<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><genre>sf_horror</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Der Hexer von Salem</book-title><annotation><p>Wir schreiben das Jahr 1883. Vor der K�ste Schottlands zerschellt ein Viermaster auf den t�ckischen Riffen. Nur wenige Menschen �berleben die Katastrophe. Unter ihnen ein Mann, der die Schuld an dem Ungl�ck tr�gt. Ein Mann, der gejagt wird von uralten, finsteren G�ttern.</p><p>H.P. Lovecraft, einer der Urv�ter der phantastischen Literatur, schuf mit dem Cthulhu-Mythos ein Universum des Grauens, beherrscht von b�sen Gottheiten, von lebenden Schatten und B�chern, in denen der Wahnsinn nistet.</p><p>Wolfgang Hohlbein, einer der bekanntesten und preisgekr�nten Autoren moderner Phantastik, nahm sich mit seiner Reihe DER HEXER des Nachlasses Lovecrafts an und belebt den Cthulhu-Mythos neu.</p><p>Dieser Band enth�lt die ersten acht Abenteuer des Hexers. Eine in sich geschlossene Saga um einen Mann, der es wagt, den GROSSEN ALTEN zu trotzen - und einen schrecklichen Preis daf�r bezahlen mu�.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Der Hexer von Salem"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-09">09 April 2012</date><id>0B3D67B6-A6F9-4329-AD02-9F79818F391D</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Bastei-L�bbe</publisher><city>La Fleche</city><year>1987</year><isbn>ISBN 3-404-13101-0</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p>Wolfgang Hohlbein</p><empty-line/><p>Der Hexer von Salem</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p>� Copyright 1987 by Bastei-Verlag</p><p>Gustav H. L�bbe GmbH &amp; Co., Bergisch Gladbach</p><p>All rights reserved</p><p>Lektorat: Michael Sch�nenbr�cher</p><p>Titelillustration: Les Edwards</p><p>Umschlaggestaltung: Quadro Grafik, Bensberg</p><p>Druck und Verarbeitung:</p><p>Brodard &amp; Taupin, La Fleche, Frankreich</p><p>ISBN 3-404-13101-0</p><p>Printed in France</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Coverr�ckseite </strong></p><empty-line/><p>Wir schreiben das Jahr 1883. Vor der K�ste Schottlands zerschellt ein Viermaster auf den t�ckischen Riffen. Nur wenige Menschen �berleben die Katastrophe. Unter ihnen ein Mann, der die Schuld an dem Ungl�ck tr�gt. Ein Mann, der gejagt wird von uralten, finsteren G�ttern.</p><p>H.P. Lovecraft, einer der Urv�ter der phantastischen Literatur, schuf mit dem Cthulhu-Mythos ein Universum des Grauens, beherrscht von b�sen Gottheiten, von lebenden Schatten und B�chern, in denen der Wahnsinn nistet.</p><p>Wolfgang Hohlbein, einer der bekanntesten und preisgekr�nten Autoren moderner Phantastik, nahm sich mit seiner Reihe DER HEXER des Nachlasses Lovecrafts an und belebt den Cthulhu-Mythos neu.</p><p>Dieser Band enth�lt die ersten acht Abenteuer des Hexers. Eine in sich geschlossene Saga um einen Mann, der es wagt, den GROSSEN ALTEN zu trotzen - und einen schrecklichen Preis daf�r bezahlen mu�.</p><empty-line/><empty-line/><empty-line/><p><strong>Inhalt </strong></p><empty-line/><p>Erstes Buch - Als der Meister starb</p><p>Zweites Buch - Tyrann aus der Tiefe</p><p>Drittes Buch - Die Hexe von Salem</p><p>Viertes Buch - Das Haus am Ende der Zeit</p><p>F�nftes Buch - Im Schatten der Bestie</p><p>Sechstes Buch - B�cher, die der Satan schrieb</p><p>Siebtes Buch - Der Baumd�mon</p><p>Achtes Buch - Tage des Wahnsinns</p></section><section><title><p id="Als_der_Meister_starb">Erstes Buch - Als der Meister starb</p></title><p>Das Meer war glatt wie ein Spiegel. W�hrend der letzten beiden Stunden war Nebel aufgekommen, und im gleichen Ma�e, indem sich die grauen Schwaden zuerst zu wogenden Wolkengebilden und dann zu schweren, tr�ge wie Rauch auf der Wasseroberfl�che liegenden B�nken verdichtet hatten, hatte sich das Meer gegl�ttet. Die Wellen waren flacher geworden, und das rhythmische dumpfe Klatschen, das die Fahrt der LADY OF THE MIST, der �Herrin des Nebels�, w�hrend der letzten vierunddrei�ig Tage wie ein monotoner Chor begleitet hatte, war leiser geworden und schlie�lich ganz verstummt.</p><p>Jetzt lag das Schiff ohne Fahrt auf der Stelle. Die gro�en, an vielen Stellen geflickten Segel hingen schlaff von den Rahen, und an Masten und Tauwerk sammelte sich Feuchtigkeit und lief in kleinen glitzernden Bahnen zu Boden. Es war still, eine unheimliche, an den Nerven zerrende Stille, die mit dem Nebel �ber das Meer herangekrochen war und den schnittigen Viermastsegler einh�llte. Und es war nicht einfach nur die Stille, sondern noch etwas anderes. Ein Gef�hl - ich wei�, da� es sich verr�ckt anh�rt, aber genau das war es, was ich (und wohl auch viele von den anderen) damals empfanden -, als h�tte der Nebel etwas Fremdes und Feindseliges mit sich herangetragen, das nun auf unsichtbaren Spinnenbeinen an Bord der LADY OF THE MIST kroch und sich in unsere Gedanken und Gef�hle schlich.</p><p>Der Nebel hatte das Schiff erreicht und eingeh�llt, und alles, was weiter als zehn oder zw�lf Schritte entfernt war, begann in der dunstigen Feuchtigkeit zu verschwimmen und an Substanz zu verlieren, als w�re es nicht real, sondern nur ein Bild aus einem Traum. Das Knarren und �chzen des Holzes klang ged�mpft, und die Stimmen der Mannschaft wehten wie durch einen dichten, unsichtbaren Schleier zu uns herauf. Das an einer Seite abgerundete Rechteck des Achterdecks erschien mir wie eine winzige, isolierte Insel in einem gewaltigen Ozean aus Grau und erstarrtem Schweigen.</p><p>Und es war kalt. Wir waren am 19. Juni des Jahres 1883 in New York losgesegelt, und wenn ich nicht irgendwo auf dem Atlantik die �bersicht verloren hatte, dann mu�ten wir jetzt den 24. Juli schreiben. Hochsommer, dachte ich. Trotzdem prickelten meine H�nde vor K�lte, und mein Atem erschien als d�nne Dampfwolke vor meinem Gesicht, wenn ich sprach.</p><p>�Warum gehen Sie nicht in die Kabine, Mister Craven?� Die Stimme des Kapit�ns drang wie von weit her in meine Gedanken; ich hatte M�he, sie �berhaupt als menschliche Stimme zu erkennen und darauf zu reagieren.</p><p>�Es ist verdammt kalt hier�, fuhr Bannermann fort, als ich mich endlich zu ihm umwandte und ihn ansah. In seinem dicken schwarzen Mantel und der Pudelm�tze, die er anstelle seiner Kapit�nsm�tze trug, wirkte er wie ein freundlicher Pinguin. Und irgendwie war er das wohl auch: ein kurzbeiniger, gem�tlicher, stets l�chelnder Mann, der viel zu sanft und nachsichtig war, um ein Schiff zu kommandieren. Ich hatte nie mit ihm gesprochen, aber ich hatte den sicheren Eindruck, da� er mehr durch Zufall auf diesen Posten verschlagen worden und nicht sehr gl�cklich damit war.</p><p>�Ich m�chte lieber hierbleiben�, antwortete ich nach einer Weile. �Dieser Nebel bereitet mir Sorgen. Sind Sie sicher, da� wir nicht die Orientierung verlieren oder gegen ein Riff laufen?�</p><p>Bannermann lachte. Er hatte seinen Schal um das Gesicht geschlungen, und seine Stimme klang nur ged�mpft durch die dicke Wolle. Trotzdem sp�rte ich, da� es ein gutm�tiges Lachen war. F�r Bannermann und seine Leute waren Montague und ich nichts als zwei Landratten, die M�he hatten, bei einem Schiff Bug und Heck auseinanderzuhalten. Ich hatte den gr��ten Teil der Reise in seiner N�he verbracht, und wahrscheinlich war ich ihm geh�rig auf die Nerven gefallen. Aber er gab sich wenigstens M�he, sich nichts davon anmerken zu lassen.</p><p>�Wir sind fast drei�ig Seemeilen von der n�chsten K�ste entfernt�, antwortete er. �Dieser Nebel gef�llt mir auch nicht, aber er ist nicht gef�hrlich. Nur l�stig.� Er seufzte, trat an mir vorbei an die Reling und blickte aus zusammengekniffenen Augen in die wogenden grauen Schwaden hinaus. ��u�erst l�stig�, f�gte er hinzu. �Aber mehr auch nicht.�</p><p>Ich schwieg. Es h�tte tausend Fragen gegeben, die ich h�tte stellen k�nnen, aber ich sp�rte, da� er nicht antworten w�rde, und so trat ich nur schweigend neben ihn und blickte wie er aufs Meer hinaus, nach Norden, wo unser Ziel lag. Es war etwas Beunruhigendes an diesem Nebel - wenn man lange genug hineinsah, begann man Gestalten zu erkennen: Gesichter und bizarre, seltsam verzerrte K�rper, substanzlose H�nde, die nach dem Schiff zu greifen schienen. W�re dieser Nebel nicht gekommen, h�tte die LADY OF THE MIST London fahrplanm��ig irgendwann w�hrend des n�chsten Tages erreicht. Jetzt konnte es gut sein, da� wir eine weitere Nacht auf See verbringen mu�ten; vielleicht auch mehr, wenn der Nebel nicht wich.</p><p>Aber ich h�tete mich, irgend etwas von diesen Gedanken auszusprechen. Bannermann h�tte mich wahrscheinlich f�r verr�ckt erkl�rt.</p><p>�Wirklich, Mister Craven�, fuhr Bannermann fort, ohne mich dabei anzusehen. �Sie sollten unter Deck gehen. Sie k�nnen hier sowieso nichts tun - au�er sich einen kr�ftigen Schnupfen einzufangen.� Er schwieg einen Moment und fuhr, leiser und mit deutlich ver�nderter Stimme, fort: �Und es w�re mir lieber, wenn jemand bei Mister Montague ist.� Er sah auf. Zwischen seinen buschigen grauen Brauen grub sich eine tiefe Falte ein. �Wie geht es ihm heute?�</p><p>Ich antwortete nicht sofort. Als ich Montague verlassen hatte - vor nahezu vier Stunden, noch vor Tagesanbruch -, hatte er geschlafen. Er schlief sehr viel, und obwohl sich sein Zustand nicht besserte, wirkte er in den wenigen Stunden, die er wach war und mit mir oder Bannermann reden konnte, �berraschend klar und von scharfem Verstand. Es war etwas Seltsames an diesem Mann.</p><p>�Unver�ndert�, sagte ich nach einer Weile. �Das Fieber steigt nicht weiter, aber es geht auch nicht zur�ck. Es wird Zeit, da� wir ihn zu einem guten Arzt bringen.�</p><p>Bannermann nickte. �Ich lasse s�mtliche Segel setzen, sobald dieser verfluchte Nebel gewichen ist. In vierundzwanzig Stunden sind wir in London, und eine Stunde sp�ter ist er in einer Klinik.� Er l�chelte mit einem Optimismus, den keiner von uns beiden wirklich noch empfand. �Sie werden sehen�, f�gte er hinzu, �da� er in einer Woche wieder auf den Beinen und guter Dinge ist.�</p><p>Er l�chelte abermals, drehte sich mit einem Ruck um und bildete mit den H�nden einen Trichter vor dem Mund, um irgendein Kommando �ber das Deck zu br�llen. Hoch oben in der Takelage reagierten ein paar seiner Matrosen darauf und begannen emsig hin und her zu kriechen. Ich wu�te nicht, was sie taten, und es interessierte mich auch nicht. Die LADY OF THE MIST war das erste Schiff, auf das ich in meinem Leben einen Fu� gesetzt hatte, und es w�rde wahrscheinlich auch das letzte sein. Ich habe Schiffe nie gemocht, und das Meer mit seiner Weite und Einsamkeit fl��te mir Furcht ein. Sicher - ich war dreitausend Meilen von meiner Heimat entfernt, und die einzige M�glichkeit, jemals dorthin zur�ckzukehren, war nun einmal ein Schiff. Aber ich war mir noch gar nicht so sicher, ob ich jemals wirklich nach Amerika zur�ckkehren w�rde.</p><p>Ich verdr�ngte den Gedanken, sah Bannermann noch eine Zeitlang zu, wie er seine Matrosen �ber das Deck scheuchte, und wandte mich dann um. Die K�lte begann allm�hlich mehr als nur unangenehm zu werden, und ich versp�rte ein verr�terisches Kratzen im Hals. Bannermann hatte wohl recht - ich w�rde mich nur erk�lten, wenn ich l�nger an Deck blieb. Aber unsere Kaj�te war geheizt, und ein kr�ftiger Grog w�rde den Rest besorgen.</p><p>Die ausgetretenen Stufen knarrten h�rbar unter meinem Gewicht, als ich die kurze Holztreppe zum Deck hinabging. Das Ger�usch erschien seltsam ged�mpft, und wieder fiel mir die sonderbare Stille auf, die sich �ber dem Schiff ausgebreitet hatte. Ich blieb stehen, nickte einem vor�bereilenden Matrosen gr��end zu und trat - ohne eigentlich so recht zu wissen, warum - abermals an die Reling.</p><p>Das Meer war verschwunden. Die verkrustete Bordwand der LADY OF THE MIST schien anderthalb Meter unter mir in einer grauen Wolkenmasse zu verschwinden, und ein seltsamer, nicht einmal direkt unangenehmer Geruch wehte von der Wasseroberfl�che herauf. Nicht der Salzwasseratem des Meeres, den ich nach f�nfunddrei�ig Tagen schon gar nicht mehr bewu�t wahrnahm, sondern etwas anderes, vollkommen Fremdes. Ich legte die H�nde auf die Reling, beugte mich vor und versuchte, wenigstens einen Schimmer der Wasseroberfl�che zu sehen, aber der Nebel war zu dicht. Es war absurd: das Schiff hie� LADY OF THE MIST - <emphasis>Herrin des Nebels - </emphasis>aber im Moment war es seine Gefangene.</p><p>Als ich mich umwandte, glaubte ich eine Bewegung zu erkennen: Ein kurzes, rasches Zucken, als griffe etwas ungeheuer Gro�es und Massiges aus der grauen Masse, etwas, das gr�n und glitzernd und mit winzigen schillernden Schuppen bedeckt war. Ich erstarrte. Von einer Sekunde auf die andere begann mein Herz zu h�mmern, so rasch, wie mir trotz der K�lte der Schwei� ausbrach. Die Erscheinung verging so schnell, wie sie gekommen war, und ich war mir nicht einmal sicher, ob ich es wirklich gesehen hatte, oder ob mir meine �berreizten Nerven nur einen Streich spielten.</p><p>Und trotzdem versp�rte ich in diesem Moment eine Furcht, wie ich sie noch nie in meinem Leben gef�hlt hatte.</p><p>Meine H�nde zitterten noch immer, als ich die niedrige T�r im Achteraufbau �ffnete und zu unserer Kaj�te hinabstieg.</p><empty-line/><p>Das Zimmer war still. Vor den Fenstern lagen schwere h�lzerne L�den und sperrten das Sonnenlicht aus, und das Feuer, das im Kamin loderte, verbreitete zwar eine erstickende trockene W�rme, aber seltsamerweise kaum Licht. Trotzdem war es nicht dunkel. Ein unwirklicher gr�ner Schein lag in der Luft; Helligkeit, die aus keiner bestimmten Quelle, sondern aus dem Nirgendwo zu kommen schien, und in das Knacken und Prasseln des Feuers mischte sich ein dumpfes, geisterhaftes Wispern, ein Ger�usch wie der Laut einer fernen Meeresbrandung, nur anders, auf unbestimmte Weise drohender und33 durchdringender. <emphasis>Feindselig.</emphasis></p><p>Vier Menschen hielten sich in dem kleinen Raum auf. Es waren eine Frau, zwei M�nner und eine grauhaarige, in Lumpen geh�llte Gestalt, deren Geschlecht nicht eindeutig zu erkennen war. Das Gesicht unter der tief in die Stirn gezogenen Kapuze war ein Labyrinth grauer Schatten und tief eingegrabener Furchen und Runzeln, und das sack�hnliche Gewand verh�llte den K�rper vollkommen. Das einzige, was an der Gestalt zu leben schien, waren die Augen. Es waren grausame Augen; schmal, dunkel, beinahe ohne Pupillen, und von einem diabolischen Feuer erf�llt.</p><p>�Sie kommen�, sagte die Frau. Sie sa� - wie die drei anderen - starr und fast unnat�rlich ruhig hinter dem runden Tisch, der mit den vier St�hlen und dem Kamin die gesamte Einrichtung des Zimmers bildete.</p><p>�Wie viele?� fragte einer der M�nner.</p><p>Es dauerte einen Moment, ehe die Frau antwortete. Ihre Augen waren weit ge�ffnet, aber einem aufmerksamen Beobachter w�re aufgefallen, da� sie nicht blinzelte. Und ihr Blick schien ins Leere zu gehen.</p><p>�Zu viele�, sagte sie nach einer Weile. �Hunderte. Ich ... kann keine Einzelheiten erkennen. Aber sie hassen.�</p><p>�Sie hassen.� Die grauhaarige Gestalt regte sich, und jetzt, als sie sprach, konnte man h�ren, da� es eine Greisin war. Eine d�rre, fast bis auf den Knochen abgemagerte Hand tauchte unter den Lumpen ihres Gewandes auf, legte sich auf die Tischplatte und kroch wie eine fleckige, f�nfbeinige Spinne auf die Frau zu. Das Gesicht der Frau zuckte, als die Hand die ihre ber�hrte, und die widerstand im letzten Moment der Versuchung, den Arm zur�ckzuziehen.</p><p>�Sie hassen�, wiederholte die Alte.</p><p>�Uns?�</p><p>Die Frau nickte. �Ja. Aber ich wei�, was du sagen willst. Es geht nicht. Wir k�nnen ihren Ha� nicht umdrehen, um ihn f�r uns zu nutzen. Er ist zu stark. Jemand ... lenkt sie.�</p><p>Wieder senkte sich Schweigen �ber den Raum, nur das unwirkliche Wispern der Geisterstimmen wurde ein wenig st�rker. Das gr�ne Licht begann zu flackern, und der Schein des Feuers im Kamin breitete sich wie Blut im Zimmer aus und verwandelte die Gesichter der vier Menschen in teuflische Grimassen.</p><p>�Dann m�ssen wir fliehen�, sagte die Alte schlie�lich.</p><p>�Es ist zu sp�t�, wisperte die Frau. Ihre Lippen bewegten sich kaum noch beim Sprechen, und auf ihrer Stirn perlte Schwei�. �Sie sind ... schon zu nahe. Und sie kommen von �berallher. Sie sind fast hier.� Ihre Stimme begann zu beben, und ein ganz schwacher Unterton von Hysterie schwang in ihren Worten mit, als sie weitersprach. �Sie ... haben Waffen dabei. Und Fackeln. Sie ... werden ein Pogrom veranstalten.�</p><p>Einer der beiden M�nner stand auf; so heftig, da� sein Stuhl nach hinten kippte und auf dem Boden zerbrach. �Warum sitzen wir dann noch hier herum?� schrie er. �Wir m�ssen die anderen warnen und den Widerstand organisieren! Sie sollen nur kommen, diese ...�</p><p>�Du bist ein Narr, Quenton�, unterbrach ihn die Greisin. Ihre Stimme klang kalt, als interessiere sie das, was sie soeben geh�rt hatte, gar nicht. �Du willst k�mpfen?� Sie lachte, wandte den Kopf und deutete mit ihrer d�rren Hand auf die T�r. �Dann geh. Geh und k�mpfe! Es sind Hunderte, und wir sind kaum vierzig. Oder flieh, wenn du den Rest deines Lebens damit verbringen willst dich wie ein Tier zu verkriechen.�</p><p>Quenton starrte die Alte einen Atemzug lang mit verbissener Wut an. �Und was sollen wir tun, deiner Meinung nach?� fragte er gepre�t. �Hier sitzen bleiben und uns abschlachten lassen wie Mastvieh? Da sterbe ich lieber mit der Waffe in der Hand.�</p><p>�Wir k�nnen gar nichts mehr tun�, erwiderte die Alte ruhig. �Wir h�tten etwas tun k�nnen, als wir Verdacht sch�pften, da� Roderick uns hintergeht. Jetzt ist es zu sp�t.�</p><p>�Roderick!� Quenton gab ein unartikuliertes Ger�usch von sich und ballte die Faust. �Du bist besessen von deinem Ha� gegen Roderick. Er ist fort, und was jetzt geschieht, hat nichts mit ihm zu tun.�</p><p>�Narr�, sagte die Alte. �Es hat <emphasis>alles </emphasis>mit ihm zu tun. Warum, glaubst du, sind diese M�nner und Frauen auf dem Weg hierher?� Sie deutete mit einer zornigen Kopfbewegung auf die T�r. �Sie kommen, weil <emphasis>er </emphasis>es will, Quenton. <emphasis>Er </emphasis>ist es, der sie schickt - und sie merken es nicht einmal.�</p><p>In Quentons Gesicht arbeitete es. Seine Kn�chel knackten h�rbar, als er in hilflosem Zorn die F�uste ballte. �Selbst wenn es so w�re�, sagte er schlie�lich, �ist das kein Grund f�r uns, hierzubleiben.� Er starrte die Alte an und schob kampflustig das Kinn vor. �Ihr k�nnt ja warten, bis sie kommen�, sagte er. �Ich gehe jetzt jedenfalls und hole mein Gewehr. Und ich werde jeden erschie�en, der es wagt, auch nur einen Fu� in die Stadt zu setzen.�</p><p>Die j�ngere Frau wollte etwas sagen, aber die Alte legte ihr rasch die Hand auf den Unterarm und dr�ckte zu. Die Frau schwieg.</p><p>Quenton blickte noch einmal kampflustig in die Runde, fuhr auf dem Absatz herum und st�rmte aus dem Haus. Die T�r fiel mit lautem Krachen hinter ihm ins Schlo�.</p><p>�Dieser Narr�, sagte die Alte leise. �Er hat nichts begriffen. Sie werden ihn t�ten.�</p><p>�Sie werden auch uns t�ten, wenn wir hierbleiben, Andara�, wandte der andere Mann ein. Er war j�nger als Quenton, und in seinem Gesicht fehlte die H�rte, die das Quentons von denen der anderen unterschied.</p><p>Die grauh�utige Alte nickte. Die Bewegung wirkte abgehackt und lie� ihre Kleider rascheln. Eine Str�hne ihres farblosen, br�chigen Haares glitt unter ihrer Kapuze hervor und fiel ihr ins Gesicht. Sie wischte sie mit einer unwilligen Bewegung beiseite. �Das mag sein�, sagte sie. �Aber vielleicht ist unser Tod nicht so sinnlos wie es scheint, wenn wir zuvor beenden, was wir angefangen haben.� Sie hob den Kopf und blickte die j�ngere Frau aus ihren brennenden dunklen Augen an. �Fahre fort, Lyssa�, sagte sie.</p><p>Lyssa z�gerte. �Wir sind nur noch drei�, sagte sie. �Ohne Quenton -�</p><p>�Drei sind genug�, unterbrach sie Andara ungeduldig. �Quenton hat niemals wirklich zu uns geh�rt.�</p><p>�Aber er besitzt die <emphasis>Macht.�</emphasis></p><p>�Macht?� Andara lachte meckernd. �Was wei�t du von der <emphasis>Macht, </emphasis>du dummes Kind? Viele von uns besitzen sie, nicht nur du und ich und� - sie wies auf den jungen Mann an Lyssas Seite - �Lennard. Auch Roderick besitzt sie, vielleicht mehr als alle zusammen. Aber was nutzt die <emphasis>Macht, </emphasis>wenn man sie nicht einzusetzen vermag?� Sie kicherte. �Was hilft einem Grizzly seine Kraft gegen die Verschlagenheit der J�ger, in deren Falle er tappt?� Sie sch�ttelte abermals den Kopf und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. �Drei sind genug�, wiederholte sie, und diesmal klangen die Worte wie ein Befehl. �Fahre fort.�</p><p>Lyssa nickte. Der Blick ihrer gro�en, wasserklaren Augen heftete sich auf das geschlossene Fenster, und Andara erkannte deutlich die Furcht darin.</p><p>�Verzweifle nicht, Kind�, sagte sie mit einer Sanftheit, die keiner der anderen ihr zugetraut h�tte. �Vielleicht werden wir sterben, aber der Tod ist nicht das, wof�r ihn die meisten halten.� Sie l�chelte geheimnisvoll und sagte noch einmal: �Fahre fort.�</p><p>Das M�dchen gehorchte. Ihre Augen blieben weiter ge�ffnet, aber ihr Blick wurde wieder leer, und ihre H�nde, die bisher nerv�s an einem Zipfel ihres einfachen braunen Kattunkleides gespielt hatten, waren mit einemmal ganz ruhig.</p><p>Von drau�en drangen ged�mpfte Stimmen in den Raum, dann das Trappeln von Schritten, T�renschlagen und Hundegebell. Ein Pferd wieherte schrill, dann knallte eine Peitsche, und eine zornige Stimme begann zu fluchen.</p><p>Aber Lyssa schien von alledem nichts zu merken. Starr und wie gel�hmt hockte sie auf ihrem Schemel, ohne die geringste Bewegung, ohne mit den Lidern zu zucken, ja, selbst ohne zu atmen.</p><p>�Sp�rst du ihn?� fragte Andara nach einer Weile. �Sp�rst du seine N�he? <emphasis>H�rt er unseren Ruf?�</emphasis></p><p>Lyssa nickte. Ihr Blick flackerte, wurde f�r eine halbe Sekunde klar und verschleierte sich sofort wieder. Auf ihrer Stirn lag kalter, klebriger Schwei�.</p><p>�Ich f�hle ihn�, fl�sterte sie. �Er ... hat deinen Ruf geh�rt, Andara. Und er wird ... ihm folgen.� Sie schluckte. Ihre Stimme wurde br�chig und klang pl�tzlich wie die einer alten Frau. �Yog -�</p><p><emphasis>�Sprich diesen Namen nicht aus!� </emphasis>Andara hob erschrocken die Hand und ber�hrte die des M�dchens. Die Stimmen, die durch die geschlossenen L�den in den Raum drangen, wurden lauter, und pl�tzlich zerri� der peitschende Knall eines Schusses die Stille. Ein gellender Schrei antwortete wie ein bizarres Echo darauf.</p><p>�Sprich ihn nicht aus�, murmelte Andara noch einmal. �Es ist den Sterblichen verboten, seinen Namen zu benutzen. Es reicht, wenn er wei�, da� wir ihn rufen.�</p><p>�Er wei� es�, antwortete Lyssa m�hsam. �Und er ... wird tun, was ... du verlangst.�</p><p>Andara antwortete nicht mehr. Ihr Gesicht war wieder zu einer Maske der Unber�hrbarkeit und des Alters erstarrt, und ihre H�nde, die nebeneinander auf der Tischplatte lagen, als warteten sie nur darauf, zum Gebet gefaltet zu werden, sahen mehr denn je wie die einer Toten aus.</p><p>Nur in ihren Augen glomm ein b�ses, b�ses L�cheln auf ...</p><empty-line/><p>Die Kabine war dunkel und eng, und die Luft roch schlecht; wie es eben in einem fensterlosen Raum riecht, der viel zu klein f�r zwei Menschen ist und in dem zudem noch seit ann�hernd f�nf Wochen ein Kranker liegt. Eine winzige, ru�ende Petroleumlampe schaukelte an einem Draht unter der Decke, und Bannermann hatte - f�rsorglich, wie er nun einmal war - einen kleinen Tonkrug mit wohlriechenden Kr�utern, den er wei� Gott wo aufgetrieben haben mochte, auf das schmale Wandregal neben der T�r stellen lassen. Aber auch er vermochte den muffigen Geruch, der sich in den W�nden eingenistet hatte, nicht vollends zu vertreiben. Wie fast immer, wenn ich hier herunter kam, hatte ich das Gef�hl, nicht mehr richtig atmen zu k�nnen.</p><p>Und wie immer, wenn ich diesen Gedanken dachte, �berfiel mich fast sofort ein schlechtes Gewissen. Montague konnte nichts daf�r, da� er krank war. Und er war sehr gut zu mir gewesen, obwohl ich es nun wirklich nicht verdient hatte.</p><p>Leise trat ich an das schmale, an der Wand verschraubte Bett, beugte mich �ber den Schlafenden und betrachtete sein Gesicht. Es hatte sich nicht ver�ndert, weder zum Guten noch zum Schlechten. Seine Wangen waren noch immer grau und eingefallen, und unter den gro�en, in den letzten Tagen vom Fieber tr�be gewordenen Augen lagen tiefe schwarze Ringe. Und es faszinierte mich noch immer so wie beim ersten Mal, als ich es gesehen hatte.</p><p>Ich erinnerte mich gut an jenen Tag, an jede Minute und jedes Wort, ja, jeden Blick, den er mir bei unserem ersten Zusammentreffen zugeworfen hatte, obwohl seither mehr als sechs Monate vergangen und so viel geschehen war. Ich war damals ein anderer, und das meine ich ganz genau so, wie ich es sage. Bannermann und seine Matrosen h�tten den Mann, der ich damals gewesen war, nicht einmal erkannt, wenn er pl�tzlich neben mir gestanden h�tte. Ich war vierundzwanzig, arm und abenteuerlustig (was nichts anderes bedeutete, als da� ich die H�lfte der acht Jahre, die ich in New York gelebt habe, in den dortigen Gef�ngnissen verbrachte), und lebte von Gelegenheitsarbeiten. Jedermann, der das New Yorker Hafenviertel kennt, wei�, was das bedeutet - n�mlich, da� ich auch ab und zu einen ahnungslosen Fremden, der sich nach Dunkelwerden in diese Gegend verirrte, um Geldb�rse und Schmuck erleichterte. Nicht, da� es mir Spa� gemacht h�tte: ich bin nicht kriminell, und Gewalt ist mir zuwider. Aber es gibt einen Teufelskreis in den gro�en St�dten an der Ostk�ste, aus dem man nicht mehr herausfindet. Als ich nach New York kam, war ich sechzehn und hatte au�er den sechsundneunzig Einwohnern von Walnut Falls, dem Kaff, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, noch keine Menschenseele gesehen. Die Tante, bei der ich gro� geworden bin (es war nicht wirklich meine Tante, sondern einfach eine grundg�tige Frau mit einem gro�en Herzen, die sich meiner annahm, nachdem meine Eltern mich bereits als S�ugling ausgesetzt hatten), war gestorben, und ihre gesamte Hinterlassenschaft bestand aus sieben Dollar, einem winzigen silbernen Kreuz an einer Kette - und einer Fahrkarte nach New York. In dem Brief, den sie ihrem Testament beif�gte, erkl�rte sie mir, da� sie hoffte, ich w�rde in der gro�en Stadt mein Gl�ck machen und ein anst�ndiger Bursche werden.</p><p>Gute Tante Maude! Sie mochte die liebenswerteste Frau sein, die jemals gelebt hat, aber von den Menschen verstand sie nichts. Vielleicht wollte sie auch einfach nicht glauben, da� die Welt schlecht ist.</p><p>Aber sie ist es, und ich brauchte nur ein paar Tage, um es herauszufinden. Die sieben Dollar waren bald aufgebraucht. F�r einen Burschen vom Lande wie mich gab es in der Stadt kaum eine Arbeit, und schlie�lich blieb mir nichts anderes �brig, als zu stehlen und mich einer der Jugendbanden anzuschlie�en, deren Revier die Hafenbezirke der Stadt waren. Ich schlief an den Kais, arbeitete, wenn ich etwas fand, und stahl, wenn ich nichts fand. Jetzt, im nachhinein, ist es mir ein R�tsel, wie es mir gelungen ist - aber irgendwie konnte ich mich w�hrend der gesamten acht Jahre meiner zweifelhaften Karriere von allen wirklich schweren Verbrechen fernhalten; wenn meine Kameraden einen gr��eren Einbruch begingen oder gar ein Mord geschah (auch das kam vor), war ich nie dabei.</p><p>Und trotzdem w�re ich wahrscheinlich �ber kurz oder lang in einem Zuchthaus oder am Galgen gelandet - wenn ich nicht Randolph Montague getroffen h�tte.</p><p>Randolph Montague, der <emphasis>Hexer. </emphasis>Ich habe erst sp�ter erfahren, da� man ihn so nennt. Als ich ihn das erste Mal traf, stand er mit dem R�cken zu mir, in einer l�ssigen Pose, die seiner eleganten Kleidung und seiner distinguierten Erscheinung widersprach, gegen den Pfahl einer Gaslaterne gelehnt und eine seiner d�nnen schwarzen Zigarren im Mundwinkel. Und ich lag zwei Schritte hinter ihm im Schmutz einer M�lltonne im Dreck und �berlegte, wie ich ihn am sichersten bewu�tlos schlagen konnte, um ihm die Geldb�rse abzunehmen. Ich wunderte mich ein wenig, was ein Mann wie er kurz nach Mitternacht in einer so verrufenen Gegend verloren haben mochte, noch dazu allein und offensichtlich unbewaffnet. Er w�re nicht der erste Fremde, der aus falsch verstandener Abenteuerlust alle guten Ratschl�ge in den Wind schlug und nach Dunkelwerden hier herunter zum Hafen kam, um sp�ter auf irgendeiner Cocktailparty erz�hlen zu k�nnen, wie mutig er doch war. Nun, er w�rde sich wundern, wenn er am n�chsten Morgen mit brummendem Sch�del und leerer Brieftasche aufwachte.</p><p>Vorsichtig richtete ich mich hinter meiner Deckung auf, sp�hte sichernd die Stra�e hinab und packte den Sandsack, den ich ihm �ber den Sch�del zu ziehen gedachte, etwas fester. Der Fremde regte sich nicht, sondern paffte weiter an seiner Zigarre und schien darauf zu warten, da� ihm der Himmel auf den Kopf fiel (was er gleich tun w�rde). Aber ich blieb weiter reglos hocken und wartete. Ich hatte Zeit; die Streife war erst in gut zwei Stunden f�llig, und kein Mensch, der seine f�nf Sinne beisammen hat und diese Gegend kannte, h�tte sich nach Dunkelwerden hierher getraut. Ich beobachtete ihn fast eine Viertelstunde, ohne da� er sich bewegt h�tte. Schlie�lich schnippte er seine Zigarre fort, nahm eine neue aus einem schmalen, silbernen Etui, das er in der Westentasche trug - ich registrierte es genau und f�gte der Liste der Dinge, die ich am n�chsten Morgen meinem Hehler bringen w�rde, einen weiteren Posten hinzu -, und ri� ein Streichholz an.</p><p>Und genau in diesem Moment sprang ich vor.</p><p>Ich wei� bis heute nicht, wie er es gemacht hat. Eigentlich wei� ich nicht einmal sicher, <emphasis>was </emphasis>er gemacht hat; der Abstand zwischen ihm und mir betrug nicht einmal ganz zwei Schritte, und ich bin sicher, da� ich nicht den geringsten Laut verursacht hatte. Wenn man acht Jahre in den Slums von New York �berlebt hat, dann hat man gelernt, sich wie eine Katze zu bewegen - aber das n�chste, woran ich mich erinnere, ist, da� ich auf dem R�cken lag, nach Luft schnappte und auf die Klinge des Degens starrte, die Montague mir gegen die Kehle hielt. Und dabei l�chelte er immer noch und paffte an seiner Zigarre, als w�re nichts geschehen.</p><p>Er h�tte mich ins Zuchthaus bringen k�nnen, damals. Die Gerichte in den Staaten sind verdammt kleinlich - ein sandgef�llter Strumpf wie der, den ich bei mir hatte, gilt mit etwas Pech und einem Richter, der Zahnschmerzen und eine grantige Frau zu Hause hat, bereits als t�dliche Waffe, und mein �berfall h�tte mir im besten Fall f�nf Jahre (und im schlechtesten f�nfundzwanzig) eingebracht, h�tte Montague mich der Polizei ausgeliefert. Er h�tte mich auch auf der Stelle t�ten k�nnen; niemand h�tte auch nur eine mi�trauische Frage gestellt.</p><p>Aber er tat nichts dergleichen, sondern steckte im Gegenteil seinen Degen ein, half mir auf die F��e - und bot mir mit dem freundlichsten L�cheln der Welt eine Zigarre an.</p><p>�Sie haben ziemlich lange gebraucht, um sich zu Ihrem Entschlu� durchzuringen, junger Mann�, sagte er. Es waren die ersten Worte, die er zu mir sprach, und ich werde sie niemals vergessen. Er hatte <emphasis>gewu�t, </emphasis>da� ich hinter ihm auf der Lauer lag, die ganze Zeit �ber, und er hatte nicht den geringsten Versuch gemacht, mich daran zu hindern. Ich ignorierte die Zigarre, die er mir anbot; weniger, weil ich sie nicht mochte, als vielmehr, weil ich viel zu perplex war, um �berhaupt einen klaren Gedanken fassen zu k�nnen, aber Montague grinste mich weiter an und fragte mich auf seine schon fast �bertrieben h�fliche Art, ob ich ihm zu seinem Wagen folgen w�rde.</p><p>Er brachte mich in ein Lokal - einen dieser piekfeinen teuren Schuppen, in denen ein halbes Dutzend Kellner in gest�rkten Hemden herumschwirren und ein Glas Wein soviel kostet, wie unsereins in einer Woche verdient - und wir redeten. Zuerst sprach er, aber nach und nach brachte er mich dazu, von mir zu erz�hlen: von meiner Jugend, dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, Tante Maude, meinem Leben hier in New York - alles. Ich dachte damals, es w�re der ungewohnte Champagner, der meine Zunge l�ste, aber heute bin ich mir sicher, da� es nur an ihm lag. Ich wei� nicht wie, aber Montague brachte mich dazu, ihm mehr �ber mich zu erz�hlen als jemals einem anderen Menschen zuvor. Wir unterhielten uns die ganze Nacht, und als uns der Oberkellner schlie�lich hinauskomplimentierte, ging drau�en bereits die Sonne auf.</p><p>Zum Abschied schenkte mir Montague dann sein silbernes Zigarrenetui und f�nfzig Dollar.</p><p>Ich habe die Geschichte keinem erz�hlt - es h�tte mir sowieso niemand geglaubt -, und nach ein paar Wochen begann ich den merkw�rdigen Fremden zu vergessen.</p><p>Aber viereinhalb Monate sp�ter war er wieder da, und diesmal suchte <emphasis>er </emphasis>mich.</p><p>Er war ver�ndert. Der Streifen wei�en Haares �ber seinem rechten Auge war breiter geworden, und in seinem Blick lag ein gehetzter, fast angstvoller Ausdruck, den ich nur zu gut kannte. Er wirkte um Jahre �lter als in jener Nacht, in der ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte.</p><p>Was er von mir wollte, war so einfach wie unglaublich: Mich. Er erz�hlte, da� er Amerika verlassen und nach England gehen w�rde, und er bat mich, ihn zu begleiten, offiziell als sein Sekret�r, in Wirklichkeit als eine Art M�dchen f�r alles: Butler, Koch, Kutscher - und Leibw�chter. Der letzte Teil seiner Er�ffnung �berraschte mich kaum noch. Ich habe den Ausdruck, der damals in seinen Augen stand, oft genug gesehen, um zu wissen, was in Randolph Montague vorging.</p><p>Er hatte Angst. Panische Angst.</p><p>Ich habe ihn nie gefragt, vor wem er davonlief, weder damals noch w�hrend der �berfahrt. Aber ich sagte zu. New York hat mir nie gefallen, und ich stehe auf dem Standpunkt, da� mir Amerika mehr genommen als gegeben hat - die f�nfundzwanzig besten Jahre meines Lebens n�mlich, die ich in Armut und Not verbracht hatte - und der Gedanke, auf diese Weise vielleicht eine zweite Chance zu bekommen und auf dem Kontinent noch einmal neu anfangen zu k�nnen, erschien mir verlockend.</p><p>Noch am gleichen Abend gingen wir an Bord des Schiffes, und als die Sonne am n�chsten Morgen aufging, waren wir bereits f�nfzig Meilen weit drau�en auf See ...</p><p>Ein leises, m�hevolles St�hnen drang in meine Gedanken. Ich fuhr hoch, stand mit einer fast schuldbewu�ten Bewegung auf und beugte mich erneut �ber das Bett. Montagues Lider zitterten, aber er schien das Bewu�tsein nicht zur�ckzuerlangen. Seine Haut gl�nzte fiebrig, und die H�nde unter der d�nnen Decke bewegten sich unabl�ssig, als wollten sie etwas packen.</p><p>Ein seltsames Gef�hl von Hilflosigkeit �berkam mich. Montague war in mein Leben gekommen wie der M�rchenprinz in das Aschenputtels; er hatte mich im wahrsten Sinne des Wortes aus der Gosse aufgelesen, mir anst�ndige Kleider gegeben und versucht, das aus mir zu machen, was Tante Maude als einen �anst�ndigen Burschen� bezeichnet h�tte. Alles, was er daf�r verlangte, war meine Hilfe. Und ich konnte nichts f�r ihn tun. Gar nichts. Selbst das Chinin - das einzige Medikament, �ber das die Bordapotheke der LADY OF THE MIST verf�gte - hatte sein Fieber nicht senken k�nnen.</p><p>Ich schluckte ein paarmal, um den �blen Geschmack, der sich auf meiner Zunge eingenistet hatte, loszuwerden, nahm den Wasserkrug vom Regal und befeuchtete ein Tuch, um seine Stirn zu k�hlen. Es war nicht mehr als eine Geste, aber die Vorstellung, einfach unt�tig an seinem Bett zu sitzen und zuzusehen, wie er litt, war mir unertr�glich.</p><p>Er erwachte, als ich das Tuch auf seine Stirn legte. Seine Haut war hei�; ich erschrak, als ich sie ber�hrte.</p><p>�Robert?� Er �ffnete die Augen, aber sein Blick war verschleiert, und ich hatte das sichere Gef�hl, da� er mich nicht erkannte. Ich nickte, ergriff seine Hand und dr�ckte sie leicht.</p><p>�Ja, Mister Montague�, antwortete ich. �Ich bin es. Es ist alles in Ordnung.�</p><p>�In ... Ordnung�, wiederholte er halblaut. Seine Stimme klang br�chig wie die eines Greises, und sein Atem roch schlecht. Er schwieg einen Moment, schlo� die Augen und hob dann mit einem Ruck wieder die Lider. Diesmal war sein Blick klar.</p><p>�Wo sind wir?� fragte er. Er versuchte sich aufzusetzen, aber ich dr�ckte ihn mit sanfter Gewalt auf das Kissen zur�ck. �Sind wir in ... England?�</p><p>�Fast�, antwortete ich. �Es ist nicht mehr weit.�</p><p>Er starrte mich an, schlo� abermals die Augen und lauschte. �Das Schiff macht keine Fahrt�, sagte er nach einer Weile. �Ich dachte, wir ... wir w�ren in London.�</p><p>�Es ist nicht mehr weit�, wiederholte ich. �Wir liegen im Moment fest, aber sobald der Nebel sich gelichtet hat, segeln wir weiter. Morgen abend erreichen wir London. Dann bringe ich Sie zu einem guten Arzt.�</p><p>�Nebel?� Montague �ffnete abermals die Augen, blickte mich einen Moment lang irritiert an und setzte sich halb auf. Diesmal lie� ich es zu. �Sagtest du Nebel?�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Was ist das f�r ein Nebel?� fragte er. Seine Stimme klang alarmiert, und in seinen Augen glomm ein Ausdruck auf, der mir ganz und gar nicht gefiel. F�r einen winzigen Moment blitzte vor meinem inneren Auge noch einmal das schuppige, gr�ne Ding auf, das ich zu sehen geglaubt hatte, drau�en an Deck, und f�r die Dauer eines Atemzuges versp�rte ich noch einmal einen Hauch jener abgrundtiefen Furcht, die die Halluzination in mir ausgel�st hatte.</p><p>Aber ich verscheuchte den Gedanken hastig und versuchte, meiner Stimme einen m�glichst beil�ufigen Klang zu geben, als ich antwortete: �Nichts Besonderes, Mister Montague. Nebel eben. Bannermann sagt, da� das hier in der Gegend ganz normal ist.� Das war glattweg gelogen, aber ich wollte ihn nicht beunruhigen. Es reichte vollkommen, wenn <emphasis>ich </emphasis>anfing, Gespenster zu sehen.</p><p>�Nebel�, murmelte Montague. Er hob den Kopf und sah zur Decke, und ich hatte das bedr�ckende Gef�hl, da� sein Blick geradewegs durch das massive Holz hindurchging. �Was ist das f�r ein Nebel?� fragte er noch einmal. �Wann ist er aufgekommen? Ist etwas Besonderes an ihm?�</p><p>�Heute morgen�, antwortete ich verwirrt. Ich begriff nicht, worauf er mit seinen Fragen hinauswollte und begann mich insgeheim zu fragen, ob das Fieber bereits seinen Verstand zu umnebeln begann. �Und mir ist nichts Besonderes an ihm aufgefallen. Au�er, da� er sehr dicht zu sein scheint.�</p><p>Ein leiser Schauer �berfiel mich. Es <emphasis>war </emphasis>etwas Besonderes an diesem Nebel, und ich war pl�tzlich gar nicht mehr so sicher, da� ich mir das Ding dort drau�en wirklich nur eingebildet hatte. Trotzdem sch�ttelte ich den Kopf. �Es wird alles gut, Mister Montague. Morgen um diese Zeit sind wir in London, und wenn Sie erst einmal wieder festen Boden unter den F��en haben, werden Sie schnell gesund.�</p><p>Ich versuchte zu l�cheln. �Mich macht diese endlose Reise auch ganz krank. Ich ...�</p><p>Seine Hand zuckte unter der Decke hervor und krallte sich in meinen Arm, so fest, da� ich um ein Haar vor Schmerz aufgeschrien h�tte. �Der Nebel, Robert!� keuchte er. �Ich mu� alles �ber ihn wissen! Wann ist er aufgekommen, und aus welcher Richtung? Bewegt er sich? Bewegt sich etwas <emphasis>in </emphasis>ihm?�</p><p>Diesmal gelang es mir nicht mehr ganz, mein Erschrecken zu verbergen. �Ich ...�</p><p>�Du hast etwas gesehen�, keuchte Montague. �Bitte, Robert, es ist wichtig, f�r uns alle, nicht nur f�r mich. Du hast etwas gesehen, nicht wahr?�</p><p>Ich versuchte meinen Arm loszumachen, aber Montague entwickelte erstaunliche Kr�fte. Sein Griff verst�rkte sich eher noch.</p><p>�Ich ... bin nicht sicher�, antwortete ich. �Wahrscheinlich war es nur Einbildung. Diese verdammte Seefahrerei macht uns ja alle krank. Wer nach f�nfunddrei�ig Tagen auf diesem Seelenverk�ufer nicht anf�ngt, Gespenster zu sehen, der ist sowieso verr�ckt.�</p><p>Montague ignorierte meine Worte. �Was hast du gesehen?� fragte er. �Erz�hle es mir. Genau!�</p><p>Ich z�gerte noch immer, aber pl�tzlich war es wie damals, in jener ersten Nacht - es war etwas in seinem Blick, das mich einfach zwang, zu reden.</p><p>�Ich ... wei� es selbst nicht genau�, sagte ich stockend. Meine eigene Stimme kam mir wie die eines Fremden vor. �Es war ... nur ein Schatten. Etwas ... Gro�es und ... Gr�nes. Vielleicht ein Fisch.�</p><p>Montagues Augen schienen zu brennen. Ich sp�rte, wie sich seine Fingern�gel noch fester in den Stoff meiner Jacke krallten und warmes Blut �ber meinen Arm lief. Seltsamerweise f�hlte ich keinen Schmerz. �Etwas Gro�es�, wiederholte er. ��berlege genau, Robert - es kann sein, da� unser Leben davon abh�ngt. Sah es aus wie ein Fangarm? Wie der Arm eines Oktopus?�</p><p>�Es ... k�nnte sein�, antwortete ich. Montagues Worte erschreckten mich mehr, als ich zugeben wollte. �Aber es war ... gr��er.� Ich sch�ttelte den Kopf, atmete h�rbar ein und machte meinen Arm mit sanfter Gewalt los. Montagues Augen schienen zu brennen, als er mich anstarrte.</p><p>�Es war nichts�, sagte ich noch einmal. �Bestimmt, Mister Montague. Ich ... dieser verfluchte Nebel macht mich nerv�s, das ist alles.�</p><p>Er lachte, aber es war ein Laut, der mir einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�. �Nein, Robert�, antwortete er. �Das ist nicht alles. Ich ... hatte gehofft, England zu erreichen, ehe sie mich finden, aber ...�</p><p>�Finden?� Ich verstand nichts mehr, aber irgendwie f�hlte ich, da� seine Worte mehr waren als die Fieberphantasien eines Kranken. Es geht mir oft so - ich wei� nicht, ob es eine besondere Begabung oder nur Zufall ist, aber ich sp�re fast immer, ob mein Gegen�ber die Wahrheit sagt oder nicht. Vielleicht war das auch der Grund, aus dem ich Montague vom ersten Augenblick an vertraut hatte.</p><p>�Ich verstehe nicht�, sagte ich hilflos. �Wer soll Sie finden, und was hat das mit dem Nebel zu tun?�</p><p>Er sah mich an, schwieg einen Moment und setzte sich dann ganz auf. Einen Moment lang �berlegte ich, ob ich ihn wieder auf das Bett zur�ckdr�cken sollte, dann tat ich das Gegenteil und half ihm.</p><p>�Ich mu� ... mit Bannermann sprechen�, sagte er. �Gib mir meine Kleider, Junge.�</p><p>�Ich kann ihn holen�, widersprach ich. �Es ist kalt an Deck, und -�</p><p>Montague unterbrach mich mit einem schwachen, aber trotzdem entschiedenen Kopfsch�tteln. �Ich mu� hinauf�, sagte er. �Ich mu� ... diesen Nebel sehen. Ich brauche Gewi�heit.�</p><p>Gewi�heit? Ich begriff �berhaupt nichts mehr, aber ich versuchte auch nicht mehr, ihn von seinem Entschlu� abzubringen, sondern half ihm, das schwei�durchtr�nkte Nachthemd auszuziehen und seine normalen Kleider anzulegen. Ich erschrak erneut, als ich ihn ohne Hemd sah - Montague war niemals ein kr�ftiger Mann gewesen, sondern von zarter, beinahe knabenhafter Statur und dem hellen Teint des Gro�stadtmenschen, der sein Haus nur verl��t, wenn es unumg�nglich ist. Aber jetzt glich er einem wandelnden Skelett. Sein K�rper war ausgezehrt. Die Rippen stachen wie d�nne, blanke Knochen durch seine Haut, und seine Oberarme waren so d�nn, da� ich sie mit einer Hand h�tte umfassen k�nnen. Er hatte kaum die Kraft, Hemd und Hose anzulegen. Bei Gamaschen und Schuhen mu�te ich ihm helfen, weil ihm schwindelig wurde, als er sich zu b�cken versuchte. Er bot ein Bild des Jammers.</p><p>Trotzdem versuchte ich nicht noch einmal, ihn zu �berreden, in der Kabine zu bleiben. Eines hatte ich in den f�nfunddrei�ig Tagen, die ich jetzt mit ihm zusammen war, gelernt, n�mlich, da� es unm�glich war, Randolph Montague irgend etwas auszureden, was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte.</p><p>Die K�lte schlug mir wie eine unsichtbare eisige Kralle ins Gesicht, als ich vor ihm ins Freie trat. Ich fr�stelte, zog das d�nne Cape, das ich �ber die Schulter geworfen hatte, enger zusammen und sah mich auf Deck um. Der Nebel war noch dichter an das Schiff herangekrochen und lastete wie eine undurchdringliche graue Mauer jenseits der Reling. F�r einen Moment fiel es mir schwer, wirklich zu glauben, da� ich mich an Bord eines Schiffes befand. Um uns war kein Ozean mehr, sondern nur noch eine graue, triste Unendlichkeit, in der allenfalls noch Platz f�r Furcht war.</p><p>�O Gott�, keuchte Montague. Er trat geb�ckt hinter mir durch die T�r, blieb stehen und streckte die Hand aus, um sich auf meine Schulter zu st�tzen. Ich sp�rte, wie seine H�nde zitterten. �Sie sind es�, fl�sterte er. �Es ist ... schlimmer, als ich gef�rchtet habe.�</p><p>Ich sah ihn fragend an, aber er schien mich gar nicht mehr zu bemerken. Sein Blick bohrte sich in die graue Wand, die das Schiff einschlo�, und wieder sah ich in seinen Augen diesen Ausdruck von Furcht, den ich schon mehrmals an ihm beobachtet hatte.</p><p>�Wo ist ... der Captain?�</p><p>Ich hob den Kopf, sah zum Achterdeck hinauf und deutete auf Bannermanns untersetzte Gestalt, die sich wie ein tiefenloser, schwarzer Schatten gegen den grauen Hintergrund des Nebels abzeichnete.</p><p>�Bring mich zu ihm�, murmelte Montague.</p><p>Ich ergriff seine Hand, legte die andere st�tzend unter seinen Ellenbogen und f�hrte ihn behutsam wie ein kleines Kind, das seine ersten zaghaften Gehversuche machte, die steile Treppe zum Achterdeck hinauf. In den Nebelwolken neben dem Schiff begann eine vage, nicht wirklich sichtbare Bewegung, und f�r einen ganz kurzen Moment glaubte ich, ein schweres, unendlich m�hsames Atmen zu h�ren.</p><p><emphasis>�Montague!�</emphasis></p><p>Bannermann hatte uns entdeckt und kam mit weit ausgreifenden Schritten �ber das feuchtglitzernde Deck auf uns zugeeilt. Auf seinem Gesicht lag ein erschrockener Ausdruck, der aber fast unmittelbar in Zorn umschlug, als er vor uns stehenblieb und mir in die Augen sah. �Craven!� blaffte er. �Sind Sie vollends von Sinnen? Wie k�nnen Sie diesen Mann hier heraufbringen. Er ...�</p><p>�Es war mein eigener Wunsch�, unterbrach ihn Montague. Seine Stimme war so leise, da� sie nicht zu h�ren gewesen w�re, w�re es an Deck nicht so unnat�rlich still gewesen. Trotzdem verstummte Bannermann sofort.</p><p>�Robert hat mir von diesem Nebel erz�hlt�, fuhr er fort. �Und ich mu�te ihn sehen.� Er atmete h�rbar ein, blickte an Bannermann und mir vorbei in den Nebel hinaus und ballte die F�uste. Seine Lippen pre�ten sich zu einem d�nnen Strich zusammen.</p><p>�Wie lange geht das schon so?� fragte er.</p><p>Bannermann war sichtlich irritiert. �Was?�</p><p>�Der Nebel�, erwiderte Montague ungeduldig. �Robert sagte, wir liegen seit Morgengrauen fest.�</p><p>�Nicht ganz�, sagte Bannermann. �Der Nebel ist zwei Stunden vor Sonnenaufgang aufgezogen, aber der Wind hat sich erst sp�ter gelegt.� Er �berlegte einen Moment. �Drei Stunden�, sagte er dann. �Vielleicht dreieinhalb.�</p><p>�Dreieinhalb Stunden!� Montague erbleichte noch weiter. �Wir k�nnen nicht hierbleiben, Captain�, sagte er. �Das Schiff mu� sofort Fahrt aufnehmen. Wir ... sind alle in Gefahr, wenn wir auch nur noch eine weitere Stunde hier liegen.�</p><p>Der Blick, mit dem Bannermann ihn ma�, sprach seine eigene Sprache. Ich starrte den Captain durchdringend an und versuchte, den Kopf zu sch�tteln, ohne da� Montague es sah. Bannermann nickte ebenso unmerklich. Er hatte verstanden.</p><p>�Ich wei�, was Sie jetzt denken, Captain�, sagte Montague leise. Er sah auf. �Und du auch, Robert - aber ich bin weder verr�ckt, noch phantasiere ich. Ich wei� sehr genau, was ich sage. Das ganze Schiff ist in Gefahr, jedermann hier an Bord. Dieser Nebel ist kein normaler Nebel. Wir m�ssen hier weg!�</p><p>Bannermann antwortete nicht sofort. Auf seinem Gesicht spiegelten sich widerstrebende Gef�hle. Montagues Verhalten mu�te ihm ebensolche R�tsel aufgeben wie mir; aber wie ich kannte er Montague als einen Mann, der normalerweise nicht mit dem Grauen Scherze trieb. Und vielleicht sp�rte auch er das Fremde, Bedrohliche, das in diesem Nebel zu lauern schien.</p><p>�Selbst wenn ich wollte�, antwortete er vorsichtig, �k�nnten wir keine Fahrt aufnehmen, Mister Montague.� Er sch�ttelte den Kopf, um seine Worte zu bekr�ftigen, und wies mit einer fl�chtigen Geste nach oben. Montagues Blick folgte seiner Bewegung. Die Segel hingen schlaff und schwer von Feuchtigkeit, mit der der Nebel sie getr�nkt hatte, von den Rahen.</p><p>�Und es w�re auch viel zu gef�hrlich�, f�gte Bannermann hinzu. �Diese Suppe ist so dicht, da� ich von hier aus nicht einmal den Bugsteven sehen kann. Ich kann das Schiff nicht blind segeln.�</p><p>�Sie begreifen nicht�, sagte Montague erregt. �Ich meine es ernst, Bannermann! Das ist kein normaler Nebel, und wenn ...�</p><p><emphasis>�Mister Montague�, </emphasis>unterbrach ihn Bannermann betont. �Es w�re vielleicht wirklich besser, wenn Sie in Ihre Kabine gingen und in aller Ruhe abwarten, bis sich das Wetter gekl�rt hat.�</p><p>�Sie glauben, da� ich verr�ckt bin.�</p><p>Bannermann seufzte. �Das steht hier gar nicht zur Debatte, Mister Montague�, antwortete er, wobei er mir einen fast flehenden Blick zuwarf. Ich zuckte lautlos die Achseln und sah weg. �Ob ich Ihnen glaube oder nicht - wir <emphasis>k�nnen </emphasis>uns gar nicht bewegen. Die LADY ist ein Segelschiff, Montague, und ein Segelschiff bewegt sich nun einmal nicht, wenn kein Wind weht. Wir liegen fest.�</p><p>�Wir k�nnten rudern.�</p><p>Bannermann verdrehte die Augen. �Das hier ist ein Segelschiff�, sagte er noch einmal. �Keine Galeere. Wie stellen Sie sich das vor?�</p><p>�Es mu� gehen�, beharrte Montague. �Wir haben vier Rettungsboote an Bord, und gen�gend M�nner. Wenn sie die Boote aussetzen und die M�nner rudern lassen, dann k�nnen sie das Schiff schleppen. Das geht zwar langsam, aber wir kommen von der Stelle!�</p><p>Bannermann starrte ihn an. �Das ist nicht Ihr Ernst.�</p><p>Montague nickte. �Oh doch, Captain, ich meine es ernst. Sogar todernst. Ich verlange gar nicht, da� Sie mir glauben. Wahrscheinlich t�te ich es auch nicht, wenn ich an Ihrer Stelle w�re. Alles, was ich will, ist, da� Sie die Boote klarmachen und die M�nner das Schiff aus diesem Nebel herausschleppen. Ein paar Meilen w�rden schon gen�gen. Sie verlieren unsere Spur, wenn wir uns bewegen.�</p><p>�Sie sind verr�ckt�, entfuhr es Bannermann.</p><p>�Vielleicht�, antwortete Montague unger�hrt. �Aber das ist nicht Ihr Problem, Captain. Ich bezahle f�r die Extraarbeit. Jeder Mann, der ein Boot besteigt und rudert, bekommt eine Pr�mie von f�nfzig englischen Pfund sobald wir London erreicht haben.�</p><p>�F�nf ...� Bannermann schluckte sichtlich. �Wir brauchen zehn Mann pro Boot�, sagte er. �Das sind zweitausend Pfund, Montague.�</p><p>�Ich kann auch rechnen�, knurrte Montague w�tend. �Und mein Geld n�tzt mir nichts mehr, wenn ich tot bin.� Er griff in die Westentasche, winkte mich heran und dr�ckte mir einen winzigen silbernen Schl�ssel in die Hand. �Geh in die Kabine, Robert�, sagte er. �Das ist der Schl�ssel zu meiner Kiste. �ffne sie und bring mir die braune Aktenmappe.� Zu Bannermann gewandt, f�gte er hinzu: �Ich habe einen Kreditbrief der Bank of England bei mir, Captain. Wenn Sie darauf bestehen, kaufe ich Ihr Schiff.�</p><p>Es war ungef�hr das Falscheste, was er in diesem Augenblick tun konnte. Bannermann mochte ein gutm�tiger Mensch sein, aber das, was Montague ihm jetzt anbot, hatte ungef�hr die Qualit�t einer Ohrfeige. �Ich glaube, Sie k�nnen sich den Weg sparen, Mister Craven�, sagte er gepre�t. �Ich brauche Ihr Geld nicht. Und kein einziger Mann meiner Besatzung wird auf Ihren Wahnsinnsvorschlag eingehen und das Schiff durch diesen Nebel schleppen. Der Nebel wird abziehen, und �ber kurz oder lang werden wir auch wieder Wind bekommen, Mister Montague. Wir warten.�</p><p>Montague wollte widersprechen, aber er kam nicht mehr dazu.</p><p>Hinter unseren R�cken erscholl ein heller, platschender Laut; ein Ger�usch, als breche etwas mit Urgewalt aus der Wasseroberfl�che hervor und fiele gleich darauf zur�ck; dann ein Schrei, so spitz und gellend, wie ich ihn noch nie zuvor in meinem Leben geh�rt hatte. Das Schiff erbebte wie unter einem Hieb. Montague, Bannermann und ich fuhren in einer einzigen Bewegung herum.</p><p>Der Anblick, der sich mir bot, lie� mich erstarren. Es war kein Schrecken, keine Furcht, sondern etwas anderes, etwas, das viel, viel schlimmer war: eine eisige t�dliche Leere, die sich wie eine l�hmende Woge �ber meine Gedanken ergo�.</p><p>Der Nebel war noch dichter geworden und h�llte jetzt die gesamte vordere H�lfte des Schiffes ein. Aber er war nicht dicht genug, um den Blick auf die Reling zu verdecken. Besser gesagt, auf ein klaffendes Loch am Bootsrand, an dem sich die stabile, h�lzerne Reling befunden hatte.</p><p>Die Bootsplanken waren wie mit einer S�ge durchtrennt, und man konnte unschwer die Abdr�cke riesiger, monstr�ser Z�hne im Holz erkennen. Und der Matrose, der noch vor Sekunden an jener Stelle gestanden hatte, war spurlos verschwunden ...</p><empty-line/><p>�Sie kommen.�</p><p>Quenton zuckte beim Klang der beiden Worte zusammen wie unter einem Hieb. Sein Blick irrte nerv�s durch die Scheune. Das geschlossene Tor und die vernagelten Fenster sperrten das Tageslicht aus und lie�en die Gestalten der anderen zu unsicheren Schatten werden. Es war still; viel ruhiger, als es in einem Raum, in dem sich ann�hernd drei�ig Personen aufhielten, h�tte sein d�rfen. Aber es war die Stille der Angst, die von den Menschen Besitz ergriffen hatte.</p><p>Leise - als f�rchte er, durch ein zu lautes Ger�usch den Mob drau�en zu einem Angriff zu provozieren - erhob er sich, lehnte das entsicherte Gewehr gegen die Wand und trat vom Fenster zur�ck. Sofort huschte einer der anderen M�nner herbei, nahm seinen Platz an dem vernagelten Fenster ein und schob den Lauf seines Gewehres durch einen der schmalen Schie�scharten, die sie freigelassen hatten. Sie alle waren bewaffnet: mit Gewehren, Revolvern und Schrotflinten, einige auch nur mit Mistgabeln, �xten oder gro�en Messern; selbst die Frauen, die sich in den hinteren Teil der Scheune zur�ckgezogen hatten und einen Schutzwall um das halbe Dutzend Kinder, das in Jerusalems Lot lebte, bildeten. Die unscheinbare Scheune hatte sich im Laufe der letzten zwanzig Minuten in eine Festung verwandelt. Wer immer sie st�rmen wollte, w�rde einen hohen Blutzoll zahlen m�ssen.</p><p>Und trotzdem w�rden sie sterben. Quenton wu�te es. Es war nicht einmal die <emphasis>Macht, </emphasis>die ihm dies verriet, sondern simples Kopfrechnen. Sie waren achtundzwanzig, die sechs Kinder und elf Frauen mitgez�hlt, und sie waren einfache Bauern und J�ger und hatten Angst, und dort drau�en tobte ein aufgepeitschter Mob durch die Stra�en, der nach Hunderten z�hlte und Blut sehen wollte. �Quenton?�</p><p>Quenton sah auf und erkannte das blasse Gesicht Marians, der Tochter seines Stiefbruders. Das Schrotgewehr in ihren schmalen H�nden wirkte beinahe r�hrend. �Ja?�</p><p>�Wieso ... bist du hier?� fragte sie leise. Ihre Lippen zitterten, und obwohl sie fast fl�sterte, sp�rte Quenton, da� jedermann in der Scheune ihre Worte aufmerksam verfolgte. Und da� sie auf seine Antwort warteten. Marian hatte nur die Frage ausgesprochen, die er in allen Gesichtern las, wenn er sich umsah. Sie waren ihm widerspruchslos hierher gefolgt, nachdem er Lyssas Haus verlassen und die Dorfbewohner zusammengerufen hatte. Aber sie alle wollten wissen, warum. �Warum bist du hier?� fragte Marian noch einmal. �Warum sind <emphasis>wir </emphasis>hier, Quenton?�</p><p>Durch das geschlossene Tor drangen Schreie. Ein Gewehr krachte, dann noch eines und noch eines, und irgend jemand begann schrill und hysterisch zu lachen. Irgendwo weiter entfernt war das Gr�len der Menge zu h�ren. Aber es kam n�her. Sehr schnell.</p><p>�Deshalb�, antwortete Quenton mit einer Kopfbewegung zum Tor. Nicht alle waren ihm gefolgt. Ein paar hatten versucht, sich in ihren H�usern und Kellern zu verbarrikadieren oder ihr Heil in der Flucht zu suchen. �Deshalb, Kind. Weil wir uns hier verteidigen k�nnen. Jeder, der durch dieses Tor kommt, wird sterben.�</p><p>�Das ist keine Antwort�, sagte Marian. In ihren Augen schimmerten pl�tzlich Tr�nen, und als sie weitersprach, schien sie nur noch mit M�he die Fassung zu bewahren. Sie schrie beinahe. �Du wei�t genau, was ich meine, Quenton. Ihr ... ihr habt uns Sicherheit versprochen und Reichtum. Ihr habt gesagt, wir k�nnten hier in Ruhe leben und gl�cklich sein, und jetzt kommen sie, um uns zu t�ten!�</p><p>�H�r auf�, sagte Quenton leise. Aber Marian h�rte nicht auf; im Gegenteil. Pl�tzlich lie� sie ihr Gewehr fallen, sprang mit einem halberstickten Schrei auf ihn zu und begann mit den F�usten auf seine Brust einzuschlagen. �Ihr habt uns Sicherheit versprochen!� kreischte sie. �Ihr habt gesagt, ihr w�rdet uns besch�tzen, wenn sie einmal k�men! Wozu haben wir euch all die Jahre gedient? Wo ist die Macht, die ihr angeblich habt? Wo ...?�</p><p>Quenton packte sie grob bei den Schultern, stie� sie auf Armesl�nge von sich fort und versetzte ihr eine schallende Ohrfeige. Das M�dchen taumelte zur�ck, fiel auf ein Knie und pre�te die Hand gegen ihre Wange. Quentons Finger malten sich deutlich auf ihrer Haut ab.</p><p>�Es ist nicht meine Schuld�, schrie er w�tend. Er sp�rte, wie die anderen ihn anstarrten, und ihre Blicke kamen ihm vor wie Messer, die tief in seine Brust schnitten. Niemand sprach es aus, aber der Vorwurf war �berdeutlich.</p><p>�Ich kann nichts daf�r�, sagte er noch einmal. �Ich war bei Andara, bevor ich zu euch kam, aber sie wollte nicht k�mpfen. Wir vier h�tten sie aufhalten k�nnen, aber allein bin ich machtlos.�</p><p>�Und die <emphasis>Macht?� </emphasis>fl�sterte Marian. �Der Pakt, den wir geschlossen haben? Wozu haben wir euch unsere Seelen verpf�ndet, wenn wir jetzt doch sterben m�ssen?�</p><p>�Ich kann sie nicht aufhalten�, sagte Quenton hilflos. �Ihr wi�t so gut wie ich, da� es Roderick war, der uns diese Fremden auf den Hals gehetzt hat. Er ist es, der euch t�tet, nicht die dort drau�en. Sie merken es nicht einmal!�</p><p>�Aber er ist nur einer, und ihr seid vier.�</p><p>�Das sind wir nicht�, murmelte Quenton. �Lyssa, Andara und Lennard ziehen es vor zu sterben statt sich zu wehren. Werft es mir nicht vor, wenn sie feige sind.�</p><p>�Aber du!� beharrte Marian. �Du hast die <emphasis>Macht, </emphasis>Quenton. Du bist ein Hexer wie sie! Du hast es oft genug bewiesen. Rette uns!�</p><p>�Ich kann es nicht�, sagte Quenton verzweifelt. �Ich kann nicht gegen Hunderte k�mpfen!�</p><p>�Rette uns!� beharrte Marian. �Du hast es versprochen. Du ...�</p><p>Ein einzelner Schu� krachte. Aus der Wand neben Quentons Schulter ragten pl�tzlich verkohlte Holzsplitter, und zwischen Marians Br�sten erschien ein kleines, rundes Loch. Das M�dchen stie� einen fast �berraschten, seufzenden Laut aus, starrte Quenton noch eine halbe Sekunde lang aus schreckgeweiteten Augen an und kippte langsam nach vorne.</p><p>Jemand schrie, und der Mann, der Quentons Platz am Fenster eingenommen hatte, erwiderte das Feuer. Pl�tzlich krachten �berall Sch�sse. M�nner, Frauen und Kinder schrien durcheinander, als die Angreifer aus Dutzenden von Gewehren gleichzeitig das Feuer er�ffneten. Quenton warf sich mit einem Fluch zur Seite, rollte herum, als der Mann am Fenster pl�tzlich zusammensackte und der Boden rings um ihn herum unter den Einschl�gen von Geschossen zu explodieren schien, und war mit einer katzenhaften Bewegung wieder auf den F��en. Wieder peitschten Sch�sse, eine ganze Salve diesmal. Einer der Fensterl�den platzte wie unter einem gewaltigen Hammerschlag auseinander. Irgend etwas bi� hei� und schmerzhaft in Quentons Schulter, aber er sp�rte den Schmerz kaum.</p><p>Im Zickzack rannte er durch den Raum, warf sich mit weit vorgestreckten Armen nach der Leiter, die zum Heuboden hinauff�hrte, und bekam die unterste Stufe zu fassen. Das Br�llen und Johlen der Meute drau�en wurde immer lauter; gleichzeitig nahm das Schie�en ab. Offensichtlich glaubten sie, mit den ersten paar Salven den Widerstand der Verteidiger gebrochen zu haben, und kamen nun n�her heran. Ein wuchtiger Schlag traf die T�r. Einer der M�nner ri� sein Schrotgewehr an die Wange und scho� dicht hintereinander beide L�ufe ab. Die T�r verschwand hinter einer Wolke explodierender Holzsplitter und Staub. Ein gellender Schrei drang von drau�en herein, dann antwortete eine ganze Salve krachender Gewehrsch�sse.</p><p>Quenton sah nicht mehr hin. So schnell er konnte, kletterte er die Leiter empor, zog sich mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung auf den Heuboden hinauf und blieb eine Sekunde lang keuchend und mit geschlossenen Augen liegen, ehe er sich hochstemmte und auf H�nden und Knien zu der offenstehenden Luke �ber dem Scheunentor kroch. Auch hier war einer der M�nner postiert gewesen. Er war tot. Seine H�nde umklammerten noch das Gewehr, mit dem er versucht hatte, sein Leben und das seiner Familie zu verteidigen.</p><p>Quenton k�mpfte den ohnm�chtigen Zorn, den der Anblick in ihm ausl�ste, nieder, schob den reglosen K�rper zur Seite und n�herte sich vorsichtig der Luke.</p><p>Der Anblick traf ihn wie ein Schlag. Es war nicht einmal zehn Minuten her, da� er in die Scheune gekommen war, aber er erkannte die Stadt nicht wieder.</p><p>Jerusalems Lot brannte. Die H�lfte der noch nicht einmal zwei Dutzend Geb�ude, aus denen das Dorf bestand, stand lichterloh in Flammen, und die Stra�e glich einem Tollhaus. �berall lagen Menschen, viel mehr, als Jerusalems Lot �berhaupt Einwohner hatte. Die Angreifer mu�ten sich in ihrer Raserei gegenseitig niedertrampeln. Aber der Anblick erf�llte Quenton weder mit Zufriedenheit noch mit Triumph. Die aufgebrachte Menge dort unten bedeutete ihm nicht mehr als eine Herde wilder Tiere, die einem anderen, st�rkeren Willen gehorchten. Quenton wu�te selbst nur zu gut, wie leicht es war, Menschen zu beeinflussen. Je erregter sie waren, desto einfacher war es f�r jemanden, der sich mit Hexerei und Magie auch nur ein bi�chen auskannte.</p><p>Und Roderick war ein Meister der Schwarzen Magie. Quenton war sich nicht einmal sicher, ob die vereinten Kr�fte von Andara, Lyssa, Lennard und ihm selbst ausgereicht h�tten, Roderick in einem offenen Kampf zu schlagen. Aber der Verr�ter hatte sich diesem Kampf nie gestellt, sondern war geflohen. Jetzt schickte er seine Kreaturen, dachte Quenton ha�erf�llt um zu vollenden, wozu er selbst zu feige gewesen war.</p><p>Irgendwo unter ihm krachte ein Schu�. Die Kugel fuhr mit einem dumpfen Klatschen eine Handbreit neben Quentons Knie in den Holzboden und wirbelte Heu und trockenen Staub hoch.</p><p>Quenton zog sich hastig in den schwarzen Schlagschatten der Wand zur�ck, hob die Hand und machte eine rasche, kaum sichtbare Bewegung.</p><p>Unter ihm, im Herzen des aufgebrachten Mobs, der auf die Scheune zudr�ngte, lie� ein grauhaariger Mann sein Gewehr fallen, griff sich mit beiden H�nden an die Kehle und versuchte vergeblich zu atmen. Er taumelte, brach in die Knie und wurde von den Nachdr�ngenden zu Boden gerissen.</p><p>Quenton atmete h�rbar ein. Das Geb�ude zitterte unter dem unabl�ssigen Krachen von Sch�ssen, den Hieben von Gewehrkolben und �xten, mit denen sich die Angreifer Zutritt zu schaffen versuchten, aber er schob alles von sich, dr�ngte jeden bewu�ten Gedanken beiseite, versuchte, den L�rm und die Schreie unter sich zu ignorieren und sich ganz auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Er wu�te sehr wohl, da� er das Unm�gliche versuchte. Selbst zu viert h�tten sie die aufgebrachte Meute kaum zur�ckhalten k�nnen - f�r ihn allein war es so, als wolle er mit blo�en H�nden einen berstenden Staudamm zusammenhalten. Aber er w�rde nicht kampflos sterben.</p><p>Einer der M�nner, die f�nf Meter unter Quenton gegen das Tor h�mmerten, erstarrte pl�tzlich, hob in einer langsamen, widerwilligen Bewegung das Messer, das er in der rechten Hand trug, - und nahm sich selbst das Leben. Er war tot, bevor sein K�rper den zerw�hlten Boden ber�hrte.</p><p>Aber hinter ihm dr�ngten hundert andere heran.</p><empty-line/><p>Bannermanns H�nde zitterten. Er hatte kein Wort gesprochen, seit wir das Achterdeck verlassen hatten, und selbst jetzt schien er noch M�he zu haben, seine Fassung nicht vollends zu verlieren. Sein Gesicht war wei�; nicht einfach bla�, sondern <emphasis>wei�.</emphasis></p><p>�Was ist ... passiert?� kr�chzte er m�hsam. Die Frage galt einem der Matrosen, die aus allen Richtungen herbeigeeilt waren und das Loch im Schiffsrumpf in weitem Kreis umstanden.</p><p>Der Mann sch�ttelte nerv�s den Kopf. �Ich ... wei� es nicht�, murmelte er. Sein Blick flackerte unstet, und in seinen Augen war deutlich Angst zu lesen.</p><p>�Verdammt, Mannings. Sie haben doch in der N�he gestanden, als es passierte!� blaffte Bannermann. �Sie m�ssen etwas gesehen haben.�</p><p>�Ich ... es ... es ging zu schnell�, stotterte Mannings. �Es war pl�tzlich da und hat nach ihm geschnappt, und dann ...�</p><p><emphasis>�Was </emphasis>war pl�tzlich da?� fragte Bannermann scharf.</p><p>Mannings senkte unsicher den Blick. �Ich wei� es nicht�, murmelte er. �Ein ... ein Ding. Ich konnte es nicht richtig erkennen. Es war wie ... wie eine Schlange, aber viel gr��er und dicker, und ... es war gr�n und ... und ...�</p><p>Bannermann keuchte. �Sie -�</p><p>�Lassen Sie ihn, Captain�, fiel ihm Montague rasch ins Wort. �Der Mann hat recht.�</p><p>Bannermann wollte auffahren, aber ein einziger Blick in Montagues Gesicht lie� ihn verstummen. Zwei, drei Sekunden lang hielt er Montagues Blick stand, dann wandte er sich mit einem Ruck um und senkte den Kopf. �Wahnsinn�, fl�sterte er. �Das ist der helle Wahnsinn.�</p><p>�Es ist schlimmer, als ich dachte�, murmelte Montague. Die Worte galten mir, aber ich merkte es erst, als er mich am Arm ber�hrte und mir mit einer Kopfbewegung andeutete, ihm zu folgen.</p><p>Ich erwachte wie aus einem Traum. Das furchtbare Geschehen - und vor allem Mannings Worte - hatten mich gel�hmt. <emphasis>Wie eine Schlange </emphasis>hatte er gesagt. Aber viel gr��er und dicker ... und es war gr�n. Was er beschrieb, war genau das, was ich vorhin drau�en im Nebel zu sehen geglaubt hatte.</p><p>�Robert!� Montagues Stimme klang warnend, und diesmal ri� ich mich zusammen und scheuchte die Gedanken zur�ck, so gut ich konnte. �Nicht jetzt�, fl�sterte er hastig, als ahne er meine n�chste Frage voraus. �Ich erkl�re dir alles, aber jetzt ist keine Zeit dazu. Komm mit.�</p><p>Weder Bannermann noch einer seiner Matrosen nahm auch nur Notiz von uns, als wir zum Achterbau zur�ckgingen und Montague die T�r �ffnete. Er ging so schnell, da� ich fast M�he hatte, ihm �berhaupt zu folgen. Seinen Schritten war nicht mehr die geringste Spur von Schw�che oder Unsicherheit anzumerken, aber ich registrierte es nur noch, ohne mich dar�ber zu wundern. Ich f�hlte mich noch immer wie bet�ubt. Wir erreichten unsere Kabine. Montague dr�ngte sich vor mir durch die T�r, schleuderte seinen Mantel achtlos auf das Bett und streckte fordernd die Hand aus. �Den Schl�ssel, Robert.�</p><p>Ich gab ihm den kleinen, silbernen Schl�ssel zur�ck, den er mir erst vor wenigen Minuten ausgeh�ndigt hatte, trat neben ihn und half ihm, die schwere Seekiste unter dem Bett hervorzuziehen und auf den Tisch zu stellen. Es war nicht das erste Mal. Zu Anfang der Reise, bevor er krank wurde, hatte er die Kiste beinahe t�glich ge�ffnet. Aber es war das erste Mal, da� er mich dabei zusehen lie�. Bisher hatte er mich stets aus dem Raum geschickt und sich eingeschlossen, bevor er den Deckel hochklappte. Und auch diesmal �ffnete er ihn nicht gleich, sondern drehte den Schl�ssel im Schlo�, hob den Deckel eine Winzigkeit an und lie� ihn wieder zur�cksinken.</p><p>�Ich mu� dich um ein Versprechen bitten, Robert�, sagte er ernst. Ich nickte, schwieg aber weiter, und Montague fuhr nach einer winzigen Pause fort: �Was du jetzt siehst, mu� auf ewig dein Geheimnis bleiben. Ganz gleich, was auch geschieht, du darfst niemals �ber den Inhalt dieser Kiste reden, Robert. Schw�re es mir.�</p><p>�Ich schw�re es�, antwortete ich rasch.</p><p>Aber Montague sch�ttelte den Kopf. �So nicht, Robert�, sagte er ernst. �Schw�re es bei deiner Seele.�</p><p>Unter anderen Umst�nden h�tten die Worte und die Art, in der er sie aussprach, schlichtweg l�cherlich gewirkt. Aber jetzt, nach allem, was geschehen war, hatte ich das Gef�hl, von einer unsichtbaren eisigen Hand am Grund meiner Seele ber�hrt zu werden. Pl�tzlich fror ich.</p><p>�Ich schw�re es�, murmelte ich. �Ich schw�re es bei allem, was mir heilig ist.�</p><p>Montague l�chelte, aber wie beinahe immer blieben seine Augen ernst. �Dann hilf mir.�</p><p>Er �ffnete den Kistendeckel, trat zur�ck und winkte mir mit der Hand, neben ihn zu treten.</p><p>Ich wu�te nicht, was ich erwartet hatte - aber im ersten Moment war ich entt�uscht. Die Kiste war eine ganz normale Kiste, vollgestopft mit Kleidungsst�cken und allerlei Dingen, die man auf einer Reise ben�tigt. Obenauf lag die braune Aktenmappe, die er vorhin an Deck erw�hnt hatte. Aber Montague schenkte weder ihr noch dem restlichen Inhalt irgendeine Beachtung, sondern fuhr mit spitzen Fingern �ber die Innenseite des Deckels. Ein leises, metallisches Knacken ert�nte. Montague nickte zufrieden, vergrub die H�nde in der Kiste und hob mit einem Ruck den gesamten Einsatz heraus. Darunter kam ein Geheimfach zum Vorschein, bis auf den letzten Fingerbreit gef�llt mit B�chern, farblosen Glasfl�schchen und -gef��en mit den verschiedenartigsten Substanzen und unterschiedlich gro�en, ledernen Etuis unbekannten Inhalts. �ber allem lag ein d�nner, grauer Schleier wie Staub oder transparente Spinnweben. Montague dr�ckte mir den Koffereinsatz in die Hand, wartete ungeduldig, bis ich ihn auf meinem Bett abgeladen hatte, und winkte mich erneut zu sich heran.</p><p>�Das war es, was ich dir zeigen wollte, Robert�, sagte er. �Ich h�tte das Geheimnis f�r mich behalten, aber es geht jetzt nicht mehr anders. Du mu�t mir ein zweites Versprechen geben, Robert. Wenn ... ich sterben sollte, dann mu�t du den Inhalt dieses Faches vernichten. Der Schaden, der entstehen k�nnte, wenn er in falsche H�nde geriete, w�re unerme�lich.�</p><p>�Sterben? Aber ...�</p><p>�Ich wei�, wovon ich rede, Robert�, unterbrach mich Montague. �Du hast den Nebel gesehen, und du hast gesehen, was mit dem Matrosen passiert ist.�</p><p>�Aber ich verstehe es nicht�, murmelte ich hilflos.</p><p>�Das kannst du auch nicht, Junge�, antwortete Montague sanft. �Aber ich brauche trotzdem deine Hilfe. Das, was dort oben an Deck geschehen ist, war nur eine Warnung. Ich f�rchte, der eigentliche Angriff steht uns noch bevor. Und ich wei� nicht, ob ich allein stark genug bin, ihn abzuwehren.�</p><p>�Angriff? Aber wer sollte ...?�</p><p>�Ich habe Feinde, Robert�, sagte er leise. �M�chtige Feinde. Ich f�rchte, sie sind noch m�chtiger, als ich bisher geglaubt habe.�</p><p>�Die, vor denen Sie aus New York geflohen sind?�</p><p>�Du wei�t davon?�</p><p>Ich nickte. �Es ist nicht sehr schwer, zu erkennen, wenn ein Mann Angst hat�, sagte ich. �Ich habe es gleich gesp�rt.�</p><p>In seinen Augen erschien ein Ausdruck, der mich noch weiter verwirrte. Es schien, als freue er sich �ber das, was er soeben geh�rt hatte, wurde aber �bergangslos wieder ernst. �Vielleicht finde ich sp�ter Zeit, es dir zu erkl�ren, Robert�, fuhr er fort. �Jetzt mu� das Wenige, das du ohnehin wei�t, gen�gen. Ich werde verfolgt, und ich f�rchte, ich habe auch dein und das Leben der M�nner an Bord dieses Schiffes in Gefahr gebracht. Das Wesen, das du gesehen hast und das den Matrosen get�tet hat, wird nicht eher ruhen, bis es seinen Auftrag erf�llt hat.� Er seufzte, wandte sich um und griff in die Kiste. Als seine Hand durch die graue Staubdecke stie�, schien eine rasche Wellenbewegung durch den Schleier zu laufen, als w�re er fl�ssig. Aber seine Haut war trocken, als er die Hand wieder zur�ckzog.</p><p>Auf seiner Handfl�che lag ein winziges Medaillon. Seine Form erinnerte vage an einen f�nfeckigen Stern, war aber gleichzeitig ganz, ganz anders. Ich hatte nie etwas Derartiges gesehen. Es war, als entz�ge sich das Medaillon auf magische Weise jedem Versuch, es genau zu betrachten. Das einzig klar Erkennbare an ihm war ein daumennagelgro�er, blutroter Stein, der wie ein starres Auge in seinem Zentrum eingebettet war.</p><p>�Nimm es�, sagte Montague. �Nimm es und trage es bei dir, bis alles vorbei ist. Es wird dich besch�tzen.�</p><p>Gehorsam streckte ich die Hand aus und nahm das kleine Schmuckst�ck entgegen. Es war erstaunlich schwer, und als ich es genauer betrachtete und ins Licht hielt, sah ich, da� es aus purem Gold geformt war. Es f�hlte sich warm an, warm und auf unbestimmte Weise weich, <emphasis>lebendig.</emphasis></p><p>�Was ist das?� fragte ich.</p><p>Montague beugte sich wieder �ber seine Kiste und kramte in ihrem Inhalt herum, ohne da� ich genau erkennen konnte, was er tat. �Ein Talisman�, antwortete er. �Aber auch eine Waffe. Vielleicht die einzige, die uns vor dem Wesen, gegen das wir k�mpfen werden, sch�tzt.� Er richtete sich auf und klappte den Kistendeckel zu. Als er sich umdrehte, entdeckte ich eine d�nne, goldene Kette um seinen Hals. An ihrem Ende hing ein f�nfeckiger goldener Stern; ein genaues Ebenbild des kleinen Talismans, den ich in der Hand hielt, nur etwa dreimal so gro�.</p><p>Aber das war beileibe nicht die einzige Ver�nderung, die mit ihm vonstatten gegangen war. Zum ersten Mal seit Wochen war Randolph Montague wieder der Mann, den ich vor sechs Monaten in New York kennengelernt hatte. Die tiefen Linien, die die Krankheit in sein Antlitz gegraben hatten, waren verschwunden, seine Haut hatte sich gegl�ttet und wie von Zauberhand wieder einen gesunden, beinahe frischen Farbton angenommen, und auch seine Haltung wirkte deutlich straffer und kraftvoller als noch vor Augenblicken. Und er strahlte <emphasis>Kraft </emphasis>aus. Eine Kraft, die seine Gestalt wie eine unsichtbare Aura umgab.</p><p>�Gro�er Gott!� entfuhr es mir. �Was ... wie haben Sie das gemacht? Das ... das grenzt an Zauberei!�</p><p>Montagues L�cheln wurde ein ganz kleines bi�chen sp�ttischer, als er auf mich zutrat und mich am Arm ber�hrte. �Es grenzt nicht nur an Zauberei, Robert�, sagte er leise. �Es <emphasis>ist </emphasis>Zauberei - wenigstens w�rdest du es so nennen, wenn du es verstehen k�nntest.� Und pl�tzlich wurde er ernst. Sehr ernst. Der Blick seiner Augen war mit einemmal wie Eis. �Ich h�tte es dir gern auf andere Weise erkl�rt, Junge�, sagte er. �Aber ich f�rchte, du wirst alles sehr viel schneller lernen m�ssen, als gut ist. Mein Name ist nicht Randolph Montague, Robert.</p><p>Ich bin Roderick Andara. <emphasis>Der Hexer.� </emphasis></p><empty-line/><p>Der Ort glich einem brodelnden Hexenkessel. Die Schreie der Sterbenden, das Gr�len der blutd�rstigen Menge, Sch�sse und Schritte, das Prasseln und Krachen der brennenden H�user, das Schreien panikerf�llter Tiere und Menschen, alles vermengte sich zu einer Symphonie des Wahnsinns, einem grauenhaften Konzert des Todes, das den blutigen Orkan begleitete, der �ber Jerusalems Lot hinwegfegte. Nur hier, in der winzigen H�tte im Herzen des Dorfes, die wie durch Zauberei bisher als einziges Geb�ude von den Tobenden verschont worden war, herrschte noch Schweigen. Der L�rm drang durch die d�nnen W�nde und Fenster, aber er wirkte unwirklich und konnte das Schweigen nicht brechen; nicht wirklich.</p><p>�Ich ... kann nicht mehr�, murmelte Lyssa. Die junge Frau hatte sich in den letzten Minuten auf schreckliche Weise ver�ndert. Ihr Gesicht war eingefallen und grau, die Augen blind, erstarrte, wei�e Kugeln, die von einer furchtbaren Gewalt geblendet worden waren, und ihr Haar war schlohwei� geworden. Ihr K�rper verfiel zusehends. Das magische Feuer, das in ihrem Geist w�tete, verbrannte in Minuten die Kraft, die ihn normalerweise noch Jahrzehnte am Leben gehalten h�tten.</p><p>�Ich ertrage es nicht mehr�, keuchte sie. �Das T�ten und das Morden ... all die Gewalt und ... den Schmerz ...�</p><p>�Halte durch, Kind�, wisperte die greise Alte neben ihr. Ihre Stimme klang beschw�rend. �La� sie t�ten! Es ist ihre Wut, die du f�hlst. Es ist der Schmerz und der Zorn derer, die dort drau�en sterben, und ihr Schmerz ist es, der <emphasis>ihn </emphasis>ern�hrt! Er braucht diese Kraft, wenn er unsere Rache vollziehen soll.�</p><p>Lyssa wimmerte. Ihre H�nde krallten sich in das Holz der Tischplatte. Die Fingern�gel brachen ab. Sie sp�rte es nicht einmal mehr. Ihr Geist war l�ngst zerbrochen, und selbst wenn sie es gewollt h�tte, h�tte sie die geistige Verbindung, zu der die Alte sie gezwungen hatte, nicht mehr l�sen k�nnen. Sie war nur noch ein Werkzeug, das Tor, durch das die psychische Gewalt, die sich rings um sie herum austobte, hin�berflo�, das Jerusalems Lot mit einem Ort fast auf der anderen Seite der Welt verband.</p><p>Rings um sie herum erreichte das Chaos seinen H�hepunkt. Lyssa sp�rte, wie das Leben aus ihr wich.</p><p>Aber sie sp�rte auch, wie im gleichen Ma�e, in dem die unsichtbare Flamme in ihr schw�cher brannte, Tausende von Meilen entfernt ein unbeschreibliches, unglaubliches Etwas st�rker wurde ...</p><empty-line/><p>�Der Hexer!� Ich wu�te, da� er die Wahrheit sprach, aber es war das erste Mal in meinem Leben, da� ich diese Gabe verfluchte. Ich h�tte in diesem Moment alles darum gegeben, die Augen verschlie�en und seine letzten Worte einfach vergessen zu k�nnen. Randolph Montague, der Mann, der sich wie ein Vater um mich gek�mmert hatte und den ich beinahe wie einen solchen liebte - der Hexer!</p><p>�Es tut mir leid, Robert�, sagte er leise. �Ich h�tte es dir gerne auf andere Weise gesagt, sp�ter, nachdem du mich besser kennengelernt h�ttest. Aber nicht alles, was man �ber mich erz�hlt, ist wahr, das mu�t du mir glauben.�</p><p>�Aber Sie ... Sie ...� Ich stockte, senkte verwirrt den Blick und suchte vergeblich nach Worten. Meine Gedanken drehten sich wirr im Kreis. Ich hatte von ihm geh�rt, so, wie man eben von einem Mann wie ihm h�rte, und wenn auch nur ein Zehntel von dem stimmte, was man sich �ber den Meister der Schwarzen Magie erz�hlte, dann stand ich einem Teufel in Menschengestalt gegen�ber. Andara war ein Verbrecher, ein Mann, dem man ein Dutzend Morde und eine Unzahl anderer Untaten vorgeworfen, aber niemals irgend etwas hatte beweisen k�nnen. Es hie�, da� er mit dem Teufel selbst im Bunde sei, und ich kenne eine ganze Menge Leute, die dies allen Ernstes behauptet haben.</p><p>�Sie ...�</p><p>�Ich habe dich nicht gerne belogen, Robert�, sagte er sanft. �Aber es mu�te sein. Ich habe m�chtige Feinde, Robert, und ich mu�te meinen Namen �ndern, um ihnen zu entkommen. Aber es hat nicht viel genutzt.�</p><p>�Dann sind Sie wirklich ... wirklich ein Hexer?� fragte ich m�hsam.</p><p>Andara blickte mich einen Herzschlag lang ernst an, warf pl�tzlich den Kopf in den Nacken und begann schallend zu lachen.</p><p>�Ich beherrsche eine Anzahl von Tricks, das stimmt�, sagte er am�siert. �Und ich habe mein Leben damit verbracht, Dinge zu studieren, die den meisten anderen verborgen bleiben.�</p><p>�Aber all die Dinge, die man Ihnen vorwirft, die ...�</p><p>�Sprich es ruhig aus�, sagte er, als ich nicht weitersprach. �Die Verbrechen. Ich habe nichts davon getan, Junge, aber die Menschen haben Angst vor meinen F�higkeiten. Sie haben Angst vor dem, was ich tue, und Angst und Ha� sind nahe Verwandte. Sie betrachten alles als feindselig und b�se, was sie nicht verstehen.� Er nickte betr�bt. �Es hat lange gedauert, bis ich es begriffen habe, Robert, sehr lange. Aber es war �berall das gleiche, wohin ich auch kam. Wenn sie meine Hilfe brauchten, haben sie mich geholt, aber nach einiger Zeit begannen sie mich zu f�rchten, schlie�lich zu hassen. Wenn in einer Stadt, in der ich war, ein Kind starb, wenn eine Frau eine Mi�geburt hatte oder die Ernte vom Hagel vernichtet wurde, dann wiesen sie mit dem Finger auf mich und sagten: Das war der Hexer. Zu Anfang habe ich mich dagegen gewehrt, aber nach einer Weile habe ich es aufgegeben.� Er lachte, aber es klang bitter. �Ich hatte gehofft, in Europa meinen Frieden zu finden, aber es sieht so aus, als ob mir mein Fluch folgt, wohin ich auch gehe. Vielleicht kann man seinem Schicksal nicht davonlaufen.�</p><p>Jemand klopfte gegen die T�r. Montague - Andara! - zuckte erschrocken zusammen, verbarg mit einer raschen Bewegung die Kette mit dem goldenen Stern unter seinem Hemd, trat an mir vorbei und schob den Riegel zur�ck. Auf dem nur unzureichend erhellten Korridor stand ein Matrose. Mannings, wie ich nach wenigen Sekunden erkannte.</p><p>�Der ... der Captain schickt mich�, begann er unsicher. �Er m�chte Sie sehen, Mister Montague.� Sein Blick wich dem Andaras aus. Er trat nerv�s auf der Stelle und schien nicht so recht zu wissen, was er mit seinen H�nden anfangen sollte.</p><p>�Er fragt, ob ... ob Sie zu ihm aufs Achterdeck hinaufkommen k�nnen.�</p><p>�Warum kommt er nicht hierher?� fragte ich, aber Andara winkte hastig ab.</p><p>�La� nur, Robert�, sagte er. �Ich mu� sowieso hinauf an Deck. Sei so gut und gib mir Mantel und Stock.�</p><p>Ich gehorchte, h�ngte ihm das d�nne schwarze Cape �ber die Schultern und nahm den schlanken Spazierstock - unter dessen silbernem Knauf sich die Klinge des Degens verbarg, den ich selbst schon an der Kehle gef�hlt hatte - aus dem Koffereinsatz. Ohne ein weiteres Wort folgten wir Mannings an Deck.</p><p>Bannermann erwartete uns bereits ungeduldig. Er hatte seinen schweren Wollmantel gegen eine schwarze �ljacke getauscht, die ihm zwar kaum Schutz vor der K�lte bot, in der er sich aber besser bewegen konnte. Ich sah, da� er eine Pistole im G�rtel stecken hatte. Und auch die Matrosen, die in kleinen Gruppen auf dem Deck herumstanden, leise miteinander redeten oder einfach verbissen in den Nebel hinausstarrten, waren bewaffnet - ein paar mit Gewehren, die meisten mit Messern oder Beilen, einige auch mit Enterhaken oder langen Belagn�geln. Trotz des Ernstes der Situation mu�te ich ein L�cheln unterdr�cken. Die M�nner erinnerten mich an Kinder, die sich vorgenommen hatten, Pirat zu spielen.</p><p>Aber das Gef�hl der Heiterkeit verflog sofort, als ich an Bannermann vorbei sah und den Nebel erblickte. Obwohl ich es nicht mehr f�r m�glich gehalten hatte, war er noch dichter geworden, und die Stille, die ihn begleitete, hatte jetzt etwas Erstickendes.</p><p>�Montague�, begann Bannermann �bergangslos. �Ich mu� mit Ihnen reden.� Zwischen seinen Brauen entstand eine Falte, als wir uns ihm n�herten, und er sah, wie gesund und kr�ftig der Mann, um dessen Leben er und ich noch vor wenigen Stunden gezittert hatten, pl�tzlich war. Aber er verlor kein einziges Wort dar�ber. �Sie wissen mehr, als Sie bisher zugegeben haben�, behauptete er pl�tzlich. �Sie wissen, was den Mann get�tet hat, nicht?�</p><p>Andara sah ihn ernst an, drehte sich halb um und blickte aus zusammengekniffenen Augen �ber das Deck zu der herausgebissenen Stelle, die im Nebel nur noch ein gro�er, finsterer Schatten war.</p><p>�Ja�, antwortete er nach sekundenlangem Z�gern. �Jedenfalls f�rchte ich es. Aber ich kann es Ihnen jetzt nicht erkl�ren�, f�gte er hinzu, bevor Bannermann Gelegenheit hatte, etwas zu sagen. �Ich w�re so oder so zu Ihnen gekommen, Captain. Wir m�ssen hier verschwinden. Das Schiff mu� sofort Fahrt aufnehmen. Was gerade passiert ist, war nur der Anfang, Bannermann. Dieses Ding wird weiter t�ten, wenn wir hierbleiben.�</p><p>�Aber ich kann es nicht!� begehrte Bannermann auf. Sein Zorn hatte etwas Hilfloses, und f�r einen Moment tat er mir leid. Ich wu�te, wie schwer es war, sich gegen Andara durchsetzen zu wollen. �Ich wei� nicht, was dieser verdammte Nebel zu bedeuten hat, und wenn ich ehrlich sein soll, dann beginne ich allm�hlich wieder an den Klabautermann zu glauben, aber das Schiff <emphasis>kann sich nicht bewegen, Montague!�</emphasis></p><p><emphasis>�Dann m�ssen wir rudern.�</emphasis></p><p>Bannermann stie� einen komisch klingenden Laut aus. �Rudern? Sie glauben doch nicht im Ernst, da� auch nur einer meiner M�nner einen Fu� in eines der Boote setzen wird, solange dieses Monster dort drau�en ist? <emphasis>Sie haben doch gesehen, was mit Gordon passiert ist!�</emphasis></p><p>�Ich werde sie sch�tzen�, sagte Andara. �Ich wei�, da� es gef�hrlich ist, aber wir haben keine andere Wahl. Keiner Ihrer M�nner wird London lebend erreichen, wenn wir das Schiff nicht von der Stelle bewegen k�nnen.�</p><p>�Wissen Sie, wieviel die LADY wiegt?� fragte Bannermann. Seine Stimme zitterte. �Es ist so gut wie unm�glich, ein Schiff dieser Gr��e mit nur vier Booten zu schleppen. Und die M�nner werden sich weigern. Sie haben Angst, Montague!�</p><p>Andara schwieg einen Moment, aber der innere Zweikampf, der sich hinter seiner Stirn abspielte, war deutlich in seinem Gesicht zu lesen.</p><p>�Wahrscheinlich haben Sie recht�, murmelte er schlie�lich. �Aber vielleicht gibt es noch eine andere M�glichkeit. Lassen Sie die Boote bereitmachen, Captain. Und schicken Sie Ihre M�nner in die Rahen.� Er l�chelte d�nn. �Es kann sein, da� wir bald Wind bekommen.�</p><p>Bannermann starrte ihn verdutzt an, aber Andara gab ihm keine Gelegenheit, irgend etwas zu sagen. Er fuhr herum, eilte mit weit ausgreifenden, federnden Schritten die Treppe zum Achterdeck hinauf und blieb zwei Schritte vor der hinteren Reling stehen. Bannermann blickte ihm kopfsch�ttelnd nach. �Was ist mit ihm?� fl�sterte er. �Ist er verr�ckt geworden?�</p><p>�Das wohl am allerwenigsten�, antwortete ich. �Sie sollten tun, was er sagt, Captain. Ich glaube, wenn uns noch jemand hier herausholen kann, dann er.�</p><p>Bannermanns Blick nach zu urteilen, begann er nun auch an meinem Verstand ernsthaft zu zweifeln. Trotzdem drehte er sich nach sekundenlangem Z�gern um und begann, die Matrosen mit erhobener Stimme hin und her zu scheuchen. Von einer Sekunde auf die andere breitete sich eine hektische, nerv�se Aktivit�t auf dem Deck aus. M�nner kletterten geschickt wie Affen die Masten hinauf und begannen, ihre Pl�tze in den Rahen einzunehmen, andere liefen zu den Booten, zerrten die Schutzplanen herab und begannen, die Ketten der Davids straff zu ziehen. Wieder andere standen scheinbar unt�tig herum, starrten in den Nebel und fingerten nerv�s an ihren Waffen. Es waren die M�nner mit den Gewehren, die nicht arbeiteten, und ich begriff, da� Bannermann alle Vorbereitungen getroffen hatte, das Ungeheuer w�rdig zu empfangen, sollte es noch einmal angreifen. Aber irgend etwas sagte mir, da� Gewehrkugeln und �xte nicht viel n�tzen w�rden.</p><p>Mein Blick glitt zum Achterdeck und suchte Andara. Der Hexenmeister war wenige Schritte vor der Reling stehengeblieben und zur Reglosigkeit erstarrt. Seine H�nde waren erhoben und wiesen in einer erstarrten, beinahe beschw�rend wirkenden Geste in den Nebel hinaus.</p><p>�Was tut er?� fl�sterte Bannermann.</p><p>Ich winkte hastig ab und sah weiter konzentriert zum Achterdeck hinauf. Andara r�hrte sich nicht, aber ich sp�rte einfach, da� irgend etwas dort oben vorging. Etwas, das nicht mit normalen menschlichen Sinnen wahrzunehmen war.</p><p>Und dann begann sich der Nebel zu bewegen.</p><p>Zuerst langsam und fast unmerklich, dann immer schneller trieben die grauen Schwaden auseinander. Die lichtschluckende Mauer, die die LADY OF THE MIST gefangen hielt, ri� auf, und zum ersten Mal seit Stunden ber�hrte das Licht der Sonne wieder das Deck. Die K�lte verschwand wie ein b�ser Spuk, und pl�tzlich sp�rte ich den k�hlen Hauch des Windes auf der Haut.</p><p>Bannermann keuchte �berrascht. Aber er reagierte so schnell, wie man es von einem guten Kapit�n erwarten konnte. �Segel setzen!� br�llte er. �Steuermann - Kurs zwei Strich Backbord!�</p><p>Ein tiefes, mahlendes Ger�usch lief durch den Rumpf des Viermastseglers. Ich sp�rte, wie die LADY unter meinen F��en wie aus einem tiefen, bet�ubenden Schlaf erwachte, als der Wind zunahm und sich die Segel an den Rahen strafften. Der Hauptmast �chzte h�rbar unter dem Druck, der pl�tzlich auf ihm lastete und den er an den Schiffsrumpf weitergeben mu�te. Der Nebel trieb weiter auseinander, zerfaserte zu d�nnen Streifen und l�ste sich mit phantastischer Geschwindigkeit auf. Eine Welle schlug klatschend gegen den Rumpf und zerstob zu wei�er Gischt, dann eine zweite, dritte ...</p><p>�Bannermann!� Andaras Stimme drang wie von weither in meine Gedanken. �Die Boote! Schnell! Der Wind wird nicht lange anhalten!�</p><p>Ein seltsames Gef�hl von Schw�che �berkam mich. Das Schiff begann vor meinen Augen zu verschwimmen, und meine Beine schienen mit einemmal nicht mehr in der Lage, das Gewicht meines K�rpers zu tragen. Ich wankte, griff haltsuchend nach dem Mast, verfehlte ihn und w�re gest�rzt, wenn Bannermann nicht gedankenschnell zugegriffen und mich aufgefangen h�tte.</p><p>�Craven!� keuchte er. �Was ist mit Ihnen?�</p><p>Ich sch�ttelte schwach den Kopf, befreite mich aus seinen Armen und lehnte mich gegen den Mast. Mein Herz jagte, als w�re ich meilenweit gelaufen, und obwohl ich noch immer vor K�lte zitterte, brach mir am ganzen Leib der Schwei� aus.</p><p>�Es ist ... nichts�, sagte ich m�hsam. �Ein Schw�cheanfall, mehr nicht. Es geht schon wieder.� In Wirklichkeit f�hlte ich mich sterbenselend. H�tte ich mich nicht an den Mast lehnen k�nnen, w�re ich abermals gest�rzt.</p><p><emphasis>�Robert! Geh in das Boot! Schnell!� </emphasis>Es fiel mir schwer, Andaras Worten zu folgen. Das Schiff bewegte sich noch immer vor meinen Augen, als betrachtete ich es durch flie�endes Wasser, und das Klatschen der Wellen hallte seltsam verzerrt in meinen Ohren wider. Trotzdem stemmte ich mich gehorsam hoch, drehte mich herum und wankte auf eines der Rettungsboote zu.</p><p>Die Matrosen sa�en bereits an ihren Pl�tzen, sechs Mann in jedem Boot, viel zu wenige, um die LADY nennenswert von der Stelle bewegen zu k�nnen, aber alles, was Bannermann entbehren konnte. Die Davids bewegten sich quietschend; eines der Boote l�ste sich aus seiner Halterung, schwebte, von vier armdicken, rostigen Ketten gehalten, eine Handbreit �ber die Reling und senkte sich langsam auf die Wasseroberfl�che herab.</p><p>Es erreichte sie nie.</p><p>Das Meer barst in einer pl�tzlichen Explosion aus Wasser und wei�er, schaumiger Gischt auseinander. Etwas Gro�es, ungeheuer Gro�es und Massiges wuchs wie ein schwarzgr�ner Berg neben dem Schiff empor, b�umte sich mit einem gewaltigen Urschrei auf und versank wieder im Meer. Das Schiff bebte. Eine drei Meter hohe Flutwelle traf seine Flanke wie einen Hammerschlag, sp�lte br�llend �ber die Reling und ri� die Matrosen von den F��en. Auch ich strauchelte, schlug schmerzhaft irgendwo mit dem Hinterkopf auf und griff blindlings um mich. F�r einen Moment drohte ich das Bewu�tsein zu verlieren. Eine unsichtbare Riesenfaust packte mich, pre�te mich mit gnadenloser Kraft gegen das Deck und trieb mir die Luft aus den Lungen. Ich versuchte zu schreien, bekam den Mund voll Wasser und schluckte instinktiv. Die LADY OF THE MIST st�hnte wie unter Schmerzen. Irgendwo splitterte Holz, und durch den blutigen Schleier vor meinen Augen sah ich, wie das Boot, das bereits au�erhalb des Schiffes an seinen Ketten hing, mit gnadenloser Kraft angehoben und gegen die Reling geschmettert wurde. Das armdicke Holz zersplitterte wie ein Span. Die M�nner im Inneren des Bootes wurden wie Spielzeugfiguren durcheinandergeschleudert; einer schrie auf, ruderte hilflos mit den Armen und kippte in einer grotesk langsamen Bewegung �ber Bord. Mit einem lautlosen Schrei versank er in den kochenden Fluten, um nie wieder aufzutauchen.</p><p>Ich hustete, spuckte Salzwasser und bittere Galle aus und versuchte, mich auf H�nden und Knien hochzustemmen. Das Schiff legte sich in einer schwerf�lligen Bewegung auf die Seite, kragte einen Moment bedrohlich �ber und richtete sich zitternd und st�hnend wieder auf. Die Ersch�tterung schmetterte mich abermals zu Boden. Hoch oben im Wald der Masten zerbrach etwas. Holz, Segeltuch und Tauwerk regneten wenige Meter hinter mir auf das Deck herab, als ich mich zum zweiten Mal hochstemmte.</p><p>Aber das Chaos war noch nicht vor�ber.</p><p>Im Gegenteil. Es begann erst.</p><p>Zum zweiten Mal brach das Meer auf, unmittelbar unter und neben dem Boot, das �ber der zersplitterten Reling schaukelte. Ein halbes Dutzend unterarmstarker, peitschender Tentakel zuckte aus dem schaumigen Wasser, richteten sich wie ein zitternder Wald schleimig-gr�ner Schlangen auf und tasteten mit blinden, suchenden Bewegungen umher.</p><p>Die M�nner im Boot begannen zu schreien. Die gr�nen Schuppenarme n�herten sich der winzigen Pinasse, fuhren mit kratzenden, schabenden Ger�uschen �ber das Holz und tasteten nach seinen Insassen. Einer von ihnen stemmte sich hoch, schlug mit einer verzweifelten Bewegung den Tentakel, der sich um seine Beine schlingen wollte, beiseite, und versuchte, mit einem Sprung das Schiff zu erreichen, aber der furchtbare Angreifer war schneller. Ein zweiter Fangarm zuckte vor, packte den Mann mitten im Sprung und ri� ihn mit einer brutalen Bewegung zur�ck. Wie eine angreifende Schlange wickelte er sich um seinen Leib und zog ihn dann unter Wasser. Das Meer kochte dort, wo er versunken war, und die Blasen, die sprudelnd an die Oberfl�che brachen, waren pl�tzlich rosa.</p><p>Die Tentakel hatten sich wie eine gewaltige, vielfingrige Hand um das Boot geschlossen, ein kriechender, lebender K�fig, der die Pinasse und die M�nner, die in ihr gefangen waren, gepackt hielt und langsam, aber mit ungeheurer Kraft, zudr�ckte. Ich sah, da� sich die gr�nen Schuppen an zahllosen Stellen geteilt hatten. Darunter kamen d�nnlippige, mit rasiermesserscharfen Z�hnen versehene Haifischm�uler zum Vorschein.</p><p>Ein Schu� krachte. Das Ger�usch lie� mich herumfahren. Die ganze schreckliche Szene hatte sich in weniger als einer Sekunde abgespielt, aber ich hatte das Gef�hl, dem Toben des Monsters seit Stunden zuzusehen. Meine Arme und Beine schienen sich ohne mein Zutun zu bewegen. Ich stand auf, torkelte r�ckw�rts davon und prallte gegen den Mast, unf�hig, den Blick von dem furchtbaren Bild zu wenden. Das Boot begann unter dem Druck der Fangarme zu zerbrechen.</p><p>Wieder peitschte ein Schu�. Ich sah, wie die Kugel einen der Fangarme traf und ein faustgro�es Loch in die gr�nen Schuppen ri�. Aber die Wunde schlo� sich fast ebenso schnell, wie sie entstanden war.</p><p>Eine Hand ergriff mich an der Schulter, ri� mich herum und versetzte mir einen Sto�, der mich meterweit zur�cktaumeln und zum dritten Mal zu Boden gehen lie�. Dort, wo ich gerade gestanden hatte, klatschte ein weiterer Fangarm gegen den Mast, glitt zu Boden und zog sich, zitternd hierhin und dorthin tastend wie eine blinde, suchende Schlange, wieder zur�ck. Wieder krachten Sch�sse. Der Tentakel erzitterte unter einem halben Dutzend Einschl�gen, und pl�tzlich markierte eine Spur dickfl�ssigen schwarzen Blutes den Weg, den er zur�ckkroch. Aber wie beim ersten Mal schlossen sich die Wunden so schnell, wie sie entstanden waren. Die Bewegungen des Ungeheuers wurden nicht einmal langsamer.</p><p>Ein Matrose sprang mit einem gellenden Schrei an mir vor�ber, blieb mit gespreizten Beinen �ber dem Tentakel stehen und schwang eine gewaltige zweischneidige Axt.</p><p>Andaras Warnschrei kam zu sp�t. Das Beil sauste herab und trennte ein meterlanges St�ck des Fangarmes ab. Schwarzes Blut traf den Mann.</p><p>Dort, wo es seine Haut ber�hrte, begann sich Rauch zu kr�useln. Der Matrose schrie auf, lie� seine Waffe fallen und torkelte zur�ck, beide H�nde gegen das Gesicht gepre�t. Er war tot, noch bevor der verst�mmelte Tentakel von Bord gekrochen und im Meer verschwunden war.</p><p><emphasis>�Robert! Zu mir!�</emphasis></p><p>Andaras Schrei ri� mich endg�ltig aus meiner Erstarrung. Ich sah auf, blickte einen Herzschlag lang in das Gesicht des Hexenmeisters und nickte automatisch, als er mir mit Gesten zu verstehen gab, ihm zu folgen. Andara hatte seinen Mantel abgestreift und den Stockdegen gezogen. Die Kette mit dem kreuzf�rmigen Amulett hing jetzt sichtbar auf seiner Brust. Die d�nne Klinge des Floretts gl�hte wie unter einem unheimlichen, inneren Feuer.</p><p>Dicht hinter ihm hetzte ich auf die Reling zu. Das Deck des Schiffes hatte sich in ein Schlachtfeld verwandelt. Dutzende der gr�nen, peitschenden Tentakel waren dicht vor der Bordwand aus dem Meer emporgestiegen und bildeten einen wippenden, t�dlichen Wald aus Schuppen und schnappenden Teufelsm�ulern vor dem Schiff. Die M�nner schossen ununterbrochen; andere hatten sich mit Enterhaken und langen, mit eisernen Spitzen versehenen Stangen bewaffnet und hackten und schlugen auf die Tentakel ein, die an Deck zu kriechen versuchten. Das Schicksal ihres ungl�cklichen Kameraden hatte sie gewarnt - sie vermieden es, den t�dlichen Schlangenarmen zu nahe zu kommen und beschr�nkten sich darauf, die zuckenden Arme wieder ins Meer zur�ckzusto�en, und f�r einen Moment sah es fast so aus, als h�tten sie Erfolg.</p><p>Aber nur f�r einen Moment. Die Kr�fte der M�nner erlahmten rasch, w�hrend das Ungeheuer im Meer weder M�digkeit noch Schmerz zu kennen schien. Mehr und mehr der gewaltigen Fangarme tauchten gischtend aus dem Wasser auf, krochen wie gierige gr�ne Schlangen an der Bordwand empor, ringelten sich um die Reling oder schnappten nach den Matrosen.</p><p>Der t�dliche W�rgegriff um das Ruderboot hatte sich weiter geschlossen; die Pinasse war fast vollkommen unter der wogenden gr�nen Masse verschwunden. Die Schreie der M�nner waren verstummt. Noch w�hrend ich hinsah, ri� eine der armdicken Ketten, an denen das Boot hing, mit einem peitschenden Knall entzwei. Die Tentakelfaust zitterte und zerrte das Boot ein St�ck mehr auf die Wasseroberfl�che herab.</p><p>�Bleib immer in meiner N�he, Robert�, keuchte Andara. �Und hab keine Angst - er kann dir nichts tun, solange ich bei dir bin.� Mit einem geschmeidigen Sprung setzte er �ber einen zuckenden Tentakel hinweg, strauchelte auf dem glitschigen Deck und fand mit weit ausgebreiteten Armen sein Gleichgewicht wieder. Der Degen in seiner Rechten vollf�hrte eine blitzartige, halbkreisf�rmige Bewegung, schnitt in die schuppige Panzerhaut des Monsterarmes und hinterlie� eine tiefe, klaffende Wunde.</p><p>Und diesmal schlo� sich der Schnitt nicht! Im Gegenteil - als w�re die Klinge von Andaras Waffe mit einem unsichtbaren Gift bestrichen gewesen, erweiterten sich die R�nder der Wunde. Schwarzes Blut fra� sich wie S�ure in die Planken des Decks, aber der Strom versiegte in wenigen Augenblicken. Die glitzernden Schuppen begannen sich zu kr�useln, rollten sich zusammen wie trockenes Laub. Der Fangarm zuckte, hob sich noch einmal in die H�he und schlug in einer letzten, schon kraftlosen Bewegung gegen den Mast. Der Tentakel des Ungeheuers verdorrte in wenigen Sekunden, wie ein Zweig, der monatelang in der hei�en Sonne gelegen hatte. Instinktiv taumelte ich zur�ck und pre�te die Hand vor den Mund.</p><p>Andara gab mir keine Zeit, dem schrecklichen Verfall weiter zuzusehen. Er packte mich an der Schulter, ri� mich herum und zog mich mit sich, weiter auf die Reling und den Wald peitschender Tentakeln zu.</p><p>Die Matrosen wurden unbarmherzig zur�ckgedr�ngt. Sie wehrten sich mit dem Mut der Verzweiflung, und trotz ihrer schier unglaublichen Regenerationsf�higkeit war ein Gro�teil der Krakenarme von Wunden �bers�t. Das Deck brodelte unter dem �tzenden Blut der Bestie, und unter den M�nnern war keiner, der nicht bereits eine Unzahl mehr oder weniger schwerer Ver�tzungen davongetragen hatte. Und aus dem Meer tauchten mehr und mehr der gewaltigen, gr�nen Fangarme auf.</p><p>Andara schwang seinen Degen. Die Klinge traf einen Fangarm, der sich gerade um die Beine eines Mannes gewickelt hatte, schnitt ihn glatt in zwei Teile und durchtrennte noch in der gleichen Bewegung einen zweiten Tentakel, der wie ein angreifender Raubvogel von oben auf uns herabsto�en wollte. Die Wirkung war die gleiche wie beim ersten Mal - die schuppige Haut des Ungeheuers begann sich zu kr�useln und zu verdorren; der Arm starb.</p><p>Und trotzdem waren es nicht mehr als Nadelstiche, die Andara der Masse der Ungeheuer zuf�gen konnte. Selbst mit einem Dutzend solcher Waffen, wie er sie besa�, w�re es nicht m�glich gewesen, die ungeheure Menge gr�ner Schlangenarme zur�ckzudr�ngen, die aus dem Meer emporstieg. Wenn es Kraken waren, die das Schiff angriffen, dann mu�te es eine ganze Armee sein.</p><p>W�hrend rings um uns herum die M�nner zur�ckwichen, n�herten wir uns Schritt f�r Schritt der Reling. Andara zerrte mich unbarmherzig mit sich, w�hrend er wie rasend auf den Wald von Armen einschlug, der uns den Weg versperrte. Das Schiff erzitterte unter unseren F��en, und ich sp�rte, wie sich der Boden langsam, aber unbarmherzig zu senken begann. Der Zug Hunderter und Aberhunderter von Tentakeln begann sich bemerkbar zu machen. Die LADY OF THE MIST hatte bereits eine sp�rbare Schlagseite - und aus dem Meer tauchten immer mehr der schleimigen, gr�nen Dinger auf, um am Rumpf des Schiffes Halt zu suchen und es langsam in die Tiefe zu zerren.</p><p>Endlich erreichten wir die Reling, oder das, was davon �brig geblieben war. Das Meer war verschwunden. Alles, was ich sah, war eine brodelnde Masse aus Gr�n und kochendem, wei�en Schaum. Wir schienen von einem Wald geifernder Arme und schnappender Haifischm�uler umgeben zu sein.</p><p>Aber nicht einer von ihnen ber�hrte uns.</p><p>Es war nicht allein Andaras Degen, der sie zur�ckdr�ngte. Die Waffe w�tete furchtbar unter den Angreifern, und trotzdem h�tten sie uns allein mit ihrer ungeheuren Zahl erdr�cken k�nnen. Aber irgend etwas hielt sie zur�ck. Immer wieder zuckte ein Tentakelende auf Andara oder mich herab, �ffnete sich ein schnappendes D�monenmaul, peitschte ein Arm mit der Gewalt eines angreifenden Elefanten auf uns zu - und immer wieder schien er im letzten Moment gegen eine unsichtbare Mauer zu prallen und sich mit einer fast schmerzhaften Bewegung zur�ckzuziehen. Es war, als w�ren Andara und ich von einer unsichtbaren, aber undurchdringlichen Barriere umgeben, die die Unheimlichen nicht �berwinden konnten.</p><p>Andara lie� meinen Arm los, schlug nach einem Tentakel, der sich um sein Bein zu ringeln versuchte, drehte sich pl�tzlich herum und dr�ckte mir die Waffe in die Hand.</p><p>�Pa� auf!� keuchte er. �Wenn mir etwas geschieht, dann versuche dir deinen Weg freizuk�mpfen. Vielleicht l��t er vom Schiff ab, wenn er mich hat!�</p><p>Ich kam nicht dazu, ihn zu fragen, worauf ich aufpassen sollte oder wen er mit <emphasis>er </emphasis>meinte. Andara wirbelte abermals herum, ri� in einer beschw�renden Geste die Arme �ber den Kopf und stie� die geballten F�uste gegen das Meer.</p><p><emphasis>�Halte ein!� </emphasis>rief er. Seine Stimme war wie Donner, der pl�tzlich �ber das Meer rollte, laut, unglaublich laut und befehlend, von einer solchen Kraft, da� ich mich wie unter einem Hieb kr�mmte und die H�nde gegen die Ohren schlug.</p><p><emphasis>�Halte ein!� </emphasis>rief er noch einmal. <emphasis>�Ich, Roderick Andara, ein Tr�ger der Macht, befehle es dir! H�r auf zu t�ten und geh zur�ck dorthin, woher du gekommen bist!�</emphasis></p><p>Das Toben der Tentakel h�rte auf. Noch immer waren wir von einem wahren Wald der gigantischen gr�nen Arme umgeben, und immer noch tauchten weitere aus dem Meer auf, klammerten sich an die Reling oder saugten und bissen sich am blanken Holz des Decks fest, aber ihre Bewegungen wurden deutlich langsamer.</p><p><emphasis>�Geh!� </emphasis>schrie Andara. <emphasis>�Geh zur�ck! Verlasse diesen Ort! Ich trage das Stigma der Macht, und du mu�t mir gehorchen! Geh! ICH BEFEHLE ES DIR!�</emphasis></p><p>Und das Unglaubliche geschah!</p><p>Eine zitternde, schwerf�llige Bewegung lief durch die Masse der Tentakel. Erst einer, dann immer mehr und mehr der schuppigen Arme kroch �ber das Deck zur�ck ins Meer, und wieder schien der Ozean zu kochen. Die unheimlichen Angreifer zogen sich zur�ck, langsam und widerwillig zwar, aber sie wichen, gezwungen von einem Willen, der st�rker war als ihr eigener. Das Meer rings um die LADY verwandelte sich in einen kochenden Pfuhl voller dunkler Schlangenleiber und blasigem Schaum. Dicht neben uns regneten die zermalmten �berreste der Pinasse herab, als auch dort die Tentakel ihre Griffe lockerten und zur�ck in die H�lle glitten, aus der sie hervorgekrochen waren. Die LADY zitterte sp�rbar, als sich der W�rgegriff von ihr l�ste.</p><p><emphasis>�Geh!� </emphasis>befahl Andara noch einmal. <emphasis>�Geh und kehre nie wieder an diesen Ort zur�ck!�</emphasis></p><p>Mir wurde schwindelig. Wenige Meter neben dem Schiff versank der letzte Schlangenarm sprudelnd im Meer, und f�r einen ganz kurzen Moment glaubte ich, tief unter dem Schiff etwas Gigantisches, Dunkles zu erkennen, aber mir fehlte die Kraft, den Gedanken weiter zu verfolgen. Zum zweiten Mal �berfiel mich Schw�che, aber jetzt war es zehnfach so schlimm wie beim ersten Mal. Ich st�hnte. Der Degen entglitt meinen H�nden und polterte zu Boden. Das Schiff begann sich um mich herum zu drehen, und als Andara sich mit einer erschrockenen Bewegung zu mir umwandte und mich auffing, begann sein Gesicht vor meinem Blick zu zerflie�en wie ein Bild aus weichem Wachs. Ich wollte etwas sagen, aber selbst dazu fehlte mir die Kraft. �belkeit stieg in meiner Kehle hoch, und in meiner linken Brustseite erwachte ein brennender, grausam heftiger Schmerz.</p><p>Ich verlor das Bewu�tsein.</p><empty-line/><p>Es war aussichtslos.</p><p>Der Mob hatte die Scheune gest�rmt, und die Handvoll M�nner und Frauen, die nicht bereits dem ersten, w�tenden Ansturm der Menge erlegen waren, k�mpften einen hoffnungslosen Kampf.</p><p>Quenton lie� sich in einer verzweifelten Bewegung zur Seite fallen. Dort, wo soeben noch sein Kopf gewesen war, bohrten sich die rostigen Zinken einer Mistgabel ins Holz der Wand. Quenton rollte herum, langte nach den Beinen des Angreifers und schrie auf, als ihm der zweite Mann gegen die Schl�fe trat.</p><p>Er hatte die beiden nicht einmal bemerkt. Der Kampfl�rm und das Gr�len der Menge hatten ihre Schritte verschluckt, und er hatte nur durch Zufall aufgesehen und im letzten Moment den Schatten der Mistgabel erblickt, die der eine nach ihm stie�.</p><p>Aber es schien, als h�tte er den Tod nur Sekunden hinausgez�gert. Der Mann, den er von den F��en gefegt hatte, stemmte sich bereits wieder hoch und griff mit wutverzerrtem Gesicht nach seiner Forke, w�hrend der zweite sich mit einem triumphierenden Schrei auf ihn warf. Seine Knie kamen auf Quentons Brustkorb zu liegen und trieben ihm die Luft aus den Lungen.</p><p>Schmerz durchzuckte ihn. F�r einen winzigen, schrecklichen Moment drohten seine Gedanken in einem blutroten Nebel zu versinken. Er b�umte sich auf, tastete schw�chlich nach dem Gesicht des Mannes, der wie eine h��liche, �bergro�e Kr�te auf seiner Brust hockte und ihm mit den Knien gegen den Boden pre�te, und schrie abermals auf, als der Mann seine H�nde beiseite fegte.</p><p>�Schlag ihn nicht tot, Fred!� keuchte sein Kumpan. Er hatte sich wieder aufgerichtet und die Mistgabel mit beiden H�nden gepackt. Aus seinem Mundwinkel lief ein d�nner Blutfaden. Er mu�te sich verletzt haben, als er st�rzte.</p><p>�Warum nicht? Er ...�</p><p>�Weil ich etwas Besseres wei߫, kicherte der Mann. Seine H�nde schlossen sich fester um den Stiel der Mistgabel. �Etwas viel Besseres, halt ihn nur gut fest. Ich werde das Schwein lehren, nach mir zu treten.�</p><p>Der mit Fred Angesprochene grunzte zustimmend und packte Quentons Kopf mit beiden H�nden. Der andere kam n�her, blieb breitbeinig �ber Quentons Kopf stehen und hob die Forke. �Halt ihn gut fest�, kicherte er.</p><p>Die Zinken der Mistgabel n�herten sich Quentons Gesicht.</p><p>�Tu es nicht�, sagte Quenton ruhig.</p><p>Der Mann blinzelte. Die Forke in seiner Hand zitterte, und in seinem Blick machte sich ein fragender, beinahe �berraschter Ausdruck breit. Aber die Gabel senkte sich nicht weiter.</p><p>�Tu es nicht�, sagte Quenton noch einmal. �Ich erlaube es nicht.�</p><p>�Worauf wartest du?� raunzte Fred ungeduldig. �Ich kann den Kerl nicht ewig festhalten.�</p><p>Quentons Blick bohrte sich in den des anderen. Die Augen des Mannes waren starr, und Quenton glaubte, einen schwachen Abglanz der abgrundtiefen Furcht darin zu lesen, die er in diesem Moment empfinden mu�te. Sein Mund �ffnete sich, aber nicht der geringste Laut kam �ber seine Lippen.</p><p>�Und nun geh�, befahl Quenton. �Und nimm deinen Freund mit.�</p><p>Fred glotzte ihn an wie einen bunten Hund. Er leistete kaum Gegenwehr, als ihn sein Kamerad von Quenton wegri�, ihn mit beiden Armen fest umschlang und zum Rand des Heubodens schleppte. Erst im letzten Moment d�mmerte es ihm, doch die Erkenntnis kam zu sp�t.</p><p>Sein Kumpan lie� sich ins Leere fallen und ri� Fred mit sich. Mit einem gellenden Schrei verschwand er aus Quentons Blickfeld.</p><p>Quenton arbeitete sich st�hnend hoch. Zwei seiner Rippen waren gebrochen und schmerzten f�rchterlich, aber er k�mpfte den Schmerz nieder, stemmte sich auf H�nde und Knie hoch und kroch ein St�ck zur Seite. Die beiden waren die einzigen Angreifer gewesen, die den Weg zum Heuboden hinauf gefunden hatten, aber die Scheune unter ihm war erf�llt von einer tobenden Menge, die nicht eher ruhen w�rde, bis sie auch die letzte Spur vom Leben in Jerusalems Lot ausgel�scht hatte.</p><p>Quenton ballte in ohnm�chtigem Zorn die F�uste. Der Mob hatte wenig mehr als zwei Minuten gebraucht, das Tor einzuschlagen und die wenigen Verteidiger, die sich ihm todesmutig in den Weg gestellt hatten, niederzumachen. Quenton blieben nur noch Minuten.</p><p>Unter ihm durchbrach ein neuer, gellender Schrei den L�rm. Quenton beugte sich vor und sah, wie vier M�nner ein M�dchen aus dem Haus zerrten und ihr die Kleider vom Leib zu rei�en begannen. Ein Gef�hl hei�en, hilflosen Zornes stieg in Quenton hoch. Er kannte das M�dchen; in einem Dorf von nicht einmal f�nfzig Einwohnern kannte man jeden.</p><p>Sein Blick suchte das winzige, strohgedeckte Geb�ude am gegen�berliegenden Dorfrand. Das Haus stand noch. Die Laden waren vorgelegt, und trotz der schweren Rauchwolken, die wie eine erstickende Decke �ber dem Dorf lagen, konnte er erkennen, da� es unbesch�digt war.</p><p>Nat�rlich, dachte er ha�erf�llt. Die drei anderen w�rden daf�r sorgen, da� der Mob sie erst ganz am Schlu� entdeckte. Es w�rde sie nicht retten. Die Menge war viel zu aufgepeitscht, als da� sie noch geistig zu beeinflussen w�re, nicht einmal von drei Meistern der <emphasis>Macht </emphasis>zugleich. Aber sie hatten die anderen geopfert, um noch einige Minuten des Lebens f�r sich herauszuschinden.</p><p>Ein Ger�usch hinter seinem R�cken lie� ihn herumfahren. Das Ende der Leiter, die zu seinem Versteck auf dem Heuboden hinauff�hrte, hatte zu zittern begonnen. Jemand stieg zu ihm herauf.</p><p>Quenton richtete sich auf. Sein Blick saugte sich am Ende der Leiter fest. Pl�tzlich sp�rte er die gebrochenen Rippen nicht mehr; selbst seine Furcht war verschwunden.</p><p>Schon tauchte der Kopf des Mannes �ber dem Rand des Zwischenbodens auf. Da war Quenton bei der Leiter und versetzte ihr einen Tritt.</p><p>Die Leiter begann zu zittern. Langsam, als w�rde sie von unsichtbaren H�nden geschoben, l�ste sie sich von ihrem Halt, kippte nach hinten. Die Augen des Mannes an ihrem Ende weiteten sich entsetzt. Er schrie auf, griff verzweifelt nach Halt - vergebens.</p><p>Die Leiter bewegte sich weiter, stand f�r eine endlose Sekunde gegen alle Naturgesetze senkrecht und frei - und kippte dann nach hinten!</p><p>Quenton l�chelte kalt, trat an den Rand des Bodens und blickte nach unten. Die Leiter war mitten in die Menge gest�rzt und hatte ein halbes Dutzend M�nner zu Boden geworfen.</p><p>Eine Hand wies nach oben. �Da ist noch einer!� br�llte eine Stimme. �Da oben ist noch eins von den Schweinen!� Andere Stimmen nahmen den Ruf auf, und von einer Sekunde auf die andere war die Scheune von einem gr�lenden Chor erf�llt. Ein Chor, der nach seinem Blut schrie.</p><p>Quenton starrte kalt auf die tobende Menge herab. Jemand hob sein Gewehr und scho� auf ihn. Die Kugel streifte seinen linken Arm und ri� eine blutige Furche in seine Haut. Er sp�rte es nicht einmal. Langsam hob er die Arme, streckte sie waagerecht vor sich aus und spreizte die Finger; eine Geste, als w�rde er eine unsichtbare Last von sich schieben.</p><p>�Ihr wollt Blut?� fragte er. �Ihr sollt erfahren, was Angst bedeuten kann!�</p><p>Er hatte nicht sehr laut gesprochen. Und trotzdem hatte jeder seine Worte geh�rt. Eine zitternde, schwerf�llige Wellenbewegung lief durch die Menge, als die M�nner und Frauen instinktiv vor der hoch aufgerichteten Gestalt �ber sich zur�ckwichen. Wieder krachte ein Schu�, dann ein zweiter, dritter, vierter. Quenton f�hlte, wie die Kugeln seinen K�rper trafen, aber er sp�rte nur die Ber�hrung, keinen Schmerz.</p><p>�Ihr sollt Angst sp�ren!� schrie er. �Ihr habt die Gewalt hierher gebracht - jetzt f�hlt sie selbst!�</p><p>Das Kreischen der Menge �nderte sich. Sie schrien noch immer, aber pl�tzlich waren es Laute der Furcht. Wieder krachte eine Gewehrsalve, und wieder wurde Quenton getroffen. Aber Quenton starb nicht, obwohl er bereits aus mehreren Wunden blutete.</p><p>Daf�r geschah etwas anderes. F�r einen Moment lag ein helles, knisterndes Ger�usch in der Luft, ein Laut wie das Zischen eines niederfahrenden Blitzes, aber heller, durchdringender und irgendwie boshaft. Dann schien sich ein dunkler Mantel �ber die Menschen unter ihm zu legen. M�nner und Frauen schrien in Panik auf, st�rzten zu Boden und krochen in irrsinniger Angst dem Scheunentor zu. Der schwarze Mantel der Furcht legte sich um ihre K�pfe, lie� sie den Ha� und die Wut vergessen, f�llte sie aus mit kreat�rlicher, alles �berschattender Angst.</p><p>�Ja, flieht nur!� keuchte Quenton. Wieder schlug die unsichtbare Macht, die er entfesselt hatte, zu, und wieder ging ein einziger lauter Schrei der Angst durch die Menge.</p><p>In der Scheune brach Panik aus. Die Menschen versuchten verzweifelt, den Ausgang zu erreichen. Und noch einmal, ein drittes und letztes Mal, schlug Quenton mit aller geistiger Macht zu.</p><p>Er sp�rte, wie seine Kr�fte schwanden. Was er getan hatte, war nichts als ein letztes Aufb�umen gewesen, ein letztes, titanisches Aufflackern der Flamme, die in seinem Inneren brannte, gespeist von Wut und Verzweiflung. Das gro�e Vergessen w�rde ihr folgen.</p><p>Er wankte, torkelte einen Schritt vom Bodenrand zur�ck und brach in die Knie. Langsam erwachte der Schmerz in seinem K�rper, und er begann zu f�hlen, wie das Leben aus seinem Leib herausstr�mte. Die Menge unter ihm tobte und schrie wieder, aber er betrachtete sie nicht mehr.</p><p>Irgend etwas flog zu ihm hinauf und landete polternd wenige Schritte neben ihm im Heu. Quenton hob m�de den Blick. Es war eine Fackel. Eine zweite folgte, dann eine dritte. Die Flammen fanden in dem trockenen Heu sofort Nahrung, schossen zu einer meterhohen Wand hoch und h�llten ihn in einen Mantel aus Hitze und Rauch.</p><p>Sein Blick begann zu verschwimmen.</p><p>�Roderick�, fl�sterte er. �Das ist deine Schuld. Ich verfluche dich.� Seine Stimme ging im Prasseln der Flammen unter. �Ich verfluche dich�, fl�sterte Quenton noch einmal. �Du wirst daf�r bezahlen. Du ... wirst nie wieder Ruhe haben, solange du ... lebst. Und dar�ber hinaus.�</p><p>Quenton kr�mmte sich, fiel aufs Gesicht und starb.</p><empty-line/><p>Als ich erwachte, sp�rte ich ein sanftes, monotones Schaukeln. Ich war nicht allein im Raum; jemand sprach, ohne da� ich die Worte verstanden h�tte, und hinter diesem Ger�usch waren andere Laute: ein leises Knarren und �chzen, das schwere, nasse Schlagen von Segeltuch und das Singen von Tauen, die bis an ihre Grenzen belastet waren.</p><p>Das Schiff hatte Fahrt aufgenommen.</p><p>Diese Erkenntnis weckte mich endg�ltig.</p><p>Ich schlug die Augen auf, blinzelte und versuchte, die Hand zu heben, um das qu�lende Licht abzuschirmen, das meine Augen marterte.</p><p>�Er ist wach�, sagte eine Stimme. Ich erkannte sie als die Bannermanns, und als ich abermals die Augen �ffnete, schwebte sein pausb�ckiges Gesicht wenige Zentimeter �ber dem meinen. Ein gezackter, blutiger Kratzer verunzierte seine linke Wange, und auf seiner Stirn prangten zwei m�nzengro�e, rote Flecken.</p><p>�Was ist ... passiert?� fragte ich m�hsam. Ich f�hlte mich schwach, unendlich schwach und m�de. Eine unsichtbare Zentnerlast schien meinen K�rper niederzudr�cken.</p><p>�Sie sind zusammengebrochen, Junge�, antwortete Bannermann. Er l�chelte, aber seine Augen blieben ernst. �Montague und ich haben Sie hier heruntergeschafft. Sie erinnern sich an nichts?�</p><p>Ich versuchte es, aber in meinem Kopf wirbelten die Gedanken haltlos durcheinander. Ich glaubte mich an einen Alptraum zu erinnern, irgendein krauses Zeug, in dem Schlangenarme und schnappende M�uler eine Rolle spielten, sterbende M�nner und Blut, das wie S�ure brannte ...</p><p>Mit einem Schrei fuhr ich hoch. Es war kein Traum gewesen! Alles, woran ich mich erinnerte, war geschehen!</p><p>Bannermann versuchte mich zur�ckzudr�ngen, aber der Schrecken gab mir zus�tzlich Kraft. �Um Gottes willen, was ist passiert?� keuchte ich. �Das Ungeheuer ...�</p><p>�Es ist alles in Ordnung, Robert.� Das war Andaras Stimme. Ich hatte bisher nicht einmal bemerkt, da� er ebenfalls in der Kabine war. Sanft ber�hrte er Bannermann an der Schulter, trat an ihm vorbei und sah mir pr�fend ins Gesicht. �Bist du wieder in Ordnung?� fragte er.</p><p>Ich nickte instinktiv, obwohl ich mich alles andere als gesund f�hlte. In meinen Gliedern war noch immer eine Schwere, die ich nicht erkl�ren konnte. Ich f�hlte mich wie jemand, der nach wochenlanger Krankheit das erste Mal wieder aufzustehen versucht. �Es geht�, murmelte ich. �Wie lange ... war ich bewu�tlos?�</p><p>�Nicht lange�, antwortete Bannermann. �Zehn Minuten, allerh�chstens.� Er seufzte, sch�ttelte den Kopf und sah abwechselnd Andara und die geschlossene T�r unserer Kabine an. �Ich m��te wieder an Deck�, murmelte er. �Aber ich habe auch ein paar Fragen an Sie, Montague.�</p><p>Andara nickte. Seine Finger spielten nerv�s an dem goldenen Anh�nger auf seiner Brust. �Dazu haben Sie ein Recht, Captain�, murmelte er. �Aber ich f�rchte, wir werden keine Zeit f�r lange Erkl�rungen haben.�</p><p>Bannermann erbleichte. �Sie ... Sie meinen, dieses Ungeheuer kommt wieder?� keuchte er.</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand Andara nach sekundenlangem Z�gern. �Er ist st�rker, als ich dachte. Ich habe es verjagt, aber ...� Er sch�ttelte den Kopf, ballte in einer Geste hilflosen Zornes die Faust und schluckte ein paarmal. Seine Stimme zitterte, als er weitersprach: �Mein Gott, Bannermann, ich habe einen furchtbaren Fehler gemacht. Ich habe Sie und Ihr Schiff in allerh�chste Gefahr gebracht.�</p><p>Bannermann schwieg, aber der Ausdruck in seinem Blick verh�rtete sich.</p><p>�Das Wesen, das uns angegriffen hat�, fuhr Andara fort, �ist meinetwegen hier, Captain. Und ich f�rchte, es wird nicht eher ruhen, bis es seinen Auftrag erf�llt hat.�</p><p>�Auftrag?�</p><p>Andara l�chelte traurig. �Ich mu� Ihnen etwas gestehen, Captain�, sagte er. �Ich bin nicht der, f�r den Sie mich halten. Und meine Reise nach England ist auch keine Vergn�gungsreise, wie ich Ihnen weismachen wollte.�</p><p>Bannermann knurrte. �Das habe ich mir schon gedacht. Aber wer sind Sie wirklich?�</p><p>�Ein Mann mit m�chtigen Feinden�, antwortete Andara ausweichend.</p><p>�Das Wesen, das das Schiff angegriffen hat?�</p><p>Andara verneinte. �Es ist nicht mehr als ein Werkzeug�, antwortete er. �Eine Art gedungener Killer, dessen sich meine Feinde bedienen, um mich unsch�dlich zu machen.�</p><p>Bannermann lachte, aber es war ein Laut, der eher wie ein hysterisches, im letzten Moment unterdr�cktes Kreischen klang. �Sie m�ssen irgendwem m�chtig auf die F��e getreten sein, Montague�, sagte er. �Aber so leicht kommen Sie mir nicht davon. Zehn von meinen M�nnern sind tot, und der Rest ist verletzt und wird wahrscheinlich nie wieder einen Fu� auf ein Schiff setzen, wenn wir London erreicht haben. <emphasis>Wenn </emphasis>wir es jemals erreichen.�</p><p>�Wie steht der Wind?� fragte Andara.</p><p>Bannermann machte eine unwillige Geste. �Gut genug - aber was hat das mit meiner Frage zu tun?�</p><p>�Alles, Captain. Ich wei� nicht, wie lange ich dieses Wesen in Schach halten kann. Ich sp�re seine N�he. Es verfolgt uns. Wie lange brauchen wir bis London?�</p><p>�Vierundzwanzig Stunden�, antwortete Bannermann. �Mindestens. Wenn die Mannschaft durchh�lt. Ein paar von den M�nnern stehen kurz vor dem Zusammenbruch.�</p><p>�Das ist zu lange�, murmelte Andara verzweifelt, �Sie m�ssen den Kurs �ndern. Ich kann ihn h�chstens noch eine Stunde zur�ckhalten.�</p><p>Bannermann schnaubte. �Sie sind von Sinnen! Wenn ich hier in der N�he Land ansteuere, schlitzen wir uns den Bauch auf. Haben Sie eine Ahnung, wie die schottische K�ste aussieht?�</p><p>�Sie m�ssen es tun!� begehrte Andara auf. �Was wir gerade erlebt haben, war nicht mehr als ein Vorgeschmack dessen, was geschieht, wenn meine Kr�fte erlahmen.�</p><p>�Kr�fte?� schnappte Bannermann. �Von was f�r Kr�ften sprechen Sie, Montague? <emphasis>Was sind Sie? </emphasis>So eine Art Zauberer? Oder der Teufel pers�nlich?�</p><p>�Vielleicht von beiden ein bi�chen�, antwortete Andara leise. Bannermann blieb ernst, und Andara f�gte nach einer langen Pause hinzu: �Mein Name ist nicht Montague, Bannermann. Ich bin Roderick Andara.�</p><p>Wenn Bannermann dieser Name etwas sagte, so lie� er sich nichts anmerken.</p><p>�Sie m�ssen den Kurs �ndern, Captain�, fuhr Andara fort. �Ich flehe Sie an. Wenn Ihnen das Leben Ihrer M�nner etwas bedeutet, dann tun Sie es! Laufen Sie die n�chste K�ste an. An Land kann er uns nichts tun.�</p><p>Bannermann lachte hart. �Ich werde das Schiff auf Grund setzen, wenn ich tue, was Sie verlangen, Andara�, schnappte er.</p><p>�Dann tun Sie es!� erwiderte Andara erregt. �Ich bezahle Ihr Schiff, wenn es das ist, worum Sie sich sorgen. Ich komme f�r jeden Schaden auf.�</p><p>�Auch f�r das Leben der M�nner, die ertrinken werden, wenn wir eine halbe Meile vor der K�ste an den Riffen stranden?� fragte Bannermann kalt.</p><p>Andara schwieg einen Moment. �Bannermann�, sagte er dann. �Ich schw�re Ihnen, da� niemand, der hier auf dem Schiff ist, mit dem Leben davonkommt, wenn Sie den Kurs nicht �ndern. Ich kann es Ihnen jetzt nicht erkl�ren, aber das Wesen, das uns folgt, ist nicht aus Fleisch und Blut. Es ist kein Meeresungeheuer, gegen das Sie k�mpfen k�nnten. Wenn meine Kr�fte nachlassen, wird es dieses Schiff zermalmen wie eine Nu�schale.�</p><p>Bannermann starrte ihn an. �Gut�, sagte er schlie�lich. �Ich tue; was Sie verlangen, Andara. Aber sobald wir an Land sind, liefere ich Sie den Beh�rden aus.�</p><p>Andara antwortete nichts darauf. Bannermann starrte ihn noch eine Sekunde an, fuhr dann mit einem Ruck herum und stapfte aus der Kabine. Die T�r flog krachend hinter ihm ins Schlo�. �Gebe Gott, da� wir noch Zeit genug haben�, fl�sterte Andara. �Er ist... so stark.�</p><p>�Wer?� fragte ich verwirrt. Ich hatte kaum die H�lfte von dem, was Andara gesagt hatte, wirklich verstanden. Aber das, was ich zu ahnen begann, erschreckte mich zutiefst.</p><p>�Der, der uns folgt�, antwortete er. Er seufzte, lie� sich neben mir auf die Bettkante sinken und starrte zu Boden. Seine H�nde spielten unbewu�t mit der d�nnen Goldkette um seinen Hals.</p><p>�Ich bin schuld an allem, was jetzt geschehen ist�, murmelte er. �Vielleicht ist es nur die gerechte Strafe Gottes, die mich trifft. Ich habe mich mit M�chten eingelassen, die f�r Menschen verboten sind. Aber warum m�ssen Unschuldige sterben?�</p><p>Ich blickte ihn verwirrt an. �Ich ... verstehe nicht.�</p><p>�Das kannst du auch nicht, Junge�, murmelte er. Er schwieg einen Moment, und wieder schien sein Blick durch mich hindurch zu gehen, als s�he er etwas ganz anderes. �Vielleicht wirst du es sp�ter einmal begreifen. Wenn ... wenn du das hier �berlebst. Ich h�tte dich niemals mitnehmen d�rfen. Ich h�tte dich lassen sollen, wo du warst.�</p><p>�Ich ...�</p><p>Andara hob hastig die Hand. Ich verstummte. �Ich kann dem Fluch dessen, was ich getan habe, nicht entrinnen�, fuhr er fort. �Vielleicht mu� ich sterben, denn ich bin verantwortlich f�r den Tod vieler. Aber es geht um dich.�</p><p>�Was meinen Sie damit?�</p><p>Andara l�chelte. �Ihr habt geglaubt, ich w�re krank, nicht wahr?� fragte er. Ich nickte. �Ich war es nicht, Robert. Es war keine Krankheit, die die Kr�fte meines K�rpers aufzehrte. Ich ... habe versucht, gro�es Unheil zu verhindern, aber ich habe versagt. Was jetzt geschieht, ist eine direkte Folge dieses Versagens.� Er stand auf, �ffnete seine Kiste und nahm ein d�nnes, in steinhartes, braunes Schweinleder gebundenes Buch hervor. Ich wollte danach greifen, aber er sch�ttelte rasch und befehlend den Kopf, setzte sich wieder neben mich und legte das Buch behutsam auf seine Knie. �Ber�hre es nicht�, sagte er. �Ber�hre nie etwas von dem Inhalt dieser Kiste, oder der Fluch, der auf mir lastet, wird auch dich treffen.�</p><p>Er �ffnete das Buch. Ich beugte mich neugierig vor, aber zu meiner Entt�uschung mu�te ich erkennen, da� ich die Schrift, in der es verfa�t war, nicht lesen konnte. Selbst die Form der Buchstaben war mir fremd.</p><p>�In diesem Buch ist alles aufgeschrieben�, sagte er. �Ich wollte es dir sp�ter geben, wenn du reif gewesen w�rest, es zu verstehen, aber ich werde keine Zeit mehr dazu haben.�</p><p>Ein leiser Schauer �berfiel mich bei seinen Worten. Aber ich sp�rte, da� er recht hatte. Er w�rde sterben. Ich wu�te es mit absoluter Sicherheit, im gleichen Augenblick, in dem er die Worte aussprach.</p><p>�Was ist das f�r ein Buch?� fragte ich leise.</p><p>Andara kam nicht dazu, zu antworten.</p><p>Denn in diesem Moment erscholl auf dem Deck �ber uns ein gellender Schrei!</p><p>�Sie sind da�, keuchte Lyssa. Ihre Stimme klang kaum mehr menschlich. Sie war verfallen, alt und verbraucht, so wie ihr K�rper. Im Laufe der letzten f�nfzig Minuten war sie um die gleiche Anzahl von Jahren gealtert; verbrannt von dem satanischen Feuer, das in ihrem Geist loderte. Sie hatte Dinge anger�hrt, die den Menschen auf ewig verboten waren, und sie bezahlte den Preis daf�r. �Sie sind da�, murmelte sie noch einmal. Ihr Blick wanderte zur T�r. Ihre Augen waren l�ngst blind, und doch konnte sie - mit einem anderen, bizarren Sinn - die tobende Meute erkennen, die sich dem kleinen Geb�ude auf breiter Front n�herte. Der magische Schutzwall, der sie und die beiden anderen bisher den Blicken der Lyncher entzogen hatte, existierte nicht mehr.</p><p>�Hab keine Furcht, mein Kind�, murmelte die Alte. �Sie werden dir nichts tun. Jetzt nicht mehr.� Sie kicherte; ein b�ser, meckernder Laut, der Lyssa und ihrem Bruder Lennard einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�. Obgleich sie beide Tr�ger der <emphasis>Macht </emphasis>waren wie die Alte, sp�rten sie jetzt die abgrundtiefe Kluft, die zwischen ihnen war. Verglichen mit dem Strom von Kraft, �ber die die Alte gebot, war die ihre nicht mehr als ein Wassertropfen im Ozean.</p><p>�Aber sie stirbt!� Lennard schrie es fast. Sein Blick irrte zwischen dem Gesicht seiner Schwester und dem der Alten hin und her. �Sie ...�</p><p>�Ja, sie stirbt�, unterbrach ihn die Greisin. �So wie du, wie Quenton und ich. Aber es ist nicht das Ende.� Sie blickte fl�chtig zur T�r. Das Johlen der Menge war lauter geworden, und genau in diesem Moment erzitterte die T�r bereits hinter einem ersten wuchtigen Schlag. Das morsche Holz �chzte h�rbar. Brandgeruch wehte von drau�en herein.</p><p>�Es ist vollbracht!� sagte die Alte triumphierend. �Ich, Andara, die Gebieterin der <emphasis>Macht, </emphasis>rufe dich, Herr alles B�sen! Ich rufe dich! Komm und nimm uns! Nimm unsere K�rper! Nimm unsere Seelen und nimm unsere Gedanken! <emphasis>L�se den Pakt ein!�</emphasis></p><p>Der unwirkliche, gr�ne Schein, der die ganze Zeit �ber in der Luft gehangen hatte, wurde st�rker. Ein zweiter Schlag lie� die T�r erbeben; eine der rostigen Schrauben brach aus dem Schlo� und klirrte auf den Boden.</p><p>Sekunden sp�ter st�rzte die T�r in einem Regen von Holzsplittern, Kalk und Rauch auseinander. Das ha�verzerrte Gesicht eines Mannes erschien in der �ffnung, Augen, die nach weiteren Opfern suchten.</p><p>Aber der winzige Raum war leer.</p><p>Nur in der Luft lag noch ein schwacher, gr�ner Schein. F�r den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als zeichne er die Konturen dreier Menschen nach, die an dem kleinen, runden Tisch sa�en.</p><p>Dann erlosch auch er, und die H�tte war so leer, als w�ren die drei Personen nicht mehr als ein Spuk gewesen ...</p><empty-line/><p>Der Wind traf mich wie ein Hieb ins Gesicht, als ich hinter Andara auf das Deck st�rmte. Das Schiff zitterte unter meinen F��en, und �ber uns bl�hten sich die Segel, als w�rden sie jeden Augenblick zerrei�en. Der Bug des Schiffes war in einer Wolke schaumig spritzender Gischt verschwunden. Die LADY OF THE MIST pfl�gte schnell wie ein Dampfschiff durch die Wellen, und der Rumpf und die Masten �chzten unter der Belastung, als wollten sie zerbrechen.</p><p>Andara blieb stehen, ergriff mich mit der Linken am Arm und deutete mit der anderen Hand nach oben. Ich warf den Kopf in den Nacken und folgte seiner Geste.</p><p>�ber uns tobte ein Kampf auf Leben und Tod.</p><p>Es waren zwei von Bannermanns Matrosen, Mannings und ein kleinw�chsiger, dunkelhaariger Mann, den ich ein paarmal w�hrend der Reise unten in den Lader�umen des Schiffes gesehen hatte, die in den obersten Rahen des Hauptmastes einen sinnlosen Kampf ausfochten. Der Matrose stand mit ha�verzerrtem Gesicht und weit gespreizten Beinen auf der Rahe, so sicher, als h�tte er festen Grund unter den F��en und nicht einen kaum zehn Zentimeter breiten, abgerundeten Balken, an welchem zudem noch das Gewicht des Segels und der Wind zerrten. In seiner rechten Hand blitzte eine kurzstielige, gef�hrliche Axt, mit der er immer wieder auf seinen Gegner eindrang. Mannings hatte ein Messer, beschr�nkte sich aber darauf, seinen Gegner auf Distanz zu halten und seinen w�tenden Hieben auszuweichen. Es sah aus wie ein bizarrer Drahtseilakt.</p><p>�Barton!� Ich sah auf und gewahrte Bannermann �ber uns auf dem Achterdeck. Er hielt ein Gewehr in den Armen. �Barton!� br�llte er noch einmal. �H�r auf! H�r sofort damit auf!�</p><p>Der Matrose wandte kurz den Blick, knurrte eine Antwort und holte zu einem weiteren Axthieb aus. Mannings duckte sich im letzten Moment; das Beil fuhr mit einem schmetternden Schlag in das harte Holz des Hauptmastes, aber Mannings verlor durch die abrupte Bewegung das Gleichgewicht. Eine halbe Sekunde lang ruderte er verzweifelt mit den Armen, dann kippte er nach hinten.</p><p>Ein vielstimmiger Schrei wehte �ber das Deck der LADY OF THE MIST. Mannings fiel, griff mit einer unm�glich erscheinenden Bewegung hinter sich und bekam die Rahe zu fassen. Seine Beine schlugen gegen das Segel. Er schrie. Seine linke Hand rutschte ab, und ich sah, wie sich sein Gesicht vor Schmerz verzerrte, als sein ganzes K�rpergewicht nurmehr auf seinem linken Arm lastete. Barton stie� einen triumphierenden Schrei aus, suchte mit der Linken Halt am Mast und beugte sich vor. Die Axt in seiner Hand blitzte auf.</p><p>�Barton!� schrie Bannermann verzweifelt. �H�r auf, oder ich mu� auf dich schie�en!�</p><p>Barton erstarrte. Sein Blick suchte den des Kapit�ns, und trotz der gro�en Entfernung konnte ich das wahnsinnige Funkeln in seinen Augen sehen. Bannermann hob das Gewehr.</p><p>�Tun Sie es nicht, Captain!� schrie Andara. �Er wei� nicht, was er tut!�</p><p>Bannermann reagierte nicht. Sein Gesicht war leichenbla�, als er die Waffe entsicherte und Barton anvisierte. �Ich meine es ernst, Barton!� rief er. �La� die Axt fallen, oder ich dr�cke ab!�</p><p>Bartons Antwort bestand in einem neuerlichen, unartikulierten Schrei. Blitzschnell ri� er die Axt hoch, beugte sich noch weiter vor - und schlug zu.</p><p>Mannings' Schrei wurde vom peitschenden Knall des Schusses verschluckt. Der Matrose fiel, aber auch Barton st�rzte, von der Wucht des Schusses herumgerissen wie von einem Faustschlag.</p><p>Ich wandte hastig den Blick, als Mannings und sein M�rder auf dem Deck aufschlugen. F�r einen Moment wurde mir �bel.</p><p>Andara lie� meine Hand los, machte einen Schritt und blieb wieder stehen. Sein Gesicht zuckte. Aber es war nicht das Entsetzen �ber das, was geschehen war, sondern etwas anderes, Schlimmeres, Bannermann rannte neben ihm die Treppe herab, schleuderte sein Gewehr mit einer zornigen Geste von sich und eilte an uns vor�ber. Der Blick, mit dem er Andara bedachte, spr�hte vor Ha�.</p><p>Von �berall her begannen die Matrosen zusammenzulaufen, und am Fu�e des Hauptmastes bildete sich rasch eine immer gr��er werdende Menschenmenge, Auch ich wollte hinter Bannermann hereilen, aber Andara hielt mich mit einer raschen Geste zur�ck, sch�ttelte den Kopf und deutete nach Norden, aufs Meer hinaus.</p><p>Im ersten Moment sah ich nichts au�er dem endlosen blauen Wogen des Ozeans, aber dann erkannte ich, was der Magier mir zeigen wollte.</p><p>Unter der Wasseroberfl�che, vielleicht eine halbe Meile von der LADY OF THE MIST entfernt, schimmerte ein gigantisches, dunkles Etwas. Seine genaue Form war nicht zu erkennen, aber es war langgestreckt und massig wie ein Wal. Nur gr��er. Viel, viel gr��er.</p><p>Ich wollte etwas sagen, aber Andara gebot mir mit einer hastigen Geste, zu schweigen. Ich verstand. Die Stimmung an Bord war nach diesem neuerlichen Vorfall ohnehin kurz vor dem Siedepunkt. Wenn die Matrosen den Schatten, der dem Schiff folgte, bemerkten, konnte es zu einer Katastrophe kommen.</p><p>Bannermann kam zur�ck. Sein Gesicht war bleich vor Schrecken, und um seinen Mund lag ein bitterer Zug, den ich bisher nicht an ihm bemerkt hatte. Seine H�nde waren blutig. Aber es war nicht sein Blut.</p><p>�Tot�, sagte er dumpf. �Beide.� Er blieb stehen, fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das Gesicht und beschmierte sich dabei mit Blut, ohne es zu bemerken. �Ich ... ich begreife nicht, was in Barton gefahren ist�, murmelte er. �Er ... mu� verr�ckt geworden sein.� Er sah Andara an, und wieder glomm in seinen Augen dieses mahnende, flackernde Feuer auf. Der Mann mu�te kurz davor sein, den Verstand zu verlieren.</p><p>Andara schwieg, aber vermutlich h�tte Bannermann seine Worte gar nicht verstanden, wenn er geantwortet h�tte. �Das ist Ihr Werk�, murmelte er. �Sie ... Sie ...� Er schluckte, ballte die F�uste und hob zitternd die Arme. Ich spannte mich. Aber Bannermann f�hrte die Bewegung nicht zu Ende. �Seit Sie an Bord dieses Schiffes gekommen sind, verfolgt uns das Ungl�ck�, keuchte er. �Sie sind schuld, wenn ...�</p><p>�Bannermann!� sagte ich scharf. �Rei�en Sie sich zusammen!�</p><p>Andara warf mir einen raschen, dankbaren Blick zu, sch�ttelte aber den Kopf. �La� ihn, Junge�, sagte er sanft. �Er hat recht. Ich wollte, ich k�nnte es r�ckg�ngig machen.�</p><p>�Vielleicht k�nnen wir es ja�, sagte eine Stimme. Ich sah auf und bemerkte erst jetzt, da� wir nicht mehr allein waren. Ein Teil der Matrosen war Bannermann gefolgt und hatte uns umringt. Es waren m�de, abgek�mpfte Gesichter, die uns anstarrten. Aber in einigen von ihnen flackerte der Ha�. Ich konnte die Spannung, die pl�tzlich in der Luft lag, beinahe riechen.</p><p>�Halten Sie den Mund, Lorimar�, sagte Bannermann m�de. Pl�tzlich war der Zorn aus seinem Blick gewichen. Er sah jetzt nur noch ersch�pft aus.</p><p>Der Angesprochene erwiderte seinen Blick trotzig, trat einen halben Schritt vor und verschr�nkte die Arme vor der Brust. �Ich denke nicht daran, Captain�, sagte er. �Sie haben es ja selbst gesagt. Seit dieser Kerl� - damit deutete er auf Andara - �unser Schiff betreten hat, ist der Teufel an Bord. Glauben Sie ...?�</p><p>�Nichts habe ich gesagt�, unterbrach ihn Bannermann w�tend. �Ich habe die Beherrschung verloren und Unsinn geredet, das ist alles.�</p><p>�O nein, Captain�, erwiderte Lorimar aggressiv. �Sie haben die Wahrheit gesagt.� Er schnaubte. �Denken Sie wirklich, da� wir Ihnen abkaufen, es w�re Zufall, da� dieses Biest uns ausgerechnet jetzt angegriffen hat? Oder da� Barton ausgerechnet jetzt durchgedreht ist?� Die Menge um uns herum wuchs, und mehr als nur einer gab ein zustimmendes Knurren von sich. Instinktiv z�hlte ich die Anzahl der K�pfe durch und �berschlug unsere Chancen, falls es zu Gewaltt�tigkeiten kommen sollte. Sie waren nicht besonders gut.</p><p>�Was wird das?� fragte Bannermann lauernd. �Eine Meuterei, Lorimar? Mit Ihnen als Anf�hrer?� Er versuchte, sp�ttisch zu klingen, aber es gelang ihm nicht ganz.</p><p>�Keine Meuterei, Captain�, erwiderte Lorimar. �Wir haben nichts gegen Sie. Aber wir wollen, da� dieser Kerl von Bord geht. Schmei�en Sie ihn ins Meer. Er verbreitet Ungl�ck wie die Ratten die Pest.�</p><p>�Sie sind verr�ckt!� keuchte Bannermann. �Mister Montague!�</p><p>�Andara, wollten Sie sagen�, unterbrach ihn Lorimar kalt. Bannermann erbleichte, und Lorimar fuhr, selbstsicher geworden, fort: �Denken Sie, wir wissen nicht, wer er ist?� Er lachte. �Mannings hat ihn erkannt, als er in New York an Bord ging, aber wir haben gedacht, da� uns das alles nichts angeht. Wir h�tten ihn gleich �ber Bord werfen sollen, noch bevor wir losgefahren sind!�</p><p>�Kein Wort mehr!� schrie Bannermann. �Geht an eure Arbeit! Ich lasse jeden, der in zehn Sekunden noch hier steht, wegen Meuterei vor Gericht stellen. Ihr ...�</p><p>Andara legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. �Lassen Sie ihn, Captain�, sagte er leise. Bannermann wollte seine Hand abstreifen, aber Andara schob ihn einfach zur Seite, trat auf Lorimar zu und blickte ihm starr in die Augen.</p><p>�Sie haben recht, Lorimar�, sagte er ruhig. �Ich bin Andara. Der Hexer.� Er l�chelte d�nn. �So nennt man mich doch, nicht? Aber ich habe mit dem, was gerade geschehen ist, nichts zu tun. Der Mann hat schlicht und einfach den Verstand verloren. Was geschehen ist, war zuviel f�r ihn.�</p><p>�Es w�re nicht passiert, wenn Sie nicht an Bord w�ren�, zischte Lorimar. Aber er hatte den Gro�teil seiner Selbstsicherheit verloren, und der w�tende Klang in seiner Stimme war jetzt nur noch Trotz.</p><p>Andara nickte. �Das stimmt�, gestand er. �Und ich bin bereit, die Verantwortung daf�r zu �bernehmen. Ich ... Wenn es etwas �ndern w�rde, w�rde ich mich freiwillig dem Ungeheuer ausliefern, das uns folgt. Aber es w�re sinnlos.�</p><p>�Warum?� keuchte Lorimar. �Es ist Ihretwegen hier. Sie sind es, den es haben will, nicht wahr? Vielleicht l��t es uns in Ruhe, wenn es Sie hat!�</p><p>�Das wird es nicht�, erwiderte Andara kopfsch�ttelnd. �Dieses Wesen denkt nicht wie ein Mensch. Es sind andere Regeln, die sein Denken und Handeln bestimmen. Es wird nicht eher ruhen, bis es dieses Schiff und den letzten Mann seiner Besatzung vernichtet hat.� Irgend etwas �nderte sich im Klang seiner Stimme. Ich wu�te selbst nicht, was es war; vielleicht die Art, in der er die Worte betonte, vielleicht auch nur die Lautst�rke - aber mit einemmal hatten seine Worte einen befehlenden, suggestiven Klang, der jeden Gedanken an Widerstand l�cherlich erscheinen lie�. �Ihr habt recht, wenn ihr mich verantwortlich macht�, fuhr er fort. �Und doch bin ich der einzige, der euch jetzt noch retten kann. Solange ich lebe, ist dieses Schiff sicher. Wenn ihr mich t�tet, wird er euch vernichten. Und jetzt geht an eure Arbeit.� Er hob den Arm und deutete mit einer befehlenden Geste zum Bug des Schiffes. ��ndert den Kurs�, sagte er. �Wir fahren nach S�den. Zur K�ste.�</p><p>In Lorimars Gesicht arbeitete es. Seine Lippen zitterten, und auf seiner Stirn erschien feiner, kalter Schwei�. Langsam, als bewege er sich nicht aus freien St�cken, sondern folge einem anderen, st�rkeren Willen, wandte er sich um und ging steifbeinig �ber das Deck davon. Die anderen folgten ihm.</p><p>Bannermann keuchte. Er und ich schienen die einzigen zu sein, die den suggestiven Klang von Andaras Worten zwar geh�rt hatten, ihm aber nicht vollkommen erlegen waren. �Wie ... haben Sie das gemacht?� stammelte Bannermann. �Ich kenne Lorimar. Er ist ein verdammter Hitzkopf, aber wenn er einmal Oberwasser hat, dann bringen ihn keine zehn Pferde mehr zur Vernunft.�</p><p>Andara l�chelte. �Ein kleiner Trick, mehr nicht�, sagte er. �Die M�nner wollten mich nicht wirklich t�ten, Captain. Sie hatten nur Angst.�</p><p>Bannermann schluckte. �Aber Sie ...� Er brach ab, sch�ttelte verwirrt den Kopf und sah hilflos in die Runde. �Das ... das war Ihr Ernst, nicht?� fragte er. �Sie w�rden sich opfern, wenn es uns retten w�rde.�</p><p>Andara antwortete nicht.</p><p>�Aber es w�rde uns nicht retten�, f�gte Bannerrnann hinzu.</p><p>�Nein�, sagte Andara leise. �Das Wesen, das uns folgt, l��t nie wieder von einem Opfer ab, dessen Spur es einmal aufgenommen hat.�</p><p>Ich erwartete halbwegs, da� Bannermann fragen w�rde, was es f�r ein Wesen war, das uns verfolgte, aber er tat es nicht. Und jetzt fiel mir auf, da� nicht ein Mann der Besatzung diese Frage gestellt hatte. Selbst mir fiel es seltsam schwer, mich an das Monster zu erinnern. Es war fast, als blockiere irgend etwas meine Erinnerung in diesem Punkt.</p><p>��ndern Sie den Kurs, Captain�, sagte Andara ernst. �Und feuern Sie Ihre M�nner an, wenn Sie sie retten wollen. Ich wei� nicht, wie lange ich uns noch sch�tzen kann.�</p><p>Bannermann nickte. Die Bewegung wirkte abgehackt und verkrampft. �Ich ... mu� mich um die Toten k�mmern�, sagte er gepre�t. �Sie brauchen ein anst�ndiges Begr�bnis.�</p><p>�Dazu ist keine Zeit�, sagte Andara kopfsch�ttelnd. �Bahren Sie sie auf, bis wir die K�ste erreicht haben. Wenn das Schiff sinkt, dann ist es ein w�rdiges Grab f�r sie.� Er schien vollkommen sicher zu sein, da� die LADY niemals mehr einen Hafen anlaufen w�rde. Aber wenn Bannermann �ber diese neuerliche Hiobsbotschaft erschrocken war, so beherrschte er sich meisterhaft. Er nickte nur, wandte sich mit einem Ruck um und ging nach vorne. Ich sah ihm nach. Ein paar seiner M�nner hatten bereits damit begonnen, die Leichname von Mannings und Barton in wei�es Segeltuch zu schlagen. Mein Blick glitt an ihnen vorbei zum Bug. Neben der zerbrochenen Reling lagen f�nf weitere, l�ngliche B�ndel aus grobem Segeltuch. Die M�nner, die dem ersten Angriff des Unheimlichen zum Opfer gefallen waren. Ich schauderte. Wie viele Menschen mu�ten noch sterben, ehe dieser Alptraum endlich vor�ber war?</p><p>�Ich werde sie retten, Robert�, sagte Andara leise. �Ich verspreche es.�</p><p>Es bereitete mir M�he, meinen Blick von den Toten zu l�sen. �Lesen Sie meine Gedanken?� fragte ich, ohne ihn anzusehen. Die K�lte, die in meiner Stimme mitschwang, erschreckte mich selbst.</p><p>Andara sch�ttelte den Kopf. �Nein. Aber es ist nicht schwer, deine Gef�hle zu erraten, Junge. Ich nehme es dir nicht �bel, wenn du mich ha�t.�</p><p>Jetzt sah ich ihn doch an. �Hassen? Ich hasse Sie nicht. Ich ...� Ich sprach nicht weiter. Es fiel mir seltsam schwer, mir �ber meine eigenen Gef�hle klar zu werden.</p><p>�Vielleicht verstehst du jetzt, was ich vorhin gemeint habe�, fuhr er leise fort. �So wie hier ist es immer gewesen. Immer und �berall.� Er l�chelte traurig.</p><p>�Ist es so?� fragte ich. Es fiel mir schwer, weiter zu sprechen. �Hatte ... hatte Lorimar recht? Bringen Sie wirklich den Tod?�</p><p>Andaras Reaktion auf meine Worte �berraschte mich. In seinen Augen glomm ein Schmerz auf, den ich mir nicht zu erkl�ren vermochte. �Komm mit�, sagte er pl�tzlich.</p><p>Ich drehte mich um, um in unsere Kabine zur�ckzugehen, aber Andara deutete mit einer Kopfbewegung zum Achterdeck hinauf. �La� uns dort oben reden�, sagte er. �Es ist besser, wenn ich an Deck bleibe.�</p><p>Ohne ein weiteres Wort folgte ich ihm auf das h�her gelegene Achterdeck hinauf. Wir waren allein. Bannermann war irgendwo vorne auf dem Schiff, und mir fiel erst jetzt auf, wie still es hier hinten war. Die M�nner mieden unsere N�he. Andara hatte ihren Willen gebrochen und sie - auf welche Weise auch immer - gezwungen, seinen Befehlen zu gehorchen. Aber die instinktive Furcht, die sie vor ihm empfinden mu�ten, hatte er nicht ausl�schen k�nnen. Vielleicht hatte er es auch nicht gewollt.</p><p>Andara ging mit schnellen Schritten bis zum hinteren Ende des Decks, lehnte sich gegen die Reling und kramte eine Zigarre aus der Rocktasche. Ich folgte ihm in geringem Abstand. Der Wind schien k�lter zu werden, als ich neben ihn trat, und ich ertappte mich dabei, wie ich nach Norden sah und den gewaltigen, dunklen Umri� unter der Wasseroberfl�che suchte. Er war nicht mehr zu sehen, aber ich wu�te, da� er noch da war. Irgendwo, ganz in unserer N�he.</p><p>Andara entz�ndete seine Zigarre, nahm einen tiefen Zug und blies eine Rauchwolke von sich. �Du hast mich gefragt, ob diese M�nner recht haben�, begann er. �Ob ich wirklich den Tod bringe. Ich f�rchte, sie haben recht, Robert. Aber vielleicht hat jetzt bald alles ein Ende.� Er tat einen weiteren Zug an seiner Zigarre und sah mich an. �Ich hatte alles anders geplant�, murmelte er. �Und es schien alles so sicher. Ich hatte gro�e Pl�ne mit dir, und jetzt mu� alles so schnell gehen. Erinnerst du dich an das Buch, das ich dir zeigte? Und an meine Krankheit?�</p><p>Seine Worte jagten mir einen eisigen Schauer �ber den R�cken. Er sprach so ruhig, als w�re �berhaupt nichts geschehen. Die beiden Toten auf dem Deck unter uns schien er bereits vergessen zu haben. �Ja�, antwortete ich gepre�t. �Aber was hat das mit dem Ungeheuer zu tun?�</p><p>�Alles�, antwortete er. �Vielleicht ist es gut, da� du niemals Gelegenheit haben wirst, es zu lesen. Aber ich will dir wenigstens erz�hlen, was darin steht. Das Buch ist die Chronik meiner Heimat, der Stadt, in der ich geboren wurde und in der alles begonnen hat. Die Chronik von Jerusalems Lot.�</p><p>�Jerusalems Lot?� fragte ich. �Was ist das?�</p><p>�Hast du schon einmal von Salem geh�rt?� erwiderte Andara, ohne direkt auf meine Frage zu antworten. Ich nickte.</p><p>�Die Stadt der Hexen�, fuhr er fort. �Ein Dorf, dessen Einwohner sich dem Teufel verschrieben hatten - so behauptete man, damals. Es ist �ber hundert Jahre her, und die meisten haben es wohl schon vergessen. Salems Einwohner haben niemals wirklich dem Teufel gedient, aber sie beherrschten die Schwarze Magie; so wie ich.�</p><p>�Sie wurden ... get�tet, nicht?� fragte ich stockend. Ich erinnerte mich. Ich hatte von Salem geh�rt, so wie man eben von einer solchen Sache h�rt. Nat�rlich hatte ich nicht wirklich daran geglaubt; ja, ich hatte mich sogar dar�ber lustig gemacht.</p><p>Aber jetzt r�hrten mich Andaras Worte auf seltsam unangenehme Weise an. Fast, als w�rden durch sie Erinnerungen geweckt. Erinnerungen, die ich nicht haben konnte ...</p><p>�Sie wurden get�tet�, best�tigte er. �Die meisten jedenfalls. Die Menschen in den umliegenden Ortschaften hatten Angst vor ihnen, Robert. Sie waren nicht wirklich b�se. Sie dienten weder dem Teufel noch anderen finsteren M�chten, sondern hatten sich nur ein Wissen bewahrt, das der gr��te Teil der �brigen Menschheit l�ngst verloren hatte. Ein uraltes Wissen, das Wissen um Dinge, die lange vor unserer Zeit waren. Aber die anderen glaubten, sie w�ren mit Satan im Bunde, und eines Tages rotteten sie sich zusammen und t�teten sie in einer einzigen, blutigen Nacht.�</p><p>Er schwieg einen Moment, und das Gef�hl gestaltloser Furcht in mir wurde st�rker. Ich versuchte es zu verdr�ngen, aber es ging nicht. F�r einen Moment glaubte ich, Schreie zu h�ren. Flackernde rote Lichtblitze huschten �ber das Meer, und in das Salzwasseraroma des Ozeans mischte sich ein �belkeit erregender Gestank. Dann verschwand die Vision.</p><p>�Aber nicht alle starben�, fuhr Andara fort. �Ein paar von ihnen entkamen, und sie siedelten sich an einem neuen Ort an, tausend Meilen entfernt und unbemerkt von den anderen. Das Erbe von Salem lebte weiter.�</p><p>�Jerusalems Lot?�</p><p>Andara nickte. �Ja. Sie w�hlten diesen Namen, weil sie die Menschen kannten und wu�ten, wie leicht sie zu t�uschen waren. Nach au�en hin waren sie gl�ubige Menschen, M�nner und Frauen, die t�glich in den Gottesdienst gingen und ihre Kinder in christlichem Glauben erzogen. Aber sie haben niemals vergessen, was ihnen angetan wurde.�</p><p>�Und Sie sind ... einer von ihnen?�</p><p>Andara l�chelte verzeihend. �Nein, Robert. Niemand von denen, die aus Salem entkamen, lebt noch. Niemand bis auf ... einen�, f�gte er hinzu. �Es war mein Gro�vater. Er war einer der wenigen, die dem Morden entkamen. Er und eine Handvoll M�nner und Frauen. Er zeugte meinen Vater und gab das verbotene Wissen an ihn weiter, und mein Vater lehrte es mich.� Er senkte den Blick, und als er weitersprach, klang seine Stimme bitter. �Die Menschen sind grausam, Robert, viel grausamer, als du ahnst. Ein Jahrhundert lang st�rte niemand den Frieden von Jerusalems Lot, aber dann wiederholte sich das Schicksal. Wir waren vorsichtig, aber nicht vorsichtig genug. Nach und nach begannen die Menschen in den benachbarten Orten zu ahnen, da� die Einwohner des kleinen Dorfes anders waren als sie, und alles begann von vorne.�</p><p>�Sie haben sie ... umgebracht?� fragte ich stockend.</p><p>�Nicht sofort�, erwiderte Andara. �Aber sie begannen sich vor ihnen zu f�rchten. Sp�ter ha�ten sie sie. Ich war einer der wenigen, der die Gefahr erkannte, ich und die vier anderen Gro�meister der <emphasis>Macht. </emphasis>Ich habe sie gewarnt, aber sie wollten nicht auf mich h�ren. Und schlie�lich verlie� ich sie, weil ich wu�te, was geschehen w�rde.� Er seufzte. �Ich h�tte es nicht tun d�rfen. Ich habe sie verraten, Robert. Ich habe sie im Stich gelassen und bin geflohen wie ein Feigling.� Wieder stockte er. Seine H�nde ballten sich zu F�usten, und sein Atem ging schnell und schwer. �Sie kamen, kurz nachdem ich fort war. Es war wie in Salem, nur schlimmer, viel schlimmer. Die Einwohner der Nachbarorte rotteten sich zusammen und fielen mit Feuer und Tod �ber Jerusalems Lot her. Sie haben sie get�tet. Unschuldige M�nner, Frauen und Kinder.�</p><p>�Aber was ... h�tten Sie tun k�nnen?� fragte ich hilflos. �Sie w�ren auch get�tet worden und ...�</p><p>�Vielleicht�, unterbrach mich Andara. �Aber vielleicht h�tte ich sie retten k�nnen. Wir waren f�nf, Robert, f�nf Hexer. Unsere vereinten Kr�fte h�tten vielleicht gereicht, den Mob zur�ckzuhalten. Vielleicht h�tten ein paar Zeit gefunden, zu fliehen. Aber sie starben, weil ich nicht da war. Aber ihr Fluch lebte weiter, Robert. Sie waren Hexer wie ich, und der Fluch eines Hexers erlischt nicht mit seinem Tod. Es ist mehr als zwanzig Jahre her. Seitdem bin ich auf der Flucht.�</p><p><emphasis>�Vor Toten?� </emphasis>keuchte ich fassungslos.</p><p>�Vor ihrem Fluch�, antwortete Andara. �In ihren Augen war ich ein Verr�ter. Vielleicht haben sie sogar recht, und vielleicht w�re es meine Pflicht gewesen, zu bleiben und gemeinsam mit ihnen zu sterben. Aber ich habe mir eingebildet, ich k�nnte davonlaufen!� Er lachte schrill. �Als ich unten in der Kabine lag und ihr alle glaubtet, ich w�re krank, habe ich in Wirklichkeit versucht, meine Spur zu verwischen. Ich Narr!�</p><p>�Aber zwanzig Jahre ...�</p><p>�Was bedeutet Zeit vor dem Fluch eines Hexenmeisters?� unterbrach er mich erregt. �Ich habe mir eingebildet, stark genug zu sein, aber ich war es nicht.� Er fuhr herum und starrte nach Norden. �Mein Gott, was war ich f�r ein Narr!� wiederholte er. �Vielleicht habe ich ihn gerade durch meine Anstrengungen erst auf unsere Spur gebracht. Ich f�hlte mich sicher, Robert. Dreitausend Meilen und zwanzig Jahre von Jerusalems Lot entfernt f�hlte ich mich sicher genug, den Fluch brechen zu k�nnen. Aber er hat mich endlich doch eingeholt.�</p><p>�Er?�</p><p>Andara wies nach Norden. �Das Wesen, das sie riefen, um mich zu bestrafen. Das Werkzeug ihrer Rache. Yog-Sothoth, der Schrecklichste der GROSSEN ALTEN. Diese Narren! Wie m�ssen Sie mich geha�t haben, diese Wesen aus den Abgr�nden der Zeit heraufzubeschw�ren, nur um mich zu vernichten.�</p><p><emphasis>Yog-Sothoth ... </emphasis>Der Name hallte ein paarmal hinter meiner Stirn wieder, und erneut und viel st�rker als beim ersten Mal hatte ich das Gef�hl, mich an Dinge zu erinnern, die ich niemals erlebt hatte. Alte und schreckliche Dinge, ein Wissen, das zu furchtbar war, um von Menschen anger�hrt zu werden. Pl�tzlich fror ich.</p><p>�K�nnen Sie es ... vernichten?� fragte ich stockend.</p><p>Andara lachte bitter. �Vernichten? Yog-Sothoth vernichten? Das kann ich nicht. Niemand kann das, Junge. Ein Kind kann einen Waldbrand zwar legen, aber nicht mit blo�en H�nden l�schen. Die Macht von vier Hexern hat ausgereicht, ein Tor zu �ffnen, das die Macht von viertausend nicht mehr schlie�en kann.� Er wies mit einer fast zornigen Geste aufs Meer hinaus. �Er wird mich t�ten, egal, wie weit ich vor ihm davonlaufe, Robert. Meine Macht reicht vielleicht, ihn zur�ckzuhalten, eine Stunde, vielleicht zwei. Vielleicht lange genug, da� du und die M�nner das Schiff verlassen k�nnt. Danach wird er mich holen. Und ich werde nicht mehr davonlaufen.�</p><p>�Aber das ist doch Wahnsinn!� entfuhr es mir. �Dieses ... dieses Ding kann nicht an Land. Wir k�nnen ein Boot nehmen und ....�</p><p>�Ich habe schon zu vielen den Tod gebracht, Robert�, unterbrach mich Andara sanft. �Es sind gen�gend Unschuldige gestorben, nur weil ich einmal in meinem Leben feige war. Ich bin davongelaufen, und die acht M�nner, die heute gestorben sind, sind meinetwegen gestorben. Es darf nicht noch mehr Tote geben. <emphasis>Du </emphasis>mu�t leben.�</p><p>�Ich? Aber was habe ich ...?�</p><p>�Yog-Sothoth wird nicht wieder gehen�, unterbrach er mich. �Er wird weiterleben, nachdem er mich get�tet hat. Und wenn das geschehen ist, ist er frei. Er und vielleicht andere, die mit ihm kamen. Jemand mu� da sein, der den Kampf fortf�hrt. Es gibt jemanden in London, der die Kraft und das Wissen h�tte, den Kampf zu gewinnen, aber er braucht Hilfe. <emphasis>Deine </emphasis>Hilfe.�</p><p>�Aber wieso ich?� fragte ich hilflos. �Wieso ausgerechnet ich? Ich bin kein Hexer wie Sie. Ich verstehe nichts von Schwarzer Magie und Zauberei!�</p><p>�Aber du bist ein Erbe der <emphasis>Macht, </emphasis>wie ich�, sagte Andara ernst. �Du wei�t es noch nicht, aber die Begabung ist in dir. Ich habe es gesp�rt, als ich dich zum ersten Mal sah. Der Mann, zu dem ich dich schicken werde, wird dir helfen, deine Kr�fte zu erforschen und zu lernen, sie richtig anzuwenden.�</p><p>�Ich?� keuchte ich. �Ich soll ein Hexer sein? Sie ... Sie sind verr�ckt.�</p><p>Und ich wu�te im gleichen Moment, in dem ich die Worte aussprach, da� er recht hatte. Es war kein Zufall, da� er mich mit auf diese Reise genommen hatte. Er hatte mich gesucht, jemanden wie mich. Meine F�higkeit, immer zu wissen, ob mich jemand belog oder nicht, die Gabe, immer im rechten Moment am richtigen Ort zu sein, mein Instinkt, immer genau das richtige zu tun, um den mich meine Kameraden immer so bewundert hatten - es war nicht einfach nur Gl�ck ...</p><p>Andara l�chelte, hob die Hand und ber�hrte die gezackte, wie ein erstarrter Blitz geformte Str�hne wei�en Haares, die dicht �ber seinem rechten Auge begann und sich bis an den Scheitel hinaufzog. �Du besitzt die gleichen F�higkeiten wie ich, Robert�, sagte er sanft. �Und bald wirst du das Stigma der Macht tragen.�</p><p>Ich starrte ihn an, �ffnete den Mund, brachte aber keinen Laut hervor.</p><p>�Es tut mir leid�, fl�sterte Andara. �Ich h�tte es dir gern auf andere Weise beigebracht. Ich wei�, was du jetzt f�hlst.�</p><p>Aber ich h�rte seine letzten Worte kaum mehr. Mit einem kr�chzenden Schrei auf den Lippen fuhr ich herum und lief davon, so schnell ich konnte.</p><empty-line/><p>W�hrend der letzten halben Stunde war der graue Streifen vor dem Horizont erst zu einer Linie, schlie�lich zu einer zerschrundenen, zweihundert Fu� senkrecht in die H�he strebenden Felswand geworden. Ihre Basis verschwand in einer Wolke wei�er, wie fein zermahlener Staub sch�umender Gischt, aber die Wellen brachen sich schon ein gutes St�ck vor der K�ste, bildeten verr�terische Wirbel und Strudel, zwischen denen nur hier und da ein schwarzer, feuchtglitzernder Umri� hervorstach. Die LADY OF THE MIST raste auf die K�ste zu, auf sie und die Barriere m�rderischer Riffe, die dicht unter der Wasseroberfl�che auf die Schiffe lauerte, die unvorsichtig genug waren, sich ihnen zu n�hern. Die K�ste tanzte dicht vor uns auf und ab; im gleichen Rhythmus, in dem sich der Bug des Schiffes in Wellent�ler senkte oder auf ihre R�cken hob. Das Heulen, mit dem sich der Wind an den kantigen Graten der Wand brach, war selbst �ber die Entfernung von mehr als einer Meile deutlich zu h�ren, aber das Ger�usch klang in meinen Ohren wie boshaftes Hohngel�chter.</p><p>�Wahnsinn�, murmelte Bannermann neben mir. Seine Stimme war fast unnat�rlich gefa�t, aber sein Gesicht hatte jede Farbe verloren. �Das ist Wahnsinn�, murmelte er erneut, als ich nicht reagierte. �Wenn mir vor zwei Stunden jemand erz�hlt h�tte, da� ich mein Schiff freiwillig auf die Riffe steuern w�rde, h�tte ich ihn f�r verr�ckt erkl�rt.� Er starrte mich an, und ich sp�rte, da� er auf eine Antwort wartete.</p><p>Aber ich schwieg. Meine Gedanken weigerten sich noch immer, sich in geordneten Bahnen zu bewegen. Hinter meiner Stirn tobte ein Orkan einander widerstrebender Empfindungen und Gef�hle. Ich wu�te im Grunde genau, da� Andara recht hatte, mit jedem Wort. Jetzt, da ich die Wahrheit erfahren hatte, fielen mir all die tausend Kleinigkeiten ein, die ich erlebt hatte; Dinge, die jetzt, mit meinem neu erworbenen Wissen, ein v�llig anderes Gewicht bekommen hatten. Ich <emphasis>hatte </emphasis>das Talent, von dem Andara gesprochen hatte. Und irgendwie - ohne mir selbst dar�ber im klaren gewesen zu sein - hatte ich es die ganze Zeit �ber gewu�t, schon lange, bevor ich Andara kennengelernt hatte.</p><p>Aber ich wollte es nicht wissen. Ich wollte nichts mit all diesen Dingen zu tun haben, mit Hexern, D�monen und Zauberern, Magie und Ungeheuern aus einer anderen Zeit. Ich schlo� die Augen, ballte in einer Geste hilflosen Zornes die F�uste und pre�te die Stirn gegen das feuchte Holz des Mastes.</p><p>Bannermann schien meine Reaktion falsch zu deuten. �Die K�ste ist ungef�hrlicher, als es scheint�, sagte er in einem schwachen Versuch, mich zu beruhigen. �Die Riffe liegen tief genug unter der Wasseroberfl�che, und es ist Flut. Wenn wir Gl�ck haben, hebt uns eine Welle dar�ber hinweg. Und wenn nicht�, f�gte er hinzu, �schwimmen wir eben. Sie k�nnen doch schwimmen?�</p><p>�Das ist es nicht�, murmelte ich. Bannermann runzelte die Stirn und sah mich fragend an, und f�r einen Moment war ich ernsthaft versucht, ihm alles zu erz�hlen.</p><p>Aber nat�rlich tat ich es nicht, und nach einer Weile begriff Bannermann, da� ich nicht weiterreden w�rde, und wandte sich mit einem lautlosen Achselzucken um.</p><p>Ich sah ihm nach, hob den Blick und suchte Andara. Er stand noch immer dort, wo ich ihn zur�ckgelassen hatte, wandte mir aber den R�cken zu und starrte auf das Meer hinaus. Ich versuchte, mir den lautlosen Kampf vorzustellen, der in seinem Inneren toben mu�te, aber ich konnte es nicht. Er hatte gesagt, da� er Yog-Sothoth zur�ckhalten w�rde, bis das Schiff und seine Besatzung in Sicherheit waren, und ich wu�te, da� er es konnte. Aber ich wollte gar nicht wissen, <emphasis>wie </emphasis>er es tat.</p><p>Das Schiff hob sich in einer schwerf�lligen Bewegung auf den R�cken einer Woge, zitterte einen zeitlosen Moment reglos auf ihrem Kamm und st�rzte zehn, zwanzig Fu� tief in das Wellental hinab. Die Ersch�tterung lie� mich gegen den Mast taumeln. Ich klammerte mich fest, wartete, bis der Boden unter meinen F��en zu bocken aufgeh�rt hatte und wandte mich wieder zum Bug um.</p><p>Die K�ste war n�her gekommen. Das Schiff scho� mit phantastischer Geschwindigkeit auf die Flutlinie und die vorgelagerte Riffbarriere zu, und es konnte nur noch Minuten dauern, ehe es sie erreicht hatte. Ich schickte ein lautloses Sto�gebet zum Himmel, da� Bannermann recht hatte und seine Worte nicht nur eine fromme L�ge gewesen waren, mit der er mich beruhigen wollte. Ich verstand nichts von der Seefahrt, aber seine Erkl�rung erschien mir einleuchtend: Das Meer war unruhig, und der Wind, der im Laufe der letzten halben Stunde immer heftiger geworden war, peitschte das Wasser zu zwanzig Fu� hohen Wogen. Wenn die LADY OF THE MIST die unterseeische Rifflinie im richtigen Moment erreichte, und wenn sich eine der gewaltigen schaumigen Wellen unter ihren Rumpf schob und sie anhob ...</p><p>Wenn, wenn, wenn ... Es waren ein paar �wenns� zuviel. Wahrscheinlich w�rde das Schiff wie eine Nu�schale zerbrechen, wenn es die Flut gegen die gezackte Mauer schmetterte, die eine Handbreit unter der Wasseroberfl�che lauerte.</p><p>Ein pl�tzliches, intensives Gef�hl von Gefahr schreckte mich aus meinen Gedanken. Ich sah auf, fuhr mir verwirrt �ber die Augen und blickte alarmiert �ber das Schiff. Der Wind lie� die Segel knattern, und der Schiffsrumpf �chzte und st�hnte unter der Belastung wie ein lebendes Wesen. Die Takelage war leer; die Besatzung hatte sich auf dem Deck der LADY OF THE MIST verteilt, um sich auf ein eventuelles Auflaufen vorzubereiten. Mein Blick tastete �ber das Meer, dorthin, wo der unsichtbare Verfolger lauern mochte. Aber der Ozean war leer, und irgend etwas sagte mir, da� es eine Gefahr ganz anderer Art war, die ich sp�rte.</p><p><emphasis>Hinter dir, Robert!</emphasis></p><p>Die Stimme war so klar, als st�nde der Sprecher unmittelbar neben mir. Andaras Stimme ...</p><p>Aber ich war allein auf dem Vorderdeck; der Hexer befand sich am anderen Ende des Schiffes, mehr als hundertf�nfzig Fu� von mir entfernt! Und seine Stimme war <emphasis>direkt in meinen Gedanken!</emphasis></p><p><emphasis>Es ist hinter dir, Robert. Es ... um Gottes willen! Lauf weg! Bringe dich in Sicherheit!</emphasis></p><p>Alles schien gleichzeitig zu geschehen. Ich handelte, ohne zu denken und - aber das wurde mir in diesem Moment nicht bewu�t - nicht einmal aus freien St�cken, sondern gezwungen von einem fremden, ungeheuer starken Willen, federte zur Seite und schlug ungeschickt auf den glitschigen Decksplanken auf. Ein Schrei gellte �ber das Schiff, und irgend etwas Dunkles, Feuchtes und ungeheuer <emphasis>Starkes </emphasis>krallte sich in meinen R�cken, ri� mich in die H�he und versuchte, mich gegen den Mast zu schleudern.</p><p>Diesmal reagierte ich instinktiv. Statt mich gegen die Kraft zu stemmen, wie es der Angreifer erwartet haben mu�te, machte ich im Gegenteil einen blitzschnellen Schritt nach vorne, griff mit beiden H�nden �ber meine Schultern zur�ck und bekam eine haarige Hand zu fassen. Ich vollf�hrte eine halbe Drehung, knickte in die H�fte ein und legte alle Kraft in die Bewegung nach vorne. Meine F��e verloren auf dem glitschigen Deck den Halt; ich fiel. Aber der Kerl, der mich gepackt hatte, wurde in hohem Bogen �ber meinen gekr�mmten R�cken hinweggeschleudert, segelte drei, vier Meter durch die Luft und schlitterte mit haltlos rudernden Armen gegen die Reling.</p><p>Sie zerbrach unter seinem Anprall. Der Mann rutschte mit fast unvermindertem Tempo �ber das Deck hinaus, drehte sich im letzten Moment und bekam ein St�ck der zerborstenen Reling zu fassen. Mit einem Ruck, der ihm fast die Arme aus den Gelenken rei�en mu�te, fing er seinen Sturz ab.</p><p>Und pl�tzlich hatte ich das Gef�hl, von einem eiskalten Hauch gestreift zu werden.</p><p>Ein Gesicht erschien �ber dem Deck, bleich, ein Teil eines zertr�mmerten Sch�dels, die Augen weit ge�ffnet und erstarrt. Es war das Gesicht eines Toten. Mannings' Gesicht.</p><p>Das Gesicht eines Mannes, der vor meinen Augen zu Tode gest�rzt war ...</p><p><emphasis>Robert! LAUF!</emphasis></p><p>Andaras Warnung kam zu sp�t. Ich prallte zur�ck, fuhr mit einer verzweifelten Bewegung herum - und erstarrte.</p><p>Mannings war nicht der einzige Tote, der noch einmal zu grauenhaftem Leben auferstanden war! Vor mir, nicht einmal zwei Schritte entfernt, stand Barton, sein M�rder. Sein K�rper war zusammengestaucht von dem Sturz und auf groteske Weise verdreht, als w�re jeder einzelne Knochen in seinem Leib gebrochen und auf falsche Weise wieder zusammengewachsen, und genau zwischen seinen Augen war ein kleines rundes Loch, wo ihn Bannermanns Kugel getroffen hatte. Seine gebrochenen Totenaugen starrten mich an, und seine H�nde hoben sich in einer zitternden, m�hsamen Bewegung und tasteten in meine Richtung.</p><p>Ein Schu� krachte. Dicht neben Barton spritzten Holzsplitter aus dem Deck, und ich h�rte Andaras Stimme schreien: �H�rt auf zu schie�en! Ihr k�nntet Robert treffen!�</p><p>Die Worte rissen mich endg�ltig aus meiner Erstarrung. Hastig wich ich zwei, drei Schritte zur�ck, pre�te mich gegen den Mast und blickte mich gehetzt um. Barton und Mannings schienen die einzigen Toten zu sein, die noch einmal aus dem Schattenreich zur�ckgekehrt waren, aber beinahe im gleichen Augenblick, in dem ich den Gedanken dachte, sah ich die Bewegung unter den wei�en Leichent�chern ...</p><p>Und im gleichen Augenblick erbebte die LADY OF THE MIST unter einem gewaltigen Schlag!</p><p>Die Ersch�tterung ri� jeden an Deck von den F��en. Ich fiel, rollte mich instinktiv zusammen und kugelte unter Bartons zugreifenden H�nden hindurch. Die Matrosen begannen zu schreien, und ein ungeheures, knirschendes Mahlen lief durch den Rumpf. Ich sp�rte, wie tief unter uns die Planken zerbrachen und Wasser gurgelnd in den Bauch des Schiffes str�mte. Ein weiterer Schlag traf das Schiff, nicht ganz so heftig wie der erste, aber noch immer stark genug, mich erneut von den F��en zu rei�en.</p><p>Als ich mich zum zweiten Male hochstemmte, blickte ich direkt in Mannings' schreckliches Gesicht.</p><p>Der Tote war, beseelt von der Kraft, die nicht mehr die eines Menschen war, wieder an Deck gekrochen und auf mich zugetaumelt. Ich schrie auf, warf den Kopf zur�ck und versuchte r�cklings vor der furchtbaren Erscheinung davonzukriechen, aber Mannings war schneller. Seine Hand scho� vor, packte mich bei den Rockaufschl�gen und zerrte mich mit �bermenschlicher Gewalt zur�ck. Ich schrie erneut, trat in blinder Angst um mich und h�mmerte ihm die F�uste ins Gesicht.</p><p>Es war ein Gef�hl, als w�rde ich in einen warmen Schwamm schlagen. Mannings schien den Hieb nicht einmal zu sp�ren, aber meine Gegenwehr steigerte seine Wut noch. Seine linke, unverletzte Hand legte sich auf mein Gesicht, dr�ckte meinen Kopf in den Nacken und versuchte mir das Genick zu brechen. Ich sp�rte, wie der Druck auf meine Nackenwirbel ins Unertr�gliche stieg. Noch wenige Sekunden, und mein R�ckgrat w�rde brechen!</p><p>Ein dritter, noch heftigerer Schlag traf die LADY OF THE MIST. Das Schiff legte sich auf die Seite. Irgendwo �ber uns in den Masten zerbrach etwas; zertr�mmertes Holz und Segeltuch regneten auf das Deck herab, und das Schiff st�hnte wie unter Schmerzen auf. Mannings wurde von einem armlangen Balken gestreift, b�umte sich auf und brach wie vom Blitz getroffen zusammen.</p><p>Aber es war nur eine winzige Atempause, die mir geg�nnt war. Das Schiff stampfte und zitterte ununterbrochen, rings um uns herum kochte das Wasser, und der Wind steigerte sich von einem Atemzug auf den anderen zu einem tobenden Orkan, der die Segel zerfetzte und die Masten sich biegen lie�. Aber das Toben der Elemente behinderte die Lebenden weit mehr als die Toten! Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie die Leichens�cke, in die die Leichname der Matrosen eingen�ht worden waren, endg�ltig zerrissen. Totenh�nde arbeiteten sich ins Freie, und als ich aufsprang und verzweifelt nach einem Fluchtweg suchte, grinste mich einer der M�nner an, der in der Pinasse gewesen war, als Yog-Sothoth das erste Mal zuschlug.</p><p>Ich war eingekreist. Vor mir standen die Toten auf, und der Weg zum Achterdeck hinab wurde von Mannings und Barton versperrt. Noch griffen sie nicht an, aber ihre Absicht war eindeutig - sie wollten mich weiter zum Bug hinabtreiben, direkt in die Arme der anderen Untoten, die langsam wieder zu diabolischem Leben erwachten.</p><p>Und genau in diesem Augenblick, als w�re dies alles nichts als ein Vorspiel zu kommendem Schrecken gewesen, barst der Ozean rings um die LADY OF THE MIST in einer titanischen Font�ne aus Schaum und siedendem Wasser auseinander, und etwas Ungeheures, formlos Grauenhaftes hob sein schreckliches Haupt aus dem Meer. Die Schreckensschreie der M�nner gingen in einem ungeheuerlichen Br�llen unter, einem Laut, wie ich ihn nie zuvor in meinem Leben geh�rt hatte; ein Schrei, der das Firmament zum Beben und das Meer zum Erzittern brachte. Rings um das Schiff wuchs ein Wald peitschender gr�ner Arme aus dem Meer, oberschenkeldicke Tentakel, besetzt mit glitzernden gr�nen Schuppen und t�dlichen M�ulern. Andara schrie etwas, das ich nicht verstand, breitete die Arme in einer abwehrenden Geste aus und warf sich dem Ungeheuer entgegen; ein winziger, verlorener Mensch gegen einen Titanen aus der Vorzeit.</p><p>Und doch waren seine Kr�fte denen Yog-Sothoths gewachsen ...</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde hatte ich den Eindruck, ein unertr�glich helles, blendendes Licht zu sehen, das aus den Fingerspitzen des Magiers brach und in den aufgedunsenen Leib des Monsters schlug. Die peitschenden Schlangenarme zuckten zur�ck, als h�tten sie sich verbrannt, und wieder schrie das Wesen; diesmal aber vor Schmerz. Die gewaltige Masse seines monstr�sen K�rpers flutete zur�ck, und die zitternden Krakenarme, die auf das Schiff und die hilflosen M�nner auf seinem Deck herabsto�en wollten, vollendeten ihre Bewegung nicht. Andara rief etwas, ein Wort in einer Sprache, die ich nicht verstand und nie zuvor geh�rt hatte. Die gewaltigen Tentakelarme zuckten, peitschten wieder auf das Deck herab und prallten erneut im letzten Moment zur�ck. Es war ein Ringen unsichtbarer, unbeschreiblicher Kr�fte, dem ich zusah, ein Kampf zwischen Gewalten, die sich dem menschlichen Begreifen entzogen, vielleicht den Urkr�ften der Sch�pfung, Gut und B�se, selbst.</p><p>Um ein Haar h�tte mir meine Unachtsamkeit das Leben gekostet.</p><p><emphasis>Ich </emphasis>war abgelenkt. F�r Sekunden hatte ich die Gefahr, in der ich nach wie vor schwebte, vergessen.</p><p>Eine eisige Hand ber�hrte mich an der Schulter. Ich fuhr herum, sah eine mi�gestaltete Kralle auf mein Gesicht zuschie�en und duckte mich instinktiv. Ein hei�er Schmerz zog eine flammende Linie �ber meine Wange. Ich schlug die Hand, die mich gepackt hielt, beiseite, trat nach den Knien des Untoten und versuchte ihn auszuhebeln, wie ich es zuvor mit Mannings gemacht hatte. Aber meine F��e fanden auf dem bockenden Deck keinen Halt; ich verlor das Gleichgewicht, fiel auf die Knie und ri� sch�tzend die Arme vor den Kopf, als ein zweiter Schatten �ber mir emporwuchs. Ein Schlag traf mich, schleuderte mich hinten�ber und nahm mir fast das Bewu�tsein.</p><p>Sie waren �berall. Nicht nur Mannings und Barton, sondern auch die anderen Toten drangen von allen Seiten auf mich ein, schlugen nach meinem Gesicht und zerrten mit erstarrten, eiskalten Fingern an meinen Kleidern.</p><p><emphasis>Robert! Das Amulett!</emphasis></p><p>Ich versuchte, Andara hinter den verzerrten Schattengestalten der Untoten zu erkennen, aber das Heck der LADY OF THE MIST hatte sich vollends in eine H�lle aus kochender Bewegung und wirbelnden, gr�nen Schatten verwandelt. Yog-Sothoth griff mit w�tendem Gebr�ll immer und immer wieder an, und ich sah voller Entsetzen, da� seine Krakenarme der einsamen Gestalt auf dem Achterdeck bei jedem Mal eine Winzigkeit n�her kamen, als wiche der unsichtbare Schutzwall, der das Schiff und den Magier umgab, St�ck f�r St�ck vor dem Toben des Ungeheuers zur�ck.</p><p>Mit einer w�tenden Bewegung verschaffte ich mir Luft, packte einen der Untoten beim Kragen und schleuderte ihn mit aller Kraft gegen die anderen. F�r eine halbe Sekunde war ich frei.</p><p>Aber es gab keinen Ausweg. Die Toten versperrten das Deck vor mir wie eine lebende Mauer, und hinter mir war nichts als drei Schritte freier Raum und die Reling des Schiffes, vor der das Meer und die t�dliche Riffbarriere lauerten. Selbst wenn ich den Sprung ins Wasser gewagt h�tte, und selbst wenn ich Yog-Sothoth entkommen w�rde, h�tte mich die Str�mung gegen die Riffe geschleudert und zerschmettert.</p><p>Als w�ren meine Gedanken ein Stichwort gewesen, r�ckte die Mauer der Untoten n�her. Wieder griffen ihre H�nde nach mir, zerrten an meinen Kleidern und tasteten nach meinen Augen. Ich schlug einen von ihnen nieder, verdrehte einem anderen den Arm und trat von unten mit dem Knie gegen sein Ellenbogengelenk. Aber mein Gegner war kein lebender Mensch. Er f�hlte keinen Schmerz, und sein anderer Arm griff im gleichen Moment nach mir und zerrte an meiner Jacke.</p><p><emphasis>Robert! Das Amulett! WIRF ES WEG!</emphasis></p><p>Ich verstand Andaras gedankliche Stimme kaum mehr. Schl�ge und Tritte prasselten unaufh�rlich auf mich nieder, und meine Gegenwehr wurde jetzt rasch schw�cher. Ein dumpfes, an- und abschwellendes Rauschen erf�llte meinen Sch�del, und der Schmerz wurde nach und nach zu einem Gef�hl der Bet�ubung, das meine Glieder l�hmte.</p><p><emphasis>Das Amulett! Wirfes weg, Robert, oder sie t�ten dich!</emphasis></p><p>Ich brach in die Knie, kr�mmte mich und versuchte, das kleine, f�nfeckige Amulett, das mir Andara gegeben hatte, aus der Rocktasche zu zerren. Irgend etwas traf meinen Kopf. Ich fiel vollends vorn�ber, w�lzte mich instinktiv auf den Bauch und versuchte kraftlos, die Schl�ge der Untoten abzuwehren. Allm�hlich begannen mir die Sinne zu schwinden. Blut f�llte meinen Mund, und die Gestalten der Angreifer verschwammen mehr und mehr hinter einem roten, wogenden Vorhang, der sich vor meinen Blick schob. Meine Hand grub in der Tasche. Ich f�hlte etwas Hartes, Warmes, zerrte es hervor und schlo� die Faust darum.</p><p><emphasis>Wirf es weg!</emphasis></p><p>Irgendwie kam ich wieder auf die F��e. Ich war unf�hig, zu denken oder meine Bewegungen bewu�t zu steuern, aber in meinen Gedanken war pl�tzlich eine andere, st�rkere Kraft, die mich zwang, aufzustehen und unter den Schl�gen der Untoten auf die Reling zuzuwanken.</p><p>Es war wie ein Spie�rutenlauf. Ich fiel, k�mpfte mich noch einmal hoch und taumelte kraftlos gegen die Reling. Eine erstarrte Totenhand klammerte sich an meinen Arm und versuchte, mir das Amulett zu entrei�en. Ich sch�ttelte sie ab, mobilisierte noch einmal alle Kr�fte - und schleuderte das Sternamulett mit aller Macht von mir. Es flog in hohem Bogen auf das Meer hinaus, traf blitzend auf die Wasseroberfl�che und versank in einem Strudel aus Licht und Schaum.</p><p>Die Untoten erstarrten im gleichen Augenblick, in dem das Amulett versank. Die H�nde, die sich in mein Haar und meine Kleider gekrallt hatten, glitten ab. Das Feuer in ihren Augen erlosch, und die K�rper st�rzten zu Boden wie Marionetten, deren F�den alle auf einmal durchtrennt worden waren.</p><p>Und im gleichen Moment st�rzte sich Yog-Sothoth mit aller Macht auf das Schiff. Ich fiel, fing den Sturz im letzten Augenblick mit den H�nden ab und starrte durch einen Nebel von Blut und �belkeit zum Achterdeck hinab.</p><p>Andara wankte. Der unsichtbare Schild, der ihn bisher vor den Angriffen des Monsters gesch�tzt hatte, war erloschen. Er taumelte, fiel gegen die Reling und versuchte noch einmal auf die Beine zu kommen.</p><p>Er vollendete die Bewegung nie. Ein gr�ner Krakenarm senkte sich auf ihn herab, umschlang seine Brust und ri� ihn in die H�he. Yog-Sothoth br�llte triumphierend. Seine Arme h�mmerten auf das Schiff ein, zerbrachen Holz und Metall, zerrten mit Urgewalt an den Masten und rissen die gewaltigen Segel in Fetzen. Die LADY OF THE MIST bewegte sich noch immer, aber jetzt war es die Wut des D�mons, die sie auf die Riffe zujagen lie�. Ihr Rumpf zersplitterte. Ein gewaltiger Ri� durchzog mit einemmal das Deck. Die Masten brachen wie Z�ndh�lzer. Meerwasser sp�lte �ber die geborstene Reling und ri� M�nner und Tr�mmerst�cke ins Meer.</p><p>Ich wu�te nicht, wie lange es dauerte. Sekunden, Minuten, Stunden - mein Zeitgef�hl erlosch, und alles, was ich noch sp�rte, war Furcht. Die LADY OF THE MIST sank in einem Strudel aus Chaos und gestaltgewordener, schuppiger Furcht. Yog-Sothoths Tentakel zermalmten das Schiff wie eine Nu�schale, zerbrachen Masten, rissen gewaltige St�cke aus dem Rumpf und vernichteten das, was dem Meer und den Riffen entkommen war.</p><p>Schlie�lich ergriff mich eine Welle, ri� mich von den F��en und sp�lte mich von Bord des sinkenden Schiffes. Ich wurde unter Wasser gedr�ckt, prallte mit dem Hinterkopf gegen einen Fels und verlor das Bewu�tsein.</p><empty-line/><p>K�lte. Das war das erste, was ich f�hlte, als ich das Bewu�tsein wiedererlangte und mich durch einen Sumpf aus Schw�che und Visionen wieder ins Wachsein zur�ckk�mpfte. Ich lag auf einer weichen, nassen Unterlage. Sonnenlicht fiel w�rmend auf mein Gesicht, aber die Strahlen vermochten die K�lte, die sich tief in meinen K�rper gekrallt hatte, nicht zu verjagen. Ich zitterte. Meine Beine lagen bis �ber die Knie im Wasser, und mein ganzer K�rper f�hlte sich zerschunden und zerschlagen an. Ich �ffnete die Augen.</p><p>�ber mir spannte sich ein wolkenloser, blauer Himmel. Der Sturm hatte sich gelegt, und selbst das Wispern des Windes war verklungen. Alles, was ich h�rte, war das leise Ger�usch der Brandung.</p><p>Ich stemmte mich auf die Ellbogen hoch, sah mich um und sch�ttelte verwirrt den Kopf. Im ersten Moment hatte ich M�he, mich darauf zu besinnen, wo ich war und wie ich hierhergekommen war. Das Meer hatte mich auf einen flachen, mit wei�em Muschelkalk �bers�ten Sandstrand gesp�lt, eine winzige, kaum zwanzig Schritt messende Einbuchtung in der lotrecht aus dem Wasser steigenden Steilk�ste, vor der die LADY zerschellt war. Tr�mmerst�cke und Fetzen von Segeltuch bedeckten den Strand, aber von dem stolzen Viermastsegler war keine Spur mehr zu sehen.</p><p>Der Gedanke an die LADY OF THE MIST lie� meine Erinnerungen mit beinahe schmerzhafter Wucht erwachen. Pl�tzlich erinnerte ich mich an alles - an den Sturm, Yog-Sothoth, sterbende M�nner, und an Leichen, die wieder von ihrem Totenbett auferstanden waren ...</p><p>Das Knirschen von Sand und Kies unter harten Stiefelsohlen drang in meine Gedanken. Ich sah hoch, blinzelte gegen das grelle Sonnenlicht und erkannte Bannermann. Er trug noch immer die schwarze �ljacke, aber sein linker Arm hing jetzt in einer selbstgebastelten Schlinge, und sein Gesicht war ger�tet und angeschwollen.</p><p>�Craven!� entfuhr es ihm. �Sie leben!� Er eilte auf mich zu, streckte mir den gesunden Arm entgegen und half mir, auf die F��e zu kommen.</p><p>�So ganz sicher bin ich mir da gar nicht�, erwiderte ich verwirrt. Die rasche Bewegung lie� erneut ein starkes Schwindelgef�hl in mir aufsteigen. �Wo sind wir?�</p><p>Bannermann deutete mit einer Kopfbewegung auf das Meer hinaus. �Eine Meile von der Stelle entfernt, an der die LADY gesunken ist�, sagte er. �Mein Gott, ich dachte, wir w�ren die einzigen �berlebenden.�</p><p><emphasis>�Wir?� </emphasis>Ein schwacher Schimmer von Hoffnung glomm in meinen Gedanken auf. �Es gibt noch mehr �berlebende?�</p><p>Bannermann nickte. �Vier�, sagte er. �F�nf, mit Ihnen. Das ist alles, was von meiner Besatzung �briggeblieben ist. Die Str�mung hat uns hierher getrieben. Es ist ein reiner Zufall, da� wir noch am Leben sind.�</p><p>�Zufall?� Ich sch�ttelte den Kopf. �Ein Zufall war es bestimmt nicht, Bannermann�, murmelte ich. �Ich ...� Ich stockte, schwieg einen Moment und machte eine wegwerfende Geste. �Das spielt jetzt keine Rolle mehr�, fuhr ich mit ver�nderter Stimme fort. �Kommen wir von hier fort, ohne noch einmal schwimmen zu m�ssen?�</p><p>Bannermann nickte. �Ja. Wir haben eine H�hle gefunden. Sie hat einen zweiten Ausgang. Von dort kommen wir auf die K�ste hinauf.� Er seufzte. �Mein Gott, Craven, was ist das?� keuchte er pl�tzlich. �Ein Alptraum?�</p><p>�Ich f�rchte nein�, erwiderte ich leise. �Aber ich wei� es so wenig wie Sie, Captain. Wenn Andara noch lebte ...�</p><p>�Er lebt.�</p><p>�Er ...� Fassungslos starrte ich Bannermann an. �Er lebt?� wiederholte ich ungl�ubig.</p><p>�Ja. Aber er wird sterben. Er hat mich hierher geschickt, um nach Ihnen zu sehen.� Er versuchte zu lachen, aber es mi�lang. �Verdammt, ich habe keine Ahnung, woher er gewu�t hat, da� Sie hier sind. Das Schiff ist vor einer halben Stunde gesunken. Und ...�</p><p>Aber ich h�rte schon gar nicht mehr zu. So rasch es meine gemarterten Muskeln zulie�en, st�rmte ich an Bannermann vorbei und rannte �ber den flachen Strand auf die Felswand zu. Der Eingang der H�hle, von der er gesprochen hatte, war nicht schwer zu entdecken - er war gro� wie ein Scheunentor, und in der samtenen Dunkelheit dahinter glomm das rote Auge einer Fackel. Ich lief hindurch, blieb dicht hinter dem Eingang stehen und versuchte, in der ungewohnten Dunkelheit etwas zu erkennen.</p><p>Andara lag ein St�ck jenseits des Einganges. Bannermanns Leute hatten aus Lumpen und Fetzen des Segels ein provisorisches Lager errichtet und ihn zugedeckt. Aber das wei�e Segeltuch war dunkel von Blut, und der Umri� seines K�rpers schien mir seltsam falsch und deformiert.</p><p>Andara �ffnete die Augen, als ich neben ihn trat. Sein Blick flackerte einen Moment, und zuerst f�rchtete ich fast, da� er mich gar nicht erkannte. Aber dann l�chelte er; ein schmerzliches, verzerrtes L�cheln, das eher wie eine Grimasse aussah.</p><p>�Robert�, murmelte er. �Du hast es ... geschafft.�</p><p>Behutsam setzte ich mich neben ihn und streckte die Hand aus, wie um ihn zu ber�hren, schreckte aber im letzten Moment zur�ck. �Nicht ich�, sagte ich kopfsch�ttelnd. �Es war kein Zufall, da� die Str�mung alle �berlebenden hierher getragen hat, nicht?�</p><p>�Nur ein ... kleiner Kunstgriff�, murmelte Andara. �Aber ich f�rchte, es war mein letzter.� Er hustete gequ�lt, b�umte sich auf und sank mit einem seufzenden Laut wieder zur�ck. �H�r mir ... zu, Robert�, fl�sterte er. Seine Augen waren geschlossen. Er fieberte. Aber ich sp�rte, da� sein Geist klar war. �Ich ... habe versagt. Ich habe dich ... benutzt. Kannst du mir ... verzeihen?�</p><p>Ich l�chelte. �Das Amulett? Es ist schon gut. Es war das einzige, was Sie tun konnten.�</p><p>�Du wu�test es?�</p><p>Ich hatte es nicht wirklich gewu�t, aber jetzt, im nachhinein, erschien mir alles klar. Andaras pl�tzliche Gesundung war kein Zufall, ebensowenig wie die unerkl�rliche Schw�che, die mich �berfallen hatte, nachdem er den ersten Angriff des GROSSEN ALTEN abgewehrt hatte. Es war das Amulett gewesen, das er mir gegeben hatte. Irgendwie - ohne da� ich auch nur wissen wollte, wie - hatte das Schmuckst�ck es ihm erm�glicht, meine Kr�fte zu benutzen, die Energien meines jungen, gesunden K�rpers anzuzapfen wie eine Kraftquelle. Yog-Sothoth mu�te das erkannt haben. Deshalb hatte er die Toten geweckt und auf mich gehetzt, nicht auf Andara selbst. Er mu�te gewu�t haben, da� Andaras Kr�fte erloschen, wenn ich das Amulett nicht mehr trug.</p><p>�Du ... verzeihst mir?� fragte er noch einmal.</p><p>�Es gibt nichts zu verzeihen�, murmelte ich. �Wir k�nnen uns sp�ter dar�ber unterhalten, in London. Jetzt...�</p><p>�Es wird kein sp�ter f�r mich geben�, unterbrach er mich. �Ich werde sterben. Yog-Sothoth hat... sein Versprechen eingel�st und mich get�tet. Ich habe mich nur noch gewehrt, Weil ... da etwas Wichtiges ist, das ich dir sagen mu�.�</p><p>Ich wollte eine Frage stellen, aber Andara machte eine schnelle, abwehrende Geste, und ich schwieg.</p><p>�H�r mir genau zu, Robert�, fl�sterte er. Seine Stimme verlor mehr und mehr an Kraft und war kaum mehr zu verstehen. An seinem Hals zuckte eine Ader im hektischen Rhythmus seines Pulsschlages. �Da ist noch etwas, das du nicht wei�t. Du mu�t den Kampf aufnehmen. Geh ... geh nach London. Geh zu ... Howard. Meinem ... Freund ... Howard. Du findest ihn im Hotel Westminster. Geh zu ihm und ... und sage ihm, Roderick Andara schickt dich. Sage ihm, wer du bist, und er wird dir ... helfen.�</p><p>�Wer ich bin? Aber ich ...�</p><p>�Du bist... mein Erbe, Junge�, murmelte Andara. �Du ... bist nicht der, der du ... zu sein glaubst.� Er l�chelte fl�chtig. �Du hast deine Eltern niemals gekannt, nicht wahr?�</p><p>Verwirrt sch�ttelte ich den Kopf. Worauf wollte er hinaus?</p><p>�Auch ... auch ich hatte ein Kind, Robert�, fl�sterte er. �Einen Jungen wie dich. Meine ... Frau starb bei... bei seiner Geburt, und ... ich wu�te, da� meine Feinde auch ihn ... t�ten w�rden, wenn sie erf�hren, wer er ist.�</p><p>Langsam, ganz langsam stieg eine furchtbare Ahnung in mir hoch. Aber ich schwieg weiter und h�rte gebannt zu.</p><p>�Ich ... brachte ihn zu einer Frau, von der ich wu�te, da� sie ein gutes ... Herz hatte�, sagte er m�hsam. �Ich gab ihr Geld und ... l�schte die Erinnerung an mich aus ihrem Geist.�</p><p>�Sie ...�, murmelte ich. �Sie wollen sagen, da� Sie ... da� du ...�</p><p>�Sp�ter, als ich glaubte, dem Fluch entrinnen zu k�nnen, habe ich angefangen, ihn zu suchen, Robert�, fl�sterte Andara. Seine Hand kroch unter der Decke hervor und suchte die meine. Sie f�hlte sich warm und schwammig an, feucht und nicht so, wie sich eine menschliche Hand anf�hlen sollte. Ich vermied es, sie anzusehen.</p><p>�Ich h�tte es nicht tun d�rfen�, keuchte er. �Ich h�tte dich niemals ... finden d�rfen, Robert. Aber jetzt... mu�t du den Kampf... fortf�hren. Geh nach ... London. Geh zu Howard und ... sage ihm, da� dein Vater dich schickt.�</p><p>Das waren seine letzten Worte. Sein Gesicht gl�ttete sich, und der Ausdruck des Schmerzes auf seinen Z�gen wich einem seltsamen Frieden.</p><p>Es dauerte lange, bis ich merkte, da� ich die Hand eines Toten hielt.</p><p>Irgendwann ber�hrte mich Bannermann an der Schulter, und ich sah von Andaras Gesicht auf. Aber ich erkannte den Kapit�n kaum. Eine seltsame Teilnahmslosigkeit hatte von mir Besitz ergriffen, ein Gef�hl der L�hmung, dem der wirkliche Schmerz erst noch folgen w�rde. Ich hatte meinen Vater gefunden, nach mehr als f�nfundzwanzig Jahren, und ich hatte ihn im gleichen Moment wieder verloren.