<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><genre>sf_horror</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Neues vom Hexer von Salem</book-title><annotation><p>Er ist der Sohn eines m�chtigen Magiers. Doch nicht nur die Hexerkr�fte seines Vaters sind auf Robert Craven �bergegangen. Auch der furchtbare Fluch der <emphasis>Gro�en Alten.</emphasis> Craven ist dem Tode geweiht. Es gibt nur einen Weg, den finsteren G�ttern zu entkommen - die Magie eines uralten, sagenumwobenen Buches, in dem der Wahnsinn haust. Zusammen mit seinem Freund H. P. Lovecaft macht er sich auf die Suche nach dem <emphasis>Necronomicon. </emphasis>Doch alles scheint verloren, als die <emphasis>Gro�en Alten </emphasis>Macht �ber den Geist seines Vaters erlangen.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Der Hexer von Salem"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-09">09 April 2012</date><id>EFE3080C-8B8B-4B00-A294-222527D7E691</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Bastei-L�bbe</publisher><city>La Fleche</city><year>1995</year><isbn>ISBN 3-404-25264-0</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p>NEUES VOM HEXER VON SALEM</p><empty-line/><p>Er ist der Sohn eines m�chtigen Magiers. Doch nicht nur die Hexerkr�fte seines Vaters sind auf Robert Craven �bergegangen. Auch der furchtbare Fluch der <emphasis>Gro�en Alten.</emphasis> Craven ist dem Tode geweiht. Es gibt nur einen Weg, den finsteren G�ttern zu entkommen - die Magie eines uralten, sagenumwobenen Buches, in dem der Wahnsinn haust. Zusammen mit seinem Freund H. P. Lovecaft macht er sich auf die Suche nach dem <emphasis>Necronomicon. </emphasis>Doch alles scheint verloren, als die <emphasis>Gro�en Alten </emphasis>Macht �ber den Geist seines Vaters erlangen.</p><empty-line/><p>WOLFGANG HOHLBEIN EDITION im BASTEI L�BBE Taschenbuch-Programm</p><empty-line/><p>25 263 DER HEXER VON SALEM Buch 1</p><p>25 264 NEUES VOM HEXER VON SALEM Buch 2</p><p>25 265 DER HEXER VON SALEM Der Dagon-Zyklus Buch 3</p><p>25 266 DER SOHN DES HEXERS</p><empty-line/><p>Weitere Taschenb�cher von Wolfgang Hohlbein</p><p>13 228 Auf der Spur des Hexers</p><p>13 406 Die Sieben Siegel der Macht</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/><p>NEUES VOM HEXER VON SALEM</p><empty-line/><p>Buch 2</p><empty-line/><p><image l:href="#2"/></p><empty-line/><p>BASTEI-L�BBE-TASCHENBUCH</p><p>Band 25 264</p><empty-line/><p>Erste Auflage: April 1995</p><p>� Copyright 1988/89/90/91/92/93/95 by Bastei-Verlag</p><p>Gustav H. L�bbe GmbH &amp; Co., Bergisch Gladbach</p><p>All rights reserved</p><p>Titelbild: Gabriel Picart</p><p>Umschlaggestaltung: Klaus Blumenberg</p><p>Satz: VID GmbH &amp; Co KG, Villingen-Schwenningen</p><p>Druck und Verarbeitung: Brodard &amp; Taupin, La Fleche, Frankreich</p><p>Printed in France</p><p>ISBN 3-404-25264-0</p><empty-line/></section><section><title><p id="The_Book">Neues vom Hexer von Salem</p></title><p>�ber den D�chern lag noch ein leiser Hauch von Nebel, als ich die Stadt erreichte. Die H�user schienen sich hinter den wogenden Schleiern zu ducken, und obwohl die Sonne bereits vor einer guten Stunde aufgegangen war, war auf den Stra�en weder Mensch noch Tier zu sehen. Nicht das geringste Zeichen von Leben regte sich. Selbst der Wind, der die letzten zwei Stunden meines Weges begleitet hatte, schien zu verstummen, kaum da� ich zwischen die ersten H�user getreten war.</p><p>Ersch�pft blieb ich stehen, setzte die beiden schwergewichtigen Koffer neben mich auf den B�rgersteig und sah mich mit einer Mischung aus Neugier und dumpfer M�digkeit um. Jeder einzelne Knochen in meinem K�rper schien zu schmerzen, und das Gewicht der Koffer hatte mir fast die Schultern aus den Gelenken gerissen. Meine H�nde brannten h�llisch, obgleich ich ein St�ck aus meinem Hemd gerissen und um die Handgriffe der beiden Gep�ckst�cke gewickelt hatte.</p><p>Was ich sah, war auch nicht gerade dazu angetan, meine Laune zu bessern.</p><p>Ich hatte - zumal heute Sonntag war - nach Howards Berichten nicht gerade damit gerechnet, eine vor Leben und Freundlichkeit strotzende Stadt zu finden. Was ich aber jetzt erblickte, erinnerte mich eher an eine ausgestorbene Geisterstadt. S�mtliche Fenster waren geschlossen, und vor den meisten waren zus�tzliche L�den vorgelegt. Nirgends war ein Licht oder ein anderes Anzeichen menschlichen Daseins zu gewahren, und der einzige Laut, den ich h�rte, war ein leises, irgendwie beunruhigendes Rauschen und Wispern, das vom Flu� her�berwehte. Die H�user waren allesamt schmal und wirkten geduckt, und selbst das wenige Gr�n, das hier und da das triste graue Antlitz der Stadt durchbrach, wirkte kr�nklich und bla�.</p><p>Das also war Arkham.</p><p>Der Ort, von dem ich jetzt schon so viel geh�rt hatte und dessen Name meist nur fl�sternd ausgesprochen wurde. Aber vor allem der Ort, an dem ich meinen Freund Howard wiedersehen w�rde.</p><p>Ich nahm meine Koffer wieder auf und ging langsam die Stra�e hinab. Howard hatte mir in dem Brief, den ich vor zwei Monaten erhalten hatte, die Adresse eines Hotels genannt. Der Gedanke an ein weiches Bett und vielleicht sogar ein Bad war im Moment m�chtiger als alle d�steren Bilder.</p><p>Nach einer Weile gewahrte ich das Hotel ein St�ck vor mir. Ich wechselte den schweren Koffer von der Linken in die Rechte (was nicht viel nutzen w�rde, denn die beiden Gep�ckst�cke hatten auf den letzten drei Meilen best�ndig an Gewicht zugenommen und taten es noch) und betrat das Hotel.</p><p>F�r einen ganz kurzen Moment sp�rte ich, wie mein sechster Sinn Alarm schlug. Irgend etwas stimmte hier nicht! Aber dann war das Gef�hl wieder verschwunden. Mein Nervenkost�m schien auch nicht mehr das beste zu sein. Die M�digkeit war wohl daran schuld.</p><p>Mit einem erleichterten Seufzer lie� ich die Koffer neben der T�r stehen, schlurfte mit h�ngenden Schultern zur Rezeption und schlug die Hand auf die kleine Glocke, die auf der zerkratzten Theke stand.</p><p>Es dauerte fast eine Minute, bis endlich hinter mir schlurfende Schritte laut wurden. Ich drehte mich herum und gewahrte einen buckeligen, kahlk�pfigen Alten, der ohne sonderliche Hast herbeigeschlurft kam.</p><p>�Guten Morgen�, sagte ich. �Mein Name ist Craven. Robert Craven. F�r mich m��te ein Zimmer in Ihrem Hotel reserviert sein.�</p><p>Der Alte sagte nichts, schlurfte nur kopfsch�ttelnd an mir vorbei und hinter die Theke. Ich sah, da� seine rechte Hand von der Gicht verkr�ppelt war, und beschlo�, ihm seine Unfreundlichkeit nachzusehen.</p><p>�Zimmer reservieren wir nicht�, murmelte er unfreundlich. �Aber Sie k�nnen eins haben. F�r wie lange?� Er b�ckte sich, holte einen abgewetzten Folianten unter seiner Theke hervor und schlug ihn auf. Die Seiten waren schmutzig und verknickt und mit kleinen Zeilen in einer fast unleserlichen Handschrift �bers�t. Mit zitternden Fingern zog er einen Bleistiftstummel hervor, leckte ihn an und blinzelte aus kleinen roten Augen zu mir hinauf.</p><p>�Ihr Name?�</p><p>�Craven�, wiederholte ich, noch immer um Ruhe und freundliches Auftreten bem�ht. �Robert Craven.�</p><p>�Roooobeeert Craaaven�, wiederholte der Alte gedehnt und begann etwas in sein Buch zu kritzeln, hielt dann aber inne und blinzelte mich wieder an: �Schreibt sich das mit K oder C?� fragte er.</p><p>�Mit einem C�, erwiderte ich. �Einem gro�en, wissen Sie?�</p><p>Meine Geduld war nach einer durchwachten Nacht und einem F�nf-Meilen-Marsch, bei dem ich noch einen halben Zentner Gep�ck hatte mitschleppen m�ssen, ziemlich ersch�pft.</p><p>�Ce-er-e-ef-e-en�, buchstabierte der Alte. �Richtig?�</p><p>�Nein�, schnappte ich. �Ganz einfach Craven. Wie Raven, nur mit einem C vorne. Der Rabe, verstehen Sie?� Ich starrte ihn b�se an, hob die Arme und machte eine flatternde Bewegung.</p><p>Aber wenn der Alte meinen Sarkasmus �berhaupt begriff - was ich bezweifelte -, dann reagierte er nicht darauf. Er zuckte nur mit den Achseln, beendete seine Eintragung und klappte das Buch wieder zu. Dann klaubte er einen Zimmerschl�ssel von dem Bord hinter sich und gab ihn mir.</p><p>�Zimmer dreihundertdrei�, sagte er. �Im dritten Stock. Die Nummer steht an der T�r. Wenn Sie Fr�hst�ck wollen, m�ssen Sie sich am Abend vorher anmelden. Heute ist�s zu sp�t.�</p><p>Der Gedanke an Fr�hst�ck war mir noch nicht einmal gekommen. Alles, was ich wollte, war schlafen. M�de nahm ich den Schl�ssel entgegen, wandte mich halb um und deutete auf die beiden Koffer, die neben der T�r standen.</p><p>�Mein Gep�ck -�</p><p>�M�ssen Sie schon selbst aufs Zimmer bringen�, unterbrach mich der Alte. �Der Hausdiener ist krank, und ich bin zu alt. Und jetzt entschuldigen Sie mich.�</p><p>Ohne mich noch eines weiteren Blickes zu w�rdigen, drehte er sich um und schlurfte geb�ckt davon.</p><p>Ich starrte ihm mit einer Mischung aus Wut und Resignation nach. Howard hatte mich gewarnt, da� die Leute in Arkham seltsam seien; und Fremden gegen�ber nicht immer sehr freundlich. Aber eine Behandlung wie <emphasis>diese </emphasis>in einem Hotel war mir bislang noch nicht untergekommen.</p><p>Also holte ich die Koffer und begann schnaufend - und lautlos in mich hineinfluchend - die steile Treppe hinaufzusteigen.</p><p>Die morschen, gef�hrlich ausgetretenen Stufen �chzten und bebten unter meinem Gewicht, als wolle die gesamte Konstruktion jeden Moment zusammenbrechen, und die Luft roch zunehmend nach Staub und Alter, je h�her ich kam.</p><p>Das Hotel war sonderbar still. Nicht der geringste Laut war zu h�ren, und viele der T�ren standen offen. Die Zimmer dahinter waren leer und unbenutzt.</p><p>Als ich das dritte Stockwerk erreicht hatte, war ich vollkommen sicher, da� mir der Alte dieses Zimmer aus purer Geh�ssigkeit gegeben hatte, nachdem er sah, wie m�de ich war und wieviel Gep�ck ich schleppen mu�te. Ich w�rde mich sp�ter geh�rig �ber ihn beschweren.</p><p>Aber erst, nachdem ich zw�lf Stunden geschlafen hatte.</p><p>Ich betrat das Zimmer, stellte das Gep�ck neben der T�r ab und wankte zum Bett, M�digkeit und Ersch�pfung schlugen wie eine m�chtige, warme Woge �ber mir zusammen, und f�r einen Moment wurde die Verlockung, mich einfach nach hinten sinken zu lassen und die Augen zu schlie�en, fast �berm�chtig.</p><p>Aber Howards Warnung war mir noch immer frisch im Ged�chtnis. Ich war in der N�he des vermutlich einzigen Ortes auf der ganzen Welt, an dem ich vollkommen sicher war. Und gleichzeitig in der Stadt, in der mir die gr��te Gefahr drohte, so absurd der Gedanke im ersten Moment klang.</p><p>M�hsam stand ich noch einmal auf, schlurfte zu meinen Koffern hin�ber und klappte sie auf. Ich fand die beiden K�stchen unter ein paar W�schest�cken vergraben und klappte den Deckel des einen mit einer fast and�chtigen Bewegung auf.</p><p>Sein Inneres war mit blauem Samt ausgeschlagen, auf dem drei kleine, unscheinbar aussehende f�nfstrahlige Sterne aus por�sem grauem Stein lagen. Sie waren nicht viel gr��er als ein Golddollar, und in ihre Oberfl�chen war ein grobes Muster eingeritzt - ein unregelm��iger Rhombus mit einer Art Flammens�ule in der Mitte, die - wenn man zu lange hinsah - hin und her zu wogen schien, als lebe sie.</p><p>Mit spitzen Fingern nahm ich zwei der Steine heraus und legte sie vor der T�r und dem einzigen Fenster auf den Boden.</p><p>Erst dann ging ich zu meinem Bett zur�ck und legte mich auf die zerknautschten Laken.</p><p>Gerade hatte ich die Augen geschlossen, als mir bewu�t wurde, da� ich das Badezimmer vergessen hatte. Ich mu�te es auf Fenster oder einen Hinterausgang �berpr�fen; eine Nachl�ssigkeit konnte ich mir nicht erlauben.</p><p>Wankend vor M�digkeit und mit halb geschlossenen Augen ging ich auf das Bad zu, �ffnete die T�r und tat einen gro�en Schritt in den Raum hinein.</p><p>Da� er keinen Boden hatte, bemerkte ich erst, als mein Fu� ins Leere trat und ich mit haltlos rudernden Armen nach vorne kippte. Die zerborstenen W�nde huschten an mir vor�ber, und mein eigener Schrei hallte wie boshaftes Hohngel�chter in meinen Ohren wider. Verzweifelt warf ich mich herum, bekam etwas Hartes zu fassen und klammerte mich mit aller Gewalt fest.</p><p>Der Ruck schien mir die Arme aus den Gelenken zu rei�en. Ich schrie vor Schmerz, als ein zweiter, noch brutalerer Ruck durch meinen K�rper raste. Meine H�nde glitten an rauhem Holz ab, drohten den Halt zu verlieren und klammerten sich mit verzweifelter Kraft fest. Ein Span ri� mir die Rechte vom Daumen bis zur Handwurzel auf, meine Fingern�gel brachen, und das Blut lie� den Balken glitschig werden, so da� ich erneut abzurutschen begann. Mit aller Kraft, die mir geblieben war, hangelte ich mich nach vorne und versuchte den grausamen Schmerz zu ignorieren, als die Bewegung den Holzspan wie ein Messer noch tiefer in meine Handwurzel trieb. Endlich fand ich Halt an dem Balken, der �ber mir aus der Wand ragte.</p><p>Sekundenlang blieb ich mit geschlossenen Augen so h�ngen und rang verzweifelt nach Atem.</p><p>Erst dann wagte ich es, die Augen zu �ffnen und mich umzusehen.</p><p>Der Anblick lie� mein Herz einen schmerzhaften Satz machen.</p><p>Der Balken, an dem ich im letzten Moment Halt gefunden hatte, war alles, was vom Boden des Zimmers �brig geblieben war. Die Zwischendecke war zusammengebrochen, vielleicht schon vor Jahren, und hatte dabei die gesamte Einrichtung des kleinen Raumes mit sich gerissen. Aus den W�nden ragten die zerfetzten �berreste von Bleirohren und Leitungen wie im Todeskampf verkr�mmte Schlangen. Selbst der Balken, an dem ich hing, war nur noch zu einem Drittel vorhanden. W�re ich zehn Zentimeter weiter nach vorne gest�rzt, h�tten meine H�nde ins Leere gegriffen.</p><p>Meine Beine pendelten frei �ber einem drei Stockwerke tiefen Abgrund. Nicht nur der Boden des Baderaumes war eingest�rzt - die Tr�mmer mu�ten die darunterliegenden Etagen durchschlagen haben. Es war ein t�dlicher, bis in die Kellergeschosse reichender Schacht.</p><p>Und an seinem Grunde bewegte sich etwas!</p><p>Ich vermochte nicht genau zu erkennen, was es war. Die Dunkelheit unter mir wogte und zitterte, als w�re sie zu einer gl�nzenden schwarzen Masse geronnen, und ich glaubte ein leises, unangenehmes Rauschen zu vernehmen.</p><p>Meine H�nde meldeten sich mit pochenden Schmerzen. Ich l�ste meinen Blick von der wogenden Finsternis unter mir, bi� die Z�hne zusammen und versuchte, mich mit einem Klimmzug auf den Balken hinaufzuziehen.</p><p>Aber es blieb bei einem Versuch.</p><p>Meine Schultermuskeln schienen zu explodieren. Der Schmerz war so heftig, da� ich um ein Haar den Halt verlor und mich nur mit letzter Kraft festzuklammern vermochte. Die Bewegung trieb den Holzsplitter noch tiefer in meine Hand. Ich schrie auf und begann wie wild mit den Beinen zu strampeln. Im letzten Moment begriff ich, da� ich auf dem besten Wege war, in Panik zu geraten und so meine letzte Chance zu verspielen.</p><p>W�re ich in der magischen Kunst schon ge�bter gewesen, ich h�tte mich mit Leichtigkeit retten k�nnen. Doch ich stand erst am Anfang des Weges. Das geheimnisvolle Erbe meines Vaters er�ffnete sich mir nur langsam. Ich mu�te mir aus eigener Kraft helfen.</p><p>Ich wartete also, bis meine Muskeln aufgeh�rt hatten, sich wie gl�hende Dr�hte in meinen K�rper fressen zu wollen. Dann bi� ich erneut die Z�hne zusammen, l�ste ganz langsam die rechte Hand von ihrem Halt und versuchte sie zu heben, um den Holzsplitter herauszubekommen. Der Schmerz trieb mir die Tr�nen in die Augen. Warmes Blut lief klebrig an meinem Arm hinunter, aber ich machte weiter, bi� die Z�hne zusammen und bekam den rei�enden Dorn schlie�lich aus dem Fleisch.</p><p>Langsam, unendlich langsam hangelte ich mich an dem Balken entlang auf die offenstehende T�r zu. Die Strecke war nicht weit - vielleicht drei�ig Inch -, aber es h�tten genausogut drei�ig Meilen sein k�nnen. Meine Muskeln begannen, mir den Dienst zu versagen. Der Abgrund unter mir schien an meinen Beinen zu zerren wie ein unsichtbarer Sog.</p><p>Dann h�rte ich das Ger�usch.</p><p>Im ersten Moment klang es wie ein tiefes, m�hevolles St�hnen, dann steigerte es sich zu einem widerw�rtigen Schmatzen und Saugen, gefolgt von einem sonderbar feuchten Schleifen. Ein Gleiten und Tasten, als ...</p><p>Ja - als kr�che etwas zu mir herauf!</p><p>Ein gellender Schrei brach �ber meine Lippen, als ich in die Tiefe sah.</p><p>Der Abgrund unter mir war nicht mehr leer!</p><p>Was ich f�r Dunkelheit gehalten hatte, war in Wirklichkeit eine gigantische, sich windende Masse aus schwarzem Fleisch, ein Nest peitschender Schlangen und Tentakel, das unter mir wogte und zitterte wie schwarze Lava, die aus dem Schlund eines Vulkans emporsteigt.</p><p>Und noch w�hrend ich hinsah, l�sten sich zwei, drei Peitschenarme aus der Masse und griffen mit zitternden unsicheren Bewegungen nach mir!</p><p>Ich schrie auf und hangelte mich mit verzweifelter Kraft auf die T�r zu.</p><p>Ich war nicht schnell genug. Ein dicker, von Narben und Pocken �bers�ter Arm griff an mir vorbei, holte wie in einer sp�ttischen Verbeugung aus und schlug wuchtig gegen die offenstehende T�r. Der Hieb spaltete das Holz und warf sie ins Schlo�.</p><p>Im gleichen Moment ber�hrte etwas beinahe sanft mein rechtes Bein.</p><p>Ich br�llte vor Schrecken und Ekel und ri� verzweifelt den Fu� zur�ck. Ich sp�rte einen harten Ruck, gefolgt von einem Brennen, als w�re meine Haut mit �tzender S�ure in Ber�hrung gekommen. Schwarze Schatten griffen nach meinen Beinen, und der Arm, der die T�r zugeschmettert hatte, n�herte sich mit tastenden Bewegungen meinem Gesicht. Wo er das Holz des Balkens ber�hrte, begann sich d�nner Rauch in die H�he zu kr�useln.</p><p>Ich riskierte alles. Jeden Gedanken an Gefahr und Schmerz ignorierend, spannte ich noch einmal die Muskeln, holte mit den Beinen Schwung - und zog mich auf den Balken hinauf.</p><p>Die peitschenden Arme unter mir griffen ins Leere. F�r einen Moment glaubte ich ein w�tendes, entt�uschtes Zischen zu h�ren, dann verst�rkte sich das Brodeln der schwarzen Masse. Ein ganzer Wald peitschender Tentakel und zitternder Nervenf�den scho� wie eine grausame Flutwelle auf mich zu. Gleichzeitig zuckte der Tentakel, der sich um meinen Balken gewickelt hatte, hoch und schlug nach meinem Gesicht.</p><p>Ich duckte mich, verlor dabei auf dem kaum handbreiten Balken beinahe den Halt und hieb instinktiv mit dem Arm nach dem Ding.</p><p>Es war ein Gef�hl, als h�tte ich in weiches, widerliches warmes Gelee geschlagen. Ein brennender Schmerz zuckte durch meinen Arm, und ein Teil meiner Jacke begann zu schwelen.</p><p>Aber der Hieb hatte das <emphasis>Ding </emphasis>zur�ckgeschleudert.</p><p>F�r einen Moment hatte ich Luft. Mit verzweifelter Kraft richtete ich mich auf, streckte beide Arme aus und machte einen vorsichtigen Schritt auf die geschlossene T�r zu.</p><p>Ein schwarzes Etwas zuckte aus der Tiefe herauf, wickelte sich wie eine Peitschenschnur um mein Bein und ri� daran. Ich fiel zur Seite, verlor das Gleichgewicht, prallte auf den Balken auf und drohte abzurutschen. Instinktiv klammerte ich mich fest, aber der Tentakel zog und zerrte mit unglaublicher Kraft an meinem Bein, und ich sp�rte, wie ich unbarmherzig von meinem Balken herabgezerrt wurde. Mein rechter Fu� schien in Flammen zu stehen. Der Gestank von brennendem Stoff und verkohltem Fleisch erf�llte die Luft.</p><p>Pl�tzlich h�rte ich einen Schrei. Irgendwo �ber mir polterte etwas, dann wurde die T�r mit einem Tritt aufgesprengt, und eine geduckte Gestalt erschien in der �ffnung.</p><p>�Hilfe!� br�llte ich. �Schnell doch - <emphasis>helfen Sie mir!�</emphasis></p><p>Mit dem Mut der Verzweiflung l�ste ich eine Hand von meinem Halt, streckte sie in seine Richtung aus und sp�rte, wie mich der Tentakel ein weiteres St�ck herunterzerrte. Das Schmatzen und Saugen unter mir klang pl�tzlich lauter und gieriger.</p><p>Aber der Fremde dachte nicht daran, meine ausgestreckte Hand zu ergreifen. Statt dessen fuhr er herum, st�rzte davon und verschwand f�r eine schreckliche, endlose Sekunde aus meinem Sichtfeld. Dann tauchte er wieder auf, klammerte sich mit der linken Hand am T�rrahmen fest und beugte sich vor. Ein schwarzer Schlangenarm zuckte in seine Richtung und versuchte sich um seine Beine zu wickeln.</p><p>Der Fremde ignorierte ihn. Seine andere Hand schleuderte irgend etwas Kleines, Graues in die Tiefe.</p><p>Eine halbe Sekunde lang geschah gar nichts. Dann lief ein sp�rbares Zittern durch das Geb�ude. Grauer, �belriechender Dampf scho� wie ein Geysir aus der Tiefe und nahm mir den Atem, und der Gestank von verkohltem Fleisch wurde unertr�glich. Der Schlangenarm l�ste sich mit einer zuckenden Bewegung von meinem Bein und verschmolz mit dem grauschwarzen Brodeln, in das sich die Masse verwandelt hatte.</p><p>Ich hustete. Meine Kr�fte schwanden. Ich sp�rte noch, wie sich meine Hand langsam vom Holz des Balkens l�ste, und glaubte zu sehen, wie der Fremde mit einem erschrockenen �chzen vorsprang und nach meinem Arm griff.</p><p>Dann verlor ich endg�ltig das Bewu�tsein.</p><empty-line/><p>Jemand machte sich schmerzhaft an meiner Hand zu schaffen, als ich erwachte.</p><p>Ich blinzelte, versuchte mich aufzusetzen und gleichzeitig meine Hand zur�ckzuziehen, damit der grausame Schmerz aufh�rte, schaffte aber weder das eine noch das andere. Eine Hand stie� mich mit sanfter Gewalt zur�ck, und eine andere hielt mein rechtes Handgelenk behutsam, aber mit gro�er Kraft fest. Ein dumpfer, pochender Schmerz w�hlte im Rhythmus meines Herzschlages zwischen meinen Schl�fen.</p><p>�Halten Sie still�, sagte eine Stimme. �Es dauert nur noch einen Moment.�</p><p>Ich gehorchte, bi� die Z�hne zusammen, als sich ein neuer, d�nner Schmerz in meinen Arm bohrte, und �ffnete die Augen.</p><p>Ich lag auf dem Bett meines Zimmers. Der Fensterladen war ge�ffnet worden, und das Sonnenlicht stach unangenehm grell in meine Augen. So konnte ich die Gestalt, die neben mir auf der Bettkante sa�, im ersten Moment nur als verschwommenen Schatten gegen das Fenster ausmachen.</p><p>Der Schmerz in meiner Hand erlosch pl�tzlich, und auch das H�mmern hinter meiner Stirn sank auf ein ertr�gliches Ma� herab. Die wirbelnden Schleier vor meinem Blick lichteten sich.</p><p>Der Mann lie� meinen Arm los, setzte sich auf und l�chelte. Und jetzt erkannte ich ihn auch.</p><p>Es war der Unbekannte, der im letzten Moment aufgetaucht war und mich aus dem Schacht gezogen hatte. Sein blondes, fast schulterlanges Haar und das schmalgeschnittene Gesicht waren das letzte gewesen, was ich wahrnahm, ehe mir die Sinne schwanden.</p><p>Noch einmal versuchte ich mich aufzusetzen, und diesmal hinderte mich mein Retter nicht daran.</p><p>�Sie ... Sie haben mir das Leben gerettet�, sagte ich, verwirrt und mit einem Male wieder von einer leisen Spur von Furcht erf�llt. Im gleichen Ma�e, in dem der dumpfe Druck aus meinem Sch�del wich, kehrten die Erinnerungen zur�ck.</p><p>Unwillk�rlich wandte ich den Kopf und blickte zur Badezimmert�r hin�ber. Sie war wieder geschlossen, aber der breite, gesplitterte Ri� in ihrem Holz schien mich wie ein h�hnisches Maul anzugrinsen. Ein eisiger Schauer lief �ber meinen R�cken.</p><p>Der Fremde war meinem Blick gefolgt, und als ich ihn wieder ansah, entdeckte ich eine sonderbare Mischung aus Freundlichkeit und Sorge in seinen Augen.</p><p>�berhaupt wirkte er sehr sanft, fand ich. Sein Gesicht war zart wie das eines M�dchens, und der Blick seiner Augen war sehr weich. Im ersten Moment sch�tzte ich ihn auf einen Knaben von siebzehn, vielleicht achtzehn Jahren. Dann gewahrte ich die d�nnen Linien um seinen Mund und die Augen und sah, da� er �lter war. Zwanzig, vielleicht zweiundzwanzig.</p><p>Pl�tzlich wurde mir bewu�t, da� ich ihn anstarrte. Verlegen senkte ich den Blick und schwang die Beine vom Bett. Meine Muskeln reagierten mit einem w�tenden Bombardement kleiner, stechender Schmerzen auf die pl�tzliche Bewegung.</p><p>Mein Blick streifte den verbrannten Saum meines rechten Hosenbeines, und der Anblick lie� die Erinnerung an einen grausamen Schmerz und den Gestank verschmorten Fleisches in mir aufsteigen.</p><p>Erschrocken beugte ich mich vor, zog das Hosenbein hoch und sah mein Bein an.</p><p>Die Haut unter dem verkohlten Stoff war unverletzt und rosig wie die eines Neugeborenen.</p><p>Einen Moment lang starrte ich das unglaubliche Bild an, dann fuhr ich hoch, hob mit einem Ruck die rechte Hand vor die Augen und drehte sie ungl�ubig.</p><p>Auf meiner Handwurzel war eine d�nne, rote Linie zu sehen, weniger als ein Kratzer. Von der Wunde, die der Holzsplitter in mein Fleisch gerissen hatte, war nichts mehr geblieben.</p><p>Ungl�ubig lie� ich die Hand sinken und starrte meinen Retter an. �Was ... was haben Sie ... getan?� keuchte ich.</p><p>Ein rasches, fast am�siertes L�cheln huschte �ber die Z�ge meines Gegen�bers. �Nichts, wor�ber Sie erschrecken m��ten�, sagte er. �Sie waren ziemlich �bel verletzt. Ich mu�te Ihnen helfen.�</p><p>�Aber das ...� Ich brach ab, starrte abwechselnd meine Hand und das Bein an und sch�ttelte ungl�ubig den Kopf. �Aber das ist doch unm�glich!� keuchte ich. �Das ist ein Wunder!�</p><p>�Mit dem Wort sollte man vorsichtig sein�, sagte mein Retter, und in seiner Stimme war ein sonderbarer Ernst, den ich mir nicht erkl�ren konnte. �Ich habe nichts getan, was nicht zu erkl�ren w�re. Aber es w�re zu kompliziert, w�rde ich es jetzt versuchen. Sind Sie fremd hier in der Stadt?�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis ich dem Gedankensprung zu folgen imstande war. �Ja�, antwortete ich. �Ich ... bin heute morgen angekommen. Wie kommen Sie darauf?�</p><p>�Ich habe Ihr Gep�ck gesehen�, antwortete der junge Mann. �Aber ich frage mich, warum Sie nicht in ein Hotel ziehen. Ihrer Kleidung nach zu schlie�en d�rften Sie es kaum n�tig haben, in einem Abbruchhaus zu schlafen. Oder verstecken Sie sich?�</p><p>�Aber ich <emphasis>bin </emphasis>in einem Ho-�, begann ich, sprach dann aber nicht weiter, sondern blickte mich voller pl�tzlichem Schrecken um. Ich war bisher viel zu verst�rt und benommen gewesen, um wirklich auf meine Umgebung zu achten.</p><p>Ich war in meinem Hotelzimmer, wie ich behauptet hatte - und auch wieder nicht. Der Raum, in dem wir uns befanden, war derselbe.</p><p>Aber wie hatte er sich ver�ndert! Die W�nde waren grau und verfallen; �berall l�sten sich die Tapeten. Da und dort sah der nackte Putz oder graues, von Schwamm zerfressenes Mauerwerk hervor. Der Boden war eingefallen, die Bohlen verquollen und vom Alter geborsten, und durch das glaslose Fenster pfiff der Wind herein. Das Bett, auf dem ich erwacht war, war ein einziges Tr�mmerst�ck, schr�g wie ein gestrandetes Schiff auf nur drei Beinen stehend und mit vermoderten, grauen Fetzen bedeckt.</p><p>Verst�rt sah ich meinen Retter an. �Das ist doch ... unm�glich�, murmelte ich. �Dieses Zimmer war ... war vollkommen in Ordnung, als ich heraufgekommen bin.�</p><p>�Sie m�ssen ein schlimmes Zeug geschluckt haben, heute nacht�, erwiderte er l�chelnd, wurde aber dann sofort wieder ernst. �Ich kenne dieses Haus nicht�, sagte er, �aber so, wie es hier �berall aussieht, mu� es schon seit mindestens zehn Jahren leerstehen.�</p><p>�Aber es war vollkommen intakt, als ich gekommen bin!� protestierte ich. �Ich habe mich an der Rezeption eingetragen und vom Portier den Schl�ssel zu diesem Zimmer bekommen, und ...�</p><p>Ich sprach nicht weiter, als ich den Ausdruck in seinen Augen sah. �Sie ... glauben mir kein Wort, wie?� fragte ich leise.</p><p>Der andere z�gerte. Sein Blick huschte nerv�s �ber die T�r zum Bad und kehrte zur�ck. �Ich wei� nicht, was ich glauben soll�, sagte er schlie�lich. �Nach dem, was ich da drinnen gesehen habe, scheint hier alles m�glich zu sein.�</p><p>Seine Worte erinnerten mich an etwas. Ich ging rasch zur T�r, hob den kleinen, f�nfzackigen Stein auf, den ich als Schutz vor die Schwelle gelegt hatte, und steckte ihn in meine Rocktasche. Dann wandte ich mich um und ging zum Fenster, um den zweiten Stein zu suchen, fand ihn aber nicht.</p><p>�Wenn Sie Ihren <emphasis>Shoggotenstern </emphasis>suchen�, sagte der Fremde ruhig, �dann mu� ich Sie entt�uschen.�</p><p>Ich erstarrte. Seine Stimme hatte sich nicht ver�ndert, sondern klang noch immer so freundlich und sanft wie bisher, aber ich glaubte trotzdem einen mi�trauischen, beinahe lauernden Ton in ihr zu h�ren.</p><p>Mit betont langsamen Bewegungen drehte ich mich zu ihm herum und starrte ihn an. �Was ... meinen Sie damit?� fragte ich gedehnt.</p><p>Der Junge l�chelte. �Ich f�rchte, er ist verloren�, sagte er ruhig. �Ich mu�te ihn opfern, um Ihr Leben zu retten.�</p><p>Ich schwieg einen Moment, starrte ihn an und suchte vergeblich nach einer passenden Ausflucht. Pl�tzlich erinnerte ich mich wieder, da� er irgend etwas in die Tiefe geschleudert hatte, Sekunden, ehe das Ungeheuer verging.</p><p>�Sie ... kennen das Geheimnis dieser Steine?� fragte ich vorsichtig.</p><p>�Nat�rlich�, antwortete er. �W�re es nicht so, h�tte ich Sie kaum retten k�nnen, nicht wahr?� Ein mi�trauisches Funkeln blitzte in den dunklen Augen meines Retters auf. �Wer sind Sie, da� Sie sechs <emphasis>Shoggotensterne </emphasis>und ein ganzes Sammelsurium magischer Utensilien mit sich herumschleppen?�</p><p>�Sie haben -� Mein Blick fiel auf die Koffer, die aufgeklappt am Fu�ende des Bettes standen. Ihr Inhalt war durchw�hlt und zum Teil auf dem Fu�boden verteilt. �Sie haben mein Gep�ck durchsucht?�</p><p>Der andere nickte. �Sicher. Ich wei� immer gerne, mit wem ich es zu tun habe. Sie nicht?�</p><p>�Doch�, antwortete ich, weitaus weniger freundlich als bisher. �Wer sind Sie, zum Beispiel?�</p><p>Der Junge l�chelte. �Jemand, der Ihnen das Leben gerettet hat�, antwortete er. �Und falls Ihnen das noch nicht gen�gt, nennen Sie mich Shannon.�</p><p>�Shannon?� wiederholte ich. �Ist das Ihr Vor- oder Nachname?�</p><p>�Shannon reicht�, antwortete er. �Und jetzt h�ren Sie mit dem Unsinn auf. Ich bin nicht Ihr Feind. Es sieht eher so aus, als h�tten wir gemeinsame Gegner.� Er deutete mit einer Kopfbewegung zum Bad und stand auf. Ich bemerkte, da� er ein gutes St�ck kleiner war als ich. Aber seine Bewegungen waren ungleich geschmeidiger und kraftvoller. Seine schmale Gestalt und die Zartheit seines Gesichtes t�uschten.</p><p>�Wie hei�en Sie eigentlich?� fragte er pl�tzlich. �Ich habe keinerlei Papiere bei Ihnen gefunden.�</p><p>Ich wollte ihm geradeheraus Antwort geben, als sich <emphasis>irgend etwas </emphasis>in meinem Innern str�ubte, ihm meinen richtigen Namen zu nennen. �Jeff�, sagte ich, �Jeff Williams.�</p><p>�Wir sollten zusehen, da� wir aus diesem Haus verschwinden, Jeff�, sagte er. �Jemand k�nnte Ihre Schreie geh�rt haben. Und ich bin nicht sicher, da� <emphasis>es </emphasis>wirklich vernichtet ist. Solange wir in dieser Stadt bleiben, sind wir in Gefahr.�</p><p><emphasis>�Es?� </emphasis>wiederholte ich. �Wovon reden Sie?�</p><p>Shannons Lippen zuckten unwillig. �H�ren Sie auf!� sagte er zornig. �Ich fand Notizen �ber die GROSSEN ALTEN in Ihrem Koffer. Sie haben magische Steine und sind gerade dabei, sich von einem <emphasis>Shoggoten </emphasis>auffressen zu lassen, als ich Sie finde - und Sie wollen mir erkl�ren, Sie w��ten nicht, wovon ich rede?�</p><p>Einen Moment lang blickte ich ihn noch unentschlossen an, dann verscheuchte ich meine Bedenken und l�chelte verlegen. �Sie haben recht, Shannon�, sagte ich. �Tut mir leid. Ich ... bin es nicht gewohnt, mit irgend jemandem so offen �ber dieses Thema reden zu k�nnen, wissen Sie? Ich bin auf dem Weg zur Miscatonic-Universit�t. Ich treffe dort jemanden.�</p><p>�Die Universit�t?� Shannon �berlegte einen Moment. �Warum nicht?� sagte er schlie�lich. �So wie die Dinge liegen, ist das m�glicherweise der einzige Ort, an dem wir sicher sind. Es wird zur�ckkommen, wenn wir hier in der Stadt bleiben. W�rde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie begleite, Jeff?�</p><p>�Nicht im mindesten�, antwortete ich impulsiv.</p><p>Shannon nickte. �Gut�, sagte er. �Es scheint, als h�tten wir nicht nur gemeinsame Feinde, sondern auch gemeinsame Interessen. Ich ... bin n�mlich aus dem gleichen Grunde hier in der Stadt wie Sie. Ich suche jemanden.�</p><p>�So?� sagte ich, ging an ihm vorbei und begann meine Kleider zusammenzuraffen und in einen Koffer zu stopfen. �Und wen?�</p><p>Shannon ging neben mir in die Hocke und r�umte den zweiten Koffer ein. �Einen Freund�, sagte er. �Aber Sie werden ihn nicht kennen, wenn Sie nicht aus Arkham sind.�</p><p>�Vielleicht kann ich Ihnen trotzdem helfen�, sagte ich. �Ich kenne einige einflu�reiche Leute von der Universit�t. Sie k�nnten Erkundigungen einziehen. Wie ist der Name Ihres Freundes?�</p><p>Shannon hielt f�r einen Moment in seinem Tun inne, sah mich an und l�chelte erneut. �Craven�, sagte er. �Robert Craven.�</p><empty-line/><p>�Ihr habt Nachricht von Shannon?�</p><p>DeVries� Stimme klang unangenehm und schneidend wie immer, und es war ein ungeduldiger, fordernder Ton darin, den Necron nicht gewohnt war und der seinen Zorn weckte. DeVries hatte seine Kammer betreten, ohne anzuklopfen, und dabei hatte Necron die beiden M�nner aus seiner Leibgarde bemerkt, die drau�en auf dem Gang Aufstellung genommen hatten. Zudem trug er sein Schwert offen am G�rtel.</p><p>Jeder einzelne dieser drei Ungeheuerlichkeiten h�tte unter normalen Umst�nden vollends ausgereicht, DeVries aus der Festung zu jagen oder ihn gar zu t�ten. Aber die Umst�nde waren nicht normal, und DeVries war ein m�chtiger Mann. Nicht durch das, was er darstellte oder konnte, sondern durch sie, die hinter ihm standen. Necron hatte lange �berlegt, ob er den Handel mit ihm �berhaupt eingehen sollte. Aber den Preis, den DeVries als Einstand in ihr B�ndnis bot, war zu verlockend. Und die Macht, die hinter ihm stand, zu fremd und unberechenbar, um sie sich zu Feinden zu machen.</p><p>Jedenfalls jetzt noch nicht.</p><p>�Nein�, antwortete Necron mit einiger Versp�tung. �Ihr m��t Geduld haben, DeVries. Er hat Arkham erreicht, aber es wird dauern, bis er Robert Craven gefunden hat. Verge�t nicht, da� er der Sohn eines Magiers ist.�</p><p>DeVries pre�te unwillig die Kiefer aufeinander, was den scharfen, raubtierhaften Zug seines Gesichts noch verst�rkte. �Warum habt Ihr mich dann rufen lassen?� fragte er.</p><p>Necron runzelte die Stirn, lehnte sich zur�ck und deutete auf einen freien Stuhl auf der anderen Seite des Tisches. DeVries nahm widerwillig Platz.</p><p>�Es ist etwas geschehen�, begann Necron. �Etwas, das ein Zusammenarbeiten unserer beiden Gruppen vielleicht wichtiger als zuvor macht.�</p><p>�So?� murmelte DeVries. �Und was? St�rzt der Himmel ein?�</p><p>�M�glicherweise�, antwortete Necron, vollkommen ernst. �M�glicherweise auch Schlimmeres. Ihr habt mir erz�hlt, da� Ihr befugt seid, f�r die M�chtigen Eurer Gruppe zu reden und Entscheidungen zu treffen. Ist das richtig?�</p><p>�Nat�rlich�, schnappte DeVries. �Aber -�</p><p>Necron unterbrach ihn mit einer raschen Handbewegung. Der Blick seiner alten, harten Augen wurde noch ernster, und es war etwas darin, ein Ausdruck von solcher Besorgnis und - ja, und fast Furcht -, was DeVries tats�chlich verstummen lie�.</p><p>�Ich bin mir des Risikos dessen, was ich jetzt tue, vollkommen bewu�t�, sagte Necron. �Doch ich f�rchte, mir bleibt keine andere Wahl mehr. Bisher haben Eure und unsere Gruppen nebeneinander existiert, und keiner hat die Kreise des anderen gest�rt. Jetzt ist etwas geschehen, was uns zwingt, zusammenzuarbeiten. Als gleichberechtigte Partner.�</p><p>Necron bem�hte sich, mit unver�nderter Stimme zu reden, aber er konnte trotzdem nicht verhindern, da� der Triumph, den er bei den letzten Worten empfand, in seiner Stimme mitschwang.</p><p>DeVries starrte ihn an. �Als ... gleichberechtigte Partner?� vergewisserte er sich. �Hei�t das, da� Ihr die Aufnahme in unsere Reihen abschlagen wollt? Jetzt, wo Ihr erhalten habt, was wir Euch geboten haben? Wollt Ihr uns betr�gen?