, trug nur seine Socken und war gerade damit besch�ftigt, ein Kind zu verpr�geln. Dabei kann es sich ja wohl kaum um denselben gehandelt haben, oder?�</p><p>�Gewiss nicht�, antwortete Abberline. �Verzeihen Sie die Frage. Sie war dumm. Ich bin anscheinend auch etwas m�de. Und das Gespr�ch mit Monro war tats�chlich nicht gerade angenehm.�</p><p>�Monro?�, wiederholte Bast. Sie hatte das Gef�hl, dass dieser Name ihr etwas sagen sollte, kam aber im ersten Moment nicht darauf.</p><p>�Mr James Monro�, best�tigte Abberline. �Ein Beamter des Innenministeriums. Allm�hlich zieht die Angelegenheit immer gr��ere Kreise, f�rchte ich. Noch nicht bis nach <emphasis>ganz </emphasis>oben, aber f�r meinen Geschmack weit genug. Man ist ... beunruhigt.�</p><p>�Warum?�, fragte Bast.</p><p>Abberline sah sie stirnrunzelnd an. �Warum?�</p><p>�Warum?�, best�tigte Bast. �Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist gewiss nicht meine Meinung, aber bisher hatte ich das Gef�hl, dass man sich in dieser Stadt keine allzu gro�en Sorgen um das Schicksal einiger Prostituierter macht.�</p><p>Abberline wirkte ein bisschen verletzt, doch bevor er antworten konnte, h�rte Bast das Ger�usch einer T�r, und Maistowes Stimme sagte: �Das ist auch so. Aber daf�r umso mehr um die �ffentliche Meinung und die Presse ... komme ich der Wahrheit damit einigerma�en nahe, Frederick?�</p><p>�Ich f�rchte, ja�, gestand Abberline. �Vor allem die Presse macht uns zu schaffen. Seit diesen Briefen.�</p><p>�Was f�r Briefe?�</p><p>�Die Ripper-Briefe.� Maistowe lie� sich schwer in den letzten freien Stuhl am Tisch sinken. Er sah noch immer ziemlich ersch�pft aus, aber sein Gesicht gl�nzte frisch und rosig, und seine Augen waren einigerma�en klar. �Aber das kann Frederick Ihnen vermutlich besser erkl�ren.�</p><p>�Der �Ripper��, hakte Bast nach. Irgendwo hatte sie dieses Wort schon geh�rt. �Das ist der Mann, der die vier Frauen get�tet hat?�</p><p>�Vielleicht noch mehr�, seufzte Abberline. �Genau wissen wir das noch nicht.�</p><p>�Und wieso nennt man ihn den Ripper?�</p><p>�Er nennt sich selbst so�, antwortete Abberline. �Und vor allem nennt ihn die Presse so ... aber vielleicht auch nur die Presse.�</p><p>Bast sah zuerst Maistowe, dann ihn fragend an, und Abberline hob abermals die Schultern und fuhr sich mit einer m�den Handbewegung durch das Gesicht.</p><p>�Das britische Empire ist zu Recht stolz auf die Freiheit seiner Presse, Miss Bast - aber manchmal ist sie auch ein Fluch. Sie hatten gerade v�llig recht, als Sie meinten, dass der Tod einer Prostituierten aus dem East End leider Gottes nichts Au�ergewohnliches ist. Um ehrlich zu sein, ist es leider fast schon an der Tagesordnung. Aber diese Ripper-Morde sind etwas Besonderes.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Weil der Kerl Briefe an die Polizei und die Presse geschickt hat, in denen er sich mit seinen Untaten br�stet�, antwortete Maistowe an Abberlines Stelle.</p><p>�Und nicht nur das�, f�gte Abberline d�ster hinzu. �Nach dem Mord an Dark Annie hat er mir ein P�ckchen zukommen lassen, in dem sich ein Teil einer menschlichen Niere befand. Angeblich stammt sie von Annie, und in diesem Brief behauptet er, er h�tte die andere H�lfte gebraten und verspeist.�</p><p>�Das ist gr�sslich�, murmelte Bast.</p><p>�Das ist nicht gr�sslich, meine Liebe�, sagte Mrs Walsh, die in diesem Moment mit einer Kanne frisch aufgebr�htem Tee und einer einzelnen sauberen Tasse aus der K�che kam, �das ist obsz�n. Ich m�chte so etwas in meinem Hause nicht h�ren, Inspektor!�</p><p>�Verzeihen Sie, Mrs Walsh�, sagte Abberline.</p><p>�Was haben Sie gerade gemeint, als Sie sagten, dass ihn vielleicht nur die Presse so nennt?�, fragte Bast rasch, bevor Mrs Walsh antworten konnte.</p><p>�Weil ich nicht sicher bin, ob es diesen Kerl wirklich gibt�, antwortete Abberline. �Und wenn, ob er diese Briefe wirklich geschrieben hat.�</p><p>�Wer sonst?� Mrs Walsh goss ihnen allen Tee ein und kam Maistowe zuvor, indem sie sich selbst einen Stuhl heranzog und Platz nahm.</p><p>�Vielleicht irgendein Journalist, der eine besonders zugkr�ftige Schlagzeile braucht und diese Briefe schlichtweg erfunden hat�, antwortete Abberline. �Es gibt in diesen Briefen gewisse ... Unstimmigkeiten. Ich kann es nicht beweisen, und ich werde mich h�ten, mich mit der Presse anzulegen, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass der Verfasser dieser sogenannten Ripper-Briefe nicht mit dem wirklichen M�rder identisch ist.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Nun, er wei� offensichtlich eine Menge�, antwortete Abberline, �aber ebenso offensichtlich nicht alles. Ich will jetzt nicht ins Detail gehen, aber in dem einen oder anderen Punkt ... weichen die Tatsachen und die Briefe voneinander ab. Es ist entweder jemand, der sehr viel �ber den Ripper wei�, aber eben nicht alles, oder ...� Er z�gerte. �Oder es gibt zwei M�rder.�</p><p>�Zwei?�, wiederholte Mrs Walsh zweifelnd.</p><p>�Warum nicht?� Abberline hob die Schultern und blies in seinen Tee. �So grausam es klingt, Mrs Walsh, aber solche Verbrechen stiften leider oft genug zur Nachahmung an. Es w�re nicht das erste Mal, dass ich so etwas erlebe.�</p><p>�Und deshalb versuchen Sie nun mit aller Kraft, diesen Ripper zu fassen�, vermutete Bast.</p><p>�Ich versuche <emphasis>jeden </emphasis>M�rder zu fassen�, erwiderte Abberline, h�rbar k�hler. �Aber in gewissem Sinne haben Sie auch wieder recht. Man legt an h�herer Stelle ganz besonderen Wert darauf, dass dieser Ripper umgehend gefasst wird. Die Bev�lkerung wird allm�hlich unruhig. Die Menschen haben Angst, nicht nur im East End. Letzte Woche kam es beinahe zu einem Lynchmord, als der Mob auf einen j�dischen Fleischer losgegangen ist.� Er nippte an seinem Tee. �Deshalb habe ich Konstabler Stowe heute Morgen auch befohlen, diese Worte abzuwaschen.�</p><p>�Aber das war doch nur ... Unsinn�, sagte Bast fragend.</p><p>�Vielleicht�, antwortete Abberline. �Was mir Sorgen bereitet, ist das Wort Juwes. Stowe ist vielleicht nicht der Einzige, der es mit <emphasis>Juden </emphasis>�bersetzen w�rde.�</p><p>�Und Sie haben ein Problem mit Juden?�</p><p>�Ich pers�nlich gewiss nicht�, antwortete Abberline. �Aber in gewissen Kreisen der Bev�lkerung gibt es leider immer noch gro�e Vorurteile gegen die Juden. So ist das leider immer schon gewesen - wenn irgendetwas geschieht, wof�r man einen Schuldigen braucht, dann bieten sich die Juden geradezu daf�r an. Hier ist es nicht anders. Die Menschen haben Angst, und sie suchen einen Schuldigen. Und das Allerletzte, was wir jetzt noch br�uchten, w�re ein Pogrom.�</p><p>�So etwas kann leicht au�er Kontrolle geraten�, sagte Mrs Walsh.</p><p>Bast sparte sich die Frage, wie es eigentlich zu einem Pogrom kommen konnte, wenn nicht schon l�ngst alles au�er Kontrolle <emphasis>war, </emphasis>aber sie sah, dass Abberline dieselbe Frage auf der Zunge lag. Bevor er sie jedoch m�glicherweise aussprechen konnte, fuhr Mrs Walsh fort: �Das alles mag ja ganz unzweifelhaft schrecklich sein, Inspektor, aber es ist nicht der Grund f�r Ihren Besuch hier, habe ich recht?�</p><p>�Sie haben mich durchschaut, Gn�digste�, seufzte Abberline. Er sah Bast an und schwieg.</p><p>�Wenn Sie vielleicht allein mit Miss Bast reden m�chten ...�, begann Mrs Walsh.</p><p>�Das wird nicht n�tig sein�, sagte Bast rasch. �Ich habe keine Geheimnisse vor Mrs Walsh und Kapit�n Maistowe.�</p><p>�Wie Sie w�nschen.� Abberline hob die Schultern. �Es ist auch nichts Schlimmes. Ich h�tte nur gerne ein paar Ausk�nfte von Ihnen. Sie kommen aus �gypten, hat mir Jacob erz�hlt?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Und Sie sind seit ... zwei Tagen in England?�</p><p>�Drei�, korrigierte ihn Bast mit einem demonstrativen Blick auf die Uhr. �Und bevor Sie fragen, Inspektor: Ich <emphasis>war </emphasis>schon einmal in London, aber das ist lange her. Viele Jahre.�</p><p>�So ... �hm ... war das nicht gemeint�, sagte Abberline hastig. Nat�rlich war es so gemeint. Die Verlegenheit troff ihm geradezu aus allen Poren.</p><p>�Doch, das war es�, sagte Bast sanft. �Es muss Ihnen nicht peinlich sein, Inspektor. Sie tun nur Ihre Pflicht, und ich bin sicher, Sie tun sie gut. Und da ich mir nichts vorzuwerfen habe, nehme ich es Ihnen auch nicht �bel. Aber seien Sie ehrlich zu mir: Was genau interessiert Sie an mir?�</p><p>Diesmal z�gerte Abberline eindeutig zu lange, um noch irgendetwas anderes als die Wahrheit sagen zu k�nnen. �Nun, wie ich bereits angedeutet habe�, begann er, �steht in der Zeitung nicht die volle Wahrheit. Es gibt da gewisse Details, die wir der �ffentlichkeit wohlweislich verschwiegen haben.�</p><p>�Zum Beispiel?�</p><p>�Zum Beispiel die Aussage zweier Zeugen, die eine ... sonderbare Gestalt in der N�he der Tatorte gesehen haben wollen. Schon damals, als die ersten beiden Morde geschahen. Sie haben von einem dunkelh�utigen Riesen mit sonderbarer Kleidung erz�hlt. Ein Riese mit einem Turban und einem Schwert.�</p><p>�Und nat�rlich kam Ihnen diese Beschreibung ... bekannt vor, als Sie mich das erste Mal gesehen habe�, sagte Bast l�chelnd. Aber es war ein L�cheln, hinter dem sich ein tiefer Schrecken verbarg - und auch eine kalte, allm�hlich aufkeimende Wut. Die Zeugen, von denen Abberline sprach, hatten sich nicht geirrt. Aber sie hatten nicht sie gesehen.</p><p>�Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen, Miss Bast�, sagte Abberline, nachdem sich das Schweigen eine geraume Weile lang dahingezogen hatte. �Aber Sie m�ssen verstehen, dass ...�</p><p>�Das verstehe ich nur zu gut�, unterbrach ihn Bast. �Aber ich kann Ihnen nicht helfen, f�rchte ich - wenn Sie das erwartet haben. Ich wei� nicht, wer dieser andere Schwarze sein k�nnte.�</p><p>�Ich hatte es in der Tat gehofft�, gestand Abberline. Sie las in seinem Gesicht, dass er ihr kein Wort glaubte. �Aber vielleicht gibt es trotzdem den einen oder anderen Punkt, in dem Sie mir behilflich sein k�nnten. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, w�rde ich Ihnen gern ein paar Fragen stellen ... aber nicht jetzt. Vielleicht sollten wir alle erst einmal ein wenig zur Ruhe kommen und unsere Gedanken ordnen.�</p><p>�Jederzeit�, sagte Bast. Ihre Gedanken jagten sich noch immer. Es gab keinen Zweifel daran, auf <emphasis>wen </emphasis>Abberlines Beschreibung zutraf - aber sie verstand nicht, warum Isis ihr nichts davon erz�hlt hatte.</p><p>�Gut, dann ... werde ich Ihre Zeit nicht noch l�nger unn�tig in Anspruch nehmen.� Abberline stand auf. �Es gibt da nur noch eines: Ich habe mit Mr Monro gesprochen.�</p><p>��ber mich?�</p><p>�Genau genommen war er es, der <emphasis>mich </emphasis>angesprochen hat�, antwortete Abberline. �Auch er kennt nat�rlich diese Zeugenaussagen, und er hat auch von Ihnen geh�rt. Selbstverst�ndlich werden Sie nicht im Geringsten verd�chtigt. Wie auch? Sie waren ja nicht einmal in diesem Land, als diese schreckliche Mordserie begonnen hat. Dennoch w�rde er gern mit Ihnen reden.�</p><p>�Warum?�, fragte Maistowe.</p><p>�Weil es gewisse ... Parallelen gibt, die nicht einmal ein stellvertretender Polizeidirektor �bersehen kann, nicht wahr, Inspektor?�, fragte Bast, bevor Abberline antworten konnte.</p><p>Abberline zog es vor, auch dazu nichts zu sagen; zumindest nicht direkt. �W�rde es Ihnen etwas ausmachen, heute Nachmittag nach Whitehall zu kommen?�, fragte er. �Es ist ganz leicht zu finden. Jeder Droschkenfahrer kennt das neue Polizeipr�sidium. Sagen wir, um vier ... oder vielleicht besser um f�nf. Selbst ich brauche dann und wann etwas Schlaf.�</p><p>�F�nf ist gut�, sagte Bast. �Ich nehme an, dieses ... <emphasis>Whitehall </emphasis>liegt zentral?�</p><p>�Mitten in der City�, best�tigte Abberline. �Warum?�</p><p>�Weil ich ohnehin noch einmal in die Stadt wollte, um mir die Nadel der Kleopatra anzusehen�, antwortete Bast.</p><p>�Die Nadel der ...� Abberlines Gesicht hellte sich auf. �Oh, ich verstehe. Sie meinen den gro�en Obelisken auf dem Victoria Embankment. Das liegt direkt am Themseufer. Es ist sehr sch�n dort und lohnt auf jeden Fall einen Besuch. Und von dort aus brauchen Sie nicht einmal mehr einen Wagen nach Whitehall. Sie erreichen es zu Fu� bequem in f�nf Minuten.�</p><p>Ohne ein weiteres Wort wandte er sich zum Gehen und verlie� das Haus, ohne sich auch nur verabschiedet zu haben. Maistowe blickte ihm kopfsch�ttelnd nach, wenngleich auch eher hilflos, w�hrend sich Mrs Walshs Miene zusehends verd�sterte.</p><p>�Das ist doch wieder einmal typisch!�, ereiferte sie sich. �Sie haben nicht die mindeste Ahnung und st�rzen sich jetzt blindlings auf alles, was auch nur nach einer Spur aussieht! Geben Sie nur acht, meine Liebe, dass Sie sich am Ende nicht doch auf der Anklagebank wiederfinden.�</p><p>�Sie war nicht einmal auf diesem Kontinent, Gloria�, erinnerte sie Maistowe.</p><p>�Und?�, sp�ttelte Mrs Walsh. �So eine Kleinigkeit kann schon einmal in Vergessenheit geraten, wenn es darum geht, den P�bel zu beruhigen.�</p><p>�Sie tun dem armen Frederick unrecht, Gloria�, sagte Maistowe.</p><p>�Ich kann nur hoffen, dass das so ist�, seufzte Mrs Walsh. �Aber sicher bin ich mir dessen leider nicht.� Sie wandte sich mit einem ebenso ersch�pften wie besorgten L�cheln an Bast. �Sie wollen tats�chlich heute noch dorthin?�</p><p>�Was spricht dagegen?�, erwiderte Bast. �Ich habe eine Menge dar�ber geh�rt und will mir einen Besuch dort keineswegs entgehen lassen ... und wenn ich ohnehin in diese Richtung muss ...�</p><p>�Was schon einmal die erste Unversch�mtheit ist.� Mrs Walsh gelang es, sich zu ereifern und dabei immer noch genauso matt und ersch�pft zu klingen wie zuvor. �Wenn doch so au�er Zweifel steht, dass Bast nichts mit dieser gr�sslichen Geschichte zu tun hat, wieso zitiert er sie dann zu sich?�</p><p>�Aber Sie haben Frederick doch geh�rt�, sagte Maistowe. �Es geht nur um ein paar Fragen.�</p><p>�Dann sollte er sich gef�lligst hierher bequemen, statt eine unbescholtene B�rgerin wie einen Verbrecher zu sich zu zitieren!�</p><p>�Monro?�, fragte Maistowe. �Der im letzten Jahr das Attentat auf K�nigin Victoria vereitelt hat! Ich bitte Sie!�</p><p>�Und?�, fragte Mrs Walsh. �Ist er etwas Besseres als wir? Solange niemandem eine Schuld nachgewiesen ...�</p><p>�Es ist schon gut, Mrs Walsh�, unterbrach Bast sie. �Ich wollte tats�chlich den Obelisken sehen. Da macht ein so kleiner Umweg nichts aus. Und wer wei�? Vielleicht kann ich ja tats�chlich helfen.�</p><p>�Aber doch nicht heute!�, widersprach Mrs Walsh. �Sie m�ssen ebenso m�de sein wie wir alle. Und was ist, wenn Cindy wach wird?�</p><p>�Das wird sie nicht�, beruhigte sie Bast. �Jedenfalls nicht vor dem sp�ten Abend. Und bis dahin bin ich l�ngst zur�ck, das verspreche ich.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Sie hatte sich zu Fu� auf den Weg gemacht, obwohl Maistowe und Mrs Walsh sie davor gewarnt hatten. Selbst f�r jemanden, der wie sie lange Fu�m�rsche gewohnt war, war es ein Weg von mehr als einer Stunde, und die Temperaturen waren im Laufe des Tages zwar ein wenig gestiegen, aber nicht so weit, wie sie es eigentlich sollten. Allerdings hatte der geringe Anstieg im Gegenzug gereicht, den Nebel von der Themse heraufziehen zu lassen.</p><p>Sie bereute ihren Entschluss schon nach wenigen Minuten. Bast war in ihrem Leben schon an Orten gewesen, die weitaus k�lter und unwirtlicher waren, aber sie hatte selten eine so unangenehme Mischung aus K�lte und feuchtem Nebel erlebt, der nicht nur alle Umrisse verwischte und den Lauten ihre Tiefe und Lebendigkeit nahm, sondern auch unaufhaltsam unter ihre Kleidung kroch und sich wie ein eisiger Film auf ihre Haut legte, um ihr langsam, aber auch ebenso unerbittlich jedes bisschen W�rme zu entziehen. Sie hatte wohlweislich ihr w�rmstes Kleid angezogen, bevor sie das Haus verlassen hatte, aber es nutzte nichts. Sie fror noch nicht so sehr, dass es wirklich unertr�glich gewesen w�re, und sie machte sich erst recht keine Sorgen um ihre Gesundheit, aber sie begann allm�hlich zu begreifen, warum Spukgeschichten und unheimliche Erz�hlungen in diesem Land so �beraus beliebt waren. Dieser Nebel <emphasis>hatte </emphasis>etwas Unheimliches. Er narrte sogar ihre scharfen Sinne, und sie vielleicht sogar ganz besonders. Sie nahm kaum irgendetwas wirklich scharf wahr, das weiter als zehn oder zw�lf Schritte entfernt war, und auf eine an den Nerven zerrende Art machte der Nebel es auch fast unm�glich, die Richtung zu bestimmen, aus der die Ger�usche kamen. Auf der Stra�e bewegten sich nur sehr wenige Menschen, und schon bei denen, die auf dem gegen�ber liegenden Trottoir gingen, h�tte es sich ebenso gut um Gespenster handeln k�nnen, lautlos und blass und mit Umrissen, die genau dann wieder auseinandertrieben, wenn ihr Blick sie beinahe erfasst hatte.</p><p>Dann drang ein scharfer, sonderbar klarer Schrei an ihr Ohr, ein Ger�usch, das so wenig in diesen Nebel passte wie sie selbst in diese Stadt, denn es schnitt so klar und scharf wie ein Messer durch das dichter werdende Meer aus grauer Watte, das sie durchwatete: der schrille Schrei eines Vogels.</p><p>Bast warf mit einem erschrockenen Ruck den Kopf in den Nacken, sah einen schwarzen, pfeilfl�geligen Schatten auf sich herabsto�en und sprang im allerletzten Moment und halb geduckt zur Seite. Krallen, die h�rter waren als Stahl und sch�rfer als ein Barbiermesser, fuhren nur eine Handbreit neben ihrem Gesicht durch die Luft, und aus dem aggressiven Kreischen wurde ein fast entt�uschter Pfiff - und dann ein erschrockener Schrei, als sie instinktiv nach dem Falken schlug und ihn auch tats�chlich am Fl�gel erwischte; nicht einmal besonders fest, und schon gar nicht hart genug, um ihn zu verletzten, aber immerhin reichte es, um ihn aus der Bahn zu werfen und einen Moment wild mit den Fl�geln schlagen zu lassen. Unverz�glich setzte Bast ihm nach, und einen normalen Vogel h�tte sie auch zweifellos erwischt, aber ein normaler Vogel h�tte wohl auch kaum mit einem Schnabel nach ihr gebissen, der ganz so aussah, als k�nnte er ihr nicht nur einen Finger, sondern mit der gleichen Leichtigkeit auch gleich die ganze Hand abbei�en, und seine Federn w�ren vermutlich auch nicht scharf genug gewesen, um wie ein Skalpell in ihr Fleisch zu schneiden und ihren Handballen bis zum Knochen hinab aufzurei�en.</p><p>Bast prallte mit einem �berraschten Schrei zur�ck, presste die verletzte Hand an den Leib und zog instinktiv den Kopf ein, als der Falke nicht nur in einer ganz und gar unm�glich erscheinenden Bewegung herumfuhr, sondern auch augenblicklich mit den Fl�geln nach ihr schlug und versuchte, dasselbe mit ihrem Gesicht zu tun. Bast schleuderte ihn mit einem zweiten, noch heftigeren Hieb zur�ck, griff mit der unversehrten Hand unter ihren Mantel und zog das Schwert, das sie wider besseres Wissen mitgenommen hatte. Noch vor wenigen Atemz�gen war sie ganz und gar nicht sicher gewesen, ob es eine gute Idee war, bewaffnet zu einem Treffen mit dem stellvertretenden Chef der Londoner Polizei zu gehen, aber nun war sie froh, die Klinge bei sich zu tragen - auch wenn es im Grunde nicht einmal ein richtiges Schwert war, sondern eher ein zu gro� geratener Dolch mit doppelseitig geschliffener Klinge.</p><p>Immerhin reichte sie, um den Falken auf Abstand zu halten. Ihr erster Hieb verfehlte den schwarzen Riesenvogel, der zweite traf daf�r umso besser. Federn stoben, ein jetzt eindeutig schmerzerf�lltes Pfeifen erscholl, und das Blut auf dem Schwertgriff war pl�tzlich nicht mehr ihr eigenes.</p><p>Der Falke taumelte davon; verletzt, aber keineswegs t�dlich getroffen. Bast setzte ihm mit einer entschlossenen Bewegung nach, doch ihr n�chster Schwerthieb ging ins Leere. Nur eine einzelne, abgetrennte Schwanzfeder segelte mit hin und her schaukelnden Bewegungen zu Boden, dann stie� der Vogel ein letztes, w�tendes Kr�chzen aus und verschmolz so lautlos und schnell mit dem Nebel, wie er daraus aufgetaucht war.</p><p>Bast schlug noch einmal ebenso sinnlos wie w�tend in die ungef�hre Richtung, dann lie� sie die Waffe sinken und sah sich wild um. Ihre Hand pochte, und allein bei der blo�en <emphasis>Vorstellung, </emphasis>was diese schrecklichen Fl�gel ihrem Gesicht h�tten antun k�nnen, lief ihr ein Schauer �ber den R�cken. Aber Fl�gel aus Stahl und ein Schnabel wie eine B�renfalle hin oder her - es war letzten Endes nur ein <emphasis>Vogel, </emphasis>und er hatte sie beinahe erwischt! Sie mochte sich seit heute Morgen wieder einigerma�en in Form f�hlen, aber sie war es nicht.</p><p>Sie registrierte aus den Augenwinkeln, wie zwei der schemenhaften Gestalten auf der anderen Stra�enseite stehen blieben und neugierig die K�pfe in ihre Richtung drehten. Wenn sie genauso schlecht sahen wie sie, konnten sie nur eine hektische Bewegung wahrgenommen haben, wenn �berhaupt irgendetwas, aber vielleicht war selbst das schon zu viel. Wenn es in ihrem Leben so etwas wie eine oberste Maxime gab, dann lautete sie, kein Aufsehen zu erregen ... und auf dieser war sie seit ihrer Ankunft hier herumgetrampelt wie der sprichw�rtliche Elefant in der Porzellanmanufaktur. Hastig schlug sie den Mantel zur�ck, um das Schwert einzustecken ...</p><p>... und erstarrte mitten in der Bewegung.</p><p>Es war nicht der Falke, der zur�ckkam, sondern etwas ungleich Gr��eres und Gef�hrlicheres. Sie konnte nicht genau erkennen, was; ein riesiger, verzerrter Schemen mit unsagbar fremden und doch zugleich vertrauten Umrissen, der rasend schnell herankam, ohne sich indes wirklich zu n�hern und immer gerade eine Winzigkeit tiefer in den Nebelschwaden verborgen zu sein schien, als ihr Blick die grauen Schlieren zu durchdringen vermochte. Aber sie hatte trotzdem einen vagen Eindruck von schnaubenden N�stern, unheimlich gl�henden Augen und trommelnden Hufen, die Funken auf dem nassen Kopfsteinpflaster schlugen und gewaltigen, klingenbesetzten R�dern, �ber denen eine riesige Gestalt aufragte, das Schwert in der Linken und den rechten Arm, der einen t�dlichen Speer hielt, wurfbereit hoch �ber dem Kopf erhoben. Bast trat instinktiv einen halben Schritt zur�ck und zur Seite, suchte mit leicht gespreizten Beinen und geduckt nach festem Stand, um sich gegen den Anprall zu wappnen. Der Streitwagen raste heran. Die rotierenden Klingen an seinen R�dern blitzten vor m�rderischer Sch�rfe. Flammender Dampf schoss aus den N�stern der beiden riesigen Schlachtr�sser, und ihre Augen loderten wie gl�hende Kohlen am Grund eines bodenlosen schwarzen Sees, und der riesige Krieger �ber ihnen riss den Arm zur�ck, um seinen Speer zu schleudern. Basts Gedanken rasten, und etwas wie Verzweiflung begann sich in ihr breitzumachen. Sie hatte keine Chance. Wenn der Speer sie nicht traf, dann w�rden sie die beiden Schlachtr�sser zertrampeln, die gegen all ihre Instinkte ein Leben lang darauf trainiert worden waren, Hindernissen nicht auszuweichen, sondern sie im Gegenteil gezielt niederzurennen, und wenn nicht das, so w�rden sie die m�rderischen Klingen an den fast mannshohen R�dern in St�cke schneiden; aber sp�testens das Schwert des unheimlichen Wagenlenkers, oder ...</p><p>Die Illusion erlosch so abrupt wie das Bild einer <emphasis>Laterna magica, </emphasis>deren Kerzenflamme der Sturm ausgeblasen hatte, und aus dem heranrasenden Streitwagen wurde eine zweisp�nnige, leicht sch�bige Kutsche, von deren erh�htem Bock aus sie ein faltiges, von sch�tterem grauem Haar und einem gewaltigen Backenbart beherrschtes Gesicht aus aufgerissenen Augen anstarrte. Eines der beiden Pferde stie� ein erschrockenes Wiehern aus, w�hrend das andere instinktiv zur Seite auszuweichen versuchte; mit dem Ergebnis, dass das gesamte Gef�hrt bedrohlich zu schwanken begann und der Mann auf dem Kutschbock pl�tzlich alle H�nde voll damit zu tun hatte, die beiden scheuenden Tiere wieder in seine Gewalt zu bekommen.</p><p>Bast steckte hastig ihr Schwert weg, griff nach dem Zaumzeug des scheuenden Pferdes und brachte es mit einem harten Ruck zum Stehen, war mit einem einzigen Satz auf der anderen Seite und beruhigte auch das andere Tier, bevor sie sich dem F�hrer zuwandte. Erst jetzt erkannte sie ihn. Es war der Kutscher, der sie vom Hafen aus hierhergebracht hatte.</p><p>�Arthur?�, murmelte sie �berrascht. F�r einen Moment schien sich alles um sie zu drehen, und sie hatte das Gef�hl, den Boden unter den F��en zu verlieren. Pl�tzlich wurde ihr klar, dass der Nebel nicht ann�hernd so dicht war, wie sie bisher geglaubt hatte, kaum mehr als ein sachter Hauch, der in der Luft lag, und es gab auch keinen Streitwagen mit einem riesigen Krieger, der mit einem Speer auf sie zielte.</p><p>�Ma'am?� Arthur lie� die Z�gel fahren und begann so hastig vom Wagen zu klettern, dass er beinahe den Halt verloren h�tte und sich an einem der R�der festhalten musste, um nicht zu st�rzen. �Ist Ihnen was passiert? O Gott, o Gott, das war alles meine Schuld! Ich hab Sie nicht gesehen und ...�</p><p>�Schon gut!� Bast brachte den alten Mann mit einer raschen Geste zum Verstummen, ein weiterer Fehler, denn Arthurs Augen wurden gro�, als er das Blut an ihrer Hand sah. Nicht alles, was sie in den letzten Augenblicken erlebt hatte, war offensichtlich eine Illusion gewesen.</p><p>�Gro�er Gott, Sie sind ja verletzt!�, entfuhr es ihm. �Was ist passiert? Haben Sie ...?�</p><p>�Es ist nichts�, unterbrach ihn Bast abermals, w�hrend sie hastig den Arm sinken lie� und die Hand zur Faust ballte. Gleichzeitig sorgte sie daf�r, dass er den Anblick verga�. �Nur ein Kratzer. Machen Sie sich keine Sorgen.�</p><p>Vielleicht machte er das wirklich nicht - dank ihrer Mithilfe -, aber sie selbst wurde immer nerv�ser. Sie hatte noch immer das Gef�hl, auf eine gr�ssliche Weise den Halt in der Wirklichkeit zu verlieren, und ihr war, als w�re die nebelverh�llte Stra�e voller Menschen, die alle in ihre Richtung starrten.</p><p>�Es ist alles in Ordnung, Arthur�, wiederholte sie, indem sie sich m�hsam wieder auf den greisen Kutschfahrer konzentrierte. �Ich habe mich nur erschrocken, das ist alles.�</p><p>�Ich ... ich versteh das nich'�, stammelte er. �Ich hab Sie einfach nich' gesehn, und ...�</p><p>�Das ist Unsinn, Arthur�, sagte sie mit etwas mehr Nachdruck. �<emphasis>Ich </emphasis>war es, die nicht achtgegeben hat. Ich bin einfach auf die Stra�e hinausgetreten, ohne mich umzusehen.� Sie machte eine entsprechende Geste mit beiden H�nden. �Immerhin stehe <emphasis>ich </emphasis>mitten auf der Stra�e, und nicht <emphasis>Sie </emphasis>mit Ihrem Wagen auf dem Gehsteig, oder?�</p><p>Arthurs Blick folgte ihrer Bewegung, aber er wirke kein bisschen �berzeugt, oder auch nur beruhigt. �Trotzdem�, stammelte er. �Ich ... ich h�tte Sie um ein Haar umgebracht!�</p><p>�Es ist ja nichts passiert.� Bast zwang sich zu einem L�cheln. �Aber sagen Sie mir doch, wo Sie so pl�tzlich herkommen, Arthur. Das ist doch bestimmt kein Zufall, oder?�</p><p>�Sie haben mich bestellt, Ma'am�, antwortete Arthur unsicher. �Sie haben doch gesagt, ich soll auf Sie warten.�</p><p>�Das stimmt�, antwortete Bast �berrascht. �Aber das war <emphasis>gestern.</emphasis>�</p><p>�Ich wei߫, sagte Arthur. Er klang ein wenig verlegen. �Ich habe auf Sie gewartet, und als Sie nicht gekommen sind ...�</p><p>�Haben Sie die ganze Zeit auf mich gewartet?�, fragte Bast ungl�ubig.</p><p>�So schlimm war es nicht�, antwortete Arthur verlegen. �Ich meine: Eigentlich ist es doch egal, wo ich stehe, oder?�</p><p>Bast sparte es sich, darauf zu antworten. Sie wollte Arthur nicht noch mehr in Verlegenheit bringen. �Und als Sie gerade gesehen haben, dass ich losgegangen bin ...?�</p><p>�Ich war wohl einen Moment unaufmerksam�, gestand Arthur. �Muss wohl f�r eine Sekunde wegged�st sein. Ich hab versucht, Sie einzuholen, und ... es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.�</p><p>�Jetzt sind Sie ja hier�, sagte Bast leichthin. �Und Sie kommen wie gerufen, wenn ich ehrlich sein soll.� Jetzt war sie es, die verlegen die Schultern hob. �Eigentlich wollte ich zu Fu� gehen, aber ich habe das Londoner Wetter wohl untersch�tzt. Ich bin diese Temperaturen nicht gewohnt, f�rchte ich.�</p><p>�Da sind Sie nicht die Einzige�, pflichtete ihr Arthur bei. �Sogar ich sp�re diesen verdammten Nebel in allen Knochen. Wohin wollen Sie denn?�</p><p>�Whitehall�, antwortete Bast. �Genauer gesagt wollte ich mir Kleopatras Nadel ansehen. Sie wissen, wo das ist?�</p><p>�Kleopatras Nadel?� Arthurs Blick spiegelte v�lliges Unverst�ndnis.</p><p>�Der Obelisk.�</p><p>�Oh, sicher.� Arthur nickte heftig. �Das ist gleich bei Whitehall, an der Themse. Und Sie wollten das ganze St�ck zu Fu� gehen?�</p><p>Bast sah demonstrativ in den niedrig h�ngenden grauen Himmel hinauf. �Nicht wirklich�, gestand sie mit einem schiefen L�cheln.</p><p>�Dann steigen Sie ein, Ma'am�, sagte Arthur. �Nat�rlich fahre ich Sie umsonst. Das ist das Mindeste, was ich tun kann.�</p><p>�Kommt �berhaupt nicht in Frage�, sagte Bast entschieden. Sie blinzelte ihm zu. �Aber ich habe nichts dagegen, wenn Sie mir einen Freundschaftspreis machen.�</p><p>Arthur beeilte sich, ihr den Wagenschlag aufzurei�en, aber Bast machte nur einen einzelnen Schritt, bevor sie wieder stehen blieb und nachdenklich den Kopf sch�ttelte. �H�tten Sie etwas dagegen, wenn ich oben bei Ihnen mitfahre?�</p><p>�Auf dem Kutschbock?�, fragte Arthur �berrascht. �Nein, nat�rlich nicht. Aber es ist kalt und unbequem und ...�</p><p>�Nicht ann�hernd so kalt und unbequem, wie zu Fu� zu gehen�, beharrte Bast. �Au�erdem m�chte ich etwas von der Stadt sehen, nicht nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Fenster. Wer wei�, wann ich wieder einmal nach London komme.� Sie wartete Arthurs Antwort gar nicht erst ab, sondern stieg mit einer raschen Bewegung auf den Kutschbock hinauf, wobei sie peinlich darauf achtete, nichts zu ber�hren, was sie mit ihrem Blut verschmieren konnte. Sie verstand immer noch nicht genau, was passiert war. Die Wunde hatte l�ngst aufgeh�rt zu bluten und tat kaum noch weh, und in sp�testens einer Stunde w�rde sie vollkommen verschwunden sein - aber wie hatte sie sie sich �berhaupt zugezogen?</p><p>�Sie k�nnen gerne oben mitfahren, Ma'am�, sagte Arthur, w�hrend er ihr �chzend und deutlich weniger elegant als sie gerade hinterherkletterte. �Aber es ist sehr unbequem und reichlich kalt.�</p><p>Das eine war so wahr wie das andere, stellte Bast fest. Die Bank war ungepolstert und hart, nicht mehr als ein schmales Brett, das nicht viel Platz f�r zwei Personen bot, und es war empfindlich kalt. Zugleich f�hlte sie sich aber neben dem Kutscher deutlich sicherer; eine vollkommen grundlose Illusion, die aber ihren Dienst tat.</p><p>�Wie lange brauchen wir bis Whitehall?�, fragte sie.</p><p>�Mit dem Wagen?� Arthur nahm �chzend auf der ungepolsterten Bank Platz und griff nach den Z�geln. Die Pferde waren noch immer unruhig und sch�ttelten schnaubend die K�pfe, als sie den Zug der Trense sp�rten. �Nicht sehr lang. Keine halbe Stunde, Kommt drauf an, wie schnell ich fahre.�</p><p>�Und zu Fu�?�</p><p>�Lange.� Arthur �berlegte einen Moment. �Bestimmt zwei Stunden. Vielleicht mehr. Warum?�</p><p>�Dann habe ich gerade eine Menge Zeit gewonnen�, sagte Bast �Was halten Sie davon, wenn wir sie f�r eine kleine Stadtrundfahrt nutzen?�</p><empty-line/><empty-line/><p>Arthur hielt nicht nur, was er versprochen hatte, er �bertraf es bei weitem. Letzten Endes brauchten sie gute zwei Stunden, um den von B�umen und sorgsam gestutzten B�schen und zu kleinen Kunstwerken geschnittenen Heckengew�chsen ums�umten Platz am Ufer der Themse zu erreichen, aber Bast wurde die Zeit wahrlich nicht lang. Wie durch ein Wunder hatte sich der Nebel etwas gelichtet, oder vielleicht war er auch oben auf dem Kutschbock nicht ganz so deutlich sp�rbar wie auf der Stra�e. Arthur zeigte ihr in diesen zwei Stunden mehr von der Stadt, als so manch anderer es in zwei Tagen gekonnt h�tte: den Buckingham-Palast, Trafalgar Square und das Parlament, aber auch andere, d�sterere und obskurere Pl�tze, wie den ber�chtigten Galgenh�gel, auf dem Tausende von Schuldigen - und vermutlich ebenso viele Unschuldige - ihr Leben ausgehaucht hatten, und Speaker's Corner im Hyde Park, wo jedermann ungestraft seine Meinung kundtun - oder auch nur Unsinn reden - konnte. Er wusste auch eine Menge interessanter Anekdoten �ber die Stadt und ihre Geschichte zu erz�hlen, von denen vermutlich die H�lfte pure Erfindung waren - was sie nicht minder interessant machte -, und Bast schwirrte schon bald der Kopf von allem, was sie geh�rt und gesehen hatte; das aber auf eine durchaus angenehme Weise.</p><p>Vielleicht lag es schlichtweg an Arthurs Gesellschaft. Nachdem er seine anf�ngliche Befangenheit und den Schrecken �ber den Beinahe-Unfall �berwunden hatte, begann er nicht nur zu reden, sondern gewann auch sichtlich an Freude an der ungewohnten Aufgabe, und Bast ihrerseits begann seine Gesellschaft in zunehmendem Ma�e zu genie�en. Vor allem, nachdem sie ihre eigenen Hemmungen �berwunden und vorsichtig in ihn hineingelauscht hatte. Arthur war genau das, als was sie ihn von Anfang an eingesch�tzt hatte: ein einfacher, aber aufrechter Mann, der ein langes und m�hsames Leben voller Arbeit und ohne jegliche Chance hinter sich hatte und doch zu Recht stolz darauf war, es in Ehren bew�ltigt zu haben, ohne vom rechten Weg abgekommen zu sein oder auch nur mit dem Schicksal zu hadern.</p><p>Die wenigen Jahre, die noch vor ihm lagen, w�rden schlimmer werden. Bast hatte tief genug in ihn hineingeschaut, um zu wissen, wie es weitergehen w�rde. Seine Knochen waren verschlissen, sein Herz schwach, und jeder weitere Tag, den er auf dem zugigen Bock verbrachte, verk�rzte seine verbleibende Lebenserwartung. Au�erdem war eines seiner beiden betagten Pferde krank und allerh�chstens noch drei Monate von der Schlachtbank entfernt, und seine bescheidenen Ersparnisse reichten nicht einmal ann�hernd aus, um ein neues Tier zu kaufen. Bast nahm sich vor, etwas f�r ihn zu tun, bevor sie wieder an Bord der <emphasis>Lady </emphasis>ging und dieses Land verlie�.</p><p>Trotz dieses Wermutstropfens genoss sie die Fahrt in vollen Z�gen. Es tat einfach gut, eine Weile in der Gesellschaft eines Menschen zu verbringen, der ihr nicht nach dem Leben trachtete, eine Intrige gegen sie spann oder sonst irgendetwas anderes im Schilde f�hrte. Sie empfand ein deutliches Bedauern, als Arthur schlie�lich erkl�rte, dass sie ihr Ziel jetzt beinahe erreicht hatten.</p><p>�Ich f�rchte, jetzt muss ich mich doch bei Ihnen entschuldigen, Ma'am�, f�gte er hinzu. �Wir waren l�nger unterwegs, als ich vorher gesagt habe. So ist das nun mal, wenn man ins Reden kommt.�</p><p>�Ich habe jede Sekunde genossen, Arthur�, versicherte Bast. �Sie sind ein ausgezeichneter Fremdenf�hrer, wissen Sie das eigentlich?�</p><p>Arthur l�chelte zwar geschmeichelt, blickte aber trotzdem leicht schuldbewusst. �Ich hoffe doch, Sie kommen jetzt nicht zu sp�t zu Ihrer Verabredung.�</p><p>�Das kommt ganz darauf an, wie sp�t es ist.� Bast konnte sich nicht erinnern, irgendetwas von einer <emphasis>Verabredung </emphasis>gesagt zu haben, aber sie nahm an, dass Arthur das einfach voraussetzte, da sie zu einer bestimmten Stunde an einem bestimmten Ort sein wollte. �Und selbst wenn, ist es auch nicht schlimm. Es war nicht besonders wichtig.�</p><p>Sie drehte sich dennoch auf dem Kutschbock herum, um einen Blick auf den Zeiger von Big Ben zu werfen, den sie vor einer Weile passiert hatten.</p><p>Stattdessen blieb ihr Blick an der kantigen Silhouette des Tower h�ngen, der sich wie eine drohend emporgereckte Faust �ber die D�cher der umliegenden Geb�ude erhob.</p><p>�Was haben Sie, Ma'am?�, fragte Arthur. Seine Stimme klang leicht alarmiert und Bast begriff, dass sich der Schrecken, den sie empfand, deutlich auf ihrem Gesicht widerspiegelte.</p><p>�Nichts�, antwortete sie. �Es war nur ...� Sie hob die Hand und deutete auf drei winzige Punkte, die die Spitze des d�steren Wahrzeichens Londons umkreisten. Bedachte man die Entfernung, dann waren sie vermutlich alles andere als winzig. �Was ist das?�</p><p>Arthur lie� die Pferde in gem�tlichem Trab weiterlaufen, w�hrend er sich ebenfalls herumdrehte und mit den kurzsichtigen alten Augen knibbelte. �Oh, das�, sagte er. �Das m�ssen die Tower-Raben sein.�</p><p>�Die Tower-Raben?�</p><p>�Hab ich vergessen zu erz�hlen�, antwortete Arthur. Er konzentrierte sich wieder auf die Stra�e. �Das K�nigshaus h�lt seit Jahrhunderten drei Raben im Tower. Immer nur drei. Nicht mehr und nicht weniger.�</p><p><emphasis>Raben! </emphasis>�Und warum?�</p><p>�Ehrlich gesagt, ich wei� es nicht�, antwortete er. �Aber es hei�t, dass das K�nigshaus so lange Bestand hat, wie diese drei Raben im Tower leben. Sie haben eigenes Personal, das sich um sie k�mmert, und sogar eine eigene Wache vor der T�r.�</p><p>�Und dann lassen sie sie einfach so herumfliegen?�, wunderte sich Bast. �Wo doch die Existenz des K�nigshauses von ihnen abh�ngt?�</p><p>�Wenn Sie mich fragen, ist das sowieso nur Unsinn. Eine alte Geschichte eben. Und die Raben fliegen nie sehr weit. Es sind kluge Tiere. Sie wissen genau, wo es ihnen gut geht, und wo sie immer etwas zu fressen finden. So, da w�ren wir.�</p><p>Der Wagen kam mit einem letzten Z�gelknallen am Rande eines weitl�ufigen, sauber mit pr�zise geschnittenen Granitplatten gepflasterten Platzes zum Stehen, in dessen Mitte sich ein steinerner Sockel mit einem gewaltigen, beeindruckende siebzig Fu� hohen Obelisken erhob.</p><p>�Der Obelisk�, erkl�rte Arthur, mit einem Stolz in der Stimme, als w�re es ganz allein seine Entdeckung. Seine Hand wanderte weiter und wies auf einen Komplex aus klobigen wei�en Geb�uden, die sich �ber die Wipfel der sorgsam gestutzten B�ume erhoben, die den Platz s�umten. �Und das da ist Whitehall.�</p><p>�Beeindruckend�, sagte Bast.</p><p>�Ich find's scheu�lich�, antwortete Arthur. �Es ist gro�, aber nicht alles was gro� ist, muss deswegen auch sch�n sein.� Er seufzte tief, wartete einen Moment lang vergebens auf eine Reaktion und lie� seinen Blick dann demonstrativ �ber den Bereich vor dem Obelisken schweifen. Sie waren nicht die Einzigen, die gekommen waren, um das gestohlene Heiligtum zu besichtigen, aber keiner von ihnen sah auch nur in ihre Richtung.</p><p>�Sieht so aus, als h�tten Sie Ihre Verabredung nun doch verpasst�, sagte er.</p><p>�Ich bin nicht hier verabredet�, sagte Bast, �sondern dr�ben in Whitehall. Ich wollte die Gelegenheit nur ausnutzen, um das hier zu besichtigen.�</p><p>�Ist wirklich beeindruckend�, sagte Arthur, wenngleich in einem Tonfall, der es ihr unm�glich machte zu entscheiden, ob er diese Worte ernst meinte oder ihr nur schmeicheln wollte.</p><p>�Ja, das ist es�, best�tigte Bast. <emphasis>Ihr </emphasis>Stolz <emphasis>war </emphasis>echt. �Wissen Sie, woher er kommt?�</p><p>�Aus Arabien, glaub ich�, antwortete Arthur. �War schon ein paar Mal hier, aber ehrlich gesagt wei� ich nicht viel dar�ber. Ich hab nur geh�rt, dass sie extra ein Schiff umgebaut haben, um das Ding hierher zu bringen. Und dass es ein paar Tote dabei gegeben haben soll.�</p><p>�Interessiert Sie seine Geschichte, Arthur?�, fragte Bast. �Wenn Sie wollen, erz�hle ich sie Ihnen. Auf diese Weise kann ich mich wenigstens ein bisschen bei Ihnen revanchieren.�</p><p>Das Thema interessierte Arthur nicht wirklich, das sp�rte sie, aber er nickte schon aus reiner H�flichkeit, und Bast kletterte rasch vom Wagen hinab, bevor er es sich anders �berlegen konnte. Der alte Droschkenfahrer folgte ihr gehorsam, wenn auch erst nach sp�rbarem Z�gern, und Bast beruhigte ihr schlechtes Gewissen damit, dass sie ihm auf diese Weise vielleicht tats�chlich etwas gab, womit er sp�ter bei seinen Fahrg�sten angeben konnte.</p><p>Immerhin legte sie das kurze St�ck bis zum Sockel der gewaltigen steinernen Nadel langsam genug zur�ck, dass er bequem mit ihr Schritt halten konnte und nicht etwa in die Verlegenheit kam, au�er Atem zu geraten - auch wenn sie sp�rte, dass er nicht mehr allzu weit entfernt davon war. Auf seinem Kutschbock hatte er die Strecke um den gesamten Erdball vermutlich bereits mehrmals zur�ckgelegt, aber zu Fu� gehen war ganz offensichtlich nicht gerade seine St�rke.</p><p>�Das ist ... wirklich beeindruckend�, sagte er leicht kurzatmig, als sie am Sockel des gewaltigen steinernen Pfeilers angekommen waren. Er legte den Kopf in den Nacken und blinzelte in den niedrig h�ngenden Abendhimmel hinauf. �Aus dieser Perspektive habe ich ihn noch gar nicht gesehen. Jetzt verstehe ich auch, warum man ihn so nennt. Sieht tats�chlich ein bisschen aus wie eine Nadel, von hier aus betrachtet.�</p><p>�Fr�her war der Anblick noch viel beeindruckender�, sagte Bast. �Ihre Spitze war vergoldet, und wenn sich zur Mittagszeit das Sonnenlicht darauf gespiegelt hat, dann war es so grell, dass es unm�glich war, sie anzusehen.�</p><p>�Damit die Leute glauben, sie k�men direkt von ihren G�ttern?�</p><p>Bast sah den alten Mann erstaunt an. �Sie haben also doch schon von den Obelisken geh�rt?�</p><p>�Nein�, antwortete Arthur. �Hab ich mir so gedacht. Ist aber eigentlich das Einzige, was Sinn macht.�</p><p>Bast nickte anerkennend. �Eine kluge �berlegung�, sagte sie. �Ganz so war es nicht. Jedenfalls war es von ihrem Erbauer nicht so geplant ... aber es hat tats�chlich nicht allzu lange gedauert, bis viele geglaubt haben, der Sonnengott selbst h�tte sie aufgestellt, um die Menschen mit seinem Licht zu erhellen.�</p><p>�Kann man fast glauben, wenn man das Ding so sieht�, sagte Arthur. �Aber wieso sagen Sie immer <emphasis>sie?</emphasis>�</p><p>�Weil es zwei Obelisken sind�, antwortete Bast. �Sehen Sie die Hieroglyphen? Das ist die alte �gyptische Bildschrift. So �hnlich wie Ihre Buchstabenschrift, nur dass man damals eben keine einzelnen Buchstaben benutzt hat, sondern jedes Wort ein eigenes Zeichen hatte.�</p><p>�Muss eine Menge Zeichen gewesen sein�, sagte Arthur.</p><p>�Ziemlich viele�, best�tigte Bast. �Und die meisten davon hatten mehrere Bedeutungen, manchmal zwei oder drei, manchmal aber auch ein Dutzend oder mehr, je nachdem, in welchem Zusammenhang man es gerade benutzt hat.�</p><p>�Das klingt kompliziert�, sagte Arthur.</p><p>�Auch nicht komplizierter als so manche Schrift, die es heute noch gibt�, antwortete Bast. �Sie wissen doch, wie es hei�t: Nichts ist wirklich kompliziert, wenn man es kann.�</p><p>�Und Sie k�nnen das lesen?� Arthurs Stimme klang geradezu ehrf�rchtig, und Bast h�tte um ein Haar geschmeichelt genickt, besann sich dann aber im letzten Moment eines Besseren.</p><p>�Die Schrift der Pharaonen ist mit ihnen untergegangen. Erst m�hsam beginnen die Menschen heute, sie wieder zu entr�tseln. Aber ich wei�, was sie bedeuten.� Sie machte eine �bertriebene Geste zu den verwitterten Zeichen und Symbolen hinauf, die so vielen Jahrtausenden getrotzt hatten, nur um jetzt von den Blicken ungebildeter Barbaren besudelt zu werden. �Sie erz�hlen die Geschichte des �gyptischen Reiches, vom Jahr seiner Gr�ndung an bis zu dem Tag, an dem sie vor dem Tempel des Sonnengottes in Heliopolis aufgestellt wurden. Dieser hier allerdings nur die letzten achthundert Jahre. Der Rest steht auf den beiden anderen. Thutmosis III. hat sie damals zu Ehren des Sonnengottes aufstellen lassen.�</p><p>�Dann waren es <emphasis>drei?</emphasis>�<emphasis>, </emphasis>sagte Arthur erstaunt.</p><p>�Ja�, antwortete Bast. �Das hier ist der kleinste. Ein zweiter wurde nach New York gebracht, und der dritte ist schon vor langer Zeit verschollen. Niemand wei�, wohin. Tats�chlich wei� kaum noch jemand, dass es �berhaupt einen dritten Obelisken gab. Die Forscher heute glauben, dass es nur zwei waren, und vielleicht ist das auch gut so.�</p><p>�Warum?�, fragte Arthur.</p><p>Bast deutete ein Schulterzucken an. Sie bedauerte es schon fast, diesen letzten Satz �berhaupt ausgesprochen zu haben. Trotzdem fuhr sie fort: �Vielleicht sollten manche Dinge lieber in der Zeit bleiben, die sie hervorgebracht hat, Arthur. Manche glauben, dass ein Fluch auf diesen Obelisken liegt. Thutmosis starb lange vor seiner Zeit, und das Reich der Pharaonen ging unter. Sp�ter haben die R�mer die beiden �brig gebliebenen Obelisken gestohlen, und Sie wissen, was dem R�mischen Reich widerfahren ist?�</p><p>�Und jetzt glauben Sie, das britische Empire w�rde auch untergehen?�</p><p>�Die Menschen haben viele Imperien gegr�ndet�, antwortete sie. �Manche waren gr��er als das Empire, und viele haben Jahrtausende �berstanden. Aber am Ende sind sie alle untergegangen. Nichts, was Menschen erschaffen, h�lt f�r die Ewigkeit.� Pl�tzlich lachte sie. �Aber so schnell wird es nicht gehen, keine Sorge. Das Pharaonenreich hat noch anderthalb Jahrtausende �berdauert, nachdem diese Obelisken aufgestellt wurden, und auch das r�mische Weltreich hielt noch viele Jahrhunderte. Sie haben also noch ein bisschen Zeit.�</p><p>Arthur blinzelte verwirrt. Einen Moment lang sah er so ratlos aus, dass er Bast fast ein wenig leidtat, aber dann zwang auch er sich zu einem - sehr nerv�sen - Lachen. �Sie k�nnen wirklich gut erz�hlen, Ma'am�, sagte er. �Man k�nnte fast meinen, Sie w�ren dabei gewesen.�</p><p>�So wie Sie, wenn Sie von der Geschichte Ihrer Heimatstadt erz�hlen�, antwortete Bast. �Ich bin in �gypten aufgewachsen, vergessen Sie das nicht.� Genau genommen <emphasis>war </emphasis>sie dabei gewesen, als dieser Obelisk mit dem Blut und Schwei� Tausender aus dem Fels herausgemei�elt und aufgestellt worden war - aber das verriet sie Arthur vorsichtshalber nicht.</p><p>�Wenn Sie das Thema wirklich interessiert, erz�hle ich Ihnen gerne mehr�, sagte sie. �Aber nicht jetzt. Wie gesagt - ich bin noch verabredet.�</p><p>�In Whitehall, ich wei߫, antwortete Arthur. �Ich fahre Sie hin.�</p><p>�Die paar Schritte?� Bast sch�ttelte den Kopf. �Das ist wirklich nicht n�tig. Die paar Schritte laufe ich gern.�</p><p>�Ins Verteidigungsministerium?�</p><p>�Das Verteidigungsministerium?� Bast zog nachdenklich die Stirn kraus. �Aber warum sollte Abberline ...?� Dann verstand sie. �Whitehall ist kein Geb�ude�, vermutete sie.</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, antwortete Arthur am�siert. �Es ist eine Stra�e.� Er wedelte erneut in die Richtung, in die er gerade gedeutet hatte. �Ich dachte, Sie w�ssten das. Ist immerhin die ber�hmteste Stra�e der Stadt. Sie f�hrt in der einen Richtung bis zum Parlament und in der anderen bis zum Tower. Wo genau sind Sie denn verabredet? Die Stra�e ist ziemlich lang.�</p><p>�Das wei� ich nicht�, gestand Bast. Sie f�hlte sich ein wenig hilflos. �Abberline hat nur von Whitehall gesprochen ... aber er meinte, es w�re von hier aus nicht weit zu Fu�.�</p><p>�Abberline?�</p><p>�Inspektor Abberline�, antwortete Bast.</p><p>�Dann meint er wahrscheinlich die Metropolitan Police�, antwortete Arthur nach kurzem �berlegen. �Scotland Yard. Das ist wirklich nicht weit von hier. Ein paar Minuten, wenn Sie langsam gehen.�</p><p>�Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, k�nnten Sie hier auf mich warten. Bis ich zur�ck bin, ist es vermutlich bereits dunkel, und wahrscheinlich wird es dann noch k�lter.�</p><p>�Ganz bestimmt sogar�, best�tigte Arthur. Er sah einen Moment lang unschl�ssig aus, dann aber deutete er zu seinem Wagen zur�ck und sagte: �Ich warte einfach hier auf Sie, Ma'am. Vor Scotland Yard kann ich nicht stehen. Dort wird immer noch gebaut, und die Bobbys jagen jeden weg, der keine Steine oder Holz oder andere Baumaterialien bringt. Lassen Sie sich ruhig Zeit.�</p><p>�Es wird nicht lange dauern�, versprach Bast. Nach einem letzten, fast wehm�tigen Blick die mit Hieroglyphen bedeckte Flanke des Obelisken hinauf wandte sie sich um und ging mit raschen Schritten in Richtung des riesigen wei�en Geb�udes los, blieb aber schon einen Moment darauf wieder stehen und betrachtete nachdenklich ihre rechte Hand. Die Schnittwunde war so spurlos verschwunden, als h�tte es sie nie gegeben, ganz wie sie erwartet hatte, aber ihre Hand war voll eingetrocknetem Blut. Auf ihrer nachtschwarzen Haut fiel es kaum auf, aber Abberline war ein aufmerksamer Beobachter, und sie musste ihn ja jetzt nicht mit der Nase darauf sto�en, dass sie tats�chlich nicht ganz die harmlose Touristin war, als die sie sich ausgab.</p><p>Sie hielt nach irgendetwas Ausschau, wo sie sich waschen konnte, entdeckte einen kleinen Zierbrunnen nur wenige Schritte entfernt und steuerte ihn an. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Arthur zu seinem Wagen ging, aber nicht auf den Kutschbock hinaufkletterte, sondern den Wagenschlag �ffnete und einstieg; vermutlich, um sich die Wartezeit mit einem kleinen Nickerchen zu verk�rzen. Bast g�nnte es ihm. Sie konnte seine M�digkeit selbst �ber die Entfernung hinweg sp�ren; eine Ersch�pfung, die nichts mit diesem Tag oder den zur�ckliegenden Stunden zu tun hatte, sondern weit tiefer ging.</p><p>Sie erreichte den Brunnen, wusch sich gr�ndlich die H�nde, ohne auf die verwunderten und zum Teil missbilligenden Blicke zu achten, die ihr nicht wenige Passanten zuwarfen - das Wasser war ganz eindeutig zum <emphasis>Trinken </emphasis>gedacht, nicht zu irgendeinem anderen Zweck -, und schaufelte sich anschlie�end noch eine geh�rige Portion des eiskalten Wassers ins Gesicht.</p><p>Als sie die H�nde herunternahm, sah sie die Spiegelung einer nachtschwarzen Gestalt auf dem bewegten Wasser vor sich.</p><p>Bast fuhr blitzartig herum, doch so schnell sie auch war, es reichte nicht einmal ann�hernd. Eiskalter, skalpellscharfer Stahl ber�hrte ihre Kehle, und Bast erstarrte mitten in der Bewegung.</p><p>�Das ist sehr vern�nftig von dir�, sagte Horus l�chelnd. �Ich w�rde dich ungern verletzen.�</p><p>�Warum tust du es dann?�, fragte Bast. Ein einzelner Blutstropfen lief an ihrem Hals hinab und versickerte in ihrem Kleid. Vielleicht, dachte sie sarkastisch, sollte sie in Zukunft nur noch Kleider in der Farbe getrockneten Blutes tragen.</p><p>�Noch weniger gern w�rde ich mich von dir verletzen lassen�, antwortete Horus. �Versprichst du mir, vern�nftig zu sein?�</p><p>�Dazu m�ssten wir uns vielleicht erst �ber die Bedeutung des Wortes <emphasis>vern�nftig </emphasis>einigen�, grollte Bast. �Irgendwie habe ich das Gef�hl, dass wir beide etwas grunds�tzlich Verschiedenes darunter verstehen. <emphasis>Nimm das verdammte Ding weg!</emphasis>�</p><p>Horus sch�ttelte lachend den Kopf, steckte sein Schwert aber trotzdem ein und trat einen halben Schritt zur�ck. Er wirkte vollkommen entspannt, ein Mann, der zuf�llig eine alte Bekannte getroffen hatte und sich dar�ber freute. Aber er war es nicht. Bast erwog den Gedanken, sich trotz allem auf ihn zu st�rzen, verwarf ihn aber auch fast augenblicklich wieder. Sie f�hlte sich besser als gestern, aber sie war dennoch nicht sicher, dass sie Horus gewachsen w�re.</p><p>�Du kommst sp�t�, sagte Horus, nachdem er in ihren Augen gelesen hatte, dass sie ihn nicht angreifen w�rde. �Ich warte schon eine ganze Weile auf dich. Was hat dich aufgehalten?�</p><p>Bast sah ihn fragend an.</p><p>�Ich habe dich gerufen�, sagte Horus. �Oder glaubst du wirklich, du bist ganz allein pl�tzlich auf die Idee gekommen, den Obelisken zu besichtigen?� Er sch�ttelte seufzend den Kopf. �Sollte ich anfangen, mir ernsthafte Sorgen um dich zu machen, Bastet? Anscheinend verbringst du zu viel Zeit mit deinen menschlichen Freunden.�</p><p>�Ich dachte, wir w�ren auch menschlich�, antwortete Bast. �Wenigstens ein paar von uns.�</p><p>�Du wei�t genau, was ich meine�, erwiderte Horus leicht ver�rgert.</p><p>�Ja�, gestand Bast. �Aber was ich nicht wei� ist, was du hier willst. Du hast mich gerufen? Warum?�</p><p>�Aus demselben Grund, aus dem du nach Isis gesucht hast, aber hoffentlich mit mehr Erfolg�, antwortete Horus. �Um noch einmal mit dir zu reden.� Er zuckte die Achseln. �Ich kenne dich ja wirklich gut genug, um zu wissen, dass es wahrscheinlich sinnlos ist, aber ich appelliere trotzdem noch einmal an deine Vernunft: Komm zur�ck zu uns, Bastet. Du geh�rst nicht hierher. Weder in dieses Land noch zu diesen Menschen. Du wei�t das.�</p><p>�Und wenn nicht?�, fragte Bast. �F�hrst du dann fort, sie umzubringen?� Sie machte eine zornige Geste, als er antworten wollte. �Warum hast du das getan, Horus? Nur weil ich sie zuf�llig gekannt habe?�</p><p>�Was getan?�, fragte Horus. Er spielte perfekt den Ahnungslosen.</p><p>�Kate und Liz�, antwortete Bast zornig. �Du hast sie get�tet - und versuch erst gar nicht, es zu leugnen. Ich habe dich gesehen. Dich oder Sobek, aber wahrscheinlich wart ihr es ohnehin gemeinsam. Habt ihr auch die beiden anderen umgebracht?�</p><p>�Ich wei� nicht, wovon du sprichst�, behauptete Horus. �Und es interessiert mich auch nicht. Ich bin gekommen, um dich ein letztes Mal zu warnen. Du begehst einen schlimmen Fehler, wenn du dich zu sehr mit diesen Sterblichen einl�sst. Du geh�rst nicht zu ihnen. Du kannst so wenig unter ihnen leben wie einer von ihnen unter uns.�</p><p>�Und dann?�, fragte Bast. �Was genau habt ihr vor?�</p><p>�Wir werden uns zur�ckziehen und warten, bis all das hier vorbei ist und wir unseren angestammten Platz wieder einnehmen k�nnen�, antwortete Horus ernst. �Auch dieses Reich wird fallen, so wie alle anderen zuvor.�</p><p>Bast lachte nur. �Du irrst dich, Horus�, sagte sie. �Die Zeit der G�tter ist vorbei. Endg�ltig. Vielleicht hat es sie nie gegeben.�</p><p>Horus setzte zu einer sichtlich scharfen Antwort an, belie� es aber dann bei einem Seufzen und einem langsamen Kopfsch�tteln und drehte sich halb herum, um zu Arthurs Wagen zu blicken. �Ich sehe, du hast dir ein neues Haustier zugelegt�, sagte er. �Dein Geschmack war auch schon einmal besser. Wie ich es sage: Du verbringst zu viel Zeit mit diesen Sterblichen.�</p><p>�Wenn das alles ist, was du mir mitteilen wolltest, kann ich ja jetzt gehen�, erwiderte Bast k�hl. �Ich habe noch eine Verabredung.�</p><p>Horus bedachte sie mit einem sonderbaren Blick, in dem sie Herablassung und Verachtung las, aber auch noch etwas anderes, das sie nicht genau einordnen konnte. �Sobek und ich reisen in einer Woche ab�, sagte er. �Wir hoffen, dass du mit uns kommst.�</p><p>�Und wenn nicht?�, fragte Bast. �T�tet ihr mich dann? Oder bringt ihr nur jeden um, der das Pech hat, mich zu kennen?�</p><p>�Das ist vielleicht gar keine so schlechte Idee�, sagte Horus kalt. �Ich werde dar�ber nachdenken ... auch wenn es gar nicht n�tig ist.�</p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Bast.</p><p>Aber sie bekam keine Antwort. Horus l�chelte nur geheimnisvoll, nickte ihr noch einmal zu und ging dann mit langsamen Schritten davon. Diesmal ersparte er ihr den billigen Effekt, einfach zu verschwinden, sondern ging einfach gemessenen Schrittes davon, aber Bast �rgerte sich �ber den Anblick mindestens ebenso sehr. Niemand nahm von der riesigen, vollkommen schwarzen Gestalt mit Turban und Mantel auch nur Notiz, weil au�er ihr niemand hier Horus so sah wie sie, sondern vermutlich nur einen ganz normalen Passanten wahrnahm, der sich in nichts von irgendeinem der anderen hier unterschied; eine vielleicht subtilere, zugleich aber noch plattere Zurschaustellung seiner Macht, �ber die der Unsterbliche gebot. Bast war nicht sicher, ob sie dazu imstande gewesen w�re; nicht einmal im Vollbesitz ihrer Kr�fte.</p><p>Sie verscheuchte den Gedanken und ging.</p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis>Scotland Yard </emphasis>hatte nichts mit einem <emphasis>Hof </emphasis>zu tun und wirkte zumindest auf Bast nicht im Geringsten schottisch oder gar irgendwie beeindruckend, sondern einfach nur gro�, klobig und ziemlich planlos. In ihren Augen bestand der Komplex aus nichts anderem als einer Anh�ufung monstr�ser steinerner W�rfel, die jemand ohne den mindesten Sinn f�r �sthetik �ber- und nebeneinandergestapelt und mit einem in den Augen schmerzenden Konglomerat erbeuteter, nachgemachter oder auch schlecht neu geschaffener Kunstwerke <emphasis>verziert </emphasis>hatte.</p><p>Dar�ber hinaus hatte Arthur recht: Die offizielle Er�ffnung des Geb�udes mochte kurz bevorstehen, aber es war trotzdem noch immer eine einzige gro�e Baustelle. Trotz der schon fortgeschrittenen Stunde wimmelte die Stra�e vor dem Geb�ude von Fuhrwerken, die Arbeiter und die verschiedensten Baumaterialien ankarrten. Die Fenster in den oberen Stockwerken hatten noch kein Glas, und aus allen Richtungen drang hektisches H�mmern und S�gen, Hantieren und Rufen und Werkeln an ihr Ohr. Ein durchdringender Geruch nach Kalk und frischer Farbe schlug ihr entgegen, als sie sich dem weit offen stehenden schmiedeeisernen Tor n�herte, und obwohl die Sonne noch nicht untergegangen war, brannte bereits hinter jedem einzelnen Fenster in den unteren Stockwerken Licht.</p><p>Bast steuerte einen der beiden Bobbys an, die frierend, aber nichtsdestotrotz sehr aufmerksam rechts und links des Tores standen und misstrauisch jeden be�ugten, der sich dem Geb�ude n�herte oder auch nur mehr als einen fl�chtigen Blick in seine Richtung warf. Sie kam jedoch nicht einmal dazu, etwas zu sagen, denn der Mann trat ihr auf dem letzten St�ck seinerseits entgegen und sprach sie an.</p><p>�Sie m�ssen Miss Bast sein�, sagte er. �Man erwartet Sie bereits.�</p><p>Bast konnte ihn im ersten Moment nur verwirrt ansehen. Sie hatte deutlich l�nger f�r den Weg hierher gebraucht als erwartet und war nun zu sp�t - wenn auch nur wenige Minuten -, was den leisen Tadel in seiner Stimme erkl�ren mochte, aber woher wusste er, wer sie war?</p><p>�Sie kennen mich?�, fragte sie �berrascht.</p><p>�Inspektor Abberline hat Sie avisiert, Ma'am�, antwortete er. �Und nichts f�r ungut, aber ...�</p><p>�Ich verstehe schon�, seufzte Bast. �So leicht bin ich nicht zu verwechseln.� Vielleicht hatte Isis ja gar nicht so unrecht mit ihrem Entschluss gehabt, <emphasis>nicht </emphasis>in ihrer eigenen Gestalt aufzutreten. �Dann bringen Sie mich jetzt freundlicherweise zu ihm.�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Ma'am. Wenn Sie mir bitte folgen w�rden.� Der Beamte wandte sich gehorsam um, blieb aber schon nach zwei Schritten wieder stehen und ma� sie mit einem unsicheren Blick von Kopf bis Fu�. �Es ist mir zwar unangenehm, Ma'am, aber wir haben neue Vorschriften, nach denen ich Sie eigentlich nach Waffen durchsuchen m�sste.�</p><p>�Das ist nicht n�tig�, sagte Bast sanft.</p><p>�Nat�rlich nicht, Ma'am�, antwortete er automatisch. �Bitte verzeihen Sie. Wenn Sie mir bitte folgen.�</p><p>Vorbei an zwei weiteren Polizisten, die eine im Vergleich zu dem protzigen Geb�ude geradezu bescheiden wirkende Treppe flankierten, gingen sie zu einer zweifl�geligen T�r, die in einen ebenso bescheidenen Eingangsbereich f�hrte. Auf einen knappen Wink ihres F�hrers hin blieb Bast stehen und sah sich unverhohlen neugierig um, w�hrend der Bobby zu einem seiner Kollegen eilte, der hinter einem vergitterten Schalter sa� und eifrig Eintragungen in einen �berdimensionalen aufgeschlagenen Folianten machte. Weitere Beamte sa�en an einer Anzahl scheinbar wahllos im Raum verteilter Pl�tze, und neben der gro�en T�r am anderen Ende des Raumes stand ein weiterer Posten, der sie weit weniger freundlich be�ugte als sein Kollege, der sie hereingef�hrt hatte. Eine Anzahl moderner Gaslampen an den W�nden und unter der Decke verbreitete nahezu schattenloses Licht, und auch hier drinnen roch alles neu und frisch. Kostbares Holz und goldgerahmte Bilder, die ausnahmslos irgendwelche W�rdentr�ger oder Adelige zeigten - welche Bast ausnahmslos nicht kannte -, beherrschten die W�nde, und auch das Mobiliar war neu und noch so gut wie unbenutzt. Alles wirkte ... steril, obwohl die Beamten eine Atmosph�re stiller Hektik verbreiteten. Dieses Geb�ude war noch nicht lange genug bewohnt, um eigenes Leben entwickelt zu haben.</p><p>Bast sah sich weiter unverhohlen neugierig um, wobei sie sich der nicht minder neugierigen und verwunderten Blicke, mit denen die Anwesenden <emphasis>sie </emphasis>verstohlen musterten, in jeder Sekunde bewusst war, und wollte sich gerade mit einer belanglosen Frage an einen der M�nner ringsum wenden, und sei es nur, um das immer betretener werdende Schweigen zu brechen, das sich in ihrer unmittelbaren Umgebung breitzumachen begann, als sie eine Bewegung am anderen Ende des Raumes wahrnahm. Etwas daran alarmierte sie, ohne dass sie sagen konnte, was. Verwundert wandte sie den Kopf - und h�tte fast einen erschrockenen Schrei ausgesto�en.</p><p>Am gegen�ber liegenden Ende des Raumes hatte sich eine T�r ge�ffnet, und drei M�nner waren herausgetreten. Zwei von ihnen trugen dieselbe Art von schmuckloser schwarzer Uniform wie der Beamte, der sie hereingebracht hatte, nur mit etlichen Messingkn�pfen und blitzenden Abzeichen mehr, der dritte einen eleganten schwarzen Cut samt Zylinder und Gehst�ckchen. Noch auff�lliger als seine geckenhafte Kleidung allerdings war der gezwirbelte Schnauzbart, der sein Gesicht zierte ... und der Umstand, dass selbiges auf einer Seite unf�rmig angeschwollen und zum Teil blauschwarz verf�rbt war.</p><p>Bast erkannte ihn trotzdem auf Anhieb wieder, und das, obwohl er bei ihrem letzten Zusammentreffen nichts weiter als schwarze Socken getragen hatte ...</p><p>Sie war dennoch im allerersten Moment so verbl�fft, dass es um ein Haar zu einem Ungl�ck gekommen w�re. Die drei M�nner kamen ohne Eile n�her, und der Schnauzb�rtige unterhielt sich gelassen mit seinen beiden Begleitern - die ihn �berdies mit un�bersehbarem Respekt behandelten - und schien dabei allerbester Laune zu sein; dann und wann lie� er eine offensichtlich scherzhafte Bemerkung fallen, auf die die beiden mit einem gehorsamen L�cheln reagierten, und einmal lachte er sogar laut; was ihm zweifellos nicht leicht fiel, denn seine Lippen waren geschwollen und seine Mundwinkel mit verschorftem Blut verkrustet. Bast starrte ihn so verbl�fft an, dass sie beinahe zu sp�t reagiert h�tte, als er n�her kam und dabei beil�ufig in ihre Richtung sah.</p><p>Im buchst�blich allerletzten Moment begriff sie die Gefahr, in der sie schwebte, machte einen halben Schritt zur�ck und verschmolz gleichzeitig mit den Schatten, und f�r einen winzigen Moment erschien ein Ausdruck von Verwirrung in den blutunterlaufenen Augen des Schnauzb�rtigen. Er stockte, runzelte die Stirn und schien sich selbst in Gedanken eine Frage zu stellen, auf die er aber ganz offensichtlich keine Antwort fand.</p><p>�Mylord?� Einer der beiden Beamten in seiner Begleitung sah ebenfalls - besorgt - in ihre Richtung, erblickte aber ganz offensichtlich nichts Au�ergew�hnliches. Trotzdem fuhr er fort: �Stimmt irgendetwas nicht?�</p><p>Bast hielt instinktiv den Atem an. Sie war vollkommen sicher, sich seinen Blicken entzogen zu haben, und trotzdem starrte der Schnauzb�rtige verunsichert und ganz eindeutig zu lange in ihre Richtung. Dann aber sch�ttelte er fast hastig den Kopf und zwang ein ebenso �bertriebenes wie unechtes L�cheln auf seine verunstalteten Lippen. �Es ist alles in Ordnung�, sagte er hastig und ging weiter; so dicht an Bast vorbei, dass sie ihn m�helos mit der ausgestreckten Hand h�tte ber�hren k�nnen. �Bitte verzeihen Sie mir. Wie es scheint, fange ich schon an, Gespenster zu sehen.�</p><p>�Was ja auch kein Wunder ist, Mylord�, versicherte der Beamte hastig. �Ein solches Erlebnis hinterl�sst seine Spuren, selbst bei unseren M�nnern, und die sind ... �h ... solcherlei Zwischenf�lle gewohnt.�</p><p>�Was schlimm genug ist�, antwortete der Schnauzb�rtige. �Wir m�ssen etwas gegen die Gewaltt�tigkeit in diesen Vierteln unternehmen, Superintendent. Wo kommen wir hin, wenn ein unbescholtener B�rger nicht einmal mehr �ber die Stra�e gehen kann, ohne grundlos �berfallen zu werden.�</p><p>Die drei verlie�en das Geb�ude, und Bast trat ihrerseits wieder in die Wirklichkeit zur�ck und begegnete dem vollkommen fassungslosen Blick ihres F�hrers, der gerade im richtigen Moment zur�ckgekommen war, um zu sehen, wie sie wortw�rtlich aus dem Nichts heraus erschien. Rasch sorgte sie daf�r, dass er die letzten Sekunden schlichtweg verga� und schenkte ihm das freundlichste L�cheln, das sie im Moment nur zustande brachte.</p><p>�Das ging ja schnell.�</p><p>Der Beamte starrte sie noch eine halbe Sekunde lang verwirrt an, bedeutete ihr dann aber mit einer Geste, ihr zu folgen. �Bitte entschuldigen Sie die Umst�nde, aber im Moment geht hier alles noch ein wenig drunter und dr�ber.� Er klang leicht verst�rt.</p><p>�Weil alles noch neu ist.�</p><p>�Ein neues Geb�ude, neue Vorschriften und Regeln ... und jeder nimmt alles furchtbar ernst.� Der Mann l�chelte fl�chtig - und immer noch irgendwie verwirrt, als frage er sich insgeheim, was gerade eigentlich <emphasis>passiert </emphasis>war -, w�hrend er sie vorbei an seinen Kollegen und einen langen Flur hinabf�hrte, von dem zahlreiche T�ren abzweigten. Die allermeisten Zimmer dahinter waren leer, wie Bast sp�rte, aber trotzdem brannte in jedem einzelnen Licht. �Aber das gibt sich, wenn hier erst einmal so etwas wie Alltag eingekehrt ist.�</p><p>Da Bast sp�rte, was er von ihr erwartete, tat sie ihm den Gefallen und sagte: �Ein wirklich beeindruckendes Geb�ude. Die Polizeistationen in meiner Heimat sehen ein wenig anders aus.�</p><p>�London ist auch die gr��te Stadt der Welt�, antwortete ihr F�hrer stolz. �Und wir sind hier fast f�r die gesamte Stadt zust�ndig. Nat�rlich nicht f�r die kleinen Ganoven - mit Taschendieben und kleinen Betr�gern werden die anderen Reviere schon ganz gut allein fertig -, sondern nur f�r Kapitalverbrechen, aber London hat leider auch davon mehr als genug.�</p><p>Bast fragte sich am�siert, was die Belegschaften der <emphasis>anderen </emphasis>Reviere wohl von dieser wenig schmeichelhaften Meinung halten w�rden. �Wieso nennt man es Scotland Yard?�, fragte sie. �Ich finde, es sieht hier nicht besonders schottisch aus.� Mittlerweile gingen sie eine lange, mit einem dicken L�ufer bedeckte Treppe hinauf, die eher in ein k�nigliches Schloss zu geh�ren schien als in ein Polizeihauptquartier. Auch hier hingen kostbare Gem�lde an den W�nden. Die darauf abgebildeten Personen schienen ausnahmslos auf die Besucher hinabzusehen, wodurch sich jeder, der diese Treppe hinaufging, ganz unwillk�rlich klein und unbedeutend vorkam, und ganz zweifellos war dieser Effekt auch durchaus beabsichtigt. Bast vermutete sogar, dass diese Bilder zu keinem anderen Zweck gemalt worden waren.</p><p>�Das hier ist New Scotland Yard�, antwortete ihr uniformierter Begleiter. �Bisher lag es am anderen Ende von Whitehall. Great <emphasis>Scotland Yard - </emphasis>der schottische Hof - war vor der Vereinigung von England Residenz der schottischen K�nige, wenn sie in London waren, oder ihrer Botschafter. Aber das ist schon �ber zweihundert Jahre her. Eine lange Zeit. Heute arbeiten wir hier mit den modernsten Methoden der Welt. Wussten Sie, dass Scotland Yard bisher jeden Fall gel�st hat?� Er nickte heftig, obwohl es Bast nicht einmal in den Sinn gekommen war, seine k�hne Behauptung zu hinterfragen. �Bisher haben wir noch jedes Verbrechen aufgekl�rt.�</p><p>Bast vermutete eher, dass sie f�r jedes Verbrechen einen <emphasis>Schuldigen </emphasis>gefunden hatten, was ganz und gar nicht dasselbe war, aber der Stolz in seiner Stimme war zu gro�, dass sie ihm lieber nicht widersprach. Wahrscheinlich war das bisschen Ruhm, das von diesem Geb�ude und seinem Ruf auf ihn abstrahlte das Einzige, was sein tristes Dasein als Wachtposten aufhellte. Sie sagte nichts mehr, w�hrend sie eine zweite, von mindestens genauso beeindruckenden Gem�lden flankierte Treppe hinauf und dann einen langen Korridor entlanggingen, was ihn allerdings nicht davon abhielt, fr�hlich weiterzuplappern und sie mit historischen Details, Daten und Fakten zu �bersch�tten, von denen die H�lfte vermutlich nicht stimmte und die andere H�lfte sie nicht interessierte. Sie war dennoch mehr als erleichtert, als sie endlich eine zweifl�gelige T�r mit kunstvoll geschnitzter F�llung erreichten. Ihr F�hrer klopfte, wartete einen h�flichen Augenblick ab und dr�ckte dann die Klinke herunter, ohne dass irgendeine Reaktion erfolgt w�re.</p><p>�Ich warte hier auf Sie, Ma'am�, sagte er.</p><p>Bast bedankte sich mit einem artigen Nicken, trat an ihm vorbei und gelangte in einen weitl�ufigen, anders als der Rest des Geb�udes nur schwach erhellten Raum, der von einem �berdimensionalen Kamin und einem nicht minder riesigen Schreibtisch beherrscht wurde. Ein durchdringender Geruch nach Tabakqualm lag in der Luft, und die W�nde wurden fast zur G�nze von - allerdings nahezu leeren - B�cherregalen beherrscht. An dem wuchtigen Schreibtisch sa�en drei M�nner, von denen zwei bei ihrem Eintreten h�flich aufstanden - Abberline und zu Basts nicht geringer �berraschung kein anderer als Jacob Maistowe -, w�hrend der dritte, ein Herr mittleren Alters mit einem Schopf dunklen Haares und wei�em Schnauz- und Backenbart, gekleidet in einen hoch gekn�pften Anzug mit Stehkragen, unger�hrt sitzen blieb und sie k�hl, aber sehr aufmerksam musterte, w�hrend er an einer silbernen Zigarettenspitze sog.</p><p>�Miss Bast!� Abberline trat ihr entgegen. �Sie sind ...�</p><p>�... zu sp�t, ich wei߫, unterbrach ihn Bast. �Es tut mir leid. Ich f�rchte, ich habe den Weg wohl doch ein wenig untersch�tzt.�</p><p>�Ich bin es, der sich entschuldigen muss�, widersprach Abberline. �Ich habe Sie nach Whitehall bestellt und zu sp�t begriffen, dass das nur f�r mich dasselbe ist wie Scotland Yard. Das war unverzeihlich. Ich bin zur�ckgekommen, um dieses Missverst�ndnis aufzukl�ren, aber da waren Sie leider Gottes schon unterwegs.�</p><p>�Ich habe die Gelegenheit genutzt, um mir London anzusehen�, antwortete Bast. �Was man an einem halben Tag davon sehen kann, hei�t das.�</p><p>�Es gibt Menschen, die ihr halbes Leben in London verbringen und es noch nicht kennen�, sagte Abberline l�chelnd. Er zog einen Stuhl zur�ck und deutete auf den Wei�haarigen hinter dem Schreibtisch, dessen Blick Bast die ganze Zeit �ber nicht losgelassen hatte. �Wenn ich vorstellen darf: Mr James Monro, Leiter der Spezialabteilung. Mr Monro - Miss Bast.�</p><p><emphasis>Monro? </emphasis>Bast hatte das Gef�hl, dass ihr dieser Name etwas sagen sollte, aber der Gedanke entschl�pfte ihr, bevor sie ihn richtig zu fassen bekam. Monro nickte, immer noch schweigend, legte aber zumindest seine Zigarettenspitze aus der Hand und bedeutete Bast mit einer wortlosen Geste, Platz zu nehmen. Sein scharfer Blick war ihr auf Anhieb unsympathisch.</p><p>�Ich bin �berrascht, Sie hier zu sehen, Kapit�n�, wandte sich Bast an Maistowe, nachdem sie Platz genommen und sich auch Abberline und Maistowe wieder gesetzt hatten. �Was genau haben <emphasis>Sie </emphasis>mit dieser Angelegenheit zu tun?�</p><p>�Dasselbe wie Sie, Verehrteste�, antwortete Maistowe. �Nichts. Aber nachdem Frederick zur�ckkam und mir gebeichtet hat, Sie versehentlich auf eine kleine Odyssee geschickt zu haben, habe ich darauf bestanden, ihn zu begleiten und Sie n�tigenfalls zu suchen.�</p><p>�So schnell gehe ich nicht verloren, keine Sorge�, antwortete Bast l�chelnd. Sie sp�rte, dass er log. Oder ihr zumindest etwas verschwieg.</p><p>�Ich habe Inspektor Abberline gebeten, Kapit�n Maistowe zu diesem Gespr�ch mitzubringen�, sagte Monro ruhig. Er hatte eine �berraschend kraftvolle und zugleich sanfte Stimme, fand Bast. Aber auch sie machte ihr diesen Mann nicht wirklich sympathischer. Nun ja, zumindest schien er nicht viel von Smalltalk zu halten.</p><p>�Darf ich fragen, warum?�, gab sie ebenso offen zur�ck.</p><p>�Aus dem gleichen Grund, aus dem ich Sie hierher gebeten habe, gn�dige Frau�, antwortete er. �Ich habe mir vom Hafenmeister die Papiere der <emphasis>Lady of the </emphasis>Mist kommen lassen und seine Angaben �berpr�ft. Das Schiff ist tats�chlich erst vor drei Tagen in England angekommen, und die Papiere best�tigen seine Abfuhr in Kairo acht Tage zuvor. Sie sind dort an Bord gegangen?�</p><p>�Wie Sie zweifellos ebenfalls �berpr�ft haben�, antwortete Bast k�hl. �Darf ich fragen, warum Sie mein Alibi �berpr�fen, Mr Monro?�</p><p>�Das geht nicht gegen Sie pers�nlich�, versicherte Abberline hastig. Die Situation war ihm sichtlich peinlich. �Es ist reine Routine. Mr Monros Abteilung ber�t uns im Fall der so genannten Ripper-Morde.�</p><p>�Nachdem Sie mit Ihren Ermittlungen nicht weitergekommen sind, vermute ich�, meinte Bast.</p><p>Abberline wurde blass, und Monro machte sich nun nicht einmal mehr die M�he, Freundlichkeit zu heucheln. Er griff wieder nach seiner Zigarettenspitze und nahm einen tiefen Zug, atmete den Rauch aber nicht wirklich ein. �Es besteht kein Grund zur Beunruhigung f�r Sie, Miss Bast�, sagte er. �Es ist so, wie Inspektor Abberline sagt: Ein solches Vorgehen ist reine Routine, in einem Fall wie diesem. Und wer ein gutes Gewissen hat, der hat schlie�lich auch nichts zu bef�rchten. Ich gehe im Moment nicht davon aus, dass Sie irgendetwas mit diesen schrecklichen Verbrechen zu tun haben.�</p><p>Bast ignorierte das �im Moment�. �Und warum bin ich dann hier?�, fragte sie.</p><p>�Ich habe Mr Monro von Ihnen erz�hlt, Bast�, sagte Abberline rasch, �und er ist genau wie ich der Meinung, dass Sie uns vielleicht bei der Aufkl�rung dieser Morde behilflich sein k�nnten.�</p><p>Auch das war zumindest nicht die <emphasis>ganze </emphasis>Wahrheit, wie Bast sp�rte, aber sie runzelte trotzdem nur die Stirn und fragte: �Wieso ich?�</p><p>�Sie stammen aus �gypten, gn�dige Frau?�, fragte Monro, bevor Abberline antworten konnte. Er wartete ihre Antwort auch gar nicht ab, sondern fuhr unmittelbar fort. �Nun, wie Sie vielleicht geh�rt haben, gn�dige Frau, ist Scotland Yard f�r seine modernen Ermittlungsmethoden bekannt. Kluge M�nner wie zum Beispiel Inspektor Abberline hier sind daf�r bekannt, auch mit unkonventionellen Mitteln an einen Fall heranzugehen, und die Fakten aus ... sagen wir: <emphasis>ungew�hnlichen Blickwinkeln </emphasis>zu hinterfragen.� Er warf Abberline einen Blick zu, der Bast beinahe drohend vorkam. �Inspektor Abberline hat Ihnen berichtet, dass es da gewisse Fakten gibt, �ber die wir die Presse und die �ffentlichkeit bisher nicht informiert haben?�</p><p>Bast unterdr�ckte den Impuls, Abberline einen fragenden Blick zuzuwerfen. Sie konnte sp�ren, wie unwohl er sich f�hlte. �Sie meinen die M�nner in Schwarz?�, fragte sie. �Die so aussehen wie ich?� Sie sch�ttelte den Kopf. �Nicht mehr, als dass sie gesehen wurden ... angeblich. Ich w�sste nicht, inwiefern ...�</p><p>�Nicht angeblich�, unterbrach Monro sie k�hl. �Sie <emphasis>wurden </emphasis>gesehen, von mehreren Zeugen. Man k�nnte sich nun durchaus fragen, ob es tats�chlich ein Zufall ist, dass Sie ausgerechnet jetzt hier auftauchen, gn�dige Frau. Wie es der Zufall will, war ich fr�her in Indien und bin auf dem R�ckweg durch Ihr Heimatland gereist; die Menschen dort sind mir also nicht g�nzlich unbekannt. Eine Erscheinung wie die Ihre ist auch dort zumindest ungew�hnlich, stimmen Sie mir da zu?�</p><p>�Worauf wollen Sie hinaus?�, fragte Bast.</p><p>�Inspektor Abberline hat mir erz�hlt, dass Sie nach England gekommen sind, um nach einem Bekannten zu suchen?�, fragte Monro.</p><p>�Einer Bekannten�, verbesserte ihn Bast betont. �Genauer gesagt, meiner Schwester. Und ich kann Ihnen versichern, dass sie bestimmt nicht heruml�uft und Menschen aufschlitzt.�</p><p>�Das glaube ich Ihnen gern�, antwortete Monro. �Ich w�rde Sie trotzdem bitten, Inspektor Abberline die Adresse dieser Dame zu geben.�</p><p>�Sobald ich sie herausgefunden habe�, antwortete Bast. �Ich bin hierhergekommen, um sie zu suchen.�</p><p>�Das hei�t, Sie haben sie noch nicht ausfindig gemacht�, seufzte Monro. <emphasis>Und wissen also auch nicht, wo sie zu den fraglichen Zeitpunkten war. </emphasis>�Das ist bedauerlich. Dennoch ...� Sein Blick wurde nachdenklich. �Lassen Sie mich noch einmal auf Ihre Kleidung zur�ckkommen, Miss Bast. Sie ist recht ... ungew�hnlich. Symbolisiert sie m�glicherweise die Zugeh�rigkeit zu einer Gruppe oder Kaste?�</p><p>Bast sah ihn fragend an.</p><p>�Vielleicht einer religi�sen Gruppierung?�</p><p>�Einer Sekte, meinen Sie?�</p><p>Monro wedelte unwillig mit seiner Zigarettenspitze. �Ich wollte damit keinerlei Wertung abgeben�, sagte er. �Nur sind diese Morde ... recht bizarr. Sie k�nnten durchaus religi�s motiviert sein. Sie wissen, dass dieser Wahnsinnige seine Opfer regelrecht ausgeweidet hat?�</p><p>�Er hat ihnen die inneren Organe entfernt, ja.� Bast nickte. �Inspektor Abberline hat so etwas erw�hnt.�</p><p>Monros Blick wurde durchdringend. �Gab es diese Sitte in Ihrem Land nicht ebenfalls?�</p><p>�Vor langer Zeit, ja�, best�tigte Bast. �Zur Zeit der Pharaonen. Tats�chlich hat man den toten Pharaonen die inneren Organe entnommen, bevor sie einbalsamiert wurden ... aber das ist dann doch ein kleiner Unterschied.�</p><p>�Das sehen Sie so, gn�dige Frau, und ich, weil wir beide vern�nftige und logisch denkende Menschen sind�, antwortete Monro. �Wenn man es mit, sagen wir, religi�sen Fanatikern zu tun hat, verliert das Wort Logik leider Gottes manchmal nur zu schnell seine Bedeutung.�</p><p>�Religi�se Fanatiker?�</p><p>�Vielleicht auch einfach nur Verr�ckte�, sagte Monro. �Ich muss gestehen, dass wir im Moment ziemlich im Dunkeln tappen, aber wir gehen allen Hinweisen nach. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie werden in keiner Weise verd�chtigt. Doch im Augenblick sind wir f�r jede Hilfe dankbar. Ganz gleich von welcher Seite.�</p><p>Das war es, was er sagte. Was er <emphasis>dachte, </emphasis>war etwas vollkommen anderes. Bast musste seine Gedanken nicht einmal lesen, um das zu begreifen. Dass dieser Mr Monro, obwohl er angeblich f�r das Innenministerium arbeitete, hier als Berater in Scotland Yard residierte, war schon suspekt genug. Es ging ihm gar nicht wirklich um die Aufkl�rung der Morde, es war alles nur ein Teil eines Machtspiels. Monro brauchte einfach einen Schuldigen, den er der �ffentlichkeit pr�sentieren konnte, um sich selbst zu profilieren und wom�glich dem amtieren Polizeichef, der in diesem ganzen Fall bislang keine sehr gl�ckliche Figur abgegeben hatte, eins auszuwischen und sich selbst als Nachfolger ins Gespr�ch zu bringen. Wahrscheinlich dachte er insgeheim schon �ber einen Weg nach, sie trotz ihrer Alibis auf die Liste der m�glichen Verd�chtigen zu setzen.</p><p>�Wo immer ich Ihnen helfen kann, tue ich es gern�, antwortete sie. �Aber ich f�rchte, ich wei� noch sehr viel weniger �ber die schreckliche Angelegenheit als Sie.�</p><p>�Und einen Photographen namens Saperstein kennen Sie auch nicht�, vermutete Monro.</p><p>Bast sch�ttelte wahrheitsgem�� den Kopf. �Wer soll das sein?�</p><p>�Ein Journalist, der mir dann und wann einen Gefallen tut�, antwortete Abberline an Monros Stelle. �Sie m�ssten ihn eigentlich gesehen haben. Er hat heute Morgen Photographien gemacht, in der Goulsten Street.�</p><p>�Und?�</p><p>�Er hatte mir zugesagt, die Abz�ge bis sp�testens Mittag in meinem B�ro abzugeben�, sagte Abberline. �Seither hat niemand mehr etwas von ihm gesehen oder geh�rt.�</p><p>�Was nichts bedeuten muss�, f�gte Monro d�ster hinzu. �Diese Presseleute z�hlen nicht unbedingt zu den Menschen, die ich kenne.�</p><p>Und nicht unbedingt zu denen, die er am meisten mochte, f�gte Bast in Gedanken hinzu. �Sie m�gen die Presse nicht besonders.�</p><p>�Nein�, gestand Monro unumwunden. �Und seit heute sogar noch ein bisschen weniger.�</p><p>Bast runzelte fragend die Stirn, und Monro warf Abberline einen ebenso missmutigen wie auffordernden Blick zu, woraufhin dieser unter seine Jacke griff und einen zusammengefalteten Zettel herauszog, den er Bast reichte. �Das wurde heute der Central News Agency zugestellt�, sagte er. �Eine Postkarte, angeblich vom <emphasis>Ripper </emphasis>pers�nlich abgeschickt.�</p><p>Bast faltete das Blatt auseinander. Es war keine Postkarte, sondern eine in einer fast unleserlichen Handschrift ausgef�hrte <emphasis>Abschrift </emphasis>derselben, die selbst Bast in dem schwachen Licht nur m�hsam entziffern konnte.</p><p>Abberline nahm ihr die Arbeit ab. �Das meiste sind die �blichen Beschimpfungen und Angebereien�, sagte er. �Der Kerl verh�hnt die Polizei, wie �blich ...� Er hob die Schultern. �Wortwahl und Diktion �hneln den anderen Briefen, aber leider liegt uns die originale Postkarte nicht vor, sondern nur diese Kopie, die mir zugespielt wurde, sodass ich die Handschrift nicht vergleichen kann, aber ich bin dennoch sicher, dass der Verfasser dieser Karte und der der vorherigen Ripper-Briefe identisch sind.�</p><p>Er hatte nicht gesagt �der Ripper�, dachte Bast, sondern �der Verfasser der Ripper-Briefe�. �Sie glauben nicht, dass diese Briefe von dem wirklichen M�rder stammen?�, fragte sie.</p><p>�Vielleicht ja, vielleicht will sich auch nur einer dieser Schmieranten wichtig machen�, antwortete Monro. �Das Ergebnis bleibt sich gleich.� Er nahm Bast das Blatt aus der Hand, legte es mit der Schrift nach unten vor sich auf den Tisch und warf Abberline einen zornigen Blick zu.</p><p>�Und welches w�re das?�</p><p>�Panik�, sagte Monro finster. �Allm�hlich beginne ich mich zu fragen, ob der wahre Grund f�r diese Morde nicht darin besteht, Unruhe und Panik unter der Bev�lkerung Londons zu sch�ren.�</p><p>�Vier Tote sind schlimm�, sagte Bast ernst, �aber doch kaum schlimm genug, um gleich einen Aufruhr zu verursachen, oder?�</p><p>�Es sind vermutlich weit mehr als vier�, sagte Abberline. �Das ist unser Problem. Es gibt vier Bekennerbriefe, dieses ... Pamphlet von heute mitgerechnet, und die Unruhe unter der Bev�lkerung w�chst mit jedem einzelnen, aber wir haben eine ganze Anzahl weiterer Toter, von denen wir ... <emphasis>vermuten, </emphasis>dass sie demselben T�ter zuzuschreiben sind. Sollte das bekannt werden ... nun ... Whitechapel ist ein Pulverfass, Miss Bast. Und die Z�ndschnur wird mit jedem Mord k�rzer, den wir nicht aufkl�ren. Die Presse macht es uns nicht unbedingt leichter, f�rchte ich.� Er deutete mit einem tiefen Seufzen auf den Brief vor Monro. �Mein Vertrauensmann bei der Presse riskiert seine Anstellung, indem er mir diese Abschrift zukommen lie�. Die Presse ist in diesem Fall leider nicht besonders kooperativ. Normalerweise h�tten wir aus der Zeitung von morgen Kenntnis von dieser Postkarte erhalten.�</p><p>�Aber warum?�</p><p>�Das ist m�glicherweise meine Schuld�, sagte Monro. �Ich war und bin der Meinung, dass diese Bekennerbriefe nichts als F�lschungen sind, geschrieben von einem sensationsl�sternen Journalisten, der auf diese Weise die Auflage seiner Gazette in die H�he zu treiben versucht. Und ich habe aus dieser Einstellung nie einen Hehl gemacht.�</p><p>�Der Verfasser dieser Karte wei� immerhin, dass es in der vergangenen Nacht <emphasis>zwei </emphasis>Morde gegeben hat�, gab Abberline zu bedenken. �Und er wusste auch von der Kreideschrift an der Wand.�</p><p>�Wie jeder, der dort war�, sagte Monro.</p><p>�Aber die Karte wurde <emphasis>vor </emphasis>den beiden Morden abgeschickt�, sagte Abberline. �Sie muss bereits gestern Abend aufgegeben worden sein, denn sie kam bereits heute Mittag in der Redaktion an.�</p><p>�Das behaupten Ihre Freunde von der Presse�, schnaubte Monro. �Sie k�nnen diese Karte ebenso selbst geschrieben haben ... wer wei� - vielleicht war es am Ende sogar dieser Saperstein selbst, auf den Sie ja so gro�e St�cke halten?� Abberline wollte etwas dazu sagen, aber Monro brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Verstummen, noch bevor er �berhaupt den Mund aufmachen konnte, und fuhr stirnrunzelnd und weiter direkt an Bast gewandt fort: �Also gut. Leider ist meine Zeit begrenzt. So sehr ich es auch genie�e, mit Ihnen zu plaudern, rufen mich doch leider auch andere, weitaus unerfreulichere Pflichten. Ich kann mich also darauf verlassen, dass Sie Inspektor Abberline auf dem Laufenden halten, was die Suche nach Ihrer Freundin angeht?�</p><p>Bast konnte sich nicht erinnern, irgendetwas in dieser Art gesagt zu haben und starrte Monro nur verbl�fft an, was diesem als Antwort aber vollkommen zu gen�gen schien. �Und Sie informieren den Inspektor auch, falls Sie vorhaben, die Stadt zu verlassen.�</p><p>Bast schluckte ihren �rger zwar m�hsam herunter, konnte sich aber nicht verkneifen, in scharfem Ton zu sagen: �Und auch, wenn mir zwei Hobby-Einbalsamierer �ber den Weg laufen sollten, die sich um ein paar tausend Jahre in der Zeit geirrt haben. Selbstverst�ndlich.�</p><p>Abberline sog h�rbar die Luft zwischen den Z�hnen ein, und auch Maistowe wurde deutlich blasser. Monro sagte eisig: �Das ist nicht im Geringsten komisch, Gn�digste. Wir haben es hier mit einem Irren zu tun, der offenbar wahllos Frauen abschlachtet, und es ist meine Aufgabe, die nationale Sicherheit zu bewahren. Ich wei� nicht, wie es dort ist, wo Sie herkommen, aber von mir erwartet man, dass ich diese Aufgabe ernst nehme. Und genau das werde ich tun. Ich werde jeder Spur in diesem Fall nachgehen, und sei sie noch so abwegig oder absurd.�</p><p>�Bin ich denn eine Spur?�, fragte Bast k�hl.</p><p>Monro blieb vollkommen unbeeindruckt. �Das wei� ich nicht�, antwortete er. �Ganz offensichtlich haben Sie zumindest f�r die ersten Morde ein Alibi. Aber irgendetwas sagt mir, dass Sie etwas mit dieser Geschichte zu tun haben, und sei es nur, dass Sie mir etwas verschweigen. Und solange ich dieses Gef�hl habe, werde ich Sie im Auge behalten. Ich kann nur hoffen, dass Sie Verst�ndnis daf�r haben.�</p><p>Das hatte Bast sogar. So sehr sie seine �berhebliche Art auch �rgerte, sp�rte sie zugleich auch die Entschlossenheit dahinter: Er <emphasis>wollte </emphasis>diesen Fall zu einem Abschluss bringen, und er war nicht zu untersch�tzen. Ein Mann mit einem klaren Ziel vor Augen, der notfalls �ber Leichen ging.</p><p>�Sicher�, sagte sie. �Bitte verzeihen Sie, wenn ich mich im Ton vergriffen hatte. Sollte ich irgendetwas herausfinden oder mir noch etwas einfallen, gebe ich Inspektor Abberline Bescheid.� Sie stand auf. �War das dann alles?�</p><p>�F�r den Moment, ja.� Monro machte sich auch jetzt nicht die M�he, sich zu erheben oder auch nur ein freundliches Gesicht aufzusetzen, sondern griff - Bast war sicher, vollkommen wahllos - nach einer Akte und begann darin zu lesen. Bast lie� noch eine Sekunde verstreichen, aber dann wandte sie sich mit einem Ruck um und ging nach drau�en.</p><p>Der Beamte, der sie hergef�hrt hatte, wartete noch immer auf sie, trollte sich aber gehorsam, als Maistowe und Abberline ihr folgten und Letzterer ihn mit einer unwilligen Geste davonscheuchte. Deutlich langsamer als er machten sie sich ebenfalls auf den R�ckweg, aber Abberline wartete, bis der Mann auch sicher au�er H�rweite war, dann sagte er mit besorgtem Gesicht und in noch weit besorgterem Ton:</p><p>�Sie sollten Mr Monro nicht so reizen, Miss Bast. Wenn Sie mir die Bemerkung gestatten: Das war nicht sehr klug.�</p><p>�Er war auch nicht gerade h�flich�, sagte Maistowe, bevor Bast antworten konnte. �H�tten Sie mich nicht vorher gebeten, mich zur�ckzuhalten, h�tte ich diesen Burschen in seine Schranken verwiesen! So spricht man nicht mit einer Lady! Gro�er Gott, und so etwas ist Mitglied des Badeordens.�</p><p>�Des <emphasis>was?</emphasis>�<emphasis>, </emphasis>fragte Bast entgeistert.</p><p>�Des H�chst Ehrenvollen Ordens vom Bade. Das ist der viertwichtigste Orden der britischen Krone.�</p><p>�Ihr Engl�nder seid schon ein merkw�rdiges Volk�, meinte Bast. �Ich wusste gar nicht, dass englische M�nner �berhaupt baden, aber auch noch einen Orden daf�r zu verleihen ...�</p><p>�Ich kann mich f�r Mr Monros Verhalten nur entschuldigen�, ging Abberline �ber das Gepl�nkel hinweg. �Ich kenne ihn als einen recht kompetenten Mann. Erst im letzten Jahr hat er beim goldenen Thronjubil�um ein Attentat der irischen Nationalisten vereitelt. Er steht unter einem enormen Erfolgsdruck, m�ssen Sie wissen!�</p><p>�Trotzdem kein Grund, seine guten Manieren zu vergessen!�, knurrte Maistowe. �Schon gar nicht einer Lady gegen�ber!�</p><p>�Bitte!�, mischte sich Bast ein. �Niemandem ist gedient, wenn Sie sich jetzt auch noch streiten, meine Herren. Ich kann Monro ja sogar verstehen.� <emphasis>Vor allem, wo er gar nicht einmal so weit von der Wahrheit entfernt ist. </emphasis>�Ich an seiner Stelle h�tte vielleicht ganz �hnlich reagiert.�</p><p>�Ich auch�, r�umte Maistowe ein. �Aber ich h�tte es anders ausgedr�ckt.�</p><p>Abberline l�chelte, aber er gab sich nicht einmal die M�he, den Ausdruck tiefer Sorge zu verhehlen, die sich hinter diesem L�cheln verbarg.</p><p>Wortlos legten sie den restlichen Weg nach unten zur�ck. Obwohl sie diesmal in Begleitung eines Kriminalinspektors war, musste Abberline sie penibel aus demselben Buch austragen lassen, in das der Konstabler sie bei ihrem Kommen eingetragen hatte, bevor sie das Geb�ude endg�ltig verlassen durfte. Maistowe runzelte missbilligend die Stirn, hielt sich aber zu Basts Erleichterung mit jeglichem Kommentar zur�ck, und schlie�lich waren sie wieder im Freien.</p><p>�Soll Ihnen der Konstabler einen Wagen holen?�, fragte Abberline.</p><p>�Das ist nicht n�tig�, antwortete Bast. �Arthur hat mich hergefahren. Er wartet mit dem Wagen unten beim Obelisken auf mich.�</p><p>�Victoria Embankment.� Abberline nickte. �Das ist nicht besonders weit. Trotzdem sollten Sie nicht allein gehen. Nicht bei Dunkelheit. Ich w�rde Sie gern begleiten, aber leider habe ich noch zu tun. Einer der Konstabler kann Sie ...�</p><p>Maistowe r�usperte sich �bertrieben, und Abberline sah ihn eine Sekunde lang verwirrt an. �Also gut�, sagte er. �Dann verlasse ich mich darauf, dass Sie Miss Bast sicher zur�ck in die Pension bringen.�</p><p>�Ich werde mich bem�hen�, sagte Maistowe beleidigt.</p></section><section><title><p id="FUENFTES_Kapitel">F�NFTES Kapitel</p></title><p>Obwohl es inzwischen vollkommen dunkel geworden war, herrschte auf der Stra�e noch ein reges Treiben. Vielleicht lag es am Wochentag - es war Sonntag, ein Tag, der den Menschen in diesem Land heilig war, soweit Bast wusste, den sie aber auch f�r ihr pers�nliches Am�sement nutzten -, vielleicht besa� Whitehall mit seinen Prachtbauten und Denkm�lern auch einfach selbst f�r die Einwohner Londons eine ganz besondere Anziehungskraft; so oder so kam es ihr vor, als w�ren jetzt eindeutig <emphasis>mehr </emphasis>Menschen auf der Stra�e als vorhin, als sie gekommen war. Dann und wann waren die Gehsteige so �berf�llt, dass sie auf die Fahrbahn ausweichen mussten.