</p><p>Roderick Andara, der Meister, war tot.</p><p>Aber noch w�hrend ich diesen Gedanken dachte, sp�rte ich, wie sich tief in meiner Seele etwas regte; die ersten, tastenden Bewegungen einer Macht, die bisher geschlummert hatte und erst langsam zu erwachen begann.</p><p>Mein Vater war tot, aber der Hexer lebte weiter.</p><p>Denn der Hexer bin ich.</p></section><section><title><p id="Tyrann_aus_der_Tiefe">Zweites Buch - Tyrann aus der Tiefe</p></title><p>Der Wind peitschte den Regen beinahe waagerecht �ber die Wasseroberfl�che. Mit der Nacht waren Wolken vom Meer her gekommen, eine schwarze, brodelnde Front, die das bleiche Licht des Vollmonds verschluckte und eisige Regenschauer auf die Erde herabst�rzen lie�. Der b�ige, eiskalte Wind sorgte zus�tzlich daf�r, da� die Bewohner dieses K�stenlandstrichs verga�en, da� nach dem Kalender eigentlich Hochsommer war und selbst die N�chte warm sein sollten.</p><p>Selbst das regelm��ige Klatschen, mit dem die Ruder ins Wasser tauchten, klang ged�mpft und wurde vom Rauschen des unabl�ssig fallenden Regens verschluckt.</p><p>Steve Cranton lie� mit einem ersch�pften Seufzen die Riemen los, setzte sich auf und streckte die Arme nach beiden Seiten aus. Sein R�cken schmerzte. Sie ruderten seit fast einer Stunde im Kreis �ber den kleinen, runden See, und das Boot war vom Regen schwer geworden. Seine F��e, die in schwarzen Gummistiefeln steckten, standen bis zu den Kn�cheln im eisigen Wasser, und die K�lte war beharrlich durch die Stiefel und die zwei Paar Wollsocken gekrochen, die er darunter trug. Bis zu den Knien hinauf f�hlten sich seine Beine taub an.</p><p>�M�de?� fragte O'Banyon leise. �Wenn ich dich abl�sen soll...�</p><p>Giranten sch�ttelte den Kopf und griff wieder nach den Rudern, lie� die H�nde jedoch reglos auf den Riemen liegen, ohne sie zu bewegen. Das Boot schaukelte sanft auf dem Wasser, und wie zur Antwort auf O'Banyons Frage peitschte der Wind einen neuen Regenschwall heran. Cranton schauderte, als das Wasser unter seinen Regenmantel lief und eisig an seinem Nacken herabrann.</p><p>�Nein�, antwortete er mit einiger Versp�tung. �Ich komme mir nur ganz langsam dumm vor, hier im Kreis zu rudern und mich durchn�ssen zu lassen. Wir sollten aufh�ren.�</p><p>O'Banyon lachte leise. �Du hast Angst�, behauptete er.</p><p>Cranton starrte sein Gegen�ber w�tend an. Obwohl sie sich kaum drei Meter entfernt gegen�bersa�en, war O'Banyons Gesicht nicht mehr als eine dunkle, konturlose Fl�che vor dem noch dunkleren Hintergrund des Sees. Die Wolkendecke war massiv wie eine Mauer und lie� nicht den geringsten Lichtschimmer hindurch.</p><p>�Nein�, schnappte Cranton ver�rgert. �Ich blamiere mich nur nicht gerne, das ist alles. Wahrscheinlich sitzen sie in Goldspie jetzt alle beisammen in einem Pub und lachen sich einen Ast �ber uns.�</p><p>�Du <emphasis>hast </emphasis>Angst�, behauptete O'Banyon noch einmal, als h�tte er die letzten Worte gar nicht geh�rt. �Aber jetzt ist es zu sp�t, mein Lieber.� Er seufzte, kramte einen Moment unter seinem Regenmantel herum und f�rderte Tabaksbeutel und Pfeife zutage. Cranton sah stirnrunzelnd zu, wie er sich trotz des str�menden Regens bed�chtig eine Pfeife stopfte, mit den H�nden einen Schutz gegen den Wind bildete und ein Streichholz anri�. Der Tabak fing Feuer, aber er war na� und schmorte nur vor sich hin, statt richtig zu gl�hen. O'Banyon knurrte etwas, klopfte die Pfeife auf dem Bootsrand aus und steckte sie wieder ein. Dann zog er seine Uhr aus der Tasche, ri� ein zweites Streichholz an und versuchte, im flackernden Licht der winzigen Flamme die Stellung der Zeiger abzulesen.</p><p>�Es ist gleich soweit�, sagte er. �Mitternacht. In wenigen Augenblicken.�</p><p>�Und dann kommt es, wie?� Cranton bem�hte sich, m�glichst viel Spott in seine Stimme zu legen, aber der Unterton von Furcht, der seine Worte begleitete, verdarb ihm den beabsichtigten Effekt. �Das Ungeheuer von Loch Shin - da� ich nicht lache! Mit solchen Geschichten verschrecken sie ihre Kinder, wenn sie nicht schlafen wollen. Oder halten ahnungslose Trottel aus der Stadt zum Narren.�</p><p>�Damit meinst du mich�, sagte O'Banyon kopfsch�ttelnd. Cranton wollte widersprechen, aber O'Banyon brachte ihn mit einer raschen Bewegung zum Schweigen und sch�ttelte den Kopf. �Ich nehme es dir gar nicht �bel, mein Lieber. Vielleicht w�rde ich �hnlich denken, wenn ich an deiner Stelle w�re. Aber du hast nicht geh�rt, was ich geh�rt habe.�</p><p>�Das Gerede eines Wahnsinnigen�, knurrte Cranton. �Was bedeutet das schon?�</p><p>�Aber er hat ihn <emphasis>beschrieben!� </emphasis>antwortete O'Banyon eindringlich. �So genau beschrieben, wie nicht einmal ich es gekonnt h�tte. Das <emphasis>kann </emphasis>der Mensch sich gar nicht ausgedacht haben, Steve. Ich -�</p><p>Irgendwo, nicht sehr weit entfernt von dem Boot mit den beiden M�nnern, klatschte etwas auf die Wasseroberfl�che. O'Banyon brach mitten im Wort ab, setzte sich pfeilgerade auf und starrte aus zusammengekniffenen Augen in die samtene Schw�rze hinaus, die wie eine erstickende Decke �ber dem See lag. �Was war das?�</p><p>�Dein Ungeheuer�, murrte Cranton. Aber seine Stimme zitterte noch st�rker als vorher.</p><p>O'Banyon ignorierte ihn. �Da ist etwas�, murmelte er. �Ich, sp�re es ganz deutlich ...� Er starrte eine weitere Sekunde auf die schwarze Wasseroberfl�che hinab, fuhr mit einem Ruck herum und begann mit den H�nden zu fuchteln. �Die Lampe!� rief er, �Schnell, Steve, Und die Kamera!�</p><p>Ein sanfter Sto� traf den Boden des Bootes. Cranton verlor f�r einen Moment das Gleichgewicht, rutschte auf der schmalen Sitzbank nach vorne und klammerte sich erschrocken am Bootsrand fest. Das kleine Schiffchen bebte. Es war ein Gef�hl, als w�re es von etwas Weichem, Nachgiebigem - aber trotzdem ungeheuer Starkem - getroffen worden. Wieder war das Ger�usch von Wasser zu h�ren, das mit einem harten Schlag geteilt wurde. Eine Welle traf das Boot, zerspr�hte an seinem Rumpf und �bersch�ttete seine Insassen mit einem Schwall eisigen Wassers.</p><p>Cranton fluchte, beugte sich vor und versuchte mit klammen Fingern, ihre Ausr�stung aus dem wasserdichten �lsack zu nehmen.</p><p>�Beeil dich, Steve�, sagte O'Banyon ungeduldig. �Da ist etwas - ich sp�re es ganz deutlich.�</p><p>Der See war pl�tzlich von Ger�uschen erf�llt. Wellen trafen in immer k�rzeren Abst�nden das Boot, und irgendwo, links und nicht sehr weit von ihnen entfernt, bewegte sich etwas Dunkles, Massiges �ber den See.</p><p>�Die Karbidlampe!� verlangte O'Banyon ungeduldig. �Wie lange dauert denn das?!�</p><p>Cranton richtete sich mit einem �rgerlichen Knurren auf, reichte O'Banyon die kleine, sonderbar geformte Lampe und starrte mit klopfendem Herzen in die Dunkelheit hinaus. Auch er glaubte jetzt etwas zu erkennen - aber eben nur <emphasis>irgend etwas, </emphasis>ohne da� er h�tte sagen k�nnen, was.</p><p>Aber was immer es war, es war gro�.</p><p>�Verdammt, Jeff, la� uns hier verschwinden�, murmelte er. �Die Sache gef�llt mir nicht.�</p><p>O'Banyon hatte den Glaskolben der Lampe ein St�ck angehoben und versuchte mit bebenden Fingern, ein Streichholz anzurei�en, aber der Wind blies ihm die Flamme schneller wieder aus, als er sie in die Lampe bekommen konnte. Sein Blick wanderte immer wieder �ber den See und saugte sich an dem schwarzen <emphasis>Ding </emphasis>fest, das inmitten der Dunkelheit erschienen war. Das Boot schaukelte mittlerweile wild auf den Wellen und begann sich langsam zu drehen. Ein neuer, unheimlicher Ton begann sich in das Heulen des Windes zu mischen. Ein Laut, wie ihn keiner der beiden jemals zuvor in seinem Leben geh�rt hatte: etwas wie ein dunkles, unendlich m�hsames Atmen und Schnauben, aber so m�chtig, da� die beiden M�nner in dem winzigen Boot schauderten.</p><p>�La� uns hier verschwinden�, sagte Cranton noch einmal. �Jeff - <emphasis>bitte!�</emphasis></p><p>Statt einer Antwort ri� O'Banyon ein weiteres Streichholz an, schirmte die Flamme mit der Hand ab und entz�ndete endlich die Lampe.</p><p>Cranton schlo� geblendet die Augen, als die Dunkelheit �ber dem Boot schlagartig der wei�en, unangenehm grellen Helligkeit der Karbidlampe wich. O'Banyon blinzelte, hob die Lampe mit der linken Hand in Kopfh�he und fummelte mit der anderen an der komplizierten Anordnung von Spiegeln, die ihr Licht b�ndeln und weit hinaus auf den See werfen sollten. Ein flackernder, dreieckiger Kegel wei�er Helligkeit huschte �ber die Wasseroberfl�che. O'Banyon fluchte, hielt die Lampe etwas h�her und verstellte den Spiegel. Aus dem dreieckigen Lichtteppich wurde ein d�nner, geb�ndelter Strahl, der f�nfzig und mehr Meter weit auf den See hinausreichte. Irgendwo an seinem Ende bewegte sich etwas; etwas Formloses und Schwarzes und Titanisches. Ein unwilliges, unglaublich tiefes Grollen ert�nte, als der Lichtfinger f�r einen Moment einen bizarren Umri� aus der Dunkelheit hervorzauberte und dann weiterwanderte.</p><p>�H�r auf, Jeff, ich bitte dich!� keuchte Cranton.</p><p>�Da ist es!� murmelte O'Banyon. �Ich habe recht gehabt, Steve - Truman hat nicht gelogen.� Er fuhr herum, packte Cranton mit der freien Hand beim Kragen und deutete mit der Lampe auf den See hinaus. �Sieh es dir an, Steve! Truman war kein Verr�ckter! Er hat recht! Dieses Wesen existiert wirklich! Es ist real, und -�</p><p>Cranton schlug seine Hand beiseite. �Ich will es gar nicht wissen!� br�llte er. �Ich will hier weg, sonst nichts! Verdammt, Jeff - begreifst du denn nicht? Dieses Monster <emphasis>wird uns umbringen!�</emphasis></p><p>O'Banyon blinzelte verwirrt. Er schien noch gar nicht auf den Gedanken gekommen zu sein, da� sie sich in Gefahr befanden.</p><p>Eine neue, besonders m�chtige Welle traf das Boot; so heftig, da� sowohl O'Banyon als auch Cranton die Balance verloren und �bereinanderst�rzten.</p><p>Fluchend arbeiteten sie sich wieder hoch. Das Boot schaukelte wild, aber die Lampe war wie durch ein Wunder nicht erloschen. Der kalkwei�e Lichtstrahl zuckte wie ein d�nner, bleicher Finger �ber den See, bohrte sich in den Himmel und senkte sich wieder.</p><p><emphasis>�Um Gottes willen, Jeff - nicht!�</emphasis></p><p>Crantons Schrei ging in einem ungeheuren, trompetenden Br�llen unter. Der Schatten am Ende des Lichtstrahls wuchs ins Ungeheuerliche, explodierte in einer Woge von Schwarz und glitzernden Schuppen und sprang mit einem gewaltigen Satz auf die beiden M�nner zu.</p><p>Das Boot b�umte sich auf. Eine weitere Welle traf seinen Rumpf, ri� eines der Ruder weg und lie� das Ende des anderen wie eine Keule kreisen; Cranton schrie auf, als ihn das unterarmstarke Holz am Hinterkopf traf und abermals nach vorne schleuderte. Auch O'Banyon schrie vor Schrecken, kippte hinten�ber und lie� die Karbidlampe fallen. Der kalkwei�e Lichtstrahl kreiste noch einmal �ber den See, als die Lampe auf den Bootsrand prallte und zischend verlosch.</p><p>Aber den Bruchteil einer Sekunde, bevor der Lichtstrahl vom Schwarz der Nacht verschluckt wurde, war in seinem Zentrum ein gewaltiger, alptraumhafter Umri� erschienen ...</p><p>O'Banyon wu�te hinterher nicht mehr, was wirklich geschehen war, und in welcher Reihenfolge. Etwas traf das Boot und zerschmetterte es, als w�re es ein Spielzeug. Er schrie, h�rte Cranton neben sich br�llen und schluckte Wasser, als er mit Urgewalt in den See geschleudert und tief unter die Wasseroberfl�che gedr�ckt wurde. Instinktiv hielt er die Luft an, trat Wasser und versuchte mit kr�ftigen, weit ausholenden Z�gen von der Stelle wegzuschwimmen, an der das Boot gesunken war. Sein Herz h�mmerte, und um seine Brust schien ein Stahlreifen zu liegen, der langsam zusammengezogen wurde. Blind vor Angst griff er aus, durchbrach die Wasseroberfl�che und sog gierig Luft in die Lungen.</p><p>Rings um ihn herum kochte der See. Als h�tte ein unsichtbarer Regisseur im Hintergrund die Wolken beiseite geschoben, um die schreckliche Szene ausreichend zu beleuchten, schien der Mond durch eine gewaltige dreieckige L�cke in den Regenwolken, und der See lag hell beleuchtet in seinem silbernen Licht da.</p><p>O'Banyon schwamm ein paar Meter auf das Ufer zu, schluckte abermals Wasser, als eine neue Woge �ber ihm zusammenschlug und ihn ihr Sog hinabzerrte, k�mpfte sich prustend wieder an die Oberfl�che und warf einen Blick zur�ck.</p><p>Das Boot war verschwunden. Der See, vor Augenblicken noch ruhig wie ein gewaltiger Spiegel, hatte sich in ein Chaos aus schaumigen Wellen und brodelnder Bewegung verwandelt. Weder von Cranton noch von dem Ding, das ihr Boot getroffen und versenkt hatte, war die geringste Spur zu entdecken.</p><p>O'Banyon atmete tief ein, drehte sich wieder herum und schwamm mit kr�ftigen Z�gen zum Ufer. Das Wasser war eisig, und er sp�rte, wie seine Kr�fte mit jeder Sekunde schwanden. Als er schlie�lich die unkrautbewachsene Uferb�schung erreichte, hatte er kaum noch die Kraft, sich aus dem Wasser zu ziehen.</p><p>Der grauhaarige Ire blieb sekundenlang zitternd und mit klopfendem Herzen liegen. Schwarze Bewu�tlosigkeit dr�ngte in seine Gedanken und drohte ihn zu �bermannen, und in seinem linken Bein erwachte ein klopfender, immer st�rker werdender Schmerz. Schlie�lich stemmte er sich auf Ellbogen und Knie hoch, kroch ein St�ck vom Wasser weg und brach wieder zusammen. Sein Atem ging pfeifend und unregelm��ig, als er sich auf den R�cken drehte und wieder zum See hinabsah.</p><p>Der Mond �bersch�ttete Loch Shin noch immer mit bleichem, unheimlichem Licht. Seine Oberfl�che hatte sich wieder beruhigt, nur hier und da trieben noch Holzsplitter oder Teile ihrer Ausr�stung, und genau in seiner Mitte, dort, wo das <emphasis>Ding </emphasis>aufgetaucht war, stiegen in regelm��igen Abst�nden gro�e, schimmernde Luftblasen an die Oberfl�che und zerplatzten.</p><p>O'Banyon stemmte sich hoch, fuhr sich mit einer fahrigen Geste �ber das Gesicht und stand nach Sekunden vollends auf. Sein Blick glitt unstet �ber den See. Das Wasser schimmerte �lig, und f�r einen Moment hatte er das Gef�hl, dicht unter seiner Oberfl�che einen gigantischen dunklen Umri� zu erkennen. Aber es war nur ein Schatten, hervorgerufen durch das Spiel des Mondlichtes und der Wolken.</p><p>�Steve?� rief O'Banyon. Seine Stimme zitterte, und das Heulen des Windes schien wie gellendes Hohngel�chter darauf zu antworten.</p><p>Aber das war auch die einzige Antwort, die er bekam. O'Banyon sah sich unsicher um. Alles in ihm schrie danach, einfach herumzufahren und wegzulaufen, so schnell er konnte; weg von diesem schrecklichen Ort. Aber Steve Cranton war nicht nur sein Angestellter, sondern auch sein Freund. Er konnte ihn nicht einfach im Stich lassen.</p><p>Mit zitternden Knien ging O'Banyon den Weg zur�ck, den er sich gerade erst m�hsam die B�schung hinaufgeschleppt hatte, blieb wenige Zentimeter vor dem Wasser stehen und bildete mit den H�nden einen Trichter vor dem Mund. �Steve!� schrie er. �Antworte doch! Wo bist du?�</p><p>Aber wieder antwortete ihm nur das Heulen des Windes. O'Banyon trat zitternd noch ein St�ck weiter an den See heran, bis seine F��e bis zu den Kn�cheln im weichen Uferschlamm versanken, sah sich mit wachsender Verzweiflung um und rief immer und immer wieder nach Cranton.</p><p>Etwas ber�hrte seinen Fu�. O'Banyon fuhr zusammen, sprang hastig einen Schritt zur�ck und l�chelte nerv�s. Es war nur ein Stiefel, der mit den Wellen herangetrieben worden war und jetzt im Uferschlick schaukelte.</p><p>Nur ein Stiefel...?</p><p>Es war Crantons Stiefel, erkannte O'Banyon voller Schrecken. Zehn, f�nfzehn Sekunden lang starrte er den schwarzen Gummistiefel aus schreckgeweiteten Augen an, dann lie� er sich in die Hocke sinken, beugte sich vor und griff mit zitternden Fingern danach.</p><p>Er merkte gleich, da� irgend etwas nicht stimmte. Der Stiefel war zu schwer, und dunkles Blut flo� daraus hervor.</p><p>O'Banyon schrie gellend auf, als er begriff, da� Crantons Stiefel nicht leer war ...</p><empty-line/><p>Der Wagen kam mit einem harten Ruck zum Stehen. Die Ersch�tterung lie� mich unsanft von meinem improvisierten Strohlager herunter und gegen einen von Bannermanns Matrosen purzeln, und f�r die n�chsten Sekunden waren wir voll und ganz damit besch�ftigt, unsere Arme und Beine zu entwirren. Erst dann gelang es mir, mich aufzusetzen und - noch immer verschlafen und m�de - in die Runde zu blinzeln.</p><p>Die Sonne war aufgegangen, und das bedeutete, da� wir die ganze Nacht durchgefahren sein mu�ten. Das letzte, woran ich mich erinnerte, war die Abendd�mmerung gewesen, sie und die K�lte, die trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit vom Meer her auf das Land gekrochen war. Ich mu�te mindestens zehn Stunden durchgeschlafen haben. Trotzdem f�hlte ich mich zerschlagen und m�de, als h�tte ich nur wenige Minuten geruht.</p><p>�Wir sind da�, drang eine dunkle Stimme in meine Gedanken. Ich sah verwirrt auf, starrte einen Moment lang Bannermann an, der meinen hilflosen Blick mit einem gutm�tigen Grinsen quittierte, und sah dann nach vorne. Unser Kutscher hockte zusammengesunken und in ein halbes Dutzend Decken gewickelt auf dem schmalen Bock und blickte mit einer Mischung aus Ungeduld und schlecht unterdr�ckter Heiterkeit auf uns herab. Nun, wahrscheinlich boten wir - abgerissen und heruntergekommen, wie wir alle waren - wirklich einen l�cherlichen Anblick.</p><p>�Wir sind da�, sagte der Kutscher noch einmal. Diesmal unterstrich er seine Worte mit einer Geste nach vorn. Der Weg teilte sich wenige Yards vor uns. Linkerhand f�hrte er wieder hinauf in die karge H�gellandschaft, durch die wir bisher gefahren waren, rechts fiel er sanft ab, und weit im Osten war eine d�nne, blaue Linie zu erkennen.</p><p>�Ab hier m�ssen Sie zu Fu� weiter�, fuhr er fort. �Is' aber nich' weit. Sechs oder sieben Meilen. Wenn Sie sich ranhalten, sind Sie in drei Stunden in Goldspie.� Er grinste und entbl��te eine Reihe fleckiger, gelber Z�hne. �Ich h�tt' Sie gerne mitgenomm' auf meinen Hof, aber von da kommen Sie nich' weiter.�</p><p>Ich wollte antworten, aber Bannermann lie� mich nicht zu Wort kommen. Wahrscheinlich war es auch gut so. Ich war noch viel zu benebelt, um einen klaren Gedanken fassen zu k�nnen. Fr�h aufstehen ist mir schon immer schwergefallen.</p><p>�Wir danken Ihnen jedenfalls, da� Sie uns bis hierhin mitgenommen haben, Mister Muldon�, sagte er hastig. �Die letzten Meilen schaffen wir schon.� Er zog seine Brieftasche hervor, klappte sie auf und wollte Muldon einen Geldschein reichen, aber der sch�ttelte nur den Kopf und kaute weiter auf seiner erloschenen Pfeife herum. Sie hatte schon gestern abend, als wir ihn getroffen hatten, nicht gebrannt, und ich war ziemlich sicher, da� er sie die ganze Zeit �ber nicht angesteckt hatte.</p><p>Bannermann sah ihn einen Moment an, zuckte dann stumm die Achseln und steckte die Brieftasche wieder ein. Ohne ein weiteres Wort erhob er sich, sprang auf die Stra�e herab und begann, sich das Stroh aus den Kleidern zu klopfen. Nacheinander folgten ihm die anderen, und schlie�lich raffte auch ich mich auf und stieg - weniger elegant als Bannermann und seine Matrosen, aber daf�r auch weitaus kr�fteschonender - von der Ladefl�che des hochachsigen Leiterwagens. Muldon sah mir kopfsch�ttelnd dabei zu, schwieg aber. Nur um seine Lippen spielte ein d�nnes L�cheln.</p><p>�Denken Sie dran�, sagte er zum Abschied. �Bleiben Sie auf dem Weg. Es gibt gef�hrliche S�mpfe hier. Viel Gl�ck noch.� Er nickte, tippte mit dem Zeigefinger an den nicht vorhandenen Rand eines genausowenig vorhandenen Hutes, drehte sich wieder um und lie� die Peitsche knallen. Das altersschwache Gef�hrt setzte sich knarrend und �chzend in Bewegung und begann, sich den Weg hinaufzuqu�len.</p><p>�Ein seltsamer Bursche�, murmelte Bannermann kopfsch�ttelnd, als der Wagen au�er H�rweite war. �Ich habe die halbe Nacht neben ihm auf dem Bock gesessen, aber er hat kaum drei Worte herausgebracht. Ich bin mir vorgekommen wie ein Alleinunterhalter.�</p><p>�Wie ...� Ich erschrak, drehte mich abrupt zu ihm um und sah ihn scharf an. �Was haben Sie ihm erz�hlt?�</p><p>�Erz�hlt?� Bannermann l�chelte. �Nichts, Mister Craven�, antwortete er. �Nur das, was wir vereinbart haben. Er denkt, wir w�ren mit einer Yacht vor der K�ste gestrandet.� Sein Gesicht verd�sterte sich. �Wir m�ssen uns noch einmal �ber die Geschichte unterhalten, Mister Craven. Sie gef�llt mir ganz und gar nicht. Und wir kommen auf keinen Fall damit durch.�</p><p>Seine M�nner lie�en ein zustimmendes Gemurmel h�ren, und ich unterdr�ckte im letzten Moment ein Seufzen. Es war nicht das erste Mal, da� wir �ber dieses Thema sprachen. W�hrend der letzten vierundzwanzig Stunden - mit Ausnahme der Zeit, die wir auf dem Leiterwagen �ber die Highlands von Schottland geschaukelt waren - hatten wir �ber praktisch nichts anderes gesprochen. Nat�rlich w�rde unsere Geschichte einer eingehenden �berpr�fung nicht standhalten. Die Beh�rden w�rden recht schnell herausbekommen, da� die Yacht, mit der wir angeblich drei�ig Meilen s�dlich von Durness gestrandet waren, niemals existiert hatte. Und es w�rde auch nicht sehr lange dauern, bis in London irgend jemandem auffiel, da� die LADY OF THE MIST �berf�llig war. Aber unsere Geschichte w�rde uns vielleicht genug Zeit verschaffen, nach London zu gelangen und Kontakt mit Howard aufzunehmen.</p><p>Wer immer er sein mochte.</p><p>�Wir reden dar�ber�, sagte ich halblaut. �Aber nicht hier, Bannermann. Und nicht jetzt. Lassen Sie uns nach Goldspie hinuntergehen und ein Hotel suchen. Danach reden wir.�</p><p>�Ein Hotel?� Bannermann lachte humorlos. �Und wovon gedenken Sie die Zimmer zu bezahlen, Mister Craven? Ich habe l�cherliche zwei Dollar, und meine M�nner keinen Penny. Wir m�ssen uns an die Beh�rden wenden, um ...�</p><p>�Es wird in Goldspie ja wohl eine Bank geben�, unterbrach ich ihn. Allm�hlich begann mir sein Starrsinn auf die Nerven zu gehen. Der Mann, der vor mir stand, schien kaum noch etwas mit dem Bannermann zu tun haben, den ich an Bord der LADY kennengelernt hatte.</p><p>Aber man mu�te ihm wohl zugute halten, da� er sein Schiff und den gr��ten Teil seiner Mannschaft verloren hatte. Und das unter Umst�nden, die acht von zehn M�nnern glatt in den Wahnsinn getrieben h�tten.</p><p>�Ich werde versuchen, einen Kreditbrief einzul�sen, den ... Montague mir gegeben hat�, sagte ich. Das unmerkliche Stocken in meiner Stimme mu�te ihm auffallen, aber er spielte das Spiel mit. Es war besser, wenn wir den Namen Andrea nicht mehr erw�hnten.</p><p>�Wenn es nicht geht, marschieren wir schnurstracks zur n�chsten Polizeiwache�, versprach ich.</p><p>Bannermann z�gerte noch immer, aber sein Widerstand schwand bereits. So wie die Male zuvor. Es war seltsam - aber es schien, als m�sse ich einem Menschen nur scharf genug in die Augen sehen, um ihm meinen Willen aufzuzwingen ...</p><p>Ich schob den Gedanken hastig von mir, drehte mich um und ging los. Bannermann wechselte hinter mir ein paar Worte mit seinen M�nnern, aber nach einer Weile folgten sie mir. Ich ging langsamer, damit sie nicht laufen mu�ten, um zu mir aufzuschlie�en.</p><p>Wir marschierten schweigend. Ich versuchte, die Uhrzeit anhand der Sonne zu sch�tzen, aber ich bin nie sehr gut in solchen Dingen gewesen und gab bald wieder auf. Es war Morgen, der zweite Morgen nach unserer Ankunft in England, und in wenigen Stunden w�rden wir wieder in anst�ndigen Betten schlafen, sicher vor den Nachstellungen irgendwelcher pr�historischer Monster oder rachs�chtiger Zauberer.</p><p>Bannermann machte ein paar schnelle Schritte, um an meine Seite zu gelangen, sagte jedoch nichts, sondern schritt schweigend neben mir her.</p><p>Es war eine seltsame, karge Landschaft, durch die wir gingen. Ich hatte keine bestimmten Vorstellungen von England gehabt, als wir New York verlie�en - aber dieses karge, von niemals ganz verebbendem Wind und einer kaum mit Worten zu beschreibenden <emphasis>Leere </emphasis>erf�llte Land �berraschte mich doch. Dies war jedenfalls nicht das England, von dem mir mein Vater erz�hlt hatte.</p><p>Aber schlie�lich war unser Ziel auch nicht die n�rdlichen Highlands gewesen, sondern London. Und es grenzte schon an ein Wunder, da� wir die K�ste �berhaupt lebend erreicht hatten.</p><p>Eine Stunde verging, dann zwei. Der Pfad schl�ngelte sich in sinnlos erscheinenden Kehren und Windungen bergab, und der blaue K�stenstreifen wuchs langsam vor uns heran. Ich f�hlte mich beklommen, st�rker, je mehr wir uns der Stadt n�herten. Vielleicht waren Bannermanns Bef�rchtungen doch nicht so haltlos, wie ich mir einzureden versuchte. Man w�rde uns fragen, warum wir nicht nach Durness gegangen waren, kaum f�nf Meilen von der Stelle entfernt, an der das Schiff zerschellt war. Statt dessen hatten wir den n�rdlichen Teil der britischen Insel (der an dieser Stelle allerdings kaum vierzig Meilen ma�) zur G�nze durchwandert und nun die gegen�berliegende K�ste erreicht. Was sollte ich antworten, wenn man mit diese Frage stellte? Da� unser einziger Wunsch gewesen war, m�glichst schnell und m�glichst weit von der K�ste wegzukommen, vom Meer und dem Monster, das auf seinem Grunde auf uns lauerte? Kaum.</p><p>Bannermann ber�hrte mich am Arm und ri� mich aus meinen �berlegungen. Ich sah auf und blickte ihn fragend an, aber Bannermann erwiderte meinen Blick nicht, sondern sah an mir vorbei nach S�den. Ich folgte seinem Blick.</p><p>Beinahe parallel zu der Stelle, an der wir uns befanden, und weniger als eine halbe Meile von der Stra�e entfernt, lag ein kleiner, runder See. Im grellen Licht der Vormittagssonne gl�nzte er wie eine gewaltige Silberm�nze, die ein verspielter Riese zwischen die H�gel geworfen hatte, und der Ring saftigen gr�nen Geb�sches und Unterholzes um sein Ufer hob sich angenehm von der kargen Heidelandschaft ab.</p><p>�Ein See�, sagte Bannermann �berfl�ssigerweise. �Was halten Sie davon, wenn wir hin�bergehen und uns einen Moment ausruhen?�</p><p>Ich wollte widersprechen, aber ein Blick in die Gesichter der M�nner, die uns begleiteten, lie� mich abrupt verstummen. Ich war bisher der Meinung gewesen, als einziger m�de und zerschlagen zu sein, aber das stimmte nicht. Wir waren alle mit unseren Kr�ften am Ende. Und es spielte keine Rolle, ob wir eine halbe Stunde fr�her oder sp�ter nach Goldspie kamen. So nickte ich nur wortlos.</p><p>Bannermann gab seinen M�nnern einen stummen Wink. Wir verlie�en die Stra�e und bewegten uns im rechten Winkel von ihr fort und auf den See zu. Das Gehen auf dem rohen, unbearbeiteten Boden war weniger schwierig, als ich erwartet hatte, und wir brauchten kaum zehn Minuten, um den See zu erreichen.</p><p>Die Stille fiel mir auf. Hatte uns bisher au�er dem monotonen Lied des Windes auch hier und da das Zwitschern eines Vogels und ein gelegentliches Huschen und Fl�chten im Geb�sch begleitet, so schienen wir uns jetzt durch ein Gebiet absoluten Schweigens zu bewegen. Selbst das Ger�usch des Windes wurde leiser und unwirklicher, je mehr wir uns dem See n�herten ...</p><p>Ich vertrieb auch diesen Gedanken und zwang mich, mich auf meine Umgebung zu konzentrieren. Ich war nerv�s und �berreizt, das war alles.</p><p>Neben Bannermann erreichte ich den See, balancierte mit ausgebreiteten Armen die nicht sehr hohe, aber steile B�schung hinunter, und lie� mich dicht vor der Wasserlinie zu Boden sinken. Ich merkte pl�tzlich wieder, wie m�de ich war.</p><p>�Das mu� Loch Shin sein�, murmelte Bannermann halblaut. �Ich dachte, es w�re gr��er.�</p><p>�Loch was?� fragte ich.</p><p>Bannermann l�chelte fl�chtig. �Loch Shin�, wiederholte er. �Die Einheimischen nennen diese kleinen Seen �Loch�.� Er schwieg einen Moment, und dem breiter werdenden Grinsen auf seinen Z�gen nach zu schlie�en, mu�te mein eigener Gesichtsausdruck mit jedem Moment intelligenter werden.</p><p>�Der Name ist nicht so unpassend, wie Sie vielleicht denken, Craven�, sagte er. �Tauchen Sie die Hand ins Wasser.�</p><p>Ich z�gerte noch einen Moment, zuckte dann mit den Achseln und tauchte die Linke bis zum Handgelenk in das reglos daliegende Wasser des Sees.</p><p>Ich zog sie allerdings genauso schnell wieder zur�ck. Das Wasser war mehr als kalt. Es war eisig.</p><p>Bannermann grinste noch ein bi�chen breiter. �Das Ding ist wirklich ein Loch�, erkl�rte er. �Mindestens f�nfmal so tief wie breit.�</p><p>�Sie wissen eine Menge �ber diese Gegend, nicht?� fragte ich.</p><p>Bannermann nickte, lie� sich zur�cksinken und verschr�nkte die H�nde hinter dem Kopf. �Ich bin hier geboren�, antwortete er. �Nicht hier in Goldspie, aber in Schottland. In Aberdeen. Kennen Sie Aberdeen?�</p><p>Ich verneinte, und Bannermann fuhr nach einer Weile fort: �Eine Hafenstadt, knapp hundert Meilen von hier. Man mu� sie nicht unbedingt kennen. Vielleicht�, f�gte er mit einem schwer zu deutenden L�cheln hinzu, �ist es sogar von Vorteil, noch nie etwas von ihr geh�rt zu haben.�</p><p>�Deshalb sind Sie also zur See gegangen�, vermutete ich. �Weil Sie in einer Hafenstadt aufgewachsen sind.�</p><p>�Quatsch�, antwortete Bannermann. �Sind Sie etwa ein Pferd geworden, nur weil Sie im Wilden Westen geboren sind? Ich wollte niemals zur See fahren.� Er stemmte sich auf die Ellbogen hoch und sah mich seltsam an. �Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten, Craven? Ich hasse die See. Ich habe sie vom ersten Moment an geha�t, und daran hat sich in all den Jahren nichts ge�ndert. Sie hat meinen Vater get�tet, sie hat einen meiner Br�der verschlungen, und jetzt hat sie mein Schiff und meine Mannschaft geholt. Soll ich sie daf�r lieben?�</p><p>�Das war nicht das Meer, Bannermann�, sagte ich leise. �Es war Yog-Sothoth, und ...�</p><p>�Das spielt keine Rolle�, unterbrach er mich. Seine Stimme bebte. �Es w�re nicht geschehen, wenn wir nicht drau�en auf See gewesen w�ren.�</p><p>�Oder Andara und ich nicht an Bord Ihres Schiffes gekommen w�ren�, f�gte ich hinzu. �Sprechen Sie es ruhig aus, Bannermann. Ich kann es Ihnen nicht ver�beln.�</p><p>Bannermann sog h�rbar die Luft ein. Aber er kam nicht dazu, zu antworten. Von der anderen Seite der B�schung erscholl ein gellender Schrei, dann waren aufgeregte Stimmen und hastiges Trappeln zahlreicher F��e zu h�ren.</p><p>Bannermann und ich sprangen im gleichen Moment auf. Mehr auf den H�nden und Knien als auf unseren F��en liefen wir die B�schung hoch, richteten uns vollends auf - und blieben erstaunt wieder stehen.</p><p>Drei von Bannermanns Matrosen versuchten mit aller Kraft, einen Mann niederzuringen, der sich wie rasend wehrte, w�hrend der vierte sich um den letzten Mann unserer kleinen. Schar bem�hte, der zusammengesunken auf dem Boden hockte und die H�nde gegen seinen blutenden Sch�del pre�te.</p><p>�Ford!� entfuhr es Bannermann. �Was ist mit Ihnen?�</p><p>Der Angesprochene antwortete nicht, aber der Mann, der neben ihm kniete, hob den Kopf. �Er ist okay, Captain. Nur ein Kratzer.�</p><p>�Was ist passiert?� blaffte Bannermann. Pl�tzlich war er wieder der Bursche, als den ich ihn kennengelernt hatte.</p><p>�Das wei� ich auch nicht�, antwortete der Matrose. �Der Bursche da -� Er deutete mit einer Kopfbewegung auf den Fremden, der sich noch immer mit aller Kraft gegen die drei Matrosen zur Wehr setzte. Und so, wie es aussah, standen seine Chancen nicht schlecht. �Der Kerl ist pl�tzlich aus dem Geb�sch gesprungen und hat Ford eins �ber den Sch�del gezogen. Keine Ahnung, warum.�</p><p>Bannermann runzelte die Stirn und blieb noch einen Herzschlag lang reglos stehen, ehe er zu den K�mpfenden hin�berging. Selbst zu viert gelang es ihnen kaum, den Mann zu b�ndigen.</p><p>�Dreht ihn herum!� keuchte Bannermann. �Auf mein Kommando. Eins ... zwei ... <emphasis>Jetzt!�</emphasis></p><p>Mit einem einzigen, harten Ruck packten die Matrosen den Tobenden, drehten ihn auf den Bauch und dr�ckten ihn mit aller Kraft zu Boden.</p><p>�Craven!� befahl Bannermann. �Fesseln Sie seine H�nde, schnell!�</p><p>Zwei seiner Leute zwangen die Arme des Fremden auf dem R�cken zusammen, w�hrend Bannermann selbst und ein Matrose auf seinen Beinen hockten und sie niederzuhalten versuchten. Sie mu�ten dazu ihre ganze Kraft aufbieten.</p><p>�Verdammt noch mal, Craven - halten Sie hier keine Maulaffen feil, sondern tun Sie endlich, was ich sage!� keuchte Bannermann.</p><p>Ich erwachte endlich aus meiner Erstarrung und eilte hinzu. In der Ermangelung eines Strickes l�ste ich meinen G�rtel, band die Handgelenke des Tobenden damit zusammen und sah mich nach etwas um, womit ich seine Beine binden konnte. Bannermann l�ste sein Halstuch und hielt es mir hin. Ich griff danach, band die Fu�gelenke des Mannes so fest zusammen, wie ich konnte - und brachte mich mit einem hastigen Sprung in Sicherheit, als Bannermann und die drei anderen aufsprangen.</p><p>Der Mann br�llte. Sein K�rper spannte sich wie eine Stahlfeder, federte in einer unm�glich erscheinenden Drehung herum und kam mit einem schmerzhaft harten Schlag wieder auf dem Boden auf.</p><p>�Verdammt, ist der Kerl denn v�llig �bergeschnappt?� keuchte Bannermann. �Was ist denn blo� mit ihm los?�</p><p>Der Fremde begann zu sprechen, aber seine Worte waren unverst�ndlich, wenig mehr als ein unartikuliertes Gurgeln und Keuchen, in das sich nur ab und zu halbwegs menschliche T�ne mischten. Schaum trat vor seinen Mund. Seine Augen schienen zu brennen.</p><p>�Ich glaube, er ist wirklich verr�ckt�, murmelte ich. �Sehen Sie sich seine Augen an, Bannermann. Das sind die Augen eines Wahnsinnigen!�</p><p>Bannermann nickte. Die Bewegung wirkte abgehackt und m�hsam. Pl�tzlich war die alte Furcht wieder in seinem Gesicht, und als er sich umsah, war sein Blick der des Gehetzten, der nach dem J�ger Ausschau hielt.</p><p>Z�gernd ging ich an ihm vorbei und n�herte mich dem Gefesselten, blieb jedoch in ausreichendem Abstand stehen. Auch wenn er gebunden war, hatte ich keine Lust, von seinen F��en getroffen zu werden. Da� die allgemeine Redensart, Wahnsinnige verf�gten �ber �bermenschliche Kr�fte, kein leeres Gerede war, hatte er uns gerade bewiesen.</p><p>In zwei Schritten Entfernung von ihm lie� ich mich in die Hocke sinken. �K�nnen Sie mich verstehen?� fragte ich.</p><p>Etwas in seinem Blick schien zu flackern. Sein Kopf ruckte herum, und f�r eine halbe Sekunde h�rte er auf, zu toben und unartikulierte Laute hervorzusto�en. Sein Blick kl�rte sich. Aber der Moment verging so rasch, wie er gekommen war, und er begann wieder zu kreischen und sich wie ein Wurm zu winden.</p><p>�K�nnen Sie mich verstehen?� fragte ich noch einmal. Diesmal zeigte er keine Reaktion, aber ich war trotzdem sicher, da� er meine Worte verstand.</p><p>�H�ren Sie zu�, sagte ich, sehr langsam und �berm��ig betont, damit er auch jedes Wort mitbekam. �Wir wissen nicht, wer Sie sind, und wir wissen auch nicht, warum Sie unseren Mann �berfallen haben. Aber wir sind nicht Ihre Feinde. Wir sind fremd in der Gegend und suchen nur Hilfe.�</p><p>�M�rder�, keuchte der Mann. �Ihr seid ... verdammtes M�rderpack ... Ihr alle. Alle. Alle aus Goldspie.�</p><p>Bannermann fuhr erschrocken zusammen und wollte etwas sagen, aber ich brachte ihn mit einer raschen Bewegung zum Schweigen. �Wir sind nicht aus Goldspie�, sagte ich. �Wir sind fremd hier, glauben Sie uns.�</p><p>�Ihr ... seid M�rder!� keuchte der Fremde. Der Schaum in seinen Mundwinkeln wurde rot. Er mu�te sich in seiner Raserei auf die Zunge gebissen haben. �Ihr habt es gewu�t!� stammelte er. �Gewu�t habt ihr es. Ihr ... wolltet, da� es uns umbringt. Ihr habt es gewollt! Ihr seid schuld.�</p><p><emphasis>�Was </emphasis>haben wir gewollt?� fragte ich eindringlich.</p><p>Die Antwort bestand in einem hysterischen Kreischen. �Die Bestie!� keuchte er. �Ihr ... ihr habt es gewu�t. Ihr habt gewu�t, da� sie ... kommen wird. Um Mitternacht kommen wird. Ihr habt es gewu�t, aber ihr habt uns nicht gewarnt. Ihr seid schuld an Steves Tod! Die Bestie ...� Er begann zu stammeln, schlie�lich zusammenhanglos zu schreien und erneut unartikulierte T�ne hervorzusto�en.</p><p>Bannermann ber�hrte mich an der Schulter. �Das hat keinen Zweck mehr, Craven�, sagte er. �Der Kerl redet wirres Zeug, merken Sie das denn nicht?�</p><p>Ich starrte noch einen Moment auf unseren Gefangenen herab, ehe ich mich mit einem resignierenden Seufzen erhob und ein St�ck zur�ckwich.</p><p>�Sind Sie sicher?�</p><p>Bannermann ri� erstaunt die Augen auf. �Sie nicht?� fragte er. �Was f�r eine Bestie soll das denn sein, die hier ihr Unwesen treibt?� Er versuchte zu lachen, aber ganz gelang es ihm nicht.</p><p>�Ich wei� es nicht�, murmelte ich unschl�ssig. Ich f�hlte mich verwirrt und hilflos wie nie zuvor in meinem Leben. �Ich wei� nur, da� ...�</p><p>�Da� was?� fragte Bannermann mi�trauisch, als ich nicht weitersprach.</p><p>�Ich habe Ihnen doch erz�hlt, da� ich immer genau wei�, ob jemand die Wahrheit sagt oder mich anl�gt�, antwortete ich.</p><p>Bannermann nickte stumm.</p><p>�Vielleicht funktioniert meine Gabe bei Wahnsinnigen nicht�, murmelte ich. �Aber ich kann Ihnen mit Sicherheit sagen, da� dieser Mann nicht l�gt, Bannermann.�</p><p>�Das behauptete ich auch gar nicht�, antwortete Bannermann unger�hrt. �Er glaubt ja auch daran. Er hat Ihnen genau das gesagt, was <emphasis>er </emphasis>f�r die Wahrheit h�lt. Der Mann ist verr�ckt.�</p><p>�Das stimmt, Captain, aber ...�</p><p>Ich brach mitten im Satz ab, als ich sah, wie sich Bannermanns Augen vor Entsetzen weiteten, fuhr mit einer abrupten Bewegung herum und erstarrte ebenfalls.</p><p>Unser Gefangener hatte aufgeh�rt zu schreien, aber er b�umte sich noch immer vergeblich gegen seine Fesseln, rollte sich hierhin und dorthin und warf sich mit aller Macht herum.</p><p>Ein schmales, in ein wei�es Taschentuch eingeschlagenes B�ndel war aus seiner Tasche geglitten, und eine weitere Bewegung hatte es davonrollen und aufplatzen lassen.</p><p>Im ersten Moment weigerte ich mich einfach, das rotwei�e Ding darin als das zu erkennen, was es war.</p><p>Aber nur im ersten Moment. Schlie�lich kann man die Augen nicht st�ndig vor der Wahrheit verschlie�en.</p><p>Der Gegenstand, der dem Mann aus der Tasche geglitten war, war eine Hand.</p><p>Eine menschliche Hand.</p><empty-line/><p>�Er lebt!� donnerte die Stimme. Sie war pl�tzlich in dem kleinen Raum, mit der Unvorhersehbarkeit eines Sommergewitters und genauso �berm�chtig. Die Gl�ser auf dem dunkelbraunen Wandregal begannen beim Klang dieser Stimme zu zittern, und selbst die Flammen im Kamin schienen sich angstvoll zu ducken.</p><p>Der Mann in dem hochlehnigen, braunen Lederstuhl unter dem Fenster zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er hatte gewu�t, da� die Stimme kommen w�rde. Er wu�te es immer vorher. Aber das nahm ihr nichts von ihrem Schrecken.</p><p>�Er lebt!� wiederholte die Stimme. �Er lebt, und er wei� alles. Du <emphasis>hast </emphasis>versagt!�</p><p>�Aber er ... niemand wird ihm glauben�, stotterte der Mann. Seine Lippen waren trocken und rissig vor Aufregung, und seine H�nde gruben sich so tief in die ledernen Armst�tzen seines Sessels, da� seine Fingern�gel zu bluten begannen. Sein Blick war starr auf das geschlossene Fenster gerichtet. Er hatte die L�den geschlossen und die Vorh�nge zugezogen, um das Sonnenlicht auszusperren. Trotzdem war der Raum von glei�ender Helligkeit erf�llt.</p><p>Gr�ner Helligkeit.</p><p>Es war nicht das Licht der Flammen, die im Kamin prasselten, auch nicht das der Petroleumlampe, die er mit hierher gebracht und auf dem Tisch abgestellt hatte, sondern der unheilige, gr�ne Schein, der das Auftreten der Stimme stets begleitete.</p><p>Er hatte einmal versucht, ins Herz dieses Lichtscheines zu blicken, vor zehn oder zw�lf Jahren. Der Schein hatte ihn f�r Wochen blind gemacht, und nachdem er sein Augenlicht zur�ckgewonnen hatte, hatte er nie mehr versucht, das Geheimnis des Lichtes und der Stimme zu ergr�nden. Er hatte die Warnung verstanden.</p><p>�Niemand wird ihm glauben�, sagte er noch einmal. �Sie werden ihn f�r verr�ckt halten und in ein Irrenhaus sperren, genau wie den anderen.�</p><p>�Narr!� zischte die Stimme. �Wozu habe ich dir Macht �ber die Menschen in dieser Stadt gegeben? Wozu habe ich dir Macht �ber die Bestie gegeben, glaubst du?�</p><p>Der Mann schluckte. In der Stimme war ein neuer, aggressiver Ton, den er noch nie zuvor in ihr vernommen hatte. Ein Ton, der ihm Angst machte.</p><p>�Ich ... habe dir stets treu gedient�, sagte er stockend. �Und ich ...�</p><p>�Und deinen Gewinn damit gemacht, nicht wahr?� unterbrach ihn die Stimme. �Du hast jetzt vierzehn Jahre von unserem B�ndnis profitiert. Nun wird es Zeit, da� auch du deinen Teil des Kontraktes erf�llst. O'Banyons Tod geh�rt dazu.�</p><p>�Ich soll ihn ... umbringen?� keuchte der Mann.</p><p>Ein, zwei Minuten lang schwieg die Stimme. �Ja�, sagte sie dann. �Aber nicht nur ihn. Er ist nicht mehr allein. Es sind Fremde bei ihm.�</p><p>Der Mann erschrak. �Fremde?�</p><p>�Es sind sieben M�nner, die �ber den Ozean gekommen sind. Beseitige sie.�</p><p>�Alle? Ich soll ...� Der Mann brach ab, atmete h�rbar ein und sprach erst nach einer geraumen Weile weiter. �Du kannst nicht verlangen, da� ich sieben Menschen t�te. Acht, wenn ich O'Banyon mitz�hle. Ich bin kein M�rder.�</p><p>Die Stimme lachte, und das gr�ne Licht flammte zu noch glei�enderer Helligkeit auf. Ein helles, zischendes Ger�usch wurde h�rbar. �Du bist kein M�rder? Wieviel Unschuldige hast du im Laufe der letzten vierzehn Jahre der Bestie geopfert?�</p><p>�Das war etwas anderes. Ich mu�te es tun, weil es ein Teil des Paktes war.�</p><p>�Und mir zu gehorchen ist ebenso Teil des Paktes, Narr. Warum, glaubst du, habe ich dir diese Macht gegeben? Damit du sie zu eurem Vorteil nutzen kannst, aber nichts zu tun brauchst, wenn ich deiner Hilfe bedarf?�</p><p>Der Mann schwieg. Er hatte sich diese Frage bereits unz�hlige Male gestellt, aber bisher keine Antwort darauf gefunden. Ebensowenig wie auf die Frage, ob er nicht im Endeffekt doch den schlechteren Teil dieses Gesch�ftes gemacht hatte.</p><p>Vielleicht bekam er erst jetzt die Rechnung pr�sentiert.</p><p>�Du wirst sie t�ten�, fuhr die Stimme fort.</p><p>Diesmal widersprach der Mann nicht mehr, sondern neigte nur noch gehorsam das Haupt...</p><empty-line/><p>Es wurde Mittag, ehe wir das Dorf erreichten, und die Uhr schlug ann�hernd drei, bis wir unseren Gefangenen endlich bei der Polizei abgeliefert und alle Fragen des zust�ndigen Constablers beantwortet hatten. Jedenfalls zu seiner momentanen Zufriedenheit. Er hatte mir die Geschichte, die ich ihm erz�hlt hatte, nicht hundertprozentig geglaubt, und ich h�tte nicht einmal der Sohn eines Hexers sein m�ssen, um das zu sp�ren. Dabei war Constabler Donhill ein durchaus umg�nglicher Mensch; leider auch ein ziemlich kleingeistiger. Und wie bei fast allen Menschen, die Gott nicht gerade mit einem �berma� an Intelligenz gesegnet hatte, h�rte seine Umg�nglichkeit an dem Punkt auf, wo er nicht mehr verstand, was man von ihm wollte.</p><p>Und diese Schwelle lag bei Constabler Donhill ziemlich niedrig.</p><p>Ich f�hlte mich vollkommen ersch�pft, als ich an Bannermanns Seite die Polizeiwache verlie�. O'Banyon war, an H�nden und Knien mit Handschellen gebunden und zus�tzlich auf einer Liege festgeschnallt, damit er nicht wieder anfing zu toben und sich dabei selbst verletzte, in Donhills einziger Zelle zur�ckgeblieben. Wenigstens den Namen unseres unfreiwilligen Reisebegleiters hatten wir in Erfahrung bringen k�nnen, mehr aber auch nicht. Constabler Donhill schien ganz genau zu wissen, wer dieser O'Banyon war und was er drau�en am See gesucht hatte, aber er hatte geschwiegen wie eine Auster, und irgend etwas hatte mich davor gewarnt, zu viele und zu neugierige Fragen zu stellen. Donhill war ein freundlicher Mann, aber unter der d�nnen Maske, die er trug, verbarg sich ein tiefsitzendes Mi�trauen allen Fremden gegen�ber, das sp�rte ich.</p><p>Ich blieb stehen, als wir die Polizeiwache verlassen und die breite, ungepflasterte Hauptstra�e zwei Blocks weiter s�dlich erreicht hatten. Das Meer war von hier aus nicht mehr zu erkennen, wohl aber zu sp�ren. Ein klammer Salzwasserhauch wob sich unmerklich in die W�rme des Hochsommertages, und wenn man ganz genau hinh�rte, konnte man sogar das Rauschen der Brandung h�ren. Goldspie lag am Ufer eines schmalen Flusses, dessen Namen ich mir nicht gemerkt hatte, aber es lag in einer Senke, aus der heraus der Blick auf den Ozean unm�glich war.</p><p>�Was haben Sie?� fragte Bannermann, als ich stehenblieb. Die M�nner waren schon vorausgegangen und hatten Zimmer im einzigen Hotel des Ortes bezogen, und nach allem, was wir mitgemacht hatten, konnte ich es Bannermann nicht verdenken, wenn er sich ebenfalls nach einer warmen Mahlzeit und einem sauberen Bett sehnte.</p><p>�Gehen Sie ruhig vor, Captain�, sagte ich ausweichend. �Ich komme in ein paar Minuten nach.�</p><p>Bannermann sah mich stirnrunzelnd an, und ich f�gte hastig hinzu: �Ich will noch zur Bank, ehe sie schlie�t. Es w�re doch peinlich, wenn wir im Hotel nicht einmal unser Abendessen bezahlen k�nnten, oder?�</p><p>In Wirklichkeit war das nur eine Ausrede. Ich wollte allein sein. Ich brauchte diese Zeit, nur ein paar Minuten, um Ordnung in meine Gedanken zu bringen und mich zu beruhigen. Schon am See war mir seltsam zumute gewesen, jetzt, nachdem wir mit Donhill gesprochen hatten, f�hlte ich mich verwirrter als zuvor. Manchmal konnte die Gabe, die ich von meinem Vater geerbt hatte, zum Fluch werden.</p><p>�Soll ich Sie begleiten?� bot sich Bannermann an. �Ich kenne die Gewohnheiten der Leute hier besser als Sie.�</p><p>Ich l�chelte. �Ich glaube, ich werde schon noch aus eigener Kraft einen Kreditbrief einl�sen k�nnen, Captain. Gehen Sie ruhig ins Hotel zur�ck. Und trinken Sie einen guten Sherry auf mein Wohl.�</p><p>Bannermann sah mich auf eine Art an, die mir verriet, da� er meine wahren Gr�nde durchschaut hatte. Aber trotzdem nickte er und eilte �ber die staubige Stra�e davon.</p><p>Ich sah ihm nach, bis er im Eingang des Hotels verschwunden war, wandte mich um und ging - wesentlich langsamer als er - in die entgegengesetzte Richtung. Die Bank lag am hinteren Ende der Stra�e, weniger als zweihundert Schritte entfernt, aber ich hatte es nicht besonders eilig, dorthin zu kommen.</p><p>Irgend etwas stimmte nicht mit dieser Stadt.</p><p>Ich konnte nicht sagen, was es war, nicht einmal, was mich auf diesen Gedanken brachte - aber ich <emphasis>sp�rte </emphasis>einfach, da� Goldspie nicht das verschlafene kleine Fischernest war, als das es sich gab. Die M�nner und Frauen, die mir begegneten, erschienen mir vollkommen normal, und die verwunderten - und zum Teil eindeutig feindseligen - Blicke, die sie mir zuwarfen, galten wohl mehr meiner zerrissenen und verdreckten Kleidung als mir selbst.</p><p>Und trotzdem ... diese Stadt barg ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das auf eine Weise, die ich jetzt noch nicht zu benennen imstande war, mit O'Banyon und seinem toten Kameraden zusammenhing.</p><p>Ich erreichte die Bank, betrat die Schalterhalle und sah mich einen Moment neugierig um. Ich war der einzige Kunde, und dem �berraschten Blick des Kassierers hinter dem Schalter nach zu urteilen, hatte er zu dieser Zeit wohl nicht einmal damit gerechnet.</p><p>Der Ausdruck von Schrecken in seinem Blick wandelte sich in �berraschung, Herablassung und Unsicherheit (in dieser Reihenfolge), und pendelte sich irgendwo in der Mitte ein, als ich mich mit gemessenen Schritten dem Schalter n�herte und vor ihm stehenblieb. Unwillk�rlich wich der Mann einen Schritt von seinem Tresen zur�ck, und ich unterdr�ckte im letzten Moment ein am�siertes Lachen. Wahrscheinlich rechnete er damit, da� ich ihn anbetteln w�rde - oder die Bank �berfallen - und wahrscheinlich �berlegte er schon fieberhaft, wie er mit beiden Eventualit�ten am elegantesten fertig werden k�nnte.</p><p>Ich konnte ihm seine Gef�hle nicht einmal �belnehmen, beachtete man mein Aussehen. Mein Anzug war zwar in den letzten vierundzwanzig Stunden getrocknet, aber er sah eben auch aus wie ein Anzug, mit dem man ins Wasser gefallen, mitten durch ein Felsenriff geschleudert und schlie�lich ein paar Dutzend Schritte weit einen Sandstrand hinaufgezerrt worden ist. Und auch mein Gesicht und mein Haar h�tten ein erneutes Zusammentreffen mit Wasser dringend n�tig gehabt.</p><p>Ich sah den Kassierer einen Moment lang durchdringend an, legte mit einer betont langsamen Geste die schwarze Aktenmappe, die Andara als einziges St�ck seiner Ausr�stung aus dem sinkenden Schiff gerettet hatte, vor mich auf den Schalter, und �ffnete die Verschl�sse. Der Kassierer erbleichte ein ganz kleines bi�chen mehr. Sein Blick saugte sich an der Tasche fest. Wahrscheinlich �berlegte er, welche Art von Waffe ich darin verborgen haben konnte.</p><p>�Womit... kann ich Ihnen dienen, Sir?� fragte er stockend. Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Fl�stern. An seinem Hals pochte eine Ader im Rhythmus seiner Herzschl�ge.</p><p>�Mit Geld�, antwortete ich l�chelnd. Der arme Bursche, wurde noch blasser und sah sich jetzt ganz unverhohlen nach einem Fluchtweg um. Aber er schien unf�hig, sich auch nur einen Zentimeter von der Stelle zu r�hren.</p><p>Langsam �ffnete ich die Tasche, nahm den Stapel Kreditbriefe hervor, der in wasserdichtes �ltuch eingeschlagen darin verborgen war, und suchte die drei heraus, die auf meinen Namen ausgestellt worden waren. Zwei von ihnen lauteten �ber f�nftausend Pfund, der dritte �ber f�nfhundert. Mein Vater mu�te vorausgesehen haben, da� ich an eine Bank geraten konnte, die vor einer Forderung �ber f�nftausend Pfund Sterling glatt kapitulierte.</p><p>Ich schob ihm den Kreditbrief �ber die Theke, wickelte die anderen sorgf�ltig wieder ein und verschlo� die Mappe. Der Kassierer griff mit zitternden Fingern nach dem Papier, warf einen fl�chtigen Blick darauf und starrte dann mich wieder an. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war unbeschreiblich. Ich geno� den Augenblick in vollen Z�gen.</p><p>�Das ... �h ...�</p><p>�Ist etwas damit nicht in Ordnung?� fragte ich, betont freundlich. �Ich kann mich ausweisen, wenn es Ihnen darum geht.�</p><p>�Na ... nat�rlich nicht, Sir�, antwortete der Kassierer. �Es ist nur ...�</p><p>�Ich sehe nicht aus wie jemand, der solche Kreditbriefe mit sich herumtr�gt, ich wei߫, seufzte ich. �Aber vermutlich h�tte ich sie nicht mehr lange, wenn man es mir ans�he.� Ich zog meine Brieftasche, reichte ihm meinen Pa� und wartete, bis er den Namen darin mit dem in dem Kreditbrief verglichen hatte.</p><p>�Wie ... m�chten Sie das Geld, Sir?� fragte er, noch immer stockend und unsicher, wenn auch jetzt sichtlich aus anderen Gr�nden.</p><p>�Klein�, antwortete ich. �Ich mu� ein paar Besorgungen machen. Einen neuen Anzug zum Beispiel. K�nnen Sie mir einen guten Schneider hier in der N�he empfehlen?�</p><p>Der Kassierer sch�ttelte den Kopf, w�hrend er bereits damit begann, Ein- und F�nf-Pfund-Noten in sauberen kleinen Stapeln vor mir abzuz�hlen. �Ich f�rchte, mit einem Schneider kann Goldspie nicht aufwarten, Sir�, antwortete er. �Aber Sie k�nnen zu Leyman gehen.�</p><p>�Leyman?�</p><p>�Der Laden auf der anderen Stra�enseite. Es ist das beste Gesch�ft im Ort. Und das einzige�, f�gte er nach kurzem Z�gern hinzu.</p><p>Hinter mir waren Schritte. Aber ich war sicher, da� sich die T�r nicht ge�ffnet hatte.</p><p>�Ich bin sicher, Sie werden etwas Passendes bei ihm finden, Sir�, fuhr der Kassierer, pl�tzlich �u�erst redselig geworden, fort. �Er hat eine gro�e Kollektion von Anz�gen und Kleidern. Das meiste bezieht er direkt aus London, wissen Sie?�</p><p>Die Schritte kamen n�her. Sie h�rten sich schwerf�llig an; plump, tappsend. Nicht wie die eines normalen Menschen. Im Grunde �berhaupt nicht wie die eines Menschen ... Ich widerstand mit aller Kraft der Versuchung, mich herumzudrehen. Wenn hinter mir jemand stand - und <emphasis>wenn </emphasis>dort jemand war, dann war er nicht mein Freund -, dann w�rde ihn das nur zum Angriff provozieren.</p><p>�Ich m��te auch ein Telegramm aufgeben�, fuhr ich mit gespielter Gleichg�ltigkeit fort. Mein Blick suchte unauff�llig die Wand hinter dem Kassierer. Das Sonnenlicht fiel ungemildert durch die Fenster hinter meinem R�cken, und unsere beiden Schatten zeichneten sich deutlich auf dem wei�en Verputz ab.</p><p>Aber nur <emphasis>unsere </emphasis>Schatten! Kein dritter.</p><p>�Das k�nnen Sie auf dem Postamt, Sir. Aber ich f�rchte, dazu ist es heute schon zu sp�t. Die Post schlie�t hier schon zur Mittagsstunde. Goldspie ist ein kleiner Ort, Sie verstehen?�</p><p>Die Schritte waren jetzt ganz nahe, und pl�tzlich glaubte ich einen schwachen, s��lichen Geruch zu sp�ren. Etwas wie F�ulnisgestank, vermischt mit Salzwasser, dem Geruch von Tang und feuchtem Sand und noch etwas anderem, Undefinierbarem. Und es wurde merklich k�lter.</p><p>Etwas schneller, als ich eigentlich wollte, raffte ich mein Geld zusammen, legte den Gro�teil davon in meine Aktenmappe und stopfte den Rest unordentlich in die Jackentaschen.</p><p>Dann lie� ich mich zur Seite fallen, einfach so, ohne die geringste Vorwarnung und ohne auch nur mit einem Wimpernzucken zu verstehen zu geben, da� ich die Gefahr bemerkt hatte. Ich prallte auf die Schulter, rollte mich ab und kam mit einem kraftvollen Sprung wieder auf die F��e. Blitzschnell wich ich ein paar Schritte zur�ck, erreichte eine gesch�tzte Ecke und blieb, leicht vorn�bergebeugt und mit gespreizten Beinen stehen. Meine Linke schwenkte die Aktenmappe wie einen Schild, w�hrend die andere Hand mit einer blitzartigen Bewegung den silbernen Knauf meines Spazierstockes l�ste. Das Florett, das darin verborgen war, sprang wie von selbst in meine Hand. Der rasiermesserscharf geschliffene Stahl bildete eine blitzende, t�dliche Barriere vor mir.</p><p>Es gab allerdings nichts, wovor sie mich h�tte besch�tzen k�nnen.</p><p>Der Schalterraum war nach wie vor leer. Die einzigen Lebewesen, die sich darin aufhielten, waren ich und der Kassierer, Ein Kassierer, der mich jetzt aus ungl�ubig aufgerissenen Augen anstarrte und vergeblich nach Worten rang. Sein Blick irrte zwischen mir und der Stelle, an der ich noch vor Sekunden gestanden hatte, hin und her.</p><p>�Sir...�, sagte er unsicher, �wenn ich vielleicht fragen d�rfte ...�</p><p>Ich ignorierte ihn, lauschte angestrengt und sog h�rbar die Luft ein. Die Schritte waren verstummt, im gleichen Moment, in dem ich mich zur Seite geworfen hatte. Der seltsame Geruch war noch sp�rbar, aber es war nicht mehr als ein schwacher Hauch des urspr�nglichen Gestankes. Nein - wir waren wieder allein. Was immer sich an mich angeschlichen hatte, es war verschwunden.</p><p>�Ich dachte, ich ... h�tte Schritte geh�rt�, antwortete ich ausweichend. �Hinter mir.�</p><p>�Schritte? Hier?� Der Ausdruck auf dem Gesicht des Kassierers �nderte sich erneut. Jetzt hielt er mich wohl f�r total �bergeschnappt. Aber ich hatte die Erfahrung gemacht, da� die besten L�gen immer die sind, die sich so dicht wie m�glich an der Wahrheit bewegten.</p><p>�Man mu� vorsichtig sein, wissen Sie?� sagte ich l�chelnd. �Immerhin trage ich eine Menge Geld mit mir herum.� Langsam senkte ich das Florett, schob es in seine H�lle zur�ck und schraubte den Knauf wieder fest. Mein Vater hatte den Stock unter seinem G�rtel getragen, und ich hatte ihn mehr als Erinnerung an ihn denn aus praktischen �berlegungen an mich genommen. Die Waffe war eine glatte Fehlkonstruktion. Sie lie� sich im Notfall blitzschnell ziehen, aber sie wieder zusammenzubekommen, war fast ein Ding der Unm�glichkeit. Ich brauchte drei Minuten, schnitt mich dabei einmal in den Daumen, brach mir einen Nagel ab und degradierte mich in den Augen des Kassierers wahrscheinlich endg�ltig zum Trottel.</p><p>Endlich hatte ich die Waffe unter meinem Umhang verborgen. Der Kassierer sah mir mit steinernem Gesicht dabei zu, aber es war wahrlich nicht schwer zu erraten, was hinter seiner Stirn vorging. So schnell ich konnte raffte ich die Geldscheine auf, die mir bei meinem Sprung aus der Tasche gefallen waren, kritzelte meinen Namen unter die Quittung und beeilte mich, das Bankgeb�ude zu verlassen.</p><p>Erst als ich wieder auf der Stra�e stand, sp�rte ich, wie muffig und schlecht die Luft in der Bank gewesen war. Ich atmete ein paarmal tief ein, entfernte mich ein paar Schritte von dem niedrigen Holzbau und wandte mich um.</p><p>F�r einen Moment glaubte ich, hinter dem Schaufenster eine rasche, huschende Bewegung wahrzunehmen. Aber der Eindruck verging, ehe ich mir seiner v�llig sicher sein konnte, und alles, was ich in der hohen, teilweise bemalten Fensterscheibe erblickte, war mein eigenes, verzerrtes Spiegelbild.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf, fuhr mir nerv�s mit dem Handr�cken �ber die Augen und wandte mich wieder um; eine Spur zu hastig, wie ich selbst fand.</p><p>Ich ging weiter, sah mich neugierig um und entdeckte den Laden, von dem der Bankangestellte gesprochen hatte, auf der anderen Stra�enseite. Er war �berraschend gro�. Seine Schaufenster waren vollgestopft mit allen erdenklichen Dingen und Waren, und �ber der T�r schaukelte ein liebevoll handgemaltes Schild mit der Aufschrift:</p><p><emphasis>Leyman - Kolonialwaren aller Art</emphasis></p><p>Ich z�gerte immer noch. Alles in mir dr�ngte danach, sofort ins Hotel und zu Bannermann zur�ckzugehen. Aber andererseits brauchte ich frische Kleider - ich konnte nicht erwarten, da� mich die Leute freundlich behandelten, wenn ich wie ein Landstreicher dahergelaufen kam - und mich noch dazu wie ein Verr�ckter benahm.</p><p>Die Aktenmappe fest unter den linken Arm geklemmt, betrat ich den Laden, schlo� die T�r sorgf�ltig hinter mir und sah mich um. Trotz der deckenhohen Schaufenster, die sich um zwei der vier W�nde zogen, war der Raum nur unzureichend erhellt. Die Fenster waren fast bis auf den letzten Inch vollgestopft mit Waren, und sie starrten noch dazu vor Schmutz.</p><p>Wie die Bank war auch der Laden leer, was an der Tageszeit liegen mochte, mich jedoch in Anbetracht seiner Gr��e und der Tatsache, da� er das einzige Gesch�ft �berhaupt war, doch ein wenig in Erstaunen versetzte.</p><p>Ich wartete. Nach einer Weile klangen auf dem h�lzernen Zwischenboden �ber mir Schritte auf, dann polterte jemand lautstark eine Treppe herunter, und kurz darauf wurde eine schmale T�r an der R�ckfront des Ladens aufgesto�en, und Leyman betrat den Raum. Jedenfalls nahm ich an, da� er es war.</p><p>Er kam auf mich zu, blieb in zwei Schritten Entfernung stehen und musterte mich einen Augenblick lang mit schon fast unversch�mter Offenheit. Dann zauberte er ein berufsm��iges L�cheln auf seine feisten Z�ge. �Was kann ich f�r Sie tun, Sir?� fragte er.</p><p>�Ich ... brauche einen neuen Anzug�, antwortete ich. �Und eigentlich auch ein neues Cape.�</p><p>Leyman ma� mich mit einem weiteren Blick, mit dem er gleichzeitig meine Konfektionsgr��e wie meine finanziellen Verh�ltnisse einzusch�tzen schien. Eines von beidem schien ihm nicht zu gefallen.</p><p>�Auch auf die Gefahr, da� Sie es mir �belnehmen, Sir�, begann er vorsichtig, �aber ich w�rde beinahe sagen, Sie brauchen eine komplett neue Ausstattung. Ganz billig wird das allerdings nicht.�</p><p>Ich nickte, griff mit einer �bertrieben l�ssigen Geste in die Westentasche und streute eine Handvoll zerknautschter F�nf-Pfund-Noten vor ihm auf die Theke. �Reicht das?�</p><p>Der Ausdruck auf Leymans Z�gen �nderte sich schlagartig. �Aber selbstverst�ndlich, Sir�, sagte er hastig. �Welche Art von Kleidern -�</p><p>�Etwas Robustes�, unterbrach ich ihn. �Ich reise morgen bereits weiter, und ich gedenke, mich in London standesgem�� einzukleiden.�</p><p>�Also etwas Praktisches, f�r die Reise�, nickte Leyman schon merklich k�hler. Er hatte die Spitze registriert. �Ich glaube, da habe ich etwas f�r Sie.� Er z�gerte, bi� sich auf die Unterlippe und sah sich suchend um. Dann trat er an eines seiner Regale, suchte einen Moment herum, wobei er best�ndig vor sich hin grummelte, und kam schlie�lich mit einem ganzen Armvoll Hemden, Hosen und Unterkleidern zur�ck. �Jacken und M�ntel habe ich oben, Sir�, erkl�rte er, w�hrend er mir den Kleiderstapel ohne viel Federlesens in die Arme dr�ckte. �Sie werden nicht so oft verlangt, wissen Sie? Aber Sie k�nnen diese Sachen schon einmal in aller Ruhe anprobieren, w�hrend ich ins Lager gehe. Die Umkleidekabine ist da hinten.� Er wollte sich herumdrehen, z�gerte aber noch einmal und deutete mit einer Kopfbewegung auf meine Hand. �Verzeihung, Sir ... Sie haben sich am Daumen verletzt.�</p><p>Ich folgte seinem Blick, nickte und zog die Hand hastig zur�ck, um die sauberen Kleider nicht mit Blut zu beschmieren. Der Schnitt, den ich mir dr�ben in der Bank selbst zugef�gt hatte, blutete noch immer; nicht sehr stark, aber best�ndig.</p><p>�Es ist nur, damit die Sachen ...� Leyman brach ab und l�chelte verlegen. �Sie verstehen.�</p><p>�Aber sicher�, antwortete ich und steckte den Daumen in den Mund. Jetzt, als ich auf die Wunde aufmerksam geworden war, sp�rte ich auch Schmerz. Einen ziemlich ekelhaften Schmerz sogar. Der Schnitt mu�te tief sein.</p><p>�Nichts f�r ungut, Sir�, sagte Leyman nerv�s. �Aber Blutflecken gehen sehr schwer wieder heraus.� Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich herum und ging.</p><p>Im gleichen Moment, in dem er die T�r hinter sich zuzog, registrierte ich den F�ulnisgeruch.</p><p>Es war nur ein Hauch, gerade an der Grenze des Sp�rbaren, aber meine �berreizten Nerven reagierten darauf wie auf eine Wolke von Pestgestank.</p><p>Ich fuhr herum, lie� einen Teil der Kleider fallen und langte automatisch nach meiner Waffe.</p><p>Aber ich f�hrte die Bewegung nicht zu Ende.</p><p>Der Laden war leer. Obwohl er bis zum Bersten mit Regalen und Verkaufsst�ndern vollgestopft war, bot sich doch nirgendwo ein Versteck, das gro� genug war, einen Menschen aufzunehmen. Ich war allein.</p><p>Und trotzdem sp�rte ich, da� ich beobachtet wurde. Es war nicht dieses fl�chtige Gef�hl des Nicht-allein-Seins, das man manchmal hat, wenn jemand mit einem im Raum ist, ohne da� man es wei�, sondern ein absolut sicheres <emphasis>Wissen. </emphasis>Au�er mir war noch jemand im Raum - jemand oder <emphasis>etwas - </emphasis>und dieses Etwas kam n�her.</p><p>Ich lauschte, aber das einzige, was ich h�rte, waren das H�mmern meines eigenen Herzens und Leymans Schritte, die irgendwo �ber meinem Kopf herumpolterten. Nur der Geruch wurde st�rker.</p><p>Fischgeruch. Ich konnte ihn jetzt identifizieren. Es war der Gestank von faulendem Fisch, der mir entgegenschlug und mir schier den Atem nahm.</p><p>Ich schluckte ein paarmal, versuchte, den �blen Geschmack, der sich pl�tzlich auf meiner Zunge ausbreitete, zu ignorieren und sah mich mit erzwungener Ruhe um. Ich hatte mich einmal zum Narren gemacht, weil ich dachte, etwas zu h�ren, und das reichte. Vielleicht war ich einfach nur �berm�det. Und schlie�lich war Goldspie ein Fischerdorf - warum sollte es in einem Fischerdorf nicht nach Fisch riechen?</p><p>Ich zwang mich zur Ruhe, las die Kleider, die ich fallengelassen hatte, wieder auf, und ging mit erzwungen ruhigen Schritten zur Umkleidekabine.</p><p>Die Kammer war winzig und bot nicht einmal ausreichend Platz, sich auszukleiden, ohne dabei st�ndig irgendwo anzusto�en. Verschlossen wurde sie nur von einem d�nnen, schon halb zerschlissenen Vorhang, und die ganze R�ckwand wurde von einem deckenhohen, im Laufe zahlloser Jahre blind und fleckig gewordenen Spiegel eingenommen. Behutsam legte ich die Kleider, die mir Leyman gegeben hatte, zu Boden, und lehnte Aktenmappe und Stockdegen griffbereit neben mir an die Wand.</p><p>Ich konnte Leyman und den Bankkassierer verstehen, als ich in den Spiegel sah. Es war nicht allein so, da� meine Kleider vor Schmutz starrten und zerrissen waren - das Schlimmste war mein Gesicht. Meine Wangen, ohnehin nicht gerade �ppig, waren eingefallen und von grauen Schatten gezeichnet, und unter meinen Augen, die rot und entz�ndet ihr eigenes Spiegelbild anglotzten, lagen dunkle, wie mit einem Pinsel gemalte Ringe.</p><p>Und �ber meinem rechten Auge war ein breiter, wie ein Blitz gezackter Streifen Haar heller geworden.</p><p>Und die Ver�nderung ging weiter. Das Gesicht im Spiegel alterte zusehends, verfiel in Minuten um Jahre und bekam einen dunklen, asketischen Zug. Der Streifen wei�en Haares �ber der rechten Augenbraue wurde breiter und gleichzeitig kr�ftiger.</p><p>Es war nicht mehr mein Gesicht, das mich aus dem Spiegel ansah - sondern <emphasis>das Gesicht meines Vaters!</emphasis></p><p>Der Anblick traf mich wie ein Hieb. �Vater!� keuchte ich. �Du -�</p><p>Der Mann im Spiegel hob die Hand und brachte mich mit einer hastigen Geste zum Schweigen. �Nicht!� sagte er. Seine Lippen bewegten sich nicht beim Sprechen, und so, wie ich es schon ein paarmal erlebt hatte, schien seine Stimme direkt in meinem Kopf zu ert�nen. �H�r mir genau zu, Robert - mir bleibt nicht viel Zeit. Du bist in Gefahr! Verlasse diesen Ort, so schnell du kannst! Man trachtet dir nach dem Leben!�</p><p>�Vater!� keuchte ich fassungslos. Ich h�rte seine Worte kaum. Mein Blick saugte sich an seinem Gesicht fest, und f�r einen Moment verga� ich sogar zu atmen. �Aber du ... ich dachte, du w�rest tot!� stammelte ich. �Wo bist du?�</p><p>�Der Tod ist nicht das, wof�r ihn die Menschen halten�, antwortete mein Vater geheimnisvoll. �Vielleicht finde ich sp�ter einmal Gelegenheit, dir alles zu erkl�ren, aber jetzt mu�t du gehen. Du bist in Gefahr, und ich kann dir nicht helfen. Meine Kr�fte schwinden bereits.�</p><p>Tats�chlich wurde seine Stimme zunehmend leiser, und durch die schmalen Z�ge seines Gesichtes im Spiegel schimmerten bereits wieder meine eigenen hindurch.</p><p>Mit einem Schrei warf ich mich gegen den Spiegel, pre�te die Handfl�chen gegen das kalte Glas und rief immer wieder seinen Namen.</p><p>Es war zwecklos. Sein Bild verbla�te, und seine Stimme wurde leiser und leiser. �Flieh, Robert!� rief er mit schwindender Kraft. �Verlasse diesen Ort ehe die Sonne untergeht, oder du wirst sterben!�</p><p>Damit verschwand er, und ich sah wieder meinem eigenen Spiegelbild ins Gesicht.</p><p>Aber der Spiegel blieb nur eine Sekunde leer. Der Vorhang hinter meinem R�cken bewegte sich, und f�r einen Moment bauschte sich der d�nne Stoff und zeichnete die Umrisse eines gewaltigen, monstr�sen K�rpers nach. Ein K�rper, der viel gr��er als der eines Menschen war. Massiger. Und mit zu vielen Armen.</p><p>Mit einem gellenden Schrei auf den Lippen fuhr ich herum, im gleichen Moment, in dem der Vorhang vollends heruntergerissen und von einer Urgewalt zur Seite geschleudert wurde.</p><p>Aber der Eingang der Kabine blieb leer!</p><p>F�r die Dauer eines Herzschlages starrte ich fassungslos auf den offenstehenden Durchgang. Ich hatte die Umrisse des <emphasis>Dinges </emphasis>ganz deutlich durch den Stoff gesehen, und der F�ulnisgestank nahm mir schier den Atem - aber ich war weiter allein in der Kabine.</p><p>Und pl�tzlich ging alles unglaublich schnell. Ein tiefer, unendlich tiefer, grollender Laut erklang, dann hatte ich das Gef�hl, von einem unsichtbaren Bullen gerammt und mit grausamer Macht zur Seite geschleudert zu werden. Die winzige Kabine erzitterte in ihren Grundfesten, als ich gegen die Wand prallte, gleichzeitig h�rte ich ein helles, metallisches Klingen, und der Spiegel an der R�ckwand bog sich wie unter einem Fausthieb durch, zerbrach aber nicht.</p><p>F�r einen winzigen, zeitlosen Moment sah ich alles mit phantastischer Klarheit. Meine Hand hatte dort, wo sie den Spiegel ber�hrt hatte, einen blutigen Daumenabdruck hinterlassen. Und genau dieser Abdruck war das Ziel des Unsichtbaren!</p><p>Ich sah, wie die Blutstropfen sich kr�uselten, in Sekundenschnelle gerannen und gleich darauf zu kochen begannen. Der ganze Vorgang dauerte nur wenige Sekunden, aber dort, wo das Blut gewesen war, war pl�tzlich ein schwarzer, verkohlter Fleck, in dessen Zentrum das Glas geschmolzen war.</p><p><emphasis>�Robert! Flieh!�</emphasis></p><p>Diesmal versuchte ich gar nicht erst zu ergr�nden, woher die Stimme kam. Mit einem entsetzten Schrei federte ich auf die Beine griff mir den Stockdegen und sprang aus der Kabine. Hinter mir zerbarst die nur aus d�nnem Sperrholz gefertigte Umkleidekabine in einer lautlosen Explosion. Der F�ulnisgestank wurde �berm�chtig, und obwohl ich noch immer kein lebendes Wesen sah, hatte ich das Gef�hl, eine Woge von Dunkelheit zu sehen, die aus der zertr�mmerten Kabine herausbarst.</p><p>Aber immer wieder erreichte sie mich nicht. Mein Daumen blutete noch immer, und ich hatte eine unterbrochene Spur kleiner runder Blutstropfen auf dem Boden hinterlassen. Der Vorgang war hier nicht so deutlich zu erkennen wie auf der Oberfl�che des Spiegels, aber es war dasselbe: das Blut zog sich zusammen, begann zu schwelen und zu kochen und verschwand schlie�lich ganz. Zur�ck blieb eine m�nzgro�e, verkohlte Stelle auf den Fu�bodenbrettern.</p><p>Und der Unsichtbare kam rasend schnell n�her, und obwohl er wie ein Bluthund, der einmal auf der eingeschlagenen F�hrte blieb, nicht direkt auf mich zukam, sondern im Zickzack der Blutspur folgte, bewegte er sich doch noch immer viel schneller als ein Mensch.</p><p>Endlich erwachte ich aus meiner Erstarrung. Ich fuhr herum, flankte kurzerhand �ber die niedrige Ladentheke und rannte, so schnell ich konnte, auf den Ausgang zu. Hinter mir flackerten zahllose kleine Br�nde auf, wo das Holz unter dem Flammenatem des Unsichtbaren zu schwelen und schlie�lich zu brennen begann.</p><p><emphasis>�Stehenbleiben, Craven!�</emphasis></p><p>Die Stimme hatte einen so schneidenden, befehlenden Ton, da� ich mitten im Schritt zur�ckprallte.</p><p>Ich hatte nicht gemerkt, da� Leyman wieder heruntergekommen war, aber er stand breitbeinig vor dem Ausgang, und die doppell�ufige Schrotflinte in seinen H�nden zielte genau auf mein Herz.</p><p>�Verdammt, sehen Sie denn nicht, was hier los ist?� keuchte ich. Ich wagte es nicht, zur�ckzublicken, aber ich sp�rte, wie das unsichtbare <emphasis>Ding </emphasis>n�herkam. Rasend schnell.</p><p>�Aber nat�rlich�, sagte Leyman. Ein d�nnes, b�ses L�cheln huschte �ber seine Z�ge. �Ich sehe es, Mister Craven.�</p><p>�Dann nehmen Sie das Gewehr weg, Sie Narr!� keuchte ich. Ich machte einen weiteren Schritt auf ihn zu, blieb aber erneut stehen, als er die B�chse um eine Winzigkeit hob und den Zeigefinger um den Abzug spannte. �Dieses Monstrum wird uns beide umbringen!�</p><p>Leymans L�cheln wurde noch eine Spur breiter. �Kaum, Mister Craven. Es wird Sie umbringen. Das w�rde es sogar tun, wenn ich Sie gehen lie�e. Es hat Ihre Witterung aufgenommen, wissen Sie?�</p><p>�Meine ... <emphasis>Witterung?�</emphasis></p><p>�Ihr Blut. Wenn das <emphasis>Craal </emphasis>einmal vom Blut eines Menschen gekostet hat, h�rt es nicht eher auf, ihn zu jagen, bis es ihn hat. Ich kann nur nicht zulassen, da� Sie zuviel Aufsehen erregen, Craven. Aber keine Angst - es geht schnell. Wir sind gnadenlos, aber nicht grausam.�</p><p>Das <emphasis>Ding </emphasis>war unmittelbar hinter mir. Ich sp�rte einen fl�chtigen, hei�en Luftzug, der an meinem Bein vorbeistrich, als dicht neben meinem Fu� eine weitere Flamme aus dem Holz schlug, roch den Pestatem des Ungeheuers und f�hlte, wie ich von etwas unglaublich Starkem ber�hrt wurde.</p><p>Im gleichen Moment lie� ich mich zur Seite fallen. Leyman schrie wutentbrannt auf und ri� den Abzug seiner Schrotflinte durch. Die Ladung zerfetzte den Boden dicht neben meinem K�rper, und irgend etwas bi� schmerzhaft und scharf in meine Seite. Ich rollte blitzschnell herum, duckte mich - und sprang Leyman mit weit ausgebreiteten Armen an!</p><p>Seine Reaktion kam um eine halbe Sekunde zu sp�t. Die Schrotflinte entglitt seinen H�nden, als ich gegen ihn prallte, und die Ladung des zweiten Laufes fuhr harmlos in die Decke. Hinter uns gl�hten Dutzende von kleinen, gelben Flammen auf.</p><p>Ich lie� Leyman nicht einmal die Spur einer Chance. Der Knauf des Stockdegens traf seine Rippen und trieb ihm die Luft aus den Lungen. Er keuchte, versuchte eine schwache Abwehrbewegung zu machen und sank vollends zur�ck, als ich ihm einen Kinnhaken versetzte.</p><p>Ich wartete nicht darauf, ob er sich von dem Schlag erholte. Mit einer blitzschnellen Bewegung sprang ich auf, lief zur T�r und rammte sie kurzerhand mit der Schulter ein. In einem Hagel von Glassplittern und zerbrechendem Holz taumelte ich auf die Stra�e, verlor das Gleichgewicht und fiel. Ich sprang sofort wieder auf und lief weiter, aber vorher gelang es mir noch, einen Blick in den Laden zur�ckzuwerfen.</p><p>Leyman hatte sich von meinem Hieb erholt und war halbwegs auf die F��e gekommen, machte aber keinen Versuch, den Laden zu verlassen. Seine Augen waren unnat�rlich weit aufgerissen, und noch w�hrend ich herumfuhr und losrannte, begann er zu schreien.</p><p>Vielleicht, weil rings um ihn herum das Gesch�ft in Flammen aufzugehen begann.</p><p>Aber vielleicht auch, weil er den Blutstropfen auf seiner Wange gesp�rt hatte.</p><p><emphasis>Mein </emphasis>Blut.</p><empty-line/><p>Der See lag glatt wie ein �berdimensionaler, blinkender Spiegel unter der Sonne. Obwohl der Wind an Kraft zugenommen hatte, kr�uselte nicht die geringste Welle seine Oberfl�che, und die Stille, die hier ohnehin immer um eine Spur tiefer war als anderenorts, schien sich noch verst�rkt zu haben, und das Sonnenlicht hatte hier, direkt �ber dem See, ein ganz kleines bi�chen an Kraft verloren, als l�ge eine unsichtbare Kuppel �ber Loch Shin, die Licht und Laute gleicherma�en d�mpfte. Auch die Schritte des Mannes, der sich von Osten her dem See gen�hert hatte, klangen ged�mpft. Er taumelte. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um neue Kraft zu sch�pfen, aber es war zu erkennen, da� er kurz vor dem Zusammenbruch stand. Er war querfeldein hierher gelaufen, auf dem k�rzesten Weg, ohne R�cksicht auf sich oder seine Kleider zu nehmen. Seine schwarze Polizeiuniform war verdreckt und zerrissen, und auf seinen H�nden und dem Gesicht gl�nzten Dutzende von kleinen, blutenden Kratzern, die er sich zugezogen hatte, als er r�cksichtslos durch Geb�sch und dorniges Unterholz gebrochen war. Sein Atem ging schnell und keuchend. Sein Blick flackerte.</p><p>Schlie�lich erreichte er den See, taumelte die B�schung herab und fiel - mit den Knien schon im Wasser - dicht vor dem Ufer zu Boden. Sein Blick glitt suchend �ber die spiegelnde Oberfl�che des Sees.</p><p>Zeit verging. Minuten, Stunden - Donhill wu�te es nicht. Sein Zeitgef�hl war erloschen, lange, bevor er hierhergekommen war. Alles, wof�r in seinem Inneren noch Platz war, war Angst.</p><p>Schlie�lich begann sich tief unter der unbewegten Oberfl�che des Sees ein Schatten zu bewegen. Zuerst war es nicht mehr als ein verschwommener Schemen, dann ein gewaltiger, aufgedunsener Umri�, der schlie�lich zu einem K�rper heranwuchs, einem gigantischen, wal�hnlichen Ding; gro�, ungeheuer gro� und drohend, obwohl es noch immer tief unter der Wasseroberfl�che blieb. Donhill glaubte, einen gewaltigen Kopf zu erkennen, einen schlanken, unm�glich langen Schlangenhals, kurze, zu Flossen zur�ckgebildete Beinchen ...</p><p>Aber er war nicht sicher. Das Wesen blieb dicht unterhalb der Grenze, an der er mehr Einzelheiten h�tte erkennen k�nnen.</p><p>�Komm!� fl�sterte Donhill. Seine Stimme bebte, aber er wu�te, da� er keine andere Wahl hatte. Leyman hatte ihm deutlich genug gesagt, was geschehen w�rde, wenn sie versagten.</p><p>�Komm�, sagte er noch einmal. �Zeige dich! Ich befehle es dir!�</p><p>Der Schatten im See bewegte sich st�rker, begann unruhig im Kreise zu schwimmen und sich hierhin und dorthin zu wenden, tauchte aber nicht weiter auf.</p><p>Daf�r geschah etwas anderes.</p><p>�ber dem See, genau �ber seiner Mitte, begann ein sanftes, gr�nes Licht zu leuchten. Donhill blinzelte verwirrt, setzte sich halb auf und erstarrte mitten in der Bewegung, als das Licht st�rker wurde, zu einem flammenden, glei�enden Ball heranwuchs und immer noch an Leuchtkraft zunahm. In seinem Zentrum begann sich etwas Dunkles zu formen. Etwas wie ein Gesicht. Aber das gr�ne Licht nahm weiter an Leuchtkraft zu, und Donhill mu�te den Blick senken, ehe er das Antlitz in seinem Zentrum erkennen konnte. Seine Augen tr�nten. Seine Angst steigerte sich bis dicht an die Schwelle zur Panik. Alles in ihm schrie danach, herumzuwirbeln und davonzurennen, aber gleichzeitig f�hlte er sich gel�hmt, unf�hig, auch nur einen Finger zu r�hren.</p><p>�Was willst du?�</p><p>Donhill fuhr beim Klang der Stimme wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er hatte sie erst einmal geh�rt, vor mehr als vierzehn Jahren, und er hatte beinahe vergessen, wie m�chtig und b�se sie war. Allein der Klang dieser Stimme lie� irgend etwas in ihm gefrieren.</p><p>�Ich ... brauche Hilfe�, murmelte er. �Die Fremden haben -�</p><p>�Ihr habt versagt�, unterbrach ihn die Stimme. Sie klang nicht einmal zornig, nur kalt. �Ihr hattet die Macht, die Fremden zu t�ten, aber ihr habt versagt.�</p><p>�Das stimmt nicht!� winselte Donhill. �Dieser Craven hat Leyman umgebracht und ...�</p><p>�Leyman war ein Narr wie du und hat sich selbst get�tet�, unterbrach ihn die Stimme. �Er wu�te, wie gef�hrlich das <emphasis>Craal </emphasis>ist, und ich habe ihn vor Craven gewarnt.�</p><p>�Aber der Blutj�ger hat noch nie versagt!� begehrte Donhill auf.</p><p>Diesmal glaubte er, fast so etwas wie ein leises Lachen zu h�ren. �Du bist ein ebensolcher Narr wie Leyman, Donhill�, sagte die Stimme. �Ihr drei seid alle Narren. Ihr haltet euch f�r Zauberer, nur weil ihr ein bi�chen mit den Kr�ften herumspielen k�nnt, die ich euch lieh! Ihr irrt euch. Ihr seid nichts, Donhill, nichts! Craven ist kein unwissender Tropf wie die, die vor ihm herkamen. Diese konntet ihr t�ten, aber Craven ist ein Hexer - seine Macht ist der euren ebenb�rtig, wenn nicht �berlegen.�</p><p>�Ein ... Hexer?� entfuhr es Donhill ungl�ubig, �Dieser ... Junge?�</p><p>�Er wei� es selbst noch nicht, aber er beginnt die Kraft, die in ihm schlummert, bereits zu ahnen. Die <emphasis>Macht </emphasis>hat nichts mit dem Alter zu tun, Donhill. Schon bald wird er seine volle St�rke entdecken und seine Kr�fte entwickeln. Er k�nnte zu einer Gefahr f�r uns alle werden. So weit darf es nicht kommen. Du mu�t ihn t�ten.�</p><p>�Aber wie?� keuchte Donhill. �Wenn selbst das <emphasis>Craal </emphasis>versagt ...�</p><p>�Es wird nicht versagen. Es hat seine Spur aufgenommen und wird ihn t�ten. Deine einzige Aufgabe ist es, ihn festzuhalten. Ich hoffe, wenigstens das gelingt dir.�</p><p>Donhill bemerkte die unausgesprochene Drohung sehr wohl, reagierte aber nicht darauf. Leymans Schicksal hatte ihm deutlich gezeigt, wie wenig den M�chten, mit denen sie sich eingelassen hatten, ein Menschenleben galt.</p><p>�Und ... die Bestie?� fragte er stockend.</p><p>Wieder lachte die Stimme, aber diesmal war es ein eindeutig zynisches Lachen. �Du hast sie gerufen, Donhill, und sie wird kommen. Wenn Craven und seine Begleiter um Mittemacht noch leben, wird sie kommen. Aber ich wei� nicht, ob sie sich mit diesen sieben zufriedengeben wird, wenn sie einmal Blut geschmeckt hat. Du verstehst?�</p><p>Donhill schluckte m�hsam. Er verstand.</p><p>Und ob er verstand!</p><empty-line/><p>Wie ich den Weg zum Hotel zur�ckfand, wu�te ich hinterher selbst nicht mehr zu sagen. Leymans Kolonialwarenladen ging hinter mir in Flammen auf; zehnmal schneller, als normal gewesen w�re. Das Feuer, das der Blutd�mon entfacht hatte, mu�te in den bis zum Bersten vollgestopften Regalen und St�ndern reiche Nahrung finden, denn als ich das Hotel - das am entgegengesetzten Ende der gleichen Stra�e lag - erreichte, quollen bereits schwere, schwarze Rauchwolken aus den geborstenen Fenstern, und die ersten Stichflammen z�ngelten auf die Stra�e hinaus. Wenn Leyman sich noch in dieser H�lle aufhielt, dann war er rettungslos verloren.</p><p>Genau wie ich, wenn ich noch lange hier herumstand ...</p><p>Ich ri� mich gewaltsam von dem gleicherma�en erschreckenden wie faszinierenden Bild los, st�rmte ins Hotel und rannte auf die breite Treppe am entgegengesetzten Ende des Raumes zu. Der Portier versuchte vergeblich, mich zur�ckzurufen, aber auf halbem Wege fiel mir ein, da� ich weder Bannermanns Zimmernummer noch die seiner M�nner wu�te. Ich machte auf dem Absatz kehrt, hetzte, immer drei, vier Stufen auf einmal nehmend, die Treppe wieder herunter und auf den verdutzt dreinblickenden Mann zu.</p><p>�Bannermann!� keuchte ich. �Captain Bannermann und seine M�nner - wo sind sie?�</p><p>Der Mann starrte mich an, schwieg aber beharrlich. W�tend hob ich die Hand, um ihn beim Kragen zu packen und die Antwort aus ihm herauszusch�tteln, tat es aber dann doch nicht, sondern drehte statt dessen das G�stebuch herum und lie� meinen Zeigefinger �ber die Seite wandern.</p><p>�Aber Sir!� protestierte der Portier. �Das ... das geht doch nicht!� Er versuchte mit zitternden Fingern nach dem Buch zu greifen, aber ich schlug seine Hand einfach beiseite und suchte weiter.</p><p>�Sie sehen doch, da� es geht.� Ich hatte gefunden, wonach ich gesucht hatte. Bannermann und seine f�nf Leute bewohnten drei Zimmer auf der ersten Etage, direkt nebeneinander. Ein viertes war auf meinen Namen reserviert.</p><p>Ich klappte das Buch zu, legte eine F�nf-Pfund-Note obenauf und schob ihm beides �ber die Theke zur�ck. �Streichen Sie die Reservierungen�, sagte ich hastig. �Wir reisen wieder ab.�</p><p>�Aber Sir - das geht doch nicht!� kreischte der Portier. Wahrscheinlich war das sein Lieblingssatz. Ich schluckte die Antwort, die mir auf der Zunge lag, herunter, fuhr herum und rannte zum zweiten Mal die Treppe hinauf.</p><p>Ich hatte Gl�ck, wenigstens diesmal. Bannermann war gleich im ersten Zimmer, in das ich kam. Er lag, r�cklings ausgestreckt und noch vollst�ndig angekleidet, auf einem der beiden Betten. Er schrak sofort hoch, als er mein Eintreten bemerkte, aber <emphasis>sein </emphasis>Blick war verschleiert, und im ersten Moment schien er mich nicht zu erkennen.</p><p>�Bannermann!� keuchte ich. �Wachen Sie auf! Schnell!�</p><p>Er blinzelte, fuhr sich mit der Hand �ber die Augen und unterdr�ckte mit M�he ein G�hnen. �Was ...�, murmelte er halblaut, �ist passiert?�</p><p>�Das erkl�re ich Ihnen sp�ter. Jetzt m�ssen wir weg hier - so schnell wie m�glich.�</p><p>�Weg?� Bannermann war immer noch nicht vollends wach, aber zumindest verstand er meine Worte jetzt. �Aus dem Hotel?�</p><p>�Aus der Stadt�, entgegnete ich. �Dieses ganze Kaff ist eine Falle, Captain. Sie werden uns umbringen, wenn wir nicht von hier verschwinden.� Ich wollte ihn am Arm ergreifen und mit sanfter Gewalt vom Bett hochziehen, aber statt dessen packte er meine Hand und zog mich zu sich herab.</p><p>�Nun mal langsam, Junge�, sagte er. �Auf ein paar Sekunden kommt es ja wohl nicht an. Also - was ist passiert? Und wer sagt, da� diese Stadt eine Falle ist?�</p><p>�Ich wurde angegriffen�, antwortete ich ungeduldig. Ich wollte meinen Arm losrei�en, aber Bannermann hielt ihn so m�helos fest, als sp�re er meine Anstrengungen gar nicht. Ich resignierte. Vermutlich hatte Bannermann sogar recht - es war besser, wenn er wu�te, worum es ging, ehe wir das Hotel verlie�en.</p><p>�H�ren Sie die Glocke?� fragte ich.</p><p>Bannermann legte den Kopf auf die Seite, lauschte einen Moment und nickte dann. �Und?�</p><p>�Das sind keine Kirchenglocken, Bannermann�, sagte ich. �Sondern die Brandglocke. Am Ende der Stra�e brennt ein Haus. Und ich war vor ein paar Minuten noch drin.�</p><p>Bannermann blickte mich einen Moment zweifelnd an, lie� meinen Arm los und ging mit raschen Schritten zum Fenster. Fast eine Minute lang sah er auf die Stra�e hinab, ehe er sich umdrehte und mich erneut ernst und durchdringend ansah. �Ich sehe ein brennendes Haus�, sagte er. �Mehr aber auch nicht.�</p><p>�Es war eine Falle�, behauptete ich.</p><p>�F�r Sie?�</p><p>�F�r mich, Sie, einen Ihrer M�nner - den ersten, der hineintappt.� Ich sprang auf, packte ihn bei den Schultern und deutete aufgeregt aus dem Fenster. Der Laden brannte wie ein �berdimensionaler Scheiterhaufen. �Verdammt, Bannermann, begreifen Sie nicht? Die M�chte, die Ihr Schiff zerst�rt haben, geben sich nicht damit allein zufrieden. Sie werden nicht eher ruhen, bis auch der letzte von uns tot ist.�</p><p>Bannermanns Blick wurde hart. Mit einem w�tenden Ruck streifte er meine H�nde ab und trat einen halben Schritt zur�ck. �Wenn es so ist, dann hat es ja wohl keinen Sinn, davonzulaufen, nicht wahr?�</p><p>Ich schwieg verwirrt, rang einen Moment nach den richtigen Worten und setzte schlie�lich zu einer Antwort an, aber Bannermann lie� mich gar nicht erst zu Worte kommen. �Verdammt, Craven, ich habe allm�hlich genug! Reicht es Ihnen noch nicht, da� ich mein Schiff und den gr��ten Teil meiner Besatzung verloren habe? Reicht es Ihnen nicht, da� ich wahrscheinlich mein Kapit�nspatent verlieren und nie wieder ein Schiff kommandieren werde? Sind Ihnen die f�nfzig M�nner, die vor diesem verdammten Riff ertrunken sind, nicht genug?� Pl�tzlich begann er zu schreien. <emphasis>�Verdammt, Craven, ich habe genug von Ihnen und Ihrer sogenannten Hexerei! Es interessiert mich nicht, ob Ihr Gro�vater oder sonstwer einen Fluch auf sich geladen hat oder nicht! Das ist Ihr Problem, Craven, nicht meines, also sehen Sie zu, wie Sie es l�sen, und lassen Sie mich da raus! Ich habe endg�ltig genug!�</emphasis></p><p>Ich starrte ihn an. Von dem ruhigen, stets gefa�ten und �berlegten Mann, als den ich ihn gekannt hatte, war nichts mehr geblieben. Bannermann zitterte. Sein Gesicht war bleich wie die Wand, vor der er stand, und in seinen Augen flackerte ein gef�hrliches, warnendes Feuer. Seine H�nde waren erhoben und halb ge�ffnet, als wolle er mich packen. Aber sein Zorn verrauchte so schnell, wie er gekommen war.</p><p>Unsicher blickte er mich an, schluckte ein paarmal und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber das Gesicht, ehe er sich abwandte. �Verzeihen Sie�, sagte er. �Ich ... habe die Beherrschung verloren.�</p><p>�Das macht nichts�, antwortete ich, �Ich verstehe Sie, Bannermann,�</p><p>Sein Kopf flog mit einem Ruck in die H�he, und f�r einen Moment f�rchtete ich schon, erneut einen Fehler begangen zu haben. Aber seine Stimme war ruhig, als er antwortete: �Sie sagen, wir m�ssen weg?�</p><p>Ich nickte. Bannermanns Worte hatten mich den eigentlichen Grund meines Hierseins beinahe vergessen lassen. �Sofort�, sagte ich. �Rufen Sie Ihre Leute zusammen, Bannermann. Dieser Ort ist eine Falle. Ich kann es Ihnen jetzt nicht erkl�ren, aber ich bin gerade mit knapper Not einem Mordanschlag entkommen, und sie werden es wieder versuchen.�</p><p>Bannermann sah sich im Zimmer um, als erwache er aus einem tiefen, von �blen Tr�umen geplagten Schlaf. �Gut�, murmelte er. �Gehen Sie ... ins Nebenzimmer und holen Sie Ford und Billings. Ich ... rufe die anderen.�</p><p>Ich verlie� das Zimmer, st�rmte �ber den Gang und betrat ohne anzuklopfen einen der anderen R�ume. Die beiden Matrosen lagen komplett angezogen auf ihren Betten und schliefen; ich mu�te sie mit aller Macht sch�tteln und anschreien, um sie wach zu bekommen, und selbst dann war ich mir nicht sicher, ob sie meine Worte wirklich verstanden.</p><p>Das L�uten der Brandglocke war lauter geworden, als wir zu dritt auf den Flur hinausst�rmten, und von der Stra�e wehten die aufgeregten Stimmen zahlreicher Menschen herauf. Die ganze Stadt schien auf den Beinen zu sein, um den brennenden Laden zu l�schen. Auch Bannermann und die drei anderen M�nner waren bereits wieder auf dem Korridor.</p><p>Ohne ein weiteres Wort fuhr ich herum, st�rmte an Bannermann vorbei auf die Treppe zu - und prallte zur�ck.</p><p>Wir waren nicht mehr allein!</p><p>Der F�ulnisgeruch und das Tappen von Schritten w�ren nicht einmal mehr n�tig gewesen, um mir zu sagen, da� au�er uns noch jemand - oder <emphasis>etwas! - </emphasis>im Treppenhaus war ...</p><p>�Craven - was ist los?�</p><p>Bannermann ber�hrte mich unsanft an der Schulter und sch�ttelte mich. Ich starrte ihn an, versuchte etwas zu sagen, bekam aber nur ein hilfloses Kr�chzen heraus. Bannermanns Augen wurden schmal, w�hrend er an mir vorbei zur Treppe hinabsah.</p><p>�Was ist das?� murmelte er.</p><p>�Sie ... Sie sp�ren es auch?� fragte ich. Bannermann nickte verkrampft. Seine H�nde spielten nerv�s an seiner Jacke.</p><p>�Was ist das?� murmelte er erneut. �Dieser Gestank, und ... die Schritte.�</p><p>Der Unsichtbare war n�her gekommen. Wie eine Pestwolke wehte sein Gestank zu uns hinauf, und wenn man angestrengt lauschte, konnte man h�ren, wie die ausgetretenen Holzstufen unter seinem Gewicht knarrten. Auch Bannermanns M�nner schienen die Ann�herung des Unheimlichen zu sp�ren. Keiner von ihnen sagte auch nur ein Wort, aber ich sah, wie die Nervosit�t auf ihren Gesichtern wuchs.</p><p>�Zur�ck!� befahl Bannermann. �Wir m�ssen einen anderen Weg finden. Weg hier!�</p><p>Die M�nner gehorchten stumm, und selbst ich f�gte mich widerspruchslos seinen Anweisungen. Ich war beinahe froh, da� pl�tzlich jemand da war, der mir sagte, was ich zu tun hatte. Schritt f�r Schritt wichen wir zur�ck, bis wir das Ende des Ganges erreicht hatten. Das unsichtbare Etwas folgte uns, aber langsamer und in gro�em Abstand, fast, als schreckte es die Anwesenheit einer so gro�en Zahl von Menschen ab. Allm�hlich glaubte ich, unter den Schritten das Ger�usch schwerer, hechelnder Atemz�ge zu vernehmen. Ein Laut wie das Schn�ffeln eines �bergro�en Bluthundes ...</p><p>�Das ... das ist eine Falle�, stammelte einer der M�nner. �Hier kommen wir nie mehr lebend raus.�</p><p>�Billings!� sagte Bannermann scharf. �Rei�en Sie sich zusammen!�</p><p>Billings schluckte. Sein Blick flackerte unstet, und seine H�nde vollf�hrten kleine, �ngstliche Bewegungen, ohne da� er sich dessen �berhaupt bewu�t schien.</p><p>�Wir werden sterben!� keuchte er. �Wir ... wir werden alle sterben, Captain. So wie die, die auf der LADY zur�ckgeblieben sind! Das ... das Ungeheuer wird uns holen, uns alle.�</p><p>Bannermann fuhr herum, packte ihn ohne ein weiteres Wort bei den Rockaufschl�gen und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. �Jetzt reicht es, Billings�, sagte er scharf. �Sie werden sich zusammenrei�en, Sie verdammter Narr, oder ich pr�gele den Verstand in Ihren Dicksch�del zur�ck!� Er hob die Hand, als wolle er seine Ank�ndigung unverz�glich in die Tat umsetzen. Billings stie� ein helles, wimmerndes Ger�usch aus, hob sch�tzend die H�nde �ber den Kopf und pre�te sich gegen die Wand. Bannermann schnaubte und lie� die Faust sinken. �Okay�, sagte er laut. �Jeder hat das Recht, einmal durchzudrehen, aber jetzt rei�t euch zusammen. Wir m�ssen irgendwie hier heraus. Schlimmstenfalls klettern wir aus dem Fenster. Also ...�</p><p>Es ging zu schnell, als da� irgendeiner von uns noch Gelegenheit gefunden h�tte, auch nur einen Finger zu r�hren. Billings stie� sich mit einer blitzartigen Bewegung von der Wand ab, rannte Bannermann schlichtweg �ber den Haufen und lief, aus Leibeskr�ften schreiend und wie ein Wahnsinniger um sich schlagend, auf die Treppe zu.</p><p>Er kam nicht einmal f�nf Schritte weit. Irgend etwas Unsichtbares, ungeheuer Starkes schien ihn mitten im Schritt zu ergreifen und mit Urgewalt herumzuwirbeln. Er schrie auf, ri� verzweifelt die Arme hoch und br�llte erneut, als ihn ein zweiter, noch h�rterer Schlag traf. Der Matrose taumelte, prallte gegen die Wand und sank mit einem Schmerzensschrei auf die Knie. �ber seiner linken Augenbraue war ein fingerlanger, blutiger Ri� entstanden.</p><p>Es ging unglaublich schnell. F�r den Bruchteil einer Sekunde erschien ein Schatten auf dem Flur; ein verzerrtes, gewaltiges Etwas, grob menschen�hnlich geformt, aber weit �ber zwei Meter gro� und mit fast einem Dutzend muskul�ser, peitschender Schlangenarme, kopflos und mit gr�nschuppiger, glitzernder Haut, ein abscheuliches Monstrum, dessen blo�er Anblick allein gen�gt h�tte, einem Mann das Blut in den Adern gerinnen zu lassen. Aber es verschwand so schnell wieder, wie es aufgetaucht war.</p><p>Daf�r begann Billings zu schreien. Sein K�rper wand sich, bog sich wie unter einem t�dlichen Krampf und erschlaffte mit erschreckender Pl�tzlichkeit.</p><p>Und das Blut auf seiner Stirn begann zu kochen ...</p><p>Ich wartete nicht, was weiter geschah. Billings war rettungslos verloren, aber vielleicht rettete uns sein Opfer das Leben. Mit einem kr�chzenden Schrei st�rmte ich los, rannte, Bannermanns entsetzte Rufe mi�achtend, los, und st�rmte mit gesenktem Kopf an Billings und dem Unsichtbaren vor�ber. Eine Wolke erstickenden Gestankes h�llte mich ein, als ich an dem ungl�cklichen Matrosen vor�berhastete, und f�r einen winzigen, schrecklichen Augenblick glaubte ich, noch einmal den Schatten des Blutd�mons zu sehen, ein verzerrter, grauer Moloch, der sich gierig �ber den Sterbenden beugte, seine schrecklichen Tentakelarme tief in seinen K�rper versenkt.</p><p>Dann war ich vorbei und hatte die Treppe erreicht.</p><p>Die Anstrengung lie� mich taumeln. Blindlings griff ich nach dem Gel�nder, klammerte mich mit der Linken fest und begann, die ausgetretenen Stufen hinunterzustolpern. Ein hastiger Blick �ber die Schulter zur�ck zeigte mir, da� auch Bannermann und die vier �berlebenden Matrosen endlich aus ihrer Erstarrung erwacht und losgerannt waren.</p><p>Bannermann holte mich ein, als ich den Fu� der Treppe erreichte. Sein Atem ging schnell und ungleichm��ig, und auf seinem Gesicht hatte sich ein Ausdruck tiefen, un�berwindlichen Grauens festgesetzt. �Craven!� stammelte er. �Was ... was ist das? Was ...� Er brach ab, als die Eingangst�r des Hotels mit einem so harten Ruck aufgesto�en wurde, da� sie r�cklings gegen die Wand prallte und die Scheibe klirrend zerbrach.</p><p>Unter der �ffnung erschien eine schwarzuniformierte Gestalt.</p><p>Es war nicht einmal eine Stunde her, da� ich Constabler Donhill gegen�bergesessen hatte. Trotzdem erkannte ich ihn kaum wieder. Sein Gesicht war zu einer Grimasse des Hasses geworden, und seine H�nde krampften sich um Schaft und Lauf einer schweren Schrotb�chse.</p><p>Einen Herzschlag lang blieb er reglos unter der T�r stehen, dann kam er n�her - langsam, und das Gewehr so haltend, da� er sowohl mich als auch Bannermann und seine M�nner jederzeit im Schu�feld hatte. �R�hren Sie sich nicht von der Stelle, Craven�, fl�sterte er. Seine Stimme bebte. �Ich ... ich warne Sie. Nehmen Sie die ... die H�nde hoch.�</p><p>Ich gehorchte. Rechts und links von mir nahmen auch Bannermann und die vier �berlebenden Matrosen langsam die H�nde in die H�he. Von dem Portier hinter dem Empfang war keine Spur mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatte er die Gefahr mit dem Instinkt, den solche Leute manchmal haben, gesp�rt und sich fr�hzeitig in Sicherheit gebracht.</p><p>�Sie machen einen Fehler, Donhill�, sagte ich. �Wir ...�</p><p>�Schweigen Sie!� Donhill unterstrich seinen Befehl mit einer w�tenden Geste dem Gewehr, trat einen Schritt zur Seite und winkte mit der linken Hand. Ich bemerkte erst jetzt, da� er nicht allein gekommen war. Vor der offenstehenden T�r des Hotels dr�ngten sich mindestens ein Dutzend M�nner und Frauen. Ein unangenehmes Gef�hl machte sich in meinem Magen breit. Das Ganze erinnerte mich recht lebhaft an eine Lynchparty ...</p><p>�Donhill�, sagte ich verzweifelt. �Sie t�uschen sich. Wir sind in Gefahr. Dort oben liegt ein -�</p><p>�Sie sollen den Mund halten, Craven!� zischte Donhill. W�tend trat er auf mich zu und hob das Gewehr, als wolle er mich schlagen. Ich duckte mich, wich einen halben Schritt zur�ck und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie sich Bannermann neben mir spannte.</p><p>�Kommen Sie rein, Gellic�, sagte Donhill laut. �Keine Angst - er kann Ihnen nichts mehr tun.�</p><p>Hinter ihm erschien eine schmalschultrige, grauhaarige Gestalt. Es dauerte einen Moment, bis ich den Mann erkannte - ohne seinen Bankschalter und die ledernen �rmelschoner sah er ver�ndert aus.</p><p>�Ist er das?� fragte Donhill.</p><p>Gellic musterte mich von Kopf bis Fu�. Sein Blick flackerte, und er sah ganz aus wie ein Mann, der sich in diesem Moment sehr, sehr weit weg w�nschte. Schlie�lich nickte er.</p><p>�Ja, Constabler�, murmelte er. �Das ... das ist der Mann.�</p><p>Donhill nickte grimmig, drehte sich wieder vollends zu mir und reckte kampflustig das Kinn vor. �Robert Craven�, sagte er betont. �Ich verhafte Sie hiermit wegen dringenden Mordverdachtes.�</p><p>�Mord ...�, keuchte Bannermarm neben mir. �Sagten Sie Mordverdacht, Constabler?�</p><p>Donhill warf ihm einen eisigen Blick zu. �Mischen Sie sich nicht ein, Captain. Mit Ihnen besch�ftige ich mich sp�ter. Und <emphasis>nehmen Sie die H�nde hoch!�</emphasis></p><p>Bannermann hatte die Arme halb herabsinken lassen, hob die H�nde aber jetzt hastig wieder in Schulterh�he und sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Sie m�ssen �bergeschnappt sein, Donhill�, sagte er. �Vor wenigen Augenblicken hat jemand versucht, <emphasis>uns </emphasis>umzubringen. Oben auf dem Flur liegt einer meiner M�nner, Constabler. Tot! Warum k�mmern Sie sich nicht darum, statt hier wilde Beschuldigungen vorzubringen?�</p><p>Donhill runzelte �berrascht die Stirn, sah an Bannermann und mir vorbei zur Treppe und fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen.</p><p>Aber er tat nur so, als w�re er �berrascht. Ich sp�rte es.</p><p>�Sie waren der letzte, der Leyman lebend gesehen hat, Craven�, sagte er hart. �Und Sie waren kaum f�nf Minuten in seinem Gesch�ft, als das ganze Haus in Flammen aufging. Leyman ist tot, und wir k�nnen von Gl�ck sagen, wenn der Brand nicht auf die ganze Stadt �bergreift.� Er winkte befehlend mit dem Gewehr. �Also machen Sie keinen Unsinn und kommen Sie mit. Wenn Sie wirklich unschuldig sind, dann bekommen Sie Gelegenheit, Ihre Unschuld zu beweisen, Craven. Und Sie auch, Captain.�</p><p>Bannermann sog verbl�fft die Luft ein. �Ich? Aber was haben wir ...�</p><p>�Nichts�, sagte ich leise. �Wir sind Fremde, Bannermann, das reicht. Nicht wahr, Donhill?�</p><p>Ich hatte den Constabler w�hrend der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen, und es h�tte nicht einmal meines besonderen Talentes bedurft, um zu erkennen, wie genau ich mit meiner Vermutung ins Schwarze getroffen hatte.</p><p>�Das reicht�, sagte Donhill w�tend. �Wenn Sie noch ein Wort sagen, schlage ich Ihnen die Z�hne ein, Craven. Sie werden sp�ter Gelegenheit haben, sich zu verteidigen.� Er sprach laut; eine Spur zu laut. Die Worte galten weniger uns als vielmehr den Leuten, die drau�en vor dem Hotel standen und Donhill und uns beobachteten. Ich konnte ihre gereizte Stimmung fast riechen. Wenn wir dort hinausgingen, w�rde keiner von uns lebend das Gef�ngnis erreichen.</p><p>�Sie haben recht�, murmelte ich. �Das reicht.�</p><p>Donhill runzelte die Stirn und sah mich fragend an. Sein Finger n�herte sich dem Abzug der Schrotflinte. In seinen Augen begann ein mi�trauischer Funke aufzugl�hen.</p><p>Ich gab ihm keine Gelegenheit, �ber den tieferen Sinn meiner Worte nachzudenken. Mit einer fast gem�chlichen Bewegung ergriff ich die Hand des neben ihm stehenden Bankkassierers, zog ihn zu mir heran und verdrehte ihm mit einem pl�tzlichen Ruck den Arm.</p><p>Aus dem erschrockenen Aufschrei des Mannes wurde ein verzweifeltes Keuchen, als ich ihn herumzerrte, meinen Arm von hinten um seinen Hals schlang und mir den zappelnden Burschen wie einen lebenden Schutzschild vor den K�rper hielt.</p><p>�Lassen Sie die Waffe fallen, Donhill!� sagte ich scharf.</p><p>Donhill keuchte, machte einen halben Schritt auf mich zu und blieb abrupt stehen, als ich den Druck auf Gellics Genick um eine Winzigkeit verst�rkte. Ich hatte nicht vor, den Mann wirklich umzubringen, nicht einmal, ihm weh zu tun. Aber das konnte Donhill schlie�lich nicht wissen.</p><p>Wenigstens hoffte ich das.</p><p>�Damit kommen Sie nicht durch!� sagte Donhill. �Sie ...�</p><p>Statt meiner Antwort verdrehte ich Gellics Arm noch ein bi�chen mehr, wartete, bis er sich instinktiv gegen den Druck stemmte - und versetzte ihm einen Sto�, der ihn haltlos gegen Donhill taumeln und beide zu Boden st�rzen lie�.</p><p>Donhill kam nicht einmal dazu, einen Schreckensschrei auszusto�en. Bannermann sprang mit einem w�tenden Knurren an mir vorbei, entri� ihm das Gewehr und schlug ihm den Kolben wuchtig in den Nacken. Donhill b�umte sich auf, verdrehte die Augen und erschlaffte.</p><p>�Raus hier!� br�llte Bannermann. �Zur Hintert�r!� Gleichzeitig drehte er das Gewehr herum, richtete den Lauf auf die T�r und dr�ckte ab.</p><p>Das dumpfe Krachen der Schrotladung vermischte sich mit den Schreckensschreien aus einem Dutzend Kehlen. Donhills Lynchkommando spritzte auseinander, als die Schrotladung unter die M�nner fuhr. Die winzigen Bleik�gelchen waren nicht mehr t�dlich auf diese Entfernung, nicht einmal mehr wirklich gef�hrlich. Aber sie rissen schmerzhafte kleine Wunden und trieben die M�nner vielleicht gr�ndlicher zur�ck, als es eine normale Waffe getan h�tte. Die einseitig bemalten, deckenhohen Fensterscheiben des Hotels zerbarsten und �bersch�tteten die M�nner auf der Stra�e zus�tzlich mit einem Hagel kleiner, scharfkantiger Glassplitter.</p><p>Bannermann lachte schrill, fuhr herum und versetzte mir einen derben Sto�, der mich hinter seinen M�nnern zum r�ckw�rtigen Teil der Halle taumeln lie�. Ich war viel zu verwirrt und �berrascht, um �berhaupt einen klaren Gedanken zu fassen. Bannermann zerrte mich wie ein Kind am Arm hinter sich her, stie� mich in einen Korridor und warf die T�r hinter sich ins Schlo�.</p><p>�Dort entlang!� Am Ende des kurzen Korridors war ein Fenster. Bannermann st�rmte darauf zu und schlug es ohne viel Federlesens ein. Das Klirren, mit dem die Scheibe zerbarst, erschien mir in der Enge des Raumes wie ein Kanonenschu�. Der Laut mu�te bis zum anderen Ende des Ortes zu h�ren sein.</p><p>Bannermann feuerte seine Leute mit ungeduldigen Gesten an, stieg schlie�lich selbst durch das Fenster und streckte mir die Hand entgegen. Als ich das Hotel verlie�, erbebte die T�r hinter uns unter einem ersten, wuchtigen Schlag.</p><p>�Sie verlieren keine Zeit�, knurrte Bannermann. �Kommen Sie!�</p><p>Keuchend sah ich mich um. Wir befanden uns in einer schmalen, von den nahezu fensterlosen R�ckseiten der H�user flankierten Stra�e. Von links drangen erregte Schreie und Rufe zu uns herein, auf der anderen Seite war der schmale blaue Streifen des Meeres zu sehen. Die Gasse mu�te unmittelbar zum Strand hinunterf�hren.</p><p>�Okay�, sagte Bannermann. �H�rt zu! Wir trennen uns - sechs einzelne M�nner sind nicht so leicht zu fangen wie eine ganze Gruppe. Wir treffen uns nach Dunkelwerden unten am Strand. Und jetzt los!�</p><p>Geduckt huschten wir los. Drei von Bannermanns M�nnern tauchten ohne ein weiteres Wort in eine schmale Seitenstra�e ein und verschwanden, der vierte blieb noch bei uns. Es war Ford, der Mann, der unten am See verletzt worden war.</p><p>Wir erreichten das Ende der Stra�e und blieben stehen. Vor uns lag ein halbrunder, freier Platz, vielleicht zwanzig, allerh�chstens f�nfundzwanzig Yards im Durchmesser, aber v�llig ohne Deckung. Wenn irgend jemand auch nur zuf�llig aus dem Fenster sah, w�hrend wir ihn �berquerten, waren wir verloren. Bannermann lugte vorsichtig um die Hausecke und nickte abgehackt. Seine H�nde spannten sich um den Schaft des Schrotgewehres. �Keiner da�, murmelte er. �Los jetzt!�</p><p>Ich z�hlte in Gedanken bis drei, raffte das bi�chen Mut, das mir geblieben war, zusammen, und rannte hinter dem Captain auf den Platz hinaus.</p><p>Der Schu� fiel, als wir noch f�nf Schritte von seinem gegen�berliegenden Rand entfernt waren. Es war ein heller, peitschender Laut, ein Ger�usch, das sich gar nicht wie ein Gewehrschu� anh�rte. Ford taumelte, griff sich im Laufen an die Brust und fiel vorn�ber.</p><p>Ich strauchelte, versuchte, nach rechts auszuweichen, und kam durch den pl�tzlichen Richtungswechsel aus dem Gleichgewicht. Mit hilflos rudernden Armen fiel ich zu Boden.</p><p>Aber auch Bannermann reagierte augenblicklich. Und er reagierte ganz anders, als man es von einem gem�tlichen Klipperkapit�n wie ihm erwartet h�tte. Ohne sich auch nur umzusehen warf er sich in vollem Lauf zur Seite, rollte �ber die Schulter ab und kam mit einer gleitenden, unglaublich schnellen Bewegung auf die Knie hoch. Ein zweiter Schu� peitschte, und kaum eine Handbreit neben Bannermann spritzte eine Font�ne von Staub und Funken hoch.</p><p>Bannermann schien es nicht einmal zu bemerken. Das Schrotgewehr in seinen H�nden entlud sich mit einem dumpfen Krachen, und vom anderen Ende des Platzes ert�nte ein halberstickter Laut.</p><p>Ich rollte herum und sah, wie eine der Gestalten, die aus einer Seitenstra�e aufgetaucht war, in die Knie brach, w�hrend die anderen in heller Panik nach allen Seiten davonliefen.</p><p>Bannermann warf das nutzlos gewordene Gewehr fort, sprang hoch und zerrte mich mit einer groben Bewegung auf die F��e. �Weg hier!� keuchte er. �Die Burschen werden sich verdammt schnell von ihrem Schrecken erholen!�</p><p>Wir rannten los. Hinter uns wurden Schreie laut, und schon nach wenigen Sekunden glaubte ich, das hastige Trappeln harter Stiefelsohlen zu h�ren, aber ich wagte es nicht, mich umzudrehen.</p><p>Bannermann spurtete vor mir dahin, bog wahllos in die erste Stra�e ein, die sich vor ihm auftat - und blieb so abrupt stehen, da� ich in vollem Lauf gegen ihn prallte und gest�rzt w�re, h�tte er nicht blitzschnell zugegriffen und mich aufgefangen.</p><p>�Danke�, sagte ich automatisch. �Ich ...�</p><p>Der Rest des Satzes blieb mir im wahrsten Sinne des Wortes im Halse stecken, als mein Blick an Bannermann vorbei in die Stra�e hineinfiel.</p><p>Hinter uns kamen die Stimmen und Schritte der Verfolger n�her, aber Bannermann machte keine Anstalten mehr, davonzulaufen.</p><p>Es gab auch nichts, wohin er h�tte laufen k�nnen.</p><p>Die Stra�e f�hrte vielleicht noch f�nfzig Schritte geradeaus und endete dann vor einer senkrechten Ziegelsteinwand.</p><p>Die Stra�e, in die wir geflohen waren, war eine Sackgasse!</p><empty-line/><p>Die Zelle ma� weniger als drei Schritte im Quadrat, und sie war, sah man von der strohgedeckten, an der Wand verschraubten Pritsche ab, vollkommen leer. Das Licht fiel durch ein schmales, vergittertes Fenster hoch unter der Decke. Die W�nde waren feucht, und ein leichter, fauliger Geruch hing in der Luft. Auch auf der schwarzlackierten Metallt�r, die den Raum verschlo�, gl�nzte Feuchtigkeit, und in den Ritzen des Fu�bodens hatten sich Schimmelpilz und Moder eingenistet.</p><p>Der Mann auf dem Lager bewegte sich im Schlaf. Er war nicht aufgewacht, seit man ihn vor Stunden hierher gebracht hatte, aber die Augen hinter den geschlossenen Lidern bewegten sich immer wieder, als durchlitte er einen Alptraum, und sein Gesicht war von einer unnat�rlichen Bl�sse, obwohl seine Stirn vor Hitze gl�hte. Von seinem rechten Handgelenk f�hrte eine schmale Kette zu einem rostigen Eisenring hoch oben in der Wand.</p><p>Der Mann bewegte sich wieder. Seine Augen �ffneten sich einen Spaltbreit; die Lider flackerten, und seine Fingern�gel kratzten mit leisem, scharrendem Ger�usch �ber die grobe Decke, unter der er lag. F�r einen Moment verschwand der Schleier vor seinen Augen. Sein Blick tastete �ber die nackte Wand, glitt zum Fenster hinauf und verharrte f�r einen Moment auf dem sonnenerf�llten Rechteck des Fensters, wanderte weiter, tastete �ber die geschlossene T�r und saugte sich an dem spiegelnden, schwarzen Metall fest. Seine Augen weiteten sich ungl�ubig.</p><p>Die T�r war nicht mehr so, wie sie noch vor Sekunden gewesen war. Der schwarze Lack auf dem Eisen begann zu gl�nzen als w�re er poliert, und im Zentrum der mannshohen, rechteckigen Fl�che begann sich ein verschwommener Umri� abzuzeichnen.</p><p>O'Banyon keuchte ungl�ubig, fuhr mit einem kurzen Ruck hoch und sank wieder zur�ck, als die Kette schmerzhaft in sein Handgelenk schnitt. Er sp�rte es kaum. Sein Blick saugte sich an dem langgestreckten, dunklen Umri� fest, der auf dem spiegelnden Metall der T�r sichtbar geworden war ...</p><p>�Mein Gott ...� keuchte er. �Herr im Himmel, was ... was ist das?�</p><p>Der Schatten begann sich zu verdichten, dunkler, deutlicher zu werden. F�r einen Moment glaubte O'Banyon ein mannsgro�es, flackerndes Oval zu erkennen, dann verdichtete sich der Schatten weiter, bildete Arme, Beine und einen Kopf und <emphasis>wurde zum verzerrten Spiegelbild eines Menschen ... </emphasis>O'Banyon wollte schreien, aber das Grauen schn�rte ihm die Kehle zu. Alles, was �ber seine Lippen kam, war ein unartikuliertes St�hnen.</p><p>Die bizarre Ver�nderung ging weiter. Aus dem dunklen Fleck auf der T�r wurde der schwarze, tiefenlose Schatten eines Menschen.</p><p>�F�rchten Sie sich nicht, O'Banyon�, sagte eine Stimme. �Ich bin nicht hier, um Ihnen zu schaden.�</p><p>O'Banyon registrierte die Worte kaum. Sein Mund stand vor Entsetzen offen, und seine Fingern�gel gruben sich tief in seine Handballen. Aber nicht einmal das merkte er.</p><p>�Satan!� wimmerte O'Banyon. �Du ... du bist gekommen, um mich zu holen!�</p><p>Ein, leises, dunkles Lachen antwortete ihm. Aus dem Schatten auf der T�r war mittlerweile das Bild eines Menschen geworden; das gut zwei Meter gro�e, dreidimensionale farbige Bild eines schlanken Mannes in altert�mlicher, aber durchaus geschmackvoller Kleidung. Sein Gesicht war schmal und von einem d�nnen, sorgsam ausrasierten King-Arthur-Bart eingerahmt. �ber seinem rechten Auge zog sich ein drei Finger breiter, wie ein erstarrter Blitz gezackter Streifen schlohwei�en Haares bis fast zum Scheitel hinauf.</p><p><emphasis>Und dann machte das Bild einen Schritt und trat aus der T�r heraus in die Zelle hinein ... </emphasis>O'Banyon kreischte, fuhr hoch und presste sich gegen die Wand, so fest er konnte. In seinen Augen flackerte der Wahnsinn. �Nein!� keuchte er. �Geh! Geh weg! La� mich!� Er kr�mmte sich, verbarg den Kopf zwischen den Armen und streckte der Erscheinung abwehrend die H�nde entgegen. Aus seinem Mund drangen unartikulierte, wimmernde Laute.</p><p>Der Fremde blieb einen Herzschlag lang hochaufgerichtet vor O'Banyons Bett stehen, sch�ttelte dann den Kopf und ber�hrte den Mann fl�chtig an der Schulter.</p><p>O'Banyon h�rte auf zu kreischen. Langsam, noch immer am ganzen Leib wie Espenlaub zitternd, aber schon wieder halbwegs beherrscht richtete sich O'Banyon auf und starrte zu der Erscheinung hoch. Seine Lippen bebten, und seine Augen waren unnat�rlich geweitet.</p><p>Der Fremde l�chelte. �Geht es besser?� fragte er. Seine Stimme klang dunkel und irgendwie seltsam, als k�me sie von weit, weit her, aber nicht unbedingt unfreundlich.</p><p>�Wer sind Sie?� wisperte O'Banyon. �Und wie ... wie kommen Sie hierher?�</p><p>�Mein Name ist Andara�, antwortete der Fremde. Er l�chelte erneut, ging mit gemessenen Schritten um die Pritsche herum und lie� sich an ihrem Fu�ende auf die Bettkante sinken. Als er durch den schmalen Streifen flirrenden Lichtes schritt, der durch das Fenster hereinfiel, sah O'Banyon, da� das Licht durch seinen K�rper hindurchschimmerte, als w�re er nichts als ein Trugbild.</p><p>�Und was die Frage angeht, wie ich hierherkomme�, fuhr Andara fort, �das ist eine lange Geschichte, und ich f�rchte, mir bleibt nicht die Zeit, sie zu beantworten. Aber ich bin nicht Ihr Feind, O'Banyon.�</p><p>O'Banyon schluckte krampfhaft. �Sie ... Sie kennen mich?� fragte er.</p><p>Andara nickte. �Ja. Sie und Ihren Freund.�</p><p>�Steve?� O'Banyon setzte sich kerzengerade auf und sank mit einem neuerlichen Keuchen zur�ck, als die Kette abermals tief in sein Handgelenk schnitt. Andara beugte sich vor und ber�hrte die Handschelle mit zwei Fingern. F�r den Bruchteil einer Sekunde gl�hte der metallene Ring auf wie unter einem inneren Feuer. Dann verschwand er.</p><p>O'Banyon starrte fassungslos auf sein Handgelenk. �Gott!� keuchte er. �Wie ... wie haben Sie das gemacht?�</p><p>�Auch f�r diese Antwort bleibt im Moment keine Zeit, f�rchte ich�, sagte Andara. �Glauben Sie mir einfach, da� ich Ihr Freund bin und nur Ihr Bestes will, O'Banyon. Ich werde Sie aus diesem Gef�ngnis befreien.�</p><p>O'Banyon starrte sein Gegen�ber an, suchte vergeblich nach Worten und sah sich dann mit einem Blick um, als nehme er seine Umgebung erst jetzt zum ersten Mal wahr. Auf seinem Gesicht begann ein tiefer, mit Grauen gepaarter Schrecken zu erwachen. �Steve�, murmelte er. �Das ... das Ungeheuer, Es ... es hat ihn umgebracht.�</p><p>Andara nickte ernst. �Ich f�rchte ja.�</p><p>O'Banyon schwieg einen Moment. Seine Stimme klang gepre�t, als er weitersprach, aber in seinem Blick flackerte der Wahnsinn. �Dann ... dann habe ich all das wirklich erlebt?� murmelte er. �Ich bin nicht verr�ckt? Ich ...�</p><p>Andara l�chelte. �Nein, O'Banyon, das sind Sie gewi� nicht. Donhill und die anderen haben versucht, Ihnen das einzureden, aber es ist alles wahr.�</p><p>�Dann ist Steve wirklich, tot�, murmelte O'Banyon.</p><p>�Ja. Aber es war nicht Ihre Schuld, da� er gestorben ist, O'Banyon�, antwortete Andara. �Man hat Ihnen �bel mitgespielt, Ihnen und Ihrem Freund. Donhill und die anderen wu�tet, da� die Bestie dort drau�en im See auf Sie lauert. Ihr Freund wurde geopfert. Auch Sie sollten sterben.�</p><p>O'Banyon atmete h�rbar ein. Seine H�nde zuckten. �Warum ... erz�hlen Sie mir das alles?� fragte er halblaut. �Warum helfen Sie, nur, Andara?�</p><p>�Weil ich Ihre Hilfe brauche, O'Banyon�, antwortete Andara ernst. �Donhill und seine Freunde sind Verbrecher, gewissenlose M�rder, denen ein Menschenleben nichts gilt. Auch Sie w�rden sterben, wenn Sie blieben. Donhill und seine Freunde w�rden Sie umbringen.�</p><p>�Meine Hilfe?�</p><p>Andara nickte. �H�ren Sie zu, O'Banyon. Ich ... kann aus Gr�nden, die ich Ihnen jetzt nicht zu erkl�ren vermag, nicht sehr lange bleiben. Mein Hiersein allein verst��t gegen Gesetze, denen selbst ich mich zu beugen habe.�</p><p>�Sie sind kein Mensch�, murmelte O'Banyon. In seiner Stimme war ein leichter, hysterischer Unterton.</p><p>�Kein <emphasis>lebender </emphasis>Mensch, wenn Sie das meinen�, best�tigte Andara. �Aber h�ren Sie zu, O'Banyon. Ich bringe Sie hier heraus, aber ich mu� Sie um einen Gefallen bitten. Mein Sohn ist in dieser Stadt. Er ist der Mann, der Sie hierher gebracht hat. Sein Name ist Craven, Robert Craven. K�nnen Sie sich das merken?�</p><p>O'Banyon nickte. �Robert Craven�, wiederholte er.</p><p>�Ja. Gehen Sie zu ihm, O'Banyon. Gehen Sie zu ihm und warnen Sie ihn. Sagen Sie ihm, da� ...�</p><p>�Zu ihm gehen?� keuchte O'Banyon. �Aber das kann ich nicht, Andara! <emphasis>Sie </emphasis>werden mich sofort wieder einfangen, wenn ich mich ...�</p><p>�Niemand wird Sie erkennen, O'Banyon�, sagte Andara ruhig, �keine Sorge. Ich verf�ge nur noch �ber einen Bruchteil der Macht, �ber die ich einst gebot, aber sie reicht noch, Sie zu besch�tzen, wenn auch nur f�r kurze Zeit. Und jetzt h�ren Sie zu: Gehen Sie zu ihm. Suchen Sie ihn, und sagen Sie ihm, da� ich Sie schicke. Es gibt etwas, das er wissen mu�. Sagen Sie ihm, da� dieses Dorf eine Falle ist, eine Falle, die f�r mich bestimmt war und nun ihm zum Verh�ngnis werden wird, wenn er nicht flieht. Donhill und Leyman sind Magier, und die Bestie drau�en im See ist nur ein Werkzeug, das ihren Befehlen gehorcht.�</p><p>�Magier?� wiederholte O'Banyon ungl�ubig.</p><p>Andara nickte ungeduldig. �Sagen Sie es ihm einfach, O'Banyon. Und sagen Sie ihm, da� er fliehen mu�. Er ahnt die Wahrheit bereits, aber es gibt etwas, das er nicht wei�: Sagen Sie ihm, da� es immer drei sind. Es gibt einen dritten Hexer hier im Ort. Er soll sich vor ihm in acht nehmen.�</p><p>�Aber wer? Warum ...�</p><p>�Ich wei� nicht, wer der dritte ist�, sagte Andara traurig. �Er ist stark, viel st�rker als ich. Ich kann seine Identit�t nicht ergr�nden. Aber es gibt ihn, und er wird Robert vernichten, wenn er nicht flieht. Und jetzt gehen Sie, O'Banyon. Die Zeit wird knapp.�</p><p>�Aber warum gehen Sie nicht selbst?� fragte O'Banyon hastig. �Warum warnen Sie ihn nicht selbst vor der Gefahr?�</p><p>Andaras Gestalt begann zusehends an Substanz zu verlieren. �Weil ich es nicht kann�, sagte er. Seine Stimme klang pl�tzlich d�nn und leise, nur noch ein schwacher Hauch, der kaum mehr zu verstehen war. �Es ist mir unm�glich, mich ihm zu n�hern. Der dritte Magier verhindert es. Er wei�, da� ich hier bin. Er kann mir nicht schaden, aber er verhindert, da� ich Robert nahe komme. Und jetzt gehen Sie, O'Banyon, ich bitte Sie. Warnen Sie meinen Sohn. Sagen Sie ihm, es gibt einen dritten Magier!�</p><p>Seine Stimme war immer leiser geworden, und im gleichen Moment, in dem das letzte Wort verklungen war, verschwand seine Gestalt vom Fu�ende des Bettes, als w�re sie niemals dagewesen.</p><p>O'Banyon starrte die Stelle, an der die Erscheinung gesessen hatte, noch einen Moment lang an. Dann schwang er die Beine vom Bett, stand auf und ging langsam zum Ausgang.</p><p>Das metallene T�rblatt schwang lautlos nach au�en, als er sich der T�r n�herte.</p><empty-line/><p>Die Schritte der Verfolger kamen unbarmherzig n�her. Die Stra�e hinter uns war erf�llt vom Trappeln zahlloser F��e und dem aufgeregten Schreien aus Dutzenden von Kehlen. Ein Schu� krachte.</p><p>Der peitschende Knall ri� mich vollends aus meiner Erstarrung. Nach dem, was Bannermann gerade getan hatte, w�rde der Mob garantiert keine R�cksicht mehr nehmen. Sie w�rden Bannermann und mich zerrei�en, wenn Sie uns in die Finger bekamen.</p><p>Ich packte Bannermann bei der Schulter, zerrte ihn hinter mir her und rannte los, so schnell ich konnte. Mein Blick tastete verzweifelt �ber die R�ckfronten der H�user, die die Stra�e zu beiden Seiten flankierten. Es gab eine Anzahl Fenster - sogar eine T�r -, aber sie waren ausnahmslos verschlossen, und die Zeit, eines von ihnen aufzubrechen, w�rde uns nicht bleiben.</p><p>Wir erreichten das Ende der Gasse und blieben stehen. Ich lie� Bannermanns Arm los, sah mich verzweifelt um - und griff entschlossen nach dem rauhen Stein der Wand, die die Sackgasse begrenzte.</p><p>�Was haben Sie vor?� fragte Bannermann erschrocken. Sein Blick fiel zur�ck zum Ende der Gasse. Von den Verfolgern war noch keine Spur zu sehen, aber es konnte nur noch Sekunden dauern, ehe sie auftauchten.</p><p>�Klettern!� antwortete ich gepre�t, w�hrend ich bereits die Finger in eine Mauerritze krallte und mich hochzuziehen versuchte. �Und zwar um mein Leben!�</p><p>�Aber das ist Wahnsinn!� keuchte Bannermann. �Sie werden uns wie die Tontauben herunterschie�en, Craven!�</p><p>�Dann bleiben Sie doch hier!� br�llte ich. �Ich versuche es wenigstens. Ich ...�</p><p>Bannermann griff warnungslos nach meinem Arm, zerrte mich mit einem Ruck auf den Boden zur�ck und drehte mich reichlich unsanft herum, als ich protestieren wollte.</p><p>Kaum f�nf Meter neben uns hatte sich eine schmale T�r in einer der W�nde ge�ffnet. Eine kleinw�chsige, in einen dunkelbraunen Kapuzenmantel geh�llte Gestalt war halb ins Freie getreten und winkte aufgeregt zu uns her�ber. Ihr Gesicht war nicht zu erkennen.</p><p>Ich �berlegte nicht mehr. Vielleicht war es eine Falle. Vielleicht warteten hinter der T�r ein Dutzend entsicherter Gewehre auf Bannermann und mich, aber wir hatten nichts mehr zu verlieren.</p><p>Ich rannte los, st�rmte durch die T�r und lief noch ein paar Schritte weiter, ehe ich dicht hinter Bannermann keuchend zum Stehen kam. Hinter uns fiel die T�r mit dumpfem Krachen ins Schlo� und sperrte sowohl die Stimmen unserer Verfolger als auch das Tageslicht aus. Von einer Sekunde zur anderen wurde es dunkel. Alles, was blieb, war ein schwacher, grauer Schimmer, der kaum ausreichte, mehr als schemenhafte Umrisse zu erkennen.</p><p>Eine Hand ber�hrte mich an der Schulter, stie� mich reichlich unsanft vorw�rts und deutete den Gang hinab. �Schnell�, sagte eine Stimme. �Die Treppe hinauf. Sie werden gleich hier sein!�</p><p>Wir rannten los. Unser geheimnisvoller Retter f�hrte uns �ber eine schmale, gel�nderlose Treppe ins obere Stockwerk des Geb�udes und einen weiteren, etwas besser erhellten Korridor entlang. Ich versuchte, einen Blick auf sein Gesicht zu erh�schen, aber der braune Kapuzenmantel machte es unm�glich, ihn genauer zu erkennen. Alles, was ich zu sehen glaubte, war, da� er sehr jung war.</p><p>Der Korridor endete vor einer niedrigen, schlo�losen T�r. Unser F�hrer st�rmte mit gesenktem Kopf hindurch, wartete, bis Bannermann und ich ihm gefolgt waren, und warf die T�r ungeduldig hinter sich zu.</p><p>Der Raum, in den wir gelangten, ma� kaum f�nf Schritte im Rechteck und war �u�erst sp�rlich m�bliert. Die Luft roch nach Staub und kalt gewordenem Essen. Unser Retter eilte an mir vor�ber, trat an den wuchtigen, dreit�rigen Schrank, der zusammen mit einem Bett und einem wackeligen Tisch die gesamte Einrichtung des Zimmers bildete, �ffnete die rechte T�r und schob ungeduldig die darin aufgeh�ngten Kleider beiseite.</p><p>�Schnell!� sagte er. �Hier hinein!�</p><p>Ich tauschte einen verwunderten Blick mit Bannermann, gehorchte aber. Der Schrank war von innen ger�umiger, als es ausgesehen hatte, aber Bannermann, ich und unser Retter f�llten ihn doch fast bis zum Bersten aus. Hastig schlo� er die T�r und hantierte einen Moment lang im Dunkeln herum.</p><p>Etwas klickte. Ein Teil der R�ckwand l�ste sich und schwang quietschend nach au�en. Helles Sonnenlicht blendete mich.</p><p>Ich blinzelte, hob die Hand vor die Augen und stolperte aus dem Schrank, als mir unser neuerworbener Freund schon wieder einen Sto� versetzte. �Beeilt euch!� keuchte er. �Und keinen Laut, oder wir sind alle drei tot!�</p><p>Ich stolperte vorw�rts, stie� mir den Kopf an einem tiefh�ngenden Balken und lie� mich mit einem gemurmelten Fluch auf die Knie sinken. Neben mir plumpste Bannermann zu Boden und sch�ttelte benommen den Kopf.</p><p>Ich wollte eine Frage stellen, aber die Schrankwand schlo� sich bereits wieder, und weniger als eine Sekunde sp�ter waren Bannermann und ich allein.</p><p>Verwirrt sah ich mich um. Wir waren in einer niedrigen, aber erstaunlich ger�umigen Dachkammer, die wesentlich gro�z�giger und liebevoller eingerichtet war als das Zimmer auf der anderen Seite. Das Licht kam von oben durch zwei L�cken, wo die Dachziegel entfernt und geschickt durch genau zugeschnittene Glasplatten ersetzt worden waren. Der Raum war so niedrig, da� nicht einmal Bannermann aufrecht stehen konnte, ohne sich an den Balken zu sto�en, aber es gab eine Anzahl gem�tlich aussehender Sessel, eine altmodische Chaiselongue und ein breites, sauber bezogenes Bett, so da� es nicht n�tig war, zu stehen. An einer der W�nde hingen sogar ein paar Bilder, und auf dem runden Tisch in der Mitte des Zimmers stand eine Vase mit frisch geschnittenen Blumen.</p><p>Ich wollte aufstehen, aber Bannermann legte mir rasch die Hand auf den Unterarm, sch�ttelte den Kopf und legte den Zeigefinger �ber die Lippen.</p><p>Ich lauschte. Im ersten Moment vernahm ich nichts au�er dem rasenden H�mmern meines eigenen Herzens und dem dumpfen Rauschen meines Blutes in den Ohren, dann h�rte ich das ged�mpfte Ger�usch von Schritten durch die Schrankwand dringen, schlie�lich Stimmen.</p><p>�Wo sind sie?� fragte eine harte, unsympathische Stimme.</p><p>�Wer?� antwortete eine andere. Ich glaubte, sie als die unseres Retters zu identifizieren.</p><p>�Die beiden Fremden. Sie sind in dieses Haus gefl�chtet. Hast du sie gesehen?�</p><p>�Ich habe niemanden gesehen. Wenn sie hier im Haus waren, dann sind sie auf der anderen Seite wieder -� Etwas klatschte, und die Stimme brach mit einem schmerzhaften Wimmern ab.</p><p>�Sag die Wahrheit!� h�rte ich wieder die erste Stimme. �Die beiden sind Verbrecher, Pri! Sie haben Leyman ermordet, und einer von ihnen hat auf Ben geschossen und ihn schwer verletzt. Wenn du sie deckst ...�</p><p>�Aber ich habe niemanden gesehen! Ihr ... ihr k�nnt ja selbst nachsehen, ob ich hier irgend jemanden verstecke!�</p><p>Die M�nnerstimme lachte b�se. �Darauf kannst du dich verlassen. Los, Jungs - stellt die Bude auf den Kopf.�</p><p>Bannermann fuhr erschrocken zusammen und sog h�rbar die Luft ein, schwieg aber weiter verbissen. Eine Zeitlang waren durch die d�nne Wand polternde und krachende Laute zu h�ren, vermischt mit dem schweren Stampfen von Schritten und w�tendem Fluchen. Mein Herz schien einen schmerzhaften Sprung zu tun, als ich h�rte, wie die Schrankt�r roh aufgesto�en und die Kleider von den Haken gerissen wurden. Schlie�lich traf sogar ein Kolbenhieb die R�ckwand des Schrankes.</p><p>�Die sind wirklich nicht hier�, vernahm ich. �Sie m�ssen vorne raus sein�, f�gte eine andere Stimme hinzu. �Oder �ber die D�cher. Aber die kriegen wir schon.� Wieder polterten Schritte, dann wurde die T�r unsanft aufgerissen. Glas klirrte.</p><p>�Du sagst uns sofort Bescheid, wenn du sie siehst, ist das klar?� h�rte ich wieder die erste Stimme. Unser Retter antwortete irgend etwas, das ich nicht verstand, dann fiel die T�r krachend ins Schlo� und schwere Schritte polterten die Treppe hinunter.</p><p>Bannermann atmete h�rbar auf. �Das war knapp�, fl�sterte er. �Eine halbe Minute sp�ter, und ...�</p><p>Er sprach nicht weiter, aber das war auch nicht n�tig. Diesmal hatten wir mehr als nur Gl�ck gehabt. Unsere Rettung glich einem Wunder.</p><p>Ich sah auf, als die Schrankt�r abermals ge�ffnet und das Ger�usch leichter Schritte lauter wurde. Knarrend schwang die R�ckwand des Schrankes nach innen, und eine schmalschultrige, in ein einfaches braunes Gewand geh�llte Gestalt huschte geduckt zu uns herein.</p><p>Der Anblick verschlug mir f�r einen Moment die Sprache. Unser Retter hatte seinen Mantel abgelegt. Sein Gesicht war im hellen Sonnenschein deutlich zu erkennen. Es war ein M�dchen.</p><p>Im ersten Moment sch�tzte ich sie auf achtzehn, vielleicht neunzehn Jahre, dann, als sie die T�r hinter sich geschlossen hatte und sich zu Bannermann und mir herumdrehte, erkannte ich, da� sie viel j�nger sein mu�te.</p><p>Vielleicht t�uschte ich mich aber auch. F�r einen Moment kreuzten sich unsere Blicke, und ich las in ihren dunklen Augen einen Ausdruck solchen Ernstes, da� ich meine erste Sch�tzung schon wieder f�r realistischer zu halten begann. Pl�tzlich l�chelte sie, und es war ... Wissen Sie, wie es ist, wenn nach wochenlangem Regen zum ersten Mal ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke bricht, oder wenn man nach einem langen, kalten Winter das erste Mal wieder Vogelstimmen h�rt, wenn die Sonne aufgeht?</p><p>So war ihr L�cheln. Sie sagte kein Wort, sondern l�chelte Bannermann und mich nur an, aber sie hatte eine Art zu l�cheln, die einem Mann in einer Sekunde die Sinne verwirren konnte.</p><p>Fast eine Minute lang starrten Bannermann und ich sie nur an, und vermutlich h�tten wir uns noch l�nger zum Narren gemacht und sie angeglotzt, wenn sie nicht schlie�lich von sich aus das Schweigen gebrochen h�tte.</p><p>�Es ist alles in Ordnung�, sagte sie. �Sie sind in Sicherheit. Sie werden nicht wiederkommen.�</p><p>Ich schluckte, tauschte einen hilfesuchenden Blick mit Bannermann, versuchte aufzustehen und stie� mir abermals den Kopf an einem Balken.</p><p>�Ich ...�, stammelte ich. �Ich meine, wir ...�</p><p>�Warum setzen Sie sich nicht erst einmal?� unterbrach sie mich, noch immer l�chelnd, aber jetzt auf eine andere, fast sp�ttische Art. �Die Gefahr ist vor�ber. Und wir haben Zeit.� Sie unterstrich ihre Worte mit einer einladenden Geste, eilte leichtf��ig zur Chaiselongue und lie� sich darauf nieder. Bannermann und ich folgten ihr, wenn auch z�gernd und in geh�rigem Abstand.</p><p>�Warum haben Sie das getan, Mi�?� fragte Bannermann z�gernd. �Sie ... Sie werden furchtbaren �rger bekommen, wenn herauskommt, da� Sie uns geholfen haben.�</p><p>�H�ren Sie mit dem albernen Mi� auf�, sagte das M�dchen l�chelnd. �Mein Name ist Priscylla - Pri, f�r meine Freunde. Und ich werde keinen �rger bekommen, wenn Donhills Bande herausfindet, da� ich Sie verborgen habe, Captain Bannermann. Sie werden mich umbringen.�</p><p>�Um ...� Ich stockte, starrte sie erschrocken an und suchte einen Moment vergeblich nach Worten.</p><p>Priscylla winkte ab. �Machen Sie sich keine Sorgen, Mister Craven.�</p><p>�Robert.�</p><p>�Robert, gut�, l�chelte Priscylla. �Sie sind sicher hier. Der Mann, der diesen Geheimraum gebaut hat, lebt nicht mehr. Au�er mir wei� niemand von diesem Zimmer. Ist es wahr, da� Sie Leyman umgebracht haben, Robert?�</p><p>Die Frage schockierte mich. �Ich ... nein�, sagte ich verwirrt. �Er ist tot, aber ...�</p><p>�Schade�, sagte Priscylla ruhig. �Dieser Mistkerl h�tte es verdient.�</p><p>�War das Ihr Ernst?� fragte Bannermann, als h�tte er ihre letzten Worte gar nicht geh�rt. �Da� sie Sie umbringen w�rden?�</p><p>Priscylla nickte. �Ja. Sie kennen Donhill nicht. Er ist kein Mensch, Captain, sondern ein Ungeheuer.�</p><p>�Aber warum?� fragte Bannermann verst�rt. �Ich meine - Robert und ich haben ihm nichts getan.�</p><p>Priscylla lachte, aber es klang bitter. �Sie sind Fremde, Captain, das reicht. Donhill hat schon Dutzende von M�nnern und Frauen get�tet.�</p><p>�Donhill? Aber er ist...�</p><p>�Polizeibeamter?� So, wie Priscylla das Wort aussprach, h�rte es sich wie eine Beschimpfung an. �O ja, das ist er, Captain. Der Mann, der in Goldspie f�r Ordnung sorgt, nicht wahr? Wie finden Sie unser kleines St�dtchen? H�bsch, nicht?�</p><p>Bannermann antwortete nicht, aber Priscyllas Frage war auch keine von der Art gewesen, auf die man wirklich eine Antwort erwartete. �Goldspie�, murmelte sie. �Ein h�bsches kleines St�dtchen an der K�ste, wie? Dieser ganze Ort ist eine einzige Mordgrube, Captain.� Sie setzte sich auf, beugte sich ein St�ck vor und sah erst Bannermann, dann mich auf sonderbare Weise an. �Sie haben mich gefragt, warum ich Sie gerettet habe, Captain? Ich will es Ihnen sagen. Ich will hier weg. Ich will raus aus dieser H�lle, weg von hier, so weit wie m�glich. Und dazu brauche ich Ihre Hilfe.�</p><p>Allm�hlich begann ich zu begreifen. �Sie ... wollen Goldspie verlassen?�</p><p>Priscylla nickte. �Ja. Ich ... habe schon ein paarmal versucht, zu fliehen, aber sie haben mich immer wieder eingefangen. Donhill ist ein Teufel, Robert. Und sein Arm reicht weit. Allein schaffe ich es nicht.�</p><p>�Und Sie glauben, mit uns zusammen w�rde es Ihnen gelingen?� Ich seufzte. �Ich f�rchte, Sie haben sich die falschen Verb�ndeten ausgesucht, Priscylla. Wir wissen selbst nicht, wie wir hier herauskommen.�</p><p>�Ich helfe Ihnen�, sagte Priscylla. Die Antwort kam so schnell, als h�tte sie nur auf meine Worte gewartet. �Sobald die Sonne untergeht, bringe ich Sie hier heraus. Aber Sie m�ssen mich mitnehmen.�</p><p>F�r eine Weile sagte keiner von uns ein Wort. Priscylla blickte mich an, und wieder glaubte ich, in ihren Augen einen Schmerz zu erkennen, den ich mir nicht erkl�ren konnte.</p><p>�Sie riskieren Ihr Leben, Kind�, sagte Bannermann nach einer Weile. �Ist Ihnen das klar? Wenn Donhill wirklich der Verbrecher ist, f�r den Sie ihn halten ...�</p><p>�Er ist kein Verbrecher�, unterbrach ihn Priscylla scharf. �Er ist ein Teufel, Bannermann, und das meine ich ernst. Er und seine Bande haben sich mit dem Satan eingelassen, und sie zahlen mit dem Leben Unschuldiger f�r diesen Pakt.�</p><p>Bannermann runzelte die Stirn und setzte dazu an, etwas zu sagen, aber ich brachte ihn mit einem raschen Blick zum Schweigen. �Wie meinen Sie das?� fragte ich schnell.</p><p>�So, wie ich es sagte�, antwortete Priscylla. �Und zwar ganz genau so. Sie sind fremd hier. Sie kennen wahrscheinlich nicht die Geschichten, die man sich �ber Goldspie erz�hlt, aber ...�</p><p>�Sie meinen das Ungeheuer?�</p><p>Priscylla blinzelte verwirrt. �Sie ... wissen davon?�</p><p>�Wir haben einen Mann getroffen, heute morgen�, nickte ich. �Oben am See. Er erz�hlte von einem Monster. Aber ich wei� nicht, was davon wahr ist. Er schien ... verwirrt.�</p><p>�Jedes Wort�, sagte Priscylla. �Das Monster von Loch Shin existiert, Robert, und es fordert seinen Tribut.�</p><p>F�r einen Moment hatte ich das Gef�hl, von einer unsichtbaren, eisigen Hand gestreift zu werden. �Sie meinen, es ist mehr als eine Legende?�</p><p>�Ich wei� nicht, was es ist�, antwortete Priscylla. �Niemand wei� das, au�er Donhill und Leyman vielleicht. Es lebt drau�en im See, aber einmal im Monat, bei Vollmond, taucht es an die Oberfl�che und verlangt sein Opfer. Ein Menschenopfer, Robert.� Sie seufzte, sch�ttelte ein paarmal den Kopf und begann mit den H�nden zu ringen. Sie hatte sehr schlanke H�nde. Vielleicht war sie doch j�nger, als ich glaubte. �Niemand wei� wirklich, was dieses Ungeheuer ist�, fuhr sie nach einer Weile fort. Ihre Stimme klang ver�ndert, als spreche sie nur mit sich selbst, nicht mit uns. �Es ist ein ... Ding, halb Fisch, halb Echse. Ich habe es nur einmal gesehen, aber es war ... f�rchterlich. Es begann vor zehn oder zw�lf Jahren, vielleicht auch eher. Vorher war Goldspie eine ganz normale Ortschaft mit ganz normalen Menschen. Aber dann kamen Donhill und Leyman hierher, und alles wurde anders. Ich glaube, das Monster war schon vorher im See, aber seit Donhill und seine Teufel hier sind, verlangt es Opfer. Sie ... sie t�ten Fremde, Robert. Sie nehmen sie gefangen und sperren sie in Donhills Gef�ngnis, bis wieder Vollmond ist. Dann werden sie der Bestie geopfert.�</p><p>�Aber warum wehren sich die Menschen in Goldspie nicht?� fragte Bannermann ungl�ubig.</p><p>�Sie haben es versucht, Captain�, antwortete Priscylla ernst. �Ganz <emphasis>zu </emphasis>Anfang haben sie es versucht. Aber Donhill und Leyman sind keine normalen Menschen. Sie sind Teufel, glauben Sie mir. Es gab viele Tote damals, und die Bestie hat einen Teil der Ortschaft zerst�rt. Seitdem wagt es niemand mehr, sich gegen die beiden zu stellen.�</p><p>�Leyman ist tot�, sagte Bannermann bestimmt. �Vielleicht �ndert sich jetzt alles.�</p><p>�Nichts �ndert sich�, behauptete Priscylla. �Leyman war nie der Schlimmere von beiden. Ich glaube, er hat Donhill sogar zur�ckgehalten, die ganze Zeit �ber. Jetzt, wo er nicht mehr da ist, wird Donhill erst recht zum Ungeheuer werden. Und es gibt keinen hier, der es wagen w�rde, sich gegen ihn zu stellen.�</p><p>�Ich glaube nicht, da� Ihr Mister Donhill kugelfest ist�, sagte Bannermann w�tend. �Wenn er wirklich der Teufel ist, als den Sie ihn bezeichnen, Mi�, dann ...�</p><p>Priscylla unterbrach ihn mit einem leisen, humorlosen Lachen. �Glauben Sie wirklich, auf diese Idee w�re noch niemand gekommen, Captain?� fragte sie. �Sie k�nnen Donhill nicht t�ten. Nach Leymans Tod ist er der letzte, der die Bestie noch im Zaum halten kann. Wenn er stirbt, w�rde sie die ganze Ortschaft zerst�ren. Und deshalb wird jedermann in Goldspie ihn mit seinem Leben sch�tzen, auch wenn sie ihn in Wirklichkeit wie die Pest hassen.�</p><p>�Und Sie?� fragte ich leise.</p><p>Priscylla blickte mich ernst an. �Ich?� Sie seufzte. �Ich schulde den Leuten hier nichts. Sie haben erlebt, wie sie mich behandelt haben.�</p><p>�Sie haben Sie geschlagen.�</p><p>Priscylla schnaubte. �Wenn es nur das w�re. Ich lebe seit f�nfzehn Jahren hier, und die letzten vier davon waren die H�lle.� Sie stand auf und machte eine Geste, die die ganze Kammer einschlo�. �Wissen Sie, wer diesen Geheimraum gebaut hat?� fragte sie. �Leyman. Und wissen Sie, wozu?�</p><p>�Nein.�</p><p>Priscylla lachte b�se. �Raten Sie, Craven.�</p><p>�Ich habe keine Ahnung�, sagte ich, obwohl das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Ich begann zu ahnen, was Priscylla meinte. Aber die Vorstellung erschreckte mich zutiefst.</p><p>�Ich war seine Geliebte�, sagte sie. �Nicht freiwillig, aber das interessierte ihn nicht. Die letzten vier Jahre kam er fast jede Nacht hierher. Er ... er h�tte mich get�tet, wenn ich ihm nicht zu Willen gewesen w�re.�</p><p>Bannermann keuchte. �Er hat Sie ...�</p><p>�Er hat mich zu seiner Hure gemacht, sprechen Sie es ruhig aus, Captain�, sagte Priscylla hart. �Ja. Vier Jahre lang hat er mich benutzt, wie es ihm gefiel. Er war ein Tier, Captain. Ein schmutziges, brutales Tier. Vielleicht verachten Sie mich jetzt, aber ...�</p><p>�Niemand verachtet Sie, Priscylla�, unterbrach ich sie sanft. �Aber Leyman ist tot, vergessen Sie das nicht.�</p><p>�Was �ndert das?� fuhr Priscylla auf. �Donhill wird weiter morden, und jetzt, wo Leyman nicht mehr da ist, wird er sich holen, was vorher Leyman zugestanden hat. Er war schon lange scharf auf mich. Es wird sich nichts �ndern. Es wird h�chstens schlimmer werden.�</p><p>Bannermann und ich schwiegen.</p><p>�Haben Sie denn niemanden, der sich um Sie k�mmert?� fragte Bannermann nach einer Weile.</p><p>Priscylla verneinte. �Meine Mutter starb, als ich ein Jahr alt war�, sagte sie. �Und meinen Vater haben sie vor vier Jahren umgebracht.�</p><p>�Donhill?�</p><p>�Leyman�, antwortete Priscylla. �Er war ihm im Weg, und als eines Tages wieder Vollmond war und <emphasis>rein zuf�llig </emphasis>kein Fremder bei der Hand, wurde er der Bestie geopfert. Nein, Captain, ich schulde diesem Ort nichts, und den Menschen, die in ihm leben, erst recht nicht. Ich will weg hier. Nehmen Sie mich mit?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte Bannermann hastig. �Und ich verspreche Ihnen, da� wir mit diesem Wahnsinn Schlu� machen werden.�</p><p>Priscylla schien es vorzuziehen, gar nicht darauf zu antworten. Sie l�chelte nur, ging geb�ckt zu einer Truhe und kam mit einem Krug und drei einfachen, t�nernen Bechern zur�ck. �Trinken Sie�, sagte sie. �Zu Essen kann ich Ihnen nichts anbieten, aber vielleicht hilft Ihnen ein guter Sherry, wieder zu Kr�ften zu kommen.�</p><p>Dankbar griff ich nach dem Becher, den sie mir reichte, nahm einen tiefen Schluck und lehnte mich zur�ck. �Wo wollen Sie hin, wenn wir hier weg sind?� fragte ich.</p><p>Priscylla zuckte mit den Achseln. �Irgendwohin�, sagte sie. �Vielleicht nach London. Ich habe ein wenig Geld, um zu �berleben, bis ich Arbeit gefunden habe. Alles ist besser, als noch l�nger hierzubleiben.�</p><p>�Was ... ist mit meinen M�nnern?� fragte Bannermann leise. �Wir hatten verabredet, uns nach Dunkelwerden am Strand zu treffen.�</p><p>Priscylla sch�ttelte entschieden den Kopf. �Das wird nicht gehen, Captain. Dort werden sie uns zuerst suchen.�</p><p>�Sie glauben doch nicht, da� ich ohne die Leute von hier weggehe?� fragte Bannermann scharf. �Ich bin f�r sie verantwortlich, mein liebes Kind.�</p><p>�Es sind erwachsene M�nner, oder?� entgegnete Priscylla ruhig. �Und wenn Sie dort hinunter zum Strand gehen, Captain, dann sind Sie tot, ehe die Sonne aufgeht. Donhill wird nicht eher ruhen, bis er sie eingefangen hat. Er kann es sich gar nicht leisten, irgendwelche Zeugen entkommen zu lassen.�</p><p>Bannermann starrte sie an, schwieg aber. Er schien einzusehen, da� Priscylla recht hatte. Aber sehr wohl war ihm nicht in seiner Haut.</p><p>�Wir kommen zur�ck, so schnell wir k�nnen�, sagte ich. �Mit einer Hundertschaft Polizei, Captain. Keine Sorge.�</p><p>�Und was werden wir finden? Drei Tote?�</p><p>�Vollmond ist erst wieder in zwanzig Tagen, Captain�, sagte Priscylla. �Und Donhill wird ...�</p><p><emphasis>�Still!�</emphasis></p><p>Bannermann schnitt ihr mit einer abrupten Bewegung das Wort ab, setzte sich kerzengerade auf und starrte zur �T�r�. Priscylla verstummte abrupt, runzelte die Stirn und stand halb auf, f�hrte die Bewegung aber auch nicht zu Ende.</p><p>Durch das d�nne Holz der Schrankwand waren Schritte zu h�ren, schwere, schlurfende Schritte, begleitet von einem widerw�rtigen, kratzenden Ger�usch, einem Laut, als schleiften harte Krallen �ber den Boden. Dann h�rten wir das Atmen.</p><p>Und es waren keine menschlichen Atemz�ge ...</p><p>�Gott!� keuchte Bannermann. �Das Ungeheuer!�</p><p>Priscylla erbleichte, starrte erst Bannermann und dann mich an und blickte dann wieder zum Ausgang. Ein leichter, s��licher Geruch lag pl�tzlich in der Luft. �Wovon ... reden Sie, Captain?� fragte sie unsicher.</p><p>�Das Monster�, stammelte Bannermann. �Das ... das Ding, das Billings get�tet hat...� Seine H�nde schlossen sich so fest um den Weinbecher, da� das t�nerne Gef�� mit einem hellen Knacken zerbrach und sich der Sherry �ber seine Hose ergo�. Er merkte es nicht einmal.</p><p>�Wir m�ssen raus hier!� sagte ich. �Gibt es einen zweiten Ausgang?�</p><p>Priscylla sch�ttelte stumm den Kopf. Ihr Gesicht hatte alle Farbe verloren.</p><p>�Dann durch das Dach. Helft mir!� Ich sprang auf, hielt mich mit der Linken an einem Balken fest und stellte mich auf die Zehenspitzen, um mit der anderen Hand die Dachziegel zu erreichen.</p><p>Sie sa�en fest, als w�ren sie einbetoniert.</p><p>�Verdammt noch mal, helft mir. Wir m�ssen raus!� keuchte ich. F�r einen Moment sp�rte ich eine Welle hei�er, sinnverwirrender Panik, aber es gelang mir, sie niederzuk�mpfen und wenigstens den Anschein von Ordnung in meinen Gedanken zu schaffen. Verzweifelt ballte ich die Faust und schlug mit aller Kraft gegen den Dachziegel. Es knackte h�rbar, und ein scharfer Schmerz scho� durch mein Handgelenk. Aber der Dachziegel r�hrte sich nicht von der Stelle.</p><p>Ich kam nicht dazu, ein zweites Mal zuzuschlagen. Der F�ulnisgestank wurde pl�tzlich �berm�chtig. Ein dumpfer Schlag traf die Schrankwand. Das ganze Zimmer schien zu zittern. Priscylla stie� einen erschrockenen Schrei aus, sprang endg�ltig auf und wich hastig in die hinterste Ecke des Zimmers zur�ck.</p><p>Ein zweiter, noch h�rterer Schlag traf den Schrank. In der glatten Holzfl�che entstand ein langer, gezackter Ri�, dann zerbarst das Holz unter einem dritten, w�tenden Hieb, und etwas Gigantisches, Dunkles wirbelte in den Raum.</p><p>Bannermann schrie auf, packte den Sessel, in dem er gerade noch gesessen hatte, und schleuderte ihn mit aller Gewalt auf den Eindringling.</p><p>Es ging unglaublich schnell. Das <emphasis>Craal </emphasis>war nur als dunkler Schatten zu erkennen, aber es war nicht mehr vollends unsichtbar, wie bisher.</p><p>Und es schien auch nicht unverletzbar zu sein. Der Sessel, den Bannermann geschleudert hatte, traf es mit der Wucht eines Geschosses und warf es zur�ck. Das M�belst�ck ging krachend zu Bruch, aber der Unheimliche wurde mit Urgewalt zur�ckgeschleudert und fiel zu Boden. Ein dunkler Schattenarm versuchte sich an den Resten des Schrankes festzuklammern und zerschmetterte ihn vollends.</p><p>Bannermann schrie triumphierend auf, ri� ein zweites M�belst�ck in die H�he und warf es dem Monster hinterher. Es war nicht zu erkennen, ob es traf, aber von drau�en erscholl ein kr�chzender, w�tender Schrei, gefolgt von einem f�rchterlichen Splittern und Bersten.</p><p>Aber der Angriff verschaffte uns nur f�r Augenblicke Luft. Schon nach wenigen Sekunden erschien der wogende Schatten erneut in der �ffnung. Dunkle, peitschende Schlangenarme griffen zu uns herein, fuhren mit f�rchterlichem Ger�usch durch die Luft und trieben Bannermann und mich zur�ck. Bannermanns �berraschende Aktion hatte die Bestie wohl mehr �berrascht als verletzt.</p><p>�Zur�ck!� schrie Bannermann. Seine Stimme �berschlug sich fast. Ein dunkler Schattenarm griff nach ihm, streifte ihn an der Schulter und ri� ihn mit f�rchterlicher Macht von den F��en. Er fiel, versuchte instinktiv wieder auf die F��e zu kommen, und sank mit einem schrillen Schrei erneut zur�ck, als sich der Schattend�mon �ber ihn beugte. Ein peitschender Arm legte sich um seine Schulter. Bannermanns Schreie wurden schriller.</p><p>Irgend etwas geschah mit mir.</p><p>Ich wei� nicht, was es war. Auch sp�ter war es mir unm�glich, das Gef�hl auch nur ann�hernd in Worte zu kleiden - aber <emphasis>irgend etwas </emphasis>schien nach mir zu greifen und meinen Willen so m�helos auszuschalten, wie der Sturm eine Kerzenflamme ausbl�st.</p><p>Mit einem gellenden Schrei sprang ich vor, blieb breitbeinig �ber Bannermann stehen und streckte dem Unsichtbaren in einer abwehrenden, beschw�renden Geste die H�nde entgegen.</p><p>Es war nicht <emphasis>meine </emphasis>Kraft. Ich hatte etwas �hnliches schon einmal erlebt, aber diesmal war es ungleich st�rker und machtvoller. Ich war in diesem Moment wenig mehr als ein Werkzeug, das einem anderen, �berlegenen Willen gehorchte. Macht, eine unglaubliche, unbezwingbare <emphasis>Macht </emphasis>pulsierte durch meinen K�rper. Mein Blick begann sich zu verschleiern. Wie durch einen wogenden Vorhang hindurch sah ich, wie der Schattenleib des D�mons zur�ckprallte, als w�re er gegen eine unsichtbare Mauer geprallt. Etwas Gewaltiges, Unsichtbares brach aus meinen Fingerspitzen, kleine blaue Fl�mmchen wie feurige Spuren hinterlassend, traf das <emphasis>Craal </emphasis>und schleuderte es erneut zur�ck.</p><p>Das Ungeheuer schrie; schrill, w�tend und gleicherma�en voller Schmerz wie Zorn. Kleine blaue Flammen liefen wie Elmsfeuer �ber seinen Leib, zeichneten die Konturen seines K�rpers nach.</p><p>Aber so schnell gab sich der Blutd�mon nicht geschlagen. Mein pl�tzlicher Angriff hatte ihn v�llig unvorbereitet getroffen, die blauen Flammen, die �ber seinen K�rper rannten, mu�ten ihm nahezu unertr�gliche Schmerzen bereiten. Trotzdem griff er erneut an.</p><p>Ein Schatten jagte auf mich zu. Ich duckte mich und machte instinktiv einen Schritt zur�ck, aber meine Bewegung war nicht schnell genug.</p><p>Es war ein Gef�hl, als w�rde ich von einer gl�henden Eisenstange getroffen. Ein pl�tzlicher Schmerz explodierte in meiner Schulter. Ich taumelte, fiel schwer auf den R�cken und ri�, blind vor Schmerzen und Angst, die H�nde vor das Gesicht. Ein gewaltiger Schatten tauchte �ber mir auf, ein gr�nes, schleimiges Ding, das nur aus Fangarmen und t�dlichen M�ulern zu bestehen schien. Der Schmerz in meiner Schulter steigerte sich zur Raserei, als der D�mon erneut auf mich eindrang. Einer seiner Tentakel ringelte sich um meine Schulter und begann an meinem Arm zu zerren.</p><p><emphasis>Robert! Wehre dich! K�MPFE! </emphasis>Ich wu�te nicht, woher die Stimme kam. Sie war einfach in mir. Ich erkannte sie nicht einmal.</p><p>Aber ich gehorchte ...</p><p>Irgendwo in meinem Inneren war noch immer diese fremde, pulsierende Macht, dieses Etwas, das nicht zu mir geh�rte und trotzdem ein Teil meiner Selbst zu sein schien, halb verborgen unter einem Sumpf von Schmerz und Verzweiflung. Mit einer verzweifelten Anstrengung griff ich danach, versuchte, sie zu lenken und auf den Unheimlichen zu werfen.</p><p>Ein greller Blitz drang durch meine geschlossenen Lider. Der Griff um meine Schulter l�ste sich. Der Blutd�mon torkelte br�llend zur�ck. Sein K�rper loderte. Die Fl�mmchen, die bisher �ber seine Glieder gelaufen waren, steigerten sich zu greller Wei�glut und begannen seinen Leib zu verzehren.</p><p>Es war ein bizarrer Anblick. Der K�rper des Unheimlichen begann wieder zu verblassen, verlor erneut an Substanz und wurde innerhalb weniger Sekunden unsichtbar.</p><p>Aber die Flammen brannten weiter.</p><p>Ich sp�rte keine Hitze, obwohl der Unheimliche noch immer auf Armesl�nge vor mir stand. Sein K�rper war verschwunden, aber statt dessen tobte ein lautloses, grellwei�es H�llenfeuer vor mir, Flammen, die die Konturen seines Leibes nachzeichneten wie eine feurige Feder. Ich sah, wie er taumelte, mit einem schwerf�lligen Zucken in die Knie brach und sich auf dem Boden zu w�lzen begann. Seine Arme peitschten wie d�nne, feurige Schlangen �ber den Boden - und vergingen.</p><p>Es war wie das Verkohlen eines trockenen Blattes. Das Ungeheuer sank wie ein H�ufchen trockenen Laubes in sich zusammen, wurde zu einem winzigen, rauchenden Ascheklumpen und verschwand schlie�lich vollends.</p><p>Alles, was blieb, war ein langgestreckter, grob menschen�hnlich geformter Brandfleck auf den Fu�bodenbrettern.</p><p>M�hsam setzte ich mich auf. Das Zimmer begann sich um mich herum zu drehen, und alle Ger�usche h�rten sich pl�tzlich an, als k�men sie von weit, weit her. Ich st�hnte, fuhr mir mit den H�nden durch das Gesicht und zwang mich, die Augen offenzuhalten.</p><p>Neben mir kr�mmte sich Bannermann auf dem Boden. Sein Rock war dort, wo ihn der Schattenarm des Unheimlichen ber�hrt hatte, verkohlt und zerrissen, die Schulter darunter rot und mit Brandblasen �bers�t.</p><p>Erschrocken beugte ich mich zu ihm herab. �Bannermann! Sind Sie in Ordnung?�</p><p>Der Captain schluckte m�hsam, nickte verkrampft und versuchte sich aufzusetzen, sank aber mit einem Schmerzlaut zur�ck, als seine verletzte Schulter unter dem Gewicht seines K�rpers nachgab.</p><p>�Es ... geht�, sagte er m�hsam. �Ich glaube nicht, da� ich ... ernsthaft verletzt bin.� Er seufzte, hob den Kopf und ri� erstaunt die Augen auf. �Mein Gott, Craven!� keuchte er. �Ihre H�nde! Was ist mit Ihren H�nden geschehen?�</p><p>Ich sah ihn einen Moment verst�ndnislos an, blickte auf meine H�nde herab - und unterdr�ckte im letzten Augenblick einen erschrockenen Ausruf.</p><p>Meine H�nde waren verbrannt.</p><p>Die Fingerspitzen waren schwarz, als h�tte ich gl�hende Kohlen angefa�t, und meine Finger waren bis zu den Kn�cheln herab rot und mit Brandblasen �bers�t. Da und dort sah das nackte Fleisch hervor.</p><p>Und jetzt, als ich die Verletzung sah, begann ich auch den Schmerz zu sp�ren.</p><p>�Das ist ... nichts�, sagte ich, mu�te aber dabei die Z�hne zusammenbei�en, um nicht vor Schmerz aufzust�hnen. �Es ... geht schon.�</p><p>Bannermann sah mich mit einer Mischung aus Sorge und Furcht an, setzte sich - diesmal weit vorsichtiger auf und blickte einen Herzschlag lang auf den verkohlten Fleck, der als einziges Zeugnis des Blutd�mons zur�ckgeblieben war.</p><p>�Was war das?� murmelte er.</p><p>�Das Craal�, antwortete ich. �Eine kleine �berraschung, die unser Freund Leyman f�r uns hatte. Die gleiche Bestie, die Billings im Hotel umgebracht hat.�</p><p>Bannermann sch�ttelte beinahe zornig den Kopf. �Das meine ich nicht, Craven�, sagte er. Pl�tzlich klang seine Stimme ganz anders als bisher. Zorn war darin, aber auch noch etwas anderes.</p><p>�Ich meine Sie�, fuhr er fort. �Wie haben Sie das gemacht?�</p><p>Ich antwortete nicht sofort. Ich hatte gewu�t, da� diese Frage kommen w�rde. Ich setzte mich ganz auf, blickte einen Moment auf meine geschundenen H�nde herab und versuchte, die Finger zu bewegen. Es ging, aber es schmerzte h�llisch.</p><p>�Das war nicht ich�, sagte ich.</p><p>�Das waren-?� Bannermann brach mitten im Wort ab, starrte mich an und stand umst�ndlich auf. �Das waren nicht Sie?� wiederholte er mi�trauisch. �Was soll das hei�en, <emphasis>das waren nicht Sie?�</emphasis></p><p>�Es war ... nicht meine Kraft, die das Craal vernichtet hat�, sagte ich stockend. Mit aller Macht mu�te ich ein hysterisches Lachen unterdr�cken, als ich weitersprach. Aber so verr�ckt die Erkl�rung klang - es war die einzige, die ich hatte.</p><p>�Es war Andara�, sagte ich. �Mein Vater.�</p><p>Bannermann schnaubte. �Ihr Vater ist tot, Junge. Ich habe mitgeholfen, ihn zu begraben.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete ich m�hsam. �Und trotzdem ist es so. Er ... ist nicht tot. Nicht so, wie wir bisher glaubten.�</p><p>�Ach?� bemerkte Bannermann. �Ich wu�te gar nicht, da� es verschiedene Arten gibt, tot zu sein.�</p><p>�Bitte, Bannermann�, sagte ich halblaut. �Ich wei�, wie es in Ihren Ohren klingen mu�, aber es ist so. Was gerade geschehen ist, lag nicht in meiner Macht. Mein Vater lebt, irgendwie und irgendwo. Ich ... habe heute schon einmal mit ihm gesprochen.�</p><p>�Gesprochen?� wiederholte Bannermann. �Sie? Mit Ihrem <emphasis>toten </emphasis>Vater?�</p><p>Allm�hlich begann Zorn in mir aufzusteigen. �Verdammt noch mal, Bannermann, von mir aus halten Sie mich f�r verr�ckt, aber es war so! Was mu� eigentlich noch passieren, da� Sie endlich begreifen, da� es mehr -�</p><p>�... Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sich unsere Schulweisheit tr�umen l��t�, unterbrach mich Bannermann. �Ja, ja, Craven. Ich kenne den Spruch.� Er sch�ttelte den Kopf, lie� sich auf die Couch sinken und verbarg f�r einen Moment das Gesicht in den H�nden.</p><p>�Verzeihen Sie, Craven�, murmelte er. �Ich ... es war einfach zuviel.�</p><p>Ich nickte. In Anbetracht der Umst�nde hielt sich Bannermann sogar noch gut. Andere M�nner in seiner Lage w�ren l�ngst unter der Belastung zusammengebrochen.</p><p>�Schon gut�, murmelte ich. Ich stand auf, stie� mir schon wieder den Sch�del an einem Balken und humpelte steifbeinig zu ihm hin�ber. Erst jetzt dachte ich wieder an Priscylla. In der Aufregung und dem Schrecken hatte ich sie f�r den Moment fast vergessen.</p><p>Das M�dchen stand noch immer schreckensbleich an der Wand, an die sie zur�ckgewichen war, als der Blutd�mon auftauchte. Ihr Gesicht hatte alle Farbe verloren. Ihre H�nde zitterten, und in ihrem Blick loderte eine Furcht, die alles �bertraf, was ich jemals zuvor gesehen hatte.</p><p>�Priscylla�, murmelte ich. �Ich ...�</p><p>�Was war das, Robert?� fl�sterte sie. Ihre Stimme h�rte sich br�chig an wie die einer alten Frau. �Mein Gott, Robert, was ...�</p><p>Ich schwieg einen Moment, ging zu ihr hin�ber und hob die Hand, wie um sie an der Schulter zu ber�hren, tat es aber dann doch nicht.</p><p>�Es ist vorbei�, sagte ich so sanft ich konnte. �Du hattest recht, als du sagtest, Leyman w�re mit dem Satan im Bunde. Vielleicht mehr, als du bisher geahnt hast.�</p><p>Ihr Blick fiel an mir vorbei auf die Stelle, an der das Craal vergangen war. Die Umrisse seines K�rpers waren deutlich auf dem geschw�rzten Holz zu erkennen. Eigentlich glich es einem Wunder, da� das Haus nicht in Flammen aufgegangen war, wie Leyrnans Laden zuvor.</p><p>�Vorbei?� wisperte sie. Sie sah auf. Pl�tzlich schimmerten ihre Augen feucht.</p><p>�Vorbei�, best�tigte ich. �Das Ungeheuer ist tot, und Leyman wird nie wieder ein anderes beschw�ren k�nnen.�</p><p>�Aber wie ...� Sie stockte erneut, schluckte h�rbar - und warf sich dann mit einer pl�tzlichen, �berraschenden Bewegung an meine Brust. Ihre Arme klammerten sich so fest um meinen K�rper, da� sie mir beinahe die Luft abschn�rte.</p><p>�Bring mich hier weg, Robert�, flehte sie. �Bitte, bring mich hier weg. Ich ... ich verliere den Verstand, wenn ich noch l�nger hierbleiben mu�.� Sie begann leise zu weinen und klammerte sich noch fester an mich. Pl�tzlich war sie nichts weiter als ein ver�ngstigtes, einsames Kind.</p><p>Trotz der Schmerzen in meinen H�nden ber�hrte ich sanft ihr Haar und streichelte ihre Schulter. Ich sp�rte, wie sie unter der Ber�hrung erschauerte.</p><p>�Das werde ich tun, Kind�, fl�sterte ich. �Ich verspreche es.�</p><empty-line/><p>Die Nacht lag wie ein schwarzes Leichentuch �ber dem Ort. Die wenigen Sterne, die sich w�hrend der D�mmerung am Himmel gezeigt hatten, waren hinter einer Mauer schwarzer, regenschwerer Wolken verschwunden, und selbst das Licht des Mondes, der noch immer als beinahe perfekt gerundete Scheibe am Firmament stand, drang nur manchmal durch eine L�cke in der Gewitterfront. Die Luft roch nach Regen, und der Wind trug vom nahen Meer Salzwassergeruch und den einsamen Schrei einer M�we heran.</p><p>�Bleib immer dicht hinter mir�, fl�sterte Priscylla. Ihre Stimme drang nur ged�mpft unter der braunen, tief in die Stirn gezogenen Kapuze ihres Mantels hervor, war aber trotzdem deutlich zu vernehmen, denn es war still, beinahe geisterhaft still. Der Ort schien ausgestorben zu sein. Die schmale, nach S�den f�hrende Stra�e lag menschenleer vor uns, und h�tte es nicht den sanften, roten Widerschein eines Feuers hinter uns gegeben, h�tte man wirklich glauben k�nnen, Goldspie w�re ausgestorben.</p><p>Aber das war es nicht. Wir hatten niemanden gesehen, seit wir das Haus verlassen hatten, aber die Stimmen und Schritte Dutzender Menschen geh�rt, und die ersten drei-, vierhundert Yards waren zu einem wahren Spie�rutenlauf geworden. Priscylla hatte uns durch Seitenstra�en und Hinterh�fe gef�hrt, auf Wegen, die ein nicht Einheimischer wahrscheinlich in hundert Jahren nicht gefunden h�tte. Wir waren von Schatten zu Schatten gehuscht wie Verbrecher, hatten uns immer wieder mit angehaltenem Atem hinter Hausecken oder in T�ren geduckt und f�r die erste halbe Meile fast eine Stunde gebraucht. Mein Herz h�mmerte noch immer, und obwohl die unmittelbare Gefahr vor�ber war - oder vielleicht auch gerade deshalb -, zitterten meine H�nde.</p><p>Irgend etwas ging in der Stadt vor. Den Ger�uschen nach zu urteilen, die wir geh�rt hatten, mu�te die gesamte Bev�lkerung Goldspies auf den Beinen sein, obwohl es hart auf Mitternacht zuging, und ihr Ziel war der Marktplatz im Zentrum der Stadt.</p><p>Hinter uns, dachte ich mit einer Spur von Erleichterung. Je weiter wir uns dem Stadtrand gen�hert hatten, desto weniger Menschen hatten wir geh�rt. Jetzt waren die Stra�en so leer, da� wir es wagen konnten, ein wenig offener vorzugehen und die B�rgersteige zu benutzen, wenngleich wir uns weiterhin immer im Schatten der H�user hielten. Priscylla hatte Bannermann und mir dunkle M�ntel �hnlich dem ihren gegeben, die wir �ber unsere Kleidung geworfen hatten, aber weder Bannermann noch ich rechneten ernsthaft damit, da� diese Tarnung mehr als einem fl�chtigen Blick standhalten w�rde. Allein die Tatsache, da� wir uns nicht zum Stadtzentrum hin bewegten, mu�te uns verd�chtig machen. Wenn wir auch nur einem Menschen begegneten, waren wir verloren.</p><p>Priscylla blieb pl�tzlich stehen, hob die Hand und lauschte einen Moment mit geschlossenen Augen.</p><p>�Was ist?� fragte Bannermann besorgt.</p><p>Priscylla brachte ihn mit einer unwilligen Geste zum Schweigen, schlo� f�r zwei, drei Sekunden die Augen und fuhr mit einer abrupten Bewegung herum.</p><p>�Jemand kommt!� sagte sie. �Schnell, weg hier!� Sie deutete auf eine Toreinfahrt, die wir vor wenigen Augenblicken passiert hatten, warf einen gehetzten Blick �ber die Schulter zur�ck und rannte los. Bannermann und ich folgten ihr. Unsere Schritte verursachten harte, klackende Echos auf dem harten Stra�enpflaster, und f�r einen Moment bildete ich mir ein, der L�rm m��te bis zum anderen Ende der Stadt zu h�ren sein. Aber es waren nur wenige Schritte, und die Toreinfahrt war dunkel und gro� genug, uns gen�gend Deckung zu geben. Hastig duckten wir uns neben Priscyalla in den Schatten des k�nstlichen Gew�lbes.</p><p>Nach einer Weile h�rte ich ebenfalls Schritte. Schnelle, schwere Schritte; die Schritte von Menschen, die es sehr eilig hatten. Ich strengte mich an, in der blaugrauen D�mmerung jenseits des Tores etwas zu erkennen, konnte aber nicht viel mehr als ein paar gedrungene, rasch ausschreitende Schatten wahrnehmen, die auf der anderen Stra�enseite an unserem Versteck vor�bergingen.</p><p>Mit angehaltenem Atem wartete ich, bis sie vorbei waren und ihre Schritte wieder in der Nacht verklangen.</p><p>Ein dumpfer, einzelner Trommelschlag wehte vom anderen Ende der Stadt zu uns her�ber.</p><p>�Was war das?� fl�sterte Bannermann.</p><p>Priscylla sah ihn an, sch�ttelte irritiert den Kopf und stand auf. �Nichts�, sagte sie. �Nichts Wichtiges.�</p><p>Bannermann knurrte, streckte blitzschnell die Hand aus und ri� sie unsanft am Arm zur�ck. �Einen Moment, Kindchen�, murmelte er. �Bevor wir weitergehen, m�chte ich ein paar Antworten von dir.�</p><p>Priscylla versuchte ihren Arm loszurei�en, aber Bannermann hielt sie unbarmherzig fest. Sein Griff mu�te ihr weh tun, und f�r einen winzigen Moment sp�rte ich ein Gef�hl irrationalen Zornes in mir aufsteigen. Priscylla warf mir einen hilfesuchenden Blick zu.</p><p>�Sie tun ihr weh, Bannermann�, sagte ich, etwas lauter, als in unserer Lage vielleicht gut war.</p><p>Bannermann knurrte etwas, das ich nicht verstand, lockerte aber seinen Griff um Priscyllas Handgelenk, ohne sie jedoch ganz loszulassen. Ich sagte nichts mehr. Alles, was ich wollte, war, so schnell wie m�glich von hier zu verschwinden, aber ich konnte Bannermann auch verstehen. Seit wir das Haus verlassen hatten, hatten wir praktisch kein Wort mehr miteinander gesprochen. Und er sp�rte <emphasis>so </emphasis>deutlich wie ich, da� in dieser Stadt irgend etwas vorging.</p><p>�Lassen Sie mich los, Captain�, sagte Priscylla flehend. �Wir haben keine Zeit zu verlieren. Eine Gelegenheit wie diese bekommen wir nie wieder.�</p><p>�Eine Gelegenheit?� hakte Bannermann nach. �Was f�r eine Gelegenheit?�</p><p>Ein Schatten huschte �ber Priscyllas Gesicht. Sie sah aus wie jemand, dem eine Bemerkung herausgerutscht war, die er lieber nicht gemacht h�tte. �Von hier zu verschwinden�, sagte sie ausweichend. �Sie sind alle besch�ftigt. Mit etwas Gl�ck merken sie erst bei Sonnenaufgang, da� wir weg sind.�</p><p>�Besch�ftigt?� fragte Bannermann lauernd. �Womit besch�ftigt?�</p><p>Ein zweiter, etwas lauterer Paukenschlag durchbrach das Schweigen der Nacht, und f�r einen ganz kurzen Moment glaubte ich, einen schrillen, trompetenden Laut sehr, sehr weit entfernt zu h�ren. Wie eine Antwort ...</p><p>Priscylla atmete h�rbar ein und versuchte erneut, ihren Arm aus Bannermanns Griff zu befreien. Ihr Blick wurde flehend, und ich sp�rte einen d�nnen, schmerzhaften Stich in der Brust. Es war seltsam - ich kannte dieses M�dchen erst seit wenigen Stunden, aber sie war mir so vertraut, als w�ren es Jahre. Es schmerzte mich, zuzusehen, wie ihr jemand wehtat. Trotzdem senkte ich nur den Kopf und wich ihrem Blick aus.</p><p>�Sie versammeln sich�, sagte Bannermann. �Nicht wahr? Sie gehen alle zum Marktplatz hinunter, oder nicht?� Er deutete in die Richtung, aus der wir gekommen waren. �ber den D�chern im Zentrum der Stadt loderte roter Widerschein. Sie mu�ten Feuer entz�ndet haben. Sehr viele Feuer.</p><p>Priscylla nickte abgehackt. �Ja.�</p><p>�Und wozu?� fragte Bannermann. �Wozu ist diese Trommel? Und diese Feuer? Wozu dienen sie?�</p><p>�Ich ... ich wei� es nicht�, stammelte Priscylla.</p><p>�Du l�gst!� Bannermann verdrehte ihren Arm; nur eine Winzigkeit, gerade genug, ihr ein wenig weh zu tun und zu zeigen, da� er sich nicht weiter mit Ausreden abspeisen lassen w�rde. Meine H�nde zuckten. Es h�tte nicht viel gefehlt, und ich w�re aufgesprungen und h�tte auf ihn eingeschlagen.</p><p>�Ich ... bin mir nicht sicher�, keuchte Priscylla. �Es ist... die ... die Trommel ruft die ... die Bestie. Aber es ist... unm�glich. Vollmond ist vorbei, und ...�</p><p>�Aber vielleicht haben sie neue Opfer f�r sie�, knurrte Bannermann. �So ist es doch, nicht wahr? Sie rufen das Ungeheuer, um ihm ein Opfer zu bringen. Oder mehrere.�</p><p>Priscylla antwortete nicht mehr, sondern b�umte sich jetzt mit aller Kraft gegen seinen Griff auf. Bannermann packte etwas fester zu, lie� aber los, als ich herumfuhr und ihn grob an der Schulter herumri�.</p><p>�Lassen Sie sie los, Bannermann!� zischte ich. �Niemand hat etwas davon, wenn Sie ihr weh tun.�</p><p>Bannermann lie� Priscyllas Gelenk los, schlug meine Hand mit einer w�tenden Bewegung zur Seite und funkelte mich an. �Ach?� schnappte er. �Niemand hat etwas davon? Sind Sie eigentlich blind, Craven, oder nur verr�ckt vor Angst?�</p><p>�Was ... worauf wollen Sie hinaus?� fragte ich verwirrt. Priscylla war ein paar Schritte zur�ckgewichen und hatte sich angstvoll gegen die Wand gepre�t. Ihr Blick wanderte zwischen Bannermann und mir hin und her.</p><p>�Worauf ich hinaus will?� wiederholte Bannermann. Er gab sich jetzt keine M�he mehr, leise zu sein, sondern schrie fast. �Auf etwas, was ich schon die ganze Zeit vermutet habe, Sie Narr. Was glauben Sie, warum wir so leicht entkommen k�nnen, wenn die Stadt doch angeblich eine einzige gro�e Falle ist?�</p><p>�Weil ... weil sie ...�</p><p>�Besch�ftigt sind�, unterbrach mich Bannermann. �Ja. Und soll ich Ihnen sagen, womit? Sie opfern wieder Menschen. Sie bringen diesem Ungeheuer Menschenopfer dar. <emphasis>Deshalb </emphasis>nimmt niemand Notiz von uns, Craven. Weil sie uns im Moment nicht brauchen.�</p><p>�Das stimmt nicht!� sagte ich impulsiv. �Das ...�</p><p>�Und ich will Ihnen auch sagen, wen sie opfern�, fuhr Bannermann fort. Seine Stimme zitterte vor Erregung, �Meine M�nner. Deshalb wollte sie nicht, da� wir zum Strand hinuntergehen und uns mit ihnen treffen, Craven. Weil sie ganz genau wu�te, was geschehen wird. Wenigstens hat sie es gehofft. Sie opfert meine M�nner, damit wir entkommen k�nnen!�</p><p>�Das stimmt nicht�, behauptete ich. �Das ...�</p><p><emphasis>�Dann fragen Sie doch dieses kleine Flittchen!� </emphasis>br�llte Bannermann.</p><p>Ich schlug ihn. Ich wei� nicht, wer �berraschter war - er oder ich. Meine Hand schien sich fast ohne mein Zutun zur Faust zu ballen und auf sein Gesicht zu zielen. Bannermann taumelte, prallte unsanft gegen die Wand und hob die F�uste. Aber er schlug nicht zur�ck, sondern starrte mich nur voller Verachtung an.</p><p>�Ist Ihnen jetzt wohler?� fragte er ruhig.</p><p>�Ich ... verzeihen Sie�, stammelte ich. �Ich wollte das nicht.�</p><p>Bannermann l�chelte kalt. �Schon gut. Ich h�tte das nicht sagen sollen. Aber ich habe trotzdem recht - oder?�</p><p>Das letzte Wort war an Priscylla gerichtet gewesen. Das M�dchen starrte ihn an, schluckte ein paarmal und wandte den Kopf, um seinem Blick auszuweichen. Ihre Lippen zitterten.</p><p>Mit einem raschen Schritt trat ich auf sie zu, legte die Hand unter ihr Kinn und zwang sie, mich anzusehen. �Ist das wahr?� fragte ich.</p><p>Ihre Augen schimmerten feucht, als sie mich ansah. �Ja�, fl�sterte sie. �Sie ... rufen die Bestie nur, wenn ... wenn sie ein Opfer f�r sie haben.�</p><p>�Aber du hast mir doch gesagt, da� sie es nur bei Vollmond tun�, sagte ich ungl�ubig.</p><p>Bannermann schnaubte. �Es <emphasis>ist </emphasis>Vollmond, Craven, wenigstens fast. Au�erdem wird sich Donhill ein so pr�chtiges zus�tzliches Opfer kaum entgehen lassen.�</p><p>�Das ist nicht wahr�, murmelte ich. �Sag ihm, da� das nicht wahr ist, Priscylla.�</p><p>Priscylla schluckte. Ihre H�nde glitten mit kleinen nerv�sen Bewegungen an meiner Brust empor, tasteten �ber meine Schulter und suchten die meinen. Ich zuckte schmerzhaft zusammen. Meine verbrannten Finger taten noch immer weh, und der Fausthieb, den ich Bannermann versetzt hatte, hatte die Wunden wieder aufbrechen lassen. Unter meinen Fingern�geln sickerte Blut hervor und hinterlie� dunkle Flecke auf ihrem Umhang.</p><p>�Es ist wahr�, fl�sterte sie.</p><p>�Und du hast es gewu�t?�</p><p>Sie nickte. �Ja. Ich ... habe zwei von Donhills Helfern belauscht, als ich vorhin drau�en war, um ... die Kleider f�r euch zu beschaffen�, sagte sie stockend. �Aber es war die einzige Chance, Robert, versteh mich doch.�</p><p>�Chance?� fragte Bannermann w�tend. �F�r wen? Du wolltest mit dem Leben meiner M�nner f�r deine Freiheit bezahlen.�</p><p>�Und auch f�r unsere, Bannermann�, sagte ich grob. �Halten Sie endlich den Mund.�</p><p>�Er hat recht�, sagte Priscylla leise. Ihre Stimme schwankte. Sie begann zu weinen. �Ich ... ich mu� hier weg, Robert�, wimmerte sie. �Und es gibt nur diese eine M�glichkeit. W�hrend einer Opferfeier sind alle unten am Flu�, selbst die Wachen. Wir w�ren niemals so weit gekommen, wenn es nicht so w�re.�</p><p>�Und wir werden auch nicht weiterkommen�, sagte Bannermann w�tend.</p><p>Ich lie� Priscyllas Schulter los, drehte mich um und sah ihn nachdenklich an. �Sie wollen zur�ckgehen?�</p><p>�Sie nicht?�</p><p>�Aber das ist Selbstmord!� begehrte Priscylla auf. �Sie k�nnen �berhaupt nichts tun! Die ganze Stadt ist dort unten. Sie werden Sie und Robert umbringen.�</p><p>�Ich lasse meine M�nner nicht im Stich�, antwortete Bannermann w�tend. �Und ich sehe erst recht nicht tatenlos zu, wie sie irgendeinem Seeungeheuer geopfert werden. Ihr beiden k�nnt von mir aus verschwinden, aber ich gehe zur�ck.� Er fuhr herum und wollte auf der Stelle losst�rmen, aber ich hielt ihn mit einer raschen Bewegung zur�ck.</p><p>�Lassen Sie mich los, Craven!� sagte er w�tend. �Sie m�ssen nicht mitkommen.�</p><p>�Nat�rlich komme ich mit�, antwortete ich leise. �Aber wir k�nnen nicht blind losst�rmen. In einem Punkt hat Priscylla n�mlich recht, Captain - sie werden uns schneller umbringen, als Sie sich tr�umen lassen, wenn wir blind dorthin rennen.�</p><p>Bannermann pre�te w�tend die Lippen aufeinander, nickte aber dann widerwillig. �Und was haben Sie vor?�</p><p>Ich schwieg einen Moment, drehte mich wieder um und sah Priscylla an. �Erkl�r uns genau, wie es dort aussieht�, sagte ich. �Gibt es eine M�glichkeit, ungesehen auf den Platz zu kommen?�</p><p>Priscylla sch�ttelte erschrocken den Kopf. �Du kannst nicht zur�ck!� keuchte sie. �Sie werden dich t�ten, Robert.�</p><p>�Vielleicht�, antwortete ich ernst. �Aber Bannermann hat recht - wir k�nnen die M�nner nicht einfach im Stich lassen.�</p><p>�Aber was sollen wir denn tun? Donhill hat Dutzende von M�nnern, die ihm gehorchen. Wir haben keine Chance gegen sie.�</p><p>�Ich rede auch nicht von uns�, sagte ich betont. �Bannermann und ich gehen allein. Du gehst allein weiter. Wenn du dich beeilst, erreichst du noch vor Sonnenaufgang die Stra�e. Vielleicht nimmt dich ein Wagen mit.�</p><p>�Ich gehe nicht allein�, sagte Priscylla. �Sie w�rden mich wieder einfangen, wie die anderen Male.� Pl�tzlich warf sie sich an meine Brust und schlang verzweifelt die Arme um meinen Hals, so fest, da� sie mir fast die Luft abschn�rte. �Geh nicht zur�ck, Robert!� flehte sie. �Sie werden dich t�ten! Es haben schon andere vor dir versucht, aber niemand ist der Bestie gewachsen.�</p><p>Behutsam l�ste ich ihre H�nde von meinem Nacken, schob sie auf Armesl�nge von mir und versuchte zu l�cheln. �Die anderen hatten vielleicht nicht die gleichen M�glichkeiten wie ich�, sagte ich leise. �Du hast gesehen, was geschah, als der Unsichtbare uns angegriffen hat. Ich habe Mittel und Wege, mich zu wehren, �ber die Donhill nichts wei�.�</p><p>�Aber das war etwas anderes!� sagte Priscylla verzweifelt. �Du hast es selbst gesagt - es waren nicht deine Kr�fte, die dieses Wesen besiegten. Woher willst du wissen, da� sie dir wieder helfen?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand ich. �Ich kann nur hoffen, da� mir mein Vater auch diesmal hilft.�</p><p>�Und wenn er es nicht tut?�</p><p>�Dann�, antwortete ich nach einer winzigen Pause, �sterben wir alle, Priscylla.�</p><empty-line/><p>Es war noch dunkler geworden, w�hrend wir zum Stadtzentrum zur�ckgegangen waren. Die Wolken hingen wie eine kompakte Wand �ber dem Ort und verschluckten das Licht von Mond und Sternen vollends. Trotzdem war der halbrunde, an einer Seite abgeflachte Platz im Herzen der Stadt beinahe taghell erleuchtet. Ein Kreis mannshoher, hellauf brennender Holzstapel war rings um den ungepflasterten Platz errichtet worden, und ein Gro�teil der M�nner und Frauen, die sich in seinem Inneren aufhielten, trugen blakende Fackeln, deren Licht die Nacht mit flackender roter Glut erhellten.</p><p>Es war ein bizarrer Anblick. Es mu�ten drei-, wenn nicht vierhundert Menschen sein, die sich auf dem Marktplatz versammelt hatten, viel mehr, als ich �berhaupt geglaubt hatte, da� Goldspie Einwohner hatte; M�nner, Frauen, ja, selbst Kinder. Sie waren fast alle einheitlich gekleidet, in die gleichen, einfachen braunen Umh�nge, wie auch Priscylla und wir sie trugen. Ihre Gesichter waren unter den hochgeschlagenen Kapuzen nicht zu erkennen. Und trotzdem sp�rte ich die Furcht, die wie eine erstickende unsichtbare Wolke �ber dem Platz hing. Diese Menschen waren nicht aus freiem Willen hier, sondern weil man sie dazu gezwungen hatte.</p><p>�Diese Bestien�, st�hnte Bannermann. Ich warf ihm einen raschen, warnenden Blick zu, legte die Hand auf seinen Unterarm und sch�ttelte unmerklich den Kopf. Ich konnte seinen Zorn verstehen; nur zu gut. Die Bewohner Goldspies waren nicht allein auf dem Platz. Im Zentrum des weit auseinandergezogenen Kreises, den die braunen Kapuzenm�ntel bildeten, waren drei h�lzerne Podeste errichtet worden, kniehohe, roh zusammengezimmerte Sockel, auf denen eine Art Bock aus armdicken Balken stand.</p><p>Und an jeden von ihnen war ein Mann gefesselt.</p><p>�Alle drei�, murmelte Bannermann. �Diese Schweine haben alle drei erwischt. Diese verdammten ...� Seine Stimme versagte.</p><p>�Beruhigen Sie sich, Bannermann�, fl�sterte ich. �Wir m�ssen vor allem einen klaren Kopf behalten. Ein Fehler, und wir stehen neben ihnen.�</p><p>Bannermann starrte mich an. In seinen Augen blitzte es auf, aber er sagte nichts, sondern wandte mit einem Ruck wieder den Kopf und blickte auf den Platz hinaus.</p><p>Priscylla hatte uns auf Umwegen hierhergef�hrt. Wir hatten den Marktplatz in weitem Bogen umgangen und uns von der gegen�berliegenden, flu�abgewandten Seite gen�hert, so da� zwischen uns und den ersten M�nnern und Frauen gute drei�ig Schritte lagen. Zudem standen wir im Schatten eines Hauses und waren so gut wie unsichtbar.</p><p>Aber auch so gut wie hilflos. Selbst wenn wir mehr als nur zwei und bewaffnet gewesen w�ren, h�tten wir nicht viel f�r die drei ungl�cklichen Matrosen tun k�nnen. Der Anblick der stumm dastehenden, vermummten Schar hatte die letzten Zweifel an Priscyllas Worten in mir beseitigt. Donhill schien tats�chlich der unumschr�nkte Herrscher der ganzen Ortschaft zu sein.</p><p>�Ich brauche eine Waffe�, murmelte Bannermann. �Ein Gewehr.� Er fuhr herum und deutete mit einer fordernden Geste auf Priscylla. �Ein Gewehr�, wiederholte er. �Hast du so etwas?�</p><p>Priscylla sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Nein�, sagte sie. �Und selbst wenn -�</p><p>�- w�re es sinnlos�, unterbrach ich sie. �Seien Sie vern�nftig, Bannermann. Mit Gewalt richten wir hier gar nichts aus.�</p><p>�Wie dann?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand ich. �Ich kann nur versuchen, die Bestie aufzuhalten. Vielleicht hilft mir mein Vater noch einmal.� Ich wandte mich an Priscylla. �Wie lange wird es noch dauern?�</p><p>�Nicht mehr lange�, antwortete sie nach kurzem �berlegen. �Die Trommeln haben aufgeh�rt.�</p><p>Der dumpfe, rhythmische Klang, der uns auf dem Weg hierher wie das Pochen eines gewaltigen Herzens begleitet hatte, war tats�chlich verstummt, aber ich hatte dieser Tatsache bisher keinerlei Bedeutung zugemessen. Jetzt nickte ich, drehte mich wieder herum und sah konzentriert auf den Platz hinaus. �Ich kann Donhill nirgends entdecken.�</p><p>�Er kommt erst im letzten Moment�, fl�sterte Priscylla. �Er selbst wird die Bestie rufen, aber sie ist bereits auf dem Weg hierher. Ich kann sie sp�ren.�</p><p>�Woher kommt sie?�</p><p>Priscylla deutete mit einer Kopfbewegung auf den Flu�. Sein gegen�berliegendes Ufer war mit einer Reihe brennender Fackeln abgesteckt worden, die flackernde rote Lichtreflexe auf das Wasser warfen. Es sah aus, als w�re er mit Blut gef�llt.</p><p>�Die Bestie lebt oben im Loch Shin�, erkl�rte Priscylla. �Aber der Flu� hat eine unterirdische Verbindung zum See. Wenn sie die Trommeln h�rt, kommt sie her. Es ... kann nicht mehr lange dauern.� Sie schluckte. �Glaubst ... glaubst du wirklich, sie besiegen zu k�nnen?� fragte sie stockend.</p><p>Ich zuckte schweigend mit den Achseln. Ich wu�te es so wenig wie sie, und meine Zuversicht schwand mit jedem Augenblick mehr. Seit wir am Rande des Platzes angekommen waren, hatte ich ein paarmal versucht, geistigen Kontakt mit meinem Vater aufzunehmen, aber meine Rufe waren unbeantwortet geblieben. Ich wu�te nicht einmal, ob ich es wirklich konnte. Wie rief man den Geist eines Verstorbenen?</p><p>Wenn ich ehrlich war, dann war ich mittlerweile nicht einmal mehr hundertprozentig davon �berzeugt, da� ich meinen Vater wirklich gesehen hatte. Vielleicht hatten mir schlicht und einfach meine �berreizten Nerven einen Streich gespielt.</p><p>Wenn es so war, dann w�rde es ein t�dlicher Streich sein ...</p><p>Ich verscheuchte den Gedanken, wich ein St�ck weiter in den Schatten des Hauses zur�ck und sah zum Flu� hinunter. Das Wasser lag glatt und reglos da, aber ich glaubte, bereits eine leichte Wellenbewegung auf seiner Oberfl�che wahrzunehmen. Mein Herz begann schneller zu schlagen.</p><p>�Ich hoffe es�, antwortete ich, wenn auch mit einiger Versp�tung. �Aber du solltest trotzdem gehen, Priscylla. Ganz gleich, ob ich es schaffe oder nicht - es wird gef�hrlich werden. Und noch ist Zeit, um zu fliehen. Wenigstens f�r dich.�</p><p>�Ich bleibe�, sagte sie fest. �Wenn du bleibst, dann bleibe ich auch, Robert.�</p><p>�Das ist sehr dumm von dir, Kindchen�, sagte eine Stimme hinter ihr. �Und ziemlich pathetisch, findest du nicht?�</p><p>Priscylla stie� einen halb unterdr�ckten Schrei aus, fuhr herum - und prallte entsetzt zur�ck.</p><p>Es ging alles viel zu schnell, als da� einer von uns noch irgend etwas h�tte tun k�nnen. Die Dunkelheit wurde urpl�tzlich vom grellen Licht lodernder Fackeln durchbrochen. Wie aus dem Boden gewachsen erschienen ein gutes Dutzend gro�er, in dunkler Kapuzenm�ntel geh�llter Gestalten vor uns.</p><p>Ich fuhr herum, aber auch hinter uns waren pl�tzlich M�nner. Wir waren eingekreist. Aber seltsamerweise sp�rte ich kaum Schrecken oder gar Angst. Unterbewu�t hatte ich geahnt, da� wir in eine Falle laufen w�rden. Es war zu leicht gewesen, bis hierher zu kommen.</p><p>Bannermann schrie w�tend auf, ballte die F�uste und blieb mitten im Schritt stehen, als eine der Gestalten mit einer fast gelangweilten Bewegung ein Gewehr unter dem Mantel hervorzog und es auf seinen Kopf richtete.</p><p>�Das w�rde ich nicht tun, Captain Bannermann�, sagte Donhill ruhig. �Ich m��te Sie n�mlich sonst erschie�en, wissen Sie?� Er lachte leise, trat ein St�ck auf uns zu, blieb wieder stehen und streifte mit einer raschen Geste seine Kapuze zur�ck. Sein Blick wanderte zwischen Priscylla, Bannermann und mir hin und her.</p><p>�Wie sch�n, da� wir uns so schnell wiedersehen�, sagte er l�chelnd.</p><p>�Sie verdammter M�rder�, sagte Bannermann gepre�t. �Sie ...�</p><p>�Beleidigen Sie mich ruhig, wenn es Sie erleichtert, Captain�, sagte Donhill gelassen. �Aber das �ndert nichts, glauben Sie mir.� Er seufzte. �Sie h�tten die Gelegenheit nutzen und fliehen sollen, wie Priscylla Ihnen geraten hat. Jetzt ist es zu sp�t, f�rchte ich.�</p><p>�Priscylla?� Bannermanns Kopf flog mit einem Ruck herum. Seine H�nde zuckten. �Dann hast du uns verraten, du kleine -�</p><p>�Nicht doch, Captain�, unterbrach ihn Donhill. �Sie hat nichts damit zu tun. Wir beide� - und damit blickte er Priscylla an, und seine Stimme wurde h�rbar k�lter - �unterhalten uns sp�ter, mein liebes Kind.� Er wandte sich wieder an Bannermann. �Sie hat Sie nicht verraten, Captain. Aber in diesem Ort geschieht nichts, ohne da� ich davon erfahre. Und ich gebe Ihnen mein Wort, da� es Ihnen nichts genutzt h�tte, aus Goldspie zu entkommen. Mein Arm reicht weit, wissen Sie?�</p><p>Bannermanns Gesicht zuckte vor Ha�. Einzig das Gewehr, das auf ihn gerichtet war, schien ihn noch davon abzuhalten, sich auf Donhill zu st�rzen.</p><p>�Nun ja�, fuhr Donhill nach einer Pause fort, �es nutzt nichts, vers�umten Gelegenheiten nachzuweinen, oder? Sie sind nun einmal hier. Machen wir das Beste daraus.�</p><p>�H�ren Sie auf, Donhill�, sagte ich leise. �Bringen Sie uns um, wenn Sie wollen, aber verspotten Sie uns nicht noch.�</p><p>Donhill runzelte die Stirn und blickte mich einen Moment lang an, als s�he er mich zum ersten Mal. �Ah ja, Mister Craven�, sagte er. �Ein Mann mit Ehre, wie?� Er kicherte. �Aber daf�r mit nicht sehr viel Verstand, f�rchte ich. Haben Sie wirklich geglaubt, Sie beide k�nnten allein etwas gegen mich und meine M�nner ausrichten?�</p><p>Ich starrte ihn an, sagte aber kein Wort mehr. Donhill l�chelte b�se, trat einen Schritt zur�ck und deutete mit einer einladenden Geste auf den Platz hinaus. �Nun, Sie sind gekommen, um Ihre drei Freunde zu sehen�, sagte er b�se. �Dann wollen wir sie nicht warten lassen, oder?�</p><p>Einer seiner M�nner versetzte mir einen derben Sto�, als ich seiner Aufforderung nicht rasch genug nachkam. Ich stolperte, fand im letzten Moment mein Gleichgewicht wieder und ging neben Bannermann hinter Donhill her.</p><p>Die Reihe der Kapuzenm�nner teilte sich vor uns, als wir auf den Platz hinaustraten. Trotz der gro�en Anzahl von Menschen, die rings um uns versammelt waren, war es fast unheimlich still. Selbst das Ger�usch unserer Schritte schien �berlaut.</p><p>Donhill f�hrte uns �ber die Mitte des Platzes hinaus zu den drei Podesten, auf denen Bannermanns M�nner gefesselt standen. Bannermann st�hnte, als er sah, wie grausam die M�nner gebunden waren. Die Stricke waren so fest angelegt, da� sie blutige Linien in ihre Haut schnitten. Sie waren bis auf die Hosen entkleidet, und auf ihren nackten R�cken schimmerten rote Striemen. Sie waren geschlagen worden, ehe man sie hierher gebracht hatte. Einer von ihnen war ohne Bewu�tsein.</p><p>�Du verdammtes Monster�, keuchte Bannermann. �Daf�r t�te ich dich.�</p><p>Der Mann hinter ihm hob den Arm und schlug ihm wuchtig mit der Faust in den Nacken. Bannermann brach in die Knie, fing den Sturz im letzten Moment mit den H�nden ab und blieb st�hnend hocken.</p><p>�Machen Sie sich nicht l�cherlich�, sagte Donhill ruhig. �Sie sind es, der sterben wird, Captain. Aber zuvor d�rfen Sie mit ansehen, wie Ihre M�nner sterben.� Er lachte leise. �Ich hoffe, Sie sind sich der Tatsache bewu�t, da� Ihnen eine einmalige Chance geg�nnt wird, Captain. Welcher Mann hat schon die Gelegenheit, seinen eigenen Tod vorher beobachten zu k�nnen?�</p><p>�H�ren Sie endlich auf, Donhill�, sagte ich.</p><p>Donhill fuhr herum und starrte mich einen Herzschlag lang ha�erf�llt an. Aber der erwartete Zornesausbruch blieb aus.</p><p>�Sie haben recht, Craven�, sagte er. �Die Zeit wird knapp.� Er l�chelte noch einmal, deutete eine sp�ttische Verbeugung an und drehte sich zum Flu�. Seine Arme hoben sich in einer langsamen, beschw�renden Bewegung.</p><p>Er f�hrte sie nie zu Ende.</p><p>Hinter meinem R�cken fiel ein einzelner, peitschender Schu�. Donhill taumelte, machte einen halben, m�hsamen Schritt und brach mit einer zeitlupenhaften Bewegung in die Knie. Ein keuchender Laut kam �ber seine Lippen. Er taumelte, senkte langsam die H�nde und griff sich an die Brust. Auf seinen Z�gen erschien ein �berraschter, ungl�ubiger Ausdruck.</p><p>�Ihr ... ihr Narren�, keuchte er. Blut lief in einer d�nnen, glitzernden Bahn aus seinem Mundwinkel. �Ihr ... verdammten ... Narren. Die ... Bestie ... wird euch ... euch alle vernichten.�</p><p>Er wollte noch mehr sagen, aber er konnte es nicht. Seine Augen brachen. Er war tot, ehe er auf dem Boden aufschlug.</p><p>Ein zweiter Schu� fiel, gefolgt von einem spitzen, schmerzerf�llten Aufschrei. Ich fuhr herum und sah, wie eine der braungekleideten Gestalten mit einem fast grotesk anmutenden Schritt aus der Menge hervortaumelte.</p><p>Wieder krachte ein Schu�. Der Mann wurde wie von einem unsichtbaren Faustschlag herumgewirbelt, fiel auf die Knie und kam mit einer unsicheren Bewegung wieder hoch. Das Gewehr, das er bisher in der Hand gehalten hatte, entglitt seinen Fingern.</p><p>�Craven! Fliehen Sie! Laufen Sie weg!�</p><p>Der dritte Schu� ri� den Mann vollends von den F��en. Er fiel auf den R�cken, versuchte noch einmal, sich hochzustemmen, aber seine Kr�fte versagten. Pl�tzlich krachte eine ganze Salve von Gewehrsch�ssen. Ich sah, wie der Boden rechts und links des Mannes aufspritzte.</p><p>Endlich �berwand ich meine �berraschung. Gleichzeitig mit Bannermann wirbelte ich herum, war mit einem Sprung bei den M�nnern, die uns bewachten, und schlug den ersten mit einem Fausthieb nieder. Ein zweiter versuchte, sein Gewehr hochzurei�en und auf mich zu zielen. Ich schlug es ihm aus der Hand, schmetterte ihm den Ellbogen in den Leib und fing sein Gewehr auf, als er zusammenbrach. Neben mir schlug Bannermann mit einem zornigen Schrei gleich zwei seiner Bewacher nieder, entri� einem dritten die Waffe und schmetterte ihm den Kolben �ber den Sch�del.</p><p>Jemand scho�. Die Kugel schlug direkt neben meinen F��en ein, aber der Mann kam nicht dazu, ein zweites Mal abzudr�cken. Bannermann ri� das erbeutete Gewehr an die Wange und dr�ckte ab, ohne zu zielen. Eine der braungekleideten Gestalten auf der anderen Seite des Platzes st�rzte mit einem Schrei zu Boden.</p><p>Unter den M�nnern und Frauen brach Panik aus. Noch immer peitschten Sch�sse durch die Nacht, aber sie waren nicht gezielt und bedeuteten kaum Gefahr mehr. Auch Bannermann scho� noch, aber ich sah, da� er �ber die K�pfe der Menge hinwegzielte.</p><p>Der Platz schien sich in eine brodelnde H�lle zu verwandeln. Die Menge, vor einer Minute noch eine zu allem entschlossene Armee, verwandelte sich von einer Sekunde zur anderen in einen kopflosen Mob. M�nner und Frauen rannten, trampelten sich gegenseitig nieder und ergriffen schreiend die Flucht. Ein paar von Donhills Anh�ngern, die vergeblich versuchten, dem Chaos Einhalt zu gebieten, wurden glattweg �ber den Haufen gerannt und verschwanden unter den F��en der Fliehenden.</p><p>Gehetzt sah ich mich um. Diejenigen unserer Bewacher, die unseren �berraschenden Angriff �berstanden hatten, hatten mittlerweile ebenfalls die Flucht ergriffen. Es schien, als h�tte man uns vollkommen vergessen. Niemand nahm mehr Notiz von uns.</p><p>�Bannermann! K�mmern Sie sich um Ihre M�nner!� keuchte ich. �Wir treffen uns am Strand!� Ohne eine Antwort abzuwarten hetzte ich los, ri� das Gewehr hoch und gab noch im Laufen ein paar Warnsch�sse in die Luft ab. Das Ger�usch ging beinahe im Geschrei der Menge unter, aber die Sch�sse verschafften mir trotzdem Luft. Die Reihe braungekleideter Gestalten flutete wie eine Welle vor mir zur�ck. Niemand schien noch daran zu denken, uns Widerstand zu leisten.</p><p>Der Mann lebte noch, als ich neben ihm anlangte. Er mu�te von mindestens einem Dutzend Kugeln getroffen worden sein, aber er lebte. Sein Mantel war rot von Blut, aber seine Augen standen offen, und er schien mich zu erkennen. Ein leises, qualvolles St�hnen kam �ber seine Lippen.</p><p>�O'Banyon!� sagte ich ungl�ubig. �Sie?!�</p><p>�Ich ... hab's ihm gegeben�, st�hnte er. Seine Hand zuckte, krallte sich in meinen Mantel und fiel mit einer kraftlosen Bewegung wieder zur�ck.</p><p>�Ist er ... tot?� fl�sterte er.</p><p>�Donhill?� Ich nickte. �Ja. Er ist tot.�</p><p>Sein Gesicht zuckte, und trotzdem lief ein rasches, zufriedenes L�cheln �ber seine Z�ge. �Dann ist es ... gut�, fl�sterte er. �Er ist schuld, da� ... da� Steve tot ist. Er ... hat ihn umgebracht.