�</p><p>�Nicht betr�gen�, verbesserte ihn Necron sanft. �Aber die Voraussetzungen haben sich ge�ndert, DeVries. Bisher wart ihr st�rker als wir, obgleich diese Frage niemals wirklich gekl�rt worden ist.�</p><p>DeVries zuckte zusammen. Die Drohung in den Worten des kahlk�pfigen Alten war ihm nicht entgangen. Aber er schwieg.</p><p>�Jetzt haben wir etwas zu bieten, was uns gleichwertig macht�, fuhr Necron fort. �Ihr seid uns an Zahl und St�rke noch immer �berlegen, aber wir haben etwas, das dieses Manko mehr als nur ausgleicht.�</p><p>DeVries lachte rauh. �Und was soll das sein?�</p><p>�Informationen�, antwortete Necron. �Wissen, DeVries. Ein Wissen, das vielleicht unser aller Leben retten kann. Vielleicht sogar das der ganzen menschlichen Rasse.�</p><p>DeVries lachte erneut, aber es klang unsicher. Er schien zu sp�ren, da� es Necron ernst meinte.</p><p>�Redet�, sagte er schlie�lich.</p><p>Necron nickte. �Das werde ich tun, DeVries. Ich wollte die Dinge nur klarstellen. Ich offenbare Euch damit eines der bestgeh�teten Geheimnisse unserer Bruderschaft. Habt Ihr� - er z�gerte unmerklich und fuhr dann fort, ohne den dunkelhaarigen Flamen direkt anzublicken - �schon einmal den Namen der GROSSEN ALTEN geh�rt, DeVries?�</p><p>DeVries �berlegte einen Moment und sch�ttelte dann den Kopf. �Niemals. Wer soll das sein?�</p><p>Necron �berging seine Frage, als h�tte er sie nicht geh�rt. �Ich will Euch eine Geschichte erz�hlen�, begann er. �Eine uralte Geschichte, die �ber Generationen und Generationen hinweg von den Mitgliedern unserer Bruderschaft bewahrt wurde. Danach werdet Ihr besser verstehen, was ich meine.�</p><p>Er schwieg einen Moment, lehnte sich zur�ck, fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und begann mit leiser, monotoner Stimme zu erz�hlen ...</p><empty-line/><p><emphasis>�Die Welt war jung, und das Licht Sonne hatte noch kein Leben geboren, als sie von den Sternen kamen.</emphasis></p><p><emphasis>Sie waren G�tter, gewaltige Wesen, unbeschreiblich und b�se und bar jeder Empfindung, die nicht Ha� oder Tod war.</emphasis></p><p><emphasis>Sie kamen auf den Wegen, die durch die Schatten f�hrten, und setzten ihren Fu� auf eine Erde, die kahl und tot war. Und sie nahmen sie in Besitz, wie sie zuvor schon Tausende von Welten in Besitz genommen hatten, manchmal f�r kurze Zeit, manchmal f�r Ewigkeiten, ehe sie wieder gingen und in ihr kaltes Reich zwischen den Sternen zur�ckkehrten, um Ausschau nach neuen Welten zu halten, �ber die sie ihre scheu�lichen H�upter erheben konnten.</emphasis></p><p><emphasis>Sie - das waren die, DEREN NAMEN MAN NICHT AUSSPRECHEN SOLL, will man nicht in Gefahr laufen, sie zu rufen und den Preis f�r ihr Kommen zu zahlen, der schrecklich ist.</emphasis></p><p><emphasis>Nur die wirklich Wissenden sollen es wagen, sie zu rufen, und auch sie m�gen auf der Hut sein.</emphasis></p><p><emphasis>Sie nannten sich selbst die GROSSEN ALTEN, und sie waren finstere, blasphemische G�tter, oder doch zumindest Wesen, deren Macht der von G�ttern gleichkommt.</emphasis></p><p><emphasis>Allen voran stand CTHULHU, der oktopoide Herr des Schreckens und der Schatten, ein Wesen, dessen Element das Meer ist, der sich aber genauso m�helos an Land oder auch in der Luft fortzubewegen vermag.</emphasis></p><p><emphasis>Ihm zur Seite, und nicht viel geringer an Macht und Bosheit, stehen YOGSHOGOT, der Alles-in-einem-und-einer-in-Allem, AZATOTH, der Blasenschlagende-im-Zentrum-der-Unendlichkeit. SHUDDEMELL, der Ewig-Eingegrabene-und-Herrscher-�ber-die-Erde-und-die-finsteren-Reiche-der-H�hlen, SHUBNIGGURATH, die Schwarze-Ziege-mit-den-tausend-Jungen, und letztlich NYARALATOTHEP, die Bestie-mit-den-tausend-Armen.</emphasis></p><p><emphasis>Aber auch andere; Wesen von geringerer Macht, trotzdem noch schrecklich wie G�tter in ihrem Zorn. Wendigo, der auf den Winden geht, Glaaki, der Kometengeborene, der unaussprechliche Hastur und Tsathoggua, Yibb-Tsstl, der flammende Cthugha, Shodagoi, die ChoCho ...</emphasis></p><p><emphasis>Ihre Zahl ist Legion, und ein jeder war schrecklich genug, ein Gott zu sein. �onenlang herrschten sie �ber die Erde, und um ihre Macht aus�ben zu k�nnen, erschufen sie schreckliche Gesch�pfe aus verbotenem Protoplasma, widerw�rtige Kreaturen, deren Gestalt sie nach Belieben formen konnten und die ihre H�nde und Arme, ihre Beine und Augen wurden.</emphasis></p><p><emphasis>Aber so m�chtig die GROSSEN ALTEN auch waren, so gering war ihre Voraussicht.</emphasis></p><p><emphasis>Millionen um Millionen Jahre herrschten sie �ber die Erde und ihre Kreaturen, und sie merkten nicht, da� die, die sie selbst erschaffen hatten, sich gegen sie aufzulehnen und Pl�ne gegen ihre Herrschaft zu schmieden begannen.</emphasis></p><p><emphasis>Dann kam es zum Krieg.</emphasis></p><p><emphasis>Die unterdr�ckten V�lker der Erde, allen voran die Shoggoten, die die GROSSEN ALTEN selbst erschaffen hatten, standen gegen die finsteren G�tter auf und versuchten ihr Joch abzusch�tteln. Die Erde brannte, und der Krieg der Giganten verw�stete ihr Antlitz in einer einzigen, feurigen Nacht.</emphasis></p><p><emphasis>DIE GROSSEN ALTEN siegten, doch dabei r�hrten sie an M�chte, die zu mi�brauchen selbst ihnen verboten war. Ihr blasphemisches Tun rief andere, m�chtigere Gottheiten von den Sternen herbei, die �LTEREN G�TTER, die seit Urzeiten im Bereich der Sonne Beteigeuze schlafen und �ber das Wohl und Wehe des Universums wachen.</emphasis></p><p><emphasis>Sie mahnten die GROSSEN ALTEN, in ihrem Tun innezuhalten und nicht an der Sch�pfung selbst zu r�hren.</emphasis></p><p><emphasis>Aber in ihrem Machtrausch mi�achteten die GROSSEN ALTEN selbst diese letzte Warnung und lehnten sich gegen die �LTEREN G�TTER auf, und abermals kam es zum Krieg, einem gewaltigen Kr�fteringen derer, die von den Sternen gekommen waren, und derer, die noch dort lebten.</emphasis></p><p><emphasis>Die Sonne selbst verdunkelte ihr Antlitz, als die M�chte des Lichtes und die der Finsternis aufeinanderprallten. Eine der zehn Welten, die ihre Bahn um sie zogen, zerbarst zu Millionen Tr�mmern, und die Erde gerann zu einem flammenden Brocken aus Lava.</emphasis></p><p><emphasis>Schlie�lich siegten die �LTEREN G�TTER, aber nicht einmal ihre Macht reichte aus, die GROSSEN ALTEN zu vernichten, denn was nicht lebt, verm�gen nicht einmal die G�tter zu t�ten.</emphasis></p><p><emphasis>Und so verbannten sie die GROSSEN ALTEN vom Antlitz dieses verw�steten Sternes.</emphasis></p><p><emphasis>CTHULHU ertrank in seinem Haus in R�Lyhe und liegt seit �onen auf dem Grunde des Meeres.</emphasis></p><p><emphasis>SHUDDEMEL wurde verschlungen von feuriger Lava und Fels, und all die anderen Kreaturen und Wesen wurden verstreut in alle Winde und verbannt in finstere Kerker jenseits der Wirklichkeit.</emphasis></p><p><emphasis>Zweimal hundert Millionen Jahre sind seither vergangen, und seit zweimal hundert Millionen Jahren warten sie, denn das ist nicht tot, das ewig liegt, bis da� der Tod die Zeit besiegt ...� </emphasis></p><empty-line/><p>Eine lange Zeit, nachdem Necron mit seiner Erz�hlung zu Ende gekommen war, herrschte Schweigen in dem kleinen Raum. Der alte Mann hatte sehr langsam gesprochen und immer wieder lange Pausen eingelegt, in denen sein Geist in den Bereichen zwischen der Wirklichkeit zu wandeln schien. �ber der Festung war die Sonne untergegangen; die Dunkelheit und K�lte waren in die Kammer gekrochen, und es schien, als h�tte sich mit ihnen noch ein anderer, d�sterer Hauch �ber den Raum und die beiden ungleichen M�nner gelegt, etwas wie ein unheimliches, lautloses Echo auf die Worte Necrons.</p><p>DeVries richtete sich ein wenig im Stuhl auf und sah Necron scharf an. Die Erz�hlung des alten Hexenmeisters hatte ihn st�rker ber�hrt, als er zugeben wollte. Er f�hlte sich beunruhigt, auf eine Weise, die er selbst nicht zu erkl�ren vermochte.</p><p>Es war, als h�tten die Worte des Alten etwas in ihm ber�hrt, ein tiefes, verborgenes Wissen geweckt, das die ganze Zeit �ber da gewesen war, ohne da� er es wu�te.</p><p>�Das war ... sehr interessant�, brach er schlie�lich das bedr�ckende Schweigen, das zwischen ihnen lastete. �Eine wahrhaft erschreckende Geschichte, Necron. Warum habt Ihr sie mir erz�hlt?�</p><p>Necron sah ihn eine Weile schweigend an, ehe er antwortete, und in seinem Augen stand ein Ausdruck, der DeVries� Unwohlsein noch verst�rkte.</p><p>�Weil es mehr ist als eine Geschichte�, sagte er schlie�lich. �Es ist die Wahrheit, DeVries. Alles ist so geschehen, wie ich es Euch erz�hlt habe. Und noch vieles mehr.�</p><p>DeVries schluckte nerv�s. �Selbst ... selbst wenn es so w�re�, sagte er nerv�s. �Warum erz�hlt Ihr mir all dies, Necron? Was soll ich mit Geschichten �ber Wesen, die seit zweihundert Millionen Jahren tot sind?�</p><p>�Nicht tot�, verbesserte ihn Necron. �<emphasis>Das ist nicht tot, das ewig liegt, bis da� der Tod die Zeit besiegt�, </emphasis>wiederholte er die letzten Worte seiner Erz�hlung. �Sie schlafen nur, DeVries. Sie schlafen und warten.�</p><p>�Und nun ...�, begann DeVries stockend. Der Schrecken in seiner Seele wuchs. �Was ... was meint Ihr? <emphasis>Redet!�</emphasis></p><p>�Und nun�, sagte Necron und atmete scharf und h�rbar ein, �ist die Zeit des Wartens f�r sie vorbei, DeVries. Sie beginnen zu erwachen.�</p><empty-line/><p>Es wurde nahezu Mittag, ehe wir uns auf den Weg zur Miscatonic-Universit�t machten.</p><p>Mein neuer Weggef�hrte hatte mir geholfen, mein Gep�ck aus dem Haus und in das <emphasis>wirkliche </emphasis>Arkham-Hotel zu schaffen, das der Ruine gegen�ber auf der anderen Stra�enseite lag. Und dann hatte ich das Haus zum ersten Mal so gesehen, wie es wirklich aussah: eine Ruine, seit einem Jahrzehnt oder mehr dem Verfall anheimgegeben und nur noch von Ratten und Spinnen bewohnt.</p><p>Die Treppe, �ber die ich nach oben gestiegen war, war an vielen Stellen durchgesackt, das Gel�nder zerborsten und selbst die Stufen hier und da von gro�en, g�hnenden L�chern zerrissen. Im nachhinein kam es mir wie ein Wunder vor, da� ich mir nicht schon auf dem Weg nach oben den Hals gebrochen hatte.</p><p>Die Halle, in der ich mich eingetragen und mit dem Alten gesprochen hatte - nein, zu <emphasis>sprechen geglaubt </emphasis>hatte, denn nichts von dem, was ich gesehen und erlebt zu haben glaubte, war wirklich gewesen -, erwies sich als gro�er, von Tr�mmern und Unrat �bers�ter Raum. Die Decke war an einer Seite niedergebrochen, so da� der Blick ungehindert bis zu dem durchl�cherten Dachstuhl hinauf reichte.</p><p>Ein Trugbild. Alles war nichts als eine Illusion gewesen; L�ge und T�uschung, eine der zahllosen Waffen unserer Feinde.</p><p>Im nachhinein war es mir ein R�tsel, da� ich die Falle nicht erkannt hatte. Irgend jemand - oder etwas - mu�te meine �berm�deten Sinne beeinflu�t haben, meine magischen F�higkeiten blockiert.</p><p>Erst im Hotel kam mir wirklich zu Bewu�tsein, wie knapp ich dem Tode (oder vielleicht Schlimmerem) entronnen war. W�re Shannon nicht im buchst�blich letzten Moment aufgetaucht, h�tte mein geplantes Wiedersehen mit Howard ein vorzeitiges Ende im Grab gefunden.</p><p>Ich zog mich rasch um und ging wieder in die Halle hinunter, wo mich Shannon bereits erwartete. Auch er hatte ein Zimmer im gleichen Haus angemietet, und als ich die Treppe hinunterging, stand er an der Rezeption und unterhielt sich mit dem Portier.</p><p>Als ich neben ihn trat, brach er mitten im Wort ab, verabschiedete sich von dem verbl�fft dreinblickenden Hotelangestellten und deutete zur Stra�e hinaus.</p><p>�Machen wir uns auf den Weg�, sagte er. �Es ist ein gutes St�ck bis zur Universit�t.�</p><p>Ich nickte, trat durch die gl�serne Schwingt�r auf den B�rgersteig hinaus und sah mich neugierig um. Die Stadt war zum Leben erwacht: da und dort hastete jemand geb�ckt �ber das Trottoir oder die Stra�e, ein einzelner Wagen qu�lte sich knarrend �ber das ausgefahrene Kopfsteinpflaster, und der Wind trug den klagenden Laut einer Glocke heran.</p><p>Trotzdem wirkte der Ort auf schwer zu fassende Weise gel�hmt; wie in Angst.</p><p>�Haben Sie Ihren Freund gefunden?� erkundigte ich mich, als Shannon ebenfalls aus dem Hotel trat und neben mir stehenblieb.</p><p>Shannon verneinte. �Leider nicht. Er hat ein Zimmer hier im Hotel reservieren lassen, scheint aber noch nicht eingetroffen zu sein. Der Portier wu�te auch nicht genau, wann er eintreffen w�rde.�</p><p>Ich hatte M�he, in aller Harmlosigkeit zu nicken. Ich hatte mich unter dem falschen Namen im Hotel eingetragen und auf Shannons neugierige Fragen geantwortet, da� ich aus New York k�me und einen Studienfreund hier in Arkham zu besuchen w�nschte.</p><p>Er hatte mir die Geschichte geglaubt; der n�selnde New Yorker Slang, den ich w�hrend des gr��ten Teiles meiner Jugend gesprochen hatte, ging mir noch immer glatt von der Zunge. Das magische Erbe meines Vaters hat mich zudem schon immer dazu bef�higt, auf Anhieb zu erkennen, ob mich mein Gegen�ber bel�gt oder die Wahrheit spricht. Au�erdem besa� ich manchmal schier unglaubliches �berzeugungstalent, wohl auch ein Teil meines magischen Erbes.</p><p>Howard hatte einmal bemerkt, da� er mich f�r f�hig hielte, mich zum Pr�sidenten der Vereinigten Staaten hochzuschwindeln. Ich war mir bis zum heutigen Tage nicht sicher, ob seine Worte wirklich so scherzhaft gemeint waren, wie sie geklungen hatten.</p><p>Im Moment war ich froh, �ber diese Gabe zu verf�gen. Shannon hatte mir l�ngst nicht alles �ber sich erz�hlt, und es interessierte mich doch, ein wenig mehr �ber einen Mann zu wissen, der behauptete, ein guter Freund von mir zu sein, und dessen Namen und Gesicht ich an diesem Morgen zum ersten Mal geh�rt und gesehen hatte.</p><p>Nebeneinander gingen wir los. Die Sonne war h�her gestiegen und brannte auf die H�gel Neu-Englands herab, aber mir war trotzdem kalt. Ich bemerkte, da� auch Shannon die H�nde in die Hosentaschen gesteckt hatte und mit angezogenen Schultern und leicht vorn�ber gebeugt ging, als friere er. Es war, als kr�che etwas aus den Schatten heraus in unsere Seelen und lie� sie erstarren. Shannon hob immer wieder den Blick und sah sich rasch und fast gehetzt nach beiden Seiten um. Er wirkte nerv�s.</p><p>�Ist es weit bis zur Universit�t?� fragte ich; weniger aus wirklicher Neugier, als vielmehr, um �berhaupt etwas zu sagen.</p><p>�Zwei, drei Meilen�, antwortete Shannon nach kurzem �berlegen. �Jedenfalls sagt das der Portier.� Er grinste.</p><p>�Hoffentlich ist er nicht so b�sartig wie der, an den Sie heute morgen geraten sind, Jeff.�</p><p>Ich blickte ihn mit einer Mischung aus Trauer und Betroffenheit an. �Sie glauben mir immer noch nicht, wie?�</p><p>Shannon zuckte mit den Achseln. �Um ehrlich zu sein, ich wei� es nicht�, antwortete er. �Sie sind ... seltsam, Jeff. Normalerweise wei� ich immer sofort, mit wem ich es zu tun habe. Bei Ihnen stehe ich vor einem R�tsel.�</p><p>�Danke, gleichfalls�, erwiderte ich. �Aber trotzdem - warum lassen wir nicht das alberne <emphasis>Sie! </emphasis>Immerhin haben wir einige Gemeinsamkeiten.�</p><p>Shannon nickte. �Gerne, Jeff. Aber trotzdem: Ihre - <emphasis>deine - </emphasis>Geschichte gef�llt mir nicht besonders. Wie bist du �berhaupt in dieses Haus geraten?�</p><p>�Ich habe das Hotel gesucht. Wenn ich jemanden um Auskunft h�tte fragen k�nnen ... aber die Stadt war ja wie tot.�</p><p>Shannon lachte heiser. �Arkham ist keine ... normale Stadt, wei�t du?� sagte er. �Ich bin zum ersten Mal hier, aber ich habe schon viel �ber diese Stadt geh�rt. Und ihre Bewohner.�</p><p>�Und was?� erkundigte ich mich.</p><p>Shannon schwieg einen Moment, und ich sp�rte, da� es ihm bereits leid tat, das Thema �berhaupt angeschnitten zu haben. �Dies und das�, sagte er schlie�lich ausweichend. �Fremde meiden die Stadt, und ihre Einwohner sind nicht beliebt. Und <emphasis>sie </emphasis>ihrerseits m�gen keine Fremden.�</p><p>Er blieb pl�tzlich stehen und deutete nach rechts. Direkt vor uns gabelte sich die Stra�e in einen breiten, gut gepflasterten Fahrweg und eine schmale Nebenstra�e, die nach wenigen Dutzend Schritten vor einem h�lzernen Landungssteg endete. Ich hatte bisher nicht einmal bemerkt, da� wir uns dem Flu� gen�hert hatten.</p><p>�Der Miscatonic River�, erkl�rte Shannon. �Die Universit�t liegt am anderen Ufer, noch eine gute Meile entfernt. Aber es ist k�rzer, wenn wir ihn hier bereits �berschreiten. Dort unten liegt ein Boot, das jedermann benutzen darf - so lange er es in ordentlichem Zustand zur�ckgibt.�</p><p>F�r einen Mann, der zum ersten Mal in Arkham war, wu�te er eine ganze Menge, fand ich. Aber ich schwieg auch diesmal, nickte nur und folgte ihm zum Flu� hinab.</p><p>Der Miscatonic war breiter, als ich geglaubt hatte. Auf der Karte, die ich w�hrend der dreiw�chigen Schiffspassage von England nach Nordamerika studiert hatte, war er nicht mehr als ein d�nner, kaum erkennbarer Strich gewesen - jetzt offenbarte er sich als gewaltiger, beinahe eine halbe Meile breiter Strom, dessen Fluten mit erstaunlicher Geschwindigkeit dahinflossen. Ein machtvolles Rauschen schlug uns entgegen, und als ich auf den Steg hinaustrat, sah ich, da� seine Oberfl�che hier und da gekr�uselt war; wie von Strudeln oder Felsen, die sich dicht darunter verbargen.</p><p>Ein k�hler, leicht modrig riechender Hauch schlug uns von der Wasseroberfl�che entgegen. Dicht neben dem Steg schaukelte ein kleines, nicht sehr vertrauenerweckendes Ruderboot auf den Wellen.</p><p>Shannon sprang ohne ein weiteres Wort in das Boot hinab. Er balancierte einen Moment lang mit gespreizten Beinen und ausgebreiteten Armen die Ersch�tterung aus und winkte mir grinsend, ihm zu folgen. In diesem Moment erschien er mir mehr denn je wie ein gro�er, fr�hlicher Junge.</p><p>Und gleichzeitig sp�rte ich deutlicher denn je, da� sich hinter seinem m�dchenhaft zarten Kindergesicht ein Geheimnis verbarg.</p><p>Vielleicht ein t�dliches Geheimnis.</p><p>Ich folgte ihm - weit weniger elegant, aber daf�r sicherer -, nahm auf der Bank ihm gegen�ber Platz und griff wortlos nach einem der beiden Ruder. Shannon ergriff das andere und l�ste das Haltetau.</p><p>Die Str�mung erwies sich als st�rker, als ich geglaubt hatte, und sofort brauchten wir unseren ganzen Atem, um das Boot vorw�rts zu rudern und nicht allzuweit vom Kurs abgetrieben zu werden.</p><p>Ich war froh, nicht mit Shannon reden zu m�ssen. Insgeheim zerbrach ich mir bereits den Kopf dar�ber, wie ich verhindern konnte, da� Shannon meine wahre Identit�t erfuhr, sobald wir die Miscatonic-Universit�t erreicht hatten.</p><p>Irgend etwas sagte mir, da� es wichtig f�r mich war, mich Shannon gegen�ber nicht zu erkennen zu geben. Vielleicht lebenswichtig.</p><empty-line/><p>Shannon war verwirrt. Zum ersten Mal in seinem Leben war er einem Menschen begegnet - mit Ausnahme des <emphasis>Meisters </emphasis>selbst -, den er nicht durchschauen konnte.</p><p>Er hatte es versucht, immer und immer wieder, am Morgen, w�hrend er Jeff dabei half, seine Kleider in die Koffer zu stopfen, vorher, als er bewu�tlos auf dem Bett gelegen hatte, und auch hinterher, w�hrend sie nebeneinander durch die stillen Stra�en Arkhams gingen.</p><p>Das Ergebnis war stets das gleiche gewesen.</p><p>Nichts.</p><p>Es war, als pralle er gegen eine unsichtbare Wand, jedesmal, wenn er versuchte, in Jeffs Geist einzutauchen, hinter seine Stirn zu sehen und zu erkennen, wer dieser Mann <emphasis>wirklich </emphasis>war.</p><p>Einen Moment lang hatte er gar geargw�hnt, da� es der sein k�nne, nach dem er suchen sollte. Aber dieser Gedanke war absurd, und er verwarf ihn im gleichen Moment wieder, in dem er ihm gekommen war. Jeff war viel zu jung, und die Beschreibung, die ihm der <emphasis>Meister </emphasis>gegeben hatte, war ...</p><p>Auch das war etwas Sonderbares. Shannon hatte noch nie in seinem Leben etwas <emphasis>vergessen. </emphasis>Er erinnerte sich an jeden Augenblick, jedes Wort, das er jemals mit jemandem gewechselt hatte, jedes Buch, jede Zeile, die er gelesen, ja, jeden Gedanken, den er jemals gedacht hatte. All dieses Wissen war da, bereit, da� er nach ihm griff und sich seiner bediente.</p><p>An die Beschreibung von Roderick Andaras Sohn konnte er sich nicht erinnern.</p><p>Jedesmal wenn er es versuchte, schien eine unsichtbare Hand durch sein Denken zu fahren und das Bild fortzuwischen, als wache irgend etwas eifers�chtig �ber seine Gedanken und verhindere, da� sie in eine bestimmte Richtung gingen.</p><p>Aber selbst dieser Gedanke entglitt ihm, ehe er ihn richtig fassen oder auch nur wirklich mi�trauisch werden konnte.</p><p>Das Boot hatte mittlerweile die Mitte des Flusses erreicht. Die Str�mung wurde st�rker, und f�r eine Weile bedurfte es Shannons ganzer Konzentration, sich gegen die Ruder zu stemmen und der Str�mung Widerstand zu leisten.</p><p>Er bemerkte die Gefahr beinahe zu sp�t.</p><p>Etwas K�rperloses, Eisiges schien wie kalter Wind �ber den Flu� zu streifen, und dann versp�rte er einen scharfen Schmerz, wie einen Stich in seinen Gedanken.</p><p>Shannon fuhr auf, lie� das Ruder fahren und drehte mit einem Ruck den Kopf.</p><p>Auf dem gegen�berliegenden Ufer des Miscatonic war eine Gestalt erschienen. Der Mann war zu weit entfernt, als da� Shannon Einzelheiten erkennen konnte, aber er schien auf erschreckende Weise d�ster und bedrohlich. An seinem Kopf war etwas Helles, das Shannon nicht genau identifizieren konnte, das ihn aber vage an etwas erinnerte.</p><p>Shannon hob die Hand, murmelte ein Wort der MACHT und schlo� f�r eine halbe Sekunde die Augen.</p><p>Als er die Lider wieder hob, hatte sich die Welt vor ihm ver�ndert. Sie war zu einem schwarzwei�en Negativbild geworden, durchzogen von grauen, pulsierenden Linien wie in einem gigantischen Spinnennetz. Hier und da ballten sich diese Linien, bildeten Knoten und pulsierende graue Nester - und eines dieser Machtzentren lag direkt �ber dem Fremden mit dem sonderbar hellen Haar!</p><p>Pl�tzlich fiel Shannon auf, wie viele der grauen Schattenlinien von der Gestalt des Fremden aus direkt ins Wasser liefen.</p><p>Aber die Erkenntnis kam zu sp�t.</p><p>Tief unter dem kleinen Boot erwachte ein m�chtiger Schatten. Shannons warnender Schrei ging im Krachen splitternden Holzes unter, als das Boot von einer unsichtbaren Faust getroffen und in St�cke geschlagen wurde.</p><empty-line/><p>Schon den ganzen Tag �ber hatte Howard eine sonderbare Unruhe versp�rt, eine Art von Sorge, das Empfinden einer nur vage f�hlbaren Gefahr, die es ihm unm�glich machte, sich auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren.</p><p>Selbst jetzt, w�hrend er Professor Lengley zuh�rte (oder es wenigstens versuchte), w�hlte und grub eine starke Unruhe in ihm. Die Worte des grauhaarigen kleinen Professors entglitten ihm immer wieder, und er ertappte sich ein paarmal dabei, zu nicken oder zu antworten, ohne �berhaupt verstanden zu haben, was Lengley gesagt hatte.</p><p>Schlie�lich hielt Lengley in seiner Rede inne, sch�ttelte den Kopf und begann sich eine Pfeife zu stopfen. Umst�ndlich nahm er sich Feuer, sog am Mundst�ck, bis der Tabak im Kopf der geschnitzten Bruyere-Pfeife wie ein kleiner roter Vulkan aufleuchtete, und blies eine dicke Rauchwolke durch die Nase aus.</p><p>�Sie sind unaufmerksam, mein Freund�, sagte er. �Ich frage mich, ob Sie etwas bedr�ckt?�</p><p>Howard sah mit einem fast schuldbewu�ten L�cheln auf und blickte einen Moment an Lengley vorbei aus dem Fenster. Es war fast Mittag. Von hier, aus der W�rme und Sicherheit von Lengleys kleinem Studierzimmer hoch unter dem Dach des Hauptgeb�udes der Miscatonic-Universit�t betrachtet, wirkte das sanft gewellte Wald- und H�gelland t�uschend friedlich.</p><p>Aber Howard glaubte die Bedrohung zu f�hlen, die sich hinter der Fassade von Ruhe und Beschaulichkeit verbarg.</p><p>�Ich ... bin nur ein wenig ungeduldig�, antwortete er auf Lengleys Frage.</p><p>�Wegen Ihres jungen Freundes?� Lengley nahm die Pfeife aus dem Mund, l�chelte und lehnte sich kopfsch�ttelnd zur�ck.</p><p>�Er wollte schon gestern abend hier sein�, antwortete Howard. �In dem Telegramm, das er mir geschickt hat, hat er extra darum gebeten, das Zimmer schon f�r die vergangene Nacht zu reservieren.�</p><p>�Er ist jung�, sagte Lengley, als w�re dies schon Antwort genug. �Und ein halber Tag Versp�tung ist nicht viel f�r ein so gro�es Land wie unseres.�</p><p>Howard nickte. Nat�rlich hatte Lengley recht - es gab tausend Gr�nde, die f�r Roberts Versp�tung verantwortlich sein konnten, und keiner davon war gef�hrlich.</p><p>Und trotzdem glaubte er zu sp�ren, da� da noch etwas anderes war ... Er dachte den Gedanken nicht zu Ende. Das Gef�hl von Unsicherheit und Verwirrung wurde immer st�rker. Er hatte einfach das Gef�hl, etwas <emphasis>tun </emphasis>zu m�ssen.</p><p>Aber er wu�te nicht, was.</p><p>�Warum verschieben wir unsere Unterhaltung nicht auf den Abend?� schlug Lengley pl�tzlich vor. �Sie k�nnten nach Arkham gehen und sich nach Ihrem Freund erkundigen. So wie die Dinge stehen, ist es vielleicht ohnehin besser, wenn er an unserem Gespr�ch teilnimmt.� Er l�chelte, klopfte seine Pfeife aus und erhob sich.</p><p>Auch Howard stand auf und verlie� das Zimmer.</p><p>Einen Moment �berlegte er ernsthaft, ob er tats�chlich einen Wagen nehmen und nach Arkham fahren sollte, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Robert w�rde sich melden, sobald er die Stadt erreicht hatte, daran zweifelte er nicht. Das Telegramm, das er ihm vor zweieinhalb Monaten nach London geschickt hatte, war dringend genug gewesen.</p><p>Howard begann ziellos durch die scheinbar endlosen, verwinkelten G�nge und Korridore des Universit�tsgeb�udes zu wandern. Jetzt, am Sonntag, war das Haus bis auf einige Unerm�dliche verwaist und leer, und seine Schritte schienen lauter und hallender als normal von den W�nden widerzuhallen.</p><p>Selbst er, der diese Universit�t nun schon seit so vielen Jahren kannte und regelm��ig besuchte, hatte sich noch nicht vollends an den d�steren, irgendwie an Alter und Verfall erinnernden Hauch gew�hnt, der seinen Mauern innewohnte. Ganz egal, ob die Sonne schien oder Dunkelheit herrschte - den Geb�uden schien stets eine Atmosph�re von Gruft und Alter anzuhaften. Selbst die gro�e, sonnenbeschienene Empfangshalle erinnerte an einen Friedhof.</p><p>Die Miscatonic-Universit�t war nicht gro�, und es war eine besondere Art von Studenten, die an ihr lernten, so wie ihre Professoren und Dozenten einem ganz bestimmten Menschenschlag angeh�rten. Die meisten Fremden, die hierher kamen, begannen sich schon nach kurzem unwohl zu f�hlen und gingen fr�her oder sp�ter wieder.</p><p>Aber vielleicht war das auch gut so. Denn nicht alles, was an der Universit�t gelehrt wurde, stand auf den offiziellen Lehrpl�nen der Regierung. Drei oder vier der F�cher hatten - gelinde ausgedr�ckt - ein ziemlich starkes Befremden bei den offiziellen Stellen ausgel�st.</p><p>Howards Schritte f�hrten ihn - ohne da� er sich dessen selbst bewu�t war - in einen kleinen, abseits gelegenen Flur im hinteren Teil des Geb�udes. Erst als er vor einer gro�en, geschlossenen T�r aus geschnitztem Holz stand, schrak er auf, sah sich verwirrt um und streckte schlie�lich die Hand nach der Klinke aus.</p><p>Der Raum hinter der T�r war erstaunlich gro� und in graue D�mmerung geh�llt. Vor den Fenstern hingen schwere, samtene Vorh�nge, die nur schmale Streifen flackernder Helligkeit hereinlie�en. Die Einrichtung - die zum gro�en Teil aus deckenhohen, bis zum Bersten gef�llten B�cherregalen und -schr�nken bestand - war nur als schwarzer Schatten zu erkennen.</p><p>Howard schob die T�r hinter sich ins Schlo�, lehnte sich dagegen und sah sich unschl�ssig um. Er war nicht sicher, ob es wirklich Zufall gewesen war, da� er seine Schritte hierher gelenkt hatte. Dieser Raum war so etwas wie das Allerheiligste der Universit�t. Die dicht an dicht stehenden Regale und Vitrinen beherbergten die wahrscheinlich gr��te Sammlung okkulter und zum Teil sogar verbotener B�cher, die es in diesem Teil der Welt gab.</p><p>Und der Stahlschrank, der sich hinter einem der Regale verbarg, barg noch andere Dinge; Dinge, an die er lieber nicht dachte.</p><p>Z�gernd l�ste sich Howard von seinem Platz, ging ein paar Schritte in den Raum hinein und sah sich unschl�ssig um. Nein, er glaubte jetzt wirklich nicht mehr, da� er durch eine Laune des Zufalls hierhergekommen war. Vielmehr hatte er pl�tzlich das Gef�hl, von irgend etwas <emphasis>gerufen </emphasis>worden zu sein.</p><p>Pl�tzlich glaubte er eine Bewegung zu erkennen. Es war nichts Konkretes, sondern nur ein rasches Huschen und Wirbeln, als h�tten sich die Schatten bewegt, aber es war auch zu deutlich sp�rbar gewesen, um eine T�uschung zu sein.</p><p>Howard ging z�gernd in die Richtung, in der er die Bewegung gesehen hatte, und blieb abermals stehen. An diesem Teil der W�nde befanden sich alte, in kostbare Goldrahmen gefa�te Bilder, die historische Pers�nlichkeiten, aber auch Honoratioren und F�rderer der Universit�t zeigten.</p><p>Eines davon bildete einen vielleicht f�nfzigj�hrigen, schlank gewachsenen Mann ab. Er war elegant gekleidet und trug einen schmalen Spazierstock in den H�nden, dessen gro�er Knauf aus einer Art Kristall zu bestehen schien. Sein Gesicht war schmal, fast asketisch, und um den Mund, der von einem scharf ausrasierten Kinnbart eingefa�t war, lag ein entschlossener, beinahe verbitterter Zug. Seine Augenbrauen waren schmal und eckig, was ihm einen Hauch von D�sternis verlieh, und �ber seinem rechten Auge war eine breite Str�hne seines Haares schlohwei� geworden, eine Str�hne in der Form eines gezackten Blitzes, die bis �ber den Scheitel hinaufreichte.</p><p>Roderick Andara ... dachte Howard. Wie oft hatte er schon hier gestanden und das Bild seines Freundes angeblickt in den elf Monaten, die er nun in der Universit�t weilte? Wie oft hatte er mit dem Bild geredet, ihm seine Sorgen und N�te anvertraut, so, wie er es fr�her bei Roderick gekonnt hatte? Jetzt war Andara tot, schon seit �ber zwei Jahren, und alles, was Howard von dem einzigen Freund geblieben war, war dieses Bild. Dieses Bild - und ein Junge von f�nfundzwanzig Jahren, der die Macht seines Vaters geerbt hatte: Robert Craven. Die Nachricht von Rodericks Tod hatte Howard ersch�ttert wie der Verlust eines Bruders. Der, der ihm diese Nachricht gebracht hatte, war Andaras Sohn gewesen, der Erbe seiner magischen Macht ... Und etwas von dem, was Howard mit Roderick verloren hatte, war in seinem Sohn zu ihm zur�ckgekehrt. Der Meister war tot, aber der Hexer lebte weiter. Es w�rde lange dauern, bis Robert Craven sein Erbe so weit entwickelt hatte, da� er an die F�higkeiten seines Vaters heranreichte, aber Howard sp�rte, da� er es schaffen w�rde. Er war jung und ungeduldig und verstand vieles nicht, aber er w�rde lernen. Und er, Howard, w�rde ihm dabei helfen, so gut er nur konnte.</p><p>Und nicht nur, weil er es seinem Vater schuldig war.</p><p>L�nger als f�nf Minuten stand er so reglos da, blickte das gro�formatige �lgem�lde an und schwieg. Dann seufzte er, senkte den Blick und wollte sich abwenden.</p><p>Als er die Drehung halb beendet hatte, sah er die Bewegung erneut. Und diesmal sah er auch, woher sie kam - n�mlich <emphasis>direkt </emphasis>aus dem Bild Andaras!</p><p>Es war nicht mehr als ein rasches Verbiegen und Wogen der Wirklichkeit, ein Zucken, als betrachte er das gemalte Gesicht des Hexers f�r einen Moment durch klares, schnell flie�endes Wasser hindurch. Aber es war da, deutlich und sichtbar.</p><p>Und dann h�rte er die Stimme ...</p><p>Es war nur ein k�rperloses Fl�stern, ein Wispern wie das Rascheln des Windes in den Baumwipfeln, aber es erklang <emphasis>direkt in seinen Gedanken, </emphasis>und es waren die Worte, die ihn erstarren lie�en, nicht die Art, in der sie gesprochen wurden.</p><p><emphasis>Howard, </emphasis>fl�sterte die Geisterstimme, <emphasis>du mu�t Robert helfen! Er ist in Gefahr! In gro�er Gefahr!</emphasis></p><p>Howard erstarrte. Noch einmal zuckte und wogte die Wirklichkeit vor ihm, dann erlosch der bizarre Effekt, und das Bild erstarrte wieder zur Bewegungslosigkeit.</p><p>Aber der Ausdruck in den gemalten Augen Roderick Andaras hatte sich ver�ndert und wirkte jetzt erschrocken, beinahe voller Angst.</p><p>Pl�tzlich h�rte Howard die Stimme noch einmal, und diesmal schwang ein fast panischer Ton darin mit, ein Ton so voller Angst und Furcht, da� Howard ein rasches, eisiges Fr�steln versp�rte.</p><p><emphasis>Hilf ihm, Howard! </emphasis>flehte die Stimme. <emphasis>Mein Sohn ist in Gefahr, aber ich bin nicht stark genug, ihn allein retten zu k�nnen. Ich flehe dich an, hilf ihm! HILF MEINEM SOHN!</emphasis></p><p>Howard starrte das Bild noch eine halbe Sekunde lang an, dann fuhr er herum, ri� die T�r auf und st�rmte mit weit ausgreifenden Schritten aus dem Geb�ude.</p><empty-line/><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich Shannons Stimme zu h�ren, die irgend etwas schrie, dann traf eine unsichtbare Titanenfaust das Boot, hob es zehn, f�nfzehn Fu� weit in die H�he und zermalmte es.</p><p>Der Flu� schien zu explodieren. Ich f�hlte mich hochgerissen und herumgewirbelt, f�nf, zehn Meter weiter fast waagerecht durch die Luft geschleudert und dann mit m�rderischer Kraft in den Flu� zur�ckgeworfen. Das Wasser verwandelte sich durch die schiere Wucht meines Sturzes in eine Glasscheibe, aber die gleiche Titanenfaust, die das Boot gepackt und mich davongeschleudert hatte, h�mmerte mich jetzt hindurch und pre�te mich tief unter Wasser. Ich bekam Wasser in die Luftr�hre und begann zu w�rgen. Noch immer wurde ich herumgewirbelt, und noch immer pre�te mich der Sog weiter unter Wasser. Rings um mich herum tanzte der Flu�, kochendes graues Wasser und sprudelnder Schaum, und vor meinen Augen begannen rote Ringe zu tanzen. Meine Lungen brannten, und eine unsichtbare Gewalt legte sich wie ein st�hlerner Reif um meine Brust und zog sich erbarmungslos zusammen.</p><p>Ich mu�te mich konzentrieren, mu�te dieses wirbelnde Chaos unter meine Kontrolle bekommen! Und ich mu�te an die Oberfl�che! Mit Armen und Beinen fing ich die irrsinnige Kreiselbewegung, in die mich der Sog gezwungen hatte, f�r einen Moment auf und sah die Wasseroberfl�che wie einen tanzenden silbernen Himmel eine Armesl�nge �ber mir.</p><p>Mit aller Kraft stie� ich mich ab, durchbrach den Flu� und schnappte nach Luft.</p><p>Der erste Atemzug f�llte meine Lungen mit k�stlichem, s��em Sauerstoff und sprengte die t�dliche Klammer, die sich um meine Rippen gelegt hatte.</p><p>Der zweite sp�lte brackiges Wasser in meinen Mund.</p><p>Erneut wurde ich unter Wasser gedr�ckt, k�mpfte mich wieder hoch und spie Wasser aus. Eine neue Welle sp�lte sch�umend heran, aber diesmal registrierte ich die Gefahr rechtzeitig und duckte mich unter der heranrollenden Woge weg. Keuchend und wasserspuckend kam ich wieder an die Oberfl�che und �ffnete die Augen.</p><p>Der Anblick lie� mich aufst�hnen.</p><p>Das Boot war verschwunden, und etwa drei Fu� rings um mich herum schien der Miscatonic zu kochen wie ein sprudelnder H�llenpfuhl. Eine unabl�ssige Folge lautloser Explosionen lie� seine Oberfl�che immer und immer wieder aufbrechen, schleuderte zehn, zwanzig Meter hohe Geysire aus sch�umendem Wasser in die Luft und ri� L�cher in die Flu�oberfl�che, br�llende Strudel, die sich mit irrsinniger Geschwindigkeit drehten, bis sie nach Sekunden von den zusammenschlagenden Wassermassen geschlossen wurden. Da und dort barsten faustgro�e Blasen im Flu�, und der Wind trug einen warmen stickigen Hauch mit sich, der mir bewies, da� der Miscatonic, nicht nur <emphasis>scheinbar </emphasis>kochte.</p><p>Der bizarre Effekt war auf einen relativ kleinen Bereich beschr�nkt - ein grob kreisf�rmiges Gebiet von vielleicht f�nfzig Metern Durchmesser, an dessen �u�erer Peripherie ich mich befand. Das war wahrscheinlich der einzige Grund, aus dem ich noch lebte. Im Zentrum dieses sprudelnden H�llenpfuhls kochte das Wasser und spie grauen Dampf aus, und selbst in meiner unmittelbaren N�he wurde der Miscatonic bereits merklich w�rmer.