</p><p>Seltsamerweise f�hlte sie sich kein bisschen sicherer. Im Gegenteil. Der Abend war klar und wolkenlos, und es war sogar w�rmer als heute Mittag, als sie aufgebrochen war. Auch der anheimliche Nebel hatte sich inzwischen g�nzlich verfl�chtigt, und dennoch hatte sie ein Gef�hl von Unwirklichkeit, das sich jedem Versuch hartn�ckig widersetzte, es zu verscheuchen oder ihm gar mit etwas so Profanem wie <emphasis>Logik</emphasis> beizukommen. Wie zuvor am Mittag versp�rte sie pl�tzlich etwas wie eine Bedrohung, ein Gef�hl, als w�rde sich etwas ebenso Unsichtbares wie Erstickendes ganz langsam, aber auch unerbittlich um sie zusammenziehen. �Sie brauchen sich nicht zu sorgen�, sagte Maistowe pl�tzlich. �Zum einen ist das hier nicht das East End, sondern die City of London, und zum anderen bin ich ja bei Ihnen.� Er grinste schief. �Was immer das hei�en mag.�</p><p>Bast sah ihn im ersten Moment einfach nur verst�ndnislos an, bis ihr klar wurde, dass sie sich immer wieder argw�hnisch umgeblickt hatte, seit sie Scotland Yard verlassen hatten. Jetzt war sie es, die sich in ein verungl�cktes L�cheln rettete. �Ich habe keine Angst�, sagte sie und kam sich dabei ziemlich n�rrisch vor. �Ich hatte nur so ein Gef�hl ...�</p><p>�... beobachtet zu werden?� Maistowe nickte grimmig. �Vielleicht ist es nicht einmal falsch. Mir geht es n�mlich genauso.� Er wandte im Gehen den Kopf und sah sich demonstrativ um. �Es sollte mich nicht wundern, wenn Abberline uns trotz allem einen Begleiter mitgegeben hat. Wenn auch einen, der es vorzieht, unerkannt zu bleiben.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Bast verstand, was er meinte. �Sie glauben, er l�sst uns beobachten? Aber ich dachte, dieser Mann w�re Ihr Freund.�</p><p>�Er schon, aber Monro nicht�, sagte Maistowe grimmig. �Ich traue diesem Kerl nicht.�</p><p>�Ich auch nicht�, pflichtete ihm Bast bei. �Aber uns verfolgt niemand. Ich w�rde es merken, glauben Sie mir.�</p><p>Maistowe blieb skeptisch. �Nicht alle Polizisten tragen Rock und steifen Hut�, sagte er.</p><p>�Ich w�rde es merken�, beharrte Bast. Aber w�rde sie das wirklich? Sie war sich dessen nicht so sicher, wie sie es gerne gewesen w�re. Irgendetwas ... <emphasis>war </emphasis>da.</p><p>�Ja, vermutlich�, gestand Maistowe. �Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen. Das alles ist mir so unendlich peinlich. Sie m�ssen einen ganz schrecklichen Eindruck von unserem Land bekommen haben.�</p><p>�Ganz und gar nicht�, widersprach Bast. �Im Gegenteil. Selbst Monro ...� Sie hob die Schultern. �Ich glaube nicht, dass ich ihn zu meinen Freunden z�hlen m�chte, aber er scheint mir trotzdem ein Mann zu sein, der seine Pflichten ernst nimmt.�</p><p>�Zweifellos�, sagte Maistowe. Es klang fast widerwillig. �Aber er wei� anscheinend nicht, wer seine Feinde und wer seine Freunde sind!�</p><p>Vielleicht wusste er es sogar besser, als gut f�r ihn war, dachte Bast. Weder sein Orden noch sein Rang w�rden Monro sch�tzen, wenn Horus und Sobek zu dem Schluss kamen, dass er ihnen auf der Spur war, und entschieden, etwas dagegen zu unternehmen.</p><p>�Machen Sie sich keine Sorgen, Kapit�n�, antwortete sie. �Ich will nicht sagen, dass ich erfreut �ber diese Situation w�re, aber glauben Sie mir: W�re es andersherum und ich w�re als Ausl�nderin in unserem Land in Verdacht geraten, w�re ich wohl kaum so glimpflich davongekommen.�</p><p>�Das sagen Sie nicht nur, um mich zu beruhigen?�, fragte Maistowe. Er ma� sie mit einem sonderbaren Blick.</p><p>�Ich sage stets das, was ich denke, Kapit�n�, antwortete Bast.</p><p>�Das freut mich.� Maistowe fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen. �Aber tun Sie mir doch den Gefallen und nennen mich Jacob. Kapit�n klingt so ... distanziert!�</p><p>�Aber Sie sind doch Kapit�n, oder?�</p><p>�Nur auf meinem Schiff�, widersprach Maistowe. Er wirkte pl�tzlich noch unsicherer, und Bast schickte ein Sto�gebet zum Himmel, dass er sich nicht ausgerechnet diesen Moment ausgesucht haben mochte, all seinen Mut zusammenzukratzen und ihr auch ganz offen den Hof zu machen. Aber sie wurde nicht erh�rt. �Hier an Land bin ich ... nun, was immer Sie w�nschen, dass ich es f�r Sie bin, Bast.�</p><p>Nun war es heraus. Bast sp�rte Maistowes Erleichterung, die Worte endlich ausgesprochen zu haben, aber auch seine Unsicherheit, wie ihre Reaktion wohl ausfallen mochte. F�r einen Moment wusste sie selbst nicht, wie sie reagieren sollte. Was Maistowe da im Sinn hatte, am�sierte sie zum einen - selbst wenn sie nicht gewesen w�re, was sie nun einmal war, h�tten sie nun wirklich nicht zusammengepasst -, aber er tat ihr auch leid. Statt ihn auf anderem Wege von seiner albernen Idee abzubringen, versuchte sie es schlichtweg mit der Wahrheit. Sie blieb stehen, wandte sich Maistowe ganz zu und sah ihm fest in die Augen. Aber mehr auch nicht.</p><p>�Es reicht mir vollkommen, wenn Sie genau das bleiben, was Sie sind, Kapit�n�, sagte sie. �Ein guter Freund.�</p><p>�Oh�, murmelte Maistowe.</p><p>�Das ist viel mehr, als ich in diesem Land zu finden gehofft habe�, fuhr sie fort. �Und es ist etwas sehr Kostbares, das Sie nicht untersch�tzen sollten.� Sie hob die Hand, als er etwas sagen wollte. �Nein, widersprechen Sie mir bitte jetzt nicht aus H�flichkeit. Ich meine es ernst. Ich wei�, dass Sie sich vielleicht ... etwas anderes erhofft haben, aber das h�tte keinen Sinn. Ich habe Ihnen erz�hlt, wer ich bin. Was ich bin. Ich w�rde Ihnen nur Ungl�ck bringen. Aber ich sch�tze Sie als einen ebenso aufrechten wie ehrlichen Mann.�</p><p>�Ich verstehe.� Maistowe r�usperte sich unecht. �Es tut mir leid. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich bitte um Verzeihung.�</p><p>�Da gibt es nichts, was ich Ihnen verzeihen m�sste, Kapit�n.� Bast lachte leise. �Welcher Frau schmeichelt es nicht, wenn ihr ein Mann den Hof macht? Die meisten geben es nur nicht zu, das ist alles.� Sie zwinkerte ihm zu. �Bleiben wir trotzdem Freunde?�</p><p>�Selbstverst�ndlich.� Maistowe gab sich alle M�he, sich zu beherrschen, aber Bast sp�rte trotzdem, dass er um seine Selbstbeherrschung k�mpfte. Unendlich behutsam nahm sie ihm zumindest seine �rgste Entt�uschung - und den allergr��ten Teil der Scham, die er pl�tzlich empfand. In Basts Augen gab es nicht den mindesten Grund daf�r, aber es gab selbst nach all der Zeit noch immer Dinge, die sie bei diesen Sterblichen einfach nicht verstand.</p><p>Sie gingen weiter. Das Gef�hl einer lautlosen Gefahr war noch immer da, wurde aber nun von dem Aufruhr an Empfindungen, den sie zu ihrer eigenen Verbl�ffung ebenfalls versp�rte, nahezu �berlagert, und wahrscheinlich war es ohnehin nur Einbildung gewesen. Maistowe schwieg auf den ersten zwei oder drei Dutzend Schritten, und Bast konnte ihm regelrecht ansehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete, und schlie�lich verlegte er sich auf den hoffnungslos unzul�nglichen Versuch, Konversation zu machen. Er begann ihr die Geb�ude, Denkm�ler und Parks zu erkl�ren, an denen sie vor�berkamen, und Bast versuchte immerhin, Interesse zu heucheln. Insgeheim war sie allerdings erleichtert, als sie sich endlich dem Victoria Embankment n�herten und sich die Silhouette der kleinsten der drei Nadeln der Kleopatra wie ein mahnend ausgestreckter Zeigefinger vor ihnen in den Nachthimmel erhob. Unverz�glich wollte sie auf die Stra�e hinaustreten und den Weg auf diese Weise abk�rzen, und Maistowe ergriff sie hastig am Arm und riss sie zur�ck.</p><p>Keinen Moment zu fr�h. Ein viersp�nniges und ebenso gro�es wie bizarres Gef�hrt rumpelte auf schweren eisenbeschlagenen R�dern vor�ber; so dicht, dass sie den sachten Luftzug sp�ren konnte, den die mannshohen Speichenr�der verursachten.</p><p>�Vorsicht!�, mahnte Maistowe. �Sie wollen doch nicht unter die R�der kommen, oder?� Er lachte unecht, wirkte aber mindestens ebenso erschrocken wie sie, und nach einem weiteren Atemzug zog er die Hand hastig zur�ck und sah irgendwie so aus, als wollte er sich daf�r entschuldigen, sie �berhaupt angefasst zu haben.</p><p>�Was ... war das?� Bast sah dem sonderbaren Gef�hrt, das sie um ein Haar �berrollt h�tte, erschrocken nach. Es bot wirklich einen bizarren Anblick: Es war tats�chlich eine Art Droschke, wenngleich auch die gr��te, die sie jemals gesehen hatte. Obgleich von nur zwei Pferden gezogen, war sie mindestens f�nfmal so lang und deutlich breiter als eine normale Kutsche und hatte zahlreiche Fenster, durch die man in ihr von Petroleumlampen erhelltes Inneres sehen konnte. Bast machte eine Anzahl unbequem aussehender, h�lzerner Sitzb�nke aus, auf denen sich vielleicht ein Dutzend M�nner und Frauen befanden - und damit war das seltsame Gef�hrt noch nicht einmal ann�hernd besetzt.</p><p>�Die Tram�, antwortete Maistowe. Er zog eine Grimasse. �Die neueste Idee der Londoner Stadtverwaltung. So etwas wie eine Kutsche, die stets denselben Weg f�hrt und an bestimmten Punkten anh�lt, um Fahrg�ste einzusammeln. Eine v�llig verr�ckte Idee, wenn Sie mich fragen. Das wird niemals funktionieren.�</p><p>Bast fand den Einfall gar nicht einmal so schlecht, aber sie sagte nichts dazu. So bizarr ihr das davonrumpelnde Gef�hrt auch vorkam, viel mehr erschreckte sie die blo�e Tatsache, dass es <emphasis>Maistowe </emphasis>gewesen war, der <emphasis>sie </emphasis>gerettet hatte. Sie hatte das heranrollende Fahrzeug nicht einmal <emphasis>geh�rt! </emphasis>Und das h�tte einfach nicht passieren d�rfen!</p><p>�Ist alles in Ordnung?�, fragte Maistowe besorgt.</p><p>�Ja, sicher�, antwortete Bast. �Ich war nur ... erschrocken.�</p><p>�Die Segnungen der modernen Zeiten�, philosophierte Maistowe. �Nicht alles was modern ist, ist deswegen auch automatisch gut.� Sein Blick wurde ehrlich besorgt. �K�nnen Sie weitergehen?�</p><p>Bast beantwortete seine Frage, indem sie ganz genau das tat: Sie ging weiter, und pl�tzlich war es Maistowe, der sich sputen musste, um nicht zur�ckzufallen. Das sonderbare Gef�hrt rumpelte davon und verschwand schlie�lich im Grau der Nacht ... aber nicht v�llig.</p><p>Etwas ... blieb. Es war, als <emphasis>weigere </emphasis>sich die Nacht, den Schatten vollkommen in sich aufzunehmen. Irgendetwas ... bewegte sich weiter, verborgen in der Dunkelheit, aber nicht g�nzlich. Etwas wie eine Gestalt, d�ster und verschwommen und mit sonderbar wabernden Umrissen, wie ein riesiger schwarzer Vogel, der tr�ge die Fl�gel bewegte, und ...</p><p>�Ist auch wirklich alles in Ordnung?�, fragte Maistowe.</p><p>Bast blinzelte, und der Schatten war verschwunden. �Nein�, sagte sie. �Ich meine: Nein, es ist nichts. Ich dachte, ich ... h�tte etwas gesehen, aber ich muss mich get�uscht haben.�</p><p>Maistowes Blick machte ihr klar, wie wenig �berzeugend diese Antwort klang, aber sie gab ihm erst gar keine Gelegenheit, eine entsprechende Frage zu stellen, sondern ging schon beinahe �berhastet schnell weiter - diesmal allerdings erst, nachdem sie einen raschen Blick in beide Richtungen geworfen hatte. Niemand versuchte, sie zu �berfahren, und auch der Schatten tauchte nicht wieder auf.</p><p>�Ist auch tats�chlich alles in Ordnung mit Ihnen?�, beharrte Maistowe zum dritten Mal. Bevor sie antworten konnte, fuhr er kopfsch�ttelnd fort: �Gro�er Gott, Sie sehen aus, als h�tten Sie ein Gespenst gesehen!�</p><p>Bast l�chelte fl�chtig, wenn auch aus keinem anderen Grund als dem, dass Arthur heute Mittag fast wortw�rtlich dasselbe zu ihr gesagt hatte. Einen Moment sp�ter verschwand das L�cheln wieder von ihren Z�gen, und sie w�nschte sich fast, sich nicht erinnert zu haben. Das zweite Mal binnen k�rzester Zeit, dass sie wortw�rtlich Gespenster sah. Vielleicht sollte sie allm�hlich anfangen, sich �ber andere Dinge Gedanken zu machen als einen M�chtegern-Polizeipr�sidenten und zwei psychopathische Killer, die in schwarzen Bettt�chern herumliefen. Dieses Land bekam ihr anscheinend nicht.</p><p>Diesmal unbehelligt �berquerten sie die Stra�e und traten nur einen Augenblick sp�ter zwischen zwei sorgsam gestutzten Ahornb�umen auf das Viktoria Embankment hinaus und damit nicht nur in den Schatten des riesigen Obelisken, sondern auch dorthin, wo Arthur mit der Kutsche auf sie wartete.</p><p>Oder eigentlich warten sollte.</p><p>Der Wagen war nicht da, und im allerersten Moment drohte Bast ob dieser Kleinigkeit beinahe in Panik zu geraten. Sie erinnerte sich genau, wie Arthur vor ihren Augen in den Wagen gestiegen war und sich auf der Sitzbank zu einem unerwarteten Schl�fchen zusammengerollt hatte, aber der betagte Zweisp�nner war verschwunden.</p><p>Stattdessen trat Abberline vor ihnen aus den Schatten, gefolgt von zwei uniformierten Bobbys, die beide - selbst ohne ihre albernen Helme - mindestens so gro� waren wie sie und ein gutes St�ck breitschultriger. Einer von ihnen hatte seinen Kn�ppel griffbereit in der Hand, der andere war zwar unbewaffnet, be�ugte sie aber so unverhohlen misstrauisch, dass jedes weitere Wort der Erkl�rung �berfl�ssig wurde. Abberline war ihnen nicht aus purer H�flichkeit gefolgt.</p><p>�Was ist los?�, fragte Bast. Sie sp�rte, wie Maistowe hinter ihr scharf die Luft zwischen den Z�hnen einsog.</p><p>�Sie kommen gleich zur Sache.� Abberline nickte. Sein Gesicht war sehr ernst. �Das gef�llt mir.�</p><p>�Was soll der Unsinn, Frederick?�, polterte Maistowe hinter ihr los. �Wenn du ...�</p><p>Abberline brachte den Kapit�n mit einer f�r ihn vollkommen ungewohnt r�den Geste zum Verstummen, und sein Blick wurde noch einmal um mehrere Nuancen ernster. �Wenn Sie mich schon so direkt fragen, dann will ich Ihnen auch direkt antworten�, sagte er. �Unmittelbar, nachdem Jacob und Sie gegangen sind, habe ich eine Meldung bekommen.�.</p><p>�Eine Meldung?� Bast war mehr als leicht beunruhigt. Die Art, wie Abberline dieses Wort ausgesprochen hatte, gefiel ihr nicht.</p><p>�Sie haben Ihren Wagen und Ihren Fahrer zur�ckgelassen?�, fragte Abberline, statt ihre Frage zu beantworten. �Darf ich fragen, wo?�</p><p>�Dort dr�ben!� Maistowe trat mit einem Schritt neben sie und deutete mit dem ausgestreckten Arm zur anderen Seite des Platzes. Vielleicht noch beunruhigender als die Tatsache, dass sie gerade um ein Haar von einer gr��enwahnsinnig gewordenen Kutsche �berrollt worden w�re und es Maistowe gewesen war, der sie im letzten Moment zur�ckgerissen hatte, war der Umstand, dass auch jetzt wieder er es war, der Arthurs Fuhrwerk zuerst entdeckte und nicht sie. Seine ausgestreckte Hand wies zum Themseufer hinab. �Er hat sich anscheinend einen ruhigeren Parkplatz gesucht. Was, zum Teufel, soll das?�</p><p>Die letzten scharf hervorgesto�enen Worte galten Abberline, der aber gar nicht darauf reagierte, sondern sich herumdrehte und ebenfalls in die angegebene Richtung sah. Sehr nachdenklich und deutlich zu lange f�r Basts Geschmack.</p><p>�Frederick, was soll das?�, fuhr Maistowe fort, jetzt aber nicht in scharfem, sondern in eher erstauntem und an Abberlines Freundschaft appellierendem Ton. �Was ist passiert?�</p><p>�Kommt mit!� Abberline drehte sich auf dem Absatz herum und ging mit schnellen Schritten los. Seine beiden Begleiter folgten ihm und nach einem fast unmerklichen Z�gern auch Bast und Maistowe. Bast versp�rte einen kurzen, heftigen �rger �ber sich selbst. Die Dinge begannen ihr zu entgleiten. Aber statt noch mehr zu sagen, schritt sie schneller aus und �berholte Abberline und die beiden Bobbys. Eines der beiden Pferde hob mit einem unruhigen Schnauben den Kopf und blickte in ihre Richtung, als w�rde er sie wiedererkennen, das andere starrte teilnahmslos auf den Fluss hinab, der schwarz und sonderbarerweise ohne einen einzigen Stern oder irgendein Licht widerzuspiegeln, hinter dem Wagen lag und die Stadt wie eine bodenlose Schlucht teilte.</p><p>Abberline sagte irgendetwas, von dem sie sp�rte, dass es ihr galt, aber sie ignorierte die Worte, erreichte als Erste den Wagen und schlug mit der flachen Hand gegen die T�r, um den Kutscher zu wecken und ihm eine wom�glich peinliche Situation zu ersparen und rief zus�tzlich seinen Namen, aber sie bekam keine Antwort.</p><p>Jedenfalls nicht von ihm.</p><p>�Bitte treten Sie vom Wagen zur�ck, Ma'am�, sagte Abberline hinter ihr. �Auf der Stelle.�</p><p>Unter normalen Umst�nden h�tte Bast ihn nicht einmal einer Antwort gew�rdigt, aber irgendetwas war hier so falsch, wie es �berhaupt nur ging. Und da war etwas in seiner Stimme, das sie �ber die Ma�en alarmierte. Fast gegen ihren Willen drehte sie sich zu ihm herum und las denselben, beunruhigenden Ausdruck in seinem Gesicht. Er war in drei oder vier Schritten Abstand stehen geblieben und hatte sein Jackett ge�ffnet, und obwohl er noch nicht einmal die H�nde gehoben hatte, war doch klar, dass er eine Waffe darunter trug. Die beiden Bobbys waren ein gutes St�ck n�her gekommen und zugleich auseinandergewichen. Jetzt hielten beide ihre Schlagst�cke in den H�nden.</p><p>�Frederick, was ist hier los?�, fragte Maistowe scharf. �Was bedeutet das?�</p><p>Abberline ignorierte ihn. �Bitte treten Sie vom Wagen zur�ck�, sagte er noch einmal. �Auf der Stelle!�</p><p>Und m�glicherweise h�tte Bast ihm sogar gehorcht, h�tte sich in diesem Moment nicht der Wind gedreht und einen sachten, aber vollkommen unverkennbaren Geruch mit sich gebracht; ein schweres, s��lich-warmes Aroma, das etwas tief in ihr ber�hrte und eine uralte, l�ngst vergessen geglaubte Gier weckte. Blut.</p><p>Mit einer einzigen Bewegung fuhr sie herum und riss die T�r auf.</p><p>Sie hatte gewusst, was sie finden w�rde. Aber nicht, was sie erwartete.</p><p>Arthur sa�, halb zur Seite gesunken und den Kopf gegen die ungepolsterte Wand gelehnt, auf der r�ckw�rtigen Bank. Seine Augen waren weit aufgerissen und zeigten einen vielleicht sanft erschrockenen, zum allergr��ten Teil aber einfach nur fassungslos-erstaunten Ausdruck. Sein sch�biger Mantel und das zerschlissene wei�e Hemd, das er darunter trug, waren vom Hals bis eine halbe Handbreit unter den Bauchnabel aufgeschlitzt, genau wie das Fleisch darunter, sodass ihr Blick ungehindert in seine weit offen stehende, leere Bauchh�hle fiel. Nahezu alle inneren Organe waren entfernt worden. Nur seine Ged�rme waren noch da, aber nicht mehr alle an Ort und Stelle, sondern in einem Gewirr feucht gl�nzender Schlingen in seinen Scho� gerutscht. Wie es aussah, hatte er sich kaum zur Wehr gesetzt, und in Anbetracht dessen, was man ihm angetan hatte, war nur sehr wenig Blut geflossen. Dennoch musste Bast im ersten Moment mit aller Macht gegen ein Gef�hl heftiger �belkeit ank�mpfen, und ein j�h vor�bergehendes, aber ma�loses Entsetzen, als sie in sich hineinlauschte und begriff, dass man all das Arthur bei vollem Bewusstsein angetan hatte.</p><p>�<emphasis>Ich habe gesagt, Sie sollen vom Wagen zur�cktreten!</emphasis>� Jemand packte sie brutal von hinten bei den Schultern und zerrte sie so derb zur�ck, dass ihr Kopf gegen die T�rkante prallte und ein Feuerwerk aus bunten Schmerzblitzen vor ihren Augen explodierte, aber Bast war immer noch viel zu schockiert, um auch nur zu reagieren. Willenlos lie� sie sich von einem der beiden muskul�sen Polizisten weiter zur�ckzerren und registrierte wie aus weiter Entfernung, wie Abberline und der zweite Bobby praktisch gleichzeitig in den Wagen sprangen. Abberline blieb verschwunden, w�hrend der Bobby nach kaum einer Sekunde wieder aus dem Wagen heraustaumelte, in die Knie brach und sich w�rgend �bergab.</p><p>�Was ...?�, murmelte Maistowe verst�rt, trat ebenfalls an die offen stehende T�r heran und prallte so heftig zur�ck, dass er um ein Haar das Gleichgewicht verloren h�tte. Er war kreidebleich, als er sich zu ihr herumdrehte.</p><p>Bast �berwand endlich den l�hmenden Schrecken und befreite sich aus dem Klammergriff des Polizisten, indem sie sich schlichtweg aufrichtete und die Schultern straffte. Allerdings h�tete sie sich wohlweislich, auch nur die winzigste weitere Bewegung zu machen. Stattdessen schloss sie f�r eine Sekunde die Augen und zwang sich zur Ruhe.</p><p>Als sie die Lider hob, kletterte Abberline r�ckw�rts und mit �bertrieben pr�zise wirkenden Bewegungen aus dem Wagen und drehte sich herum. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos, aber totenbleich, und sein Blick flackerte. Als er versuchte, Bast zu fixieren, gelang es ihm im ersten Moment nicht.</p><p>Dann gab er sich einen sichtbaren Ruck, wandte sich jedoch nicht direkt an sie, sondern drehte sich zu dem knienden Polizisten herum und fuhr ihn an: �Rei�en Sie sich zusammen, Jones! Stehen Sie auf, Mann! Machen Sie sich sauber, und dann laufen Sie zum Revier zur�ck und holen Sie Verst�rkung! Jeden, den Sie kriegen k�nnen! Mindestens zwanzig Mann! <emphasis>Los!</emphasis>�</p><p>Der Beamte stemmte sich m�hsam in die H�he, versuchte sich gehorsam herumzudrehen und �bergab sich dann noch einmal und ausgiebiger, als sein Blick dabei die offen stehende T�r der Kutsche streifte.</p><p>Abberline machte ein angeekeltes Gesicht, sparte sich diesmal aber jeden Kommentar und wandte sich wieder zu Bast um. �Was hat das zu bedeuten?�, fragte er. �Und ich will jetzt kein <emphasis>ich wei� es nicht </emphasis>oder <emphasis>keine </emphasis>Ahnung h�ren. Die Wahrheit! Auf der Stelle!�</p><p>�Frederick, du ...�, begann Maistowe.</p><p>�Schweigen Sie, Kapit�n!�, fuhr ihm Abberline ins Wort. �Noch ein Laut, und ich lasse Sie ebenfalls verhaften!�</p><p>Maistowe sah ihn verdutzt an, schwieg aber gehorsam, und Abberline machte eine �rgerliche Geste zu dem Polizisten hinter Bast. �Gut, dann laufen Sie zum Revier, Barton! Und wenn es geht, <emphasis>heute noch!</emphasis>�</p><p>Der Bobby machte gehorsam einen Schritt zur�ck und drehte sich herum, blieb aber dann doch noch einmal stehen. �Sind Sie sicher, Sir, dass Sie ...?�</p><p>�Keine Sorge, Barton�, sagte Abberline und zog einen Revolver. �Ich komme hier schon zurecht. Gehen Sie.�</p><p>�Bist du ... bist du verr�ckt geworden, Frederick?�, keuchte Maistowe. �Was soll der Unsinn? Steck die Waffe ein!�</p><p>Abberline tat nichts dergleichen, sondern zog ganz im Gegenteil den Hahn zur�ck und zielte nun direkt auf Basts Gesicht. �Seien Sie vern�nftig und versuchen Sie nicht zu fliehen, oder etwas noch D�mmeres zu tun, Ma'am�, sagte er kalt. �Ich w�rde nur �u�erst ungern auf Sie schie�en, aber ich werde nicht z�gern, es zu tun, seien Sie versichert.�</p><p>�Du ... du musst den Verstand verloren haben!�, �chzte Maistowe. �Du kannst doch nicht wirklich glauben, dass ... dass sie <emphasis>das da</emphasis> war!�</p><p>�Wahrscheinlich nicht�, antwortete Abberline. �Aber ich bin sehr sicher, dass sie sehr viel mehr dar�ber wei�, als sie bisher zugegeben hat.� Seine Stimme wurde irgendwie ... offizieller. �Miss Bast, im Namen Ihrer Majest�t verhafte Sie hiermit und fordere Sie auf, mir widerstandslos zu folgen.�</p><p>Bast reagierte gar nicht, aber das schien Abberline nicht zu gen�gen. Ohne sie auch nur einen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen, machte er einen halben Schritt zur Seite und wedelte gleichzeitig mit der freien Hand. �Jones, haben Sie Ihre Handschellen dabei?�</p><p>Der Bobby w�rgte eine Antwort hervor, die keiner von ihnen verstand, kam aber gehorsam - wenn auch sichtbar schwankend - n�her und grub dabei in seiner Jackentasche.</p><p>�Ich werde mir bestimmt keine Handschellen anlegen lassen�, sagte Bast ruhig.</p><p>�Dann zwingen Sie mich, Gewalt anzuwenden�, antwortete Abberline ...</p><p>... und nur ein kleines St�ck neben ihnen teilte sich das Buschwerk und spie eine riesige, in flie�endes Schwarz geh�llte Gestalt aus, die so schnell und lautlos wie ein Gespenst an Abberline und dem Bobby vor�berhuschte und auf der anderen Seite in der Dunkelheit verschwand, dass nicht einmal Bast mehr als einen verschwommenen Schemen erkannte. Aber nur einen halben Atemzug sp�ter st�rmte eine zweite, kaum weniger gro�e Gestalt aus dem Geb�sch heraus und jagte der ersten mit weit ausgreifenden S�tzen hinterher.</p><p>�Inspektor! Halten Sie ihn auf! Das ist der Kerl!�</p><p>Tats�chlich drehte sich Abberline herum und zielte nun mit seiner Pistole hilflos in die Richtung, in der die schwarze Gestalt verschwunden war - mit dem einzigen Ergebnis allerdings, dass er wahrscheinlich seinen eigenen Kollegen getroffen h�tte, h�tte er in diesem Moment abgedr�ckt. Gottlob war er viel zu perplex dazu. Selbst Bast starrte dem Schatten nur fassungslos nach.</p><p>F�r die Dauer eines halben Atemzuges.</p><p>Dann erwachte sie nicht nur endlich aus ihrer Erstarrung, sondern war auch mit einem einzigen Schritt an Abberline und mit dem zweiten an Arthurs Wagen vorbei; gerade noch rechtzeitig, um einen riesigen finsteren Schatten zu sehen, der sich mit weit ausgebreiteten Schwingen abstie� und verschwand.</p><p>Nach unten, nicht nach oben.</p><p>Um ein Haar h�tte Bast es ihm gleichgetan, wenn auch alles andere als freiwillig.</p><p>Es waren ihre Instinkte, die sie retteten, nicht ihr bewusstes Denken. Vor ihr war kein fester Boden mehr, sondern ein gut zwanzig Fu� tiefer Abgrund, unter dem die Themse dahinfloss wie ein Band aus gemauerter Schw�rze. Bast warf sich hastig zur�ck und griff aus der gleichen Bewegung heraus auch noch nach dem Polizisten, der hinter ihr herangest�rmt kam und vom Schwung seiner eigenen Bewegung unweigerlich �ber die Kante getragen worden w�re.</p><p>Etwas Riesiges, Flatterndes bewegte sich zwanzig Fu� unter ihr und verschmolz endg�ltig mit den Schatten - kein Vogel, sondern eine h�nenhafte Gestalt in einem wehenden schwarzen Mantel.</p><p>Bast versetzte dem wild fuchtelnden Bobby einen Sto�, der ihn r�cklings von der Kante zur�cktaumeln lie�, setzte dazu an, der Gestalt mit einem beherzten Sprung zu folgen und k�mpfte im n�chsten Moment selbst mit hektischen Bewegungen um ihr Gleichgewicht, als pl�tzlich sie es war, die von einer starken Hand gepackt und unsanft zur�ckgerissen wurde.</p><p>�Verdammt noch mal, ich habe gesagt, Sie sollen stehen bleiben!� Abberline fuchtelte aufgebracht mit seiner Pistole vor ihrem Gesicht herum. �Wollen Sie, dass ich Sie erschie�e?�</p><p>Bast schlug die Waffe mit einer �rgerlichen Bewegung zur Seite, fuhr herum und lie� sich auf die Knie sinken. Hastig beugte sie sich vor und sp�hte in die Tiefe, aber die Gestalt war und blieb verschwunden. Selbst ihre scharfen Augen nahmen kaum mehr als Dunkelheit wahr. Sie konnte einen kaum drei Fu� breiten, gemauerten Steg unmittelbar am Wasser erahnen, mehr aber auch nicht.</p><p>�Wer war das?�, blaffte Abberline. �War das der Kerl? <emphasis>Reden Sie!</emphasis>�</p><p>�Ich vermute es�, antwortete Bast. Sie konnte nicht sagen, ob es Sobek oder Horus gewesen war, und als sie versuchte, ihre geheimen Sinne zu nutzen, sp�rte sie nichts. Offensichtlich hatte er sich trotz seiner hastigen Flucht sorgsam abgeschirmt.</p><p>�Gut�, sagte Abberline grimmig. �Der Kerl entkommt uns nicht. Jones, Barton - mitkommen! Und Sie r�hren sich nicht von der Stelle, verstanden?�</p><p>�Inspektor, Sie wissen nicht, mit wem ...�</p><p>Abberline h�rte gar nicht zu, sondern fuhr bereits herum und fuchtelte mit seiner Pistole nach links, wo eine schmale, gel�nderlose Treppe in halsbrecherischem Winkel in die Tiefe f�hrte, wo sie mit der Dunkelheit verschmolz. �Jacob, Sie stehen mir daf�r gerade, dass sie hier bleibt!�</p><p>Und damit st�rmte er los, gefolgt von den beiden Bobbys und Basts unschl�ssigen Blicken. Der t�dliche Schatten war l�ngst verschwunden. Abberline und seine beiden Begleiter hatten nicht die Spur einer Chance, ihn einzuholen ... wenn er es nicht wollte.</p><p>Und genau das war das Problem. Bast kannte Horus und Sobek nun wahrlich gut genug, um zu wissen, dass ihnen ein Menschenleben nicht nur nichts wert war, sondern sie es nur zu oft regelrecht genossen, es vollkommen willk�rlich auszul�schen. Der Beweis daf�r lag nur wenige Schritte hinter ihr auf der R�ckbank des Fuhrwerks. Es war ebenso gut m�glich, dass Sobek oder Horus dort unten nur auf den Inspektor und dessen Begleiter warteten.</p><p>Sie stand auf, schlug ihren Mantel zur�ck und griff nach dem Schwert, zog die Hand dann aber fast erschrocken wieder zur�ck, als Maistowe hinter ihr auftauchte. Er zitterte noch immer am ganzen Leib, und sie konnte trotz der Dunkelheit sehen, wie blass er war.</p><p>�War das ... einer der M�nner, von denen Sie mir erz�hlt haben?�, fragte er stockend.</p><p>Bast nickte zwar, antwortete aber nicht laut, sondern konzentrierte sich auf die ged�mpften Laute, die aus der Tiefe zu ihr heraufdrangen: das seidige Flie�en des Wassers und die trappelnden Schritte der drei M�nner, die schnell genug die Treppe hinunterst�rmten, um das eine oder andere gebrochene Bein oder im Zweifelsfall auch Genick zu riskieren. Wenn Sobek oder Horus dort unten warteten, dann <emphasis>atmeten </emphasis>sie nicht einmal.</p><p>Nicht, dass sie das unbedingt mussten ...</p><p>�Aber ... aber warum haben sie das getan?�, stammelte Maistowe. �Dieser arme Mann hat doch niemandem etwas getan!�</p><p>�Sie brauchen keinen Grund f�r so etwas�, antwortete Bast. �Glauben Sie mir.� Sie versuchte sich noch mehr zu konzentrieren. Da waren noch andere Ger�usche, selbst f�r ihre scharfen Ohren zu leise und fast nicht zu identifizieren: ein schweres Gluckern und Pl�tschern, als glitte irgendetwas Gro�es tr�ge durch das Wasser, ein haarfeines Piepsen und Huschen, vielleicht das Kratzen winziger harter Pfoten auf Stein, und die hastigen Schritte und scharfen Atemz�ge der drei M�nner, die mittlerweile fast unter ihr angekommen waren.</p><p>�Aber wer <emphasis>sind </emphasis>diese M�nner?�, murmelte Maistowe hilflos. �Und was haben Sie mit ihnen zu schaffen? Glauben Sie nicht, dass Sie mir allm�hlich eine Erkl�rung schulden?�</p><p>Bast schwieg. Wahrscheinlich hatte sie schon viel zu viel gesagt, sowohl ihm als auch Mrs Walsh und Abberline. Wie Isis nicht m�de wurde, ihr immer wieder zu versichern: Wenn sie �berhaupt einen wirklichen Fehler hatte, dann war es ihre Schwatzhaftigkeit. Und die hatte jetzt ein Leben gekostet, noch dazu das Leben eines Mannes, dessen einziger Fehler es gewesen war, nett zu ihr zu sein und sich im falschen Moment am falschen Ort aufzuhalten. Pl�tzlich wurde ihr klar, was sie tun musste.</p><p>�Nein�, sagte sie. �Ich werde Ihnen nichts mehr erkl�ren, Kapit�n. Ich w�rde Sie damit nur in Gefahr bringen.� Sie machte eine Kopfbewegung auf den Wagen und strich zugleich unauff�llig ihren Mantel glatt, damit er das Schwert darunter nicht sah. �M�chten Sie so enden wie der arme Arthur?�</p><p>�Aber was habe ich mit ...?�</p><p>�Weil sie vermutlich jeden umbringen werden, der mir irgendetwas bedeutet�, fiel ihm Bast bitter ins Wort. �Das ist nun einmal ihre Art.� Sie sch�ttelte entschieden den Kopf. �Ich werde dieses Land verlassen, Jacob. So schnell wie m�glich. Am besten noch heute.�</p><p>Fast zu ihrer �berraschung versuchte Maistowe weder, sie umzustimmen, noch stellte er eine weitere Frage. Er sah sie nur einen kurzen Moment lang traurig an und seufzte dann: �Das wird Inspektor Abberline nicht gefallen, f�rchte ich.�</p><p>�Lassen Sie das meine Sorge sein�, antwortete Bast. Sie deutete auf den Wagen. �Trauen Sie sich zu, Arthurs Familie ausfindig zu machen?�</p><p>�Sicher.�</p><p>�Dann w�rde ich Sie bitten, das nach meiner Abreise zu tun und ihnen eine gewisse Summe Geldes auszuh�ndigen, die ich Ihnen zuvor �bergeben werde. Immerhin haben sie meinetwegen ihren Ern�hrer verloren.�</p><p>�Das tue ich gern, aber ...�</p><p>Aus der Tiefe hinter ihr wehte ein entsetzter Schrei herauf, und Bast fuhr mit einer blitzartigen Bewegung herum, riss das Schwert unter dem Mantel hervor und sprang. Vielleicht eine Winzigkeit zu hastig. Abberline und die beiden Bobbys befanden sich unmittelbar unter ihr, und sie konnte ihren Sprung gerade noch im letzten Moment korrigieren, um nicht wortw�rtlich auf ihren K�pfen zu landen. Nicht ann�hernd so elegant, wie sie es beabsichtigt hatte, kam sie neben Abberline auf, sprang mit einer federnden Bewegung wieder in die H�he und hob das Schwert ... aber die einzige, schwarz gekleidete Gestalt, die ihr gegen�berstand, war Abberline. Einer der beiden Bobbys stand neben ihm und wirkte mindestens genauso fassungslos wie Abberline, der andere hockte hinter den beiden auf einem Knie und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die rechte Hand.</p><p>�Was ist passiert?!�, stie� Bast hervor.</p><p>Abberline antwortete nicht, sondern starrte aus gro�en Augen zuerst sie, dann das Schwert in ihrer Hand und dann wieder ihr Gesicht an. Schlie�lich legte er den Kopf in den Nacken und starrte eine geschlagene Sekunde lang nach oben.</p><p>�Verdammt noch mal, was ist passiert?�, wiederholte Bast gereizt. �Reden Sie!�</p><p>�Eine Ratte!� Es war der kniende Polizist, der antwortete, nicht Abberline. Seine Stimme klang weinerlich. �Das verdammte Vieh hat mich gebissen!�</p><p>�Eine Ratte?� Bast entspannte sich kein bisschen, aber ihr Blick lie� den knienden Jammerlappen los und suchte die Wand hinter ihm ab. Unmittelbar hinter ihm g�hnte ein gut metergro�es Loch in der aus schweren Bruchsteinen gemauerten Wand. Bast vermutete, dass er die Hand hineingesteckt hatte, als er gebissen worden war.</p><p>Sie ging hin, lie� sich in die Hocke sinken und versuchte vergeblich, die Dunkelheit dahinter mit Blicken zu durchdringen. Aber sie h�rte ein ged�mpftes Rascheln und Huschen und das Tappen zahlloser winziger Pfoten, und sie sp�rte die charakteristische Witterung der kleinen Nager. Wahrscheinlich hatte der Bursche noch Gl�ck gehabt, nur in die Hand gebissen worden zu sein.</p><p>�Der Kerl muss in das Loch verschwunden sein�, sagte der zweite Polizist. �Keine Ahnung, was dahinter ist.�</p><p>�Dann wird es Zeit, es herauszufinden�, sagte Abberline. �Worauf warten Sie? Nehmen Sie die Verfolgung auf!�</p><p>Der Mann machte einen - sehr z�gerlichen - Schritt, und Bast richtete sich rasch auf und sch�ttelte den Kopf. �Nein.�</p><p>�Was soll das ...?�, begehrte Abberline auf, und Bast unterbrach ihn ruhig.</p><p>�Wenn Sie Ihre M�nner dort hineinschicken, sehen Sie sie nicht lebend wieder. Glauben Sie mir, Inspektor. Ich wei�, wovon ich rede.�</p><p>Abberline starrte sie w�tend an, aber der Anteil von Unsicherheit in seinem Blick nahm auch deutlich zu, als er das finstere Loch hinter ihr musterte. �Ich frage mich, ob Sie nicht noch eine ganze Menge mehr wissen�, sagte er missmutig. �Hatte ich Sie nicht gebeten, dort oben zu bleiben?�</p><p>�Wenn ich mich richtig erinnere, haben Sie mich <emphasis>verhaftet, </emphasis>Inspektor�, antwortete Bast betont. �Muss ich da nicht st�ndig in Ihrer N�he sein?�</p><p>Abberline verzog humorlos die Lippen und machte eine Kopfbewegung auf das Schwert in ihrer Hand. �Stecken Sie das Ding weg.�</p><p>�Sobald Sie aufh�ren, mit Ihrem Ding auf mich zu zielen�, antwortete Bast l�chelnd.</p><p>Abberline sah sie einen halben Herzschlag lang einfach nur verwirrt an, dann fuhr er zusammen und senkte hastig die Pistole, die er immer noch auf sie gerichtet hielt; wahrscheinlich, ohne es selbst zu bemerken. Bast senkte - deutlich langsamer - das Schwert, steckte es aber noch nicht ein.</p><p>�Sagen Sie nicht, Sie haben das Ding auch bei sich gehabt, w�hrend Sie mit Monro gesprochen haben�, sagte Abberline nerv�s, machte aber zugleich auch eine entsprechende Handbewegung, um sie am Antworten zu hindern. �Wer war das?�, fragte er. �War das der Kerl, der den Fahrer get�tet hat?�</p><p>�Ich nehme es an�, antwortete Bast. Sie h�rte sogar selbst, wie nerv�s ihre Stimme klang. Sie sollte sich entspannen, aber sie konnte es nicht. Es war noch nicht vorbei, das sp�rte sie. Weder Horus noch Sobek waren in der N�he, dessen war sie sich jetzt sicher, aber die Gefahr war noch nicht vor�ber.</p><p>�Warum?�, fragte Abberline.</p><p>�Ich ... bin nicht ganz sicher�, antwortete Bast wahrheitsgem��. �Vielleicht nur, um mich zu treffen.�</p><p>�Das ist ein bisschen wenig, meinen Sie nicht?�, fauchte Abberline. Er zwang sich sichtbar zur Ruhe und fuhr in gepresstem Ton fort: �Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen vertraue, dann sollten Sie vielleicht damit anfangen, mir ebenfalls zu trauen. Was geht hier vor?�</p><p>�Ich wei� es noch nicht genau�, antwortete Bast. �Aber es hat ... nichts mit Ihnen zu tun, Inspektor, oder dem, weswegen Sie mich heute zu sich bestellt haben. Das ist alles, was ich Ihnen im Moment sagen kann.�</p><p>�Und Sie erwarten, dass ich mich damit begn�ge und Sie gehen lasse?�, fragte Abberline.</p><p>�Das sollten Sie, Frederick.� Maistowe langte schwer atmend bei ihnen an und ma� Abberline mit einem ebenso ersch�pften wie vorwurfsvollen Blick. �Oder haben Sie Ihre gesamte Menschenkenntnis eingeb��t?�</p><p>Man musste nicht �ber Basts ungew�hnliche Beobachtungsgabe verf�gen, um zu erraten, welche Art von Antwort Abberline auf der Zunge lag. Aber er beherrschte sich, funkelte Maistowe nur einen Atemzug lang an und sagte dann in fast resignierendem Ton: �Hatte ich Sie nicht gebeten, oben beim Wagen zu warten, Jacob?�</p><p>�Ich glaube nicht, dass ihn jemand stiehlt, Frederick�, versetzte Maistowe. �Habt ihr ihn?�</p><p>Die Frage war so �berfl�ssig, dass Abberline sich nicht einmal die M�he machte, darauf zu antworten. Er starrte Maistowe nur noch einen Augenblick lang finster an, dann drehte er sich mit einem Ruck zu einem der Bobbys - Barton, wenn Bast sich richtig erinnerte - herum.</p><p>�Falls Sie nicht darauf bestehen, dass ich selbst zum Revier zur�cklaufe und die n�tige Unterst�tzung hole, Konstabler, dann w�re ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir diese kleine M�he abnehmen w�rden�, sagte er �tzend. �Hier muss alles abgesperrt werden, und wir brauchen Spezialisten, die hier alles nach Spuren absuchen. Glauben Sie, dass Sie mir diesen kleinen Gefallen erweisen k�nnten?�</p><p>�Sicher�, antwortete Barton hastig. �Ich ...�</p><p>Der Fluss hinter ihm explodierte in einer br�llenden Woge aus spritzendem Schaum und Panzerplatten und Z�hnen, und ein Paar riesiger, geschuppter Kiefer schloss sich mit einem gr�sslichen Knirschen um den Oberk�rper des Bobbys und riss ihn ins Wasser hinab. Blutiger Schaum spritzte mehr als mannshoch und besudelte Bast, Abberline und Maistowe, und Barton, obschon bereits unter Wasser gezogen, stie� einen markersch�tternden Schrei aus und begann verzweifelt um sich zu schlagen. Das Letzte, was Bast von ihm sah, war eine hilflos aus dem Wasser emporgereckte Hand, der zwei Finger fehlten, und einen gezackten R�ckenkamm, der sich rasend schnell davonschl�ngelte und das Wasser teilte wie eine gezahnte S�belklinge.</p><p>Es war Abberline, der seinen Schrecken als Erster �berwand, nicht Bast. So schnell, wie sie es bei einem normalen Menschen kaum f�r m�glich gehalten h�tte, fuhr er herum, riss seine Pistole in die H�he und gab rasch hintereinander zwei Sch�sse ab, die das Ungeheuer allerdings weit verfehlten. Praktisch gleichzeitig st�rmte er los.</p><p>Und endlich erwachte auch Bast aus ihrer Erstarrung. Mit zwei, drei gewaltigen S�tzen war sie neben Abberline und an ihm vorbei, versuchte noch schneller zu laufen und w�re um ein Haar kopf�ber ins Wasser gest�rzt, als der gemauerte Uferpfad vor ihr pl�tzlich abbrach. Sie sah gerade noch einen geschuppten Schwanz, l�nger als ein Mann und mit schrecklichen Knochenklingen besetzt, der in einem gemauerten Bogen verschwand, dann musste sie hastig zugreifen, um Abberline aufzufangen, der neben ihr auftauchte und um ein Haar ebenfalls ins Wasser gest�rzt w�re.</p><p>�Was war das?!�, keuchte er. �Um Gottes willen, was ...?�</p><p>�Sobeks Drache�, antwortete Bast d�ster. �Es tut mir leid. Ich habe ihn nicht kommen sehen.� Aber sie h�tte es m�ssen. Sie h�tte <emphasis>wissen </emphasis>m�ssen, dass Sobek sein Scho�tierchen nicht nur mitgebracht hatte, um mit ihm zu kuscheln. Verdammt, sie hatte das Biest <emphasis>gesehen!</emphasis></p><p>Abberline sah sie best�rzt an. �Ein ... Drache?� Er lachte nerv�s. �Sie machen Witze.�</p><p>Bast wollte antworten, aber in diesem Moment drang ein gellender Schrei aus dem Tunnel, und Abberline tat etwas vollkommen Irrsinniges: Mit einem einzigen Satz war er im Wasser, das ihm sonderbarerweise aber nur bis zu den Oberschenkeln reichte, und machte Anstalten, geduckt in den gemauerten Tunnel hineinzuwaten.</p><p>�Frederick, kommen Sie zur�ck!�, schrie Maistowe. �Das ist Selbstmord!�</p><p>Abberline z�gerte tats�chlich, aber offensichtlich nicht, weil er auf Maistowes Warnung h�rte - er machte einen weiteren Schritt, hielt sich mit der freien Hand am oberen Rand der Tunnel�ffnung fest und sp�hte geduckt in den finsteren Abwasserkanal hinein. Die Schw�rze dahinter war offensichtlich nicht nur f�r Basts Augen nicht so undurchdringlich, wie es im ersten Moment den Anschein gehabt hatte. Sie erkannte einen ungesunden, flackernd grauen Schimmer, der aus dem Nichts zu kommen schien und Assoziationen von F�ulnis und Verfall und kriechenden Dingen mit sich brachte. Der Gestank war atemberaubend.</p><p>�Jones!� Abberline wedelte in Richtung des zweiten Polizisten, der als Einziger zur�ckgeblieben war und vollkommen erstarrt zu sein schien. �Ihre Lampe! Jones!�</p><p>Der Polizist starrte eine weitere, geschlagene Sekunde aus weit aufgerissenen Augen einfach ins Leere, dann aber fuhr er umso heftiger zusammen, eilte los und reichte Abberline seine Karbidlampe, wobei er sich so weit vorbeugte, dass er um ein Haar die Balance verloren h�tte, nur um dem �belriechenden Wasser nicht zu nahe zu kommen. Abberline durchbohrte ihn schier mit Blicken, und Jones richtete sich hastig wieder auf und brauchte mit ungelenk zitternden Fingern drei Versuche, um die Lampe zu entz�nden, bevor er sie Abberline zum zweiten Mal reichte.</p><p>Der kalkwei�e Lichtstrahl riss verschimmeltes Mauerwerk und einen kaum doppelt handbreiten Pfad aus br�ckeligem Stein aus der Dunkelheit, und schaumiges Wasser, auf dem ungesund anmutende Dinge schwammen, aber er l�schte auch zugleich das graue Licht dahinter aus, sodass man beinahe weniger sah als vorher. Trotzdem b�ckte sich Abberline und machte einen weiteren, tastenden Schritt in die �belriechende Br�he hinein.</p><p>�Was haben Sie vor, Frederick?�, fragte Maistowe nerv�s.</p><p>Abberline machte einen weiteren Schritt, tastete vorsichtig unter Wasser nach festem Halt und zog sich dann vorsichtig auf den gemauerten Sims hinauf. Die Lampe in seiner Hand tanzte wild hin und her und erf�llte den Tunnel mit zus�tzlichen, gespenstischen Schatten. �Wir m�ssen ihn suchen�, antwortete er mit einiger Versp�tung. �Er k�nnte noch leben.�</p><p>Maistowe �chzte vor Unglauben, und Jones wurde noch blasser, als er sowieso schon war.</p><p>�Tun Sie das nicht, Inspektor�, sagte Bast ernst. �Es sei denn, Sie wollen auch sterben.�</p><p>Wie zur Antwort drang ein weiterer, ged�mpfter Schrei aus der Dunkelheit heraus. Vielleicht auch nur das verzerrte Echo irgendeines anderen Ger�usches - aber f�r Abberline reichte es.</p><p>�Ich werde keinen meiner M�nner im Stich lassen�, sagte er grimmig. �Laufen Sie zur�ck zum Yard, Jacob! Holen Sie Verst�rkung. Wir brauchen Lampen und Waffen!�</p><p>�Er wird Sie ebenfalls t�ten, Inspektor�, sagte Bast ernst. Das Schlimme war, dass Abberline recht hatte: Der Polizist lebte noch. Seine Schreie waren mittlerweile verstummt, aber sie konnte seine Qual und die grauenhafte Angst sp�ren, die er litt. Selbstverst�ndlich w�rde sie sich h�ten, Abberline gegen�ber auch nur ein einziges Wort davon zu erw�hnen.</p><p>Aber der Mann �berraschte sie ein weiteres Mal. �Er lebt noch, das sp�re ich�, sagte er entschlossen. �Ich an seiner Stelle w�rde erwarten, dass mir jemand zu Hilfe eilt, und ich werde dasselbe f�r jeden meiner M�nner tun. Jacob - geben Sie Jones Ihre Pistole, und dann laufen Sie zum Yard und tun, was ich Ihnen aufgetragen habe.�</p><p>�Was f�r eine ...?�, begann Maistowe, aber er kam auch diesmal nicht dazu, seinen Satz zu beenden.</p><p>�Jacob, bitte!�, unterbrach ihn Abberline. �Wir haben keine Zeit f�r so etwas! Ich wei�, dass Sie immer eine Waffe bei sich haben. Also geben Sie sie Jones, und dann laufen Sie!�</p><p>Maistowe zierte sich noch eine Sekunde, aber dann griff er unter seine Jacke und f�rderte einen altmodisch aussehenden Trommelrevolver zutage, den er Jones reichte. �Und was soll ich Ihren Kollegen sagen?�, fragte er.</p><p>�Auf jeden Fall nichts von einem <emphasis>Drachen</emphasis>�, schnaubte Abberline. �Jones, kommen Sie!�</p><p>Jones sah nicht begeistert aus - vorsichtig ausgedr�ckt -, aber er trat gehorsam ins Wasser hinein und watete hinter Abberline her, bis er sich ebenfalls auf den schmalen Sims hinaufziehen konnte. Sein Gesicht war mittlerweile nicht mehr blass, sondern gr�n.</p><p>Bast wartete, bis Maistowe gegangen war, dann schob sie ihr Schwert unter den G�rtel, streckte die Arme aus und folgte Abberline und Jones mit einem beherzten Satz auf den gemauerten Sims, ohne mit dem verdreckten Wasser auch nur in Ber�hrung zu kommen. Jones schenkte ihr einen fast dankbaren Blick, aber Abberlines Miene verfinsterte sich noch mehr.</p><p>�Was soll das?�, fragte er scharf. �Bleiben Sie gef�lligst, wo Sie sind!�</p><p>�Ganz bestimmt nicht�, antwortete Bast, der klar war, dass nichts, was sie sagte, Abberline von seinem Vorhaben abhalten w�rde. �Oder glauben Sie wirklich, ich lasse mir die Chance entgehen, einem Drachent�ter bei seiner Arbeit zuzusehen?�</p><p>Abberline gab sich redliche M�he, sie mit Blicken zur Salzs�ule erstarren zu lassen, sah aber irgendwann die Sinnlosigkeit seiner Bem�hungen ein und ging so schnell weiter, wie es auf dem schmalen Sims �berhaupt m�glich war. Der grellwei�e Strahl seines Scheinwerfers huschte wie ein kleines, gesch�ftiges Tier lautlos vor ihm �ber den Sims und enth�llte Dinge, von denen Bast die allerwenigsten sehen wollte, aber keine Spur von dem ungl�ckseligen Polizisten oder gar dem Drachen.</p><p>Nach zwei oder drei Dutzend Schritten erreichten sie eine T-Kreuzung. Abberline blieb stehen und schwenkte seinen Scheinwerfer hilflos abwechselnd in beide Richtungen. Genau jetzt w�re der passende Moment, um umzukehren, dachte Bast.</p><p>Stattdessen sagte sie: �Rechts.�</p><p>Abberline sah sie zwar zweifelnd an, hob aber dann nur die Schultern und wandte sich in die angegebene Richtung, und sei es nur, weil sie auf diese Weise auf dem Sims bleiben und nicht durch das h�fthohe brackige Wasser zur anderen Seite waten mussten. Bast sp�rte, dass sie sich ihrem Ziel n�herten. Sie h�rten schon lange keine Schreie mehr, aber sie konnte f�hlen, dass der ungl�ckselige Mann immer noch lebte, so unglaublich es ihr auch selbst vorkommen mochte. Aber sie f�hlte auch noch etwas anderes, das sie weit mehr erschreckte: Der Gedanke an diesen weiteren sinnlosen Tod erf�llte sie mit einem ebenso tiefen Entsetzen wie Mitleid ... aber etwas tief in ihr st�rzte sich auch ebenso begierig auf diesen Schmerz und <emphasis>genoss </emphasis>ihn.</p><p>�Seinen Sie vorsichtig�, sagte sie leise. �Irgendetwas ... ist dort vorne.�</p><p>�Der Drache?� Abberline versuchte vergebens, sp�ttisch zu klingen.</p><p>�Falls er angreift, schie�en Sie auf die Augen�, antwortete Bast. �Das ist seine einzige verwundbare Stelle.�</p><p>Abberline sagte nichts, aber er sah pl�tzlich sehr erschrocken aus, und Jones umklammerte die geliehene Pistole mittlerweile so fest, dass Bast froh war, sich hinter ihm zu befinden, und einen Moment lang ernsthaft �berlegte, Abberline eine entsprechende Warnung zukommen zu lassen. In diesem Moment hatte Abberline jedoch das Ende des Tunnels erreicht. Aus dem schmalen Sims wurde ein vier Fu� breiter Pfad, der sich am Rande eines gemauerten unterirdischen Sees entlangzog. Die gew�lbte Decke erhob sich gute zehn oder zw�lf Fu� hoch �ber ihren K�pfen, und die k�nstliche H�hle war so gro�, dass sich der Lichtstrahl aus Abberlines Lampe verlor, bevor er das gegen�ber liegende Ufer erreichte.</p><p>Abberline blieb stehen und schwenkte den Scheinwerfer langsam von links nach rechts und wieder zur�ck, aber alles, was der zitternde Lichtstrahl enth�llte, waren formlose Dinge, die auf dem Wasser trieben, und ein paar Ratten, die vor dem Licht flohen.</p><p>Dann war es vorbei. Das lautlose Wehklagen tief in ihren Gedanken erlosch, und Bast wusste, dass das Leiden des bedauernswerten Mannes endlich vor�ber war.</p><p>�Wir k�nnen umkehren�, sagte sie. �Es ist vorbei.�</p><p>Abberline richtete den Lichtstrahl auf ihr Gesicht. �Was ist vorbei?�</p><p>�Barton�, antwortete Bast. �Er ist tot. Wenn Sie ihm nicht Gesellschaft leisten wollen, dann sollten wir umkehren.�</p><p>Trotz des grellen Lichtstrahls, den Abberline direkt auf ihre Augen abschoss, konnte sie den Ausdruck auf seinem Gesicht erkennen. Er gefiel ihr nicht. Er fragte auch nicht, woher sie ihr Wissen bezog.</p><p>�Seien Sie vern�nftig, Inspektor�, fuhr sie fort. �Ich kann Sie verstehen, aber das hier nutzt keinem. Ihr Mann ist tot, und Sie riskieren nur unn�tig Ihr Leben.�</p><p>Abberline machte ein abf�lliges Ger�usch. �M�glicherweise�, sagte er. �Aber ich werde dieses Ungeheuer bestimmt nicht weiter in meiner Stadt herumgeistern und Leute umbringen lassen.�</p><p>�Ich helfe Ihnen, die Sache zu Ende zu bringen�, antwortete Bast ernst. �Aber nicht jetzt. Sie brauchen ein paar Dutzend M�nner und andere Waffen, um es zu t�ten.�</p><p>�Vielleicht ... hat sie recht, Sir�, sagte Jones nerv�s. �Dieser Drache ist ...�</p><p>�Halten Sie den Mund, Jones�, sagte Abberline zornig. �Und h�ren Sie mit diesem idiotischen Drachen-Gequatsche auf, Mann! Ich erkenne ein Krokodil, wenn ich eines sehe, und Sie sollten das auch!� Er funkelte den armen Kerl noch einen Atemzug lang an und wandte sich dann, kaum weniger zornig, wieder an Bast. �Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, Ma'am, dann w�re jetzt vielleicht der richtige Moment daf�r.�</p><p>Wenn es �berhaupt einen <emphasis>allerfalschesten </emphasis>Moment gab, dachte Bast, dann war es jetzt. Dass sie die N�he des Drachen nicht sp�rte, bedeutete nicht, dass er nicht da war. All diese Ger�che, Ger�usche und huschenden Schatten beeintr�chtigten auch ihre Sinne, vielleicht sogar st�rker als die von Abberline und Jones, und sie hatte Sobeks Kuscheltierchen nie gemocht und sich auch nie darauf verstanden, ihre N�he zu sp�ren. Aber etwas <emphasis>war da.</emphasis></p><p>�Noch einmal, Inspektor�, sagte sie. �Ich helfe Ihnen. Ich beantworte all Ihre Fragen, aber nicht jetzt und nicht hier. Wir m�ssen hier verschwinden.�</p><p>�Haben Sie Angst?�, fragte Abberline.</p><p><emphasis>Ja, </emphasis>dachte Bast w�tend, <emphasis>um dich, du Dummkopf. </emphasis>Laut sagte sie einfach nur: �Ja.�</p><p>Vielleicht war es gerade die Knappheit dieser Antwort, die Abberline beeindruckte. Er sah sie zwar weiter finster und auf eine Art an, als wolle er sie fressen, wirkte aber zugleich zum ersten Mal unschl�ssig; und vielleicht sogar ein wenig erleichtert. Er hatte Angst - nat�rlich hatte er Angst -, und ihre Worte lieferten ihm einen Grund, den R�ckzug anzutreten, den ihm sein Stolz und sein Pflichtgef�hl verwehrt hatten.</p><p>�Also gut�, sagte er widerstrebend. �Vielleicht haben Sie recht. Diese Tunnel erstrecken sich �ber Hunderte von Meilen, und das Biest kann �berall sein. Aber ich erwarte Antworten von Ihnen, sobald wir wieder oben sind. Eine Menge Antworten.�</p><p>Etwas klapperte. Abberline fuhr herum und schwenkte seine Lampe, und Bast sah gerade noch eine schattenhafte Gestalt, die am oberen Ende einer rostigen Metalltreppe verschwand, vielleicht f�nfzig oder sechzig Fu� entfernt.</p><p>Abberline st�rmte los, und Bast sparte sich gleich den Atem, ihn zur�ckzurufen, sondern schloss sich Jones und ihm an. So schnell, als w�re der Stein nicht mit einem schl�pfrigen Belag �berzogen, der ihn so glatt wie Schmierseife werden lie�, jagte Abberline den Sims entlang, erreichte die Treppe und st�rmte sie mit einer Schnelligkeit hinauf, die nur aus dem v�lligen Fehlen jeglichen Gefahrbewusstseins resultieren konnte. Noch bevor Jones und Bast die Treppe auch nur erreichten, war er bereits an ihrem oberen Ende verschwunden.</p><p>Und mit ihm das Licht.</p><p>Schw�rze schlug wie eine erstickende Woge �ber ihnen zusammen. Jones stie� ein erschrockenes Wimmern aus und blieb so abrupt stehen, dass Bast gegen ihn prallte und er halbwegs die Treppe hinauffiel, und f�r einen kurzen, aber durch und durch gr�sslichen Moment drohte sie in Panik zu geraten. Aus der Dunkelheit wurde etwas Anderes, K�rperliches, das sich wie eine erstickende Faust um sie zu schlie�en schien, und pl�tzlich sp�rte sie die Blicke tausender winziger Augen, die sie gierig aus der Dunkelheit anstarrten.</p><p>Bast besann sich endlich darauf, wer sie war, schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf das, was sie h�rte, roch und f�hlte, und die Panik fiel von ihr ab wie ein besudeltes Kleidungsst�ck, das sie angeekelt absch�ttelte. Jones war vor ihr vor Entsetzen zwar schlichtweg verstummt - er <emphasis>atmete </emphasis>in diesem Moment nicht einmal -, versuchte sich aber trotzdem mit unsicheren Bewegungen in die H�he zu stemmen, und wenn Bast gerade fast in Panik geraten war, so musste sie f�r das, was sie im Moment in ihm sp�rte, wohl ein neues Wort erfinden. Vorsichtig beruhigte sie ihn, bevor er sich selbst - oder sie - in seinem Zustand verletzten konnte, griff unter seine Arme und schob ihn mit sanfter Gewalt die rostigen Metallstufen hinauf.</p><p>Als sie auf halber H�he angekommen waren, h�rte sie Abberlines Stimme, die irgendetwas schrie, was sie nicht verstand, und dann krachte ein einzelner, lang nachhallender Schuss. Bast fluchte lauthals in ihrer Muttersprache, versuchte Jones vergeblich zu gr��erem Tempo anzuspornen und stieg schlie�lich kurzerhand �ber ihn hinweg. Jones �chzte, als er zum zweiten Mal der L�nge nach auf die rostigen Eisenstufen knallte, aber Bast verdoppelte nur ihre Anstrengungen, erreichte das obere Ende der Treppe und st�rmte geduckt durch den niedrigen Gang, in die sie m�ndete. Ein tanzendes bleiches Licht an seinem jenseitigen Ende wies ihr den Weg.</p><p>Abberline kam zur�ck, bevor sie das Ende des Stollens erreichte. �Ich habe ihn!�, keuchte er. �Ich hab den Kerl erwischt! <emphasis>jones, verdammt noch mal, wo bleiben Sie?</emphasis>�</p><p>�Erwischt?�, fragte Bast. �Was meinen Sie?�</p><p>Abberline gestikulierte nur wild mit der Hand, die die Pistole hielt. Jones war zwar inzwischen ebenfalls in den Gang geklettert, bewegte sich aber f�r seinen Geschmack anscheinend nicht schnell genug. �Verdammt, beeilen Sie sich, Konstabler! Ich habe den Kerl erwischt, aber ich bin nicht sicher, ob er allein ist!�</p><p>�Wen haben Sie erwischt?�, fragte Bast beunruhigt.</p><p>�Wenn ich es nicht besser w�sste, w�rde ich sagen, Ihren Bruder�, antwortete Abberline. Seine Augen wurden schmal. �Aber ... wei� ich es eigentlich besser?� Er machte eine unwillige Geste. �Kommen Sie endlich, Konstabler. Es gibt nichts mehr zu f�rchten. Ich hab den Kerl erwischt, und Krokodile k�nnen meines Wissens keine Leitern hinaufsteigen.�</p><p>Jones schob sich mit wenig Anzeichen von Begeisterung an ihr vorbei, wirkte aber tats�chlich ein wenig beruhigt, und Bast lauschte einen Moment konzentriert in sich hinein. Sie konnte nicht sagen, auf wen Abberline geschossen hatte, aber er hatte ganz gewiss weder Horus noch Sobek getroffen. Zumindest nicht t�dlich. Sie h�tte es gesp�rt, w�re einer ihres Blutes in der N�he gestorben. Oder auch nur in der Stadt.</p><p>Dennoch zog sie vorsichtshalber ihr Schwert, als sie sich Jones und Abberline anschloss. Sie f�hlte sich nicht gut dabei, die beiden M�nner vorausgehen zu lassen. Normalerweise war immer <emphasis>sie </emphasis>es, die die Initiative ergriff, und in diesem Fall w�re es sogar ganz besonders angezeigt gewesen ... aber Abberline war schon jetzt misstrauischer, als gut war, und Bast beruhigte sich selbst mit dem Gedanken, dass weder Sobek noch Horus dort vorne auf sie warteten. Jetzt, wo sie wieder im Vollbesitz ihrer Kr�fte war, h�tte sie die N�he einer verwandten Seele gesp�rt, ganz egal, wie sehr sie sich auch abzuschirmen versuchte.</p><p>Der Gang m�ndete nach einem weiteren Dutzend Schritte in einen weit gr��eren, rechteckigen Tunnel mit gemauerten W�nden und trockenem Boden. Die Luft roch auch hier schlecht und verbraucht, aber nicht mehr so faulig und durchdringend nach F�kalien und anderen Abf�llen wie bisher, und Bast glaubte ein ganz sachtes Vibrieren des Bodens zu sp�ren, so als bewege sich tief unter ihren F��en etwas ungemein Gro�es und Machtvolles.</p><p>�Was ist das hier?�, fragte sie. �Auch ein Teil der Kanalisation?�</p><p>�Ich bin nicht sicher�, antwortete Abberline. �Vielleicht ein Teil der Tube.�</p><p>Bast sah ihn fragend an, aber f�r Abberline war das eindeutig Antwort genug gewesen, denn er st�rmte bereits weiter und lie� den Lichtschein seiner Laterne nerv�s vor sich �ber den Boden tasten.</p><p>�Wo ist der Kerl?�, murmelte er. �So weit kann er nicht mehr gekommen sein.�</p><p>�Vielleicht haben Sie ihn verfehlt, Sir�, sagte Jones vorsichtig.</p><p>�Unsinn!� Abberline schritt schneller aus, und das Huschen und Hin-und-her-Tasten des Lichtstrahls nahm an Hektik zu. �Ich habe <emphasis>gesehen, </emphasis>wie er gefallen ist! Da vorne! Da ist etwas!� Er verfiel in einen hastigen Laufschritt, sank pl�tzlich auf ein Knie hinab und richtete den Lichtstrahl auf einen dunkel glitzernden Fleck auf dem Boden. �Das ist Blut!�</p><p>�Also haben Sie ihn doch getroffen, Sir�, sagte Jones.</p><p>Abberline ma� ihn mit einem kurzen, giftigen Blick, sah dann wieder auf die immense Blutlache hinab und streckte die Hand aus, wie um die Finger hineinzutauchen, tat es aber dann doch nicht. Er sah nachdenklich aus, aber auch erschrocken.</p><p>�Das ist ... ziemlich viel Blut, Sir�, sagte Jones nerv�s und ganz offensichtlich in dem Bem�hen, irgendetwas gutmachen zu wollen.</p><p>�Das stimmt, Konstabler�, murmelte Abberline. �Eindeutig <emphasis>zu viel, </emphasis>wenn Sie mich fragen. Ich verstehe nicht, wie er mit dieser Verletzung ...� Er sprach nicht weiter, sondern stand wieder auf und lie� den Lichtschein weiter �ber den Boden tasten. Ausgehend von der gut drei Fu� messenden Blutlache vor ihm begann eine unregelm��ige Spur dunkler, noch nicht einmal halb eingetrockneter Blutflecke, die vor ihm in der Dunkelheit verschwanden. In einigen davon konnte man verschmierte Fu�abdr�cke erkennen.</p><p>�Sehr weit kann er mit dieser Verwundung jedenfalls nicht gekommen sein.�</p><p>Er wollte losgehen, aber Bast hielt ihn instinktiv mit einer raschen Bewegung zur�ck, lie� sich in die Hocke sinken, tauchte den Zeigefinger in die Blutlache und kostete dann behutsam mit der Zungenspitze daran. Jones verzog angewidert die Lippen, w�hrend Abberline jetzt nur noch misstrauischer wirkte.</p><p>�Sobek�, sagte sie. Der Blick, mit dem sie Abberline ma�, war fast bewundernd. �Sie haben ihn tats�chlich getroffen.� Ihr Erstaunen war zwar echt, galt aber eigentlich mehr der Tatsache, dass Abberline noch lebte. Sobek geh�rte eigentlich nicht zu denen, die die linke Wange hinhielten, wenn man sie auf die rechte schlug.</p><p>�Sobek?�, wiederholte Abberline. �Ein ... Freund von Ihnen?�</p><p>�Nicht unbedingt.� Bast verzog die Lippen. �Eher ein ... Verwandter. Leider kann man sich seine Familie nicht immer aussuchen.�</p><p>�Und das schmecken Sie an seinem Blut?�, fragte Abberline.</p><p>�Unter anderem�, antwortete Bast. �Meinen Gl�ckwunsch, Inspektor. Sie haben ihn tats�chlich verletzt, und Sie sind noch am Leben. Meines Wissens ist das noch nicht vielen gelungen.�</p><p>�Herzlichen Dank�, sagte Abberline grimmig. �Und mir wird auch noch sehr viel mehr gelingen. Gibt es noch etwas, das ich �ber Ihren <emphasis>Verwandten </emphasis>wissen sollte, bevor ich ihn verhafte?�</p><p>�Dass er noch lebt�, antwortete Bast sanft. �Und Sie auch, Inspektor. Sie sollten froh dar�ber sein. Noch einmal werden Sie kaum so viel Gl�ck haben.�</p><p>�Das k�nnte man als Drohung auslegen, Miss Bast�, antwortete Abberline k�hl. �Wissen Sie, dass es ein schweres Verbrechen ist, einen Beamten Ihrer Majest�t zu bedrohen?�</p><p>Bast setzte zu einer Antwort an, belie� es aber dann bei einem lautlosen Seufzen und besann sich eines Besseren. Abberline war entweder dumm oder stur oder schlimmstenfalls beides, aber sie hatte nicht vor, ihr Gl�ck noch weiter unn�tig auf die Probe zu stellen, indem sie herauszufinden versuchte, was von beidem. Sobek musste wirklich <emphasis>schwer </emphasis>verletzt worden sein, wenn er es vorgezogen hatte, sein Heil in der Flucht zu suchen, statt sich bei Abberline zu revanchieren, aber er <emphasis>lebte, </emphasis>und das bedeutete, dass er binnen k�rzester Zeit wieder zur�ckkommen und dann vermutlich nicht besonders gn�dig gestimmt sein w�rde.</p><p>�Wir kehren um�, sagte sie mit Nachdruck.</p><p>�Nein!�, antwortete Abberline. �Das werden wir ganz bestimmt nicht tun.�</p><p>Bast blinzelte. �Wie?�</p><p>�Sie k�nnen gerne kehrtmachen�, sagte Abberline. �Ich verlasse mich darauf, dass Sie eine Frau von Ehre sind und in der Pension auf mich warten. Konstabler Jones und ich werden diesen Verbrecher verfolgen und stellen.�</p><p>Bast starrte ihn fassungslos an. Sie hatte nicht einfach nur <emphasis>gesagt, </emphasis>dass sie umkehren w�rden, sondern all ihre mentale Macht in diesen Befehl gelegt, aber Abberline zeigte sich nicht im Geringsten beeindruckt. Konnte es sein, dass ...?</p><p>Hastig wandte sie sich zu Jones um. Stehen <emphasis>Sie auf einem Bein, </emphasis>befahl sie ihm lautlos. <emphasis>Und dann gackern Sie wie ein Huhn!</emphasis></p><p>Jones tat, wie ihm gehei�en - auch wenn sich sein Gackern eher anh�rte wie das Fiepen eines liebeskranken Igels -, und Abberline riss ungl�ubig die Augen auf.</p><p>�Jones, haben Sie den Verstand verloren?�, �chzte er.</p><p>Bast entlie� den Konstabler hastig aus ihrem geistigen Bann. Jones taumelte einen halben Schritt zur�ck und sah pl�tzlich <emphasis>sehr </emphasis>ungl�cklich aus, und Abberline starrte sie aus Augen an, die zu misstrauischen schmalen Schlitzen zusammengepresst waren.</p><p>�Was geht hier vor?�, fragte er scharf.</p><p>�Nichts�, antwortete Bast. �Ich ... bin nur der Meinung, dass wir wirklich umkehren sollten.� Sie versuchte es noch einmal, mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, aber ebenso gut h�tte sie versuchen k�nnen, die W�nde dieses gemauerten Tunnels mit blo�en H�nden einzurei�en.</p><p>Am liebsten h�tte sie laut aufgeschrien. Sie konnte nicht jedem Menschen ihren Willen aufzwingen. Es gab durchaus Menschen, die gegen ihre geistige Beeinflussung schlichtweg immun waren ... vielleicht einen unter einer Million.</p><p>Und dieser eine musste ausgerechnet Inspektor Frederick Abberline sein!</p><p>Er machte sich auch nicht die M�he, ihr noch einmal zu antworten, sondern gab Jones einen �rgerlichen Wink, hob seine Lampe und marschierte in scharfem Tempo los, und Bast schloss sich den beiden wohl oder �bel an. Wenn sie diesen Narren schon nicht davon abhalten konnte, in sein Ungl�ck zu rennen, dann konnte sie wenigstens versuchen, auf ihn aufzupassen. Und wenn Sobek tats�chlich so schwer verletzt war, wie es nach all dem Blut und Abberlines Worten den Anschein hatte, dann w�rden sie ihn sowieso nicht finden.</p><p>Die Blutspur, d�nner werdend, f�hrte sie gute zwei- oder dreihundert Schritte weit geradeaus und endete dann vor einer niedrigen, daf�r aber umso massiveren T�r aus eisenharten Bohlen, die zwar eine Klinke hatte, sich aber nichtsdestotrotz beharrlich weigerte, aufzugehen, ganz egal, wie w�tend Abberline auch daran r�ttelte.</p><p>�Ich denke, das w�re jetzt wirklich der Moment, umzukehren�, sagte Bast. �Oder haben Sie zuf�llig ein Brecheisen in der Tasche, Inspektor?�</p><p>Abberline ma� sie mit einem w�tenden Blick, klappte die Trommel seines Revolvers heraus und grub mit der anderen Hand in seiner Jackentasche; vermutlich auf der Suche nach Patronen.</p><p>�Lassen Sie das�, seufzte Bast. Ohne auf Abberlines emp�rte Blicke zu achten, schob sie ihn kurzerhand beiseite, fixierte das Schloss mit Blicken und trat es mit einem einzigen, harten Tritt ein. Die T�r flog mit solcher Wucht auf, dass sie auf der anderen Seite gegen die Wand krachte und sich ein Teil des Rahmens in einem Splitterregen aufl�ste. Jones riss ungl�ubig die Augen auf, w�hrend Abberline seltsamerweise nicht einmal �berrascht wirkte.</p><p>Was ihn allerdings nicht daran hinderte, in aller Hast seine Waffe nachzuladen und vor ihr durch die T�r zu huschen.</p><p>Dahinter lag ein weiterer, wenngleich sehr viel schmalerer Gang, an dessen Ende gleich drei weitere T�ren lagen. Zwei davon waren verschlossen, die dritte nur angelehnt, und die unterbrochene Spur f�hrte in die wattige Dunkelheit dahinter. Selbst Bast war erstaunt �ber die Menge an Blut, die Sobek verloren hatte. Abberlines Kugel musste sein Herz nur um Haaresbreite verfehlt haben.</p><p>Wieder vibrierte der Boden unter ihren F��en; sacht, zugleich aber auch zu deutlich, um es diesmal als blo�e Einbildung abtun zu k�nnen. Hinter der offen stehenden T�r jedoch war nichts au�er einer steilen, sehr schmalen Treppe, die scheinbar unendlich weit in die Tiefe f�hrte.</p><p>�Ich hatte recht�, sagte Abberline zu sich selbst. �Die <emphasis>Tube. </emphasis>Verdammt!�</p><p>�Was genau ist das?�, fragte Bast.</p><p>Sie bekam keine Antwort - sie hatte auch nicht wirklich damit gerechnet - und auch keine Gelegenheit, eine weitere Frage zu stellen, denn Abberline eilte jetzt so schnell die Treppe hinab, als versuche er ernsthaft, den Lichtstrahl seiner eigenen Lampe zu �berholen. Vielleicht erlag er dem - verst�ndlichen - Irrglauben, dass seine Beute langsamer werden musste, bei der gewaltigen Menge an Blut, die sie verlor. Bast wusste, dass es nicht so war; im Gegenteil. Jeder Moment, der verging, war ein gewonnener Moment f�r Sobek. Er wurde st�rker, nicht schw�cher. Aber allein der Umstand, dass er noch nicht hier war, um die Sache zu Ende zu bringen, deutete darauf hin, dass er sich erst einmal zur�ckgezogen hatte, um seine Wunden zu lecken und wieder zu Kr�ften zu kommen.</p><p>Die Treppe f�hrte schier endlos weit in die Tiefe. Bast hatte nicht wirklich darauf geachtet, sch�tzte aber, dass sie sich mindestens f�nfzig, wenn nicht sechzig oder mehr Fu� tief unter den Stra�en der Stadt befanden, bevor die Treppe endlich in einen gemauerten Gang m�ndete, der so niedrig war, dass selbst Abberline sich b�cken und Jones seinen Helm absetzen musste, um nicht dagegenzusto�en.</p><p>�Wohin f�hrt dieser Gang?�, fragte Bast.</p><p>Abberline hob z�gerlich die Schultern und richtete den Lichtstrahl seiner Lampe tiefer in das unheimliche Schwarz vor ihnen. Der flackernde Strahl enth�llte einen niedrigen, stockfinsteren Gang, der alles andere als vertrauenerweckend aussah. Er war so niedrig, dass selbst ein normal gewachsener Mann nur geb�ckt darin gehen konnte, und weniger als zwei Fu� breit. Unter der Decke hingen uralte Kabel und Rohrleitungen, deren Enden offensichtlich mit roher Gewalt abgerissen worden waren.</p><p>�Ich bin nicht ganz sicher�, gestand er. �Das hier unten ist das reinste Labyrinth. Sie bauen seit Jahrzehnten an der <emphasis>Tube. </emphasis>Niemand wei� mehr genau, wie viele dieser G�nge und Stollen es gibt oder wohin sie f�hren.�</p><p>�Dann sollten wir kehrtmachen�, schlug Bast vor, eigentlich nur der Ordnung halber. Der Inspektor schenkte ihr auch nur einen fl�chtigen Blick, hob seine Lampe ein wenig und machte einen ersten, allerdings sehr z�gerlichen Schritt in den Tunnel hinein, bevor er wieder stehen blieb und sie erneut und diesmal auf eine ganz andere Art fragend ansah.</p><p>�K�nnen Ihre ... <emphasis>Freunde </emphasis>zuf�llig auch durch W�nde gehen?� Bast machte sich nicht einmal die M�he, darauf zu antworten, und Abberline nickte zufrieden. �Das hatte ich gehofft. In diesem Fall gehen wir weiter.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil das die einzige Richtung ist�, antwortete Abberline. �So schwer verletzt, wie der Kerl ist, kann er nicht mehr allzu weit kommen.�</p><p>Bast schwieg. Dieser finstere Tunnel gefiel ihr nicht. Sie hatte das Gef�hl, dass in dieser wattigen Dunkelheit irgendetwas lauerte. Pl�tzlich war sie froh, dass ihr Abberline in diesem Moment nicht direkt ins Gesicht sah, denn <emphasis>diese </emphasis>Dunkelheit <emphasis>machte </emphasis>ihr Angst.</p><p>�Wir k�nnen nat�rlich auch hier bleiben und darauf hoffen, dass er irgendwann aufgibt und einfach zur�ckkommt�, meinte Abberline sp�ttisch, als h�tte er ihre Gedanken gelesen.</p><p>Bast w�rdigte diese Bemerkung nicht einmal einer Antwort, sondern zuckte nur demonstrativ resignierend mit den Schultern und wollte geduckt als Erste in den niedrigen Gang treten, doch Abberline sch�ttelte rasch den Kopf. �Es ist besser, wenn ich vorausgehe�, sagte er. �Der Weg ist unter Umst�nden nicht ganz so ungef�hrlich, wie er aussieht.�</p><p>Bast fragte sich, wie er auf die Idee kam, dass die Dunkelheit, die vor ihnen lauerte, in irgendeiner Art <emphasis>ungef�hrlich </emphasis>wirkte. All ihre Instinkte warnten sie davor, auch nur einen einzigen Schritt in diese klaustrophobische Schw�rze hinein zu tun.</p><p>Gehorsam trat sie beiseite, damit Abberline vorausgehen konnte. Als er seine Lampe hob und die Schatten wie kleine, rauchige Tierchen vor dem Licht zur�ckwichen, wurde aus ihrem bisherigen unguten Gef�hl beinahe Gewissheit: Das Licht <emphasis>war blasser </emphasis>geworden. Nicht viel, aber die Kraft der Lampe begann nachzulassen. Besorgt fragte sie sich, was geschehen w�rde, wenn das Licht endg�ltig erlosch. Sie selbst w�rde sich selbst bei vollkommener Dunkelheit zurechtfinden, aber Abberline w�rde m�glicherweise und Jones mit gro�er Sicherheit in Panik geraten.</p><p>Aber dieses Risiko musste sie eben eingehen.</p><empty-line/><empty-line/><p>Ihr ungutes Gef�hl hatte sich als nur zu berechtigt erwiesen. In dem schmalen und zwar kaum merklich, aber best�ndig abw�rtsf�hrenden Tunnel waren sie nur langsam vorangekommen, sodass sie nahezu eine Stunde f�r eine Strecke gebraucht hatten, die nicht einmal zwei Meilen ausmachte, und Bast war nicht die Einzige, die h�rbar erleichtert aufatmete, als Decke und W�nde endlich vor ihnen zur�ckwichen und sie in eine kleine, an der gegen�ber liegenden Seite von einer h�lzernen T�r verschlossene Kammer hinaustraten. Ihr R�cken schmerzte, weil sie die ganze Zeit so weit nach vorne geb�ckt hatte gehen m�ssen, dass sie problemlos mit den H�nden den Boden h�tte ber�hren k�nnen, und auch ihre Schultern taten weh, denn die meiste Zeit �ber war der Stollen so eng gewesen, dass sie rechts und links an seinen W�nden entlanggeschrammt war. In ihrem Mund war ein widerlicher Geschmack, den sie einfach nicht loswurde, und der Gestank, der ihre Nase beleidigte, kam nicht nur von ihren eigenen Kleidern, sondern schien aus dem Boden und den W�nden zu str�men, als h�tte diese ganze Stadt von innen heraus zu verfaulen begonnen.</p><p>Abberline lie� den mittlerweile deutlich blasser gewordenen Lichtstrahl �ber die T�r gleiten, streckte die Hand aus und dr�ckte die Klinke herunter. Erwartungsgem�� war sie verschlossen, aber der Scotland-Yard-Mann musste sich nicht einmal anstrengen, um das Schloss zusammen mit einem guten Teil des T�rrahmens herauszubrechen. Staub wirbelte auf und machte den widerlichen Geschmack auf Basts Zunge noch schlimmer, und das blasse Licht, das Abberlines Lampe noch von sich gab, verlor sich in einem weitl�ufigen, dunklen Raum. Bast versp�rte abermals dieses sonderbare Vibrieren und Zittern, nur dass es diesmal nicht aus dem Boden unter ihren F��en zu kommen schien, sondern gleichsam aus allen Richtungen zugleich, wie das Beben einer urgewaltigen Kraft, das die Luft und den Stein �berall rings um sie herum erf�llte. Zugleich h�rte sie ein sonderbares, rasch n�her kommendes Ger�usch, das sie nicht einordnen konnte. Ihre beiden Begleiter schien jedoch weder das Ger�usch noch das unheimliche Vibrieren zu irritieren. Ganz im Gegenteil hatte Bast eher das Gef�hl, dass sie es gar nicht wirklich zur Kenntnis nahmen. Vielleicht die <emphasis>Tube - </emphasis>was auch immer das sein mochte.</p><p>Abberline sp�hte einen Moment lang durch den T�rspalt, ohne sie weiter ge�ffnet zu haben, und zog sonderbarerweise seine Taschenuhr aus der Weste und klappte den Deckel auf. Bast versuchte erst gar nicht, diesem seltsamen Verhalten irgendeinen Sinn abzugewinnen, sondern dr�ngte sich kurzerhand an ihm vorbei, �ffnete die T�r und trat hindurch.</p><p>Etwas Riesiges, Schwarzes mit gelb gl�henden Augen und blitzenden Z�hnen st�rzte br�llend und schnaubend aus der Dunkelheit heraus und h�tte sie unweigerlich getroffen und niedergeworfen, h�tte Abberline sie nicht im letzten Moment am Arm gepackt und zur�ckgerissen. Das Ungeheuer raste donnernd und schwarzen Rauch und Flammen speiend auf der anderen Seite der T�r vorbei und erf�llte den Korridor mit seinem L�rm und flackerndem Licht, und der Boden zitterte immer heftiger. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, wenn nicht l�nger, und selbst danach blieb Bast noch etliche Augenblicke einfach stehen und starrte die nun wieder leere T�r verst�ndnislos an.</p><p>�Was ... was war das?�, murmelte sie erschrocken.</p><p>Abberline grinste knapp. �Das war <emphasis>unsere </emphasis>Art von Drache�, sagte er.</p><p>�Wie?�</p><p>�Die <emphasis>Tube</emphasis>�<emphasis>, </emphasis>antwortete Abberline. �Ich habe Ihnen doch gesagt, dass dieser Stollen dorthin f�hrt.�</p><p>�Aha�, sagte Bast. Sie verstand kein Wort. Unsicher blickte sie erneut die offen stehende T�r an, hinter der jetzt wieder nahezu vollkommene Dunkelheit herrschte. L�rm und rasendes Licht waren verschwunden, nur der Boden zitterte noch immer sacht, und in der Luft hing ein scharfer Geruch wie nach verbranntem Holz und hei�em Metall.</p><p>�Die Untergrundbahn�, erkl�rte Abberline. �Ich dachte, Sie w�ssten davon. Immerhin ist sie Londons ganzer Stolz.� Er verzog fl�chtig das Gesicht. �Oder wird es irgendwann einmal sein, sollte sie jemals fertig werden.�</p><p>Bast hatte irgendwie das Gef�hl, mit jedem Wort weniger zu verstehen, aber dann sch�ttelte sie den Gedanken ab. Wieder eine der neumodischen Erfindungen, von denen Maistowe gesprochen hatte ... aber sie war nicht sicher, ob sie sie wirklich verstehen wollte.</p><p>Au�erdem hatten sie im Moment andere Probleme.</p><p>�Wir sollten uns beeilen�, sagte Abberline und blickte abermals auf seine Uhr. �Die Z�ge verkehren im Viertelstundentakt, und ich wei� nicht genau, wie weit es bis zur n�chsten Station ist. Rechts oder links?�</p><p>Bast sah ihn fragend an.</p><p>�Ist er nach rechts oder links gegangen?�</p><p>�Nach rechts�, antwortete sie, fast ohne dar�ber nachzudenken. �Sie ... Sie wollen doch nicht etwa dort hinein?�</p><p>�Wegen des Drachen?� Abberline schien Freude an seinem eigenen schalen Scherz gewonnen zu haben, sch�ttelte aber auch den Kopf. �Keine Sorge. Er tut uns nichts - wenn wir uns ein bisschen beeilen und die n�chste Station erreichen, bevor er zur�ckkommt, hei�t das. Haben Sie Angst?�</p><p>Bast war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass Abberline sie zu reizen versuchte, und es �rgerte sie, aber sie hatte im Moment keine Zeit f�r so etwas. Abberline war ganz offensichtlich entschlossen, die Verfolgung um jeden Preis fortzusetzen, und sie konnte ihn auf keinen Fall alleine gehen lassen; schon, weil trotz allem die Gefahr bestand, dass er Sobek tats�chlich einholte. Bast bedauerte inzwischen, ihm tats�chlich die Richtung genannt zu haben, in die Sobeks Spur f�hrte, statt ihn in die entgegengesetzte Richtung laufen zu lassen.</p><p>Abberline gab ihr keine Gelegenheit, diesen Fehler wiedergutzumachen, sondern trat geb�ckt durch die T�r, sprang in den dahinter liegenden Gang, der einen guten Meter tiefer lag, und leuchtete mit seiner Lampe zu ihnen herein. �Jones, kommen Sie. Die Zeit l�uft.�</p><p>Der Bobby wirkte noch weniger begeistert als bisher, gehorchte aber widerspruchslos, und Bast war die Letzte, die den gew�lbten Tunnel hinuntersprang. Der Atem des verschwundenen Drachen erf�llte die Luft noch immer mit bei�endem Gestank, und das Lampenlicht brach sich auf rostigen Eisenbahnschienen, die tief unter der Erde verlegt worden waren. Auch hier lag der charakteristische Geruch von Blut in der Luft, mittlerweile aber nur noch so schwach, dass selbst Bast M�he hatte, ihn zu erfassen.</p><p>Abberline lief los, kaum dass sich Bast zu Jones und ihm gesellt hatte. Er rannte noch nicht, aber viel fehlte auch nicht daran, und obwohl Bast sein Gesicht nicht erkennen konnte, sp�rte sie seine Nervosit�t. Vielleicht war er sich seiner Sache doch nicht ganz so sicher, wie er bisher getan hatte.</p><p>Und das m�glicherweise zu Recht.</p><p>Sie waren noch nicht einmal ann�hernd die Viertelstunde unterwegs, von der er vorhin gesprochen hatte, als Basts feine Sinne erneut ein sachtes Vibrieren und Zittern des Bodens wahrnahmen. Ganz instinktiv sah sie sich um. Hinter ihnen herrschte noch immer so vollkommene Schw�rze, dass selbst ihre scharfen Augen nichts als Dunkelheit erkannten, aber das bedeutete nichts - obgleich der Tunnel gerade wirkte, beschrieb er doch in Wahrheit einen sanften Bogen, sodass alles, was weiter als f�nfzig oder sechzig Schritte entfernt war, hinter der kaum merklichen Kr�mmung verborgen lag. Und so schnell, wie sich die <emphasis>Underground </emphasis>bewegte, konnte sie binnen Sekunden hinter ihnen auftauchen.</p><p>�Vielleicht sollten wir uns besser ein wenig beeilen�, schlug sie vor.</p><p>Abberline warf im Gehen einen Blick �ber die Schulter zur�ck. Er sagte nichts, schritt aber noch schneller aus und rannte nun wirklich. Trotzdem war Bast klar, dass sie es nicht schaffen w�rden. Auch vor ihnen herrschte vollkommene Schw�rze, was hie�, dass sie noch ein geh�riges St�ck von der n�chsten Station entfernt waren, und nicht nur der Boden unter ihren F��en zitterte mittlerweile so stark, dass selbst Abberline und Jones es sp�ren mussten. Dazu nahm sie jetzt ein schweres, mechanisches Klappern und Rasseln wahr, das rasch an Lautst�rke gewann.</p><p>Abberline begann zu rennen. Sein Lichtstrahl h�pfte wild vor ihnen auf und ab, tastete suchend �ber die W�nde und bewegte sich immer panischer, und das unheimliche Ger�usch nahm immer mehr an Macht zu. Bast unterdr�ckte den Impuls, hinter sich zu blicken, aber sie wusste auch so, was sie gesehen h�tte.</p><p>�Dort!�, schrie Abberline pl�tzlich. �Die Station! Schneller!�</p><p>Das letzte Wort hatte er geschrien. Gleichzeitig versuchte er noch schneller zu laufen. Bast konnte nicht beurteilen, ob es ihm gelang, aber sein Lichtstrahl glitt pl�tzlich h�pfend unsicher �ber einen gut drei Fu� hohen Absatz auf der rechten Seite, hinter dem sich ein weitl�ufiger Raum befinden musste, denn das bleiche Licht traf auf keinen Widerstand mehr. Mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung erreichte er sein Ziel, flankte mit einer unerwartet kraftvollen Bewegung hinauf und fiel prompt der L�nge nach hin. Da er die Lampe mit sich nahm, h�tte es dunkel werden m�ssen.</p><p>Aber das wurde es nicht.</p><p>Das Dr�hnen und Schnauben war best�ndig lauter geworden, und pl�tzlich flammte hinter ihnen ein grelles, gelbes Licht auf, das Jones und ihren Schatten lang gezogen und grotesk verzerrt �ber die Schienen warf. Jones keuchte entsetzt, lief schneller und fiel prompt der L�nge nach hin. Die Pistole flog davon, prallte Funken spr�hend von den Schienen ab und verschwand in der Dunkelheit. Mit einem einzigen Satz war Bast bei ihm, zerrte ihn grob auf die F��e und warf ihn mehr den Bahnsteig hinauf, als dass sie ihn stie�. Das Licht wurde greller. Der Boden unter ihren F��en zitterte und bockte jetzt so stark wie ein ungebrochenes Wildpferd, das seinen Reiter abzuwerfen versucht. Jones versuchte vollkommen absurderweise, sich loszurei�en und seiner verlorenen Waffe hinterherzust�rzen, und Bast verga� auch noch ihren allerletzten Rest von R�cksicht, warf sich mit einem verzweifelten Satz zur Seite und zerrte den hilflos zappelnden Polizisten einfach mit sich. Etwas Riesiges, unvorstellbar Massiges raste so dicht hinter ihr entlang, dass sie der blo�e Luftzug von den Beinen riss, und f�r einen Moment �berstrahlte ein rasend flackerndes, stroboskopisches Licht den Schein von Abberlines Lampe. Ein schrilles, nicht enden wollendes Kreischen marterte ihr Geh�r, und f�r einen winzigen, aber durch und durch schrecklichen Augenblick drohte sie nicht nur den Halt auf dem Boden zu verlieren, sondern auch in der Wirklichkeit, als h�tte dieses schreckliche, eiserne Heulen und Knirschen gleicherma�en die Grenzen zwischen den Wirklichkeiten niedergerissen.</p><p>�Ist alles in Ordnung?� Abberline streckte die Hand aus und half ihr in die H�he, und Bast ertappte sich dabei, sein Angebot dankbar anzunehmen. Sie hatte immer noch das Gef�hl, den Boden unter den F��en zu verlieren, und f�r einen winzigen Moment umklammerte sie seine Hand so fest, dass er schmerzerf�llt die Lippen zusammenpresste.</p><p>Hastig lie� sie seine Hand los. �Danke.�</p><p>�Keine Ursache.� Abberlines Mundwinkel zuckten noch immer vor Schmerz, aber er zwang sich dennoch zu einem L�cheln, richtete den Lichtstrahl f�r einen Moment auf ihr Gesicht, um sie kritisch zu mustern, und trat dann an ihr vorbei an die Bahnsteigkante. Bast folgte ihm mit klopfendem Herzen, aber sie hatte M�he, sich auf ihre Umgebung zu konzentrieren.</p><p>Der Tunnel war wieder leer. Das Rumpeln, Heulen und Kreischen nahm rasch an Lautst�rke ab, und als Bast sich behutsam vorbeugte, sah sie gerade noch ein Paar dunkelroter flackernder Lichter um die n�chste Biegung der unterirdischen R�hre verschwinden. Ihr Herz begann noch einmal schneller zu schlagen, und pl�tzlich war sie froh, dass Abberline den Lichtstrahl direkt in den Tunnel hinauslenkte. So sah er wenigstens nicht, wie stark ihre H�nde zitterten.</p><p>Was war nur los mit ihr?</p><p>Nat�rlich wusste sie, was sie da sah: nichts anderes als eine Dampflokomotive, die auf Schienen tief unter der Erde fuhr, kein mythisches Ungeheuer, das aus den Abgr�nden der Zeit emporgestiegen war, um sie zu verschlingen, sondern das genaue Gegenteil, eine <emphasis>Maschine, </emphasis>ein Ding aus Stahl und Holz und Schrauben und R�dern, nicht mehr.</p><p>Und trotzdem <emphasis>war </emphasis>es im Moment f�r sie ein Ungeheuer, vielleicht das bedrohlichste, das ihr jemals begegnet war. Die beiden roten H�llenaugen waren l�ngst erloschen, aber sie glaubte ihren Blick noch immer mit fast k�rperlicher Intensit�t zu sp�ren. Das Zittern ihrer H�nde lie� nicht nach, sondern nahm im Gegenteil noch einmal zu, und das Herz schlug ihr bis zum Hals.</p><p>�Tja, ich w�rde sagen, jetzt steht es zwei zu eins f�r unseren Drachen�, witzelte Abberline lahm. Er trat wieder zur�ck, richtete den Scheinwerferstrahl ein zweites Mal direkt auf sie und erschrak sichtbar, als er in ihr Gesicht blickte. Allerdings war er auch diskret genug, um die Lampe praktisch sofort wieder zu senken und auf Jones zu richten.</p><p>Nicht, dass dessen Anblick wesentlich erbaulicher gewesen w�re. Er war auf H�nde und Knie hinabgesunken und stierte blicklos ins Leere. Sein Gesicht war blutig, und was das Flackern tief in seinen Augen wirklich bedeutete, wollte Bast im Grunde gar nicht wissen.</p><p>�Alles okay mit Ihnen, Konstabler?�, fragte Abberline.</p><p>Die Frage kam Bast nachgerade l�cherlich vor. Der Konstabler war fast so gro� wie sie und unter normalen Umst�nden zweifellos das, was man einen B�r von einem Mann nannte; in jeder Hinsicht. Jetzt war er allerdings kaum mehr als ein zitterndes H�ufchen Elend. Bast sah fl�chtig in ihn hinein und schrak vor dem zur�ck, was sie erblickte. Sie beruhigte ihn rasch und so unauff�llig, wie es gerade m�glich war, l�schte zumindest die allerschlimmsten Erinnerungen aus seinem Kurzzeitged�chtnis und gab ihm ein wenig von ihrer eigenen Kraft, nicht ann�hernd so viel, wie n�tig gewesen w�re, aber genug, damit er zumindest nicht im n�chsten Augenblick zusammenbrach.</p><p>Anscheinend war sie trotz allem nicht vorsichtig genug gewesen, denn als sie sich wieder zu Abberline herumdrehte, war der Ausdruck von Misstrauen auf seinem Gesicht regelrecht explodiert. �Ich glaube, Sie sind mir wirklich eine Menge Antworten schuldig�, sagte er.</p><p>�Alle, die Sie wollen�, sagte Bast zum wiederholten Male. �Aber nicht jetzt.�</p><p>�Vielleicht reicht das nicht�, sagte Abberline.</p><p>Bast sah ihn fragend an.</p><p>�Vielleicht sollte ich Sie nach den Fragen fragen, die ich Ihnen stellen sollte, statt nur nach Antworten�, sagte Abberline ernst, machte zugleich aber auch eine abwehrende Handbewegung, als sie etwas darauf erwidern wollte. �Aber Sie haben recht. Jetzt ist nicht der richtige Moment dazu.�</p><p>Was vermutlich der Wahrheit entsprach. Bast hatte bisher keinen Gedanken an ihre Umgebung verschwendet - schlie�lich war dies hier Abberlines Revier, und auch, wenn sich seine F�higkeiten als Fremdenf�hrer bisher als eher mangelhaft erwiesen hatten, so kannte er sich hier doch zweifellos trotzdem hundertmal besser aus als sie -, aber nun kamen ihr doch erste Zweifel. Wenn das hier ein typischer Londoner Underground-Bahnhof war, dann war der un�berh�rbare Stolz, mit dem er von der <emphasis>Tube </emphasis>gesprochen hatte, hoffnungslos �bertrieben.</p><p>Sie waren vollkommen allein. Angesichts der fortgeschrittenen Stunde h�tte Bast diesen Umstand vielleicht noch akzeptiert - wenn auch mit Verwunderung -, aber das war l�ngst nicht alles. Die gut zehn Fu� hohe, von wuchtigen h�lzernen St�tzpfeilern getragene Halle, in der sie sich befanden, war nicht nur verlassen, sondern auch dunkel. Der zitternde Strahl der Lampe riss eine Anzahl kunstvoll geschmiedeter Gas- oder Petroleumlampen aus der Dunkelheit, die an den gefliesten W�nden befestigt waren, und auch unter der Decke hingen wuchtige Kronleuchter, aber nicht eine einzige dieser Lampen war in Betrieb. Die Luft war so trocken, dass sie im Hals kratzte, und von einem sonderbar abgestandenen Geruch erf�llt, obwohl in dem Tunnel neben ihnen ein permanenter Luftzug herrschte, und auf dem Boden lag eine fast fingerdicke Staubschicht. Sie war nicht vollends unversehrt, sondern von einer Anzahl sich �berschneidender Fu�spuren durchzogen, aber keine davon schien j�nger als mehrere Monate zu sein.</p><p>�T�usche ich mich, oder hat Maistowe recht, und die Londoner B�rger nehmen nicht alle modernen Erfindungen an?�, fragte sie.</p><p>Abberline warf ihr einen unsicheren Blick zu. Sie hatte sp�ttisch klingen wollen, aber ihre Worte h�rten sich eher nach dem Gegenteil an. Irgendetwas in dieser verlassenen Halle schien sie zu packen und zu etwas anderem zu machen.</p><p>�Das hier ist ein verlassener Bahnhof�, antwortete er �berfl�ssigerweise. �Und ich glaube, ich wei� sogar, welcher.�</p><p>�Und?�, fragte Bast. Etwas an der Art, auf die Abberline geantwortet hatte, gefiel ihr nicht.</p><p>�Das m�sste die alte Tower-Station sein�, murmelte Abberline, mehr zu sich selbst als an sie gewandt und in fast �berraschtem Ton. �Erstaunlich. Ich h�tte nicht gedacht, dass wir so weit gegangen sind.� Er wandte sich um, trat wieder an den Bahnsteig heran und richtete die Lampe nach unten. Der Lichtstrahl riss einen rostigen Schienenstrang aus der Dunkelheit, wanderte zitternd und unsicher weiter und enth�llte f�r einen Moment eine ebenso verrostete Kette, die zwischen den Schienen verlief. �Ja, das ist sie.�</p><p>�Wieso hat man diesen Bahnhof aufgegeben?�, erkundigte sich Bast.</p><p>�Die ganze Strecke wurde nach nur einem Tag wieder stillgelegt�, antwortete Abberline. Er leuchtete wieder auf die Schienen hinab. �Sehen Sie die Kette? Sie hatten damals die Idee, den Zug mit dieser Kette �ber die Schienen zu schleppen, aber es hat nicht funktioniert. Sie waren so langsam, dass man zu Fu� rascher zur n�chsten Station gekommen w�re. Kommen Sie. Ich will endlich hier raus!�</p><p>Diesmal sichtbar entschlossener, drehte er sich mit einem Ruck herum und lie� den Lichtstrahl noch einmal �ber die staubigen W�nde gleiten. Nach ein paar Augenblicken blieb er an einer zweifl�geligen, mit einer wuchtigen Kette und einem noch viel schwereren Vorh�ngeschloss gesicherten T�r h�ngen. Wortlos ging Abberline hin und �berlie� es ihr, Jones in nahezu vollkommener Dunkelheit auf die F��e zu helfen und ihm zu folgen.</p><p>Abberline machte sich umst�ndlich an der Kette zu schaffen, als sie ihn erreichte, und empfing sie mit einem missmutigen Blick. Bast gebot ihm mit einer entsprechenden Geste, zur�ckzutreten, lie� Jones los und riss die Kette kurzerhand durch. Sie bedauerte diesen kleinen Anflug von Eitelkeit augenblicklich, als sie Abberlines vielsagendes Stirnrunzeln registrierte. Auch wenn er bisher sehr wenig �ber das gesagt hatte, was er von ihr - und vor allem �ber das, wozu sie <emphasis>f�hig </emphasis>war - dachte, so war er doch nicht blind, sondern ganz im Gegenteil ein sehr aufmerksamer Beobachter. Bisher hatte sie wenig mehr als einen fl�chtigen Gedanken an diesen Umstand verschwendet, aber das war gewesen, <emphasis>bevor </emphasis>sie begriffen hatte, dass der Scotland-Yard-Mann nicht zu denen geh�rte, deren Erinnerungen sie fast nach Belieben manipulieren konnte. Bast nahm sich vor, ab sofort besser auf das zu achten, was sie sagte und vor allem tat.</p><p>Aber eigentlich war es ihr gleich. Etwas hier unten ... stimmte nicht. Sie wollte einfach nur noch hier heraus, so schnell wie m�glich. Als w�re etwas in ihr darum bem�ht, die Situation nur noch schlimmer zu machen, trat sie mit einem �bertrieben triumphierenden L�cheln zur�ck und machte eine auffordernde Geste. Abberlines Blick wurde noch einmal finsterer, aber er sparte sich jeden Kommentar, zog die zerbrochene Kette aus dem Schloss und lie� sie achtlos fallen, bevor er sich �chzend darum bem�hte, die beiden schweren Torfl�gel aufzuschieben. Diesmal tat Bast ihm nicht den Gefallen, ihm zu helfen. Wer war sie denn, dachte sie sp�ttisch, einem echten englischen Gentleman die Peinlichkeit zu bereiten, sich von einer Lady die T�r aufhalten zu lassen?</p><p>�So, das h�tten wir�, keuchte Abberline nach einigen schwei�treibenden Momenten. Immerhin hatte er die schweren T�rfl�gel weit genug auseinanderbekommen, um sich mit einiger M�he hindurchquetschen zu k�nnen. �Kommen Sie!