�</p><p>�Reden Sie nicht, O'Banyon�, sagte ich. �Sie d�rfen nicht sprechen. Ich hole Ihnen einen Arzt.�</p><p>�Das ... hat keinen Sinn mehr�, antwortete der Sterbende. Sein Blick verschleierte sich, und pl�tzlich wurde sein K�rper schlaff. Aber noch immer war Leben in ihm.</p><p>�H�ren Sie ... zu, Craven�, fl�sterte er. �Ich habe ... Nachricht f�r ... Sie.�</p><p>�Eine Nachricht?�</p><p>�Es gibt einen ... einen dritten Magier�, murmelte er. Seine Stimme war kaum noch zu verstehen. �Sie m�ssen ... fliehen. Gefahr ... noch nicht ... vor�ber. Es gibt... dritten Magier ...�</p><p>�Was meinen Sie damit?� fragte ich. �Wovon reden Sie, O'Banyon? Welchen Magier? Wer hat Ihnen das gesagt?�</p><p>O'Banyon antwortete nicht mehr. Er war tot.</p><p>Sekundenlang blickte ich schweigend auf sein erschlafftes Gesicht herab. Dann hob ich die Hand, beugte mich vor und schlo� ihm behutsam die Augen.</p><p>�Ist er tot?�</p><p>Ich sah auf, als ich Priscyllas Stimme vernahm. Sie war n�hergekommen, ohne da� ich es gemerkt hatte. Ihr Gesicht wirkte erstaunlich gefa�t, aber in ihren Augen war ein Brennen, das ich mir nicht erkl�ren konnte. Wahrscheinlich war sie halb wahnsinnig vor Angst.</p><p>�Ja�, antwortete ich. �Er ist tot.�</p><p>�Donhill auch�, sagte sie leise. �Ich ... habe mich davon �berzeugt.� Pl�tzlich, von einer Sekunde zur anderen, war ihre Selbstbeherrschung zu Ende. Sie stie� einen kleinen, schrillen Laut aus, fiel neben mir auf die Knie und warf sich mit aller Macht an meine Brust.</p><p>�Bring mich weg hier, Robert�, flehte sie. �Bitte, bitte, bring mich weg.�</p><p>Ich umarmte sie behutsam, streichelte ihr Haar und k��te z�rtlich ihre Stirn.</p><p>�Du brauchst keine Angst mehr zu haben, Pri�, fl�sterte ich. Pl�tzlich �berfiel mich eine Welle der Z�rtlichkeit, wie ich sie noch nie zuvor in meinem Leben versp�rt hatte.</p><p>Aber vielleicht war es auch nur Angst, und vielleicht klammerte ich mich genauso hilfesuchend an sie? wie sie sich an mich. Ich wu�te nur, da� ich dieses M�dchen liebte. Es war seltsam, beinahe grotesk - aber in diesem Moment, w�hrend rings um uns herum das Chaos tobte, wu�te ich mit unersch�tterlicher Sicherheit, da� ich sie liebte.</p><p>Und sie mich.</p><p>Nach einer Weile l�ste sich Priscylla aus meinen Armen, wischte sich mit dem �rmel die Tr�nen aus dem Gesicht und sah mich an. �Was hat er gemeint?� fragte sie.</p><p>�O'Banyon?�</p><p>Sie nickte. �Er sagte: Es gibt einen dritten Magier.�</p><p>Ich schwieg einen Moment, zuckte hilflos mit den Schultern und dr�ckte sie erneut an mich. �Ich wei� es nicht�, sagte ich. �Ich wei� nur, da� du keine Angst mehr zu haben brauchst, Liebling. Nie wieder. Es ist vorbei. Endg�ltig.�</p><p>Aber das stimmte nicht.</p><p>Ich wu�te es im gleichen Moment, in dem ich die Worte aussprach. Es war nichts vorbei. Noch lange nicht.</p><p>Es fing erst an.</p></section><section><title><p id="Die_Hexe_von_Salem">Drittes Buch - Die Hexe von Salem</p></title><p>Er rannte um sein Leben.</p><p>Sie waren hinter ihm, und obwohl er sie nicht sehen oder h�ren konnte, sp�rte er ihre N�he �berdeutlich. Sie waren hinter ihm, vielleicht schon vor ihm, irgendwo in der Dunkelheit, die sich wie eine schwarze Wolke �ber die Stra�en gelegt hatte. Dies hier war ihr Revier, und sie kannten jeden Fu�breit Boden, jedes Versteck und jede Abk�rzung. Er hatte einen kleinen Vorsprung herausgeholt, aber er machte sich keine Illusionen. Die Burschen hatten ihn offensichtlich f�r einen tumben Deppen vom Lande gehalten. Einen Bauern, der vor Schrecken erstarrte, wenn er eine blanke Klinge sah, und nicht einmal auf die Idee kommen w�rde, sich zur Wehr zu setzen. Aber nachdem er einem von ihnen die Z�hne in den Hals geschlagen hatte, w�rden die drei anderen nicht noch einmal den gleichen Fehler begehen.</p><p>Andrew blieb stehen, sah sich einen Moment gehetzt um und atmete ein paarmal tief durch. Die kalte Luft schmerzte in seiner Kehle, und auf seiner Zunge breitete sich ein �bler Geschmack aus. Sein Herz jagte.</p><p>Die Stra�e war noch immer leer. Er hatte fast zwanzig Schritte Vorsprung gehabt, als sich die Burschen von ihrer �berraschung erholt und drei von ihnen zur Verfolgung angesetzt hatten; der vierte war vermutlich immer noch damit besch�ftigt, Z�hne zu spucken und sich auf dem Stra�enpflaster zu kr�mmen. Aber zwanzig Schritte waren ein Nichts. Die Gegend, in die er sich verirrt hatte, war eine der weniger vornehmen Londons. Genauer gesagt, dachte Andrew d�ster, war es eines jener Viertel, das man nach Dunkelwerden besser mied. Aber er hatte ja nicht h�ren k�nnen, verdammter Narr, der er war.</p><p>Verdammt, wenn es den Burschen nur um sein Geld gegangen w�re! Die lumpigen dreiundzwanzig Pfund, die sich im Augenblick in seiner Brieftasche befanden, h�tte er ihnen gerne �berlassen. Aber irgend etwas in ihrem Blick, etwas, das er in ihren Gesichtern gelesen hatte, als sie urpl�tzlich aus den Schatten auftauchten und ihn umringten, hatte ihm gesagt, da� sie mehr wollten. Sicher, das Geld auch, aber nicht nur. Die vier wollten Blut sehen. Es waren genau die Typen, vor denen ihn Dingman gewarnt hatte: Verr�ckte, die einen Menschen nur so zum Zeitvertreib zusammenschlugen. Und vielleicht t�teten.</p><p>Ein leises Kollern drang in seine Gedanken. Das Ger�usch ri� ihn abrupt in die Wirklichkeit zur�ck. Andrew fuhr herum und starrte aus mi�trauisch zusammengepre�ten Augen in die Dunkelheit zur�ck. Die Stra�e lag leer und einsam vor ihm; es fiel ihm beinahe schwer, zu glauben, da� er sich wirklich in der gr��ten Stadt der britischen Inseln befand; einer Stadt mit mehr als einer Million Einwohner und hellen, lichterf�llten Stra�en, in denen das Leben auch w�hrend der Nacht nicht aufh�rte zu pulsieren. Aber dies war ein anderes London, eines, dessen Gesicht ein Au�enstehender selten zu sehen bekam.</p><p>Und er wu�te jetzt auch, warum.</p><p>Andrew drehte sich einmal um seine Achse, schluckte den bitteren Knoten, der sich in seiner Kehle gebildet hatte, herunter, und ging mit erzwungen langsamen Schritten weiter. Irgendwo vor ihm war Licht, aber es war nur eine Stra�enlaterne, die mit ihrem Schein eine Insel tr�bgelber Helligkeit in der Nacht schuf. Er war mindestens eine Meile von den belebteren Gegenden der Stadt entfernt. Zu weit.</p><p>Wieder horte er dieses leise, kollernde Ger�usch. Ein eisiger Schauder jagte seinen R�cken hinab. Eine neue, k�rperlose Angst kroch in sein Bewu�tsein. F�r einen Moment w�nschte er sich fast, die Schatten seiner Verfolger hinter der n�chsten Stra�enecke auftauchen zu sehen.</p><p>Er ging weiter, erreichte eine Stra�enkreuzung und blieb einen Moment lang unschl�ssig stehen. Zwei Schritte neben ihm blockierte ein halb mannshoher Stapel �berquellender Abfalltonnen, Kisten und vom Regen halb aufgeweichter Kartons den Weg. Links und rechts erstreckte sich die Stra�e leer und schwarz wie eine Schlucht, weiter geradeaus gab es ein paar Laternen, und - er war nicht sicher, aber er glaubte es wenigstens - hinter den geschlossenen L�den eines Hauses schien gelbes Gaslicht zu leuchten. Vielleicht fand er dort Hilfe.</p><p>Andrew z�gerte einen Moment, trat dann an den Abfallhaufen heran und ri� mit einer entschlossenen Bewegung ein loses Brett von einer Kiste. Gegen die Klappmesser der drei Burschen eine j�mmerliche Waffe. Aber wenigstens w�rde er nicht mehr mit leeren H�nden dastehen, wenn er sich verteidigen mu�te.</p><p>Der Mann stand wie aus dem Boden gewachsen hinter ihm, als er sich herumdrehte.</p><p>Es war einer der drei, die ihn verfolgt hatten - und er <emphasis>hatte </emphasis>aus dem Schicksal seines Kumpanen gelernt. Das Springmesser in seiner Hand zuckte wie eine angreifende Schlange vor. Andrew drehte sich mit einer verzweifelten Bewegung zur Seite, konnte dem Hieb aber nicht mehr ganz ausweichen. Die scharfe Klinge zerschnitt seine Weste und das Hemd, ritzte seine Haut und hinterlie� einen langen, blutigen Kratzer auf seinem Leib. Andrew schrie vor Schmerz und �berraschung auf, strauchelte und verlor auf dem schl�pfrigen Boden das Gleichgewicht. Er fiel, versuchte sich zur Seite zu rollen und gleichzeitig mit seiner Latte nach dem Angreifer zu schlagen, aber der Bursche war viel zu schnell f�r ihn. Mit einer raschen Bewegung wich er dem Hieb aus, sprang gleich darauf wieder vor und trat ihm das Kistenbrett aus der Hand. Andrew wurde abermals zur�ckgeschleudert. Sein Hinterkopf prallte gegen etwas Hartes, und f�r einen Moment drohte er das Bewu�tsein zu verlieren.</p><p>Als sich die schwarzen Schleier vor seinen Augen lichteten, stand der Bursche breitbeinig �ber ihm. Das Messer in seiner Hand blitzte im schwachen Widerschein der Gaslaterne, und auf seinem Gesicht lag ein h��liches Grinsen.</p><p>�So, du Dreckskerl�, sagte er. Seine Stimme bebte vor Wut. �Jetzt machen wir dich fertig.�</p><p>Andrew versuchte sich aufzurichten, wurde aber sofort zur�ckgesto�en. �Was ... was wollen Sie von mir?� fragte er.</p><p>Der Bursche lachte h��lich. �Was ich von dir will? Nichts. Aber ich glaube, Freddy hat ein paar W�rtchen mit dir zu reden.�</p><p>Freddy mu�te der sein, den er niedergeschlagen hatte, dachte Andrew. Innerlich verfluchte er sich selbst. Verdammt, warum hatte er ihnen nicht seine Brieftasche gegeben und stillgehalten? Wahrscheinlich h�tten sie ihn verpr�gelt und dann liegengelassen.</p><p>Jetzt w�rden sie ihn umbringen.</p><p>�Ich ... ich habe Geld�, sagte er stockend. Seine Zunge huschte wie ein kleines, nerv�ses Wesen �ber seine Lippen. Verzweifelt sah er sich nach einem Fluchtweg um. Aber es gab keinen. Und der Bursche war gewarnt und w�rde sich kein zweites Mal �berrumpeln lassen. Andrew zweifelte keine Sekunde daran, da� er sein Messer zwischen den Rippen sp�ren w�rde, wenn er auch nur versuchte, aufzustehen.</p><p>�Geld?� wiederholte der Bursche. In seinen Augen blitzte es gierig auf.</p><p>Andrew nickte, griff in seine Brusttasche und zog seine Geldb�rse hervor. Der Bursche ri� sie ihm aus der Hand und steckte sie ein, ohne auch nur hineinzusehen. Das L�cheln auf seinen Z�gen wurde breiter.</p><p>�Aber das nutzt dir auch nichts, Kleiner�, sagte er b�se.</p><p>�Ich ... ich habe noch mehr�, stammelte Andrew. Die Angst schn�rte ihm die Kehle zu. Sein Herz h�mmerte, als wolle es zerspringen. �Im Hotel. Ich ...�</p><p>�Sinnlos, Kleiner�, sagte der Bursche. �Gleich ist Freddy hier, und ich glaube, der will was ganz anderes von dir als Geld. Du -�</p><p>Er sprach den Satz nicht zu Ende.</p><p>Wie aus dem Boden gewachsen erschien eine schwarze, breitschultrige Gestalt hinter ihm. Etwas Dunkles, Schweres zischte durch die Luft, traf den Hinterkopf des Stra�enr�ubers und lie� ihn mit einem erstickten Keuchen nach vorne kippen. Es ging alles so schnell, da� Andrew gar nicht richtig mitbekam, was �berhaupt geschah.</p><p>Eine harte, schwielige Hand zerrte ihn auf die F��e. �Schnell�, sagte eine Stimme. �Wir m�ssen weg hier, ehe die anderen da sind.�</p><p>Verwirrt stolperte Andrew hinter seinem Retter her. Das Gesicht des Mannes war hinter einem tief in die Stirn gezogenen Hut verborgen, und das Schwarz seiner Kleidung schien selbst das bi�chen Licht, das die Stra�e in ein Durcheinander von Graut�nen und Schatten tauchte, aufzusaugen. Aber als der Fremde ihn hochzog, sp�rte Andrew, wie stark er war.</p><p>Am Ende der Stra�e stand eine zweisp�nnige Kutsche. Sein Retter deutete stumm auf die offenstehende T�r, schwang sich ohne einen weiteren Laut auf den Bock und griff nach seiner Peitsche. Andrew griff mit zitternden Fingern nach der T�r, zog sich mit einer letzten Kraftanstrengung hoch und warf sich geb�ckt in das Fahrzeug.</p><p>Die Kutsche fuhr los, noch ehe er die T�r vollends hinter sich zugezogen hatte.</p><empty-line/><p>�Sind Sie v�llig sicher, da� das die richtige Adresse ist?� Die Stimme des Kutschers sagte eine ganze Menge mehr als seine Worte, und als ich mich vorbeugte und den schmuddeligen Vorhang, der verhinderte, da� man von au�en in den Zweisp�nner hineinsehen konnte, beiseite schob, verstand ich ihn um einiges besser als vorhin, als ich ihm die Adresse genannt und ein zweifelndes Stirnrunzeln als Antwort bekommen hatte.</p><p>�Wenn das hier die Pension WESTMINSTER ist, dann ja�, antwortete ich z�gernd.</p><p>Der Kutscher nickte. Er war ein gro�er, vierschr�tiger Kerl, der in der schwarzen Kutscherlivree eher l�cherlich wirkte, aber er hatte ein gutes Gesicht und offene Augen. Ich gebe viel um Augen. Gesichter k�nnen t�uschen, Augen nicht. �Das ist sie. Und Sie sind sicher, Sir, da� Ihr Freund hier wohnt?�</p><p>�Gibt es vielleicht noch eine Pension WESTMINSTER?� fragte ich unsicher.</p><p>Der Kutscher sch�ttelte den Kopf, schob seinen schwarzen Zylinder in den Nacken und kratzte sich mit der linken Hand am Sch�del. �Nein�, sagte er. �Es gibt ein Hotel gleichen Namens, dr�ben im Westen, aber sonst ...� Er zuckte mit den Achseln und zog eine Grimasse, die mehr als alle Worte aussagte.</p><p>Ich versuchte erneut zu l�cheln, aber es gelang mir nicht wirklich. Was das <emphasis>Hotel </emphasis>WESTMINSTER anging - dort war ich schon gewesen, vor drei Tagen, gleich nach meiner Ankunft in London. Ich hatte sogar ein Zimmer dort, obwohl ich mir im Grunde ein so feudales und kostspieliges Etablissement gar nicht leisten konnte.</p><p>Nur Howard, den geheimnisvollen Howard, zu dem mich mein Vater geschickt hatte, hatte ich im WESTMINSTER nicht gefunden. W�hrend der letzten drei Tage hatte ich praktisch nichts anderes getan, als nach ihm zu suchen.</p><p>Wenigstens hatte ich es versucht. Aber einen Mann, von dem man nichts als den wahrlich nicht originellen Namen Howard kannte, in einer Millionenstadt wie London finden zu wollen, war ein Unterfangen, das dicht an Wahnsinn grenzte. Ich war nahe daran gewesen, aufzugeben, als ich endlich von einem der stets hilfsbereiten Londoner Bobbys erfuhr, da� es au�er dem Hotel WESTMINSTER auch noch diese Pension gleichen Namens gab.</p><p>Allerdings h�rten die �hnlichkeiten wirklich mit dem letzten Buchstaben des Namens auf. Die Pension lag in einer Stra�e, die selbst in den New Yorker Slums, in denen ich vor einem halben Jahr noch gelebt hatte, als sch�big gegolten h�tte.</p><p>Von den zwei Dutzend Gaslaternen, die die schmale, kopfsteingepflasterte Stra�e s�umten, brannte nicht einmal ein Viertel. Und das, was ihr tr�ber Schein aus der Dunkelheit ri�, war auch nicht gerade erhebend. �berall lagen Abf�lle und Unrat, und die dunklen Umrisse �berquellender Abfalltonnen hoben sich schwach gegen die nackten Ziegelsteinmauern der H�user ab. Die wenigen Fenster, die ich sehen konnte, waren ausnahmslos mit L�den verschlossen oder schlicht und einfach vernagelt, und ab und zu sah man ein rasches Huschen oder h�rte ein Quieken und das Trappeln winziger harter Pfoten. Ratten. Die einzigen Lebewesen, die sich in einer Gegend wie dieser nach Dunkelwerden noch auf die Stra�e wagten. Selbst hier in der Kutsche roch es bereits durchdringend nach F�ulnis und Abf�llen, obwohl wir erst seit wenigen Augenblicken am Stra�enrand standen.</p><p>Und was die Pension betraf ... Erkenntlich war sie nur an einem handgemalten, lieblos angenagelten Schild und einer tr�ben Gaslampe mit gesprungenem Schirm �ber der T�r. Auch ihre Fenster waren verschlossen, und nur durch die Ritzen eines Ladens schimmerte Licht.</p><p>�Vielleicht warten Sie einen Moment hier�, sagte ich, w�hrend ich die T�r der Kutsche �ffnete und ausstieg. �Wenn ich in zehn Minuten nicht zur�ck bin, k�nnen Sie fahren.� Ich griff in die Weste, nahm eine zusammengerollte F�nf-Pfund-Note heraus und hielt sie dem Kutscher hin, aber zu meiner �berraschung sch�ttelte der Mann nur den Kopf.</p><p>�Tut mir leid, Sir�, sagte er. �Die Fahrt hierher kostet ein Pfund, und sobald Sie dort drinnen sind� - er deutete auf die zerschrammte T�r der Pension - �verschwinden meine alte Beth und ich von hier. Wir sind n�mlich nicht lebensm�de, wissen Sie?�</p><p>Ich seufzte entt�uscht, versuchte aber nicht noch einmal, ihn zum Warten zu �berreden, sondern reichte ihm schweigend ein Pfund und ging rasch auf das Haus zu. Ich konnte den Mann nur zu gut verstehen. Vor ihm hatten sich drei andere Kutscher glatt geweigert, mich �berhaupt hierher zu fahren.</p><p>Trotzdem ertappte ich mich dabei, nerv�s nach dem Stockdegen zu greifen, den ich unter dem Mantel trug. Ich sp�rte einfach, da� ich nicht allein auf der Stra�e war. Immerhin hatte ich lange genug in einer Gegend wie dieser gelebt, um einfach zu wissen, wann ich beobachtet wurde.</p><p>Meine H�nde zitterten leicht, als ich anklopfte. Die Schl�ge hallten dumpf durch das Haus, und ich konnte h�ren, wie irgendwo im Inneren des Hauses eine T�r aufgesto�en wurde und schlurfende Schritte n�herkamen.</p><p>Ich drehte mich halb um und bedeutete dem Kutscher mit Gesten, noch einen Moment zu warten. Der Mann nickte und begann nerv�s mit seiner Peitsche zu spielen. Auf der anderen Seite der Stra�e bewegten sich Schatten.</p><p>Die T�r wurde lautstark entriegelt, �ffnete sich jedoch nur wenige Zentimeter, ehe sie von einer vorgelegten Kette gesperrt wurde. Ein Paar dunkler, noch halb im Schlaf verschleierter Augen blickten mi�trauisch zu mir heraus. �Wat gibts?�</p><p>Die Begr��ung war nicht gerade freundlich, aber ich schluckte die scharfe Entgegnung, die mir auf der Zunge lag, herunter, trat h�flich einen halben Schritt zur�ck und deutete eine Verbeugung an. �Guten Abend, Sir�, sagte ich steif. �Ich ... suche einen Ihrer G�ste. Wenn Sie vielleicht so freundlich w�ren -�</p><p>�Bin ich nich�, unterbrach mich der andere. �Wissense �berhaupt, wie sp�ts is?�</p><p>�Kurz nach Mitternacht�, antwortete ich automatisch. �Aber mein Anliegen ist wichtig.�</p><p>Mein unfreundliches Gegen�ber seufzte, verdrehte die Augen und wollte die T�r ins Schlo� werfen - aber ich hatte mittlerweile den Fu� im Spalt, und die straff gespannte Kette hinderte ihn auch daran, die T�r noch weiter zu �ffnen, um etwa herauszukommen und handgreiflich zu werden. Der Typ dazu war er.</p><p>�Also gut�, murmelte er schlie�lich. �Mit wem wollense sprechn?�</p><p>�Mit Howard�, antwortete ich. �Einem Ihrer G�ste. Vielleicht w�ren Sie so nett -�</p><p>�Howard? Hier gibts kein Howard�, behauptete der andere. �Hier hats auch nie ein gegeben.�</p><p>Das war gelogen. Ich sp�rte es im gleichen Moment, in dem er die Worte aussprach. Ich habe schon immer gewu�t, wenn mich jemand bel�gt.</p><p>�Das ist nicht wahr�, sagte ich ruhig. �Warum ersparen Sie sich und mir nicht unn�tigen �rger und holen Howard herunter?�</p><p>Im Gesicht meines Gegen�bers zuckte es. Ich konnte im schlechten Licht nicht sehr viel von seinen Z�gen erkennen, aber was ich sah, gefiel mir gar nicht. Eine halbe Minute lang musterte er mich durchdringend von Kopf bis Fu�, aber ich lie� ihm keine Zeit, sich irgendwelche neuen Ausreden auszudenken.</p><p>�Ich will Ihnen wirklich keinen �rger machen, Sir�, sagte ich, noch immer freundlich, aber in h�rbar sch�rferem Ton als bisher. �Mister Howard und ich sind sogar gute Freunde, auch wenn er mich noch gar nicht kennt. Aber ich kann nat�rlich auch in meine Kutsche steigen und in einer halben Stunde mit der Polizei wieder zur�ckkommen, wenn Ihnen das lieber ist.�</p><p>Es war ein Schu� ins Blaue, aber er traf. Der andere erschrak sichtlich, sah mich mit einer Mischung aus neu erwachtem Respekt und schierer Mordlust an und sch�rzte die Lippen. �In Ordnung, Mister Oberschlau�, knurrte er. �Nemse den Fu� au�er T�r. Ich mach auf.�</p><p>Ich sah ihn einen Moment scharf an, nickte knapp und trat wieder zur�ck. Die T�r krachte unn�tig hart ins Schlo�, und eine halbe Sekunde sp�ter h�rte ich ihn mit der Kette hantieren. Die T�r schwang erneut auf und gew�hrte mir einen Blick auf einen d�steren, nur von einer einzigen halb heruntergebrannten Kerze erleuchteten Korridor. Ich erschrak ein wenig, als ich sah, wie gro� und breitschultrig der Kerl war, mit dem ich bisher geredet hatte. Er war ungef�hr einen Kopf gr��er als ich, gut doppelt so breit und von der untersetzten, massigen Art, die Muskeln verriet, wo bei anderen Leuten vom gleichen Gewicht Fett war. Sein Gesicht wirkte noch immer verschleiert - offensichtlich hatte ich ihn aus dem tiefsten Schlaf gerissen - und die H�ngebacken, die leicht vorstehende Oberlippe und die schweren Tr�nens�cke unter den Augen gaben ihm etwas von einer mi�gelaunten Bulldogge. H�tte ich ihn gleich richtig gesehen, h�tte ich wahrscheinlich einen etwas weniger dreisten Ton angeschlagen.</p><p>Aber dann h�tte er mich wahrscheinlich auch nicht hereingelassen.</p><p>Rasch trat ich an ihm vorbei in den Flur, drehte mich herum und winkte dem Kutscher zu. Der Mann tippte kurz an die Krempe seines schwarzen Zylinders, lie� seine Peitsche knallen und fuhr los.</p><p>Der T�rsteher blickte der Kutsche nach, bis sie in der Nacht verschwunden war, sch�ttelte den Kopf und knallte die T�r zu. �Das war nich so klug�, sagte er, �den Wagen wegzuschicken.�</p><p>Die Art, in der er die Worte aussprach, gefiel mir nicht; ebenso wie die Art, in der er mich ansah. Beides hatte etwas Drohendes.</p><p>Ich versuchte, seinem Blick standzuhalten und m�glichst gelassen auszusehen, aber es gelang mir nicht sehr gut.</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil ich nich glaub, da� H.P. Sie empfangen wird.�</p><p>�H.P.?�</p><p>�Howard�, knurrte mein Gegen�ber. �Wennse schon mitten in der Nacht herkommen, um mit ihm zu reden, sollten Se wenigstens sein Namen wissen, findense nich?� Ein mi�trauisches Funkeln erschien in seinen Augen. �Wat wollnse �berhaupt vonnem?�</p><p>�Ich glaube nicht, da� Sie das etwas angeht�, erwiderte ich steif. Ich trat zur�ck, nahm den Hut ab und deutete eine Verbeugung an - ohne ihn dabei auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. �Mein Name ist Craven�, sagte ich. �Robert Craven. Bitte melden Sie mich Mister Howard - und sagen Sie ihm, da� ich Gr��e von seinem Freund Andara bringe. Ich bin sicher, er wird mich empfangen.�</p><p>Wieder blickte mich der andere eine Sekunde zweifelnd an, als brauche er so lange, um meine Worte zu verarbeiten, dann zuckte er mit den Achseln. �Meinetwegn�, nuschelte er. �Aber wundern Se sich nich, wenner nich kommt. H. P. kriegt so gut wie nie Besuch.� Er sch�ttelte den Kopf, legte umst�ndlich die Kette wieder vor, drehte sich um und schlurfte vor mir den Gang hinab. An seinem Ende befand sich eine zweiteilige, nur halb geschlossene T�r, durch deren Ritzen warmes rotes Licht schimmerte. Mein seltsamer F�hrer stie� einen der T�rfl�gel vollends auf, deutete eine einladende Geste in den darunterliegenden Raum an und drehte sich gleichzeitig um. Direkt neben der T�r f�hrte eine Treppe in die oberen Stockwerke des Hauses hinauf.</p><p>�Wartense hier�, sagte er unfreundlich. �Ich geh H. P. fragen.�</p><p>Ich sah ihm kopfsch�ttelnd nach, wandte mich aber nach einem Moment gehorsam um und trat in den Raum, den er mir angewiesen hatte. Erneut ertappte ich meine Hand dabei, wie sie nerv�s �ber den Griff des Stockdegens strich, den ich unter meinem Umhang verborgen hatte. Auch wenn ich es selbst nicht zugeben wollte - aber dieses heruntergekommene Haus und sein seltsamer T�rw�chter fl��ten mir Unbehagen ein, ja, beinahe schon Furcht. Es war etwas D�steres, Bedrohliches an diesem alten Gem�uer, das schwer in Worte zu fassen war.</p><p>Der Raum, in dem ich war, schien eine Mischung aus Bibliothek und Salon zu sein. Eine Wand wurde ganz von einem deckenhohen, bis zum Bersten gef�llten B�cherregal eingenommen, die beiden anderen wurden von einem gewaltigen, marmornen Kamin und einem nicht minder gewaltigen Tisch, der von einem halben Dutzend kostbarer St�hle flankiert wurde, beherrscht. Der Raum war wesentlich eleganter - und auch sauberer -, als ich erwartet hatte. Und trotzdem verst�rkte sich der Eindruck, den ich von diesem Geb�ude hatte, noch. Es war irgendwie ... d�ster.</p><p>Ich blieb einen Moment unschl�ssig unter der T�r stehen, sah mich um und trat schlie�lich zum Kamin. Die Flammen brannten hoch und erf�llten den Raum gleicherma�en mit Licht wie behaglicher W�rme. Ich legte meinen Mantel ab, ging vor dem Kamin in die Hocke und hielt die H�nde �ber die Flammen. Meine Finger prickelten vor K�lte, aber das war wohl etwas, woran ich mich gew�hnen mu�te. Zu Hause in New York h�tte ich zu dieser Jahreszeit unter freiem Himmel �bernachten k�nnen; hier in London mit seinem Nebel und seinem ber�chtigten Klima wurde es selbst im Hochsommer nach Dunkelwerden empfindlich kalt.</p><p>Nach einer Weile h�rte ich Schritte. Ich richtete mich wieder auf und wandte mich um, aber zu meiner Entt�uschung erschien nicht Howard, sondern wieder das Bulldoggengesicht unter der T�r.</p><p>�H. P. kommt gleich�, knurrte er unfreundlich. �Sie sollens sichn bi�chen bequem machen, bisser da ist.� Er schlurfte an mir vor�ber, �ffnete einen Schrank und nahm zwei Gl�ser und eine geschliffene Glaskaraffe hervor. Mit einer Kopfbewegung dirigierte er mich zum Tisch, schenkte eines der Gl�ser voll und stellte das andere umgedreht auf den Tisch.</p><p>�Ich geh dann�, nuschelte er. �Er wird gleich kommn. Wennse was brauchn, dann rufnse mich.� Ohne eine Antwort abzuwarten schlurfte er zur T�r, warf sie hinter sich ins Schlo� und polterte lautstark die Treppe hinauf. Ich sah ihm kopfsch�ttelnd nach, griff nach dem Glas, das er mir eingeschenkt hatte, und nippte vorsichtig daran.</p><p>Die rote Fl�ssigkeit darin war Sherry, ein ganz ausgezeichneter Sherry sogar. Kein Getr�nk, das man in einem Haus wie diesem anzutreffen erwartete.</p><p>Ich leerte das Glas, stellte es behutsam auf den Tisch zur�ck und stand auf, um mich gr�ndlicher umzusehen.</p><p>Die B�cher auf den Regalbrettern erregten meine besondere Neugier. Ich hatte mich nie sonderlich f�r B�cher interessiert, aber seit ich vor einem halben Jahr meinen Vater wiedergefunden hatte - ohne dies indes damals schon zu ahnen -, hatte sich ohnehin viel in meinem Leben ge�ndert. Wenn nicht alles.</p><p>Ich kam nicht dazu, die B�nde genauer in Augenschein zu nehmen. Ich war kaum an das Regal herangetreten und hatte einen der B�nde zur Hand genommen, als die T�r hinter meinem R�cken erneut ge�ffnet wurde und ich Schritte h�rte. Mit einer fast schuldbewu�ten Bewegung wandte ich mich um und sah dem Neuank�mmling entgegen.</p><p>Es war ein Mann. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein - vielleicht etwas j�nger -, war schlank und hatte ein schmales, beinahe asketisch geschnittenes Gesicht. Sein Haaransatz war im Laufe der Jahre vor dem Ansturm zweier m�chtiger Geheimratsecken zur�ckgewichen, und auf seinen Wangen lagen Schatten, als h�tte er eine schwere Krankheit hinter sich. Sein Mund war klein und spitz, und er hatte schlanke, nerv�se H�nde, die niemals wirklich ruhig zu sein schienen.</p><p>Sekundenlang musterten wir uns gegenseitig, und das Ergebnis unserer Betrachtungen schien uns beiden nicht zu gefallen.</p><p>Howard war schlie�lich der erste, der das Schweigen brach. Er r�usperte sich, dr�ckte die T�r hinter sich mit einer heftigen, fast �bertrieben schnellen Geste ins Schlo� und kam mit raschen Schritten auf mich zu. Sp�ter sollte ich noch merken, da� alles, was er tat, schnell und �bertrieben heftig geschah. Jetzt verwirrte mich seine scheinbar sinnlose Hast.</p><p>Zwei Schritte vor mir blieb er stehen, musterte mich noch einmal und deutete mit einer knappen Geste auf den Tisch, an dem ich zuvor schon gesessen hatte. �Nehmen Sie Platz, junger Mann�, sagte er abgehackt. �Es redet sich besser im Sitzen.�</p><p>Ich wollte widersprechen, aber irgend etwas hielt mich davon ab. Howard war auf schwer zu beschreibende Art wie das Haus, in dem er lebte: unheimlich und d�ster.</p><p>�Rowlf sagte mir, Sie h�tten den Namen meines alten Freundes Roderick Andara erw�hnt�, begann Howard, nachdem er sein Glas herumgedreht und sich eingeschenkt hatte, ohne allerdings zu trinken.</p><p>�Rowlf?�</p><p>�Mein dienstbarer Geist, ja�, nickte Howard. �Er f�hrt das Haus, holt ein, wimmelt l�stige Besucher ab� - er l�chelte fl�chtig, wobei seine Augen jedoch v�llig kalt blieben - �und tut auch sonst alles f�r mich. Ich w��te wirklich nicht, was ich ohne ihn t�te.� Er seufzte, lehnte sich zur�ck und starrte mich durchdringend an. �Aber wir kommen vom Thema ab, Mister ... wie war doch gleich Ihr Name?�</p><p>�Craven�, antwortete ich. �Robert Craven.�</p><p><emphasis>�Robert Craven?� </emphasis>Die Art, in der Howard meinen Namen aussprach, sagte mir mit aller Deutlichkeit, da� er ihn hier und jetzt nicht zum ersten Mal h�rte.</p><p>Ich nickte. �Ich sehe, mein Vater hat Ihnen schon von mir erz�hlt�, sagte ich. �Das erleichtert die Angelegenheit erheblich.�</p><p>Howard nickte. Von seiner k�hlen, herablassenden Art war nichts mehr geblieben. Er wirkte verst�rt; ein Mann, der gr�ndlich aus dem Konzept gebracht worden war und jetzt nicht wu�te, wie er reagieren mu�. �Sie wissen, da� ... da� Andara Ihr Vater ist?�</p><p>�Ich wei� es. Und ich wei� auch, da� man ihn dr�ben in den Staaten den Hexer nannte.�</p><p>In seinen Augen blitzte es auf. <emphasis>�Nannte? </emphasis>Wie meinen Sie das?�</p><p>Diesmal dauerte es einen Moment, bevor ich antwortete. Es war fast sieben Wochen her, und ich war bisher der Meinung gewesen, dar�ber hinweg zu sein, aber so ganz stimmte das nicht. Meine Stimme bebte, als ich - ohne ihn anzusehen - antwortete.</p><p>�Mein Vater ist... ist tot, Mister Howard. Er starb auf der �berfahrt von den Vereinigten Staaten hierher, und seine letzten Worte waren: Geh zu Howard. Es war nicht leicht, Sie zu finden.�</p><p>�Tot?� Howard wirkte ersch�ttert, �Er ist tot, sagst du?�</p><p>Ich nickte. Einen kleinen Moment lang war ich ernsthaft in Versuchung, ihm von meiner Begegnung mit seinem ... ja, was eigentlich? Seinem Geist? zu erz�hlen, tat es aber dann doch nicht. Jetzt, als alles vorbei war, kam mir die Erinnerung daran immer unwirklicher vor. Und ich wu�te von Howard nicht viel mehr als seinen Namen. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, Fremden gegen�ber vorsichtig zu sein, und so belie� ich es bei diesem stummen Nicken.</p><p>�Wie ... ist er gestorben?� fragte Howard.</p><p>�Das ist eine lange Geschichte�, antwortete ich ausweichend. �Und ich wei� nicht, ob -�</p><p>�Ob du sie mir erz�hlen kannst?� Howard l�chelte, wurde aber sofort wieder ernst. �Du kannst es, Junge. Dein Vater und ich waren mehr als nur Freunde, glaube mir. Ich wei� alles. Alles �ber Jerusalems Lot, �ber den Fluch der Hexen und die <emphasis>Big Old Ones.� </emphasis>Er l�chelte, als er meinen �berraschten Gesichtsausdruck sah. �Hast du dich nie gefragt, woher dein Vater sein Wissen �ber sie hat, Robert? Das meiste hat er von mir, wenn auch nicht alles.�</p><p>�Mister Howard�, stammelte ich. �Ich ...�</p><p>�H�r mit diesem albernen �Mister Howard� auf�, unterbrach er mich. �Howard ist mein Vorname. Ich hei�e Howard Phillips Lovecraft, und f�r dich bin ich einfach nur Howard. Und jetzt erz�hle von Anfang an. Wir haben viel Zeit.�</p><empty-line/><p>Die Kutsche jagte mit halsbrecherischem Tempo durch die menschenleeren Stra�en. Vom Bock her drang das Knallen der Peitsche beinahe ununterbrochen herein, untermalt von halblauten, ungeduldigen Rufen, mit denen der Kutscher seine Tiere zu noch gr��erem Tempo anzufeuern versuchte. Das Gef�hrt schwankte wie ein Boot auf st�rmischer See, und die kaum gefederten Achsen gaben die St��e und Kn�ffe der schlagloch�bers�ten Stra�e beinahe ungemildert an den Fahrgastraum weiter, so da� Andrew fast M�he hatte, sich auf der schmalen Sitzbank aufrecht zu halten. �Alles in Ordnung?� fragte sein Gegen�ber. Andrew nickte instinktiv. Er hatte bisher keine Gelegenheit gehabt, seinen geheimnisvollen Retter n�her in Augenschein zu nehmen oder sich auch nur bei ihm zu bedanken. Es war dunkel in der Kutsche; die schwarzen Vorh�nge vor den beiden Fenstern waren zugezogen, und nur durch die kleine Luke, durch die man dem Fahrer Anweisungen zurufen konnte, sickerte noch etwas Licht in den Innenraum.</p><p>Trotzdem war Andrew sicher, einer Frau gegen�berzusitzen, schon bevor er ihre Stimme h�rte.</p><p>Ihre Gestalt wurde vollends von einem schwarzen, in einer �berm��ig gro� erscheinenden Kapuze endenden Mantel verh�llt, aber sie war zu schmal und zu zierlich, und etwas an ihrer Haltung verriet ihm, da� es kein Mann war.</p><p>�Es ... geht�, antwortete er stockend. Er versuchte zu l�cheln, aber es wurde eher eine Grimasse daraus. �Das war Rettung in letzter Sekunde. Wenn Ihr Kutscher nicht gekommen w�re, Missis ...�</p><p>�Terry�, half seine Retterin aus, als er nicht weitersprach. �Nennen Sie mich einfach Terry. Das tun alle.� Sie lachte. Ihre Stimme war sehr hell.</p><p>�Terry�, nickte Andrew. �Ich ... ich danke Ihnen, Terry.�</p><p>�Das war doch selbstverst�ndlich.� Sie blickte ihn einen Moment unter ihrer Kapuze heraus an, setzte sich dann auf und schlug sie mit einer raschen Bewegung zur�ck.</p><p>Andrew unterdr�ckte im letzten Moment einen erstaunten Ausruf. Er hatte geahnt, da� sie jung war, und irgend etwas hatte ihm gesagt, da� sie sch�n sein w�rde, aber er hatte nicht geahnt, da� sie so jung war. Und so sch�n.</p><p>F�r einen Moment war er unf�hig zu sprechen oder irgend etwas anderes zu tun, als einfach dazusitzen und sie anzustarren. Sie war klein, so schlank, da� sie schon als zierlich gelten konnte, und hatte ein schmales, fast aristokratisch geschnittenes Gesicht, dem aber trotzdem ein schwer zu beschreibender Ausdruck von Nat�rlichkeit anhaftete. Ihr Haar war lang und glatt und fiel bis weit �ber die Schultern herab. Ein voller, sinnlicher Mund unter einer schmalen Nase, eingerahmt von zwei Gr�bchen, die ihr etwas beinahe Spitzb�bisches gaben, und Augen ...</p><p>F�r eine Sekunde hatte Andrew das Gef�hl, sich im Blick dieser Augen zu verlieren. Sie waren gro�, beinahe eine Spur zu gro�, dunkelblau und von kleinen, goldenen Farbsprenkeln durchsetzt, Gelassen hielten sie seinem Blick stand und erwiderten die Neugier darin sogar.</p><p>�Zufrieden?� fragte Terry nach einer Weile.</p><p>Andrew wurde sich pl�tzlich der Tatsache bewu�t, da� er sie anstarrte. Verlegen senkte er den Blick, atmete h�rbar ein und sah unsicher wieder auf. Einen Moment lang suchte er vergeblich nach Worten.</p><p>Terry winkte ab, als er dazu ansetzte, sich zu entschuldigen. �Schon gut, Andrew�, sagte sie rasch. �Ich bin es gewohnt, angestarrt zu werden, wissen Sie?� Sie beugte sich leicht vor, und Andrew konnte ihr bet�rendes Parf�m riechen. Irgendwo tief, tief in ihm begann eine Alarmglocke zu l�uten, aber er war unf�hig, auf die Warnung zu h�ren.</p><p>�Andrew ...?� wiederholte er schwerf�llig. �Ich ... kennen wir uns? Ich habe meinen Namen nicht genannt.�</p><p>Wieder lachte Terry. In ihren Augen blitzte es sp�ttisch auf. �Sie kennen mich nicht, Andrew�, sagte sie. �Aber daf�r kenne ich Sie. Um so besser.�</p><p>Andrew sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Sie ...�</p><p>�Es war kein Zufall, da� wir uns getroffen haben�, fl�sterte Terry. Irgend etwas in ihrer Stimme �nderte sich. Andrew sp�rte ein seltsames, beinahe erschreckendes Gef�hl in sich aufsteigen. Irgend etwas war an diesem M�dchen ungew�hnlich. Und es war nicht nur ihr Aussehen.</p><p>�Kein ... Zufall?� wiederholte er knapp.</p><p>Terry verneinte. �Die vier M�nner, die dich �berfallen haben, haben in meinem Auftrag gehandelt�, sagte sie. Ihre Stimme klang fast belustigt.</p><p>Andrew starrte sie an. �In ...�</p><p>�Es war nicht beabsichtigt, da� du verletzt wirst�, f�gte Terry in leicht bedauerndem Tonfall hinzu. �Es tut mir leid.�</p><p>Automatisch blickte Andrew an sich herab. Die Wunde schmerzte noch immer, aber sie hatte wenigstens aufgeh�rt zu bluten und war offensichtlich nicht sehr gef�hrlich.</p><p>�Aber ... aber warum?� fragte er. Er versuchte vergeblich, so etwas wie Zorn in sich zu entdecken. Alles, was er sp�rte, war eine grenzenlose Verwirrung. Und eine ganz schwache Spur von Furcht.</p><p>Ohne direkt auf seine Frage zu antworten beugte sich Terry noch ein St�ck weiter vor, um die Schnittwunde zu begutachten. Ihr Mantel, der nur von einer schmalen, silbernen Spange am Kragen gehalten wurde, klaffte bei der Bewegung auseinander, und Andrew sah, da� sie nichts darunter trug.</p><p>Terrys H�nde glitten geschickt �ber den Schnitt auf seinem Magen, und auf seltsame Weise vertrieb die Ber�hrung den brennenden Schmerz. Aber ihre Finger blieben nicht dort, sondern tasteten langsam weiter, glitten unter sein Hemd und krochen an seiner Brust empor. Die Ber�hrung war gleichzeitig k�hl und brennend hei�.</p><p>�N ... nicht�, sagte er m�hsam. In seinem Hals sa� pl�tzlich ein harter Knoten. Er wollte ihre H�nde wegschieben, aber seine Glieder versagten ihm den Dienst. Er hatte pl�tzlich das Gef�hl, nicht mehr richtig atmen zu k�nnen.</p><p>Terrys Gesicht war pl�tzlich ganz dicht an seinem. �Warum?� fl�sterte sie. �Wir sind allein, Andrew. Ich habe dich gesucht, weil ich dich haben wollte. Komm ...�</p><p>Andrew atmete h�rbar ein. Sein Gaumen f�hlte sich pl�tzlich ausgetrocknet und rissig an. Aber er sp�rte auch, wie etwas in ihm auf die Verlockung antwortete.</p><p>�Es ... es geht nicht�, keuchte er m�hsam. �Wir ...�</p><p>�Warum?� fl�sterte Terry. �Ich will dich, Andrew. Und du willst mich. Ich wei� es.�</p><p>Mit einer lautlosen, gleitenden Bewegung rutschte sie zu ihm her�ber, schlang die Arme um seinen Hals und k��te ihn. Die Spange, die ihren Mantel bisher gehalten hatte, l�ste sie, und das Kleidungsst�ck glitt wie von selbst von ihren blo�en Schultern. Mit einem raschen, entschlossenen Ruck zerri� sie sein Hemd vollends und schmiegte sich an ihn.</p><p>Andrew st�hnte, als er ihre nackte hei�e Haut auf der seinen f�hlte. Terrys H�nde huschten wie kleine lebende Wesen �ber seine Haut, und die Ber�hrung schien seine Nerven in Flammen zu setzen.</p><p>�Nicht�, murmelte er.</p><p>Terrys Antwort bestand nur aus einem leisen, glockenhellen Lachen. Ihre Lippen streiften seine Wange; feucht, k�hl und hei� wie brennendes Eisen zugleich, ber�hrten seine Augenlider und glitten an seinem Gesicht herab. Andrew schauderte, als ihre Zunge seine Mundwinkel ber�hrte und tiefer glitt.</p><p>�Komm�, fl�sterte sie, �Nimm mich.�</p><p>Andrew wehrte sich nicht mehr, als sie sich auf der schmalen Sitzbank der Kutsche nach hinten sinken lie� und ihn mit sanfter Gewalt mit sich zog.</p><empty-line/><p>Rowlf brachte uns eine neue Flasche Sherry, schenkte mit geschickten Bewegungen ein und schlurfte wieder aus dem Zimmer. Ich sah ihm nach, bis er die T�r hinter sich zugezogen hatte. Meine Augen brannten; zum Teil von den d�nnen, schwarzen <emphasis>Zigarren, </emphasis>die Howard ununterbrochen rauchte, zu einem anderen Teil auch schlicht aus M�digkeit. Durch die Ritzen der vorgelegten L�den sickerte das graue Licht der heraufziehenden D�mmerung.</p><p>�Wenn du m�de bist�, sagte Howard, �legen wir uns schlafen. Wir k�nnen sp�ter weiterreden.�</p><p>Ich wehrte mit einem Kopfsch�tteln ab, schirmte mit der Hand ein G�hnen ab und griff nach meinem Sherryglas, um mich dahinter zu verkriechen. Ich sp�rte, da� ich zuviel getrunken hatte, aber meine Lippen brannten vom langen Reden, und mein Gaumen f�hlte sich ausgetrocknet an, als h�tte ich wochenlang gedurstet. Ich <emphasis>war </emphasis>m�de, hundem�de sogar. Aber ich hatte zu lange nach Howard gesucht, um jetzt ins Bett zu gehen, als w�re nichts passiert.</p><p>�Danke�, sagte ich. �Aber ... es geht schon noch.� Ich wies mit einer Kopfbewegung zum Fenster. �Es lohnt ohnehin nicht mehr, sich schlafen zu legen. Ehe ich im Hotel bin, ist l�ngst Fr�hst�ckszeit.�</p><p>Howard runzelte die Stirn und sog wieder an seiner schweren Zigarre. Irgendwie, fand ich, pa�te sie nicht zu ihm. �Du kannst hier schlafen�, sagte er. �Es sind genug Betten frei.�</p><p>�Das geht nicht. Priscylla wartet im Hotel auf mich.�</p><p>F�r die Dauer eines Atemzuges sah er mich mit seltsamem Ausdruck an. �Priscylla�, wiederholte er nachdenklich. Ich hatte ihm von ihr erz�hlt, so, wie ich ihm nach und nach alles erz�hlt hatte, auch die Dinge, die ich eigentlich f�r mich hatte behalten wollen. In diesem Punkt �hnelte Howard meinem Vater - es war einfach unm�glich, ihm irgend etwas verheimlichen zu wollen.</p><p>�Ich w�rde sie gerne kennenlernen�, sagte er nach einer Weile. �Wenn du nichts dagegen hast.�</p><p>�Warum sollte ich?�</p><p>Er zuckte mit den Achseln, schnippte seine Asche in den Kamin und g�hnte hinter vorgehaltener Hand. Er mu�te ebenso m�de sein wie ich. Aber es gab noch so viel zu bereden. Howard hatte alles von mir erfahren, was er wissen wollte, aber ich selbst hatte nicht mehr als drei oder vier Fragen stellen k�nnen.</p><p>�Sie waren ein guter Freund meines Vaters?� fragte ich.</p><p>�Du�, murmelte Howard und g�hnte erneut. �Vergi� das �Sie�, Junge. Und um deine Frage zu beantworten: ich war der einzige Freund, den dein Vater hatte.� Etwas leiser und mit deutlich ver�nderter Stimme f�gte er hinzu: �So, wie er mein einziger Freund war.�</p><p>F�r einen Moment kam ich mir fast sch�big vor. Die Frage war so �berfl�ssig wie ein Kropf gewesen. �Woher kennen Sie ... woher kennt ihr euch?� fragte ich.</p><p>�Aus den Staaten.� Howard warf seine Zigarre in den Kamin, sah zu, wie sie prasselnd verbrannte, und nahm eine neue aus der ziselierten Silberschachtel neben sich. �Ich habe ihn kennengelernt, als ich im Zuge meiner Nachforschungen dr�ben in Amerika war. Lange, bevor du geboren wurdest, Robert. In seiner Heimatstadt.�</p><p>�Jerusalems Lot�, sagte ich.</p><p>Howard antwortete nicht darauf, sondern fuhr, nachdem er sich vorgebeugt und einen brennenden Span aus dem Feuer genommen hatte, um sich seine Zigarre anzuz�nden, fort: �Er lehrte mich vieles, Junge. Und ich ihm. Keiner von uns w�re heute ohne den anderen noch am Leben.� Er brach ab. F�r zwei, drei Sekunden verd�sterten sich seine Z�ge. Seine H�nde spannten sich um die Armlehnen seines Sessels, als wolle er sie zerbrechen. In seinem Gesicht zuckte ein Muskel.</p><p>�Es tut mir leid�, murmelte ich. �Wir m�ssen nicht dar�ber sprechen, wenn du nicht willst.�</p><p>Howard holte h�rbar Luft. �Oh, es geht schon�, sagte er. �Und du hast ein Recht, alles zu erfahren. Du bist schlie�lich der Sohn meines Freundes. Und sein Erbe.�</p><p>Etwas an der Art, in der er die letzten drei Worte aussprach, gefiel mir nicht.</p><p>�Wie meinst du das?� fragte ich.</p><p>�Hast du Geld?� fragte er anstelle einer direkten Antwort.</p><p>Ich schwieg einen Moment verwirrt, sch�ttelte aber dann den Kopf. �Nein�, gestand ich. �Ein paar Pfund. Um die Wahrheit zu sagen, reicht es nicht einmal, um die Rechnung im WESTMINSTER f�r Priscylla und mich zu begleichen. Der Kreditbrief, den mir mein Vater gab, ist in Goldspie verbrannt. Und von meinem Bargeld ist nicht mehr viel �brig.�</p><p>Howard nickte, als h�tte er nichts anderes erwartet.</p><p>�Ein Grund mehr, gleich morgen zu Dr. Gray zu gehen�, sagte er. �Oder heute. Heute ist ja schon morgen.�</p><p>�Dr. Gray?�</p><p>�Mein Anwalt�, erkl�rte Howard. �Und der deines Vaters. Mach dir keine Sorgen um die Hotelrechnung. Du bist reich, Robert.�</p><p>Ich war nicht sonderlich �berrascht. Ich hatte gewu�t, da� mein Vater ein verm�gender Mann war. Ein sehr verm�gender Mann sogar. Aber diese Frage interessierte mich im Moment nur am Rande.</p><p>Verwirrt griff ich nach meinem Glas, nippte an dem Sherry und stellte es behutsam auf den Tisch zur�ck. Meine H�nde zitterten.</p><p>Howard sah mich scharf an. �F�hlst du dich nicht wohl?� fragte er.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte ich rasch. �Das hei�t, doch. Ich ... bin schon okay. Es war nur alles ein bi�chen zuviel. Ich begreife nur die H�lfte, f�rchte ich.�</p><p>�Ich f�rchte, noch sehr viel weniger�, murmelte Howard. �Wenn das, was du mir erz�hlt hast, alles wirklich so geschehen ist, dann bist du in Gefahr, Junge.�</p><p>Beinahe h�tte ich gelacht. �Das ist mir nicht entgangen, Howard�, antwortete ich. �Ich verstehe nur nicht, warum.�</p><p>�Weil du Andaras Sohn bist�, antwortete er in einem Ton, als w�re diese Erkl�rung die nat�rlichste der Welt. �Und weil sich der Fluch der Hexen bis in die letzte Generation der Familie fortsetzt.�</p><p>Trotz des prasselnden Feuers im Kamin schien es pl�tzlich mehrere Grade k�lter im Raum zu werden. Ich schauderte.</p><p>�Aber es gibt einen Weg, diesen Fluch zu brechen, Robert�, fuhr Howard fort, als er mein Erschrecken bemerkte.</p><p>�Mein Vater hat es versucht�, sagte ich niedergeschlagen.</p><p>Howard schwieg einen Moment. �Das stimmt�, sagte er schlie�lich. �Aber mit den falschen Mitteln, Robert. Er konnte nicht wissen, da� sie einen der <emphasis>Big Old Ones, der GROSSEN ALTEN, </emphasis>auf ihrer Seite haben. H�tte er es gewu�t, h�tte er anders gehandelt.�</p><p>�Er hat es zumindest geahnt.�</p><p>Howard nickte. �Sicher. Aber auch dein Vater war nur ein Mensch, Robert, vergi� das nicht, wenn auch ein au�ergew�hnlicher. Und manchmal verschlie�en wir Menschen eben die Augen vor dem Unausweichlichen.� Wieder schwieg er einen Moment, und der Blick, mit dem er mich ma�, war von einer seltsamen Mischung aus menschlicher W�rme und Freundschaft und Sorge. �Zuerst einmal�, fuhr er dann mit ver�nderter Stimme fort, �m�ssen wir dich in Sicherheit bringen. Es war kein Zufall, da� du in Goldspie angegriffen worden bist. Sie haben deine Spur, und sie werden es wieder versuchen. Ich f�rchte, es wird selbst f�r jemanden, der �ber keinerlei au�ergew�hnliche F�higkeiten verf�gt, nicht sehr schwer sein, dich im WESTMINSTER aufzusp�ren. Dich oder dieses M�dchen.�</p><p>�Priscylla?�</p><p>Howard nickte. �Du h�ttest sie nicht mitbringen d�rfen, Robert�, sagte er ernst. �Sie ist eine Gefahr f�r dich.�</p><p>�Unsinn!� fuhr ich auf. �Sie h�tten sie umgebracht, wenn ich sie zur�ckgelassen h�tte. Priscylla ist f�r niemanden eine Gefahr. Sie ist das harmloseste Wesen, das ich jemals getroffen habe.�</p><p>Howard lachte leise. �Und offenbar bist du bis �ber beide Ohren in sie verliebt�, sagte er. �Aber du verstehst mich falsch. Was ich meine, ist, da� sie die Verfolger auf deine Spur bringen k�nnte. Es w�re das Kl�gste, wenn ihr euch trennen w�rdet.�</p><p>Ich antwortete nicht. Im Grunde hatte Howard vollkommen recht. Seine Gedanken waren mir nicht fremd. Ich hatte sie selbst gedacht, schon lange bevor wir �berhaupt nach London gekommen waren. Nein, ich verstand ihn schon. Das Dumme war nur, ich <emphasis>wollte </emphasis>ihn gar nicht verstehen.</p><p>�Reden wir morgen dar�ber�, schlug Howard vor, als ich nicht antwortete. �Wenn sie euch bis heute nicht aufgesp�rt haben, werden ein paar Stunden kaum noch eine Rolle spielen.�</p><p>�Ich trenne mich nicht von ihr�, sagte ich stur. Ich kam mir bei diesen Worten beinahe selbst albern vor. Ich benahm mich wie ein verliebter Primaner, das war mir klar. Aber es war mir auch egal.</p><p>Howard seufzte. �Wie gesagt�, murmelte er. �Wir reden sp�ter dar�ber.� Er stand auf, ging zu seinem Schreibtisch, �ffnete eine Schublade und kam mit einer Handvoll zusammengefalteter Banknoten zur�ck, die er mir reichte.</p><p>�Davon bezahlst du erst einmal deine und Priscyllas Hotelrechnung�, sagte er.</p><p>Ich wollte ablehnen, aber Howard lie� mich gar nicht erst zu Wort kommen. �Nimm es�, sagte er streng. �Und tu, was ich dir sage. Du kannst es mir ja wiedergeben, wenn es dich beruhigt. Betrachte es als Darlehen.�</p><p>�Ich ... ich wei� nicht, ob ich das annehmen kann�, sagte ich z�gernd.</p><p>Howard lachte schallend. �Nat�rlich kannst du es�, sagte er. �Warte, bis du mit Dr. Gray gesprochen hast, dann glaubst du mir. Du d�rftest einer der zehn reichsten M�nner des Landes sein.� Er deutete mit einer ungeduldigen Kopfbewegung auf die Geldscheine, und ich griff, wenn auch noch immer z�gernd, zu. �Ihr m��t aus diesem Hotel heraus�, sagte er. �Wenn ihr noch lange da wohnt, k�nnt ihr eure Namen auch gleich in die Zeitung setzen und eine Ausgabe nach Goldspie schicken.�</p><p>�Und wo ... sollen wir hin?� fragte ich. Pl�tzlich f�hlte ich mich furchtbar hilflos.</p><p>Howard �berlegte einen Moment. �Ich kenne eine Reihe von Leuten, die euch helfen werden�, sagte er nach einer Weile. �Vorerst k�nnt ihr hier bei mir wohnen. Den Komfort des WESTMINSTER kann ich zwar nicht bieten, aber daf�r ist es hier sicherer.�</p><p>Der Blick, mit dem ich mich umsah, schien ihn zu am�sieren. �La� dich nicht vom �u�eren Anschein t�uschen, Robert�, sagte er.</p><p>�Und die anderen G�ste?�</p><p>�Es gibt keine anderen G�ste hier�, sagte Howard. �Schon lange nicht mehr. Rowlf und ich sind die einzigen, die hier leben. Die Pension war schon seit Jahren geschlossen, als ich dieses Haus gekauft habe. Und Rowlf ist ein wahrer Meister darin, potentielle G�ste abzuwimmeln. Ihr seid sicher hier.�</p><p>Ich antwortete nicht mehr, sondern stand auf. Pl�tzlich f�hlte ich die M�digkeit mit aller Macht. �Ich glaube, es wird Zeit�, sagte ich. �Ich werde mich ein paar Stunden hinlegen und dann zusammen mit Priscylla zur�ckkommen.�</p><p>�Das ist nicht n�tig�, sagte Howard hastig. F�r einen ganz kurzen Moment hatte ich das Gef�hl, einen fast erschrockenen Ton in seiner Stimme zu h�ren, aber als ich den Blick hob und ihn ansah, war sein Gesicht so ausdruckslos wie zuvor.</p><p>�Wir treffen uns in der Stadt�, sagte er. �Gleich bei meinem Anwalt. Je eher wir die Formalit�ten hinter uns bringen, desto besser. Ich schreibe dir seine Adresse auf. Jeder Droschkenkutscher in der Stadt kann dich zu ihm bringen.� Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich herum, eilte zu seinem Schreibtisch und kritzelte etwas auf einen Zettel.</p><p>Ich steckte ihn ein, ohne einen Blick darauf zu werfen, leerte gegen besseres Wissen mein Sherryglas und nahm meinen Mantel von der Sessellehne. Mir war kalt. M�digkeit begann sich wie eine bleierne Decke �ber meine Glieder zu legen.</p><p>�Ich schicke Rowlf�, sagte Howard. �Er kann dir eine Kutsche besorgen. Es gibt einen Droschkenstand, eine knappe Meile von hier.�</p><p>Ich hielt ihn mit einem m�den Kopfsch�tteln zur�ck, warf den Mantel �ber meine Schultern und ging zur T�r. �Das ist nicht notwendig�, sagte ich. �Ich kann das St�ck zu Fu� gehen. Der arme Rowlf mu� genauso m�de sein wie wir. Und mir tut die frische Luft bestimmt gut.�</p><p>Howard runzelte die Stirn, aber ich gab ihm keine Gelegenheit, erneut zu widersprechen, sondern �ffnete die T�r und lief rasch den Korridor zum Ausgang hinab. Howard folgte mir, ging an mir vorbei, als ich stehenblieb, und �ffnete die T�r. Mir fiel auf, da� es au�er dem Schlo� und der Vorlegekette noch zwei weitere Riegel gab. Und etwas, das wie ein Riegel aussah, aber keiner war.</p><p>Der Schwall eisiger Luft, der mir entgegenschlug, als Howard die T�r �ffnete, lie� mich fr�steln. Ich zog den Mantel enger um die Schultern, trat einen Schritt aus dem Haus und sah mich mit einer Mischung aus Unbehagen und Erleichterung um.</p><p>Es war nicht mehr dunkel, aber es war auch noch nicht hell. Auf der Stra�e herrschte diese seltsame Mischung aus allm�hlich weichender Nacht und flackernder, grauer D�mmerung, in der man fast noch weniger sah als bei wirklicher Dunkelheit. Und es war kalt. Sehr kalt.</p><p>�Wann?� fragte ich.</p><p>Howard zog eine goldene Taschenuhr aus der Weste, klappte den Deckel auf und sah einen Moment schweigend auf das Zifferblatt. �Jetzt ist es f�nf�, murmelte er. �Bis du im Hotel bist und ein wenig ausgeruht hast ...� Er sah auf. �Sagen wir drei?�</p><p>�Um drei beim Anwalt�, best�tigte ich. Ich reichte ihm zum Abschied die Hand, wandte mich mit einem letzten, fl�chtigen L�cheln um und ging mit schnellen Schritten in die unwirkliche D�mmerung hinein.</p><empty-line/><p>�Ein miserabler Tag zum Angeln.�</p><p>Jerry French fuhr sich mit dem Handr�cken �ber das Gesicht, g�hnte ausgiebig und packte die Angelausr�stung fester, die er in einem schweren Leinensack wie ein Gewehr �ber der rechten Schulter trug. �Sogar ein ausgesprochen miserabler Tag zum Angeln�, f�gte er, etwas lauter, hinzu, als keiner seiner beiden Begleiter auf seine Bemerkung antwortete.</p><p>�Wie kommst du darauf?� fragte Glen, ohne ihn anzusehen. �Es ist sogar ein ausgesprochen guter Tag, um Flu�karpfen zu fangen.� Sie hatten das Flu�ufer erreicht. Glen blieb stehen, warf seine Angelausr�stung mit gekonntem Schwung in das kleine Boot, das als einziges an dem halbverrotteten Pier lag und in der Str�mung schaukelte, und sprang mit ausgebreiteten Armen hinterher. Der winzige Kahn legte sich ein wenig auf die Seite, so da� Wasser �ber seine niedrige Bordwand schwappte und sich in der Bilge sammelte.</p><p>French runzelte mi�mutig die Stirn. Die Vorstellung, sich dieser halbverrotteten Nu�schale anzuvertrauen, erf�llte ihn mit fast k�rperlichem Unbehagen. Im stillen verfluchte er sich selbst, da� er so leichtsinnig gewesen war, Glens Angebot anzunehmen. Er hatte es seit jeher f�r hirnrissig gehalten, vor Sonnenaufgang aufzustehen, sich stundenlang auf dem Flu� durchsch�tteln zu lassen und vor K�lte zu zittern, nur um Fische zu fangen, die er f�r ein paar Shilling an jeder Ecke kaufen konnte.</p><p>Glen l�chelte aufmunternd und machte eine einladende Geste. �Nun komm schon�, sagte er. �Du wirst sehen, es macht Spa�. Und solange sich der Nebel nicht hebt, f�hrt kaum ein Schiff auf dem Flu�. Es kann gar nichts passieren.�</p><p>French war da anderer Meinung. Voller Unbehagen dachte er daran, da� er nicht schwimmen konnte. Aber er war schon zu weit gegangen, um jetzt noch einen R�ckzieher zu machen, au�er, er wollte sich bis auf die Knochen blamieren. Z�gernd reichte er Glen sein Angelzeug und kletterte hinter Bobby ungeschickt ins Boot hinab.</p><p>Der Geruch des Flusses stieg ihm in die Nase, vermischt mit dem schwer in Worte zu fassenden, feuchtgrauen Aroma des Nebels. In diesem Punkt hatte Glen wahrscheinlich recht: Der Nebel lag wie eine substanzlose graue Masse �ber dem Flu� und verhinderte es, irgend etwas zu erkennen, das mehr als zehn oder allenfalls f�nfzehn Yards entfernt war, aber er w�rde auch die Flu�schiffer verscheuchen oder sie zumindest vom Ufer fernhalten. In den letzten Jahren waren die K�hne, die die Themse abw�rts ins nahe London fuhren, immer gr��er geworden, so da� sie sich ohnehin mehr in den tieferen Gew�ssern der Flu�mitte aufhalten mu�ten. Trotzdem gefiel ihm der Gedanke, sich dem zerbrechlich aussehenden Boot anzuvertrauen, mit jedem Augenblick weniger.</p><p>Glen und Bobby lie�en sich ohne ein weiteres Wort auf den schmalen h�lzernen Sitzb�nken nieder. Glen griff nach den Riemen, l�ste sie aus ihren Halterungen und tauchte die Ruder ins Wasser. French setzte sich hastig hin, als die Schaukelbewegungen des Bootes st�rker wurden und sich die stumpfe Nase des Kahnes vom Ufer weg und zur Flu�mitte hindrehte.</p><p>�Keine Angst�, sagte Glen mit gutm�tigem Spott. �Wir rudern nur ein paar Yards weit hinaus. Hier ist eine gute Stelle, gar nicht weit vom Ufer entfernt.�</p><p>French antwortete mit einem knappen Kopfnicken. Sein Blick wanderte �ber das Ufer, das schon jetzt nur noch als gr�nbraun gef�rbter Schatten durch den Nebel hindurch sichtbar war, glitt weiter und tastete auf das Wasser hinaus. Die Themse war ungew�hnlich ruhig an diesem Morgen, als h�tte der Nebel nicht nur das Licht der D�mmerung, sondern auch die Bewegung der Wellen verschluckt, und das regelm��ige Klatschen, mit dem die Ruder ins Wasser tauchten, erschien ihm �berm��ig laut.</p><p>Sie entfernten sich etwa drei�ig Yards vom Ufer, ehe Glen die Ruder einzog und einen schweren Eisenklotz, an dem eine rostige Kette befestigt war, als Anker �ber Bord warf. �So�, sagte er augenzwinkernd. �Und jetzt werden Bobby und ich dich in die Geheimnisse des Fischfangs einweisen, Kleiner. Du wirst sehen, wenn du einmal auf den Geschmack gekommen bist, willst du gar nicht mehr damit aufh�ren.�</p><p>French bezweifelte das, �ffnete aber resignierend seinen Leinensack und begann, die in vier oder f�nf Teile zerlegte Angel herauszunehmen und zusammenzusetzen. Sehr geschickt stellte er sich dabei nicht an. Glen setzte seine eigene Angel mit wenigen, ge�bten Handgriffen zusammen, sah ihm einen Moment kopfsch�ttelnd zu und half ihm dann.</p><p>�Siehst du�, sagte er gutgelaunt, �so macht man das. Du nimmst den Handgriff und befestigst die Rolle so, da� -�</p><p>French fuhr mit einer so abrupten Bewegung hoch, da� das Boot wild zu schaukeln begann und Glen verdutzt mitten im Satz innehielt. �Was hast du?� fragte er.</p><p>French winkte ab und starrte sekundenlang aus zusammengekniffenen Augen auf den Flu� hinaus.</p><p>�Was ist?� fragte Glen noch einmal.</p><p>�Ich ... ich dachte, ich h�tte etwas geh�rt ...�, antwortete French, ohne den Blick vom Flu� zu nehmen.</p><p>�Geh�rt?� Glen runzelte die Stirn, blickte einen Moment wie er auf das Wasser hinaus und wandte sich an Bobby, der seine Angel bereits zusammengesetzt hatte und schweigend einen K�der am Haken befestigte.</p><p>Bobby sch�ttelte den Kopf, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Er sprach so gut wie nie.</p><p>�Ich ... ich mu� mich wohl get�uscht haben�, murmelte French. �Tut mir leid.�</p><p>Glen l�chelte g�nnerhaft, winkte ab und setzte seine Angel vollends zusammen. �Ja�, sagte er. �Wird wohl so sein. Aber mach dir nichts draus.�</p><p>French nickte. Aber er war sicher, da� er sich nicht get�uscht hatte. Das Ger�usch war da gewesen: ein schweres, helles Rauschen und Platschen. Fast, dachte French schaudernd, als w�re etwas Schweres vom Ufer ins Wasser geglitten.</p><p>Er ertappte sich dabei, wie sein Blick beinahe gehetzt zum Ufer glitt und die Wasserfl�che zwischen dem gr�nen Streifen und dem Boot absuchte. Fr�stelnd zog er den Mantel enger zusammen. Der Wind schien eine Spur k�lter geworden zu sein.</p><p>Glen warf die Leine mit einem kraftvollen Schwung. Der Haken klatschte f�nf oder sechs Yards vom Boot entfernt ins Wasser; die Leine spulte sich surrend von der Rolle ab. Glen nickte zufrieden, drehte sich halb herum und dr�ckte French die Angel in die H�nde.</p><p>�Siehst du?� sagte er. �Alles, was du jetzt noch zu tun hast, ist warten.� Er l�chelte aufmunternd, warf seine eigene Angel aus und lehnte sich zur�ck. Bobby war bereits in der f�r Angler typischen Haltung nach vorne gesunken.</p><p>French starrte mit gemischten Gef�hlen aufs Wasser hinaus.</p><p>Er war sicher, das seltsame Ger�usch geh�rt zu haben. Aber es konnte tausend m�gliche Erkl�rungen daf�r geben, und es hatte wenig Sinn, sich jetzt selbst verr�ckt zu machen. Er war m�de, schlecht gelaunt, der Nebel war ihm unheimlich und er fror, und das war alles.</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter h�rte er das Ger�usch wieder. Diesmal war es n�her, und anders. Diesmal h�rte es sich an, als glitte irgend etwas Gro�es und Schweres auf das Boot zu.</p><p>Er kam nicht dazu, Glen oder Bobby auf die neuerliche Unterbrechung der morgendlichen Stille aufmerksam zu machen. Bobbys Angel zuckte, als risse jemand mit aller Kraft am Ende der Leine. Bobby fluchte verwirrt, richtete sich halb auf und stemmte sich mit aller Kraft gegen den Bootsrand.</p><p>�Warte!� sagte Glen rasch. Er dr�ckte French seine eigene Angel in die Hand, stand auf und eilte mit einem Schritt an Bobbys Seite, um ihm zu helfen. Aber selbst ihre vereinten Kr�fte schienen kaum ausreichend, dem ungeheuren Zug zu widerstehen. Die Angelrute bog sich durch wie eine Bogensehne; die Leine war so straff gespannt, da� sie zu singen begann. �Verdammt!� keuchte Glen. �Das mu� ja ein Riesenvieh sein, das da angebissen hat!�</p><p>Irgend etwas Gro�es, Formloses und Dunkles zeichnete sich unter der Wasseroberfl�che ab. French wollte einen Warnschrei aussto�en, aber er kam nicht mehr dazu.</p><p>Ein harter Sto� traf das Boot, gleichzeitig wurde die Leine mit einem ungeheuer kraftvollen Ruck nach vorne gerissen. Glen schrie �berrascht auf, verlor das Gleichgewicht und rutschte auf den feuchten Planken aus.</p><p>Bobby hatte weniger Gl�ck. Vielleicht war er auch einfach nur zu stur, um die Angel loszulassen. Mit einem kr�chzenden Schrei kippte er nach vorne, hing einen Moment in einer geradezu unm�glichen Haltung, die Fauste noch immer um seine Rute gekrampft, schr�g �ber dem Bootsrand und fiel klatschend ins Wasser.</p><p>Glen war mit einem Fluch wieder auf den Beinen, klammerte die H�nde um den Bootsrand und beugte sich vor, so weit er konnte. Von Bobby war keine Spur mehr zu sehen. Das Wasser schien zu kochen, wo er versunken war.</p><p>Auch French warf seine Angeln zu Boden und kniete neben ihm nieder. Das Boot schaukelte wild, und wieder glaubte er, einen Schatten unter der Wasseroberfl�che zu erkennen. Einen ungeheuer <emphasis>gro�en </emphasis>Schatten.</p><p>�Er ... er taucht nicht wieder auf�, keuchte er. �Glen, er taucht nicht wieder auf!�</p><p>Glen schnitt ihm mit einer abrupten Bewegung das Wort ab. �Red keinen Unsinn�, sagte er. �Bobby schwimmt wie ein Fisch. Und das Wasser ist hier nicht tief.� Aber seine Stimme klang gepre�t, und seine Worte waren eher zu seiner eigenen Beruhigung gedacht. Es war noch nicht viel Zeit vergangen, seit Bobby �ber Bord gefallen war - vielleicht f�nf Sekunden, kaum mehr -, und trotzdem h�tte er l�ngst wieder auftauchen m�ssen.</p><p>Er tat es nicht.</p><p>Statt dessen begann sich das Wasser dort, wo er versunken war, dunkel zu f�rben ...</p><p>French hatte das Gef�hl, von einem eiskalten Hauch gestreift zu werden, als er sah, wie zwischen den sprudelnden Luftblasen, die noch immer dort, wo Bobby versunken war, an die Oberfl�che stiegen, dunkelrote Schlieren und Flecke auftauchten, sich verteilten und das Wasser rings um das Boot langsam rose zu f�rben begannen.</p><p>�Blut!� keuchte er. <emphasis>�Glen, das ist Blut! Das ist -�</emphasis></p><p>Ein ungeheurer Schlag traf das Boot. Frenchs und Glens �berraschte Schreie gingen in einem unglaublichen Krachen und Splittern unter, als das winzige Ruderboot von einer Titanenfaust gepackt und meterhoch in die Luft geschleudert wurde. Etwas Gro�es, ungeheuer <emphasis>Gro�es </emphasis>brach sch�umend aus dem Flu�. French �berschlug sich in der Luft, klatschte mit erbarmungsloser Wucht ins Wasser zur�ck und griff blindlings um sich. Er bekam irgend etwas zu fassen, klammerte sich instinktiv mit aller Kraft fest und strampelte wild mit den Beinen.</p><p>Irgendwie schaffte er es, an die Wasseroberfl�che zu kommen, ein St�ck des zerborstenen Bootes zu ergreifen und sich daran festzuklammern. Gierig sog er die Luft ein, strampelte weiter mit den Beinen und versuchte, sich gleichzeitig fester an seinen Halt zu klammern. Wenn er ihn loslie�, war er verloren. Das Wasser mochte hier noch nicht tief sein, aber er konnte nicht schwimmen, und zum Ertrinken war es allemal tief genug.</p><p>French atmete ein paarmal tief durch, k�mpfte die Panik, die seine Gedanken zu umnebeln drohte, mit aller Macht nieder und drehte den Kopf nach rechts und links. Das Boot war zerborsten, als w�re es von einer Kanonenkugel getroffen worden, aber weder von Glen noch von Bobby war die geringste Spur zu sehen.</p><p>Irgend etwas ber�hrte seine Beine. Etwas Kaltes, Glattes, Schleimiges.</p><p>French erstarrte f�r die Dauer eines Herzschlags und senkte den Blick. Unter ihm huschte ein Schatten durchs Wasser - ein gro�er und massiger Schatten -, bewegte sich ein St�ck von ihm weg und begann langsam zu wachsen.</p><p>Das Wasser barst in einer sch�umenden Explosion auseinander. Etwas Gigantisches und Graues und Schleimiges wuchs aus den kochenden Fluten der Themse, b�umte sich zu unm�glicher H�he auf und starrte aus t�ckisch glitzernden Augen auf French herab.</p><p>French begann zu schreien.</p><p>Aber er schrie nicht sehr lange.</p><empty-line/><p>Die K�lte h�llte mich ein wie ein eisiger Mantel. Die Stra�en waren verlassen, selbst f�r die fr�he Stunde ungew�hnlich leer, als w�re dieser Teil Londons ausgestorben. Ich hatte meinen Entschlu�, Howards Angebot auszuschlagen und zu Fu� zu gehen, schon nach wenigen Minuten bereut; der Droschkenstand, den ich auf dem Herweg gesehen hatte, war leer und verwaist gewesen - wer brauchte schon morgens um f�nf eine Droschke, noch dazu in diesem Teil der Stadt? Aber ich war auch zu stolz, um zur�ckzugehen und sein Angebot im nachhinein doch noch anzunehmen. Au�erdem schlief er wahrscheinlich schon l�ngst, und ich wollte ihn nicht zum zweiten Mal aus dem Bett klingeln. So ging ich einfach weiter. Schlimmstenfalls w�rde ich den Weg zum WESTMINSTER eben zu Fu� zur�cklegen. Ein Spaziergang von einer Stunde w�rde mir nur guttun, nach der langen, durchwachten Nacht in Howards rauchverpesteter Bibliothek.</p><p>Und im Grunde war ich ganz froh, f�r eine Weile allein zu sein. Ich vertraute Howard, aber was er mir erz�hlt hatte, war einfach zu viel, um es in wenigen Augenblicken verarbeiten zu k�nnen. Und ich sp�rte - ohne dieses Gef�hl konkret begr�nden zu k�nnen -, da� er mir mehr verschwiegen als mitgeteilt hatte. Diesen Mann umgab nicht <emphasis>ein </emphasis>Geheimnis, sondern gleich ein ganzes Netz.</p><p>Meine Schritte erzeugten seltsame klackende Echos auf dem feuchten Kopfsteinpflaster der Stra�e. Der Nebel, der anfangs nur in d�nnen Schwaden hier und da in der Luft gehangen hatte, hatte sich in den letzten Minuten verst�rkt, im gleichen Ma�e, in dem die Nacht gewichen war, so da� es trotz der immer rascher hereinbrechenden D�mmerung nicht heller wurde.</p><p>Ich zog den Mantel enger um die Schultern, senkte den Kopf und ging schneller. Meine Hand glitt, ohne da� ich es im ersten Augenblick selbst merkte, unter den Mantel und schmiegte sich um den Griff des Stockdegens. Irgendwie beruhigte mich das Gef�hl, eine Waffe zu haben. Die Gegend, in der Howards Pension lag, war nicht umsonst verrufen. Und ich hatte wieder das gleiche, bedr�ckende Gef�hl wie am vergangenen Abend - das Gef�hl, von unsichtbaren Augen aus dem Nebel heraus angestarrt und beobachtet zu werden ...</p><p>Es war nicht nur ein Gef�hl.</p><p>Ein Schatten tauchte vor mir im Nebel auf und verschwand wieder, zu schnell, als da� ich ihn erkennen konnte, dann h�rte ich das hastige, von den grauen Schwaden ged�mpfte Trappeln von Schritten.</p><p>Abrupt blieb ich stehen. Meine Hand legte sich etwas fester um den Degengriff, aber ich zog die Waffe noch nicht. Wenn man mir wirklich auflauerte, dann war es vielleicht besser, den Burschen noch nicht zu zeigen, da� ich nicht ganz so wehrlos war, wie sie zu glauben schienen.</p><p>Mein Blick bohrte sich in das wogende Grau, das mich umgab. Pl�tzlich fiel mir auf, wie eisig es geworden war. Meine H�nde und mein Gesicht prickelten vor K�lte, und mein Atem bildete d�nne W�lkchen vor meinem Gesicht.</p><p><emphasis>�Robert...�</emphasis></p><p>Die Stimme war nur ein Hauch, nicht mehr als das Rascheln des Windes in der Krone eines Baumes, und sie klang unwirklich und d�nn und schien aus allen Richtungen zugleich zu kommen. Wieder sah ich - oder bildete es mir wenigstens ein - einen Schatten, aber wieder verschwand er zu schnell, um ihn wirklich zu erkennen.</p><p><emphasis>�Roooobeeeert ...�</emphasis></p><p>Verwirrt starrte ich in den Nebel. F�r einen ganz kurzen Moment glaubte ich, die Stimme meines Vaters zu erkennen, aber das war nur ein Wunsch, an den ich mich f�r eine Sekunde klammerte. Ein scharfer, irgendwie b�ser Unterton schien darin mitzuschwingen. Schritte trappelten hinter mir auf dem Stein, dann h�rte ich ein leises, kehliges Lachen.</p><p>�Wer ist da?� fragte ich. Meine Stimme klang nicht ganz so fest, wie ich es gerne gehabt h�tte. Meine H�nde zitterten.</p><p><emphasis>�Rooooooooooo ... beeeeeert...�</emphasis></p><p>Nur dieses eine Wort, mein Name, mehr nicht. Und trotzdem lie� mich der Klang dieser unheimlichen Stimme bis ins Mark erschauern. Ich sah mich noch einmal nach allen Seiten um, atmete h�rbar ein und ging weiter. Nur mit M�he unterdr�ckte ich den Impuls, einfach loszurennen, so schnell ich konnte.</p><p><emphasis>�Robert�, </emphasis>wisperte die Stimme. <emphasis>�Komm zu mir.�</emphasis></p><p>Ich ging schneller und versuchte gleichzeitig, die Stimme zu ignorieren. Es ging nicht. Obwohl sie so leise war, da� die Worte mehr zu erraten als wirklich zu verstehen waren, war sie von einem suggestiven, befehlenden Zwang, der es mir unm�glich machte, sie zu �berh�ren. Ich konnte immer noch nicht sagen, aus welcher Richtung sie kam. Es schien, als dr�nge sie aus dem Nebel, aus allen Richtungen zugleich. Als w�re es der Nebel selbst, der zu mir sprach ...</p><p>Vor mir schimmerte ein Licht durch die graue D�mmerung. Ich blieb stehen. Das Licht flackerte und war sehr schwach, aber es war nicht das Licht einer Gaslaterne; auch nicht die Lampen eines Wagens, der sich vielleicht in diese Gegend verirrt hatte. Es war ... etwas Unheimliches in diesem Licht.</p><p><emphasis>�Robert. Komm zu mir.�</emphasis></p><p>Diesmal klang die Stimme befehlend, hart. Ich machte einen Schritt, blieb abermals stehen und versuchte angestrengt, mehr als den flackernden gr�nlichen Schein zu erkennen.</p><p>Das Licht waberte und wogte auf sonderbare Art; fast, als w�rde es leben. Sein Schein war vom Nebel ged�mpft, aber ich erkannte trotzdem die giftgr�ne, unheimliche F�rbung, die ihm anhaftete, und f�r einen kurzen Moment schien mich etwas Unsichtbares, Eisiges zu streifen.</p><p>Dann trat eine Gestalt aus dem Licht.</p><p>Die Gestalt meines Vaters.</p><p>Trotz des immer dichter werdenden Nebels erkannte ich ihn sofort; das schmale, von einem pedantisch ausrasierten Bart eingerahmte Gesicht mit den brennenden Augen, der sp�ttisch verzogene Mund, der gezackte Blitz schlohwei�en Haares �ber seiner rechten Braue ...</p><p>�Vater ...�</p><p>Er trat ein St�ck auf mich zu, blieb jedoch in drei, vier Schritten Abstand stehen und sah mich mit undeutbarem Ausdruck an. Ganz schwach konnte ich die Umrisse des Hauses durch seinen K�rper schimmern sehen.</p><p>�Robert�, sagte er. �Ich habe dich gerufen. Warum bist du nicht stehengeblieben?�</p><p>Ich wollte antworten, aber ich konnte es nicht. Irgendwo, tief, tief in mir, begann eine warnende Stimme zu fl�stern, aber da war auch etwas, das sie niederhielt. Etwas, das nicht aus mir selbst kam. Anders als die Male zuvor erf�llte mich die halb durchsichtige Gestalt vor mir mit Furcht. Meine Kehle f�hlte sich trocken an. Sie schmerzte.</p><p>�Was ... was willst du?� fragte ich m�hsam.</p><p>�Was ich will?� Mein Vater l�chelte verzeihend. �Dir helfen, Robert. Warum hast du nicht auf mich gewartet, in Goldspie?�</p><p>�Ge ... wartet?� Warum fiel es mir nur so schwer zu sprechen? Einen klaren Gedanken zu fassen?</p><p>�Ich habe deine Spur verloren�, sagte er. �Aber jetzt habe ich dich ja wiedergefunden.� Pl�tzlich �nderte sich etwas in seinem Blick. �Du bist in Gefahr, Robert�, sagte er. �In gr��erer Gefahr, als du ahnst.�</p><p>�Ich ... wei߫, sagte ich schleppend. Hinter meinen Schl�fen begann sich ein dumpfer, qu�lender Druck bemerkbar zu machen.</p><p>�O nein�, sagte Andara sp�ttisch. �Du wei�t es nicht, Robert. Du <emphasis>glaubst </emphasis>es zu wissen, aber dabei �bersiehst du die wirkliche Gefahr. Geh nicht zur�ck zu Howard.�</p><p>�Nicht zur�ck zu Howard?� echote ich d�mmlich. �Wie meinst du das?�</p><p>Ein rascher Schatten von Ungeduld, beinahe Zorn, huschte �ber die Z�ge meines Vaters, etwas, das ich noch nie an ihm bemerkt hatte. �Wie ich es sage, mein Sohn�, sagte er. �Howard ist nicht der, f�r den du ihn h�ltst.�</p><p>�Aber du ... du hast mich doch selbst ... selbst zu ihm geschickt�, sagte ich hilflos. Der Druck in meinem Kopf wurde schlimmer, qu�lender. Es war, als l�ge ein unsichtbarer Stahlreifen um meinen Sch�del, der langsam zusammengezogen wurde.</p><p>�Ich habe dich zu meinem Freund Howard geschickt�, best�tigte er, �das stimmt. Doch nicht zu <emphasis>diesem </emphasis>Howard.�</p><p>�Dann gibt es ... einen anderen?�</p><p>Andara sch�ttelte den Kopf. �Ja und nein�, sagte er. �Howard ist tot, schon lange. Er starb, kurz nachdem Yog-Sothoth unser Schiff vernichtete. Die Hexen von Jerusalems Lot haben seine Spur gefunden und ihn gegen einen der Ihren ausgetauscht. Wenn du dich noch einmal mit ihm triffst, wird er dich vernichten, Robert. Er h�tte es schon heute getan, aber er war �berrascht �ber dein Auftauchen. Und er wollte dich wohl auch aushorchen. Was hast du ihm erz�hlt?�</p><p>Ich konnte kaum noch denken. Der Schmerz trieb mir die Tr�nen in die Augen. �All ... alles�, antwortete ich keuchend. �Ich ... ich dachte, ich ... ich k�nnte ihm vertrauen.�</p><p>Mein Vater seufzte. �Das habe ich bef�rchtet�, sagte er. �Aber noch ist es nicht zu sp�t. Er wei� nichts davon, da� ich noch existiere.� Er lachte; leise, b�se und so kalt, da� ich schauderte. �Komm mit mir, Robert�, sagte er. �Wir holen Priscylla und gehen an einen Ort, an dem er dir nicht mehr schaden kann.�</p><p>Er streckte die Hand aus, trat einen weiteren Schritt auf mich zu und l�chelte aufmunternd. Mein Arm zuckte. Instinktiv wollte ich nach seiner Hand greifen - aber irgend etwas hielt mich zur�ck.</p><p>�Komm, Robert�, sagte er noch einmal.</p><p>Der Schmerz trieb mir die Tr�nen in die Augen. Ich st�hnte, wankte einen Moment und machte einen halben Schritt zur�ck. Er kostete mich alle Kraft, die ich hatte. Der Schmerz in meinem Sch�del steigerte sich zu einem m�rderischen H�mmern.</p><p>�Du ... bist... nicht... nicht mein Vater�, w�rgte ich hervor.</p><p>Andaras Blick wurde eisig. Sein Gesicht flackerte, als versuche etwas anderes, Finsteres, durch seine Z�ge zu brechen.</p><p>�Nicht dein Vater?� wiederholte er lauernd.</p><p>M�hsam sch�ttelte ich den Kopf. �Ich ... wei� nicht, wer du bist�, keuchte ich. Ich hatte kaum noch die Kraft zu stehen. �Aber du bist... nicht mein Vater. Du bist nicht Roderick Andara.�</p><p>Der Schmerz erlosch so abrupt, als w�re er abgeschaltet worden. Ich seufzte h�rbar, taumelte einen Moment vor Erleichterung und fuhr mit dem Handr�cken �ber die Augen.</p><p>Andaras Gestalt flackerte. F�r den Bruchteil eines Lidzuckens wurde sie vollends durchsichtig, so da� ich die wogenden Nebelschleier hinter ihr erkennen konnte, dann verdichteten sich die Schatten, aus denen sein K�rper bestand, erneut.</p><p>Aber nicht mehr zur Gestalt eines Menschen.</p><p>Ein ungl�ubiger Schrei entrang sich meiner Kehle, als ich sah, was sich aus wirbelndem Nichts und Nebel vor mir zusammenballte.</p><p>Das <emphasis>Ding </emphasis>sah aus wie ein Mensch, das hei�t, es hatte einen Kopf, einen K�rper, zwei Beine und zwei Arme - aber damit h�rte die �hnlichkeit auch schon auf. Es war gro� wie ein B�r und wom�glich noch massiger, und sein K�rper schien zur G�nze aus einer gr�nlichen, schleimigen Masse zu bestehen, einer wabbelnden Gallerte, die in best�ndiger Bewegung war und immer wieder auseinanderzuflie�en und sich neu zu formen schien. Seine H�nde waren glitschige Klumpen ohne sichtbare Finger oder Daumen.</p><p>Entsetzt taumelte ich zur�ck. Das Ungeheuer stie� einen widerlichen, blubbernden Laut aus, hob in einer nur scheinbar schwerf�lligen Bewegung einen Fu� vom Boden und torkelte auf mich zu. Seine gewaltigen Arme griffen gierig in meine Richtung.</p><p>Mit einer verzweifelten Bewegung sprang ich zur�ck, ri� den Stockdegen unter dem Mantel hervor und duckte mich. Irgend etwas sagte mir, da� das <emphasis>Ding </emphasis>zwar schwerf�llig und plump aussah, es aber nicht war. Der Gedanke, ihm den R�cken zuzudrehen, war mir unertr�glich.</p><p>Das Monstrum griff an. Sein ganzer K�rper schien in eine einzige, wabbelnde Bewegung zu geraten; es <emphasis>flo� </emphasis>mehr auf mich zu, als da� es lief. Ich sprang zur Seite, schwang meine Waffe und stie� mit der nadelspitzen Klinge nach der Stelle, an der bei einem Menschen das Gesicht gewesen w�re.</p><p>Der Stahl drang mit einem ekelhaften Patschen fast eine Handbreit in die gr�nschillernde Masse ein. Ich hatte das Gef�hl, in einen z�hen Sirup gesto�en zu haben. Ein m�rderischer Ruck ging durch die Klinge und setzte sich als vibrierender Schmerz bis in meine Schulter hinauf fort. Nur mit M�he konnte ich verhindern, da� mir die Waffe aus der Hand gerissen wurde. Gleichzeitig st�rmte das Monster weiter vor und griff mit seinen schrecklichen Armen nach mir.</p><p>Ich schrie vor Schmerz, als mich seine H�nde ber�hrten. Das scheu�liche �u�ere des Ungeheuers suggerierte eine Kraftlosigkeit, die es nicht gab. Seine H�nde waren wie Stahlklauen. Meine Rippen knackten, als sich seine Arme in einer t�dlichen Umklammerung um meinen Oberk�rper legten. Pfeifend entwich die Luft aus meinen Lungen.</p><p>Blind vor Schmerz und Angst ri� ich den Degen hoch, packte ihn wie einen Dolch mit beiden H�nden und stie� ihn bis ans Heft in die Schulter des Monsters.</p><p>Ein schmerzhaftes Zucken lief durch den K�rper des Horrorwesens. Sein Griff lockerte sich; nur eine Winzigkeit und nur f�r den Bruchteil einer Sekunde.</p><p>Aber dieser winzige Augenblick gen�gte mir. Die Angst gab mir die Kr�fte eines Riesen. Mit einer verzweifelten Anstrengung sprengte ich seinen Griff, taumelte r�cklings davon und fiel schwer auf den R�cken. Mein Gegner stie� einen grauenhaften, marschig klingenden Laut aus, torkelte in der entgegengesetzten Richtung davon und k�mpfte m�hsam um sein Gleichgewicht. Der Stockdegen steckte noch immer in seiner Schulter; sein runder Knauf ragte wie ein bizarres Schmuckst�ck aus der gr�nschillernden Masse, aus der sein K�rper bestand.</p><p>Er wankte. Ein tiefes, gequ�ltes St�hnen entrang sich seiner Brust. Die H�nde fuhren haltlos durch die Luft. Langsam, als wehre er sich noch immer mit der ganzen Kraft seines titanischen K�rpers, sackte er in die Knie, st�tzte sich einen Moment mit den Armen ab und sank dann ganz nach vorne.</p><p>Dann begann er auseinanderzuflie�en. Die gr�ne Masse, aus der sein Leib bestand, schien von einer Sekunde auf die andere ihren Halt zu verlieren. D�nne, glitzernde Schleimf�den tropften zu Boden, gefolgt von faustgro�en Klumpen und Brocken.</p><p>Es ging unheimlich schnell. Der Leib des Unholds zerflo� zu einer wabbelnden, am�benartigen Masse ohne sichtbare Glieder, flo� weiter auseinander und zerlief zu einer brodelnden Pf�tze gr�nlichwei� schimmernder, z�her Fl�ssigkeit.</p><p>Langsam richtete ich mich auf. Meine H�nde und Knie zitterten, und der furchtbare Anblick lie� meinen Magen rebellieren, aber ich zwang mich, weiter zuzusehen und trat nach einigen Sekunden sogar einen Schritt n�her.</p><p>Von dem Monster war nichts mehr zu entdecken. Auf dem Kopfsteinpflaster vor mir breitete sich eine schillernde, fast f�nf Meter durchmessende Pf�tze aus. Schillernde Blasen stiegen an ihre Oberfl�che und zerplatzten lautlos, und als ich mich noch ein St�ck weiter vorwagte, stieg mir ein atemberaubender Gestank in die Nase.</p><p>Und um ein Haar h�tte mich meine Neugier das Leben gekostet.</p><p>Aus der schillernden Pf�tze scho� ein d�nner gr�ner Faden, ringelte sich um mein Bein und brachte mich mit einem Ruck aus dem Gleichgewicht. Ich schrie auf, fiel zum zweiten Mal auf den R�cken und versuchte verzweifelt, mein Bein loszurei�en. Es ging nicht. Der Faden war nicht viel st�rker als mein kleiner Finger, aber er verf�gte �ber schier unglaubliche Kraft. Ich sp�rte, wie meine Haut aufri� und Blut an meinem Fu� herablief. Und der Strang zog sich weiter zusammen. Der Schmerz war furchtbar.</p><p>Mit einer verzweifelten Bewegung warf ich mich herum und stemmte mich hoch, so weit es meine bizarre Fessel zulie�.</p><p>Im Zentrum der Pf�tze begannen mehr Blasen aufzusteigen. Die Fl�ssigkeit kochte und brodelte. Gr�nbraune Schlieren bildeten sich, begannen wie rasend zu wirbeln und aufeinander zuzugleiten, dann stieg ein faustgro�er Klumpen an die Oberfl�che und begann zu wachsen.</p><p>Der Anblick lie� mich f�r einen Augenblick sogar den Schmerz vergessen. <emphasis>Das Ungeheuer begann sich neu zu formen!</emphasis></p><p>Ich schrie erneut auf und warf mich noch einmal mit aller Gewalt zur�ck, aber das einzige Ergebnis war, da� der Schleimfaden noch tiefer in mein Fleisch schnitt. Verzweifelt sah ich mich um. Die Stra�e war leer, nirgends war etwas zu sehen, das ich auch nur entfernt als Waffe h�tte benutzen k�nnen, und wenn die Anwohner der Stra�e meine verzweifelten Schreie �berhaupt h�rten, so bem�hten sie sich vermutlich geflissentlich, sie zu �berh�ren.</p><p>Mein Degen! Wo war mein Degen? Mein Blick tastete �ber die brodelnde Pf�tze, verharrte einen Moment an dem wabbelnden, rasch gr��er werdenden Klumpen in ihrem Zentrum und glitt weiter. Es w�rde nur noch Augenblicke dauern, bis das Ungeheuer in alter Macht wiedererstanden war. Und ein zweites Mal w�rde ich keine Chance haben.</p><p>Ich entdeckte die Waffe. Sie lag nicht einmal sehr weit von mir weg - aber sie befand sich unter einer brodelnden Schicht gr�ner Fl�ssigkeit, im Herzen der Pf�tze ...</p><p>Als h�tte das Ungeheuer meine Gedanken gelesen, zerrte der Faden mit einem heftigen Ruck an meinem Fu�gelenk und zog mich ein St�ckweit auf die Pf�tze zu. Ich schrie auf, schrammte mit dem Gesicht �ber das harte Pflaster, als mich die pl�tzliche Bewegung wieder nach vorne fallen lie�, drehte mich mit einer Kraft, von der ich selbst nicht wu�te, woher sie kam, noch einmal auf den R�cken und streckte den Arm aus.</p><p>F�r einen Moment war der Ekel fast st�rker als meine Furcht, Meine Finger verharrten wenige Millimeter �ber der Oberfl�che der brodelnden Pf�tze. Ich sp�rte die W�rme, die von der Fl�ssigkeit ausging. Der Gestank wurde �berm�chtig und nahm mir den Atem. Dann �berwand ich meinen Widerwillen und schlo� die Finger um den Degen.</p><p>Es war ein Gef�hl, als h�tte ich in S�ure gegriffen. Meine Haut brannte, als w�rde sie in Streifen von meinem Fleisch gezogen. D�nne, schleimige F�den krochen an meinem Handgelenk empor und ringelten sich um meinen Unterarm. Ich warf mich mit einem verzweifelten Ruck zur�ck und ri� dabei den Degen mit mir.</p><p>Die Klinge blitzte auf. Blind vor Schmerz und Angst warf ich mich herum, zerrte mit aller Gewalt an dem d�nnen Faden und lie� den Degen heruntersausen.</p><p>Der geschliffene Stahl durchtrennte den Strang beinahe widerstandslos. Die Klinge schlug gegen den Boden und federte mit einem schmerzhaften Ruck zur�ck. Der abgetrennte Stumpf des Monsterarmes peitschte wild hin und her. Ich kroch zur�ck, stemmte mich hastig auf die Knie hoch und streifte das Ende des Fadens, das noch immer an meinem Fu�gelenk klebte, angeekelt ab.</p><p>F�r einen Moment wurde mir �bel. Die Anstrengungen des Kampfes und der Schmerz waren zuviel gewesen. Ich wankte, k�mpfte den Brechreiz mit aller Macht nieder und erhob mich taumelnd. M�hsam hob ich den Kopf.</p><p>Der Anblick traf mich wie ein Schlag.</p><p>Aus dem Zentrum der rasch kleiner werdenden Pf�tze wuchs ein gewaltiges, gr�nschillerndes Monstrum hervor. Sein gesichtsloser Sch�del hob sich und starrte in meine Richtung ...</p><p>Ich ri� mich von dem bizarren Anblick los, fuhr herum und rannte, so schnell ich konnte. Mein Fu� schmerzte unertr�glich. Eine d�nne Spur glitzernder roter Tropfen blieb auf dem Stra�enpflaster hinter mir zur�ck, und meine rechte Hand brannte noch immer wie Feuer. Die Haut war rot, als w�re sie ver�tzt worden.</p><p>Ich rannte, warf einen hastigen Blick �ber die Schulter zur�ck und sah, da� mein Gegner bereits zur Verfolgung angesetzt hatte und hinter mir herwabbelte. Und er holte rasend schnell auf!</p><p>Ich verdoppelte meine Anstrengungen, aber meine Verletzungen beeintr�chtigten mich zu sehr. Selbst wenn es nicht so gewesen w�re, w�re ich dem Unheimlichen kaum entkommen. Das Wesen bewegte sich mit einer Schnelligkeit, die seinem bizarren �u�eren Hohn sprach.</p><p>Vor mir bewegte sich etwas. Ein Schatten schimmerte durch den Nebel, dann h�rte ich das harte, metallische H�mmern beschlagener Pferdehufe. Der Nebel teilte sich und spuckte eine zweisp�nnige schwarze Kutsche aus.</p><p>Um ein Haar h�tte sie mich �ber den Haufen gefahren. Ich sprang im letzten Moment zur Seite, kam durch die abrupte Bewegung aus dem Takt und schlug zum wiederholten Male lang hin. Neben mir zog der Kutscher mit einem gellenden Schrei die Z�gel an; die Pferde scheuten, brachten die schwere Kutsche zum Stehen und schlugen w�tend mit den Vorderl�ufen aus.</p><p>�Robert! Bleib liegen!�</p><p>Ich gehorchte instinktiv, obwohl ich viel zu verwirrt war, um die Stimme auch nur zu erkennen. M�hsam w�lzte ich mich auf den R�cken und sah, wie der Kutscher mit einem kraftvollen Satz vom Bock sprang. Gleichzeitig flog die T�r der Karrosse auf, und eine schmale, in einen eleganten, grauen Sommeranzug gekleidete Gestalt sprang ins Freie.</p><p>Howard!</p><p>Mein Blick suchte das Ungeheuer. Die Bestie hatte in den wenigen Augenblicken aufgeholt; mein Vorsprung - wenn man bei einem Mann, der lang ausgestreckt und halb gel�hmt vor Schmerzen und Angst auf dem Stra�enpflaster lag, noch von Vorsprung sprechen konnte - war auf weniger als zwanzig Schritte zusammengeschmolzen.</p><p>Ungl�ubig sah ich, wie Howard an mir vor�berst�rmte und dem Ungeheuer ohne das geringste Zeichen von Furcht entgegenlief. In seiner rechten Hand lag ein kleines, graues Etwas.</p><p>�Howard!� br�llte ich verzweifelt. �Nicht! Es bringt dich um!�</p><p>Howard reagierte nicht. Er lief weiter, blieb erst drei Schritte vor dem Monster stehen und ri� den rechten Arm zur�ck. Das kleine Ding, das er in der Hand gehalten hatte, flog in einem perfekten Bogen durch die Luft und klatschte gegen die Brust des Unholdes.</p><p>Das Ergebnis war verbl�ffend. Das Monster blieb so abrupt stehen, als w�re es vor eine unsichtbare Mauer geprallt. Eine zuckende, wellenf�rmige Bewegung jagte �ber seinen K�rper. Seine Arme peitschten.</p><p>Dann begann es zum zweiten Male zu zerflie�en. Aber diesmal war es anders. Sein Leib l�ste sich nicht in gr�nen Schleim auf, sondern <emphasis>verdampfte!</emphasis></p><p>Dort, wo Howards Wurfgescho� getroffen hatte, begann sich grauer Rauch von seiner Brust zu kr�useln. Das Schleimfleisch - oder was immer es sein mochte - begann zu kochen, zu brodeln und wie in Kr�mpfen hin und her zu wogen. Mehr und mehr Rauch quoll hoch, und ich glaubte, ein leises, fast elektrisches Knistern zu h�ren.</p><p>Es dauerte nicht einmal eine Minute. Der Rauch wurde so dicht, da� er mir die Sicht auf das Ungeheuer verwehrte, aber als er sich verzog, war nicht mehr die geringste Spur von ihm zu sehen. Nur dort, wo es gestanden hatte, lag das kleine, graue Ding.</p><p>Howard ging mit raschen Schritten zu der Stelle hin�ber, b�ckte sich und hob den Gegenstand, den er geworfen hatte, mit einem fl�chtigen, triumphierenden L�cheln auf. Eine Hand ber�hrte mich an der Schulter, und als ich aufsah, blickte ich in ein breitfl�chiges, dunkles Gesicht, das mich besorgt musterte. Ich hatte nicht einmal gemerkt, da� Rowlf neben mir niedergekniet war.</p><p>�Alles in Ordnung?� fragte er.</p><p>�Ja�, sagte ich und sch�ttelte den Kopf. Rowlf l�chelte, schob seine gewaltigen Pranken unter meinen R�cken und richtete mich ohne sichtbare Anstrengung auf.</p><p>�Was ... mein Gott, was war das?� stammelte ich hilflos. Rowlf antwortete nicht, sondern stand schweigend auf und stellte mich wie ein Spielzeug auf die F��e, st�tzte mich aber, als mein verletzter Fu� unter dem Gewicht meines K�rpers nachzugeben drohte.</p><p>�Bring ihn in die Kutsche�, sagte Howard. Rowlf knurrte irgend etwas, nahm mich kurzerhand auf die Arme und trug mich trotz meiner Proteste in die Kutsche. Behutsam setzte er mich ab, l�chelte noch einmal und ging wieder nach vorne zum Bock. Wenige Sekunden sp�ter stieg auch Howard geb�ckt zu mir hinein, zog die T�r hinter sich zu, und der Wagen setzte sich in Bewegung.</p><p>�Das war knapp�, sagte er l�chelnd, nachdem er sich gesetzt und mich einen Moment lang pr�fend angesehen hatte.</p><p>�Ich ... ich danke dir f�r die Hilfe�, murmelte ich verst�rt. �Aber woher ...�</p><p>Howard l�chelte. �Woher ich es gewu�t habe? Gar nicht. Aber ich hatte das Gef�hl, da� es besser ist, wenn ich dir nachfahre. Wie sich gezeigt hat, hat es nicht getrogen.�</p><p>�Was war das?� fragte ich. �Dieses Ungeheuer ...�</p><p>�Ein Shoggote�, antwortete Howard gelassen. �Ein kleiner Bruder von Yog-Sothoth, wenn du so willst.� Er schwieg einen Moment und beugte sich vor, um meinen verletzten Fu� zu begutachten. �Aber das erkl�re ich dir alles sp�ter�, fuhr er in ver�ndertem Tonfall fort. �Jetzt bringe ich dich erst einmal zu einem befreundeten Arzt. Und danach fahren wir gemeinsam ins Hotel und packen. Ihr seid dort nicht mehr sicher.�</p><p>�Und der Anwalt?�</p><p>Howard winkte ab. �Dr. Gray ist nicht nur mein Anwalt�, sagte er, �sondern auch mein Freund. Er wird ins Haus kommen, wenn ich Rowlf zu ihm schicke und ihm die ... �h ... Umst�nde erkl�ren lasse. Priscylla und du werdet erst einmal bei mir bleiben m�ssen. Ich f�rchte, ich habe unsere Gegner untersch�tzt.�</p><p>�Ja�, seufzte ich. �Das scheint mir auch so.�</p><empty-line/><p>�ber dem Flu� hing Nebel, und von seiner Oberfl�che stieg ein eisiger, unwirklicher Hauch empor. Es war kalt, viel zu kalt f�r die Jahreszeit, selbst hier auf der Themse, und es war der siebte oder achte Morgen hintereinander, an dem zusammen mit der D�mmerung auch dieser Nebel heraufgezogen war und mit seinen wogenden grauen Schwaden das Licht verschluckte und das Erwachen des Tages hinausz�gerte.</p><p>Mortenson z�ndete sich mit klammen Fingern eine Zigarre an, schnippte das Streichholz in den Flu� und st�tzte sich schwer auf die rostzerfressene Reling. Das Patrouillenboot lag tr�ge im Wasser. Reglos, so wie es die ganze Nacht �ber dagelegen hatte, mehr als elf Stunden, seit Mortenson seinen Dienst antrat.</p><p>Aus m�den, rotumrandeten Augen blickte er nach Osten. Der Nebel war dichter geworden; selbst die beiden T�rme der Tower Bridge schimmerten nur noch als schwarze, verzerrte Schatten durch die graue Wand, die sich �ber den Flu� geschoben hatte, und alle Laute und Ger�usche in seiner Umgebung erschienen ihm seltsam ged�mpft und unwirklich.</p><p>Mortenson l�ste sich von dem Anblick, rieb fr�stelnd die H�nde aneinander und wandte sich um, um zum Steuerhaus zur�ckzugehen. Seine Schritte hallten dumpf auf dem Deck des Schleppers. W�re der verzerrte Schatten Sarcins hinter den beschlagenen Scheiben des Ruderhauses nicht gewesen, h�tte er geglaubt, der einzige Mensch in weitem Umkreis zu sein.</p><p>Sarcin fuhr mit einer �bertrieben heftigen Bewegung hoch und blinzelte einen Moment verwirrt in seine Richtung, ehe er ihn erkannte. Ein schuldbewu�ter Ausdruck schimmerte durch sein L�cheln.</p><p>Mortenson l�chelte zur�ck, lie� sich mit einem h�rbaren Seufzen in den unbequemen Stuhl neben dem Steuer fallen und sog an seiner Zigarre. Ihre Glut spiegelte sich wie ein kleines, rotes Auge in der Scheibe.</p><p>�Gibt's was Besonderes drau�en?� fragte Sarcin nach einer Weile.</p><p>Mortenson sch�ttelte den Kopf und blies eine Rauchwolke gegen die Scheibe. Sarcin hustete demonstrativ, aber Mortenson ignorierte die Anspielung. �Nichts�, sagte er. �Nur Nebel. Alle Verbrecher scheinen tief und fest zu schlafen.�</p><p>Sarcin reckte sich, setzte sich umst�ndlich gerade auf und g�hnte hinter vorgehaltener Hand. Seine blonden Haare waren zerstrubbelt und verrieten - ebenso wie die zerknautschte blaue Uniformjacke, die um seine Schultern hing -, womit er sich die halbe Stunde, in der Mortenson auf dem Deck gewesen war, vertrieben hatte. Aber Mortenson konnte es ihm nicht �belnehmen; nicht wirklich. Es gab kaum etwas Langweiligeres als eine Nachtwache auf dem Flu�. Auch Mortenson hatte sich seinen Beruf etwas anders vorgestellt, als er vor nunmehr fast f�nfzehn Jahren zur Londoner Hafenpolizei gegangen war.</p><p>�Manchmal�, sagte Sarcin und g�hnte erneut - diesmal, ohne sich die M�he zu machen, die Hand vor den Mund zu nehmen - �frage ich mich, ob wir den richtigen Beruf haben. Wir schlagen uns hier die N�chte um die Ohren und sterben vor Langeweile, und die Gangster, die wir eigentlich fangen sollen, liegen zu Hause in ihren Betten und schnarchen.�</p><p>�Nur die Gangster?� Mortenson zog sp�ttisch eine Augenbraue hoch und sah seinen j�ngeren Kollegen durchdringend an. Sarcins L�cheln wirkte pl�tzlich etwas gequ�lt.</p><p>�Nun ja�, sagte er. �Ich -�</p><p>Mortenson winkte ab. �Schon gut, Junge�, sagte er gutm�tig. �Ist ja nicht weiter schlimm, solange einer von uns wach ist. Und ich glaube auch nicht, da� irgendwas passiert. Bei diesem Nebel trauen sich ohnehin nur Verr�ckte auf den Flu�.�</p><p>Sarcin l�chelte, unterdr�ckte ein neuerliches G�hnen und setzte zu einer Antwort an. Aber dann sagte er nichts, sondern setzte sich kerzengerade auf und blinzelte an Mortenson vorbei auf den Flu� hinaus. �So wie der da?� fragte er.</p><p>Mortenson starrte ihn einen Moment lang an, drehte mit einem Ruck den Kopf und starrte aus dem Fenster. Hinter dem Nebel zeichnete sich der Umri� von etwas Gro�em, Dunklem ab, das gem�chlich in drei�ig, vielleicht vierzig Yards Entfernung den Flu� hinaufglitt. Irgend etwas an diesem Schatten war seltsam, fand Mortenson. Die treibenden grauen Schwaden verhinderten, da� er ihn deutlich erkennen konnte, aber er sah ... nun, seltsam aus. Eigentlich gar nicht wie ein Schiff.</p><p>Sarcin schien die gleichen �berlegungen anzustellen. Z�gernd stand er auf, trat dicht an die Scheibe heran und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen. �Was ist denn das f�r ein komisches Ding?� murmelte er. �Ein Schiff? Das ist doch kein Schiff.�</p><p>Mortenson zuckte mit den Achseln. �Keine Ahnung�, sagte er. �Sehen wir es uns an.�</p><p>Sarcin wandte den Blick. �Bis wir Fahrt aufgenommen haben, ist der Kerl l�ngst im Kanal�, sagte er.</p><p>Mortenson nickte unwillig. Das Schiff d�mpelte mit erkaltetem Dampfkessel am Ufer. Sie w�rden eine halbe Stunde brauchen, um den Heizer zu wecken, der zusammengerollt vor seinem Kohlehaufen schnarchte, und genug Druck auf den Kessel zu bekommen. Die neuen Dampfmaschinen, mit denen die Londoner Hafenpolizei ihre Boote vor einigen Jahren ausger�stet hatte, hatten auch gewisse Nachteile.</p><p>�Bleib hier�, sagte er nach kurzem �berlegen. �Ich sehe mir den Kerl mal ein bi�chen n�her an.� Er verlie� das Ruderhaus, eilte mit gesenktem Kopf nach vorne und �ffnete die Klappe des gro�en Scheinwerfers, der den Bug des Patrouillenbootes zierte. Seine Streichh�lzer waren in der nebeldurchtr�nkten Luft feucht geworden und brannten nicht gut. Er brauchte fast eine Minute, um den Docht in Brand zu setzen und die Klappe wieder zu schlie�en. Mit klammen Fingern drehte er am Stellrad. Aus dem flackernden gelben Licht hinter dem Reflektor wurde ein wei�es, fast schmerzhaft helles Gl�hen, als sich das Ventil �ffnete und die Flamme in den Karbidd�mpfen neue Nahrung fand.</p><p>Mortenson blinzelte. Der grellwei�e, mannsdicke Strahl des Scheinwerfers stach wie ein Speer aus Licht in den Nebel hinaus. Im ersten Moment sah er fast weniger als zuvor, als die grauen Schwaden den Schein reflektierten, dann streifte der wei�e Strahl etwas Dunkles, Massiges, glitt weiter und verharrte, als Mortenson den schweren Scheinwerfer mit einem Ruck anhielt.</p><p>Seltsamerweise war es vollkommen still. Er h�rte nichts als das ged�mpfte Pl�tschern und Rauschen des Flusses. Kein Motorenl�rm, kein Ruderger�usch - nichts. Einen Moment lang �berlegte er, ob das Schiff dort drau�en - wenn es �berhaupt ein Schiff war - vielleicht ein Segler sein mochte, dessen Kapit�n schwachsinnig genug war, sich trotz der miserablen Sicht den Launen des Windes und der Str�mung anzuvertrauen, verwarf den Gedanken aber sofort wieder.</p><p>Langsam schwenkte er den Scheinwerfer zur�ck. Der kalkwei�e Strahl traf auf etwas Dunkles.</p><p>Mortenson starrte ungl�ubig zu dem riesigen schwarzen <emphasis>Ding </emphasis>hin�ber, von dem der Scheinwerferkegel nur einen kleinen Ausschnitt aus der grauen D�mmerung ri�. Das Licht tastete �ber eine gebogene, von armdicken knorpeligen Str�ngen durchzogene Flanke, �ber schwarzes Horn und glitzernde, handgro�e Schuppen ...</p><p>�Aber das ist doch unm�glich ...�, fl�sterte er. �Das, das gibt es doch nicht ...� Seine H�nde begannen zu zittern. Die Bewegung �bertrug sich auf den Scheinwerfer; der Lichtkegel wanderte nach oben aus, verlor den Schatten einen Moment und rutschte mit einem Ruck wieder nach unten. Mortensons Herz begann wie ein Hammerwerk zu schlagen. F�r einen Moment verga� er sogar zu atmen, w�hrend der Strahl langsam am K�rper des unm�glichen Dinges entlangwanderte. Ein grotesk langer, mannsdicker Schlangenhals tauchte im Zentrum des grellwei�en Kegels auf, dann tastete der Strahl �ber einen gewaltigen, horngepanzerten Sch�del.</p><p>Mortensons Schreckensschrei ging in einem urgewaltigen Br�llen unter. Der Sch�del des Giganten ruckte in einer w�tenden Bewegung herum. Ein zweiter, gepeinigter Schrei zerri� die Stille, als das wei�e Licht schmerzhaft in seine kleinen, lidlosen Augen stach. Das Ungeheuer b�umte sich auf. Wasser sch�umte hoch, und das Patrouillenboot erbebte wie unter dem Faustschlag eines Riesen, als es von der Flutwelle getroffen wurde.</p><p>Die Ersch�tterung ri� Mortenson von den F��en. Er fiel, schrammte mit der Stirn �ber die Kante des Scheinwerfers und blieb sekundenlang benommen liegen. Wie durch einen d�mpfenden Schleier hindurch h�rte er, wie Sarcin die T�r des Ruderhauses aufri� und irgend etwas schrie, das er nicht verstand.</p><p>Als er sich wieder aufrichtete, hatte sich das Ungeheuer gedreht und Kurs auf das Boot genommen. Mortenson erstarrte. Irgend etwas in ihm schien sich zusammenzuziehen, schmerzhaft wie eine Stahlfeder, die bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit niedergedr�ckt wurde, aber er war unf�hig, sich zu r�hren oder auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.</p><p><emphasis>Unm�glich, </emphasis>dachte er. Immer und immer wieder. <emphasis>Unm�glich! </emphasis>Seine Finger klammerten sich so fest an die Reling, da� seine N�gel brachen und zu bluten begannen. Er merkte es nicht einmal.</p><p>Das Ungeheuer stampfte wie ein angreifendes Kriegsschiff heran. Es war so gro� wie das Patrouillenboot, vielleicht gr��er, und sein gewaltiger Sch�del pendelte noch ein gutes St�ck �ber der H�he des Schornsteines. Es hatte aufgeh�rt zu br�llen, nachdem das grelle Licht seine Augen nicht mehr peinigte, aber seine Wut war keineswegs ged�mpft.</p><p>Mortenson erwachte erst aus seiner Erstarrung, als der Leib des Monsters mit einem ungeheuren Krachen gegen die Bordwand des Bootes stie�.</p><p>Die Ersch�tterung ri� ihn abermals von den F��en und lie� ihn wie ein Spielzeug �ber das Deck kollern. Irgend etwas schrammte �ber seinen R�cken, zerri� seine Kleider und die Haut darunter, ein Schlag traf sein linkes Bein und bet�ubte es. Mit ungebremster Wucht krachte er gegen einen Decksaufbau und sp�rte, wie eine Rippe brach.</p><p>Der Schmerz ri� ihn vollends in die Wirklichkeit zur�ck. Das Boot stampfte und schaukelte, als w�re es urpl�tzlich in einen Orkan geraten, und die Stille des Morgens war einem nicht enden wollenden Krachen und Dr�hnen gewichen. Immer und immer wieder prallte der gigantische Leib des Ungeheuers gegen die Bordwand. Das Schiff st�hnte. Sein Rumpf bestand aus Eisen, aber Mortenson bildete sich trotzdem ein, das dumpfe Krachen und Splittern berstender Platten zu h�ren.</p><p>Wieder wurde er von den F��en gerissen, aber diesmal war er vorbereitet, fing den Sturz ab und stemmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder in die H�he.</p><p>Das Ungeheuer ragte wie ein D�mon aus einer l�ngst vergessenen Zeit �ber dem Schiff auf. Mortenson torkelte, als der Titanenleib erneut gegen die Flanke des Schiffes krachte. Verzweifelt klammerte er sich irgendwo fest, fuhr herum und stolperte auf das Ruderhaus zu. Sarcin war gest�rzt wie er, aber er hatte weniger Gl�ck gehabt. Die halb verglaste T�r des Ruderaufbaues war zerbrochen, und Sarcin schien mitten in die Scherben gest�rzt zu sein. Sein Gesicht und seine H�nde waren blut�berstr�mt, als Mortenson neben ihm anlangte und ihm mit zitternden Fingern aufhalf.</p><p>�Matt�, keuchte er. �Was ist das?�</p><p>Mortensons Antwort ging in einem neuerlichen Br�llen des geschuppten Giganten unter. Rings um das Schiff begann das Wasser zu kochen. Mortenson sah einen Schatten �ber sich aufwachsen, fuhr in einer instinktiven Bewegung herum und ri� sch�tzend die Arme �ber den Kopf. Neben ihm schrie Sarcin panikerf�llt auf, fuhr herum und st�rmte blind vor Angst zur�ck in die Ruderkabine.</p><p>�Nicht!� br�llte Mortenson. <emphasis>�Sarcin - komm da raus!�</emphasis></p><p>Aber wenn Sarcin seine Worte �berhaupt h�rte, so reagierte er nicht darauf. Mortenson verlor erneut das Gleichgewicht, taumelte mit wild rudernden Armen, f�nf, sechs Schritte zur�ck und fiel auf den R�cken. Aus dem Ruderhaus drangen die gellenden Schreie Sarcins. Mortenson sah, wie er wie wild am Wandschrank zu hantieren begann. Offenbar versuchte er, das Gewehr hervorzuholen.</p><p>Das Ungeheuer br�llte erneut. Wieder krachte sein Leib gegen den eisernen Rumpf des Schiffes, und diesmal mischte sich ein neuer, ekelhafter Laut in das dumpfe Dr�hnen des Schiffsrumpfes: das helle Splittern und Brechen von Panzerplatten. Ein scharfer, durchdringender Geruch wie nach Blut stieg in Mortensons Nase.</p><p>Die Frontscheibe des Ruderhauses zerbarst mit einem splitternden Knall. Zwischen den Scherben erschien der Lauf eines Gewehres.</p><p>�Um Gottes willen - NICHT!!!� br�llte Mortenson mit �berschnappender Stimme.</p><p>Aber seine Worte gingen im Toben des Ungeheuers und dem Kochen des aufgew�hlten Wassers unter. Sarcin suchte breitbeinig nach festem Stand, zielte kurz und dr�ckte ab.</p><p>Der peitschende Knall vermischte sich mit dem Schmerzensschrei des Ungeheuers. Wie in einer bizarren Vision sah Mortenson, wie ein Teil seiner hornigen Panzerplatten wegplatzte. Dunkles, z�hfl�ssiges Blut scho� aus der faustgro�en Wunde �ber seiner Schnauze.</p><p>Der Schmerz schien die Bestie rasend zu machen. Ihr Br�llen �berstieg die Grenzen des Vorstellbaren. Der gewaltige Leib b�umte sich auf, krachte mit unglaublicher Gewalt gegen das Schiff und dr�ckte seine eiserne Flanke ein. Mortenson sp�rte, wie tief unter seinen F��en etwas brach und Wasser in einem breiten, gurgelnden Strom in den Rumpf scho�. Der Schlangenhals des Ungeheuers bog sich wie der Leib einer angreifenden Kobra durch. Ihr Sch�del pendelte wild.</p><p>Sarcin scho� noch einmal, und am Hals des Monsters entstand eine zweite, gezackte Wunde; trotz allem nicht mehr als ein Nadelstich in dem gigantischen Leib.</p><p>�Die Augen!� br�llte Mortenson. �Schie� auf seine Augen!�</p><p>Sarcin lud hastig nach, schlug mit dem Lauf die letzten Glassplitter aus dem Rahmen und zielte sorgf�ltig.</p><p>Er kam nicht dazu, abzudr�cken.</p><p>Der Schlangenhals der Bestie bog sich noch weiter zur�ck. Mit einem ungeheuren Br�llen warf sie den Kopf in den Nacken, stemmte ihren gewaltigen K�rper hoch aus dem Flu� empor und holte Schwung.</p><p>Dann krachte der horngepanzerte Sch�del des Urzeitmonsters wie ein Titanenhammer auf das Ruderhaus nieder und zerschmetterte es.</p><p>Mortenson torkelte gegen die Reling. Ein zweiter, bet�ubender Schmerz scho� durch seine Brust. Er sp�rte, wie sich die gebrochene Rippe tief in seinen Leib bohrte.</p><p>Sein Blick begann sich zu verschleiern. Wie durch einen schwarzen, wogenden Vorhang sah er, wie das Ungeheuer ein St�ck vom Schiff zur�ckwich, mit seinen l�cherlich kleinen Flossen das Wasser peitschte und den Kopf senkte.</p><p>Mortenson sp�rte noch, wie das Schiff zu zittern begann, als das Monster seinen Leib unter den Rumpf schob und das Patrouillenboot langsam aus dem Wasser zu heben begann. Er sp�rte auch noch, wie sich das Schiff auf die Seite legte und seine Leeseite scharrend �ber die steinerne Uferbefestigung schrammte. Dann nichts mehr.</p><empty-line/><p>Es war beinahe Mittag, ehe wir in die Pension zur�ckkehrten. Howard hatte mich, wie er es versprochen hatte, zu einem Arzt gebracht, den er kannte und auf dessen Verschwiegenheit er vertraute - einem Tierarzt, wie ich hinterher erfuhr. Das �nderte freilich nichts daran, da� er meine Wunden sachkundig versorgte und meine Schmerzen so geschickt linderte, da� ich hinterher kaum noch etwas sp�rte. Die Ver�tzung an meiner Hand erwies sich ohnehin als nur oberfl�chlich; meine Haut war nur f�r den Bruchteil einer Sekunde mit der brennenden Substanz in Ber�hrung gekommen. Trotzdem lief mir noch im nachhinein ein kalter Schauer �ber den R�cken, als ich die Klinge meines Stockdegens sah: Der harte Stahl war blind und fleckig; regelrecht zerfressen.</p><p>Die M�digkeit holte mich ein, als wir - nach Ewigkeiten, wie es mir schien - endlich zur�ck in Howards Pension waren. Wir sa�en wieder in der Bibliothek zusammen; dem einzigen Raum mit Ausnahme der K�che, der <emphasis>kein </emphasis>G�stezimmer war und Howard als eine Art Salon diente.</p><p>Priscylla war nur wenige Augenblicke bei uns geblieben und dann unter einem Vorwand nach oben in das Zimmer gegangen, das Rowlf ihr zugewiesen hatte; angeblich, weil sie m�de war. Aber das entsprach nicht der Wahrheit. Es war etwas anderes, irgend etwas zwischen Howard und ihr, was sie vertrieb. Keine Antipathie; Howard hatte sich ihr gegen�ber ausnehmend freundlich benommen, mit einer Nonchalance, die ich bei seiner sprunghaften, r�de erscheinenden Art niemals erwartet h�tte. Aber irgend etwas trennte die beiden, etwas, das man nicht erkl�ren, wohl aber um so deutlicher sp�ren konnte. Sie waren wie zwei Fremde, die sich den Regeln der H�flichkeit beugten, sich aber st�ndig zu belauern schienen, um eine L�cke in der Deckung des anderen zu ersp�hen.</p><p>Lange Zeit sa� ich schweigend in meinem Sessel am Kamin, streckte die Beine von mir und nippte an dem w�rmenden Tee, den Rowlf uns gebracht hatte, bevor er brummelnd wieder in der K�che verschwunden war, um eine warme Mahlzeit f�r Priscylla und mich vorzubereiten, w�hrend Howard, als w�re ich gar nicht da, in seinen Aufzeichnungen bl�tterte, best�ndig irgend etwas auf kleine Papierfetzen kritzelte oder B�cher aus dem Regal ri�, um einen Moment darin zu lesen und sie dann wieder zur�ckzustellen. Ich hatte das Gef�hl, da� er mir absichtlich auswich und im stillen darauf wartete, da� ich endlich einschlief.</p><p>Schlie�lich brach ich das Schweigen mit jenem gek�nstelten, �bertriebenen R�uspern, das in einer solchen Situation angemessen schien. Howard sah ruckhaft von seiner Arbeit auf und musterte mich einen Moment lang durchdringend. �Nun?� fragte er dann.</p><p>�Ich ... warte noch immer auf eine Erkl�rung�, sagte ich schleppend. Der Moment war nicht g�nstig, das war mir klar. Ich war m�de, ersch�pft und kaum f�hig, einem halbwegs vern�nftigen Gespr�ch zu folgen. Aber ich hatte das Gef�hl, verr�ckt werden zu m�ssen, wenn ich nicht bald Klarheit bekam.</p><p>Howard klappte das Buch, in dem er gerade gelesen hatte, mit einer umst�ndlichen Bewegung zu, legte beide H�nde flach nebeneinander auf den Einband und starrte einen Moment lang auf seine gepflegten Fingern�gel herab.</p><p>�Das ist nicht so einfach zu erkl�ren, Robert�, sagte er nach einem so langen Z�gern, da� ich schon zu bezweifeln begann, ob er �berhaupt antworten w�rde.</p><p>�Versuch es doch einfach�, schlug ich vor.</p><p>Er l�chelte; auf eine sehr seltsame, fast traurige Art. �Du hast mir erz�hlt, was dir dieser O'Malley in Goldspie gesagt hat, bevor er starb.�</p><p>�O'Banyon�, korrigierte ich ihn.</p><p>Howard nickte. �O'Banyon�, nickte er. �Gut. Er sagte: da� es einen dritten Magier gibt. Eine Warnung deines Vaters.�</p><p><emphasis>�Wenn </emphasis>es mein Vater war, mit dem er sprach�, wandte ich ein. �Nach dem, was vorhin passiert ist, bin ich mir gar nicht so sicher.� Bei dem Gedanken an den gespenstischen Doppelg�nger Roderick Andaras lief mir noch immer ein eisiger Schauer �ber den R�cken.</p><p>�Aber seine Worte w�rden vieles erkl�ren�, fuhr Howard nach einer Weile fort. �Ich ... kenne mich nicht ann�hernd so gut in Dingen der Hexerei und Zauberkunst aus wie dein Vater�, sagte er niedergeschlagen. �Siehst du, Robert - dein Vater und ich waren Freunde und Partner, aber ich habe meine Forschungen fast ausschlie�lich auf die <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>konzentriert, w�hrend dein Vater sein Leben lang versuchte, tiefer in die Geheimnisse der <emphasis>Macht </emphasis>einzudringen. Er hat mir vieles erz�hlt, so wie ich ihm, aber wirklich verstanden habe ich nur wenig davon. Ihr habt zwei der Magier von Goldspie get�tet - Leyman und Donhill. Aber nach allem, was ich wei߫, - er hob die linke Hand und lie� sie klatschend auf den schweinsledernen Einband des Buches zur�ckfallen - �und dem wenigen, was in meinen Aufzeichnungen steht, geh�ren mindestens <emphasis>drei </emphasis>Hexer zu einem wirklichen magischen Zirkel. Und eine Magie, die m�chtig genug ist, ein Ungeheuer wie das von Loch Shin zu beherrschen, bedarf der Kraft des Zirkels.�</p><p>�Aha�, sagte ich. Howard l�chelte.</p><p>�Keine Sorge�, sagte er. �Du wirst es verstehen, sp�ter. Auch ich habe viele Jahre dazu gebraucht. Du mu�t Geduld haben. Aber nach allem, was ich wei�, f�rchte ich zumindest, da� es einen dritten Magier in Goldspie gab.�</p><p>�Und dieser Magier ...�</p><p>�Lebt noch�, f�hrte Howard den Satz zu Ende. �Ja. Er mu� deine verborgenen Kr�fte erkannt haben, und er war schlauer als die beiden anderen. Er hat den offenen Kampf gescheut, aber das hei�t nicht, da� er keine Gefahr mehr w�re.�</p><p>�Und du glaubst, er w�re mir gefolgt, hierher, nach London?�</p><p>Howard nickte ernst. �Vielleicht nicht dir�, murmelte er. �Aber Priscylla. Sie hat lange genug in Goldspie gelebt. Du kannst das nicht wissen, Robert, aber ein Magier findet einen Menschen, der eine Weile in seiner N�he war, immer wieder, desto leichter, je l�nger er mit ihm zusammen war. F�r den �berlebenden Hexer aus Goldspie mu� dieses M�dchen wie ein Leuchtfeuer sein, das er immer und �berall wiederfindet.�</p><p>Ein Anflug von irrationalem Zorn stieg in mir hoch und wischte den k�rglichen Rest vern�nftigen Denkens, der mir noch verblieben war, beiseite. �Du magst sie nicht�, behauptete ich.</p><p>Howard seufzte. �Darum geht es doch gar nicht�, sagte er, �berraschend sanft. �Reicht dir denn das, was vorhin geschehen ist, noch immer nicht? Ich werde nicht immer im richtigen Moment auftauchen k�nnen, um dir zu helfen.�</p><p>�Wenn du Angst hast�, schnappte ich, �dann mu�t du es nur sagen. Priscylla und ich k�nnen gehen.�</p><p>Howard reagierte eher am�siert auf meinen Zorn, und im n�chsten Moment kam ich mir selbst albern - und auch unfair - vor. Howard hatte wahrlich bewiesen, da� er es gut mit mir meinte.</p><p>�Ich habe keine Angst�, sagte er. �Es besteht kein Grund dazu. Nicht hier. Ich lebe nicht umsonst in dieser heruntergekommenen Bude, Robert. Dieses Haus ist eine Festung. Niemand, der mit Schwarzer Magie zu tun hat, kann sich ihm ohne meine Erlaubnis auch nur n�hern. Nicht einmal Yog-Sothoth oder Chtulhu selbst k�nnten uns hier schaden.�</p><p>�Entschuldige�, murmelte ich.</p><p>�Es gibt nichts zu entschuldigen�, sagte Howard. �Ich verstehe dich, Junge. Und Priscylla ist auch ein nettes M�dchen, das mu� ich zugeben. Habt ihr schon Pl�ne f�r die Zukunft?�</p><p>Ich verneinte. Wir waren seit drei Wochen zusammen, aber irgendwie hatten wir es beide fast krampfhaft vermieden, �ber das zu reden, was kam, nachdem wir Howard gefunden hatten. Es war f�r uns beide klar gewesen, da� wir uns trennen mu�ten. �Bis jetzt - nein�, sagte ich. �Priscylla hatte vor, sich irgendwo in London eine Arbeit zu suchen. Aber jetzt -�</p><p>�- ist das nicht mehr n�tig�, sagte Howard. �Du bist reich genug, um f�r euch beide sorgen zu k�nnen. Aber das ist nicht das Problem.�</p><p>�Der Magier?�</p><p>Howard nickte. �Er hat eure Spur. Deine oder Priscyllas, das bleibt sich gleich, wenn ihr wirklich zusammenbleiben wollt.�</p><p>Ich beherrschte mich im letzten Moment. �Ich <emphasis>kann </emphasis>mich nicht von ihr trennen�, sagte ich. �Jetzt erst recht nicht. Wenn es diesen Magier wirklich gibt, dann w�rde er sie umbringen, wenn sie allein w�re. Sie ist vollkommen schutzlos.�</p><p>�Ich f�rchte, das stimmt�, murmelte Howard. �Und ich f�rchte, nach allem, was bisher geschehen ist, bleibt uns keine andere Wahl, als den Kampf gegen ihn aufzunehmen. Ihr k�nnt euch nicht ewig hier verstecken, und ihr k�nnt auch nicht ewig vor ihm davonlaufen.�</p><p>�Also m�ssen wir ihn vernichten.�</p><p>�Das m�ssen wir wohl�, best�tigte Howard. �Aber stell dir das nicht zu leicht vor. Der Shoggote, gegen den du gek�mpft hast, war nur eine von zahllosen Waffen, �ber die er verf�gen kann.�</p><p>Ich nippte an meinem Tee und starrte einen Moment in die dunkelrote Fl�ssigkeit. Mein Gesicht spiegelte sich verzerrt auf seiner Oberfl�che, und f�r einen Augenblick kam es mir wie ein grinsender, augenloser Totensch�del vor. Ich schauderte. �Was war er?� fragte ich. �Einer der <emphasis>GROSSEN ALTEN?� </emphasis>Howard l�chelte, als h�tte ich etwas furchtbar Dummes gefragt. �Nein�, sagte er. �Ganz bestimmt nicht. W�re es so, dann w�ren wir jetzt beide tot.� Er griff in seine Westentasche, nahm einen winzigen Gegenstand hervor und warf ihn mir zu. Ich fing ihn auf und lie� dabei um ein Haar meine Teetasse fallen.</p><p>�Dieser Stein sch�tzt seinen Besitzer vor Shoggoten und anderen niederen Geistern, die sie heraufbeschw�ren k�nnen, aber gegen einen der <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>nutzt er ungef�hr so viel wie eine Fliegenklatsche�, sagte Howard.</p><p>Verwirrt drehte ich das winzige Ding in den Fingern. Es war ein Stein, etwa so gro� wie ein Six-pence-St�ck und wie ein f�nfzackiger, bauchiger Stern geformt. Seine Oberfl�che sah glatt wie Metall aus, f�hlte sich aber por�s und narbig an. Und er schien auf bizarre Weise zu <emphasis>leben. </emphasis>Z�gernd reichte ich ihm den Stein zur�ck.</p><p>�Nach allem, was mir mein Vater erz�hlte�, sagte ich, �ist Yog-Sothoth frei, nachdem er getan hat, wozu ihn die Hexen von Jerusalems Lot zwangen. Er sollte meinen Vater vernichten, und das hat er getan.�</p><p>Howard nickte. �Das stimmt. Aber er ist eine Kraft des Negativen, Robert. Ein b�ses, abgrundtief b�ses Ding, das nur existiert, um zu t�ten und zu vernichten. Er und die anderen.� Es war das zweite Mal, da� er andeutete, da� es au�er Yog-Sothoth noch mehr der <emphasis>GROSSEN ALTEN gab, </emphasis>aber ich ging auch diesmal nicht darauf ein. Allein der Gedanke an das schlangenarmige, gewaltige Ding, das ich drau�en im Meer gesehen hatte, l�ste beinahe �belkeit in mir aus.</p><p>�Wie die Hexen von Salem sind sie M�chte der Finsternis�, fuhr Howard fort. �Und die M�chte der Dunkelheit arbeiten zusammen, auch wenn sie es nicht m�ssen. Sie k�nnen Yog-Sothoth nicht mehr <emphasis>zwingen, </emphasis>dich zu t�ten, Robert. Aber er wird es trotzdem tun, wenn er kann.�</p><p>Seine Worte kamen mir ein wenig theatralisch vor, aber ich schwieg weiter und sah ihn nur an.</p><p>Howard hielt meinem Blick einen Moment lang stand, sch�ttelte dann den Kopf und wechselte abrupt das Thema. �Du bist m�de, Robert, und ich auch�, sagte er. �Es sind noch drei Stunden, ehe Dr. Gray eintrifft. Legen wir uns hin und schlafen wir ein wenig. Rowlf wird uns wecken, wenn es Zeit ist.�</p><p>Ich hatte noch tausend Fragen, aber ich sp�rte, da� Howard nicht mehr weiterreden wollte. Und er hatte auch recht. Ich hatte meinen K�rper um eine Nacht Schlaf betrogen, und er begann nun mit Macht das ihm Zustehende zu fordern. Und vielleicht war es besser, wenn ich einen klaren Kopf hatte, wenn der Anwalt kam.</p><p>Ich stand auf, stellte meine Teetasse auf den Kaminsims und verlie� ohne ein weiteres Wort das Zimmer, w�hrend Howard auf seine hektische, abgehackte Art damit begann, seinen Schreibtisch aufzur�umen und wenigstens den Anschein von Ordnung in seine Notizen zu bringen.</p><p>Das Haus war sonderbar still, als ich nach oben ging. Die ausgetretenen Treppenstufen knarrten h�rbar unter meinem Gewicht, aber das war auch das einzige Ger�usch, das ich h�rte. Die Pension hatte insgesamt elf Zimmer, eigentlich elf Appartements, jedes mit einem getrennten Schlaf- und Wohnraum und einer winzigen Nische f�r Toilette und Bad; ein Luxus, den man in einem heruntergekommenen Schuppen wie diesem wohl am allerwenigsten erwartete, aber bis auf Howard, Rowlf, Priscylla und mich stand es leer. Ich war schon immer der Meinung gewesen, da� leerstehende H�user etwas von Toten hatten; sie waren wie K�rper, aus denen das Leben gewichen war. Und dieses Haus war genauso. Es war tot. Ein gewaltiger, steinerner Leichnam.</p><p>Ich l�chelte �ber meine eigenen Gedanken. Es war wohl die M�digkeit, die mich so sonderbare �berlegungen anstellen lie�. Rasch ging ich die letzten Stufen hinauf, eilte zu meinem Zimmer, trat ein - und blieb �berrascht stehen.</p><p>Das Zimmer war nicht mehr leer. Priscylla sa� auf einem Stuhl unter dem Fenster, bl�tterte in einem Buch, das sie gefunden haben mu�te, und sah auf, als sie meine Schritte h�rte. Sie mu�te auf mich gewartet haben.</p><p>Verwirrt zog ich die T�r ins Schlo�, ging ein paar Schritte auf sie zu und blieb stehen. �Priscylla�, sagte ich �berrascht. �Du schl�fst nicht?�</p><p>Ich redete wohl ziemlichen Unsinn, aber Priscylla ging mit einem L�cheln �ber meine Worte hinweg, legte das Buch aus der Hand und kam auf mich zu.</p><p>�Ich habe auf dich gewartet, Robert�, sagte sie, und die Art, wie sie es sagte, lie� mich aufhorchen. Ihre Stimme klang anders als gewohnt, nicht viel, aber h�rbar. Es gibt Situationen, in denen die Stimme einer Frau mehr sagt als die Worte, die sie formt. Ganz bestimmte Situationen.</p><p>Ganz dicht vor mir blieb sie stehen, sah mich einen Moment aus ihren gro�en, dunklen Augen an und schlang die Arme um meinen Hals. �Robert�, murmelte sie.</p><p>Ich hob die Hand, wie um ihre Arme von mir zu l�sen, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende, sondern schlang im Gegenteil die Arme um ihre Taille und dr�ckte sie noch ein wenig fester an mich. Ein sonderbares Gef�hl der W�rme durchstr�mte mich. Erregung, aber noch mehr. Ich hatte eine Menge Frauen gehabt in New York, aber das waren fl�chtige Beziehungen ohne echte Gef�hle gewesen, etwas rein K�rperliches. Mit Priscylla war es anders. In mir war ein Gef�hl der Zuneigung und Z�rtlichkeit, wenn ich mit Priscylla beisammen war, das mir vollkommen fremd war. Und gerade darum str�ubte sich etwas in mir gegen ihre Umarmung, so absurd es mir selbst vorkam.</p><p>�Du warst lange unten�, fl�sterte sie. Ihre Stimme klang weich, verlockend, und ich sp�rte den sanften Duft, den ihr Haar verstr�mte. Es fiel mir schwer, noch klar zu denken.</p><p>�Ich ... habe mit Howard ... gesprochen�, sagte ich m�hsam. Priscyllas H�nde kitzelten mich im Nacken. Sie schmiegte sich enger an mich, und ich konnte selbst durch den Stoff unserer Kleider hindurch sp�ren, wie ihr K�rper gl�hte.</p><p>�Wie lange bleiben wir hier?� fragte sie.</p><p>�Wie lange?� wiederholte ich verwirrt. �Wir sind gerade erst angekommen, Priscylla.�</p><p>�Ich will hier nicht bleiben�, sagte Priscylla. Ihr Atem war an meinem Ohr, und sie fl�sterte jetzt nur noch. Ganz sanft ber�hrten ihre Lippen meinen Hals. Ich schauderte. �La� uns weggehen, Robert. Ich mag dieses Haus nicht. Und ich mag Howard nicht.�</p><p>�Er ist ein netter Kerl�, widersprach ich. �Und er -�</p><p>�Er ha�t mich�, behauptete Priscylla. �La� uns von hier weggehen. Jetzt gleich.�</p><p>Es kostete mich unendliche M�he, ihre H�nde von meinem Hals zu l�sen und sie ein St�ck von mir wegzuschieben. �Das ist Unsinn, Liebling�, sagte ich. Irgend etwas war mit ihren Augen. Es war mir unm�glich, meinen Blick von ihnen zu l�sen. Ich hatte das Gef�hl, in einen Abgrund zu st�rzen. Meine Gedanken begannen sich immer mehr zu verwirren. Was geschah mit mir? �Howard ist nur besorgt, das ist alles�, fuhr ich fort. Meine Stimme klang schleppend. Ich mu�te mich zu jedem einzelnen Wort zwingen.</p><p>Priscylla sah mich einen Moment lang an. Dann l�ste sie sich vollends aus meinen Armen und trat einen Schritt zur�ck, lie� aber meine Hand nicht los. Sanft, aber sehr bestimmt, zog sie mich mit sich und ging r�ckw�rts auf das breite, frisch bezogene Bett zu.</p><p>Ich war unf�hig, mich zu wehren. Priscylla lie� sich r�cklings auf das Bett sinken, zog mich mit sich und klammerte sich erneut an mich.</p><p>Noch einmal versuchte ich, wenigstens eine Spur von Vernunft zu bewahren und sie von mir zu schieben, �Nicht...�, fl�sterte ich. �Es ... es geht nicht. Wir ... d�rfen - das nicht.�</p><p>�Unsinn�, behauptete Priscylla. Ihr K�rper schmiegte sich noch enger an mich. Meine Nerven schienen zu explodieren. �Ich liebe dich, und du liebst mich�, fl�sterte sie. �Was soll Verbotenes daran sein? Und du willst es ebenso wie ich.�</p><p>Ich wollte widersprechen, aber ich konnte nicht mehr. Mein klares Denken war ausgel�scht, untergegangen in einem wahren Taumel der Sinne, in dem so etwas wie Logik oder Vernunft nichts mehr zu suchen hatte. Priscylla l�ste sich abermals aus meinen Armen, griff mit einer geschickten Bewegung in ihren Nacken und �ffnete ihr Kleid. Mit einem kr�ftigen Ruck streifte sie es �ber den Kopf und warf es achtlos hinter sich. Darunter trug sie nichts.</p><p>Fast eine Minute lang starrte ich sie an, und Priscylla blieb reglos sitzen, als wolle sie mir Gelegenheit geben, sie ausgiebig zu mustern. Und ich tat es, v�llig ohne Scheu oder Verlegenheit, unf�hig, an irgend etwas anderes zu denken als daran, wie <emphasis>sch�n </emphasis>sie war.</p><p>Ihre Gestalt war schlank und ebenm��ig, aber das hatte ich gewu�t. Was ich nicht gewu�t hatte, war, wie genau sie meinem Traumbild von einer Frau entsprach. Jeder Millimeter ihres K�rpers war perfekt, ohne den geringsten Makel. Es war, als w�re sie eigens f�r mich erschaffen worden.</p><p>Priscylla beugte sich vor, st�tzte die H�nde rechts und links von mir auf und brachte ihr Gesicht ganz dicht an das meine. Ihr langes, volles Haar fiel wie ein Schleier in mein Gesicht; ihre Br�ste ber�hrten meinen Leib, und die Ber�hrung setzte mich endg�ltig in Flammen. Ich b�umte mich auf, packte sie mit einer Kraft, die ihr beinahe schmerzen mu�te, und pre�te sie an mich. Ein leises, lustvolles St�hnen kam �ber ihre Lippen. Ihre H�nde wanderten geschickt an meinem K�rper herab und begannen, mein Hemd aufzukn�pfen.</p><p>�Nimm mich�, fl�sterte sie. �Ich geh�re dir, Robert. Tu mit mir, was du willst.�</p><p>Ein Schatten schien durch das Zimmer zu huschen.</p><p>Irgendwo hinter Priscylla bewegte sich etwas, vielleicht ein Vorhang, der im Zug flatterte, vielleicht etwas anderes. Es interessierte mich nicht. Ich wollte es nicht wissen. Alles, was ich wollte, war <emphasis>sie. </emphasis>Nie zuvor in meinem Leben hatte ich eine derartige, beinahe schon schmerzhafte Erregung versp�rt. Ich pre�te sie an mich, nahm ihr Gesicht zwischen die H�nde und k��te sie so fest, da� meine Lippen brannten. Priscyllas Atem beschleunigte sich. Ihre Haut gl�hte.</p><p>�La� uns gehen, Robert�, fl�sterte sie. Ihre Stimme war verlockend, einschmeichelnd, von einer Kraft, die mit Sanftheit erreichte, wozu ein Zwang nicht in der Lage gewesen w�re. �La� uns von hier fortgehen. Ich kenne ein Haus hier in London, wo wir sicher sind.�</p><p>Alles in mir schrie danach, ihr zuzustimmen, ihrem Wunsch nachzugeben. Aber ich konnte nicht. Da war ein Widerstand, eine winzige Insel der Vernunft, die in dem flammenden Orkan, der meine Sinne durcheinanderwirbelte, geblieben war.</p><p>�Das ... geht nicht, Liebling�, kr�chzte ich. Ich wollte sie wieder an mich pressen, aber diesmal dr�ckte sie mich zur�ck. Etwas in ihrem Bick ver�nderte sich.</p><p>Etwas <emphasis>in ihr </emphasis>ver�nderte sich. In die tobende Erregung in meinen Gedanken mischte sich Schrecken, ganz leicht nur, aber unleugbar, wie ein gerade sp�rbarer �bler Geruch, der sich nicht ignorieren lie�.</p><p>�Bitte�, fl�sterte ich. �Sprich nicht mehr. Wir ... wir k�nnen nicht fort. Howard ist unser Freund, glaube mir.�</p><p>Priscyllas K�rper schien in meinen Armen zu Eis zu erstarren. Ihr Gesicht gefror.</p><p><emphasis>Und dann ver�nderte es sich. </emphasis>Priscyllas noch fast kindliche Z�ge verschwanden, flossen wie weiches Wachs, das unter der Sonnenglut schmilzt, auseinander, und ordneten sich neu. Pl�tzlich war es nicht mehr Priscyllas K�rper, den ich in den Armen hielt, sondern der einer Fremden. Sie schien Priscylla auf sonderbare, schwer zu beschreibende Weise zu �hneln, war aber gleichzeitig auch vollkommen fremd.</p><p>�Dann eben nicht�, sagte sie. Ihre Stimme klang hart und spr�de wie Glas. Es war nicht mehr Priscyllas Stimme. �Du entkommst mir trotzdem nicht, Craven.�</p><p>�Was -�, keuchte ich, sprach den Satz aber nicht zu Ende.</p><p>Das Gesicht �ber mir verwandelte sich weiter. Die Haut verlor ihren seidigen Glanz, wurde trocken und runzelig wie ein Ballon, aus dem man langsam die Luft herausl��t. Ihr Haar wurde grau, str�hnig, dann wei�, und begann in lockeren B�scheln auszufallen und auf meine Brust und mein Gesicht herabzuregnen. Die Lippen zogen sich wie zu einem diabolischen Grinsen zur�ck, die Z�hne dahinter waren gelb, zerfielen vor meinen Augen. Ich sp�rte, wie sich ihre H�nde, die gerade noch sanft und weich gewesen waren, an meinem K�rper zu runzeligen alten Krallen verwandelten, wie die Haut trocken wurde und zerbr�ckelte wie altes Pergament. Ihr Gesicht zerfiel weiter, alterte in Sekunden um Jahrzehnte. Die Augen erloschen, wurden zu milchigen wei�en Kugeln und sackten in die H�hlen zur�ck. Dahinter brodelte etwas Schwarzes, Weiches ... Priscyllas <emphasis>(Priscyllas?) </emphasis>K�rper bebte. Die Arme schienen nicht mehr die Kraft zu haben, ihr Gewicht zu tragen. Sie knickte in den Ellbogengelenken ein und fiel langsam nach vorne, direkt auf mich herab.</p><p>Die Ber�hrung l�ste den Bann, der sich um meine Sinne gelegt hatte. Ich schrie panikerf�llt auf, warf mich herum und versuchte, ihren K�rper von mir herunterzusto�en.</p><p>Es ging nicht. Meine H�nde drangen in den zerfallenden Leib ein, als best�nde er nicht mehr aus Haut und Knochen, sondern aus einer weichen, schwammigen Masse. Ihr Leib begann <emphasis>auseinanderzuflie�en, </emphasis>als sich Knochen und Fleisch in Sekundenschnelle in schwarzen, stinkenden Schlamm verwandelten. Ich schrie, schlug in blinder Panik um mich und b�umte mich auf wie unter Schmerzen. Schwarzer Schlamm besudelte mich, kroch in meine Kleider und klebte an meiner Haut fest.</p><p>Ich schrie immer noch, als die T�r aufgesto�en wurde und Howard und Rowlf ins Zimmer gest�rmt kamen.</p><empty-line/><p><emphasis>Das Hafenbecken war schon vor langer Zeit aufgegeben worden. Es war eines der ersten gewesen; niemand wu�te jetzt mehr genau zu sagen, wer den gewaltigen Graben am Ufer der Themse einst ausgehoben und mit dem Flu� verbunden hatte, aber es war jetzt, nach einem Jahrhundert oder mehr, zu klein f�r die immer gr��er und klobiger werdenden Schiffe geworden und schlie�lich - f�r den offiziellen Schiffahrtsverkehr - geschlossen worden. Mit den Schiffen war auch das Leben aus seiner Umgebung gewichen. Die Lagerhallen und Schuppen, die seinen Kai s�umten, standen leer und verfielen seit einem Menschenalter; von manchen standen nur noch die Grundmauern, andere waren zu Gerippen geworden, die sich im Licht der Mittagssonne wie die schwarzen Skelette bizarrer Urzeitwesen gegen den Himmel abhoben. Ein St�ck abseits stand eine Kapelle; fast schon eine kleine Kirche, auch sie verlassen und leer, aber in einem noch nicht ganz so fortgeschrittenen Stadium des Zerfalls wie die �brigen Geb�ude. Trotzdem hatte die Zeit ihre unbarmherzige Hand auch nach dem kleinen Gotteshaus ausgestreckt. Die Fenster waren eingeschlagen und lagen als Teppich winziger glitzernder Glassplitter auf dem gekachelten Boden des Kirchenschiffs, der h�lzerne Altar und die Sitzb�nke waren vermodert und zum Teil zusammengebrochen.</emphasis></p><p><emphasis>Manchmal kamen noch Menschen hierher, um still f�r sich zu beten oder einfach Schutz vor den Unbilden des Wetters oder der K�lte der Nacht unter seinem Dach zu finden, und ab und zu - je nachdem, wie der Wind stand - bewegte sich die schwere Bronzeglocke in seinem Turm und tat einen einzelnen, m�hsamen Schlag.</emphasis></p><p><emphasis>Und trotzdem war das Hafenbecken nicht leer. Nicht heute, nicht an diesem - einem ganz bestimmten - Tag. Etwas Gro�es bewegte sich tr�ge unter der �lschimmernden Oberfl�che seines Wassers, glitt hierhin und dorthin, tauchte manchmal bis dicht unter den Wasserspiegel auf oder sank auf den Grund des Beckens herab, unruhig, unsicher, als suche es etwas.</emphasis></p><p><emphasis>Es war der Tod, der Schrecken aus einer Zeit, die seit Millionen Jahren vergangen war, lange, bevor sich der erste Halbaffe auf die Hinterl�ufe erhob, seine Vorderpfoten betrachtete und beschlo�, sie fortan H�nde und sich selbst Mensch zu nennen. Er war aus seinem Versteck weit im Norden des Landes hervorgebrochen, war die Themse heruntergeschwommen und hatte zweimal get�tet, nicht aus Hunger oder Furcht, sondern aus purer Zerst�rungswut, und schlie�lich hatte er London erreicht. Den Ort, zu dem er gerufen worden war. Jetzt wartete er. Sein vernunftloses Hirn registrierte das Verstreichen der Zeit kaum. Sein Opfer w�rde kommen, ob jetzt, morgen oder in einem Jahr, spielte keine Rolle.</emphasis></p><p><emphasis>Er hatte f�nfhundert Millionen Jahre gewartet - was machten da ein paar Stunden? </emphasis></p><empty-line/><p>�Hier�, sagte Howard. �Trink das, Junge. Es schmeckt scheu�lich, aber es wird dir guttun.� Mit einem aufmunternden L�cheln hielt er mir ein Glas mit einer farblosen, dampfenden Fl�ssigkeit hin.</p><p>Ich sah ihn einen Moment zweifelnd an, grub aber dann gehorsam meine Hand unter der Decke aus, die Rowlf mir �ber die Schulter geworfen hatte, ergriff das Glas und leerte es mit einem einzigen, entschlossenen Zug. Howard hatte recht - in beiden F�llen. Die Fl�ssigkeit schmeckte ekelhaft, aber die W�rme vertrieb den krampfartigen Schmerz aus meinem Magen, und nach wenigen Sekunden f�hlte ich eine wohlige Entspannung, die meine Glieder schwer werden lie� und die Furcht, die mich noch immer gepackt hatte, ein wenig milderte. Dankbar reichte ich ihm das Glas zur�ck, zog die Decke wieder enger um die Schultern und rutschte auf meinem Stuhl ein St�ck n�her ans Feuer heran. Wir waren wieder in der Bibliothek: Howard, Rowlf, Priscylla und ich. Ich wu�te nicht, wieviel Zeit vergangen war, seit Howard und sein h�nenhafter Diener mich gepackt, mir die Kleider vom Leibe gerissen und mich kurzerhand in eine Wanne voll eiskaltem Wasser gesteckt hatten. Ich hatte wie ein Rasender geschrien und um mich geschlagen, so lange, bis Rowlf die Sache zu dumm geworden war und er mich wie ein l�stiges Insekt festgehalten hatte, bis das kalte Wasser seine Wirkung tat und ich mich - wenn auch langsam - beruhigte. Wenn ich jemals im Leben dicht davor war, den Verstand zu verlieren, dann in diesen Augenblicken.</p><p>�Du hast verdammtes Gl�ck gehabt, Junge�, sagte Howard. Er l�chelte, sch�ttelte ein paarmal den Kopf und sah kurz zu Priscylla hin�ber. Sie erwiderte seinen B�ck ruhig, aber ich glaubte auch ein verhaltenes Flackern in ihren Augen zu erkennen. Howard hatte ihr erz�hlt, was geschehen war, und sie hatte es mit einer Tapferkeit aufgenommen, die ich nicht an ihr erwartet h�tte. Aber sie hatte kein Wort mehr gesagt, seither. Und ich hatte das bestimmte Gef�hl, da� sie sich irgendwie die Schuld an dem gab, was geschehen war.</p><p>�Gl�ck?� murmelte ich nach einer Weile. Howards Gesicht verfinsterte sich; er schien zu ahnen, was ich sagen wollte.</p><p>�Ich dachte, dein Haus w�re sicher.�</p><p>�Das dachte ich bis heute auch�, sagte Howard gepre�t. Er atmete h�rbar ein. �Ich verstehe das nicht�, murmelte er. �Eigentlich ist es unm�glich.�</p><p>�Unm�glich?� W�re ich nicht zu schwach dazu gewesen, dann h�tte ich ihn jetzt ausgelacht. �Daf�r, da� es �unm�glich� war, war es verdammt realistisch ...�</p><p>Howard fuhr zusammen wie unter einem Hieb. �Ich verstehe das einfach nicht�, sagte er leise.</p><p>�Aber ich.�</p><p>Ich sah gleicherma�en verwirrt wie erschrocken auf, und auch Howard fuhr mit einer abrupten Bewegung herum und starrte Priscylla an. Sie hatte die ganze Zeit schweigend zugeh�rt, aber der Ausdruck von Schrecken auf ihren Z�gen war mit jedem Wort, das Howard sagte, tiefer geworden.</p><p>�Es ist meine Schuld�, stie� sie hervor. �Ganz allein.�</p><p>�Red keinen Unsinn, Priscylla�, antwortete ich. �Du kannst so wenig daf�r wie ich oder Howard.�</p><p>Priscylla sch�ttelte entschieden den Kopf. �Es ist meine Schuld�, beharrte sie. �Wenn ich nicht hier w�re, w�re das alles nicht geschehen, Robert. Ich h�tte niemals mit dir kommen d�rfen. Solange ich in deiner N�he bin, werden sie deine Spur niemals verlieren.�</p><p>�Kein Wort mehr�, sagte ich scharf.</p><p>�Aber es stimmt�, widersprach Priscylla. Ihre Augen schimmerten feucht, und ihre Stimme h�rte sich gleichzeitig nerv�s und sehr entschieden an. �Sie ... sie werden dich niemals in Ruhe lassen, solange ich bei dir bin.�</p><p>�Das werden sie auch nicht, wenn du nicht bei mir bist�, widersprach ich.</p><p>�Aber sie werden vielleicht deine Spur verlieren�, fuhr Priscylla unbeeindruckt fort. Ich musterte sie einen Moment scharf, wandte mich dann an Howard und ballte zornig die F�uste. �Du hast mit ihr gesprochen.�</p><p>�Das hat er�, antwortete Priscylla, ehe Howard Gelegenheit finden konnte, zu antworten. �Und ich bin froh, da� er es getan hat.�</p><p>�Und was willst du jetzt tun? Weglaufen? Dich umbringen lassen?� Ich versuchte, meiner Stimme einen sp�ttischen Klang zu verleihen.</p><p>�Ich kann auf jeden Fall nicht bleiben�, antwortete Priscylla entschlossen. �Ich bin eine Gefahr, nicht nur f�r dich, sondern f�r jeden hier.�</p><p>�Du bleibst�, sagte ich zornig. �Ich lasse es nicht zu, da� du dich opferst. Es w�rde deinen Tod bedeuten, wenn du jetzt gehen w�rdest.�</p><p>�Und vielleicht euer aller, wenn ich bliebe. Au�erdem - was willst du tun? Mich mit Gewalt festhalten?�</p><p>�Wenn es sein mu�, ja�, erwiderte ich ernst.</p><p>Priscylla hielt meinem Blick einen Moment lang stand, senkte dann den Kopf und begann unsicher mit den H�nden zu ringen. Ich konnte ihr Gesicht nicht mehr erkennen, aber ich sah, da� ihre Schultern zuckten, und ich h�rte, da� sie still in sich hinein weinte.</p><p>Meine Gef�hle schlugen urpl�tzlich in Zorn um.</p><p>�Bravo�, sagte ich, an Howard gewandt. �Das hast du prima hingekriegt. Meinen Gl�ckwunsch.�</p><p>Priscylla sah mit einem Ruck auf. �Er kann nichts daf�r, Robert�, sagte sie. �Aber als wir dich oben gefunden haben, da habe ich ihn gefragt. Und ich bin schlie�lich keine N�rrin und kann zwei und zwei zusammenz�hlen. Ich habe lange genug in Goldspie gelebt.�</p><p>Ich antwortete nicht mehr. Nat�rlich hatte Priscylla recht, mit jedem Wort. Trotzdem flaute mein Zorn auf Howard nicht im mindesten ab. Im Gegenteil.</p><p>Rowlf r�usperte sich h�rbar. �Es ... ist gleich drei�, sagte er verlegen, offenbar darum bem�ht, die Spannung irgendwie abzubauen. �Dr. Gray wird jeden Moment kommen.�</p><p>Howard nickte, sah zur Kontrolle noch einmal auf seine Taschenuhr und wandte sich dann an mich. �Rowlf hat recht�, sagte er. �Du solltest dir etwas �berziehen. Und Sie, Kind�, - damit wandte er sich an Priscylla - �gehen am besten auf Ihr Zimmer und beruhigen sich erst einmal. Wir reden heute abend noch einmal �ber alles. Gemeinsam.�</p><p>Priscylla blickte ihn aus ger�teten Augen an. Ihre Finger spielten nerv�s mit einem Zipfel ihrer Bluse. �Was gibt es da noch zu bereden?�</p><p>�Eine Menge�, antwortete Howard. �Sie haben zwar recht, was die Hexer von Goldspie angeht, aber die Konsequenzen, die sie daraus ziehen zu m�ssen glauben, sind falsch. Unsere Feinde haben unsere Spur aufgenommen, und es w�rde �berhaupt nichts nutzen, wenn Sie jetzt davonliefen. Sie w�rden Sie umbringen oder bestenfalls zur�ck nach Goldspie bringen. Ob es uns pa�t oder nicht, wir m�ssen zusammenbleiben und die Sache irgendwie durchstehen.� Er l�chelte aufmunternd. �Und jetzt gehen Sie auf Ihr Zimmer und ruhen sich ein wenig aus. Es war alles zuviel, und es war noch niemals gut, einen �berhasteten Entschlu� zu fassen.�</p><p>Priscylla nickte z�gernd. Howard gab Rowlf einen kaum merklichen Wink, und der breitschultrige Riese begleitete Priscylla schweigend aus dem Raum. �Keine Sorge�, sagte Howard, nachdem die T�r hinter ihnen geschlossen und ihre Schritte auf der Treppe verklungen waren. �Rowlf wird sie keine Minute aus den Augen lassen.�</p><p>Ich starrte ihn an. In meinen Gef�hlen schien ein Orkan zu toben. Ich wu�te ganz genau, da� er recht hatte und es nur gut mit mir meinte, aber gerade deshalb ha�te ich ihn beinahe f�r einen Augenblick.</p><p>�Warum gehst du nicht auch auf dein Zimmer und ziehst dich um?� fragte er, offensichtlich darum bem�ht, das Thema zu wechseln. �Der Anwalt wird gleich erscheinen, und Unterhosen und eine Wolldecke sind nicht gerade die richtige Kleidung, um eine Million englische Pfund in Empfang zu nehmen.�</p><p>�Eine Mil ...�, kr�chzte ich ungl�ubig.</p><p>Howard zuckte gleichm�tig mit den Schultern. �Vielleicht auch zwei oder drei�, sagte er. �Ich wei� es nicht. Auf jeden Fall solltest du dich jetzt umziehen.�</p><p>Ich starrte ihn noch einen Moment an, erhob mich dann z�gernd von meinem Platz und ging in mein Zimmer hinauf.</p><p>Mein Herz begann angstvoll zu schlagen, als ich den Raum betrat. Rowlf hatte das Bettzeug entfernt und auch alle anderen Spuren der grausigen Doppelg�ngerin Priscyllas entfernt, aber ich vermied es immer noch fast krampfhaft, auch nur in die Richtung zu sehen, in der das Bett stand. Ich vermied es auch, in den Spiegel zu blicken, als ich ins Badezimmer ging, um mich umzukleiden. Es h�tte nicht viel gefehlt, und ich h�tte angefangen, wie ein kleiner Junge zu pfeifen, der Angst hat, allein in einen dunklen Keller zu gehen. Ich bin niemals ein Feigling gewesen, aber es gibt Dinge, die haben nichts mehr mit Mut oder Tapferkeit zu tun.</p><p>Ich brauchte kaum f�nf Minuten, mich umzuziehen und das Zimmer wieder zu verlassen. Auf dem Flur traf ich Rowlf.</p><p>Ich blieb stehen, blickte ihn einen Moment vorwurfsvoll an und deutete auf die T�r zu Priscyllas Zimmer. �Sie hatten versprochen, sie keinen Moment aus den Augen zu lassen�, sagte ich.</p><p>Rowlf grinste. �Machichauchnich�, nuschelte er. �Aberse schl�ft nu. Unse wird auch weiterschlafn.�</p><p>�So schnell?�</p><p>Rowlfs Grinsen wurde etwas breiter. �Innern Tee, den H.P. ihr gegem hat, warn Schlafmittel�, sagte er. �Un au�erdem kannse das Fenster nich �ffnen, daf�r habich gesorgt. Is das beste so, glaubense mir.�</p><p>F�r einen ganz kurzen Moment versp�rte ich Zorn, aber mein logisches Denken gewann rasch wieder die Oberhand. Howard hatte wahrscheinlich das Vern�nftigste getan. Priscylla litt mehr unter den Ereignissen, als sie mir gegen�ber eingestehen wollte. Sie glaubte wirklich, da� alles, was heute geschehen war, allein ihre Schuld sei. Und sie war jung genug, sich zu einer Unbesonnenheit hinrei�en zu lassen. Wir gingen zur�ck in die Bibliothek, wo uns Howard bereits erwartete.</p><p>Dr. Gray kam Schlag drei. Das L�uten der T�rglocke vermischte sich mit dem tr�gen Gong der gewaltigen Standuhr, die in einer Ecke der Bibliothek thronte. Howard gab seinem Majordomus einen wortlosen Wink, strich sich noch einmal gl�ttend �ber Hemd und Hose und trat dann ebenfalls in die Diele hinaus, um Dr. Gray entgegenzugehen. Ich blieb allein zur�ck.</p><p>Ein unangenehmes Gef�hl begann sich in meinem Magen breitzumachen. Ich sp�rte, da� jetzt ein ganz neuer Abschnitt meines Lebens beginnen w�rde. Ich war arm gewesen, als mich Andara in den Slums von New York aufgelesen hatte, hatte mich jetzt immerhin - wenigstens �u�erlich - in einen normalen, gutsituierten B�rger verwandelt und w�rde in kurzer Zeit sehr reich sein. Ein Million�r.</p><p>Aber das war es nicht allein. Mir fiel pl�tzlich wieder ein, auf welch seltsame Weise Howard seine Worte betont hatte, als er sagte, ich sei der Erbe meines Vaters. Irgendwie war ich pl�tzlich vollkommen sicher, da� er mehr als Geld und Reicht�mer gemeint hatte.</p><p>Howards R�ckkehr ri� mich aus meinen Gedanken. In seiner Begleitung befand sich ein vielleicht sechzigj�hriger, grauhaariger Mann, unauff�llig, aber elegant gekleidet und mit einem offenen, sympathischen Gesicht. Seine Augen schienen eine Spur zu klein und waren so grau wie sein Haar, und ihr Blick war von der Art, der nicht die geringste Kleinigkeit entging.</p><p>Z�gernd ging ich Gray entgegen und streckte die Hand aus, aber er ignorierte sie, blieb stehen und ma� mich mit einem undefinierbaren Blick von Kopf bis Fu�. �Das ist er also�, sagte er schlie�lich.</p><p>Howard nickte. �Das ist er, Thomas. Ich habe dir nicht zuviel versprochen.�</p><p>Ein d�nnes, fl�chtiges L�cheln huschte �ber Grays Z�ge. �Du bist also Robert�, sagte er, diesmal an mich gewandt. �Rodericks Sohn.� Er l�chelte noch einmal, und diesmal auf eine sehr herzliche, warme Art, die mich sofort f�r ihn einnahm. �Ja�, sagte er. �Es ist nicht zu �bersehen. Du bist sein Sohn, eindeutig.�</p><p>�Sie ... kannten meinen Vater?� fragte ich verwirrt.</p><p>Gray nickte. �Und ob. Er war mein Freund, Robert. Er hat mir einmal das Leben gerettet.�</p><p>Howard grinste. �Das war so eine Art Hobby von ihm�, sagte er erkl�rend. Es kam mir irgendwie unpassend vor, in einer Situation wie dieser Scherze zu machen, aber Gray lachte leise.</p><p>�berhaupt hatte er sehr wenig von einem Anwalt, fand ich, und erst jetzt fiel mir auf, da� er nichts von den Utensilien, die ich halbwegs erwartet hatte, bei sich trug - weder eine Aktenmappe noch eine Tasche oder sonstwas.</p><p>Mein Blick mu� wohl B�nde gesprochen haben, denn Gray beendete endlich seine Musterung, sah sich suchend um und lie� sich schlie�lich auf Howards Stuhl hinter dem Schreibtisch nieder. Howard wies mich mit einer stummen Geste an, auf der anderen Seite des M�bels Platz zu nehmen, zog sich selbst einen Stuhl vom Tisch heran und gesellte sich zu uns.</p><p>�Howard�, begann Gray, �hat mir erz�hlt, was passiert ist. Und nachdem ich dich selbst gesehen habe, glaube ich, mit gutem Gewissen auf alle Formalit�ten verzichten zu k�nnen. Ich bin hier, um dir das Erbe deines Vaters zu �bergeben, Junge.�</p><p>Ich schluckte �berrascht. �Einfach so?� fragte ich verwirrt. Gray hatte mich nicht einmal nach meinen Papieren gefragt. Und er h�tte mich damit auch in arge Verlegenheit gebracht - mein Pa� und alle anderen Papiere, die ich bei mir getragen hatte, waren in Goldspie zu Asche verbrannt.</p><p>Gray nickte. �Einfach so. Howard vertraut dir, und ich auch.�</p><p>�Und Sie -�</p><p>Gray brachte mich mit einer raschen Geste zum Schweigen. �Ich wei�, was du sagen willst, Junge. Ich h�tte es auch gerne anders getan, aber ich f�rchte, die Geschehnisse zwingen uns zu einem etwas �berhasteten Handeln. Nat�rlich m�ssen wir deine Identit�t pr�fen - f�r die Beh�rden - und eine Unzahl von Papieren und Schriftst�cken beibringen, ehe du offiziell dein Erbe antreten kannst. Mach dir da keine falschen Hoffnungen; es wird mindestens ein Jahr dauern, bis es soweit ist, wahrscheinlich l�nger. Obwohl ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um die Sache zu beschleunigen. Aber Howard und ich werden dir solange finanziell unter die Arme greifen.�</p><p>�Darum geht es nicht, Mister Gray�, sagte ich.</p><p>Gray nickte. �Ich wei�. Trotzdem werden wir es tun. Aber ich bin nicht deswegen hier. Du wirst in den n�chsten Tagen in meine Kanzlei kommen und eine Unzahl Papiere unterschreiben, die ich vorbereiten lasse, und alles andere erledige ich f�r dich. Der Beh�rdenkram ist ganz sch�n langweilig. Aber f�r Howard und mich besteht nicht der geringste Zweifel an deiner Identit�t.� Er tauschte einen raschen Blick mit Howard, der best�tigend nickte und sich schon wieder eine seiner stinkenden schwarzen Zigarillos ansteckte.</p><p>�Deshalb�, fuhr Gray nach einer sekundenlangen Pause fort, �bin ich auch hier. Um mich selbst zu �berzeugen, da� du Robert Craven, Roderick Andaras Sohn, bist. Und nachdem ich dies getan habe, kann ich dir das hier �berreichen.� Er griff in die Brusttasche seines Fracks, zog einen schmalen, mit rotem Siegelwachs verschlossenen Umschlag hervor und reichte ihn mir mit einer fast feierlichen Geste �ber den Tisch.</p><p>Verwirrt blickte ich ihn an, drehte ihn einen Moment hilflos in den H�nden und sah wieder auf. �Was ist das?�</p><p>�Dein Erbe�, sagte Howard an Grays Stelle. Seine Stimme klang pl�tzlich sehr ernst. �Dein Vater bat mich und Dr. Gray vor vielen Jahren, dich zu suchen und dir diesen Brief zu �bergeben, falls ihm etwas zusto�en sollte.� Er atmete h�rbar ein, stand pl�tzlich auf und tauschte einen zweiten Blick mit Gray. Auch der Anwalt erhob sich.</p><p>�Es ist das beste, wenn wir dich allein lassen, damit du ihn in Ruhe lesen kannst�, sagte er. �Wir warten drau�en. Ruf uns, wenn du uns brauchst oder eine Frage hast.� Bevor ich Gelegenheit hatte zu widersprechen, wandten sie sich beide um und gingen mit schnellen Schritten aus dem Raum.</p><p>Verst�rt starrte ich die geschlossene T�r hinter ihnen eine endlose Sekunde lang an, ehe ich den Blick wieder auf den schmalen wei�en Briefumschlag in meinen H�nden senkte. Es war ein ganz normaler, vollkommen unauff�lliger Brief, ohne Absender- oder Empf�ngerangabe, nur mit ein wenig rotem Siegelwachs verschlossen. Meine Finger zitterten, als ich den Umschlag vor mir auf den Schreibtisch legte und das Siegel erbrach.</p><p>Der Umschlag enthielt nur ein einziges Blatt, das eng mit Andaras kleiner, verschn�rkelter Handschrift beschrieben war. Ich z�gerte noch einen winzigen Moment, dann nahm ich das Blatt vollends heraus, trat damit ans Fenster, um die winzige Schrift besser entziffern zu k�nnen.</p><p>�Robert�, las ich. �Wenn du diesen Brief in H�nden h�ltst und liest, dann bin ich, dein Vater, tot. Ich wei� nicht, ob ich jemals vorher Gelegenheit haben werde, dich pers�nlich kennenzulernen und dir zu erz�hlen, wie alles gekommen ist, und ich wei� nicht, ob du mir verzeihen kannst, was ich dir angetan habe.�</p><p>Meine Verwirrung wuchs. <emphasis>�Mir angetan?�</emphasis></p><p>�Ich habe meine beiden engsten Vertrauten gebeten, dir diesen Brief auszuh�ndigen, falls ganz bestimmte Umst�nde eintreten sollten�, las ich weiter. �Ich bete zu Gott, da� dies niemals der Fall sein wird, aber die Tatsache, da� du meine Worte jetzt lesen kannst, beweist, <emphasis>da� </emphasis>das eingetreten ist, was ich seit deiner Geburt bef�rchtet habe. Du wirst vieles von dem, was dir Howard oder Dr. Gray erz�hlen m�gen, nicht verstehen und nicht glauben, aber es ist die Wahrheit, und der einzige Grund, aus dem ich dir diese Zeilen schreibe, ist, dich zu warnen. Ich habe dich verleugnet und zu fremden Menschen in Pflege gegeben, um dich zu besch�tzen, Robert, denn ich habe m�chtige Feinde, die sich nicht mit meinem Tod allein zufriedengeben werden, sondern auch dich zu vernichten trachten.</p><p>Ich will dir jetzt mit wenigen Worten sagen, was dir Howard und Dr. Gray noch genauer erkl�ren m�gen, sollten sie jemals gezwungen werden, dir diesen Brief auszuh�ndigen.</p><p>Ich bin kein Mensch wie die, unter denen du aufgewachsen bist, Robert. Ich bin ein Magier. Ein Hexer. Und du bist mein Sohn. Die Kr�fte, �ber die ich, verf�ge, schlummern auch in dir, und wenn du den Gefahren, die dich bedrohen, entgehen willst, dann mu�t du sie wecken und zu einem Hexer wie ich werden. Du begreifst jetzt vielleicht noch nicht, welchen Preis du daf�r wirst zahlen m�ssen, aber es ist die einzige M�glichkeit. Vertraue dich meinem Freund Howard an; er geh�rt zu den wenigen Menschen, denen ich jemals vertraut habe und bei denen ich dieses Vertrauen nicht bereuen mu�te. Bitte ihn, dir meine Aufzeichnungen zu geben, die B�cher und Folianten, die ich w�hrend meines ganzen Lebens zusammengetragen habe und die mein Verm�chtnis darstellen. Alles, was ich jemals gelernt und erlebt habe, die ganze Erfahrung meines Lebens, ist darin aufgezeichnet, und gemeinsam mit Howard wirst du aus ihnen lernen, was zu lehren ich nicht mehr in der Lage bin. Vielleicht wirst du mich hassen, wenn deine Ausbildung beendet ist, und vielleicht ist dies nichts als die gerechte Strafe daf�r, da� ich mich mit M�chten eingelassen habe, die dem Menschen f�r ewig verschlossen sein sollten. Ich bete zu Gott, da� es nicht so ist.</p><p>In Liebe</p><p>Dein Vater�</p><p>Das Ger�usch der T�r drang in meine Gedanken. Mit einer fast erschrockenen Bewegung lie� ich das Blatt sinken und wandte mich um. Howard und Gray hatten das Zimmer wieder betreten und standen jetzt nebeneinander unter der T�r. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern hatte sich grundlegend ge�ndert. Jede Spur von Freundlichkeit war von Grays Z�gen gewichen; er wirkte angespannt, irgendwie lauernd und sprungbereit. Und nicht mehr ann�hernd so alt und hilflos wie noch vor Augenblicken.</p><p>Howard dagegen war so nerv�s, wie ich ihn noch nie zuvor bemerkt hatte. Seine Finger spielten, ohne da� er es merkte, mit einem Knopf seiner Weste und waren drauf und dran, ihn abzudrehen, und in seinem Mundwinkel glomm eine schwarze Zigarre, auf deren Ende er wie wild herumkaute.</p><p>�Nun?� fragte er, nachdem Gray und er mich gr�ndlich und auf eine Art, die mich schaudern lie�, gemustert hatten. �Hast du es gelesen?�</p><p>Ich nickte und sch�ttelte unmittelbar darauf den Kopf. �Gelesen schon�, sagte ich. �Aber es ... es stand nichts darin, was ich nicht schon wu�te.�</p><p>Howard l�chelte. �Ich wei߫, sagte er. �Ich war dabei, als er den Brief geschrieben hat.�</p><p>�Aber darum geht es nicht�, f�gte Gray hinzu. Pl�tzlich erwachte er aus seiner Erstarrung, ging mit raschen Schritten auf mich zu und nahm mir den Brief aus der Hand. Ich war viel zu verwirrt, um zu reagieren. Mit offenem Mund sah ich zu, wie er sich umwandte und zum Kamin ging.</p><p>�Moment mal�, sagte ich endlich. �Was ... was haben Sie vor?�</p><p>�Den Brief verbrennen, was denn sonst?� erwiderte Gray unger�hrt. Er ging zum Kamin, beugte sich vor und warf das Blatt ohne ein weiteres Wort in die Flammen.</p><p>Ich schrie auf und wollte hinter ihm hereilen, aber Howard vertrat mir mit einem raschen Schritt den Weg und hielt mich zur�ck.</p><p>�La� ihn�, sagte er. �Es mu� sein.�</p><p>F�r eine Sekunde k�mpfte ich gegen seinen Griff an, aber Howard war viel st�rker, als ich vermutet hatte. �Warum?� keuchte ich. �Der Brief ist...�</p><p>�Vollkommen unwichtig�, fiel mir Gray ins Wort. �Und gef�hrlich dazu. Ich mu�te ihn vernichten, damit nicht versehentlich ein Ungl�ck geschieht.�</p><p>Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Ich lie� die Arme sinken, trat einen Schritt zur�ck und blickte abwechselnd von Gray zu Howard und zur�ck. �Was hat das zu bedeuten? War er denn ... nicht von meinem Vater?�</p><p>�Doch�, sagte Howard. �Aber das, was in ihm stand, spielte keinerlei Rolle. Ich h�tte dir jedes Wort auswendig aufsagen k�nnen. Und du wu�test es ja auch schon.�</p><p>�Aber trotzdem -�</p><p>�Du hast dich gewundert, da� alles so leicht und unb�rokratisch ging�, fiel mir Gray ins Wort. �Da� wir dir so vorbehaltlos <emphasis>vertrauten. </emphasis>Aber das konnten wir nicht, Robert.�</p><p>�Du hast erlebt, wie raffiniert unsere Feinde sind�, fuhr Howard fort. Pl�tzlich kamen sie mir wie zwei M�nner vor, die eine genau einstudierte Szene ablaufen lie�en und sich die Stichworte zuwarfen wie zwei Artisten die B�lle. Wahrscheinlich war es so.</p><p>�Wir mu�ten sichergehen�, sagte Gray nun wieder. �Dieser Brief war eine Art Pr�fung, Robert.�</p><p>�Eine ... Pr�fung?�</p><p>Howard nickte. �Nur der echte Robert Craven h�tte das Siegel erbrechen und ihn lesen k�nnen. Dein Vater hat ihn vor langer Zeit mit einem magischen Siegel verschlossen.�</p><p>Einen Moment lang schwieg ich. Ein ungutes, seltsames Gef�hl breitete sich in mir aus. �Und wenn ich ... nicht der Richtige gewesen w�re?� fragte ich.</p><p>Howard sah mich ernst an. �Dann w�rst du jetzt tot�, sagte er ruhig.</p><p>Ein eisiger Schrecken durchfuhr mich. F�r Sekunden saugte sich mein Blick an dem zerkr�melten H�ufchen wei�er Asche fest, die von dem Brief �brig geblieben war. Vielleicht h�tte ich jetzt Zorn auf Gray und Howard versp�ren m�ssen, aber ich tat es nicht.</p><p>�Komm�, sagte Howard. �Setzen wir uns, Robert. Es gibt viel zu bereden.�</p><empty-line/><p>Es war Abend geworden, aber wir redeten noch immer. Das hei�t, Howard und Gray redeten, und ich h�rte mit wachsender Verwirrung zu und stellte nur hier und da eine Zwischenfrage, wenn ich etwas nicht verstand oder auch einfach nicht glauben wollte (was mehr als einmal vorkam). Im Grunde erz�hlten sie mir nichts Neues - das meiste von dem, was ich h�rte, hatte ich bereits aus dem Munde meines Vaters vernommen oder mir auch zusammengereimt. Und trotzdem erschreckten mich ihre Worte zutiefst, berichteten sie mir doch in allen Einzelheiten von einer Welt, die praktisch neben der unseren existierte und tausendmal r�tselhafter und gefahrvoller war, als ich mir noch vor wenigen Wochen h�tte tr�umen lassen. Howard, Gray und mein Vater waren keineswegs die einzigen Menschen, die den Kampf gegen die M�chte der Finsternis aufgenommen hatten. Sie hatten zahllose Verb�ndete �berall auf der Welt, aber auch ihre Gegner waren m�chtig, so m�chtig, da� meine Hoffnung, den Kampf gegen sie jemals gewinnen zu k�nnen, fast mit jedem Wort Howards oder Grays mehr dahinschmolz.</p><p>Ich erfuhr alles: die Geschichte Salems und seiner Zerst�rung, das Schicksal der Fl�chtlinge, die sich in Jerusalems Lot niedergelassen und ein Jahrhundert sp�ter von ihrem Schicksal eingeholt worden waren, die Geschichte meines Vaters, der das drohende Unheil vorausgesehen und vergeblich gewarnt hatte. Vor den Fenstern brach wieder die D�mmerung herein, und Rowlf brachte uns ein warmes Essen und reichlich Kaffee, um den ich ihn bat, um meine Augen am Zufallen zu hindern, aber Gray und Howard redeten weiter, sachlich, beinahe k�hl, ohne irgend etwas zu besch�nigen oder zu dramatisieren. Und endlich kam Howard zu dem einzigen Punkt im Brief meines Vaters, den ich nicht begriffen hatte.</p><p>�Du siehst, Robert�, sagte er ernst, �dir bleibt gar keine andere Wahl, als dich deinen Feinden zu stellen. Und das Verm�chtnis deines Vaters anzunehmen.�</p><p>�Und wenn ich nicht will?� fragte ich z�gernd.</p><p>Seltsamerweise l�chelte Howard auf meine Frage. �Dein Wunsch ist nur zu verst�ndlich, Robert�, sagte er. �Auch ich habe mich gewehrt, als ich zum ersten Mal von Hexerei und Schwarzer Magie erfuhr. Als mir die Existenz Chtulhus und der <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>bewu�t wurde, habe ich mich wochenlang verkrochen und versucht, die Augen vor der Wahrheit zu verschlie�en. Aber das geht nicht. So leid es mir tut, Robert, es ist unm�glich.� Er l�chelte. �Dein Vater hat es einmal sehr treffend ausgedr�ckt: Es ist, als ob man in hei�en Teer fa�t. Man kann sich noch so lange die H�nde reiben, es bleiben Schmutz und ein �bler Geruch zur�ck. Du wirst es nie wieder los.�</p><p>Das also hatte mein Vater damit gemeint, als er schrieb: Vielleicht wirst du mich hassen ...</p><p>�Du hast den Brief gelesen�, fuhr Howard nach einer Weile des Schweigens fort. �Wir werden tun, was dein Vater verlangte, Robert. Du besitzt die gleichen Talente wie er, und wir werden sie gemeinsam wecken und ausbilden. Aber dazu m�ssen wir London verlassen.�</p><p>Ich sah auf. �Du meinst, wegen seines ... Verm�chtnisses?�</p><p>�Seine B�cher und Aufzeichnungen.� Howard nickte. �Ja. Du hast mir erz�hlt, was auf der LADY OF THE MIST geschehen ist. Du hast die Kiste mit seinen B�chern einen Moment in H�nden gehalten, ohne freilich zu ahnen, welchen Schatz du da hattest. Alles, was dein Vater jemals gelernt und herausgefunden hat, ist in diesen B�chern und Folianten, Robert. Wir m�ssen die Kiste bergen.�</p><p>�Aber sie ist versunken�, wandte ich ein. �Zusammen mit dem Schiff.�</p><p>�Glaubst du, da� du die Stelle wiederfindest?�</p><p>Ich nickte. Selbst wenn das Schiff mittlerweile vollends auseindergebrochen und auf den Meeresboden gesunken war, w�rde ich sie wiederfinden. �Das schon. Aber die Str�mung ist dort m�rderisch. Ich glaube nicht, da� -�</p><p>Howard unterbrach mich mit einer knappen Geste. �Ich kenne Leute, die selbst in die Niagaraf�lle tauchen k�nnten�, sagte er �berzeugt. �Und ich habe auch noch ein paar ... �h, andere M�glichkeiten. Wenn wir die Stelle wiederfinden, an der das Schiff versank, dann k�nnen wir die Kiste auch bergen. Es k�nnte lebenswichtig f�r dich sein.�</p><p>�Wenn sie noch da ist�, murmelte Gray.</p><p>Howard nickte betr�bt. �Wenn sie noch da ist�, best�tigte er. �Unsere Feinde sind schlau, wie sie bewiesen haben. Es w�rde mich nicht wundern, wenn sie ebenfalls von der Existenz dieser Kiste w��ten und versuchten, sie zu bergen. Deshalb brechen wir noch morgen auf.�</p><p>�Morgen schon?� Der Gedanke, so schnell nach Schottland - und in die N�he des Hexerdorfes - zur�ckzukehren, erschreckte mich.</p><p>�Am besten w�re sogar heute�, erwiderte Howard ernsthaft. �Jede Stunde kann entscheidend sein. Aber wir sind alle �berm�det und brauchen dringend eine Nacht Schlaf. Rowlf wird unser Gep�ck vorbereiten und Fahrkarten und alles andere besorgen. Morgen fr�h brechen wir auf.�</p><p>�Wir f�nf?�</p><p>Howard verneinte. �Dr. Gray bleibt hier. Und mir w�re wohler, wenn Priscylla ebenfalls in London zur�ckbliebe.�</p><p>�Ich kenne einen Ort, an dem sie sicher ist�, sagte Gray. Ich widersprach nicht. So zuwider mir die Vorstellung war, mich von Priscylla zu trennen, sah ich die Notwendigkeit doch ein. Sie auch nur in die N�he Goldspies zu bringen, w�re mehr als unverantwortlich. Es w�re Mord.</p><p>Z�gernd nickte ich.</p><p>Howard und Gray atmeten erleichtert auf. �Dann w�re es jetzt wohl das beste, wenn wir f�r heute Schlu� machen und uns zur�ckziehen�, sagte er. �Ich -�</p><p>Aus dem oberen Stockwerk des Hauses drang ein gellender Schrei, gefolgt von einem berstenden Laut und dem Splittern von Glas.</p><p>Mit einem einzigen, erschrockenen Satz fuhr ich aus meinem Sessel hoch. �Priscylla!� keuchte ich. �Das kam aus Priscyllas Zimmer!�</p><p>Ich wirbelte herum, war mit zwei Schritten bei der T�r, ri� sie auf - und erstarrte mitten im Schritt.</p><p>Auf der Treppe tobte ein verzweifelter Kampf. Es war Rowlf, der sich mit gleich drei Gegnern gleichzeitig schlug, aber trotz seiner �berlegenen K�rperkr�fte machte er keine sehr gute Figur dabei. Die drei Burschen waren in zerlumpte Anz�ge gekleidet und mit langen, gef�hrlich aussehenden Springmessern bewaffnet, mit denen sie Rowlf Schritt f�r Schritt vor sich hertrieben. Die Art, in der sie ihre Messer handhabten, sagte mir, da� sie Meister mit diesen Waffen waren. Ge�bte Messerstecher, die - auch noch zu dritt - selbst einen Mann wie Rowlf nicht zu f�rchten brauchten. Der breitschultrige Riese blutete bereits aus zahlreichen Schnitten und Stichen, die seine Unterarme und seine H�nde �bers�ten. Sein Hemd war zerfetzt, und auf seinem Gesicht lag eine Mischung aus Zorn und langsam aufkeimender Furcht.</p><p>Howard und Gray tauchten neben mir auf, aber ich hielt sie mit einer raschen Handbewegung zur�ck. �Rowlf!� schrie ich. �Zur�ck. La� dich nicht einkreisen!�</p><p>Zwei der drei Burschen fuhren beim Klang meiner Stimme �berrascht zusammen und wandten den Blick. F�r einen Moment waren sie abgelenkt - und Rowlf nutzte seine Chance mit einer Reaktionsschnelligkeit, die ich ihm nicht zugetraut hatte. Mit einem w�tenden Knurren scho� er vor, packte den dritten Burschen bei den Rockaufschl�gen und nahm dabei einen neuerlichen, tiefen Stich in den Oberarm in Kauf. Der Mann schrie, strampelte wild mit den Beinen und schwang sein Stilett. Aber einmal von Rowlfs gewaltigen Pranken gepackt, hatte er keine Chance mehr. Ich h�rte ein leises Knacken, als Rowlf seinen Arm verbog; der Bursche schrie noch einmal, lie� sein Messer fallen und starrte ungl�ubig auf sein gebrochenes Handgelenk. Rowlf versetzte ihm einen Hieb mit der flachen Hand, lie� ihn los und gab ihm einen Sto� vor die Brust, der ihn r�cklings gegen seine beiden Kameraden taumeln und sie alle drei die Treppe hinunterkugeln lie�. Das Ganze nahm weniger als eine Sekunde in Anspruch.</p><p>Als sich die Burschen wieder aufrichten wollten, waren Howard und ich �ber ihnen. Der eine, den Rowlf gepackt hatte, stellte keine Gefahr mehr dar, sondern kr�mmte sich am Boden und pre�te dabei seine Hand gegen die Brust, aber die beiden anderen waren keineswegs au�er Gefecht gesetzt. Ich wich im letzten Moment einem Stich aus, der nach meinem Gesicht zielte, packte das Handgelenk des Messerstechers und zerrte ihn, seinen eigenen Schwung ausnutzend, auf die F��e. Gleichzeitig ri� ich das rechte Bein hoch.</p><p>Der Bursche keuchte, als sein Gesicht mit meiner Kniescheibe kollidierte. Das Messer entglitt seinen Fingern, gleichzeitig sp�rte ich, wie die Spannung aus seinen Muskeln wich und sein K�rper schlaff wurde. Ich fuhr herum, um Howard zu Hilfe zu eilen, noch ehe er vollends zusammengesunken war.</p><p>Howard hatte weniger Gl�ck gehabt als ich. Sein Mann war auf die F��e gekommen und stach wild mit seinem Stilett auf ihn ein. Bisher hatte er ihn noch nicht getroffen, denn Howard wich immer wieder blitzschnell aus, wenn seine Klinge vorscho�, aber ich sah, da� er den ungleichen Kampf nur noch wenige Augenblicke durchstehen w�rde.</p><p>�Heda�, sagte ich.</p><p>Der Messerstecher lie� f�r einen Augenblick von Howard ab und sah �ber die Schulter zu mir zur�ck. Das war ein Fehler, aber er bekam keine Gelegenheit mehr, ihn zu bereuen. Ich traf eine empfindliche Stelle, packte seinen Arm, als er sich zusammenkr�mmte, knickte gleichzeitig in den H�ften ein und schleuderte ihn, seine eigene Bewegung noch verst�rkend, in hohem Bogen �ber meine Schulter. Mit einem Schrei segelte er zwei, drei Meter durch die Luft, prallte gegen das Treppengel�nder und zertr�mmerte es.</p><p>Aber der Bursche war h�rter im Nehmen als ich geglaubt hatte. Er blieb eine Sekunde reglos liegen, stemmte sich dann taumelnd wieder hoch und griff nach einem St�ck des zerbrochenen Treppengel�nders, um es wie eine Keule zu schwingen. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren, aber in seinen Augen loderte ein t�dliches Feuer.</p><p>Ich kannte diesen Blick, hatte ihn oft genug gesehen. Der Blick eines Killers.</p><p>Rowlf stie� ein w�tendes Knurren aus und wollte auf ihn eindringen, aber ich hielt ihn hastig zur�ck. �Nicht�, sagte ich. �La� mich das machen.� Dann wandte ich mich wieder an den Messerstecher.</p><p>�Gib auf�, sagte ich leise. �Du hast keine Chance mehr. Wir sind zu viele.�</p><p>Statt einer Antwort beugte der Bursche den Oberk�rper leicht vor, spreizte die Beine und schwang herausfordernd seinen Kn�ttel. Rowlf machte einen Schritt auf ihn zu, gleichzeitig kreisten Howard und ich ihn ein. Wenn wir alle zugleich angriffen, hatte er keine Chance.</p><p><emphasis>�Aufh�ren!�</emphasis></p><p>Die Stimme war so scharf, da� wir unwillk�rlich mitten im Schritt verharrten. Abrupt hob ich den Kopf und sah nach oben.</p><p>Am oberen Ende der Treppe stand eine Frau. Eine sehr schlanke, dunkel- und langhaarige Frau, deren Gestalt fast zur G�nze von einem kn�chellangen schwarzen Umhang verborgen wurde. Mein Blick saugte sich an ihrem Gesicht fest.</p><p>Ich kannte dieses Gesicht! Es waren die Z�ge, die ich f�r den Bruchteil eines Augenblickes gesehen hatte, bevor die vermeintliche Priscylla anfing, sich auf so grausame Weise zu ver�ndern!</p><p>�H�rt sofort auf�, sagte sie noch einmal. Rowlf fuhr mit einem �rgerlichen Knurren herum und machte Anstalten, die Treppe hinaufzust�rmen, prallte aber mitten im Schritt zur�ck, als ihn der Blick der Fremden traf. Etwas Unheimliches ging von der Frau aus, eine Aura der Macht, wie ich sie nur einmal zuvor in meinem Leben gesp�rt hatte: in der Gegenwart meines Vaters.</p><p>Pl�tzlich wu�te ich, wer sie war.</p><p>Ihr Blick richtete sich auf mich, als h�tte sie meine Gedanken gelesen. Und ihre n�chsten Worte bewiesen mir, da� es wirklich so war.</p><p>�Du vermutest richtig, Robert Craven�, sagte sie. Ihre Stimme klang kalt. �Du h�ttest auf die Warnung h�ren sollen. Ich <emphasis>bin </emphasis>der dritte Magier aus Goldspie.� Sie lachte, sehr leise und sehr b�se. �Hast du wirklich geglaubt, uns entkommen zu k�nnen?�</p><p>�Was ... was willst du?� fragte ich. Mein Gaumen f�hlte sich pl�tzlich trocken wie Pergament an.</p><p>�Dich�, antwortete sie.</p><p>Eine Bewegung, die ich aus den Augenwinkeln wahrnahm, lie� mich herumfahren. Die beiden Messerstecher k�mpften sich m�hsam und mit schreckensbleichen Gesichtern auf die F��e und begannen, sich links und rechts von uns aufzubauen.</p><p>�La�t sie�, befahl die Hexe scharf. �Eure Aufgabe ist erf�llt. Kommt her.�</p><p>Die drei Burschen gehorchten sofort. Als g�be es uns pl�tzlich gar nicht mehr, wandten sie sich wie ein Mann um und begannen die Treppe hinaufzueilen. Ihre Bewegungen wirkten ein wenig steif, als gehorchten sie nicht mehr ihrem eigenen Willen.</p><p>Die Hexe wartete, bis die drei hinter ihr Aufstellung genommen hatten, und fuhr im gleichen, harten Tonfall fort: �Ich will dich, Robert Craven. Du wirst f�r den Frevel bezahlen, den du begangen hast. Hast du wirklich geglaubt, du k�nntest zwei von uns t�ten, ohne daf�r zur Rechenschaft gezogen zu werden?�</p><p>�Nimm dich in acht, Hexe�, sagte Howard an meiner Seite. �Du bist hier in ...�</p><p>�Ich wei� sehr genau, wo ich bin�, unterbrach ihn die Frau. �Und ich bin nicht so dumm, euch hier mit Waffen anzugreifen, die versagen w�rden.� Sie lachte leise. �Mit dir, Howard, besch�ftigen wir uns sp�ter. Es gibt andere, die einen Anspruch darauf haben, dich zu vernichten, und ich will mich ihnen nicht in den Weg stellen. Robert wird mich begleiten.�</p><p>Howard lachte. �Das wird er nicht.�</p><p>�Nein?� Etwas Lauerndes war pl�tzlich in ihrer Stimme. �Ich bin ziemlich sicher, da� er es tun wird�, fuhr sie in beinahe beil�ufigem Ton fort. �Jedenfalls, wenn er Wert darauf legt, sein kleines Flittchen wiederzusehen.�</p><p>Ein eisiger Schrecken durchfuhr mich. Pl�tzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Deshalb also dieser scheinbar sinnlose �berfall! Die drei Messerstecher hatten keinen anderen Auftrag gehabt als den, uns lange genug aufzuhalten!</p><p>Ich stie� einen kr�chzenden Schrei aus und st�rmte vor, aber Howard ri� mich blitzschnell am Arm zur�ck. �Bist du wahnsinnig?� fragte er. �Sie wird dich umbringen!�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte die Hexe l�chelnd.</p><p>Ich ri� meinen Arm los und stie� ihn zur�ck. �Priscylla!� keuchte ich. �Sie haben Priscylla!�</p><p>�Denkst du etwa, sie werden sie laufen lassen, wenn du dich ihnen auslieferst?� schnappte Howard. Sein Blick bohrte sich in den der dunkelhaarigen Frau. �Sie werden euch beide t�ten.�</p><p>Die Hexe begann langsam die Treppe herabzugehen. Ihre drei Begleiter folgten ihr in geringem Abstand. Howard, Gray und ich wichen unwillk�rlich ein St�ck zur Seite, als sie die Treppe herabkamen.</p><p>Ihr Blick war eisig, als sie auf der letzten Stufe stehenblieb und mich ansah. �Nun?� fragte sie. �Wie ist deine Entscheidung?�</p><p>�Was ... was werdet ihr mit Priscylla tun, wenn ich mitkomme?� fragte ich.</p><p>Sie zuckte mit den Achseln. �Nichts. Ich lasse sie laufen. Du bist es, den wir haben wollen, nicht diese kleine Schlampe. Sie ist ohne Wert f�r uns.�</p><p>�Glaube ihr nicht!� keuchte Howard. �Sie l�gt.�</p><p>�Vielleicht�, antwortete sie. �Aber vielleicht auch nicht. Er wird es nie erfahren, wenn er hierbleibt. Dann wird er nur wissen, da� er Schuld an ihrem Tod hat. Einem sehr unangenehmen Tod�, f�gte sie in etwas sch�rferem Ton hinzu.</p><p>Unsicher sah ich Howard an. In meinem Inneren tobte ein Sturm einander widerstrebender Gef�hle. Ich wu�te ganz genau, da� Howard recht hatte und sie uns vermutlich beide umbringen w�rden, wenn nicht Schlimmeres. Aber ich konnte an nichts anderes denken als an Priscylla, meine kleine, liebliche Priscylla, die jetzt in der Gewalt dieser Hexe war. �Ich komme mit�, sagte ich leise.</p><empty-line/><p>Der Wagen war fast eine Stunde lang in halsbrecherischem Tempo durch die Stadt gejagt. Die Vorh�nge vor den Fenstern waren zugezogen, und ich hatte es nicht gewagt, mich zu r�hren, so da� ich keine Ahnung hatte, wo wir waren. Um ehrlich zu sein, h�tte ich auch keine Ahnung gehabt, wenn ich meine Umgebung gesehen h�tte - London war eine fremde Stadt f�r mich, und au�er dem Picadilly Circus, dem Hauptbahnhof und dem Hotel WESTMINSTER hatte ich bisher wenig davon zu Gesicht bekommen. Aber das Tempo, mit dem der Kutscher seine Pferde antrieb, und die hallenden, unheimlichen Echos, die der L�rm des dahinjagenden Fahrzeuges in den Stra�en hervorrief, verrieten mir zumindest, da� wir uns nicht der Stadtmitte n�herten, sondern in einem der weniger dicht bev�lkerten Teile der Stadt waren.</p><p>Schlie�lich, nach Ewigkeiten, wie es mir vorkam, verlangsamte sich unsere Fahrt. Die Kutsche h�rte auf, wie ein Schiff auf hoher See zu schaukeln, und das rasende Stakkato der Pferdehufe wurde langsamer.</p><p>Daf�r begann mein Herz schneller zu schlagen. Wir n�herten uns unserem Ziel.</p><p>Meinem Tod.</p><p>Seltsamerweise hatte ich keine Angst; nicht um mich. Alles, woran ich denken konnte, war Priscylla. Ich war allein in der Kutsche. Meine geheimnisvolle Entf�hrerin war nicht mit eingestiegen. Vielleicht gab es sie gar nicht. Vielleicht war die Frau, die ich in Howards Haus gesehen hatte, nichts als eine Illusion gewesen.</p><p>Meine Hand glitt unter den Umhang und ber�hrte die Klinge des Stockdegens, den ich eingesteckt hatte. Ich war mir dar�ber im klaren, da� mir die Waffe herzlich wenig nutzen w�rde, aber allein das Gef�hl, sie dabeizuhaben, beruhigte mich ein wenig.</p><p>Der Degen war nicht die einzige Waffe, die ich hatte. In meiner rechten Rocktasche befand sich eine kleine, zweisch�ssige Damenpistole, die mir Howard zugesteckt hatte, bevor ich das Haus verlie�, ohne da� einer der drei Schl�ger oder die Hexe es bemerkten. Den Degen w�rden sie mit Sicherheit finden und mir abnehmen, aber bei der winzigen Schu�waffe hatte ich eine Chance.</p><p>Der Wagen hielt an. Die Pferde stampften unruhig, dann h�rte ich schnelle, trappelnde Schritte, und die T�r wurde von au�en aufgerissen. Ein Schwall eisiger Luft wehte ins Wageninnere. Es roch pl�tzlich nach Nebel und Wasser. Ein breitfl�chiges, von Narben zerfurchtes Gesicht starrte zu mir herein.</p><p>�Rauskommen!� befahl eine harte Stimme.</p><p>Gehorsam stand ich auf, trat geb�ckt durch die T�r und sprang auf die Stra�e hinab. Mit einer Mischung aus Neugier und allm�hlich aufkeimender Furcht sah ich mich um. Wir waren am Hafen. Wenige Schritte vor den Pferden h�rte die gepflasterte Stra�e abrupt auf und ging in den zerbr�ckelten Betonrand eines gewaltigen, mindestens eine halbe Meile durchmessenden Hafenbeckens �ber. Das Wasser darin roch unangenehm und gl�nzte wie schwarzer Teer unter dem Licht des Mondes, und die Geb�ude, die das Becken an drei Seiten s�umten, hockten wie schwarze Schatten in der Nacht da. Nirgendwo war Licht oder irgendein anderes Zeichen menschlichen Lebens zu gewahren. Wir mu�ten in einem Teil des Hafens sein, der wenigstens jetzt, in der Nacht, vollkommen menschenleer war. Nat�rlich. Was hatte ich erwartet?</p><p>�Mitkommen�, befahl mein Begleiter. Er war einen guten Kopf gr��er als ich -, was bemerkenswert war, denn ich bin nicht gerade kleinw�chsig - unglaublich breitschultrig, und trug den schwarzen Mantel und Zylinder eines Droschkenkutschers. Aber das war er nicht. Sein Gesicht war das eines jener verkommenen Subjekte, die man in einer Gegend wie dieser anzutreffen erwartet, und seine Augen waren so matt und glanzlos wie die der drei Burschen, die uns �berfallen hatten.</p><p>�Wohin?� fragte ich.</p><p>Er deutete wortlos auf einen niedrigen halb verfallenen Lagerschuppen zu unserer Rechten. Ich warf einen letzten Blick in die Runde, ehe ich mich z�gernd in Bewegung setzte. Wir waren allein, der n�chste lebende Mensch schien eine Million Meilen entfernt. Obwohl ich mit aller Macht dagegen ank�mpfte, wurde das Gef�hl der Furcht in mir st�rker, mit jedem Atemzug.</p><p>Unsere Schritte erzeugten unheimliche, klappernde Echos auf dem Kopfsteinpflaster, als wir uns dem Geb�ude n�herten. Die T�r stand halb offen, und als wir n�her herankamen, sah ich flackernden r�tlichen Lichtschein ins Freie dringen. Ein Geruch wie nach brennendem Holz und Weihrauch stieg mir in die Nase.</p><p>Ich z�gerte instinktiv, die Ruine zu betreten, aber mein Begleiter gab mir ohne viel Federlesens einen derben Sto� in den R�cken und knurrte irgend etwas, das ich nicht verstand. Gehorsam stolperte ich weiter.</p><p>Der Schuppen war leer. Durch die zahllosen L�cher und Ritzen des Daches fiel bleiches Mondlicht ins Innere; rechts und links des Einganges brannten zwei flackernde Kohlefeuer in niedrigen Eisenbecken, und genau in der Mitte des riesigen, leerger�umten Raumes war ein schwarzer Block aus Basalt oder anderem Stein aufgestellt worden. Das Ganze erinnerte mich auf bedr�ckende Weise an die Bilder einer barbarischen Opferzeremonie, die ich einmal in einem Buch gesehen hatte.</p><p>Aber dies hier war keine Zeichnung, sondern bittere Realit�t. Und ich hatte das ungute Gef�hl zu wissen, <emphasis>wer </emphasis>auf diesem Stein geopfert werden sollte.</p><p>�Tritt n�her, Robert�, sagte eine Stimme. Z�gernd drehte ich mich herum.</p><p>Zu meiner Linken zeichneten sich die schattenhaften Gestalten eines halben Dutzends Menschen ab. Vier von ihnen kannte ich - es waren die drei Messerstecher und die Hexe. Die beiden anderen waren mir unbekannt. In meinem Mund machte sich ein bitterer Geschmack breit. Ich mu�te all meine Kraft zusammennehmen, um ihnen entgegenzutreten.</p><p>�Also?� sagte ich, nicht halb so selbstbewu�t, wie ich es gerne gewollt h�tte. �Ich bin gekommen, wie du es verlangt hast. Wo ist Priscylla?�</p><p>Die Hexe trat einen Schritt vor und musterte mich von Kopf bis Fu�. Eine seltsame Mischung aus Verachtung und Triumph spiegelte sich in ihrem Blick.</p><p>�Robert Craven�, sagte sie. Ihre Stimme bebte vor verhaltener Erregung. �Roderick Andaras Sohn. Der letzte aus dem Geschlecht der alten Magier.� Ihr Blick flammte. �Der Fluch erf�llt sich�, sagte sie. �Endlich. Nach so langer Zeit erf�llt sich der Fluch der Hexen von Salem.�</p><p>�Wo ist Priscylla?� fragte ich noch einmal, ihre Worte bewu�t ignorierend. �Es war abgemacht, da� du sie freil��t, wenn ich mich ausliefere.�</p><p>Sie l�chelte, aber auf eine Art, die mir einen eisigen Schauder �ber den R�cken jagte. �Abgemacht�, wiederholte sie. �Sicher, es war abgemacht. Aber ich f�rchte, ich kann die Abmachung nicht halten.�</p><p>Eine Welle hei�en Zorns stieg in mir hoch. Mit einem w�tenden Schrei trat ich auf sie zu und hob die Arme.</p><p>Zwei unglaublich kr�ftige H�nde legten sich von hinten um meine Oberarme und pre�ten sie gegen meinen K�rper. Mit einem harten Ruck wurde ich zur�ckgerissen. Eine Hand klatschte in mein Gesicht und trieb mir einen Schmerzensschrei �ber die Lippen, eine zweite Hand fuhr unter meinen Mantel, entri� mir den Stockdegen und schleuderte ihn davon. Dann traf mich ein Sto�, der mich vorw�rtstaumeln und auf die Knie fallen lie�.</p><p>Ich dachte nicht mehr. Irgend etwas schien in mir zu zerbrechen, ich f�hlte einen Ha�, wie ich nie zuvor in meinem Leben gesp�rt hatte, ein Gef�hl von einer Intensit�t, das ich noch vor wenigen Augenblicken nicht einmal f�r m�glich gehalten h�tte. Mit einer Bewegung, die selbst f�r meinen Bewacher zu schnell kam, war ich wieder auf den F��en, wirbelte herum und schlug mit aller Macht zu.</p><p>Meine Faust traf den Riesen genau zwischen die Augen. Ein greller Schmerz zuckte durch mein Handgelenk; ich f�hlte, wie meine Kn�chel aufplatzten und Blut an meiner Hand herablief. Der Bursche torkelte zur�ck, starrte mich f�r die Dauer eines Herzschlages aus weit aufgerissenen Augen an und sackte wie eine Gummipuppe in sich zusammen.</p><p>Ich fuhr herum, ehe er den Boden ber�hrt hatte. Ein zweiter Mann drang auf mich ein; ich stie� ihn von mir, erwischte einen dritten mit einem Ellbogensto� und sprang blitzartig zur�ck. Meine Hand zuckte in die Tasche und kam mit dem Derringer wieder zum Vorschein. Die beiden nebeneinanderliegenden L�ufe deuteten genau auf das Gesicht der Hexe. Mein Zeigefinger spannte sich um den doppelten Abzug. Die beiden H�hne der Waffe knackten h�rbar.</p><p>�Keine Bewegung mehr�, sagte ich. �Ich glaube dir, da� mich deine Schl�ger �berw�ltigen k�nnen. Aber ich habe immer noch Zeit, dich zu erschie�en.�</p><p>�ber das Gesicht der Hexe huschte ein erschrockener Ausdruck. Aber die drei �briggebliebenen M�nner, die Anstalten gemacht hatten, sich gemeinsam auf mich zu st�rzen, erstarrten mitten in der Bewegung und blickten unsicher von mir zu ihrer Herrin. Der Klang meiner Stimme mu�te sie davon �berzeugt haben, da� ich es ernst meinte.</p><p>�Du w�rdest nicht auf eine Frau schie�en�, behauptete die Hexe.</p><p>Ich lachte leise. Meine Stimme klang rauh. �Probiere es aus�, sagte ich. �Hetz deine Kreaturen auf mich, und ich werde endlich erfahren, ob es stimmt, was man sich �ber Hexen erz�hlt: da� sie kugelfest sind.�</p><p>Auf ihrem Gesicht zeigte sich nicht die mindeste Regung. Aber der Ausdruck in ihren Augen sagte mir, da� es nicht stimmte ... �Das ist sinnlos�, sagte sie leise. �Du wei�t, da� du uns nicht alle mit diesem ... Spielzeug in Schach halten kannst. Du hast nur zwei Kugeln.�</p><p>�Genug f�r dich�, antwortete ich grob. Meine Stimme zitterte.</p><p>�Du glaubst doch nicht, da� du eine Chance hast, zu entkommen?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. �Priscylla�, sagte ich. �Ich will Priscylla, das ist alles. Gebt sie frei, und ich lege die Waffe zu Boden - sobald sie gegangen ist und einen entsprechenden Vorsprung hat. <emphasis>Ich </emphasis>halte mein Wort.�</p><p>�Priscylla?� Ein schwer zu beschreibender Ausdruck huschte �ber die Z�ge der Hexe. Ich nickte.</p><p>�Gebt sie frei, und ich ergebe mich.�</p><p>Sie nickte, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. �Wie du willst�, sagte sie. Ich erwartete halbwegs, da� sie einem ihrer M�nner einen Wink geben oder sich selbst entfernen w�rde, aber sie tat nichts dergleichen, sondern schlug mit einer fast grazi�sen Bewegung die Kapuze ihres Mantels hoch, senkte den Blick und blieb sekundenlang reglos stehen. Dann hob sie den Kopf und streifte die Kapuze mit einer abrupten Bewegung wieder zur�ck.</p><p>Aber es war nicht mehr ihr Gesicht, das mich ansah.</p><p>Es war das von Priscylla.</p><p>Und jetzt, endlich, begriff ich.</p><empty-line/><p>�Nein�, fl�sterte ich. Meine Stimme brach fast. Die Waffe in meiner Hand wurde unwirklich, unwichtig. Ich f�hlte, wie mein rechter Arm kraftlos herabsank und mir harte H�nde den Derringer entwanden, aber das spielte keine Rolle mehr. �Nein�, fl�sterte ich noch einmal. �Das ... das ist nicht wahr. Das ist... eine Illusion. So wie ...�</p><p>�Nein, Robert, es ist keine Illusion.� Es war Priscyllas Stimme, aber jede Spur von Sanftmut und Liebe war daraus verschwunden. �Die Zeit des L�gens und T�uschens ist vorbei. Ich bin, was du siehst. Ich war es die ganze Zeit.�</p><p>�Aber ... aber warum?� fl�sterte ich hilflos. �Warum hast du ... mein Gott, Priscylla, ich ... ich liebe dich doch ...�</p><p>Sie lachte. �Liebe?� fragte sie. �Du <emphasis>liebst </emphasis>mich? Du bist ein Narr, Robert. Wei�t du denn immer noch nicht, wer ich bin?�</p><p>�Du bist...� Es kostete mich unendliche M�he zu sprechen. Ich wu�te, da� es die Wahrheit war, und trotzdem str�ubte sich alles in mir dagegen.</p><p>�Die, vor der dich dein Vater warnen wollte�, sagte Priscylla ruhig. �Du h�ttest auf ihn h�ren sollen. Er hatte recht. Es <emphasis>gibt </emphasis>einen dritten Magier.�</p><p>�Aber warum?� fragte ich verzweifelt.</p><p>�Warum?� Priscyllas Gesicht verzerrte sich. �Du fragst, warum? Du hast alles zerst�rt, wof�r ich gelebt habe, alles, was ich aufgebaut und geplant hatte. Du bist wie ein b�ser Geist aus dem Nichts aufgetaucht und hast mein Lebenswerk und das der anderen zerst�rt. Und du fragst, warum?�</p><p>Das war nicht die ganze Wahrheit, das sp�rte ich. Es gab noch etwas anderes. Aber der Gedanke entschl�pfte mir, ehe ich richtig danach greifen konnte.</p><p>�Und jetzt willst du mich t�ten.�</p><p>�Nicht ich, Robert�, antwortete sie. �Du hast an M�chte ger�hrt, die du nicht einmal in tausend Jahren begreifen w�rdest. Du mu�t den Preis daf�r bezahlen.�</p><p>Ich verstand nicht, was sie meinte, wenngleich sich eine dumpfe, bedr�ckende Ahnung in mir breitzumachen begann. Aber Priscylla gab mir keine Gelegenheit, weitere Fragen zu stellen. Sie gab einem ihrer Begleiter einen Wink. Der Bursche trat mit einem raschen Schritt hinter mich, packte mein Handgelenk und drehte mir den Arm auf den R�cken. Ich lie� es geschehen, ohne die geringste Gegenwehr. Jeder Gedanke an Widerstand war in mir erloschen. Ich f�hlte nichts mehr. Nichts, was ich mit Worten beschreiben konnte.</p><p>Halbwegs hatte ich damit gerechnet, da� sie mich zu dem Altarstein in der Mitte der Halle schleifen w�rden, aber der Kerl drehte mich statt dessen mit einer groben Bewegung herum und stie� mich vor sich her aus der T�r. Priscylla und ihre Begleiter folgten uns.</p><p>Wir n�herten uns dem Hafenbecken. Die Kutsche war mittlerweile verschwunden, und der Wind schien k�lter geworden zu sein. Der Mond hatte sich hinter tiefh�ngenden schwarzen Wolken verkrochen, und es war so dunkel, da� ich von meiner Umgebung nur Schatten wahrnehmen konnte. Ein fauliger Geruch stieg von der Wasseroberfl�che empor.</p><p>Der Bursche, der mich gepackt hielt, versetzte mir einen derben Sto�, der mich ein paar Schritte nach vome taumeln lie�. Ich glitt aus, fiel auf die Knie und warf mich im letzten Moment zur Seite, um nicht �ber den Kai zu st�rzen und ins Wasser zu fallen.</p><p>Als ich mich umwandte, waren Priscylla und ihre Begleiter ein paar Schritte zur�ckgewichen. Sie bildeten einen weiten, lockeren Halbkreis um mich und das Hafenbecken hinter mir. Aber ich war fast sicher, da� sie diesen Abstand nicht nur zu <emphasis>mir </emphasis>hielten.</p><p>Priscylla hob in einer langsamen, beschw�renden Geste die H�nde, legte den Kopf in den Nacken und begann lautlose Worte mit den Lippen zu formen. Eine sp�rbare Spannung lag pl�tzlich in der Luft. Ich h�rte, wie das Wasser hinter mir zu rauschen begann, als stiege etwas Gro�es, Gewaltiges vom Grunde des Hafenbeckens hervor, aber ich wagte es nicht, mich umzublicken.</p><p>Fast eine Minute lang blieb Priscylla reglos in dieser seltsamen Haltung stehen, ehe sie die H�nde senkte und mich wieder ansah. Die ganze Szene kam mir auf bedr�ckende Weise bekannt vor. Angst bohrte sich wie ein d�nner Schmerz in meine Brust.</p><p>�Was ... was hast du vor?� fragte ich.</p><p>�Was getan werden mu�, wird getan�, erwiderte Priscylla steif. Das Wasser hinter mir rauschte st�rker. Mit klopfendem Herzen wandte ich den Kopf und blickte auf das einen Meter unter mir liegende Hafenbecken herab. Auf der schwarzen Oberfl�che des Wassers bildeten sich Wirbel und Strudel. Ein gewaltiger, bizarr verzerrter Schatten zeichnete sich in der Tiefe ab und begann allm�hlich zu wachsen.</p><p>�Das ... das Ungeheuer�, keuchte ich. �Das Ungeheuer von Loch Shin.�</p><p>Priscylla nickte. �Du selbst warst es, der es um sein Opfer betrog�, antwortete sie. �Doch es wird sich holen, was ihm zusteht.�</p><p>�Du hast es ... hierhergerufen?� stammelte ich. �Du hast diese Bestie nach London gebracht?�</p><p>�Nicht gerufen, Robert.� Priscyllas Stimme klang vollkommen mitleidlos. �Es ist mir gefolgt, mir und dir. Es will sein Opfer, und es wird es bekommen.�</p><p>�Und dann?� fragte ich leise. �Was wird es dann tun? Weitere Unschuldige t�ten? Noch mehr und immer mehr Menschen umbringen?�</p><p>�Und das wirfst du mir vor?� Priscylla lachte hart. �Wer hat dir gesagt, da� du nach Goldspie kommen und die alte Ordnung st�ren sollst? Alles war gut, bis du erschienen bist. Du machst dir Sorgen? Das h�ttest du eher tun sollen, Robert. Du hast dich in Dinge gemischt, die dich nichts angehen. Jetzt bezahlst du den Preis daf�r.�</p><p>Ich wollte etwas erwidern, aber ich kam nicht dazu. Hinter mir begann das Wasser zu brodeln, und als ich mich umwandte, sah ich einen gewaltigen schwarzen Schatten aus dem Hafenbecken auftauchen.</p><p>Der Anblick lie� mir den Atem stocken.</p><p>Die Wolken waren wieder aufgebrochen, und der Mond versch�ttete sein silbernes Licht �ber dem Hafen. F�r einen Moment war es beinahe taghell.</p><p>Hell genug jedenfalls, mich das gewaltige Monstrum erkennen zu lassen, das aus dem sch�umenden, aufgepeitschten Wasser emporgestiegen war.</p><p>Ich wei� nicht, was ich erwartet hatte - etwas wie Yog-Sothoth vielleicht, oder eine vergr��erte Ausgabe des Schleimmonsters, das mich �berfallen hatte. Auf jeden Fall nicht <emphasis>das.</emphasis></p><p>Das Ungeheuer war gro� wie ein Schiff. Sein K�rper war buckelig wie der eines Wales und mit handgro�en, glitzernden Panzerschuppen bedeckt. L�cherlich kleine Flossen peitschten das Wasser, und der Schwanz ringelte sich wie eine gewaltige schwarze Schlange weit hinter seinem Leib in den Fluten. Sein Kopf sa� auf einem geradezu unm�glich langen, biegsamen Schlangenhals, acht, vielleicht zehn Yards �ber dem eigentlichen K�rper. Und es war ein Alptraum von einem Kopf.</p><p>Kleine, t�ckische Augen funkelten mich unter hornigen Panzerplatten hervor an. Das Maul war ein lippenloser Schlitz, gro� genug, einen Mann mit zwei Bissen zu verschlingen, und aus seinen Kiefern wuchsen vier Reihen handlanger, dolchspitzer, gelber Z�hne. Ein ungeheures Grollen �bert�nte das Wimmern des Windes.