</p><p>Ich warf mich auf den R�cken, schwamm mit ein paar hastigen St��en aus der unmittelbaren Gefahrenzone und hielt nach Shannon Ausschau. Alles war so unglaublich schnell gegangen, da� ich bisher nicht einmal Zeit gefunden hatte, auch nur an ihn zu denken.</p><p>Aber von dem Jungen war keine Spur zu entdecken.</p><p>Die Str�mung begann sich allm�hlich st�rker bemerkbar zu machen und schob mich wie eine sanfte, aber kraftvolle Hand wieder auf den kreisf�rmigen Bereich sprudelnden Wassers zur�ck. Ich stemmte mich dagegen und versuchte verzweifelt, irgendein Lebenszeichen meines Retters zu gewahren. Da und dort tanzten zerborstene Planken und Holzsplitter auf den Wellen - alles, was von unserem Boot geblieben war -, aber Shannon schien von den Fluten des Miscatonic verschlungen worden zu sein.</p><p>Und dann sah ich Shannon!</p><p>Er war keine drei�ig Meter von mir entfernt, aber er h�tte genausogut auf dem Mond sein k�nnen.</p><p>Denn er befand sich genau im Zentrum der sch�umenden Wassermassen, dort, wo der Flu� noch immer tobte und das Wasser zischend zu Dampf und Nebel verkochte!</p><p>Er lebte, warf sich verzweifelt hin und her und schlug mit den Armen um sich, als k�mpfe er gegen unsichtbare Fesseln an, aber ich zweifelte nicht daran, da� ich seinem Todeskampf zusah. Die Temperatur des Miscatonic mu�te da, wo er sich befand, weit �ber dem Siedepunkt liegen, und ich sah, da� sich sein K�rper immer wieder wie in Kr�mpfen wand.</p><p>Und dann h�rte ich seine Stimme!</p><p>Er schrie, gellend und in h�chster Todesangst, stie� unmodulierte, f�rchterliche T�ne und Laute aus - und br�llte dazwischen immer und immer wieder meinen Namen!</p><p><emphasis>�Jeff!� </emphasis>schrie er. <emphasis>�Hilf mir! So hilf mir doch!�</emphasis></p><p>Es waren Schreie, wie ich sie niemals zuvor in meinem Leben geh�rt hatte.</p><p>Eine endlose Sekunde blieb ich, wo ich war, und starrte den tobenden Hexenkessel vor mir an - und kraulte los, so schnell ich konnte.</p><p>Direkt in den Kreis aus brodelndem Wasser hinein.</p><p>Der Flu� zog und zerrte mit unsichtbaren H�nden an mir, die Str�mung schlug wie mit F�usten auf mich ein, und der wirbelnde Sog wollte mich abermals ergreifen und in die Tiefe zerren. Das Wasser wurde warm, dann hei�, aber ich schwamm weiter, keuchend vor Anstrengung. Eine lautlose Stimme fl�sterte mir zu, da� es Wahnsinn war, was ich tat, da� ich auf dem besten Wege war, Selbstmord zu begehen - aber ich <emphasis>mu�te </emphasis>Shannon helfen.</p><p>Rings um mich herum siedete das Wasser, und aus der Tiefe stiegen immer wieder sprudelnde Str�me noch hei�eren Wassers auf, als w�re auf dem Grund des Miscatonic ein Vulkan ausgebrochen. Der hei�e Dampf verbr�hte mein Gesicht und schnitt wie fl�ssiges Feuer in meine Lungen, wenn ich atmete, aber ich k�mpfte mich weiter, stemmte mich gegen die unsichtbaren H�nde, die mich zur�cksto�en wollten.</p><p>Mit einem winzigen, klar gebliebenen Teil meines Denkens begriff ich endlich, da� ich l�ngst h�tte tot sein m�ssen. Das Wasser, in dem ich schwamm, hatte den Siedepunkt erreicht, und die Schl�ge, die mir der Flu� versetzte, waren die gleichen, die zuvor unser Boot zerschmettert hatten. Irgend etwas sch�tzte mich noch. Nicht <emphasis>meine </emphasis>Kraft, sondern ...</p><p>Aber ich hatte nicht die Zeit, den Gedanken weiter zu verfolgen. In meinen Ohren gellten noch immer Shannons verzweifelte Hilferufe, vielleicht nur noch eingebildet, denn er mu�te l�ngst tot sein, verbr�ht und zerschmettert von den Gewalten, die rings um uns in den Wassern tobten. Aber ich schwamm weiter, k�mpfte mich z�h und halb blind vor Schmerz weiter und auf die Stelle zu, an der er sein mu�te.</p><p>Dann sah ich ihn.</p><p>Er lebte noch, aber seine Bewegungen waren bereits merklich schw�cher geworden, und sein Gesicht und seine H�nde schienen eine einzige, f�rchterliche Brandwunde zu sein.</p><p>Mit einer letzten Anstrengung warf ich mich vor, schrie seinen Namen und streckte die H�nde nach ihm aus.</p><p>Eine unsichtbare Faust traf mich, schleuderte mich zur�ck und dr�ckte mich mit grausamer Kraft in den Flu�. Ich schluckte Wasser, k�mpfte mich wieder an die Oberfl�che und rang keuchend nach Luft.</p><p>Direkt vor mir spritzte der Flu� auseinander, als h�tte ihn ein titanischer Hammerschlag getroffen. Die Druckwelle schleuderte mich weiter zur�ck, weiter fort von Shannon, und wieder dauerte es Sekunden, ehe ich mich an die Oberfl�che gerungen und wieder Luft bekommen hatte.</p><p>Aber ich gab nicht auf. Mit aller Kraft, die ich noch aufbringen konnte, konzentrierte ich mich wieder, schuf in dem tobenden Chaos, das in meinen Gedanken herrschte, eine winzige Insel der Ruhe - und <emphasis>f�hlte.</emphasis></p><p>Nicht nur der Flu� tobte. Die Luft �ber dem brodelnden Wasser war erf�llt von einem unsichtbaren Gewitter tobender, magischer Energien. Was ich erlebte, war keine Naturkatastrophe, sondern ein Angriff mit magischen Mitteln, eine Attacke von Kr�ften, die unsichtbar und unbegreiflich und t�dlich waren!</p><p>F�r einen einzigen Moment glaubte ich ein gewaltiges, pulsierendes Netz aus grauen F�den zu erkennen, das sich �ber und <emphasis>im </emphasis>Flu� spannte.</p><p>Ich warf mich wieder nach vorne und schwamm erneut auf Shannon los. Als ich ihn erreichte, kam der n�chste Angriff. Diesmal aber war ich vorbereitet. Ich schlo� die Augen und konzentrierte mich mit aller Macht darauf, den Angriff abzulenken.</p><p>Wieder fuhr ein hei�er, j�her Schmerz durch mein Gehirn, dann f�hlte ich ein sanftes, irgendwie k�rperloses Beben und Vibrieren, und Sekunden darauf zerbarst die Wasseroberfl�che unter einem weiteren gigantischen Hieb.</p><p>Aber nicht mehr vor mir, sondern sechzig, achtzig Meter entfernt, weit au�erhalb des Kreises aus brodelndem Wasser! Ich hatte es geschafft - der Schild hatte den Angriff abgelenkt!</p><p>Shannons Bewegungen hatten fast aufgeh�rt. Sein Gesicht war von Schmerz und Anstrengung verzerrt, aber sein Blick war sonderbar leer. Er sah mich an, aber er reagierte nicht, als ich seinen Namen schrie und die Hand ausstreckte. Dann fiel er nach hinten und begann unterzugehen.</p><p>Ich warf mich nach vorne, atmete tief ein und tauchte hinter ihm her.</p><p>Sein K�rper zeichnete sich als dunkler Schatten unter mir ab, wie eine Gliederpuppe, die haltlos in der Str�mung treibt. Er sank, viel schneller, als es normal war, fast, als w�rde ihn etwas in die Tiefe zerren, und aus seinem offenstehenden Mund stieg Luft in glitzernden Blasen.</p><p>Ich bekam seinen Arm zu fassen und k�mpfte mich wieder zur Oberfl�che empor.</p><p>Aber die gleiche Kraft, die Shannon in die Tiefe gezerrt hatte, versuchte mich nun am Auftauchen zu hindern. Unsichtbare H�nde zerrten an meinen Beinen, rissen und zogen an Shannons K�rper und versuchten, ihn meinem Griff zu entwinden.</p><p>Und dann, ganz pl�tzlich, lie� der Druck nach. Ich scho� regelrecht nach oben, durchbrach die Wasseroberfl�che und zog Shannons reglosen K�rper mit mir.</p><p>Das Wasser hatte aufgeh�rt zu kochen, und der bizarre Amoklauf des Miscatonic hatte uns auf weniger als f�nfzig Meter an sein jenseitiges Ufer getrieben.</p><p>Ich war v�llig entkr�ftet, als ich das Ufer erreichte. Mit letzter Anstrengung kroch ich auf den schmalen Sandstreifen hinauf. Ich zerrte Shannon, der pl�tzlich Tonnen zu wiegen schien, so weit aus dem Flu�, da� sein Gesicht und Oberk�rper aus dem Wasser waren, und brach vollends zusammen.</p><p>Minutenlang lag ich reglos und mit pfeifenden Lungen da, rang nach Atem und k�mpfte gegen die schwarze Woge an, die meine Gedanken verschlingen wollte.</p><p>Schlie�lich stemmte ich mich wankend auf H�nde und Knie hoch, wandte mich um und sah aus tr�nenden Augen zu Shannon hin�ber.</p><p>Er lag noch genauso da, wie ich ihn zur�ckgelassen hatte: verkr�mmt, das Gesicht halb im feuchten Sand vergraben, Arme und Beine in grotesken Winkeln abgespreizt und mit geschlossenen Augen. Was sich ver�ndert hatte, war das Ufer selbst.</p><p>Der Anblick war grauenhaft und faszinierend zugleich. Der Sand, auf dem Shannon lag, schien auf bizarre Weise zum Leben erwacht zu sein. Kleine Strudel und Wellen liefen durch seine Oberfl�che, winzige, zuckende Bewegungen, als huschten K�fer oder Ameisen unter dem Sand entlang. Der Boden zuckte, wand und bog sich, klaffte zu winzigen, fingerbreiten Spalten und Rissen auseinander ... und barst rings um Shannons Kopf auseinander.</p><p>Dann begann er einzusinken.</p><p>Als w�re unter dem Sand eine H�hle, die pl�tzlich einst�rzte, bildete sich unter Shannons Gesicht ein flacher, kreisf�rmiger Krater, an zwei Stellen durch d�nne Kan�le mit dem Flu� verbunden, so da� das Wasser sprudelnd hineinstr�mte.</p><p>Als ich aus meiner Erstarrung erwachte, war Shannons Gesicht schon halb unter Wasser, und die Fluten des Miscatonic begannen seinen Mund zu f�llen.</p><p>Ich schrie auf, warf mich nach vorne und zerrte ihn in die H�he und ein St�ck vom Flu� weg.</p><p>Wenigstens wollte ich es.</p><p>Irgend etwas hielt ihn fest. Ich bekam seinen Kopf aus dem Wasser heraus, aber sein K�rper r�hrte sich nicht, sondern blieb unverr�ckbar im Flu�, als hielten ihn unsichtbare Arme fest.</p><p>Meine Gedanken �berschlugen sich. Der Krater, der sich unter Shannons Gesicht gebildet hatte, wuchs rasend schnell. Schon lag sein ganzer Oberk�rper in einer flachen, aber rasch tiefer werdenden Pf�tze, und auch unter meinen Knien begann der Sand zu knistern und einzusinken. Der Flu� holte sich sein Opfer zur�ck!</p><p>Ich sprang auf, legte Shannon so hin, da� sein Gesicht wenigstens noch f�r Augenblicke �ber Wasser blieb, und sprang mit einem Satz in den Flu�. Meine H�nde tasteten an seinem Leib entlang, fanden seine Beine, glitten tiefer - und stie�en auf ein Hindernis!</p><p>Shannons Beine waren bis �ber die Waden hinauf im Morast des Flu�grundes versunken! Und noch w�hrend ich fassungslos dastand, ging ein sanfter Ruck durch seinen Leib, und sein rechtes Knie glitt in den Boden. Der Flu� saugte ihn auf, zerrte ihn wie t�dlicher Sumpf in die Tiefe hinab!</p><p>Mit einem Schrei fiel ich auf die Knie und begann zu graben, schaufelte und hieb den Schlamm des Flu�grundes zur Seite.</p><p><emphasis>La� es, Robert.</emphasis></p><p>Eine endlose, qu�lende Sekunde lang blieb ich wie versteinert sitzen, gel�hmt von der Stimme und den Worten. Sie waren direkt in meinen Gedanken erklungen, lautlos und wispernd wie ein Ruf aus dem Jenseits, aber das war es nicht, was mich erstarren lie�.</p><p>Es war die Tatsache, da� ich diese Stimme kannte.</p><p><emphasis>La� es, Robert, </emphasis>sagte sie noch einmal. <emphasis>Du kannst ihn nicht retten.</emphasis></p><p>Langsam, mit einer erzwungen ruhigen, fast verkrampften Bewegung, wandte ich mich um und sah zum Ufer zur�ck.</p><p>Wenige Schritte �ber mir stand ein Mann. Sein K�rper wirkte sonderbar d�ster und bedrohlich gegen den grellen Hintergrund der Sonne, zugleich aber auch beinahe transparent und flackernd, als w�re er nur ein Schatten. So, wie er stand, konnte ich sein Gesicht nicht erkennen, aber das war auch nicht n�tig.</p><p>Ich wu�te, da� seine Z�ge den meinen stark �hnelten; da� er das gleiche, scharf geschnittene Gesicht hatte wie ich, den gleichen penibel gestutzten Kinnbart und die gleichen dunklen, manchmal stechend wirkenden Augen.</p><p>Wenn ich mir die Farbe aus dem Haar wusch, mit der ich mich eigens f�r diese Reise getarnt hatte, w�rde ich sogar die gleiche, gezackte, wei�e Haarstr�hne �ber der rechten Braue haben, denn abgesehen von drei�ig Jahren Altersunterschied �hnelte ich dem Mann wie ein Zwilling dem anderen.</p><p>Oder wie ein Sohn seinem Vater.</p><p>Denn der Mann, der vor mir stand, <emphasis>war </emphasis>mein Vater.</p><p>Roderick Andara. Mein Vater, den ich erst vor zwei Jahren kennengelernt hatte.</p><p>Und der kurz darauf in meinen Armen gestorben war.</p><empty-line/><p>�Er hat versagt!�</p><p>DeVries� Stimme zitterte vor Wut, und sein Gesicht, das normalerweise bla� und immer irgendwie krank aussah, hatte sich vor Zorn ger�tet. Seine Rechte lag auf dem kreuzf�rmigen Griff des Schwertes, das er am G�rtel trug. Necron hatte den sicheren Eindruck, da� der dunkelhaarige Flame sich nur mit M�he beherrschte. Instinktiv spannte er sich und bereitete sich auf einen m�glichen Angriff vor. Nicht, da� er wirklich damit rechnete; DeVries wu�te sehr gut, da� Necron mit weltlichen Waffen so gut wie nicht zu verletzen und schon gar nicht zu t�ten war. Und da� allein ein solcher Versuch sein sicheres Todesurteil gewesen w�re.</p><p>Aber DeVries war von Sinnen vor Zorn.</p><p>�Er hat versagt, Necron!� zischte er noch einmal. �Ihr habt versagt. Er h�tte ihn t�ten k�nnen, und statt dessen hat er Craven das Leben gerettet! Ist das die Art, in der Ihr Eure Absprachen haltet, Necron?�</p><p>Necron hielt DeVries� Blick gelassen stand. �Ihr wi�t, was geschehen ist?� fragte er in interessiertem Tonfall. �Woher?�</p><p>�Woher spielt keine Rolle!� zischte DeVries.</p><p>�Dann wi�t Ihr auch, da� Shannon nicht f�r seinen Fehler verantwortlich zu machen ist�, entgegnete Necron ruhig. �Er wurde get�uscht. Craven steht unter dem Schutz m�chtiger magischer Kr�fte.�</p><p>�Die gerade dabei sind, ihn umzubringen, ja�, schnappte DeVries geh�ssig. �Was bedeutet das alles, Necron? Welches Spiel versucht Ihr mit mir zu spielen?�</p><p>�Spiel?� Necrons linke Augenbraue rutschte ein St�ck seine Stirn hinauf. �So ... w�rde ich es nicht bezeichnen�, sagte er gedehnt.</p><p>DeVries machte eine zornige Handbewegung. �Es ist mir v�llig egal, welche Worte Ihr daf�r findet, alter Mann�, sagte er b�se. �Ihr k�nnt die Worte verdrehen, aber nicht die Tatsachen. Was geschieht hier? Ich bin mit einem ehrlichen Angebot zu Euch gekommen, aber ich habe allm�hlich das Gef�hl, da� Ihr vorhabt, uns zu hintergehen. Treibt es nicht zu weit, Necron!�</p><p>�Hintergehen?� Necron seufzte. �Ich w��te nicht, wie, mein Freund. Ihr habt Euren Teil der Abmachung gehalten und uns den Erben des Magiers gebracht. Was wir mit ihm tun, ist unsere Sache.�</p><p>�O nein�, erwiderte DeVries gereizt. �Das ist es nicht. Das Abkommen lautete, da� Ihr Craven zu vernichten habt. Erst, wenn das geschehen ist, gilt unser Pakt. Oder habt Ihr es Euch anders �berlegt?�</p><p>�Keineswegs�, antwortete Necron kalt. �Aber vielleicht erweitere ich meine Forderung und verlange noch Euren Kopf dazu, DeVries. Ich glaube nicht, da� Ihr wichtig genug seid, um nicht geopfert werden zu k�nnen.� Pl�tzlich wurde seine Stimme schneidend. �Ihr seid hier in meinem Haus, DeVries. �berlegt Euch lieber zweimal, ob Ihr mich beleidigen wollt oder nicht. Mein Wort gilt, und das wi�t Ihr! Also h�tet Eure Zunge, wenn Ihr nicht Gefahr laufen wollt, sie zu verlieren.�</p><p>DeVries erstarrte f�r einen Moment, und in die Zornesr�te auf seinem Gesicht mischte sich ein Ausdruck von Schrecken. Dann flammten seine Augen in noch gr��erer Wut auf. �Ihr droht mir?� keuchte er. <emphasis>�Ihr </emphasis>wagt es, <emphasis>mir </emphasis>zu drohen, alter Mann?�</p><p>�Nein�, erwiderte Necron gelassen. �Ich zeige nur M�glichkeiten auf, DeVries. Seht Ihr - Ihr seid nicht der einzige, der in der Lage ist, sich Informationen zu verschaffen. Ich mu� gestehen, da� Ihr mich in Erstaunen versetzt, so rasch �ber Shannons Schicksal Bescheid zu wissen. Aber auch ich habe mir Gedanken gemacht, wi�t Ihr?�</p><p>�So?� machte DeVries. Mit einem Male wirkte er nerv�s.</p><p>Necron nickte erneut. �Es sind nur �berlegungen, aber Euer Zorn l��t mich gewisse Dinge in einem anderen Licht sehen als noch gestern. Ich frage mich zum Beispiel, warum es f�r Euch so wichtig ist, Robert Craven tot zu sehen.�</p><p>�Er ist -�, begann DeVries, wurde aber sofort wieder von Necron unterbrochen, der eine ungeduldige Geste machte.</p><p>�Er ist der Sohn Roderick Andaras, des Mannes, der am Untergang unseres Ordens die Schuld tr�gt und dessen Sippe zu vernichten wir geschworen haben�, sagte Necron in sonderbar hastigem, leierndem Ton, als bete er eine l�ngst sinnlos gewordene Formel herunter. �Ich wei� das alles, DeVries - besser als Ihr. Ich frage mich nur, was er <emphasis>Euch </emphasis>getan hat.�</p><p>DeVries pre�te die Lippen zusammen und schwieg, und Necron fuhr nach einer Weile fort.</p><p>�Vielleicht ist er aber auch gar nicht so bedeutungslos f�r Euch, wie Ihr bisher getan habt�, sagte er nachdenklich. �Wie gesagt - es sind nur �berlegungen, aber warum f�hren wir den Gedanken nicht einfach zu Ende - nur so zum Spa�?�</p><p>Er l�chelte d�nn, lehnte sich zur�ck und sah DeVries aus brennenden Augen an. �M�glicherweise, DeVries, ist es auch nicht Craven, sondern jemand, der sich in seiner N�he aufh�lt, gerade jetzt in diesem Moment. M�glicherweise - nur m�glicherweise - seid Ihr genauso am Tod dieses Jemand interessiert wie wir an dem Cravens. Und m�glicherweise ist es Euch unm�glich, ihn zu vernichten, solange Craven am Leben ist und ihn mit seinem magischen Erbe sch�tzt.�</p><p>DeVries schnaubte. �Unsinn�, sagte er.</p><p>Aber Necron lie� sich nicht beirren, sondern sprach unger�hrt weiter: �W�re es so, DeVries, m��te ich mein Angebot in der Tat noch einmal �berdenken. Denn dann w�rt nicht <emphasis>Ihr </emphasis>es, der <emphasis>uns </emphasis>einen Dienst erwiese, sondern es w�re gerade umgekehrt. Seht Ihr das ein?�</p><p>DeVries ballte zornig die F�uste. �Das ist -�</p><p>�Nur ein Gedankenspiel�, unterbrach ihn Necron ruhig. �Warum erregt Ihr Euch so, DeVries?�</p><p>Der Flame starrte ihn an, atmete h�rbar ein und bi� sich nerv�s auf die Unterlippe. �Ich wei� nicht, worauf Ihr hinauswollt, alter Mann�, sagte er w�tend. �Aber ich werde diese Dem�tigung nicht vergessen. Mein Wort darauf.�</p><p>�Das ist gut�, antwortete Necron. �Denn auch ich werde nicht vergessen, was geschehen ist. Und nun geht, DeVries. Geht in Eure Kammer und wartet dort, bis ich Euch rufen lasse, um Euch meine Entscheidung mitzuteilen.�</p><p>DeVries wollte auffahren, aber Necron schnitt ihm mit einer zornigen Handbewegung das Wort ab und richtete sich ein wenig in seinem Sessel auf.</p><p>�Geht, DeVries�, sagte er schneidend. �Nehmt Eure M�nner und geht, solange Ihr es noch k�nnt.�</p><p>DeVries wollte auffahren, aber mit einem Male war im Blick des alten Mannes etwas Neues; ein Ausdruck solcher H�rte und Gnadenlosigkeit, da� DeVries es nicht wagte, auch nur einen Laut von sich zu geben. Pl�tzlich sp�rte er, da� er dem Tod ganz nahe war.</p><p>�Geht�, sagte Necron noch einmal. �Aber ich warne Euch. Selbst meine Langmut hat Grenzen. Wenn wir uns das n�chste Mal begegnen, werden wir Feinde sein.�</p><p><emphasis>Ja, </emphasis>dachte DeVries. <emphasis>Das werden wir, alter Mann. Das werden wir sogar ganz bestimmt.</emphasis></p><p>Aber obwohl er es nicht einmal sich selbst gegen�ber zugeben wollte, war er ganz und gar nicht sicher, wer von ihnen beiden als Sieger aus dieser Begegnung hervorgehen w�rde ...</p><empty-line/><p>�Du�, fl�sterte ich. Meine eigene Stimme klang fremd und furchteinfl��end in meinen Ohren. Die Wirklichkeit schien um mich herum zu verblassen. Der Flu�, Shannon, die Bedrohung, die wie ein d�sterer Hauch �ber uns lag - alles wurde unwirklich und unwichtig. Die Welt schien zu einem winzigen kreisf�rmigen Ausschnitt der Realit�t zusammenzuschrumpfen, in dessen Zentrum sich die Schattengestalt meines Vaters befand.</p><p>Ich hatte die Wahrheit im gleichen Moment begriffen, in dem ich seine Stimme geh�rt hatte. Aber ich weigerte mich noch immer, sie zu glauben.</p><p>�Du?� fl�sterte ich noch einmal. �Du hast ... dies ... dies alles war <emphasis>dein </emphasis>Werk?�</p><p>Er nickte, eine schwebende, irgendwie irreale Bewegung. Sein Schattenk�rper schien zu flackern.</p><p><emphasis>Geh, Robert, </emphasis>wisperte seine Stimme in meinen Gedanken. <emphasis>Geh und la� mich tun, was getan werden mu�.</emphasis></p><p>�Aber warum?� st�hnte ich. �Warum hast du das getan? Was -?�</p><p><emphasis>Er mu� sterben, </emphasis>unterbrach mich die Geisterstimme. Ich glaubte einen sanften Hauch von Bedauern, ja, fast Trauer darin zu vernehmen.</p><p><emphasis>Geh, Robert. Ich kann dich nicht sch�tzen, wenn er wieder erwacht. Meine Macht schwindet rasch.</emphasis></p><p>�Sch�tzen?� keuchte ich. �Dieser ... dieser Junge hat mir das Leben gerettet! Du kannst ihn nicht t�ten!�</p><p>Ich sprang auf, beugte mich �ber Shannons Oberk�rper und hob seinen Kopf an. Das Wasser hatte sein Gesicht fast erreicht. Noch wenige Augenblicke, und es w�rde in seinen Mund flie�en und ihn ersticken, bet�ubt und hilflos wie er war.</p><p>�Du darfst es nicht tun!� sagte ich noch einmal.</p><p><emphasis>Er ist dein Feind, Robert, </emphasis>erwiderte mein Vater. <emphasis>Er wird dich t�ten, wenn er erf�hrt, wer du wirklich bist.</emphasis></p><p>�T�ten?� Ich schrie fast. �Er hat mich gerettet, Vater!�</p><p><emphasis>Das war Zufall, </emphasis>antwortete er. <emphasis>Bitte, Robert - sei vern�nftig. Ich kann nicht mehr lange bleiben. Meine Kr�fte vergehen rasch, wenn ich mich in dieser Welt aufhalte, und was du getan hast, hat mich zus�tzlich geschw�cht.</emphasis></p><p>Seine Worte l�sten ein sonderbares Echo in mir aus. Wie in einer blitzartigen Vision glaubte ich meinen verzweifelten Kampf gegen den Flu� noch einmal zu durchleben, und diesmal wu�te ich, da� es <emphasis>seine </emphasis>Kr�fte gewesen waren, gegen die ich gek�mpft hatte, die entfesselten magischen Gewalten meines eigenen Vaters!</p><p>Ich stand auf, trat ihm einen halben Schritt entgegen und hob beide H�nde, lautlos die bizarren Worte fl�sternd, die er selbst mich gelehrt hatte.</p><p>Seine Gestalt schien f�r einen Moment zu flackern, als seine �bersinnlichen M�chte gestoppt und abgedr�ngt wurden. Zu meinen F��en h�rte der Flu� auf, an Shannons Beinen zu saugen. Das Wasser begann abzuflie�en, und ein �berraschter ungl�ubiger Ausdruck huschte �ber die Z�ge meines Vaters.</p><p>�Nein�, sagte ich ruhig. �Du wirst ihn nicht t�ten.�</p><p><emphasis>Robert, du -</emphasis></p><p>�Du wirst ihn nicht t�ten�, wiederholte ich, sehr leise, aber so entschlossen, da� er mitten im Wort verstummte und mich eine endlose Sekunde lang mit einer Mischung aus ungl�ubigem Staunen und Sorge ansah.</p><p><emphasis>Dann t�tet er dich, </emphasis>sagte er schlie�lich.</p><p>�Das werde ich zu verhindern wissen�, sagte ich kalt. �Schlie�lich habe ich genug von dir gelernt, um mich meiner Haut zu wehren.�</p><p><emphasis>Nicht genug f�r ihn, Robert! Er ist ein Magier! Ein wahrer Tr�ger der Macht, tausendmal besser ausgebildet als du!</emphasis></p><p>�Vielleicht�, antwortete ich. �Es wird sich zeigen. Aber ich lasse nicht zu, da� du ihn umbringst.�</p><p><emphasis>Ich k�nnte dich zwingen, Robert!</emphasis></p><p>�Versuch es�, sagte ich zornig. �Aber wenn du ihn umbringen willst, mu�t du erst mich t�ten, Vater.�</p><p>Diesmal widersprach er mir nicht mehr, nur der Ausdruck von Trauer in seinen Augen wurde st�rker. Schlie�lich senkte er den Blick, trat einen Schritt zur�ck und sah schweigend zu, wie ich Shannons reglosen K�rper aus dem Flu� zog und ein St�ck die B�schung hinauf schleppte, in sicherer Entfernung zum Wasser.</p><p>Ich war fest davon �berzeugt, wieder allein zu sein, als ich mich aufrichtete, aber die Schattengestalt stand noch da, merklich blasser und kraftloser als zuvor, aber noch immer zu erkennen.</p><p>�Was willst du noch?� fragte ich. In meinem Innern tobte ein Vulkan einander widerstrebender Gef�hle. Meine Stimme zitterte.</p><p>Andara sch�ttelte sanft den Kopf, machte eine Bewegung, als wolle er den Arm heben und mich ber�hren, tat es aber dann nicht, sondern sah mich nur aus dunklen Augen an.</p><p><emphasis>Du bist sehr stark, Robert, </emphasis>sagte er. <emphasis>St�rker, als ich zu hoffen gewagt habe, nach dieser kurzen Zeit.</emphasis></p><p>�Wundert dich das?� fragte ich b�se. �Ich bin dein Erbe, vergi� das nicht, <emphasis>Vater.� </emphasis>Ich erschrak selbst, als ich sp�rte, wie ich das letzte Wort betont hatte. Es klang wie eine Beschimpfung; etwas Obsz�nes.</p><p><emphasis>Warum ha�t du mich? </emphasis>fragte er.</p><p>�Hassen?� Ich sch�ttelte den Kopf, viel zu heftig, sah auf den reglosen Jungen zu meinen F��en hinab und sagte noch einmal: �Hassen? O nein, Vater, ich hasse dich nicht. Ich verabscheue dich nur. Dich und all die, die sich mit M�chten eingelassen haben, die so <emphasis>etwas </emphasis>tun.� Ich deutete mit einer zornigen Kopfbewegung zum Flu� zur�ck.</p><p>Andara l�chelte voller Trauer. <emphasis>Ich verstehe dich, Robert, </emphasis>sagte er. <emphasis>Besser, als du glaubst. Als ich so alt war wie du jetzt, da f�hlte ich genauso.</emphasis></p><p>�Warum hast du dann nicht danach gehandelt? Warum hast du deine Macht nicht eingesetzt, um das B�se zu bek�mpfen?�</p><p><emphasis>Das habe ich, Robert, </emphasis>antwortete er. <emphasis>Ich tat es und tue es noch. Aber manchmal mu� man Dinge tun, die falsch sind, um das B�se zu besiegen.</emphasis></p><p>�Dinge wie ein Mord an einem Wehrlosen?�</p><p>Andara schwieg einen Moment. Dann nickte er. Die Bewegung wirkte resignierend. <emphasis>Vielleicht hast du recht, </emphasis>sagte er. <emphasis>Vielleicht ist es gut, da� du mich daran gehindert hast, ihn zu t�ten. Ich habe schon zu viel Schuld auf mein Gewissen geladen.</emphasis></p><p>�Worte!� schnappte ich. �Nichts als Worte! Ist das alles, was du mir geben kannst - au�er dem Fluch, den ich von dir geerbt habe?�</p><p><emphasis>Manchmal mu� man Schuld auf sich laden, um gr��eres Unheil zu verhindern, </emphasis>sagte er sanft. <emphasis>Aber verlange nicht, da� du verstehst, was ich meine. Ich habe nichts von dir zu verlangen, Robert. Vielleicht habe ich schon zu viel von dir verlangt.</emphasis></p><p>Ich wollte nicht antworten, aber ich war nicht mehr vollends Herr meines eigenen Willens. Ich hatte zu lange mit meinem Erbe gelebt, hatte die d�stere brodelnde Macht, die lauernd wie ein finsterer H�llenhund am Grunde meiner Seele wartete, zu lange gesp�rt und bek�mpft, um zu schweigen. Pl�tzlich sprudelten die Worte aus mir hervor, ohne da� ich ihren Flu� zu d�mmen imstande war. Ich schrie fast.</p><p>�Ist das alles?� keuchte ich. �Erwartest du wirklich, da� ich mich damit zufrieden gebe? <emphasis>Du verlangst nicht, </emphasis>da� ich dich verstehe, und das ist alles? So einfach ist es nicht, Vater! Vielleicht verlangst du nichts, aber ich verlange etwas von dir!�</p><p><emphasis>Und was? </emphasis>fragte er leise. Aber der Ausdruck in seinen Augen sagte mir, da� er die Antwort l�ngst wu�te.</p><p>�Ich will, da� du deinen Fluch von mir nimmst!� schrie ich. �Ich will dieses Erbe nicht! Du hast es mir gegeben, ohne mich zu fragen. Ich will nicht zusehen, wie unschuldige Menschen umgebracht werden, nur weil sie zuf�llig im falschen Moment am falschen Ort sind, oder weil ihr Tod in irgendwelche Pl�ne irgendwelcher anonymer M�chte pa�t. Du hast mir nicht nur deine magische Macht und deine Zauberkraft vererbt, sondern auch deinen Fluch. Jeder Mensch, der zu lange mit mir zusammen ist, kommt zu Schaden, jeder, der mir Gutes tut, wird mit dem Tod oder Schlimmerem belohnt! Ich will das nicht mehr! Ich habe nicht die Kraft, ein Leben lang Ungl�ck und Leid zu bringen. Nimm es von mir! Mach mich zu einem ganz normalen Menschen, mehr will ich nicht.�</p><p>Ich redete Unsinn, und ich wu�te es, aber die Worte hatten sich zu lange in mir aufgestaut, als da� ich sie jetzt noch zur�ckhalten konnte.</p><p>Und auch Andara schwieg und blickte mich eine lange, lange Zeit nur schweigend an. Sein K�rper begann zu verblassen, ganz langsam, aber stetig. Aber kurz bevor er vollends verschwand, sagte er noch etwas, das ich erst viel, viel sp�ter wirklich begreifen sollte: Es <emphasis>war falsch von mir, dich darum zu bitten, mich nicht zu hassen, Robert, </emphasis>sagte er. <emphasis>Bitte verzeih mir. Hasse mich, wenn du jemanden hassen mu�t. Nicht dich. Niemals dich selbst.</emphasis></p><p>Und damit verschwand er. Sein K�rper zerstob zu dem, was er wirklich war - einer d�steren irrealen Vision -, trieb wie ein nebeliger Hauch auseinander und war fort. Nicht einmal seine Fu�abdr�cke waren im feuchten Sand zur�ckgeblieben. Wie konnten sie auch?</p><p>Trotzdem war ich nicht mehr allein.</p><p>Ich hatte das Ger�usch der Kutsche und die Schritte schon lange geh�rt, aber sie waren nicht wirklich bis an mein Bewu�tsein gedrungen, w�hrend ich mit dem Geist meines Vaters sprach.</p><p>Als ich mich umdrehte, stand ich Howard gegen�ber. Und der Ausdruck in seinen Augen sagte mir, da� er alles geh�rt hatte. Jedes Wort.</p><p>Eine Weile sah er mich schweigend an, dann seufzte er, auf die gleiche, traurige Art wie zuvor Andara, deutete mit einer Kopfbewegung auf den noch immer bewu�tlos daliegenden Shannon und wies gleichzeitig mit der Hand zur Kutsche zur�ck.</p><p>�Komm�, sagte er. �Wir haben keine Zeit zu verlieren. Hilf mir, ihn in die Kutsche zu tragen.�</p><empty-line/><p>Der Abend war gekommen, und Dunkelheit hatte sich �ber das Gel�nde der Miscatonic-Universit�t gesenkt. Trotz des m�chtigen Feuers, das Howard im Kamin der Bibliothek entz�ndet hatte, machte sich die K�hle des Abends unangenehm bemerkbar.</p><p>Howard hatte Shannon und mich im G�stetrakt untergebracht. Ihn in einem kleinen, wohl seit Jahren nicht mehr benutzten Zimmer, mich in einem gr��eren, aus zwei R�umen und einem separaten Bad bestehenden Appartement.</p><p>Wir hatten nicht viel geredet; weder w�hrend der Kutschfahrt hierher noch sp�ter. Howard war unfreiwillig Zeuge meiner bizarren Unterhaltung geworden, und obgleich er kein Wort dar�ber verloren hatte, sp�rte ich doch �berdeutlich, da� ihm nicht gefiel, was er geh�rt und gesehen hatte. Ich war froh gewesen, als er mir stumm mein Zimmer gezeigt und mir gesagt hatte, da� er mich bis zum Dinner alleinlassen w�rde.</p><p>Trotz allem, was geschehen war, holte mich meine M�digkeit wieder ein. Ich fiel in einen unruhigen, von Alptr�umen und d�steren Visionen heimgesuchten Schlummer, aus dem mich Howard kurz vor Einbruch der D�mmerung geweckt hatte.</p><p>Dann hatte mich Howard in die Bibliothek gef�hrt und mich einem kleinw�chsigen, fr�hzeitig ergrauten Mann namens Lengley vorgestellt - Professor hier an der Universit�t f�r irgend etwas, das ich nicht verstand und das mich nicht interessierte.</p><p>Lengley war trotz seines griesgr�migen �u�eren ein netter alter Mann, der meine knapp angebundene Art �berging und mich freundlich aufforderte, vor dem Kamin Platz zu nehmen.</p><p>Eine Zeitlang betrieben wir Konversation; anders kann man das h�fliche Frage-und-Antwort-Spiel, durch das wir uns qu�lten, wohl kaum bezeichnen.</p><p>Schlie�lich - nach einer Ewigkeit, wie es mir vorkam - r�usperte sich Howard �bertrieben. Er beugte sich ein wenig in dem wuchtigen Ohrensessel, in dem er Platz genommen hatte, vor und kam endlich zur Sache.</p><p>�Du hast keine Zeit verloren, Robert�, sagte er. �Lengley und ich hatten kaum damit gerechnet, dich vor Ende des Monats hier zu sehen.�</p><p>�Ich habe ein schnelles Schiff bekommen�, antwortete ich. �Und ich bin sofort aufgebrochen, als dein Brief kam. Er klang dringend.�</p><p>�Das ist es auch�, sagte Howard, und seine Stimme klang deutlich besorgt dabei. �Ich h�tte dir die lange Reise nicht zugemutet, wenn es nicht wichtig w�re.�</p><p>�Worum geht es?� fragte ich gerade heraus. �Um die GROSSEN ALTEN?�</p><p>Lengley schien �berrascht, aber nur f�r einen Moment. �Sie wissen also Bescheid�, sagte er. �Das erleichtert die Sache ein wenig.�</p><p>�Ich habe einen kleinen Vorgeschmack bekommen�, antwortete ich sarkastisch. �Heute morgen in Ihrer gastfreundlichen Stadt, Professor.�</p><p>In seinen Augen erschien ein fragender Ausdruck. Offenbar hatte Howard ihm noch nicht erz�hlt, was mir widerfahren war, und so tat ich es.</p><p>Lengley h�rte stumm und ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen zu, aber der Ausdruck von Sorge auf seinem Gesicht wurde immer st�rker.</p><p>Als ich zu Ende gekommen war, hockte er verkrampft auf seinem Sessel und war bleich geworden. Auf seiner Stirn glitzerte Schwei�. Seine H�nde zitterten.</p><p>�So schlimm ist es also schon�, murmelte er.</p><p>�So schlimm ist <emphasis>was!� </emphasis>fragte ich betont. �Ich habe das Gef�hl, da� Sie mir irgend etwas verheimlichen, Professor.�</p><p>Howard sah auf, pre�te die Lippen aufeinander und spielte einen Moment nerv�s an den Manschetten seiner Jacke, ehe er antwortete.</p><p>�Du erinnerst dich an den Tag, an dem wir Roderick ... das letzte Mal gesehen haben?� fragte er. Ein rasches, warnendes Funkeln glomm in seinem Blick auf. Lengley wu�te also auch nichts von meiner unheimlichen Begegnung am Flu�ufer, und Howard schien wie ich der Meinung zu sein, da� es besser so bleiben sollte.</p><p>Ich nickte.</p><p>�Du erinnerst dich an die dreizehn GROSSEN ALTEN, die durch den Dimensionstunnel zu uns gelangt sind�, fuhr Howard fort. �Nicht sie selbst, aber ein Teil ihrer selbst, m�chtig genug, die Tore der Zeit aufzusto�en und zu alter Macht aufzuerstehen. Wir alle ... haben gehofft, da� sie eine lange Zeit brauchen werden, sich in dieser Welt zurechtzufinden, aber ich f�rchte, unsere Frist ist k�rzer, als ich dachte.�</p><p>�Das heute morgen war keiner der GROSSEN ALTEN�, widersprach ich.</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte Lengley. �W�re es so gewesen, dann w�ren Sie jetzt tot, mein Junge. Es war irgendeine ihrer Kreaturen. Und nicht die erste, von der wir h�ren.�</p><p>Pl�tzlich klang seine Stimme erregt. �Der Grund, aus dem Howard Sie hergebeten hat, Robert, ist das Auftauchen dieser Wesen. In den letzten Monaten erreichen uns immer wieder sonderbare Nachrichten, Ger�chte und Geschichten, an die niemand so recht glaubt.�</p><p>Er lachte rauh. �Sie t�ten besser daran, sie zu glauben, Robert. Sie zeigen sich jetzt immer �fter.�</p><p>�Sie?�</p><p>�Die GROSSEN ALTEN, oder ihre Kreaturen�, sagte Howard ungeduldig. �Und das Beunruhigende ist, da� sie stets in der N�he von Arkham auftauchen. Und sie scheinen n�her zu kommen.�</p><p>�Was ist daran beunruhigender, als wenn sie in Hinterindien auftauchen w�rden?� fragte ich.</p><p>�Arkham ist nicht irgendein Ort�, antwortete Howard ernst. �Es gab ... ein paar sonderbare Zwischenf�lle um einen gewissen Alina Billingston, der vor hundert Jahren in der N�he Arkhams gelebt hat. Die Sache wurde niemals wirklich gekl�rt, und so wenig, wie irgendeiner wei�, was damals wirklich geschehen ist, haben diese ... Zwischenf�lle ... je wirklich aufgeh�rt.�</p><p>�Was f�r Zwischenf�lle?� fragte ich.</p><p>Howard zuckte mit den Achseln. �Menschen verschwinden oder sterben auf r�tselhafte Weise. Man h�rt Ger�usche, vor allem nachts und vor allem in den W�ldern, und ein paar Einheimische behaupten, sonderbare Dinge am Himmel gesehen zu haben. Dazu kommt noch etwas. In dieser Bibliothek� - er machte eine Geste auf die B�cherborde, die uns umgaben - �ist der vielleicht gr��te Schatz an Wissen und Informationen �ber die GROSSEN ALTEN und den CTHULHU-Kult gesammelt, den es auf der Welt gibt. Ein gro�er Teil dieses Wissens, Robert�, f�gte er mit ver�nderter Stimme hinzu, �stammt von deinem Vater. Er war einer der Gr�nder der Miscatonic-Universit�t. Auch wenn das fast niemand wei�.�</p><p>�Seit sechs Monaten, Robert�, fuhr Lengley an Howards Stelle fort, �erreichen uns immer mehr Meldungen von sonderbaren Dingen. Es scheint, da� sie immer aktiver werden, von Tag zu Tag.�</p><p>�Und sie kommen n�her�, f�gte Howard hinzu.</p><p>Sein Gesicht verd�sterte sich. �Aber ich habe nicht zu f�rchten gewagt, da� sie schon so nahe sind. In Arkham. Nur ein paar Meilen von hier.�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, seufzte tief und sah mich an. �Professor Lengley, ein paar seiner Kollegen und ich haben beschlossen, etwas gegen sie zu unternehmen. Wir m�ssen ergr�nden, wer diese Wesen sind, woher sie kommen, welche Ziele sie verfolgen und wo sie sich verbergen.