�</p><p>Bast erweiterte den T�rspalt unauff�llig, um einen auch f�r sie und Jones passablen Durchgang zu schaffen, und folgte fasziniert dem zitternden Lichtstrahl, den Abberline vor ihnen die Stufen einer schier unendlich lang erscheinenden, h�lzernen Treppe hinaufwandern lie�. Bast sch�tzte, dass sie aus mindestens hundert, wenn nicht mehr Stufen bestand ... und so ganz nebenbei sah sie nicht unbedingt vertrauenerweckend aus. Eine dicke Staubschicht bedeckte die ausgetretenen Stufen, und ihr feiner Geruchssinn nahm vermoderndes Holz wahr. Sie konnte nur hoffen, dass diese uralte Konstruktion ihrem gemeinsamen Gewicht noch gewachsen war. Am oberen Ende der Treppe befand sich eine geschlossene und zus�tzlich mit Brettern vernagelten Gittert�r, die von einer zweiten, deutlich massiver aussehenden Kette gesichert war.</p><p>�Vielleicht sollten wir ... nacheinander hinaufgehen?�, schlug sie vor.</p><p>Abberline machte ein �bertrieben beleidigtes Gesicht. �Bitte verzeihen Sie, Mylady�, sagte er mit komisch verstellter, n�selnder Stimme. �Aber das hier ist der ganze Stolz britischer Ingenieurskunst. K�nnen Sie mir ein Geb�ude auf der ganzen Welt nennen, das langlebiger und stabiler w�re?�</p><p>�Die Pyramiden von Gizeh?�, schlug Bast vor.</p><p>Abberline machte ein noch beleidigteres Gesicht, aber dann lachte er und sch�ttelte �berzeugt den Kopf. �Keine Sorge. Auch wenn es nicht so aussieht - die Station wird regelm��ig kontrolliert. Das Letzte, was sich die Metropolitan w�nscht, ist ein spielendes Kind oder ein Obdachloser, denen hier unten die Decke auf den Kopf f�llt, glauben Sie mir. Kommen Sie.�</p><p>Er wedelte auffordernd mit seiner Lampe, machte einen einzelnen Schritt und blieb dann wieder stehen. �Jones! Wo bleiben Sie?�</p><p>Jones antwortete nicht, aber hinter ihnen raschelte es leise, und Abberline zog eine �rgerliche Grimasse und trat an Bast vorbei wieder in die Bahnhofshalle hinaus. �Jones, verdammt!�</p><p>Bast folgte ihm. Jones befand sich irgendwo links, au�erhalb des Lichtes. Selbst sie konnte ihn nur als verschwommenen Schatten wahrnehmen. Er bewegte sich langsam und halb geb�ckt, als w�rde er etwas suchen.</p><p>�Sir? Ich glaube, hier ... ist etwas.�</p><p>Abberline sah nicht so aus, als w�re er sonderlich begeistert �ber den pl�tzlichen Diensteifer des Constablers, schwenkte aber gehorsam seine Lampe herum und folgte ihm. Jones war mittlerweile stehen geblieben und blickte konzentriert auf irgendetwas auf dem schuttbedeckten Boden vor sich hinab. Abberline murmelte irgendetwas, das sich noch weniger begeistert anh�rte, trat aber trotzdem neben ihn und senkte die Lampe. Der Lichtstrahl huschte den kurzen Weg zur�ck, den er ihm vorausgeeilt war und brach sich blitzend auf etwas Dunklem und Nassem. Abberline sog h�rbar die Luft zwischen den Z�hnen ein, und auch Bast fuhr erschrocken zusammen. Das bleiche Licht l�schte alle Farben aus und gab den Dingen eine Bedeutung, die sie nicht hatten, aber der Geruch war unverkennbar.</p><p>�Das ist Blut�, murmelte Abberline, nachdem er sich in die Hocke gelassen und den verschmierten Fleck behutsam mit der Fingerspitze ber�hrt hatte.</p><p>�Menschliches Blut�, f�gte Bast leise hinzu. Abberline schrak zusammen und warf ihr einen raschen, unsicheren Blick zu, und Bast erteilte sich selbst in Gedanken einen scharfen Verweis. Sie hatte das nicht laut aussprechen wollen. Ihre Hand tastete fast ohne ihr Zutun nach dem Schwert in ihrem G�rtel, und Abberlines Blick wurde noch besorgter, da ihm diese Bewegung nat�rlich keineswegs entging. Bast gebot ihm jedoch mit einer raschen Geste, still zu sein, schloss die Augen und lauschte mit allen Sinnen. Das Einzige, was sie h�rte, waren Jones' und Abberlines Atemz�ge und das dumpfe H�mmern ihres eigenen Herzschlages, und das einzige Leben, das sie sp�rte, geh�rte ebenfalls diesen beiden. Und dennoch ... etwas <emphasis>war </emphasis>da. Es war die ganze Zeit �ber da gewesen, eine Pr�senz, unglaublich fremd und vertraut zugleich und wie etwas Unsichtbares und Riesiges, das lautlos in der Dunkelheit hockte und sie belauerte, und ein Gef�hl, das sie nur zu gut kannte: das Gef�hl, Beute zu sein.</p><p>�Sie haben recht, Inspektor�, sagte sie. �Verschwinden wir von hier.�</p><p>Abberline stand zwar auf, bewegte sich im ersten Moment jedoch nicht von der Stelle, sondern schwenkte nur seine Lampe herum, bis das Licht einen zweiten, verschmierten schwarzen Fleck auf dem Staub und eingetrocknetem Schmutz auf dem Boden ertastete, dann einen dritten und vierten.</p><p>Die Blutspur war nicht so breit und frisch wie die, der sie vorhin gefolgt waren, und Bast musste auch nicht davon kosten, um zu wissen, dass es jetzt nicht mehr Sobeks Blut war, aber es war ganz eindeutig menschliches Blut, und es war noch nicht lange genug hier, um eingetrocknet zu sein. Welches Drama sich auch immer hier abgespielt hatte, es konnte allerh�chstem einige Minuten zur�ckliegen. Aber wieso sp�rte sie nichts?</p><p>�Wir sollten besser gehen, Inspektor�, sagte sie noch einmal und erschrak beinahe selbst �ber den un�berh�rbaren Unterton von Furcht in ihrer Stimme.</p><p>Abberline wandte zwar den Kopf und ma� sie mit einem gleicherma�en nachdenklichen wie misstrauischen Blick, machte aber keineswegs kehrt, sondern begann ganz im Gegenteil der unterbrochenen Blutspur zu folgen. �Ich glaube, ich habe es schon mehrmals gesagt, aber ich wiederhole mich gern�, sagte er mit einer Betonung, die beinahe noch sonderbarer war als sein Blick. Von der fast ausgelassenen Erleichterung, die sie gerade bei der Treppe in ihm gef�hlt hatte, war nichts mehr geblieben. �Falls Sie mir irgendetwas zu sagen haben, w�re jetzt vielleicht der richtige Moment.� Gleichzeitig griff er mit der freien Hand in die Jackentasche, um seinen Revolver zu ziehen. Das helle Klicken, mit dem er den Hahn zur�ckzog, schien in der Dunkelheit unnat�rlich lang widerzuhallen, und es brachte noch ein anderes, <emphasis>falsches </emphasis>Ger�usch mit sich.</p><p>�Jetzt ist wahrscheinlich der falscheste Moment �berhaupt�, sagte Bast ernst. Begriff er denn nicht, dass sie ganz und gar nicht zuf�llig hier waren? �Das Ganze k�nnte eine Falle sein.� K�nnte? Was musste denn noch passieren, bis sie sich selbst eingestand, wie unvorstellbar leichtsinnig sie sich verhalten hatte?</p><p>Sie hatte nicht wirklich damit gerechnet, aber ihre Worte schienen Abberline tats�chlich nachdenklich zu stimmen. Er machte zwar noch einen halben Schritt, z�gerte dann aber und wandte sich schlie�lich um ... oder h�tte es getan, w�re der Lichtstrahl nicht an etwas Dunklem und Nassem h�ngen geblieben. Hastig schwenkte er die Lampe wieder zur�ck, und hatte im n�chsten Moment alle M�he, einen entsetzten Schrei zu unterdr�cken.</p><p>Es war ein abgerissener menschlicher Arm. Die verkr�mmte Hand, der zwei Finger fehlten, ragte aus einem zerfetzten Jacken�rmel, der einmal zu einer schwarzen Uniform geh�rt haben musste. Das erkannte Bast an dem eingedellten Messingknopf, der das Revers zierte.</p><p>Jones w�rgte h�rbar und wankte einen Schritt zur Seite, wodurch er endg�ltig in der Dunkelheit verschwand, und Abberline zwang sich mit sichtlicher �berwindung, weiterzugehen, und lie� sich - in sicherer Entfernung von gut vier oder f�nf Fu� - vor seinem schrecklichen Fund in die Hocke sinken.</p><p>�Barton?�, fragte Bast. Sie musste sich r�uspern, damit ihre Stimme nicht zu sehr zitterte.</p><p>�Vermutlich!�, antwortete Abberline. �Aber wie kommt er hierher?�</p><p>Bast hatte eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, aber sie schwieg, und Abberline richtete sich wieder auf und lie� den Lichtstrahl weiter in die Richtung wandern, in die die unterbrochene Blutspur gef�hrt hatte. Sie endete nach vielleicht einem Dutzend Schritten vor einer verschlossenen T�r, die so aussah, als w�re sie seit mindestens einem Menschenalter nicht mehr ge�ffnet worden. Abberline ging hin, reichte die Lampe an Jones weiter, dr�ckte mit der Linken die T�rklinke nach unten und richtete mit der anderen Hand die Waffe direkt auf die T�r, als diese mit dem Knarren von jahrelang nicht mehr ge�lten Angeln nach innen schwang. Das Einzige, worauf er zielte, war jedoch staubige Dunkelheit.</p><p>Bast verfolgte die Szene aufmerksam, aber ohne allzu gro�e Besorgnis. Sollte irgendjemand - oder irgendetwas - hinter dieser T�r auf Abberline warten, sie h�tte es gesp�rt.</p><p>Behutsam schob der Inspektor die T�r zur G�nze auf und bedeutete Jones zugleich, den Lichtstrahl direkt in den dahinter liegenden Raum zu lenken. Was in dem jetzt immer mehr an Kraft verlierenden bleichen Schein zum Vorschein kam, das war ein Raum, der auf den ersten Blick winzig wirkte, in Wahrheit aber das genaue Gegenteil war: Es war ein niedriges, zugleich aber sehr weitl�ufiges Zimmer, das nur beengt wirkte, weil man es offensichtlich als Ger�mpelkammer missbraucht hatte. Schreibtische, B�nke, St�hle und ausrangierte und zum Teil umgest�rzte Schr�nke bildeten zusammen mit Kisten, Kartons, nahezu deckenhoch gestapelten T�rmen aus �bereinander geschichtetem Papier und Zeitschriften, verschn�rten Jutes�cken und F�ssern und allem m�glichen anderen Krempel ein heilloses Durcheinander, in dem sich ihr Blick im allerersten Moment hoffnungslos verlor. Alles war bedeckt von einer Staubschicht, die an manchen Stellen zu schmierigen Klumpen zusammengebacken war und an schmutzigen grauen Schnee erinnerte, und die Luft, die ihnen entgegenschlug, war so trocken und verbraucht, dass Bast gegen einen pl�tzlichen Hustenreiz ank�mpfen musste. Auch Abberline wedelte demonstrativ mit der Hand vor dem Gesicht, hielt sich dann die Finger der Linken �ber Mund und Nase und zog eine angewiderte Grimasse, bevor er - unendlich behutsam - durch die offen stehende T�r trat. Jones folgte ihm dichtauf und schwenkte seine Lampe, und der Lichtstrahl glitt tiefer in das stauberf�llte Halbdunkel des Zimmers.</p><p>Im n�chsten Moment schrie Abberline erschrocken auf und gab rasch hintereinander zwei Sch�sse aus seinem Revolver ab.</p><p>Bast war mit einem einzigen Satz neben ihm und riss das Schwert in die H�he. Dann erstarrte sie, und ein Ausdruck, der irgendwo zwischen Verbl�ffung und unendlicher Erleichterung angesiedelt war, machte sich auf ihrem Gesicht breit.</p><p>Nicht, dass sie etwa nicht verstanden h�tte, warum Abberline geschossen hatte. Der Raum war so hoffnungslos vollgestopft und �berladen, dass das Wort Rumpelkammer noch geschmeichelt war. In seiner entlegensten Ecke jedoch und ganz gewiss nicht durch Zufall so, dass man es beim Eintreten nicht sofort sah, hatte sich jemand zu schaffen gemacht und eine geradezu bizarre Szenerie errichtet - zumindest bizarr f�r Abberlines und Jones' Augen. Aus umgest�rzten und neu arrangierten M�belst�cken war eine Art Altar errichtet worden, wenngleich ganz bestimmt nicht die Art von Altar, wie sie die beiden Scotland-Yard-Beamten gewohnt waren, denn es waren keineswegs christliche oder ihnen irgendwie sonst vertraute Symbole und Reliquien, die darauf standen. Bast erblickte einen liegenden Anubis aus schwarzem Obsidian, reich mit Gold verziert und mit Augen aus dunkelroten Rubinen, eine gefl�gelte Isisstatue und ein stilisiertes Horusauge, �berstrahlt von einer goldenen Sonnenscheibe, die ihrerseits von zwei aufgerichteten Kobras flankiert wurde. Reich verzierte und kunstvoll bemalte Kanopen, Opferschalen und �llampen komplettierten das bizarre Bild, und bewacht wurde diese sonderbare Anordnung von einem zehn Fu� langen Nildrachen, der die Eindringlinge aus boshaft zusammengekniffenen Augen anzustarren schien. Ein drittes, rauchendes Loch befand sich in seiner Stirn, so pr�zise zwischen den Augen angeordnet, dass es tats�chlich wie ein drittes, pupillenlos starrendes Auge wirkte, und Abberlines zweite, nicht ganz so pr�zise gezielte Kugel hatte seine rechte Flanke vom Sch�del bis zum Schwanzansatz hinab aufgerissen, bevor sie hinter ihm ins Holz des improvisierten Altars gefahren war. Aus der mehr als mannslangen klaffenden Wunde in den dreieckigen Panzerschuppen der Bestie sickerte jedoch kein Blut. Stattdessen rieselte ein best�ndiger Strom aus grauem Staub und Schmutz auf den Boden, der vermutlich eben so viele Jahrtausende alt war wie das Ungeheuer selbst.</p><p>�Was ... was bedeutet das?�, stammelte Jones. Bast warf ihm einen raschen, besorgten Blick zu. Die Kraft, die sie ihm gegeben hatte, neigte sich offensichtlich schon wieder ihrem Ende zu. Sie w�rde auf ihn achtgeben m�ssen. Trotzdem wandte sie sich mit einem fl�chtigen L�cheln und einem sp�ttischen Kopfsch�tteln an Abberline.</p><p>�Herzlichen Gl�ckwunsch, Inspektor�, sagte sie. �Sie haben eine Mumie erschossen.�</p><p>�Eine Mumie?�, wiederholte Abberline verst�ndnislos. Bast steckte ihr Schwert ein, nahm Jones die Lampe aus der Hand und richtete den zitternden Strahl direkt auf den Nildrachen. Das Ungeheuer war erstaunlich gut erhalten, wenn man bedachte, wie roh es vermutlich aus seinem ewigen Schlaf gerissen und hierher gebracht worden war, dennoch waren die Besch�digungen und Spuren des Alters un�bersehbar. In diesem Gesch�pf war seit Jahrtausenden nichts Lebendiges mehr gewesen.</p><p>�berdies war es nicht das einzige seiner Art.</p><p>Bast lie� Abberline einige Sekunden Zeit, die Krokodilmumie aus ungl�ubig aufgerissenen Augen zu studieren, bevor sie den Lichtstrahl fl�chtig auf zwei weitere, mindestens ebenso gro�e und auf ihre Art trotz allem Furcht einfl��end wirkende mumifizierte Ungeheuer lenkte, die den improvisierten Altar flankierten. Abberline sog scharf die Luft durch die Nase ein, sagte aber nichts mehr, und Jones begann ganz sacht zu zittern.</p><p>�Keine Sorge�, sagte Bast hastig. �Sie tun uns nichts mehr.�</p><p>Zumindest Abberline glaubte ihr, denn schlie�lich sah er, dass sie es nicht mit lebenden Ungeheuern zu tun hatten, aber er wurde dennoch eher noch blasser, und Jones anzusehen ersparte sie sich vorsichtshalber gleich ganz. Nach dem, was diese beiden M�nner gerade mit einem lebendigen Bruder der drei mumifizierten Ungeheuer erlebt hatten, war der Anblick zweifellos schwer f�r sie zu ertragen, aber das war l�ngst nicht der Grund f�r Abberlines abgrundtiefen Schrecken und die m�hsam unterdr�ckte Furcht, die sie in seinen Augen las. Es war dieser Ort. Was immer diese Kammer fr�her einmal gewesen war, jemand hatte sie in etwas Fremdes verwandelt, nicht einfach nur ein heidnisches Heiligtum - sie konnte sich nicht vorstellen, dass Abberline mit so etwas Schwierigkeiten hatte -, sondern ein St�ck nicht nur aus einer fremden Welt, sondern einer alten, l�ngst vergessenen und feindseligen Zeit, die etwas in diesen beiden M�nnern ersch�ttern musste, von dem sie bisher vielleicht gar nicht gewusst hatten, dass es da war. Jemand hatte ein St�ck aus Abberlines und Jones' Wirklichkeit herausgebrochen und durch einen Teil einer anderen, unheiligen Existenz ersetzt, die sie nie kennen gelernt hatten, und gegen die sie vollkommen hilflos waren.</p><p>�Was bedeutet das?�, murmelte Abberline m�hsam beherrscht. Er hielt die Pistole immer noch umklammert, und Bast registrierte beil�ufig, aber nicht unbesorgt, dass der Hahn der Waffe gespannt war und sich seine Finger so fest um den Griff klammerten, dass alle Farbe aus seiner Haut gewichen war. Fast behutsam streckte sie die Hand aus, l�ste seine Finger vom Abzug und lie� den Hahn vorsichtig zur�ckschnappen. Abberline bemerkte es nicht einmal.</p><p>�Ich nehme an, wir haben ihr Versteck gefunden�, sagte sie. Die Frage, die sie weit mehr besch�ftigte, behielt sie vorsichtshalber f�r sich - n�mlich die, <emphasis>wieso </emphasis>sie es gefunden hatten. Etwas in ihr tat sich schwer damit, diesen Fund als einen reinen Zufall zu akzeptieren. So leichtsinnig war Horus nicht. Sobek und er geboten wahrlich �ber genug M�glichkeiten, ihre Geheimnisse zu sch�tzen.</p><p>�Ihr Versteck?�, wiederholte Abberline stirnrunzelnd. �Sie meinen die beiden M�nner, die aus Ihrer ...� Er sprach nicht weiter, sondern schrak pl�tzlich leicht zusammen, starrte die Waffe in seiner Hand eine geschlagene Sekunde lang vollkommen verst�ndnislos an und steckte sie dann hastig ein, bevor er mit wenigen, raschen Schritten g�nzlich neben die Drachenmumie trat und sich in die Hocke sinken lie�, um die bizarre Gestalt - mit sichtbarem Widerwillen, aber sehr aufmerksam - zu betrachten. Schlie�lich streckte er sogar die Hand aus und ber�hrte die halb versteinerten dreieckigen Schuppen des Drachen, das aber so vorsichtig, als h�tte er Angst, sich zu verbrennen.</p><p>�Unglaublich�, murmelte er. �Das ist eine ... eine Mumie? Aber wer tut so etwas? Und warum?�</p><p>�Sobek�, antwortete Bast. Sie machte eine ausholende Geste. �Wenn Sie in einem fremden Land und einer fremden Kultur w�ren, Inspektor, w�rden Sie dann nicht auch versuchen, sich irgendwo ein kleines St�ckchen Heimat zu schaffen?�</p><p>Das war die falsche Tonlage, das sp�rte sie sofort. Abberline sah sie nur noch verwirrter an, und pl�tzlich auch wieder ganz leicht misstrauisch - vielleicht fragte er sich, ob sie versuchte, sich �ber ihn lustig zu machen.</p><p>�Heimat?�</p><p>�Nun ja�, bekannte Bast achselzuckend. �Sobek h�ngt nun einmal an seinen Lieblingstieren. Ein bisschen morbide, das gebe ich zu, aber er ist ziemlich alt.�</p><p>Wider besseres Wissen l�chelte sie schon wieder sp�ttisch. �Sie wissen, wie alte Leute sind, Inspektor. Sie werden manchmal komisch.�</p><p>Wenn auch in vollkommen anderer Hinsicht als beabsichtigt, so wirkte ihr unpassend sp�ttischer Ton doch. Abberlines Miene verfinsterte sich noch weiter, und er stand mit einem Ruck auf und drehte sich g�nzlich zu ihr herum, um sie beinahe feindselig anzustarren. �Ich finde das alles hier nicht im Geringsten komisch�, sagte er. �Was hat das zu bedeuten? Was ist das hier? So eine Art heidnischer Opferst�tte oder der Tempel irgendeiner verr�ckten Sekte?�</p><p>Bast w�nschte sich, er h�tte das nicht gesagt. Nat�rlich wusste sie von allen hier am besten, dass an diesem Ort nichts Magisches oder �bernat�rliches war, und dennoch hatte selbst sie das Gef�hl, dass der Frevel dieser Worte hier nicht ungestraft bleiben w�rde. �Nein�, sagte sie, nunmehr um einen ruhigen und schon fast �bertrieben sachlichen Ton bem�ht. �Zumindest nicht in dem Sinne, den Sie vermuten, Inspektor. Sie haben sich einfach ein Versteck gesucht und sich ein wenig ...�, sie lie� den Blick schweifen, fast als suche sie inmitten dieser bizarren Szenerie nach den richtigen Worten, �... gem�tlich eingerichtet.�</p><p>�Gem�tlich?�, vergewisserte sich Abberline. Er sch�ttelte grimmig den Kopf. �Wer sich hier wohl f�hlt, der kann nicht ganz normal sein.�</p><p>Dasselbe w�rden Horus und Sobek wahrscheinlich �ber Mrs Walshs Kaminzimmer sagen, dachte Bast. Sie schwieg.</p><p>�Sie wollen mir aber nicht erz�hlen, dass all das hier aus ihrer Heimat stammt?�, fuhr Abberline fort. �Diese beiden haben den ganzen Kram aus �gypten hierhergebracht?�</p><p>Bast vermutete eher, dass all diese heiligen und uralten Gegenst�nde zwar tats�chlich aus �gypten stammten, in letzter Zeit aber nur eine Reise von wenigen Meilen hinter sich hatten. Sie sagte auch dazu nichts, doch Abberline erwies sich als scharfsinniger, als sie zumindest in diesem Moment angenommen hatte. �Ich verstehe�, sagte er. �Wahrscheinlich haben sie es aus dem Britischen Museum gestohlen.� Er wartete einen Herzschlag lang - auch jetzt wieder vergebens - auf eine Antwort, straffte dann mit einem demonstrativen Ruck die Schultern und deutete zur T�r. �Dieser Spuk hat jetzt ein Ende�, sagte er. �Ich lasse all das hier dorthin zur�ckbringen, wo es hingeh�rt, und sobald Ihre beiden Freunde wieder hier auftauchen, werden wir sie entsprechend in Empfang nehmen.�</p><p>�Diese M�nner sind nicht meine Freunde, Inspektor�, antwortete Bast ernst. �Und ich kann Sie nur warnen. Sie wissen nicht, womit Sie es zu tun haben.�</p><p>�Dann verraten Sie es mir endlich�, sagte Abberline. Seine Stimme klang pl�tzlich wieder scharf, fast fordernd, aber zugleich und auf einer tieferen, unterschwelligen Ebene h�rte Bast auch einen genau gegenteiligen Ton darin, beinahe etwas wie ein Flehen. Sie wusste nicht, warum, aber sie hatte das Gef�hl, dass Abberline geradezu verzweifelt darum bem�ht war, ihr nicht nur zu glauben, sondern ihr auch zu vertrauen. Vielleicht hatte es irgendetwas mit dem zu tun, was Maistowe ihm - m�glicherweise - �ber sie erz�hlt hatte, aber vielleicht sp�rte er auch einfach, dass sie auf seiner Seite stand.</p><p>�Sp�ter�, sagte sie. �Sobald wir ...�, sie deutete eine Kopfbewegung zu Jones hin an, �... allein sind.�</p><p>�Sie sollten den Bogen nicht �berspannen, Miss Bast�, sagte Abberline ernst. �Ich habe schon mehr f�r Sie getan, als ich d�rfte. Mehr, als ich eigentlich will.� Er belie� es dabei, aber sein Blick machte klar, wie ernst er diese Worte meinte.</p><p>Bast schenkte ihm ein knappes, aber sehr dankbares L�cheln, wandte sich um und machte einen einzelnen Schritt auf den Ausgang zu - und einer der beiden mumifizierten Nildrachen, die den Altar bewachten, stie� sich mit einer einzigen, unvorstellbar kraftvollen Bewegung ab, st�rzte sich auf Konstabler Jones und biss ihm beide Beine dicht unterhalb der Knie ab.</p><p>Jones schrie, ein schrilles, kaum noch menschlich klingendes Kreischen, fiel mit wild peitschenden Armen nach hinten und warf den Kopf hin und her. Blutiger Schaum erschien auf seinen Lippen, und er begann wie von Sinnen mit den Beinen zu strampeln und um sich zu schlagen, sodass das Blut aus seinen abgerissenen Arterien wie Wasser aus einem gewaltsam durchtrennten Feuerwehrschlauch spritzte und Bast und Abberline besudelte. Der Drache machte eine zweite, blitzartige Bewegung und begrub den wie von Sinnen um sich schlagenden Konstabler unter sich. Diesmal schlossen sich seine schrecklichen Kiefer um Jones' Kopf und Schultern, und seine grauenhaften Schreie h�rten endlich auf.</p><p>Das geschah in der ersten Sekunde einer nicht enden wollenden Ewigkeit, in der die Zeit einfach stehen zu bleiben schien und Bast zu nichts anderem f�hig war als einfach dazustehen und das unfassbare Bild anzustarren und sich fast hysterisch zu fragen, <emphasis>wieso sie die N�he der Bestie nicht gesp�rt hatte.</emphasis></p><p>Erst dann begriff sie, dass sie sie nicht einmal jetzt sp�rte.</p><p>Es war, als w�re das Ungeheuer gar nicht da. Sie konnte es sehen, jede einzelne seiner eisenharten, nass gl�nzenden Schuppen und die reine Mordgier in seinen Augen, sie nahm seinen scharfen Reptiliengestank wahr und h�rte die schrecklichen rei�enden Laute, mit denen die stumpfen Z�hne gro�e, nasse Fleischfetzen aus Jones' verst�mmeltem Leib rissen, sie roch das warme Blut, das noch immer in Str�men aus seinem sterbenden K�rper herausfloss und den l�hmenden Schrecken, der Abberline neben ihr durchfuhr, aber was sie <emphasis>nicht </emphasis>sp�rte, das war die Bestie selbst. Wenn da auch nur ein Funke von Leben in ihr war, und sei er noch so primitiv und m�rderisch, dann h�tte sie ihn sp�ren <emphasis>m�ssen.</emphasis></p><p>Aber da war nichts. Es war, als w�re das Ungeheuer gar nicht da.</p><p>Und das war es auch nicht.</p><p>Doch diese Erkenntnis kam zu sp�t. Bast fuhr mit einem warnenden Schrei auf den Lippen herum, warf sich auf Abberline und riss ihn von den F��en, doch so schnell sie auch war, reagierte sie dennoch nicht schnell genug. Abberline hatte seine Waffe hervorgezerrt und schoss aus allern�chster N�he auf den Drachen, und Bast sah aus den Augenwinkeln, wie die Kugel ein sauberes Loch in dessen Hinterkopf stanzte und den gepanzerten Leib durchschlug, als best�nde er aus m�rbem Papier, dann prallte sie gegen ihn und riss ihn von den F��en. Abberlines Revolver flog im hohen Bogen davon und verschwand in der Dunkelheit, und auch die Lampe fiel mit einem lang anhaltenden hellen Klirren zu Boden und rollte davon, wie durch ein Wunder allerdings, ohne zu zerbrechen.</p><p>�Sind Sie wahnsinnig geworden?�, keuchte Abberline. �Was soll denn das? Lassen Sie mich los, verdammt noch mal!�</p><p>Bast lie� ihn los, allerdings erst, nachdem sie ihn noch einige weitere Sekunden zu Boden gedr�ckt und sich �berzeugt hatte, dass er nicht nach ihr schlagen w�rde. Wortlos stand sie auf, b�ckte sich nach der Lampe und schwenkte sie weit genug herum, um Jones und den erschossenen Drachen zu beleuchten.</p><p>Oder auch nur Jones.</p><p>Von dem Nildrachen war nichts mehr zu sehen. Jones' Kopf sa� vollkommen unversehrt auf seinem Schultern, wo er hingeh�rte, und auch seine Unterschenkel waren wieder da. Es gab auch nur sehr wenig Blut, das aus einer fast harmlos aussehenden, schwarz umrandeten Wunde ein kleines St�ck unter seinem linken Auge sickerte und sich langsam zu einer dampfenden Lache unter seinem Hinterkopf sammelte. Abberline hatte ihm aus einer Entfernung von weniger als drei Fu� ins Gesicht geschossen.</p><p>�Aber wie ... wie ist denn das ... m�glich?�, stammelte Abberline. �Wo ist das Krokodil? Ich habe es doch ...�</p><p>�Sie haben genau das gesehen, was sie uns sehen lassen wollten�, unterbrach ihn Bast bitter. �Es gab nie einen Drachen.�</p><p>�Aber das ist doch unm�glich�, wimmerte Abberline. �Ich habe es doch gesehen! Mit ... mit meinen eigenen Augen!� Statt direkt darauf zu antworten, richtete Bast die Lampe wieder auf den improvisierten Altar. Die beiden mumifizierten Nildrachen sa�en erstarrt und so leblos wie seit Jahrtausenden an ihrem Platz und starrten sie aus ihren erloschenen Augen an.</p><p>�Aber ... aber wie ist das m�glich?�, stammelte Abberline. �Ich habe es doch gesehen! Ich ... ich habe Jones doch nicht erschossen!�</p><p>�Ich f�rchte, das haben Sie doch, Inspektor�, sagte Bast sanft. �Aber es ist nicht Ihre Schuld. Ich habe es auch gesehen.� Und w�re sie nicht vor Schrecken im allerersten Moment einfach wie gel�hmt gewesen, dann h�tte sie vielleicht ihr Schwert gezogen und den vermeintlichen Drachen erschlagen - und damit Jones selbst get�tet. �Sie sind Meister der T�uschung, Inspektor. Sie lassen uns nur das sehen, was wir sehen sollen. L�ge und Illusion sind ihre st�rkste Waffe. Aber ich h�tte nicht geglaubt, dass sie auch mich so leicht t�uschen k�nnen.� Sie hob die Stimme. �Lass es gut sein, Sobek. Ich wei�, dass du da bist.�</p><p>Einen halben Atemzug lang - gerade lange genug, um den allerersten Hauch eines Zweifels in ihr aufkeimen zu lassen - geschah gar nichts, aber dann erscholl ein tiefes, kehliges Lachen, und eine vollkommen in Schwarz geh�llte Gestalt trat aus den Schatten am anderen Ende des Raumes.</p><p>�Jetzt sollte ich eigentlich verletzt sein, Bastet�, sagte Horus. �Du wei�t doch, dass L�ge und Trug mein Metier sind, w�hrend Sobek die ehrliche Klinge vorzieht. Ist es nicht so, Bruder?�</p><p>Das Rascheln von schwerem Stoff erklang, und in den Schatten jenseits des improvisierten Opferaltars glomm ein winziger gelber Funke auf, der binnen eines Moments zur ruhig brennenden Flamme einer Petroleumlampe wurde, hinter der ein monstr�s verzerrter Schatten in die H�he wuchs. Selbst als Sobek das Glas herunterschob und die Flamme so gelassen gr��er drehte, als g�be es im Moment weder etwas Wichtigeres auf der Welt, noch h�tte er irgendeinen Grund zur Eile, vermochte der gelbe Schein sein Gesicht nicht wirklich zu erhellen. Dennoch sp�rte Bast seine Schw�che. Jetzt, wo sie Horus und ihn sah, vermochten die beiden ihre Tarnung nicht mehr l�nger aufrechtzuerhalten. Vielleicht machten sie sich auch einfach nicht mehr die M�he. So oder so sp�rte sie, dass Sobeks �u�erliche Ruhe nichts als eine m�hsam aufrechterhaltene Maske war. Er hatte Schmerzen, und seine Kraft schien kaum noch auszureichen, um sich auf den Beinen zu halten. Abberline musste ihn noch schwerer verwundet haben, als sie bisher angenommen hatte.</p><p>�Wer ist das?�, fragte Abberline. �Sind das ...?�</p><p>�Warum bist du gekommen?�, fragte Horus, als h�tte Abberline gar nichts gesagt. Er kam n�her, ma� Abberline mit einem beil�ufig-ver�chtlichen Blick und wies dann auf Basts Schwert. �Bitte steck die Waffe ein, Bastet. Ich will nicht mit dir k�mpfen.�</p><p>�Aber ich vielleicht mit dir�, antwortete Bast. Sie kam sich selbst albern dabei vor. �Warum habt ihr Arthur get�tet?�</p><p>Horus machte ein fragendes Gesicht.</p><p>�Meinen Fahrer.�</p><p>�Oh, ja. Es hatte einen Namen, ich verga�.� Horus machte ein ver�chtliches Ger�usch. �Hast du dich entschieden?�</p><p>�Wer, zum Teufel, sind Sie?�, fuhr Abberline ihn an. �Und was ...?�</p><p>Horus versetzte ihm einen Schlag mit dem Handr�cken. Die Bewegung wirkte beil�ufig, fast gelangweilt, aber der Hieb war trotzdem hart genug, Abberline von den F��en zu rei�en und meterweit davonfliegen zu lassen, bevor er inmitten all des Ger�mpels und zerbrochener M�bel in einer gewaltigen Staubwolke verschwand. Bast sp�rte seinen Schmerz und die ma�lose �berraschung, mit der ihn dieser Angriff erf�llte, aber sie sp�rte auch, dass er nicht ernsthaft verletzt war.</p><p>W�re es anders gewesen, h�tte sie vermutlich auch nichts f�r ihn tun k�nnen.</p><p>�Bitte, lass das, Horus�, sagte sie matt.</p><p>�Hast du Angst, dass ich dein Spielzeug kaputtmache?�, erkundigte sich Horus b�se.</p><p>�Er hat nichts damit zu tun�, antwortete Bast. �Das hier ist eine Sache zwischen dir und mir.�</p><p>�Falsch�, sagte Horus mit pl�tzlicher Sch�rfe. �Es ist eine Sache zwischen <emphasis>uns </emphasis>und <emphasis>ihnen.</emphasis>�</p><p>�Nicht zwischen <emphasis>uns</emphasis>�<emphasis>, </emphasis>erwiderte Bast. �Zwischen <emphasis>euch </emphasis>und <emphasis>ihnen.</emphasis>� Und nicht einmal das wirklich. Warum begriffen Horus und die anderen nicht, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen konnten? Sie konnten ihn noch nicht einmal wirklich <emphasis>f�hren.</emphasis></p><p>�Was gibst du mir, wenn ich es leben lasse?�, fragte er sp�ttisch. �Kommst du dann mit uns und schlie�t dich uns an?�</p><p>�Du t�test ihn doch sowieso�, sagte sie m�de. Sie sp�rte ... nichts. Allenfalls etwas wie eine vage Trauer, dass Abberline nun nicht einmal mehr erfahren w�rde, <emphasis>warum </emphasis>er eigentlich sterben musste.</p><p>Falls es �berhaupt so etwas wie einen Grund gab.</p><p>�Ja, das ist wohl wahr�, seufzte Horus. Er brachte es tats�chlich fertig, das Bedauern in seiner Stimme echt klingen zu lassen. �Wei�t du, ich w�rde ja gerne ein gutes Wort f�r dein neues Spielzeug einlegen, aber du kennst Sobek genauso gut wie ich. Dein Freund hat ihm weh getan, und er ist ziemlich - wie soll ich sagen - nachtragend.�</p><p>�H�r auf damit�, sagte Bast m�de.</p><p>�Vielleicht bist <emphasis>du </emphasis>es, die aufh�ren sollte, die Augen vor der Wahrheit zu verschlie�en�, antwortete Horus. Seltsamerweise klang er immer noch nicht zornig, sondern geradezu sanft. Und auch der Blick, mit dem er Bast ma�, war allenfalls bedauernd, Nicht etwa hasserf�llt oder auch nur zornig. Sie standen auf unterschiedlichen Seiten, aber sie waren keine Feinde. �Du hast mit Isis gesprochen, nicht wahr? Sie wird dich nicht begleiten, nehme ich an.�</p><p>Irgendetwas st�rzte polternd um und lie� eine trockene Staubwolke aufwirbeln, als Abberline sich umst�ndlich in die H�he zu stemmen versuchte. Er wirkte benommen, und aus seiner Nase und seiner aufgeplatzten Unterlippe sickerte Blut. Sobek sah kurz von seiner Petroleumlampe auf, deren simple Mechanik ihn �ber die Ma�en zu faszinieren schien, musterte ihn stirnrunzelnd und konzentrierte sich dann wieder ganz auf sein vollkommen sinnloses Tun.</p><p>�Und was erwartest du jetzt von mir?�, fragte sie bitter. �Dass ich mich euch anschlie�e? Wozu? F�r das hier? Wollt ihr den Rest eures Lebens damit zubringen, durch die Kloaken zu schleichen und Museen zu beklauen?�</p><p>Horus nahm die Spitze kommentarlos hin, was sie �rgerte. �Diese Welt wird untergehen, Bastet, so wie alle anderen vor ihr. Willst du wirklich mit ihr untergehen?�</p><p>�Rom ist auch untergegangen ...�, begann Bast.</p><p>�Und wenn ich mich nicht t�usche, hattest du einen nicht unbetr�chtlichen Anteil daran.�</p><p>�... und das Reich der Pharaonen ist trotzdem nicht wiederauferstanden�, fuhr Bast unger�hrt fort. �Aber viele von uns haben dabei den Tod gefunden. Ich werde nicht danebenstehen und tatenlos zusehen, wie du uns alle mit dir in den Abgrund rei�t.�</p><p>�Dann werden wir dich zwingen, uns zu begleiten�, sagte Horus bedauernd. �Bitte steck das Schwert ein.�</p><p>Abberline machte einen unsicheren, taumelnden Schritt, fiel schwer auf die Knie und fing seinen Sturz im letzten Moment mit den H�nden ab, schien aber M�he zu haben, wieder auf die F��e zu kommen. Sobek sah abermals von seinem leuchtenden Spielzeug auf, runzelte die Stirn und stellte die Petroleumlampe neben sich auf den Altar. Nachdenklich sah er auf Abberline hinab, schlug seinen Mantel zur�ck und legte die Hand auf den reich verzierten Schwertgriff in seinem G�rtel. Bast wusste, was nun folgen w�rde und sch�tzte blitzartig ihre Chancen ab, es mit Horus und Sobek zugleich aufzunehmen, verwarf den Gedanken aber auch fast augenblicklich wieder. Horus war kein wirklicher Gegner f�r sie, und seine n�rrische Weigerung, <emphasis>das Blut eines der Ihren </emphasis>zu vergie�en, machte es ihr nur noch leichter, aber bei Sobek sah die Sache schon anders aus. Er war ihr mindestens ebenb�rtig, wenn nicht gar �berlegen, selbst in seinem momentanen Zustand, und er hatte noch niemals Hemmungen gehabt, irgendjemandes Blut zu vergie�en. Sie konnte nur hoffen, dass Abberline schnell sterben w�rde, aber sie wusste zugleich auch, dass dieser Wunsch wahrscheinlich nicht in Erf�llung gehen w�rde. Sobek war ein sehr grausamer Mann.</p><p>Ein scharfes Klicken erscholl, und Abberline richtete sich mit einer unerwartet schnellen und flie�enden Bewegung auf und zielte mit dem Revolver, den er aufgehoben hatte auf Sobek. Von Schw�che und Benommenheit war keine Spur mehr zu sehen. Jeden anderen Mann h�tte er damit zweifellos einfach �berrumpelt.</p><p>Sobek ...</p><p>... verschwand.</p><p>Er bewegte sich so schnell, dass er selbst vor Basts Augen zu einem flackernden Schatten zu werden schien, der in einem Moment neben dem Altar stand und im n�chsten einfach nicht mehr da war.</p><p>Abberline schoss, aber die orangerote M�ndungsflamme seines Revolvers stach ins Leere. Die goldene Isisstatue auf dem Altar zersprang in St�cke, und Sobek, der im Bruchteil eines Atemzuges hinter ihm aufgetaucht war, packte ihn mit beiden H�nden, hob ihn hoch �ber den Kopf und schleuderte ihn quer durch den Raum gegen den Altar. Abberline prallte mit dem Ger�usch brechender Knochen gegen die improvisierte Gebetsst�tte, die unter seinem Anprall bedrohlich zu wanken begann. Goldene Teller und Schmuckst�cke aus geschnitztem Halbedelstein und Alabaster spritzten in alle Richtungen davon oder zerbrachen klirrend auf dem Boden, und die Petroleumlampe neigte sich bedrohlich zur Seite und drohte ebenfalls umzukippen, h�tte Abberline, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an der Kante des wankenden M�belst�cks festhielt, nicht mit der anderen Hand danach gegriffen und sie festgehalten; allerdings nicht aus �bertriebenem Ordnungssinn oder irgendeinem anderen absurden Grund heraus.</p><p>Er schleuderte die Lampe auf Sobek.</p><p>Der schwarze Riese reagierte so schnell, wie Bast erwartet hatte. Wie ein flie�ender Schatten huschte er zur Seite, um dem heimt�ckischen Wurfgeschoss zu entgehen. Aber trotzdem war er nicht schnell genug - oder vielleicht gerade <emphasis>zu </emphasis>schnell.</p><p>Zu seinem Pech war Abberline nicht in einer Position, aus der heraus er besonders gut h�tte zielen k�nnen. W�re Sobek einfach stehen geblieben, h�tte ihn die Lampe um mindestens f�nf Fu� verfehlt. So prallte sie gegen seine H�fte und zerbarst in einer klirrenden Explosion aus Glassplittern und spritzendem Petroleum, das seine Kleider tr�nkte und nur den Bruchteil eines Atemzuges sp�ter mit einem dumpfen <emphasis>Whump </emphasis>Feuer fing.</p><p>Sobek br�llte. Seine Gestalt verwandelte sich von einem Sekundenbruchteil zum anderen in eine lodernde, zuckende Flammens�ule, die mit wild um sich peitschenden Armen zur�cktaumelte und brennende Petroleumspritzer in alle Richtungen schleuderte.</p><p>Abberline machte einen sonderbar humpelnden, aber sehr schnellen Hechtsprung nach seiner fallen gelassenen Waffe, bekam sie zu fassen und gab rasch hintereinander zwei Sch�sse auf Sobek ab. Der erste verfehlte ihn und lie� einen Kistenstapel auf der anderen Seite des Raumes in einer lautlosen Explosion aus Holzsplittern und Staub auseinanderfliegen, die zweite Kugel traf daf�r umso pr�ziser und schleuderte ihn zur�ck und gegen ein fast mannshohes B�ndel aus uralten Papieren, die mit einem einzigen krachenden Schlag Feuer fingen.</p><p>Horus stie� ein w�tendes Zischen aus und wirbelte auf dem Absatz herum, um sich auf Abberline zu st�rzen, und Bast war mit einem einzigen blitzartigen Schritt hinter ihm und trat ihm so wuchtig in die Kniekehle, dass er mit einem schmerzerf�llten Grunzen auf die Knie fiel und um ein Haar vollends gest�rzt w�re. Bast half der Entwicklung ein wenig nach, indem sie ihm die flache Seite ihrer Klinge in den Nacken schmetterte, was ihn endg�ltig nach vorne und mit weit ausgestreckten Armen aufs Gesicht schleuderte, sprang mit einem einzigen Satz �ber ihn hinweg und war mit einem zweiten neben Abberline, der noch immer vergebens darum k�mpfte, sein Gleichgewicht wiederzufinden und irgendwie auf die F��e zu kommen.</p><p>�Raus hier!�, br�llte sie. �Schnell!�</p><p>Ihre Worte gingen nahezu im Prasseln der Flammen unter, die mit fast explosionsartiger Schnelligkeit um sich griffen. Hitze und unertr�glich grelles, flackerndes Licht schlugen ihr entgegen und versengten ihr Gesicht und ihre Augenbrauen, als sie sich sch�tzend �ber Abberline warf und ihn zugleich mit der anderen Hand auf die F��e riss. Sobek br�llte noch immer, ein schrilles Kreischen wie von einem entfesselten D�mon, der direkt aus den tiefsten Tiefen der H�lle emporgestiegen war, und w�hrend sie herumwirbelte und Abberline einfach mit sich zerrte, nahm sie etwas Riesiges, Loderndes wahr, das aus dem tobenden Inferno herausbrach und sich mit weit ausgebreiteten, brennenden Armen auf sie zu st�rzen versuchte; eine riesige, brennende Fledermaus, die gekommen war, um die Welt zu versengen.</p><p>Bast schleuderte Sobek mit einem Fu�tritt in die Flammen zur�ck, packte Abberline bei den Schultern und h�llte ihn in ihren Mantel, um ihn wenigstens vor der grausamsten Hitze zu sch�tzen, w�hrend sie halb blind in Richtung Ausgang stolperte. Die Luft schien kaum noch Sauerstoff zu enthalten, und die Flammen griffen schneller um sich, als sie vor ihnen davonlaufen konnten. Ihre Augenwimpern und Brauen waren l�ngst verschwunden, und Bast spurte, wie die Haut auf ihrem ungesch�tzten Gesicht und ihren H�nden Blasen zu schlagen begann. Sie h�tete sich, zu atmen, weil die wei� gl�hende Luft ihr sonst vermutlich Kehle und Lungen verbrannt h�tte, und ihre �berempfindlichen Augen drohten sich pl�tzlich als t�dliches Handikap zu erweisen, denn sie war praktisch blind. Alles, was sie sah, war glei�endes Licht und zuckende Schatten, die alles M�gliche oder auch gar nichts bedeuten konnten.</p><p>Wahrscheinlich war es nichts als pures Gl�ck, das sie rettete. Pl�tzlich war ein St�ck Dunkelheit vor ihr, ein zerflie�endes Rechteck aus Schw�rze inmitten des Chaos aus glei�endem Licht, in dem sich die Welt aufzul�sen begann. Halb blind vor Schmerzen und Panik stolperte sie darauf zu und hindurch und h�tte fast laut aufgeschrien, als kalte Luft wie eine eisige Hand in ihr Gesicht klatschte. Dunkelheit umfing sie, und f�r einen Moment war sie nun vollends blind und konnte sich nur noch an den verwirrenden Echos ihrer eigenen, keuchenden Atemz�ge orientieren. Trotzdem stolperte sie noch ein halbes Dutzend Schritte weiter, bevor sie Abberline loslie� und verzweifelt nach Luft japsend auf die Knie sank.</p><p>Sie h�rte, wie Abberline noch ein gutes St�ck weitertaumelte und dann ebenfalls auf H�nde und Knie fiel, wo er w�rgend und keuchend nach Luft rang, aber sie hatte im ersten Moment nicht einmal die Kraft, nach ihm zu sehen. Ganz pl�tzlich war die Angst da, und sie begann am ganzen Leib zu zittern.</p><p>Feuer.</p><p>Zu den wenigen Dingen, die selbst sie t�ten konnten, geh�rte Feuer, ihr aller�ltester und vielleicht gnadenlosester Gegner, dem schon so viele ihrer Art zum Opfer gefallen waren. Sie f�rchtete es wie nichts anderes auf der Welt, und f�r einen Moment �berw�ltigte sie diese Furcht einfach. Sie kr�mmte sich, wimmernd wie ein kleines Kind, das sich in der Nacht verirrt hatte und nach seinen Eltern schrie, und versuchte vergeblich, die Furcht zur�ckzudr�ngen, die in schwarzen, teerigen Wellen �ber ihre Gedanken schwappte und sie endg�ltig zu verschlingen drohte.</p><p>Eine Hand ber�hrte sie an der Schulter und r�ttelte sanft, aber so hartn�ckig daran, bis sie aufsah und verst�ndnislos in Abberlines Gesicht blinzelte. Der lodernde Feuerschein, der aus der offen stehenden T�r hinter ihr fiel, tauchte es in unheimliches Rot - vielleicht war es auch verbrannt; seine Augenbrauen und Wimpern fehlten jedenfalls ebenso wie die ihren, und sein Haar war angesengt -, und in seinem Blick erkannte sie ebenfalls nur noch mit letzter Kraft unterdr�ckte Panik.</p><p>�Ist alles in Ordnung?�, fragte er.</p><p>Angesichts dessen, was gerade passiert war, kam ihr diese Frage so absurd vor, dass sie laut auflachen musste; auch wenn das Ger�usch, das �ber ihre Lippen kam, eher an ein halb ersticktes Kr�chzen erinnerte. Aber es brach den Bann. Sie hatte immer noch Angst, sie schmeckte ihr eigenes Blut, ihr ganzer K�rper schien nach wie vor in Flammen zu stehen, und ihr Herz jagte, als versuche es den K�fig ihrer Rippen von innen heraus zu zersprengen, aber sie gewann die Kontrolle nun dennoch zur�ck. Statt auf seine Frage direkt zu antworten, griff sie nun ihrerseits nach seiner Schulter, um sich in die H�he zu stemmen - Abberline �chzte unter ihrem Gewicht und hatte alle M�he, nicht seinerseits auf die Knie zu fallen - und sich m�hsam herumzudrehen.</p><p>Sie w�nschte sich fast, es nicht getan zu haben, denn sie blickte direkt in ein Inferno. Selbst hier drau�en, ein halbes Dutzend Schritte von der T�r entfernt, war die Hitze mittlerweile fast unertr�glich. Licht, das ihr so grell und gnadenlos vorkam wie fl�ssiges Feuer, marterte ihre Augen und lie� sie die Dinge nur noch verschwommen erkennen, sodass sie nicht einmal sicher war, was sie wirklich sah und was ihr ihre Furcht vorspiegelte.</p><p>Und eigentlich wollte sie es auch gar nicht wirklich wissen, denn sie blickte direkt in die H�lle.</p><p>In den wenigen Augenblicken, die seit ihrer verzweifelten Flucht vergangen waren, hatte sich das Feuer nahezu �ber den gesamten Raum ausgebreitet, und sie konnte <emphasis>sehen, </emphasis>wie ein Bereich nach dem anderen rasend schnell Feuer fing, eher eine Folge rasend schneller Explosionen als ein pures �bergreifen der Flammen, die in der zundertrockenen Ansammlung uralter M�bel und trockener Papierstapel alle Nahrung fanden, die sie nur brauchten. Schatten vollf�hrten einen bizarren spasmischen Tanz inmitten des tobenden Chaos, und sie glaubte einen Schrei zu h�ren, ein vollkommen unmenschliches, gequ�ltes Kreischen und Wimmern, das sich wie eine gl�hende Messerklinge in ihr Herz grub. Irgendwo inmitten dieses Infernos glaubte sie Sobek auszumachen, eine riesige, zur G�nze in br�llende Flammen geh�llte Gestalt, die in schierer Agonie umhertaumelte und offensichtlich die Orientierung verloren hatte, aber auch einen zweiten, dunkleren Schemen, der gegen das Inferno gebeugt wie gegen einen unsichtbaren Sturm mit gewaltigen Schwingen ank�mpfte - und dann war er verschwunden, und sie sah ihn nicht mehr.</p><p>Mit einem Funken spr�henden dumpfen Knall, der sogar das Br�llen der Flammen �bert�nte, explodierte einer der mumifizierten Nildrachen. Die Druckwelle zertr�mmerte den brennenden Altar und fegte Sobek von den Beinen, und pl�tzlich z�ngelten Flammen aus der T�r und schw�rzten den Rahmen und das staubige Mauerwerk dar�ber. Der Raum begann sich in einen Hochofen zu verwandeln, in dem sogar Metall schmelzen musste.</p><p>Alles, was Bast in diesem Moment sp�rte, war pures, abgrundtiefes Grauen.</p><p>Sie hatte Sobek unz�hlige Male den Tod gew�nscht - und Horus beinahe ebenso oft, auch wenn sie es sich nicht eingestanden hatte -, und er h�tte sie zweifellos seinerseits ohne das geringste Z�gern get�tet - aber <emphasis>dieses </emphasis>Ende war grauenhaft; mehr, als sie selbst ihrem schlimmsten Feind gew�nscht h�tte. Sie konnte einfach nur dastehen und die grauenhafte Szenerie anstarren und sp�rte nicht einmal die Hitze, die ihr Gesicht abermals versengte.</p><p>Und schlie�lich war es auch jetzt wieder Abberline, der seine Erstarrung vor ihr �berwand, an ihr vorbeist�rmte und die T�r mit einer beherzten Bewegung ins Schloss warf.</p><p>Das Holz war so hei�, dass er mit einem Schmerzensschrei zur�ckprallte, und es wurde auch nicht dunkel. Glei�endes Licht tr�pfelte wie leuchtende S�ure durch die Ritzen der uralten T�r und f�llte den Raum mit tanzenden Schatten und roten Gespenstern aus purer Furcht, und das Holz begann schon nach Augenblicken zu schwelen. Vor Basts ungl�ubig aufgerissenen Augen begannen die ersten, winzigen Flammen aus dem Holz zu z�ngeln, und neuer, ru�ig-schwarzer Qualm stieg auf und fra� sich bei�end in ihre Lungen.</p><p>�Raus hier!�, keuchte Abberline. �Schnell, bevor hier alles in Flammen aufgeht!� Als Bast nicht sofort reagierte, ergriff er sie einfach am Arm und zerrte sie grob mit sich; nur wenige Schritte weit, bis sie endlich in die Wirklichkeit zur�ckfand und sich losriss.</p><p>Nebeneinander st�rmten sie durch die Halle und auf den Ausgang zu.</p><p>Kurz, bevor sie ihn erreichten, explodierte die T�r wie unter dem Faustschlag eines zornigen Gottes. Wei� gl�hende Flammen und schwelendes Holz eruptierten wie aus dem Schlund eines Vulkans, der nach Jahrtausenden und ohne die geringste Vorwarnung aus seinem vermeintlichen Schlummer erwachte, und den Bruchteil eines Atemzuges, bevor Abberline sie vollends durch die T�r zerrte, hatte sie eine durch und durch gr�ssliche Vision: Sie glaubte eine lichterloh brennende Gestalt zu sehen, die aus den Flammen heraustorkelte und br�llend auf die Knie fiel, aber ihre Zeit reichte nicht f�r einen zweiten Blick. Abberline zog sie r�cksichtslos weiter und h�tte sie wom�glich die gesamte Treppe hinaufgezerrt, w�re er nicht schon �ber die zweite Stufe gestolpert und der L�nge nach und so heftig hingeschlagen, dass er einen Moment lang benommen liegen blieb.</p><p>Bast riss sich los, half ihm rasch in die H�he und schleppte ihn ein halbes Dutzend Stufen weiter, bevor sie es auch nur wagte, stehen zu bleiben und zur�ckzublicken. Auch der Treppenschacht war nicht mehr dunkel. Flackerndes rotes und gelbes Licht fiel durch das offen stehende Tor herein und lie� eine lautlose Armee irrlichternder Scharren die Stufen emporhuschen. Bei�ender Rauch wehte zu ihnen herein. Es stank nach brennendem Holz und hei�em Stein, und Bast begann die Hitze nun auch hier drau�en zu sp�ren. Ganz gleich, mit wie viel trockenem Holz und uraltem Papier die improvisierte Altarkammer auch gef�llt gewesen sein mochte, dort unten musste noch weit mehr brennen, um eine derart ungeheure Hitze zu entfachen.</p><p>Vielleicht, dachte sie schaudernd, w�rde das Feuer auf die gesamte Stadt �bergreifen und Horus' Prophezeiung auf diese Weise schneller erf�llen, als selbst er geahnt hatte.</p><p>Und wenn sie noch lange hier herumstanden, fl�sterte eine lautlose Stimme in ihren Gedanken, dann w�rden sie auf diesem unterirdischen Scheiterhaufen gleich mit verbrennen.</p><p>Rauch und flackerndes Licht waren nicht alles. Auch an der offen stehenden T�r unter ihnen nagten bereits die ersten Flammen, und die Hitze nahm mit jedem Atemzug weiter zu. Wenn sich das Feuer bis zur Treppe durchfra�, dann w�rde sich der gesamte Schacht in einen �berdimensionalen Kamin verwandeln, in dem sie innerhalb eines einzigen Lidschlags einfach vergl�hten.</p><p>Sie hetzten weiter. Bast korrigierte ihre eigene Sch�tzung, was die L�nge dieser unm�glichen Treppe anging, noch bevor sie sie auch nur zur H�lfte �berwunden hatten: Sie hatte nicht hundert, sondern mindestens doppelt so viele Stufen, und Abberlines Vertrauen in die Baukunst britischer Ingenieure schien im gleichen Ma�e ins Wanken zu geraten, in dem sie sich der geschlossenen Gittert�r am oberen Ende des Schachtes n�herten. Die jahrzehntealte Konstruktion �chzte und st�hnte immer lauter unter ihren Schritten, und Bast bildete sich zumindest ein, die gesamte Treppe unter ihrem Gewicht erzittern zu f�hlen.</p><p>Vielleicht war es auch nicht nur Einbildung.</p><p>Abberline erreichte die T�r einen halben Atemzug vor ihr und begann ebenso verzweifelt wie sinnlos an der Kette zu zerren, mit der das rostige Scherengitter verschlossen war. Bast lie� ihn einen Moment gew�hren, den sie nutzte, um das Gesicht gegen das Gitter zu pressen und die k�hle Nachtluft auf der anderen Seite gierig in die Lungen zu saugen. Die Treppe setzte sich dort noch ein gutes St�ck fort und verschmolz dahinter mit dem Nachthimmel.</p><p>�<emphasis>Verdammt!</emphasis>� Abberline riss noch einmal w�tend an der Kette, trat einen halben Schritt zur�ck und zerrte seinen Revolver hervor.</p><p>Ein dumpfer Schlag wehte aus der Tiefe herauf, und diesmal bildete sich Bast das bedrohliche Zittern der altersschwachen Stufen unter ihren F��en eindeutig nicht ein.</p><p>Abberline k�mpfte �bertrieben gestikulierend um sein Gleichgewicht und zielte nunmehr mit beiden H�nden auf das Vorh�ngeschloss, und Bast gebot ihm mit einer beinahe erschrockenen Geste Einhalt, zog das Schwert aus dem G�rtel und lie� die Klinge wuchtig auf die Kette niedersausen. Funken stoben, und das Schwert prallte mit solcher Gewalt von der Kette zur�ck, dass es ihr um ein Haar aus den H�nden gerissen worden w�re und ein bet�ubender Schmerz bis in ihre Schultergelenke hinaufschoss. Die Kette klirrte und wand sich wie eine w�tende Schlange unter einem Fu�tritt, aber sie hielt. Der einzige Schaden, den ihre Attacke hinterlassen hatte, war ein kaum fingernagelbreiter Kratzer; und eine deutlich gr��ere Scharte in ihrem Schwert.</p><p>Neben ihr sog Abberline pl�tzlich so erschrocken die Luft zwischen den Z�hnen ein, dass sie instinktiv innehielt und nach unten sah - um mit einem Anblick belohnt zu werden, der sie im allerersten Moment schier an ihrem Verstand zweifeln lie�.</p><p>Das h�lzerne Tor unter ihnen stand lichterloh in Flammen, und eine brodelnde Wolke aus schwarzem, von roten und gelben Feuerzungen durchzucktem Qualm hatte sich am unteren Ende der Treppe ausgebreitet und bereits die ersten zwei oder drei Stufen verschlungen. Bisher hatte sie die Hitze nicht einmal wirklich gesp�rt, aber als h�tte es nur dieses Anblickes bedurft, schien pl�tzlich eine unsichtbare gl�hende Hand �ber ihr Gesicht zu streichen. Sie konnte die Hitzewelle <emphasis>sehen, </emphasis>die unsichtbar und rasend schnell die Treppe heraufwaberte, und der Sauerstoffgehalt der Luft nahm so rapide ab, dass sie vermutlich ersticken w�rden, bevor die Hitze sie erreichte und t�tete.</p><p>Diesmal schwang sie das Schwert mit der absoluten Kraft, die ihr die schiere Todesangst verlieh. Die zweitausend Jahre alte Klinge traf Funken spr�hend auf rostiges Eisen und zerbrach, aber die Kette sprang auch mit einem hellen Klirren in St�cke und fiel zu Boden, und Abberline packte das Scherengitter und dr�ckte es mit einer verzweifelten Anstrengung auseinander. Hinter ihnen sprangen wei� gl�hende Flammen die Treppe herauf, prasselnd und entsetzlich <emphasis>schnell, </emphasis>und als w�re all das noch immer nicht genug, tauchte unter der T�r pl�tzlich eine brennende Gestalt auf, als w�re der Teufel pers�nlich aus der H�lle herausgetreten, um sie zu holen.</p><p>Abberline lie� das Gitter los, fuhr herum und zielte mit seinem Revolver auf den lodernden Schemen, und Bast schlug ihm die Waffe aus der Hand, sprengte das Scherengitter mit einer einzigen, w�tenden Bewegung auf und zerrte ihn einfach mit sich. Abberline schrie irgendetwas, das im Br�llen der Flammen und dem Tosen des Luftstromes einfach unterging, und Bast musste sich nicht herumdrehen, um zu wissen, dass sie es nicht schaffen w�rden.</p><p>Kurz entschlossen packte sie Abberline, warf ihn sich �ber die Schulter und jagte die Stufen hinauf, so schnell sie nur konnte.</p><p>Die H�lle folgte ihnen. Bast �berwand das letzte halbe Dutzend Stufen mit einem einzigen, verzweifelten Satz, und etwas, das hei�er war als das gl�hende Herz der Sonne traf ihren R�cken und schleuderte sie zu Boden. Abberline flog davon wie eine Gliederpuppe mit zerrissenen F�den, und hinter ihr schoss eine br�llende Stichflamme aus dem Treppenschacht, schlug wie eine wei� gl�hende Kralle nach dem Himmel und erlosch wieder. Eine Welle unertr�glicher Hitze strich �ber sie hinweg und brannte auch noch das letzte bisschen Luft aus ihren Lungen, und sie h�rte ein gewaltiges Scheppern und Klirren, als die Fensterscheiben der umliegenden H�user alle im gleichen Sekundenbruchteil zerplatzten.</p><p>Dann senkte sich Stille �ber sie, so j�h und absolut, dass es fast weh tat. Alles wurde dunkel.</p><p>Aber wenn das der Tod war, dann lie� er auf sich warten.</p><p>Bast blieb sekundenlang mit klopfendem Herzen und angehaltenem Atem liegen, presste das Gesicht gegen den herrlich k�hlen Boden und wartete darauf, dass irgendetwas geschah.</p><p>Ihr wurde die Luft knapp, das war alles, und nach einigen weiteren Augenblicken resignierte sie und �ffnete die Augen.</p><p>Viel hatte sich nicht ver�ndert. Sie war vielleicht nicht tot, aber der Anblick, der sich ihr bot, hatte durchaus etwas vom Vorhof der H�lle. Der Treppenschacht hinter ihr brannte immer noch; keine alles verzehrende Stichflamme mehr, sondern prasselnde gelbe und rote Flammen, die die h�lzernen Stufen und das Gel�nder verzehrten, aber kaum weniger Hitze verstr�mten. Auch vom Himmel regneten Funken. Sie befand sich auf einem kleinen, von B�umen umstandenen Platz, und die Stichflamme hatte die �ste der n�chstgelegenen B�ume in Brand gesetzt, die nun mit einem nassen Zischen verbrannten. Irgendwo au�erhalb ihres Sichtfeldes war ein Poltern und Krachen zu h�ren, das einfach nicht aufh�ren wollte, und sie vernahm Schreie und das hastige Trappeln n�her kommender Schritte. Der Boden, auf dem sie lag, zitterte leicht.</p><p>Wo war Abberline?</p><p>M�hsam stemmte sich Bast auf H�nde und Knie, verzog das Gesicht, als ein scharfer Schmerz durch ihren Sch�del schoss und hielt aus tr�nenden Augen nach dem Inspektor Ausschau.</p><p>Abberline entdeckte sie nicht, aber f�r den Bruchteil eines Lidschlages glaubte sie einen Schatten wahrzunehmen, der aus dem brennenden Treppenschacht huschte und mit der Nacht verschmolz.</p><p>Bast setzte sich auf und presste schmerzhaft die Lippen zusammen. Das W�hlen und Rei�en in ihrem Sch�del lie� nicht nach, sondern wurde im Gegenteil immer schlimmer. Sie hatte das Gef�hl, bei lebendigem Leib skalpiert zu werden. Mit zusammengebissenen Z�hnen griff sie nach oben und sp�rte, wie ihr Turban zu harten Ascheflocken zerbr�ckelte, als sie ihn ber�hrte. An ihren Fingerspitzen klebte schmierig verklumptes Blut, als sie die Hand zur�ckzog.</p><p>Nun gut, wenigstens war sie so der Sorge ledig, sich morgen fr�h wieder den Kopf rasieren zu m�ssen.</p><p>Bast verzog die Lippen ob dieses kindischen Gedankens, wischte die Hand an ihrem Mantel ab und stand unsicher auf �Ich wei� nicht, was Sie so am�sant finden, Bast - aber was immer es ist, der Augenblick ist nicht besonders gl�cklich gew�hlt. Kommen Sie.�</p><p>Abberline, der aussah, als k�me er gerade aus dem Kessel einer Dampflokomotive, die versucht hatte, den Stundenweltrekord zu brechen, packte sie grob am Arm und zerrte sie mit sich. Im allerersten Moment versuchte Bast ganz instinktiv, sich zu wehren, aber Abberline entwickelte eine erstaunliche Kraft, und bevor sie wirklich grob werden konnte, gewann ihre Vernunft die Oberhand. Widerstandslos lie� sie sich von ihm weg- und zwischen den B�umen hindurch zum Rand des Platzes zerren. Menschen kamen ihnen entgegen, die meisten aufgel�st und mit erschrockenen Gesichtern, und irgendetwas schrillte misst�nend. Bast war trotz allem noch geistesgegenw�rtig genug, daf�r zu sorgen, dass niemand von Abberline oder ihr Notiz nahm, aber was sie nicht verhindern konnte, war, dass <emphasis>er </emphasis>sich vermutlich <emphasis>dar�ber </emphasis>wundern w�rde.</p><p>Noch ein Problem, um das sie sich sp�ter k�mmern w�rde.</p><p>Abberline schleifte sie so grob hinter sich her wie ein zorniger Sonntagsschullehrer einen seiner Sch�ler, den er bei einem ganz besonders �blen Streich ertappt hatte - was einigerma�en l�cherlich war, da sie anderthalb K�pfe gr��er war als er -, stie� sie fast grob �ber die Stra�e und bugsierte sie kaum weniger unsanft in einen dunklen Torbogen. Er tat es nicht wirklich, aber Bast sp�rte, dass er sie am liebsten grob gegen die Wand gesto�en und angebr�llt h�tte.</p><p>�Also gut�, presste er m�hsam beherrscht hervor. �Ich will jetzt wissen, <emphasis>was, zum Teufel, hier los ist!</emphasis>�</p><p>�Ich kenne mich mit Ihrem Teufel nicht besonders gut aus�, antwortete sie ernst, �aber ich vermute, Sie kommen der Wahrheit damit ziemlich nahe.�</p><p>Abberline starrte sie an. Er versuchte zu lachen, aber er brachte nicht einmal den Versuch glaubhaft fertig. Bast konnte ihm ansehen, wie seine Gedanken rasten.</p><p>�Das w�re jetzt der Moment, in dem Sie mich verhaften sollten, Inspektor�, sagte sie ruhig. <emphasis>Oder es wenigstens versuchen.</emphasis></p><p>Abberline starrte sie einfach nur weiter an. Er schien ihre Worte gar nicht geh�rt zu haben. �Warum haben Sie das getan?�, fragte er leise.</p><p>Jetzt war es Bast, die <emphasis>ihn </emphasis>nicht verstand. �Was?�</p><p>�Ich frage mich nur, auf welcher Seite Sie wirklich stehen�, antwortete Abberline. �Ich h�tte den Kerl erwischen k�nnen, wenn Sie mir nicht die Waffe aus der Hand geschlagen h�tten. Warum haben Sie das getan?�</p><p>Bast dachte einige Sekunden lang ernsthaft �ber diese Frage nach, bevor sie sie - ehrlich - beantwortete: �Ich wei� es nicht.�</p><p>Abberline sah ganz so aus, als h�tte er genau diese Antwort erwartet; aber auch ein bisschen entt�uscht. Er �berlegte angestrengt; zehn Sekunden, zwanzig, schlie�lich eine halbe Minute.</p><p>�Also gut�, sagte er dann. �Gehen Sie. Aber ich verlasse mich darauf, dass Sie in der Pension auf mich warten. Habe ich Ihr Wort?�</p><p>Bast starrte ihn jenseits allen Verst�ndnisses an. �Wie?�</p><p>�In ein paar Minuten ist hier die H�lle los�, sagte Abberline.</p><p>�Also verschwinden Sie, solange ich Sie noch gehen lassen kann, ohne zu viele Fragen beantworten zu m�ssen.�</p></section><section><title><p id="SECHSTES_Kapitel">SECHSTES Kapitel</p></title><p>Es war nach zehn, als sie in die Pension Westminster zur�ckkehrte, deutlich sp�ter, als sie urspr�nglich geplant hatte, aber unendlich viel fr�her, als ihr Gef�hl ihr weismachen wollte. Alles in allem hatte ihre unfreiwillige Odyssee durch den Londoner Untergrund kaum l�nger als zwei Stunden gedauert, auch wenn es ihr wie ein Mehrfaches dieser Zeit vorgekommen war, aber sie hatte fast eine Stunde gebraucht, um einen Wagen zu finden, dessen Fahrer bereit gewesen war, sie in ihrem desolaten Zustand einsteigen zu lassen.</p><p>Auf den Gedanken, einfach die erstbeste Droschke anzuhalten und den Fahrer zu <emphasis>zwingen, </emphasis>sie mitzunehmen, war sie gar nicht gekommen, durcheinander und bis ins Mark ersch�ttert, wie sie war. Vielleicht hatte sich etwas in ihr auch einfach gegen die blo�e Vorstellung gestr�ubt, nach dem, was mit Arthur passiert war. Sie hatte - nachdem es ihr endlich gelungen war, einen Mietkutscher zu finden, dessen bisheriger Tag schlecht genug gewesen war, um selbst einen unheimlichen Fahrgast aufzunehmen, der aussah wie der sprichw�rtliche Schwarze Mann, verkohlte Kleider trug und roch, als h�tte er ausgiebig in einer siedenden Kloake gebadet - dem Fahrer sogar Anweisung gegeben, es ruhig langsam angehen zu lassen. Mrs Walsh w�rde vermutlich schon auf sie warten und sich m�glicherweise Sorgen machen - sollte Maistowe inzwischen zur�ck sein, sogar <emphasis>ganz bestimmt -,</emphasis> und so absurd es ihr auch selbst vorkam, machte ihr bei dieser Vorstellung ihr schlechtes Gewissen zu schaffen. Aber sie brauchte einfach ein wenig Zeit f�r sich, um zur Ruhe zu kommen und �ber das eine oder andere nachzudenken.</p><p>Nicht, dass es tats�chlich noch etwas zu �berlegen gegeben h�tte. Sie musste hier weg - aus dieser Stadt, diesem Land und diesem ganzen Teil der Welt, und das so schnell, wie es nur ging. Horus hatte recht gehabt: Sie h�tte gar nicht erst hierherkommen sollen. Indem sie es trotzdem getan hatte, hatte sie nicht nur nichts erreicht, sondern nur unermesslichen Schaden angerichtet. Einen kurzen Moment lang hatte sie sogar ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, dem Fahrer Anweisung zu geben, sie statt in Mrs Walshs Pension zum Hafen oder dem n�chsten Bahnhof zu bringen und London noch in dieser Stunde zu verlassen - aber nat�rlich war das eine kindische Idee, die sie fast augenblicklich wieder verworfen hatte. Einmal ganz davon abgesehen, dass sich nicht nur ihr Gep�ck mit ihren Kleidern, ihrer gesamten Barschaft und einigen anderen, wirklich unersetzlichen Dingen in ihrem Zimmer befand, gab es noch ein paar andere - gr��tenteils selbst gemachte - Probleme, die sie l�sen musste, bevor sie wieder dorthin zur�ckkehren konnte, wohin sie geh�rte. Da waren nicht nur Jacobs Erinnerungen, die dringend einer gewissen Korrektur bedurften, sondern auch Cindy und vor allem Abberline, aus dessen Verhalten sie immer noch nicht wirklich schlau wurde.</p><p>Bast hatte fest damit gerechnet, dass der Inspektor sie auf der Stelle verhaften und zur�ck zum Yard schleifen - oder es wenigstens versuchen - w�rde, und sie verstand bis zu diesem Moment nicht <emphasis>wirklich, </emphasis>warum er es nicht getan hatte. Vielleicht ahnte er ja, was sie vorhatte, und dies war seine Art, sie gehen zu lassen, ohne vollends das Gesicht zu verlieren. Bast sollte es recht sein. Sie brauchte ein Bad, frische Kleider und ein Schiff, das sie so weit von hier wegbrachte, wie es nur ging.</p><p>Sobald gewisse Dinge erledigt waren.</p><p>Sie bezahlte den Fahrer nebst einem Trinkgeld, das ausreichte, damit er sich auch in einer Woche noch <emphasis>ganz bestimmt </emphasis>an sie erinnerte, sch�ttelte den Kopf �ber ihre eigene Gedankenlosigkeit und machte diesen Fehler wieder wett, indem sie seine Erinnerungen an die zur�ckliegende Stunde ausl�schte, bevor sie aus der Kutsche stieg. Sollte er sich doch am n�chsten Morgen wundern, woher der Gestank in seinem Wagen kam ... und �ber die f�nf Pfund in seiner Geldb�rse.</p><p>Mrs Walsh �ffnete ihr die T�r, noch bevor Bast die Hand nach der Klinke ausstrecken konnte. Vermutlich hatte sie die Droschke geh�rt und war ans Fenster getreten, um nachzusehen, und der Ausdruck auf ihrem normalerweise so g�tigen Gesicht verhie� nichts Gutes. Sie fuhr Bast an, noch bevor sie auch nur den Mund auftun konnte. �Meine Liebe, ich bin es ganz und gar nicht gewohnt, dass meine G�ste um diese Zeit ...� Sie verstummte mitten im Satz, riss die Augen auf und prallte dann regelrecht entsetzt einen Schritt zur�ck. �Gro�er Gott! Wie sehen Sie denn aus?�</p><p>�Das ist eine lange Geschichte, Mrs Walsh�, antwortete Bast m�de. �Ich wei�, es ist sp�t, und ich sehe vermutlich nicht besonders gut aus, aber d�rfte ich trotzdem eintreten?�</p><p>Einen Moment lang war sie nicht einmal davon �berzeugt, dann kam ihr die Situation nachgerade l�cherlich vor. M�glicherweise brannte hinter ihnen gerade die halbe Stadt ab, und irgendwo wurden noch immer Pl�ne geschmiedet, nichts weniger als diese ganze Zivilisation zu Fall zu bringen ... und Mrs Walsh sorgte sich um ihren <emphasis>Teppich? </emphasis>Das war so grotesk, dass sie um ein Haar laut aufgelacht h�tte.</p><p>�Sie <emphasis>riechen </emphasis>auch etwas streng, meine Liebe�, antwortete Mrs Walsh, mit einiger Versp�tung und sichtlich um einen wenigstens halbwegs sachlichen Ton bem�ht. Sie versuchte zu l�cheln, aber es blieb bei dem Versuch.</p><p>�Ja, ich f�rchte, damit haben Sie recht.� Bast nutzte die Gelegenheit, an der vollkommen erstarrten Mrs Walsh vorbei vollends ins Haus zu treten und demonstrativ die T�r hinter sich zu schlie�en. �Ich nehme an, Kapit�n Maistowe ist noch nicht zur�ck?� Sie beantwortete ihre eigene Frage mit einem Kopfsch�tteln. �Inspektor Abberline hat versprochen, sp�ter noch einmal vorbeizuschauen. Ich denke, ich sollte die Zeit nutzen, um mich ein wenig ... herzurichten.�</p><p>Mrs Walsh �berwand ihren Schock nur m�hsam. �Ja, das scheint mir auch angemessen�, sagte sie lahm, r�usperte sich unecht und zauberte dann wieder einen strafenden Ausdruck auf ihr Gesicht. �Und ich werde wohl auch eine B�rste und einen Eimer hei�es Wasser bereitstellen.� Sie ma� Bast mit einem missbilligenden Blick und verbesserte sich. �Zwei.�</p><p>�Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen solche Umst�nde bereite, Mrs Walsh�, seufzte Bast. �Ich gehe sofort nach oben und ziehe mich um, und dann ...�</p><p>�Sie werden ganz bestimmt <emphasis>nicht </emphasis>in diesem Zustand durch das ganze Haus laufen und es endg�ltig verpesten�, fiel ihr Mrs Walsh ins Wort. Offensichtlich hatte sie ihren Schrecken mittlerweile endg�ltig �berwunden. �Ich gehe in Ihr Zimmer hinauf und hole Ihnen saubere Kleider, und Sie k�nnen mein Bad benutzen. Dort gibt es eine Badewanne, die Sie dringend n�tig haben, wie mir scheint. Aber es wird eine Weile dauern, bis das Wasser hei� ist. Ich setze es gleich auf, aber ich m�chte Sie bitten, in der K�che zu warten.�</p><p>�Kaltes Wasser reicht vollkommen�, antwortete Bast rasch. �Hauptsache, es ist sauber.�</p><p>Mrs Walsh war offensichtlich derselben Meinung, denn sie belie� es bei einem abermaligen, missbilligenden Stirnrunzeln, fuhr auf dem Absatz herum und rauschte wie eine Walk�re die Treppe hinauf. Bast sah ihr widerwillig am�siert nach. Mrs Walshs Emp�rung war ebenso echt wie absurd, aber der Anblick �bte eine sonderbare und g�nzlich unerwartete Wirkung auf sie aus. Sie h�tte erwartet, dass er sie am�sierte oder �rgerte - wahrscheinlich beides -, aber er stimmte sie eher bek�mmert. Ganz pl�tzlich wurde ihr klar, dass es <emphasis>tats�chlich </emphasis>keine Rolle spielte, ob die Stadt rings um sie herum in Schutt und Asche versank, oder auch gleich die ganze Welt. Nicht f�r Mrs Walsh. Alles, was z�hlte, war ihre eigene, private Welt, die sich innerhalb dieser vier W�nde befand. Der Rest Londons und der ganzen Welt interessierte sie allenfalls, wenn er ihr kleines, privates Universum und ihre beschr�nkte Wertewelt bedrohte.</p><p>Vielleicht hatte Horus recht gehabt, dachte sie traurig. Vielleicht verdiente es diese Kultur, denselben Weg zu gehen wie Theben, Rom und Byzanz und so viele andere.</p><p>Sie sch�ttelte auch diesen Gedanken ab und lauschte einen Moment mit geschlossenen Augen. Abgesehen von den Ger�uschen, die Mrs Walsh selbst verursachte, war es vollkommen still im Haus. Offenbar war sie immer noch der einzige Gast, und auch das M�dchen schlief. Basts schlechtes Gewissen regte sich bei dem Gedanken an Cindy, aber sie lie� dieses Gef�hl nicht an sich heran - nicht jetzt -, sondern machte sich auf den Weg zur K�che. W�hrend sie sie durchquerte und die Hintert�r ansteuerte, schl�pfte sie aus ihrem Mantel und h�tte ihn um ein Haar achtlos fallen lassen, w�re ihr nicht im letzten Moment eingefallen, was Mrs Walsh zu einer solch frevlerischen Tat sagen w�rde. Ein unwillk�rliches L�cheln huschte �ber ihre Lippen, als sie die T�r aufstie� und auf den winzigen, an drei Seiten von Mauern umschlossenen Innenhof hinaustrat. Es war unerwartet kalt, als w�ren die Temperaturen in den wenigen Augenblicken, in denen sie im Haus gewesen war, ins Bodenlose gest�rzt, und so dunkel, dass selbst ihre empfindlichen Augen kaum mehr als Schemen wahrnahmen. Der Himmel war wolkenlos und erstaunlich klar, aber die sechs Fu� hohen Mauern, die den schmalen Hof von den benachbarten Grundst�cken trennten, verschluckten nahezu jede Helligkeit, und hinter keinem einzigen Fenster brannte Licht. Die Leute in dieser Gegend gingen anscheinend beizeiten zu Bett - oder sie z�ndeten absichtlich kein Licht an, um Petroleum oder Kerzen zu sparen. M�glicherweise stand ja hinter irgendeinem dieser Fenster jemand und beobachtete sie in genau diesem Augenblick, aber Bast machte sich nicht einmal die M�he, sich davon zu �berzeugen. Es war ihr gleich.</p><p>Sie lie� ihren Mantel fallen, stie� den verbrannten Fetzen mit dem Fu� beiseite und begann sich aus ihrem Kleid zu sch�len, w�hrend sie sich langsam auf den altmodischen Ziehbrunnen zubewegte, der in der Mitte des Hofes stand. Der verbrannte Stoff l�ste sich unter ihren Fingern auf, und etwas klirrte, als sie das Kleid abstreifte und mit nichts anderem als dem goldenen Skarab�us an ihrem Hals weiterging.</p><p>Bast z�gerte, lie� sich in die Hocke sinken, grub mit den Fingern in dem verkohlten Stoff und runzelte �berrascht die Stirn, als sie pl�tzlich den zersplitterten Stumpf ihres Schwertes in der Hand hielt.</p><p>Seltsam - sie konnte sich �berhaupt nicht erinnern, die zerbrochene Waffe eingesteckt zu haben, aber etwas in ihr musste diese Waffe wohl als wichtig erachtet haben ... auch wenn sie nicht wusste, was.</p><p>Nat�rlich <emphasis>war </emphasis>selbst dieser abgebrochene Stumpf noch unendlich wertvoll. Der Griff bestand aus massivem, fein ziseliertem Gold und war mit kostbaren Edelsteinen besetzte. In jedem Museum dieses Landes oder einem der gro�en Versteigerungsh�user Londons h�tte sie ein kleines Verm�gen f�r dieses zerbrochene Schwert bekommen. Aber weltlicher Besitz hatte sie noch nie interessiert.</p><p>Dennoch war der Verlust dieser Waffe schrecklich und inakzeptabel. Das Schwert war mehr als zweitausend Jahre alt und stammte aus einer Zeit, als sich der Rest der Welt noch mit Bronzeschwertern oder Kn�ppeln geschlagen hatte. Jetzt war es nicht mehr als ein nutzloses St�ck Tand.</p><p>Sie �berlegte einen Moment, es allein aus Gr�nden der Sentimentalit�t aufzubewahren, stand aber dann stattdessen mit einem Ruck auf und stie� es mit einem demonstrativen Tritt von sich. Sie w�rde es verschwinden lassen m�ssen, bevor Mrs Walsh oder Maistowe es fanden und sich wunderten, woher diese wertvolle Antiquit�t kam. Sie trat an den Brunnenrand, kurbelte den Eimer hoch und schauderte leicht, als sie sp�rte, wie eisig das Wasser war. Dennoch sch�pfte sie sich tapfer drei, vier zusammengelegte H�nde voll ins Gesicht und biss die Z�hne zusammen, als sich all die zahllosen kleinen Verbrennungen, Kratzer, Schrammen und diversen anderen Blessuren, die sie von ihrem unterirdischen Abenteuer mitgebracht hatte, schmerzhaft wieder in Erinnerung brachten. Nichts von alledem war schlimm genug, um sich wirklich Sorgen zu machen - im Nachhinein kam ihr zu Bewusstsein, dass es ohnehin einem mittelgro�en Wunder gleichkam, dass weder sie noch Abberline wirklich schwer verletzt worden waren -, und die meisten Verletzungen verheilten bereits und w�rden sp�testens morgen fr�h verschwunden sein. Aber so fantastisch und z�h ihr au�ergew�hnlicher Metabolismus auch sein mochte, sie bekam nichts geschenkt. Jede einzelne dieser winzigen Verletzungen kostete sie Kraft. Das Wenige, was sie gestern von Roy gestohlen hatte, w�rde nicht mehr lange vorhalten, und sie ertappte sich bei der b�sen �berlegung, welche Verschwendung es doch gewesen war, Jones etwas von diesem wertvollen Vorrat abzugeben.</p><p>Sie sch�mte sich dieses Gedankens, der viel mehr zu Horus oder Sobek gepasst h�tte als zu dem Bild, das sie selbst von sich hatte, und pl�tzlich �berkam sie ein j�hes Gef�hl von Trauer.</p><p>Sobek war tot.</p><p>Jemand, den sie seit f�nftausend Jahren gekannt hatte, auch wenn sie nie wirklich Freunde gewesen waren und er selbst mehr als einmal bereit gewesen war, sie zu t�ten.</p><p>Und nun war er tot. In den Flammen verbrannt.</p><p>Der Gedanke hatte etwas so Bizarres, dass es ihr immer noch schwerfiel, ihn als real zu akzeptieren. In Mrs Walshs und Abberlines Lebenszeit gemessen, hatte sie Sobek mehr als zweihundert Generationen lang gekannt. Jemand, der so lange gelebt hatte, <emphasis>konnte </emphasis>einfach nicht sterben. Das war ... absurd.</p><p>Und Horus?</p><p>Sie hatte noch die schemenhafte Gestalt vor Augen, die mit Fl�geln aus Rauch und Dunkelheit gegen den Feuersturm angek�mpft hatte, das fl�chtige Bild eines Schattens, der aus dem unterirdischen Kerker in die Luft stieg. Aber vielleicht war das nur eine Illusion gewesen, ein Wunschbild, auch wenn sie sich selbst nicht eingestehen wollte, dass sie einen solchen Wunsch hegte. Nein. Ein solches Inferno konnte niemand �berleben.</p><p>Pl�tzlich wurde Bast klar, wie viel er ihr <emphasis>bedeutet </emphasis>hatte. Nicht wegen all der unz�hligen Jahre, die sie miteinander verbracht hatten, oder gar der - l�cherlich wenigen - Male, die sie miteinander ' geschlafen hatten. Nicht einmal, weil sie ihn so lange gekannt hatte, sondern einfach, weil er <emphasis>da </emphasis>gewesen war, und weil sie nur noch so wenige waren. Er war einer von ihnen gewesen, und sein Verlust war inakzeptabel und entsetzlich. Tot.</p><p>Die Trauer drohte �ber ihr zusammenzuschlagen wie eine riesige schwarze Wolke, sie einzuh�llen wie ein schwerer Mantel, der mit seinem dicken, klammen Stoff jeden Laut zum Verstummen brachte, jedes Gef�hl erstickte und sie von allem anderen isolierte, was sie umgab, dieser Stadt mit ihrem wimmelnden Wirrwarr von Menschen, die strebten und hofften und vergeblich versuchten, Sinn und Ordnung in das kurze Leben zu bringen, in das sie hineingeboren wurden, und das so oft vor der Zeit beendet wurde, sei es durch Krankheit, Hunger oder die Hand eines M�rders.</p><p>In dieser Welt war sie so einsam, wie sie immer gewesen war.</p><p>Und dennoch ...</p><p>Ein heller, sonderbar wehklagender Schrei zerriss die tiefe Stille, die sich in den winzigen Innenhof gesenkt hatte, und als Bast den Kopf hob, glaubte sie einen schwarzen pfeilfl�geligen Schatten zu erkennen, der verloren in der unendlichen Weite des Nachthimmels schwamm und vergebens nach seinem Herrn schrie.</p><p>Sie schloss die Augen und atmete gezwungen tief und langsam ein und als sie wieder hinsah, war der Falke verschwunden, und sein wehklagendes Rufen verstummt. Beides war niemals real gewesen; nur ein weiteres Gespenst, mit dem sie die D�monen ihrer Vergangenheit von nun an plagen w�rden. Eines von vielen. Viel <emphasis>zu </emphasis>vielen.</p><p>Und pl�tzlich brachen die Tr�nen ungehemmt aus ihr heraus; lautlos, aber in Str�men, die hei� und brennend wie S�ure �ber ihr Gesicht rannen. Sie gab keinen Laut von sich, denn der Schmerz schn�rte ihr einfach die Kehle zu, aber ihre Schultern bebten in einem lautlosen Schluchzen. Einen Moment lang starrte sie ihr eigenes Spiegelbild in dem halb geleerten Eimer auf dem Brunnenrand an, bevor sie es mit einem pl�tzlichen Fausthieb zerschmetterte, der das Wasser aufspritzen und die Haut �ber ihren kaum verheilten Kn�cheln erneut aufplatzen lie�.</p><p>Der Schmerz war unerwartet schlimm, aber er riss sie auch in die Wirklichkeit zur�ck. Bast blickte auf ihr eigenes, in tausend sichelf�rmige Splitter zerborstenes Spiegelbild, dann brachte sie den Blutstrom aus ihren aufgerissenen Kn�cheln mit einer bewussten Anstrengung zum Versiegen, tauchte beide H�nde ins Wasser und sch�pfte sich noch einmal eisige K�lte ins Gesicht.</p><p>Als sie die H�nde wieder herunternahm, sp�rte sie, dass sie nicht mehr allein war.</p><p>�Kommen Sie ruhig n�her, Kapit�n�, sagte sie. �Es macht mir nichts aus.�</p><p>Maistowe, selbst f�r ihre Augen kaum mehr als ein Schatten vor einem noch dunkleren Hintergrund, r�hrte sich im ersten Moment �berhaupt nicht, aber sie konnte sp�ren, wie ihm die R�te ins Gesicht schoss - dabei war es vollkommen unm�glich, dass er mehr sah als einen Umriss.</p><p>�Es muss Ihnen nicht peinlich sein�, f�gte sie hinzu, aber sie sp�rte auch selbst, dass sie es damit nur noch schlimmer machte. Nat�rlich sah er nur einen Schatten, aber selbst er musste erkennen, dass sie unbekleidet war, und Maistowe w�re kein Mann gewesen, h�tte er nicht entsprechend darauf reagiert. Sein Verstand, sein Charakter und seine Erziehung mochten ihm noch so sehr klarmachen, dass es nicht richtig war - ein anderer, viel �lterer und st�rkerer Teil von ihm begehrte sie. Er hatte sie von Anfang an begehrt, und daran hatte sich in all der Zeit nichts ge�ndert. Und wie auch? Er war ein Mann, ein Sterblicher, und wie sie und ihre Art sich von ihm und seiner Art unterschied, das war nicht nur ihre h�here Lebenserwartung und ihre scharfen Sinne. Auch wenn es letzten Endes vielleicht nicht so war - f�r ihn und jeden anderen Mann auf der Welt <emphasis>war </emphasis>sie eine G�ttin, und welcher Mann h�tte sich der Verlockung einer solchen entziehen k�nnen? Manchmal - und in letzter Zeit immer h�ufiger - verga� sie das.</p><p>Sie lauschte behutsam in ihn hinein und stellte nun doch etwas Erstaunliches fest: Der Anblick <emphasis>war </emphasis>ihm peinlich, so sehr, dass er immer noch wie gel�hmt dastand und am liebsten im Boden versunken w�re - aber den meisten anderen M�nnern an seiner Stelle w�re es nur unangenehm gewesen, dass sie es bemerkt hatte. Er verzieh es sich nicht, es �berhaupt getan zu haben.</p><p>�Ich ... �hm ... es tut mir leid�, stammelte er schlie�lich. �Gloria hat mir gesagt, dass Sie hier drau�en sind, aber ich wusste nicht, dass ...� Er bewegte sich unbeholfen auf der Stelle, und Bast kam endlich zu dem Schluss, ihn genug gequ�lt zu haben, b�ckte sich nach ihrem zerrissenen Kleid und schl�pfte in das, was noch davon �brig war. Es war eher eine symbolische Tat - das Kleid bestand buchst�blich nur noch aus Fetzen und enth�llte fast mehr, als es verbarg. Aber sie stand nun nicht mehr nackt vor ihm, und sie sp�rte, dass ihm das wichtig war. Maistowe atmete erleichtert auf. Nach einem weiteren Augenblick kam er n�her, wobei er sich geradezu r�hrend bem�hte, nur ihr Gesicht anzusehen.</p><p>�Ich ... also ... wie gesagt - Gloria hat mir gesagt, Sie w�ren hier drau�en, und sie meinte, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist�, stammelte er. �Und ich dachte ...� Er blinzelte. �Haben Sie ... geweint?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast �berrascht. Wie konnte er das wissen? Sie hatte nicht den mindesten Laut von sich gegeben, und die N�sse auf ihrem Gesicht war simples, wenn auch eiskaltes Wasser. Aber er wusste es. Bast hob die Schultern und rettete sich in ein verlegenes L�cheln.</p><p>�Ja�, gestand sie. �Eine ... alte Erinnerung, die mich pl�tzlich �berkommen hat. Es ist schon vorbei.�</p><p>Maistowes Blick machte klar, wie unglaubw�rdig diese Behauptung klang, aber er ging nicht weiter darauf ein. Sein Blick hing weiter wie gebannt an ihrem Gesicht, und er wusste pl�tzlich nicht mehr, wohin mit seinen H�nden, aber zumindest seine Stimme klang wieder gefasst. Einigerma�en. �Was ist passiert? Abberline hatte Sie mitgehen lassen. Haben Sie den Konstabler gefunden?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast. Sie war einfach zu m�de f�r irgendeine Ausflucht. �Aber ich f�rchte, wir haben den zweiten auch verloren. Es sind ein paar ... sehr schlimme Dinge passiert, f�rchte ich.�</p><p>Maistowe verstand offensichtlich kein Wort, aber er sah <emphasis>sehr </emphasis>erschrocken aus, und genau genommen war das auch genau das, was sie hatte erreichen wollen. Sie sorgte - sehr behutsam - daf�r, dass er auch keine weitere Frage mehr stellen w�rde und wollte ihn unter einem Vorwand wegschicken, als Mrs Walsh aus dem Haus kam und ihr die M�he abnahm, auf ihre ganz eigene Art.</p><p>�Wenn ich es nicht besser w�sste, w�rde ich Ihnen beinahe unehrenhafte Absichten unterstellen, Jacob�, sagte sie. �Was tun Sie hier drau�en?�</p><p>�Sie haben mir gesagt, dass Bast hier drau�en ist!�, verteidigte sich Maistowe.</p><p>�Dass sie hier ist, ja�, antwortete Mrs Walsh �Nicht, dass Sie hinausgehen und sie anstarren sollen. Und jetzt gehen Sie ins Haus und setzen Sie einen Kessel Wasser auf. Ich mache uns Tee, und <emphasis>danach </emphasis>k�nnen wir reden wie zivilisierte Menschen.�</p><p>Bast hatte M�he, ein L�cheln zu unterdr�cken. Maistowe warf ihr noch einen letzten, fast hilfesuchenden Blick zu, dann fuhr er auf dem Absatz herum und floh regelrecht ins Haus zur�ck.</p><p>Mrs Walsh blickte ihm kopfsch�ttelnd nach. Sie sah einfach ver�rgert aus, aber Bast war nicht sicher, dass dieser �rger tats�chlich Maistowe galt.</p><p>�Jetzt haben sie ihm unrecht getan, f�rchte ich�, sagte Bast. �Ich versichere Ihnen, dass sich Kapit�n Maistowe in jeder Sekunde wie ein perfekter Gentleman benommen hat.�</p><p>�Daran zweifle ich nicht�, antwortete Mrs Walsh. Sie reichte ihr ein zusammengefaltetes Kleid, das aus Basts Gep�ck stammte, und zwei ordentlich zusammengefaltete saubere Handt�cher, die intensiv nach Kernseife rochen. �Aber ich beginne mich allm�hlich zu fragen, ob Sie tats�chlich die Lady sind, f�r die ich Sie gehalten habe.�</p><p>Bast zog �berrascht die Augenbrauen hoch. Sie schwieg. Sie r�hrte auch keinen Finger, um das Kleid und die Handt�cher entgegenzunehmen, sodass Mrs Walsh schlie�lich an ihr vorbeiging und sie auf dem Brunnenrand ablegte.</p><p>�Ich f�rchte, ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen. Mrs Walsh�, sagte sie schlie�lich. �Vielleicht hat es ja ein ... Missverst�ndnis zwischen uns gegeben?�</p><p>�Ja, das scheint mir auch so�, antwortete Mrs Walsh. Bast sp�rte, wie schwer es ihr fiel, die Contenance zu bewahren. �Ich habe Ihnen gesagt, dass Jacob Maistowe ein guter Freund ist, nicht mehr und nicht weniger, und dass zwischen uns niemals etwas ...�, Bast sp�rte, wie schwer es ihr fiel, �ber dieses Thema zu reden, �... etwas <emphasis>K�rperliches </emphasis>war, und das wird auch niemals so sein. Ich wei� selbstverst�ndlich, dass Jacob ein normaler gesunder Mann mit ganz normalen Bed�rfnissen ist, und ich bin weder weltfremd noch eifers�chtig. Aber das hei�t nicht, dass ich tatenlos zusehen werde, wie Sie mit ihm spielen, mein Kind. Ich werde nicht zulassen, dass jemand ihm wehtut.�</p><p>�Das habe ich auch nicht vor, Mrs Walsh�, antwortete Bast ernst. Sie war �berrascht. Dieser pl�tzliche Angriff kam nicht nur unerwartet, sondern auch aus einer g�nzlich unerwarteten Richtung.</p><p>�Reden Sie keinen Unsinn�, sagte Mrs Walsh scharf. �Ich bin nicht blind. Mir ist nicht entgangen, wie Jacob Sie ansieht. Und damit meine ich nicht das hier.�</p><p>�Oh, das.� Bast l�chelte sanft. �Glauben Sie mir, Mrs Walsh, das bedeutet nichts. Alle M�nner sehen mich so an. Das bin ich gewohnt. Seit sehr langer Zeit.�</p><p>�Ja, Sie vielleicht�, erwiderte Mrs Walsh k�hl. �Aber ich nicht, und Jacob ist es auch nicht. Und das sollte auch nicht so sein.�</p><p>�Worauf genau wollen Sie hinaus?�, fragte Bast.</p><p>Mrs Walsh antwortete nicht gleich, sondern ma� sie mit einem sehr langen, taxierenden Blick von Kopf bis Fu�, der ihr unendlich viel peinlicher war als die Art, auf die Maistowe sie gerade gemustert hatte. �Das M�dchen�, sagte sie schlie�lich und, wie es schien, vollkommen unvermittelt. �Sie haben sich bisher kaum um es gek�mmert. Ich wei�, Sie hatten vermutlich wichtigere Dinge zu tun, und das arme Ding tut mir auch aufrichtig leid, aber Tatsache ist, dass es hier nicht bleiben kann. So etwas kann ich in meinem Haus nicht dulden.�</p><p>�Ich verstehe�, antwortete Bast. �Sie m�chten, dass sie geht. Sie m�chten, dass auch ich gehe.�</p><p>Mrs Walsh zierte sich noch einen Moment, aber dann nickte sie, auch wenn sie ihrem Blick dabei auswich. �Ja�, stie� sie hervor. �Wenn ich ehrlich sein soll, w�re es mir das Liebste. Nat�rlich nicht sofort. Sie k�nnen gerne noch bis morgen bleiben, und ich werde Ihnen auch behilflich sein, f�r sich und das M�dchen eine andere Unterkunft zu finden, aber ... ja, ich m�chte, dass Sie gehen. Sie bringen ... Unruhe in mein Leben.�</p><p>Jetzt war es heraus, und Bast konnte ihr nicht einmal wirklich b�se sein. Mrs Walsh hatte vollkommen recht - von ihrem Standpunkt aus. Sie war wie ein Wirbelsturm �ber ihr bisher so geordnetes Leben hereingebrochen. Sie hatte Gewalt in ihr Haus gebracht, und die T�r zu einer Welt, vor der sie bisher ganz bewusst die Augen verschlossen hatte, weit aufgerissen. Das M�dchen zu befreien war vielleicht l�blich gewesen, aber zugleich auch ziemlich dumm, und es war vor allem <emphasis>ihr </emphasis>Problem, ein Problem, das sie einfach hier abgeladen hatte, ohne auch nur dar�ber nachzudenken, ob es ihr recht war oder nicht.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte sie. �Sie haben recht, und ich kann mich nur bei Ihnen entschuldigen. Ich habe nicht nachgedacht. Cindy und ich werden Ihr Haus noch heute verlassen.�</p><p>�Reden Sie keinen Unsinn, Kindchen!�, antwortete Mrs Walsh. �Sie bleiben selbstverst�ndlich bis morgen. Kennen Sie mich wirklich so schlecht, dass Sie glauben, ich w�rde Sie bei Nacht und Nebel aus dem Haus jagen?�</p><p>�Nat�rlich nicht, aber ...�</p><p>�Nichts aber�, unterbrach sie Mrs Walsh, �jetzt waschen Sie sich, ziehen sich ein Kleid an, das diesen Namen auch verdient, und dann k�mmern Sie sich um dieses arme Kind, bevor es sich noch die Augen aus dem Kopf weint. Und danach trinken wir eine Tasse Tee zusammen, und Sie erkl�ren uns, wie ...�, sie machte eine Kopfbewegung auf ihr mitgenommenes Kleid, �... <emphasis>das da </emphasis>passiert ist. Ich muss n�mlich gestehen, dass auch ich nicht frei von Fehlern bin. Ich bin neugierig.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Cindy schlief, als sie in ihr Zimmer zur�ckkehrte. Aber es war kein nat�rlicher Schlaf. Als Bast sie gestern ins Bett geschickt hatte, hatte sie daf�r gesorgt, dass die Angst des M�dchens nicht �berm�chtig wurde - oder es sogar auf die Idee kam, davonzulaufen -, aber sie hatte es sehr behutsam getan, und sie hatte nicht damit gerechnet, auch nur ann�hernd so lange fortzubleiben, wie sie es tats�chlich getan hatte. Cindy h�tte l�ngst aufwachen m�ssen, und wenn sie Mrs Walshs Worte von gerade richtig gedeutet hatte, dann war sie das zwischenzeitlich auch. Jetzt schlief sie wieder, und ihre regelm��igen Atemz�ge verrieten Bast, dass es ein sehr tiefer Schlaf war.</p><p>Leise trat sie an das frisch bezogene Bett heran - der Anblick entlockte ihr ein fl�chtiges L�cheln. Das Bett war nicht nur frisch bezogen und roch genau so intensiv nach Kernseife wie die Handt�cher, die Mrs Walsh ihr gebracht hatte. Mrs Walsh hatte die Decke sogar �ber dem schlafenden M�dchen glatt gestrichen, ihre H�nde �ber dem Laken gefaltet und sogar ihr Haar geb�rstet, sodass sie aussah wie ein unschuldiger kleiner Engel - aber dann beugte sie sich vor, und ein schwacher, aber unverkennbarer Geruch stieg ihr in die Nase. Laudanum. Eine ziemliche Menge Laudanum. Mrs Walsh hatte auf ihre eigene Art daf�r gesorgt, dass Cindy ruhig blieb.</p><p>Bast wurde zornig, aber nur f�r einen ganz kurzen Moment. Welches Recht hatte sie, �ber Gloria Walsh zu urteilen? Sie hatte - wenn auch vielleicht auf andere und sch�dlichere Art - schlie�lich nichts anderes getan als das, was sie selbst unz�hlige Male - und seit Jahrtausenden - tat. Und wahrscheinlich war es unter den Umst�nden sogar das Beste gewesen.</p><p>Bast z�gerte noch einen Moment, aber dann beugte sie sich weiter vor, legte dem M�dchen die Hand auf die Stirn und weckte sie auf.</p><p>Cindys Augenlieder flatterten. Bast sp�rte den inneren Kampf, der sich f�r einen Moment hinter ihrer Stirn abspielte, als wehre sich irgendetwas in ihr mit verzweifelter Kraft dagegen, wieder in die Welt diesseits der Tr�ume zur�ckzukehren, und f�r einen noch k�rzeren Moment hatte sie das Gef�hl, von einer schwarzen Brandung �berrollt zu werden, als die Erinnerung an all die Widerw�rtigkeiten und Dem�tigungen �ber sie hinwegrollten, die dieses gequ�lte Kind in Maudes k�uflicher H�lle hatte ertragen m�ssen.</p><p>Es kam so �berraschend, dass sie erschrocken zur�ckprallte und wohl auch ihre Physiognomie nicht so gut unter Kontrolle hatte, wie sie es gewohnt war, denn Cindys Augen standen weit offen, und Bast las ihrerseits einen Ausdruck tiefen Schreckens in diesem Blick.</p><p>�Entschuldige�, sagte sie unbeholfen. �Ich wollte ... dich nicht erschrecken.�</p><p>�Hast du nicht�, antwortete Cindy. Sie hatte eine sehr helle, klare Stimme, ganz eindeutig die Stimme eines Kindes, so wie alles an ihr noch sehr viel kindlicher war, als man es ihrem Alter entsprechend erwarten konnte; zumindest jetzt, wo Mrs Walsh sie all der h�sslichen Schminke, der falschen Farbe ihres Haares und der niedlichen Kleider entledigt hatte. Aber das war letzten Endes nur ein b�ser Streich gewesen, den Maude ihr gespielt hatte. Frauen wie Maude wussten, dass es M�nner gab, die genau so etwas erregte.</p><p>�Ich bin ...�, begann sie.</p><p>�Ich wei�, wer du bist�, fiel ihr Cindy ins Wort. Nicht nur ihre Stimme war so kristallklar, dass es schon fast ein bisschen unheimlich war, etwas, das eine Spur zu rein und perfekt erschien, um wirklich real zu sein, Bast sp�rte auch, dass sie vollkommen und absolut wach war. Da war nicht einmal eine Spur von Benommenheit. �Warum hast du mich mitgenommen?�</p><p>�Mitgenommen?�</p><p>�Ich will zur�ck zu Maude�, sagte Cindy sehr ernst. �Ich will nach Hause.�</p><p>�Nach Hause?� Bast versuchte, in Cindy hineinzulauschen, aber sie schrak vor dem zur�ck, was sie in ihrem Inneren sp�rte. Da waren ein dunkler Strudel der Verderbtheit, die sie erschauern lie�en. Im allerersten Augenblick schrak sie tats�chlich vor Cindy selbst zur�ck, aber sie begriff im gleichen Moment, wie unrecht sie dem M�dchen tat. Es war nichts an oder in Cindy, das sie so erschreckte. Es war das, was ihr angetan worden war. Der Schmutz, den sie sp�rte, war der, mit dem Cindy besudelt worden war.</p><p>�Das war nicht dein Zuhause�, sagte sie, als Cindy nicht antwortete, sondern sie nur weiter aus ihren durchdringenden, hellblauen Augen anstarrte. Sie sp�rte einen Zorn dahinter, den sie sich nicht erkl�ren konnte. Vielleicht war in diesem Moment ein wenig H�rte angesagt. �Ich kann mich irren, aber ich glaube, Maude hat dich <emphasis>gekauft. </emphasis>Und wenn ich richtig informiert bin, warst du nicht einmal besonders teuer.