</p><p>Ein Saurier! dachte ich entsetzt. Das war keiner der <emphasis>GROSSEN ALTEN, </emphasis>sondern ein pr�historisches Ungeheuer, das irgendwie die Jahrmillionen �berstanden hatte.</p><p>Priscylla und ihre Begleiter wichen hastig ein St�ckweit vom Ufer zur�ck, aber ich registrierte es kaum. Der Anblick der Bestie l�hmte mich.</p><p>Langsam kam das Ungeheuer n�her. Seine breite, horngepanzerte Brust teilte das Wasser wie der Bug eines Kanonenbootes, und der Sch�del pendelte wie der einer Schlange hin und her, ohne da� sich der Blick seiner boshaften kleinen Augen auch nur f�r eine Sekunde von mir gel�st h�tte. Ein fauliger, �bler Geruch schlug mir entgegen, als sich das gewaltige Maul der Bestie �ffnete.</p><p>Aber ich sah noch mehr. An Hals und Schnauze der Bestie g�hnten faustgro�e gezackte L�cher voller halbgeronnenem Blut, und auf seiner linken Flanke prangte ein gewaltiger dunkler Fleck. Das Ungeheuer war verletzt, schwer verletzt sogar. Es war keineswegs unverwundbar.</p><p>Langsam senkte sich der Sch�del des Sauriers auf mich herab. Das lippenlose Maul klaffte weit auseinander; ich konnte sehen, wie sich seine Muskeln spannten.</p><p>Als die gewaltigen Kiefer zusammenklappten, lie� ich mich zur Seite fallen. Der Laut klang wie der Einschlag einer Kanonenkugel. Ich rollte mich verzweifelt herum, als der Sch�del mit einer zornigen Bewegung herabstie�, um mich zu zermalmen, sprang auf die F��e und rannte im Zickzack los.</p><p>Ich kam nicht einmal drei Schritte weit. Zwei von Priscyllas Begleitern traten mir in den Weg. Ich wehrte mich wie ein Rasender, aber gegen die �berlegenen Kr�fte der beiden hatte ich keine Chance. Brutal wurde ich herumgedreht und wieder auf das Ungeheuer zugesto�en.</p><p>Die Bestie tobte vor Zorn. Ihr Sch�del hatte die Kaimauer getroffen und ein halbes Dutzend Steine zerschmettert, aber von ihrer Schnauze troff Blut; der Schmerz mu�te sie rasend machen. Wieder klafften die Kiefer des Alptraumwesens auseinander.</p><p>Ein Schu� krachte. Der Mann, der meinen Arm gepackt hatte, lie� mich mit einem Schmerzensschrei los, griff sich an die Schulter und taumelte an mir vorbei.</p><p>Ich reagierte instinktiv, versetzte dem zweiten Mann einen derben Tritt vor die Kniescheibe und stie� ihn gegen seinen Kumpan. Er st�rzte. Der andere taumelte, durch den Anprall vorw�rtsgerissen, vollends an mir vor�ber. Und direkt auf die Bestie zu.</p><p>Sein Entsetzensschrei ging im Krachen der zuschnappenden Kiefer unter.</p><p>�Nein!� schrie Priscylla. In ihrer Stimme vibrierte m�hsam zur�ckgehaltene Panik. �Nicht! La�t ihn nicht entkommen!�</p><p>Die vier �briggebliebenen Messerstecher drangen gleichzeitig auf mich ein, aber noch bevor mich der erste erreichen konnte, peitschte ein weiterer Schu�, und der dunkelhaarige Riese, der die Kutsche gelenkt hatte, fiel nach vorne und umklammerte sein Bein. Die anderen erstarrten mitten in der Bewegung.</p><p>Hinter mir stie� die Bestie ein ungeheuerliches Br�llen aus, warf den Kopf in den Nacken und schleuderte den Mann, den sie gepackt hatte, mit einer zornigen Bewegung von sich. Die Kaimauer erbebte unter dem Anprall ihres Titanenleibes, als sie sich nach vorne warf.</p><p>In der Dunkelheit hinter Priscylla zuckte ein grellorangener Blitz auf. Der Knall des Gewehrschusses vermischte sich mit dem Schmerzensschrei des Sauriers, als die Kugel sein linkes Auge traf und blendete.</p><p>Die Bestie schrie: ein r�hrendes, unglaublich <emphasis>lautes </emphasis>Ger�usch, das mich instinktiv die H�nde vor die Ohren schlagen lie� und meilenweit im Umkreis zu h�ren sein mu�te. Mit einer schmerzerf�llten Bewegung warf sie sich zur�ck, b�umte sich noch einmal auf - und versank in den kochenden Fluten.</p><p>�Packt ihn!� befahl Priscylla. Sie schrie jetzt. Ihre Stimme war wenig mehr als ein hysterisches Kreischen. �Packt ihn! Er mu� sterben!�</p><p>�Das w�rde ich nicht tun�, sagte eine Stimme hinter ihr. Die drei Burschen, die - hin und her gerissen zwischen purer Angst und dem �berlegenen Einflu� von Priscyllas Willen - unentschlossen vor mir standen, lie�en erschrocken die H�nde sinken und drehten sich um.</p><p>Wenige Schritte hinter Priscylla waren die Gestalten dreier M�nner erschienen. Jeder von ihnen hielt eine langl�ufige Repetierflinte in den H�nden - und die L�ufe deuteten drohend auf Priscylla und die drei Halsabschneider.</p><p>�Komm hierher, Robert�, sagte Howard. Ich erwachte endlich aus meiner Erstarrung, ging in weitem Bogen um die drei M�nner herum und trat zwischen ihn und Gray. Der grauhaarige Anwalt wirkte pl�tzlich gar nicht mehr wie ein g�tiger alter Mann. Das Gewehr wirkte zu gro� f�r seine schmalen H�nde, aber der Ausdruck auf seinen Z�gen sagte mir, da� er entschlossen war, von der Waffe Gebrauch zu machen, sollte es notwendig sein. Ich tauschte einen raschen Blick mit ihm, nickte Rowlf - dem dritten im Bunde - fl�chtig zu und nahm das Gewehr entgegen, das er mir hinhielt.</p><p>�Wo ... wo kommt ihr her?� fragte ich verst�rt.</p><p>Howard l�chelte fl�chtig �Ich habe auch meine kleinen Tricks und Mittel auf Lager�, sagte er.</p><p>�Das nutzt euch gar nichts�, zischte Priscylla. Ihre Stimme bebte vor Ha�. �Ihr Narren wi�t ja nicht, was ihr tut.�</p><p>Howard antwortete nicht auf ihre Worte. Schweigend musterte er sie, senkte seine Waffe um eine Winzigkeit und sch�ttelte den Kopf. �Du hast dich ver�ndert, Lyssa�, sagte er. �Aber leider nur �u�erlich.�</p><p>�Es ist viel Zeit vergangen�, entgegnete Priscylla gepre�t.</p><p>Verwirrt sah ich von ihr zu Howard und zur�ck. �Ihr kennt euch?�</p><p>Howard nickte. �Ja. Wenn ich sie auch in ... anderer Gestalt in Erinnerung gehabt habe. Ich mu� gestehen, da� sie selbst mich get�uscht hat, wenigstens am Anfang. Vermutet�, f�gte er nach einer sekundenlangen Pause hinzu, �habe ich es die ganze Zeit, aber ich wollte es nicht wahrhaben.�</p><p>�Du h�ttest auf deine innere Stimme h�ren sollen, du Narr�, sagte Priscylla ha�erf�llt.</p><p>�Priscylla�, murmelte ich. �Warum ...?�</p><p>Howard unterbrach mich mit einem ernsten Blick. �Es tut mir leid, Junge�, sagte er. �Aber du mu�t dich damit abfinden. Diese Frau ist nicht Priscylla. Das M�dchen, das du kennengelernt hast, hat niemals existiert.�</p><p>Priscylla starrte ihn an, aber Howard hielt ihrem Blick ruhig stand. Zehn, f�nfzehn Sekunden lang taten sie nichts, als sich gegenseitig anzustarren, aber ich sp�rte, da� hinter der Oberfl�che des Sichtbaren ein unglaublicher Kampf tobte, ein Kampf zweier Geister, eine Auseinandersetzung der Willenskr�fte, die sich auf einer Ebene abspielte, die ich nicht einmal zu erahnen imstande war.</p><p>Dann, pl�tzlich und ohne sichtbaren �u�erlichen Anla�, senkte Priscylla den Blick und taumelte mit einem ersch�pften Seufzer zur�ck.</p><p>�Du verschwendest deine Kr�fte�, sagte Howard kalt. �Auch ich habe dazugelernt, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.�</p><p>Priscylla st�hnte. F�r einen endlosen Moment richtete sich der Blick ihrer dunklen, weichen Augen direkt in den meinen. �Robert�, fl�sterte sie. �La� nicht zu, da� er mir etwas antut.�</p><p>Howard knurrte �rgerlich und hob sein Gewehr. Priscylla fuhr zusammen, und ich spannte mich. Ich w�rde nicht zulassen, da� er sie umbrachte, ganz gleich, wer sie wirklich war.</p><p>�Noch einen Laut, Lyssa, und ich erschie�e dich�, sagte er ernst. �Wenn du auch nur versuchst, den Jungen zu beeinflussen, bist du tot.�</p><p>�Nein, Howard�, sagte ich ruhig. �Das ist sie nicht.�</p><p>Howard erstarrte. Ich war zwei Schritte zur�ckgewichen, ohne da� er es gemerkt hatte, und hatte die Waffe erhoben. Der Lauf des Repetiergewehres deutete genau auf Howards Stirn. Seine Augen weiteten sich ungl�ubig.</p><p>�Robert!� keuchte er. �Du ... du wei�t nicht, was du tust! Sie beherrscht deinen Willen, und -�</p><p>�Das tut sie nicht�, erwiderte ich ruhig. �Aber ich lasse nicht zu, da� du ihr irgend etwas antust. Ich lasse nicht zu, da� ihr irgend jemand etwas antut.� Der Lauf meiner B�chse beschrieb einen Halbkreis und deutete nacheinander auf Rowlf und Dr. Gray, ehe er wieder in Howards Richtung zur�ckschwenkte. �Das gilt f�r alle.�</p><p>Mein Blick suchte den Priscyllas. Sie wirkte verwirrt, aber ich glaubte, einen schwachen Schimmer von Triumph in ihren Augen zu erkennen. Sie machte einen Schritt in meine Richtung, und ich schwenkte das Gewehr. Priscylla erstarrte.</p><p>�Bleib stehen�, sagte ich ernst.</p><p>Auf ihren Z�gen erschien ein Ausdruck grenzenlosen Unglaubens. �Aber Robert�, sagte sie. �Ich dachte, du -�</p><p>�Ich sagte, ich lasse nicht zu, da� dir ein Leid zugef�gt wird�, unterbrach ich sie. �Das hei�t nicht, da� ich mich umbringen lassen werde.�</p><p>Sie starrte mich an. Ich sp�rte, wie etwas Unsichtbares, K�rperloses nach meinem Geist griff und ihn einzulullen begann. M�hsam sch�ttelte ich den fremden Einflu� ab.</p><p>�Howard hat unrecht�, fuhr ich fort. �Ich liebe dich immer noch, und ich wei�, da� es die Priscylla, die ich kennengelernt habe, noch in dir gibt. Sie existiert, irgendwo in dir.�</p><p>Priscylla schluckte. �Was ... was meinst du?� fragte sie unsicher.</p><p>�Ich werde sie wiederfinden�, fuhr ich fort. �Ich werde die Hexe in dir bek�mpfen und die Priscylla befreien. Ich wei� noch nicht, wie, aber -�</p><p>�Das ist nicht dein Ernst!� keuchte sie.</p><p>Diesmal kam mir Howard mit der Antwort zuvor. �Doch�, sagte er. �Es ist sein Ernst. Und meiner auch. Ich habe es dir damals in Salem gesagt, Lyssa, und ich sage es wieder: Du bist nicht wirklich b�se. La� uns dir helfen, den Einflu� Quentons und der anderen Hexer abzustreifen.�</p><p><emphasis>Salem? </emphasis>dachte ich. Hatte er gesagt - Salem?!</p><p>�Ihr ... ihr wollt�, stammelte Priscylla, �ihr wollt mir meine Hexenkr�fte nehmen?� Sie lachte, aber die Furcht in ihrer Stimme war un�berh�rbar.</p><p>Howard nickte. �Es ist die einzige M�glichkeit�, sagte er. �Au�er, du ziehst es vor zu sterben.�</p><p>Priscylla blickte ihn eine endlose Sekunde lang schweigend an. In ihrem Gesicht arbeitete es. �Dann sterbe ich lieber�, sagte sie. �Aber wenn ich schon sterbe, dann werde ich euch wenigstens mitnehmen, Howard.� Pl�tzlich trat ein sonderbarer, lauernder Ausdruck in ihre Augen. �Wie ihr wollt�, sagte sie. �Und du, Robert, wirst jetzt vielleicht endlich begreifen, mit welchen Kr�ften du dich eingelassen hast. Du hast die Bestie entfesselt - jetzt f�hle ihren Zorn!�</p><p>Die letzten vier Worte hatte sie geschrien. Howard stie� einen unterdr�ckten Fluch aus, trat auf sie zu und schlug ihr den Lauf seiner Flinte gegen den Hals. Bewu�tlos sackte sie in seinen Armen zusammen.</p><p>Und dann schien die Welt unterzugehen.</p><p>Das Wasser des Hafenbeckens hob sich in einer br�llenden Explosion aus Schaum und kochenden Spritzern. Ein titanischer Schatten wuchs �ber uns empor, pfl�gte mit einer einzigen, gewaltigen Bewegung durch das Wasser und prallte mit einem markersch�tternden Schrei gegen die Kaimauer.</p><p><emphasis>�Zur�ck!� </emphasis>br�llte Howard. Rowlfs Gewehr entlud sich mit einem donnernden Knall, aber der Laut ging im Wutgebr�ll des Sauriers unter. Der geschuppte Panzerhals zuckte in einer unglaublich schnellen Bewegung herab, die Kiefer �ffneten sich, und ein zweiter von Priscyllas M�nnern stie� einen gellenden Todesschrei aus.</p><p>Wie gel�hmt vor Schrecken starrte ich das Ungeheuer an. Vorhin war es furchtbar gewesen - jetzt hatte es sich in einen leibhaftig gewordenen Alptraum verwandelt! Sein linkes Auge war eine einzige, gezackte Wunde, aus der z�hfl�ssiges Blut sickerte, aber der Schmerz schien seine Wut noch anzustacheln. Der riesige Sch�del zuckte erneut herab, stie� nach einem dritten Mann und verfehlte ihn um Haaresbreite. Die Kaimauer bebte, als sich die Bestie mit aller Macht dagegenwarf.</p><p>Eine gewaltige Hand ergriff mich an der Schulter und zerrte mich zur�ck. Ich erwachte endlich aus meiner Erstarrung, fuhr herum und rannte los. Vor mir hetzte Rowlf mit weit ausgreifenden Schritten dahin, Priscyllas schlaffen, reglosen K�rper wie ein Spielzeug �ber die Schulter geworfen, und hinter und neben mir stolperten die vier Burschen, die von Priscyllas Streitmacht �briggeblieben waren. Der Ausdruck auf ihren Z�gen war Angst, aber er war mit Verbl�ffung und Staunen gemischt; ein Ausdruck, als w�ren sie abrupt aus einem tiefen Schlaf gerissen worden. Priscyllas Einflu� auf ihren Willen mu�te erloschen sein, als Howard sie niedergeschlagen hatte.</p><p>Im Laufen wandte ich den Kopf und sah zur�ck. Die Bestie tobte noch immer wie tollw�tig an der Kaimauer. Gray und Howard waren zur�ckgeblieben und feuerten fast ununterbrochen, aber das Ger�usch ihrer Gewehrsch�sse ging im Gebr�ll des Ungeheuers unter. Sein Kopf und der schuppige Hals waren mit einer Unzahl furchtbarer Wunden �bers�t, Wunden, von denen jede einzelne t�dlich sein mu�te. Trotzdem starb es nicht, jedenfalls nicht gleich.</p><p>Der Schmerz mu�te es vollends tobs�chtig gemacht haben. Voller ungl�ubigem Schrecken beobachtete ich, wie es seinen gewaltigen Leib aus dem brodelnden Wasser des Hafens emporstemmte und mit den kleinen Vorderflossen Halt auf dem Stein der Uferbefestigung suchte.</p><p>Howard und Gray prallten mit einer entsetzten Bewegung zur�ck. Das Ungeheuer stemmte sich zitternd aus dem Wasser, zwang seinen K�rper mit einer Kraft, die das Vorstellbare �berstieg, sich aus seinem gewohnten Element zu erheben und St�ck f�r St�ck an Land zu kriechen. Der geschuppte Hals peitschte in furchtbarer Agonie herab, seine Kiefer schnappten w�tend nach den beiden winzigen Wesen, die ihm diese furchtbaren Schmerzen zugef�gt hatten.</p><p>Ich blieb stehen, drehte mich herum und begann verzweifelt zu winken. �Howard!� schrie ich. �Gray! Lauft!�</p><p>Ich wu�te nicht, ob sie meine Worte im Br�llen des tobenden Ungeheuers �berhaupt h�rten - aber sie fuhren in einer gleichzeitigen Bewegung herum und st�rmten los, w�hrend das Ungeheuer hinter ihnen weiter auf das Ufer hinaufkroch.</p><p>�Nach rechts!� schrie Howard. Ich gehorchte instinktiv, und auch die anderen wechselten blitzschnell ihre Richtung. Ein Schatten wuchs vor uns auf, wurde zu einer Ruine. Ich erkannte ein halb eingefallenes Dach, ein gro�es, offenstehendes Tor und einen spitz zulaufenden Turm; eine sehr gro�e Kapelle oder eine winzige Kirche. Verzweifelt st�rmte ich weiter, taumelte durch die T�r und brach ersch�pft in die Knie. Neben mir torkelte Rowlf in das Kirchenschiff. Die vier Messerstecher waren bereits vor uns in die Kirche gest�rmt und hatten zwischen den B�nken Deckung gesucht.</p><p>Rowlf lud Priscyllas reglosen K�rper behutsam auf dem Boden ab, fuhr herum und kam zur�ck, um sich neben der T�r zu postieren. Auch ich packte mein Gewehr fester, nahm auf der anderen Seite Aufstellung und hob die Waffe.</p><p>Aber ich scho� nicht.</p><p>Howard und Dr. Gray befanden sich noch ein gutes St�ck von der Kirche entfernt, und das Ungeheuer war dicht hinter ihnen. Die Bestie war noch gewaltiger, als es den Anschein gehabt hatte, ein Monstrum von der doppelten Gr��e eines Elefanten und der vierfachen L�nge. Und sie bewegte sich an Land beinahe ebenso schnell wie im Wasser! Ihre winzigen, plump erscheinenden Flossen stemmten den titanischen K�rper mit unglaublicher Schnelligkeit voran. Howards und Grays Vorsprung betrug kaum noch zwanzig Schritte - und er schmolz mit jedem Moment weiter zusammen.</p><p>Rowlf scho�. Die Kugel pfiff dicht �ber Howards Kopf hinweg und ri� ein weiteres Loch in den Hals des Ungeheuers. Der Saurier br�llte, b�umte sich auf und jagte mit verdoppelter Wut hinter den beiden M�nnern her. Rowlf lud fluchend sein Gewehr nach und scho� wieder, und auch ich begann zu feuern.</p><p>Unsere Kugeln zeigten Wirkung. Das Ungeheuer begann zu toben und noch lauter zu schreien, und sein Tempo verlangsamte sich. Aber es w�lzte sich immer noch weiter, ein D�mon aus einer versunkenen Zeit, der gekommen war, um uns alle zu vernichten. Ich scho�, immer und immer wieder, bis das Magazin meiner Waffe leer war und Howard und Gray an mir vor�ber in die Kirche stolperten. Auch Rowlf scho� seine Waffe leer, aber der Saurier stampfte weiter heran. Die bauf�lligen W�nde der Kirche w�rden unter dem Anprall seines Titantenk�rpers zerbersten wie Glas.</p><p>Und dann war es heran. Sein gewaltiger, blut�berstr�mter Leib f�llte das Tor aus, der Schlangenhals hob sich in einer w�tenden Bewegung, der Sch�del krachte mit Urgewalt gegen das Dach und lie� Balken und Dachschindeln zerbrechen und auf uns herunterregnen. Hastig wichen wir von der T�r zur�ck. Das gesamte Geb�ude erbebte, als sich der Saurier ein zweites Mal mit seinem ganzen K�rpergewicht dagegenwarf.</p><p>Ein tiefes, mahlendes St�hnen ging durch die Kirche. Ich sp�rte, wie sich das Geb�ude wie ein lebendes Wesen, das Schmerzen erleidet, wand, und wie hoch �ber meinem Kopf irgend etwas zerbrach. Der Saurier br�llte, wich ein St�ck zur�ck und senkte den Hals. Sein h��licher Reptilienkopf erschien unter der T�r und zerschmetterte die h�lzernen Fl�gel. Wieder bebte das Geb�ude.</p><p>Was dann kam, geschah in Sekunden, aber ich sah jede winzige Einzelheit mit nahezu �bernat�rlicher Klarheit. Die Kirche erzitterte wie unter einem Hieb. Der Glockenturm bebte, neigte sich mit einem h�rbaren Knirschen zur Seite und begann auseinanderzubrechen. Die tonnenschwere Glocke l�ste sich aus ihrer Verankerung und begann zu st�rzen.</p><p>Sie traf den Sch�del der Bestie wie ein gigantischer Hammer und zerschmetterte ihn.</p><empty-line/><p>Mitternacht war vor�ber, als wir Howards Haus wieder erreichten. Ich war m�de, so m�de, wie niemals zuvor in meinem Leben, und meine Beine schienen kaum noch in der Lage, das Gewicht meines K�rpers zu tragen.</p><p>Trotzdem ging ich noch nicht ins Haus, sondern blieb auf der dunklen, von K�lte und Nebel erf�llten Stra�e stehen, bis der Wagen in der Nacht verschwunden war.</p><p>Ich wei� nicht mehr, was ich in diesem Augenblick f�hlte; ich glaube, es war nichts als eine gro�e, schmerzhafte Leere. Das Gef�hl, etwas verloren zu haben, das ich nicht einmal richtig besessen hatte. Als Howard und Rowlf Priscylla - die noch immer bewu�tlos war - in Grays Wagen gelegt hatten, war etwas in mir zerbrochen.</p><p>Ich sah auf, als ich Howards Schritte hinter mir h�rte. Sein Blick war ernst.</p><p>�Keine Sorge, mein Junge�, sagte er. �Dr. Gray wird sich um sie k�mmern.�</p><p>Ich antwortete nicht, und der besorgte Ausdruck in Howards Blick wurde st�rker. �Ich kann es dir nicht versprechen�, sagte er, �aber vielleicht - nur vielleicht - wirst du Priscylla eines Tages wiedersehen.�</p><p>�Wo bringt er sie hin?� fragte ich.</p><p>�Zu einem Ort, an dem sie sicher ist�, antwortete Howard nach kurzem Z�gern. �In eine Klinik. Man wird sich dort gut um sie k�mmern. Priscylla ist krank, Robert. Sehr krank.�</p><p>�Eine Klinik.� Ich lachte bitter. Etwas schien sich in mir zusammenzuziehen, schnell, ruckartig und sehr schmerzhaft. Seine Worte klangen wie b�ser Hohn in meinen Ohren. �Ein Irrenhaus, meinst du.�</p><p>Diesmal antwortete Howard nicht mehr. Nach einer Weile wandte er sich um und deutete auf die offenstehende T�r. Gelblicher Lichtschein fiel aus dem Haus und zeichnete ein verschwommenes Dreieck aus Helligkeit auf das Pflaster. �Komm�, sagte er. �La� uns gehen. Wir m�ssen unser weiteres Vorgehen besprechen. Diesmal haben wir noch Gl�ck gehabt, aber das mu� nicht immer so sein.�</p><p>Gl�ck? dachte ich. F�r einen Moment sah ich die Kirche noch einmal vor mir. Es war keine sehr gro�e Kirche gewesen, aber der Turm war ihr stabilster Teil. Es wollte mir nicht in den Kopf, da� von allen Teilen des Geb�udes ausgerechnet die Glockenhalterung, der sicher am besten und stabilsten gemauerte Bestandteil der ganzen Kirche, als erster unter dem Ansturm des Ungeheuers nachgegeben haben sollte.</p><p>Nein, dachte ich. Das hatte nichts mit Gl�ck zu tun gehabt.</p><p>Ich wandte mich um, und f�r einen Moment glaubte ich, auf der gegen�berliegenden Stra�enseite eine schwarze, hochgewachsene Gestalt zu sehen, eigentlich nur den Schatten einer Gestalt. Ein Schatten mit dunklen Augen, einem messerscharf ausrasierten Bart und einer wie ein Blitz gezackten Str�hne schlohwei�en Haares �ber der rechten Braue. Dann verschwand die Vision, so schnell, wie sie gekommen war.</p><p>Aber als ich Howard ins Haus folgte, war ich pl�tzlich absolut sicher, da� es kein Zufall gewesen war.</p></section><section><title><p id="Das_Haus_am_Ende_der_Zeit">Viertes Buch - Das Haus am Ende der Zeit</p></title><p>Von au�en hatte das Haus nur gro� und finster ausgesehen; vielleicht ein ganz kleines bi�chen d�ster, wie es die Art alter, einsam stehender Herrenh�user nun einmal ist; mit einer Spur von Bedrohung und dem leichten Hauch des Unheimlichen, der von seinen von den Jahrzehnten geschw�rzten Mauern ausging. Aber trotz allem nicht mehr, als eben ein Haus, das seit einem Menschenalter vergessen und seit zweien verlassen hier mitten im Wald stand.</p><p>Das war das �u�ere gewesen.</p><p>Innen war es unheimlich. Unheimlich und - gef�hrlich ...</p><p>Jenny vermochte das Gef�hl nicht in Worte zu kleiden. Sie waren stehengeblieben, nachdem Charles das morsche T�rschlo� aufgebrochen und einen Fl�gel des gewaltigen Portals mit der Schulter aufgedr�ckt hatte. Ein schmaler Streifen grauer, flackernder Helligkeit sickerte hinter ihnen in die Halle, vielleicht das erste Mal seit Jahren, da� Licht die ewige Nacht hier drinnen erhellte, und durch das dumpfe, rasche H�mmern ihres eigenen Herzens glaubte Jenny das Huschen kleiner, krallenbewehrter Pfoten zu h�ren. Ratten, dachte sie entsetzt. Nat�rlich. Das Haus mochte von Menschen verlassen sein, aber die Ratten und Spinnen hatten <emphasis>es </emphasis>erobert und zu ihrem Domizil gemacht. Sie ha�te Ratten.</p><p>Aber das war nicht alles. Irgend etwas Seltsames, k�rperlos Drohendes nistete in dem alten Gem�uer, etwas, das sie weder h�ren noch sehen oder riechen, daf�r aber um so deutlicher sp�ren konnte.</p><p>�La� ... la� uns wieder gehen, Charles�, sagte sie stockend. �Ich ... ich f�rchte mich.� Sie fl�sterte, als h�tte sie Angst, mit dem Klang ihrer Stimme die Geister dieses Hauses aufzuwecken, aber ihre Worte f�llten die hohe, in undurchdringliche Schw�rze getauchte Halle trotzdem mit kichernden Echos aus. Ein rascher, unangenehmer Schauer huschte auf eisigen Spinnenf��en �ber ihren R�cken.</p><p>Charles sch�ttelte stumm den Kopf, ber�hrte sie fl�chtig am Arm und versuchte zu l�cheln. �Unsinn�, sagte er. �Es gibt hier nichts, wovor du Angst zu haben br�uchtes. Das Haus steht seit fast f�nfzig Jahren leer. Als Kind habe ich oft hier gespielt. Wir haben es als Versteck benutzt, aber das ist lange her.�</p><p>Jenny schauderte. Ohne da� sie sagen konnte, warum, verst�rkten Charles' Worte ihre Furcht noch. Ihr Herz schlug schneller. Speichel sammelte sich hinter ihrer Zunge. Sie hatte das Gef�hl, da� ihr gleich �bel werden w�rde. Ihre Handfl�chen wurden feucht.</p><p>�Ich will nicht hierbleiben�, sagte sie noch einmal. �Bitte, Charles!�</p><p>Charles seufzte. Sein Blick glitt zur�ck durch die T�r und heftete sich f�r einen Augenblick auf den nahen Waldrand, der rasch im dunkler werdenden Grau der D�mmerung versank. �Wir k�nnen nicht weiter�, sagte er nach einer Weile. Seine Stimme h�rte sich gleichzeitig entschlossen wie bedauernd an. �Sie suchen garantiert die Hauptstra�e ab, und ich gebe dir Brief und Siegel, da� sie jedes Gasthaus im Umkreis von f�nfzig Meilen kontrollieren werden.� Er l�chelte. �Wir k�nnen nicht drau�en im Wald �bernachten, das wei�t du genau. Und es ist nur f�r eine Nacht.� Er sch�ttelte den Kopf, atmete h�rbar ein und sah sich suchend um. �Irgendwo hier mu� es eine Kerze geben�, murmelte er. �Fr�her lagen Dutzende davon hier herum.�</p><p>�Charles, ich ...�</p><p>�Bitte, Jenny�, unterbrach sie Charles. �Morgen abend um diese Zeit sind wir Mann und Frau, und keine Macht der Welt kann uns noch trennen. Aber solange wir noch nicht offiziell verheiratet sind, m�ssen wir vorsichtig sein.� Er trat auf sie zu, legte die H�nde auf ihre Schultern und k��te sie fl�chtig auf die Stirn. �Du wei�t doch genau, was geschieht, wenn deine Eltern uns erwischen, Schatz�, fl�sterte er.</p><p>Jenny nickte z�gernd. Nat�rlich wu�te sie es. Da� sie es wu�te, war ja gerade der Grund, aus dem sie sich entschlossen hatten, wie eine moderne Ausgabe von Romeo und Julia miteinander durchzubrennen und in Gretna Green zu heiraten. Sie war erst achtzehn, und sie wu�te, da� ihre Eltern alles in ihrer Macht Stehende tun w�rden, sie von Charles fernzuhalten. Sie hatten mehr als einmal damit gedroht, sie in ein Internat auf dem Kontinent zu schicken, wenn sie sich weiter mit Charles traf. Und ihr Vater war kein Mensch, der leere Drohungen ausstie�.</p><p>Sicher, Charles hatte recht, mit jedem Wort. Und trotzdem bedauerte sie ihren Entschlu� fast, seit sie dieses unheimliche Haus betreten hatten.</p><p>Charles l�ste sich behutsam von ihr, drehte sich herum und ging mit vorsichtigen Schritten tiefer in das Haus hinein. Jenny blieb neben der T�r stehen, achtsam darauf bedacht, den winzigen Bereich von Helligkeit hinter dem Eingang nicht zu verlassen. Charles hantierte eine Weile im Dunkeln herum, fluchte ged�mpft und kam - nach Sekunden, die ihr wie Ewigkeiten erschienen - zur�ck. Seine Kleider waren verdreckt und staubig, und auf seiner linken Wange gl�nzte ein d�nner, blutiger Kratzer. Aber er trug eine Kerze in der Hand. Mit einem triumphierenden Grinsen lie� er sich neben Jenny in die Hocke sinken, stellte die Kerze zu Boden und kramte eine Schachtel Streichh�lzer aus der Tasche. Nach wenigen Augenblicken schlug ein gelbes, flackerndes Fl�mmchen aus dem Docht und trieb die Dunkelheit um ein paar Schritte zur�ck.</p><p>Charles richtete sich auf, gab Jenny die Kerze und schob die T�r wieder zu. Das schwere, ann�hernd drei Meter hohe T�rblatt bewegte sich nur widerwillig. Es war verzogen und verquollen, und Charles keuchte vor Anstrengung, als es ihm endlich gelungen war, die T�r wieder zu schlie�en. Mit einem dumpfen, unheimlich widerhallenden Laut rastete das Schlo� ein.</p><p>�Gehen wir nach oben�, schlug Charles vor. �Es gibt ein paar Zimmer, die noch ganz in Ordnung sind. Komm.� Er nahm Jenny die Kerze wieder ab, machte eine aufmunternde Kopfbewegung und ging auf die breite Freitreppe zu, die sich im hinteren Teil der Halle erhob.</p><p>Jenny folgte ihm mit klopfendem Herzen. Nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gew�hnt hatten, konnte sie im schwachen Schein der Kerze erstaunlich weit sehen. Die Halle war gef�llt von zerbrochenen M�belst�cken, Staub und Unrat, der sich im Laufe der Jahrzehnte hier gesammelt hatte. �berall hingen Spinnweben wie graue Vorh�nge, und von der Decke fielen graue Staubf�den bis fast zum Boden herab. Auf den Treppenstufen lag Rattenkot, und aus einem finsteren Winkel schlug ihnen leichter Verwesungsgeruch entgegen. Dieses Haus ist kein Haus, dachte Jenny schaudernd, sondern ein Grab.</p><p>Hintereinander gingen sie die Treppe hinauf. Charles schritt schnell aus, und Jenny mu�te sich sputen, um mit ihm Schritt zu halten und nicht zur�ckzufallen. Sie erreichten das obere Ende der Treppe und traten auf eine breite, auf einer Seite offene Galerie hinaus, von der zahllose T�ren abzweigten. Jenny glaubte Ger�usche zu h�ren, das Wispern und Fl�stern von Stimmen, das Schlurfen schwerer Schritte, Atmen, ein leises, unglaublich b�ses Lachen ...</p><p>F�r einen Moment stieg Panik in ihr hoch, aber sie dr�ngte sie zur�ck und ballte die F�uste, so fest, da� sich ihre Fingern�gel schmerzhaft in ihre Handfl�chen gruben.</p><p>�Charles�, fl�sterte sie. �Ich will hier raus.�</p><p>Charles blieb stehen, drehte sich langsam zu ihr herum und sah sie an. Sein Gesicht war ernst, und Jenny glaubte das leise Flackern von Angst in seinen Augen zu erkennen.</p><p>�Ich will weg�, sagte sie noch einmal und etwas lauter als zuvor. �Bitte, Charles. Lieber �bernachte ich im Wald, als in diesem Haus.�</p><p>Das Wispern und Fl�stern wurde lauter. Jemand lachte, ganz leise und voller boshafter Vorfreude. Charles' Mundwinkel zuckten. Die Kerze in seiner Hand begann zu zittern, und die Flamme warf zuckende Lichtreflexe und huschende Schatten auf die W�nde. Schatten, die sich auf sie zubewegten, sie einzukreisen begannen ...</p><p>�Bitte�, sagte sie noch einmal. �Ich ... ich bleibe nicht hier.�</p><p>Charles nickte. Die Bewegung wirkte abgehackt, und auf seiner Stirn gl�nzte pl�tzlich Schwei�, obwohl es hier drinnen eher zu kalt war. Und pl�tzlich begriff Jenny, da� er es auch h�rte. Die Stimmen und Schritte waren keine Einbildung.</p><p>�Du ... hast recht�, sagte er gepre�t. �Vielleicht finden wir eine andere Stelle, an der wir �bernachten ...�</p><p>Er sprach den Satz nicht zu Ende. Die wispernden Stimmen verstummten. Das Lachen h�rte auf, und die Schatten zogen sich zur�ck, h�rten auf, hierhin und dorthin zu huschen, sondern bildeten einen massigen, undurchdringlichen Kreis rings um sie herum. Pl�tzlich war es still, unheimlich still.</p><p>Aber nur f�r einen Augenblick. Ein helles, wimmerndes Ger�usch durchdrang die Stille, ein Laut, als w�rde eine T�r in uralten Angeln bewegt...</p><p>Jenny fuhr mit einer abrupten Bewegung herum. Ihre Augen weiteten sich entsetzt, als sie sah, wie die T�ren hinter ihr eine nach der anderen aufgingen.</p><p>Im ersten Moment sah sie nichts; nichts au�er schwarzen Schatten und k�rperlosen, finsteren Dingen, die sich dahinter zu verbergen schienen. Dann kamen sie n�her, lautlos, schleichend und unaufhaltsam.</p><p>Erst, als Jenny sah, <emphasis>was </emphasis>da mit lautlosen Bewegungen auf die Galerie hinausglitt, begann sie zu schreien ...</p><empty-line/><p>�Sagtest du: <emphasis>Salem?�</emphasis></p><p>Es dauerte einen Moment, bis Howard auf meine Worte reagierte. Die letzten zweieinhalb Stunden hatte er mit halb geschlossenen Augen auf seinem Platz neben dem Fenster gesessen, au�er einem gelegentlichen Seufzer keinen Laut von sich gegeben und - genau wie ich und Rowlf - ergeben darauf gewartet, da� die Fahrg�ste, die in Carlisle zugestiegen waren, endlich wieder gingen. Howard hatte Platzkarten und Billets f�r das ganze Abteil gekauft, so da� wir eigentlich ungest�rt h�tten fahren und reden k�nnen, aber der Zug war �berf�llt, und der Schaffner hatte Howard mit einem gleichm�tigen Achselzucken geantwortet, da� er die Passagiere schlie�lich nicht auf den Kohletender verfrachten k�nne - womit er recht hatte. Es waren ein Mann und zwei Frauen (wie aus ihren Gespr�chen hervorging, ein Ehepaar in Begleitung der Schwiegermutter) gewesen; eigentlich drei nicht einmal unnette Personen, denen anzumerken war, wie unangenehm ihnen die ganze Situation war. Eigentlich hatte ich sie ganz sympathisch gefunden. Aber es redete sich schlecht �ber Hexen, Magier und <emphasis>GROSSE ALTE, </emphasis>wenn fremde Ohren mith�rten ...</p><p>�Was?� fragte Howard.</p><p>Ich wiederholte meine Frage: �Salem�, sagte ich. �Als wir gestern abend mit ... Priscylla sprachen, erw�hntest du Salem.� Das unmerkliche Stocken in meinen Worten mu�te ihm auffallen. Obwohl ich mir alle M�he gab, hatte ich die Ereignisse l�ngst nicht verwunden, geschweige denn vergessen. Wie konnte ich auch? Ich liebte Priscylla noch immer. Jetzt vielleicht mehr als zuvor. Aber Howard ging nicht auf den warnenden Ton in meiner Stimme ein.</p><p>�Ich sagte Salem�, antwortete er und lehnte sich wieder zur�ck, als wolle er schlafen. Es war nicht das erste Mal, da� ich ihn auf seine Worte ansprach.</p><p>Und es war nicht das erste Mal, da� er nicht oder nur ausweichend antwortete. Aber diesesmal w�rde ich mich nicht mit einer Ausflucht abspeisen lassen. Seine Worte ergaben keinen Sinn, au�er ...</p><p>Ich sch�ttelte den Gedanken ab und sah ihm scharf in die Augen. Howard l�chelte, unterdr�ckte mit M�he ein G�hnen und blickte auf die Landschaft, die vor dem Fenster vor�berhuschte. Der Zug fuhr jetzt, auf dem letzten, beinahe schnurgerade verlaufenden St�ck der Strecke, mit voller Geschwindigkeit, und unsere Umgebung flog nur so an uns vor�ber. In weniger als zwei Stunden w�rden wir Glasgow erreichen. Von dort aus sollte die Reise - wenigstens hatte Howard mir dies erkl�rt - mit einer Kutsche weitergehen, die er telegrafisch zum Bahnhof bestellt hatte. Wenn wir erst einmal in der Stadt waren, w�rde er sicher genug Gelegenheiten finden, mir nicht antworten zu m�ssen.</p><p>�Und?� fragte ich.</p><p>Howard b�ckte mit unverhohlenem Mi�mut auf. Er lie� keinen Zweifel daran, da� er die Penetranz, mit der ich auf einer Antwort beharrte, als �u�erst l�stig empfand. �Was - und?� fragte er.</p><p>�Ich m�chte wissen, wie du deine Worte gemeint hast�, sagte ich, nicht sehr laut, aber mit gro�em Nachdruck. Etwas hatte sich zwischen uns ge�ndert. W�hrend der letzten beiden Tage war er wie ein v�terlicher Freund zu mir gewesen, und jetzt ...</p><p>Ich konnte das Gef�hl selbst nicht in Worte fassen. Es war keine Feindschaft, nicht einmal Mi�trauen. Aber es gab eine f�hlbare Spannung zwischen uns. Er verschwieg mir etwas, und ich sp�rte es.</p><p>Howard seufzte, sch�ttelte den Kopf und rutschte auf dem unbequemen Sitz hin und her. �Du machst dir Sorgen um Priscylla�, sagte er, �Das verstehe ich, Junge. Aber sie ist bei Dr. Grays Freunden in den besten H�nden. Sie haben Erfahrung in solchen Dingen, glaube mir. Wenn es jemanden gibt, der aus ihr wieder einen normalen Menschen machen kann, dann sie.�</p><p>�Einen normalen Menschen?� Ich hatte M�he, den Zorn in meiner Stimme zu unterdr�cken. �Du sprichst von ihr, als w�re sie geistesgest�rt.�</p><p>Howard sah mich ernst an. �Das ist sie auch, Robert�, sagte er leise. �Nicht so, wie man das Wort normalerweise benutzt - sie ist nicht verr�ckt oder gar schwachsinnig. Aber ihr Geist ist verwirrt.� Er machte eine entsprechende Bewegung zur Stirn. �Sie hat sich mit M�chten eingelassen, denen sie nicht gewachsen ist, Robert. Sie ist nicht b�se; nicht wirklich. Fr�her war sie sogar ein ausgesprochen liebenswerter Mensch. Und es wird sehr viel Zeit und Geduld n�tig sein, sie wieder zu dem Menschen zu machen, der sie war.�</p><p>�In Salem�, f�gte ich hinzu.</p><p>Howards Blick verfinsterte sich. �Bitte, Robert�, sagte er leise. �Fang nicht...�</p><p>�Du verschweigst mir etwas�, unterbrach ich ihn. Rowlf, der die ganze Zeit schweigend und mit geschlossenen Augen neben Howard gehockt und so getan hatte, als schliefe er - ohne da� ich darauf hereingefallen w�re -, hob tr�ge das linke Augenlid und blinzelte mich an.</p><p>�Du verschweigst mir sogar eine ganze Menge�, fuhr ich in scharfem, beinahe aggressivem Ton fort. �Du hast mir weder gesagt, wohin ihr Priscylla bringt, noch, was dort mit ihr geschieht.�</p><p>�Weil ich es nicht wei߫, behauptete Howard. �Auch Dr. Gray wei� es nicht, und das ist auch gut so. Es geschieht zu unserer und ihrer Sicherheit. Die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind sehr vorsichtig. Aber sie wissen nicht, wer wir sind. Wir haben m�chtige Feinde, wei�t du, und wir m�ssen damit rechnen, da� einer von uns in ihre H�nde f�llt. Was er nicht wei�, kann er nicht preisgeben.� Er lachte. �Das ist ein uralter Trick, den zum Beispiel Spionageringe verwenden, um ...�</p><p>�Du weichst mir schon wieder aus�, unterbrach ich ihn. �Was hatten deine Worte zu bedeuten? Salem ist seit �ber hundert Jahren zerst�rt, und Priscylla ...�</p><p>�Lyssa�, sagte Howard ruhig. �Ihr wirklicher Name ist Lyssa.�</p><p>�Das �ndert nichts daran, da� Salem vor mehr als einem Jahrhundert vernichtet worden ist.�</p><p>�Isses nich�, nuschelte Rowlf. Ich hielt verst�rt inne und sah ihn an. Rowlf g�hnte, ohne sich die M�he zu machen, dabei etwa die Hand vor den Mund zu nehmen, kratzte sich mit den Fingern an seinem Stoppelbart und blickte mich trief�ugig an. Sein Bulldoggengesicht wirkte verschlafen.</p><p>�Rowlf hat recht�, sprang Howard hilfreich - und eine Spur zu schnell - ein. �Salem wurde nicht vernichtet, wie die meisten glauben. Es gab ein Progrom, bei dem Dutzende von Menschen get�tet wurden, aber der Ort selbst existiert noch heute. Ich war dort, vor ein paar Jahren. Damals habe ich Lyssa - Priscylla - getroffen.�</p><p>Ich glaubte ihm kein Wort. Es h�tte nicht einmal meines Talentes, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden, bedurft, um zu erkennen, da� er log. Aber warum? Welchen Grund sollte er haben, mich zu bel�gen? Au�er dem, da� er glaubte, mich vor irgend etwas sch�tzen zu m�ssen.</p><p>�Lyssa�, murmelte ich. �Das ist ihr richtiger Name?�</p><p>Howard nickte.</p><p>�Und weiter?�</p><p>�Weiter?�</p><p>�Kein Nachname, keine Familie, nichts?�</p><p>Howard druckste herum. �Ich wei� es nicht�, sagte er schlie�lich. Eine weitere L�ge. �Und es spielt auch keine Rolle.� Er seufzte, blickte wieder aus dem Fenster und fuhr, ohne mich anzusehen, fort: �Es ist nicht mehr weit bis Glasgow, Robert. Wenn der Wagen p�nktlich am Bahnhof ist, dann k�nnen wir gleich weiterfahren. Wir sollten noch etwas essen, solange Zeit ist. Sp�ter werden wir keine Gelegenheit mehr dazu haben.� Er stand auf. �La� uns in den Speisewagen gehen.�</p><p>Ich starrte ihn finster an, aber diesmal ignorierte er meinen Blick, l�chelte sogar und wandte sich mit einer abrupten Bewegung zum Gehen.</p><empty-line/><p>Matthew Carradine hielt die Laterne so, da� der Lichtschein durch die halb offenstehende T�r des Hauses fiel. Im Zentrum des flackernden, wei�gelben Kegels erschienen Staub und Unrat, Bruchst�cke von vermoderten M�beln und dunkle, unidentifizierbare Klumpen - und die halb verwischten Spuren menschlicher F��e.</p><p>�Sie waren hier�, sagte Carradine. �Vor nicht allzu langer Zeit.�</p><p>Boldwinn trat mit einem raschen Schritt neben ihn, beugte sich vor und starrte einen Moment auf die durcheinanderlaufenden Fu�spuren. Seinem Gesichtsausdruck nach zu schlie�en, sagten ihm die Abdr�cke im Staub nicht sehr viel. �Sind Sie sicher, Carradine?� fragte er. Seine Stimme klang eisig; der einzige Ausdruck, der �berhaupt darin mitschwang, war Verachtung.</p><p>Carradine sah w�tend auf. �H�ren Sie, Boldwinn�, schnappte er. �Ich ...�</p><p>Boldwinn brachte ihn mit einer zornigen Bewegung zum Verstummen. Als er Carradine ansah, huschte ein Ausdruck �ber seine Z�ge, als betrachte er ein vielleicht interessantes, aber nichtsdestotrotz l�stiges Insekt, das er am Schlu� doch zerquetschen w�rde, so oder so. <emphasis>�Mister </emphasis>Boldwinn�, sagte er betont.</p><p>Carradine sog h�rbar die Luft ein. Die Laterne in seiner Hand zitterte. Der Lichtstrahl huschte wie ein bleicher Finger �ber Boldwinns Gesicht und tastete unstet an den zerbr�ckelnden Au�enmauern des Hauses entlang. �Wie Sie wollen, <emphasis>Mister </emphasis>Boldwinn�, sagte er. �Aber ich bin sicher, da� sie hier waren. Ich w�re es auch, wenn ich diese Spuren nicht gesehen h�tte. Charles ist als Kind immer hierher gekommen, wenn er ein Versteck brauchte. Er hat wohl geglaubt, wir w��ten nichts von diesem Haus, und wir haben ihn in diesem Glauben gelassen.�</p><p>Boldwinn l�chelte kalt. �Sie scheinen mir �berhaupt sehr seltsame Erziehungsmethoden zu haben�, sagte er eisig. �Das Benehmen Ihres Sohnes ...�</p><p>�Steht hier nicht zur Debatte�, fiel ihm Carradine ins Wort.</p><p>Boldwinns linke Augenbraue rutschte ein St�ck weit seine Stirn empor. �Nicht?� wiederholte er mit gespielter Verwunderung. �Sie werden sich wundern, was alles zur Debatte steht, wenn Ihr feiner Sohn meine Tochter auch nur anger�hrt hat. Sie ist noch ein Kind, vergessen Sie das nicht.�</p><p>�Ein Kind?� Carradine lachte, aber seiner Stimme fehlte die n�tige Selbstsicherheit. Boldwinn war ein m�chtiger Mann, das wu�te er. Wenn Charles die Kleine auch nur falsch angesehen hatte, w�rde Boldwinn ihn vernichten, das war ihm klar. Und es war auch der einzige Grund, aus dem er hier war. Charles w�rde ihn hassen, wenn ausgerechnet er, sein eigener Vater, ihn verriet. Und vermutlich w�rde er es mit Recht tun. Aber er hatte keine Wahl.</p><p>�Lassen wir das�, sagte er, ohne Boldwinn dabei anzusehen. �Ich bin sicher, da� sie hier irgendwo sind. Das Schlo� ist aufgebrochen worden, sehen Sie? Und die Spuren f�hren nur hinein, nicht wieder hinaus. Kommen Sie.� Er machte eine einladende Bewegung mit der Laterne, schob die T�r ein St�ck weiter auf und trat in die darunterliegende Halle. Boldwinn folgte ihm nach kurzem Z�gern. Auf seinem bleichen Stutzer-gesicht erschien ein angewiderter Ausdruck, als er den Staub und den Unrat sah, die die Jahrzehnte in der Halle abgeladen hatten.</p><p>Carradine hielt seine Laterne h�her, beugte sich ein wenig vor und folgte der Fu�spur, die sich deutlich im kn�cheltiefen Staub abzeichnete. Sie f�hrte in gerader Linie zur Treppe und brach dann ab. Aber es war nicht schwer zu erraten, wohin sie f�hrte. Carradine deutete mit einer Kopfbewegung nach oben, wartete, bis Boldwinn aufgeholt hatte und neben ihm stehengeblieben war und ging dann ohne ein Wort weiter. Auf der obersten Stufe blieb er stehen, hob seine Laterne h�her �ber den Kopf und versuchte, im Staub zu seinen F��en die Spuren wiederzufinden. Es gelang ihm, aber sie verschwanden schon nach wenigen Metern erneut.</p><p>So abrupt, als h�tten sich die beiden Menschen, von denen sie stammten, in Luft aufgel�st ...</p><p>Carradine blinzelte verwirrt. Boldwinn bemerkte sein Z�gern, runzelte die Stirn und wollte an ihm vorbeitreten, aber Carradine hielt ihn mit einer raschen Handbewegung zur�ck. �Nicht�, sagte er. �Sie verwischen nur die Spur. Sehen Sie.�</p><p>Boldwinn blickte gehorsam in die Richtung, in die sein ausgestreckter Arm wies, aber der fragende Ausdruck auf seinen Z�gen �nderte sich nicht. �Was meinen Sie?� fragte er.</p><p>�Die Spuren�, murmelte Carradine verst�rt. �Sehen Sie sich die Spuren an, Boldwinn.�</p><p>Boldwinn gehorchte. �Und?� fragte er.</p><p>�Verdammt, sind Sie blind?� schnappte Carradine. �F�llt Ihnen nichts auf? Sie beginnen hier - und wo enden sie, bittesch�n?�</p><p>�Sie ...� Boldwinn verstummte verwirrt, blickte ein paarmal von seinem Gesicht auf die Fu�spur, die so abrupt abbrach und wieder zur�ck, und sog h�rbar die Luft ein. Sein Gesicht verfinsterte sich.</p><p>�H�ren Sie, Carradine�, sagte er leise. �Wenn das ein Trick ist, mit dem Sie Ihren Herrn Sohn sch�tzen wollen ...�</p><p>�Aber nat�rlich�, unterbrach ihn Carradine w�tend. �Ich habe genau gewu�t, was die beiden vorhaben, wissen Sie? Ich bin gestern schon hierher gekommen und habe diese falsche Spur gelegt, um Sie zu t�uschen, Boldwinn. Ich habe meine Schuhe an den F��en und die Ihrer Tochter an den H�nden getragen und bin hier heraufgekrochen, damit alles ganz echt aussieht. Und dann, als ich hier war, habe ich meine Fl�gel ausgeklappt und bin weggeflogen.�</p><p>Boldwinn schluckte und starrte ihn mit einer Mischung aus Zorn und Verwirrung an. �Aber das ist doch unm�glich�, sagte er, noch immer laut, aber jetzt in einem Tonfall, der eher hilflos als aggressiv klang. �Eine Spur kann doch nicht einfach im Nichts enden.�</p><p>�Diese hier tut es aber�, schnappte Carradine.</p><p>�Und was ... was tun wir jetzt?�</p><p>Carradine zuckte mit den Achseln. �Keine Ahnung�, brummte er. �Aber es wird uns wohl nicht viel anderes �brig bleiben, als das Haus Zimmer f�r Zimmer zu durchsuchen.�</p><p>�Allein?� entfuhr es Boldwinn. �Dieses Haus mu� Dutzende von Zimmern haben, Carradine!�</p><p>�Wir k�nnen nat�rlich auch zur�ckgehen und Hilfe holen�, erwiderte Carradine gelassen. �Aber machen Sie mich nicht verantwortlich, wenn dann niemand mehr hier ist.�</p><p>Boldwinn z�gerte. Sein Blick wanderte den Weg zur�ck, den sie gekommen waren, und saugte sich einen Herzschlag lang an der offenstehenden T�r fest. Sein Gesicht wirkte im grellen Schein der Laterne noch bleicher, als es ohnehin war. Seine Nasenfl�gel bebten. Wenn Carradine jemals einem Menschen gegen�bergestanden war, der Angst hatte, dann ihm.</p><p>Aber trotzdem nickte er nach einer Weile. �Sie haben recht�, murmelte er. �Durchsuchen wir das Haus. Wo fangen wir an?�</p><p>Carradine deutete mit der Hand nach rechts und mit dem Kopf nach links. �Sie dort und ich auf der anderen Seite�, sagte er. �Dann geht es schneller.�</p><p>�Allein?� Boldwinn schluckte. �Sie meinen, wir sollen uns trennen?�</p><p>�Sie haben es selbst gesagt�, antwortete Carradine. �Das Haus hat Dutzende von Zimmern. Wir brauchen bis Sonnenaufgang, wenn wir sie alle durchsuchen wollen. Wenn wir uns teilen, sind wir schneller.�</p><p>�Aber ich - wir haben nur eine Laterne�, stammelte Boldwinn.</p><p>Carradine unterdr�ckte ein triumphierendes Grinsen. Es bereitete ihm ein geradezu sadistisches Vergn�gen, zu sehen, wie Boldwinn vor Angst zitterte. �F�rchten Sie sich im Dunkeln?� fragte er h�misch.</p><p>F�r einen Moment blitzte in Boldwinns Augen Zorn auf. Aber die Furcht war gr��er und gewann rasch wieder die Oberhand. �Das spielt keine Rolle�, antwortete er. �Aber wir haben nichts davon, wenn einer von uns im Dunkeln herumstolpert.�</p><p>�Es gibt genug Kerzen hier�, entgegnete Carradine ruhig.</p><p>�Und unten in der Halle war ein Wandhalter mit einer Fackel. Warum holen Sie sie nicht?�</p><p>Boldwinn blickte ihn unsicher an. �Ich warte hier�, f�gte Carradine nach einigen Sekunden hinzu. �Aber Sie sollten sich beeilen. Wahrscheinlich h�rt man unsere Stimmen durch das ganze Haus. Es w�rde mich nicht wundern, wenn Charles und Jenny schon wissen, da� wir hier sind.�</p><p>Boldwinn nickte verkrampft, drehte sich herum und begann vorsichtig die Treppe wieder herabzugehen. Carradine �berlegte einen Moment, ob er die Sache auf die Spitze treiben sollte, entschied sich aber dann dagegen und hielt seine Laterne so, da� ihr Schein Boldwinn den Weg wenigstens notd�rftig erhellte. Im Moment war er zweifellos in der st�rkeren Position, aber er kannte Boldwinn gut genug, um zu wissen, da� er ihm jede Sekunde, die sie in diesem Haus verbrachten, doppelt und dreifach zur�ckzahlen w�rde - ganz gleich, ob sie seine Tochter fanden oder nicht.</p><p>Boldwinn klapperte und rumorte eine Weile unten herum und kam dann mit weit ausgreifenden Schritten zur�ck. Sein teurer Ma�anzug war verdreckt, und in seinem Haar klebten graue Spinnweben. Ein gehetzter Ausdruck lag auf seinen Z�gen. Sein Blick glitt an Carradine vorbei und huschte unstet �ber die geschlossenen T�ren, die die Galerie s�umten. Carradine lie� sich zu einem schadenfrohen L�cheln hinrei�en - aber er mu�te sich auch gleichzeitig eingestehen, da� er selbst nicht halb so ruhig war, wie er sich gab. Das Haus �bte einen seltsamen, unheimlichen Einflu� auf ihn aus. Wenn er ganz ehrlich war, dann mu�te er sich eingestehen, da� er Angst hatte.</p><p>Er entz�ndete die Fackel, reichte Carradine seine Laterne und hielt das brennende Holz hoch �ber den Kopf. Es war besser, wenn Boldwinn die Laterne hatte - mit der brennenden Fackel in der Hand w�rde dieser Trottel am Ende noch das ganze Haus anstecken. Boldwinn schien etwas sagen zu wollen, aber Carradine winkte rasch ab, deutete noch einmal mit einer Kopfbewegung nach rechts und machte sich in die entgegengesetzte Richtung auf den Weg. Sein Blick tastete �ber den kn�cheltiefen Staub auf dem Boden. Die flockige graue Schicht war unbesch�digt und h�chstens da und dort von den Spuren winziger Rattenf��chen durchbrochen; wenn Charles und Jenny in eines dieser Zimmer gegangen w�ren, h�tte er es gesehen. Aber andererseits: wenn sie es fertiggebracht hatten, ihre Spuren einfach so abbrechen zu lassen, dann ...</p><p>Er verscheuchte den Gedanken, ging bis zum Ende des Korridors und �ffnete die letzte T�r. Weit hinter sich, am anderen Ende der Galerie, h�rte er Boldwinn eine andere T�r �ffnen.</p><p>Knarrend schwang die T�r auf. Die zuckenden Flammen seiner Fackel warfen irrlichternde rote Blitze gegen die Decke und die W�nde, und die Bewegung und der pl�tzliche Luftzug - vielleicht der erste seit einem Menschenalter - lie�en Staub in dichten, brodelnden Schwaden vom Boden hochsteigen. Carradine trat z�gernd durch die T�r, hob seine Fackel ein wenig h�her und sah sich mit einer Mischung aus Neugier und Unbehagen um.</p><p>Das Zimmer bot einen Anblick der Zerst�rung. Fr�her mu�te seine Einrichtung einmal kostbar und von gro�em Geschmack gewesen sein. Jetzt war sie zerst�rt. Nicht zerfallen und vermodert, wie Carradine auffiel, sondern gr�ndlich zerschlagen, als h�tte jemand in einem Anfall von Raserei jedes einzelne M�belst�ck zertr�mmert. �berall lag Staub und Schmutz. Das Fenster war vernagelt, die Scheiben zerborsten, ohne auseinandergebrochen zu sein, und das hintere Drittel des Raumes war hinter einem massiven grauen Vorhang aus ineinander verflochtenen Spinnweben verborgen.</p><p>Hinter dem Vorhang bewegte sich etwas.</p><p>Carradines Herz begann rasend und schmerzhaft zu schlagen. Instinktiv machte er einen Schritt, blieb aber abrupt wieder stehen und starrte aus schreckgeweiteten Augen auf den verzerrten Schatten, der sich hinter dem grauen Vorhang abzeichnete.</p><p>�Charles?� fragte er halblaut. Seine Stimme klang unsicher. Der Schatten hinter den Spinnweben bewegte sich wieder, aber Carradine konnte immer noch nicht erkennen, was es war.</p><p>Eine faustgro�e Spinne fiel mit einem h�rbaren Ger�usch aus dem Netz und begann langsam auf ihn zuzukriechen. Ekel stieg in Carradine hoch, aber gleichzeitig auch Erstaunen. Er hatte niemals eine Spinne von dieser Gr��e gesehen. Einen Moment lang beobachtete er das sinnverwirrende Spiel ihrer Beine, dann senkte er seine Fackel und verbrannte sie.</p><p>Langsam ging er weiter. Der Schatten hinter dem Vorhang bewegte sich erneut, und als Carradine n�herkam, erkannte er weitere, kleinere, dunkle Punkte ...</p><p>Dann, mit einem Ruck, stand die Gestalt auf und zerri� den grauen Vorhang.</p><p>Carradine schrie gellend auf. F�r die Dauer von zwei, drei Herzschl�gen stand er gel�hmt vor Schrecken da und starrte auf das grauenerregende Bild, das ihm die zuckenden roten Flammen der Fackeln enth�llten.</p><p>Es waren nicht eine, sondern zwei Gestalten, die Gestalten zweier Menschen, die nur so eng ineinander verschlungen gewesen waren, da� sie durch den grauen Schleier hindurch wie eine einzige gewirkt hatten.</p><p>Es waren Jenny und Charles.</p><p>Sie waren nackt, beide. Ihre Kleider lagen in Fetzen und vermodert auf dem Boden und dem verrotteten Bett, auf dem sie gesessen hatten.</p><p>Und �ber das Bett, �ber den Boden, die zerrissenen Kleider und vermoderten Decken und ihre K�rper krochen Dutzende von faustgro�en, mit drahtigem, schwarzem Haar bedeckte Spinnen ...</p><p>Carradine erwachte mit einem gurgelnden Schrei aus seiner Erstarrung, als die beiden jungen Menschen auf ihn zutraten und ihnen die Spinnen wie eine quirlende schwarze Woge folgten. Halb wahnsinnig vor Furcht wirbelte er herum und rannte los. F�nf, sechs der ekelhaften haarigen Tiere fielen wie kleine pelzige B�lle von der Decke, prallten auf seine Schulter und seinen R�cken und krallten sich in seinen Kleidern fest. Haarige Beine tasteten �ber sein Gesicht. Carradine schrie, fegte die Tiere angeekelt zur Seite und schwang seine Fackel. Die Flammen zeichneten einen feurigen Halbkreis in die Luft, und die Hitze vertrieb die Tiere; wenn auch nur f�r einen Augenblick. Carradine taumelte weiter, prallte mit dem Gesicht schmerzhaft gegen den T�rrahmen und torkelte auf die Galerie hinaus. Er h�rte Boldwinns Stimme, verstand aber die Worte nicht, sondern lief weiter, noch immer schreiend und dem Wahnsinn nahe. Hinter ihm quoll ein schwarzer, vierbeiniger Teppich aus winzigen K�rpern aus der T�r.</p><p>�Carradine?� Boldwinns Stimme drang nur wie durch einen d�mpfenden Schleier in sein Bewu�tsein. Der tanzende Schein einer Laterne tauchte vor ihm auf der Galerie auf, huschte �ber den staubbedeckten Boden und blendete ihn einen Moment. Er h�rte, wie Boldwinn voller Entsetzen aufschrie, dann klirrte irgend etwas; die Laterne erlosch.</p><p>Carradine torkelte weiter, prallte gegen die steinerne Br�stung der Galerie und verlor um ein Haar das Gleichgewicht. Verzweifelt blickte er sich um. Die Spinnen kamen n�her.</p><p>F�r einen Moment - nur einen Moment - gewann sein klares Denken wieder die Oberhand. Carradine wechselte die Fackel von der Linken in die Rechte und schwang das brennende Holz wie eine Waffe. Die Hitze trieb die Spinnen zur�ck, aber aus der offenstehenden T�r dr�ngten immer mehr und mehr nach, nicht mehr Dutzende jetzt, sondern Hunderte. Der Mosaikfu�boden der Galerie verschwand unter einer schwarzen, kribbelnden, haarigen Masse, die wie eine z�he Woge n�herschwappte.</p><p>�Boldwinn!� keuchte er. �Zur Treppe! Laufen Sie!�</p><p>Er wu�te nicht, ob Boldwinn auf seine Worte reagierte. Sein Angriff hatte den Vormarsch der Spinnen ins Stocken gebracht, aber von hinten dr�ngten immer mehr und mehr der ekelhaften Tiere nach, und hinter ihnen ...</p><p>Carradines Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, als er die beiden aneinandergeklammerten Schatten sah. Sein Sohn und Boldwinns Tochter torkelten mit m�hsamen, abgehackt wirkenden Bewegungen aus der T�r. Ihre Gesichter waren leer, der Blick ihrer Augen erloschen; ihre M�nder standen offen, was ihnen den Ausdruck von Schwachsinnigen verlieh. Die Armee der Spinnen teilte sich vor ihren F��en, so da� eine schmale, quirlende Gasse entstand, die sich aber hinter ihnen sofort wieder schlo�.</p><p>Carradine verga� die Spinnen, als die beiden nackten Gestalten n�herkamen. Langsam, Schritt f�r Schritt, wich er zur�ck, unf�hig, den Blick von dem leeren Gesicht seines Sohnes zu wenden. Charles' Augen waren erloschen. <emphasis>Er ist tot, </emphasis>dachte Carradine entsetzt. <emphasis>Tot - oder Schlimmeres. </emphasis>Aber der Gedanke erreichte sein Bewu�tsein kaum, sondern verging in der Woge von Entsetzen und Wahnsinn, die sein Denken zu �berschwemmen drohte. Er f�hlte die harte Kante der Galerie-br�stung in seinem R�cken, sp�rte, wie er sich weiter und weiter zur�ckbog, als die Schreckensgestalt, die einmal sein eigener Sohn gewesen war, n�her kam, und irgendwo tief in ihm begann eine Alarmglocke zu schlagen, aber auch diese Warnung verhallte ungeh�rt.</p><p>Langsam hob Charles die Hand. Seine Finger deuteten fast anklagend auf Carradine, zitterten, kamen n�her und verharrten wenige Zentimeter vor seinem Gesicht reglos in der Luft.</p><p>Eine Spinne krabbelte �ber seine Schulter, blickte Carradine aus ihren acht stecknadelkopfgro�en funkelnden Augen einen Sekundenbruchteil lang boshaft an und begann dann auf wirbelnden Beinchen �ber Charles' Arm auf ihn zuzulaufen. Etwas ber�hrte seine Beine, leicht, tastend, kroch an seinem Kn�chel empor und schl�pfte in seine Hose.</p><p>Carradine stie� einen gellenden, unglaublich schrillen Schrei aus, warf sich zur�ck und st�rzte mit haltlos wirbelnden Armen �ber das Gel�nder in die Tiefe.</p><p>Seine Fackel erlosch, als er auf dem Steinboden aufprallte.</p><empty-line/><p>�Da is nix zu machen�, sagte Rowlf kopfsch�ttelnd. Mit einem resignierenden Seufzen lie� er den Vorderlauf des Pferdes los, t�tschelte dem Tier mit einer unbewu�ten Geste den Hals und wandte sich zu uns um. �Der Gaul l�uft keine Meile mehr. Ein Wunder, dasser noch nich zusammengebrochn is�, sagte er.</p><p>�Verdammt�, murmelte Howard. �Und das ausgerechnet hier.� Er atmete h�rbar ein, bi� sich einen Moment auf die Unterlippe und sah mit einem gleicherma�en gequ�lten wie resignierenden Blick die Stra�e hinab. Vor einer knappen halben Stunde waren die H�user einer kleinen Ortschaft an den Fenstern des Wagens vor�bergezogen; seitdem hatten wir nichts als Wald gesehen. Es war dunkel geworden, und die B�ume s�umten die Stra�e zu beiden Seiten wie eine finstere, undurchdringliche Mauer. Es war kalt.</p><p>�Ich f�rchte, wir werden umkehren m�ssen�, sagte er bedauernd. �Damit d�rfte unser Zeitplan �ber den Haufen geworfen sein. Gr�ndlich.�</p><p>�Umkehren?� fragte ich. Wir waren praktisch ununterbrochen gefahren, seit wir Glasgow erreicht und den Zug verlassen hatten. Die Vorstellung, auch nur eine einzige der Meilen, die wir so m�hsam gereist waren, wieder zur�ckzufahren, erf�llte mich mit einem instinktiven Widerwillen. Und Howard hatte recht - unser Zeitplan war ohnehin knapp bemessen. Wir konnten es uns nicht leisten, eine ganze Nacht zu verlieren.</p><p>Howard nickte. �Die Ortschaft, durch die wir gekommen sind�, erinnerte er. �Mit etwas Gl�ck finden wir dort jemanden, der uns ein frisches Pferd verkauft oder leiht. Allerdings ist es schon sp�t�, f�gte er achsekuckend hinzu.</p><p>�Und wenn wir das Pferd abschirren und nur mit einem Zugtier weiterfahren?� fragte ich.</p><p>�Geht nich�, antwortete Rowlf an Howards Stelle. �Wir sin zu schwer f�r nur ein Tier. Der Gaul w�rde blo� schlappmachn.�</p><p>Howard nickte. �Rowlf hat recht. Ich m�chte nicht mitten auf der Stra�e liegenbleiben. Komm - helfen wir Rowlf.�</p><p>Diesmal widersprach ich nicht, sondern trat gehorsam neben ihn und seinen h�nenhaften Diener und begann, die Schirrriemen des Pferdes zu l�sen. Die Vorstellung, auf dieser abgelegenen Stra�e �bernachten zu m�ssen, behagte mir ganz und gar nicht. Ich habe niemals Angst vor der Dunkelheit gehabt oder etwas �hnlich Albernes - aber dieser schwarze Wald, dessen B�ume die Stra�e zu erdr�cken und mit d�rren, blattlosen �sten wie mit schwarzen Armen auf uns herabzugreifen schienen, erf�llte mich mit Unbehagen, ohne da� ich sagen konnte, warum. Vielleicht hatte ich in den letzten Wochen einfach zu viel erlebt. Ich hatte die Vorstellung, da� ich der Sohn eines Hexers war und Dinge wie Zauberer und D�monen real existierten und in die Welt der Menschen eingreifen konnten, akzeptiert, weil ich es mu�te. Aber das hie� nicht, da� ich sie schon verarbeitet hatte. Der Spruch, da� man sich an jeden Schrecken gew�hnt, wenn er nur lange genug andauert, ist nicht wahr, im Gegenteil. Nach einer Weile f�ngt man an, hinter jedem Schatten eine Gefahr und in jedem Ger�usch eine Bedrohung zu vermuten.</p><p>�Jemand kommt�, murmelte Rowlf.</p><p>Ich sah auf, trat einen halben Schritt auf die Stra�e hinaus und blickte in die Richtung, in die er gewiesen hatte: zur�ck dorthin, wo wir hergekommen waren. Im ersten Moment konnte ich weder etwas Au�ergew�hnliches sehen noch h�ren. Aber Rowlf schien �ber sch�rfere Sinne zu verf�gen als ich, denn nach ein paar Augenblicken h�rte ich Hufschlag, dann begann sich der Schatten eines einzelnen Reiters gegen das Schwarzgrau des Waldes abzuheben.</p><p>Der Mann kam in scharfem Tempo n�her und z�gelte sein Tier erst wenige Schritte vor unserer Kutsche. Das Pferd stampfte unruhig, und der Wind trug den scharfen Geruch seines Schwei�es zu mir. Er mu�te sehr schnell geritten sein.</p><p>�Guten Abend, die Herren�, sagte er steif. �Sie haben Schwierigkeiten?�</p><p>Die Frage war rein rethorisch. Rowlf hatte das Pferd vollends abgeschirrt, w�hrend Howard und ich dem Fremden entgegengetreten waren, aber das Tier scheute noch immer und zog schmerzhaft das rechte Vorderbein an.</p><p>�Ich f�rchte�, antwortete Howard. �Eines unserer Pferde hat sich einen Stein in den Huf getreten. Und das zweite allein wird die Kutsche nicht ziehen k�nnen.�</p><p>Der Mann hob den Kopf und blickte f�r die Dauer von zwei, drei Herzschl�gen auf unser Fahrzeug. Obwohl ich sein Gesicht in der Dunkelheit nur als hellen Fleck erkennen konnte, entging mir der Blick, mit dem er unsere Kalesche musterte, keineswegs. Es war ein Blick, dem nicht die geringste Winzigkeit entging. Ein Blick, der mir nicht gefiel. Aber ich schwieg.</p><p>�Ein denkbar ung�nstiger Platz f�r einen Halt�, sagte er, nachdem er seine Musterung beendet hatte. �Bis zur n�chsten Stadt sind es fast f�nf Meilen. Sie sind auf einer weiten Reise?�</p><p>Howard ignorierte seine Frage und rang sich sogar zu einem freundlichen - wenn auch sp�rbar k�hlen - L�cheln durch. �Wir dachten an die Ortschaft, durch die wir gekommen sind�, sagte er. �Vielleicht gibt es dort ...�</p><p>�Dort gibt es absolut niemanden, der Ihnen helfen wird�, unterbrach ihn der Reiter kopfsch�ttelnd. Howard runzelte die Stirn, und der Fremde fuhr nach einer Sekunde fort: �Die einzigen Pferde, die es dort gibt, sind ein paar Ackerg�ule, die Ihre Kutsche zuschanden schlagen w�rden, wenn Sie versuchten, sie einzuspannen. Und die f�nf Meilen bis nach Oban�, f�gte er mit einer Handbewegung nach Norden hinzu, �schaffen Sie nicht mit nur einem Pferd.�</p><p>Howard seufzte. �Dann werden wir wohl zu Fu� gehen m�ssen�, murmelte er. �Jedenfalls k�nnen wir nicht hier �bernachten.�</p><p>Der Fremde lachte; ein dunkler, unsympathisch klingender Laut. Sein Pferd scheute und scharrte unruhig mit den Vorderl�ufen, aber er brachte es mit einem brutalen Ruck zur Ruhe. �Das k�nnen Sie nicht�, best�tigte er. �Aber Sie m�ssen auch nicht zu Fu� gehen. Mein Haus ist keine halbe Meile von hier entfernt. Wenn Sie mit meinem G�stezimmer Vorlieb nehmen wollen, k�nnen Sie die Nacht dort verbringen. Morgen fr�h k�mmere ich mich darum, da� Sie ein frisches Pferd bekommen. Oder besser gleich zwei�, f�gte er mit einem Seitenblick auf das zweite, noch angespannte Tier hinzu.</p><p>Howard z�gerte. Ohne ihn anzusehen sp�rte ich, da� ihm der hochgewachsene Fremde mindestens ebenso suspekt vorkam wie mir. Aber wir hatten keine gro�e Wahl.</p><p>�Das ... w�re �beraus freundlich von Ihnen Mister ...�</p><p>�Boldwinn�, sagte der Fremde. �Lennon Boldwinn, Sir. Zu Ihren Diensten.�</p><p>Howard deutete eine Verbeugung an. �Phillips�, sagte er. �Howard Phillips. Mein Neffe Richard, und Rowlf, unser Hausdiener und Kutscher.� Nacheinander deutete er auf mich und Rowlf; gleichzeitig warf er mir einen raschen, beschw�renden Blick zu. Ich widerstand im letzten Moment der Versuchung, zu nicken. Sicher, es gab keinen Grund, Boldwinn zu mi�trauen - aber es gab auch keinen Grund, ihm zu trauen.</p><p>Und wir hatten schon in London verabredet, unter falschem Namen zu reisen.</p><p>�Dann kommen Sie, Mister Phillips�, sagte Boldwinn knapp. �Es ist sp�t, und ich habe einen weiten Weg hinter mir und bin m�de. Steigen Sie in Ihre Kutsche. Ich reite voraus.� Ohne eine Antwort abzuwarten, lie� er sein Pferd antraben und ritt an uns vor�ber. F�r einen ganz kurzen Moment konnte ich sein Gesicht im bleichen Licht des Mondes genauer erkennen. Es �hnelte auf schwer zu beschreibende Weise dem Howards - schmal, von scharfem, beinahe - aber eben nur <emphasis>beinahe - </emphasis>aristokratischem Schnitt, mit dunklen Augen und eingerahmt von einem pedantisch ausrasierten King-Arthur-Bart. Seine Haut schien mir unnat�rlich bleich, aber ich war mir nicht sicher, ob dieser Eindruck nicht einfach am Licht lag. Und er hockte in unnat�rlich verkrampfter Haltung im Sattel. Entweder hatte er wirklich einen sehr langen und anstrengenden Ritt hinter sich, oder er war - was mir wahrscheinlicher schien - kein sehr ge�bter Reiter.</p><p>Howard ber�hrte mich am Arm und deutete auf die Kutsche. Rowlf hatte das �berz�hlig gewordene Geschirr mittlerweile zu einem B�ndel verschn�rt und zwischen unser Gep�ck auf das Dach der Kutsche geworfen. Das verletzte Tier stand ein St�ck abseits, aber ich wu�te, da� es uns folgen w�rde, sobald die Kutsche anfuhr.</p><p>Wir stiegen wieder in den Wagen. Howard schlo� die T�r, schob jedoch den Vorhang zur Seite und setzte sich so, da� er aus dem Fenster blicken und Boldwinn unauff�llig im Auge behalten konnte. Rowlf lie� seine Peitsche knallen; der Wagen setzte sich schaukelnd in Bewegung. Das Knarren der schweren, h�lzernen R�der auf der staubigen Stra�e schien mir lauter als vorher.</p><p>�Was h�ltst du von ihm?� fragte Howard nach einer Weile.</p><p>�Boldwinn?� Ich zuckte mit den Achseln. �Ich glaube nicht, da� ich ihn mag�, antwortete ich wahrheitsgem��. �Aber zumindest bewahrt er uns davor, auf offener Stra�e �bernachten zu m�ssen.�</p><p>Howard runzelte die Stirn. �Vielleicht w�re das besser�, murmelte er. Die Worte schienen mehr f�r ihn selbst als f�r mich bestimmt, aber ich antwortete trotzdem darauf.</p><p>�Du traust ihm nicht?�</p><p>�Trauen ...� Howard seufzte. �Wahrscheinlich sehe ich Gespenster�, sagte er. �Aber es kommt mir seltsam <emphasis>vor, </emphasis>da� er ausgerechnet jetzt auftaucht. Immerhin sind wir seit fast zwei Stunden keiner Menschenseele begegnet. Sein Hilfsangebot kam ziemlich schnell.�</p><p>�Ich dachte immer, die Engl�nder sind besonders hilfsbereite Menschen.�</p><p>Howard lachte leise. �Jeder Mensch ist hilfsbereit, wenn er Gr�nde daf�r hat�, antwortete er zweideutig. �Aber vermutlich hast du recht - wir sollten froh sein, da� wir nicht wirklich auf der Stra�e schlafen m�ssen.�</p><p>�Und wie geht es weiter?�</p><p>Howard schwieg einen Moment. �Dieses kleine Ungl�ck �ndert nichts an unserem Plan�, antwortete er schlie�lich. �Ich habe Freunden in Durness telegrafiert, da� wir kommen. Sie werden eine gewisse Versp�tung einkalkulieren.�</p><p>Der Klang der Hufschl�ge �nderte sich. Die Kutsche begann st�rker zu schaukeln und legte sich schlie�lich wie ein Schiff auf hoher See auf die Seite. Ein harter Sto� traf die kaum gefederten Achsen und beutelten Howard und mich, als Rowlf den Wagen hinter unserem F�hrer auf einen schmalen, von tiefen Schlagl�chern und Gr�ben durchzogenen Waldweg lenkte.</p><p>F�r den Rest des Weges wurde eine Unterhaltung unm�glich. Howard und ich hatten alle H�nde voll zu tun, nicht von den Sitzen geworfen zu werden oder unentwegt mit dem Kopf gegen die Decke zu prallen, wenn ein neuer Sto� den Wagen traf, und ich rechnete ernsthaft damit, da� die Achse brechen oder die Kalesche schlichtweg umst�rzen w�rde. Ich versuchte, aus dem Fenster zu sehen, aber alles, was ich erkennen konnte, war Schw�rze, in der nur ab und zu ein paar Schatten auftauchten und wieder verschwanden. Der Weg war so schmal, da� Unterholz und Ge�st an beiden Seiten scharrend an der Kutsche entlangschrammten, und in einem Zustand, als w�re er jahrelang nicht mehr benutzt worden.</p><p>Ich sch�tzte, da� wir etwa eine halbe Meile tief in rechtem Winkel zu unserem vorherigen Kurs in den Wald eingedrungen waren, als das Schaukeln und Sto�en endlich aufh�rte und die Kutsche mit einem letzten, magenumst�lpenden Krachen zum Stehen kam. Howard rappelte sich grimassenschneidend hoch und beugte sich zur Seite, um aus dem Fenster zu sehen, und ich tat es ihm auf der anderen Seite gleich.</p><p>Der Wagen hatte vor einem gewaltigen, schmiedeeisernen Tor gehalten. Boldwinn war aus dem Sattel gestiegen und machte sich am Schlo� zu schaffen. Er �ffnete nur einen Fl�gel, der jedoch mehr als breit genug war, die Kutsche durchzulassen. Die Scharniere quietschten, als w�ren sie seit einem Menschenalter nicht mehr ge�lt worden.</p><p>Wir fuhren weiter. Unter den R�dern der Kutsche knirschte jetzt Kies, und die buckeligen Schatten, die den Weg s�umten, geh�rten zu einem ausgedehnten, aber vollkommen verwilderten Park, der Boldwinns Haus umgab. Der Weg und das Tor schienen nicht das einzige zu sein, was verwahrlost war. Aber dar�ber stand mir kein Urteil zu. Ich lie� mich wieder zur�cksinken.</p><p>Wir wurden nicht mehr ganz so arg durchgesch�ttelt, w�hrend Rowlf die Kutsche den leicht ansteigenden Weg zum Haus hinauflenkte. Ich h�rte, wie er ein paar Worte mit Boldwinn wechselte, dann kam der Wagen erneut zum Stehen. Ein gewaltiger, dunkler Schatten f�llte das Fenster auf Howards Seite aus.</p><p>Kalter Wind schlug uns entgegen, als wir ausstiegen, und aus dem nahen Wald drang eine seltsame Mischung aus dem Geruch feuchten, frischen Gr�ns und ... ja - und was eigentlich? Mir fiel kein passender Vergleich ein, aber es roch ... seltsam. Die Luft schien abgestanden und verbraucht, obwohl das unm�glich war; ich kam mir vor wie in einem Raum, dessen Fenster zu lange nicht ge�ffnet worden waren.</p><p>Dann fiel mein Blick auf das Haus, und ich verga� den Geruch.</p><p>Es war gewaltig. Gewaltig, d�ster und drohend wie eine Gewitterwolke, die den Horizont verdunkelte; ein Herrenhaus in sp�tviktorianischem Stil, das fr�her einmal grandios gewesen sein und einem Adeligen oder K�nig geh�rt haben mu�te. M�chtige, polierte S�ulen s�umten die breite Freitreppe aus wei�em Marmor, und �ber den Fenstern, die ausnahmslos vergittert waren, prangten kostbare Stuckarbeiten. Zwei gewaltige steinerne L�wen flankierten die Haust�r, und direkt �ber dem Eingang war eine Inschrift, die ich allerdings in der herrschenden Dunkelheit nicht entziffern konnte.</p><p>Aber das Haus war nicht nur gewaltig, es war auch <emphasis>alt. </emphasis>Die Gitter vor den Fenstern waren verrostet; der Regen hatte h��liche braune Streifen in das Mauerwerk darunter gewaschen. Die W�nde waren rissig, da und dort war der Putz abgebr�ckelt und nicht oder nur laienhaft erneuert worden, und aus einer der Marmors�ulen war ein kopfgro�es St�ck herausgebrochen und auf der Treppe zersplittert. Seine Bruchst�cke lagen noch da auf den geborstenen Stufen, wo sie niedergest�rzt waren.</p><p>�Mister Phillips?�</p><p>Boldwinns Stimme ri� mich aus meinen Betrachtungen. Ich schrak hoch, sah ihn einen Moment fast schuldbewu�t an und l�chelte rasch, als ich seine einladende Handbewegung bemerkte.</p><p>�Wenn Sie mir ins Haus folgen wollen�, sagte er steif. �Ich lasse einen kleinen Imbi� f�r Sie herrichten. Sie m�ssen hungrig sein.�</p><p>�Unser Gep�ck ...� begann Howard, wurde aber sofort von Boldwinn unterbrochen:</p><p>�Darum wird sich mein Hausdiener k�mmern�, sagte er. �Ihr Kutscher mu� ebenso m�de sein wie Sie. Lassen Sie den Wagen getrost stehen. Ihrem Eigentum wird nichts geschehen.�</p><p>Seine Worte �rgerten mich, aber Howard machte eine rasche, warnende Geste mit der Hand, und ich schluckte die scharfe Entgegnung, die mir auf der Zunge lag, herunter. Schweigend folgten wir Boldwinn die Treppe hinauf.</p><p>Die T�r wurde ge�ffnet, kurz bevor wir sie erreicht hatten. Ein Streifen gelber, flackernder Helligkeit fiel auf die Treppe hinaus, dann erschien eine geduckte Gestalt unter der �ffnung und sah Boldwinn und uns entgegen. Boldwinn winkte ungeduldig mit der Hand; der Mann trat hastig zur�ck und �ffnete die T�r gleichzeitig weiter, so da� wir eintreten konnten.</p><p>Der Anblick �berraschte uns alle drei. Nach dem verwahrlosten Zustand des Parks und des Hauses hatte wohl nicht nur ich hier drinnen etwas �hnliches erwartet, aber das Gegenteil war der Fall: hinter dem Eingang erstreckte sich eine gewaltige, fast zur G�nze in schneewei�em Marmor gehaltene Halle. Ein mindestens f�nf Yards messender Kronleuchter hing an einer armdicken Kette von der Decke und tauchte den Raum in mildes, gelbes Licht, und der Boden war so sauber, da� sich unsere Gestalten als verzerrte Schatten darauf spiegelten. Die Halle war fast leer; das einzige M�belst�ck war ein gewaltiger, kostbarer Sekret�r, �ber dem ein riesiger Kristallspiegel in einem goldenen Rahmen hing. Auf der gegen�berliegenden Seite der Halle f�hrte eine geschwungene, mit kostbaren Teppichen belegte Treppe zu einer Galerie hinauf, von der zahlreiche T�ren abzweigten. Es war angenehm warm, obwohl nirgends ein Feuer brannte.</p><p>�Nun, Mister Phillips?� fragte Boldwinn. �Zufrieden?� Es dauerte eine Sekunde, ehe ich begriff, da� seine Worte mir galten. Ich fuhr zusammen, drehte mich halb um und sah ihn verlegen an. Ein d�nnes, sp�ttisches L�cheln spielte um seine Lippen. Er mu�te den Blick, mit dem ich mich umgesehen hatte, richtig gedeutet haben. �Ich ... verzeihen Sie�, stotterte ich. �Ich ...� Boldwinn winkte ab und schlo� die T�r hinter sich. �Es mu� Ihnen nicht unangenehm sein, Mister Phillips�, sagte er gleichm�tig. �Ich bin das gewohnt, wissen Sie? Jeder, der mein Haus nur von au�en kennt, ist �berrascht, wenn er es betritt.� Sein L�cheln wurde ein wenig breiter, aber nicht sympathischer. �Ich habe weder die Mittel noch das Personal, den Park in Ordnung zu halten�, sagte er, �aber es verschafft mir immer wieder Genugtuung, die Gesichter meiner Besucher zu sehen, wenn sie hereinkommen.�</p><p>Ich f�hlte mich mit jeder Sekunde unbehaglicher. Boldwinn war im Grunde nichts als ehrlich, aber es gibt eine Art der Ehrlichkeit, die schon wieder unh�flich ist.</p><p>�Ich sehe�, fuhr er fort, �ich bringe Sie in Verlegenheit, also wechseln wir das Thema. Carradine - bereiten Sie einen Imbi� f�r vier Personen vor. Und schnell, bitte.�</p><p>Die Worte galten dem Mann, der uns ge�ffnet hatte, einem verhutzelten kleinen M�nnchen, das die ganze Zeit schweigend und mit gesenktem Kopf dagestanden und Howard und mich verstohlen aus den Augenwinkeln gemustert hatte. Schon vorhin, als ich nur seinen Schatten gesehen hatte, war er mir sonderbar vorgekommen; jetzt, als ich ihn im hellen Licht sah, erschreckte mich seine Erscheinung fast.</p><p>Im ersten Moment hielt ich ihn f�r einen Buckeligen, aber das stimmte nicht. Seine linke Schulter hing tiefer und in anderem Winkel herab als die rechte, und sein Hals war auf sonderbare Weise auf die Seite geneigt, als k�nne er den Kopf nicht gerade halten. Seine linke Hand war einw�rts geknickt, die Finger zu einer nutzlosen steifen Kralle verkr�mmt, und sein rechtes Bein und der Fu� sahen aus, als w�ren die Knochen irgendwann einmal gebrochen und in falschem Winkel wieder zusammengeheilt. Sein Gesicht war ein Alptraum: eingedr�ckt und schief wie eine Maske aus Wachs, die jemand zusammengedr�ckt hatte; der Mund verzogen, so da� er st�ndig sabberte - ohne etwas daf�r zu k�nnen -, das linke Auge blind und geschlossen. Ein Kr�ppel.</p><p>�Gef�llt Ihnen Carradine?� fragte Boldwinn leise. �Er ist mein Hausdiener, wissen Sie? Ein bedauernswertes Gesch�pf. Eigentlich ist er nutzlos und richtet mehr Schaden als Nutzen an, aber irgend jemand mu�te sich seiner annehmen, nicht wahr?� Er lachte. �Eigentlich wollte ich ihn Quasimodo nennen, aber das w�re geschmacklos gewesen.�</p><p>Howard sog scharf die Luft ein, aber diesmal war ich es, der ihn mit einem warnenden Blick zur�ckhielt. Boldwinns Sinn f�r Humor schien eine sonderbare Entwicklung mitgemacht zu haben, aber das ging uns nichts an.</p><p>�Sie ... leben allein hier?� fragte ich, um auf ein anderes Thema zu kommen.</p><p>Boldwinn starrte mich an, als h�tte ich ihn gefragt, ob er Syphilis habe. �Nein�, sagte er. �Au�er Carradine wohnen noch meine Tochter und mein Neffe Charles hier. Aber die schlafen beide schon. Sie werden sie morgen beim Fr�hst�ck kennenlernen - wenn Sie Wert darauf legen.� Er wandte sich abrupt um und klatschte in die H�nde. �Carradine!� sagte er. �Hast du nicht geh�rt? Einen Imbi� f�r vier - husch, husch!�</p><p>Carradine grunzte, blickte uns der Reihe nach aus seinem einzigen verquollenen Auge an und humpelte dann davon. Er erinnerte mich tats�chlich ein bi�chen an Quasimodo ...</p><p>�Aber was stehen wir hier noch herum?� fuhr Boldwinn fort, als der Kr�ppel gegangen war. �Es wird eine Weile dauern, ehe das Essen fertig ist. Gehen wir in die Bibliothek. Dort redet es sich besser.�</p><p>Er wartete unsere Antwort nicht ab, sondern drehte sich um und ging mit raschen Schritten auf eine T�r in der Seitenwand zu. Ich tauschte einen langen, fragenden Blick mit Howard. Er schwieg, aber das Gef�hl in seinen Augen entsprach dem in meinem Inneren. Man mu�te kein Hellseher sein, um zu sp�ren, da� mit diesem Haus und seinen Bewohnern etwas nicht stimmte.</p><p>Aber ich war pl�tzlich gar nicht mehr begierig darauf, herauszubekommen, was es war.</p><empty-line/><p>Die Bibliothek war ein gewaltiger, bis unter die Decke mit Regalen vollgestopfter Raum, dessen gesamte Einrichtung aus einem rechteckigen, polierten Tisch und vier St�hlen bestand. Dicke, sicherlich kostbare Teppiche bedeckten den Boden, und im Kamin - mit Ausnahme der Fenster und der T�r der einzige Fleck, der nicht mit B�chern vollgestopft war - brannte ein gewaltiges Feuer. Boldwinn deutete mit einer einladenden Geste auf den Tisch, wartete, bis wir an ihm vor�bergegangen waren und schlo� die T�r.</p><p>Erstaunt blieb ich stehen.</p><p>Der Tisch war nicht leer. Auf dem polierten Holz stand ein verzierter silberner Leuchter mit nahezu einem Dutzend brennender Kerzen, und an seinen vier Kopfenden standen vier Teller, komplett mit Besteck, Gl�sern und s�uberlich gefalteten Servietten. Vier Teller ... dachte ich verwirrt. Fast, als h�tte er uns erwartet.</p><p>�Erwarten Sie G�ste?� fragte Howard.</p><p>�G�ste?� Boldwinn blickte einen Moment lang irritiert von ihm zu mir und zur�ck, dann hellte sich sein Gesicht auf. �Ach, das Geschirr, meinen Sie?� Er l�chelte. �Nein. Aber Carradine bereitet immer schon alles f�r das Fr�hst�ck vor, bevor er zu Bett geht. Ich habe ihm tausendmal gesagt, da� ich das nicht will. Die Teller und Gl�ser stauben ein, wissen Sie? Aber es ist sinnlos. Er ist nun mal ein Kr�ppel, und leider nicht nur k�rperlich.� Er seufzte. �Aber setzen Sie sich doch, meine Herren.�</p><p>Howard starrte ihn eine endlose Sekunde lang durchdringend an, dann zuckte er mit den Achseln und gehorchte. Auch ich zog mir einen der St�hle heran und lie� mich darauf nieder, w�hrend Rowlf neben dem Kamin stehenblieb, sich ungl�cklich umsah und ganz offensichtlich nicht wu�te, was er mit seinen H�nden tun sollte. Boldwinn runzelte die Stirn und schenkte ihm einen langen, strafenden Blick, wandte sich dann aber wieder an Howard.</p><p>�Sie entschuldigen mich einen Moment�, sagte er. �Ich will sehen, wie weit Carradine ist. Ihre Zimmer m�ssen noch vorbereitet werden.�</p><p>�Machen Sie sich nur keine Umst�nde unseretwegen�, sagte Howard hastig. �Wir ...�</p><p>�Aber ich bitte Sie�, unterbrach ihn Boldwinn, und er tat es in einem Ton, der keinen weiteren Widerspruch duldete. �Es sind keine Umst�nde. Das Haus steht praktisch leer, und ich habe genug Zimmer, mit denen ich sowieso nichts anfangen kann. Ich bin gleich zur�ck.� Damit wandte er sich um und verlie� den Raum.</p><p>Howard starrte ihm stirnrunzelnd nach, auch, als die T�r schon lange ins Schlo� gefallen war. Es war nicht schwer, seine Gedanken zu erraten. Seine Finger spielten nerv�s mit dem kleinen St�ckchen, das er st�ndig mit sich herumschleppte. Aber er schwieg verbissen.</p><p>Schlie�lich hielt ich das Schweigen nicht mehr aus. �Also?� sagte ich.</p><p>Howard sah auf. �Was - also?�</p><p>�Du wei�t, was ich meine�, sagte ich ver�rgert. �Was h�ltst du von ihm? Und von diesem Haus?�</p><p>�Was ich von ihm halte?� Howard wandte den Blick und starrte in die prasselnden Flammen im Kamin, als k�nne er die Antwort auf meine Frage dort lesen. �Das ist nicht so leicht zu sagen, Robert. Boldwinn ist ein seltsamer Mann, aber es ist noch kein Verbrechen, ein Exzentriker zu sein.�</p><p>Ich sp�rte deutlich, da� er nicht aussprach, was er dachte. Er f�hlte wie ich, da� mit Boldwinn, seinem sonderbaren Diener und diesem ganzen Haus elwas nicht stimmte; ganz und gar nicht stimmte. Und auch Rowlf schien die boshafte Aura, die dieses Haus ausstrahlte, zu f�hlen. Und er hatte weniger Hemmungen als Howard, seine Gef�hle in Worte zu fassen.</p><p>�Der Kerl is meschugge�, sagte er. �Plemplem. Und au�erdem isser mir unheimlich.�</p><p>Howard l�chelte fl�chtig. Kopfsch�ttelnd kramte er eine flache silberne Dose aus der Tasche, entnahm ihr eine seiner d�nnen schwarzen Zigarren und suchte nach Streichh�lzern. Als er keine fand, stand er auf, ging zum Kamin hin�ber und lie� sich davor in die Hocke sinken.</p><p>�Am liebsten w�rde ich wieder fahren�, murmelte ich. �Mir w�re beinahe wohler, drau�en im Wagen zu schlafen als in diesem Haus.�</p><p>�Geht mir genauso�, murmelte Rowlf. Er sprach sehr leise, aber auf seinem Gesicht lag ein nerv�ser Zug, und sein Blick huschte unentwegt hierhin und dorthin. Er war nerv�s. Wie wir alle.</p><p>Howard hatte seine Zigarre mit einem brennenden Span entz�ndet, richtete sich auf und trat neugierig an die B�cherregale heran, die den Kamin flankierten. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, da er mir den R�cken zudrehte, aber ich sah, wie sich seine Haltung f�r einen winzigen Augenblick versteifte und sein Kopf mit einer ruckhaften Bewegung hochflog.</p><p>�Ist irgend etwas?� fragte ich.</p><p>Howard antwortete nicht, sondern starrte einen Herzschlag lang die dichtgedr�ngt stehenden B�cher an, fuhr dann herum und eilte mit zwei, drei gro�en Schritten zu einem anderen Regal. Rowlf und ich beobachteten ihn verwirrt. F�r mich waren die B�cher - nun B�cher eben. Ich hatte mir nie viel aus Geschriebenem gemacht (au�er aus gedruckten Zahlen auf gewissen gr�nen Scheinen), und konnte Howards Begeisterung f�r alte Schm�ker nicht einmal in Ans�tzen teilen. Aber ich glaubte zu sp�ren, da� seine Erregung einen Grund hatte.</p><p>Schlie�lich, nachdem er fast zehn Minuten von einem Regal zum anderen gelaufen und kopfsch�ttelnd und wie ein Sabbergreis vor sich hinbrummelnd die ledernen R�cken begutachtet hatte, wandte er sich um und kam zum Tisch zur�ck. �Das ist phantastisch�, murmelte er. �Unglaublich.�</p><p>�Aha�, sagte ich.</p><p>Howard blinzelte, sog an seiner Zigarre und raffte sich zu einem entschuldigenden L�cheln auf. �Nat�rlich�, sagte er. �Du kannst es nicht wissen. Diese B�cher hier - das ist unglaublich.� Er setzte sich. Seine Zigarrenasche fiel auf den kostbaren Teppich, aber das schien er in seiner Erregung nicht einmal zu bemerken. �Du hast die B�cher in meinem Haus in London gesehen�, begann er. �Es ist die wahrscheinlich gr��te Sammlung okkulter Schriften und magischer B�cher in England - jedenfalls habe ich das bis gerade geglaubt. Aber das hier ...�</p><p>Allm�hlich begann ich zu begreifen. Mein Blick wanderte an den Regalen entlang, tastete �ber die dicht an dicht stehenden, ledergebundenen B�nde ... �Du meinst�, fragte ich zweifelnd, �das hier w�ren alles ...�</p><p>�... B�cher �ber Hexerei, Magie und Okkultismus�, nickte Howard. �Ja. Es sind B�nde darunter, deren Originale Tausende von Jahren alt sind, B�cher, die f�r l�ngst verschollen gehalten wurden. Das ist -�</p><p>�- kein Zufall, Mister Phillips�, sagte eine Stimme von der T�r her. Howard zuckte zusammen und fuhr mit einer raschen, beinahe schuldbewu�ten Bewegung herum. Die T�r war wieder aufgegangen, und Boldwinn war zur�ckgekommen, ohne da� es einer von uns bemerkt h�tte. Auf seinem Gesicht lag eine Mischung von Spott und �rger. �Sie interessieren sich f�r Okkultes?�</p><p>Howard nickte hastig. �Etwas�, sagte er. �Ein ... Hobby von mir.�</p><p>�Dann werden Sie an dieser B�cherei Ihre Freude haben�, sagte Boldwinn und schlo� die T�r. �Soweit ich wei�, handelt es sich ausschlie�lich um B�cher �ber Hexerei und �hnlichen Firlefanz.�</p><p>�Soweit Sie wissen?� vergewisserte sich Howard. Boldwinn nickte und kam n�her. Sein Blick streifte Howards Zigarre. Zwischen seinen Brauen entstand eine steile Falte. �Einer meiner Vorfahren hat den Plunder gesammelt�, antwortete er. �Mich interessiert das alles herzlich wenig, wissen Sie? Ebensowenig wie das, was man sich �ber dieses Haus erz�hlt.�</p><p>Ich hatte das Gef�hl, Howard bei diesen Worten ein ganz kleines bi�chen erbleichen zu sehen. Aber ich war mir nicht sicher.</p><p>�Wie meinen Sie das: <emphasis>dieses Haus?�</emphasis></p><p>Boldwinn l�chelte, aber <emphasis>es </emphasis>wirkte eher wie eine Grimasse. �Sie sind fremd hier in der Gegend, deshalb k�nnen Sie es nicht wissen, Mister Phillips�, sagte er. �Aber Sie befinden sich in einem Hexenhaus. Nicht, da� es hier spukt oder so was�, f�gte er hastig hinzu, als er das Erschrecken auf Rowlfs und meinem Gesicht sah. �Aber einer meiner Vorv�ter stand in dem zweifelhaften Ruf, ein Hexer zu sein. Sie haben ihn bei lebendigem Leibe verbrannt, den armen Kerl.� Er l�chelte kalt. �Der gleiche �brigens, der diese Bibliothek angeschafft hat. Mir selbst sind die Schwarten h�chstens l�stig. Ich habe schon ernsthaft erwogen, sie wegzuwerfen, um dieses Zimmer als Salon nutzen zu k�nnen.�</p><p>�Wegwerfen?� keuchte Howard.</p><p>Boldwinn nickte. �Warum nicht?�</p><p>�Aber sie sind ... ein Verm�gen wert. Mehr als das ganze Haus.�</p><p>�Das bezweifle ich�, murmelte Boldwinn.</p><p>Howard war pl�tzlich sehr aufgeregt. �Wenn Sie sie verkaufen wollen, Mister Boldwinn�, begann er, �dann ...�</p><p>�Das will ich bestimmt nicht�, unterbrach ihn Boldwinn. �Aber es w�re mir lieb, wenn Sie einen Aschenbecher benutzen w�rden, statt des Teppichs.�</p><p>Howard fuhr schuldbewu�t zusammen, ging zum Kamin und warf seine Zigarre hinein. �Verzeihen Sie�, murmelte er.</p><p>Boldwinn winkte ab. �Schon gut. Das Essen wird noch einige Augenblicke dauern, f�rchte ich. Carradine ist nicht gerade der Schnellste. Wenn Sie nichts dagegen haben, zeige ich Ihnen Ihre Zimmer, bis es soweit ist.�</p><p>Howard nickte, aber sein Blick sagte das Gegenteil. In seinen Augen stand ein unbeschreiblicher Ausdruck, w�hrend er die B�cher in den Regalen musterte. So �hnlich wie er jetzt mu�te sich ein Verdurstender f�hlen, der eine Woche durch die W�ste gekrochen war und mitansehen mu�te, wie die einzige Wasserstelle zugeschaufelt wird. Aber er schien zu sp�ren, da� Boldwinn nicht mehr �ber seine B�cher - und schon gar nicht �ber einen eventuellen Verkauf - reden wollte. Mit deutlichem Widerwillen setzte er sich in Bewegung und folgte Boldwinn, der die T�r wieder ge�ffnet hatte. Nach kurzem Z�gern gingen auch Rowlf und ich ihnen nach.</p><p>Wir durchquerten die Eingangshalle und gingen die Treppe zur Galerie empor. Die Stille fiel mir auf. Der dicke Teppich auf den Stufen verschluckte das Ger�usch unserer Schritte vollkommen, aber es war auch sonst v�llig still. Zu still. Es h�tte nicht so ruhig sein d�rfen. Kein Haus ist vollkommen still, nicht einmal, wenn es verlassen ist. Irgendwo gibt es immer Ger�usche: das Klappern eines Ladens, das Heulen des Windes, der sich an den Mauern bricht, das �chzen und Arbeiten der Balken, die unter dem Gewicht der Jahrzehnte st�hnen - ein Haus ist wie ein gewaltiges, lebendes Wesen, das seinen eigenen Pulsschlag, seine eigenen Lebensger�usche hat. Dieses nicht. Dieses Haus war still, absolut still. Es war tot.</p><p>Ich sch�ttelte den Gedanken ab und beeilte mich, nicht den Anschlu� zu verlieren und Howard und Boldwinn auf die Galerie zu folgen.</p><p>Unser Gastgeber war auf der obersten Stufe stehengeblieben und wartete stirnrunzelnd und mit unverhohlener Ungeduld, da� ich endlich nachkam.</p><p>�Ihre Zimmer liegen dort.� Boldwinn deutete mit einer knappen Handbewegung nach links, zum hinteren Ende der Galeise. �Die drei letzten R�ume. Sie sind vielleicht nicht so komfortabel, wie Sie es gewohnt sind, aber f�r eine Nacht wird es gehen.�</p><p>Howard murmelte eine Antwort und deutete ein Nicken an, w�hrend Rowlf und ich wortlos an ihm vorbeigingen und uns unseren Zimmern n�herten.</p><p>Die T�r quietschte in den Angeln, und ein Schwall abgestandener, muffig riechender Luft schlug mir entgegen. Ein Schatten huschte durch den Raum, und irgendwo fiel etwas um und wirbelte grauen Staub auf.</p><p>Mitten im Schritt blieb ich stehen.</p><p>Der Raum bot tats�chlich nicht den Komfort, den ich gewohnt war. Nicht einmal ann�hernd.</p><p>Auf dem Boden lag eine f�nf Zentimeter dicke Staubschicht, in der sich die Spuren von Ratten- und Insektenf��en abzeichneten. Spinnweben hingen wie graue Vorh�nge von der Decke, und das breite, sicherlich irgendwann einmal prachtvoll anzusehende Himmelbett unter dem vernagelten Fenster war zusammengebrochen und zu einem Tr�mmerhaufen geworden.</p><p>Ein schwarzer Ball fiel von der Decke und begann auf acht zitternden, haarigen Beinen auf mich zuzukriechen. Eine Spinne. Ihr Leib war so gro� wie eine Kinderfaust, und die acht starren Facettenaugen funkelten wie winzige Diamantsplitter.</p><p>Ich schrie auf, prallte - mehr erschrocken als aus Angst - zur�ck und schmetterte die T�r mit aller Kraft zu. Meine H�nde zitterten, als ich mich umdrehte.</p><p>Howard, der sich ebenfalls angeschickt hatte, sein Zimmer zu betreten, war mitten im Schritt stehengeblieben und blickte mich stirnrunzelnd an. �Was ist los?� fragte er alarmiert.</p><p>Ich schluckte. Bittere Galle sammelte sich unter meiner Zunge. Instinktiv wich ich ein St�ck von der T�r zur�ck. Ein eisiger Schauer raste �ber meinen R�cken, als ich an die ekelerregende Spinne zur�ckdachte. Ich habe nie unter Arachnophobie gelitten, aber dieses Tier war das mit Abstand Ekelhafteste, das mir jemals untergekommen war.</p><p>�Stimmt irgend etwas nicht?� fragte Boldwinn leise. Ein seltsames Funkeln trat in seine Augen. �Sie sind bla� geworden, junger Mann.�</p><p>Ich schwieg noch einen Moment, ri� mich mit aller Gewalt zusammen und dr�ngte das Ekelgef�hl, das in meiner Kehle emporstieg, zur�ck. �Das kann man wohl sagen, da� etwas nicht stimmt�, antwortete ich. Meine Stimme zitterte vor Erregung. �Sie wollen mir nicht im Ernst dieses ... dieses sogenannte Zimmer anbieten, oder?�</p><p>Boldwinn blinzelte, tauschte einen fragenden Blick mit Howard und trat mit einem entschlossenen Schritt an mir vorbei. Seine Hand fiel auf die T�rklinke und schlug sie mit unn�tiger Wucht herunter. Die T�r flog krachend zur�ck und prallte drinnen gegen die Wand.</p><p>Ich unterdr�ckte im letzten Augenblick einen �berraschten Aufschrei.</p><p>Das Zimmer war sauber.</p><p>Auf dem Boden lagen die gleichen Teppiche wie drau�en in der Halle. Der Kronleuchter unter der Decke verbreitete sanftes, gelbes Licht, und im Kamin brannte ein behagliches Feuer. Das Bett, das soeben noch ein zerw�hlter, mit halb vermoderten, stinkenden Lumpen bedeckter Tr�mmerhaufen gewesen war, war sauber bezogen, die Decke einladend ein St�ck zur�ckgeschlagen. Auf der Nachtkonsole standen eine Flasche Wein und ein sauberes Glas.</p><p>Boldwinn blieb einen Augenblick unter der T�r stehen, blickte demonstrativ nach beiden Seiten und wandte sich dann mit einem �bertrieben geschauspielerten Stimrunzeln an mich.</p><p>�Ich ... sagte bereits, da� das Zimmer vielleicht nicht ganz Ihren Anspr�chen gerecht wird�, sagte er gedehnt. �Aber es ist sauber und wird f�r eine Nacht gen�gen. Immer noch besser als ein Wagen auf einer kalten Stra�e, oder?�</p><p>Ich suchte vergeblich nach Worten. Was ich sah, war unm�glich! Das Zimmer war der reinste M�llhaufen gewesen, vor weniger als zehn Sekunden.</p><p>�Was ist mit dir, Rob ... Richard?� fragte Howard leise. Seine Stimme klang besorgt.</p><p>�Nichts�, antwortete ich. Es fiel mir schwer, �berhaupt zu sprechen. M�hsam sch�ttelte ich den Kopf, l�chelte gequ�lt, blickte verwirrt von Howard zu Boldwinn und zur�ck. �Nichts�, sagte ich noch einmal. �Es ist in Ordnung. Verzeihen Sie, Mister Boldwinn. Ich ... mu� mich get�uscht haben.�</p><p>Boldwinn zog eine Grimasse. �Die Fahrt war sehr anstrengend, wie?� fragte er.</p><p>Ich verzichtete auf eine Antwort, ging an ihm vorbei und schlo� die T�r, so heftig, da� Boldwinn sich mit einem Satz in Sicherheit bringen mu�te, wollte er nicht die Klinke ins Kreuz bekommen. Mein Herz h�mmerte. F�r einen Moment drohte so etwas wie Panik meine Gedanken zu �bermannen, w�hrend ich mich in dem gro�en, von behaglicher W�rme erf�llten Zimmer umsah. Alles wirkte gl�nzend und frisch und sauber, als w�re es mit gro�er Liebe eigens f�r mich hergerichtet worden.</p><p>Aber ich war doch nicht verr�ckt! Ich wu�te doch, was ich gesehen hatte!</p><p>Mein Blick suchte den Spiegel �ber dem Kamin. F�r einen Moment w�nschte ich mir fast, das Zimmer darin in seinem alten, verw�steten Zustand zu sehen, aber alles, was ich gewahrte, war mein eigenes Spiegelbild.</p><p>Ich erschrak, als ich mein eigenes Gesicht sah. In meinen Augen lag ein gehetzter, wilder Ausdruck, meine Wangen waren eingefallen, und meine Haut war bleich und von feinen, glitzernden Schwei�perlen bedeckt. M�hsam ri� ich mich von dem Anblick los, wandte mich um und ging zum Bett.</p><p>Meine Reisetasche stand, ge�ffnet, aber nicht ausgepackt, an seinem Fu�ende. Carradine mu�te unser Gep�ck bereits aus dem Wagen geholt und in die Zimmer gebracht haben. Erneut �berlief mich ein eisiger Schauer, als ich an den schwachsinnigen, verkr�ppelten Diener Boldwinns dachte. Unsere Situation kam mir mit jedem Augenblick unwirklicher vor: ein halb verfallenes Haus mitten im Wald, bewohnt von einem Exzentriker, der noch dazu einen verkr�ppelten Diener hatte ... das Ganze h�tte die perfekte Vorlage f�r einen zweitklassigen Gruselroman sein k�nnen - aber doch nicht die Wirklichkeit!</p><p>Ohne selbst so recht zu wissen warum, packte ich meine Tasche aus und nahm den Stockdegen, der auf ihrem Boden lag, hervor. Wahrscheinlich w�rde mich Boldwinn f�r total �berdreht halten, wenn ich mit einem Gehst�ckchen zum Abendessen erschien, aber das war mir mittlerweile vollends egal. Ich f�hlte mich einfach wohler, mit einer Waffe in der Hand.</p><p>Auch wenn in mir eine Stimme war, die mir leise, aber sehr bestimmt zufl�sterte, da� mir die Waffe gegen die Gefahren, die in diesem Haus auf uns lauern mochten, herzlich wenig nutzen w�rde ...</p><empty-line/><p>Das Erwachen war wie ein m�hsames, unendlich langsames Auftauchen aus einem lichtschluckenden, schwarzen Nichts; ein Sumpf aus finsterer Leere, der mit unsichtbaren, klebrigen Fingern nach ihrem Bewu�tsein griff und sie immer wieder zur�ck in das gro�e Vergessen zu zerren trachtete.</p><p>St�hnend schlug sie die Augen auf.</p><p>Sie lag auf einer harten, kalten Unterlage. Ein eisiger Hauch kam von irgendwoher und lie� sie fr�steln, und an ihrer linken Schulter war etwas Kleines, Weiches, das kitzelte und kribbelte.</p><p>Jenny stemmte sich m�hsam auf die Ellbogen hoch, fuhr sich mit der linken Hand �ber die Augen und versuchte Einzelheiten von ihrer Umgebung zu erkennen. Aber alles, was sie sah, waren Schatten. �ber ihrem Kopf schien ein Gew�lbe zu sein; aber sie war sich nicht sicher. Die Luft roch feucht. Irgendwo tropfte Wasser.</p><p>Ein Keller, dachte sie. Vergeblich versuchte sie, sich zu erinnern, wo sie war und wie sie hierhergekommen war. Wo ihr Ged�chtnis sein sollte, war nichts als eine gewaltige, beinahe schmerzhaft tiefe Leere.</p><p>M�hsam setzte sie sich ganz auf, starrte aus weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit und tastete mit den H�nden um sich. Ihre Finger glitten �ber feuchten Stein und ber�hrten etwas Kleines, Pelziges, das lautlos davonhuschte. Angeekelt zog Jenny die Hand zur�ck. Ihr Herz begann zu h�mmern. Ihre �berreizte Phantasie erf�llte die Dunkelheit rings um sie herum mit Ratten und Spinnen und k�rperlosen Alptraummonstern. Fast eine Minute lang sa� sie stocksteif und starr vor Furcht da, ehe es ihr gelang, die Panik zur�ckzudr�ngen. Langsam beugte sie sich vor, erhob sich auf die Knie und streckte die Hand aus.</p><p>Neben ihr lag etwas Gro�es, Langgestrecktes, Dunkles. Das schwache graue Licht, das aus keiner bestimmten Quelle kam, reichte nicht aus, um mehr zu erkennen, aber in Jenny stieg eine bange Ahnung auf. Ihre Finger ber�hrten Stoff, tasteten zitternd weiter und ber�hrten glatte, eiskalte Haut.</p><p><emphasis>Charles!</emphasis></p><p>Pl�tzlich, mit schmerzhafter Wucht, kam ihre Erinnerung zur�ck. Jenny schrie auf, sprang mit einem Satz auf die F��e und prallte zur�ck. Sie hatte Charles' Gesicht nur den Bruchteil einer Sekunde ber�hrt, aber selbst diese kurze Zeitspanne hatte gereicht, ihr zu sagen, da� er tot war.</p><p><emphasis>Tot! </emphasis>h�mmerten ihre Gedanken. <emphasis>Tot! Tot! Tot!</emphasis></p><p>Ein Schrei stieg in ihrer Kehle hoch und wurde zu einem w�rgenden Keuchen. Pl�tzlich erinnerte sie sich an alles, an ihre gemeinsame Flucht, an ihr Vorhaben, nach Gretna Green zu gehen, das verlassene Haus im Wald, die T�ren, die sich pl�tzlich ge�ffnet hatten, die -</p><p>- <emphasis>die Spinnen!</emphasis></p><p>Jenny fuhr mit einem Schrei herum, rannte los und prallte im Dunkeln gegen eine Wand. Ihre Stirn schrammte �ber harten Stein. Der dumpfe Schmerz lie� sie aufschreien, ri� sie aber gleichzeitig in die Wirklichkeit zur�ck. Sie blieb stehen, zwang sich, f�nf-, sechsmal hintereinander tief durchzuatmen, und k�mpfte die Panik ein zweites Mal nieder. Die Spinnen waren �ber sie und Charles hergefallen und hatten <emphasis>irgend etwas </emphasis>mit ihnen gemacht, etwas mit ihren Gedanken, aber auch mit ihren K�rpern, was sie sich nicht erkl�ren konnte und auch nicht wollte. Sie war nicht bewu�tlos geworden, aber alles, was zwischen diesem Zeitpunkt und dem ihres Erwachens geschehen war, schien wie hinter einem Schleier verborgen zu sein, unwirklich wie ein Traum, obwohl sie genau wu�te, da� es keiner gewesen war.</p><p>Jenny vermied es krampfhaft, an den reglosen K�rper auf dem Boden hinter sich zu denken. Sie glaubte sich zu erinnern, ihren und Charles' Vater gesehen zu haben, sp�ter, nachdem die Spinnen gekommen waren, aber sie verdr�ngte auch diesen Gedanken und zwang sich, an nichts anderes zu denken als daran, wie sie hier heraus kam. Aus irgendeinem Grund hatten die Spinnen sie freigegeben, das allein z�hlte. Wenn sie nicht versuchte, an irgend etwas anderes zu denken, w�rde sie den Verstand verlieren, das wu�te sie.</p><p>Zitternd hob sie die Arme, streckte die H�nde aus und bewegte sie tastend wie eine Blinde vorw�rts. Ihre Schritte erzeugten seltsame, klackende Echos auf dem feuchten Steinboden, und der Modergeruch schien st�rker zu werden, je tiefer sie sich in das Gew�lbe hineinbewegte. Sie f�hlte Stein, legte die Handfl�che dagegen und tastete sich Schritt f�r Schritt an der Wand entlang. Zu Anfang versuchte sie noch, ihre Schritte zu z�hlen, aber der Keller war sehr gro�, und ihre Gedanken waren zu sehr in Aufruhr, als da� sie sich l�ngere Zeit konzentrieren konnte.</p><p>Irgendwann stie� ihre Hand ins Leere, und vor ihrem tastenden Fu� war die unterste Stufe einer Treppe. Jenny z�gerte, blickte noch einmal aus weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit hinter sich, dann wandte sie sich um und begann vorsichtig die unsichtbaren Stufen hinaufzusteigen.</p><p>Nach einer Weile sah sie Licht. Es war nur ein d�nner, haarfeiner Streifen bleiches Licht, das unter einer T�r hindurchschien, aber es war <emphasis>Tageslicht.</emphasis></p><p>Jenny ging schneller und rannte die letzten Stufen schlie�lich, gehetzt von den k�rperlosen Schrecken ihres eigenen Unterbewu�tseins. Ihr Herz jagte, und ihr ganzer K�rper war mit eisigem, klebrigem Schwei� bedeckt, als sie die T�r erreichte.</p><p>Sie war verschlossen.</p><p>Jenny schrie vor Schrecken und Entt�uschung auf, h�mmerte wie wild mit den F�usten gegen die T�r und taumelte zur�ck. Panik verwirrte ihre Gedanken. Sie fuhr herum, verlor auf dem schl�pfrigen Stein der Stufen fast das Gleichgewicht und hielt sich im letzten Augenblick an der Wand fest. Ger�usche stiegen aus der Tiefe zu ihr empor. Sie glaubte das Schleifen von Schritten zu h�ren, das Trippeln winziger, pelziger Beinchen ... schwarzer, mit drahtigem, d�nnem Haar besetzter Beinchen ... Spinnenbeine ... Hunderttausende von Spinnenbeinen, die lautlos zu ihr hinaufkrochen ... wie eine schwarze, kribbemde Woge die Stufen emporfluteten ... langsam ... langsam, aber unaufhaltsam ...</p><p>Dann h�rte sie die Schritte.</p><p>Es waren schwere, schlurfende Schritte, als schleppe sich jemand mit letzter Kraft �ber den steinernen Boden. Ein schwarzer, irgendwie verzerrt wirkender Schatten erschien am unteren Ende der Treppe, blieb stehen und hob m�hsam den Kopf.</p><p>Jennys Herz krampfte sich zusammen, als sie das Gesicht erkannte. Es war zerst�rt, von schw�renden Wunden durchsetzt, die Augen leere, schwarze H�hlen, der Mund eine zerfranste Wunde - aber sie erkannte es.</p><p>Es war Charles' Gesicht...</p><p>Das Grauen l�hmte sie. Unf�hig, sich zu r�hren, starrte sie auf die nur schattenhaft erkennbare Gestalt herab, sah, wie Charles langsam, als koste ihn die Bewegung unendliche M�he, die Arme hob und die H�nde zu ihr emporreckte. Ein furchtbarer, gurgelnder Laut drang aus seinem Mund.</p><p>�Jenny ...�, fl�sterte er. �Verla� mich nicht. Komm zur�ck, Jenny!�</p><p>Ein gellender Schrei kam �ber Jennys Lippen. Sie fuhr herum, schlug noch einmal mit den F�usten gegen die T�r und warf sich mit aller Macht gegen das morsche Holz.</p><p>Die T�r zerbrach. Jenny stolperte, fiel zusammen mit den Resten der zerborstenen T�r nach vorne und schlug schwer auf H�nden und Knien auf.</p><p>Sie war im Freien!</p><p>Ein warmer, unangenehm schw�ler Wind umschmeichelte sie, und �ber ihr spannte sich ein sonderbarer, unnat�rlich blauer Himmel, in dessen Zentrum eine grellwei�e, �bergro�e Sonne wie ein blendendes b�ses Auge loderte. Sie achtete nicht darauf, stemmte sich hoch und taumelte vorw�rts, nur erf�llt von dem einen Wunsch, wegzukommen, fort, fort von diesem Haus des Wahnsinns, nur fort, fort, fort ...</p><p>Sie lief los, taumelte den gewundenen Kiesweg hinab und warf einen gehetzten Blick �ber die Schulter zur�ck. Das Haus ragte wie ein schwarzer Moloch hinter ihr in den Himmel, ein dunkles Ding, zusammengeballt aus Schw�rze und Furcht. Die T�r, die sie aufgebrochen hatte, klaffte wie eine schwarze Wunde in seiner Flanke. Und sie sp�rte, wie <emphasis>irgend etwas </emphasis>aus dieser �ffnung hervorquoll, wie sich tief im Leib des Hauses etwas regte, etwas Gro�es und K�rperloses und unglaublich B�ses; etwas, das sp�rte, da� ihm eines seiner Opfer entkommen war, und das sich nun anschickte, es zur�ckzuholen ...</p><p>�Jenny!� h�rte sie Charles' Stimme. �Komm zur�ck! Du darfst nicht gehen. Verla� mich nicht!�</p><p>Jenny schrie erneut und lief noch schneller. Sie fiel, rollte sieben, acht, zehn Yards weit den absch�ssigen Weg hinunter und sprang wieder auf die F��e. Ihre H�nde und Knie bluteten, aber das sp�rte sie noch nicht einmal. Das rostige Tor und der Waldrand waren vor ihr, vielleicht noch f�nfzig Schritte entfernt und doch unendlich weit.</p><p>Etwas an diesem Wald war seltsam. Es war dunkel gewesen, als Charles und sie hierhergekommen waren, so da� sie von ihrer Umgebung nicht mehr als schwarze Schatten wahrgenommen hatte - aber sie war sicher, da� es nicht mehr der selbe Wald war. Die B�ume waren gr��er, massiger und sahen eigentlich gar nicht wie normale B�ume aus. Und das Unterholz war viel dichter, als sie es in Erinnerung hatte. Genaugenommen hatte sie ein Unterholz wie dieses noch nie zuvor gesehen. Trotzdem lief sie weiter, noch immer gehetzt von unbeschreiblicher Furcht und grauer Panik.</p><p>Sie schaffte es beinahe.</p><p>Das unsichtbare Ding aus dem Haus holte sie ein, kurz bevor sie das Tor erreicht hatte. Jenny hatte pl�tzlich das Gef�hl, von einer Welle t�dlicher K�lte �berrollt und gel�hmt zu werden. Sie schrie, taumelte gegen das Gittertor und versuchte weiterzulaufen, aber ihre Beine versagten ihr den Dienst. Etwas griff nach ihrer Seele und lie� sie erstarren.</p><p>Als sie sich herumdrehte, stand Charles hinter ihr. Ein grausiges L�cheln verzerrte sein zerst�rtes Gesicht.</p><p>�Jenny�, fl�sterte er. �Komm zur�ck zu mir. Du darfst mich nicht verlassen.� Langsam hob er die Hand.</p><p>F�r einen winzigen Moment wehrte sich noch etwas in Jenny, aber der Widerstand erlosch sofort. Sie l�chelte. Langsam trat sie auf Charles zu, ergriff seine Hand und lie� sich zum Haus zur�ckf�hren.</p><empty-line/><p>Ich blieb nicht l�nger als unumg�nglich notwendig in meinem Zimmer, und als ich es verlie�, hatte ich das Gef�hl, einer Gruft zu entsteigen. Ich sp�rte erst auf der Treppe, wie schwer es mir gefallen war, dort oben �berhaupt zu atmen.</p><p>Howard und Rowlf waren bereits wieder in der Bibliothek, als ich den Raum betrat. Von Boldwinn war keine Spur zu sehen, aber auf dem Tisch stand jetzt neben dem Besteck eine Anzahl silberner Sch�sseln und Schalen, in denen gekochte Kartoffeln und ged�nstetes Gem�se dampften. Wenn Boldwinn <emphasis>das </emphasis>unter einem <emphasis>kleinen Imbi� </emphasis>verstand, dann wollte ich gar nicht wissen, was er auffahren lie�, wenn er wirklich <emphasis>hungrig </emphasis>war.</p><p>Ich setzte mich. Rowlf hatte bereits an der gegen�berliegenden Seite der Tafel Platz genommen und sich ohne viel Federlesens Gem�se und Salzkartoffeln auf seinen Teller geh�uft, w�hrend Howard - was auch sonst? - vor einem B�cherregal stand und mit zitternden Fingern �ber die B�nde tastete. Keiner von ihnen verlor auch nur ein Wort �ber den Zwischenfall von vorhin, aber ich sp�rte, da� die Spannung, die schon die ganze Zeit �ber wie ein �bler Geruch in der Atmosph�re gehangen hatte, st�rker geworden war.</p><p>Der Anblick der Speisen weckte meinen Appetit. Ich hatte au�er einem kleinen Imbi� im Zug den ganzen Tag �ber nichts zu mir genommen, und mein Magen knurrte h�rbar. Rowlf grinste und stopfte sich eine ungeheuerliche Ladung Kartoffeln und zerquetschtes Gem�se in den Mund. F�r einen Moment beneidete ich ihn um den Gleichmut, mit dem er sich �ber alle Konventionen hinwegsetzte und tat, wonach ihm zumute war.</p><p>Das Ger�usch der T�r lie� mich aufsehen. Boldwinn und Carradine kamen zur�ck; Boldwinn mit einer verstaubten Weinflasche und einem Korkenzieher in der Hand, Carradine einen niedrigen Servierwagen vor sich her schiebend. Zwischen Boldwinns Brauen entstand eine tiefe Falte, als er sah, da� Rowlf bereits mit der Mahlzeit begonnen hatte, aber er verbi� sich die Bemerkung, die ihm zweifellos auf der Zunge lag. Ein leises Gef�hl von Schadenfreude stieg in mir hoch. Wahrscheinlich waren wir die unm�glichsten G�ste, die er jemals gehabt hatte - aber er war auch der mit Abstand sonderbarste Gastgeber, dem ich je begegnet war.</p><p>Carradine begann seinen Servierwagen zu entladen und weitere Sch�sseln und Bleche auf den Tisch zu h�ufen. Boldwinn sah ihm eine Weile schweigend dabei zu, scheuchte ihn dann mit einer Handbewegung aus dem Zimmer und setzte sich. Auch Howard ri� sich endlich von den B�chern los und nahm Platz.</p><p>Wir a�en schweigend. Nach allem, was passiert war, �berraschte mich das Essen doch - das Fleisch schmeckte sonderbar, aber �u�erst gut, und nachdem die ersten Bissen meinen Hunger richtig geweckt hatten, griff ich herzhaft zu und nahm gleich zweimal nach.</p><p>Howard bedankte sich nach dem Essen und wollte aufstehen, um sich zur�ckzuziehen, aber Boldwinn bedeutete ihm mit einer knappen Geste, sitzenzubleiben, nahm einen flachen Silberkasten vom Servierwagen und klappte ihn auf. Howard blinzelte einen Moment irritiert auf die s�uberlich aufgereihten Zigarren, die darin lagen, z�gerte unentschlossen und griff dann doch zu. Boldwinn stand auf, kam mit einem glimmenden Span aus dem Kamin zur�ck und gab ihm Feuer.</p><p>�Ich habe noch mit Ihnen zu sprechen�, begann er, nachdem er den Span zur�ck ins Feuer geworfen und sich wieder gesetzt hatte.</p><p>Howard sog an seiner <emphasis>Zigarre, </emphasis>verzog anerkennend die Lippen und sah ihn fragend an.</p><p>�Sie haben sich f�r meine B�cher interessiert�, sagte Boldwinn ausdruckslos. �Warum?�</p><p>In seiner Stimme war pl�tzlich ein seltsamer Unterton. Ich warf Howard einen warnenden Blick zu, aber er reagierte nicht darauf.</p><p>�Nun, Mister Boldwinn, ich interessiere mich f�r alte B�cher. Und ...�</p><p>�Alte B�cher?� unterbrach ihn Boldwinn lauernd. �Oder Okkultismus und Hexerei, Mister Lovecraft?�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Howard �berhaupt merkte, was sein Gegen�ber gesagt hatte. �Love ... craft?� stotterte er. �Wie kommen Sie ... ich meine, was ...�</p><p>�Machen Sie sich nicht l�cherlich�, sagte Boldwinn grob. �Glauben Sie, ich w��te nicht, wer Sie w�ren? Oder Sie, Robert Craven?� Er starrte mich an. Sein Blick erinnerte mich an eine Schlange, die ihr Opfer mustert. �Ich bin vielleicht ein verr�ckter alter Mann�, sagte er. �Aber ich bin auch mi�trauisch, wissen Sie. Wenn man so einsam lebt wie ich hier drau�en, mu� man sich absichern.�</p><p>�Aber wie ...?�</p><p>�Ich habe Ihr Gep�ck durchsucht�, begann Boldwinn gleichm�tig. �Das ist vielleicht unh�flich, aber sehr sicher.�</p><p>Howard wirkte beinahe erleichtert. Es h�tte auch eine andere Erkl�rung f�r Boldwinns Wissen geben k�nnen.</p><p>�Wir ... hatten gewisse Gr�nde, unter einem <emphasis>nome de voyage </emphasis>zu reisen�, sagte Howard mit einem unsicheren L�cheln, �Das hat nichts mit Ihnen zu tun, Mister Boldwinn.�</p><p>�Ach?� fragte Boldwinn. �Vielleicht doch?�</p><p>Howard senkte seine Zigarre und sah Boldwinn alarmiert an. In seine Augen trat ein seltsames Glitzern. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie sich Rowlf spannte, und meine eigene Hand kroch beinahe ohne mein Zutun unter den Tisch und tastete nach dem Stockdegen, den ich gegen meinen Stuhl gelehnt hatte.</p><p>Boldwinns Kopf ruckte mit einer abgehackten Bewegung herum. �Lassen Sie den albernen Degen, wo er ist, Mister Craven�, sagte er b�se. �Sie glauben doch nicht wirklich, da� Sie mich mit dieser l�cherlichen Waffe bedrohen k�nnten?�</p><p>�Was bedeutet das, Mister Boldwinn?� fragte Howard scharf. �Wenn Sie wissen, wer wir sind, dann ...�</p><p>�Wei� ich auch, <emphasis>was </emphasis>Sie sind�, unterbrach ihn Boldwinn l�chelnd. �Aber selbstverst�ndlich. Immerhin haben wir lange genug auf Sie gewartet. Auf Sie und Mister Craven, Lovecraft.�</p><p>�Wir?�</p><p>Boldwinn machte eine weitausholende Handbewegung. �Ich und dieses Haus�, sagte er. �Wer sonst?�</p><p>Howards Lippen wurden zu einem d�nnen, blutleeren Strich. �Ich f�rchte, ich verstehe Sie nicht�, sagte er gepre�t.</p><p>Boldwinn l�chelte. �O doch, Mister Lovecraft. Sie sind auf dem Weg nach Durness, um Taucher anzuheuern, die eine gewisse Kiste aus einem Schiffswrack vor der K�ste bergen sollen.�</p><p>Howard erbleichte. <emphasis>Das </emphasis>konnte er nun beim besten Willen nicht aus unserem Gep�ck erfahren haben. �Woher ...�</p><p>�Ich wei� noch viel mehr, Mister Lovecraft. Ich wei� zum Beispiel auch, warum Mister Craven - oder sollte ich besser sagen: Robert Andara? - bei Ihnen ist. Sie wollen diese Kiste bergen, nicht wahr? Aber daraus wird nichts. Es sind noch andere am Inhalt der Kiste interessiert, und ich f�rchte, sie werden schneller sein als Sie.�</p><p>�Sie -�</p><p>�Keine Beleidigungen bitte�, sagte Boldwinn rasch. �Ich will Ihnen nicht schaden. Meine einzige Aufgabe ist, Sie aufzuhalten. Und das ist mir ja gelungen.�</p><p>Howard stand mit einem Ruck auf. �Meinen Sie?� fragte er w�tend. �Wir werden sehen, Rowlf, Robert - wir fahren.�</p><p>�Aber wohin denn?� erkundigte sich Boldwinn beil�ufig. �Und vor allem - womit?�</p><p>�Das Pferd schaffts schon�, nuschelte Rowlf. �Simmer eben n' bi�chen langsamer.�</p><p>�Das Pferd?� Boldwinn l�chelte noch breiter. �Soso. Hat Ihnen das Fleisch geschmeckt, Rowlf?�</p><p>Rowlf blinzelte. �Wa?�</p><p>�Was das Pferd angeht�, erkl�rte Boldwinn. �Das haben Sie gerade gegessen. Sie m�ssen zugeben, Carradine hat es ausgezeichnet zubereitet.� Er wurde �bergangslos ernst. �Geben Sie auf, Lovecraft. Sie m��ten zu Fu� von hier weg. Selbst wenn Sie Ihr Gep�ck zur�cklassen w�rden, verlieren Sie zu viel Zeit. Meine ... Auftraggeber sind jetzt bereits an der Ungl�cksstelle. Wahrscheinlich haben sie die Kiste schon. Und au�erdem kommen Sie sowieso nicht hier raus�, f�gte er gelangweilt hinzu.</p><p>Howard war sichtlich am Ende seiner Selbstbeherrschung. Seine Lippen zitterten. �Rowlf�, sagte er. �Wir gehen.�</p><p>�O nein�, sagte Boldwinn. �Das tun Sie nicht.� In seiner Hand lag pl�tzlich eine Pistole. <emphasis>Er </emphasis>zog sie nicht etwa unter dem Rock hervor oder dem Tisch - sie war einfach <emphasis>da, </emphasis>von einem Sekundenbruchteil auf den anderen. �Wie gesagt�, fuhr er fort. �Ich will Ihnen nicht schaden - aber ich werde schie�en, wenn Sie mich dazu zwingen.�</p><p>Rowlf fuhr mit einem w�tenden Knurren aus seinem Stuhl hoch und sank zur�ck, als Boldwinn die Waffe ein wenig schwenkte und den Lauf auf seine Stirn richtete. Meine Hand krampfte sich um den Stockdegen.</p><p>Boldwinn grinste. �Tun Sie es nicht, Craven. Ich habe Sie erschossen, bevor Sie die Waffe gezogen haben. Mein Wort darauf.�</p><p>Ich glaubte ihm. Aber ich versuchte auch gar nicht erst, den Degen aus seiner H�lle zu ziehen, sondern lie� mich ohne ein weiteres Wort seitw�rts vom Stuhl fallen, ri� den Stock hoch und zog ihm den Schaft mit aller Macht �ber die Schulter.</p><p>Boldwinn schrie auf, fiel zur Seite und verlor den Halt. Die Pistole entlud sich mit einem donnernden Knall, aber die Kugel klatschte harmlos hoch unter der Decke in einen Buchr�cken.</p><p>Ich fiel, rollte mich herum und sprang auf, um mich auf Boldwinn zu st�rzen. Aber es war nicht mehr n�tig. Howard sprang mit einem raschen Schritt hinzu, trat ihm die Waffe aus der Hand und ri� ihn grob vom Boden hoch. Boldwinn keuchte und versuchte, sich zu wehren, aber der Zorn gab Howard �bermenschliche Kr�fte. Er sch�ttelte Boldwinn wie ein Spielzeug hin und her, wirbelte ihn schlie�lich herum und gab ihm einen Sto�, der ihn direkt in Rowlfs ausgebreitete Arme taumeln lie�. Rowlf grinste und schlo� seine m�chtigen Pranken um Boldwinns Schultern.</p><p>�Das war knapp�, sagte Howard schweratmend. �Gut gemacht, Robert. Rowlf, halt ihn gut fest.�</p><p>Rowlf knurrte eine Antwort, hob Boldwinn mit einer beil�ufigen Bewegung hoch und setzte ihn wuchtig auf seinen Stuhl zur�ck, w�hrend Howard und ich zur T�r eilten.</p><p>Sie war verschlossen. Howard zerbi� einen Fluch auf den Lippen, r�ttelte einen Moment in sinnlosem Zorn an der Klinke, fuhr mit einer w�tenden Bewegung herum und stampfte auf Boldwinn zu. �Das nutzt Ihnen nichts, Boldwinn�, sagte er. �Geben Sie den Schl�ssel heraus!�</p><p>Boldwinn wand sich st�hnend unter Rowlfs Griff. Howard gab Rowlf einen Wink, und der breitschultrige Riese lie� Boldwinns Arme los. �Also?�</p><p>�Ich habe ihn nicht�, sagte Boldwinn trotzig.</p><p>Howard wollte auffahren, aber ich hielt ihn mit einem raschen Griff zur�ck. �Er hat recht, Howard�, sagte ich. �Wir h�tten es gemerkt, wenn er die T�r verschlossen h�tte. Es mu� Carradine gewesen sein.�</p><p>�Dann rufen Sie ihn�, verlangte Howard.</p><p>Boldwinn sch�ttelte den Kopf. �Ich denke nicht daran�, sagte er. Die Furcht war aus seiner Stimme gewichen. Jetzt, als er den ersten Schrecken �berwunden hatte, kehrte die alte �berheblichkeit in seinen Blick zur�ck. Und noch etwas. Etwas, das ich nicht definieren konnte, das mich aber schaudern lie�.</p><p>�Wir k�nnen Sie auch zwingen�, sagte Howard leise.</p><p>Boldwinn runzelte die Stirn. �So?� sagte er. �K�nnen Sie das?� Er stand auf. Rowlf hob mit einem zornigen Knurren die Arme, aber Howard hielt ihn zur�ck.</p><p>�Ich hasse Gewalt, Mister Boldwinn�, sagte er ernst. �Aber Sie lassen mir keine andere Wahl.�</p><p>Boldwinn lachte meckernd. �So?� sagte er. �Und was wollen Sie tun? Mich vielleicht umbringen?�</p><p>�Vielleicht die T�r einschlag'n�, sinnierte Rowlf. �Mit deim' Sch�del.�</p><p>Boldwinn drehte sich herum, sah Rowlf mit einer Mischung aus Abscheu und Verachtung an und l�chelte b�se. �Aber Sie k�nnen mich nicht umbringen�, sagte er dann, wieder an Howard gewandt. Sein Gesicht begann sich zu ver�ndern. �Selbst wenn Sie wollten.� Seine Haut fiel ein, wurde grau und rissig und spannte sich pl�tzlich wie trockenes Pergament �ber den Knochen. �Ich bin n�mlich schon tot, m�ssen Sie wissen.� Die Ver�nderung ging weiter, schnell, unglaublich schnell. Er taumelte. Seine Beine schienen nicht mehr die Kraft zu haben, seinen K�rper zu tragen. Er sackte gegen den Tisch, klammerte sich vergeblich fest und sank weiter zu Boden. Sein K�rper sah pl�tzlich aus wie ein schlaffer Sack ohne st�tzende Knochen. Seine Kleider sanken ein, als w�re der Leib darunter pl�tzlich nicht mehr da.</p><p>Der ganze schreckliche Vorgang dauerte nur wenige Augenblicke, Dann lagen da, wo Boldwinn zu Boden gest�rzt war, nur noch ein Haufen alter Kleider und grauer, trockener Staub.</p><empty-line/><p>Der Raum lag tief unter der Erde. Seine W�nde waren fensterlos, und die T�r bestand aus schweren, eisenbeschlagenen Bohlen, die nicht den geringsten Lichtschimmer, nicht den mindesten Laut hindurchlie�en. Jenny erinnerte sich nur schemenhaft daran, wie sie hier heruntergekommen war: Charles hatte sie zur�ckgef�hrt ins Haus, zur�ck in den Keller, in dem sie das erste Mal erwacht war, tiefer hinein in das unterirdische Labyrinth von G�ngen und Stollen und Katakomben, das sich unter dem Haus erstreckte. Sie waren �ber ein Dutzend Treppen und zahllose, ausgetretene Stufen tiefer und immer tiefer hinabgegangen, weiter durch Stollen und Tunnel, sp�ter durch Gr�ben, die sie an ins Riesenhafte vergr��erte Maulwurfsg�nge erinnerten und deren W�nde nur noch aus zusammengepre�tem Erdreich bestanden, sp�ter durch <emphasis>bizarre, </emphasis>einer dem menschlichen Begriffsverm�gen nicht v�llig zug�nglichen Geometrie folgenden Tunnel, die direkt durch den harten Granit des Bodens gegraben worden waren. Jetzt war sie hier.</p><p>Charles war gegangen, und mit ihm war die geistige Fessel von ihr abgefallen. Nicht vollkommen - sie sp�rte, da� die unsichtbare Macht noch irgendwo da war, sie belauerte, bereit, sofort wieder zuzuschlagen, sollte sie erneut einen Fluchtversuch unternehmen.</p><p>Jenny hatte Angst. Nicht das, was sie bisher unter dem Wort Angst verstanden hatte, sondern ein v�llig neues, unbeschreibliches Gef�hl des Grauens, das jeden Ansatz vern�nftigen Denkens hinwegfegte und ihren Willen l�hmte. Selbst wenn die T�r nicht verschlossen gewesen w�re, w�re sie unf�hig gewesen, sich von der Stelle zu r�hren.</p><p>Sie war allein in der gew�lbten Kammer, und doch nicht allein. Es gab kein Licht, aber sie konnte auf geheimnisvolle Weise trotzdem sehen, und obwohl es vollkommen still war, h�rte sie unheimliche, schleifende, rasselnde Ger�usche.</p><p>Ein Laut, dachte sie erschrocken, wie ein schwerf�lliges, unendlich m�hsames Atmen. Es war niemand da, den sie atmen h�ren konnte, aber das Ger�usch war trotzdem real, und es wurde in jedem Augenblick lauter, deutlicher, drohender ... Es kam aus keiner bestimmten Richtung, sondern schien aus W�nden und Decke, aus Boden und den Ritzen des Mauerwerks selbst zu kommen. Fast, als atmete das Haus selbst...</p><p>Jenny versuchte den Gedanken zu verscheuchen, aber es ging nicht, er hatte sich, einmal geweckt, wie der Keim einer �blen Krankheit in ihr Bewu�tsein eingenistet und vergiftete ihr Denken. Vibrierte nicht der Boden unter ihren F��en ein ganz kleines bi�chen? Waren die W�nde nicht in best�ndiger, unendlich langsamer, aber trotzdem sichtbarer Bewegung? Pulsierte nicht der ganze Raum wie ein gewaltiges, m�hevoll schlagendes Herz?</p><p>Jenny sp�rte, wie der Wahnsinn nach ihren Gedanken griff. Sie st�hnte, kr�mmte sich wie ein ver�ngstigtes Kind in einer Ecke zusammen und schlug die H�nde vor das Gesicht; pre�te die Augen so heftig zu, da� es schmerzte. Aber es half nicht. Das Atemger�usch wurde lauter, und darunter glaubte sie ein dumpfes, regelm��iges Pochen zu h�ren. Gleichzeitig wurde es w�rmer.</p><p>Ein helles Knirschen drang in Jennys Gedanken. Zitternd vor Furcht nahm sie die H�nde herunter, raffte das bi�chen Mut, das sie in einem Winkel ihrer Seele noch fand, zusammen, und zwang sich, in die Richtung zu blicken, aus der das Ger�usch kam.</p><p>Es war die T�r.</p><p>Das massive, armdicke Eichenholz begann sich zu biegen, als laste ein ungeheurer Druck auf ihm. Die T�r krachte und �chzte, armlange Splitter traten knallend aus dem Holz, dann wurde einer der Eisenbeschl�ge von einer ungeheuren Gewalt abgerissen und zu Boden geschleudert. Das T�rblatt ri� von oben bis unten; ein handbreiter Spalt entstand, und dahinter ...</p><p>Jennys Schreien steigerte sich zu einem irrsinnigen Kreischen, als ihr Blick durch das zerborstene T�rblatt fiel ...</p><empty-line/><p>�Dat hat kein' Zweck nich�, brummte Rowlf. �Glaubense mir.�</p><p>Howard richtete sich mit einem resignierenden Seufzen auf, betrachtete einen Moment lang mi�mutig das abgebrochene Messer in seiner Hand - es war das dritte, das er bei dem Versuch, das Schlo� zu �ffnen, zerbrochen hatte - und trat achselzuckend zur�ck, �Mach Platz, Robert.�</p><p>Ich gehorchte. Rowlf grunzte, trat drei, vier Schritte zur�ck und konzentrierte sich einen Moment. Dann rannte er los, drehte sich im letzten Moment zur Seite und rammte die T�r mit seiner gesamten ungeheuren K�rperkraft. Die T�r bebte, als w�re sie von einer Kanonenkugel getroffen worden. Staub und feiner, wei�er Kalk rieselten aus dem Rahmen, und einer der bronzierten Beschl�ge l�ste sich und fiel klappernd zu Boden.</p><p>Aber sie ging nicht auf.</p><p>Rowlf war zur�ckgetaumelt und hatte mit rudernden Armen sein Gleichgewicht wiedergefunden. Sein Gesicht zuckte, w�hrend er seine geprellte Schulter massierte, und in seinen Augen lag ein ungl�ubiger Ausdruck.</p><p>�Dat gibtet nich�, murmelte er. �Ich werd doch noch sone bl�de T�r ...� Er knurrte, trat wieder zur�ck und machte Anstalten, ein zweites Mal gegen die T�r anzurennen, aber Howard hielt ihn mit einer raschen Bewegung zur�ck.</p><p>�La� es bleiben, Rowlf�, sagte er. �Er hat keinen Sinn. Die T�r ist magisch verriegelt.� Er seufzte. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war undeutbar. �Ich bin ein Narr gewesen, Robert�, murmelte er. �Dieses Haus ist eine einzige riesige Falle. Ich h�tte es erkennen m�ssen.�</p><p>Ich antwortete nicht. Mein Blick tastete �ber den Haufen vermoderter Kleider und grauen Staubes; alles, was von Boldwinn �brig geblieben war. Ein eisiger Schauer lief �ber meinen R�cken. <emphasis>Aber ich bin doch schon tot, </emphasis>hatte er gesagt. Es war mir unm�glich, den eisigen Schrecken zu verjagen, mit dem mich diese Worte erf�llt hatten.</p><p>�Du kannst nichts daf�r�, murmelte ich, nicht aus �berzeugung, sondern nur, um �berhaupt etwas zu sagen und das t�dliche Schweigen, das sich im Raum ausgebreitet hatte, nicht �berm�chtig werden zu lassen.</p><p>Howard lachte humorlos. �Doch�, widersprach er. �Ich h�tte ihn erkennen m�ssen. Sp�testens in dem Moment, in dem ...� Er sprach nicht weiter, sondern ballte in hilflosem Zorn die F�uste, fuhr mit einer pl�tzlichen, abrupten Bewegung herum und ging zu einem der Fenster. Wir wu�ten beide, wie sinnlos es war. Die Fenster zu �ffnen, war das erste gewesen, was wir versucht hatten, als sich die T�r nicht �ffnen lie�. Die Fl�gel sa�en so unverr�ckbar an ihrem Platz, als w�ren sie verschwei�t, und das Glas hatte jedem Versuch widerstanden, es einzuschlagen. Howard r�ttelte einen Moment am Griff, wandte sich mit einem resignierenden Seufzer wieder um und ging zum Tisch.</p><p>�Ich versuch's noch mal�, knurrte Rowlf. �W�r ja gelacht, wenn ich nich ...�</p><p>�Das ist vollkommen sinnlos�, unterbrach ihn Howard. �Nicht einmal ein Elefant k�nnte diese T�r einrammen. Aber wir kommen schon hier heraus.� Der letzte Satz war eher ein Ausdruck seiner Verzweiflung als echter �berzeugung. �Irgend etwas wird geschehen�, murmelte er. �Ich kann mir einfach nicht vorstellen, da� sie sich damit zufrieden geben, uns hier drinnen einzusperren und zu warten, bis wir an Altersschw�che sterben.�</p><p>�Oder verdursten�, f�gte ich finster hinzu. �Das geht wesentlich schneller.�</p><p>Howard sah mich an, als k�me ihm diese M�glichkeit erst jetzt zu Bewu�tsein. F�r einen Moment wurde sein Gesicht grau vor Schrecken, dann hatte er sich wieder in der Gewalt. �Unsinn�, sagte er. �Irgend etwas wird geschehen. Ich sp�re es. Dieses Haus ist ... kein normales Haus.�</p><p>Diesmal widersprach ich nicht. Ich hatte schon im ersten Moment, nachdem ich das Haus betreten hatte, gesp�rt, da� mit diesem Geb�ude etwas nicht so war, wie es sein sollte. Es war mehr als ein Haus aus Stein und Holz; weit mehr.</p><p>Rowlf hatte wie bisher schweigend zugeh�rt. Jetzt drehte er sich mit einem gegrunzten Fluch herum, schlurfte zum Kamin und beugte sich hinein, soweit es die prasselnden Flammen zulie�en.</p><p>�Was wird das?� fragte ich neugierig.</p><p>Rowlf beugte sich noch weiter vor, schob einen brennenden Scheit mit dem Fu� beiseite und verdrehte sich halbwegs den Hals. Als er sich wieder aufrichtete, war sein Gesicht schwarz von Ru�. Kleine gl�hende Funken schwelten in seiner Hose.</p><p>�Geht auch nich�, murmelte er. �Is zu eng zum rausklettern. Au�erdem scheint obn'n Gitter zu sein oder so was.�</p><p>Ich sah ihn einen Moment entt�uscht an, dann wandte ich mich wieder an Howard. �Was ist mit den B�chern?� fragte ich.</p><p>Howard runzelte die Stirn. �Den B�chern?�</p><p>�Du sagtest, es w�ren ... magische B�cher.�</p><p>Howard nickte. �Sicher, aber ...� Wieder sprach er nicht zu Ende, sondern seufzte nur, drehte sich aber nach einigen Sekunden doch herum und ging zu einem der Regale hin�ber.</p><p>Er erreichte es nie.</p><p>Ich wei� nicht, was es war. Ich wu�te nicht einmal, <emphasis>wie </emphasis>es geschah. Es war eine Vision, aber eine Vision von solcher Wucht, wie ich sie niemals zuvor erlebt hatte. Pl�tzlich, von einem Lidzucken zum n�chsten, war ich nicht mehr in der Bibliothek. Der Raum um mich herum war gro�, wom�glich gr��er als die Bibliothek, eine graue, von Feuchtigkeit und K�lte durchdrungene H�hle, erf�llt von Dunkelheit und vereinzelten schmalen Streifen grauen, irgendwie krank wirkenden Lichts. Ich war nicht mehr ich. Mein K�rper war der eines Fremden - oder genauer gesagt einer Fremden; einer jungen Frau oder eines M�dchens, die zusammengekauert in einer Ecke des Raumes hockte. Ihr/mein Blick war starr auf die gegen�berliegende Wand gerichtet, auf die zerschmetterte T�r darin und das formlose, grausige <emphasis>Ding, </emphasis>das wogend und zitternd durch diese T�r hereinkam ...</p><p>Dann war es vorbei, mit der gleichen, unbeschreiblichen Wucht, wie es mich �berkommen hatte, ein Gef�hl, als w�rde mein K�rper oder vielleicht auch nur mein Geist von einer unsichtbaren geistigen Faust getroffen und bis ins Mark ersch�ttert. Ich taumelte, griff haltsuchend um mich und fiel auf die Knie. Wie durch einen grauen, wogenden Schleier sah ich Howards Gesicht vor mir.</p><p>�Robert!� Howards Stimme klang besorgt und erschrocken zugleich. �Mein Gott, Junge - was ist mit dir?�</p><p>In meinem Kopf drehte sich alles. Ich st�hnte, schob seine Hand kraftlos beiseite und versuchte aufzustehen, aber ich war f�r einen Moment so schwach, da� mir Rowlf dabei helfen mu�te.</p><p>�Was ist... passiert?� fragte ich verwirrt. Die Bibliothek drehte sich um mich herum, und Howards Gesicht f�hrte einen irren Veitstanz vor mir auf. F�r einen Moment drohte ich abermals das Gleichgewicht zu verlieren.</p><p>�Du wei�t es nicht?�</p><p>�Ich ...� Vergeblich versuchte ich, mich zu erinnern. Die Bilder, die ich gesehen hatte, erschienen mir sinnlos. Aber sie waren trotzdem von einer erschreckenden Realit�t gewesen. �Ich wei� nicht�, murmelte ich. �Ich hatte eine ... eine Art Vision.�</p><p>�Vision?� Howard runzelte die Stirn und sah mich scharf an. �Du hast geschrien, Robert.�</p><p>�Geschrien?�</p><p>Er nickte. Sein Gesicht war sehr ernst. �Ja. Du hast... einen Namen gerufen. Du erinnerst dich nicht?�</p><p>Ich versuchte es, aber alles, woran ich mich erinnerte, war das Bild dieses Kellerraumes. Das M�dchen. Das M�dchen, das <emphasis>ich </emphasis>gewesen war ... Und ein unbeschreibliches Ding, das ...</p><p>Ich st�hnte. Das Bild verschwamm, wenn ich mich genauer zu besinnen suchte. Ich hatte einen fl�chtigen Eindruck von Schw�rze, wogender, glitzernder und irgendwie <emphasis>lebender </emphasis>Schw�rze, von schleimigem Fleisch und glitzerndem Horn. Einer Art Papageienschnabel. Aber es verbla�te, sobald ich danach zu greifen versuchte. Es war, als wollte etwas verhindern, da� ich das Ungeheuer beschreiben konnte. Aber ich wu�te, da� ich es gesehen hatte. Und das wenige, woran ich mich erinnerte, war schrecklich genug.</p><p>�Charles�, sagte Howard. �Du hast ein paarmal ganz deutlich �Charles� gerufen. Erinnerst du dich nicht?�</p><p>�Ich erinnere mich an nichts�, murmelte ich. �Nur an ...�</p><p>Eine rasche, wellenf�rmige Bewegung ging durch den Raum. Vielleicht war es auch keine wirkliche Bewegung. Es war ein rasches, blitzschnelles Zucken und Wogen, eine Erscheinung, als b�gen sich W�nde und Decke in sich, ver�nderten sich Winkel und Geraden auf unheimliche, mit menschlichen Sinnen kaum mehr erkennbare Weise ... F�r einen ganz kurzen Moment streifte der Atem einer fremden, unbeschreiblich anderen Welt das Geb�ude; einer Welt, von der wir nur Schatten und verzerrte Trugbilder wahrzunehmen imstande waren. Und f�r einen ganz kurzen Moment war es, als <emphasis>lebe </emphasis>das Haus.</p><p>Dann war es vorbei.</p><p>Howard sprang mit einem unterdr�ckten Keuchen zur�ck. �Was war das?� fragte er. �Das ...�</p><p>Wieder wand sich der Boden, und wieder war die Bewegung nicht <emphasis>wirklich </emphasis>zu sehen oder zu f�hlen, als spiele sich das alles in einer Dimension - oder auf einer Ebene des Seins - ab, die jenseits der f�r Menschen zug�nglichen war.</p><p>Howard erbleichte. Sein Mund �ffnete sich, aber er brachte kein Wort hervor, sondern starrte nur aus ungl�ubig geweiteten Augen an mir vorbei auf den Tisch.</p><p>Langsam, mit einem Gef�hl widersinniger, aber immer st�rker werdender Angst, drehte ich mich herum. Ich wu�te nicht, was ich erwartete - vielleicht das Ungeheuer aus meiner Vision, vielleicht einen Boldwinn, der auf bizarre Weise wieder zum Leben erwacht war ... Es war nichts von allem, nichts von dem formlosen Schrecken, mit dem meine Phantasie die Leere hinter mir f�llte. Der Anblick war beinahe banal. Und doch lie� er ein ungl�ubiges St�hnen �ber meine Lippen kommen.</p><p>Unser E�geschirr stand noch so da, wie wir es nach der �berhastet abgebrochenen Mahlzeit zur�ckgelassen hatten. Aber es begann sich auf unheimliche Weise zu ver�ndern!</p><p>Die Reste der Speisen auf den Tellern vermoderten. Wei�licher Schimmelpilz bildete sich, wuchs zu w��rigen, krebsartig verquollenen Gebilden heran und zerfiel, so schnell, da� es aussah, als lebe die wabbelige Masse; auf dem Silber der Schalen und Sch�sseln erschienen Flecken, das Porzellan wurde grau und unansehnlich und begann zu rei�en. Das Tischtuch zerfiel zu grauem Staub. Es war, als liefe die Zeit vor unseren Augen hunderttausendmal schneller ab als normal ...</p><p>Und die Ver�nderung beschr�nkte sich nicht nur auf den Tisch. Wie Kreise, die ein ins Wasser geworfener Stein zieht, breitete sie sich im Raum aus. Der Teppich vermoderte unter unseren F��en. Die B�cherregale begannen zu knirschen, die B�nde zitterten, zerfielen in Sekundenschnelle zu grauem Staub und kleinen, rissigen Fetzen. Mit einem h�rbaren Knirschen zerbrach die Kette des Kronleuchters. Howard ri� mich im letzten Moment zur�ck, als das zentnerschwere Gebilde aus Glas und geschliffenem Kristall auf den Tisch herabfiel und ihn zerschmetterte.</p><p>�Mein Gott, Howard - was ist das?� keuchte ich.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Howard. �Und es interessiert mich auch nicht. Wir m�ssen raus hier - <emphasis>schnell!�</emphasis></p><p>Das letzte Wort hatte er geschrien. Eines der B�cherregale an der S�dwand brach krachend und polternd zusammen. Das Holz zersplitterte unter seinem eigenen Gewicht, bog sich durch und lie� in einer bizarren Kettenreaktion auch die darunterliegenden Bretter zerbrechen. Wie Dominosteine, die einmal angesto�en worden waren, begannen sich auch die beiden Regale rechts und links davon zu neigen und knirschende, beinahe wie ein schmerzhaftes St�hnen klingende Laute von sich zu geben. Eine gewaltige Staubwolke quoll hoch und nahm mir die Sicht. Ich hustete, zog angstvoll den Kopf zwischen die Schultern und taumelte blind hinter Howard und Rowlf her. Die Bibliothek verwandelte sich von einem Moment auf den anderen in ein Chaos zersplitternden Holzes, br�ckelnder Steine und L�rm und Staub und zitternder Bewegung.</p><p>Auch an der T�r war die furchtbare Ver�nderung nicht vor�bergegangen. Das Holz war grau und rissig geworden, und wo das Schlo� gesessen hatte, befand sich nur noch ein formloses Etwas aus braunrotem Rost. Rowlf sprengte es mit einem entschlossenen Fu�tritt vollends heraus, warf sich mit der Schulter gegen die T�r und fiel beinahe auf die Knie, als das drei Meter hohe T�rblatt schlichtweg aus den Angeln brach und mit einer fast gem�chlichen Bewegung nach drau�en kippte.</p><p>Nebeneinander hetzten wir durch die Halle. Das Haus ver�nderte sich weiter, alterte in Sekunden um Jahrhunderte, aber ich achtete nicht mehr darauf, sondern taumelte blind vor Furcht und immer st�rker werdender Panik weiter. Kalk und Steine l�sten sich von der Decke und schlugen wie kleine, t�dliche Geschosse rings um uns auf, und etwas traf mich an der Schulter und lie� mich aufschreien. Als wir die T�r erreichten, brach die Treppe ins Obergescho� mit einem gewaltigen Donnern und Bersten zusammen.</p><p>Howard schrie irgend etwas. Ich verstand ihn nicht, blieb stehen und hustete. Meine Schulter schmerzte h�llisch. Rowlf versetzte mir einen Sto�, der mich aus dem Haus und auf die Treppe hinaustorkeln lie�.</p><p>Und im gleichen Moment h�rte es auf.</p><p>Das Haus erbebte unter einem letzten, gewaltigen Zucken. Etwas Gigantisches, K�rperloses schien f�r einen Moment hinter uns zu wogen, eine Bewegung wie das w�tende Zupacken einer Faust, der das sicher geglaubte Opfer im letzten Moment noch entkommen war. Dann kam das gepeinigte Geb�ude zur Ruhe.</p><p>Howard, Rowlf und ich liefen noch ein paar Meter weiter, ehe wir, allesamt schwer atmend und am Ende unserer Kr�fte, stehenblieben und mit einer Mischung aus Furcht und Erleichterung zur�ckblickten. Es hatte aufgeh�rt. Ich brauchte ein paar Sekunden, um mich an den Gedanken zu gew�hnen, aber es hatte aufgeh�rt.</p><p>�Mein Gott�, fl�sterte Howard neben mir. �Das war knapp. Zehn Sekunden sp�ter, und ...�</p><p>Er sprach nicht weiter, aber ich wu�te, was er meinte. Das Haus stand noch, aber es w�re, wenn der bizarre Verfall im gleichen Tempo fortgeschritten w�re, nur noch eine Frage von Augenblicken gewesen, ehe es wie ein Kartenhaus �ber uns zusammengest�rzt w�re und uns unter seinen Tr�mmern begraben h�tte. Das Dach war bereits eingesunken, und ein Teil der S�dwand stand sichtlich schr�g. Selbst der tonnenschwere T�rsturz hatte sich aus seiner Verankerung gel�st und hing deutlich zur Seite geneigt �ber dem Eingang.</p><p>�Das Licht�, murmelte Howard. �Was ist mit dem Licht?�</p><p>Instinktiv hob ich den Blick. Der sternen�bers�te Nachthimmel war verschwunden und hatte einer seltsamen, grauen Farbe Platz gemacht. Weder Mond noch Sterne waren zu sehen, aber dabei war es trotzdem so hell wie w�hrend der fr�hen Morgend�mmerung, kurz bevor sich die Sonne am Horizont zeigte. Aber es war keine Sonne zu sehen.</p><p>Ich schauderte. Irgend etwas an diesem Licht fl��te mir Angst ein, ein sp�rbares, k�rperliches Unbehagen. Der Himmel war grau, von einer Farbe wie mattes, geschmolzenes Blei. Er wirkte <emphasis>krank.</emphasis></p><p>�Gehn wir�, murmelte Rowlf. �Is mir egal, was mittem Licht is. Ich will weg.�</p><p>Weder Howard noch ich widersprachen. Im Grunde sprach Rowlf nur das laut aus, was wir alle f�hlten - n�mlich nichts anderes als den Wunsch, so schnell wie m�glich hier weg zu kommen, und so weit wie m�glich.</p><p>Aber ich glaube auch, wir alle drei sp�rten, da� es uns nicht gelingen w�rde ...</p><p>Howard l�ste mit sichtlicher �berwindung seinen Blick vom Haus, drehte sich um und deutete schweigend auf einen zusammengesunkenen Umri� ohne erkennbare Form; alles, was von unserer Kutsche �briggeblieben war. Keiner von uns verlor auch nur ein Wort dar�ber.</p><p>Langsam gingen wir los. Der Kies knirschte unter unseren Schuhen, als wir den gewundenen Weg zum Tor hinabgingen, aber dieser Laut war auch der einzige, den ich h�rte. Es war still, vollkommen still. Es gab keine Vogelstimmen, nicht das Wispern des Windes in den Baumkronen. Der Wald vor uns war starr, reglos und stumm wie eine massive, erstarrte gr�ne Mauer, und selbst die Luft erschien mir z�h wie Sirup. Das Atmen fiel mir schwerer, je weiter wir uns dem Wald n�herten. Meine Schritte wurden langsamer. Ich hatte das Gef�hl, durch unsichtbare Watte zu gehen, einen Widerstand, der fast unmerklich, aber auch unerbittlich st�rker wurde, je n�her wir dem Wald kamen.</p><p>Etwas an diesem Wald war seltsam. Im ersten Moment vermochte ich das Gef�hl noch nicht in Worte zu kleiden, aber dann begriff ich. Aus der Ferne hatten die B�ume noch ganz normal ausgesehen, aber je weiter wir uns vom Haus entfernten, desto mehr zerschmolz dieser Eindruck. Schlie�lich blieb ich stehen.</p><p>�Was ist?� fragte Howard. Seine Stimme bebte vor Ersch�pfung.</p><p>Ich deutete mit einer knappen Geste auf den Wald. Die Bewegung erforderte erstaunlich viel Kraft, und pl�tzlich war ich sicher, da� es keine Einbildung war. Ich <emphasis>glaubte </emphasis>nicht nur, schwerer zu atmen, und ich bildete mir nicht nur ein, da� Howards und Rowlfs Atemz�ge ebenfalls lauter und m�hsamer geworden waren, so wenig, wie ich mir den Widerstand einbildete, der sich uns entgegenstemmte. Irgend etwas zerrte an meinen Gliedern.</p><p>�Der Wald�, murmelte ich. �Sieh ... sieh dir die B�ume an.�</p><p>Howard runzelte die Stirn, sah mich einen Moment voller Verwirrung an, gehorchte dann aber.</p><p>Auf seinen Z�gen erschien ein Ausdruck ma�loser Verbl�ffung. �Aber das ...� Er schluckte, machte einen Schritt und blieb stehen, als w�re er vor eine unsichtbare gl�serne Wand gelaufen.</p><p>�Wassndas?� murmelte Rowlf. Sein Atem ging schwer, als w�re er die ganze Strecke gerannt, und als ich zu ihm hin�bersah, fiel mir auf, wie geb�ckt er dastand. Auf seinen Schultern schien ein unsichtbares Gewicht zu lasten. Sein Gesicht gl�nzte vor Schwei�.</p><p>�Das ist nicht m�glich�, murmelte Howard noch einmal.</p><p>Ich runzelte die Stirn, sch�ttelte hilflos den Kopf und sah erneut zu den B�umen hin�ber, die sich auf so sonderbare Weise ver�ndert hatten.</p><p>Eigentlich waren es gar keine richtigen B�ume mehr. Ihre St�mme waren schuppig und viel dicker, als sie h�tten sein d�rfen. Die Farbe stimmte nicht, und sie hatten keine �ste, sondern etwas, das mich vage an gigantische Farnwedel erinnerte. Gr�ngelbe, sonderbar verkr�ppelte Pilzgew�chse wucherten dort, wo zuvor noch dorniges Unterholz gewesen war, und da und dort erkannte ich Pflanzen, die wie ins Absurde vergr��erte, blasse Orchideen aussahen.</p><p>�Was ... was ist das?� fl�sterte ich. �Das ist doch kein Wald. Jedenfalls keiner, wie es ihn ...� Ich stockte, erschrocken vor dem, was ich gerade hatte aussprechen wollen.</p><p>�Keiner, wie es ihn auf unserer Erde gibt, meinst du?� sagte Howard, ohne den Blick von den titanischen Farnwedeln zu wenden. Pl�tzlich lachte er, aber es klang sehr bitter und vollkommen ohne Humor, und seine Stimme zitterte jetzt nicht mehr vor blo�er Ersch�pfung. �Du hast recht, Robert�, fuhr er fort. �Oder auch nicht - ganz wie du willst.�</p><p>Er sprach nicht weiter, aber das war auch gar nicht n�tig.</p><p>Ich hatte es im Grunde schon gewu�t, aber etwas in mir hatte sich dagegen gestr�ubt, den Gedanken laut auszusprechen.</p><p>Nat�rlich gab es W�lder wie diese nicht. Nicht mehr, hie� das. Aber es hatte eine Zeit gegeben, in der es sie gegeben hatte, nicht nur hier in England, sondern �berall auf der Welt.</p><p>Ich wu�te nicht genau, <emphasis>wie </emphasis>lange es her war, aber ich hatte das Gef�hl, da� das auch keine Rolle spielte.</p><p>Jedenfalls nicht f�r uns.</p><p>Es <emphasis>hatte </emphasis>einmal W�lder wie diese gegeben.</p><p>Vor hundert oder zweihundert Millionen Jahren.</p><empty-line/><p>Sie schrie. Schrecken und Furcht l�hmten sie, aber selbst wenn sie f�hig gewesen w�re, sich zu bewegen, h�tte es nichts gegeben, wohin sie h�tte fliehen k�nnen. Mit dem <emphasis>Ding </emphasis>war Licht in den Keller gedrungen; ein grauer, flackernder Schein, in dem alle Gegenst�nde unwirklich und alle Bewegungen ruckhaft und abgehackt wirkten. Ihr Blick hing gebannt auf dem schwarzgr�nen, wabernden Ding, das die T�r wie ein Bild aus einem Alptraum ausf�llte, ein wogendes, widerw�rtiges Etwas aus Schleim und Fleisch und rei�enden Stacheln und gestaltgewordener Furcht, das sie aus einem einzigen, lidlosen roten Auge musterte. Seiner D�monenfratze war keine Regung anzusehen, aber Jenny sp�rte einfach, wie die Blicke des Ungeheuers mit einer schwer zu bestimmenden Gier �ber ihren K�rper tasteten ...</p><p>Das Ungeheuer glitt mit einer kraftvollen Bewegung auf sie zu und blieb zitternd stehen, als Jenny mit einem Schrei auf die F��e sprang und abwehrend die H�nde ausstreckte, �Geh weg!� schrie sie. <emphasis>�Geh weg!�</emphasis></p><p>Sie wu�te nicht, ob das Monstrum ihre Worte verstand oder ob es nur auf den Klang ihrer Stimme reagierte. Aber es kam nicht weiter auf sie zu. Sein Blick flackerte. Drei, vier seiner zahllosen, peitschenden Tentakel streckten sich aus, deuteten zitternd in ihre Richtung und verharrten, wenige Zentimeter, ehe sie ihren K�rper ber�hren konnten.</p><p>�Nein!� schrie Jenny. �Geh! Geh weg!�</p><p>Sie taumelte r�ckw�rts vor der grauenhaften Erscheinung davon, prallte gegen die feuchtkalte Wand und schrie weiter.</p><p>Ihre Schreie schienen das Ungeheuer nerv�s zu machen. Die glitzernden Arme peitschten st�rker, und in dem faustgro�en blutigroten Auge flammte Zorn auf. Aber es kam nicht n�her.</p><p>�Du darfst dich nicht wehren, Jenny.�</p><p>Jenny fuhr mit einem neuerlichen, noch gellenderen Schrei herum, als sie die Gestalt neben sich aufwachsen sah. Es war Charles - aber sie erkannte ihn kaum noch. Der Verfall seines K�rpers war weiter fortgeschritten.</p><p>Jennys Stimme �berschlug sich, wurde zu einem unmenschlichen Kreischen. F�r einen Moment drohte sie die Besinnung zu verlieren, aber irgendwo, tief in ihr, war noch ein Rest von Kraft und Lebenswillen, etwas, das sie zur�ckri� und sie, obgleich sie halb wahnsinnig vor Furcht und Entsetzen war, k�mpfen lie�.</p><p>Charles kam n�her, hob langsam die Arme, versuchte, nach ihr zu greifen und erstarrte, als Jenny mit einem w�rgenden Laut zur�cksprang. Sie taumelte, verlor auf dem feuchten Boden das Gleichgewicht und fiel.</p><p>�Nicht wehren�, murmelte Charles. �Es hat keinen Zweck, wenn du dich wehrst, Liebling. Er braucht deine Lebenskraft, aber du mu�t sie ihm freiwillig geben. Freiwillig und freudig.� Seine Stimme wurde hart und hatte pl�tzlich nichts mehr mit der zu tun, die sie kannte. �Sterben wirst du so oder so, aber es liegt in deiner Hand, ob du die Erf�llung enden oder zu einem Wesen wie ich werden wirst. Sieh mich an! Willst du, da� das dein Schicksal ist?�</p><p>Jenny kroch verzweifelt vor ihm davon. Charles folgte ihr mit unsicheren, taumelnden Schritten. Er streckte abermals die Arme nach ihr aus, und eine einzelne, schwarzgl�nzende Spinne kroch �ber seine Hand, balancierte auf sechs Beinen auf seinen ausgestreckten Fingern und tastete mit den beiden anderen nach ihrem Gesicht.</p><p>Jennys Verstand drohte endg�ltig zu zerbrechen, als die haarigen Beine ihre Wange ber�hrten. Es war ein sanftes, kaum sp�rbares Tasten, eine Ber�hrung fast wie ein z�rtliches Streicheln, und trotzdem hatte sie das Gef�hl, von einer wei�gl�henden Flamme ergriffen und ber�hrt zu werden.</p><p>Sie schrie. Ihre Finger glitten ziellos �ber den Boden, ertasteten etwas Hartes, Gro�es und schlossen sich darum. Sie handelte, ohne zu denken. Mit einer blitzschnellen, mit der Kraft der Verzweiflung gef�hrten Bewegung ri� sie den Stein hoch und schleuderte ihn mit aller Macht.</p><p>Charles versuchte, dem Wurfgescho� auszuweichen, aber seine Reaktion kam zu sp�t. Der Stein traf seine Stirn.</p><p>Charles taumelte. Seine Arme fuhren ziellos durch die Luft. Weitere Spinnen fielen aus seiner Kleidung, und f�r einen Moment konnte Jenny in seinem Gesicht Schmerz lesen, Schmerz und eine tiefe Verzweiflung.</p><p>Dann erlosch der Funke von freiem Willen wieder. Die geistige Fessel nahm wieder Besitz von seinem Bewu�tsein, aber er versuchte nicht noch einmal, sich Jenny zu n�hern.</p><p>�Warum wehrst du dich?� fragte er leise. �Du f�gst dir nur selbst Schmerzen und Angst zu.� Seine Hand wies auf das gewaltige Monstrum, das noch immer reglos an seinem Platz hockte und die Szene aus seinem einzigen, lodernden Auge verfolgte. <emphasis>�Er </emphasis>braucht dich�, murmelte er.</p><p>Jennys Schreie wurden zu einem keuchenden, sto�haften W�rgen und Schluchzen. Sie wimmerte, wand sich wie unter Kr�mpfen auf dem Boden und kroch r�ckw�rts weiter vor Charles und dem Ungeheuer davon, bis sie gegen die Wand stie�.</p><p>�Er braucht deine Lebenskraft�, fuhr Charles fort. �Aber du mu�t sie ihm freiwillig geben. Sprich die heiligen Worte!�</p><p>Jenny wimmerte. Sie w�nschte sich, zu sterben oder wenigstens das Bewu�tsein zu verlieren, endlich aus diesem grauenhaften Alptraum erl�st zu werden, aber sie konnte weder das eine noch das andere.</p><p>�Sprich mir nach!� donnerte Charles. Pl�tzlich war seine Stimme ein machtvolles, ungeheuer starkes Dr�hnen, ein Befehl, der mit solcher Wucht in ihr Denken h�mmerte, da� sie erneut aufschrie.</p><p>�Sprich!� donnerte Charles. �Sprich mir nach: <emphasis>Shcyyylo! Hgnat ghobmmorrog luh-huuth!�</emphasis></p><p>Jenny wu�te nicht, was die Worte bedeuteten, ob es �berhaupt Worte waren in der menschlichen oder irgendeiner anderen Sprache. Sie sp�rte, wie die Laute auf geheimnisvolle Weise von ihr Besitz ergriffen, wie ein schleichendes Gift in ihren Willen sickerten und ihr Bewu�tsein durchtr�nkten ...</p><p>Und wieder war da etwas in ihr, das Widerstand leistete. Sie wu�te nicht, woher sie die Kraft nahm oder ob es �berhaupt ihre Kraft war - aber irgend etwas brach den t�dlichen Bann, wehrte sich gegen die Worte, ihren unheimlichen, unseligen Klang ...</p><p>Charles erstarrte. Von einer Sekunde zur anderen erlosch der Druck auf ihr Bewu�tsein.</p><p>�Gut�, sagte er. �Wie du willst. Es geht auch anders.�</p><p>Sekundenlang geschah nichts. Dann, ganz langsam, begannen sich Spinnen aus seinen Kleidern zu l�sen. Erst eine, dann mehr und mehr der schwarzen, haarigen Tiere krochen auf Jenny zu, aber keine ber�hrte sie oder kam ihr auch nur nahe. Die Tiere bildeten einen weiten, an einer Seite offenen Halbkreis um sie herum, krochen in ihrem R�cken an der Wand hinauf, hefteten sich mit ihren zahlreichen, mit Widerhaken besetzten Beinen selbst an die Decke.</p><p>Dann begann aus dem Hinterleib des ersten Tieres ein einzelner, glitzernder Spinnfaden zu quellen.</p><p>Aber es war nur der erste von zahllosen ...</p><p>Irgendwo, sehr weit entfernt und fast an der Grenze des �berhaupt noch Sichtbaren, kreiste eine Anzahl dunkler Punkte. �ber dem gr�nen, von unsicherem grauen Licht beleuchteten Wald schienen sie die meiste Zeit stillzustehen, und die wenigen Male, die sie sich bewegten, hatten ihre Bewegungen etwas seltsam Ruckhaftes. Unter normalen Umst�nden h�tte ich sie f�r V�gel gehalten, aber jetzt war ich nicht mehr sicher. Seit wir dieses Haus betreten hatten, war nichts mehr so, wie es sein sollte. Und ich wollte auch gar nicht wissen, was die �V�gel� in Wirklichkeit waren.</p><p>Mit einem Ruck l�ste ich meinen Blick von dem Schwarm dunkler Punkte und wandte mich wieder an Howard. Er war einen Schritt weitergegangen und abermals stehengeblieben. Sein Atem ging schnell und h�rbar schwer. Er war bleich geworden, nicht nur bla�, sondern schneewei�. Seine Augen waren unnat�rlich geweitet, und seine Lippen zitterten ununterbrochen, ohne da� er indes auch nur den geringsten Laut von sich gegeben h�tte. Auf seiner Stirn perlte Schwei�.</p><p>�Was bedeutet das?� murmelte ich hilflos. �Dieser Wald und ...�</p><p>�Ich wei� es nicht�, murmelte er. �Ich ...� Howard stockte. Seine H�nde zitterten. Er schien kurz davor zu stehen, endg�ltig die Beherrschung zu verlieren. �Dieser Wald ist...�</p><p>Wieder sprach er nicht weiter, sondern starrte nur abwechselnd mich und den Waldrand aus starren Augen an.</p><p>Jetzt, als wir n�her heran waren, sah ich mehr Einzelheiten: Der kiesbestreute Weg wand sich vor uns weiter den Hang hinab, lief durch das Tor und verschwand in wogendem Gr�n und Gelb und Braun wie abgeschnitten. In den Kronen der gigantischen Farngew�chse, die an die Stelle der B�ume getreten waren, bewegten sich winzige dunkle Punkte, und weiter hinten glitzerte etwas wie ein gewaltiges Spinnennetz. Ein seltsamer, verwirrender Geruch schlug uns entgegen, und wenn man genau hinsah, konnte man ein leichtes Flimmern und Bewegen �ber den H�ten der Riesenpilze erkennen. Sporen, dachte ich schaudernd. Es war mit Sicherheit nicht gut, auch nur in ihre N�he zu kommen.</p><p>Irgendwo vor uns raschelte etwas. F�r einen kurzen Moment hatte ich das Gef�hl, etwas Gigantisches, Dunkles zwischen den St�mmen zu erkennen, aber ich war nicht sicher. Dann war es verschwunden.</p><p>�Gehen wir ... weiter�, murmelte Howard stockend. Sein Blick glitt zur�ck zum Haus, das sich durch die Entfernung in einen schwarzen, tiefenlosen Schatten verwandelt hatte. Ich hatte das Gef�hl, da� sich seine Umrisse bewegten ...</p><p>Howard ging weiter, lief, gegen den gleichen, unsichtbaren Widerstand ank�mpfend wie Rowlf und ich, weiter den gewundenen Weg hin�ber. Langsam n�herte er sich dem Tor.</p><p>�Nicht.�</p><p>Howard blieb abrupt stehen. Einen Moment lang starrte er unsicher das hohe, aus rostigen Eisenst�ben geschmiedete Tor an, dann drehte er sich zu mir herum. �Was hast du gesagt?� fragte er mi�trauisch.</p><p>�Nicht�, sagte ich noch einmal. Meine Stimme war leise und klang in meinen eigenen Ohren wie die eines Fremden.</p><p>�Wie meinst du das?� fragte Howard. In seiner Stimme war noch immer dieser mi�trauische, lauernde Ton.</p><p>�Geh ... nicht hindurch�, murmelte ich verwirrt. Was war das? Das waren nicht meine Worte! Es war meine Stimme, die sie formte, aber ich wu�te nicht, <emphasis>warum </emphasis>ich sie sagte. Es war, als spr�che ein anderer durch mich.</p><p>Howard wandte sich wieder um, ging jedoch nicht weiter. Sein Blick tastete �ber die verfallenen Reste der Mauer, die einstmals den Park umgeben hatte, die beiden halb zerbr�ckelten, schr�gstehenden Pfeiler rechts und links des Tores und die rostzerfressenen Gitterst�be.</p><p>�Es ist ... gef�hrlich�, sagte ich stockend. �Hinter diesem Tor lauert ... der Tod.�</p><p>In einer anderen Situation h�tten meine Worte l�cherlich geklungen. Aber jetzt sah ich, wie Howard wie unter einem Hieb zusammenfuhr. Erneut drehte er sich um. In seinen Augen erschien ein sonderbares Glitzern, als er mich ansah.</p><p>Ich st�hnte. F�r einen Moment begannen Howard, der Wald und das Tor vor meinen Augen zu verschwimmen. Mir wurde schwindelig, und der Boden schien unter meinen F��en zu wanken.</p><p>�Nicht das ... Tor�, h�rte ich meine eigene Stimme sagen. �Geh nicht ... hindurch ...�</p><p>Howard reagierte nicht. Langsam, aber ohne Z�gern ging er weiter, blieb erst einen halben Schritt vor dem Tor stehen und hob langsam die Hand, um das rostige Gitter aufzusto�en.</p><p>Mit einem gellenden Schrei setzte ich ihm nach, packte ihn an den Schultern und schleuderte ihn mit aller Macht zur�ck, direkt in Rowlfs ausgebreitete Arme. Aber durch die Bewegung verlor ich selbst das Gleichgewicht, taumelte, k�mpfte einen winzigen, schrecklichen Augenblick um meine Balance - und kippte ganz langsam nach hinten.</p><p>Feuer zuckte durch meine Adern, als ich das Gittertor ber�hrte. Die rostigen St�be schienen zu gl�hen. Ein wei�er, unertr�glich schmerzhafter Blitz fra� sich durch meinen Leib, explodierte irgendwo tief in mir und lie� mich aufschreien. Ich taumelte, fiel auf die Knie und nahm den gr��lichen Geruch brennenden Stoffs und verschmorter Kleider wahr. Der Schmerz steigerte sich ins Unertr�gliche, und es war nicht nur ein rein k�rperlicher Schmerz, sondern etwas Unbeschreibliches, unsagbar Fremdes, etwas, das meinen Geist so gnadenlos zu versengen schien wie die Hitze meinen R�cken. Ich schrie, fiel auf die Seite und schlug in Agonie um mich, als Rowlf und Howard neben mir niederknieten.</p><p>Dann kam die Vision.</p><p>Es war nicht so wie beim ersten Mal; kein pl�tzlicher Wechsel, sondern ein sanftes Hin�bergleiten, als verschmelze mein Geist mit dem eines anderen. Das Bild vor meinen Augen blieb gleich: Ich sah weiterhin den Park, den Wald, Rowlfs und Howards besorgte Gesichter, aber ich war nicht mehr ich, nicht mehr ich allein wenigstens. Wie durch einen d�mpfenden Nebel h�rte ich, wie meine eigene Stimme Worte schrie, die nicht die meinen waren, einen Namen stammelte, dann sinnlose, bizarr klingende Laute aus einer Sprache, die nicht einmal mehr entfernt menschlich klang. Bilder stiegen in meinem Geist auf, bizarre, grauenerregende Visionen einer Welt, die so fremdartig war, da� ihr blo�er Anblick beinahe reichte, mich in den Wahnsinn zu treiben.</p><p>Rowlf wollte nach mir greifen, um meine Arme und Beine festzuhalten, aber ich schlug nach ihm, w�lzte mich herum und kam taumelnd und aus eigener Kraft wieder auf die F��e. Ein unmenschlicher, gellender Schrei stieg in mir empor und brach sich Bahn. Ich sp�rte, wie sich tief in mir etwas regte, etwas, das die ganze Zeit dagewesen war, ohne da� ich seine Existenz auch nur geahnt h�tte. Etwas Gewaltiges, Finsteres und M�chtiges ...</p><p>�Robert!� br�llte Howard. �Was ist mit dir?�</p><p>Der Boden bebte. Aus dem Wald drang ein seltsam st�hnender, tiefer Laut, ein Ger�usch, als schrien die B�ume selbst vor Schmerz und Qual. Das Licht flackerte.</p><p>�Was ist das?� keuchte Howard. Sein Blick fiel an mir vorbei auf den Wald, und ein neuer, abgrundtiefer Schrecken verzerrte seine Z�ge.</p><p>M�hsam drehte ich mich herum. Selbst diese kleine Bewegung kostete mich alle Kraft, die ich noch hatte. Ich war nicht l�nger Herr meiner selbst, und mein K�rper gehorchte meinem Willen nur noch so weit, wie es dieses schreckliche Ding in mir zulie� ...</p><p>Der Wald begann sich auf f�rchterliche Weise zu ver�ndern. Die B�ume zitterten, verschwammen, als betrachte man sie durch einen Vorhang aus schnell flie�endem, klarem Wasser, begannen sich zu verbiegen und zu verzerren, �nderten ihre Farbe und Form. Zwischen ihren St�mmen begannen Schatten zu wogen, ein unabl�ssiges Huschen und Gleiten, Wachsen, Verfallen und Gedeihen. Farben tauchten auf und vergingen, es wurde hell, dunkel, hell, dunkel, Tag ... Nacht, Tag ... Nacht ... immer und immer schneller.</p><p>Und endlich begriff ich. Es war wie in der Bibliothek und im Haus, nur tausendmal heftiger.</p><p>Vor unseren Augen begann die Zeit schneller zu laufen, millionenmal schneller als normal. Der Wald ver�nderte sich, wuchs in Minuten zu einem kolossalen, unbeschreiblichen Dschungel aus Farn- und Pilzgew�chsen heran und begann wieder zu schrumpfen, wuchs erneut, schrumpfte wieder ... ein langsames, t�uschend langsames Pulsieren ... Es war wie ein Atmen.</p><p>Die Atemz�ge der Zeit ...</p><p>�Zur�ck!� keuchte ich. �Howard! Rowlf! Wir ... wir m�ssen zur�ck ins Haus!�</p><p>Howard fuhr herum. �Ins Haus?� keuchte er. �Aber ...�</p><p>Ich wirbelte herum, versetzte ihm einen Sto�, der ihn beinahe zu Boden schleuderte, und zerrte ihn ohne ein weiteres Wort hinter mir her.</p><p>Unter unseren F��en begann der Boden wie ein lebendes Wesen zu zittern, w�hrend wir den Weg zur�ckhetzten, den wir vor Augenblicken erst gekommen waren. Der Wald wuchs weiter, schrumpfte erneut und wuchs wieder, aber ich sah auch, da� er bei jedem Pulsieren um eine Winzigkeit kleiner und blasser zu werden schien. Gleichzeitig �nderte sich die Farbe des Himmels. Das Licht wirkte h�rter, gnadenloser, und das Gras, das bisher noch als dichter Teppich den H�gel bedeckt hatte, zerfiel zu kleinen, drahtigen B�scheln und verschwand dann von einem Lidzucken auf das andere ganz. Es wurde hei�, binnen Sekunden unertr�glich hei�, und als ich einen Blick �ber die Schulter zur�ckwarf, sah ich, da� aus dem gigantischen Farnwald ein Gestr�pp niedriger verkr�ppelt wirkender Gew�chse geworden war, die aus einem kahlen, r�tlich schimmernden W�stenboden wucherten.</p><p>Es war ein bizarrer, irrsinngier Sturz durch die Zeit. Jeder Schritt brachte uns eine Million Jahre zur�ck in die Vergangenheit, jeder Atemzug weiter zur�ck in eine Welt, die seit Urzeiten vergangen und vergessen war. Der Boden zuckte und wand sich wie unter Kr�mpfen. Ein gewaltiger Ri� klaffte pl�tzlich dicht neben uns auf, �belriechende D�mpfe schossen in einem br�llenden Geysir hoch in die Luft und versuchten uns zu verbr�hen, und die Hitze stieg unerbittlich weiter.</p><p>Rowlf stolperte, als wir noch wenige Yards von der Treppe entfernt waren. Sein Schrei ging in einem dumpfen, mahlenden Knirschen unter, als sich der Boden direkt unter seinen F��en zu einer klaffenden Spalte �ffnete, von deren Grund es rot und drohend emporloderte. Rowlf verlor den Halt, kippte in einer grotesk langsamen Bewegung �ber den Rand der Spalte und klammerte sich im letzten Augenblick fest.</p><p>Ich versetzte Howard einen Sto�, der ihn weitertaumeln lie�, fuhr mitten im Schritt herum und war mit einem Satz bei Rowlf.</p><p>Eine Weile grausamer Hitze schlug mir wie eine unsichtbare Faust ins Gesicht, als ich mich der Spalte n�herte. Kleine, winzige Funken stiegen aus der Tiefe empor, f�hrten irre T�nze auf der hei�en Luft auf und erloschen oder senkten sich brennend auf Rowlf und mich nieder. Ich schrie schmerzhaft auf, fiel mehr auf die Knie, als ich mich vor Rowlf niederlie�, und griff nach seinem Handgelenk.</p><p>�Hau ab!� br�llte Rowlf. �Bring dich in Sicherheit!�</p><p>Ich ignorierte seine Worte, griff auch mit der anderen Hand nach seinem Arm und suchte mit Knien und F��en festen Halt im Boden. Die Spalte zitterte, kleine, wie gezackte Blitze geformte Risse entstanden an ihren R�ndern und liefen in irrem Zickzack auf mich zu. Der Spalt zitterte wie eine gewaltige, von loderndem Rot erf�llte klaffende Wunde, und die neuerliche Ersch�tterung lie� Rowlf endg�ltig den Halt verlieren.</p><p>Ein grausamer Ruck schien mir die Arme aus den Schultern rei�en zu wollen. Rowlf br�llte vor Angst, griff mit der freien Hand nach oben und krallte die Finger in meine Jacke. Der Ruck ri� mich nach vorne. F�r einen kurzen, grauenhaften Augenblick drohte ich ebenfalls den Halt zu verlieren, dann warf ich mich mit einer Kraft, von der ich selbst nicht wu�te, woher ich sie nahm, noch einmal nach hinten und zerrte Rowlf ein St�ck nach oben. Ein m�rderischer Schlag lie� den Boden erzittern, irgendwo, tief unter uns, st�rzte etwas polternd und krachend zusammen, und eine neuerliche, noch schlimmere Hitzewelle griff mit unsichtbaren gl�henden Fingern nach mir und Rowlf.</p><p>Rowlf begann erneut zu schreien und hilflos mit den Beinen zu strampeln. Meine Muskeln waren bis zum Zerrei�en gespannt. Ich bin kein Schw�chling, aber ich sp�rte, da� ich den Druck nicht mehr l�nger ertragen w�rde. Die Hitze stieg ins Unertr�gliche, und unter Rowlfs strampelnden Beinen z�ngelten gelbe, zischende Flammen, leckten wie gierige H�nde nach seiner Hose und lie�en ihn erneut vor Schmerz aufschreien. Verzweifelt suchte er mit den F��en Halt zu finden, aber das lockere Erdreich gab immer wieder nach, und Rowlf rutschte unbarmherzig weiter ab.</p><p>Ich h�tte es nicht geschafft, w�re nicht in diesem Moment Howard neben mir aufgetaucht. Blitzschnell griff er mit beiden H�nden zu, packte Rowlfs Arm und warf sich mit einer kraftvollen Bewegung zur�ck. Gleichzeitig mobilisierte ich noch einmal alle Kraftreserven, die mein geschundener K�rper noch hatte.</p><p>Rowlf flog regelrecht aus der Erdspalte heraus. Die abrupte Bewegung ri� uns alle drei von den F��en. Ich fiel, rollte herum und sprang wieder auf die F��e. Das Haus ragte wie ein verschwommener Schatten dunkel und drohend �ber uns empor. Ich taumelte weiter, erreichte die Treppe, fiel und kroch die letzten Stufen auf H�nden und Knien empor.</p><p>Hinter uns scho� eine br�llende Feuers�ule aus der Erdspalte. Felsen und kleine, rotgl�hende Lavaspritzer wurden hoch in die Luft geschleudert und regneten wie t�dliche Wurfgeschosse rings um uns nieder. Ein mikroskopisch feiner Spritzer des fl�ssigen Steins traf meinen Arm, brannte sich in Sekundenbruchteilen durch den Stoff meines Rockes und fra� sich tief in meine Haut. Noch einmal bebte die Erde, und ein zweiter, noch gewaltigerer Feuergeysir leckte gen Himmel, als br�lle das Feuer seinen Zorn heraus, da� ihm das sicher geglaubte Opfer vom letzten Moment noch entkommen war. Dann schlo� sich die Spalte wieder. Ihre R�nder krachten wie die Kiefer eines gigantischen, steinernen Maules aufeinander. Die Ersch�tterung lie� das gesamte Haus in seinen Grundfesten erbeben.</p><p>Zwei, drei Sekunden lang starrte ich wie gel�hmt auf das unglaubliche Schauspiel, das sich uns bot. Die Umgebung des Hauses ver�nderte sich weiter. Vor unseren Augen lief die Entwicklung der Erde r�ckw�rts und milliardenmal schneller ab. Der Wald war vollends verschwunden und hatte einer gewaltigen, r�tlich schimmernden Ebene Platz gemacht. In der Ferne, so weit, da� sie nur als Schatten zu erkennen waren, standen gigantische gezackte Berge, und der Himmel war jetzt fast wei�.</p><p>Ein weiterer Erdsto� lie� die Treppe unter mir erbeben und erinnerte mich daran, da� wir noch lange nicht au�er Gefahr waren. Hastig stemmte ich mich hoch, warf Howard einen auffordernden Blick zu und taumelte auf die geborstene T�r zu.</p><p>Im gleichen Moment, in dem ich das Haus betrat, erloschen die dumpfen Ger�usche und die Erdst��e. <emphasis>Es </emphasis>war nicht nur ein Schritt in ein Geb�ude, sondern ein Schritt in eine andere Welt - genauer gesagt in einen winzigen Teil der Welt, der noch so geblieben war, wie er sein sollte. Hinter uns schlug die Zeit weiter Purzelb�ume, aber rings um mich herum herrschte K�hle und Zwielicht und Stille, eine beinahe unheimliche, furchteinfl��ende Stille nach den krachenden und berstenden Ger�uschen der zuckenden Erde drau�en.</p><p>Ich wankte noch ein paar Schritte weiter, drehte mich herum und lie� mich ersch�pft gegen die Wand sinken. Hinter mir taumelten Rowlf und Howard ins Haus, beide genauso ersch�pft wie ich und mindestens genauso verst�rt.</p><p>Mein Herz jagte. Jetzt, als alles vorbei war, schlug die Ersch�pfung mit aller Macht zu. Meine Knie begannen zu zittern, wurden weich und vermochten das Gewicht meines K�rpers nicht mehr zu tragen, und allm�hlich begann ich auch die zahllosen kleinen und gro�en Blessuren zu sp�ren, die ich davongetragen hatte. Langsam rutschte ich an der Wand entlang zu Boden. Ein starkes Schwindelgef�hl begann sich in meinem Sch�del auszubreiten. Ich wartete darauf, da� ich das Bewu�tsein verlor, aber das geschah nicht.</p><p>Howard ber�hrte mich an der Schulter.</p><p>�Alles in Ordnung, Junge?� fragte er.</p><p>Ich hob m�hsam den Kopf, nickte, zog eine Grimasse und sagte: �Nein.�</p><p>�La� mich deinen R�cken sehen�, verlangte er. Die Anstrengung, mich herumzudrehen und die zerfetzte Jacke abzustreifen, �berstieg fast meine Kr�fte, aber ich gehorchte und bi� tapfer die Z�hne zusammen, als er mein Hemd auseinanderri� und mit geschickten Fingern �ber meine Haut tastete.</p><p>�Halb so wild�, sagte er nach einer Weile. �Die Verbrennungen sind nicht gef�hrlich.�</p><p>�Aber daf�r tun sie verdammt weh�, pre�te ich zwischen zusammengebissenen Z�hnen hervor. Ich versuchte auf die F��e zu kommen, knickte wieder ein und nickte dankbar, als Rowlf mich am Arm nahm und auf die F��e stellte, als w�re ich eine gewichtslose Puppe. Allm�hlich begannen der Schwindel und das Schw�chegef�hl zu weichen. Trotzdem war ich noch immer so matt, da� ich mich gegen die Wand lehnen mu�te, um nicht erneut zusammenzubrechen. �Vielen Dank, Rowlf�, murmelte ich.</p><p>Rowlf winkte ab. �Unsinn�, murmelte er in seiner groben Art. �Ohne Sie war ich jetzt zermatscht wiene Wanze. H�tt mich glatt erwischt.�</p><p>�Deinen Dialekt hatte es ja erwischt, wie?� fragte ich mit einem m�den L�cheln. �Oder sprichst du nur einwandfreies Englisch, wenn du in Lebensgefahr bist?�</p><p>Rowlf grinste, wandte sich ab und ging zur T�r zur�ck. Vor dem Haus tobten die entfesselten Naturgewalten noch immer, vielleicht schlimmer als zuvor. Der Himmel schien zu brennen, war aber jetzt nicht mehr ganz so unertr�glich hell. Alles, was ich zu sehen vermochte, waren Felsen, graue, kahle Felsen, auf denen sich nicht das geringste Zeichen von Leben zeigte.</p><p>�Was ist das?� murmelte ich. Der Himmel flackerte. Streifen von Schw�rze begannen das brennende Orange zu durchziehen und langsam zu wachsen. Es sah aus wie schwarzer Ausschlag.</p><p>�Ich f�rchte, die Antwort wird dir nicht gefallen, Robert�, murmelte Howard. �Jedenfalls, wenn es das ist, was ich bef�rchte.�</p><p>Um ein Haar h�tte ich ihn ausgelacht. �Glaubst du - mir?� fragte ich betont. �Irgend etwas ist mit der Zeit geschehen. Was ist das, Howard?�</p><p>Howard schwieg.</p><p>�Du wei�t es�, behauptete ich. �Nicht wahr?�</p><p>�Ich war ein Narr�, murmelte er, ohne direkt auf meine Frage zu antworten. �Mein Gott, was war ich nur f�r ein Narr! Ich h�tte es schon in London wissen m�ssen, sp�testens in dem Moment, in dem ich den Saurier sah.�</p><p>�Den was?� fragte ich. Rowlf wandte kurz den Blick und sah Howard stirnrunzelnd an, konzentrierte sich dann aber wieder ganz auf das, was drau�en vor dem Haus vorging.</p><p>�Den Saurier�, murmelte Howard. �Das Ungeheuer von Loch Shin - was glaubst du, was es war? Die Bestie war ein Ichtiosaurier, ein Wesen, das vor drei- oder vierhundert Millionen Jahren auf unserer Erde ausgestorben ist.�</p><p>�Nicht ganz�, widersprach ich, aber Howard lie� mich nicht zu Worte kommen.</p><p>�Sie sind ausgestorben�, sagte er noch einmal. �Aber sie haben ihn geholt. Auf dem gleichen Weg, auf dem sie uns holen.�</p><p>�Aha.�</p><p>Howard l�chelte schmerzlich. �Ich wei�, es klingt verr�ckt�, sagte er, �aber es ist wahr. Unsere Gegner ...�</p><p>�Du meinst, die Hexen von Salem.�</p><p>�Nein.� Howard sch�ttelte entschieden den Kopf, w�hlte einen Moment in seiner Rocktasche und nahm eine seiner d�nnen schwarzen Zigarren hervor. Umst�ndlich klemmte er sie zwischen die Lippen, z�ndete sie an und nahm einen tiefen, beinahe gierigen Zug, ehe er weitersprach.</p><p>�Sie w�ren nicht in der Lage gewesen, so etwas zu tun�, sagte er mit einer Geste, die das gesamte Haus einschlo�. �Nicht einmal ann�hernd, Robert. Ich ... habe dir von den <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>erz�hlt, und du hast einen von ihnen selbst gesehen.�</p><p>Ich schauderte. Howards Erinnerung w�re unn�tig gewesen. Ich hatte nicht viel mehr als einen vagen Schatten von Yog-Sothoth gesehen, aber selbst diesen Anblick w�rde ich Zeit meines Lebens nicht mehr vergessen k�nnen.</p><p>�Dies hier ist ihr Werk�, sagte Howard dumpf. �Diese Narren ahnen ja nicht einmal, was sie getan haben. Sie haben Yog-Sothoth gerufen, um deinen Vater zu vernichten, Robert, aber sie haben mehr getan, weit mehr. Ohne es zu ahnen. Sie haben es den <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>erm�glicht, sich einen Weg durch die Zeit zu �ffnen.�</p><p>Ich begriff nur langsam. Etwas in mir str�ubte sich dagegen, Howards Worte als das anzuerkennen, was sie waren. Mein Blick richtete sich wieder auf die bizarr ver�nderte Welt vor dem Haus. Selbst die Felsen waren mittlerweile verschwunden; aus der r�tlichen Ebene war eine schwarze, wie poliert wirkende Ein�de geworden, die sich ohne Unterbrechung bis zum Horizont erstreckte.</p><p>Howard registrierte meinen Blick, nahm mich beim Arm und f�hrte mich zur T�r. �Schau hinaus�, sagte er leise. �Was du dort siehst, ist unsere Welt, so wie sie vor tausend Millionen Jahren ausgesehen hat. Es wird nicht mehr lange dauern.�</p><p>Seine Worte schienen wie ein unheimliches Echo hinter meiner Stirn widerzuhallen. <emphasis>Tausend Millionen Jahre. </emphasis>Die Zahl �berstieg das wirklich Vorstellbare einfach. Sie war absurd. Wir sollten eine Milliarde Jahre in der Vergangenheit sein? L�cherlich.</p><p>Und trotzdem wu�te ich, da� er recht hatte.</p><p>�Es ist die einzige Erkl�rung�, murmelte Howard. �Ein Tunnel durch die Zeit. Die <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>haben einen Weg gefunden, den Abgrund der Zeit zu �berbr�cken, eine Verbindung zwischen ihrer und unserer Welt zu schaffen.�</p><p>�Aber wenn das so ist�, murmelte ich, sehr leise und mit einem st�rker werdenden Gef�hl der Furcht, �warum ...�</p><p>�Warum sie unsere Welt noch nicht erobert haben, meinst du?� Howard lachte, leise, rauh und v�llig humorlos. �Sie werden es tun, Robert. Noch ist der Weg nicht vollends ge�ffnet, aber sobald unsere Reise zu Ende ist ...� Er sprach nicht weiter, schnippte seine kaum angerauchte Zigarre aus der T�r und sah ihr nach. Sie schlug auf der Treppe auf, rollte ein St�ck und erlosch �bergangslos. Schaudend begriff ich, da� drau�en vor dem Haus keine Luft mehr war. In der Zeit, in der wir uns befanden, war die Erde nicht mehr als ein toter Steinklumpen.</p><p>�Wenigstens werden wir die zweifelhafte Ehre haben, als erste Menschen einen Blick in die Welt der <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>zu tun�, murmelte Howard.</p><p>�Wir ... m�ssen etwas unternehmen�, murmelte ich verst�rt. �Du kannst nicht einfach tatenlos dastehen und zusehen, wie ...� Ich sprach nicht weiter, als mich sein Blick traf. Es gab nichts, was wir tun konnten. Die Gewalten, denen wir gegen�berstanden, waren mit menschlichen Ma�st�ben nicht mehr zu ermessen.</p><p>�Und alles nur, um einen einzelnen Mann zu t�ten�, st�hnte ich. �Diese Bestien.�</p><p>Howard seufzte. �Du darfst ihnen keinen Vorwurf machen, Robert�, sagte er. �Sie haben nicht gewu�t, was sie taten. Die <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>sind schlau. Begehe nie den Fehler, sie f�r hirnlose Bestien zu halten, Robert.�</p><p>�Aber wir m�ssen etwas <emphasis>tun!� </emphasis>begehrte ich auf. �Du hast es selbst gesagt - es wird nicht mehr lange dauern!� Wieder fiel mein Blick auf die schwarze, trostlose Ebene. Meine �berreizte Phantasie lie� Bewegung entstehen, wo keine war, und Schatten zu bizarren tentakelbewehrten Monstern werden. Ich wu�te, da� es nicht so war. Wir waren eine Milliarde Jahre weit in der Vergangenheit, und trotzdem hatten wir kaum die H�lfte des Abgrundes �berwunden, der die Welt der <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>von der der Menschen trennte. Der Gedanke, welche Kr�fte n�tig waren, eine Br�cke �ber diesen Abgrund zu schlagen, lie� mich aufst�hnen.</p><p>�Es ist dieses Haus�, murmelte Howard. Sein Blick glitt durch die gro�e, verw�stete Eingangshalle, tastete �ber die zusammengebrochene Treppe und blieb einen Moment an der zerschmetterten T�r zur Bibliothek h�ngen.</p><p>�Ich bin sicher, da� es dieses Haus ist�, murmelte er erneut. �Es ist kein Zufall.� Pl�tzlich stockte er, runzelte f�r einen Moment die Stirn und sah mich lange und nachdenklich an.</p><p>�Als ich vorhin das Tor ber�hren wollte�, murmelte er, �da hast du mich zur�ckgehalten. Warum?�</p><p>Ich blinzelte verwirrt. �Ich ...�</p><p>�Du warst es auch, der die Gefahr zuerst erkannt hat�, fuhr er, in sonderbar nachdenklichem Ton, als rede er mehr mit sich selbst als mit mir, fort. �Warum, Robert? Was wei�t du, was ich nicht wei�?�</p><p>Ich starrte ihn betroffen an. F�r einen winzigen Moment glaubte ich wieder die Stimme in mir zu h�ren, dieses leise und doch unglaublich machtvolle Fl�stern und Wispern, das in einer Sprache zu mir gesprochen hatte, die keines Menschen Ohr jemals geh�rt hatte. Ich schauderte. Allein die Erinnerung lie� mich fr�steln.</p><p>�Erinnere dich!� dr�ngte Howard. �Es ... es kann sein, da� unser Leben davon abh�ngt. Und das zahlloser anderer!�</p><p>Ich versuchte es, aber es ging nicht. Die Erinnerung bereitete mir fast k�rperliche Schmerzen.</p><p>�Sieh mich an!� verlangte Howard. Instinktiv gehorchte ich.</p><p>Sein Blick war starr in den meinen gerichtet, und seine Augen ... irgend etwas war mit seinen Augen. Ihr Blick war durchdringend und hart, so fordernd und gnadenlos, wie ich es noch niemals zuvor erlebt hatte. �Sieh mich an!� sagte er noch einmal, und diesmal war jedes einzelne seiner Worte wie ein Peitschenhieb, der mich bis ins Mark ersch�tterte. Irgendwo in einer verlorenen, frei gebliebenen Ecke meines Bewu�tseins regte sich der Gedanke, da� Howard dabei war, mich zu hypnotisieren oder etwas �hnliches mit mir zu tun, aber ich war unf�hig, mich dagegen zu wehren.</p><p>�Erinnere dich!� befahl Howard. �Erinnere dich, was geschehen ist. Du ...�</p><p>Die Bilder kamen mit der Wucht eines Fausthiebes. Ich taumelte zur�ck, fiel gegen die Wand und kr�mmte mich wie unter Schmerzen. Rowlf wollte hinzuspringen, aber Howard scheuchte ihn mit einer raschen, beinahe herrischen Geste zur�ck. So wie drau�en am Tor war ich mir meiner Umgebung weiterhin voll bewu�t, aber gleichzeitig sah ich Bilder, die mir fremd und unverst�ndlich waren und mich trotzdem mit einem unbeschreiblichen Grauen erf�llten. Ich war weiter ich, aber gleichzeitig auch eine andere - das M�dchen, in dessen K�rper ich schon einmal gewesen war. Meine Umgebung hatte sich ver�ndert. Ich war noch immer in der Kammer, aber �ber den feuchten Stein und die W�nde krochen kleine, dunkle Dinge, die ich nicht genau erkennen konnte. Ein wei�er Stoff wie Seide umgab meinen <emphasis>(meinen?) </emphasis>K�rper, und hinter dem wehenden wei�en Vorhang bewegte sich etwas Gewaltiges, Dunkles. Bizarre Laute drangen an mein Ohr, dann h�rte ich meine eigene Stimme Worte sprechen, die nicht von mir stammten.</p><p>�Geht weg�, keuchte ich. �Geht... doch ... weg. Ich ... Charles. Charles, hilf mir. Ich ...�</p><p>Der wei�e Schleier zerri�. F�r den Bruchteil einer Sekunde konnte ich das Wesen in aller Deutlichkeit erkennen.</p><p>Howard und Rowlf fingen mich auf, als ich das Bewu�tsein verlor.</p><empty-line/><p>Ich konnte nicht sehr lange bewu�tlos gewesen sein. Auf meiner Zunge lag ein �bler Geschmack, als ich erwachte. Rowlfs m�chtige Pranken st�tzten mich, und Howard kniete vor mir und f�chelte mir mit einem Taschentuch frische Luft ins Gesicht.</p><p>�Nun?� fragte er. �Alles wieder in Ordnung?�</p><p>Das L�cheln auf seinen Z�gen war falsch und vermochte die Sorge, die er empfand, nicht zu �berspielen. Auf seiner Stirn perlte Schwei�, obwohl es hier drinnen dunkel und kalt wie in einem Grab war.</p><p>�Nein�, knurrte ich. �Ich mag es n�mlich nicht, wenn ich ohne mein Wissen hypnotisiert werde.�</p><p>Howard l�chelte fl�chtig. �Es war keine Hypnose�, sagte er.</p><p>Ich ignorierte seine Antwort. �Hast du wenigstens erfahren, was du wissen wolltest?� fragte ich scharf.</p><p>�Nein�, entgegnete Howard. Er seufzte, richtete sich auf und half mir, ebenfalls auf die F��e zu kommen. Automatisch wanderte mein Blick zur T�r. Drau�en war es dunkel geworden. Von der felsigen Ebene war nicht mehr als ein vager Schatten geblieben, �ber dem sich ein gewaltiger, sternen�bers�ter Himmel spannte. Der Blick reichte unglaublich weit.</p><p>�Es ist noch Zeit�, sagte Howard hastig, als er meinen Blick bemerkte, �aber nicht mehr viel. Erinnerst du dich an das, was du gesehen hast?�</p><p>Ich schwieg einen Moment, sch�ttelte den Kopf und sah ihn hilflos an. In meinem Kopf wirbelte alles durcheinander. Ich vermochte nicht zu unterscheiden, was Wirklichkeit, was Erinnerung und was schlichtweg Einbildung war.</p><p>�Du hast ein paarmal einen Namen gerufen�, sagte Howard vorsichtig. �Jenny ... erinnerst du dich?�</p><p>Jenny ... Das Wort lie� irgend etwas in mir klingen, aber es war wie die Erinnerung an einen Traum, der nur noch in Bruchst�cken vorhanden ist. Und doch ...</p><p>�Sie ist ... in Gefahr�, murmelte ich.</p><p>In Howards Augen blitzte es auf. �In Gefahr?� wiederholte er. �Wer ist sie? Wo ist sie?�</p><p>�Wir m�ssen ihr helfen�, wiederholte ich. Die Worte kamen schleppend, langsam - und ohne mein Zutun. Langsam, und ohne wirklich zu wissen, warum, drehte ich mich von der T�r weg und deutete auf die halb eingebrochene Treppe, die zur Galerie hinauff�hrte.</p><p>�Sie ist ... dort�, murmelte ich. �Dort oben. Wir ... m�ssen ihr helfen.�</p><p>Howard tauschte einen raschen, undeutbaren Blick mit Rowlf, runzelte die Stirn und trat auf mich zu, aber ich dr�ckte seine Hand beiseite und setzte mich, stockend und mit abgehackten, m�hsamen Schritten, in Bewegung. �Robert!� sagte Howard erschrocken. �Was hast du vor?�</p><p>Ich antwortete nicht. Es war wie die Male zuvor: Das Wissen war einfach in mir, ohne den geringsten Zweifel - ich <emphasis>wu�te </emphasis>einfach, da� Jenny dort oben war, und da� es wichtig war, sie zu retten, nicht nur f�r sie, sondern f�r uns alle und vielleicht f�r die ganze Welt.</p><p>Am Fu�e der Treppe blieb ich stehen. Von den breiten, in einem sanft geschwungenen, weit ausladenden Bogen nach oben f�hrenden Marmorstufen war nur noch ein Skelett geblieben, aber f�r einen geschickten Kletterer - der ich war - mu�te es m�glich sein, trotzdem nach oben zu gelangen.</p><p>Howard und Rowlf waren mir gefolgt, blieben aber gehorsam zur�ck, als ich eine abwehrende Bewegung mit der Linken machte. �Bleibt hier�, murmelte ich. �Ich wei� nicht, ob das Ding das Gewicht von zwei M�nnern tr�gt.�</p><p>Genaugenommen wu�te ich noch nicht einmal, ob es das Gewicht <emphasis>eines </emphasis>Mannes tragen w�rde. Ich z�gerte noch einen Moment, streckte die Hand nach dem zerfallenen Rest des Gel�nders aus und setzte mit klopfendem Herzen den Fu� auf die unterste Stufe.</p><p>Die gesamte Treppe bebte unter meinem Gewicht, als ich hinaufzusteigen begann. Kleinere Steine und Kalk l�sten sich aus dem zerborstenen Steinskelett und rieselten zu Boden, und als ich die H�lfte hinter mir hatte, brach ein mannsgro�es St�ck aus den geborstenen Marmorstufen und donnerte zu Boden. Ich blieb stehen, erstarrte f�r einen Moment und ging erst nach Sekunden weiter. Mein Herz raste. Ich war in Schwei� gebadet, und die Angst wurde langsam �berm�chtig. Ein einziger Fehltritt, eine einzige Stufe, die meinem Gewicht nicht mehr gewachsen war, und es war aus. Aber ich konnte nicht umkehren. Die lautlose Stimme in meinem Inneren trieb mich weiter. Ich mu�te dort hinauf, ganz egal, wie.</p><p>Stunden schienen vergangen zu sein, ehe ich die Galerie erreichte. Ich blieb stehen, wartete, bis mein Herz aufgeh�rt hatte, bis zum Zerspringen zu schlagen, und drehte mich langsam herum. Howard und Rowlf standen noch immer am Fu� der Treppe, aber sie waren ein St�ck zur�ckgewichen, um nicht von einem herabst�rzenden Tr�mmerst�ck getroffen zu werden.</p><p>�Ihr k�nnt kommen�, sagte ich. �Aber seid vorsichtig. Die Treppe ist verdammt unsicher.�</p><p>Howard und Rowlf wechselten ein paar Worte miteinander, die ich nicht verstand, dann ging Rowlf langsam los. Die gesamte Treppe schien in ihren Grundfesten zu erzittern, als er die ersten Stufen hinaufging.</p><p>Er kam nicht sehr weit. Ein tiefes, mahlendes St�hnen lief durch das Skelett der Treppe. Kopfgro�e Steinbrocken l�sten sich und zersprangen mit peitschendem Knall auf dem Marmorfu�boden, dann kippte ein drei Meter langes St�ck des Gel�nders nach innen und st�rzte herab. Rowlf schrie erschrocken auf, warf sich mit einer verzweifelten Bewegung nach hinten und wich dem t�dlichen Steinregen im letzten Augenblick aus. Die Treppe bebte weiter. Mehr und mehr Brocken l�sten sich, ganze Stufen kippten nach vorne und verschwanden donnernd in der Tiefe, dann entstand, weniger als eine Handbreit vor meinen F��en, ein langer, gezackter Ri�.</p><p>Hastig sprang ich zur�ck. Die Galerie bebte und zitterte so heftig, da� ich f�r einen Moment f�rchtete, mit in die Tiefe gerissen zu werden und hastig weiter zur�cksprang. Ein ungeheures Krachen und Bersten erf�llte das Haus. Pl�tzlich war alles voller Staub und st�rzenden Steinen. Das Haus erzitterte wie unter dem Fausthieb eines Giganten. Ich h�rte Howard schreien, dann st�rzten noch mehr Steine zu Boden, und ein Teil der Galerie folgte der zusammenbrechenden Treppe in die Tiefe. Erst nach einer Ewigkeit h�rte es auf.</p><p>Minuten vergingen, bis sich der Staub so weit gelegt hatte, da� ich wieder sehen konnte. Vorsichtig l�ste ich mich von meinem Platz, trat dicht an den zerborstenen Rand der Galerie heran und lie� mich auf die Knie nieder. Die Luft in der Halle war noch immer voller Staub, und unter mir t�rmte sich ein gewaltiger Berg aus Tr�mmern und zerborstenen Marmorstufen. Die Treppe existierte nicht mehr.</p><p>�Robert! Bist du okay?�</p><p>Es dauerte einen Moment, ehe ich Rowlf und Howard in all dem Staub erkannte. Sie schienen unverletzt zu sein, waren aber bis ans gegen�berliegende Ende der Halle zur�ckgewichen und husteten ununterbrochen.</p><p>�Ich bin unverletzt!� schrie ich zur�ck.</p><p>�Dann bleib, wo du bist!� antwortete Howard. �Wir suchen einen anderen Weg, um hinaufzukommen.�</p><p>Ich �berlegte einen Augenblick. Der Gedanke, allein weiterzugehen, gefiel mir nicht sonderlich. Aber ich mu�te. Die Zeit lief unbarmherzig ab.</p><p>Langsam richtete ich mich auf, klopfte mir den �rgsten Staub aus den Kleidern und sah mich unschl�ssig um. Es war fast ein Dutzend T�ren, die von der Galerie abzweigten. Die meisten waren verschlossen, nur eine oder zwei standen auf und gaben den Blick auf die darunterliegenden, verw�steten R�ume frei. Die steinerne Galerie begann unter meinen F��en zu beben, als ich mich in Bewegung setzte.</p><p>�Robert! Verdammt noch mal, was tust du?� Howards Stimme �berschlug sich fast vor Schrecken. �Bleib, wo du bist! Es ist zu gef�hrlich!�</p><p>Ich ignorierte ihn. Das Wispern und Fl�stern in meinem Inneren war verstummt, aber ich wu�te einfach, welche T�r die richtige war. Vorsichtig ging ich weiter. Meine Hand kroch unbewu�t zum G�rtel und legte sich um den versilberten Knauf des Stockdegens, den ich aus der Bibliothek gerettet hatte.</p><p>�Verdammt, Robert - bleib stehen!� schrie Howard. �Du wei�t nicht, worauf du dich einl��t!�</p><p>Aber selbst wenn ich gewollt h�tte, h�tte ich nicht stehenbleiben k�nnen. Es war die letzte T�r, ganz am Ende der Galerie, und meine Beine schienen sich fast ohne mein Zutun zu bewegen. Langsam streckte ich die Hand aus, z�gerte einen unmerklichen Moment und ber�hrte die bronzierte Klinke.</p><p>Das Metall war eisig. Wieder z�gerte ich einen Moment, dann dr�ckte ich die Klinke herunter, stemmte mich mit der Schulter gegen die T�r und dr�ckte sie langsam nach innen.</p><p>Ein Hauch eisiger Luft und Modergeruch schlugen mir entgegen, wispernde, huschende Ger�usche wie von winzigen F��chen, die �ber feuchten Stein und Erde huschten, und dunkelgr�ner, flackernder Lichtschein. Hinter der T�r lag kein Zimmer, sondern ein dunkler, gew�lbter Gang mit niedriger Decke, dessen W�nde sich irgendwo in unbestimmbarer Entfernung verloren. Das gr�ne Licht machte es unm�glich, Entfernungen zu sch�tzen, aber es mu�ten hundert oder mehr Yards sein - viel mehr, als das Haus �berhaupt gro� war.</p><p>Aber in diesem Haus war ja nichts normal.</p><p>Ich z�gerte einen Moment, trat dann mit einem entschlossenen Schritt in den Gang und zog die T�r hinter mir zu. Howards Stimme verklang, als das altersschwache Schlo� einrastete.</p><p>Stille h�llte mich ein. Das Wispern und Huschen verklang, und von einem Augenblick auf den anderen war es so ruhig, da� ich mir einbildete, das Klopfen meines eigenen Herzens zu h�ren. Die W�nde waren feucht. Moder und wei�licher Schimmelpilz nisteten in Ritzen und Fugen, und in dem sanften Windzug, der mir ins Gesicht f�chelte, bewegten sich staubige Spinnweben unter der Decke. Die Luft war so trocken, da� ich nur noch mit M�he ein Husten unterdr�cken konnte.</p><p>Nach einer Weile begann sich meine Umgebung zu ver�ndern. Die rohen, lieblos aufeinandergesetzten Steinquader, die bisher die W�nde des Stollens gebildet hatten, machten nackter Erde Platz, braunem Lehm und schwarzen, wie verbrannt wirkenden Fl�chen, die nur noch durch ihr eigenes Gewicht und den Druck, der auf ihnen lastete, zusammengehalten wurden. Ich glaubte, das Gewicht der Fels- und Erdmassen, die sich �ber meinem Kopf t�rmten, k�rperlich zu sp�ren. Dieser Gang geh�rte l�ngst nicht mehr zu dem Haus in Schottland, in dem wir gewesen waren. Ich wu�te nicht wie, und ich wollte es auch gar nicht verstehen, aber ich war in eine fremde, vollkommen andere Welt geraten, im gleichen Augenblick, in dem ich die T�r durchschritten hatte.</p><p>Eine Treppe tauchte vor mir auf. Die Stufen waren schr�g und unterschiedlich hoch und breit; das Gehen war schwierig und erforderte meine ganze Konzentration. In den W�nden waren Bilder: verschlungene, sinnverwirrende Linien und Formen, Dinge, die �belkeit und Schwindel erregten, wenn man zu lange hinsah. Die Winkel der W�nde waren falsch, aber ich vermochte nicht zu sagen, wieso. Der Boden fiel, auch nachdem ich die Treppe hinabgestiegen war, weiter steil ab, so da� ich mit weit ausgebreiteten Armen und vorsichtig gehen mu�te. Trotzdem hatte ich das Gef�hl, mich einen steil ansteigenden Hang hinaufzuk�mpfen.</p><p>Ich wei� nicht, wie lange ich mich durch diese bizarre, unmenschliche Welt tastete. Vermutlich waren es nur wenige Minuten, aber es kam mir vor wie Stunden.</p><p>Schlie�lich h�rte ich Ger�usche und blieb stehen. Es waren keine Stimmen oder Schritte, sondern ein dumpfes, mehr zu f�hlendes als wirklich zu h�rendes Pochen und H�mmern, ein Laut, wie das m�hsame Schlagen eines gewaltigen, gro�en Herzens. Dazwischen glaubte ich wieder dieses Rasseln und Schiern zu h�ren, das ich schon oben am Eingang vernommen hatte, nur deutlicher diesmal.</p><p>Mi�trauisch sah ich mich um. Der Stollen schien sich um mich herum zu bewegen, aber dieser Eindruck war falsch und kam nur von der bizarren, dem menschlichen Geist nicht zug�nglichen Geometrie der W�nde. Ich schlo� f�r einen Moment die Augen, versuchte, das bedr�ckende Gef�hl abzusch�tteln und ging weiter.</p><p>Vor mir war eine T�r. Das T�rblatt selbst war zersplittert, in den rostigen Angeln hingen nur noch Reste der Bretter, die von einer ungeheuren Gewalt zermalmt worden waren. Und die Ger�usche kamen aus dem Raum dahinter.</p><p>Vorsichtig n�herte ich mich der T�r, blieb f�r die Dauer eines Herzschlages stehen und ging auf Zehenspitzen weiter.</p><p>Der Anblick lie� mich aufst�hnen.