�</p><p>�Und welche Rolle�, fragte ich, �hast du mir dabei zugedacht? Die des Lockvogels?�</p><p>Howard starrte mich an, suchte einen Moment krampfhaft nach Worten und versuchte die Situation dann mit einem L�cheln zu entspannen. Ganz gelang es ihm nicht.</p><p>�Du mu�t lernen�, sagte er. �Du wei�t manches �ber die GROSSEN ALTEN, aber es gibt noch so viel, das du nicht wei�t. Ich ... hatte gehofft, dir mehr Zeit geben zu k�nnen. Jahre, vielleicht Jahrzehnte, um die Kr�fte in dir in Ruhe reifen zu lassen. Aber diese Zeit werden uns unsere Feinde nicht lassen. Ich m�chte, da� du hierbleibst und alles lernst, was es �ber die GROSSEN ALTEN zu lernen gibt. Lengley und ich werden dir dabei helfen.�</p><p>�Das ist es also�, sagte ich leise. Meine Stimme zitterte. �Ihr ... wollt gar nicht mich. Ihr wollt mein magisches Erbe. Die Kr�fte, die mir mein Vater hinterlassen hat. Ihr wollt -�</p><p>Howard wollte etwas sagen, aber diesmal war Lengley schneller. Er sah mich mit sonderbarem Ausdruck an.</p><p>�Ihre Gef�hle ehren Sie, Robert�, sagte er. �Ich w�re entt�uscht gewesen, wenn Sie nicht so reagiert h�tten. Es ist Jahrzehnte her, aber ich erinnere mich an den Tag, als w�re es erst gestern gewesen, da sa� Ihr Vater auf diesem Stuhl und schrie mich so an, wie Sie es jetzt am liebsten mit Howard getan h�tten, w�ren Sie mit ihm allein gewesen.�</p><p>Ich blickte verst�rt zwischen ihm und Howard hin und her, und Lengley fuhr mit einem fl�chtigen L�cheln fort: �Glauben Sie, Sie w�ren der erste, der so etwas durchmacht, mein Junge? Ihr Vater hat ganz genauso reagiert, als Howard und ich ihm die Wahrheit erkl�rten. Oh, er war �lter als Sie jetzt und viel st�rker, aber sein Zorn war so hei� wie der Ihre.�</p><p>�Wenn Sie glauben, ich w�rde so werden wie er�, unterbrach ich ihn w�tend, �dann t�uschen Sie sich, Professor. Nicht in tausend Jahren!�</p><p>�Das sollst du auch nicht, Junge�, sagte Lengley sanft, beinahe ein wenig traurig. �Du bist hier, damit es nicht n�tig ist, da� ein zweiter Roderick Andaras aus dir wird. Dein Vater hatte keine Wahl, als so zu werden, wie er war. Er wurde gezwungen, von einem Schicksal, das das Wort Gnade nicht kennt, und er zahlte einen f�rchterlichen Preis. Howard und ich wollen verhindern, da� es dir irgendwann ebenso ergeht, Robert. Wir sind deine Freunde, glaube mir.�</p><p>Seine Worte l�sten ein sonderbares Echo in meinem Inneren aus. Ich war zornig, gleichzeitig aber f�hlte ich mich so hilflos und verwirrt wie niemals zuvor in meinem Leben. Ich wu�te einfach nicht mehr, was ich denken sollte.</p><p>�Vielleicht ist es besser, wenn wir dich jetzt f�r eine Weile allein lassen�, sagte Lengley, w�hrend er bereits aufstand. �Ich glaube, du hast �ber eine Menge nachzudenken.�</p><p>Ich merkte kaum, wie Howard und er den Raum verlie�en.</p><empty-line/><p>Er wu�te nicht, wieviel Zeit vergangen war. Er wu�te auch nicht, wie er hierhergekommen war und wo und was dieses <emphasis>hier </emphasis>�berhaupt war. Als er die Augen aufschlug, lag er auf einem frisch bezogenen Bett in einem kleinen, staubigen Zimmer, das nur durch schmale Streifen flirrenden Mondlichtes erhellt wurde, die sich durch die Fensterl�den mogelten.</p><p>Shannon blinzelte, richtete sich vorsichtig auf die Ellbogen auf und sah sich aufmerksam um.</p><p>In seinem Kopf purzelten die Erinnerungen wirr durcheinander, und er vermochte nicht zu sagen, was davon Wahrheit war und was Bilder aus den Alptr�umen, die sein Erwachen zur Qual gemacht hatten.</p><p>Er war zusammen mit Jeff in das Boot gestiegen und losgerudert, und dann ...</p><p>Der Flu� war au�er Rand und Band geraten und hatte versucht, ihn zu verschlingen. Shannon glaubte sich schwach an eine Gestalt zu erinnern, die am jenseitigen Ufer erschienen war, an das Zuschlagen ungeheurer magischer M�chte.</p><p>Er glaubte sich an kochendes Wasser zu erinnern und saugende Strudel, die ihn in die Tiefe zerren und ertr�nken wollten, dann an Jeff, der im letzten Moment aufgetaucht war und ihn gerettet hatte.</p><p>Er war halbwegs ohne Bewu�tsein gewesen, als sie das Ufer erreichten. Dann war dieser Fremde wieder aufgetaucht, und Jeff hatte irgend etwas getan, mit ihm geredet oder gek�mpft, das vermochte er nicht mehr zu sagen ...</p><p>Der junge Magier st�hnte wie unter einem Fausthieb, als die Schleier vor seinem Ged�chtnis endg�ltig zerrissen und er begriff, was geschehen war.</p><p>Er hatte den Mann gefunden, den zu suchen er hier war, Robert Craven, den Mann mit der wei�en Str�hne im Haar, den Erben der Macht, wie der <emphasis>Meister </emphasis>ihn bezeichnet hatte.</p><p>Und er hatte diese Macht zu sp�ren bekommen!</p><p>Shannon begriff, da� sie alle den Sohn des Magiers untersch�tzt hatten. Er war nicht der unwissende Narr, der seine Kr�fte erst zu entdecken begann, sondern ein m�chtiger, voll ausgebildeter Magier, dessen M�chte den seinen grenzenlos �berlegen waren.</p><p>W�re Jeff nicht dabei gewesen, dann w�re er jetzt tot.</p><p>Shannon verscheuchte den Gedanken, richtete sich vollends auf und schlug die Decke beiseite. Er war nackt, aber seine Kleider lagen ordentlich zusammengefaltet neben seinem Bett auf dem Boden. Als er sich danach b�ckte, stellte er fest, da� sie bereits wieder getrocknet waren. Er mu�te sehr lange bewu�tlos gewesen sein.</p><p>Rasch zog er sich an. Die T�r war verschlossen, aber es kostete Shannon weniger als eine halbe Minute, das Schlo� zu �ffnen und auf den Gang hinauszutreten.</p><p>Es war eine seltsame Umgebung. Sein Zimmer hatte wie ein besserer Verschlag gewirkt, voller Staub und Spinnweben, aber der Gang, auf den er trat, konnte eher zu einem Schlo� geh�ren. Die Decke war hoch und gew�lbt, �berall hingen Bilder und Wappen, und auf dem Boden lagen kostbare Teppiche.</p><p>Irgendwo tief im Inneren des Geb�udes schlug eine Uhr, ein m�chtiger, tiefer Gong, der zehn-, elf-, schlie�lich zw�lfmal ert�nte und mit einem vibrierendem Nachhall verstummte.</p><p>Im gleichen Moment sp�rte Shannon das <emphasis>Fremde.</emphasis></p><p>Es war so wie am Morgen, nur st�rker, unendlich st�rker. Die Luft schien pl�tzlich von einem �blen Geruch durchdrungen, und irgend etwas geschah mit dem Licht.</p><p>Shannon erstarrte, hob die Hand und schlo� f�r einen Sekundenbruchteil die Augen.</p><p>Als er sie wieder �ffnete, sah er die Linien. Pulsierende Linien, die sich wie Stricke eines �berdimensionalen Spinnennetzes durch den Korridor spannten.</p><p>An ihrem Ende bewegte sich etwas. Eine Gestalt. Schmal, hell und flackernd wie ein Trugbild.</p><p>Und dann h�rte er den Schrei. Einen gellenden, unglaublich entsetzten Schrei, der die Stille des Hauses auf f�rchterliche Weise durchbrach.</p><p>Shannon rannte los, so schnell er konnte.</p><empty-line/><p>Ich mu�te stundenlang vor dem Kamin gehockt und vor mich hingestarrt haben, denn als ich endlich aus meinem fast trance-�hnlichen Zustand erwachte, schmerzten meine Muskeln vor Verspannung, und meine Augen brannten.</p><p>Ich war nicht mehr allein.</p><p>Howard hatte die Bibliothek wieder betreten, hatte aber die T�r lautlos ins Schlo� gezogen und war davor stehengeblieben. Ich fragte mich, wie lange er schon dastand und mich beobachtete.</p><p>�Bist du in Ordnung?� fragte er, als er meinen Blick sp�rte.</p><p>Ich nickte, stand auf und machte einen Schritt in seine Richtung, ging dann aber nicht weiter. �Es ... geht schon wieder�, sagte ich. �Ich f�rchte, ich habe ziemlich viel Unsinn geredet, vorhin. Es tut mir leid.�</p><p>�Das braucht es nicht�, sagte Howard, und es klang ehrlich. �Es ist wohl auch meine Schuld. Ich h�tte dich warnen m�ssen, in meinem Brief. Als ich ihn abgeschickt habe, war alles noch nicht halb so schlimm wie jetzt.�</p><p>�Du glaubst, da� sie uns angreifen werden?� fragte ich leise. �Hier?�</p><p>Howard zuckte mit den Schultern, l�ste sich von seinem Platz vor der T�r und kam n�her. Ich sah, da� er einen Spazierstock in der Hand hielt, als wolle er ausgehen.</p><p>�Ich wei� nicht, was ich glauben soll�, gestand er. �Unsere Gegner denken und planen nicht wie Menschen. Aber irgend etwas wird geschehen, das sp�re ich. Und es wird nichts Gutes sein.� Er seufzte und hielt mir den Spazierstock entgegen.</p><p>�Eigentlich bin ich nur gekommen, um dir dies zu geben�, sagte er. �Ich wollte es dir schon zur Begr��ung �berreichen, aber ...� Er sprach nicht weiter, sondern rettete sich in ein verlegenes L�cheln, w�hrend ich ihm den Stock aus der Hand nahm und ihn neugierig betrachtete.</p><p>Es war ein prachtvolles St�ck. Der Schaft war ungew�hnlich lang und aus einem mir unbekannten, tiefschwarzen Holz gefertigt, und auch sein Knauf schien eine Spur zu gro� geraten und blinkte wie ein geheimnisvoller Kristall, als ich ihn gegen das Feuer hielt. In seinem Inneren war ein dunkler, nicht genau erkennbarer Gegenstand eingeschlossen. Vielleicht auch nur ein Schatten.</p><p>�Dreh ihn nach links�, sagte Howard.</p><p>Ich gehorchte. Der funkelnde Kristallknauf drehte sich mit sanftem Widerstand, dann klickte etwas, und die Klinge eines rasiermesserscharfen, beidseitig geschliffenen Stockdegens glitt aus dem schwarzen Holz. Bewundernd zog ich ihn vollends heraus und drehte ihn in den H�nden. Die Waffe war sehr leicht, aber ich sp�rte einfach, wie kr�ftig der zerbrechlich aussehende Stahl war. Die Klinge schien scharf genug, ein Haar zu spalten.</p><p>�Er hat deinem Vater geh�rt�, sagte Howard. �Ich habe ihn damals in Verwahrung genommen, als er nach New York ging, um dich zu suchen. Ich ... mu�te ihm versprechen, gut auf ihn achtzugeben, bis er zur�ck ist. Aber ich glaube, es ist in seinem Sinne, wenn du ihn bekommst.�</p><p>In seiner Stimme war ein sonderbarer Klang, als er die letzten Worte sprach. Ich schob die Klinge in ihren h�lzernen Schaft zur�ck, legte den Degen auf den Tisch und sah auf.</p><p>�Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe, Howard�, sagte ich noch einmal. �Ich wollte, ich k�nnte ihn um Verzeihung bitten.�</p><p>Howard l�chelte. �Er wei� es, Robert�, sagte er. �Er wu�te es schon, bevor du gekommen bist. Versuche uns bei unserem Kampf zu helfen, wenn du in seinem Sinne handeln willst.�</p><p>�Aber das kann ich nicht, Howard�, sagte ich gequ�lt. <emphasis>Warum verstand er mich nur nicht?</emphasis></p><p>�Begreif doch!� fuhr ich, beinahe flehend, fort. �Ich habe es versucht, Howard. Ich habe w�hrend des letzten Jahres mehr �ber Magie und Okkultismus gelernt als andere in ihrem ganzen Leben. Ich habe versucht, mich an diese Macht zu gew�hnen, die mein Erbe ist, aber ich kann es nicht. Ich will es nicht. Ich will nicht mein Leben lang in dem Bewu�tsein existieren m�ssen, da� ich den Menschen, denen ich begegne, nur Unheil und Tod bringe!�</p><p>Irgendwo im Haus schlug eine Uhr, langsam und monoton, und ihr dumpfer hallender Klang schien meine Worte auf schauerliche Weise zu untermalen.</p><p>�Aber das stimmt doch nicht�, widersprach Howard sanft. �Es liegt in deiner Macht, was du aus deinem Erbe machst.�</p><p>Das Schlagen der Uhr hielt an, als wolle es seine Worte best�tigen.</p><p>�Und wenn ich nicht stark genug bin?� fragte ich. �Wenn ich versage und der Verlockung der Macht erliege, wie die anderen, die meinen Vater get�tet haben?�</p><p>Howard wollte antworten, aber er kam nicht dazu. Irgendwo unter uns im Haus schlug die Uhr ein letztes, zw�lftes Mal.</p><p>Etwas Unheimliches geschah.</p><p>Das Licht flackerte. Ein eisiger, unheimlicher Wind strich durch den Raum, lie� Funken aus dem Kamin stieben und l�schte eine der drei Gaslampen, die die Bibliothek erhellten. Und gleichzeitig f�rbte sich der Schein der beiden anderen <emphasis>gr�n.</emphasis></p><p>�Gott!� keuchte Howard. �Was ist das?�</p><p>Ein grauenhafter Gestank erf�llte mit einem Male das Zimmer. Etwas Dunkles, k�rperlos Wirbelndes schien aus dem Nichts �ber dem Tisch zu erscheinen, und ein gr��licher Zischlaut verschluckte Howards Stimme.</p><p>Die f�rchterliche Gr�nf�rbung des Lichtes vertiefte sich, und pl�tzlich tanzte etwas Bleiches, formloses Wei�es wie transparenter Nebel in der Mitte der Tischplatte. Howard schrie, prallte zur�ck. Seine Hand griff nach dem Stockdegen, verfehlte ihn und fegte ihn vom Tisch. Verzweifelt b�ckte er sich danach und versuchte ihn zu ergreifen.</p><p>Ich nahm von all dem kaum etwas wahr, sondern starrte weiter auf das tanzende Etwas, das wie Nebel �ber dem Tisch wallte und wogte. Pl�tzlich wurde es kalt, schneidend kalt, und mit einem Male streifte mich ein moderiger Luftzug, wie der Hauch aus einem Grab.</p><p>Dann ballte sich der Nebel zusammen, wuchs in Augenblicken zu einer zwei Meter hohen, flackernden S�ule aus wirbelndem Wei� und reiner Bewegung -</p><p><emphasis>und formte sich zu einer menschlichen Gestalt!</emphasis></p><p>Eine eisige Hand schien meinen R�cken herab zu fahren, als ich das Gesicht der Nebelgestalt erkannte.</p><p>�Priscylla!� keuchte ich. Zitternd stand ich da, schrie wie von Sinnen und versuchte mit aller Kraft, nicht wahnsinnig zu werden, w�hrend ich auf die flackernde, halbdurchsichtige M�dchengestalt starrte.</p><p>Priscylla - meine Priscylla. Das M�dchen, das ich liebte, und das ein unbarmherziges Schicksal von meiner Seite gerissen hatte. Priscylla war verr�ckt geworden - jedenfalls nach Meinung der �rzte -, und sie befand sich weit, weit entfernt, in einem Sanatorium in England. Und jetzt ... war sie hier!</p><p>Die Gestalt hob in einer sonderbar schwerelos wirkenden Bewegung die Arme. Ihr schwarzes, schulterlanges Haar wehte wie im Wind, und dann kam ein Ton tiefen, unendlich tiefen Leidens �ber ihre Lippen.</p><p><emphasis>�Robert!� </emphasis>st�hnte sie. <emphasis>�Hilf ... mir ... hilf mir doch ... Sie ... kommen. Sie wollen meine ... Seele. Bitte helft! Helft mir.�</emphasis></p><p>Dann geschah etwas Furchtbares.</p><p>Unter der Gestalt, irgendwie <emphasis>im Inneren </emphasis>der massiven Tischplatte, erschien ein Klumpen formlos glitzernder ... <emphasis>Dinge, </emphasis>die sich wanden und zuckten und bebten. Ein peitschender, schleimig-schwarzer Arm zuckte wie eine glitzernde Schlange empor, drang durch den Nebelk�rper des M�dchens und ri� ihn auseinander, so rasch und pl�tzlich, wie eine Sturmb�e den Morgennebel zerrei�t.</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich einen Schrei zu h�ren, einen Schrei so voller Entsetzen und Furcht, wie ich ihn noch nie zuvor in meinem Leben vernommen hatte. Dann verstummte er. Der Nebelk�rper und das schwarze <emphasis>Ding </emphasis>in der Tischplatte war verschwunden, und pl�tzlich war das Licht wieder normal.</p><p>Aber nur f�r einen Moment.</p><p>Dann kehrte der gr�ne Schein zur�ck, und ein geradezu bestialischer Gestank raubte mir den Atem.</p><p>Und �ber der Tischplatte erschien zum zweiten Mal die flackernde Nebelgestalt.</p><p>Aber sie hatte sich ver�ndert!</p><p>Ihr K�rper schien auf bizarre Weise verkr�ppelt, verzerrt und irgendwie in sich gestaucht und verdreht, so da� er mehr der Karikatur eines menschlichen Wesens glich. Das gerade noch bl�tenwei�e, seidene Nachtgewand war mit schwarzen Flecken �bers�t, und in ihrem Haar klebten Blut und Schleim.</p><p>Mit einem Schrei prallte ich zur�ck, verlor das Gleichgewicht und stolperte �ber einen Stuhl.</p><p>Aber ich sp�rte den Schmerz kaum. Mein Blick hing wie gebannt an der grauenhaften Karikatur meiner Verlobten, an diesem f�rchterlichen, gr��lichen Etwas, in das sich ihr Bildnis verwandelt hatte.</p><p><emphasis>Und es verwandelte sich weiter ...</emphasis></p><p>Ihr Gesicht ver�nderte sich.</p><p>Eine unsichtbare Hand schien nach ihrem Antlitz zu greifen und ihre Z�ge zu kneten, auf grausige Weise zu verschieben und neu zu formen, als best�nden sie nur aus weichem Wachs. Aus dem zarten, knabenhaften Antlitz Priscyllas wurde eine gr��liche Grimasse. Pl�tzlich war ihre Haut teigig und wei�, die Augen dunkle, tief in die H�hlen zur�ckgesunkene Pfuhle, aus denen mich der Wahnsinn angrinste. Hinter den zur�ckgezogenen, gerissenen Lippen h�hnte ein f�rchterliches Raubtiergebi�.</p><p>Langsam drehte sich die Nebelgestalt um, l�ste sich aus dem flackernden Lichtkranz, der sie umgab, und gewann weiter an Substanz. Ihre H�nde hoben sich, und ich sah, da� sie sich zu Raubtierkrallen verwandelt hatten.</p><p>Mit langsamen, sonderbar schwerelos wirkenden Bewegungen l�ste sich die Gestalt vom Tisch, blieb einen Moment reglos stehen und ging dann auf mich zu.</p><p>�Rette mich, Robert�, kicherte sie. �So rette mich doch. Du mu�t mir helfen!�</p><p>Irgend etwas in mir zerbrach. Ich wu�te, da� das <emphasis>Ding </emphasis>vor mir nicht wirklich Priscylla war, sondern nur ein Trugbild, eigens zu dem Zweck geschaffen, mich zu qu�len und mit der Karikatur des einzigen Menschens, den ich jemals geliebt hatte, zu verspotten. Aber der Anblick l�hmte mich.</p><p>Ich begann r�cklings vor dem n�herkommenden Schauspiel zur�ckzukriechen. Die Bestie kicherte, verzog das Gesicht zu einem h�hnischen Grinsen und schlug spielerisch mit den Krallen nach mir.</p><p>�Robert!� br�llte Howard. �Das ist nicht Priscylla! Das ist ein <emphasis>Shoggote! Wehr dich!�</emphasis></p><p>Gleichzeitig sprang er auf, ri� den Stockdegen aus seiner Umh�llung und holte zu einem Hieb aus.</p><p>Das Monster war schneller. Blitzartig wirbelte es herum und schlug mit seinen f�rchterlichen Krallen nach dem Angreifer. Howard versuchte dem Hieb auszuweichen, schaffte es aber nicht ganz. Die Tigerpranke des Ungeheuers ber�hrte ihn fast sanft an der Brust.</p><p>Howard schrie auf, als w�re er von einem Blitz getroffen worden. Er taumelte zur�ck, prallte gegen ein Regal und ri� es im Zusammenbrechen mit sich. Sekundenbruchteile sp�ter, ehe er unter einer Flut von zerberstenden Brettern und B�chern verschwand, sah ich, da� sich sein wei�es Hemd �ber der Brust rot f�rbte.</p><p>Langsam wandte sich das Monster um.</p><p>�Du bist tot, Robert Craven!� h�hnte es, w�hrend es n�herkam. �Du wirst sterben. So wie alle anderen. Wir kriegen dich!�</p><p>Seine Pranke zuckte vor, ri� meinen Rock auf und hinterlie� einen blutigen Schnitt in meiner Schulter. Der Schmerz ri� mich in die Wirklichkeit zur�ck.</p><p>Pl�tzlich begriff ich mit schmerzhafter Klarheit, da� ich sterben w�rde. Das Ding, dem ich gegen�berstand, war keine Vision, kein Schattenbild, sondern ein <emphasis>Shoggote, </emphasis>eine Kreatur, die zu dem einzigen Zweck erschaffen worden war, zu t�ten.</p><p><emphasis>Mich </emphasis>zu t�ten.</p><p>Der Unhold kicherte b�se, als h�tte er meine Gedanken gelesen. Vielleicht hatte er es. �Du wirst sterben, Robert!� zischte die Spottgeburt. �Du bist schon tot. Du hast es nur noch nicht gemerkt!�</p><p>Im gleichen Moment erscholl drau�en auf dem Korridor ein Schrei. Die T�r wurde mit einem Schlag aufgesprengt, und unter der �ffnung erschien eine geduckte, schlanke Gestalt.</p><p><emphasis>Shannon!</emphasis></p><p>Der <emphasis>Shoggote </emphasis>reagierte mit �bernat�rlicher Schnelligkeit. Mit einem w�tenden Zischen wirbelte er herum, ri� die H�nde in die H�he - und schleuderte einen knisternden Blitz auf den jungen Magier.</p><p>Geblendet schlo� ich die Augen, aber der glei�ende Schein drang durch meine Lider und lie� mich wie in einem bizarren, lebenden Schwarz-wei�-Bild erkennen, was weiter geschah.</p><p>Der Blitz raste auf Shannon zu - aber er erreichte ihn nicht. Die Gestalt des jungen Magiers schien pl�tzlich in einen Mantel aus knisternden Funken geh�llt zu sein. Sein Haar leuchtete auf, und vor seinen F��en begann der Boden zu schwelen.</p><p>Dann schlug er zur�ck.</p><p>Ich konnte nicht erkennen, was er tat. Es war kein Blitz wie der des <emphasis>Shoggoten, </emphasis>kein pl�tzliches Aufflammen magischer Energien, sondern etwas Unsichtbares, das wie ein k�rperloser Schatten durch den Raum zuckte, den Leib des <emphasis>Shoggoten </emphasis>einh�llte und ihn zur�cktaumeln lie�.</p><p>Die Schreie des Wesens klangen pl�tzlich gequ�lt. Er taumelte, fiel auf die Knie und versuchte sich wieder aufzurichten.</p><p>�Jeff!� br�llte Shannon. �Der Stein! <emphasis>Dein Shoggotenstern! Schnell!�</emphasis></p><p>Endlich begriff ich, was Shannon meinte. Meine Hand zuckte zur Rocktasche, fuhr hinein - und griff ins Leere.</p><p>Ein eisiger Schrecken durchzuckte mich. Der Stein war verschwunden. Ich hatte mich umgezogen, nachdem wir die Universit�t erreicht hatten - und der Shoggotenstern befand sich noch in der Tasche meines anderen Rockes, zwei Zimmer entfernt und unerreichbar!</p><p>Das <emphasis>Priscylla-Ding </emphasis>richtete sich mit einem boshaften Zischen auf. Sein Blick irrte zwischen mir und Shannon hin und her, aber es schien in dem jungen Magier instinktiv den gef�hrlicheren Gegner zu erkennen.</p><p>Wieder zuckte seine Hand in die H�he, und wieder brach ein knisternder Blitz blauwei�er Helligkeit aus seinen Krallen.</p><p>Diesmal taumelte Shannon unter dem Anprall magischer Energien. Blaue, haard�nne Lichtblitze zuckten aus dem unsichtbaren Mantel, der seinen K�rper sch�tzte.</p><p>Shannon wich Schritt f�r Schritt zur�ck. Auf seinem Gesicht lag ein angespannter, konzentrierter Ausdruck, und ich sah, wie seine Lippen lautlose Worte formten, als er sich auf den n�chsten magischen Hieb der Bestie vorbereitete.</p><p>Um ein Haar h�tte ihn dieser Irrtum das Leben gekostet.</p><p>Der <emphasis>Shoggote </emphasis>hatte endlich erkannt, da� er hier einem Gegner gegen�berstand, dessen magische F�higkeiten den seinen ebenb�rtig, wenn nicht �berlegen waren.</p><p>Aber er war noch immer eine Bestie, deren schiere K�rperkr�fte denen eines B�ren gleichkommen mu�ten!</p><p>Mit einem Schrei warf er sich vor, sprang auf Shannon zu und schlo� die Krallen wie in einer Umarmung um seinen Oberk�rper. Shannons Schrei wurde zu einem St�hnen, als die Umarmung die Luft aus seinen Lungen pre�te.</p><p>Ohne auch nur einen Gedanken an die Gefahr zu verschwenden, in der ich schwebte, sprang ich vor und versuchte, den Kopf des Monstrums zur�ckzurei�en.</p><p>Der <emphasis>Shoggote </emphasis>knurrte wie ein gereizter L�we, kr�mmte den R�cken und sch�ttelte mich ab wie ein l�stiges Insekt.</p><p>Der Ruck lie� mich quer durch den Raum und gegen den Tisch prallen.</p><p>Ich fiel auf die Knie und f�hlte etwas Hartes unter mir, griff zu und erkannte den Degen.</p><p>Der Zweikampf war fast zu Ende, als ich mich auf die F��e erhoben hatte und zu Shannon und dem <emphasis>Shoggoten </emphasis>hin�bergetaumelt war. Der junge Magier wehrte sich kaum noch. Seine Augen waren tr�b geworden, und da, wo ihn die Arme des Ungeheuers ber�hrten, schien seine Haut verbrannt oder wie von S�ure ver�tzt. Das weit aufgerissene Maul des Ungeheuers n�herte sich seiner Kehle.</p><p>Ich hob den Degen, zwang meine gel�hmten Muskeln, sich noch einmal mit aller Kraft zu bewegen - und schleuderte ihn wie einen Speer auf den <emphasis>Shoggoten!</emphasis></p><p>Die schlanke Klinge schien sich in einen silbernen Blitz zu verwandeln. Die Waffe raste, als w�re sie pl�tzlich von eigenem Leben und Willen beseelt, mit zehnmal gr��erer Wucht als der meines Wurfes auf das Wesen zu, bohrte sich in seine Brust und schleuderte es zur�ck.</p><p>Der <emphasis>Shoggote </emphasis>schrie.</p><p>Seine Krallen griffen mit unsicheren, fahrigen Bewegungen nach dem kristallenen Knauf des Degens, zuckten zur�ck, als h�tten sie gl�hendes Eisen ber�hrt - und begannen sich aufzul�sen.</p><p>Es war nicht das erste Mal, da� ich den Tod eines <emphasis>Shoggoten </emphasis>sah, aber der Anblick hatte nichts von seinem Schrecken verloren. Die unheiligen Kr�fte, die den Protoplasmak�rper in seiner Form hielten, schienen pl�tzlich zu erl�schen. Sein Leib <emphasis>zerflo�, </emphasis>verwandelte sich in grauen brodelnden Schleim und schrumpfte blitzartig zusammen.</p><p>Der ganze Vorgang dauerte weniger als eine halbe Minute. Der Stockdegen schien pl�tzlich seinen Halt zu verlieren und fiel klappernd in eine Pf�tze graugr�ner, brodelnder S�ure, die sich zischend in den Boden fra� und dabei mehr und mehr an Substanz verlor.</p><p>Schweratmend wandte ich mich um, �berzeugte mich hastig davon, da� Shannon noch am Leben war, und hetzte dann zu Howard hin�ber.</p><p>Er begann sich zu regen, als ich ihn unter dem Berg von Papier und zerborstenem Holz hervorzog. Behutsam richtete ich ihn auf, st�tzte seinen Oberk�rper gegen die Wand und tastete nach der Wunde auf seiner Brust.</p><p>Sie war weniger gef�hrlich, als es im ersten Moment den Anschein gehabt hatte. Sehr tief und sicher sehr schmerzhaft, aber nicht lebensbedrohend.</p><p>�Ist alles in Ordnung?� fragte ich leise.</p><p>Howard st�hnte, hob die Hand an die Stirn und begann leise zu lachen.</p><p>�Nat�rlich�, murmelte er. �Nat�rlich ist alles in Ordnung, du Witzbold.� Er schob meine Hand beiseite, richtete sich auf und blieb einen Moment stehen, als w�re er nicht sicher, sich aus eigener Kraft auf den F��en halten zu k�nnen. Dann ging er mit h�ngenden Schultern <emphasis>zu </emphasis>Shannon hin�ber und kniete neben ihm nieder.</p><p>Seine Finger zitterten, als er Shannons reglosen K�rper herumdrehte und sein Hemd �ffnete.</p><p>�Was tust du?� fragte ich verwirrt.</p><p>Howard antwortete nicht, sondern begann, Shannons nackten Oberk�rper Zentimeter f�r Zentimeter abzutasten. Im ersten Moment glaubte ich, er sehe nach seinen Verletzungen, aber ich erkannte schnell, da� das nicht stimmte. Howard <emphasis>suchte </emphasis>nach etwas. Nach etwas ganz Bestimmtem.</p><p>�Verdammt, was tust du da?� fragte ich.</p><p>Howard sah auf, runzelte unwillig die Stirn und machte eine abwehrende Bewegung. Nacheinander untersuchte er Shannons Oberk�rper, seine Arme, den Hals, und zog zum Schlu� sogar seine Hosen herunter, um seine Oberschenkel betrachten zu k�nnen.</p><p>Schlie�lich lie� er Shannon wieder zur�cksinken und stand auf. Dann begann er, die kleinen Br�nde auszutreten, die �berall im Zimmer aufgeflammt waren.</p><p>Shannon erwachte, als wir ihn zur�ck in seine Kammer gebracht und seine Wunde notd�rftig versorgt hatten. Wie bei Howard waren seine Verletzungen nicht lebensbedrohend, aber sehr tief, und seine Stirn gl�hte vor Fieber.</p><p>Aber sein Blick war klar, als er die Augen aufschlug und mich ansah.</p><p>�Jetzt ... hast du mir zum zweiten Mal das Leben gerettet, Jeff�, murmelte er. �Ich glaube, ich ... stehe in deiner Schuld.�</p><p>�Unsinn�, widersprach ich. �Wenn �berhaupt, dann sind wir quitt. Heute morgen warst du es, der mich gerettet hat.�</p><p>Shannon sch�ttelte den Kopf. Die Bewegung wirkte schwach, aber trotzdem sehr nachdr�cklich.</p><p>�Ich wei� ..., wei� was geschehen ist�, sagte er leise. �Im ... Flu�. Du hast ... den Magier geschlagen. Er ... er war hinter mir her, Jeff. Er wollte mich ... t�ten.�</p><p>�Er?� mischte sich Howard ein, ehe ich Gelegenheit fand, zu antworten. �Wer war er, Shannon?�</p><p>Shannon schwieg. Bisher schien er Howards Anwesenheit �berhaupt nicht bemerkt zu haben.</p><p>�Du kannst ihm vertrauen�, sagte ich rasch. �Er ist ein guter Freund von mir.�</p><p>Shannon �berlegte einen Moment. Dann nickte er. �Ich glaube, ich ... bin es dir schuldig, dir die Wahrheit zu sagen�, murmelte er. �Dieser Mann am Flu� ... du erinnerst dich an den Namen, den ich dir genannt habe.�</p><p>�Ihr Freund?� fragte Howard hastig. �Dieser Raven?�</p><p>�Craven�, verbesserte ihn Shannon leise. �Robert Craven. Ich ... habe dich belogen, Jeff. Craven ist nicht mein Freund. Ich ... bin hier, um ihn zu vernichten.�</p><p>Seine Worte �berraschten mich nicht. Nicht wirklich. Ich hatte es geahnt, die ganze Zeit �ber.</p><p>�Zu vernichten?� vergewisserte sich Howard. Seine Stimme klang gepre�t, und in seinen Augen stand ein warnendes Flackern, als er mich ansah.</p><p>�Er ist ... ein Magier�, murmelte Shannon. Er begann zu zittern. Ich sp�rte, da� er das Bewu�tsein wieder zu verlieren begann.</p><p>�Nehmt euch ... vor ihm in acht�, fl�sterte er mit schw�cher werdender Stimme. �Der Mann am Flu� heute, Jeff, das ... das war Craven. Der Mann mit der wei�en Haarstr�hne. Er ... wei�, da� ich hier bin. Er wird versuchen, mich zu ... t�ten. Nehmt euch in acht vor ... Robert Craven!�</p><p>Seine Stimme versagte. Er fiel zur�ck, schlo� die Augen und schlief auf der Stelle ein.</p><p>Es dauerte lange, bis Howard das bedr�ckende Schweigen brach, das sich in dem kleinen Zimmer ausgebreitet hatte.</p><p>Er seufzte, richtete sich mit einer ersch�pft wirkenden Bewegung auf und sah mich auf sonderbare Weise an.</p><p>�Er h�lt deinen Vater f�r dich ... und dich f�r seinen Freund�, sagte er leise und in einem Ton, der mich fr�steln lie�. �Ich glaube du hast ein Problem, Robert.�</p><empty-line/><p>Die Nacht war still und fast endlos gewesen, und als die D�mmerung kam, wirkte die Morgensonne grell und hart. Lowry Temples wu�te, da� es ein b�ser Tag werden w�rde - f�r ihn, f�r Jane, f�r sie alle und f�r Innsmouth. Er hatte die ganze Nacht gebetet und zu Gott gefleht, ihn zu verschonen. Aber als aus dem angrenzenden Zimmer der erste, d�nne Schrei des Neugeborenen drang und wenige Augenblicke sp�ter die T�r aufging und er in die Augen des Arztes sah, wu�te er, da� seine Gebete nicht erh�rt worden waren. Der Fluch, der seit Generationen auf Innsmouth lag, hatte sich ein weiteres Mal erf�llt ...</p><p>Trotzdem stand er auf, schlurfte geb�ckt um den Tisch herum und streckte die Hand nach der T�rklinke aus. Aber er f�hrte die Bewegung nicht zu Ende, als der Arzt ihm den Weg vertrat und den Kopf sch�ttelte; sanft, aber trotzdem mit Nachdruck, vielleicht sogar mit einer Spur von Trauer.</p><p>�Nicht, Lowry�, sagte er, sehr leise und mit der ersch�pften Stimme eines Menschen, der die Grenzen seiner Kraft l�ngst erreicht und �berschritten hat. �Geh nicht hinein. Wenigstens ... jetzt noch nicht.�</p><p>Lowry wu�te, da� Doktor Maine recht hatte - wozu sollte er hineingehen und sich und Jane noch mehr qu�len? Es �nderte nichts an der Wahrheit, wenn man die Augen vor ihr verschlo�.</p><p>Aber manchmal half es.</p><p>�Es ist ein Junge, nicht?� fl�sterte er.</p><p>Maine nickte, ohne ihn anzusehen. Sein Gesicht war bleich, und in seinen Augen stand ein Schrecken, der Temples mehr, viel mehr verriet als alles, was er h�tte sagen k�nnen.</p><p>Er schluckte. Ein harter, stacheliger Klo� schien in seiner Kehle zu wachsen, als er weitersprach.</p><p>�Ist es ... schlimm?�</p><p>Maine seufzte. Er richtete sich auf, fuhr sich ersch�pft mit der Hand �ber die Augen und sah ihn nun doch an. Sein Blick flackerte.</p><p>�Er ... wird leben�, sagte er schlie�lich. �Und soweit ich das beurteilen kann, ist er geistig gesund.�</p><p>Lowry lachte, aber es klang eher wie ein Schrei. �Geistig?� wiederholte er bitter. �Wie sch�n. Sie meinen, er wird v�llig normal sein, hier oben?� Er hob die Hand an die Stirn und starrte den Arzt aus brennenden Augen an. �Er wird ganz normal aufwachsen, und eines Tages wird er denken lernen, und kurz darauf reden, und irgendwann wird er vor mir stehen oder hocken oder was immer er kann, und er wird mich fragen: Daddy, warum bin ich nicht so wie die anderen? Was soll ich ihm antworten, wenn er diese Frage stellt? Da� er f�r etwas bezahlt, was sein Urururgro�vater getan hat?�</p><p>�Bitte, Lowry�, sagte Maine sanft. �Ich ... ich verstehe dich, glaube mir. Aber es h�tte schlimmer sein k�nnen.� Er versuchte zu l�cheln, trat auf ihn zu und legte ihm in einer freundschaftlichen Geste die Hand auf die Schulter.</p><p>Lowry wich zur�ck und schlug seinen Arm beiseite. �Schlimmer?� keuchte er. �Sie wissen nicht, was Sie da reden, Doc! Es kann immer schlimmer kommen, aber ... aber das hei�t noch nicht ...da� ...� Er begann zu stammeln, ballte in pl�tzlichem, hilflosem Zorn die F�uste und sp�rte, wie seine Augen zu brennen begannen und hei�e Tr�nen �ber sein Gesicht liefen. Er sch�mte sich ihrer nicht einmal.</p><p>�Haben Sie Kinder, Doktor Maine?� fragte er leise.</p><p>Maine nickte. �Drei�, antwortete er. �Ein M�dchen und zwei Jungen.�</p><p>�Und sie sind gesund?�</p><p>Maine antwortete nicht, aber Lowry h�tte seine Worte wohl auch kaum geh�rt, selbst wenn er es getan h�tte. �Sie wissen nicht, wie es ist�, fuhr er mit bebender Stimme fort. �Oh ja, Sie <emphasis>verstehen </emphasis>mich, Doc, das glaube ich Ihnen gerne. Schlie�lich sind Sie lange genug hier, um mich zu <emphasis>verstehen. </emphasis>Sie haben genug Kinder wie meinen Sohn gesehen, wie? Aber Sie verstehen trotzdem nicht. Sie k�nnen nicht verstehen, wie man sich f�hlt, wenn es einen trifft. Niemand kann das. Niemand, dem es nicht selbst passiert ist.�</p><p>Seine Stimme begann immer st�rker zu beben. Pl�tzlich zitterte er am ganzen Leib. �Ich will nicht mehr, Doktor�, keuchte er. �Ich ... ich habe zu lange stillgehalten. Ich werde diesen Wahnsinn beenden. Ich -�</p><p>�Beruhige dich�, sagte Maine sanft. Er klappte seine Tasche auf, kramte einen Moment darin herum und zog schlie�lich ein kleines Etui hervor, aus dem er eine Spritze nahm.</p><p>�Ich gebe dir etwas�, sagte er. �Danach wirst du schlafen, und morgen fr�h reden wir noch einmal in Ruhe �ber alles.�</p><p>Er hob die Spritze und streckte die freie Hand nach Lowrys Arm aus, aber Temples wich mit einem keuchenden Laut zur�ck und hob abwehrend die H�nde.</p><p>�Nein!� sagte er entschlossen. �Ich will keine Spritze. Wenn Sie jemandem eine Spritze geben wollen, dann gehen Sie durch diese T�r und erl�sen die arme Kreatur von ihren Leiden.�</p><p>Maine starrte ihn an. �Vers�ndige dich nicht�, sagte er ernst. �Das Kind kann am allerwenigsten daf�r.�</p><p>�Das stimmt.� Mit einem Male war Temples Stimme ganz kalt. Alle Furcht und alle Verzweiflung waren daraus gewichen, aber daf�r schwang eine Entschlossenheit in seinen Worten, die den Arzt schaudern lie�.</p><p>�Sie haben vollkommen recht, Doktor�, sagte er. �Das Kind kann nichts daf�r, und Sie und ich und Jane auch nicht. Aber es gibt jemanden, der daf�r kann -�</p><p>�H�r auf�, sagte Maine sanft. �Das ist lange vorbei. Zu lange, um noch etwas daran �ndern zu k�nnen.�</p><p>�- und dieser Jemand ist <emphasis>hier�, </emphasis>fuhr Temples fort, als h�tte er die Worte des Arztes gar nicht geh�rt.</p><p>Maine erstarrte. �Was redest du da?� fragte er. �Du ... du bist verwirrt, Lowry.�</p><p>�Ganz und gar nicht, Doc�, antwortete Temples. �Ich wei�, was ich sage. Er ist hier. Er lebt, Doktor. Der Teufel lebt, und er ist nicht einmal sehr weit von Innsmouth weg.�</p><p>�Das ist unm�glich�, behauptete Maine. Aber sein Blick flackerte, und seiner Stimme fehlte die Entschlossenheit, die zu solchen Worten geh�rte.</p><p>Trotzdem fuhr er fort: �Es ist fast zweihundert Jahre her, Lowry. Das wei�t du besser als ich.�</p><p>�Und doch lebt er�, beharrte Temples. Pl�tzlich fuhr er herum, ri� seinen Mantel vom Haken und begann ihn mit fliegenden Fingern �berzustreifen. Sein Gesicht r�tete sich hektisch.</p><p>�Fragen Sie die anderen, wenn Sie mir nicht glauben�, fuhr er fort. �Fragen Sie Floyd und Bannister und Malone - sie haben ihn gesehen.�</p><p>�Gesehen?� keuchte Maine.</p><p>Temples nickte. �Vorgestern�, sagte er. �Er kam in die Sch�nke. Sie alle haben ihn gesehen. Ich auch.�</p><p>Maine sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Das ist nicht m�glich�, murmelte er. �Es ... es mu� sich um eine Verwechslung handeln. Jemand, der so aussieht wie er. Das kommt vor.�</p><p>�Er war es�, beharrte Lowry. �Ich habe es gesp�rt, genau wie die anderen. Er hat die gleiche Macht wie damals, Doktor. Ich habe das B�se gesp�rt, wie eine Hand, die mir die Kehle zuschn�rte. Er ... er hat uns angegriffen. Und er hat gesiegt - er allein, gegen zw�lf von uns. Er lebt.�</p><p>Maine starrte ihn lange an. �Und was willst du jetzt tun?� fragte er schlie�lich.