�</p><p>Es funktionierte nicht, das begriff sie, noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte. Sie wusste nichts �ber das M�dchen, nicht einmal ihren richtigen Namen - <emphasis>niemand </emphasis>hie� <emphasis>Cindy! -,</emphasis> aber sie sp�rte die H�rte, die sich hinter diesem so zerbrechlich erscheinenden Kindergesicht verbarg, und sie war pl�tzlich nicht mehr sicher, dass diese H�rte nur aus den wenigen Wochen resultierte, die sie in Maudes <emphasis>Obhut </emphasis>verbracht hatte.</p><p>�Und?�, fragte Cindy. �Wer sagt dir, dass mich das st�rt?�</p><p>Bast blickte ebenso fragend wie schockiert, und Cindy stemmte sich auf die Ellbogen hoch, sodass das bisher faltenlose wei�e Laken herunterrutschte und Bast sah, dass sie darunter nackt war. Anscheinend war Mrs Walsh der Meinung gewesen, dass keine Kleidung noch immer besser war als das, was sie bei ihrer Ankunft getragen hatte. Mrs Walsh hatte sie offensichtlich auch gewaschen, aber irgendwie den gegenteiligen Effekt erzielt: Ohne Rouge und Puder und eingetrockneten Schwei� traten die blauen Flecken und kaum verschorften Kratzer nur noch deutlicher hervor. Das M�dchen sah kaum weniger schlimm aus als sie selbst; nur, dass <emphasis>seine </emphasis>Verletzungen nicht innerhalb weniger Stunden heilen w�rden. Vielleicht, dachte Bast kalt, war sie zu gn�dig gewesen. Sie h�tte Maude t�ten sollen.</p><p>Cindy deutete ihren Blick falsch. �Gef�llt dir, was du siehst?�, fragte sie.</p><p>Bast zog die Decke mit einem Ruck vollends herunter und sah noch einmal und sehr ausf�hrlich hin. �Nein�, sagte sie dann.</p><p>�Magst du keine Frauen?�</p><p>�Manchmal schon�, erwiderte Bast. �Aber du bist keine Frau. Noch nicht.� Sie fragte sich, warum sie sich auf dieses alberne Spiel einlie�. Sie machte eine entsprechende Kopfbewegung. �Woher hast du die Narbe am Oberschenkel? Maude?�</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete Cindy trotzig. �Ich erinnere mich nicht mehr.�</p><p>Das war gelogen, aber Bast wusste auch, dass die halbmondf�rmige, h�ssliche Brandnarbe an Cindys Oberschenkel ganz bestimmt nicht von Maude stammte. Was immer sie �ber diese schmutzige alte Frau auch denken mochte, sie war gewiss nicht dumm. Kein Kaufmann besch�digte absichtlich seine Ware.</p><p>�Also, verdammt, was willst du von mir?�, fuhr Cindy fort, als Bast nichts sagte, sondern sie nur weiter unverhohlen anstarrte. �Wann kann ich wieder nach Hause?� Sie setzte sich vollends auf, zog die Knie an den Leih und die Decke mit einer trotzigen Bewegung bis zum Kinn hoch.</p><p>�Sobald wir herausgefunden haben, wo dein Zuhause ist�, antwortete Bast. �Vielleicht.�</p><p>�Ich will zur�ck zu Maude�, sagte Cindy.</p><p>�Warum?�, fragte Bast.</p><p>�Weil es dort gut ist.�</p><p>�Gut?� Bast runzelte �bertrieben die Stirn. �Du bist geschlagen worden ... wenn nicht Schlimmeres. Was soll daran gut sein?�</p><p>�Und?�, schnappte Cindy trotzig. �Das macht mir nichts aus.�</p><p>�Es macht dir nichts aus, geschlagen zu werden?� Bast machte ein zweifelndes Gesicht.</p><p>�Bin ich gewohnt�, antwortete Cindy. Es klang herausfordernd, aber nicht nach einer L�ge. �Und bei Maude habe ich immer satt zu essen bekommen, und es ist warm. Und die anderen Frauen sind nett zu mir.�</p><p>�Und die M�nner?�</p><p>Cindy hob die Schultern. �Sind eben M�nner�, sagte sie, als w�re das Erkl�rung genug.</p><p>�Du hast schlechte Erfahrungen gemacht�, vermutete Bast.</p><p>�Das Leben ist hart�, antwortete Cindy. �Man kriegt, was man verdient. Oder was man sich nimmt. Ist nicht so schlimm, wenn man wei�, wie's l�uft.�</p><p>�Maude hat dich also gekauft�, versuchte es Bast erneut, und auf eine andere Art. �Von wem? Deiner Mutter?�</p><p>�Nein�, antwortete Cindy. �Meine Mutter ist ... ich wei� nicht. Hab sie nie gekannt. Ich bin mal hier, mal da aufgewachsen. Die meiste Zeit war es gut.�</p><p>�Und die �brige?�</p><p>Cindy funkelte sie an. �Was soll das? Hab ich was ausgefressen, dass du mich so verh�rst?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast. Sie hatte Schwierigkeiten, Cindys unverhohlene Feindseligkeit von sich abprallen zu lassen. Dieses M�dchen war ihr weder sonderlich sympathisch, noch tat sie etwas, um ihr Herz - oder auch nur ihr Mitleid - zu gewinnen, sondern starrte geradezu vor Widerborstigkeit. �Das ist kein Verh�r. Ich bin nur ... neugierig, wei�t du? Auf dich.�</p><p>�Auf mich?� Cindy wirkte eher noch misstrauischer. �Wieso? Was gibt's denn an einer wie mir Interessantes?�</p><p>�An <emphasis>einer wie dir </emphasis>eigentlich gar nichts�, antwortete Bast betont. �Aber an <emphasis>dir.</emphasis>�</p><p>Cindy runzelte die Stirn und sah sie nur noch misstrauischer an, aber zugleich begann ihr Blick auch insgeheim durch das Zimmer zu irren, wie der eines kleinen Tieres, das sich in die Enge gedr�ngt f�hlte und nach einem Fluchtweg Ausschau hielt.</p><p>Und genau das bedeutete es auch, begriff Bast pl�tzlich. Nach ihrem Erwachen hatte Cindy ihren freien Willen �berraschend schnell zur�ckerlangt, und sie <emphasis>dachte </emphasis>an Flucht.</p><p>Bast sorgte daf�r, dass sie diesen Gedanken auch ebenso schnell wieder verga� - und diesmal f�r l�nger -, und f�r einen ganz kurzen Moment erschien ein Ausdruck von Verwirrung auf dem blassen Gesicht des M�dchens, bevor er wieder dem �blichen Trotz wich. �Also?�, fragte sie. �Was willst du wissen?�</p><p>�Eigentlich alles�, antwortete Bast. �Fangen wir mit deinem Namen an ... ich meine, du hei�t nicht wirklich, Cindy, oder?�</p><p>�Nein�, antwortete Cindy, allerdings erst nach einem sp�rbaren Z�gern, und mit genauso sp�rbarem Widerwillen. Sie war stark. �Da, wo ich fr�her war, da hatten wir eine Katze, die hie� Cindy. War ein bl�des Vieh. Sie hat mich immer nur gekratzt und �berall hingeschissen. Ich hab sie weggejagt, aber den Namen hab ich behalten. Hat mir besser gefallen als <emphasis>Emily.</emphasis>�</p><p>Bast lachte leise. �Magst du Katzen?� Sie wartete Cindys Antwort gar nicht ab, sondern ging zur T�r und �ffnete sie gerade weit genug, um einen schlanken, bernstein�ugigen Schatten hereinhuschen zu lassen. �Das ist Cleopatra�, sagte sie. �Eine gute Freundin von mir. Wenn du m�chtest, kann sie auch deine Freundin sein. Und keine Sorge. Sie wird dich weder kratzen, noch ... na ja, du wei�t schon.�</p><p>Cleopatra rieb sich schnurrend an ihrem Bein, hielt das M�dchen aber zugleich aus ihren unergr�ndlichen Augen aufmerksam im Blick, und auch Cindy sah die Katze aufmerksam an.</p><p>�Was soll das?�, fragte sie schlie�lich. �Glaubst du, du kannst mich damit einwickeln?�</p><p>�Nein�, erwiderte Bast. Sie musste sich beherrschen, um nicht grob zu werden. Sie hatte nie besonders gut mit Kindern umgehen k�nnen. �Ich komme aus �gypten. Wei�t du, wo das ist?�</p><p>�Ziemlich weit weg�, antwortete Cindy misstrauisch. �Warum?�</p><p>�H�ttest du Lust, mich dorthin zu begleiten?�, fragte Bast.</p><p>�Begleiten?�, wiederholte Cindy. �Ich? Warum?�</p><p>�Ich kann nicht mehr lange in diesem Land bleiben�, antwortete Bast. �Wahrscheinlich muss ich schon in ein paar Tagen wieder nach Hause fahren. Du k�nntest mitkommen, wenn du willst. Ich habe ein ziemlich gro�es Haus in der N�he von Kairo. Ich kann immer Hilfe gebrauchen.�</p><p>�Hilfe ... wobei?�</p><p>�Was eben in einem gro�en Haus alles so anf�llt�, antwortete Bast schulterzuckend. �Es war nur eine Idee.� Sie l�chelte verlegen, lie� sich - wohlweislich in gro�em Abstand - auf die Bettkante sinken und zuckte mit den Achseln. �Also, um ganz ehrlich zu sein, wei� ich im Moment nicht so genau, was ich mit dir anfangen soll.�</p><p>Sie blinzelte Cleopatra zu, und die Katze sprang mit einem leichtf��igen Satz auf ihren Scho� und begann laut zu schnurren. Cindy z�gerte sp�rbar, aber dann streckte sie die Hand aus und streichelte sie scheu. Cleopatras Schnurren wurde lauter.</p><p>�Ich verstehe�, murmelte Cindy. �Du hast mich gekauft, und jetzt bin ich dir l�stig. Ich kann gehen, wenn du willst. Ich will dir bestimmt nicht zur Last fallen. Du musst es nur sagen.�</p><p>�Netter Versuch�, antwortete Bast. �Aber daraus wird nichts. Du hast v�llig recht: Ich habe dich gekauft, und du warst nicht einmal billig.� Zugleich war sie erstaunt, dass sich Cindy an dieses unwichtige Detail erinnerte. Das M�dchen �berraschte sie jeden Moment mehr. Nebst etlichem anderen verf�gte es ganz offensichtlich �ber eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe.</p><p>�Lass mich einfach gehen, und wir sind quitt�, fuhr Cindy fort.</p><p>�Quitt?� Bast blinzelte �berrascht. �Also ich glaube nicht, dass ...�</p><p>�Du bist nicht f�r mich verantwortlich, wenn du das meinst�, fuhr Cindy fort. �Und du musst auch keine Angst um mich haben. Ich komme schon durch.�</p><p>�Das glaube ich dir sogar�, antwortete Bast. �Aber du hast vollkommen recht, wei�t du? Ich habe dich gekauft, und damit habe ich auch die Verantwortung f�r dich. So ist das nun einmal, da, wo ich herkomme.�</p><p>�Und deshalb willst du mich mitnehmen?�</p><p>Unten im Haus fiel eine T�r ins Schloss, und ged�mpfte Stimmen drangen an Basts Ohr. Sie machte sich nicht die M�he, auf die Worte zu achten, aber eine der Stimmen geh�rte ganz eindeutig Abberline. �Nicht unbedingt�, erwiderte sie. �Um ehrlich zu sein, w�re mir eine andere L�sung lieber. Aber ich kann dich nicht zu Maude zur�ckgehen lassen.�</p><p>�Und warum nicht?�</p><p>�Weil ich es nicht kann, basta!�, antwortete Bast �rgerlich. �In ein paar Jahren wirst du verstehen, warum. Vielleicht denkst du einfach dar�ber nach, wie es mit uns weitergehen k�nnte.� Sie stand auf und kam sich selbst immer hilfloser vor. Aber was hatte sie erwartet? �Heute Nacht bleiben wir noch hier, aber morgen m�ssen wir uns sowieso eine andere Unterkunft suchen.�</p><p>�Ich w�sste da eine�, antwortete Cindy b�se. �F�r dich w�rde Maude bestimmt noch sehr viel mehr bezahlen als f�r mich.�</p><p>Bast musste sich pl�tzlich beherrschen, um sie nicht schlichtweg zu ohrfeigen. Sie stand mit einem Ruck auf. Cleopatra sprang erschrocken von ihrem Scho� und stie� ein vorwurfsvolles Maunzen aus.</p><p>�Also gut�, sagte sie k�hl. �Du wirst jetzt schlafen, und morgen fr�h reden wir noch einmal �ber alles. Aber dann erwarte ich eine Entscheidung von dir. Wenn du wie eine Erwachsene behandelt werden willst, dann wirst du dich gef�lligst auch so benehmen.�</p><p>Cindy sah sie einfach nur perplex an - was daran liegen mochte, dass ihre Reaktion nicht nur v�llig �berzogen, sondern schlichtweg <emphasis>bl�dsinnig </emphasis>war -, aber Bast war auch schon zu weit vorgeprescht, um jetzt noch nachgeben zu k�nnen. �Schlaf jetzt�, sagte sie.</p><p>�Ich denke ja gar nicht daran�, antwortete Cindy trotzig, lie� sich zur�cksinken und schlief ein, noch bevor ihr Hinterkopf das Kissen ber�hrt hatte.</p><p>Viel mehr �rgerlich auf sich selbst als auf sie, blieb Bast noch etliche Sekunden lang reglos stehen und blickte auf das schlafende M�dchen hinab. Das Gespr�ch war vollkommen anders verlaufen, als sie erwartet hatte, aber sie durfte Cindy nicht die Schuld daran geben. Letztendlich hatte Cindy sie nicht darum gebeten, von ihr mitgenommen zu werden.</p><p>Als sie sich umdrehte, wollte Cleopatra ihr folgen, aber Bast sch�ttelte rasch den Kopf und lie� sich vor der Katze in die Hocke sinken. �Du bleibst hier und passt auf sie auf�, sagte sie. �Gib auf ihre Tr�ume acht, hast du verstanden? Und wenn irgendetwas nicht stimmt, dann rufst du mich. Ich lehne die T�r nur an.�</p><p>Cleopatra maunzte zwar entt�uscht, sprang aber gehorsam auf das Bett zur�ck und rollte sich neben dem schlafenden M�dchen zusammen.</p><p>Bast verlie� das Zimmer und w�re um ein Haar gegen Maistowe geprallt, der direkt auf der anderen Seite stand und sie ziemlich verbl�fft ansah. Bast musste seine Gedanken nicht lesen, um zu wissen, ob er sich gerade fragte, sie tats�chlich mit einer Katze reden geh�rt zu haben.</p><p>�Ich ... �hm ... entschuldigen Sie�, stotterte er. �Ich wollte nicht lauschen, aber Frederick - Inspektor Abberline - ist gekommen, um mit Ihnen zu reden.�</p><p>Bast antwortete mit einem wortlosen Nicken und zog die T�r hinter sich zu, lie� sie aber einen Spalt breit offen stehen, bevor sie so schnell losging, dass Maistowe sich sputen musste, um mit ihr Schritt zu halten. �Wie geht es dem M�dchen?�, fragte er.</p><p>�Sie schl�ft�, antwortete Bast. Maistowe schien das allerdings nicht zu reichen, denn er holte mit einem raschen Schritt zu ihr auf und hielt sie am Arm fest.</p><p>�Auf ein Wort�, sagte er, schrak dann sichtbar zusammen und zog die Hand fast schuldbewusst zur�ck. �Bitte.�</p><p>Bast h�rte Abberline und Mrs Walsh unten im Erdgeschoss miteinander reden, und irgendetwas sagte ihr, dass es gar nicht gut war, die beiden zu lange allein zu lassen. Trotzdem nickte sie widerwillig.</p><p>Maistowe druckste einen Moment herum. �Bitte glauben Sie jetzt nicht, dass ich Ihnen nachspioniere oder Sie belausche�, sagte er schlie�lich. �Aber ich habe zuf�llig geh�rt, was Gloria vorhin zu Ihnen gesagt hat.�</p><p>�Und sie hat recht damit�, sagte Bast. �Nichts von alledem, was seit meiner Ankunft hier passiert ist, ist Mrs Walshs Problem - oder Ihres.�</p><p>�Das mag sein�, antwortete Maistowe, noch immer, ohne sie direkt anzusehen. �Dennoch ist das nicht die Gloria, die ich kenne. Ich wei� wirklich nicht, was in sie gefahren ist, aber ich verspreche Ihnen, mit ihr zu reden. Sie k�nnen sicher noch ein paar Tage hier bleiben, und das M�dchen auch.�</p><p>�Das ist nett gemeint von Ihnen, Jacob�, begann Bast, �aber ...�</p><p>�Die <emphasis>Lady </emphasis>sticht in einer Woche wieder in See�, fuhr Maistowe fort. �Wenn Sie sich entschlie�en sollten, mit mir zur�ckzufahren, dann bin ich sicher, dass Gloria es sich noch einmal �berlegt und Ihnen und dem M�dchen gestattet, so lange hier zu bleiben.�</p><p>Bast h�tte ihm erkl�ren k�nnen, warum das keine gute Idee war, aber sie hatte keine Lust auf eine weitere sinnlose Diskussion, und sie wollte Maistowe, der es nur gut meinte, nicht vor den Kopf sto�en. �Cindy schl�ft jetzt�, sagte sie. �Lassen Sie uns sp�ter dar�ber reden, vielleicht zusammen mit ihr. Ich denke, wir sollten Inspektor Abberline nicht zu lange warten lassen. Oder sind Sie nicht begierig darauf, zu erfahren, was passiert ist?�</p><p>Maistowe wechselte zwar wunschgem�� das Thema, aber er wirkte nicht begeistert. �Er hat mich schon in groben Z�gen informiert�, sagte er. �Aber nat�rlich haben Sie recht ... und ich hatte umgekehrt den Eindruck, dass <emphasis>ihm </emphasis>daran gelegen ist, m�glichst rasch mit <emphasis>ihnen </emphasis>zu reden.�</p><p>Bast drehte sich rasch herum und ging - bevor Maistowe Gelegenheit fand, eine weitere �berfl�ssige Frage zu stellen und sie in ein Gespr�ch zu verwickeln, das sie nicht f�hren wollte. Offensichtlich sorgte er sich mehr um das M�dchen als Mrs Walsh - oder sie.</p><p>Abberline und Mrs Walsh sa�en am Kamin, als Maistowe und sie die Treppe herunterkamen. Mrs Walsh stand wortlos auf und verschwand in der K�che, vermutlich, um den avisierten Tee zu holen, w�hrend Abberline aufstand und ihr zwar nur stumm und mit steinernem Gesicht zunickte, trotz allem aber Gentleman genug war, erst dann wieder Platz zu nehmen, nachdem sie und Maistowe sich gesetzt hatten.</p><p>�Ich bin froh, dass Sie unbeschadet wieder hier angekommen sind�, begann er, anscheinend nicht in der Stimmung, sich mit H�flichkeitsfloskeln aufzuhalten. Bast war auch nicht danach.</p><p>�Ich kann nur dasselbe �ber Sie sagen, Inspektor�, antwortete sie. �Sie sind fr�h ... ich meine: Ich h�tte nicht erwartet, dass Ihre Vorgesetzten Sie so schnell gehen lassen - nach dem, was in der Underground passiert ist.�</p><p>�Das haben sie auch nicht�, antwortete Abberline.</p><p>Maistowe sah ihn fragend an, und Abberline wollte auch antworten, unterbrach sich aber dann, als Mrs Walsh aus der K�che kam, und wartete, bis sie zwei saubere Tassen vor Bast und Maistowe abgestellt und ihnen Tee eingegossen hatte.</p><p>�Ich meine, ich habe nicht mit meinen Vorgesetzten gesprochen�, setzte er neu an. �Ich wollte es selbstverst�ndlich. Ich bin noch eine Weile geblieben, um mich davon zu �berzeugen, dass die Feuerwehr und die Polizei der Lage auch Herr werden.�</p><p>�Welcher Lage?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>�Es gab einen Brand in der stillgelegten Tower-Station�, antwortete Abberline. �Aber es sah im ersten Augenblick sehr viel dramatischer aus, als es war. Die st�dtische Feuerwehr ist sehr t�chtig, und die U-Bahn ist so gebaut, dass ein Feuer nur sehr schwer unkontrolliert um sich greifen kann.�</p><p>Mrs Walsh sagte nichts dazu, aber sie ma� Bast mit einem sehr langen, nachdenklichen Blick, bevor endlich auch sie Platz nahm und an ihrem Tee nippte.</p><p>�Ich bin danach zum Yard gegangen, aber Mr Monro war nicht mehr da, und Sir Charles Warren, meinen obersten Chef, habe ich seit Tagen nicht mehr gesehen. Und ich muss gestehen, dass ich nicht allzu ungl�cklich dar�ber bin.�</p><p>�Wieso?�, fragte Maistowe.</p><p>�Selbstverst�ndlich werde ich gleich morgen fr�h ausf�hrlich Bericht erstatten�, antwortete Abberline, allerdings an Bast gewandt, nicht an Maistowe, und mit sonderbar ernstem Gesicht. �Und ich werde in meinem Bericht selbstverst�ndlich nicht die geringste Kleinigkeit auslassen. Das w�re unverantwortlich, nicht nur meinen Vorgesetzten, sondern auch den Menschen in dieser Stadt gegen�ber. Immerhin treibt sich dort unten immer noch ein Ungeheuer herum, dem bereits zwei Menschen zum Opfer gefallen sind. Mindestens.�</p><p>�Ein Ungeheuer?�, fragte Mrs Walsh alarmiert. �Was f�r ein Ungeheuer?�</p><p>�Miss Bast bezeichnet es als Nildrachen�, antwortete Abberline, �aber meines Erachtens ist es ein ganz gew�hnliches Krokodil - wenn auch ein ziemlich gro�es.�</p><p>�Glauben Sie mir, Inspektor, ich habe Nildrachen gesehen, gegen die dieses Tier der reinste Zwerg ist�, sagte Bast.</p><p>�Ein Krokodil?�, murmelte Mrs Walsh entsetzt. �In der Londoner U-Bahn?�</p><p>�Eher in der Kanalisation�, antwortete Abberline. Er sah immer noch unentwegt Bast an. �Wir haben das Tier durch die Kanalisation gejagt, aber es ist uns leider entkommen, und der k�rzeste Weg zur�ck an die Oberfl�che f�hrte durch die <emphasis>Tube.</emphasis>�</p><p>�Die dabei rein zuf�llig in Brand geraten ist?�, vermutete Mrs Walsh.</p><p>�Nun ja, ich gebe zu, das ist die Kurzfassung�, sagte Abberline. �Aber jetzt ist nicht der Moment f�r lange Erkl�rungen. Ich bin aus einem anderen Grund hier.�</p><p>�Ach?�, fragte Bast. Warum war sie nicht �berrascht?</p><p>�Um ehrlich zu sein�, antwortete Abberline, �war ich ganz froh, dass sich mir die Gelegenheit bietet, zuerst noch einmal mit Ihnen zu reden, bevor ich mit Monro spreche.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Unter anderem wegen dem, was ich in diesem Raum gesehen habe�, antwortete Abberline. Er schien einen Moment angestrengt nachzudenken, und Bast konnte ihm regelrecht ansehen, wie schwer ihm die Entscheidung fiel, zu der er schlie�lich gelangte.</p><p>Aber er traf sie, griff in die Rocktasche und reichte Bast einen kleinen, in ein sauberes Taschentuch eingewickelten Gegenstand. �K�nnen Sie mir sagen, was das ist?�, fragte er.</p><p>Als sie das Tuch zur Seite schlug, kam ein runder, mit einem geschnitzten Katzenkopf und kunstvollen Ziselierungen verzierter Deckel aus feinstem wei�en Alabaster zum Vorschein.</p><p>�Woher haben Sie das?�, fragte sie �berrascht.</p><p>�Ich habe es gefunden�, antwortete Abberline. �Heute Abend, im Wagen Ihres ungl�ckseligen Kutschers.�</p><p>Jetzt <emphasis>war </emphasis>Bast �berrascht. �Bei Arthur?�</p><p>�Neben seinem Leichnam, ja�, best�tigte Abberline. �Genauer gesagt, unter der Bank, auf der er lag. Sie wissen, was das ist?�</p><p>�Ein Kanopendeckel, ja�, antwortete Bast. �Ein sehr alter.�</p><p>�Ein <emphasis>was?</emphasis>� Mrs Walsh machte keinen Hehl daraus, wie wenig ihr das Thema behagte, �ber das sie redeten, aber sie war auch neugierig.</p><p>�Wir haben mehrere Kanopen gesehen, bei unserem gemeinsamen Museumsbesuch, meine Liebe�, antwortete Bast. �Sie wissen, dass die Pharaonen im alten �gypten nach ihrem Tod einbalsamiert wurden, um auf diese Weise die Reise ins ewige Leben anzutreten?�</p><p>Mrs Walsh nickte. <emphasis>Dieses </emphasis>Thema war ihr sichtlich <emphasis>noch </emphasis>unangenehmer, aber wenigstens protestierte sie nicht.</p><p>�Nebst etlichen anderen Vorbereitungen war es dazu notwendig, dem Leichnam die inneren Organe zu entnehmen�, fuhr Bast fort. Mrs Walsh sah regelrecht entsetzt aus, aber Abberline runzelte die Stirn und sah sie auf eine jetzt v�llig andere Art beunruhigt an. Offenbar erinnerten ihn Basts Worte an etwas vollkommen anderes. Etwas, das sie beide und Maistowe erst vor wenigen Stunden gesehen hatten.</p><p>�Und die entnommenen Organe ...?�, vermutete er.</p><p>�Wurden in besonderen, heiligen Gef��en aufbewahrt�, best�tigte Bast. �Den Kanopen. Und Sie haben das hier tats�chlich in Arthurs Wagen gefunden?�</p><p>�Und nicht nur das.� Abberline nahm ihr den Deckel wieder ab und wickelte ihn sorgf�ltig ein; allerdings nur zur H�lfte. �Ich habe diesen Deckel schon zuvor gesehen - zusammen mit dem Rest.�</p><p>�Die komplette Kanope?�, fragte Bast �berrascht. �Wo?�</p><p>�In Monros B�ro�, antwortete Abberline ernst. �Nicht dem, das Sie kennen, sondern in seinem B�ro im Innenministerium.� Er seufzte. �Ich nehme an, so etwas ist sehr wertvoll?�</p><p>�Unbezahlbar�, antwortete Bast. Und nicht nur in materieller Hinsicht.</p><p>�Und Sie sind sicher, dass es sich um dasselbe St�ck handelt?�, fragte Mrs Walsh. �Es k�nnte eine Kopie sein.�</p><p>�Nein�, antwortete Abberline. �Nicht in diesem Fall. Sehen Sie, ich musste vor einer Weile auf Monro warten, und dabei sind mir diese Kr�ge aufgefallen, und ich habe sie mir genauer angesehen, aus reiner Neugierde, und weil sie mir gefallen haben.�</p><p>�Kr�ge?�, vergewisserte sich Bast. �Es sind mehrere?�</p><p>�Drei�, best�tigte Abberline. �Sehen Sie den Katzenkopf?�</p><p>Er hob den Deckel. �Das rechte Ohr ist besch�digt. Ein kleines St�ck ist abgebrochen. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber sie ist mir aufgefallen, weil der Krug ansonsten vollkommen unversehrt war. Es ist eindeutig derselbe Deckel.�</p><p>�Wissen Sie, was Sie da sagen?�, fragte Maistowe. �Sie wollen doch nicht behaupten, dass der Leiter der Spezialabteilung ein Kunstdieb ist!�</p><p>�Nat�rlich nicht.� Abberline wickelte den Deckel endg�ltig ein und lie� ihn in der Jackentasche verschwinden; ein Anblick, der Bast geradezu k�rperliches Unbehagen bereitete. Sie musste sich beherrschen, um Abberline das P�ckchen nicht mit Gewalt zu entrei�en.</p><p>�Sie erinnern sich an Ihr Gespr�ch mit Monro�, fuhr er fort. �Die Ger�chte �ber zwei geheimnisvolle Fremde, die in der Stadt gesehen worden sein sollen, sind keineswegs so neu, wie er Sie glauben machen wollte. Ich selbst habe ihm in den letzten Wochen mehrmals davon Bericht erstattet, aber diesen Ger�chten wurde niemals mit der angemessenen Energie nachgegangen.�</p><p>�Sie glauben, Monro h�tte etwas mit den beiden zu tun?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>�Nein, das sicher nicht.� Abberlines Antwort kam eine Spur zu schnell, fand Bast. �Monro und ich sind sicherlich nicht die besten Freunde, daf�r ist er mir viel zu ehrgeizig, aber ich halte ihn auch nicht f�r einen Verbrecher. Allerdings pflegt er einen aufw�ndigen Lebensstil und ist st�ndig in Geldn�ten. Es w�re immerhin denkbar, dass Ihre beiden Freunde, sagen wir, daf�r gesorgt haben, dass er der einen oder anderen Spur vielleicht nicht ganz so intensiv nachgeht.�</p><p>�Das w�rde bedeuten, dass er zwei M�rder deckt�, sagte Mrs Walsh.</p><p>�Nicht unbedingt.� Abberline seufzte noch einmal, und noch tiefer. �Genau genommen gibt es keinerlei Beweise, dass diese beiden hinter den Ripper-Morden stecken. Bis zum heutigen Tage gab es nicht einmal einen Hinweis darauf.�</p><p>Mrs Walsh schwieg. Dieses Thema schien ihr nun v�llig unangenehm zu sein.</p><p>�Horus und Sobek�, fuhr Abberline fort, �das sind die Namen, an die ich mich erinnere. Namen alter �gyptischer Gottheiten. Wie Bastet. Und wie hie� noch einmal die Freundin, nach der Sie suchen? Isis, nicht wahr? Ist das nicht auch eine alt�gyptische Gottheit?�</p><p>�Eine der M�chtigsten sogar�, best�tigte Bast. Sie machte ein betr�btes Gesicht. �Sie haben mich ertappt, Inspektor. Ich gebe alles zu. In Wahrheit sind wir die echten alten G�tter, die hierhergekommen sind, um uns daf�r zu r�chen, dass Ihr Volk unsere heiligen St�tten pl�ndert.�</p><p>Abberline blieb ernst. �Das wohl nicht�, sagte er ruhig. �Aber nach dem, was ich dort unten gesehen habe, frage ich mich, ob Sie vielleicht zu irgendeiner verr�ckten Sekte geh�ren, die sich einbildet, im Namen dieser alten G�tter zu handeln.�</p><p>�Aber das ist doch l�cherlich!�, begehrte Mrs Walsh auf. �H�ren Sie auf, solch einen Unsinn zu reden.�</p><p>�Ich f�rchte, so l�cherlich ist es nicht, Mrs Walsh�, seufzte Bast, hob aber auch zugleich rasch die Hand und sch�ttelte den Kopf. �Es handelt sich nicht um eine Sekte oder einen Kult, und ihren Kindern die Namen unserer alten G�tter zu geben ist in meinem Land nicht ungew�hnlich ... so wenig wie hier, wo die H�lfte der Kinder die Namen christlicher Heiliger tr�gt. Aber in einem Punkt haben Sie recht, Inspektor - manche, wie Horus, sind tats�chlich der Meinung, sich daf�r r�chen zu m�ssen, dass Fremde unsere heiligsten Orte sch�nden, die Gr�ber unserer K�nige pl�ndern und ihre Leichname in Museen ausstellen, wo sie von Neugierigen begafft werden k�nnen.�</p><p>�Und Sie?�, fragte Abberline. �Ist das auch Ihre Meinung?�</p><p>Bast war im ersten Moment verwirrt �ber diese Frage, aber dann wurde ihr selbst klar, wie scharf ihre Stimme bei den letzten Worten geklungen hatte.</p><p>�Nein.� Bast zwang sich zu einem L�cheln. �Ganz im Gegenteil. Ich wollte Ihnen nur Horus' Standpunkt klarmachen. Aber es ist ... <emphasis>war ... </emphasis>seine Meinung, nicht meine. Ich bin hierhergekommen, um Patsy ... <emphasis>Isis ... </emphasis>vor Horus und Sobek zu warnen. Das ist die Wahrheit.�</p><p>�Und es macht Ihnen gar nichts aus?�, fragte Abberline. �Dass Ihre heiligsten Gegenst�nde in unseren Museen ausgestellt werden? Mich w�rde es st�ren, wenn christliche Reliquien in einem Museum in Kairo h�ngen w�rden.�</p><p>�Ich bin nicht begeistert davon�, sagte Bast k�hl. �Aber die Zeiten �ndern sich. Vor langer Zeit hat mein Volk nahezu �ber die gesamte Welt geherrscht und vermutlich dasselbe mit den Heiligt�mern anderer V�lker getan. Heute beherrscht Ihr Volk die Welt, und wir m�ssen uns beugen. In weiteren tausend Jahren wird ein anderes Volk hier herrschen und die Krone eurer K�nige in einem Museum ausstellen. So ist nun einmal der Lauf der Zeit.�</p><p>�Das h�rt sich ziemlich abgekl�rt an�, sagte Abberline.</p><p>�Ich w�rde das Wort <emphasis>realistisch </emphasis>vorziehen�, antwortete Bast. �Leider hat Horus das nicht so gesehen.�</p><p>�Und Sie glauben, damit ist die Angelegenheit f�r mich erledigt?�, fragte Abberline.</p><p>�Das sollte sie sein, Inspektor�, antwortete Bast ernst. �Oder was glauben Sie jetzt noch erreichen zu k�nnen?�</p><p>�Die Wahrheit.�</p><p>�Welche Wahrheit?�, fragte Bast sp�ttisch. �Dass Ihr oberster Vorgesetzter sich hat kaufen lassen? Das werden Sie jetzt schwerlich beweisen k�nnen, jetzt, wo Horus und Sobek tot sind. Und selbst wenn - Monro hat sie vermutlich f�r Kunstdiebe oder Schmuggler gehalten und sich seinen Anteil gesichert. Selbst wenn Sie es beweisen k�nnten, w�rde ihm nicht viel passieren - aber Ihre Karriere w�re zu Ende.�</p><p>�Und deshalb soll ich zwei M�rder laufen lassen?�</p><p>�Sie sind tot�, erinnerte Bast. �Wenn Horus und Sobek tats�chlich f�r die Ripper-Morde verantwortlich waren, dann h�ren sie jetzt auf.�</p><p>�Und wenn nicht, beweist das nur, dass Monro wirklich nichts damit zu tun hat�, f�gte Maistowe hinzu. �Bast hat recht, Frederick. Was immer Sie unternehmen, schadet nur Ihnen selbst. Sch�tzen Sie sich einfach gl�cklich, dass die Sache so glimpflich abgegangen ist. Immerhin leben Sie noch, und schlie�lich haben Sie die Kerle am Ende erwischt. Ist das nicht Ihre Aufgabe?�</p><p>�Meine Aufgabe ist es, die Wahrheit herauszufinden�, sagte Abberline. Aber er klang zugleich auch verunsichert. Er sah Bast nach wie vor durchdringend und misstrauisch an. Ihre Worte erkl�rten zweifellos viel, aber l�ngst nicht alles. Sie konnte nur hoffen, dass er gar nicht alles von dem verstehen <emphasis>wollte, </emphasis>was er gesehen und erlebt hatte.</p><p>�Es f�llt mir schwer zu glauben, dass Sie rein zuf�llig gerade in diesem Moment hier aufgetaucht sind und mit alldem nichts zu tun haben�, sagte er.</p><p>�Das habe ich auch nie behauptet�, antwortete Bast. �Aber ich habe nichts mit dem zu tun, was Horus und Sobek getan haben. Ich bin hierhergekommen, um Isis vor ihnen zu warnen, das ist alles.�</p><p>�Aber das d�rfte ja nun nicht mehr n�tig sein�, sagte Abberline.</p><p>�Nein�, best�tigte Bast. �Und aus diesem Grunde werde ich England auch verlassen. Vielleicht schon morgen - wenn Sie nichts dagegen haben, hei�t das.�</p><p>�Das kann ich im Moment noch nicht entscheiden�, antwortete Abberline. �Ich neige dazu, Ihnen zu glauben, aber es gibt noch zu viele offene Fragen ... und letzten Endes entscheide ich dar�ber auch nicht allein. Ich muss Sie also bitten, zumindest noch eine kleine Weile in London zu bleiben. Es k�nnte sein, dass ich Ihre Hilfe noch ben�tige.�</p><p>�Wobei?�</p><p>�Zum Beispiel dabei, dieses Ungeheuer zu erlegen, das noch immer die Kanalisation unsicher macht.�</p><p>�Sobeks Drachen?� Bast sch�ttelte den Kopf. �Das ist nicht n�tig. Jetzt, wo Sobek tot ist, wird er auch sterben.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Abberline sp�ttisch. �Sagten Sie nicht gerade, dieser Sobek w�re ein ganz normaler Mensch?�</p><p>�Ich sagte, er ist kein Gott�, antwortete Bast. �Nicht, dass er ein normaler Mensch wie Sie oder ich war, Inspektor. Die Sache ist leider etwas komplizierter.�</p><p>�Was ist er dann?�, fragte Abberline.</p><p>�Vor allem tot�, erwiderte Bast. �Er stellt keine Gefahr mehr dar, ebenso wenig wie Horus. Finden Sie sich damit ab, dass Sie nicht immer gewinnen k�nnen, Inspektor. Hoffen Sie, dass Horus und Sobek hinter diesem angeblichen Ripper gesteckt haben, denn dann ist es vorbei, und zumindest <emphasis>Sie </emphasis>wissen, dass die M�rder ihre gerechte Strafe bekommen haben. Und wenn nicht, dann werden die Morde weitergehen, und Sie werden den wirklichen Ripper fangen.�</p><p>�Ich w�nschte, es w�re so leicht�, seufzte Abberline. �Warum werde ich das Gef�hl nicht los, dass Sie mir etwas verschweigen?�</p><p>�Ich bin eine Frau voller Geheimnisse, haben Sie das etwa nicht gewusst?�, antwortete Bast l�chelnd. Sie stand auf. �Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Es ist sp�t, und ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir - wie Sie ja wissen. Ich w�rde mich jetzt gern zur�ckziehen. Haben Sie keine Sorge - ich werde London nicht verlassen, solange Sie es mir nicht erlauben.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Das Haus war vollkommen still, als sie am n�chsten Morgen erwachte - zu ihrer eigenen �berraschung eine gute Stunde nach Sonnenaufgang, statt mit dem ersten Lichtstrahl, wie sie es eigentlich gewohnt war. Sie f�hlte sich auch ungew�hnlich m�de, obwohl sie l�nger als normal geschlafen hatte. Ihre Lider waren so schwer, dass sie M�he hatte, die Augen zu �ffnen, und es kostete sie sp�rbare �berwindung, sich aufzusetzen und die letzten Spuren von Benommenheit abzusch�tteln. Au�erdem war sie schon wieder <emphasis>hungrig. </emphasis>Offenbar hatte sie der gestrige Tag doch mehr mitgenommen, als sie sich eingestehen mochte.</p><p>Behutsam setzte sie sich auf und lauschte einen Moment. Um Cindy nicht zu st�ren, hatte sie Mrs Walshs Einverst�ndnis einfach vorausgesetzt und das benachbarte Zimmer in Beschlag genommen, die T�r aber nur angelehnt gelassen. Sie konnte Cindy nebenan regelm��ig atmen h�ren - offenbar schlief sie noch -, dar�ber hinaus aber war das Haus vollkommen still und leer. Maistowe und anscheinend auch ihre Wirtin waren nicht da, aber das war ihr im Moment nur recht. Ihr war nicht nach Reden zumute, und schon gar nicht nach einer Fortsetzung ihrer Debatte mit Mrs Walsh.</p><p>Sie hatte sich nicht wirklich so �berhastet zur�ckgezogen, weil sie zu ersch�pft w�re, um weiter mit Abberline zu reden, sondern weil sie keinen Sinn mehr in dieser Diskussion gesehen hatte - sie hatte auch nicht vor, ihr Versprechen zu halten und abzuwarten, ob Abberline sie wirklich gehen lie� oder es sich vielleicht doch noch anders �berlegte und mit einem Rollkommando vor der Pension auftauchte, um sie zu verhaften, sondern w�rde sowohl der Pension Westminster als auch dieser Stadt noch heute den R�cken kehren - und weil es einfach eine Menge wichtiger Dinge gab, �ber die sie nachdenken musste.</p><p>Ihr K�rper hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie hatte sich kaum hingelegt, da war sie auch schon eingeschlafen. Aber es war kein erquickender Schlaf gewesen. Sie erinnerte sich schwach an �ble Tr�ume, die sie gehabt hatte, und ein vages Gef�hl von Trauer, das immer noch tief in ihr w�hlte. Zum Nachdenken war sie jedenfalls nicht gekommen.</p><p>Sie stand auf, trat ans Fenster und legte die Stirn in Falten, als sie eine schwarz uniformierte Gestalt mit einem hohen Helm bemerkte, die auf der gegen�ber liegenden Stra�enseite stand, das Haus beobachtete und sich so krampfhaft bem�hte, unauff�llig zu sein, dass er genau so gut auch gleich eine rote Fahne schwenken konnte. So viel zu ihrer Idee, Abberline k�nnte ihr trauen. Aber das konnte sie ihm eigentlich nicht einmal �belnehmen.</p><p>Cindy schlief tats�chlich noch, als sie das Zimmer betrat, aber sie schlug beinahe sofort die Augen auf und war hellwach. Cleopatra, die anscheinend die ganze Nacht neben ihr gelegen hatte, hob den Kopf und begann lautstark zu schnurren, r�hrte sich aber nicht von der Stelle.</p><p>�Guten Morgen�, sagte Bast l�chelnd. �Hast du gut geschlafen?�</p><p>Cindy antwortete nicht, sah sie aber sehr aufmerksam an und legte die Hand auf Cleopatras Kopf. Das Schnurren der Katze wurde lauter, und Bast versp�rte einen kurzen, aber heftigen Stich vollkommen absurder Eifersucht, f�r den sie sich selbst sofort mit einem mindestens ebenso heftigen schlechten Gewissen bestrafte.</p><p>�Ich werte das einfach einmal als ein Ja�, sagte sie, trat ans Fenster und zog die Vorh�nge zur�ck. Morgenlicht str�mte herein und lie� die Konturen der Dinge sch�rfer hervortreten, Cindys Gesicht aber auch noch blasser und ihre Augen gr��er und dunkler erscheinen. Sie sagte immer noch nichts. Bast warf einen raschen, suchenden Blick auf die Stra�e und Abberlines Wachtposten hinab - er stand noch immer stocksteif da und starrte das Haus an -, sch�ttelte sp�ttisch den Kopf und wandte sich dann wieder Cindy und der Katze zu.</p><p>�Wie ich sehe, habt ihr ja mittlerweile Freundschaft geschlossen�, sagte sie. �Jetzt mach mich nur nicht eifers�chtig, indem du mir meine beste Freundin ausspannst.�</p><p>Cleopatra blickte ein bisschen beleidigt, und Cindy starrte sie weiter einfach an. Bast f�hlte sich mit jedem Moment hilfloser. Sie hatte nicht die geringste Erfahrung im Umgang mit Kindern - und als w�re das nicht schwierig genug, <emphasis>war </emphasis>dieses M�dchen in der einen oder anderen Hinsicht ganz bestimmt <emphasis>kein </emphasis>Kind mehr -, und sie wusste einfach nicht, wie sie mit ihr umgehen sollte.</p><p>�Hast du �ber meinen Vorschlag von gestern Abend nachgedacht?�, fragte sie. �Mich zu begleiten?�</p><p>Sie hatte nicht wirklich mit einer Antwort gerechnet, doch Cindy nickte und sch�ttelte fast im gleichen Moment den Kopf.</p><p>�Das will ich nicht�, sagte sie leise, aber mit sehr entschlossener Stimme.</p><p>�Das trifft sich gut�, antwortete Bast. �Ich glaube n�mlich inzwischen selbst, dass es eine dumme Idee war. Aber mir ist eine andere Idee gekommen, die dir vielleicht auch gefallen wird. Bist du hungrig? Ich jedenfalls k�nnte ein Fr�hst�ck vertragen. Was h�ltst du davon, wenn du dich w�schst und anziehst und wir beim Fr�hst�ck dar�ber reden?�</p><p>Statt laut zu antworten, schlug Cindy die Decke zur�ck und schwang die Beine aus dem Bett, und Bast stellte �berrascht fest, dass sie zumindest einmal w�hrend der Nacht aufgestanden sein musste, denn sie trug jetzt ein gestreiftes Nachthemd, nicht nur ihre eigene Haut und unz�hlige blaue Flecke. Es war ihr um mehrere Nummern zu gro� und hoffnungslos altmodisch und geh�rte ganz offensichtlich Mrs Walsh.</p><p>�Da h�tten wir gleich das n�chste Problem�, seufzte Bast. �Bevor wir uns eine neue Unterkunft suchen, brauchen wir etwas zum Anziehen f�r dich. So kannst du jedenfalls nicht auf die Stra�e.�</p><p>�Ich habe Kleider�, antwortete Cindy, die jetzt schon wieder ein wenig trotzig klang, wenn auch nicht mehr ann�hernd so feindselig wie am vergangenen Abend. �Eine Menge Kleider sogar. Sie sind noch bei Maude.�</p><p>�Ja, das ist mir klar�, antwortete Bast. �Aber wenn sie so aussehen, wie ich es bef�rchte, werden wir damit auch Probleme haben, ein anst�ndiges Zimmer zu bekommen.� Sie brachte Cindy mit einer Geste zum Schweigen, als diese widersprechen wollte. �Ich lass mir was einfallen, keine Angst. Jetzt essen wir erst einmal, und dann sehen wir weiter. Kann ich mich darauf verlassen, dass du keinen Unsinn anstellst, wie zum Beispiel wegzulaufen?�</p><p>�Du w�rdest mich doch sowieso wieder einfangen, oder?�</p><p>�Vermutlich�, sagte Bast. �Die Frage ist, ob du es versuchen willst.�</p><p>�Dann hindere mich doch daran�, antwortete Cindy. �Das kannst du doch.�</p><p>�Wie meinst du das?�, fragte Bast �berrascht.</p><p>Cindy sch�rzte trotzig die Lippen. �Du hast doch gestern auch daf�r gesorgt, dass ich nicht weglaufe�, sagte sie. �Ich wollte es, aber ich konnte es nicht.�</p><p>�Vielleicht ist dir einfach klar geworden, dass du hier besser aufgehoben bist�, antwortete Bast. Sie war verwirrt, und auch ein wenig beunruhigt. Cindy hatte ganz offensichtlich gesp�rt, dass etwas mit ihrem freien Willen nicht stimmte, und das war sehr ungew�hnlich.</p><p>Cindy ignorierte ihre Antwort vollkommen. �Ich wei� nicht, was du bist�, sagte sie ernst. �Eine Hexe oder was? So wie du Ben fertiggemacht hast, das w�rde nicht einmal der st�rkste Mann schaffen, den ich kenne.�</p><p>�Und deshalb muss ich eine Hexe sein? Zu viel der Ehre. Da, wo ich herkomme, m�ssen auch Frauen beizeiten lernen, sich ihrer Haut zu wehren, wei�t du? Ich bin ... eine Kriegerin, wenn du so willst. Ich kann dir beibringen, wie man sich verteidigt.�</p><p>�Irgendetwas stimmt jedenfalls nicht mit dir�, beharrte Cindy. �Ich glaube nicht, dass ich bei dir bleiben will.�</p><p>�Na, gut.� Bast wandte sich br�sk zur T�r. �Wasch dich. Und dann komm nach unten. Ich sehe inzwischen zu, dass ich ein Fr�hst�ck f�r uns zusammenbekomme.�</p><p>�Und wenn ich das nicht will?�, fragte Cindy trotzig.</p><p>�Dich waschen oder fr�hst�cken?� Bast bem�hte sich, ein m�glichst grimmiges Gesicht zu machen. �Wenn du wirklich glaubst, dass ich eine Hexe bin, dann solltest du es dir zweimal �berlegen, dich mit mir anzulegen. Ich k�nnte dich in einen Frosch verwandeln oder dich zwingen, den ganzen Tag auf einem Bein herumzuh�pfen und wie ein Huhn zu gackern.�</p><p>Sie ging, bevor Cindy antworten konnte, aber ihr Gesichtsausdruck verd�sterte sich schlagartig noch einmal um mehrere Grade, kaum dass sie das Zimmer verlassen hatte. Das war die zweite Runde, die ganz eindeutig an Cindy ging, und irgendetwas sagte ihr, dass sich daran auch nichts �ndern w�rde, solange sie nicht zu wirklich drastischen Ma�nahmen griff. Nein, es war vollkommen unm�glich, dass das M�dchen bei ihr blieb.</p><p>Sie ging nach unten und durchsuchte Mrs Walshs K�che nach etwas Essbarem. Sie selbst war nicht w�hlerisch und konnte auch von Dingen leben, die andere glatt umgebracht h�tten, aber sie wollte Cindy nicht auch noch mehr verschrecken, indem sie sie mit ihrem pers�nlichen Speiseplan konfrontierte. Sie hatte keine Ahnung, was der landestypische Speiseplan war, fand aber schlie�lich einige H�hnereier und ein paar Streifen Speck, die sie in einer Pfanne zu einem nicht unbedingt appetitlich aussehenden Etwas zusammenbriet, das zumindest genie�bar <emphasis>roch.</emphasis></p><p>Das M�dchen sa� an dem mittlerweile erloschenen Kamin, als sie mit der noch brutzelnden Pfanne in der einen und zwei Tellern samt Besteck in der anderen Hand aus der K�che kam. Cindy trug noch immer Mrs Walshs Nachthemd, hatte sich aber zus�tzlich in eine Decke gemummelt und die Beine unter den K�rper gezogen, und der Anblick machte Bast klar, wie empfindlich kalt es inzwischen hier drinnen geworden war. Cindy musste die K�lte sogar noch mehr f�hlen, denn sie hatte getan, was sie ihr aufgetragen hatte, und sich gewaschen. Ihr Haar klebte in nassen Str�hnen an ihrem Kopf, was ihr Gesicht noch schmaler und verwundbarer erscheinen lie�.</p><p>�Was ist das?� Cindy schn�ffelte demonstrativ und reckte den Hals nach der Pfanne. Sie sah nicht begeistert aus.</p><p>�Hexenfr�hst�ck�, antwortete Bast. Sie lud ihre Last scheppernd auf dem Tisch ab und b�ckte sich nach dem Kamin, um das Feuer wieder in Gang zu setzen, gab den Gedanken aber sofort wieder auf. In der Feuerstelle befand sich nur noch kalte, fast wei�e Asche, und sie war einfach zu tr�ge, um nach drau�en zu gehen und Holz zu holen.</p><p>�So riecht es auch�, antwortete Cindy, was sie aber nicht daran hinderte, sich aus ihrer Decke zu sch�len und sich �ber die Mahlzeit herzumachen - �ber die Pfanne, nicht �ber einen Teller.</p><p>Bast sah ihr eine Weile am�siert zu. Allzu schlecht schien es um ihre Kochk�nste wohl doch nicht bestellt zu sein, oder Cindy war wirklich <emphasis>sehr </emphasis>hungrig gewesen. Sie verputzte den Inhalt der Pfanne bis auf den letzten Kr�mel, dann fuhr sie sichtbar zusammen und sah Bast fast ein wenig schuldbewusst an. �Jetzt habe ich dir gar nichts �brig gelassen.�</p><p>�Das macht nichts�, antwortete Bast ernst. �Du glaubst doch nicht, dass ich das Zeug, das ich zusammenpampe, auch noch selbst esse, oder?�</p><p>Cindy blinzelte verwirrt, unschl�ssig, ob sie lachen oder diese Bemerkung ernst nehmen sollte. �Bist du denn ... gar nicht hungrig?�, fragte sie z�gernd.</p><p>�Doch�, antwortete Bast. �Sehr sogar.� Aber <emphasis>nicht auf </emphasis>diese Art <emphasis>von Nahrung. </emphasis>�Ich esse sp�ter.�</p><p>�Etwas Vern�nftiges.�</p><p>�Nat�rlich. Was hast du gedacht? Es hei�t nicht Hexenfr�hst�ck, weil Hexen es fr�hst�cken. Wir geben es unseren Opfern, um sie heimlich zu vergiften.�</p><p>�Dann hast du was falsch gemacht�, sagte Cindy. �Mit dem <emphasis>heimlich, </emphasis>meine ich.�</p><p>Bast verzog das Gesicht, ging aber nicht weiter darauf ein, sondern betrachtete Cindy nachdenklich. Etwas ... hatte sich ge�ndert, nicht nur �u�erlich. Anscheinend hatte das M�dchen beschlossen, ihre Taktik zu �ndern, aber sie konnte nicht sagen, ob es Einsicht war oder Kalk�l. Besser, sie ging von Letzterem aus.</p><p>�Ich habe in deinen Koffer geschaut�, sagte Cindy unvermittelt. �Hab was zum Anziehen gesucht, aber nichts gefunden. Warum hast du so viele Waffen mit?�</p><p>�Ich habe dir doch gesagt, ich bin eine Kriegerin�, antwortete Bast leicht ver�rgert. Was fiel dieser Cindy ein, ihr Gep�ck zu durchw�hlen?</p><p>�Bl�dsinn!�, sagte Cindy. �Das sind mindestens zwei Schwerter und jede Menge Messer, und noch anderer Kram. Ziemlich wertvolles Zeug.�</p><p>�Ja, und es ist gez�hlt�, antwortete Bast. �Komm nicht auf dumme Ideen.�</p><p>�Handelst du mit dem Kram?�, wollte Cindy wissen.</p><p>Vielleicht war das die bequemste Antwort. �Manchmal�, sagte sie. �Das spielt jetzt keine Rolle. Wir m�ssen �ber dich sprechen.�</p><p>Cindys Gesicht wurde wieder zu einer abweisenden Maske. �Wozu? Du hast doch sowieso schon alles entschieden, oder?�</p><p>�Das stimmt�, antwortete Bast. �Ich wollte dir nur die Chance geben, damit einverstanden zu sein. Ich bin n�mlich eine nette Hexe, wei�t du?�</p><p>�Und was genau <emphasis>hast </emphasis>du beschlossen?�, fragte Cindy.</p><p>�Noch nichts Endg�ltiges�, antwortete Bast. �Nur dass du nicht zu Maude zur�ckkannst oder auch nur in diese Gegend.�</p><p>�Weil es unmoralisch ist.�</p><p>Bast �berging die Bemerkung. �Ich kenne jemanden, der dir vielleicht helfen kann�, sagte sie. �Ich muss noch mit ihm ... ihr ... reden, aber ich bin zuversichtlich, dass wir eine L�sung finden. Aber dazu muss ich dich eine Weile allein lassen. Meinst du, dass wir das hinkriegen? Freiwillig, meine ich?�</p><p>Cindy sah sie einen Moment lang durchdringend an, bevor sie nickte. �Ja.�</p><p>Es war ehrlich gemeint, das sp�rte Bast. Sie stand auf. �Dann mache ich mich am besten auf den Weg. Wenn Mrs Walsh zur�ckkommt, dann richte ihr aus, dass ich unterwegs bin, um unser ... gemeinsames Problem zu l�sen.�</p><p>Cindy blickte sie fragend an, aber Bast hatte nicht vor, irgendeine weitere Erkl�rung abzugeben, sondern ging die Treppe hinauf und in ihr Zimmer, um sich einen Mantel zu holen, den letzten, den sie mitgebracht hatte. Noch ein weiteres Abenteuer wie gestern Abend konnte sie sich nicht leisten, es sei denn, sie wollte die Heimreise nackt antreten - oder in London auf Einkaufstour gehen.</p><p>Ihr Koffer stand offen, und es war nicht zu �bersehen, dass Cindy den Inhalt durchw�hlt hatte. Ein fl�chtiges Gef�hl von Zorn blitzte in ihr auf und erlosch wieder, als sie sich �ber den Koffer beugte, um wenigstens den Anschein von Ordnung wiederherzustellen. Alles war noch da, durcheinander, aber da. Cindy war anscheinend tats�chlich nur neugierig gewesen oder auf der Suche nach einem Kleidungsst�ck, das etwas kleidsamer war als Mrs Walshs Nachthemd.</p><p>Sie schlang den Mantel um die Schultern, w�hlte ein etwas l�ngeres - und vor allem weniger kostbares - Schwert als gestern und schob es unter ihren G�rtel. Gerade wollte sie den Koffer schlie�en, als ihr ein Gegenstand auffiel, der nicht hineingeh�rte. Ein d�nnes, in braunes �lpapier eingeschlagenes P�ckchen, das ganz unten unter ihren Kleidern lag.</p><p>�berrascht und verwirrt zog sie es hervor, und aus ihrem Erstaunen wurde ein leises Gef�hl von Beunruhigung, als sie die dunkelbraun eingetrockneten Flecken sah, die das Papier besudelten. Das war Blut. Menschliches Blut. Und da war ... noch mehr.</p><p>Bast tastete mit den Fingerspitzen �ber das Papier, schloss die Augen und lauschte in sich hinein, und etwas ... <emphasis>regte sich. </emphasis>Es war, als fl�stere das Papier zu ihr. Da waren Erinnerungen; vage Erinnerungen und chaotische Bilder, die nicht zu ihr geh�rten. <emphasis>Gewalt </emphasis>Sie sp�rte ... <emphasis>Furcht. </emphasis>Blanke Todesangst und das verzweifelte Flehen, am Leben zu bleiben, und eine kurze, rei�ende Explosion aus alles hinwegfegender Gier.</p><p>Bast �ffnete mit einem Ruck die Augen, und die chaotischen Bilder erloschen. Alles in ihr war aufgew�hlt; und sie hatte die Kiefer so fest aufeinandergepresst, dass sie ihr eigenes Blut schmecken konnte. Ihre Finger zitterten leicht. Was immer dieses P�ckchen enthielt, es war an einem Ort purer Gewalt und unbeschreiblicher Furcht gewesen.</p><p>Mit zitternden Fingern riss sie das P�ckchen auf und sah einen Moment lang v�llig verst�ndnislos auf seinen Inhalt hinab. Es war eine d�nne, auf den ersten Blick schwarz schimmernde Glasplatte, unter deren Oberfl�che sich etwas zu bewegen schien, als w�re eine sonderbare Art von Leben darin gefangen, das herauswollte. Erst, als sie die Platte mit beiden H�nden gegen das Licht hob, wurde ihr klar, was sie da hatte.</p><p>Es war eine photographische Platte, die eine Anzahl menschlicher Gestalten vor dem Hintergrund einer von sch�bigen Backsteingeb�uden ges�umten Stra�e zeigte, bar jeder Farbe und mit umgedrehten Schwarz- und Wei�t�nen. Eine Negativplatte, wie sie Photographen in ihren Kameras benutzten. Bast erkannte sogar die Szenerie, die in dem beschichteten Glas eingefangen war: Es war die Nacht in Whitechapel, in der sie Abberline zum ersten Mal begegnet war, und ausgel�st durch den Anblick erinnerte sie sich pl�tzlich wieder an den grellen Blitz, der sie erst auf die Szene aufmerksam gemacht hatte. Das Bild zeigte Liz' Leichnam, aber auch die zusammengelaufene Menge aus Neugierigen und Gaffern, die ihr M�glichstes getan hatten, um Abberline und seinen M�nnern die Arbeit zu erschweren. Und sie selbst, eine dunkle, in einen schwarzen Kapuzenmantel geh�llte Gestalt, die alle Umstehenden um eine gute Hauptesl�nge �berragte. Und sie konnte sich nicht einmal ansatzweise erinnern, wie diese Photoplatte in ihren Besitz gekommen war, geschweige denn in ihren Koffer.</p><p>Bast hob die Schultern und wollte ihren sonderbaren Fund wieder zur�cklegen, doch dann fuhr sie heftig zusammen, und ihre Finger schlossen sich so fest um die Photoplatte, dass das d�nne Glas h�rbar knirschte.</p><p>Auf der Photoplatte war nicht sie zu sehen. Sie konnte es gar nicht sein, denn sie war Dutzende von Schritten entfernt gewesen, und �berhaupt erst durch das grelle Blitzlicht auf das Geschehen aufmerksam geworden. Und dennoch ...</p><p>Die Gestalt <emphasis>sah aus </emphasis>wie sie. Sie war gro� - �ber sechs Fu� -, vollkommen in Schwarz gekleidet und trug einen Kapuzenmantel, unter dem ihr Gesicht v�llig im Schatten blieb. Trotzdem konnte man irgendwie die weiblichen Formen unter dem flie�enden schwarzen Stoff erahnen, und wenn man ganz genau hinsah - Bast hielt die Photoplatte h�her gegen das Licht und kniff die Augen zusammen -, dann erahnte man unter der weit nach vorne gezogenen Kapuze eine ungeb�ndigte dunkle Haarpracht, die sie sp�testens seit ihrer Ankunft in diesem Land nicht mehr hatte. Auf dem Bild war nicht sie zu erkennen, sondern jemand, der ihr �hnelte wie eine Schwester. Und es auch war.</p><p>Isis.</p><p>Aber Isis war an diesem Abend nicht dabei gewesen. Jedenfalls nicht in ihrer wirklichen Gestalt.</p><p>Bast lie� die Photoplatte sinken und legte nachdenklich die Stirn in Falten.</p><p>Wie war das m�glich? Isis <emphasis>war </emphasis>nicht da gewesen, aber auf dieser Photoplatte war sie ganz eindeutig zu sehen, und zwar in ihrer <emphasis>wirklichen </emphasis>Gestalt, die au�er ihr vermutlich niemand auf diesem ganzen Kontinent kannte.</p><p>Und ganz pl�tzlich hatte sie Angst.</p><p>Hinter ihr wurden Schritte laut, und Bast lie� die Photoplatte fast hastig sinken und verbarg sie unter einem ihrer Kleider, bevor sie sich herumdrehte und Cindys Blick begegnete.</p><p>�Ich habe nichts rausgenommen�, sagte das M�dchen. �Es ist alles noch da.�</p><p>�Das ... wei� ich�, sagte Bast hastig. �Ich ... habe nicht deswegen nachgesehen.�</p><p>�Ach�, antwortete Cindy b�se. �Weshalb dann?�</p><p>�Das geht dich nichts an�, versetzte Bast �rgerlich. Sie schlug den Koffer mit einem Knall zu, besann sich dann eines Besseren und �ffnete ihn noch einmal, um die Photoplatte herauszunehmen und unter ihren Mantel zu schieben. �Ich brauchte noch ein paar Hexenkr�uter. Du wei�t schon - Kr�tenschenkel und Spinnenbeine und so ein Zeug. Was man eben f�r einen anst�ndigen Fluch so braucht.�</p><p>�Ein Schwert?�</p><p>Bast sah an sich hinab. Ihr Mantel war nicht ganz geschlossen, und Cindy konnte das Schwert sehen, das sie unter ihren G�rtel geschoben hatte.</p><p>�Das geh�rt zu der Kriegerin in mir�, sagte sie. �Du bringst da was durcheinander.� Sie schloss ihren Mantel und - zum zweiten Mal - den Koffer. �Ich bin in ein paar Stunden zur�ck�, sagte sie. �Wenn du dann noch hier bist, reden wir. Und wenn nicht, ist es auch gut.�</p><p>Und in diesem Moment meinte sie das vollkommen ernst.</p><empty-line/><empty-line/><p>Den Polizeibeamten zu �bert�lpeln, den Abberline so unauff�llig vor ihrer T�r zur�ckgelassen hatte, war geradezu beleidigend einfach gewesen. Bast hatte sich nicht einmal die M�he gemacht, auf ihre besonderen Kr�fte zur�ckzugreifen, sondern hatte das Haus schlichtweg durch den Hinterausgang verlassen und war �ber die Mauer in einen der benachbarten G�rten gestiegen, um in die Parallelstra�e zu gelangen.</p><p>Als deutlich schwieriger hatte es sich dann schon erwiesen, zu ihrem Ziel zu gelangen. Whitechapel zu finden erwies sich als nicht allzu schwierig - sie hatte es immerhin schon einmal zu Fu� und sogar im Dunkeln geschafft, wenn auch mit Umwegen -, aber sie brauchte beinahe noch einmal so lange, um den sch�bigen Hinterhof zu finden, in dem Fayes Wohnung lag ... und selbstverst�ndlich reagierte niemand auf ihr Klopfen.</p><p>Es kostete Bast zwei einfache Handgriffe und die Dauer eines Atemzuges, die T�r so zu �ffnen, dass nicht einmal Abberlines Spezialisten irgendeine Spur eines gewaltsamen Eindringens finden w�rden. Aber auch diese M�he war vergebens. Das Zimmer war leer und Fayes Bett ganz eindeutig unbenutzt.</p><p>Bast hatte ganz selbstverst�ndlich angenommen, das M�dchen in tiefem Schlaf vorzufinden, ersch�pft nach einer ebenso anstrengenden wie erniedrigenden Nacht, aber die war allem Anschein nach f�r Faye noch nicht vorbei. Und jetzt hatte sie tats�chlich ein Problem. Sie konnte nicht warten, bis sich der Zeitverlauf Whitechapels dem des �brigen London angepasst haben w�rde und die braven B�rger hier allm�hlich wach w�rden - was vermutlich irgendwann am sp�ten Nachmittag der Fall war -, aber ganz auf sich allein gestellt wusste sie auch nicht, wie sie Faye finden sollte; von Isis gar nicht zu sprechen. Das <emphasis>Ten Bells </emphasis>war zu dieser fr�hen Stunde ganz bestimmt noch geschlossen, und ansonsten kannte sie hier absolut niemanden.</p><p>Nun gut, abgesehen von <emphasis>einer </emphasis>Ausnahme ...</p><p>Unzufrieden und �bellaunig, wie sie war, erwog Bast tats�chlich einen Moment lang ernsthaft den Gedanken, zu Maude zu gehen und alles, was sie wissen wollte, schlichtweg aus ihr herauszupr�geln; wenn sie Gl�ck hatte, war die Alte ja so z�h, wie sie aussah und beantwortete ihre Fragen nicht sofort. Aber diesmal war das Schicksal gn�dig und bewahrte sie davor, etwas so Dummes zu tun. Sie verlie� das sch�bige Zimmer und verriegelte die T�r sorgf�ltig wieder hinter sich, und als sie auf halbem Wege zur Stra�e war, fuhr drau�en eine zweisp�nnige Kutsche vor und hielt direkt vor der gemauerten Toreinfahrt. Nur aus einem Gef�hl heraus huschte Bast in den Schatten des k�nstlichen Gew�lbes und sorgte auch dar�ber hinaus daf�r, dass sie unsichtbar wurde.</p><p>Und wie sich zeigte, keinen Moment zu fr�h.</p><p>Die T�r der Kutsche �ffnete sich, und Faye stieg aus. Sie wirkte m�de und �bern�chtigt und war sehr blass und sah im Tageslicht deutlich j�nger aus, als Bast sie in Erinnerung hatte, und pl�tzlich nicht mehr ann�hernd so unschuldig und kindlich, aber Bast schenkte ihr ohnehin nur einen fl�chtigen Blick. Ihre Aufmerksamkeit galt beinahe vollst�ndig dem Mann, der hinter ihr aus dem Wagen stieg. Es war Mr Monro.</p><p>Munro.</p><p>Bast sah schweigend und aufs H�chste �berrascht zu, wie Monro hinter Faye aus der kostspieligen Kutsche stieg, sie kurz in die Arme schloss und ihr einen Abschiedskuss gab - allerdings erst, nachdem er sich mit einem raschen Blick davon �berzeugt hatte, dass sie auch nicht beobachtet wurden. Im Herumdrehen dr�ckte er ihr noch ein schmales B�ndel Geldscheine in die Hand, dann stieg er wieder in seine Kutsche, die rasch davonfuhr.</p><p>Faye sah dem Wagen nach, bis er am Ende der Stra�e verschwunden war, und wandte sich dann mit einer m�den Bewegung um, und Bast wartete, bis sie die Einfahrt durchquert hatte, dann wurde sie wieder sichtbar und vertrat ihr den Weg.</p><p>�Das war also Onkel Munro�, sagte sie, ohne sich mit einer Begr��ung aufzuhalten.</p><p>Faye riss �berrascht die Augen auf. �Wo ... wo kommst du denn so pl�tzlich her?�</p><p>�Ich muss mit dir reden�, antwortete Bast, ohne direkt zu antworten. �Es ist wichtig.� Sie musste sich beherrschen, um nicht in die Richtung zu sehen, in der Monros Kutsche verschwunden war. Nach allem, was das Schicksal ihr seit ihrer Ankunft in diesem verfluchten Land angetan hatte, hatte es sich nun offenbar entschlossen, wenigstens ein bisschen davon wieder auszugleichen und ihr ein unerwartetes Geschenk zu machen.</p><p>�Wor�ber?�, fragte Faye. Sie klang unerwartet feindselig. �Mach es schnell. Ich bin m�de und muss ein paar Stunden schlafen.�</p><p>�Ja, Onkel Munro und du, ihr hattet eine anstrengende Nacht, nehme ich an.� Bast bedauerte die Bemerkung schon, bevor sie ganz zu Ende gesprochen hatte, und Faye reagierte nat�rlich ganz genau so, wie sie es an ihrer Stelle vermutlich auch getan h�tte: Ihre Augen blitzten zornig, und nun war alles, was sie auf ihrem Gesicht noch lesen konnte, purer Trotz.</p><p>�Was wird das?�, fauchte sie. �Hast du mir aufgelauert, um die Anstandsdame zu spielen und mir Vorhaltungen zu machen?�</p><p>�Nein.� Bast machte eine Kopfbewegung auf die T�r des sch�bigen Zimmers. �Darf ich reinkommen? Nur f�r einen Moment?�</p><p>Im allerersten Augenblick schien nicht einmal das sicher, aber dann st�lpte Faye trotzig die Unterlippe vor und nickte, und Bast geduldete sich, bis sie den Schl�ssel aus ihrem Beutel gekramt und die T�r entriegelt hatte. Faye forderte sie nicht auf, ihr zu folgen, aber sie lie� die T�r hinter sich offen.</p><p>�Mach es kurz�, sagte Faye. �Ich bin wirklich m�de und muss schlafen. Hast �brigens Gl�ck, dass Marie-Jeanette noch nicht da ist. Ich versteh gar nicht, wo sie bleibt.�</p><p>�Marie-Jeanette?�</p><p>�Wir teilen uns das Zimmer, hab ich das nicht erz�hlt?� Faye beantwortete ihre eigene Frage mit einem Schulterzucken. �Fr�her nur manchmal, aber seit der vorletzten Nacht hat sie keine Unterkunft mehr ... deinetwegen.�</p><p>�Meinetwegen? Wieso?�</p><p>�Du bist vielleicht gut�, schnaubte Faye. �Bist du so naiv, oder spielst du nur die Dumme? Whitechapel steht Kopf, deinetwegen.�</p><p>�Wegen Roy?�, vermutete Bast.</p><p>�Eher wegen Maude und einer Menge unbequemer Fragen, die du gestellt hast�, antwortete Faye. �Aber auch wegen Roy. Nachdem er wieder laufen konnte, ist er zu Maude gekrochen und hat sich bei ihr ausgeweint. Sch�tze, die beiden sind nicht besonders gut auf dich zu sprechen.�</p><p>�Und was hat das mit Marie-Jeanette zu tun?�, fragte Bast.</p><p>Faye lachte hart. �Du bist vielleicht gut. Glaubst du wirklich, du kannst hier so einfach auftauchen, eine Menge komischer Fragen stellen und den ber�chtigtsten Schl�ger der Stadt aufmischen <emphasis>und </emphasis>dich dann auch noch mit der fetten Maude anlegen und ihr ihr bestes Pferdchen wegnehmen, ohne dass jemand was tut? Die beiden sch�umen vor Wut und gehen auf jeden los, der auch nur mit dir gesprochen hat! Roy hat die arme Marie-Jeanette gr�n und blau geschlagen, und Maude hat daf�r gesorgt, dass sie aus ihrem Zimmer geflogen ist. Wenn ich sie nicht aufgenommen h�tte, dann m�sste sie jetzt auf der Stra�e schlafen.� Sie legte herausfordernd den Kopf schr�g. �Also was willst du hier? Hast du noch nicht genug Schaden angerichtet und wartest darauf, dass sie jetzt auch noch auf mich losgehen?�</p><p>�Wenn das alles so stimmt�, antwortete Bast, �dann wundere ich mich fast, dass sie das nicht l�ngst getan haben.�</p><p>�Was nicht ist, kann ja noch werden�, antwortete Faye schnippisch. �Ich hatte eben Gl�ck.�</p><p>�Gl�ck?�</p><p>�Und Munro�, bekannte Faye widerwillig. �Roy und Maude wissen von ihm - ist ja auch klar. Roy hat mich ja �berhaupt erst mit ihm zusammengebracht. Sch�tze, sie wissen, dass ihm etwas an mir liegt, und wollen es sich nicht mit ihm verderben.�</p><p>�Und du?�, fragte Bast. Das Geh�rte �berraschte sie noch immer. Das M�dchen, das ihr gegen�berstand, schien kaum noch �hnlichkeit mit der Faye aus der vorletzten Nacht zu haben. Nicht einmal �u�erlich.</p><p>�Was soll mit mir sein?�, fragte Faye.</p><p>�Monro�, antwortete Bast, wobei sie ganz bewusst seinen richtigen Namen benutzte, um Fayes Reaktion zu testen.</p><p>�Du wei�t, wer er ist?�, fragte das M�dchen auch prompt.</p><p>�Ich kenne ihn jedenfalls�, antwortete Bast. �Und ich wei� auch, <emphasis>was </emphasis>er ist. Also, wie ist es mit dir? Liegt dir auch etwas an ihm, oder ist es nur sein Geld und der Schutz, den er dir gew�hrt?�</p><p>�Und wenn?�</p><p>�Dann sollte dir klar sein, dass beides nicht von Dauer ist�, sagte Bast. �In ein paar Jahren sucht er sich eine J�ngere, oder er verliert ganz das Interesse an jungen M�dchen und erinnert sich wieder daran, dass er eigentlich ein angesehener B�rger dieser Stadt ist, gl�cklich verheiratet und Familienvater ... oder er wird einfach alt und stirbt.� Sie zuckte mit den Achseln, als interessiere sie das alles nicht wirklich. �So oder so, du bezahlst die Zeche, nicht er.�</p><p>�Und?�, fragte Faye. �Hatten wir das nicht schon?�</p><p>�Und ich hatte den Eindruck, dass du mir geglaubt hast�, sagte Bast. �Was hat sich ge�ndert?�</p><p>�Na ja, das war, als ich dir vertraut hab�, sagte Faye, �bl�d, wie ich war.�</p><p>�Und jetzt nicht mehr?�</p><p>Faye z�gerte einen Augenblick. �Was du gesagt hast, hat sich gut angeh�rt�, bekannte sie schlie�lich. �Und du hast mit Maude und Roys Bande auch eine verdammt gute Show abgezogen. Aber danach bist du verschwunden und hast dich einen Schei� um das gek�mmert, was mit uns ist.�</p><p>�Ich war <emphasis>einen Tag </emphasis>weg!�</p><p>�An einem Tag kann eine Menge passieren�, erwiderte Faye, stellte aber dann eine �berraschende Frage. �Was ist mit Cindy? Geht es ihr gut?�</p><p>�Nicht besonders�, antwortete Bast offen. �Sie hat Angst.�</p><p>�Kann ich verstehen.� Faye g�hnte ungeniert mit offenem Mund, sah sich in dem winzigen Zimmerchen um, als w�rde sie etwas ganz Bestimmtes suchen, und begann dann langsam ihr Kleid aufzukn�pfen. �Aber das ist dein Problem. Du wolltest sie haben, und jetzt hast du sie am Hals.�</p><p>Bast antwortete nicht gleich, sondern sah ihr einige Augenblicke lang fast widerwillig dabei zu, wie sie sich weiter entkleidete. Sie konnte nicht sagen, ob es pure Gedankenlosigkeit oder Absicht war, dass sie es langsam und mit fast lasziven Bewegungen tat, aber das Ergebnis war dasselbe: Der Anblick war ihr mit jedem Herzschlag unangenehmer. Er erinnerte sie daran, wie <emphasis>hungrig </emphasis>sie war.</p><p>�Vielleicht auch nicht�, sagte sie schlie�lich.</p><p>Faye streifte ihr Kleid ab und stand jetzt nur noch in einem d�nnen Hemd vor ihr. Es war kalt hier drinnen, und das d�nne Leinenkleid konnte nicht verbergen, wie sehr sie fror. Bast war jetzt sicher, dass sie das absichtlich tat.</p><p>�Ich habe dir angeboten, dir zu helfen, wenn du hier rauswillst. Erinnerst du dich?�</p><p>�Du hast nur leider nicht gesagt, wie das gehen soll.� Faye machte Anstalten, den Tr�ger ihres Hemdes abzustreifen, und Bast streckte rasch den Arm aus und hielt ihre Hand fest.</p><p>�Dann sage ich es jetzt. Du hast mir von deinem Traum erz�hlt, erinnerst du dich? Irgendwo in Ruhe zu leben und ein eigenes Haus und vielleicht ein kleines Gesch�ft zu haben? War das wirklich dein Ernst, oder nur so dahingesagt?�</p><p>Ihre Hand hielt noch immer die von Faye, und das M�dchen machte keinen Versuch, die Hand zur�ckzuziehen, sondern legte ganz im Gegenteil nun auch noch die Linke auf Basts Finger, und pl�tzlich sp�rte sie, dass sie tats�chlich vor K�lte am ganzen Leib zitterte ... aber auch, wie weich und verf�hrerisch zart ihre Haut war und wie gut sie roch ...</p><p>Bast prallte fast erschrocken vor ihr zur�ck und erteilte sich selbst in Gedanken eine scharfe R�ge. <emphasis>So </emphasis>hungrig war sie noch l�ngst nicht.</p><p>�Und wenn es so w�re?�, fragte Faye. Sie klang irgendwie entt�uscht.</p><p>�Dann k�nnte ich dir helfen, diesen Traum wahr zu machen�, antwortete sie. �Du gehst von hier fort, am besten noch heute. Ich gebe dir Geld. Genug, um irgendwo neu anzufangen und dir dein Gesch�ft einzurichten. Am besten in einer anderen Stadt.�</p><p>�Einfach so?�, erkundigte sich Faye. �Wo ist der Haken?�</p><p>�Nat�rlich nicht einfach so�, erwiderte Bast. �Ich werde ein Auge auf dich werfen und darauf achten, dass du dich auch wirklich an unsere Vereinbarung h�ltst, und nicht in einer anderen Stadt einfach so weitermachst wie hier und dir einen neuen <emphasis>Onkel Munro </emphasis>suchst. Und den Haken kennst du. Er hei�t Cindy.�</p><p>�Cindy?� Faye riss die Augen auf. �Was habe ich ...?�</p><p>�Ich m�chte, dass du dich um sie k�mmerst. Daf�r bezahle ich dich. Du sorgst daf�r, dass sie zur Schule geht und ein anst�ndiges M�dchen wird, und solange du diese Aufgabe erf�llst, lasse ich dir regelm��ig Geld zukommen. Du wirst nicht reich, aber etwas Besseres als <emphasis>das hier </emphasis>werdet ihr euch allemal leisten k�nnen.�</p><p>Faye sah sie sehr lange und ebenso misstrauisch wie verwirrt an. Schlie�lich streifte sie ihren Tr�ger nicht nur wieder hoch, sondern griff auch nach ihrem Kleid, um es sich vorzuhalten; als w�re sie ganz pl�tzlich schamhaft geworden. �Du meinst das wirklich ernst, wie?�, murmelte sie.</p><p>�Todernst�, best�tigte Bast.</p><p>�Warum?�, fragte Faye. Ihr Blick irrte immer hektischer �ber Basts Gesicht, als suche sie verzweifelt nach irgendeiner Spur von Spott oder Heimt�cke hinter ihren Augen. �Ich meine: Was bist du? So etwas wie die gute Fee aus dem M�rchen?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast. �F�r die meisten bin ich wahrscheinlich eher das Gegenteil. Aber erstens bin ich reich. Ich kann es mir leisten, gro�z�gig zu sein. Und zweitens ...�</p><p>�Zweitens?�</p><p>�Hast du recht�, antwortete Bast. �Ich h�tte Cindy nicht mitnehmen sollen. Es war ein Fehler. Die Vorstellung, ein unschuldiges M�dchen aus den Klauen einer gierigen Puffmutter zu befreien, hatte in diesem Moment einen gewissen Reiz f�r mich, aber inzwischen glaube ich beinahe, dass es keine besonders gute Idee war.�</p><p>�Dann bring sie zur�ck�, sagte Faye. �Maude wird sich freuen.�</p><p>�Daf�r ist es zu sp�t�, sagte Bast. �Ich habe sie am Hals, und damit habe ich ein Problem. Also was liegt n�her, als mein Problem zu deiner L�sung zu machen? Du willst von hier weg? Nimm mir diese G�re ab, und ich erf�lle dir deinen Wunsch.�</p><p>�Warum nimmst du sie nicht einfach mit, wenn dir so viel an ihr liegt?�</p><p>�Das geht nicht�, antwortete Bast. �Also?�</p><p>�Also was?� Faye blinzelte.</p><p>�Also, was sagst du? Bist du einverstanden?�</p><p>�Einverstanden?� Faye lachte nerv�s. �Du glaubst doch nicht, dass ... dass ich eine solche Entscheidung in einer Minute treffe, oder? Gib mir ein paar Tage Zeit, um ...�</p><p>�Das geht nicht�, unterbrach sie Bast. �Das ist der zweite Haken an der Sache. Du musst dich jetzt entscheiden. Nicht in einer Minute, aber heute.�</p><p>�Heute noch?�, �chzte Faye. �Wieso?�</p><p>�Weil ich fortmuss. Ich muss die Stadt verlassen, vielleicht das Land. Dringende Gesch�fte, wenn du verstehst.�</p><p>�Dringende Gesch�fte?� Faye lachte nerv�s. �Du bist ja verr�ckt!�</p><p>�Vermutlich�, antwortete Bast. �Aber das sollte nicht deine Sorge sein.�</p><p>�Vielleicht doch�, widersprach Faye. Sie war noch immer vollkommen perplex. �Ich meine - wer sagt mir denn, dass du nicht wirklich verr�ckt bist? Was ist, wenn ich wirklich von hier weggehe und dann irgendwo ganz allein mit Cindy bin? Wer sagt mir denn, dass du uns wirklich Geld schickst? Vielleicht ist das ja deine ganz pers�nliche Art von Humor.�</p><p>Bast seufzte tief. Sie konnte Faye ja verstehen. Die junge Frau hatte in ihrem kurzen Leben schon zu viele Entt�uschungen erlebt, um noch irgendjemandem zu trauen, schon gar nicht einer Wildfremden, die quasi aus dem Nichts aufgetaucht war und sich als die gute Fee aus dem M�rchen entpuppte. Statt zu antworten, griff sie in ihren Beutel und zog einen fingernagelgro�en Rubin heraus, den sie Faye reichte.</p><p>�Nimm das einfach als Anzahlung�, sagte sie.</p><p>Faye riss ungl�ubig die Augen auf. �Ist der ... echt?�, fl�sterte sie.</p><p>�Ja�, antwortete Bast. �Wenn du ihn verkaufst, k�nnt ihr allein davon ein Jahr gut leben. Wahrscheinlich l�nger. �berzeugt dich das?�</p><p>Wie es aussah, lautete die Antwort auf diese Frage ganz eindeutig <emphasis>nein. </emphasis>Faye sah immer noch hoffnungslos hilflos und verwirrt aus - aber ihr Misstrauen nahm eher noch zu. �Dann ist er gestohlen�, behauptete sie. �Wahrscheinlich werden sie mich verhaften und ins Gef�ngnis werfen, wenn ich versuche, ihn zu verkaufen.�</p><p>Bast verzog das Gesicht. �Ein kleines Risiko wirst du wohl eingehen m�ssen, f�rchte ich. Also �berleg es dir einfach, aber nicht zu lange. Bis heute Nachmittag brauche ich eine Antwort. Den Stein kannst du behalten, ganz egal, wie du dich entscheidest.�</p><p>Faye starrte weiter den Rubin auf ihrer ausgestreckten Handfl�che an. <emphasis>jetzt </emphasis>war sie <emphasis>wirklich </emphasis>ersch�ttert. �Das ... das ist f�r mich?�</p><p>�Ja�, antwortete Bast. �Aber mach dir auch keine �bertriebenen Hoffnungen. Eine Wohnung, ein kleines Gesch�ft und genug, damit ihr nicht hungern m�sst und es im Winter warm habt, das ist alles - und so, wie ich dieses Land bisher kennen gelernt habe, ist das schon mehr, als die allermeisten anderen haben. �berlege es dir, bis ich zur�ck bin.�</p><p>�Zur�ck?� Es kostete Faye sichtliche M�he, ihren Blick von dem blutfarbenen Stein auf ihrer Handfl�che loszurei�en. �Von wo? Wann?�</p><p>�Das ist der zweite Grund, aus dem ich hier bin�, antwortete Bast. �Ich muss mit Isis sprechen.�</p><p>�Isis?�</p><p>�Patsy, Patsy Kline. Ich muss sie finden. Dringend.�</p><p>�Aber ich wei� nicht, wo sie ist. Niemand wei� das. Ich habe dir doch gesagt, dass sie kommt und geht, wie es ihr gerade passt. Manchmal ist sie wochenlang verschwunden.�</p><p>Genauer musste es wohl hei�en: <emphasis>Manchmal konnte sie wochenlang niemand sehen, </emphasis>dachte Bast ... aber das Ergebnis war wohl dasselbe. Sie musste nicht einmal Fayes Gedanken lesen, um zu erkennen, dass das M�dchen die Wahrheit sagte.</p><p>�Aber du wei�t, wie ich sie finden kann�, vermutete sie. �Komm schon. Irgendeinen Weg muss es doch geben, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Es w�re sehr wichtig f�r mich.�</p><p>�Ein Grund mehr, dir nicht zu helfen�, sagte Faye. �Je l�nger du brauchst, um sie zu finden, desto mehr Zeit bleibt mir zum �berlegen, oder?�</p><p>�Leider nicht�, sagte Bast. �Ich verlasse London sp�testens heute Abend, ob ich Patsy gefunden habe oder nicht. Es w�re eben nur sehr wichtig, dass ich mit ihr rede. F�r dich macht es keinen Unterschied.�</p><p>�Warum? Ich meine: Warum musst du mit ihr reden?�</p><p>�Ich muss sie warnen�, antwortete Bast. �Ich glaube, dass sie in gro�er Gefahr ist - und jetzt frag mich nicht, wieso. Das geht dich nichts an.�</p><p>�Ich glaube fast, ich will es auch gar nicht wissen.� Faye schloss mit einem Ruck die Faust um den Edelstein. �Aber ich kann dir nicht helfen. Ich wei� wirklich nicht, wo Patsy ist ... oder Isis oder wie immer sie auch hei�t. Vielleicht kann Red dir helfen.�</p><p>�Red? Der Kellner aus dem <emphasis>Ten Bells</emphasis>�</p><p>�Angeblich hat er mal was mit Patsy gehabt�, sagte Faye. �Glaub ich aber nicht. Jedenfalls erz�hlt man sich, dass er wei�, wo Patsy sich versteckt. Aber ich wei� nicht, ob es stimmt.�</p><p>�Dann sollte ich ihn vielleicht selbst fragen�, sagte Bast. �Wo finde ich ihn?�</p><p>�Er hat ein Zimmer direkt �ber dem <emphasis>Ten Bells</emphasis>�, antwortete Faye. �Aber die haben erst vor einer guten Stunde Schluss gemacht. Jetzt schl�ft er bestimmt.�</p><p>�Vermutlich�, sagte Bast. �Tja, dann werde ich ihn wohl wecken m�ssen.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Ganz wie Faye vorausgesagt hatte, war das <emphasis>Ten Bells </emphasis>geschlossen, und dasselbe schien auch f�r die gesamte Stra�e zu gelten. Bast begegnete auf dem ganzen Weg nahezu niemandem, und ihre Sinne verrieten ihr auch den Grund daf�r: In kaum einem der H�user, an denen sie vorbeikam, schien jemand wach zu sein. Hier und da erblickte sie einen einsamen Fu�g�nger, und ein- oder zweimal h�rte sie das Weinen eines Kindes, aber der allergr��te Teil Whitechapels lag noch in tiefem Schlaf. Anscheinend tickten die Uhren hier anders als im �brigen London.</p><p>Bast sollte es recht sein. Sie war weder erpicht auf neugierige Blicke noch auf irgendeine Unterhaltung; also tarnte sie sich, indem sie die Gestalt einer sowohl von ihrer Erscheinung als auch Kleidung her unauff�lligen Frau mittleren Alters annahm und sich zumindest weit genug beherrschte, nicht allzu schnellen Schrittes dahinzueilen. Niemand, der nicht aus dem einen oder anderen Grund auf der Flucht war, <emphasis>rannte </emphasis>hier. Die wenigen Menschen, denen sie �berhaupt begegnete, schlurften mit m�den Schritten und h�ngenden Schultern dahin. Selbst der Konstabler, der ihr auf halbem Wege auf der anderen Stra�enseite entgegenkam - anscheinend hatten sich Abberlines Vorgesetzte entschlossen, zumindest nach au�en hin Pr�senz zu zeigen -, schien im Gehen vor sich hin zu d�sen und streifte sie nur mit einem desinteressierten Blick, bevor er wieder in seine Tagtr�ume versank.</p><p>Ihre Geduld war jedoch endg�ltig aufgebraucht, als sie das Ten <emphasis>Bells </emphasis>erreichte. Die heruntergekommene Kaschemme sah bei Tageslicht noch sch�biger und erb�rmlicher aus als bei Nacht, und der Gestank nach kaltem Rauch, abgestandenem Bier und angebranntem Fleisch schlug ihr schon in zwanzig Schritten Entfernung entgegen und nahm ihr schier den Atem.</p><p>Sie machte sich nicht die M�he, anzuklopfen - es h�tte sowieso niemand reagiert -, sondern warf nur einen sichernden Blick in beide Richtungen, stellte fest, dass sie allein auf der Stra�e war und trat dann kurzerhand die T�r ein. Das morsche Holz zersplitterte wie Glas unter ihrem Fu�, und sie legte vorsichtshalber die Hand auf den Schwertgriff, als sie geb�ckt unter der niedrigen T�r hindurchtrat, obwohl sie wusste, dass auf der anderen Seite niemand auf sie wartete.</p><p>Es war sehr still und so dunkel, dass ihre Augen ein oder zwei Sekunden brauchten, um sich umzustellen. Die L�den waren vorgelegt und lie�en nur d�nne Streifen aus grauem Licht herein, in denen Staub tanzte, und nach einem Moment glaubte sie doch ein Ger�usch zu h�ren: ein unregelm��iges rasselndes Schnarchen, das unter einem der Tische am anderen Ende des gro�en Schankraumes hervordrang. Anscheinend hatte man einen der Zecher dort vergessen.</p><p>Obwohl sich das <emphasis>Ten Bells </emphasis>�ber drei Geb�udebreiten erstreckte, bestand das Erdgeschoss doch nur aus drei R�umen: dem Schankraum, einer schmuddeligen K�che, bei deren Anblick Bast ein stummes Dankgebet zu Ra schickte, hier niemals etwas gegessen zu haben, und einer winzigen Kammer, aus der eine Treppe ins obere Geschoss hinauff�hrte. Bast lauschte einen Moment in sich hinein und registrierte nur ein einziges, eher schwaches Lebenszeichen. Trotzdem lie� sie die Hand auf dem Schwertgriff, w�hrend sie die ausgetretenen Stufen hinaufeilte. Sie hatte in letzter Zeit zu viele unangenehme �berraschungen erlebt.</p><p>Das Obergeschoss des <emphasis>Ten Bells </emphasis>erwies sich als das genaue Gegenteil des unteren: Es war ein wahres Labyrinth winziger, verschachtelter G�nge und Kammern, von denen die meisten nicht einmal Fenster hatten und als Lager, Rumpelkammer oder auch anderen, vermutlich weniger legalen Zwecken dienten. Auf gut Gl�ck h�tte sie wom�glich eine halbe Stunde gebraucht, um den gewaltigen Dachboden abzusuchen, der sich tats�chlich �ber die ganze L�nge des H�userblocks zu erstrecken schien, aber sie war nicht auf Gl�ck angewiesen.</p><p>Bast lauschte einen Moment konzentriert und vernahm das Ger�usch regelm��iger Atemz�ge, und als sie weiterging, einen langsamen, sehr schwachen Herzschlag irgendwo vor ihr. Da war noch etwas, wie ein fl�chtiges Erkennen, ohne dass sie wirklich begriff, was sie da sp�rte, und das Gef�hl entglitt ihr auch, bevor sie sich wirklich sicher sein konnte.</p><p>Sehr vorsichtig und die Hand schon wieder griffbereit auf dem Schwert, ging sie weiter, �ffnete eine T�r und trat in ein winziges, kaum erhelltes Zimmer voller schlechter Luft und uralter, gr��tenteils besch�digter M�bel. Red lag auf einem sch�bigen, aber sehr breiten Bett und schlief. Der schwache Herzschlag, den sie geh�rt hatte, stammte von ihm, und seine Atemz�ge waren kaum kr�ftiger. Er sah schlecht aus.</p><p>Bast �berzeugte sich mit einem ebenso raschen wie �berfl�ssigen Blick davon, dass sie auch tats�chlich allein waren, steckte das Schwert ein und lie� sich neben dem schlafenden Jungen in die Hocke sinken. Sie revidierte ihre erste Einsch�tzung: Red sah nicht schlecht aus, er bot einen <emphasis>erschreckenden </emphasis>Anblick. Sein Gesicht war nahezu grau und von dunklen, tief eingegrabenen Linien durchzogen, an die sie sich nicht erinnern konnte, zumindest nicht in dieser Auspr�gung, und auf seiner Stirn glitzerte kalter, ungesunder Schwei�. Ihr Geruchssinn verriet ihr, dass eine Frau bei ihm gewesen war, in der zur�ckliegenden Nacht, aber so, wie er aussah, w�re es wohl um ein Haar vielleicht seine letzte Liebesnacht gewesen.</p><p>Seltsam. Sie hatte gesp�rt, dass er krank war, aber nicht, dass es <emphasis>so</emphasis> schlecht um ihn stand.</p><p>Irgendwo hinter ihr bewegte sich etwas. Bast drehte rasch den Kopf, sah aber nichts, und als sie sich wieder zu Red herumdrehte, standen seine Augen auf, und er sah sie an. Seltsamerweise wirkte er nicht einmal im Geringsten �berrascht, sie zu sehen.</p><p>�Du bist noch da?�, murmelte er verschlafen. F�r einen Moment erschien sogar die Andeutung eines L�chelns auf seinem blassen Gesicht. Er versuchte sich auf die Ellbogen hochzustemmen, war aber eindeutig selbst f�r diese kleine Anstrengung zu schwach. Bast dr�ckte ihn mit sanfter Gewalt auf sein verschwitztes Lager zur�ck.</p><p>�Bleib liegen�, sagte sie. �Ich habe nur eine einzige Frage an dich, dann kannst du weiterschlafen. Du musst sie nicht einmal laut beantworten.�</p><p>Red nickte schwach, und dann ... �nderte sich etwas in seinem Blick. Es war, als erkenne er sie zum zweiten Mal, oder eben auch nicht.</p><p>�Sie?�, murmelte er. �Aber wie ...?�</p><p>�Es ist alles in Ordnung�, sagte Bast rasch. �Du brauchst keine Angst zu haben. Ich will nur ...� Sie sprach nicht weiter, als der Ausdruck von Verwirrung in seinen Augen in nackte Angst umschlug. �Was ist los?�, fragte sie verwirrt. �Ich habe dir doch gesagt, dass ...�</p><p>�Du solltest den armen Jungen nicht so erschrecken�, sagte eine sp�ttische Stimme hinter ihr. �Ich gebe ja gerne zu, dass er seine Fehler hat, aber das hat er nun wirklich nicht verdient.�</p><p>Bast fuhr herum und zog noch im Aufspringen ihr Schwert, aber sie war trotzdem nicht schnell genug. Isis - in ihrer wahren Gestalt, so gro� und schwarz wie sie und mit nichts als ihrem wallenden roten Haar bekleidet - trat aus den Schatten heraus. Sie hatte ein Schwert in der rechten Hand, dessen Spitze Basts Kehle ber�hrte, noch bevor sie ihre eigene Waffe auch nur halb gezogen hatte.</p><p>�Versuch es lieber erst gar nicht�, sagte sie, noch immer lachend. �Ich kenne dich. Du bist besser mit dem Schwert als ich, viel zu gut, als dass ich dir eine Chance geben k�nnte.�</p><p>�Und was hast du vor?�, fragte Bast m�hsam. Der Druck der Schwertspitze auf ihrer Kehle war so fest, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um �berhaupt sprechen zu k�nnen. Noch eine Winzigkeit mehr, und sie w�rde einfach hinten�berfallen und Red unter sich begraben. �Und was hast du jetzt vor? Mich t�ten?�</p><p>�Nein�, antwortete Isis, aber erst nach einem Moment, so als h�tte sie tats�chlich �ber diese Frage nachdenken m�ssen. �Aber ich habe kein Problem damit, dir weh zu tun, wenn du mich dazu zwingst. Sehr weh. Glaubst du mir?�</p><p>�Jedes Wort�, �chzte Bast. Der Druck der Schwertspitze verst�rkte sich noch, und ein einzelner Blutstropfen lief an ihrem Hals hinab.</p><p>�Dann nehme ich an, dass du mir dein Wort gibst, keine Dummheiten zu machen?�</p><p>�Was soll der Unsinn?�, fauchte Bast. �Hast du den Verstand verloren? Nimm das verdammte Schwert herunter!�</p><p>Isis reagierte - nat�rlich - nicht sofort, sondern verst�rkte den Druck auf ihre Kehle sogar noch, sodass sich ein weiterer Blutstropfen zu dem ersten gestellte, dann aber lie� sie das Schwert sinken und trat rasch einen halben Schritt zur�ck.</p><p>Bast funkelte sie an, hob die Hand an den Hals und sah Isis dann noch einmal und noch zorniger an, als sie das frische Rot auf ihren Fingerspitzen registrierte. �Bist du verr�ckt geworden? Was soll denn dieser Unsinn?�</p><p>�Man muss vorsichtig sein�, antwortete Isis l�chelnd. Bast fiel auf, dass sie das Schwert zwar gesenkt hatte, aber nicht ganz. Sie hielt es noch immer in der rechten Hand und nur scheinbar locker. Irgendetwas stimmte hier nicht.</p><p>�Du wei�t doch selbst, wie das ist. Als Frau in einem fremden Land muss man immer auf der Hut sein. Was willst du hier? Ich meine: Ich freue mich immer, wenn du mich besuchst, aber du h�ttest dich vorher anmelden sollen. Nur ein paar Minuten eher, und du h�ttest uns in einer einigerma�en peinlichen Situation �berrascht.�</p><p><emphasis>�berrascht </emphasis>war im allerersten Moment vor allem Bast selbst. Einen einzelnen, schweren Herzschlag lang starrte sie Isis einfach nur an, dann drehte sie sich mit einem Ruck herum und sah auf Red hinab. Er hatte sich wieder zur�cksinken lassen und schien zu schlafen.</p><p>�Keine Sorge�, sagte Isis. �Er wird sich an nichts erinnern.�</p><p>�Red?�, murmelte Bast ungl�ubig. �Red und du? Dieser arme Junge ...�</p><p>�Hat seine Qualit�ten, wie ich schon einmal gesagt habe�, fiel ihr Isis ins Wort. Sie klang ein bisschen gereizt. �Du bist aber nicht hier, um mir Vorw�rfe zu machen, oder?�</p><p>Bast hatte M�he, die Worte �berhaupt zu h�ren. Sie starrte immer noch Red an, und es fiel ihr immer noch schwer, zu glauben, was sie sah. Isis und ... <emphasis>dieses Kind?</emphasis></p><p>Und doch ergab pl�tzlich alles einen schrecklichen Sinn. Sie hatte gesp�rt, dass Red bereits vom Tod gezeichnet war. Dass es da irgendetwas gab, was ihn langsam von innen heraus auffra� und ihm das Leben nahm. Aber sie h�tte sich niemals tr�umen lassen, dass ...</p><p>�Warum tust du das?�, murmelte sie fassungslos.</p><p>�Man muss leben�, antwortete Isis sp�ttisch. �Au�erdem ist er s��. Er hat mir gleich im ersten Moment gefallen ... und ich bin ziemlich sicher, dass er es auch genie�t.�</p><p>�Du wei�t verdammt noch mal ganz genau, was ich meine!� Bast fuhr zornig herum. �Du bringst diesen Jungen um? Wie lange gibst du ihm noch? Ein paar Tage? Eine Woche? Was soll das? Wieso er?�</p><p>�Wie gesagt: Man muss leben�, antwortete Isis. �Du doch auch, oder?�</p><p>�Aber ich t�te keine Kinder�, zischte Bast. �Was ist los mit dir? Wieso hast du dich so ver�ndert? <emphasis>Du </emphasis>warst einmal die G�ttin des Lebens, erinnerst du dich �berhaupt noch daran?�</p><p>�Und ich bin es immer noch.� Isis legte endlich das Schwert aus der Hand und sah sich um, vermutlich auf der Suche nach ihrem Kleid oder Mantel, r�hrte sich aber dann doch nicht. Aber sie wurde pl�tzlich ernster. �Er stirbt ohnehin�, sagte sie. ��berzeuge dich ruhig selbst, wenn du mir nicht glaubst. Er hat vielleicht noch ein Jahr, vielleicht auch weniger. Ich gebe ihm noch ein paar sch�ne Stunden.�</p><p>�Und stiehlst ihm daf�r ebenso viele Monate�, fiel ihr Bast ins Wort. �Bei Ra, ich frage mich, ob ich mich nicht get�uscht habe und du vielleicht doch mehr mit Horus und den anderen gemein hast, als ich geglaubt habe.�</p><p>�Wer wei߫, antwortete Isis ruhig. �Wir alle t�uschen uns dann und wann.� Sie machte eine �rgerliche Geste, als Bast antworten wollte. �Aber ich nehme nicht an, dass du nur hierhergekommen bist, um mit mir zu streiten, oder? Was willst du?�</p><p>Ja, was wollte sie eigentlich? Bast war im allerersten Moment um die Antwort fast verlegen. Nat�rlich wusste sie, warum sie hierher gekommen war ... aber Isis' Anblick verst�rte sie. Sie hatte sie unz�hlige Male nackt gesehen. Sie alle kannten sich ein paar tausend Jahre zu lange, als dass es noch so etwas wie Scham zwischen ihnen geben konnte, aber pl�tzlich war da etwas ... Neues.</p><p>Sie verscheuchte den Gedanken erschrocken.</p><p>�Ich war auf der Suche nach dir�, sagte sie. �Jemand hat mir gesagt, dass Red vielleicht wissen k�nnte, wo du dich versteckst.�</p><p>�Jemand?� Isis runzelte die Stirn, dann nickte sie. �Faye, vermute ich. Ich habe Red immer gesagt, dass er diesem kleinen Biest nicht trauen kann.�</p><p>�Ich hatte allerdings erwartet, dass du eine etwas ... angemessenere Unterkunft gefunden h�ttest.� Bast sah sich demonstrativ stirnrunzelnd um, aber Isis lachte nur.</p><p>�Weltliche Besitzt�mer haben mir nie viel bedeutet�, sagte sie. �So wenig wie dir.� Sie begann in dem winzigen Zimmer auf und ab zu gehen, mit geschmeidigen, katzenhaft anmutenden Bewegungen, die eine Wirkung auf Bast aus�bten, die sie ganz und gar nicht wollte, gegen die sie aber auch ganz und gar wehrlos war.</p><p>�Also gut. Du hast mich gesucht, und du hast mich gefunden. Was genau willst du von mir?�</p><p>�Ich verlasse die Stadt und das Land�, antwortete Bast. �So schnell wie m�glich. Wahrscheinlich noch heute. Ich m�chte, dass du mit mir kommst.�</p><p>�Warum?�, fragte Isis.</p><p>�Weil du nicht hierher geh�rst�, antwortete Bast. �So wenig wie ich oder ... irgendeiner von uns. Diese Menschen hier wollen uns nicht. Sie <emphasis>brauchen </emphasis>uns nicht.�</p><p>�Die Menschen haben immer G�tter gebraucht�, antwortete Isis. �Was bringt dich auf die Idee, dass sich das ge�ndert haben k�nnte?�</p><p>�Vielleicht, weil sie ihre eigenen haben?�</p><p>Isis lachte. �Sie haben ihnen vielleicht andere Namen gegeben, aber glaub mir, es sind noch immer dieselben. <emphasis>Wir </emphasis>sind es. Wir waren es immer, und wir werden es immer sein.�</p><p>�Ja�, antwortete Bast b�se. �Deshalb versteckst du dich ja auch in diesem Loch.�</p><p>Isis setzte zu einer Entgegnung an, belie� es aber dann bei einem Kopfsch�tteln und einem lautlosen Seufzen. �Deshalb bist du nicht hier, oder? Was <emphasis>genau </emphasis>willst du?�</p><p>Vielleicht h�tte sie sich diese Frage stellen sollen, bevor sie an Land gegangen war, dachte Bast. Die Wahrheit war: Sie wusste es nicht. Oder nein: Die <emphasis>ganze </emphasis>Wahrheit war, dass sie es sehr wohl wusste, dieses Wissen aber so tief in sich verborgen hatte, dass sie sie sich nicht einmal jetzt eingestehen konnte.</p><p>Vielleicht nur, um den Gespenstern ihrer Vergangenheit Einhalt zu gebieten, griff sie unter ihren Mantel und zog die Photoplatte hervor. �Im Grunde wollte ich dir nur dein Geschenk zur�ckbringen�, sagte sie.</p><p>Isis sah sie einen kurzen Moment lang mit �berzeugend geschauspielerter Verst�ndnislosigkeit an, bevor sie nach der beschichteten Glasscheibe griff und sie nach einem abermaligen kurzen Z�gern ins Licht hielt. Mindestens zehn Sekunden lang blickte sie sie mit vollkommen unbewegtem Gesicht an, bevor sie - widerwillig anerkennend - nickte.</p><p>�Ich w�rde sagen, ich bin nicht besonders gut getroffen.�</p><p>�Vor allem, wenn man bedenkt, dass du gar nicht da warst�, sagte Bast.</p><p>Isis reichte ihr die Photoplatte zur�ck, und Bast beobachtete fasziniert das Spiel ihrer Muskeln unter der glatten, ebenholzschwarzen Haut. �Das ist beunruhigend�, sagte sie. �Sollten wir anfangen, uns Sorgen zu machen?�</p><p>�Wor�ber?�</p><p>��ber Photographien�, antwortete Isis, �und andere Errungenschaften der modernen Zeit. Wenn so etwas Schule macht, dann bekommen wir ein Problem. Den menschlichen Geist kann man in die Irre f�hren, eine ... <emphasis>Maschine </emphasis>nicht. Jedermann k�nnte uns sehen.�</p><p>�Nicht alles, was die Menschen sich ausdenken, hat auch Bestand�, antwortete Bast. �Ich muss dir nicht sagen, wie viele gro�artige Erfindungen wieder in Vergessenheit geraten sind. N�tzlichere als diese <emphasis>Photographien.</emphasis>� Sie machte eine unwillige Geste, als Isis etwas darauf erwidern wollte. �So oder so, wir k�nnen es wohl nicht aufhalten. Aber warum hast du es mir gebracht?�</p><p>�Ich?� Isis machte ein verwirrtes Gesicht. �Ich sehe das jetzt zum ersten Mal. Wo hast du es her?�</p><p>�Es war in meinem Gep�ck.�</p><p>�Und ich habe nicht die geringste Ahnung, wo du wohnst�, antwortete Isis. �Und es interessiert mich auch nicht. Anders als so manche, die ich kenne, bin ich n�mlich der Meinung, dass jeder das Recht auf ein wenig Privatsph�re hat.�</p><p>Bast ignorierte die Spitze. �Wenn du es nicht warst, wer soll es dann gewesen sein?�</p><p>�Woher soll ich das wissen?�, fragte Isis. �Warum fragst du nicht Horus?�</p><p>Bast starrte sie an. �Du ... wei�t es noch nicht?�</p><p>�Was?�</p><p>�Horus�, antwortete Bast. �Und Sobek.� Isis blickte nur noch verwirrter, und Bast hatte pl�tzlich fast M�he weiterzusprechen. Sie hatte sich nie besonders wohl in der Rolle des �berbringers schlechter Nachrichten gef�hlt. �Sie sind tot.�</p><p>�Tot?�, wiederholte Isis. �Bist du sicher?�</p><p>�Ganz sicher�, antwortete Bast. �Sie ... sind verbrannt. Beide.�</p><p>Isis starrte sie an, als zweifele sie an ihrem Verstand, aber sie wirkte nicht besonders erschrocken ... und wie auch? Sogar Bast fiel es immer noch schwer, den Gedanken zu akzeptieren, dass ihre alten Weggef�hrten wirklich tot sein sollten.</p><p>�Verbrannt�, wiederholte Isis schlie�lich. �Wann ist das passiert?�</p><p>�Gestern Abend�, antwortete Bast. �Es tut mir leid, dass du es von mir erfahren musst. Ich war dabei. Ich habe es gesehen.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Isis.</p><p>�Was?�</p><p>�Dass du dabei gewesen bist�, antwortete Isis. �Du h�ttest ihnen helfen k�nnen, meinst du nicht? Ganz gleich, was zwischen euch war - Verbrennen ist kein sch�ner Tod.�</p><p>�Du <emphasis>wei�t, </emphasis>dass ich dabei war?�, wiederholte Bast alarmiert. �Woher?�</p><p>�Von Horus�, antwortete Isis. �Er war ziemlich w�tend. Du solltest ihm in n�chster Zeit vielleicht besser aus dem Weg gehen.�</p><p>�Horus lebt?�, wiederholte Bast ungl�ubig.</p><p>�Er lebt�, best�tigte Isis. �Eins muss man dir lassen: Wenn du dir Feinde machst, dann gr�ndlich.� Sie lachte leise. �Du solltest ihm besser die n�chsten f�nfzig oder hundert Jahre aus dem Weg gehen. Ich wei� nicht, ob er sein ehernes Prinzip, keinen von uns umzubringen, in deinem Fall aufrechtzuerhalten gedenkt.