</p><p>Ich erkannte den Raum sofort wieder. Es war die Kammer, die ich in meiner Vision gesehen hatte: ein finsteres, gro�es Gew�lbe mit feuchten W�nden, erf�llt von graugr�nem, flackerndem Licht. Etwas Gewaltiges, Schwarzes stand im Hintergrund des Raumes, eine tentakelbewehrte Scheu�lichkeit, die sich dem direkten Blick immer wieder zu entziehen schien, als w�re sie hinter einem Vorhang aus Schw�rze und huschenden Schatten verborgen.</p><p>Das Ungeheuer aus meiner Vision!</p><p>Aber es war nicht allein. Neben ihm stand ein hochgewachsener, braunhaariger Mann. Seine Haut war von unz�hligen, winzigen blutenden Kratzern �bers�t. Auf dem Boden vor ihm bewegte sich eine schwarze, wimmernde Masse ...</p><p>Spinnen!</p><p>Ein eisiger Schauer jagte meinen R�cken herab. Es waren Spinnen, Hunderte, wenn nicht Tausende von faustgro�en, mit schwarzem, drahtigem Haar bedeckte Spinnen, die auf gesch�ftigen F��chen hin und her huschten, die Decke und die W�nde hinauf- und herabliefen und ein gewaltiges Zelt aus wei�er Spinnseide schufen, einen drei, vielleicht vier Yard messenden Kokon, in dessen Innerem sich ein dunkler Umri� bewegte.</p><p>Sekundenlang stand ich wie gel�hmt da und starrte das grausige Bild an. Weder das Ungeheuer noch der Mann hatten bisher von meiner Anwesenheit Notiz genommen, sondern konzentrierten sich v�llig auf die Spinnen und ihr gesch�ftiges Tun.</p><p>F�r einen Augenblick war ich unaufmerksam; und um ein Haar h�tte mich dieser Moment das Leben gekostet!</p><p>Ich h�rte die Schritte im letzten Moment, aber meine Reaktion kam zu sp�t. Ein harter Tritt traf meine Kniekehle und lie� mich zusammenbrechen, gleichzeitig schlang sich ein Arm von hinten um meinen Hals und dr�ckte zu.</p><p>Ich schrie auf, stemmte mich instinktiv gegen den Druck und drehte gleichzeitig den K�rper zur Seite, so weit es der m�rderische Griff des anderen zulie�. Gleichzeitig rammte ich dem Mann den Ellbogen in den Leib, so hart ich konnte. Im ersten Moment schien es, als w�rde der Bursche den Schlag ohne sp�rbare Reaktion hinnehmen, aber dann merkte ich, wie sich sein Griff lockerte. Ein leises St�hnen drang an mein Ohr.</p><p>Ich schlug noch einmal zu, machte gleichzeitig einen halben Schritt zur�ck und warf mich dann mit aller Kraft vor. Der Mann wurde nach vorne gerissen, segelte �ber meinen gekr�mmten R�cken hinweg und schlug auf dem steinernen Boden auf.</p><p>Aber er kam fast schneller wieder auf die F��e, als er gest�rzt war. Mit einer ungeheuer flinken, quirlenden Bewegung sprang er hoch, stie� ein w�tendes Fauchen aus und drang mit wirbelnden F�usten erneut auf mich ein. Mir blieb kaum Zeit, mich von meinem Schrecken zu erholen und auf seinen neuerlichen Angriff vorzubereiten.</p><p>Es war Carradine. Wir hatten bei allem, was geschehen war, Boldwinns verkr�ppelten Diener glattweg vergessen, aber ich erkannte die kleine, irgendwie verschrobene Gestalt sofort wieder.</p><p>Und wenn er auch verkr�ppelt war, so war er doch erstaunlich kr�ftig. Allein mit der Wucht seines ungest�men Angriffes trieb er mich zur�ck. Ich taumelte, prallte gegen den T�rrahmen und ri� sch�tzend die Arme hoch, um mein Gesicht vor seinen gnadenlosen Schl�gen zu sch�tzen. Seine Hiebe kamen so schnell hintereinander, da� ich nicht einmal eine Chance hatte, sie abzuwehren oder gar zur�ckzuschlagen.</p><p>�Carradine!� dr�hnte eine Stimme. �T�ten Sie ihn!�</p><p>F�r einen winzigen Moment war er abgelenkt. Und ich nutzte meine Chance!</p><p>Blitzschnell trat ich einen Schritt zur Seite, schlug seine Faust weg und versetzte ihm einen Hieb genau auf die Kinnspitze.</p><p>Carradine taumelte. Seine Augen wurden glasig. Einen Moment lang stand er reglos da, dann kippte er, ganz langsam, als leiste irgend etwas in ihm immer noch Widerstand, zur Seite und blieb reglos liegen.</p><p>Aber meine Lage war aussichtsloser als zuvor!</p><p>Der zweite Mann und das Monster waren herumgefahren, und die wenigen Augenblicke, die mich Carradine abgelenkt hatte, hatten ihnen gereicht. Ich war in die Enge getrieben, und eine Gegenwehr war sinnlos. �Craven!� keuchte der Mann. Ich kannte ihn nicht, aber er schien mich sehr genau zu kennen. Sein Blick spr�hte vor Ha�.</p><p>Irgendwie wirkte er bedrohlich, auf eine schwer in Worte zu fassende Art.</p><p>Eine Sekunde lang starrte ich ihn an. Er hielt meinem Blick gelassen stand, l�chelte schlie�lich sogar und kam einen Schritt n�her.</p><p>Und genau darauf hatte ich gewartet. Blitzschnell fuhr ich herum, trat ihm vors Knie und versetzte ihm einen Sto�, der ihn haltlos zur�cktaumeln lie�. Gleichzeitig wirbelte ich herum und versuchte mit einem verzweifelten Satz, die T�r zu erreichen.</p><p>Aber das schwarze Ungeheuer war schneller. Zwei, drei seiner schwarzen Schlangenarme peitschten in meine Richtung, wanden sich wie d�nne, schleimige Vipern um meine Arme und rissen mich mit einer brutalen Bewegung herum.</p><p>Ich schrie auf. Meine Haut brannte wie Feuer, wo sie von der des Ungeheuers ber�hrt wurde. Ein bet�ubender Schmerz peitschte durch meine Arme, explodierte in meinen Schultern und l�hmte meinen K�rper. Der Kellerraum schien vor meinen Blicken zu verschwimmen. Das Ungeheuer ragte wie ein gewaltiger, verzerrter Schatten �ber mir auf. Seine Arme hatten sich von meinen Handgelenken gel�st, aber ich war trotzdem unf�hig, mich zu r�hren.</p><p>�Sie werden sterben, Craven�, sagte der Mann. �Sie h�tten nicht hierher kommen sollen.� Er sprach ganz ruhig, beinahe tonlos. Und trotzdem traf mich jedes seiner Worte wie ein Hieb. Ich versuchte mich zu bewegen, aber es ging nicht.</p><p>Zitternd kam das Ungeheuer n�her. Die blutigen Schleier vor meinen Augen lichteten sich, aber ich vermochte seinen K�rper trotzdem nicht viel klarer zu erkennen als bisher. Sein Leib war riesig, viel gr��er als der eines Menschen und massig wie ein B�r. Dutzende von peitschenden, ineinander verwundener Tentakeln wuchsen aus seinen Schultern, und sein Kopf wurde fast zur G�nze von einem einzigen, blutrot leuchtenden Auge eingenommen. Seine Tentakeln bewegten sich zitternd vor meinem Gesicht auf und ab, aber irgend etwas schien es noch davon abzuhalten, mich zu ber�hren.</p><p>Daf�r geschah etwas anderes. Eine Anzahl der Spinnen, die bisher keinerlei Notiz von mir genommen hatten, l�ste sich aus der wimmelnden Masse und huschte auf wirbelnden Beinen auf mich zu, ber�hrten vorsichtig meine Schuhe und meine Hosenbeine - und begannen mich einzuspinnen!</p><p>Mein Blick suchte den gl�nzenden, wei�en Kokon in der Ecke. Und pl�tzlich wu�te ich, was der dunkle Umri� hinter der schimmernden Spinnseide zu bedeuten hatte. Es war der K�rper eines Menschen.</p><p>Jennys K�rper!</p><p>Mit einem gellenden Schrei erwachte ich aus meiner Erstarrung, schleuderte die Spinnen davon und taumelte zur�ck. Das Ungeheuer stie� ein w�tendes Zischen aus und schlug mit seinen Tentakeln nach mir. Ich duckte mich, zerrte mit einer verzweifelten Bewegung meinen Stockdegen aus dem G�rtel und schlug nach ihnen, aber der geschliffene Stahl prallte von der z�hen Haut der Bestie ab. Das w�tende Zischen des Monstrums verst�rkte sich. Ich sah, da� aus den Enden seiner Schlangenarme d�nne, nadelscharf auslaufende Horndolche wuchsen. An ihren Enden glitzerten Tropfen einer farblosen Fl�ssigkeit.</p><p>�Widerstand ist sinnlos, Craven�, sagte der Mann. �Sie h�tten nicht kommen sollen. Sie k�nnen den Meister nicht besiegen. Niemand kann das. Ihr Erscheinen wird alles nur noch beschleunigen. Jetzt hat er die Lebenskraft von zwei Menschen, um das Tor zu �ffnen.�</p><p><emphasis>Das Tor?</emphasis></p><p>Es dauerte einen Moment, bis ich begriff.</p><p>Bis ich begriff, da� ich einem der <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>selbst gegen�berstand ...</p><p>�Nein�, murmelte ich. �Das ...�</p><p>Der Mann lachte. �Doch, Craven. Sie selbst werden es sein, der den Untergang Ihrer l�cherlichen Welt beschleunigt. Aber es h�tte nichts ge�ndert, wenn Sie nicht gekommen w�ren. So geht es nur schneller.�</p><p>Das Monster kam n�her. Seine Tentakel peitschten, �ffneten sich wie zu einer schwerf�lligen, t�dlichen Umarmung ...</p><p>Irgendwo hinter ihm bewegte sich etwas. Es war Carradine, der m�hsam wieder auf die F��e kam und sich aus verschleierten Augen umsah. Er war noch immer benommen und schien M�he zu haben, sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Verwirrt blickte er erst mich <emphasis>an, </emphasis>dann das Ungeheuer und schlie�lich den jungen Mann.</p><p>�Charles?� murmelte er. �Du ...?�</p><p>�Charles? <emphasis>Sie </emphasis>sind Charles? Der Mann, dessen Namen Jenny gerufen hat?�</p><p>F�r den Bruchteil eines Augenblickes wirkte Charles verunsichert. Ein sonderbarer Ausdruck blitzte in seinen Augen auf, eine Mischung aus Unglauben und Schrecken. Aber nur f�r einen kurzen Moment. Dann verschleierte sich sein Blick wieder.</p><p>�Jenny ...� murmelte Carradine. �Wo ... ist sie.� Pl�tzlich begann seine Stimme zu beben. �Was hast du mit ihr gemacht?�</p><p>�Halten Sie den Mund, Carradine�, sagte Charles ver�rgert. �Sie ...�</p><p>Carradine sprang mit einem Schrei vor, packte Charles an den Schultern und versuchte ihn zu sch�tteln, aber Charles versetzte ihm einen Sto� vor die Brust, der ihn zur�cktaumeln lie�. Carradine stolperte, verlor das Gleichgewicht - und st�rzte mit einem Schrei durch den glitzernden Vorhang aus Spinnenseide.</p><p>Dahinter kam ein reglos ausgestreckter, fast zur G�nze in gl�nzendes, wei�es Gewebe eingesponnener Kokon zum Vorschein. Der K�rper eines jungen M�dchens ...</p><p>Carradines Schrei hatte nichts Menschliches mehr. Der Anblick schien den hypnotischen Bann, der sich um seinen Geist gelegt hatte, vollends zu zerbrechen. Seine Finger zerrten an dem wei�en Kokon, der den K�rper umgab, zerrissen das empfindliche Gewebe.</p><p>�Carradine!� Charles' Stimme �berschlug sich fast. �H�ren Sie auf!�</p><p>Carradine reagierte nicht. Wie ein Tobs�chtiger zerrte und ri� er an dem Spinngewebe, zerfetzte in Sekunden den Kokon, an dem die Tiere stundenlang gearbeitet haben mu�ten.</p><p>�H�ren Sie auf!� schrie Charles. �Sie machen alles zunichte, Sie Narr!� Er st�rzte vor, brach r�cksichtslos durch den Vorhang aus Spinnseide und versuchte, Carradine zur�ckzuzerren.</p><p>Carradine wirbelte herum. Sein verunstaltetes Gesicht zuckte vor Schmerz und Grauen. Mit einer blitzschnellen, kraftvollen Bewegung zuckten seine H�nde vor, krallten sich um Charles' Kehle und dr�ckten zu. Charles keuchte. Verzweifelt warf er sich zur�ck, zerrte einen Moment an Carradines Handgelenken und begann mit den F�usten auf sein Gesicht einzuschlagen. Ich sah, wie Carradines K�rper unter den Schl�gen erzitterte. Seine Augenbrauen und Lippen platzten auf, Blut flo� �ber sein Gesicht und verwandelte es in eine furchteinfl��ende Fratze.</p><p>Aber Angst und Verzweiflung schienen Carradine �bermenschliche Kr�fte zu geben. Seine H�nde krallten sich nur noch fester um Charles' Kehle und dr�ckten fest zu. Allm�hlich begannen Charles' Schl�ge an Kraft zu verlieren.</p><p>Der <emphasis>GROSSE ALTE stie� </emphasis>ein fast kl�gliches Zischen aus. Seine Tentakel peitschten. Der Blick seines einzigen, flammendroten Auges wanderte unentschlossen zwischen mir und den K�mpfenden hin und her. Ich sp�rte, wie das Band aus magischer Energie, das sich zwischen ihm und dem hilflos daliegenden M�dchen gespannt hatte, d�nner wurde und nahezu zerri�. Und ich sp�rte auch, da� das Ungeheuer f�r einen Moment abgelenkt und verwirrt war.</p><p>Mit einer entschlossenen Bewegung ri� ich meinen Degen hoch, umklammerte ihn mit beiden H�nden und stie� mit aller Macht zu. Das Ungeheuer wirbelte herum. Seine Tentakeln peitschten nach meinem Gesicht.</p><p>Der Schmerz war unbeschreiblich. Ein wei�gl�hender Dolch schien sich rief in meinen Sch�del zu bohren. Ich schrie, taumelte, von der Wucht meiner eigenen Bewegung nach vorne gerissen, weiter auf das Monster zu. Der Degen blitzte auf, zuckte auf das lidlose Auge des Ungeheuers herab - und bohrte sich bis zum Griff hinein!</p><p>Das Ungeheuer begann zu schreien, hoch, spitz und schrill wie ein verwundetes Tier. Seine Tentakeln schlugen in irrsinniger Raserei, aber die Hiebe waren nicht mehr gezielt und nur noch ein Ausdruck seines Schmerzes. Sein K�rper begann zu zucken und beben. Das flammende Auge war erloschen. Schw�rzliche, z�he Fl�ssigkeit sickerte aus dem zerfransten Loch, das einmal sein Auge gewesen war.</p><p>Aber davon bemerkte ich kaum noch etwas. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit verlor ich das Bewu�tsein.</p><empty-line/><p>Ich war nicht mehr allein, als ich erwachte. Sonnenschein kitzelte mein Gesicht, und irgendwo in meiner N�he waren Stimmen; Stimmen, die sich ged�mpft unterhielten, ohne da� ich die Worte verstanden h�tte. Ich versuchte die Augen zu �ffnen, blinzelte und pre�te erschrocken die Lider wieder zusammen, als grelles Sonnenlicht wie eine d�nne Nadel in meine Augen stach. In meinem Kopf nistete ein dumpfer, pochender Schmerz.</p><p>�Er kommt zu sich.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis ich die Stimme erkannte. Und es dauerte noch l�nger, bis mir klar wurde, da� ich nicht mehr in der unterirdischen H�hle war. Ich lag auf einer weichen, k�hlen Unterlage, und von irgendwoher kam ein wohltuender k�hler Hauch.</p><p>Zum zweiten Mal �ffnete ich die Augen, und diesmal gelang es mir, sie offen zu halten.</p><p>Ich lag auf einem Bett in einem kleinen, behaglich eingerichteten Zimmer. Das Fenster stand weit offen und lie� das Licht der Morgensonne und den Gesang von V�geln herein.</p><p>Howard sa� neben mir auf der Bettkante. �Nun?� fragte er leise. �Wieder unter den Lebenden?�</p><p>�Unter den ...� Ich versuchte mich aufzurichten, aber Howard stie� mich kurzerhand in die Kissen zur�ck. �Was ... ist passiert?� fragte ich stockend.</p><p>Howards L�cheln erlosch schlagartig. �Das h�tte ich gerne von dir erfahren�, sagte er. �Du erinnerst dich nicht?�</p><p>Einen Moment lang versuchte ich es, aber hinter meiner Stirn wirbelten die Gedanken durcheinander. �Die H�hle�, murmelte ich. �Wo ist ...�</p><p>�H�hle?� Howard runzelte die Stirn. �Was f�r eine H�hle? Wir haben dich hier gefunden�, sagte er mit einer Geste, die das ganze Zimmer einschlo�. �Du hast geschrien und wie ein Wilder um dich geschlagen. Was ist blo� passiert?�</p><p>Ich antwortete nicht gleich. Der Schmerz hinter meiner Stirn sank langsam zu einem dumpfen, mehr st�renden als wirklich schmerzhaften Pochen herab, und im gleichen Ma�e, in dem er nachlie�, kehrten meine Erinnerungen zur�ck.</p><p>Rowlf erschien neben dem Bett und reichte mir schweigend ein Glas. Ich sah, wie sein Blick flackerte, als er in mein Gesicht sah, schenkte dem aber keine Beachtung. �Ich war in einer Art... H�hle�, murmelte ich nach einem ersten, fast gierigen Zug. �Ich ... ich wei�, da� es sich verr�ckt anh�rt, aber ...�</p><p>Howard l�chelte. �Nach allem, was passiert ist, h�rt sich wohl nichts mehr verr�ckt an, f�rchte ich.�</p><p>�Nach allem, was ...� Ich erschrak. �Wo sind wir? Was ist mit...�</p><p>Howard dr�ckte mich erneut mit sanfter Gewalt auf das Bett zur�ck. �Es ist alles in Ordnung�, sagte er. �Wir sind wieder in der Gegenwart. Es hat aufgeh�rt, kurz nachdem du verschwunden warst.�</p><p>�Aber wieso?�</p><p>�Ich hatte gehofft, die Antwort darauf von dir zu bekommen�, murmelte Howard. �Ich wei� nicht, was geschah - es hat einfach aufgeh�rt.� Er schnippte mit den Fingern. �Einfach so.�</p><p>�Einfach ...� Um ein Haar h�tte ich gelacht. �Wenn das einfach war ...� Ich seufzte, trank einen weiteren Schluck und begann zu erz�hlen. Howard h�rte mir schweigend zu, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen, aber der Ausdruck auf seinen Z�gen verd�sterte sich mit jedem Wort, das er h�rte.</p><p>�Das ist alles�, sagte ich, als ich zu Ende berichtet hatte. �Ich verlor das Bewu�tsein. Das n�chste, woran ich mich erinnere, ist dieses Zimmer. Ich ... ich habe keine Ahnung, wo die H�hle geblieben ist, und der ...�</p><p>�Der GROSSE <emphasis>ALTE�, </emphasis>sagte er, als ich nicht weitersprach. Sein Gesicht war ausdruckslos, aber seine Stimme bebte vor unterdr�ckter Furcht. �Sprich es ruhig aus. Du wei�t es doch sowieso.�</p><p>�Ich ... habe es bef�rchtet�, fl�sterte ich. Selbst die Erinnerung an das scheu�liche Monster lie� etwas in mir sich zusammenkrampfen.</p><p>�Du warst in ihrer Welt�, murmelte Howard. �Es war ein Teil ihrer Welt, den du gesehen hast. Und dieses M�dchen ...�</p><p>�Jenny.�</p><p>Howard nickte traurig. �Nach allem, was du erz�hlt hast, f�rchte ich, da� sie nicht mehr am Leben sein wird.�</p><p>Ich antwortete nicht. Ich hatte sie niemals wirklich zu Gesicht bekommen und kannte eigentlich nicht mehr als ihren Namen. Und trotzdem erschreckte mich der Gedanke zutiefst.</p><p>Howard schien das zu sp�ren. �Es ist besser f�r sie, wenn sie tot ist�, sagte er sanft. �Niemand �berlebt es, mit dem Bewu�tsein eines <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>verbunden zu sein. Und selbst wenn sie lebt, ist sie in ihrer Zeit gefangen. Du kannst nichts mehr f�r sie tun.� Er seufzte, schlo� einen Moment die Augen und fuhr dann mit ver�nderter Stimme fort: �Das erkl�rt alles.�</p><p>�Was erkl�rt <emphasis>was?� </emphasis>fragte ich betont.</p><p>Howard sah mich erneut auf diese sonderbare Art an, sch�ttelte ein paarmal den Kopf und stand auf. Ich h�rte ihn eine Zeitlang hinter mir hantieren, dann kam er zur�ck und setzte sich wieder auf die Bettkante. In den H�nden hielt er einen Spiegel. �Sieh hinein�, sagte er.</p><p>Ich gehorchte.</p><p>Fast eine Minute lang sa� ich da, starr vor Schrecken und zu nichts anderem f�hig, als mein eigenes Spiegelbild anzustarren. Mein Gesicht wirkte eingefallen und m�de. Auf meiner Wange war ein neuer, blutiger Kratzer, und dar�ber ...</p><p>Die Klaue des GROSSEN ALTEN hatte eine tiefe, bis auf den Knochen reichende Wunde in meine Stirn gerissen, ein Schnitt, der von der Augenbraue bis zum Haaransatz reichte.</p><p>Und dort, wo er endete, war eine f�nf Zentimeter breite Str�hne meines Haares schlo�wei� geworden. Eine Str�hne, die wie ein gezackter Blitz geformt war und bis zum Scheitel emporreichte ...</p><p>Schlie�lich, nach einer Ewigkeit, wie es mir vorkam, brach Howard das Schweigen. �Du hast mich niemals gefragt, wie dein Vater an seine Verletzung gekommen ist, Robert�, sagte er. �Ich h�tte es dir sagen k�nnen.�</p><p>M�hsam l�ste ich den Blick vom Spiegel. Ich wu�te die Antwort, aber pl�tzlich hatte ich Angst, sie laut zu h�ren. �Er hat...�</p><p>�Das gleiche getan wie du�, sagte Howard. �Du hast uns alle gerettet, Junge�, murmelte er. �Aber ich will dir nichts vormachen. Fr�her oder sp�ter w�rdest du es sowieso erfahren. Du hast einen der <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>get�tet, genau wie dein Vater. Und du wei�t, was das bedeutet.�</p><p>Ich wu�te es.</p><p>Nat�rlich wu�te ich es. Ich hatte es gewu�t, im gleichen Moment, in dem ich mein Spiegelbild sah, die Str�hne schlohwei�en Haares, die mich endg�ltig zum Erben und Nachfolger meines Vaters machte, auch nach au�en hin.</p><p>Er und ich, wir beide hatten einen der schrecklichen D�monen aus der Vorzeit der Erde get�tet. Und er und ich hatten das gleiche Schicksal. Seines hatte sich erf�llt, und das meine w�rde sich erf�llen. Irgendwann.</p><p>Ich hatte einen GROSSEN ALTEN get�tet, und ich wu�te, was das bedeutete. Sie w�rden mich jagen. Sie w�rden mich mit ihrer Rache verfolgen, bis ans Ende der Welt, wenn es sein mu�te.</p><p>Und dar�ber hinaus.</p></section><section><title><p id="Im_Schatten_der_Bestie">F�nftes Buch - Im Schatten der Bestie</p></title><empty-line/><p>Wie oft nach einem schweren Sturm lag das Meer ruhig und schon fast unnat�rlich glatt da. Es war still, und selbst das Ger�usch des Windes, der die ganze Nacht lang um die Kanten und Grate der turmhohen Steilk�ste geheult und die Wellen in wei�er Gischt an ihrem Fu� hatte zerbersten lassen, war verstummt, als die Sonne aufgegangen war. Der einzige Laut, der die Stille durchbrach, waren die Schritte der drei M�nner, die sich vorsichtig dem Rand der grauwei� marmorierten Wand n�herten und in die Tiefe blickten.</p><p>Das gigantische graue Etwas, das sich lautlos der K�ste gen�hert hatte und lauernd zwischen den Riffen lag, bemerkte keiner von ihnen.</p><p>Bensens H�nde waren blutig und schmerzten, als er den Strand erreichte. Der Abstieg war nicht sehr gef�hrlich gewesen. Bensen war an der Steilk�ste aufgewachsen und schon als Kind in den W�nden herumgeklettert, und der Fels fiel an dieser Stelle nicht so glatt und lotrecht in die Tiefe wie andernorts, so da� selbst ein weniger ge�bter Kletterer die f�nfzig oder sechzig Fu� leicht h�tte bew�ltigen k�nnen. Aber die scharfen Kanten und Grate der Kreidefelsen hatten seine Haut aufgerissen, und das Salz, das der Sturm wie einen glitzernden Panzer auf dem Felsen zur�ckgelassen hatte, brannte h�llisch in den Wunden.</p><p>Bensen klaubte sein Taschentuch hervor und wischte sich das Blut von den Fingern, w�hrend er darauf wartete, da� die beiden anderen ihm folgten. Norris kletterte geschickt und z�gig �ber ihm den Felsen herab, w�hrend Mahoney noch immer grimassenschneidend - und vor Angst zitternd - auf einem schmalen Felsvorsprung stand und sich offensichtlich nicht entscheiden konnte, ob er sich nun vor Angst in die Hosen machen oder einfach umkehren sollte. Das letzte St�ck der Wand war das Schwierigste.</p><p>�Worauf wartest du, Floyd?� rief Bensen. �Der Fels wird sich deinetwegen kaum in eine Treppe verwandeln. Komm schon!�</p><p>�Ich ... verdammt, ich kann das nicht!� rief Mahoney zur�ck. �Ich bin nicht schwindelfrei, das wei�t du doch. <emphasis>Ich </emphasis>kann da nicht runtersteigen.�</p><p>�Dann spring von mir aus!� br�llte Bensen. �Ist doch nicht hoch. Und unten ist weicher Sand!�</p><p>�Springen?� Mahoney keuchte, und Bensen konnte selbst �ber die gro�e Entfernung hinweg sehen, wie er noch blasser wurde, als er ohnehin schon war. �Bist du verr�ckt geworden? Das sind zwanzig Fu�!�</p><p>Bensen grinste, trat einen Schritt von der Wand zur�ck, um Norris Platz zu machen, und drehte sich achselzuckend um. W�re es nach ihm gegangen, dann w�re Mahoney gar nicht erst mitgekommen. Aber Norris hatte darauf bestanden, ihn mitzunehmen, und vermutlich hatte er recht. Floyd Mahoney war vielleicht der gr��te Feigling, den es im Umkreis von hundert Meilen gab - aber er war auch der beste Taucher in Durness. Sie brauchten ihn. Vielleicht.</p><p>Norris landete mit einem federnden Satz neben ihm im Sand, richtete sich auf und betrachtete einen Moment lang stirnrunzelnd seine H�nde, die genauso zerschunden und blutig waren wie die Bensens. Dann drehte er sich um und blickte auf das Meer hinaus. Die Windstille hielt weiter an, und die Ebbe hatte den Wasserspiegel sinken lassen, so da� der Strand jetzt breiter war, drei�ig, vielleicht vierzig Fu� feuchtgl�nzender wei�er Sand, wo w�hrend der Nacht wei�e Gischt gekocht hatte. Zwischen Norris' Brauen entstand eine tiefe Falte, die ihn �lter und ernster aussehen lie�, als er war. �Nichts zu sehen�, murmelte er.</p><p>Bensen kramte eine Zigarette aus der Tasche und ri� mit klammen Fingern ein Streichholz an, ehe er antwortete. �War es deine Idee oder meine, hierher zu kommen?�</p><p>Die Falte zwischen Norris' Brauen vertiefte sich. �Verdammt, ich wei� schlie�lich, was ich gesehen habe�, sagte er unwillig. �Es ist hier.�</p><p>Bensen nahm einen tiefen Zug, hustete ein paarmal und schnippte die Zigarette mit einem Fluch in die Brandung. Der Rauch schmeckte bitter, und sein Atem ging noch immer keuchend und m�hsam. Die kurze Kletterpartie hatte ihn doch mehr angestrengt, als er bisher gemerkt hatte. Norris verfolgte sein Tun mit gerunzelter Stirn, h�tete sich aber, etwas zu sagen. Schweigend warteten sie, bis Mahoney m�hsam und umst�ndlich zu ihnen heruntergeklettert kam und sich zu ihnen gesellte. Sein Gesicht war bleich, und trotz der K�lte glitzerte feiner Schwei� auf seiner Stirn.</p><p>�Hat einer von euch eine Idee, wie wir wieder raufkommen?� fragte er leise.</p><p>Bensen grinste. �So, wie wir runtergekommen sind, Floyd. Klettern.�</p><p>Mahoney wurde noch blasser, verbi� sich aber vorsichtshalber jede Antwort und blickte an Bensen und Norris vorbei auf die See hinaus. Die Wellen waren flach und kraftlos geworden, und selbst das Ger�usch der Brandung war nur noch ein leises Murmeln, als h�tte der Ozean seine ganze Kraft verbraucht.</p><p>�Ich sehe kein Schiff�, sagte er nach einer Weile.</p><p>�Es ist aber da�, antwortete Norris. Seine Stimme klang beinahe trotzig. �Ich hab's ganz deutlich gesehen. Mu� ein Drei- oder Viermaster gewesen sein. Er war in der Mitte durchgebrochen, aber man konnte ...�</p><p>Bensen verdrehte die Augen und unterbrach ihn mit einer unwilligen Handbewegung. �Ist ja schon gut, Kleiner�, sagte er. �Wir glauben es dir. Au�erdem�, f�gte er nach sekundenlangem �berlegen und mit ver�nderter Stimme hinzu, �ist es ziemlich genau die Stelle, die mir dieser Verr�ckte beschrieben hat.� Er seufzte. �Fangen wir an.�</p><p>Norris l�ste schweigend die Schnallen seines Rucksackes und half Bensen, auch seine Last abzusetzen. Nur Mahoney r�hrte sich nicht.</p><p>�Was ist?� knurrte Bensen unwillig. �Keine Lust?�</p><p>�Nicht die geringste�, antwortete Mahoney kopfsch�ttelnd. �Die Sache gef�llt mir nicht, Lennard.� Er sch�rzte die Lippen, streifte nun doch den Rucksack von seinem R�cken und deutete mit einer Kopfbewegung auf das Meer hinaus. �Die See, ist zu ruhig. Und es ist verdammt kalt.�</p><p>�Das soll im November ab und zu vorkommen�, erwiderte Bensen spitz. �Was ist los mit dir? Hast du Angst vor einem Schnupfen?� Er lachte. �Phillips zahlt jedem von uns f�nfzig Pfund, Junge. Daf�r kann man sich auch mal nasse F��e holen, oder?�</p><p>�Darum geht es nicht�, murmelte Mahoney. �Ich ...� Er brach ab, seufzte h�rbar und sch�ttelte noch einmal den Kopf. �Mir gef�llt die ganze Sache einfach nicht, das ist alles.�</p><p>Norris wollte etwas sagen, aber Bensen hielt ihn mit einem raschen, warnenden Blick zur�ck. Er wu�te besser, wie er Mahoney zu behandeln hatte. �Mir auch nicht�, sagte er so sanft, da� Mahoney �berrascht aufsah. �Mir w�re auch wohler, wenn wir ein Boot und eine vern�nftige Ausr�stung h�tten, aber daf�r bleibt uns keine Zeit. Dieser Phillips wird Himmel und H�lle in Bewegung setzen, wenn er erst einmal wei�, da� das Schiff noch hier liegt, und ich will das Wrack untersuchen, ehe er es kann.�</p><p>Mahoney nickte, aber die Bewegung war kaum wahrnehmbar, und Bensen sp�rte, da� er noch lange nicht �berzeugt war. Sie hatten mehr als nur einmal dar�ber gesprochen. Eigentlich hatte es kaum ein anderes Thema gegeben, seit dieser sonderbare Mister Phillips und seine beiden noch sonderbareren Begleiter in die Stadt gekommen waren und angefangen hatten, Leute anzuheuern. Sie suchten ein Schiff. Ein Schiff, das vor gut drei Monaten hier vor der K�ste gesunken sein sollte. Und nach dem Aufwand, den sie trieben - und der Unmenge von Geld, die sie unter die Leute streuten -, mu�te es an Bord dieses Schiffes etwas ziemlich Wertvolles geben. Norris, Mahoney und er waren nicht die einzigen, die auf eigene Faust nach dem Wrack suchten. Aber Norris war der einzige, der das Gl�ck gehabt hatte, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein und zu sehen, wie das vom Sturm aufgepeitschte Meer einen Teil des Wracks freigegeben hatte.</p><p>�Wenn es wirklich da unten liegt, kommen wir sowieso nicht ran�, murmelte Mahoney. �Das Wasser ist hier ziemlich tief, und die Str�mung ...�</p><p>�Versuch es wenigstens, Floyd�, unterbrach ihn Bensen. �Selbst wenn du nicht rankommst, k�nnen wir wenigstens die Pr�mie kassieren, oder?�</p><p>Mahoney nickte widerstrebend. Phillips hatte eine Belohnung von hundertf�nfzig Pfund allein f�r den ausgesetzt, der das Schiff fand. Das Jahreseinkommen eines Arbeiters, dachte Bensen, nur f�r eine Information. Das Wrack mu�te mehr als nur einen Schatz bergen ...</p><p>�Na gut�, sagte er schlie�lich. �Ich probier's. Aber bildet euch blo� nicht ein, da� ich da runtergehe. Ich schwimme raus und sehe mich um, und das ist alles. Ich bin vielleicht ein bi�chen bl�d, aber nicht lebensm�de.�</p><p>�Das verlangt ja auch keiner�, sagte Norris rasch. �Wenn wir die genaue Lage wissen, besorgen wir uns ein Boot und eine anst�ndige Ausr�stung. Dann sehen wir weiter.�</p><p>Mahoney bedachte ihn mit einem undeutbaren Blick, zog eine Grimasse und begann sich umst�ndlich auszuziehen. Auch Bensen und Norris streiften rasch ihre Kleider ab und verstauten alles in den wasserdichten Rucks�cken, die sie mitgebracht hatten. Wenig sp�ter standen sie alle drei - nackt und in der Novemberk�lte erb�rmlich frierend - nebeneinander an der Flutlinie. Ein eisiger Hauch wehte ihnen von der Wasseroberfl�che aus entgegen. Bensen schauderte. Pl�tzlich war er gar nicht so sicher, da� es wirklich eine gute Idee gewesen war, auf eigene Faust nach dem Wrack zu suchen.</p><p>�Viel Zeit haben wir nicht�, sagte Norris pl�tzlich. Bensen sah ver�rgert auf, schwieg aber, als er in die Richtung blickte, in die Norris' Hand deutete. �ber dem Horizont ballten sich schon wieder schwarze, drohende Gewitterwolken zusammen. Nichts Besonderes in dieser Jahreszeit, dachte Bensen, und vielleicht harmlos. Aber es konnte genausogut eine Fortsetzung des Sturmes bedeuten. Schaudernd dachte er an das Unwetter, das die ganze Nacht hindurch �ber der K�ste getobt hatte. Wenn es wieder losging und sie dann noch im Wasser oder auch nur hier unten am Strand waren ...</p><p>Er vertrieb den Gedanken, drehte sich zu Mahoney um und half ihm, das Seil um die H�ften zu schlingen und sicher zu verknoten.</p><p>Das Wasser war eisig. Bensen hatte das Gef�hl, da� seine Beine entlang einer d�nnen, rasch h�her steigenden Linie absterben w�rden, als sie tiefer ins Wasser hineingingen. Durchscheinender grauer Dunst kr�uselte sich von der Wasseroberfl�che empor, und wie um es ihnen besonders schwer zu machen, lebte nun pl�tzlich der Wind auch wieder auf und schleuderte ihnen K�lte und brennendes Salzwasser in die Gesichter.</p><p>Norris und er blieben stehen, als sie bis zu den H�ften im Wasser standen, w�hrend Mahoney, rasch und ohne sich auch nur noch einmal umzublicken, weiterging. Bensen umklammerte mit steifen Fingern das Seil und sah <emphasis>zu, </emphasis>wie Mahoney weiterging, erst bis zur Brust, dann bis zu den Schultern und dann bis zum Hals im Wasser verschwand. Schlie�lich blieb auch er stehen und drehte sich, jetzt bereits Wasser tretend, noch einmal zu ihnen um.</p><p>�Haltet blo� das Seil fest�, sagte er. �Wenn ich euch ein Zeichen gebe, dann zieht ihr mich raus, klar?�</p><p>�Klar!� schrie Bensen zur�ck. Instinktiv zog er das Seil straffer, bis er Widerstand f�hlte. Die Str�mungen an diesem Teil der K�ste waren ber�chtigt. Selbst ein so guter Schwimmer wie Mahoney konnte es nicht riskieren, ungesichert ins Wasser zu gehen.</p><p>Mahoney drehte sich wieder um, machte ein paar kr�ftige Z�ge und tauchte. Bensen lie� das Tau vorsichtig durch die Finger gleiten, w�hrend Mahoney unter Wasser weiter auf die Riffbarriere zuschwamm, die ein paar hundert Fu� vor der eigentlichen K�ste unter der tr�gerisch glatten Oberfl�che des Meeres lauerte. Es dauerte endlos, bis sein Kopf wieder durch den grauen Spiegel brach und er Luft holte, um erneut zu tauchen.</p><p>Bensen sah besorgt zum Himmel. Die Gewitterfront war nicht n�her gekommen, aber er wu�te, wie unberechenbar das Wetter gerade in diesem Teil der schottischen K�stenlandschaft war - was jetzt noch wie ein weit entferntes Herbstgewitter aussah, konnte in einer halben Stunde als tobender Orkan hiersein und das Meer in einen kochenden Hexenkessel verwandeln.</p><p>Das Seil in seinen H�nden zuckte. Bensen schrak aus seinen Gedanken hoch, tauschte einen raschen, alarmierten Blick mit Norris und zog das Tau straff.</p><p>Mahoney tauchte wieder auf, winkte mit beiden Armen und atmete ein paarmal tief durch. Seine Lippen waren blau vor K�lte. �Es ist hier�, rief er. �Fast genau unter mir.�</p><p>�Bist du sicher?� rief Bensen zur�ck.</p><p>�Ja!� Es war nicht nur die K�lte, die Mahoneys Stimme zittern lie�. �Ich kann es ganz genau sehen - es liegt auf der Seite. Die Reling ist keine zwei Meter unter Wasser. Gebt ein bi�chen mehr Leine - ich gehe noch mal runter!� Ehe Bensen und Norris noch etwas sagen konnten, war er erneut getaucht.</p><p>Diesmal blieb er lange unter Wasser, l�nger als zwei Minuten, sch�tzte Bensen. Das Seil zuckte in seinen H�nden, und ein paarmal glaubte er, einen Schatten unter der Wasseroberfl�che zu sehen, war sich aber nicht sicher.</p><p>Schlie�lich, als Bensen schon begann, sich Sorgen zu machen, tauchte Mahoney wieder auf. �Es ist hier�, rief er noch einmal. �Aber da ist noch etwas, Lennard. Ich ...�</p><p>Eine grauwei�e Font�ne scho� hinter ihm aus dem Meer. Mahoneys erschrockener Schrei ging im Toben und Gischten des Wassers unter. Ein m�rderischer Ruck ging durch das Seil in Bensens H�nden. Mahoney versank so schnell, als w�rde er von irgend etwas unter Wasser gezogen.</p><p>Eine Sekunde sp�ter tauchte er keuchend wieder auf, warf sich auf den R�cken und begann aus Leibeskr�ften zu schreien. �Holt mich raus!� br�llte er. �Um Himmels willen, <emphasis>zieht mich raus!� </emphasis>Sein Gesicht war verzerrt. Bensen sah, wie sich sein Mund zu einem lautlosen Schrei �ffnete, dann zerrte irgend etwas mit furchtbarer Kraft an dem Seil und ri� ihn nach vorne, gleichzeitig verschwand Mahoney wieder. Wei�e Gischt und Luftblasen markierten die Stelle, an der er versunken war.</p><p>Bensen stemmte sich mit aller Gewalt gegen das Seil, w�hrend Norris am anderen Ende des Taus zerrte, mit dem Mahoney gesichert war.</p><p>Trotzdem wurden sie weiter und weiter ins Meer hineingezogen. Bensen spreizte die Beine, warf sich zur�ck und spannte die Muskeln, aber seine F��e fanden auf dem lockeren Sand keinen Halt; er stolperte, fiel nach vorne und taumelte Schritt f�r Schritt tiefer ins Wasser hinein. Neben ihm schrie Norris vor Schrecken und Angst, aber das h�rte er kaum.</p><p>Dort, wo Mahoney versunken war, schien das Meer zu kochen. Wei�er Schaum brach sprudelnd an die Oberfl�che, dann erschien Mahoneys Hand, zu einer Kralle verkrampft, als suche er verzweifelt nach Halt. Etwas Gr�nes, Formloses griff pl�tzlich nach ihr, ringelte sich wie eine Peitschenschnur um sein Handgelenk und zerrte den Arm mit einem brutalen Ruck wieder unter die Wasseroberfl�che.</p><p>Der Anblick gab Bensen neue Kraft. Mit einer verzweifelten Anstrengung warf er sich zur�ck und zerrte und zog mit aller Gewalt am Seil. �Zieh, Fred!� keuchte er. �Verdammt, zieh ihn raus! Das mu� ein Oktopus sein oder sonstwas!�</p><p>Es war ein bizarrer, unwirklicher Kampf. Bensen wu�te hinterher nicht mehr, wie lange er gedauert hatte - Sekunden, Minuten, vielleicht auch Stunden. Das Meer kochte und sch�umte dicht vor ihnen, und ein paarmal tauchte Mahoneys Kopf aus dem Wasser auf, umschlungen von etwas Gr�nem und Gro�em, das mit schleimigen Tentakeln nach seinen Augen und seinem Mund tastete. Bensen sp�rte, wie seine H�nde erneut aufrissen und wieder zu bluten begannen, aber er mi�achtete den Schmerz und stemmte sich weiter gegen den m�rderischen Druck, der auf dem Seil lastete.</p><p>Und dann war es vorbei. Bensen sp�rte, wie sich das Seil noch einmal in seinen H�nden spannte, ihn mit m�rderischer Kraft ins Meer hineinzuzerren versuchte - und ri�!</p><p>Sein erschrockener Schrei erstickte, als er das Gleichgewicht verlor und nach hinten fiel. Er tauchte unter, schluckte Wasser und schlug einen Moment in blinder Panik um sich, ehe es ihm gelang, den Kopf �ber die Wasseroberfl�che zu bekommen und Luft zu holen. Er keuchte, fand wieder festen Grund unter den F��en und spie Wasser und bittere Galle aus. F�r einen Moment begannen sich das Meer, die K�ste und der Himmel um ihn zu drehen und einen irren Veitstanz aufzuf�hren. Die K�lte kroch weiter in seinen K�rper herein und l�hmte ihn, und ...</p><p>Und dann ber�hrte etwas seinen rechten Fu�!</p><p>Bensen schrie gellend auf. Die Ber�hrung war schleimig und weich, aber trotzdem von ungeheurer Kraft, und es war <emphasis>das Ding, das Mahoney umgebracht hatte!</emphasis></p><p>Mit einer verzweifelten Bewegung ri� Bensen seinen Fu� von dem schleimigen weichen Etwas weg, warf sich nach vorne und schwamm los, so schnell er konnte. Wieder schluckte er Wasser und hustete, aber er schwamm trotzdem weiter, kraulte, so schnell wie noch nie zuvor in seinem Leben. Die letzten zehn, f�nfzehn Yards legte er auf H�nden und Knien kriechend zur�ck.</p><p>Norris und er erreichten das Ufer nahezu gleichzeitig. Minutenlang blieben sie beide liegen, keuchend und bis zum Zusammenbruch ersch�pft, unf�hig, auch nur noch einen Schritt zu tun oder sich zu r�hren. In Bensens Ohren rauschte das Blut. Er zitterte vor K�lte, und sein Herz h�mmerte, als wollte es jeden Moment zerspringen.</p><p>Norris w�lzte sich m�hsam auf den R�cken, stemmte sich �chzend in eine halb sitzende Position hoch und zog die Knie an den K�rper. Er zitterte. Seine Z�hne schlugen vor K�lte klappernd aufeinander, �Mein Gott, Lennard�, stammelte er. �Er ... er ist tot. Mahoney ist tot. Er ist... er ist ertrunken.�</p><p>Auch Bensen richtete sich wieder auf. Die K�lte war qualvoll, und der Wind schnitt wie mit unsichtbaren Messern in seine Haut, aber schlimmer als die �u�ere K�lte war das eisige Gef�hl, das sich langsam in seinem Inneren auszubreiten begann. M�hsam hob er die Hand, rieb sich das Salzwasser aus den Augen und atmete rasselnd ein.</p><p>�Nein�, sagte er, ganz leise, aber sehr entschieden. �Er ist nicht ertrunken, Fred.�</p><p>Norris sah ihn verst�rt an, schluckte ein paarmal und sah wieder auf das Meer hinaus. Das Wasser hatte aufgeh�rt zu brodeln. Der Ozean lag tr�gerisch ruhig da, wie ein gro�es, glattes Grab.</p><p>�Er ist nicht ertrunken, Fred�, sagte Bensen noch einmal. Wieder schwieg er einen Moment, ballte die Faust und blickte dahin, wo Mahoney versunken war. �Irgend etwas hat ihn umgebracht�, sagte er und ballte die Faust. �Und ich schw�re dir, da� ich herausfinden werde, was.�</p><p>Norris' Blick flackerte. Sein Gesicht war so wei� wie der Strand, auf dem sie hockten, und sein Atem ging noch immer schnell und unregelm��ig. �Und ... wie?� fragte er.</p><p>�Phillips�, knurrte Bensen. �Dieser Phillips wird <emphasis>es </emphasis>wissen.� Er stand auf, stutzte einen Moment und b�ckte sich wieder. Ein d�nner, grauer Faden, wie ein St�ck schon halb verfaulter Seetang, ringelte sich um seinen rechten Fu�kn�chel, genau da, wo er die Ber�hrung gesp�rt hatte. Bensen schauderte, als der Anblick noch einmal die Erinnerung an das schleimig-weiche Gef�hl in ihm erweckte. Hastig b�ckte er sich, streifte das Ding ab und rieb sich angeekelt die Finger im Sand sauber. Dann richtete er sich auf.</p><p>�Komm�, sagte er. �Gehen wir, ehe der Sturm losbricht. Ich habe ein paar Fragen an diesen Mister Phillips.�</p><empty-line/><p>Nachts kamen noch immer die Alptr�ume. Es war stets der gleiche Traum, immer die gleiche, schreckliche Folge von Szenen und Bildern, ohne da� ich mich hinterher konkret daran erinnern konnte, was genau ich getr�umt hatte, aber ich erwachte fast regelm��ig schreiend und schwei�gebadet, und ein paarmal - jedenfalls erz�hlte mir Howard dies sp�ter - mu�ten er und Rowlf mich mit aller Kraft halten, weil ich um mich schlug und mich selbst zu verletzen drohte. Ich konnte mich nie an den Traum erinnern, nur an Bruchst�cke: ein Mann spielte darin eine Rolle, ein Mann mit Bart und einer wei�en, in der Art eines Blitzes gezackten Haarstr�hne, die �ber seiner linken Augenbraue begann und sich fast bis zum Scheitel hinaufzog, und andere, schlimme Wesen, die ich nicht genau zu erkennen vermochte: Wesen aus Schw�rze und gestaltgewordener Furcht, peitschenden Tentakeln und furchtbaren Papageienschn�beln, von denen Blut tropfte. Und Stimmen. Stimmen, die in einer Sprache redeten, die ich nicht verstand, und die �lter war als die menschliche Rasse, vielleicht �lter als das Leben �berhaupt. Und vielleicht war es auch gut, da� ich mich nie an Einzelheiten erinnern konnte. Vielleicht w�re mein Verstand endg�ltig zerbrochen, h�tte ich mich genau erinnert. Es war schon so schlimm genug - die Bilder, die ich nicht vergessen hatte, waren verschleiert und bla�, wie hinter Nebel oder treibendem, dichtem Dunst verborgen: Landschaften, vielleicht auch St�dte, vorwiegend in Schwarz und anderen, d�steren Farben, f�r die es in der menschlichen Sprache keine Worte gab, bizarr verdrehte und verzerrte Dinge, schwarze Seen aus Teer oder fl�ssigem Pech, an deren Ufern sich namenlose Scheu�lichkeiten suhlten ...</p><p>Ich sch�ttelte die Bilder m�hsam ab, trat ans Fenster und atmete tief ein. Es war kalt, und die Luft roch nach Schnee und Salzwasser. Einen Moment lang blieb ich reglos am ge�ffneten Fenster stehen, atmete tief durch und geno� das Gef�hl prickelnder K�lte, das sich in meiner Kehle breitmachte. Es war angenehm, dicht an der Grenze zum Schmerz, aber die K�lte vertrieb - wenigstens f�r einige kurze Augenblicke - auch das dumpfe Gef�hl aus meinem Sch�del und lie� mich wieder klar denken. Fast eine Minute lang blieb ich reglos so stehen, atmete tief und bewu�t durch und blickte auf die Stra�e hinab. Es war fast Mittag, und die Stra�e war voller Menschen; Menschen, die gesch�ftig ihrer Wege gingen und die Dinge tun, die Menschen nun einmal tun, an einem ganz normalen Novembertag. Das Bild war von einer sonderbaren Friedfertigkeit; w�ren die dunklen Gewitterwolken nicht gewesen, die wie ein unregelm��iger schwarzer Strich �ber dem Horizont im Osten brodelten und ab und zu ein leises, drohendes Grollen h�ren lie�en, h�tte man es fast idyllisch nennen k�nnen. Eine Zeitlang blickte ich schweigend auf die Stra�e hinab, dann trat ich zur�ck, schlo� das Fenster und drehte mich zu Howard um.</p><p>�Du hast mir nicht alles gesagt�, sagte ich.</p><p>Howard lie� langsam seine Zeitung sinken, sah mich an und l�chelte m�de. Er wirkte ersch�pft. Unter seinen Augen lagen tiefe, schwarz unterlaufene Ringe, und seine Finger zitterten fast unmerklich, als er die Zeitung zusammenfaltete. Im Gegensatz zu mir hatte er in der vergangenen Nacht kein Auge zugemacht. Rowlf und er wechselten sich darin ab, an meinem Bett Wache zu halten, und in dieser Nacht war er an der Reihe gewesen.</p><p>Er g�hnte, warf die Zeitung achtlos neben sich auf den Boden, stand auf und trat an den Kamin, um die H�nde �ber die prasselnden Flammen zu halten. Er zitterte. Die Novemberk�lte war ins Zimmer gekrochen, w�hrend das Fenster offengestanden hatte. Ich sp�rte sie empfindlich durch das d�nne Nachthemd hindurch. F�r Howard, �berm�det und ersch�pft, wie er war, mu�te sie doppelt unangenehm sein. Aber er machte keine Anstalten, mir zu antworten.</p><p>�Also?� fragte ich ungeduldig. Meine Stimme zitterte ein wenig, aber ich war mir selbst nicht ganz sicher, ob es nun an der K�lte oder dem Zorn lag, den ich versp�rte. Es war beileibe nicht das erste Mal, da� ich Howard - oder auch Rowlf, je nachdem, wer von beiden gerade greifbar war - diese Frage stellte. Und nat�rlich w�rde er mir entweder gar nicht oder mit den �blichen Ausfl�chten antworten.</p><p>�Was - also?� fragte Howard. Er seufzte, drehte sich herum und sah mich mit einer Mischung von Mitleid und Sorge an, die mich rasend machte. Seit wir in Durness angekommen waren und ich das erste Mal aus meinen Fieberphantasien aufgewacht war, sah er mich mit diesem Blick an. Einem Blick, mit dem man ein krankes Kind oder einen Sterbenden bedachte. Aber ich war weder das eine noch das andere.</p><p>F�r einen Moment wurde mein Zorn �berm�chtig. W�tend hob ich die H�nde, trat auf ihn zu und funkelte ihn an. �Spiel nicht den Dummen, Howard�, sagte ich. �Du wei�t ganz genau, was ich meine. Seit wir aus London abgereist sind, weichst du mir aus oder tust so, als verst�ndest du mich nicht. Ich will endlich wissen, was hier gespielt wird.�</p><p>Howard seufzte. �Du bist immer noch krank, Junge�, sagte er. �Warum wartest du nicht ab, bis ...�</p><p>Ich brachte ihn mit einer w�tenden Handbewegung zum Verstummen. �H�r auf, Howard�, sagte ich. �Ich bin kein dummes Kind, mit dem du so reden kannst. Seit einer Woche liege ich in diesem Bett und tue nichts, und du sitzt mit Leichenbittermiene neben mir und siehst mich an, als m��test du bereits Ma� f�r meinen Sarg nehmen.�</p><p>�Wenn es nur das w�re�, murmelte Howard. �Wenn nur unser Leben in Gefahr w�re, w�re ich halb so besorgt. Aber so ...� Er seufzte, ging an mir vorbei und lie� sich wieder in den Sessel fallen, in dem er die ganze Nacht gewacht hatte.</p><p>�Schon wieder eine Andeutung�, sagte ich. Aber der Zorn in meiner Stimme war nicht echt, und ich sp�rte, wie sich - wieder einmal - Resignation in mir breitmachte. Es war einfach unm�glich, sich mit Howard zu streiten, wenn er es nicht wollte. Einen Moment lang starrte ich ihn noch an, dann ging ich zu meinem Bett zur�ck und b�ckte mich nach meinen Kleidern. Eine Woche Unt�tigkeit war genug.</p><p>�Was tust du da?� fragte Howard. Seine Stimme klang nicht sehr interessiert, sondern eher gelangweilt.</p><p>�Ich ziehe mich an�, erwiderte ich w�tend, w�hrend ich schon in meine Hose schl�pfte - wenigstens versuchte ich es. Aber kaum hatte ich mich geb�ckt, wurde mir schwindelig, und das n�chste, woran ich mich erinnerte, war Howards Gesicht �ber mir und das harte Holz des Fu�bodens unter meinem Hinterkopf.</p><p>�Na�, sagte er ruhig. ��berzeugt?�</p><p>Ich antwortete nicht. Es war nicht das erste Mal, da� ich einen Schw�cheanfall wie diesen hatte. Seit meiner Begegnung mit dem <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>kamen sie regelm��ig, nicht ganz so h�ufig wie die Alptr�ume, aber genauso beharrlich. Und sie wurden schlimmer, nicht schw�cher. Nicht sehr stark, aber unbarmherzig. Beim ersten Mal war es nur eine rasche, vor�bergehende �belkeit gewesen, begleitet von einem beinahe angenehmen Schwindelgef�hl. Jetzt hatte ich f�r Sekunden das Bewu�tsein verloren ...</p><p>�Howard�, murmelte ich. �Ich ...�</p><p>�Schon gut.� Howard l�chelte, streckte die Hand aus und half mir, aufzustehen und mich wieder auf die Bettkante zu setzen. �Ich verstehe dich ja, Robert�, murmelte er, �Wenn ich du w�re, dann w�re ich wahrscheinlich genauso ungeduldig.� Pl�tzlich l�chelte er. �Wahrscheinlich h�tte ich es nicht einmal eine Woche ausgehalten. Aber du brauchst Ruhe. Deine Verletzung ist viel ernster, als du glaubst.�</p><p>Instinktiv tastete ich nach der Wunde an meiner Stirn. Der fingerlange Ri� war l�ngst verheilt, und alles, was zur�ckgeblieben war, war eine d�nne, nur bei genauem Hinsehen �berhaupt sichtbare, wei�e Narbe. Und die wei�e Haarstr�hne. Ein Streifen schlohwei�en Haares, gezackt wie ein Blitz, die �ber meiner rechten Braue begann und sich bis zum Scheitel hinaufzog, wie ein Stigma, ein Zeichen, mit dem ich f�r den Rest meines Lebens gebrandmarkt war.</p><p>�Du mu�t dich schonen, Robert�, fuhr Howard fort. �Ich meine es ernst. Du hast etwas �berlebt, was kein normaler Mensch �berlebt h�tte. Eigentlich reicht der blo�e Anblick eines <emphasis>GROSSEN ALTEN, </emphasis>einen Menschen zu t�ten, oder zumindest in den Wahnsinn zu treiben. Dein Vater, Robert, lag damals ein halbes Jahr auf Leben und Tod.�</p><p>�Das ist es ja gerade, was ich meine�, antwortete ich d�ster. �Ich <emphasis>bin </emphasis>kein normaler Mensch, Howard. Ich will endlich wissen, was mit mir los ist. Wer ich bin.�</p><p>�Der Sohn deines Vaters�, antwortete Howard ruhig.</p><p>�Und wer war mein Vater? <emphasis>Au�er </emphasis>Roderick Andara, dem Hexer?�</p><p>Diesmal antwortete Howard nicht sofort. �Ich ... erz�hle dir alles�, sagte er, aber erst nach langem Schweigen und sehr z�gernd. �Aber nicht jetzt, Robert. Nicht jetzt und nicht hier. Es ist eine lange Geschichte, und wir haben im Moment Wichtigeres zu tun. Wenn wir das Wrack gefunden und die Kiste geborgen haben -�</p><p>�Findest du bestimmt eine andere Ausrede�, fiel ich ihm ins Wort. Meine Attacke war unfair. Ich hatte keinen Grund, an Howards Aufrichtigkeit und Freundschaft zu zweifeln, aber nach einer Woche, die ich mit praktisch nichts anderem als Nachdenken und Fragen verbracht hatte - ohne jemals eine Antwort zu bekommen -, war mir das egal.</p><p>�Warum vertraust du mir nicht einfach, Robert?� fragte er leise. Sein Blick wirkte traurig. �Was mu� ich noch tun, um dir zu beweisen, da� ich auf deiner Seite stehe?�</p><p>�Nichts�, sagte ich. �Du brauchst mir nichts zu beweisen, Howard, weil ich es wei�.�</p><p>�Dann h�r auf, Fragen zu stellen�, sagte Howard ernst. �Du wirst alles erfahren, wenn die Zeit reif ist.�</p><p>Ich starrte ihn an, hob die Hand und ber�hrte die Narbe an meiner Stirn. �Es hat damit zu tun, nicht?� fragte ich leise. �Mit der Verletzung.�</p><p>Howard schwieg, aber seine Mundwinkel zuckten ganz leicht, und mit einemmal hielt er meinem Blick nicht mehr stand, sondern sah weg und begann nerv�s mit seinem silbernen Zigarrenetui zu spielen.</p><p>�Es war mehr als eine Fleischwunde, nicht wahr?� fuhr ich fort. �Der Ri� ist l�ngst verheilt, aber es geht mir immer noch nicht besser, und ...�</p><p>�Die Wunde war entz�ndet�, unterbrach mich Howard. �Es war alles voller Schmutz und Staub. Du hast doch selbst geh�rt, was der Arzt gesagt hat.�</p><p>Es war eine Ausrede. Der Arzt, zu dem mich Howard und Robert gebracht hatten, hatte genau das gesagt, was er sagen <emphasis>sollte, </emphasis>nicht mehr und nicht weniger, und man mu�te nicht einmal wie ich �ber die Gabe verf�gen, Wahrheit von L�ge unterscheiden zu k�nnen, um das zu sp�ren. Howard war kein besonders guter Schauspieler.</p><p>�Quatsch�, sagte ich leise.</p><p>�Du ...�</p><p>�Das ist Unsinn, Howard. Versuch' nicht, mir etwas vorzumachen. Irgend etwas ist mit mir passiert, als mich dieses ... dieses <emphasis>Ding </emphasis>ber�hrt hat. Ich f�hle mich von Tag zu Tag schlechter, und diese Schw�cheanf�lle werden jedesmal schlimmer, statt besser. Was ist los mit mir?� Ich schwieg einen Moment, setzte mich - diesmal weit vorsichtiger als beim ersten Mal - auf und sah ihn fest an. �Ich kann die Wahrheit vertragen, Howard�, sagte ich leise. �Dieses Biest hat mich nicht einfach nur niedergeschlagen. Irgend etwas ist mit mir geschehen, als es mich ber�hrt hat. Was? War es ... eine Art Gift?�</p><p>Howard nickte. Die Bewegung war fast nicht wahrnehmbar. Nerv�s klappte er sein Etui auf, steckte sich eine seiner d�nnen schwarzen Zigarren zwischen die Lippen und ging zum Kamin, um sich mit einem brennenden Span Feuer zu nehmen, ehe er sich wieder umwandte und mich ansah. Sein Gesicht war hinter dichten, blaugrauen Rauchwolken verborgen.</p><p>�Ja�, sagte er. �Aber anders, als du denkst. Ich kann es dir nicht erkl�ren, Robert, nicht jetzt und nicht hier, aber ich ...�</p><p>�Warum nicht?� unterbrach ich ihn.</p><p>�Weil ich es nicht <emphasis>wei�, </emphasis>verdammt noch mal!� Pl�tzlich war seine Ruhe dahin. Mit zwei, drei weit ausgreifenden Schritten trat er neben mein Bett, beugte sich erregt vor und fuchtelte mit der brennenden Zigarre so dicht vor meinem Gesicht in der Luft herum, da� ich instinktiv ein St�ck zur�ckwich. �Verdammt, Junge, ich w�rde beide H�nde daf�r geben, dir helfen zu k�nnen, aber ich kann es nicht!� fuhr er erregt fort. �Als dein Vater damals von dem <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>angegriffen wurde, war ich genauso hilflos. Er hat sich selbst geheilt, damals, und frage mich jetzt bitte nicht, wie. Er war ein Magier, und er hatte seine B�cher. Ich bin weder das eine, noch habe ich das andere.�</p><p>Er trat zur�ck, sog an seiner Zigarre und hustete. Mit einemmal wirkte er ersch�pft und ausgelaugt, als habe er seine <emphasis>ganze </emphasis>Kraft mit diesem einen kurzen Wutausbruch verbraucht.</p><p>�Dann ... sterbe ich?� fragte ich. Ich war ganz ruhig, nicht nur �u�erlich. Wenn man eine Woche im Bett liegt und sp�rt, da� es einem jeden Tag ein ganz kleines bi�chen schlechter geht statt besser, dann beginnt man zu gr�beln.</p><p>�Unsinn�, schnappte Howard. �Du bist jung und kr�ftig. Ein Kratzer wie der bringt dich nicht um. Aber du mu�t Geduld haben. Ich tue, was ich kann, aber viel kann ich eben nicht tun. Wenn wir nur dieses verdammte Schiff endlich finden w�rden!�</p><p>Der letzte Satz galt nicht mir. Es war wenig mehr als ein Sto�seufzer, und ich hatte ihn in den vergangenen acht Tagen mehr als nur einmal geh�rt. Wir waren in Durness, ganz in der N�he der Stelle, an der die LADY OF THE MIST gesunken war, aber dem Wrack waren wir bisher nicht einen Schritt n�her gekommen.</p><p>�Vielleicht sollte ich doch mit zur K�ste kommen�, murmelte ich - obwohl ich ganz genau wu�te, wie die Antwort ausfallen w�rde. Schlie�lich war es nicht das erste Mal, da� ich diesen Vorschlag machte.</p><p>�Kommt �berhaupt nicht in Frage�, knurrte Howard. �Du r�hrst dich nicht aus diesem Zimmer. Wenn es sein mu�, binde ich dich ans Bett.�</p><p>�Aber das ist doch Unsinn!� begehrte ich auf. �Du wei�t...�</p><p>�Vielleicht l��t du das meine Sorge sein�, unterbrach mich Howard. Er klang gereizt. Es war nicht das erste Mal, da� wir �ber diese Frage beinahe in Streit gerieten. �Du hast mir auf der Karte die Stelle gezeigt, an der das Schiff gesunken ist, und das reicht. Ich habe ein paar M�nner aus der Stadt beauftragt, nach dem Schiff zu suchen, und ich habe eine ziemlich hohe Summe als Belohnung ausgesetzt. Fr�her oder sp�ter finden wir das Schiff schon.� Pl�tzlich l�chelte er. �Sei vern�nftig, Junge. Du mu�t dich schonen.�</p><p>�Du hast eine phantastische Art, einem das Gegenteil dessen zu erkl�ren, was du vor f�nf Minuten noch behauptet hast�, erwiderte ich gereizt. �Sagtest du nicht, ich w�re nicht in Gefahr?�</p><p>�Zwischen todkrank und kerngesund gibt es ein paar Abstufungen, wei�t du?� antwortete Howard unger�hrt.</p><p>�Ich habe auch nicht vor, nach dem Wrack zu tauchen, sondern blo�, mich drau�en ein wenig umzusehen. Ich kann mit deinen d�mlichen Karten nichts anfangen. F�r mich sind sie nichts als bunte Linien auf wei�em Papier. Aber ich bin sicher, da� ich die Stelle wiedererkenne, wenn ich sie nur ein einziges Mal sehe.�</p><p>�Nein�, sagte Howard.</p><p>Die Ruhe, in der er das Wort hervorbrachte, versetzte mich in Rage. �Verdammt, dann gehe ich eben auf eigene Faust�, antwortete ich gereizt. �Du kannst mich nicht ewig bewachen. Schlie�lich mu�t du ab und zu einmal schlafen.�</p><p>Howard blickte mich einen Moment absch�tzend an, schnippte seine Zigarre in den Kamin und nickte. Der Ausdruck auf seinem Gesicht gefiel mir nicht. �Vielleicht hast du sogar recht�, murmelte er. Er sah auf, l�chelte auf seltsam melancholische Art und fuhr fort: �Wahrscheinlich w�rdest du es tun. Aber das kann ich nicht zulassen.�</p><p>Ich begriff einen ganz kleinen Moment zu sp�t, was er damit meinte. Mit einem w�tenden Kr�chzen fuhr ich auf, schleuderte die Decke zur Seite und sprang aus dem Bett, aber in meinem geschw�chten Zustand hatte ich keine Chance. Bevor ich auch nur zwei Schritte getan hatte, war Howard bereits an der T�r und aus dem Zimmer.</p><p>Das Ger�usch, mit dem er den Schl�ssel im Schlo� drehte, war nicht zu �berh�ren.</p><empty-line/><p>Das Gasthaus lag am Ende der Stra�e, schon fast wieder au�erhalb der Stadt. Es war nicht gerade eines der besten Hotels von Durness, aber auch wieder kein Haus, in dem zwei M�nner wie die, die gerade durch die T�r gekommen waren und sich jetzt unschl�ssig umsahen, zur Stammkundschaft geh�rten. Ihrem Aussehen nach zu urteilen, mu�ten sie Fischer oder auch Bauern aus der Umgebung sein, und den feucht-schmierigen Spuren nach zu schlie�en, die sie auf dem Boden hinterlie�en, als sie sich der Rezeption n�herten, kamen sie direkt vom Feld oder der K�ste.</p><p>Der Portier runzelte die Stirn, blickte die M�nner der Reihe nach an und verrenkte sich beinahe den Hals, um mit �bertriebener Pantomimik der Spur zu folgen, die die beiden Besucher auf dem Teppich zur�ckgelassen hatten. Auf seinem Gesicht erschien jener vorwurfsvolle, verbissen-h�fliche Ausdruck, zu dem nur Hotelportiers f�hig sind, die seit Jahrzehnten den geheimen Wunsch haben, ihren G�sten einmal zu sagen, was sie wirklich von ihnen hielten (es aber nat�rlich nie taten), und seine Stimme h�tte kochendes Wasser zum Gefrieren bringen lassen, als er sich an die M�nner wandte: �Bitte sehr?�</p><p>Einer der beiden - der Gr��ere - fuhr wie unter einem Hieb zusammen und sah rasch weg, w�hrend der andere den Blick des Mannes gelassen erwiderte und sich mit den Ellbogen auf der polierten Platte des Tresens abst�tzte. �Mein Name ist Bensen�, sagte er. Seine Stimme klang unangenehm. Sein Haar war na� und klebte in Str�hnen an Schl�fen und Stirn, und er roch nach Salzwasser und faulem Tang. Der Portier r�mpfte die Nase und richtete sich kerzengerade auf. Er sah pl�tzlich aus, als h�tte er den ber�hmten Besenstiel verschluckt.</p><p>�Wenn Sie ein Zimmer suchen, meine Herren -�, begann er.</p><p>�Suchen wir nicht�, unterbrach Bensen.</p><p>Es gelang dem Portier nicht ganz, ein erleichtertes Aufatmen zu unterdr�cken. �Wir ... �h ... h�tten sowieso nichts mehr freigehabt�, sagte er vorsichtshalber. �Und womit kann ich Ihnen sonst dienen?�</p><p>�Wir suchen einen Ihrer G�ste�, antwortete Bensen. Er beugte sich ein wenig weiter vor, und der Portier wich eine weitere Winzigkeit zur�ck. Bensen grinste. Das Spiel begann ihm offensichtlich Spa� zu machen. �Einen gewissen Mister Phillips. Der wohnt doch hier, oder?�</p><p>�Sehr wohl, mein Herr�, antwortete der Portier steif. �Ich ... werde nachh�ren, ob er Sie empf�ngt. Wie war noch einmal Ihr Name?�</p><p>�Bensen�, antwortete Bensen. �Aber der wird ihm nichts sagen. Richten Sie ihm aus, da� wir es gefunden haben.�</p><p>�Da� Sie ...�</p><p>�Es gefunden haben�, best�tigte Bensen. �Das reicht. Er wird dann kommen. Bestimmt.�</p><p>Der Portier nickte steif. �Sehr wohl, Mister Bensen. Wenn Sie in der Zwischenzeit im Salon Platz nehmen w�rden ...� Seine Hand deutete eine Bewegung zur offenstehenden T�r des Salons hin an. Bensen grinste, drehte sich herum und ging wortlos in die angedeutete Richtung. Sein Begleiter folgte ihm. Hinter ihnen blieb eine zweite Spur feuchtgl�nzender Schuhabdr�cke auf den teuren Teppichen zur�ck.</p><p>Bensens Grinsen erlosch schlagartig, als sie den Salon betraten und er sah, da� sie allein waren. Er blieb stehen, fuhr sich mit der Hand �ber das Gesicht und tauschte einen raschen, nerv�sen Blick mit Norris. Seine H�nde zitterten fast unmerklich, und in seinen Augen war ein beinahe �ngstliches Flackern. Aber er sagte kein Wort, sondern steuerte schweigend einen der Tische an, lie� sich auf einen Stuhl sinken und st�tzte die Unterarme auf der wei�en Leinendecke. �Hoffentlich ist er da�, sagte er.</p><p>�Ich habe kein gutes Gef�hl dabei�, murmelte Norris. �La� uns verschwinden, solange noch Zeit ist, Lennard.� Er hatte ebenfalls Platz genommen, sa� aber in seltsam verkrampfter Haltung da. Es war ihm anzusehen, da� er sich alles andere als wohl in seiner Haut f�hlte.</p><p>Bensen sch�ttelte entschieden den Kopf. �Das kommt nicht in Frage�, sagte er. �Wenn du Schi� hast, dann la� mich reden und halt die Klappe. Du wirst sehen, es lohnt sich.�</p><p>�Das hat Mahoney auch gedacht�, erwiderte Norris halblaut. Seine Stimme zitterte, als er den Namen aussprach. Bensen sah, wie sich seine H�nde rasch zu F�usten schlossen und wieder entspannten. Sein Gesicht war bleich, beinahe grau.</p><p>�Es wird schon alles gutgehen�, sagte Bensen mit �bertrieben gespieltem Optimismus. �Du wirst sehen - dieser Phillips spuckt mehr aus als l�cherliche hundertf�nfzig Pfund. Sehr viel mehr. Und wenn nicht, k�nnen wir immer noch zur Polizei gehen und einen Unfall melden.�</p><p>�Unfall!� kr�chzte Norris. �Daran glaubst du doch selbst nicht.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, erwiderte Bensen. �Genau darum bin ich hier, Fred. Ich will wissen, was da drau�en wirklich passiert ist. Und wenn dabei noch ein paar Pfund extra herausspringen - um so besser. Du -?� Er verstummte mitten im Satz, als drau�en auf der Treppe das Ger�usch rascher Schritte laut wurde, sah auf und wandte sich zur T�r.</p><p>Augenblicke sp�ter betrat ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann den Raum, blieb einen Moment unter der T�r stehen und kam dann mit schnellen Schritten auf den Tisch zu.</p><p>�Mister ... Bensen?� fragte er.</p><p>Bensen nickte, Phillips hatte sich ver�ndert - er wirkte m�de, sein Gesicht war eingefallen und von den Spuren tiefer Ersch�pfung gezeichnet, und seine Haltung war nicht mehr ganz so aufrecht und kraftvoll. Bensen hatte ihn nur einmal gesehen, und auch da nur f�r wenige Augenblicke und aus gro�er Entfernung. Aber ein Gesicht wie dieses verga� man nicht so rasch. Er stand auf, streckte Phillips die Hand entgegen - die dieser ignorierte -, setzte sich wieder und wartete, bis Phillips sich ebenfalls einen Stuhl herangezogen und darauf Platz genommen hatte.</p><p>�Ich glaube nicht, da� wir uns kennen�, begann Phillips nach einer Weile. �Oder?�</p><p>�Wir haben uns kurz gesehen�, antwortete Bensen. �Unten im <emphasis>Black Sheep, </emphasis>letzte Woche. Erinnern Sie sich?�</p><p>Phillips schwieg einen Moment, als m�sse er erst dar�ber nachdenken, ob und warum er in der kleinen Hafenkneipe am anderen Ende der Stadt gewesen war. Dann nickte er. �Ja. Jetzt erinnere ich mich.�</p><p>�Gut�, sagte Bensen. Phillips' gek�nsteltes Gehabe brachte ihn allm�hlich in Wut. Dieser hochn�sige Fatzke wu�te ganz genau, wer sie waren und was sie hier wollten. Er spielte nur den Dummen. Nun, dachte er zornig, er w�rde jede Minute, die er ihn und Norris weiter warten lie�, teuer bezahlen. Sehr teuer.</p><p>�Wir haben uns ein bi�chen an der K�ste umgesehen�, fuhr er fort. �Und ich glaube, wir haben gefunden, wonach Sie suchen, Mister Phillips.�</p><p>Phillips blieb �u�erlich vollkommen ruhig. Der gelangweilte Ausdruck auf seinem Gesicht vertiefte sich sogar noch um einige weitere Nuancen. Aber das Flackern in seinem Blick konnte er nicht ganz unterdr�cken. Bensen �nderte in Gedanken die Summe, die er fordern w�rde, noch einmal nach oben.</p><p>�Wir haben das Schiff�, sagte er noch einmal, als Phillips immer noch nicht reagierte. �Es liegt direkt vor der K�ste. Nur ein paar Meilen von hier. Sie haben eine Belohnung von -�</p><p>�Nicht so schnell, junger Mann�, unterbrach ihn Phillips sanft. �Ich glaube Ihnen gerne, da� Sie <emphasis>irgendein </emphasis>Wrack gefunden haben. Aber die Belohnung, die ich in Aussicht gestellt habe, gilt f�r ein ganz bestimmtes Schiff. Sagen Sie mir die genaue Position, und ich werde nachpr�fen, ob es sich wirklich um die LADY handelt. Wenn ja, bekommen Sie und Ihr Freund unverz�glich Ihr Geld.�</p><p>Bensen l�chelte kalt. �Nein�, sagte er.</p><p>Diesmal gelang es ihm, Phillips wenigstens f�r einen Moment aus der Fassung zu bringen. �Wie bitte?� fragte er. �Was soll das hei�en?�</p><p>�Nein�, wiederholte Bensen. �Nein bedeutet nein, Mister Phillips. Nn-e-i-en, verstehen Sie? Sie bekommen die Lage nicht von mir. Nicht f�r hundertf�nfzig Pfund. Ich werde von hier aus ...�</p><p>Phillips atmete h�rbar ein. �H�ren Sie, junger Mann�, sagte er scharf. �Wenn Sie glauben, mich unter Druck setzen zu k�nnen, dann ...�</p><p>�Werden wir direkt zur Polizei gehen und dem Constabler die ganze Geschichte erz�hlen�, fuhr Bensen unbeeindruckt fort. �Wer wei� - vielleicht interessieren sich ja auch noch andere f�r das Wrack. Und vielleicht werden Sie eine Menge unangenehmer Fragen beantworten m�ssen, wenn die Polizei erf�hrt wie scharf Sie auf dieses Schiff sind.�</p><p>Es war ein Schu� ins Blaue, aber er traf. Phillips' Gesicht verlor sichtbar an Farbe. Sein Adamsapfel h�pfte nerv�s auf und ab, und seine H�nde schlossen sich so fest um den Griff des d�nnen schwarzen St�ckchens, das er st�ndig mit sich herumschleppte, als wolle er ihn zerbrechen.</p><p>�Was ... meinen Sie damit?� fragte er stockend.</p><p>Bensen verbi� sich im allerletzten Moment ein triumphierendes Grinsen. Er hatte gewonnen, das sp�rte er. Er tauschte einen raschen Blick mit Norris, lehnte sich zur�ck und verschr�nkte die Arme vor der Brust, ehe er weiterredete: �Es hat einen Toten gegeben, Mister Phillips�, sagte er.</p><p>�Einen ... Toten?�</p><p>Bensen nickte. �Dieses Wrack da drau�en�, sagte er, jedes Wort genau �berlegend, �f�r das Sie sich so brennend interessieren, ist kein normales Schiffswrack. Es hat irgend etwas damit auf sich, und ich m�chte wissen, was.�</p><p>Phillips wurde zusehends nerv�ser. �Wie kommen Sie darauf?� fragte er. �Es stimmt - auf dem Schiff befinden sich gewisse ... Papiere. Papiere, die f�r mich von �u�erstem Wert sind. Wenn Sie mir die Lage mitteilen und es sich wirklich um die LADY handelt, bin ich gerne bereit, die Belohnung -�</p><p>�H�ren Sie auf, Phillips�, unterbrach ihn Bensen w�tend. �Sie wissen so gut wie ich, da� es das Schiff ist, nach dem Sie suchen. Und ich bin ziemlich sicher, da� Sie auch wissen, was unserem Freund zugesto�en ist. Wir haben uns ein bi�chen umgesehen, wissen Sie? Wir waren zu dritt: ich, Fred hier, und ein Freund von uns. Wir sind rausgeschwommen und getaucht, um ganz sicherzugehen. Aber einer von uns ist nicht wieder hochgekommen.�</p><p>�Ihr Freund ist... ertrunken?� fragte Phillips erschrocken.</p><p>Bensen starrte ihn w�tend an. �Nein�, sagte er. �Das ist er nicht. Irgend etwas hat ihn umgebracht. Und Sie wissen, was.�</p><p>Zehn, zwanzig Sekunden lang starrte Phillips ihn ausdruckslos an. Dann stand er auf, so hastig, da� sein Stuhl scharrend zur�ckflog und umkippte, umklammerte seinen Stock mit beiden H�nden und atmete h�rbar ein. �Sie sind verr�ckt, Mister Bensen�, sagte er steif. �Ich bedauere das Ungl�ck, das Ihrem Freund zugesto�en ist, aber nach dem, was Sie erz�hlen, trifft wohl eher Sie die Schuld daran, als mich.�</p><p>�Vielleicht ist die Polizei da anderer Meinung?� fragte Bensen kalt.</p><p>Aber diesmal zuckte Phillips nur mit den Achseln. �Vielleicht�, sagte er. �Aber wahrscheinlich wird sie sich eher der Auffassung anschlie�en, da� Sie und Ihre Freunde auf eigene Faust nach einem nicht vorhandenen Schatz gesucht haben und er dabei zu Tode gekommen ist.�</p><p>�Vielleicht�, nickte Bensen unger�hrt. �Aber vielleicht. Mister Phillips, schicken sie auch selbst jemanden runter, und <emphasis>vielleicht </emphasis>kommt er auch nicht wieder rauf, und <emphasis>vielleicht </emphasis>machen sie dann einen solchen Wirbel, da� Sie <emphasis>vielleicht </emphasis>nie an Ihre sogenannten <emphasis>Papiere </emphasis>kommen. Ein bi�chen viele �Vielleichts�, um sich darauf zu verlassen, nicht?�</p><p>In Phillips Augen blitzte es beinahe ha�erf�llt. Aber Bensens Rechnung ging auch diesesmal auf. Phillips starrte ihn zornig an, drehte sich mit einem Ruck um und ging zum Ausgang, verlie� den Raum aber nicht, sondern schlo� im Gegenteil die T�r und kam zur�ck zum Tisch. Bensens Grinsen wurde noch breiter.</p><p>�Also?� schnappte Phillips. �Was verlangen Sie?�</p><p>�Das h�rt sich schon vern�nftiger an�, sagte Bensen b�se. �Es w�re doch zu schade, wenn statt uns beiden in einer Stunde zwei Polizisten hier w�ren und eine Menge unangenehmer Fragen stellten, nicht?�</p><p>�Was wollen Sie?� fragte Phillips ungeduldig. �Wenn Sie Geld wollen, dann stellen Sie Ihre Forderungen. Aber �bertreiben Sie es nicht - ich habe nichts zu verbergen, und auch nicht so viel zu verlieren, wie Sie zu glauben scheinen. Wenn ich �berhaupt mit Ihnen rede, dann nur, weil ich keine Zeit habe, mich unter Umst�nden Tage oder Wochen mit den Beh�rden herumzuschlagen. Wieviel verlangen Sie?� Er legte seinen Stock auf den Tisch, griff mit der Linken unter die Jacke und f�rderte eine prall gef�llte Brieftasche zutage.</p><p>Aber Bensen winkte ab, als er sie aufklappte und damit beginnen wollte, Zehn-Pfund-Noten vor ihm auf den Tisch zu bl�ttern. �Behalten Sie Ihr Geld, Mister Phillips�, sagte er. �Wenigstens vorl�ufig. Ich wei� noch nicht, wieviel ich verlange.�</p><p>Phillips Augen wurden schmal. Langsam klappte er die Brieftasche wieder zu, steckte sie ein und nahm sein Spazierst�ckchen auf. �Wie meinen Sie das?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, wiederholte Bensen. �Das hei�t, ich wei� es schon, aber ich wei� noch nicht, wie hoch die Summe ausf�llt. Wie viele sind Sie? Drei, nicht wahr?�</p><p>�Was hat das damit zu tun?� fragte Phillips.</p><p>�Sie selbst�, z�hlte Bensen unger�hrt auf, �dieser Junge, der seit einer Woche sein Zimmer nicht mehr verlassen hat, und das Kraftpaket mit dem Schweinegesicht. Berichtigen Sie mich, wenn ich jemanden vergessen habe.�</p><p>�Sie ... sind gut informiert�, sagte Phillips steif.</p><p>�Ich habe mich erkundigt�, nickte Bensen. �Nur so, vorsichtshalber. Ich wei� auch, da� Ihr wirklicher Name nicht Phillips ist - aber das spielt gar keine Rolle. Mein Vorschlag ist ganz einfach: Wir teilen gerecht. Norris und ich bekommen jeder einen Anteil, genau wie Sie und die beiden anderen. Es geht durch f�nf, statt durch drei.�</p><p>Phillips sch�ttelte den Kopf. Sein Mund war zu einem schmalen Strich zusammengepre�t, und Bensen konnte direkt sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. �Sie m�ssen v�llig verr�ckt sein�, sagte er schlie�lich. �Auf dem Schiff ist weder Gold noch irgendein anderer Schatz. Nur eine Kiste mit Papieren.�</p><p>�Oh, wir leben in einer komischen Zeit�, erwiderte Bensen grinsend. �Heute ist Papier manchmal mehr wert als Gold und Edelsteine. Also, was ist?�</p><p>Phillips �berlegte fast eine Minute lang. Dann nickte er. Bensen atmete innerlich auf. F�r einen Moment hatte er beinahe bef�rchtet, seine Forderungen �berzogen zu haben.</p><p>�In Ordnung�, sagte Phillips. �Wenn Sie und Ihr Freund uns helfen, die Kiste zu bergen, bezahle ich, was Sie verlangen. Kennen Sie sich an der K�ste aus?�</p><p>�Ich gehe da nicht noch einmal runter�, sagte Norris, noch bevor Bensen Gelegenheit hatte, zu antworten. �Keine zehn Pferde kriegen mich auch nur noch in die N�he dieser Stelle.�</p><p>�Es ist v�llig ungef�hrlich, solange ich bei Ihnen bin�, erwiderte Phillips kalt. �Ihr Freund ist ertrunken, weil er die Gefahr nicht kannte. W�re ich dabei gewesen, w�re niemandem etwas passiert. Und f�r so viel Geld, wie Sie verlangen, kann ich eine gewisse Gegenleistung erwarten. Also?�</p><p>Norris wollte erneut widersprechen, aber Bensen brachte ihn mit einem raschen, warnenden Blick zum Schweigen. Er war kein gro�er Menschenkenner, aber er sp�rte, da� Phillips diesmal nicht nachgeben w�rde. �Sie ... gehen selbst mit runter?� fragte er.</p><p>Phillips nickte. �Ich und Rowlf - das �Schweinegesicht�, wie Sie ihn genannt haben. �brigens w�rde ich Ihnen nicht raten, so etwas in seiner Gegenwart zu sagen. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ja. Ich habe ein Boot bereitstellen lassen, schon vor meiner Ankunft. Es liegt im Hafen, und an Bord befindet sich die mordernste und beste Ausr�stung, die f�r Geld <emphasis>zu </emphasis>bekommen ist. Eine Taucherglocke, Helme und Luftschl�uche - alles. Ich bin kein ge�bter Taucher, aber man hat mir gesagt, da� mit dieser Ausr�stung jeder Trottel tauchen k�nnte. Wenn das Schiff wirklich dort liegt, wo Sie es beschrieben haben, komme ich mit. Und Sie auch. Beide.�</p><p>Diesmal widersprach Norris nicht mehr, und nach einer Weile nickte auch Bensen. �Und wann?� fragte er.</p><p>�So schnell wie m�glich�, antwortete Phillips. �Am liebsten heute noch, aber das wird wohl durch den Sturm nicht m�glich sein. Also morgen fr�h. Was ist mit Ihrem ertrunkenen Freund? Wird man ihn suchen?�</p><p>�Nicht so rasch�, antwortete Bensen. �Er bleibt oft tagelang weg. Jedenfalls wird bis morgen nicht auffallen, da� er weg ist.� Er stand auf, wartete, bis Norris sich ebenfalls aus seinem Sessel hochgestemmt hatte, und ging an Phillips vorbei zur T�r. �Dann bis morgen fr�h�, sagte er. �Wann?�</p><p>�Bei Sonnenaufgang�, antwortete Phillips. �Am Hafen. Ich erwarte Sie.�</p><empty-line/><p>Der Anfall kam warnungslos. Ich lag auf dem Bett, in das ich zur�ckgekehrt war, nachdem ich eine Viertelstunde vergeblich an der verschlossenen T�r ger�ttelt und gezerrt und Howard aus Leibeskr�ften verflucht hatte, starrte w�tend gegen die Decke und ersann und verwarf alle nur denkbaren Fluchtpl�ne - einer so aussichtslos und undurchf�hrbar wie der andere. Innerlich kochte ich vor Zorn. Howard meinte es sicher nur gut mit mir, und wahrscheinlich hatte er sogar recht, und ich hatte mich von der Verletzung noch nicht halb so gut erholt, wie ich behauptete, aber verdammt noch mal, das gab ihm nicht das Recht, mich wie ein Kind zu behandeln. Ich war alt genug, um zu erfahren, was mit mir los war.</p><p>Ver�rgert setzte ich mich auf, schlug die Decke zur�ck und �ffnete die obersten Kn�pfe meines Nachthemdes. Das Kaminfeuer hatte die K�lte vertrieben, und die Flammen verbreiteten wieder angenehme W�rme. Pl�tzlich sp�rte ich, wie hei� es doch im Zimmer war; unertr�glich hei�. Und die Hitze stieg noch weiter, schnell, unglaublich schnell. Die Luft, die ich atmete, brannte wie geschmolzenes Blei in meiner Kehle, und meine Haut schien in Flammen zu stehen. Mit einem verzweifelten, qualvollen St�hnen stemmte ich mich hoch, taumelte zum Fenster und fiel gegen die geschlossene Scheibe. Meine Knie gaben unter dem Gewicht meines K�rpers nach. Meine Finger glitten am Glas ab, tasteten kraftlos �ber den Rahmen und verloren den Halt. Ich fiel, prallte schmerzhaft auf dem Boden auf und blieb keuchend liegen. Meine Fingern�gel fuhren scharrend �ber den Fu�boden, aber meine Arme hatten nicht mehr die Kraft, das Gewicht meines K�rpers zu tragen, als ich mich hochstemmen wollte.</p><p>Der Schmerz explodierte zwischen meinen Schl�fen, hei� und grell wie eine Sonne, schickte d�nne Linien aus geschmolzenem Feuer bis in den entferntesten Winkel meines Nervensystems und l�hmte gleichzeitig meinen K�rper. Ich wollte schreien, aber es ging nicht. Meine Stimmb�nder gehorchten mir nicht mehr, und mein Hals f�hlte sich an, als w�re er aus Holz. Trotz der grausamen Schmerzen breitete sich eine Woge von Taubheit und L�hmung in meinem K�rper aus. Ich f�hlte, wie meine Glieder eines nach dem anderen abstarben, hart und gef�hllos und taub wurden, als ein furchtbarer, nicht enden wollender Krampf meinen K�rper bis in die letzte Faser hinab peinigte.</p><p>Ich wei� nicht, wie lange es dauerte - wahrscheinlich nur wenige Augenblicke, denn ich war nicht einmal in der Lage, zu atmen, und w�re erstickt, h�tte es l�nger gedauert, aber hinterher kam es mir vor, als h�tte ich stundenlang dagelegen, starr und gel�hmt und stumm, gebadet in ein Meer unertr�glicher Schmerzen und Qual.</p><p>Als es vorbei war, war ich fast zu schwach, um zu atmen. Der Druck lie� mit einem pl�tzlichen Ruck nach. Die Stahlfedern, die sich um meinen K�rper zusammengezogen hatten, entspannten sich, der Schmerz erlosch, und ich konnte wieder atmen.</p><p>M�hsam setzte ich mich auf, lehnte mich gegen die Wand unter dem Fenster und atmete tief und beinahe gierig ein. Meine Glieder zitterten, und hinter meiner Stirn schien etwas Graues, Form- und K�rperloses zu brodeln. Ich st�hnte, hob die Hand und f�hlte frisches, warmes Blut an meiner Stirn. Die Wunde war wieder aufgeplatzt, als ich gefallen war.</p><p>Es dauerte lange, bis ich wieder f�hig war, einen einigerma�en klaren Gedanken zu fassen. Was war geschehen? Der Schmerz war unvorstellbar gewesen, aber er war mit nichts zu vergleichen, was ich jemals zuvor erlebt hatte. Es war, als ... ja, als versuche eine unsichtbare Kraft, jede einzelne Faser meines K�rpers von innen heraus zu zerrei�en und in eine andere, neue Form zu pressen. F�r einen kurzen Moment hatte ich das Gef�hl gehabt, aus meinern eigenen K�rper herausgerissen zu werden.</p><p>Ich st�hnte wieder. Der Laut klang fremd in meinen eigenen Ohren. Es war meine Stimme, nat�rlich, und trotzdem erschien sie mir f�r einen Moment <emphasis>fremd, </emphasis>fremd und beinahe absto�end. Ich fror. Gleichzeitig war mir kalt, als erstarre irgendwo in mir etwas zu Eis. Panik kroch wie eine graue Welle in mir empor und drohte das bi�chen, das von meinem klaren Denken noch �briggeblieben war, zu verwirren. Nur mit �u�erster M�he gelang es mir, sie zur�ckzudr�ngen. Das dr�hnende H�mmern meines Herzschlages beruhigte sich langsam, aber ich blieb noch lange reglos und mit geschlossenen Augen unter dem Fenster sitzen, jederzeit auf einen neuen Anfall gefa�t und bereit, dagegen zu k�mpfen. Aber er kam nicht, und nach einer Weile wagte ich es, die Augen wieder zu �ffnen und mich umzusehen.</p><p>Das Zimmer hatte sich ver�ndert.</p><p>Ich vermochte nicht zu sagen, <emphasis>worin </emphasis>die Ver�nderung bestand; eigentlich war alles so, wie es gewesen war, und trotzdem wirkte es anders, so wie der Klang meiner eigenen Stimme zuvor: gleichzeitig fremd und doch vertraut. Alle Dinge und Gegenst�nde waren an ihrem Platz und unver�ndert, und gleichzeitig wirkten sie seltsam <emphasis>falsch, </emphasis>die Winkel der W�nde nicht ganz richtig, die Farben der Flammen im Kamin greller und bunter - und gleichzeitig w�rmer - als zuvor, die Linien der M�bel irgendwie verschoben, auf absurde Weise in sich selbst gekr�mmt und verdreht. Es war, als geh�re alles, was ich sah, pl�tzlich nicht mehr meiner vertrauten Welt, sondern einem anderen, fremden Universum an, dessen Geometrie und Naturgesetze nicht die unseren waren. Ich sah Farben, die es nicht gab, und Winkel, die mehr als dreihundertsechzig Grad hatten, Linien, die parallel verliefen und sich trotzdem kreuzten und wanden, Dinge mit nur einer Fl�che ... Es war ungef�hr so, als versuche man, sich einen eckigen Kreis vorzustellen - es ging nicht. Und wenn doch, dann wurde man wahnsinnig.</p><p>Ich schrie auf, schlo� die Augen, schlug verzweifelt die F�uste vor die Lider und versuchte, die Bilder aus meinem Bewu�tsein zu vertreiben, aber es gelang mir nicht. Was ich gesehen hatte, war unm�glich. <emphasis>Unm�glich!</emphasis></p><p>Und trotzdem hatte ich es gesehen.</p><p>Dann h�rte ich die Ger�usche. Es waren keine Laute, die ich beschreiben konnte, sondern dumpfe, unbegreifliche, fremde und qualvolle T�ne, ein dumpfes, arhythmisches H�mmern, das Besitz von meinem K�rper ergriff und jede einzelne Nervenfaser vibrieren lie�, selbst meinen Herzschlag in seinen hypnotischen Bann zog, ein Kratzen und Scharren wie von Millionen und Abermillionen horngepanzerter riesiger Insektenf��e, dann eine Stimme, die meinen Namen schrie, aber so fremd und falsch, da� mich das Wort wie ein Peitschenschlag traf. Eine Hand ber�hrte mich an der Schulter, zerrte mich grob auf die Beine und schlug meine F�uste herunter. Ich schrie, kr�mmte mich wie unter Schmerzen und versuchte, die Arme wieder zu heben, um nicht sehen zu m�ssen, nur nicht sehen, dieses grauenvolle Etwas, in das sich mein Zimmer verwandelt hatte, aber die H�nde waren wieder da, umklammerten meine eigenen Handgelenke und pre�ten sie gnadenlos herunter, gleichzeitig griff eine dritte Hand nach meiner Schulter, zwang mich, den Kopf zu heben und begann mich zu sch�tteln. Instinktiv �ffnete ich die Augen.</p><p>Der Anblick lie� mich erneut und in blinder Panik aufschreien. Vor mir stand ein Monster. Ein Ungeheuer mit vier Armen und zwei K�pfen, aus denen mich die boshaften Karikaturen menschlicher Gesichter angrinsten. Ich br�llte, ri� mich mit der Kraft der Verzweiflung los und schlug blindlings die Faust in eines der Gesichter. Es klatschte, als h�tte ich in weichen Brei geschlagen, und ein Gef�hl unbeschreiblichen Ekels durchfuhr mich. Eines der Gesichter verschwand, dann huschte ein Schatten auf mich zu, und ein furchtbarer Hieb warf meinen Kopf gegen die Wand.</p><p>Der Schmerz lie� die Illusion zerplatzen und ri� mich in die Wirklichkeit zur�ck. Aus dem zweik�pfigen Ungeheuer wurden Howard und Rowlf, und die D�monenfratze, in die ich geschlagen hatte, verwandelte sich in Rowlfs zornger�tetes Gesicht. Sein linkes Auge war geschwollen und begann sich bereits zu schlie�en. Meine Hand schmerzte h�llisch. Ich starrte ihn an und wollte irgend etwas sagen, aber alles, was ich herausbekam, war ein qualvolles, unartikuliertes St�hnen.</p><p>Howard ergriff mich grob bei der Schulter und zwang mich, ihn anzusehen. �Alles wieder in Ordnung?� fragte er.</p><p>Ich nickte. Pl�tzlich f�hlte ich mich schwach, noch schw�cher als vorher. Ich taumelte, versuchte mich an der Wand hinter mir abzust�tzen und fiel. Rowlf fing mich im letzten Augenblick auf und hob mich wie ein Kind auf die Arme.</p><p>�Trag ihn ins Bett�, sagte Howard leise. �Aber sei vorsichtig. Es geht schneller, als ich gef�rchtet habe.� Ich verstand nicht, was er meinte, aber ich war ohnehin kaum f�hig, zu denken. Alles, was ich f�hlte, war Angst, panische Angst, Angst, da� ich verr�ckt werden k�nnte, aber vielleicht auch Angst, da� alles, was ich erlebt hatte, Wirklichkeit gewesen sein k�nnte. Ich wu�te nicht, was schlimmer war.</p><p>Rowlf trug mich behutsam zum Bett zur�ck, legte mich hin und breitete die Decke �ber mir aus, als w�re ich ein krankes Kind. �Alles in Ordnung?� nuschelte er. Er versuchte zu l�cheln, aber mit seinem blaugeschlagenen Auge gelang ihm das nicht ganz.</p><p>�Was ... was war das, Howard?� fl�sterte ich. �Mein Gott, was ... was war das?� Trotz meiner Schw�che stemmte ich mich noch einmal hoch und starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an.</p><p>Howard beugte sich �ber mich, dr�ckte mich mit sanfter Gewalt zur�ck und tauschte einen langen, besorgten Blick mit Rowlf. �Nichts�, sagte er dann. �Nichts, wor�ber du dir Sorgen zu machen brauchtest. Ein Traum.�</p><p>�Das war kein Traum!� widersprach ich. �Das war ... mein Gott... das ... das Zimmer hat sich ver�ndert, und ...�</p><p>�Es war nicht wirklich�, sagte Howard noch einmal, und diesmal war in seiner Stimme ein neuer, beinahe befehlender Klang. �Rei� dich zusammen, Robert, bitte. Was du erlebt hast, war nur eine Illusion. Es war nicht real. Jedenfalls ... noch nicht.�</p><p><emphasis>�Noch </emphasis>nicht?� wiederholte ich erschrocken. �Was ... was bedeutet das?�</p><p>�Ich wei� es nicht, Robert�, antwortete Howard leise. �Wirklich nicht. Ich habe ... einen Verdacht. Eigentlich nicht mehr als eine Ahnung.�</p><p>�Dann sag ihn mir!�</p><p>�Nein�, sagte Howard. �Es ist noch zu fr�h, um dar�ber zu reden. Morgen um diese Zeit wissen wir vielleicht mehr.�</p><p>�Verdammt, es ist <emphasis>mein </emphasis>Leben, das hier auf dem Spiel steht!� br�llte ich. �Ich habe doch wohl ein Recht, zu erfahren, was ...�</p><p>Jemand klopfte an die T�r. Howard sprang auf, gebot mir mit einer hastigen Geste zu schweigen, und durchquerte rasch das Zimmer. Die St�rung kam gerade im richtigen Augenblick.</p><p>H�tte ich es nicht besser gewu�t, h�tte ich vermutet, da� Howard sie bestellt hatte.</p><p>Es war der Hotelportier. Ich erkannte das fuchsgesichtige kleine M�nnchen sofort wieder, obwohl ich ihn nur einmal kurz gesehen hatte, an dem Tag, an dem wir einzogen. Er schob die T�r, die Howard nur einen Spaltbreit ge�ffnet hatte, mit der Hand weiter auf und machte Anstalten, unaufgefordert ins Zimmer zu treten, aber Howard verstellte ihm rasch den Weg.</p><p>�Ja?� fragte er.</p><p>�Ich ... h�rte Schreie, Mister Phillips�, sagte der Portier. �Und L�rm. Es h�rte sich beinahe wie eine Schl�gerei an.� Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um �ber Howards Schulter hinweg ins Zimmer sehen zu k�nnen. Sein Blick blieb f�r einen Moment auf Rowlfs Gesicht und seinem immer dunkler werdenden Auge h�ngen.</p><p>�Es war nichts�, sagte Howard rasch, �Vielen Dank f�r Ihre Aufmerksamkeit, aber ...�</p><p>�Nach nichts�, unterbrach ihn der Portier spitz, �h�rte sich das aber nicht an.�</p><p>Howard seufzte. �Mein Neffe hat einen Anfall gehabt�, sagte er. �Aber es ist alles wieder in bester Ordnung.�</p><p>�Einen Anfall?� Augenscheinlich war Howards Ausrede nicht die Kl�gste gewesen, denn der Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes wurde noch lauernder. �Verstehen Sie mich nicht falsch, Mister Phillips�, sagte er. �Aber unser Hotel ist auf seinen guten Ruf angewiesen. Wenn Ihr Neffe krank ist, dann sollten Sie ihn zu einem Arzt bringen, oder ...�</p><p>Howard �ffnete seufzend seine Brieftasche, klaubte eine Zehn-Pfund-Note hervor und streckte sie dem Portier zusammengefaltet in die Westentasche. Der Mann verstummte abrupt.</p><p>�Sind sonst noch Fragen?� fragte Howard leise. �Ich ... nein, Sir�, antwortete der Mann. �Wenn Ihr Neffe einen Arzt braucht, so ...�</p><p>�Dann rufe ich Sie�, versprach Howard. �Ganz bestimmt. Und jetzt entschuldigen Sie bitte nochmals die St�rung. Es wird nicht wieder vorkommen.� Ohne eine Antwort abzuwarten, dr�ckte er die T�r ins Schlo�, lehnte sich seufzend dagegen und schlo� f�r ein paar Sekunden die Augen.</p><p>�Was war das, Howard?� fragte ich leise.</p><p>�Das?� Howard l�chelte. �Der Portier. Ein geldgieriger Mann, zu unserem Gl�ck, aber ...� Er verstummte abrupt, als er meinem Blick begegnete. Sein L�cheln erlosch, und ich sah pl�tzlich wieder, wie m�de und ersch�pft er war. �In Ordnung, Robert�, sagte er. �Ich erkl�re es dir - alles. Aber nicht sofort. Rowlf und ich m�ssen noch einmal zum Hafen hinunter, aber wir sind in einer halben Stunde wieder hier. Danach haben wir Zeit. K�nnen wir dich so lange allein lassen?�</p><p>�Ich denke schon�, sagte ich. In Wirklichkeit zitterte ich innerlich bei dem Gedanken, allein in diesem verhexten Zimmer zu bleiben. Aber irgend etwas sagte mir auch, da� ich sicher war, jedenfalls im Moment.</p><p>Howard blickte mich noch einen Augenblick absch�tzend an. �Wirklich?�</p><p>�Wirklich�, best�tigte ich. �Ich f�hle mich schon besser. Und ich verspreche dir auch, ein braver Junge zu sein und nicht wegzulaufen, <emphasis>Onkel.�</emphasis></p><p>Howard grinste. �Also gut. Wir beeilen uns. Komm, Rowlf.� Er ging, so schnell, da� ich nicht einmal Gelegenheit hatte, noch irgend etwas zu sagen oder zu fragen. Die Art seines Weggehens erinnerte mich auf bedr�ckende Weise an eine Flucht ...</p><p>Ich vertrieb den Gedanken, schlug die Bettdecke zur�ck und setzte mich vorsichtig auf. Nach dem Gef�hl der Schw�che, das ich vorhin versp�rt hatte, f�hlte ich mich jetzt ebenso pl�tzlich wieder wohl und kr�ftig, und fast bedauerte ich mein Versprechen, das Hotel nicht zu verlassen, schon wieder.</p><p>Nun, ich hatte nicht versprochen, das Zimmer nicht zu verlassen. Immerhin konnte ich hinuntergehen und im Salon einen guten Schluck trinken; etwas, das ich schon seit einer Woche schmerzhaft vermi�te. Voller pl�tzlich neu erwachtem Tatendurst setzte ich mich auf, b�ckte mich nach meiner Hose und ... erstarrte.</p><p>Mein Blick fiel auf die gegen�berliegende Wand. Zwei, drei Sekunden lang starrte ich die wei�e Tapete an, dann fuhr ich mit einem nur halb unterdr�ckten Schrei herum. Aber das Zimmer hinter mir war leer. Im Kamin brannte noch immer das Feuer und verbreitete wohlige W�rme und Licht.</p><p>Langsam, mit rasendem Herzen und zitternden H�nden, drehte ich mich wieder herum und starrte wieder die Wand an. Es gab keinen Zweifel - der Schatten darauf war mein Schatten, hervorgerufen durch die tanzenden Flammen im Kamin, an den R�ndern zerfasert und �berlebensgro�. Er sprang im Spiel der Flammen hin und her und war in st�ndiger Bewegung, als w�re er von eigenem Leben erf�llt, und es war eindeutig <emphasis>mein </emphasis>Schatten. Blo� - <emphasis>es war nicht der Schatten eines Menschen ... </emphasis></p><empty-line/><p>Es war noch fr�h, und im <emphasis>Black Sheep </emphasis>herrschte kaum Betrieb. Die meisten Stammg�ste w�rden erst gegen Abend kommen, wenn die Arbeit vorbei war, die Fischerboote wieder in den Hafen eingelaufen und die Bauern von den Feldern gekommen waren. An der langen, von zahllosen Brandflecken und Ringen verunstalteten Theke sa�en nur zwei einsame G�ste, zwei andere hockten an einem kleinen Tisch unter dem einzigen, dreckverkrusteten Fenster des Lokales und spielten Schach. Trotzdem roch die Luft nach kaltem Rauch und Bier, und der Wirt vor seinen Spiegeln und Flaschenregalen sah schon jetzt genauso �berm�det und mi�gelaunt aus wie am sp�ten Abend.</p><p>�Warte hier�, sagte Bensen leise. Er lie� Norris' Arm los, ging zur Theke und winkte dem Wirt. Der Mann setzte �bertrieben umst�ndlich das Glas ab, an dem er lustlos herumpoliert hatte, warf das Sp�ltuch in die Wassersch�ssel und rieb sich die H�nde an seiner schmuddeligen Sch�rze trocken, ehe er sich gem�chlich in Bewegung setzte.</p><p>�Bensen�, knurrte er. �Was treibt dich her? Willst du deine Schulden bezahlen?�</p><p>�Morgen�, erwiderte Bensen automatisch. �Ich verspreche es, Hal.� Er sah sich mit �bertriebener Gestik im Raum um. Die beiden Schachspieler waren weiter in ihr Spiel vertieft und nahmen offensichtlich von nichts Notiz, was rings um sie herum vorging, aber die beiden anderen Zecher an der Theke hatten ihr Gespr�ch unterbrochen und sahen mit unverhohlener Neugier zu ihm und Norris hin�ber. �Ist das Hinterzimmer frei?� fragte er.</p><p>Hal nickte automatisch. �Sicher. Aber -�</p><p>�Dann bring uns zwei Bier dorthin�, unterbrach ihn Bensen. �Und pa� ein bi�chen auf, da� uns keiner st�rt.�</p><p>�Sonst nichts?� knurrte Hal unfreundlich. �Die beiden Ale darf ich doch sicher wie gew�hnlich anschreiben, oder?�</p><p>�Du bekommst dein Geld, Hal�, antwortete Bensen ungeduldig. �Morgen abend. Sp�testens,�</p><p>Hal schien noch etwas sagen zu wollen. Aber dann seufzte er nur, drehte sich um und nahm wortlos zwei Halbliter-Gl�ser vom Regal, drehte den Zapfhahn um und lie� dunkles Ale in eines der Gl�ser laufen. Bensen l�chelte kurz und gab Norris einen Wink. Rasch, aber trotzdem so, da� ihre Schritte nicht �bertrieben hastig wirkten und sie noch mehr Aufsehen erregten, durchquerten sie den Schankraum, gingen durch einen kurzen Flur und betraten das Hinterzimmer.</p><p>Der Raum war dunkel. Die Vorh�nge waren zugezogen, und die Luft war so schlecht, da� Norris zu husten begann. Bensen deutete mit einer Kopfbewegung auf den gr�nbezogenen Spieltisch; neben den vier St�hlen, die sich um ihn gruppierten, der zerschlissenen Billardplatte und den unvermeidlichen Dartscheiben an den W�nden die einzigen Einrichtungsgegenst�nde des Zimmers, eilte zum Fenster und ri� die Vorh�nge auf. Helles Sonnenlicht str�mte in den Raum und lie� den Staub tanzen. Bensen hustete ebenfalls, entriegelte das Fenster und �ffnete es einen Spaltbreit. Die Novemberluft str�mte eisig herein und lie� ihn fr�steln, aber er konnte wenigstens wieder atmen, ohne ununterbrochen husten zu m�ssen.</p><p>Norris hockte vorn�bergebeugt und verkrampft auf seinem Stuhl, als Bensen zu ihm zur�ckkehrte. Er war bla�. Seine Augen waren ger�tet und ein bi�chen gr��er als normal, und aus seinem linken Mundwinkel lief Speichel. Bensen erschrak.</p><p>�Was ist los mit dir?� fragte er. Er trat an den Tisch und streckte die Hand nach Norris aus, aber dieser sch�ttelte hastig den Kopf, setzte sich auf und atmete h�rbar ein. Seine Lippen zitterten. Bensen registrierte, da� er schlecht roch. Irgendwie krank. �Was hast du?� fragte er noch einmal. �Bist du krank? Oder hast du einfach die Hosen voll?�</p><p>�Schei�e�, murmelte Norris. �Mir ist kotz�bel, wenn du's genau wissen willst.� Er schluckte, pre�te die Hand auf den Magen und atmete wieder tief und h�rbar ein, wie ein Mensch, der mit aller Macht gegen eine aufkommende �belkeit ank�mpft. �Vielleicht habe ich zuviel Salzwasser geschluckt.�</p><p>�M�glich.� Bensen betrachtete ihn scharf. �Sonst ist mit dir alles in Ordnung?�</p><p>�Nichts ist in Ordnung�, knurrte Norris. �Du mu�t �bergeschnappt sein. Lennard - glaubst du im Ernst, da� ich noch einmal da drau�en ins Wasser gehe?�</p><p>Bensen setzte sich, legte die H�nde flach nebeneinander auf den Tisch und sah Norris eine ganze Weile lang schweigend und nachdenklich an, ehe er - mit genau �berlegter Betonung - weitersprach: �Das ist es also. Du hast Angst.�</p><p>�Ja, verdammt noch mal!� schrie Norris. Bensen hob warnend die Hand und sah instinktiv zur T�r, und Norris sprach, noch immer erregt, aber h�rbar leiser, weiter. �Verdammt, ich habe Angst. Mahoney ist vor unseren Augen umgebracht worden, und du verlangst, da� wir noch einmal da runter gehen.�</p><p>�Er ist ertrunken�, begann Bensen, aber Norris lie� ihn nicht weiterreden.</p><p>�Das ist er nicht, und du wei�t das so gut wie ich oder dieser Phillips. Irgend etwas hat ihn in die Tiefe gezogen, vor unseren Augen und dieses Etwas ist noch dort drau�en.�</p><p>�Vielleicht�, sagte Bensen leise. �Aber vielleicht war es auch ganz anders. �berleg doch mal, Fred. Wir waren beide nerv�s, und es ist alles so furchtbar schnell gegangen.�</p><p>�Und dieses ... dieses <emphasis>Ding?� </emphasis>schnappte Norris. �Verdammt, Lennard, verkauf mich nicht f�r bl�d. Du hast es genauso gesehen wie ich. Es war ... es war ein ...�</p><p>�Ja?� fragte Bensen lauernd.</p><p>Norris starrte ihn trotzig an, suchte einen Moment vergeblich nach den richtigen Worten und ballte schlie�lich in einer Mischung aus Zorn und Resignation die F�uste. �Ich wei� es nicht�, sagte er. �Ich habe so etwas noch nie gesehen. Vielleicht eine Art Oktopus.�</p><p>�Es gibt hier keine Oktopusse�, erwiderte Bensen ruhig. �Jedenfalls nicht so gro�e. Das wei�t du.�</p><p>�Was war es dann?�</p><p>Bensen zuckte gleichm�tig mit den Achseln, setzte zu einer Antwort an und verstummte abrupt, als die T�r aufging und Hal mit zwei gef�llten Ale-Gl�sern hereinkam. Wortlos stellte er sie vor Bensen und Norris auf den Tisch, rieb sich gewohnheitsm��ig die H�nde an der Sch�rze trocken und sah Bensen herausfordernd an. �Damit w�ren wir bei f�nfzehn�, sagte er. �Zu deinen Gunsten abgerundet.�</p><p>�Ich wei�, Hal�, antwortete Bensen. �Du kriegst es morgen. Ich komme am Abend und zahle alles auf einmal.�</p><p>�Wer's glaubt�, knurrte Hal, wandte sich um und ging wieder. Trotzdem wartete Bensen, bis er ganz sicher war, da� sich der Wirt nicht mehr in H�rweite aufhielt.</p><p>�Vielleicht hat er sich in einem Tau verfangen. Vielleicht hat sich ein St�ck Segeltuch vom Wrack gel�st und ihn runtergezogen�, fuhr er fort. �Bei diesen Schiffswracks schwimmt doch immer alles m�gliche Zeugs rum.�</p><p>�Vielleicht war es aber auch ganz anders�, widersprach Norris. �Au�erdem interessiert es mich gar nicht, was ihn umgebracht hat. Er ist tot, Lennard, und das allein z�hlt. Wir ... wir m�ssen zur Polizei.�</p><p>Bensen griff nach seinem Glas, trank einen m�chtigen Schluck und wischte sich mit dem Handr�cken den Schaum von den Lippen. �Tut dir sonst noch was weh?� fragte er ruhig. �Du hast doch gesehen, wie dieser Spinner reagiert hat. Ich sage dir, Junge, da ist eine Menge Geld f�r uns drin - mehr als lumpige hundertf�nfzig Pfund.� Er stellte sein Glas ab und beugte sich erregt vor. �Fred, �berleg doch! Mahoney wird nicht wieder lebendig, wenn wir jetzt zur Polizei gehen und alles melden, aber uns geht vielleicht eine Menge Geld durch die Lappen. Es war ein Unfall. Uns trifft keine Schuld.�</p><p>Norris war noch nicht �berzeugt. �Sie werden rauskriegen, da� wir die letzten waren, die ihn gesehen haben�, sagte er. �Und ...�</p><p>�Und wenn?� unterbrach ihn Bensen und machte eine wegwerfende Handbewegung. �Wenn wir zusammenhalten und beide das gleiche aussagen, passiert uns nichts. Verdammt, Fred, sei vern�nftig. Dieser Phillips stinkt vor Geld, und wenn wir es geschickt anfangen, k�nnen wir ihm einen h�bschen Teil davon abkn�pfen. Willst du den Rest deines Lebens hier in diesem Kaff verbringen und Teibholz sammeln? Wenn du die Nerven beh�ltst, sind wir morgen um diese Zeit reich! Wir k�nnen hier weggehen, vielleicht sogar nach London. Du wolltest doch immer mal nach London, oder?�</p><p>Norris st�hnte. Seine Hand, die das Bierglas gehoben hatte, zitterte. Er wankte, kippte pl�tzlich nach vorne und lie� das Glas los. Er fiel um, das Ale verteilte sich auf dem Tisch und tropfte �ber seinen Rand zu Boden. Aus Norris' Mund drangen leise, st�hnende Laute.</p><p>Bensen sprang mit einem Satz um den Tisch herum und fing ihn gerade noch rechtzeitig auf, ehe er vom Stuhl fallen konnte. Norris' K�rper bebte wie unter Sch�ttelfrost, aber seine Haut war hei�.</p><p>�Verdammt, Junge, was hast du?� fragte Bensen. �Was ist los mit dir?�</p><p>Norris st�hnte. Speichel und wei�er, �belriechender Schaum trat auf seine Lippen. �Mir ist ... �bel�, keuchte er. �Lennard, hilf ... mir. Mir ist... so schlecht.�</p><p>Bensen richtete ihn behutsam auf, ging vor ihm in die Hocke und legte eine Hand unter sein Kinn. Norris st�hnte lauter. Seine Kleider raschelten, <emphasis>bewegten </emphasis>sich, als zucke jeder einzelne Muskel in seinem K�rper unkontrolliert und unabh�ngig von den anderen. �Lennard <emphasis>...�, </emphasis>st�hnte er. �Hilf ... mir. Mir ist ... so kalt. Ich ... ich mu� zu einem ... Arzt. Hilf mir ...�</p><p>�Keine Sorge, Junge�, sagte Bensen hastig. �Ich bringe dich weg. Kannst du laufen?�</p><p>Norris sch�ttelte den Kopf, nickte dann und versuchte sich hochzustemmen, schaffte es aber erst beim dritten Versuch. Er wankte. Ohne Bensens Hilfe h�tte er nicht gehen k�nnen.</p><p>�Hal darf nichts davon erfahren, klar?� sagte Bensen. Norris nickte, aber Bensen war sich nicht sicher, ob er seine Worte wirklich verstanden hatte. Sein Gesicht war schneewei�. Aus seinem Mund tropfte noch immer Speichel, und auf seiner Haut perlte kalter Schwei�. Bensen fluchte lautlos, nahm sein Taschentuch hervor und wischte sein Gesicht trocken. Mit etwas Gl�ck w�rde Hal nichts merken, so d�ster und verr�uchert, wie der Gastraum des <emphasis>Black Sheep </emphasis>war. Und wenn doch, konnte er immer noch behaupten, er w�re einfach betrunken. Norris vertrug nicht viel, das war stadtbekannt.</p><p>�Bring mich ... zum Arzt�, keuchte Norris, w�hrend Bensen einen Arm unter seine Achselh�hlen schob und ihn st�tzte. �Und dann zur ... Polizei. Wir m�ssen ... Mahoneys Tod ... melden.�</p><p>�Sei still, verdammt�, sagte Bensen, f�gte aber dann, etwas vers�hnlicher, hinzu: �Keine Sorge, Junge. Ich bringe dich hier raus. Es wird schon alles gut.�</p><empty-line/><p>Der Schatten war gigantisch. Er war nicht grau wie ein normaler Schatten, sondern schwarz, als w�re ein Teil der Wand vor mir wieder in tiefe, lichtschluckende Nacht getaucht, drei Meter hoch und in st�ndiger, ungreifbarer Bewegung, ein schwarzes Wallen und Wogen innerhalb der Schw�rze, als w�re er von unheimlichem wogenden Leben erf�llt. Es war nicht der Schatten eines Menschen, sondern ein bizarrer Umri�, der Schatten eines gewaltigen, unbeschreiblichen ... <emphasis>Dinges, </emphasis>das ganz aus peitschenden Tentakeln und d�nnen, gebogenen Armen zu bestehen schien, ein Ding wie ein Nest sich windender, ineinander verschlungener Schlangen, die ...</p><p>Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.</p><p>Ich hatte ein Wesen wie dieses schon einmal gesehen, und es war nicht einmal lange her.</p><p>Der Schatten vor mir war der <emphasis>Schatten eines GROSSEN ALTEN! Und es war gleichzeitig mein Schatten, der Umri� meines K�rpers, der von den zuckenden Flammen im Kamin auf die Wand geworfen wurde! </emphasis>Das Ding, das ich get�tet zu haben glaubte, dachte ich entsetzt. Das Monstrum, dem ich meinen Degen durch den Leib gerammt und dessen Tod ich mit eigenen Augen gesehen zu haben glaubte.</p><p>Es war nicht tot! Es lebte.</p><p>Es existierte weiter, auf widernat�rliche, unheimliche Weise, lebte weiter und verfolgte weiter seine finsteren Pl�ne - in <emphasis>mir! </emphasis>Das waren die Alptr�ume gewesen, die mich gequ�lt hatten, die furchtbaren Visionen, die Bilder, die ich mir nicht erkl�ren konnte. Die Bestie war tot, aber etwas von ihr war in meinen K�rper gedrungen, als sie mich verletzt hatte, ein t�dlicher, m�rderischer Keim, der tief in mir heranwuchs und st�rker wurde. Und Howard hatte es gewu�t.</p><p>Ich schrie auf, taumelte wie unter einem Hieb zur�ck, prallte gegen den Bettpfosten und verlor das Gleichgewicht. Der Schatten an der Wand vollzog die Bewegungen gehorsam mit, aber er tat noch mehr, kippte nicht nur zur Seite und zu Boden, sondern bewegte sich gleichzeitig auf mich zu, peitschende Tentakel in meine Richtung streckend und mit rauchigen Schattenarmen nach meinen Beinen greifend. Das Zimmer war pl�tzlich von einem bestialischen Gestank erf�llt, Leichengeruch, aber auch noch etwas anderes, Fremdes und unbeschreiblich Ekelhaftes. Ich schrie, kreischte wie ein Wahnsinniger und kroch r�cklings �ber den Boden davon, aber der Scharten folgte mir wie eine lautlose Woge aus Finsternis, und seine zuckenden Arme kamen n�her, unbarmherzig n�her. Panik kroch in mir hoch. Ich begann mit den Beinen zu strampeln und nach dem Schatten zu treten, versuchte mich herumzuwerfen und kroch weiter zur�ck. Aber der Schatten folgte mir, ganz egal, was ich tat. Es war <emphasis>mein </emphasis>Schatten. Und niemand kann seinem eigenen Schatten entkommen.</p><p>Die peitschenden Schlangenarme kamen n�her, bewegten sich lautlos und gleitend �ber den Boden auf meine Beine zu, verharrten einen Moment, als w�rden sie �berlegen, und krochen dann weiter. Ich schrie.</p><p>Jemand begann gegen die T�r zu schlagen. �Was ist denn los da drinnen?� polterte eine Stimme. �Machen Sie auf! Dieser L�rm geht zu weit!�</p><p>Ich schrie wieder, warf mich zur Seite und rollte bis dicht vor die T�r, aber wieder vollzog der Schatten die Bewegung gehorsam mit. Er kam nicht n�her, aber die schleichenden Tentakelarme verharrten eine Handbreit neben meinem K�rper, als wollten sie mich verspotten.</p><p>Die T�r wurde mit einem Ruck aufgerissen. Das zornger�tete Fuchsgesicht des Portiers erschien unter der �ffnung.</p><p>Und der Schatten verschwand.</p><p>Pl�tzlich, von einem Lidzucken auf das andere, war der Schatten neben mir wieder mein eigener Schatten, der Schatten eines ganz normalen Menschen, und auch der Pesthauch der Bestie war fort.</p><p>Der Portier ri� die T�r vollends auf, trat herausfordernd auf mich zu und funkelte mich mit einer Mischung aus gerechtem Zorn und einer ganz kleinen Spur von Angst an. �Was zum Teufel geht hier vor?� fragte er. �Was bilden Sie sich ein, hier herumzuschreien? Sie br�llen ja, da� man Sie bis zur K�ste h�ren kann!�</p><p>Ich wollte antworten, aber ich konnte nicht. Mein Herz jagte, und mein Atem ging so schnell, da� ich nur ein unartikuliertes Keuchen hervorbekam. M�hsam, mit zitternden H�nden, stemmte ich mich hoch, blieb einen Moment auf H�nden und Knien hocken und stand dann ganz auf. Ich taumelte. F�r einen Moment begann sich das Zimmer wie wild vor meinen Augen zu drehen, dann bekam ich den Bettpfosten zu fassen und klammerte mich mit dem bi�chen Kraft, das mir noch verblieben war, fest.</p><p>�Nun?� fragte der Portier scharf. Seine Stimme klang erregt, aber ich registrierte auch die schwache Spur von Furcht, die darin mitschwang. Wahrscheinlich hielt er mich f�r verr�ckt.</p><p>�Es war ... nichts�, sagte ich m�hsam. �Ich ... ich hatte ...�</p><p>�Wieder einen von diesen Anf�llen, wie?� fragte das Fuchsgesicht. Ich nickte. Die Erkl�rung war besser als alles, was mir im Augenblick eingefallen w�re.</p><p>�Und Ihr Onkel l��t Sie einfach so allein, wie?� fuhr er, durch mein Schweigen offensichtlich mutiger geworden, fort. �rgerlich trat er auf mich zu, stemmte die F�uste in die H�ften und starrte mich an. �Junger Mann, wenn Sie krank sind, dann gehen Sie zu einem Arzt. Dieses Hotel ist kein Krankenhaus, und das habe ich Ihrem Onkel auch schon gesagt.�</p><p>�Es ... es wird nicht wieder ... nicht wieder vorkommen�, murmelte ich. Mir war noch immer schwindelig. Meine Glieder f�hlten sich seltsam leicht und kraftlos an. Was immer gerade geschehen war, es hatte mich total ersch�pft.</p><p>�Sie k�nnen sich sogar darauf verlassen, da� es nicht wieder vorkommt�, knurrte das Fuchsgesicht. Wie viele Menschen, die im Grunde ihres Herzens feige sind, neigte er dazu, den Bogen zu �berspannen, wenn er einmal auf Widerstand stie�, den er brechen zu k�nnen glaubte. �Sie werden n�mlich ausziehen, und zwar auf der Stelle. Wir haben noch andere G�ste, und dieses Haus ist...�</p><p>�Kein Irrenhaus?� Ich sah auf und blickte ihm einen Moment lang in die Augen. Der zornige Ausdruck in seinem Blick zerbrach.</p><p>�Das ... das habe ich nicht gemeint�, sagte er hastig. �Ich meine nur ...�</p><p>�Schon gut.� Ich winkte ab, lie� vorsichtig den Bettpfosten los, an dem ich Halt gesucht hatte, und ging schwankend um das Bett herum. �Sie haben ja recht�, murmelte ich. �Ich gehe. Auf der Stelle.�</p><p>Ich hatte kaum die Kraft, mich nach meinen Kleidern zu b�cken, und als ich in die Hose zu schl�pfen versuchte, wurde mir schon wieder schwindelig. Aber diesmal k�mpfte ich das Gef�hl mit aller Macht nieder. Ich mu�te aus diesem Zimmer heraus. Sofort.</p><p>�So war das auch nicht gemeint�, sagte der Portier kleinlaut. �Sie k�nnen ruhig bleiben, bis ...�</p><p>�Ich gehe�, beharrte ich. �Bitte warten Sie, bis ich mich angezogen habe. Ich ... ich werde Ihnen keine weiteren Schwierigkeiten bereiten.� Mit zitternden Fingern stopfte ich mein Nachthemd unter den Hosenbund, griff nach der Weste und streifte sie ungeschickt �ber. Mein Blick fiel immer wieder auf die gegen�berliegende Wand, Aber der Schatten daran war ein normaler, menschlicher Schatten.</p><p>�Vielleicht sollte ich einen Arzt rufen�, sagte der Portier. Pl�tzlich schien er es furchtbar eilig zu haben, das Zimmer zu verlassen. Ich konnte es ihm nicht einmal verdenken. Wer war schon gerne in der Gesellschaft eines Verr�ckten?</p><p>�Bitte bleiben Sie�, sagte ich. �Ich bin gleich soweit.�</p><p>�Aber ich habe noch zu tun, und Sie k�nnen wirklich ...�</p><p><emphasis>�Verdammt noch mal, Sie sollen hierbleiben!� </emphasis>br�llte ich. Das Fuchsgesicht prallte erschrocken zur�ck und schluckte ein paarmal, blieb aber gehorsam stehen. Sein Blick wanderte durch den Raum, als hielte er nach einer Waffe Ausschau, mit der er sich im Notfall wehren konnte, sollte ich vollends tobs�chtig werden.</p><p>So rasch ich konnte - sehr rasch war es nicht, denn meine H�nde zitterten noch immer so stark, da� ich kaum die Schn�rb�nder an meinen Schuhen zubekam - zog ich mich zu Ende an, nahm Hut und Stock vom Tisch und wandte mich zur T�r. Der Blick des Portiers saugte sich f�r einen Moment an meinem Gesicht fest. Dem Ausdruck in seinen Augen nach zu schlie�en, mu�te ich f�rchterlich aussehen. Lautlos trat er zur Seite, um mir Platz zu machen. Ich ging zur T�r, blieb aber noch einmal stehen und sp�hte auf den Flur hinaus. Der Gang war lang und dunkel, und es gab nur ein einziges Fenster, dessen Licht nicht bis zur Treppe fiel. Keine Schatten, dachte ich. Gut. Solange ich nicht direkt ins Sonnenlicht, vor ein Feuer oder eine Lampe trat, war ich in Sicherheit.</p><p>Vielleicht.</p><p>�Sie ... Sie wollen wirklich gehen?� fragte der Portier hinter mir.</p><p>Ich drehte mich nicht um, sondern nickte nur. �Ja. Wenn mein ... Onkel zur�ckkommt, dann sagen Sie ihm, da� ich ihn am Hafen erwarte. Heute abend, nach Sonnenuntergang.�</p><p>Wenn ich bis dahin noch lebte, f�gte ich in Gedanken hinzu. Und wenn ich noch <emphasis>ich </emphasis>war.</p><empty-line/><p>Der Weg war auf den letzten anderthalb Meilen immer schlechter geworden, und Bensen hatte immer �fter die Peitsche zu Hilfe nehmen m�ssen, um die beiden Pferde �berhaupt zum Weitergehen zu bewegen. Aber jetzt w�rde ihm nicht einmal mehr die Peitsche helfen. Das Fuhrwerk sa� fest, bis fast an die Achsen in Schlamm und Morast eingesunken. Er w�rde ein halbes Dutzend Ochsen brauchen, um den Wagen wieder flott zu bekommen.</p><p>Bensen lie� mit einem zornigen Laut die Z�gel sinken, richtete sich auf dem schmalen Bock auf und trat nach hinten, auf die Ladefl�che des Wagens. Norris lag zusammengekr�mmt zwischen leeren S�cken und Bastk�rben, die nach Fisch stanken. Er st�hnte leise, und im Laufe der letzten halben Stunde hatte er sich mindestens ein halbes Dutzend Mal �bergeben. Der Wagen stank durchdringend nach Erbrochenem, und Norris' Gesicht lag in einer Pf�tze hellgrauer, �belriechenden Fl�ssigkeit. Bensen dr�ngte seinen Ekel zur�ck und ging vorsichtig neben Norris in die Knie. Den Wagen hatte er sich ohnehin �ausgeliehen� ohne seinen Besitzer vorher um Erlaubnis zu fragen, und Norris ...</p><p>Nun, er schien doch ein bi�chen mehr als nur zuviel Salzwasser geschluckt zu haben, dachte Bensen d�ster. Norris hatte aufgeh�rt, zu wimmern und um Hilfe zu flehen, aber er war noch bei Bewu�tsein. Seine Augen standen einen Spaltbreit offen, und seine H�nde �ffneten und schlossen sich unentwegt; die Fingern�gel kratzten dabei �ber das morsche Holz des Wagenbodens und verursachten scharrende Laute, die Bensen einen eisigen Schauer �ber den R�cken jagten. �Wie geht es dir, Junge?� fragte er.</p><p>Norris versuchte den Kopf zu heben, aber er hatte nicht mehr genug Kraft dazu. �Ich habe ... Schmerzen. Wo ... bringst du mich ... hin?�</p><p>Bensen seufzte. �Ich passe schon auf dich auf, Kleiner�, sagte er. �Keine Angst. Es wird schon wieder.�</p><p>�Nichts ... wird wieder�, st�hnte Norris. �Du ... du bringst mich nicht... nicht zum Arzt.�</p><p>�Nein�, sagte Bensen ruhig. �Jedenfalls nicht heute. Du wirst es schon durchhalten.�</p><p>Norris st�hnte, drehte nun doch den Kopf und starrte ihn aus roten, entz�ndeten Augen an. Bensen sah, da� das Wei�e in seinen Augen fast ganz verschwunden war. Seine Pupillen waren unnat�rlich vergr��ert, und seine Gesichtshaut war wei� mit einem Stich ins Gelbliche und da und dort gerissen wie altes, trockenes Pergament.</p><p>�Ich ... ich sterbe, Lennard�, fl�sterte er. �Und du ... du l��t mich krepieren wie einen Hund, du ... du Schwein.�</p><p>Bensen lachte leise. �Du redest Unsinn, Kleiner�, sagte er. �Ich bringe dich zu einem Arzt. Morgen. Sowie ich mit Phillips fertig bin. So lange mu�t du schon durchhalten.�</p><p>�Du ... du miese Sau�, keuchte Norris. �Du l��t mich verrecken, genau wie du Mahoney hast sterben lassen.�</p><p>�Das tue ich nicht�, widersprach Bensen gereizt. �Aber ich lasse mir nicht die gr��te Chance meines Lebens entgehen, nur weil du dir vor Angst in die Hosen schei�t, Kleiner. Wir machen halbe-halbe, genau wie ausgemacht, auch wenn du nicht dabei bist. Aber du wirst bis morgen durchhalten m�ssen.� Er lachte rauh. �Sieh es von der Seite: Ich habe die Arbeit, und du kassierst.�</p><p>�Du ...�</p><p>�Ich kenne eine H�tte hier in der Gegend�, fuhr Bensen unbeeindruckt fort. �Um diese Jahreszeit kommt da nie einer hin. Ich bringe dich dorthin, und morgen abend komme ich wieder - mit dem Geld. Wenn es dir dann noch nicht besser geht, hole ich einen Arzt.�</p><p>�Ich will ... dein dreckiges Geld nicht mehr�, st�hnte Norris. �Mach mit Phillips ab, was du willst, aber ...� Er brach ab, st�hnte, wand sich wie unter einem Krampf und pre�te die H�nde gegen den Leib. Ein dunkler Fleck bildete sich auf seinem Hemd, und pl�tzlich waren seine H�nde feucht. Bensen verzog angeekelt das Gesicht, als er die graue Fl�ssigkeit sah, die aus seinen Hemds�rmeln lief und zu Boden tropfte. Ein s��licher, durchdringender Geruch stieg ihm in die Nase.</p><p>Z�gernd beugte er sich vor, l�ste Norris' verkrampfte H�nde und drehte ihn auf den R�cken. �Verflucht, was ist los mit dir?� fl�sterte er. Norris antwortete nicht, aber der dunkle Fleck auf seinem Hemd wurde gr��er, dann erschienen weitere Flecke auf seinen Hosenbeinen und �ber seiner linken Schulter. Bensen richtete sich angewidert auf, streckte aber kurz darauf wieder die Hand aus und ber�hrte Norris' Leib. Sein K�rper f�hlte sich seltsam an: wie weicher Schwamm, gar nicht mehr wie der eines Menschen.</p><p>Bensen dr�ngte das Ekelgef�hl, das neu und st�rker in ihm aufstieg und ihm die Kehle zuschn�rte, mit aller Macht zur�ck, zog sein Taschenmesser aus der Jacke und schnitt Norris' Hemd auf.</p><p>Die Haut, die darunter zum Vorschein kam, war grau. Und es war auch keine menschliche Haut mehr, sondern eine halb aufgel�ste, w�sserige Masse, wie verfaulter Tang. Sie stank bestialisch.</p><p>Bensen erstarrte. Pl�tzlich sah er ein Bild vor sich: seinen eigenen Fu�, na� und glitzernd von Salzwasser, und einen d�nnen, grauen Strang, der sich um sein Gelenk geringelt hatte ...</p><p>Er vertrieb das Bild, r�ckte instinktiv ein St�ck weiter von Norris weg und sah entsetzt auf seinen K�rper herab. Die dunklen Flecke auf seinem Leib wurden immer zahlreicher. Seine Atemz�ge klangen r�chelnd.</p><p>�Lennard�, flehte Norris. �Hilf ... mir. Ich ... halte es nicht mehr aus. Bring mich ... zum Arzt.�</p><p>Bensen schwieg fast eine Minute. Norris' Kleidung hatte sich jetzt fast vollst�ndig dunkel gef�rbt. Der Gestank war kaum mehr auszuhalten. Er mu�te sein Hemd nicht weiter aufschneiden, um zu wissen, wie es darunter aussah.</p><p>�Es tut mir leid, Kleiner�, sagte er. �Aber das kann ich nicht.�</p><p>Norris keuchte. �Du ...�</p><p>�Du w�rdest alles verraten, nicht wahr?� fuhr Bensen fort. Seine Hand krampfte sich fester um das Messer. �Sie w�rden dich fragen, woher du das hast, und du w�rdest alles erz�hlen. Die ganze Geschichte.�</p><p>�Lennard!� flehte Norris. �Ich ... ich sterbe! Bitte hilf mir.�</p><p>�Ich w�rde es ja gerne�, erwiderte Bensen leise. �Aber ich kann nicht. Du w�rdest Phillips auffliegen lassen, und ich w�rde nicht an mein Geld kommen und den Rest meines Lebens in diesem Kaff verbringen. Ich kann das nicht. Ich will weg hier, und ich lasse nicht zu, da� mich jemand daran hindert. Das siehst du doch ein, oder?�</p><p>Damit beugte er sich vor und hob das Messer ...</p><p>Durness war nicht sehr belebt zu dieser Stunde. Es war nur ein knappes halbes Dutzend Passanten, die sich mehr oder weniger zielstrebig auf den B�rgersteigen rechts und links der Hauptstra�e bewegten, dazu ein einzelnes, von einem m�den Gaul gezogenes Fuhrwerk. Vielleicht lag es an der noch fr�hen Stunde - Durness sieht auf der Landkarte respektabel aus, aber in Wahrheit ist es wenig mehr als ein Kaff, das zuf�llig einen kleinen Hafen besitzt und aus mir unerfindlichen Gr�nden eine bescheidene Industrie angelockt hat, die den Menschen in weitem Umkreis Arbeit gab. Sehr wenige seiner Einwohner mochten die Mu�e haben, tags�ber spazierenzugehen, und eine Strandpromenade wie in den meisten anderen (und bekannteren) Seeh�fen Englands gab es erst gar nicht. Vielleicht lag es auch an der herbstlichen K�lte, die an diesem Tage besonders grimmig zu sein schien und die Leute in die H�user und vor ihre warmen �fen getrieben hatte - ich jedenfalls begann den eisigen Bi� des Windes schon nach wenigen Augenblicken unangenehm zu sp�ren. Die Luft roch nach Salzwasser und Tang, und der Wind blies vom Meer aus; eine best�ndige, nicht sehr steife Brise, die durch meine d�nne Kleidung drang und mich fr�steln lie�. Ich war f�r die Witterung denkbar schlecht gekleidet. Oben im Zimmer hatte ich einfach �bergestreift, was ich zuerst gefunden hatte, und das war eben ein vielleicht modischer, aber ganz und gar nicht w�rmender Gehrock gewesen, der mir kaum Schutz vor der K�lte gew�hrte. Das Ergebnis war, da� ich nach kaum f�nf Minuten bereits vor K�lte mit den Z�hnen klapperte und erb�rmlich fror.</p><p>Ich f�hlte mich noch immer wie bet�ubt. Ich war aus dem Hotel geflohen, und mir wurde erst jetzt - und auch erst jetzt nur ganz langsam - klar, da� ich nicht die geringste Ahnung hatte, wohin. Ich wu�te, da� Howard ein Schiff im Hafen liegen hatte, und wenn der Portier meine Nachricht ausrichten w�rde, w�rde ich ihn dort treffen, sobald die Sonne untergegangen war.</p><p>Aber bis dahin waren noch gute f�nf Stunden Zeit... Ich blieb stehen, trat unbewu�t einen Schritt n�her an die Hauswand heran und sah mich um. Der Himmel war bedeckt, wie oft zu dieser Jahreszeit und es gab keine nennenswerten Schatten, Und selbst wenn die Sonne weiterwanderte, war ich auf dieser Seite der Stra�e in Sicherheit, zumindest f�r die n�chsten Stunden. Aber ich konnte unm�glich bis Sonnenuntergang hierbleiben, und sei es nur wegen der K�lte.</p><p>Es war ein Fehler gewesen, aus dem Hotel zu fliehen. Ich hatte in Panik gehandelt, und wie so oft, wenn man nicht mehr auf sein klares Denken, sondern nur noch auf die Angst h�rt, hatte ich das Falsche getan. Ich h�tte das Feuer l�schen, die Fenster verh�ngen und in aller Ruhe auf Howard warten sollen, statt kopflos aus dem Hotel zu st�rzen. Einen Moment �berlegte ich, ob ich zum Hotel zur�ckkehren sollte, verwarf den Gedanken dann aber wieder. Ich w�rde einen Ort finden, an dem ich mich verbergen konnte, bis die Sonne unterging, und Howard w�rde eine L�sung finden. Es galt nur, die Zeit bis dahin zu �berstehen.</p><p>Mein Blick wanderte die Stra�e hinab. Es gab ein paar kleine Ladengesch�fte, zwei, drei Lokale und Restaurants und eine Reihe von Wohnh�usern, aber nichts davon erschien mir passend als Versteck. Ich war fremd hier und konnte schlecht irgendwo klopfen und fragen, ob ich mich bis nach Dunkelwerden im Keller verkriechen konnte. Und auch die Lokale erschienen mir nicht sicher genug; ganz egal, welcher Art - ob nun ein teures Restaurant oder eine Hafenkneipe - es gab dort Licht, und wo es Licht gab, da waren auch Schatten. Die Situation war beinahe absurd - wo versteckte man sich vor seinem <emphasis>eigenen Schatten?</emphasis></p><p>Ich wei� nicht, ob es Zufall war - in letzter Zeit gelangte ich immer mehr zu der �berzeugung, da� es so etwas wie Zufall nicht gab - aber der einzige Ort, der mir im Augenblick auch nur einigerma�en sicher schien, war die Kirche.</p><p>Es war eine kleine Kirche, selbst f�r einen Ort wie Durness, aber sie war zu dieser Zeit des Tages wahrscheinlich so gut wie leer, und sie war dunkel und schattig und w�rde mir Schutz gew�hren. Es war nicht einmal sehr weit bis dorthin - vielleicht hundert Schritte die Stra�e hinunter und auf der anderen Seite. Ich ging los.</p><p>Der Wind wurde k�lter, als ich mich die Stra�e hinunter bewegte, und ein rascher Blick auf den Himmel zeigte mir, da� die Gewitterfront n�her gekommen war. Die schwarzen Wolkenberge waren noch immer weit von Durness entfernt, aber sie waren doch sichtbar n�her herangekommen, und auch �ber der Stadt ballten sich bereits braungraue, brodelnde Wolken zusammen. Das dumpfe Grollen des Donners war lauter als vorher. Fr�stelnd zog ich den Kopf zwischen die Schultern, stemmte mich gegen den Wind und ging schneller.</p><p>Als ich die Stra�e halb �berquert hatte, ri� die Wolkendecke auf.</p><p>Es war kein Zufall. Das Wimmern des Windes steigerte sich f�r Sekunden zu einem w�tenden Kreischen, einem Laut wie einem zornigen Schrei. Der Wind traf mich wie eine eisige Faust im Gesicht und lie� mich taumeln. Gleichzeitig ri� die graue Decke �ber der Stadt wie in einer gewaltigen, lautlosen Explosion auseinander, und auf dem nassen Kopfsteinpflaster vor mir <emphasis>erschien der Schatten der Bestie.</emphasis></p><p>Der Schatten war gr��er als beim ersten Mal. Und er reagierte viel schneller und zielstrebiger als oben im Hotel. Das schwarze Nest aus Schattenschlangen breitete sich wie eine aufbl�hende Blume vor mir aus, und Dutzende von Tentakeln ringelten sich peitschend und lautlos in meine Richtung.</p><p>Diesmal kam meine Reaktion fast zu sp�t. Ich hatte gewu�t, was passieren w�rde, hatte es zumindest bef�rchtet, und trotzdem l�hmte mich der Anblick f�r Sekunden. Erst als ein halbes Dutzend der Schattenarme auf meine Beine zuschossen, erwachte ich aus meiner Erstarrung und rannte los.</p><p>Die Stra�e war nur wenig breiter als zehn Yards, aber der Weg hin�ber wurde zum l�ngsten meines Lebens. Der Schatten huschte wie ein gewaltiger mi�gestalteter, dunkler Doppelg�nger vor mir �ber den Stra�enbelag, h�pfte �ber die niedrige Bordsteinkante und kippte in einer grotesken Bewegung zur Seite und nach oben, als ich auf die Kirchent�r zuwankte. Die wirbelnden Arme tasteten pl�tzlich nicht mehr nach meinen Beinen, sondern peitschten direkt vor mir �ber das rissige braune Holz. Ich schrie vor Schrecken, zerrte verzweifelt an einem der schweren T�rfl�gel und duckte mich, als einer der Tentakelarme nach mir schlug. Es war absurd: Er war nichts als ein Schatten, nichts K�rperliches, Festes, aber ich sp�rte den scharfen Luftzug und die Woge von Pestgestank, die ihm folgte.</p><p>Mit einem verzweifelten Satz warf ich mich nach vorne, dr�ckte die T�r mit der Schulter auf und taumelte hindurch.</p><p>Der Scharten verschwand im gleichen Moment, in dem ich das Kirchenschiff betrat, aber ich stolperte noch ein paar Schritte weiter, tiefer hinein in die sch�tzende Dunkelheit und die Schatten, die dieses furchtbare <emphasis>Ding </emphasis>in mir wenigstens f�r Augenblicke vertrieben. Erst, als ich weit von der offenstehenden T�r entfernt war, wagte ich es, stehenzubleiben.</p><p>Die Ersch�pfung h�llte mich ein wie eine bet�ubende Woge. Die wenigen Schritte hatten meinen geschw�chten K�rper bis an die Grenzen belastet; mein Herz raste, und meine Beine f�hlten sich an, als w�re ich Meile um Meile gerannt, statt weniger Schritte. Ich wankte, hielt mich an einer der einfachen h�lzernen B�nke fest und sah mich schweratmend um.</p><p>Die Kirche sah im Inneren weit gr��er aus als von au�en. Das spitze Dach erhob sich f�nfundzwanzig Yards �ber den Boden, und in den unverputzten W�nden aus einfachen roten Ziegeln, die nur hier und da durch ein Heiligenbild oder eine h�lzerne Statue aufgelockert wurden, waren nur wenige, kleine Fenster, so da� es hier drinnen selbst bei hellem Sonnenschein wahrscheinlich immer dunkel war. Wenigstens w�rde mich der Schatten hier drinnen nicht einholen k�nnen.</p><p>Langsam drehte ich mich um. Ich war nicht allein, wie ich gehofft hatte. Am anderen Ende des Kirchenschiffes befand sich ein einfacher, niedriger Altar, und davor, halb kniend, als h�tte ich ihn im Gebet gest�rt, sa� ein Mann und sah zu mir her�ber. Einen Moment lang hielt ich seinem Blick stand, dann drehte ich mich rasch um, ging ein paar Schritte und lie� mich auf eine der unbequemen B�nke sinken. Drau�en kam das Gewitter n�her, und die hallende Akustik der Kirche lie� die Donnerschl�ge lauter und drohender klingen als sie waren. Ich st�tzte die Arme auf die R�ckenlehne der Bank vor mir, blieb einen Moment mit geschlossenen Augen sitzen und versuchte, den Sturm von Gef�hlen und Gedanken in meinem Inneren niederzuk�mpfen. Dann griff ich - eigentlich, ohne �berhaupt zu wissen, warum - nach einem der zerlesenen Gebetsb�cher, die �berall auf den B�nken ausgelegt worden waren, schlug es wahllos auf und begann darin zu bl�ttern. Nach einer Weile stand der Mann am Altar auf und ging zum Ausgang. Ich beachtete ihn nicht, sondern tat weiter so, als lese ich.</p><p>�Mister Craven?�</p><p>Ich sah auf. Der Mann hatte die Kirche nicht verlassen, sondern war n�her gekommen und neben mir stehengeblieben, so leise, da� ich es nicht einmal bemerkt hatte. Sein Gesicht war in der unzureichenden Beleuchtung nicht zu erkennen, aber ich konnte sehen, da� er sehr gro� und kr�ftig gebaut war, dazu etwa so alt wie ich, vielleicht etwas j�nger. �Sie ... kennen mich?� fragte ich.</p><p>Er nickte. �Warum sind Sie hierher gekommen, Mister Craven?� fragte er leise. �Weil es eine Kirche ist?� Er lachte. In dem gro�en, stillen Raum bekam das Ger�usch einen vollkommen neuen Klang. �Glauben Sie mir, es wird Ihnen nichts nutzen, Mister Craven. Die M�chte, vor denen Sie fliehen, lassen sich nicht durch Kirchenmauern oder ein Kreuz zur�ckhalten.�</p><p>Ich starrte ihn an. Ich war sicher, den Mann nie zuvor in meinem Leben gesehen zu haben. Daf�r schien er mich um so besser zu kennen. Trotzdem sch�ttelte ich beinahe instinktiv den Kopf. �Ich f�rchte, ich verstehe Sie nicht�, sagte ich, so ruhig ich konnte. �Was meinen Sie, Mister ...�</p><p>�Mahoney�, antwortete der Fremde, �Floyd Mahoney. Und glauben Sie mir - Sie sind hier nicht sicher. Diese Kirche und ihre Symbole sch�tzen Sie vielleicht vor Schwarzer Magie, vielleicht auch vor dem Teufel, falls <emphasis>es </emphasis>so etwas gibt. Aber die M�chte, gegen die Sie k�mpfen, sind weder das eine noch das andere.� Er l�chelte, nahm unaufgefordert neben mir Platz und machte eine Bewegung, die die gesamte Kirche einschlo�. �Das alles hier, Robert, ist Glauben. Das Stein gewordene Wort Gottes, wie ein kluger Mann einmal gesagt hat. Die, gegen die Sie und Ihre Freunde k�mpfen, haben nichts mit Gott oder dem Teufel zu schaffen, oder mit irgendwelchen D�monen. Es sind Wesen wie wir, lebende Wesen, Robert. Aber sie stammen aus einer Zeit, die seit zwei Milliarden Jahren untergegangen ist, und ihre Hilfsmittel sind so fremdartig, da� sie uns vielleicht wie Magie vorkommen.�</p><p>�Ich ... ich verstehe nicht, was -�</p><p>�Stellen Sie sich nicht d�mmer, als Sie sind, Robert�, unterbrach mich Mahoney. Seine Stimme klang zornig, aber nicht sehr. �Ich bin auf Ihrer Seite. Aber ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie sich nicht helfen lassen.�</p><p>Sekundenlang starrte ich ihn unschl�ssig an. Meine Finger spielten nerv�s mit den d�nnen Pergamentseiten des Gebetbuches und zerknitterten sie, aber das merkte ich in diesem Augenblick nicht einmal. Ich konnte Mahoneys Gesicht jetzt deutlicher erkennen. Es pa�te zu seinem �u�eren - breitfl�chig, nicht �berm��ig intelligent, aber offen und von einer schwer in Worte zu fassenden Gutm�tigkeit. �Sie ... Sie wissen ...�</p><p>�Von den <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>und Ihnen, von Mister Lovecraft und Ihrem Vater?� half Mahoney. Er l�chelte. �Ja, das und eine Menge mehr. Aber jetzt ist nicht die Zeit, Ihnen alles zu erkl�ren. Das ist eine lange Geschichte, wissen Sie?� Er l�chelte noch ein bi�chen breiter. �Aber ich bin Ihr Freund, Robert. Ich kann Ihnen helfen, hier herauszukommen.� Er wies zur T�r. �Es w�re mir ein leichtes gewesen, Sie dort drau�en aufzuhalten. Ein paar Sekunden h�tten gen�gt.�</p><p>Irgend etwas an seinen Worten irritierte mich - vielleicht die Tatsache, da� dieser sonderbare Mister Mahoney der Meinung zu sein schien, da� ihn allein die Tatsache, da� er mir <emphasis>nicht </emphasis>geschadet hatte, als er es konnte, schon zu meinem Freund machte ...</p><p>Trotzdem stand ich nach kurzem Z�gern auf, legte das Gebetbuch auf die Bank zur�ck und sah ihn fragend an. �Wie?�</p><p>�Es gibt einen Geheimgang�, erwiderte er und stampfte mit dem Fu� auf. �Direkt unter unseren F��en. Er beginnt in der Sakristei und endet unmittelbar am Hafen. Er stammt noch aus der Zeit, als diese K�ste unter den Wikinger�berf�llen zu leiden hatte, wissen Sie? Die Leute fl�chteten sich damals hierher, so wie Sie jetzt, und so wie Ihnen hat es ihnen nichts genutzt. Die Wikinger hatten auch keinen Respekt vor dem Kreuz.� Er lachte, drehte sich um und wollte losgehen, aber ich hielt ihn mit einer raschen Bewegung zur�ck.</p><p>�Wer sind Sie?� fragte ich. �Was sind Sie, Mahoney?�</p><p>�Floyd�, verbesserte er mich. �Meine Freunde nennen mich Floyd.�</p><p>�Meinetwegen�, antwortete ich grob. �Aber das beantwortet meine Frage nicht.�</p><p>Floyd seufzte. Auf seinem Gesicht erschien ein fast trauriger Ausdruck. Behutsam l�ste er meine Hand von seinem Arm, sah zur�ck zur T�r und dann zu einem der kleinen, bleiverglasten Fenster hinauf, ehe er sich wieder zu mir umwandte.</p><p>�Warum vertrauen Sie mir nicht einfach?� fragte er leise, gab mir aber keine Gelegenheit, um zu antworten, sondern fuhr fast melancholisch fort. �Vielleicht sind Sie ein paarmal zu oft entt�uscht worden, wie? Ich glaube, ich kann Sie fast verstehen, Robert. Aber ich bin Ihr Freund. Ich hasse die <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>ebensosehr wie Sie.�</p><p>�Sie?� fragte ich, noch immer mi�trauisch. �Sie sind kaum jung genug, um ...�</p><p>�Ich bin dreiundzwanzig, Robert�, unterbrach er mich. �Nicht viel j�nger als Sie.�</p><p>�Das ist etwas anderes. Ich bin -�</p><p>�Etwas Besonderes, ich wei߫, unterbrach mich Floyd sp�ttisch. �Das glaubt jeder, der mit diesen Bestien zu tun bekommt. Aber vielleicht haben Sie nicht einmal Unrecht. Sie sind der erste Mensch, den ich kennenlerne, der eine Begegnung mit einem dieser Ungeheuer �berlebt hat.� Er hob die Hand und deutete auf die wei�e Haarstr�hne �ber meinem rechten Auge. �Das da stammt doch von einem, oder?�</p><p>Ich nickte impulsiv. �Gibt es irgend etwas, das ... das Sie nicht wissen?� fragte ich.</p><p>�Eine Menge�, antwortete Mahoney ernst. �Aber ich wei�, was mit Ihnen los ist, Robert, und ich glaube, ich wei� auch, wie ich Ihnen helfen kann.�</p><p>�Wie?�</p><p>�Nicht hier�, antwortete Mahoney ruhig. �Wir m�ssen hier weg. Am besten gehen wir nach unten, in den Gang. Ich habe keine Ahnung, ob er noch auf voller L�nge passierbar ist, aber es gibt dort unten kein Licht. Bis Sonnenuntergang sind wir in Sicherheit.�</p><p>�Und dann?� fragte ich.</p><p>�Dann?� Mahoney l�chelte. �Dann fahren wir auf das Meer hinaus und holen die B�cherkiste Ihres Vaters. Ich hoffe, Sie k�nnen schwimmen.�</p><empty-line/><p>Das Pferd war w�hrend der letzten halben Stunde immer unruhiger geworden. Die Gewitterfront war n�her gekommen, und das dunkle Rumpeln und Grollen des Donners erklang jetzt beinahe ununterbrochen, und obwohl die Regenfront noch immer Meilen entfernt war, war die Luft bereits von jenem eigent�mlichen Gef�hl der Spannung erf�llt, das einem schweren Unwetter vorausgeht und das Tiere mit ihren empfindlichen Sinnen weitaus eher registrieren als Menschen.</p><p>Aber das war nicht der einzige Grund f�r die Nervosit�t des Tieres. Es hatte geduldig gewartet, Stunde um Stunde, da� der Mann zur�ckkehrte, der das zweite Tier ausgespannt und damit davongeritten war, aber er war nicht gekommen, und es stand noch immer reglos an der gleichen Stelle, unbarmherzig gehalten von den Riemen des Zuggeschirres, die es mit dem Karren verbanden; und er w�rde auch nicht kommen.</p><p>Trotzdem war das Tier nicht allein. Irgendwo hinter ihm bewegte sich etwas, kein Mensch, auch kein anderes Wesen, dessen Geruch es erkannt h�tte, aber trotzdem etwas Lebendiges, Atmendes. Es sp�rte seine Bewegungen, seinen fremdartigen, unangenehmen Geruch, die sonderbaren Ger�usche, die es verursachte, seine Fremdheit, und dies alles zusammen trieb das Pferd an den Rand der Raserei. Es schnaubte, warf verzweifelt den Kopf in den Nacken und zerrte und zog mit aller Gewalt an den ledernen Riemen, die es hielten. Die St��e �bertrugen sich �ber die Deichsel auf den Wagen und lie�en die zerbrechliche Konstruktion �chzen, aber der Wagen sa� unverr�ckbar fest im Schlamm, und selbst die Kraft von zehn Pferden h�tte nicht gereicht, ihn von der Stelle zu bewegen.</p><p>Daf�r bewegte sich das Ding auf seiner Ladefl�che.</p><p>Es war kein Tier, auch keine Pflanze oder irgend etwas anderes Identifizierbares, sondern im Grunde nur eine amorphe, graue Masse; ein wabbeliger Berg aus graugr�nem, �belriechendem Schleim wie eine �bergro�e Am�be, ohne sichtbare Sinnesorgane oder Glieder. W�hrend der letzten Stunden war es gewachsen, langsam, aber stetig, hatte Norris' K�rper verzehrt, seine Kleider, dann die leeren S�cke, die auf dem Wagen gelegen hatten, die Bastk�rbe und sogar einen Teil der Holzplanken, aus denen das Gef�hrt zusammengesetzt worden war. Jetzt hatte es alles organische Material in seiner unmittelbaren Umgebung verschlungen, und sein Wachstum war zum Stillstand gekommen.</p><p>Trotzdem war es noch hungrig, und es sp�rte die N�he des Pferdes, obgleich es weder �ber Augen noch Geruchs- oder Geh�rsinn verf�gte. Der Wagen bebte unter den verzweifelten St��en, mit denen sich das Pferd gegen sein Geschirr warf, und die St��e �bertrugen sich auf den knochenlosen K�rper des <emphasis>Dinges.</emphasis></p><p>Langsam begann es sich zu bewegen. M�hsam, wie eine �bergro�e nackte Schnecke eine glitzernde Schleimspur hinter sich herziehend, glitt es zum hinteren Ende der Ladefl�che, quoll �ber die Planken und tropfte in langen, z�hen Bahnen auf den aufgeweichten Boden hinab. Der Vorgang dauerte lange, zehn, f�nfzehn, vielleicht zwanzig Minuten, und als er beendet war, hockte das <emphasis>Ding </emphasis>wie ein meterhoher Berg aus grauem Pudding auf dem Waldweg. Es verharrte eine Weile, als m�sse es Kraft sch�pfen, dann bewegte es sich wieder: d�nne Schleimf�den krochen wie tastende Finger dahin und dorthin, ber�hrten Grashalme und Unkraut, suchten, f�hlten, zogen sich zur�ck oder hoben sich ein St�ck in die Luft, als n�hmen sie Witterung auf. Dann, ganz langsam, setzte sich die Masse in Bewegung, nach vorne, vorbei an dem halb im Schlamm versunkenen Rad und dem rechten, leeren Geschirr, auf das Pferd zu.</p><p>Das Tier begann zu scheuen, als das graue Etwas in seinem Gesichtsfeld erschien. Mit einem verzweifelten Kreischen b�umte es sich auf, schrie seine Angst in die Abendd�mmerung hinaus und schlug mit den Vorderhufen.</p><p>Das graue Ding kam n�her. Dort, wo es entlanggekrochen war, war der Boden nackt und kahl. Gras und alle anderen organischen Materialien waren verschwunden, zu einem Teil der kriechenden, grauen Substanz geworden, aber es war zu wenig, um den unerst�ttlichen Hunger der Masse zu stillen.</p><p>Kurz bevor es das Pferd erreichte, hielt das <emphasis>Ding </emphasis>inne. Das Tier begann vollends zu toben, als der stechende Geruch der am�benartigen Masse in seine N�stern drang, stieg auf die Hinterl�ufe und schlug verzweifelt mit den Vorderhufen nach dem bizarren Angreifer.</p><p>Aber nur ein einziges Mal.</p><p>Seine Bewegungen erlahmten, kaum, da� seine Hufe die Masse ber�hrt hatten. Ein rasches, krampfartiges Zittern lief durch seinen Leib, der Ausdruck in seinen Augen wechselte von animalischer Furcht zu dumpfer Resignation, seine Angstschreie verstummten.</p><p>Es ging ganz schnell. Die graue Masse kroch an seinen Beinen empor, erreichte seinen Leib und begann ihn zu verschlingen. Das Tier starb, schnell und schmerzlos. Die Zellen seines K�rpers wurden absorbiert, umgewandelt und zu etwas Fremdem, Unnat�rlichem geformt. Schon nach wenigen Augenblicken war keine Spur des Tieres mehr zu sehen. Nur die graue Masse war gr��er geworden, kein Fladen jetzt mehr, sondern ein m�chtiger, zitternder Berg von der stumpfen Farbe geschmolzenen und wiedererstarrten Bleis. Dann h�rten auch seine Bewegungen auf.</p><p>Lange Zeit geschah nichts. Das graue Ding lag still da, vollkommen reglos, wie tot. Die Stunden reihten sich aneinander, und der Tag wich der Abendd�mmerung.</p><p>Erst als sich die Sonne langsam dem Horizont n�herte, bewegte sich das graue Etwas wieder. Es begann zu zittern, sank, als w�re es pl�tzlich seines inneren Haltes beraubt worden, auseinander und bildete einen flachen, mehr als zehn Meter durchmessenden Fladen.</p><p>Dann begann es sich zu teilen.</p><p>Wie bei einer ins Gigantische vergr��erten Zelle zog sich sein Leib in der Mitte zusammen, schn�rte sich ein, immer mehr und mehr, bis aus einem Wesen zwei geworden waren, nur noch durch einen haarfeinen Faden miteinander verbunden. Schlie�lich ri� auch der.</p><p>Eine der beiden H�lften - die Kleinere - begann sich zusammenzuziehen. Der graue Schleim ballte sich zu einem Klumpen, bildete Arme, Beine, einen Kopf - alles roh und nur angedeutet wie bei einer Lehmskulptur, die nur in Ans�tzen fertiggeworden war, aber doch erkennbar. Es war, als wolle es die Gestalt des Menschen, den es verschlungen hatte, nachbilden.</p><p>Wieder erstarrte die Masse, als brauche sie Zeit, um neue Kraft zu sammeln, und wieder vergingen Stunden. Dann begannen sich die zwei Wesen, zu denen die Riesenzelle geworden war, zu bewegen, in verschiedenen Richtungen. Die gr��ere, noch immer formlose H�lfte, kroch weiter auf den Wald zu und absorbierte dabei alles, was ihr in den Weg kam. Nur Steine und leblose, bis in eine Tiefe von fast einem halben Meter steril gewordene Erde blieb auf seinem Weg zur�ck.</p><p>Der zweite, menschen�hnliche Teil erhob sich schwankend auf die F��e und wandte sich nach Norden, zum Meer. In die Richtung, aus der er den Ruf seines Herrn vernommen hatte.</p><p>Langsam, mit ungeschickten, tapsenden Schritten, setzte sich der <emphasis>Shoggote </emphasis>in Bewegung ...</p><empty-line/><p>Der Stollen schien kein Ende zu nehmen. Die Decke war so niedrig, da� wir nur stark geb�ckt gehen konnten, und mehr als einmal blieb Mahoney stehen und r�umte fluchend und schnaufend Steine und Erdreich beiseite, die von der Decke gefallen waren, damit wir �berhaupt weiter kamen.</p><p>Ich wu�te nicht, wie lange wir schon hier unten waren. Mein neuer Kampfgef�hrte hatte mich durch die Sakristei der Kirche in einen winzigen, mit Ger�mpel und Abf�llen vollgestopften Kellerraum gef�hrt, von dem aus eine ausgetretene Steintreppe weiter in die Tiefe gef�hrt hatte. Dort hatten wir gewartet, Stunde um Stunde, wie es mir vorgekommen war, bis Mahoney seine Uhr gezogen und verk�ndet hatte, da� drau�en die Sonne untergegangen war und es nun Zeit sei, loszugehen. Ich hatte ein paarmal versucht, mit ihm zu reden, um mehr �ber ihn in Erfahrung zu bringen, aber er hatte mir stets nur ausweichend oder gar nicht geantwortet. Irgendwann hatte ich aufgegeben. Aber meine Lage gefiel mir mit jedem Augenblick weniger. Es war nicht sehr erbaulich, auf Gedeih und Verderb einem Mann ausgeliefert zu sein, von dem man nichts wu�te als seinen Namen.</p><p>Seitdem tasteten wir uns durch den Gang. Ich hatte vergeblich versucht, mich darauf zu besinnen, wie weit die Kirche vom Hafen entfernt war - ich hatte nicht viel von Durness gesehen, eigentlich nur das, was vom Fenster meines Hotelzimmers aus sichtbar war -, aber nach meiner Sch�tzung mu�ten es mindestens zwei Meilen sein, wenn nicht mehr. Wenn der Tunnel wirklich noch aus der Zeit der Wikinger stammte, dann hatten die Menschen damals eine erstaunliche Leistung vollbracht.</p><p>Der Gedanke f�hrte einen anderen, weniger angenehmen im Geleit: Wenn der Tunnel wirklich so alt war, dann war das, was Mahoney und ich hier taten, mehr als nur lebensgef�hrlich. Wir waren immer wieder an Stellen vorbeigekommen, an denen die Decke oder Teile der Seitenw�nde eingebrochen waren, und mehr als nur einmal hatten wir uns mit blo�er Gewalt Durchgang verschafft. Dabei reichte hier unten wahrscheinlich ein Husten im falschen Moment, das ganze bauf�llige Gew�lbe einst�rzen zu lassen ...</p><p>Ich verscheuchte die Vorstellung und konzentrierte mich ganz auf die Ger�usche, die ich vor mir h�rte. Es war stockdunkel hier unten, und obwohl Mahoney eine Lampe aus dem Kirchenkeller mitgenommen hatte, wagten wir es nicht, Licht zu machen. Aber ich konnte mich ganz gut an den Ger�uschen seiner Schritte und seinen Atemz�gen orientieren.</p><p>Mahoney blieb pl�tzlich stehen und ber�hrte mich an der Schulter. �Wir sind fast da�, sagte er. �Noch alles okay?�</p><p>Ich nickte, ehe mir einfiel, da� er die Bewegung ja im Dunkeln nicht sehen konnte. �Ja�, sagte ich. �Wenn ich hier bald rauskomme, schon. Ich f�hle mich, als w�re ich lebendig begraben.�</p><p>Mahoney lachte leise. �Wir haben es gleich �berstanden. Vor uns ist die Treppe.� Er schwieg einen Moment, und ich h�rte, wie er sich hin und her bewegte und Steine und herabgest�rzte Balken aus dem Weg r�umte. �Das beste ist, ich gehe erst einmal allein nach oben und sehe nach, ob Lovecraft und sein Diener schon da sind.�</p><p>�Er wird da sein�, sagte ich. Meine Stimme klang fast <emphasis>zu </emphasis>�berzeugt. In Wahrheit hatte ich keine Ahnung, ob der Portier meine Botschaft wirklich ausgerichtet hatte. Ich hatte einfach nur Angst, allein hier unten zur�ckzubleiben. Panische Angst. �Vielleicht haben Sie recht, Robert�, murmelte Mahoney. �Und selbst wenn nicht, m�ssen wir alleine handeln. Kommen Sie.�</p><p>Ich streckte die Hand aus, f�hlte im Dunkeln den Stoff seiner Jacke und hielt ihn mit einem unn�tig harten Ruck zur�ck. �Was ist, wenn ... wenn der Mond scheint?� fragte ich.</p><p>�Tut er nicht. Es ist Neumond�, antwortete Mahoney. �Au�erdem ist das Unwetter noch lange nicht vor�ber. H�ren Sie den Donner nicht?�</p><p>Ich lauschte angestrengt, aber alles, was ich h�rte, war das dumpfe H�mmern meines eigenen Herzens. Mahoney mu�te �ber ein sch�rferes Geh�r verf�gen als ich. �Nein�, sagte ich. �Ist aber so�, behauptete er. �Und jetzt kommen Sie. Wir haben keine Zeit.� Er l�ste meine Hand von seinem Arm, boxte mich aufmunternd in die Rippen und lief los. Ich h�rte seine Schritte auf dem Stein der Treppe, tastete vorsichtig mit dem Fu� nach der untersten Stufe und folgte ihm, die H�nde wie ein Blinder tastend nach vorne ausgestreckt.</p><p>Trotzdem rannte ich von hinten gegen ihn und w�re wahrscheinlich r�cklings die Treppe heruntergefallen, wenn er nicht gedankenschnell zugegriffen und mich festgehalten h�tte. Pl�tzlich konnte ich ihn wieder sehen, wenn auch nur als schwarzen, riefenlosen Schatten vor einem dunkelgrauen Hintergrund. Der Stollen setzte sich vor uns fort, aber er war jetzt nur noch einen knappen Meter hoch. An seinem Ende schimmerte Licht. �Still jetzt�, zischte er. �Und immer sch�n hinter mir bleiben, klar?�</p><p>Ohne eine Antwort abzuwarten, lie� er sich auf die Knie sinken und kroch weiter. Ich folgte ihm. Der Gang f�hrte steil nach oben, und der Boden bestand jetzt nicht mehr aus Stein, sondern aus aufgeweichtem Lehm und Schlamm, und nach einer Weile hielt Mahoney wieder an und deutete schweigend nach vorne. Hinter dem grauen Halbkreis des Ausganges waren ineinander verflochtene, schwarze Schatten zu erkennen. �B�sche�, erkl�rte Mahoney. �Sie tarnen den Ausgang. Passen Sie auf, da� Sie sich nicht verletzen.� Er kroch weiter, dr�ckte vorsichtig die Zweige auseinander und blieb halb geb�ckt stehen, bis ich nachgekommen war.</p><p>Die Nacht empfing uns mit eisiger K�lte und dem Heulen des Sturmes. Die dumpfen Echos von Donnerschl�gen rollten �ber die See heran, und der Himmel hatte sich in einen brodelnden Hexenkessel verwandelt. Salzwassergeruch und das dumpfe Grollen heranrollender Wellen schlugen uns vom Meer entgegen.</p><p>Ich blieb geb�ckt neben ihm stehen, sah mich nach allen Seiten um und senkte automatisch den Blick. Der Boden war vom Regen aufgeweicht; ich war fast bis an die Kn�chel im Morast eingesunken, und in meinen F��en breitete sich ein Gef�hl bet�ubender K�lte aus. Aber es gab keinen Schatten. Es war Nacht, und die Wolkendecke verschluckte sogar das wenige Licht der Sterne.</p><p>Mahoney l�chelte, als er meinen Blick bemerkte. �Keine Sorge�, sagte er. �Im Moment sind wir in Sicherheit.� Er wurde �bergangslos ernst. �Aber der Sturm wird nicht ewig andauern, und irgendwann wird es wieder Tag. Wie hei�t das Boot, das Lovecraft gemietet hat?�</p><p>�Keine Ahnung�, gestand ich. �Ich habe nie mit ihm dar�ber gesprochen. Er wollte nicht, da� ich mitkomme. Er wollte nicht einmal, da� ich in die N�he des Hafens gehe.�</p><p>Mahoney zog eine Grimasse und zuckte gleich darauf mit den Schultern. �Das macht auch nichts�, seufzte er. �So gro� ist der Hafen ja nicht. Kommen Sie.�</p><p>Wir gingen los. Mahoney huschte geduckt und lautlos wie ein Schatten vor mir her, und ich mu�te mich beeilen, um nicht den Anschlu� zu verlieren. Obwohl wir uns wieder unter freiem Himmel aufhielten, war es kaum heller als unten im Stollen - die Wolken schluckten alles Licht, und das Meer breitete sich wie ein gewaltiges, schwarzes Loch direkt vor uns aus. Selbst die Schiffe, die an der schmalen Mole vor Anker lagen, waren nur als verschwommene dunkle Umrisse zu erkennen. Nirgends brannte Licht, und als ich im Laufen den Kopf wandte und zur Stadt zur�ckblickte, sah ich, da� auch hinter den Fenstern der H�user die meisten Lichter erloschen waren. Es war beinahe unheimlich. Vorhin, als ich vor meinem eigenen Schatten geflohen war, hatte ich die Dunkelheit herbeigesehnt. Jetzt f�rchtete ich sie pl�tzlich fast.</p><p>Mahoney lief etwas langsamer und wartete, bis ich an seine Seite gekommen war. �Das Boot dort hinten�, sagte er. �Das mu� es sein. Das letzte in der Reihe.�</p><p>Ich blickte in die Richtung, in die sein ausgestreckter Arm wies, aber alles, was ich sah, waren Schw�rze und ein paar formlose dunkle Umrisse. Trotzdem nickte ich und lief gehorsam neben ihm her.</p><p>Der Salzwassergeruch wurde durchdringender, als wir den Hafen erreichten. Unsere Schritte erzeugten auf dem feuchten Stein der Uferbefestigung seltsam helle, klackende Echos, die trotz des br�llenden Sturmes unnat�rlich weit zu schallen schienen. Unter uns schlugen die Wellen w�tend gegen den Kai, und wir waren schon nach wenigen Schritten bis auf die Haut durchn��t. Die Boote hoben sich knarrend im Rhythmus der Brandung und zerrten an den Tauen, mit denen sie angebunden waren. Ich glaubte, Holz splittern zu h�ren. Und bei diesem Sturm wollte Mahoney auf die See hinausfahren?</p><p>Mahoney lief langsamer, hob die Hand und deutete auf den letzten in der Reihe dunkler, massiger Schatten. �Das ist es�, sagte er. �Schnell jetzt!�</p><p>Wie zur Antwort auf seine Worte heulte der Sturm pl�tzlich mit doppelter Wut los. Ein gewaltiger Brecher schlug gegen die Kaimauer, �bersch�ttete uns mit Wasser und sch�umender Gischt und ri� mich um ein Haar von den F��en. Mahoney fluchte und bildete mit den H�nden einen Trichter vor dem Mund.</p><p>�Lovecraft!� schrie er. �Sind Sie da?�</p><p>Der Sturm ri� ihm die Worte von den Lippen und antwortete mit meckerndem Hohngel�chter, und eine neue B� peitschte uns Wasser und K�lte in die Gesichter.</p><p>�Lovecraft!� br�llte Mahoney noch einmal. �Howard! Sind Sie da? Ich bringe Robert!�</p><p>Und diesmal bekam er eine Antwort. Eine Stimme schrie irgend etwas durch den Sturm her�ber, dann tauchte der auf und ab h�pfende Punkt einer Lampe auf dem Deck des Bootes auf, und ein wei�er Lichtstrahl stach durch die Dunkelheit.</p><p>�Licht aus!� br�llte Mahoney. In seiner Stimme schwang Panik. �Um Gottes willen, Howard, machen Sie das Licht aus!�</p><p>Howard dachte nicht daran, die Laterne zu l�schen. Der kalkwei�e Strahl richtete sich im Gegenteil auf Mahoneys Gesicht und blieb darauf haften. Ich brachte mich mit einem hastigen Satz in Sicherheit und suchte nach einem Versteck, falls Howard etwa auf den Gedanken kommen sollte, mit dem Karbidscheinwerfer auch nach mir zu suchen.</p><p>�Wer sind Sie?� drang seine Stimme durch den Sturm. �Und wo ist Robert?�</p><p>�Wenn Sie das Licht nicht l�schen, erfahren Sie das nie!� erwiderte Mahoney zornig. �Robert ist hier, aber er wird nicht mehr lange er sein, wenn Sie weiter mit dem Ding da rumspielen!�</p><p>�Er hat recht, Howard!� rief ich. �L�sch das Licht! Wir kommen an Bord!�</p><p>F�r einen Moment schien es, als w�rde Howard auch jetzt noch nicht reagieren, aber dann l�ste sich der wei�e Lichtbalken von Mahoney und schwenkte in die entgegengesetzte Richtung, hinaus aufs Meer.</p><p>�Gut so?� rief Howard.</p><p>�In Ordnung�, antwortete Mahoney. �Aber lassen Sie es um Gottes willen so, bis wir da sind. Sonst k�nnen Sie genausogut auf Craven schie�en.� Er wandte den Blick und sah mich an. �Komm!�</p><p>Wir liefen los. Der Sturm, der - davon war ich mittlerweile �berzeugt - alles andere als ein normaler Sturm war, verdoppelte seine Kraft noch einmal und schlug uns mit aller Macht entgegen, als wir uns dem Boot n�herten. Ich sah, da� das Schiff trotz des Netzwerkes von Tauen, mit dem es gesichert war, wild auf dem Wasser h�pfte, und h�rte, wie sich seine Bordwand scharrend am Kai rieb. Die Laterne in Howards H�nden sprang wild hin und her. Er mu�te alle M�he haben, sich auf dem bockenden Deck �berhaupt auf den F��en zu halten.</p><p>Mahoney rannte mit weit ausgreifenden Schritten auf das Boot zu, stie� sich mit aller Kraft ab und sprang, ohne auch nur einen Sekundenbruchteil zu z�gern, auf das Deck herab. Ich tat es ihm gleich, verlor aber auf dem glitschigen Holz sofort das Gleichgewicht und fiel. Ein erschrockener Ausruf wurde laut, und der Lichtkegel der Lampe schwenkte in einem engen Kreis herum.</p><p>Jemand keuchte. Ich sah einen Schatten auf Howard zuhechten, dann ert�nte ein Ger�usch wie ein Schlag; Howard fluchte, und die Lampe fiel zu Boden und ging aus.</p><p>�Sind Sie �bergeschnappt?� keuchte Mahoney. �Ich sagte: - kein Licht, verdammt noch mal!� Er sch�ttelte w�tend den Kopf, trat einen halben Schritt zur�ck und sah zu, wie sich Howard fluchend auf H�nde und Knie hochstemmte.</p><p>�Er hat recht, Howard�, sagte ich hastig. �Ich erkl�re dir alles, aber ...�</p><p>�Daf�r ist jetzt keine Zeit�, unterbrach mich Mahoney grob. �Wir m�ssen unter Deck, und das schnell. Der Sturm wird schlimmer.� Er fuhr herum, half mir auf die F��e und deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf die Kaj�te. �Gehen Sie runter und verh�ngen Sie die Fenster�, befahl er. �Und l�schen Sie alle Lampen.�</p><p>�Tu es, Howard�, f�gte ich hinzu.</p><p>Howard blickte einen Moment lang verwirrt von mir zu Mahoney und wieder zur�ck, dann drehte er sich um, ri� die T�r auf und verschwand geb�ckt unter Deck. Die erloschene Sturmlaterne nahm er mit.</p><p>Das Boot erbebte unter einer weiteren gewaltigen Woge, und das Br�llen des Sturmes steigerte sich noch mehr, obwohl ich das kaum noch f�r m�glich gehalten hatte. Ein dumpfer, krachender Donnerschlag verschluckte f�r einen Moment das Br�llen der Wogen, dann h�rte ich ein helles, elektrisches Knistern, und das blauwei�e Licht eines Blitzes verwandelte das Meer in einen Spiegel.</p><p>Ich kam nicht einmal dazu, einen Schreckensschrei auszusto�en. Mahoney fluchte ungehemmt, packte mich bei den Schultern und versetzte mir einen Sto�, der mich haltlos durch die offenstehende Kaj�tent�r torkeln lie�. Wie in einer blitzartigen, grauenhaften Vision sah ich meinen Schatten, den verzerrten Schatten des <emphasis>GROSSEN ALTEN, </emphasis>der mit peitschenden Tentakelarmen nach mir zu greifen versuchte und auf den Stufen der kurzen Treppe zerbrach, als ich durch die T�r fiel. Blindlings versuchte ich mich festzuklammern, bekam irgend etwas zu fassen und schrie noch einmal auf, als Mahoney mir einen zweiten Sto� versetzte - der mich vollends die Treppe hinunterfallen lie� - und verzweifelt die T�r hinter sich zuzog.</p><p>Jemand ergriff mich bei der Schulter, zog mich auf die F��e und zerrte mich vom Eingang fort. Ich erkannte Howard in dem dunklen Umri�, und neben ihm, selbst in der Dunkelheit nicht zu verkennen, Rowlf.</p><p>Drau�en zerfetzte ein weiterer Blitz die Nacht. Das grelle Licht drang selbst durch die Vorh�nge, mit denen Howard die beiden runden Fenster verh�ngt hatte, und tauchte die Kaj�te in kaltes, blaues Licht und harte Schatten. Ich h�rte einen Schrei, sp�rte einen f�rchterlichen Schlag zwischen den Schulterbl�ttern und taumelte an Howard und Rowlf vor�ber. Schattenarme griffen nach mir. Etwas streifte meine Wange, eiskalt und brennend, und die Luft in der Kaj�te wurde schlagartig schlechter. Ich f�hlte den Atem des Dinges in mir, seine Gier, seinen Triumph. <emphasis>Wie lange dauerte dieser Blitz? </emphasis>Ich stolperte, fiel und rollte mich instinktiv zur Seite, schlug die Arme sch�tzend vor das Gesicht und pre�te mich in den toten Winkel unter den Fenstern, in den sch�tzenden, schwarzen Schatten, wo mich das <emphasis>Ding </emphasis>nicht erreichen konnte.</p><p>Dann war es vorbei. Das grausame, blaue Licht erlosch, und die Kabine versank wieder in gn�diger Dunkelheit. Das Boot erbebte weiter unter den Hieben der Wellen und des Sturmes, aber das Schlimmste war vor�ber. Wenigstens f�r den Moment.</p><p>Ein erstauntes Keuchen lie� mich aufblicken. Ich konnte nicht viel erkennen, aber ich sah, wie dicht vor mir zwei Schatten miteinander rangen, und es geh�rte nicht viel Phantasie dazu, sich den Rest zusammenzureimen.</p><p>�La� ihn los, Rowlf�, sagte ich. �Bitte.�</p><p>Rowlf knurrte irgend etwas, das ich nicht verstand, richtete sich mit einem Ruck zu seiner vollen Gr��e auf (wobei sein Sch�del lautstark mit der Decke der Kaj�te kollidierte) und ri� Mahoney wie ein Spielzeug in die H�he. Mahoney stie� ein ersticktes Keuchen aus und begann mit den Beinen zu strampeln.</p><p>�La� ihn los, Rowlf�, sagte ich noch einmal. �Er hat mich nicht angegriffen, sondern mir das Leben gerettet. Und euch wahrscheinlich auch�, f�gte ich hinzu.</p><p>�Na gut�, knurrte Rowlf. Seine H�nde l�sten sich von der Kehle seines Opfers, und Mahoney sog mit einem keuchenden Laut die Luft ein. Rowlf packte ihn blitzschnell ein zweites Mal, jetzt aber nur mit einer Hand und ohne ihm dabei den Atem abzuschn�ren, zerrte ihn zu sich heran und schwenkte seine gewaltige Faust vor Mahoneys Gesicht.</p><p>�Bedank' dich bei'em Kleinen, da� ich dir nich gleichn Sch�del einschlagn tu'�, grollte er. �Aber wenne keine verdammt gute Erkl�rung has', dann ...�</p><p>�Rowlf!� sagte Howard streng. �La� ihn los.�</p><p>Rowlf z�gerte noch immer, lie� dann aber Mahoneys Kragen los und wich mit einem fast entt�uscht klingenden Seufzer zur�ck. Mahoney keuchte, taumelte gegen die Wand und pre�te die H�nde gegen den Kehlkopf. Er hustete.</p><p>�Ist das ... vielleicht die Art�, sagte er m�hsam, �in der ... Sie alle Ihre Freunde begr��en?�</p><p>Howard �berging die Bemerkung. �Vielleicht erkl�ren Sie mir freundlicherweise, was dieser Auftritt zu bedeuten hat?� fragte er scharf.</p><p>�Er steht auf unserer Seite, Howard�, sagte ich. �Ich glaube, du kannst ihm vertrauen.�</p><p>Howard wandte mit einem zornigen Ruck den Kopf. Ich konnte sein Gesicht in der Dunkelheit nicht erkennen, aber ich sah, wie sich seine Gestalt spannte. �Vertrauen?� schnappte er. �Verdammt, was bildest du dir eigentlich ein? Zuerst verschwindest du ohne ein Wort der Erkl�rung, dann tauchst du genauso pl�tzlich wieder auf und bringst diesen Fremden mit und verlangst ...�</p><p>�Geben Sie mir Ihre Lampe�, verlangte Mahoney.</p><p>Howard starrte ihn eine Sekunde schweigend an. �Die Lampe? Wozu?�</p><p>�Es geht am schnellsten, wenn ich Ihnen zeige, warum ich hier bin�, erkl�rte Mahoney. �Und wir haben keine Zeit mehr f�r lange Erkl�rungen. Bitte.�</p><p>Howard z�gerte noch immer, drehte sich dann aber doch um und hob die Sturmlaterne vom Boden auf. Mahoney nahm sie ihm schweigend aus der Hand, drehte sich von mir weg und ri� ein Streichholz an, wobei er allerdings peinlichst darauf achtete, mit seinem K�rper den Lichtschein der Flamme abzuschirmen.</p><p>�Ihren Mantel�, verlangte er.</p><p>Howard sch�ttelte irritiert den Kopf, seufzte h�rbar und zog umst�ndlich den schwarzen �lmantel aus, den er trug. Mahoney breitete das Kleidungsst�ck sorgsam �ber die Lampe aus, bis von ihrem Lichtschein nicht mehr der winzigste Schimmer zu sehen war, dann drehte er sich um und deutete auf mich.</p><p>�Jetzt sehen Sie hin, Lovecraft�, sagte er. �Sehen Sie ganz genau hin.�</p><p>Bevor ich wirklich begriff, was er vorhatte, ri� er den Mantel zur Seite und drehte gleichzeitig mit einem blitzartigen Ruck den Docht der Lampe herunter, so da� die Flamme erlosch. Das Licht brannte nicht einmal eine Sekunde. Aber es brannte lange genug, die Kaj�te f�r die Dauer eines Lidzuckens in grellwei�e Helligkeit zu tauchen.</p><p>Und Howard den bizarr verzerrten Schatten zu zeigen, der mit zahllosen peitschenden Armen nach mir zu greifen versuchte.</p><p>�So ist das also�, murmelte Howard. Es dauerte lange, bis er das Schweigen brach. Er hatte den Schatten so deutlich gesehen wie Rowlf oder Mahoney oder ich, aber er hatte minutenlang geschwiegen, w�hrend Rowlf - pragmatisch, wie er nun einmal war - gemeinsam mit Mahoney kurzerhand den Tisch auseinandergebaut und mit den Brettern die Fenster vernagelt hatte. Drau�en fuhr noch immer Blitz auf Blitz nieder, aber es war jetzt so dunkel in der Kabine, da� ich Howard und die Gestalten der beiden anderen nur noch erahnen und nicht mehr wirklich sehen konnte. Trotzdem blieb ich reglos dort liegen, wo ich war. �So also�, murmelte er noch einmal.</p><p>�Ja�, sagte Mahoney leise. �Ich glaube, Sie begreifen so am schnellsten, wie ernst die Lage ist.�</p><p>Ich sah nicht, was Howard tat, aber eine Weile h�rte ich ihn noch im Dunkeln hantieren, dann scharrte ein Stuhl. �Ich glaube, ich mu� mich bei Ihnen entschuldigen�, sagte Howard leise. �Auch im Namen von Rowlf. Es tut mir leid, Mister ...�</p><p>�Mahoney�, antwortete Mahoney. �Floyd Mahoney. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ich bin froh, da� Robert so treue Freunde hat.�</p><p>�Mahoney?� In Howards Stimme trat ein neuer, fast lauernder Unterton. �Ihr Name kommt mir bekannt vor�, murmelte er. �Ich...� Er schwieg einen Moment, dann richtete er sich kerzengerade auf und blickte Mahoney, der noch immer neben der T�r stand, einen Moment schweigend an. �Ich habe Ihren Namen schon einmal geh�rt�, sagte er.</p><p>Mahoney lachte leise. �Das ist gut m�glich. Ich lebe in Durness, wissen Sie? Und Sie haben so ziemlich mit jedem gesprochen, der die K�ste hier kennt.�</p><p>Howard sch�ttelte den Kopf. �Nicht so�, sagte er. �Ich habe ihn heute geh�rt - von einem gewissen Bensen.�</p><p>�Ein Freund von mir�, best�tigte Mahoney. �Er behauptete, Sie w�ren tot�, fuhr Howard fort. �Er sagte, er h�tte gesehen, wie Sie ertrunken sind, Mister Mahoney. Er hat versucht, mich damit zu erpressen.�</p><p>Mahoney gab ein abf�lliges Ger�usch von sich. �Bensen hat nicht das Format, jemanden zu erpressen�, sagte er. �Er ist nichts als eine geldgierige kleine Ratte.�</p><p>�Sie sprechen aber komisch �ber Ihre Freunde�, sagte Rowlf ruhig.</p><p>�Das beantwortet meine Frage nicht�, fuhr Howard fort. Mahoney sch�ttelte den Kopf, seufzte h�rbar und schwieg einen endlosen Moment. �Na gut�, sagte er, �Vielleicht sollte ich Ihnen die Wahrheit sagen. Obwohl wir eigentlich keine Zeit haben, um uns mit langen Erkl�rungen aufzuhalten. Robert ist in Gefahr. Und nicht nur er. Aber bitte.� Er bewegte sich im Dunkeln, ging einen Moment nerv�s auf und ab und blieb wieder stehen.</p><p>�Der Mann, den Bensen als Floyd Mahoney kennt, ist wirklich vor seinen Augen ertrunken�, begann er schlie�lich. �Er hat Sie nicht belogen, Mister Lovecraft.�</p><p>�Tot�, sagte Howard, �sehen Sie nicht gerade aus.�</p><p>Mahoney lachte. �Ich bin es auch nicht, mein Wort darauf�, sagte er. �Aber ich bin auch nicht Mahoney. Ich bediene mich seiner, weil er gerade greifbar war und ich dringend einen K�rper brauchte.�</p><p>�Und wer sind Sie?� fragte ich. Ich sp�rte, wie fremd meine eigene Stimme klang. Sie zitterte. Pl�tzlich wurde ich mir der Tatsache bewu�t, da� ich die Antwort kannte.</p><p>Und da� ich panische Angst vor ihr hatte.</p><p>Mahoney wandte langsam den Kopf und sah mich an. Trotz der absoluten Dunkelheit f�hlte ich seinen Blick und das sp�ttische Funkeln, das darin lag.</p><p>�Wei�t du das wirklich nicht, Robert?� fragte er.</p><p>Ich wollte antworten, aber ich konnte es nicht. Meine Kehle war wie zugeschn�rt.</p><p>�Du wei�t es, nicht wahr?� fragte er.</p><p>�Verdammt, was soll das Theater?� fragte Howard gereizt. �Wer sind Sie?�</p><p>�Er ist ein Freund von dir, Howard�, sagte ich leise. �Dieser Mann ist Roderick Andara. Mein Vater.�</p><empty-line/><p>Der Sturm war w�hrend der letzten Stunden immer schlimmer geworden, viel schlimmer, als es Bensen �berhaupt f�r m�glich gehalten h�tte. Er hatte als normales, nicht einmal sonderlich heftiges Gewitter begonnen und sich dann zu einem br�llenden Orkan gesteigert, der mit Urgewalt auf die K�ste einschlug und das Meer zu drei Metern hohen, schaumigen Wogen aufpeitschte, die br�llend gegen das Ufer anrannten.</p><p>Bensen klammerte sich verzweifelt an den Felsen. Seine Finger waren taub vor K�lte und Schmerzen, und er f�hlte, wie seine Kraft von Augenblick zu Augenblick mehr nachlie�. Der Sturm pre�te ihn wie eine unsichtbare Riesenfaust gegen die Wand, aber die Wogen, die in regelm��igem Takt gegen die Steilk�ste anrannten und die gewaltige Felsmasse wie unter einem Hagel titanischer Hammerschl�ge erbeben lie�en, versuchten ihn mit der gleichen Kraft von seinem Halt herab und ins Meer zu zerren. Er sp�rte, da� er nicht mehr lange durchhalten w�rde. Diesmal hatte er zu hoch gespielt.</p><p>Der Gedanke weckte einen fast kindischen Trotz in Bensen.</p><p>Er war so dicht davor gewesen! Seine gro�e Chance, der einzige, gro�e Schlag, mit dem er sein ganzes Leben h�tte �ndern k�nnen, heraus aus diesem Dreckskaff und wie ein normaler Mensch in einer der gro�en St�dte im S�den leben ... Verdammt, dachte er, sollte wirklich alles umsonst gewesen sein? Er hatte zugesehen, wie einer seiner Freunde ertrunken war, er hatte einen Mann erpre�t und einen Mord begangen - und jetzt hockte er zitternd und bis zum Zusammenbruch ersch�pft auf einem schmalen Felsvorsprung, hilflos dem Toben der Elemente ausgeliefert, und wartete auf den Tod. Er war zur�ck zum Hotel gegangen, um noch einmal mit Phillips zu sprechen, aber Phillips war nicht mehr dagewesen, und der Portier hatte ihm verraten, da� er bereits ausgezogen war und seine Rechnung bezahlt hatte.</p><p>Bensen hatte getobt vor Wut. Es war klar, was Phillips vorhatte: Er hatte erkannt, da� Bensen ihn nach Belieben erpressen konnte, und er hatte das einzige getan, was er konnte - n�mlich sofort gehandelt. Irgendwie hatte er herausbekommen, wo das Wrack lag, und wahrscheinlich versuchte er jetzt, seinen Schatz zu bergen, ehe Bensen erneut auftauchen und seine Forderungen stellen konnte.</p><p>Wenigstens war es das gewesen, was Bensen geglaubt hatte. Er war wie der Teufel hierhergeritten und wieder zum Strand hinabgestiegen, um auf Phillips und seine beiden Begleiter zu warten.</p><p>Aber Phillips war nicht gekommen.</p><p>Statt dessen war der Sturm losgebrochen, so schnell, da� er keine Zeit mehr gefunden hatte, wieder zur K�ste hinaufzusteigen und sich in Sicherheit zu bringen.</p><p>Eine neue Welle rollte heran, brach sich br�llend an der Steilk�ste und lie� Bensens Halt wie unter einem Hammerschlag erzittern. Eisiges Wasser �bersch�ttete ihn und zerrte an seinen H�nden. Er f�hlte, wie die Spannung in seinen Muskeln unertr�glich wurde, wie sich die Woge brach und mit einem Sog, der ihrem Anprall kaum nachstand, ins Meer zur�ckst�rzte. Seine rechte Hand l�ste sich mit einem Ruck von der Felszacke, an der er sich festgeklammert hatte. Er kippte nach hinten, hing einen kurzen, schrecklichen Moment in einer unm�glichen Haltung �ber den Rand des steinernen Simes hinaus und schrie, aber der Sturm verschluckte sein Br�llen und antwortete nur mit h�hnischem Gel�chter.</p><p>Bensen fiel. Der wei�e Sand des Strandes sprang mit einem gewaltigen Satz auf ihn zu, dann, noch bevor er aufschlug, raste eine neue Welle heran, fing seinen Sturz auf und schmetterte ihn gleich darauf gegen den Fels.</p><p>Bensens Mund �ffnete sich zu einem Schrei, aber er war unter Wasser; die kostbare Luft entwich seinen Lungen, sein Kopf prallte gegen den Fels, und f�r einen Moment schwanden ihm die Sinne. Die Welle schleuderte ihn herum, hob ihn mit einer spielerisch anmutenden Bewegung hoch und ri� ihn mit sich ins Meer hinaus. Bensens Lungen schienen zu platzen. Ein unertr�glicher Druck lastete pl�tzlich auf seiner Brust, und der Drang, den Mund aufzurei�en und tief und gierig einzuatmen, wurde fast unertr�glich. Er wu�te, da� er sterben w�rde, wenn er ihm nachgab.</p><p>Mit einer Kraft, von der er selbst nicht mehr wu�te, wo er sie hernahm, warf er sich herum, stemmte sich mit aller Macht gegen die Gewalt der Woge und entkam ihrem Sog. Sein Kopf brach durch die Wasseroberfl�che. Bensen atmete verzweifelt ein, warf sich herum und auf die Seite und breitete die Arme aus, als die n�chste Welle heranrollte.</p><p>Die Steilwand raste auf ihn zu, und Bensen reagierte, ohne zu denken. Er tauchte, versuchte den Schwung der Welle auszunutzen, statt vergeblich dagegen anzuk�mpfen, drehte sich unter Wasser und fing den Anprall mit den Beinen auf. Ein heftiger Schmerz zuckte durch seine Fu�gelenke. Die Welle zerschmetterte ihn nicht, wie sie es getan h�tte, h�tte sie ihn mit aller Gewalt gegen die Wand geworfen, aber er f�hlte, da� er einer dritten Woge nicht widerstehen w�rde.</p><p>Irgendwie schaffte er es, den Kopf noch einmal �ber Wasser zu bekommen und sich die Lungen voller Luft zu pumpen. Die Woge begann ins Meer zur�ckzust�rzen, aber hinter ihr rollte bereits die n�chste Welle heran, eine glitzernde, t�dliche Wand stahlharten Wassers, die ihn gegen die K�ste werfen und zerschmettern w�rde.</p><p>Dann sah er die H�hle.</p><p>Es war nur ein schmaler, dreieckiger Einschnitt im Fels, schon halb unter Wasser und im schwachen Licht kaum zu erkennen, nicht mehr als ein Schatten. Aber Angst und Verzweiflung gaben ihm zus�tzliche Kraft. Er reagierte rein instinktiv, arbeitete sich an die Wasseroberfl�che und warf sich mit ausgebreiteten Armen nach vorne und nach rechts.</p><p>Er schaffte es.</p><p>Beinahe.</p><p>Die Brandung warf ihn gegen den Fels wie ein St�ck Treibholz, schrammte seinen K�rper �ber den Stein und pre�te ihn in die H�hle wie einen Korken in einen Flaschenhals. Bensen sp�rte, wie sich sein linker Arm irgendwo verfing. Sein Schrei erstickte in dem Schwall eiskalten, brodelnden Wassers, der mit ihm in die H�hle drang und ihn weitersp�lte. Er schlitterte weiter; sein Gesicht schrammte �ber harten Fels, irgend etwas traf seine Brust, dann ebbte die Kraft der Welle endlich ab, und Bensen prallte mit einem letzten Schlag gegen den Fels und blieb liegen.</p><p>Er dachte nicht mehr, aber irgendwie tief in ihm war noch immer der Wille zu �berleben. Oder vielleicht auch nur ein Instinkt, eine Kraft, die ihn dazu brachte, sich hochzustemmen und weiterzukriechen, tiefer in die H�hle hinein und fort vom Eingang.</p><p>Als die n�chste Welle herantobte, war er in Sicherheit. Das Wasser schlug noch immer �ber ihm zusammen und ri� ihn von den F��en, aber seine vernichtende Kraft war gebrochen. Bensen kroch noch ein St�ck weiter, zog sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einen flachen Steinhaufen hinauf und brach endg�ltig zusammen.</p><p>Er verlor das Bewu�tsein nicht, aber er d�mmerte f�r lange Zeit in einer Art Trance dahin, einem schmalen Bereich zwischen Wachsein und Agonie, in dem es nur Schmerzen und �belkeit und ein fast aberwitziges Gef�hl von Wohlbefinden gab, das irgendwie parallel zu den Schmerzen bestand und ihn am Leben erhielt.</p><p>Irgendwann h�rte der Sturm auf, gegen die K�ste anzurennen, und irgendwann, noch sp�ter, hob Bensen m�de den Kopf und blickte aus geschwollenen, halb geschlossenen Augen zum Ausgang der H�hle.</p><p>Der Orkan tobte noch immer �ber dem Meer, und der Himmel �ber dem Ozean war zerrissen vom Flackern unz�hliger, immer dichter aufeinanderfolgender Blitze. Der Donner war einzeln nicht mehr wahrnehmbar, sondern hatte sich zu einem anhaltenden, vibrierenden Grollen gesteigert, ein Ger�usch wie ferner Gesch�tzdonner, der das Land und die See erbeben lie�.</p><p>Irgend etwas war nicht so, wie es sein sollte.</p><p>Es dauerte, bis der Gedanke an Bensens verschleiertes Bewu�tsein drang, und es dauerte noch l�nger, bis er begriff, <emphasis>was </emphasis>es war.</p><p>Der Sturm, dachte er. Der Sturm tobte weiter, vielleicht noch w�tender als zuvor, aber hier, direkt vor der H�hle und dem Strand, zu dem er herabgestiegen war, ehe der Orkan mit voller Wut losbrach, war das Meer ruhig geworden.</p><p>Bensen versuchte aufzustehen. Beim ersten Mal gaben seine Beine unter dem Gewicht seines K�rpers nach. Er fiel, rutschte von dem Steinhaufen, auf dem er Schutz gesucht hatte, herunter, und blieb sekundenlang st�hnend liegen. Pl�tzlich sp�rte er all die zahllosen Wunden und Hautabsch�rfungen, die seinen K�rper bedeckten.</p><p>Trotzdem stemmte er sich noch einmal hoch, zwang seine protestierenden Muskeln, ihm zu gehorchen, und erhob sich schwankend auf die F��e. Die H�hle drehte sich vor seinen Augen. Er taumelte, streckte einen Arm aus und tastete sich an der Wand entlang zum Ausgang vor.</p><p>�ber dem Meer tobte der Orkan mit ungebrochener Wut. Blitz auf Blitz zuckte aus den Wolken und verwandelte den Himmel in ein bizarres Gitternetz wei�blau gl�hender Linien und Striche, und das Land schien sich unter den grollenden Schl�gen des Donners zu ducken. Aber vor ihm, entlang des schmalen, sichelf�rmigen Strandes, war das Meer ruhig wie an einem windstillen Sommertag.</p><p>Bensen starrte mit einer Mischung aus Entsetzen und Unglauben auf das bizarre Bild hinab. Der Sturm tobte weiter, aber vor ihm, nicht mehr als f�nfzig Yards entfernt, verlief eine gerade, wie mit einem �bergro�en Lineal gezogene Linie, hinter der die Wellen ruhig und glatt gegen den Strand sp�lten ... Dann ...</p><p>Das Meer begann zu brodeln.</p><p>Es war nicht der Sturm oder das Toben der Brandung wie zuvor. Auf dem Wasser erschienen Blasen, gro�, �lig und in allen Farben des Regenbogens schimmernd. Winzige Wirbel und Strudel entstanden und vergingen wieder. Grauer Dunst begann sich auf dem Wasser zu kr�useln. Und tief unter der Wasseroberfl�che begann sich ein gigantischer grauer Schatten zu bewegen ...</p><p>Im ersten Moment glaubte Bensen, es w�re ein Wal, der vom Sturm und den Launen der Str�mung an die K�ste und in diese kleine Bucht getrieben worden war, aber dann erkannte er, da� der Schatten daf�r viel zu gro� und zu massig war. Das Ding war gr��er als ein Schiff, ein Kolo�, der die Bucht fast zur G�nze ausf�llte, als w�re der Meeresboden selbst pl�tzlich zum Leben erwacht.</p><p>Das Wasser brodelte. Die Blasen wurden gr��er und zerplatzten in immer rascherer Folge, und der Wind trug einen fremdartigen, s��lichen Gestank zu Bensen heran, dann begann die Wasseroberfl�che zu sieden, und etwas Gigantisches, Dunkles brach sch�umend durch das Meer.</p><p>Es war ein Schiff. Das Wrack eines Schiffes, nur der hintere Teil mit den Achteraufbauten und zwei der ehemals vier Balken, aber noch immer gro�, zerborsten von den Gewalten, die es gegen die Barriere aus Riffen geschleudert hatten, und �ber und �ber mit Tang und Algen und Muscheln bewachsen. Etwas Gr�nes, Glitzerndes umschlang seinen Rumpf.</p><p>Irgend etwas in Bensen schien zu Eis zu erstarren, als das Wrack des Schiffes sch�umend und bebend h�her aus dem Wasser tauchte und er mehr erkennen konnte.</p><p>Das Schiff tauchte nicht aus eigener Kraft auf, es wurde <emphasis>gehoben! </emphasis>Es war das Ding, das er unter Wasser gesehen hatte, ein monstr�ses, gr�ngraues Etwas, das ganz aus peitschenden Krakenarmen und gr�nen Schuppen zu bestehen schien, ein Gigant, dessen Gr��e allen Naturgesetzen Hohn sprach und in dessen Griff selbst das Schiff klein und zerbrechlich wie ein Spielzeug aussah. H�her und h�her stieg das Wrack der LADY OF THE MIST aus dem kochenden Meer, aber ein Ende des gigantischen, aufgedunsenen Balges, der es trug, war noch immer nicht zu erkennen.</p><p>Dann explodierte das Wasser unter dem Bug des Schiffwrackes in einer lautlosen, gischtenden Detonation, und Bensen sah das Auge.</p><p>Es war gr��er als ein Mann, ein See aus teigigem Gelb und gestaltgewordener Bosheit ohne Pupille, und sein Blick richtete sich auf <emphasis>ihn ...</emphasis></p><p>Eine unsichtbare Kralle aus Stahl grub sich in Bensens Bewu�tsein und l�schte alles aus, was jemals in ihm Mensch gewesen war. Bensen schrie auf, taumelte zur�ck und �bergab sich w�rgend. F�r einen kurzen, ganz kurzen Moment sp�rte er noch Angst, aber auch die verging, und was zur�ckblieb, war nichts als eine leere H�lle, willenloses Werkzeug einer Macht, die die menschliche Vorstellungskraft �berstieg.</p><p>Drau�en auf dem Meer legte sich das Wrack der LADY OF THE MIST langsam auf die Seite, ber�hrte den nassen Sand des Strandes und zerbrach. Masten und Planken, nach zwei Monaten unter Wasser morsch und faulig geworden, zerbarsten unter ihrem eigenen Gewicht. Das Schiff brach splitternd und knirschend in sich zusammen, verformte sich wie ein Ballon, aus dem die Luft entweicht, und sank zu einem Gewirr zerborstener Planken und splitternder Balken zusammen.</p><p>Und tief unter der Wasseroberfl�che schlo� sich das Riesenauge wieder.</p><p>Das Wesen hatte getan, was zu tun war. Jetzt wartete es. Es wu�te, da� noch Stunden vergehen w�rden, bis sich seine W�nsche erf�llten.</p><p>Aber was f�r eine Rolle spielten Stunden im Leben einer Kreatur, die zweitausend Millionen Jahre gewartet hatte?</p><empty-line/><p>�Roderick? Sie ... du bist... du bist wirklich ...� Howards Stimme versagte. Er hob die H�nde, als wolle er auf Mahoney zugehen und ihn in die Arme schlie�en, blieb nach einem halben Schritt wie angewurzelt stehen und starrte den dunklen Schatten seines Gegen�bers an.</p><p>�Ich bin es, Howard�, best�tigte Mahoney. �Frage Robert, wenn du mir nicht glaubst. Du wei�t doch sicher, da� man ihn nicht bel�gen kann, oder?�</p><p>�Ich glaube dir�, antwortete Howard hastig. �Es ist nur ...�</p><p>�Schon gut�, unterbrach ihn Mahoney/Andara. �Vielleicht haben wir sp�ter Gelegenheit, �ber alles zu reden. Jetzt ist keine Zeit dazu, Howard. Wir m�ssen hier weg, wenn Robert noch eine Chance haben soll.�</p><p>�Aber wohin?�</p><p>�Dorthin, wo du sowieso hin wolltest. Deine Idee war schon richtig, Howard - wir brauchen meine Seekiste. Ich hoffe nur, es ist noch nicht zu sp�t.� Er drehte sich um, trat auf mich zu und half mir auf die F��e. �Alles in Ordnung, Junge?� fragte er. Ich nickte, aber ich war mir nicht sicher, ob auch wirklich <emphasis>alles in Ordnung </emphasis>war. Ich f�hlte mich noch immer wie bet�ubt, gel�hmt und unf�hig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Der Mann vor mir war mein Vater! Es war der K�rper eines jungen Mannes, j�nger noch als ich selbst, aber der Geist, die Seele, die ihn von einem St�ck toter Materie zu einem lebenden, f�hlenden Menschen machten, war die Roderick Andaras, meines Vaters. Meines Vaters, den ich selbst begraben hatte ... �Ich kann mir vorstellen, wie du dich jetzt f�hlst, Robert�, sagte er leise. �Aber du mu�t mir einfach vertrauen. Wenn die Sonne aufgeht und dieses Ding dann noch immer in dir ist, kann selbst ich dir nicht mehr helfen.� Er l�chelte aufmunternd, lie� meine Hand los und wandte sich wieder an Howard. �Wir m�ssen los�, sagte er.</p><p>Trotz der Dunkelheit konnte ich erkennen, wie Howard erschrak. Hinter ihm sog Rowlf ungl�ubig die Luft zwischen den Z�hnen ein.</p><p>�Bei diesem Sturm?� sagte Howard ungl�ubig. �Das Schiff w�rde nicht einmal...�</p><p>�Dem Schiff wird nichts geschehen�, unterbrach ihn Mahoney. �Es wird hart werden, aber ich kann euch sicher an die K�ste bringen. Aber wenn wir uns nicht beeilen, dann k�nnen wir uns den Weg sparen. <emphasis>Bitte, </emphasis>Howard.�</p><p>Howard starrte ihn noch einen Sekundenbruchteil an, dann nickte er. �Okay�, sagte er. �Aber du bist mir einige Erkl�rungen schuldig, wenn das alles hier vorbei ist.�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Mahoney. �Aber jetzt beeilt euch bitte. Macht das Schiff klar. Ich komme mit an Deck und helfe euch. Und keine Sorge wegen des Sturmes - darum k�mmere ich mich. Robert bleibt hier, bis wir die Bucht erreicht haben.�</p><p>Ohne ein weiteres Wort wandte er sich um und lief die Treppe hinauf. Rowlf folgte ihm, w�hrend Howard noch einen Moment z�gerte und sich noch einmal an mich wandte. �Du hast geh�rt, was er gesagt hat. Du bleibst hier, ganz egal, was geschieht. Und diesmal bitte keine Extratouren, verstanden?�</p><p>Ich wu�te, da� es ein Fehler war, aber nach allem, was ich erlebt hatte, weckten seine Worte nichts anderes als Trotz in mir. �H�ttest du mir von Anfang an reinen Wein eingeschenkt, w�re es gar nicht passiert�, sagte ich.</p><p>Seltsamerweise reagierte Howard weder zornig noch ungeduldig, sondern mit einer Sanftheit, die ich von ihm am allerwenigsten gewohnt war. �Vielleicht hast du sogar recht�, sagte er leise. �Ich ... habe mir den ganzen Tag �ber Vorw�rfe gemacht, Robert. Ich h�tte es dir sagen sollen. Aber ...�</p><p>�Schon gut�, unterbrach ich ihn. Meine Worte taten mir bereits wieder leid.</p><p>�Nein, du hast recht�, beharrte Howard. �Ich h�tte es dir sagen m�ssen. Es war bei deinem Vater damals das gleiche. Er wu�te es.�</p><p>�Und warum hast du es nicht getan?� Howard l�chelte traurig. �Warum?� wiederholte er. �Ich wei� es nicht. Vielleicht... vielleicht hatte ich einfach Angst.�</p><p>�Aber wir k�nnen es besiegen?� fragte ich. Pl�tzlich bebte meine Stimme. Ich hatte mir bis jetzt mit verzweifelter Kraft einzureden versucht, da� ich keine Angst hatte, aber das stimmte nicht. Innerlich zitterte ich vor Furcht, mehr denn je. �Dein Vater hat es geschafft�, antwortete Howard. �Und vor ihm andere, wenn auch nicht viele.�</p><p>�Und wenn ... nicht?�</p><p>�Wenn nicht?� wiederholte Howard. �Ich wei� es nicht, Robert. Wenn nicht, dann ...�</p><p>�Dann wird dieses Ding Gewalt �ber mich erlangen, und ich werde selbst zu einem <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>werden�, sagte ich, als er nicht weitersprach.</p><p>Howard sah mich einen Moment ernst an, senkte den Blick und nickte. �Ich mu� nach oben�, sagte er pl�tzlich. �Rowlf bekommt die Taue nicht allein los, bei dem Sturm.� Er wollte an mir vor�ber und zur Treppe gehen, aber ich hielt ihn zur�ck. �Ich m�chte, da� du mir etwas versprichst�, sagte ich. �Was?�</p><p>�Wenn es ... euch nicht gelingt�, sagte ich stockend. �Wenn du merkst, da� ich den Kampf verliere und ... und nicht mehr ich bin, dann t�te mich. Ich will lieber sterben als zu einem solchen Monster zu werden.�</p><p>�Red keinen Unsinn. Du -�</p><p>�Es ist kein Unsinn, Howard. Ich meine es ernst.�</p><p>�Wir werden es schaffen�, beharrte Howard. �Jetzt, wo Roderick bei uns ist, werden wir es schaffen. Und jetzt setz dich irgendwo hin und warte einfach ab. Und bleib von den Fenstern weg.� Behutsam l�ste er meine Hand von seinem Arm, schob mich aus dem Weg und eilte die Treppe hinauf.</p><p>Ich blieb allein in der Kabine zur�ck. �ber mir erf�llten die Schritte Howards, Rowlfs und Mahoneys das Deck, ab und zu unterbrochen von einem dumpfen Poltern und Krachen oder einem gerufenen Wort. Ich sp�rte, wie das Boot st�rker zu zittern begann, als sich die Haltetaue eines nach dem anderen l�sten und die Wellen das Schiff st�rker anheben und gegen den Kai dr�cken konnten, und trotzdem nahm ich von alledem kaum etwas wahr. Wie bet�ubt hockte ich da, starrte in die Dunkelheit und versuchte Ordnung in das Chaos zu bringen, das hinter meiner Stirn herrschte.</p><p>Mein Vater war zur�ckgekehrt! Es war nicht das erste Mal seit seinem Tode, da� ich ihn sah - er war mehrmals erschienen, mal nur als Stimme, mal als Bild in einem Spiegel oder als Schemen, der verschwand, ehe man ihn richtig sehen konnte - aber jetzt war er <emphasis>wirklich </emphasis>zur�ckgekehrt...</p><p>Ich h�tte mich freuen sollen. Ich h�tte vor Erleichterung jubeln und an Deck laufen und ihm um den Hals fallen sollen, aber ich konnte es nicht. Vielleicht, weil ich trotz allem das Gef�hl gehabt hatte, einem Toten gegen�berzustehen, als ich ihn erkannte.</p><p>Die Planken unter meinen F��en begannen st�rker zu zittern, und pl�tzlich legte sich das Boot so heftig auf die Seite, da� ich hastig nach Halt greifen und mich festklammern mu�te, um nicht schon wieder zu Boden zu st�rzen. Der Klang der Wellen, die gegen die Bordwand stie�en, �nderte sich, als die Wogen es nicht mehr seitlich, sondern frontal trafen.</p><p>Dann fuhren wir los.</p><p>Ich wei� nicht, wie lange wir unterwegs waren - eine Stunde, vielleicht auch zwei oder drei; es war unm�glich, die Zeit zu sch�tzen, in dem tobenden Chaos, das das Schiff einh�llte. Das Boot h�pfte wild durch Wellent�ler und �ber die K�mme der schaumgekr�nten Wogen, und das Heulen des Sturmes war noch w�tender und lauter geworden. Der schmale Rumpf erbebte ununterbrochen unter den Schl�gen der Wogen und rings um das Schiff fuhr Blitz auf Blitz auf die aufgew�hlte Wasseroberfl�che herab, so dicht, da� ich das helle elektrische Zischen h�ren konnte, mit dem sie sich entluden. Ein paarmal nahm das Toben der Elemente ab, aber nur, um gleich darauf neu und mit doppelter Wucht wieder loszubrechen.</p><p>Schlie�lich, nach einer Ewigkeit, n�herten wir uns wieder der K�ste. Ich h�rte das dumpfe Krachen, mit dem die Wogen gegen den Fu� der gewaltigen Steilk�ste schlugen, und das Ger�usch weckte Erinnerungen in mir, Bilder, die mein Bewu�tsein �berfluteten, ohne da� ich mich dagegen wehren konnte: Ich sah ein Schiff, einen stolzen alten Viermaster, die Segel in Fetzen von den Rahen h�ngend, schon halb zerbrochen unter den Hieben des Windes, der schnell wie ein Pfeil durch die aufgepeitschte See auf die K�ste und die vorgelagerte Barriere aus Riffen zuscho�, und wie damals glaubte ich noch einmal, die entsetzten Schreie der Mannschaft zu h�ren, als sie begriffen, da� ihre Fahrt zu schnell war und sie entweder an den Riffen oder der Felswand dahinter zerbersten w�rden. Ich versuchte, die Bilder abzusch�tteln, aber es ging nicht, im Gegenteil. Die Vision wurde immer bedr�ckender und realer, und ...</p><p>Eine Hand ber�hrte mich an der Schulter, und als ich aufsah, blickte ich in Howards Gesicht. �Alles in Ordnung?� fragte er leise.</p><p>Ich nickte. �Es ... geht wieder.�</p><p>Einen Moment lang �berlegte ich, ob ich ihm die Wahrheit sagen sollte, aber dann nickte ich nur. Es spielte keine Rolle, welcher Art die Bilder waren, die mich qu�lten, und wir hatten keine Zeit f�r lange Gespr�che.</p><p>�Wir sind fast da�, sagte er. �Maho ... dein Vater m�chte, da� du an Deck kommst.�</p><p>Irgend etwas am Klang seiner Stimme lie� mich aufhorchen. �Du traust ihm nicht�, behauptete ich.</p><p>Howard seufzte. �Doch�, antwortete er. �Ich wei�, da� er es ist, Robert. Ich wei� es so sicher, wie du es wei�t. Aber ...�</p><p>Er sprach nicht weiter, aber das war auch nicht n�tig. Er sp�rte das gleiche wie ich. Dieser Mann <emphasis>war </emphasis>mein Vater, und doch war er anders, als wir beide ihn gekannt hatten. Vielleicht war es die Welt, in der er jetzt existierte, die ihn ver�ndert hatte.</p><p>Ich verscheuchte den Gedanken, stand auf und wollte zur Treppe gehen, aber Howard hielt mich noch einmal zur�ck. �Warte�, sagte er. Ich blieb stehen, und Howard ging an mir vorbei in den hinteren Teil der Kaj�te und kam nach wenigen Augenblicken mit einer zusammengefalteten Decke zur�ck.</p><p>�Was soll ich damit?� fragte ich.</p><p>�Sie dir �berwerfen�, antwortete Howard ungeduldig. �Ich wei�, da� es albern klingt, aber es k�nnte wirklich gehen. Drau�en tobt noch immer das Gewitter, und es sieht nicht so aus, als w�rde es in den n�chsten Stunden nachlassen. Nun mach schon.�</p><p>Ich starrte ihn einen Moment zweifelnd an, griff dann z�gernd nach der Decke und warf sie mir �ber den Kopf. Howard ging einmal um mich herum zog hier und zupfte da ein wenig und arrangierte die Decke so lange neu, bis ich vermummt war, als wolle ich zu einem Maskenball gehen und dort als Nachtgespenst spielen. Nur direkt �ber meinen Augen war ein fingerbreiter Streifen frei, so da� ich wenigstens sehen konnte, wenn auch nicht sehr gut. Trotz des Ernstes der Situation kam ich mir reichlich albern vor.</p><p>�Gut�, sagte er schlie�lich. �Komm jetzt.�</p><p>Nebeneinander gingen wir die Treppe hinauf. Mir fiel erst jetzt auf, da� das Schiff l�ngst nicht mehr so sehr unter unseren F��en bockte und sprang wie bisher. Eigentlich war kaum mehr als der normale Seegang zu sp�ren. Howard �ffnete die T�r, trat ins Freie und bedeutete mir mit hektischen Zeichen, ihm zu folgen.</p><p>Der Anblick, der sich uns bot, war bizarr. �ber dem Meer hinter und neben uns tobte der Orkan mit ungebrochener Wut, aber rings um das Schiff, in einem Bereich von sieben-, achthundert Yards, war das Meer glatt wie ein Spiegel. Selbst der Wind war zum Erliegen gekommen. Die Steilk�ste lag vor uns, kaum noch einen Steinwurf entfernt, und der Sturm, der das Land �berall meterhoch unter Wasser gesetzt hatte, hatte hier ein vielleicht hundertf�nfzig Yard langes, sichelf�rmig gebogenes St�ck des Strandes freigegeben.</p><p>Und auf dem Strand lag ein Schiff.</p><p>Es war zerst�rt, so gr�ndlich, wie ich jemals ein zerst�rtes Schiffswrack gesehen hatte, nicht mehr als ein zerborstener Haufen aus Holzsplittern und Tauwerk und Fetzen, aber ich erkannte es trotzdem wieder.</p><p>�Die ... LADY!� keuchte ich. �Howard, das ... das ist die LADY OF THE MIST.�</p><p>Howard nickte, als h�tte er nichts anderes erwartet. Trotzdem fragte er: �Bist du sicher?�</p><p>�Ja. Das hier ist... die Bucht, in der das Schiff gesunken ist.� Mein Blick wanderte am Fu�e der Steilk�ste entlang, suchte in den Schatten und Rissen nach einer bestimmten Form und blieb an einem dreieckigen, schwarzen Schatten h�ngen. �Das dort dr�ben ist die H�hle, in der mein Va ...� Ich stockte, schluckte ein paarmal krampfhaft und sah zu Mahoney hin�ber, der mit unbewegtem Gesicht an der Reling stand und Howard und mich beobachtete.</p><p>�In der er gestorben ist�, sagte er. �Sprich es ruhig aus, Robert. Das hier ist die Stelle.�</p><p>�Und das Schiff? Wie hast du es geschafft, es ...?� Mahoney hob die Hand, und ich verstummte, �Nicht jetzt, Robert. Ich erkl�re euch alles sp�ter. Ich habe eine Menge gelernt, dort, wo ich ... war. Aber ich mu�te auch einen hohen Preis daf�r zahlen. Ein Teil dieses Preises ist, da� ich gewisse Dinge f�r mich behalten mu�. Bist du soweit?�</p><p>Ich sah instinktiv zu Boden. Der Himmel hatte ein wenig aufgeklart, und die Blitze zuckten noch immer ununterbrochen, aber der Schatten auf den feuchten Planken des Schiffes war nicht der Schatten der Bestie, den ich halbwegs zu sehen erwartet hatte, sondern nur ein klobiges, kegelf�rmiges Ding. Howards Plan schien zu funktionieren. Solange es nicht mein <emphasis>eigener </emphasis>Schatten war, war ich nicht in Gefahr. �Ja�, sagte ich.</p><p>Mahoney nickte. �Dann kommt. Rowlf bleibt hier, um das Schiff zu bewachen. Ich wei� nicht, wie lange ich den Sturm noch zur�ckhalten kann.� Er nickte aufmunternd, schwang sich �ber die Reling und sprang ins Wasser herab. Ich sah, da� er nur bis zu den Knien einsank; das Boot lag beinahe auf dem Strand, und das Wasser war hier sehr seicht. Er ging ein paar Schritte, wandte sich um und winkte ungeduldig. �Kommt!