</p><p>Temples lachte, ganz leise und verbittert. �Das, was schon vor zweihundert Jahren h�tte getan werden sollen�, sagte er. �Ich wei�, da� es meinen Sohn nicht normal macht und den Fluch vielleicht nicht einmal von uns nimmt. Aber ich werde ihn bestrafen f�r das, was er mir und den anderen angetan hat, und unseren Kindern. Ich werde den Hexer t�ten.�</p><p>�H�ltst du es wirklich f�r eine gute Idee, noch einmal hierher zu kommen?�</p><p>Meine eigene Stimme klang mir fremd in den Ohren, sie zitterte und ihr Klang verriet mehr von meiner Nervosit�t, als mir recht war. Aber Howard antwortete nicht auf meine Worte, sondern zuckte nur mit den Achseln. Dann schnippte er seine kaum angerauchte Zigarre aus dem Fenster und �ffnete die T�r der zweisp�nnigen Kutsche.</p><p>�Komm mit�, sagte er einfach.</p><p>Der Wagen hatte schon an der Ortstafel angehalten, und die ersten H�user lagen noch ein gutes St�ck vor uns. Es war noch nicht richtig hell, so da� sie sich nur als buckelige Schatten vor dem grauen Hintergrund der D�mmerung abhoben. Die Lichter, die hier und da hinter den Fenstern zu sehen waren, wirkten auf sonderbare Weise farblos und bla�, als w�rde ihr Schein von einem unsichtbaren Schleier halb aufgesogen.</p><p>Ein rascher, eisiger Schauer lief auf d�nnen Spinnenbeinen meinen R�cken hinab, als ich hinter Howard aus dem Wagen stieg. Der Morgen schien mir selbst f�r einen April ungew�hnlich k�hl, aber es war nicht allein die �u�ere K�lte, die mich fr�steln lie�.</p><p>Der Ort, der sich vor uns auf der Kuppe des H�gels ausbreitete, bot ein Bild des Friedens und der Ruhe, aber ich wu�te nur zu gut, da� dieser Eindruck t�uschte.</p><p>�Ist das das Haus?�</p><p>Howard deutete mit einer knappen Geste auf ein heruntergekommenes, halb verfallenes Geb�ude zur Linken.</p><p>Eine Zeitlang starrte ich das dreigeschossige graue Haus an, blickte verwirrt nach rechts und links und nickte schlie�lich; wenn auch weniger aus wirklicher �berzeugung, als vielmehr in Ermangelung eines anderen Hauses, auf das ich statt dessen h�tte deuten k�nnen.</p><p>Das Geb�ude lag an der Stelle, an der es sein mu�te, und nach allem, was mir mein logischer Verstand sagte, <emphasis>mu�te </emphasis>es das richtige sein.</p><p>Verwirrend war nur, da� es ganz und gar nicht so aussah, wie ich es in Erinnerung hatte ...</p><p>�Dann komm�, sagte Howard. Er l�chelte, aber seine Stimme klang unsicher. Er war nerv�s. Dabei h�tte wohl eher <emphasis>ich </emphasis>von uns beiden mehr Grund gehabt, nerv�s und unruhig zu sein.</p><p>�Wird schon gut gehen, Jungchen�, brummelte Rowlf vom Kutschbock herunter. Ich sah fl�chtig auf und gewahrte ein gutm�tiges L�cheln auf seinem von der K�lte ger�teten Bullenbei�ergesicht. Howard hatte darauf bestanden, da� Rowlf hier drau�en zur�ckblieb, ohne einen konkreten Grund daf�r anzugeben.</p><p>Ich wu�te ihn trotzdem. Rowlf war unsere R�ckendeckung, und - wenn es zum Schlimmsten kam - unsere einzige M�glichkeit zur Flucht. Es war schon beruhigend, einen Zwei-Meter-Mann wie Rowlf, noch dazu bewaffnet, in seinem R�cken zu wissen. Solange er hier drau�en war, konnten wir wenigstens sicher sein, nicht hinterr�cks �berfallen zu werden.</p><p>Nebeneinander gingen wir �ber die menschenleere Stra�e auf das verlassene Haus zu. Der Wind trug schwere, niedrig h�ngende Regenwolken mit sich, und gerade, als wir das unkraut�berwucherte Grundst�ck betraten, verfinsterte sich die Sonne. Es kam mir ganz so vor wie ein d�steres Omen.</p><p>Arkham lag wie eine Geisterstadt vor uns; selbst die wenigen Lichter, die ich bei unserer Ankunft bemerkt hatte, waren mittlerweile erloschen, und mit Ausnahme unserer Schritte und dem leisen, monotonen Heulen des Windes war nicht der geringste Laut zu vernehmen. Es war das gleiche unheimliche Schweigen, mit dem mich die Stadt bei meiner ersten Ankunft empfangen hatte.</p><p>Und es hatte nichts von seiner Drohung verloren.</p><p>Ich versuchte den Gedanken zu verscheuchen, warf Howard ein schon fast �bertrieben zuversichtliches L�cheln zu und trat mit einem entschlossenen Schritt durch die T�r. Das gesprungene Glas des Fl�gels l�ste sich unter meinen Fingern endg�ltig aus dem Rahmen und zerbarst; das Ger�usch h�rte sich in der Stille �berlaut und unheimlich an.</p><p>D�mmerung umfing uns wie ein graues Leinentuch, als wir in die Halle traten. Unter unseren Schritten wirbelte grauer, seit Jahren nicht mehr ber�hrter Staub auf, und ein Schwall muffig riechender Luft schlug uns entgegen.</p><p>Ich sp�rte pl�tzlich eine unheimliche Pr�senz, aber als ich mich darauf konzentrieren wollte, entglitt sie meinen Gedanken und war verschwunden.</p><p>Die Eingangshalle des Hotels bot einen gespenstischen Anblick. �berall lagen Staub und Schmutz, trockene Bl�tter und Papier, die durch die zerborstenen Scheiben hereingeweht worden waren; ein Teil der Decke war eingebrochen. Die Theke, hinter der mich der Alte begr��t hatte, stand schr�g wie ein gestrandetes Schiff auf den eingesunkenen Bodenbrettern. Die Tapeten waren verblichen und rollten sich auf, wo sie nicht bereits heruntergerissen oder schlichtweg weggefault waren. Das Haus mu�te seit mindestens einem Jahrzehnt dem Verfall anheimgegeben sein.</p><p>Und trotzdem war es das gleiche Haus, in dem ich mich vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden �ber einen unfreundlichen Hotelportier ge�rgert und ein Zimmer bezogen hatte ...</p><p>�Dort hinauf?� Howard deutete mit einer Kopfbewegung auf die Treppe, die nach oben f�hrte.</p><p>Ich nickte, fuhr mir nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und folgte ihm, als er die morschen Stufen emporzusteigen begann.</p><p>Die gesamte Treppe �chzte und bebte unter unserem Gewicht. Staub rieselte aus den Fugen der morschen Stufen, und als ich leichtsinnig genug war, die Hand auf das Gel�nder zu legen, neigte sich die ganze Konstruktion mit einem drohenden �chzen zur Seite, so da� ich hastig zur�cksprang.</p><p>Howard machte eine Geste, vorsichtiger zu sein, und ging weiter.</p><p>Wir erreichten die erste Etage, blieben einen Moment stehen und gingen langsam weiter. Irgendwo �ber uns knackte und vibrierte das Haus wie ein gewaltiges lebendes Wesen. Meine �berreizten Nerven gaukelten mir Schritte und helle, m�hsame Atemz�ge vor, Schatten, die am oberen Ende der Treppe auftauchten und sich hastig wieder zur�ckzogen ...</p><p>Pl�tzlich blieb Howard abermals stehen, hob die Hand und runzelte die Stirn. �Du hattest recht, Robert�, sagte er leise. �Hier stimmt etwas nicht.�</p><p>Ich sah ihn fragend an. Wieder glaubte ich schlurfende Schritte zu h�ren, und wieder tauchte ein Schatten �ber uns auf und verschwand wieder.</p><p>Dann begriff ich, da� es nicht nur <emphasis>eingebildete </emphasis>Schritte waren; so wenig, wie ich mir den Schatten einbildete. Wir waren nicht allein.</p><p>Howard hob warnend die Hand an die Lippen, griff unter seinen Gehrock und f�rderte einen kurzl�ufigen Revolver zutage. Obwohl er den Hahn mit der Linken abdeckte, als er ihn spannte, klang das Knacken wie ein Kanonenschu� in meinen Ohren. Wie zur Antwort schlurften wieder Schritte �ber uns. Diesmal schienen sie sich zu entfernen.</p><p>Auf Zehenspitzen schlichen wir weiter, erreichten die n�chste Etage und blieben am Fu�e der Treppe stehen. Die Schritte waren jetzt ganz deutlich zu h�ren - schnell, schleifend und ungleichm��ig, als liefe dort oben jemand unruhig auf und ab, aber jemand, der einen Fu� nachzog.</p><p>Das war die eine M�glichkeit, dachte ich bedr�ckt.</p><p>Die andere war, da� dieser - wer immer dort oben auf uns wartete - keine F��e hatte, die er nachschleifen konnte, sondern m�rderische Tentakeln, und da� ...</p><p>Ich weigerte mich, den Gedanken weiterzudenken, und nahm, dicht gefolgt von Howard, der mir mit entsicherter Waffe den R�cken deckte, die letzten Stufen in Angriff. Ich hatte das ungute Gef�hl, da� uns der Revolver nicht allzuviel nutzen w�rde gegen die Wesen, die dort oben auf uns lauerten. Trotzdem war es ein beruhigender Gedanke, nicht vollkommen schutzlos zu sein.</p><p>Wir erreichten die dritte Etage, blieben stehen und sahen uns aufmerksam um. Es war dunkel hier oben; durch die schmutz-verkrusteten Fenster an den beiden entgegengesetzten Enden des Ganges drang nur wenig Licht. Die Luft war voller Staub, der in der Kehle brannte und alles hinter einem wirbelnden grauen Schleier verbarg.</p><p>Trotzdem sah ich die Spuren sofort.</p><p>Es waren zwei Reihen ungleichm��iger, nebeneinander liegender Eindr�cke, die Spuren menschlicher F��e, die die zolldicke Staubschicht auf dem Boden durchbrachen und in ungleichm��igen Schlangenlinien im hinteren Teil des Ganges verschwanden. Aber wenigstens, dachte ich erleichtert, waren es <emphasis>menschliche </emphasis>Spuren ...</p><p>Trotz der K�lte, die wie ein unsichtbarer Bruder der Nacht in den morschen Mauern des Hotels zur�ckgeblieben war, war ich in Schwei� gebadet, als wir das Zimmer im dritten Stock erreichten. Meine Finger schlossen sich um den Griff des Stockdegens, den ich wie ein Schwert unter den G�rtel geschoben hatte. Den Verschlu� hatte ich bereits entriegelt, ehe wir aus der Kutsche stiegen. Es hatte nicht viel Sinn, es abstreiten zu wollen - ich war nerv�s wie selten zuvor.</p><p>Howard bedeutete mir, zur�ckzubleiben. Langsam hob er die Rechte, legte die Hand auf die T�r und schob sie unendlich langsam auf.</p><p>Irgend etwas bewegte sich hinter der T�r.</p><p>Es war eigentlich nur ein Gef�hl, die Ahnung von Leben und Bewegung, verbunden mit einer intensiven Empfindung von Gefahr.</p><p>Howard schien es ebenso deutlich zu sp�ren wie ich, denn auch er hielt mitten in der Bewegung inne, sah sich alarmiert um - und warf sich ansatzlos durch die T�r.</p><p>Eine halbe Sekunde sp�ter folgte ich ihm auf die gleiche Weise. Ein Schatten tauchte im Halbdunkel des Zimmers auf; ich sah, wie Howard erschrocken die Arme hochri� und irgend etwas seine Hand traf. Er br�llte, taumelte zur�ck und versuchte die Pistole hochzubekommen, aber der Schatten schlug ein zweites Mal zu und schmetterte seine Hand beiseite.</p><p>Ein Schu� l�ste sich. Ich sah, wie die orangerote M�ndungsflamme wie eine gl�hende Lanze nach dem schattenhaften Angreifer stach und ihn verfehlte. Der peitschende Knall schien meine Trommelfelle zum Zerplatzen und das gesamte Geb�ude zum Erbeben zu bringen.</p><p>Aber wenn die Kugel auch ihr Ziel nicht traf, so zeigte der Schu� doch Wirkung. Der unheimliche Angreifer lie� von Howard ab, sprang mit einer behenden Bewegung zur�ck und packte einen Stuhl, um ihn nach Howard zu schleudern. Gleichzeitig gewahrte ich eine Bewegung aus den Augenwinkeln, warf mich instinktiv zur Seite und ri� sch�tzend die Arme �ber den Kopf.</p><p>Die Bewegung rettete mir vermutlich das Leben. Etwas Schweres, Hartes bohrte sich splitternd in die morschen Fu�bodenbretter, wo ich gerade noch gestanden hatte, gleichzeitig traf ein Fu� meine Seite, lie� meine Rippen knacken und trieb mir die Luft aus den Lungen. Dieses verdammte Zimmer war nichts als eine einzige gro�e Falle!</p><p>Ich h�rte Howard aufschreien, als sich sein schattenhafter Gegner erneut auf ihn st�rzte.</p><p>Taumelnd wich ich ein, zwei Schritte zur�ck und hob kampfbereit die H�nde. Ein Schatten wuchs vor mir in die H�he, und der Zorn, der mich gerade noch erf�llt hatte, wandelte sich binnen Sekunden in Schrecken, als ich sah, wie gewaltig er war - ein Riese, breitschultrig wie ein B�r und mindestens zwei Meter gro�, dabei aber seltsam verschoben und deformiert.</p><p>Neben mir k�mpfte Howard verzweifelt mit seinem Gegner, aber ich fand keine Zeit, ihm beizustehen, denn der Riese griff mich knurrend und mit drohend erhobenen Armen an. Ich sah ihn noch immer nur als verschwommenes Schemen, aber das, <emphasis>was</emphasis> ich von ihm erkannte, reichte durchaus, mich jegliche Lust auf einen Zweikampf verlieren zu lassen.</p><p>Hastig sprang ich ein weiteres St�ck zur�ck, ri� den Stockdegen aus seiner H�lle und f�hrte die Klinge mit drei, vier raschen Schl�gen vor dem Gesicht des Riesen hin und her. Der rasiermesserscharfe Stahl zischte mit einem boshaft klingenden Laut durch die Luft. Der Angreifer erstarrte, blieb einen Moment mit pendelnden Armen stehen - und begann Schritt f�r Schritt vor mir zur�ckzuweichen. Neben mir ert�nten pl�tzlich f�nf, sechs klatschende Schl�ge, sehr schnell hintereinander und von einem �berraschten Keuchen gefolgt, und einer der beiden Schatten, die unter dem Fenster miteinander rangen, fiel nach hinten.</p><p>�Howard?� fragte ich besorgt, ohne den Mann vor mir aus den Augen zu lassen.</p><p>�Alles in Ordnung, Robert�, antwortete Howard. �Halt sie in Schach - ich mache Licht.�</p><p>Ich h�rte ihn im Dunkeln hantieren, dann wurde der schmutzige Lappen vor dem Fenster mit einem Ruck heruntergerissen, und helles Sonnenlicht erf�llte den Raum.</p><p>Der Anblick lie� Howard und mich im gleichen Moment aufschreien.</p><p>Unsere beiden Gegner hatten sich bis an die gegen�berliegende Seite zur�ckgezogen. Der, der mich attackiert hatte, hielt sch�tzend die Arme vor das Gesicht, w�hrend der andere aus zusammengekniffenen Augen in die pl�tzliche Helligkeit blinzelte.</p><p>Wenigstens glaubte ich, da� es Augen waren.</p><p>Sein Gesicht war ein einziger Alptraum. Pl�tzlich erkannte ich, da� es nicht nur Dunkelheit und Furcht gewesen waren, die mich ihre Gestalten so seltsam deformiert und <emphasis>falsch </emphasis>hatten erkennen lassen. Im Gegenteil, die Dunkelheit hatte sie wie ein barmherziger Schleier verh�llt und das Schlimmste verborgen.</p><p>Die beiden M�nner waren auf gr��liche Art mi�gestaltet. Der Kleinere, der Howard angegriffen hatte, war ein Kr�ppel mit einem verunstalteten Gesicht und einem gewaltigen Buckel, ungleichen Armen und Beinen und H�nden mit zu vielen Fingern, w�hrend der andere auf den ersten Blick beinahe normal erschien.</p><p>Bis er die H�nde herunternahm, hei�t das.</p><p>Howard �berwand seinen Schrecken als erster. Er b�ckte sich nach der Pistole, die ihm der Kleinere aus der Hand geschlagen hatte, und richtete die Waffe auf die beiden M�nner.</p><p>�Keine Bewegung�, sagte er drohend. �Wir tun Ihnen nichts, wenn Sie vern�nftig sind. Warum haben Sie uns angegriffen? Wer sind Sie?�</p><p>Nat�rlich bekam er keine Antwort. Der Kleinere knurrte wie ein gereizter Hund und hob seine H�nde wie Krallen in Howards Richtung, w�hrend sich der Riese langsam r�cklings von uns fortbewegte.</p><p>�Verdammt noch mal, antworten Sie!� befahl Howard ungeduldig. �Wir -�</p><p>Was dann kam, ging einfach zu schnell, als da� Howard oder ich noch Zeit gefunden h�tten, zu reagieren. Der Kleinere sprang mit einem w�tenden <emphasis>Bellen </emphasis>auf uns zu und zur Seite, w�hrend der Riese mit einer Bewegung, die ich einem Menschen seiner K�rpermasse niemals zugetraut h�tte, mit einem Satz bei der Badezimmert�r und hindurch war.</p><p>Aber hinter der T�r war kein Boden, wie ich aus eigener Erfahrung wu�te, sondern nur ein Schacht, der bis in die Kellergew�lbe hinabf�hrte ...</p><p>�Robert!� br�llte Howard. �Halt ihn fest!�</p><p>Seine Worte galten dem Buckeligen, aber meine Reaktion kam um Bruchteile von Sekunden zu sp�t. Ich lie� den Degen fallen, warf mich nach vorne und bekam seinen Kn�chel zu fassen, verlor aber das Gleichgewicht und fiel auf die Knie. Der Buckelige heulte auf, warf sich mit einer fast grotesken Bewegung herum und trat mit dem freien Bein nach meinem Gesicht.</p><p>Sein Fu� verfehlte meine Schl�fe, aber ich lockerte instinktiv meinen Griff. Der Buckelige keuchte triumphierend, ri� seinen Fu� aus meiner Umklammerung und raste auf allen vieren auf die offenstehende T�r zu.</p><p>Ich war mit einem Satz hinter ihm her, erreichte ihn aber nicht mehr.</p><p>Das letzte, was ich von ihm sah, war ein huschender Schatten, der behende wie ein Baumaffe den Schacht hinunterturnte und mit den glitzernden Schatten an seinem Grund verschmolz ...</p><empty-line/><p>Howards linkes Auge sah nicht besonders gut aus. Die Krallenhand des Buckeligen hatte einen langen, blutigen Kratzer in seine Wange gerissen; einen Zentimeter mehr, dachte ich schaudernd, und er h�tte das Auge verloren.</p><p>�Verdammt noch mal, h�r endlich auf�, sagte er mit zusammengebissenen Z�hnen, w�hrend ich vorsichtig mit der Spitze meines Taschentuches das Blut aus seinem Augenwinkel tupfte. �Wir haben Wichtigeres zu tun.�</p><p>Er wollte meinen Arm herunterdr�cken, aber ich schlug seine Hand grob beiseite und fuhr fort, sein Auge zu s�ubern.</p><p>�Was denn?� fragte ich. �Willst du ihnen nachklettern?�</p><p>�Unsinn.� Howard hielt still, bis ich sein Gesicht verarztet hatte, so gut mir das mit den zur Verf�gung stehenden Mitteln m�glich war. Dann stand er auf, ging noch einmal zum Bad hin�ber und blickte eine ganze Weile stumm und mit gerunzelter Stirn in die Tiefe.</p><p>�Ich m�chte wissen, wer die beiden waren�, murmelte er. �Und was sie von uns wollten.� Er seufzte, dr�ckte die T�r sorgf�ltig ins Schlo� und drehte sich mit gerunzelter Stirn um.</p><p>Das Zimmer bot einen chaotischen Anblick. Von der Einrichtung schien einzig der dreibeinige Tisch neben dem Fenster noch unbesch�digt zu sein.</p><p>Er war nicht leer. Auf der zerkratzten Platte lagen ... Dinge. Papiere, kleine, aus rechteckigen Lederst�ckchen und Schn�ren selbstgebastelte Beutel, Gl�ser mit unidentifizierbaren Inhalten, ein Stapel pergamentener Bl�tter, die sich auf den zweiten Blick als aus einem Buch gerissene Seiten entpuppten, eine Kerze ...</p><p>Verwirrt starrte ich das sonderbare Sammelsurium einen Moment lang an, trat schlie�lich n�her und wollte die Hand danach ausstrecken, aber Howard ri� mich beinahe grob zur�ck.</p><p>�Nicht�, sagte er. �R�hr nichts an, ehe wir nicht wissen, was hier vorgegangen ist.�</p><p>Er beugte sich nun seinerseits �ber den Tisch und musterte die Sammlung obskurer Objekte mit einem Ausdruck von Mi�trauen und Sorge.</p><p>�Wei�t du, was das ist?� fragte <emphasis>er </emphasis>schlie�lich.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf und zuckte gleich darauf mit den Achseln. �Wenn das hier ein Friedhof w�re und jetzt Mitternacht statt fr�her Morgen�, antwortete ich, �dann w�rde ich sagen, da� hier jemand sein Rheuma weghexen wollte.�</p><p>�Ich hoffe, dein Humor vergeht dir nicht so schnell�, murmelte Howard, ohne mich anzusehen. Seine Finger ber�hrten die Pergamente und zuckten wieder zur�ck, als h�tte er sich verbrannt.</p><p>�Ich wei� nicht genau, was es ist�, fuhr er fort, �aber es sieht aus, als h�tten die beiden hier eine Beschw�rung abgehalten. Oder es versucht.�</p><p>�Hier? Ausgerechnet hier?�</p><p>�Wundert dich das?� Howard l�chelte, aber es wirkte, wie so oft bei ihm, eher d�ster. �Glaubst du wirklich, es w�re Zufall, da� wir ausgerechnet in diesem Haus auf die beiden getroffen sind?�</p><p>Ich antwortete nicht gleich, und Howard hob einen der kleinen Lederbeutel hoch und sch�ttete seinen Inhalt auf den Tisch. Ich konnte nicht genau erkennen, worum es sich handelte - aber die kleinen schwarzen K�rnchen erinnerten mich auf unangenehme Weise an getrocknete Spinnen oder Ameisen.</p><p>�Es ist kein Zufall�, behauptete Howard, als ich noch immer keine Anstalten machte, von mir aus zu reden. �Vor Tagesfrist bist du in diesem Haus einem leibhaftigen <emphasis>Shoggoten </emphasis>begegnet - und jetzt platzen wir mitten in irgendeine d�stere Beschw�rung.� Er seufzte, sah mich an und deutete ungeduldig auf den Tisch.</p><p>�Zum Teufel, Robert - mu� ich dir jedes Wort aus der Nase ziehen?� fragte er. �Schlie�lich bist du der Magier von uns beiden, nicht ich. Was bedeutet das alles hier?�</p><p>�Nichts�, antwortete ich, trat neben Howard an den Tisch und nahm eines der kleinen Gl�ser zur Hand. Auf seinem Boden lag ein verschrumpeltes braunes Ding, das irgendwann einmal ein Laubfrosch gewesen sein mu�te.</p><p>�Wirklich nichts, Howard�, wiederholte ich, so ernsthaft, wie ich konnte. �Ich wollte dich mit meiner Bemerkung �ber den Friedhof nicht auf den Arm nehmen, Howard. Das hier hat mit Magie und Hexerei so viel zu tun wie ich mit dem englischen K�nigshaus.�</p><p>Howard sah mich fragend an, und ich warf das Glas mit dem mumifizierten Frosch angewidert zu Boden, wo es zerbrach. �Ich habe mich in den letzten anderthalb Jahren beinahe ausschlie�lich mit Magie und Hexerei besch�ftigt, Howard�, fuhr ich fort. �Und mit das erste, was ich gelernt habe, war, da� so <emphasis>etwas </emphasis>nicht dazu geh�rt. Getrocknete Kr�tenbeine und Fledermausfl�gel, die man zu Mitternacht und Neumond auf dem Friedhof verbrennt - das ist Magie, wie sie sich Kinder und Narren vorstellen. Es hat nichts mit wirklicher Zauberei zu tun.�</p><p>�Die beiden kamen mir nicht wie Kinder vor�, murmelte Howard. �Auch nicht wie Narren. Im Gegenteil - ich hatte das Gef�hl, da� sie es verdammt ernst meinten.�</p><p>�M�glich. Aber was immer sie vorhatten, h�tte nicht funktioniert. Damit kannst du keine Beschw�rung vornehmen, Howard. Es schadet h�chstens denen, die sich damit besch�ftigen.�</p><p>�Trotzdem sollten wir es mitnehmen�, beharrte Howard. �Ich will wissen, wer die beiden waren - und was sie hier wollten.�</p><p>Er blickte mich noch einen Moment nachdenklich an, l�ste sich dann von seinem Platz am Tisch und ging noch einmal zur Badezimmert�r hin�ber. Mein Herz begann wie wild zu schlagen, als ich sah, wie er sich - mit der Linken am T�rrahmen Halt suchend - vorbeugte und in den schwarzen Abgrund hinabstarrte, der sich wie ein gierig aufgerissenes Maul unter ihm auftat. Es war weniger der Anblick, der mich schaudern lie�, als vielmehr die Erinnerung, die er in mir wachrief. Der Raum hatte keinen Boden. Er war nichts als ein rechteckiger, bis in die Kellergeschosse des Hauses f�hrender Schacht. Um ein Haar w�re er mein Grab geworden, bei meinem ersten Besuch in diesem gastlichen Haus ...</p><p>�Wei�t du, was dort unten ist?� fragte Howard, als er sich wieder aufrichtete.</p><p>�Die Keller, vermutlich�, antwortete ich achselzuckend. �Warum?�</p><p>�Wir sollten hinuntergehen�, murmelte Howard. �Vielleicht finden wir irgendwelche Spuren. Die beiden k�nnen sich schlie�lich nicht in Luft aufgel�st haben.� Er drehte sich mit einem pl�tzlichen Ruck herum. �Komm.�</p><p>Ich widersprach nicht, denn ich war insgeheim froh, aus dem Zimmer verschwinden zu k�nnen. Dieses ganze Haus war verhext, beseelt von einer b�sen, finsteren Macht, die uns aus unsichtbaren Augen zu belauern schien. Und es war nicht der <emphasis>Shoggote, </emphasis>der mich um ein Haar verschlungen h�tte. <emphasis>Seine </emphasis>Gegenwart h�tte ich gesp�rt. Aber es w�re mir fast lieber gewesen, sie zu f�hlen. Denn dann h�tte ich wenigstens gewu�t, welcher Art von Feind wir gegen�berstanden.</p><p>Wir verlie�en das Zimmer und traten wieder auf den d�steren Korridor hinaus.</p><p>Irgendwo unter uns polterte etwas.</p><p>Howard blieb so abrupt stehen, als w�re er vor eine unsichtbare Wand geprallt. Das Poltern wiederholte sich, dann ert�nte ein berstender Schlag, und pl�tzlich schien das gesamte Geb�ude unter unseren F��en wie von einem Hammerschlag getroffen zu erzittern.</p><p>Howard br�llte mir irgend etwas zu, das in einem neuerlichen, noch lauterem Krachen unterging, und rannte los.</p><p>Aber nur ein paar Schritte weit. Er hatte kaum die obersten Stufen der Treppe erreicht, als er abermals mitten im Schritt zur�ckprallte. Und als ich neben ihm anlangte, wu�te ich auch, warum.</p><p>Mein Gef�hl hatte mich nicht getrogen. Dieses Haus <emphasis>war </emphasis>eine Falle.</p><p>�Siehst du�, schrie Howard. �Ich hatte recht - die beiden waren nicht zuf�llig hier. Ich glaube, irgend jemand in dieser Stadt hat etwas gegen uns.�</p><p>Ich fand seine Art von Humor nicht besonders originell.</p><p>Nicht in Anbetracht der br�llenden Flammenwand, die das untere Viertel der Treppe einh�llte und krachend und tosend auf uns zutobte.</p><empty-line/><p>Um ihn waren Stille und Dunkelheit wie eine warme, besch�tzende Decke, als er erwachte. Er wu�te nicht, wo er war, wie er hierher gekommen war, nicht einmal, <emphasis>wer </emphasis>er war.</p><p>Shannon blinzelte, versuchte, die Hand zu heben und stellte fest, da� sie so dick bandagiert war, da� er die Finger nicht bewegen konnte. Ein d�nner, brennender Schmerz bohrte sich wie eine Nadel in sein Handgelenk, und als w�re dieser Schmerz der Schl�ssel zu seinen Erinnerungen gewesen, zerri� der dumpfe Schleier, den der Schlaf um seine Gedanken gelegt hatte. Er erinnerte sich wieder. Und doch waren diese Erinnerungen ... <emphasis>falsch! </emphasis>War das das richtige Wort? Er wu�te es nicht.</p><p>Er wu�te nur, da� irgend etwas mit seiner Umgebung nicht stimmte.</p><p>Langsam richtete er sich in eine halb sitzende Position auf und schlug die Decke zur�ck. Er war nackt bis auf eine Pyjamahose, aber sein K�rper war �ber und �ber mit Verb�nden und Pflastern bedeckt, und selbst da, wo die blo�e Haut noch sichtbar war, war sie zerschunden und ger�tet. Er erinnerte sich an Flammen und Hitze.</p><p>Ja, das war es gewesen. Er hatte gegen den <emphasis>Shoggoten </emphasis>gek�mpft, der Jeff t�ten wollte, und war dabei schwer verletzt worden. So schwer, da� er nicht einmal in der Lage gewesen war, sein geheimes Wissen anzuwenden und sich selbst zu heilen.</p><p>Mit einem entschlossenen Ruck schwang der junge Magier die Beine aus dem Bett und stand auf, obwohl sein K�rper bei dieser Bewegung vor Schmerz zu zittern begann. Die beiden gr��ten Verb�nde begannen sich dunkel zu f�rben, als die Wunden darunter wieder aufbrachen.</p><p>Shannon ignorierte den Schmerz, wankte m�hsam zum Fenster und ri� die Vorh�nge mit einem Ruck auf. Helles Sonnenlicht str�mte in den Raum, aber es flackerte, und in seinem Schein war etwas Fremdes, St�rendes. Wieder hatte Shannon das Gef�hl, da� irgend etwas in seiner Umgebung nicht so war, wie es h�tte sein m�ssen, und wieder entglitt ihm der Gedanke, ehe er ihn weiter verfolgen konnte.</p><p>Eine Zeitlang blieb Shannon reglos und mit geschlossenen Augen am Fenster stehen. Das Sonnenlicht umspielte seinen K�rper wie eine streichelnde Hand, und Shannon sp�rte, wie das Reservoir magischer Energien tief in seinem Inneren Kraft aus dem Licht bezog. Die Schmerzen verebbten langsam, und das Gef�hl von M�digkeit und Schw�che wich einem neuen Empfinden von Kraft.</p><p>F�nf, sechs Minuten blieb Shannon reglos so stehen, dann ging er zum Bett zur�ck und trat vor den mannshohen Wandspiegel. Ein d�nnes L�cheln spielte um seine Lippen, als er damit begann, die Verb�nde abzuwickeln.</p><p>Es dauerte lange, bis er fertig war. Als der letzte Verband zu Boden fiel, war von den zahllosen Wunden, die seine Haut zuvor bedeckt hatten, nichts mehr zu sehen. Seine Haut war so glatt und unversehrt wie die eines Neugeborenen.</p><p>Shannon b�ckte sich nach seinen Kleidern, die zusammengefaltet auf einem Stuhl neben dem Bett lagen, und zog sie rasch �ber.</p><p>Er l�chelte seinem Spiegelbild zufrieden zu.</p><p>Was er sah, gefiel ihm, - ein junger Mann von neunzehn Jahren, schlank, aber mit der Figur eines hochtrainierten Athleten. Seine verdreckten und mit Brandflecken �bers�ten Kleider und das eingetrocknete Blut an seinem Haaransatz lie�en ihn wild und gleichzeitig abenteuerlich aussehen. Shannon war kein Narzi�, aber er war mit Recht stolz auf seinen K�rper. Und er wu�te dar�ber hinaus, wie wichtig es war, dieses empfindliche, unersetzliche Werkzeug seines Geistes zu pflegen und st�ndig in H�chstform zu halten. In den letzten Tagen hatte er gleich mehrmals nur �berlebt, weil er im wahrsten Sinne des Wortes in der Lage gewesen war, �bermenschliches zu vollbringen.</p><p>Shannon beendete seine Musterung, rieb das eingetrocknete Blut mit dem Handr�cken von der Stirn, so gut es eben ging, und wollte sich zur T�r wenden, als irgend etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Das schmale Jungengesicht seines Spiegelbildes blickte pl�tzlich mi�trauisch drein.</p><p>Im ersten Moment sah er nichts Auff�lliges, aber dann gewahrte er einen Schatten, der sich dicht hinter ihm bewegte, nicht viel mehr als ein Luftwirbel oder ein fl�chtiger Hauch.</p><p>Shannon fuhr ansatzlos herum, ri� die Arme hoch - und erstarrte.</p><p>Das Zimmer war leer. Aber pl�tzlich sp�rte er wieder den Atem des Fremden, <emphasis>Feindseligen, </emphasis>der wie ein �bler Geruch im Zimmer zu h�ngen schien. Es war ein Gef�hl, als schl�sse sich eine unsichtbare Hand um ihn, langsam, aber unbarmherzig. Verwirrt wandte er sich wieder um. Sein Herz begann zu rasen, als er erneut in den Spiegel sah.</p><p>Der Schatten war wieder da. Deutlicher jetzt als zuvor, als verdichte sich die Finsternis hinter ihm ganz allm�hlich zu einem K�rper.</p><p>Aber hinter ihm war nichts!</p><p>Eine eisige Hand schien Shannons R�cken zu streifen, als er begriff, da� der Schatten nicht hinter ihm, sondern nur <emphasis>hinter seinem Spiegelbild </emphasis>war, und da� -</p><p>Er sp�rte die Gefahr beinahe zu sp�t.</p><p>Eine rasche, wellenf�rmige Bewegung lief �ber die Oberfl�che des Spiegels, ein Zucken wie eine pl�tzliche Ersch�tterung in stillem Quecksilber, und von einem Sekundenbruchteil zum anderen wurde aus dem Schatten ein K�rper, aus dem wogenden Schwarz ein Gesicht. Ein schmales, aristokratisch geschnittenes Gesicht, von einem d�nn ausrasierten Bart beherrscht, ein Gesicht mit stechenden Augen und einem d�nnen, grausamen Mund, dar�ber rabenschwarzes Haar mit einer wei�en Str�hne wie ein gefrorener Blitz ...</p><p>Und dann hob die Gestalt die Arme, und ihre H�nde griffen <emphasis>aus dem Spiegelbild heraus und legten sich um Shannons Hals!</emphasis></p><p>Shannon schrie auf, warf sich zur�ck und versuchte den W�rgegriff mit einem verzweifelten Schlag zu sprengen.</p><p>Genausogut h�tte er versuchen k�nnen, einen Berg mit blo�en H�nden beiseite zu schieben. Der Druck auf seine Kehle verst�rkte sich eher noch.</p><p>Shannon keuchte und ri� das rechte Bein in die H�he. Seine Kniescheibe traf den Spiegel mit der Wucht eines Hammerschlages und zerschmetterte ihn vollends, aber hinter dem zerberstenden Glas war <emphasis>nichts, </emphasis>nur ein Schatten, ein Spiegelbild ohne reale Substanz. Und trotzdem sp�rte er den Griff des Unheimlichen weiter ...</p><p>Shannon begann zu wanken. Rote, flammende Ringe tanzten vor seinen Augen auf und ab, und in seinen Lungen begann ein grausamer Schmerz zu rasen. Er f�hlte, wie seine Kraft nachlie�, wie die H�nde Cravens das Leben aus ihm herauspre�ten und ...</p><p><emphasis>Craven</emphasis></p><p>Der Name erschien wie mit flammenden Lettern geschrieben vor Shannons Augen.</p><p>Irgend etwas schien in ihm zu zerbrechen. Pl�tzlich, von einer Sekunde auf die andere, kehrten seine Erinnerungen endg�ltig zur�ck. Pl�tzlich wu�te Shannon, wem er gegen�berstand - Robert Craven, dem Sohn des Magiers! Dem Mann, den zu vernichten er hergekommen war.</p><p>Er ahnte nicht, da� dies sein gr��ter Irrtum war, da� dieser Mann nicht Robert Craven, sondern dessen Vater Roderick Andara war. Da� sein Freund Jeff in Wirklichkeit der Sohn des Magiers war. Aber der Gedanke, wenn auch nur ein Irrtum, gab ihm noch einmal neue Kraft. Er sp�rte, wie der Ha� in ihm emporkochte wie eine Woge aus gl�hender Lava, griff danach und wandelte ihn um in Kraft, so, wie es ihn Necron gelehrt hatte.</p><p>Mit einem verzweifelten Schlag sprengte er Cravens Griff, st�rzte r�cklings auf das Bett und w�lzte sich blitzschnell zur Seite, als die Gestalt im Spiegel die Hand hochri�. Ein blauwei�er Blitz sengte dicht neben seinem Kopf in die Kissen und verbrannte sie zu Asche.</p><p>Shannon fuhr herum, erhob sich mit einem Satz auf die Knie und schlug mit aller geistiger Macht zu. Die Gestalt hinter dem Spiegel schien zu flackern. F�r einen Moment war es, als zeichneten kleine gelbe Flammen ihre Konturen nach; sie taumelte, verlor f�r die Dauer eines Herzschlages an Substanz und verdichtete sich wieder. Ihre H�nde hoben sich. Blaue Elmsfeuer zuckten �ber ihre Finger.</p><p>Aber der t�dliche Blitz, auf den Shannon gefa�t war, blieb aus. Statt dessen gewann Cravens K�rper mehr und mehr an Substanz, bis er schlie�lich keinem Spiegelbild mehr, sondern einem scheinbar lebenden Menschen aus Fleisch und Blut gegen�berstand. Aber der Eindruck zerstob, als er Cravens Stimme h�rte. Es war nicht die Stimme eines lebenden Menschen, und seine Lippen bewegten sich nicht, als er sprach.</p><p><emphasis>Ich k�nnte dich vernichten, Shannon, </emphasis>wisperte Cravens Stimme hinter Shannons Stirn. <emphasis>Du bist mir ausgeliefert.</emphasis></p><p>Shannon starrte die unheimliche Erscheinung an und schwieg. Er wu�te, da� Craven recht hatte - seine Kr�fte waren schwach. Die Regeneration hatte ihn viel Energie gekostet; mehr, als er bisher gesp�rt hatte. Sein Angriff hatte Craven �berrascht, mehr nicht. Und er f�hlte, wie gewaltig die Macht des Hexers in diesem Augenblick war. Warum t�tete er ihn nicht?</p><p><emphasis>Weil ich dich vielleicht noch brauche, </emphasis>antwortete Craven, und Shannon begriff voller Schrecken, da� der Magier seine Gedanken las.</p><p>Craven lachte leise. <emphasis>Wundert dich das? </emphasis>fragte er. <emphasis>Hat dir dein Meister nicht gesagt, wer der Mann ist, den du vernichten sollst? </emphasis>Er blickte Shannon einen Moment nachdenklich an und beantwortete seine eigene Frage dann mit einem Kopfsch�tteln. <emphasis>Nein, </emphasis>fuhr er fort. <emphasis>Ich sehe, er hat es dir nicht gesagt. Necron hat sich nicht ge�ndert, in all den Jahren.</emphasis></p><p>�Was willst du?� fragte Shannon gepre�t. �Mich vernichten oder mich verh�hnen?�</p><p><emphasis>Keines von beiden, mein junger n�rrischer Freund, </emphasis>antwortete der Magier - <emphasis>Ich h�tte dich schon gestern vernichten k�nnen, wenn ich das wirklich gewollt h�tte. Du warst mir ausgeliefert, so wie du es jetzt bist. Aber ich will dich nicht t�ten. Du bist nicht mein Feind.</emphasis></p><p>�Aber du meiner!� keuchte Shannon. Voller Wut wollte er aufstehen, aber Craven machte eine rasche, fast beil�ufige Bewegung mit der Hand, und der junge Magier brach mit einem schmerzhaften Keuchen zusammen.</p><p><emphasis>Das bin ich nicht, Shannon, </emphasis>widersprach er. Man hat dir gesagt, da� ich dein Feind w�re, aber das stimmt nicht. Necron bel�gt dich. So, wie er euch alle bel�gt. Aber ich verlange nicht, da� du mir glaubst.</p><p>�Was willst du?� keuchte Shannon. �T�te mich, oder verschwinde. Ich -�</p><p><emphasis>Was ich will? </emphasis>Craven lachte, und diesmal klang es so h��lich, da� Shannon instinktiv aufsah und die unheimliche Erscheinung mit neu erwachender Furcht anstarrte.</p><p><emphasis>Ich will dir eine letzte Chance geben, deine Meinung zu �ndern, du Narr, </emphasis>sagte Craven zornig. <emphasis>Ich bin nicht dein Feind, sondern im Gegenteil ein Feind derer, die auch du bek�mpfst.</emphasis></p><p>�Was ... was meinst du damit?� fragte Shannon stockend. Innerlich tobte er noch immer vor Ha� und Zorn, aber Cravens Worte hatten irgend etwas in ihm ber�hrt, etwas wie ein verborgenes Wissen, von dessen Existenz er selbst bis zu diesem Augenblick noch keine Ahnung gehabt hatte. Er <emphasis>wu�te </emphasis>einfach, da� der Magier in diesem Augenblick die Wahrheit sagte. �Was soll das hei�en?�</p><p><emphasis>Du wirst alles erfahren, </emphasis>antwortete Craven. <emphasis>Aber nicht jetzt, und nicht hier. Denke �ber meine Worte nach, Shannon, und wenn du deine Entscheidung getroffen hast, dann komm zu mir. Ich erwarte dich in Innsmouth, heute abend, wenn die Sonne untergeht. </emphasis></p><empty-line/><p>Die Feuerwand kam mit unheimlicher Geschwindigkeit n�her. Die Flammen fanden in dem ausgetrockneten Holz der Teppiche reichlich Nahrung und breiteten sich fast mit der Geschwindigkeit einer Explosion aus. Eine unsichtbare, gl�hende Hand griff nach meinem Gesicht, und jeder einzelne Atemzug war wie fl�ssige Lava in meinen Lungen.</p><p>Ich fuhr zur�ck und ri� Howard mit mir, der noch immer wie fasziniert auf die heranrasende Feuerwand starrte.