�</p><p>�Wann hast du mit ihm gesprochen?�, fragte Bast. �Wo?�</p><p>�Vergangene Nacht�, antwortete Isis. �Er hat mir erz�hlt, dass Sobek es nicht �berstanden hat. Seine Verbrennungen waren zu schwer, als dass er sich h�tte regenerieren k�nnen. Ich wei� nicht, ob ich dar�ber besonders traurig sein soll. Ich fand ihn immer ziemlich widerlich, ihn und seine Nildrachen.�</p><p>Bast war noch immer wie vor den Kopf geschlagen. Ihr schwindelte, und sie musste sich gegen die Wand lehnen. Sie hatte Sobek als brennende Fackel davonst�rzen sehen, aber es jetzt aus Isis' Mund zu h�ren, dass Sobek wirklich tot war, aber dass Horus lebte, war fast mehr, als sie ertragen konnte.</p><p>Dann war der Schatten, der aus der Tiefe emporgeflogen war, doch keine Illusion gewesen.</p><p>�Horus hatte von uns allen immer schon die gr��te Widerstandkraft gegen�ber dem Feuer�, fuhr Isis fort. �Nicht umsonst hat man ihn als Sonnengott verehrt. Aber es hat ihn ziemlich �bel erwischt, und jetzt hat er sich in ein Versteck zur�ckgezogen und leckt seine Wunden.� Sie grinste. �Vielleicht findet sich ja auch eine nette Engl�nderin, die es f�r ihn tut.�</p><p>�Und wo ist dieses Versteck?�</p><p>�Keine Chance.� Isis sch�ttelte den Kopf. �Ich w�rde ihm nicht verraten, wo du dich versteckst, und ich verrate dir nicht, wo du ihn findest. Euer Streit geht mich nichts an.�</p><p>�Du bist doch schon mitten drin!�, behauptete Bast. �Wie lange glaubst du wohl, kannst du noch so tun, als ob dich das alles nichts angeht? Wenn er mit mir fertig ist, dann bist du dran. Horus wird dich t�ten.�</p><p>�Der Einzige, der bisher get�tet wurde, ist Sobek�, antwortete Isis ernst. �Horus w�rde mir niemals etwas antun. Wir waren einmal verheiratet, falls du das vergessen haben solltest.� Pl�tzlich wurde sie w�tend. �Ich frage dich noch einmal: Was willst du von mir? Ich bin weder in Gefahr, noch f�hre ich ein Leben, das mir nicht gef�llt. Also was, zum Teufel, willst du?�</p><p>Bast schwieg, und Isis - genau so j�h wieder ruhig, wie sie gerade w�tend geworden war - kam zwei Schritte n�her und sah sie durchdringend aus ihren gro�en, unergr�ndlichen Augen an. �Soll ich dir sagen, warum du in dieses Land gekommen bist?� Sie kam einen weiteren Schritt n�her, und Bast sp�rte, wie ihr Herz ein wenig schneller zu schlagen begann. Sie w�nschte sich, Isis w�rde das nicht tun - und zugleich musste sie sich mit aller Macht beherrschen, um sie nicht an sich zu ziehen und das Gesicht in ihrem herrlich duftenden Haar zu vergraben und ihre weiche Haut mit den H�nden und den Lippen zu liebkosen.</p><p>�Du bist <emphasis>meinetwegen </emphasis>hier�, fuhr Isis fort. �Du glaubst, du w�rst gekommen, um mich vor Horus zu warnen, und dem, was er plant, wahrscheinlich glaubst du das sogar selbst - aber die Wahrheit ist, dass du nur meinetwegen hier bist. Du liebst mich.� Und pl�tzlich, warnungslos und mit der ganzen �bermenschlichen Kraft ihres g�ttlichen K�rpers, riss sie sie an sich und presste ihre Lippen auf Basts Mund.</p><p>Im allerersten Moment versuchte sie sich zu wehren, aber es war unm�glich, Isis' Griff zu sprengen, ohne echte Gewalt anzuwenden, und wahrscheinlich h�tte auch das nicht einmal etwas genutzt, denn Isis war mindestens so stark wie sie, wenn nicht st�rker, und Bast war noch immer vollkommen �berrascht, und dann war die Chance vorbei, Basts Lippen wurden weich und fordernd, und Isis' Zunge fand wie von selbst den Weg in ihren Mund ... gerade lange genug, um eine Explosion aus reiner wei�er Glut in Bast auszul�sen und sie ein leises, sinnliches St�hnen aussto�en zu lassen. Dann l�sten sich nicht nur Isis' Lippen von den ihren, auch ihre H�nde, die bisher ihr Gesicht festgehalten hatten, glitten hinab, und sie trat einen Schritt zur�ck. Nur ihr Blick hielt den Basts weiter unerbittlich fest.</p><p>�Du hast mich immer geliebt�, fuhr sie fort, �vom ersten Tag an. Ich liebe dich auch, Bastet - aber nicht so.�</p><p>�Aber du ...�</p><p>�Diese eine Nacht in Memphis war wundersch�n, Bastet�, fuhr Isis unger�hrt fort. �Ich habe sie genossen, und ich denke selbst heute noch manchmal daran. Aber es war nur eine Nacht, und es ist lange her. Zu lange, um es zu wiederholen. Was zwischen uns war, war ein herrlicher Traum. Mach ihn nicht kaputt.�</p><p>�Aber es k�nnte ... mehr werden�, fl�sterte Bast m�hsam. Ihre Stimme zitterte. Sie hatte M�he, �berhaupt zu sprechen, geschweige denn einen klaren Gedanken zu fassen. �Der Traum k�nnte Wirklichkeit werden. Wir ... wir k�nnten gemeinsam weggehen. Wir m�ssen nicht zur�ck zu den anderen. Ich meine, egal ob sich Horus durchsetzt oder die anderen, wir m�ssten nicht zu ihnen zur�ck. Nicht einmal nach �gypten. Die Welt ist gro� genug!�</p><p>�Ich bin genau da, wo ich sein will�, antwortete Isis ernst, aber auch auf eine unbestimmte Art traurig. �Und ich lebe genau so, wie ich es m�chte. Ich wollte, du h�ttest mir dieses Gespr�ch nicht aufgezwungen. Aber wahrscheinlich musste es sein.�</p><p>�Aber du ...�</p><p>�Ich�, fiel ihr Isis ins Wort, �werde hier bleiben. Allein. Oder zumindest ohne dich. Du solltest �berlegen, wo dein wirklicher Platz ist.�</p><p>�Was ... meinst du damit?�, fragte Bast verwirrt. Sie konnte immer noch nicht wirklich klar denken. Alles in ihr war in hellem Aufruhr.</p><p>Ihre Gedanken �berschlugen sich, und ihr ganzer K�rper <emphasis>schrie </emphasis>vor Verlangen. Es kostete sie fast all ihre Kraft, sich nicht auf Isis zu st�rzen und sich zu nehmen, was sie so unvorstellbar dringend brauchte, was ihr <emphasis>zustand. </emphasis>Sie zitterte am ganzen Leib.</p><p>�Bist du wirklich sicher, dass du nicht weiter auf Horus' Seite stehst, als du zugeben willst?�, fragte Isis. �Vielleicht hat er ja recht.�</p><p>�Recht?� Bast lachte schrill. �Womit? Dass wir alle G�tter sind und die Menschen nur unsere Spielzeuge oder bestenfalls Schlachtvieh?�</p><p>Statt zu antworten, deutete Isis auf die Photoplatte, die sie noch immer in der rechten Hand hielt. Basts Blick folgte ihrem, und sie registrierte ein d�nnes Rinnsal aus Blut, das an der Glasplatte hinunterlief. Erst dann sp�rte sie den brennenden Schmerz. Sie hatte die Platte so fest umklammert, dass das empfindliche Glas gesprungen war.</p><p>�<emphasis>Das da </emphasis>ist es, wovor Horus wirklich Angst hat�, sagte Isis. �Die Zeit bleibt nicht stehen, und das wei� Horus auch. Er glaubt, dass er auf einem heiligen Kreuzzug ist, um die Ungl�ubigen zu bestrafen, die unsere Gr�ber pl�ndern und uns unsere Vergangenheit stehlen, aber in Wahrheit versucht er, die Zeit aufzuhalten. Bist du sicher, dass du nicht dasselbe willst?�</p><p>�Das ist doch ... Unsinn�, sagte Bast schleppend. �Horus ist verr�ckt. Er ...�</p><p>�Weil er sp�rt, dass unsere Zeit abl�uft?�, fuhr Isis unger�hrt fort. �Vielleicht ist er verr�ckt, aber wenn, dann allerh�chstens, weil er versucht, mit dem Schwert gegen das Unvermeidliche zu k�mpfen.� Sie l�chelte traurig. �Vielleicht ist es sogar gut so.�</p><p>�Was?�</p><p>�Vielleicht ist unsere Zeit vor�ber, Bastet.� Isis deutete abermals auf die Photoplatte. �Wie lange gibt es uns schon, Bastet? Und was haben wir erreicht?�</p><p>�Alles, was wir wollten�, antwortete Bast automatisch.</p><p>Isis lachte. �Ach, haben wir das? Nun, man k�nnte es auch anders sehen, meinst du nicht? Am Anfang waren wir G�tter, sp�ter K�nige und Kriegsf�rsten, und dann wurden wir zu Legenden. Und was sind wir heute?� Sie beantwortete ihre Frage selbst, und in bitterem, aber nicht resignierendem Tonfall. �Mystische Gestalten, mit denen man Kinder erschreckt.� Sie b�ckte sich nach ihrem Mantel und streifte ihn �ber. �Was haben wir hinterlassen, Bastet? Ein paar Ruinen und eine Handvoll Bilder und Vasen in den Museen. Viele von uns sind tot, und ich f�rchte, auch die Zeit von uns wenigen �briggebliebenen l�uft ab. Vielleicht gibt es uns nur deshalb noch, weil wir zu Gespenstern geworden sind, an die niemand mehr glaubt. Aber auch diese Zeit ist vielleicht irgendwann vorbei. Noch sind wir unsichtbar, aber bald k�nnen sie uns sehen, und vielleicht werden sie irgendwann wieder wissen, dass es uns gibt. Was glaubst du, wie lange wir �berleben k�nnen, wenn das passiert?�</p><p>�Und deshalb willst du aufgeben und dich hier ... <emphasis>verkriechen?</emphasis>�<emphasis>, </emphasis>fragte Bast ungl�ubig.</p><p>�Vielleicht solltest du dasselbe tun�, seufzte Isis. �Oder dir wenigstens eingestehen, dass ich recht habe. Geh nach Hause, Bastet. Wenn du Horus aufhalten willst, dann tu es dort. Und nicht mit dem Schwert, sondern mit deinem Verstand. Scharf genug ist er. Du musst ihn nur benutzen.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Sie kam verwirrter wieder in der Pension an, als sie sie verlassen hatte; durcheinander und zornig auf Isis und vor allem sich selbst. Abberlines Wachhund stand noch immer auf der anderen Stra�enseite und wurde kreidebleich, als er sie sah - Bast war weder in der Stimmung, noch hatte sie �berhaupt daran <emphasis>gedacht, </emphasis>sich zu tarnen -, und normalerweise w�re ein solches Benehmen unter ihrer W�rde gewesen, aber jetzt war sie einfach in der Stimmung, ihm nicht nur freundlich zuzuwinken, sondern auch ganz bewusst ihren Mantel zur�ckzuschlagen, als sie das Haus ansteuerte, sodass er das Schwert an ihrem G�rtel sehen musste. Um ein Haar h�tte sie sich sogar selbst verletzt, nur damit er auch noch ein bisschen Blut auf der Klinge sah - aber das war ihr dann doch zu albern.</p><p>Im Haus war es warm. Im Kamin prasselte das gr��te Feuer, das sie seit ihrer Ankunft hier erlebt hatte, und aus der K�che drang nicht nur das emsige Klappern von Geschirr, sondern auch ein verlockender Duft, der ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen lie�. W�hrend sie die K�che ansteuerte, sah sie auf die Zeiger der gro�en Standuhr und stellte �berrascht fest, dass es auf Mittag zuging. Sie hatte nicht einmal gemerkt, dass sie so lange unterwegs gewesen war.</p><p>Als sie die K�che betrat, erlebte sie eine zweite �berraschung. Dass Mrs Walsh am Herd stand und eine Mahlzeit zubereitete, hatte sie erwartet. Was sie nicht erwartet hatte, war Cindy, die auf einem Stuhl auf der anderen Seite des gro�en Kohleherdes sa�, mit den Beinen baumelte und Mrs Walsh interessiert zusah. Sie trug ein einfaches, aber offensichtlich neues Kleid, das ihr um gute zwei Nummern zu gro� war, hatte das Haar zur�ckgebunden und sogar ein wenig Rouge aufgelegt, allerdings nicht auf eine Art, die Mrs Walshs gerechte Emp�rung noch weiter anstacheln w�rde, sondern wohl eher, um die blauen Flecke und Schwellungen in ihrem Gesicht zu �berdecken. Freilich mit m��igem Erfolg.</p><p>�Oh�, machte Bast �berrascht.</p><p>Cindy sah sie nur wortlos an, aber Mrs Walsh lie� von ihren T�pfen ab und drehte sich beinahe erschrocken um. Ihr Gesicht hellte sich allerdings auf, als sie sah, wer hinter ihr stand.</p><p>�Das nenne ich p�nktlich�, sagte sie. �Gerade wollte ich anfangen, mir Sorgen zu machen, ob ich vielleicht zu viel gekocht habe. Aber wie es aussieht, nehmen Sie ja doch inzwischen ein paar britische Tugenden an.�</p><p>�Ich wusste gar nicht, dass P�nktlichkeit dazugeh�rt�, antwortete Bast lahm. Ihr Blick irrte verwirrt zwischen Mrs Walsh und Cindy hin und her. Das M�dchen hier unten zusammen mit Mrs Walsh anzutreffen w�re so ziemlich das Letzte gewesen, womit sie gerechnet hatte.</p><p>Mrs Walsh drohte ihr spielerisch mit dem Zeigefinger. �Bissige Ironie geh�rt jedenfalls nicht dazu�, sagte sie. �Aber es ist dennoch gut, dass Sie da sind. Wir haben eine Menge zu besprechen.�</p><p>�Wir?�</p><p>�Jacob, ich und Sie�, antwortete Mrs Walsh. �Er ist nur noch einmal rasch weg, um eine Besorgung zu machen, aber er hat mir fest versprochen, p�nktlich zum Lunch wieder hier zu sein.�</p><p>�Und er w�rde es niemals wagen, sein Wort zu brechen�, vermutete Bast.</p><p>�Niemals�, antwortete Mrs Walsh. Ironie geh�rte <emphasis>ganz offensichtlich </emphasis>nicht zu den typischen britischen Eigenschaften.</p><p>�Und wor�ber?� Bast konnte nicht verhindern, dass ihr Blick noch einmal den Cindys suchte.</p><p>�Auch �ber sie�, sagte Mrs Walsh. �Aber ich ziehe es vor, beim Essen mit Ihnen dar�ber zu sprechen. Auf diese Weise muss ich nicht alles zweimal erz�hlen, und bei einem guten Lunch redet es sich ohnehin besser, finde ich. Wer wei�, vielleicht werde ich Jacob sogar gestatten, anschlie�end eine seiner gr�sslichen Zigarren zu rauchen.�</p><p>Gut, als N�chstes w�rde sie ihr vermutlich erkl�ren, dass die Sonne demn�chst im Westen aufging; und nach allem, was Bast in den letzten zwei Minuten erlebt hatte, w�rde sie ihr wahrscheinlich sogar glauben.</p><p>�Waren Sie erfolgreich?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>�Erfolgreich? Wobei?�</p><p>�Bei Ihren Besorgungen.� Mrs Walsh machte eine Kopfbewegung zu Cindy. �Sie hat erz�hlt, dass sie in einer dringenden Angelegenheit wegmussten. Ich hoffe doch, dass es nichts <emphasis>damit </emphasis>zu tun hatte.�</p><p>Bast verstand nicht einmal, wovon sie sprach, bis sie ihrem Blick folgte und sah, dass ihr Mantel immer noch weit genug offen stand, dass man das Schwert sehen konnte.</p><p>�Oh nein, sicher nicht�, sagte sie hastig. �Jedenfalls nicht so, wie Sie vielleicht bef�rchten.�</p><p>�Soll hei�en?�</p><p>�Ich ... habe mich mit einem Kunsth�ndler getroffen, der es vielleicht kaufen wird�, improvisierte Bast. �Man sieht es ihm nicht an, aber es ist sehr alt und sehr kostbar.�</p><p>�Und eine solche Kostbarkeit tragen Sie einfach so mit sich herum?�, fragte Mrs Walsh kopfsch�ttelnd, winkte zugleich aber auch ab. �Nun gut, ich wei� ja, das Sie sich Ihrer Haut wehren k�nnen. Und ich nehme an, Ihre Angelegenheit war wichtig. Sonst h�tten Sie unseren Gast bestimmt nicht allein gelassen.�</p><p>�Sie hat mir versprochen, nicht wegzulaufen und auch nichts anzustellen�, antwortete Bast. �Sie hat doch Wort gehalten?�</p><p>�Das hat sie�, best�tigte Mrs Walsh. �Aber dar�ber reden wir sp�ter. Sind Sie vielleicht so freundlich und gehen mir ein bisschen dabei zur Hand, den Tisch zu decken?�</p><empty-line/><empty-line/><p>Maistowe erschien tats�chlich p�nktlich zum Mittagessen - oder vielleicht auch gerade noch im letzten Augenblick, um sich ein Donnerwetter zu ersparen. Das Essen stand bereits auf dem Tisch, und Mrs Walshs Miene hatte sich mit jeder Minute weiter verd�stert, die sich der Zeiger der Uhr der Zw�lf gen�hert hatte, aber er kam buchst�blich im allerletzten Augenblick, und so belie� Mrs Walsh es bei einem stummen, fast triumphierenden Blick in Basts Richtung. Nach dem obligatorischen Tischgebet, das Mrs Walsh mit aller Strenge zelebrierte, a�en sie in Schweigen. Bast sp�rte sehr wohl, dass Maistowe die Neuigkeiten, die er mitgebracht hatte, auf der Zunge brannten, und ganz offensichtlich wartete auch Mrs Walsh nur darauf, dass sie eine entsprechende Frage stellte, aber sie war noch immer zutiefst verwirrt. Ihr Gespr�ch mit Isis ging ihr nicht aus dem Sinn, doch je l�nger sie dar�ber nachdachte, desto weniger Sinn schien das meiste von dem zu ergeben, was sie gesagt hatte. Und desto schlimmer wurde der Schmerz, der tief in ihr w�hlte.</p><p>Schlie�lich waren sie beim Dessert angelangt - etwas, das sich <emphasis>Plumpudding </emphasis>nannte und das ausnehmend scheu�lich schmeckte; was Bast aber wohlweislich f�r sich behielt, als sie Maistowes und Mrs Walshs verz�ckten Gesichtsausdruck registrierte -, und Maistowe lehnte sich genie�erisch zur�ck und z�ndete sich ein Zigarillo an.</p><p>�Das war wirklich k�stlich�, sagte er. �Mein Kompliment, Gloria. Ich wusste ja, dass Sie eine hervorragende K�chin sind, aber heute haben Sie sich selbst �bertroffen.�</p><p>Mrs Walsh nickte geschmeichelt, und Maistowe nahm einen tiefen Zug aus seinem Zigarillo, blies das Streichholz aus und schnippte es zielsicher eine Handbreit neben den Kamin, bevor er sich direkt an Bast wandte. �Hat es Ihnen auch geschmeckt?�</p><p>�Hervorragend�, beeilte sich Bast zu versichern.</p><p>�Das freut mich�, antwortete Maistowe. �Zumal dieses Festmahl nicht ganz ohne Grund stattgefunden hat.�</p><p>�So?�, fragte Bast.</p><p>�Nun ja, um ehrlich zu sein, ist es eher ein ... privater Grund. Aber es geh�rt bei uns schon seit einer geraumen Weile dazu, dass Gloria eine ganz besondere Mahlzeit zubereitet, bevor ich wieder in See steche. Als kleines ... Abschiedsgeschenk, wenn Sie so wollen.�</p><p>�So?�, fragte Bast noch einmal. Sie fragte sich, worauf Maistowe hinauswollte.</p><p>�Ich war den ganzen Morgen im Hafen, um mit einigen Leuten zu sprechen�, sagte Maistowe, nachdem er endlich eingesehen hatte, dass sie ihm nicht den Gefallen tun und eine entsprechende Frage stellen w�rde. �Es war nicht leicht, und ich musste eine Menge alter Schulden einfordern, aber am Ende ist es mir gelungen, eine Fracht f�r die <emphasis>Lady </emphasis>aufzutreiben und unsere Abfahrt vorzuverlegen. Sie wird bereits beladen, und heute Nachmittag werden Lebensmittel und Wasser gebunkert. Das gr��te Problem d�rfte sein, die komplette Mannschaft zusammenzutrommeln, aber ich bin sicher, dass wir die meisten in den einschl�gigen Spelunken finden und bis heute Abend auch halbwegs n�chtern bekommen werden. Und zur Not k�nnen wir auch auf den einen oder anderen verzichten. Die <emphasis>Lady </emphasis>ist ein tapferes M�dchen, das seinen Weg auch allein findet, wenn es sein muss.�</p><p>Bast verstand immer noch nicht, worauf er hinauswollte. �Sagten Sie nicht, dass Sie erst in ein paar Tagen auslaufen wollen?�, fragte sie.</p><p>�Das war auch unser Plan�, antwortete Maistowe. �Aber nun ist es mir gelungen, unsere Abreise vorzuverlegen. Die <emphasis>Lady </emphasis>l�uft �bermorgen in den fr�hen Morgenstunden aus.�</p><p>�Morgen schon? Warum?�, fragte Bast.</p><p>�Aber ich dachte, das w�re in Ihrem Sinne?�, antwortete Mrs Walsh an Maistowes Stelle. �Wollten Sie nicht so schnell wie m�glich nach Hause?�</p><p>�Sicher�, erwiderte Bast. �Aber ...�</p><p>�Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Bast�, sagte Maistowe. Er l�chelte noch immer, aber in seinem Blick war pl�tzlich auch ein Ernst, den sie bisher nicht darin bemerkt hatte. �Nun ... ich habe heute Morgen noch einmal mit Frederick gesprochen - Inspektor Abberline -, und er hat angedeutet, dass es vielleicht ... auch in seinem Interesse liegen k�nnte, wenn Sie London m�glichst bald verlassen.�</p><p>Bast musste nur einen kurzen Moment �berlegen. �Monro�, vermutete sie.</p><p>�Frederick hat keine Einzelheiten erz�hlt�, antwortete Maistowe. �Aber sein Gespr�ch mit Mr Monro scheint nicht besonders erfolgreich gewesen zu sein. Wie gesagt, ich wei� nichts Genaues, aber irgendetwas ist im Busch.�</p><p>�Dann habe ich ihm auch die Ehrengarde vor der T�r zu verdanken�, vermutete Bast.</p><p>Maistowe blickte sie verst�ndnislos an, und Bast machte eine Kopfbewegung zur T�r. �Dort drau�en steht ein Polizeibeamter�, sagte sie. �Schon seit heute Morgen, vielleicht schon l�nger.�</p><p>Maistowe runzelte zweifelnd die Stirn, aber er sagte nichts, sondern stand wortlos auf, ging zur T�r und warf einen langen, pr�fenden Blick durch das schmale Fenster daneben. �Tats�chlich�, sagte er. �Das ist erstaunlich. Aber ein Grund mehr.�</p><p>�Wegzulaufen?�, fragte Bast.</p><p>Maistowe lie� die Gardine zur�ckfallen. Er wirkte beunruhigt, aus einem Grund, den Bast nicht nachvollziehen konnte, aber auch immer noch zufrieden.</p><p>�Weglaufen ist nicht immer ein Zeichen von Feigheit, Bast�, sagte er. �Manchmal ist es einfach kl�ger, gewissen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Sie w�ren erstaunt, wie viele Probleme sich einfach dadurch erledigen, dass man ihnen ausweicht.�</p><p>�Das gilt vielleicht f�r mich�, antwortete Bast ernst. �Aber Sie kommen irgendwann zur�ck, Kapit�n. Monro wird vielleicht nicht begeistert sein, wenn er erf�hrt, dass Sie mir zur Flucht verholfen haben.�</p><p>�Flucht?� Maistowe betonte das Wort auf seltsame Art. �Bisher wirft man Ihnen nichts wirklich vor, wenn ich richtig informiert bin. Und selbst wenn, kann man mir das wohl kaum zum Vorwurf machen. Ich wei� von nichts.� Er l�chelte. �Und es ist auch noch gar nicht gesagt, dass ich zur�ckkomme.�</p><p>�Was meinen Sie damit?�</p><p>�Nun�, antwortete Maistowe, und sein L�cheln wurde eindeutig strahlend. �Der Grund f�r dieses besondere Essen war nicht allein meine Abreise. Es gibt ... noch einen weiteren Grund zum Feiern. Und daran sind Sie nicht vollkommen unschuldig, meine Liebe - auch wenn Sie es wahrscheinlich selbst nicht wissen.�</p><p>�Das stimmt�, antwortete Bast. �Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie reden, Kapit�n.�</p><p>�Jacob�, verbesserte sie Maistowe. �Das ist das Mindeste, nach allem, was ich Ihnen zu verdanken habe.�</p><p>�Aha�, sagte Bast.</p><p>�Um es kurz zu machen�, sagte Mrs Walsh. �Jacob hat gestern Abend noch einmal mit mir gesprochen, nachdem Sie zu Bett gegangen sind. Er hat mir ... wie soll ich sagen ... den Kopf gewaschen. Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Bast. Ich war egoistisch, und wohl auch ein wenig unfair zu Ihnen und Cindy. Jacob hat mir klargemacht, dass das Leben nicht nur aus meiner Pension und einem gelegentlichen Glas Sherry besteht.�</p><p>�Und was hat das ... mit mir zu tun?�, fragte Bast verwirrt.</p><p>�Unser Gespr�ch war damit nicht zu Ende, Bast�, sagte Maistowe. �Ein Wort gab das andere, und ... also, um es kurz zu machen: Gloria hat meinem Dr�ngen endlich nachgegeben und meinen Antrag angenommen.�</p><p>�Antrag?�</p><p>�Jetzt schie�en Sie nicht gleich �ber das Ziel hinaus, Jacob�, sagte Mrs Walsh. �Ich habe zugestimmt, Sie auf dieser Reise zu begleiten, nicht mehr und nicht weniger.�</p><p>�Das ist ... wunderbar�, sagte Bast, die ehrlich �berrascht war. �Meinen Gl�ckwunsch. Aber wenn Sie mir die Frage gestatten: Was habe ich damit zu tun?�</p><p>�Sie glauben doch nicht, dass ich die Abreise auch nur um eine Sekunde hinausz�gere - auf die Gefahr hin, dass es sich Gloria im letzten Moment noch anders �berlegt?�, fragte Maistowe schmunzelnd. �Nein, im Ernst: Wahrscheinlich w�re es ohne Sie niemals so weit gekommen. Wir h�tten dieses Gespr�ch wohl niemals gef�hrt ohne alles, was seit Ihrer Ankunft hier geschehen ist.�</p><p>�Wenn das so ist, dann sollte ich mich vielleicht �fter bem�hen, andere in Schwierigkeiten zu bringen�, sagte Bast.</p><p>�Ich bin Ihnen jedenfalls zu Dank verpflichtet, Bast�, sagte Maistowe ernst. �Und ich glaube fest, dass Sie mit all diesen schrecklichen Vorf�llen nichts zu tun haben.�</p><p>�Monro scheint da anderer Meinung zu sein�, seufzte Bast.</p><p>�Monro�, erwiderte Maistowe �berzeugt, �ist ein Idiot, wenn Sie mich fragen.�</p><p>�Ich brauche Sie nicht zu fragen, um das zu wissen�, seufzte Bast. �Aber leider ist er auch ein Idiot mit Einfluss und Macht.�</p><p>�Ein Grund mehr, ihm aus dem Weg zu gehen�, sagte Maistowe.</p><p>�Die <emphasis>Lady </emphasis>wird vermutlich erst in zwei Monaten zur�ckkehren. Bis dahin hat er l�ngst vergessen, dass es uns gibt, und diesen verr�ckten M�rder hoffentlich schon gefangen.�</p><p>�Und ... Cindy?�</p><p>�Auch daf�r haben wir eine L�sung gefunden�, sagte Mrs Walsh. �Das ist auch der Grund, aus dem ich heute Morgen so fr�hzeitig das Haus verlassen habe. Es gibt da eine ... <emphasis>Institution, </emphasis>die sich um bedauernswerte Kinder wie sie k�mmert.�</p><p>Bast warf Cindy einen raschen Blick zu und las nichts als Verachtung und b�sen Spott in ihren Augen. �Das St. Catherine's?�, fragte sie.</p><p>�Im Namen der heiligen Jungfrau Maria, nein!�, schnaubte Mrs Walsh. �Diese sogenannten frommen Schwestern machen doch alles nur noch schlimmer! Fromme Spr�che haben noch nie jemanden auf den rechten Weg zur�ckgebracht.�</p><p>Bast hatte ihre Zweifel, ob Cindy �berhaupt auf den <emphasis>rechten Weg </emphasis>zur�ck<emphasis>wollte</emphasis>. Sie sah Mrs Walsh nur fragend an.</p><p>�Nein�, wiederholte Mrs Walsh. �Aber ich kenne einen Pater. Vater McNeill von der Kirche der Gesegneten Schwestern, nicht einmal weit von hier. Er hat schon mehr als einem gestrauchelten Kind geholfen, wieder Fu� zu fassen und in ein normales und gottesf�rchtiges Leben zur�ckzufinden.�</p><p>Und warum muss ein normales Leben eines sein, in dem man seinen Gott <emphasis>f�rchtet, </emphasis>dachte Bast.</p><p>Mrs Walsh blinzelte, und Bast begriff zu sp�t, dass sie diese Frage keineswegs nur <emphasis>gedacht </emphasis>hatte, sondern laut ausgesprochen. Zu ihrer Erleichterung zog es Mrs Walsh jedoch vor, diese Frage kurzerhand zu ignorieren.</p><p>�Vater McNeill hat mir versprochen, sich Cindys anzunehmen�, fuhr sie fort. �Ich werde heute Nachmittag zu ihm gehen und ihm Cindy vorstellen. Er wird sie in einem anst�ndigen Haus unterbringen und daf�r sorgen, dass sie eine ehrliche Anstellung findet. Ich wei�, das alles kommt ein wenig schnell, aber Jacob hat mich mit seiner Eile doch ein wenig - wie soll ich sagen - �berrascht. Ich habe jedoch vollstes Vertrauen in Vater McNeill. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich einer gestrauchelten Seele annimmt. Mit Erfolg, wie ich hinzuf�gen m�chte.�</p><p>Bast schwieg. Sie konnte sich diesen Erfolg lebhaft vorstellen, aber sie wusste auch, dass jede Diskussion �ber dieses Thema reine Zeitverschwendung w�re. Sie machte sich auch nicht die M�he, Cindy auch nur einen fragenden Blick zuzuwerfen.</p><p>�Sie sehen nicht wirklich begeistert aus, mein Kind�, sagte Mrs Walsh, als sie auch nach etlichen weiteren Sekunden nicht antwortete.</p><p>�Oh nein, das ist es nicht�, sagte Bast hastig. �Es kommt nur ... etwas �berraschend - wie Sie ja selbst gesagt haben. Ich hatte ... andere Pl�ne. Aber ich muss gestehen�, f�gte sie noch hastiger und mit leicht erhobener Stimme hinzu, �dass Ihr Vorschlag vern�nftiger klingt.�</p><p>Sie sp�rte, wie Cindy dazu ansetzte, etwas zu sagen - etwas, das Mrs Walsh ganz bestimmt nicht gefallen w�rde -, und verhinderte es rasch. Sie war erstaunt, wie viel Widerstand ihr das M�dchen entgegensetzte, aber nat�rlich war es nicht genug.</p><p>�Und welche?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>�Ich f�rchte, sie waren nicht ann�hernd so gut wie Ihre�, antwortete Bast. �Und wenn Cindy damit einverstanden ist ...?� Sie sah Cindy fragend an und zwang sie mit sanftem Druck, zustimmend zu nicken. Was sie nicht vollkommen unterdr�cken konnte, war der emp�rte Ausdruck in Cindys Augen.</p><p>�Dann gehen wir in einer Stunde zu Vater McNeill�, bestimmte Mrs Walsh. �Ich nehme doch an, dass Sie uns begleiten?�</p><empty-line/><empty-line/><p>Drau�en war wieder die ungew�hnlich lange, diesige Abendd�mmerung dieses Landes angebrochen, an die Bast sich wohl nie gew�hnen w�rde, ganz egal, wie sehr sie es auch versuchte.</p><p>Sie hatte es allerdings nicht besonders nachdr�cklich versucht, und sie war auch nicht sicher, ob sie sich �berhaupt daran gew�hnen <emphasis>wollte. </emphasis>In ihrer Heimat dauerte die D�mmerung allenfalls Minuten. Manchmal wurde es buchst�blich von einem Augenblick zum anderen finster, und nach Basts pers�nlichem Geschmack war das auch vollkommen richtig. Es gab den Tag, und es gab die Nacht, und was dazwischen lag, das war so unn�tig und l�stig wie eine Stunde, in der man sich zu Bett legt und vergeblich versucht, den Schlaf herbeizuzwingen. Dieses langsam verblassende Grau auf der anderen Seite der Fenster kam ihr vor wie ein lautloser erbitterter Kampf, den sich Tag und Nacht immer aufs Neue lieferten und in dem sich nicht nur die Umrisse der Dinge, sondern die Wirklichkeit aufzul�sen schien. Selbst der Bobby, der noch immer auf der anderen Stra�enseite stand und das Haus beobachtete, begann allm�hlich zu einem grauen Gespenst mit zerflie�enden Konturen zu verblassen. Aber es war noch immer derselbe Beamte wie heute Morgen. Monro mutete seinen Untergebenen offensichtlich ziemlich lange Dienstzeiten zu.</p><p>�Wonach suchst du?�</p><p>Bast wandte sich mit einem fast erschrocken wirkenden Ruck vom Fenster ab und in Cindys Richtung. Sie hatte nicht geh�rt, dass das M�dchen hereingekommen war und �rgerte sich schon wieder �ber sich selbst, diese kleine Unaufmerksamkeit zugelassen zu haben.</p><p>�Nichts�, antwortete sie. �Ich habe nur die D�mmerung beobachtet.�</p><p>�Die D�mmerung?� Cindy ging mit schnellen Schritten an ihr vorbei und stellte sich auf die Zehenspitzen, um nicht nur aus dem Fenster zu sehen, sondern auch auf den gegen�ber liegenden B�rgersteig hinab. �Du meinst den Konstabler.�</p><p>�Nein�, sagte Bast. �Die D�mmerung.�</p><p>�Was gibt's denn daran zu beobachten?�, fragte Cindy stirnrunzelnd.</p><p>�Sie dauert sehr lange. In meiner Heimat geht die Sonne so schnell unter, dass man dabei zusehen kann, wei�t du? Hier dauert es viel l�nger. Es ist richtig unheimlich.�</p><p>�Der <emphasis>Nebel </emphasis>ist unheimlich�, sagte Cindy. �Hast du schon einmal richtigen Londoner Nebel erlebt?�</p><p>�Ja�, antwortete Bast, sch�ttelte gleich darauf den Kopf und verbesserte sich. �Nein. Ich meine, ich habe schon Nebel erlebt, auch hier, aber ich glaube nicht, dass es das war, was die Leute meinen, wenn sie vom Londoner Nebel reden.�</p><p>�Ganz bestimmt nicht�, versicherte Cindy. �Die Suppe ist unheimlich. Du kannst keine zehn Schritte weit sehen, und sie verschluckt jedes Ger�usch. Aber es ist gut f�rs Gesch�ft.�</p><p>�Der Nebel?�</p><p>�Sicher. Wenn es richtig neblig ist, kommen manchmal die besten Kunden.� Sie lachte leise. �Du glaubst ja nicht, wie viele feine Pinkel glauben, niemand w�rde sie kommen sehen, wenn sie sich im Schutz des Nebels nach Whitechapel schleichen.�</p><p>�Gute Kunden wie der von vorgestern?�, fragte Bast.</p><p>Sie hatte damit gerechnet, dass Cindy w�tend w�rde, oder zumindest verstimmt, aber sie zuckte nur mit den Schultern. �So schlimm war er gar nicht�, behauptete sie. �Er hat immer gut gezahlt, und es gibt andere, die viel ekligere Sachen von mir verlangt haben.�</p><p>�Ekliger als sich halb tot schlagen zu lassen?�, zweifelte Bast.</p><p>�So schlimm war es nicht�, sagte Cindy noch einmal. �Okay, das letzte Mal hat er es ein bisschen �bertrieben, aber das hast du ihm ja ganz sch�n heimgezahlt.� Sie sah Bast nachdenklich an. �Wei� du eigentlich, <emphasis>wen </emphasis>du da verpr�gelt hast?�</p><p>�Auf jeden Fall einen einflussreichen Mann�, antwortete Bast. �Aber mach dir keine Sorgen - du wirst ihn nicht wiedersehen. Hast du dich entschieden?�</p><p>Jetzt reagierte Cindy doch. Ihre Miene wirkte pl�tzlich wieder verstockt. �Als ob ich was zu sagen h�tte!�, schnaubte sie. �Ich geh jedenfalls nicht zu diesem Pfaffen.�</p><p>�Warum nicht?�, fragte Bast. �Vater McNeill ist doch sehr nett.� Sie meinte das ernst. Cindy, Mrs Walsh und sie waren am Nachmittag tats�chlich bei Vater McNeill gewesen, einem wei�haarigen alten Mann, bibelfest und strenggl�ubig, aber nicht fanatisch, und schon gar nicht weltfremd. Ganz im Gegenteil hatte er sich als ebenso warmherziger wie humorvoller Mensch erwiesen, der sich Cindys Problem - aus Mrs Walshs Mund; Bast hatte wenig und Cindy kein einziges Wort gesprochen - angeh�rt und mehr als einmal vielsagend die Stirn gerunzelt hatte, aber sie hatten nicht ein Wort des Vorwurfs von ihm geh�rt und schon gar nicht die Drohung mit ewiger Verdammnis oder dem Zorn Gottes, die sie halbwegs erwartet hatte.</p><p>�Nett?� Cindy machte ein unanst�ndiges Ger�usch. �Der Kerl ist ein alter Furz, der vom Leben keine Ahnung hat!�</p><p>�Ganz anders als du, nicht wahr?�, fragte Bast sp�ttisch.</p><p>Cindy �berging die Bemerkung. �Ich werde jedenfalls nicht zu irgendeiner vertrockneten alten Schachtel ziehen und mich damit am�sieren, dreckige Unterhosen zu waschen.�</p><p>Das war nicht genau das, was Vater McNeill vorgeschlagen hatte, aber Bast musste zugeben, dass es der Wahrheit nahekam. Konkret hatte der Geistliche von einer ihm bekannten Witwe erz�hlt, die die Besitzerin einer kleinen W�scherei war und schon �fter Waisenkinder bei sich aufgenommen und ihnen ein Dach �ber dem Kopf und drei warme Mahlzeiten geboten hatte ... gegen einen entsprechenden Obolus in Form ihrer Arbeitskraft, versteht sich. Bei jedem anderen h�tte Bast dieses Angebot schlichtweg emp�rt, aber sie hatte in McNeills Gedanken gelesen, dass besagte Witwe ihre Z�glinge noch nie ausgenutzt oder auch nur �bervorteilt hatte. Es war eine Chance, und es waren harte Zeiten.</p><p>Trotzdem.</p><p>�Keine Angst�, sagte sie. �Ich wollte ... keine unn�tigen Diskussionen mit Mrs Walsh, das ist alles. Du musst nicht in diese W�scherei.�</p><p>�Wie gn�dig. Und womit verdiene ich diese Gro�z�gigkeit?�</p><p>�Weil ich nicht m�chte, dass du in London bleibst�, antwortete Bast wahrheitsgem��.</p><p>Cindy kniff misstrauisch die Augen zusammen. �Wieso?�</p><p>�Willst du, dass Maude dich findet?�, fragte Bast. �Jetzt mal ganz im Ernst.� Sehr behutsam las sie Cindys Gedanken, aber das w�re gar nicht n�tig gewesen. Cindy antwortete erst nach endlosen Sekunden, doch Bast hatte die Antwort schon lange zuvor auf ihrem Gesicht abgelesen.</p><p>�Nein�, sagte sie schlie�lich. �Das m�chte ich nicht.�</p><p>�Aber genau das w�rde dir passieren, wenn du in London bleibst�, antwortete Bast. �Fr�her oder sp�ter kriegt sie dich.�</p><p>�Ja, wahrscheinlich�, sagte Cindy. �Also muss ich wohl weg. Oder freiwillig zur�ckgehen. Wenn ich selbst zu ihr gehe, dann wird es vielleicht nicht so schlimm.�</p><p>�Das ist deine Entscheidung.� Bast deutete zur T�r. �Ich werde nicht versuchen, dich aufzuhalten.�</p><p>�W�rdest du doch.�</p><p>�Das k�nnte ich gar nicht�, antwortete Bast. �Sicher, ich k�nnte dich zwingen, in Vater McNeills Kirche einzuziehen und dort sechzehn Stunden am Tag zu beten, und du w�rdest gl�cklich dabei sein. F�r eine Weile. Aber nicht auf Dauer, und schon gar nicht f�r den Rest deines Lebens. Du hast v�llig recht: Ich kann den Willen eines Menschen brechen ... aber niemand kann dich zu einem anderen Menschen machen.�</p><p>�Und wenn du l�gst? Jetzt gerade? Nur, damit ich gehorche?�</p><p>Bast l�chelte. �Wenn ich jetzt l�gen w�rde, dann h�tte ich es nicht n�tig zu l�gen, meinst du nicht auch? Au�erdem, wenn ich f�hig w�re, einen Menschen wirklich zu �ndern, dann <emphasis>g�be </emphasis>es Menschen wie Maude nicht mehr. Also, wie ist es? Willst du zur�ck zu Maude, in die W�scherei, oder willst du mit Faye gehen?�</p><p>�Faye?�</p><p>�Du kennst sie?�, fragte Bast. Cindy nickte verwirrt, und Bast fuhr fort: �Sie geht weg. Du konntest mit ihr gehen. Eine kleine Wohnung, harte Arbeit ... aber keine Maude mehr. Und keine Gentlemen mit ekligen W�nschen. Deine Entscheidung.�</p><p>�Und sie w�rde mich mitnehmen?�, fragte Cindy zweifelnd.</p><p>�Das wird sie�, antwortete Bast. �Sie wei� es zwar selbst noch nicht, aber eigentlich hat sie sich schon entschieden. Ich bringe sie mit hierher, wenn du willst. Oder du begleitest mich gleich.�</p><p>Cindy zog die Unterlippe zwischen die Z�hne und begann unsicher von einem Bein auf das andere zu treten. F�r einen Moment sah sie tats�chlich aus wie das unschuldige, �ngstliche Kind, das Mrs Walsh so gerne in ihr gesehen h�tte. �Darf ich ... noch einen Moment dar�ber nachdenken?�, fragte sie. �Vielleicht bis nach dem Abendessen?�</p><p>Bast wusste, Cindy hatte sich l�ngst entschieden; sie brachte nur nicht den Mut auf, sich diese Entscheidung auch einzugestehen.</p><p>�Das im �brigen allm�hlich kalt wird�, sagte Mrs Walsh von der T�r her. Bast fuhr erschrocken herum und sah sie eindeutig schuldbewusst an. Sie hatte Mrs Walsh nicht geh�rt, und sie wusste auch nicht, wie lange sie schon dort stand und zuh�rte. Aber ihrem Gesichtsausdruck nach lange genug.</p><p>�Ich hatte dich gebeten, nach oben zu gehen und Miss Bast zum Essen zu rufen�, fuhr sie in tadelndem Tonfall und direkt an Cindy gewandt fort. �Schade. Ich hatte eigentlich gehofft, mich auf dich verlassen zu k�nnen.�</p><p>Cindy sagte vorsichtshalber gar nichts, sondern flitzte an ihr vorbei aus dem Zimmer, und auch Bast wollte sich in Bewegung setzen, doch Mrs Walsh hob rasch die Hand und hielt sie zur�ck. �Auf ein Wort.�</p><p>�Mrs Walsh?�</p><p>�Ich bin ein wenig entt�uscht von Ihnen, meine Liebe. Ich h�tte nicht gedacht, dass Sie mich hintergehen.�</p><p>�Hintergehen?�</p><p>�Vielleicht war das das falsche Wort�, r�umte Mrs Walsh ein, �aber Sie wissen sehr wohl, was ich meine. Warum lassen Sie mich mit Vater McNeill reden und all diese Dinge tun, wenn die Sache f�r Sie doch schon l�ngst entschieden ist?�</p><p>Sie <emphasis>hatte </emphasis>alles geh�rt. Einen Moment lang �berlegte Bast ernsthaft, die Erinnerung an die letzten Minuten aus ihrem Ged�chtnis zu l�schen, entschied sich aber dann dagegen. Eine solche Manipulation war anstrengend, und sie w�rde das Ged�chtnis der beiden ohnehin einer gr�ndlichen �berarbeitung unterziehen m�ssen, sobald sie in Kairo von Bord ging.</p><p>�Es ist noch gar nichts entschieden, Mrs Walsh�, sagte sie ruhig. �Und ich wollte mir auf jeden Fall anh�ren, was Vater McNeill anzubieten hat.�</p><p>�Nicht mehr und nicht weniger als ein gottesf�rchtiges Leben und harte Arbeit�, antwortete Mrs Walsh spr�de. �Ist Ihnen das nicht genug f�r Ihren Sch�tzling? Glauben Sie vielleicht, es ist mir leichtgefallen, zu Vater McNeill zu gehen und ihn um Hilfe zu bitten, f�r so <emphasis>eine!</emphasis>�</p><p>�Was genau meinen Sie mit <emphasis>so eine, </emphasis>Mrs Walsh?�, erkundigte sich Bast k�hl.</p><p>Mrs Walshs Miene verfinsterte sich noch weiter. �Bitte halten Sie mich nicht f�r dumm, Kleines�, sagte sie. �Ich wei� genau, was dieses M�dchen ist und woher es kommt - und damit meine ich nicht jenes zweifelhafte Etablissement, aus dem sie sie zweifellos zu Recht befreit haben. <emphasis>Unschuldige Kinder, </emphasis>meine Liebe, landen nicht in solchen H�usern. Es ist mir nicht leichtgefallen, mich f�r sie einzusetzen.�</p><p>�Umso mehr danke ich Ihnen daf�r, dass Sie es getan haben�, sagte Bast. Sie sollte w�tend werden, und ein Teil von ihr war es auch, denn sie begriff pl�tzlich, dass Mrs Walsh ihr wohl nur etwas vorgespielt hatte und <emphasis>das </emphasis>ihre wirkliche Meinung �ber Cindy war. Eigentlich war sie aber eher entt�uscht. �Sollte sich Faye doch anders entscheiden, komme ich gern auf Vater McNeills Angebot zur�ck.�</p><p>�Ich nehme an, diese Faye ist ebenfalls eine ... ein M�dchen wie sie?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>�Wenn Sie schon lauschen, dann tun Sie es richtig�, antwortete Bast freundlich. �Faye wird die Stadt verlassen und ein neues Leben beginnen. Jedenfalls hat sie mir das gesagt. Ich halte es f�r eine gute Idee, wenn sie es gemeinsam versuchen.� Sie erstickte Mrs Walshs Widerspruch im Keim, wenn auch mit schlechtem Gewissen. �Ich werde sp�ter zu Faye gehen und alles Notwendige mit ihr kl�ren.�</p><p>�Tun Sie das�, antwortete Mrs Walsh. �Aber es w�re mir recht, wenn Sie diese Person nicht auch noch in mein Haus bringen w�rden. Und nun lassen Sie uns essen. Ich habe noch eine Menge zu tun. Immerhin geht unser Schiff um Mitternacht.�</p><p>Das war noch lange nicht alles, was sie ihr eigentlich hatte sagen wollen, das sp�rte Bast, und vermutlich h�tte sie es auch getan, h�tte sie es zugelassen. Um eine weitere Diskussion zu vermeiden, schob sie Mrs Walsh mit sanfter Gewalt aus dem Weg und ging dann die Treppe hinab ins Untergeschoss.</p><p>Der Anblick des kleinen, normalerweise pedantisch aufger�umten Salons hatte sich seit ihrer R�ckkehr von Vater McNeill am fr�hen Nachmittag radikal ver�ndert: �berall standen Koffer, Taschen, Hutschachteln und Kartons. Abgesehen von dem kleinen Tisch am Kamin, auf dem eine Kanne mit dampfendem Tee und ein Abendessen warteten, das ebenso einfach wie der Lunch am Mittag �berreich gewesen war, schien jedes einzelne M�belst�ck mit diversen Kleidungsst�cken belegt zu sein. Selbst auf dem Boden lagen Kleider, Schuhe und andere Reiseutensilien. Der Salon sah aus, als w�re ein Wirbelsturm hindurchgezogen. Kapit�n Maistowe wuselte irgendwo in all dem Durcheinander gesch�ftig herum, ohne dass Bast sagen konnte, was genau er eigentlich tat, w�hrend Cindy bereits am Tisch sa� und sich fingerdick Butter auf eine Scheibe Schwarzbrot strich; zweifellos aus keinem anderen Grund als dem, Mrs Walsh zu provozieren.</p><p>Es funktionierte nicht. Mrs Walsh runzelte zwar erwartungsgem�� die Stirn, aber ihre Missbilligung galt offensichtlich nur der Tatsache, dass Cindy bereits angefangen hatte. �Nimm ruhig alles, was du magst, mein Kind�, sagte sie. �Was wir heute nicht verbrauchen, das wird ohnehin schlecht und muss weggeworfen werden.� Sie sah sich stirnrunzelnd und irgendwie wehleidig um. �Ich f�rchte, ich werde so manches wegwerfen m�ssen, wenn ich zur�ckkomme.�</p><p>�Nun �bertreiben Sie aber, Gloria.� Maistowe tauchte aus dem Durcheinander aus Kartons, Kleidern und halb gepackten Koffern auf und verzog das Gesicht. �Wir gehen nicht auf eine Weltreise, sondern fahren lediglich nach Kairo. Wir sind in l�ngstens zwei Monaten wieder hier. Davon abgesehen, habe ich ohnehin den Eindruck, dass Sie Ihren gesamten Besitz mitnehmen.�</p><p>Mrs Walsh schenkte ihm zwar einen �rgerlichen Blick, zog es aber ansonsten vor, die Bemerkung zu ignorieren. �Ein Haus verf�llt, wenn es nicht bewohnt wird, mein lieber Jacob�, seufzte sie.</p><p>�So wie eine Mahlzeit schlecht wird, wenn man sie nicht isst�, sagte Maistowe. Mit gro�en Storchenschritten bahnte er sich einen Weg durch das Durcheinander, wobei er sich ein weiteres missbilligendes Stirnrunzeln Mrs Walshs einhandelte, als er auf irgendetwas trat, das knackend zerbrach, und nahm am Tisch Platz. �Ich verstehe Ihre Hektik nicht, meine Teuerste. Die <emphasis>Lady </emphasis>legt erst morgen weit nach Mitternacht ab. Wir haben noch mehr als einen Tag Zeit, um Ihre Koffer zu packen und an Bord zu bringen.�</p><p>�Also ob es damit getan w�re!� Mrs Walsh setzte sich als Letzte und warf Bast einen Verzeihung heischenden Blick zu. �Ich muss mich f�r dieses einfache Mahl entschuldigen�, sagte sie, �aber Sie sehen ja selbst ...�</p><p>�Aber ich bitte Sie�, antwortete Bast. �Kapit�n Maistowe hat keine Ahnung. Ich bin eine Frau. Ich wei�, was es hei�t, f�r eine gro�e Reise zu packen.�</p><p>Maistowe verzog das Gesicht und murmelte irgendetwas, das sich wie <emphasis>Weiber </emphasis>anh�rte, und Bast drohte ihm spielerisch mit dem Finger. �Passen Sie auf, was Sie sagen, Kapit�n. Wir sind im Moment eindeutig in der �berzahl.�</p><p>�Hm�, machte Maistowe, belie� es aber vorsichtshalber auch dabei.</p><p>�Ich bin nicht sicher, ob ich nicht einen Fehler gemacht habe�, seufzte Mrs Walsh.</p><p>�Einen Fehler?� Maistowe, der gerade dazu ansetzte, seine Gabel in das Stew zu rammen, als hielte er sich f�r Kapit�n Ahab und das St�ck Fleisch f�r Moby Dick, erstarrte mitten in der Bewegung.</p><p>�Mit ... alledem hier.� Mrs Walsh machte eine ausholende Bewegung. �Sie bringen Unordnung in mein Leben, Jacob.�</p><p>�Aber das tue ich doch gern�, grinste Maistowe und wurde schlagartig wieder ernst, als Mrs Walshs Blick nur noch zorniger wurde. �Das ist doch halb so schlimm�, sagte er hastig. �Wir haben noch jede Menge Zeit. Morgen sieht es hier schon wieder ganz anders aus, und f�r morgen Abend habe ich einen Wagen und ein paar meiner M�nner bestellt, die Ihr Gep�ck auf die <emphasis>Lady </emphasis>schaffen. Bei der Gelegenheit: Soll die Standuhr nun mit oder nicht?�</p><p>Bast l�chelte fl�chtig, aber sie war zugleich nicht ganz sicher, ob Maistowes Frage wirklich nur scherzhaft gemeint gewesen war. Mrs Walsh seufzte leise.</p><p>�Ich meine nicht <emphasis>diese </emphasis>Unordnung hier�, sagte sie. �Sie bringen mein <emphasis>Leben </emphasis>in Unordnung, Jacob, und ich verabscheue Unordnung, wie Sie wissen. Vielleicht h�tte ich Ihrem Dr�ngen nicht so schnell nachgeben sollen. Sie haben mich ...�</p><p>��berrumpelt?�, fiel ihr Maistowe ins Wort. �Genau das war meine Absicht.�</p><p>Mrs Walsh durchbohrte ihn regelrecht mit Blicken, und Maistowe beugte sich hastig �ber sein Stew. Sie a�en eine Weile schweigend. Mrs Walsh musste tats�chlich ihre gesamte Speisekammer gepl�ndert und alles Verderbliche in diesen Eintopf gekippt haben. So jedenfalls schmeckte er, fand Bast, und hielt sich zur�ck, soweit es m�glich war.</p><p>�Das war wie �blich ganz hervorragend, meine Liebe�, sagte Maistowe. �Nur eine Schande, dass der Rest nun umkommt.�</p><p>�Ja, eine wirkliche Schande�, best�tigte Mrs Walsh.</p><p>�Warum fragt ihr nicht den Konstabler drau�en, ob er Hunger hat�, schlug Cindy vor. �Der arme Kerl steht schlie�lich schon den ganzen Tag dort drau�en.�</p><p>�Und einen hei�en Tee kann er bestimmt auch gebrauchen�, f�gte Maistowe hinzu. Aber er sch�ttelte auch gleichzeitig den Kopf. �Ich glaube kaum, dass er es annimmt. Die Londoner Bobbys sind in dieser Beziehung etwas eigen. Und wie ich Mr Monro kenne, <emphasis>w�rde er </emphasis>es uns am Ende noch als Bestechungsversuch auslegen und h�tte endlich einen Grund, Sie zu verhaften.�</p><p>�Unsinn�, sagte Mrs Walsh. �Gegen einen hei�en Tee wird wohl kaum etwas einzuwenden sein. Schauen Sie wenigstens nach, ob er noch nicht erfroren ist.�</p><p>Maistowe zierte sich noch einen Moment, stand dann aber auf und bahnte sich vorsichtig einen Weg zur T�r. Ein sp�rbarer Schwall von K�lte drang zu ihnen herein, als er das Haus verlie�.</p><p>Schon nach einem Augenblick kam er zur�ck und machte ein ratloses Gesicht. �Er ist nicht mehr da.�</p><p>�Nicht mehr da?�, wiederholte Mrs Walsh. �Was soll das hei�en?�</p><p>�Was es hei�t�, antwortete Maistowe, w�hrend er die T�r hinter sich ins Schloss dr�ckte. �Er ist verschwunden. Vielleicht hat Monro ihn abgezogen. Oder Frederick.�</p><p>�Nachdem er das Haus den ganzen Tag beobachtet hat?�, wandte Bast zweifelnd ein.</p><p>�Vielleicht ist er ja auch nur mal pinkeln�, sagte Cindy, und jetzt war sie es, die sich einen strafenden Blick Mrs Walshs einhandelte.</p><p>�Kaum�, antwortete Maistowe. Dann zuckte er mit den Schultern. �Ich habe Frederick nat�rlich heute noch nicht gesprochen. M�glicherweise haben sich ja neue Fakten ergeben.� Er versuchte zu lachen. �Wer wei�, am Ende haben sie diesen <emphasis>Ripper </emphasis>ja endlich erwischt, und Scotland Yard braucht keinen S�ndenbock mehr.�</p><p>Aber so einfach war die Erkl�rung nicht, das sp�rte Bast. Irgendetwas ... stimmte hier nicht. Sie stand auf und ging um den Tisch herum, um ebenfalls zur T�r zu gehen und einen Blick nach drau�en zu werfen, und Maistowe kam ihr entgegen. Allerdings unerwartet schnell und auch nicht ganz freiwillig. Die T�r wurde mit solcher Gewalt aufgesto�en, dass sie ihn wie ein Hammerschlag zwischen den Schulterbl�ttern traf und einfach nach vorne schleuderte.</p><p>Bast versuchte ihm auszuweichen, glitt aber auf irgendetwas aus, das auf dem Fu�boden lag, und musste pl�tzlich ihrerseits um ihr Gleichgewicht k�mpfen; vielleicht nur den Bruchteil einer Sekunde, aber lange genug, um Maistowe wie ein lebendes Geschoss gegen sie prallen zu lassen und sie endg�ltig von den F��en zu rei�en. Als w�re das alles noch nicht genug, prallte sie mit Schultern und Hinterkopf so hart auf die Tischkante, dass das zerbrechliche M�belst�ck zusammenbrach und Holzsplitter und zerberstendes Geschirr in alle Richtungen flogen.</p><p>Mrs Walsh und Cindy schrien wie mit einer Stimme auf und prallten zur�ck, und Bast schlug ein zweites Mal und noch h�rter mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf; diesmal so hart, dass ihr f�r einen Moment schwarz vor Augen wurde.</p><p>Als sich ihr Blick wieder kl�rte, blickte sie direkt in den Lauf einer Pistole. Sie bekam kaum Luft, denn auf ihrer Brust hockte der riesigste Kerl, den sie jemals gesehen hatte. Er wog mindestens eine Tonne, und seine Knie bohrten sich mit so grausamer Kraft in ihre Rippen, dass mindestens zwei davon bereits gebrochen und die anderen auch nicht mehr sehr weit davon entfernt waren. Ein Knochensplitter bohrte sich wie eine rot gl�hende Dolchklinge in ihre Lunge. Der Schmerz war so gr�sslich, dass sie beinahe das Bewusstsein verloren h�tte.</p><p>Aber eben nur beinahe. Und sie war schlie�lich auch nicht irgendwer.</p><p>Bast k�mpfte den Schmerz mit einer kurzen, aber ungemein heftigen Anstrengung nieder und spannte sich, und der Riese, der sie niedergeworfen hatte, schlug ihr mit der linken Hand brutal ins Gesicht und rammte ihr gleichzeitig den Pistolenlauf unter das Kinn.</p><p>�Versuchen Sie's lieber nich', Miss�, sagte er. �Selbst wenn Sie's schaffen, dass ich Ihnen nich' in den Kopf schie�e, w�rd's den andern schlecht bekommen.�</p><p>Ganz instinktiv wollte Bast ihn trotzdem von sich herunterschleudern, indem sie die Beine gegen den Boden stemmte und den R�cken durchbog, und jeden anderen Gegner an seiner Stelle h�tte sie auf diese Weise auch vermutlich abgesch�ttelt wie ein bockendes Wildpferd einen unerfahrenen Reiter.</p><p>Ungl�cklicherweise war Ben beinahe genauso stark wie sie. Er brauchte zwar all seine Kraft, um nicht abgesch�ttelt zu werden, aber die Pistole bohrte sich nur noch tiefer unter ihr Kinn, sodass sie kaum noch atmen konnte, und gleichzeitig schlug er ihr noch einmal mit dem Handr�cken ins Gesicht.</p><p>Diesmal platzte ihre Unterlippe auf, und sie schmeckte ihr eigenes Blut. Etwas klickte, und Bast sah wie durch einen roten Nebelschleier hindurch, wie der Hahn der Waffe zur�ckgezogen wurde und sich Bens Finger um den Abzug spannte.</p><p>Bast erstarrte. Sie war schnell, aber nicht so schnell, und eine Pistolenkugel ins Gesicht w�rde selbst sie auf der Stelle t�ten.</p><p>�Sehr vern�nftig�, sagte Ben. �Ich w�rd Sie wirklich ungern erschie�en, Miss. Aber ich werd's tun, wenn's sein muss.�</p><p>�Den Teufel wirst du tun, Arschloch�, sagte eine Stimme hinter ihm. �Die kleine Schlampe nehm ich mir selbst vor.�</p><p>Bast drehte - unendlich vorsichtig - den Kopf, um nach dem Sprecher Ausschau zu halten. Sie sah ihn nicht, wohl aber Mrs Walsh und Cindy, die beide von zwei grobschl�chtigen Kerlen in derben Kleidern und mit noch derberen Gesichtern festgehalten wurden. Bei Cindy beschr�nkte sich der Kerl darauf, sie einfach an den Schultern festzuhalten, der Bursche, der Mrs Walsh gepackt hatte, drehte ihr den linken Arm auf den R�cken und hielt ihr mit der anderen Hand ein Messer an die Kehle. Kapit�n Maistowe hockte nur ein kleines St�ck daneben auf H�nden und Knien und sah benommen aus. Vielleicht war er auch vor Schrecken erstarrt, denn hinter ihm stand ein dritter Kerl, der mit einer doppell�ufigen Schrotflinte auf seinen Kopf zielte.</p><p>�Tja, ist genau so, wie Ben sagt�, fuhr die Stimme fort. �Du kannst es versuchen, aber wenn dir was an deinen Freunden liegt, solltest du es bleiben lassen.�</p><p>Bast drehte den Kopf in die andere Richtung und erkannte Roy, der mit dem R�cken an der wieder geschlossenen T�r lehnte und sie breit angrinste. Allerdings erst auf den zweiten Blick, denn er hatte kaum noch �hnlichkeiten mit dem kraftstrotzenden Riesen, als den Bast ihn kennen gelernt hatte.</p><p>Sein Gesicht war so grau wie das einer Leiche und wirkte eingefallen, als h�tte er eine lange und schwere Krankheit hinter sich. Seine Augen lagen tief in den H�hlen und blickten tr�b, und Bast war nicht sicher, ob er wirklich nur gegen die T�r gelehnt dastand, weil er auf diese Weise l�ssiger wirkte. Es kam ihr tats�chlich vor, als w�re er <emphasis>kleiner </emphasis>geworden.</p><p>�Ich h�tte dich doch umbringen sollen�, sagte sie m�hsam. Sie konnte immer noch nicht richtig atmen. Noch ein paar Minuten, und sie w�rde einfach unter Bens Gewicht ersticken.</p><p>�Hast du aber nicht, S��e�, antwortete Roy. �Dumm von dir. Wie ist es - willst du noch ein bisschen unter Ben liegen bleiben, oder bist du vern�nftig und versprichst mir, keine Dummheiten zu machen, wenn er dich losl�sst?�</p><p>Bast sah noch einmal zu Mrs Walsh hin. An ihrem Hals lief mittlerweile eine d�nne rote Linie hinab.</p><p>�Das werte ich jetzt mal als Ja�, sagte Roy. �Lass sie los, Ben. Aber pass auf. Die kleine Wildkatze ist gef�hrlich.�</p><p>Ben musste wohl derselben Meinung sein, denn er stemmte sich zwar vorsichtig in die H�he - wobei er ihr mindestens eine weitere Rippe brach, und diesmal konnte sie ein leises gequ�ltes St�hnen nicht mehr ganz unterdr�cken -, aber der Pistolenlauf bewegte sich dabei um keinen Millimeter; auch nicht, als Bast umst�ndlich aufzustehen versuchte. Es gelang ihr kaum, denn sie musste den Kopf so weit in den Nacken legen, dass sie beinahe sofort wieder hinten�bergefallen w�re.</p><p>�Vielleicht ...�, w�rgte sie m�hsam hervor, �k�nnten wir uns besser unterhalten, wenn ich ... atmen d�rfte.�</p><p>�Netter Versuch�, sagte Roy. �Aber dazu bist du mir zu gef�hrlich. Wenn's nach mir ginge, w�rst du schon tot. Aber was nich' ist, kann ja noch werden. Bind ihr die H�nde zusammen, Ben. Auf dem R�cken.�</p><p>Endlich verschwand der Pistolenlauf von ihrem Hals, und Bast konnte den Kopf wieder in eine normale Haltung senken und wieder atmen. Jedenfalls, soweit es der grausame Schmerz in ihrer Lunge zulie�. Sie schmeckte immer noch Blut. Und nicht nur auf der Zunge. Mittlerweile schien sich der gl�hende Dolch tief in ihren Leib zu bohren, und das Rei�en und Brennen wurde immer schlimmer. Ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen, und sie h�tte in diesem Moment gar nicht mehr die Kraft gehabt, sich zu wehren. Ben war mit einem einzigen Schritt hinter ihr, dr�ckte ihre Handgelenke zusammen und legte irgendetwas darum, das sich sehr kalt und sehr hart anf�hrte. Metall. Sie registrierte fast beil�ufig, dass Roy mittlerweile ebenfalls eine Waffe gezogen hatte und auf sie zielte.</p><p>Sie konzentrierte sich, dr�ngte den Schmerz zur�ck und schloss f�r ein paar Sekunden die Augen.</p><p>Es funktionierte, allerdings nicht sehr gut, und sie wagte auch nicht zu prophezeien, wie oft noch. Der Schmerz zog sich fauchend und spuckend wie eine w�tende Katze zur�ck, und ihre Gedanken kl�rten sich, aber es war nicht nur der k�rperliche Schmerz, gegen den sie k�mpfte. Da war noch etwas, tief in ihr, etwas, das ungleich schlimmer und �lter war, und das erwachen wollte. Wenn das geschah, dann w�rde keine Macht der Welt Roy und seine M�nner noch retten k�nnen. Und Mrs Walsh, Jacob und Cindy auch nicht.</p><p>Ben war mit dem, was immer er auch mit ihren H�nden tat, fertig, und trat mit einem fast hastigen Schritt zur�ck und - in sicherem Abstand - neben sie und zielte sofort wieder auf ihre Brust, und Bast spannte probehalber die Arme. Ebenso gut h�tte sie versuchen k�nnen, die gro�en Statuen von Abu Simbel mit blo�en H�nden einzurei�en. Ben hatte ihr Handschellen angelegt, woher auch immer er sie haben mochte.</p><p>Als h�tte er ihre Gedanken gelesen - wahrscheinlich hatte er schlichtweg ihre Anstrengungen bemerkt -, griente Roy noch breiter. �Versuch es erst gar nicht, Sch�tzchen�, sagte er. �Bester englischer Stahl. Nicht einmal du kannst sie zerrei�en. Eine freundliche Leihgabe von Konstabler Stowe. Ich glaube, du kennst ihn.�</p><p>Bast funkelte ihn an. Sie vermied es absichtlich, Cindy oder Mrs Walsh anzusehen, aber der Druck auf die unsichtbaren Ketten in ihrem Inneren wurde immer st�rker. Sie fragte sich, wie lange sie das Ungeheuer noch b�ndigen konnte.</p><p>�Lass die anderen gehen, Roy�, sagte sie. �Das hier geht nur uns etwas an. Mrs Walsh und Kapit�n Maistowe haben nichts damit zu tun. Und das M�dchen auch nicht.�</p><p>�Wie edel.� Roy lachte b�se. �Sonst opfern sich doch immer nur die M�nner f�r die Frauen, oder?� Er winkte ab. �Spielt aber keine Rolle. Eine normale Frau bist du ja sowieso nicht.�</p><p>Seine Waffe zielte immer noch auf ihre Brust, und auf einer tiefen, beinahe unbewussten Ebene wog Bast ganz analytisch ihre Chancen ab, lebend aus dieser Situation heraus zu kommen. Sie standen nicht besonders schlecht. Weder ihre gefesselten H�nde noch ihre Verletzung konnten sie wirklich davon abhalten, Roy und alle seine Leute umzubringen. Aber dazu musste sie das Ungeheuer in sich von der Kette lassen. Sie musste zu Sachmet werden - vielleicht endg�ltig, und das w�rden auch Mrs Walsh und die beiden anderen nicht �berleben.</p><p>��berlegen Sie sich genau, was Sie tun�, sagte Maistowe. �Ich schw�re Ihnen, wenn den Frauen etwas passiert, dann ...�</p><p>Roy gab dem Burschen hinter ihm einen Wink mit den Augen, und Maistowe brach mit einem Wimmern zusammen, als der Mann ihm den Gewehrlaut gegen die Schl�fe h�mmerte. Cindy begann zu weinen.</p><p>�Das ist nicht n�tig�, sagte Bast ruhig. �Lass sie da raus. Wenn du meinetwegen hier bist, dann mach das mit mir aus. Oder bist du zu feige dazu?�</p><p>Roy sch�ttelte langsam den Kopf. �Man muss kein Feigling sein, um Angst vor dir zu haben, Schlampe�, sagte er. �Und ich w�rd dir deinen Wunsch ja gern erf�llen, aber damit w�re Maude wohl nicht einverstanden.�</p><p>�Maude?� Bast starrte einen halben Atemzug lang ihn und deutlich l�nger Ben an. Roy grinste triumphierend weiter, aber Ben wich ihrem Blick aus.</p><p>�Wozu hat man Freunde?�, griente Roy. �Maude will ihr Eigentum zur�ck, und wir zwei haben noch eine Rechnung offen, erinnerst du dich?� Sein L�cheln erlosch, und seine Augen wurden pl�tzlich so hart wie Stein. �Hast du wirklich geglaubt, die Sache w�re damit erledigt? Wei�t du, du hattest recht, P�ppchen: Du h�ttest mich umbringen sollen, als du die Gelegenheit dazu gehabt hast. Jetzt bin ich dran. Maude will die Kleine zur�ck. Was mit dir passiert, ist ihr egal.�</p><p>��bertreib es nicht�, sagte Ben. Schon seine Stimme verriet ihr, wie wenig wohl er sich in seiner Haut f�hlte.</p><p>�Halt's Maul�, sagte Roy. �Und wenn wir schon mal dabei sind, dann tritt doch mal einen Schritt zur Seite.�</p><p>�Warum?�, fragte Ben.</p><p>�Weil ich kein besonders guter Sch�tze bin�, sagte Roy und dr�ckte ab.</p><p>Es kam zu �berraschend, als dass sie der Kugel noch h�tte ausweichen k�nnen. Sie warf sich im letzten Augenblick herum und zur Seite, sodass die Kugel nicht ihr Herz traf. Aber es war wie ein Schlag in den Magen; ein brutaler Hieb mit einem Vorschlagh�mmer, der ihren Leib in zwei H�lften aus purer Agonie zu zerrei�en schien und sie mit einem gellenden Schrei auf die Knie fallen lie�.</p><p>Etwas in ihr zerriss, und es waren nicht nur Muskeln und Sehnen und empfindliches Fleisch. Blut schoss aus ihrem Magen und die Kehle hinauf und �ber ihre Lippen. Sie fiel nach vorne, brachte es irgendwie fertig, ihren Sturz halbwegs abzufangen und nicht aufs Gesicht zu fallen und kr�mmte sich im n�chsten Moment vor Schmerz so sehr, dass ihre Stirn trotzdem auf den Boden knallte. Alles in ihr war <emphasis>Qual.</emphasis></p><p>�Bist du verr�ckt geworden?!�, keuchte Ben. Mrs Walsh wimmerte vor Angst.</p><p>�Nur keine Sorge�, sagte Roy. �Das h�lt sie aus. Die Schlampe ist z�h.�</p><p>Bast kippte st�hnend und verzweifelt nach Luft ringend auf die Seite. Das Ungeheuer in ihr schrie, aber nicht einmal Sachmets Kr�fte reichten, die st�hlernen Fesseln zu zerrei�en, die ihre H�nde hielten. Flammen verzehrten ihren K�rper. Etwas in ihr ... tobte.</p><p>Aber da war nichts, was sie tun konnte.</p><p>�Das war ich dir noch schuldig, Sch�tzchen�, sagte Roy. �Aber wir sind trotzdem noch nicht quitt.� Er stie� sich - m�hsam - von der T�r ab und hatte sichtliche M�he, aufrecht zu gehen. �Also gut. Ben, Jack - ihr passt auf unsere G�ste auf. Matt und Frankie, ihr nehmt euch die Schlampe vor. Aber passt auf, dass sie mit euch nicht dasselbe macht wie mit mir. Ihr seht ja, was sie mir angetan hat.�</p><p>Bast versuchte sich hochzustemmen, aber ihre Kraft reichte nicht. Alles drehte sich um sie, und sie hatte das Gef�hl, immer schneller in einem Ozean aus reiner Agonie zu versinken, an dessen Grund eine unvorstellbar tiefe Schw�rze lauerte. Roy sagte noch etwas, das sie nicht mehr verstand, weil das H�mmern ihres eigenen Herzschlages in ihren Ohren mittlerweile jeden anderen Laut verschluckte.</p><p>Jemand zerrte sie brutal auf die F��e und schlug ihr ins Gesicht, was absolut �berfl�ssig war; sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, zu stehen und w�re sofort wieder zusammengebrochen, h�tte der gleiche Kerl sie nicht auch aufgefangen.</p><p>�Vielleicht gehst du besser auch noch mit, Stan�, sagte Roy. �Sollst auch deinen Spa� haben.�</p><p>�Spa�? Mit der? Die ist doch halb tot!�</p><p>�Dann solltet ihr euch besser beeilen, wenn ihr noch was von der Schlampe haben wollt�, kicherte Roy. �Ben und ich am�sieren uns inzwischen ein bisschen mit der kleinen Cindy und ihrer neuen Familie - nicht wahr, meine S��e?�</p><p>�Du r�hrst die Kleine nicht an�, sagte Ren. �Maude will sie unversehrt zur�ck.�</p><p>Roy schnaubte irgendetwas, das Bast aber schon nicht mehr verstand. Ihre Arme wurden brutal auf den R�cken gedreht, und eine dritte Hand krallte sich in ihr Haar und zwang ihren Kopf in den Nacken, w�hrend sie von zwei der Kerle die Treppe hinaufgesto�en wurde. Der dritte war bereits die Stufen hinaufgeeilt und stie� die erstbeste T�r auf, die er fand.</p><p>Bast versuchte sich gegen den erbarmungslosen Griff zu stemmen, aber sie f�hlte sich so schwach und hilflos wie ein neugeborenes Kind. Sie blutete stark. Ihr Kleid war bereits nass und schwer, und sie hinterlie� eine dunkelrote, breite Spur auf dem Teppich und den Stufen, die die beiden Schl�ger sie hinaufzerrten. Aber viel schlimmer noch blutete sie nach innen. Nie zuvor im Leben hatte sie solche Schmerzen gehabt, und sie sp�rte, dass sie auch nur selten dem Tod so nahe gewesen war. Ihr K�rper k�mpfte mit all seiner unglaublichen Kraft gegen die schrecklichen Verletzungen an, die sie erlitten hatte, und w�re die Situation nur ein klein wenig anders gewesen, so h�tte er diesen Kampf auch zweifellos gewonnen. Sie brauchte nur wenige Minuten, um wieder so weit zu Kr�ften zu kommen, dass sie sich wenigstens bewegen konnte. Aber vielleicht w�rde sie diese wenigen Minuten nicht mehr haben.</p><p>�Du wei�t, dass Maude sie lebend haben will�, sagte Ben unter ihr.</p><p>�Was Maude will, ist mir schei�egal�, schnaubte Roy. �Die Schlampe ist viel zu gef�hrlich, um sie am Leben zu lassen - muss ich das ausgerechnet dir erkl�ren? Wenn ihr mit ihr fertig seid, dann schneidet ihr die Kehle durch!�, rief er den beiden Kerlen nach, die sie die Treppe hinaufschleiften. �Oder auch vorher. Is' mir egal!�</p><p>Irgendwie brachte Bast die Kraft auf, zumindest den Kopf zu drehen und einen Blick nach unten zu werfen. Roy lehnte noch immer an der T�r und grinste zu ihr herauf, und Ben hielt nun die Schrotflinte in der Hand, mit der er Mrs Walsh und Cindy bedrohte. Er wich ihrem Blick aus.</p><p>Sie wurde weitergezerrt und grob durch die T�r und auf das Bett gesto�en. Ihre H�fte stie� gegen einen der Bettpfosten, und es tat so weh, dass sie das Gef�hl hatte, gepf�hlt zu werden. Ihr wurde schwarz vor Augen, vielleicht verlor sie f�r einen Moment auch das Bewusstsein.</p><p>Als sich ihre Sinne wieder zur�ckmeldeten - allen voran ihr <emphasis>Schmerzempfinden -,</emphasis> lag sie halb auf dem Bett, halb kniete sie davor, und sie f�hlte, wie das Blut wortw�rtlich aus ihr herausstr�mte und das Bettzeug und die Matratze besudelte. Verzweifelt schrie sie nach ihrer dunklen Schwester, deren Ketten der grausame Schmerz l�ngst zerrissen hatte - immer noch besser als Sachmet weiterleben denn als Bastet sterben -, aber sie bekam keine Antwort. Das Ungeheuer, gegen das sie zeit ihres Lebens gek�mpft hatte, war nicht mehr da.</p><p>Schritte polterten, und jemand riss ihr den Mantel von den Schultern und schlug ihr Kleid hoch. �He!�, sagte eine anerkennende Stimme. �Die Kleine tr�gt ja nicht mal was drunter. Das macht es einfacher. Willst du zuerst, Stan?�</p><p>�Ich bin doch nicht so krank wie ihr und v�gele mit einer Leiche�, antwortete eine ver�chtliche Stimme. �Ich warte vor der T�r. Macht, was ihr wollt, aber beeilt euch ein bisschen.�</p><p>Die T�r fiel ins Schloss, und Bast biss die Z�hne zusammen und versuchte sich gegen den Schmerz zu wappnen, der kommen musste.</p><p>Es nutzte nichts. Der Kerl nahm sie schnell und wohl absichtlich so brutal, wie er nur konnte, und der Schmerz lie� die noch immer tobende Qual in ihrem Leib zu schierer Agonie explodieren. F�r einen Moment war sie dem Tod nicht nur nahe, sondern <emphasis>ber�hrte </emphasis>ihn, eine dunkle, sanfte Macht, an der nichts Erschreckendes war, und auch nichts Forderndes, sondern die einfach nur stumm und geduldig darauf wartete, sie in ihre warme Umarmung schlie�en zu k�nnen.</p><p>Aber diesmal nicht. Noch nicht.</p><p>Bast besann sich endlich auf das, was ihr schon mehr als einmal das Leben gerettet hatte, zwang sich, der unvorstellbaren Agonie nicht nur standzuhalten, sondern sie ihrerseits zu nutzen, auch wenn das, was sie erlitt, die Grenzen des Vorstellbaren dabei selbst f�r sie �berschritt. Aber es gelang ihr, f�r einen Moment alles andere aus ihrem Bewusstsein auszublenden und nach seinem Geist zu greifen.</p><p>Er merkte es nicht einmal, jedenfalls nicht, bevor es zu sp�t war. Bast gewann schon in den ersten Augenblicken genug Kraft, um der Qual endg�ltig Herr zu werden und sie zu blo�em Schmerz zu machen, schlimm, aber ertr�glich. Sie sp�rte, wie der Blutstrom bereits zu versiegen begann und sich ihr K�rper nun mit Macht daranmachte, den angerichteten Schaden zu reparieren, und pl�tzlich wurde ihr klar, in welch schrecklicher und erniedrigender Lage sie sich befand; wortw�rtlich. Dennoch lie� sie den Kerl noch zwei, drei Augenblicke gew�hren, bevor sie sich der lebendigen Flamme in ihm weiter n�herte, und mehr nahm. Mehr. Mehr.</p><p>Da er hinter ihr stand, konnte sie sein Gesicht und den Ausdruck darauf nicht erkennen, aber sie hatte es schon viel zu oft erlebt, um nicht zu wissen, dass in seinen Augen pl�tzlich ein Ausdruck vager Verwirrung erschien, gefolgt von einem pl�tzlichen Erschrecken, das in j�hes Entsetzen umschlug, als er nicht nur begriff, <emphasis>dass </emphasis>etwas mit ihm geschah, sondern auch, <emphasis>was.</emphasis></p><p>Alle begriffen es, im letzten Moment.</p><p>Er h�rte auf, sich zu bewegen, oder versuchte es wenigstens, aber das lie� sie nicht zu. Sie war l�ngst schon wieder viel zu stark, als dass er eine Chance gegen sie gehabt h�tte, sie zwang ihn, weiterzumachen, mit langsamen, sehr gleichm��igen Bewegungen jetzt, und er begann zu st�hnen. Aber es waren keine Laute der Lust, sondern das genaue Gegenteil, nichts als Qual und das schiere Entsetzen, als er sp�rte, wie das Leben aus ihm herausgerissen wurde, rasch und mit unerbittlicher Kraft und auf eine Art, die er sich bisher nicht einmal hatte vorstellen k�nnen.</p><p>�Ist alles in Ordnung mit dir, Frankie?�</p><p>Bast erinnerte sich erst jetzt des zweiten Kerls, der mit ihnen hereingekommen war, und schenkte dem Burschen hinter sich noch einige Sekunden Leben, indem sie ihn nun doch aus ihrem Griff entlie� und ihm gestattete, aufzuh�ren. Er taumelte einen Schritt zur�ck, strauchelte und k�mpfte einen Moment lang mit verzweifelter Anstrengung darum, auf den Beinen zu bleiben, verlor diesen Kampf aber. Am ganzen Leib zitternd sank er auf die Knie und weiter nach vorne, bis er seinen Sturz im letzten Augenblick mit den H�nden abfing.</p><p>�Frankie, verdammt, was ist mit dir?� Der andere Bursche war mit einem Satz neben ihm. �Was hat die verdammte Hexe mit dir gemacht?�</p><p>�Dasselbe, was ich mit dir tun werde�, sagte Bast. Ihre Stimme klang br�chig, und sie zitterte noch immer leicht, als sie sich herumdrehte. �Und steck die Pistole weg. So etwas ist doch zwischen uns wohl nicht notwendig, oder?�</p><empty-line/><empty-line/><p>Bast hatte niemals an die Macht des Schicksals oder b�se Fl�che oder Vorahnungen geglaubt, aber mittlerweile war sie nicht mehr sicher, ob es vorhin wirklich gut gewesen war, sich so abf�llig �ber den Londoner Nebel zu �u�ern. Ob es nun der typische Londoner oder ganz normaler Nebel war, das Zeug lag wie eine vom Himmel gefallene Wolke �ber der Stra�e und beschr�nkte nicht nur ihre Sichtweite auf kaum zwanzig Fu�, sondern tr�nkte auch alles mit eisiger N�sse und machte die Ziegelsteinwand so glitschig, dass sie bis zuletzt nicht einmal sicher gewesen war, das kurze St�ck his zum Dach hinauf �berhaupt zu schaffen. Sie war bis auf die Haut durchn�sst - diesmal nicht von ihrem eigenen Blut, sondern ganz ordin�rer N�sse, aber das Zeug war <emphasis>eisig. </emphasis>Die Wand, an der sie emporstieg, war glitschig wie Schmierseife, und ihre Finger und Zehen waren vor K�lte taub.</p><p>Vielleicht h�tte sie doch die Treppe nehmen sollen.</p><p>Bast zog sich mit einer letzten Anstrengung auf das steile Dach hinauf, biss die Z�hne zusammen, als sie sp�rte, wie eisig die Dachziegel waren und blieb einen Moment mit geschlossenen Augen liegen, bis sie wieder zu Atem gekommen war. Sie hatte nicht viel Zeit.</p><p>Sie hatte den zweiten Burschen schnell genommen und sich anschlie�end auch noch den Rest von Lebenskraft geholt, der noch in Frankie war. Es hatte nicht lange gedauert, aber es <emphasis>hatte </emphasis>gedauert, und sie glaubte nicht, dass Stan noch lange vor der T�r stehen und darauf warten w�rde, bis seine Freunde mit ihr fertig waren. Einen Moment lang hatte sie erwogen, ihn unter einem Vorwand hereinzurufen oder schlichtweg durch die T�r hindurch zu erschie�en, um anschlie�end auf den Gang hinauszust�rmen und dasselbe mit Roy und Ben zu tun. Ihre Chancen, es zu schaffen, standen nicht schlecht. Sie f�hlte sich kr�ftig und energiegeladen wie schon seit langer Zeit nicht mehr. Von Roy hatte sie nur das Notwendigste genommen; genug, um den schlimmsten Hunger zu stillen und ihn am Leben zu lassen, wie sie es - fast - immer tat. Die beiden gerade hatte sie vollkommen verzehrt, und sie f�hlte sich so stark wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Beinahe konnte sie Horus und die anderen verstehen, die es vorzogen, ihren Hunger auf <emphasis>diese </emphasis>Weise zu stillen.</p><p>Sie verscheuchte den Gedanken und setzte ihren Weg auf H�nden und Knien fort. Nach einem Augenblick erreichte sie den First, glitt hin�ber und auf der anderen Seite wieder bis zur Dachkante hinab. Der Hinterhof lag gut zwanzig Fu� unter ihr, vielleicht mehr, aber sie hatte keine Zeit f�r einen anstrengenden und vor allem <emphasis>langsamen </emphasis>Abstieg und legte die Entfernung mit einem entschlossenen Sprung zur�ck. Sie kam - beinahe - lautlos auf, verbrauchte die restliche Energie mit einer geschmeidigen Rolle und schluckte einen Fluch herunter, als ihr Fu� gegen irgendetwas stie�, das mit einem h�rbaren Scheppern davonflog. Ein verirrter Lichtstrahl brach sich auf blitzendem Gold.</p><p>Bast runzelte die Stirn, ging ein zweites Mal in die Hocke und hob das abgebrochene Schwert auf, das sie am vergangenen Abend so achtlos fallen gelassen hatte. Die verbliebene Klinge war k�rzer als ihr kleiner Finger, aber immer noch besser eine zerbrochene Waffe als <emphasis>keine </emphasis>Waffe.</p><p>Unendlich behutsam �ffnete sie die Hintert�r, schl�pfte in die K�che und lie� sich in die Hocke sinken, um durch das Schl�sselloch zu sp�hen. Sehr viel konnte sie nicht sehen, Roy lehnte immer noch mit dem R�cken an der T�r und zielte mit seiner Pistole auf Maistowe, der sich mittlerweile auf die Knie erhoben hatte und mit beiden H�nden seinen Kopf hielt. Mrs Walsh kniete neben ihm und schien mit leiser Stimme auf ihn einzureden, und von Cindy und Ben konnte sie gar nichts sehen, aber sie war ziemlich sicher, dass Ben dem M�dchen nichts tun w�rde. Dennoch gefiel ihr nicht, was sie sah. Sie hatte auf ihre gewohnte Taktik - einen direkten kompromisslosen Angriff ohne R�cksicht auf sich oder andere - verzichtet, um Mrs Walsh und Maistowe nicht in Gefahr zu bringen. Sie war schnell, aber nicht schneller als eine Pistolenkugel, und Roy w�rde keinen Sekundenbruchteil z�gern, die beiden zu erschie�en, und daran hatte sich nicht besonders viel ge�ndert.</p><p>Bast �berlegte angestrengt und fuhr dann erschrocken zusammen, als irgendetwas sie sacht am Bein ber�hrte. Aber es war nur Cleopatra, die sich schnurrend an ihr rieb und um Streicheleinheiten bettelte.</p><p>�Jetzt nicht, Cleopatra�, sagte Bast, schob die Katze ein kleines St�ck zur Seite und besann sich dann eines Besseren. Lautlos rief sie Cleopatra zur�ck, dr�ckte vorsichtig die Klinke herunter und sp�hte durch den T�rspalt. Sie konnte Ben erkennen, der auf der untersten Stufe Platz genommen und die Schrotflinte quer �ber die Knie gelegt hatte. Cindy hockte ein kleines St�ck weiter mit angezogenen Knien auf dem Boden und starrte aus blicklosen Augen ins Leere. Wahrscheinlich war es besser, wenn sie sich zuerst um Roy k�mmerte. Ben war zweifellos der gef�hrlichere Gegner, aber Bast glaubte nicht, dass er ebenso skrupellos wie Roy schie�en w�rde. Jedenfalls nicht auf Mrs Walsh und Jacob.</p><p>Vorsichtig �ffnete sie die T�r weiter und gab Cleopatra einen lautlosen Befehl, woraufhin die Katze durch den T�rspalt schl�pfte und ein lautstarkes Maunzen ausstie�. Roy fuhr erschrocken herum, und auch Ben fuhr zusammen und hob blitzartig sein Gewehr, entspannte sich aber auch genauso schnell wieder und sch�ttelte lachend den Kopf.</p><p>�Entspann dich, Roy�, sagte er. �Es ist nur eine Katze.�</p><p>Eine Sekunde lang starrte Roy die schwarze Katze fast hasserf�llt an, und Bast rechnete fast damit, dass er seine Pistole heben und sie erschie�en w�rde. Dann aber lie� er mit einem nerv�sen L�cheln die Waffe sinken und wandte sich um, und Bast stie� die T�r auf und st�rzte sich auf ihn.</p><p>Sie hatte sich trotz allem versch�tzt. Sie hatte gewusst, dass Ben der gef�hrlichere der beiden war, aber sie h�tte trotz allem nicht gedacht, dass er so schnell war. Roy glotzte sie einfach nur aus hervorquellenden Augen an und verstand ganz offensichtlich �berhaupt nichts, aber Maudes pers�nlicher Gorilla reagierte daf�r umso schneller: Er sprang hoch, wirbelte das Gewehr herum und dr�ckte ab, alles in einer einzigen, unglaublich schnellen Bewegung, und Bast fand gerade noch Zeit, sich mitten im Sprung herumzuwerfen und zu ducken.</p><p>Drei oder vier Schrotkugeln bissen wie kleine, zornige Hornissen in ihre Schulter und ihren linken Oberarm, aber der Gro�teil der Ladung stanzte ein rauchendes Loch in die Haust�r, ohne dass ihre Wucht nennenswert von dem Umweg gebremst zu werden schien, den sie durch Roys Gesicht und Hinterkopf nehmen musste. Roy brach mit einem sonderbar gurgelnden Laut zusammen und begann mit Armen und Beinen zu zucken und Blut in alle Richtungen zu verspritzen, unglaublicherweise immer noch am Leben, und Bast kam mit einer blitzartigen Rolle auf die F��e, t�uschte eine Bewegung nach links an und warf sich dann in die entgegengesetzte Richtung.</p><p>Bens Schrotflinte entlud ihren zweiten Lauf mit einem donnernden Knall, der ihr zehnmal lauter vorkam als der erste Schuss, aber ihre Finte hatte funktioniert: Die Schrotladung verfehlte sie weit und lie� ein gutes Drittel des Kaminsimses explodieren.</p><p>Bast sprang direkt auf Ben zu und hob den Schwertgriff. Im allerletzten Moment registrierte sie eine Bewegung am oberen Ende der Treppe und erkannte Stan, Roys dritten Schl�ger, der, vom Ger�usch der Sch�sse angelockt, herangest�rmt kam und mit einem rostigen Revolver herumfuchtelte. Sie traf eine blitzartige Entscheidung und schleuderte den Schwertgriff in seine Richtung, statt ihn Ben ins Herz zu rammen, wie sie es urspr�nglich vorgehabt hatte. Das zerbrochene Schwert verwandelte sich in einen goldfarbenen Blitz, der sich ein halbes Dutzend Mal in der Luft �berschlug, bevor er sich so tief in Stans Hals bohrte, dass der Kerl zur�ckgeworfen und regelrecht an die Wand genagelt wurde. Er war tot, noch bevor der Revolver seinen Fingern entglitt und sich �berschlagend die Treppe herunterzupoltern begann.</p><p>Und Bast begriff in einer grellwei�en Lohe aus reinem Schmerz, dass sie Ben trotz allem abermals untersch�tzt hatte. Er z�gerte keinen Sekundenbruchteil, und statt etwas so Dummes zu tun wie etwa nach ihr zu schlagen oder sie gar mit blo�en H�nden zu packen, rammte er ihr den Gewehrlauf mit solcher Gewalt in den Leib, dass sie nach Luft japsend zusammenbrach und nur noch ein rotes Wabern wahrnahm. Ihre Kr�fte verlie�en sie, und ihr ganzer K�rper schien sich von innen heraus zu verfl�ssigen und dabei Feuer zu fangen. Auch ihre Leidensf�higkeit hatte Grenzen, und die waren erreicht.</p><p>Als sie nach vorne kippte, rammte ihr Ben das Knie ins Gesicht. Bast wurde nach hinten geschleudert und blieb halb bewusstlos auf dem R�cken liegen. Sie verlor nicht wirklich die Besinnung, aber sie st�rzte �ber eine unsichtbare Klippe und befand sich f�r einen Moment in einem Zustand, der einer Ohnmacht so nahekam, wie es �berhaupt nur ging. Wie aus unendlicher Entfernung registrierte sie, wie Ben das Gewehr in den H�nden herumdrehte und die Waffe nun wie eine Keule schwang, um ihr damit den Sch�del einzuschlagen, versuchte instinktiv, von ihm wegzukriechen und sp�rte selbst, dass es ihr nicht gelang.</p><p>Alles ging wahnsinnig schnell, und zugleich schien die Zeit f�r sie stehen zu bleiben. Ihre Kr�fte kehrten rasend schnell zur�ck, und nun war auch jene andere, d�stere Macht in ihr wieder da, die sich mit einem w�tenden Kreischen auf ihren Feind st�rzen und die Krallen in sein empfindliches Fleisch schlagen und ihn zerrei�en wollte, aber nichts davon w�rde sie jetzt noch retten.</p><p>Ben machte einen einzelnen, stampfenden Schritt auf sie zu, nahm breitbeinig �ber ihr Aufstellung und hob seine improvisierte Keule zu einem vernichtenden Hieb. Dann keuchte er, riss ungl�ubig die Augen auf und kippte dann wie ein gef�llter Baum zur Seite, als sein rechtes Bein pl�tzlich unter ihm nachgab.</p><p>Bast warf sich instinktiv zur Seite, rollte sich keuchend vor Schmerz auf die Knie und begriff, dass das eine ganz besonders schlechte Idee gewesen war, als das Rei�en und Zerren in ihrem Leib noch einmal schlimmer wurde. Ihre Wunde war wieder aufgebrochen und machte ihr mehr zu schaffen denn je. Sie konnte sich kaum bewegen, so sehr sie es auch versuchte, und nicht einmal das Wissen, dass sie noch l�ngst nicht au�er Gefahr und Ben auch auf H�nden und Knien kriechend noch immer ein t�dlicher Gegner war, vermochte daran etwas zu �ndern.</p><p>Wieso war er �berhaupt gest�rzt?</p><p>Bast zwang sich mit einiger M�he, die Augen zu �ffnen, um wenigstens zu Ben hin�berzusehen, und wurde mit einem schon fast absurden Anblick belohnt: Ben lag kaum einen Meter neben ihr auf der Seite und starrte, noch immer mit demselben, nichts anderes als verbl�fften Ausdruck auf dem Gesicht, seinen rechten Fu� an, unter dem sich allm�hlich eine dunkelrote Lache bildete, und Mrs Walsh hockte nur ein kleines St�ck neben ihm auf den Knien und starrte auf das winzige K�chenmesser, mit dem sie die Sehne an seinem rechten Knie durchtrennt hatte, mit einem sauberen Schnitt von links nach rechts.</p><p>�Du verdammte bl�de Kuh�, murmelte er, noch immer viel mehr �berrascht und emp�rt als wirklich w�tend. �Was ... was hast du gemacht?�</p><p>Er versuchte sich hochzustemmen, fiel mit einem schmerzhaften Keuchen wieder zur�ck und w�lzte sich auf das andere Bein. Das Gewehr war ihm beim Sturz entglitten, aber er brauchte keine Waffe, um einer alten Frau mit blo�en H�nden das Genick zu brechen. Mrs Walsh starrte ihn aus riesigen Augen an und r�hrte sich um keinen Zoll. �Daf�r werd ich dir ...�</p><p>Bast warf sich auf ihn, schlang den Am um seinen Hals und riss ihn nach hinten. Ben war viel zu �berrascht, um sich zu wehren, zumindest im allerersten Moment, und als er seine Verbl�ffung �berwand und seinerseits nach ihr griff, um sie zu packen, �berraschte Bast ihn ein weiteres Mal, indem sie nicht einmal versuchte, ihm Widerstand entgegenzusetzen, sondern sich einfach herumwirbeln und unter ihm begraben lie�. Seine linke Hand schloss sich mit erbarmungsloser Kraft um ihren Hals und schn�rte ihr den Atem ab, die andere hatte er zur Faust geballt, um sie ihr mit aller Gewalt ins Gesicht zu schmettern. Von dem sanften Riesen, als den Bast ihn trotz allem immer noch eingesch�tzt hatte, war nichts mehr geblieben. In seinen Augen loderte die blanke Mordlust.</p><p>Bast war schneller. Ihre H�nde schossen hoch, krallten sich in sein Haar und zerrten sein Gesicht zu sich herab, und ihre Lippen ber�hrten sich.</p><p>Bens erhobene Faust erstarrte, und in die Wut in seinem Blick mischte sich �berraschung - und dann war es auch schon zu sp�t.</p><p>Sie sp�rte ihn nicht in sich, und ihre Vereinigung erfolgte auch nicht freiwillig, was es f�r sie leichter gemacht h�tte, aber der Unterschied war nicht sehr gro�. Wenn sie Sachmets Meinung interessiert h�tte, so h�tte sie ihr vermutlich sogar gesagt, dass es so leichter war; oder zumindest <emphasis>befriedigender. </emphasis>Das Raubtier in ihr griff nach Bens Lebenskraft und zerrte sie einfach aus ihm heraus. Bens Augen weiteten sich. Er war tats�chlich stark, geradezu unvorstellbar stark f�r einen ganz normalen Menschen. Er wehrte sich noch immer. Es gelang ihm sogar beinahe, sich von ihr loszurei�en.</p><p>Aber nur beinahe, und nach einem weiteren Moment waren auch seine Kr�fte ersch�pft. Das letzte bisschen Leben, das noch in ihm war, ging in Bast �ber, und die Flamme erlosch.</p><p>Und nur einen Augenblick sp�ter auch ihr Bewusstsein.</p></section><section><title><p id="SIEBTES_Kapitel">SIEBTES Kapitel</p></title><p>Graues Zwielicht umgab sie, als sie erwachte, und es war kalt, eine klamme, kriechende K�lte, die nicht einmal besonders intensiv war, auf eine schwer in Worte zu fassende Weise aber ganz besonders unangenehm. Sie musste an Nebel denken und sonderbar formlose Gestalten, die sich darin bewegten, und vielleicht zum allerersten Mal in ihrem so unendlich langen Leben erwachte sie mit klopfendem Herzen und von Angst gesch�ttelt. Wirre Bilder und ungekannte gr�ssliche Visionen lieferten sich einen stummen Kampf hinter ihrer Stirn, und sie zitterte am ganzen Leib.</p><p>�Du musst nicht so tun, als ob du noch schl�fst�, sagte eine helle Stimme. �Ich wei�, dass du wach bist. Schon eine ganze Weile.� Bast wusste nicht, was unter einer ganzen Weile zu verstehen war, aber nach ihrem Daf�rhalten waren erst wenige Sekunden vergangen, seit sie aufgewacht war. Viel interessanter war die Frage, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Drau�en wurde es schon wieder hell. M�glicherweise auch schon wieder dunkel ... oder auch schon zum zweiten Mal hell ... Bast lauschte einen Moment in sich hinein und stellte erschrocken fest, dass sie ihr Zeitgef�hl verloren hatte. Mit ziemlicher Sicherheit war nur diese eine Nacht vergangen, aber das sagte ihr einzig ihre Logik.</p><p>�Wenn du weiter die Schweigsame spielen willst, dann gehe ich jetzt eben und hole Mrs Walsh�, fuhr Cindy trotzig fort. �Vielleicht redest du ja lieber mit der.�</p><p>Bast hatte bisher nicht einmal in ihre Richtung geblickt, sondern das schmale, ganz allm�hlich heller werdende Rechteck des Fensters angestarrt, aber sie h�rte, wie Cindy sich herumdrehte und zur T�r ging und drehte nun rasch den Kopf in den Kissen. �Warte.�</p><p>Cindy blieb tats�chlich stehen und drehte sich zu ihr herum, kam aber nicht zur�ck. Sie versuchte trotzig auszusehen, aber es gelang ihr nicht, die Mischung aus Sorge und Erleichterung ganz zu verhehlen, die sie empfand. Sie sah schlecht aus, m�de und ausgezehrt, und Bast musste nicht fragen, um zu wissen, dass sie die ganze Nacht an ihrem Bett gesessen hatte.</p><p>�Was ist?� Cindy legte den Kopf auf die Seite.</p><p>�Wie lange ...�, Bast deutete zum Fenster, �... habe ich geschlafen?�</p><p>�Geschlafen ist gut.� Cindy schnaubte. �Wir haben ein paar Mal gedacht, du springst �ber die Klinge. Wenigstens hat Mrs Walsh das gedacht ... Die ganze Nacht eben. Es ist Morgen und wird schon hell. Eigentlich m�sste es schon hell sein, aber der Nebel will sich nicht verziehen.�</p><p>�Und du hast die ganze Nacht auf mich aufgepasst? Vielen Dank.�</p><p>�Einer musste es ja tun�, antwortete Cindy gro�spurig, wirkte aber gleich darauf pl�tzlich verlegen und wandte sich hastig wieder zur T�r. �Ich gehe jetzt und hole Mrs Walsh. Sie hat gesagt, dass ich sie sofort rufen soll, wenn du aufwachst, und das tue ich besser.�</p><p>Sie verschwand, bevor Bast noch etwas sagen konnte, und sie h�rte, wie sich ihre schnellen Schritte drau�en auf dem Flur entfernten. Das Haus war sehr still. Obwohl Bast konzentriert lauschte, konnte sie nichts au�er Cindys leiser werdenden Schritten h�ren, und auch von drau�en drang nicht der mindeste Laut herein. Wahrscheinlich d�mpfte der Nebel alle Ger�usche.</p><p>Bast versuchte vorsichtig, sich zu bewegen und registrierte �berrascht, wie leicht es ihr fiel. �berhaupt f�hlte sie sich erstaunlich ausgeruht und kr�ftig. Die Schwere, die nach ihrem Erwachen in ihren Gliedern gewesen war, war eine fast angenehme Mattigkeit, wie man sie manchmal nach einem langen und ganz besonders erfrischenden Schlaf empfindet, keine Ersch�pfung, und auch die wirren Bilder und Visionen verwehten wie Spinnweben, die noch einen Moment im Morgentau glitzerten und dann zerrissen.</p><p>Trotzdem war sie sehr vorsichtig, als sie sich aufsetzte und die Decke zur�ckschlug. Sie wurde mit einem ... sehr sonderbaren Anblick belohnt. Sie war nackt, und was von ihrem K�rper zu sehen war, war offensichtlich frisch gewaschen. Um ihre Leibesmitte spannte sich ein breiter, bl�tenwei�er Verband, und auch ihr rechter Unterarm war bandagiert, wo sie die Schrotkugeln getroffen hatten. Ihr rechtes Knie und der Oberschenkel waren ebenfalls frisch verbunden. Seltsam - sie konnte sich gar nicht erinnern, dort verletzt worden zu sein.</p><p>Aber genau genommen konnte sie sich ohnehin nur an sehr wenig erinnern ...</p><p>Sie hatte Ben get�tet, das war ihre letzte wirklich klare Erinnerung, dies und ein vages Gef�hl von Bedauern, das sie dabei empfunden hatte. Sie hatte ihn nicht t�ten wollen, so wenig, wie er sie. Dennoch hatte sie es ohne zu z�gern getan, so wie auch er sie umgebracht h�tte, w�re sie nicht schneller gewesen. Aber das war keine pers�nliche Sache zwischen ihnen. Sie waren niemals Feinde gewesen, sondern nur Krieger, die auf verschiedenen Seiten k�mpften. Die Zweit�lteste Geschichte der Welt. Vielleicht sogar die �lteste.</p><p>Ein halblautes R�uspern erklang, und Bast fuhr aus ihren Gedanken hoch und zog hastig die Decke wieder bis zu den Schultern hoch, als sie nicht nur Mrs Walsh unter der T�r erblickte, sondern auch Kapit�n Maistowe, der einen wei�en Verband um die Stirn trug und vor Verlegenheit nicht wusste, wohin mit seinem Blick.</p><p>�Sie sind wach�, sagte Mrs Walsh. �Das freut mich. Und Sie sehen zumindest aus, als ob es Ihnen schon besser ginge.�</p><p>Bast war nicht ganz sicher - aber da schien ein Unterton in Mrs Walshs Stimme zu sein, der nicht hineingeh�rte, und in ihrem Blick war zwar dieselbe Mischung aus Sorge und vorsichtiger Erleichterung zu lesen wie in dem Cindys gerade, aber auch ... noch etwas.</p><p>�Es geht mir besser�, best�tigte Bast.</p><p>�Stellen Sie sich vor, das wei� ich, meine Liebe�, antwortete Mrs Walsh. �F�hlen Sie sich kr�ftig genug, mit uns zu reden, oder brauchen Sie noch eine Weile, um zu Kr�ften zu kommen?�</p><p>Jetzt war sie sicher, sich den neuen Unterton in Mrs Walshs Stimme nicht nur einzubilden. Und auch in ihrem Blick war eine K�hle, die sie bisher noch nie darin bemerkt hatte.</p><p>�Kein Problem�, antwortete sie. �Ich wollte auch gerade ...�</p><p>�Dann d�rfen wir vielleicht hereinkommen.� Mrs Walsh trat vollends ein, und Maistowe folgte ihr auf dem Fu�e, doch als sich auch Cindy anschlie�en wollte, sch�ttelte sie rasch den Kopf und machte eine zus�tzliche, abwehrende Handbewegung.</p><p>�Sei doch so gut und warte unten im Salon auf uns, mein Kind�, sagte sie. �Oder noch besser: Geh in die K�che und setz einen Kessel Wasser auf den Herd. Ich bin sicher, dass sich Miss Bast �ber eine hei�e Tasse Tee freuen wird.�</p><p>�Ihr wollt nur nicht, dass ich h�re, was ihr redet�, sagte Cindy salzig.</p><p>�Das mag schon sein�, erwiderte Mrs Walsh gelassen. �Es gibt Dinge, die Kinder nichts angehen. Und nun geh und k�mmere dich um den Tee - bitte.�</p><p>Cindy funkelte sie noch einen Moment trotzig an, aber dann fuhr sie auf dem Absatz herum und stampfte w�tend davon. Mrs Walsh sch�ttelte wortlos den Kopf und schloss die T�r hinter ihr.</p><p>�Ich f�rchte, jetzt haben Sie sie ernsthaft gekr�nkt�, sagte Bast l�chelnd. �Sie hasst es, wenn man sie als Kind bezeichnet.�</p><p>�Der Umstand, dass dieses Gesch�pf Dinge mit ansehen musste, die keine erwachsene Frau auf der Welt jemals erleben sollte, macht sie nicht automatisch zu einer Erwachsenen�, belehrte sie Mrs Walsh. �Aber ich m�chte jetzt nicht �ber Cindy sprechen, sondern �ber Sie. W�rden Sie uns einige Fragen beantworten?�</p><p>Sie deutete auf Maistowe und sich, und als Bast nickte, zog sie sich einen Stuhl heran und lie� sich darauf nieder. Maistowe tat auf der anderen Seite des Bettes dasselbe, aber Bast konnte ihm ansehen, wie wenig wohl er sich in seiner Haut f�hlte. Bast sah Mrs Walsh und ihn mit wachsender Beunruhigung an. War irgendetwas geschehen, w�hrend sie bewusstlos gewesen war?</p><p>�Ich habe mich noch gar nicht bei Ihnen bedankt�, sagte sie unsicher. �F�r Ihre ... Hilfe.� Sie lie� es offen, ob sie Mrs Walshs �berraschendes Eingreifen mit dem Messer meinte oder die Tatsache, dass sie sich danach um sie gek�mmert hatte.</p><p>�Ich habe getan, was ich konnte�, erwiderte Mrs Walsh. �Aber ich bin nicht einmal sicher, ob es wirklich notwendig gewesen w�re.�</p><p>�Was ... meinen Sie damit?�, fragte Bast z�gernd.</p><p>�Im Grunde habe ich nur eine einzige Frage an Sie�, antwortete Mrs Walsh. �Und ich m�chte Sie bitten, sie mir wirklich ehrlich zu beantworten ... selbst wenn Sie der Meinung sein sollten, dass die Antwort mir nicht gef�llt.�</p><p>�Dazu m�sste ich Ihre Frage erst einmal kennen�, meinte Bast sanft.</p><p>Mrs Walsh hielt ihrem Blick stand, auch wenn sie ihr ansehen konnte, wie schwer es ihr fiel. �Sie ist im Grunde ganz einfach�, antwortete sie. �Wer sind Sie? Ich meine: Wer sind Sie wirklich ... oder sollte ich vielleicht besser fragen: <emphasis>Was </emphasis>sind Sie?�</p><p>Bast sah sie an und gab sich alle M�he, so zu tun, als h�tte sie die Frage nicht wirklich verstanden. �Sie wissen doch, wer ich bin.