�</p><p>Mit klopfendem Herzen stieg ich hinter ihm vom Boot, dicht gefolgt von Howard. Das Wasser war eisig, und ich raffte instinktiv die Decke enger um meine Schultern, aus Angst, sie k�nne mir von der Str�mung weggerissen werden. Ich wartete, bis Howard mir gefolgt war, dann ging ich mit weit ausgreifenden Schritten hinter Mahoney her. Die K�lte kroch in meinen Beinen empor und lie� mich am ganzen Leib zittern. Mahoney erwartete uns auf dem Strand. �Beeilt euch�, sagte er und wedelte mit den Armen. Vor dem zerborstenen Wrack der LADY war seine Gestalt nur ein gedrungener schwarzer Schatten. Es war absurd - aber mehr als alles andere kam er mir in diesem Moment bedrohlich vor.</p><p>Wir rannten los. Der Sand war mit Tr�mmern und zerborstenem Holz �bers�t, und hinter uns heulte der Sturm mit immer gr��erer Wut gegen die unsichtbare Barriere, die die kleine Bucht sch�tzte. Die Blitze fuhren jetzt so dicht hintereinander herab, da� der Strand fast taghell erleuchtet war, in einem flackernden, blauwei�en Licht, wie der Schein eines Stroboskopes. Das Heulen des Sturmes wurde lauter, und dann sp�rte ich, wie die erste Windb� an meinen Decken zerrte. F�r einen Moment bauschte sich mein improvisierter Umhang; ich griff hastig mit der Hand nach dem Zipfel, der davonzuwehen drohte, aber der Schatten auf dem Sand, der die Bewegung nachvollzog, war ein tentakelbewehrtes, widerliches Ding. Howard sprang neben mich und zerrte die Decke herunter. Der Killerschatten verschwand.</p><p>�Dort vorne!� br�llte Mahoney �ber das Toben des Sturmes hinweg. Seine Hand wies auf einen rechteckigen Umri�, der ein St�ck neben dem eigentlichen Schiffswrack im Sand lag. Im ersten Moment sah er aus wie ein x-beliebiges Tr�mmerst�ck, aber dann erkannte ich ihn.</p><p>�Die Kiste!� keuchte ich. �Das ist deine Seekiste!�</p><p>Mahoney nickte. �Ja. Ich habe sie bereits aus dem Wrack geborgen, weil ich bef�rchte, da� uns keine Zeit bleibt, lange nach ihr zu suchen.� Er rannte schneller, blieb neben der Kiste stehen und wartete, da� Howard und ich ihm folgten. Sein Atem ging schnell und sto�weise. Auf seiner Stirn gl�nzte Schwei�. �Schnell�, keuchte er. �Die ... die Barriere bricht.�</p><p>Instinktiv blickte ich �ber die Schulter zur�ck. Der Orkan hatte sich zu ungeheurer Wut gesteigert, aber vor dem Strand herrschte noch immer tr�gerische Ruhe. Wie lange noch? Schon jetzt wurde der Wind selbst hier immer heftiger, und die Wellen rannten immer schneller und h�her gegen die unsichtbare Mauer an, die die Bucht und das kleine Boot, mit dem wir gekommen waren, sch�tzte.</p><p>Howard kniete neben der Kiste nieder und streckte die Hand nach dem Deckel aus, aber Mahoney schlug seinen Arm mit einer hastigen Bewegung zur Seite. �Nicht!� sagte er. �Du stirbst, wenn du sie ber�hrst, Howard.�</p><p>Howard starrte verwirrt zu ihm hinauf. Seine Mundwinkel zuckten.</p><p>�Du wei�t nicht alles�, erkl�rte Mahoney gehetzt. �Du wei�t, welchen Schatz diese Kiste birgt, Howard, aber du wei�t auch, welche ungeheure Gefahr ihr Inhalt in den falschen H�nden bedeuten k�nnte.� Howard nickte. �Und?�</p><p>�Ich habe die Kiste magisch gesichert, bevor ich ... bevor ich starb�, erkl�rte Mahoney stockend. �Es gibt nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der sie �ffnen kann. Alle anderen w�rden sterben, wenn sie es auch nur versuchten. Selbst ich.�</p><p>�Dann ...�</p><p>�Dein Plan h�tte keinen Erfolg gehabt, Howard�, fuhr Mahoney unger�hrt fort. �Du hast versucht, Robert vom Meer fernzuhalten, weil du Angst hast, da� Yog-Sothoth noch immer hier lauert und Gewalt �ber ihn erlangen k�nnte. Aber er ist der einzige Mensch, der das magische Siegel brechen kann.� Er wandte sich an mich. �Tu es, Robert. Schnell.�</p><p>Ich kniete gehorsam neben Howard nieder, streckte die Hand unter der Decke hervor und z�gerte, Millimeter, bevor meine Finger das verquollene Holz der Kiste ber�hren konnten. Mein Herz begann zu jagen. �Was ... was mu� ich tun?� fragte ich. �Nichts�, antwortete Mahoney/Andara. ��ffne sie, das ist alles. Dir wird nichts geschehen.�</p><p>Ich nickte. Aber meine H�nde zitterten so stark, da� ich M�he hatte, den einfachen Schnappverschlu� der Kiste zu �ffnen. Instinktiv schlo� ich die Augen. Ich wei� nicht, was ich erwartet hatte - einen t�dlichen Blitz, einen D�monen, der aus der Kiste sprang und mich verschlang, eine Feuers�ule, die vom Himmel st�rzte -, ich hatte das sichere Gef�hl, da� irgend etwas Schreckliches und Furchtbares geschehen m�sse, wenn ich die Kiste �ffnete. Aber es geschah nichts. Die Verschl�sse schnappten mit einem metallischen Klicken auf, und der graue Deckel der wuchtigen Kiste schwang wie von Geisterhand bewegt nach oben.</p><p>Mahoney stie� einen hellen, keuchenden Laut aus, fiel neben mir in den Sand und beugte sich �ber die Kiste. �Sie sind unbesch�digt!� keuchte er. �Bei Gott, Robert, du hast es geschafft!�</p><p>�Hast du daran gezweifelt?� fragte Howard lauernd.</p><p>Mahoney ignorierte ihn. �Schnell jetzt�, sagte er. �Tritt zur�ck, Robert!�</p><p>Ich gehorchte. Mahoney beugte sich �ber die Kiste, w�hlte einen Moment darin herum und forderte ein schmales, in uraltes, hartes Schweinsleder gebundenes Buch zutage. Aber er schlug es nicht auf, wie ich erwartet hatte, sondern richtete sich nur mit einem triumphierenden Keuchen wieder auf und sah Howard und mich an. Seine Augen leuchteten. �Ich habe sie�, murmelte er. �Howard, ich habe sie wieder. Wei�t du �berhaupt, welche Macht diese B�cher bedeuten?�</p><p>Howard stand langsam auf. Seine Bewegungen wirkten gezwungen steif. �Ich wei� es, Roderick�, sagte er. �Was ist mit Robert?�</p><p>Mahoney/Andara sah erst ihn, dann mich mit einem sehr sonderbaren Blick an und l�chelte pl�tzlich. �Sicher�, sagte er, in einer Betonung, als rede er �ber etwas, das ihm um ein Haar entfallen w�re. �Das m�ssen wir ja auch noch erledigen.� Er hob die Hand, und hinter ihm trat erst eine, dann noch eine zweite Gestalt aus dem zersplitterten Wrack des Schiffsrumpfes.</p><p>Howard und ich schrien fast im gleichen Moment auf. Die Blitze tauchten den Strand in taghelles, wei�es Licht, Licht, das hell genug war, uns die beiden Gestalten fast �berdeutlich erkennen zu lassen.</p><p>Nur eine von ihnen war ein Mensch. Die andere ...</p><p>Howard st�hnte. �Roderick�, murmelte er. �Das ... das ist ...�</p><p>�Ein <emphasis>Shoggote�, </emphasis>sagte Mahoney ruhig. �Aber keine Angst, Howard, er wird euch nichts tun. Komm her, Robert.�</p><p>Ich wollte es nicht. Alles in mir schrie danach, herumzufahren und zu rennen, so schnell und so weit ich konnte, aber Mahoney/Andaras �berm�chtigem Willen hatte ich nicht das geringste entgegenzusetzen. Langsam, wie eine Marionette, an deren F�den ein unsichtbarer Spieler zog, richtete ich mich auf und ging auf Mahoney und den grauen Kolo� hinter ihm zu. �Roderick�, st�hnte Howard. �Was ... was hast du vor?�</p><p>�Das einzig M�gliche�, antwortete Mahoney. �Vertrau mir, Howard. Es gibt nur eine einzige M�glichkeit, Robert zu retten.�</p><p>�Aber das ist... ein ... ein <emphasis>Shoggote�, </emphasis>keuchte Howard. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie er sich zu bewegen versuchte, aber so wie ich schien er nicht mehr Herr seines eigenen K�rpers.</p><p>Mahoney hob abermals die Hand. Der <emphasis>Shoggote </emphasis>setzte sich gleitend und wabbelnd in Bewegung, kam in einer absurden Parodie menschlicher Schritte auf mich zu und streckte die Arme aus.</p><p>Die Ber�hrung traf mich wie ein elektrischer Schlag. D�nne, glitzernde, graue F�den wuchsen aus dem Leib des Plasmawesens, drangen nahezu m�helos durch die Decke, in die ich mich eingewickelt hatte, die Kleidung, die ich darunter trug, und ber�hrten meine Haut.</p><p>Es tat nicht einmal sonderlich weh. Es war ein kurzes, fl�chtiges Brennen, gefolgt von einem Gef�hl prickelnder, eisiger K�lte, das alle anderen Empfindungen bet�ubte. Ich f�hlte, wie sich die Plasmamasse �ber meinen K�rper ergo� und ihn lautlos und rasch wie eine zweite Haut einzuh�llen begann. Und es ging schnell. Unglaublich schnell.</p><p>�Die Decke�, sagte Mahoney ruhig. �Leg sie ab, Robert.�</p><p>Meine H�nde bewegten sich ohne mein Zutun. Ich empfand nicht einmal Furcht in diesem Moment. Langsam zog ich die Decke herunter, warf sie in den Sand und wartete auf den n�chsten Blitz.</p><p>Es dauerte nicht einmal eine Sekunde. Eine grellwei�e Linie aus Feuer fiel vom Himmel, rannte in irrsinnigem Zickzack hin und her und schlug irgendwo weit drau�en auf dem Meer ein. Und vor mir entstand der schwarze Schatten des <emphasis>GROSSEN ALTEN.</emphasis></p><p>Diesmal reagierte er mit �bermenschlicher Schnelligkeit. Die peitschenden Schattenarme breiteten sich aus, schossen auf mich zu und h�llten mich in einer t�dlichen Umarmung ein, schneller, als der Blitz und sein Lichtschein verl�schen konnten. Ich schlo� die Augen und wartete auf den geistigen Hieb, der allem ein Ende machen w�rde.</p><p>Aber er kam nicht.</p><p>Statt dessen geschah etwas anderes. Die graue Plasmaschicht, die meinen K�rper bis auf den letzten Quadratmillimeter bedeckte, begann zu zucken, schlug Wellen und Schlieren und wand sich wie unter Schmerzen. Der <emphasis>Shoggote </emphasis>taumelte wie unter einem Hieb, streckte die Arme aus und ber�hrte mich mit seinen grob geformten H�nden an den Schultern.</p><p>Und die Plasmaschicht flo� in ihn zur�ck.</p><p>Von einer Sekunde zur anderen war ich frei. Der Schatten vor mir war wieder ein Schatten, der Schatten eines Menschen, <emphasis>mein </emphasis>Schatten, nicht der der Bestie, die beinahe Besitz von mir ergriffen hatte, und der <emphasis>Shoggote </emphasis>fiel mit wild peitschenden Armen r�cklings in den Sand und blieb zuckend liegen. Sein K�rper wand sich, versuchte Arme und Tentakeln und einen schrecklichen Papageienschnabel zu bilden und zerflo� wieder. Es war ein grausamer Anblick.</p><p>Aber es war ein Anblick, der mich endlich begreifen lie�. Mit einem Ruck sah ich auf und starrte Mahoney an. Sein Blick war unbeteiligt, ruhig, aber gleichzeitig von einer K�lte, die mich erschauern lie�. Das war nicht der Blick eines Menschen.</p><p>�Es tut mir leid, Robert�, sagte er leise. �Ich konnte es dir nicht sagen.�</p><p>�Du ...�</p><p>�Damals�, fuhr er unbeeindruckt fort, �als ich selbst Opfer eines <emphasis>M�chtigen </emphasis>wurde, hatte ich all meine Macht zur Verf�gung, und ich hatte Zeit. Jetzt hatte ich weder das eine noch das andere. Du hattest nur noch wenige Stunden, Robert. Ich mu�te ihm ein Opfer geben. Er war schon zu stark, um ihn auszul�schen.�</p><p>�Der <emphasis>Shoggote�, </emphasis>murmelte Howard.</p><p>Mahoney nickte. �Ja. Aber keine Sorge, Howard. Dieser K�rper ist pr�pariert, zu sterben, und der <emphasis>M�chtige </emphasis>wird vergehen, bevor er zu einer Gefahr werden kann. Ihr werdet leben.�</p><p>�Du wirst uns ... nicht t�ten?� fragte Howard.</p><p>Ich starrte ihn an. Vor einer Sekunde hatte ich noch geglaubt, endlich begriffen zu haben, aber Howards Worte machten alles wieder zunichte. Sein Blick war unverwandt auf Mahoney gerichtet; er schien mich gar nicht zu bemerken. Wieso fragte er <emphasis>meinen </emphasis>Vater, ob er uns t�ten w�rde?</p><p>Mahoney lachte leise. �Nein. Diesmal nicht, Howard. Die, denen ich diene, sind m�chtig und grausam, wenigstens in euren Augen, aber sie sind es niemals grundlos. F�r diesmal seid ihr frei.�</p><p>�Die, denen du ... dienst?� wiederholte ich ungl�ubig.</p><p>Howard ignorierte mich einfach. Sein Blick blieb unverwandt auf Mahoneys Gesicht gerichtet. �Wer bist du?� fragte er leise. �Yog-Sothoth selbst?�</p><p>Mahoney sch�ttelte den Kopf. �Nein. Aber ich diene ihm.�</p><p>�Aber das ... das ist nicht m�glich!� keuchte ich. �Du bist ...�</p><p>�Andara�, unterbrach mich Howard. Seine Stimme klang kalt. �Du hast schon recht, Robert. Und doch wieder nicht. Yog-Sothoth hat Macht �ber ihn gewonnen.�</p><p>�Die Hand der <emphasis>M�chtigen </emphasis>reicht weit�, best�tigte Mahoney/ Andara ruhig. �Selbst ins Jenseits.�</p><p>�Aber er ... er hat... er hat uns geholfen und ... und mich gerettet und den anderen ...� Ich begann zu stammeln, verlor den Faden und sah Howard hilfesuchend an. �Er hat einen der <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>vernichtet�, murmelte ich hilflos. �Eine niedere Kreatur�, antwortete Mahoney an seiner Stelle. �Es gibt viele von ihnen, die sich nicht mit ihrem Schicksal abzufinden verm�gen und versuchen, sich �ber die Zeiten zu retten. Sie m�ssen vernichtet werden.�</p><p>Langsam drehte ich mich zu ihm um und sah ihn an. Meine Augen brannten. �Warum das alles?� fragte ich m�hsam.</p><p>Mahoney deutete stumm auf die Kiste zu seinen F��en. �Darum, Robert. Du hast noch nicht einmal ann�hernd begriffen, welche Macht in diesen unscheinbaren B�chern verborgen ist. Ich brauchte dich. Ich habe dich nicht belogen, Robert. Der Mann, der ich einmal war, hat um die Gefahr gewu�t und Ma�nahmen getroffen. Nicht einmal die Macht Yog-Sothoths h�tte gereicht, das Siegel zu brechen. Du konntest es.�</p><p>�Dann hast du alles, was du wolltest�, fl�sterte Howard.</p><p>Mahoney nickte.</p><p>�Warum t�test du uns nicht?� fuhr Howard beinahe unnat�rlich ruhig fort. �Macht es dir Spa�, uns zu qu�len?�</p><p>�T�ten?� erwiderte Mahoney l�chelnd. �Warum sollte ich das tun, Howard? Ich bin noch immer Roderick Andara, nur diene ich jetzt einem anderen Herrn als vorher. Ich war einmal dein Freund, und Robert ist noch immer mein Sohn. Warum sollte ich euch t�ten?� Er sch�ttelte den Kopf, legte das Buch behutsam in die Kiste zur�ck und gab dem Mann, der zusammen mit dem <emphasis>Shoggoten </emphasis>aufgetaucht war und bisher schweigend und reglos hinter ihm gestanden hatte, einen Wink. �Bring sie fort, Bensen�, sagte er. Dann wandte er sich wieder zu Howard.</p><p>�Ich brauche euch nicht zu t�ten, Howard�, sagte er ruhig. �Ihr seid keine Gefahr mehr. Ich habe, was ich haben wollte, und niemand vermag mich jetzt noch aufzuhalten.�</p><p>�Dich - oder die Bestie, der du dienst?� fragte Howard. Seine Stimme zitterte.</p><p>Mahoney l�chelte verzeihend. �Nenne ihn, wie du willst, Howard, f�r mich ist er mein Herr, und ich werde ihm dienen. Ihr k�nnt mich nicht mehr aufhalten. Niemand kann das. Jetzt nicht mehr.� Damit drehte er sich um, wartete, bis sein Begleiter die Kiste aufgenommen hatte, und ging.</p><p>Howard und ich starrten ihnen lange nach, selbst als ihre Schritte l�ngst im Heulen des Sturmes verklungen waren. Ich f�hlte mich leer, ausgelaugt und so m�de wie nie zuvor in meinem Leben.</p><p>�Sag mir, da� das alles nicht wahr ist, Howard�, fl�sterte ich. �Sag mir, da� es nur ein Traum war. Dieser Mann war nicht mein Vater.�</p><p>�Doch, Robert�, antwortete Howard ebenso leise, aber in einem ganz anderen, eisigen Tonfall, wie ich ihn noch nie vorher von ihm geh�rt hatte. �Er war es - und auch wieder nicht. Du darfst ihn nicht hassen. Er ... er kann nichts f�r das, was er getan hat. Es ist Yog-Sothoth, der seine Handlungen lenkt. Aber nicht so vollst�ndig, wie er es gerne h�tte.�</p><p>Ich sah ihn an. Ein schwacher Hoffnungsschimmer begann in mir aufzukeimen, als ich in seine Augen blickte. �Ein kleines bi�chen Menschlichkeit ist noch in ihm, Robert�, fuhr er fort. �Er hat uns am Leben gelassen, vergi� das nicht.�</p><p>�Leben?� Ich wollte lachen, aber alles, was ich zustande brachte, war ein kr�chzender Laut, der sich wie ein verungl�ckter Schrei anh�rte. �Wir haben verloren, Howard. Es war eine Niederlage. Er hat die B�cher.�</p><p>Howard nickte. �Das stimmt. Ein Punkt f�r die Gegenseite. Und?� Pl�tzlich lachte er; leise, kalt und ohne die geringste Spur von echtem Humor. �Er hat eine Schlacht gewonnen, Robert, aber nicht den Krieg. Wir werden ihn wiedersehen. Und das n�chste Mal sind wir gewarnt.�</p><p>Ich wollte etwas darauf erwidern, aber Howard drehte sich wortlos um und ging mit raschen Schritten den Strand hinab auf das wartende Boot zu.</p></section><section><title><p id="Buecher_die_der_Satan_schrieb">Sechstes Buch - B�cher, die der Satan schrieb</p></title><p>Das Licht der Petroleumlampe warf flackernde Muster an die W�nde und schuf Leben, wo keines war. Ein muffiger Geruch hing in der Luft, und unter den Schuhsohlen der beiden M�nner knirschten Unrat und staubfein zermahlene Glassplitter. Ein Spinnennetz wehte wie ein grauer Vorhang im Wind, und aus der Tiefe des Geb�udes drangen unheimliche, rasselnde Ger�usche; Laute, die in der �berreizten Phantasie Tremayns zu einem m�hsamen, schweren Atmen wurden. Er blieb stehen. Die Lampe in seiner Hand zitterte, und f�r einen Moment mu�te er mit aller Gewalt gegen den immer st�rker werdenden Zwang ank�mpfen, einfach herumzufahren und zu laufen, so schnell und so weit er konnte, nichts wie weg; weg aus diesem verwunschenen, finsteren Haus, das ihm mit jedem Moment mehr wie ein gewaltiges, feuchtes Grab vorkam.</p><p>�Was ist mit dir?� fragte Gordon. �Angst?�</p><p>Tremayn drehte sich zu dem zwei K�pfe gr��eren Mann um und setzte zu einer scharfen Antwort an, belie� es aber dann blo� bei einem schiefen Grinsen und ging, die Lampe wie eine Waffe vor sich ausgestreckt, weiter. Das Zittern in Gordons Stimme war ihm nicht entgangen; sein Spott war nichts weiter als ein schwacher Versuch, seine eigene Furcht zu kaschieren. Er hatte Angst, nat�rlich, aber Gordon hatte mindestens so viel Angst wie er, wenn nicht mehr. Es war eine Schnapsidee gewesen, hierher zu kommen, noch dazu allein und unbewaffnet, aber keiner von ihnen war bereit gewesen, als erster dem anderen gegen�ber seine Furcht einzugestehen, und so waren sie weitergegangen, wider besseren Wissens.</p><p>Eine T�r tauchte im flackernden gelben Licht der Lampe auf, und der Windzug, der mit ihnen ins Haus gekommen war, lie� Staub in d�nnen, wehenden Schleiern aufsteigen. Tremayn unterdr�ckte mit Macht den Hustenreiz, der in seiner Kehle w�rgte. Sein Herz jagte. Es war kalt, jetzt, nachdem die Sonne untergegangen war und ihre ohnehin kaum mehr w�rmenden Strahlen erloschen waren, erst recht. Trotzdem war Tremayn in Schwei� gebadet.</p><p>Gordon deutete mit einer stummen Kopfbewegung nach vorne, und Tremayn hob die Lampe ein wenig h�her, um mehr Einzelheiten erkennen zu k�nnen. F�r einen ganz kurzen Moment flackerte die Flamme, und beinahe kam es ihm so vor, als wiche das Licht vor den n�herkriechenden Schatten - oder etwas, das sich darin verbarg - zur�ck. Er verscheuchte den Gedanken und blinzelte angestrengt in das gelbgraue Zwielicht, um zu erkennen, worauf ihn Gordon hatte aufmerksam machen wollen.</p><p>Die T�r war nur angelehnt, und an ihrem unteren Rand glitzerte etwas Graues, Feuchtes...</p><p>Tremayn unterdr�ckte den Ekel, der in seiner Kehle emporkroch, lie� sich in die Hocke sinken und beugte sich vor. Eine d�nne, feuchte Kruste �berzog den unteren Rand der T�r, und jetzt, als Tremayn genauer hinsah, erkannte er die fast halbmeterbreite Schleifspur, die durch den Staub und Schmutz auf die T�r zu und wohl auch dahinter weiterf�hrte. Unwillk�rlich mu�te er an die Spur denken, die sie hierher gef�hrt hatte - ein breiter, wie glattgeschliffen wirkender Pfad, der quer durch den Wald bis zu diesem halb verfallenen Haus gef�hrt und Gordon und ihn hierher geleitet hatte. Auch dort waren ihm hier und da kleine Pf�tzen dieser grauen Masse aufgefallen, eine Art Schleim, als w�re eine gigantische Schnecke durch das Unterholz gekrochen und h�tte dabei alles absorbiert, was sich ihr in den Weg gestellt hatte. Das ungute Gef�hl in seinem Magen wurde st�rker.</p><p>Mit einem Ruck richtete er sich auf und blickte zu Gordon hoch. �La� uns verschwinden�, sagte er. �Die Sache gef�llt mir nicht.�</p><p>Wieder versuchte Gordon zu lachen, aber diesmal zitterte seine Stimme so heftig, da� er es nach wenigen Sekunden aufgab. Seine Hand kroch in die Tasche, suchte einen Moment darin herum und kam mit einem unn�tig heftigen Ruck wieder hervor. In seinen Fingern blitzte ein Schnappmesser.</p><p>�Hast du Angst?� fragte er. �Vielleicht wartet da oben ja irgendein Monster auf uns, wie?� Er schob kampflustig das Kinn vor, dr�ckte Gordon das Messer in die Hand und schob die T�r mit dem Fu� auf. Der Gang setzte sich dahinter einige Schritte weit fort und endete vor den untersten Stufen einer morschen Holztreppe, die sich nach oben in Ungewissem Zwielicht verlor.</p><p>�Nun komm schon, du Feigling�, knurrte er. �Da oben ist nichts. Au�er ein paar Spinnen und Flederm�usen vielleicht.�</p><p>Tremayn schluckte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, herunter, sah noch einmal unsicher den Weg zur�ck, den sie gekommen waren, und folgte ihm. Die Treppe knirschte h�rbar unter ihrem Gewicht, als sie nebeneinander �ber die ausgetretenen Stufen hinaufgingen. Das Haus war voller Ger�usche, wie es alte, verlassene H�user nun einmal sind, und der moderige Geruch, der Tremayn schon unten aufgefallen war, wurde st�rker.</p><p>Gordon blieb stehen, als sie eine weitere T�r erreicht hatten. Auch sie war nur angelehnt, und auch hier waren �berall Spuren des grauen, glitzernden Etwas.</p><p>Tremayn r�mpfte demonstrativ die Nase, als Gordon die T�r aufstie� und ihnen ein wahrhaft atemraubender Schwall von Gestank entgegenschlug.</p><p>Sie waren im Dachgescho� des Hauses. Vor ihnen lag ein langgestreckter, d�sterer Raum, der von einem Gewirr halbverrotteter Balken und staubverhangener Spinnweben beherrscht wurde. Da und dort war das Dach eingesunken, so da� sie ausgezackte Bruchst�cke des samtblauen Nachthimmels sehen konnten. Die Ger�usche des Waldes drangen von drau�en herein und vermischten sich mit dem Knarren und �chzen des Hauses.</p><p>Gordon ber�hrte ihn an der Schulter und deutete nach links. Der Dachboden war nicht leer. In der Mitte des Raumes stand ein m�chtiger, dick mit Staub und schwarz verkrustetem Schmutz bedeckter Schreibtisch, auf dem zwei altert�mliche Petroleumlampen standen und flackernde, rotgelbe Helligkeit verbreiteten. Und hinter diesem Schreibtisch sa� ein Mann.</p><p>Tremayn schluckte m�hsam, um den bitteren Klo�, der pl�tzlich in seinem Hals war, loszuwerden. F�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, einem Toten gegen�berzustehen, aber dann erkannte er, da� das nicht stimmte. Er sa� in unnat�rlich steifer Haltung auf dem hochlehnigen, geschnitzten Stuhl, die Augen weit ge�ffnet und starr, und auf seinen eingefallenen bleichen Z�gen lag grauer Staub. Er blinzelte nicht. Vor ihm lag ein m�chtiges, in dunkelgraues und steinhart gewordenes Schweinsleder gebundenes Buch. Es war aufgeschlagen, und Tremayn erkannte trotz der unzureichenden Beleuchtung und der gro�en Entfernung, da� die Seiten mit fremdartigen, bizarren Schriftzeichen �bers�t waren.</p><p>�Mein Gott�, murmelte er. �Was ...� Er keuchte, prallte mitten im Schritt zur�ck und griff so fest nach Gordons Arm, da� dieser vor Schmerz aufst�hnte.</p><p>�Er ist tot!� keuchte er. �Mein Gott, er ...�</p><p>Gordon machte mit einer w�tenden Geste seinen Arm los und trat einen halben Schritt zur Seite.</p><p>�Der ... der Bursche ist tot!� stammelte Tremayn noch einmal. Seine Stimme zitterte und stand dicht davor �berzukippen.</p><p>�Das sehe ich auch�, schnappte Gordon gereizt. �Und zwar schon eine ganze Weile.� Er lachte hart, um seine eigene Nervosit�t zu �berspielen. �Der tut dir nichts mehr, du Feigling. Komm schon.� Er machte einen Schritt und wartete darauf, da� Tremayn ihm folgte, aber der r�hrte sich nicht von der Stelle. Auf seiner Stirn glitzerte Schwei�.</p><p>�Was ist mit dir?� fragte Gordon. �F�rchtest du dich vor einem Toten?�</p><p>Tremayn sch�ttelte den Kopf, blickte Gordon f�r die Dauer eines Atemzuges unsicher an und nickte pl�tzlich. �Das gef�llt mir nicht�, sagte er. �La� uns verschwinden. Hier ... hier gibt es sowieso nichts zu holen.�</p><p>Gordons linke Augenbraue rutschte ein st�ckweit seine Stirn hinauf. �Woher willst du das wissen?� fragte er. �Immerhin k�nnen wir uns wenigstens mal umsehen, oder?� Er sch�ttelte den Kopf, schnitt Tremayn mit einer entschiedenen Bewegung das Wort ab, als dieser erneut widersprechen wollte, drehte sich um und ging - weit weniger sicher und selbstbewu�t, als es ihm lieb gewesen w�re, auf den Schreibtisch und den Toten zu.</p><p>Tremayn schluckte nerv�s und trat einen Moment unentschlossen auf der Stelle. Pl�tzlich schien ihm wieder einzufallen, da� er noch immer Gordons Messer in der Hand hielt. Verlegen und �berhastet lie� er die Klinge in den Griff zur�ckschnappen, steckte das Messer ein und machte einen z�gernden Schritt, aber nur, um gleich darauf wieder stehenzubleiben. �La� uns verschwinden�, sagte er noch einmal. <emphasis>�Bitte.�</emphasis></p><p>Gordon ignorierte ihn.</p><p>Aber auch seine Schritte wurden langsamer, und er f�hlte, wie das Unbehagen, das auch von ihm Besitz ergriffen hatte, sich allm�hlich in pure Angst zu verwandeln begann. Die Dunkelheit auf dem Dachboden schien zu raschelndem, fl�sterndem Leben zu erwachen, als sie sich dem Schreibtisch und dem Toten dahinter n�herten. Gordon fiel auf, da� das Licht der beiden Petroleumlampen, die rechts und links von ihm auf der Schreibtischplatte standen, nur wenige Schritte weit reichte; viel weniger weit, als normal gewesen w�re. Der Tisch stand inmitten einer Insel flackernder, tr�ber Helligkeit, die von einem finsteren Belagerungswall aus Schw�rze und Ungewissen, wogenden Schatten umgeben war. Und irgend etwas an seinem Gesicht kam Gordon auf beinahe furchteinfl��ende Weise bekannt vor, gleicherma�en vertraut wie absto�end, aber er wu�te nicht, was. Der bittere Klo� in seinem Hals war noch immer da, und sein Magen krampfte sich langsam zu einem harten, schmerzhaften Ball zusammen. Einen ganz kurzen Moment lang blitzte die Frage in seinem Bewu�tsein auf, wer die beiden Lampen entz�ndet haben mochte und warum, aber der Gedanke entschl�pfte ihm, ehe er ihn richtig fassen konnte.</p><p>Sie n�herten sich dem Schreibtisch und blieben in zwei Schritten Abstand stehen. Gordon versuchte, einen Blick auf die Seiten des aufgeschlagenen Buches zu erh�schen, aber es gelang ihm nicht. Etwas Seltsames geschah: Er erkannte, da� die Schriftzeichen auf den Seiten bizarr und sonderbar aussahen, kaum wie eine menschliche Schrift, sondern fast wie das Gekrakel eines Kindes, aber auch wieder auf schwer in Worte zu fassende Art regelm��ig, aber es gelang ihm nicht, die Zeilen genauer zu sehen - jedesmal, wenn er versuchte, sich auf eine der Hieroglyphen zu konzentrieren, entzogen sie sich ihm auf geheimnisvolle Weise.</p><p>M�hsam l�ste er seinen Blick von dem Buch und sah den Toten an. Tremayn unterdr�ckte im letzten Augenblick einen Schrei.</p><p>Die Augen des Fremden waren weit ge�ffnet. Er blinzelte noch immer nicht, und jetzt, als Tremayn nahe genug heran war, erkannte er, da� der graue Schimmer auf seinen Z�gen nicht die Zeichen einer Krankheit oder Wirkung des schlechten Lichtes waren, sondern Staub. Staub, der sogar auf seinen Pupillen lag ...</p><p>�Was ...�, keuchte Gordon.</p><p>Er sprach nicht weiter. Der Fremde bewegte sich. Staub rieselte aus seinen Kleidern, und Gordon sah, da� sich zwischen seinen Fingern haarfeine Spinnweben spannten, die jetzt, als er sich bewegte, zerrissen. Langsam, ganz langsam kippte der Oberk�rper des Mannes nach vorne, hing f�r einen kurzen, schrecklichen Moment reglos in der Schwebe, als w�rde er von unsichtbaren F�den gehalten, und schlug schlie�lich auf dem Schreibtisch auf. Das Ger�usch h�rte sich an, als st�rze irgendwo ein Balken zu Boden.</p><p>�Mein ... mein Gott�, stammelte Tremayn. �Was ... was bedeutet das? Was geht hier vor? Ich ... ich will weg!�</p><p>�Einen Moment noch�, sagte Gordon. Rasch hob er die Hand und hielt Tremayn am Arm zur�ck. �Hilf mir.�</p><p>Tremayn keuchte. Seine Augen waren vor Furcht geweitet. �Was ... was hast du vor?� fragte er.</p><p>Gordon deutete auf das Buch, das aufgeschlagen vor dem Toten lag. Der Mann hatte den Band im Zusammenbrechen halbwegs unter sich begraben; seine rechte Hand lag, zu einer Klaue verkr�mmt, auf der aufgeschlagenen Seite. �Ich will das Ding mitnehmen�, sagte er. �Hilf mir.�</p><p>Tremayn prallte mit einer erschrockenen Bewegung zur�ck. �Du bist verr�ckt!� entfuhr es ihm. �Ich r�hre den Kerl nicht an!�</p><p>Gordon musterte ihn einen Herzschlag lang w�tend. �Hast du Angst, da� er dich bei�t?� fragte er spitz. Aber sein Hohn prallte von Tremayn ab, und er sch�ttelte nur stur den Kopf.</p><p>�Ich r�hre den Kerl nicht an�, sagte er entschieden. �Du kannst von mir denken, was du willst, aber ich fasse ihn nicht an.�</p><p>Gordon schluckte einen Fluch herunter, dr�ngte das Gef�hl von Widerwillen und Abscheu, das sich in ihm breitzumachen begann, zur�ck, und versuchte, den Kopf des Toten anzuheben. Der Mann war erstaunlich schwer, und seine Haut f�hlte sich kalt und hart wie Holz an. Aber es ging.</p><p>�Dann nimm wenigstens das Buch�, sagte er. �Ich halte ihn solange fest.�</p><p>Tremayn streckte gehorsam die Hand nach dem Buch aus, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende. �Was willst du �berhaupt damit?� fragte er.</p><p>�Verdammt, das Ding ist uralt�, schnappte Gordon gereizt. �Es kann ein Verm�gen wert sein. Und nun mach schon!�</p><p>Tremayn schluckte nerv�s und ein paarmal rasch hintereinander, �berwand sich aber dann doch und zog das Buch mit einem raschen Ruck unter dem Toten hervor. Die erstarrte Hand der Leiche schien sich f�r einen Moment daran festzuklammern, als versuche sie noch jetzt, es zu besch�tzen. Ihre Fingern�gel glitten mit einem Ger�usch �ber die Seiten, als kratze irgendwo Stahl �ber Glas. Gordon schauderte. Hastig lie� er den Toten los und sprang r�cklings einen Schritt zur�ck, �Weg jetzt�, sagte er. �Schnell.�</p><p>Gordon nahm das Buch, klemmte es sich unter den Arm und rannte zur T�r, ohne noch ein einziges Wort zu verlieren. Auch Tremayn lief zum Ausgang, blieb aber noch einmal stehen und sah zu dem Toten zur�ck. Er wu�te, da� er den Mann schon irgendwo gesehen hatte. Seine Z�ge waren erstarrt und auf grausame Weise verzerrt gewesen, und doch war etwas Bekanntes und Vertrautes in ihnen gewesen ...</p><p>Er vertrieb den Gedanken, fuhr herum und st�rzte hinter Gordon die Treppe hinab.</p><p>W�re er noch einen Moment l�nger geblieben, h�tte er vielleicht sehen k�nnen, wie sich der Tote langsam, mit steifen, puppenhaften Bewegungen wieder aufsetzte. Und w�re er vorher um den Schreibtisch herumgetreten, dann h�tte er vielleicht gesehen, da� er weder tot, noch wirklich ein Mensch war. Wenigstens nicht mehr vom G�rtel an abw�rts.</p><p>Bis zum Nabel hinab war sein K�rper vollkommen menschlich. Aber darunter hockte ein graues, pulsierendes Etwas auf dem Stuhl, ein Ding wie ein Berg grauen, zitternden Schleimes, das an der Sitzfl�che hinabgeflossen war und d�nne, glitzernde �rmchen an den Beinen des Schreibtisches hinaufranken lie� ...</p><empty-line/><p>�Es ist mir v�llig egal, wie du es nennst�, sagte ich erregt. �Es war eine Niederlage, und wenn diese B�cher auch nur halb so gef�hrlich sind, wie du immer behauptet hast, dann ...� Ich sprach nicht weiter. Howard hatte mir jetzt l�nger als eine Stunde zugeh�rt, und seine einzige Reaktion auf meine Worte bestand darin, sich immer neue seiner d�nnen schwarzen Zigarren anzuz�nden und die Luft in der kleinen Kabine mit stinkenden blauen Rauchwolken zu verpesten. Allm�hlich kam ich mir nicht nur hilflos, sondern zus�tzlich auch noch auf den Arm genommen vor. Es gibt kaum etwas Frustrierenderes, als einen Wutausbruch nach dem anderen zu bekommen und zu sp�ren, wie sie mit sch�ner Regelm��igkeit an dem Opfer besagten Zornes abprallen. Hilflos ballte ich die F�uste, starrte Howard noch einen Herzschlag lang mit aller Verachtung, die ich aufzubringen imstande war, an, und wandte mich dann demonstrativ ab. Am liebsten w�re ich aufgesprungen und w�tend davongegangen, aber auf einem f�nfzehn Yards langen Boot gibt es nicht sehr viel Platz, um davonzurauschen, und der dramatischste Abgang wirkt schlichtweg l�cherlich, wenn man zwei Minuten sp�ter zur�ckkommt und vor K�lte mit den Z�hnen klappert. Also blieb ich.</p><p>Howard musterte mich sekundenlang durch die blauen Rauchwolken hindurch, die er wie eine Mauer zwischen mir und sich aufgebaut hatte, seufzte dann h�rbar und dr�ckte seine <emphasis>Zigarre </emphasis>in den �berquellenden Aschenbecher. �F�hlst du dich jetzt besser?� fragte er ruhig. �Ich meine, du hast gesagt, was du sagen wolltest - f�hlst du dich jetzt erleichtert?�</p><p>Es gelang ihm nicht ganz, den sp�ttischen Unterton aus seinen Worten zu verbannen, und diesmal war ich es, der ihm zur Antwort nur einen finsteren Blick schenkte. Nat�rlich <emphasis>hatte </emphasis>ich gesagt, was ich sagen wollte - ungef�hr f�nfundvierzigmal. Nur eine Antwort hatte ich nicht bekommen.</p><p>�Du tust so, als w�re es die nat�rlichste Sache der Welt, wenn wir -�</p><p>�Nat�rlich ist es das nicht�, unterbrach mich Howard seufzend und z�ndete sich schon wieder eine <emphasis>Zigarre </emphasis>an. �Blo� erreichen wir bestimmt nichts, wenn wir jetzt wie die aufgescheuchten H�hner durch die Gegend laufen, Robert. Wir k�nnen gar nichts anderes tun als warten.�</p><p>�Warten?� schnappte ich, �Und worauf?�</p><p>�Darauf, da� die Gegenseite einen Fehler macht�, antwortete Howard. Pl�tzlich l�chelte er. �Wei�t du, da� du deinem Vater sehr �hnelst, wenn du w�tend bist? Als er in deinem Alter war, war er genauso aufbrausend.�</p><p>�Lenk nicht ab�, knurrte ich. �Verdammt, Howard, ich bin es leid, auf diesem Kahn herumzuhocken und darauf zu warten, da� sich der Boden auftut und uns verschlingt.�</p><p>�Eher das Meer�, antwortete Howard gelassen. �Wenn schon. Aber das wird nicht passieren, keine Sorge. Yog-Sothoth hat bekommen, was er wollte. Ich glaube nicht, da� er noch in der N�he ist. W�re er es, w�ren wir wahrscheinlich schon lange tot�, f�gte er etwas leiser und in einem Tonfall, den ich den ganzen Tag �ber an ihm vermi�t hatte, hinzu.</p><p>Ich bi� mir im letzten Augenblick auf die Zunge und starrte ihn nur an, statt loszubr�llen, wonach mir zumute war. Das Schlimme war, da� ich im Grunde ganz genau wu�te, da� er recht hatte. Alles hatte davon abgehangen, da� es uns gelang, die Kiste mit den magischen B�chern meines Vaters zu bergen. Aber wir hatten sie nicht geborgen, und die B�cher waren - was schlimmer war - in der Hand unserer Feinde.</p><p>Unserer Feinde ... Der Gedanke weckte eine Menge unangenehmer Erinnerungen in mir, Bilder, die ich in den letzten drei Tagen mit aller Macht zu vergessen versucht hatte. M�hsam sch�ttelte ich sie ab und versuchte, Howards Gesicht durch den blauen Nebel zu erkennen, der die Kaj�te f�llte. Trotz der K�lte hatte ich demonstrativ eines der Bullaugen ge�ffnet, aber Howard produzierte schneller neuen Rauch, als der alte abziehen konnte. Seit ich ihn kennengelernt hatte, waren nur wenige Augenblicke vergangen, in denen er <emphasis>nicht </emphasis>rauchte. Manchmal hatte ich ihn im Verdacht, seine stinkenden R�ucherst�bchen selbst mit in die Badewanne zu nehmen. Seine Lungen mu�ten so schwarz wie Yog-Sothoths Seele sein.</p><p>Das Ger�usch harter Schritte auf dem Deck �ber uns drang in meine Gedanken. Ich sah auf, als die T�r ge�ffnet wurde und ein schmaler Streifen tr�ben Lichtes die Treppe herabfiel. Kurz darauf erschien Rowlfs breitschultrige Gestalt im Eingang.</p><p>Howard stand auf, schnippte seine kaum angerauchte Zigarre aus dem Bullauge und trat Rowlf entgegen. �Nun?�</p><p>�Wiewer vermut' ham'�, nuschelte Rowlf. �Bensen war seit zwei Tagn nich mehr zu Hause. Hattn auch keener gesehn.� Sein Gesicht war ger�tet, ein deutliches Zeichen f�r die grimmige K�lte, die sich �ber die schottische K�ste gelegt hatte und nun mit Nachdruck darauf hinwies, da� der Winter vor der T�r stand. �Aber inner Stadt is der Teufel los�, f�gte er nach einer Pause hinzu. �War besser, wenn wer uns da nich seh lassn w�rn'.�</p><p>Howard wirkte nicht sehr �berrascht. Es geh�rte nicht sehr viel Phantasie dazu, sich auszumalen, was nach unserem �berhasteten Aufbruch in Durness geschehen war - immerhin waren drei Menschen verschwunden, unter recht mysteri�sen Umst�nden noch dazu, und das, nachdem Howard der letzte war, der sie lebend zu Gesicht bekommen und mit ihnen geredet hatte. Und ich selbst hatte mit meinem dramatischen Abgang aus dem Hotel sicher nicht dazu beigetragen, das Mi�trauen zu zerstreuen.</p><p>Howard seufzte h�rbar, angelte eine neue Zigarre aus der Brusttasche, z�ndete sie aber zu meiner Erleichterung nicht an, sondern kaute nur einen Augenblick lang nachdenklich auf ihrem Ende herum, ehe er es abbi� und aus dem Fenster spuckte. �Sonst ist dir nichts aufgefallen?� fragte er.</p><p>Rowlf z�gerte. Es war schwer, auf seinem Bulldoggengesicht irgendeine klare Regung abzulesen, erst recht im schummerigen Halbdunkel der Kabine, aber ich glaubte doch zu erkennen, da� es da noch irgend etwas gab, was ihm auf der Seele brannte.</p><p>�Nun?� fragte Howard.</p><p>�Ich wei� nicht�, murmelte Rowlf. �Vielleicht isses nicht wichtig, aber ...�</p><p>�Aber?� Howard ri� ein Streichholz an und blinzelte.</p><p>�S'sin paar komische Sachen passiert innen letzten zwei Tagn�, sagte Rowlf und l�chelte unsicher. �Ich war auf'n Bier im Pub unten am Hafen und hab die Ohr'n offengehaltn.�</p><p>�Und was�, fragte Howard, und ich sp�rte dabei deutlich, wieviel Kraft es ihn kostete, wenigstens �u�erlich noch gelassen und geduldig zu erscheinen, �hast du geh�rt, Rowlf?�</p><p>�Nix Bestimmtes�, antwortete Rowlf ausweichend. �Komische Geschichten ebn'. Biergerede.�</p><p>�Biergerede, so?� Howard nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarre, hustete und bedachte mich mit einem finsteren Blick, als er mein schadenfrohes Grinsen bemerkte.</p><p>�Du solltest dir ein ges�nderes Laster suchen�, sagte ich freundlich.</p><p>Howard ignorierte meine Worte, hustete erneut und sog sich gleich darauf wieder die Lungen voll Rauch. �Ich bin durstig�, sagte er pl�tzlich. �Was haltet ihr davon, wenn wir in den Pub gehen und uns eines von den ber�hmten englischen Bieren genehmigen? Auf meine Kosten.�</p><p>�Nich sehr viel�, antwortete Rowlf.</p><p>�Er hat recht�, f�gte ich hinzu. Howards Vorschlag �berraschte mich. Wir hatten uns seit zwei Tagen praktisch auf diesem Schiff verkrochen und kaum die Kaj�te verlassen - und pl�tzlich wollte er in die Stadt, nur weil Rowlf irgendwelche <emphasis>Geschichten </emphasis>geh�rt hatte?</p><p>�Ich glaube nicht, da� es klug w�re, wenn wir uns jetzt in der Stadt sehen lassen w�rden�, fuhr ich fort. �Die Leute k�nnten anfangen, dumme Fragen zu stellen.�</p><p>�Wir erregen genausoviel Aufsehen, wenn wir uns auf diesem Kahn verkriechen�, widersprach Howard. �Durness ist nicht London, Junge. Sie <emphasis>haben </emphasis>bereits angefangen, �ber uns zu reden, mein Wort darauf, und ...�</p><p>�Warum sind wir dann �berhaupt noch hier?� fragte ich, obwohl ich ganz genau wu�te, da� ich keine Antwort bekommen w�rde. �Eben�, grinste Howard. �Du hast es erfa�t, Robert. Gehen wir in den Pub und genehmigen wir uns ein Bier, oder auch zwei. Ich m�chte endlich wieder festen Boden unter den F��en sp�ren.�</p><p>Ich resignierte. <emphasis>Es </emphasis>war nicht das erste Mal, da� ich zu sp�ren bekam, wie konsequent Howard war, wenn er sich vorgenommen hatte, �ber irgend etwas <emphasis>nicht </emphasis>zu reden. Kopfsch�ttelnd griff ich nach meinem Wettermantel, der zerknautscht auf der schmalen Koje neben der Treppe lag, streifte ihn �ber und verlie� die Kaj�te.</p><p>Es begann bereits zu dunkeln. Die Stadt lag wie ein massiger, schwarzer Halbkreis aus Schatten �ber dem Hafen, und hier und da waren bereits die ersten Lichter zu erkennen. Der Himmel war bedeckt, wie er es seit Tagen gewesen war, aber wenigstens regnete es nicht, und der Wind war weniger kalt, als ich bef�rchtet hatte.</p><p>Es war still. Das Meer war seit Tagen unruhig, und die wenigen Fischerboote, die trotz des schlechten Wetters am Morgen herausgefahren waren, waren l�ngst zur�ckgekehrt und lagen sicher vert�ut und verlassen am Kai. Unser Schiff war das letzte in der langen, durchbrochenen Kette verschieden gro�er Schiffe und Boote, die an der kniehohen Kaimauer festgemacht hatten, und wir hatten auch von dem normalen Tagesbetrieb kaum etwas mitbekommen. Jetzt war der Hafen verlassen und dunkel, bis auf das blasse Licht, das hinter den Scheiben der Bretterbude flackerte, in der der Hafenw�chter schnarchte.</p><p>Und trotzdem zeigte mir gerade dieser so t�uschend friedliche Anblick, in welch mi�licher Lage wir uns befanden. Die Leute hier in Durness mu�ten schon mehr als nur blind sein, wenn sie nicht auf die drei sonderbaren Fremden aufmerksam werden sollten, die in dem gemieteten Boot ganz am Ende des Hafens hausten und nur nach Dunkelwerden einmal ihre Nasen ins Freie streckten. Wahrscheinlich waren wir das Tagesgespr�ch in den Pubs und Kneipen.</p><p>Ich wartete, bis Howard und Rowlf hinter mir die Treppe hinaufgepoltert waren, zog den Mantel enger um die Schultern und setzte mit einem kraftvollen Sprung auf die Kaimauer �ber.</p><p>Fast w�re ich gest�rzt. Zwei Tage an Bord des winzigen Schiffchens hatten mich die Brandung vergessen lassen; das Heben und Senken der Planken unter meinen F��en war mir <emphasis>so </emphasis>vertraut geworden, da� ich es gar nicht mehr bemerkt hatte. Daf�r schien der feste Boden jetzt unter mir zu schwanken.</p><p>Rowlf grinste, als er meine Unsicherheit bemerkte, verbi� sich aber vorsichtshalber jede Bemerkung und deutete mit einer vagen Geste nach vorne, zur Stadt hinauf. �Besser, wir gehn irgendwohin, wo uns niemand nich kennt�, brummelte er. �Sindn bi�chen gereizt, die guten Leute.�</p><p>Howard nickte zustimmend, zog seinen Hut tiefer in die Stirn und senkte den Kopf, als eine pl�tzliche, eisige Brise vom Meer her �ber die Kaimauer fauchte. Irgendwo, sehr weit entfernt, grollte Donner. Das Gewitter hatte vor drei Tagen begonnen und kam in mehr oder weniger regelm��igen Abst�nden zur�ck oder meldete sich wenigstens von Zeit zu Zeit mit einem einzelnen Blitz oder dem entfernten Echo eines Donnerschlages. Es war nicht mehr zu leugnen, da� der Winter seinen Einzug hielt.</p><p>Schweigend gingen wir auf der schmalen, kopfsteingepflasterten Stra�e zur Stadt hinauf. In den schwarzbraunen Schatten der H�user gingen mehr und mehr Lichter an, und es wurde rasch dunkel. Als ich zur�cksah, war das Meer zu einem schwarzen Abgrund geworden, der weit im Norden mit dem Horizont verschmolz.</p><p>Howard blieb stehen, als die ersten H�user vor uns auftauchten. Ich sah auf, setzte dazu an, eine Frage zu stellen, und verstummte wieder, als er eine warnende Geste machte. Wir waren nicht mehr allein. Ohne da� ich es bemerkt hatte, war Nebel aufgekommen, ein hellgrauer, dunstiger Nebel, der in tr�gen Schwaden �ber der Stra�e hing und im schw�cher werdenden Licht des Abends sanft zu pulsieren schien.</p><p>Hinter dem Nebel zeichneten sich die Konturen von vier, vielleicht f�nf Menschen ab. <emphasis>Menschen ...?</emphasis></p><p>Ich war nicht sicher. Etwas an ihnen war seltsam, <emphasis>falsch, </emphasis>ohne da� ich h�tte sagen k�nnen, was. Sie standen reglos und schienen zu uns hinabzustarren, aber gleichzeitig bewegten sie sich, auf eine bizarre, sinnverwirrende Art, flossen wie Schatten oder fl�chtige Spiegelbilder hierhin und dorthin ...</p><p>Ich fuhr mir mit dem Handr�cken �ber die Augen, versuchte das Bild wegzublinzeln und mir gleichzeitig einzureden, da� mir meine in den letzten Tagen arg �berstrapazierten Nerven einen Streich spielten, aber ein rascher Blick in Howards Gesicht sagte mir, da� es nicht so war und er es auch sah.</p><p>Dann zerri� ein weiterer Windsto� den Nebel, und mit ihm verschwanden die schwarzen Schattengestalten. Die Stra�e war wieder leer.</p><p>�Was ... was war das?� murmelte ich. Ohne da� ich einen bestimmten Grund daf�r h�tte angeben k�nnen, versp�rte ich Angst.</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Howard. �Ich ... habe keine Ahnung.�</p><p>Er log, aber irgend etwas hielt mich davon ab, weiter in ihn zu dringen. Pl�tzlich wollte ich gar nicht mehr so genau wissen, was das war, was ich in dem Nebel gesehen hatte.</p><p>�Gehen wir weiter�, sagte er. �Es wird kalt.�</p><empty-line/><p>Die Sonne war noch nicht untergegangen, aber von Osten her krochen bereits die grauen F�hler der D�mmerung �ber das Land, und das Meer, das fast drei�ig Yards unter der wie mit einem �berdimensionalen Lineal gezogenen Abbruchkante der Steilk�ste gegen den Fels h�mmerte, wirkte wie eine graue Ebene aus geschmolzenem Blei. Es regnete, und der Wind brachte einen Hauch winterlicher K�lte mit sich, aber der Mann, der hochaufgerichtet und reglos am Rande des Abgrundes stand, schien weder das eine noch das andere zu bemerken. Er stand schon lange hier - eine Stunde, vielleicht auch zwei -, reglos, starr, ohne den winzigsten Muskel zu r�hren, ja, fast ohne zu atmen. Seine Augen waren halb geschlossen, und sein Gesicht wirkte seltsam schlaff, als h�tten die Muskeln und Sehnen darin ihre Kraft verloren. Seine H�nde waren halb ge�ffnet und nach vorne gestreckt, �ber den Abgrund und auf das Meer hinaus, als griffe er nach etwas Unsichtbarem dort drau�en, und von Zeit zu Zeit kamen sonderbar anmutende, atonale Laute �ber seine Lippen, ohne da� sie sich dabei bewegten. Der Regen hatte seine Kleider durchweicht und sein Haar zu einer fest anliegenden, schwarzen Kappe zusammengebacken, in der die gezackte wei�e Str�hne �ber der rechten Braue wie eine Narbe wirkte, und seine F��e waren fast bis an die Kn�chel hinauf in dem Morast versunken, in den der Regen den fruchtbaren Boden verwandelt hatte. Aber er bemerkte nichts von alledem. Sein Zustand �hnelte einer Trance, aber er war es nicht, denn anders als bei einer solchen war sein Geist hellwach, und der Verstand hinter der hohen Stirn arbeitete auf Hochtouren. Seine Gedanken griffen hinaus, tasteten auf Wegen, die dem normalen menschlichen Begreifen auf ewig verschlossen bleiben werden, nach denen des gigantischen Gesch�pfes, das ein paar Meilen n�rdlich der K�ste auf dem Meeresgrund lag und wartete. Das Gespr�ch war lautlos, und doch war es f�r ihn, als kr�mme sich die Natur selbst unter den Hieben unsichtbarer Titanenf�uste, jedesmal, wenn die gedankliche Stimme in seinem Sch�del ert�nte.</p><p>Es waren keine Worte, die er h�rte, keine Begriffe einer menschlichen oder irgendwie andersgearteten Sprache. Selbst die Laute, die er von Zeit zu Zeit ausstie�, hatten nicht mit wirklichem <emphasis>Sprechen </emphasis>zu tun. Was er empfing, war eine Mischung aus Bildern und Visionen, aus Gef�hlen und harten, mit ungeheurer hypnotischer Kraft geschickten Befehlen und noch etwas, einer Art der Kommunikation, die so fremd war wie das Wesen, das sie benutzte, und die vor zwei Milliarden Jahren mit der Rasse, die ihm angeh�rte, untergegangen war. Seine Vorstellung, seine eigene, menschliche Phantasie, half ihm, dieses bizarre fremde Etwas in Worte und Begriffe umzuwandeln, aber es waren nur Bruchst�cke der wirklichen Botschaft, ein blasser Schatten der wahren geistigen Macht des schlangenh�utigen Titanen. W�re er wirklich damit konfrontiert worden, w�re sein Geist zerbrochen wie d�nnes Glas unter dem Fausthieb eines Riesen. Er hatte viel gelernt �ber dieses Wesen dort drau�en und das Volk, dem es entstammte, und vieles von dem, was er erfahren hatte, hatte ihn �berrascht. Seine Stimme (die keine Stimme, sondern das war, was sein Geist aus der bizarren Botschaft heraush�rte und hineindeutete) war - obgleich lautlos - von einer Vielzahl einander �berlappender Emotionen erf�llt: Ha�, Zorn, Ungeduld, Gier, Verachtung - vor allem Verachtung. Ja, er hatte viel �ber die <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>gelernt, in den drei Tagen, in denen er mit Yog-Sothoth, einem der sieben <emphasis>M�chtigen, </emphasis>gesprochen hatte.</p><p>Vielleicht war es das erste Mal �berhaupt, da� einer der <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>mit einem Menschen direkt sprach; und es war mit Sicherheit das erste Mal, da� einer der Ihren die Hilfe eines Menschen ben�tigte. Er hatte ein paarmal dar�ber nachgedacht, wie es f�r dieses Wesen sein mu�te, auf die Mitarbeit einer Kreatur angewiesen zu sein, f�r die es bisher au�er Verachtung und einer gelinden Art von halb wissenschaftlicher Neugier allenfalls noch Ha� empfunden hatte. Er war zu keinem Ergebnis gelangt. Er wu�te nur, da� Yog-Sothoth vor Ungeduld fieberte. Nach Millionen und Abermillionen Jahren, die er geduldig gewartet hatte, mu�ten die letzten Tage zu einer Ewigkeit geworden sein. Und trotzdem waren die unh�rbaren Botschaften, die seinen Geist �berschwemmten, von einer ungeheuren Ruhe und Gelassenheit erf�llt. Selbst die geistige Klammer, die seine Gedanken fesselte und ihn zu einer Puppe machten, die zwar noch �ber einen eigenen Willen, aber nicht mehr �ber Entscheidungsfreiheit verf�gte, war kalt. Yog-Sothoth war grausam, ein Gott des B�sen und der Vernichtung, aber seine Grausamkeit war eher die eines Wissenschaftlers, der ohne Gewissensbisse t�tete und Schmerzen zuf�gte, um zum Ziel seiner Arbeit zu gelangen.</p><p>Lange, sehr lange stand der Mann reglos an der K�ste und lauschte den unh�rbaren Befehlen seines Meisters. Als er endlich aus seiner Trance erwachte, hatte er sich ver�ndert, nicht nur innerlich. Der Mann, der vor Tagen hierher gekommen war, war Stephen Mahoney gewesen, ein Einwohner von Durness, der nun f�r verschollen galt. Der Mann, der mit gemessenen Schritten von der K�ste zur�cktrat und sich nach Osten wandte, war Roderick Andara.</p><p>Der Hexer war zur�ckgekehrt.</p><p>Der Pub war klein und �berf�llt, und die Luft war so schlecht, da� Howard seine reine Freude daran haben mu�te und vor lauter Begeisterung sogar vergessen hatte, sich eine Zigarre anzustecken, nachdem Rowlf uns mit seinen breiten Schultern und einigen unsanften Kn�ffen und St��en mit den Ellbogen eine Gasse zum Tresen gepfl�gt hatte. Nach der klammen K�lte des Abends kam es mir hier drinnen geradezu erstickend hei� vor, und die Gl�ser, die der Wirt unaufgefordert vor uns auf die zerschrammte Theke gestellt hatte, waren nur knapp zur H�lfte gef�llt. Aber das Bier schmeckte gut, was mich einigerma�en vers�hnte, und aus der K�che, deren T�r nur halb angelehnt war, drang au�er dem Scheppern von Geschirr und Stimmengewirr auch ein verlockender Duft, der mir das Wasser im Munde zusammenlaufen lie�.</p><p>�Hunger?� fragte Howard, als er meinen sehns�chtigen Blick bemerkte. Ich nickte, und Howard beugte sich �ber die Theke und winkte den Wirt herbei. Der Mann bemerkte seine Geste sofort, das sah ich. Trotzdem mu�te Howard eine ganze Weile gestikulieren und rufen, ehe er sich endlich dazu bequemte, sich herumzudrehen und - sehr gem�chlich - zu uns zu kommen. �Was gibt's?�</p><p>Howard deutete auf die K�chent�r. �Wir sind hungrig�, sagte er. �W�re es m�glich, etwas von dem zu erstehen, was da in Ihrer K�che so vorz�glich duftet, guter Mann?�</p><p>�Wenn Sie mit dem bl�den Gesabbele fragen wollen, ob's was zu Essen gibt, dann ja�, knurrte der Wirt. Seine Schweins�uglein musterten Howard mit einer Mischung aus Abscheu und Gier. Es war nicht das erste Mal, da� mir auffiel, wie abweisend die Bewohner von Durness Fremden gegen�ber waren; sie nahmen zwar unser Geld, machten aber keinen gro�en Hehl daraus, da� sie uns im Grunde verachteten. Und der Wirt des <emphasis>White Dragon </emphasis>schien da keine Ausnahme zu machen. Fast gegen meinen Willen mu�te ich grinsen, als mir der Name des Pubs wieder einfiel und ich seinen Besitzer vor mir sah. <emphasis>Schmuddeliger Giftzwerg </emphasis>h�tte besser gepa�t.</p><p>�Genau das meine ich�, sagte Howard, noch immer im gleichen, freundlichen Ton. �Und was bietet Ihre K�che, guter Mann?�</p><p>�Sie haben die Wahl zwischen Fisch, Fisch und Fisch�, knurrte der Wirt und grinste d�mlich. �Sie k�nnen aber auch Fisch haben, wenn Ihnen Fisch nicht schmeckt.�</p><p>Howard �berlegte einen Moment. �Dann nehmen wir Fisch�, sagte er ernsthaft. �Vielleicht...�, er z�gerte, stellte sich auf die Zehenspitzen, um �ber die K�pfe der Zechenden hinwegsehen zu k�nnen, und deutete auf einen kleinen Tisch im Hintergrund des Lokals, an dem noch drei freie St�hle waren, �sind Sie so freundlich, dort hinten zu servieren?�</p><p>Der Wirt schluckte sichtbar. �Fisch?� vergewisserte er sich.</p><p>�Richtich�, antwortete Rowlf an Howards Stelle. �Vier Portio'n. Un zwarn bi�chen dalli, ja?�</p><p>Ich verbi� mir im letzten Moment ein schadenfrohes Lachen, leerte rasch mein Glas und bedeutete dem Wirt mit einer Geste, es wieder zu f�llen, ehe ich mich umdrehte und Howard und Rowlf folgte, die bereits zum Tisch hin�bergingen. Einer der vier St�hle war besetzt. Ein Mann sa� darauf, sehr breitschultrig und mindestens so gro� wie Rowlf, soweit man das im Sitzen beurteilen konnte, vorn�bergebeugt und mit halb geschlossenen Augen. Sein Kinn ruhte auf seiner rechten Faust, aber sein Kopf rutschte immer wieder zur Seite; offensichtlich k�mpfte er mit aller Macht dagegen, nicht einzuschlafen. Vielleicht war er auch betrunken.</p><p>�Wir d�rfen doch, oder?� fragte Howard und deutete mit seinem Gehstock auf die drei freien St�hle. Der Mann sah auf, blinzelte und gab ein grunzendes Ger�usch von sich, das Howard offensichtlich als Zustimmung deutete und sich setzte. Auch Rowlf nahm Platz, und nach kurzem Z�gern lie� auch ich mich auf einen der unbequemen St�hle sinken. Howard atmete h�rbar ein, legte Hut und Stock vor sich auf den Tisch und angelte eine Zigarre aus der Brusttasche, w�hrend Rowlf sein mitgebrachtes Bier mit einem Zug leerte und das Glas unn�tig laut abstellte. Unser Gegen�ber schrak auf, blinzelte und schlo� mit einem neuerlichen Grunzen die Augen wieder.</p><p>Aber er tat so, als d�se er vor sich hin. Seine Lider waren einen winzigen Spaltbreit ge�ffnet, und der Blick der dunklen Augen dahinter war klar und wach. Er war weder betrunken noch m�de. Ich versuchte, Howard unter dem Tisch zu treten, um ihn darauf aufmerksam zu machen, traf aber statt dessen nur Rowlf. Howard grinste, sog an seiner Zigarre und verbarg sein Gesicht hinter einer �belriechenden Qualmwolke.</p><p>Wir sprachen �ber dies und das, bis der Wirt endlich kam und das Bier brachte, das ich bestellt hatte. Das Glas war nur halb voll.</p><p>�Wunderbar�, sagte Howard. �Bringen Sie doch meinem Freund und mir auch noch gleich zwei Gl�ser. Und dem Herrn da auch.� Er deutete auf den Mann uns gegen�ber und l�chelte. �Als kleines Trostpflaster, da� wir ihn bel�stigen m�ssen.�</p><p>Der Mann �ffnete tr�ge ein Auge, blickte Howard einen Moment lang forschend an, und lie� das Lid wieder herunterfallen. Die Reaktion, die Howard offensichtlich hatte erreichen wollen, blieb aus. Aber Howard l�chelte nur weiter, lehnte sich wieder zur�ck und fuhr fort, sich mit Rowlf zu unterhalten, als w�re nichts geschehen. Ich bewunderte die Gelassenheit, die er an den Tag legte.</p><p>Nach einer Weile kam der Wirt wieder, brachte zwei halbvolle und ein zur G�nze gef�lltes Glas mit Ale und setzte seine Last klirrend auf dem Tisch ab, so wuchtig, da� ein paar Spritzer der dunkelbraunen Fl�ssigkeit Howards Hut trafen und h��liche Flecken darauf hinterlie�en. Das volle Glas schob er �ber den Tisch, bis es klirrend gegen das unseres Gastes stie�, w�hrend er die beiden anderen stehenlie�.</p><p>Rowlf knurrte, drehte sich halb auf dem Stuhl herum und griff nach seinem Arm, als der Wirt sich entfernen wollte. Der Mann fuhr zusammen. Seine Mundwinkel zuckten vor Schmerz und �berraschung, und f�r einen Moment tat er mir fast leid. Ich wu�te, wie hart Rowlfs Griff sein konnte.</p><p>�Was kost hier eintlichn volles Glas?� fragte Rowlf �bellaunig. �Oder is euch das Bier ausgegang?�</p><p>Der Wirt ri� seine Hand mit einem w�tenden Ruck los, besser gesagt, er versuchte es. Aber Rowlfs gewaltige Pranke hielt seinen Arm so fest, als w�re sie angewachsen. �H�ren Sie!� zischte er, wobei es ihm nicht ganz gelang, das angstvolle Zittern in seiner Stimme zu unterdr�cken. �ber seine Schulter hinweg sah ich, wie sich eine Anzahl Gesichter in unsere Richtung wandte. <emphasis>Die </emphasis>eine oder andere Gestalt spannte sich. �Wenn Sie hierhergekommen sind, um �rger zu machen, dann ...�</p><p>�H�r auf, Will.�</p><p>Ich sah �berrascht auf, und auch Howard wandte den Blick und runzelte die Stirn. Der Mann, der sich bisher schlafend gestellt hatte, hatte sich aufgesetzt und blickte den Wirt kopfsch�ttelnd an.</p><p>�Benimm dich und bring den Herren ein volles Glas Ale�, sagte er leise. �Schlie�lich bezahlen Sie ja auch daf�r, oder? Und Sie� - damit wandte er sich an Rowlf - �lassen bitte seinen Arm los. Sie brauchen nicht gleich handgreiflich zu werden.�</p><p>Rowlf blickte ihn einen Moment lang b�se an, lie� aber dann - wenn auch erst auf einen auffordernden Blick Howards hin - den Arm des Wirtes los und rutschte wieder auf seinem Stuhl herum. Sein Bulldoggengesicht war ausdruckslos wie immer, aber ich kannte das Glitzern in seinen Augen. Rowlf war niemand, der sich von Fremden sagen lie�, was er zu tun oder zu lassen hatte.</p><p>Aber zu meiner Erleichterung registrierte Howard seinen Blick ebenso und wandte sich rasch an den Fremden, ehe Rowlf irgendwelchen Bl�dsinn machen konnte. �Vielen Dank f�r Ihre Hilfe�, sagte er �bertrieben freundlich.</p><p>Der andere winkte ab, griff nach seinem Glas und nahm einen gewaltigen Schluck. �Schon gut�, sagte er, w�hrend er sich mit dem Jacken�rmel den Schaum von den Lippen wischte. �Will ist ein Schlitzohr, dem man auf die Finger schauen mu�. Au�erdem war ich es Ihnen schuldig.� Er deutete mit einer Kopfbewegung auf sein Bier, grinste und wurde �bergangslos wieder ernst. �Sie sollten ein bi�chen vorsichtiger sein�, sagte er, zwar an Howard gewandt, aber eindeutig zu Rowlf gemeint. �Es sind ein paar �ble Burschen hier, die nur auf eine Gelegenheit warten, sich zu pr�geln. Sie sind fremd hier?�</p><p>Howard nickte. �Ja. Mein Name ist Phillips. Howard Phillips. Das da� - er deutete nacheinander auf mich und Rowlf - �sind mein Neffe Robert und Rowlf, mein Majordomus.�</p><p>�Ich bin Sean�, sagte unser Gegen�ber. �Und Sie sollten Ihrem Majordingsbums raten, sich zur�ckzuhalten. Ist keine gute Zeit f�r Fremde im Moment.�</p><p>Die Offenheit seiner Worte �berraschte mich ein wenig, aber ich mischte mich vorsichtshalber nicht ein, sondern �berlie� es Howard, das Gespr�ch weiterzuf�hren.</p><p>�Wir sind harmlos�, sagte er l�chelnd. �Eigentlich sind wir nur hier, um in Ruhe ein Bier zu trinken und eine gute Mahlzeit zu uns zu nehmen.�</p><p>�Dann tun Sie das, und hinterher verschwinden Sie am besten wieder so schnell wie m�glich�, sagte Sean ernst. Howard runzelte die Stirn. �Warum?�</p><p>�Sie sind doch die drei, die in dem Boot unten im Hafen hausen, oder?� erkundigte sich Sean.</p><p>Howard nickte, diesmal ehrlich �berrascht. �Das... stimmt�, sagte er. �Woher wissen Sie das?�</p><p>�Ich wei� ja nicht, woher Sie kommen�, antwortete Sean, �aber Durness ist nicht London oder Birmingham. Hier sprechen sich Neuigkeiten schnell rum. Und nach allem, was in den letzten Tagen hier so passiert, fangen die Leute an, sich Gedanken zu machen.�</p><p>�Was so passiert?� wiederholte Howard. �Was meinen Sie damit?�</p><p>Sean seufzte, leerte sein Glas und winkte dem Wirt, ein neues zu bringen, ehe er antwortete: �Jetzt h�ren Sie mir mal zu, Mister Phillips oder wie immer Sie hei�en m�gen. Ich sehe vielleicht so aus, aber ich bin nicht bl�d. Ihr Minidomus ist den ganzen Tag durch die Stadt geschlichen und hat versucht, die Leute auszuhorchen, und er hat sich dabei so d�mlich angestellt, da� er vermutlich schon nach zehn Minuten eins in die Fresse gekriegt h�tte, wenn er nicht zuf�llig so gro� wie ein Ochse w�re. Und jetzt tauchen Sie drei Mann noch hier auf und spielen die Harmlosen! Ihr St�dter haltet uns wohl alle f�r bescheuert, wie?�</p><p>Es war einer der wenigen Augenblicke, in denen ich Howard wirklich verlegen erlebte. Einen Moment lang hielt er Seans Blick stand, dann sah er betreten weg und druckste einen Moment lang hilflos herum.</p><p>Sean grinste. �Schon gut�, sagte er. �Ich wollte nur f�r klare Verh�ltnisse sorgen. Und wenn wir schon dabei sind, dann gebe ich Ihnen gleich noch einen guten Rat: Verschwinden Sie aus der Stadt, so schnell es geht.�</p><p>�Und warum?� fragte ich. Meine Stimme klang sch�rfer, als ich es beabsichtigt hatte, aber Sean blieb weiterhin ruhig und l�chelte blo�.</p><p>�Es sind eine Menge komischer Sachen passiert, seit ihr aufgetaucht seid, Jungs�, sagte er. �Und die Leute hier machen sich so ihre Gedanken.�</p><p>�Was sollen das f�r komische Sachen sein?� fragte ich.</p><p>Sean seufzte, sch�ttelte den Kopf und sah mich an, als h�tte ich ihn gefragt, warum morgens die Sonne aufgeht. �Fangen wir mal bei dir an�, sagte er. Allm�hlich brachte mich seine Art, mit mir zu reden, in Wut. Er war, allerh�chstens so alt wie ich, aber benahm sich, als spr�che er mit einem Schuljungen in kurzen Hosen. Aber wenn man doppelt so gro� ist wie der Rest der Menschheit, dann darf man das vielleicht...</p><p>�Zuerst einmal dein Aussehen�, sagte er und streckte einen Finger in die H�he. �Was ist das in deinen Haaren? Die letzte Modeverr�cktheit in London oder eine Verletzung? Ein Unfall?�</p><p>Instinktiv hob ich die Hand und wollte nach der breiten Str�hne schlohwei�en Haares �ber meinem rechten Auge tasten, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende. Es gab noch immer eine Menge Gesichter, die ein wenig zu zuf�llig in unsere Richtung starrten. Mir wurde pl�tzlich unangenehm bewu�t, da� es hier im Pub vermutlich niemanden gab, der nicht �ber uns redete oder sich zumindest seine Gedanken machte. Und wenn man Sean glauben konnte, waren es keine freundlichen Gedanken ...</p><p>�Etwas ... �hnliches�, antwortete ich ausweichend. �Eine Verletzung, ja.�</p><p>�Dann f�rb dir dein Haar�, antwortete Sean grob. �Vielleicht f�llst du damit in einer Gro�stadt nicht auf, aber hier tust du es. Und dazu der Auftritt, den du dir im Hotel geleistet hast. Glaubst du, so etwas bleibt geheim?� Er sch�ttelte den Kopf, streckte den zweiten Finger in die H�he, wandte sich an Howard und hob einen dritten Finger. �Und Sie haben sich auch nicht sonderlich intelligent benommen.�</p><p>�Inwiefern?� erkundigte sich Howard steif.</p><p>�Oh, es ist nicht gerade unauff�llig, aus dem Hotel auszuziehen und in diesem Boot zu hausen, wissen Sie. Nicht bei einem Wetter, bei dem selbst wir froh sind, nicht auf See zu m�ssen.�</p><p>�Vielleicht ist uns das Geld ausgegangen�, sagte Howard.</p><p>Sean lachte leise. �Bestimmt. Deshalb bezahlt Ihr Diener auch Ihre Lebensmittel mit Hundert-Pfund-Noten, nicht wahr?� Er lehnte sich zur�ck, sah Howard, Rowlf und mich der Reihe nach absch�tzend an und sch�ttelte noch einmal den Kopf. �Verstehen Sie mich nicht falsch�, sagte er. �Mir pers�nlich ist egal, wer Sie sind und was Sie hier wollen. Aber es sind ein paar mysteri�se Dinge passiert, seit Sie drei aufgetaucht sind.�</p><p>Howard nickte, setzte zu einer Antwort an, schwieg aber, als der Wirt kam und vier frische - und diesmal randvolle - Gl�ser mit Ale brachte. Erst als er au�er H�rweite war, wandte er sich wieder an Sean.</p><p>�Was sind das f�r mysteri�se Dinge, Sean?� fragte er. �Nehmen Sie einfach an, wir w��ten es wirklich nicht.�</p><p>Sean schwieg einen Moment. Dann zuckte er mit den Achseln. �Meinetwegen�, sagte er. �Es ist Ihre Zeit, die Sie vertun, nicht meine. Au�erdem nehme ich das ganze sowieso nicht ernst.�</p><p>�Erz�hlen Sie es trotzdem�, sagte Howard. �Bitte.� Sean nippte an seinem Bier, legte die H�nde flach rechts und links neben sein Glas und ballte sie zu F�usten. �Nichts Bestimmtes�, begann er. �Man h�rt halt dies und jenes, wissen Sie?� Er l�chelte, und pl�tzlich schien er mir nerv�s. Ich sp�rte, da� er schon bedauerte, sich �berhaupt mit uns eingelassen zu haben. Es war ihm sichtlich unangenehm, �ber dieses Thema zu reden. �Es geschehen komische Sachen.� Er lachte nerv�s. �Gestern hat einer der Fischer allen Ernstes behauptet, seine Frau gesehen zu haben.�</p><p>�Und was ist daran komisch?� fragte ich.</p><p>Sean grinste mich an. �Nichts�, sagte er. �Au�er, da� sie vor drei Jahren gestorben ist.�</p><p>Es gelang Howard nicht ganz, sein Erschrecken zu verbergen, und auch ich sp�rte einen raschen, eisigen Schauer. Aber ich gab mir M�he, mir nichts anmerken zu lassen, und brachte sogar so etwas wie ein ungl�ubiges L�cheln zustande. �Und das ist alles?�</p><p>Sean verneinte. �Manche behaupten, nachts irgendwelche Gestalten durch die Stra�en schleichen zu sehen�, sagte er. <emphasis>Diesmal </emphasis>erschrak ich wirklich. Ich dachte an Nebel und wogende Schatten, die sich dahinter verbargen und mit ihm verschwanden.</p><p>�Manchmal�, fuhr Sean fort, �h�rt man Ger�usche vom Meer her, und ein paar von den Jungs, die weiter drau�en waren, behaupten, einen riesigen Fisch gesehen zu haben. Gestern morgen haben die Kirchenglocken gel�utet.�</p><p>�Und?� fragte Rowlf.</p><p>�Nichts und�, erwiderte Sean trocken. �Wir haben keine Glocken in der Kirche, das ist alles. Und ein paar Leute sind krank geworden.�</p><p>�Krank?� Howard setzte sich kerzengerade auf und warf dabei fast ein Bier um.</p><p>Sean nickte. Wenn ihm Howards Erschrecken auffiel, dann �berspielte er es meisterhaft. �Ganz pl�tzlich�, sagte er. �Nicht viele - drei oder vier, soweit ich wei�. Aber der Arzt ist ziemlich hilflos. Und noch ein paar komische Sachen.� Pl�tzlich l�chelte er wieder. �Aber wahrscheinlich ist die H�lfte davon nicht wahr und die andere ma�los �bertrieben.�</p><p>�Das reicht ja auch schon�, murmelte Howard. Seine Worte galten nicht Sean, aber sie waren laut genug gesprochen, da� er sie verstand und ihn mit neu erwachtem Mi�trauen ansah.</p><p>�Wie meinen Sie das?� fragte er.</p><p>Howard winkte rasch ab. �Oh, nichts�, sagte er. �Ich habe nur ... laut gedacht, das war alles. Jedenfalls haben Sie uns sehr geholfen mit Ihren Informationen.�</p><p>�Es sind auch noch ein paar Leute verschwunden�, f�gte Sean hinzu. Irgend etwas an der Art, in der er die Worte aussprach, st�rte mich. Aber ich wu�te nicht, was.</p><p>�So?� fragte Howard. �Und wer?�</p><p>�Oh, niemand Besonderes. Ein paar Rumtreiber aus der Stadt, die �fter mal f�r ein paar Tage weg sind, auf Sauftour oder sonstwas. Aber die Leute reden eben, und sie erz�hlen sich, da� Sie einer der letzten waren, mit denen Bensen gesehen worden ist.�</p><p>�Bensen? Ist das der Mann, der verschwunden ist?�</p><p>Sean nickte. �Er und zwei seiner Kumpane. Wie gesagt - sie sind schon mehrmals f�r eine Weile untergetaucht, aber so angespannt, wie die Atmosph�re hier in Durness ist, w�rde es mich nicht wundern, wenn man Sie mit ihrem Verschwinden in Zusammenhang bringt. Soweit ich wei�, interessiert sich bereits die Polizei f�r Sie.�</p><p>�F�r uns?� Ich konnte nicht anders, ich mu�te die Unversch�mtheit, mit der Howard Erstaunen heuchelte, einfach bewundern. Beinahe h�tte er es sogar geschafft, <emphasis>mich </emphasis>zu �berzeugen.</p><p>�Was denken Sie?� antwortete Sean und nickte. �Drei Fremde, die sich so auff�llig benehmen wie Sie ... Durness ist ein Dorf, vergessen Sie das nicht. Dieses Kaff bildet sich nur ein, eine Stadt zu sein.�</p><p>Howard schwieg einen Moment. �Vielleicht haben Sie recht�, murmelte er schlie�lich. �Wir benehmen uns nicht gerade sehr unauff�llig. Aber wir haben unsere Gr�nde, so zu handeln.�</p><p>�Das mag sein�, antwortete Sean. �Aber Sie sollten trotzdem vorsichtiger sein.�</p><p>Howard sah ihn absch�tzend an. �Warum tun Sie das, Sean?� fragte er pl�tzlich.</p><p>Sean blinzelte. �Was?�</p><p>�Uns helfen�, sagte Howard. �Sie haben recht, ich m��te schon blind sein, wenn ich nicht selbst sp�ren sollte, da� man uns hier nicht gerade liebt. Aber Sie helfen uns.�</p><p>�Das kommt Ihnen nur so vor�, behauptete Sean l�chelnd. �Ich habe Ihnen nur ein paar Fragen beantwortet, das ist alles. Au�erdem bin ich nicht aus Durness, wenn Ihnen diese Erkl�rung lieber ist. Ich bin erst seit ein paar Wochen hier, und so, wie ich dieses Kaff bisher kennengelernt habe, werde ich auch nicht sehr alt hier werden. Reicht Ihnen das als Antwort?�</p><p>Das reichte nicht, weder Howard noch mir, aber Howard nickte trotzdem. �Ich ... hatte einen bestimmten Grund, diese Frage zu stellen, Mister ...�</p><p>�Moore�, half Sean aus.</p><p>�Mister Moore�, fuhr Howard fort. �Ich ... das hei�t, wir�, f�gte er mit einem raschen, beinahe beschw�renden Blick in meine Richtung hinzu, �m�chten Sie um einen Gefallen bitten.�</p><p>�Und welchen?�</p><p>Wieder antwortete Howard nicht sofort, sondern starrte einen Moment lang an Sean vorbei ins Leere und spielte dabei nerv�s mit dem silbernen Griff seines Stockes. �Sie erw�hnten vorhin, da� ein paar Einwohner der Stadt krank geworden seien.�</p><p>Sean nickte. �Sicher. Die Tochter meiner Wirtin hat es auch erwischt.� Sein Gesicht umw�lkte sich. �Armes Ding. Sie ist nicht mal sechzehn.�</p><p>�Und niemand hier wei�, was sie hat?�</p><p>�Der Arzt hier ist ein alter Tattergreis, der nicht mal eine H�morrhoide von Windpocken unterscheiden kann�, antwortete Sean abwertend. �Sie hat Fieber und phantasiert, das ist alles, was ich wei�.�</p><p>�K�nnten Sie ... uns zu ihr bringen, Mister Moore?� fragte Howard pl�tzlich. Ich fuhr �berrascht hoch, aber er ignorierte meinen fragenden Blick und sah Sean weiter fest an, Sean �berlegte einen Moment, dann nickte er. �Warum nicht? Mi� Wirwien ist v�llig verzweifelt. Sie w�rde sogar einen Medizinmann rufen, wenn sie glaubte, da� es hilft.�</p><p>�Dann lassen Sie uns gehen�, sagte Howard.</p><p>�Jetzt? Und Ihr Essen?�</p><p>�Den Fisch holen wir nach�, sagte Howard und stand bereits auf. �Kommen Sie, Sean.�</p><empty-line/><p>�H�r auf damit�, sagte Gordon. �Ich bitte dich.�</p><p>Tremayn sah kurz von seiner Besch�ftigung auf, runzelte die Stirn, um anzudeuten, wie l�stig ihm die Unterbrechung war, und senkte den Blick dann wieder auf die vergilbten Seiten des gro�formatigen Buches, das aufgeschlagen vor ihm auf dem Tisch lag. �Warum?� fragte er.</p><p>�Es ... ist nicht gut�, antwortete Gordon. �Dieses Ding macht mir Angst.� Er deutete mit einer Kopfbewegung auf das Buch und trat unruhig von einem Fu� auf den anderen. Es war kalt in der kleinen Dachkammer; obwohl drau�en - zumindest jetzt nach Sonnenuntergang - bereits winterliche Temperaturen herrschten, war das Feuer in dem kleinen Kanonenofen in einer Ecke bereits seit zwei Tagen erloschen, die gleiche Zeitspanne, die vergangen war, seit die beiden jungen M�nner von ihrem Ausflug in den Wald zur�ckgekehrt waren. Gordon selbst war am n�chsten Morgen wieder in die kleine Schmiede unten am Hafen gegangen, in der er arbeitete, aber Tremayn hatte die Zeit beinahe ununterbrochen hier oben verbracht. Er a� nicht und schlief nur noch, wenn er vor M�digkeit einfach zusammenbrach. Sein Gesicht war kalkwei� geworden, und seine Augen waren rot und entz�ndet. Ein fiebriger Glanz lag auf seiner Haut.</p><p>�Nicht gut?� sagte er, Gordons Worte nach�ffend, in einer Betonung, die deutlich machte, was er davon hielt. Er bl�tterte um, sah auf und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen. �Und was soll daran <emphasis>nicht gut </emphasis>sein, bitte?� erkundigte er sich. �Es ist nichts als ein altes Buch, nicht?�</p><p>Gordon schluckte nerv�s. Er hatte l�ngst gesp�rt, da� der Foliant, den sie aus dem Haus mitgenommen hatten, alles andere als ein <emphasis>altes Buch </emphasis>war. Nicht, da� er das Gef�hl logisch begr�nden konnte. Das Ding �ngstigte ihn einfach. Nerv�s machte er einen Schritt auf den Tisch zu, hinter dem Tremayn sa�, blieb abrupt wieder stehen und blickte unsicher zwischen den aufgeschlagenen Seiten und Tremayns krank aussehendem Gesicht hin und her. So, wie Tremayn von dem Buch magisch angezogen zu werden schien, stie� es ihn ab. Es war ein Fehler von ihm gewesen, den Band mitzunehmen, und das sonderbare Gef�hl hatte sich verst�rkt. Jetzt, nach zwei Tagen, war es ihm unm�glich, sich ihm auch nur zu n�hern. �Du mu�t hier raus�, sagte er unsicher. �Brincs fragt schon dauernd nach dir. Ich konnte ihn heute gerade noch davon abhalten, herzukommen.�</p><p>Tremayns Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. �Hast du ihm nicht gesagt, da� ich krank bin?�</p><p>�Doch.� Gordon nickte hastig. �Nat�rlich. Aber du kennst den Alten. Er wird einfach einen neuen Mann einstellen, wenn du nicht bald wieder zur Arbeit erscheinst. Du wei�t, wie er ist.�</p><p>Tremayn gab ein abf�lliges Ger�usch von sich. �Soll er�, sagte er. �Der Job stinkt mir schon lange. Richte ihm aus, da� ich noch zwei Tage Bettruhe brauche. Denk dir irgendwas aus.�</p><p>�Zwei Tage?�</p><p>�Vielleicht�, antwortete Tremayn gleichm�tig. �Mit etwas Gl�ck sogar weniger. Ich glaube, ich brauche nicht mehr lange, um es zu entziffern.� Er l�chelte triumphierend, aber sein eingefallenes, blasses Gesicht und die rotger�nderten Augen machten eher eine Grimasse daraus. Gordon schauderte.</p><p>�Entziffern?� wiederholte er ungl�ubig. �Du meinst, du k�nntest dieses Gekrakel <emphasis>lesen?�</emphasis></p><p>F�r einen Moment blitzte Zorn in Tremayns Augen auf, dann l�chelte er wieder, in einer sonderbar �berheblichen, fast b�sen Art, die Gordon noch nie zuvor an ihm bemerkt hatte. Kein Zweifel - Tremayn hatte sich ver�ndert in den letzten Tagen; so grundlegend, wie Gordon es noch bei keinem Menschen erlebt hatte. Ja, dachte er mit einem Schaudern, seit dem Moment, als Tremayn das Buch ber�hrt hatte.</p><p>Tremayn setzte sich auf, griff mit zitternden Fingern nach dem Glas mit Wasser, das vor ihm auf dem Tisch stand, und befeuchtete seine aufgesprungenen Lippen.</p><p>�Lesen nicht�, sagte er. �Aber verstehen.�</p><p>�Wo ist der Unterschied?�</p><p>�Oh, er ist gewaltig�, erkl�rte Tremayn. �Ich kann es dir nicht erkl�ren, Gordon, aber wenn es mir gelingt, den Band zu entziffern, dann haben wir es geschafft. Ich beginne ihn bereits zu begreifen, aber es ist kein Lesen, verstehst du? Es ... es ist, als w�rden die Seiten zu mir sprechen.�</p><p>Gordon beugte sich ein St�ck vor und versuchte, einen Blick auf die scheinbar sinnlos angeordneten Zeichen auf den vergilbten Pergamentbl�ttern zu erh�schen. F�r ihn waren es nichts weiter als sinn- und formlose Kritzeleien. Und im Grunde wollte er auch gar nicht wissen, was sie bedeuteten. Er wollte auch nicht wissen, was Tremayn gemeint hatte, als er sagte, wenn er das Buch verst�nde, dann h�tten sie es <emphasis>geschafft.</emphasis></p><p>�Du mu�t einfach hier raus�, sagte er, in einem letzten Versuch, Tremayn zu �berzeugen. �Du machst dich kaputt. Hast du mal in den Spiegel gesehen, in den letzten zwei Tagen?�</p><p>Tremayn l�chelte geringsch�tzig. �Es gibt Wichtigeres als k�rperliche Gesundheit, Gordon�, sagte er. �Aber das wirst du auch noch begreifen.� Er grinste, beugte sich wieder vor und fuhr fort, seinen Zeigefinger �ber die Zeilen wandern zu lassen. �Ist sonst noch was?� fragte er, als Gordon keine Anstalten machte, zu gehen.</p><p>Gordon druckste herum. �Ich ... wei� nicht�, murmelte er. �Die Sache gef�llt mir nicht, Tremayn. Dieses Buch, und ...�</p><p>Tremayn sah auf. �Und?�</p><p>�Nichts�, sagte Gordon ausweichend. �In den letzten Tagen passieren eine Menge komischer Sachen in der Stadt.�</p><p>�Und du meinst, das h�tte mit dem da zu tun?� Tremayn lie� die Hand auf die Seiten klatschen und lachte schrill. Als er den Mund �ffnete, sah Gordon, da� seine Z�hne schwarz und faulig wie die eines uralten Mannes geworden waren. �Du bist verr�ckt, wenn du das glaubst.�</p><p>�Das ... das tue ich ja gar nicht�, widersprach Gordon hastig. �Es ist nur ...�</p><p>�Ja?� Tremayns Stimme war lauernd.</p><p>Gordon senkte den Blick. �Nichts�, sagte er leise. �Es ist nichts. Vergi� es.�</p><p>Tremayn starrte ihn noch einen Moment lang durchdringend an, dann senkte er wieder den Blick und tat so, als konzentriere er sich auf das Buch. �Dann ist es ja gut�, sagte er. �La� mich allein. Ich habe zu tun.�</p><p>Gordon wandte sich z�gernd um und ging zur T�r, blieb aber stehen, als Tremayn ihn noch einmal zur�ckrief.</p><p>�Du wirst doch niemandem etwas erz�hlen, Gordon?� fragte er lauernd.</p><p>�Von dem Buch?� Gordon sch�ttelte hastig den Kopf. �Nat�rlich nicht. Es bleibt dabei; Du bist krank und mu�t das Bett h�ten. Keine Sorge, ich verrate dich nicht.�</p><p>Tremayn antwortete nicht, und Gordon beeilte sich, den Raum zu verlassen und die T�r hinter sich zuzuziehen. Erst als er wieder allein war, brach Tremayn das Schweigen.</p><p>�Das w�rde ich dir auch nicht raten, mein Freund�, sagte er leise.</p><empty-line/><p>Das Haus lag in der heruntergekommensten Gegend von Durness, einer der �Schmuddelecken�, die jede Stadt hat und die man normalerweise vor jedem Fremden zu verbergen versucht. Es gab hier keine Gaslaternen in den Stra�en, und hinter den meisten Fenstern brannte bereits jetzt kein Licht mehr, obgleich die Uhr nicht einmal neun zeigte. Es waren Stra�en voller heruntergekommener Mietsbaracken und kleiner, wie schutzsuchend aneinandergedr�ngter H�user, deren Fenster zum Teil mit Brettern vernagelt waren. Schmutz und Unrat lagen auf den B�rgersteigen und dem schlagloch�bers�ten Kopfsteinpflaster der Stra�en, und das einzige Leben, das uns begegnete, w�hrend wir unserem F�hrer folgten, waren eine Katze und ein paar Ratten, die uns aus kleinen, t�ckischen Augen musterten und erst das Weite suchten, als Rowlf einen Stein auflas und nach ihnen warf; nat�rlich, ohne zu treffen. Die K�lte schien hier intensiver und irgendwie bei�ender als unten am Hafen, und die Dunkelheit, die uns umgab, war von einer ganz anderen Qualit�t als die in der Stadt; nicht einfach nur die Abwesenheit von Licht, sondern ein schwarzer, undurchdringlicher Vorhang, hinter dem sich unsichere Bewegung und unheimliches, schattiges Leben verbargen. Ich konnte mich eines bangen Gef�hles von Furcht nicht erwehren, w�hrend wir dicht hinter Sean hergingen, und ein rascher Blick in die Gesichter von Rowlf und Howard sagte mir, da� es den beiden nicht anders erging. Dabei war es fast absurd - es war genau die Art von Gegend, in der ich aufgewachsen war und den gr��ten Teil meines Lebens verbracht hatte, bevor Roderick Andara kam und mich aus den Slums von New York holte, und ich h�tte sie kennen sollen. Aber dies hier war anders. Selbst in den schlimmsten Gebieten der Bronx hatte ich die Gefahren <emphasis>gekannt, </emphasis>die mich umgaben. Hier kannte ich sie nicht. Aber ich sp�rte sie. �berdeutlich.</p><p>Nach einer Ewigkeit, wie es mir vorkam, blieb Sean endlich vor einem schmalen, zweigeschossigen Haus stehen und bedeutete uns mit Gesten, ein St�ck zur�ckzutreten. �Warten Sie hier�, sagte er im Fl�sterton. �Es ist besser, wenn ich allein hineingehe. Ich will zuerst mit Mi� Winden reden.�</p><p>Howard sah sich demonstrativ nach beiden Seiten um, ehe er nickte. �Gut�, sagte er. �Aber beeilen Sie sich bitte.�</p><p>Sean grinste, �ffnete ohne ein weiteres Wort die T�r und verschwand im Haus. Seine Schritte polterten auf dem h�lzernen Fu�boden im Inneren und verklangen dann. Ich schauderte. Pl�tzlich f�hlte ich mich alleingelassen, obwohl Rowlf und Howard noch immer bei mir waren. Der Bi� der K�lte wurde schmerzhafter, und die Dunkelheit schien sich wie ein lautloser Belagerungsring um uns zusammenzuziehen.</p><p>�Hoffentlich macht er voran�, murrte Rowlf und zog fr�stelnd die Jacke enger um die Schultern. �Is kalt hier. Und nich grad ne h�bsche Gegend.�</p><p>Howard nickte, zog eine Zigarre aus der Brusttasche und steckte sie nach kurzem Z�gern wieder zur�ck. �Was h�ltst du von ihm?� fragte er.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis ich registrierte, da� die Frage mir galt. Ich war voll und ganz damit besch�ftigt gewesen, in die wattige Schw�rze ringsum zu starren und mir alle m�glichen (und ein paar unm�gliche) Monster auszudenken, die hinter der Wand aus Dunkelheit auf mich und die anderen lauerten. Mit einem fast verlegenen L�cheln drehte ich mich zu ihm herum und zuckte mit den Achseln. �Von Sean? Ich wei� nicht. Er ist...�</p><p>�Jedenfalls kein normaler Fischer oder Landarbeiter, nicht wahr?� Howard l�chelte. �Aber schlie�lich hat er auch nicht behauptet, eines von beiden zu sein.�</p><p>Ich sah ihn verwirrt an, nickte dann aber, Howard hatte vollkommen recht. Irgendwie hatten wir alle aus der Umgebung und den Umst�nden, unter denen wir Sean kennengelernt hatten, geschlossen, da� er irgendein Seemann oder Arbeiter aus Durness war. Aber er hatte niemals behauptet, es zu sein. Eigentlich wu�ten wir sehr wenig �ber ihn, dachte ich. Entschieden zu wenig im Grunde, um uns seiner F�hrung in einer Gegend wie dieser anzuvertrauen.</p><p>�Er spricht nicht wie jemand von hier�, sagte ich z�gernd. �Aber das besagt nichts. Schlie�lich ist er uns keine Rechenschaft schuldig.�</p><p>�Das nicht.� Howard drehte sich herum und musterte das Haus, in dem Sean verschwunden war, mit einem langen, nachdenklichen Blick. �Ich frage mich nur, warum er uns hilft. Wenn die Stimmung hier in Durness wirklich so gespannt ist, wie er behauptet, dann wird er sich eine Menge �rger einhandeln.�</p><p>�Wenn man so aussieht wie er, kann man sich den vermutlich leisten�, sagte ich.</p><p>�Bl�dsinn�, knurrte Rowlf. �H.P. hat vollkommn recht. Mitem Kerl stimmt was nich. Un ich krieg raus, was.�</p><p>�Mach keinen Unsinn, Rowlf�, sagte Howard warnend. �Sean ist nicht unser Feind.�</p><p>Rowlf grunzte und wies mit einer zur Faust geballten Pranke auf das Haus. �Un wennsne Falle is?� fragte er.</p><p>�Davor h�tte uns Robert gewarnt�, behauptete Howard. �Oder?�</p><p>Ich beeilte mich, zu nicken, obwohl ich mir meiner Sache pl�tzlich gar nicht mehr so sicher war. Nat�rlich h�tte ich gemerkt, wenn Sean uns belogen h�tte - aber da� er nicht unser Feind war, bewies noch lange nicht, da� er damit automatisch zu unserem Freund wurde.</p><p>Seans R�ckkehr beendete die Diskussion. Hinter dem schmalen, gesprungenen Fensterchen in der T�r erschien ein flackerndes Licht, dann wurde die T�r ge�ffnet, und Seans breitschultrige Gestalt trat zu uns auf den Gehsteig heraus. In der Hand hielt er jetzt eine Kerze, deren Flamme er mit der Hand gegen den Wind abschirmte. Das rotgelbe Licht beleuchtete sein Gesicht von unten und gab ihm ein fast unheimliches Aussehen.</p><p>�Alles in Ordnung?� fragte Howard.</p><p>Sean nickte. �Ich habe mit Mi� Winden gesprochen�, sagte er, so leise, als bef�rchte er, da� seine Worte von irgend jemandem innen im Haus belauscht werden k�nnten. �Sie k�nnen ihre Tochter sehen. Ich habe ihr erz�hlt, da� Sie ein Wissenschaftler aus London sind, der zuf�llig auf der Durchreise ist, also bleiben Sie dabei.�</p><p>Howard nickte und wollte an ihm vorbei ins Haus gehen, aber Sean hielt ihn mit einem raschen Griff am Arm zur�ck. �Noch was, Phillips�, sagte er. �Machen Sie ihr keine falschen Hoffnungen, nur um sie zu tr�sten.�</p><p>Howard streifte seine Hand ab und wollte antworten, aber Sean wandte sich bereits um und verschwand ohne ein weiteres Wort im Haus. Er hatte gesagt, was er sagen wollte, und er schien sich hundertprozentig darauf zu verlassen, da� Howard die Warnung, die unausgesprochen in seinen Worten mitgeschwungen hatte, verstand. Mein Respekt vor dem dunkelhaarigen Riesen wuchs. Und mein Mi�trauen. Dieser Mann war alles andere als ein Hafenarbeiter.</p><p>Hintereinander folgten wir Sean ins Haus. Der Flur war dunkel und feucht, und in der Luft hing ein muffiger Geruch, vermischt mit K�lte, die durch die d�nnen W�nde hereingekrochen war und sich im Mauerwerk festgekrallt hatte. Eine Treppe f�hrte ins Obergescho� hinauf, so schmal, da� wir hintereinander gehen mu�ten, und so verrottet, da� ich mich h�tete, mich auf das schmutzstarrende Gel�nder zu st�tzen. Das Licht der Kerze in Seans H�nden warf flackernde Schatten gegen die W�nde und die Decke, und die sonderbar dumpfe Akustik des Treppenhauses lie� das Ger�usch unserer Schritte und das Knarren der ausgetretenen Stufen zu einem Wispern und Fl�stern werden, das mich schaudern lie�.</p><p>Und noch etwas war seltsam: Mit jeder Stufe, die ich nahm, fiel es mir schwerer, weiterzugehen. Es war kein wirklicher Widerstand, keine unsichtbare Kraft, die mich zur�ckhielt, sondern ein Gef�hl, als str�ube sich etwas in meinem Inneren, weiterzugehen. Das Haus war unheimlich. Das Haus - oder etwas in ihm. Es war nicht leer. Und es war kein Geb�ude, das nur von Menschen bewohnt war. Ich hatte ein Gef�hl wie dieses schon einmal versp�rt, ich wu�te nur nicht, wo und wann. Aber ich wu�te, da� es noch nicht lange her war ...</p><p>Sean �ffnete eine schmale T�r am oberen Ende der Treppe und machte eine stumme, einladende Geste. Es kostete mich unendliche �berwindung, hinter ihm und Howard in den dahinterliegenden Raum zu treten.</p><p>Eine Petroleumlampe verbreitete tr�bes, gelbes Licht und lie� unsere Gestalten bizarre Schatten gegen die W�nde werfen. Das Zimmer war klein und so heruntergekommen wie das ganze Haus, und es war - wie ich auf den zweiten Blick erkannte - nicht nur ein Zimmer, sondern die ganze Wohnung. Gleich neben der T�r stand ein ru�geschw�rzter Kohleherd neben einem offenen Regal, in dem sich eine Anzahl verbeulter T�pfe und wenige Tassen und Teller stapelten. Ein Schrank, ein Tisch mit vier wackeligen St�hlen und zwei niedrige Betten stellten die gesamte �brige Einrichtung dar.</p><p>Aber es bereitete mir M�he, das Bild �berhaupt aufzunehmen. Das Gef�hl des Widerwillens, das ich auf der Treppe versp�rt hatte, hatte sich fast ins Unertr�gliche gesteigert. Mein Atem ging schnell und sto�weise, und ich mu�te die F�uste ballen, um das Zittern meiner H�nde zu verbergen. In diesem Zimmer war etwas. Etwas Fremdes, B�ses, Lauerndes. Es war keine Einbildung. Ich sp�rte �berdeutlich, da� au�er uns und Mi� Winden und ihrer Tochter noch irgend etwas im Zimmer war.</p><p>�Doktor Phillips.� Sean warf Howard einen raschen, fast beschw�renden Blick zu, nickte dann �bertrieben und deutete mit der Hand auf eine vielleicht vierzigj�hrige, schlanke Frau, die bisher auf dem Rand eines der Betten gesessen hatte und bei unserem Eintreten aufgestanden war. �Mi� Winden, meine Wirtin.� Er drehte sich um, und ich sah, wie der ernste Ausdruck auf seinen Z�gen von einem wirklich herzlichen L�cheln abgel�st wurde. Er mu�te diese Frau sehr m�gen. �Mi� Winden, das ist Doktor Phillips. Er m�chte nach Sally sehen.�</p><p>�Doktor?� Ein schwacher Schimmer von Hoffnung glomm in den dunklen Augen der Frau auf. �Sind Sie Arzt?�</p><p>Howard sch�ttelte hastig den Kopf. �Nein�, sagte er. �Ich bin Wissenschaftler, Mi� Winden. Die beiden Herren sind mein Leibdiener und mein Neffe.� Er deutete auf das Bett, �Ihre Tochter, nehme ich an.�</p><p>Ich sah die schmale Gestalt hinter Mi� Winden erst jetzt. Trotz des heruntergekommenen Zustandes der Wohnung war das Bett mit sauberen wei�en Laken bezogen, auf denen das schmale Gesicht des M�dchens fast unsichtbar war. Trotz des schlechten Lichtes erschrak ich, als ich sah, wie bleich ihre Haut war.</p><p>Als Mi� Winden nicht antwortete, trat Howard ohne ein weiteres Wort um das Bett herum, lie� sich auf seiner Kante nieder und streckte die Hand nach dem Gesicht des M�dchens aus. Ihre Augen standen offen und bewiesen, da� sie nicht schlief oder das Bewu�tsein verloren hatte, aber sie reagierte trotzdem nicht auf die Ber�hrung, als Howards Finger �ber ihre Wange strichen.</p><p>�Robert.� Howard sah auf und winkte mir, heranzutreten. Ich nickte, machte einen Schritt und blieb stehen. Howard sah mich irritiert an, besa� aber gottlob gen�gend Geistesgegenwart, nichts zu sagen, sondern sich rasch wieder �ber das M�dchen zu beugen.</p><p>Meine Knie zitterten. Das Gef�hl der Bedrohung steigerte sich ins Unertr�gliche; ich mu�te all meine Willenskraft aufbieten, um nicht herumzufahren und aus dem Zimmer zu st�rzen, so schnell ich konnte.</p><p>Und pl�tzlich wu�te ich, woher dieses Gef�hl kam, wo die Quelle dieser fremden, unsagbar b�sartigen Ausstrahlung war.</p><p>Es war das M�dchen.</p><p>Ihre Augen waren weit ge�ffnet, und ihr Blick war starr in den meinen gerichtet. Und was ich darin las, war ein so grenzenloser Ha�, da� ich innerlich aufst�hnte, eine unbeschreibliche Wut auf alles Lebende, F�hlende. Ha�, der die Grenzen des Vorstellbaren �berstieg und fast k�rperlich sp�rbar war.</p><p>Und dieser Ha� galt <emphasis>mir.</emphasis></p><p>Mit aller Kraft, die ich aufzubringen imstande war, machte ich einen weiteren Schritt auf das Bett zu. Das Gesicht des M�dchens zuckte. Blasiger, d�nner Schaum erschien auf ihren Lippen, und ein tiefer, st�hnender Laut entrang sich ihrer Brust. Ihre H�nde kr�mmten sich auf der Decke zu Krallen, die Fingern�gel zerrissen den Stoff.</p><p>�Geh�, keuchte sie. �Geh ... weg von ... mir.�</p><p>Der Klang ihrer Stimme lie� mich frieren.</p><p>Es war nicht die Stimme eines jungen M�dchens, nicht einmal die einer Frau. Was wir h�rten, war ein mi�t�nendes, schauriges Kr�chzen, in dem die einzelnen Worte kaum zu verstehen waren, ein Laut, als versuche ein Tier, dessen Stimmb�nder nicht daf�r gedacht waren, zu sprechen.</p><p>Ich machte einen weiteren Schritt, dann noch einen und noch einen, blieb neben dem Bett stehen und sank langsam in die Hocke. Sallys Augen weiteten sich, ein gurgelnder, f�rchterlicher Laut kaum �ber ihre Lippen, und ihre H�nde zuckten, als wolle sie nach mir schlagen. Howard blickte irritiert zwischen mir und dem M�dchen hin und her. Das stumme Duell zwischen uns war ihm nicht entgangen.</p><p>�Geh ... weg�, gurgelte Sally. �Geh weg von ... mir.�</p><p>�Sie phantasiert�, sagte Howard hastig, als Sallys Mutter neben mich trat. F�r einen Moment l�ste ich meinen Blick von dem des M�dchens und sah Mi� Winden an. Ihr Gesicht war angespannt, die Lippen zu einem d�nnen, blutleeren Strich zusammengepre�t. Ich sah die Angst in ihren Augen.</p><p>Howard stand auf und bedeutete mir mit einer raschen, verstohlenen Geste, ebenfalls von Sallys Bett zur�ckzutreten. Rasch stand ich auf, drehte mich herum und unterdr�ckte ein erleichtertes Aufatmen. In meinem Inneren tobte ein wahrer Sturm von Gef�hlen. Und vor allem Furcht. Dieses M�dchen war kein Mensch mehr. Nicht wirklich. Sie war nicht mehr als eine H�lle, in der etwas Fremdes und B�ses lauerte.</p><p>Howard trat ein paar Schritte vom Bett zur�ck, wartete, bis ich ihm gefolgt war, und wandte sich an Mi� Winden. �Wie lange ist sie schon in diesem Zustand?� fragte er. �Sie hat hohes Fieber, wissen Sie das?�</p><p>Die Frau nickte. Ihr Gesicht war noch immer ausdruckslos, aber ich sah, da� sie mit aller Macht um ihre Beherrschung k�mpfte. Hinter der Maske, in die sich ihr Antlitz verwandelt hatte, brodelte es. �Seit zwei Tagen�, antwortete sie. �Es fing ganz pl�tzlich an. Sie bekam Fieber, a� nichts mehr und ...� Sie sprach nicht weiter. Eine einzelne, glitzernde Tr�ne rann aus ihrem Augenwinkel und malte eine feuchte Spur auf ihre Wange. Ich sp�rte einen schmerzhaften Stich in der Brust. Mit einemmal ha�te ich das Ding, das sich dieses unschuldigen Kindes bem�chtigt hatte.</p><p>�Haben Sie einen Arzt gerufen?� fragte Howard. �Ja. Er war hier, gestern. Aber er konnte nichts tun.� Howard schwieg einen Moment. Ich ahnte, was hinter seiner Stirn vorging. Mi� Winden sprach es nicht aus, aber sowohl ihm als auch mir war klar, <emphasis>warum </emphasis>der Arzt nichts f�r das M�dchen hatte tun k�nnen. Es lag nicht nur daran, da� ihre Mutter wahrscheinlich kein Geld f�r Medizin hatte.</p><p>�K�nnen Sie ... Sally helfen?� fragte Mi� Winden. Ihre Stimme bebte. Es war ein Flehen darin, das mich fr�steln lie�.</p><p>Howard schwieg einen weiteren Augenblick, zuckte mit den Achseln und nickte dann, wenn auch sehr zaghaft. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie sich Sean spannte.</p><p>�Vielleicht�, antwortete Howard schlie�lich. �Ich kann es Ihnen nicht versprechen, Mi� Winden. Ich will Ihnen keine falschen Hoffnungen machen.�</p><p>�Das tun Sie nicht�, antwortete sie hastig. Ihre Selbstbeherrschung zerbr�ckelte, fiel wie eine Maske von ihr ab, und pl�tzlich war alles, was in ihrem Gesicht geschrieben stand, nur noch Verzweiflung. �Helfen Sie ihr�, sagte sie schluchzend. �Ich flehe Sie an, Doktor Phillips. Ich ... ich kann Ihnen nicht viel bezahlen, aber ich gebe Ihnen alles, was ich habe, und ...�</p><p>�Es geht nicht um Geld�, unterbrach sie Howard. �Worum dann?�</p><p>Howard atmete h�rbar ein. Sein Blick flackerte. Ich sah, wie schwer es ihm fiel, zu antworten. �Ihre Tochter ist nicht krank, Mi� Winden. Nicht k�rperlich.�</p><p>�Sie ist ...�</p><p>�Ihrem K�rper fehlt nichts�, fuhr Howard fort. Sean trat mit einem raschen Schritt neben ihn und starrte ihn an, aber Howard ignorierte ihn. �Ich wei� nicht, ob wir ihr helfen k�nnen. Wir k�nnen es versuchen. Aber ich brauche Ihre Hilfe daf�r.�</p><p>�Wof�r, Phillips?� fragte Sean mi�trauisch. Ich sah, wie sich seine gewaltigen Schultern strafften. Howard musterte ihn eingehend, sch�ttelte den Kopf und deutete auf das Bett hinter sich.</p><p>�Ich kann diesem Kind helfen, Moore�, begann er, aber Sean unterbrach ihn sofort wieder und ballte drohend die F�uste.</p><p>�Ich habe Sie gewarnt, Phillips�, sagte er aufgebracht. �Sie ...�</p><p><emphasis>�Bitte, </emphasis>Sean!� unterbrach ihn Mi� Winden. �Lassen Sie ihn. Mir ist gleich, was er tut, wenn er Sally nur hilft. Sie ... Sie werden ihr doch helfen, Doktor?�</p><p>Howard sah sie einen Augenblick lang ernst an. �Wir werden es versuchen�, sagte er. �Aber ich kann nichts versprechen.�</p><p>�Was werden Sie versuchen?� fragte Sean. �Was fehlt diesem Kind, Phillips?�</p><p>�Sie ist besessen�, antwortete Howard.</p><p>Vom Bett her erscholl ein gurgelnder Schrei. Howard, Sean, Rowlf und ich fuhren im gleichen Augenblick herum. Mi� Winden stie� einen erschrockenen Laut aus, machte einen Schritt auf das Bett <emphasis>zu, </emphasis>schlug pl�tzlich die Hand vor den Mund und prallte zur�ck, als h�tte sie einen Hieb bekommen.</p><p>Ihre Tochter richtete sich kerzengerade auf. Sie stand nicht auf, sie fuhr, lang ausgestreckt, wie sie gelegen hatte, hoch, als w�re ihr K�rper zu einer Statue erstarrt, streckte die Arme aus und kr�mmte die H�nde zu Krallen, alles in einer einzigen, f�rchterlichen, <emphasis>unm�glichen </emphasis>Bewegung. Ein rasselnder Laut kam �ber ihre Lippen. Speichel lief an ihrem Kinn herab, und in ihren Augen flammte ein m�rderisches Feuer.</p><p>�Rowlf!� schrie Howard.</p><p>Rowlf bewegte sich mit einer Schnelligkeit, die selbst mich verbl�ffte. Blitzschnell sprang er auf das M�dchen zu, schlug ihre H�nde herab, die nach seinem Gesicht zu schlagen versuchten, und umklammerte ihren K�rper mit den Armen.</p><p>Jedenfalls versuchte er es.</p><p>Sally sprengte seine Umarmung mit einer einzigen, w�tenden Bewegung. Rowlf schrie auf, als ihr Handr�cken mit f�rchterlicher Wucht in sein Gesicht klatschte, taumelte zur�ck und verlor das Gleichgewicht. Er fiel, rollte sich auf den Bauch und versuchte aufzustehen, aber Sally setzte ihm nach, warf sich mit weit ausgebreiteten Armen auf ihn und begann, mit den F�usten auf ihn einzuschlagen. Ich sah, wie Rowlfs K�rper unter der f�rchterlichen Wucht der Hiebe bis ins Mark erbebte.</p><p>�Sean! Halten Sie sie fest!� schrie Howard. �Schnell!�</p><p>Eine endlose, qu�lende Sekunde verging, ehe sich Sean, der dem Geschehen bisher mit ungl�ubig geweiteten Augen gefolgt war, endlich aus seiner Erstarrung l�ste und mit einem Satz bei Sally und Rowlf war. Er packte das M�dchen, zerrte es an den Schultern von Rowlf herab und versuchte, ihre Arme an den K�rper zu dr�cken, aber wie den Rowlfs zuvor sprengte Sally auch seinen Griff und hackte mit den Fingern�geln nach seinen Augen.</p><p>Sean duckte sich unter ihrer zusto�enden Klaue hindurch und zog gleichzeitig an ihrem anderen Arm. Sally taumelte nach vorne, von der Wucht ihres eigenen Angriffes aus dem Gleichgewicht gebracht, und Sean drehte sich blitzschnell zur Seite, half der Bewegung mit einem weiteren Sto� nach und stellte ihr ein Bein. Sally kreischte vor Wut und �berraschung, fiel b�uchlings auf das Bett und begann mit den Beinen zu strampeln, als sich Sean auf sie warf und sie mit seinem K�rpergewicht niederdr�ckte. Selbst seine gewaltige Kraft schien kaum auszureichen, sie zu halten.</p><p>�Rowlf, hilf ihm!� befahl Howard.</p><p>Rowlf stemmte sich m�hsam hoch, tastete mit den Fingerspitzen �ber sein geschwollenes Gesicht und st�hnte leise. Blut lief aus seiner aufgeplatzten Lippe.</p><p>�Schnell�, sagte Howard. �Er kann sie nicht mehr lange halten.�</p><p>Rowlf st�hnte erneut, taumelte unsicher zum Bett hin�ber und versuchte, nach Sallys strampelnden Beinen zu greifen. Sally kreischte, warf sich mit einer kraftvollen Bewegung herum und trat ihm in den Bauch. Rowlf sank mit einem keuchenden Laut in die Knie, verzog das Gesicht und umklammerte blitzschnell mit beiden H�nden ihre Fu�gelenke, w�hrend Sean gleichzeitig <emphasis>versuchte, </emphasis>Sallys Arme niederzuhalten.</p><p>Ich wollte ihnen helfen, aber Howard hielt mich zur�ck. �Nicht�, sagte er. �Wir m�ssen vorsichtig sein.�</p><p>�Was ... mein Gott, was ... was ...�, wimmerte Mi� Winden.</p><p>Howard warf ihr einen fast beschw�renden Blick zu. �Bitte, Mi� Winden, vertrauen Sie uns�, sagte er hastig. �Dieses Wesen ist nicht mehr Ihre Tochter. Aber wir k�nnen ihr helfen. Sean, Rowlf - haltet sie fest!�</p><p>Sean keuchte eine Antwort, pre�te Sallys Handgelenke fester gegen das Bett und versuchte gleichzeitig, seinen Kopf so weit wie m�glich nach hinten zu biegen, als sie nach ihm bi�. Seine Stirn gl�nzte vor Schwei�, und ich sah, wie sich die Muskeln an seinem Hals vor Anstrengung zu knotigen Stricken spannten. Auch Rowlf keuchte vor Anstrengung. Er und Sean waren vermutlich die beiden st�rksten M�nner, denen ich jemals begegnet war. Und trotzdem gelang es ihnen kaum, die Besessene zu halten.</p><p>Howard ergriff mich am Arm, blickte mich ernst an und nickte stumm. Ich begriff nicht, was er meinte. Vielleicht wollte ich es auch nicht begreifen.</p><p>�Geh�, sagte er leise.</p><p>Sally begann zu toben. Ihr K�rper bog sich durch wie eine Stahlfeder, die bis zum Zerrei�en angespannt war. Ich sp�rte ihren Ha� wie einen Schlag.</p><p>Langsam ging ich auf das Bett zu, und Sallys Schreie wurden gellender, je weiter ich mich n�herte. Ihre Augen loderten.</p><p>Und pl�tzlich h�rte sie auf, sich zu wehren. Ihr Widerstand erlahmte von einer Sekunde auf die andere, und ich f�hlte, wie der Ha�, der mir bisher wie eine unsichtbare Pranke entgegengeschlagen war, von einer Sekunde auf die andere in unbeschreibliche Furcht umschlug.</p><p>�Mutter�, wimmerte sie. �Hilf mir. Schick ihn fort! Hilf mir. Er will mir weh tun!�</p><p>Hinter mir stie� ihre Mutter einen wimmernden, halberstickten Laut aus. Ich h�rte Schritte, Ger�usche wie von einem Handgemenge, dann einen abgehackten Schrei und Howards beruhigende Stimme, ohne da� ich die Worte verstanden h�tte. Ich machte einen letzten Schritt, blieb dicht vor Sally stehen und streckte die Hand aus. Die Bewegung geschah wie von selbst. Ich wu�te nicht, warum ich das tat; es geschah fast gegen meinen Willen, als ich ihre Stirn ber�hrte, einen Moment z�gerte und dann die ganze Hand gegen ihr Gesicht dr�ckte; den Handballen �ber ihrem Mund, Zeige- und Ringfinger auf ihren Augenlidern.</p><p>Es war, als ber�hrte ich gl�hendes Eisen. Ein m�rderischer Schmerz fra� sich durch meinen Arm und setzte jeden einzelnen Nerv in Brand, aber er erlosch, ehe ich mir seiner richtig bewu�t werden konnte.</p><p>Dann ...</p><p><emphasis>Peitschende Jentakdarme</emphasis></p><p><emphasis>Ha�</emphasis></p><p><emphasis>Schwarze Finsternis, eine Ebene, die bis ans Ende der Welt und dar�ber hinausf�hrte Formlose Scheu�lichkeiten, die sich in schwarzen Seen aus brodelndem Teer suhlten.</emphasis></p><p><emphasis>Dunkle, lichtlose Sch�chte, die ins Herz der H�lle und vielleicht tiefer f�hrten.</emphasis></p><p><emphasis>Pestgruben voller gestaltloser Schrecken, aus denen der Odem der H�lle emporweht.</emphasis></p><p>Aber auch:</p><p><emphasis>Ein Gef�hl des Verlustes, tiefer und schmerzhafter als alles, was ich je zuvor geh�rt hatte.</emphasis></p><p><emphasis>Und bodenloser, vernichtender Ha� auf alles Lebende, F�hlende, Denkende. Ein Ha�, der zweitausend Millionen Jahre gewachsen war, der die Abgr�nde der Zeit und die Grenzen der Realit�t �berwunden hatte.</emphasis></p><p><emphasis>Es </emphasis>waren keine Bilder, die ich sah. Keine Gedanken, die ich empfing. Es war keine Form der Kommunikation, wie ich sie jemals zuvor gekannt h�tte, sondern etwas vollkommen Fremdes, Bizarres. F�r einen Moment, einen winzigen, zeitlosen und doch ewigen Moment nur, schien mein Geist mit dem dieses <emphasis>Dinges </emphasis>in Sally zu verschmelzen, waren wir <emphasis>ein </emphasis>Wesen, das nur noch zuf�llig in zwei verschiedenen K�rpern wohnte. Ich f�hlte den Kampf, der tief in meinem Inneren stattfand, kein Ringen unterschiedlicher Kr�fte, sondern ein blitzartiges, ungeheures Zusammenprallen zweier entgegengesetzter Pole ungeheurer Macht, ein Gef�hl, als explodiere tief in meinem Inneren eine gewaltige, lodernde Sonne, in einem Bereich meiner Seele, der meinem bewu�ten Zugriff normalerweise auf ewig verschlossen war, aber ich war nicht viel mehr als ein unbeteiligter Zuschauer, macht- und hilflos.</p><p>Dann war es vorbei. Der Kampf endete so abrupt, wie er begonnen hatte, und ich f�hlte, wie sich das formlose schwarze Etwas zur�ckzog, mit einem lautlosen Todesschrei. Ich taumelte. Schw�che und �belkeit verschleierten meinen Blick. Meine Hand l�ste sich von Sallys Gesicht. Ich wankte, sank kraftlos auf die Knie und kippte zur Seite. Das Zimmer begann vor meinen Augen zu verschwimmen, aber ich sah noch, wie Sallys K�rper in Seans und Rowlfs Griff erschlaffte.</p><p>Und wie sich etwas Finsteres, K�rperloses von ihr l�ste. Es war wie eine Woge aus reiner Finsternis, ein schwarzes, tentakelarmiges, zerflie�endes Ding, das wie Nebel aus ihrem K�rper quoll und verging, als es in den Lichtschein der Petroleumlampe geriet.</p><p>Dann verlor ich das Bewu�tsein.</p><empty-line/><p>Tremayn fuhr wie unter einem Hieb zusammen. Ein scharfer, stechender Schmerz zuckte durch seinen Sch�del, Kr�mpfe sch�ttelten seinen K�rper, und vor seinen Augen tanzten Flammen und wogende Schatten, Visionen von unvorstellbarer Fremdartigkeit. Er schrie, verlor auf dem schmalen Stuhl das Gleichgewicht und st�rzte zu Boden. Das Zimmer begann sich um ihn herum zu drehen, als versuchten W�nde und Boden und Decke, sich aus ihrer Form zu l�sen und neu zu gruppieren. Ein helles, gr�nliches Licht �berstrahlte den flackernden Schein der Petroleumlampe, und pl�tzlich war die Luft von einem durchdringenden, fremden Gestank erf�llt, der ihm den Atem nahm.</p><p>Nach einer Weile h�rten die Schmerzen und Kr�mpfe auf, und Tremayns Atem beruhigte sich wieder. M�hsam stemmte er sich hoch, blieb einen Moment auf H�nden und Knien hocken und lauschte angstvoll in sich hinein. Sein Herz raste, und trotz der K�lte klebten seine Kleider vor Schwei�. Vergeblich versuchte er zu ergr�nden, was das gewesen war, was er da gef�hlt hatte. Es war wie ein Hieb gewesen, ein blitzschnelles, w�tendes Zuschlagen einer unsichtbaren Macht, der gleichen Kraft, deren Anwesenheit er gesp�rt hatte, in den letzten zwei Tagen, das gleiche geistige Fl�stern, das ihn bei seinen Studien gef�hrt und geleitet hatte. Es war st�rker geworden, im gleichen Ma�e, in dem er tiefer in die Geheimnisse des Buches eindrang, hatte an Gewalt - und Macht - �ber ihn gewonnen, je mehr er von den geheimnisvollen Schriftzeichen und Symbolen verstand, und jetzt hatte er seine andere, dunkle Seite kennengelernt, die Faust, zu der sich die unsichtbare Hand seines F�hrers ballen konnte.</p><p>Er st�hnte. Die Erinnerung an den Schmerz w�hlte noch in seinem Inneren, aber gleichzeitig f�hlte er sich frei; zum ersten Mal seit dem Moment, in dem er das Buch gelesen hatte, wieder Herr seines eigenen Willens.</p><p>Ein helles, knisterndes Ger�usch drang in Tremayns Gedanken und lie� ihn aufstehen. Pl�tzlich fiel ihm der gr�nliche, unheimliche Schein wieder auf, der in der Luft lag, aus keiner bestimmbaren Quelle kommend, sondern wie leuchtender, durchsichtiger Nebel und sanft pulsierend. Umst�ndlich stemmte sich Tremayn auf die F��e, trat einen halben Schritt auf den Tisch zu und blieb abrupt stehen.</p><p><emphasis>Das Buch bewegte sich ...</emphasis></p><p>Wie von unsichtbaren H�nden umgeschlagen, bl�tterten die d�nnen, vergilbten Seiten vor seinen Augen um, und das helle Rascheln und Knistern des trockenen Pergamentes erf�llte den Raum mit einem geheimnisvollen, drohend-sp�ttischen Wispern, das Tremayn einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�.</p><p>Pl�tzlich, als w�re er abrupt aus einem tiefen, traumlosen Schlaf erwacht, wurde sich Tremayn seiner Umgebung wirklich bewu�t: der K�lte, die seine Z�hne klappernd aufeinanderschlagen und seine Finger steif werden lie�, dem Gef�hl bohrenden Hungers, das sich seit zwei Tagen in seine Eingeweide w�hlte, ohne da� er sich dessen bisher �berhaupt bewu�t gewesen w�re, die Schw�che, mit der sein K�rper zwei Tage Schlafentzug quittierte. Und pl�tzlich wurde er sich der Tatsache bewu�t, da� er ein Buch las, das in einer Sprache abgefa�t war, die er nicht beherrschte, ja, von der er noch nie zuvor geh�rt hatte, da� er Dinge tat, die nicht seinem Willen entsprachen, sondern zu einem willenlosen Sklaven dieses Buches geworden war.</p><p>Und pl�tzlich war die Angst da.</p><p>Die d�nnen Pergamentseiten bl�tterten weiter raschelnd und knisternd um, und der gr�ne Schein in der Luft pulsierte st�rker. Tremayn torkelte zur�ck, als er sp�rte, wie die unsichtbaren Gewalten schon wieder nach seinem Willen griffen. Er wollte schreien, aber seine Stimmb�nder versagten ihm den Dienst. Dann, wie eine unsichtbare Welle, die durch seinen K�rper raste, ergriff die L�hmung auch von seinen Gliedern Besitz. Sein Wille erlosch. Langsam trat Tremayn wieder an den Tisch heran, lie� sich auf den schmalen Hocker sinken und streckte die Hand nach dem Buch aus. Die Seiten bl�tterten weiter, kamen, als w�ren sie bisher von einem unsichtbaren Windzug, der jetzt abbrach, bewegt worden, zur Ruhe, das pulsierende, gr�ne Licht strahlte st�rker.</p><p>Tremayns Blick verschleierte sich. Seine Augen wurden tr�b und matt wie die eines Toten, und seine Hand bewegte sich wie ein kleines, lebendes Wesen �ber den Tisch, kroch �ber die aufgeschlagene Seite des H�llenbuches und blieb unter einer bestimmten Zeile liegen. Seine Lippen begannen Worte zu formen, lautlos und in einer Sprache, die vor zweitausend Millionen Jahren untergegangen war, zusammen mit den Wesen, die sie gesprochen hatten.</p><empty-line/><p>Ich konnte nur wenige Augenblicke bewu�tlos gewesen sein, denn als ich die Augen aufschlug, war das erste, was ich sah, Mi� Winden, die sich schluchzend �ber ihre Tochter beugte, w�hrend Howard behutsam ein Bettlaken �ber die reglose Gestalt Sallys breitete. Mein Kopf schmerzte, aber es war nicht mehr der m�rderische Druck, der einen Moment lang auf meinem Bewu�tsein gelastet hatte, sondern ein ganz normaler, ordin�rer Schmerz, der von der m�chtigen Beule herr�hrte, die ich mir beim Zusammenbrechen geholt hatte.</p><p>Eine gewaltige Pranke ergriff mich bei der Schulter und zog mich auf die F��e. Ich sah auf und blickte in Rowlfs Gesicht. Er grinste, aber es war ein etwas gequ�ltes L�cheln, und aus seiner aufgeplatzten Lippe tropfte noch immer Blut.</p><p>�Alles klar?� fragte er.</p><p>Ich nickte instinktiv, streifte seine Pranke ab und pre�te st�hnend die Hand in den Nacken. Jeder einzelne Muskel in meinem K�rper schien weh zu tun. �Und selbst?�</p><p>Rowlfs Grinsen wurde noch ein wenig gequ�lter. �Schon in Ordnung�, murmelte er. �Aber die Kleine hatn h�bschen Schlag am Leib. N'paar Sekunden mehr ...� Er wiegte den Sch�del, sog h�rbar die Luft zwischen den Z�hnen ein und wandte sich an Sean. �Vielen Dank f�r die Hilfe.�</p><p>Sean winkte ab. �Schon in Ordnung�, sagte er. �Ich hatte selbst M�he, sie zu halten.� Er sch�ttelte den Kopf, seufzte und trat einen Schritt zur�ck, als sich Howard vom Bett erhob und rasch und warnend die Finger auf die Lippen legte. Lautlos zogen wir uns zur�ck, soweit es in der Enge des Zimmers m�glich war.</p><p>Howard blickte mich ernst und auf sonderbare Weise absch�tzend an. �Alles in Ordnung mit dir?�</p><p>Ich nickte, obwohl ich nicht sicher war. K�rperlich f�hlte ich mich - beinahe - unversehrt, aber innerlich f�hlte ich mich noch immer ausgelaugt und leer. �Was ... was war das?� murmelte ich.</p><p>Howard machte eine hastige Geste, leiser zu sprechen, und deutete auf Mi� Winden. Aber ich wu�te, da� die Geste gleichzeitig Sean galt; wahrscheinlich hatte er ohnehin mehr gesehen, als gut war.</p><p>�Ich wei� es nicht�, log er. �Aber ich glaube wenigstens, da� es vorbei ist.�</p><p>�Sie <emphasis>glauben?�, </emphasis>sagte Sean betont.</p><p>�Ich bin �berzeugt�, verbesserte sich Howard. �Was jetzt noch zu tun ist, ist Sache eines Arztes.� Er l�chelte ein wenig nerv�s und fast zuversichtlich und wandte sich rasch um, ehe Sean Gelegenheit hatte, weitere Fragen zu stellen.</p><p>�Mi� Winden?� fragte er leise.</p><p>Die dunkelhaarige Frau sah auf, beugte sich noch einmal �ber ihre Tochter und kam dann langsam und mit deutlicherem Z�gern, als ich mir eigentlich erkl�ren konnte, zu uns her�ber. Sie wirkte jetzt wieder gefa�t, nur in ihren Augen stand noch immer diese seltsame Mischung aus Verzweiflung und Furcht.</p><p>�Wie geht es Ihrer Tochter?� fragte Howard.</p><p>�Sie ... schl�ft�, antwortete Mi� Winden. �Das Fieber ist weg. Wird sie ... wird sie wieder ganz gesund werden?� W�hrend der ganzen Zeit wanderte ihr Blick unstet zwischen Howard und mir hin und her; ich sah, wie schwer es ihr fiel, nicht ununterbrochen mein Gesicht und die wei�e Haarstr�hne �ber meiner rechten Braue anzustarren.</p><p>�Ja�, antwortete Howard, Seans warnenden Blick mi�achtend. �Aber sie braucht jetzt gute �rztliche Pflege und die beste Medizin, die sie bekommen kann.� Er l�chelte, griff in seine Weste und nahm ein B�ndel zusammengerollter Geldscheine hervor. Sorgf�ltig z�hlte er vier Zwanzig-Pfund-Noten ab, legte sie auf den Tisch und machte eine rasche, entschiedene Geste, als Mi� Winden protestieren wollte.</p><p>�Nehmen Sie das Geld�, sagte er bestimmt, �und bezahlen Sie den Arzt damit. Und von dem Rest kaufen Sie gutes Essen und ein paar warme Kleider f�r Sally. Das braucht sie jetzt.�</p><p>Mi� Winden starrte ihn an, mit dem ungl�ubigen, halb verlegenen Blick, den man in Situationen wie dieser erwartete; aber sie sah auch immer wieder zu mir her�ber.</p><p>Und ich sp�rte ihre Furcht. Es war absurd: Howard und ich hatten ihrer Tochter wahrscheinlich das Leben gerettet, aber alles, was ich in ihrem Blick las, war Angst.</p><p>�Wir m�ssen gehen�, sagte Howard pl�tzlich. �Nehmen Sie das Geld und bezahlen Sie den Arzt davon, Mi� Winden.�</p><p>Die dunkelhaarige Frau griff z�gernd nach den Banknoten, ber�hrte sie jedoch nicht, sondern zog die Hand im letzten Augenblick mit einer fast angstvollen Bewegung wieder zur�ck. �Warum ... warum tun Sie das?� fragte sie.</p><p>Howard l�chelte. �Weil mir Ihre Tochter leid tut, Mi� Winden�, antwortete er. �Und weil ich gern helfe, wenn es mir m�glich ist.� Er wurde ernst. �Noch etwas. Ich habe eine Bitte.�</p><p>�Verlangen Sie, was Sie wollen�, sagte Mi� Winden, �Ich werde alles tun, was ...�</p><p>Howard unterbrach sie mit einem geduldigen Kopfsch�tteln. �Das ist es nicht. Ich m�chte nur, da� Sie mir versprechen, keinem Menschen ein Wort �ber das zu erz�hlen, was gerade geschehen ist. Niemandem. Auch dem Arzt nicht. Versprechen Sie mir das?�</p><p>Wieder irrte ihr Blick unstet zwischen mir und Howard hin und her, ehe sie endlich, nach sp�rbarem Z�gern und mit sichtlicher �berwindung, nickte. �Ich ... verspreche es�, sagte sie stockend. �Die Hauptsache ist, da� Sally gesund wird. Das wird sie doch, oder?�</p><p>�Sie wird es�, nickte Howard. �Aber sie braucht Ihre ganze Hilfe. Arbeiten Sie?�</p><p>Sie nickte.</p><p>�Dann nehmen Sie sich eine Woche frei�, sagte Howard bestimmt. �Ich werde mit Sean in Kontakt bleiben. Wenn Sie mehr Geld brauchen, lassen Sie es mich wissen. Sie d�rfen Sally auf keinen Fall allein lassen, keinen Augenblick.�</p><p>Seine Worte verst�rten Sallys Mutter vollends, aber irgendwie schien sie zu sp�ren, wie ernst er es meinte, und widersprach nicht.</p><p>�Gut�, sagte Howard schlie�lich. �Wir m�ssen jetzt wieder fort, aber ich sorge daf�r, da� der Arzt noch heute abend zu Ihrer Tochter kommt. Wissen Sie, wo er wohnt, Sean?�</p><p>Sean nickte, und Howard deutete mit einer unbestimmten Geste zuerst auf das schlafende M�dchen, dann auf ihn. �Dann gehen Sie hin und holen Sie ihn, Sean. Rowlf, Robert und ich gehen zur�ck zum Boot.�</p><p>�Ich begleite Sie�, sagte Sean. Howard wollte widersprechen, aber diesmal lie� ihn Sean gar nicht zu Wort kommen. �Die Gegend hier ist nicht ungef�hrlich�, sagte er. �Es ist besser, wenn ich bei Ihnen bin, glauben Sie mir. Und der Arzt wohnt sowieso in der N�he des Hafens. Es ist kein gro�er Umweg.�</p><p>Howard resignierte. �Meinetwegen�, sagte er. �Aber Sie versprechen uns, daf�r zu sorgen, da� der Arzt noch heute hierher kommt.�</p><p>�Ich schleife ihn an den Haaren her, wenn er nicht kommen will�, versprach Sean.</p><p>�Dann lassen Sie uns gehen�, sagte Howard. �Wir haben schon zu viel Zeit verloren.�</p><p>Wir verabschiedeten uns von Mi� Winden und gingen, so schnell, da� es mir beinahe wie eine Flucht vorkam.</p><p>Die Dunkelheit schien sich noch vertieft zu haben, als wir hinter Sean aus dem Haus traten. Nirgends war auch nur der geringste Lichtschein zu sehen, und selbst Mond und Sterne hatten sich hinter einer dichten, tiefh�ngenden Wolkendecke verborgen, aus der feiner Nieselregen auf die Erde fiel. Es war kalt, fast eisig, und der einzige Laut, der zu h�ren war, war das Winseln des Windes.</p><p>Howard schlug demonstrativ seinen Kragen hoch, zog den Hut tiefer in die Stirn und drehte das Gesicht aus dem Regen. Sean deutete wortlos in die Richtung, aus der wir gekommen waren, und ging los. Geb�ckt und gegen den Wind gebeugt, folgte ich ihm, w�hrend Rowlf den Abschlu� bildete.</p><p>Obwohl Sean kaum mehr als drei Schritte vor mir ging, konnte ich ihn kaum noch erkennen. Die Dunkelheit war so total, da� selbst die H�user beiderseits der Stra�e nur noch zu erahnen waren, und der Weg schien kein Ende zu nehmen. Vorhin, als Sean uns hergebracht hatte, war er mir weit vorgekommen; jetzt erschien er mir endlos. Ich hatte das Gef�hl, stundenlang marschiert zu sein, ehe wir endlich wieder den Hafen erreichten und unser Boot vor uns lag.</p><p>Howard blieb stehen und wandte sich zu Sean. �Vielen Dank f�r die Begleitung�, sagte er. �Aber den Rest des Weges schaffen wir auch allein. Sie gehen besser zur�ck und holen den Arzt. Und k�mmern Sie sich ein bi�chen um Mi� Winden und ihre Tochter.� Ich sah, wie er in die Tasche griff und Sean etwas gab; vermutlich Geld. Sean bedankte sich mit einem stummen Kopfnicken, wandte sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort in der Nacht. Rowlf starrte ihm aus zusammengekniffenen Augen nach. Ich konnte sein Gesicht in der Dunkelheit nicht erkennen, aber ich sp�rte, da� er dem breitschultrigen Riesen noch immer mi�traute. Jetzt vielleicht mehr als zuvor.</p><p>Wir beeilten uns, die letzten paar hundert Meter zur�ckzulegen und auf unser Schiff zu kommen. Das Meer war aufgew�hlt, kein flacher grauer Spiegel mehr, sondern ein brodelnder Schaumteppich, der das kleine Boot immer wieder anhob und gegen die Kaimauer dr�ckte. Die Planken waren glitschig vor N�sse, und als ich geb�ckt durch die niedrige Kaj�tent�r trat, hob eine besonders m�chtige Welle das Schiff unter meinen F��en an, so da� ich um ein Haar kopf�ber die Treppe herabgest�rzt w�re.</p><p>Howard hatte bereits eine Sturmlaterne entz�ndet, als ich schwankend die schmale Treppe herunterkam. Er stand noch immer in Hut und Mantel da, triefend vor N�sse und sonderbar bla� in der r�tlichen, flackernden Beleuchtung der Laterne, und als er sich aufatmend umwandte, glaubte ich f�r einen kurzen Moment einen fast gehetzten Ausdruck auf seinen Z�gen zu erkennen. Aber er verschwand sofort, als er bemerkte, da� er nicht mehr allein war.</p><p>Ich zog es vor, nicht darauf einzugehen, sondern ging zu meiner Koje, streifte den durchweichten Mantel ab, schl�pfte aus Schuhen und Jacke und nahm eine Decke von meinem Bett, um mich hineinzuwickeln. Howard warf mir ein Handtuch in den Scho�, entz�ndete eine Zigarre und sah eine Weile schweigend zu, wie ich mit vor K�lte steifen Fingern versuchte, mein Haar trocken zu rubbeln. Es war eisig hier drinnen; mein Atem bildete kleine regelm��ige Dampfw�lkchen vor meinem Gesicht, und in meinen Finger- und Zehenspitzen begann sich ein schmerzhaftes Prickeln breitzumachen.</p><p>Howard schwieg weiter, bis ich fertig war und eine zweite Decke �ber meine Schultern geworfen hatte. Nicht, da� es half. Im Gegenteil. Ich hatte das Gef�hl, von innen heraus zu erstarren. Zudem bockte und zitterte das Boot so heftig unter meinen F��en, da� mir langsam, aber unbarmherzig �bel wurde.</p><p>�Reib dich richtig trocken�, sagte Howard. �Die Nacht wird verdammt kalt.�</p><p>�Ach?� sagte ich. Seine Worte weckten einen Zorn in mir, den ich mir im ersten Moment selbst nicht erkl�ren konnte, �Dann erkl�r mir bitte, warum wir auf diesem Kahn schlafen m�ssen, statt in einem geheizten Hotelzimmer.�</p><p>Howard setzte zu seiner Antwort an, sch�ttelte aber dann blo� den Kopf und seufzte leise, und auch ich zwang mich gewaltsam zur Ruhe. Ich war gereizt; es hatte wenig Sinn, wenn ich mit Gewalt einen Streit vom Zaun brach. Zudem einen Streit, bei dem ich ohnehin den k�rzeren ziehen w�rde.</p><p>�Rowlf macht uns einen Grog�, sagte Howard nach einer Weile. �Er wird dir guttun. Wie f�hlst du dich?�</p><p>�Phantastisch�, antwortete ich, aber Howard ignorierte den bei�enden Spott in meiner Stimme, nahm einen weiteren Zug aus seiner Zigarre und sah mich wieder mit dieser sonderbaren Mischung aus Sorge und Erleichterung an, mit der er mich schon im Haus von Mi� Winden betrachtet hatte.</p><p>�Wirklich?� fragte er.</p><p>�Es geht mir gut�, knurrte ich. �Au�er, da� ich friere wie ein Schneider und da� mir gleich schlecht wird. Was soll die Fragerei?�</p><p>�Du wei�t es wirklich nicht?� fragte Howard.</p><p>�Ich wei� �berhaupt nichts�, antwortete ich scharf. �Aber ich habe das Gef�hl, da� es allm�hlich Zeit f�r ein paar Antworten wird. Was war mit dem M�dchen los? Und wieso konnte ich ihr helfen?�</p><p>�Es war genauso, wie ich es Mi� Winden gesagt habe�, antwortete Howard ernst. �Ihre Tochter war besessen. Und ich f�rchte, die anderen <emphasis>Kranken, </emphasis>von denen Sean gesprochen hat, sind es auch.�</p><p>�Besessen?� Ich starrte ihn an, aber die sp�ttische Antwort, die mir auf der Zunge lag, kam nicht, und das Lachen, mit dem ich weitersprach, klang selbst in meinen eigenen Ohren unecht. �Erz�hl mir nicht, da� sie von irgendwelchen D�monen besessen sind, die ihr Unwesen treiben!�</p><p>Howard blieb ernst. �D�monen?� wiederholte er, sch�ttelte den Kopf und nickte gleich darauf. �Vielleicht k�nnte man es wirklich so nennen. Du hast nichts gesp�rt, als du sie ber�hrt hast?�</p><p>Seine Worte lie�en mich zusammenfahren. Ich hatte es bisher krampfhaft vermieden, an die bizarren Bilder und Visionen zu denken, die ich gehabt hatte - oder vielleicht auch <emphasis>nur gehabt zu haben glaubte. </emphasis>Ich war mir nicht mehr sicher, ob ich dies alles wirklich erlebt hatte. Ich war nicht einmal mehr sicher, ob ich �berhaupt irgend etwas erlebt hatte. Aber ich ahnte, worauf Howard hinauswollte. Und die Vorstellung erschreckte mich.</p><p>�Du ... du meinst, es w�re ein <emphasis>GROSSER ALTER </emphasis>gewesen?� fragte ich.</p><p>�Vielleicht�, antwortete Howard. �Ich habe gehofft, von dir eine Antwort darauf zu bekommen. Was hast du gesp�rt?�</p><p>�Gesp�rt?� Ich schluckte. Ein bitterer Geschmack breitete sich auf meiner Zunge aus. Ich versuchte mich zu erinnern, aber irgend etwas in mir str�ubte sich mit aller Macht dagegen. �Ich ... bin mir nicht sicher�, sagte ich. �Aber es war keiner von ihnen.�</p><p>Howard sog an seiner Zigarre. Seine Augen schlossen sich, und einen kurzen Moment lang erkannte ich fast so etwas wie Entt�uschung auf seinen Z�gen.</p><p>�Es war etwas von ihnen�, fuhr ich, stockend und jedes Wort sorgsam �berlegend, fort. �Aber kein ...� Ich stockte, suchte einen Moment nach Worten und sch�ttelte seufzend den Kopf.</p><p>�Ich kann es nicht beschreiben�, sagte ich. �Ich wei� nicht, was es war. Ich ... ich sp�rte eine Art Ha�, aber es war noch mehr.� Ich schwieg einen Moment und zwang mich, an die Augenblicke zur�ckzudenken, in denen ich <emphasis>wirklich </emphasis>einen Teil eines <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>in mir gef�hlt hatte. Allein der Gedanke bereitete mir beinahe k�rperliche �belkeit. Ich vertrieb ihn.</p><p>�Es war nicht der Geist eines lebenden Wesens�, sagte ich. �Es waren ... eine Art Visionen.�</p><p>�Visionen?�</p><p>Ich nickte. �Ich ... ich glaube, ich habe eine Art... Landschaft gesehen�, murmelte ich. Selbst jetzt fiel es mir unendlich schwer, mich zu erinnern. Die Bilder schienen mir immer wieder zu entschl�pfen, im gleichen Moment, in dem ich nach ihnen greifen wollte. Selbst das Reden dar�ber fiel mir schwer.</p><p>�Eine Landschaft�, wiederholte Howard. Er gab sich redliche M�he, unbeteiligt und ruhig zu klingen, wie ein Wissenschaftler, der sich nach einem interessanten Ph�nomen erkundigte, ohne indes wirklich daran interessiert zu sein, aber es gelang ihm nicht ganz. Ich sp�rte, wie er innerlich vor Erregung zitterte. Die Zigarre in seinem Mundwinkel bebte ganz leicht. �Was f�r eine Art von Landschaft?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete ich ehrlich. �Ich wei� nicht einmal, ob es wirklich eine Landschaft war. Aber wenn, dann war es kein Teil unserer Welt.�</p><p>�Oder unserer Zeit�, murmelte Howard d�ster.</p><p>Ich starrte ihn an. �Du meinst -?�</p><p>�Ich meine gar nichts�, unterbrach mich Howard grob. �Aber ich habe einen Verdacht. Gebe Gott, da� ich mich irre.�</p><p>�Welchen Verdacht?�</p><p>�Ich kann nicht dar�ber sprechen�, sagte Howard unwirsch. �Jetzt noch nicht.�</p><p>Aber diesmal lie� ich mich nicht mehr mit ein paar Worten bes�nftigen. Mit einer zornigen Bewegung stand ich auf, warf die Decke von den Schultern und trat auf ihn zu. �Verdammt, Howard, <emphasis>es </emphasis>reicht�, sagte ich w�tend. �Ich bin es endg�ltig leid, auf alle Fragen nur ein Achselzucken oder eine ausweichende Antwort zu bekommen.�</p><p>�Ich kann noch nicht dar�ber reden�, sagte Howard. �Und vielleicht irre ich mich ja auch.�</p><p>�Und wenn nicht?� versetzte ich w�tend. �Zum Teufel, wof�r h�ltst du mich eigentlich? F�r einen dummen Jungen, mit dem du machen kannst, was du willst? Du verlangst von mir, da� ich auf diesem Schei�kahn hause und geduldig abwarte, was mich zuerst umbringt - die K�lte oder die Seekrankheit, dann schleifst du mich durch eine Stadt, deren Bewohner uns am liebsten Spie�ruten laufen lassen w�rden. Ich bin fast verr�ckt geworden, als ich das Ding in dem M�dchen bek�mpft habe, und auf dem R�ckweg bin ich beinahe erfroren. Und du verlangst, da� ich mich in Geduld fasse.�</p><p>�Reg dich nicht auf, Kleiner�, sagte Rowlf ruhig. Zornig fuhr ich herum, aber seine einzige Reaktion bestand in einem gutm�tigen L�cheln - und einem Glas mit br�hhei�em Grog, das er mir in die Hand dr�ckte. �H.P. tut bestimmt nix, was dir schadn k�nnte�, sagte er. �Du tustem Unrecht.�</p><p>Ich setzte zu einer w�tenden Entgegnung an, aber irgend etwas hielt mich zur�ck. Vielleicht die Erkenntnis, da� Rowlf recht hatte. Nat�rlich w�rde Howard nichts tun, was mir in irgendeiner Weise schaden k�nnte. Er hatte mehr als einmal bewiesen, da� er mein Freund war.</p><p>Rowlf forderte mich mit einer Geste auf, zu trinken, dr�ckte auch Howard einen Grog in die Hand und nahm einen m�chtigen Schluck aus seinem eigenen Glas. Dann sah er Howard f�r die Dauer eines Atemzuges ernst an.</p><p>�Sagen Sie es ihm�, sagte er leise. �Er hat ein Recht darauf.�</p><p>�Was soll er mir sagen?� fragte ich mi�trauisch.</p><p>Howard seufzte, stellte sein Glas neben sich auf den Tisch, ohne zu trinken, nahm seine Zigarre aus dem Mund und senkte den Blick. �Vielleicht hast du recht, Rowlf�, murmelte er. �Fr�her oder sp�ter mu� es sowieso sein.� Er nickte, hob mit einem Ruck den Kopf und sah mich mit einem fast traurigen Blick an.</p><p>�Es ist noch nicht vorbei, Robert�, sagte er leise. �Erinnerst du dich, was du heute morgen gesagt hast - es ist eine Niederlage, egal, wie du es nennst?�</p><p>Ich nickte, und Howard fuhr fort: �Du hast Unrecht, Robert. Eine Niederlage w�re es, wenn der Kampf vor�ber w�re. Aber das ist er nicht. Im Gegenteil. Er ist noch in vollem Gange. Und ich f�rchte, die Gegenseite ist bereits erfolgreicher gewesen, als ich bisher angenommen habe.�</p><p>�Die Gegenseite?�</p><p>�Yog-Sothoth�, antwortete Howard. �Er ist noch hier, irgendwo dort drau�en auf dem Meer. Wahrscheinlich nicht sehr weit entfernt. Und auch dein Vater ist ganz in der N�he.�</p><p>�Mein ... Vater?� wiederholte ich mi�trauisch. �Was hat mein Vater damit zu tun?�</p><p>Howard lachte, sehr leise und sehr bitter. �Alles, Robert. Was glaubst du, warum sich Yog-Sothoth solche M�he gegeben hat, die Kiste mit Rodericks B�chern und ihn selbst in seine Gewalt zu bekommen? Dein Vater war ein Hexer, Junge, einer der ganz wenigen echten Magier, die es jemals gegeben hat. Und er wei� vermutlich mehr �ber Magie und die verborgenen Kr�fte der Natur als je ein Mensch vor ihm. Den Hexern von Jerusalems Lot gelang es, die Abgr�nde der Zeit f�r einen winzigen Augenblick zu �berbr�cken und Yog-Sothoth und ein paar seiner untergeordneten Kreaturen in unsere Welt zu bringen, aber deinem Vater w�re es m�glich, das Tor durch die Zeit vollends aufzusto�en.�</p><p>Ich erstarrte. Langsam, ganz langsam nur begriff ich, was Howard mir mit seinen Worten erkl�ren wollte. Aber ich weigerte mich einfach, es zu akzeptieren.</p><p>�Nicht einmal Yog-Sothoth ist m�chtig genug, zwei Milliarden Jahre zu �berbr�cken und sein Volk wiederauferstehen zu lassen�, fuhr Howard fort. �Er hat es versucht, und es ist ihm nicht gelungen. Der Zwischenfall in Boldwinns Haus hat bewiesen, da� seine Macht nicht ausreicht. Aber dein Vater k�nnte es, Robert. Das ist der wahre Grund, aus dem Yog-Sothoth ihn aus dem Reich der Toten zur�ckgeholt und gezwungen hat, f�r ihn zu arbeiten. Er ha�t uns, uns und alles Lebende auf dieser Welt. Sie hat einmal ihm geh�rt, ihm und anderen, die wie er waren, und er wird nichts unversucht lassen, sie sich wieder Untertan zu machen.�</p><p>�Aber mein Vater w�rde nie ...�</p><p>�Er ist nicht mehr Herr seines Willens, Robert�, unterbrach mich Howard hart. �T�usche dich nicht. Vor drei Tagen, am Strand, haben wir Gl�ck gehabt, mehr nicht. Vielleicht war noch ein bi�chen Menschlichkeit in ihm, und er hat uns verschont, weil du sein Sohn bist und ich sein Freund. Aber mit jeder Stunde, die er weiter unter Yog-Sothoths Einflu� steht, ist er weniger Mensch. Er ist nur ein Werkzeug, mit dessen Hilfe der <emphasis>GROSSE ALTE </emphasis>seine Macht festigen wird. Das ist der Grund, aus dem wir auf diesem Boot wohnen, statt im Hotel, Robert. Yog-Sothoth wird uns angreifen, denn er wei� genau, da� wir die einzigen Menschen sind, die die Gefahr kennen und seine Pl�ne durchkreuzen k�nnten, und ich habe Angst, da� noch mehr Unschuldige dabei zu Schaden kommen k�nnten, als es ohnehin bisher geschehen ist.�</p><p>�Und das M�dchen?� fragte ich. �Und dieser ... Spuk?�</p><p>Howard zuckte mit den Achseln. �Ich wei� es nicht�, gestand er. �Es war ein Teil von Yog-Sothoth, den du in ihr gesp�rt hast, jedenfalls glaube ich das. Ich wei� nicht, ob Andara bereits mit seinem Werk begonnen hat, aber ich f�rchte, das, was in den letzten Tagen in der Stadt geschehen ist, beweist es.�</p><p>�Aber was hat das L�uten nicht vorhandener Glocken und das Herumspuken von Toten mit den <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>zu tun?� fragte ich verwirrt.</p><p>�Bei Gott, Robert, ich wei� es nicht�, seufzte Howard. �Wenn ich es w��te, w�rde ich etwas dagegen tun. Aber ich f�rchte, wir werden es eher herausfinden, als uns lieb ist.�</p><empty-line/><p>Howard weckte mich am n�chsten Morgen, kaum da� die Sonne aufgegangen war. Das Wetter hatte sich im Laufe der Nacht beruhigt, aber es regnete noch immer, und das Trommeln der Wassertropfen auf dem h�lzernen Deck �ber unseren K�pfen klang wie fernes Gewehrfeuer. Das Boot schaukelte auf den Wellen, und obwohl Rowlf am vergangenen Abend noch einmal hinaufgegangen war und zwei weitere, straff gespannte Halteseile angebracht hatte, scheuerte und schlug die Bordwand noch immer gegen den blankgeschliffenen Stein des Kais.</p><p>Ich hatte nicht viel Schlaf gefunden in dieser Nacht. Howards Worte hatten mich mehr aufgew�hlt, als ich zuzugeben bereit gewesen war, sie - und vor allem gerade das, was er <emphasis>nicht </emphasis>gesagt hatte. Schlie�lich, lange nach Mitternacht, war ich trotzdem in einen unruhigen, von Alptr�umen und Visionen geplagten Schlummer gesunken, ohne da� er mich indes wirklich gest�rkt h�tte, und es dauerte einige Augenblicke, bis das R�tteln an meiner Schulter von einem Teil eines Traumes zur Wirklichkeit wurde und ich widerwillig die Augen aufschlug.</p><p>�Steh auf, Robert�, sagte Howard ungeduldig. �Es wird Zeit. Sean ist zur�ckgekommen.�</p><p>Ich g�hnte, streifte seine Hand ab und versuchte, die grauen Schleier vor meinen Augen wegzublinzeln. Die Kabine war von grauem Licht erf�llt, und die K�lte lie� mich trotz der drei Decken, in die ich mich hineingewickelt hatte, am ganzen Leibe zittern. �Wassislos?� murmelte ich schlaftrunken.</p><p>Eine zweite, breitschultrige Gestalt erschien neben der Howards, lie� sich in die Hocke sinken und zog mich unsanft an der Schulter hoch. Im ersten Moment glaubte ich, es w�re Rowlf, dann kl�rte sich mein Blick, und ich erkannte Sean. Er trug noch immer die schwarze Arbeitsjacke vom vergangenen Abend, hatte aber jetzt eine w�rmende Pudelm�tze �bergest�lpt und grobe wollene Handschuhe �ber die Finger gestreift. Sein Gesicht war rot vor K�lte, und unter seinen Augen lagen tiefe dunkle Ringe. Er sah aus, als h�tte er in der vergangenen Nacht keine Sekunde geschlafen. Wahrscheinlich hatte er es auch nicht.</p><p>�Verdammt noch mal, was ist denn los? Geht die Welt unter?� Ich setzte mich auf, stie� mir den Hinterkopf an der Kante der Koje �ber mir und schwang fluchend die Beine vom Bett. Sean grinste schadenfroh.</p><p>�Ich glaube, ich habe etwas f�r euch�, sagte er. �Etwas, das euch interessieren d�rfte.�</p><p>�Im Moment interessiert mich �berhaupt nichts�, knurrte ich. �Wie sp�t ist es �berhaupt?�</p><p>�Fast acht�, sagte Howard in leicht tadelndem Tonfall. �Sean hat vielleicht etwas entdeckt, das uns weiterhilft.�</p><p>Ich blinzelte, unterdr�ckte mit M�he ein G�hnen und versuchte aufzustehen, aber das Boot schwankte so heftig unter meinen F��en, da� ich mich am Bett festhalten mu�te, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. �So?� sagte ich. �Und was?�</p><p>�Ich war gestern abend noch bei diesem Pferdedoktor�, berichtete Sean. �So, wie Phillips es mir aufgetragen hatte.�</p><p>�War er bei dem M�dchen?� fragte ich schlaftrunken. Wie immer, wenn ich zu wenig Schlaf gefunden hatte, f�hlte ich mich zerschlagener und m�der, als w�re ich gar nicht im Bett gewesen.</p><p>�Er war es�, sagte Howard pl�tzlich eindeutig ungeduldig. �Aber das ist nicht das Wichtigste. Der Arzt war nicht allein.�</p><p>Ich torkelte zum Tisch, suchte vergeblich nach irgendwelchen Anzeichen eines Fr�hst�ckes und griff schlie�lich in Ermangelung von etwas anderem nach dem Glas mit kalt gewordenem Grog vom letzten Abend. Er schmeckte f�rchterlich, aber der Alkohol vertrieb f�r einen kurzen Moment den Eisklumpen, in den sich meine Eingeweide verwandelt zu haben schienen.</p><p>�Einer von den Jungs aus der Stadt war bei ihm�, sagte Sean. �Er war v�llig aufgel�st. Erz�hlte irgend etwas von einem Freund und einem Buch mit komischen Schriftzeichen.�</p><p>Seine Worte rissen mich abrupt aus dem D�mmerzustand, in dem ich mich noch befand. �Ein Buch?� wiederholte ich, mit einem male hellwach. �Was f�r ein Buch?�</p><p>Ich fing einen Blick von Howard auf. Offenbar bewegten sich seine Gedanken in den gleichen Bahnen wie meine. Ein Buch ...</p><p>�Das hat er nicht gesagt�, antwortete Sean. �Er hat sowieso nur haarstr�ubenden Unsinn geredet. Der Doc hat ihm kein Wort geglaubt und ihm ein Beruhigungsmittel gegeben und weggeschickt. Wahrscheinlich hat er ihn schlichtweg f�r betrunken gehalten.�</p><p>�War er es?� fragte ich.</p><p>Sean verneinte. �Ich bin ihm nachgegangen�, sagte er. �Der arme Kerl war v�llig au�er sich. Und ich bin sicher, da� er keinen Tropfen anger�hrt hat.�</p><p>�Und?� fragte Howard, als Sean nicht weitersprach.</p><p>Sean zuckte mit den Achseln. �Nichts und�, antwortete er. �Ich dachte mir, seine Geschichte w�rde Sie interessieren, nach allem, was in den letzten Tagen hier passiert ist.�</p><p>�Wissen Sie, wo er wohnt?� erkundigte sich Howard. Er hatte M�he, das Zittern in seiner Stimme zu unterdr�cken.</p><p>Sean sch�ttelte abermals den Kopf und deutete gleich darauf mit einer Hand zur Treppe. �Nein�, sagte er. �Aber das macht nichts. Ich habe mit Gordon gesprochen - er ist hier.�</p><p>�Hier?� Instinktiv blickte ich nach oben, zur Treppe.</p><p>�In der N�he�, sagte Sean. �Er wartet auf Sie, oben bei den Fischhallen.�</p><p>�Warum haben Sie ihn nicht gleich mitgebracht?� fragte Howard.</p><p>Sean machte eine unwillige Handbewegung. �Verdammt, es war schwer genug, ihn dazu zu �berreden, �berhaupt mit Ihnen zu reden�, sagte er. �Begreifen Sie immer noch nicht, was in dieser Stadt vorgeht? Die Leute hier haben Angst, und sie machen Sie f�r das verantwortlich, was passiert.�</p><p>�Aber das ist doch Unsinn�, widersprach ich.</p><p>�Nat�rlich ist es das�, sagte Sean ver�rgert. �Aber die Leute hier sind nun mal so. Die denken nicht unbedingt logisch, Junge.� Er stand auf. �Ich gehe zur�ck zu Gordon. Beeilen Sie sich. Ich wei� nicht, wie lange er noch wartet.� Mit einem letzten, abschlie�enden Kopfnicken verabschiedete er sich, fuhr herum und lief die Treppe hinauf, Sekunden sp�ter polterten seine Schritte auf dem Deck �ber uns.</p><p>Howard blickte ihm stirnrunzelnd nach. �Was h�ltst du von ihm, Robert?� fragte er leise.</p><p>Ich zuckte mit den Achseln, ging zum Bett zur�ck und begann, warme Kleider aus der Kiste zu suchen, in der wir unsere Habseligkeiten verstaut hatten. Wenn es hier drinnen schon so kalt war, mu�te es drau�en eisig sein. �Keine Ahnung�, antwortete ich mit einiger Versp�tung. �Ich glaube nicht, da� er uns feindselig gesonnen ist - aber er ist ganz bestimmt nicht das, was er zu sein vorgibt.�</p><p>�Er hat keine einzige Frage gestellt�, murmelte Howard.</p><p>Ich sah auf, streifte mein d�nnes R�schenhemd ab und griff statt dessen nach einem w�rmenden Pullover. �Wie meinst du das?�</p><p>�Gestern abend, als wir zur�ckgingen�, sagte Howard. �Oben in Mi� Windens Wohnung dachte ich, er w�rde aus R�cksicht auf sie und ihre Tochter schweigen. Aber er hat auch auf dem R�ckweg nichts gefragt.�</p><p>�Aber ihr habt euch doch unterhalten.�</p><p>Howard winkte ab. ��ber alles m�gliche, nur nicht �ber das M�dchen, Robert. Es schien ihn �berhaupt nicht zu interessieren ... Oder�, f�gte er nach einem Moment des �berlegens und mit ver�nderter Betonung hinzu, �er wu�te Bescheid.�</p><p>�Ist dir aufgefallen, wie er k�mpft?� fragte ich.</p><p>Howard blinzelte. �Was?�</p><p>�Als er mit Sally gerungen hat�, fuhr ich fort. �Ich habe ihn genau beobachtet, Howard. Wenn ich jemals einen Menschen gesehen habe, der eine Nahkampfausbildung hinter sich hat, dann Sean.�</p><p>Howard schwieg einen Moment, dann seufzte er und griff nach seinem Mantel. �Beeil dich, Robert�, sagte er. �Wir finden schon heraus, was mit ihm nicht stimmt. Im Moment steht er jedenfalls auf unserer Seite.�</p><p>�Hoffentlich�, murmelte ich. Howard zog es vor, darauf gar nicht zu antworten, sondern sah schweigend und mit wachsender Ungeduld zur, wie ich mich anzog.</p><p>Ohne ein weiteres Wort verlie�en wir das Boot. Rowlf erwartete uns auf dem Kai, wie Howard und ich in einen dicken, pelzbesetzten Mantel geh�llt, der ihn noch massiger erscheinen lie�, als er ohnehin war.</p><p>�Sean?� fragte Howard knapp.</p><p>Rowlf deutete mit einem behandschuhten Finger auf eine Anzahl niedriger Lagerschuppen, die sich wenige hundert Schritte entfernt unter dem str�menden Regen duckten. �Ist dahinter verschwunden�, sagte er. �Im mittleren Schuppen.�</p><p>Wir gingen los. Der Regen war eisig, und trotz der dicken Winterkleidung zitterte ich bereits nach wenigen Schritten wieder vor K�lte. Wir gingen dicht beieinander und beeilten uns, den gewundenen Weg hinaufzugehen und uns den Lagerschuppen zu n�hern. Sie lagen ein wenig abseits, wie mir auffiel, eigentlich schon zu weit vom Wasser entfernt, aber noch auf dem Hafengel�nde, und auf der Stra�e davor hatten sich Abf�lle und Unrat und Schmutz gesammelt, die bewiesen, wie selten sie benutzt wurden.</p><p>Mein Blick wanderte zur Stadt hin�ber, w�hrend wir uns den Schuppen n�herten. Es war ein sonderbares Bild, das sich mir bot: Durness wirkte grau und leblos und wie ausgestorben, kaum wie eine wirkliche Stadt, in der Menschen lebten, sondern wie eine billige Theaterkulisse, die sich hinter den schr�g vom Wind gepeitschten Regenschleiern duckte. Nat�rlich wirkt keine Stadt anheimelnd bei einem Wetter wie diesem; das graue Licht der D�mmerung lie� die Konturen der H�user weich und schwammig erscheinen, und es schien keine Farben zu geben, sondern nur die unterschiedlichsten Grauschattierungen, und trotzdem war es mehr als die �bliche Melancholie eines verregneten Wintermorgens. Es war, als ducke sich die Stadt unter dem tiefh�ngenden Himmel, und alles, was ich sp�rte, war ein dumpfes Gef�hl der Furcht. Es war wie gestern abend, als ich mich Sally n�herte - ich sp�rte die Anwesenheit des Fremden und B�sen, nur nicht so intensiv wie gestern. Hastig vertrieb ich den Gedanken.</p><p>Die T�r des mittleren Schuppens �ffnete sich, als wir noch drei�ig Schritte entfernt waren, und Sean trat auf die Stra�e hinaus und winkte. Wir gingen schneller. Die letzten Meter legten wir beinahe im Laufschritt zur�ck, um aus der K�lte und dem Regen herauszukommen.</p><p>Im Inneren des Schuppens war es so dunkel, da� ich im ersten Moment nichts als Schatten und flache, tiefenlose Umrisse sah. Die Luft roch nach fauligem Fisch und Abf�llen, und es war fast noch k�lter als drau�en, aber wenigstens waren wir aus dem Regen heraus.</p><p>Sean deutete auf einen vielleicht zwanzigj�hrigen Mann, der ein St�ckweit in die Schatten des Schuppens zur�ckgewichen war und Howard, Rowlf und mich reglos musterte. �Das ist er�, sagte er knapp.</p><p>Howard nickte, nahm seinen Hut ab und trat dem Fremden einen Schritt entgegen. �Mister ...�</p><p>�Blak�, sagte der Fremde. �Gordon Blak. Nennen Sie mich Gordon. Sie sind Phillips?�</p><p>Howard nickte, tauschte einen raschen Blick mit Rowlf und trat Blak einen weiteren Schritt entgegen. Rowlf blieb auf ein stummes Kommando von Howard hin bei der T�r zur�ck und sp�hte durch einen Spalt in den morschen Brettern nach drau�en, w�hrend Sean und ich Howard folgten.</p><p>Ich besah mir diesen sonderbaren Mister Blak etwas genauer, als wir n�herkamen. Er war sehr gro�, fast so gro� wie Sean, aber was bei diesem durchtrainierte Muskeln waren, schien bei Blak aus Fett zu bestehen; sein Gesicht war schlaff und aufgedunsen, und auf seiner Haut lag ein ungesunder Schimmer. Sein Blick flackerte, w�hrend er abwechselnd Sean, Howard und mich musterte. Er hatte Angst.</p><p>�Erz�hl es ihm, Gordon�, sagte Sean. �Phillips ist in Ordnung.�</p><p>Blak z�gerte noch immer. Seine Zungenspitze fuhr mit nerv�sen kleinen Bewegungen �ber seine Lippen, und an seinem Hals zuckte ein Nerv.</p><p>�Es geht um einen Freund von Ihnen?� sagte Howard freundlich, als Blak auch nach einer ganzen Weile noch nichts gesagt hatte. �Sean hat mir schon ein paar Stichworte genannt. Was ist los?�</p><p>Blak schluckte. �Es ist... Tremayn�, sagte er stockend. Der Blick, mit dem er Sean musterte, war beinahe flehend. Aber Moore nickte nur und zauberte ein zuversichtliches L�cheln auf seine Z�ge.</p><p>�Wir haben dieses Buch gefunden, und seitdem ist Tremayn ver�ndert�, sagte Gordon. Jetzt, als er sich einmal �berwunden hatte, sprudelten die Worte nur so aus ihm hervor, und er sprach so schnell, da� ich ihn kaum noch verstand. �Ich wei� nicht, was mit ihm ist, aber er ist anders geworden. Ich habe fast Angst vor ihm, seit er in diesem Buch liest. Er tut nichts anderes mehr, wissen Sie, und ...�</p><p>Howard unterbrach seinen Redeflu� mit einer raschen Handbewegung. �Immer der Reihe nach, Mister Blak�, sagte er. �Dieser Mister Tremayn ist ein Freund von Ihnen?�</p><p>�Nicht Mister Tremayn�, sagte Sean leise. �Tremayn ist sein Vorname.� Er l�chelte, trat mit einem raschen Schritt neben Blak und legte die Hand auf seinen Unterarm. �Warum erz�hlst du nicht in aller Ruhe, was geschehen ist?� fragte er. �Von Anfang an.�</p><p>Gordon nickte nerv�s, starrte einen Moment lang zu Boden und gab sich dann einen sichtlichen Ruck. �Es war vor zwei ... vor drei Tagen�, begann er. �Wir hatten getrunken und wollten noch ein paar Schritte gehen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Und da haben wir die Spur gefunden.�</p><p>�Eine Spur?� Howard wurde hellh�rig. �Was f�r eine Spur. Und wo?�</p><p>�Nicht sehr weit von hier�, sagte Gordon. �Gleich hinter der Kreuzung nach Bethyhill. Tremayn wollte ihr erst gar nicht nachgehen, aber ich wollte wissen, was da los war, und da hab ich ihn �berredet und er ist mitgekommen.� Er begann wieder schneller zu sprechen, wie ein Mensch, der sich irgend etwas endlich von der Seele reden konnte, und diesmal unterbrach ihn Howard nicht, sondern h�rte geduldig und schweigend zu. Sein Gesichtsausdruck verd�sterte sich mit jedem Wort, das er h�rte, aber er schwieg und warf mir nur von Zeit zu Zeit einen alarmierten oder besorgten Blick zu; vor allem, als Gordon den Dachboden und das Buch erw�hnte, das sie bei dem Toten gefunden hatten. Erst als Gordon zu Ende gekommen war, brach er sein Schweigen wieder.</p><p>�Wo ist Ihr Freund jetzt?� fragte er.</p><p>�Zu Hause�, antwortete Gordon. �Wir... haben ein gemeinsames Zimmer, um Geld f�r die Miete zu sparen, wissen Sie. Aber ich ... ich war seit zwei Tagen kaum mehr da.�</p><p>�Und das Buch hat er bei sich?�</p><p>Gordon nickte heftig. �Er r�hrt sich nicht mehr von der Stelle, seit wir dieses verdammte Ding gefunden haben�, sagte er. �Er ... er behauptet, es <emphasis>lesen </emphasis>zu k�nnen. Dabei ist es nicht einmal richtig geschrieben.�</p><p>�Nicht einmal richtig geschrieben?� Howard runzelte die Stirn. �Was meinen Sie damit, Gordon?�</p><p>Blak druckste einen Moment herum. �Nur so�, murmelte er. �Es sind keine richtigen Buchstaben, wissen Sie. Es sind ... irgendwelche Zeichen.�</p><p>�Irgendwelche Zeichen...� Howard �berlegte einen Moment. Dann ging er pl�tzlich in die Hocke, nahm seinen Stock und zeichnete mit der Spitze ein paar scheinbar sinnlose Linien in den Staub auf dem Boden. �Sehen sie ungef�hr so aus?� fragte er.</p><p>Gordon beugte sich vor, musterte das Gekritzel einen Moment aus zusammengekniffenen Augen und nickte. �Ungef�hr�, sagte er. �Wissen Sie, was ... was sie bedeuten?�</p><p>Diesmal sah ich deutlich, wie Howard erbleichte. �Ich f�rchte es�, murmelte er.</p><p>�K�nnen Sie Tremayn helfen?� fragte Gordon.</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Howard. �Aber ich f�rchte, Ihr Freund ist in gro�er Gefahr, Gordon. Bringen Sie uns zu ihm.�</p><p>Gordon fuhr sichtlich zusammen. �Ich ... habe versprochen, niemandem etwas zu sagen�, murmelte er. �Er ...�</p><p>�Ihr Freund ist in gro�er Gefahr, Gordon�, sagte Howard noch einmal. �Glauben Sie mir. Er wird vielleicht sterben, wenn wir nicht zu ihm gehen.�</p><p>�Ich wei�, wo er wohnt�, sagte Sean leise. �Ich kann Sie hinbringen.� Er wandte sich an Gordon. �Vielleicht ist es besser, wenn du nicht mitkommst, Gordon.�</p><p>�Ich ... bringe euch hin�, murmelte Gordon. �Aber Sie k�nnen Tremayn doch helfen, oder? So, wie ... wie Sie Sally geholfen haben.�</p><p>Howard sog h�rbar die Luft ein, drehte sich mit einem Ruck herum und starrte Sean an. Aber der dunkelhaarige Riese zuckte nur mit den Achseln. �Ich habe kein Wort gesagt�, sagte er gleichm�tig. �Aber was haben Sie erwartet? Da� wirklich niemand erf�hrt, was Sie getan haben?�</p><p>�Nein�, sagte Howard d�ster. �Ich habe nur gehofft, ein wenig mehr Zeit zu haben. Aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr.� Er setzte seinen Hut auf und deutete zur T�r. �Bringen Sie uns zu Ihrem Freund, Gordon.�</p><p>Gordon blickte ihn noch einen Moment z�gernd an, dann atmete er h�rbar aus, nickte und ging zum Ausgang. Sean folgte ihm, und auch Howard wollte sich umwenden und den Schuppen verlassen, aber ich hielt ihn zur�ck.</p><p>�Was hat das zu bedeuten?� fragte ich scharf, aber so leise, da� Sean und Gordon meine Worte nicht verstehen konnten. �Ist es eines der B�cher aus der Seekiste?�</p><p>Howard streifte meine Hand ab. �Ich wei� es nicht�, murmelte er. �Aber ich bef�rchte es.�</p><p>Ich deutete auf die Schriftzeichen, die er in den Staub gemalt hatte. �Aber du wei�t immerhin, in welcher Sprache das Buch geschrieben ist, von dem du nicht wei�t, welches es ist�, sagte ich sp�ttisch. �Verdammt, Howard, wann wirst du mir endlich die Wahrheit sagen?�</p><p>�Das habe ich getan, gestern abend�, antwortete er, aber ich fegte seine Worte mit einer zornigen Geste beiseite.</p><p>�St�ckweise, ja�, schnappte ich. �Immer so viel, wie gerade unumg�nglich notwendig ist, wie? Was sind das f�r Symbole? Was ist das f�r ein Buch?�</p><p>Howard wandte sich um und verwischte die Schrift im Staub mit dem Fu�. �Es ist arabisch�, sagte er. �Jedenfalls, wenn es sich um das Buch handelt, von dem ich f�rchte, da� Tremayn es in Besitz hat.�</p><p>�Eines der B�cher meines Vaters?�</p><p>Howard nickte. �Das Schlimmste, Junge. Das <emphasis>Necronomicon.� </emphasis>�Aha�, sagte ich. �Und was <emphasis>ist </emphasis>das Necronomicon?�</p><p>�Das kann ich dir nicht sagen�, antwortete Howard, und irgendwie sp�rte ich, da� er es diesmal ernst meinte. Er <emphasis>konnte es </emphasis>wirklich nicht. �Aber wenn es das ist, was ich f�rchte�, f�gte er hinzu, �dann ist nicht nur dieser Tremayn in Gefahr. Nicht einmal nur diese Stadt, Robert.�</p><empty-line/><p>Wir gingen nicht direkt in die Stadt, sondern kehrten noch einmal zum Boot zur�ck. Howard gebot uns mit einer Geste, am Kai zu warten, setzte mit einem gewagten Sprung auf das schwankende Deck des Schiffchens �ber und verschwand mit raschen Schritten unter Deck. Der Regen nahm zu, und drau�en �ber dem Meer ballten sich bereits neue Gebilde aus schwarzen Wolken zusammen, w�hrend wir, frierend und wie eine Herde ver�ngstigter Schafe eng zusammengedr�ngt, auf Howards R�ckkehr warteten.</p><p>Er blieb lange unter Deck, und als er wieder heraufkam, trug er einen grauen Leinenbeutel in den H�nden und hatte seinen Mantel abgelegt, trotz der unbarmherzigen K�lte. Wortlos sprang er auf die Uferbefestigung hinauf, kam zu uns her�ber und �ffnete seinen Beutel.</p><p>Sean stie� ein erstauntes Keuchen aus, als er sah, was darin war.</p><p>Revolver.</p><p>Es waren vier klobige, mit wei�en Perlmuttgriffen besetzte Trommelrevolver, langl�ufig und von einem Kaliber, das selbst einem Elefanten Respekt eingefl��t h�tte. Schweigend reichte Howard jedem von uns - au�er Gordon - eine Waffe, schob sich selbst den letzten verbliebenen Revolver unter der Jacke in den G�rtel und warf den Beutel achtlos ins Wasser.</p><p>�Was bedeutet das?� fragte Sean mi�trauisch, w�hrend er die Waffe in den H�nden drehte und sie betrachtete, als w��te er nicht genau, was er da �berhaupt hatte. In seinen gewaltigen Pranken wirkte der Revolver wie ein Spielzeug.</p><p>�Eine reine Vorsichtsma�nahme�, sagte Howard. �Es besteht kein Grund zur Sorge. Steckt sie weg und sorgt daf�r, da� niemand etwas davon sieht.�</p><p>�Eine Vorsichtsma�nahme?� Sean lachte b�se. �Wenn wir keinen Grund zur Sorge haben, dann ist das ein bi�chen �bertrieben, finden Sie nicht?�</p><p>�Stecken Sie sie weg�, sagte Howard, ohne direkt auf seine Frage zu antworten. �Bitte.�</p><p>�Was soll das hei�en?� Gordon, der bisher kein Wort gesagt, sondern Howard nur mit wachsender Verwirrung angestarrt hatte, trat mit einem raschen Schritt zwischen ihn und Sean und streckte die Hand aus, als wolle er Howard am Kragen packen, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende. �Wieso diese Pistolen? Sie haben gesagt, Sie w�rden Tremayn helfen, und jetzt ...�</p><p>Ich verstand nicht, was er weiter sagte. Ein einzelner, krachender Donnerschlag rollte vom Meer heran und verschluckte seine Worte. Howard fuhr bei dem Ger�usch zusammen, drehte sich instinktiv herum -</p><p>- und erstarrte.</p><p>Das Meer hatte sich ver�ndert, von einer Sekunde auf die andere. Aus der grauen, sturmgepeitschten Wasserfl�che war eine nachtschwarze Ebene geworden, �ber der sich Schatten zu huschenden Schemen ballten, und im Norden zuckte Blitz auf Blitz aus den Wolken, ohne da� der geringste Laut zu h�ren war. Der Wind steigerte sich in Sekundenbruchteilen zu einem tobenden Orkan, und der Regen schien pl�tzlich aus zahllosen winzigen Nadeln zu bestehen, die schmerzhaft in mein Gesicht stachen.</p><p>�Mein Gott!� keuchte Sean. �Was ist das?�</p><p>Wie zur Antwort auf seine Frage spaltete ein weiterer, blauwei� blendender Blitz das Firmament.</p><p>Und dann brach die H�lle los.</p><p>Ein ungeheures Dr�hnen und Grollen lie� den Boden unter unseren F��en erbeben. Die Blitze zuckten so rasch hintereinander, da� der gesamte Horizont wie in einer blauwei�en, unertr�glich grellen Orgie aus Licht aufzuflammen schien, als w�re die Welt selbst in Brand geraten. Howard schrie etwas, aber der nicht enden wollende Donner ri� ihm die Worte von den Lippen. Der Regen fiel so dicht, als w�ren die Wolken �ber uns mit einem einzigen Schlag zerbrochen.</p><p><emphasis>Und aus dem Meer krochen Schatten.</emphasis></p><p>Im ersten Moment hielt ich es f�r Nebel, aber dann sah ich, da� das nicht stimmte. Es waren Schatten.</p><p><emphasis>Menschliche Schatten.</emphasis></p><p>Lautlos und mit umst�ndlich aussehenden, aber raschen Bewegungen, tauchten sie aus dem Wasser, griffen mit rauchigen Armen nach der Kaimauer und zogen sich hinauf, erst einer, dann zwei, drei - schlie�lich ein ganzes Dutzend. Sean schrie auf, ri� seinen Revolver aus der Tasche und scho�; drei-, vier-, f�nfmal hintereinander. Der Donner verschluckte das Ger�usch der Sch�sse, aber ich sah das M�ndungsfeuer wie kleine orangerote Blitze nach den Schattengestalten stechen.</p><p>Und ich sah, wie die Kugeln weit hinter den h�llischen Kreaturen Funken aus dem Boden schlugen, ohne ihnen den geringsten Schaden zuzuf�gen.</p><p><emphasis>�Weg!� </emphasis>br�llte Howard. <emphasis>�Lauft um euer Leben!�</emphasis></p><p>Seine Worte rissen mich endlich aus meiner Erstarrung. Ich fuhr herum, versetzte Gordon, der mit offenem Mund und ungl�ubig aufgerissenen Augen dastand und das unglaubliche Bild anstarrte, einen r�den Sto�, und taumelte vom Ufer weg.</p><p>Aber ich kam nur wenige Schritte weit.</p><p>�ber der schmalen Stra�e ballte sich Nebel zusammen, lautlos und unglaublich schnell. Und hinter diesem Nebel bewegten sich Schatten ...</p><p>�Zur�ck!� schrie Howard mit �berschnappender Stimme. �Robert! Gordon! Pa�t auf!�</p><p>Seine Warnung kam zu sp�t. Der Nebel flo� mit unglaublicher Geschwindigkeit auf uns zu, h�llte Gordon und mich ein und legte sich wie eine brodelnde Barriere aus wogendem Grau und K�lte zwischen uns �ber die Stra�e. Gordon schrie auf, warf die Arme in die Luft und brach mit einem gurgelnden Laut zusammen.</p><p>�Robert, komm zur�ck!� br�llte Howard. �Geh nicht hin!�</p><p>Ich ignorierte seine Worte, fuhr herum und hetzte mit zwei, drei gewaltigen S�tzen zu Gordon zur�ck. Der Nebel wurde dichter und legte sich wie ein schmieriger, kalter Film auf meine Haut, und die K�lte wurde unertr�glich. Wie aus weiter Ferne h�rte ich Gordon schreien, und es waren keine Schreie der Angst, sondern ein verzweifeltes Schmerzgebr�ll. Ich stolperte, verlor um ein Haar das Gleichgewicht und blieb stehen. Der Nebel h�llte mich ein wie graue Watte, und meine Haut begann zu brennen, als w�ren die winzigen Wassertr�pfchen, die er darauf ablud, mit S�ure versetzt.</p><p>�Robert, komm zur�ck! Du kannst ihm nicht helfen!�</p><p>Howards Stimme klang unwirklich, und sie h�rte sich an, als w�re er Meilen entfernt. Irgendwo vor mir schrie Gordon noch immer, aber ich sah nichts au�er dem wogenden Grau des Nebels und den huschenden Schatten, die sich dahinter verborgen hatten. Ich glaubte Menschen zu erkennen, vielleicht auch andere, schrecklichere Wesen, zerflie�ende, dunkle Umrisse, die aus dem Nichts auftauchten und sich irgendwo vor mir versammelten, um Dinge zu tun, die ich nicht erkennen konnte.</p><p><emphasis>Gordon!</emphasis></p><p>Ohne auf Howards Warnung zu h�ren, st�rzte ich vor, schlug mit den H�nden in den Nebel und br�llte verzweifelt Gordons Namen. Die Schatten spritzten auseinander, und f�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, in ein verzerrtes, bizarr entstelltes Gesicht zu starren, die Fratze eines Toten, auf unvorstellbare Weise verzerrt und verdreht, der Mund ein zerfranster Schlitz, hinter dem faulige Z�hne und blanker Knochen sichtbar wurden. Ich schrie vor Schrecken, hob die Faust und schlug instinktiv zu, aber meine Hand durchdrang das Gesicht, als w�re es nichts weiter als eine Illusion.</p><p>Halb verr�ckt vor Angst taumelte ich weiter. Der Nebel wurde noch dichter, quoll mir wie z�her, klebriger Rauch entgegen und lie� meine Haut brennen. Meine Augen schmerzten und ich konnte kaum noch sehen. Aber ich mu�te Gordon finden. Er war irgendwo vor mir, verborgen von diesem unheimlichen, �tzenden Nebel, und seine Schreie klangen kaum mehr menschlich. Er starb.</p><p>Mein Fu� stie� gegen ein Hindernis. Ich stolperte, kippte mit wild rudernden Armen zur Seite und schlug schwer auf dem Boden auf. Eine halbe Sekunde lang blieb ich benommen liegen, dann stemmte ich mich hoch, drehte mich herum und griff blindlings in den Nebel hinein.</p><p>Meine Hand bekam etwas Weiches, Nachgiebiges zu fassen, tastete weiter, f�hlte Augen, eine Nase, Lippen - ein Gesicht. Gordons Gesicht!</p><p>Mit einer verzweifelten Bewegung warf ich mich vor, tastete blind nach Gordons Schultern und versuchte, ihn auf die F��e zu zerren, aber er war zu schwer. Meine H�nde waren pl�tzlich feucht, feucht und klebrig, aber ich versuchte gar nicht daran zu denken, was es war, das ich f�hlte. Gordon schrie noch immer. Sein K�rper zuckte wie in Kr�mpfen unter meinen H�nden, aber er machte keine Anstalten, mir zu helfen. Obwohl ich nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war, konnte ich ihn noch immer nicht richtig erkennen. Alles, was ich sah, war ein l�nglicher dunkler Umri� hinter dem Nebel.</p><p>Eine Hand ergriff mich bei der Schulter und ri� mich mit einem so harten Ruck zur�ck, da� ich Gordons Jacke fahren lie� und abermals das Gleichgewicht verlor. Rowlf! Er schrie etwas, das ich nicht verstand, zerrte mich r�cksichtslos auf die F��e und stie� mich vorw�rts, in den Nebel hinein und fort von Gordon. Ich versuchte mich zu wehren, aber Rowlfs gewaltigen K�rperkr�ften hatte ich nichts entgegenzusetzen. Ohne auf meinen Protest und meine verzweifelte Gegenwehr zu achten, zerrte er mich mit sich. Erst als die Gestalten Howards und Seans vor uns auftauchten, lie� er meine Hand los.</p><p>�Verdammt, Rowlf, wir m�ssen zur�ck!� keuchte ich. �Gordon ist noch dort drinnen!�</p><p>�Du kannst ihm nicht mehr helfen, Junge.� Howard ber�hrte mich an der Schulter und deutete mit der anderen Hand zur�ck auf die brodelnde graue Wolke, die die Stra�e hinter uns versperrte.</p><p>Ich erschrak. Erst jetzt, als ich aus dem Nebel heraus war, sah ich, <emphasis>wie </emphasis>dicht die kochende, graue Masse war. Es sah kaum mehr aus wie Nebel, sondern eher wie eine z�he, sirupartige Fl�ssigkeit, die unter einer inneren Spannung kochte und brodelte. Die Gestalten der Schattenwesen waren nicht mehr zu erkennen, und auch von Gordon war keine Spur mehr zu sehen. Er hatte aufgeh�rt zu schreien, aber ich glaubte, das verzweifelte Gellen noch immer in meinen Ohren zu h�ren.</p><p>�Du kannst ihm nicht helfen, Robert�, sagte Howard noch einmal. �Niemand kann das.� Er sch�ttelte den Kopf, sah mich ernst an und deutete auf meine H�nde.</p><p>Sie waren rot. Die klebrige W�rme, die ich gef�hlt hatte, war Blut gewesen. F�r einen Moment glaubte ich noch einmal das schreckliche Bild vor mir zu sehen, das sich mir im Inneren der Nebelwolke geboten hatte - Schatten, die aus allen Richtungen herbeihuschten und sich lautlos �ber den verzweifelt um sich schlagenden K�rper eines Menschen beugten, seine Schreie, die spitzer und spitzer wurden und nicht enden wollten ...</p><p>Ich st�hnte leise, schlo� f�r einen Moment die Augen und k�mpfte die �belkeit zur�ck, die in meiner Kehle emporkroch.</p><p>Als ich die Lider wieder �ffnete, war der Nebel verschwunden. So rasch, wie die unheimlichen Schwaden gekommen waren, hatten sie sich wieder im Nichts zur�ckgezogen, und mit ihnen waren die Schattenwesen gegangen, wie ein Spuk, der sich unter den ersten Strahlen der Sonne aufl�st.</p><p>Und mit ihm war Gordon verschwunden. So spurlos wie ein Schatten.</p><empty-line/><p>�Dort.� Sean deutete mit einer abgehackt wirkenden Geste auf ein graues, dreigeschossiges Haus ganz am Ende der Stra�e. Wir waren nicht lange unterwegs gewesen - zehn, vielleicht f�nfzehn Blocks vom Hafen entfernt, noch nicht in der eigentlichen Innenstadt, aber auch nicht mehr im eigentlichen Hafengebiet, sondern in der schmalen, von kleinen Gesch�ften mit blinden Schaufensterscheiben und bescheidenen H�usern mit zahllosen winzigen Wohnungen beherrschten Gegend, in der die Hafen- und Fabrikarbeiter von Durness wohnten und die Fremde wohl nur selten wirklich bewu�t zur Kenntnis nahmen. Die Gegend war nicht so schlimm wie die, in die er uns gestern abend gef�hrt hatte. Trotzdem war es kein Viertel, in das ich freiwillig allein und nach Dunkelwerden gegangen w�re.</p><p>Und es war still und scheinbar menschenleer wie die, in der wir gestern nacht gewesen waren. Hier und da brannte Licht hinter den geschlossenen L�den der Wohnungen, aber nirgends war auch nur ein einziger Mensch zu sehen. Der Nebel war uns nachgekrochen und hing wie graue, flockige Schleier zwischen den H�usern, aber es war jetzt ein ganz normaler Nebel. Trotzdem lie� mich der Anblick fr�steln.</p><p>�Warum sind es immer die Armen, die es als erste trifft?� dachte ich.</p><p>�Weil es einen Grund daf�r gibt, Robert�, antwortete Howard. Ich fuhr zusammen und sah ihn beinahe verlegen an. Mir wurde erst jetzt klar, da� ich den Gedanken laut ausgesprochen hatte.</p><p>�Einen Grund?�</p><p>Howard nickte. �Sie sind selten gl�cklich, Robert. Und das B�se sucht sich seine Opfer immer da, wo das Ungl�ck bereits Einzug gehalten hat.�</p><p>Die Worte h�rten sich seltsam theatralisch an, aber Howard brachte mich mit einer entschiedenen Geste zum Schweigen, als ich eine weitere Frage stellen wollte, und wandte sich wieder an Sean. �In diesem Haus?�</p><p>�Ja. Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, sie wohnen ganz oben, in einer ausgebauten Dachkammer. Wir werden sehen.� Er wollte losgehen, aber Howard hielt ihn am Arm zur�ck.</p><p>�Es ist besser, wenn Sie nicht mitkommen, Sean�, sagte er ernst. �Warten Sie hier auf uns. Wir finden die Wohnung schon.�</p><p>�Ich habe keine Angst�, sagte Sean, aber wieder lie� ihn Howard nicht zu Wort kommen.</p><p>�Das glaube ich Ihnen, Sean�, sagte er ernst. �Aber ich erlaube trotzdem nicht, da� Sie mitkommen. Sie haben gesehen, was mit Gordon passiert ist.�</p><p>�Sie denken doch nicht, da� das auf Tremayns Konto geht? Er und Gordon sind seit f�nfzehn Jahren befreundet.�</p><p>Howard wies mit einer Kopfbewegung �ber die Stra�e. �Wenn es sich bei dem Buch, das da oben liegt, wirklich um das handelt, was ich bef�rchte, Sean, dann ist dieser Mann nicht mehr Tremayn�, sagte er ernst. �Sie bleiben hier, Sean. Au�erdem brauchen wir jemanden, der uns den R�cken deckt.� Er sah sich mit �bertriebener Gestik nach beiden Seiten um. �Diese Stille gef�llt mir nicht. Wenn Sie uns schon helfen wollen, dann bleiben Sie hier, und halten Sie die Augen auf. Und wenn Sie irgend etwas Auff�lliges bemerken, dann warnen Sie uns.�</p><p>Sean widersprach nicht mehr, und Howard drehte sich rasch um und begann, mit weit ausgreifenden Schritten die Stra�e zu �berqueren. Rowlf und ich folgten ihm in geringem Abstand.</p><p>Das Haus �hnelte in seinem Inneren dem, in dem wir am vergangenen Abend gewesen waren, war aber gr��er und nicht ganz so heruntergekommen. Von dem schmalen, von muffiger Luft erf�llten Korridor zweigten eine Anzahl T�ren ab, durch die Stimmen und Ger�usche zu uns herausdrangen, aber Howard ignorierte sie, und steuerte zielstrebig die ausgetretene Holztreppe in die oberen Geschosse an.</p><p>Als wir den ersten Treppenabsatz erreichten, ging eine der T�ren auf, und ein verschlafenes, schmales Gesicht blickte zu uns heraus.</p><p>�Was wollen Sie hier?� fragte der Mann unfreundlich.</p><p>�Wir suchen jemanden�, antwortete Howard.</p><p>�Und wen?�</p><p>�Einen ... Freund von uns�, erwiderte Howard z�gernd. �Man sagte uns, er wohne in diesem Haus. Tremayn.�</p><p>�Tremayn?� Der Ausdruck des Mi�trauens auf dem Gesicht des Mannes verst�rkte sich. �Der wohnt hier�, sagte er, �ganz oben, in der Dachkammer. Was wollen Sie von ihm?�</p><p>�Dat sagn wir ihm schon selbst�, knurrte Rowlf. Der Mann wollte widersprechen, besann sich aber - nach einem zweiten, etwas eingehenderen Blick auf Rowlfs h�nenhafte Gestalt - eines anderen und zog sich hastig in seine Wohnung zur�ck. Howard deutete mit einer Kopfbewegung nach oben. �Weiter.�</p><p>Wir st�rmten los, durchquerten einen weiteren, d�steren Korridor und erreichten schlie�lich nach einer weiteren Treppe das Dachgescho�. Es gab kaum Licht, aber die Helligkeit reichte wenigstens aus, zu sehen, da� von dem niedrigen Gang nur eine einzige T�r abzweigte.</p><p>Howard hob warnend die Hand, legte den Zeigefinger �ber die Lippen und zog mit der anderen Hand den Revolver aus der Manteltasche. Auch Rowlf nahm seine Waffe zur Hand, nur ich z�gerte noch. Normalerweise ist es ein beruhigendes Gef�hl in einer Situation wie dieser das Gewicht einer Waffe in der Hand zu haben, aber in diesem Moment sp�rte ich einfach, da� uns die Waffen nichts nutzen w�rden, absolut nichts. Nichts gegen die Gefahren, die hinter dieser T�r auf uns lauern mochten.</p><p>�Bleibt zur�ck�, fl�sterte Howard. �Und pa�t auf!� Er ging in die Hocke, legte Hut, Stock und Mantel lautlos zu Boden und n�herte sich geduckt der T�r.</p><p>Sie ging auf, als er noch einen Schritt davon entfernt war.</p><p>Howard blieb verbl�fft stehen. Lautlos und wie von Geisterhand bewegt schwang die T�r auf und gew�hrte uns einen Blick in den dahinterliegenden Raum.</p><p>Oder das <emphasis>Etwas, </emphasis>in das er sich verwandelt hatte.</p><p>Der Anblick war so bizarr wie erschreckend.</p><p>Auf dem Boden brodelte Nebel, gr�ner, in einem unheimlichen inneren Schein leuchtender Nebel, von dem ein stechender Geruch ausging. Die W�nde waren dick mit Eis verkrustet, und unter den spitz zusammenlaufenden Dachbalken wehten graue, klebrige Schleier, die wie Spinnweben aussahen. Die Luft im Inneren des Zimmers pulsierte in dem gleichen gr�nlichen Schein, der auch den Nebel erf�llte, und die wenigen M�belst�cke, mit denen das Zimmer eingerichtet war, waren ausnahmslos unter einem dicken Panzer aus milchigem Eis verschwunden. Ein Hauch unglaublicher K�lte wehte zu uns heraus.</p><p>Aber ich nahm von all dem kaum etwas wahr. Mein Blick war wie hypnotisiert auf den runden Tisch unter dem Fenster gerichtet, der als einziges M�belst�ck eisfrei geblieben war. Auf ihn und den Mann, der hochaufgerichtet dahinter stand ...</p><p>�Treten Sie ein Mister Lovecraft�, sagte er. Seine Stimme klang furchtbar, hell und gl�sern und knarrend, als versuche ein Wesen aus Eis oder Glas zu sprechen. �Ich habe Sie erwartet.�</p><p>Howard z�gerte. Die Waffe in seiner Hand zitterte, senkte sich ein wenig und kam mit einem Ruck wieder hoch.</p><p>�Stecken Sie Ihre Waffe weg, Lovecraft�, sagte der Mann. �Sie wissen, da� sie nutzlos gegen mich ist.� Er trat um den Tisch herum und machte eine abgehackte, einladende Bewegung. Ich sah, wie sich kleine Eisst�ckchen von seiner Haut l�sten und lautlos in der brodelnden Nebelschicht auf dem Boden verschwanden. <emphasis>Wieso lebte er noch?</emphasis></p><p>�Wer ... wer sind Sie?� fragte Howard stockend.</p><p>�Wer ich bin?� Das Gesicht des Mannes blieb ausdruckslos wie eine Maske, aber er lachte; ein Laut, der mir einen eisigen Schauer den R�cken herablaufen lie�. �Der, den Sie gesucht haben, Lovecraft. Sie und Ihr n�rrischer junger Freund. Ich bin Tremayn. Sie wollten doch zu mir. Oder war es das, was Sie gesucht haben?� Er trat ein weiteres St�ck zur Seite und deutete mit einer dramatischen Geste auf den Tisch.</p><p>Howard fuhr wie unter einem Peitschenhieb zusammen, als er das Buch sah.</p><p>Es lag aufgeschlagen auf dem Tisch, ein m�chtiger, in steinhart und schwarz gewordenes Schweinsleder gebundener Band. Der gr�ne Schein, der das Zimmer erf�llte, schien �ber den aufgeschlagenen Seiten besonders intensiv zu sein, und trotz der gro�en Entfernung glaubte ich zu erkennen, da� sich die verschn�rkelten Schriftzeichen auf dem gelben Pergament bewegten.</p><p>Howard erwachte mit einem Keuchen aus seiner Erstarrung, trat mit drei, vier raschen Schritten in das Zimmer hinein und blieb stehen, als Tremayn ihm den Weg vertrat.</p><p>�Ich w�rde Ihnen nicht raten, es zu ber�hren�, sagte Tremayn leise. �Es w�re Ihr Tod, Lovecraft.�</p><p>Howard starrte ihn f�r die Dauer eines Atemzuges fast ha�erf�llt an. �Was ... was haben Sie getan, Sie Narr?� keuchte er.</p><p>�Was ich tun mu�te.� Tremayn lachte leise. �Sie wissen es, Lovecraft. Sie w�ren nicht gekommen, wenn Sie es nicht w��ten. Aber es ist zu sp�t.� Er wandte den Kopf und blickte zu mir und Rowlf auf den Flur hinaus. �Treten Sie n�her, meine Herren�, sagte er. �Keine Sorge - keinem von Ihnen wird etwas geschehen, wenn Sie vern�nftig sind.�</p><p>Alles in mir str�ubte sich dagegen, und eine Stimme fl�sterte mir zu, da� es kompletter Wahnsinn war und ich die Beine in die Hand nehmen und laufen sollte, so schnell und so weit ich konnte, aber statt dessen setzte ich mich - fast gegen meinen Willen - in Bewegung und trat in das Zimmer hinein. Die K�lte h�llte mich ein wie ein gl�serner Mantel, und in meinen Beinen machte sich ein kribbelndes, unbeschreiblich widerw�rtiges Gef�hl breit, als ich in den Nebel eindrang. Es f�hlte sich an, als kr�chen Millionen winziger Spinnen �ber meine Haut.</p><p>�Sie sind wahnsinnig, Tremayn�, murmelte Howard. �Sie wissen nicht, was Sie getan haben.�</p><p>�O doch, ich wei� es�, widersprach Tremayn. �Ich tat, was getan werden mu�te.�</p><p>�Sie werden sterben!� sagte Howard.</p><p>Tremayn nickte unger�hrt. �Wahrscheinlich�, sagte er. �Aber was z�hlt ein einzelnes Leben, noch dazu das eines <emphasis>Menschen?� </emphasis>So, wie er das Wort aussprach, h�rte es sich an wie eine Beschimpfung. �Sie kommen zu sp�t, Lovecraft. Es ist geschehen. Die Macht der wahren Herren dieser Welt wird wieder auferstehen, gr��er und allumfassender als zuvor. Und es gibt nichts mehr, was Sie dagegen tun k�nnten.�</p><p>Ich verstand nicht, was er meinte, aber seine Worte brachten irgend etwas in mir zum Klingen, das gleiche, unsichtbare Etwas, das ich am vergangenen Abend bereits gesp�rt hatte, als ich den D�mon aus dem Geist des M�dchens verjagte. Und so wie gestern f�hlte ich mich pl�tzlich wieder wie ein hilfloser Zuschauer, ein allenfalls geduldeter Gast in meinem eigenen K�rper, dessen Willen in die hinterste Ecke seines Bewu�tseins zur�ckgedr�ngt worden war. Ohne mein Zutun setzten sich meine Beine in Bewegung. Ich sah, wie sich meine H�nde hoben und nach Tremayn griffen, sah die Wut in seinen Augen und h�rte den ungl�ubigen Schrei, als er wie von einer unsichtbaren Gewalt gepackt und mit m�rderischer Kraft zur�ckgeschleudert wurde.</p><p>�Robert!� keuchte Howard. �Es ist dein Tod!�</p><p>Ich h�rte seine Worte, aber ich war unf�hig, darauf zu reagieren oder auch nur zu antworten. Langsam trat ich auf den Tisch zu, umrundete ihn und blieb, die H�nde in einer fast beschw�renden Geste ausgestreckt, vor dem Buch stehen. Mein K�rper gehorchte mir nicht mehr. Ich wollte schreien, aber nicht einmal das konnte ich. Meine H�nde bewegten sich wie von selbst, n�herten sich den aufgeschlagenen Buchseiten, verharrten einen halben Zentimeter dar�ber - und senkten sich weiter ...</p><p>�Nein!� kreischte Tremayn. �Tun Sie es nicht, Sie Narr! Sie werden alles zunichte machen!�</p><p>Meine rechte Hand ber�hrte das Buch.</p><p>Es war ein Gef�hl, als h�tte ich ins Herz einer gl�henden Sonne gegriffen. Es war kein Schmerz. Keine Hitze oder K�lte oder sonst eine k�rperliche Empfindung.</p><p>Es war Ha�, der alles �berstieg, was ich jemals erlebt hatte, auf alles, was lebte und f�hlte. Ich taumelte, schrie auf und versuchte, meine Hand vom Einband des Buches zu l�sen, aber es ging nicht. Meine Finger klebten wie angewachsen an dem schwarzen Leder, und eine unendlich fremde Kraft pulsierte durch meinen Arm, fra� sich wie wei�gl�hende Lava in mein Bewu�tsein und lie� mich schreien, schreien, schreien ... Wie in einer bizarren, unwirklichen Vision sah ich, wie Howard und Tremayn gleichzeitig herumwirbelten und auf mich zust�rzten.</p><p>Tremayn war um den Bruchteil einer Sekunde schneller.</p><p>Seine Faust traf Howard am Kinn und schleuderte ihn zur�ck, und fast gleichzeitig klatschte seine andere Hand auf die meine herab und versuchte, sie vom Einband des Buches loszurei�en.</p><p>Irgend etwas geschah. Es ging zu schnell, als da� ich wirklich begriff, was es war - es war wie das blitzartige �berspringen eines Funkens, ein Gef�hl, als entl�de sich die aufgestaute Energie in meinem Inneren in einem einzigen, gewaltigen Schlag, als sich unsere H�nde ber�hrten. F�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, ein Licht zu sehen, ein winziges, unertr�glich grelles Licht, das aus meinen Fingerspitzen brach und sich in seinen K�rper fra�, dann wurde Tremayn abermals von einer unsichtbaren Faust gepackt und herumgeworfen. Aber diesmal st�rzte er nicht zu Boden, sondern blieb, wie von unsichtbaren H�nden gehalten, starr und in unnat�rlich verkr�mmter Haltung stehen.</p><p>Tremayns K�rper begann von innen heraus zu gl�hen, erst rot, dann gelb, schlie�lich in einem unertr�glich grellen, blauwei�en Licht, alles in einer einzigen, schrecklichen Sekunde. Eine Welle gl�hendhei�er Luft fauchte durch das Zimmer, lie� das Eis an den W�nden verdampfen und die Fensterscheibe zerspringen, und pl�tzlich scho� eine br�llende Feuers�ule aus dem Boden, h�llte Tremayns K�rper ein und verschlang ihn.</p><p>Ich sp�rte kaum, wie mich die Druckwelle erreichte und zu Boden schleuderte. Ich fiel, rollte haltlos �ber den Boden und kam mit einem schmerzhaften Schlag zur Ruhe. Meine Hand umklammerte noch immer das Buch. Howard schrie irgend etwas, das ich nicht verstand, und pl�tzlich waren �berall Flammen und Rauch. Dort, wo die Feuers�ule das Dach ber�hrt hatte, g�hnte eine gewaltige, gezackte �ffnung, aus deren R�nder Flammen schlugen. Die morschen Balken brannten wie Zunder, und das Feuer breitete sich mit unheimlicher Geschwindigkeit aus, viel schneller, als es eigentlich m�glich war. Ich hustete, stemmte mich m�hsam auf H�nde und Knie hoch und hielt nach Howard und Rowlf Ausschau. Ihre Gestalten waren nur als flackernde dunkle Schemen hinter der Wand aus Flammen zu erkennen, die das Zimmer in zwei ungleichm��ige H�lften teilte. Die Hitze wurde unertr�glich.</p><p>�Robert!� schrie Howard. �Spring! Um Gottes willen, spring! Das ganze Haus f�ngt Feuer!�</p><p>Ich stand auf, machte einen Schritt auf die Flammenwand zu - und prallte abermals zur�ck. Die Hitze war unvorstellbar. Meine Kleider begannen zu schwelen, und mein Gesicht schmerzte, als st�nde es bereits in Flammen. Aber ich hatte keine Wahl. Die Feuerwand bewegte sich rasend schnell auf mich zu; in wenigen Sekunden w�rde das ganze Zimmer ein einziges Flammenmeer sein, und ich w�rde verbrennen.</p><p>Ich atmete ein, so tief ich konnte, hob das Buch sch�tzend vor das Gesicht - und stie� mich mit aller Kraft ab.</p><p>Es dauerte weniger als eine Sekunde, aber mir kam es vor wie Jahre. Die Flammen h�llten meinen K�rper ein und verwandelten meine Kleider in schwelende, schwarze Fetzen. Ein Schmerz explodierte in meinem K�rper, und in meinen Lungen schien pl�tzlich wei�gl�hende Lava zu sein. Ich fiel, schlug mit der Stirn gegen die steinharte Kante des Buches und k�mpfte mich keuchend auf H�nde und Knie hoch, ehe mich Rowlf erreichte und auf die F��e ri� und auf den Ausgang zustie�. Auch in diesem Teil des Zimmers tobten bereits die Flammen, und die Luft war so hei�, da� ich gequ�lt aufschrie, als ich zu atmen versuchte.</p><p>Als wir aus dem Zimmer taumelten, blickte ich noch einmal �ber die Schulter zur�ck. Und genau in diesem Moment schlugen die Flammen �ber der Stelle zusammen, an der ich gerade noch gestanden hatte. Das Br�llen der feurigen Explosion klang wie ein d�monischer Wutschrei.</p><empty-line/><p>Das Haus brannte wie ein gewaltiger Scheiterhaufen, als wir auf die Stra�e hinausliefen. Die Hitze war uns wie eine unsichtbare, gl�hende Pranke nachgefolgt, w�hrend wir die morschen Holztreppen hinunterrannten, und die Flammen hatten mit der gleichen, unheimlichen Geschwindigkeit in dem morschen Geb�lk um sich gegriffen, in dem sie sich bereits in Tremayns Zimmer ausgebreitet hatten. Howard, Rowlf und ich hatten gegen alle T�ren geschlagen und lauthals �Feuer!� geschrien, um die Bewohner zu warnen, aber auf der Stra�e vor dem Haus dr�ngelten sich bereits fast ein Dutzend Menschen, zum Teil noch in Nachthemden oder nur mit hastig �bergestreiften Hosen oder M�nteln bekleidet. Trotzdem hatten wir uns auf dem letzten Dutzend Schritte fast mit Gewalt weiterk�mpfen m�ssen und es war das erste Mal, da� ich wirklich erlebte, was das Wort �Panik� bedeutete.</p><p>Die Stra�e war nicht mehr leer. Aus allen Richtungen kamen Menschen herbeigerannt, und das unheimliche Schweigen, das uns auf dem Weg hierher begleitet hatte, war dem Rufen und Gellen zahlloser durcheinanderschreiender Stimmen gewichen.</p><p>Ich sah mich um, w�hrend wir, angef�hrt von Rowlf, der seine gewaltigen K�rperkr�fte einsetzte, um uns einen Weg durch die immer dichter werdende Menge zu bahnen, �ber die Stra�e liefen. Das Haus war nicht mehr zu retten. Aus dem geborstenen Dachstuhl schlugen zehn Meter hohe Stichflammen. Schwarzer, fettiger Rauch quoll aus den geschw�rzten Fenstern des Dachgeschosses, und Millionen winziger, rotgl�hender Funken regneten wie feurige K�fer auf die Stra�e und die benachbarten H�user herab. Wenn nicht im letzten Moment ein Wunder geschah, w�rde das Feuer auf die angrenzenden Geb�ude �bergreifen und vielleicht den ganzen Stra�enzug in Schutt und Asche legen.</p><p>Sean erwartete uns auf dem gegen�berliegenden Gehsteig. Seine Augen waren vor Schrecken geweitet. �Was ist geschehen?� fragte er. �Ich ... ich sah eine Explosion, und -�</p><p>�Jetzt nicht!� unterbrach ihn Howard hastig. �Wir m�ssen weg. Schnell!�</p><p>Er kam nicht dazu, seinen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Ein grauhaariger Mann vertrat ihm den Weg, hob in einer herrischen Geste die Hand und ballte sie gleichzeitig zur Faust. �Nicht ganz so schnell, Mister!� sagte er. �Sie gehen nirgendwo hin.�</p><p>Ich erkannte ihn. Es war der Mann, der uns im Treppenhaus angesprochen hatte. Ein eisiger Schrecken durchfuhr mich, als ich sah, wie sich eine Anzahl Gesichter beim Klang seiner Stimme in unsere Richtung wandten. Aus dem Haus hinter uns drangen noch immer Schreie und polternde, berstende Ger�usche, und mir wurde schmerzhaft bewu�t, wie viele Menschen manchmal in diesen �rmlichen Unterk�nften hausten. Und wie schnell sich das Feuer ausbreitete.</p><p>�Wat willste?� fragte Rowlf w�tend. �Geh aussem Weg, M�nneken! Wir m�ssen'e Feuerwehr rufn!�</p><p>Aber diesmal lie� sich der Mann nicht von Rowlfs beeindruckender Erscheinung einsch�chtern. Er baute sich im Gegenteil noch herausfordernder vor uns auf und streckte kampflustig das Kinn vor. Seine Stimme war laut genug, um trotz des L�rmes auch auf der anderen Stra�enseite noch verstanden zu werden. �Was ist da oben passiert?� fragte er mit einer w�tenden Geste auf das brennende Haus. �Was haben Sie getan? Sie haben das Feuer gelegt!�</p><p>Howard dr�ckte seinen Arm herunter und versuchte, sich an ihm vorbeizuschieben, aber der Mann setzte ihm mit einem zornigen Knurren nach und packte ihn mit beiden H�nden an den Rockaufschl�gen. �Sie haben das Haus angez�ndet!� br�llte er. �Das ist alles Ihre Schuld!�</p><p>Rowlf schlug ihn nieder. Wahrscheinlich war es das Falscheste, was er in diesem Moment h�tte tun k�nnen, aber als er seinen Fehler bemerkte, war es zu sp�t. Der Mann sank mit einem lautlosen Seufzer in die Knie, aber aus der Menge, die sich auf der Stra�e versammelt hatte, erscholl im gleichen Augenblick ein vielstimmiger, zorniger Schrei.</p><p>�Verdammter Idiot!� br�llte Sean. Mit einem Satz war er bei Rowlf, versetzte ihm und Howard gleichzeitig einen Sto�, der beide gegen die Hauswand taumeln lie�, und baute sich breitbeinig zwischen uns und der n�herr�ckenden Menge auf. �Robert, zu mir!� schrie er.</p><p>Pl�tzlich lag der Revolver in seiner Hand. Noch w�hrend ich mich beeilte, mit einem verzweifelten Satz zu Rowlf und Howard zu gelangen, hob er die Waffe, schlug einem der n�herkommenden M�nner mit der flachen Hand ins Gesicht und zog gleichzeitig den Abzug zweimal hintereinander durch.</p><p>Die Sch�sse hallten wie Kanonenschl�ge durch die enge Stra�e. Die Menge, die vor einer halben Sekunde noch in einer schwerf�lligen Bewegung herangeflutet war, prallte entsetzt zur�ck, und f�r den Bruchteil eines Atemzuges war es so still, da� man die ber�hmte Stecknadel h�tte fallen h�ren k�nnen. Selbst das Prasseln und Krachen des Feuers schien f�r einen Augenblick innezuhalten.</p><p>Dann brach der Tumult doppelt heftig los. �Bringt sie um!� schrie eine Stimme, und andere nahmen den Ruf auf und wiederholten ihn im Chor. �Sie haben das Haus angez�ndet!� schrien sie, und: �Sie sind schuld daran.�</p><p>Sean feuerte ein weiteres Mal in die Luft, aber diesmal blieb die erhoffte Wirkung aus. Die zuvorderst Stehenden versuchten, vor ihm zur�ckzuweichen, wohl weniger aus Angst vor dem Revolver, als vielmehr vor seiner beeindruckenden Gestalt und seinen m�chtigen, kampfbereit erhobenen F�usten, aber die M�nner und Frauen hinter ihnen schoben und dr�ngten unbarmherzig weiter. Die Front drohend verzerrter Gesichter und gesch�ttelter F�uste kam n�her.</p><p>�Lauft!� keuchte Sean. �Verdammt noch mal, lauft! Ich versuche sie aufzuhalten! Wir treffen uns am Boot!�</p><p>Howard z�gerte noch einen winzigen Moment, aber dann sah er ein, da� wir keine Chance hatten, den aufgebrachten Mob zu beruhigen - oder uns gar mit Erfolg gegen ihn zu wehren.</p><p>Verzweifelt rannten wir los. Zwei, drei M�nner versuchten, uns den Weg zu verstellen und uns aufzuhalten, aber Rowlf schlug sie nieder oder rannte sie einfach �ber den Haufen. Hinter uns peitschten Sch�sse, und das Gr�len der Menge wurde zu einem h�llischen Chor, der nach unserem Blut schrie. F�r einen Moment glaubte ich, Seans Stimme unter dem Kreischen der Menschenmenge zu vernehmen, dann waren wir um die n�chste Stra�enbiegung und rannten weiter. Aber wir hatten kaum hundert Schritte zur�ckgelegt, als auch schon die ersten Verfolger hinter uns auftauchten. Und ihre Zahl wuchs.</p><p>Es war ein verzweifeltes Wettrennen. Der Weg zum Hafen hinunter kam mir zehnmal weiter vor als vorhin, und unser Vorsprung schmolz, langsam, aber stetig. Als wir den Kai erreichten, waren die ersten kaum mehr f�nfzig Yards hinter uns.</p><p>Howard zerrte im Laufen seinen Revolver aus der Tasche und feuerte einen Schu� dicht �ber die K�pfe der Menge hinweg ab. Die Wirkung war gleich Null. Das waren keine vern�nftigen Menschen mehr. Ich verstand Worte wie �Teufel� und �Hexer�, und ein neuerlicher, eisiger Schauer jagte �ber meinen R�cken.</p><p>�Schneller!� keuchte Howard. Wieder scho� er, und diesmal hielt er die Waffe tiefer; die Kugel hieb wenige Schritte vor den vordersten M�nnern gegen das Kopfsteinpflaster und schlug Funken aus dem Stein. Drei, vier M�nner schrien erschrocken auf, kamen aus dem Takt und st�rzten, aber hinter ihnen dr�ngten immer weitere nach, Dutzende, wenn nicht Hunderte. Die Furcht, die seit zwei Tagen Besitz von den Bewohnern der Stadt ergriffen hatte, entlud sich in einer einzigen, gewaltigen Explosion. Die M�nner hinter uns waren l�ngst nicht mehr nur die Bewohner des brennenden Hauses oder der umliegenden Geb�ude; jeder Mann, der der tobenden Menge begegnet war, mu�te sich ihr angeschlossen haben.</p><p>Rowlf rannte schneller, setzte mit einem verzweifelten Sprung auf das Boot �ber und begann mit fliegenden Fingern die Taue zu l�sen, die es mit dem Kai verbanden. Wenige Sekunden sp�ter erreichten auch Howard und ich das Schiff und halfen ihm.</p><p>Es war aussichtslos. Die Menge kam heran, als das letzte Seil fiel, aber die Brandung dr�ckte das Boot heftig gegen den Kai, und das Boot vom Ufer wegzudr�cken oder gar Segel zu setzen, blieb keine Zeit. Rowlf schlug einen Mann nieder, der zu uns auf das Deck herabsetzte und ein schartiges K�chenmesser schwang, und Howard scho� einem zweiten in den Oberschenkel.</p><p>Dann waren sie �ber uns. Ein heftiger Schlag prellte mir die Waffe aus der Hand, eine Faust traf mich und lie� mich zusammenbrechen, und dann sp�rte ich nichts mehr au�er den Schl�gen und Tritten, die auf mich herabprasselten. H�nde griffen nach mir und zerrten an meinen Kleidern und Haaren, und wie durch einen Schleier sah ich, wie Rowlf unter einer wahren Flutwelle von Menschen zu Boden ging. Das Boot war viel zu klein, um die zahllosen M�nner aufzunehmen. Mehrere von ihnen st�rzten ins Wasser, und mehr als einer wurde von den Nachdr�ngenden vom Kai gesto�en und fiel schreiend in die Fluten. Aber das steigerte die Wut der Menge eher noch. Ich sp�rte die einzelnen Schl�ge kaum noch, kr�mmte mich nur noch verzweifelt und versuchte irgendwie, mein Gesicht und meinen Unterleib zu sch�tzen. Ich war fest davon �berzeugt, da� sie Howard und Rowlf und mich kurzerhand totschlagen w�rden.</p><p>Aber sie taten es nicht. Eine Stimme rief etwas, das ich nicht verstand, und die Schl�ge nahmen ab und h�rten schlie�lich ganz auf. Harte F�uste packten mich, zerrten mich auf die F��e und schleiften mich �ber das Deck auf die Kaj�te zu. Auch Rowlf und Howard wurden von der Menge gepackt und auf die offenstehende T�r zugesto�en.</p><p>�Verbrennt sie!� br�llte die Stimme, die ich schon vorher geh�rt hatte. �Sie haben Feuer gelegt, und jetzt sollen sie sp�ren, wie hei� es brennt. Verbrennt sie, wie man es mit Hexen tut!�</p><p>Die Menge fing den Ruf johlend auf und wiederholte ihn. Pl�tzlich war irgendwo eine Fackel, dann eine zweite, dritte, und der Gestank brennenden Holzes erf�llte die Luft. Ich b�umte mich auf und begann, mich verzweifelt zu wehren, aber gegen die dutzendfache �bermacht hatte ich keine Chance. Ein Sto� traf mich in den R�cken und trieb mich auf die T�r zu, dann trat mir jemand in die Kniekehlen, und ich st�rzte die Treppe in die Kaj�te hinab.</p><p>Der Aufprall war f�rchterlich. Wie durch einen Vorhang hindurch sah ich, wie Howard und Rowlf hinter mir die Treppe hinabgeworfen wurden, dann segelte eine Fackel durch die T�r und schlug wenige Zentimeter neben mir auf. Verzweifelt schlug ich die Funken aus, pre�te die H�nde gegen das Gesicht und rollte zur Seite, als eine zweite und dritte Fackel zu uns herabfiel. Rowlf schrie auf, warf sich nach vorne und versuchte, das Feuer auszutreten, aber f�r jede Fackel, die er l�schte, kamen f�nf neue durch die T�r geflogen. Ein Teil der Treppe und des Fu�bodens hatte bereits Feuer gefangen.</p><p>Die T�r fiel mit einem dumpfen Krachen ins Schlo�, und auf dem Deck polterten zahllose harte Schritte. Das Schreien der Menge steigerte sich zu einem infernalischen Gebr�ll, und das Boot erbebte wie unter einem gewaltigen Hammerschlag. Selbst hier drinnen war das Schreien der Menge fast unertr�glich.</p><p>Hustend stemmte ich mich auf die F��e, schlug mit den H�nden nach den Funken, die sich in meinen Kleidern festgesetzt hatten, und wich vor der prasselnden Feuerwand zur�ck. Die Hitze war unertr�glich, und die Luft war schon jetzt, nach wenigen Augenblicken, so sehr von Rauch und bei�endem Gestank erf�llt, da� das Atmen fast unm�glich wurde. Rowlf fuhr mit einem Schrei herum, ri� einen Stuhl vom Boden hoch und schlug eines der Bullaugen ein, aber die Wirkung war gleich Null.</p><p>�Rowlf!� schrie Howard. �Nach vorne! Der Laderaum!� Er deutete heftig gestikulierend auf die Vorderwand der Kaj�te. Ich wu�te, da� sich dahinter der kleine Heckladeraum des Schiffchens befand, ein knapp f�nf Schritte messender Verschlag, von dem aus der Weg durch eine Klappe nach oben f�hrte - aber zwischen uns und ihm befand sich eine massive Wand aus zollstarkem Holz.