</p><p>Der schmale Gang war pl�tzlich voller Qualm und erstickender Hitze, und noch w�hrend wir den Weg zur�cktaumelten, leckten bereits die ersten roten Flammenzungen an den obersten Stufen der Treppe. Die Tapeten begannen sich schwarz zu f�rben und zu schwelen.</p><p>�Dort hinaus!� br�llte Howard �ber das Krachen und Prasseln der zusammenbrechenden Treppe hinweg. Er deutete wild gestikulierend auf das schmale Fenster am Ende des Ganges und rannte los.</p><p>Ich begriff eine halbe Sekunde zu sp�t, was er vorhatte. Mit einem verzweifelten Schrei lief ich hinter ihm her und versuchte ihn zur�ckzurei�en, aber es war zu sp�t. Howard hatte das Fenster erreicht, r�ttelte einen Moment vergeblich am Rahmen - und schlug die Scheibe kurzerhand mit dem Ellbogen ein.</p><p>Hinter uns schien der Korridor zu explodieren.</p><p>Der Sauerstoff, der durch das zerbrochene Fenster hereinfauchte, lie� das Feuer zu br�llender Wei�glut aufsteigen. Ich schrie auf, als mich die Hitze wie eine gl�hende Faust in den R�cken traf, ri� sch�tzend die Arme vor das Gesicht und sah durch einen Schleier von Tr�nen, wie Howard Anstalten machte, aus dem Fenster zu klettern. Aber aus irgendeinem Grund hielt er mitten in der Bewegung ein und starrte mit schreckgeweiteten Augen nach unten.</p><p>Halb blind vor Schmerz griff ich nach dem Fensterrahmen, zerschnitt mir an den Glassplittern die Finger und starrte in die Tiefe.</p><p>Unter uns brannte das Haus wie eine Fackel.</p><p>Es war unm�glich. Der logische Teil meines Verstandes sagte mir, da� das Feuer nicht so gewaltig sein <emphasis>konnte, </emphasis>nach diesen wenigen Sekunden - aber die Wirklichkeit behauptete das Gegenteil. Schwarzer Rauch quoll aus den zerborstenen Fenstern, hier und da leckten bereits Flammen an den Au�enmauern empor, und die Eingangst�r, drei Stockwerke unter uns, spie Feuer wie ein Vulkan.</p><p>F�r einen kurzen Moment dachte ich ernsthaft daran, den zehn oder zw�lf Yard tiefen Sprung zu wagen und ein paar gebrochene Knochen - oder schlimmstenfalls ein schnelles Ende - dem qualvollen Tod in den Flammen vorzuziehen, verwarf den Gedanken aber sofort wieder und kletterte hastig in den Flur zur�ck. Die Hitze war ins Unertr�gliche gestiegen. Ich sp�rte, wie das gesamte Geb�ude unter meinem F��en zu zittern begann, als sich die Flammen in sein morsches Geb�lk fra�en. Logisch oder nicht - dieser ganze Tr�mmerhaufen w�rde in wenigen Augenblicken zusammenst�rzen!</p><p>Howard taumelte hustend und keuchend an mir vorbei - direkt auf die Flammenwand zu! Seine Gestalt schien sich vor dem wei�gl�henden Hintergrund der Feuersbrunst aufzul�sen, und ich sah, wie das Holz unter seinen F��en zu schwelen begann. �Howard!� br�llte ich mit �berschnappender Stimme. �Bist du verr�ckt geworden? Komm zur�ck!�</p><p>Wieder erbebte das gesamte Geb�ude wie unter einem Hammerschlag. Die Flammen schossen wie eine kompakte Wand aus unvorstellbarer Hitze wenige Schritte hinter Howard aus dem zerborstenen Boden, leckten gegen die Decke und lie�en die W�nde knacken und rei�en. Die Helligkeit trieb mir die Tr�nen in die Augen; ich sah Howard nur noch wie durch einen blendenden Schleier.</p><p>Aber ich erkannte, wie er verzweifelt die T�r vor sich aufzustemmen versuchte - und begriff!</p><p>Mit einem Satz war ich neben ihm, verbrannte mir die Finger am gl�henden Eisen des T�rgriffes und zerrte mit aller Macht daran. Die Hitze hatte das Holz bereits verzogen, und f�r einen kurzen, schrecklichen Moment schien es fast, als hielte die T�r selbst unseren vereinten Kr�ften stand. Dann sprang sie mit einem berstenden Schlag auf, und Howard und ich stolperten nebeneinander in das Zimmer zur�ck, das wir vor Minuten erst verlassen hatten.</p><p>Als wir die T�r zum Bad erreichten, explodierte der T�rrahmen hinter uns in blendender Wei�glut. Die Luft schien zu kochendem Sirup zu gerinnen. Howard schrie auf, k�mpfte sich, das Gesicht zwischen den sch�tzend erhobenen Armen verborgen, zur T�r zur�ck und trat sie zu.</p><p>Seine Verzweiflungstat verschaffte uns noch einmal eine kurze Gnadenfrist. Die T�r begann augenblicklich zu schwelen; eine unheimliche, blauwei�e Helligkeit drang durch ihre Ritzen, und Schlo� und Angeln gl�hten pl�tzlich dunkelrot. Kleine Flammen leckten rings um sie herum aus dem Holz. Aber sie hielt die allerschlimmste Hitze zur�ck, wenn auch nur f�r Sekunden. Aber vielleicht f�r die Sekunden, die wir brauchten.</p><p>Als Howard zur�ckkam, hatte ich die Badezimmert�r bereits aufgerissen und mich in den Schacht geschwungen. Der Stein vibrierte unter meinen H�nden wie ein lebendes Wesen, und aus der Tiefe stieg ein Hauch brodelnder Hitze herauf wie aus einem Kamin. Rote Lichtreflexe zuckten durch die Schw�rze am Grunde des Schachtes, und rings um uns wand sich das Haus wie in Kr�mpfen. Aber die Flammen hatten den Schacht noch nicht erreicht! Die t�dliche Fallgrube, der ich vor Tagesfrist mit knapper Not entkommen war, konnte jetzt zu unserer letzten Rettung werden!</p><p>Es war ein bizarrer, t�dlicher Spie�rutenlauf. �ber uns erscholl ein seltsam heller, splitternder Laut, kaum da� wir die ersten Meter hinuntergestiegen waren, und pl�tzlich wurde der Schacht von einem gnadenlosen, grellen Licht erf�llt. Ich sp�rte, wie das Geb�lk, an dem wir hinabstiegen, binnen Sekunden hei� wurde, und pl�tzlich begann der Balken unter meinen Fingern zu schwelen.</p><p>Ein greller Schmerz zuckte wie eine Lanze durch meine H�nde. Ich versuchte verzweifelt, mich trotz der Schmerzen festzuklammern und sah, wie Howard neben mir den Halt verlor und mit einem lautlosen Schrei nach hinten kippte.</p><p>Dann verlor ich ebenfalls den Halt und st�rzte wie ein Stein in die Tiefe.</p><empty-line/><p>Der Sturz schien endlos zu dauern. Die W�nde rasten an mir vor�ber, verbogene Eisenstangen und zerborstene Balken, und �ber mir tobte ein wei�gl�hender Orkan aus Hitze und Licht. Mein letzter Gedanke galt Howard, dessen Schrei in meinen Ohren gellte und pl�tzlich abbrach. Dann traf eine unsichtbare Faust meine F��e, versuchte mir die Beine in den Leib zu rammen und pre�te mir die Luft aus den Lungen, alles in Bruchteilen einer einzigen Sekunde. Dann brach das, was ich f�r t�dlichen schwarzen Stein gehalten hatte, auseinander, und eine Woge eisigen Wassers schlug �ber mir zusammen.</p><p>Die Wucht des Sturzes pre�te mich tief unter Wasser. Ich schlug schmerzhaft gegen Stein oder Felsen. Fauliges Wasser drang in meinen Mund; ich w�rgte, unterdr�ckte mit letzter Kraft den Impuls, zu atmen, und k�mpfte mich nach oben.</p><p>Flackerndes wei�es Licht umgab mich, als ich durch die Wasseroberfl�che brach. Irgendwo weit vor mir h�pfte Howards Kopf wie ein Korken auf den schwarzen Wellen, und ich h�rte seine Stimme, die mir irgend etwas zuschrie, das ich nicht verstand.</p><p>Etwas Hei�es streifte meine Wange, und pl�tzlich schien das Wasser neben mir wie unter einem Kanonenschu� auseinanderzuspritzen. Eine Flamme leckte nach meinem Haar und erlosch wieder. Und endlich begriff ich, in welcher Gefahr ich mich befand!</p><p>Der Schacht endete geradewegs in der Kanalisation, und das schlammige Wasser hatte meinen t�dlichen Sturz gebremst - aber ich war keineswegs in Sicherheit. Aus dem Schacht regneten ununterbrochen brennende Tr�mmerst�cke herab und schlugen wie kleine t�dliche Meteoriten rings um mich ein!</p><p>Entsetzt warf ich mich nach vorn, sp�rte einen neuerlichen Schlag gegen die Seite und tauchte blindlings unter. Vier, f�nf Z�ge weit schwamm ich unter Wasser, bis meine ausgestreckten H�nde gegen rauhen Stein stie�en, tauchte wieder auf und sah mich keuchend um.</p><p>Der Anblick lie� mich schaudern. Der Schacht lag hinter mir, nicht sehr weit, aber immerhin weit genug, da� ich nicht mehr von einem herabst�rzenden Tr�mmerst�ck erschlagen werden konnte. �ber uns schien eine blauwei�e, lodernde Sonne aufgegangen zu sein. Eine Welle intensiver Hitze fauchte aus dem Schacht herab. Das Wasser kochte unter den Einschl�gen der Steine, die ununterbrochen aus der H�he herabst�rzten, und selbst an seinem Grund loderte jetzt ein unheimliches Licht, als brenne das H�llenfeuer noch unter Wasser weiter.</p><p>Ich ri� mich von dem furchtbaren Anblick los, sah mich nach Howard um und schwamm mit drei, vier kr�ftigen Z�gen zu ihm hin�ber.</p><p>Howard hatte mittlerweile das jenseitige Ufer des Sieles erreicht und war gerade dabei, sich schnaubend auf den schmalen gemauerten Sims hinaufzuziehen, der den Abwasserkanal s�umte. Mit letzter Kraft zog ich mich hinter ihm auf den rettenden Stein und blieb sekundenlang, m�hsam um Atem ringend, liegen. Mein Herz raste, und in meinen Ohren rauschte das Blut.</p><p>�Wir m�ssen ... weiter�, keuchte Howard neben mir. Seine Stimme klang seltsam; die gew�lbte Decke des Kanals verzerrte sie und warf meckernde Echos zur�ck, und das Brausen der Flammen verlieh seinen Worten einen unheimlichen Klang.</p><p>Ich stemmte mich hoch, wischte mir Wasser und Schmutz aus dem Gesicht und versuchte zu antworten, brachte jedoch nur ein hilfloses �chzen zustande.</p><p>�Schnell�, sagte Howard. �Wir m�ssen weg. Ich f�rchte, die Decke h�lt nicht.�</p><p>Wie um seine Worte zu best�tigen, lief in diesem Moment ein sp�rbares Zittern durch den Tunnel, und irgendwo hinter uns l�ste sich ein Stein aus der gew�lbten Decke und fiel klatschend ins Wasser.</p><p>M�hsam drehte ich mich herum und begann dicht gegen die Wand gepre�t auf dem schmalen Sims entlangzubalancieren.</p><p>Der Stollen �chzte unter dem Gewicht des zusammenst�rzenden Hauses, und das Ger�usch weckte die Erinnerung an einen anderen Brand in mir, ein Feuer, das ebenso unnat�rlich gewesen war und lange zur�cklag ...</p><p>Nach einer Strecke von vielleicht f�nfzig Yard begann der Sims breiter zu werden. Gleichzeitig hob sich die Decke, bis aus dem niedrigen Tunnel pl�tzlich eine hohe, runde H�hle mit gemauerten W�nden wurde. Der Abwasserkanal verwandelte sich in einen flachen, runden See, der auf der anderen Seite der Kaverne gurgelnd durch einen zweiten, weitaus niedrigeren Tunnel abflo�.</p><p>Mit einem erleichterten Seufzen taumelte ich ein paar Schritte in die Kaverne hinein, lie� mich gegen die Wand fallen und sackte kraftlos daran zu Boden. Pl�tzlich begann sich der unterirdische Dom vor meinen Augen zu drehen; mir wurde schlecht. F�r zwei, drei Sekunden k�mpfte ich gegen die immer st�rker werdende �belkeit an, dann gab ich auf, beugte mich zur Seite und �bergab mich w�rgend.</p><p>Als ich wieder klar zu sehen und zu denken vermochte, erblickte ich ein Paar F��e, die dicht vor meinem Gesicht inmitten der Pf�tze von Erbrochenem standen, ohne da� es ihren Besitzer zu st�ren schien. Im Gegenteil - pl�tzlich klang ein dunkles, am�siertes Lachen auf. Aber es war kein sehr freundliches Lachen ...</p><p>Ich blinzelte, stemmte mich m�hsam in die H�he und hob den Kopf.</p><p>Die F��e geh�rten zu den gewaltigsten Beinen, die ich jemals erblickt hatte. Aber sie pa�ten zu dem K�rper. Dem K�rper eines Riesen, mehr als zwei Meter gro� und so breitschultrig, da� er schon fast verkr�ppelt wirkte.</p><p>Und sein Gesicht ...</p><p>Sein Gesicht war ein Alptraum.</p><p>Aber das war der letzte Gedanke, den ich dachte. Dann traf mich eine Faust und l�schte mein Bewu�tsein aus.</p><empty-line/><p>�Sie haben ihn�, sagte Ayres. Das Gesicht der alten Frau war zu einer Maske der Konzentration geworden, wie immer, wenn sie in Trance fiel. Aber etwas war anders als die anderen Male, da Lowry die Hexe in diesem Zustand gesehen hatte. Ihre Stimme bebte vor Erregung. �Sie haben ihn�, sagte Ayres noch einmal. �Ihn und noch einen Mann. Einen Fremden.� Sie z�gerte. �Etwas stimmt nicht�, f�gte sie mit ver�nderter Betonung hinzu.</p><p>Lowry sah, wie Bannister und Floyd alarmiert aufblickten. Das Licht der einzigen Kerze, die den gro�en, abgedunkelten Raum tief unter der Erde erhellte, schien f�r einen Moment zu flackern, obwohl es keinen Luftzug gab.</p><p>�Was hei�t das?� fragte er. �Gibt es Schwierigkeiten?�</p><p>�Nein�, sagte Ayres hastig. Sie �ffnete die Augen, fuhr sich mit den Fingerspitzen �ber die Lippen ihres faltigen, zahnlosen Mundes und sagte noch einmal und mit gr��erer �berzeugung: �Nein. Curd und Wulf bringen sie hierher. Es ist alles so gekommen, wie du geplant hast, Lowry.� Sie l�chelte, und in ihren vom Alter tr�b gewordenen Augen gl�hte Triumph auf. �In zwei Stunden werden sie hier sein. Dieser andere z�hlt nicht. Ich werde Curd sagen, da� er ihn t�ten soll.�</p><p>�Nein�, sagte Lowry schnell. �Ich ... m�chte nicht, da� ein Unschuldiger stirbt. Ich will nur ihn.�</p><p>In Ayres Augen blitzte es sp�ttisch auf, aber zu Lowrys eigener Verwunderung nickte sie. �Wie du willst. Aber er wird alles verraten. Du wirst Schwierigkeiten bekommen, wenn alles vorbei ist.�</p><p>Lowry machte eine ungeduldige, wegwerfende Handbewegung. �Das z�hlt nicht�, sagte er. �Ich will ihn, alles andere ist gleich.� Er funkelte die Alte an. �Du wirst deinem Kretin sagen, da� er dem anderen nichts zuleide tut, hast du das verstanden?�</p><p>Ayres nickte. �Wie du befiehlst, Meister�, sagte sie sp�ttisch. �Es ist dein Leben, das du wegwirfst.�</p><p>Ein kurzes, eisiges Fr�steln lief �ber Lowrys R�cken, als er die Worte der Alten h�rte. Aber dann dachte er an <emphasis>ihn, </emphasis>den Mann, den Curd und der Wolfmann brachten - und an seinen neugeborenen Sohn. Und pl�tzlich sp�rte er nur noch Ha�.</p><empty-line/><p>Ein dumpfer Schmerz pochte in meinem Nacken, als ich erwachte. Ich lag mit dem Gesicht auf hartem, schmierigfeuchtem Stein, und als ich die H�nde zu bewegen versuchte, sp�rte ich, da� meine Arme brutal auf den R�cken gedreht und mit groben Stricken zusammengebunden worden waren. Es tat ziemlich weh.</p><p>Ich st�hnte und w�lzte mich herum. Ein Fu� traf meine Seite und pre�te mir die Luft aus den Lungen.</p><p>�Versuch lieber keinen Unsinn�, sagte eine Stimme irgendwo �ber mir. �Es sei denn, du legst Wert darauf, da� ich dich gleich hier fertigmache.�</p><p>�Was ... was soll das?� keuchte ich, als ich wieder einigerma�en zu Atem gekommen war. �Wer sind Sie und was ... was wollen Sie von uns?�</p><p>Der Mann �ber mir lachte hart. Es war der Riese, auf den wir schon oben im Hotel getroffen waren, und hinter ihm glaubte ich den verzerrten Schatten eines zweiten Mannes zu erkennen. Ein seltsam hechelndes, kaum mehr menschliches Atmen drang an mein Ohr.</p><p>�Spielen Sie nicht den Narren, Andara�, sagte der Riese �rgerlich. Im Gegensatz zu seinem absto�enden Gesicht klang seine Stimme beinahe sympathisch, obwohl sie vor Zorn und m�hsam unterdr�ckter Wut bebte. �Sie h�tten niemals wieder hierher kommen sollen�, fuhr er fort.</p><p>�Ich ... ich verstehe nicht�, murmelte ich, sprach aber vorsichtshalber nicht weiter, als er den Fu� hob, als wolle er mich schon wieder treten. Offensichtlich verwechselte er mich - mit meinem Vater.</p><p>�Sie bleiben hier liegen und r�hren sich nicht, bis ich zur�ck bin�, sagte er drohend. �Ich lasse Wulf bei Ihnen. Wenn Sie zu fliehen versuchen, zerrei�t er Sie.�</p><p>Ich antwortete nicht. Allm�hlich begannen sich die grauen Schlieren vor meinem Blick zu lichten, und ich erkannte mehr von meiner Umgebung. Ich konnte nicht lange bewu�tlos gewesen sein, denn wir befanden uns noch immer in der unterirdischen Kaverne, und aus dem Abwasserkanal drang flackernder Lichtschein. Ein schwacher Brandgeruch mischte sich in den Gestank des fauligen Wassers, und irgendwo, sehr weit entfernt, wie es schien, ert�nte ein ununterbrochenes Poltern und Bersten. Aber das alles registrierte ich nur am Rande. Der gr��te Teil meines Bewu�tseins konzentrierte sich auf den Riesen, der mit drohend geballten F�usten und gespreizten Beinen �ber mir stand und auf eine Antwort zu warten schien.</p><p>Ich schwieg weiter, aber mein Blick saugte sich in dem seiner Augen fest, und nach einer Weile schlug der Ausdruck von Ha� darin um, wurde zu einem unsicheren Flackern, schlie�lich zur Furcht.</p><p>�Binde mich los!� befahl ich.</p><p>Der Riese st�hnte. Seine gespaltenen Lippen zuckten, und auf seinem furchtbar verw�steten Antlitz machte sich ein Ausdruck von Hilflosigkeit und Schrecken breit. Dann Panik.</p><p>�Binde mich los�, sagte ich noch einmal. �Sofort! Ich befehle es.�</p><p>Der Riese begann zu taumeln. Ich sah, wie sich seine Muskeln unter dem zerschlissenen Hemd spannten, als k�nnte er k�rperlich gegen den fremden Willen k�mpfen, der seinen eigenen Geist beeinflu�te. Ein dumpfes, gequ�ltes St�hnen kam �ber seine Lippen.</p><p>Nat�rlich verlor er den Kampf. Sein Geist war stark und stand seinem K�rper in Z�higkeit und Kraft kaum nach, aber ich verf�gte �ber die Macht eines Magiers; einer Macht, der kein Sterblicher gewachsen ist. Nach drei, vier endlosen Sekunden l�ste er sich von seinem Platz, trat mit einem m�hsamen Schritt auf mich zu und hob die H�nde; in einer Bewegung, die steif und puppenhaft wirkte.</p><p>Aber er f�hrte sie nicht zu Ende. Der verschwommene Schemen hinter ihm stie� ein helles, winselndes Ger�usch aus, sprang mit einem grotesken Satz auf den Riesen zu und schleuderte ihn zur�ck.</p><p>Ich sp�rte, wie das unsichtbare Band zerri�, das mich mit seinem Geist verbunden hatte, versuchte instinktiv nach dem zweiten Angreifer zu greifen und kr�mmte mich, als eine sechsfingrige Klaue mein Gesicht traf und scharfe Krallen meine Wange aufrissen.</p><p>�Zur�ck!� br�llte ich. �Verschwinde - <emphasis>ich befehle es!�</emphasis></p><p>Die einzige Reaktion auf meine Worte bestand in einem zweiten, noch gemeineren Hieb, der meinen Kopf mit solcher Wucht gegen den Steinboden krachen lie�, da� mir f�r einen Moment die Sinne schwanden.</p><p>Als sich mein Blick wieder kl�rte, sah ich in ein Alptraumgesicht.</p><p>Es war der Buckelige - oder das, was ich oben im Hotel f�r einen buckeligen Menschen gehalten hatte. Jetzt hatte er seine Jacke abgestreift, so da� ich seinen K�rper sehen konnte. Er war nicht buckelig.</p><p>Und er war erst recht kein Mensch ...</p><p>�Wulf!� br�llte der Riese. �Aus!�</p><p>Die Alptraumkreatur stie� ein keuchendes Bellen aus und schnappte nach meinem Gesicht. Ihr f�rchterliches Gebi� klappte Millimeter �ber meinem Gesicht zusammen, und ein Schwall �belriechenden Atems streifte mich. Seine Raubtierkrallen bohrten sich in meinen Hals.</p><p>�Aus!� schrie der Riese noch einmal. �Zur�ck, Wulf!�</p><p>Und diesmal gehorchte die Kreatur. Mit einem letzten, drohenden Zischen l�ste sie die H�nde von meiner Kehle, richtete sich auf und kroch auf allen vieren ein St�ck zur�ck, ohne mich jedoch auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.</p><p>�Das war nicht sehr klug von Ihnen, Andara�, sagte der Riese leise. Er hatte sich wieder gefangen und starrte ha�erf�llt auf mich herab. �Ich h�tte Lust, Sie gleich hier zu ers�ufen. Aber das w�re zu leicht.�</p><p>Er wandte sich um, zischelte der Wolfskreatur etwas zu und verschwand geb�ckt in dem Abwasserkanal, der zum Hotel zur�ckf�hrte.</p><p>�Tu etwas, Robert�, fl�sterte Howards Stimme neben mir. �Schnell, ehe er zur�ckkommt.�</p><p>M�hsam drehte ich den Kopf und sah Howard an, der zwei Schritte neben mir lag, genauso wie ich an H�nden und F��en gefesselt. �Bitte, Robert!� f�gte er hinzu. Seine Stimme zitterte.</p><p>�Das kann ich nicht�, antwortete ich leise. �Es tut mir leid, Howard. Ich kann ihn nur beeinflussen, wenn ich seine Augen sehe.�</p><p>Howard pre�te entt�uscht die Lippen aufeinander.</p><p>�Und dieses ... Wesen?� fragte er mit einer Kopfbewegung auf den Wolfsmann. Die Kreatur schien seine Worte zu verstehen, denn ihr Kopf ruckte herum, und ein drohendes Knurren drang aus ihrer Kehle.</p><p>Ich versuchte es, obwohl ich von vornherein wu�te, wie sinnlos es war. Der Riese hatte genau gewu�t, warum er dieses Wesen als W�chter bei uns zur�cklie�.</p><p>Trotzdem konzentrierte ich mich, erregte seine Aufmerksamkeit mit einem schnalzenden Laut und versuchte seinen Blick zu bannen. Behutsam tastete ich nach seinem Geist, aber alles, was ich sp�rte, waren animalische Instinkte. Wildheit und Hunger und Gier, und eine Mordlust, die mich zur�ckprallen lie�, als h�tte ich gl�hendes Eisen ber�hrt.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. �Sinnlos�, sagte ich leise. �Dieses Ding hat kein Bewu�tsein, das ich beeinflussen k�nnte.�</p><p>�Verdammt, Robert - was ist das f�r ein Wesen?� knurrte Howard. �Und dieser Riesenkerl ... sein Gesicht! Hast du sein Gesicht gesehen?�</p><p>Ich nickte. Nat�rlich hatte ich das Gesicht des Riesen gesehen. Und ... nicht einmal zum ersten Mal! Es war kaum zwei Tage her, da� ich Gesichter wie dieses erblickt hatte, in einer kleinen Ortschaft wenige Meilen von hier ...</p><p>�Innsmouth�, sagte ich.</p><p>Howard sah auf, runzelte die Stirn und blickte mich an, als zweifle er an meinem Verstand. �Wie?�</p><p>�Innsmouth�, wiederholte ich aufgeregt. �Du hattest recht, Howard - es war kein Zufall, da� wir auf diese beiden getroffen sind. Ich bin M�nnern wie ihnen schon einmal begegnet; kurz vor meiner Ankunft in Arkham. Sie ... haben mich angegriffen. In Innsmouth, nur ein paar Meilen -�</p><p>�Ich wei�, wo Innsmouth liegt�, unterbrach mich Howard, und pl�tzlich war in seiner Stimme ein Klang, der mich aufhorchen lie�.</p><p>�Was hast du dort getan?� fragte er scharf.</p><p>Ich schwieg einen Moment, warf einen unsicheren Blick auf den Wolfsmenschen, der unser Gespr�ch mit gespitzten Ohren und gl�henden Augen verfolgte, und erz�hlte ihm in wenigen S�tzen von meinem Besuch in dem kleinen Fischerdorf.</p><p>Howards Gesicht verd�sterte sich mit jedem Wort, das er h�rte. �Du hast mir nichts davon erz�hlt, da� du dort warst.�</p><p>�Du hast mich nicht danach gefragt�, antwortete ich ver�rgert. �Und ich hielt es nicht f�r wichtig.�</p><p>�Nicht wichtig?� keuchte Howard. �Verdammt, Robert - du h�ltst es nicht f�r wichtig, wenn du in ein Dorf voller wildfremder Leute kommst, und die versuchen dich umzubringen?�</p><p>�Ich ... ich habe einfach nicht mehr daran gedacht�, verteidigte ich mich. �Seit ich in diese verdammte Stadt gekommen bin, bin ich ja kaum dazu gekommen, einen klaren Gedanken zu fassen.�</p><p>�Schon gut�, sagte Howard leise. �Du hast ja recht. Es macht vermutlich auch keinen Unterschied mehr.� Er seufzte. �Aber du h�ttest niemals dorthin gehen d�rfen.�</p><p>�Und warum nicht? Was ist so besonders an diesem Dorf, Howard?�</p><p>Howards Blick saugte sich an dem bizarren Gesicht des Wolfsmannes fest, aber in seinen Augen war ein Ausdruck, als s�he er etwas ganz anderes, Furchtbareres.</p><p>�Innsmouth�, murmelte er. Seine Stimme bebte vor innerer Erregung, und er sprach mehr mit sich selbst als zu mir. �O mein Gott. Nach all diesen Jahren ...�</p><p>�Verdammt - Howard, was bedeutet das?� fragte ich w�tend. �Ich habe keine Lust, herumzuraten! Was hat es mit Innsmouth auf sich, und diesen ... diesen ...�</p><p>�Kr�ppeln�, sagte eine Stimme hinter mir. Ich fuhr zusammen, sah auf und blickte in das Gesicht des Riesen, der zur�ckgekommen war, ohne da� ich es bemerkt hatte.</p><p>�Sagen Sie es ruhig, Andara�, sagte er b�se. �Wulf und ich sind daran gew�hnt, da� man uns so nennt.�</p><p>Seltsamerweise machten mich seine Worte verlegen. �Das wollte ich nicht sagen�, murmelte ich. �Es tut mir leid.�</p><p>�So?� Der Riese lachte meckernd, und wie um ihm beizupflichten, stimmte der Wolfsmann ein meckerndes Kojotengel�chter an. �Es tut Ihnen leid, Andara? Das braucht es aber nicht. Jetzt nicht mehr�, f�gte er mit ver�nderter, drohender Stimme hinzu. �Leid h�tte es Ihnen vor zweihundert Jahren tun sollen. Jetzt ist es zu sp�t. Jetzt werden Sie den Preis f�r Ihr Tun bezahlen.�</p><empty-line/><p>Das kleine Zimmer war leer bis auf einen Stuhl, der verloren neben der T�r stand. Die beiden Fenster waren sorgsam mit schwarzen Stoffbahnen verh�ngt worden, so da� ich nicht zu sagen vermochte, ob es Tag oder Nacht war, und das einzige Licht kam von einer schwarzen, bizarr geformten Kerze, die neben dem Stuhl auf dem Boden stand.</p><p>Es war kalt. Meine Kleider klebten vor N�sse am K�rper, ich f�hlte mich m�de, durchgefroren und hundeelend. Stunde um Stunde - wie mir schien - hatte uns der mi�gestaltete Riese durch die Abwasserkan�le geschleppt. Ich hatte insgeheim darauf gehofft, eine M�glichkeit zur Flucht zu finden, aber der h��liche Riese hatte, anstatt uns loszubinden, Howard und mich scheinbar m�helos �ber die Schulter geworfen und uns getragen, selbst f�r einen Kerl wie ihn eine erstaunliche Leistung. In diesem Haus angekommen, hatte er mich in den verdunkelten Raum geworfen, die Kerze entz�ndet und die T�r hinter sich verschlossen.</p><p>Seitdem wartete ich. Ich wu�te blo� nicht, worauf.</p><p>Ich wu�te auch nicht, wieviel Zeit vergangen war; mein Zeitgef�hl war durcheinandergeraten, und einmal war ich vor Ersch�pfung eingeschlafen.</p><p>Schlie�lich h�rte ich drau�en vor der T�r Schritte. Ein Schl�ssel drehte sich im Schlo�, und die T�r schwang quietschend auf. Drei, vier Personen betraten den Raum, schwarze Schatten gegen den grell erleuchteten Hintergrund, dann wurde die T�r wieder geschlossen.</p><p>Der Luftzug hatte die Kerze gel�scht. Irgendwo vor mir raschelte es, dann flammte ein Streichholz auf, und der Docht verbreitete erneut tr�bgelbe Helligkeit. Es dauerte einen Moment, bis sich meine Augen wieder an die Dunkelheit gew�hnt hatten und aus den Schatten allm�hlich vier menschliche Gestalten wurden.</p><p>Zwei von ihnen kannte ich - es waren der Riese und Wulf. Der dritte war ein schlanker, dunkelhaariger Mann unbestimmbaren Alters, der auf den ersten Blick beinahe normal aussah; allerdings auch <emphasis>nur </emphasis>auf den ersten Blick.</p><p>Die vierte Person war eine Frau. Eine sehr alte Frau - achtzig, vielleicht sogar neunzig Jahre, sch�tzte ich. Ihr Gesicht glich einer zerschundenen Landschaft aus Falten und tief eingeschnittenen Narben, grau und fleckig wie altes Pergament und ebenso tot. Das einzige Lebendige darin waren die Augen. Augen, deren Blick mich schaudern lie�.</p><p>�Andara�, murmelte der Mann an ihrer Seite. �Endlich haben wir dich. Endlich!�</p><p>Seine Stimme drang nur wie durch einen d�mpfenden Vorhang an mein Bewu�tsein. Der Blick der Alten bannte mich. Es war keine Hypnose, sondern etwas anderes, etwas viel Finstereres und B�seres.</p><p>M�hsam l�ste ich meinen Blick von dem der Alten und versuchte mich aufzusetzen, so gut es die Fesseln zulie�en. �Wer ... wer sind Sie?� fragte ich stockend. �Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?�</p><p>�Mein Name tut nichts zur Sache, Andara�, antwortete der Mann grob. �Ich bin Lowry Temples, aber das wird Ihnen nichts sagen, vermute ich.�</p><p>�Nein�, antwortete ich. �So wenig, wie ich wei�, warum mich Ihre Schl�ger entf�hrt haben und warum ich hier bin.�</p><p>Temples Augen blitzten auf. �Das wissen Sie wirklich nicht?� fragte er. �Aber nat�rlich - es ist lange her, nicht wahr? Zweihundert Jahre sind selbst f�r einen Mann wie Sie eine lange Zeit, Roderick Andara.�</p><p>Ich wollte antworten, aber die Alte kam mir zuvor.</p><p>�Das ist nicht Andara�, sagte sie ruhig.</p><p>Temples erstarrte. Verwirrt blickte er mich an, dann die Alte, und dann wieder mich. �Das ist ...�</p><p>�... nicht Roderick Andara�, sagte die Alte noch einmal. �Ich wei�, was ich sage, Lowry.�</p><p>�Aber er mu� es sein!� keuchte Temples, beinahe verzweifelt. �Er sieht so aus wie auf den Bildern, und ich ... ich habe seine Macht selbst gesp�rt. Und Curd auch und die anderen!�</p><p>�Er sieht aus wie er�, best�tigte die Alte. �Er hat seine Macht und sein Wissen. Aber er ist es nicht. Glaube mir, Lowry - ich w�rde ihn erkennen, st�nde er vor mir.�</p><p>�Aber wer ...� Temples schluckte nerv�s, atmete h�rbar ein und starrte aus brennenden Augen auf mich herab. �Wer sind Sie denn?� fragte er.</p><p>�Ich bin sein Sohn�, sagte ich leise. �Mein Name ist Craven, nicht Andara. Robert Craven.�</p><p>�Sein Sohn ...� Temples erbleichte. Seine Lippen begannen zu zittern, und f�r einen Moment tr�bte sich sein Blick. �Der Sohn des Magiers.�</p><p>�Ich bin Andaras Sohn�, wiederholte ich, �aber glauben Sie mir, das ist alles, was ich mit ihm zu tun habe. Was immer mein Vater getan haben mag - ich wei� nicht, was es war, und ich wei� nicht, warum er es getan hat.� Ich seufzte. �Bis vor ein paar Tagen wu�te ich nicht einmal, da� es einen Ort namens Innsmouth gibt.�</p><p>Temples lachte. Es klang h��lich. �Das �ndert nichts�, sagte er hart. �Ob Sie nun Andara oder Craven hei�en, spielt keine Rolle.�</p><p>�Lowry�, sagt die Alte. �Bitte - er kann nichts daf�r. Er sagt die Wahrheit, glaube mir. Er wei� nicht, was hier geschehen ist.�</p><p>�Das wei� mein Sohn auch nicht!� br�llte Temples. �Ich sage dir, sei still, Ayres! Er wird f�r die Tat seines Vaters bezahlen, so wie mein Sohn f�r das bezahlt, was mein Urahne getan haben soll. Auge um Auge.�</p><p>�Und du glaubst, du w�rdest das Unrecht gutmachen, indem du ein neues begehst?� fragte Ayres leise. Ihr vers�hnlicher Ton t�uschte, das sp�rte ich. Es h�rte sich an, als st�nde sie auf meiner Seite, aber das stimmte nicht. Ich konnte das Fremde, B�se, das von ihrer Seele Besitz ergriffen hatte, fast sehen.</p><p>�Ich will nichts wiedergutmachen�, antwortete Temples hart. �Ich will Rache, Ayres, nichts als Rache.�</p><p>�Und wof�r?� fragte ich. �Ich wei� ja nicht einmal, was hier geschehen ist, Temples. Seien Sie vern�nftig und -�</p><p>�Vern�nftig?� Pl�tzlich schrie Temples auf, beugte sich vor und schlug mir mit der flachen Hand �ber den Mund; so heftig, da� mein Kopf zur�ckflog und meine Unterlippe aufplatzte. Der Wolfsmann stie� ein drohendes Knurren aus.</p><p>�Vern�nftig?� schrie Temples noch einmal. �Sie verlangen von mir, vern�nftig zu sein, Craven? Sie wissen nicht, was Sie reden! Sie ... Sie werden sterben, das schw�re ich Ihnen. So qualvoll, wie mein Sohn leben wird und die Kinder der anderen, werden Sie sterben.� Wieder hob er die Hand, um mich zu schlagen, aber diesmal fiel ihm der Riese in den Arm und ri� ihn zur�ck. Temples heulte vor Wut auf und versuchte nach dem Giganten zu schlagen, aber Curd sch�ttelte nur den Kopf und dr�ckte seinen Arm herunter.</p><p>�Ruf ihn zur�ck!� keuchte Temples. �Verdammt, Ayres, er soll mich loslassen!�</p><p>�Curd!� Die Stimme der Alten klang scharf wie ein Peitschenhieb. Der Riese fuhr zusammen, lie� Temples los und zog sich wie ein gepr�gelter Hund zur�ck. �Und du�, fuhr Ayres, an Temples gewandt, fort, �bist vern�nftig. Er ist unschuldig.�</p><p>Temples starrte sie ha�erf�llt an und massierte seine schmerzenden Oberarme.</p><p>�Unschuldig!� Er spie das Wort fast aus. �So wie mein Sohn, wie? Wie ich und Curd und Wulf und die anderen?�</p><p>Ich richtete mich wieder auf, zog die gesprungene Unterlippe zwischen die Z�hne und spuckte Blut auf den Boden. �Ich verstehe nicht, was Sie meinen�, sagte ich gepre�t. �Aber ich glaube, ich habe wenigstens das Recht auf eine Erkl�rung.�</p><p>Temples wollte auffahren, aber die Alte unterbrach ihn wieder. �Er hat recht, Lowry�, sagte sie ruhig. �Zeige es ihm. Zeige ihm, was sein Vater den Menschen in Innsmouth angetan hat.�</p><empty-line/><p>Das Feuer war erloschen, aber �ber der Ruine lag noch ein Hauch dr�ckender, trockener Hitze. Aus den zerborstenen Stein- und Holzmassen, zu denen das Geb�ude zusammengesunken war, stieg noch immer schwarzer Qualm, dann und wann auch ein Funkenschauer, je nachdem, wie der Wind stand.</p><p>Die Feuerwehr war mit zwei Spritzenwagen gekommen und hatte l�nger als eine Stunde gel�scht, und schlie�lich war es ihr auch gelungen, ein �bergreifen des Feuers auf die benachbarten H�user zu verhindern. Trotzdem waren die Bewohner vorsorglich evakuiert worden. Sie hockten, etwas abgesondert von der Menge der Gaffer und Neugierigen, die die Arbeit von Polizei und Feuerwehr behinderten, auf ihren Koffern und den hastig gepackten B�ndeln. Sie wirkten niedergeschlagen, beinahe unnat�rlich ruhig und gefa�t. Nur hier und da wimmerte ein Kind oder weinte eine Frau still in sich hinein.</p><p>Shannon hatte sich zur gegen�berliegenden Stra�enseite zur�ckgezogen. Aufmerksam beobachtete er, wie sich zwei, drei M�nner von ihren Pl�tzen erhoben und scheinbar ziellos die Stra�e hinunterzugehen begannen. Auf ihren Gesichtern stand ein Ausdruck grimmiger Entschlossenheit geschrieben.</p><p>Shannon begriff nicht, was hier vorging. Er war nach Arkham gekommen, weil die einzige Stra�e nach Innsmouth durch diesen Ort f�hrte, und war geblieben, um dem Feuer zuzusehen und vielleicht zu helfen, falls dies n�tig sein sollte. Aber er hatte den Ha� und den aufgestauten Zorn, die wie eine �belriechende Wolke �ber der Stadt lasteten, schon von weitem gesp�rt.</p><p>Ha� worauf? dachte er verwirrt. Auf das Feuer? L�cherlich. Ein Feuer ha�t man nicht.</p><p>Die Gruppe bewegte sich an ihm vorbei, und pl�tzlich erkannte Shannon, was ihr Ziel war. Ein St�ck �stlich die Stra�e hinab stand ein zweisp�nniger, geschlossener Wagen mit schwarzem Verdeck. Der Fahrer war abgesessen und redete gestenreich mit zwei M�nnern in den dunkelblauen Uniformen der Stadtpolizei.</p><p>Kurz entschlossen schlo� sich Shannon der Gruppe an. Niemand nahm von ihm Notiz, denn aus den drei M�nnern, die sich aus der Gruppe der Evakuierten gel�st hatten, war mittlerweile ein gutes halbes Dutzend geworden, und w�hrend sie sich der Kutsche n�herten, schlossen sich immer mehr und mehr M�nner an. Sie waren fast zwei Dutzend, als sie den Wagen erreichten. Unauff�llig schob sich Shannon nach vorne und blieb zwei Schritte hinter dem Kutschfahrer stehen, der in einen heftigen Streit mit den beiden Polizisten verstrickt war.</p><p>�... nich, wasse von mir wolln!� polterte er gerade. �Sucht lieber nach Howard unnem Jungen, statt mich anzupflaumen!�</p><p>Howard? Ein kurzer, rascher Schrecken durchfuhr Shannon. Hastig sah er auf und betrachtete den Wagen noch einmal, und genauer. Er kannte das Fuhrwerk. Es war der gleiche Wagen, mit dem Jeffs Freund ihn vom Flu�ufer abgeholt hatte.</p><p>�Verzeihung�, sagte er. �Sie sind doch Rowlf, nicht? Ich m�chte mich nicht einmischen, aber -�</p><p>Der Kutscher fuhr mit einer �rgerlichen Bewegung herum. �Warum tunses�n dann?� schnappte er, brach aber dann pl�tzlich ab und sah Shannon beinahe erschrocken an. �Was machen Sie denn hier?�</p><p>�Sie sprachen von einem gewissen Howard�, sagte Shannon, ohne auf das unwillige Murren zu achten, das aus der Menge hinter ihm lauter wurde. Der Ha� schien sich zu verdichten. Irgend etwas w�rde passieren, das sp�rte er. �Ich hoffe, Sie meinen nicht -�</p><p>�Ich meine Howard�, unterbrach ihn der Riese gereizt. �Howard Lovecraft, und R ... ich meine Ihren Freund.�</p><p>�Jeff?� entfuhr es Shannon.</p><p>�Jeff�, nickte Rowlf. �Sie sin beide da innem Haus gewesen, als das Feuer losgegangen is.� Er deutete w�tend auf die beiden Polizisten. �Aber statt nach ihnen zu suchen, l�chern mich die beiden Schie�budenfiguren mit Fragen.�</p><p>�Der Brand ist v�llig grundlos ausgebrochen, Sir�, sagte einer der Polizisten steif. �Und zwar, nachdem Ihre beiden Begleiter das Haus betreten haben. Ich frage mich also, weshalb. Das Haus steht seit elf Jahren leer, und es gab dort drinnen absolut nichts, was sich von selbst h�tte entz�nden k�nnen.�</p><p>�Warum vertr�delst du deine Zeit �berhaupt noch mit Fragen, Matt?� sagte eine Stimme aus der Menge. �Hol einen Strick und h�ng� den Burschen an den n�chsten Baum.�</p><p>Der Polizist fuhr unwillig auf, aber schon stimmten andere in den Ruf ein. �H�ngt ihn auf�, kreischte eine Frau. �Und den anderen gleich mit. Er kommt auch aus dieser verdammten Universit�t!�</p><p>�Seit diese Fremden hier aufgetaucht sind, hat der Teufel in Arkham Einzug gehalten�, f�gte ein anderer hinzu. �Bringt sie um. Um ein Haar w�re unsere ganze Stadt niedergebrannt.�</p><p>�T�tet die fremden Teufel!� br�llte jemand. �Verbrennt sie, so wie sie fast unsere Stadt niedergebrannt h�tten!