�</p><p>�Ich wei�, was Sie uns gesagt haben�, erwiderte Mrs Walsh. �Ich bin allerdings nicht mehr v�llig sicher, ob Sie uns wirklich die Wahrheit gesagt haben. Nicht mehr seit gestern Abend.�</p><p>�Ich verstehe�, seufzte Bast. �Was Sie gestern Abend mit angesehen haben, hat Sie schockiert. Ich h�tte Ihnen das gern erspart, und Jacob und vor allem Cindy auch, aber ich hatte keine andere Wahl. Glauben Sie mir, ich h�tte es auch mir sehr gerne erspart.�</p><p>�Meinen Sie, jetzt w�re der richtige Moment f�r Scherze?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>�Es war auch nicht als Scherz gemeint�, sagte Bast. �Es tut mir leid, Mrs Walsh, aber ich dachte, Sie w�ssten, dass ich in der Lage bin, mich meiner Haut zu wehren.�</p><p>�Ihrer Haut zu wehren?�, wiederholte Mrs Walsh. �Sie haben f�nf M�nner get�tet, Bast. Mit blo�en H�nden!�</p><p>�Genau genommen waren es vier�, sagte Bast ruhig. �Roy hatte einfach Pech ... aber Sie haben recht: W�re das nicht passiert, h�tte ich ihn vermutlich auch get�tet.�</p><p>�Und das ist normal, dort, wo sie herkommen?�, fragte Mrs Walsh. �Dass eine Frau f�nf ...�, sie verbesserte sich, �... vier M�nner mit blo�en H�nden besiegt?�</p><p>�Da, wo ich herkomme�, antwortete Bast ruhig, �bin ich so eine Art ... Kriegerin.�</p><p>�Ja, das scheint mir auch so.� Mrs Walsh tauschte einen raschen Blick mit Maistowe. �Aber das beantwortet nicht unsere Frage. <emphasis>Was sind </emphasis>Sie?�</p><p>�Ich f�rchte, ich verstehe nicht, was Sie meinen�, antwortete Bast.</p><p>Mrs Walsh starrte sie eine weitere Sekunde lang durchdringend an, dann beugte sie sich pl�tzlich vor und schlug die Decke zur Seite. Bast starrte sie vollkommen perplex an. Vorgestern Abend h�tte sie Kapit�n Maistowe am liebsten den Kopf abgerissen, nur weil er ihre Silhouette im Sternenlicht gesehen hatte, und jetzt schien es ihr nichts auszumachen, dass er sie splitternackt sah.</p><p>�Ich habe vor zwei Stunden Ihre Verb�nde gewechselt�, sagte sie. �Aber eigentlich w�re das gar nicht n�tig gewesen.� Sie machte eine auffordernde Geste. �Warum nehmen Sie sie nicht ab? Sie m�ssen unbequem sein.�</p><p>Bast sah sie zwar noch einen Moment mit gespielter Verstandnislosigkeit an, sah dann die Sinnlosigkeit dieser Scharade aber auch selbst ein und entfernte den Verband an ihrem Arm. Mrs Walsh hatte vollkommen recht: Der Verband w�re nicht n�tig gewesen. Ihre Haut war v�llig unversehrt.</p><p>Rasch entfernte sie auch die Verb�nde an ihrem Knie und ihrem Oberschenkel, und beide Male mit demselben Ergebnis. Als sie jedoch nach dem Verband um ihren Leib greifen wollte, sch�ttelte Mrs Walsh hastig den Kopf.</p><p>�Das sollten Sie besser nicht tun�, sagte sie. �Das ist der einzige Verband, der noch einen Sinn hat ... vielleicht.�</p><p>Rast biss sich auf die Unterlippe. Sie f�hlte sich in die Enge getrieben, und wie h�tte es auch anders sein sollen? Es gab nicht mehr viel, was sie sagen konnte, ohne sich endg�ltig l�cherlich zu machen. �Ich ... habe gutes Heilfleisch�, antwortete sie mit einem schiefen Grinsen. �Das hatte ich immer schon.�</p><p>Mrs Walsh beugte sich abermals vor und schlug die Decke wieder zur�ck; vermutlich aus reiner R�cksicht auf Jacob. �Roy hat Ihnen in den Leib geschossen�, sagte sie. �Aus kaum drei Metern Entfernung. Sie m�ssten tot sein, oder wenigstens sehr schwer verletzt, aber das sind Sie nicht. Und was diese drei Kerle mit Ihnen gemacht haben, das will ich gar nicht wissen.�</p><p>�Ich glaube, Sie wissen es�, antwortete Bast spr�de. �Sie haben versucht, mich zu vergewaltigen.�</p><p>�Sie sind tot�, sagte Mrs Walsh. �Und ich habe noch nie solche Leichen gesehen.�</p><p>�Wie viele Leichen haben Sie denn schon gesehen, Mrs Walsh?�, fragte Bast sanft.</p><p>�Sie wissen, was ich meine�, erwiderte Mrs Walsh.</p><p>Nat�rlich wusste sie es. Sie wusste nur nicht, was sie antworten sollte. Schlie�lich entschied sie sich f�r die Wahrheit ... oder zumindest etwas, das ihr nahe kam. �Sie haben recht�, sagte sie. �Ich bin ... nicht ganz das, was Sie glauben.�</p><p>�Sind Sie ein Mensch?�, fragte Mrs Walsh.</p><p>Bast lachte. �Verzeihen Sie, Mrs Walsh - aber das ist l�cherlich.�</p><p>�Ist es das?� Mrs Walsh sch�ttelte den Kopf. Es wirkte eher traurig als w�tend. �Bastet�, murmelte sie. �Horus und Sobek ... hatte Abberline recht? Sind Sie die alten �gyptischen G�tter?�</p><p>�Ja�, h�rte sich Bast zu ihrer eigenen �berraschung antworten. Mrs Walshs Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos, doch Maistowe starrte sie aus hervorquellenden Augen an. Er wirkte entsetzt, aber nicht �berrascht. �Und Ra, Seth und Osiris und Anubis und noch eine Menge anderer Namen, die Sie vermutlich noch nie zuvor geh�rt haben. Es gibt uns wirklich. Aber wir sind trotzdem Menschen und keine G�tter. Das waren wir nie.�</p><p>�Das f�llt mir schwer zu glauben�, sagte Mrs Walsh z�gernd. Sie starrte die Stelle der Bettdecke an, unter der sich der Verband �ber ihrem Magen verbarg.</p><p>�Aber es ist so�, antwortete Bast. Sie hatte es aufgegeben, irgendwelche Ausfl�chte zu erfinden - wozu auch? Sie hatte Mrs Walsh und Jacob schon viel zu viel verraten, als dass sie ihnen ihre Erinnerung noch lassen konnte. Aber sie hatte jetzt keine Wahl mehr, und im Moment war die Wahrheit die einfachste L�sung. �Sie haben recht: Wir sind ... anders als Sie und die meisten anderen Menschen. Vielleicht ein wenig z�her, und nicht so leicht umzubringen. Aber wir sind nicht unsterblich. Im Gegenteil - ohne Ihre Hilfe h�tte Ben mich m�glicherweise get�tet. Das war sehr tapfer von Ihnen, wissen Sie das?�</p><p>�Ich hatte keine andere Wahl�, antwortete Mrs Walsh leise. �Obwohl ich eigentlich kein Blut sehen kann.�</p><p>�Sie w�ren �berrascht, wozu Menschen f�hig sind, wenn es sein muss�, erwiderte Bast ernst. �Aber das ist nichts, wof�r man sich sch�men m�sste. Ganz im Gegenteil ...�</p><p>�Sie finden es richtig, Menschen wehzutun, mein Kind?�</p><p>�Ich finde es richtig, um sein Leben zu k�mpfen�, antwortete Bast. Sie hob die Schultern und l�chelte pl�tzlich. �Bei der Gelegenheit: Es klingt ... ein bisschen seltsam, wenn Sie mich immer <emphasis>mein Kind </emphasis>nennen, Mrs Walsh. Ich wei�, es sieht anders aus, aber ich bin �lter als Sie. Viel �lter.�</p><p>�Und wie alt sind Sie?�, wollte Mrs Walsh wissen.</p><p>�Ich muss gestehen, dass ich es selbst nicht mehr genau wei߫, antwortete Bast. �Aber Sie haben von den gro�en Pyramiden in �gypten geh�rt?� Mrs Walsh nickte, und Bast fuhr fort: �Ich war dabei, als sie gebaut wurden.�</p><p>Wieder verging eine - diesmal sp�rbar l�ngere - Zeit, in der Mrs Walsh sie nur anstarrte. Sie wirkte weder zweifelnd noch erschrocken oder schockiert, aber sehr ersch�ttert. Maistowe sah sie immer noch nicht an, sondern sah nerv�s �berall hin, nur nicht in ihre Richtung, aber sie konnte den Aufruhr sp�ren, der in seinem Inneren tobte. Dennoch fand sie, dass die beiden sich erstaunlich gut hielten, in Anbetracht dessen, was sie gerade erfahren hatten. Aber vermutlich hatten sie die halbe Nacht mit nichts anderem als den wildesten Spekulationen zugebracht.</p><p>�Das ist ... erstaunlich�, murmelte Mrs Walsh schlie�lich. �Es f�llt mir schwer, es zu glauben.�</p><p>�Ich versichere Ihnen ...�</p><p>Mrs Walsh unterbrach sie mit einem erschrockenen Kopfsch�tteln. �Nein, Sie verstehen nicht. Ich wei�, dass Sie die Wahrheit sagen. Ich habe es gesehen, mit eigenen Augen. Aber es ... f�llt mir trotzdem nicht leicht, es zu glauben, wenn Sie verstehen.�</p><p>�Ich verstehe nur zu gut�, antwortete Bast. �Und ich versichere Ihnen, h�tte ich geahnt, was passiert ...�</p><p>�... w�ren Sie nicht hierhergekommen, ich wei�.� Mrs Walsh seufzte. �Aber Sie sind nun einmal hier, und nun m�ssen wir sehen, wie wir mit dieser schrecklichen Situation zurechtkommen. Mit Gottes Hilfe wird es uns schon irgendwie gelingen.�</p><p>�Ich f�rchte, Ihr Gott wird uns in diesem Punkt wenig helfen�, sagte Bast.</p><p>�Er ist nicht nur mein Gott�, sagte Mrs Walsh scharf.</p><p>Bast schluckte alles herunter, was ihr dazu auf der Zunge lag. Sie hatte wirklich keine Lust auf eine religi�se Grundsatzdiskussion. Statt zu antworten, wandte sie sich an Maistowe. �Da ich noch hier und wir alle in Freiheit sind, nehme ich an, dass niemand etwas von diesem ... Zwischenfall bemerkt hat?�</p><p>Maistowe sch�ttelte den Kopf, sah sie aber immer noch nicht an. Er begann unruhig auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen.</p><p>�Was ist mit dem Bobby, der drau�en gestanden hat?�, fragte sie.</p><p>�Er steht immer noch dort�, antwortete Maistowe, noch immer ohne sie anzusehen. �Beziehungsweise schon wieder. Nat�rlich ist es nicht mehr derselbe.� Er hob die Schultern. �Ich nehme an, die Kerle haben abgewartet, bis seine Abl�sung gekommen ist und es eine L�cke in der �berwachung gab. Wie es aussieht, nehmen die Konstabler ihre Pflicht nicht allzu ernst.�</p><p>�Und Roy und die anderen?�</p><p>Diesmal antwortete Maistowe nicht mehr, aber Mrs Walsh sagte: �Jacob und ich haben sie in ein leeres Zimmer geschafft. Es war das Schrecklichste, was ich jemals tun musste.� Sie l�chelte gequ�lt. �In meinem eigenen Haus.�</p><p>Maistowe sah sie irritiert an, und Mrs Walshs schiefes Grinsen erlosch wie abgeschaltet.</p><p>�Dann m�ssen wir die Toten wegschaffen, bevor Sie das Haus verlassen�, sagte Bast hastig. �Ich werde das �bernehmen, sobald es wieder dunkel geworden ist.�</p><p>�Das wird nicht n�tig sein.� Maistowe stand mit einem Ruck auf und trat ans Fenster, um in die lichter werdende D�mmerung hinauszuschauen. �Ich werde meinen M�nnern Bescheid geben. Wir gehen eben mit ein bisschen mehr Gep�ck an Bord, als wir urspr�nglich geplant haben.�</p><p>�Ihre M�nner?� Bast blinzelte. �Ich dachte, die <emphasis>Lady of the Mist </emphasis>w�re ein Handelsschiff, kein Piratensegler.�</p><p>�Manchmal ist der Unterschied gar nicht so gro�, wie die Leute meinen�, antwortete Maistowe. �Machen Sie sich keine Sorgen. Meine M�nner sind zuverl�ssig, und sie stellen keine Fragen. Wor�ber ich mir Sorgen mache, ist etwas ganz anderes.� Er drehte sich herum, lehnte sich mit vor der Brust verschr�nkten Armen gegen das Fensterbrett und sah sie nun doch an, als g�be ihm die Entfernung mehr Sicherheit. �Frederick Abberline.�</p><p>�Der Inspektor?� Bast runzelte die Stirn. �Sie glauben nicht, dass er etwas mit ...�</p><p>�Nat�rlich nicht�, unterbrach sie Maistowe hastig. �Aber diese Wache dort drau�en ist nicht hier, um uns vor Einbrechern zu besch�tzen. Dieser Monro hat garantiert etwas vor, das mir ganz und gar nicht gef�llt. Ich w�rde Frederick ja um Hilfe bitten, aber ich bin nicht sicher, wie weit er uns �berhaupt helfen kann.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Bast. �Er ist Ihr Freund, aber er ist auch Polizist.�</p><p>�Und ein sehr gewissenhafter�, f�gte Maistowe hinzu. �Das Mindeste, was passieren w�rde, w�re wohl, dass sich unsere Abreise verz�gert. Und ich m�chte ihn auch nicht noch weiter in diese unangenehme Geschichte hineinziehen, als es ohnehin schon der Fall ist.�</p><p><emphasis>Unangenehme Geschichte, </emphasis>dachte Bast, war sehr schmeichelhaft ausgedr�ckt. Aber sie verstand, was Maistowe meinte. �Dann sollten Sie hoffen, dass er heute genug anderes zu tun hat und nicht auf die Idee kommt, Ihnen einen Abschiedsbesuch abzustatten. Wei� er, dass Sie Ihre Abreise vorverlegt haben?� Maistowe nickte. �Dann wird er wohl kommen, f�rchte ich.�</p><p>�Ich vertraue Frederick�, wiederholte Maistowe. �Es ist Monro, der mir Sorge bereitet. Wenn er auch nur ahnt, dass wir von seinen schmutzigen Gesch�ften mit Ihren Freunden wissen ...�</p><p><emphasis>Oder gar die Toten findet, </emphasis>f�gte Bast in Gedanken hinzu. Sie verstand Maistowes Sorge nur zu gut. Sie hielt Monro nicht in dem Ma�e f�r gewissenlos und niedertr�chtig, wie Maistowe es zu tun schien, aber er hatte gewiss eine Menge zu verlieren, und sie vermutete, dass er nicht besonders w�hlerisch sein w�rde, wenn es darum ging, einen S�ndenbock zu finden, den er der �ffentlichkeit pr�sentieren konnte.</p><p>�Ich k�nnte mit Monro sprechen�, schlug sie vor.</p><p>�Auf Ihre ganz spezielle Art, vermute ich?� Mrs Walsh sch�ttelte heftig und beinahe emp�rt den Kopf. �Wozu sollte das gut sein?�</p><p>Sie hatte ja recht, dachte Bast. Nat�rlich k�nnte sie daf�r sorgen, dass Monro jegliches Interesse an ihr, Mrs Walsh und Kapit�n Maistowe verlor ... f�r eine Weile. Aber sie konnte nicht jeden ausfindig machen, mit dem er bereits �ber diesen Fall gesprochen hatte, und da war schlie�lich noch immer Horus, der kaum tatenlos zusehen w�rden, auch wenn sie alle Spuren ihrer Anwesenheit verwischte.</p><p>Sie �berlegte - oder redete sich zumindest ein, es zu tun, um sich nicht eingestehen zu m�ssen, dass sie ihren Entschluss schon l�ngst gefasst hatte. �Also gut�, seufzte sie. �Ich werde ihn suchen und mit ihm reden.�</p><p>�Wen?�, fragte Mrs Walsh misstrauisch.</p><p>�Horus�, antwortete Bast. �Einen der beiden M�nner, von denen Abberline gestern gesprochen hat. Sie erinnern sich?�</p><p>�Ich erinnere mich vor allem, dass Sie behauptet haben, sie w�ren tot�, sagte Mrs Walsh.</p><p>�Diese Annahme war vielleicht ein wenig vorschnell�, antwortete Bast. �Sobek ist tot, aber Horus ist noch am Leben. Die Situation ist zu kompliziert, um sie in allen Einzelheiten zu erkl�ren, aber ich hoffe, dass er bereit ist, das Land zu verlassen, wenn ich ihm sage, dass ich bereit bin, zu kapitulieren.� Und Isis niemals wieder zu sehen. Es war so furchtbar kompliziert. Wie sollte sie Mrs Walsh etwas erkl�ren, das sie selbst noch nicht wirklich verstand oder doch zumindest nicht richtig in Worte kleiden konnte?</p><p>�Das ist albern�, sagte Mrs Walsh auch prompt. �Sie erwarten allen Ernstes, dass wir tatenlos zusehen, wie Sie sich opfern?�</p><p>�Jetzt untersch�tzen Sie mich, meine Liebe�, sagte Bast l�chelnd. �Auch jemand wie ich h�ngt am Leben.� Sie sch�ttelte den Kopf, als Mrs Walsh widersprechen wollte. �Ich werde mit Horus sprechen und ihn zur�ck nach �gypten begleiten, und diese sogenannten Ripper-Morde werden aufh�ren. Es wird genau so kommen, wie Inspektor Abberline vorgestern Abend gesagt hat.�</p><p>�Und Sie werden die Gefangene dieses ... dieses Ungeheuers sein!�, sagte Mrs Walsh emp�rt.</p><p>�Wie gesagt: Die Situation ist etwas komplizierter, als es vielleicht den Anschein hat�, antwortete Bast. �Aber ich glaube nicht, dass er mir etwas antun wird, und ich werde auch keine Gefangene sein. Nicht so, wie Sie meinen.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Mrs Walsh �rgerlich. �Sie wollen sagen, dass es keinen Sinn hat, uns etwas zu erkl�ren, was dumme Sterbliche wie wir sowieso nicht begreifen.�</p><p>Einen Moment lang war Bast versucht, einfach mit Ja zu antworten und die gesamte Diskussion damit zu beenden, aber dann sch�ttelte sie den Kopf. �Es geht um Dinge, die Sie nicht verstehen k�nnen, Mrs Walsh, weil Ihnen ein paar tausend Jahre Erfahrung fehlen�, sagte sie sanft. �Und um Dinge, mit denen ich Sie nicht belasten m�chte. Ich habe schon genug Schaden angerichtet. Aber ich kann vielleicht wenigstens einen Teil davon wiedergutmachen. Also lassen Sie es mich wenigstens versuchen. Ich muss ohnehin noch einmal nach Whitechapel, um mit Faye zu sprechen.�</p><p>�Den Teufel werden Sie tun!�, versetzte Mrs Walsh grimmig. �Ihre Wunde ist noch l�ngst nicht verheilt, und Sie brauchen Ruhe. In der vergangenen Nacht w�ren Sie beinahe gestorben, ist Ihnen das eigentlich klar?� Sie erstickte Basts Widerspruch mit einem energischen Kopfsch�tteln im Keim. �Und ich werde gewiss nicht zulassen, dass Sie dieses arme M�dchen in die Obhut dieser ... zweifelhaften Person entlassen.�</p><p>Sie hatte eigentlich ein anderes Wort im Sinn gehabt, das sp�rte Bast. Entsprechend vorsichtig formulierte sie ihre Antwort. �Faye ist auch nicht sehr viel �lter als Cindy, Mrs Walsh. Und ich vertraue ihr.�</p><p>�Ach, tun Sie das?�, fragte Mrs Walsh mit sonderbarer Betonung.</p><p>�Vergessen Sie nicht, dass ich ... in einen Menschen hineinsehen kann�, antwortete sie. �Keine Sorge - ich lese weder Ihre Gedanken noch die Jacobs. Aber ich erkenne, ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht. Faye will dieses Leben genauso hinter sich lassen wie Cindy. Sie ist noch nicht so weit, es sich selbst einzugestehen, aber ich wei�, dass es so ist. Ich habe ihr versprochen, ihr dabei zu helfen, und sie wird Cindy mit sich nehmen und sich um sie k�mmern. Sie kann nicht hier in London bleiben, so gut es Vater MacNeill und seine Bekannte auch mit ihr meinen m�gen. So etwas wie gestern Abend k�nnte sich wiederholen.�</p><p>�Sie meinen also, diese ... Faye meint es ehrlich mit Ihnen?� Mrs Walsh seufzte. �Nun, dann f�rchte ich, lassen Ihre famosen F�higkeiten Sie in diesem Fall wohl im Stich.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Roy hat noch einen Moment gelebt�, antwortete Maistowe an Mrs Walshs Stelle. �Lange genug, um uns ...� Er tauschte einen seltsam verschw�rerisch wirkenden Blick mit Mrs Walsh. �... noch ein paar Fragen zu beantworten. Haben Sie sich noch gar nicht gefragt, woher Maude und er wussten, dass sich das M�dchen hier bei uns befindet?�</p><p>Bast blickte ihn gleicherma�en fragend und beunruhigt an.</p><p>�Faye�, sagte Maistowe. �Sie hat es ihm verraten.�</p><p>�Das glaube ich nicht�, antwortete Bast impulsiv.</p><p>�Aber genau das hat Roy behauptet�, sagte Mrs Walsh. �Warum sollte er l�gen? Nur sehr wenige Menschen sagen die Unwahrheit, wenn sie im Sterben liegen.�</p><p>�Und woher sollte er es auch sonst wissen?�, f�gte Maistowe hinzu. �In Whitechapel bin ich kein Unbekannter, aber niemand dort wei�, wo ich wohne. Ich habe immer streng darauf geachtet, in diesem Punkt Diskretion zu wahren. Schon um Glorias willen.�</p><p>Bast sp�rte, dass er die Wahrheit sagte, aber etwas in ihr wehrte sich immer noch, ihm zu glauben. Warum sollte Faye sie so hintergehen?</p><p>Sie beantwortete ihre eigene Frage laut. �Wahrscheinlich hat Roy sie gezwungen.�</p><p>�Das mag sein�, sagte Mrs Walsh. �Aber es macht es nicht besser.� Sie seufzte und stand auf. �Ich werde nach dem Tee schauen, und wenn ich schon einmal dabei bin, gleich noch eine kr�ftige Br�he aufsetzen. Sie k�nnen sie sicher brauchen, um wieder zu Kr�ften zu kommen. M�chten Sie nach unten kommen und mit uns essen, oder soll ich Cindy mit einem Teller nach oben schicken?�</p><p>Bast war so ziemlich nach allem zumute, nur nicht nach Essen, aber sie nickte trotzdem. �Ich komme nach unten.�</p><p>�Wie Sie m�chten.� Mrs Walsh wandte sich zur T�r und bedeutete Maistowe mit einem Blick, ihr zu folgen, blieb aber dann wieder stehen und wartete, bis er das Zimmer verlassen hatte. �Gehen Sie schon einmal voraus, Jacob. Ich habe da noch eine Sache mit Miss Bast zu besprechen.�</p><p>Maistowe machte keinen Hehl aus seiner Neugier. �Was ...?�</p><p>�Eine reine Frauengeschichte�, beschied ihn Mrs Walsh streng. �Nichts, was Sie etwas anginge. Bitte schlie�en Sie die T�r. Von au�en.�</p><p>Maistowe riss verdutzt die Augen auf, und Mrs Walsh nahm ihm die Arbeit ab, indem sie ihm die T�r vor der Nase zuknallte, wartete aber, bis sich seine Schritte drau�en auf dem Flur entfernt hatten, bevor sie sich wieder herumdrehte.</p><p>�Welche Frauengeschichten wollen Sie denn mit mir besprechen?�, fragte Bast ... aber ihr L�cheln erlosch, als sie den Ausdruck auf Mrs Walshs Gesicht gewahrte.</p><p>�Jacob hat es nicht gesehen�, sagte Mrs Walsh ernst. �Er ist wohl noch zu benommen, oder vielleicht auch zu ver�ngstigt, aber das ist nur gut so.�</p><p>�Jacob hat was nicht gesehen?�, fragte Bast alarmiert.</p><p>�Wie Sie Ben get�tet haben�, antwortete Mrs Walsh. �Ich habe es gesehen. Und ich habe auch die beiden M�nner gesehen, die Sie hier oben get�tet haben.�</p><p>�Ich hatte keine Wahl�, erwiderte Bast, aber Mrs Walsh unterbrach sie mit einem abermaligen zornigen Kopfsch�tteln.</p><p>�Das meine ich nicht�, sagte sie scharf. �Das Warum ist mir klar. Was mich interessiert, ist das Wie.�</p><p>Bast antwortete nicht gleich. Sie fragte sich, warum Mrs Walsh diese Frage stellte. Schlie�lich kannte sie die Antwort - sie hatte es mit eigenen Augen gesehen. �Warum fragen Sie das?�</p><p>�Weil Sie behauptet haben, Sie w�ren ein Mensch�, erwiderte Mrs Walsh ernst. �Ich frage mich, ob Sie die Wahrheit gesagt haben, oder ob Sie vielleicht ... etwas anderes sind.�</p><p>�Und was sollte das sein?�</p><p>�Sagen Sie es mir.�</p><p>Bast erwog ihre Antwort genau. �Die Unsterblichkeit hat ihren Preis. Leben ist ein empfindliches Gut. Es ... verbraucht sich. Manchmal muss man das Reservoir wieder auff�llen.�</p><p>Mrs Walsh sah sie durchdringend an. Sie schwieg.</p><p>�Haben Sie sich nie gefragt, warum man es Vereinigung nennt?�, fuhr Bast fort. �Die wenigsten Menschen wissen es, aber es ist weit mehr als ein rein k�rperlicher Akt. Es ist eine Vereinigung. Aus zwei Leben wird eines. Zwei Seelen verschmelzen. Sie l�sen sich auch wieder voneinander, aber manchmal bekommt die eine etwas von der anderen, und umgekehrt.�</p><p>�Aber Sie k�nnen es nehmen�, vermutete Mrs Walsh. �Ern�hren Sie sich so?�</p><p>�Wenn Sie es so bezeichnen wollen�, antwortete Bast. �Es ist ein wenig komplizierter, aber man k�nnte es so nennen.� Sehr behutsam, damit Mrs Walsh es nicht merkte, verlieh sie ihren Worten mehr Glaubw�rdigkeit und den entsprechenden Nachdruck. �Wir sind keine Teufel oder D�monen, wenn Sie das glauben, und auch keine M�rder. Die meisten von uns nehmen nie mehr, als sie zum �berleben brauchen.�</p><p>�Sie schlafen mit einem Mann und stehlen ihm dabei seine Lebenskraft.� Mrs Walsh klang ersch�ttert, und auf einer Ebene emp�rt, die Bast ihre n�chsten Worte noch sorgf�ltiger �berlegen lie�.</p><p>�So ist es nicht�, sagte sie. �Ich habe nie einen Menschen get�tet - au�er in Notwehr. Nicht einmal Roy, obwohl er es wahrscheinlich zehnmal verdient gehabt h�tte. Sie haben ihn gesehen. Er h�tte sich erholt. In ein paar Tagen oder Wochen w�re er wieder ganz der Alte gewesen.� Sie hob die Schultern. �Was immer das auch hei�t.�</p><p>Mrs Walsh wirkte nicht beruhigt. Ganz im Gegenteil. Aus dem Ausdruck in ihrem Blick war etwas geworden, das weit �ber Emp�rung und blo�e Entr�stung hinausging, und das selbst Basts �berlegener Wille nicht zu bes�nftigen vermochte. �Das ist ... unnat�rlich!�, keuchte sie. �H�ren Sie auf damit! Ich will nichts mehr davon h�ren!�</p><p>�Sie haben mich gefragt�, antwortete Bast ruhig. �Und ich kann Ihnen versichern, dass es absolut nicht wider die Natur ist. Ganz im Gegenteil. Es ist die nat�rlichste Sache der Welt. Warum sonst g�be es M�nner und Frauen?�</p><p>�Nicht aus diesem Grund!�, sagte Mrs Walsh. Sie schrie fast. �Gott hat Mann und Frau erschaffen, damit sie sich fortpflanzen und Kinder zeugen, nicht um der Fleischeslust zu fr�nen! Sie sprechen wie diese verdorbenen Frauen, mit denen sich Jacob manchmal trifft! Er ist ein Mann und wei� es nicht besser. Aber Sie? Sie sind eine Frau, ganz egal, was Sie au�erdem noch sein m�gen, und wie alt Sie angeblich sind! Sie sollten wissen, wie sich eine Frau von Anstand und Sitte zu benehmen hat! Gottes Wort ist in dieser Hinsicht sehr eindeutig!�</p><p>�Gottes Wort - oder das, was Menschen in seinem Namen daf�r ausgeben?�, fragte Bast. Eine innere Stimme warnte sie, nicht weiterzusprechen, aber Mrs Walshs Bigotterie �rgerte sie. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: �Ich kenne Ihren Gott nicht, aber ich habe den Mann gekannt, den Sie Jesus von Nazareth nennen, und ich kann Ihnen versichern, dass er in dieser Hinsicht vollkommen anderer Meinung war.�</p><p>Mrs Walsh starrte sie an. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen, aber sie sagte nichts mehr, sondern wandte sich nach einer Weile wortlos und mit einer unendlich m�de wirkenden Bewegung um und verlie� das Zimmer.</p><empty-line/><empty-line/><p>Bast blieb tats�chlich noch eine geraume Weile oben in ihrem Zimmer - nicht weil sie sich wirklich noch schwach gef�hlt h�tte, oder sich gar noch schonen musste, wie Mrs Walsh anzunehmen schien, sondern weil es ihr im Moment einfach unangenehm gewesen w�re, Mrs Walsh unter die Augen zu treten. Sie war sich ja so klug vorgekommen bei ihrem letzten Satz; ein Totschlag-Argument, gegen das Mrs Walsh absolut nichts mehr einwenden konnte ... aber das genaue Gegenteil war der Fall gewesen. Vielleicht nur eine Winzigkeit, aber eben doch zu sp�t, hatte sie begriffen, dass sie wahrscheinlich gar nichts Schlimmeres h�tte sagen k�nnen. Selbstverst�ndlich wusste Mrs Walsh tief in sich, dass sie recht hatte, aber sie selbst h�tte es verdammt noch mal besser wissen m�ssen! Tief in sich drinnen war Gloria Walsh eine Fanatikerin, eine Rolle, in die sie hineingeboren und -erzogen worden war und f�r die sie absolut nichts konnte, und was konnte man einem Fanatiker Schlimmeres antun, als ihm zu beweisen, dass alles, woran er glaubte, falsch war?</p><p>Sie h�tte es wirklich besser wissen m�ssen! Aber nun war der Fehler einmal gemacht, und sie war es leid, einmal Gesagtes wieder zur�ckzunehmen. Au�erdem w�rde sie dies sp�ter ohnehin alles auf einmal bereinigen ...</p><p>Eine gute halbe Stunde lang lag sie noch reglos auf dem Bett, starrte die Decke �ber ihrem Kopf an und haderte mit dem Schicksal, bevor sie es schlie�lich aufgab und aus dem Bett stieg, um sich anzuziehen. Sie trat ans Fenster, um auf die Stra�e hinunterzusehen. Es war immer noch nicht richtig hell geworden, obwohl die D�mmerung l�ngst vor�ber sein musste. �ber der ganzen Stadt schien eine dunstige graue Glocke zu liegen, die das Tageslicht nicht wirklich absorbierte, ihm aber irgendetwas zu nehmen schien, sodass es zwar m�glich, aber auf eine sonderbare Weise unangenehm war, richtig zu sehen.</p><p>Dennoch erkannte sie nat�rlich den Bobby, der frierend auf der anderen Stra�enseite stand und so tat, als w�rde er aufmerksam das Haus beobachten. Es war nicht derselbe wie gestern - in diesem Punkt hatte Maistowe die Wahrheit gesagt -, sondern ein j�ngerer und deutlich gr��erer Mann, dessen Unmut �ber diesen ebenso unangenehmen wie langweiligen Auftrag sie selbst �ber die Entfernung hinweg zu sp�ren glaubte. Er war wom�glich noch unaufmerksamer als sein Kollege von gestern, und Rast machte sich keine Sorgen dar�ber, ungesehen an ihm vorbeizukommen, sollte es n�tig sein. Wor�ber sie sich Sorgen machte war der Umstand, dass er �berhaupt da war. Warum lie� Monro - oder Abberline - das Haus beobachten? Und wen eigentlich? Mrs Walsh, Maistowe oder sie? Bast war sich mit einem Male gar nicht mehr so sicher, dass es tats�chlich nur darum ging, einen S�ndenbock f�r irgendetwas zu haben ...</p><p>Sie sch�ttelte den Gedanken ab - der Kerl da unten war nicht einmal der Schatten einer Gefahr, und in ein paar Stunden spielte es auch �berhaupt keine Rolle mehr, warum er da war oder wer ihn geschickt hatte - und trat an ihren Koffer heran, um sich ein frisches Kleid zu nehmen - wie sich zeigte, das letzte, das sie �berhaupt noch besa�. Also gut, das vereinfachte ihre R�ckreise. Sie war jetzt nur noch mit kleinem Gep�ck unterwegs.</p><p>Bevor sie sich anzog, wickelte sie gegen Mrs Walshs Rat den Verband von ihrer Leibesmitte. Es war so, wie Mrs Walsh gesagt hatte: Ihre Wunde war noch nicht vollst�ndig verheilt, befand sich aber auf dem besten Wege dazu. Noch ein paar Stunden, und von der schrecklichen Verletzung w�rde nicht einmal mehr eine Narbe zu sehen sein.</p><p>Trotzdem veranlasste sie dieser Anblick zu einem weiteren, tiefen Stirnrunzeln. Mrs Walsh war mit ihrer Behauptung, sie w�re in der vergangenen Nacht beinahe gestorben, der Wahrheit n�her gekommen, als sie zugeben wollte. Es hatte tats�chlich nicht viel gefehlt, und das h�tte nicht passieren d�rfen. Von Ben einmal abgesehen waren die anderen keine Gegner gewesen, an die sie normalerweise auch nur einen Gedanken verschwenden w�rde, und doch w�re sie um ein Haar get�tet worden - nicht weil ihre Kr�fte sie im Stich gelassen h�tten oder sie unaufmerksam gewesen w�re, sondern weil sie R�cksicht auf Mrs Walsh und die anderen genommen hatte. Sie wurde weich. Vielleicht die gef�hrlichste aller m�glichen Schw�chen.</p><p>Bast verscheuchte auch diesen Gedanken, streifte ihr Kleid �ber und verlie� das Zimmer, um nach unten zu gehen.</p><p>Sie erlebte eine �berraschung. Sie hatte nat�rlich damit gerechnet, noch einen Leichnam zu finden, oder auch nur Spuren des Kampfes, aber der Salon blitzte regelrecht vor Sauberkeit. W�ren da nicht der besch�digte Kaminsims und das Loch in der Haust�r gewesen - im Vorbeigehen registrierte sie, dass Maistowe es offensichtlich von au�en mit Brettern vernagelt hatte -, h�tte man meinen k�nnen, es w�re �berhaupt nichts passiert. Mrs Walsh musste die halbe Nacht geschrubbt und aufger�umt haben. Nirgendwo war auch nur der winzigste Blutfleck zu sehen, und der Gestank nach Schie�pulver, Blut und Furcht war Mrs Walshs Lieblingsgeruch gewichen - frischer Kernseife -, und sie hatte die Gelegenheit offensichtlich beim Schopf ergriffen und auch gleich noch ihre Bagage f�r die Abreise zusammengepackt. Neben der T�r stapelten sich zwei ausgewachsene Schrank-, ein halbes Dutzend normaler, wenngleich ebenfalls gro�er, Koffer und nahezu ein Dutzend Hutschachteln, Kisten und Reisetaschen. Bast ertappte sich dabei, tats�chlich einen fl�chtigen Blick in die Nische neben der Treppe zu werfen, in der die antike Standuhr stand. Aber sie war noch da.</p><p>Mrs Walsh und Cindy rumorten hinter der offen stehenden K�chent�r, w�hrend Maistowe am Tisch sa� und in irgendwelchen Papieren bl�tterte. Als er ihre Schritte h�rte, wollte er aufspringen, aber Bast hielt ihn mit einem raschen Kopfsch�tteln zur�ck. �Bleiben Sie sitzen, Jacob. Bitte.�</p><p>Maistowe war offensichtlich m�de genug, um dieses Angebot, gegen die Regeln des Anstandes zu versto�en, anzunehmen und lie� sich mit einem ersch�pften Seufzen wieder zur�cksinken. Bast nahm an, dass sie die Einzige im Haus war, die in dieser Nacht geschlafen hatte.</p><p>Sie deutete auf die besch�digte T�r. �Wieso hat der Bobby das Loch nicht bemerkt?�</p><p>�Das hat er�, antwortete Maistowe. �Er hat mir sogar geholfen, es notd�rftig zu reparieren und mir die Adresse eines Tischlers gegeben, der die Reparatur fachgerecht und preiswert ausf�hren kann ... nachdem er sich k�stlich �ber mein Ungeschick am�siert hat.� Er l�chelte m�de. �Ich bin nun einmal Kapit�n eines Schiffes, und kein M�belpacker. Manche Dinge sollte man vielleicht doch besser Leuten �berlassen, die wissen, was sie tun. Ein Profi h�tte sich kaum so ungeschickt mit diesem schweren Schrankkoffer angestellt, dass er die T�r damit eingeschlagen h�tte.�</p><p>Bast ma� das unregelm��ig gesplitterte Loch mit einem pr�fenden Blick. �Und das hat er geglaubt?�, fragte sie skeptisch.</p><p>Maistowe nickte. �Die Leute glauben viel, wenn man ihnen ein ganzes Pfund Trinkgeld gibt, nur damit sie einem die N�gel reichen. Wer wei� - f�r ein weiteres Pfund hilft er meinen M�nnern vielleicht heute Abend sogar, gewisse schwere Kisten auf den Wagen zu laden.�</p><p>��bertreiben Sie es nicht, Jacob!�, sagte Bast ernst, aber Maistowe hob nur die Schultern und l�chelte noch melancholischer.</p><p>�Ich bin nicht sicher, ob es da noch viel zu �bertreiben gibt�, seufzte er. �Verstehen Sie das jetzt nicht falsch, es geht gewiss nicht gegen Sie - ganz bestimmt nicht. Sie k�nnen wahrscheinlich am allerwenigsten f�r das, was gestern Nacht passiert ist. Schlie�lich haben Sie es nur gut gemeint - aber ich f�rchte, diese Angelegenheit wird mehr Folgen haben, als Gloria jetzt schon ahnt.�</p><p>�Es ist nicht damit getan, die Toten wegzuschaffen�, best�tigte Bast.</p><p>�Ich bin nicht sicher, ob wir das �berhaupt sollten�, sagte Maistowe. �Frederick ist nicht dumm. Er muss nur einmal durch das Haus gehen und wird wissen, was passiert ist.� Er seufzte tief. �Es k�nnte gut sein, dass wir nie wieder hierher zur�ckkehren k�nnen.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Bast. Und das nicht nur wegen Abberline und Monro, dachte sie. Da waren noch Maude und ihre M�dchen und zweifellos etliche von Roys Freunden, die sich irgendwann Gedanken dar�ber machen w�rden, wo ihr kleines Rollkommando geblieben war. Sie konnte schlie�lich nicht ganz Whitechapel ausl�schen, nur um die Spuren dieser Nacht zu verwischen. Sie zwang sich zu einem L�cheln.</p><p>�Aber war es denn nicht das, was Sie sich insgeheim immer gew�nscht haben, Jacob?�, fragte sie. �Zusammen mit Mrs Walsh von hier wegzugehen?�</p><p>�Nicht so�, antwortete Maistowe niedergeschlagen.</p><p>Bast verzichtete darauf, ihm zu sagen, dass er noch Gl�ck gehabt hatte. Die meisten von denen, die den Fehler begingen, ihr zu helfen, bezahlten daf�r mit dem Leben.</p><p>�Ah, da sind Sie ja.� Mrs Walsh kam, einen dampfenden Suppenteller in beiden H�nden vor sich her balancierend, aus der K�che und steuerte den Tisch an. �Genau noch im richtigen Moment. Viel l�nger h�tte ich die Suppe nicht mehr warm halten k�nnen.�</p><p>�Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich bin wirklich nicht hungrig�, sagte Bast. �Und ich f�rchte, ich habe auch nicht die Zeit, jetzt in Ruhe etwas mit Ihnen zu essen. Ich muss fort.�</p><p>�Um mit dieser Faye zu sprechen, ich wei߫, antwortete Mrs Walsh. �Aber Sie werden mit niemandem reden, wenn Sie vor lauter Schw�che zusammengebrochen sind, glauben Sie mir. Und was, wenn Sie vielleicht auf noch mehr Kerle wie die von vergangener Nacht treffen, und Ihre Kr�fte brauchen, um sich zu verteidigen?�</p><p>Dann w�rde ein Teller Suppe ganz bestimmt keinen Unterschied mehr machen, dachte Bast. Aber sie nahm trotzdem am Tisch Platz, nachdem sie einen weiteren Blick auf das Ziffernblatt der gro�en Standuhr geworfen hatte. Es war gerade neun vorbei. Wenn Faye �berhaupt schon zur�ck war, dann lag sie jetzt vermutlich im Bett und schlief. Auf ein paar Minuten kam es nun wirklich nicht an.</p><p>�Und bevor Sie zu dieser Faye gehen und ihr vielleicht noch einmal Ihr Vertrauen schenken�, fuhr Mrs Walsh fort, �m�chte ich Sie um einen Gefallen bitten. Wenn Sie ihn mir nicht erweisen wollen, dann tun Sie es um Cindys willen.�</p><p>Bast setzte sich widerstrebend und griff noch widerstrebender nach dem L�ffel, den Mrs Walsh ihr reichte. Nachdem sie gekostet hatte, musste sie jedoch eingestehen, dass sie wirklich hungrig war, und sie begann mit Appetit zu essen. Mrs Walsh sah ihr eine Weile ganz unverhohlen geschmeichelt zu, bevor sie weitersprach.</p><p>�Sie wissen, was ich davon halte, Cindy dieser Frau anzuvertrauen, Bast. Jetzt, wo mir ... gewisse Dinge klar geworden sind, sogar noch mehr als zuvor.�</p><p>�Aber Cindy kann nicht hier bleiben�, beharrte Bast. �Maude w�rde sie finden, fr�her oder sp�ter.�</p><p>�Das ist mir klar�, antwortete Mrs Walsh. �Aber es gibt vielleicht noch eine dritte M�glichkeit, an die wir bisher noch gar nicht gedacht haben.�</p><p>�Eine dritte M�glichkeit?�, wiederholte Bast. Sie versuchte einen verstohlenen Blick durch die offen stehende K�chent�r zu werfen. Cindy war zwar nicht zu sehen, aber sie sp�rte, dass sie auf der anderen Seite stand und lauschte.</p><p>�Warum kommst du nicht herein und setzt dich zu uns, mein Kind?�, fragte Mrs Walsh laut. Bast war nicht ganz sicher, ob ihr forschender Blick vielleicht doch nicht ganz so unauff�llig gewesen oder diese kleine Scharade sorgsam einstudiert war.</p><p>Cindy tauchte denn auch prompt und geflissentlich auf. Mrs Walsh wartete, bis das M�dchen auf dem einzigen freien Stuhl am Tisch Platz genommen hatte. �Cindy, Jacob und ich hatten in der vergangenen Nacht ein l�ngeres Gespr�ch�, sagte sie. �Cindy hat sich noch nicht endg�ltig entschieden, aber sie k�nnte sich zumindest vorstellen, bei uns zu bleiben. Bei Jacob und mir.�</p><p>Es kam selten vor - aber Bast war so �berrascht, dass sie zuerst Mrs Walsh und dann Cindy jeweils eine geschlagene Sekunde lang einfach nur fassungslos anstarrte.</p><p>�Wie?�, murmelte sie dann.</p><p>�Ja, das dachte ich mir, dass Sie so reagieren�, schmunzelte Maistowe. Bast drehte sich zu ihm herum und erkannte an dem am�sierten Funkeln in seinen Augen, dass er ihre Reaktion nicht nur vorausgesehen, sondern sich regelrecht darauf gefreut hatte.</p><p>�Du w�rdest ... wirklich bei Mrs Walsh bleiben?�, fragte sie z�gernd.</p><p>Cindy reagierte gar nicht, aber Mrs Walsh setzte ein �bertrieben verletztes Gesicht auf und fragte: �Was ist daran so erstaunlich, um Ihren Ton zu rechtfertigen, mein Kind? Trauen Sie mir vielleicht nicht zu, mich um ein Kind zu k�mmern?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete Bast und verbesserte sich hastig. �Ich meine: Selbstverst�ndlich traue ich Ihnen zu, sich um die Erziehung eines Kindes zu k�mmern. Ich war nur ... �berrascht, das ist alles.�</p><p>��berrascht?�</p><p>�Nach unserem Gespr�ch gerade, und dem, was Sie �ber Faye gesagt haben ...�</p><p>�Und an meiner Meinung hat sich seither kein Jota ge�ndert�, antwortete Mrs Walsh wie aus der Pistole geschossen. �Umso wichtiger, dass Cindy eine anst�ndige christliche Erziehung genie�t. Ich wei�, Sie sind vielleicht der Meinung, ich w�re zu alt, um mir eine solch verantwortungsvolle Aufgabe zu �bertragen, doch ich traue mir durchaus zu, mich um dieses arme gestrauchelte Wesen zu k�mmern und sie zu einer gottesf�rchtigen jungen Frau zu erziehen.�</p><p>Cindy, die so sa�, dass Mrs Walsh ihr Gesicht zumindest nicht sehen konnte, ohne den Kopf zu wenden, verdrehte die Augen, und Bast musste sich beherrschen, um nicht in �hnlicher Form zu reagieren.</p><p>�Und was sagst du dazu?�, wandte sie sich direkt an Cindy.</p><p>�Warum nicht?� Das M�dchen hob trotzig die Schultern. �Klingt besser als Vater McNeill.�</p><p>�Und Faye?�</p><p>�Faye hat uns verraten�, sagte Cindy heftig.</p><p>�Das steht noch gar nicht fest�, antwortete Bast. �Und wenn, dann hat Roy sie wahrscheinlich gezwungen.�</p><p>�Und wenn sie wieder einer zwingt? Au�erdem kann ich sie nicht leiden.�</p><p>�Du kennst sie doch gar nicht.�</p><p>�Ich kenn sie gut genug�, antwortete Cindy.</p><p>Das war nicht das, was sie meinte, das sp�rte Bast. Cindy sagte die Wahrheit: Sie war tats�chlich bereit, bei Mrs Walsh und Maistowe zu bleiben, aber aus einem anderen Grund. Sie wusste nur nicht, aus welchem.</p><p>�H�tten Sie etwas dagegen, wenn Cindy und ich ...?�</p><p>�Allein miteinander reden?� Mrs Walsh sch�ttelte den Kopf. �Selbstverst�ndlich nicht. Kommen Sie, Jacob.� Sie stand auf. �Mir ist gerade eingefallen, dass ich vielleicht doch nicht alles Gep�ck f�r die Reise zusammen habe.�</p><p>Bast l�chelte ihr dankbar zu und geduldete sich, bis Maistowe und Mrs Walsh den Raum verlassen hatten. Dann aber erlosch ihr L�cheln schlagartig. �Also, was soll das?�, fragte sie.</p><p>�Was soll was?�</p><p>�Stell dich nicht dumm�, fauchte Bast. �Und behandele mich nicht, als w�re ich dumm. Was ist los? Gestern h�ttest du mir noch am liebsten die Augen ausgekratzt, weil ich dich hierher gebracht habe, und heute erkl�rst du mir, du willst hierbleiben?�</p><p>�Nicht hier�, antwortete Cindy. �Wir gehen weg. Heute noch.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Bast. �Du denkst an das Schiff. Eine gro�e Reise, und ein noch gr��eres Abenteuer, wie? Aber ganz so ist es nicht. Die <emphasis>Lady </emphasis>ist ein heruntergekommener alter Kahn, und ich f�rchte, was Mrs Walsh gesagt hat, war ernst gemeint. Sie wird dich wirklich zu einem gottesf�rchtigen jungen M�dchen erziehen ... oder es wenigstens versuchen.�</p><p>Cindy grinste nur, und Bast musste sich pl�tzlich beherrschen, um nicht dasselbe zu tun. Vielleicht hatte Cindy ja sogar recht, und das hier war die bessere L�sung. Selbstverst�ndlich war es Mrs Walsh bitterernst mit ihrem Vorsatz, ihr eine anst�ndige Erziehung angedeihen zu lassen und sie zu einer gottgef�lligen jungen Frau zu machen, aber sie machte sich keine allzu gro�en Sorgen, dass ihr das auch tats�chlich gelingen k�nnte. Cindy war nicht ann�hernd so verdorben, wie Mrs Walsh noch gestern behauptet hatte, aber sie war auch kein kleines Kind mehr, das Mrs Walsh nach Belieben formen und mit ihren kruden Ideen von Sittsamkeit und einem Leben nach Gottes Willen vollstopfen konnte. Mrs Walsh w�rde sich an ihr die wenigen Z�hne ausbei�en, die sie noch hatte, daran bestand kein Zweifel - aber sie w�rde ihr trotzdem helfen, wieder in ein halbwegs normales Leben zur�ckzufinden ... oder wenigstens ein anderes Leben als das, das ihr hier bevorstand. Es war nicht so, dass sie Faye nicht traute, im Gegenteil - aber ein Leben an Bord der <emphasis>Lady </emphasis>irgendwo auf dem Meer oder auch in einem fremden Land war vermutlich sicherer als eines in Fayes Umgebung, wo London nahe und die Verlockung des leicht verdienten Geldes allgegenw�rtig war.</p><p>Bast seufzte tief. Das alles kam viel zu schnell und nicht einmal ann�hernd so gut durchdacht, wie es sein sollte. Sie begann erst jetzt allm�hlich zu begreifen, was sie eigentlich getan hatte, indem sie sich in Cindys und Fayes Leben einmischte. Sie hatte sich eine Menge Probleme aufgehalst, die sie in der wenigen Zeit, die ihr noch blieb, unm�glich l�sen konnte.</p><p>Aber sie musste es zumindest versuchen.</p><p>�Du solltest nicht den Fehler begehen und Mrs Walsh untersch�tzen�, sagte sie ernst. �Und mich auch nicht. Es k�nnte gut m�glich sein, dass ich von Zeit zu Zeit vorbeikomme und nach dem Rechten sehe.�</p><p>Cindy machte sich nicht einmal die M�he, darauf zu antworten.</p><p>�Letzten Endes ist es deine Entscheidung�, sagte Bast. Sagte und glaubte sie das nur, weil sie es glauben wollte und es einfach die bequemste L�sung war?</p><p>�Sieht so aus�, antwortete Cindy. �Aber ich geh nicht zur�ck zu Maude. Und zu Faye schon gar nicht.�</p><p>�Dann bleibt ja nur noch Mrs Walsh.�</p><p>�Oder du�, sagte Cindy. �Warum nicht?� Cindy nickte heftig. �Ich habe geh�rt, was du vorher zu Mrs Walsh gesagt hast. Du gehst zur�ck in deine Heimat. Ich k�nnte mit dir gehen.�</p><p>�Wozu?�</p><p>�Du k�nntest mir beibringen, so zu werden wie du.�</p><p>�Verzweifelt, auf der Flucht und halb tot?�</p><p>�Eine Kriegerin!�, antwortete Cindy. Ihre Augen leuchteten. �Ich habe gesehen, was du gestern Abend getan hast. Ich will das lernen.�</p><p>�Menschen zu t�ten?�</p><p>�Mich zu verteidigen�, antwortete Cindy kopfsch�ttelnd. �Dir kann niemand etwas tun! Ich will so werden wie du! Eine Kriegerin! Bringst du es mir bei?�</p><p>�Kein Problem�, antwortete Bast. �Ich kann dich alles lehren, was ich kann ... wenn du ein paar hundert Jahre Zeit hast.�</p><p>�Auf den Arm nehmen kann ich mich selbst�, sagte Cindy �rgerlich. �Du willst mich nicht bei dir haben, stimmt's?�</p><p>�Das hat nichts mit Wollen zu tun�, sagte Bast traurig. �Ich wei� ja nicht einmal, ob ich morgen um diese Zeit noch lebe.�</p><p>�Bl�dsinn!�, schnaubte Cindy.</p><p>Bast sah sie noch einen Herzschlag lang resignierend an, dann rief sie mit nur leicht erhobener Stimme nach Mrs Walsh.</p><p>Maistowe und sie tauchten so schnell auf, dass sie nicht einmal dar�ber nachdenken musste, ob sie gelauscht hatten oder nicht.</p><p>�Ich glaube, Cindy hat sich entschieden�, sagte sie. �Dann w�re jetzt nur noch die Frage zu kl�ren, ob sie auch seefest ist.�</p><p>Cindy schnaubte w�tend, ballte die F�uste und stampfte davon.</p><p>Mrs Walsh fragte nicht, was sie in ihrer angeblichen Abwesenheit besprochen hatten. �Das freut mich aufrichtig�, sagte sie. �Es h�tte mir wirklich leidgetan, wenn dieses arme Kind endg�ltig auf den falschen Weg geraten w�re.�</p><p>�Und Sie trauen sich das wirklich zu?�, fragte Bast.</p><p>�Ich bin vielleicht nicht mehr die J�ngste�, Mrs Walsh sch�rzte die Lippen und sah sie schon wieder mit diesem gespielten verletzten Ausdruck an, �aber noch nicht ann�hernd so alt wie Sie, mein K ... meine Liebe, und Jacob wird mich tatkr�ftig unterst�tzen.� Sie sah Maistowe Zustimmung heischend an, gab ihm aber gar keine Gelegenheit, auch nur einen Ton hervorzubringen. �Ich wei�, dass der Moment ung�nstig ist, aber ich muss Sie um einen kleinen Gefallen bitten.�</p><p>�Wen soll ich umbringen?�, fragte Bast.</p><p>Mrs Walsh schien das nicht lustig zu finden, aber sie �berging die Bemerkung. �Wir reisen heute Abend ab, und das f�r eine lange Zeit, jedenfalls f�r jemanden wie mich, der zeit seines Lebens niemals l�nger als zwei Tage aus London weg gewesen ist. Ich w�rde mich gern von einigen meiner Bekannten verabschieden, wenn Sie verstehen.�</p><p>�Und Sie m�chten, dass ich eine Weile hier bleibe und auf Cindy aufpasse.� Und auf Jacob. Ganz besonders auf Jacob.</p><p>�Das w�re sehr freundlich. Ich verspreche, dass ich bald zur�ck bin. In sp�testens ein paar Stunden.�</p><p>Bast sah zur Uhr hin, obwohl es nicht n�tig war. Sie versp�rte nicht die geringste Lust, das Kinderm�dchen f�r eine beleidigte G�re zu spielen - aber vermutlich war es ohnehin sinnlos, jetzt nach Whitechapel zu gehen.</p><p>�Ich bin nicht begeistert von dieser Vorstellung�, sagte sie ehrlich. �Aber wenn Sie versprechen, nicht zu lange zu bleiben ...�</p><p>�Ich bin bis Mittag zur�ck�, versprach Mrs Walsh. �Allersp�testens bis um eins.�</p><p>Mrs Walsh kam, wie versprochen, Punkt eins zur�ck; sogar einige Minuten vor eins, um genau zu sein, und sie war sonderbar gedr�ckter Stimmung, obwohl sie sich alle M�he gab, sich nichts davon anmerken zu lassen. Bast konnte sie verstehen und sparte sich jede entsprechende Frage. Immerhin stand sie im Begriff, allem den R�cken zuzukehren, was ihr Leben bisher ausgemacht hatte, und sich auf ein Abenteuer vollkommen unberechenbaren Ausgangs einzulassen, und nat�rlich hatte sie Angst davor.</p><p>Vielleicht sp�rte etwas in ihr auch, dass sie niemals zur�ckkehren w�rde.</p><p>Bast h�tte ihr diese Furcht nehmen k�nnen, um ihr wenigstens die letzten Stunden hier in London zu erleichtern, aber sie verzichtete ganz bewusst darauf. Auch Schmerz war etwas, worauf Menschen einen Anspruch hatten - und was sie heute Nacht und im Moment ihrer Abreise tun musste, das w�rde schwierig genug werden. Es war niemals ohne Risiko, die Erinnerungen eines Menschen zu manipulieren, und es war sehr leicht, dabei gro�en und nicht wiedergutzumachenden Schaden anzurichten.</p><p>Es war vielleicht drei, und Bast stellte gerade die Schachfiguren auf dem Brett vor sich auf, um Cindy zu einer dritten Partie herauszufordern. Zwei vorausgegangene hatte sie verloren - was ihr ziemliche M�he bereitet hatte, um es nicht zu deutlich werden zu lassen -, und Cindy zappelte auf ihrem Stuhl herum und konnte es gar nicht erwarten, den ersten Zug zu machen. Trotz ihrer inneren Unruhe lag ein Ausdruck h�chster Konzentration auf ihrem Gesicht.</p><p>�Und?� Maistowe kam aus der K�che geschlurft und warf einen neugierigen Blick auf das Schachbrett. Der wei�e Verband um seine Stirn lie� ihn noch blasser erscheinen, und unter seinen Augen lagen dunkle Ringe. Die schlaflose Nacht hatte Spuren hinterlassen. Trotzdem l�chelte er und war sp�rbar gel�sterer Stimmung als gestern. �Wie schl�gt sie sich?�</p><p>�Gut�, antwortete Bast wahrheitsgem��. �Sogar sehr gut. Sie ist ein Naturtalent.�</p><p>�Das ist gelogen�, behauptete Cindy.</p><p>�Dass du ein Naturtalent bist?�</p><p>�Dass ich mich gut schlage.� Cindy st�lpte beleidigt die Unterlippe vor und sah dadurch aus wie ein albernes Kind, das sie in diesem Augenblick auch war. �Sie l�sst mich gewinnen. Und sie glaubt auch noch, ich merke es nicht!�</p><p>Maistowe legte fragend die Stirn in Falten, und Bast machte gehorsam ein ertapptes Gesicht. �Das �ndert nichts daran, dass du gut spielst�, sagte sie. �Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich dir die Regeln vor kaum einer Stunde erst beigebracht habe.�</p><p>Jetzt war Maistowe ehrlich beeindruckt. �Als ich das Schachspielen gelernt habe, hat es zwei Tage gedauert, bis ich die Figuren auch nur richtig aufstellen konnte�, sagte er.</p><p>�Ist doch leicht�, antwortete Cindy. �Bast ist eben eine gute Lehrerin.� Sie machte ein gewichtiges Gesicht. �Sie hat mir erz�hlt, dass dieses Spiel �ber zweitausend Jahre alt ist.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Maistowe. �Und es ist immer noch gut.�</p><p>�Aber wusstest du auch, dass ihr Volk es erfunden hat?�, fragte Cindy triumphierend.</p><p>�Nein�, sagte Maistowe.</p><p>�Ist aber so!� Cindy nickte heftig. �Kein Wunder, dass sie es so gut kann, nicht wahr? Aber ich lerne es schon, keine Sorge.� Sie machte ihren ersten Zug, kaum dass Bast die letzte Figur auf das Brett gestellt hatte, und sah sie herausfordernd an. �Wehr dich, wenn du dich traust!�</p><p>Als Bast nach ihrem K�nigsbauern greifen wollte, sch�ttelte Maistowe den Kopf. �Vielleicht sp�ter�, sagte er. �Ich f�rchte, im Moment muss ich euer Spiel leider unterbrechen.�</p><p>�Wieso?�, fragte Bast.</p><p>�Weil Cindy und ich noch einmal fortm�ssen�, sagte Mrs Walsh, die in diesem Moment ebenfalls aus der K�che kam. �Nicht f�r lange, keine Sorge. Wir sind in einer Stunde zur�ck.�</p><p>�Warum?�, fragte Cindy misstrauisch. �Und wohin?�</p><p>Mrs Walsh kam l�chelnd n�her und zupfte an ihrem �rmel. �Wenn ich mich nicht t�usche, ist das das einzige Kleid, das du besitzt, mein Kind�, sagte sie. �Etwas wenig f�r eine so lange Reise, wie sie uns bevorsteht, meinst du nicht? Ich f�rchte, wir werden dich neu einkleiden m�ssen.� Sie seufzte �bertrieben. �Und nachdem ich das letzte Mal so sehr danebengelegen habe, was deine Gr��e angeht ...�</p><p>�Und meinen Geschmack�, sagte Cindy.</p><p>Mrs Walsh ignorierte den Einwurf und fuhr unbeeindruckt fort: �... halte ich es f�r das Beste, wenn du mich dieses Mal begleitest.�</p><p>�Sie wollen mit ihr in die Stadt?�, fragte Bast. Der Gedanke gefiel ihr nicht.</p><p>Mrs Walsh sch�ttelte jedoch den Kopf. �Nur zwei Stra�en weiter, zu Vater McNeill.�</p><p>�Dem Pfaffen?�, entfuhr es Cindy. Das brachte ihr einen strafenden Blick Mrs Walshs ein, zu Basts �berraschung jedoch keinen dazu passenden Kommentar.</p><p>�Er ist ein alter Freund�, sagte sie, �und der Anstand gebietet es, dass man sich von seinen Freunden verabschiedet, wenn man auf Reisen geht, mein Kind. Ich bin nicht ganz sicher, ob du wei�t, was dieses Wort bedeutet, aber wenn wir uns erst ein wenig besser kennen, dann wirst du es sicher lernen.�</p><p>Cindy verdrehte die Augen, und Mrs Walsh fuhr, nun direkt an Bast gewandt, fort: �Au�erdem verf�gt Vater MacNeill �ber eine wohl sortierte Kleiderkammer, in der wir bestimmt das eine oder andere passende Teil f�r sie finden. Mitglieder seiner Gemeinde geben dort Kleider ab, aus denen sie herausgewachsen sind oder die sie aus dem einen oder anderen Grund nicht mehr brauchen.�</p><p>�Ich soll gebrauchte Kleider tragen?�, �chzte Cindy.</p><p>�Daran ist nichts auszusetzen�, sagte Bast rasch. �Ich bin sicher, sie sind sauber und in gutem Zustand.�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte Mrs Walsh in einem Ton, als w�re allein die Vermutung, es k�nne anders sein, schon eine Beleidigung. ��berdies verlangt Vater MacNeill nur eine kleine Spende, wenn man sich aus seiner Kleiderkammer bedient - wenn �berhaupt etwas. Ich bin keine reiche Frau.�</p><p>Cindy wollte erneut widersprechen, aber diesmal kam ihr Maistowe zuvor. �Sobald wir an unserem Ziel angekommen sind, kaufe ich dir das sch�nste Kleid, das wir finden�, versprach er. �Aber f�r die Reise w�re das keine gute Idee. Ein Schiff ist kein sehr sauberer Ort.�</p><p>Bast dachte an die winzige, schmuddelige Kabine an Bord der <emphasis>Lady of the </emphasis>Mist, in der sie die Reise hierher hinter sich gebracht hatte, und gab ihm in Gedanken recht. Sie stand auf. �Ich begleite Sie.�</p><p>�Aber das ist doch nicht n�tig!�, wehrte Mrs Walsh ab. �Es sind nur zwei Stra�en, und es ist helllichter Tag. Bleiben Sie ruhig und ruhen Sie sich noch etwas aus. Au�erdem ist es mir ganz lieb, wenn jemand Jacob Gesellschaft leistet - und auf ihn aufpasst, damit er nicht etwa Dummheiten macht.�</p><p>�Dummheiten?�, fragte Maistowe.</p><p>�Versuchen Sie gar nicht erst, es zu leugnen, Jacob�, sagte Mrs Walsh streng. �Ich sehe Ihnen doch an, dass Sie meine Abwesenheit gar nicht abwarten k�nnen, um sich eine Ihrer schrecklich stinkenden Zigarren anzuz�nden.�</p><p>�So etwas w�rde ich nie tun!�, antwortete Maistowe mit dem treuesten Gesicht der Welt. Mrs Walsh bedachte ihn nur mit einem noch strengeren Stirnrunzeln, sch�ttelte dann fast resignierend den Kopf und gab Cindy einen Wink, ihr zu folgen. Cindy gehorchte schweigend; allerdings erst, nachdem sie einen fragenden Blick mit Bast getauscht und diese fast unmerklich genickt hatte.</p><p>Kapit�n Maistowe wartete immerhin, bis die beiden das Haus verlassen hatten, ehe er sich ein Zigarillo anz�ndete und einen tiefen, genie�erischen Zug nahm.</p><p>�Sie sind ziemlich verwegen�, sagte Bast l�chelnd. �Gloria wird Ihnen den Kopf abrei�en.�</p><p>�Vermutlich�, best�tigte Maistowe, w�hrend er sein Streichholz auswedelte und zielsicher wie �blich zwei Fu� neben den Kamin schnippte. �Aber uns bleibt ja Zeit genug, das Zimmer zu l�ften.�</p><p>Bast l�chelte zwar weiter, aber ihr Blick wurde ernst. �Sie wissen, dass Sie wahrscheinlich nicht zur�ckkehren werden�, sagte sie.</p><p>�Das ... ist m�glich�, sagte Maistowe z�gernd. �Aber w�re das so schlimm?�</p><p>�Sie glauben, Gloria w�rde all das hier aufgeben?�, fragte Bast. �Es ist alles, was sie hat.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Maistowe. �Aber ich bin nicht so unverm�gend, wie Gloria glaubt. Ich besitze ein kleines Haus in der N�he Kairos und verf�ge auch �ber einige Ersparnisse. Ich bin kein reicher Mann, aber wenn ich die <emphasis>Lady </emphasis>verkaufe und wir nicht mehr als einen normalen Lebenswandel pflegen, d�rfte es f�r einen geruhsamen Lebensabend zu zweit ausreichen.�</p><p>�Sie w�rden Ihr Schiff aufgeben?�, fragte Bast �berrascht.</p><p>�Warum nicht?� Maistowe setzte sich, nahm Cindys ersten Zug zur�ck und er�ffnete das Spiel unkonventionell mit seinem rechten Springer. Er war entweder ein ganz besonders talentierter, oder ein ganz au�ergew�hnlich miserabler Schachspieler, dachte Bast. �Um ehrlich zu sein, habe ich schon mehrmals daran gedacht, mich zur Ruhe zu setzen. Und in letzter Zeit immer h�ufiger. Ich wusste nur nie, wie ich ... Gloria dazu bringen konnte, mich zu begleiten.� Er l�chelte. �Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich Ihnen zu gro�em Dank verpflichtet bin.�</p><p>Bast machte einen Gegenzug und sah ihn dabei stirnrunzelnd an. �Und Sie w�rden das alles aufgeben? Das Leben auf See, die Freiheit ...?�</p><p>Maistowe schnaubte. �Wenn man es lange genug gemacht hat, dann verliert dieses freie Leben doch eine Menge von seinem Reiz�, sagte er und machte einen Zug, der Bast endg�ltig davon �berzeugte, dass er gerade die Wahrheit gesagt hatte, als er von seiner M�he berichtet hatte, die Z�ge zu lernen. Wie es aussah, hatte er auch heute noch so seine Schwierigkeiten damit. �Die meiste Zeit besteht es aus Arbeit und M�he. Und die viel gelobte Freiheit entpuppt sich irgendwann als der Kampf gegen die See und das Wetter, und wenn man das alles �bersteht, hat man es mit den B�rokraten und den Banken zu tun. Ich wei� nicht, was schlimmer ist. Hat Ihnen Gloria erz�hlt, wie wir uns kennen gelernt haben?� Bast nickte, aber Maistowe fuhr trotzdem fort: �Vor einigen Jahren war ich beinahe ruiniert, und es war nicht meine Schuld, das k�nnen Sie mir glauben. Nein.� Er sch�ttelte heftig den Kopf und machte einen weiteren Zug, ohne dass Bast ihre Figuren auch nur anger�hrt h�tte. Sie sagte nichts dazu. �Das Beste, was mir noch passieren kann, ist, dass mir nichts passiert, und das ist es nicht, was ich mir von weiteren zehn oder zwanzig Jahren auf See ertr�ume.�</p><p>Er sog an seiner Zigarre, und sein Ton und seine Gestik �nderten sich. �Aber so weit ist es noch nicht, nicht wahr? Ich habe nicht vor, Gloria zu irgendetwas zu zwingen - einmal davon abgesehen, dass keine Macht der Welt Gloria zu etwas zwingen k�nnte, was sie nicht will -, aber vielleicht gef�llt ihr ja das, was ich ihr zu bieten habe.�</p><p>�Ich g�nne es Ihnen�, sagte Bast.</p><p>Er wedelte mit seiner Zigarre herum und machte den dritten Zug hintereinander. �Aber wir reden immer nur �ber mich, nicht �ber Sie.�</p><p>�Da gibt es auch nicht viel zu reden.� Bast verschob unbemerkt zwei ihrer Figuren, damit es nicht ganz so auffiel. �Vielleicht sehen wir uns ja, wenn Sie tats�chlich in Kairo leben.�</p><p>�Das ist gelogen�, sagte Maistowe. �Nett gemeint, aber gelogen. Sie haben das nicht vor.�</p><p>�Das ist wahr�, bekannte Bast. �Aber es ist besser so, glauben Sie mir.�</p><p>�Besser f�r uns�, vermutete Maistowe. Er sah auf das Schachbrett hinab, blinzelte und legte einen Moment lang die Stirn in Falten, deutete aber dann nur ein Achselzucken an und verschob seinen Bauern nach rechts. Bast sparte es sich, ihn darauf hinzuweisen, dass dieser Zug nicht erlaubt war. �Ich mache mir eher Sorgen um Sie.�</p><p>Und das zu recht. Aber es gab nichts, was er f�r sie tun konnte - au�er sein Leben vollkommen sinnlos wegzuwerfen. �Ich kann schon auf mich aufpassen.�</p><p>�Das ist mir aufgefallen�, sagte Maistowe, blieb dabei aber vollkommen ernst. �Ich frage mich nur, ob Sie die richtigen Priorit�ten setzen.�</p><p>�Inwiefern?�</p><p>�Sie sind hier�, antwortete Maistowe. �Irgendwo dort drau�en ist jemand, der Ihnen nach dem Leben trachtet. Aber statt sich um Ihre eigenen dringenden Angelegenheiten zu k�mmern�, fuhr Maistowe unger�hrt fort, �sitzen Sie hier und bringen Cindy das Schachspielen bei. Halten Sie das f�r klug?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast. �Ich sollte es lieber Ihnen beibringen. Cindy wird Sie niedermetzeln, wenn Sie sich mit ihr einlassen.�</p><p>�Und Sie werden auch hier bleiben, bis wir abgereist sind, habe ich recht? Nicht um Cindy Schachunterricht zu erteilen, sondern um auf uns aufzupassen. Sie riskieren Ihr eigenes Leben, um unsere zu besch�tzen.�</p><p>�Unsinn!�, widersprach Bast, eindeutig zu hastig. �Ich bin nicht in Gefahr. Jedenfalls nicht so, wie Sie glauben. Haben Sie mir heute Morgen nicht zugeh�rt? Horus w�rde mir nie etwas antun!�</p><p>�Sie gestatten, dass ich in diesem Punkt anderer Meinung bin�, antwortete Maistowe. �Frederick hat mir erz�hlt, was in der Tube passiert ist. Wenn dieser Horus, wie Sie sagen, das Inferno �berlebt hat, dann ist er bestimmt ziemlich sauer auf Sie.�</p><p>�Damit haben Sie sogar recht, Jacob�, antwortete Bast. �Aber ich kann Sie beruhigen. Ich wei�, wie ich mit ihm umzugehen habe. Und wenn Sie die Wahrheit wissen wollen: Ich bin tats�chlich hier geblieben, um auf Sie, Gloria und Cindy aufzupassen ... aber aus einem anderen Grund. W�re ich eine Anh�ngerin Ihrer Religion, dann w�rde ich drei Kreuze schlagen, sobald die <emphasis>Lady </emphasis>abgelegt hat.�</p><p>Maistowe wirkte ein bisschen beleidigt. �Wieso?�</p><p>�Horus w�rde mir tats�chlich niemals etwas antun, Jacob�, sagte Bast ernst. �Aber er hat kein Problem damit, allen etwas anzutun, die mir etwas bedeuten. Er w�rde Gloria oder auch Sie t�ten, nur um mich zu treffen. Sie sehen also, es ist durchaus in meinem eigenen Interesse, daf�r zu sorgen, dass Sie unbeschadet an Bord Ihres Schiffes gehen.�</p><p>�Sie wollen mich vor den Kopf sto�en, um mir den Abschied leichter zu machen�, sagte Maistowe. �Aber das funktioniert nicht.� Er zog seinen Turm, indem er ihn unverfroren �ber den Bauern davor hinwegsetzte, und diesmal konnte Bast ein entsetztes �chzen nicht mehr unterdr�cken.</p><p>�Und Sie sind sicher, dass Sie Schach gelernt haben, und nicht Dame?�</p><empty-line/><empty-line/><p>Die Stunde, von der Mrs Walsh gesprochen hatte, verging, und auch noch eine weitere halbe, aber Bast gestattete sich nicht, wirklich besorgt zu sein. Wahrscheinlich hatte sich Mrs Walsh einfach festgeredet, oder es gab gr��eren Diskussionsbedarf bei der Auswahl der Kleidungsst�cke, die Vater McNeills Kammer enthielt. Au�erdem hatte sie andere Probleme. Mit ein bisschen unfairem Nachdruck war es ihr gelungen, die unangenehm werdende Diskussion abzuw�rgen. Maistowe jedoch wenigstens die Grundbegriffe des K�niglichen Spieles beizubringen entpuppte sich als eine Aufgabe, an der selbst sie zu scheitern drohte.</p><p>Hufschlag n�herte sich, zuerst weit entfernt und leise, sodass sie kaum darauf achtete, aber er wurde rasch lauter und hektischer, und nach einem Augenblick mischte sich auch das Ger�usch schnell rollender, eisenbeschlagener R�der hinein. Bast sah auf und blickte stirnrunzelnd zur T�r, und auch Maistowe riss seinen Blick von dem aus vierundsechzig Feldern bestehenden, unl�sbaren R�tsel zwischen ihnen los.</p><p>�Da scheint es aber jemand eilig zu haben�, sagte er.</p><p>Bast nickte abwesend und konzentrierte sich. Es war aber nicht nur ein Wagen, der da in eiligem Tempo n�her kam, sondern mindestens zwei, und sie bewegten sich nicht einfach schnell, sondern in geradezu halsbrecherischem Tempo. Sie h�rte noch einen Atemzug lang beunruhigt zu und beschloss dann, aufzustehen und wenigstens einen Blick aus dem Fenster zu werfen, aber sie kam nicht mehr dazu. Das Droschkenger�usch kam rasend schnell n�her und brach dann abrupt ab, und nach einer eigentlich unm�glich kurzen Zeitspanne wurde die T�r aufgesto�en, und Inspektor Abberline st�rmte herein, dicht gefolgt von gleich drei uniformierten Polizeibeamten, die nicht nur �u�erst aufgeregt - und ein bisschen �ngstlich - wirkten, sondern auch ausnahmslos bewaffnet waren. Bast r�hrte sich nicht.</p><p>Maistowe hingegen sehr wohl, indem er aufsprang und einen zornigen Schritt machte, dann jedoch unvermittelt zur Salzs�ule erstarrte, als gleich zwei der Polizeibeamten ihre Revolver auf ihn richteten und Abberline eine rasche, warnende Handbewegung machte. �Setz dich wieder hin, Jacob. Sofort!�</p><p>Wahrscheinlich lag es zum allergr��ten Teil an seinem scharfen Ton, dass Maistowe tats�chlich wieder zur�ckwich und sich in seinen Stuhl plumpsen lie�. �Bist du ... verr�ckt geworden, Frederick?�, murmelte er. �Was soll das?�</p><p>�Schweigen Sie, Kapit�n�, antwortete Abberline. Er gab den drei M�nnern hinter sich einen Wink, der Bast klarmachte, dass sie ihr Vorgehen offensichtlich genau abgesprochen hatten: Einer von ihnen postierte sich so, dass er Maistowe und Bast mit seiner Waffe in Schach halten konnte, die beiden anderen machten Anstalten, die Treppe hinaufzueilen.</p><p>�Durchsucht das Haus!�, befahl er. Maistowe fuhr sichtlich zusammen, und Bast sagte rasch:</p><p>�Aber das ist doch nicht n�tig.�</p><p>Abberline staunte nicht schlecht, als die beiden Bobbys tats�chlich mitten im Schritt erstarrten und pl�tzlich irgendwie ratlos aussahen. Eigentlich staunte er nicht, sondern wirkte ein bisschen entsetzt.</p><p>�Und Sie k�nnen auch Ihre Waffen wegstecken, meine Herren�, fuhr Bast fort. �Es sei denn, Sie wollen uns auf der Stelle erschie�en.�</p><p>Die drei M�nner gehorchten, und Abberlines Gesicht verlor auch noch das allerletzte bisschen Farbe. �Was ...?�</p><p>�Genau dieselbe Frage wollte ich Ihnen auch gerade stellen, Inspektor�, unterbrach ihn Bast k�hl. �Was soll dieser �berfall?�</p><p>Abberline starrte sie noch eine weitere Sekunde lang an, aber er fand seine Fassung erstaunlich schnell wieder. �Wo sind Mrs Walsh und das M�dchen?�, fragte er.</p><p>�Nicht hier�, antwortete Bast, bevor Maistowe es tun konnte. �Aber wir erwarten sie jeden Augenblick zur�ck.� Innerlich atmete sie vorsichtig erleichtert auf. Wenn Abberline nach Mrs Walsh und Cindy fragte, dann bedeutete das mit ziemlicher Sicherheit, dass den beiden nichts passiert war. �Und jetzt w�re ich Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie uns erkl�ren w�rden, was dieser �berfall zu bedeuten hat.�</p><p>Abberline sah die drei Bobbys, die mit ihm hereingekommen waren, noch immer zutiefst verwirrt an, aber er ging nicht auf das schier unglaubliche Bild ein, das sich ihm bot. Er beantwortete auch ihre Frage nicht, sondern stellte seinerseits eine.</p><p>�Wo waren Sie heute, Bastet?�</p><p>�Was soll denn das?�, murmelte Maistowe.</p><p>�Heute? Hier!�, antwortete Bast. �Den ganzen Tag. Ich habe das Haus nicht verlassen.�</p><p>�Und daf�r gibt es Zeugen, nehme ich an?�</p><p>�Jacob, Mrs Walsh und Cindy�, antwortete Bast. Irgendetwas war passiert. Etwas Schlimmes. Aber sie wagte es nicht, sich wirklich zu fragen, was. �Und der Beamte, den Sie auf der anderen Stra�enseite postiert haben. Warum fragen Sie?�</p><p>Abberline wandte sich an Maistowe. �Ist das wahr? Sie hat das Haus nicht verlassen? Auch nicht kurz?�</p><p>�Weder heute noch vergangene Nacht�, antwortete Maistowe. Er klang noch immer verwirrt, aber auch in zunehmendem Ma�e w�tend. �Sie hat die ganze Nacht in ihrem Bett gelegen und es nicht einmal verlassen. Das kann ich bezeugen.�</p><p>Abberline runzelte ob dieser ungefragten Information irritiert die Stirn. Normalerweise h�tte auch Bast das nicht besonders komisch gefunden, aber im Moment war es ihr ziemlich egal, was Abberline sich dabei dachte.</p><p>�Also, Inspektor - was ist passiert? Was sollen diese Fragen ... und die Waffen?�</p><p>�Ich f�rchte, ich habe eine schlechte Nachricht f�r Sie, Miss Bast�, antwortete Abberline unbehaglich. �Es ist mir nicht angenehm, und es war ganz sicher nicht meine Idee, aber ich habe den Auftrag, Sie zu verhaften und nach Whitehall zu bringen.�</p><p>�Verhaften?�, �chzte Maistowe. �Haben Sie den Verstand verloren?�</p><p>Bast machte eine bes�nftigende Geste. �Munro?�, vermutete sie. Abberline nickte. Sein Blick irrte immer wieder zu den drei Bobbys hin, und Bast war fast sicher, dass er ganz allm�hlich zu begreifen begann, was geschah. Nur nicht, was er damit anfangen w�rde. �Was genau ist passiert? Vermisst er seinen Kanopendeckel?�</p><p>�Es ist wieder passiert�, antwortete Abberline ernst. �Diesmal am hellen Tag. Er wird immer dreister.�</p><p>�Der Ripper?�, fragte Maistowe erschrocken.</p><p>�Nicht nur das. Diesmal hat der Mistkerl seine Tat angek�ndigt�, antwortete Abberline. �Er hat einen weiteren Brief an die Presse geschickt. Nach dem Poststempel zu schlie�en, wurde er gestern aufgegeben, aber da war das Opfer nachweislich noch am Leben.� Zorn spiegelte sich in seinem Blick, aber Bast hatte das Gef�hl, dass das noch nicht alles war.</p><p>�Wer ist das Opfer?�, fragte Maistowe.</p><p>�Das wissen wir noch nicht�, sagte Abberline. �Ich habe M�nner vor Ort, aber die Leiche ist noch nicht eindeutig identifiziert. Es d�rfte ... eine Weile dauern, f�rchte ich. Ich komme gerade von dort, und es ist kein sch�ner Anblick.�</p><p>�Und Sie sind sicher, dass es der Ripper war?�, fragte Bast.</p><p>�Wenn Sie die Tote gesehen h�tten, w�rden Sie diese Frage nicht stellen�, antwortete Abberline.</p><p>�Und das ist f�r Sie Grund genug, hier gleich mit einem Haftbefehl und einer kleinen Armee aufzutauchen?�, fragte Maistowe emp�rt.</p><p>Bast brachte ihn mit einer raschen Bewegung zum Schweigen. Das war nicht der Grund, aber es interessierte sie im Moment nicht. Irgendetwas sehr Schlimmes war passiert, dessen war sie sich mittlerweile sicher. �Wo ist es passiert?�, fragte sie. �Wieder in Whitechapel?�</p><p>�Ja, wenn auch am Rande. Eine kleine Wohnung in einem sch�bigen Hinterhof, die ...�</p><p>�Mit nur einem Zimmer?�, fiel ihm Bast ins Wort. Sie sprang auf. �Nur ein Bett, ein kleiner Ofen und eine Kiste?�</p><p>�Und eine Leiche�, best�tigte Abberline. Er klang pl�tzlich h�rbar misstrauisch. �Darf ich fragen, woher Sie das wissen?�</p><p><emphasis>Faye. </emphasis>Bei Ra, sie hatten Faye get�tet! �Weil ich diese Wohnung kenne!�, antwortete sie m�hsam beherrscht. �Und ich f�rchte, auch das M�dchen, von dem Sie sprechen. Bringen Sie mich hin!�</p><p>�Es tut mir leid, aber ich habe Befehl, Sie ...�</p><p>�Sofort!�</p><empty-line/><empty-line/><p>Der Wagen war in so halsbrecherischem Tempo durch die schmaler werdenden Stra�en geprescht, dass es Bast im Nachhinein fast wie ein kleines Wunder vorgekommen war, dass sie niemanden �berfahren hatten, oder in einer der scharfen Kurven einfach umgekippt waren.</p><p>Und zugleich hatte sie das Gef�hl gehabt, dass die Fahrt einfach kein Ende nehmen wollte.</p><p>Jetzt hatten sie ihr Ziel erreiht, und Bast sah ihre schlimmsten Bef�rchtungen best�tigt: Die Stra�e, in der Fayes winzige Hinterhof-Wohnung lag, war an beiden Enden abgesperrt, und eine kleine Armee von Bobbys bildete nicht nur einen grimmigen Absperr-Ring vor der schmalen Toreinfahrt, sondern versuchte auch - mit m��igem Erfolg - der immer gr��er werdenden Masse der Schaulustigen und Gaffer Herr zu werden, die sie belagerte.</p><p>Aber es waren nicht einfach nur Schaulustige. Etwas hatte sich ge�ndert seit jener Nacht, als sie vor Liz' Leichnam gestanden hatte. Auch diese Leute hier waren von der blo�en Neugier und der morbiden Faszination der Gewalt, die anderen angetan wurde, angezogen worden, aber das war nicht alles. Etwas Neues war dazugekommen. Diese Leute hier hatten Angst. Und sie suchten einen Schuldigen.</p><p>Der Wagen hielt mit einem klirrenden Ruck und dem protestierenden Schnauben und Hufeschlagen der Pferde an, die viel zu brutal abgebremst worden waren, und Abberline stie� die T�r auf und gebot ihr mit einer hastigen Geste, zur�ckzubleiben. Bast beobachtete, wie er mit wenigen raschen Gesten daf�r zu sorgen versuchte, dass die Beamten eine Gasse durch die Menschenmenge f�r sie bahnten. Offensichtlich gingen seine �berlegungen in eine ganz �hnliche Richtung wie ihre eigenen.</p><p>Sie ging dennoch kein Risiko ein. Im gleichen Augenblick, in dem sie den Wagen verlie�, schl�pfte sie in eine andere Gestalt, und jedermann, der jetzt in ihre Richtung blickte, sah nichts als einen weiteren Bobby mit Cape und hohem Helm, der Abberline folgte. Jeder au�er Abberline selbst - und m�glicherweise der Linse einer Kamera, die vielleicht in diesem Moment auf sie gerichtet war.</p><p>Abberline wedelte ungeduldig mit der Hand, ihm zu folgen, wirkte aber zugleich auch schon wieder verbl�fft und ein wenig misstrauisch. Er sah sie so, wie sie wirklich aussah, und er konnte auch nicht wissen, was alle anderen in seiner Umgebung wahrnahmen, aber er sp�rte zweifellos, dass etwas Sonderbares vorging.</p><p>Bast ging so schnell weiter, dass ihm gar keine Zeit zum Nachdenken blieb. Die Beamten vor dem Tor wichen respektvoll vor dem Inspektor und ihrem unbekannten Kollegen zur Seite, und Bast trat in den Schatten des Torbogens. Ihr Herz begann mit jedem Schritt �ber das Kopfsteinpflaster schneller zu schlagen. Licht drang aus einer T�r�ffnung in das Dunkel des Hinterhofs. Es <emphasis>war </emphasis>Fayes Wohnung, und Bast f�hlte sich pl�tzlich elend, zugleich aber unglaublich zornig. Sie hatte es ja gewusst. Es war noch keine zwei Stunden her, da hatte sie Maistowe gesagt, dass Horus ganz genau das tun w�rde: alles und jeden vernichten, der ihr auch nur irgendetwas bedeutete. Und doch f�hlte sie sich jetzt, als h�tte sie selbst Faye get�tet. Faye, die ...</p><p>... sich gleichen Moment herumdrehte, in dem Bast das hoffnungslos �berf�llte Zimmer betrat, und sie aus leeren, vom Weinen verquollenen Augen anblickte.</p><p>�Faye?�, murmelte sie verwirrt.</p><p>�Kennen wir ...� Faye brach ab, und ihre Augen weiteten sich, als Bast mit einiger Versp�tung endlich daran dachte, ihre Tarnung aufzugeben und wieder in ihre wirkliche Gestalt zu schl�pfen.</p><p>�Bast?�, fl�sterte sie verst�rt.</p><p>Bast war im allerersten Moment nicht weniger sprachlos als sie. Sie war in der festen �berzeugung hierhergekommen, Fayes gesch�ndeten Leichnam identifizieren zu m�ssen, aber jetzt stand Faye unversehrt und nur zu Tode erschrocken vor ihr.</p><p>Bast �berwand endlich ihre �berraschung und sah sich aufmerksam um. Au�er Faye und ihr selbst befanden sich noch f�nf weitere Personen in dem winzigen K�mmerchen. Vier davon waren uniformierte Polizisten, der f�nfte niemand anderes als James Monro h�chstselbst. Er trug einen eleganten schwarzen Frack, R�schenhemd und Fliege und einen Zylinder, der hoch genug war, um beinahe gegen die Decke zu sto�en. Und er starrte sie mindestens ebenso verbl�fft an wie sie gerade Faye.</p><p>Dann schlug seine Verwirrung urpl�tzlich in Zorn um. �Was, zum Teufel, tun Sie denn hier?�, fauchte er. �Hatte ich nicht angeordnet, dass diese Person unverz�glich in Gewahrsam genommen wird?�</p><p>Bast begriff erst mit einer Sekunde Versp�tung, dass Monros Zorn nicht wirklich ihr galt, sondern Abberline, der halb hinter, halb neben ihr stand und vergeblich versuchte, sich in ein Zimmer zu quetschen, in dem einfach kein Platz mehr f�r ihn war.</p><p>�Ich wei�, Monro�, antwortete er rasch, aber in keineswegs devotem Ton. �Aber Miss Bast kann uns m�glicherweise dabei behilflich sein, das Opfer zu identifizieren, und da dachte ich ...�</p><p>�Das Denken haben Sie gef�lligst mir zu �berlassen, Inspektor�, unterbrach ihn Monro schneidend. Im n�chsten Moment schon erlosch sein �rger ebenso pl�tzlich, wie er aufgekommen war, und machte einem neuen, fast verschlagenen Ausdruck Platz. �Auf der anderen Seite ... vielleicht ist es gar nicht das Schlechteste, dass Sie da sind, Madam. M�glicherweise k�nnen Sie uns ein paar Fragen beantworten. Kommen Sie. Schauen Sie sich um, was wir gefunden haben!�</p><p>Er wedelte auffordernd mit der Hand und scheuchte gleichzeitig mit der anderen den gr��ten Teil der Bobbys aus dem Raum, sodass Bast n�her an das Bett herantreten und auch Abberline endg�ltig hereinkommen konnte.</p><p>Sie hatte geahnt, dass sie Schlimmes sehen w�rde, und sie war Schlimmes gewohnt, doch nicht einmal ihr gelang es, vollkommen unbewegt zu bleiben.</p><p>Die Tote auf dem Bett war Marie-Jeanette, das rothaarige M�dchen aus dem Ten <emphasis>Bells, </emphasis>aber Bast hatte M�he, sie zu erkennen. Nicht weil ihr Gesicht verunstaltet gewesen w�re. Ihr M�rder hatte ihre wundersch�nen Z�ge unversehrt gelassen, aber was er mit ihrem K�rper getan hatte, war so entsetzlich, dass es ihren Blick fast magisch anzog und es ihr beinahe unm�glich machte, irgendetwas anderes wahrzunehmen. Es dauerte eine Weile, bis sie �berhaupt etwas sagen konnte. Und auch dann war es nicht sonderlich originell.</p><p>�Das ... das ist ...�</p><p>�Ein schrecklicher Anblick, nicht wahr?� Monro kam n�her und wedelte mit einem spitzenbesetzten wei�en Taschentuch vor dem Gesicht herum; vermutlich um den furchtbaren Geruch nach Blut und Innereien zu verscheuchen, der von dem ausgeweideten Leichnam ausging. �Da fragt man sich doch, welcher Mensch so etwas fertig bringt ... oder ob es �berhaupt ein Mensch war.�</p><p>Rast drehte sich halb herum und warf Abberline einen verstohlen fragenden Blick zu, den dieser mit einem ebenso verstohlenen Kopfsch�tteln beantwortete. Nichts davon entging Monro.</p><p>�Aber ich nehme an, dass Sie dieser Anblick auch nicht besonders �berrascht�, fuhr Monro fort.</p><p>�Was genau wollen Sie damit sagen?�, fragte Bast k�hl.</p><p>�Erinnert Sie das nicht daran, wie Ihr bedauernswerter Kutscher ausgesehen hat, als man ihn fand?�, fragte Monro mit gespielter Unschuld.</p><p>Bast nickte nur. Tats�chlich hatte man Marie-Jeanette auf �hnliche Weise zugerichtet wie den armen Arthur - nur sehr, sehr viel schlimmer. Ihr Gesicht war so ziemlich das Einzige an ihr, was unversehrt geblieben war. Und nicht nur der f�r alle Zeiten erstarrte Ausdruck von Qual darauf sagte Bast, dass sie die ganze Zeit �ber bei vollem Bewusstsein gewesen war ...</p><p>�Ich habe es �berpr�ft, Sir�, sagte Abberline ungefragt. �Miss Bast war den ganzen Tag �ber in der Pension. Kapit�n Maistowe und Mrs Walsh, die Pensionswirtin, haben das best�tigt, und die Konstabler, die das Haus bewacht haben, ebenfalls.�</p><p>�Das ist erfreulich f�r Ihre ... �hm ... f�r Miss Bast�, antwortete Monro. �Immerhin beweist es, dass sie diesen Mord nicht selbst begangen hat ... aber das habe ich auch niemals angenommen. Das hier ist nicht die Tat einer Frau, ganz gleich, woher sie auch kommen mag.�</p><p>�Warum wollen Sie mich dann verhaften?�, fragte Bast.</p><p>�Vorladen w�re der korrektere Ausdruck�, sagte Monro k�hl. �Hat Inspektor Abberline das nicht erw�hnt? Wenn ja, entschuldige ich mich f�r dieses Vers�umnis, aber es �ndert nichts daran, dass Sie sich als in Gewahrsam genommen betrachten m�ssen. Es tut mir leid.�</p><p>�Und warum?� Bast drehte sich halb um, sodass ihr wenigstens der gr�ssliche Anblick der ge�ffneten Leiche auf dem Bett erspart blieb.</p><p>�Nun, aus zwei Gr�nden�, antwortete Monro. �Der eine ist, dass ich sicher bin, dass Sie etwas mit dieser ganzen Geschichte zu tun haben. Sie haben diese Morde gewiss nicht selbst begangen, aber ich wei�, dass Sie etwas damit zu tun haben. Sie wissen, wer sie begangen hat, oder zumindest doch warum, und Sie werden mir sagen, was Sie wissen.�</p><p>�Was zu beweisen Ihnen schwerfallen d�rfte�, sagte Bast k�hl.</p><p>�Vielleicht�, antwortete Monro unger�hrt. �Vielleicht auch nicht. Aber das ist im Moment zweitrangig. Ich sagte Ihnen doch, dass ich Sie aus zwei Gr�nden ... hergebeten habe. Interessiert Sie der zweite Grund?�</p><p>Bast verschwendete keine Zeit damit, �berhaupt zu antworten, und Monro hatte damit wohl auch gar nicht gerechnet, denn er schob sich an ihr vorbei, beugte sich mit einem leisen �chzen vor und hob etwas auf, das bisher unter dem Bett gelegen hatte. �K�nnen Sie mir vielleicht sagen, was das ist?�</p><p>Bast runzelte die Stirn, griff aber gehorsam nach der gesprungenen Glasplatte, die Monro ihr reichte und hatte im n�chsten Moment M�he, ein erschrockenes Zusammenzucken zu unterdr�cken.</p><p>�Ah, ich sehe, Sie wissen, was das ist�, sagte Monro. Sein triumphierender Ton gefiel Bast nicht.</p><p>�Woher ... haben Sie das?�, fragte sie stockend. Es war die Photoplatte. Das photographische Negativ, das sie gestern in ihrem Gep�ck gefunden hatte.</p><p>Sie war sich sicher, dass sie die Glasplatte wieder in den Mantel gesteckt hatte, nachdem sie sie Isis gezeigt hatte. Sie musste sie mit zur�ck in die Pension genommen haben. Oder etwa nicht? Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie die Photographie das letzte Mal in der Hand gehabt hatte. Es war so viel passiert in der Zwischenzeit. Der �berfall der M�nner, ihr eigener todes�hnlicher Schlaf ...</p><p>�Es lag unter dem Bett�, h�rte sie Monro sagen. �Einer der Konstabler hat es gefunden, als er sich auf die Knie begeben hat, um sich zu �bergeben - was ich ihm ehrlich gesagt nicht ver�beln kann. Aber keine Sorge, es wurde selbstverst�ndlich gereinigt.� Er steckte sein Tuch ein und begann seinen gewaltigen Schnauzbart zu zwirbeln. �Die eigentliche Frage von Belang jedoch ist, Miss Bast - wer hat es hier verloren? Und wen zeigt dieses Bild?�</p><p>Auf jeden Fall nicht sie - aber auch das sagte Bast nicht. Niemand au�er Isis und sie wusste, wer auf diesem Bild wirklich zu erkennen war, und selbstverst�ndlich w�rde Monro ihr nicht glauben. So, wie die Dinge lagen, konnte er das gar nicht.</p><p>�Ich finde, diese Person hat gro�e �hnlichkeit mit Ihnen, Gn�digste�, fuhr Monro denn auch prompt fort. �Oder zumindest mit jemandem, der wiederum gro�e �hnlichkeit mit Ihnen hat.�</p><p>�Ja, das k�nnte sein�, antwortete Bast. �Aber verzeihen Sie, Sir. Ich kenne die britischen Gesetze nat�rlich nicht so gut wie Sie, aber ... ist es in diesem Land verboten, photographiert zu werden?�</p><p>�Keineswegs�, antwortete Monro. �Hat Inspektor Abberline Ihnen eigentlich gesagt, dass man heute Morgen Sapersteins Leiche aus der Themse gefischt hat?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast. �Wer soll das sein?�</p><p>�Israel Saperstein, der Pressephotograph, der manchmal f�r mich arbeitet�, antwortete Abberline, ohne sie dabei anzusehen. �Ich hatte Ihnen davon erz�hlt. Er bekommt von mir dann und wann einen kleinen Tipp, wo eine interessante Geschichte zu holen ist, und ich erhalte im Gegenzug von ihm Photographien von Tatorten. Jemand hat ihn umgebracht.�</p><p>�Nachdem er dieses Bild gemacht hat�, sagte Monro. �Ein Bild, auf dem Sie zu sehen sind.�</p><p>�Jemand, der mir �hnlich sieht�, antwortete Bast. Ihre Gedanken �berschlugen sich. Nat�rlich wusste sie, dass ihre Antwort nichts anderes als l�cherlich war, aber sie konnte pl�tzlich kaum noch klar denken, und f�r einen Moment drohte sie ernsthaft in Panik zu geraten. Sie erkannte die gesprungene Glasplatte ebenso zweifelsfrei wieder wie die schwarz verh�llte Gestalt darauf - aber sie konnte sich beim allerbesten Willen nicht erkl�ren, wie sie hierherkam!</p><p>Monro sah sie nahezu ver�chtlich an. �Ich bitte Sie, Gn�digste. Ich wei� nicht sehr viel �ber die Gesetze Ihres Heimatlandes, aber selbst dort d�rften diese Beweise zumindest f�r eine vorl�ufige Festnahme reichen. Es sei denn, Sie h�tten mir etwas zu sagen. Jetzt.�</p><p>Bast sah ihn nur an, und Monro nickte, als h�tte er nichts anderes erwartet. �Mortensen! Nowes!�, rief er mit erhobener Stimme. Ein zweiter Uniformierter betrat den Raum, und auch der andere Bobby spannte sich. �Verhaften Sie diese Frau!�, befahl Monro. �Legen Sie ihr Handschellen an, und bringen Sie sie nach Scotland Yard. Ich werde sp�ter nachkommen und das Verh�r pers�nlich leiten.�</p><p>Die beiden Konstabler traten auf sie zu, und Bast zwang sie mit einem einzigen, eisigen Blick stehen zu bleiben. �Das werden Sie nicht tun.�</p><p>Die beiden M�nner erstarrten mitten in der Bewegung und wirkten gleicherma�en verbl�fft wie erschrocken, und Monro �chzte h�rbar.</p><p>�Konstabler Nowes! Konstabler Mortensen! Sind Sie wahnsinnig geworden? Sie sollen sie in Ketten legen, habe ich gesagt!�</p><p>�Es ist alles in Ordnung�, sagte Bast ruhig, an die beiden Konstabler gewandt. �Sie k�nnen gehen. Schlie�en Sie die T�r und warten Sie drau�en. Und vergessen Sie, dass Sie mich gesehen haben.�</p><p>Die beiden wandten sich gehorsam um und gingen, und Monro starrte ihnen aus hervorquellenden Augen nach. Faye sah aus, als w�rde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen, und Abberline ... sah sie einfach nur an, bar jeden Gesichtsausdrucks. Er sah aus wie jemand, fand Bast, den nichts mehr ersch�ttern konnte, weil er ohnehin zu dem Schluss gekommen war, l�ngst den Verstand verloren zu haben.</p><p>�Was ... was soll das ... was geht hier vor?�, stammelte Monro. �Was ...?�</p><p>�Halten Sie die Klappe�, sagte Bast m�de.</p><p>Monro verstummte. Seine Augen wurden noch gr��er, und nun erschien eindeutig Furcht darin. Er wollte etwas sagen, aber er bekam kein Wort heraus.</p><p>�Ich habe keine Zeit f�r diesen Unsinn�, sagte Bast, �und auch keine Lust mehr. Sie werden mir jetzt zuh�ren, und ich werde Ihnen auch gestatten, mir zu antworten - und nur, wenn Sie mir Ihr Wort geben, vern�nftig zu sein und nicht nach Ihren Leuten zu rufen oder irgendetwas �hnlich Dummes zu tun. Habe ich Ihr Wort?�</p><p>Monro starrte sie mit immer gr��erem Entsetzen an, aber schlie�lich nickte er, und Bast entlie� ihn vorsichtig aus ihrem geistigen W�rgegriff, noch immer jederzeit bereit, ihn erneut zum Schweigen zu bringen.</p><p>�Bast, was ... was tust du?�, stammelte Faye. �Was bedeutet das?�</p><p>Bast brachte sie mit einer Geste zum Schweigen. �Ich gebe Ihnen mein Wort, Mr Monro, dass ich mit diesen Morden nichts zu tun habe, so wenig wie mit dem Verschwinden dieses Photographen. Aber es k�nnte sein, dass ich ... wei�, wer dahinter steckt. Ich werde dieser Spur nachgehen, und sollte sich mein Verdacht als berechtigt erweisen, dann werde ich die Sache beenden. Das versichere ich Ihnen.�</p><p>Monro zog sein Taschentuch wieder heraus, diesmal allerdings, um sich damit �ber die Stirn zu tupfen, auf der pl�tzlich Schwei�perlen glitzerten, obwohl es hier drinnen empfindlich kalt war. �Was ... was geht hier vor?�, stammelte er. �Was f�llt Ihnen ein? Wissen Sie nicht, wer ich bin?�</p><p>�Doch�, antwortete Bast. �Aber Sie wissen ganz offensichtlich nicht, wer ich bin. Seien Sie froh, dass es so ist. Ach ... nebenbei - was macht Ihr Herz?�</p><p>�Mein Herz?� Monro sah sie verst�ndnislos an. �Was soll der Unsinn? Es ist vollkommen in Ordnung.�</p><p>�Jetzt nicht mehr�, sagte Bast.</p><p>Monro setzte zu einer zornigen Entgegnung an, aber pl�tzlich riss er den Mund auf, presste die linke Hand gegen die Brust und griff sich mit der anderen an die Kehle. Ein sonderbarer, gurgelnder Laut kam �ber seine Lippen, w�hrend er immer verzweifelter - und vergeblich - nach Luft rang. Er begann ganz langsam in die Knie zu brechen.</p><p>�Bast!�, sagte Abberline scharf.</p><p>Bast machte noch eine Sekunde weiter, dann aber gestattete sie Monros Herz, weiterzuschlagen und half ihm sogar behutsam dabei, in seinen normalen Rhythmus zur�ckzufinden. Monro hatte gelogen oder es nicht gewusst - aber mit seinem Herzen stand es wirklich nicht zum Besten.</p><p>�K�nnen wir jetzt vern�nftig miteinander reden?�, fragte sie.</p><p>Monro rang japsend nach Luft. Die rechte Hand hatte er immer noch am Hals, mit der anderen st�tzte er sich auf der Bettkante ab, ohne von dem blutigen Leichnam darauf Notiz zu nehmen. �Abberline, verhaften Sie sie!�, japste er. �Nehmen Sie diese Frau fest! Das ist ein Befehl!�</p><p>�So gerne ich das t�te, Sir�, antwortete Abberline, �doch ich f�rchte, das ist mir im Moment unm�glich.�</p><p>Bast unterdr�ckte einen �berraschten Blick in seine Richtung. �Monro, bitte�, sagte sie. �Lassen Sie mich erkl�ren, und ...�</p><p>�Sie ... Sie verdammte Hexe!�, keuchte Monro.</p><p>Bast resignierte. Mit Vernunft und logischen Argumenten kam sie in diesem Fall offensichtlich nicht weiter. �Damit haben Sie sogar recht, Mr Monro�, sagte sie. �Wenn auch in v�llig anderer Hinsicht, als Sie glauben. Aber das ist nicht der Punkt. Die Frage ist, wollen Sie mir zuh�ren und vern�nftig mit mir reden, oder m�chten Sie, dass Ihre Leute Sie tot auffinden, weil Ihr Herz versagt hat?�</p><p>Monro starrte sie wutentbrannt an, und Bast - obwohl sie wusste, dass es wahrscheinlich ein Fehler war - f�gte hinzu: �Ich kann auch daf�r sorgen, dass man Sie mit einem Messer in der Hand und heruntergelassener Hose �ber die Leiche gebeugt findet.�</p><p>Aus dem Hass in Monros Augen wurde etwas anderes, Schlimmeres. Aber Bast f�hlte auch, wie gro� seine Angst war. Er nickte widerwillig.</p><p>�Ich wusste, dass Sie ein vern�nftiger Mann sind, Onkel Munro�, sagte Bast l�chelnd.</p><p>Monro wirkte einen halben Atemzug lang verwirrt, dann blitzte neue und noch viel gr��ere Wut in seinen Augen auf, und er fuhr zu Faye herum. �Was hast du ihr ...�</p><p>�Erz�hlt?�, unterbrach ihn Bast. �Nichts. �berhaupt nichts. Glauben Sie mir, ich bin nicht darauf angewiesen, dass mir irgendjemand etwas erz�hlt. Ich wei� von Ihnen und Faye, aber das geht mich nichts an.�</p><p>�Warum sagen Sie es dann?�, fragte Monro.</p><p>�Vielleicht, weil ich mich frage, ob Ihre Frau ebenfalls davon wei߫, antwortete Bast, �und was sie wohl dazu sagen w�rde ... von der K�nigin und der feinen Londoner Gesellschaft ganz zu schweigen. Aber Sie haben recht, es geht mich nichts an. Sie sollten sich M�he geben, damit ich meine Meinung nicht �ndere.�</p><p>�Sie wollen mich erpressen�, konstatierte Monro. Seltsamerweise schien ihn diese Erkenntnis eher zu beruhigen; vielleicht, weil das etwas war, was er verstand. Ganz im Gegenteil zu dem, was er gerade am eigenen Leib erlebt hatte.</p><p>�Unsinn!�, widersprach Bast scharf. �Ich glaube, wir haben im Moment gr��ere Probleme.� Ernst deutete sie auf das Bett. �Das da ist es, wor�ber Sie sich den Kopf zerbrechen sollten, nicht Ihr Ruf als Gentleman. Ich wei�, wer das getan hat, und er wird es wieder tun, wenn ich ihn nicht aufhalte. Ich kann es mir nicht leisten, Zeit mit Ihnen und Ihren albernen Verd�chtigungen zu verschwenden - es sei denn, Sie legen Wert auf noch ein paar Tote. Haben Sie das verstanden?�</p><p>�Ja�, antwortete Monro - obwohl Bast nicht den Eindruck hatte, dass das wirklich so war.</p><p>�Dann h�ren Sie mir zu�, fuhr sie fort. �Ich werde diejenigen suchen, die das getan haben, und ich werde daf�r sorgen, dass es aufh�rt - auf die eine oder andere Weise. Von mir aus k�nnen Sie den ganzen Ruhm f�r sich beanspruchen, den Ripper unsch�dlich gemacht zu haben. Das ist mir egal. Ich verlange nur eine einzige Gegenleistung daf�r.�</p><p>�Und welche?�, erkundigte sich Monro. Sein Blick irrte immer unsteter zwischen ihr, Abberline und Faye hin und her, und sie konnte regelrecht sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Er trug eine Waffe unter seinem schwarzen Frack, eine l�cherliche kleine Pistole, und er �berlegte verzweifelt, wie er sie schnell genug erreichen konnte. Ein Teil von ihr w�nschte sich fast, er w�rde es tats�chlich versuchen.</p><p>�Faye�, sagte sie.</p><p>�Faye?�</p><p>Bast deutete auf das tote M�dchen auf dem Bett. �Das da sollte eigentlich Faye sein�, sagte sie. �Man wollte sie t�ten, um mich zu treffen.�</p><p>�Wie bitte?�, murmelte Faye ersch�ttert. Dann lachte sie, ebenso nerv�s wie unecht. �Das ... das kann nicht sein. Du musst dich irren - oder du erlaubst dir einen b�sen Scherz, habe ich recht?�</p><p>�Du hat mir selbst erz�hlt, dass sie erst gestern hier bei dir eingezogen ist�, antwortete Bast traurig. �Sie haben sie f�r dich gehalten.�</p><p>�Aber ... aber das kann nicht sein�, protestierte Faye. Sie klang fast hysterisch. �Sie ... sie sieht mir ja noch nicht einmal �hnlich!�</p><p>�Weil der M�rder wahrscheinlich nicht einmal wei�, wie du aussiehst�, sagte Bast traurig. �Nur, wo er dich findet.�</p><p>�Und das hat dir wahrscheinlich das Leben gerettet�, sagte Abberline ernst.</p><p>�Aber das ergibt doch �berhaupt keinen Sinn!�, begehrte Faye auf. Pl�tzlich f�llten sich ihre Augen mit Tr�nen. �Warum sollte mich jemand umbringen, der mich nicht einmal kennt?�</p><p>�Weil sie eigentlich mich damit gemeint haben�, sagte Bast.</p><p>Faye starrte sie an, aber Monro lachte pl�tzlich, und sehr b�se. �Was denn nun? Erst galt es Faye, dann Ihnen, und wer kommt als N�chster? Ich?�</p><p>Bast sinnierte eine halbe Sekunde lang dar�ber nach, dass das eigentlich nach einer ziemlich guten Idee klang, aber sie antwortete sehr ernst: �Das ist ihre Art, Monro. Sie zerst�ren jeden, mit dem ich zu tun habe, um mich zu qu�len.�</p><p>�Das wird ja immer verr�ckter!�, fauchte Monro.</p><p>�Ja, wenn Sie das glauben.� Bast zuckte beil�ufig die Achseln. �Auf jeden Fall ist Faye in Gefahr, solange ich nicht mit ihnen ... gesprochen habe. Sie k�nnten es wieder versuchen. Solange diese Geschichte nicht vorbei ist, ist sie in Gefahr. Ich m�chte, dass Sie sich um sie k�mmern und sie besch�tzen. Nicht f�r lange. Wahrscheinlich nur f�r diese Nacht.�</p><p>�Und dann?�, fragte Monro misstrauisch.