</p><p>Rowlf knurrte, wich ein paar Schritte zur�ck und senkte die Schultern. Ich erkannte ihn kaum hinter den schwarzgrauen, brodelnden Rauchwolken, die die Kabine erf�llten. Meine Lungen brannten unertr�glich. Wir w�rden ersticken, lange ehe uns die Flammen erreichten.</p><p>Rowlf rannte los. Sein K�rper schien sich in eine lebende Kanonenkugel zu verwandeln. Im letzten Moment drehte er sich halb herum, prallte mit unglaublicher Wucht gegen die Wand und torkelte mit einem Schmerzensschrei zur�ck.</p><p>Aber in der Wand war ein fingerbreiter, gezackter Ri� erschienen!</p><p>Howard, Rowlf und ich warfen uns beinahe gleichzeitig gegen die Wand. Das Holz st�hnte wie ein lebendes Wesen unter unserem Anprall, und ein zweiter, l�ngerer Ri� erschien. Rowlf ri� Howard und mich mit einer ungeduldigen Bewegung zur�ck, hob die F�uste und schlug mit aller Kraft gegen das Holz. Die Wand erbebte, und der Ri� verbreiterte sich weiter. Ich sah, wie Rowlfs Fingerkn�chel aufplatzten und Blut �ber seine H�nde lief, aber er schlug weiter mit aller Kraft auf die Bretterwand ein. Der Ri� wuchs zu einem Spalt heran. Rowlf br�llte auf, griff mit beiden H�nden nach seinen R�ndern und zerrte mit aller Gewalt. Mit einem berstenden Laut l�ste sich ein Brett und gab den Weg in den darunterliegenden Raum frei.</p><p>Die Kaj�te verwandelte sich in ein Flammenmeer, als wir in den Laderaum taumelten. Der frische Sauerstoff, der durch den Ri� in die Kaj�te str�mte, fachte die Flammen zu neuer Wut an, und selbst hier war die Hitze kaum mehr auszuhalten. Rowlf ballte noch einmal die F�uste, sprengte die Luke mit einem einzigen gewaltigen Hieb auf und sprang ansatzlos nach oben. Mit einer kraftvollen Bewegung zog er sich aufs Deck hinaus, wirbelte herum und streckte mir die H�nde entgegen. Howard entri� mir das Buch, das ich noch fest umklammert hielt, ohne da� ich es bisher �berhaupt bemerkt h�tte, und Rowlf zog mich ohne viel Federlesens zu sich herauf und lud mich wie einen Sack auf dem Deck ab. Sekunden sp�ter reichte Howard ihm das Necronomicon und sprang kurz darauf selbst an Deck.</p><p>F�r einen kurzen Moment waren wir in Sicherheit. Der Decksaufbau gab uns Sichtschutz zum Hafen hin, aber es konnte nur Augenblicke dauern, bis die aufgeputschte Menge unsere Flucht bemerkte. Und fast, als w�re dieser Gedanke ein Stichwort gewesen, erschien in diesem Moment eine einzelne Gestalt auf dem Kai und deutete heftig gestikulierend zu uns hin�ber. �Da sind sie!� br�llte eine Stimme. �Sie versuchen zu entkommen!�</p><p>Ein Schu� peitschte, und dicht neben uns spritzten Holzsplitter aus dem Deck. Howard wirbelte herum und sprang mit einem gewagten Hechtsprung ins Wasser, und Rowlf versetzte mir kurzerhand einen Sto�, der mich r�cklings �ber die Bordwand und ins Wasser st�rzen lie�.</p><p>Die K�lte bet�ubte mich fast. Vor Augenblicken noch waren wir beinahe bei lebendigem Leibe ger�stet worden, jetzt hatte ich das Gef�hl, in Bruchteilen von Sekunden von innen heraus zu Eis zu erstarren. Ich schluckte Wasser, k�mpfte mich - mehr instinktiv als mit bewu�ten Bewegungen - an die Oberfl�che und hustete qualvoll. Das eisige Wasser saugte das Leben aus meinen Gliedern, so schnell, da� ich sp�ren konnte, wie meine Muskeln hart und taub und nutzlos wurden.</p><p>Eine Welle ergriff mich, hob mich ein St�ck hoch und schmetterte mich gegen die Kaimauer. Der Schlag trieb mir die Luft aus den Lungen, aber der Schmerz ri� mich auch wieder in die Wirklichkeit zur�ck und vertrieb f�r einen Moment den Schleier aus Schw�che und M�digkeit, der sich um meine Gedanken gelegt hatte.</p><p>Wir trieben dicht vor dem Kai, nur wenige Fu�breit von dem brennenden Boot entfernt. Eine dichtgedr�ngte Menschenmenge s�umte den Kai; Steine und andere Wurfgeschosse flogen zu uns herunter, und ich sah, wie Rowlf getroffen wurde.</p><p>�Verbrennt sie!� br�llte die Menschenmenge. �Verbrennt die Hexer! T�tet sie!�</p><p>Der Hagel von Wurfgeschossen verst�rkte sich.</p><p>Und dann sah ich etwas, das mir schier das Blut in den Adern gerinnen lie�.</p><p>Drei, vier M�nner rollten unter dem johlenden Beifall der anderen ein Fa� herbei. Eine Axt wurde geschwungen und traf krachend auf das d�nne Blech - und ein breiter Strom goldgelben Petroleums ergo� sich ins Wasser des Hafenbeckens!</p><p>�Nein!� br�llte Howard. �Schwimmt! Schwimmt um euer Leben!�</p><p>Es war sinnlos. Ich stemmte mich mit aller Macht gegen die Gewalt der D�nung, aber das Petroleum breitete sich zehnmal schneller auf der Wasseroberfl�che aus, als ich zu schwimmen imstande war, und die Wellen trugen mich fast ebenso schnell zur�ck, wie ich vorw�rtskam.</p><p>�Verbrennt sie!� br�llte der Chor. �T�tet sie! T�tet sie! T�tet sie!�</p><p>Eine Fackel flog durch die Luft. Wie ein brennender Stern segelte sie, sich langsam in der Luft �berschlagend, auf das Wasser herab. Ich atmete ein, so tief ich konnte, warf mich nach vorne - und tauchte, im gleichen Moment, in dem die Fackel die Wasseroberfl�che und das darauf schwimmende Petroleum ber�hrte.</p><p>Mit einem einzigen, ungeheuren Schlag fing das Petroleum �ber unseren K�pfen Feuer. Ein grelles, orangerot flackerndes Licht lie� das Wasser rings um uns herum aufleuchten, w�hrend die Feuerwand �ber uns mit wahnsinniger Geschwindigkeit zum Ufer zur�ckraste. Die Flammen mu�ten selbst die M�nner und Frauen dort oben gef�hrden, und wahrscheinlich w�rde der halbe Hafen abbrennen, aber daran dachte der tobende Mob in diesem Moment bestimmt nicht.</p><p>Ich tauchte tiefer, sammelte die letzten verbliebenen Kraftreserven in meinem ausgelaugten K�rper und versuchte, ein Ende des lodernden Feuerteppichs �ber mir zu erkennen. Der Druck auf meine Lungen wuchs. Ein unsichtbarer, st�hlerner Reif schien um meine Brust zu liegen und sich langsam zusammenzuziehen. Ich sp�rte, wie meine Kr�fte schwanden, machte eine letzte verzweifelte Schwimmbewegung und k�mpfte mit aller Macht gegen das Verlangen, den Mund zu �ffnen und zu atmen.</p><p>Es ging nicht mehr. Meine Arme erlahmten. Der Schmerz in meinen Lungen wurde unertr�glich, und vor meinen Augen begannen buntschillernde Hecke und schwarze Nebel zu wogen. Ich wu�te, da� ich sterben w�rde, wenn ich inmitten des brennenden Petroleumteppichs auftauchen w�rde. Aber das Ende des Flammenmeeres war noch drei�ig Yards entfernt. Vielleicht waren es auch nur zwanzig, aber das spielte keine Rolle mehr. Genausogut konnte es auf der anderen Seite der Erde sein.</p><p>Mit dem bi�chen Kraft, das mir noch geblieben war, drehte ich mich auf den R�cken und stie� mich zur Oberfl�che empor.</p><p>Die Flammen empfingen mich mit einem br�llenden Willkommen. Hitze, die die Grenzen des Vorstellbaren �berstieg, schlug �ber mir zusammen, und die Luft, die ich atmen wollte, schien sich in geschmolzenen Stahl verwandelt zu haben.</p><p>Und dann, pl�tzlich, war es vorbei.</p><p>Die Flammen erstarrten. Die Hitze verschwand von einer Sekunde auf die andere, und das Br�llen der aufgeputschten Menschenmenge brach so abrupt ab, als w�re eine unsichtbare T�r zwischen ihnen und mir zugeschlagen worden.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis ich aufh�rte zu schreien, und es dauerte noch l�nger, bis ich begriff, was geschehen war. Das hei�t - <emphasis>begreifen </emphasis>tat ich es nicht. Alles, was ich konnte, war, ungl�ubig auf die zur Reglosigkeit erstarrte Menschenmenge am Ufer zu blicken und die meterhohen, gelbroten Flammen anzustarren, die das Hafenbecken in einen lodernden Vulkankrater zu verwandeln schienen.</p><p>Sie bewegten sich nicht mehr. So wie die Menschen am Ufer, wie das Wasser, in dem ich vor Sekunden noch mit aller Macht gegen den Sog der Brandung gek�mpft hatte, wie die tiefh�ngenden grauen Wolken am Himmel, die wie auf einer photographischen Aufnahme zu reglosen Schattengebilden geworden waren, waren auch sie erstarrt, wie von einem bizarren Zauber mitten in der Bewegung eingefroren. Es war, als w�re die Zeit stehengeblieben.</p><p>Eine Hand ber�hrte mich an der Schulter, und als ich erschrocken den Kopf wandte, blickte ich in Rowlfs ru�geschw�rztes Gesicht. Er wollte etwas sagen, war aber offensichtlich zu ersch�pft dazu, sondern deutete nur mit einer matten Geste nach Norden, auf das offene Meer hinaus. M�hsam trat ich Wasser, drehte mich auf der Stelle und blickte in die Richtung, in die seine Hand wies.</p><p>Die Welt war stehengeblieben, aber weit drau�en, Meilen vom Ufer entfernt, gab es einen kleinen Teil der Welt, in dem noch Bewegung und Leben war.</p><p>Leben von unheimlicher, d�sterer Art, das mir das Blut in den Adern gerinnen lie�.</p><p>Ich erkannte nur Schatten. Schatten und die Andeutung von Formen: gewaltige, peitschende Tentakel, unf�rmig aufgedunsene Leiber, verzerrte D�monenfratzen, die aus bodenlosen schwarzen Augen auf die Welt niederblickten. Es war wie ein lautloser Orkan, ein trichterf�rmiges, schwarzes Gebilde, das sich schneller und schneller im Kreis drehte und mit unheimlicher Geschwindigkeit wuchs. Und ich sp�rte, wie <emphasis>irgend etwas </emphasis>aus diesem H�llenwirbel hin�bergriff �ber Zeit und Raum und die erstarrte Menge am Ufer ber�hrte.</p><p>Es war nichts K�rperliches. Nichts Fa�bares. Es war wie die Vereinigung zweier Kr�fte, der dunklen, finster pulsierenden Energie des rasenden H�llenwirbels dort drau�en und des tobenden Hasses der aufgeputschten Menge. Alle negativen Energien, die sich in den letzten Tagen in der Stadt aufgebaut hatten, flossen mit einem einzigen gewaltigen Schlag hin�ber zu diesem f�rchterlichen Etwas, vereinigten und verbanden sich mit ihm und schufen etwas Neues, F�rchterliches. F�r einen Moment wurden die K�rper der M�nner und Frauen am Ufer durchsichtig, transparent, als leuchte hinter ihnen ein unglaublich intensives Licht. Gleichzeitig begann der schwarze Tornado �ber dem Meer schneller zu kreisen, schneller und immer schneller und schneller, bis er das Meer wie eine titanische Riesenfaust spaltete. Eine d�nne, gezackte Linie erschien vor dem Bleigrau des Himmels, wuchs wie ein finsterer Blitz heran und weitete sich in Sekundenschnelle zu einem gigantischen Ri�, einem Ri� in der Wirklichkeit, der Zeit und dem Raum, einer Verbindung zwischen der Realit�t und den Dimensionen des Wahnsinns.</p><p>Und aus diesem Ri� quollen <emphasis>Dinge ...</emphasis></p><p>Titanische Scheu�lichkeiten, Dinge mit Tentakeln und peitschenden, schleimigen F�hlern, monstr�se Ausgeburten eines Fiebertraumes, zu schrecklich, um sie wirklich zu erfassen, ein gigantischer, pulsierender, glitzernder schwarzer Strom wirbelnden Nicht-Lebens, Kreaturen des Wahnsinns, die vor zweitausend Millionen Jahren untergegangen waren und jetzt zu neuem, schrecklichem Dasein auferstanden. Zwei, drei, vier, schlie�lich ein halbes Dutzend mi�gestalteter Alptraumkreaturen tauchten aus dem pulsierenden Dimensionsri� auf und versanken im Meer, und hinter ihnen fluteten weitere heran, Dutzende von ihnen, eine ganze Armee der <emphasis>GROSSEN ALTEN, </emphasis>jeder einzelne eine neue Schrecklichkeit, ein neues Wesen, dessen blo�er Anblick gen�gte, Wahnsinn zu bringen.</p><p>Pl�tzlich begann der Ri� zu flackern. Wie das Bild einer defekten Laterna Magica verzog und verzerrte er sich, begann an den R�ndern zu zerfasern und sich aufzul�sen. Grelle, tausendfach ver�stelte blaue Blitze zuckten aus den Wolken hernieder, peitschten wie d�nne t�dliche Strahlen aus reiner Energie in den Ri� und trafen die bizarren Schreckensgestalten. Der Ri� schlo� sich. Flammen von unglaublicher Intensit�t erf�llten den Korridor durch die Zeit, t�teten viele der <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>und vertrieben die, die sie nicht vernichten konnten. Noch einmal wand und bog sich der Dimensionsri� wie eine gigantische zuckende Wunde, dann zuckte ein letzter, grauenhaft greller Blitz aus den Wolken hernieder und verschlo� ihn vollends.</p><p>Und aus dem Meer, tief, tief vom Grunde des Ozeans, hallte ein ungeheurer Wutschrei herauf.</p><empty-line/><p>Ich wei� nicht, wie ich zur�ck zum Ufer kam. Rowlf und Howard m�ssen mich wohl aus dem Wasser gezogen haben, denn das n�chste, woran ich mich erinnere, war das harte Kopfsteinpflaster der Stra�e und die bittere Galle, die ich in qualvollem W�rgen erbrach. Es war vorbei, das sp�rte ich, aber f�r den Bruchteil einer Sekunde hatte ich ins Herz der H�lle geschaut und den Ha�, der das wahre Wesen der <emphasis>GROSSEN ALTEN </emphasis>ausmachte, gesp�rt, und es war ein Erlebnis gewesen, das ich nie mehr w�rde vergessen k�nnen.</p><p>Als ich endlich die Kraft fand, mich auf H�nde und Knie hochzustemmen und mich umzusehen, bot sich meinen Blicken ein bizarres Bild. Das gesamte Hafenbecken stand in Flammen, aber es war ein Feuer, das mitten in der Bewegung erstarrt war und keine Hitze abgab, so, wie auch das Wasser zu einer gl�sernen Decke gefroren zu sein schien. Selbst die winzigen Schaumspritzer, die von den Wellen hochgewirbelt wurden, waren erstarrt und hingen schwerelos in der Luft.</p><p>Eine Hand ber�hrte mich beinahe sanft am Arm, und als ich den Blick wandte, sah ich Howard. Und hinter ihm ...</p><p>Die Menge stand noch so da, wie sie in diese sonderbare Starre verfallen war: reglos und starr, auf den Gesichtern ein Ausdruck gefrorenen Schreckens, die K�rper leicht durchsichtig, als best�nden sie mehr aus Rauch oder Nebel denn aus Fleisch und Blut, und ich begriff, da� wir uns noch immer in diesem schmalen Zwischenbereich zwischen Realit�t und Jenseits aufhielten. Aber der Gedanke erreichte mein Bewu�tsein kaum. Ich hatte nur Blicke f�r die schlanke, dunkelhaarige Gestalt, die hinter Howard aufgetaucht war und mich aus dunklen Augen musterte.</p><p>Wir sahen uns sogar �hnlich. Jetzt, als ich ihm zum ersten Mal seit Monaten wieder gegen�berstand, fiel mir auf, wie stark die �hnlichkeit zwischen uns war. Er war drei�ig Jahre �lter, aber das war der einzige Unterschied. Wir h�tten Br�der sein k�nnen.</p><p>Aber schlie�lich war er auch mein Vater.</p><p>�Robert.�</p><p>Seine Stimme klang sonderbar; es war eine Spur von Trauer darin, und Furcht. Furcht wovor?</p><p>Ich stand auf, tauschte einen verwirrten Blick mit Howard, der mir nur zul�chelte und zur Seite trat, und ging auf ihn zu.</p><p>�Vater?� fragte ich. �Du bist... zur�ckgekehrt?�</p><p>Er l�chelte. �Ich war die ganze Zeit bei dir, Robert�, sagte er geheimnisvoll. �Aber ich konnte mich nicht zeigen.�</p><p>�Du warst ...� Pl�tzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. �Sean�, sagte ich. �Du warst Sean!�</p><p>Wieder nickte er, und der unerkl�rliche Ausdruck von Trauer in seinem Blick wurde st�rker. �Ich wollte dich noch einmal sehen, ehe ich ... gehen mu�.�</p><p>�Gehen?� wiederholte ich verwirrt.</p><p>Er nickte. �Ja. Ich habe getan, was getan werden mu�te. Meine Aufgabe ist beendet, Robert.�</p><p>�Deine Aufgabe? Du meinst...�</p><p>�Nichts von dem, was geschah, war Zufall�, sagte er ernst.</p><p>�Aber du ... du warst ...�</p><p>�Auf der Gegenseite?� Er l�chelte, sanft und verzeihend. �Das war ich niemals, Robert. Keine Macht des Universums k�nnte mich zwingen, gegen mein eigenes Volk zu k�mpfen. Aber ich mu�te es tun. Ich mu�te dich und Howard und alle anderen t�uschen, um die Gefahr abzuwenden, die �ber uns allen schwebte.�</p><p>Instinktiv blickte ich zum Meer. Der schwarze Tornado war verschwunden, aber - war es Einbildung, oder sah ich es wirklich? - tief unter der Wasseroberfl�che schienen eine Anzahl monstr�ser Schatten zu pulsieren wie gigantische, b�se schwarze Herzen.</p><p>�Das war es, was Yog-Sothoth wollte�, beantwortete Andara meine unausgesprochene Frage. �Er allein wurde durch das Wirken der Hexer von Jerusalems Lot in unsere Welt geholt, aber sein Trachten galt von Anfang an dem Ziel, sein Volk wiederauferstehen zu lassen. Erinnerst du dich an das, was ich dir auf dem Schiff erz�hlte?�</p><p>Ich nickte, schwieg aber und wartete, da� er weiterredete, und nach einer Weile tat er es. �Ich mu�te ihn t�uschen�, sagte er. �Er h�tte einen Weg gefunden, die Schranken der Zeit zu durchbrechen, auch ohne mich.�</p><p>�Aber er <emphasis>hat </emphasis>es getan�, widersprach ich. �Einige seines Volkes sind ...�</p><p>�Nur wenige�, unterbrach er mich. �Nur dreizehn haben den Schritt durch die Zeiten geschafft, und ihre K�rper sind nur Illusion. Sie selbst schlafen noch immer, in einer fernen Dimension. Nur ein Teil ihres Geistes konnte entkommen. Es wird eure Aufgabe sein, sie zu bek�mpfen. Sie werden versuchen, ihre schlafenden K�rper zu erwecken und die alte Macht vollends wiederzuerlangen. Wenn dies geschieht, ist die Welt verloren. Untersch�tze sie niemals, Robert.�</p><p>�Und ... die anderen?� fragte ich stockend.</p><p>�Der Weg, den sie gehen wollten, ist auf immer versperrt�, sagte er. �Deshalb spielte ich euren Feind, Robert. Ich wiegte Yog-Sothoth in dem Glauben, mich zu beherrschen, Herr meines Willens zu sein und sich meiner zu bedienen. Vielleicht habe ich versagt, dreizehn von ihnen Einla� in unsere Welt zu gew�hren, aber es war der einzige Weg, der hundertfachen Zahl den Weg zu versperren.�</p><p>�Dann war es ... eine Falle.�</p><p>�Ja�, antwortete Andara. �Ich mu�te es tun. Und ich hoffe, du kannst mir verzeihen.�</p><p>Verzeihen ... Ich dachte an Gordon und Tremayn, an die M�nner und Frauen, die in dem brennenden Haus ums Leben gekommen waren, an andere Unschuldige, die gestorben waren.</p><p>�Warum?� fragte ich.</p><p>Er schien meine Gedanken zu erraten. �Ich habe dir einmal in einem Brief gesagt, da� du mich eines Tages hassen wirst, Robert�, sagte er leise. �Und ich hasse mich selbst f�r das, was geschehen ist. Aber es gab keinen anderen Weg. Es gibt keine Entschuldigung und keine Rechtfertigung f�r das, was ich getan habe, und doch mu�te ich es.� Er schwieg einen Moment, starrte an mir vorbei auf den Ozean hinaus und seufzte. �Ich werde gehen, Robert. Endg�ltig.�</p><p>�Hei�t das, da� du jetzt... da� du jetzt wirklich stirbst?�</p><p>Er l�chelte, als h�tte ich etwas furchtbar Dummes gesagt. �So etwas wie einen endg�ltigen Tod gibt es nicht, Robert�, sagte er. �Aber es wird lange dauern, ehe wir uns wiedersehen. Ich werde dir nicht mehr helfen k�nnen.�</p><p>�Mir helfen? Dann warst du ...�</p><p>�Ich war es, der den D�mon vertrieb, der von dem M�dchen Besitz ergriffen hatte�, sagte er. �Es war meine Macht, die du gesp�rt hast, Robert. Aber ich werde dir nicht mehr beistehen k�nnen, in Zukunft. Du hast jetzt nur noch dich. Dich und die Macht, die ich dir vererbt habe. �be dich darin, Robert, und nutze sie gut.� Er schwieg, trat auf mich zu und hob die Hand, als wolle er mich ber�hren, tat es aber dann doch nicht. �Und verzeih mir, wenn du kannst�, sagte er, sehr leise und sehr traurig.</p><p>Dann verschwand er.</p><p>Aber ich stand noch lange da und starrte reglos auf die Stelle, an der er gestanden hatte. <emphasis>Eines Tages wirst du mich hassen, </emphasis>hatte er in seinem Brief geschrieben. Ich versuchte, mich dagegen zu wehren, aber ich konnte es nicht. Ich versuchte mir einzureden, da� er getan hatte, was er tun <emphasis>mu�te, </emphasis>da� er keine andere Wahl gehabt hatte, und ich wu�te, da� es wahr war. Aber alles, was ich in meinem Inneren fand, war die Erinnerung an die unschuldigen Menschen, die hatten sterben m�ssen, die geopfert worden waren, um seinen Plan zum Erfolg zu f�hren.</p><p>Ich wollte es nicht.</p><p>Ich wehrte mich mit aller Kraft dagegen, aber es war so, wie er es vorausgesagt hatte. Ich versuchte, ihm zu verzeihen, aber ich ha�te ihn f�r das, was er hatte tun m�ssen. Und ich schwor, mich an denen zu r�chen, die ihn zu dem gemacht hatten, was er geworden war.</p><p>Die GROSSEN ALTEN hatten sein und mein Leben zerst�rt. Und ich w�rde nicht eher ruhen, bis die finsteren G�tter aus der Vorzeit tot waren. Sie - oder ich ...</p></section><section><title><p id="Der_Baumdaemon">Siebtes Buch - Der Baumd�mon</p></title><p>�Still!�</p><p>Howard legte warnend den Zeigefinger auf die Lippen, pre�te sich dichter gegen die Wand und wartete mit angehaltenem Atem, bis die Stimmen und Schritte n�hergekommen und wieder verklungen waren. Erst dann wagte er es, sich vorsichtig aus dem Schatten zu erheben und geduckt zu uns zur�ckzuhuschen. Mit einer fahrigen, nerv�s wirkenden Bewegung, die seine Ersch�pfung mehr als alles andere verriet, lie� er sich zwischen Rowlf und mir in die Hocke sinken, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber das Gesicht und deutete mit dem Daumen zur�ck.</p><p>�Ich glaube, wir k�nnen es riskieren�, murmelte er. �Es sind nur noch ein paar Blocks. Es wird dunkel.�</p><p>Seine Art zu reden war noch abgehackter und schneller geworden als normal, und obwohl ich ihn im rasch schw�cher werdenden Licht der D�mmerung nur als graufleckigen Schatten erkennen konnte, sah ich ihm seine Ersch�pfung �berdeutlich an. Wenn er sich bewegte, dann tat er es ruckhaft, starr; als w�ren an seinen Gliedern d�nne F�den befestigt, an denen ein unsichtbarer Puppenspieler zog.</p><p>M�de blickte ich in die Richtung, in die er gedeutet hatte. Der Torbogen erschien mir wie ein finsterer H�hleneingang, und die Stra�e und die H�user dahinter waren nur als blinkende, matte Schemen zu erkennen, auf denen sich ab und zu flackernder Feuerschein brach, je nachdem, wie der Wind stand und die Schleier aus str�mendem Regen aufrissen, die ununterbrochen auf die Stadt niederst�rzten. Der Hafen brannte noch immer.</p><p>Howard beugte sich vor, st�tzte sich mit der linken Hand am Rande einer der Tonnen ab, hinter denen wir Zuflucht gesucht hatten, und griff mit der anderen nach Rowlfs Schulter. Rowlf st�hnte. Seine Lider �ffneten sich einen Spaltbreit, aber die Augen dahinter waren tr�b, ihr Blick leer und glanzlos. Sein Gesicht gl�hte. In der grauen Helligkeit sahen die Brandblasen darauf aus wie rote Pockennarben, und sein Schwei� roch schlecht und s�uerlich. Howard hatte diesen verlassenen Hinterhof vor sechs oder sieben Stunden entdeckt, und seither verkrochen wir uns hier wie Ratten, die vor der Katze flohen, unter Unrat und M�ll verborgen, zitternd vor K�lte und Angst und erbarmungsloser gejagt als Tiere. Rowlf hatte ein paarmal das Bewu�tsein verloren in dieser Zeit. Er wachte immer wieder auf, aber der Unterschied zwischen den Perioden, in denen er halbwegs klar war oder fieberte und phantasierte, wobei er manchmal um sich schlug und im Fieber schrie, so da� wir ihn halten und mit Gewalt zum Schweigen bringen mu�ten, verschob sich langsam, aber unbarmherzig zu seinen Ungunsten.</p><p>Der Anblick versetzte mir einen scharfen, schmerzhaften Stich. Ich kannte diesen gro�en, st�ndig zu lauten und st�ndig gereizt scheinenden Burschen jetzt seit drei Monaten, aber eigentlich war mir erst in den letzten Stunden klargeworden, wie sehr ich ihn mochte; in den Stunden, in denen ich frierend und zitternd vor Angst dagesessen und darauf gewartet hatte, da� es endlich dunkel wurde, und in denen ich hilflos zusehen mu�te, wie er vor meinen Augen verfiel.</p><p>�Er braucht einen Arzt�, sagte ich. Howard blickte kurz auf, sah mich einen Moment schweigend an, und machte dann eine Kopfbewegung, die wie eine mi�lungene Mischung aus einem Nicken und einer Verneinung aussah; wahrscheinlich sollte sie genau dies sein.</p><p>�Ich wei߫, sagte er. �Aber er mu� durchhalten, bis wir Bettyhill erreichen. Wenn uns auch nur eine Menschenseele sieht, solange wir noch in dieser Stadt sind ...�</p><p>Er sprach nicht weiter, aber das war auch nicht n�tig. Wir versteckten uns nicht aus Spa� wie gemeine Verbrecher in Hinterhofen und M�llhaufen. Ein eisiger, kalter Zorn stieg in mir auf, als ich an die Ereignisse der letzten Tage zur�ckdachte. Als wir Durness erreicht hatten, die mir jetzt, im nachhinein, wie Jahre vorkamen, waren wir ganz normale Touristen gewesen, Gro�st�dter, auf die die Einwohner der kleinen nordschottischen Hafenstadt Durness mit einem gelinden L�cheln und der den Schotten eben �blichen �berheblichkeit herabblickten. Fremde, die sie verachteten und �ber die sie sich insgeheim vielleicht sogar am�sierten, wenn sie es nicht einmal merkten und ihr gutes Geld in ihren L�den und Pubs ausgaben. Jetzt schrie die ganze Stadt nach unserem Blut.</p><p>Meine Gedanken kehrten zur�ck zu den Ereignissen der vergangenen Nacht und des Morgens, w�hrend Howard sich neben mir bem�hte, Rowlf mit sanftem Sch�tteln an der Schulter aufzuwecken und ihm auf die F��e zu helfen, und wieder sp�rte ich diesen eisigen, mit einem Gef�hl qu�lender Hilflosigkeit gepaarten Zorn. Sie hatten uns gejagt wie die Tiere. Der Zorn des aufgeputschten Mobs war so gewaltig gewesen, da� sie unser Boot angez�ndet und Petroleum ins Hafenbecken gesch�ttet hatten, um uns bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Nun, sie hatten die Quittung bekommen, und zwar prompt. Das brennende Petroleum hatte sich mit rasender Geschwindigkeit �ber das ganze Hafenbecken ausgebreitet und in wenigen Augenblicken nicht nur das Dutzend Schiffe, das dort vert�ut lag, sondern auch die angrenzenden Geb�ude und Lagerh�user in Brand gesetzt. Und das Feuer tobte noch immer, obwohl die ganze Stadt zusammengekommen war, um es zu l�schen. Dabei glich es schon fast einem Wunder, da� der Brand nicht noch weiter um sich gegriffen und die ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt hatte.</p><p>�Hilf mir�, sagte Howard leise. Ich schrak aus meinen Gedanken hoch, fuhr fast schuldbewu�t herum und legte die H�nde unter Rowlfs R�cken. Er war wach und versuchte uns zu helfen, aber seine Bewegungen waren ohne Kraft und ziellos. Er st�rzte fast, als er endlich auf seinen F��en stand und sein Gewicht schwer auf Howards und meine Schultern st�tzte.</p><p>Der Regen peitschte uns eisig in die Gesichter, w�hrend wir uns zum Tor schleppten. In den schr�g fallenden Schleiern glitzerte Eis, und ich roch Schnee. Es war absurd, aber mir fiel pl�tzlich ein, da� es fast Dezember und nicht mehr lange bis Weihnachten war, Rowlfs Gewicht dr�ckte wie eine Tonnenlast auf meine Schultern, und auch Howard taumelte, nachdem wir den Torbogen erreicht und in seinem Schatten stehengeblieben waren.</p><p>Behutsam l�ste er Rowlfs Arm von seiner Schulter, lehnte ihn halbwegs gegen die Wand und wies mit einer Kopfbewegung zur Stra�e. �Halt ihn einen Moment�, sagte er. �Ich sehe nach, ob die Stra�e frei ist.�</p><p>�Das hat doch keinen Sinn�, widersprach ich. �Wir schaffen es nicht, Howard. Und Rowlf auch nicht.�</p><p>Er schwieg. Sein Blick huschte besorgt �ber Rowlfs Gesicht, und ich sah einen Ausdruck von Mutlosigkeit in seinen Augen, der neu an ihm war. Ich hatte immer gedacht, da� es nichts g�be, was diesen Mann wirklich ersch�ttern k�nnte. Aber das stimmte nicht.</p><p>�Wir brauchen Hilfe�, sagte ich, als Howard auch nach einer Weile noch keine Anstalten machte, mir zu antworten. �Einen Arzt. Oder wenigstens einen Wagen.�</p><p>Howard antwortete auch diesmal nicht, aber das war auch gar nicht n�tig. Die Bewohner von Durness hielten uns f�r tot; viele von ihnen glaubten, uns mit eigenen Augen in den brennenden Fluten des Hafenbeckens umkommen gesehen zu haben, und das war auch gut so. Denn wenn sie auch nur vermuteten, da� wir noch am Leben waren, w�rde die Hexenjagd von vorne beginnen. Und eine Hexenjagd war es im wahrsten Sinne des Wortes. Die M�nner und Frauen von Durness hielten uns - und wohl im besonderen mich - f�r Hexer, Diener des Satans. Das Unheil, das die entfesselten Kr�fte des Necronomicons �ber die kleine Hafenstadt gebracht hatte, fiel auf uns zur�ck, und sie reagierten, wie Menschen seit Urzeiten auf alles reagiert hatten, was sie nicht verstanden und was sie �ngstigte: mit Ha� und Gewalt.</p><p>�Kein ... Arzt�, murmelte Rowlf. Er hatte meine Worte verstanden, aber es hatte eine Weile gedauert, bis er die Kraft gefunden hatte, darauf zu antworten. �Niemand darf ... uns sehen, Kleiner. Sie ... d�rfen nicht wissen, da� wir ... noch leben.�</p><p>�Zumindest in deinem Fall kann sich das ganz schnell �ndern, Rowlf�, antwortete ich ernst. �Der n�chste Arzt d�rfte in Bettyhill sein. Und das sind drei�ig Meilen.�</p><p>�Robert hat recht�, stimmte Howard d�ster zu. �Das schaffst du nicht.�</p><p>�Dann la�t mich zur�ck�, antwortete Rowlf. Seine Stimme zitterte vor Schw�che, aber ich sp�rte, da� er seine Worte vollkommen ernst meinte.</p><p>�Das kommt �berhaupt nicht in Frage�, widersprach ich.</p><p>�Ich werde irgendwo Hilfe auftreiben. Wenn schon keinen Arzt, dann wenigstens einen Wagen.� Ich deutete mit einer zornigen Kopfbewegung auf die Stra�e hinaus. Der Widerschein des Gro�brandes unten am Hafen lie� das feuchte Kopfsteinpflaster aufleuchten, als w�re es in Blut getaucht. �Irgend jemanden mu� es doch in dieser verdammten Stadt geben, der seine f�nf Sinne noch beisammen hat.�</p><p>�Und wen?� fragte Howard d�ster.</p><p>Diesmal blieb ich die Antwort schuldig. Die Wut, mit der uns diese Menschen verfolgten, war mit rationalen Gr�nden nicht mehr zu erkl�ren. Sie waren verhext, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir k�mpften gegen Kr�fte, die jenseits aller Logik standen.</p><p>Mein Blick richtete sich instinktiv auf das gro�formatige, in schwarzes Leder gebundene Buch, das Howard unter dem linken Arm trug. Es sah so harmlos aus, so verdammt banal. Und doch war es schuld am Tod zahlloser Menschen - und unserer Lage.</p><p>Howard erschrak, als er meinen Blick bemerkte. Er sagte nichts, aber die Art, in der er die Hand auf den Buchr�cken legte, dr�ckte genug aus. F�r einen kurzen Moment hatte ich wirklich mit dem Gedanken gespielt, die Kr�fte des Necronomicons auszunutzen, um hier herauszukommen. Nat�rlich war das unm�glich. Dieses Buch war das Nonplusultra des B�sen. Wer an seiner Macht r�hrte, der mu�te daf�r bezahlen. Und wie schrecklich der Preis war, den es verlangte, hatte ich mit eigenen Augen gesehen ...</p><p>�Geht zur�ck�, sagte ich. �Ich werde versuchen, irgendwo einen Wagen zu stehlen.�</p><p>Howard schien widersprechen zu wollen, atmete aber dann blo� h�rbar ein und nickte widerstrebend. Die wenigen Schritte, die wir Rowlf gest�tzt hatten, hatten ihm deutlicher als alle Erkl�rungen gezeigt, wie sinnlos unser Unterfangen war. Vielleicht - aber auch nur vielleicht - h�tten wir es sogar geschafft, die wenigen Blocks bis zum Ortsausgang hinter uns zu bringen, ohne entdeckt zu werden. Aber die drei�ig Meilen bis Bettyhill waren schon f�r einen gesunden, ausgeruhten Mann ein gewaltiger Spaziergang. F�r uns - und vor allem f�r Rowlf - waren sie un�berbr�ckbar. Genausogut h�tten wir versuchen k�nnen, nach London zu schwimmen.</p><p>�Versuch es�, sagte er schlie�lich. �Wir haben wohl keine andere Wahl.�</p><p>�Die habt ihr doch�, widersprach Rowlf. �Ihr beide k�nnt es schaffen, wenn ihr mich hierla�t. Ich komme schon irgendwie durch.�</p><p>�Unsinn�, widersprach Howard. �Sobald sie das Feuer gel�scht haben, wird es hier wieder von Menschen wimmeln. Robert hat recht - entweder schaffen wir es alle, oder gar keiner.�</p><p>Rowff fuhr auf. �Aber das ist -�</p><p>�Das einzig Logische�, unterbrach ihn Howard. �Glaubst du, wir h�tten eine Chance, wenn sie dich finden? Sie w�rden dich umbringen und dann anfangen, uns zu suchen. Nein, Rowlf - wir haben gar keine andere Wahl, als dich mitzunehmen.� Er sah mich an. �Geh. Wir warten hier. Aber gib acht, da� dich niemand sieht.�</p><p>Ich nickte, drehte mich ohne ein weiteres Wort um und trat mit gesenktem Kopf auf die Stra�e hinaus. Vom Hafen drang flackernder, rotgelber Lichtschein und das Raunen einer gewaltigen Menschenmenge herauf; Schreie, L�rmen, das Schrillen einer Glocke. Aber die Stra�e rechts und links von mir schien ausgestorben zu sein.</p><p>W�hrend ich mit weit, ausgreifenden Schritten stadteinw�rts ging, arbeiteten meine Gedanken auf Hochtouren. Mein Vorhaben war nicht halb so leicht, wie ich Howard Glauben hatte machen wollen. Durness war eine Stadt, kein kleines Bauerndorf, auf dem hinter jedem Haus ein Pferd bereitstand. Ich konnte kaum darauf hoffen, einfach so einen Wagen zu finden, der nur darauf wartete, von mir mitgenommen zu werden.</p><p>Aber vielleicht gab es doch jemanden, der uns half ...</p><empty-line/><p><emphasis>Es war still hier, tief unter der Erde. Das Ding hatte den Fu� des Kreidefelsens erreicht und war aus der Brandung aufgetaucht wie Klumpen aus Dunkelheit und gestaltgewordener Furcht, ein schwarzer D�mon, der aus den Abgr�nden der Zeit und der H�lle emporgewachsen war und den Schrecken einer seit drei�ig Millionen Generationen erloschenen Epoche mit sich brachte, formlos und zitternd wie eine ins Absurde vergr��erte Am�be war es den schrundigen steilen Fels der K�ste emporgeflossen, hatte ihre Kante erreicht und sich - nach einer Weile, als m�sse es Kraft sch�pfen, sich vielleicht auch orientieren, obwohl es �ber keine sichtbaren Sinnesorgane verf�gte - nach S�den gewandt, mit den vereinten Instinkten des J�gers und des Gejagten den Schutz des nahen Waldes ansteuernd. Wo es entlanggekrochen war, war eine breite, glitzernde Spur aus nacktem Stein und trockenem, steril gewordenen Erdreich zur�ckgeblieben, eine Bahn des Todes, in der sich nicht einmal mehr mikroskopisches Leben regte; Erdreich, das wie von einer t�dlichen S�ure bis tief in den Boden hinein sterilisiert worden war.</emphasis></p><p><emphasis>Das Wesen war weitergekrochen, hatte mit schwarzschleimigen F�hlern hierhin und dorthin gegriffen, von Zeit zu Zeit verharrt und schlie�lich den Waldrand erreicht. Seine Arme hatten sich aufgespalten, waren zu zahllosen haarfeinen Tastern geworden, die gierig in alle Richtungen griffen und nach Leben suchten; Nahrung, die den Hunger von zweitausend Millionen Jahren nicht zu stillen vermochte. Eine breite, wie mit Feuer ausgebrannte Spur war im Wald zur�ckgeblieben, ein halbkreisf�rmiger, ausgefr�ster Tunnel, der den Weg markierte, den der Shoggote genommen hatte. Schlie�lich hatte er eine Lichtung erreicht und war wieder verharrt, hatte haarfeine F�hler in den Boden gesenkt und geduldig gesucht und geforscht, bis er gefunden hatte, was er brauchte: eine H�hle eine licht- und luftlose Blase, drei�ig, vierzig Fu� unter dem Waldboden, vor �onen durch eine Willk�r der Natur entstanden. Trotz seiner gewaltigen K�rpermasse hatte es ihm keine Schwierigkeiten bereitet, das Erdreich zu durchdringen: Sein Leib hatte sich in eine schwammige Gallertmasse verwandelt, die tr�ge wie z�hfl�ssiges �l durch das Erdreich flo� und sich tief unter dem Wald wieder zu der absurden Monstrosit�t vereinigte, als die es an Land gekrochen war.</emphasis></p><p><emphasis>Wieder war er lange und reglos liegengeblieben, eine scheinbar sinnlose Anh�ufung schwarzer Zellen und hirn- und geistloser Protoplasma-Masse, die in regelm��igen Abst�nden pulsierte. Dann, irgendwann nach Stunden, hatte er wieder F�hler ausgeschickt, Tast�rmchen, hundertmal d�nner als ein menschliches Haar, die das Erdreich im weiten Umkreis durchdr�ngen, und, unsichtbar f�r das menschliche Auge, damit begannen, ein gewaltiges unterirdisches Gewebe zu schaffen, ein Ding wie ein gigantisches Spinnennetz, in dessen Zentrum der riesige Shoggote sa�. Er sp�rte das Leben, das ihn umgab, und wieder flammte die Gier in ihm auf, der Impuls, alles zu fressen und zu absorbieren, was er erreichen konnte, wie es seine Art war.</emphasis></p><p><emphasis>Und doch tat er es nicht. Seine Tentakel erreichten Baumwurzeln und Gras, vereinigten sich mit dem Geflecht der Pilze, das den Waldboden wie ein lebender Teppich durchdrang, und vereinigten sich mit ihm, um etwas Neues, F�rchterliches zu schaffen... </emphasis></p><empty-line/><p>Es war dunkel geworden, w�hrend ich, wie ein Dieb von T�r zu T�r und von Schatten zu Schatten huschend, weiter stadteinw�rts geeilt und schlie�lich nach Osten abgebogen war, statt der Hauptstra�e zu folgen, die mich zum Hafen hinabgef�hrt h�tte. Ich war einer Anzahl Menschen begegnet, aber niemand hatte Notiz von mir genommen. Die hereinbrechende Dunkelheit und der Brand am Hafen sch�tzten mich, und Durness war, obgleich alles andere als eine Gro�stadt, so doch auch nicht so klein, da� sich seine Bewohner untereinander alle gekannt h�tten. Trotzdem hatte ich mich geh�tet, den Hut abzusetzen oder gar einem der M�nner oder Frauen, die mir begegnet waren, direkt ins Gesicht zu blicken.</p><p>Ich war nicht sicher gewesen, ob ich das Haus wiederfinden w�rde, aber - so absurd es klang - die Dunkelheit half mir dabei. Es war dunkel gewesen, als ich das erste und einzige Mal hiergewesen war, und obwohl ich nicht einmal sonderlich auf den Weg geachtet hatte, hatte ich mir doch unbewu�t den einen oder anderen markanten Punkt eingepr�gt, und nach weniger als einer halben Stunde stand ich vor dem sch�bigen Haus und sah mich fast angstvoll nach beiden Seiten um. Ich war jetzt n�her am Hafen, und ab und zu, wenn sich der Wind drehte, konnte ich das Prasseln der Flammen und das Schreien und Rufen der L�schmannschaften h�ren. Die halbe Stadt mu�te auf den Beinen sein, um das Feuer zu l�schen, und so, wie es aussah, w�rden sie noch einen guten Teil der Nacht damit zu tun haben. Zeit genug f�r uns ...</p><p>Ich sah mich noch einmal sichernd nach allen Seiten um, schob dann die T�r mit einer entschlossenen Bewegung auf und trat geb�ckt ins Haus. Der Flur mit der steil nach oben f�hrenden Holztreppe kam mir noch sch�biger und heruntergekommener vor als beim ersten Mal, und nach der kalten, vom Regen gereinigten Luft drau�en hatte ich das Gef�hl, hier drinnen kaum mehr Atem holen zu k�nnen. Ich schlo� die T�r, zog den Hut noch ein wenig tiefer in die Stirn, f�r den Fall, da� mir unverhofft jemand entgegenkommen sollte, und eilte die Treppe hinauf.</p><p>Vor der schmalen T�r am Ende des Korridores blieb ich noch einmal stehen. Pl�tzlich fielen mir tausend Dinge ein, die schief gehen konnten, und f�r einen kurzen Moment war ich dicht davor, einfach kehrt zu machen und davonzulaufen, so schnell ich konnte. Irgendwo w�rde ich einen Wagen oder wenigstens ein Pferd auftreiben - wozu hatte ich den gr��ten Teil meines Lebens unter Dieben und Halsabschneidern verbracht?</p><p>Aber ich tat es nicht. Es ging nicht nur darum, einen Wagen zu bekommen. Wir brauchten einfach Hilfe, wenn wir auch nur eine winzige Chance haben wollten. Statt dessen legte ich die Hand auf die T�rklinke, lauschte einen Moment und dr�ckte sie entschlossen herunter und betrat das dahinterliegende Zimmer.</p><p>Mi� Winden war allein mit ihrer Tochter, wie ich gehofft hatte. Sie sa�, leicht nach vorne gebeugt und ein sauberes Tuch in der Hand, mit dem sie offenbar die Stirn ihrer Tochter befeuchtet hatte, auf der Kante von Sallys Bett. Als ich die T�r �ffnete, drehte sie sich ohne sonderliche Hast herum, sah auf - und erstarrte.</p><p>Ich war mit einem einzigen Satz bei ihr. Als der Schrecken von ihr abfiel und sie den Mund �ffnete, um zu schreien, ri� ich sie unsanft hoch, pre�te ihr die Hand auf den Mund und hielt sie mit der anderen fest. �Bitte�, sagte ich hastig. �Schreien Sie nicht, Mi� Winden. Ich tue Ihnen nichts!�</p><p>Einen Moment lang wehrte sie sich mit verzweifelter Kraft, aber ihr Widerstand erlahmte so schnell, wie er aufgeflammt war. Ihre Augen weiteten sich. Der Ausdruck des Schreckens, der bei meinem Eintreten darin erschienen war, wandelte sich pl�tzlich in Furcht, dann in Grauen. Ich lockerte meinen Griff ein wenig, pre�te die Hand jedoch weiter auf ihre Lippen.</p><p>�Versprechen Sie mir, nicht zu schreien�, sagte ich hastig. �Ich bitte Sie, Mi� Winden. Alles, was ich will, ist, da� Sie mir einen Moment zuh�ren.�</p><p>Sie nickte, aber ich lie� noch immer nicht los. �Versprechen Sie mir, nicht zu schreien?� fragte ich noch einmal. Diesmal dauerte es l�nger, ehe sie reagierte: mit einem Schlie�en der Augen, das ich als Nicken deutete. Langsam nahm ich die Hand herunter und lie� gleichzeitig - wenn auch noch immer gespannt und bereit, jederzeit wieder zuzupacken - ihr Handgelenk los.</p><p>Die dunkelhaarige Frau prallte mit einem nur halb unterdr�ckten Schluchzen zur�ck, bis ihre Kniekehlen gegen das Bett des M�dchens stie�en, schlug die Hand vor den Mund und starrte mich aus schreckgeweiteten Augen an. �Was ... was wollen Sie?� keuchte sie. �Was wollen Sie hier?�</p><p>�Ihre Hilfe�, antwortete ich. �Wir brauchen Ihre Hilfe, Mi� Winden.�</p><p>�Meine ...� Sie stockte, starrte hilfesuchend an mir vorbei zu der offenen T�r in meinem R�cken und rang hilflos mit den H�nden. �Wieso sind Sie hier?� stammelte sie. �Wieso leben Sie noch. Ich dachte, Sie ... Sie sind ...�</p><p>�Tot?� Ich sch�ttelte den Kopf, drehte mich um und schlo� die T�r. �Das denken alle, Mi� Winden, aber es stimmt nicht. Wir konnten uns retten. Aber wir brauchen Hilfe.�</p><p>�Hilfe? Von mir?� Ihre Worte klangen fast wie ein Schrei. Sie sch�ttelte den Kopf, so heftig, da� ihre Haare flogen. �Ich habe nichts mit Ihnen zu schaffen. Gehen Sie. Gehen Sie weg. Ich bin nur eine hilflose Frau. Ich kann Ihnen nicht helfen. Und ich will es auch nicht.�</p><p>Ich starrte sie einen Moment an, ging wieder zu ihr hin�ber und n�herte mich dem Bett mit dem schlafenden M�dchen. Als ich zwei Schritte davon entfernt war, vertrat mir Mi� Winden den Weg. Sie zitterte vor Angst, aber der Impuls, ihre Tochter zu sch�tzen, war st�rker. Ich blieb stehen und blickte �ber ihre Schulter hinweg auf das reglos daliegende M�dchen herab. Sallys Gesicht war so bla� und eingefallen wie am Vorabend, und ihr Atem ging noch immer sto�weise und unruhig, aber es war jetzt nur noch das Fieber, mit dem sie rang.</p><p>�Sie sind es uns schuldig, Mi� Winden�, sagte ich leise.</p><p>Sie fuhr zusammen, als h�tte ich sie geschlagen. Ihre Lippen zuckten, und ihr Blick wanderte unstet zwischen dem bleichen Antlitz ihrer Tochter und meinem Gesicht hin und her. Sie schwieg.</p><p>�Sie sind es uns schuldig, Mi� Winden�, sagte ich noch einmal. �Ohne Howards Hilfe w�re Ihre Tochter jetzt tot. Nun brauchen wir Ihre Hilfe.� Ich kam mir bei diesen Worten so abscheulich und gemein vor wie noch nie zuvor in meinem Leben, und ich sah, wie sie unter jeder einzelnen Silbe wie unter einem Hieb zusammenfuhr. Aber es mu�te sein. Ich hatte keine Wahl, wenn ich Rowlfs Leben retten wollte.</p><p>�Bitte�, f�gte ich, leiser und - ohne da� es mir im ersten Moment selbst zu Bewu�tsein gekommen w�re - in fast flehendem Tonfall hinzu. �Ich tue es nicht gerne, aber einer meiner Freunde wird sterben, wenn Sie uns nicht helfen.�</p><p>Sie starrte mich an. In ihren Augen glitzerten Tr�nen, und ihre Finger verkrallten sich in einer unbewu�ten Bewegung in den d�nnen Stoff ihres Kleides. Ihre Lippen zuckten. Sie blickte zu Boden, schluckte ein paarmal hintereinander, hart und krampfhaft, starrte ihre Tochter und dann wieder mich an und atmete h�rbar ein. �Was wollen Sie?� fragte sie schlie�lich. �Ich kann Sie nicht verstecken, und ich habe keinen Wagen, den ich Ihnen geben k�nnte. Was wollen Sie von mir? Warum qu�len Sie mich?�</p><p>�Das ... liegt nicht in meiner Absicht�, antwortete ich ehrlich. <emphasis>Warum erschreckten mich ihre Worte so? </emphasis>�Ich w�re nicht hierher gekommen, wenn ich einen anderen Ausweg gewu�t h�tte, glauben Sie mir.�</p><p>Wieder schwieg sie einen Moment, und wieder blickten mich ihre Augen in einer Art an, da� es mir eisig den R�cken herablief.</p><p>�Ist... ist es wahr, da� Sie den Hafen angez�ndet haben?� fragte sie pl�tzlich. �Sie und Ihre Freunde?�</p><p>�Ich?� Ihre Worte verwirrten mich so sehr, da� ich im ersten Moment unf�hig war, zu antworten, sondern sie nur mit offenem Mund anstarrte. �Aber das ist doch Wahnsinn!� keuchte ich. �Wir -�</p><p>�Was sind Sie?� fragte Mi� Winden. Pl�tzlich war sie ganz ruhig; von jener �bertriebenen, fast verkrampften Gefa�theit, hinter der sich mit aller Macht niedergehaltene Panik zu verbergen pflegt. �Was sind Sie?� fragte sie noch einmal, als ich nicht gleich antwortete. �Sie und Ihre Freunde?�</p><p>�Was sagt man denn, das wir sind?� fragte ich.</p><p>�Man sagt, Sie w�ren ein Hexer, Mister Craven�, antwortete Mi� Winden ernst. �Man sagt, Sie w�ren mit dem Teufel im Bunde. Ist... ist das wahr?�</p><p>�Unsinn�, schnappte ich, aber ich sah an der Reaktion auf ihrem Gesicht, da� es genau die falsche Antwort war, und f�gte, so ruhig ich in diesem Moment konnte, hinzu: �Es ist nicht wahr, Mi� Winden. Ich ... ich kann es Ihnen jetzt nicht erkl�ren, aber wir sind weder mit dem Teufel noch mit sonstwem im Bunde. Der Brand am Hafen ist nicht unsere Schuld, im Gegenteil. Es waren ... es waren die M�nner, die uns t�ten wollten. Sie haben Petroleum ins Wasser gegossen, um uns zu verbrennen. Der Brand hat sich ausgeweitet und auf das Hafengebiet �bergegriffen, aber es war nicht unsere Schuld.�</p><p>�Sie sind ein Hexer!� beharrte sie. Der Ausdruck der Furcht in ihren Augen wurde st�rker. �Sie ... seit Sie in die Stadt gekommen sind, ist das Ungl�ck hier eingekehrt. Es sind -�</p><p>�Es sind sonderbare Dinge geschehen, ich wei߫, unterbrach ich sie. Ich versuchte zu l�cheln - es mi�lang -, ging sehr langsam, um sie nicht noch mehr zu �ngstigen und zu einer unbedachten Handlung hinzurei�en, um das Bett herum, und lie� mich auf seine Kante sinken. Sally bewegte im Schlaf den Kopf. Ich sah, da� ihre Haut fiebrig gl�nzte und ihre Lippen aufgesprungen und rissig waren; sie bot ein Bild des Jammers. Es war schwer vorstellbar, da� dieses unschuldige Kind noch vor Tagesfrist ein Ungeheuer in sich beherbergt hatte, das den Grenzen des Vorstellbaren schlichtweg spottete. Behutsam beugte ich mich vor und ber�hrte ihre Stirn mit dem Handr�cken. Ihre Haut war hei�. Aber es war sonderbar - fast im gleichen Augenblick, in dem meine Hand ihre Stirn ber�hrte, h�rte sie auf, sich im Schlaf hin und her zu werfen. Ihr Atem beruhigte sich, und die Aug�pfel, die sich bisher hektisch hinter den geschlossenen Lidern hin und her bewegt hatten, kamen endlich zur Ruhe.</p><p>Mi� Winden sog scharf die Luft ein. �Was ... was tun Sie mit ihr?� fragte sie mi�trauisch.</p><p>�Nichts�, antwortete ich. �Keine Sorge - ich habe weder vor, Sally etwas zuleide zu tun, noch sonst irgendeinem Menschen. Glauben Sie mir, ich bin nicht ihr Feind. Im Gegenteil.�</p><p>Sie schluckte. Ihr Blick flackerte unstet.</p><p>�Ich wei�, was die Menschen hier �ber uns sagen�, sagte ich leise. �Und ich kann sie fast verstehen. Es sind ... sonderbare Dinge geschehen, seit wir nach Durness kamen. Und vielleicht ist es sogar unsere Schuld. Vielleicht h�tten wir niemals hierherkommen d�rfen.�</p><p>Fast eine Minute lang starrte mich Mi� Winden an. Dann, mit einer Bewegung, der man ansah, wieviel �berwindung sie sie kostete, nickte sie. �Ich ... werde Ihnen helfen�, sagte sie, so leise, da� ich M�he hatte, sie �berhaupt zu verstehen.</p><p>�Dann glauben Sie mir?� fragte ich.</p><p>�Ich werde Ihnen helfen, Ihnen und Ihren Freunden�, erwiderte sie steif. �Sie haben das Leben meiner Tochter gerettet, Mister Craven. Ich habe Ihnen gesagt, da� ich alles tun werde, was Sie daf�r verlangen. Und ich halte mein Wort.�</p><p>Das war nicht die Antwort, die ich hatte h�ren wollen; ganz und gar nicht. Aber es war die einzige, die ich bekommen w�rde. Einen Moment lang hielt ich ihrem Blick noch stand, dann stand ich auf, trat einen Schritt von Sallys Bett zur�ck und begann ihr mein Vorhaben zu erkl�ren.</p><empty-line/><p><emphasis>Das Netz war gewachsen. Millionen und Abermillionen haarfeiner, tausendfach ver�stelter F�den durchzogen den Waldboden im Umkreis von mehreren Meilen mit einem schwarzen, �ligen Geflecht, und der K�rper des Shoggoten hatte im gleichen Ma� an Masse verloren, wie sich das Gewebe ausgebreitet hatte. Er hatte Nahrung aufgenommen, auf die grausame Weise, die seiner Art angeboren war - wo er auf Leben anderer als pflanzlicher Art gesto�en war, hatte er es absorbiert, sein Zellgef�ge aufgebrochen und zu einem Teil seines eigenen, jetzt �ber Meilen und Meilen verteilten bizarren K�rpers gemacht. Sein eigentlicher Leib war jetzt kaum mehr gr��er als der eines Menschen, allenfalls der einer Kuh; trotzdem hatte sich seine Masse fast verzehnfacht, seit er an Land gekrochen war.</emphasis></p><p><emphasis>Jetzt fra� er nicht mehr. Sein K�rper breitete sich weiter aus, das Netz wuchs unaufh�rlich, aber er hatte genug organische Materie in sich aufgenommen, um seine eigentliche Aufgabe in Angriff zu nehmen. Trotz seiner boshaften Intelligenz war er nicht viel mehr als eine Maschine, ein Ding, das zu einem einzigen, ganz bestimmten Zweck erschaffen worden war, und das nur die Wahl hatte, seine Aufgabe zu erf�llen oder zu sterben. Aber wie konnte etwas sterben, das niemals gelebt hatte? </emphasis></p><empty-line/><p>Eine knappe Stunde sp�ter kehrten wir zu dem Hinterhof am �stlichen Stadtrand von Durness zur�ck. Ein Fuhrwerk zu besorgen war beinahe leichter gewesen, als ich zu hoffen gewagt hatte. Ich hatte Mi� Winden Geld gegeben, und sie hatte einen Wagen mit zwei Pferden gemietet. Wie sie mir erz�hlte, hatte der Mann, bei dem sie das Fuhrwerk erstanden hatte, sie nur kopfsch�ttelnd angesehen, aber keine Fragen gestellt: Sie war nicht die einzige, die die Stadt an diesem Tage vorsorglich verlassen hatte; der Brand im Hafen war noch immer nicht vollkommen unter Kontrolle, und so mancher war geflohen, aus Furcht, das Feuer k�nne auf die ganze Stadt �bergreifen, oder einfach aus Panik. Ich hatte noch eine Weile im Wagen versteckt warten m�ssen, ehe sie eine Nachbarin gefunden hatte, die sich bereiterkl�rte, f�r den Rest der Nacht an Sallys Bett Krankenwache zu halten. Mi� Winden hatte mir nicht gesagt, welche Begr�ndung sie daf�r gefunden hatte, aber sie hatte es, und ich gab mich damit zufrieden, sie nach einer Weile aus dem Haus kommen und auf den Kutschbock steigen zu sehen. Keiner von uns hatte es ausgesprochen, aber wir waren uns beide dar�ber im klaren, da� sie sich mit ihrer Hilfe selbst in Gefahr brachte. Wenn wir entdeckt wurden, w�rde sich der Zorn der Menge auch auf sie entladen.</p><p>Es war fast zehn, als der Wagen vor der finsteren Toreinfahrt hielt. Ich bedeutete Mi� Winden mit Zeichen, zu warten, sprang ohne ein weiteres Wort vom Bock und eilte geb�ckt auf den finsteren Hinterhof. Im ersten Moment sah ich nichts - das unregelm��ige Karree schien ausgestorben zu sein, und weder von Rowlf noch von Howard war eine Spur zu sehen, aber nachdem ich ein paarmal halblaut Howards Namen gerufen hatte, erwachte ein Schatten raschelnd hinter den M�llbeh�ltern.</p><p>�Bist du es, Robert?�</p><p>Ich nickte, trat auf ihn zu und blieb instinktiv stehen, als ich das metallische Glitzern in seiner Hand bemerkte. Howard registrierte meinen B�ck, l�chelte verlegen und steckte den Trommelrevolver mit einer beinahe schuldbewu�ten Bewegung unter den Mantel.</p><p>�Wo warst du so lange?� fragte er. �Wir dachten schon, sie h�tten dich erwischt.�</p><p>�Ich habe einen Wagen besorgt�, antwortete ich mit einer Geste zur Stra�e. �Wie geht es Rowlf?�</p><p>�Er hat immer noch hohes Fieber�, sagte Howard besorgt. �Aber es geht. Hilf mir.�</p><p>Ich folgte ihm um die Reihe aus Abfalltonnen herum. Rowlf lag, halbwegs auf die Ellbogen erhoben und wie Howard einen Revolver in der Rechten, auf einem provisorischen Lager aus Pappkartons und Lumpen und blickte mir aus fiebrigen Augen entgegen. Sein Gesicht schien zu gl�hen. Der Anblick versetzte mir einen schmerzhaften Stich. Wahrscheinlich sah es schlimmer aus, als es war - Brandwunden sehen immer schrecklich aus, selbst wenn sie nur oberfl�chlicher Natur sind -, aber sie mu�ten h�llisch schmerzen, und wenn Rowlf nicht sehr viel Gl�ck hatte, w�rde er ein Narbengesicht zur�ckbehalten.</p><p>�Kannst du gehen?� fragte ich. �Nur bis zur Stra�e. Ich habe einen Wagen.�</p><p>Rowlf nickte und versuchte sich auf die F��e zu stemmen, schaffte es aber nicht aus eigener Kraft, so da� ich ihm helfen mu�te. Howard hob sein Buch, das er unter einer zerrissenen Decke verborgen hatte, vom Boden auf und griff mit der freien Hand unter Rowlfs rechten Arm.</p><p>Die Pferde begannen unruhig zu schnauben, als wir aus der Toreinfahrt humpelten. Ihre Hufe erzeugten helle, klappernde Echos auf dem Stra�enpflaster. Die Tiere waren nerv�s und aus irgendeinem Grunde �ngstlich. Vielleicht sp�rten sie das Feuer, das noch immer im Hafen tobte.</p><p>Howard erstarrte, als er die geduckte Gestalt auf dem Kutschbock sah. �Wer ist das?� fragte er erschrocken. �Du hast -�</p><p>�Jemanden gefunden, der uns hilft�, unterbrach ich ihn. �Wir schaffen es nicht aus eigener Kraft, Howard ...�</p><p>Howard lie� behutsam Rowlfs Arm los, ging ein paar Schritte auf den Wagen zu und blinzelte �berrascht, als er das Gesicht unter dem dunklen Kopftuch erkannte. �Sie?�</p><p>�Sie wird uns helfen�, sagte ich hastig. �Keine Sorge, Howard. Und jetzt komm - wir haben schon viel zu viel Zeit verloren.�</p><p>Howard wandte sich widerstrebend um. In seinem Gesicht arbeitete es, aber er sagte nichts mehr, sondern half mir, Rowlf zum Wagen zu f�hren und r�cklings auf eine der beiden ungepolsterten, h�lzernen B�nke zu legen. Rowlf st�hnte ganz leise. Vorhin, als ich in den Hof gekommen war, war er halbwegs bei klarem Verstand gewesen, jetzt fieberte er wieder; seine Haut gl�hte, und er hatte Sch�ttelfrost. Howard zog seinen Umhang von den Schultern, kn�llte ihn zu einem Kissen zusammen und schob ihn unter Rowlfs Kopf, und auch ich streifte meinen Mantel ab und breitete ihn als Decke �ber ihn. Der Stoff war eisig und schwer vor N�sse, aber immer noch besser als gar nichts.</p><p>�Du bleibst bei ihm�, befahl Howard. Er wandte sich um, z�gerte einen Moment und legte das Buch zwischen die Sitze auf den Wagenboden. �R�hr es nicht an�, sagte er. �Ganz egal, was passiert. Hast du das verstanden?�</p><p>Seine Worte �rgerten mich, aber ich schluckte die w�tende Entgegnung, die mir auf der Zunge lag, herunter, nickte nur wortlos und lie� mich auf der zweiten Bank nieder. Das Holz war na�, und pl�tzlich merkte ich wieder, wie kalt es geworden war. Meine H�nde waren so steif, da� es schmerzte, wenn ich versuchte, die Finger zu bewegen.</p><p>Howard sprang aus dem Wagen, ging umst�ndlich um das Fuhrwerk herum und setzte sich neben Mi� Winden auf den Bock. Eine Peitsche knallte. R�ttelnd setzte sich das Fahrzeug in Bewegung.</p><p>Die H�user glitten qu�lend langsam an uns vor�ber. Es waren nur wenige Augenblicke, aber ich hatte das Gef�hl, als vergingen Stunden, bis der letzte Block hinter uns zur�ckblieb und das freie, flache Land vor uns lag. Rowlf st�hnte leise im Schlaf, und ich beugte mich von Zeit zu Zeit vor, konnte aber nichts weiter f�r ihn tun, als ihn besorgt anzusehen. Ich wu�te, wie stark Rowlf war. Aber gerade starke Menschen neigen dazu, vollends zusammenzubrechen, wenn ihre Kraftreserven einmal aufgebraucht waren.</p><p>Ich wandte mich nach vorne an Mi� Winden. �Wie lange werden wir brauchen?� fragte ich.</p><p>�Nach Bettyhill?� Sie �berlegte einen Moment, �Drei Stunden. Vielleicht vier. Die Stra�e macht einen gro�en Bogen nach S�den, Mister Craven. Es gibt eine Abk�rzung direkt durch die W�lder, aber ich f�rchte, der tagelange Regen hat den Boden aufgeweicht. Wir k�nnten steckenbleiben.�</p><p><emphasis>Eine Abk�rzung direkt durch die W�lder </emphasis>... Ich wu�te nicht, warum, aber ich hatte bei diesen Worten das Gef�hl, irgend etwas furchtbar Wichtiges vergessen zu haben. Ich vertrieb den Gedanken, Im Augenblick z�hlte nur, da� wir unbehelligt aus Durness heraus waren und da� Rowlf m�glichst schnell zu einem Arzt kam.</p><p>�Dann nehmen wir die Stra�e�, sagte Howard. �Wir k�nnen uns kein Risiko mehr leisten.� Er sah die kleinw�chsige Frau auf dem Kutschbock neben sich mit einem sonderbaren Blick an. �Es ist sehr freundlich von Ihnen, uns zu helfen, Mi� Winden�, sagte er.</p><p>�Das war ich Ihnen schuldig�, antwortete sie knapp. Die Art, in der sie sprach, brachte Howard zu einem verwirrten Stirnrunzeln. Er drehte sich halb um, sah mich einen Augenblick pr�fend an und blickte dann wieder nach vorne.</p><p>�Es tut mir leid, da� wir Sie in diese Situation gebracht haben�, murmelte er. �Ich werde versuchen, es wiedergutzumachen, wenn das alles hier ... vorbei ist.�</p><p>Mi� Winden antwortete nicht, und wieder hatte ich das Gef�hl, etwas furchtbar Verwerfliches getan zu haben. Der Blick, mit dem mich Howard ma�, tat beinahe weh.</p><p>Die Zeit verging tr�ge. Der Wagen holperte die ausgefahrene Stra�e entlang, und der Regen str�mte weiter mit monotoner Gleichm��igkeit. Ich fror erb�rmlich, und jetzt, als meine �berreizten Nerven allm�hlich zur Ruhe kamen, sp�rte ich wieder, wie m�de ich war. W�re es nicht so ekelhaft kalt gewesen, w�re ich wahrscheinlich im Sitzen eingeschlafen.</p><p>Das Fuhrwerk k�mpfte sich einen H�gel hinauf, bog um einen einzeln stehenden, geschw�rzten Baum, der irgendwann einmal vom Blitz getroffen worden sein mu�te, und kam schaukelnd zum Stehen, als Mi� Winden an den Z�geln zog. Ich schrak aus dem D�mmerzustand, in den ich versunken war, hoch und blickte verwirrt zum Kutschbock. Mi� Winden hatte angehalten und blickte zur�ck, den H�gel hinab in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Selbst f�r die gro�e Entfernung war das Feuer im Hafen von Durness noch zu sehen; wie ein flackernder, gelbroter Funken.</p><p>�Das ist ... unm�glich�, murmelte Mi� Winden. �Wieso brennt es noch immer?� Sie sah erst mich, dann Howard an und pre�te die Lippen zu einem schmalen, blutleeren Strich zusammen. �Mein ... mein Bruder war am Hafen�, sagte sie leise und fast widerwillig. �Er hat mitgeholfen, zu l�schen. Er ... er sagt, da� alle Boote l�ngst verbrannt sind und auch von den Schuppen nur noch Ruinen stehen. Aber das ... das Wasser brennt weiter. Dabei mu� das Petroleum doch l�ngst weggebrannt sein.�</p><p>Howard beherrschte sich nicht ganz so gut, wie ich es von ihm gewohnt war; sein Blick suchte f�r einen ganz kurzen Moment das Buch auf dem Wagenboden. �Es ist... kein normales Feuer�, sagte er widerwillig. �Ich wei� selbst nicht, was ... genau passiert ist, aber ich hoffe, es wird aufh�ren, sobald wir aus der Umgebung von Durness verschwunden sind.�</p><p>�Und wenn nicht?� fragte Mi� Winden leise.</p><p>Diesmal antwortete Howard nicht. Mit einem Ruck wandte er den Kopf, nahm ihr die Z�gel aus der Hand und lie� die Pferde antraben. Der Wagen schaukelte �ber den H�gel und begann sich auf der anderen Seite den Weg hinabzuqu�len. Der Weg wurde schlechter. Was auf der Karte als gut ausgebaute Stra�e eingezeichnet war, war in Wirklichkeit eine mit Schlagl�chern und Rissen durchsetzte Marterstrecke, die schon bei gutem Wetter und Tageslicht nicht leicht zu befahren gewesen w�re. Jetzt, bei Nacht und nach dem tagelangen Regen, der die zahllosen Schlagl�cher mit Wasser gef�llt hatte und praktisch unsichtbar werden lie�, war es eine reine Tortur. Der Wagen holperte immer wieder in Schlagl�cher oder �ber Hindernisse, die in der Dunkelheit nicht oder erst zu sp�t sichtbar waren. Es h�tte mich nicht gewundert, wenn eines der R�der oder die Achse gebrochen w�re. Zudem stolperten die Pferde immer wieder, und die Geschwindigkeit unseres Vorw�rtskommens sank immer weiter.</p><p>Schlie�lich blieb der Wagen abermals stehen; mit einem so pl�tzlichen Ruck, da� ich auf der glitschigen Holzbank den Halt verlor und um ein Haar gest�rzt w�re. Howard fluchte ungehemmt, sprang mit einem Satz vom Bock und fluchte ein zweites Mal, als er bis zu den Kn�cheln im aufgeweichten Matsch neben der Stra�e versank. �Was ist passiert?� fragte ich.</p><p>�Wir sitzen fest�, antwortete Howard w�tend. �Komm runter und hilf mir.�</p><p>Ich stand auf, sprang jedoch auf der anderen Seite aus dem Wagen, um nicht wie Howard pl�tzlich im Morast zu versinken, und umrundete das Fuhrwerk vorsichtig. Die Pferde waren unruhig und traten nerv�s auf der Stelle. Ihre Schw�nze peitschten, und eines von ihnen versuchte sogar, nach mir zu bei�en, als ich an ihm vor�berging.</p><p>Howard hockte, noch immer leise vor sich hin fluchend, neben dem Wagen und zerrte mit den H�nden an irgend etwas herum, als ich neben ihn trat.</p><p>�Was ist los?� fragte ich noch einmal. �Ein Schlagloch?�</p><p>�Nein. Komm her und hilf mir.� Er rutschte ein St�ck zur Seite, winkte ungeduldig mit der Hand und deutete auf ein dunkles, vor N�sse gl�nzendes Etwas, in dem sich das Rad verfangen hatte.</p><p>�Was ist das?� murmelte ich �berrascht. Ich beugte mich vor, wischte mir mit dem Handr�cken das Regenwasser aus den Augen und versuchte, das sonderbare Hindernis genauer zu erkennen.</p><p>Es waren Wurzeln; Wurzeln oder Ranken, dick mit schlammigem Erdreich verkrustet und ineinander verwachsen. Mit der Beharrlichkeit von Pflanzen hatten sie das Stra�enpflaster an dieser Stelle gesprengt und sich mit anderen vereinigt, die vom Stra�enrand herbeigewachsen waren. Das Rad hatte einen Teil der Masse durch sein pures Gewicht zerquetscht, aber die d�nnen, z�hen Ranken hatten sich in den Speichen verfangen und hielten sie wie eine vierfingerige, verknorpelte Hand fest. Pr�fend zerrte ich an einer der Ranken, aber es gelang mir nicht einmal, sie zu lockern, geschweige denn, sie zu zerrei�en.</p><p>Howard murmelte sich irgend etwas in den Bart - vermutlich einen Fluch -, zauberte ein Taschenmesser hervor und begann mit verbissenem Gesichtsausdruck an einer der Ranken herumzus�beln - mit �u�erst m��igem Erfolg.</p><p>�Verdammt noch mal, was ist das f�r ein Zeug?� murmelte ich. �Das ist doch nicht normal.�</p><p>�Pflanzen�, antwortete Howard unwillig. �Irgendein Wurzelzeug. Der verdammte Regen hatte doch hier alles aufgeweicht. Es w�rde mich nicht wundern, wenn die ganze Stra�e irgendwo abgesackt ist.� Er fluchte erneut, griff nach dem angeschnittenen Wurzelstrang und zerrte mit aller Kraft. Das Holz ri� mit einem peitschenden Knall. Howard verlor durch den pl�tzlichen Ruck das Gleichgewicht, ruderte einen Moment hilflos mit den Armen und fiel hinten�ber in den Matsch.</p><p>Ich unterdr�ckte im letzten Moment ein schadenfrohes Lachen, half ihm auf die F��e und nahm ihm wortlos das Messer ab. W�hrend Howard ebenso w�tend wie vergeblich versuchte, seine Kleider vom Schlamm und Morast zu reinigen, s�belte ich weiter an der seltsamen Pflanzenmasse herum. Es war beinahe aussichtslos. Die Wurzeln waren kaum st�rker als mein kleiner Finger, einige nur fein wie Haar, aber es waren unglaublich viele; mit dem winzigen Taschenmesserchen w�rde ich eine Stunde brauchen, um das Rad zu befreien. Es war mir ein R�tsel, wie sich der Wagen in so kurzer Zeit derart gr�ndlich hatte festfahren k�nnen. Es sah beinahe so aus, als w�re das Wurzelgeflecht um die Speichen <emphasis>herumgewachsen.</emphasis></p><p>Nach einer Weile begannen meine Muskeln vor Anstrengung zu schmerzen. Ich stand auf, lie� mich von Howard abl�sen und bewegte Arme und Schultern, um meine verspannten Muskeln zu lockern. Eines der Pferde begann nerv�s auf der Stelle zu treten und zu wiehern.</p><p>�Was ist mit den Tieren?� fragte Howard, w�hrend er weiter mit seinem Messer in der verfilzten Masse herumstocherte. �Versuch sie zu beruhigen, Robert. Ich m�chte nicht, da� sie durchgehen, w�hrend ich die Hand unter dem Rad habe.�</p><p>Ich nickte, ging vorsichtig am Wagen vorbei nach vorne und legte dem Tier beruhigend die Hand auf die N�stern.</p><p>Es bi� nach mir. Ich zog im letzten Moment die Hand zur�ck, verletzte mich aber dabei am Zaumzeug und zog mir einen langen, blutigen Ri� auf dem Handr�cken zu. Hastig sprang ich zur�ck, warf dem Pferd einen zornigen Blick zu und pre�te die Hand unter die Achselh�hle.</p><p>�Ist es schlimm?� fragte Mi� Winden.</p><p>�Nein. Es tut nur verdammt weh.�</p><p>�Dann kommen Sie her�, sagte sie. �Ich habe ein bi�chen Verbandszeug mitgenommen - sicherheitshalber.�</p><p>Ich z�gerte, aber Howard nickte nur zustimmend, und so ging ich - diesmal in respektvollem Abstand zu dem bei�w�tigen Gaul - um den Wagen herum und stieg neben Mi� Winden auf den Kutschbock.</p><p>�Zeigen Sie Ihre Hand�, verlangte sie.</p><p>Ich streckte gehorsam die Hand aus und bi� die Z�hne zusammen, als sie daranging, mit geschickten Bewegungen den Ri� zu s�ubern und zu verbinden.</p><p>�Ich verstehe das nicht�, sagte sie. �Das Gespann geh�rt meinem Schwager, und ich kenne die Tiere genau. Sie haben noch nie nach einem Menschen gebissen.�</p><p>�Sie sind nerv�s�, antwortete ich. �Wenn ich nur w��te, warum.�</p><p>Mi� Winden zog den Knoten um den improvisierten Verband fest zusammen, begutachtete ihr Werk einen Moment lang kritisch und nickte dann, �Das wird reichen�, sagte sie. �Wenn wir in Bettyhill sind, lassen Sie den Arzt danach sehen.�</p><p>�Wenn wir �berhaupt dort ankommen�, erwiderte ich d�ster. �Die Stra�e ist miserabel. Und dann dieses Pflanzenzeug ... Wissen Sie, was das ist?�</p><p>Sie verneinte. �Wir sind dicht am Waldrand�, sagte sie. �Vielleicht hat der Regen den Boden ausgesp�lt und die Wurzeln zutage treten lassen. Aber komisch ist es schon. Unheimlich�, f�gte sie nach einer winzigen Pause hinzu, �Ich habe so etwas noch nie erlebt.�</p><p>�Vielleicht h�rst du da oben auf zu reden und kommst runter, um mir zu helfen�, mischte sich Howard in unser Gespr�ch. Ich fuhr schuldbewu�t zusammen, bedankte mich mit einem fl�chtigen L�cheln bei Mi� Winden und sprang wieder vom Wagen, um Howard zu Hilfe zu eilen.</p><p>Er hatte kaum Fortschritte gemacht. Dutzende der d�nnen braunen und schwarzen Ranken waren zerrissen und zerschnitten, aber im Vergleich zu der Masse, die sich fast bis zur H�he der Achse um die Speichen rankte, war es ein Nichts.</p><p>�Es ist zum Verzweifeln�, murrte Howard. Er keuchte vor Anstrengung. �Man k�nnte glauben, das Zeug w�chst nach. Wir brauchen ein gr��eres Messer oder irgendein anderes Werkzeug. Mit dem Ding hier -�</p><p>�Jemand kommt�, sagte Mi� Winden vom Wagen aus.</p><p>Howard brach mitten im Wort ab, fuhr mit einer erschrockenen Bewegung hoch und starrte nach Westen, die Stra�e entlang.</p><p>Durch das Prasseln des Regens drang heller, mehrfach gebrochener Hufschlag her�ber. Ich wollte etwas sagen, aber Howard schnitt mir mit einer hastigen Bewegung das Wort ab, rieb sich die H�nde an den Hosen sauber und trat einen Schritt auf die Stra�e hinaus.</p><p>Aus der Nacht tauchten zwei Reiter auf. Sie sa�en, tief �ber die H�lse ihrer Pferde gebeugt und in schwarzgl�nzende �lm�ntel geh�llt, in den S�tteln und z�gelten ihre Tiere erst im letzten Moment, als ich schon fast bef�rchtete, sie w�rden Howard glattweg �ber den Haufen reiten.</p><p>�Guten Abend, die Herren�, sagte Howard, ehe einer von ihnen das Wort ergreifen konnte. Ich bewunderte ihn im stillen f�r die Selbstbeherrschung, die er an den Tag legte. Die Reiter kamen aus Durness. Ich selbst war im Moment heilfroh, im Schatten des Wagens zu stehen. Meine Nerven waren nicht halb so gut wie die Howards.</p><p>�Sie schickt der Himmel�, fuhr er fort. �Ich f�rchte, uns ist ein kleines Mi�geschick passiert.�</p><p>Einer der beiden Reiter musterte ihn mit einer Mischung aus Mi�trauen und schlecht verhohlener Herablassung. �Mi�geschick, so�, wiederholte er. �Sieht eher so aus, als s��e Ihr Karren fest.� Er lachte leise, schwang sich aus dem Sattel und gab seinem Begleiter ein Zeichen, es ihm gleich zu tun. �Was ist passiert?� fragte er, nachdem sie beide von den R�cken ihrer Tiere gestiegen waren. �Ist die Achse gebrochen?�</p><p>Howard sch�ttelte den Kopf. �Nein. Wir sitzen in irgendeinem Wurzelzeug fest. Ich f�rchte, aus eigener Kraft kommen wir nicht weiter.�</p><p>Der Reiter ma� ihn mit einem Grinsen, das deutlich machte, wie sonderbar ihm das Wort �Kraft� aus Howards Mund vorkommen mu�te. Selbst in dem weit geschnittenen Gehrock wirkte Howards Gestalt noch immer m�dchenhaft zart und zerbrechlich. Mir selbst war der Anblick schon so vertraut geworden, da� ich mir nichts mehr dabei dachte. Jemandem, der Howard zum ersten Mal sah, mu�te seine zerbrechliche Statur dagegen direkt ins Auge fallen. �Dann wollen wir mal sehen�, sagte er und schob Howard kurzerhand aus dem Weg. Wortlos lie� er sich vor dem Rad in die Hocke sinken, r�ttelte einen Moment pr�fend mit den H�nden an den Speichen und kratzte sich am Bart. �Teufel auch�, murmelte er. �Wie haben Sie das geschafft?�</p><p>�Ich wollte, ich w��te es�, antwortete ich. �Der Regen mu� den Boden vollkommen ausgewaschen haben. Ich hoffe nur, da� es nicht noch schlimmer wird.�</p><p>Der Fremde sah auf und blickte mir einen Moment lang pr�fend ins Gesicht. Mein Herz begann schneller zu schlagen, aber ich gab mir M�he, �u�erlich so gelassen wie m�glich zu erscheinen. Selbst wenn er mich in Durness gesehen hatte, w�rde er mich kaum wiedererkennen. Ich hatte den Hut zum Schutz vor dem Regen so weit in die Stirn gezogen, da� von meinem Gesicht ohnehin kaum etwas zu erkennen war.</p><p>�Was suchen Sie �berhaupt hier, nachts und bei dem Hundewetter?� fragte er.</p><p>Howard warf mir einen raschen, warnenden Blick zu, und ich sp�rte, ohne hinzusehen, wie sich Mi� Winden �ber mir auf dem Kutschbock spannte. Der Mann mu�te schon blind sein, wenn er Rowlfs reglos ausgestreckte Gestalt auf der Bank nicht sehen sollte.</p><p>�Wir kommen aus Durness�, sagte Howard hastig. �Unser Freund ist verletzt. Er mu� zum Arzt.�</p><p>Der Reiter beugte sich neugierig vor und verzog die Lippen, als er Rowlfs verbranntes Gesicht sah. �O Schei�e�, entfuhr es ihm. �Der Brand am Hafen?�</p><p>Howard nickte. �Wir wollten beim L�schen helfen�, sagte er, �aber ich f�rchte, wir haben uns nicht sehr geschickt angestellt.�</p><p>�Na, dann wollen wir mal sehen, da� wir den Karren wieder flott kriegen�, sagte der Mann. �Haben Sie ein Messer?�</p><p>Howard reichte ihm sein Taschenmesser. Der Fremde blickte es einen Moment verwirrt an, dann lachte er, sehr laut und nicht sonderlich humorvoll. �Sie haben Nerven, Mann. Warum versuchen Sie nicht gleich, das Zeug durchzubei�en?� Er gab seinem Kameraden einen Wink. �Bring mir die Axt, Lon.�</p><p>Ich trat hastig zur Seite, als Lon eine kurzstielige Axt von seinem Sattel l�ste und mit gesenktem Kopf herbeigeeilt kam. Der Mann nahm sie ihm aus der Hand, holte aus und schlug mit aller Kraft zu. Es gab einen hellen, splitternden Laut, als die rasiermesserscharf geschliffene Schneide die Wurzelstr�nge durchtrennte und von dem Metallreif des Rades abprallte.</p><p>�Geben Sie acht, da� Sie das Rad nicht besch�digen�, sagte Howard besorgt. Der Mann grunzte nur zur Antwort, holte ein zweites Mal aus und schlug wieder zu, diesmal mit noch mehr Kraft. Die Axt drang fast v�llig in das schwarze Geflecht ein und zerschnitt Wurzeln und Holz. Diesmal gab es ein helles, seufzendes Ger�usch ohne den winzigsten Nachhall. Heller Pflanzensaft tropfte aus den zerschnittenen Str�ngen. Es sah aus wie farbloses Blut.</p><p>Unser Helfer grinste triumphierend. �Sehen Sie?� sagte er. �So macht man das. In einer Minute k�nnen Sie weiterfahren.� Er holte zu einem dritten Hieb aus, aber diesmal ging irgend etwas schief: Die Axt glitt von etwas Hartem, das sich unter dem schwarzen Geflecht verborgen hatte, ab, und zwei, drei der d�nnen z�hen Ranken wickelten sich um ihren Stiel. Der Mann fluchte, versuchte sie loszurei�en und runzelte verbl�fft die Stirn, als die d�nnen Ranken seinem R�tteln standhielten. Ich b�ckte mich neben ihn und versuchte ihm zu helfen, aber nicht einmal unsere vereinten Kr�fte reichten aus, die Axt aus dem Griff der Pflanzenmasse zu befreien.</p><p>�Das gibts doch nicht�, murmelte der Fremde. Er schob mich weg und zerrte noch einmal am Stiel der Axt. Seine Muskeln spannten sich, und ich sah, wie die Sehnen an seinem Hals vor Anstrengung dick hervortraten. Aber die Axt sa� unverr�ckbar fest.</p><p>Howard reichte ihm schweigend sein Taschenmesser. Der Mann bedachte ihn mit einem finsteren Blick, ri� ihm das Messer aus den Fingern und begann verbissen, an den d�nnen Ranken zu s�beln. Es dauerte fast f�nf Minuten, ehe er seine Axt befreit und wieder zur Hand genommen hatte.</p><p>�Vielleicht reicht das schon�, sagte Howard. �Versuchen Sie es, Mi� Winden.�</p><p>Die Peitsche knallte dicht �ber den R�cken der beiden Zugpferde. Die Tiere legten sich mit aller Kraft ins Geschirr. Die ledernen Riemen des Zaumzeuges knirschten h�rbar, dann ging ein dumpfes Zittern durch den Wagen, und das Rad drehte sich um ein winziges Stuck nach vorne.</p><p>�Es klappt!� sagte unser Helfer aufgeregt. �Lon und Sie� - er deutete auf Howard - �nach dr�ben, ans Rad. Sie helfen mir hier!�</p><p>Wir warteten, bis Howard und der zweite Reiter um den Wagen herumgeeilt waren, dann griffen wir in die Speichen und stemmten uns mit aller Kraft gegen das Rad. Der Wagen �chzte h�rbar. Ich sp�rte, wie die Speichen unter meinen Fingern zu zittern begannen, als wollten sie zerbrechen.</p><p>Und dann kam der Wagen frei, mit einem harten, so pl�tzlichen Ruck, da� ich auf dem regennassen Untergrund den Halt verlor und der L�nge nach in den Schlamm fiel, so wie Howard zuvor. Der Wagen holperte ein St�ckweit die Stra�e hinab und kam wieder zum Stehen, als Mi� Winden an den Z�geln zog, und ich stemmte mich hoch, spuckte Schlamm und Wasser aus und versuchte, mir den Morast aus dem Gesicht zu reiben, ohne ihn in die Augen zu bekommen. Hinter mir erscholl ein rauhes, schadenfrohes Lachen.</p><p>Mit einem w�tenden Ruck stand ich vollends auf, drehte mich herum und fuhr mir mit dem Unterarm durch das Gesicht. Das Lachen h�rte auf.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis mir der Ausdruck im Gesicht meines Gegen�bers auffiel. Er hatte aufgeh�rt zu lachen, und der Spott in seinen Augen hatte sich in Schrecken gewandelt. Und langsam d�mmerte mir, was geschehen war. Ich war nicht nur in den Schlamm gest�rzt, sondern hatte auch den Hut verloren. Und die wei�e, blitzf�rmig gezackte Haarstr�hne �ber meiner rechten Braue mu�te selbst in der Dunkelheit �berdeutlich zu sehen sein ...</p><p>�Mein Gott!� keuchte der Mann. �Sie ... Sie sind der Kerl, den sie suchen. Sie ...�</p><p>Ich reagierte einen Bruchteil sp�ter als Howard. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er herumfuhr und den Mann neben sich mit einem blitzartigen Kinnhaken niederstreckte. Ich sprang vor, holte zu einem wuchtigen Hieb aus und stolperte ins Leere, als der Mann blitzschnell zur Seite trat. Die Axt in seinen H�nden blitzte auf. Verzweifelt warf ich mich zur Seite. Die Axt zischte einen halben Fingerbreit an meinem linken Ohr vorbei, aber ihr Stiel traf mich mit bet�ubender Wucht an der Schulter. Ich schrie vor Schmerz und Schrecken, verlor vollends das Gleichgewicht und fiel. Hinter mir erscholl ein w�tender Schrei. Instinktiv rollte ich mich auf den R�cken, ri� sch�tzend die H�nde vor das Gesicht und trat zu. Mein Fu� traf die Kniescheibe des Mannes, im gleichen Moment, in dem er die Axt zum entscheidenden Hieb schwang. Er schrie auf, verlor, durch den Schwung seiner eigenen Bewegung nach vorne gerissen, den Halt und st�rzte neben mich. Die Axt prallte klirrend gegen den Stein und zerbrach. Ihr Stiel traf mich an der Schl�fe, und ich verlor das Bewu�tsein.</p><p>Das erste, was ich f�hlte, als ich wieder zu mir kam, war ein unangenehmes Sto�en und R�tteln und der eisige Bi� des Windes. Ein stechender Schmerz sa� in meiner rechten Schl�fe. Ich hob die Hand, f�hlte klebriges, kaum geronnenes Blut und st�hnte auf. Erst dann �ffnete ich die Augen.</p><p>Ich sa� vorne auf dem Kutschbock, wie ein schlafendes Kind an Mi� Windens Schulter gelehnt. Der Wagen fuhr mit scharfem Tempo in die Dunkelheit hinein, und den St��en und Schl�gen nach zu urteilen, die sich �ber die ungefederten Achsen auf den Wagen �bertrugen, mu�te sich die Stra�e noch erheblich verschlechtert haben. M�hsam setzte ich mich auf, tastete noch einmal nach der Platzwunde an meiner Schl�fe und verzog das Gesicht. Das Stechen wuchs zu einem qu�lenden Kopfschmerz heran.</p><p>Howard, der mit Mi� Winden den Platz getauscht hatte, wandte kurz den Blick und konzentrierte sich dann wieder darauf, den Wagen �ber die ausgefahrene Stra�e zu lenken. �Alles in Ordnung?�</p><p>Ich wollte nicken, aber allein der Gedanke daran steigerte das Pochen hinter meiner Stirn zu blanker Raserei, und so belie� ich es bei einem - wenn auch etwas gequ�ltem - L�cheln. Der Wagen sprang und h�pfte wie ein Boot auf st�rmischer See. Rechts und links des Weges waren dunkle Schatten wie Mauern, die den Weg s�umten, und das Ger�usch des Regens hatte sich ver�ndert. �Was ist... passiert?�</p><p>�Wir haben Pech gehabt�, sagte Howard, ohne mich dabei anzusehen. �Der Bursche, der dich niedergeschlagen hat, ist entkommen. Ich f�rchte, wir werden bald Gesellschaft haben.�</p><p>Ich erschrak. �Er ist entkommen?� wiederholte ich ungl�ubig. �Er ist -�</p><p>�Ich wollte ihn aufhalten, aber ich war nicht schnell genug. Ich f�rchte, er ist jetzt schon fast wieder in der Stadt.�</p><p>�Aber wie konnte das geschehen?� fragte ich aufgebracht. �Du hattest deinen Revolver!�</p><p>�Sollte ich ihn vielleicht erschie�en?� fragte Howard w�tend.</p><p>Einen Moment lang starrte ich ihn betreten an, dann senkte ich verlegen den Blick und sah weg. �Und ... der andere?�</p><p>Statt einer Antwort wies Howard mit dem Daumen nach hinten. Ich verdrehte mir halbwegs den Hals, um �ber die Schulter ins Wageninnere zur�ckblicken zu k�nnen. Rowlf lag noch immer reglos auf seinem Platz, aber auch die andere Bank war jetzt nicht mehr leer. Eine Gestalt in einem schwarzen �lmantel lag darauf, an H�nden und F��en gebunden und mit einem zusammengedrehten Taschentuch geknebelt.</p><p>�Wohin fahren wir?� fragte ich.</p><p>�Nach Bettyhill�, antwortete Mi� Winden an Howards Stelle. �Ich habe dort Freunde, die Sie verstecken werden, keine Sorge.�</p><p>�Aber sie holen uns ein, ehe wir die halbe Strecke geschafft haben!� widersprach ich.</p><p>�Vielleicht�, sagte sie. �Vielleicht auch nicht. Wir fahren den direkten Weg, durch den Wald. Wenn wir Gl�ck haben und der Wagen nicht steckenbleibt, schaffen wir es. Die Dunkelheit sch�tzt uns. Und es gibt Dutzende von Wegen, die durch den Wald f�hren. Sie k�nnen sie nicht alle absuchen.�</p><p>�Und wenn wir steckenbleiben?�</p><p>�Dann gehen wir zu Fu� weiter�, knurrte Howard. Seine Stimme h�rte sich gereizt an. Er war nerv�s und hatte Angst, und ich sp�rte, da� es besser war, jetzt nicht weiterzureden. So drehte ich mich wieder herum, versuchte, auf der harten, schmalen Holzbank in eine einigerma�en bequeme Stellung zu rutschen, und starrte in die Dunkelheit rechts und links des Weges. Viel gab es allerdings nicht zu sehen: Der Weg war kaum breit genug, dem zweisp�nnigen Gef�hrt Platz zu bieten, und die Bl�tter und Zweige des Unterholzes wuchsen beiderseits so dicht an die Fahrspur heran, da� ich nur die Hand h�tte auszustrecken brauchen, um sie zu ber�hren, und die tiefh�ngenden �ste der B�ume zwangen uns immer wieder dazu, die K�pfe einzuziehen, um uns nicht die Gesichter von Zweigen und Blattwerk zerkratzen zu lassen. Einen Moment lang lauschte ich auf das Ger�usch der Hufe und R�der, und was ich h�rte, gefiel mir nicht. Es war zu dunkel, um den Boden, �ber den wir fuhren, zu sehen, aber ich h�rte deutlich, wie sich die R�der durch mindestens kn�cheltiefen Matsch qu�lten. Die Hufschl�ge der Pferde klangen ged�mpft und feucht, und wenn sie die Beine hoben, gab es kleine, saugende Laute. Selbst wenn wir nicht in irgendeinem j�h aufklaffenden Schlammloch steckenblieben, w�rden die Tiere bald ersch�pft sein.</p><p>Schweigend fuhren wir weiter. Der Regen lie� ein wenig nach, und auch die K�lte war hier im Wald weniger qu�lend und unertr�glich. Trotzdem zitterten wir alle am ganzen Leib, und die Dunkelheit und die formlosen schwarzen Schatten, zu denen sich B�ume und Geb�sch beiderseits des Weges zusammenballten, erf�llten mich mit einem vagen Gef�hl von Furcht, das ich mir nicht erkl�ren konnte. Ich ertappte mich immer �fter dabei, �ber die Schulter zur�ckzublicken, als erwartete ich, die Verfolger bereits hinter uns auftauchen zu sehen.</p><p>�Glaubst du wirklich, da� sie uns verfolgen werden?� fragte ich.</p><p>Howard nickte tr�bsinnig. �Darauf kannst du Gift nehmen, Robert�, sagte er. �Vielleicht h�tten sie es nicht getan, wenn das Feuer nicht gewesen w�re. Aber so ...� Er sch�ttelte den Kopf, hielt die Z�gel f�r einen Moment mit nur einer Hand und versuchte, sich mit der anderen eine Zigarre anzuz�nden. Ich sah ihm einen Moment lang dabei zu, dann ri� ich ein Streichholz an und hielt es unter das Ende seines Glimmstengels. Er nickte und blies mir zum Dank eine blaugraue, stinkende Qualmwolke ins Gesicht.</p><p>�Fahren Sie etwas langsamer�, sagte Mi� Winden. �Es ist nicht mehr weit bis zur Abzweigung nach Bettyhill.�</p><p><emphasis>Die Abzweigung nach Bettyhill ... </emphasis>Verdammt, irgendwo hatte ich diese Worte schon geh�rt, aber ich konnte mich einfach nicht erinnern, wo und in welchem Zusammenhang.</p><p>Howard verlangsamte das Tempo der Pferde und starrte aus eng zusammengepre�ten Augen in die Dunkelheit hinein. Der Wagen begann st�rker zu schlingern, und ein paarmal krachten die R�der so hart in L�cher und Erdspalten, da� ich Angst hatte, sie w�rden zerbrechen. Aber sie hielten wie durch ein Wunder.</p><p>Pl�tzlich zog Howard an den Z�geln, so heftig, da� sich eines der Pferde erschrocken aufb�umte und der Wagen wie unter einem Schlag erbebte.</p><p>�Was ist los?� fragte ich erschrocken.</p><p>Statt einer Antwort deutete Howard in die Dunkelheit. Ich starrte angestrengt in die Richtung, in die seine Hand wies, konnte aber nichts Au�ergew�hnliches entdecken. �Ich sehe nichts�, sagte ich.</p><p>Howard nickte. �Eben.�</p><p>Im ersten Moment verstand ich nicht. Aber dann ...</p><p>Vor uns war Dunkelheit, nichts als rabenschwarze, massive Dunkelheit. Keine Schatten mehr. Kein Unterholz mehr, keine �ste, keine Ranken und Zweige, nicht einmal mehr die riefh�ngenden �ste der B�ume, die uns bisher in die Gesichter gepeitscht hatten.</p><p>�Mein Gott, was ist das?� entfuhr es Mi� Winden. Howard bi� sich nachdenklich auf die Unterlippe, zuckte mit den Achseln und reichte ihr die Z�gel. �Ich werde nachsehen�, sagte er. �Sie bleiben hier.�</p><p>Er stieg vom Wagen und wartete, bis ich ihm gefolgt war. Die Stille fiel mir auf. Der Regen prasselte weiter monoton auf das Bl�tterdach hoch �ber unseren K�pfen, aber sonst war es vollkommen still; selbst f�r eine verregnete Nacht im dichten Wald zu still, wie ich fand. Aber vielleicht war ich auch nur �berreizt. Nach allem, was in den letzten Tagen passiert war, war es eigentlich kein Wunder, wenn ich anfing, Gespenster zu sehen.</p><p>Ich verfluchte den Umstand, da� wir keine Lampe bei uns hatten, w�hrend ich langsam neben Howard herging. Die Pferde waren noch nerv�ser geworden und stampften unruhig im Schlamm.</p><p>Nach ein paar Schritten blieb Howard abermals stehen und deutete stumm nach vorne. Trotz des praktisch nicht vorhandenen Lichtes sah ich, was er meinte.</p><p>Vor uns, nur wenige Schritte rechts des Weges, erhob sich eine Gruppe von drei B�umen, die durch eine Laune der Natur so dicht nebeneinander gewachsen waren, da� sich allenfalls ein besonders schlankes Kind zwischen ihren St�mmen h�tte hindurchzw�ngen k�nnen. Ihre �ste waren so dicht ineinander verwachsen, da� sie wie eine einzige, gewaltige Krone wirkten - von einer H�he von ungef�hr acht Yard aufw�rts, hie� das.</p><p>Darunter waren sie kahl. Vollkommen kahl.</p><p>�Zum Teufel, was bedeutet das?� murmelte ich. Ohne auf Howard zu warten, ging ich los. Meine Schritte erzeugten patschende Ger�usche auf dem Boden. Ich sp�rte, wie ich bis �ber die Kn�chel im Morast versank, und als ich den Blick senkte, sah ich, da� es praktisch keinen Unterschied mehr zwischen dem Weg und dem Waldboden gab. Die Linie, an der die ausgefahrene Spur endete und der eigentliche Wald begann, war verschwunden. Es gab nicht nur kein Unterholz mehr, sondern nur noch nacktes braunes Erdreich, bar allen heruntergefallenen Zweigen und Blattwerk und Holz und den tausend anderen Dingen, die normalerweise den Waldboden bedeckten und die Schritte d�mpften.</p><p>�Schau dir die B�ume an�, murmelte Howard. Seine Stimme bebte. Er war neben mich getreten und hatte die Hand nach einem der St�mme ausgestreckt, ihn aber nicht ber�hrt.</p><p>Ein eisiger Schauer lief �ber meinen R�cken, als ich die Baumst�mme aus n�chster N�he erblickte. Sie waren glatt. Vollkommen <emphasis>glatt. </emphasis>Bis in eine H�he von sieben oder acht Yard waren �ste und Rinde verschwunden, und jemand - oder <emphasis>etwas</emphasis> - hatte das Holz darunter so gr�ndlich glattgeschliffen, da� es gl�nzte. Z�gernd streckte ich die Hand aus und ber�hrte einen der St�mme mit den Fingerspitzen. Er f�hlte sich an, als w�re er poliert worden.</p><p>�Mein Gott, was ist das?� murmelte ich. Mein Blick suchte andere B�ume, B�sche, �ste - irgend etwas Nat�rliches, <emphasis>Lebendes, </emphasis>aber ich sah nichts au�er den blankpolierten St�mmen der B�ume, die sich wie die St�tzpfeiler einer Kathedrale rings um uns erhoben.</p><p>Nicht nur diese drei B�ume waren kahl. Nachdem wir den ersten Schrecken �berwunden hatten, untersuchten wir die n�here Umgebung, und es stellte sich rasch heraus, da� - was immer diese Verheerung angerichtet hatte - es einen regelrechten Tunnel durch den Wald gefressen hatte, einen schnurgeraden, in der Mitte acht Yard hohen, halbkreisf�rmigen Tunnel von gut zwanzig Yards Durchmesser, der von Nord nach S�d verlief und sich in beiden Richtungen in der Dunkelheit verlor. Und nirgendwo war auch nur das geringste Anzeichen von Leben irgendwelcher Art zu sehen. Nicht einmal alle B�ume waren stehengeblieben, wie die gro�en L�cken im Bl�tterdach bewiesen, und als sich meine Augen an das schwache Sternenlicht, das auf die k�nstlich geschaffene Lichtung fiel, gew�hnt hatten, bot sich mir ein bizarrer Anblick: Hier und da war eine Baumkrone im Bl�tterdach des Waldes h�ngengeblieben, gehalten von den benachbarten Zweigen, die sich in ihr Ge�st verkrallt hatten; der Stamm war unterhalb der imagin�ren Linie von acht Yard H�he verschwunden. Andere wiederum boten sich uns als kaum armdicke Pfeiler dar und wuchsen oberhalb der Vernichtungslinie zu mannsstarken St�mmen heran. Es war ein fast absurdes Bild. Und ein Bild, das mich mit einer ungeheuren Furcht erf�llte.</p><p>�Was ist hier geschehen?� fl�sterte ich entsetzt. �Mein Gott, Howard - welche Macht kann so <emphasis>etwas </emphasis>anrichten?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, murmelte Howard. Seine Stimme klang flach und gepre�t und so, als beherrsche er sich nur noch mit �u�erster M�he. �Ich wei� nur, da� ich dem, der daf�r verantwortlich ist, nicht �ber den Weg laufen m�chte.� Er seufzte, lie� sich in die Hocke sinken und grub im Boden. Als er die Hand hob, flo� das feuchte Erdreich wie dunkelbrauner Schleim durch seine Finger.</p><p>�Tot�, murmelte er. �Die Erde ist tot, Robert. Hier lebt nichts mehr. <emphasis>Absolut nichts.�</emphasis></p><p>�Doch�, widersprach ich leise. �Etwas lebt noch, Howard. <emphasis>Das Ding, </emphasis>das f�r das hier verantwortlich ist.� Howard blickte mich einen Moment lang aus schreckgeweiteten Augen an, dann stand er auf, rieb sich die Hand an der Hose trocken und blickte nach Norden. �Es ist zum Meer hin gekrochen.�</p><p>�Oder daraus gekommen.�</p><p>Er antwortete nicht, aber wahrscheinlich dachten wir in diesem Moment ohnehin an das gleiche. Er hatte das Bild so deutlich gesehen wie ich: die monstr�sen, verzerrten Schatten, die aus dem Dimensionsri� gequollen waren wie eiteriger, schwarzer Ausflu� aus einer Wunde und im Meer verschwunden waren ...</p><p>�Gehen wir�, sagte er pl�tzlich. �Wir m�ssen hier weg, so schnell wie m�glich.�</p><p>Ohne ein weiteres Wort eilten wir zum Wagen zur�ck. Mi� Winden erwartete uns mit neugierigen Blicken und fragendem Gesichtsausdruck, aber seltsamerweise schwieg sie, als weder Howard noch ich Anstalten machten, irgendein Wort der Erkl�rung abzugeben, und lie� die Pferde wortlos wieder antraben. Aber ich sp�rte ihre Angst, als wir die k�nstlich geschaffene Lichtung �berquerten und auf der anderen Seite wieder in den Wald eindrangen.</p><p>Die Tiere wurden immer unruhiger, und nach einer Weile nahm ihr Howard schweigend die Z�gel wieder ab. Aber selbst er schaffte es kaum, die Pferde ruhig zu halten, und er mu�te immer �fter die Peitsche zu Hilfe nehmen, damit sie �berhaupt weitergingen.</p><p>Und nach weiteren zehn Minuten endete unsere Fahrt. Der Wagen sprang �ber einen Stein, rollte noch ein St�ck vorw�rts und versank im Matsch. Es war ganz undramatisch: Ich sp�rte, wie die R�der tiefer und tiefer sanken und pl�tzlich keinen Grund mehr fa�ten, dann gab es ein saugendes, irgendwie feucht klingendes Ger�usch, und der Wagen hing bis �ber die Achsen in einem Schlammloch. So fest, als w�re er einbetoniert.</p><p>Howard knallte w�tend mit der Peitsche, bis ich sie ihm, abnahm und gleichzeitig seine Hand herunterdr�ckte, die die Z�gel hielt. �Das hat keinen Sinn mehr, Howard�, sagte ich, �Wir sitzen fest.�</p><p>Einen Moment lang starrte er mich so w�tend an, als w�re ich an unserem Ungl�ck schuld, dann zuckte er mit den Achseln, warf die Peitsche mit einem �rgerlichen Schnauben von sich und ballte die Faust. �Verdammt, das hat uns gerade noch gefehlt. Es w�re ja auch zu sch�n, wenn wir ausnahmsweise einmal Gl�ck h�tten�, grollte er. �Von jetzt an d�rfen wir laufen.�</p><p>�Nicht ganz.� Ich deutete auf die beiden Zugtiere. �Rowlf und Mi� Winden k�nnen reiten.� Ich versuchte zu l�cheln. �Wenigstens m�ssen wir sie nicht tragen.�</p><p>Meine Bemerkung schien Howards Laune eher noch zu verschlechtern. Er stand auf, machte Anstalten, vom Wagen zu springen, dachte dann aber wohl im letzten Moment daran, da� der Wagen in einem Matschloch steckte, in dem er bis �ber die H�ften versinken w�rde. Mit einem �rgerlichen Knurren drehte er sich herum, kletterte steifbeinig zwischen mir und Mi� Winden hindurch und beugte sich erst �ber Rowlf, dann �ber unseren Gefangenen.</p><p>�Sie brauchen nicht so zu tun, als w�ren Sie noch bewu�tlos�, knurrte er. �Es sei denn, Sie m�chten, da� wir Sie hier zur�cklassen.�</p><p>Die Worte zeigten augenblicklich Wirkung. Der Mann �ffnete die Augen und versuchte sich aufzusetzen, aber Howard stie� ihn unsanft auf die harte Bank zur�ck. Sein Verhalten verwirrte mich. Ich hatte Howard immer als sehr kultivierten (wenn auch manchmal etwas chaotischen) Menschen gekannt; unh�flich oder gar grob war er in meiner Gegenwart noch nie geworden.</p><p>�Ich nehme Ihnen jetzt den Knebel ab, und danach die Fu�fesseln�, sagte er. �Aber vorher m�chte ich, da� Sie mir genau zuh�ren. Ich habe einen Revolver in der Jackentasche, genau wie mein junger Freund dort vorne. Und wenn Sie auch nur den geringsten Versuch machen, zu fliehen oder zu schreien oder uns sonstwie irgendwelchen �rger zu bereiten, dann bekommen Sie eine Kugel ins Bein und k�nnen liegenbleiben, bis Sie von Ihren Freunden gefunden werden. Haben Sie das verstanden?�</p><p>Der Mann nickte. Der F�rbung seines Gesichtes nach zu schlie�en, hatte er Howard sogar sehr gut verstanden und glaubte ihm jedes Wort. Howard beugte sich vor, entfernte zuerst den improvisierten Knebel und l�ste dann die Fesseln, die seine Fu�gelenke aneinanderbanden. Der Mann setzte sich auf, atmete ein paarmal tief und h�rbar durch und sah Howard mit einer Mischung aus Angst und Verwirrung an. �Danke�, sagte er.</p><p>Howard ignorierte ihn, wandte sich zu Rowlf um und r�ttelte sanft an seiner Schulter. Rowlf schlug die Augen auf und st�hnte leise.</p><p>�Du mu�t aufstehen, Rowlf�, sagte Howard. �Nur einen Moment. Schaffst du das?�</p><p>�Ich kann Ihnen helfen�, sagte unser Gefangener. �Binden Sie mich los. Ich verspreche Ihnen, nicht zu fliehen.�</p><p>Howard blickte ihn einen Moment lang ernst an, dann sch�ttelte er den Kopf und versuchte, Rowlf beim Aufstehen behilflich zu sein. Er schaffte es, aber Rowlf kippte, schwach und vom Fieber gebeutelt, wie er war, wie eine Gliederpuppe zur Seite und w�re um ein Haar aus dem Wagen gefallen.</p><p>�Bind ihn schon los, Howard�, sagte ich leise. �Er wird nicht weglaufen. Wir brauchen ihn.� Ein sanftes, kaum merkliches Zittern lief durch das Holz unter mir, und ich sp�rte, wie sich der Wagen leicht auf die Seite legte, als vers�nke er immer noch weiter im Boden. Ich vertrieb den Gedanken und nickte Howard auffordernd zu.</p><p>Howard z�gerte noch immer. Sekundenlang blickte er den hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann nachdenklich an, dann lehnte er Rowlfs schlaffen K�rper behutsam zur�ck, zog sein Taschenmesser und knibbelte mit vor K�lte steifen Fingern die Klinge heraus.</p><p>�Wie hei�en Sie?� fragte er.</p><p>�McMudock�, antwortete unser Gefangener. �Lon McMudock.�</p><p>Howard sah ihn pr�fend an. Man konnte direkt sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Es sprach eine Menge dagegen, McMudock loszuschneiden. Immerhin hatte sein Kamerad versucht, mir mit der Axt einen zweiten Scheitel zu ziehen, und immerhin geh�rte er zu den Leuten, die noch vor Tagesfrist darangegangen waren, uns alle drei bei lebendigem Leibe gleichzeitig zu verbrennen und zu ers�ufen. Aber das, was vor uns lag, war kein gem�tlicher Waldspaziergang. Wir konnten uns einfach nicht noch mit einem Gefangenen belasten. Aber wir konnten ihn auch nicht zur�cklassen. Nicht nach dem, was wir vor wenigen Augenblicken gesehen hatten.</p><p>�Okay, Mister McMudock�, begann er. �Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, nicht zu fliehen? Und auch nicht zu schreien, falls Ihre Freunde auftauchen sollten? Wir lassen Sie laufen, sobald wir in Sicherheit sind, aber bis dahin ...�</p><p>McMudock nickte. �Ich verspreche es. Ich halte mein Wort, keine Sorge - fragen Sie Mary, wenn Sie mir nicht glauben.�</p><p>�Mary?�</p><p>�Er meint mich, Howard�, sagte Mi� Winden. �Sie k�nnen ihm trauen. Ich kenne ihn. Er ist zwar ein S�ufer und Raufbold, aber er h�lt sein Wort.�</p><p>Howard seufzte h�rbar. �Nun gut�, sagte er. �Ich habe wohl keine andere Wahl.�</p><p>�Nicht, wenn Sie die Nacht �berleben wollen�, sagte McMudock und streckte ihm die gefesselten H�nde entgegen.</p><p>Howard funkelte ihn an. �Wie meinen Sie das?�</p><p>McMudock grinste und deutete mit einer Kopfbewegung auf seine aneinandergebundenen Handgelenke. �Schneiden Sie den Strick durch, und ich sage es Ihnen�, verlangte er.</p><p>Howard pre�te die Lippen aufeinander, schnitt das Seil durch und klappte das Messer mit einer w�tenden Bewegung zusammen. �Also?�</p><p>�Heute nacht kommen Sie nicht weiter�, sagte McMudock. Er bewegte die Arme, verzog das Gesicht und begann, seine schmerzenden Handgelenke zu massieren. �Nicht bei diesem Wetter und mit einer Frau und einem Verwundeten. Es sind mindestens drei Stunden bis Bettyhill, bei normalem Wetter. Bei dieser Dunkelheit und dem verfluchten Regen w�rden Sie bis Sonnenaufgang brauchen. Ganz davon abgesehen�, f�gte er mit einem boshaften L�cheln hinzu, �da� Sie sich nach den ersten hundert Schritten hoffnungslos verirrt h�tten. Sie bringen Ehren Freund um, wenn Sie es riskieren.�</p><p>�Und was schlagen Sie vor?�</p><p>�Es gibt ein verlassenes Jagdhaus, nicht sehr weit von hier�, antwortete McMudock. �Wir k�nnen in einer halben Stunde dort sein. Nicht gerade ein Palast, aber wenigstens h�tten wir ein Dach �ber dem Kopf und k�nnten abwarten, bis es hell ist.�</p><p>Zwischen Howards Brauen entstand eine steile Falte. �Ein verlassenes Jagdhaus, wie?� wiederholte er. �F�r wie dumm halten Sie mich, McMudock? An einem Ort wie diesem w�rden uns Ihre Freunde doch zuallererst suchen.�</p><p>�Kaum�, antwortete McMudock. �Es gibt nicht viele, die die H�tte �berhaupt kennen. Und selbst wenn, k�nnten sie kaum vor Sonnenaufgang dort sein.�</p><p>�Wir m�ssen es riskieren�, sagte ich. �Rowlf h�lt eine Nacht im Sattel nicht durch.� Wieder lief ein sanftes Zittern durch den Wagen, und ich sp�rte, wie das Gef�hrt ein St�ck tiefer einsank, als s��en wir nicht im Schlamm, sondern in Treibsand fest.</p><p>�Gut�, sagte Howard schlie�lich. �Riskieren wir es. Aber ich warne Sie, McMudock. Wenn Sie uns hintergehen ...�</p><p>�Sie haben mein Wort�, unterbrach ihn McMudock scharf. Howard blickte ihn trotzig an, dann nickte er, stand auf und beugte sich �ber Rowlf.</p><p>�Helfen Sie mir�, verlangte er. �Und du, Robert, spannst die Pferde aus. Aber gib acht, da� sie dir nicht durchgehen.�</p><p>Der Wagen schaukelte wie ein leckgeschlagenes Boot, als ich behutsam vom Bock stieg und durch den wadentiefen Schlamm zu den Pferden ging. Der hintere Teil des Wagens lag jetzt auf dem Boden auf, und die R�der waren bis weit �ber die Achsen verschwunden, aber er versank immer noch weiter. Der Regen mu�te den Boden metertief aufgeweicht haben.</p><p>Mi� Winden half mir, die Pferde auszuspannen und die Schirriemen zu improvisierten Z�geln zusammenzuknoten, w�hrend Howard und McMudock sich bem�hten, Rowlf aus dem Wagen zu heben, ohne ihm dabei mehr Schmerzen zuzuf�gen, als unumg�nglich war. Es dauerte fast zehn Minuten, bis wir ihn auf den R�cken eines der beiden Pferde gelegt und so festgebunden hatten, da� er nicht herunterfallen konnte. Anschlie�end halfen wir Mi� Winden, auf den R�cken des zweiten Tieres zu steigen.</p><p>Kurz bevor wir losgingen, sah ich noch einmal zur�ck. Der Wagen war weiter im Morast versunken; der braune Schlamm begann bereits �ber seinen Rand zu schwappen und kleine �lige Pf�tzen auf seinem Boden zu bilden. Es war ein bizarrer Anblick. Unter unseren F��en war massives Erdreich, aber der Wagen sank wie ein leckgeschlagenes Boot. Fast, als w�rde er vom Boden aufgefressen.</p><empty-line/><p><emphasis>Das Ding hatte weiter an Masse verloren und war jetzt kaum mehr gr��er als ein Ball, nicht viel mehr als eine schwarze knotige Verdickung im Zentrum des gigantischen unterirdischen Netzes, in das sich sein K�rper verwandelt hatte. Das Gewebe durchzog den Boden des Waldes auf Meilen und Meilen, unsichtbar, aber immer noch weiter wachsend und immer feinere Ver�stelungen ausbildend, F�hler und Tast�rmchen, hundertmal feiner als ein menschliches Haar.</emphasis></p><p><emphasis>Dann geschah etwas. Es wu�te nicht, was, denn seine k�nstlich geschaffene Intelligenz reichte nicht aus, Schl�sse zu ziehen und aus Sinneseindr�cken zu folgern. Es sp�rte nur, da� irgend etwas geschah, eine neue Komponente in sein eng begrenztes Universum trat und sich tief in seinem Inneren irgend etwas wie zur Antwort daraufr�hrte.</emphasis></p><p><emphasis>Es h�rte auf zu wachsen. F�r eine Weile tat es gar nichts, lag nur bewegungslos da und wartete, da� das genetische Programm, das seine Sch�pfer in seine Zellen gepflanzt hatten, in Aktion trat und ihm sagte, was als n�chstes zu tun war.</emphasis></p><p><emphasis>Es sp�rte nicht einmal, als es soweit war. In dem dumpfen Kosmos aus primitiven Instinkten, die kaum �ber Empfindungen wie Hunger und Schmerz hinausreichten, �nderte sich nichts. Und doch hatte </emphasis>es <emphasis>sich gewandelt. Vorher war es nicht viel mehr als ein Parasit gewesen, ein schmarotzendes Ding, das nichts weiter als Gier und das Bed�rfnis, sich auszubreiten und zu wachsen kannte.</emphasis></p><p><emphasis>Jetzt war es ein Killer. </emphasis></p><empty-line/><p>Das Haus stand am Rande einer kleinen, sauber wie mit einem Zirkel gezogenen Lichtung, und h�tte McMudock mich nicht mit einer Geste darauf aufmerksam gemacht, dann w�ren wir vermutlich in wenigen Schritten Abstand daran vor�bergelaufen, ohne es �berhaupt zu bemerken. Eigentlich war es nur noch eine Ruine. Ein Teil des Daches war eingesunken, als w�ren die Balken aufgeweicht und h�tten nicht mehr die n�tige Stabilit�t, das Gewicht der zerborstenen Schindeln zu tragen, und die meisten Fenster waren nicht mehr als schwarze L�cher, aus denen das Glas schon lange verschwunden war. Und trotzdem erschien mir die verfallene Ruine in diesem Augenblick wie ein St�ck des Paradieses. Wenigstens w�rden wir ein Dach �ber dem Kopf haben; und eine Wand zwischen uns und dem eisigen Wind.</p><p>�Auf der R�ckseite ist ein Schuppen�, sagte McMudock, als wir vor dem Haus angehalten und Rowlf vorsichtig vom R�cken des Pferdes gehoben hatten. �Sie k�nnen die Pferde dort unterstellen.� Er blickte zum Wald hin�ber. �Machen Sie die T�r sorgf�ltig zu�, sagte er. �Die Biester hauen uns sonst glatt ab. Ich m�chte nur wissen, was sie so nerv�s macht.�</p><p>Ich sah, wie Howard bei diesen Worten wie unter einem Hieb zusammenfuhr, zog es aber vor, so zu tun, als h�tte ich nichts bemerkt. McMudock eilte voraus, w�hrend wir Rowlf �chzend zum Haus trugen. Ich h�rte ihn die T�r �ffnen und eine Weile im Dunkeln hantieren, dann glomm drinnen ein blasses gelbes Licht auf. �Ich wu�te doch, da� hier drinnen noch irgendwo eine Lampe steht�, drang seine Stimme aus dem Haus. �Passen Sie an der T�r auf. Auf dem Boden liegt allerhand Zeug.�</p><p><emphasis>Allerhand Zeug </emphasis>war ziemlich untertrieben. Die T�r f�hrte nicht in einen Korridor, sondern direkt in einen �berraschend weitl�ufigen Raum, von dessen R�ckseite aus eine Treppe und zwei schr�g in den Angeln h�ngende T�ren weiter ins Innere des Geb�udes f�hrten, und der Boden war derartig mit Ger�mpel und Tr�mmern �bers�t, da� man kaum einen Fu� vor den anderen setzen konnte, ohne auf irgend etwas zu treten oder zu stolpern. McMudock schwenkte triumphierend eine ru�ende �llampe, deutete auf ein dreibeiniges, mit grauen Lumpen bedecktes Bett an einer der W�nde und sah mit einem schadenfrohen Grinsen zu, wie Howard und ich Rowlf hin�bertrugen und gleichzeitig irgendwie das Kunstst�ck fertigbrachten, uns nicht in dem Gewirr aus zertr�mmerten M�belst�cken, �sten und von der Decke gest�rzten Balken die H�lse zu brechen.</p><p>Howard eilte noch einmal hinaus, um Mi� Winden dabei zu helfen, die Pferde in den Stall zu bringen, w�hrend ich mich darum bem�hte, Rowlf in eine einigerma�en bequeme Lage zu betten und mit den Fetzen, die ich fand, zuzudecken.</p><p>McMudock sah mir eine Weile wortlos dabei zu, dann trat er neben mich, zog die Lumpen, mit denen ich Rowlf zugedeckt hatte, mit einem mi�billigenden Kopfsch�tteln beiseite und begann seine Jacke aufzukn�pfen. �Er mu� erst einmal aus den nassen Klamotten heraus�, sagte er tadelnd. �Sonst holt er sich eine Lungenentz�ndung. Wenn er sie nicht schon hat.�</p><p>Gemeinsam zogen wir Rowlf aus. McMudock befahl mir, alles an Stoff zu holen, was ich auftreiben konnte, und ich fing an, den Raum zu durchst�bern. Ich fand ein paar zerrissene, halb von Motten und Moder aufgefressene Decken und einen ganzen Haufen undefinierbarer grauer Fetzen, deren blo�er Geruch schon gen�gte, mir �belkeit zu bereiten. Alles war klamm und kalt, aber wenigstens nicht so triefend na� wie Rowlfs eigene Kleider. Ich gab alles McMudock, und er begann, Rowlf beinahe fachm�nnisch darin einzuwickeln. Als er fertig war, sah er beinahe aus wie eine Mumie, und der Modergestank war unertr�glich geworden.</p><p>�Sch�n ist das nicht�, murmelte McMudock. �Aber es mu� gen�gen. Ihr Freund ist ein kr�ftiger Bursche. Wenn ihn das Fieber nicht umbringt, dann schafft er es.�</p><p>�Sind Sie Arzt oder so was?� fragte ich.</p><p>McMudock lachte meckernd. �Arzt?� wiederholte er. �Ich? Um Gottes willen. Aber wenn man schon viermal ein Messer zwischen den Rippen gehabt hat, dann kriegt man ein bi�chen Erfahrung in solchen Sachen, wei�t du?� Er wurde �bergangslos ernst. �Tut mir leid, was deinem Freund passiert ist, Junge�, sagte er. �Ich wei� auch nicht, was in die Leute gefahren ist.�</p><p>Ich winkte ab. �Schon gut�, sagte ich. �Sie konnten nichts daf�r, Lon. Waren Sie dabei?�</p><p>�Am Hafen?� Er starrte mich an, als h�tte ich ihn gefragt, ob er mir seine Mutter verkaufen wolle. �Nein. Aber ich habe geh�rt, was passiert ist.�</p><p>�Es h�tte keinen Unterschied gemacht, wenn Sie dabei gewesen w�ren�, sagte eine Stimme von der T�r aus. Ich blickte auf und erkannte Howard und Mi� Winden. Sie waren hereingekommen, ohne da� ich es bemerkt hatte. Howard schlo� die T�r - so gut es ging -, hob die H�nde an den Mund und blies hinein.</p><p>�Wirklich nicht�, fuhr er fort, w�hrend er n�her kam. �Die Leute waren nicht f�r das verantwortlich, was sie getan haben.� Er kam n�her, begutachtete McMudocks Werk mit einem kritischen Blick und seufzte. �Und ich f�rchte, es ist noch nicht vorbei�, murmelte er. Aber diese Worte waren nicht mehr f�r McMudock bestimmt; nicht einmal f�r mich.</p><p>Trotzdem antwortete McMudock darauf. �Ich wei� nicht einmal, was genau passiert ist�, sagte er. �Die ganze Stadt scheint �bergeschnappt zu sein. All diese komischen Sachen ...� Er stockte, schwieg einen Moment und sah Howard pl�tzlich durchdringend an. �Es tut mir leid�, sagte er.</p><p>Howard l�chelte. �Ich glaube Ihnen, Lon�, sagte er. �Es wird vielen Leuten in Durness leid tun, wenn sie aufwachen und begreifen, was geschehen ist.�</p><p><emphasis>�Wenn </emphasis>sie es begreifen�, sagte McMudock. �Verdammt, was ist �berhaupt passiert? Vor ein paar Tagen war noch alles in Ordnung, und dann ...�</p><p>�Und dann tauchen wir in der Stadt auf, und pl�tzlich geschehen die seltsamsten Dinge, nicht?� f�hrte Howard den Satz zu Ende. �Tote erscheinen, Gestalten tauchen mit dem Nebel auf und verschwinden wieder, Glocken, die gar nicht da sind, l�uten ...� Er l�chelte bitter. �Es hat Tote gegeben, Lon. K�nnen Sie es Ihren Leuten ver�beln, da� sie einen S�ndenbock gesucht haben?� Er seufzte, blickte einen Moment an McMudock vorbei ins Leere und wechselte abrupt das Thema. �Ich glaube, f�r den Moment sind wir in Sicherheit�, sagte er. �Aber es ist kalt. Gibt es eine M�glichkeit, Feuer zu machen?�</p><p>McMudock nickte, drehte sich herum und deutete auf einen gemauerten Kamin an der S�dseite. Der Stein war geschw�rzt, und auf seinem Boden lag ein fast kniehoher Haufen feiner grauer Asche. �Kein Problem�, sagte er. �Das Ding funktioniert noch, und Holz ist genug da.�</p><p>�Er funktioniert noch?� fragte Howard zweifelnd.</p><p>McMudock stand auf. �Ja�, sagte er. �Die Bude ist zwar ein Tr�mmerhaufen, aber von Zeit zu Zeit kommt doch noch jemand her.� Er lachte. �Ein paar von den Jungs aus der Stadt schlafen hier, wenn sie Krach mit ihrer Alten haben, wissen Sie?�</p><p><emphasis>Ein paar von den Jungs aus der Stadt ...</emphasis></p><p>Es war, als w�rde eine wispernde Stimme in meinem Inneren seine Worte wiederholen. Aber sie bekamen eine neue, schreckliche Bedeutung. Ein eisiger Schauer durchfuhr mich.</p><p>... <emphasis>den Jungs aus der Stadt, </emphasis>wiederholte ich seine Worte in Gedanken ... <emphasis>gleich an der Kreuzung nach Bettyhill, </emphasis>hatte Mi� Winden gesagt.</p><p>�Howard�, keuchte ich. �Das ist das Haus.� Pl�tzlich begannen meine H�nde zu zittern.</p><p>Howard sah auf und runzelte verwirrt die Stirn. <emphasis>�Welches </emphasis>Haus?� fragte er betont.</p><p>�Gordon�, antwortete ich m�hsam. �Erinnere dich an Gordons Worte, Howard. Als du ihn gefragt hast, woher sie das Buch haben. Er hat gesagt, sie w�ren einer Spur gefolgt, einer Spur in den Wald, und sie h�tten -�</p><p>�- ein Haus gefunden, nicht weit hinter der Kreuzung nach Bettyhill�, beendete Howard den Satz. Sein Gesicht verlor alle Farbe. Eine endlose, qu�lende Sekunde lang starrte er mich aus schreckgeweiteten Augen an, dann fuhr er herum und trat so hastig auf McMudock zu, da� dieser erschrocken zur�ckprallte.</p><p>�Gibt es noch mehr H�user hier im Wald?� fragte er. �Eine H�tte, einen Schuppen, irgend etwas?�</p><p>�Nicht... nicht im Umkreis von zehn Meilen�, antwortete McMudock verst�rt. �Warum?�</p><p>�Sind Sie sicher?�</p><p>�Absolut�, erwiderte McMudock. �Warum?�</p><p>�Das mu� es sein�, sagte ich. Mein Herz begann wie rasend zu h�mmern. Pl�tzlich bildete ich mir ein, Ger�usche zu h�ren, das Wispern und Kichern unh�rbarer b�ser Stimmen, Schritte, ein Schleifen und Rasseln wie von etwas Gro�em, Formlosen, das sich heranschleppte.</p><p>M�hsam dr�ngte ich den Gedanken zur�ck. Das Haus <emphasis>war </emphasis>erf�llt von Ger�uschen, aber es waren die normalen Laute eines alten Hauses, an dem der Sturm zerrte, mehr nicht.</p><p>�Verdammt noch mal, was bedeutet das?� murrte McMudock. �Vielleicht erkl�rt mir mal einer, was �berhaupt los ist, wenn ich euch schon helfe.�</p><p>Howard blickte ihn unsicher an. �Das kann ich nicht�, sagte er. �Aber es kann sein, da� wir vom Regen in die Traufe geraten sind.� Er fuhr mit einem Ruck zu mir herum. �Wir m�ssen das Haus durchsuchen. Sofort.�</p><p>�Und wonach?� erkundigte sich McMudock mi�trauisch.</p><p>�Nach allem, was nicht hierher geh�rt�, antwortete Howard ernst. �Genauer kann ich es Ihnen nicht sagen. Wie viele R�ume gibt es hier?�</p><p>�Drei�, antwortete McMudock. �Mit dem hier. Und den Dachboden.�</p><p>�Keinen Keller?� Ich konnte es nicht erkl�ren, aber ich versp�rte ein sonderbares Gef�hl der Erleichterung, als McMudock den Kopf sch�ttelte.</p><p>�Dann los�, sagte Howard. Pl�tzlich war er von einer fast unheimlichen Aktivit�t erf�llt. Wieder fuhr er herum, deutete auf die beiden T�ren an der S�dseite und dann auf mich und McMudock. �Du durchsuchst das rechte Zimmer, ich das linke�, sagte er. �Und Sie gehen nach oben, McMudock. Schnell. Und Sie, Mi� Winden, bleiben hier. Los jetzt.�</p><p>McMudock warf mir einen fragenden Blick zu, aber ich tat so, als h�tte ich ihn nicht bemerkt, b�ckte mich nach einem Stuhlbein, wickelte rasch ein paar Stoffetzen um sein oberes Ende und hielt es in die blakende Flamme der �llampe. Die improvisierte Fackel brannte �berraschend gut, und nach kurzem Z�gern taten es mir McMudock und Howard gleich.</p><p>Ich war nerv�ser als ich mir selbst eingestehen wollte, als ich die rechte der beiden T�ren �ffnete und meine Fackel so hielt, da� ihr Lichtschein in das dahinterliegende Zimmer fiel. Es war weitaus kleiner als der Raum, in dem wir bisher gewesen waren, und mu�te irgendwann einmal als Lagerraum oder Speisekammer gedient haben, denn drei der vier W�nde waren mit deckenhohen, jetzt zum Teil zusammengebrochenen Regalen bedeckt. Auf dem Boden lag das gleiche Durcheinander von zertr�mmerten M�beln und Unrat wie drau�en, und die Luft stank unbeschreiblich nach Moder und verfaulten Lebensmitteln.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis mir auffiel, was in diesem Raum nicht stimmte.</p><p>Der F�ulnisgestank nahm mir fast den Atem - aber es gab nirgendwo etwas, das h�tte faulen k�nnen.</p><p>Nichts.</p><p>Die staubigen Bretter der Regale waren leer, und auf dem Boden lag nur Schmutz und steinhart gewordenes Holz. Es gab nichts von dem, was zu dem Geruch und dem Bild gepa�t h�tte - keine hereingewehten Bl�tter, kein Schimmel, keine verfaulten Lebensmittelreste ... nichts. Es <emphasis>gab nichts Organisches </emphasis>mehr in diesem Raum. Das Zimmer war steril.</p><p>Der eisige Griff der Furcht um mein Herz wurde st�rker. Ich machte einen Schritt in den Raum hinein, z�gerte und drehte mich um, als irgend etwas auf dem Boden das Licht meiner Fackel glitzernd reflektierte. Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, so schnell wie m�glich aus diesem Zimmer herauszukommen, und schlichter Neugier blieb ich einen Moment stehen, wandte mich noch einmal um und ging in die Hocke; nicht, ohne mich vorher mit einem raschen Blick davon zu �berzeugen, da� die T�r noch offen war und ich im Notfall mit einem einzigen Satz aus dem Zimmer fliehen konnte.</p><p>Auf dem Boden war eine Spur. Sie war etwas breiter als eine kr�ftige M�nnerhand und f�hrte in komplizierten, scheinbar sinnlosen Windungen von der T�r aus kreuz und quer durch den Raum, wobei sie nacheinander alle vier W�nde ber�hrte. Sie und die Regale, die davor standen. Als h�tte etwas das Zimmer gr�ndlich inspiziert. Oder abgesucht. Nach etwas Fre�barem abgesucht.</p><p>Mit klopfendem Herzen richtete ich mich auf, ging noch einmal zu einem der Regale zur�ck und hob meine Fackel etwas h�her. Wieder fiel mir auf, wie leer die Regalbretter waren. Es lag nicht einmal Staub darauf. Sie waren sauber, sauber und so blank, als w�ren sie ... ... als w�ren sie poliert worden.</p><p>Oder leergefressen.</p><p>Wie die B�ume auf der grausigen Lichtung im Wald.</p><p>Wie der Boden, in dem unser Wagen versunken war.</p><p>Wie ...</p><p>Ich dachte den Gedanken nicht zu Ende. Denn in diesem Moment erscholl �ber mir der unmenschlichste Schrei, den ich jemals in meinem Leben geh�rt hatte.</p><empty-line/><p>Die Fackeln rissen flackernde Inseln aus blasser, r�tlicher Helligkeit aus der Nacht. W�hrend der letzten halben Stunde hatte der Regen nachgelassen, der Sturm hatte seine gr��te Wut verbraucht und war aufs Meer zur�ckgekrochen, um sich irgendwo weit vor der K�ste vollends auszutoben, und hier, unter dem sch�tzenden Bl�tterdach des Waldes, war der Regen zu einem kaum noch merklichen, wenn auch eisigen Nieseln geworden. Trotzdem waren die zw�lf M�nner bis auf die Haut durchn��t, obwohl sie schwarze �lm�ntel und -h�te trugen, die sie tief in die Gesichter gezogen hatten. Keiner von ihnen sa� noch aufrecht im Sattel. Die durchwachte Nacht und die Anstrengungen des vorangegangenen Tages - einige von ihnen waren mit am Hafen gewesen, um bei den L�scharbeiten zu helfen - forderten ihren Preis, und auch die Pferde, vom m�hsamen Vorw�rtsschleppen durch den kn�cheltiefen Matsch, in den sich die Wege verwandelt hatten, ersch�pft, waren auf den letzten Meilen immer langsamer geworden. Trotzdem machte keiner ihrer Reiter auch nur einen Versuch, sie zu gr��erem Tempo anzuspornen. W�ren die unbarmherzigen Kommandos des Mannes an ihrer Spitze nicht gewesen, w�ren die meisten von ihnen wahrscheinlich schon l�ngst umgekehrt.</p><p>Mitternacht war lange vor�ber, als die kleine Gruppe eine Weggabelung erreichte und anhielt. Der Mann an der Spitze blickte einen Moment unschl�ssig nach rechts und links und hob die Fackel etwas h�her, um besser zu sehen. Nat�rlich war der Erfolg gleich Null - der Regen h�tte selbst die Spuren einer ganzen Armee verwischt.</p><p>Einer seiner Begleiter deutete nach rechts. �Wahrscheinlich sind sie dort entlang�, sagte er. �Ist der k�rzeste Weg nach Bettyhill, Freddy.�</p><p>�Und wer sagt dir, da� sie wirklich dahin wollten?� knurrte der Anf�hrer. �Diese Schweine werden den Teufel tun und ausgerechnet in die Richtung reiten, die sie mir verraten haben.� Er �berlegte einen Moment, drehte sich halb im Sattel herum und lie� seinen Blick pr�fend �ber das Dutzend ersch�pfter Gestalten hinter sich gleiten. �Wir teilen uns�, sagte er schlie�lich. �Du nimmst Pete, Sean, Leroy und Fred und Norbert und reitest nach rechts, ich gehe mit den anderen nach links.�</p><p>�Aber da gibt es nichts�, widersprach sein Begleiter. �Nur Wald, und die K�ste. Bei dem Wetter kommt da keiner durch.�</p><p>�Diese Burschen sind nicht auf normale Wege angewiesen�, behauptete Fred. �Wahrscheinlich hocken sie irgendwo da vorne im Wald und lachen sich ins F�ustchen, w�hrend wir hier herumsuchen. Wir teilen uns.�</p><p>�Aber ...�</p><p>�Kein aber!� fuhr Fred auf. Seine Augen blitzten. �Du kannst ja zur�ckreiten, wenn du Angst hast.�</p><p>�Ich habe keine Angst�, widersprach der andere, aber seine Stimme klang m�de, die Worte schleppend. �Aber es hat doch keinen Zweck mehr. Die Hauptstra�e nach Bettyhill ist abgeriegelt, und wenn sie sich wirklich im Wald verkrochen haben, dann kratzen sie sowieso ab, bei dieser Sauk�lte.�</p><p>�Und Mi� Winden?� fragte Fred. �Und McMudock? Hast du sie schon vergessen? Verdammt, sie haben die Frau entf�hrt und Lon wahrscheinlich umgebracht, und du willst, da� wir aufgeben?� Sein Gesicht verzerrte sich. �Ich werde diese verdammten Teufel finden, und wenn ich allein weitersuchen mu�. Und sie werden f�r das bezahlen, was sie getan haben. F�r den Brand, f�r die Toten in der Stadt und f�r Lon. Und jetzt weiter!�</p><p>Einen Moment lang starrte ihn sein Begleiter beinahe trotzig an, dann zuckte er mit den Achseln, hob m�de die Hand und deutete nach rechts. Fred sah schweigend zu, wie sich ihm die H�lfte der M�nner anschlo� und in �stlicher Richtung in der Dunkelheit verschwand, dann zwang er sein Pferd herum, lie� die Z�gel knallen und trabte weiter, nach links, tiefer in den Wald hinein.</p><p>Keiner der M�nner, die hinter ihm ritten, sah das d�nne, zufriedene L�cheln, das um seine Lippen spielte. Es war kein Zufall, da� sich die Gruppe ausgerechnet jetzt geteilt hatte. Brennan wu�te, da� der Wald vor ihnen nicht ganz so leer war, wie die meisten M�nner in seiner Begleitung glaubten; und er wu�te auch mit ziemlicher Sicherheit, wo er die drei Fremden finden w�rde. Aber er mu�te sicher gehen. Er hatte die Namen derer, die er scheinbar willk�rlich weggeschickt hatte, in Wahrheit schon lange vorher gr�ndlich �berlegt und nur auf eine Gelegenheit gewartet, sich von ihnen zu trennen. L�ngst nicht alle von denen, die mit ihm aufgebrochen waren, um die entflohenen Hexer zu stellen, waren wirklich noch mit vollem Eifer bei der Sache. Nach der Explosion von Gewalt und Ha�, mit der sich die aufgestaute Furcht am vergangenen Abend Luft gemacht hatte, waren vielen in der Stadt Zweifel gekommen, und die Stimmen mehrten sich, die fragten, ob es wirklich richtig gewesen war, die drei Fremden zu t�ten.</p><p>Fred Brennan f�hlte solche Zweifel nicht, und er hatte daf�r gesorgt, da� er nur noch M�nner in seiner Begleitung hatte, die sich seinen Befehlen f�gen w�rden, ohne zu widersprechen. Sein eigener Bruder war bei dem Gro�brand am Hafen schwer verletzt worden, und er w�rde daf�r sorgen, da� die drei Teufel, die das Ungl�ck in die Stadt gebracht hatten, f�r ihr Tun bezahlten. Und wenn es das letzte war, was er tat.</p><p>Sein Pferd kam pl�tzlich aus dem Schritt, stolperte und fand im letzten Moment sein Gleichgewicht wieder. Das Tier schnaubte und begann nerv�s zu t�nzeln, und f�r einen Moment hatte Brennan alle H�nde voll zu tun, es wieder in seine Gewalt zu bringen.</p><p>�Alles in Ordnung?� fragte einer seiner Begleiter.</p><p>�Alles okay�, antwortete Brennan. �Die Biester sind nerv�s, aber es geht schon.� Er zog noch einmal an dem Z�gel, pre�te dem Pferd mit aller Macht die Schenkel in den Leib und senkte seine Fackel. Der flackernde Lichtschein zeigte ihm einen Ausschnitt des morastigen Weges. Etwas Dunkles, Glitzerndes lugte hier und da durch den Schlamm.</p><p>�Verdammt�, murmelte Brennan. �Was ist das?� Er z�gerte einen Moment, schwang sich aus dem Sattel und ging einen Schritt den Weg zur�ck. Der Schlamm gab seufzend unter seinen Stiefelsohlen nach, aber darunter war etwas Festes, Federndes. Er b�ckte sich, grub einen Moment mit den Fingern im Boden und runzelte erneut die Stirn.</p><p>Unter der kn�cheltiefen Schicht aus Lehm und d�nnfl�ssig gewordener Erde waren �berall d�nne, schwarzbraune Wurzelstr�nge zu sehen, ineinander verflochten und verkrallt wie d�rre knotige H�nde. Wie ein gewaltiges Spinnennetz, dachte Brennan schaudernd, das den Boden durchzog.</p><p>�Was ist los, Fred?� fragte einer der Reiter.</p><p>Brennan winkte ab. �Nichts�, sagte er, eine Spur zu hastig. �Irgendein Wurzelzeug. Dasselbe, in dem sich ihr Wagen verfangen hatte.� Er zuckte mit den Achseln. �Der Regen mu� es ausgewaschen haben. Pa�t auf, wo ihr hinreitet.� Er richtete sich auf und wollte zu seinem Pferd zur�ckgehen, blieb aber erneut stehen, als sich das Licht der Fackel auf etwas Blinkendem brach. Neugierig geworden b�ckte er sich, grub abermals im Schlamm und hob ein St�ck Metall auf.</p><p>�Was hast du da?� fragte einer seiner Begleiter.</p><p>Brennan zuckte abermals mit den Achseln. �Eine Splintschraube�, murmelte er. �Scheint von einem Wagen zu stammen.�</p><p>�Von ihrem?�</p><p>�Vielleicht�, antwortete Brennan unschl�ssig. �Aber wenn er von ihrem Wagen stammt, dann sind sie nicht weit gekommen. Das Ding h�lt das Rad auf der Achse.� Er warf die Schraube fort, senkte seine Fackel und machte ein paar Schritte den Weg hinab.</p><p>Er fand noch mehr Metall: weitere Schrauben, N�gel, ein paar Nieten, wie man sie ben�tigte, um die Lederriemen eines Geschirrs zusammenzuhalten. Es sah fast so aus, dachte er erschrocken, als h�tte sich ein ganzer Wagen an dieser Stelle in seine Bestandteile aufgel�st. Und �berall dieses schwarze, glitzernde Wurzelzeug. Da und dort wuchs es fast kn�chelhoch aus dem Morast empor und bildete kleine, verfilzte Nester, von denen d�nne Str�nge nach allen Richtungen liefen und im Boden versanken oder sich mit anderen verbanden.</p><p>Er vertieb den Gedanken, ging zu seinem Pferd zur�ck und schwenkte die Fackel. �Wir reiten weiter�, befahl er. �Wei� der Geier, was das f�r ein Zeug ist. Los.�</p><p>�Landers ist nicht da�, sagte einer der M�nner. Brennan drehte sich unwillig im Sattel um und setzte zu einer scharfen Antwort an, belie� es aber dann doch bei einem mi�mutigen Stirnrunzeln. Hinter ihm waren nur noch vier Reiter.</p><p>�Was soll das hei�en, er ist nicht mehr da?� schnauzte er.</p><p>�Er ist weg�, antwortete einer der M�nner. �Mu� irgendwo unterwegs zur�ckgeblieben sein. Soll ich ihn suchen?�</p><p>Brennan knurrte unwillig. �Nein�, sagte er. �Soll er doch bleiben, wo der Pfeffer w�chst. Wenn der Feigling Angst hat, dann brauche ich ihn nicht.�</p><p>�Die Sache gef�llt mir nicht�, antwortete der Reiter. �Er h�tte es mir gesagt, wenn er zur�ckgeritten w�re.� Er schwieg einen Moment, richtete sich ein wenig im Sattel auf und blickte nach beiden Seiten in den Wald hinein. Seinem Gesichtsausdruck nach zu schlie�en f�hlte er sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut.</p><p>�Dieser ganze verdammte Wald gef�llt mir nicht�, sagte er noch einmal. �Irgendwas stimmt hier nicht. Die Pferde sind so verdammt nerv�s, und dann dieses Zeugs im Boden ... la� uns zur�ckreiten, Fred.�</p><p>Brennan starrte ihn f�r die Dauer eines Atemzuges w�tend an. �Ich will dir sagen, was hier nicht stimmt, Matt�, zischte er. �Du bist es. Wenn du dir vor Angst in die Hosen machst, dann hau doch ab. Reite hinter Landers her und heul dich an seiner Schulter aus. Oder halt die Schnauze und reite weiter, du Feigling.�</p><p>�Ich habe keine Angst!� widersprach Matt.</p><p>Brennan lachte h��lich. �Dann ist es ja gut. Weiter jetzt.� Mit einem w�tenden Ruck fuhr er herum, gab seinem Pferd die Z�gel und sprengte an der Spitze der kleinen Gruppe los.</p><p>Hinter ihnen senkte sich wieder der Vorhang der Nacht �ber den schmalen Waldweg. W�ren sie noch einen Moment l�nger geblieben, dann h�tten sie vielleicht bemerkt, da� sich das schwarze Gewebe im Boden nicht nur scheinbar bewegte. Es pulsierte, ganz, ganz langsam. Und es wuchs. Ebenso langsam. Aber unaufhaltsam.</p><p>Ich ben�tigte nur ein paar Sekunden, um aus dem Zimmer und die Treppe hinauf zu st�rzen; und trotzdem war ich der letzte, der den Dachboden erreichte. Mi� Winden und McMudock - letzterer mit ungl�ubig aufgerissenen Augen und in einer grotesken Haltung mitten in der Bewegung erstarrt - standen unweit der T�r, w�hrend Howard, seine Fackel hoch �ber dem Kopf erhoben und die linke Hand in einer abweisenden Bewegung in McMudocks und Mi� Windens Richtung ausgestreckt, sich vorsichtig einem wuchtigen, staubverkrusteten Schreibtisch n�herte.</p><p>�Was ist los?� fragte ich. Mein Herz jagte. In meinen Ohren schien noch immer der Nachhall des gr��lichen Schreies zu gellen. McMudocks Schrei...</p><p>Howard blieb stehen, wandte fast unwillig den Kopf und machte eine komplizierte Bewegung mit der Hand, mit der er wohl andeuten wollte, da� ich zu ihm kommen und die beiden anderen bleiben sollten, wo sie waren.</p><p>Unsicher trat ich zwischen McMudock und Mi� Winden hindurch, hob meine Fackel ein wenig h�her - und erstarrte.</p><p>Es war ein f�rchterlicher Anblick.</p><p>Hinter dem Schreibtisch sa� eine Leiche, eine m�nnliche Leiche. Jedenfalls zum Teil.</p><p>Bis zum G�rtel hinab war es der K�rper eines Mannes. Seine Haut und sein Haar waren grau und stumpf, als w�ren sie mit einer jahrzehntealten Staubschicht bedeckt, und seine Augen blickten wie blind gewordene Metallkugeln aus den H�hlen. Sein Gesicht war sonderbar verzerrt, als h�tten die Muskeln nicht mehr die Kraft gehabt, das Gewicht des Fleisches zu halten. Aber er war ein Mensch.</p><p>Bis zum G�rtel.</p><p>Darunter hockte ein graues, schlaffes Ding, wie eine gro�e, schleimig-aufgedunsene Am�be, �ber den Stuhl und den Boden flie�end und d�nne, erschlaffte �rmchen unter den Schreibtisch und bis ins Dunkel jenseits des Lichtkreises unserer Fackeln schickend.</p><p>�Was ... was ist das ... Howard?� stammelte ich. Ich machte einen Schritt an ihm vorbei, schluckte den bitteren Klumpen, der sich in meiner Kehle gebildet hatte, herunter und beugte mich vor, um im unsicheren Licht der Fackel mehr Einzelheiten zu erkennen.</p><p>Howard hielt mich mit einer raschen Bewegung zur�ck.</p><p>�Ein <emphasis>Shoggote�, </emphasis>sagte er ruhig.</p><p>Ein Schlag ins Gesicht h�tte mich kaum h�rter treffen k�nnen. Blitzartig fiel mir meine erste Begegnung mit einem jener schrecklichen Protoplasmawesen ein. Damals war ich nur mit knapper Not mit dem Leben davongekommen. W�ren Howard und Rowlf nicht im letzten Moment aufgetaucht, um mich vor dem Monster zu retten, dann ... Ja, dachte ich. In gewissem Sinne sah ich mein eigenes Schicksal vor mir ...</p><p>�Ist er ...?� begann ich, aber Howard sch�ttelte sofort den Kopf und sagte:</p><p>�Er ist tot. Aber trotzdem, komm ihm nicht zu nahe. Diese Wesen sind unberechenbar.�</p><p>�Was ... was hei�t das, Howard?� kr�chzte McMudock. Er kam n�her, und ich sah, da� auf seiner Stirn Schwei� gl�nzte. Seine Stimme bebte, und sein Gesicht hatte alle Farbe verloren. �Wollen Sie ... wollen Sie etwa behaupten, da� dieses ... dieses Ding <emphasis>lebt?�</emphasis></p><p>Howard schwieg einen Moment. �Nein�, sagte er dann, ohne McMudock anzusehen. �Leben ist nicht das richtige Wort. Aber es existiert, und es ist gef�hrlich.� Wie um seine Worte zu unterstreichen, wich er einen halben Schritt zur�ck, atmete tief und h�rbar ein und deutete auf den Toten: �Kennen Sie diesen Mann?�</p><p>McMudock schluckte h�rbar. Es schien ihn unendliche �berwindung zu kosten, sich dem Tisch mit dem Toten zu n�hern und in sein erstarrtes Gesicht zu blicken.</p><p>�Mein Gott�, fl�sterte er. �Das ist doch ...�</p><p>�Sie kennen ihn?� fragte Howard.</p><p>McMudock nickte m�hsam. �Ich ... glaube�, murmelte er. �Aber er ist so ... so ver�ndert.�</p><p>�Bensen�, sagte Howard.</p><p>�Bensen?� Verwirrt blickte ich noch einmal in das Gesicht des Toten. Seine Z�ge waren mir vage bekannt vorgekommen, und doch ...</p><p>�Ich war mir nicht sicher�, fuhr Howard fort. �Ich habe ihn nur zweimal kurz gesehen.�</p><p>�Er ist es�, best�tigte McMudock. Seine Lippen zuckten. �Mein Gott, was ... was ist mit ihm geschehen? Wer ... wer hat das getan?�</p><p>�Die gleiche Macht, die f�r das verantwortlich ist, was in Ihrer Heimatstadt passiert ist, McMudock�, sagte Howard ernst. �Glauben Sie jetzt immer noch, da� wir Ihre Feinde sind?� Er deutete auf die erstarrte graue Plasmamasse, �Glauben Sie wirklich, wir w�rden auf der Seite <emphasis>dieser </emphasis>Kreaturen stehen?�</p><p>McMudock antwortete nicht, aber sein Blick sprach B�nde.</p><p>�Gehen Sie hinunter�, sagte Howard leise. �Und nehmen Sie Mi� Winden mit. Wir kommen gleich nach.�</p><p>McMudock gehorchte auf der Stelle. Er war sichtlich froh, aus dem Dachboden verschwinden zu k�nnen.</p><p>�Was ist hier passiert?� fragte ich, als wir wieder allein waren. Howard hatte McMudock und Mi� Winden nicht nur aus Piet�t fortgeschickt, sondern aus einem ganz bestimmten Grund.</p><p>Howard antwortete nicht gleich. Statt dessen trat er um den Schreibtisch herum, bedeutete mir mit einer Geste, ihm zu folgen, und wies mit der Hand auf die Tischplatte. Eine fast fingerdicke Staubschicht hatte sich auf dem rissigen Holz abgelagert, aber sie war nicht unbesch�digt. In dem flockigen, grauen Staub war deutlich der Umri� von etwas Gro�em, Rechteckigem zu erkennen, das bis vor kurzem hier gelegen haben mu�te. �Du hattest recht�, sagte er. �Das hier ist das Haus. Hier hat das Buch gelegen.�</p><p>�Und was bedeutet das?� fragte ich unsicher. Howard verschwieg mir etwas, das sp�rte ich genau.</p><p>�Es gibt nur drei Exemplare des Necronomicon�, erkl�rte Howard. �Jedenfalls, soweit ich wei�. Eines ist noch im Besitz von Alhazred.�</p><p>�Wem?�</p><p>Howard l�chelte fl�chtig. �Abdul Al Alhazred�, sagte er. �Der Mann, der es geschrieben hat. Das zweite liegt sicher verwahrt im Safe der Miscatonic-Universit�t dr�ben in den Staaten, und das dritte -�</p><p>�War im Besitz meines Vaters�, f�hrte ich den Satz zu Ende. �Es war in der Kiste, nicht?�</p><p>Howard nickte ernst, schwieg aber weiter.</p><p>�Und das bedeutet�, sagte ich d�ster, �da� das Buch, das wir Tremayn weggenommen haben, eines der B�cher meines Vaters war. Und die anderen?�</p><p>Howard hob seufzend die Achseln. �Vielleicht sind sie noch hier�, murmelte er. Seine Stimme klang nicht so, als glaubte er wirklich daran. �Wir m�ssen danach suchen.�</p><p>Er wies mit einer Kopfbewegung auf die beiden Petroleumlampen, die auf dem Schreibtisch standen. �Sieh nach, ob sie noch funktionieren�, sagte er. �Mit diesen Fackeln stecken wir wom�glich noch den ganzen Bau in Brand.�</p><p>Ich gehorchte. Die beiden Lampen waren �ber und �ber verstaubt und das Glas mit einer dicken Schmutzschicht verkrustet, aber die Petroleumbeh�lter waren voll, und nachdem ich die Gl�ser mit dem Jacken�rmel halbwegs sauber gewischt hatte, verbreiteten sie helles, warmes Licht.</p><p>Wir brauchten nicht lange, um den Dachboden zu durchsuchen. Er war fast leer, sah man von dem �blichen Ger�mpel und ein paar zerbrochenen Dachschindeln ab; es gab kaum Staub oder Schmutz. So wie in der Kammer unten hatte der <emphasis>Shoggote </emphasis>jedes bi�chen organische Materie aufgesp�rt und gefressen.</p><p>Die B�cher waren nicht da.</p><p>Howard zeigte sich nicht sonderlich �berrascht, und auch ich empfand nichts als ein Gef�hl sanfter Entt�uschung. Es h�tte uns wohl eher gewundert, wenn wir die B�cher gefunden h�tten.</p><p>�Das habe ich bef�rchtet�, sagte er. �Das Necronomicon ist in unserem Besitz, aber der Rest...�</p><p>Er schwieg, aber es war auch nicht wirklich n�tig, da� er weitersprach. In der Kiste, die wir aus dem Wrack der LADY geborgen hatten, war ein gutes Dutzend B�cher gewesen, von denen das Necronomicon sicher das gef�hrlichste gewesen war; aber auch die anderen konnten, in den falschen oder auch nur unwissenden H�nden, gef�hrlicher werden als alle Granaten und Sprengstoffe der Welt gemeinsam.</p><p>�Gehen wir wieder hinunter�, sagte Howard.</p><p>�Und ... er?� Ich deutete auf den toten <emphasis>Shoggoten </emphasis>hinter dem Schreibtisch, aber Howard zuckte nur mit den Achseln.</p><p>�Er wird zerfallen�, sagte er. �Er kann noch nicht lange tot sein, sonst h�tten wir nicht einmal mehr eine Spur von ihm gefunden.�</p><p>�Und Bensen?�</p><p>�Das ist nicht Bensen!� widersprach Howard so heftig, da� ich erschrocken zusammenfuhr. Er schwieg eine Sekunde, ballte in hilflosem Zorn die F�uste und sah weg. �Entschuldige, Robert�, murmelte er. �Ich wollte dich nicht anfahren. Aber dieses Ding da ist nicht mehr Bensen. Es ist nur ein toter <emphasis>Shoggote, </emphasis>der seine Form angenommen hat. In ein paar Tagen wird keine Spur mehr von ihm zu sehen sein.�</p><p>Z�gernd und immer noch von einem Gef�hl tiefsten Abscheus und Ekels erf�llt, n�herte ich mich noch einmal dem Schreibtisch und betrachtete das bizarre Wesen im ruhigen gelben Licht der Lampe. Selbst jetzt, wo ich wu�te, da� es tot und ungef�hrlich war, lie� mich der Anblick erschauern. Es war wie eine bizarre Karikatur auf das Leben.</p><p>�Woran mag er gestorben sein?� fl�sterte ich, fast, als h�tte ich Angst, die Bestie durch zu lautes Sprechen aus ihrem Schlaf zu wecken.</p><p>�Er hat seine Aufgabe erf�llt�, antwortete Howard, �Das war alles. Er sollte daf�r sorgen, da� das Buch in Tremayns H�nde geriet, und das hat er getan. Danach gab es keine Verwendung mehr f�r ihn.�</p><p>Ich sah ihn �berrascht an. �Du meinst, sie sterben von selbst, wenn ihre Aufgabe erf�llt ist?� fragte ich.</p><p>�Soweit ich wei߫, schr�nkte Howard ein. �Und ich wei� sehr wenig �ber sie. Niemand wei� wirklich, was diese Wesen sind, Robert.� Er seufzte. �La� uns hinuntergehen. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, Rowlf mit McMudock unten allein zu lassen.�</p><p>Diesmal war ich es, der ihn zur�ckhielt. �Was tun wir mit ihm?� fragte ich.</p><p>�Mit McMudock?� Howard zuckte mit den Achseln. �Was sollen wir schon tun? Wir lassen ihn laufen, sobald wir in Sicherheit sind. Warum fragst du?�</p><p>�Wegen Mi� Winden�, antwortete ich. �Sie wird nicht wieder nach Durness zur�ck k�nnen. Die bringen sie um, wenn bekannt wird, da� sie uns geholfen hat.� Ich senkte den Blick und starrte einen Moment lang zu Boden. �Ich mache mir Vorw�rfe, Howard�, fuhr ich fort. �Ich h�tte sie nicht zwingen d�rfen, uns zu helfen. Selbst wenn sie ihr nichts antun, wird sie in der Stadt nicht mehr leben k�nnen. Sie w�rden ihr st�ndig mi�trauen.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Howard. �Es war mir klar, als ich sah, da� du in ihrer Begleitung zur�ckkamst. Und sie wei� es auch. Aber wir werden eine L�sung finden, irgendwie. Jetzt warten wir erst einmal auf den Tag und bringen Rowlf zu einem Arzt, und dann sehen wir weiter. Komm.�</p><p>Er wandte sich um und ging, so schnell, da� ich keine Gelegenheit fand, noch weitere Fragen zu stellen. Der Lichtschein seiner Laterne verschwand hinter der T�r und begann mit kleinen, ruckhaften Bewegungen die Treppe hinunterzuh�pfen. Ich blickte noch einmal zu der gr��lichen Kreatur hinter dem Schreibtisch zur�ck, dann wandte auch ich mich um und folgte ihm.</p><p>Als wir ins Erdgescho� zur�ckkehrten, brannte im Kamin bereits ein Feuer, und Mi� Winden und McMudock hatten Rowlfs Liege dicht ans Feuer herangetragen. McMudock stand an einem der Fenster und blickte in die Dunkelheit hinaus, w�hrend Mi� Winden auf den Knien neben Rowlf hockte und mit einem feuchten Tuch seine Stirn k�hlte. Howard stellte seine Lampe auf den Kaminsims, rieb einen Moment die H�nde �ber dem flackernden Feuer aneinander, um die K�lte daraus zu vertreiben und ging dann zu McMudock hin�ber. Ich selbst blieb stehen und sah Mi� Winden zu, bis sie meinen Blick f�hlte und aufsah.</p><p>�Es geht ihm schon besser�, sagte sie. �Er ist sehr stark. Er wird durchkommen.�</p><p>Ich nickte, setzte mich ihr gegen�ber auf die andere Kante des Bettes und betrachtete eine Zeitlang Rowlfs Gesicht. Er hatte das Bewu�tsein wieder verloren, aber das hohe Fieber schien gebrochen zu sein.</p><p>�Mi� Winden, ich ... ich mu� mit Ihnen reden�, begann ich nach einer Weile. Sie blickte mich an, sagte aber nichts, und nach ein paar Sekunden fuhr ich fort: �Als ich gestern abend zu Ihnen kam, da ... da wu�te ich nicht, da� ...�</p><p>�Es ist gut, Mister Craven�, unterbrach sie mich. �Sie haben das Leben meiner Tochter gerettet. Was ich getan habe, war ich Ihnen und Ihren Freunden schuldig.�</p><p>�Sie werden Durness verlassen m�ssen, wenn das alles hier vorbei ist�, sagte ich.</p><p>Sie l�chelte. �Wegen Lon?� fragte sie, so leise, da� McMudock die Worte nicht verstehen konnte. �Machen Sie sich keine Sorgen, Mister Craven. Er wird mich nicht verraten. Er ist im Grunde ein guter Kerl. Er glaubt Ihnen.�</p><p>�Es geht nicht um ihn�, widersprach ich. �Aber der andere ist entkommen, und ...�</p><p>�Brennan?� Sie nickte. Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich. �Er ist ein �bler Kerl, Mister Craven -�</p><p>�Robert�, unterbrach ich sie. �Nennen Sie mich Robert - bitte.�</p><p>�Robert.� Sie l�chelte. �Gut. Ich bin Mary. Mi� Winden h�rt sich so alt an, finde ich.� Sie seufzte, legte das Tuch, mit dem sie bisher Rowlfs Stirn gek�hlt hatte, aus der Hand und wurde �bergangslos wieder ernst. �Brennan ist ein Mistkerl, Robert�, sagte sie. �Aber ich werde mit ihm fertig. Ich werde ihnen einfach erz�hlen, Sie h�tten mich gezwungen, mit Ihnen zu gehen.�</p><p>Die Worte klangen nicht sehr �berzeugend, und ich sp�rte, da� sie im Grunde ganz genau wu�te, da� es nicht klappen w�rde. Aber aus irgendeinem Grund widersprach ich ihr nicht, sondern stand wortlos auf und ging zu Howard und McMudock hin�ber, die noch immer am Fenster standen und in die Dunkelheit hinausblickten.</p><p>�Gibt es irgend etwas Besonderes?� fragte ich.</p><p>Howard wiegte den Kopf. �Ich wei� nicht�, murmelte er. �Es hat aufgeh�rt zu regnen, aber irgend etwas stimmt nicht.�</p><p>Stirnrunzelnd trat ich dichter ans Fenster heran und blickte durch einen Spalt in den Brettern, mit denen es vernagelt worden war, nach drau�en. Im ersten Moment fiel mir nichts Besonderes auf. Der Regen hatte aufgeh�rt, wie Howard gesagt hatte, und der Wald lag am Rande der Lichtung schwarz und reglos wie eine Mauer aus Finsternis. Aber er hatte recht. Irgend etwas stimmte nicht. Es war keine Gefahr, die man sehen oder h�ren konnte. Aber ich sp�rte sie. �berdeutlich.</p><p>�Dieses Ding da oben�, sagte McMudock pl�tzlich. �War das dasselbe, das den Wald kahlgefressen hat?�</p><p>Howard sah ihn �berrascht an. �Das haben Sie gemerkt?�</p><p>�Halten Sie mich f�r blind oder nur f�r d�mlich?� fragte McMudock unger�hrt. �Nat�rlich habe ich es gemerkt. War es dasselbe?�</p><p>�Ich ... ich hoffe es�, antwortete Howard stockend. �Wenn nicht...�</p><p>�Dann l�uft noch eines von den Biestern frei herum und bringt vielleicht Leute um, wenn es nicht gerade einen Baum findet, wie?� fragte McMudock. �Vielleicht ist es sogar dort drau�en und wartet nur darauf, da� wir rauskommen.� Er trat ein St�ck vom Fenster zur�ck und blickte Howard und mich feindselig an. �Ich verlange, da� Sie mir die Wahrheit sagen�, sagte er. �Ich habe Ihnen mein Wort gegeben, Ihnen zu helfen, aber ich will wissen, womit wir es zu tun haben. Was ist das f�r ein Ding? Irgendsoein verr�cktes Zeug von euch Wissenschaftlern?�</p><p>�Sie haben mit Mary gesprochen�, stellte Howard fest.</p><p>McMudock nickte zornig. �Und? Verdammt, es ist auch unser Leben, das hier auf dem Spiel steht. Was ist das f�r ein Ding? Wie kann man es bek�mpfen?�</p><p>�Ich wollte, ich w��te es�, antwortete Howard. �Ich ...�</p><p>Drau�en am Waldrand fiel ein Schu�. Eine halbe Sekunde sp�ter zersplitterte das Holz vor dem Fenster, und Howard kippte mit einem r�chelnden Laut nach hinten, die H�nde um den Hals geklammert. Zwischen seinen Fingern quoll hellrotes Blut hervor.</p><empty-line/><p>Das DING <emphasis>hatte w�hrend der letzten Stunde aufgeh�rt zu pulsieren. Das Netz, das den Waldboden durchzog, war ruhig geworden, zur Reglosigkeit erstarrt und scheinbar tot. Einmal hatte die Gier, die so zur Natur dieses Wesens geh�rte wie das Bed�rfnis nach Licht und Luft zu der des Menschen, seine eigentliche Bestimmung �bermannt: es hatte gefressen, einen Teil des verha�ten Lebens, das es in seinem Machtbereich sp�rte, absorbiert und in widernat�rliches, schwarzes Protoplasma verwandelt. Aber sein eigentlicher Auftrag behielt die Oberhand. Es wartete. Es fieberte vor Gier und Ungeduld, wu�te die Opfer, die zu vernichten es bestimmt war, schon in Reichweite, aber noch beherrschte es sich, wenn auch mit M�he. Es wartete, bis alles so war, wie es seine Sch�pfer vorausbestimmt und gewollt hatten, wartete mit der Geduld eines Wesens, dem selbst der Begriff Zeit fremd war. Dann schlug es zu. </emphasis></p><empty-line/><p>McMudock ri� mich zu Boden, im gleichen Moment, in dem drau�en der zweite Schu� fiel. Die Kugel zertr�mmerte die d�nnen Bretter vor dem Fenster vollends, pfiff dicht �ber unsere K�pfe hinweg und fuhr klatschend in die gegen�berliegende Wand. Fast im gleichen Moment schien die T�r wie unter einem gewaltigen Hammerschlag zu erbeben. Staub und Holzsplitter barsten aus dem morschen Holz, und ein pl�tzlicher Windzug lie� eine der beiden Lampen erl�schen und das Kaminfeuer flackern.</p><p>M�hsam befreite ich mich aus McMudocks Griff, kroch auf H�nden und Knien zu Howard hin�ber und drehte ihn mit einem Ruck auf den R�cken. Mein Herz schlug zum Zerrei�en, als ich seine H�nde von seinem Hals l�ste und behutsam �ber die stark blutende Wunde an seiner Kehle tastete. Sein Hals war �ber und �ber mit Blut besudelt. Seltsamerweise f�hlte ich kaum Schrecken, sondern nur eine dumpfe Bet�ubung und ein Gef�hl des Unglaubens, das mit jeder Sekunde st�rker wurde. Der Gedanke, da� Howard, ausgerechnet Howard, durch etwas so Banales wie eine Gewehrkugel get�tet werden k�nnte, erschien mir l�cherlich.</p><p>Howard hob st�hnend den Kopf, aber ich dr�ckte ihn mit sanfter Gewalt wieder zur�ck. �Bleib liegen!� sagte ich scharf.</p><p>�Ich hole etwas zum Verbinden.� Die Wunde war weniger schlimm, als es im ersten Moment ausgesehen hatte, aber sie blutete stark und mu�te verbunden werden, so schnell wie m�glich.</p><p>�Bleib unten, du Trottel!� sagte McMudock, als ich aufstehen und loslaufen wollte. Fast im gleichen Moment krachte ein weiterer Schu�, als h�tte jemand dort drau�en seine Worte geh�rt und wollte sie unterstreichen. Eine gewaltige Staubwolke explodierte bei der Treppe, und ein Teil des Gel�nders kippte in einer grotesk langsamen Bewegung zur Seite und zerbrach auf dem Boden.</p><p>McMudock fluchte, robbte hastig in den toten Winkel unter dem Fenster und bildete mit den H�nden einen Trichter vor dem Mund: �H�rt auf zu schie�en, ihr Idioten!� br�llte er. �Wir ergeben uns!�</p><p>Ich starrte ihn entsetzt an, aber seine einzige Reaktion war ein geringsch�tziges Grinsen. �Was glaubst du, sollen wir tun, Kleiner?� beantwortete er meine unausgesprochene Frage. �Uns auf eine Schie�erei mit vielleicht ein paar Dutzend M�nnern einlassen?� Er sch�ttelte den Kopf, hob wieder die H�nde an den Mund und schrie noch einmal: �Hier ist McMudock! H�rt sofort auf! Wir leisten keinen Widerstand!�</p><p>Die Antwort auf seine Worte erfolgte prompt. Eine ganze Salve von Gewehrsch�ssen krachte, und die Eingangst�r zersplitterte und flog in Fetzen in den Raum. Eine Gestalt erschien in der �ffnung, gekleidet in einen schwarzen �lmantel wie den McMudocks und eine doppell�ufige Schrotflinte in den H�nden.</p><p>�Lon!� keuchte er. �Bist du in Ordnung?� Hinter ihm st�rmten weitere M�nner ins Haus: zwei, drei, schlie�lich sahen wir uns insgesamt f�nf bewaffneten und - allem Anschein nach - zu allem entschlossenen M�nnern gegen�ber. Drei von ihnen waren mit Gewehren bewaffnet, der vierte trug eine Pistole und der letzte ein rostiges Brecheisen, das er wie eine Keule schwang. Die M�ndungen der Gewehre waren ausnahmslos auf mich und Howard gerichtet. Ich sah, wie sich Howards Hand der Tasche n�herte, in der er seinen Revolver hatte, und hielt seine Finger mit einer erschrockenen Bewegung fest.</p><p>�Ich bin in Ordnung�, antwortete McMudock. Er stand auf, hob in einer beruhigenden Geste die H�nde und deutete auf Howard und mich.</p><p>�Nimm das Gewehr runter, Brennan�, sagte er. �Sie wehren sich nicht,�</p><p>Brennan - jetzt, als ich seinen Namen h�rte, erkannte ich ihn auch wieder - kam einen Schritt n�her und sah sich kampflustig um. Der doppelte Lauf der Schrotflinte deutete noch immer auf mein Gesicht. Und seine Finger spannten sich so fest um den Abzug, da� die Kn�chel wei� hervortraten.</p><p>Mit einer abgehackt wirkenden Kopfbewegung deutete er auf Howard. Die Wunde an seinem Hals blutete schon weniger stark und w�rde wahrscheinlich in ein paar Minuten ganz aufh�ren, aber sein Kopf und seine Schultern lagen in einer gewaltigen, rotglitzernden Lache. �Was ist mit ihm?� fragte er. �Tot?�</p><p>�Nein, du Bl�dmann�, antwortete McMudock. �Gott sei Dank kannst du immer noch nicht richtig schie�en. Und jetzt nimm das Gewehr herunter, ja?�</p><p>Brennan schien im ersten Moment gar nicht richtig zu begreifen, was McMudock gesagt hatte. Er ri� die Augen auf, starrte ihn an und atmete ein paarmal tief ein und aus. �Was ... hast du gesagt?� kr�chzte er.</p><p>�Tu das Gewehr weg, Fred�, sagte McMudock noch einmal. �Die Jagd ist vorbei.�</p><p>Brennan starrte ihn an. �Vorbei ist sie erst, wenn die beiden da tot sind�, sagte er gef�hrlich leise. �Was ist mit dir los, Lon? Haben Sie dich auch verhext?�</p><p>McMudock trat einen Schritt auf ihn zu, blieb aber sofort wieder stehen, als Brennan das Gewehr hob und auf seinen Bauch zielte. �Was soll das, Fred?� fragte er.</p><p>�Nichts�, antwortete Brennan leise. �Geh mir aus dem Weg, Lon.�</p><p>McMudock r�hrte sich nicht. �Was hast du vor?� fragte er.</p><p>�Oh, ich will nur zu Ende f�hren, was gestern morgen nicht geklappt hat�, antwortete Brennan. �Geh mir aus dem Weg, Lon.�</p><p>�Und du glaubst, ich sehe tatenlos zu, wie du zwei unschuldige Menschen ermordest?� erwiderte McMudock.</p><p><emphasis>�Unschuldig?� </emphasis>kr�chzte Brennan, �Die beiden da sind nicht unschuldig, Lon. Sie haben ein paar von unseren Freunden auf dem Gewissen, hast du das schon vergessen? Die halbe Stadt ist niedergebrannt, und sie werden daf�r bezahlen.�</p><p>�Sind Sie wirklich so dumm, oder k�nnen Sie nur nicht zugeben, da� Sie sich get�uscht haben?�</p><p>Brennan fuhr mit einer w�tenden Bewegung herum, als er Mi� Windens Stimme h�rte, aber ich sah auch, wie ein paar der M�nner in seiner Begleitung bei ihren Worten zusammenzuckten. Ich betrachtete sie genauer. In ihren schwarzen �lm�nteln und schwer bewaffnet, wie sie waren, wirkten sie wilder und entschlossener, als sie in Wahrheit zu sein schienen. Ich wu�te nicht, warum, aber ich glaubte zu sp�ren, da� diese M�nner im Innersten vor Angst zitterten. Aber Angst wovor? Vor <emphasis>uns?</emphasis></p><p>�Mi� ... Winden?� Brennan sprach in einer Betonung, als w�re er sich nicht ganz sicher, wen er vor sich hatte. Dabei hatte ich bisher den Eindruck gehabt, als ob sich die beiden sehr gut kannten.</p><p>�Tun Sie nicht so�, sagte Mi� Winden ver�rgert. �Sie wissen ganz gut, wer ich bin, Brennan. Und jetzt nehmen Sie verdammt noch mal endlich das Gewehr herunter!�</p><p>Brennan starrte sie mit wachsender Verwirrung an, aber er dachte gar nicht daran, die Waffe zu senken. Pl�tzlich fuhr er herum, trat auf mich zu und holte mit dem Fu� aus, als wollte er nach mir treten. McMudock spannte sich.</p><p>�Sie Teufel!� zischte er. �Was haben Sie mit ihr gemacht? Mit ihr und mit Lon?�</p><p>�Nichts�, sagte McMudock, aber Brennan ignorierte ihn schlichtweg.</p><p>�Daf�r werden Sie bezahlen!� drohte er. Seine Stimme bebte vor Ha�. �F�r alles werdet ihr bezahlen, ihr Teufel. F�r die Toten in Durness, f�r das Feuer und f�r das, was ihr dieser unschuldigen Frau angetan habt!�</p><p>�Wir haben �berhaupt nichts getan�, sagte ich. Aber genausogut h�tte an eine Wand reden k�nnen. Brennan <emphasis>wollte </emphasis>meine Worte gar nicht verstehen.</p><p>McMudock seufzte. �Frank, nimm Vernunft an�, sagte er. �Craven und seine Freunde sind nicht verantwortlich f�r das, was unten in Durness geschehen ist. Verdammt, sp�rst du denn nicht, da� hier was nicht mit rechten Dingen zugeht? Und es hat nichts mit diesen M�nnern zu tun. Sie stehen auf unserer Seite.�</p><p>Brennan starrte ihn an. �Du ... du wei�t nicht, was du redest�, sagte er unsicher. �Du -�</p><p>�Ich wei� ganz gut, was ich sage�, unterbrach ihn McMudock. �Aber du anscheinend nicht mehr. Ich werde nicht zulassen, da� ...�</p><p>Der Rest seiner Worte ging im donnernden Krach eines Schusses unter. Brennan hatte blitzschnell das Gewehr herumgerissen und einen der L�ufe abgeschossen. Die Schrotladung fuhr harmlos einen halben Meter vor McMudocks F��en in den Boden, aber dieser erbleichte trotzdem und wich zwei, drei Schritte zur�ck.</p><p>�Sei still, Lon!� sagte Brennan drohend. �Diese Teufel haben dich verhext, genau wie dieses n�rrische Weib da. Aber mich k�nnen sie nicht t�uschen. Sie sind Teufel, und ich werde sie behandeln, wie man Teufel behandelt.�</p><p>�Ich werde nicht zusehen, wie du drei wehrlose Menschen erschie�t, Brennan�, sagte McMudock leise.</p><p>�Erschie�en?� Brennan lachte b�se. �Wer spricht von erschie�en, Lon? Sie werden brennen. Ihretwegen ist die halbe Stadt niedergebrannt, und jetzt sollen sie sp�ren, wie hei� das Feuer sein kann.� Er gab seinen Begleitern einen Wink. �Packt sie!�</p><p>Einer der M�nner machte einen Schritt in unsere Richtung, aber die anderen r�hrten sich nicht von der Stelle.</p><p>�Was ist?� fauchte Brennan. �Habt ihr pl�tzlich Angst?�</p><p>�Nein�, sagte einer der M�nner. �Aber Lon hat recht - irgendwas stimmt hier nicht, Fred. Warum l��t du sie nicht reden?�</p><p>�Damit sie uns auch noch verhexen?� Brennan lachte. �Nein.�</p><p>�Glauben Sie wirklich, Sie w�ren hier, wenn wir in der Lage w�ren, Sie oder irgend jemanden sonst zu <emphasis>verhexen?� </emphasis>Howard richtete sich m�hsam in eine halb sitzende Position auf, zog ein Taschentuch aus der Weste und pre�te es gegen den blutigen Schnitt an seinem Hals. Er hustete. �Verdammt, Mister Brennan, wenn wir auch nur die H�lfte der F�higkeiten h�tten, die Sie uns zusprechen, dann w�ren Sie und all Ihre Freunde jetzt tot und wir schon ein paar tausend Meilen weit weg.�</p><p>Er wollte aufstehen, aber Brennan versetzte ihm einen derben Sto� mit dem Lauf seines Gewehres, der ihn wieder zur�ckfallen lie�.</p><p>�Halten Sie den Mund!� befahl er. �Sie t�uschen mich nicht. Das alles hier ist Ihr Werk! Sie -�</p><p>�Und Landers?� fragte einer seiner Begleiter.</p><p>McMudock runzelte die Stirn. �Was ist mit Landers?� fragte er.</p><p>Brennan fuhr mit einem �rgerlichen Knurren herum. �Halt den Mund!� befahl er.</p><p>Aber der Mann antwortete trotzdem. Sein Blick wanderte unstet zwischen Brennan, McMudock und mir hin und her. �Er ... ist verschwunden�, sagte er. �Drau�en im Wald.�</p><p>�Verschwunden?� Howard richtete sich abermals auf, und diesmal hinderte ihn Brennan nicht mehr daran. Er schien zu sp�ren, da� der R�ckhalt, den er sich von seinen Begleitern versprochen hatte, nicht mehr da war, und seine Selbstsicherheit schwand zusehends. �Was meinen Sie mit verschwunden?� fragte Howard alarmiert.</p><p>�Verschwunden eben�, antwortete der Mann. �Wir... hatten einen Moment angehalten, und als ... als wir weiterreiten wollten, war er weg.�</p><p>�Verdammt, ich habe gesagt, du sollst die Schnauze halten!� br�llte Brennan und begann wild mit seinem Gewehr herumzufuchteln. �Das ist alles ihr Werk! Sie -�</p><p>�Warum gehst du nicht nach oben, Brennan?� sagte McMudock leise.</p><p>Brennan verstummte abrupt, drehte sich zu ihm herum und sah ihn mi�trauisch an. �Was meinst du damit?� fragte er.</p><p>McMudock deutete mit einer Kopfbewegung auf die Treppe.</p><p>�Da oben�, sagte er. �Wenn du wirklich wissen willst, gegen wen wir k�mpfen, dann geh dort hinauf.�</p><p>�McMudock!� Howard blickte ihn alarmiert an. �Sie -�</p><p>�Es ist schon gut, Howard�, unterbrach ihn McMudock. �Lassen Sie ihn gehen. Vielleicht begreift er dann, was wirklich los ist.� Er deutete herausfordernd auf die Treppe, �Warum gehst du nicht, Brennan? Oder hast du Angst?�</p><p>Brennan starrte ihn noch einen Moment lang trotzig an, dann drehte er sich herum, nahm die Petroleumlampe vom Kaminsims und ging zur Treppe. �Pa�t auf sie auf�, sagte er an seine M�nner gewandt, �Und wenn ich in f�nf Minuten nicht wieder da bin, dann erschie�t sie.� Er warf Howard, McMudock und mir der Reihe nach einen drohenden Blick zu, wandte sich mit einer �bertrieben kraftvollen Bewegung um und begann rasch die Treppe hinaufzusteigen.</p><p>Ich sah ihm mit gemischten Gef�hlen nach. Irgendwie glaubte ich zu sp�ren, da� der Moment der gr��ten Gefahr - was ihn betraf - vor�ber war. M�nner wie Brennan sind nur in ganz bestimmten Situationen und in ganz bestimmten Momenten wirklich stark. Er hatte den Moment, in dem er noch handeln konnte, eindeutig verpa�t. Aber M�nner wie Brennan sind auch unberechenbar.</p><p>�Glauben Sie, da� das klug war?� fragte Howard.</p><p>McMudock schnaubte. �Bei Brennan ist �berhaupt nichts klug�, sagte er zornig. �Aber ich glaube nicht, da� wir hier herauskommen, wenn wir uns auch noch mit einem Verr�ckten herumschlagen m�ssen.� Er seufzte, blickte zum Fenster und sch�ttelte den Kopf. �Ich wollte, es w�rde bald hell.�</p><p>�Wie ... wie meinst du das, Lon?� fragte einer der M�nner. McMudock sch�rzte geringsch�tzig die Lippen, ging zur T�r und blickte einen Moment schweigend in die Dunkelheit hinaus, ehe er antwortete:</p><p>�Ihr seid durch den Wald geritten, oder?�</p><p>�Nat�rlich.�</p><p>�Dann wei�t du, was ich meine�, antwortete McMudock d�ster. Diesmal schwieg der Mann. Aber ich sp�rte die Furcht, die sich in seine Seele - und die der anderen - gekrallt hatte, �berdeutlich.</p><p>Die f�nf Minuten, von denen Brennan gesprochen hatte, waren noch nicht zur H�lfte vorbei, als er zur�ckkam. Selbst im schwachen Licht der Petroleumlampen war zu erkennen, wie bla� er geworden war, und der Blick seiner weit aufgerissenen, starren Augen wirkte seltsam leer, als er auf Howard zuging und dicht vor ihm stehenblieb. Seine H�nde zitterten.</p><p>�Was ... was ist das, da ... da oben?� kr�chzte er. �Dieses ... Ding?�</p><p>�Eines von den Biestern, die <emphasis>wirklich </emphasis>an allem schuld sind�, sagte McMudock an Howards Stelle. Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, aber es war im Augenblick wahrscheinlich kl�ger, als Brennan eine umst�ndliche Erkl�rung zu geben, die er sowieso nicht verstand. �Und ein zweites oder vielleicht noch ein paar mehr schleichen wahrscheinlich jetzt noch durch den Wald und warten nur darauf, da� du die Nase ins Freie steckst.�</p><p>Brennan begann zu zittern. Howard nahm ihm die Lampe aus der Hand, ehe er sie fallen lie�. �Aber das ist...�, stammelte er, �das ... mein Gott, so etwas Grauenhaftes habe ich noch nie gesehen. Was ist das ... f�r ein Ding?�</p><p>�Es ist tot und kann uns nichts mehr tun�, sagte Howard beruhigend. �Aber ich f�rchte, Mister McMudock hat recht. Es k�nnten noch mehr davon drau�en sein. Ich f�rchte sogar, es ist so.�</p><p>Brennans Kopf ruckte mit einer erschrockenen Bewegung herum. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er zum Fenster, als erwarte er, dort jeden Augenblick alle D�monen der H�lle auftauchen zu sehen. �Wir m�ssen weg!� keuchte er. �Wir ... m�ssen hier raus!�</p><p>McMudock lachte leise. �Dann geh doch�, sagte er. �Bitte, die T�r ist offen. Wenn du morgen fr�h noch leben solltest, dann kommen wir dir nach.�</p><p>Brennan fuhr herum. �Das ist alles nur ihre Schuld!� schrie er und deutete anklagend auf Howard und mich. �Das ist ihr Werk! Das ist Hexerei! Sie ...�</p><p>McMudock nahm ihm mit einer fast gelassenen Bewegung das Gewehr aus den Fingern, lehnte es neben sich an die Wand und schlug ihm mit der flachen Hand �ber den Mund. Brennan taumelte zur�ck, pre�te die Hand gegen seine aufgesprungene Lippe und starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. In diesem Moment war sein Blick der eines Menschen, der auf dem schmalen Grat zwischen Normalit�t und Wahnsinn entlangbalancierte. Er begann zu schluchzen und kleine, w�rgende Ger�usche auszusto�en. McMudock holte zu einem weiteren Schlag aus, aber Brennan duckte sich blitzschnell unter seinem Arm hindurch, versetzte ihm einen Sto� und sprang mit einem kaum mehr menschlich klingenden Schrei an ihm vor�ber. �Ich will weg!� br�llte er. �Ich will raus hier!�</p><p>�Festhalten!� schrie Howard. Aber sein Befehl kam zu sp�t. Brennan stie� einen zweiten Mann, der ihm den Weg versperren wollte, zu Boden, erreichte die T�r und sprang mit einem irrsinnigen Kreischen in die Dunkelheit hinaus.</p><p>McMudock fluchte, lief zum Kamin, ri� einen brennenden Holzscheit aus dem Feuer und lief, das Holz wie eine Fackel schwingend, hinter ihm her.</p><p>Brennans Vorsprung betrug nicht einmal zehn Schritte, als er aus dem Haus st�rmte - und trotzdem war er zu gro�.</p><p>Das Mondlicht reichte nicht aus, viel mehr als Schatten zu erkennen, aber was wir sahen, war genug. Mehr als genug.</p><p>Brennan rannte wie von Furien gehetzt auf den Waldrand zu. Er stolperte immer wieder und fiel zweimal, und als er aufstand, schien ihm die Bewegung ungew�hnliche M�he zu bereiten. McMudock setzte, ununterbrochen seinen Namen rufend und wild seine Fackel schwenkend, hinter ihm her, aber auch er schien aus irgendeinem Grunde Schwierigkeiten zu haben, richtig von der Stelle zu kommen, und blieb schlie�lich stehen.</p><p>Nicht so Brennan. Kreischend und wild mit den Armen in die Luft schlagend, als erwehre er sich des Angriffes unsichtbarer Angreifer, n�herte er sich dem Waldrand.</p><p>Einer der m�chtigen Schatten vor ihm bewegte sich, und Brennans Kreischen verwandelte sich in einen unmenschlichen Schrei.</p><p>Ich konnte nicht genau erkennen, was geschah. Es sah aus, als kr�mme sich der Baum. Seine Krone, �ber Nacht blattlos und kahl geworden, senkte sich wie eine gewaltige, vielfingrige Hand, griff in einer t�uschend langsam erscheinenden Bewegung nach der winzigen Menschengestalt und packte zu.</p><p>Brennans Schrei verstummte. Aber das Krachen und Splittern des berstenden Holzes war beinahe noch schlimmer.</p><empty-line/><p>SIE versammelten sich tief auf dem Grunde des Meeres. Viele von ihnen waren noch unsicher; verst�rt und desorientiert durch den Schock, den SIE aus dem zeitlosen schwarzen Nichts, in das SIE verbannt worden waren, herausgerissen und in diese neue, noch unbekannte Welt geschleudert hatte. Aber SIE lernten schnell, und SIE stellten sich mit der unheimlichen Anpassungsf�higkeit einer Rasse, die es gewohnt war, Welten zu beherrschen und mit V�lkern zu spielen, in Jahrmillionen zu denken und die Abgr�nde der Ewigkeit zu durchmessen, auf ihre neue Umgebung ein. SIE hatten nur Sekunden gebraucht, ihre K�rper auf ihre neue, im ersten Moment feindliche Umgebung einzustellen, und SIE brauchten nur Stunden, einen Plan zu fassen, diese Welt zu unterjochen, sich das Leben, das Milliarden Jahre gebraucht hatte, den Planeten zu erobern, in einem Bruchteil dieser Zeit Untertan zu machen.</p><p>Ihre Versammlung endete so lautlos, wie sie begonnen hatte, und selbst wenn ein Mensch in diesem Moment hier, in der Weite des Ozeans, anwesend gewesen w�re, h�tte er nicht mehr als eine Anzahl gigantischer Schatten gesehen, die tief unter der Oberfl�che des Meeres pulsierten.</p><p>Dann verschwanden SIE, lautlos und schnell wie die Furcht, die auf unsichtbaren Beinen durch die Nacht schleicht. Nur einer blieb zur�ck, Yog-Sothoth selbst, der Herr der Meere, aber auch er blieb passiv. Er war ein Gott, ein Gott des B�sen und des Hasses, und er war es nicht gewohnt zu handeln. Er hatte es tun m�ssen, wider seine Natur, aber jetzt, als seine Diener zur�ckgekehrt waren, brauchte er nur noch zu befehlen. Er war nicht mehr allein. Die zw�lf M�chtigsten der <emphasis>M�chtigen </emphasis>waren durch die Schl�nde der Zeit zu ihm emporgestiegen. Und mit ihnen ein Heer jener Kreaturen, die ihnen schon einmal geholfen hatten, sich diese Welt Untertan zu machen.</p><p>Sekundenlang war es vollkommen still. Selbst das Heulen des Windes schien f�r einen Moment innezuhalten. Dann stie� einer der M�nner neben mir einen sonderbaren, keuchenden Laut aus, schlug die H�nde vor den Mund und taumelte zur�ck ins Haus, und auch die anderen erwachten nacheinander aus ihrer Erstarrung.</p><p>�Hol ihn zur�ck�, fl�sterte Howard. Seine Stimme klang flach, gepre�t und so, als koste es ihn alle nur erdenkliche Kraft, nicht einfach loszuschreien. Ich merkte erst jetzt, da� sich seine Finger durch den Stoff meiner Jacke in meinen Arm gekrallt hatten. �Hol... McMudock zur�ck�, sagte er noch einmal. �Schnell.�</p><p>Ich nickte, l�ste behutsam seine Hand von meinem Arm, ging ins Haus zur�ck und nahm die Lampe auf, die Brennan bei seiner sinnlosen Flucht stehengelassen hatte. Mi� Winden, die als einzige nicht aus dem Haus gest�rzt war, sah mir aus schreckgeweiteten Augen entgegen, schwieg aber, als sie meinen Blick bemerkte. Sie mu�te die Schreie geh�rt haben. Aber ich h�tte ihr im Moment auch nicht antworten k�nnen, wenn sie gefragt h�tte. Meine Kehle war wie zugeschn�rt.</p><p>Ich nahm die Lampe auf, tastete - obwohl ich ganz genau wu�te, wie sinnlos es war - instinktiv nach dem Revolver in meiner rechten Jackentasche und trat wieder aus dem Haus. McMudock hatte sich noch nicht von der Stelle ger�hrt, sondern stand noch immer reglos wie eine Statue an der Stelle, an der er stehengeblieben war, als sich Brennans Schicksal erf�llte.</p><p>Als ich neben ihm ankam, erwachte er wie aus einem Schlaf. Sein Blick war verschleiert; er schien mich gar nicht zu erkennen, im ersten Moment. Dann kl�rte sich sein Blick.</p><p>�Gro�er Gott!� stammelte er. �Der ... der Baum hat ihn ... er hat...�</p><p>�Ich wei߫, sagte ich leise. �Ich habe es gesehen.� Ich wollte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legen, aber er schlug meinen Arm beiseite und prallte einen Schritt zur�ck.</p><p>�Nichts wei�t du!� keuchte er. �Der Baum hat ihn <emphasis>gefressen, </emphasis>verstehst du? Er hat ihn ... mein Gott... er ... er hat ihn verschlungen ...�</p><p>Einen Moment lang starrte ich ihn ungl�ubig an, dann wandte ich mich um, hob die Lampe ein wenig h�her und ging, trotz der rasenden Angst, die in meinen Eingeweiden w�hlte, ein paar Schritte auf den Waldrand zu.</p><p>Ich wei� nicht, was ich erwartete: eine Leiche, einen zerschmetterten K�rper, vielleicht auch nur Blut oder Fetzen seiner Kleidung - aber vor mir war <emphasis>nichts.</emphasis></p><p>Die St�mme des Waldes erhoben sich gl�nzend und nackt wie polierte Marmors�ulen vor mir, und das Unterholz sah in der Dunkelheit aus wie Stacheldraht. Aber von Brennan war nicht mehr die geringste Spur zu sehen. Er war verschwunden.</p><p>�Geh nicht n�her!� keuchte McMudock.</p><p>Ich h�tete mich, auch nur noch einen Schritt zu tun. Vorsichtig bewegte ich mich ein St�ck r�ckw�rts, blieb neben McMudock wieder stehen und blickte nach rechts und links. Wir waren allein auf der Lichtung, aber die Dunkelheit schien von huschenden Schatten und wispernden Stimmen erf�llt zu sein.</p><p>�Er hat ihn verschlungen�, stammelte McMudock. �Einfach so. Der ... der Baum hat ...�</p><p>�Beruhigen Sie sich�, sagte ich leise. Wieder wollte ich auf ihn zutreten, aber mein Fu� verfing sich, und ich stolperte und w�re um ein Haar gefallen. Fluchend machte ich einen gewaltigen Schritt zur Seite, um mein Gleichgewicht wiederzufinden, senkte die Lampe und starrte zu Boden.</p><p>Der braune Morast war verschwunden. Dort, wo noch kn�cheltiefer Schlamm gewesen war, als wir hierher gekommen waren, bot sich meinen Blicken jetzt eine schwarzbraune, unentwirrbar ineinander verflochtene Masse d�nner Wurzeln und Pflanzenfasern. Das also war es, wor�ber Brennan und McMudock gestolpert waren ...</p><p>Verwirrt blickte ich McMudock an, lie� mich in die Hocke sinken und ber�hrte eine der Wurzelfasern mit den Fingern. Sie f�hlte sich kalt und na� an, viel k�lter, als sie h�tte sein d�rfen. Und sie schien unmerklich zu pulsieren. Angeekelt zog ich die Hand zur�ck und richtete mich wieder auf.</p><p>�Das war noch nicht da, als wir gekommen sind�, sagte ich. �Ich bin sicher.�</p><p>McMudock nickte wortlos. Das Holzscheit in seiner Hand brannte knackend herunter, und die Flammen n�herten sich bereits seinen Fingern. Er schien es nicht einmal zu bemerken. Winzige gl�hende Funken fielen zur Erde und verzischten auf dem feuchten Geflecht aus Wurzelwerk.</p><p>�Das ... das ist dasselbe Zeug, in dem sich der Wagen verfangen hatte�, sagte er mit bebender Stimme. �Es ... es kommt n�her, Robert! Es wird uns alle verschlingen!�</p><p>In seiner Stimme war ein Ton, der mich alarmierte. Ich sah zum Haus zur�ck. Howard stand noch immer unter der T�r und gestikulierte nerv�s in unsere Richtung, und der Wald hinter dem Haus schien massiger und dunkler geworden zu sein. F�r einen Moment bildete ich mir wirklich ein, er w�re n�her gekommen.</p><p>�Beruhigen Sie sich, Lon�, sagte ich leise. �Kommen Sie - wir gehen zur�ck.�</p><p>Er nickte, r�hrte sich aber nicht von der Stelle, sondern starrte weiter aus erschrocken aufgerissenen Augen auf das schwarze Wurzelgeflecht. Ich war nicht sicher, aber im flackernden Licht seiner Fackel sah es aus, als bewege es sich ...</p><p>Mit einem Ruck fuhr ich herum, packte ihn an der Schulter und zerrte ihn fast mit Gewalt hinter mir her. Der Boden unter meinen F��en schien zu vibrieren, als schritten wir �ber ein gewaltiges Trampolin. Ich mu�te vorsichtig gehen, um mich nicht in einer der Millionen von Schlingen und gewachsenen Fallstricken zu verfangen. Die Wurzeln waren weit �ber die Mitte der Lichtung gewachsen und n�herten sich dem Haus.</p><p>Howard trat schweigend beiseite, als wir durch die T�r traten. Er schien etwas sagen zu wollen, aber ein Blick in McMudocks schreckensbleiches Gesicht lie� ihn verstummen.</p><p>McMudock ging zum Kamin, warf den brennenden Holzscheit hinein und rieb die H�nde �ber den Flammen. Auf der Treppe polterten Schritte. Ich sah auf und erkannte zwei der M�nner aus Durness, die nebeneinander die ausgetretenen Stufen hinabgestolpert kamen. Ihre Gesichter waren kaum weniger bleich als das von McMudock.</p><p>�Was ist mit... mit Brennan?� fragte Howard leise.</p><p>�Er ist tot�, antwortete ich, ohne ihn anzusehen. �Verschwunden.�</p><p>�Verschwunden? Was hei�t das?�</p><p>McMudock sah alarmiert auf und pre�te die Kiefer aufeinander, so fest, da� ich seine Z�hne glaubte knirschen zu h�ren.</p><p>�Irgend etwas hat ihn weggeschleppt�, log ich. Und dann f�gte ich in einem Tonfall, der mich selbst erschreckte, hinzu: �Es kommt n�her, Howard.�</p><p><emphasis>�Was </emphasis>kommt n�her?�</p><p>�Die Wurzeln�, keuchte McMudock, ehe ich antworten konnte. Sein Blick war starr in die prasselnden Flammen des Kaminfeuers gerichtet. �Es kommt n�her. Es ... es hat das Haus umzingelt. Wir sitzen in der Falle und -� Er brach ab, als er selbst merkte, da� er erneut die Beherrschung zu verlieren drohte.</p><p>�McMudock hat recht�, f�gte ich hinzu, als er nicht weitersprach, �Die halbe Lichtung ist bereits von dem Zeug �berwachsen. Wenn es weiter so schnell w�chst, dann ist es in einer Stunde hier.�</p><p>Howard schwieg erschrocken. Es war nicht schwer zu erraten, was hinter seiner Stirn vorging; sein Blick spiegelte die Angst, die er sp�rte, wider. Aber seine Stimme klang fast unnat�rlich ruhig, als er weitersprach. �Wir m�ssen hier weg, so schnell wie m�glich.�</p><p>McMudock lachte schrill. �Weg?� keuchte er. �Keine zehn Pferde kriegen mich dort hinaus, bei dieser Dunkelheit.�</p><p>�Es w�re Selbstmord�, pflichtete ich ihm bei. �Man sieht die Hand vor Augen nicht, Howard. Wir k�nnen gar nichts tun, solange es nicht hell wird.�</p><p>�Und wann wird das sein?�</p><p>McMudock �berlegte einen Moment. �In zwei Stunden�, murmelte er. �Vielleicht auch zweieinhalb. Eher nicht.�</p><p>�Zwei Stunden ...� Howard seufzte. �Das ist eine verdammt lange Zeit...� Er stand auf, ging zur T�r und blickte einen Moment in die Dunkelheit hinaus, die wie eine schwarze Wand vor dem Eingang lag. Nicht einmal ein Stern war am Himmel zu sehen. Es war, als w�re das Haus unter einer Glocke aus Finsternis und Schweigen gefangen. Und trotzdem bewegte sich dort drau�en etwas. Man h�rte es nicht und man sah es nicht. Aber es war da.</p><empty-line/><p>Rowlf erwachte, als sich das erste Grau der D�mmerung �ber den Wipfeln des Waldes zeigte. Wir hatten seine Kleider getrocknet so gut es ging, und Howard und einer der M�nner aus Durness - sie hatten uns ihre Namen genannt und sich vorgestellt, aber ich hatte sie mir nicht gemerkt - halfen ihm, sich vorsichtig von seinem improvisierten Lager zu erheben und sich anzuziehen. Das Fieber war besiegt. Seine Stirn war noch hei�, und sein Gesicht wirkte eingefallen und bla�, mit grauen, kr�nklichen Schatten auf den Wangen, die Augen tief in den H�hlen liegend und glanzlos, aber es war, wie Mary gesagt hatte: Nachdem das Fieber zur�ckgedr�ngt worden war, erholte er sich schnell. Er war noch schwach und etwas wackelig auf den Beinen, aber er w�rde reiten k�nnen, wenn wir ihm halfen, auf ein Pferd zu kommen.</p><p>W�hrend sich Howard, Mary und ich um ihn bem�hten, hielt einer der M�nner aus Durness an der T�r Wache, ein Gewehr, das ihm �berhaupt nichts nutzen w�rde, aber wenigstens sein Selbstvertrauen st�rken mochte, in den H�nden. Der Himmel hellte sich rasch auf, und mit der D�mmerung krochen Schatten in das Haus. Es wurde k�lter. Wir hatten die vergangenen zwei Stunden dicht aneinandergedr�ngt am Kaminfeuer verbracht, und der schmerzende Eisklumpen, der sich in meinem Inneren gebildet hatte, war verschwunden. Aber er w�rde wiederkommen. Obwohl der Regen aufgeh�rt hatte, waren die Temperaturen drau�en best�ndig gefallen, und auf dem schwarzen Geflecht, das das Gras der Lichtung abgel�st hatte, glitzerten Rauhreif und Eis. Auch mit den Pferden w�rden wir Stunden brauchen, um den Wald zu verlassen und Betryhill zu erreichen.</p><p>�Wir m�ssen die Pferde holen�, sagte Howard. �Und jemand sollte hinausgehen und sehen, wie dicht dieses verdammte Zeug schon heran ist.�</p><p>�Das mache ich�, bot sich McMudock an. Er hatte sich wieder gefangen und wirkte jetzt schon fast unnat�rlich ruhig. Aber das war nur Tarnung; eine Maske, unter der die Furcht und das Entsetzen weiterbrodelten. Ich hatte versucht, mich in seine Gedanken zu versetzen, aber es war mir nicht m�glich gewesen. F�r mich und Howard waren die Dinge schlimm genug; f�r McMudock und die anderen M�nner mu�ten sie hundertmal entsetzlicher sein. Was sie sahen, war ein St�ck aus einer anderen Welt, einer Welt, die ihnen vollkommen fremd und unbegreiflich sein mu�te. Im Grunde war es ein Wunder, da� noch keiner von ihnen zusammengebrochen war oder eine Kurzschlu�handlung begangen hatte. Aber das konnte noch kommen. Der winzigste Anla� mochte gen�gen, die unertr�gliche Spannung zur Explosion zu bringen.</p><p>�Ich komme mit�, sagte ich. McMudock nickte stumm, b�ckte sich nach einer der �xte, die Brennans M�nner mitgebracht hatten, und reichte sie mir. Er selbst zog ein fast unterarmlanges Messer aus dem Stiefel und grinste, als er meinen erschrockenen Blick bemerkte. Er mu�te die Waffe die ganze Zeit bei sich getragen haben. Howard und ich hatten es nicht einmal gemerkt.</p><p>Einer der M�nner aus Durness schlo� sich uns an, als wir aus dem Haus traten und uns nach rechts wandten, um den Schuppen auf der R�ckseite des Geb�udes zu erreichen.</p><p>Es wurde hell. Die D�mmerung lie� graues Licht durch die niedrig h�ngende Wolkendecke sickern, in der schwachen Helligkeit wirkte der Anblick unwirklich und furchteinfl��end.</p><p>Der Wald war kahl geworden. Unterholz und B�ume waren nicht verschwunden wie auf der Lichtung, die wir w�hrend der Nacht �berquert hatten, aber sie waren nackt; nirgendwo war der kleinste Tupfer von Gr�n zu sehen. Die B�sche standen wie nackte knotige Gebilde aus Stacheldraht auf dem Waldboden, und die Kronen der m�chtigen, hundert Jahre alten Eichen reckten sich wie grauschwarze, metallene Krallen in den Himmel. Blattwerk, Moos und Flechten waren verschwunden.</p><p>So wie das Gras.</p><p>Statt des aufgeweichten gr�nen Teppichs, �ber den wir am Abend zuvor auf die H�tte zugegangen waren, bot sich unseren Blicken ein schwarzes, gl�nzendes Etwas dar, ein dichter, fast wadenhoher Teppich aus ineinander verwachsenen Wurzeln und F�den. Und er bewegte sich.</p><p>Ein Gef�hl unbeschreiblichen Ekels stieg in mir hoch. Die Bewegung war im einzelnen nicht wahrzunehmen - sah man genauer hin, dann lagen die fingerd�nnen Str�nge reglos und wie tot da - aber im Ganzen war die braunschwarze Masse von einer m�hsamen, pulsierenden Bewegung erf�llt. Wie W�rmer, dachte ich. Es sah aus, als w�re die Lichtung von einem gewaltigen, lebenden Teppich schwarzer, ekelhafter W�rmer bedeckt. Instinktiv packte ich die Axt fester.</p><p>Vorsichtig begannen wir das Haus zu umrunden. Die Front des schwarzen Wurzelteppichs war n�hergekommen und jetzt kaum noch drei Schritte vom Haus entfernt. Auf der Vorderseite.</p><p>Als wir das Haus umrundet hatten, sahen wir, da� sie auf der R�ckseite der windschiefen H�tte bis an die W�nde herangekommen und zum Teil bereits daran emporgekrochen waren ...</p><p>�Mein Gott!� keuchte McMudock. �Die Pferde!�</p><p>Ich begriff sofort, was er meinte. Der Schuppen, in den zuerst wir und sp�ter auch Brennans Leute ihre Pferde untergestellt hatten, war unter einer m�chtigen, sanft pulsierenden Masse der schwarzen Wurzeln verschwunden, ein dichtes, undurchdringliches Netz, das das kleine Brettergeb�ude fast zur G�nze �berwuchert hatte. Die T�r war kaum mehr zu erkennen.</p><p>�Schnell!� befahl McMudock. �Wir m�ssen die Tiere herausholen!�</p><p>Wir rannten los. Meine F��e verfingen sich immer wieder in den Wurzeln, und pl�tzlich mu�te ich mich mit aller Macht gegen die bizarre Vorstellung wehren, die Wurzeln wie d�nne schwarze Finger nach meinen Kn�cheln tasten zu sehen, um mich festzuhalten, damit sich der Boden auftun und mich verschlingen konnte. Ich versuchte die Vorstellung abzusch�tteln, aber es ging nicht; im Gegenteil. Die Angst wurde st�rker.</p><p>McMudock schwang mit einem w�tenden Br�llen sein Messer, als wir den Schuppen erreichten. Die Klinge fuhr mit einem saugenden Ger�usch in die verfilzte Wurzelmasse, aber der geschliffene Stahl vermochte die t�uschend d�nnen Str�nge kaum zu durchtrennen. Hastig trat ich neben ihn, packte mein Beil mit beiden H�nden und schlug zu, so fest ich konnte.</p><p>Es war fast aussichtslos. Zu dritt hackten und schlugen wir auf den Pflanzenteppich ein, aber die d�nnen Ranken schienen z�h wie Draht zu sein; wir schienen Ewigkeiten zu brauchen, um ein St�ck der T�r zu befreien, und es kam mir vor, als w�chse die Masse schneller nach, als wir sie wegzuhacken in der Lage waren.</p><p>Schlie�lich hatten wir die T�r wenigstens notd�rftig befreit. McMudock zerrte den Riegel zur�ck und warf sich mit der Schulter gegen die T�r, aber das d�nne Holz hielt seinem Anprall stand. Er fluchte, trat einen halben Schritt zur�ck und ri� mir die Axt aus der Hand. Holz splitterte, als er die st�hlerne Schneide dicht �ber dem Riegel gegen die T�r krachen lie�.</p><p>Pl�tzlich fiel mir auf, wie still es war. Im Inneren des kleinen Schuppens waren insgesamt sieben Pferde - aber nicht das leiseste Ger�usch drang zu uns nach drau�en.</p><p>McMudock schlug noch einmal zu, und diesmal gab die T�r unter der Wucht des Axthiebes nach und zerbrach in mehrere, unterschiedlich gro�e Teile.</p><p>McMudock taumelte mit einem keuchenden Schrei zur�ck.</p><p>Die Pferde waren verschwunden, aber der Schuppen war nicht leer. Der Raum war bis in den hintersten Winkel von einer schwarzen, pulsierenden Masse aus d�nnen Wurzelf�den ausgef�llt.</p><p>�Mein Gott!� keuchte McMudock. �Das ist... das ist doch unm�glich. Das ist doch ...� Er begann zu zittern, lie� die Axt fallen und fuhr mit einer blitzschnellen Bewegung herum. �Die Pferde!� keuchte er. �Es ... es hat die Pferde verschlungen. Genau wie ... genau wie Brennan. Es ...�</p><p>�Vielleicht sind sie noch da�, sagte unser Begleiter unsicher. �Vielleicht sind sie in dem Zeug eingeschlossen. Ich ... ich versuche es.�</p><p>Ehe ihn McMudock oder ich daran hindern konnten, hob er die Axt auf, trat durch die T�r und lie� das Beil wuchtig auf die verfilzte Wurzelmasse heruntersausen.</p><p>McMudocks entsetzter Warnschrei kam zu sp�t.</p><p>Etwas Dunkles, Formloses brach mit einem f�rchterlichen Krachen aus der Pflanzenmasse hervor, warf sich auf den Mann und t�tete ihn mit einem einzigen kraftvollen Hieb. Der Mann fand nicht einmal mehr die Zeit, einen Schrei auszusto�en. Durch den Schlag zur�ckgeschleudert, taumelte er aus der H�tte, fiel nach hinten und blieb reglos liegen.</p><p>Aber es war noch nicht vorbei. Das <emphasis>Ding, </emphasis>das ihn get�tet hatte, war durch die Wucht seines eigenen Schlages nach vorne gestolpert und auf die Knie gefallen. Aber es richtete sich mit �bermenschlicher Schnelligkeit und Kraft wieder auf.</p><p>Es bestand aus Holz. Sein K�rper, der klobige, nur grob modellierte Kopf mit der grausamen Verh�hnung menschlicher Z�ge, die Arme und Beine, die m�rderisch starken H�nde, die wie gierige Klauen nach vorne gereckt waren, bestanden aus rissigem, braunschwarzem <emphasis>Holz.</emphasis></p><p>McMudock erwachte einen Sekundenbruchteil vor mir aus seiner Erstarrung. Mit einem gellenden Schrei prallte er zur�ck, ri� mich am Arm herum und versuchte, mit einem m�chtigen Satz aus der Reichweite des Monsters zu gelangen, aber seine F��e verfingen sich in dem Netz aus Wurzeln, er stolperte, fiel und zog mich dabei mit sich.</p><p>Der dichte Teppich aus Holzfasern d�mpfte meinen Sturz. Ich ri� mich los, w�lzte mich auf den R�cken - und schrie auf, als ich die Faust der Kreatur auf mich herabsausen sah. Im letzten Moment drehte ich den Kopf zur Seite. Die weit gespreizte, in scharfen Krallen endende Klaue des Ungeheuers h�mmerte Millimeter neben meinem Gesicht in den Boden. Ich schrie vor Schrecken, w�lzte mich herum und trat mit aller Macht zu.</p><p>Der Tritt h�tte einen lebenden Gegner get�tet oder zumindest kampfunf�hig gemacht - aber mein Gegner war kein Mensch. Ein heftiger Schmerz pulsierte durch mein Bein. Es war, als h�tte ich gegen Stein getreten.</p><p>Ich schrie erneut auf, versuchte, aus der Reichweite des Ungeheuers zu kriechen und sp�rte, wie die d�nnen Ranken auf dem Boden nach meinen Armen und Beinen tasteten, als wollten sie mich zur�ckhalten. Verzweifelt warf ich mich nach vorne, griff blindlings um mich und bekam etwas Hartes, Schweres zu fassen. Die Axt!</p><p>Ich reagierte, ohne zu denken. Als der Schatten der Kreatur �ber mir auftauchte, warf ich mich herum, ri� das Beil hoch und schlug mit der Kraft der Verzweiflung zu.</p><p>Die Axt traf den h�lzernen Kopf in die Stirn und spaltete ihn.</p><p>Das Wesen prallte, durch die pure Wucht des Schlages in die H�he gerissen, zur�ck. Ein knarrender, unbeschreiblich fremdartig klingender Laut entrang sich seiner Kehle. Seine gewaltigen Klauen ruderten hilflos durch die Luft, zerrten am Stiel der Axt und versuchten sie loszurei�en.</p><p>�Robert - <emphasis>weg hier!� </emphasis>schrie McMudock. Mit einem Ruck ri� er mich auf die F��e.</p><p>Als wir die T�r erreichten, war das Monster nur noch wenige Schritte hinter uns. McMudock schrie, sprang mit einem Satz ins Haus und stie� einen Mann, der ihm hilfsbereit entgegenkam, aus dem Weg. Hinter uns erscholl ein markersch�tterndes, unglaublich fremdartiges Br�llen, ein Laut, wie ich ihn noch nie zuvor in meinem Leben geh�rt hatte, dann erschien die gigantische Gestalt des Unheimlichen unter der T�r.</p><p>Alles schien gleichzeitig zu geschehen. McMudock raffte einen fast mannslangen Balken vom Boden auf und schwang ihn wie eine Keule. Howard prallte mit einem erschrockenen Keuchen zur�ck und ri� in einer instinktiven Bewegung Mi� Winden mit sich, und einer der M�nner hob sein Gewehr und feuerte dicht hintereinander beide L�ufe ab, im gleichen Moment, in dem McMudock mit seinem Balken zuschlug.</p><p>Der doppelte, dumpfe Knall des Schrotgewehres vermischte sich mit dem Krachen des niedersausenden Balkens und dem dumpfen Klatschen, mit dem die Schrotkugeln in das rissige Holz fuhren. F�r einen Augenblick verschwand die gigantische Gestalt halbwegs hinter einer Wolke aus emporgewirbeltem Staub und Holzsplittern. Sie taumelte. McMudocks Balken zerbrach, und fast gleichzeitig ging er selbst unter einem wuchtigen Hieb des unheimlichen Wesens zu Boden.</p><p>Nicht so der Angreifer! Mit einem w�tenden, knarrenden Laut fuhr er herum, war mit einem Satz bei dem Mann, der auf ihn geschossen hatte, und entri� ihm das Gewehr. Der Doppellauf der Schrotflinte zerbrach wie ein Strohhalm unter seinen H�nden.</p><p>Ich sah aus den Augenwinkeln, wie sich Rowlf einen Kn�ppel griff und Anstalten machte, sich auf das Monster zu st�rzen, schrie eine Warnung und warf mich gleichzeitig zwischen die beiden ungleichen Gegner. Die Faust der Kreatur zischte durch die Luft und verfehlte mich um Millimeter; ich packte sie, zog mit aller Gewalt daran und verlagerte gleichzeitig mein K�rpergewicht.</p><p>Der Ruck schien hart genug, mir die H�nde aus den Gelenken zu rei�en. Aber auch der Angreifer kam aus dem Gleichgewicht. Er stolperte, taumelte haltlos auf mich zu, und ich nutzte seinen eigenen Schwung, drehte mich gleichzeitig halb um meine Achse und knickte in den H�ften ein. Die Kreatur wurde vom Schwung ihrer eigenen Bewegung �ber meinen R�cken und von den F��en gerissen, segelte f�nf, sechs Yards durch die Luft und prallte auf dem Boden auf.</p><p>Aber sie stand fast sofort wieder auf. Ihre Klauen schnappten zu, w�hrend die Kreatur M�bel und Tr�mmerst�cke achtlos und mit der Kraft eines Elefanten niederwalzend, auf mich zutorkelte.</p><p>�Robert - lauf weg!� schrie Howard. Rowlf versuchte, sich dem Monster in den Weg zu stellen, aber es fegte ihn mit einer achtlosen Bewegung zur Seite und stampfte weiter auf mich zu. Es war gekommen, um uns alle zu t�ten, aber jetzt wollte es nur noch <emphasis>mich. </emphasis>Ich war es gewesen, der ihm zweimal Schmerz zugef�gt hatte, und es w�rde nicht eher ruhen, bis es sich daf�r ger�cht hatte!</p><p>Wieder krachte ein Schu�. Der Unheimliche taumelte, und auf seiner rissigen Brust erschien ein Spinnennetz schwarzer L�cher und feiner Risse, aber es war nur die reine Wucht der Schrotkugeln, die ihn wanken lie�. Er stapfte weiter auf mich zu, so unaufhaltsam wie eine Naturgewalt, und ich taumelte verzweifelt vor seinen gr��lichen H�nden zur�ck. Einer der M�nner warf mir eine Axt zu, ich fing sie auf und packte sie mit beiden H�nden, aber ich hatte bereits erlebt, wie wenig mir diese Waffe nutzte.</p><p>Meine F��e stie�en gegen ein Hindernis. Ich sah zur�ck und erkannte, da� ich am Fu�e der Treppe angelangt war. Meine Gedanken �berschlugen sich. Wenn ich mich dort hinauftreiben lie�, war ich verloren. Auf dem Dachboden gab es keine M�glichkeit mehr, dem Monster zu entkommen.</p><p>Aber ich hatte keine Wahl. Die Kreatur kam rasend schnell n�her. Ihre m�chtigen Arme wirbelten durch die Luft. Schon eine fl�chtige Ber�hrung ihrer F�uste w�rde gen�gen, mich zu t�ten!</p><p>Verzweifelt drehte ich mich herum, rannte die Treppe hinauf und blieb an ihrem oberen Ende stehen. Die Kreatur hatte die Stufen ebenfalls erreicht und begann mit stampfenden Schritten, die m�hevoll und langsam aussahen und es ganz und gar nicht waren, die Treppe emporzusteigen. Die ausgetretenen Stufen knarrten und �chzten unter ihrem Gewicht; Staub und kleinere Holzteile l�sten sich unter ihren F��en, und f�r einen Moment klammerte ich mich an die verzweifelte Hoffnung, da� die Treppe schlichtweg unter ihr zusammenbrechen und sie mit sich in die Tiefe rei�en w�rde.</p><p>Aber mein Sto�gebet wurde nicht erh�rt. Die Treppe hielt, und die furchtbare Kreatur kam immer n�her.</p><p>Ich spreizte die Beine, um festen Stand zu haben, schwang meine Axt und schlug zu. Die Kreatur versuchte den Hieb abzufangen. Die Axt traf nur ihren Arm, nicht ihren Sch�del, aber der Schlag war gewaltig genug, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen und die Treppe hinabst�rzen zu lassen. Aber nur, um sich sofort wieder aufzurichten und ein zweites Mal die Treppe hinaufzusteigen ...</p><p>Ich schwang meine Axt und erwartete sie, aber das bizarre Wesen schien aus seinem Fehler gelernt zu haben. Kurz, bevor es mich erreichte, blieb es stehen, ri� mit einer spielerisch erscheinenden Bewegung ein St�ck des Treppengel�nders ab und begann es vor sich auf und ab zu bewegen. Wenn ich versuchte, es ein zweites Mal mit dem Beil zu treffen, w�rde es mir die Axt einfach aus den H�nden schlagen.</p><p>Schritt f�r Schritt wich ich auf den Speicher zur�ck. Durch das zerborstene Dach sickerten stauberf�llte Streifen grauen Lichtes herein, so da� ich meine Umgebung wenigstens in Umrissen wahrnehmen konnte. Was ich sah, war auf jeden Fall genug, meine Verzweiflung noch mehr zu sch�ren. Ich war gefangen. Es gab keinen Ausgang aus dem Raum. Die Holzkreatur bewegte sich nicht ganz so schnell wie ein Mensch, aber im Gegensatz zu mir kannte sie keine M�digkeit und keine Ersch�pfung, und auf Dauer konnte ich ihr nicht davonlaufen.</p><p>Hinter dem Monster h�pfte flackernder Lichtschein die Treppe hinauf, dann erschien Howard und hinter ihm McMudock und Rowlf, beide mit �xten und brennenden Holzscheiten bewaffnet, unter der T�r.</p><p>�Robert!� rief Howard. �Geh aus dem Weg - wir versuchen ihn zu verbrennen!�</p><p>Als h�tte das Ungeheuer die Worte verstanden, wirbelte es herum und schlug mit seinen Krallen nach den neu aufgetauchten Angreifern. Howard wich mit einem blitzschnellen Satz zur Seite und machte eine Bewegung mit der Linken, die mir im ersten Moment fast sinnlos erschien, und gleichzeitig sprangen Rowlf und McMudock - in einer Bewegung, die so perfekt war, als h�tten sie sie ge�bt - gleichzeitig nach vorne und stie�en mit ihren brennenden Scheiten nach der gewaltigen Kreatur.</p><p>Das Monster verwandelte sich mit einem einzigen, krachenden Schlag in eine Fackel. Grellwei�e Flammen z�ngelten aus dem Holz, und kleine gl�hende Spritzer setzten die morschen Dielenbretter rings um ihn in Brand. Howard hatte es mit Petroleum �bergossen!</p><p>Das Ungeheuer br�llte. Grellwei�e Flammen h�llten die gewaltige Kreatur ein, leckten gierig nach den Dachsparren und -balken und tauchten den Raum in wabernde Hitze und zuckende, blutigrote Lichtreflexe. Das Monstrum wandte sich um, schlug einen Moment hilflos mit seinen brennenden Armen in die Luft - und wankte weiter auf mich zu.</p><p>Und die Flammen erloschen.</p><p>Es ging ganz schnell. Die Flammen wurden kleiner, brannten nicht mehr wei�, sondern rot, sackten, als w�re ihnen pl�tzlich der Sauerstoff entzogen worden, in sich zusammen und erloschen in wenigen Sekunden ganz. Der Leib des h�lzernen Giganten schwelte wie ein St�ck Holzkohle.</p><p>Der Anblick l�hmte mich vollends. Starr vor Schrecken und unf�hig, mich von der Stelle zu r�hren, stand ich da, starrte dem heranwankenden Monster entgegen und versuchte vergeblich zu begreifen, was sich da vor meinen Augen abspielte.