� fiel ein anderer ein.</p><p>Shannon spannte sich. Er f�hlte, wie die Stimmung den Siedepunkt erreichte und weiter stieg; ein Funke, dachte er, ein einziges, falsches Wort, und der ganze Ort w�rde in einer Woge von Gewalt explodieren wie ein Pulverfa�.</p><p>�Ich glaube, es ist besser, wenn wir jetzt gehen�, sagte er, so leise, da� nur Rowlf und einer der beiden Polizisten die Worte h�rten. Der Beamte nickte abgehackt. Seine Lippen zitterten. Er sp�rte die Spannung ebenso wie Shannon. Und er wu�te, da� er die aufgeputschte Menge nicht im Zaum halten konnte, wenn sie erst einmal losbrach.</p><p>�Es ist gut, Sir�, sagte er, mit absichtlich erhobener Stimme. �Das Beste wird sein, Sie fahren erst einmal zum Campus zur�ck. Wir wissen ja, wo wir Sie finden k�nnen, sollten sich noch Fragen ergeben.�</p><p>Aber es schien zu sp�t zu sein, Rowlf drehte sich um und griff zum Kutschbock hinauf, aber in diesem Moment l�ste sich ein Mann aus der Menge, die mittlerweile einen dichten Kreis um den Wagen gebildet hatte, und zog ihn am Arm zur�ck.</p><p>Wenigstens versuchte er es.</p><p>Rowlf knurrte zornig, fuhr herum und versetzte dem Burschen einen Sto�, der ihn zur�ck und gegen die anderen taumeln lie�.</p><p>H�tte er angefangen, auf die Menge zu schie�en, w�re das Ergebnis kaum mehr anders gewesen. Ein gellender, vielstimmiger Schrei erhob sich aus der aufgeputschten Meute. Wie eine Woge fluteten sie heran, begruben Rowlf und die beiden Polizisten unter sich und begannen mit F�usten und F��en auf sie einzudreschen.</p><p>Auch Shannon ging unter dem pl�tzlichen Ansturm zu Boden, kam aber fast sofort wieder auf die F��e und stie� die beiden M�nner, die sich an ihn klammerten, von sich. Jemand versuchte nach seinem Gesicht zu schlagen; Shannon wich dem Hieb aus, packte den Mann und brach ihm den Arm.</p><p>Aber er sah, da� er der Angreifer auf diese Weise nicht Herr werden konnte. Hastig wich er zur�ck, stie� einen Mann aus dem Weg und erreichte das Gespann.</p><p>Auch Rowlf hatte sich - auf seine gewaltige K�rperkraft vertrauend und weniger elegant als Shannon (aber deswegen nicht weniger wirksam) - seiner Gegner entledigt. Er schwang die gewaltigen F�uste wie Dreschflegel, w�hrend von den beiden Polizisten keine Spur mehr zu sehen war.</p><p>Shannon deutete mit einer Kopfbewegung zum Bock hinauf.</p><p>�Steigen Sie auf, Mann�, sagte er hastig. �Ich versuche sie aufzuhalten. Schnell!�</p><p>Rowlf nickte, zog sich mit einer hastigen Bewegung auf den Kutschbock hinauf und griff nach der Peitsche. Die Pferde wieherten nerv�s.</p><p>�Bringt sie um!� br�llte eine Stimme, und die Menge nahm den Ruf begeistert auf und wiederholte ihn, bis die Stra�e unter einem dr�hnenden, an- und abschwellenden Chor widerzuhallen schien. Shannon gewahrte eine Bewegung aus den Augenwinkeln, duckte sich instinktiv und entging so im letzten Moment einer geschleuderten Fackel, die dicht �ber seinen R�cken hinwegsegelte und gegen den Wagenaufbau prallte. Sofort leckten kleine, gierige Flammen aus dem trockenen Stoff. Shannon sprang hinzu, schlug die Flammen mit blo�en H�nden aus und warf die Fackeln zur�ck in die Menge.</p><p>Ein zorniger, vielstimmiger Aufschrei ging durch die Reihen. Shannon sah, wie der Wagen unter dem Anprall Dutzender M�nner wankte und Rowlfs Peitsche auf die K�pfe des tobenden Mobs herunterpfiff, der ihn vom Bock zu zerren versuchte, aber er hatte keine Zeit, dem Kutscher zu Hilfe zu eilen. Fast ein Dutzend M�nner st�rzte sich gleichzeitig auf ihn.</p><p>Shannon wehrte den Angriff ab und versuchte zu Rowlf hinauf auf den Kutschbock zu gelangen. Ein Messer blitzte auf. Shannon wich der Klinge aus, packte ihren Besitzer an Kragen und Handgelenk und verdrehte ihm so den Arm, da� er sich das Messer selbst in den Oberschenkel stie�. Aber sofort nahm ein anderer seine Stelle ein. Shannon taumelte unter Schl�gen, wehrte einen neuerlichen, gemeinen Messerstich ab und verschaffte sich mit ein paar Ellenbogenst��en Luft.</p><p>Es war nur eine winzige Atempause, die ihm geg�nnt war. Selbst einem so hochtrainierten K�rper wie ihm w�re es unm�glich gewesen, sich auf Dauer einer so gewaltigen �bermacht zu erwehren.</p><p>Aber Shannon war nicht allein auf die Kraft seines K�rpers angewiesen. Blitzschnell richtete er sich auf, trat der Meute mit hoch erhobenen Armen entgegen und br�llte ein einzelnes, scheinbar sinnlos klingendes Wort.</p><p>Und pl�tzlich war der Sturm da.</p><p>Es war kein normaler Wind, sondern eine hei�e, sengende B�, br�llend und wild wie der Atem eines feurigen Drachen. Und sie kam aus dem Nichts, entstand an einem Punkt irgendwo zwischen Shannons hochgereckten H�nden und den Gesichtern der Angreifer, trieb sie wie ein Hagel unsichtbarer Fausthiebe zur�ck, versengte ihre Haare und Brauen und lie� ihre Kleider schwelen. Kleine, gelbe Fl�mmchen zuckten nach ihren Gesichtern, und das Geschrei der aufgeputschten Menge verwandelte sich urpl�tzlich in einen Chor von Schmerzlauten.</p><p>Shannon schwang sich rasch auf den Kutschbock hinauf, ri� Rowlf, der dem Geschehen mit ungl�ubig aufgerissenen Augen gefolgt war, Z�gel und Peitsche aus der Hand und hieb auf die Pferde ein.</p><p>Wenige Augenblicke sp�ter raste das zweisp�nnige Gef�hrt wie von Furien gehetzt aus der Stadt.</p><p>Hinter ihnen tobte der H�llensturm weiter.</p><empty-line/><p>Das Haus stand am Ortsrand von Innsmouth, ein wenig abgesondert von den anderen und irgendwie geduckt und d�ster, als sch�me es sich seiner �rmlichkeit. Sein Inneres war k�hl und dunkel, obwohl die Fenster offenstanden und Licht und W�rme des Tages hineinlie�en. Es war sehr still; die Laute, die von drau�en hereindrangen, wirkten irreal, als h�tten Leid und Kummer hier ein eigenes Reich errichtet, in dem die Ger�usche der lebenden Welt dort drau�en nichts verloren hatten. Und ich sp�rte den Schmerz, der so zu diesem Haus geh�rte wie die grauen W�nde und die �rmlichen, zum gr��ten Teil selbstgebauten M�bel.</p><p>Temples bedeutete mir mit einer befehlenden Geste, zur�ckzubleiben, und der Riese legte mir warnend die Hand auf die Schulter. Wulf hatte meine F��e losgebunden, so da� ich mein Gef�ngnis wenigstens aus eigener Kraft hatte verlassen k�nnen, aber meine Arme waren nach wie vor auf die gleiche, brutale Weise auf den R�cken gefesselt. Sie schmerzten unertr�glich, und aus meinen H�nden war das Gef�hl l�ngst gewichen. Sie w�rden absterben, wenn die Fessel nicht bald abgenommen oder wenigstens gelockert w�rde.</p><p>W�hrend Temples den Raum durchquerte und hinter einer T�r in der gegen�berliegenden Wand verschwand, sah ich mich neugierig um. Das Haus wirkte so �rmlich, wie es von au�en ausgesehen hatte - es gab keinen Luxus wie Tapeten oder Teppiche oder auch nur eine Lampe. Auf dem Tisch stand eine heruntergebrannte Kerze, und das einzige gr��ere M�belst�ck war ein offener Schrank, in dem �rmliches Blechgeschirr zu s�uberlichen Stapeln sortiert war.</p><p>Ein sonderbares Gef�hl von Bitterkeit �berkam mich, als ich daran dachte, da� auch die anderen H�user des Ortes kaum anders aussahen als Temples� H�tte. Die Leute hier in Innsmouth waren arm, mehr als arm.</p><p>Temples kam zur�ck, und Curd versetzte mir einen Sto� in den R�cken, der mich vorw�rts und auf ihn zu taumeln lie�. Temples ergriff meinen Arm, dirigierte mich grob vor sich her durch die T�r und deutete auf das schmale, mit zerschlissenen grauen T�chern bezogene Bett, das den winzigen Verschlag fast vollkommen ausf�llte.</p><p>In dem Bett lag eine Frau. Sie schlief, und trotz ihres blassen, von Fieber und Schmerzen gezeichneten Gesichtes erkannte ich, da� sie sehr sch�n sein mu�te, und sehr jung; kaum �lter als ich selbst. Nicht das, was ich mir als Lowry Temples Frau vorgestellt hatte ...</p><p>�Ihre Frau?� fragte ich leise.</p><p>Temples nickte. Sein Gesicht war wie Stein, ohne die geringste Regung, aber in seinen Augen flackerte ein Licht, das mich schaudern lie�. �Ja�, antwortete er. �Aber das wollte ich Ihnen nicht zeigen. Ich bin Vater geworden, Craven. Heute morgen.�</p><p>Etwas an der Art, in der er die Worte aussprach, hielt mich davon zur�ck, ihm zu gratulieren oder sonst irgendwie zu antworten. Wortlos starrte ich ihn an, bis er sich umwandte, am Bett vorbeiging und mir mit Gesten bedeutete, ihm zu folgen.</p><p>Neben dem Bett stand eine Wiege, hastig improvisiert aus einem l�ngs durchgeschnittenen Fa� und Stroh, �ber das ein zerschlissener Kissenbezug gestreift war. Tempels deutete hinein, wartete ungeduldig, bis ich n�her getreten war, und legte die Hand auf das Laken, mit dem das Kind zugedeckt war.</p><p>�Mein Sohn�, sagte er.</p><p>Ich beugte mich �ber die Wiege, betrachtete den schlafenden Knaben eine Weile und sah dann wieder zu Temples auf. �Ein h�bsches Kind�, sagte ich, und die Worte waren wirklich ehrlich gemeint. Ich habe eine Menge neugeborener Kinder gesehen in meinem Leben, und die meisten waren h��lich wie die Nacht. Temples� Sohn war es nicht; im Gegenteil.</p><p>�Meinen Gl�ckwunsch�, f�gte ich hinzu. �Ein so h�bsches Kind sieht man selten. Sie k�nnen stolz darauf sein.�</p><p>�Finden Sie?� fragte Temples. Dann zog er das Bettlaken mit einem Ruck herunter.</p><p>Darunter war das Kind nackt.</p><p>Und als ich seinen K�rper sah, wurde mir �bel.</p><empty-line/><p>�Hier - nehmen Sie.� Die alte Frau dr�ckte mir einen Becher mit hei�em, dampfendem Kaffee in die Hand. Mit zitternden H�nden f�hrte ich ihn an die Lippen, trank mit raschen, fast gierigen Z�gen und schmeckte den Rum, den sie hineingegossen hatte.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte sie und setzte sich mir gegen�ber. �Aber ich hielt es f�r besser, wenn Sie mit eigenen Augen sehen, was hier geschehen ist.�</p><p>�Warum redest du noch mit ihm, Ayres?� schnappte Temples. Sein Gesicht war bleich, und auf seiner Stirn gl�nzte Schwei�. Ihn hatte der Anblick des S�uglings ebenso getroffen wie mich.</p><p>Ayres sch�ttelte den Kopf, faltete die H�nde auf der Tischplatte und sah Temples fast mitleidig an. �Du bist ein Narr, Lowry�, sagte sie. �Dieser Mann ist nicht Roderick Andara, begreifst du das nicht?�</p><p>�Er ist sein Sohn�, antwortete Temples stur. �Das macht keinen Unterschied.�</p><p>Ich sah auf, versuchte vergeblich, seinem Blick standzuhalten, und sah betreten an ihm vorbei auf die geschlossene T�r zur Schlafkammer. �Es ... es tut mir leid, Mister Temples�, sagte ich leise. �Ich wei� nicht, was hier geschehen ist, aber Sie haben mein volles Mitgef�hl.�</p><p>Als ich die Reaktion auf meine Worte sah, h�tte ich mich am liebsten selbst geohrfeigt. Temples� Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse des Hasses. Ganz gleich, ob er mir glaubte oder nicht - diese bedauernswerte Kreatur dort drinnen war sein <emphasis>Sohn! </emphasis>Meine Worte mu�ten wie grausamer Hohn in seinen Ohren klingen.</p><p>�Was bedeutet das alles?� fragte ich, nun wieder an Ayres gewandt.</p><p>Die alte Frau sah mich einen Herzschlag lang mit undeutbarem Blick an, ehe sie antwortete. Es war absurd - von allen hier war sie die einzige, die mich bisher nicht als Feind behandelt hatte. Sie hatte mich im Gegenteil sogar in Schutz genommen, und wahrscheinlich hatte ich es einzig ihr zu verdanken, da� ich �berhaupt noch lebte. Und trotzdem wurde das Gef�hl der Bedrohung, das ich bei ihrem Anblick empfand, mit jeder Sekunde st�rker.</p><p>�Was Sie hier sehen, Mister Craven�, sagte Ayres, �ist das Werk Ihres Vaters. Der Fluch, den er auf die Bewohner dieser Ortschaft legte und der sie seit zweihundert Jahren verfolgt.�</p><p>�Sie meinen, dieses ... dieses Kind ist nicht das erste?� fragte ich stockend, obwohl ich die Antwort l�ngst wu�te.</p><p>Temples lachte schrill, aber Ayres brachte ihn mit einem scharfen Blick zum Verstummen. �Nein�, sagte sie. �Sehen Sie sich doch um. Sehen Sie sich Lowry an, oder Curd, oder� - sie z�gerte unmerklich, hob dann mit einem Ruck die Hand und deutete auf den Wolfmann - �oder Wulf. Alle anderen hier. Sie haben sie gesehen, als Sie im Gasthaus waren.�</p><p>Ich nickte, brachte aber keinen Ton hervor. In meiner Kehle sa� pl�tzlich ein w�rgender, bitterer Klo�. O ja - ich hatte sie gesehen. Und pl�tzlich verstand ich ihren Ha�.</p><p>�Aber wieso?� murmelte ich schlie�lich. �Was ist geschehen? Warum sollte er so etwas tun?�</p><p>�Nicht sollte�, unterbrach mich Ayres, und mit einem Male klang ihre Stimme ganz kalt. �Er hat es getan, Mister Craven. Er kam hierher, eines Morgens im Jahre 1694, als er auf dem Wege nach Arkham war. Er wurde verfolgt. Von Menschen, deren Namen wir nicht kennen und �ber die wir nichts wissen; au�er, da� sie Hexer wie Andara waren, vielleicht noch m�chtiger als er. Er kam zu uns und suchte Unterschlupf und ein Versteck, und die Leute hier gew�hrten ihm beides. Aber seine Feinde entdeckten ihn bald, und es kam zum Kampf. Viele Bewohner von Innsmouth wurden get�tet, und schlie�lich mu�te Andara fliehen. Aber bevor er ging, sprach er einen Fluch aus, denn er glaubte, von uns verraten worden zu sein.� Sie schwieg. Ihr Gesicht zuckte, als bereite es ihr k�rperliche Schmerzen, �ber die Vergangenheit zu reden, und ich sah, wie sich ihre d�rren H�nde fest um die Tischplatte krampften.</p><p>�Wir haben ihn nicht verraten, Mister Craven�, fuhr sie schlie�lich fort. �Niemand hier. Die Menschen, die damals hier lebten, waren einfache Menschen, aber sie waren ehrlich und standen zu ihrem Wort, ihn zu verstecken und ihm zu helfen, selbst, als ihr eigenes Leben dabei in Gefahr geriet.�</p><p>Ihre Stimme wurde bitter. �Doch ihre Ehrlichkeit wurde ihnen schlecht gedankt. Andara floh, aber sein Fluch blieb zur�ck, und seither ist jedes m�nnliche Kind, das in Innsmouth geboren wird, ein Kr�ppel. Jedes, verstehen Sie? Manche mehr, manche weniger. Manche haben nur eine leichte Behinderung; einen Buckel, einen Klumpfu� oder eine Hasenscharte. Manche sind k�rperlich normal, aber ohne Hirn, geistlose Idioten, die wie Tiere vor sich hin vegetieren. Andere ...� Sie sprach nicht weiter, aber ihr Blick suchte Wulfs Gesicht, und ich sp�rte einen eisigen, l�hmenden Schauer.</p><p>�Sie meinen, er ... er ist auch ...�, stammelte ich.</p><p>Ayres nickte. �Er h�tte ein Mensch werden sollen, Craven�, sagte sie. �Aber der Fluch Ihres Vaters hat ihn zu einem Ungeheuer gemacht. Nur ich bin in der Lage, mit ihm zu reden und ihn in Schach zu halten. Ich und Curd. Ohne uns w�re er hilflos wie ein Tier. Wenn er Innsmouth verlie�e, w�rde man ihn t�ten.�</p><p>�Und das alles hat Andara getan!� f�gte Temples gepre�t hinzu. �Und nun sagen Sie noch einmal, da� es Ihnen leid tut, Craven.� Er beugte sich vor, packte mich beim Kragen und sch�ttelte drohend die Faust vor meinem Gesicht. �Sagen Sie es, und ich schlage Ihnen die Z�hne ein!� br�llte er. �Sagen Sie es!�</p><p>Ich blickte ihn an, schwieg aber, und ich machte auch keinen Versuch, mich zu wehren oder seine Hand abzustreifen, und nach einer Weile senkte er den Blick, lie� mich los und trat wieder zur�ck. Ich seufzte, fuhr mir verst�rt mit den H�nden durch das Gesicht und wandte mich wieder an die Alte.</p><p>�Ich kann nicht glauben, da� mein Vater so etwas getan haben soll�, sagte ich.</p><p>Ayres lachte. �Und doch hat er es getan, Craven. Die Beweise stehen neben Ihnen. Lebende Beweise. Wenn man so etwas <emphasis>Leben </emphasis>nennen kann.�</p><p>Ich ignorierte den letzten Satz. Ayres war verbittert, wie alle hier, und gegen Bitterkeit l��t sich nicht andiskutieren. �Diese M�nner, die meinen Vater verfolgten�, sagte ich leise. �Wer waren sie? Woher sind sie gekommen?�</p><p>�Das wissen wir nicht�, antwortete Ayres. �Und es interessiert uns auch nicht. Andara hat uns in seinen Streit hineingezogen, einen Streit, an dem wir keinen Anteil hatten, und Andara war es, der diese Stadt verfluchte. Niemand wei�, wer die Fremden waren.�</p><p>Sie log.</p><p>Ich habe L�ge und Wahrheit stets voneinander unterscheiden k�nnen, so untr�glich, wie ich Schwarz und Wei� zu unterscheiden wu�te. Es war ein Teil meines magischen Erbes, immer zu wissen, ob mein Gegen�ber die Wahrheit sagte oder log, und in diesem Moment sprang mich die L�ge regelrecht an. Ayres hatte sich vorbildlich in der Gewalt - ich bin selten vorher einem Menschen begegnet, der so perfekt die Unwahrheit zu sagen wu�te. Aber sie log.</p><p>Trotzdem nickte ich und blickte einen Moment mit gespielter Entt�uschung zu Boden, ehe ich fortfuhr: �Das ist schade. Aber vielleicht geht es auch so.�</p><p>�Was geht auch so?� schnappte Temples.</p><p>�Ich m�chte Ihnen helfen, Lowry�, antwortete ich, so ruhig, wie ich �berhaupt konnte. �Ich wei� nicht, was hier geschehen ist vor zweihundert Jahren. Aber ich werde Ihnen helfen. Ich werde es zumindest versuchen.�</p><p>�Sie werden �berhaupt nichts�, zischte Temples. �Sie werden sterben, Craven.�</p><p>Ich tat so, als h�tte ich seine Worte gar nicht geh�rt. �H�ren Sie mir zu, Temples�, sagte ich. �Ich verstehe, was in Ihnen vorgeht, und es tut mir unendlich leid. Aber der Schmerz darf Sie nicht blind machen! Ich bin der Erbe Roderick Andaras, vergessen Sie das nicht, und ich besitze die gleiche magische Macht wie er. Vielleicht kann ich r�ckg�ngig machen, was hier geschehen ist.�</p><p>�Das ist ein Trick!� behauptete Temples. �Sie suchen nur eine M�glichkeit, uns zu �bert�lpeln.� Er sch�ttelte grimmig den Kopf. �Nein, Craven. Ich habe geschworen, Sie zu t�ten, und ich werde es tun. Sie werden daf�r bezahlen, was meinem Sohn geschehen ist. Und denen der anderen.�</p><p>�Und denen, die nach ihnen geboren werden?� fragte ich leise. �Wollen Sie, da� der Fluch weiter wirkt? Da� Generation um Generation Kinder wie das Ihre geboren werden? Bitte, Lowry - ich meine es ehrlich. Ich kann Ihnen nichts versprechen, aber vielleicht kann ich Ihnen helfen.�</p><p>�Unsinn�, fauchte Temples.</p><p>Aber diesmal war es der Riese, der mir unerwartet zu Hilfe kam. �Warum gibst du ihm nicht die Chance?� fragte er.</p><p>Temples fuhr mit einem w�tenden Zischen herum. �Wer hat dich um deine Meinung gefragt, Curd?� schnappte er. �Es ist mir egal, ob er schuldig ist oder nicht! Mein Sohn ist auch unschuldig, und niemand hat ihn danach gefragt!�</p><p>Ayres seufzte. �Du bist ein Narr, Lowry. Vielleicht verschenkst du die einzige Chance, die diese Stadt noch hat.� Ihre Stimme wurde fast beschw�rend. �Er ist ein Magier, Lowry. Er k�nnte den Fluch brechen. La� ihn zur H�lle gehen. Vielleicht gelingt es ihm.�</p><p>�Vielleicht findet er auch eine M�glichkeit zur Flucht�, zischte Lowry. �Oder denkt sich noch eine noch gr��ere Teufelei aus. Nein! Er ist eine Bestie, ebenso wie sein Vater!�</p><p>�Er ist harmlos, solange Wulf und ich bei ihm sind�, sagte Ayres.</p><p>�Wir haben ein Abkommen�, beharrte Temples. �Du hast mir seinen Tod versprochen! Ich verlange, da� du dein Wort h�ltst.�</p><p>Ayres seufzte und sah mich beinahe bedauernd an. �Es tut mir leid, Mister Craven�, sagte sie. �Ich habe es versucht.�</p><p>�Genug geredet�, unterbrach sie Temples. �Ich habe getan, was du wolltest, Ayres, und ich werde den Preis bezahlen, den du verlangt hast - aber jetzt verlange ich, da� du dein Wort h�ltst. T�te ihn!�</p><p>Die alte Frau seufzte, stand ganz langsam auf und gab dem Riesen einen Wink mit der Hand. Curd beugte sich �ber mich, ri� mich wie eine Puppe in die H�he und packte mich mit einer Hand beim G�rtel, w�hrend seine andere Pranke meinen Nacken umklammerte.</p><p>�Was ... was haben Sie vor?� stammelte ich. �Sie werden doch nicht auf diesen Verr�ckten h�ren, Ayres?�</p><p>�Ich tue es ungern, Craven�, antwortete sie. �Aber versprochen ist versprochen, das m�ssen Sie einsehen.� Damit kam sie noch n�her, l�chelte beinahe freundlich und gab Curd einen befehlenden Wink.</p><p>�Brich ihm das Genick�, befahl sie.</p><empty-line/><p>�Es tut mir leid�, sagte sie leise. �Ich wollte nicht, da� es so weit kommt, Temples.� Ich sch�ttelte bedauernd den Kopf, streifte Curds H�nde ab und trat Temples und der alten Frau einen Schritt entgegen.</p><p>Temples� Augen weiteten sich ungl�ubig.</p><p>�Was ... bedeutet das?� keuchte er. �Curd, was ... was tust du?�</p><p>�Du h�ttest auf ihn h�ren sollen, Lowry�, sagte Ayres leise. Sie wirkte wie jemand, der genau das erlebt, worauf er schon lange wartete. �Er wollte dir eine Chance geben.�</p><p>�Mir? Aber wieso ... was ... warum l��t Curd ...� stammelte Temples. Dann begriff er, und der Schrecken in seinen Augen machte pl�tzlichem Erkennen Platz.</p><p>�Sie haben das gewollt�, keuchte er. �Sie ... Sie haben sich absichtlich gefangennehmen lassen, Craven!�</p><p>Ich nickte. �Ja. Ich habe gehofft, Sie zur Vernunft bringen zu k�nnen, Lowry. Ich mu�te wissen, was hier vorgeht.� Curd stand wie gel�hmt hinter mir. Er hatte nicht einmal gemerkt, wie ich seinen Willen ausgeschaltet und mir Untertan gemacht hatte.</p><p>�Ich nehme es Ihnen nicht �bel, Lowry�, fuhr ich fort. �Nicht nach dem, was ich gesehen habe.�</p><p>�Sie Teufel!� st�hnte Temples. �Sie ... Sie verdammtes Ungeheuer. Sie sind genau wie Ihr Vater, Craven. Sie sind -�</p><p>�Ich werde Ihnen trotzdem helfen, Lowry�, unterbrach ich. �Jedenfalls werde ich es versuchen.�</p><p>Aber Temples schien meine Worte gar nicht zu h�ren. In seinen weit aufgerissenen, starren Augen glaubte ich Wahnsinn flackern zu sehen. Pl�tzlich schrie er auf, kr�mmte sich wie unter einem Hieb - und fuhr mit einer unglaublich schnellen Bewegung herum. �Wulf!� br�llte er. �Pack ihn!�</p><p>Curd und der Wolfmann reagierten im gleichen Augenblick, aber der Riese war um eine Winzigkeit schneller. Wulf stie� ein tierisches Geheul aus und st�rzte mit drohend vorgereckten Klauen auf mich zu, aber Curd ergriff ihn wie ein Spielzeug beim Kragen, ri� ihn mitten in der Bewegung herum und hob ihn ohne sichtliche Anstrengung vom Boden hoch. Er bem�hte sich, ihm nicht weh zu tun, aber seine riesigen H�nde fesselten Wulfs Arme wie Stahlseile an den K�rper.</p><p>�Geben Sie auf, Lowry�, sagte ich. �Ich will Sie nicht auch noch zwingen m�ssen. Glauben Sie mir - es ist nicht sch�n, nicht mehr Herr seines eigenen Willens zu sein.�</p><p>Temples� Augen schienen vor Ha� zu brennen. �Niemals!� keuchte er. �Sie kriegen mich nicht. Eher bringe ich mich um.�</p><p>�Das ist nicht n�tig, Lowry�, sagte Ayres leise.</p><p>In ihrer Stimme war ein Klang, der mich f�r einen Moment erstarren lie�. Sie sprach noch immer ruhig, beinahe freundlich, aber das vage Gef�hl von Bedrohung, das ich die ganze Zeit �ber versp�rt zu haben glaubte, steigerte sich pl�tzlich zu einem schrillen Alarml�uten.</p><p>Mit einer abrupten Bewegung fuhr ich herum, starrte sie an - und prallte mit einem Aufschrei zur�ck.</p><p>Die alte Frau hatte sich vollkommen ver�ndert. Ihr Gesicht, das noch vor Augenblicken eine Maske aus Runzeln und tief eingegrabenen Falten gewesen war, begann sich zu gl�tten, als liefe die Zeit auf bizarre Weise r�ckw�rts. Innerhalb von Sekunden wandelte sie sich von einer hundertj�hrigen Greisin in eine dunkelhaarige, schlanke Frau.</p><p>Aber die Ver�nderung ging weiter. Pl�tzlich begann sich ihr Gesicht zu verzerren, wurde zu einer Grimasse mit flammenden D�monenaugen und gebogenen, blutig schimmernden Rei�z�hnen, die H�nde kr�mmten sich zu Krallen, und �ber ihre pl�tzlich gesprungenen Lippen kam ein gr��liches Hohngel�chter.</p><p>�Genug des b�sen Spieles, Craven�, kicherte sie. �Ich hoffe, Sie haben Ihren Spa� gehabt. Aber jetzt ist meine Geduld ersch�pft.�</p><p>Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Curd den Wolfmann loslie� und hinter mich trat, versuchte verzweifelt, ihn zum Stehenbleiben zu zwingen, und sp�rte, wie meine Kr�fte gegen eine unsichtbare Mauer prallten.</p><p>�Das ist sinnlos, Craven�, kicherte Ayres - oder das, in was sich die Alte verwandelt hatte. �Deine Kr�fte sind den meinen nicht gewachsen.� Ihr Gesicht war vollends zu einer Teufelsfratze geworden, und als ich ihrem Blick begegnete, hatte ich das Gef�hl, direkt in die H�lle zu blicken.</p><p>�Du bist nicht der einzige, der sich aufs L�gen versteht�, kicherte sie. �Ich h�tte dich vom ersten Moment an �berw�ltigen k�nnen. Aber ich wollte wissen, wie gro� deine Kr�fte sind.� Sie kicherte. �Nicht gro� genug, scheint mir. Ich mu� gestehen, ich bin entt�uscht. Vom Sohn Roderick Andaras habe ich mehr erwartet. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Curd!�</p><p>Wieder griff der Gigant mit beiden H�nden zu. Seine Pranken legten sich um meinen Hals und schn�rten mir die Luft ab; gleichzeitig begann er meinen Kopf nach vorne zu dr�cken. Ich b�umte mich auf, trat um mich und h�mmerte ihm verzweifelt den Ellbogen in den Leib, aber der Druck seiner Pranken verst�rkte sich im Gegenteil noch; ein scharfer, immer schlimmer werdender Schmerz tobte durch mein R�ckgrat.</p><p>Dann geschah alles gleichzeitig. Ein f�rchterlicher, splitternder Laut erscholl, der Schmerz in meinem Nacken explodierte, und pl�tzlich l�sten sich Curds H�nde, und ich fiel halb bet�ubt zu Boden.</p><p>Sekundenlang blieb ich auf H�nden und Knien hocken, versuchte die dunklen Schwaden fortzutreiben, die meine Gedanken zu vernebeln trachteten. Dumpfe, polternde Ger�usche drangen an mein Ohr, ich sah Schatten, ohne sie in Beziehung zu den Lauten bringen zu k�nnen, und ein sanftes Gef�hl der Verwunderung machte sich in mir breit, noch am Leben zu sein.</p><p>Dann traf mich ein Sto� in die Rippen, und der neuerliche, stechende Schmerz schleuderte mich abrupt in die Wirklichkeit zur�ck. Die Haust�r war von einem ungeheuren Schlag halb aus den Angeln gerissen und nach innen geschleudert worden. Helles Tageslicht drang in den kleinen Raum und lie� mich blinzeln.</p><p>Und unter der �ffnung waren zwei Gestalten erschienen. Sie waren nicht mehr als blo�e Schatten gegen den grellen Hintergrund, und trotzdem erkannte ich zumindest einen von ihnen.</p><p>Es war Rowlf. Und als die beiden M�nner nebeneinander ins Haus traten, erkannte ich auch den anderen.</p><p>�Shannon!� keuchte ich. �Wo ... wie kommst du hierher?� Nat�rlich antwortete Shannon nicht; ich bezweifelte sogar, da� er meine Worte �berhaupt h�rte, denn auch Curd und der Wolfmann hatten mittlerweile ihre �berraschung �berwunden und wandten sich den beiden Neuank�mmlingen zu. Hinter mir zog Temples ein Klappmesser aus der Jacke und lie� die Klinge herausspringen.</p><p>Ich wartete, bis er an mir vorbeikam, streckte blitzschnell den Fu� aus und trat ihm mit dem anderen in die Kniekehle. Temples keuchte �berrascht, ruderte einen Moment hilflos mit den Armen und fiel nach vorne. Das Klappmesser entglitt seinen H�nden und flog klappernd davon. Ich versetzte ihm einen Schlag und fing ihn auf, als er halb bewu�tlos zur Seite kippte.</p><p>Als ich mich aufrichtete, hatten Curd und sein schrecklicher tierischer Begleiter die T�r erreicht. Ich sah, wie sich Shannon auf den Riesen st�rzen wollte, aber Rowlf hielt ihn mit einem raschen Griff zur�ck, sch�ttelte den Kopf und hob kampflustig die F�uste.</p><p>�Nimm den anderen�, nuschelte er. �Den Gro�en la� mir; der Knirps is nich so gef�hrlich.�</p><p>In diesem Punkt mochte er sich durchaus t�uschen, aber Shannon blieb keine Zeit mehr, zu protestieren, denn in diesem Moment sprang Wulf bereits vor und hieb mit seinen schrecklichen sechsfingrigen Krallen nach seinem Gesicht.</p><p>Eine halbe Sekunde sp�ter st�rzte sich sein Begleiter auf Rowlf.</p><p>Unter anderen Umst�nden h�tte mich der Kampf vielleicht sogar fasziniert, denn Curd schien selbst f�r Rowlf ein w�rdiger Gegner zu sein. Aber jetzt hatte ich nur Angst. Ich sp�rte, da� sich etwas Fremdes, Finsteres wie eine unsichtbare Wolke �ber unseren K�pfen zusammenballte. Der Atem des B�sen, der seit zweihundert Jahren �ber Innsmouth herrschte und jetzt zu einem letzten Hieb ausholte und ... Ayres!</p><p>Ich schrie auf, als ich begriff, da� ich bei allem die Hexe total vergessen hatte, wirbelte herum - die Stelle, an der die Alte gestanden hatte, war leer. Die Hexe war verschwunden.</p><p>Hinter mir erscholl ein dumpfer Schlag, gefolgt von einem wimmernden Heulen. Als ich wieder herumfuhr, sah ich, wie Shannon und der Wolfmann aneinandergeklammert �ber den Fu�boden rollten. Shannon hieb mit aller Kraft auf die halbtierische Kreatur ein, aber Wulf schien die Hiebe gar nicht zu sp�ren. Immer wieder schnappte sein Raubtiergebi� nach der Kehle des jungen Magiers. Shannons Gesicht war blut�berstr�mt.</p><p>Ich erwachte endlich aus meiner Erstarrung, sprang mit einem raschen Satz �ber den bewu�tlosen Temples hinweg und schlug Wulf die Faust in den Nacken. Der Wolfmann heulte auf. Der Griff, mit dem er sich an Shannon festgeklammert hatte, lockerte sich f�r einen Moment - und der junge Magier nutzte diese Chance sofort!</p><p>Blitzschnell sprengte er Wulfs Umklammerung ganz, stie� den Wolfmann von sich und versetzte ihm einen Kinnhaken.</p><p>Die bedauernswerte Kreatur verdrehte die Augen, sackte nach hinten und verlor mit einem seufzenden Laut das Bewu�tsein.</p><p>Rasch drehte ich mich herum, um auch Rowlf beizuspringen, aber das erwies sich nicht mehr als n�tig; sein Gegner lag bereits am Boden. Ich tauschte einen raschen, fragenden Blick mit Rowlf, und er deutete ihn richtig und sch�ttelte fast unmerklich den Kopf. Shannon wu�te also noch immer nicht, wer ich wirklich war. Im Moment schien mir auch nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt, mich ihm zu erkennen zu geben.</p><p>Shannon wirkte benommen, als ich ihm auf die F��e half. �Danke, Jeff�, murmelte er. �Das war ... in letzter Minute.� Er st�hnte, wischte sich mit dem Handr�cken das Blut aus dem Gesicht und sah verwirrt auf den reglosen Wolfmann hinunter.</p><p>�Was ist das f�r eine Kreatur?� murmelte er verst�rt.</p><p>�Das erkl�re ich dir sp�ter�, antwortete ich. �Wo kommt ihr her? Jetzt m�ssen wir Ayres finden.�</p><p>�Ayres?�</p><p>�Die Frau, die hier war, als -� Ich sprach nicht weiter, als ich den fragenden Ausdruck in seinen Augen sah.</p><p>�Ihr habt ... niemanden gesehen?�</p><p>�Keinen Menschen nich�, best�tigte Rowlf. �Schon gar keine alte Frau - nur die drei Typen da. Wo is Howard?�</p><p>�In einem Haus am anderen Ende des Dorfes�, antwortete ich ungeduldig. �Wir holen ihn sp�ter.� Ich kniete neben Temples nieder. Er war noch immer ohne Bewu�tsein, schlug aber die Augen auf, als ich seinen Kopf anhob und nach einem bestimmten Nervenknoten in seinem Nacken tastete. Ich wu�te, da� die Ber�hrung ihm sehr weh tun mu�te, aber das mu�te ich in Kauf nehmen. Es war gut m�glich, da� nicht nur <emphasis>sein </emphasis>Leben davon abhing, da� wir die vermeintliche Alte fanden.</p><p>Temples� Blick flackerte, als er mich erkannte. Sein Mund �ffnete sich, aber ich kam ihm zuvor, bannte seinen Blick und hinderte ihn mit aller Macht daran, von sich aus zu reden - oder gar meinen Namen auszusprechen.</p><p>�H�ren Sie zu, Lowry�, sagte ich hastig. �Wir m�ssen Ayres finden. Ich glaube, da� die alte Frau ganz genau wei�, was hier vorgeht. Wo ist sie? Lebt sie hier in Innsmouth?�</p><p>Temples� Lippen begannen zu zittern. Schwei� erschien auf seiner Stirn, und sein Adamsapfel begann wie wild auf und ab zu h�pfen, als er verzweifelt versuchte, zu antworten. Aber alles, was er herausbekam, war eine Folge unverst�ndlicher, w�rgender T�ne.</p><p>Es ging ganz schnell. Wieder hatte ich das Gef�hl, nicht allein zu sein, sondern die Anwesenheit eines fremden, unglaublich b�sen Bewu�tseins zu sp�ren - und pl�tzlich b�umte sich Temples auf, stie� einen gellenden, abgehackten Schrei aus und starb.</p><p>�Was is los?� keuchte Rowlf erschrocken.</p><p>Langsam lie� ich Temples� erschlafften K�rper zu Boden sinken, stand auf und wandte mich um. �Er ist tot�, sagte ich verwirrt. �Ich verstehe das nicht. Er -�</p><p>�- wurde umgebracht�, f�hrte Shannon den Satz zu Ende.</p><p>Ich starrte ihn an. �Umgebracht?� wiederholte ich. �Wie kommst du darauf?�</p><p>Shannon schluckte nerv�s. Auf seiner Stirn perlte Schwei�, und seine H�nde zitterten. Langsam hob er den Arm, trat auf mich zu und ber�hrte meine rechte Hand.</p><p>Es war wie ein Blitz, unerwartet und grell und schmerzhaft und so warnungslos, da� ich instinktiv zur�ckprallte und versuchte, mich Shannons Griff zu entziehen. Aber seine Hand hielt meine Finger fest.</p><p>Ich sah <emphasis>Bilder.</emphasis></p><p>Im ersten Moment glaubte ich, in einer vollkommen fremden Umgebung zu sein, einer Welt, die mit der realen nichts zu tun hatte, aber dann begriff ich, da� ich wieder in dem kleinen Haus in Innsmouth war.</p><p>Aber ich sah es jetzt <emphasis>durch Shannons Augen!</emphasis></p><p><emphasis>Es </emphasis>gab keine Farben mehr, nur noch Schwarz und Wei� und alle nur denkbaren Schattierungen dazwischen, und auch sie waren verdreht. Was dunkel sein mu�te, war hell, und umgedreht. Die flackernde Kerze auf dem Kaminsims verstr�mte Dunkelheit, und Shannons und Rowlfs Gestalten hoben sich als helle Umrisse vor dem schwarzen Rechteck der T�r ab.</p><p>Aber ich sah nicht nur ihre beiden Schatten.</p><p>�ber unseren K�pfen, scheinbar schwerelos und eine Handbreit unter der nackten Holzdecke, schwebte ein Gespinst d�nner, wei�leuchtender F�den. Auf den ersten Blick schien es sinnlos ineinander verstrickt und verknotet, und doch bildete es ein kunstvolles Muster wie ein unendlich kompliziertes Spinnennetz.</p><p>Das Gespinst bewegte sich. �berall dort, wo sich die F�den ber�hrten und kreuzten, pulsierten winzige, strahlend helle Lichtpunkte wie Sterne, und die d�nnen F�den selbst schienen sich in einem unf�hlbaren Wind zu wiegen und sanft hin und her zu schwingen.</p><p>Und aus seiner Mitte wuchs ein schlauchf�rmiger Ausl�ufer in die Tiefe und verschmolz mit Temples� Nacken ...</p><p>�Mein Gott!� fl�sterte ich. �Was ist das?�</p><p>Temples antwortete nicht. Statt dessen deutete er auf die T�r am anderen Ende des Raumes. Das Gespinst setzte sich auch dort fort, und ein d�nner, pulsierender Teil des gewaltigen grauen Netzes wuchs durch die geschlossene T�r hindurch und verschwand im Nebenzimmer.</p><p>Ich wu�te, was ich sehen w�rde. Trotzdem begann mein Herz wie rasend zu h�mmern, als ich, Shannons Hand fest umklammert, den Raum durchquerte und die T�r aufstie�.</p><p>Temples Frau schlief noch immer, aber aus der Wiege neben dem Bett drangen kleine, meckernde Laute, die das Neugeborene ausstie�.</p><p>Widerstrebend beugte ich mich �ber die Wiege und starrte aus schreckgeweiteten Augen auf den silbernen, noch d�nnen Faden, der sich wie ein tastender Finger aus dem Gespinst unter der Decke herabsenkte und seinen Nacken ber�hrte.</p><p>Mit einem Ruck l�ste ich meine Hand aus der Shannons, fuhr herum und st�rmte aus dem Zimmer. Die bizarre Vision erlosch. Pl�tzlich war der Raum wieder normal und vertraut, aber ich glaubte, das grauenhafte Gespinst noch immer zu sehen.</p><p>Shannon folgte mir, aber als ich mich herumdrehte und ihn ansah, war sein Blick leer. Seine Finger zuckten unkontrolliert, und seine Lippen bewegten sich unabl�ssig, ohne da� er auch nur den geringsten Laut hervorbrachte.</p><p>�Was is�n mit dem los?� fragte Rowlf. Auch ihm fiel Shannons sonderbares Verhalten auf, aber anders als ich hatte er das <emphasis>Ding </emphasis>nicht gesehen, das mit uns unsichtbar im Raum war.</p><p>Ich ber�hrte Shannon am Arm und zwang ihn, mich anzusehen. �Shannon!� sagte ich laut. �Was ist mit dir? Rede!�</p><p>�Der Seelenfresser�, murmelte er. Die Worte schienen kaum mir zu gelten; er wirkte noch immer benommen. Nein - nicht benommen -, <emphasis>ersch�ttert - </emphasis>so tief ersch�ttert, wie ich selten zuvor einen Menschen erlebt hatte. �Er ... er ist es, Jeff. Ich t�usche mich nicht.�</p><p>�Wer ist was?� fragte ich betont.</p><p>Shannon starrte mich aus geweiteten Augen an. �Sie sind alle so, nicht?� Pl�tzlich fuhr er herum, sprang mit einem Satz auf den bewu�tlosen Wolfmann zu und erstarrte. Er sagte kein Wort, aber ich wu�te, was er sah: ein B�ndel gl�nzender, pulsierender Spinnf�den, die mit dem Nacken des bedauernswerten Gesch�pfes verschmolzen, ebenso wie mit dem Curds, Lowrys - und zahlloser anderer. Jedes m�nnlichen Einwohners von Innsmouth.