</p><p>�Ist es vorbei�, antwortete Bast. �Sie werden nie wieder etwas von mir h�ren - oder von Faye, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.�</p><p>�Was immer das wert ist.�</p><p>�Warum sollte ich Sie bel�gen?�, fragte Bast. Sozusagen nur der Ordnung halber, stie� sie einen Pfeil aus d�nnem, aber stechendem Schmerz direkt durch sein Herz. Monro japste vor Schrecken und griff sich an die Brust, und Bast lie� den Schmerz wieder erl�schen. �Ich k�nnte Sie zwingen, alles zu tun, was ich von Ihnen verlange, und auch noch Freude daran zu empfinden. Aber das will ich nicht. Bringen Sie Faye von hier weg und sorgen Sie daf�r, dass sie bis morgen fr�h in Sicherheit ist, und ich sorge daf�r, dass diese Morde aufh�ren. Faye und ich werden London verlassen, und Sie h�ren nie wieder von uns. Das ist mein Angebot. Sind Sie damit einverstanden?�</p><p>�Habe ich denn eine Wahl?�, fragte Monro w�tend.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Bast. Sie drehte sich zu Abberline um. �Wie hie� doch gleich die Zeitung, f�r die dieser Photograph gearbeitet hat? Ich nehme doch an, sie hat auch einen Gesellschafts- und einen Klatschteil?�</p><p>�Schon gut!�, sagte Monro rasch. �Ich habe verstanden. Wir bringen Faye in Sicherheit. Ich werde pers�nlich daf�r sorgen.� Er �berlegte einen Moment. �Das Beste wird sein, ich bringe sie in den Yard. Dort ist sie vollkommen sicher.�</p><p>�Nach Scotland Yard?� Faye klang regelrecht entsetzt. �Ins Gef�ngnis? Aber wieso denn? Ich habe doch gar nichts getan!�</p><p>Bast sp�rte, wie nahe sie daran war, einfach zusammenzubrechen, und legte ihr sanft die H�nde auf die Schultern. �Es ist nur f�r eine Nacht�, sagte sie sanft. �Und niemand spricht vom Gef�ngnis. Es gibt dort ein paar sehr behaglicher B�ros. Ich bin sicher, dass Onkel Munro daf�r sorgen wird, dass es dir dort gut geht. Und ich komme sp�ter und hole dich ab. Also - sind wir uns einig?�</p><p>Nat�rlich waren sie das nicht. Faye war weder in der Lage noch willens, vern�nftig zu sein, aber Bast half mit sanftem Druck nach, und nach ein paar Augenblicken nickte sie.</p><p>�Dann sind wir uns einig.� Diesmal galten die Worte Monro, der sie beinahe mit so etwas wie Mordlust in den Augen anstarrte, nach einem Moment aber trotzdem nickte.</p><p>�Gut.� Bast seufzte tief. �Dann gibt es keinen Grund, noch mehr Zeit zu verschwenden. R�umen Sie hier auf und k�mmern Sie sich um Faye, und ich erledige den Rest. Und versuchen Sie erst gar nicht, mir Ihre M�nner hinterherzuschicken. Sie w�rden mich nicht einmal sehen. Glauben Sie mir das, oder brauchen Sie noch einen Beweis?�</p><p>Sie hatte absolut nichts getan, aber Monro zuckte deutlich zusammen und hob die Hand ans Herz. Er hatte es sehr eilig zu nicken.</p><p>�Dann gehe ich jetzt�, sagte Bast. �Ich nehme doch an, dass Sie nichts dagegen haben, wenn Inspektor Abberline mich begleitet?�</p><empty-line/><empty-line/><p>Es begann zu d�mmern, als sie wieder in den Wagen stiegen. Es war dieselbe Kutsche, die sie hergebracht hatte, nur dass sie diesmal nicht von einem halben Dutzend grimmig dreinblickender Bobbys eskortiert wurden und Bast daf�r sorgte, dass absolut niemand von ihnen Notiz nahm. Dar�ber hinaus sorgte sie daf�r, dass sich die inzwischen noch einmal deutlich angewachsene Menschenmenge auf fast geheimnisvolle Weise vor ihnen teilte, weil die M�nner und Frauen von einem pl�tzlichen und f�r sie selbst unerkl�rlichen Unbehagen ergriffen wurden und das dringende Bed�rfnis versp�rten, zur Seite zu treten. Dieses Ph�nomen konnte Abberline gar nicht entgehen, aber er sagte nichts dazu. Vielleicht war sein Fassungsverm�gen f�r Unerkl�rliches auch einfach ersch�pft.</p><p>Erst, als sie wieder im Wagen sa�en und nachdem Abberline dem Fahrer Anweisung gegeben hatte, wieder zur�ck zur Pension zu fahren, wandte er sich wieder direkt an sie und brach das Schweigen.</p><p>�Sie glauben nicht wirklich, dass Sie damit durchkommen, oder?�</p><p>Bast hatte eine Menge Fragen erwartet, aber ganz gewiss nicht diese. �Womit?�</p><p>�Monro�, antwortete Abberline ernst. �Sie glauben vielleicht, diesen Mann zu kennen, aber das stimmt nicht. Er ist nicht der Gentleman, als den er sich so gerne ausgibt, und er ist schon gar niemand, den ich �Onkel� nennen w�rde.�</p><p>�Umso weniger d�rfte ihm daran gelegen sein, dass alle Welt erf�hrt, wer ihn so genannt hat und warum�, antwortete Bast, aber Abberline sch�ttelte nur den Kopf und sah pl�tzlich noch besorgter aus.</p><p>�Sie haben ihn erschreckt�, sagte er, �aber das bedeutet nichts. Er ist vieles, aber ganz gewiss nicht dumm. Wahrscheinlich �berlegt er jetzt schon, wie er aus dieser Situation herauskommt, und wem er die Schuld an allem geben kann. Und er wird einen Weg finden.�</p><p>�Wo ist das Problem?�, fragte Bast. �Ich habe es ernst gemeint. Faye wird die Stadt verlassen, und Monro wird nie wieder etwas von ihr h�ren, daf�r werde ich sorgen - schon um Fayes willen.�</p><p>�Und Sie glauben ernsthaft, dass ihm das reicht?�</p><p>�Nein�, gestand Bast.</p><p>�Das ist gut�, sagte Abberline. �Ansonsten h�tte ich n�mlich angefangen, mir ernsthafte Sorgen dar�ber zu machen, ob Sie vielleicht ein wenig zu naiv sind.�</p><p>�Das bin ich nicht, keine Angst�, versicherte Bast. �Was glauben Sie denn, was er tun wird?�</p><p>�Glauben? Nichts.� Abberline sch�ttelte �berzeugt den Kopf. �Ich wei�, was er tun wird.�</p><p>�Und was w�re das?�</p><p>�Heute Abend? Gar nichts. Er wird Faye in Sicherheit bringen und in aller Ruhe abwarten, ob Sie wirklich seine Arbeit f�r ihn erledigen, und ganz wie sie es gesagt haben, wird er hinterher den Ruhm daf�r einstreichen. Und sollte es Ihnen nicht gelingen, wird er mir oder irgendeinem anderen armen Dummkopf die Schuld zuschieben. Und er wird Faye ganz gewiss nicht einfach gehen lassen und darauf vertrauen, dass sie ihr Wort h�lt und er niemals wieder etwas von ihr h�rt. Er wird sie finden, ganz egal, wo sie sich versteckt, und wie lange es dauert. Vergessen Sie nicht, wer er ist. Er ist der Leiter der Spezialabteilung des Innenministeriums, und ihm steht der gesamte Polizeiapparat des britischen Empire zur Verf�gung, wenn es sein muss.�</p><p>�Und dann?�</p><p>Abberline hob die Schultern. �Manchmal geschehen schreckliche Dinge�, sagte er. �Menschen haben Unf�lle, oder sie landen unschuldig im Gef�ngnis oder im Irrenhaus. Oder sie verschwinden einfach.�</p><p>�Ja, das deckt sich so ungef�hr mit meinen �berlegungen�, sagte Bast.</p><p>�Und trotzdem ...�</p><p>Bast unterbrach ihn. �Bleiben Sie ruhig, Inspektor. Monro wird nichts von alledem tun. Er w�rde es vielleicht tun, wenn er sich morgen um diese Zeit noch an unser Gespr�ch oder �berhaupt an den heutigen Abend erinnert. Aber das wird er nicht.�</p><p>Diesmal starrte sie Abberline eine geraume Weile an, und zum allerersten Mal glaubte sie so etwas wie echtes Entsetzen in seinen Augen zu erkennen. �Das k�nnen Sie?�</p><p>�Er wird nicht einmal mehr wissen, dass es mich gibt�, sagte Bast ernst. �Und Faye auch nicht.�</p><p>Abberline schwieg noch l�nger. Seine Miene war wieder so gut wie ausdruckslos, aber Bast konnte sich gut vorstellen, wie er �ber das nachdachte, was er gerade geh�rt hatte, und dadurch zu eigenen Schlussfolgerungen gelangte.</p><p>Sie lie� ihn ganz bewusst eine Zeitlang mit seinen vermutlich nicht besonders angenehmen �berlegungen allein. Sie mochte Abberline - soweit sie es sich gestattete, Sympathie f�r einen Sterblichen zu empfinden -, aber ein bisschen Furcht war in diesem Moment vermutlich nicht das schlechteste Geschenk, das sie ihm machen konnte. Zumindest w�rde es seine Neugier d�mpfen.</p><p>F�r eine Weile sah sie nur stumm aus dem Fenster und beobachtete die vor�berziehenden H�user und Menschen. Obwohl die Droschke nicht mehr in so halsbrecherischem Tempo fuhr wie auf dem Hinweg, bewegte sie sich doch schnell, aber sie w�rden trotzdem erst nach Dunkelwerden zur�ck in der Pension sein; und vermutlich w�rden sie nicht nur Maistowe, sondern auch Mrs Walsh und vor allem Cindy in heller Aufregung vorfinden.</p><p>Hoffentlich nur das, dachte Bast. Sie traute Cindy durchaus zu, etwas Unbedachtes oder auch Dummes zu tun - was im Zweifelsfall dasselbe war -, und schalt sich in Gedanken daf�r, so �berhastet aufgebrochen zu sein, ohne Maistowe entsprechende Anweisungen gegeben zu haben. Andererseits, sagte sie sich selbst, w�re es vermutlich ohnehin sinnlos gewesen. Wenn Cindy sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, etwas zu tun, dann tat sie es auch, basta.</p><p>�Sie sehen besorgt aus�, sagte Abberline pl�tzlich.</p><p>Bast verzog das Gesicht. �Sieht man es mir so deutlich an?�</p><p>�W�rde ich sonst fragen?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast einsilbig. Sie sah demonstrativ weiter aus dem Fenster; es wurde jetzt immer rascher dunkel, und die wenigen Menschen, die noch auf der Stra�e waren, begannen zu flachen, verwaschenen Schatten zu verblassen. Es war empfindlich kalt geworden, und selbst hier drinnen im Wagen kondensierte ihr Atem mittlerweile zu grauem Dunst. Ein sonderbarer und Bast nicht vertrauter Geruch lag in der Luft, den sie erst nach einigen Augenblicken identifizierte: Schnee. Noch war nicht eine einzige Flocke zu sehen, aber er k�ndigte sein Kommen bereits an. Vielleicht w�rde sie ihn noch sehen, bevor sie dieses Land verlie�.</p><p>�Es hat nichts mit mir zu tun�, fuhr sie nach einer Weile unaufgefordert und ohne Abberline dabei anzusehen fort. �Aber Sie haben recht, was Monro angeht. Er ist ein schlechter Mensch. Es ist zwar unwahrscheinlich, aber sollte ich ... nicht zur�ckkommen ...�</p><p>�K�mmere ich mich um Faye�, versprach Abberline. Er wurde noch ernster. �Sie rechnen damit, dass Ihnen etwas zust��t?�</p><p>�Nicht so, wie Sie glauben�, antwortete Bast rasch. �Horus w�rde mir nie etwas antun.�</p><p>Sein Blick wurde skeptisch. �Als ich ihm das letzte Mal begegnet bin, hatte ich einen anderen Eindruck.�</p><p>�Ich habe nicht gesagt, dass er Ihnen nichts antun w�rde, Inspektor�, sagte Bast l�chelnd. �Aber wir t�ten einander nicht.�</p><p>�Niemals?�</p><p>�Niemals�, best�tigte Bast. �Trotzdem k�nnte es sein, dass es mir nicht m�glich sein wird, zur�ckzukommen. Sollte das geschehen, bringen Sie Faye fort, m�glichst weit, am besten in ein anderes Land. Versprechen Sie mir das?�</p><p>�Sie sind eine seltsame Frau, Bast�, sagte Abberline, nickte aber dabei. �Manchmal k�nnte man den Eindruck gewinnen, dass Ihnen ein Menschenleben rein gar nichts bedeutet. Und dann wieder sorgen Sie sich um das Schicksal einer Hure, die Sie praktisch nicht kennen, als w�re es Ihre eigene Tochter. Wie kommt das?�</p><p>Bast h�tte ihm gerne eine Antwort auf diese Frage gegeben, aber das konnte sie nicht. Sie stellte sie sich ja selbst seit Tagen.</p><p>�Und Sie sind ein sehr mutiger Mann, Inspektor�, sagte sie stattdessen.</p><p>�Wieso?�</p><p>�Wenn Sie wirklich glauben, dass Monro so gef�hrlich und nachtragend ist, dann war das, was Sie vorhin getan haben, ziemlich wagemutig ... oder dumm.�</p><p>�Ihm zu widersprechen?� Abberline grinste. �Aber was h�tte ich tun sollen? Ich war nicht Herr meines Willens, so wenig wie die beiden Konstabler.� Er machte ein unschuldiges Gesicht, aber sein Grinsen wurde noch breiter. �Und au�erdem habe ich mir schon lange gew�nscht, ihm einmal in aller �ffentlichkeit widersprechen zu k�nnen.� Er wurde schlagartig ernst. �Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Irgendetwas f�r Sie tun?�</p><p>Bast sch�ttelte den Kopf. �Mir versprechen, nichts zu tun�, sagte sie. �Das w�re mir Hilfe genug ... Oder doch: Sorgen Sie daf�r, dass Mrs Walsh und die beiden anderen sicher an Bord des Schiffes gelangen. Die <emphasis>Lady </emphasis>legt um Mitternacht ab. Es w�re mir recht, wenn Sie bis dahin ... nicht behelligt w�rden.�</p><p>�Das ist kein Problem�, versprach Abberline. �Ich stelle eine Eskorte f�r sie ab und ...�</p><p>�Sie missverstehen mich, Inspektor�, unterbrach ihn Bast. �Gerade das m�chte ich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich m�chte, dass man das Haus in Ruhe l�sst.�</p><p>Abberline sagte nichts, aber sie konnte sehen, wie es schon wieder hinter seiner Stirn arbeitete. Erst nach einer geraumen Weile sagte er: �In Whitechapel macht das Ger�cht die Runde, dass die fette Maude ein paar Leute losgeschickt hat, um ... etwas zur�ckzuholen, das ihr abhanden gekommen ist. Seither hat niemand mehr etwas von diesen M�nnern geh�rt.�</p><p>�London ist eine gro�e Stadt�, antwortete Bast. �Da kann schon einmal ein Mann verloren gehen. Oder auch mehrere.�</p><p>�Sie verlangen eine Menge von mir, Bast�, seufzte Abberline, hob aber auch die Hand, als sie antworten wollte. �Aber vermutlich sollte ich Ihnen noch dankbar sein, dass Sie mir die Wahl lassen. Und ich tr�ste mich damit, dass ich mich morgen sowieso an nichts erinnern werde.�</p><p>�M�chten Sie das denn?�, fragte Bast.</p><p>Abberline z�gerte. �Ehrlich gesagt, wei� ich es nicht�, seufzte er schlie�lich. �Ich w�rde mir w�nschen, manche Dinge gar nicht erfahren zu haben, aber nun, wo ich sie wei�..�</p><p>Bast war nahe daran, ihm zu verraten, dass sie ihm das Geschenk des Vergessens nicht machen konnte, aber sie schluckte die Bemerkung im letzten Moment herunter. Auch um dieses Problem w�rde sie sich sp�ter k�mmern m�ssen. Nachdem er eine Weile vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte, sagte Abberline: �Also gut, ich ziehe die beiden Konstabler ab, die die Pension bewachen. Unter einer Bedingung.�</p><p>Bast zog die linke Augenbraue hoch. �Bedingung?�</p><p>�Sie versprechen mir, dass ich Sie besuchen darf, sollte ich jemals nach �gypten kommen. Und dann erz�hlen Sie mir alles.�</p><p>�Gar kein Problem�, antwortete Bast. �Wenn Sie von Kairo aus losreiten, ist es gleich hinter der ersten D�ne links.�</p><p>�Das kann ich mir merken�, sagte Abberline ernst. �Vielleicht.�</p><p>Bast verzichtete auf eine Antwort. Ihr war nicht nach Scherzen zumute, auch wenn sie begriff, wie dringend Abberline ein Ventil brauchte, um mit dem ungeheuren Druck fertig zu werden, der auf ihm lastete. Abberline war ein intelligenter Mann, der zweifellos imstande war, �ber den Tellerrand hinauszusehen und auch Dinge zu akzeptieren, die nicht in sein festgef�gtes Weltbild passten. Aber er war auch ein sehr logischer Mensch, das erforderte schon sein Beruf, und das, was er in den letzten Tagen erlebt und erfahren hatte, musste dieses Weltbild bis in die Grundfesten ersch�ttert haben.</p><p>Zu ihrer eigenen �berraschung h�rte sie sich pl�tzlich sagen: �Wenn Sie mehr �ber uns wissen wollen, Frederick, dann gehen Sie ins Museum. Schauen Sie sich die Geschichte unserer G�tter an, und versuchen Sie sich vorzustellen, wie es gewesen w�re, w�ren sie Menschen gewesen. Dann wissen Sie eigentlich schon alles. Nun ja�, f�gte sie mit einem fl�chtigen L�cheln hinzu, �das meiste.�</p><p>Abberlines Augenbrauen hoben sich kurz, als sie ihn �Frederick� nannte statt wie bisher Inspektor. Dann sch�ttelte er den Kopf. �Eigentlich w�rde ich gerne mehr �ber Sie erfahren. �ber Bastet und wer sie wirklich ist.�</p><p>�Es w�rde Ihnen nicht gefallen�, antwortete sie. �Und es w�re nicht gut f�r Sie.�</p><p>�Sie lassen sich nie mit Sterblichen ein, habe ich recht?�</p><p>Bast schwieg.</p><p>�Das muss ein sehr einsames Leben sein.�</p><p>�Versuchen Sie zuf�llig, mit mir zu flirten, Frederick?�, fragte Bast. �Das w�re ein sehr ... ung�nstiger Augenblick.�</p><p>�F�r so etwas gibt es keine ung�nstigen Augenblicke�, behauptete Abberline. �Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet.�</p><p>�Nein�, sagte Bast. �Ich meine, die Antwort ist Nein. Schon seit sehr lange Zeit nicht mehr.�</p><p>�Weil es nicht gut ist f�r Sie.�</p><p>�Auch das. Aber es ist ... zu schmerzhaft. Sie sterben. Es gab einen Mann in meinem Leben.�</p><p>�Einen Mann wie mich?�</p><p>�Einen forschen Inspektor bei Scotland Yard, der Freude daran hat, seinem Vorgesetzten angespitzte Bambussplitter unter die Fingern�gel zu treiben?� Bast sch�ttelte lachend den Kopf. �Nein. Einen K�nig. Er war ein wirklicher Herrscher, vielleicht der gr��te Mensch, der jemals gelebt hat. Sein Name war Ramses. Ich war fast ein Jahrhundert mit ihm verheiratet.�</p><p>Abberline blickte zweifelnd, aber Bast nickte sofort und bekr�ftigend mit dem Kopf. �Das Leben muss nicht mit sechzig oder siebzig Jahren enden, Frederick. Es gibt ... Wege. Wir k�nnen nicht nur nehmen, sondern auch geben. Aber irgendwann endet es. Nur der Schmerz bleibt. Er endet nie.�</p><p>�Alles endet irgendwann, Bastet�, sagte Abberline sanft. �Ist es wirklich besser, etwas erst gar nicht zu beginnen, nur weil man Angst davor hat, es irgendwann wieder zu verlieren?�</p><p>�K�nnen Sie diesen Satz noch einmal sagen?�, fragte Bast.</p><p>�Ich meine es ernst�, sagte Abberline. �Viele Beziehungen enden irgendwann.� Er hob die Schultern. �Auch in meinem Leben gab es schon Frauen.�</p><p>�Das will ich hoffen.�</p><p>�Mehrere�, fuhr Abberline unbeeindruckt von ihrem sp�ttischen L�cheln fort. �Es hat niemals allzu lange gehalten, aber ich habe diese Zeit genossen. Und ich werde es wieder tun, wenn sich mir die Gelegenheit bietet.�</p><p>Und nat�rlich hatte er recht, dachte Bast traurig. Aber es gab einen Menschen in ihrem Leben - nur wusste sie sp�testens seit gestern, dass er f�r sie ebenso unerreichbar bleiben w�rde, wie sie es f�r Abberline war. Und f�r eine sehr, sehr viel l�ngere Zeit.</p><p>�Ich hoffe, dass Sie das tun, Frederick�, sagte sie sanft. �Und ich w�nsche Ihnen von Herzen Erfolg dabei. Aber jetzt w�re es mir recht, wenn wir dieses Gespr�ch beenden w�rden.�</p><p>�Wie Sie w�nschen�, antwortete Abberline entt�uscht. �Wir sind ohnehin fast da. Ich werde noch mit hineinkommen, um mich von Jacob zu verabschieden, und danach schicke ich die Konstabler weg - wenn Sie einverstanden sind.�</p><p>Bast war ihm dankbar f�r diesen Vorschlag. Um die beiden Konstabler h�tte sie sich zur Not auch selbst k�mmern k�nnen - sobald sie den zweiten gefunden hatte, hie� das -, aber vermutlich war Abberline sehr viel besser als sie imstande, Maistowe und Mrs Walsh zu beruhigen.</p><p>Au�erdem ertappte sie sich dabei, die Vorstellung gutzuhei�en, Abberline noch f�r einige weitere Augenblicke in ihrer N�he zu haben.</p><p>Der Wagen bog in die Stra�e ein, in der Mrs Walshs Pension lag, und Bast registrierte beil�ufig, dass der Konstabler noch immer auf der anderen Stra�enseite stand und das Haus beobachtete - auch wenn sie sehr wohl sp�rte, dass er eher im Stehen schlief, als wirklich seine Pflicht zu tun - und im ganzen Haus Licht brannte. Angesichts ihrer bevorstehenden Abreise schien Mrs Walsh wohl ihrer normalen Sparsamkeit abgeschworen zu haben.</p><p>Aber vielleicht gab es auch einen anderen Grund ...</p><p>Der Wagen hielt an, und Abberline machte Anstalten, sich von seinem Sitz zu erheben und nach der T�r zu greifen, doch Bast hielt ihn mit einer fast erschrockenen Bewegung zur�ck.</p><p>Abberlines Blick sprach B�nde. Bast sch�ttelte nur wortlos den Kopf, stieg als Erste aus dem Wagen und legte die Hand auf den Schwertgriff, w�hrend sie sich der Haust�r n�herte. Etwas stimmte nicht. Sie sp�rte ... Schmerz. Grenzenloses Leid und Furcht und das Echo vergangener Qualen. Ihre Hand schmiegte sich fester um den Schwertgriff, und gleichzeitig lauschte sie so konzentriert, wie sie konnte.</p><p>Im allerersten Moment schien das Haus vollkommen still zu sein, aber dann vernahm sie ein leises Rascheln und Rumoren und St�hnen. Vielleicht etwas wie ein Weinen, aber da war sie sich nicht sicher.</p><p>Abberline wollte ihr folgen, und obwohl er hinter ihr war, sp�rte sie, wie er unter sein Cape griff und eine Waffe zog. Vielleicht sp�rte er es ja auch, wahrscheinlicher aber war, dass er ihre Reaktion beobachtete und die richtigen Schl�sse daraus zog.</p><p>Sie hob rasch die freie Hand. �Nicht�, sagte sie halblaut. �Wo ist der zweite Mann? Auf der R�ckseite? Dann sehen Sie nach ihm, aber unauff�llig. Kommen Sie nach, wenn alles in Ordnung ist.�</p><p>Abberline bewies, dass er immerhin gelernt hatte, ihren Instinkten zu vertrauen, indem er sich wortlos umdrehte und im Laufschritt in die Richtung verschwand, aus der die Droschke gerade gekommen war. Bast z�hlte in Gedanken langsam bis zwanzig - nur um sicherzugehen, dass er tats�chlich au�er Sichtweite war -, konzentrierte sich kurz auf den Konstabler auf der anderen Stra�enseite und lenkte seine Aufmerksamkeit auf die K�lte und seine halb abgestorbenen Zehen und streckte die Hand nach dem T�rknauf aus, zog den Arm aber dann noch einmal zur�ck und tat dasselbe mit dem Kutscher. Was immer dort drinnen auch passiert war, das Allerletzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, waren noch mehr Zeugen.</p><p>Unendlich behutsam �ffnete sie die T�r. Wie sie es schon von drau�en gesehen hatte, brannten s�mtliche Lampen im Salon, als h�rte Mrs Walsh m�glichst viel Licht gemacht, um die b�sen Geister zur�ckzuhalten, die das Haus belagerten.</p><p>Genutzt hatte es nichts.</p><p>Maistowe lag lang ausgestreckt vor dem Kamin. Zwei der vier St�hle neben ihm waren umgefallen, und der ehemals bl�tenwei�e Verband um seine Stirn hatte jetzt dieselbe, dunkelrot-feuchte F�rbung angenommen wie die langsam gr��er werdende Lache, in der sein Gesicht lag. Er war noch am Leben - Bast konnte das rasende H�mmern seines Herzens h�ren, und das ged�mpfte St�hnen, das sie schon drau�en gewarnt hatte, stammte eindeutig von ihm.</p><p>Sie warf einen raschen, sichernden Blick in beide Richtungen, ehe sie mit drei, vier schnellen Schritten neben Maistowe war und sich auf ein Knie herabsinken lie�. Er war bewusstlos, schlug aber mit einem neuerlichen und noch lauteren St�hnen die Augen auf, als sie ihn auf den R�cken drehte, und versuchte vermutlich, sie mit tr�ben Blicken zu erkennen.</p><p>�Es ist alles in Ordnung, Jacob�, sagte Bast rasch. �Ich bin es, Bast. Was ist passiert?�</p><p>�Wei� nich'�, nuschelte Maistowe. �Da waren ... Schritte. Jemand ... ist gekommen. Gro�er Gott, mein Kopf!�</p><p>Bast legte ihm rasch die Hand auf die Stirn, linderte seinen Schmerz und �berzeugte sich gleichzeitig davon, dass er nicht wirklich schwer verletzt war. Er hatte eine �ble Platzwunde am Hinterkopf, die heftig blutete und wahrscheinlich h�llisch wehtat, aber nicht wirklich gef�hrlich war.</p><p>�Jemand hat Sie niedergeschlagen�, sagte sie. �Wer?�</p><p>Maistowe richtete sich m�hsam in eine halbwegs sitzende Position auf. Bast hatte ihm seine Schmerzen genommen, sodass er wieder halbwegs klar denken konnte, aber er bewegte sich trotzdem am Rande einer neuerlichen Bewusstlosigkeit. Seine Stimme klang schleppend.</p><p>�Ich wei� nicht�, murmelte er. �Jemand ist gekommen und ... hat mich niedergeschlagen. Von hinten. Ich wei� nicht wer. Es ... tut mir leid.�</p><p>Die K�chent�r flog auf, und Abberline kam herein, einen Revolver in der rechten Hand. �Seien Sie froh, dass Sie noch leben, Jacob�, sagte er. An Bast gewandt f�gte er hinzu: �Der Konstabler ist tot. Jemand hat ihm die Kehle durchgeschnitten.�</p><p>Bast fragte sich beil�ufig, wieso er eigentlich nicht einmal au�er Atem war. Er musste das Haus in Rekordzeit umrundet und �ber die Mauer gestiegen sein. Er war besser in Form, als sie angenommen hatte.</p><p>�Wo sind Mrs Walsh und das M�dchen?�, fragte er. �Noch unterwegs, hoffe ich?�</p><p>Maistowe verbarg das Gesicht in den H�nden und musste sich anstrengen, um nicht vor Schw�che auf die Seite zu kippen. �Sie sind ... kurz vorher zur�ckgekommen�, murmelte er. �Cindy war oben, und ...�</p><p>Bast hatte genug geh�rt. Etwas in ihr schien zu Eis zu erstarren, w�hrend sie aufstand und das Schwert zog. �Bleiben Sie bei ihm, Inspektor.�</p><p>Sie rechnete nicht wirklich damit, dass er das tat, nahm aber auch keine R�cksicht auf ihn, sondern sprang mit gewaltigen S�tzen die Treppe hinauf und lief praktisch durch die erste T�r hindurch, ohne auch nur langsamer zu werden. Es gab keinen Grund mehr, vorsichtig zu sein. Wenn Horus tats�chlich noch im Haus war, wartete er ohnehin auf sie.</p><p>Der Raum war jedoch leer; sah man von f�nf Toten ab, die s�uberlich nebeneinander auf dem blutgetr�nkten Doppelbett lagen.</p><p>Bast versetzte der T�r einen zweiten, w�tenden Tritt, der sie gegen die Wand krachen und in St�cke brechen lie�.</p><p>�Horus, du verdammter Feigling!�, schrie sie. �Zeig dich! Ich bin hier! Das wolltest du doch!�</p><p>Sie bekam keine Antwort. Als sie das Zimmer verlie�, kam Abberline mit gezogener Waffe am oberen Ende der Treppe an. Er wollte an ihr vor�ber eilen, doch Bast stie� ihn mit einer groben Bewegung zur�ck, trat an die n�chste T�r heran und sprengte sie mit einem Fu�tritt auf.</p><p>Das Ger�usch, mit dem die T�r gegen die Wand prallte und von oben nach unten riss, ging in dem hellen Klirren unter, mit dem das Schwert ihren Fingern entglitt und zu Boden fiel.</p><p>Horus wartete auch hier nicht auf sie, doch auch dieses Zimmer war nicht leer, und Mrs Walsh hatte auch hier s�mtliche Lampen entz�ndet, den Gespenstern, die sie zu f�rchten schien, damit aber ebenso wenig Einhalt gebieten k�nnen wie unten im Haus. Bast konnte sogar erkennen, auf welchem Weg sie hereingekommen waren: Das Fenster stand offen, und es war inzwischen auch hier drinnen empfindlich kalt geworden; kalt genug, um Mrs Walshs Atem, die auf dem Bett sa� und Cindy wie einen S�ugling in den Armen hielt, in grauen Dunst zu verwandeln. Auch von ihren H�nden, die voll waren mit Cindys Blut, stieg ein feiner, dunstiger Nebel auf, ebenso wie von der klaffenden Wunde an Cindys Kehle.</p><p>�Gro�er Gott, was ... was ist ... passiert?�, stammelte Abberline. An ihr vorbei wollte er das Zimmer betreten, doch Bast r�hrte sich nicht - sie konnte es nicht. Etwas in ihr war ... einfach erstarrt. Tot. Sie stand einfach nur da und starrte Mrs Walsh und das tote M�dchen an, unf�hig, sich zu r�hren, zu denken, sodass Abberline sie schlie�lich fast mit Gewalt aus dem Weg schieben musste, um zum Bett zu gelangen. Auf dem Weg dorthin steckte er seinen Revolver ein, um mit beiden H�nden nach Mrs Walsh oder dem M�dchen greifen zu k�nnen, doch einen halben Schritt, bevor er das Bett erreichte, schienen ihn alle seine Kr�fte zu verlassen. Er blieb stehen, und seine Arme sanken kraftlos herunter.</p><p>�Gro�er Gott�, murmelte er. �Mrs Walsh ...�</p><p>�Er ... er hat sie einfach ... umgebracht�, fl�sterte Mrs Walsh. Ihre Stimme war nur ein Hauch, so d�nn wie das Weinen eines verwundbaren kleinen Vogels. Sie hatte geweint - Bast erinnerte sich pl�tzlich an das ged�mpfte Schluchzen, das sie drau�en auf der Stra�e geh�rt hatte, und sie sah auch die Spuren der Tr�nen auf ihrem Gesicht -, aber jetzt waren ihre Augen trocken. �Einfach so. Sie hat gar nichts gesagt. Sie hat nicht einmal Angst gehabt. Er hat ihr einfach ... die Kehle durchgeschnitten. Einfach so.�</p><p>�Wer?�, fragte Abberline.</p><p>Mrs Walsh antwortete ihm nicht. M�hsam, als laste ein unsichtbares Tonnengewicht auf ihren schmalen Schultern, hob sie den Kopf und sah Bast an. Auch Abberline drehte den Kopf und warf ihr einen eher schon verzweifelten als fragenden Blick zu, doch Bast reagierte auf nichts davon. Sie starrte Cindy an und wartete darauf, dass sie etwas empfand. Aber da war ... nichts.</p><p>Abgesehen von der d�nnen Wunde an ihrem Hals war das M�dchen vollkommen unversehrt. Ihr M�rder hatte darauf verzichtet, sie zu verst�mmeln oder gar auszuweiden, wie er es mit Arthur und Marie-Jeanette getan hatte, sondern ihr einen fast barmherzigen, auf jeden Fall aber schnellen Tod gew�hrt - aber irgendwie machte das alles beinahe nur noch schlimmer. Warum empfand sie nichts?</p><p>�Wer war das, Mrs Walsh?� Abberlines Stimme blieb leise, fast sanft, nahm zugleich aber auch einen irgendwie ... amtlichen Ton an, der kein bisschen verletzend oder auch nur einsch�chternd wirkte, aber seinen Zweck erreichte. Glorias Blick l�ste sich von Basts Gesicht und suchte den Abberlines, ohne dass das Leben wirklich in ihre Augen zur�ckzukehren schien.</p><p>�Bitte erz�hlen Sie mir, was passiert ist�, sagte Abberline sanft.</p><p>�Und keine Sorge um Jacob. Es geht ihm gut.� Er nickte auffordernd. �Also, Was ist passiert'�</p><p>�Er ist einfach aufgetaucht�, antwortete Mrs Walsh, noch immer mit dieser sonderbar hellen, zerbrechlichen Stimme, die an ein Weinen erinnerte, ohne es zu sein. Ihre Hand strich �ber Cindys blasses Gesicht, ohne dass sie sich der Bewegung auch nur bewusst zu sein schien. �Wie aus dem Nichts. Er stand einfach da und ... und hat sie umgebracht. Ich konnte nichts tun. Ich wollte es, bitte, das m�ssen Sie mir glauben! Ich habe versucht, mich zu wehren, aber er ...�</p><p>�War viel zu stark f�r Sie, das ist mir klar�, unterbrach sie Abberline. �Sie m�ssen sich keine Vorw�rfe machen. Was h�tten Sie tun sollen?�</p><p>Etwas in Bast ... spannte sich. Da war pl�tzlich ein sanfter Druck, der allm�hlich zunahm, langsam, aber so unerbittlich wie eine Stahlfeder, die immer mehr zusammengepresst wurde. Sie sah Cindy an und empfand noch immer nichts, aber sie begann zu ahnen, dass vielleicht genau dieses Nichts der schrecklichste aller Schmerzen war, die sie h�tte empfinden k�nnen.</p><p>�Erinnern Sie sich, wie er ausgesehen hat?�, fragte Abberline.</p><p>Darauf sagte Mrs Walsh nichts, aber sie sah zu Bast hin, und das war Antwort genug. Abberline nickte.</p><p>�Und Sie haben gar nichts gesagt?�, fragte Abberline.</p><p>�Nein�, antwortete Mrs Walsh. �Nichts. Kein Wort.�</p><p>Bast schloss die Augen, aber es nutzte nichts. Sie sah Cindys blasses Gesicht noch immer ebenso deutlich vor sich wie Mrs Walshs blutverschmierte H�nde und die Tr�nenspuren auf ihren Wangen. Sie w�nsche sich, sie h�tte an ihrer Stelle weinen k�nnen.</p><p>Das konnte sie nicht. Doch sie konnte etwas anders tun. Etwas, das sie schon vor langer, vor sehr langer Zeit h�tte tun sollen.</p><p>Sie schloss die Augen, konzentrierte sich und stellte sich das Bild einer Kette vor. Es w�re nicht n�tig gewesen, aber es erschien ihr angemessener als ein einfaches Loslassen, und es war vielleicht das letzte Mal, dass sie etwas wirklich selbst entscheiden konnte. Es war eine sehr schwere, massive Kette, alt und mit Rost und Gr�nspan �berzogen, aber gemacht f�r die Ewigkeit und unzerst�rbar, au�er f�r sie.</p><p>Bast zerriss die Kette, und in ihrer Seele hallte ein tiefes, unendlich erleichtertes Seufzen wider.</p><p>�Ich rufe meine Leute, damit sie auf Jacob und Sie aufpassen�, sagte Abberline. �Und dann ...�</p><p>�Sie werden nichts dergleichen tun, Inspektor.� Langsam b�ckte sie sich nach ihrem Schwert, hob es auf und schob es unter ihren G�rtel. �Sie werden daf�r sorgen, dass Mrs Walsh und Jacob an Bord der <emphasis>Lady </emphasis>gelungen und sicher das Land verlassen. Das ist alles, was Sie tun werden. Alles andere ist meine Sache.�</p><p>�Aber das kann ich nicht, Bast!�, sagte Abberline. �Wissen Sie denn nicht, wer ...�</p><p>�Sie werden genau das tun�, fiel sie ihm ins Wort. Gleichzeitig legte sie die Hand auf den Schwertgriff, aber sie glaubte nicht, dass es das war, was Abberline nicht nur verstummen, sondern nach einem weiteren Augenblick sogar nicken lie�. Es war wohl viel mehr die K�lte, die pl�tzlich in ihrer Stimme lag, ein Ton, der neu war und sogar ihr selbst ein fl�chtiges, eiskaltes Schaudern �ber den R�cken laufen lie�.</p><p>�Wenn Sie Ihren Freunden noch einen Gefallen erweisen wollen, dann sorgen Sie daf�r, dass hier keine Spuren zur�ckbleiben, und lassen Sie Cindy anst�ndig begraben�, sagte sie, w�hrend sie sich bereits herumdrehte, um das Zimmer zu verlassen.</p><p>�Und h�ren Sie auf, mich Bast zu nennen�, f�gte sie hinzu. �Mein Name ist Sachmet.�</p></section><section><title><p id="ACHTES_Kapitel">ACHTES Kapitel</p></title><p>Jemand hatte die T�r des <emphasis>Ten Bells </emphasis>repariert, aber die Arbeit hatte sich nicht gelohnt. Bast machte sich nicht die M�he, nach der Klinke zu greifen, sondern schaffte das Hindernis kurzerhand mit einem Tritt aus dem Weg, zusammen mit dem vierschr�tigen Kerl, der mit vor der Brust verschr�nkten Armen davor gestanden und versucht hatte, sie aufzuhalten. Vielleicht hatte er es auch gar nicht versucht, sondern nur im falschen Moment eine falsche Bewegung gemacht, und vielleicht nicht einmal das, sondern einfach das Pech gehabt, da zu sein ... Bast war es egal. Sie hatte keine Zeit f�r solche Spielereien. Die T�r flog nach innen, wo sie gegen die Wand krachte und zerbarst, und ihr ungl�ckseliger Bewacher in die entgegengesetzte Richtung und gegen einen Tisch, den er zusammen mit den daran sitzenden Zechern zu Boden riss.</p><p>Bast sah nicht einmal hin, sondern war mit einem einzigen zornigen Schritt durch die T�r und steuerte den Tresen an. Das Lokal war bereits voll besetzt, obwohl es noch nicht einmal sieben war; und ihr r�des Eintreten lie� ein Dutzend G�ste erschrocken von ihren Pl�tzen aufspringen, und noch mehr verdutzt in ihren Gespr�chen innehalten und die K�pfe in ihre Richtung drehen. Bast hatte ihre Waffe nicht gezogen, aber ihr Mantel stand offen und flatterte wie ein Paar riesiger schwarzer Fledermausfl�gel hin und her; sodass jedermann das gut armlange Schwert sehen konnte, das an ihrem G�rtel hing - und wenn schon nicht das, so sorgte doch die beinahe sichtbare Woge von Zorn, die ihr vorauseilte daf�r, dass sich ihr niemand in den Weg stellte. Den Einzigen, der mutig - oder betrunken - genug war, es dennoch zu versuchen, schmetterte sie mit einem R�ckhandschlag aus dem Weg, der ihn vermutlich ein paar Z�hne kostete, den sie selbst aber nicht einmal wirklich bemerkte.</p><p>Noch bevor er ganz zu Boden gest�rzt war, hatte Bast die Theke erreicht. Wie sie erwartet hatte, stand Red dahinter und bediente die G�ste, und aus irgendeinem Grund schien er der Einzige im ganzen <emphasis>Ten Bells </emphasis>zu sein, dem ihr Eintreten nicht aufgefallen war. Er drehte sich zu ihr herum und setzte dazu an, sie nach ihren W�nschen zu fragen, und Bast lie� ihm nicht einmal Zeit, seine Verbl�ffung bei ihrem unerwarteten Anblick zu verarbeiten, sondern packte ihn mit beiden H�nden an der Brust seines zerschlissenen Hemdes und zerrte ihn halbwegs �ber die Theke.</p><p>�Wo ist sie?�, fuhr sie ihn an. �Ist sie oben, in deinem Zimmer?�</p><p>Red begann in ihrem Griff zu zappeln und komische, keuchende Laute auszusto�en. Er h�tte nicht einmal antworten k�nnen, wenn er es gewollt h�tte, denn Basts Griff schn�rte ihm die Luft ab. Aber sie h�rte Ger�usche hinter sich: Aus den ersten Schreckensrufen war inzwischen fast ein kleiner Tumult geworden. St�hle fielen um, ein Glas zerbrach klirrend, und Schritte n�herten sich. Bast sp�rte pl�tzlich die N�he eines Mannes und seine enorme Gewaltbereitschaft, trat nach hinten aus und wurde mit einem schmerzerf�llten Grunzen und dem befriedigenden Ger�usch brechender Knochen belohnt.</p><p>Sie lockerte ihren Griff wenigstens weit genug, damit Red wieder atmen konnte. �Ich habe dich gefragt, wo sie ist�, zischte sie. �Antworte!�</p><p>Red brachte auch jetzt wieder nur ein halb ersticktes Kr�chzen �ber die Lippen, aber hinter ihr sagte eine fast am�siert klingende Stimme: �Bring den armen Kerl doch nicht gleich um. Ich brauche ihn noch, wei�t du?�</p><p>Bast lie� Red los - er rutschte von der Theke und st�rzte auf der anderen Seite polternd zu Boden - und fuhr herum. Hinter ihr stand eine dunkelhaarige Sch�nheit mit schwarzen Augen und einem sinnlichen Mund. Sie hatte helle, fast wei�e Haut und pralle Br�ste, die sie nur unzureichend bedeckt hatte, und trug ein Kleid, das man wohl nur in einem Lokal wie diesem tragen konnte, ohne auf der Stelle eingebuchtet zu werden. Trotzdem erkannte Bast sie sofort.</p><p>�Isis!�</p><p>�Nicht doch�, antwortete die Dunkelhaarige. �Patsy. Du wirst doch deine alte Freundin Patsy Kline wiedererkennen - wo dir doch offensichtlich so viel daran gelegen ist, mich zu finden.�</p><p>�Wo ist er?�, zischte Bast.</p><p>�Wer?�</p><p>�Du wei�t genau, von wem ich spreche! Horus! Wo ist er? Du wirst mir sagen, wo er sich versteckt!�</p><p>�Ach?�, fragte Isis am�siert. �Werde ich das?�</p><p>Bast musste sich beherrschen, um sie nicht einfach zu packen und so lange zu sch�tteln, bis sie antwortete. Und vielleicht h�tte sie es sogar getan, aber die Situation hatte sich ... ver�ndert. Neben ihr kr�mmte sich ein schwarzhaariger Bursche auf dem Boden und spuckte blutigen Schaum, und der andere kroch immer noch auf H�nden und Knien �ber die schmierigen Bretter und suchte seine Schneidez�hne, aber mittlerweile scharten sich mehr und mehr M�nner hinter ihr zusammen. Mindestens ein Dutzend, wenn nicht mehr, und mehr als einer hielt ein Messer oder eine andere Waffe in der Hand. Bast hatte ihr Schwert, und sie war noch immer unbeschreiblich w�tend und ganz gewiss nicht feige. Aber sie war keine Selbstm�rderin. Sie h�tte sich sogar zugetraut, mit diesem Dutzend Raufbolden fertig zu werden - aber da war immer noch Isis.</p><p>�Gut, dass du vern�nftig bist�, sagte Isis, als sie sah, wie die Entschlossenheit in ihrem Blick ins Wanken geriet. �Ich habe eine Menge Freunde hier, wei�t du? Und ich w�rde es wirklich nicht gerne sehen, wenn ihnen etwas zustie�e.�</p><p>Sie wartete vergeblich darauf, dass Bast irgendwie auf diesen lahmen Scherz reagierte, und wandte sich schlie�lich mit erhobener Stimme an die Umstehenden. �Es ist alles in Ordnung. Nur ein Missverst�ndnis. Das ist eine gute alte Freundin von mir.� Sie blinzelte Bast zu. �Ich hoffe doch, du nimmst mir das alles nicht �bel.� Bast starrte sie an, aber Isis' Worte erzielten auch Wirkung: Die M�nner wandten sich rasch wieder um und gingen zu ihren Tischen zur�ck, wie sie aufgesprungen waren. Gewaltt�tigkeiten schienen hier nichts Besonderes zu sein.</p><p>�Komm�, sagte Isis. �Setzen wir uns und trinken etwas. Dabei redet es sich besser.�</p><p>�Ich will nichts trinken�, sagte Bast eisig. �Ich will wissen, wo er sich verkrochen hat!�</p><p>�Dann setz dich eben einfach so zu mir�, sagte Isis. �Wir erregen Aufsehen. Das willst du doch nicht, oder?�</p><p>Sie wartete Basts Antwort nicht ab, sondern ging zu einem Tisch ganz in der N�he, und Bast folgte ihr widerwillig. Die beiden M�nner, die bisher offensichtlich zusammen mit ihr daran gesessen hatten, standen auf und zogen sich hastig zur�ck, als Bast n�her kam.</p><p>Sie nahm widerstrebend Platz. Isis hob - wahrscheinlich aus keinem anderen Grund, als sie zu �rgern - ihren Krug und machte ein fragendes Gesicht, und Bast musste sich mit aller Gewalt beherrschen, um es bei einem blo�en w�tenden Kopfsch�tteln zu belassen.</p><p>�Wie du willst.� Isis prostete ihr zu, nahm einen gewaltigen Schluck und wischte sich mit dem Handr�cken den Schaum von der Oberlippe.</p><p>�Warum tust du dir das an?�, fragte Bast. �Das ist widerlich, und Alkohol wirkt nicht auf uns.�</p><p>�Vielleicht weil es mir schmeckt?�, sagte Isis.</p><p>�Kaum.�</p><p>�Dann vielleicht, um mich anzupassen. Hier erwartet man von einer Dame, dass sie einen guten Tropfen zu sch�tzen wei�.� Sie nahm einen weiteren Schluck, bevor sie den Krug mit einem Knall auf den Tisch zur�ckstellte und Bast nachdenklich ansah.</p><p>�Du willst also wissen, wo Horus ist. Warum?�</p><p>�Um ihn zu t�ten�, antwortete Bast.</p><p>�Ihn t�ten?� Isis sah sie ungl�ubig an, aber ihr L�cheln erstarb zusehends. �Du meinst das ernst, habe ich recht?�</p><p>�Ich habe noch nie zuvor irgendetwas so ernst gemeint�, antwortete Bast. �Wirst du mir sagen, wo er ist?�</p><p>�Und wenn ich es nicht tue?�, fragte Isis. �T�test du mich dann auch?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast. �Aber wie war das gestern: Ich w�rde nicht z�gern, dir sehr wehzutun.�</p><p>Isis sah sie durchdringend an.</p><p>�Ja�, sagte sie schlie�lich. �Ich glaube, das w�rdest du tun ... Du willst ihn wirklich t�ten? Du willst das �lteste Gesetz brechen und einen von uns t�ten, ganz bewusst?�</p><p>�Ja�, sagte Bast.</p><p>�Warum?�</p><p>Eigentlich wollte Bast nicht darauf antworten. Sie hatte Angst, dass die Worte den Schmerz wecken k�nnten, auf den sie bisher vergeblich gewartet hatte. Sie versp�rte noch immer nichts als diese schreckliche K�lte und Entschlossenheit. Schlie�lich antwortete sie doch. �Er hat jemanden ermordet.�</p><p>�Das habe ich auch schon�, sagte Isis. �Du �brigens auch.�</p><p>�Jemand, der mir nahegestanden hat.�</p><p>�Dieses M�dchen?� Sie wirkte ehrlich �berrascht. �Marie-Jeanette? Aber du hast sie doch kaum gekannt, eigentlich gar nicht.�</p><p>�Nicht sie�, antwortete Bast. �Jemand anderen. Es geht dich nichts an, wen. Wo ist er?�</p><p>�Ich habe dir gestern schon gesagt, dass ich es nicht wei߫, antwortete Isis.</p><p>�Und ich habe dir gestern schon nicht geglaubt.�</p><p>Isis seufzte. �Du bist verr�ckt, wenn du glaubst, dass ich dir helfe, dich selbst umzubringen�, sagte Isis ernst. �Horus wird dich t�ten, wenn ...�</p><p>�Das ist mein Problem. Ich werde schon mit ihm fertig.�</p><p>�Nicht allein,� antwortete Isis �berzeugt.</p><p>�Wer sagt, dass ich allein bin?�</p><p>Einen Moment lang wirkte Isis einfach nur verdutzt, aber dann lachte sie und sch�ttelte nur noch heftiger den Kopf. �Und du bist noch verr�ckter, wenn du glaubst, dass ich dir ...� Sie brach ab, und ihre Augen weiteten sich. �Nein�, hauchte sie. �Das nicht.�</p><p>Bast schwieg.</p><p>�Du bist verr�ckt�, murmelte Isis. �Du gibst alles auf, dein ganzes Leben, all diese Jahre des Kampfes. All deinen Widerstand und alles, was du auf dich genommen hast, nur weil du ... Rache willst? F�r den Tod einer Sterblichen?�</p><p>�Auch das ist mein Problem, meinst du nicht?�, fragte Bast kalt.</p><p>�Nein, das meine ich sogar ganz bestimmt nicht�, antwortete Isis heftig. �Einmal ganz davon abgesehen, dass Horus wahrscheinlich nicht begeistert sein wird, wenn ich sein Versteck verrate ...�</p><p>�Du wei�t also, wo er ist.�</p><p>�... bedeutest du mir etwas, Bastet�, fuhr Isis zornig fort. �Du erwartest allen Ernstes von mir, dass ich zusehe, wie du dich umbringst? Dass ich dir auch noch dabei helfe? Du musst verr�ckt sein!� Sie beugte sich erregt vor. �Ich verstehe dich ja, Bastet. Du bist w�tend. Er hat dir wehgetan, um dich w�tend zu machen, und wie es aussieht, hat er sein Ziel erreicht ... aber dein Schmerz wird vergehen. Sehr bald schon. Im Augenblick tut es nur weh, aber verdammt noch mal, das haben wir doch alle schon einmal erlebt. Schon viele Male! Menschen sterben. Es spielt keine Rolle, ob nach zwanzig Jahren oder sechzig. Sie leben ihr l�cherlich kurzes Leben und sterben.�</p><p>�Du wirst mir sagen, wo er ist!�</p><p>�Ganz bestimmt nicht!�, erwiderte Isis heftig. �Ich werde ...� Sie brach ab. Ihre Miene erstarrte und sie wurde blass ... und dann noch blasser, als Bast das Schwert, das sie unter dem Tisch gezogen hatte, tief genug in ihren Oberschenkel stie�, um einen einzelnen Blutstropfen an ihrem Bein herunterrinnen zu lassen.</p><p>�Es liegt ganz bei dir�, sagte Bast ruhig. �Ich kann ein bisschen an dir herumschnitzen oder dich auch gleich aufspie�en, das ist deine Entscheidung ... keine Sorge. Du wirst es �berleben, aber es wird vermutlich sehr wehtun.�</p><p>�Das ... wagst du ... nicht�, sagte Isis gepresst. Aber ganz �berzeugt klang es nicht.</p><p>�Lass es auf einen Versuch ankommen�, sagte Bast. �Und ich verspreche dir noch etwas: Wenn du mich zwingst, Gewalt anzuwenden, dann werde ich noch deinen kleinen Freund t�ten, bevor ich gehe. Du hast es ja gerade selbst gesagt: Er stirbt sowieso. Es spielt keine Rolle, ob jetzt oder in ein paar Jahren.�</p><p>�Verdammt, h�r auf!�, keuchte Isis. �Allm�hlich glaube ich wirklich, dass du Sachmet bist.�</p><p>�Ich habe nie etwas anderes behauptet�, sagte Bast. Sie bewegte das Schwert; nur um eine Winzigkeit, aber der Blutstrom nahm noch einmal zu. �Du hast die wahre Tiefe meines Wesens nie erkannt. Bastet und Sachmet, wir beide sind eins.�</p><p>�St. Paul's�, �chzte Isis. �Mehr wei� ich nicht.�</p><p>�St. Paul's? Was soll das sein?�</p><p>�Eine Kirche, mitten in der Stadt!� Isis funkelte sie fast hasserf�llt an.</p><p>�Und dort versteckt er sich? Wo genau?�</p><p>�Ich habe keine Ahnung!�, antwortete Isis. Schwei� perlte auf ihrer Stirn, und ihre Stimme zitterte ein wenig. Bastet h�tte sp�testens jetzt den Druck auf die Schwertklinge ein wenig gemindert, um ihr nicht mehr Schmerzen zuzuf�gen als n�tig, aber Sachmet tat das nicht.</p><p>�Ich wei� wirklich nicht mehr!�, �chzte Isis. �Ich habe nur einmal geh�rt, wie sie dar�ber gesprochen haben. Ich bin nicht einmal sicher, dass er wirklich noch dort ist, aber das ist alles, was ich dir sagen kann!�</p><p>Bast lie� die Schwertklinge noch einige weitere Augenblicke dort, wo sie war, dann aber zog sie die Waffe mit einem Ruck zur�ck und stand auf. �Gut�, sagte sie. �Ich glaube dir. Aber wenn du mich belogen hast oder wenn du versuchst, mich zu hintergehen oder Horus zu warnen, dann komme ich zur�ck und besuche zuerst dich und dann Red. Gr�� ihn von mir.�</p><p>�Ganz bestimmt nicht�, fauchte Isis. �Aber wei�t du was? Ich hoffe trotzdem, dass du es �berlebst. Und sei es nur, damit du Gelegenheit hast, dich bei mir zu entschuldigen.�</p><p>�Sicher�, sagte Bast. �Gleich nachdem sich Horus bei mir entschuldigt hat.� Als sie losgehen wollte, scharrten hinter ihr St�hle, und zwei, dann drei kr�ftige Burschen stellten sich ihr in den Weg. Bast hielt ihr Schwert noch immer in der Hand, aber sie war ziemlich sicher, dass der Grund, aus dem sie sich nach einem kurzen Moment wieder zur�ckzogen und sie gehen lie�en, ein anderer war. Wahrscheinlich hatte Isis ihnen befohlen, sie unbehelligt ziehen zu lassen.</p><p>Kurz bevor sie das <emphasis>Ten Bells </emphasis>verlie�, drehte sie sich noch einmal um. Isis betrachtete missmutig ihre Hand, die rot von ihrem eigenen Blut war, sah aber dann doch noch einmal in ihre Richtung, und ein angedeutetes L�cheln erschien in ihren Augen. <emphasis>Viel Gl�ck, Schwester!</emphasis></p><p>Bast wandte sich mit einem Ruck um und ging endg�ltig.</p><p>Als sie durch die T�r trat, sagte eine Stimme hinter ihr: �St. Paul's Cathedral ist ziemlich weit entfernt von hier. M�chten Sie zu Fu� gehen, oder darf ich Ihnen vielleicht ein bequemeres Fortbewegungsmittel anbieten?�</p><p>Bast fuhr w�tend herum und funkelte Abberline an. �Wo, zum Teufel, kommen Sie denn her?�</p><p>�Wie gesagt: die Segnungen der modernen Zeiten.� Abberline wies l�chelnd auf die zweisp�nnige schwarze Kutsche, mit der sie vorhin schon den Weg zur Pension zur�ckgelegt hatten. �Ich gebe ja gerne zu, dass ich noch nie einen Menschen gesehen habe, der so schnell laufen kann wie Sie, aber eine Kutsche ist allemal schneller, f�rchte ich.�</p><p>�Ich hatte Sie gebeten, sich um Mrs Walsh und Jacob zu ...�</p><p>�Daf�r ist Sorge getragen�, unterbrach sie Abberline. �Ich habe zwei zuverl�ssige M�nner dort gelassen, keine Angst. Sie sind verschwiegen.�</p><p>�Sie spionieren mir hinterher?� Basts Hand schloss sich so fest um den Schwertgriff an ihrem G�rtel, dass es wehtat. Sie musste aufpassen, dass sie ihren Zorn nicht an Abberline auslie�.</p><p>Wenn er ihren �rger sp�rte, dann lieft er ihn an sich abprallen. �Es ist wirklich ein sch�nes St�ck bis St. Paul's Cathedral�, sagte er. �Mit dem Wagen w�ren Sie schneller dort. Sehr viel schneller.�</p><p>Bast war nahe daran, schon aus purem Trotz nein zu sagen - aber das w�re albern gewesen, und jetzt war nicht der Moment f�r Albernheiten. Noch immer ver�rgert, fuhr sie auf dem Absatz herum und ging zum Wagen. Abberline folgte ihr und wechselte ein paar halblaute Worte mit dem Fahrer, bevor auch er einstieg. Die zweisp�nnige Droschke setzte sich in Bewegung, noch bevor er richtig Platz genommen hatte, und gewann rasch an Tempo.</p><p>�Ich muss gestehen, dass ich in den letzten Augenblicken ein wenig hin- und hergerissen war�, sagte Abberline. �Als Vertreter der Obrigkeit und Polizeibeamter h�tte ich eigentlich einschreiten m�ssen, aber ein Teil von mir h�tte sich fast gew�nscht, dass Sie den Laden ganz auseinandernehmen.�</p><p>�Mir ist nicht nach Konversation, Inspektor�, sagte Bast grob.</p><p>�Wie Sie meinen.� Abberline zuckte betont gelassen die Schultern. �Dann lassen Sie uns �ber Fakten sprechen. Sie kennen St. Paul's Cathedral?�</p><p>�Sollte ich?�</p><empty-line/><empty-line/><p>�Es w�re vielleicht von Vorteil, wenn Sie Ihren Freund tats�chlich dort vermuten�, antwortete Abberline. �Umso mehr, falls er sich wirklich dort versteckt.�</p><p>�Wieso?�</p><p>Abberline lachte. �Ich sehe, Sie haben wirklich keine Ahnung. St. Paul's ist nicht einfach eine Kirche. Es ist eine Kathedrale. Die gr��te Kirche des Landes, und eines der gr��ten Geb�ude der Stadt. Ich w�nsche Ihnen viel Vergn�gen, dort nach einem Mann zu suchen, der nicht gefunden werden will. Wenn Sie mich fragen, sollten wir eine Hundertschaft M�nner f�r die Suche anfordern, oder besser gleich zwei. Und selbst dann ...�</p><p>�Das wird nicht n�tig sein�, unterbrach ihn Bast. �Ich habe meine eigenen M�glichkeiten.�</p><p>�Das glaube ich Ihnen�, antwortete Abberline. �Was mir Sorgen bereitet, ist der Gedanke, dass Horus �ber dieselben M�glichkeiten verf�gt.�</p><p>�Zerbrechen Sie sich nicht meinen Kopf, Inspektor�, sagte Bast unfreundlich. �Vielleicht bringen wir uns ja gegenseitig um, und Sie sind aller Sorgen ledig.�</p><p>Abberline seufzte. �Ich dachte, Sie h�tten inzwischen begriffen, dass ich auf Ihrer Seite stehe, Bastet ... oder bestehen Sie immer noch darauf, Sachmet genannt zu werden?�</p><p>Bast schwieg.</p><p>�Ich habe mich ein wenig informiert�, sagte Abberline. �Am Anfang gab es nur Bastet, die G�ttin der Fruchtbarkeit und Liebe. Sp�ter gesellte sich Sachmet dazu, ihre - wie soll ich sagen - dunkle Schwester? Sie stand f�r alles, was Bastet nicht war. Hass. Gewalt, Ungl�ck. Waren es wirklich zwei?�</p><p>�Nein�, antwortete Bast. �Das ist nur eine Legende. Sie sollten nicht alles glauben, was in B�chern steht, Inspektor.�</p><p>�Ich glaube schon seit langer Zeit nur noch das, was ich sehe�, antwortete Abberline. Er l�chelte weiter, aber sein Blick wurde pl�tzlich sehr ernst. �Lassen Sie nicht zu, dass Sie ganz zu Sachmet werden, Bast. Das ist es nicht wert.�</p><p>�Halten Sie den Mund, Inspektor�, fauchte Bast. Sie machte eine �rgerliche Geste. �Wenn Sie mir ihre sogenannte Hilfe unbedingt aufdr�ngen m�ssen, dann erz�hlen Sie mir etwas �ber diese Kathedrale.�</p><p>�Dazu w�rde ich l�nger brauchen, als wir dorthin unterwegs sind�, antwortete Abberline. �Sie ist gro�. Sehr gro�. Das ist alles, was Sie wissen m�ssen. Aber ich habe eine Frage.�</p><p>�Und welche?�</p><p>�Wie kann man ihn t�ten?�</p><p>�Horus?� Bast sch�ttelte mit einem abf�lligen Lachen den Kopf. �Gar nicht. Jedenfalls nicht ...�, sie deutete auf die Stelle, an der Abberline den Revolver unter seinem Rock trug, �... damit.�</p><p>�Sollte ich mir Silberkugeln besorgen?�, fragte Abberline. �Oder w�re ein Holzpflock ins Herz angebracht?�</p><p>�Wir sind keine Vampyre, Inspektor�, antwortete Bast �rgerlich. �Und das hier ist keine Gruselgeschichte, wie man sie in billigen Zeitschriften liest. Es ist bitterer Ernst! Wenn Sie sich einmischen, werden Sie sterben. Sie haben gesehen, wozu sie f�hig sind!�</p><p>�Und ich habe gesehen, dass man sie verletzen kann�, beharrte Abberline. �Und alles, was verletzt werden kann, kann auch get�tet werden. Geben Sie mir eine Chance, Bastet - oder m�chten Sie, dass ich ihm vollkommen wehrlos gegen�bertrete?�</p><p>Bast z�gerte einen Moment. Ihre Logik sagte ihr, dass es nur eines gab, was sie vern�nftigerweise f�r Abberline tun konnte - n�mlich ihn niederschlagen und fesseln und daf�r sorgen, dass ihn der Kutscher ans andere Ende der Stadt verfrachtete. Abberline konnte Horus nicht t�ten. Er w�rde wahrscheinlich nicht einmal merken, dass er in der N�he war, bevor er starb. Horus war kein Mann, der vergab.</p><p>Doch dann schlug sie ihren Mantel zur�ck und schlug mit der flachen Hand auf die Schwertklinge. �Damit�, sagte sie.</p><p>Abberline schien nicht im Geringsten �berrascht. �Man muss sie enthaupten.�</p><p>�Das ist eine M�glichkeit�, sagte Bast. �Oder ihm das Herz herausschneiden. Es nur zu durchbohren w�rde nicht viel bringen. Allerdings w�rde es Ihnen vielleicht die Zeit verschaffen, um weit genug wegzulaufen. Wenn Sie Gl�ck haben. So, und jetzt wissen Sie nicht nur, wie man Horus t�ten kann, sondern auch mich.�</p><p>�Sie wollen mich verletzen�, konstatierte Abberline. �Sie wollen mich w�tend machen, damit ich zu dem Schluss komme, dass es Ihnen ganz recht geschieht und Sie allein auf dieses Ungeheuer loslasse. Aber das funktioniert so nicht.�</p><p>�Ich will Ihnen das Leben retten, Sie Narr!�, sagte Bast heftig. �Verstehen Sie denn nicht? Ich kann Sie nicht besch�tzen und Sie mich noch weniger.�</p><p>�Jetzt untersch�tzen Sie mich, Bastet�, sagte Abberline l�chelnd.</p><p>Bast resignierte. Abberline hatte sich allem Anschein nach vorgenommen, sich durch nichts und niemanden von seinem hirnverbrannten Entschluss abbringen zu lassen, den Helden zu spielen. Also gut, dann eben anders.</p><p>�Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Inspektor�, sagte sie. �Meine Vernunft und der mir selbst r�tselhafte Umstand, dass ich Sie irgendwie sympathisch finde, raten mir, Sie zu einem Paket zu verschn�ren und Ihrem Kutscher den Befehl zu erteilen, Sie nach Schottland zu fahren, ohne unterwegs auch nur einmal anzuhalten. Ich bin versucht, diesem Einfall nachzugeben, aber ich verzichte darauf, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, diesen Wagen nicht zu verlassen. Sie fahren mich zu dieser Kathedrale und warten hier drinnen auf mich, ganz gleich, was passiert! Habe ich Ihr Wort?�</p><p>Abberline sah sie eine ganze Weile nachdenklich an, aber schlie�lich lie� er ein resignierendes Seufzen h�ren und nickte.</p><p>Bast bedauerte nicht zum ersten Mal, dass er zu jener kleinen Gruppe von Menschen geh�rte, deren Gedanken sie nicht lesen konnte. Aber eigentlich musste sie das auch nicht, um zu wissen, dass er log.</p><p>Abberline hatte nicht �bertrieben, als er die St. Paul's Cathedral als gro� beschrieben hatte. Sie war gigantisch. In der Dunkelheit waren ihre wahren Dimensionen mehr zu erahnen als wirklich zu erkennen, aber Bast sch�tzte allein die L�nge des eigentlichen Kirchenschiffes auf mindestens f�nfhundert Fu�, wenn nicht mehr, und die gigantische wei�e Kuppel, die sie kr�nte, schien sich trotzig dem Nachthimmel entgegenzurecken und ihn herauszufordern. Trotz der fortgeschrittenen Stunde - sie hatten tats�chlich so lange gebraucht, wie Abberline prophezeit hatte, und Bast war im Nachhinein sehr froh gewesen, sein Angebot angenommen zu haben - war das gesamte riesige Geb�ude taghell erleuchtet, und sie sp�rte die Anwesenheit zahlreicher Menschen. Aber was hatte sie erwartet? Unter anderem war dieses in Stein gemei�elte Monument des Gr��enwahns, das sich ihrer Meinung nach durchaus mit der gro�en Pyramide von Gizeh oder der Tempelanlage von Abu Simbel messen konnte, auch noch ein Gotteshaus, in dem sich die Menschen zusammenfanden, um zu beten und ihrem Gott zu huldigen - und das bedeutete wohl, dass sie sich inmitten zahlreicher Gl�ubigen wiederfinden w�rde, sobald sie eintrat. Ein besseres Versteck h�tte sich Horus nicht suchen k�nnen!</p><p>�Und Sie sind ganz sicher, dass ich Sie nicht begleiten soll?�, fragte Abberline.</p><p>�So sicher, wie ich bin, dass Sie nicht nach Schottland wollen, Frederick�, antwortete sie.</p><p>Abberline zog eine Grimasse. �Also gut, dann tun Sie mir wenigstens einen Gefallen und nehmen Sie das hier mit.� Er griff unter seine Jacke, zog den Revolver hervor und reichte ihn ihr mit dem Griff voran. �Ich wei�, dass er wahrscheinlich nicht viel nutzt - aber nicht viel ist immer noch besser als gar nichts.�</p><p>Z�gernd nahm Bast die Waffe entgegen und steckte sie ein. Ihrer Meinung nach nutzte der Revolver gar nichts, aber wenn sie ihn an sich nahm, w�rde Abberline m�glicherweise eher darauf verzichten, ihr zu folgen. Nicht einmal er w�re so verr�ckt, Horus waffenlos gegen�berzutreten.</p><p>�Und denken Sie daran, was ich Ihnen �ber St. Paul's erz�hlt habe�, sagte Abberline.</p><p>�Wie k�nnte ich das vergessen?�, seufzte Bast. Tats�chlich hatte Abberline die letzte halbe Stunde nichts anderes getan, als sie mit Informationen �ber die Kirche voll zu stopfen, die er anscheinend in- und auswendig kannte. Ihr schwirrte der Kopf, und dazu kam, dass ihr vermutlich nichts davon helfen w�rde. Horus brauchte kein steinernes Labyrinth, um sich zu verstecken.</p><p>Sie stieg aus, gab dem Kutscher eine stumme Anweisung, darauf zu achten, dass sein Passagier auf gar keinen Fall ausstieg, und lief mit schnellen Schritten die Stufen der gewaltigen Freitreppe hinauf, die zum nicht minder beeindruckenden Portal der Kirche f�hrte. Ein ganzer Strom von Menschen unterschiedlichster Art kam ihr entgegen, doch niemand nahm Notiz von ihr - was ihr einigerma�en seltsam vorkam, denn sie hatte nicht einmal daran gedacht, in eine andere Gestalt zu schl�pfen oder sich auf andere Weise zu tarnen.</p><p>Kurz bevor sie die T�r erreichte, blieb sie stehen und sah sich gleicherma�en irritiert wie beunruhigt um.</p><p>Noch immer sah niemand in ihre Richtung, aber nun gewahrte sie auf dem einen oder anderen Gesicht einen Ausdruck, der ihre Beunruhigung noch sch�rte: eine Mischung aus Verwirrung und vager Furcht. Und ganz pl�tzlich begriff sie, was sie sah. Kein einziger dieser Menschen verlie� das Gotteshaus freiwillig. Etwas hatte sie herausgetrieben, eine gestaltlose Furcht, die in ihre Seelen gekrochen war und es ihnen unm�glich machte, l�nger an diesem Ort zu verweilen.</p><p>Als einer der Letzten verlie� ein grauhaariger Mann in schwarzer Priesterrobe die Kathedrale. Dann war niemand mehr da.</p><p>�Also gut�, sagte Bast leise. �Du wei�t also, dass ich komme.� Sie sch�ttelte stirnrunzelnd den Kopf, nicht ganz sicher, ob sie abf�llig die Lippen verziehen oder aus ihrer Sorge doch lieber etwas anderes machen sollte. Die B�hne f�r die gro�e Schlussszene war also vorbereitet ... aber Horus hatte ja schon immer einen �bertriebenen Sinn f�r Theatralik gehabt.</p><p>Sie lie� noch eine weitere Minute verstreichen, bis sie sicher war, dass ihr niemand mehr entgegenkommen w�rde, dann zog sie ihr Schwert und trat ein.</p><p>Schon nach dem ersten Schritt blieb sie wieder stehen. Sie hatte Gewaltiges erwartet, nach dem, was sie von au�en gesehen, und allem, was ihr Abberline erz�hlt hatte, und dennoch erschlug sie der Anblick im allerersten Moment fast. Die Kirche war gigantisch. Sie hatte das Gef�hl, sich in einem Geb�ude zu befinden, in dem s�mtliche Gesetze der Natur au�er Kraft gesetzt worden waren, sodass sein Inneres ungleich gr��er war als seine �u�eren Abmessungen, aber das war l�ngst nicht alles. Was sie schier erschlug, das war die ungeheure Pracht, die sie umgab. Wohin sie auch sah, erblickte sie wertvolle Schnitzereien, vergoldeten Stuck und kostbare Bilder, uralte Skulpturen und sakrale Sch�tze, deren Wert ihre Vorstellungskraft schlichtweg sprengte.</p><p>Und eine Menge Bauger�ste. Neben allem anderen war diese Kirche auch die gr��te Baustelle, die sie seit langer Zeit gesehen hatte.</p><p>�Beeindruckend, nicht wahr?�</p><p>Bast wirbelte einmal um ihre Achse, das Schwert zum Zuschlagen bereit erhoben.</p><p>Aber es gab nichts, wonach sie schlagen konnte. Sie war allein.</p><p>�Ja, ja, genau so ist es mir beim ersten Mal auch ergangen�, fuhr Horus' Stimme fort, am�siert und anscheinend immer noch direkt in ihrer N�he. �Es ist verwirrend, aber letztendlich doch nur ein billiger Trick, um kleine Geister zu beeindrucken.�</p><p>Endlich gelang es ihr, die Richtung zu bestimmen, aus der die Worte kamen. Sie wandte sich dorthin, presste die Augen zusammen und erkannte eine hochgewachsene, nachtschwarze Gestalt, die auf einer reich mit vergoldeten Schnitzereien verzierten Kanzel nahe am anderen Ende des Kirchenschiffes stand. Trotz der Entfernung war seine Stimme so deutlich und klar zu verstehen, als st�nde er unmittelbar vor ihr. Horus hatte recht: Es war ein beeindruckender Trick, um dem Wort Gottes geb�hrenden Respekt zu verleihen. Aber mehr auch nicht. Sie senkte ihr Schwert und ging los.</p><p>�Ich nehme an, mein �ber alles geliebtes Weib hat dir verraten, wo du mich findest�, fuhr Horus fort. �Ich h�tte mir eigentlich denken k�nnen, dass sie mich bei der ersten Gelegenheit hintergeht.�</p><p>Bast schwieg. Sie war nicht hierhergekommen, um zu reden.</p><p>Horus anscheinend schon, denn er fuhr in fast fr�hlichem Ton fort: �Ich nehme an, du bist hier, um dich f�r das zu entschuldigen, was du Sobek angetan hast. Und mir. Nicht, dass das bei mir n�tig w�re - du wei�t doch, dass ich dir nichts wirklich �belnehmen kann.� Er breitete die H�nde aus, wie der Priester, dessen Platz auf der Kanzel er einnahm, um seine Gemeinde zu segnen. Bast beschleunigte ihre Schritte. �Bei Sobek sieht es leider ein wenig anders aus. Du wei�t ja, wie er ist ... oder genauer gesagt: war. Aber wir haben ja eigentlich immer gewusst, dass es irgendwann ein b�ses Ende mit ihm nehmen wird.�</p><p>�So wie mit dir�, sagte Bast, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, zu schweigen. Im Gegensatz zu Horus musste sie beinahe schreien, um sich verst�ndlich zu machen. Der akustische Trick funktionierte offensichtlich nur in eine Richtung.</p><p>Sie begann zu rennen. Horus verschwendete noch eine geschlagene kostbare Sekunde darauf, sie weiter fassungslos anzustarren - hatte er tats�chlich geglaubt, sie w�re hierhergekommen, um mit ihm zu reden, oder sich gar auf seinen grotesken Vorschlag einzulassen? Aber dann reagierte er so schnell und pr�zise, wie sie es gewohnt war: Ohne auch nur noch einen Sekundenbruchteil zu z�gern, flankte er �ber den goldverzierten Rand der Kanzel, landete nach einem Drei�ig-Fu�-Satz nahezu m�helos auf den F��en und st�rmte ihr entgegen, seltsamerweise, ohne seine Waffe zu ziehen. Nat�rlich konnte er das auch im allerletzten Moment noch tun. Aber wenn er tats�chlich so dumm war, es mit blo�en H�nden mit ihr aufnehmen zu wollen, oder gar noch immer nicht verstanden hatte, wie bitterernst sie es meinte ... ihr sollte es recht sein.</p><p>Bast beschleunigte ihre Schritte noch einmal. Der Schnittpunkt von L�ngs- und Querhalle war ein riesiger runder Raum, �ber dem sich eine noch sehr viel gewaltigere Halbkugel spannte - vermutlich die riesige wei�e Kuppel, die sie von au�en gesehen hatte -, und sie w�rden ziemlich genau im Zentrum dieses Kreises zusammentreffen, wenn Horus sein Tempo beibehielt. Vermutlich war nicht einmal das Zufall. Horus hatte sich das perfekte Amphitheater f�r ihren Kampf ausgesucht.</p><p>Oder auch nicht. Gerade, als er in den Bereich unter der Kuppel zu st�rmen schien, schwenkte er blitzschnell nach links und war pl�tzlich zwischen den Marmors�ulen und B�gen verschwunden.</p><p>Viel w�tender auf sich selbst als auf Horus - hatte sie wirklich geglaubt, er w�rde sich zu einem fairen Kampf stellen? Sie kannte ihn doch nun wirklich gut genug -, erreichte Bast die Stelle, an der er verschwunden war, und st�rmte zwischen den beiden mannsdicken S�ulen hindurch. Keine Spur von Horus, weder vor ihr noch rechts oder links. Sie sah nur endlose, geschnitzte Reihen von Gebetsst�hlen und B�nken, zwischen denen Horus sich zwar verstecken konnte, aber das war nun wirklich nicht seine Art. Er w�rde jede M�glichkeit ausnutzen, alle Vorteile auf seiner Seite zu haben, aber ein heimt�ckischer Hinterhalt? Kaum. Horus war schlichtweg zu arrogant, um ihr anders als offen entgegenzutreten. Aber wo war er dann?</p><p>Bast sah sich immer nerv�ser um, bis ihr Blick an einer schmalen steinernen Treppe h�ngen blieb, die am Rand des Kirchenschiffes in die H�he f�hrte. Als ihr Blick ihr folgte, wurde ihr f�r einen Moment fast schwindelig.</p><p>Sie hatte die Kuppel von au�en gesehen und gewusst, dass sie riesig war, aber wenn man darunter stand, wirkte sie gigantisch. Die Treppe f�hrte zu einer Galerie hinauf, die sich um den gesamten Raum zog, und dar�ber erst begann die eigentliche Kuppel.</p><p>Bast kannte weder Schwindel noch H�henangst, aber bei dem Gedanken, dort hinaufzugehen, war ihr alles andere als wohl.</p><p>Dennoch st�rmte sie ohne das geringste Z�gern los und die steinernen Treppenstufen hinauf. Von Horus war nichts mehr zu sehen. Sie hatte viel zu lange gez�gert - aber sie sp�rte, dass er dort oben war und vermutlich auf sie wartete. Ihr war klar, dass sie sich alles andere als klug verhielt, sehenden Auges in eine Falle zu laufen, aber sie musste sorgsame Planung und geschicktes Taktieren eben ausnahmsweise durch Ungest�m und Wut wettmachen. Sie sah immer noch Cindys Augen vor sich, und den blutigen Schnitt an ihrem Hals. Vielleicht w�rde sie dieses Bild nie wieder loswerden.</p><p>Sie beschleunigte ihre Schritte noch einmal und nahm jetzt immer drei Stufen gleichzeitig. Was sich als weiterer Fehler erwies. Vielleicht hatte noch nie jemand so schnell wie sie in diesem Augenblick diese Treppe �berwunden - zumindest nicht in dieser Richtung -, aber selbst sie war au�er Atem, als sie oben ankam, und das ganze gewaltige Kirchenschiff drehte sich um sie, sodass sie sich gegen die Wand lehnen musste, um nicht zu st�rzen. H�tte Horus sie in diesem Moment angegriffen, w�re es um sie geschehen gewesen.</p><p>Horus griff sie nicht an.</p><p>Horus war nicht einmal da.</p><p>Bast fand sich allein auf der gewaltigsten umlaufenden Galerie, die sie jemals gesehen hatte. Der bemalte steinerne Himmel der Kuppel spannte sich immer noch schier unendlich hoch �ber ihr, aber auch der Mosaikboden der Kirche lag nicht unbedingt zum Greifen nahe: Bast beugte sich behutsam vor und hielt sich instinktiv an der steinernen Balustrade fest. Hundert Fu�, sch�tzte sie, wenn nicht mehr. Horus hatte sich wahrlich ein luftiges Versteck ausgesucht.</p><p>Und ein ziemlich dummes dazu. Soweit sie es erkennen konnte, gab es nur diese eine Treppe, die nach oben f�hrte, und damit auch nach unten. Der einzige Weg, den es gab, f�hrte weiter hinauf. Was wollte er hier?</p><p>�Du kannst dich nicht vor mir verstecken!�, schrie sie, so laut sie konnte. �Du sitzt in der Falle!�</p><p>�Es ist absolut nicht n�tig zu schreien, Geliebte�, sagte Horus unmittelbar hinter ihr.</p><empty-line/><empty-line/><p>Bast fuhr herum - und riss erstaunt Mund und Augen auf. Horus stand nicht hinter ihr, sondern auf der anderen Seite der Galerie, mehr als hundert Fu� entfernt, aber seine Stimme war so klar und verst�ndlich, als w�re er nur eine Armesl�nge entfernt.</p><p>�Das ist wirklich bewunderungsw�rdig, nicht wahr?�, fuhr er fast im Plauderton fort - und nachdem er sich eine Weile geb�hrend �ber ihren erstaunten Gesichtsausdruck am�siert hatte. �Man mag es kaum glauben, dass ein so unzivilisiertes Volk zu solchen Meisterleistungen f�hig sein soll.�</p><p>Bast kramte einen Moment in ihrem Ged�chtnis und den Informationen, die Abberline ihr �ber dieses Geb�ude gegeben hatte. Das hier war also die ber�hmte Whispering Gallery, eine architektonische und akustische Meisterleistung, so gebaut, dass die gebogenen W�nde den Schall immer weiter reflektierten, sodass selbst ein gefl�stertes Wort �berall in dem gesamten steinernen Rund zu h�ren war. Und er hatte ihr auch noch etwas erz�hlt ...</p><p>�Aber ich habe dich nicht hierher gebeten, um mit dir �ber die Feinheiten des englischen Kirchenbaus zu diskutieren�, fuhr Horus fort. �Ich frage dich noch einmal: Hast du es dir �berlegt und kommst mit mir? Es gibt keinen Grund mehr f�r dich zu bleiben. Ich habe mit Isis gesprochen.�</p><p>�Und wenn ich nicht mitkomme?�, fragte Bast. �Was tust du dann? Bringst du weiter Leute um? Nur zu - es ist niemand mehr �brig, dessen Tod mich noch treffen w�rde.� Sie sprach nur mit Horus, um ihn abzulenken, w�hrend ihr Blick verstohlen �ber die Galerie neben ihm tastete. Es gab eine zweite Treppe, das hatte Abberline ihr erz�hlt, aber sie befand sich nicht spiegelbildlich gegen�ber ihrer Position, wohin sich Horus vorsichtshalber zur�ckgezogen hatte. Pech f�r ihn.</p><p>�Da w�re ich nicht so sicher�, antwortete Horus. �Wenn ich das sagen w�rde, vielleicht ... aber du? Wo dir doch so viel an deinem lebendigen Spielzeug liegt?�</p><p>Sie hatte die Treppe entdeckt, eine viel schmalere, steile Stiege, die vielleicht auf halbem Wege zwischen ihr und Horus lag. Vielleicht nahe genug, um ihm den Weg abzuschneiden, vielleicht auch nicht. Horus war schnell - aber er hatte einen schweren Fehler gemacht. Sie gedachte nicht, ihm diesen Fehler durchgehen zu lassen. Sie griff unter ihren Mantel, zog den Revolver, den Abberline ihr gegeben hatte und schoss.</p><p>Bast verabscheute Schusswaffen aus tiefstem Herzen. Ihrer Meinung nach geh�rten sie mit zu dem Unehrenhaftesten, was es gab, denn sie erm�glichten es jedem Dummkopf und Feigling, zu t�ten. Aber das bedeutete nicht, dass sie nicht damit umgehen konnte.</p><p>Der Schuss hallte laut wie ein Kanonenschlag in der Kuppel wider, ein nicht enden wollendes, tausendfach gebrochenes Echo, das sogar lauter zu werden schien, statt zu verebben. Horus prallte zur�ck und starrte sie aus fassungslos aufgerissenen Augen an - dem einen, das noch sehen konnte, hie� das. Bast hatte ihn nicht perfekt getroffen. Die Kugel hatte sein linkes Auge, den Knochen daneben und einen Teil des Schl�fenknochens weggerissen, bevor sie ein gut faustgro�es Loch in die Wand hinter ihm gestanzt hatte. Er stand einfach da und starrte sie an, als k�nne er immer noch nicht glauben, was geschehen war. Wahrscheinlich konnte er es auch nicht.</p><p>Bast hob den Revolver und zielte sorgf�ltiger, aber sie dr�ckte nicht ab, denn Horus brach pl�tzlich wie vom Blitz getroffen zusammen, und sie st�rmte los. Horus war nicht tot, ganz gewiss nicht. Sie hatte ihn �bel erwischt, und wenn sie Gl�ck hatte, dann war er lange genug au�er Gefecht gesetzt, bis sie bei ihm war und es zu Ende bringen konnte.</p><p>Sie hatte kein Gl�ck. Ein schmieriger Blutfleck auf dem Boden und eine davon ausgehende unterbrochene Blutspur wiesen ihr die Richtung, in die sich Horus davongeschleppt hatte, von ihm selbst aber war nichts zu sehen. Bast hielt nur einen Moment inne, um ihrer Entt�uschung mit einem Faustschlag gegen die Wand Luft zu machen, dann setzte sie ihre Verfolgung fort. Horus war ein harter Brocken, selbst f�r einen ihrer Art, aber sie hatte ihm in den Kopf geschossen, und das w�rde selbst ihn eine Weile besch�ftigen. Er war nicht tot, aber schwer genug verletzt. Er w�rde Stunden brauchen, um sich so weit zu erholen, dass er wieder eine Gefahr f�r sie darstellte.</p><p>W�re er in Richtung der Treppe gelaufen, dann w�re er ihr entgegengekommen, und in der entgegengesetzten Richtung h�tte er die Galerie praktisch einmal ganz umrunden m�ssen, was in seinem Zustand schlichtweg unm�glich war ... aber er konnte sich schlie�lich auch nicht in Luft aufgel�st haben.</p><p>Sie fand die L�sung dieses R�tsels nach einem knappen Dutzend weiterer Schritte. Die Blutspur endete vor einer geschlossenen T�r, und sie war bereits sichtbar d�nner geworden. M�glicherweise hatte sie Horus doch nicht so schwer verletzt, wie sie es gehofft hatte. Aber immer noch schlimm genug. Horus war ihr auch unter normalen Umst�nden nicht gewachsen, und heute waren die Umst�nde ganz eindeutig nicht normal.</p><p>Trotzdem �ffnete sie die T�r mit �u�erster Vorsicht und nur einen Spalt breit und lauschte einen Moment lang angestrengt. Sie h�rte nichts. Zumindest lauerte Horus nicht auf der anderen Seite der T�r.</p><p>Daf�r erwartete sie eine weitere, noch steilere Treppe. Eine frische Blutspur wies ihr den Weg, den Horus genommen hatte, und jetzt h�rte sie auch Schritte, die vielfach gebrochen von der verwirrenden Akustik dieses Ortes an ihr Ohr drangen. Er bewegte sich schnell, aber seine Schritte waren schleppend und unregelm��ig. Bast konnte sp�ren, dass er Schmerzen litt, und offenbar blutete er immer noch stark, obwohl seine Spur immer d�nner wurde. Aber Bast brauchte auch keine sichtbare Spur, um ihm zu folgen. Sie konnte ihn wittern. Er hatte Angst. Vermutlich eine ganz neue Erfahrung f�r ihn.</p><p>Sie folgte ihm, nun wieder das Schwert statt des Revolvers in der Hand, schnell, aber nicht so schnell, wie sie gekonnt h�tte. Horus war verletzt, aber immer noch f�r eine �berraschung gut. Und verletzt war er m�glicherweise noch gef�hrlicher, ganz wie ein verwundetes Raubtier, das in die Enge getrieben wurde.</p><p>�Warum bleibst du nicht stehen und stellst dich zum Kampf?�, rief sie. �Dieses Weglaufen passt nicht zu dir! Du warst doch nie ein Feigling! Bleib stehen, und wir bringen es hinter uns!�</p><p>Sie rechnete nicht mit einer Antwort, und sie bekam auch keine, aber das Echo ihrer eigenen Stimme verriet ihr alles, was sie wissen musste: Die Treppe folgte offenbar der inneren Kr�mmung der Kuppel und schien sich �ber ihr weit h�her zu erheben als die, die sie zur Galerie hinaufgef�hrt hatte, vielleicht tats�chlich bis unter den Scheitelpunkt der Kuppel. Wo, zum Teufel, wollte er eigentlich hin?</p><p>Die Blutspur wurde immer d�nner und h�rte schlie�lich ganz auf, und die Treppe schien kein Ende zu nehmen, w�hrend sie sich wie ein steinernes Schneckenhaus weiter und weiter in die H�he wand. Sie sp�rte, dass sie Horus n�her kam, wenn auch nicht ann�hernd so schnell, wie sie es gehofft hatte.</p><p>Und schlie�lich endete die Spur, und nur einen Moment sp�ter erlosch auch seine Witterung.</p><p>Bast blieb stehen. Nat�rlich war ihr klar, dass Horus noch immer dort oben war, aber es �rgerte sie ungemein, dass er offensichtlich nicht nur imstande war, seine Gedanken vollkommen vor ihr abzublocken, sondern auch alle ihre anderen Sinne zu narren. Sie h�tte ihn zumindest h�ren m�ssen!</p><p>Falls er noch am Leben war, hie� das.</p><p>Bast erwog diesen Gedanken einen Moment lang, verwarf ihn aber auch gleich darauf wieder. Horus war zweifellos schwer verletzt, aber alles, was ihn nicht sofort umbrachte, brachte ihn gar nicht um. So einfach war das.</p><p>Hundert m�hsame steile Stufen sp�ter fand sie eine m�gliche Antwort auf ihre Fragen: Der Treppenschacht m�ndete auf einem schmalen Absatz, dessen gegen�ber liegende Seite von einer - verschlossenen - T�r begrenzt wurde, aber zur Rechten gab es einen schmalen Durchgang, der auf eine weitere, au�en liegende Galerie f�hrte. Eisige Luft, die nach Schnee roch, wehte ihr entgegen. Wenn Horus dort drau�en war, dann musste sie sich nicht wundern, dass sie seine Witterung verloren hatte.</p><p>Sie hatte schon wieder ein Problem: M�glicherweise war Horus dort drau�en, m�glicherweise auch nicht. Von Abberline wusste sie, dass sich hinter dieser T�r eine Treppe befand, die noch weiter nach oben und zu einer zweiten, au�en an der Kuppel verlaufenden Galerie f�hrte. Horus konnte ebenso gut dort oben wie auf der Galerie sein. Was immer sie tat, sie harte eine Eins-zu-eins-Chance, dass es das Falsche war und Horus ihr entkam, w�hrend sie der falschen Spur nachjagte.</p><p>Bast �berlegte einen Moment angestrengt, was sie tun w�rde, w�re die Situation umgekehrt und sie das Wild und Horus der J�ger, kam zu einem Ergebnis und tat dann das genaue Gegenteil: Sie ignorierte die Galerie, ging weiter und �ffnete die T�r, auch dieses Mal wieder sehr vorsichtig.</p><p>Was sie nicht vor dem Schwerthieb bewahrte, mit dem Horus sie empfing.</p><p>Sie war nicht g�nzlich unvorbereitet, und Horus nicht im Vollbesitz seiner Kr�fte, sodass es ihr gelang, ihre Waffe im letzten Moment hochzurei�en und den Hieb abzufangen, aber er hatte alle Kraft, die er noch besa�, in diesen einen Angriff gelegt, und seine schiere Wucht reichte, ihr das Schwert aus der Hand zu prellen und sie hilflos nach hinten stolpern zu lassen. Mit verzweifelt rudernden Armen k�mpfte sie um ihr Gleichgewicht, und Horus setzte ihr nach und versetzte ihr einen Tritt, der sie noch weiter nach hinten stolpern lie�, bis ihr Fu� pl�tzlich ins Leere stie�. Mit einem erschrockenen Keuchen kippte sie nach hinten, st�rzte r�cklings die Treppe hinunter und schlug mit so grausamer Wucht auf den steinernen Stufen auf, dass ihr �bel wurde.</p><p>Trotzdem verlor sie nicht das Bewusstsein. Alles drehte sich um sie, und pl�tzlich war der Geschmack ihre eigenen Blutes in ihrem Mund, aber sie sah dennoch, wie Horus ihr abermals nachsetzte und das Schwert mit beiden H�nden hoch �ber den Kopf riss.</p><p>Verzweifelt warf sie sich herum, zerrte Abberlines Revolver unter dem Mantel hervor und schoss.</p><p>Die erste Kugel verfehlte Horus und grub eine armlange Narbe in den Verputz der Wand, die zweite traf seine Schulter und riss ihn wie ein Faustschlag herum. Horus keuchte vor Schmerz, torkelte zur�ck und fiel seinerseits auf den R�cken, halb auf dem Treppenabsatz, halb auf den Stufen liegend.</p><p>Bast k�mpfte mir aller Willenskraft gegen den h�mmernden Schmerz in ihrem Sch�del und die roten Schlieren vor ihren Augen, die die Welt verschlingen wollten. Den Kampf gegen die blutigen Nebel gewann sie, den gegen das H�mmern in ihrem Hinterkopf nicht, aber das spielte keine Rolle. M�hsam und ununterbrochen blinzelnd w�lzte sie sich herum, verlor den Halt und schlitterte ein weiteres halbes Dutzend Stufen die Treppe hinab, bis es ihr gelang, ihren Sturz abzufangen und so zum Liegen zu kommen, dass sich ihre F��e nicht mehr oberhalb ihres Kopfes befanden. Sie fuchtelte noch immer wild mit dem Revolver herum, ohne sich ernsthaft einzubilden, irgendetwas treffen zu k�nnen.</p><p>Nicht, dass es noch irgendetwas zu treffen gegeben h�tte. Horus war offenbar vor ihr wieder auf die F��e gekommen, aber er hatte die Gelegenheit nicht genutzt, um sie abermals anzugreifen, sondern die Flucht anzutreten. Bast registrierte verschwommen, wie die T�r �ber ihr ins Schloss fiel, rappelte sich mit zusammengebissenen Z�hnen hoch und musste sich mit der freien Hand an der Wand abst�tzen, um nicht gleich wieder zu fallen. In ihrem ganzen K�rper schien kein einziger Muskel zu sein, der nicht auf die eine oder andere Weise wehtat.</p><p>Aber sie war nicht wirklich verletzt. Sie sp�rte keine Knochenbr�che oder Schlimmeres. Ein paar Augenblicke Ruhe, und sie konnte ihre Verfolgung fortsetzen.</p><p>Sie g�nnte sie sich; nicht nur ein paar Augenblicke, sondern geschlagene f�nf Minuten, in denen sie mit geschlossenen Augen an die Wand gelehnt dastand, an nichts zu denken versuchte und ihrem K�rper Gelegenheit gab, sich zu regenerieren. Nat�rlich w�rde auch Horus diese Zeit nutzen, um wieder zu Kr�ften zu kommen und seine Flucht fortzusetzen - aber wohin wollte er schon gehen? �ber ihnen waren nur noch zahllose Stufen und eine weitere Galerie, und dann der Himmel. Wenn Horus nicht mittlerweile gelernt hatte, ebenso wie sein Wappentier zu fliegen, dann sa� er in der Falle.</p><p>Sie �berpr�fte die Trommel ihres Revolvers - noch drei Kugeln, und vielleicht sollte sie bei passender Gelegenheit einmal dar�ber nachdenken, ihre Einstellung Schusswaffen gegen�ber zu �berdenken -, schob ihn unter den G�rtel und ging mit schleppenden Schritten die Stufen hoch, um ihr Schwert aufzuheben. Das Gewicht der Waffe schien sich mindestens verzehnfacht zu haben, und es kostete sie schon M�he, die T�r zu �ffnen, die Horus hinter sich zugeschlagen hatte. Sie konnte nur hoffen, dass es Horus genau so erging.</p><p>Zumindest lauerte er diesmal nicht mehr auf der anderen Seite. Bast erblickte nichts als die Fortsetzung der Treppe, auch wenn sie jetzt wesentlich steiler zu sein schien und der Treppenschacht enger und in weitaus schlechterem Zustand. Von Abberline wusste sie, dass die Kuppel von St. Paul's weit �ber dreihundert Fu� hoch war - dreihundertf�nfundsechzig, um genau zu sein, einen f�r jeden Tag des Jahres, wie er ihr voller Stolz verk�ndet hatte -, und das bedeutete, dass es gut und gerne f�nfhundert Stufen waren, wenn Horus bis ganz nach oben floh ...</p><p>Sie w�rde ihn f�r jede einzelne Stufe bezahlen lassen, das nahm sie sich fest vor.</p><p>Um nicht ganz die Orientierung zu verlieren, z�hlte sie die Stufen, kam aber bald durcheinander und gab dieses ohnehin sinnlose Vorhaben gleich wieder auf. Und wie sich zeigte, musste sie auch nicht bis ganz nach oben. Nach weiteren hundert Stufen versp�rte sie einen neuerlichen, k�hlen Luftzug und stand schlie�lich vor einer schmalen T�r, die auf eine weitere, diesmal au�en gelegene Galerie hinausf�hrte. Sie war so ratlos wie vorhin - Horus konnte dort drau�en sein und hoffen, dass sie an seinem Versteck vorbeilief, oder auch nur ein Dutzend Stufen �ber ihr auf der Treppe, gerade au�erhalb ihrer Sichtweite. Noch eine Eins-zu-eins-Chance. Diesmal w�hlte sie die andere Option und trat auf die Galerie hinaus.</p><p>Der Anblick traf sie so unerwartet, dass sie im ersten Moment wankte und ganz instinktiv nach dem Gel�nder vor sich griff. Die Galerie war gut acht Fu� breit und wurde von einem massiven schmiedeeisernen Gitter begrenzt, �ber das man allerh�chstens dann versehentlich st�rzen konnte, wenn man mindestens drei Meter gro� war, aber die Architekten hatten ein weiteres, diesmal optisches Wunder vollbracht: Sobald man aus der T�r trat, hatte man das Gef�hl, vollkommen frei hoch �ber den D�chern der Stadt in der Luft zu schweben. Es gab, wenigstens auf dieser Seite der Kuppel, kein Geb�ude und keinen Kirchturm, der sie �berragt oder ihre H�he auch nur ann�hernd erreicht h�tte, sodass sie praktisch ganz London �berblicken konnte, einen gewaltigen Ozean aus Schatten und schimmernden wei�en und gelben Lichtern, �ber dem ein feiner Dunst zu liegen schien, der dem Bild etwas noch Unwirklicheres und fast schon Gespenstisches gab.</p><p>Etwas ber�hrte sie eisig und unendlich sanft im Gesicht, und Bast begriff, dass der Dunst in Wahrheit pulverfeiner Schnee war, den der Wind vor sich her trieb. Als sie sich bewegte, knirschte es unter ihren F��en. Und als sie sich herumdrehte, sah sie Horus.</p><p>�berrascht zog sie die Brauen zusammen. Sie hatte damit gerechnet, dass er sich l�ngst auf den Weg zur anderen Seite der Kuppel gemacht und einfach darauf gesetzt h�tte, dass er schneller war oder in die falsche Richtung lief, aber er hatte sich nur wenige Schritte weit entfernt und sa� mit dem R�cken gegen den wei�en Stein der Kuppel gelehnt und angezogenen Knien da. Die kaum fingerdicke Schneedecke, auf der er sa�, war dunkel verklumpt von seinem Blut, und sein Gesicht - oder was noch davon �brig war - bot einen grauenerregenden Anblick. Die Kugel hatte nicht nur sein Auge ausgel�scht, sondern ihm auch die halbe Schl�fe weggerissen. Das zerst�rte Gewebe begann sich schon wieder zu regenerieren, und es sah aus, als beg�nne sein Fleisch zu kochen und Blasen zu werfen. Trotzdem w�rde es noch Stunden dauern, bis sein Gesicht auch nur halbwegs geheilt sein w�rde, und vielleicht Tage, bevor sein Auge wieder sehen k�nnte. Noch vor wenigen Stunden h�tte Bast bei diesem Anblick nichts als Schmerz und Mitleid empfunden. Jetzt empfand sie ... nichts.</p><p>�Du hast dich also endlich daran erinnert, dass du einmal ein Mann warst�, sagte Bast, �und rennst nicht mehr davon.�</p><p>Horus hob m�hsam den Kopf und sah sie aus seinem verbliebenen Auge an. Bast musste fast all ihre Kraft aufwenden, um dem schrecklichen Anblick standzuhalten. Trotzdem lachte er; oder gab immerhin ein Ger�usch von sich, das er f�r ein Lachen hielt. �Ich dachte, du w�sstest ziemlich gut, dass ich ein Mann bin.�</p><p>Bast machte eine Bewegung mit ihrem Schwert. �Kannst du aufstehen?�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil ich ungern jemanden t�te, der vor mir auf dem Boden liegt�, antwortete Bast.</p><p>Einen Moment lang wirkte Horus wirklich erschrocken, aber dann erschien wieder dieses gr�sslich verst�mmelte L�cheln auf seinem Gesicht. Er glaubte es immer noch nicht, dachte Bast. Und wie konnte er auch?</p><p>Sie stie� ihm das Schwert in den linken Arm. Nicht besonders tief, kaum, dass sie seine Haut ritzte, aber es sollte reichen, um ihm klar zu machen, dass sie es ernst meinte.</p><p>Oder auch nicht. Horus sog schmerzerf�llt die Luft zwischen den Z�hnen ein, und sein L�cheln geriet endg�ltig zur Grimasse. Trotzdem lachte er noch einmal kr�chzend. �Also gut, ich gebe auf�, keuchte er. �Du hast gewonnen. Ich gebe zu, dass du mich geschlagen hast - wenn du willst, auch vor allen anderen.�</p><p>�Das wirst du nicht k�nnen�, sagte Bast ruhig. �Du wirst die anderen nicht wiedersehen, Horus. Ich werde dich t�ten.�</p><p>�Und warum?� Horus grinste weiter, aber es wirkte jetzt ein ganz kleines bisschen unsicher. Vielleicht begann er allm�hlich zu ahnen, was geschah. �Sag nicht, wegen dieser Sterblichen. Bei Ra, Bastet, sie sind doch nur Tiere!�</p><p>�Auch wir waren einmal Sterbliche, Horus�, antwortete Bast. �Es ist lange her, aber ich erinnere mich noch. Du auch?�</p><p>�Bastet, es reicht�, sagte Horus scharf - oder versuchte es wenigstens. �Du hast deinen Spa� gehabt, aber jetzt �bertreibst du es.�</p><p>Bast beugte sich vor, zog mit der linken Hand das Schwert aus seinem G�rtel und trat einen halben Schritt zur�ck, bevor sie ihm die Waffe mit dem Griff voran hinhielt.</p><p>�Ich t�te dich auch, wenn du dich nicht wehrst�, sagte sie ernst. �Aber es w�re mir lieber, wenn du dich verteidigen w�rdest.�</p><p>�Dann sollte ich eigentlich liegen bleiben, nur um dir den Spa� zu verderben�, kr�chzte Horus. Er rappelte sich trotzdem auf, nahm erst dann das Schwert entgegen und lie� es demonstrativ wieder sinken, als Bast ihre eigene Waffe hob und in Grundstellung ging.</p><p>�Wenn du so viel Wert auf einen fairen Kampf legst�, sagte er, �dann sollten wir ihn um einen Tag verschieben. Nebenbei bemerkt war es auch nicht unbedingt fair, auf mich zu schie�en.� Er wies demonstrativ auf sein zerst�rtes Gesicht, und Bast musste ihm widerstrebend recht geben.</p><p>Sie steckte ihr Schwert ein. �Du hast recht�, sagte sie. �Ist dir das Ausgleich genug? Du dein Schwert, und ich nur ...� Sie hob ihre leeren H�nde. �... die? Oder bestehst du darauf, mir die Arme auf den R�cken zu fesseln?�</p><p>Horus machte ein trotziges Ger�usch, zuckte mit den Achseln und f�hrte einen blitzartigen heimt�ckischen Stich gegen ihren Unterleib, der sie um ein Haar aufgespie�t h�tte, obwohl sie darauf vorbereitet gewesen war. Er war trotz allem noch immer schnell. Verdammt schnell.</p><p>Bast sprang einen hastigen Schritt zur�ck und w�re um ein Haar ausgeglitten - unter der d�nnen Schneedecke war der Stein der Balustrade spiegelglatt gefroren. Horus nutzte nat�rlich auch diesen winzigen Vorteil aus und f�hrte einen weiteren Hieb gegen ihre Schulter, der sie zwar knapp verfehlte, aber ihren Mantel und den Stoff ihres Kleides darunter aufschlitzte.</p><p>Bast t�nzelte rasch ein weiteres halbes Dutzend Schritte zur�ck, t�uschte einen Tritt gegen sein linkes Knie an, und als er darauf tats�chlich sein Schwert senkte, erwischte sie ihn mit einem wuchtigen Faustschlag an der unverletzten Schl�fe. Horus taumelte zur�ck und fiel unsanft auf den Hosenboden, als Bast ihm nun doch den Tritt versetzte, den sie ihm gerade schuldig geblieben war. Sie verzichtete darauf, ihm nachzusetzen und sich dabei wom�glich selbst an seinem Schwert aufzuspie�en.</p><p>�Das war ... nicht schlecht�, �chzte er. �D�rfte ich vielleicht auf deinen Vorschlag mit den gefesselten H�nden zur�ckkommen?�</p><p>�Kaum�, sagte Bast kalt. �Steh auf.�</p><p>�Frauen�, grollte Horus. �Man kann so alt werden, wie man will, aber man wird trotzdem nie schlau aus ihnen.�</p><p>Diesmal war Bast besser vorbereitet und wich dem Schwertstreich mit einem raschen Schritt aus, mit dem er nach ihren Kn�cheln zielte - wuchtig genug, um ihr einen Fu� abzutrennen, wenn nicht gar beide. Horus war auf den Beinen, noch bevor sie ihr Gleichgewicht endg�ltig wiedergefunden hatte, stie� ihr die linke Faust vor die Brust und f�hrte mit der anderen einen gewaltigen Schwerthieb nach ihrer Schulter. Ebenso gut - sogar bequemer und weitaus schneller, h�tte er nach ihrem Hals zielen und sie enthaupten k�nnen, aber aus irgendeinem Grund wollte er sie immer noch nicht t�ten.</p><p>Sein Pech.</p><p>Bast wich dem Hieb aus, und die Klinge prallte funkenspr�hend gegen das Gel�nder und w�re ihm fast aus der Hand geprellt worden. Bast half der Entwicklung noch ein bisschen nach, indem sie ihm die versteiften Finger der Linken gegen den Adamsapfel rammte, nach seinem Handgelenk griff und es mit einem harten Ruck brach. Horus kr�mmte sich nach Luft japsend und lie� das Schwert fallen, und Bast fing es auf und sprang hastig einen Schritt zur�ck.</p><p>Horus sank kraftlos auf die Knie, klammerte sich am Gel�nder fest, um nicht endg�ltig zu Boden zu gehen und k�mpfte sekundenlang verzweifelt darum, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Er gewann diesen Kampf, aber nur m�hsam, und er brauchte all seine Kraft, um sich wieder in die H�he zu ziehen.</p><p>�Also gut, ich gebe mich geschlagen�, st�hnte er. �Du bist die Bessere, ich gebe es zu. Du hattest auch recht: Ich h�tte das nicht tun sollen. Es tut mir leid. Aber jetzt lass es gut sein. Ich finde, dass du es allm�hlich wirklich �bertreibst.�</p><p>Bast schlug ihm den Handr�cken ins Gesicht; nicht einmal besonders hart - aber Horus reagierte genau so, wie sie erwartet hatte, und versuchte ihre Hand zu packen und festzuhalten. Bast verdrehte ihm umgekehrt blitzschnell den Arm, ergriff ihn an Hose und Kragen und stemmte ihn mit einer einzigen Anstrengung hoch �ber den Kopf.</p><p>Horus keuchte. �Bastet!�, br�llte er. �Was soll das? Das ist jetzt aber mehr ...�</p><p>Bast schleuderte ihn �ber das Gel�nder in die Tiefe.</p><p>Horus' Schrei war noch f�r einen Moment zu h�ren, selbst als sein schwarzer Umriss schon l�ngst von der Nacht verschlungen worden war, aber dann verklang auch er. Bast beugte sich vor und lauschte einen Moment angestrengt auf das Ger�usch des Aufpralls, aber alles, was sie h�rte, war das monotone Ger�usch der Stadt und das leise Wimmern des Windes.</p><p>Sonst war nichts mehr.</p><p>Sie hatte nicht erwartet, so etwas wie Triumph zu empfinden oder auch nur Erleichterung. Vor nicht einmal einem Tag hatte sie schon einmal geglaubt, er w�re gestorben, und da hatte ihr dieser Gedanke zu schaffen gemacht, ganz gleich, was er ihr auch zuvor angetan hatte. Aber da war sie ja auch noch Bastet gewesen, nicht Sachmet.