</p><p>Als ich endlich aus meiner Erstarrung erwachte, war es zu sp�t. Das Ungeheuer war heran, und seine m�chtigen, schwelenden Klauen n�herten sich meiner Kehle. Ich schrie auf, taumelte zur�ck und prallte schmerzhaft gegen die Kante des Schreibtisches.</p><p>Der pl�tzliche Ruck brachte mich aus dem Gleichgewicht. Ich stolperte, versuchte meinen Sturz instinktiv abzufangen und st�rzte der L�nge nach auf den Tisch. Die Ersch�tterung pflanzte sich als dumpfe Vibration durch das M�belst�ck fort und lie� den Stuhl dahinter wanken.</p><p>Ihn - und den Leichnam, der darauf sa�.</p><p>Es geschah alles gleichzeitig.</p><p>Ich versuchte mich zur Seite zu rollen, um den Klauen des Brennan-Monsters zu entgehen. Der Stuhl mit dem Leichnam kippte um. Die Kreatur grabschte mit ihrer f�rchterlichen Kralle nach meinem Gesicht.</p><p>Aber sie traf nicht mich, sondern den Toten.</p><p>F�r eine endlose Sekunde schien die Zeit stillzustehen. Das Holzmonster zitterte. Sein grotesker Mund �ffnete sich zu einem lautlosen Schrei, aber nicht der geringste Laut kam �ber seine schrundigen Lippen.</p><p>Dann, ganz langsam und widerwillig, als wehre es sich selbst jetzt noch gegen sein Schicksal, kippte es zur Seite. Als es auf dem Boden aufschlug, waren seine Glieder starr und steif; es h�rte sich an, als st�rze ein Baum.</p><p>Und mir schwanden zum zweiten Mal in kurzer Zeit die Sinne.</p><empty-line/><p>Jemand schlug mir leicht und gleichm��ig ins Gesicht. Die Schl�ge taten nicht wirklich weh, aber sie waren l�stig, und nach einer Weile �ffnete ich widerstrebend die Augen. Ich lag r�cklings ausgestreckt auf dem Boden, und Howard kniete neben mir und sch�ttelte und schlug mich unentwegt.</p><p>�Ist ja gut�, murmelte ich und hielt seine Hand fest. �Ich bin wach. Du brauchst mich nicht wieder bewu�tlos zu pr�geln. Was ist passiert?�</p><p>�Au�er, da� du vor Angst in Ohnmacht gefallen bist, nichts�, antwortete Howard l�chelnd. �Bist du okay?�</p><p>Ich vermochte die Frage nicht gleich zu beantworten. Hinter meiner Stirn schien sich ein gro�es, finsteres M�hlrad zu drehen, und meine Schultern und Arme schmerzten, aber ich nickte vorsichtshalber erst einmal, setzte mich auf und sah mich um.</p><p>Die tote Baumkreatur lag wenige Schritte neben mir, und sie war jetzt wirklich nicht mehr als ein St�ck lebloses Holz. Der d�monische Zauber, der sie beseelt hatte, war von ihr gewichen. Ich konnte nicht lange bewu�tlos gewesen sein. Da und dort glommen noch immer Funken in der bizarren Karikatur eines menschlichen K�rpers, und Rowlf und zwei von den M�nnern aus Durness waren noch dabei, die kleinen Brandherde auszutreten, die die Spur des Unheimlichen markierten.</p><p>�Was ist passiert?� fragte ich noch einmal.</p><p>Diesmal verzichtete Howard darauf, mit einem dummen Witz zu antworten, sondern half mir beim Aufstehen, zuckte mit den Achseln und stie� den erstarrten K�rper mit der Fu�spitze an. �Ich habe keine Ahnung�, sagte er. �Ich stand hinter dir und ... ihm, als es geschah. Ich hatte gehofft, du w��test es.�</p><p>Entt�uscht starrte ich ihn an, aber alles, was ich in seinem Blick las, war Ratlosigkeit. �Ich kann es genausowenig erkl�ren wie du�, antwortete ich. �Ich dachte schon, es w�re aus, und pl�tzlich ...� Ich stockte. W�hrend ich die Worte sprach, schien die f�rchterliche Szene noch einmal vor meinem inneren Auge abzulaufen, in jeder schrecklichen Einzelheit. Ich sah noch einmal, wie der D�mon wie eine lebende Fackel auf mich zust�rmte, wie ich st�rzte und dabei den Toten mit mir ri�, wie ...</p><p>�Der <emphasis>Shoggotel� </emphasis>sagte ich. �Er ... er hat den toten <emphasis>Shoggoten</emphasis> ber�hrt, Howard. Das mu� es sein. Er starb im gleichen Moment, in dem er ihn ber�hrte!�</p><p>Howard starrte mich einen Moment zweifelnd an, dann fuhr er herum, fiel auf die Knie und w�lzte den Holzd�mon m�hsam auf den R�cken.</p><p>�Dort!� Ich deutete auf seine Hand. Sie war in der gleichen Haltung erstarrt, in der er zugeschlagen hatte - die Finger zu einer f�nfzackigen Klaue gespreizt. Und an seinen N�geln klebten noch winzige Fetzen der grauen Protoplasmamasse, in die sie sich gegraben hatten. Ich wollte die Hand danach ausstrecken, aber Howard schlug meinen Arm mit einer erschrockenen Bewegung zur Seite.</p><p>�Nicht ber�hren!� keuchte er.</p><p>Ich zog die Hand so hastig zur�ck, als h�tte ich sie mir verbrannt. Es war nicht das erste Mal, da� Howard mich warnte, den toten <emphasis>Shoggoten </emphasis>zu ber�hren. Aber ich kam auch diesmal nicht dazu, ihn nach dem Grund seiner Warnung zu fragen.</p><p>Denn in diesem Moment erscholl aus dem Erdgescho� ein markersch�tternder Schrei!</p><p>�Mary!� keuchte ich. �Das ist...�</p><p>Howard sprang auf, ehe ich den Satz zu Ende bringen konnte. Der Schrei wiederholte sich nicht, aber daf�r ert�nte jetzt aus dem Erdgescho� ein f�rchterliches Kratzen und Schaben, ein Ger�usch, als scharrten Millionen chitingepanzerter, harter Insektenbeine �ber Holz und Erdreich, und als ich auf die Treppe zust�rzte, glaubte ich, das Haus unter meinen F��en wie unter einem Hieb vibrieren zu f�hlen.</p><p>Dicht hinter Howard und Rowlf st�rzte ich die Treppe herab - und erstarrte!</p><p>Es war vollends hell geworden, und im goldgl�nzenden Licht der Morgensonne war das furchtbare Geschehen in aller Deutlichkeit zu erkennen.</p><p>Durch die T�r, die zerborstenen Fenster, ja, selbst durch winzige Risse und L�cher in den Au�enw�nden des Hauses quoll eine schwarze, pulsierende Masse herein. Das Wurzelgeflecht, das aus dem Boden gequollen war und das Haus umzingelt hatte! Aber es bewegte sich jetzt nicht mehr nur scheinbar, sondern kroch mit unglaublicher Geschwindigkeit �ber den Boden, fast so schnell, wie ein Mensch laufen konnte, und es wuchs dabei unaufh�rlich. Aus der kn�cheltiefen Schicht, die ich drau�en vor dem Haus gesehen hatte, war eine halbmeterhohe schwarze Woge geworden, eine Masse so dicht ineinander verfilzter Str�nke und Wurzelf�den, da� sie fast wie eine kompakte Mauer wirkte. Lange, peitschende Tentakel aus zahllosen, regelrecht miteinander verflochtenen Wurzeln wuchsen aus der schwarzen Masse empor und tasteten wie F�hler hierhin und dorthin, und der Vormarsch der Pflanzen-m�rder war von einem f�rchterlichen Ger�usch begleitet, mit dem es M�belst�cke und Holztr�mmer an sich ri� und verschlang. Von meinem erh�hten Standpunkt aus betrachtet, sah es aus, als f�lle sich der gro�e Raum unter uns rasch mit einer schwarzen, z�hen Fl�ssigkeit.</p><p>�Mi� Winden! Laufen Sie!� rief Howard mit �berschnappender Stimme. Sein Schrei ri� mich aus meiner Erstarrung. Ich sah, wie die dunkelhaarige Frau ein verzweifeltes Wettrennen mit der heranrasenden Wurzelmasse lief, dicht gefolgt von einem der M�nner aus Durness, der bei ihr zur�ckgeblieben war.</p><p>Mi� Winden schaffte es, aber ihr Begleiter war nicht schnell genug. Einen halben Schritt hinter ihr erreichte er die unterste Stufe der Treppe, aber im gleichen Moment, in dem er sich nach vorne warf, um der Gefahr zu entgehen, zuckte einer der schwarzen Wurzelarme vor, ringelte sich wie der Fangarm eines Oktopus um sein Handgelenk und ri� ihn mit unwiderstehlicher Gewalt zur�ck. Er fand nicht einmal Zeit, einen Schrei auszusto�en. Der schwarze Teppich schlo� sich wie eine Flutwelle �ber ihm und raste weiter.</p><p>Rowlf und McMudock begannen zu schie�en, w�hrend Mi� Winden verzweifelt die Treppe herauftaumelte, aber ihre Schrotladungen klatschten harmlos in die h�lzerne Woge, ohne auch nur die geringste Wirkung zu zeigen. Das Haus erbebte, und ich glaubte ein tiefes, fast schmerzhaftes St�hnen zu h�ren, das direkt aus den Dachbalken zu kommen schien.</p><p>�Die Treppe!� schrie Howard. �Schlagt sie ein!�</p><p>McMudock schleuderte sein Gewehr davon, b�ckte sich nach seiner Axt und begann mit aller Gewalt auf die morsche Holztreppe einzuschlagen. Sekunden sp�ter lie� auch Rowlf seine Waffe fallen und tat es ihm gleich. Die morschen Holzstufen gaben schon unter den ersten Hieben nach. Die ganze, seit einem Jahrzehnt bauf�llige Konstruktion wankte, begann zu zittern wie ein waidwundes Tier - und brach mit einem donnernden Krachen zusammen.</p><p>Keine Sekunde zu fr�h. Die ersten Ausl�ufer der schwarzen Wurzelmasse hatten bereits die obersten Stufen erreicht, und eine der d�nnen Ranken wickelte sich um Rowlfs Bein und hielt es fest, als die Treppe zusammenbrach und die Hauptmasse mit sich in die Tiefe ri�. Rowlf schrie auf und warf sich zur�ck, aber nicht einmal seine gewaltigen Kr�fte reichten, dem Zug der kaum fingerdicken Liane zu widerstehen. Er fiel, versuchte sich mit den H�nden in den Bodenbrettern festzukrallen und begann vor Angst und Entsetzen zu schreien, als er langsam, aber unbarmherzig, auf die T�r zugezerrt wurde.</p><p>McMudock wirbelte herum, schwang seine Axt und trennte den Strang mit einem wuchtigen Hieb durch. Das abgetrennte Ende fuhr mit einem peitschenden Knall zur�ck, aber der Teil, der Rowlfs Bein umklammerte, schien fast �ber eine Art Eigenleben zu verf�gen und zog sich wie eine w�rgende Schlange enger und enger zusammen. Rowlf st�hnte, versuchte auf die Beine zu kommen und brach mit einem wimmernden Laut wieder zusammen. Vergeblich zerrten seine H�nde an der d�nnen Liane, die sein Bein abzuquetschen begann.</p><p>�Rei�t es ab!� schrie er. �Rei�t es doch ab! Mein Bein!�</p><p>McMudock packte mit beiden H�nden zu, aber nicht einmal ihren vereinten Kr�ften gelang es, den Strang herabzurei�en. Rowlfs St�hnen wurde lauter. Sein Gesicht lief rot an, und auf dem Stoff seiner Hose erschienen dunkle Flecken. �Schneidet es ab!� schrie er. �Um Gottes willen, Howard, <emphasis>schneid es ab! Es bringt mich um!�</emphasis></p><p>Howard stie� McMudock grob beiseite und kniete neben Rowlf nieder. In seiner Hand blitzte ein langes, zweischneidiges Messer. Mein Herz machte einen schmerzhaften Sprung, als ich sah, wie er die Spitze auf dem d�nnen Strang ansetzte.</p><p>Er w�rde Rowlfs Bein verletzen, wenn er versuchte, das Ding herunterzuschneiden.</p><p>Aber er tat es nicht. Die Spitze des Dolches ritzte die beinharte Oberfl�che des Wurzelfingers nur ganz leicht.</p><p>Eine halbe Sekunde lang geschah gar nichts. Dann begann der Wurzelstrang zu zucken wie ein Wurm. Sein t�dlicher W�rgegriff lockerte sich. Mit einem letzten, krampfartigen Zucken rutschte er von Rowlfs Bein, fiel auf den Boden - und begann zu grauem Staub zu zerfallen ...</p><p>Rowlf schrie auf, fiel nach hinten und blieb, beide H�nde gegen sein rechtes Bein gepre�t, liegen, kleine, wimmernde Schmerzlaute aussto�end.</p><p>Mein Blick richtete sich ungl�ubig auf das Messer in Howards Hand. Ich sah erst jetzt, da� auf der Klinge winzige Tr�pfchen einer grauen, schleimigen Masse glitzerten ...</p><p>�Der ... der <emphasis>Shoggote ...�, </emphasis>murmelte ich. �Howard, das ist die Rettung. Das Zeug stirbt, wenn es mit ihm in Ber�hrung kommt!�</p><p>Howard nickte. Sein Gesicht war schneewei� geworden. Aber er kam nicht dazu zu antworten. Ein weiterer, gellender Schreckensschrei erscholl von der T�r her, und als ich aufblickte, sah ich, wie Mi� Winden wie von einem Fausthieb getroffen zur�cktaumelte. Hinter ihr, dort, wo die obersten Stufen der zerborstenen Treppe gewesen waren, erschien ein Wald zitternder, schwarzbrauner F�hler ...</p><p>�Es kriecht die W�nde herauf!� br�llte McMudock. �Um Gottes willen - <emphasis>es kommt herauf!�</emphasis></p><p>Howard fluchte, sprang auf die F��e und zerrte mich hinter sich her. Unter der T�r erschien ein gewaltiger Klumpen zitternder, kriechender Schw�rze. D�nne, pulsierende Str�nge griffen wie zuckende Nervenf�den auf den Dachboden hinauf, krallten sich in den morschen Brettern fest und bildeten die Verankerung f�r andere, nachfolgende. Howard zog mich herum und deutete auf den Schreibtisch.</p><p>�Hilf mir!� befahl er.</p><p>Ich z�gerte. Ich wu�te, da� es unsere einzige Chance war, aber der Gedanke, die ekelhafte, bereits in Verwesung �bergegangene grauglitzernde Masse mit den H�nden ber�hren zu m�ssen, war mir unertr�glich.</p><p>�Robert!� flehte Howard. �Wir m�ssen es riskieren! Aber ich schaffe es nicht allein! <emphasis>Bitte!�</emphasis></p><p>Ich schlo� die Augen, versuchte das Gef�hl des Ekels, das aus meinem Magen emporstieg und meinen Mund mit bitterer Galle und dem Geschmack von Erbrochenem f�llte, zu ignorieren - und griff mit beiden H�nden zu.</p><p>Es war das Ekelhafteste, was ich jemals zuvor erlebt hatte. Meine H�nde schienen in der schleimigen Masse zu versinken wie in feuchtem klebrigem Sirup, dann sp�rte ich k�rnigen Widerstand und packte zu.</p><p>Schwarze Wurzelfinger griffen nach unseren Beinen und versuchten, sich um unsere Kn�chel zu ringeln, als wir den toten <emphasis>Shaggoten </emphasis>zur Treppe schleiften. Das Protoplasmawesen schien sich unter unseren H�nden aufzul�sen; gro�e Teile l�sten sich z�h wie klumpiges, halb geronnenes Pech aus der Masse und fielen mit widerlichem Klatschen zu Boden, und wo sie die Pflanzenmasse ber�hrten, begann diese zu zerfallen; unheimlich schnell und lautlos. Es war wie eine Welle der Vernichtung, die uns begleitete und vorauseilte. Als wir die T�r erreichten, war unter unseren F��en schon nichts mehr als graubrauner Schlamm und Staub.</p><p>Noch einmal raffte ich alle Kraft zusammen, die mir geblieben war, und schleuderte den Protoplasmaklumpen in die Tiefe, hinein in die wogende, zitternde Pflanzenmasse, die den Raum unter uns wie eine meterhohe Decke ausf�llte.</p><p>Der Erfolg trat fast augenblicklich ein. Die schwarze Wurzelmasse begann zu zucken; Rauch und Staub stiegen auf, als w�rde sie von lautlosen Explosionen zerrissen, und pl�tzlich gewahrte ich �berall gro�e, fransige L�cher wie von S�ure, die sich mit t�dlicher Wucht in die zitternde Masse hineinfra�.</p><p>Ich sah nicht mehr, wie sich der lautlose Angreifer in weniger als einer Minute in graubraunen Staub verwandelte, sondern kniete neben Howard vor der T�r und �bergab mich w�rgend und immer und immer wieder.</p><empty-line/><p><emphasis>Der Tod kam so lautlos, wie sich die Kreatur unter dem Wald ausgebreitet hatte. Sie sp�rte das nahende Unheil und versuchte, darauf zu reagieren, aber ihr K�rper war zu weit verteilt, das Netz zu gewaltig und die Falle zu perfekt, um sie in der K�rze der verbliebenen Zeit entwirren zu k�nnen. Der pulsierende, aufgedunsene Balg in der H�hle tief unter dem Waldboden wuchs, im gleichen Ma�e, in dem sich ihre F�hler aus Pflanzen und Wurzeln und B�umen, deren Struktur sie durchdrungen und f�r eine kurze Zeit in etwas anderes. Widernat�rliches verwandelt hatte, zur�ckzogen, aber der lautlose Tod raste zehnmal schneller heran, als die Plasmamasse durch die millionenfach ver�stelten Kan�le zur�ckflie�en konnte.</emphasis></p><p><emphasis>Es ging ganz schnell. Der K�rper des DINGS begann sich grau zu f�rben, zuckte noch einmal - und zerfiel.</emphasis></p><p><emphasis>Weit, weit drau�en unter dem Meer begann sich ein titanischer Schatten zu bewegen. Er hatte gewartet und beobachtet, und er registrierte die Niederlage seiner Kreatur mit der Gleichm�tigkeit einer Maschine. Zeit bedeutete ihm nichts, und er hatte Millionen Helfer, die den einen, verlorenen, ersetzen konnten.</emphasis></p><p><emphasis>Mit einer lautlosen Bewegung stie� er seinen Titanenk�rper vom Meeresgrund ab und begann sich zu entfernen, weg vom Land und hin zu den tieferen Gefilden des Ozeans, den schwarzen, lichtlosen Abgr�nden, die noch keines Menschen Auge gesehen hatte. Er w�rde wiederkommen. Vielleicht schon morgen, vielleicht erst in hundert Jahren. Seine Zeit war unbegrenzt. Aber er w�rde wiederkommen.</emphasis></p><p><emphasis>Irgendwann. </emphasis></p><empty-line/><p>Es war fast Mittag, als wir das Haus verlie�en und uns auf den Weg machten. Es war nicht leicht gewesen, aus dem Dachboden herabzusteigen, und keiner von uns hatte noch die Kraft gehabt, sofort loszumarschieren. Selbst jetzt, nachdem ich fast zwei Stunden geruht und Mi� Winden meine Wunden versorgt und verbunden hatte, f�hlte ich mich zerschlagen und m�de. Der Weg, der vor uns lag, kam mir endlos vor.</p><p>Es war ein unwirklicher, erschreckender Anblick, der sich darbot, als wir das Haus verlie�en. Die Lichtung lag grau und tot vor uns, kn�cheltief bedeckt mit feink�rnigem Staub, den das Wasser, das der Boden gespeichert hatte und jetzt langsam wieder freigab, allm�hlich in schmierigen braunen Matsch verwandelte, und der Wald dahinter sah aus, als w�re er niedergebrannt. Die B�ume waren kahl, so weit das Auge reichte. Die Stille des Todes hatte sich �ber dem Wald ausgebreitet.</p><p>�Glauben Sie, da� ... da� es wirklich tot ist?� fragte McMudock leise. Die Worte galten Howard, nicht mir, aber ich wandte mich trotzdem zu ihm um, l�chelte - mit einer Zuversicht, die ich nur mit M�he heucheln konnte - und nickte.</p><p>�Es ist besiegt�, sagte ich. �W�re es nicht so, dann w�ren wir jetzt alle tot, McMudock.�</p><p>�Lon�, verbesserte er mich.</p><p>�Lon.� Ich l�chelte. �Ihr ... geht zur�ck nach Durness?�</p><p>Er schwieg einen Moment. Sein Blick glitt hin�ber zu den beiden M�nnern, die als einzige von Brennans kleiner Streitmacht �brigbeblieben waren. �Ja�, sagte er schlie�lich. �Wenn es noch steht.�</p><p>�Warum kommen Sie ... kommst du nicht mit?� fragte ich. �Ich k�nnte einen Freund wie dich gebrauchen.�</p><p>Lon l�chelte verlegen. Einen Moment lang schien er ernsthaft �ber meinen Vorschlag nachzudenken, dann sch�ttelte er den Kopf, sah zu Boden und begann nerv�s an dem Gewehr herumzuspielen, das er in den H�nden trug. �Mitkommen?� wiederholte er. �Ich glaube nicht, da� das eine gute Idee w�re, Robert. Ich geh�re hierher, nicht zu euch. Alles, was ich brauche, ist eine gute Kneipe und genug Bier, um das alles hier zu vergessen.� Pl�tzlich grinste er. �Das Leben mit euch w�re mir zu aufregend, wei�t du? Aber vielleicht sehen wir uns ja irgendwann einmal wieder.�</p><p>�Vielleicht�, sagte ich. Aber wir wu�ten beide, da�, wenn �berhaupt, sehr viel Zeit bis dahin vergehen w�rde. Es tat mir leid. Trotz allem h�tten er und ich Freunde werden k�nnen, dessen war ich sicher.</p><p>Ich wollte noch etwas sagen, aber Lon drehte sich pl�tzlich herum, gab seinen beiden Begleitern einen Wink und begann mit raschen Schritten auf den Waldrand zuzugehen, in entgegengesetzter Richtung zu der, die wir einschlagen w�rden, um nach Bettyhill zu gelangen.</p><p>Ich sah ihm nach, bis er zwischen den kahlen St�mmen des Waldes verschwunden war. Ein dumpfes Gef�hl des Verlustes begann sich in mir breitzumachen.</p><p>Und pl�tzlich wu�te ich, da� meine Gedanken falsch gewesen waren. Wir konnten keine Freunde sein. Selbst wenn wir wollten, nicht. Ich hatte ein Erbe mitbekommen, das ich nur allein tragen konnte, niemand sonst. Ich war ein Hexer.</p><p>Und einem Hexer bringt niemand Freundschaft entgegen, sondern immer nur Abscheu. Pl�tzlich hatte ich das Bed�rfnis zu schreien.</p><p>Aber nat�rlich tat ich es nicht.</p></section><section><title><p id="Tange_des_Wahnsinns">Achtes Buch - Tange des Wahnsinns</p></title><p>Es war ein Anblick von einer morbiden Faszination, die es mir unm�glich machte, wegzusehen. Mein Ebenbild im Spiegel begann sich zu ver�ndern, sich aufzul�sen. Die Gesichtshaut wurde braun und rissig, zitterte wie ein welkes Blatt in einer scharfen Herbstbrise. Zuerst begriff ich gar nicht, was ich sah. In meiner zitternden Linken hielt ich noch immer den Rasierpinsel, in einer erstarrten, nur halb zu Ende gef�hrten Bewegung. Mein Mund war zu einem stummen Schrei ge�ffnet. Hinter den Lippen sah ich schwarzbraune Z�hne, die zusehends verfielen. Langsam, ganz langsam begann sich die welke Haut abzul�sen, bis ich glaubte, den blanken Knochen darunter zu sehen. Mein Spiegelbild wurde zu einer Fratze, dann zu einem Totensch�del, meine Augen krochen in die H�hlen zur�ck und schienen mich satanisch anzufunkeln. Gleichzeitig setzte ein feines Singen ein, ein hoher, schriller Ton, der von �berallher zu kommen schien, sich zu einem hellen Kreischen steigerte und mit einem peitschenden, splitternden Knall abbrach.</p><p>Der Spiegel barst. Ein Hagel silberner Glassplitter �bersch�ttete mich. Dutzende scharfkantiger, winziger Raubtierz�hne bissen sich in mein Gesicht. Ich merkte es nicht einmal. Noch immer hielt mich das Grauen gepackt und schn�rte mir unbarmherzig die Luft ab. Der Nachhall der Explosion drohte meinen Verstand mit sich zu rei�en.</p><p>Mein Denken war wie gel�hmt, aber in meinem Inneren b�umte sich ein starkes, wildes Gef�hl auf. Eine Saite, zum Zerrei�en gespannt, mehr war ich in diesem Augenblick nicht, und doch wu�te ich, da� es nichts weiter als eine Illusion gewesen war, gewesen sein <emphasis>mu�te ...</emphasis></p><p>Der Schmerz und die grausige Verwandlung, die Furcht - alles war nichts als Einbildung, eine perfekte, t�dliche Illusion.</p><p>Meine Fingerspitzen fuhren wie von selbst �ber den Spiegelrahmen, und dann, ganz pl�tzlich, hatte ich wieder ein Bild vor Augen: das Bild einer jungen Frau, fast noch ein M�dchen. Fassungslos starrte ich auf das Gesicht, begriff nicht, was ich da sah, starrte nur in dieses Gesicht und bemerkte nicht die �hnlichkeit der Haare mit der Form des Totensch�dels, die gleiche Schw�rze und das gleiche Wallen, das mich noch vor Sekunden gel�hmt hatte. Dann ...</p><p>�Priscylla�, kr�chzte ich.</p><p>Die braunen, ausdrucksvollen Augen musterten mich mit einer K�lte, die ich nur zu gut kannte, und die mich doch im gleichen Ma�e erschreckte wie beim ersten Mal. Das war nicht Priscylla, meine s��e, kleine Priscylla, das war Lyssa, die Hexe, die noch immer in ihr schlummerte und die mich schon einmal hatte vernichten wollen.</p><p>Aber wie war das m�glich? Howard hatte mir versichert, glaubhaft versichert, da� sie keinen Schaden mehr anrichten konnte, da� sich seine Freunde ihrer annehmen und sie isolieren w�rden. Und er hatte geschworen, da� ihr kein Leid zugef�gt werden w�rde.</p><p>Aber das, was ich jetzt sah, sprach all seinen Beteuerungen Hohn.</p><p>�Priscylla!�</p><p>Diesmal schrie ich fast. Meine H�nde, die auf den d�nnen Latten des Rahmens gelegen und so fest zugedr�ckt hatten, da� das Holz knirschte, wollten sich in ihr Haar graben, aber irgend etwas hielt mich zur�ck.</p><p><emphasis>�Robert.�</emphasis></p><p>Es war kein gesprochenes Wort, keine Stimme. Es war wie eine unsichtbare, unwiderstehliche Kraft, die durch die Luft peitschte, mir meinen Namen entgegenschleuderte, meinen Willen brach und mich zur�cktaumeln lie� wie durch einen Faustschlag.</p><p><emphasis>�Robert�, </emphasis>wiederholte die <emphasis>Kraft. </emphasis>Ich schlug die H�nde vor die Ohren, keuchte und k�mpfte m�hsam gegen den Wahnsinn, der seine Finger nach mir ausstreckte.</p><p><emphasis>�Robert! H�r mir zu!�</emphasis></p><p>Ich taumelte, griff ziellos in die Luft und w�re fast gest�rzt. Das Zimmer begann sich vor meinen Augen zu drehen und verschwamm; einzig den Spiegel und das schmale M�dchengesicht vermochte ich noch klar zu erkennen. Aber es begann sich zu ver�ndern.</p><p>Priscyllas sch�nes, m�dchenhaftes Antlitz verzerrte sich zu einer Grimasse des Schreckens, und einen Moment lang f�rchtete ich, da� es sich abermals in den grauenhaften Totensch�del verwandeln w�rde.</p><p>Aber dann fing sie sich. Das Bild stabilisierte sich und gewann wieder an Festigkeit, und ihre Mundwinkel verzogen sich sogar zur Andeutung eines L�chelns. Eines kalten, eisigen L�chelns, das beinahe schlimmer war als der Anblick des Totensch�dels zuvor.</p><p><emphasis>�Robert�, </emphasis>fl�sterte die <emphasis>Kraft, </emphasis>als habe sie gemerkt, da� ich dem Ansturm ihrer geballten Gewalt nicht mehr lange standhalten konnte. <emphasis>�Hilf mir. Er will mich holen. Hilf mir. Rette mich.�</emphasis></p><p>Ich wollte antworten, aber meine Kehle f�hlte sich ausgetrocknet und verkrampft an, ein einziger Klumpen aus Schmerz, der mir den Gehorsam verweigerte. Ich schluckte m�hsam, r�usperte mich, und versuchte es dann noch einmal. Diesmal ging es, wenn auch nur unter Schmerzen.</p><p>�Wo ... wo bist du?� brachte ich hervor.</p><p>Priscyllas Mundwinkel zuckten. Sie musterte mich traurig, ein M�dchengesicht in einem Rahmen, der kein Fenster und kein Gem�lde einrahmte, und ich wu�te in diesem Augenblick nur, da� ich sie liebte, unb�ndig <emphasis>liebte, </emphasis>immer noch, obwohl ich sie schon vergessen geglaubt hatte.</p><p>Mir war egal, wer oder was sie war und was sie getan hatte. Ich sp�rte nichts als das starke Gef�hl, das zwischen uns war und uns f�r immer aneinanderketten w�rde, die Flamme, die noch immer - und hei�er denn je - in mir brannte.</p><p><emphasis>�Andara ...�, </emphasis>stie� Priscylla hervor, und diesmal sp�rte ich, da� wirklich <emphasis>sie </emphasis>es war, und da� sie die <emphasis>Kraft </emphasis>benutzte, um mit mir in Verbindung zu treten und nicht umgekehrt.</p><p><emphasis>�Andara ...hat mir eine Falle gestellt. Er kommt, mich zu holen.�</emphasis></p><p>Sie schrie auf, und pl�tzlich schrie auch ich. Eine Woge eisiger K�lte drang auf mich ein und lie� mich abermals zur�cktaumeln. Dann glaubte ich Flammen zu sehen, und ein unsichtbarer Blitz spaltete die Welt von einem Ende zum anderen.</p><p>Und dann war da nichts mehr als Schw�rze.</p><empty-line/><p>Sean warf einen langen Blick in die Runde, ehe er sich von seinem Platz neben der T�r l�ste und an die Theke trat.</p><p>Es herrschte erstaunlich wenig Betrieb; nur ein paar alte M�nner, die Karten spielten, und zwei junge Burschen mit m�rrischen Gesichtern, die sich schweigend an halbvollen Biergl�sern festhielten.</p><p>Hinter der Theke stand ein feister Mann mit rundem Gesicht und roten Haaren, der aus halb geschlossenen Augen das Kartenspiel verfolgte. Neben ihm verbreitete ein offener Kamin die Illusion von W�rme und Behaglichkeit.</p><p>Sean nickte dem Wirt zu und bestellte ein Pint des �rtlichen Bitters. Er machte sich nicht viel aus Bier, aber manchmal war es besser, sich den Gepflogenheiten der Gegend anzupassen, in der man war - vor allem dann, wenn man nicht auffallen wollte. Und es war Seans Beruf, nicht aufzufallen.</p><p>Das Bitter hatte einen scharfen Nebengeschmack und war so d�nn wie Regenwasser. Trotzdem st�rzte es Sean in zwei, drei kr�ftigen Schlucken herunter und schob das Glas anschlie�end quer �ber die Theke. Der Wirt f�llte es schweigend.</p><p>�Auf der Durchreise, Sir?�</p><p>�Ich bleibe �ber Nacht hier�, antwortete Sean in betont gelangweilter Art und ohne den Mann anzusehen. �Man hat mir gesagt, da� ich in der Pension auf der anderen Seite des Waldes eine Bleibe finde.�</p><p>�Glaube ich kaum. Sie meinen doch bestimmt die Anstalt von Mr. Baltimore. W�re mir neu, wenn der jetzt auch noch an Reisende Zimmer vermietet.�</p><p>�Anstalt?� Sean nippte an seinem Bier und sah den Wirt mit einer perfekt schauspielerischen Mischung zwischen Desinteresse und einer gelinden Spur von Neugier �ber den Rand des Glases hinweg an. �Davon wei� ich nichts. Man hat mir nur gesagt, da� ich dort f�r ein paar Tage unterkommen k�nnte.�</p><p>Der Wirt musterte Sean schweigend und st�tzte sich dann mit beiden Armen auf die Theke. �Sind Sie ganz sicher, da� Sie das Haus jenseits des Waldes meinen? Das Haus von Mr. Baltimore?�</p><p>�Baltimore.� Sean runzelte die Stirn und stierte einen Moment vor sich hin, als �berlege er. �Hm ... Glaube nicht, da� ich den Namen schon mal geh�rt habe. Sie wissen ja, wie das ist. Irgendein Bursche war schon mal in der Gegend, in die man mu�, und empfiehlt eine Bleibe.�</p><p>�Irgendein Bursche�, wiederholte der Wirt nachdenklich.</p><p>Obwohl er sich bem�hte, sich nichts anmerken zu lassen, sp�rte Sean sein wachsendes Mi�trauen. �Sie scheinen viel herumzukommen, Sir.�</p><p>�Nun, in dem Nest, in dem ich aufgewachsen bin, hat mich wirklich nichts gehalten.� Sean lachte rauh und bem�hte sich, in seiner Stimme eine Spur von Bitterkeit mitklingen zu lassen. �Ich bin sogar ein paar Jahre zur See gefahren. Fast h�tte ich es bis Kap Horn geschafft, aber dann passierte diese schreckliche Sache.�</p><p>Die Augen des Wirts verengten sich. �Was f�r eine schreckliche Sache?�</p><p>Sean wu�te, da� er vorsichtig sein mu�te, aber irgendwann war einmal ein Punkt erreicht, von dem man mit Vorsicht nicht mehr weiterkam. In dieser Gegend fiel er nicht allein durch seine K�rpergr��e auf. Er konnte sicher sein, da� man bereits begonnen hatte, �ber das �Wer� und �Woher� des breitschultrigen Fremden nachzudenken.</p><p>Die Blicke der beiden Kartenspieler, die an einem Tisch hinter ihm sa�en, konnte er direkt f�hlen. Sie waren nicht unbedingt freundlich. Es war an der Zeit, die Ger�chte und Vermutungen in die richtige Bahn zu lenken.</p><p>Er l�chelte unbestimmt und nippte wieder an dem Bier. �Es ist nicht die Art von Geschichten, die man gern erz�hlt�, behauptete er. �Au�erdem wurde der Untergang der BERMUDA damals in allen Zeitungen breitgetreten.�</p><p>Der Wirt nickte verst�ndnisvoll, f�llte ein Bierglas und kippte den Inhalt in einem Zug herunter.</p><p>�Geschichten wie die kenne ich zur Gen�ge�, sagte er. �Was meinen Sie, was sich hier alles abspielt. Trag�dien, sage ich Ihnen, Trag�dien, da hatte Shakespeare seine wahre Freude dran gehabt.� Pl�tzlich grinste er. �Aber nur die H�lfte davon ist wahr.�</p><p>�Ach, ja?� fragte Sean, seinen letzten Satz bewu�t ignorierend. �Das sollte man gar nicht f�r m�glich halten. Hier sieht doch alles so friedlich aus.�</p><p>�Finden Sie? Da sieht man, wie man sich t�uschen kann.� Er beugte sich etwas vor und blinzelte Sean verschw�rerisch zu. �Ich an Ihrer Stelle w�re etwas vorsichtiger mit der Wahl meiner Bleibe. Haben Sie wirklich noch nie von Mr. Baltimores Anstalt geh�rt?�</p><p>Sean sch�ttelte den Kopf und gab sich M�he, ein m�glichst gelangweiltes Gesicht zu machen. Es gelang ihm nicht ganz, aber der Wirt merkte gottlob nichts davon.</p><p>�Man erz�hlt sich so manches�, fuhr der Wirt fort. �Nicht unbedingt Dinge, die in die Zeitung geh�ren. Aber fest steht, da� dort nicht alles mit den rechten Dingen zugeht.�</p><p>�Tats�chlich?� Sean brauchte seine �berraschung nicht zu heucheln. Er hatte nicht erwartet, da� er so schnell vorankommen w�rde. Bisher war er auf eine Mauer des Schweigens gesto�en, gleichg�ltig, wonach er gefragt hatte.</p><p>�Wie merkw�rdig, da� man mir ausgerechnet dieses Haus empfohlen hat�, fuhr er fort. �Aber dann sieht man mal wieder, wie wenig man auf die Ratschl�ge von Fremden geben sollte.�</p><p>�Da haben Sie allerdings recht, Sir�, pflichtete ihm der Wirt bei. Einen Moment blickte er Sean an, und in seinen Augen blitzte eine Mischung aus Mi�trauen und st�rker werdender Neugier. Die Neugier gewann.</p><p>�Und wenn ich mir einen Vorschlag erlauben d�rfte�, f�gte er mit einem raschen, listigen L�cheln hinzu. �Bleiben Sie doch einfach hier. Wir haben unter dem Dach noch ein Zimmer frei. Gar nicht teuer.�</p><p>Sean nickte z�gernd. �Das ist... sehr freundlich. Da ist... nur noch eine Kleinigkeit.�</p><p>Er schlo� die Hand fest um das Bierglas und warf einen Blick in die Runde. Die alten M�nner hatten eine Pause gemacht und unterhielten sich leise. Es war nicht schwer zu erraten, worum sich ihr Gespr�ch drehte.</p><p>�Ruhiger Abend�, bemerkte Sean.</p><p>�Ganz recht, Sir. In der Woche ist hier nie viel los. Die meisten hier k�nnen es sich nicht leisten, unter der Woche in den Pub zu kommen. Es ist nicht viel Geld in der Gegend.�</p><p>Der Wirt beugte sich noch ein St�ck vor. Das Feuer hinter ihm knackte und warf bizarre Schatten auf die gegen�berliegende Wand. �Wollten Sie mir nicht noch etwas sagen, Sir?�</p><p>Sean zuckte zusammen, hielt dem Blick des anderen einen Moment stand, l�chelte dann verlegen. �Ich ... wei� nicht. Nach allem, was Sie bisher angedeutet haben, m�chte ich zwar nicht unbedingt mit diesem Mr. Baltimore Bekanntschaft machen, aber ich f�rchte, es bleibt mir nichts anderes �brig. Ich habe mich f�r morgen fr�h mit jemandem dort verabredet.�</p><p>�Wenn das so ist.� Der Wirt zuckte mit den Achseln und zog sich ein St�ck zur�ck.</p><p>Sean glaubte fast, einen Fehler gemacht zu haben, aber der Wirt go� sich nur sein Glas voll und lehnte sich dann wieder �ber die Theke. Sein Gesichtsausdruck wirkte noch immer verschlossen, aber in seinen Augen glomm ein sonderbares Feuer.</p><p>�Sie glauben mir wohl nicht, was?� fragte er provozierend. �Sie meinen wohl, ich wollte Ihnen unbedingt ein Zimmer aufschwatzen?�</p><p>�Das habe ich nicht gesagt�, antwortete Sean eine Spur zu schnell. �Es ist nur ...�</p><p>Der Wirt winkte mit einer gro�z�gigen Geste ab. �Vergessen Sie es. Sie m�ssen selber wissen, was Sie tun, junger Mann.�</p><p>�Aber dieses Haus ...� Sean versuchte, so etwas wie ein nerv�ses Zittern in seiner Stimme mitklingen zu lassen. �Was ist denn damit los?� Er l�chelte, und er tat es absichtlich nerv�s. �Wenn ich schon dahin mu� ... Sie verstehen?�</p><p>�Tja�, brummte der Wirt.</p><p>Er warf einen Blick in die Runde, als wolle er sich vergewissern, da� ihnen niemand zuh�rte. Wahrscheinlich tat ihm seine Redseligkeit bereits wieder leid, aber offensichtlich wollte er auch vor dem Fremden nicht das Gesicht verlieren.</p><p>�Es kehren merkw�rdige Leute dort ein. Nicht als Pensionsg�ste, sondern ... was wei� ich.� Er richtete sich zur vollen Gr��e auf und warf Sean einen mi�trauischen Blick zu.</p><p>�Ich wei� gar nicht, warum ich Ihnen das alles erz�hle�, f�gte er hinzu, als m�sse er sich vor sich selbst rechtfertigen.</p><p>�Was f�r Leute?� fragte Sean unger�hrt.</p><p>Der Wirt sah ihn gleichm�tig an. �Nur Leute, Sir. Fremde. Londoner. Man kriegt sie h�chstens mal bei der Durchreise zu Gesicht.�</p><p>Er starrte auf das leere Glas, das Sean auf die Theke zur�ckgestellt hatte.</p><p>Sean nickte ihm zu und bat um erneute F�llung. W�hrend er das Bier zapfte, fuhr der Wirt fort: �Nicht einmal in der Kirche lassen sie sich blicken. Wenn Sie mich fragen: Es ist Gesindel, gottloses Gesindel, das man schon l�ngst zum Teufel h�tte jagen sollen.�</p><p>�Und warum tun Sie es dann nicht?� fragte Sean l�chelnd.</p><p>Der Wirt kniff die Augen zusammen und wischte mit einem speckigen Lederlappen �ber die Theke.</p><p>�Weil Mr. Baltimore einflu�reiche Freunde hat�, sagte er schlie�lich.</p><p>In seiner Stimme schwang Resignation mit. Es schien nicht gerade das erste Mal zu sein, da� er sich mit dieser Frage besch�ftigte. Und die Antwort, zu der er gelangte, schien ihm nicht zu behagen.</p><p>�Was f�r Freunde?�</p><p>Der Wirt drehte sich wortlos um und machte sich am Feuer zu schaffen. Als er ein paar neue Holzscheite in die Flammen warf, stoben Funken auf.</p><p>�Wollen Sie nun das Zimmer, oder nicht?� fragte er �ber die Schulter.</p><p>Sean zuckte mit den Achseln. Er sp�rte, da� er aus dem Mann nichts mehr herausbringen w�rde. Zumindest nicht mehr heute abend. Wenn er weiter in ihn drang, w�rde sein Mi�trauen nur erneut aufflammen.</p><p>�Gut�, sagte er, �ich nehme es. Ich kann mich morgen fr�h immer noch auf den Weg zu diesem seltsamen Haus machen. K�nnen Sie mir den Weg beschreiben?�</p><p>Der Wirt nickte widerstrebend, reichte ihm sein Bier und erkl�rte ihm, wie er Mr. Baltimores Haus fand.</p><p>�Nein, Sir.�</p><p>Das Gesicht des fahrenden H�ndlers verzog sich zu einer Grimasse, die wahrscheinlich ein L�cheln darstellen sollte, aber eher wie ein h�chst schadenfrohes Grinsen wirkte. Sein Atem bildete kleine, neblige Fetzen vor seinem Gesicht und verlieh seinen Worten etwas Unwirkliches.</p><p>Es war wieder kalt geworden in den letzten Tagen, und widerwillig hatte ich erkennen m�ssen, da� auch in den gro�en St�dten noch tiefer Winter herrschte. Die Ereignisse im Wald von Durness hatten meinen Zeitsinn durcheinandergebracht und mich vergessen lassen, da� der Fr�hling nicht mehr fern war.</p><p>Es wurde Zeit, da� die Sonne die finsteren Wintertage zur�ckdr�ngte und die Menschen aufatmen lie�. Auch ich brauchte Ruhe und W�rme, nicht nur k�rperlich. Aber ich ahnte, da� mir das vorerst nicht verg�nnt sein w�rde.</p><p>�W�rden Sie mir dann wenigstens sagen, wie ich zur Grafschaft komme?� fragte ich.</p><p>Mein Gegen�ber sch�ttelte den Kopf, langsam, aber mit der Bed�chtigkeit eines Mannes, der wei�, was er will.</p><p>�Ich sehe keine Veranlassung dazu�, sagte er schlie�lich.</p><p>Die Waren, die er vor sich in dem kleinen, selbstgezimmerten Bauchladen trug, klimperten leise, als er sich wieder in Bewegung setzen wollte. Ich hielt ihn am �rmel seines zerschlissenen Mantels fest.</p><p>�Nicht so rasch, Freund�, sagte ich, und bevor er an Gegenwehr denken konnte, brachte ich eine Pfundnote zum Vorschein.</p><p>In seinen Augen schimmerten gleicherma�en Mi�trauen wie Habgier. Ich sah, wie er nach dem Geldschein greifen wollte, aber irgend etwas hielt ihn zur�ck.</p><p>�Ich bin doch kein Auskunftsb�ro, <emphasis>Sir�, </emphasis>knurrte er. �Und wenn Sie jetzt so freundlich w�ren, mich loszulassen, bevor ich meine gute Kinderstube vergesse.�</p><p>Ich gab ihn �berrascht frei und trat einen Schritt zur�ck.</p><p>Bis jetzt hatte ich dem Mann keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt und ihn f�r einen der fliegenden H�ndler gehalten, die alles verkaufen und oft mehr �ber die Gegend wissen, durch die sie ziehen, als die einheimische Bev�lkerung. Ich hatte es f�r eine gute Idee gehalten, mich an ihn zu wenden, um an Informationen zu kommen, die ich brauchte, aber irgend etwas in dem Tonfall des Mannes lie� mich aufhorchen.</p><p>Es schien beinahe so, als wisse er mehr �ber den Ort, nach dem ich fragte, als ich vermutet hatte.</p><p>�Ist ein Pfund f�r eine einfache Auskunft etwa zu wenig?� fragte ich scharf.</p><p><emphasis>�Geld.� </emphasis>Der H�ndler spuckte das Wort fast aus. �Sie, Sir, und Ihresgleichen setzen wohl immer auf die Kraft des Geldes, was? Sie meinen wohl, Sie k�nnten sich alles kaufen, nur weil Sie als Sohn eines fetten Geldsacks zur Welt gekommen sind!�</p><p>Ich sp�rte, wie �rger in mir hochwallte. �rger vor allem dar�ber, da� man mich f�r einen jungen Stutzer halten konnte, obwohl ich doch wei� Gott in den Slums von New York mehr als nur fl�chtige Bekanntschaft mit den H�rten des Lebens gemacht hatte.</p><p>Immerhin war ich dort aufgewachsen.</p><p>Das konnte dieser Mann zwar nicht wissen, aber er hatte kein Recht, so mit mir zu reden - und dann noch in einem Tonfall, der im krassen Gegensatz zu seinem �u�eren stand.</p><p>�Sie h�ten besser Ihre Zunge, Mann�, sagte ich so ruhig wie m�glich. �Ich habe Ihnen ein schlie�lich nicht uninteressantes Angebot gemacht. Wenn Sie so wenig von Geld halten, warum laufen Sie dann �berhaupt mit Ihrem Ramsch in der Gegend herum?�</p><p>�Ich werde dir den Ramsch gleich um die Ohren hauen, du Gr�nschnabel�, zischte mein Gegen�ber. �Was wei�t denn du �berhaupt von ehrlicher Arbeit? Ein Modegeck wie du, der sich sein Haar mit gezackten Streifen verziert und es noch nicht einmal n�tig hat, sich zu rasieren. Willst du wissen, was ich davon halte, Kleiner?�</p><p>Er stemmte die H�nde in die H�ften und funkelte mich herausfordernd an. Obwohl er fast einen Kopf kleiner als ich war, strahlte er in diesem Moment etwas Bedrohliches aus.</p><p>Langsam begann ich wirklich �rgerlich zu werden. Was bildete sich dieser Kerl ein? Die auff�llige wei�e Haarstr�hne, die ich normalerweise unter einem Hut verbarg, war die bleibende Erinnerung an einen f�rchterlichen Kampf mit einem alptraumhaften Monster, das mich fast vernichtet hatte, und jetzt hielt mir dieses dahergelaufene Subjekt das auch noch als Modetorheit vor.</p><p>Nicht, da� ich nicht daran gew�hnt w�re. Aber es �rgerte mich trotzdem. Mu�te man denn jedem, der <emphasis>anders </emphasis>als die anderen war, gleich mit Feindschaft - oder, im besten Fall - mit Spott und Hohn begegnen?</p><p>Bevor ich meiner Ver�rgerung Luft machen konnte, bemerkte ich einen Schatten, der auf uns zuhielt. Trotz der beginnenden D�mmerung hatte ich keine M�he, den Schatten zu identifizieren.</p><p>Ich stie� einen stummen Fluch aus und wandte mich dem Ank�mmling zu.</p><p>�Was machst du denn hier?� fragte ich.</p><p>In meiner Stimme mu�te noch immer Aggressivit�t mitschwingen, denn Howard verzog tadelnd das Gesicht und schlug mit dem Stock leicht auf das harte Kopfsteinpflaster. Sein Blick wanderte zwischen mir und dem H�ndler hin und her, und was er sah, schien ihm nicht zu gefallen.</p><p>�Kann ich mal mit dir sprechen, Robert?� fragte er. In seiner Stimme schwang soviel Bestimmtheit mit, da� ich unwillk�rlich zusammenzuckte. Es war keine Frage, sondern ein Befehl.</p><p>�Nat�rlich kannst du mit mir sprechen�, sagte ich �rgerlich. �Wenn ich nicht irre, tust du es ja bereits.�</p><p>Howard nickte stumm. Er schien darauf zu warten, da� ich ihm folgte, aber ich hatte noch eine Kleinigkeit zu erledigen.</p><p>Ich wandte mich wieder dem H�ndler zu, der Howards Auftritt schweigend verfolgt hatte.</p><p>�Was ist nun�, herrschte ich ihn an. �Wollen Sie das Geld, oder verst��t es gegen Ihre Prinzipien, <emphasis>Modegecken </emphasis>etwas zu verkaufen?�</p><p>Der Mann war verunsichert. Wahrscheinlich �berlegte er, wie er den Preis hochtreiben konnte, aber Howards Erscheinen schien seine Pl�ne durcheinandergebracht zu haben. Mit einem �Modegecken� wie mir traute er sich wohl zu, fertig zu werden, aber Howard verunsicherte eigentlich jeden, der ihn zum ersten Mal sah. Es war etwas D�steres an diesem Mann. Selbst ich sp�rte es noch, obgleich ich ihn wei� Gott lange genug kannte.</p><p>Er griff m�rrisch nach der Pfundnote und lie� sie in seinem Bauchladen verschwinden.</p><p>�Gehen Sie nach Lowgreen�, sagte er m�rrisch. �Das ist ein Nest sechs Meilen n�rdlich. Fragen Sie dort nach Baltimore.�</p><p>�Und weiter?�</p><p>�Nichts weiter. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.�</p><p>Er setzte sich wieder in Bewegung, und diesmal lie� ich ihn gehen. Ich hatte ihn gerne noch weiter ausgefragt - ein Pfund war eine Menge Geld, gerade in einer Gegend wie dieser -, aber die Anwesenheit Howards hielt mich davon zur�ck.</p><p>�Und nun zu dir.� Ich wandte mich an Howard. �Was willst du?�</p><p>Howard pre�te die Lippen zusammen und musterte mich einen Herzschlang lang schweigend.</p><p>�Du hast dich ver�ndert, Junge�, sagte er schlie�lich. �Es geht mich vielleicht nichts an, aber du solltest besser nicht ohne Hut auf die Stra�e gehen. Die Leute beginnen schon �ber dich zu reden ...�</p><p>�Die Leute�, sagte ich ver�chtlich. �Was gehen mich die <emphasis>Leute an? </emphasis>Die sollen sich um ihren eigenen Dreck scheren.�</p><p>�Du solltest mittlerweise wissen, da� sie gerade das nicht tun�, sagte Howard. �Oder hast du vergessen, da� man dich vor kurzem noch beinahe gelyncht h�tte?�</p><p>�Nicht nur mich�, brummte ich. �Au�erdem ist das hier etwas ganz anderes.�</p><p>�Ach ja? Und warum, wenn ich fragen darf?�</p><p>Ich holte tief Luft, stemmte die H�nde in die H�ften und sah Howard so feindselig an, wie ich konnte. Howard wu�te ja nicht, wovon er redete.</p><p>�K�mmere dich bitte um deinen eigenen Kram�, sagte ich, sch�rfer, als ich beabsichtigt hatte. �Ich sehe �berhaupt keinen Grund, warum du und Rowlf immer noch hinter mir herschleichen.�</p><p>Howard schluckte. Der kummervolle Ausdruck in seinen Augen verschwand und machte einem �rgerlichen Funkeln Platz. Fast begann mir meine geh�ssige Bemerkung leid zu tun, aber anstatt ruhiger zu werden, sp�rte ich eine wachsende Erregung in mir.</p><p>Die Worte sprudelten aus mir hervor, bevor ich sie zur�ckhalten konnte.</p><p>�Und wo wir gerade dabei sind�, fuhr ich fort, �la� bitte dein altv�terliches Getue sein, ja? Ich wei� sehr gut, was ich zu tun und zu lassen habe.�</p><p>Howard nickte, ganz langsam und bed�chtig. �Vielleicht hast du recht, Junge. Trotzdem w�rde ich gerne mit dir reden. Und wenn es geht, nicht unbedingt auf der Stra�e ...�</p><p>�Damit die Leute nicht �ber <emphasis>uns </emphasis>reden, was?� Ich versuchte mich zusammenzurei�en und die b�sen Worte zu unterdr�cken, die mir noch auf der Zunge lagen. Es war mir vollends bewu�t, da� ich mich unm�glich und ganz gegen meine Natur verhielt, aber dieses Wissen machte mich nur noch w�tender.</p><p>�Von mir aus�, brachte ich schlie�lich halbwegs ruhig hervor. �Und wo?�</p><p>Howard griff mich beim Arm und f�hrte mich wortlos in eine Seitenstra�e, in der eine Kutsche wartete. Bevor ich wu�te, was er vorhatte, stieg er ein und forderte mich auf, es ihm gleichzutun. Ich z�gerte einen Moment und folgte ihm dann.</p><empty-line/><p>Sean trank sein Glas aus, bedankte sich f�r die Unterhaltung und lie� sich von dem Wirt sein Zimmer zeigen.</p><p>Es war klein, sch�big eingerichtet und nat�rlich ungeheizt, aber es war auch preiswert. Sean konnte sich an weit schlechtere Zimmer erinnern, in denen es von Ungeziefer wimmelte, Wasser von der Decke tropfte und eisige Zugluft durch schlecht verkleidete Ritzen blies.</p><p>�In Ordnung�, sagte er und nickte dem Wirt zu. �Ich werde mich gleich aufs Ohr legen. Ich habe einen recht anstrengenden Tag hinter mir.�</p><p>Der Wirt w�nschte ihm eine gute Nacht und lie� ihn allein. Sean setzte sich auf die Kante des Bettes, das f�r einen kleineren Menschenschlag gezimmert worden war, und fragte sich, warum man ihm immer zumutete, sich wie eine Sardine zwischen zwei zu eng stehende Bettpfosten zu quetschen.</p><p>Eine gro�e Gestalt brachte nicht immer nur Vorteile mit sich. Es machte keinen besonderen Spa�, entweder kalte F��e oder Kopfschmerzen zu haben, wenn man erwachte.</p><p>Allerdings hatte er nicht vor, die ganze Nacht im Bett zu verbringen. Das Gespr�ch mit dem Wirt hatte ihm best�tigt, da� er auf der richtigen Spur war.</p><p>Nat�rlich konnte er den Morgen abwarten und sich im Tageslicht Mr. Baltimores sonderbares Etablissement ansehen, aber seine Erfahrung sagte ihm, da� man nachts oft vielmehr zu Gesicht bekam als bei Tag.</p><p>Er lehnte sich gegen die Wand und d�ste vor sich hin; eigentlich nicht mit der Absicht, zu schlafen.</p><p>Nach einer Weile schreckte er von einem Ger�usch auf. Irgend jemand stieg die Treppe zum Dachboden hinauf, dann quietschte eine T�r und jemand murmelte etwas vor sich hin. Sean glaubte, die Stimme des Wirts zu erkennen.</p><p>Es kehrte Stille ein. Sean richtete sich vorsichtig auf, zog die Jacke �ber, die er vorher auf dem Stuhl neben dem Bett abgelegt hatte und wartete noch einen Moment. Dann �ffnete er vorsichtig die T�r, schlich den dunklen Flur bis zur Treppe entlang und stieg Stufe f�r Stufe hinab.</p><p>Obwohl er sich bem�hte, kein Ger�usch zu machen, konnte er nicht verhindern, da� die Bohlen unter seinem Gewicht protestierend knarrten, aber die Stimmen und polternden Schritte, die er halbwegs als Echo erwartete, blieben aus.</p><p>Er erreichte den Schankraum, �ffnete mit einem Dietrich die T�r und trat in die Nacht hinaus.</p><p>Es war kalt, kalt und dunkel. Ein feuchter Abendnebel zog den Weg herauf, der hinter dem Wirtshaus verlief. Er lie� alles undeutlich und verschwommen wirken, als ob in der Umgebung bis auf ein paar kahle B�ume und verfilzte B�sche alles Leben ausgestorben w�re. Als Sean an einem Tor vorbeikam, das den Weg zu einem dunklen Bauernhaus versperrte, kroch der Nebel wie ein graues, giftiges Gas �ber die Stra�e auf ihn zu; ein Vorhang aus nebelhaftem Nichts, hinter dem sich huschende Schatten und Bewegungen zu verbergen schienen.</p><p>Sean konnte sich eines unbehaglichen Gef�hls nicht erwehren.</p><p>Trotzdem folgte er dem Weg nach rechts, �berquerte ein dunkles Feld, und gelangte schlie�lich auf einer feuchten Wiese an, die sich bis zu einem gro�en Buchenhain h�gelabw�rts zog.</p><p>Er versuchte sich an die Beschreibung des Wirts zu erinnern, aber irgendwie bereitete es ihm M�he, die Erkl�rungen, die er in einem hellen, freundlichen Schankraum geh�rt hatte, mit der kalten, nebelwallenden Wirklichkeit in Einklang zu bringen.</p><p>Er sah sich um.</p><p>Der Nebel war ihm nachgekrochen wie ein schwerf�lliges Tier, das seiner Beute folgte, und ein sonderbarer, schwer zu definierender Geruch hing in der Luft. Sean erinnerte sich an den Buchenhain, und daran, da� er sich zwischen den H�geln halten mu�te, um auf den Wald zu sto�en.</p><p>Vor ihm erstreckte sich eine Wiese, die durch eine dicht wuchernde Hecke vom Dorf abgetrennt war und irgendwo in der Ferne auslief, ohne da� er erkennen konnte, wo. Der Nebel erstreckte sich jetzt auch vor ihm und begann, die Welt in ein Schattenkabinett zu verwandeln.</p><p>Als er die Hecke erreichte, entdeckte Sean eine L�cke in der gr�nen Mauer, die von einem Tor verschlossen wurde. Er zerrte am Gatter und zog es m�helos zur Seite. Obwohl ihm nicht wohl dabei war, zog er es hinter sich wieder zu.</p><p>Es war immerhin m�glich, da� er nicht mehr ins Gasthaus zur�ckkehrte, und er wollte nicht, da� sie sofort wu�ten, wohin er gegangen war, auch wenn es sicher nicht schwer sein w�rde, es zu erraten. Er beschleunigte seine Schritte.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis ihn das bedrohliche Dunkel des Waldes einh�llte. Die Hecke war an der Waldseite licht und wirkte teilweise wie abgefressen; er hatte keine M�he, sie zu �bersteigen und einen Pfad zu erreichen, der zwischen den B�umen verschwand.</p><p>Aber der Boden war glitschig, und er verfluchte sein leichtes Schuhwerk, mit dem er nur schwer Halt fand. Der Nebel wanderte ziellos zu beiden Seiten des Pfads hin und her, verschonte aber seltsamerweise den Weg.</p><p>Die Baumreihen zu beiden Seiten wurden immer dichter, und er hatte M�he, sich zurechtzufinden. Immer wieder stie� er gegen �ste und Gestr�pp, und manchmal mu�te er sich mit ausgestreckten H�nden weitertasten wie ein Blinder.</p><p>Und dann entdeckte er das Licht.</p><p>Zuerst hielt er es f�r Mondschein, der durch die dichte Wolkendecke brach, aber dann bemerkte er das Schwanken und unruhige Flackern einer Lampe. Es war ein tr�ber Lichtschein von der anderen Seite des Waldpfads, und er hielt auf ihn zu.</p><p>Sean blieb stehen. Er sp�rte, wie ihn ein kaltes Fr�steln �berlief. Es war ausgeschlossen, da� er um diese Zeit und in dieser Gegend auf einen Spazierg�nger traf, und noch dazu auf einen, der mit einer Lampe ausger�stet war. Er kannte keine Angst vor der Dunkelheit, auch nicht in gespannten Situationen, aber dieser Wald und dieser Nebel waren etwas Besonderes.</p><p>Er versuchte sich zu erinnern, wie weit er nach der Beschreibung des Wirts noch von seinem Ziel entfernt war, aber seine Erinnerung war wie weggeblasen; die Worte des Mannes schienen in keinem Zusammenhang mit seiner Umgebung zu stehen.</p><p>Langsam zog er den schmalen Revolver aus der Jackentasche und entsicherte ihn.</p><p>Die Lichtquelle war noch immer nicht zur Ruhe gekommen, t�nzelte auf und ab, verschwand hinter B�schen oder B�umen, tauchte aber immer wieder auf.</p><p>Mit sanfter Beharrlichkeit hielt sie auf ihn zu.</p><p>Sean versp�rte den unwiderstehlichen Drang, sich umzudrehen und wegzulaufen, so weit und so schnell er konnte. Was oder wer auch immer da auf ihn zukam, schien genau zu wissen, wonach er suchte.</p><empty-line/><p>�Rowlf�, sagte ich �berrascht, als ich sah, wer in der Kutsche auf uns gewartet hatte. �Wie kommst du denn hierher?�</p><p>Rowlfs breites, nicht gerade �berm��ig sympathisches Gesicht verzog sich zu der Andeutung eines L�chelns.</p><p>�War mir zu langweilig in London, Kleener. Dachte mir, ihr k�nnt mich vielleicht brauchn. Und wie ich seh, hattich recht.�</p><p>�Was meinst du damit?� fragte ich scharf.</p><p>Ich bemerkte, wie Howard den Kopf sch�ttelte und dann aus dem schmalen Fenster blickte, als ginge ihn der weitere Verlauf der Unterredung nichts mehr an. Aber es gelang ihm nicht ganz, seine Nervosit�t zu �berspielen.</p><p>�Nix�, behauptete Rowlf. �Nur so 'ne Bemerkung.�</p><p>Ich wu�te sehr gut, was er meinte. Meine wuchernden Bartstoppeln mu�ten im scharfen Kontrast zu meinem ansonsten gepflegten �u�eren stehen. Aber wie sollte ich meinen Gef�hrten erkl�ren, warum ich in den letzten Tagen krampfhaft vermieden hatte, in einen Spiegel zu sehen? Sie wu�ten nichts von Priscyllas Hilferuf und dem zersprungenen Spiegel, und sie wu�ten erst recht nichts von meiner panischen Angst, nochmals mit dem Irrsinn konfrontiert zu werden, dessen eisigen Hauch ich in jenen Augenblicken versp�rt hatte.</p><p>�Du h�ttest dich nicht hierher bem�hen sollen�, sagte ich k�hl.</p><p>Es fiel mir schwer, meiner Stimme einen beil�ufigen Klang zu geben. Alles in mir schrie danach, mich so schnell wie m�glich auf die Suche nach Priscylla zu machen und meine Zeit nicht mit unn�tigen Gespr�chen zu vergeuden. Sie war in Gefahr, und jede Minute, die ich hier mit Reden vertat, war kostbar. Ich hatte eine Spur, und ich w�rde sie verfolgen, solange sie hei� war.</p><p>�Wie geht es dir eigentlich?� fragte ich, um irgend etwas zu sagen.</p><p>Rowlf zuckte mit den Achseln. �Unkraut vergeht nich. Mary hat mich gut zusammgeflickt.�</p><p>Mary Winden hatte es nach dem, was in Durness geschehen war, nicht gewagt, in ihre Heimatstadt zur�ckzukehren. Sie hatte ihre Tochter nachkommen lassen und erst einmal bei Howard Unterschlupf gefunden.</p><p>Rowlf, noch immer von den schweren Brandwunden gezeichnet, war mit Mary in London zur�ckgeblieben, als ich - �berraschend f�r alle - pl�tzlich abgereist war. Howard dagegen war mir sofort gefolgt. Und jetzt hatte er noch Rowlf nachkommen lassen, wohl um mich noch besser unter Kontrolle zu haben. Es blieb mir wohl nichts anderes �brig, als vorerst gute Miene zum b�sen Spiel zu machen. Er durfte auf keinen Fall erfahren, warum ich <emphasis>wirklich </emphasis>hier war.</p><p>Howard zuallerletzt...</p><p>Er streckte den Kopf durch das Fenster und rief dem Kutscher einen Befehl zu. Durch den Wagen lief ein Zittern; eine Peitsche knallte, dann setzte er sich langsam in Bewegung.</p><p>�Was soll das?� fragte ich Howard. �Ich dachte, du wolltest mit mir reden. Von einer Kutschfahrt war nicht die Rede.�</p><p>Howard nickte. �Du hast recht, Robert. Aber wie ich h�rte, willst du nach Lowgreen. Du wirst wohl kaum etwas dagegen haben, wenn wir dich begleiten.� Er l�chelte d�nn. �Es reist sich angenehmer in Begleitung.�</p><p>Das war keine Frage, das war eine Feststellung. Nat�rlich <emphasis>hatte </emphasis>ich etwas dagegen, eine ganze Menge sogar, aber andererseits w�rde Howard noch mi�trauischer werden, wenn ich es ablehnte. Und es war ein verlockendes Angebot, noch heute mit einer Kutsche weiterzukommen.</p><p>�Warum la�t ihr mich eigentlich nicht in Ruhe?� fragte ich m�rrisch.</p><p>Howard gestattete sich ein d�nnes L�cheln. <emphasis>�Wir </emphasis>w�rden dich sehr gerne in Ruhe lassen, Robert. Aber ich dachte, du hattest schon mehr begriffen.� Er sch�ttelte leicht den Kopf. �Irgend etwas in dir l��t dich nicht zur Ruhe kommen, etwas, das von einer dunklen Macht gesteuert wird und deinen Geist verwirrt. Du solltest mal einen Blick in den Spiegel werfen. Du siehst erschreckend aus.�</p><p>Ich zuckte zusammen. Nicht wegen der dunklen Macht, die Howard erw�hnt hatte, sondern wegen der Vorstellung, in einen Spiegel zu sehen. Ich hatte das Gef�hl, da� ich dort alles m�gliche sehen w�rde.</p><p>Nur nicht mich selbst.</p><p>�Is was?� mischte sich Rowlf ein. �Siehst pl�tzlich so bla� aus.�</p><p>Es kostete mich alle Kraft, den Kopf zu sch�tteln. Ich sp�rte, wie Schwei� auf meiner Stirn perlte. Trotzdem fror ich.</p><p>�Schon gut�, keuchte ich. �Es ist... nichts.�</p><p>Howard nickte. �Genau, und wegen diesem <emphasis>Nichts </emphasis>werden wir in den n�chsten Tagen nicht mehr von deiner Seite weichen. Bis sich das <emphasis>Nichts </emphasis>verfl�chtigt hat oder ...�</p><p>Er sprach den Satz nicht zu Ende, aber ich ahnte auch so, was er hatte sagen wollen. Es war ein Kampf gegen eine noch unbestimmte Macht, den ich nur gewinnen konnte, wenn Howard mir half.</p><p>Aber ich hatte auch erlebt, wie wenig Howard gegen die Kr�fte hatte ausrichten k�nnen, die uns in der Vergangenheit verfolgt hatten. Er war weder ein Hexer, noch verf�gte er �ber magische F�higkeiten, die er den Gewalten entgegensetzen konnte, mit denen er sich immer wieder einlie�.</p><p>Und bei dem, was ich vorhatte, w�rde er sich h�chstens gegen mich stellen.</p><empty-line/><p>Als wir Lowgreen erreichten, war es stockfinster. Graue, d�nne Nebelfetzen trieben die Stra�e entlang, und ich sp�rte, wie die Feuchtigkeit in den Wagen kroch und sich in unseren Kleidern festzukrallen begann.</p><p>W�hrend der Fahrt hatten wir kaum ein Wort miteinander gewechselt. Es hatte etwas Gespenstisches an sich, mit zwei M�nnern durch die beginnende Dunkelheit zu fahren, mit denen ich mich einerseits sehr verbunden f�hlte, die ich aber andererseits fast als meine Feinde betrachtete. Die ganze Zeit �ber hatte ich darauf gewartet, da� Howard mich fragen w�rde, nach wem oder was ich eigentlich suchte. Aber entweder wu�te er es bereits, oder er sp�rte, da� ich ihm keine Antwort geben w�rde.</p><p>Es war mir klar, da� er nicht zulassen w�rde, da� ich mit Priscylla Kontakt aufnahm. Schlie�lich war er es gewesen, der f�r ihren sicheren Gewahrsam gesorgt hatte. Er kannte meine Gef�hle f�r sie, und er wu�te auch, welche Gefahr sie f�r mich - und uns alle - darstellte. Aber das waren rationale Gr�nde. Was wu�te ein Mann wie Howard von <emphasis>Liebe?</emphasis></p><p>Die Kutsche rollte vor dem einzigen Wirtshaus im Ort aus und kam schlie�lich ganz zum Stillstand. Der Schlag wurde aufgerissen und das Gesicht des Kutschers erschien in der �ffnung, rot�ugig und von einer durchfahrenden Nacht gezeichnet.</p><p>�Alles schon zu Bett gegangen, Sir�, knurrte er. �Ich habe Ihnen ja gesagt, da� man um diese Zeit hier niemanden antrifft ...�</p><p>�Und Sie haben mir gesagt, da� der Wirt ein entfernter Cousin von Ihnen ist�, fiel ihm Howard ins Wort. Er zog etwas aus seiner Jackentasche und dr�ckte es dem Kutscher in die Hand. �Wenn Sie so freundlich w�ren, �ber Ihre verwandtschaftlichen Beziehungen ein Bett f�r uns aufzutreiben.�</p><p>�Wenn nur noch ein Strohlager frei ist, ist es aber nicht meine Schuld�, sagte der Mann halb m�rrisch, halb vers�hnt durch die Banknote, die ihm Howard zugesteckt hatte.</p><p>Er trat zur Seite, und ehe er sich versah, war ich bereits aus der Kutsche gesprungen und hielt auf den Eingang des Wirtshauses zu.</p><p>Howards Gehabe und seine pl�tzliche, v�llig neue Art, mit dem Geld um sich werfen, wurde mir zusehends unertr�glicher. Schlie�lich war ich Manns genug, allein f�r mein Nachtlager zu sorgen, und hatte es nicht n�tig, den Mann von Welt zu spielen.</p><p>Ich stolperte �ber eine Schwelle, die den Gartenweg von der Stra�e trennte, und k�mpfte einen Moment um mein Gleichgewicht. Es war eine dunkle Nacht, und der Nebel, der in zerrissenen Fetzen herantrieb, machte sie nicht gerade heller. Im Gegenteil ... Vorsichtig ging ich weiter, erreichte die Eingangst�r, drehte den Knopf und betrat den dunklen Schankraum.</p><p>Ein erstaunter Ausruf hinter mir verriet, da� der Kutscher mir gefolgt war.</p><p>�Komisch, da� die T�r aufsteht�, sagte der Mann und dr�ngte sich an mir vorbei.</p><p>Einen Moment lang h�rte ich ihn im Dunkeln hantieren, dann stie� er krachend gegen ein paar St�hle und begann lauthals zu fluchen.</p><p>Irgendwo �ber uns regte sich etwas. Ich kniff die Augen zusammen und entdeckte einen tr�ben Lichtschein, der hin und her zu tanzen schien. Es dauerte nicht lange, bis polternde Schritte verrieten, da� sich jemand zu uns herab bem�hte. Zuerst sah ich nichts weiter als ein St�ck schimmernden Metalls, das sich aber rasch als Gewehrlauf entpuppte, und dann einen �lteren Rotschopf mit tief zerfurchtem Gesicht, der mi�trauisch um die Ecke schielte.</p><p>�Guten Abend�, sagte ich freundlich und deutete eine knappe Verbeugung an. �Mein Name ist Craven. Haben Sie f�r mich und meine beiden Begleiter noch ein Zimmer frei?�</p><p>Die Augen des Rotschopfs weiteten sich, als sein Blick auf die umgest�rzten St�hle fiel.</p><p>�Keine Bewegung, oder ich knall euch �ber den Haufen�, brummte er. �Sieht so aus, als w�re ich gerade noch rechtzeitig gekommen.�</p><p>Sein Kopf fuhr ein St�ck zur�ck, und ich h�rte, wie er nach oben schrie. �Ann! Diebespack! Hol die Nachbarn! Sie sollen Stricke mitbringen! Mit dem Gesindel hier machen wir kurzen Proze�!�</p><p>Das Flattern seines Nachthemdes unterstrich seine Worte wie das �rgerliche Fl�gelschlagen einer gereizten Fledermaus.</p><p>�Uns geht es in erster Linie um ein Zimmer, Sir�, sagte ich vorsichtig. �Obwohl ich Ihnen versichern darf, da� ich nichts gegen Ihre Nachbarn habe, m�chte ich sie heute abend nicht mehr unbedingt kennenlernen.�</p><p>�H�r auf zu quatschen!� fuhr mich der Rothaarige an. �Erst klaut ihr unser Vieh, und jetzt brecht ihr schon in unsere H�user ein. Wer stiehlt, mordet auch. Und wer mordet, mit dem machen wir kurzen Proze�.� So, wie er die Worte aussprach, schienen sie sogar fast logisch. �Sprecht euer letztes Gebet, bevor wir euch am n�chsten Baum aufkn�pfen und eure H�lse langziehen ...�</p><p>�Entschuldigung, Sir, da� ich Sie unterbrechen mu߫, sagte ich. �Aber Ihr irrt. Wir sind Reisende, harmlose Reisende. Das ist die Wahrheit und ...�</p><p>Ich schluckte, und beeilte mich angesichts des Gewehrlaufs, der genau auf meinen Kopf gerichtet war, konkreter zu werden. �Sehen Sie sich doch mal das Gesicht meines Begleiters an. Na? Erkennen Sie ihn jetzt?�</p><p>Der Rothaarige funkelte mich w�tend an. �Wie, zum Teufel, soll ich da unten eure Gesichter sehen, was? Aber das, was ich sehe, reicht mir. Soweit ich erkennen kann, bist du ein unrasierter Lump, und dein Kumpan ein taubstummer Gewaltmensch.�</p><p>�Aber Charles�, brachte der Kutscher schlie�lich hervor. Seine Stimme hatte etwas Kl�gliches. �Du wirst doch nicht auf dein eigen Fleisch und Blut schie�en wollen?�</p><p>�Was soll der Quatsch? Ich hei�e nicht Charles. Charles ist mein Zwillingsbruder.�</p><p>�Sie haben einen Zwillingsbruder, Sir?� fragte ich schnell. �Das w�rde erkl�ren ...�</p><p>�Mir ist schon seit ein paar Minuten alles klar�, fauchte Charles' Zwillingsbruder. �Ich selbst habe die T�r erst vor einer guten halben Stunde abgeschlossen, und jetzt stehen pl�tzlich zwei Halunken in meiner Gaststube und behaupten, harmlose Reisende zu sein.�</p><p>In diesem Moment ging der Radau los. Ein paar bewaffnete M�nner st�rmten durch die Hintert�r in den Schankraum. Das Zimmer war mit einemmal mit flackerndem Licht und schreienden Menschen erf�llt.</p><p>Die Nachbarn des Wirts, die seine Frau zusammengetrommelt hatte. So schnell hatte ich sie nicht erwartet. Die meisten hatten sich nur M�ntel �ber ihre Nachthemden geworfen, aber alle hielten Gewehre in den H�nden.</p><p>M�glicherweise war Charles unter ihnen, aber ich hatte keine Zeit, mir dar�ber Gedanken zu machen. Ich f�hlte mich unsanft ergriffen und gegen die Wand geschleudert. Bevor ich auch nur an Gegenwehr denken konnte, hatte man mir schon die H�nde auf den R�cken verdreht, und irgendein Idiot zielte mit einem altert�mlichen Gewehr auf mich. Ein anderer pre�te mir den Doppellauf seiner Schrotflinte so hart in die Seite, da� ich kaum Luft bekam, w�hrend ein dritter dicht vor meinem Gesicht mit einem Messer herumfuchtelte, als wolle er mir die Augen ausstechen.</p><p>�Schlu� jetzt!� rief jemand von der T�r her.</p><p>Howard und Rowlf standen wie hingezaubert im Eingang. Beide hielten Revolver in den H�nden. Und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen waren sie durchaus entschlossen, sie auch zu benutzen.</p><p>�Die Komplizen�, keuchte der rothaarige Wirt, der gerade im Begriff war, die Treppe herunterzusteigen.</p><p>Das Gewehr in seinen H�nden wirkte mit einemmal sch�big und unn�tz, und in seinem Blick war ein Z�gern, das nicht zu diesem grobschl�chtigen Kerl passen wollte. Er starrte auf den Kutscher, den man gleich mir unsanft gegen die Wand geschleudert hatte.</p><p>�Albert! Du steckst mit diesen M�nnern unter einer Decke?�</p><p>War der Kerl so bl�d, oder tat er nur so?</p><p>In diesem Moment h�tte man eine Stecknadel im Raum fallen h�ren k�nnen. Die bleichen Gesichter der aus dem Schlaf gerissenen M�nner, die uns mit ihren Gewehren bedrohten, spiegelten wachsende Verwirrung wider. Sie hatten die zwei Diebe festsetzen wollen, die seit geraumer Zeit das Dorf heimsuchten, und sahen sich nun pl�tzlich vier Mann gegen�ber, die ihren Vorstellungen von Dieben wohl kaum entsprechen konnten.</p><p>Zwar wirkten weder Rowlf noch ich in unserem augenblicklichen Zustand besonders vertrauensw�rdig, aber da� wir keine Strauchdiebe waren, lie� schon ein fl�chtiger Blick auf unsere Kleidung erkennen.</p><p>Und da� der Wirt unseren Kutscher mit Namen kannte, mu�te sie total verwirren.</p><p>�Ich habe die Herrschaften hergefahren, Cousin�, bekannte Albert. �Die T�r war auf, und -�</p><p>�Moment, Moment�, unterbrach ihn ein mittelgro�er, breitschultriger Mann, der mit gesenktem Gewehr neben dem Hintereingang stehengeblieben war und das Geschehen schweigend verfolgt hatte. �Soll das hei�en, da� du uns wegen ein paar sp�ten G�sten aus dem Bett gerissen hast, Flenelton? Den hier ...� - er deutete auf unseren Kutscher - �... kennen wir doch alle. Ist ja schlie�lich nicht das erste Mal, da� er dir oder deinem arbeitsscheuen Bruder G�ste verschafft.�</p><p>Es dauerte nicht mehr lange, bis sich der ganze Irrtum aufgekl�rt hatte. Wie wir ins Haus gekommen waren, blieb allerdings weiterhin ein R�tsel. Flenelton blieb dabei, da� er den Schankraum wie jeden Abend abgeschlossen hatte. Aber zumindest hielt er uns nicht mehr f�r Diebe.</p><p>Nachdem er seine Nachbarn grundlos aus dem Bett gejagt hatte, blieb ihm nichts anderes �brig, als eine Runde zu geben - und es blieb nicht bei der einen. Howard zeigte sich von der gro�z�gigen Seite und lie� Bier auf Bier folgen. Nachdem es uns wie selten zuvor gelungen war, gleich mit unserer Ankunft die allgemeine Aufmerksamkeit auf uns zu lenken, tat er wohl gut daran, dieses merkw�rdige Nachbarschaftsfest zu organisieren.</p><p>Die M�nner in ihren Nachthemden oder hastig �bergeworfenen Kleidungsst�cken, die vor einem Pint Bitter hockten, zunehmend redseliger wurden und uns dennoch ab und zu einen mi�trauischen Blick zuwarfen, hatten etwas Bizarres an sich. Obwohl ihre Gewehre alt waren und einige von ihnen nicht gerade kr�ftig wirkten, hatten sie sehr schnell reagiert.</p><p>So schnell, wie es nur Menschen tun, die sich vor einer gemeinsamen Gefahr zusammenschlie�en. Ich fragte mich, wovor sie <emphasis>wirklich </emphasis>Angst hatten.</p><empty-line/><p>Es war nicht leicht gewesen, von den mittlerweile schon reichlich angetrunkenen M�nnern etwas �ber Mr. Baltimore zu erfahren. Sein Haus am anderen Ende des Waldes wurde von den Dorfbewohnern gemieden. Mehr noch - als ich versuchte, das Gespr�ch behutsam in die von mir gew�nschte Richtung zu lenken, sp�rte ich deutlich, da� sie es sogar vermieden, �ber ihn zu reden, und da� meine Fragen, obgleich ich mir M�he gab, sie so beil�ufig wie m�glich zu stellen, ihr Mi�trauen erneut wachrief. Aber schlie�lich, nach einer Stunde und mehr als einer Runde Ale, die ich spendiert hatte, erhielt ich doch eine halbwegs brauchbare Wegbeschreibung.</p><p>Ich hatte mich entschlossen, mich gleich auf den Weg zu machen. Kurz bevor der allgemeine Aufbruch begann, nutzte ich einen Besuch auf der Toilette, um aus dem Fenster zu steigen und mich aus dem Dorf zu schleichen. Schon nach wenigen hundert Metern blieben die H�user hinter mir zur�ck; nur die Fenster der Gaststube waren hell erleuchtet, sonst war alles stockdunkel.</p><p>Ich hatte eine Lampe mitgenommen, aber ich wagte noch nicht, sie zu entz�nden. Es war nicht n�tig, da� jemand auf meine n�chtliche Expedition aufmerksam wurde; Howard w�rde mein Fehlen fr�h genug bemerken und die richtigen Schl�sse daraus ziehen. Ich mu�te ihn nicht noch mit der Nase daraufsto�en.</p><p>Ich k�mpfte mich einen schmalen Pfad entlang und hielt mich an der ersten Hecke, auf die ich stie�, links in Richtung Buchenhain. Der Mann, der mir halb lallend den Weg beschrieben hatte, hatte mir geraten, nicht �ber die Wiese zu gehen, um einen mehrere Meilen langen Umweg zu vermeiden.</p><p>Nach kaum hundert Metern erreichte ich eine mit Heidekraut bewachsene Lichtung, �ber der lose Nebelfetzen hingen. Ich folgte einem Pfad, der an einer Hecke parallel zum Wald vorbeilief. Erst jetzt wagte ich, den Docht der Lampe zu entz�nden. Bis jetzt hatte ich mich nach der Beschreibung gut zurechtgefunden, und ich hoffte, da� es so bleiben w�rde.</p><p>Der Wind fuhr sanft �ber die �ste und erzeugte ein Ger�usch, das an das leise Atmen eines gro�en Tieres erinnerte, und die Lampe warf tanzende Schatten auf den Nebel. Die wei�en Schwaden reflektierten das Licht, und die Helligkeit blendete mich mehr als sie mir half, meine Umgebung zu erkennen.</p><p>Die Lampe war praktisch nutzlos, und ich �berlegte, ob ich sie wieder l�schen sollte. Aber dann lie� ich sie doch brennen, in der Hoffnung, da� es im Wald nicht ganz so neblig sein w�rde.</p><p>Ich t�uschte mich. Je n�her ich den B�umen kam, um so weniger sah ich. Die wei�en Schwaden schienen wie mit geisterhaften Fingern nach mir zu greifen und meine Kleidung mit Feuchtigkeit zu durchtr�nken.</p><p>Das rhythmische Rascheln kahler B�ume und dunkler Tannen verst�rkte sich. Auf und ab schwoll das Ger�usch, mit der mechanischen Monotonie eines schweren Uhrpendels oder eines gigantischen, schlagenden Herzens. Ich sp�rte, wie mir trotz der K�lte Schwei�tropfen den R�cken herunterrannen.</p><p>Auf und <emphasis>ab, </emphasis>ein unnat�rliches Ger�usch in der umfassenden Dunkelheit. Es vermischte sich mit meinem eigenen Herzschlag, lief eine Zeitlang synchron mit ihm, und verlangsamte sich dann.</p><p>Ich hielt unwillk�rlich an, hob die Lampe h�her �ber den Bodennebel, der mich jetzt schon bis zum Bauchnabel umsp�lte, und versuchte mit einigen Blicken, die tanzende, wei�e Schicht zu durchdringen. Aber da war nichts.</p><p>Jedenfalls nichts Fa�bares.</p><p>Und doch sp�rte ich etwas, irgend etwas Ungeheuerliches, das in der Dunkelheit auf mich lauerte. Mein Atem beschleunigte sich, und die Hand, mit der ich die Lampe hielt, zitterte. Ich fragte mich, was ich hier �berhaupt wollte.</p><p>War es wirklich nur Priscylla, die mich gerufen hatte? Oder war es eine andere, finstere Kraft, die sie nur benutzte, um mich in eine Falle zu locken?</p><p>Aber das gab keinen Sinn. Ich versuchte mich zu konzentrieren, aber immer, wenn ich den Gedanken zu fassen glaubte, verschwand er hinter einem Strom brodelnder Gef�hle.</p><p>Ich keuchte, schlo� die Augen, versuchte, den Schleier von meinen Gedanken zu rei�en, der seit ein paar Tagen mein Denken vergiftete. Was war das, was da in meinem Inneren lauerte, bereit, hervorzubrechen und meine Umgebung mit Gewaltt�tigkeit zu tyrannisieren?</p><p>Warum diese pl�tzliche Abneigung gegen Howard und Rowlf und das Gef�hl, mich von ihnen l�sen zu m�ssen?</p><p>Meine bohrenden Fragen fanden keine Antwort, obwohl ich ahnte, da� nicht mehr viel fehlte, um die Schwelle des Begreifens zu durchbrechen. Unter meinem bewu�ten Denken lauerte ein tiefes, vergrabenes Wissen, zu dem ich einfach nicht vorsto�en konnte - noch nicht.</p><p>Und trotzdem versuchte ich es. Mit aller Gewalt konzentrierte ich mich. Ein dumpfer Schmerz pochte zwischen meinen Schl�fen, und ich hatte das Gef�hl, mein Sch�del w�rde bersten, aber ich gab nicht auf.</p><p>Ich wollte und mu�te endlich Klarheit haben. Und ich sp�rte, da� ich Erfolg hatte. Etwas trat an die Oberfl�che meines Bewu�tseins, ein vager Gedanke, den ich nur zu greifen brauchte, den ich nur weiterverfolgen mu�te, um alles zu verstehen.</p><p>Es hatte etwas mit Andara, meinem Vater, zu tun, aber auch mit Priscylla und mit mir selbst und es war ...</p><p>Nichts.</p><p>Wieder ri� der Faden ab, das beinahe greifbare Verst�ndnis entglitt mir erneut.</p><p>Ich atmete tief ein und versuchte, die Angst abzusch�tteln, die ich vor dem hatte, was in mir lauerte. Es war sinnlos und gef�hrlich, mich in metaphysische Gedankenspielereien einzulassen. Ich versuchte, mich gewaltsam gegen den Druck zu stemmen, der meinen Sch�del auseinanderzusprengen schien.</p><p>Es war die pl�tzlich greifbare Erinnerung an Priscylla, an die Gefahr, in der wir beide schwebten und die wir meistern mu�ten, um zueinanderzufinden, die mir die n�tige Kraft gab, die L�hmung abzusch�tteln und die Augen zu �ffnen.</p><p>Der Nebel tanzte mit verspielter Bosheit auf mich zu, griff mit d�nnen, faserigen H�nden nach mir, die mich wie die Tentakel eines Ungeheuers mit sich zu ziehen versuchten.</p><p>Trotz der Feuchtigkeit f�hlte sich meine Kehle ausgetrocknet an. Ich atmete mehrere Male tief durch und bewegte mich langsam auf den Waldrand zu.</p><p>Was auch immer dort drinnen auf mich wartete, w�rde nicht eher ruhen, bis ich kam.</p><p>Jedes Weglaufen war sinnlos, das sp�rte ich einfach.</p><p>Unter meinen F��en raschelte feuchtes Laub. Ich konnte es nicht sehen, aber selbst durch die schweren Stiefel sp�rte ich den elastischen, federnden Belag, der sich wie ein gigantisches Netz �ber den Boden spannte.</p><p>Der Nebel war in den letzten Minuten immer h�her gestiegen, aber jetzt schien er sich zur�ckzuziehen. Er str�mte zu beiden Seiten davon, langsam, aber mit der Zielstrebigkeit eines eigenst�ndig denkenden Wesens.</p><p>Das Licht meiner Lampe fiel auf einen schmalen Pfad, der sich vor mir auftat und irgendwo in der Dunkelheit verschwand, zu einem Teil des schwarzen Waldes wurde und mit ihm verschmolz. W�hrend auf dem Pfad selbst nur noch wenige Nebelfetzen trieben, verschwammen die B�ume zu beiden Seiten hinter einem dichten, wei�en Schleier.</p><p>Ich warf einen Blick nach oben. Selbst der Himmel war jetzt nebelverhangen. Nur der Pfad war frei, ein schmaler Tunnel, der sich durch den Nebel wand und direkt zu dem Etwas f�hrte, das auf mich wartete. Es war wie eine Einladung; mehr noch: es war ein Befehl, dem sich zu widersetzen sinnlos war.</p><p>Ich z�gerte nicht mehr l�nger. An Priscylla dachte ich in diesem Moment kaum noch, obwohl mich der Gedanke an sie hierhergetrieben hatte. Statt dessen konzentrierte ich mich vollst�ndig auf meine Umgebung, versuchte, aus den Augenwinkeln beide Waldr�nder gleichzeitig unter Kontrolle zu halten, ohne mich von dem Pfad vor mir ablenken zu lassen - was nat�rlich nicht gelang.</p><p>Meine Nerven waren zum Zerrei�en gespannt. Die Ger�usche aus meiner Umgebung wurden von der feuchten, mit tausend feinen Wassertropfen ges�ttigten Luft ged�mpft, aber auch ohne es zu h�ren sp�rte ich, da� etwas auf mich zuhielt. Etwas Unsichtbares, B�ses.</p><p>Und dann sah ich es.</p><p>Ein dunkler, m�chtiger Schatten, den ich aus der Ferne f�r einen Baum gehalten h�tte, h�tte er nicht mitten auf dem Pfad gestanden. Der Schein meiner Lampe reichte nicht weit genug, um mich Einzelheiten erkennen zu lassen. Ich erkannte nur, da� dieses <emphasis>Etwas </emphasis>gro� war.</p><p>Gro� genug, um ein <emphasis>Shaggote </emphasis>sein zu k�nnen.</p><p>Ich blieb abrupt stehen. Mein Herz h�mmerte bis zum Hals, und einen Moment mu�te ich gegen den Impuls ank�mpfen, herumzuwirbeln und wegzulaufen. M�hsam bezwang ich meine Angst, starrte dem Ungeheuer entgegen und konzentrierte mich auf die bevorstehende Auseinandersetzung.</p><empty-line/><p>Der Angriff erfolgte ohne Vorwarnung. Etwas raste auf mich zu, eine Wolke dunkel zusammengeballter Ausd�nstungen, der stinkende Odem einer vorzeitlichen Bestie.</p><p>Ich ri� den Arm hoch, zu sp�t und zu langsam, um den Wirbel aufzufangen, der mich mit der geballten Kraft grausamen Zornes zur�cktaumeln lie�. Die Lampe schwankte wild im Kreis, beschrieb, meiner Hand entrissen, wirre Muster in den Nebel und schlug krachend auf dem Boden auf. Das Karbid dampfte auf, grelle Lichtfinger griffen nach mir, und dann war vollkommene Dunkelheit um mich.</p><p>Ich blieb wie erstarrt stehen. Das Femde, das mich wie eine tosende Brandung umsp�lte, war nicht materiell, wie ich zuerst geglaubt hatte.</p><p>Alptraumhafte Zwerge und Hexen tanzten den Pfad entlang, brachen aus dem Nebel hervor und �bersch�tteten mich mit ihrem Spott. Sie wirkten nicht stofflich und auf grausame Weise doch real, wie Kobolde in einem Gem�lde, die auf mysteri�se Weise zu Leben erwacht waren, aus dem Rahmen sprangen und den fassungslosen Betrachter mit ihrer pl�tzlichen Lebendigkeit in Schrecken versetzten.</p><p>Kleine, drollige Kerle mit Pudelm�tzen auf geh�rnten K�pfen trieben heran, d�rre, hexenartige Wesen dr�ngten sie beiseite, zu wirklich, um nur Phantasiegesch�pfe sein zu k�nnen. Das waren keine vom Nebel geschaffenen Trugbilder, das war grausame, l�hmende Wirklichkeit.</p><p>Ein seltsames Gesch�pf, halb Ratte, halb Frau, deutete mit ihrem klauenhaften Zeigefinger auf mich und verzog das Gesicht zu einer absto�enden Grimasse. Die Rattenschnauze, die listigen, heimt�ckischen Augen und der schlanke, m�dchenhafte K�rper, der in den Sprunggelenken einer menschengro�en Ratte auslief, bildeten eine abscheuliche Mischung. Ich wich Schritt f�r Schritt zur�ck, ohne meinen Blick von der Kreatur wenden zu k�nnen.</p><p>Die feuchten Ausl�ufer des Nebels umklammerten meine Beine, krochen meinen K�rper empor und erstickten mein Denken. Ich sp�rte fast panische Angst in mir, aber ein Teil meines Geistes blieb von dem Grauen unber�hrt und beobachtete die laufende Ver�nderung der Rattenfrau mit geradezu wissenschaftlicher Neugier.</p><p>Ihr K�rper �berzog sich langsam mit dichtem, borstigem Fell, und die Finger wurden zu Klauen. Die Wesen, die sie umtanzten, waren nicht mehr als Kobolde, Gesch�pfe reiner Phantasie.</p><p>Ich beachtete sie nicht. Ich starrte nur auf die Rattenfrau. In ihrem B�ck lag kalte, tierische Entschlossenheit, aber da war auch noch etwas anderes. Etwas Bekanntes, etwas, das ich in dem Spiegel gesehen hatte, bevor er barst, und zuvor in Lyssas Augen, in den Augen der Hexe, die zeitweise Macht �ber Priscylla gewonnen hatte.</p><p>Der Nebel lag wie eine erstickende Schicht auf meinem Denken, aber nicht er war es, der mich bedrohte, sondern dieses ... dieses Gesch�pf, das beharrlich auf mich zuhielt. Es schien mir fast so, als sch�tzte der Nebel meinen Geist, als blockte er meinen Verstand gegen den Wahnsinn ab, der nach mir greifen wollte. Das war nat�rlich Unsinn. Wahnsinn wie alles, was ich zu sehen glaubte.</p><p>Nichts als Einbildungen, als w�ste Nebelphantasien ...</p><p>Durch das ekelhafte Gesch�pf lief ein Zittern. Es kr�mmte sich zusammen, brach in die Knie, kr�mmte sich abermals zusammen, stie� ein scharfes Zischen aus und richtete sich dann m�hsam, wie unter Schmerzen, wieder auf.</p><p>Der Nebel wich fluchtartig vor dem Rattenk�rper zur�ck, vor dem K�rper, der nun �berhaupt nichts Menschen�hnliches mehr an sich hatte.</p><p>Aber das Gesicht!</p><p>Es war das Gesicht Lyssa-Priscyllas, der Hexe, die mir schon einmal fast zum Verh�ngnis geworden w�re! Ich schrie auf.</p><p>Mit erhobenen Klauen taumelte die Kreatur auf mich zu. In den Klauen blitzte etwas auf, etwas Metallisches, das nicht zu dem tierischen K�rper pa�te. Obwohl ich es kaum wahrnahm, sp�rte ich instinktiv die Gefahr.</p><p>Ich warf mich zur Seite. Eine krachende Explosion zerri� die Dunkelheit. Der Donner hallte in meinen Ohren wider und lie� mich taumeln. Ich schwankte, stolperte �ber eine Wurzel und st�rzte schwer zu Boden.</p><p>Dann war der Nebel �ber mir, brach wie eine Welle �ber mir zusammen und erstickte meinen Schrei. Ich hustete und rang verzweifelt nach Atem. Der Nebel drang in meine Kehle und l�hmte sie. Es war kein gew�hnlicher Nebel; ich hatte das Gef�hl, geschmacklosen Sirup zu inhalieren. Einen f�rchterlichen Moment lang glaubte ich zu ersticken, aber dann f�hlte ich mich pl�tzlich auf die F��e gerissen und von kr�ftigen Armen gesch�ttelt.</p><p>�Rei�en Sie sich zusammen, Mann�, herrschte mich eine hersche Stimme an.</p><p>Eine M�nnerstimme!</p><p>M�hsam hob ich den Blick.</p><p>Die Rattenfrau war verschwunden, hatte sich wie eine Illusion verfl�chtigt und das Heer der Alptraumgestalten mit sich genommen. Ihren Platz hatte ein Riese eingenommen, ein Mann, der mich um Hauptesl�nge �berragte. Ich hatte alles erwartet, eine Horrorfratze, die Tentakel eines urzeitlichen Monsters, aber nicht <emphasis>das ...</emphasis></p><p>�Sean!� kr�chzte ich.</p><p>Meine Stimme hatte kaum noch etwas Menschliches. Die Luft, die ich ausstie�, mischte sich mit Nebelschwaden.</p><p>Wortlos starrte ich in das Gesicht des Mannes, den ich zuletzt in Durness gesehen hatte.</p><p>Und der sich dann als Reinkarnation meines toten Vaters Roderick Andara entpuppt hatte!</p><empty-line/><p>Es war ein strahlend sch�ner Tag gewesen, und Pri hatte in Begleitung von Mrs. Sunday einen Spaziergang durch die gro�z�gig angelegte Gartenanlage machen d�rfen. Die Sonnenstrahlen hatten ihre Haut gekitzelt und sie mit Bedauern daran denken lassen, da� jetzt der Winter einkehren w�rde. Die Freude �ber den Sonnentag war noch nicht einmal durch Dr. Baltimore getr�bt worden, der sie heute erstaunlicherweise in Ruhe gelassen hatte.</p><p>Als sie jetzt die gleichm��igen, schmalen Stufen aus spiegelndem Stein hinabstieg, hatten ihre Schritte wieder etwas von der alten Kraft an sich, und die Gedanken, die sie in den letzten Monaten gequ�lt hatten, waren in den Hintergrund getreten.</p><p>Dr. Baltimore war ein schlechter Mensch, der ihr unbedingt einreden wollte, da� sie krank war. Dabei war er es, der krank war und Hilfe brauchte, dar�ber waren sich alle einig. Er hielt sie hier wie Gefangene, und nur, wer auf den schwarzen Grund seiner Seele zu blicken vermochte, konnte ahnen, warum er das tat.</p><p>Pri hatte ihm nichts getan, und sie hatte auch sonst niemandem etwas getan. Es war b�se und gemein, sie trotzdem hier festzusetzen. Drau�en wartete die gro�e Welt auf sie, und sie hatte sich geschworen, sie nicht ewig warten zu lassen.</p><p>Es w�rde der Tag kommen, an dem diese Festung fallen w�rde. Acorn, Santers und sie selbst bildeten eine starke, zentrale Kraft, der sich auch Dr. Baltimore nicht entziehen konnte.</p><p>Sie kicherte bei dem Gedanken daran, was der gute Doktor sagen w�rde, wenn er w��te, wohin sie jetzt gerade ging. Das Haus lag im Schlaf, und nat�rlich war es den Patienten nicht gestattet, nachts geheime Versammlungen abzuhalten. Noch dazu <emphasis>diese </emphasis>Art von Versammlungen, zu der sie sich zusammenfanden.</p><p>Wie nannte es doch Acorn gleich? Es hatte irgend etwas mit <emphasis>Messe </emphasis>zu tun. Ja, richtig, <emphasis>Schwarze Messe, </emphasis>das war es. Sie flehten die Kr�fte des B�sen um Unterst�tzung an, um dem Treiben des Doktors Einhalt zu gebieten.</p><p>Pri erreichte das Ende der Treppe und tastete sich vorsichtig durch das Dunkel des Kellergew�lbes weiter. Sie durften hier kein Licht machen, wenn sie nicht auffallen wollten. Vom Personal wu�te niemand etwas von dem alten Gew�lbe, oder wenn sie es wu�ten, mieden sie es. Ein Gl�ck f�r die Mitglieder der <emphasis>Schwarzen Verbindung, </emphasis>wie Acorn ihre kleine Gruppe nannte.</p><p>Er war ein schrecklich pedantischer Kerl und mu�te immer f�r alles einen Namen haben. Und er war ein wenig unheimlich, aber gerechterweise mu�te sich Pri eingestehen, da� sie ohne ihn gar nicht so weit gekommen w�ren.</p><p>Sie war nur noch ein paar Meter von der Abzweigung entfernt, die zu ihrem geheimen Treffpunkt f�hrte, als sie ohne Vorwarnung von einem Schwindelanfall �berrascht wurde.</p><p>Von einem Moment auf den anderen verlor sie vollkommen die Orientierung, und eine Welle der �belkeit brach �ber ihr zusammen. Sie verhielt keuchend und suchte an der rauhen Wand des Ganges Halt. Feurige Kreise tanzten vor ihren Augen. Ihr Atem ging sto�weise, setzte kurze Zeit ganz aus, und beruhigte sich dann nur langsam.</p><p>Sie glaubte, einen Mann vor sich zu sehen, einen Mann mit einem gezackten wei�en Haarstreifen und einem grausigen Ausdruck in den Augen. Ein Mann, der sie vernichten wollte.</p><p>�Nicht�, keuchte sie und streckte abwehrend die H�nde aus.</p><p>Der Mann kam n�her - sie sp�rte es, er kam seit Tagen n�her - und er w�rde nicht ruhen, bis er sie vernichtet hatte! Es war etwas Bekanntes und Vertrautes in seiner Art, aber auch etwas Gnadenloses, das Pri entsetzte.</p><p>Sie hatte das Gef�hl, da� sich der Kreis immer enger um sie schlo�. Sie mu�te hier raus, bevor es zu sp�t war, bevor sich dieser fremde und doch so vertraute Mann mit Dr. Baltimore verbinden konnte. Mit aller Kraft, die sie mobilisieren konnte, k�mpfte sie das Schwindelgef�hl nieder.</p><p>Sie wu�te, was kommen w�rde, die harten, pochenden Kopfschmerzen, die sie besonders in den ersten Monaten ihres Aufenthalts gequ�lt hatten, aber im Moment erschienen ihr selbst die Schmerzen ertr�glicher als die furchtbaren Visionen, das Gesicht, das sie in den Wahnsinn treiben wollte ...</p><p>So schlimm war es schon lange nicht mehr gewesen. Hinter ihren Schl�fen h�mmerte ein furchtbarer Schmerz. Sie war kaum in der Lage, einen vern�nftigen Gedanken zu fassen, aber sie bi� die Z�hne zusammen und k�mpfte sich vorw�rts, Schritt f�r Schritt.</p><p>Irgendwo raschelte etwas, und dann huschte eines der �blen Gesch�pfe vorbei, die in den Tiefen des Kellers hausten, eine Ratte. Trotz der fast allgegenw�rtigen Dunkelheit glaubte sie, das b�sartige Funkeln ihrer Augen zu sehen. Die Ratte verharrte vor ihr, einen kurzen Moment nur, aber lange genug, um ihren Blick auf sich zu ziehen.</p><p>Pri st�hnte auf. Sie hatte das Gef�hl, gl�hende, hei�e Dampfschwaden einzuatmen, und pl�tzlich sah sie den Mann wieder deutlich vor sich, den Mann, der sich auf den Weg gemacht hatte, sie zu vernichten, und dem sie zuvorkommen mu�te. Sie streckte die H�nde aus, f�hlte einen schmerzhaften Stich durch ihre Arme rasen, und dann, pl�tzlich, war es vorbei.</p><p>Acorn stand vor ihr. Sein schmales, tief gefurchtes Gesicht zeigte Besorgnis. In der Rechten hielt er eine flackernde Kerze, und hinter ihm fiel ein schmaler Lichtstreifen durch die angelehnte T�r, die zum <emphasis>Heiligtum </emphasis>f�hrte.</p><p>�Ist dir nicht gut, Pri?� fragte er.</p><p>Pri sch�ttelte den Kopf. �Es ... es geht schon wieder�, sagte sie leise. �Es ... war nichts. Nur ein Anfall.�</p><p>Acorn nickte verst�ndnisvoll und ergriff sie beim Arm. Seine alterslosen Augen blieben ausdruckslos, aber seine Stirn wirkte noch st�rker zerfurcht als sonst.</p><p>�Du hast geschrien, Pri�, sagte er. �So laut, als ob du unbedingt den Doktor auf uns aufmerksam machen wolltest.�</p><p>�Das ... tut mir leid�, fl�sterte Pri.</p><p>Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen, aber sie f�hlte sich noch immer schwach und elend. Widerstandslos lie� sie sich von Acorn die wenigen Meter zum <emphasis>Heiligtum </emphasis>f�hren.</p><p>�Du hast einen Namen genannt�, sagte Acorn beil�ufig, als er die T�r aufstie� und Pri zu ihrem Platz f�hrte.</p><p>�Was f�r einen Namen?�</p><p>Acorn l�chelte schwach. �Wenn ich mich nicht verh�rt habe, hast du <emphasis>Robert </emphasis>geschrien. Immer wieder.�</p><p>�Robert�, wiederholte Pri nachdenklich.</p><p>Der Name l�ste bei ihr einen entfernten Nachhall aus, aber sie konnte ihn trotzdem nicht unterbringen. Sie war sich sicher, da� es in ihrem Leben einmal einen Robert gegeben hatte, aber wann und wo?</p><p>Sie wu�te wenig von dem Leben, das sie gef�hrt hatte, bevor sie dem Doktor in die H�nde gefallen war.</p><p>�War das alles?� fragte sie. �Oder habe ich noch etwas anderes gesagt?�</p><p>Acorn sch�ttelte den Kopf. �Gesagt hast du sowieso nichts. Du hast geschrien.�</p><p>Pri wischte seine Antwort mit einer Handbewegung zur Seite. �Es ist auch nicht wichtig�, behauptete sie. �Wir m�ssen den Bann brechen, der uns hier gefangenh�lt, etwas anderes z�hlt nicht. Wo ist Santers?�</p><p>Acorn zuckte mit den Achseln. In dem einfachen, grauen Anzug, den er trug, h�tte man ihn auf den ersten Blick f�r einen Handelsreisenden halten k�nnen. Aber auch nur auf den ersten Blick.</p><p>In seinen Augen brannte ein fanatisches Feuer, das von ungeheurer Kraft und Unnachgiebigkeit zeugte. Es hatte lange gedauert, bis Pri zu ihm Vertrauen gefa�t hatte. Bis jetzt hatte sie es nicht bereut. Aber noch hatten sie auch nicht die Aufgabe erf�llt, die sie drei sich gestellt hatten.</p><p>�Er wird gleich kommen�, sagte Acorn gleichg�ltig.</p><p>Er schob seinen Stuhl etwas nach hinten. Staub wirbelte auf, irgendwo huschte etwas davon. Eine Spinne, die vor dem ungewohnten Licht floh, oder eine Ratte ...</p><p>Pri versuchte, nicht daran zu denken. Das Erlebnis in dem Gang, der Anfall und das unangenehme Zusammentreffen mit der Ratte hatten sie mehr mitgenommen, als sie sich eingestehen wollte.</p><p>�Es wird auch Zeit, da� er kommt�, sagte sie schroff.</p><p>Acorn bedachte sie mit einem �berraschten Blick. �Aber du wei�t doch, da� er noch eine Kleinigkeit zu erledigen hat�, sagte er vorwurfsvoll. �Sei froh, da� er sich dazu bereit erkl�rt hat. Wir beide w�ren doch nicht f�hig dazu ...�</p><p>�Zu was?� Pri f�hlte sich m�de und zerschlagen, und sie hatte keine Lust, die ganze Nacht hier zu verbringen. �Von was sprichst du �berhaupt?�</p><p>Acorn kniff die Augen zusammen. Zwischen den halbgeschlossenen Lidern hatte sein Blick �hnlichkeit mit dem einer Schlange.</p><p>�Du wirst doch noch wissen, was heute f�r ein Tag ist?�</p><p>Pri dachte einen Moment nach. �Freitag? Nein ...? Donnerstag, nicht wahr?�</p><p>Acorn erhob sich abrupt und begann, auf und ab zu gehen. Seine Schritte hallten von den W�nden wider. Er ging bis zur gegen�berliegenden Wand, verharrte einen Moment, warf einen langen, nachdenklichen Blick auf die einsame Frauengestalt an dem gro�en, runden Tisch, und kehrte dann zur�ck.</p><p>Pri achtete nicht weiter auf ihn. Acorn war nicht immer Herr seiner Sinne, obwohl er sich im gro�en und ganzen recht vern�nftig verhielt. Und im Vergleich mit Santers konnte man ihn fast f�r normal halten. Aber eben nur fast.</p><p>Sie seufzte. Es war ihr nichts anderes �briggeblieben, als mit den beiden Verr�ckten gemeinsame Sache zu machen. Schlie�lich hatten sie das gleiche Ziel, sie alle wollten hier raus, und das so schnell wie m�glich.</p><p>Sie ahnte, da� Acorn ganz �hnliche Gedanken bewegten. Dabei wu�te sie nur allzu gut, da� er sich f�r den Kopf ihrer kleinen Gruppe hielt. St�ndig machte er ihr wegen ihrem st�ndig wechselnden Temperament oder ihren Ged�chtnisl�cken Vorw�rfe. Aber auch, wenn sie vergessen hatte, was heute f�r ein Tag war, brauchte er sich nicht so aufzuspielen.</p><p>�Erinnerst du dich wirklich nicht, Pri, oder ist das nur einer deiner seltsamen Scherze?�</p><p>In seiner Stimme klang eine stumme Drohung mit.</p><p>�Ich erinnere mich wirklich nicht�, sagte Pri bestimmt. Sie funkelte ihn an.</p><p>�Vorausgesetzt, es gibt �berhaupt etwas, an das ich mich erinnern k�nnte�, f�gte sie spitz hinzu.</p><p>Acorn blieb eine Antwort erspart. Schwere Schritte verk�ndeten, da� jemand auf dem Weg zu den Gew�lben war.</p><p>�Wer ist das?� fragte Pri scharf.</p><p>�Santers�, antwortete Acorn gereizt. �Er scheint es geschafft zu haben.�</p><p>Er wollte sich auf den Weg zur T�r machen, aber Pri sprang auf und hielt ihn am �rmel seines Jacketts fest. �Das ist doch nicht Santers. Der trampelt doch nicht wie ein wildgewordener Ochse die Treppe herunter.�</p><p>�La� mich los�, zischte Acorn und schob ihre Hand zur Seite. �Ich mu� ihm helfen.�</p><p>�Bei <emphasis>was </emphasis>helfen?�</p><p>Acorn antwortete nicht. Er nahm die Kerze vom Tisch und st�rmte an ihr vorbei.</p><p>Es blieb Pri nichts anderes �brig, als ihm zu folgen, wenn sie nicht im Dunkeln zur�ckbleiben wollte. Sie sp�rte eine Ungewisse Erregung in sich, die irgendwie mit diesen polternden Ger�uschen in Zusammenhang stand, aber sie konnte sich an nichts Konkretes erinnern.</p><p>Der flackernde Schein von Acorns Kerze vermochte den Gang nur unvollst�ndig auszuleuchten. Ein scharfer Lufthauch lie� die Flamme zittern und drohte sie vollst�ndig auszul�schen. Acorn sch�tzte den Docht mit der Hand, und das Licht beruhigte sich, abgeschattet zwar, aber immer noch hell genug, um die Umrisse der Gestalt erkennen zu lassen, die auf ihn zutaumelte.</p><p>Es <emphasis>war </emphasis>Santers.</p><p>Sein jungenhaftes Gesicht war verzerrt, und auf seiner Stirn perlte Schwei�. Aber das war es nicht, was Pri mitten im Schritt erstarren lie�.</p><p>Er schleppte etwas mit sich. Etwas von der Gr��e einer Bettdecke, aber etwas, das viel schwerer sein mu�te. Etwas mit H�nden, die auf dem R�cken zusammengebunden waren, mit einem Knebel im Mund und angstvoll geweiteten Augen.</p><p>Einen Menschen. Eine Frau!</p><empty-line/><p>�Woher kennen Sie mich?� fragte der Riese grob.</p><p>Seine H�nde dr�ckten schmerzhaft meine Oberarme zusammen. Er sch�ttelte mich wie ein Spielzeug und stie� mich dann von sich.</p><p>�Reden Sie, Mister. Wenn Ihnen keine vern�nftige Erkl�rung einf�llt, mu� ich annehmen, da� Sie mir hinterhergeschn�ffelt haben.�</p><p>Ich taumelte ein paar Schritte, fand m�hsam an einem Baumstamm Halt und bedachte ihn mit einem w�tenden Blick.</p><p>�Und was machen <emphasis>Sie </emphasis>hier?� fragte ich w�tend. Ich deutete auf den Revolver in seiner Hand. �Schie�en Sie immer erst, bevor Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben?�</p><p>Sean runzelte die Stirn. Er war es augenscheinlich nicht gew�hnt, da� man so mit ihm sprach.</p><p>�Beantworten Sie mir erst meine Frage�, verlangte er, aber seine Stimme klang nicht mehr ganz so selbstsicher.</p><p>Es schien Ewigkeiten her zu sein, da� ich Sean zum letzten Mal gesehen hatte, und doch waren in Wirklichkeit nicht mehr als ein paar Monate vergangen. Seine Worte sagten mir, da� er sich nicht mehr an unsere Begegnung erinnern konnte. Aber vielleicht war <emphasis>er </emphasis>es auch nicht gewesen, mit dem ich in Durness gesprochen hatte.</p><p>Wie mein Vater Macht �ber einen K�rper - oder einen Geist - erlangt hatte, um mit mir in Verbindung zu treten, war mir bis heute unklar. Er war nicht nur einmal in der Gestalt eines anderen aufgetreten, aber das Erlebnis mit Sean war besonders einpr�gsam gewesen. Es war verwirrend, jetzt vor diesem Mann zu stehen, den ich einerseits gut zu kennen glaubte, und der doch andererseits ein Fremder war ...</p><p>Aber jetzt war weder der rechte Augenblick, noch der richtige Ort, um sich dar�ber Gedanken zu machen. Die Vision der Rattenfrau hatte sich zwar verfl�chtigt, aber in dem Nebel, der noch immer zu beiden Seiten des Pfades wallte, konnte noch so manche �berraschung auf uns lauern.</p><p>�Ich warte auf eine Antwort�, knurrte Sean.</p><p>Die M�ndung seines Revolvers bewegte sich fast unmerklich ein St�ck nach oben.</p><p>�Stecken Sie erst dieses Ding da weg�, sagte ich. �Oder glauben Sie etwa ernsthaft, ich wollte Sie angreifen?�</p><p>Sean kniff die Lippen zusammen und lie� den Revolver widerstrebend sinken. �Sie vielleicht nicht. Aber ...�</p><p>�Aber was?� fragte ich rasch.</p><p>�Ach, nichts.� Er z�gerte einen Moment, bevor er weitersprach. �Dieses Ding ...� Er zuckte mit den Achseln. �Zuerst dachte ich, es sei ein B�r. Ein gro�es Vieh, aber zu d�nn f�r einen B�r, und auch das Fell stimmte nicht. Sie m�ssen es doch auch gesehen haben. Es ist doch direkt auf Sie zugelaufen.�</p><p>Ein ungl�ubiger Schrecken durchfuhr mich. Dann war es also mehr als ein Trugbild gewesen, mehr als das Resultat meiner �berreizten Phantasie.</p><p>�Mein Gott�, fl�sterte ich. �Sie haben es also auch gesehen?�</p><p>Sean nickte, und pl�tzlich begriff ich, warum er geschossen hatte.</p><p>�Was war das?� fragte er. �Ich habe so etwas noch nie gesehen.�</p><p>�Ich auch nicht�, antwortete ich wahrheitsgem��. �Aber wenn Sie mich fragen: Setzen wir unser Gespr�ch lieber woanders fort. Wer wei�, was sich noch alles im Nebel verbirgt.�</p><p>Sean nickte, langsam und z�gernd. �Und Sie wissen nicht, was das war?� fragte er mi�trauisch.</p><p>Ich zuckte mit den Achseln. �Was wei� ich? In dieser Suppe kann man sowieso nicht viel erkennen. Vielleicht war es ein B�r, vielleicht auch nicht.�</p><p>Sean sch�ttelte �rgerlich den Kopf. �Sie wissen mehr, als Sie zugeben wollen�, behauptete er. �Und jetzt versuchen Sie sich geschickt davor zu dr�cken, mir zu sagen, woher Sie mich kennen. Aber lassen wir das. Zumindest f�r einen Moment. Wohin wollten Sie eigentlich?�</p><p>�Spazierengehen�, sagte ich rasch. �Ich bin fremd hier und habe mich wohl etwas verlaufen.�</p><p>Sean wischte meine Worte mit einer �rgerlichen Bewegung zur Seite.</p><p>�Versuch nicht, mich zum Narren zu halten�, fuhr er mich an. �Zu dieser Zeit und bei diesem Wetter spazierenzugehen, ohne sich in der Gegend auszukennen, ist doch Wahnsinn. So dumm sind Sie nicht. Und ich bin nicht so dumm, Ihre Geschichte zu glauben!�</p><p>Ich zuckte mit den Achseln. �Wie Sie meinen. Was suchen <emphasis>Sie </emphasis>denn eigentlich hier?�</p><p>Sean funkelte mich einen Herzschlag lang �rgerlich an, aber dann verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. Ich ahnte, da� er genausowenig wie ich eine �berzeugende Erkl�rung f�r seinen n�chtlichen Spaziergang hatte.</p><p>�Okay, lassen wir das. Wie sagten Sie doch so treffend? Hier ist nicht der rechte Ort f�r Diskussionen. Au�erdem habe ich noch etwas zu erledigen. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie mich bis zum Ende des Waldpfads begleiten, aber dann werden sich unsere Wege trennen.�</p><p>Ich atmete tief ein. �Einverstanden�, sagte ich.</p><p>Es war mir klar, da� die Begegnung mit Sean <emphasis>kein </emphasis>Zufall war, da� irgend etwas dahinter steckte, was sich jetzt noch nicht absehen lie�. Etwas, das mit meinem toten Vater zu tun hatte.</p><p>Aber hatte Andara bei unserer letzten Begegnung nicht angek�ndigt, da� wir uns so bald nicht mehr wiedersehen w�rden? War das nun wirklich Sean, der da vor mir stand, oder war es wieder mein Vater, der sein eigenes Spiel spielte und mir trotz seines Todes schon wiederholt beigestanden hatte?</p><p>Ich wollte mich in Bewegung setzen, aber Sean hielt mich am �rmel fest, �Nicht hier lang�, sagte er. �In die andere Richtung.�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. �Nein, tut mir leid. Das Haus meines Freundes liegt jenseits des Waldes.�</p><p>�Jenseits ist ein sehr dehnbarer Begriff�, bemerkte Sean. �Abh�ngig, von welcher Seite aus man die Sache sehen will. Wie hei�t denn Ihr Freund?�</p><p>�Baltim ...�</p><p>Ich brach ab und bi� mir auf die Lippe. Ich brauchte nicht in Seans Gesicht zu sehen, um zu wissen, da� er mich wie einen dummen Jungen hereingelegt hatte. Sein Griff um meinen Arm verst�rkte sich, und sein Mund war zu einem d�nnen Strich zusammengepre�t.</p><p>�Baltimore?� fragte er.</p><p>Ich nickte widerstrebend, obwohl ich mich in diesem Moment selbst h�tte ohrfeigen k�nnen.</p><p>�Welch merkw�rdiger Zufall�, sagte Sean lauernd. �Ausgerechnet zu Baltimore wollen Sie, und das ausgerechnet in dieser Nacht...�</p><p>Er brach ab und starrte nachdenklich in den Nebel.</p><p>�Wenn es Ihnen nichts ausmacht, mich loszulassen ...�, stie� ich gepre�t hervor. Ich hatte das Gef�hl, da� mein Arm in einer Schraubzwinge stecken w�rde, die sich immer mehr zusammenzog.</p><p>Sean gab mich tats�chlich frei. Er schien einen Entschlu� gefa�t zu haben, und was auch immer er von dem <emphasis>Zufall </emphasis>unserer Begegnung halten mochte, schien er mich doch nicht als Feind zu betrachten. Aber ich mu�te auf der Hut sein. Ich wu�te, was f�r Kr�fte in diesem Riesen schlummerten.</p><p>�Wenn Sie Baltimore so gut kennen, wird es Ihnen ja nichts ausmachen, mich ihm vorzustellen�, sagte er leichthin.</p><p>�So gut kenne ich ihn nun auch wieder nicht�, sagte ich ausweichend. �Au�erdem kann ich mir kaum vorstellen, da� er um diese Zeit noch Besuch empf�ngt.�</p><p>�Er wird mich schon empfangen�, meinte Sean. �Verlassen Sie sich darauf.�</p><p>�Und in welche Richtung gehen wir?� fragte ich.</p><p>�Das bestimmen Sie. Sie werden ja wohl noch wissen, wo Ihr <emphasis>Freund </emphasis>wohnt.�</p><p>Ich nickte z�gernd und deutete in die Richtung, aus der die Rattenfrau auf mich zugekommen war. �Da entlang�, murmelte ich.</p><empty-line/><p>Pri blinzelte, schlug die Hand vor den Mund, starrte von der gefesselten und geknebelten Frau zu Acorn, der sich wortlos daran machte, Santers zu helfen. Sie verstand nichts, obwohl sie zweifelsohne an den Vorbereitungen dieser Tat beteiligt war, vor Tagen oder Wochen, vor einer Zeit, die so weit zur�cklag ...</p><p>Langsam, ganz langsam tastete sich die Erinnerung vor, streckte die F�hler nach ihrem Bewu�tsein aus, versorgte sie bruchst�ckhaft mit Informationen, lie� sie Dinge wissen, die sie lieber f�r alle Zeiten im Dunkel des Vergessens begraben h�tte.</p><p>�Ihr kommt sp�t�, keuchte Santers. Man merkte ihm die k�rperliche Anstrengung an. Er mu�te die Frau die ganze Strecke von ihrem Zimmer bis in den Keller geschleppt haben. Allein. �Ihr h�ttet wenigstens an der Treppe auf mich warten k�nnen�, f�gte er vorwurfsvoll hinzu.</p><p>Acorn warf einen Blick auf Pri und nickte �rgerlich. �Nimm die Kerze. Oder willst <emphasis>du </emphasis>Santers helfen?�</p><p>Pri sch�ttelte in stummer Verzweiflung den Kopf. Die Augen der gefangenen Frau saugten sich hilfesuchend an ihr fest, als sie die Kerze nahm und zitternd den M�nnern Platz machte.</p><p><emphasis>Wie kannst du das zulassen, </emphasis>schienen die Augen zu sagen. Sie waren so f�rchterlich gro�, diese Augen, strahlend blau und riesengro�. <emphasis>Wie kannst du es nur zulassen, wo wir heute noch einen so sch�nen Tag im Garten verbracht haben. Du wei�t doch, da� ich nicht mit allem einverstanden bin, was der Doktor macht. La� es nicht zu, um Gottes willen, la� es nicht zu!</emphasis></p><p>Pri wandte sich schaudernd ab. Sie ertrug diesen Blick nicht.</p><p>�Pri!� fuhr Acorn sie an.</p><p>Er hatte die Frau bei den Beinen gepackt und schleifte sie mit sich. Santers war keine gro�e Hilfe mehr. Er war sowieso nicht der Kr�ftigste, und jetzt, wo er nicht mehr allein war, und die Anspannung nachlie�, war er kaum noch zu etwas nutze.</p><p>�Pri! Wohin leuchtest du denn? Ich seh' ja gar nichts!�</p><p>Pri zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Sie brachte es nicht �ber sich, einen Blick auf Mrs. Sunday zu werfen, aber sie hob gehorsam die Kerze ein St�ck h�her und streckte den Arm vor.</p><p>�Du sollst mir nicht die Haare verbrennen, verdammt!� zischte Acorn. �Was ist denn blo� mit dir los?�</p><p>Pri zog die Kerze wieder ein St�ck an sich heran und schluckte krampfhaft. Die ganze Situation hatte etwas Alptraumhaftes an sich.</p><p>Acorn und Santers schleiften Mrs. Sunday ins <emphasis>Heiligtum </emphasis>und legten sie achtlos neben dem runden Tisch ab. Pri war an der T�r stehengeblieben und starrte entsetzt auf das hilflose B�ndel.</p><p>Santers lie� sich ersch�pft auf einem Stuhl nieder und schlang die Arme um den K�rper. Er zitterte vor K�lte und vor Anstrengung.</p><p>�Mein Gott, war das knapp�, murmelte er. �Fast w�r's schiefgegangen.�</p><p>�Der Doktor?� fragte Acorn. Er ging neben der W�rterin in die Hocke. Was hat er blo� vor? dachte Pri entsetzt. Seine H�nde fuhren �ber ihre Fesseln, pr�ften ihren Knebel, und schlie�lich nickte er. Er wirkte vollkommen sachlich, wie ein Arzt, der eine Schwerkranke betreut.</p><p>�Nicht der Doktor�, antwortete Santers. �Henesey, dieser hochn�sige Butler. Nachdem ich mit <emphasis>ihr </emphasis>fertig war, warf ich einen Blick auf den Flur, um mich zu �berzeugen, da� die Luft rein ist.�</p><p>�Und?� Acorn sah zu dem Jungen hoch und richtete sich wieder auf.</p><p>�Er hat mich gesehen. Er stand praktisch vor der T�r. Was meinst du, was der Mistkerl f�r Augen machte, als ich aus Mrs. Sundays T�r kam.� Santers wischte sich den Schwei� von der Stirn und atmete tief durch. �Wenn ich daran denke, wird mir noch jetzt ganz schlecht.� �Du hast ihn doch nicht etwa gehen lassen?� fragte Acorn besorgt.</p><p>Santers grinste. �Sehe ich so aus? Wenn man ihn sucht, wird man ihn in Mrs, Sundays Bett finden. Mit einem Messer im Bauch. Ich frage mich, was der Doktor dazu sagen wird.�</p><p>Acorn gestattete sich ein d�nnes L�cheln. �Sehr gut. Ich hoffe nur, da� niemand deinen ... eh ... Transport beobachtet hat.�</p><p>Santers sch�ttelte den Kopf. Sein Blick fiel auf Pri und wurde besorgt. �Was ist mit dir los?� fragte er. �Du siehst pl�tzlich so bla� aus.�</p><p>�Sie ist den ganzen Abend schon etwas seltsam�, sagte Acorn rasch. �K�mmere dich nicht um sie. Sie wird uns nicht entt�uschen.�</p><p>Der Blick, mit dem er Pri musterte, wirkte fahrig und unsicher, als sei sie die letzte unbekannte Gr��e in einem ihr unbekannten Spiel.</p><p>�Bei was werde ich euch nicht entt�uschen?� fragte Pri.</p><p>Ihre Stimme klang heiser und fremd, und obwohl sie die Antwort auf ihre Frage l�ngst kannte, f�hlte sie wachsende Panik in sich. Sie wollte gar nicht wissen, was sie von ihr verlangten, und sie wollte gar nicht wissen, ob sie zu diesem Schritt wirklich bereit sein k�nnte.</p><p>Acorn schien ihre Bedenken zu kennen, und einen langen schrecklichen Augenblick verharrte er mitten in seiner halb geb�ckten Stellung. Dann ging er schlie�lich zum Tisch, zog schnell und entschlossen einen Stuhl heran, und lie� sich nieder.</p><p>�Es wird Zeit�, sagte er leise. �Vollzieh das Opfer, Lyssa.�</p><empty-line/><p>Wir beeilten uns. Der Pfad blieb auf der ganzen L�nge nebelfrei, aber die dichten Schwaden um uns lie�en kaum einen Blick auf den Himmel zu. Ich hatte jeden Zeitsinn verloren, und es kam mir vor, als ob ich schon Stunden der Schneise folgen w�rde, die f�r uns in den Nebel geschlagen war.</p><p>Ich konnte den Verdacht nicht loswerden, da� wir in eine Falle liefen. Es wirkte alles zu vorbereitet, zu k�nstlich, um noch Zufall sein zu k�nnen. Aber selbst wenn wir geradewegs in unser Verderben liefen, konnte ich nicht mehr zur�ck. Eine unbekannte Kraft trieb mich weiter, und ich ahnte, da� es so oder so zu einer Auseinandersetzung kommen w�rde.</p><p>Schlie�lich lichteten sich die Baumreihen, der Pfad verbreiterte sich und lief in einem schlammigen Feldweg aus. Der Nebel, der �ber den Feldern lag, flo� vor uns zur�ck und gab den Blick auf einen breiten, geschotterten Weg frei.</p><p>�Ist es das?� fragte Sean leise.</p><p>Ich nickte. Obwohl ich noch nie hiergewesen war, wu�te ich, da� mein Ziel vor mir lag. Ich sp�rte die Anwesenheit Priscyllas fast k�rperlich. Sie war hier, in dem Haus, zu dem der geschotterte Weg f�hren mu�te.</p><p>Und sie war in Gefahr. Mit jeder Faser meines K�rpers sp�rte ich die Gefahr, in der sie schwebte. Angst kroch in mir hoch, die Angst, zu sp�t zu kommen. Ich rang m�hsam nach Atem und versuchte, die L�hmung, die meinen K�rper ergriffen hatte, zur�ckzudr�ngen.</p><p>�Ist Ihnen nicht gut?� fragte Sean.</p><p>�Doch, doch�, brachte ich m�hsam hervor. �Es geht schon wieder.�</p><p>Ich setzte mich wieder in Bewegung, m�hsam, mit verkrampften Beinen und zitternden H�nden.</p><p>Schon nach wenigen Metern m�ndete der Feldweg in der Zufahrt zum Haus. Der Schotter knirschte unter meinen F��en, und der Nebel, der uns gerade noch umklammert hatte, zog sich fast fluchtartig zur�ck.</p><p>Erleichtert atmete ich auf. Ich sp�rte erst jetzt, wie schwer es mir gefallen war, dort im Nebel Luft zu holen.</p><p>Die Zufahrt endete an einem schweren Eisentor, das in einer �bermannsgro�en Mauer verankert war. Ich blieb stehen und sah Sean an.</p><p>�Und jetzt?� fragte ich. �Wie kommen wir aufs Grundst�ck? Um diese Zeit wird man uns nicht mehr aufmachen.�</p><p>Irgendwo in der Ferne schrie ein K�uzchen, das erste Ger�usch, das nicht vom Nebel ged�mpft wurde. Ich starrte in den Himmel. Die Sterne funkelten teilnahmslos am Firmament, keine einzige Wolke und keine Nebelschwade verwehrte mehr den Blick auf sie.</p><p>�Wo ist blo� der Nebel geblieben?� fragte Sean. �Er kann sich doch nicht so pl�tzlich aufl�sen.�</p><p>�Diese Frage ist im Moment mehr akademischer Natur�, erwiderte ich.</p><p>Ich starrte an Sean vorbei auf den Waldrand und unterdr�ckte m�hsam ein Zittern, das meinen ganzen K�rper ergreifen wollte. Einen Moment lang glaubte ich den schlanken Schatten der Rattenfrau zu erkennen, aber dann war er auch schon wieder im Schutz der B�ume verschwunden.</p><p>�Wir sollten machen, da� wir reinkommen�, dr�ngte ich.</p><p>Sean r�ttelte pr�fend am Gitter. �Solide Arbeit�, murmelte er anerkennend.</p><p>Er holte etwas aus den Tiefen seiner Jackentaschen hervor und machte sich an dem Schlo� zu schaffen. In diesem Moment kam es mir gar nicht in den Sinn, zu fragen, wie er auf den Gedanken kam, hier einzubrechen. Ich wollte nur so schnell wie m�glich zu Priscylla.</p><p>Und so schnell wie m�glich die Schatten hinter mir lassen, die am Rande des Waldes hinter dem Nebel auf uns lauerten.</p><empty-line/><p>�Du h�ttest wirklich etwas besser auf ihn aufpassen k�nnen�, sagte Howard leise.</p><p>In seiner Stimme schwang Besorgnis, aber auch eine Spur von Resignation und M�digkeit mit, die ihn fast selbst erschreckte. Er wu�te, da� er den Anstrengungen, die ihm die letzten Monate abverlangt hatten, nicht auf Dauer gewachsen war. Aber es blieb ihm wohl nichts anderes �brig, als vorerst weiterhin auf den Jungen aufzupassen.</p><p>Robert Craven hatte noch lange nicht den Punkt erreicht, das Erbe seines Vaters bis zur letzten Konsequenz anzutreten. Vielleicht war er einfach zu jung. Solange er sich wie ein verliebter Penn�ler benahm, brachte er nicht nur sich selbst, sondern ihre gemeinsamen Anstrengungen in Gefahr. Dabei schien er auch noch zu glauben, da� Howard und Rowlf nicht wu�ten, wonach er hier suchte.</p><p>Ausgerechnet hier. W�re die Lage nicht so ernst gewesen, h�tte sich Howard dar�ber am�siert. Robert war alles andere als dumm, aber selbst die Kl�gsten benahmen sich manchmal wie Kinder, wenn sie verliebt waren.</p><p>Schlie�lich hatte Howard selbst angeordnet, da� Priscylla zu Baltimore gebracht wurde. Es konnte wohl kaum ein Zufall sein, da� Robert so zielstrebig in diese Gegend gefahren war.</p><p>�Tut mir leid�, murmelte Rowlf. �Dachte, er war' aufm Klo.�</p><p>�Was?� Howard musterte seinen h�nenhaften Diener einen Moment verst�ndnislos, bevor er sich auf den Vorwurf besann, den er ihm kurz zuvor gemacht hatte.</p><p>Der L�rm, der um sie herum herrschte, �bte nicht gerade eine beruhigende Wirkung auf ihn aus. Die meisten M�nner waren bereits aufgebrochen, aber einen Tisch weiter sa�en noch drei Betrunkene, die sich krampfhaft an ihren Gl�sern festhielten und sich von einem m�rrischen Flenelton bedienen lie�en.</p><p>�Schon gut, Rowlf. Ich h�tte ja auch daran denken k�nnen. Der Bursche ist momentan zu allem f�hig.� Er seufzte, schwieg einen Moment und fuhr mehr zu sich selbst als an Rowlf gewandt fort:</p><p>�Ich frage mich, ob wir nicht einen Fehler gemacht haben. Wir h�tten in aller Ruhe zu Baltimore reisen und dort auf ihn warten sollen. Es war doch vorauszusehen, da� er zu Priscylla wollte.�</p><p>Rowlf nickte und verschr�nkte die Arme vor der Brust. Seine Lider waren halb geschlossen, und auf seinem Gesicht stand ein fast schwachsinnig wirkender Ausdruck. Jeder zuf�llige Betrachter h�tte ihn f�r einen hirnlosen T�lpel halten k�nnen, aber seine zur Schau getragene Dummheit war nichts weiter als eine schauspielerische Glanzleistung.</p><p>�Soll'n wer ihm nach?� fragte er.</p><p>�An sich haben wir gar keine andere Wahl�, sagte Howard stirnrunzelnd. �Aber mir behagt der Gedanke nicht, durch die Dunkelheit zu stolpern. Schon gar nicht bei <emphasis>diesem </emphasis>Nebel.�</p><p>�Schlimm, dieser Nebel�, ert�nte eine Stimme hinter ihm.</p><p>Howard wandte sich um, langsam, als habe er M�he, sich in seinem �berm�deten Zustand �berhaupt zu der Bewegung aufzuraffen. Sein Blick glitt �ber das Gesicht des Mannes, der hinter ihm an der Wand stand. Er mu�te Zeuge ihres Gespr�chs geworden sein.</p><p>Es war nur die Frage, <emphasis>wieviel </emphasis>er mitbekommen hatte. In dem Blick des Mannes schimmerte eine Wachsamkeit, die in keinem Verh�ltnis zu seinen drei Nachbarn stand, die volltrunken und selbstvergessen einen Tisch weiter sa�en.</p><p>Howard erkannte ihn. Es war der Mann, der neben dem Hintereingang gestanden hatte, als er und Rowlf die Gaststube �gest�rmt� hatten. Schon bei dieser Gelegenheit war er ihm aufgefallen. Er hatte sich nicht an dem allgemeinen Durcheinander beteiligt, sondern beinahe als einziger einen k�hlen Kopf behalten und zur schnellen Kl�rung der Angelegenheit beigetragen.</p><p>�Setzen Sie sich doch zu uns, Sir�, forderte ihn Howard m�hsam beherrscht auf. �Es scheint ja gerade so, als ob wir die einzigen w�ren, die dem Freibier einigerma�en widerstanden haben.�</p><p>Er deutete l�chelnd auf den Nachbartisch. Einer der drei Zecher war �ber seinem Bierglas zusammengesackt und bem�hte sich, mit lautem Schnarchen das erhitzte Gespr�ch seiner beiden Freunde zu �bert�nen.</p><p>Der Fremde nickte, l�chelte knapp, holte sich dann einen Stuhl heran und lie� sich darauf nieder. Er lehnte sich zur�ck und zog eine Schnupftabakdose hervor.</p><p>�Wenn ich mich vorstellen darf�, fuhr er fort, w�hrend er sich eine Prise genehmigte. �Mein Name ist Richardson.�</p><p>�Richardson�, murmelte Howard. �Ist das nicht ein skandinavischer Name?�</p><p>�Ganz recht. Mein Gro�vater stammt aus Schweden. Wenn Sie so wollen, bin ich ein Zugereister in zweiter Generation.�</p><p>�Aha.� Howard runzelte die Stirn. Richardsons Anwesenheit beunruhigte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte. Der Mann pa�te nicht nach Lowgreen. Genausowenig wie er selbst oder Rowlf. Aber <emphasis>sie </emphasis>hatten einen triftigen Grund, hier zu sein.</p><p>�Ich hoffe, ich habe nicht Ihr Gespr�ch gest�rt�, bemerkte Richardson. �Ich hatte den Eindruck, als h�tten Sie Wichtiges zu bereden.� Er beugte sich zur Seite und nieste lautstark. �Auf der anderen Seite besteht die M�glichkeit... Entschuldigung.� Er brach ab, holte ein Taschentuch hervor und schneuzte sich.</p><p>�Auf der anderen Seite besteht die M�glichkeit, da� ich Ihnen behilflich sein k�nnte�, sagte er, nachdem er sein Taschentuch umst�ndlich wieder verstaut hatte.</p><p>�Uns behilflich sein?� fragte Howard mi�trauisch. Er hatte vom ersten Moment an gesp�rt, da� Richardson mehr als ein einfacher Bauer war, aber noch wu�te er nicht, was er von ihm zu halten hatte. �In welcher Angelegenheit?�</p><p>�Nun, Ihr st�rmischer junger Freund hat sich selbst�ndig gemacht, und Sie f�hlen sich f�r ihn ... sagen wir mal, verantwortlich.� Richardson lehnte sich zur�ck und l�chelte freundlich. �Nun sehen Sie mich nicht gleich so an, als ob Sie mich vergiften wollten. Ich meine es gut mit Ihnen.�</p><p>Howard musterte ihn einen Moment schweigend. �Wer sind Sie?� fragte er schlie�lich.</p><p>Seine Stimme klang eisig; alle Freundlichkeit war aus seinem Blick gewichen. Was immer Richardson war, eins war er bestimmt nicht: ein einfacher Bauer, der nur nach einem Vorwand f�r ein gem�tliches Schw�tzchen suchte ...</p><p>�Mir geh�rt der einzige Laden in Lowgreen�, antwortete Richardson freundlich. �Wenn Sie so wollen, geh�re ich zu den Honoratioren des Ortes.� Er zuckte mit den Achseln. �Und das, obwohl die Menschen hier immer noch nicht vergessen haben, da� meine Familie <emphasis>erst </emphasis>vor einem halben Jahrhundert aus Schweden eingewandert ist. Es mag Sie �berraschen, aber ich werde hier immer noch als Au�enseiter betrachtet. Ich hoffe, da� meine Kinder nicht mehr darunter zu leiden haben.�</p><p>�Fremde sin hier wohl nich beliebt, wa?� mischte sich Rowlf ein.</p><p>Richardson musterte ihn einen Moment, bevor er nickte. �Fremde haben es in Lowgreen schwer. Aber an sich �berrascht mich das nicht. So, wie sich die Nichteinheimischen auff�hren, kann man es der Bev�lkerung nicht verdenken, wenn sie etwas gegen sie hat.�</p><p>�Ist diese Bemerkung gegen uns gerichtet?� fragte Howard steif.</p><p>Richardson sch�ttelte langsam und bed�chtig den Kopf und beugte sich ein St�ck nach vorn. Das L�cheln war aus seinen Augen gewichen und hatte einem besorgten Ausdruck Platz gemacht. �Ich spreche von den Leuten, die jenseits des Waldes wohnen. Von diesem Mr. Baltimore und seinen ...nun, G�sten. Wenn Sie mich fragen: Erw�hnen Sie hier besser niemandem gegen�ber, da� Sie ihn kennen.�</p><p>Howard ahnte, da� es ein Schu� ins Blaue war, aber er konnte trotzdem nicht verhindern, da� er zusammenzuckte. Er war diesem sp�ten Gespr�ch mit Richardson einfach nicht gewachsen. Der Mann wu�te mehr, als er bis jetzt zu erkennen gegeben hatte. Howard wu�te noch immer nicht, worauf er eigentlich hinauswollte.</p><p>�Was wissen Sie von Baltimore?� fragte er.</p><p>�Vielleicht etwas mehr als die anderen�, bekannte Richardson. �Er l��t sich zwar nie im Ort sehen, aber seine Bediensteten kaufen manchmal bei mir ein. Obwohl sie nicht sehr gespr�chig sind, habe ich im Laufe der Jahre doch das eine oder andere erfahren.�</p><p><emphasis>�Was </emphasis>haben Sie erfahren?� verlangte Howard zu wissen.</p><p>Richardson zuckte mit den Achseln. �Nicht viel. Aber genug, um zu wissen, da� dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Die Bev�lkerung wei� zwar, da� Mr. Baltimore dort Geisteskranke aus wohlhabenden Familien einsperrt, aber ich glaube, da� das nicht alles ist. Es steckt noch viel mehr dahinter.�</p><p>�Und was, wenn ich fragen darf?�</p><p>Richardson l�chelte fl�chtig. �Genau das wollte ich von Ihnen erfahren.�</p><p>�Aber warum?� mischte sich Rowlf ein. �Wozu woll'n Ses denn wissen?�</p><p>�Das w�rde mich allerdings auch interessieren�, pflichtete ihm Howard bei. Sein eiskalter Blick bohrte sich in die Augen seines Gegen�bers, aber Richardson blinzelte noch nicht einmal. �Sie verschweigen uns doch etwas, Mr. Richardson.�</p><p>�Ich k�nnte den Vorwurf zur�ckgeben und es dabei belassen�, antwortete Richardson leichthin. �Aber ich habe einen anderen Vorschlag.� Er warf einen Blick auf den Wirt, der sich ihrem Tisch n�herte. Zwei der drei Betrunkenen am Nebentisch hatten sich erhoben und versuchten, ihren schlafenden Zechkumpan gemeinsam in die H�he zu hieven.</p><p>�Machen Sie mir die Freude, mich als meine G�ste zu begleiten, und �berlassen Sie mir den Rest.�</p><p>Der Wirt war mittlerweile herangekommen und sah unsicher auf sie hinab.</p><p>�Tut mir leid, Herrschaften�, sagte er schwerf�llig, �aber ich mu� jetzt wirklich schlie�en. Es ist schon nach Mitternacht ...�</p><p>�Schon gut, Flenelton�, unterbrach ihn Richardson und winkte ab. �Wir wollten sowieso gerade gehen. Ich habe mich angeboten, Mr. Howard und seine Begleiter bei mir aufzunehmen. Seinen Neffen habe ich schon vorgeschickt. Ich hoffe, ich verderbe dir dadurch nicht das Gesch�ft.�</p><p>�Ach was.� Flenelton grinste unsicher. �Ich hab' sowieso nur drei Zimmer. Eins ist schon vergeben, in einem liegt mein feiner Cousin und schl�ft seinen Rausch aus, und das dritte ist zu klein f�r mehrere Personen, vor allem f�r so feine Herrschaften ...�</p><p>�Ja, ja�, unterbrach ihn Richardson erneut und erhob sich. Er nickte Howard zu. �Gehen wir, Sir. Flenelton hat recht. Es ist in der Tat schon recht sp�t.�</p><p>Howard und Rowlf erhoben sich ebenfalls. Howard war alles andere als wohl dabei. Die schnelle, routinierte Art, in der Richardson das vorzeitige Verschwinden Roberts erkl�rt hatte, trug nicht gerade zu seiner Beruhigung bei. Er fragte sich, was f�r �berraschungen der Kaufmann noch auf Lager haben mochte. Aber er hatte das sichere Gef�hl, da� es keine angenehmen waren ...</p><empty-line/><p>Priscylla blieb wie erstarrt am Eingang stehen. Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen und zu begreifen, was man mit ihr vorhatte. Ihr Blick irrte zwischen dem verschn�rten B�ndel und Acorn hin und her. Sie konnte nicht glauben, da� Santers tats�chlich einen Mord begangen hatte, um Mrs. Sunday in seine Gewalt zu bekommen.</p><p>Und schon gar nicht, da� sie selbst an der Planung der Tat beteiligt gewesen sein sollte.</p><p>�Seid ihr verr�ckt geworden?� stammelte sie. �Was soll der Unsinn. Santers! Schneide sofort die arme Frau los. Sie hat dir doch nichts getan.�</p><p>Santers r�hrte sich nicht. Er hatte die Beine auf den Tisch gelegt und starrte m�de in Priscyllas Richtung. Auf seinem blassen Gesicht stand leichte Verwunderung geschrieben. Dicke Schwei�perlen liefen seine Stirn hinab und spiegelten sich im flackernden Licht der einzigen Kerze, die mitten auf dem Tisch stand.</p><p>�K�mmere dich um sie, Acorn�, sagte er schwerf�llig. �Die Kleine wei� mal wieder nicht, was sie redet.�</p><p>Acorn nickte. Er l�ste sich von der Wand und trat einen Schritt vor. Sein Blick streifte Priscylla mit fast schmerzhafter Intensit�t. Kaum mehr als einen Herzschlag lang versanken ihre Augen ineinander, drangen wilde Str�mungen auf Priscylla ein und drohten sie mit sich zu rei�en.</p><p>Priscylla wandte sich schaudernd ab und pre�te die Handballen gegen die Stirn. Ein scharfer Schmerz raste durch ihr Bewu�tsein und raubte ihr sekundenlang die Besinnung. Sie glaubte, flammende Feuerwirbel zu sehen, ein Gewirr aus Farben und r�tselhaften Symbolen, schattenhafte Gestalten und dann ...</p><p>Einen aufgebrachten Mob, der mit Latten, Ketten, Steinen auf sie eindrang, ha�erf�llte Gesichter, gierige H�nde, die ihr die Kleider vom Leibe rissen, scharfe Messer und St�cke schwangen, sie schlugen, sie mi�handelten, sie ...</p><p>�Nein�, keuchte Priscylla.</p><p>Der Wirbel verst�rkte sich, aber sie weigerte sich, stemmte sich gegen die Gewalten, die sie mit sich zu rei�en versuchten. Sie war stark, sie mu�te k�mpfen, sie durfte nicht aufgeben, mu�te sich gegen den gl�henden Feuerball stemmen ...</p><p>Und dann, ganz pl�tzlich, war es vorbei.</p><p>Sie st�hnte auf, halb vor Schmerzen, halb vor Erleichterung.</p><p>Die Luft wich aus ihren Lungen und hinterlie� in den Atemwegen ein verkrampftes, erstickendes Gef�hl. Sie taumelte und mu�te sich am Rahmen der T�r festhalten, um nicht zu st�rzen. W�hrend sie gierig ein- und ausatmete, hatte sie noch immer das Gef�hl, von tosenden Flammen umgeben zu sein. Aber jetzt war es nicht mehr als eine entfernte Vision, ein Tagtraum, den sie an den Rand ihres Denkens dr�ngen konnte.</p><p>�Ich bekomme ... keine Luft�, stie� sie hervor. �Kann man denn hier kein Fenster aufmachen?�</p><p>Acorn lachte rauh. �Hier unten gibt es keine Fenster, Lyssa�, sagte er. �Der H�lle sei Dank.�</p><p>Lyssa, die Hexe, nickte langsam, als m�sse sie sich erst besinnen, wo sie war. Der qu�lende Druck auf ihrer Kehle wich, und sie sp�rte, wie sie neue Kraft durchpulste.</p><p>�Wir sind im Keller, nicht wahr?� fragte sie.</p><p>�Im Keller, allerdings. Im Heiligtum, um genau zu sein.� Acorn fuhr sich mit der Hand durch die Haare und warf einen Blick auf Mrs. Sunday, die ihre Unterhaltung verfolgen mu�te, ohne sich r�hren zu k�nnen.</p><p>�Ich f�hle mich richtig erl�st, Lyssa�, bekannte er. �Jetzt ist endlich der Tag gekommen, auf den wir so lange gewartet haben.�</p><p>Lyssa nickte. In ihren Augen glomm ein geheimes Feuer. �Es wird Zeit, da� wir es zu Ende bringen�, sagte sie k�hl. �Du hast anschlie�end noch genug Zeit, dich erl�st zu f�hlen.� Ihr Blick fiel auf Santers, der ihr Gespr�ch schweigend verfolgte.</p><p>�Du hast gute Arbeit geleistet, Santers, aber das ist noch kein Grund, dich jetzt auszuruhen.� Sie deutete auf das wehrlose B�ndel, zu dem er Mrs. Sunday zusammengeschn�rt hatte. �Was getan werden mu�, wird getan. Mach dich an die Arbeit.�</p><p>Sie stie� sich vom T�rrahmen ab und hielt auf den Tisch zu. Noch immer f�hlte sie sich schwach, aber es war nur eine rein k�rperliche Schw�che, die nichts zu bedeuten hatte. Die Kraft, die in ihr schlummerte, hatte alles hinweggewischt, was sie vor ein paar Minuten noch empfunden hatte.</p><p>Es erschien ihr geradezu l�cherlich, da� sie noch gerade so etwas wie Mitleid mit Mrs. Sunday empfunden hatte. Ein Menschenleben mehr oder weniger, was bedeutete das schon? Sie erinnerte sich an das Gef�hl, aber es war, als w�ren es die Erinnerungen eines anderen.</p><p>Es galt jetzt, das zu Ende zu f�hren, was vor langer, langer Zeit in Jerusalems Lot begonnen hatte. Andara, der Verr�ter, der sie und die anderen Hexer so schm�hlich im Stich gelassen hatte, der die Schuld an dem Ungl�ck trug, dem sie alle zum Opfer gefallen waren, war ausgel�scht - aber noch lebte sein Sohn. Der Fluch war noch nicht erf�llt.</p><p>Sie lie� sich auf einem der harten Holzst�hle nieder und beobachtete unger�hrt, wie Santers und Acorn Mrs. Sunday hochzerrten, mit ungeduldigen Bewegungen ihre Fesseln durchtrennten, ihr den Knebel aus dem Mund rissen und sie zu der breiten Holzbank f�hrten, die an der dunklen Au�enwand stand. Das Messer in Acorns Hand funkelte bedrohlich, aber sie wu�te, da� er es noch nicht benutzen w�rde.</p><p><emphasis>Noch </emphasis>war es nicht soweit.</p><empty-line/><p>Seans F�higkeiten hatten mich aufs neue in Erstaunen versetzt. Die Leichtigkeit, mit der er das verschlossene Gartentor aufbekommen hatte, trug nicht gerade dazu bei, meinen Verdacht zu zerstreuen. Irgend etwas stimmte nicht mit ihm. Seine Anwesenheit im Wald, seine Zielstrebigkeit, mit der er mir seine Begleitung angeboten hatte ...</p><p>W�hrend wir auf das Haus zugingen, lie� mich das qu�lende Gef�hl nicht los, da� Sean nicht hierhin geh�rte. Bei dem, was ich tun mu�te, konnte ich keinen unsicheren Begleiter gebrauchen. Ich mu�te unbedingt herausbekommen, was Sean hier eigentlich suchte - oder wer er war.</p><p>Der Nebel hatte sich zum gr��ten Teil gelichtet und gab den Blick auf eine gro�z�gige Parkanlage und ein im Dunkeln liegendes, gro�es Haus frei. Was uns dort erwartete, wu�te ich nicht, aber ich sp�rte, da� es besser war, wenn ich allein ging. Ich hatte schon einmal eine �berraschung mit Sean erlebt, und ich war nicht erpicht darauf, sie zu wiederholen.</p><p>Sean bewegte sich leise und geschickt wie ein Dieb. In seiner ganzen Art lag etwas Gespanntes, Selbstsicheres, das mich daran zweifeln lie�, da� er sich zum ersten Mal unerlaubt in fremdes Gel�nde einschlich. Ich wu�te wenig �ber diesen Mann, zu wenig, um mir ein Urteil �ber ihn erlauben zu k�nnen, aber ich ahnte, da� er ein d�steres Geheimnis mit sich trug.</p><p>Ich h�tte ihn am liebsten geradewegs danach gefragt. Schlie�lich verf�gte ich �ber die F�higkeit, L�ge und Wahrheit zu unterscheiden. Aber mit jedem Schritt, den wir uns dem Haus n�herten, f�hlte ich mich weniger in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich <emphasis>mu�te </emphasis>wissen, wer Sean war, und doch mu�te ich diese Frage erst einmal verschieben.</p><p>Ich wei� nicht, was ich erwartet hatte. Irgendwie �berraschte mich die Gr��e des Hauses und seine bedr�ckende Atmosph�re. Die hohen, lichtschluckenden Mauern erinnerten mich an ein d�steres Gerichtsgeb�ude, das ich vor ein paar Monaten in London gesehen hatte. Es hatte etwas Abschreckendes an sich.</p><p>Priscylla war hier, das sp�rte ich, aber da war... noch etwas anderes. Etwas, das sich zwischen Priscylla und mich geschoben hatte. Bevor ich dazu kam, dar�ber nachzudenken, hatten wir schon die Stufen erreicht, die zum Portal f�hrten.</p><p>Der Anblick lie� mich fr�steln. Vor uns erhob sich eine m�chtige, eisenbeschlagene T�r, die mir wie die Zugbr�cke einer mittelalterlichen Festung vorkam. Sie strahlte etwas Bedrohliches aus. Ich mu�te mit M�he die aberwitzige Vorstellung unterdr�cken, da� die T�r donnernd auf uns hinabfuhr und ein berittener Trupp �ber uns hinwegsprengte.</p><p>�Ich glaube, es wird Zeit, da� wir uns bemerkbar machen�, sagte Sean leise. �Man k�nnte uns sonst noch f�r Einbrecher halten.�</p><p>Ich nickte langsam und versuchte, das ungute Gef�hl zu unterdr�cken, das mich dabei beschlich. Sean glaubte augenscheinlich immer noch, da� ich mit Mr. Baltimore bekannt war; ein Irrtum, der sich nur allzubald aufkl�ren w�rde. Ich mu�te eine M�glichkeit finden, Sean zum �ffnen des T�rschlosses zu bewegen, ohne ihm die Wahrheit zu sagen.</p><p>�Es hat keinen Sinn, um diese Zeit zu klopfen�, sagte ich. �Wir w�rden mehr Verwirrung stiften als alles andere.�</p><p>Sean wirkte einen Moment verwirrt. Ich f�rchtete schon, er w�rde mi�trauisch werden und mich unter Druck setzen wollen, aber er schien nicht in der Stimmung dazu zu sein. Wieder mu�te ich mir mit Gewalt ins Ged�chtnis zur�ckrufen, da� der Mann neben mir nicht der Sean war, den ich zu kennen glaubte.</p><p>�Und was schlagen Sie vor?� fragte er.</p><p>Meine Gedanken flogen. Ich wu�te, da� ich alles auf eine Karte setzen mu�te, um weiterzukommen, aber ich hatte auch Angst, mit einer spontanen Aktion s�mtliche Chancen zu verspielen.</p><p>Sean stand direkt neben mir, und ich bemerkte aus den Augenwinkeln, wie er sich mi�trauisch umsah, als f�rchte er, da� uns aus den Tiefen des Gartens etwas gefolgt war.</p><p>Ich hatte gesehen, wie er den Revolver in seiner linken Jackentasche verstaut hatte. Und ich wu�te, da� sich eine Gelegenheit wie diese nicht mehr wiederholen w�rde.</p><p>Blitzschnell griff ich zu, ri� den Revolver aus Seans Tasche und pre�te ihn ihm in die Seite.</p><p>�Keinen Mucks�, stie� ich hervor. �Ich schw�re Ihnen, ich dr�cke ab, Sean.�</p><p>Sean spannte sich. Mein Angriff war zu �berraschend gekommen, um ihm Zeit zur Gegenwehr zu geben. Aber ich wu�te, da� ich den Riesen nicht untersch�tzen durfte. Selbst mit der Waffe in der Hand f�hlte ich mich nicht unbedingt sicher. Ich ahnte, da� er selbst dann noch mit mir fertig werden w�rde, wenn ich abdr�ckte.</p><p>Ich spannte den Hahn und trat zwei Schritte zur�ck. �Und jetzt �ffnen Sie die T�r�, sagte ich.</p><p>Meine Stimme klang rauh und heiser, und die Waffe in meinen H�nden zitterte. Ich hoffte, da� Sean es nicht bemerkte. Ich mu�te dort hinein, koste es, was es wolle. Priscylla war irgendwo dort drinnen. Vielleicht schlief sie, vielleicht schwebte sie aber auch in akuter Lebensgefahr. Wie auch immer; ich hatte ihren Hilferuf nicht vergessen, und ich ahnte, da� ich keine Zeit mehr zu verlieren hatte.</p><p>�Wie stellen Sie sich das vor?� fragte Sean. �Wollen Sie mich etwa �ber den Haufen knallen, wenn ich mich weigere? Davon haben Sie auch nichts.� Er lachte leise. �Sie haben doch nicht das Format dazu, Mann. Geben Sie die Waffe her und lassen Sie uns die Sache vergessen.�</p><p>Er trat einen Schritt vor und streckte die Hand nach der Waffe in meinen Fingern aus.</p><p>�Keinen Schritt weiter�, warnte ich ihn und hob den Revolver ein St�ck h�her.</p><p>Das kalte Metall wirkte wie ein Fremdk�rper in meiner Hand, aber ich war nicht bereit, aufzugeben. In einer anderen Situation h�tte ich Seans Kaltbl�tigkeit vielleicht bewundert, aber jetzt dachte ich nur daran, da� er mich unn�tig aufhielt. Ich war meinem Ziel greifbar nahe, und ich ahnte, da� die Zeit dr�ngte. Das gespenstische Erlebnis im Wald hatte mich zu der �berzeugung gebracht, da� die Gefahr, von der Priscylla gesprochen hatte, greifbar nahe war.</p><p>Sean schien mir anzusehen, da� ich zum �u�ersten entschlossen war. Er lie� die Hand sinken, langsam, als �berlege er, wie er mich am besten �berw�ltigen k�nnte.</p><p>�Keine Tricks�, warnte ich ihn, ��ffnen Sie die T�r, dann sehen wir weiter. Aber denken Sie immer daran, da� ich mit dem Revolver hinter Ihnen stehe.�</p><p>Sean z�gerte sichtlich, bevor er schlie�lich widerstrebend nickte. �Also gut�, sagte er. �Ich werde es versuchen.�</p><empty-line/><p>Santers dr�ckte Mrs. Sunday auf die Holzbank und starrte mit ausdruckslosen Augen auf sie hinab. Mrs. Sunday stie� einen erstickten Laut aus und hob abwehrend die H�nde. In ihren weit aufgerissenen Augen funkelte panische Angst, und ihre H�nde zitterten kraftlos.</p><p>Sie geh�rte nicht zu dem Typ Frau, der schon beim Anblick eines Messers in Ohnmacht f�llt, aber das, was sie in der letzten Stunde erlebt hatte, hatte ihren Widerstand gebrochen. Lyssa hatte fast erwartet, da� sie schreien oder sie mit erbitterten Vorw�rfen �bersch�tten w�rde, aber sie hatte sich get�uscht. Die Angst, die Mrs. Sunday gepackt hielt, schien bei ihr weder einen klaren Gedanken noch eine normale Reaktion zuzulassen.</p><p>�La�t sie in Ruhe�, befahl Lyssa.</p><p>Santers zuckte zusammen und trat einen Schritt zur�ck.</p><p>�Aber ich mu� sie doch vorbereiten�, wandte er ein.</p><p>�Das mache ich schon�, sagte Lyssa.</p><p>Mrs. Sunday lie� die H�nde sinken und starrte sie an.</p><p>�Pri�, stie� sie hervor. Ihre Stimme klang rauh. �Du mu�t Hilfe holen. Die beiden sind nicht mehr bei Verstand. <emphasis>Hol den Doktor.� </emphasis>Den letzten Satz schrie sie.</p><p>Lyssa erstarrte. Es war zwar unwahrscheinlich, da� sie jemand h�rte, aber sie durften kein Risiko eingehen. Wenn man sie entdeckte, bevor das Opfer vollbracht war, war der Ausgang ihres Unternehmens in Gefahr. Sie nickte Santers zu und lehnte sich zur�ck.</p><p>Er hatte nur darauf gewartet. Mit einem Satz war er bei Mrs. Sunday und pre�te ihr die Hand auf den Mund.</p><p>�Keinen Muckser mehr�, zischte er. �Oder ich schlitze dich gleich auf.�</p><p>Mrs. Sunday versuchte, seine H�nde wegzuschieben, aber sie vermochte nichts gegen Santers festen Griff auszurichten. Er lie� sie erst los, als ihr Widerstand erlahmte.</p><p>�Wir sollten uns beeilen�, sagte er nerv�s und warf einen Blick auf Lyssa, die sich von ihrem Platz erhoben hatte. �Wenn jemand zuf�llig Henesey findet ...�</p><p>�Wie sollte das wohl m�glich sein�, fiel ihm Acorn ins Wort. �In Mrs. Sundays Bett wird ihn doch wohl niemand suchen, oder?� Er lachte meckernd.</p><p>Santers sch�ttelte ernsthaft den Kopf. �Das nicht�, gab er zu. �Aber trotzdem ...�</p><p>Lyssa schob ihn beiseite und trat an die Holzbank heran, die ihnen als Opferaltar diente. Sie sp�rte die Dringlichkeit ihrer Aufgabe, und sie w�rde sich jetzt von nichts und niemandem mehr von ihrem Vorhaben abbringen lassen.</p><p>�Wir werden beginnen�, sagte sie feierlich. �Seid ihr bereit, Helfer des Ti'lar'min?�</p><p>Acorn gesellte sich zu ihnen und baute sich an einer Seite des improvisierten Altars auf, Santers an der anderen. Es dauerte eine Weile, bis sie zur Ruhe gekommen waren. Ihre Gesichter wirkten feierlich, aber auch angespannt, und es war eine Spur von Furcht darin, als w�ren sie nicht sicher, den Kr�ften gewachsen zu sein, die sie herausfordern wollten. Selbst Acorn, der sich im allgemeinen hinter einer Maske von Gleichmut und �berheblichkeit verbarg, wirkte sichtlich nerv�s.</p><p>Schlie�lich hoben sie gemeinsam die H�nde zu der Geste des uralten Ritus und nickten sich zu.</p><p>�Wir sind bereit�, sagten sie feierlich. Ihre Worte hallten leer und hohl in dem Raum wider.</p><p>Eine sp�rbare Spannung lag mit einemmal in der Luft. Pl�tzlich sp�rten sie, da� sie nicht mehr allein waren, als ob sich etwas zu ihnen gesellt h�tte, schwach erst, aber mit einer Andeutung geballter Kraft; wie eine unsichtbare Faust, die sich �ber ihnen ballte.</p><p>Lyssa nickte, breitete die H�nde �ber ihrem Opfer aus, und fragte: �Bist auch du bereit, Opfer des Ti'lar'min, die du uns aus dem Dunkel hinaus zur Helligkeit f�hren wirst?�</p><p>Ihre Stimme schien gar nicht mehr ihr zu geh�ren, die Worte flossen wie von selbst von ihren Lippen. Zwischen ihren H�nden breitete sich ein irisierender Schimmer aus, ein fast unmerkliches Flackern; wie ein Elmsfeuer.</p><p>Mrs. Sunday schob sich bis an den �u�ersten Rand des Altars zur�ck und pre�te sich gegen die Wand. In ihren Augen flackerte Wahnsinn, aber noch verf�gte sie �ber genug Selbstbeherrschung, um langsam den Kopf zu sch�tteln. Das, was um sie geschah, mu�te ihr Begriffsverm�gen bei weitem �bersteigen.</p><p>�Pri�, sagte sie flehend, �h�r bitte auf, h�r bitte sofort auf. Ich werde auch dem Doktor nichts sagen.�</p><p>Ihr Blick heftete sich an Lyssas Augen, aber was sie darin las, schien ihre Hoffnungen vollends zu zerst�ren.</p><p>�Das k�nnt ihr doch nicht tun, ihr Bestien�, keuchte sie. Ein heftiges Zittern sch�ttelte ihren K�rper. �Ich habe euch doch nichts getan ...�</p><p>Sie brach abrupt ab, als Santers das Messer hob. Die Kerze flackerte und warf die bizarren Schatten der M�nner auf die gegen�berliegende Wand. Mrs. Sunday stie� einen kleinen, spitzen Schrei aus und schlug die H�nde vor den Mund.</p><p>Das flackernde Licht gaukelte ihr irgend etwas vor, was sich aus dem Hintergrund des Raumes l�ste, etwas Gro�es, Massiges mit H�rnern und ...</p><p>�O mein Gott�, st�hnte Mrs. Sunday.</p><p>�Wehre dich nicht�, sagte Lyssa sanft. �Du bist Ti'lar'min geweiht, und er wird dich zu sich holen, um uns Freiheit und Kraft zu geben.�</p><p><emphasis>�Ich bringe euch hier raus!� </emphasis>schrie Mrs. Sunday. <emphasis>�Aber sch�tzt mich vor diesem Ding!� </emphasis></p><empty-line/><p>Sean richtete sich wieder auf und nickte mir zu.</p><p>�Die T�r ist offen. Und was nun?�</p><p>Ich winkte ungeduldig mit dem Revolver. �Gehen Sie rein. Aber machen Sie keinen Krach. Ich m�chte nicht, da� man uns fr�hzeitig entdeckt.�</p><p>�Fr�hzeitig entdeckt?� Sean kniff die Augen zusammen. �Was suchen Sie �berhaupt da drinnen? Sie haben es nicht zuf�llig auf die Wertsachen abgesehen, nein?�</p><p>�Reden Sie keinen Quatsch�, fuhr ich ihn an. �Meinen Sie, dann w�rde ich mich mit Ihnen abgeben? Wenn ich h�tte einbrechen wollen, h�tte ich mir einen besseren Zeitpunkt ausgesucht.�</p><p>�Und als was bezeichnen Sie unser - eh - Eindringen zu n�chtlicher Stunde?� wollte Sean wissen.</p><p>Er trat einen halben Schritt vor, und ich begriff, da� er mich mit seinen Anschuldigungen nur ablenken wollte. Sean hatte augenscheinlich nicht vor, sich widerstandslos von mir herumkommandieren zu lassen. Wenn ich nicht aufpa�te, war ich den Revolver bald wieder los.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich mit Ihnen machen soll�, pre�te ich hervor. Ich war es leid, meine Zeit mit Reden zu verplempern; andererseits konnte ich Sean auch nicht einfach hier stehen lassen und allein weitergehen. Bevor ich nicht wu�te, <emphasis>wer </emphasis>er war, mu�te ich mich vor ihm in acht nehmen, als sei er der Teufel pers�nlich.</p><p>�Eins kann ich Ihnen jedenfalls versichern�, f�gte ich hinzu, als er seinen rechten Fu� wieder ein St�ck nach vorn schob, �wenn Sie auch nur noch eine falsche Bewegung machen, werde ich meine R�cksicht vergessen. Selbst, wenn nachher das ganze Haus �ber mich herfallen sollte, werde ich Ihnen eine verpassen. Wie w�rde Ihnen eine Kugel im Knie gefallen?�</p><p>Sean blieb abrupt stehen. Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, war er sich bewu�t, da� ich keine leeren Drohungen ausstie�. Ich selbst war mir zwar nicht so sicher, ob ich von der Waffe Gebrauch machen w�rde, aber das stand auf einem anderen Blatt.</p><p>�Bevor wir gehen, m�chte ich noch eine Kleinigkeit von Ihnen wissen�, sagte ich leise. �Wer sind Sie und was suchen Sie hier?�</p><p>�Ich dachte, Sie h�tten es eilig�, wich Sean aus.</p><p>�Allerdings�, brummte ich und richtete den Lauf des Revolvers auf seinen Kopf. �Deswegen w�rde ich Ihnen raten, mir meine Frage ohne viel Umschweife zu beantworten.�</p><p>�Na sch�n.� Sean zuckte mit den Achseln. �Ich nehme zwar an, da� ich Ihnen nichts Neues sage, da Sie mich ja bereits beim Namen kannten, aber bitte sehr. Mein voller Name lautet Sean Moore, und ich bin Mitglied einer Spezialabteilung der Polizei Ihrer Majest�t.�</p><p>�Scotland Yard?� entfuhr es mir.</p><p>�Ganz recht�, nickte Sean. �Sie bedrohen einen Beamten Ihrer Majest�t. Wollen Sie mir jetzt nicht endlich meine Waffe wiedergeben?�</p><p>Ich sch�ttelte rasch den Kopf. Meine F�higkeit, L�ge von Wahrheit zu unterscheiden, hatte mich auch diesmal nicht im Stich gelassen. Ich wu�te, da� Sean die Wahrheit sagte, aber das reichte noch nicht, um ihm vollst�ndig zu vertrauen.</p><p>�Was suchen Sie hier?� fragte ich barsch.</p><p>�Das ist eine lange Geschichte�, behauptete Sean.</p><p>�Machen Sie's kurz.�</p><p>�Nun gut.� Sean hustete trocken, bevor er weitersprach. �Wir suchen jemanden�, begann er. �Einen Mann namens Santers. Seine Familie macht sich gro�e Sorgen um ihn.�</p><p>�Und Sie glauben, da� er hier ist?�</p><p>�Allerdings�, antwortete Sean knapp.</p><p>Auch diesmal sprach er die Wahrheit, aber ich hatte pl�tzlich das Gef�hl, da� er mir etwas anderes, sehr viel Wichtigeres, verschwieg. Und ich wu�te, da� ich mich auf meine Gef�hle verlassen konnte.</p><p>�Erz�hlen Sie mir mehr davon�, forderte ich ihn auf.</p><p>�Wie Sie wollen�, sagte Sean. �Obwohl es da nicht viel mehr zu erz�hlen gibt. Ein Kaufmann aus Lowgreen steht seit l�ngerem im Verdacht, an dem Verschwinden mehrerer Personen beteiligt zu sein. Sein Name ist Richardson. Kennen Sie ihn?�</p><p>Mir war der lauernde Tonfall in Seans Stimme nicht entgangen, aber ich sch�ttelte nur ungeduldig den Kopf. �Weiter.�</p><p>�Nichts weiter. Ich habe die Spur aufgenommen, und jetzt bin ich hier.�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. Sean sagte die Wahrheit, aber es war nicht die volle Wahrheit, das sp�rte ich ganz deutlich. �Das ist noch nicht alles�, behauptete ich.</p><p>Sean machte eine ungeduldige Handbewegung. �Nat�rlich ist das nicht alles. Aber wenn ich Ihnen den ganzen Vorgang erz�hlen soll, stehen wir noch morgen fr�h hier.�</p><p>Ich mu�te ihm Recht geben. Aber ich tat es nur widerwillig. Wenn Priscylla nicht gewesen w�re, h�tte ich mich nicht mit einer so lapidaren Bemerkung abspeisen lassen.</p><p>�Dann sitzen wir in einem Boot�, sagte ich langsam. Ich war mir nicht sicher, ob meine Behauptung wirklich stimmte, aber in diesem Moment sah ich keine andere M�glichkeit, um Sean auf meine Seite zu ziehen.</p><p>�Ich bin aus ganz �hnlichen Gr�nden hier�, fuhr ich fort. �Auch ich suche jemanden, und ich glaube, da� man ihn hier gegen seinen Willen festh�lt.�</p><p>�Ach ja?� fragte Sean. �Wen suchen Sie, und wie sind Sie dahintergekommen, da� er hier sein k�nnte?�</p><p>Diese Frage konnte nur ein Polizist stellen. Ich �berlegte kurz, ob ich sie beantworten sollte, aber ein unbestimmtes Gef�hl hielt mich davon ab.</p><p>�Keine Zeit�, sagte ich knapp. �Schlie�lich haben wir noch eine Kleinigkeit zu erledigen, bevor es hell wird. Gehen wir.�</p><p>Sean zuckte mit den Achseln, drehte sich wortlos um und schob die T�r auf. Mit dumpfem Knarren glitt sie zur�ck.</p><p>Ich steckte den Revolver weg und folgte ihm. Ich hoffte nur, da� es kein Fehler war, Sean zu vertrauen.</p><empty-line/><p>�Hier entlang�, sagte Richardson. �Und beeilen Sie sich.�</p><p>Howard nickte und folgte ihm schweigend. Es war ihm nicht wohl dabei, durch einen Geheimgang in den Besitz von Baltimore einzudringen, aber Richardson hatte ihm versichert, da� es der schnellste und sicherste Weg war, um direkt zum Doktor zu kommen.</p><p>Der lange Fu�marsch hatte Howard mehr ersch�pft, als er sich eingestehen wollte. Auch Rowlf machte keinen frischen Eindruck mehr. Die Brandverletzungen, die er sich in Durness zugezogen hatte, w�ren f�r einen weniger robusten Mann als Rowlf t�dlich gewesen. Obwohl er sich in den letzten Wochen sehr geschont hatte, war er noch nicht vollst�ndig genesen.</p><p>Howard dr�ckte die T�r hinter sich ins Schlo� und sah sich in dem flackernden Licht der Fackel, die Richardson entz�ndet hatte, um. Vor ihnen erstreckte sich ein langer, in den Stein geschlagener Gang, der steil nach oben f�hrte. Auf dem staubbedeckten Boden waren keine Fu�spuren zu erkennen, die darauf hingedeutet h�tten, da� der Gang regelm��ig benutzt wurde.</p><p>�Und hier kommen wir direkt zu Baltimore?� fragte er zweifelnd.</p><p>Richardson nickte knapp. �Wir sollten uns beeilen�, sagte er nerv�s. �Der Tunnel ist noch in der Zeit angelegt worden, als K�nig Richard mit seinen Kreuzz�gen besch�ftigt war. Ich traue der ganzen Konstruktion nicht.�</p><p>�Ich trau' auch manchem nich�, knurrte Rowlf.</p><p>Richardson drehte sich zu ihm um. �Meinen Sie mich damit?� fragte er scharf.</p><p>Rowlf zuckte mit den Achseln.</p><p>�Ich habe Ihnen doch erkl�rt, warum wir den Geheimtunnel benutzen m�ssen�, fuhr er fort, ohne Rowlf die Gelegenheit zu einer Antwort zu geben. �Wenn wir am Haupteingang erscheinen, warnen wir Robert fr�hzeitig. Wir d�rfen kein Risiko eingehen.�</p><p>�Wenn er �berhaupt hier ist�, murmelte Howard.</p><p>�Zweifeln Sie etwa daran?� fragte Richardson.</p><p>Howard sch�ttelte den Kopf. �Nein, Sir. Schlie�lich deckt sich das, was Sie uns erz�hlt haben, genau mit unseren Vermutungen.�</p><p>�Dann k�nnen wir ja weitergehen�, stellte Richardson �bellaunig fest.</p><p>Er wirkte gereizt und ungeduldig, und alle Freundlichkeit war von ihm gewichen. Howard konnte es ihm nicht verdenken. Schlie�lich war es nicht gerade ein beruhigendes Gef�hl, einen jahrhundertealten Gang benutzen zu m�ssen, der noch nicht einmal durch Stempel gesichert war.</p><p>Durch den nackten Fels zogen sich Risse und Spr�nge, und es war wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis alles in sich zusammenbrach. Je weiter sie kamen, um so unbehaglicher f�hlte sich Howard. H�tte er vorher gewu�t, in welchem Zustand sich der Geheimgang befand, h�tte er sich zweimal �berlegt, diesen Weg zu w�hlen.</p><p>Aber er ahnte, da� es jetzt kein Zur�ck mehr gab. Es war sowieso mehr Gl�ck als Verstand gewesen, ausgerechnet auf Richardson zu treffen, der schon seit Jahren eng mit Baltimore zusammenarbeitete. Er geh�rte zu der entschlossenen Gruppe M�nner und Frauen, die sich dem Kampf gegen die M�chte der Finsternis widmete.</p><p>Um das gemeinsame Risiko so klein wie m�glich zu halten, verkehrten sie f�r gew�hnlich nur unter Falschnamen. Richardson war Howard bislang nur unter dem Namen Winter bekannt gewesen, und er hatte nicht geahnt, da� Winter/Richardson in unmittelbarer N�he von Baltimore lebte.</p><p>Richardson blieb stehen und deutete mit der Fackel nach vorne. �Wir sind jetzt unter dem Haus�, fl�sterte er. �Diesen Teil des Gew�lbes kennen nur noch Baltimore und ich. Hier war einst ein ausgedehnter Komplex -�</p><p>Er brach abrupt ab, legte den Kopf auf die Seite und trat einen Schritt vor. Howard wollte etwas sagen, aber Richardson winkte ab.</p><p>�H�ren Sie es auch?� fragte er leise. In seinem Gesicht spiegelte sich Besorgnis. �Es klang ... wie ein Schrei.�</p><p>Howard sch�ttelte den Kopf. Sosehr er sich auch anstrengte, er konnte nichts h�ren. Trotzdem f�hlte er sich alles andere als wohl in seiner Haut. Die Enge des Ganges, und seine d�stere Atmosph�re, die nur sehr unvollkommen von der blakenden Fackel erhellt wurde, zerrte an seinen Nerven. Es war durchaus nicht n�tig, hier auch noch <emphasis>irgend etwas zu </emphasis>h�ren, um nerv�s zu werden.</p><p>�Das wa nich <emphasis>ein </emphasis>Schrei�, sagte Rowlf. �'s wa'n mehrere.�</p><p>Richardson nickte. �Also doch�, murmelte er. Er drehte sich zu Rowlf um und sah ihn zweifelnd an. �Und jetzt? H�ren Sie noch etwas?�</p><p>Rowlf hob die Hand und schlo� die Augen. Sein breites Gesicht blieb ausdruckslos, und Howard h�tte ihn am liebsten angefahren, um zu erfahren, was hier eigentlich vorging. Aber er f�rchtete, da� <emphasis>man </emphasis>ihn h�ren konnte.</p><p>Es war nur die Frage, wer <emphasis>man </emphasis>war.</p><p>Ein Schrei kam nicht von ungef�hr. Wenn Richardson den Gang kannte, dann vielleicht auch andere. Es geh�rte nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, da� hier Gesindel hauste, dem man besser aus dem Weg ging. Wom�glich bot der Geheimgang einer ganzen Gruppe von M�rdern und Halsabschneidern Unterkunft. Howard mu�te an die Viehdiebe denken, von denen er im Wirtshaus geh�rt hatte. Man schien ihnen in dieser Gegend jede Art von Gewalttat zuzutrauen.</p><p>�Jetzt wa'sn Grolln�, nuschelte Rowlf. �Erst dieser Schrei, un dann 'n Grolln.�</p><p>Richardson nickte. Nach seinem Gesichtsausdruck zu schlie�en, f�hlte er sich h�chst unbehaglich. �Irgend jemand ist in den Gew�lben�, fl�sterte er. Er sprach so leise, als f�rchtete er, da� man ihn h�ren k�nnte.</p><p>�Aber an sich d�rfte hier niemand sein ...�, fuhr er fort.</p><p>�Und schon gar nicht jemand, der schreit�, beendete Howard seinen Satz.</p><p>Richardson zuckte mit den Achseln. Er schien einen Entschlu� gefa�t zu haben.</p><p>�K�mmern wir uns nicht weiter darum�, sagte er. �Wir sollten so schnell wie m�glich Baltimore aufsuchen und ihm von Robert und diesen ... Ger�uschen erz�hlen. Er wird alles weitere in die Wege leiten. Sein Personal ist au�erordentlich t�chtig.�</p><p>�Einverstanden�, sagte Howard.</p><p>Er wollte sich schon wieder in Bewegung setzen, aber Richardson hielt ihn am �rmel zur�ck.</p><p>�Was ... was ist das�, keuchte er.</p><p>Jetzt h�rte es auch Howard. Es war ein hohes, feines Singen, das die W�nde zu durchdringen schien und auf sie zuhielt. Die Fackel warf unruhige Schatten auf Boden und W�nde. Ein eisiger Luftzug lie� Howard fr�steln und dann ...</p><p>Ein Ger�usch, wie ein entferntes Husten. Grobe, tapsige Schritte, ein dumpfes Grollen.</p><p>Howard wich unwillk�rlich ein paar Schritte zur�ck. Er erwartete, jeden Moment etwas vor sich im Gang erscheinen zu sehen, einen gigantischen Schatten, der auf ihn zuhielt, oder sonst ein gewaltiges, b�sartiges, fremdes Wesen ...</p><p>Der Boden unter seinen F��en zitterte. Es mu�te dicht vor ihnen sein. Und es kam auf sie zu.</p><p>Richardson schrie auf. Die Fackel in seiner Hand zitterte. Er stand nur wenige Schritte vor Howard, aber er war n�her an der Ger�uschquelle als dieser. Und wom�glich sah er schon, <emphasis>was </emphasis>da auf sie zuhielt.</p><p>Er taumelte zur�ck. Die Fackel entglitt seinen H�nden und schlug auf dem Boden auf. Es zischte, Funken stoben empor, und dann erlosch die Fackel. Dunkelheit schlug wie eine finstere Woge �ber ihnen zusammen.</p><p>Howard durchsuchte mit zitternden Fingern seine Jackentasche und brachte ein Streichholzheftchen zum Vorschein. Er erwartete jeden Augenblick, gl�hende Augen vor sich auftauchen zu sehen, von gewaltigen Klauen gepackt zu werden.</p><p>Aber nichts geschah.</p><p>Er ri� das Streichholz �ber die Reibfl�che, ein-, zwei-, dreimal, und endlich flammte der Schwefelkopf auf. Ein d�nner Lichtschein fiel auf den Gangboden vor ihm und auf Richardson, der sich mit schreckerstarrtem Gesicht gegen die Wand pre�te. In seinen Augen stand ein Ausdruck unglaublicher Panik. Aus seinen Mundwinkeln tropfte Speichel.</p><p>�Was war das?� fuhr ihn Howard an.</p><p>Bevor Richardson antworten konnte, erlosch das Streichholz mit einem letzten Aufflackern. Howard stie� einen unterdr�ckten Fluch aus und entz�ndete ein zweites Z�ndh�lzchen.</p><p>In seinem Lichtschein suchte er die Fackel und steckte sie mit Hilfe weiterer Streichh�lzer an. Rowlf k�mmerte sich in der Zwischenzeit um Richardson. In dem Gesicht des Kaufmanns zuckte unkontrolliert ein Muskel, und in seinen Augen standen Tr�nen.</p><p>�Was war das?� fragte Howard nochmals.</p><p>�Ich ... ich wei� nicht�, st�hnte Richardson. �Ein ... ein ... ich wei� es nicht ...�</p><p>Er schluckte krampfhaft, sch�ttelte Rowlfs Hand ab und l�ste sich von der Wand. Seine Bewegungen hatten etwas Fahriges und Unbestimmtes, wie es Howard schon mehrmals an Menschen beobachtet hatte, die einen schweren Schock erlitten hatten. Das, was er gesehen hatte, war jedenfalls keine nat�rliche Erscheinung gewesen.</p><p>Und wom�glich war es noch immer in der N�he ...</p><p>�Lassen Sie mir eine Minute�, bat er. �Ich mu� ... erst wieder zu mir kommen.�</p><p>�Ich hoffe, uns bleibt soviel Zeit�, murmelte Howard.</p><p>Er versuchte seine Nervosit�t zu �berspielen, aber auch ihm steckte der Schreck in den Gliedern. Die Fackel in seiner Hand zitterte merklich, und sein Herz schlug wie rasend. Er hoffte nur, da� das, was Richardson zu Gesicht bekommen hatte, nicht noch einmal auftauchte.</p><p>�Wir m�ssen ... weiter�, stie� Richardson hervor. Er schien genauso wie Howard zu sp�ren, da� sie besser so schnell wie m�glich von hier verschwanden.</p><p>�Was wa'n das?� fragte Rowlf.</p><p>�Ersparen Sie mir eine Beschreibung�, fl�sterte Richardson. Er schlug die H�nde vor sein Gesicht. �Mein Gott.�</p><p>Howard nickte schweigend. Er ahnte, da� der Schock den Kaufmann fast um den Verstand gebracht hatte. Vielleicht war es besser, wenn er verschwieg, was er gesehen hatte.</p><p>Er bedeutete Rowlf mit einer Handbewegung, Richardson zu helfen, und setzte sich dann, mit der Fackel in der Hand, wieder in Bewegung. Seine Sinne waren aufs �u�erte gespannt, aber er h�rte und sah nichts, was auf die Anwesenheit irgendeiner Monstrosit�t hindeutete.</p><p>Sie erreichten eine Abzweigung. Rechts f�hrte ein weiterer Gang wieder in die Tiefe, w�hrend ihnen links eine T�r den Weg versperrte. Howard vermied es krampfthaft, in den dunklen Gang zu blicken.</p><p>Er r�ttelte an der T�r, aber sie r�hrte sich nicht.</p><p>�Und nun?� fragte er nerv�s.</p><p>Richardson holte einen Schl�ssel hervor, reichte ihn wortlos an Rowlf weiter, und lehnte sich dann schweratmend an die Wand. Sein Gesicht war <emphasis>noch </emphasis>immer grau und verkrampft. Er brauchte unbedingt Ruhe.</p><p>Rowlf steckte den Schl�ssel ins Schlo� und drehte ihn ohne M�he um. Er stie� die T�r auf und betrat als erster den darunterliegenden Raum. Howard stie� Richardson hinterher und folgte als letzter.</p><p>�Schlie� wieder ab�, befahl er Rowlf.</p><p>Rowlf handelte, ohne zu z�gern. Er warf die T�r ins Schlo� und drehte den Schl�ssel um.</p><p>Howard atmete auf. Er brauchte nicht den anderen ins Gesicht zu sehen, um zu wissen, da� sie genauso erleichtert waren wie er selbst, den Gang hinter sich gelassen zu haben.</p><p>Es war nur die Frage, ob die T�r wirklich dem standhalten w�rde, was Richardson gesehen hatte ...</p><empty-line/><p>Es dauerte einen Moment, bis sich Howard auf seine neue Umgebung eingestellt hatte. Der Raum, in dem sie herausgekommen waren, war vollkommen fensterlos und wirkte genauso alt wie der Gang, der sie hierhingef�hrt hatte. Auch sein Boden war mit Staub bedeckt. Kaum noch erkenntliche Fu�spuren k�ndeten davon, da� er zumindest gelegentlich aufgesucht wurde.</p><p>Die Luft war abgestanden und schal, und Howard hatte das Gef�hl, kaum noch Luft zu bekommen. Er hielt die Fackel h�her und suchte nach einem Eingang, durch den sie das Innere des Hauses betreten konnten. Aber bis auf die T�r, durch die sie den Raum betreten hatten, umgaben sie die glatten Steinw�nde wie die Mauern einer uneinnehmbaren Festung.</p><p>�Wie kommen wir weiter?� fragte er m�hsam beherrscht.</p><p>Richardson stierte ihn teilnahmslos an. �Wieso?� brachte er hervor.</p><p>Seine Stimme klang geistesabwesend, und sein Blick irrte ziellos �ber die vom flackernden Licht beleuchteten W�nde.</p><p>�Wir m�ss'n zu Baltimore�, fuhr ihn Rowlf an.</p><p>Er packte den Kaufmann bei den Schultern und sch�ttelte ihn. �Mann!� sagte er eindringlich. �Rei� dich zusamm'! Wir m�ss'n weiter.�</p><p>Richardson starrte ihn aus geweiteten Augen an, und dann nickte er schlie�lich.</p><p>�Sie haben recht�, pre�te er hervor.</p><p>Sein Blick flackerte und beruhigte sich dann wieder. Der Schock, den er erlitten hatte, hielt ihn noch immer gepackt.</p><p>�Dort hinten�, sagte Richardson und deutete auf die gegen�berliegende Wand. �Rechts, am Vorsprung. Drehen Sie den Stein nach links. Dann ... dann �ffnet sich die T�r.�</p><p>�Eine Geheimt�r?� fragte Howard rasch.</p><p>Richardson nickte. Er wischte sich mit dem Handr�cken �ber die Stirn und wandte sich ab, als gingen ihn die anderen nichts mehr an.</p><p>�Rowlf!� sagte Howard. �Rasch! �ffne die T�r!�</p><p>Rowlf nickte. Auf seiner Stirn perlte Schwei�. Auch er schien unter dem Sauerstoffmangel zu leiden, der in dem Raum herrschte.</p><p>Mit ein paar Schritten war er bei dem Vorsprung, auf den Richardson gedeutet hatte. Seine m�chtigen Muskeln spannten sich, ein scharfes Ger�usch ert�nte, als glitte Metall �ber Metall, und dann schwang ein Teil der Wand zur�ck. Augenblicklich drang frische, k�hle Luft zu ihnen herein.</p><p>�Nichts wie raus�, murmelte Richardson.</p><p>Er ging mit schwankenden, unsicheren Schritten auf die �ffnung in der Wand zu, schob Rowlf beiseite und trat in den schwach erleuchteten Gang hinaus, der sich dahinter auftat. Bevor ihm Howard folgen konnte, drehte er sich noch einmal zu ihm um.</p><p>�Kommen Sie�, forderte er ihn auf. �Wir haben es geschafft. Wir sind bereits im Haus. Der Korridor f�hrt direkt zu Baltimores Schlafzimmer.�</p><p>Seine Stimme klang wieder vollkommen normal, aber irgend etwas lie� Howard z�gern. Er ahnte, da� sich auch Robert im Haus befand. M�glicherweise hatte er irgend etwas mit ihrem Erlebnis im Gang zu tun. Howard hoffte allerdings, da� das nicht der Fall war.</p><p>Aber was auch immer hier vorging, es war mehr als ein Zufall, da� es ausgerechnet in dieser Nacht stattfand. Howard hatte bereits oft genug erlebt, wie sich scheinbar sinnlose Ereignisse zum Schlu� zu einem �bersichtlichen Ganzen zusammengef�gt hatten.</p><p>Aber nicht immer war das Ergebnis nach seinem Geschmack gewesen.</p><p>Richardsons Stimme ri� ihn aus seinen Gr�beleien. �Kommen Sie schon. Wir machen sonst noch das Personal auf uns aufmerksam.�</p><p>Howard und Rowlf setzten sich in Bewegung. Mit ein paar Schritten hatten sie Richardson eingeholt. Sie folgten ihm den Korridor hinauf. Das, was Howard f�r den schwachen Schein einer Kerze gehalten hatte, entpuppte sich als fahler Mondschein, der durch ein gro�es Fenster fiel. Seine Augen hatten sich so sehr an die Dunkelheit gew�hnt, da� es ihm nicht schwerfiel, sich zurechtzufinden, auch nachdem er die Fackel gel�scht hatte.</p><p>Sie erreichten eine schwere Eichent�r am anderen Ende des Korridors. Richardson klopfte leise und dr�ckte dann die T�r auf.</p><p>�Kommen Sie�, fl�sterte er.</p><p>Er ging vor. Es war zu dunkel, um mehr als ein paar dunkle Schatten erkennen zu k�nnen. Nach seinen Schritten zu urteilen, bewegte er sich auf den Hintergrund des Zimmers zu.</p><p>Irgend etwas klirrte leise und fiel dann scheppernd zu Boden.</p><p>Howard und Rowlf verharrten mitten in der Bewegung. Howard glaubte, ein schabendes Ger�usch zu h�ren, dann flammte ein Streichholz auf.</p><p>Baltimore sa� kerzengerade im Bett, mit einer Nachtm�tze auf dem Kopf und einem �berraschten Ausdruck auf seinem verschlafenen Gesicht. In seiner rechten Hand hielt er ein Streichholz, das langsam abbrannte, als habe er vergessen, damit eine Kerze anzuz�nden.</p><p>�Richardson!� stie� er hervor. �Was um alles in der Welt tun Sie um diese Zeit hier?�</p><p>Dann entdeckte er die beiden Gestalten im Hintergrund des Zimmers.</p><p>�Howard!�</p><p>Das Streichholz erlosch mit einem leicten Aufflammen, aber mittlerweile hatte Rowlf sich schon an der Petroleumlampe zu schaffen gemacht, die auf der Kommode am Fenster stand. Gelblicher Lichtschein erhellte das Zimmer.</p><p>Es dauerte ein paar Minuten, bis Howard Baltimore begreiflich gemacht hatte, was ihr n�chtliches Eindringen zu bedeuten hatte. Als er das gespenstische Erlebnis in dem Geheimgang erw�hnte, wurde Baltimore zusehends ernster.</p><p>�Das gef�llt mir nicht, Howard�, sagte er leise. �Ich hoffe nur, da� wir nicht zu sp�t kommen.�</p><p>�Zu sp�t kommen?� fragte Howard. �Wie meinst du das?�</p><p>Baltimore zuckte mit den Achseln. Er war mittlerweile aus dem Bett gestiegen und hatte sich ein paar Kleidungsst�cke �bergeworfen.</p><p>�Wir m�ssen uns beeilen�, sagte er wortkarg. �Ich werde Henesey, meinen Butler, verst�ndigen, und ihn das Personal zusammentrommeln lassen.�</p><p>Mit ein paar Schritten war er bei der T�r und trat auf den Gang hinaus. Die anderen folgten ihm. Sie eilten einen Seiteneingang entlang. Schlie�lich erreichten sie eine T�r, vor der Baltimore stehenblieb. Er klopfte mehrere Male, und als sich niemand meldete, schob er sie einfach auf.</p><p>Der Raum, den er betrat, war spartanisch eingerichtet. Au�er einer Kommode, einem Stuhl und einem Bett war er vollkommen leer.</p><p>Das Bett sah unbenutzt aus. Entweder war Henesey noch nicht zu Bett gegangen, was angesichts der fr�hen Morgenstunde unwahrscheinlich war, oder er war bereits auf den Beinen.</p><p>�Das gef�llt mir nicht�, murmelte Baltimore wieder.</p><p>Trotz seiner sechzig Jahre und der ungew�hnlichen Umst�nde wirkte er alles andere als m�de oder verschlafen. Seine undurchdringlichen Gesichtsz�ge spiegelten keine Gef�hle, aber Howard ahnte, da� das nur seiner musterg�ltigen Beherrschung zu verdanken war.</p><p>�Wo kann er nur sein?� fragte Richardson. �Er ist doch sonst so zuverl�ssig.�</p><p>Baltimore nickte. �Die Zuverl�ssigkeit in Person�, murmelte er geistesabwesend.</p><p>Er wandte sich an Howard. �Wie konnte es �berhaupt passieren, da� Robert erfuhr, wo wir Priscylla versteckt halten?�</p><p>�Ist das im Moment nicht ziemlich nebens�chlich?� fragte Howard seinerseits.</p><p>�Ganz und gar nicht�, behauptete Baltimore. �Es ist wahrscheinlich der Schl�ssel zu eurem Erlebnis im Geheimtunnel und zu Heneseys Verschwinden. Wenn wir ...�</p><p>Er konnte seinen Satz nicht beenden.</p><p>�Hier is was�, unterbrach ihn Rowlf.</p><p>Er hatte die Dauer des Gespr�chs dazu benutzt, sich auf dem Gang umzusehen. Augenscheinlich hatte er etwas gefunden. Er hockte ein paar Yards von den anderen entfernt auf dem Boden und fuhr pr�fend mit der Fingerspitze �ber den L�ufer.</p><p>�Sieht aus wie Blut�, fuhr er fort.</p><p>�Blut?� Howard und die anderen M�nner waren mit ein paar Schritten bei ihm.</p><p>Howard hatte das Gef�hl, da� sie sehr bald erfahren w�rden, warum sie den Butler nicht in seinem Zimmer vorgefunden hatten. Er hoffte nur, da� Robert nichts damit zu tun hatte ...</p><p>Rowlf erhob sich und nickte. �F�hrt zu der T�r da�, sagte er und deutete nach vorn.</p><p>�Mrs. Sundays Zimmer�, sagte Baltimore.</p><p>Er eilte ohne Z�gern an Rowlf vorbei, ri� die T�r auf und st�rmte ins darunterliegende Zimmer, Howard folgte ihm. Zuerst wollte er aufatmen, als er einen dunklen Schatten im Bett liegen sah. Aber als Baltimore die Vorh�nge aufri�, und bleiches Mondlicht in den Raum drang, unterdr�ckte er nur mit M�he einen erschreckten Ausruf.</p><p>Im Bett lag ein Mann. Er war vollkommen angekleidet. Seine gebrochenen Augen starrten anklagend auf die Eindringlinge. Und in seiner Brust steckte ein Messer.</p><empty-line/><p>Sie kamen nicht dazu, den Leichnam genauer zu untersuchen. Vom Gang erscholl ein dumpfer Schrei, und irgendwo schlug eine T�r zu.</p><p>�Richardson!� rief Howard.</p><p>Er wirbelte herum und st�rzte dicht vor Rowlf auf den Gang hinaus. Seine Augen irrten �ber die dunkle Wand, und schlie�lich entdeckte er Richardson.</p><p>Der Kaufmann stand mit vorgebeugtem Oberk�rper am Treppengel�nder und starrte in die Tiefe. Seiner Haltung nach zu urteilen, war er im Begriff, jeden Moment das Gleichgewicht zu verlieren.</p><p>�Richardson!� schrie Howard. �Um Gottes willen! Passen Sie doch auf!�</p><p>Rowlf war mit ein paar S�tzen bei ihm und ri� ihn zur�ck. Seine kr�ftigen Arme schoben den widerstrebenden Kaufmann in sichere Entfernung auf den Gang.</p><p>�La� mich los�, herrschte ihn Richardson an und versuchte, seinen Arm abzustreifen. �Du tust mir weh.�</p><p>�Se k�nnt'n fallen�, brummte Rowlf. �M�ssense uns so erschrecken, Mann?�</p><p>�La� ihn los�, sagte Howard rasch.</p><p>Rowlf brummte irgend etwas, zuckte mit den Achseln und trat einen Schritt zur�ck.</p><p>�Ich habe sie gesehen�, stie� Richardson hervor. In seinem Blick spiegelte sich ein nerv�ser, gehetzter Ausdruck.</p><p>�Wen haben Sie gesehen?� fragte Howard scharf.</p><p>�Zwei ...�, murmelte er. �Es waren zwei M�nner.�</p><p>Er lehnte sich gegen die Wand und schlo� die Augen. Mit einer fahrigen Bewegung holte er ein Taschentuch hervor und fuhr sich damit �ber die Stirn. Er wirkte vollkommen ersch�pft, und Howard ahnte, da� es nicht viel Sinn hatte, weiter in ihn zu dringen.</p><p>Er versuchte es trotzdem.</p><p>�Was f�r M�nner waren es?� fragte er.</p><p>�Ein ... gro�er. Ein wahrer Riese. Den ... den anderen habe ich kaum gesehen ...�</p><p>Richardson stockte und sah Howard geradewegs an. Seine Augen waren weit aufgerissen, als s�he er nicht um, sondern etwas anderes.</p><p>�Mein Gott�, fl�sterte er. �Sie sind die Treppe runter. In den Keller. Wo dieses ... Monster lauert ...�</p><p>Er schlug die H�nde vors Gesicht. Durch seinen K�rper lief ein Zittern.</p><p>�O, mein Gott�, fl�sterte er nochmals.</p><p>Howard nickte grimmig. Er wandte sich an Baltimore, der sich zu ihnen gesellt hatte.</p><p>�Ich glaube, uns bleibt nichts anderes �brig, als ebenfalls den Keller aufzusuchen�, pre�te er hervor. �Wenn mich nicht alles t�uscht, werden wir dort auf Robert sto�en.�</p><empty-line/><p>Mein Herz pochte wild und heftig. Der Revolver in meiner Hand kam mir mit einemmal l�cherlich vor, aber ich war trotzdem nicht bereit, ihn wegzustecken.</p><p>�Warum hat dieser Narr so geschrien?� fragte ich. �Meinen Sie, da� er uns gesehen hat?�</p><p>�Darauf k�nnen Sie Gift nehmen�, knurrte Sean. Er deutete auf den Eingang zum Keller, den wir gerade hinter uns gelassen hatten. �Wenn mich nicht alles t�uscht, werden wir gleich Besuch bekommen. Wissen Sie, <emphasis>wer </emphasis>das war?�</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. Alles, was ich wollte, war Priscylla. Ich sp�rte mit jeder Faser meines K�rpers, da� sie hier war, vielleicht sogar hier unten im Keller, ganz in meiner N�he.</p><p>�Es war Richardson�, stie� Sean hervor. �Der Kaufmann, dessen Spur mich zu Balitmore f�hrte. Seltsamer Zufall, nicht wahr?�</p><p>�Es ist mir ganz egal, wie der Mann hei�t�, sagte er ungeduldig. �Wir m�ssen weiter. Ich sp�re ... Ich meine, ich bin sicher, da� die Person, die ich suche, hier unten ist.�</p><p>�W�re vielleicht ganz nett, wenn Sie mir endlich sagen w�rden <emphasis>wen </emphasis>Sie suchen. Schlie�lich sitzen wir in einem Boot.�</p><p>Ich z�gerte. Ein unerkl�rliches Gef�hl hielt mich davor zur�ck, Seans Frage ohne weiteres zu beantworten, aber andererseits sah ich keinen logischen Grund ihm Pricylla noch l�nger zu verschweigen.</p><p>�Ich suche eine junge Frau�, sagte ich z�gernd. �Sie hei�t Priscylla.�</p><p>�Eine Frau.� Sean grinste. �Dann wird mir alles klar. Wenn sich ein Mann wie Sie so verh�lt, ist er entweder hinter einer Million Pfund oder hinter einer Frau her.�</p><p>�Es ist nicht so, wie Sie denken -�</p><p>�Was ich denke, ist ganz egal�, fiel mir Sean ins Wort. �Wir sollten machen, da� wir weiterkommen. Bevor Richardson mit ein paar Mann Verst�rkung hier unten auftaucht.�</p><p>Er blinzelte und versuchte die Dunkelheit vor uns mit Blicken zu durchdringen.</p><p>�Ich hoffe nur, da� das hier keine Sackgasse ist�, fuhr er fort. �Wenn wir Gl�ck haben, hat der Keller noch einen Ausgang zum Garten.�</p><p>Ich achtete nicht weiter auf ihn. Mit ausgestreckter linker Hand tastete ich mich an der Wand entlang; der Revolver lag schu�bereit in meiner Rechten. Das Gef�hl einer unbestimmten Erwartung verst�rkte sich. Sehr wohl war mir nicht dabei, mich durch die Dunkelheit vorzutasten. Ich hatte noch nicht das Erlebnis mit der Rattenfrau vergessen.</p><p>Und hier unten gab es Ratten.</p><p>Meine �berreizte Phantasie gaukelte mir tapsende kleine F��e vor, die �ber den kalten Boden huschten. In der Dunkelheit glaubte ich, winzige, stechende Augen zu sehen, die jede meiner Bewegungen verfolgten. Ich f�hlte, wie mir der kalte Schwei� ausbrach.</p><p>In das Ger�usch unserer Schritte mischte sich etwas anderes; ein heller, singender Laut, zu schwach, um seinen Ursprungsort zu erkennen, aber laut genug, um mich abrupt anhalten zu lassen.</p><p>�H�ren Sie das auch?� fl�sterte ich.</p><p>Sean prallte gegen mich. Ich rutschte ein St�ck von der Wand weg und k�mpfte einen Moment lang um mein Gleichgewicht. Sean packte meinen Arm und hielt mich fest.</p><p>�Was ist das?� fragte er.</p><p>Ich zuckte mit den Achseln. Es dauerte eine Sekunde, bevor ich daran dachte, da� Sean meine Geste in der Dunkelheit nicht sehen konnte.</p><p>�Keine Ahnung�, sagte ich leise.</p><p>Das Ger�usch hatte inzwischen abgenommen und war dann ganz verstummt. So sehr ich mich auch bem�hte, ich h�rte nichts mehr. Vielleicht hatte ich mich auch get�uscht. Es war wom�glich nichts weiter als ein Windsto� gewesen, der durch ein offenes Kellerfenster gefahren war und in dem langen Gang widerhallte.</p><p>�Gehen wir weiter�, sagte Sean mit rauher Stimme. �Richardson wird schon auf dem Weg in den Keller sein. Ich habe keine Lust, ihm meine Anwesenheit zu erkl�ren.�</p><p>Ich setzte mich wieder in Bewegung. Obwohl ich mir sicher war, da� Priscylla ganz in der N�he war, war der innere Kontakt zu ihr wie abgerissen. Seit Wochen f�hlte ich mich durch eine unbekannte Kraft vorw�rtsgetrieben, und nun, kurz vor dem Ziel, war sie versiegt.</p><p>Ich f�hlte nichts weiter als einen dumpfen Druck im Kopf und Nervosit�t, die durch Seans Anwesenheit noch verst�rkt wurde. Mit jedem weiteren Schritt begann sich mein Unbehagen zu verst�rken. Ich konnte mich nicht des Eindrucks erwehren, da� ich geradewegs in eine Falle lief.</p><empty-line/><p>Es ging so schnell, da� ich zu sp�t die Gefahr begriff, in der ich schwebte. Ein fernes Ger�usch, so leise, da� ich es kaum wahrnahm, schien die Gem�uer zu durchdringen. Es war dem hellen Singen nicht un�hnlich, und doch anders, durchdringender und ... gewaltiger.</p><p>Ich verlangsamte meine Schritte und wollte Sean auf das Ger�usch aufmerksam machen, aber dann ...</p><p>Es war fast so, als blicke ich wieder in den Spiegel.</p><p>Vor meinem inneren Auge tauchte eine entsetzliche Gestalt auf. Skeletthafte Z�ge verzerrten sich zu einem h�hnischen Grinsen, krallenartige H�nde streckten sich mir entgegen.</p><p>Ich st�hnte auf, ri� den Revolver hoch und zog den Abzug durch. Die Sch�sse hallten durch die Dunkelheit. Die feurigen M�ndungsblitze rissen f�r winzige Augenblicke das vollkommene Schwarz um mich herum auf -</p><p>- und erhellten etwas ... etwas Gro�es, Massiges, das wie eine gigantische Spinne vor mir im Gang hockte. F�r einen winzigen Augenblick sah ich die Alptraumgestalt mit der Deutlichkeit, mit der man in einem schweren Gewitter f�r die Dauer eines Blitzes ein fernes Haus sieht.</p><p>Ich wollte schreien, aber ich konnte es nicht.</p><p>Der Kopf eines Ebers, mit gigantischen Hauern ...</p><p>Wieder und wieder scho� ich, bis der Hammer gegen die leere Trommel schlug. Und jeder M�ndungsblitz ri� eine feurige Bahn durch die Dunkelheit und beleuchtete die alptraumhafte Gestalt vor mir.</p><p>Dann war es vorbei.</p><p>Von einer Sekunde auf die andere lie� der f�rchterliche Druck nach, der meinen Sch�del zusammengepre�t hatte. Die Ersch�pfung lie� mich einen Schritt vorw�rtstaumeln.</p><p>Eine Woge der Erleichterung brach �ber mir zusammen. Ich hatte einen bitteren Geschmack im Mund, und meine Knie zitterten, aber ich sp�rte deutlich, da� die <emphasis>Vision </emphasis>zu Ende war. Was auch immer da vor mir im Gang gelauert hatte, es war verschwunden.</p><p>Ich wollte mich zu Sean umdrehen und ihn fragen, ob auch er es gesehen hatte, aber ich kam nicht mehr dazu.</p><p>Ein Ger�usch vor mir lenkte mich ab.</p><p>Irgend etwas krachte f�rchterlich, dann stoben Funken auf. Eine T�r wurde aufgerissen. Blendende Helligkeit �bersch�ttete mich. Eine dunkle Gestalt erschien im Rahmen, kaum zwei, drei Meter von mir entfernt.</p><p>Ich war viel zu verwirrt, um reagieren zu k�nnen. Fassungslos starrte ich auf den Dolch, den der Mann vor mir in den H�nden hielt. Sein bleiches Gesicht war zu einer Grimasse des Schreckens verzerrt. In seinen Augen funkelte Wahnsinn.</p><p>�Santers�, keuchte Sean hinter mir.</p><p>Der Mann sah an mir vorbei. Er schien Sean erst jetzt entdeckt zu haben. Seine Augen weiteten sich. Speichel rann seine Mundwinkel hinab.</p><p>�Andara�, keuchte er. Er hob den Dolch. Seine Bewegungen wirkten h�lzern und abgehackt und trotzdem zielstrebig.</p><p>F�r eine endlose Sekunde war ich wie gel�hmt vor Schrecken. Santers war der Mann, hinter dem Sean her war... <emphasis>Sean!?! </emphasis>War der Mann in meiner Begleitung wirklich Sean, oder war es Roderick Andara, mein Vater?</p><p>Ich weigerte mich, Santers Ausruf f�r wahr zu nehmen. Ich hatte Sean gefragt, wer er war, und er hatte die Wahrheit gesagt. Wenn er gelogen h�tte, wenn sich Andara in ihm verbarg, h�tte ich es sp�ren m�ssen.</p><p>Santers machte einen Schritt auf mich zu. Der Dolch in seiner Hand blitzte auf. Ich wu�te, da� er es nicht auf mich abgesehen hatte, und ich wu�te, da� Priscylla hinter ihm im Raum war. Mit einem Satz war ich an ihm vorbei... und erstarrte.</p><p>An der gegen�berliegenden Wand stand ein h�lzerner Altar, auf dem eine Frau lag. Sie wies keine Zeichen �u�erer Gewaltanwendung auf, aber in ihrem Blick las ich Entsetzen und unvorstellbares Grauen.</p><p>Priscylla stand neben ihr. Sie hielt, wie Santers, einen Dolch in der Hand. Ihr Gesichtsausdruck wirkte starr und kalt. Die Spitze des Dolches zielte auf die Kehle der Frau. Als sie mich bemerkte, drehte sie sich langsam zu mir um. Ihre halb geschlossenen Augen �ffneten sich vollends, und sie musterte mich mit einem Blick voller Ha� und Verachtung.</p><p>�Kommst du also auch?� fragte sie. �Glaubst du, das Opfer aufhalten zu k�nnen, da� wir Ti'lar'min darbringen werden?�</p><p>�Priscylla�, kr�chzte ich.</p><p>Ich war zu keinem klaren Gedanken mehr f�hig. Ich hatte damit gerechnet, Priscylla in Gefahr vorzufinden. Es h�tte mich nicht gewundert, wenn <emphasis>sie </emphasis>an Stelle der fremden Frau auf dem Altar gelegen h�tte. Aber da� sie mich wie einen Feind empfing ...</p><p>�Acorn�, zischte Priscylla.</p><p>Ihre Haare flatterten bei der abrupten Kopfbewegung, mit dem sie sich dem Mann zuwandte, der auf der anderen Seite des Altars stand. Ich hatte ihm bis jetzt noch keine Aufmerksamkeit geschenkt. Auf den ersten Blick sah er vollkommen normal aus, aber bei genauerem Hinsehen wirkte er auf eine schwer zu beschreibende Art krank.</p><p>Acorn bedurfte keiner weiteren Aufforderung. Er machte aus dem Stand einen Satz auf mich zu. In seinen Bewegungen war etwas ungeheuer Kraftvolles, das nicht zu seinem unscheinbaren Korperbau passen wollte.</p><p>Es dauerte einen Moment, bevor ich begriff, da� er es auf mich abgesehen hatte. Ich hielt noch immer den leergeschossenen, vollkommen nutzlosen Revolver in der Hand. Selbst, wenn ich Munition mit mir gef�hrt h�tte, h�tte ich keine Zeit mehr gefunden, sie einzulegen.</p><p>Mit einem verzweifelten Satz sprang ich zur Seite. Acorn taumelte, von seinem eigenen Schwung getragen, an mir vorbei. Aber ich bekam keine Zeit zum Atemholen.</p><p>Mit einem Aufschrei fuhr er wieder herum. Irgend etwas blitzte in seiner Hand und fuhr scharf und rei�end an meiner Wange entlang.</p><p>Ein Messer!</p><p>Ich hatte nicht einmal gesehen, da� er die Waffe hervorgerissen hatte. Ein scharfer Schmerz l�hmte meine linke Gesichtsh�lfte, warmes Blut lief �ber meine Wange.</p><p>Er setzte nach. Mit w�tenden Stichen trieb er mich gegen die Wand. Ich hatte alle M�he, der tanzenden Klinge auszuweichen.</p><p>Er lie� mir keine Gelegenheit f�r einen Gegenangriff oder ein weiteres Ausweichman�ver. Instinktiv versuchte ich mich zu wehren, aber Acorn war ein wahrer Meister in der Handhabung seiner Waffe. Ich duckte mich unter dem n�chsten Stich weg und versuchte seitw�rts zu entkommen, aber er war schneller. Seine Faust zuckte vor und schleuderte mich zur�ck.</p><p>Ich stie� keuchend die Luft aus. Mit der Wand im R�cken hatte ich kaum mehr eine Chance, einem schnellen Messerstich zu entgehen. Vor meinen Augen tanzten blutige Schleier. Die Luft brannte wie Feuer in meinen Lungen.</p><p>�Bring ihn um!� schrie Priscylla.</p><p>Acorn war f�r einen Moment abgelenkt. Ich ri� den Revolver hoch und schlug ihm den Kolben ins Gesicht. Er taumelte, ri� das Messer hoch und st�rmte wieder auf mich zu. Funken stoben auf, als Metall auf Stein traf und die Klinge eine fingertiefe Scharte in die Wand ri�.</p><p>Ich packte seinen Arm, bog ihn nach hinten und stie� ihn von mir. Bevor er sich fangen konnte, schickte ich ihn mit ein paar wuchtigen Faustschl�gen zu Boden.</p><p>Ich k�mmerte mich nicht weiter um ihn. Priscylla war wichtiger. Ich wandte mich um, wollte auf sie zugehen ...</p><p>Einen f�rchterlichen, schrecklichen Moment begegneten sich unsere Blicke. Und irgend etwas geschah mit mir ...</p><p>Der Raum schien sich um mich zu drehen. Dumpfe �belkeit stieg aus meinem Magen empor, und meine Arme und Beine f�hlten sich mit einemmal taub und schwer an. Meine Umgebung verschwamm vor meinen Augen. Die Anstrengung, einen Fu� vor den anderen zu setzen, war fast zuviel. Mein Puls raste. Das Blut rauschte in meinen Ohren, und vor meinen Augen begannen graue Schatten zu treiben.</p><p>Aber ich gab nicht auf. Ich konnte nicht zulassen, da� Priscylla das Opfer vollzog. Ich durfte nicht zulassen, da� sie Kr�fte rief, denen wir alle nicht gewachsen waren. Und ich durfte nicht zulassen, da� sie eine unschuldige Frau umbrachte ...</p><p>Der Dolch in ihrer Hand bewegte sich, als w�re er zu eigenem Leben erwacht. Durch ihren K�rper lief ein Zittern. F�r einen Moment, f�r einen winzigen Augenblick nur, lie� ihre Konzentration nach ...</p><p>Ich sp�rte meine Chance, und ich war willens, sie zu nutzen. Mit aller Kraft, die mir noch geblieben war, k�mpfte ich gegen die unsichtbaren Fesseln, die meinen Verstand umklammerten.</p><p>Es kam dem Versuch gleich, aus vollem Lauf gegen eine Steinmauer zu springen, um sie zum Einsturz zu bringen.</p><p>Furchtbare Gewalten schleuderten mich zur�ck und drohten mich zu vernichten.</p><p>Ich schrie auf. Mein Herzschlag setzte f�r einen Moment aus. Krampfhafte Schmerzen durchliefen meinen Geist und versuchten, ihn in einen Strudel mit sich zu rei�en. Ein fast unertr�glicher Druck drohte meinen Kopf zu sprengen.</p><p>Ich k�mpfte mit aller Kraft dagegen an, aber es war wie das m�de Aufflackern einer Kerze gegen eine rauschende Sturmflut. Gewalten, jenseits aller Vorstellungskraft, zerrieben mich wie M�hlsteine zwischen sich. Fast schien es, als bemerkten sie meinen Widerstand nicht einmal.</p><p>Kalte Wut begann in mir aufzusteigen; Wut, wie ich sie noch nie zuvor empfunden hatte. Ich stie� zu. Immer und immer wieder, ohne zu wissen, was ich da eigentlich tat.</p><p>Und pl�tzlich war es vorbei.</p><p>Der Schleier aus Schmerz und Bet�ubung, der sich �ber mein Bewu�tsein gelegt hatte, zerri�. Ein Gef�hl von Kraft und St�rke durchpulste mich. Ich lie� nicht nach. Ich dr�ngte den fremden Willen, der mich gel�hmt hatte, weiter zur�ck.</p><p>Es dauerte einen Moment, bevor ich wieder in der Lage war, mich meiner Umgebung zu widmen. Ich hatte das Gef�hl, aus einem Alptraum heraus in einer viel grauenhafteren Wirklichkeit zu erwachen.</p><p>Sean stand vor mir, zwischen Priscylla und mir. Seine H�nde umklammerten ihren Hals. Der Dolch, den Priscylla noch immer in der Hand hielt, zitterte �ber seinem R�cken, als wolle sie ihn jeden Moment herabfahren lassen.</p><p>�Priscylla!� schrie ich.</p><p>Die Angst um sie lie� mich meine L�hmung vergessen. Zwar war sie es gewesen, die Acorn auf mich gehetzt hatte, aber ich wu�te, da� sie daf�r nicht verantwortlich war. Aber auch wenn sie es gewesen w�re - ich konnte nicht zulassen, da� Sean sie erw�rgte.</p><p>Mit einem einzigen Satz war ich bei ihm. Ich packte ihn bei den Schultern und versuchte, ihn zur�ckzuziehen.</p><p>Er lie� von Priscylla ab und drehte sich mit aufreizender Langsamkeit zu mir um. In seinen blutunterlaufenen Augen stand ein erschreckender Ausdruck. Die Worte, die ich ihm ins Gesicht schreien wollte, blieben mir im Halse stecken. Ich wu�te mit pl�tzlicher Sicherheit, da� er es war, vor dem Priscylla die ganze Zeit �ber Angst gehabt hatte. Es war nicht Andara, und doch hatte er irgend etwas mit ihm zu tun.</p><p>Sean schlug ohne Vorwarnung zu. Er traf mich an der Schulter und lie� mich zur�cktaumeln.</p><p>Sean ging wie ein w�tender B�r auf mich los. Ich ahnte, da� ich nur in der Flucht mein Heil suchen konnte. Seinen gewaltigen K�rperkr�ften hatte ich nichts entgegenzusetzen. Ich hatte mittlerweile sogar den Revolver verloren.</p><p>Ich wich seinem Frontalangriff aus und t�nzelte zur Seite.</p><p>�Priscylla!� rief ich. �Lauf! Rette dich ...�</p><p>Ein harter Sto� warf mich zur�ck. Sean packte mich bei den Schultern und warf mich zu Boden.</p><p>Ich schlug schwer auf den R�cken. F�r eine kurze, schreckliche Sekunde sah ich Seans massigen K�rper �ber mir, und die Mordgier in seinen Augen. Ich warf mich verzweifelt zur Seite, gerade noch rechtzeitig, um einem Fu�tritt zu entgehen. Mit einem Satz war ich wieder auf den F��en. Aber ich sp�rte, da� ich diesen ungleichen Kampf nicht mehr lange durchstehen w�rde.</p><p>Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, da� Priscylla immer noch am Altar stand. Einen schrecklichen Augenblick lang dachte ich, sie w�rde meinen Kampf mit Sean benutzen, um das <emphasis>Opfer </emphasis>zu vollziehen. Ich zweifelte keine Sekunde daran, da� damit der Tod der armen Frau gemeint war, die tatenlos das Chaos um sich verfolgen mu�te.</p><p>Ich blockte Seans n�chste Schl�ge ab, konnte aber nicht verhindern, da� er mich immer weiter zur�cktrieb. Mit einem verzweifelten Satz sprang ich nach rechts und traf ihn in die Seite. Durch mein Handgelenk fuhr ein stechender Schmerz. Sean schwankte und stie� keuchend die Luft aus, das war alles.</p><p>Mit einem w�tenden Knurren drang er auf mich ein. Ein harter Faustschlag durchbrach meine Deckung und schleuderte mich zur�ck. Ein zweiter Schlag traf mich im Magen und lie� die Welt um mich in einer Woge von Schmerz explodieren. Feurige Schleier tanzten vor meinen Augen. Eine Welle der �belkeit �bermannte mich, aber das Schlimmste war das Gef�hl, keine Luft mehr zu bekommen.</p><p>In diesem Moment peitschte ein Schu� durch den Raum. Sean griff sich an die Brust, starrte ungl�ubig auf das Blut, das zwischen seinen Fingern hervorquoll, und brach langsam in die Knie.</p><p>Ich holte keuchend Luft, pre�te die Hand auf den Magen und wandte mich zur T�r.</p><p>Ein Mann stand im Eingang, vielleicht sechzig Jahre alt, mit einem hastig �bergeworfenen Mantel �ber dem Nachthemd. Er hielt ein Jagdgewehr in den H�nden. Aus dem Lauf kr�uselte sich dunkler Rauch.</p><p>�Dr. Gray�, kr�chzte ich.</p><empty-line/><p>Vorsichtig kniete ich neben Priscylla nieder und ber�hrte ihren Arm. Sie hielt noch immer den Dolch umklammert, aber sie w�rde ihn nicht mehr benutzen. Kurz, nachdem Dr. Gray den amoklaufenden Sean niedergeschossen hatte, war sie zusammengebrochen. Seitdem war sie bewu�tlos.</p><p>�Nehmen Sie ihr den Dolch ab�, sagte der Mann, den ich bislang unter dem Namen Dr. Gray gekannt hatte.</p><p>Es war eine �berraschung f�r mich, zu erfahren, da� er mit Baltimore identisch war. Er hatte sich keine gro�e M�he gemacht, mir zu erkl�ren, warum er bei unserem ersten Treffen einen falschen Namen verwandt hatte.</p><p>Aber das war auch nicht n�tig. Ich ahnte den Grund sowieso. Unsere Feinde waren m�chtig und verf�gten �ber jede M�glichkeit zur T�uschung. Wenn wir, die wenigen Menschen, die in die Geheimnisse der Wei�en Magie eingeweiht waren, �berleben wollten, mu�ten wir alle nur erdenklichen Vorsichtsma�nahmen treffen.</p><p>�Tu, was er sagt�, murmelte Howard. Er wirkte bla� und �bern�chtigt, und er schien �berhaupt noch nicht begriffen zu haben, wie Sean hierherkam und was er f�r eine Rolle gespielt hatte.</p><p>Ich strich �ber Priscyllas Arm. Sie schien unter meiner Ber�hrung zu erschauern, aber immer noch wirkte ihr Gesicht grau und eingefallen.</p><p>�Mach dir keine Sorgen, mein Junge�, sagte Dr. Gray/ Baltimore. �Sie wird bald zu sich kommen.�</p><p>Ich wollte ihn schon fragen, wie er dessen so sicher sein konnte, aber dann belie� ich es bei einem fl�chtigen Kopfnicken. Ich bog vorsichtig Priscyllas Finger zur�ck und nahm den Dolch in die Hand. Er war warm, w�rmer als Priscyllas K�rper, und fast schien es mir, als wolle er sich meinem Griff entziehen. Ich umklammerte ihn mit aller Kraft und erhob mich.</p><p>�Wirf ihn auf den Boden�, sagte Dr. Gray ungeduldig.</p><p>Ich zuckte mit den Achseln und folgte seiner Aufforderung. An der Stelle, wo der Dolch auf den Boden aufschlug, flammte ein kurzer, blendend heller Blitz auf, dann war er verschwunden.</p><p>�Das ... das kann doch nicht sein�, entfuhr es mir.</p><p>�Gerade du solltest es besser wissen�, sagte Dr. Gray k�hl. Er warf einen nachdenklichen Blick auf die Frauengestalt zu meinen F��en.</p><p>�Ich werde mich etwas intensiver um Priscylla k�mmern m�ssen�, fuhr er fort.</p><p>�Ach ja?� fragte ich. �Ich bin mir dessen noch gar nicht so sicher.�</p><p>Howard r�usperte sich und warf mir einen eindringlichen Blick zu. �Kannst du mir jetzt vielleicht mal erkl�ren, wie Sean �berhaupt hierherkommt?�</p><p>Ich zuckte mit den Achseln. �Ich w��te auch gern, warum ihr gerade zum richtigen Moment erschienen seid. Aber lassen wir das. Was deine Frage angeht: Ich habe einen Verdacht, mehr nicht. Als wir Sean zum ersten Mal begegneten, entpuppte er sich als Andara, richtig?�</p><p>Howard nickte. Er deutete auf Sean. �Aber das war nicht Roderick Andara�, sagte er leise. �Dein Vater h�tte sich anders verhalten.�</p><p>�Das glaube ich auch.� Ich schwieg einen Moment, bevor ich fortfuhr. �Ich glaube, da� Andara Sean benutzt. Irgendwie hat er seinen Willen beeinflu�t, wahrscheinlich schon vor langer Zeit. Sean war nichts als ein Werkzeug, dazu bestimmt, Priscylla umzubringen.�</p><p>�Aber warum?� fragte Howard. �Warum wollte er Priscyllas Tod?�</p><p>Ich z�gerte einen Moment, bevor ich meinen Verdacht �u�erte. �Vielleicht, weil er das verhindern wollte, was ich jetzt tun werde�, sagte ich.</p><p>�Und was wird das sein?� fragte Dr. Gray scharf. In seinen Augen blitzte unverhohlenes Mi�trauen. Ich nahm an, da� der alte Fuchs l�ngst ahnte, worauf ich hinauswollte.</p><p>�Ich werde Priscylla mit nach London nehmen�, sagte ich fest. �Ich werde sie niemandem mehr anvertrauen, Dr. Gray. Weder Ihnen, noch Howard oder sonst irgend jemandem. Wenn es einen Menschen auf der Welt gibt, der ihr helfen kann, dann bin ich es.�</p><empty-line/><p>HIER ENDET DAS ACHTE BUCH ...</p><empty-line/><p>... doch die Saga um den HEXER geht weiter. Denn:</p><empty-line/><p><emphasis>Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis da� der Tod die Zeit besiegt...</emphasis></p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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