</p><p>Sie blieb so lange mit den Unterarmen auf das geschmiedete Gel�nder gest�tzt stehen und starrte in die Tiefe, bis die K�lte sie zur�ck in die Kuppel trieb. Horus' Schwert lie� sie liegen. Irgendwann morgen fr�h w�rde ein ziemlich verdutzter Tourist hier heraufkommen und die Waffe finden und abliefern, und Abberlines Kollegen, die bis dahin sicher l�ngst damit besch�ftigt waren, Horus' �berreste vom Stra�enpflaster unterhalb des Domes zu kratzen, w�rden sich m�glicherweise einen Reim darauf machen, oder auch nicht.</p><p>Es war ihr vollkommen egal. Morgen um diese Zeit war sie l�ngst woanders.</p><p>Auch im Inneren des gemauerten Gew�lbes war es kalt, aber sie war wenigstens aus dem eisigen Wind heraus, und das Leben begann kribbelnd in ihre Finger und Zehen zur�ckzukehren, w�hrend sie langsam die ausgetretenen Stufen hinunterschritt. Sie hatte es nicht eilig und nahm sogar noch einen geh�rigen Umweg in Kauf, indem sie auf die untere Galerie hinaustrat und sie einmal komplett absuchte; nur um sicherzugehen, dass Horus nicht etwa dort aufgeschlagen und gerade damit besch�ftigt war, seine Knochen zu sortieren und neue Kr�fte zu sammeln, um ihr im schlechtestm�glichen Moment in den R�cken zu fallen.</p><p>Aber Horus war nicht da, und als sie ihre geistigen F�hler ausstreckte, konnte sie ihn auch nirgends entdecken.</p><p>Sie beschleunigte ihre Schritte. Die Treppe nahm kein Ende, als h�tte Horus seinen letzten Atemzug auf einen b�sen Fluch verschwendet, der sie f�r immer in diesem feindseligen, kalten Gotteshaus gefangen halten w�rde, aber endlich trat sie wieder auf die Whispering Gallery hinaus ...</p><p>... und erstarrte.</p><p>Sie hatte sich get�uscht. Horus war nicht tot. Er war auch nicht irgendwo, er stand direkt unter ihr. Und er war nicht allein.</p><p>Gleich neben ihm stand eine zweite, deutlich kleinere, aber ebenfalls ganz in Schwarz gekleidete Gestalt, die aber anders als er keinen kn�chellangen Mantel und Turban trug, sondern ein elegantes Cape und ein wei�es R�schenhemd mit dazu passender Fliege.</p><p>Es war, als h�tte jemand ohne die geringste Vorwarnung einen K�bel Eiswasser �ber ihr ausgegossen.</p><p>Sie hatte nicht wirklich geglaubt, dass Abberline im Wagen bleiben und in aller Seelenruhe auf ihre R�ckkehr warten w�rde, aber er hatte sich wirklich den allerschlechtesten aller nur denkbaren Augenblicke ausgesucht, um ihr zu Hilfe zu eilen. Er stand fast direkt unter ihr, und er war in einer irgendwie unnat�rlich oder doch zumindest verkrampft wirkenden Haltung scheinbar mitten in der Bewegung erstarrt - was allerdings auch an dem gekr�mmten Dolch liegen mochte, den Horus ihm gegen die Kehle presste.</p><p>Ihre Gedanken �berschlugen sich, aber irgendwie schienen sie keine Zeit zu beanspruchen, und Bast setzte sich in Bewegung, noch w�hrend sie verzweifelt die M�glichkeiten erwog, die ihr blieben: Sie war schnell, aber nicht einmal ann�hernd schnell genug, um die Treppe hinabzust�rmen und sich ernsthaft einzubilden, Abberline noch retten zu k�nnen, und sie hatte auch noch Abberlines Revolver, aber der Schusswinkel war ung�nstig, und das Risiko, Abberline zu treffen statt Horus, einfach zu gro�.</p><p>Also gut. Zeit, grob zu werden.</p><p>Sie sprang.</p><p>Mit einer einzigen, kraftvollen Bewegung flankte sie �ber die gemauerte Br�stung, zog noch im Sturz das Schwert und streckte die Beine gerade nach unten.</p><p>Sie hatte absolut kein Ger�usch verursacht, allenfalls, dass er das Flattern ihres Mantels h�ren konnte, doch Horus schien im allerletzten Moment die Gefahr zu sp�ren, die auf ihn herabst�rzte, denn er fuhr zusammen und warf mit einem Ruck den Kopf in den Nacken, und Bast sah nicht nur das pure Entsetzen in seinen Augen aufblitzen, sondern auch, wie sich die rasiermesserscharfe Klinge seines Dolches in Abberlines Kehle grub und hellrotes Blut �ber seinen Hals floss - dann prallten ihre F��e mit grauenhafter Wucht auf Horus' Schultern, und die Welt explodierte in einer wei�en Lohe aus purer Agonie.</p><p>Ihre Beine brachen, nahezu explosionsartig und jedes an mehreren Stellen zugleich, und irgendetwas in ihrem Inneren zerriss mit einem noch viel schlimmeren, glei�enden Schmerz, aber sie konnte auch h�ren, wie Horus' R�ckgrat nicht nur brach, sondern regelrecht pulverisiert wurde, und trotz der feurigen Lohe, die sie einh�llte und jede einzelne Zelle ihres K�rpers in Brand zu setzen schien, registrierte sie, wie Horus mit einem sonderbar erstickten Laut und in einem noch viel sonderbareren und eigentlich vollkommen unm�glichen Winkel nach hinten kippte. Der Dolch flog aus seiner Hand und schlitterte klirrend davon, allerdings nicht, ohne sich zuvor tief in Abberlines Kehle gegraben und aus dem roten Strom einen sprudelnden Geysir gemacht zu haben. Dann schlug auch ihr eigenes Schwert - weit entfernt - auf dem Boden auf, und nur den Bruchteil eines Atemzuges sp�ter sie selbst, und wenn sie gedacht hatte, das bisher Erlebte w�re schlimm, so sah sie sich eines Besseren belehrt.</p><p>Alles wurde ... wei�.</p><p>Es war nicht so, dass sie das Bewusstsein verlor - obwohl sie es sich gew�nscht h�tte - oder nichts mehr sah, aber alles, was sie f�r endlose Sekunden wahrnahm, waren wei�e Gespenster auf wei�em Grund, kaum mehr als zuckende Umrisse, die einen grotesken lautlosen Tanz aufzuf�hren schienen. Und was sie sah, das war noch viel unglaublicher.</p><p>Horus war neben ihr zusammengebrochen, ein wimmerndes B�ndel aus purer Pein, aber auch unbeschreiblicher Wut, das in einer vollkommen unm�glich verkrampften Haltung dalag und blindlings �ber den Boden tastete, aber da war auch Abberline, der trotz seiner durchschnittenen Kehle nicht nur immer noch auf den Beinen war, sondern sich suchend umsah, schlie�lich nach dem Schwert b�ckte, das Bast fallen gelassen hatte ...</p><p>Und Horus mit einem einzigen, gewaltigen Schwerthieb enthauptete!</p><p>Bast rechnete fest damit, allersp�testens jetzt das Bewusstsein zu verlieren, aber das genaue Gegenteil geschah: Ihre Gedanken kl�rten sich, und Farbe und Tiefe kehrten in das Bild vor ihren Augen zur�ck. Was ihr wie eine vollkommen absurde Vision vorgekommen war, entpuppte sich als Wirklichkeit: Sie lag noch immer auf dem R�cken, hilflos und gel�hmt und mit zertr�mmerten Beinen und etwas, das wie ein wei� gl�hendes Messer in ihren Eingeweiden w�hlte, und Horus' kopfloser Leichnam lag so dicht neben ihr, dass sie ihn mit dem ausgestreckten Arm h�tte ber�hren k�nnen. W�re sie imstande gewesen, den Arm auszustrecken. Abberline stand noch immer breitbeinig �ber ihm, das Schwert in beiden H�nden, und hellrotes Blut sprudelte in Str�men aus seinem Hals. Eigentlich musste er tot sein, aber das schien er nicht zu wissen. Vielleicht war er auch einfach nur zu stur, um es zuzugeben. Zuzutrauen w�re es ihm.</p><p>Bast blinzelte, versuchte sich hochzustemmen und bedauerte diesen Einfall sofort wieder, und mit einem gellenden Schrei. Wo ihre Beine sein sollten, war nur loderndes Feuer.</p><p>Etwas klirrte. Bast zwang sich, sich zu konzentrieren, blendete den Schmerz mit aller Willenskraft aus und �ffnete nach einigen Sekunden und sehr viel langsamer noch einmal die Augen. Abberline hatte das Schwert fallen gelassen und war endlich auf die Knie hinabgesunken. Er hatte beide H�nde gegen den Hals geschlagen und versuchte vergebens, den Blutstrom einzud�mmen, der noch immer aus seiner durchschnittenen Kehle sprudelte. Aber er lebte immer noch. Er war zu stur, um zu sterben, dachte Bast hysterisch.</p><p>Und als w�re das noch nicht genug, l�ste er eine zitternde, mit hellrotem Blut besudelte Hand von seiner durchschnittenen Kehle und streckte sie nach ihr aus, obwohl er viel zu weit entfernt war, um sie zu ber�hren.</p><p>�Ist ... alles in Ordnung mit Ihnen?�, w�rgte er hervor.</p><p>Wahrscheinlich mehr als mit ihm, dachte sie verwirrt - aber trotzdem war sie es, die es eindeutig mehr M�he kostete als ihn, zu sprechen.</p><p>�Nicht unbedingt, Inspektor�, kr�chzte sie. �Aber ich lebe noch.� Auch wenn sie sich beinahe w�nschte, es w�re nicht so. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals etwas so Schlimmes erlebt zu haben ... aber eigentlich konnte sie sich auch nicht erinnern, jemals etwas so Dummes getan zu haben. Dass sie �berhaupt noch lebte, glich einem Wunder.</p><p>Abberlines Gedanken mussten sich wohl auf ganz �hnlichen Pfaden bewegen, denn er hob m�hsam den Kopf und blinzelte zu der Galerie hinauf. Bast erwartete, dass die Wunde an seiner Kehle weiter auseinanderklaffte und er endlich begriff, dass er eigentlich tot zu sein hatte, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Die Wunde hintere schon nicht mehr so heftig wie bisher, und Rast sah, dass der Schnitt tats�chlich nur oberfl�chlich gewesen war; tief genug, um heftig zu bluten, aber nicht tief genug, um ihn umzubringen. Er hatte unglaubliches Gl�ck gehabt, und wahrscheinlich w�rde er niemals begreifen, wie viel Gl�ck.</p><p>�Unglaublich�, murmelte Abberline. Sein Blick irrte ununterbrochen zwischen Bast und der Galerie hin und her, ohne an einem von beidem wirklich Halt zu finden. �Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, aber es f�llt mir schwer, es zu glauben. So einen Sprung ...�</p><p>�Da geht es mir ganz genauso�, antwortete Bast. Sie versuchte noch einmal, sich aufzurichten. Solange sie ihre Beine dabei nicht belastete, ging es. �Sie haben Horus get�tet. Einen von uns.�</p><p>�Zieht das jetzt die Blutrache der ganzen Familie nach sich?�, fragte Abberline.</p><p>Bast begriff zwar, dass er sich in schwarze Ironie rettete, um irgendwie mit dem unertr�glichen Druck fertig zu werden, der auf ihm lastete, aber sie fand die Bemerkung trotzdem unpassend und ignorierte sie. �Sie sind der erste Sterbliche, dem das gelungen ist�, sagte sie ernst. �Jedenfalls seit sehr langer Zeit.�</p><p>�Ich hatte ein wenig Hilfe�, antwortete Abberline. Er hustete, verzog das Gesicht und griff sich an den Hals und zog eine noch heftigere Grimasse. �Sie haben mir das Leben gerettet, Bast. Eine Sekunde sp�ter ...�</p><p>�Bilden Sie sich nur nicht zu viel ein�, sagte Bast grimmig. �Es war die einzige Chance, die ich hatte, um ihn zu besiegen. W�re ich ihm in einem fairen Kampf gegen�bergetreten, h�tte er mich in St�cke geschnitten.�</p><p>Abberline sah sie zweifelnd an, und auch Bast war nicht ganz sicher, ob ihre Worte tats�chlich der Wahrheit entsprachen. Was das in St�cke schneiden anging sicher - aber sie hatte gar nicht dar�ber nachgedacht, sondern einfach nur begriffen, dass Abberline in einer t�dlichen Gefahr schwebte und ganz instinktiv gehandelt.</p><p>Bast drehte sich mit zusammengebissenen Z�hnen auf die Seite, um Horus' Leichnam zu begutachten; etwas, das sie bisher fast krampfhaft vermieden hatte; als f�rchte ein Teil von ihr immer noch, dass sich Horus pl�tzlich neben ihr aufrichten und nach seinem Schwert greifen k�nnte.</p><p>Aber Horus war tot, tats�chlich und unwiderruflich. Sein kopfloser Torso lag in einer sich ausbreitenden Blutlache. Sein Sch�del lag gute zehn Fu� entfernt, aber ein gn�diges Schicksal wollte es, dass sich sein Turban halb gel�st und der schwarze Stoff wie ein barmherziger Schleier �ber sein Gesicht ausgebreitet hatte. Dennoch jagte ihr der Anblick einen eisigen Schauer �ber den R�cken. Abberline hatte vollkommen recht: Vielleicht hatte er das Schwert gef�hrt, das Horus enthauptete, aber letzten Endes hatte er nur zu Ende gebracht, was sie angefangen hatte. Streng genommen hatte sie Horus get�tet, und sie sollte irgendetwas empfinden; zumindest einen Hauch von Schuld.</p><p>Aber der Anblick lie� sie vollkommen kalt. Es war vorbei, so einfach war das.</p><p>�Herzlichen Gl�ckwunsch, Inspektor�, sagte sie matt. Abberline blickte fragend, und Bast fuhr mit einer deutenden Geste auf Horus' K�rper fort: �Sie sollten hier vielleicht ein bisschen aufr�umen, und wie Sie es Ihren Vorgesetzten erkl�ren, �berlasse ich Ihrer Fantasie ... aber wie es aussieht, haben Sie Jack the Ripper erwischt.�</p><p>Abberline sah sie auf eine Weise an, die ihr nicht gefiel.</p><p>�Auf jeden Fall h�rt es jetzt auf�, f�gte sie hinzu.</p><p>�Ich f�rchte, es ist noch nicht vorbei�, antwortete Abberline ernst. �Glauben Sie, dass Sie aufstehen k�nnen?�</p><p>�Warum?�, fragte Bast alarmiert.</p><p>Abberline deutete auf Horus hinunter. �Er h�tte mir die Kehle durchgeschnitten, wenn Sie nicht im letzten Moment aufgetaucht w�ren. Aber zuvor hat er mir noch etwas ins Ohr gefl�stert. Er hat gesagt, dass alles umsonst war und er sich darauf freut, Ihnen das zu sagen, bevor er Sie t�tet.�</p><p>�Das was umsonst war?�</p><p>�Das M�dchen�, antwortete Abberline. �Faye. Er hat mir gesagt, dass sie in diesem Moment unterwegs sei, um Faye zu t�ten.�</p><empty-line/><empty-line/><p>Der Wagen schoss so schnell �ber die n�chtlichen Stra�en, dass die Lichter der Stadt nur so vor�berzufliegen schienen, aber davon nahm Bast kaum etwas wahr. Sie war noch immer wie vor den Kopf geschlagen, und trotz der Zeit, die inzwischen vergangen war, weigerte sie sich einfach, zu glauben, was sie geh�rt hatte. Sie? Isis? Das war vollkommen unm�glich! Es konnte nicht sein, ganz einfach, weil es nicht sein durfte! Nicht Isis!</p><p>Und doch ergab alles einen schrecklichen Sinn - oder h�tte ihn ergeben, w�re sie bereit gewesen, es zuzugeben. Sowohl Horus als erst recht Sobek h�tten nicht die geringsten Hemmungen gehabt, Menschen einfach nur so zu t�ten, aus einem beliebigen oder auch gar keinem Grund, aber warum h�tten sie Kate und Liz t�ten sollen? F�r sie w�ren dies nur zwei zuf�llige Morde gewesen, an zwei Menschen, die ein gemeinsames Schicksal verband. Nein, es musste jemand gewesen sein, der die beiden Frauen gekannt hatte, der sie get�tet hatte aufgrund dessen, wer sie waren. <emphasis>Was </emphasis>sie waren. Wie hatte sie das nur �bersehen k�nnen? Wie hatte sie auch nur eine Sekunde lang so dumm sein k�nnen?</p><p>Und doch weigerte sie sich immer noch, es zu glauben.</p><p>Nicht Isis.</p><p>Nicht Isis!</p><p>�Wir sind gleich da�, drang Abberlines Stimme in ihre Gedanken. �Noch eine Minute, oder zwei.�</p><p>Bast streifte ihn mit einem fl�chtigen Blick und zwang sich dann, noch einmal aus dem Fenster zu sehen, um sich zu orientieren. Sie hatten Whitehall bereits erreicht, und der Wagen schoss regelrecht seinem Ziel entgegen.</p><p>Bast sp�rte jeden einzelnen Hufschlag der beiden Pferde, die der Kutscher unbarmherzig mit seiner Peitsche antrieb; und jedes einzelne Schlagloch, durch das der Wagen sprang. Als sie das erste Mal hier gewesen war, war ihr die Stra�e glatt und in perfektem Zustand erschienen, jetzt hatte sie das Gef�hl, �ber den Hang eines noch nicht erloschenen Vulkans zu stolpern, der mit wei� gl�henden Rasierklingen gespickt war. Jede einzelne Ersch�tterung jagte rote Schmerzpfeile durch ihre Unterschenkel, und sie schmeckte schon wieder ihr eigenes Blut, weil sie sich ein paar Mal heftig auf die Zunge gebissen hatte, um einen Schmerzlaut zu unterdr�cken. Sie konnte den verbissenen Kampf f�hlen, der in ihrem Inneren tobte. Ihr K�rper versuchte mit aller Macht, die Verletzungen zu heilen, die er erlitten hatte, als sp�re er selbst, wie furchtbar wenig Zeit ihr noch blieb; aber selbst ihr phantastischer Metabolismus ben�tigte Zeit, um zertr�mmerte Knochen und zerrissene Muskelstr�nge und Sehnen zu heilen ... und Zeit war genau das, was sie nicht hatte. Abberline hatte sie aus der Kathedrale getragen, da sie aus eigener Kraft nicht mehr dazu imstande gewesen war zu gehen, und seither waren erst wenige Minuten vergangen. H�tte sie auch nur eine Stunde gehabt ...</p><p>Aber die hatte sie nicht.</p><p>�Glauben Sie, dass Sie laufen k�nnen?�, fragte Abberline.</p><p>Bast setzte dazu an, zu nicken, schon weil sie auf derartige Fragen immer mit einem Nicken antwortete, aber dann belie� sie es bei einem zaghaften Heben der Schultern. Sie w�rde vermutlich laufen k�nnen, wenn auch nur vorsichtig und unter Schmerzen, aber das allein nutzte ihr �berhaupt nichts. Wenn Isis tats�chlich auf dem Weg zum Yard oder bereits da war, hatte sie keine Chance, sie aufzuhalten. Nicht in ihrem Zustand.</p><p>Isis.</p><p>Allein der blo�e Gedanke, Isis mit dem Schwert in der Hand gegen�bertreten zu sollen, war absurd. Es war unm�glich!</p><p>Und doch war es so.</p><p>Es war die ganze Zeit �ber so gewesen.</p><p>�Ich kann ein paar M�nner rufen, die Ihnen helfen�, schlug Abberline vor. Anscheinend hatte ihn ihre Antwort nicht unbedingt �berzeugt.</p><p>Bast zwang sich, wenigstens f�r einen Moment nicht an Isis zu denken und sah ihn an. Bei dem Anblick, den Abberline bot, konnte er vermutlich froh sein, wenn man ihn in den Yard lie�, statt ihn auf der Stelle zu verhaften oder ins Irrenhaus zu stecken. Sein Gesicht war nicht mehr blass, sondern grau, seine Haare verschwitzt und mit eingetrocknetem Blut verkrustet, und in seinen Augen flackerte etwas, das ihn fast wie einen Wahnsinnigen aussehen lie�. Er hatte einen Streifen aus seinem Hemd gerissen und einen schmalen Verband um seinen Hals damit improvisiert. Die Tatsache, dass er noch nahezu wei� war, bewies, dass die Wunde aufgeh�rt hatte zu bluten, aber sein Hemd war nass und dunkelrot, und auch seine H�nde waren blutbesudelt.</p><p>�Machen Sie sich keine Sorgen�, fuhr er fort, als er auch jetzt keine Antwort bekam. �Monro ist vielleicht ein skrupelloses Schwein, aber er ist kein Narr. Er wird Faye wie seinen Augapfel bewachen. Ihre Schwester wird ihr nicht einmal nahe kommen. Sie wird verhaftet, sobald sie den Yard auch nur betritt.�</p><p><emphasis>Wenn sie es in ihrer eigenen Gestalt tut, vermutlich, </emphasis>dachte Bast bitter. <emphasis>Aber das wird sie nicht. </emphasis>Laut sagte sie: �Beten Sie, dass das nicht geschieht, Inspektor, denn dann werden Sie ein Haus voller Leichen vorfinden.�</p><p>Abberline setzte dazu an, zu widersprechen ... aber dann machte er nur ein betroffenes Gesicht. Wahrscheinlich erinnerte er sich wieder daran, was er gerade mit eigenen Augen gesehen hatte.</p><p>Sie waren da. Der Wagen kam mit einem Ruck zum Stehen, der Bast nicht nur abermals die Tr�nen in die Augen trieb, sondern ihr auch klarmachte, wie l�cherlich schon der blo�e Gedanke war, Isis aufhalten zu wollen. Abberline sprang aus der T�r und drehte sich in der gleichen Bewegung herum, um ihr die Hand entgegenzustrecken. Ganz gegen ihre normale Gewohnheit nahm Bast das Angebot nicht nur an, sondern st�tzte sich auch schwer auf seinen Arm und trat �u�erst vorsichtig aus dem Wagen. Es ging besser, als sie gedacht hatte, aber besser als gedacht bedeutete keineswegs gut.</p><p>Mit zusammengebissenen Z�hnen und schwer auf die Schulter eines Mannes gest�tzt, der ganz so aussah, als k�nne er sich selbst kaum mehr auf den Beinen halten, humpelte sie auf den Eingang zu. Einer der beiden Bobbys, die bisher mit versteinerten Gesichtern davor Wache gehalten hatten, wollte ihnen den Weg vertreten und eine Frage stellen, doch Abberline fuhr ihn so w�tend an, dass er fast schon entsetzt zur�ckprallte und den Weg freigab - was aber ganz offensichtlich nicht in Abberlines Sinn war. �Kommen Sie her!�, befahl er barsch. �Beide! Helfen Sie ihr!�</p><p>Bast wollte sich ganz instinktiv str�uben, doch die beiden M�nner waren viel zu perplex, um irgendetwas anderes zu tun, als Abberlines Befehl ganz automatisch Folge zu leisten, viel zu schnell, als dass Bast auch nur ein Wort des Protestes herausbekommen h�tte, ergriffen sie bei den Armen und f�hrten sie die kurze Treppe hinauf. Abberline eilte voraus, aber nur, um die T�r aufzurei�en und ihnen aufzuhalten.</p><p>Der Eingangsbereich des Yard schien sich nicht im Geringsten ver�ndert zu haben, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Selbst die Beamten an ihren Schreibtischen und Pulten schienen nicht nur dieselben zu sein, sondern in exakt derselben Position dazusitzen und herumzustehen.</p><p>Aber diese �hnlichkeit h�rte schlagartig auf, als Bast und ihre Begleiter eintraten und Abberline sich herumdrehte, sodass jedermann sehen konnte, in welchem Zustand er war. Fast ein halbes Dutzend M�nner sprangen gleichzeitig auf die F��e oder gleich in Abberlines Richtung, als bef�rchteten sie ernsthaft, dass er im n�chsten Augenblick zusammenbrechen w�rde. Stimmen riefen erschrocken durcheinander, bis Abberline mit einem laut gebr�llten �Ruhe!� f�r Stille sorgte. Der Tumult legte sich genau so schnell, wie er entstanden war. Beinahe jedenfalls.</p><p>�Jetzt nicht�, f�gte Abberline etwas leiser hinzu. �F�r Erkl�rungen ist keine Zeit. Ist Mr Monro im Hause?�</p><p>Die Ratlosigkeit auf den meisten Gesichtern nahm eher noch zu, aber die M�nner bewiesen auch, dass sie ihr Handwerk verstanden. Niemand stellte auch nur eine einzige Frage, und der Abberline am n�chsten stehende Mann trat vor und sagte knapp: �Oben, Sir.�</p><p>�Dann kommen Sie mit!� Abberline deutete auf den Mann neben sich. �Und Sie auch! Der Rest bleibt hier! Lassen Sie Waffen ausgeben! Hier kommt niemand rein, haben Sie das verstanden? Niemand, und wenn es die K�nigin pers�nlich sein sollte! Und keine Fragen!�</p><p>Der Schock h�tte kaum gr��er sein k�nnen, h�tte er seine Waffe gezogen und ohne Vorwarnung auf den n�chstbesten Mann geschossen. Aber auch diesmal protestierte keiner der M�nner oder versuchte gar, ihn aufzuhalten, als er zusammen mit den beiden Beamten, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinaufst�rmte. Bast sah ihm mit einer Mischung aus Neid und stiller Resignation nach. Ihr war nicht wohl dabei, Abberline allein zu lassen, aber im Augenblick konnte sie sein Tempo einfach nicht mithalten.</p><p>Zwei M�nner verschwanden durch eine schmale Seitent�r - Bast vermutete, um die Waffen zu holen, nach denen Abberline verlangt hatte -, und mit einem Mal hatte sie das Gef�hl, dem Funktionieren eines pr�zise ablaufenden Uhrwerks zuzusehen. Auf den allerersten Blick schien sich der Raum in ein einziges Chaos zu verwandeln, alle rannten und st�rzten scheinbar kopflos durcheinander, aber das schien eben nur so. In Wahrheit wusste jeder einzelne Mann, was er zu tun hatte.</p><p>Sie wurde zu einer schmalen Bank an der gegen�ber liegenden Wand gef�hrt und - scheinbar - allein gelassen. Niemand stellte auch nur eine einzige Frage, aber nat�rlich entgingen ihr weder die zum Teil neugierigen, zum Teil aber auch furchtsamen Blicke, noch das verstohlene Tuscheln und Gestikulieren. Einige der M�nner erinnerten sich offensichtlich auch an sie und machten sich entsprechende Gedanken.</p><p>Bast war es vollkommen egal. Ersch�pft lie� sie sich zur�cksinken, lehnte den Kopf gegen die holzvert�felte Wand und versuchte, an nichts zu denken.</p><p>Als sie die Augen wieder �ffnete - es konnten kaum mehr als eine oder zwei Minuten vergangen sein -, bot sich ihr ein v�llig ver�nderter Anblick. Nahezu alle M�nner waren jetzt bewaffnet, die meisten mit Revolvern, einige aber auch mit martialisch anmutenden, gro�kalibrigen B�chsen, ein trotz allem ungewohnter und irritierender Anblick. Der Raum hatte vorher eher wie ein Kontor gewirkt, in dem die Angestellten nur ganz zuf�llig schwarze Uniformen trugen. Jetzt schien er sich in eine uneinnehmbare Festung verwandelt zu haben. Der Anblick h�tte sie beruhigen m�ssen, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Vielleicht, weil sie sich - eindeutig gegen ihren Willen - eine simple Frage stellte: H�tte sie all das hier aufhalten k�nnen?</p><p>Ganz bestimmt nicht.</p><p>Sie versuchte weiter mit aller Macht an nichts zu denken, und es funktionierte auch weiter nicht. Immerhin gelang es ihr, die Schmerzen in ihren Beinen g�nzlich auszuschalten, und sie sp�rte auch, wie sich ihr K�rper nun rasch erholte.</p><p>Sie w�rde einen hohen Preis daf�r bezahlen m�ssen, einen Heilungsprozess, der normalerweise mindestens einen Tag dauerte, in weniger als einer Stunde erzwungen zu haben. Sie sp�rte bereits jetzt, wie die Kr�fte, die sie sich gestern genommen hatte, wie trockenes Laub in einem Feuersturm vergingen. Vielleicht w�rde sie sich in wenigen Minuten schon wieder vollkommen normal bewegen k�nnen - aber dann w�rde sie kaum noch kr�ftiger als irgendeiner der M�nner hier im Raum sein.</p><p>Endlich, nachdem genug Zeit verstrichen war, um aus Basts bangem Gef�hl erste echte Sorge werden zu lassen, kam Abberline zur�ck, einen �u�erst aufgebrachten Monro im Schlepptau und zu Basts ma�loser �berraschung begleitet nicht nur von den beiden Beamten, die ihn nach oben begleitet hatten, sondern auch von Kapit�n Maistowe und Gloria Walsh.</p><p>Sie kam nicht einmal dazu, ihrem Erstaunen Ausdruck zu verleihen, denn kaum hatte Monro sie gesehen, da verd�sterte sich sein Gesicht noch einmal um mehrere Grade, und er hielt im Sturmschritt auf sie zu.</p><p>�Das nenne ich den Gipfel der Unverfrorenheit!�, polterte er los. �Sie besitzen tats�chlich die Dreistigkeit, hier aufzutauchen! Was sind Sie eigentlich - unbeschreiblich frech oder einfach nur dumm?�</p><p>F�r einen Mann, der so viel Wert auf gepflegte Umgangsformen und tadellose Manieren legte wie Monro, fand Bast, war das ein geradezu ungeheuerlicher Zornesausbruch. Und er war noch nicht vorbei.</p><p>�Und was ist hier �berhaupt los?�, polterte er weiter. �Sind jetzt hier alle verr�ckt geworden? Was soll dieser Unsinn? Sind wir hier im Kindergarten oder im Schmierentheater?�</p><p>�Faye�, sagte Bast einfach.</p><p>Abberline wollte antworten, aber Monro kam ihm wieder zuvor. �Ihrer kleinen Freundin geht es gut, nur keine Sorge. Die Frage ist, ob es Ihnen bald noch so gut geht wie jetzt.�</p><p>�Wie meinen Sie das?�, fragte Bast verwirrt. Sie versuchte zuerst Maistowes und dann Mrs Walshs Blick einzufangen, aber beide wichen ihr aus.</p><p>�Nun, meine Liebe�, antwortete Monro s�ffisant, �ich bin zum Beispiel gar nicht mehr sicher, wie lange Sie sich noch Ihrer Freiheit erfreuen k�nnen.�</p><p>�Wo ist Faye?�, fragte Bast eisig. Sie wollte nicht einmal �ber diesen Unsinn nachdenken.</p><p>�Oh, nur keine Sorge�, antwortete Monro. �Sie ist so sicher, wie es �berhaupt nur geht. M�chten Sie sich vielleicht selbst davon �berzeugen?� Er wartete ihre Antwort erst gar nicht ab, sondern drehte sich ruckartig auf dem Absatz herum und fuhr den erstbesten Mann in seiner N�he an. �Haben Sie mich nicht verstanden? Dieses Theater hier h�rt unverz�glich auf! Legen Sie die Waffen weg! Und Sie, Verehrteste�, fuhr er, nun wieder an Bast gewandt, aber in unver�ndert scharfem Ton fort, �haben bitte die Freundlichkeit, mich zu begleiten!�</p><p>�Wohin?�, fragte Bast misstrauisch.</p><p>�Ich dachte, Sie wollten Ihre kleine Freundin besuchen und sich �berzeugen, dass es ihr gut geht�, antwortete Monro. �Also, wenn ich bitten d�rfte?� Er unterstrich seine Worte mit einer einladenden Geste, machte aber auch gleich darauf eine abwehrende Handbewegung, nun doch stehen zu bleiben, und winkte zwei Konstabler herbei. �Durchsuchen Sie sie!�</p><p>Bast spannte sich - trotz ihrer geschwundenen Kr�fte w�re es f�r sie immer noch ein Leichtes gewesen, die Beamten davon abzuhalten -, aber Abberline warf ihr einen hastigen Blick zu und deutete ein Kopfsch�tteln an, sodass sie aufstand und sich widerstandslos abtasten lie�. Sie verstand nicht im Geringsten, was hier �berhaupt vorging, aber sie war eher verwirrt als wirklich beunruhigt.</p><p>Monro wirkte nicht besonders �berrascht, als ihm einer der M�nner das Schwert reichte, das er aus ihrem G�rtel gezogen hatte.</p><p>�Vielleicht war ich gerade doch etwas vorschnell�, sagte er lediglich. �Behalten Sie Ihre Waffen vorerst noch, meine Herren.� Er machte eine befehlende Geste zu Bast. �Kommen Sie!�</p><p>Ohne auf ihre Reaktion zu warten, wandte er sich um und ging mit schnellen Schritten auf die T�r zu, hinter der vorhin die M�nner die Waffen hervorgeholt hatten. Bast, Maistowe, Abberline und Mrs Walsh folgten ihm. Und sechs bewaffnete Polizisten.</p><p>Sie durchschritten die T�r und gelangten in einen schmalen, nur tr�be beleuchteten Gang, von dem mehrere massive T�ren abzweigten, die ausnahmslos mit schweren eisernen Schl�ssern und Riegeln gesichert waren. Auf einen Wink Monros hin eilte einer der Bobbys voraus und entriegelte eine noch massivere, aus schweren Eichenbohlen gefertigte T�r am Ende des Korridors. Obwohl sie so neu sein mussten wie das gesamte Geb�ude, quietschten die Angeln h�rbar, als die T�r aufschwang.</p><p>�Dort unten geht es zum Zellentrakt!�, sagte Abberline.</p><p>�Was haben Sie erwartet?�, schnauzte Monro. �Sie wollten, dass sie sicher untergebracht wird. Sicherer als in einer unserer Zellen geht es nicht. Wovon Sie sich gleich selbst �berzeugen k�nnen.�</p><p>Bast war immer noch nicht wirklich besorgt - das Gef�ngnis, das sie gegen ihren Willen halten konnte, musste erst noch gebaut werden -, aber sie wurde immer zorniger. Ganz gleich, auf welch brillante Idee Monro in der Zwischenzeit auch gekommen sein mochte und f�r wie sicher er sich inmitten seiner bewaffneten M�nner auch f�hlen mochte, er hatte nicht die geringste Ahnung, auf was er sich hier eingelassen hatte. Dar�ber hinaus w�rde die kleine Armee, die er zusammengetrommelt hatte, um sie zu beeindrucken, Isis ziemlich kalt lassen.</p><p>Die Treppe f�hrte unerwartet steil in die Tiefe, und ein muffiger, feuchter Geruch schlug ihnen entgegen. Es war kalt; wie es Bast vorkam, beinahe ebenso kalt wie drau�en auf der Stra�e.</p><p>�Der Zellentrakt ist alt�, sagte Abberline, dem ihre �berraschten Blicke nicht entgangen waren. �Das Haus ist auf den Fundamenten eines viel �lteren Geb�udes errichtet worden.�</p><p>�Schweigen Sie, Inspektor�, sagte Monro. �Bevor ich ernsthaft dar�ber nachzudenken beginne, Ihnen ebenfalls ein neues B�ro hier unten zuzuweisen.�</p><p>Abberline verstummte, und Bast versuchte noch einmal, in Mrs Walshs oder Maistowes Gesicht zu lesen. Aber auch jetzt wieder vergeblich. Ihr Hiersein konnte jedoch nichts Gutes bedeuten.</p><p>Sie gingen einen langen, aus schwerem Bruchstein erbauten Gang entlang, von dem eine Anzahl niedriger T�ren abzweigte. Anders als der Rest des Untergeschosses waren die T�ren neu, und die meisten davon standen offen, sodass Bast im Vorbeigehen einen Blick in die dahinter liegenden R�ume werten konnte: Winzige, kahle Zellen ohne Fenster oder eine sichtbare Frischluftzufuhr, deren gesamte Einrichtung aus einer schmalen Pritsche, einem Tisch und einem Zinkeimer mit Deckel bestand.</p><p>�Ihre Pension ist im Moment nicht besonders gut ausgebucht�, sagte Bast sp�ttisch.</p><p>Monro antwortete, ohne sie anzusehen. �Die Zellen werden offiziell noch nicht benutzt. Wir haben nur das M�dchen hier untergebracht.� Er blieb stehen, sah sie nun doch an und wies auf die letzte T�r, ganz am Ende des Ganges. �Ich bin Ihnen zwar keine Rechenschaft schuldig, aber das hier unten ist tats�chlich der sicherste Ort im ganzen Yard. Niemand kommt hier herein.�</p><p>�Und niemand heraus.�</p><p>�Und niemand heraus�, best�tigte Monro unger�hrt. �Und so ganz nebenbei ist dieser Keller auch noch absolut schalldicht. Sie k�nnten hier unten eine Kanone abfeuern, ohne dass jemand es h�rt ... aber sie wollten das M�dchen sehen, nicht wahr?�</p><p>Er ging weiter, ohne ihre Reaktion abzuwarten, bedeutete einem der Bobbys in seiner Begleitung, die T�r zu �ffnen, auf die er gerade gedeutet hatte und machte eine einladende Geste. Bast tauschte einen Blick mit Abberline, bekam ein mindestens genauso irritiertes Achselzucken zur Antwort und ging zu ihm. Monro ma� sie mit einem sehr sonderbaren Blick und machte ihr Platz, damit sie die Zelle betreten konnte.</p><p>Wenn man darin war, war die Gef�ngniszelle noch viel kleiner als von au�en betrachtet. Eine nahezu heruntergedrehte Petroleumlampe verbreitete einen blassen gelben Schein, der die allgegenw�rtige K�lte aber noch zu betonen schien. Faye lag auf dem Bett, den angewinkelten Arm unter den Kopf geschoben und das Gesicht zur Wand gedreht, und schien zu schlafen. Aber Bast sp�rte, dass sie wach war. Sie sp�rte auch, dass sie geweint hatte.</p><p>�Hallo Faye�, sagte Bast. �Ich bin es, Bast. Es ist alles in Ordnung.�</p><p>Im allerersten Moment sah es so aus, als wolle sich Faye einfach schlafend stellen; eine Rolle, die sie so perfekt spielte, dass selbst Bast einen Augenblick lang unsicher war. Dann aber zog sie die Hand unter dem Gesicht hervor, richtete sich langsam auf und schwang die Beine von der Pritsche. Bast hatte nicht unbedingt damit gerechnet, dass sie aufspringen und ihr um den Hals fallen w�rde, aber Faye sah sie einfach nur an und r�hrte sich �berhaupt nicht.</p><p>�Geht es dir gut?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>�So gut wie es einem eben geht, wenn man im Gef�ngnis sitzt�, antwortete Faye. �Ist das das neue Leben, das du mir versprochen hast?�</p><p>�Unsinn!� Bast sch�ttelte �rgerlich den Kopf und trat einen Schritt n�her, blieb aber sofort wieder stehen, als sie sp�rte, dass sie im Begriff stand, Fayes pers�nliche Fluchtdistanz zu unterschreiten. �Monro hat dich hierhergebracht, weil du hier angeblich sicher bist. Aber Monro ist ein Idiot. Ich hol dich hier raus, keine Angst.�</p><p>�Und wann?� In Fayes Stimme war nicht eine Spur von Zuversicht oder gar Hoffnung.</p><p>�Heute�, antwortete Bast. Sie verbesserte sich. �Jetzt. Auf der Stelle. Ich nehme dich mit.�</p><p>�Ach, und du glaubst, er l�sst das einfach so zu?�</p><p>Statt Faye eine Antwort zu geben, die sie ihr ohnehin nicht geglaubt h�tte, drehte sich Bast mit einem Ruck herum und trat wieder in den Gang hinaus.</p><p>Sie erlebte eine �berraschung. Monro stand nicht vor der T�r und lauschte, wie sie als sicher vorausgesetzt hatte, sondern hatte sich nicht nur ein paar Schritte entfernt, sondern offensichtlich seine Leute weggeschickt. Bast sah gerade noch, wie sich der Letzte von ihnen herumdrehte und mit verst�rtem Gesichtsausdruck und schnellen Schritten davonging.</p><p>�Was bedeutet das, Mr Monro?�, fragte sie.</p><p>�Sie haben mich gebeten, einen sicheren Platz f�r Faye zu finden, und ...�</p><p>�Das meine ich nicht.� Bast deutete auf den Beamten, der beinahe schon das Ende des Ganges und damit die Treppe erreicht hatte. �Vor einer Minute hatte ich noch das Gef�hl, dass Sie mich am liebsten verhaften w�rden.�</p><p>�Und wer sagt Ihnen, dass das jetzt anders ist?�, erwiderte Monro k�hl, hob zugleich aber auch rasch die Hand, als sie antworten wollte. �Um ehrlich zu sein, ist mir immer noch danach. Aber bevor ich Ihre Frage beantworte, m�chte ich, dass Sie mir eine Frage beantworten. Warum sind Sie zur�ckgekommen?�</p><p>�Um Faye zu holen�, antwortete Bast. �Sie muss hier weg. Sie ist in Gefahr. Verdammt, was soll diese Frage?�</p><p>�Wenn das tats�chlich wahr ist, dann muss Ihnen wirklich viel an dem M�dchen liegen�, antwortete Monro. �Oder Sie sind einfach dumm. Aber es f�llt mir schwer, eines von beidem zu glauben.�</p><p>�Sir, d�rfte ich erfahren, was das alles zu bedeuten hat?�, fragte Abberline in einem Ton, der allein vermutlich schon ausreichte, ihm eine Versetzung in ein Zweihundert-Seelen-Kaff in den schottischen Highlands zu garantieren.</p><p>Monro ignorierte ihn. Sein Blick lastete durchbohrend auf Bast, und sie sah nichts als pure Angst darin. Aber zugleich auch eine trotzige Entschlossenheit, mit der sie als Allerletztes gerechnet hatte.</p><p>�Bevor ich Ihre Frage beantworte, Miss Bast�, sagte er, �m�chte ich, dass Sie Folgendes wissen: Ich habe meine M�nner weggeschickt, um allein mit Ihnen zu reden, aber ich habe es nicht getan, ohne ihnen sehr pr�zise Anweisungen zu geben. Diese Anweisungen lauten wie folgt: Sollte mir etwas zusto�en, ganz egal was, so werden sie Sie auf der Stelle verhaften, und falls Sie Widerstand leisten, haben sie Befehl, Sie zu erschie�en. Dasselbe gilt, wenn ich mich irgendwie sonderbar benehme. Dar�ber hinaus haben wir eine Parole vereinbart. Sollte ich sie nicht nennen, wird die T�r zum Zellentrakt nicht ge�ffnet, bevor Sie nicht in Ketten liegen oder tot sind.�</p><p>Bast blickte in ihn hinein und erkannte, dass er die Wahrheit sprach. Sie erkannte auch das Kennwort, das er mit seinen M�nnern vereinbart hatte, und noch ein weiteres, geheimes Zeichen, das sie ebenfalls ausgemacht hatten. Aber sie erkannte auch noch etwas, was sie zutiefst erschreckte und mit einem nicht mehr ganz unterdr�ckten Keuchen zu Mrs Walsh herumfahren lie�.</p><p>�Es ... es ist nicht meine Schuld, Bast�, sagte Mrs Walsh leise. �Ich konnte nichts tun. Sie ... sie waren ganz pl�tzlich da.�</p><p>�Wer war ganz pl�tzlich da?�, fragte Abberline alarmiert.</p><p>�Ich bin kein Mann, der sich erpressen l�sst, Miss Bast�, fuhr Monro fort, als h�tte er Abberlines Worte nicht geh�rt. Seine Augen waren noch immer voller Angst, aber sein Gesicht war zu einer Maske der Ausdruckslosigkeit erstarrt. �Sie haben gesagt, dass Sie das M�dchen fortbringen wollen, und ich gebe Ihnen diese M�glichkeit. Drau�en wartet ein Wagen, der Sie zum Hafen bringen wird, und meine M�nner werden sich davon �berzeugen, dass Sie an Bord der <emphasis>Lady of the Mist </emphasis>gehen und England noch in dieser Nacht verlassen. Sollten Sie oder das M�dchen jemals wieder einen Fu� in dieses Land setzen, so werden Sie auf der Stelle verhaftet, ganz gleich, welche Konsequenzen es f�r mich pers�nlich haben sollte.�</p><p>Bast sah abermals in ihn hinein und erkannte, dass er log. Die Konsequenzen f�r ihn waren ihm alles andere als gleichg�ltig. Er hatte panische Angst vor einem Skandal. Aber noch mehr Angst hatte er davor, vielleicht den Rest seines Lebens erpresst zu werden ... oder auch nur in der Furcht zu leben, jemand k�nnte es tun. Was er �ber den Wagen erz�hlt hatte, entsprach der Wahrheit. Nur, dass sie zwar den Hafen, niemals aber das Schiff erreichen w�rden.</p><p>Als ob sie nicht schon genug Probleme h�tte ...</p><p>�Und die Alternative?�, fragte sie.</p><p>Monro nickte Mrs Walsh zu.</p><p>�Sie ... sie sind gleich nach Ihnen gekommen, Bast�, sagte Mrs Walsh mit leiser, schuldbewusster Stimme. �Nur ein paar Minuten, nachdem Frederick und Sie fort waren. Wir ... konnten nichts tun. Es tut mir so leid.�</p><p>�Wer ist gleich nach uns gekommen, Gloria?�, fragte Abberline.</p><p>�Glauben Sie tats�chlich, ich w�re so naiv, Sie Dummkopf?�, fuhr ihn Monro an. �Ich wei� nicht, wie tief Sie in dieser Geschichte stecken, und welche Rolle Sie wirklich spielen, Inspektor, aber wenn ich Sie w�re, dann w�rde ich mir ernsthaft �berlegen, mit an Bord des Schiffes zu gehen. Selbstverst�ndlich habe ich Sie beschatten lassen, nachdem Sie die Wohnung dieses kleinen Flittchens verlassen hatten. Wie es der Zufall will, haben wir in Mrs Walshs Pension gleich ein halbes Dutzend Leichen gefunden.� Er machte eine herrische Geste, als Abberline etwas sagen wollte. �Mrs Walsh und Kapit�n Maistowe haben mir erz�hlt, was passiert ist. Ich glaube ihnen. Ich bin bereit, diese f�nf Toten zu vergessen - sofern Sie alle England noch in dieser Nacht verlassen.�</p><p>�Sie ... lassen uns gehen?�, murmelte Maistowe ungl�ubig.</p><p>�Warum nicht?� Monro machte ein abf�lliges Ger�usch. �Wegen dieser toten Schl�ger? Fr�her oder sp�ter w�ren sie wahrscheinlich sowieso umgebracht worden, und wahrscheinlich h�tten sie vorher noch eine Menge Schaden angerichtet. Niemand wird diesen Subjekten auch nur eine Tr�ne nachweinen. Ich ganz bestimmt nicht.�</p><p>�Was wollen Sie dann von uns?�, fragte Mrs Walsh. Sie klang ... verwirrt.</p><p>Monro sagte gar nichts, doch Abberline antwortete an seiner Stelle: �F�nf tote Zuh�lter und ein ermordetes M�dchen, Gloria. Das reicht, um jeden Richter zu �berzeugen.�</p><p>�Das sehe ich genauso�, sagte Monro ruhig. �Aber mir ist nicht an einem Skandal gelegen. Irgendetwas bleibt immer h�ngen, ganz egal, wie sauber man auch aus der Geschichte herauszukommen glaubt. Also?�</p><p>�Sie lassen uns ja wohl keine andere Wahl�, sagte Bast rasch. �Was sagst du dazu, Faye?�</p><p>Die letzten Worte hatte sie lauter ausgesprochen, obwohl es wahrscheinlich nicht n�tig gewesen w�re. Sie hatten nicht gerade leise geredet. Und Faye trat auch prompt hinter ihm aus der offen stehenden Zellent�r. Sie sagte kein Wort, und ihr Gesicht war mindestens so ausdruckslos wie das Monros selbst. Ganz ruhig trat sie auf ihren ehemaligen Onkel Munro zu, legte den Kopf in den Nacken, um ihm ins Gesicht zu sehen - und ohrfeigte ihn, zweimal und mit aller Kraft.</p><p>Monro nahm die Schl�ge unger�hrt hin, obwohl Faye so fest zugeschlagen hatte, dass sich ihre Finger rot auf Monros Gesicht abzeichneten. �Ich nehme an, das bedeutet Ja�, sagte er ruhig.</p><p>Etwas kam. Bast sp�rte es so deutlich wie die Ber�hrung einer eiskalten eisernen Hand, die ihre Seele streifte, ein Gef�hl, das so intensiv und schrecklich war, dass sie wie unter einem Schlag zusammenfuhr und nicht einmal mitbekam, was Faye antwortete. Etwas Riesiges, unendlich B�ses und Zerst�rerisches raste heran, ein Ding aus reiner Gier und grundloser Mordlust, dessen blo�e N�he sie entsetzt nach Luft schnappen lie�. Es st�rmte heran, schnell und unaufhaltsam wie eine Springflut aus schwarzem Wasser und Stein, deren blo�er Anblick sie vor Entsetzen schier erstarren lie�.</p><p>Eine T�r fiel ins Schloss, und hastige Schritte n�herten sich, und vielleicht gerade weil das Ger�usch schon beinahe l�cherlich banal war, durchbrach es die L�hmung, die von Bast Besitz ergriffen hatte, und lie� sie herumfahren.</p><p>Eine rennende Gestalt n�herte sich, schwarz gekleidet und mit wirbelnden Armen und weit nach vorne gebeugt, um nicht vom Schwung ihres eigenen Tempos von den F��en gerissen zu werden. Es war der Konstabler, mit dem Monro zuletzt gesprochen hatte, und er musste etwas wirklich Wichtiges auf der Seele haben, denn er rannte, als ginge es um sein Leben.</p><p>Sie hatte sich get�uscht. Was immer sie gesp�rt hatte, schien von links zu kommen, aus der Richtung hinter Monro und Faye, aber dort war nichts, nur das Ende des Ganges und eine massive Wand - aber der Konstabler kam genau aus der entgegengesetzten Richtung gelaufen, m�hsam um sein Gleichgewicht k�mpfend. Und irgendetwas an ihm ... flackerte.</p><p>Seine Umrisse zerflossen, bildeten sich neu und kehrten dann in ihre urspr�ngliche Form zur�ck, aber f�r einen unendlich kurzen Moment, den tausendsten Teil eines Blinzeins oder weniger, sah sie ihn so, wie er wirklich war, eine hoch gewachsene, schlanke Gestalt mit wallendem rotem Haar und flatterndem Mantel, die ein Schwert in jeder Hand hielt und mit gewaltigen S�tzen heranst�rmte.</p><p>�Das ist Isis!�, schrie sie. Ihre Hand zuckte nach unten und griff nach dem Schwert, das nicht mehr da war, und selbst, wenn es anders gewesen w�re, h�tte es ihr nichts mehr gen�tzt. Isis raste heran, schnell wie das Licht und so zornig wie eine Naturgewalt, und die Wand von Fayes Zelle explodierte in einer Wolke aus fliegendem Stein und glitzernden Schuppen, und etwas Gigantisches, das nur aus Z�hnen und Klauen und einem monstr�sen peitschenden Schwanz zu bestehen schien, brach aus dem gezackten Loch hervor und prallte mit solcher Gewalt gegen die gegen�ber liegende Wand, dass das gesamte Geb�ude in seinen Grundfesten zu erzittern schien.</p><p>Sobeks Drache war gekommen, um den Tod seines Herrn zu r�chen.</p><p>Zwei, drei der fliegenden Steintr�mmer trafen Monro und Faye, die noch immer vor der T�r der Zelle standen, und rissen sie von den F��en, und auch Abberline schrie nur einen Sekundenbruchteil sp�ter auf und kr�mmte sich. Die pure Wucht, mit der das Ungeheuer gegen die Wand geprallt war, lie� Bast wanken und Mrs Walsh mit haltlos rudernden Armen gegen Maistowe prallen und ihn halbwegs von den F��en rei�en, und selbst Isis wankte und drohte aus dem Tritt zu kommen. Ihre Tarnung erlosch wie das Bild einer Laterna magica, deren Kerze der Sturm ausblies.</p><p>Der Einzige, der sich rasend schnell und ohne das geringste Z�gern weiterbewegte, war der Drache. Weder der Umstand, dass die Zelle kaum ausreichte, um seinem gigantischen Leib Platz zu bieten, noch die unvorstellbare Gewalt, mit der er gegen die Wand geprallt war, machten ihn auch nur merklich langsamer. Mit einer schlangengleichen, flie�enden Bewegung fuhr er herum, zertr�mmerte die k�rgliche Einrichtung der Zelle endg�ltig und st�rzte auf die T�r zu. Sein gigantisches Maul schnappte nach Monro und Faye und verfehlte sie nur, weil das Ungeheuer einfach in der T�r stecken blieb, wie ein Korken in einem zu engen Flaschenhals.</p><p>�Bastet! Fang!�</p><p>Bast sah einen kupferfarbenen Blitz aus den Augenwinkeln heraus auf sich zufliegen, griff ganz instinktiv zu und sp�rte pl�tzlich das vertraute Gewicht eines Schwertes in ihrer Hand. Isis hatte ihr ihre zweite Waffe zugeworfen.</p><p>Sie verschwendete keine Zeit damit, �ber dieses unerwartete Geschenk nachzudenken. Mit einem einzigen Satz sprang sie �ber Monro und Faye hinweg, schwang die Waffe mit aller Gewalt und lie� sie auf die stumpfe Schnauze des Drachen niedersausen. Die Klinge prallte von den eisenharten Schuppen des Ungeheuers ab, ohne ihm sichtbaren Schaden zugef�gt zu haben, aber offensichtlich hatte der Drache den Schlag zumindest gesp�rt, denn er lie� ein w�tendes Zischen h�ren und warf sich zur�ck. Sein peitschender Schwanz, l�nger als ein Mann und mit m�rderischen Knochenschuppen besetzt, schlug Steinsplitter und Funken aus den W�nden der Gef�ngniszelle, und seine schrecklichen Krallen zerfetzten den T�rrahmen und rissen handlange, d�nne, gebogene Metallstreifen aus der T�r.</p><p>Bast b�ckte sich blitzschnell, zerrte Monro auf die F��e und stie� ihn fort - nicht weil sie ihn so sehr in ihr Herz geschlossen hatte, sondern schlichtweg, weil er auf Faye lag - und b�ckte sich hastig, um auch Faye aus dem gef�hrlichen Bereich unmittelbar vor der T�r zu zerren.</p><p>Sie war nicht schnell genug. Ihr Hieb hatte den Drachen erst richtig w�tend gemacht. Er warf sich ein weiteres Mal vor, diesmal mit solcher Gewalt, dass der T�rrahmen wie morsches Holz splitterte und die komplette, schwere Eisent�r einfach nach au�en kippte, vielleicht nicht ann�hrend so scharf, aber mindestens so t�dlich wie eine Guillotine.</p><p>Durch nichts anderes als pures Gl�ck entgingen Faye und sie dem niederkrachenden Zentnergewicht der T�r, aber hinter ihnen w�tete der Drache heran. Die �ffnung, die er gewaltsam geschaffen hatte, war immer noch nicht gro� genug f�r seinen monstr�sen Leib, aber sein gigantisches Maul schnappte in Basts Richtung, und sie wusste, dass sie ihm nicht mehr entgehen konnte.</p><p>Und dann war pl�tzlich Isis da, riss sie zur�ck und rammte ihr Schwert in das weit aufgerissene Maul des Ungeheuers.</p><p>Der Drache br�llte vor Wut und Schmerz, als die rasiermesserscharfe Klinge in das empfindliche Fleisch seines Gaumens biss, warf sich zur�ck und riss in seinem Toben ein weiteres, gewaltiges St�ck aus dem T�rrahmen. Ein faustgro�er Stein traf Bast an der Schulter und lie� sie taumeln. Trotzdem beugte sie sich weiter �ber Faye, um sie vor den fliegenden Steinbrocken und Tr�mmern zu sch�tzen, und Isis holte zu einem zweiten, beidh�ndig gef�hrten Schlag gegen die Schnauze des Ungeheuers aus, der die eisenharten Panzerschuppen spaltete und ihm eine tiefe, blutende Wunde zuf�gte.</p><p>Das riesige Krokodil br�llte vor Wut und Schmerz, b�umte sich in der winzigen Zelle auf und brach in einem gewaltigen Hagel aus Steinen und kochendem Staub auf den Gang hinaus.</p><p>Sein schuppiger Schwanz peitschte durch die Luft, traf Isis wie ein Keulenhieb an der Schulter und schleuderte sie meterweit davon. Bast wich den zuschnappenden Kiefern mit einer verzweifelten Bewegung aus und zerrte Faye auf die F��e, aber sie kam nicht einmal einen Schritt weit. Ein Krallenhieb traf sie am Oberschenkel und schleuderte Faye und sie abermals zu Boden. Schmerz explodierte in ihrer Seite. Faye schrie, und auch Mrs Walsh und Maistowe br�llten irgendetwas, aber sie verstand nichts davon, sondern warf sich sch�tzend �ber das M�dchen und rollte eng an sie geklammert davon, bis sie gegen die r�ckw�rtige Mauer des Ganges prallte.</p><p>Der Drache folgte ihnen, eine Wand aus Schuppen, Z�hnen und m�rderischer Wut, die sich mit unvorstellbarer Schnelligkeit bewegte. Irgendwie gelang es Bast, ihm das Schwert in die Kehle zu sto�en, aber ihre Kraft reichte nicht, um die z�hen Panzerplatten des Ungeheuers ganz zu durchdringen. Die Bestie prallte mit einem w�tenden Knurren zur�ck und sch�ttelte den m�chtigen Sch�del. Z�hes, fast schwarzes Blut lief an ihrem Hals hinab und quoll aus ihrem Maul. Bast versuchte zur�ckzukriechen, aber hinter ihr war nichts mehr; nur noch Faye, die sie mit ihrem eigenen K�rper gegen die Wand presste.</p><p>Als der Drache zu seinem letzten Angriff ansetzte, sprang Isis mit einem Satz auf seinen R�cken, schlang den linken Arm um seinen Hals und riss seinen Sch�del mit einer unvorstellbaren Kraftanstrengung zur�ck, w�hrend sie ihm mit der anderen Hand das Schwert tief in den Nacken stie�.</p><p>Das Ungeheuer b�umte sich auf. Isis wurde davongeschleudert, riss Maistowe von den F��en und schmetterte mit wirbelnden Armen und Beinen auch noch Mrs Walsh zu Boden, bevor sie meterweit entfernt mit grausamer Wucht gegen die Wand prallte und zusammenbrach.</p><p>Der Drache tobte, warf sich im Todeskampf hin und her und versuchte vergeblich nach dem Peiniger zu schnappen, der noch immer in seinem Nacken steckte und ihm so grausame Schmerzen zuf�gte. Seine Krallen pfl�gten fingertiefe Furchen in den Boden, und sein peitschender Schwanz zertr�mmerte den Stein der W�nde. Bast warf sich verzweifelt herum, presste Faye an sich und kroch auf H�nden und Knien aus der Reichweite der tobenden Bestie. Erst dann lie� sie das M�dchen los, sprang auf und war mit einem einzigen Satz neben Isis.</p><p>Sie war bei Bewusstsein. Ihre Augen standen weit offen und waren voller Schmerz, und Bast sp�rte, wie schwer verletzt sie war, aber nicht so schlimm, dass sie sich Sorgen machen musste.</p><p>�Ist alles in Ordnung?�, fragte sie.</p><p>Isis verzog die Lippen. �Nat�rlich�, kr�chzte sie, hustete Bast ein paar Tropfen Blut ins Gesicht und fuhr sich anschlie�end angewidert mit dem Handr�cken �ber das Kinn. Trotzdem fuhr sie fort: �Ich habe mich selten so wohl gef�hlt, sieht man mir das etwa nicht an?�</p><p>Bast war vollkommen verwirrt. Sie f�hlte sich hilflos, durcheinander und so verst�rt wie schon seit langer Zeit nicht mehr, und in ihrem Kopf schien pl�tzlich nur noch Leere zu herrschen. Was ging hier vor?</p><p>Sie setzte dazu an, etwas zu sagen, brachte aber nur ein hilfloses Schulterzucken zustande und drehte sich halb herum. Bei dem Anblick, der sich ihr bot, erschien es ihr beinahe selbst wie ein kleines Wunder, dass hier unten �berhaupt noch jemand am Leben war.</p><p>Der Drache hatte aufgeh�rt zu toben. Er bewegte sich noch, aber nur schwach, und aus seinem Maul lief immer mehr dunkles, z�hfl�ssiges Blut. Monro und Abberline lagen beide am Boden, bewusstlos, vielleicht auch tot. Kapit�n Maistowe blutete aus einer gro�en Platzwunde am Kopf; auch er r�hrte sich nicht. Einzig Mrs Walsh schien mehr oder weniger mit dem Schrecken davongekommen zu sein, auch wenn Bast nicht ganz sicher war, dass sie dabei wirklich einen guten Tausch gemacht hatte. Sie hockte mit angezogenen Knien nur ein kleines St�ck neben Faye an der Wand und hatte die Fingern�gel so fest in den Stoff ihres Kleides gekrallt, dass Blut zu Boden tropfte. Ihre Augen waren leer.</p><p>So m�hsam, als m�sse sie gegen unsichtbare Ketten ank�mpfen, wandte sie sich wieder zu Isis um und las nichts als Spott in deren Augen.</p><p>�Nun verschwinde schon�, sagte Isis. �Nimm das M�dchen und bring es in Sicherheit. Ich sorge hier schon f�r Ordnung, keine Angst.�</p><p>Bast starrte sie an. �Du l�sst uns ... gehen?�, murmelte sie ungl�ubig.</p><p>�Nat�rlich - was hast du denn erwartet, Dummerchen?� Isis streckte die Hand aus und lie� sich mit zusammengebissenen Z�hnen auf die Beine helfen. Sie schwankte leicht, aber Bast sp�rte, dass sie sich rasch erholte.</p><p>�Aber ich dachte, du w�rst gekommen, um ...�, murmelte Bast hilflos, sch�ttelte den Kopf und setzte von neuem an. Horus hatte gesagt, <emphasis>sie </emphasis>w�re unterwegs hierher, um das M�dchen zu t�ten.</p><p>�Und da hast du nat�rlich sofort geschlossen, dass er von mir gesprochen hat!� Isis hatte ihre Gedanken gelesen. �Ich dachte eigentlich, dass du mich besser kennst.�</p><p>�Wen sollte er sonst gemeint haben?� Sie f�hlte sich nicht wohl dabei, diese Frage zu stellen, und sie ahnte, dass sie im Begriff stand, Isis wirklich zu verletzen ... aber alles war so verwirrend. Pl�tzlich schien nichts mehr einen Sinn zu ergeben.</p><p>�Warum findet du es nicht heraus?�, sagte Isis b�se. �In solchen Dingen warst du doch immer schon besser als ich.� Sie lachte, ohne allzu viel echten Humor, und deutete auf den sterbenden Drachen. �Warum hebst du nicht einfach seinen Schwanz hoch und siehst nach, ob er vielleicht eine Sie ist?�</p><p>Bast war nicht nach Scherzen zumute. �Horus ist tot�, murmelte sie schlie�lich.</p><p>Jetzt war es Isis, die sie anstarrte, lange.</p><p>�Hast du ihn get�tet?�</p><p>�Ja�, antwortete Bast, hob die Schultern und f�gte hinzu: �Es tut mir leid. Er hat mir keine Wahl gelassen ... aber wenn Horus dich nicht gemeint hat, was suchst du dann hier?�</p><p>�Deine Dankbarkeit ist immer wieder herzerfrischend.� Isis schnaubte. �In Whitechapel geschieht nicht viel, von dem ich nichts mitbekomme. Ich wollte einfach nur sichergehen, dass deinen neuen Freunden nichts zust��t.� Sie machte eine Kopfbewegung auf Mrs Walsh und lie� erneut dieses abf�llige Schnauben h�ren. �Wo dein Herz doch so sehr an ihnen h�ngt.�</p><p>�Es tut mir leid�, sagte Bast erneut. Es sollte eine Entschuldigung sein, aber es klang nicht so, und sie war auch ziemlich sicher, dass es bei Isis auch nicht so ankam. Sie f�hlte sich elend. Sie konnte sich doch nicht so geirrt haben!</p><p>�Ich wusste immer, dass es ein schlimmes Ende mit Horus nimmt�, seufzte Isis. �Aber dass du es sein w�rdest ...�</p><p>�Wegen Horus ...�</p><p>�Wenn du es nicht getan h�ttest, h�tte ich ihn wohl irgendwann selbst umgebracht�, fiel ihr Isis ins Wort. Sie gab sich einen sichtbaren Ruck. �Ihr solltet jetzt gehen, bevor Monros Leute die T�r aufbrechen und nachsehen, wo er so lange bleibt.� Sie zog seufzend die Augenbrauen zusammen. �Das ist wieder mal typisch. Ihr habt euren Spa�, und ich kann hinter euch aufr�umen.�</p><p>Ein leises St�hnen erklang, und Bast drehte erschrocken den Kopf. Es war Abberline, der unsicher die Augen aufschlug und sich benommen hochzustemmen versuchte, aber sofort und mit einem schmerzhaften Zusammenpressen der Z�hne wieder zur�cksank. �Mein Bein�, st�hnte er. �Ich kann mein Bein ... nicht bewegen.�</p><p>�Gloria�, sagte Bast. Im ersten Moment reagierte sie gar nicht, dann aber hob sie m�hsam den Kopf und sah zu ihr hoch. �Bitte k�mmern Sie sich um Frederick, okay?�, bat Bast. Ganz gleich was, Mrs Walsh musste irgendetwas tun, um der lodernden Furcht in ihren Augen Einhalt zu gebieten.</p><p>W�hrend Mrs Walsh sich m�hsam aufrappelte und zu Abberline hin�berhumpelte, wandte sich Bast wieder an Isis. �Kommst du mit dem Drachen allein zurecht?�</p><p>Isis ma� das sterbende Ungeheuer mit einem absch�tzenden Blick. �Ich denke schon ... wenn du mir erlaubst, so lange zu warten, bis er endg�ltig tot ist. Diese Biester sind unberechenbar.� Sie lachte. �Aber ich bin sicher, Monro und seine Leute werden mir dabei helfen, sollte ich es nicht allein schaffen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er wild darauf ist, das alles hier seinen Vorgesetzten zu erkl�ren oder gar der Presse - nicht wahr - Faye, Sch�tzchen?�</p><p>Sie brach mitten im Wort ab. Ihre Augen wurden gro� vor ungl�ubigem Staunen, w�hrend sie sich auf einen Punkt irgendwo hinter Bast fixierten, dann ert�nte ein dumpfer, sonderbar weicher Knall, und Isis' Kopf und Schultern wurden nach hinten gerissen und gegen die Wand geschmettert. Zwischen ihren Augen, vielleicht zwei Finger breit �ber ihrer Nasenwurzel, war pl�tzlich ein kreisrundes dunkles Loch von der Gr��e einer Pennym�nze, und der so erstaunte, durch und durch ungl�ubige Ausdruck blieb in ihrem Blick, obwohl sie schon tot sein musste, noch bevor ihr K�rper an der Wand hinab zusammenzusacken begann.</p><p>Als Bast sich herumdrehte, blickte sie in die rauchende M�ndung des Revolvers, den Mrs Walsh aus Abberlines Jacke genommen hatte. In der anderen Hand hielt sie ein Rasiermesser, dessen Klinge sie von hinten so fest gegen Fayes Kehle presste, dass Blut am Hals des M�dchens herunterrann und sie sich vermutlich selbst die Luftr�hre durchschneiden w�rde, wenn sie versuchte, sich loszurei�en.</p><p>�Mrs Walsh?�, murmelte sie ungl�ubig. �Aber was ...?�</p><p>�Schweigen Sie, Sie verruchte Person!�, fuhr Mrs Walsh sie an. �Sie wollen gehen? Ich f�rchte, das kann ich nicht zulassen!� Der Revolverlauf deutete weiter drohend auf Basts Gesicht. In Mrs Walshs schmaler Hand sah die Waffe riesig und schwer aus, aber sie zitterte nicht um einen Millimeter, und Bast hatte vor wenigen Sekunden erlebt, wie ausgezeichnet Mrs Walsh damit umzugehen verstand. Trotzdem h�tte sie es riskiert - sie war verletzt und ersch�pft, aber sie war immer noch schnell -, w�re Faye nicht gewesen. Mrs Walsh stand halb hinter ihr und benutzte ihren schlanken K�rper als Deckung, und so, wie sie das Rasiermesser hielt, musste einfach alles, was sie tat, zu ihrem Tod f�hren.</p><p>Und sie verstand immer noch nicht, was sie sah.</p><p>�Mrs Walsh�, murmelte sie noch einmal. �Aber ... warum ... warum tun Sie das?�</p><p>Mrs Walsh lachte, ein h�sslicher, schriller Laut wie das Quietschen von Fingern�geln auf einer Schiefertafel, der Bast einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�. �Das fragen Sie noch? Ich hatte Sie f�r kl�ger gehalten. Glauben Sie tats�chlich, ich lasse Sie und dieses verruchte Weibsst�ck gehen, damit Sie Ihr l�sterliches Leben fortsetzen und weitere M�nner vom rechten Pfad abbringen?�</p><p>Es vergingen noch einmal endlose, lange Sekunden, aber dann begriff Bast endlich. �Sie?�, hauchte sie. �Sie sind ... Jack the Ripper?�</p><p>�Ein l�cherlicher Name, ich gebe es zu�, sagte Mrs Walsh, �aber gut genug, um l�cherliche Polizisten auf die falsche Spur zu lenken - nicht wahr, Frederick?� Sie schoss Abberline in die Brust, l�chelnd und ohne mit der Wimper zu zucken und so beil�ufig, dass die Revolverm�ndung schon wieder auf Basts Stirn wies, ehe sie auch nur richtig begriff, was geschah. Abberline sackte mit einem �chzen in sich zusammen, und Faye gab einen erschrockenen Laut von sich und versuchte sich aus Mrs Walshs Griff zu winden, mit dem einzigen Ergebnis allerdings, dass der Schnitt an ihrem Hals nur heftiger blutete.</p><p>�Nicht, Faye�, sagte Bast hastig. �Sie wird dir nichts tun, keine Angst. Wir kommen hier raus.�</p><p>Mrs Walsh schnaubte h�hnisch. �Das glaube ich nicht. Ich f�rchte, Sie wissen bereits zu viel, mein Kind.� Pl�tzlich lachte sie leise. �Oh, ich hatte Ihnen ja eigentlich versprochen, Sie nicht mehr so zu nennen ... aber wie es aussieht, werde ich nun doch �lter als Sie, nicht wahr?�</p><p>�Sie haben all diese Frauen umgebracht?�, fragte Bast noch einmal. Im Grunde sprach sie nur, um Mrs Walsh abzulenken, oder wenigstens irgendwie besch�ftigt zu halten. Hinter ihrem zu einer ungl�ubigen Miene verzogenen Gesicht �berschlugen sich ihre Gedanken. Wenn sie richtig gez�hlt und Abberline nicht nachgeladen hatte, war in Mrs Walshs Waffe nur noch ein einziger Schuss - aber sie stand kaum zwei Schritte vor ihr, eine Distanz, aus der sie sie praktisch gar nicht verfehlten konnte ... und da war immer noch Faye.</p><p>Bast bewegte sich unendlich behutsam ein winziges St�ckchen auf sie zu, ohne die F��e zu heben, oder auch nur, dass sich eine Falte ihres Gewandes bewegt h�tte - und hielt sofort wieder inne, als Mrs Walsh eine winzige, drohende Geste mit der Waffe machte, und Faye zugleich einen zweiten, blutenden Schnitt an der Kehle zuf�gte. Das M�dchen wimmerte vor Angst.</p><p>�Versuchen Sie keinen Ihrer teuflischen Tricks!�, warnte Mrs Walsh. �Ich wei�, wozu Sie imstande sind, vergessen Sie das nicht!�</p><p>Bast konnte den Geist nahezu jedes normalen Menschen blenden und ihn Dinge sehen lasen, die nicht da waren, oder auch solche, die da waren, nicht mehr sehen lassen. Aber Gloria war nicht normal. Das unselige Flackern in ihren Augen, das sie f�r Angst gehalten hatte, war die schwarze Flamme des Wahnsinns. Sie h�tte es trotzdem versuchen k�nnen: in die Schatten zur�ckweichen oder sich vor Glorias Augen in die Teufelsgestalt verwandeln, f�r die sie sie anscheinend ohnehin zu halten schien. Aber ganz gleich, was sie auch tat, ebenso gut konnte sie Faye auch gleich selbst die Kehle durchschneiden.</p><p>�Ich werde keine Tricks versuchen�, sagte sie ruhig. �Aber lassen Sie Faye gehen. Das ist eine Sache zwischen uns. Sie hat nichts damit zu tun.�</p><p>Mrs Walsh lachte b�se. �F�r wie dumm halten Sie mich?�, fragte sie. �Sie wollen mich ablenken, damit sie fliehen kann, um ihr schmutziges Tun in aller Ruhe fortzusetzen? Nein: Sie wird das bekommen, was sie verdient, und ihre Seele wird f�r alle Ewigkeiten in den Feuern der H�lle brennen!�</p><p>�Sie hat Ihnen nichts getan, Gloria�, sagte Bast sanft.</p><p>�Sie ist verdorben!�, antwortete Mrs Walsh kalt. �Sie ist ein verdorbener Mensch, der den Anspruch auf Gottes Schutz verwirkt hat und nichts anderes tut, als andere zu verderben! Sie wird ihrer gerechten Strafe nicht entgehen, so wie alle anderen vor ihr!�</p><p>�Weil sie f�r Geld mit M�nnern schl�ft?�, fragte Bast. �Wer tr�gt wohl mehr Schuld daran, Gloria - Frauen wie sie oder die M�nner, die sie daf�r bezahlen ... oder dazu zwingen?�</p><p>�M�nner sind nun einmal M�nner�, antwortete Mrs Walsh. �Sie sind so, wie Gott sie geschaffen hat, und k�nnen nicht anders. Der Teufel hat das Weib erschaffen, um den Mann in Versuchung zu f�hren, aber eine Frau, die auch nur einen Funken Anstand im Leib hat, wird den Einfl�sterungen des Satans widerstehen.�</p><p>�Ich verstehe�, seufzte Bast. Noch behutsamer als gerade glitt sie ein weiteres St�ck auf Mrs Walsh zu, kaum mehr als zwei oder drei Zoll, und diesmal tats�chlich, ohne dass Mrs Walsh es bemerkte. Aber sie reagierte ganz unbewusst so, wie Bast es sich erhofft hatte, und wich um dieselbe Distanz vor ihr zur�ck, ohne es selbst auch nur zu sp�ren. �Wollen Sie jetzt alle Prostituierten Londons umbringen, oder ...� Sie sah auf den bewusstlosen Maistowe hinab, und verstand ... auch, wenn ihr der Gedanke im allerersten Moment so monstr�s vorkam, dass sie ihn am liebsten weit von sich gewiesen h�tte.</p><p>�Jacob?�, murmelte sie. �Sie ... Sie haben das alles nur ... nur seinetwegen getan?�</p><p>Mrs Walsh starrte sie an. Die schwarze Flamme in ihrem Blick loderte h�her.</p><p>�Liz. Kate. Marie-Jeanette und Dark Annie�, murmelte Bast. �Waren das alle, die Jacob ... gekannt hat?�</p><p>�Oh nein�, antwortete Mrs Walsh l�chelnd.</p><p>�Und ... Cindy?�, fragte Bast. Sie glitt ein weiteres St�ck auf Mrs Walsh zu, und noch eines, und Mrs Walsh wich jedes Mal um dieselbe Distanz vor ihr zur�ck. Bast wusste selbst noch nicht, welchen Vorteil sie daraus ziehen sollte, aber es war besser als nichts. �Was hat sie getan, Gloria, um den Tod zu verdienen? Jacob war nicht einmal im Land, als sie zu Maude gekommen ist!�</p><p>�Jacob wollte sie mitnehmen!�, ereiferte sich Mrs Walsh. �Er hat behauptet, er wolle sie retten, aber so dumm bin ich nicht. Glauben Sie wirklich, ich nehme die Schlange mit und n�hre sie noch an meiner Brust?�</p><p>Ein weiterer, winziger Schritt, und Mrs Walsh wich abermals vor ihr zur�ck. Aber wie weit noch? �Dann lassen Sie wenigstens Faye gehen�, bat sie. �Sie hat Jacob bis vor einer Stunde noch nicht einmal gekannt!�</p><p>�Ich f�rchte, dass das nicht in meine Pl�ne passt�, antwortete Mrs Walsh. �Aber keine Angst - ich werde es leicht f�r sie machen.�</p><p>Bast fragte sich, wie lange Mrs Walsh die schwere Waffe noch so ruhig w�rde halten k�nnen. Der Revolver wog mindestens zwei Pfund, aber er blieb unerbittlich weiter auf ihre Stirn gerichtet. �Sterben ist niemals leicht, Gloria.�</p><p>�Wie gesagt - ich werde es ihr leichtmachen, und Ihnen auch, mein Kind; auch wenn Sie es gewiss nicht verdient haben. Keine Sorge, ich kenne mich aus.� Sie lie� erneut ein b�ses, fast schon irre klingendes Kichern h�ren und wich um eine weitere, winzige Strecke vor Bast zur�ck. �Habe ich Ihnen erz�hlt, dass mein seliger Mann Metzger war?� Sie nickte heftig. �Oh ja, er war ein talentierter Fleischer, aber er hatte auch ein gutes Herz. Nie wollte er den armen Kreaturen, die er t�ten musste, unn�tigen Schmerz zuf�gen.� Sie wandte sich direkt an Faye, ohne Bast dabei auch nur einen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen. �Keine Angst, mein Kind. Ich habe gut aufgepasst. Du wirst kaum etwas sp�ren, das verspreche ich dir, und ...�</p><p>Maistowes Hand schoss vor und klammerte sich um ihr Fu�gelenk. Er blutete noch immer heftig aus der Platzwunde am Kopf, sein Gesicht war eine einzige, nasse rote Maske, und er war benommen und kraftlos, aber der Ausdruck in seinen Augen machte Bast auch klar, dass er jedes Wort verstanden hatte.</p><p>Sie sprang. Gloria Walsh schrie vor Zorn und Schrecken auf und warf sich zur�ck, um seinem Griff zu entkommen, aber Jacob hielt sie unerbittlich fest. Das Rasiermesser schrammte an Fayes Hals entlang und hinterlie� einen langen, bis auf den Knochen reichenden Schnitt an ihrem Kinn, und Bast packte Glorias Hand und bog sie mit einem so harten Ruck zur�ck, dass die Knochen ihres Handgelenkes wie Glas zersplitterten. Gloria kreischte, lie� das Rasiermesser fallen und riss sich mit der unwiderstehlichen Kraft einer Wahnsinnigen los, und Bast zerrte Faye hastig von ihr weg und prallte zur�ck, als Gloria den Revolver auf sie richtete und abdr�ckte.</p><p>Die Kugel verfehlte sie weit und fuhr harmlos in die Decke, nahezu auf halber L�nge des Ganges hinter ihr, aber der enorme R�cksto� der Waffe riss Glorias Arm nach oben und brachte sie endg�ltig aus dem Gleichgewicht. Sie taumelte zur�ck, wedelte mit beiden Armen, um ihre Balance zur�ck zu gewinnen und prallte gegen den toten Drachen.</p><p>Aber der Drache war nicht tot.</p><p>Was immer noch an Leben in ihm war, es reichte, um ihn sich aufb�umen und seine gewaltigen Kiefer um Glorias Oberschenkel zuschnappen zu lassen. Glorias gellender Schrei ging im Grollen der Bestie und dem Ger�usch von brechenden Knochen und zerrei�endem Fleisch unter.</p><p>So m�helos, als w�ge sie rein gar nichts, schleuderte der Drache Gloria in die H�he, warf sich herum und sch�ttelte sein schreiendes Opfer wie ein Terrier, der eine Ratte gefangen hatte, bevor sich seine m�chtigen Kiefer endg�ltig schlossen und ihr beinloser Torso zu Boden fiel, schrecklich verst�mmelt, aber immer noch am Leben, immer noch schreiend.</p><p>So lange, bis der Drache zum zweiten Mal zuschnappte.</p><p>Bast lie� das Entsetzen, mit dem der furchtbare Anblick sie erf�llen wollte, nicht an sich heran, sondern b�ckte sich hastig nach der Waffe, die Gloria fallen gelassen hatte, nahm sie an sich und eilte erst dann zu Abberline, um neben ihm auf die Knie zu fallen. Sie erwartete, Abberline tot oder sterbend vorzufinden, aber er lebte, und sie erkannte sofort, dass er ein geradezu unwahrscheinliches Gl�ck gehabt hatte. Sein Bein war gebrochen, und die Kugel hatte sein Herz weit verfehlt und ein h�ssliches Loch in seine Schulter gestanzt, aber nichts davon w�rde ihn umbringen.</p><p>Bast wedelte mit der leer geschossenen Waffe. �Haben Sie Munition f�r das Ding dabei?�</p><p>�In meiner ... rechten Tasche�, antwortete Abberline mit zusammengebissenen Z�hnen.</p><p>Bast griff in seine Rocktasche, fand eine Handvoll Patronen und verschwendete etliche wertvolle Sekunden damit, die simple Mechanik zu ergr�nden, mit der sie die Trommel des Revolvers herausklappen konnte, und noch einmal so viel Zeit, um die leeren Patronenh�lsen heraus- und neue Munition hineinzunesteln. Erst danach fuhr sie in der Hocke herum und legte auf das Ungeheuer an.</p><p>Aber sie schoss nicht.</p><p>Der Nildrache schlang gerade seine Henkersmahlzeit herunter, Glorias Kopf und Glieder, und starrte sie aus seinen winzigen, b�sartigen Augen an. Er blickte nicht nur in ihre Richtung oder musterte sie auf die Art eines Raubtieres, das seine Beute oder einen gef�hrlichen Feind ma�. Er sah sie an, das, was sie wirklich war, tief in sich drinnen, und in seinen Augen stand purer, reiner Hass geschrieben, zu dem ein Tier eigentlich nicht f�hig sein durfte.</p><p>Aber auch das Wissen, dass er starb.</p><p>Bast senkte die Waffe.</p><p>�Was ... was tun Sie da?�, presste Abberline hervor. �Knallen Sie ... das Mistvieh ab!�</p><p>Bast lie� den Revolver noch weiter sinken, z�gerte noch einen letzten Moment und legte ihn schlie�lich ganz zu Boden. �Er stirbt doch sowieso�, sagte sie traurig.</p><p>Mit pl�tzlich m�hsamen, schleppenden Bewegungen, als h�tte der letzte Ausbruch auch noch seine allerletzten Kr�fte verbraucht, drehte sich der Drache herum und kroch in die Zelle zur�ck, eine glitzernde Spur hinterlassend, in der sich schwarzes Blut mit dunkelrotem mischte. Isis' Schwert ragte noch immer aus seinem Nacken, und die Klinge schien seinen Hals zur G�nze durchdrungen zu haben, denn Bast h�rte ein leises, metallisches Schleifen, das sein m�hsames Vorw�rtsschleppen und Kriechen begleitete. Unendlich langsam und immer wieder innehaltend, um neue Kr�fte zu sch�pfen, kroch der Drache durch die winzige Zelle und verschwand schlie�lich wieder durch die gewaltsam geschaffene Bresche, durch die er hineingekommen war.</p><p>�Warum haben Sie das getan?�, murmelte Abberline. �Jetzt wird es ... noch mehr Menschen umbringen.� Er versuchte sich aufzurichten, aber Bast dr�ckte ihn mit sanfter Gewalt zur�ck und nahm ihm zugleich seine schlimmsten Schmerzen - oder versuchte es. Es ging nicht. Dieselbe Eins-zu-einer-Million-M�glichkeit, die ihn bisher nicht nur vor ihrer, sondern auch vor Horus' und Sobeks geistiger Macht besch�tzt hatte, hinderte sie nun daran, ihm wenigstens ein bisschen Linderung zu verschaffen.</p><p>�Er wird niemandem mehr etwas tun�, sagte sie. �Er stirbt. Vielleicht ist er schon tot.�</p><p>Abberline wirkte nicht �berzeugt, aber Bast gab ihm keine Gelegenheit, eine weitere Frage zu stellen, sondern erhob sich rasch und folgte dem sterbenden Ungeheuer. Sie wich Glorias kopf- und gliederlosem Torso aus, so weit sie es nur konnte, und sie wich auch Maistowes Blicken aus. Vielleicht w�re das, was sie darin gesehen h�tte, mehr gewesen, als sie im Moment ertragen konnte.</p><p>Hinter dem gewaltigen Loch in der Mauer begann eine steil in die Tiefe f�hrende, vielleicht zwanzig Fu� lange Schutt- und Tr�mmerhalde, und an ihrem Ende lag der Drache. Bast n�herte sich ihm vorsichtig, stie� ihn zwei- oder dreimal mit dem Fu� an - was eigentlich vollkommen �berfl�ssig war. Sie sp�rte, dass in dem Ungeheuer kein Leben mehr war, aber sie hatte irgendwie das Gef�hl, dass es einfach dazu geh�rte - bevor sie den Schwertgriff mit beiden H�nden umklammerte und die Waffe mit erheblicher Anstrengung aus dem Nacken des Ungeheuers zog. Sorgf�ltig wischte sie die Klinge an ihrem Mantel ab, bevor sie sie in die schmale Schlaufe an ihrem G�rtel schob. Isis' Schwert. Ihre Lieblingswaffe, eine Klinge von unvorstellbarem Wert, geschmiedet in den heiligen Feuern von Atlantis und beinahe so alt wie sie selbst. Und nun war sie alles, was von ihr geblieben war.</p><p>Sie lauschte. Vor ihr war nichts als vollkommene Dunkelheit, aber sie h�rte das Ger�usch von flie�endem Wasser, und ein sachter, aber sehr unangenehmer Geruch drang in ihre Nase. Vielleicht, dachte sie, h�tte der Polizeipr�sident sich die Baupl�ne f�r seine neue Residenz ein wenig genauer ansehen sollen. Dann h�tte er vielleicht gesehen, wie d�nn die Mauern waren, die die Zellen vom Labyrinth der Kanalisation trennten. Es brauchte keinen Drachen, um sie nieder zu rei�en.</p><p>Sie blieb lange so stehen und starrte in die Schw�rze hinein, und ihre Gedanken wanderten auf Pfaden, die noch viel dunkler waren, die sie aber gar nicht kennen lernen wollte. Schlie�lich aber drehte sie sich herum und ging in den Zellentrakt zur�ck. Sie hatte das Gef�hl, unendlich lange fort gewesen zu sein, aber wenn es so war, dann musste die Zeit hier oben wohl stehen geblieben sein, denn viel hatte sich nicht ver�ndert. Monro lag noch immer lang ausgestreckt auf dem Gesicht und ohne Bewusstsein - Bast �berzeugte sich rasch davon, dass er tats�chlich nur bewusstlos war und nichts Schlimmeres, aber sie ertappte sich dabei, ihm die gr�sslichsten Kopfschmerzen seines Lebens zu w�nschen -, und Abberline hatte es immerhin geschafft, sich halb aufzurichten und mit Hinterkopf und Schultern gegen die Wand zu lehnen. Von weit her drangen ein dumpfes H�mmern und aufgeregte Stimmen an ihr Ohr. Anscheinend hatten Monros M�nner endlich beschlossen, doch einmal nach dem Rechten zu sehen, und versuchten die T�r aufzubrechen. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit.</p><p>Der Einzige, der sich bewegt zu haben schien, war Maistowe. Er war zu Faye geeilt und hatte irgendwo einen Streifen Stoff aufgetrieben - vermutlich aus seinem Hemd gerissen -, mit dem er ebenso ungeschickt wie erfolglos versuchte, die stark blutende Wunde an Fayes Kinn zu verbinden. Das M�dchen weinte schluchzend und krampfhaft und versuchte instinktiv, Maistowes H�nde abzuwehren, die ihr nur noch mehr Schmerzen zuf�gten.</p><p>Bast ging rasch hin, legte ihr die Hand auf die Stirn und l�schte zuerst ihren Schmerz und dann ihr Bewusstsein aus. Faye blieb auf den Beinen, aber ihre Augen waren pl�tzlich leer.</p><p>�Bast, ich ...�, begann Maistowe, aber Bast unterbrach ihn mit einer sanften Geste und einem Kopfsch�tteln. �Ich wei�, was Sie sagen wollen, Jacob�, sagte sie. �Ich kann nicht bleiben. Nicht jetzt. Versprechen Sie mir, sich um Faye zu k�mmern?�</p><p>Sie h�tte Maistowe gezwungen, es zu tun, w�re es n�tig gewesen, aber das war es nicht. Er nickte, und sie sp�rte, dass es ehrlich gemeint war. Mehr noch: Es mochte aussehen, als w�re Faye auf seine Hilfe angewiesen, aber in Wahrheit war es genau andersherum.</p><p>Wortlos ging sie weiter, wich geflissentlich Abberlines Blicken aus und lie� sich neben Isis auf die Knie fallen. Ihre Augen standen immer noch offen, und da war immer noch dieser Ausdruck ma�losen Erstaunens darin, als k�nne sie einfach nicht begreifen, wie simpel, wie grotesk einfach und beinahe schon l�cherlich das Ende sein sollte. Nach allem, was sie �berstanden und erlitten hatte, nach Jahrtausenden des Kampfes und unz�hligen Siegen �ber vermeintlich unbesiegbare Feinde war es schlie�lich eine verbitterte alte Frau gewesen, die sie am Ende besiegt hatte.</p><p>Bast schob die Arme unter ihren K�rper und hob sie auf. Isis war genau so gro� wie sie, aber es kam ihr vor, als w�ge sie fast nichts.</p><p>Langsam drehte sich Bast herum und ging zu der leer stehenden verw�steten Zelle zur�ck, ihre tote Schwester auf den Armen. Sie wartete auf die Tr�nen, die jetzt ihre Augen f�llen sollten.</p><p>Aber sie kamen nicht.</p></section><section><title><p id="EPILOG">EPILOG</p></title><p>Sie war mit einem Gef�hl von Endg�ltigkeit in dieses Land gekommen, und sie verlie� es mit dem sicheren Wissen desselben Gef�hls. Es war nichts, was sie wirklich benennen konnte. Weder konnte sie es in Worte fassen, noch in Gedanken oder auch nur in Gef�hlen beschreiben. Aber es war da; die absolute, vollkommene Gewissheit, dass etwas sehr Gro�es und Altes zu Ende gegangen war.</p><empty-line/><empty-line/><p>�Sie sehen traurig aus.�</p><p>Abberlines Stimme riss sie nicht nur aus ihren d�steren �berlegungen, sondern veranlasste sie auch dazu, ihn mit einem etwas aufmerksameren Blick zu mustern und f�r sich zu der Einsch�tzung zu gelangen, dass Abberline einen mindestens ebenso traurigen Anblick bieten musste wie sie: Sein rechtes Bein steckte in einem Gipsverband, und sein Fu� lag auf der Bank neben ihr, und sein linker Arm hing in einer Schlinge, um die verdrehte Schulter zu entlasten. Obwohl mehr als zwei Tage vergangen waren, war sein Gesicht auch noch immer so blass wie das eines Toten, sah man von der beeindruckenden Sammlung blauer Flecken und Kratzer und Hautabsch�rfungen ab, die es zierte. Bast �berlegte ernsthaft, ob einige davon vielleicht von Monro stammten, verwarf diesen Gedanken dann aber als unrealistisch. Sie hatte Monro noch an diesem Morgen gesehen, und sein Gesicht war vollkommen unversehrt gewesen, sah man von dem Turban aus wei�em Verbandsmull ab, den er so stolz wie ein alter K�mpe eine Kriegsverletzung trug. W�ren die beiden tats�chlich aneinandergeraten, h�tte sie vermutlich M�he gehabt, ihn wiederzuerkennen.</p><p>�Traurig?�, antwortete sie mit einiger Versp�tung und einem angedeuteten Kopfsch�tteln. �Nein. Warum sollte ich?�</p><p>�Weil Sie mich verlassen?�, schlug Abberline vor.</p><p>�Das h�tten Sie gern, was?�</p><p>�Ja�, antwortete Abberline unverbl�mt. �Selbstverst�ndlich h�tte ich das gerne. Was haben Sie gedacht?� Er zog eine wehleidige Grimmasse. �Aber man bekommt nun einmal nicht immer, was man gerne h�tte.�</p><p>Bast zog es vor, nicht darauf zu antworten, sondern drehte sich halb auf ihrem Sitz herum und sah aus dem Fenster. Die Droschke war schon vor gut f�nf Minuten zum Stehen gekommen, und inzwischen hatten die M�nner das wenige Gep�ck, das sie mitgebracht hatte, l�ngst entladen und an Bord des Schiffes gebracht. Eigentlich gab es keinen Grund mehr f�r sie, nicht auszusteigen.</p><p>�Wissen Sie, was ich noch sehr viel mehr w�nschen w�rde?�, fragte Abberline, als sie nicht antwortete.</p><p>Bast riss ihren Blick mit einiger M�he von der Silhouette des Schiffes los, in dessen Schatten die Droschke angehalten hatte, und sah ihn fragend an.</p><p>�Einen Abschiedskuss�, sagte Abberline.</p><p>Bast l�chelte traurig. �Sie haben es gerade selbst gesagt, Inspektor - man bekommt nicht immer alles, was man sich w�nscht. Und manchmal ist das gut so.�</p><p>�Weil ich wei�, welchen Preis ich daf�r bezahlen m�sste�, sagte Abberline traurig. �Ja, nat�rlich. Aber trotzdem ... wahrscheinlich bin ich tief in mir drin ein unverbesserlicher Abenteurer. Ich habe eine Menge �ber Patsys Todesk�sse geh�rt, und ein Teil von mir fragt sich, ob es den Preis nicht lohnt.� Er bemerkte ihren Gesichtsausdruck, und sein L�cheln erlosch wie abgeschaltet. �Entschuldigen Sie.�</p><p>�Sie m�ssen sich nicht entschuldigen�, sagte Bast. Aber es klang nach dem genauen Gegenteil, und offensichtlich nicht nur in ihren Ohren.</p><p>�Sie fehlt Ihnen, habe ich recht?�, fragte Abberline.</p><p>�Nein�, antwortete Bast, und zumindest in diesem Moment entsprach das sogar der Wahrheit. �Noch nicht.� Seit zwei Tagen wartete sie auf den Schmerz, der die Erkenntnis begleiten sollte, den einzigen Menschen verloren zu haben, der in ihrem Leben wirklich etwas bedeutet hatte. Bisher vergeblich. Aber sie wusste, dass er kommen w�rde. Und er w�rde lange dauern. Sehr lange. Selbst f�r ihre Verh�ltnisse.</p><p>�Das tut mir leid�, sagte Abberline. �Schmerz ist etwas Wichtiges, wissen Sie?�</p><p>Bast sah ihn einen Atemzug lang schweigend und ausdruckslos an - und dann lachte sie leise.</p><p>�Was ist so komisch?�, fragte Abberline missmutig.</p><p>�Oh, nicht viel�, antwortete Bast. �Abgesehen von der Tatsache, dass Sie versuchen, jemandem eine Lebensweisheit klar zu machen, der ungef�hr zweihundert Mal so alt ist wie Sie, Inspektor.�</p><p>Abberline sah nun ehrlich verletzt aus, und Bast fuhr rasch fort: �Ich wollte Sie nicht beleidigen, Frederick. Bitte verzeihen Sie. Sie haben recht. Isis wird mir fehlen, und der Schmerz wird kommen. Und ich f�rchte, er wird noch da sein, wenn es Sie schon lange nicht mehr gibt.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Abberline. Er wirkte nur noch verletzter, und Bast begriff, dass sie so ziemlich den falschestm�glichen �berhaupt nur denkbaren Ton angeschlagen hatte. Aber es war zu sp�t, um es r�ckg�ngig zu machen. �F�r Sie bin ich also nicht mehr als ein Kind.�</p><p>Bast �berlegte eine Sekunde - und nickte. �Ja�, sagte sie. �Aber ein sehr nettes. Und jetzt muss ich gehen, f�rchte ich. Mein Schiff wartet.�</p><p>Als w�re das ein Stichwort, auf das das Schicksal nur gewartet hatte, tauchte in diesem Moment eine schlanke Gestalt auf dem Kai auf, die sich mit schnellen Schritten der schmalen Planke n�herte, die zum Deck der <emphasis>Lady of the Mist </emphasis>hinauff�hrte. Sie bewegte sich schnell und zielstrebig und w�rdigte die Kutsche nicht eines einzigen Blickes. Abgesehen von einem schmalen wei�en Verband, der durchaus als modisches Halsband durchgehen mochte, und einem aus der Entfernung kaum zu erkennenden Pflaster an der rechten Seite ihres Kinns war ihr nichts mehr von den schrecklichen Ereignissen anzusehen, die sie erlitten hatte, aber Bast wusste nur zu gut, wie anders es in ihrem Inneren aussah. Sie w�rde lange brauchen, um das erlittene Grauen zu verarbeiten. Falls es ihr �berhaupt jemals gelang.</p><p>Subjektiv, dachte Bast schaudernd, w�rde ihr Schmerz vielleicht l�nger andauern als ihr eigener.</p><p>�Ich k�nnte immer noch mit Ihnen kommen�, sagte Abberline. Immerhin war er hartn�ckig, das musste sie ihm lassen.</p><p>�Wo Sie doch gerade erst von Monro pers�nlich zum Chefinspektor ernannt worden sind?� Bast sch�ttelte den Kopf. �Ich w�rde es mir nie verzeihen, Ihrer Karriere so im Wege gestanden zu haben, Frederick.�</p><p>Abberline zog eine Grimasse. �Die Bef�rderung ist noch nicht offiziell�, sagte er. �Jetzt, da James Munro Chef der Metropolitan Police geworden ist, kann er es sich leisten, gro�z�gig zu sein. Es w�rde mich aber nicht wundern, wenn er vergisst, sie zu best�tigen.�</p><p>�Dann boxen Sie ihm einfach auf die Nase�, riet ihm Bast augenzwinkernd.</p><p>�Sie machen sich �ber mich lustig�, sagte Abberline.</p><p>�Ja�, antwortete Bast. �Was w�re das Leben ohne ein bisschen Spa�, oder?� Sie grinste ihn fr�hlich an, aber schon im n�chsten Moment konnte sie f�hlen, wie ihr L�cheln erlosch und einem Ausdruck unbestimmter Sorge Platz machte. Sie fragte sich, warum sie eigentlich nicht ausstieg und an Bord ging. Die <emphasis>Lady </emphasis>war schon seit einer Stunde bereit zum Auslaufen und wartete nur noch auf sie.</p><p>�Darf ich Ihnen noch eine Frage stellen?�, fragte Abberline.</p><p>�Wenn Sie nicht unbedingt auf einer Antwort bestehen.�</p><p>�Wie soll ich Sie in Erinnerung behalten�, wollte er wissen, �als Bastet oder als Sachmet?�</p><p>Bast reagierte nicht sofort, sondern sah ihn eine Weile schweigend und noch immer von der gleichen, vagen Trauer erf�llt an. Dann beugte sie sich vor, nahm sein Gesicht in beide H�nde und k�sste ihn; zuerst sanft und z�rtlich, nicht auf ihre Art, sondern einfach nur als Frau, die einen Mann k�sst; dann aber erf�llte sie ihm seinen Wunsch. Nat�rlich nahm sie nicht viel - gerade genug, um ihn sp�ren zu lassen, was geschah, und um einen winzigen Teil von ihm in sich zu f�hlen und mit sich nehmen zu k�nnen.</p><p>�Als Bast, Frederick�, fl�sterte sie. �Einfach nur als Bast.�</p><p>Als sie Abberline loslie� und aus der gleichen Bewegung heraus die T�r der Kutsche �ffnete, sah sie nichts als einen Ausdruck tiefer Verbl�ffung auf seinem Gesicht.</p><p>�Bast, wir ...�, murmelte er. �Aber wir ... wir k�nnten doch ...�</p><p>�Vielleicht ein andermal, Frederick�, sagte sie augenzwinkernd. �Vielleicht, wenn es Sie irgendwann doch einmal nach �gypten verschlagen sollte. Sie wissen ja: von Kairo aus gleich hinter der ersten D�ne links.�</p><p>Und damit wandte sie sich mit einem Ruck ab und ging mit schnellen Schritten und ohne noch ein einziges Mal zur�ckzublicken �ber den Kai und die schmale Planke hinauf. Das nasse Holz vibrierte f�hlbar unter ihrem Gewicht, und nun f�hlte sie auch das sanfte Schaukeln des Schiffes, das nur noch von einem einzigen Tau gehalten am Pier lag.</p><p>Maistowe, der bisher vollkommen reglos hinter der Reling gestanden und darauf gewartet hatte, dass auch sie endlich an Bord kam, wandte sich mit einem Ruck um und begann seinen M�nnern Befehle zuzubr�llen, und Bast trat mit zwei schnellen abschlie�enden Schritten auf das Deck der <emphasis>Lady </emphasis>hinauf, damit die Matrosen die Planke einziehen konnten. Das letzte Tau wurde gekappt, und das Schiff schien unter ihren F��en zu erzittern wie ein Gepard, dessen Halsband endlich gel�st worden war, sodass er in sein angestammtes Element zur�ckkehren konnte.</p><p>Als Bast sich herumdrehte, sah sie eine schlanke Gestalt unter Deck verschwinden.</p><p>Faye wich ihr nicht nur aus, sondern floh regelrecht vor ihr, und Bast musste ihr Gesicht nicht sehen, um die Angst in ihren Augen zu sp�ren. Sie hatte versucht, dem M�dchen die schlimmste Furcht zu nehmen, aber bisher hatten sie ihre sonst so verl�sslichen Kr�fte im Stich gelassen, und sie hatte nur die Wunden heilen k�nnen, die ihr K�rper davongetragen hatte, nicht die so viel tiefer gehenden Verletzungen ihrer Seele.</p><p>Immerhin hatte Maistowe ihren Blick registriert und kam auf sie zu, wenn auch z�gernd und mit allen Anzeichen des Unbehagens. Auch der Ausdruck in seinen Augen hatte sich ver�ndert. Sie war dankbar, zumindest keine Angst darin zu erkennen, doch an ihrer Stelle war jetzt eine Scheu, die sie auf ihre Art fast genauso schmerzte. Es w�rde wohl eine sehr einsame Reise werden.</p><p>�Sind Sie so weit?�, fragte er, was eigentlich vollkommen �berfl�ssig war. Das Schiff hatte bereits abgelegt und entfernte sich fast unmerklich von der Kaimauer. Er war befangen und wollte einfach irgendetwas sagen, und auch diese Erkenntnis schmerzte Bast. Seit sie ihn kannte, hatte sie sich gegen seine mehr oder weniger offenen Ann�herungsversuche zur Wehr setzen m�ssen. Jetzt hatte er eine Mauer zwischen ihnen errichtet, die nicht einmal sie niederrei�en konnte. Sie war auch nicht sicher, ob sie es �berhaupt versuchen sollte.</p><p>Fast so unbeholfen wie er gerade fragte sie: �Bekomme ich meine alte Kabine zur�ck, oder haben Sie sie Faye gegeben?�</p><p>�Sie bewohnt meine Kaj�te�, antwortete Maistowe. �Ich wohne f�r die Dauer der �berfahrt bei meinen Offizieren. Es ist nicht das erste Mal, keine Sorge. Sie behalten Ihre gewohnte Kabine.�</p><p>�Und den gewohnten Luxus?�, stichelte Bast gutm�tig.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Maistowe ernst. �Es sei denn, Sie bestehen darauf, bei dem M�dchen zu bleiben.�</p><p>Bast zog es vor, die Spitze zu ignorieren. �Sie sind sicher, dass Sie Faye mitnehmen wollen?�, fragte sie stattdessen. �Es wird nicht ganz so leicht werden, wie es mit ...� Sie z�gerte fast unmerklich, den Namen auszusprechen, um ihm nicht noch mehr Schmerz zuzuf�gen. �... Cindy geworden w�re.�</p><p>Zu ihrer �berraschung lachte Maistowe, wenn auch leise, und nur ganz kurz. Es klang eher wie ein Bellen. �Ich bin mir ganz und gar nicht sicher�, sagte er, aus irgendeinem Grund anscheinend �ber ihre Frage am�siert. �Aber Sie haben es selbst gesagt: Sie kann nicht in England bleiben ... und sie will bei mir bleiben, zumindest f�r eine Weile.� Er schien etwas in ihrem Blick zu registrieren, dessen sie sich selbst nicht bewusst gewesen war, denn er sch�ttelte pl�tzlich den Kopf, und ein zorniger Schatten huschte �ber sein Gesicht. �Keine Sorge. Ich r�hre sie nicht an.�</p><p>Diese Worte w�ren nicht n�tig gewesen, dachte Bast traurig. Jede Frau auf der Welt, aber ganz bestimmt nicht Faye.</p><p>�Sie m�ssen England in sehr schlechter Erinnerung behalten�, sagte er pl�tzlich.</p><p>�Nein�, antwortete Bast sanft. Sie wusste genau, was er meinte. �Warum sollte ich? Was geschehen ist, war nicht Ihre Schuld, Jacob.�</p><p>�Nein, vermutlich nicht�, antwortete er leise und ohne sie anzusehen. �Aber nichts von alledem w�re passiert, wenn ich Sie nicht �berredet h�tte, mich zu Gloria zu begleiten.�</p><p>Das also war es, was er von ihr wollte, dachte Bast. Er erwartete Absolution von ihr - und warum auch nicht? Sie vergab sich nichts dabei, au�erdem war es die Wahrheit. Und wenn man es genau nahm, dann griff sein Argument andersherum genauso: Nichts von alledem w�re passiert, w�re sie erst gar nicht in dieses Land gekommen.</p><p>Aber da war ein Gedanke, der sie seit nunmehr zwei Tagen plagte. Sie hatte niemals endg�ltig eine Antwort auf die Frage gefunden, warum sie eigentlich hierhergekommen war, in dieses kalte graue Land voller feindseliger Menschen. Aber was, wenn sie gar nicht aus eigenem Antrieb gekommen war, sondern irgendjemand - irgendetwas - sie geschickt hatte? Was, wenn der einzige Grund f�r ihr Hiersein der gewesen war, Zeugin zu werden, wie eine verr�ckte alte Frau drei leibhaftige G�tter besiegte?</p><p>�Es war nicht Ihre Schuld, Jacob�, sagte sie sanft. �Ohne Sie w�re ich jetzt vielleicht auch tot und Faye und Frederick ebenfalls. Wie h�tten Sie es wissen k�nnen? Sie hat ja sogar mich get�uscht, obwohl ich ihre Gedanken lesen konnte. Niemand konnte es wissen.�</p><p>Maistowe schien etwas darauf erwidern zu wollen, aber dann belie� er es bei einem traurigen Blick und einem noch traurigeren Kopfsch�tteln und ging ohne ein weiteres Wort.</p><p>Und damit h�tte es vorbei sein k�nnen. Die <emphasis>Lady of the Mist </emphasis>zitterte und knarrte heftiger unter ihren F��en und drehte sich jetzt immer schneller von der Kaimauer weg, und Bast wollte sich schon umwenden und in ihre winzige, �bel riechende Kabine unter Deck gehen, als eine Bewegung am Himmel �ber der Stadt ihre Aufmerksamkeit noch einmal erregte.</p><p>Im allerersten Moment war es nur ein winziger Punkt, weniger als ein Schatten, der �ber den tr�ben Himmel von London glitt, aber er wuchs rasch heran und wurde binnen eines einzigen Augenblickes zu einem pfeilfl�geligen schwarzen Umriss, der mit einem schrillen Kreischen auf sie herabzuschie�en schien.</p><p>Aber er war nicht allein.</p><p>Ein zweiter Schemen gesellte sich zu ihm, dann ein dritter und vierter, gr��er und dunkler als Horus' Falke, schwarze Ungeheuer mit noch schw�rzeren Augen und gebogenen Schn�beln und einem Gefieder, das dunkel und hart gl�nzte wie geschmiedetes Eisen. Und sie stie�en erbarmungslos auf ihn herab.</p><p>Bast blieb stehen und sah in den Himmel hinauf, w�hrend die drei Tower-Raben den Horus-Falken in St�cke rissen, und erst dann, als endlich Stille war, wandte sie sich endg�ltig um und steuerte ihre Kabine an.</p><p>Jetzt wusste sie, was das Gef�hl der Endg�ltigkeit bedeutet hatte.</p><p>Aber es war gut so.</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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