</p><p>�Nein�, stammelte er. �Nicht ... nicht das. Nicht ...�</p><p>Ich streckte die Hand nach ihm aus, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende, sondern starrte ihn nur mit wachsender Verwirrung an. �Was ist los, Shannon?� fragte ich. �Was hast du?�</p><p>�Er hat endlich erkannt, da� sie ihn belogen haben, Robert�, sagte eine Stimme hinter mir. Eine Stimme, die ich kannte.</p><p><emphasis>Die Stimme meines Vaters!</emphasis></p><p>Er stand hinter mir, eine dunkle, halb transparente Gestalt wie ein Schatten; gro�, schlank und mit einem sanften Odem von D�sternis und Trauer umgeben wie immer, wenn er aus dem Reich der Toten zu mir sprach.</p><p>Aber nicht nur ich hatte seine Stimme geh�rt; auch Shannon war aus seiner Erstarrung erwacht und herumgefahren. Seine Augen weiteten sich, als er den dunkelhaarigen Mann mit der wei�en Str�hne im Haar erblickte.</p><p>Der gleichen Str�hne, die auch ich hatte, wenn ich mir die Farbe aus dem Haar wusch.</p><p>�Robert?� fl�sterte er ungl�ubig. Sein Blick flackerte. F�r einen Moment starrte er mich an, mit einem Ausdruck solchen Entsetzens, da� ich instinktiv einen Schritt zur�ckwich.</p><p>�Robert!� wiederholte er. �Soll das hei�en, du ...�</p><p>�Ich bin nicht der, den du t�ten solltest, Shannon�, sagte Andara sanft. Sein Blick war ernst, aber die H�rte, mit der er Shannon am Tage zuvor betrachtet hatte, war daraus verschwunden. Vor vierundzwanzig Stunden hatte er Shannon t�ten wollen, aber jetzt war alles, was ich in seinen Augen las, ein tiefes, ehrliches Bedauern. �Ich habe dir gesagt, da� du hierherkommen sollst, um die Wahrheit zu erfahren�, fuhr er fort.</p><p>Shannon atmete h�rbar ein. Seine Stimme zitterte so stark, als k�mpfe er mit aller Macht dagegen an, nicht loszuschreien. �Sie sind ... Andara�, sagte er. �Roderick Andara. Der ... der Magier.�</p><p>�Ja, Shannon�, sagte ich anstelle Andaras. �Dieser Mann ist mein Vater. Du hast den falschen verfolgt. <emphasis>Ich </emphasis>bin Robert Craven.�</p><empty-line/><p>Der Ort lag wie ausgestorben vor uns, als wir das Haus verlie�en. Ein kalter Wind lie� Staub und trockene Bl�tter tanzen. Nirgends r�hrte sich auch nur die geringste Spur von Leben; selbst die H�user wirkten tot.</p><p>Und �ber dem Ort schwebte das <emphasis>Netz.</emphasis></p><p>Shannon hatte wieder meine rechte Hand ber�hrt, und ich sah durch seine Augen. Und ich sp�rte einen ganz schwachen Hauch des Entsetzens, das den jungen Magier beim Anblick dieses bizarren pulsierenden Gespinstes ergriffen hatte.</p><p>Wie hatte er es genannt? Den <emphasis>Seelenfresser? </emphasis>Der Klang dieses Wortes allein reichte aus, mir einen eisigen Schauer �ber den R�cken zu jagen.</p><p>Das Netz schwebte wie eine grausilberne, leuchtende Wolke �ber den D�chern der Stadt, schwerelos und scheinbar unber�hrt von den B�en, mit denen der Wind den Staub durch die Stra�en jagte.</p><p>An zahllosen Stellen senkten sich schlanke, schlauchartige Gebilde aus der pulsierenden Wolke herab und verschmolzen mit den H�usern, um sich in ihrem Innern wieder aufzuspalten und mit unsichtbaren Armen nach den Menschen zu tasten, die sie bewohnten ...</p><p>�Dort!�</p><p>Shannons Hand deutete nach Osten, zum entgegengesetzten Ortsrand. Das Gespinst verdichtete sich dort, und das Leuchten der grausilbernen Masse flammte wie ein Ball aus unheiligem b�sem Licht. Unter seinem Zentrum befand sich ein kleines, einzeln stehendes Haus, durch Tausende pulsierender, zuckender Lichtf�den mit der brodelnden Wolke �ber Innsmouth verbunden. Was immer dieses Gebilde beherrschte und lenkte, mu�te in diesem Haus sein.</p><p>Langsam gingen wir los. Wir waren allein - Rowlf hatte das Haus vor uns verlassen und war gegangen, um Howard zu befreien, und auch die Geistergestalt meines Vaters war wieder verschwunden, aber erst, nachdem Shannon und er sich lange, endlose Minuten lang angestarrt hatten. Und sie hatten - auf eine Weise, die selbst mir r�tselhaft geblieben war - miteinander geredet. Ich wu�te nicht, wor�ber, aber Shannon wirkte wie ein Mann, der innerlich zerbrochen war, als die Gestalt Andaras schlie�lich in die Schatten zur�ckkehrte, aus der sie gekommen war. Seither hatte er kaum mehr ein Wort gesprochen.</p><p>Der Wind wurde nicht nur scheinbar st�rker, als wir uns dem Haus n�herten. Die Wolke begann zu brodeln, grelle Lichterscheinungen zuckten durch das bizarre Gebilde aus Licht und gestaltgewordenem Entsetzen. Und mit einem Male kam ein Sturm auf, ein eisiger, br�llender H�llensturm, der wie mit unsichtbaren H�nden an unseren Kleidern und Haaren ri�. Winzige Lichtb�lle l�sten sich wie feurige wei�e Sterne aus dem Netz, rasten funkenspr�hend auf uns herab und erloschen, wenige Meter, ehe sie Shannon oder mich erreichen konnten.</p><p>Shannon f�hrte mich mit sich wie ein willenloses Kind. Es war allein seine Macht, die uns vor dem Sturm und den flammenden Energieb�llen sch�tzte; das ungeheure Potential an Energie, das in diesem so sanft erscheinenden Jungen schlummerte und das ich bisher allerh�chstens geahnt, aber nicht wirklich erkannt hatte.</p><p>Der Sturm erlosch so pl�tzlich, wie er entstanden war, als wir das Haus erreichten. Ein schwerf�lliges, von Tausenden kleiner, glei�ender Lichtblitze begleitetes Zucken lief durch die lebende Wolke, und mit einem Male wurde es still, unheimlich still. Shannon lie� meine Hand los, atmete h�rbar aus - und trat die T�r des kleinen Hauses mit einem einzigen kraftvollen Tritt ein.</p><p>Ich zog meinen Stockdegen, als wir nebeneinander in die H�tte traten. Die Waffe f�hlte sich kalt und tot in meiner Hand an, und irgend etwas sagte mir, da� sie mich trotz ihrer magischen Macht gegen diesen Gegner nicht sch�tzen konnte.</p><p>Im ersten Moment erkannte ich nichts, denn mit Shannons Ber�hrung waren auch die Bilder erloschen, die ich durch seine Augen sah. Dann glaubte ich Schatten zu sehen; d�nne, grauflackernde Linien, die die Luft in scheinbar sinnlosen Mustern durchzogen.</p><p>Und pl�tzlich stand Ayres vor uns. Die Schemen teilten sich wie ein unsichtbarer Vorhang, und die alte Frau trat hervor, schmalschultrig und geb�ckt, wie ich sie kannte, aber um f�nfzig Jahre verj�ngt.</p><p>Ich unterdr�ckte im letzten Augenblick einen Schrei, als ich sie ansah. Es war die gleiche, bizarr verzerrte Teufelsfratze, in die ich schon einmal geblickt hatte - aber <emphasis>es war ein Gesicht, das ich kannte! </emphasis>Ich hatte dieses Gesicht schon einmal gesehen! Diesen Ausdruck von Grausamkeit und H�rte, die unstillbare Gier in ihren Augen, die nur durch den Anblick von Tod und Leid gestillt werden konnte. Es war mehr als ein Jahr her, und ich war bis zu diesem Augenblick der Meinung gewesen, sie endg�ltig besiegt und vertrieben zu haben. Es war das Gesicht der Hexe, die von Priscylla Besitz ergriffen hatte ...</p><p>�Lyssa!�</p><p>Ein d�nnes, grausam-�berhebliches L�cheln verzerrte den Mund der Hexe. Ihre Augen blitzten sp�ttisch. �Ich f�hle mich geehrt, Robert�, sagte sie h�hnisch. �Ich h�tte nicht gedacht, da� du mich wiedererkennst.�</p><p>Ich schrie auf und wollte mich auf die Hexe st�rzen, aber Shannon ri� mich mit einer harten Bewegung zur�ck, schlug mir den Degen aus der Hand und gab mir einen Sto� vor die Brust, der mich haltlos gegen die Wand taumeln lie�. Dann - noch ehe ich irgendwie reagieren konnte - fuhr er wieder herum, trat der Hexe entgegen und blieb einen halben Meter vor ihr stehen. Seine H�nde ballten sich zu F�usten.</p><p>�Du!� fl�sterte er mit bebender Stimme. �Ich ... ich wollte es nicht glauben. Ich habe mich geweigert, es zu glauben, selbst als ich den Seelenfresser erkannt habe. Du!� Das letzte Wort klang wie ein Schrei. Ein verzweifelter Schrei.</p><p>Lyssa nickte. Ihr Blick war kalt, aber in das sp�ttische Glitzern ihrer Augen hatte sich eine ganz leise Spur von Unsicherheit geschlichen. �Was mischst du dich ein, Shannon? Wir dienen dem gleichen Herrn, vergi� das nicht. Du hattest von Necron den Auftrag, Andaras Sohn zu t�ten.�</p><p>�Warum?� fl�sterte Shannon.</p><p>�Warum?� Lyssa lachte meckernd. �Warum was, Shannon? Andara hat -�</p><p>�Du wei�t, was ich meine, Lyssa�, unterbrach Shannon sie mit bebender Stimme. �Der ... der Seelenfresser. Die Menschen hier m�gen glauben, was du ihnen erz�hlt hast, aber du und ich wissen, da� nicht einmal Andara die Macht hat, dieses Ungeheuer heraufzubeschw�ren. Du bist von allen die einzige, die ihn beherrschen kann. Du hast ihn hierher gerufen, und du warst es, der die M�nner von Innsmouth in seinen Bann brachte. Warum, Lyssa?�</p><p>Lyssas Blick wurde hart. �Als Strafe�, sagte sie. �Andara floh hierher, nachdem er unsere Sache verraten und so vielen von uns den Tod gebracht hat. Hast du das vergessen?�</p><p>�Nein�, keuchte Shannon. �Aber warum Innsmouth? Warum das Leben so vieler Unschuldiger?�</p><p>�Niemand ist unschuldig�, erkl�rte Lyssa ungeduldig. �Sie haben ihn versteckt und sich damit auf seine Seite gestellt, gegen uns. Sie wurden bestraft. So einfach ist das.�</p><p>�So einfach?� keuchte Shannon. �Du ... du sprichst �ber unendliches Leid, das ihr �ber Generationen gebracht habt, und -�</p><p>�Du wirst sentimental, Shannon�, unterbrach ihn Lyssa kalt. �Ich habe immer gesagt, da� du zu weich bist. Niemand ist unschuldig, der sich gegen uns stellt. Sie haben dem Hexer Unterschlupf gew�hrt, und sie zahlen den Preis daf�r.� Ihre Augen wurden schmal. �Ihr Schicksal sollte dir eine Warnung sein, Shannon. Auch du hast versagt. Du solltest Cravens Sohn t�ten - statt dessen hilfst du ihm. Sieh dich um und denke dar�ber nach, was denen geschieht, die sich unserem Willen nicht beugen, ehe du endg�ltig die Seiten wechselst.�</p><p>�Ich bin nicht sicher, ob ich das nicht schon getan habe�, murmelte Shannon.</p><p>Lyssa starrte ihn an. �Du ... verr�tst uns?� fragte sie lauernd.</p><p>Shannon sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte er. �Verraten kann man nur eine Sache, zu der man einmal geh�rt hat, Lyssa. Und das, was ich hier gesehen habe, ist nicht meine Seite. Sie war es niemals.�</p><p>�Du hast einen Eid geschworen�, sagte Lyssa.</p><p>�Ja. Ich habe geschworen, unserem Orden und dem Meister zu dienen und die wahre Macht zu sch�tzen. Ich habe niemals geschworen, Unrecht zu begehen. Und ich habe nicht geschworen, Unschuldige zu qu�len.�</p><p>Zwei, drei Sekunden lang starrte Lyssa ihn schweigend an. Der Ausdruck von Unsicherheit in ihrem Blick wuchs. �Was bedeutet das?� fragte sie schlie�lich.</p><p>�Du wei�t, was ich meine�, antwortete Shannon. Pl�tzlich war seine Stimme ganz kalt. Zorn und Unsicherheit waren daraus verschwunden. �Ruf ihn zur�ck�, sagte er. �Schick diese Bestie wieder dorthin, wo sie hergekommen ist. Nimm den Fluch von Innsmouth!�</p><p>�Und wenn ich es nicht tue?� fragte Lyssa lauernd.</p><p>�Dann t�te ich dich�, antwortete Shannon.</p><p>�Du t�test mich?� Lyssa l�chelte. �Wie interessant. Und wie willst du das anfangen, du kleiner Narr?�</p><p>Shannon antwortete nicht. Langsam hob er die Arme, streckte beide H�nde in Lyssas Richtung aus und murmelte etwas. Ich konnte nicht erkennen, was geschah, aber Lyssa taumelte mit einem �berraschten Keuchen zur�ck, prallte gegen den Tisch und fand im letzten Augenblick ihr Gleichgewicht wieder.</p><p>Aber Shannons Angriff hatte sie nur �berrascht, nicht wirklich in Gefahr gebracht. Blitzartig wirbelte sie herum, stie� ein fast tierhaftes Kreischen aus und machte eine komplizierte, rasche Bewegung mit der Rechten.</p><p>Ein Zucken schien durch die Wirklichkeit zu gehen. Die Welt verbog und kr�uselte sich auf unm�gliche Weise, und f�r einen zeitlosen Moment glaubte ich in eine andere, f�rchterliche Realit�t zu blicken. Ich <emphasis>sah </emphasis>den Blitz t�dlicher magischer Energien, der aus dem Nichts herabzuckte und Shannon einh�llte, und f�r einen noch k�rzeren Moment sah ich, wie Lyssas <emphasis>wirkliche </emphasis>Gestalt war.</p><p>Der Anblick brachte mich fast an den Rand des Wahnsinns.</p><p>Ich schrie auf, ri� meinen Stockdegen vom Boden hoch und st�rzte an Shannon vorbei, blind vor Entsetzen und Angst. Lyssa wirbelte herum und versuchte, meinen Hieb abzufangen, aber die Bewegung kam den Bruchteil einer Sekunde zu sp�t; der rasiermesserscharfe Stahl ri� eine lange, blutige Schramme in ihre Schulter.</p><p>Die Hexe br�llte vor Wut, schlug nach meinem Arm und prellte mir die Waffe aus der Hand. Und abermals glaubte ich ein rasches, unglaublich machtvolles Vibrieren der Wirklichkeit zu sp�ren, als sie die phantastischen Kr�fte entfesselte, �ber die sie gebot; Kr�fte, die selbst die Shannons um ein Hundertfaches �berstiegen.</p><p>Und diesmal galt der Angriff mir.</p><p>Es war wie der Hieb eines zornigen Gottes. Eine unsichtbare Titanenfaust traf meine Brust, ri� mich von den F��en und schleuderte mich vier, f�nf Meter weit durch die Luft. Ich prallte gegen die Wand, sp�rte einen zweiten, noch h�rteren Schlag und versuchte zu schreien. Ich brachte keinen Ton hervor. Die unsichtbare Gigantenhand griff erneut zu, packte meinen K�rper aus allen Richtungen zugleich und begann das Leben aus mir herauszupressen.</p><p>Ich fiel nach hinten, sank kraftlos an der Wand entlang zu Boden und sah wie durch einen wogenden roten Schleier, wie sich Lyssa wieder Shannon zuwandte. Ein Netz grauer, flackernder Schatten h�llte den jungen Magier pl�tzlich ein; d�nne F�den wie die des Seelenfressers, fein wie Haar und von pulsierendem Leben erf�llt. Shannon taumelte, schlug hilflos mit den H�nden um sich und sank mit einem keuchenden Laut auf die Knie. Das Netz begann sich dichter um ihn zusammenzuziehen.</p><p>Lyssa lachte. �Du bist ein Narr, Shannon!� kreischte sie. �Ein ebenso gro�er Narr wie Craven, wenn du glaubst, mich besiegen zu k�nnen. Du bist stark, aber lange nicht stark genug. Und jetzt bezahlst du den Preis f�r den Verrat. Ich werde tun, was du nicht vollbracht hast. Ich werde den Sohn des Magiers vernichten! Aber zuvor soll er noch sehen, wie es denen ergeht, die sich gegen uns stellen!�</p><p>Sie machte eine befehlende Bewegung mit der Rechten, und das Netz zog sich weiter zusammen. Wie eine tausendfingrige t�dliche Hand begann es sich um den jungen Magier zu schlie�en, zwang ihn auf die Knie und weiter herunter, begann seine Kleider zu durchschneiden.</p><p>Und dann ...</p><p>F�r einen winzigen Moment war es, als flackere Shannons Gestalt. Seine Umrisse verdoppelten sich, und pl�tzlich schien sein K�rper an Substanz zu verlieren und d�nn und schwerelos wie Rauch zu werden.</p><p>Das magische Netz erschlaffte, fiel <emphasis>durch </emphasis>seinen K�rper hindurch und blieb zuckend auf dem Boden liegen.</p><p>Lyssa schrie auf, ri� erschrocken die H�nde vor den Mund. Ihre Augen schienen vor Entsetzen aus den H�hlen zu quellen.</p><p>Vor ihr stand nicht mehr Shannon, sondern ein schlanker Mann mit schwarzem Vollbart, dunklem Haar und einer gezackten wei�en Str�hne �ber der linken Braue.</p><p>�Andara!� rief sie.</p><p>Eine endlose Sekunde lang starrte Roderick Andara die Hexe wortlos an, dann nickte er, hob den Arm und ber�hrte sie beinahe sanft an der Schulter. Lyssa kreischte, fiel nach hinten und kr�mmte sich auf dem Boden.</p><p>�Ja, Lyssa�, sagte er. �Ich bin es. Endlich sehen wir uns wieder. Ich habe lange auf diesen Augenblick gewartet. Zweihundert Jahre. Komm - bringen wir zu Ende, was du begonnen hast.�</p><p>Lyssa stemmte sich taumelnd hoch, starrte den Magier an und machte wieder jene eigenartigen, beschw�renden Gesten mit den H�nden. Aber diesmal sp�rte ich, wie ihre Kr�fte von einer anderen, viel machtvolleren Gewalt aufgefangen und zur�ckgeschleudert wurden. Sie taumelte. Ihr Kreischen klang pl�tzlich �ngstlich, und das Flackern in ihrem Blick wurde mehr und mehr zu nackter Panik.</p><p>Vielleicht die Panik, dachte ich matt, die ein Mensch empfinden mochte, der sich f�r unsterblich gehalten hat und pl�tzlich begreift, da� seine Zeit abgelaufen ist.</p><p>Ich sah nicht weiter zu, was geschah, denn dies war ein Kampf, der mich nichts anging.</p><p>Aber ich dachte auch diesen Gedanken nicht zu Ende, denn mit einem Male f�hlte ich mich nur noch m�de, unendlich m�de.</p><p>W�hrend hinter mir ein Kampf endete, der vor zweihundert Jahren seinen Anfang genommen hatte, trat ich wieder auf die Stra�e hinaus, wo Howard, Rowlf und ein sehr nachdenklicher junger Magier namens Shannon bereits auf mich warteten.</p><empty-line/><p>Necron erwachte.</p><p>Seine Lider hoben sich, aber der Blick der dunklen, fast pupillenlosen Augen dahinter blieb leer. Es dauerte lange, bis sich seine Brust in einem ersten, m�hsamen Atemzug hob.</p><p>Sein Herz hatte nicht geschlagen, und seine Haut war so kalt gewesen wie der Fels, auf dem er lag. Jeder Arzt h�tte seinen Tod festgestellt. Und doch - er lebte!</p><p>Seine Gedanken fanden nur allm�hlich in die Wirklichkeit zur�ck. Die H�nde r�hrten sich, fahrig und unsicher. Es waren schmale, sehnige H�nde, ausgemergelt vom Alter und mit pergamentener, trockener Haut, aber trotzdem noch voller Kraft. Die langen Fingern�gel fuhren scharrend �ber den Stein und fanden Halt. Dann stemmten die H�nde den K�rper hoch, und nach einer weiteren sekundenlangen Pause, die er brauchte, um neue Kr�fte zu sammeln, setzte sich Necron vollends auf und sah sich um.</p><p>Der Raum hatte die exakte geometrische Form eines W�rfels. W�nde, Decke und Boden bestanden aus Stein, in dem noch die Spuren der primitiven Werkzeuge sichtbar waren, mit denen der Raum vor Urzeiten aus dem Fels gemei�elt worden war. Es hatte zwei Menschenalter gedauert und zehn Dutzend Menschenleben gefordert, dem Berg diese Kaverne abzuringen. Der Raum hatte Blut und Leid und Tr�nen gesehen, aber nichts davon war geblieben, die W�nde waren kalt und hart und bar jeden Lebens, und etwas Dunkles, B�ses schien ihm zu entstr�men wie ein finsterer Atem.</p><p>Das Licht der einzelnen, blakenden Fackeln warf zuckende Reflexe und dunkle Schatten gegen die W�nde, und von irgendwo, weit entfernt, kam das monotone Ger�usch von tropfendem Wasser. Trotzdem war es still in der Kammer.</p><p>Still wie in einem gewaltigen steinernen Grab.</p><p>Necrons Blick blieb an einem h�lzernen Gestell vor der gegen�berliegenden Wand h�ngen. Auf der tisch�hnlichen Platte flackerte eine tiefschwarze, armdicke Kerze, daneben waren die heruntergebrannten Stummel von f�nf weiteren Kerzen zu erkennen. Zerschmolzenes Wachs war �ber die schr�ge Platte gelaufen und zu Boden getropft.</p><p>Necron runzelte einen Moment nachdenklich die Stirn. F�nf Kerzen - das bedeutete, da� f�nf Tage vergangen waren, seit er sich auf dem steinernen Tisch ausgestreckt hatte und in Trance verfallen war.</p><p>Viel mehr, als er geglaubt hatte. Ihm war es vorgekommen, als w�ren nur Augenblicke vergangen. Nicht mehr als ein rasches Schlie�en und �ffnen der Augen. Er erinnerte sich nicht einmal, eingeschlafen zu sein.</p><p>Aber die Kr�fte, derer er sich bediente, waren unergr�ndlich. Nicht einmal er wu�te vorher zu sagen, ob er f�nf Minuten oder Wochen oder Monate ins Reich der Schatten eintreten w�rde. Oder gar f�r ...</p><p>Er vertrieb den Gedanken schnell, stand auf und wandte sich zum Ausgang. Es gab keine T�r, sondern nur eine halbhohe �ffnung in der Felswand, hinter der sich ein dunkler Gang erstreckte.</p><p>Das Licht der Kerzen reichte nicht bis in den Gang hinein, sondern schien dicht hinter seinem Eingang absorbiert zu werden, als g�be es dort einen unsichtbaren Vorhang, aber die Schatten teilten sich vor Necron, als er geb�ckt durch die niedrige �ffnung trat und den Stollen hinabging.</p><p>K�lte umfing ihn wie ein Hauch aus einer anderen, verbotenen Welt, und die Schatten schienen sich zu verdichten und seinen K�rper zu umkreisen, wie kleine, aufmerksame W�chter, die in ihrer Ruhe gest�rt wurden.</p><p>Die Schatten wogten st�rker, und pl�tzlich glaubte Necron Lichter zwischen ihnen aufblitzen zu sehen; boshaftgr�ne Lichter, die nicht von dieser Welt stammten. Ein Schwall eisiger, l�hmender K�lte ergriff ihn. Er schauderte, fuhr herum - und erstarrte.</p><p>Der Gang war verschwunden. Hinter ihm dehnte sich pl�tzlich eine endlose, von gr�nem Licht beschienene Ebene!</p><p>Necron unterdr�ckte im letzten Moment einen Schrei. Das war es gewesen, was er gesp�rt hatte, als er den Schritt in die Wirklichkeit zur�ck tat!</p><p>Er war nicht allein gekommen. Er hatte das <emphasis>Tor </emphasis>benutzt, und mit ihm waren Wesen aus der anderen, fremden Welt hin�bergekommen, Wesen, die nur f�r den einen Zweck lebten - um zu t�ten!</p><p>Necron kr�mmte sich, als einer der Schatten pl�tzlich zu einem schwarzen, glitzernden Etwas gerann, gro� und h��lich und wie ein Haufen feuchtschwarzer, sich windender Schlangen oder W�rmer. Ein d�nner, mit Stacheln besetzter Tentakel peitschte auf ihn zu und wickelte sich wie eine Peitschenschnur um seinen Hals.</p><p>Necrons Schrei wurde zu einem erstickten Keuchen. Blut lief �ber sein Gewand, und mit einem Male sp�rte er einen grausamen, nie gekannten Schmerz, der wie flammende Lava durch seine Adern pulsierte.</p><p>Verzweifelt packte Necron den Tentakel und versuchte ihn herunterzurei�en, erreichte damit aber nur, da� sich die t�dliche Schlinge noch weiter zusammenzog. Sein Herz raste.</p><p>Er bekam keine Luft mehr, und vor seinen Augen begannen bunte, farbige Kreise zu flimmern. Das Ungeheuer und die endlose Ebene begannen sich vor seinem Blick aufzul�sen.</p><p>Und dann war es vorbei.</p><p>Pl�tzlich, von einer Sekunde auf die andere, verging die Vision, und um ihn herum waren wieder die massiven W�nde des Ganges. Necron keuchte, fiel kraftlos gegen den rauhen Fels und schlug mit einem w�rgenden Laut die H�nde gegen den Hals. Unter seinen Fingern war warmes Blut, und er sp�rte die winzigen, tiefen Wunden, die der Schlangenarm des Ungeheuers in seine Haut gerissen hatte.</p><p>Aber warum lebte er noch?</p><p><emphasis>Weil ich dich noch brauche, du Narr.</emphasis></p><p>Necron fuhr wie unter einem Peitschenhieb zusammen, richtete sich auf und sah sich wild um. Aber er war allein. Erst nach Sekunden begriff er, da� die Stimme - war es �berhaupt eine Stimme? - direkt in seinen Gedanken erscholl, ein ungeheuer machtvoller, dr�hnender Klang, der Necron erschauern lie� wie das Z�rnen eines finsteren Gottes.</p><p>�Wer ... wer bist du?� fragte er zitternd.</p><p><emphasis>Wei�t du es wirklich nicht? </emphasis>antwortete die gedankliche Stimme.</p><p>Necron schwieg einen Moment. Wieder glaubte er eine Bewegung in den Schatten vor sich wahrzunehmen. Dann nickte er. �Doch. Ich ... glaube.�</p><p><emphasis>Dann ist es gut, antwortete der Unsichtbare. Du hast die Macht, die dir gegeben wurde, mi�braucht, Necron. Ich m��te dich daf�r bestrafen. Doch dein Ziel ist auch das meine. </emphasis></p><p>�Was ... was soll ich tun?� fl�sterte Necron.</p><p><emphasis>Was du ohnehin vorhattest, </emphasis>erwiderte die Stimme des GROSSEN ALTEN in seinen Gedanken. <emphasis>Doch du wirst es in unserem Sinne tun. Ich kam nur, um dich zu warnen. Versuche nicht, pers�nliche Vorteile aus Dingen zu ziehen, die zu wichtig sind, als da� du sie begreifen k�nntest.</emphasis></p><p>�Ich ... werde gehorchen, Herr� antwortete Necron dem�tig.</p><p>Aber der Unsichtbare war schon nicht mehr da. Necron schauderte. Es war lange her, da� er einem GROSSEN ALTEN selbst gegen�bergestanden hatte. Er hatte vergessen, wie m�chtig diese Wesen jenseits von Raum und Zeit wirklich waren.</p><p>Er blieb stehen, bis sich das Zittern seiner H�nde beruhigt hatte, dann wischte er sich das Blut vom Hals, wandte sich um und ging mit raschen Schritten weiter. Der Lichtschein am Ende des Stollens gewann an Leuchtkraft und W�rme. Es war, als tr�te er nun auch k�rperlich aus dem Reich des Todes und der Schatten wieder hinaus in die Welt der Lebenden.</p><p>Die beiden Posten rechts und links des Durchganges strafften sich, als der Alte geb�ckt auf den Korridor hinaustrat.</p><p>Die Z�ge der beiden M�nner waren nicht zu erkennen. Ein Streifen des dunklen Tuches, das in der Art eines Turbans um ihre K�pfe geschlungen war, verh�llte auch ihre Gesichter. Trotzdem gewahrte der Alte den Schrecken in ihren Augen, als sie das Blut auf seinem Hals sahen. Aber keiner von beiden gab auch nur einen Laut von sich.</p><p>Die beiden M�nner geh�rten zu den wenigen Privilegierten, denen der Zugang zum innersten Bereich der Drachenfestung gestattet war. Sie dienten ihm seit Jahren treu und ergeben; wie alle seine Anh�nger h�tten sie mit Freude ihr Leben f�r ihn gegeben.</p><p>�Kommt mit�, sagte Necron. Seine Stimme stand in krassem Gegensatz zu seinem �u�eren. Er sah aus wie ein uralter Mann, aber seine Stimme war jung und befehlsgewohnt, und seine Bewegungen waren voller Kraft und Energie. Rasch wandte er sich um und ging mit weit ausgreifenden Schritten den fensterlosen Korridor entlang.</p><p>An seinem Ende blieben die beiden Krieger stehen, w�hrend der Alte eine niedrige, metallbeschlagene T�r �ffnete. �Holt Raoul�, befahl er dann.</p><p>Schweigend entfernten sich die Krieger, um seinen Befehl auszuf�hren, w�hrend der Alte vollends durch die T�r trat und unschl�ssig auf und ab zu gehen begann.</p><p>Das Zimmer unterschied sich drastisch von der kahlen Felsenkammer, in der er aufgewacht war. Es war warm; man sp�rte die Hitze des brennenden Steines, der tief im Fels unter der Festung brodelte. Die W�nde verbargen sich hinter Bahnen schweren, schwarzen Stoffes, und der Boden war mit wertvollen Teppichen, Fellen und Stoffballen bedeckt.</p><p>In der gegen�berliegenden Wand war eine T�r; niedrig, aus schweren, geschw�rzten Bohlen gefertigt und mit vergoldeten Beschl�gen und Ziern�geln versehen. Wo das Schlo� sein sollte, prangte ein bizarres Symbol, das auf geheimnisvolle Weise in Bewegung zu sein schien. Fast, als lebe es.</p><p>Es dauerte nur wenige Minuten, bis drau�en auf dem Gang Schritte laut wurden und die Krieger zur�ckkamen. In ihrer Begleitung befand sich ein schmalschultriger, kleiner Mann mit schwarzem Haar und verschlagenen Augen, unter denen dunkle Tr�nens�cke hingen. Ein d�nner Oberlippenbart versuchte vergeblich, seinem Gesicht einen Zug von m�nnlicher H�rte zu verleihen. Der Mann hatte �hnlichkeit mit einer Ratte.</p><p>�Herr!� Raoul senkte den Blick, verbeugte sich tief und erschrak sichtlich, als er das Blut auf Necrons Gewand sah. �Ihr seid verletzt, Herr!�</p><p>Necron machte eine rasche, unwillige Geste. �Das spielt jetzt keine Rolle, Raoul�, sagte er. �Ich gehe fort. Solange ich nicht hier bin, wirst du f�r die Sicherheit der Festung verantwortlich sein.�</p><p>�Ihr ... geht fort?� vergewisserte sich Raoul. Seine Stimme bebte, und seine H�nde vollf�hrten kleine nerv�se Bewegungen. �Aber Ihr seid doch gerade erst ...�</p><p>�Ich mu� es tun�, unterbrach ihn Necron. �Ich habe herausgefunden, wo sich der Sohn des Magiers versteckt h�lt. Ich werde gehen und tun, was der Eid, den unsere Ahnen abgelegt haben, verlangt. Andaras Sohn mu� sterben.�</p><p>�Aber das ... Ihr k�nnt einen anderen schicken!� sagte Raoul z�gernd. �Es ist gef�hrlich, Herr -�</p><p>�Einen anderen?� Necron l�chelte humorlos. �Einen wie Shannon, Raoul?� Er sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich habe einmal den Fehler gemacht, Robert Craven zu untersch�tzen.� Er schwieg einen Moment, um seinen Worten das geh�rige Gewicht zu verleihen, straffte dann seine Gestalt und deutete auf die goldbeschlagene T�r am anderen Ende des Raumes. �Ich mu� selbst gehen�, sagte er noch einmal.</p><p>Raouls Blick huschte nerv�s �ber die T�r. Er schluckte ein paarmal. Seine Furcht war nicht mehr zu �bersehen. Aber es war nicht die Furcht vor Necron oder der Macht, die er darstellte, es war die Angst vor dem, was hinter dieser T�r lauerte.</p><p>�Ihr wollt ... allein gehen?� fragte er stockend. Sein Adamsapfel h�pfte hektisch auf und ab.</p><p>�Nicht ganz allein�, erwiderte Necron. �Zehn deiner tapfersten M�nner werden mich begleiten. Du wirst sie ausw�hlen, w�hrend ich die n�tigen ... Vorbereitungen treffe.�</p><p>�Nur zehn?� entfuhr es Raoul. �W�re es nicht besser, wenn ...�</p><p>�Nur zehn�, unterbrach ihn Necron. �Und nun geh. Geh und suche die besten Krieger aus, die du hast. Ich erwarte sie in einer Stunde hier.�</p><p>Raoul nickte dem�tig, senkte das Haupt und entfernte sich, r�ckw�rts gehend und von den beiden stummen Kriegern flankiert. Aber kurz, bevor er den Raum verlie�, sah er noch einmal auf, und was er erblickte, lie� ihn erbleichen.</p><p>Necron hatte sich umgewandt und die H�nde in einer beschw�renden Geste gegen die T�r ausgestreckt.</p><p>Das formlose Ding, das dort anstelle eines Schlosses hing, hatte angefangen zu pulsieren.</p><p>Es <emphasis>schl�gt, </emphasis>dachte Raoul schaudernd. Es schl�gt wie ein gewaltiges pulsierendes Herz ...</p><p>Den ganzen Vormittag �ber war es nicht richtig hell geworden. Ein grauer Nebel lag �ber der Stadt, und wie immer, wenn man ungeduldig darauf wartete, da� die Zeit verging, schienen die Minuten z�h wie Sirup zu verstreichen.</p><p>Gestern nacht erst war ich nach einer vierw�chigen Schiffspassage und einer Tagesreise von Southampton in London eingetroffen. Nach den schrecklichen Vorf�llen in Innsmouth <emphasis>mu�te </emphasis>ich Priscylla einfach wiedersehen. Der Geist der Hexe Lyssa, der lange ihren K�rper beherrscht hatte, war von meinem Vater endg�ltig vernichtet worden.</p><p>Es war nicht leicht gewesen, Howard zu dieser R�ckkehr zu bewegen, aber nicht umsonst besa� ich eine au�ergew�hnliche �berzeugungskraft. Schlie�lich willigte er ein, lie� es sich jedoch nicht nehmen, mir drei Tage vorauszureisen, um, wie er sagte, alles f�r meine Ankunft vorzubereiten.</p><p>Shannon und Rowlf blieben in Arkham zur�ck. Shannon hatte sich in sein Zimmer in der Universit�t zur�ckgezogen und wollte keinen Menschen sehen. Ich konnte ihn gut verstehen - zuviel war in den letzten Tagen auf ihn eingest�rmt. Er brauchte Zeit, nachzudenken und mit seinen Zweifeln und �ngsten fertig zu werden. Rowlf hatte versprochen, gut auf ihn achtzugeben.</p><p>Ich war einen Tag zu fr�h in London eingetroffen; ein g�nstiger Wind hatte das Segelschiff, mit dem ich die Reise angetreten hatte, schneller als geplant den Atlantik �berqueren lassen.</p><p>So hatte ich die Nacht in einem Hotel verbracht, ohne Howard zu Gesicht zu bekommen. Statt dessen war im Morgengrauen Dr. Gray aufgetaucht, der Arzt, der Priscylla w�hrend ihrer �Krankheit� betreut hatte, ein guter Freund von Howard.</p><p>Pri war in London! Doch meine Vorfreude auf unser Wiedersehen wurde allzuschnell ged�mpft. Dr. Gray hatte mich den ganzen Vormittag �ber durch - wie es mir schien - s�mtliche Londoner Beh�rden geschleppt. Howard und er hatten alles vorbereitet, alle Papiere besorgt, die n�tig waren, mich endg�ltig zum rechtm��igen Erben meines Vaters zu machen. So hatte ich Stunde um Stunde Unmengen von Unterschriften geleistet, tausend Verbeugungen vor kleinlichen Beamten machen und hunderttausend dumme Fragen beantworten m�ssen.</p><p>Ein Trost blieb mir - wenn erst alle juristischen Belange gekl�rt waren (und erst dann) war ich auch f�r die engstirnigen britischen Beh�rden der Sohn Roderick Andaras.</p><p>Als Magier wurde mein Vater selbstverst�ndlich in keiner Kartei gef�hrt, wohl aber als recht beg�terter Staatsb�rger.</p><p>Drau�en auf den Stra�en Londons schmolz der letzte Schnee, als Dr. Gray und ich das k�niglich-britische Gesundheitsamt verlie�en und wieder in der Kutsche Platz nahmen. Die wei�e Decke, die sich �ber der Stadt ausgebreitet hatte, war zu einem Flickenteppich aus N�sse und braunem Matsch geschmolzen. Der Winter hatte nicht enden wollen in diesem Jahr, aber an diesem 15. Mai 1885 schien er endlich besiegt.</p><p>Ich fror.</p><p>Die Kleider, die ich trug, f�hlten sich feucht und klamm an, obwohl ich sie erst am Morgen aus dem Koffer genommen hatte. Nicht einmal das m�chtige Feuer, das die ganze Nacht �ber im Kamin des Hotelzimmers brannte, hatte die klamme K�lte vollends vertreiben k�nnen.</p><p>Ich zog den Kragen des pelzgef�tterten Mantels mit einer Hand enger zusammen und vergrub die andere in der Tasche. Trotzdem zitterte ich vor K�lte.</p><p>�Zuviel alten englischen Scotch oder zu viele junge englische M�dchen?� fragte Dr. Gray l�chelnd.</p><p>�Zu wenig guten amerikanischen Schlaf�, erwiderte ich finster. Der bei�ende Spott, den ich in die Worte hatte legen wollen, blieb allerdings aus. Daf�r klapperten meine Z�hne im Takt der Ersch�tterungen, mit denen uns der kaum gefederte Wagen beutelte. Grays Grinsen wurde jetzt eindeutig unversch�mt.</p><p>Ich mu�te mich beherrschen, um ihn nicht anzufahren. Wenn es etwas gibt, das mich noch mehr in Rage bringt als sture Beamte oder Leute, die auf mich schie�en oder �hnliche Unfreundlichkeiten im Sinn haben, dann sind es Typen wie Gray. Menschen, deren Tag schon vor Sonnenaufgang anf�ngt, und die noch dazu perfide genug sind, dann bereits guter Laune und strahlenden Frohsinns zu sein.</p><p>Gray war ein besonders ausgepr�gtes Exemplar jener Gattung. Nicht genug, da� er mich vor dem Fr�hst�ck aus dem Bett geworfen hatte - ich fr�hst�cke normalerweise gegen neun und betrachte St�rungen vor acht als vors�tzliche K�rperverletzung -, nein, er hatte es sich nicht einmal verkneifen k�nnen, noch dazu ununterbrochen zu l�cheln, Scherze zu machen und vor lauter guter Laune schier aus den N�hten zu platzen.</p><p>Ich h�tte ihn erw�rgen k�nnen, w�re ich dazu nicht zu m�de gewesen. Ich hatte kaum drei Stunden geschlafen.</p><p>�Du hast es bald �berstanden, Robert�, sagte er. �Das Schlimmste liegt hinter dir. Die paar Formalit�ten; die jetzt noch ausstehen, erledige ich.�</p><p>�Wie weit ist es noch?� fragte ich.</p><p>Gray lehnte sich zur Seite, zog den Vorhang vor dem schmalen Kutschfenster zur�ck und sp�hte aus zusammengekniffenen Augen in den Nebel hinaus.</p><p>�Wir sind fast da�, sagte er. �Ich habe den Dienstboten gestern abend schon Anweisungen gegeben, ein kr�ftiges Essen bereitzuhalten. Und literweise starken Kaffee.�</p><p>Baldrian und ein warmes Bett w�ren mir lieber gewesen, aber ich schickte mich mit einem lautlosen Seufzer in mein Schicksal, lehnte den Kopf gegen die weichen Polster und versuchte f�r die wenigen Minuten, die mir noch blieben, so etwas wie Schlaf zu finden.</p><p>Nat�rlich fand ich ihn nicht, denn trotz meiner M�digkeit war ich von Ungeduld und Vorfreude erf�llt. Gray hatte es sich trotz seines achtunggebietenden Alters nicht verkneifen k�nnen, mich den ganzen Vormittag �ber mit geheimnisvollen Andeutungen neugierig zu machen. Ich wu�te weder, wohin wir jetzt fuhren, noch, was uns dort erwarten mochte. Ein Haus vermutlich, das er und Howard f�r mich gefunden hatten, damit ich eine st�ndige Bleibe in der Stadt hatte und nicht wechselweise in Hotels und Pensionen leben mu�te. Sicher. Aber das war auch schon alles.</p><p>Endlich hielt die Kutsche mit einem letzten Ruck an. Das Pferd stampfte unruhig auf dem nassen Kopfsteinpflaster. Sein Zaumzeug klirrte. Die Ger�usche hallten unheimlich von den H�usern beiderseits der Stra�e wider. Dann wurde die T�r aufgerissen, und der zylinderbewehrte Sch�del des Kutschers lugte zu uns herein.</p><p>�Wir sind da, Sir�, sagte er, an Gray gewandt. �Ashton Place Nummer 9.�</p><p>�Ashton -� Ich sprach nicht weiter, als ich das sp�ttische Glitzern in Grays Augen gewahrte. Deshalb also hatte er ein solches Brimborium um mein neues Domizil gemacht! Ich war zwar noch nicht lange wieder in London, aber das mu�te auch nicht sein, um den Klang dieses Namens kennenzulernen. Nat�rlich ist es nicht die teuerste Adresse in London; es gibt noch ein paar, die feudaler sind. Den Buckingham-Palast zum Beispiel ...</p><p>Der Nebel schlug uns wie ein eisiger, klammer Hauch entgegen, als ich um die Kutsche herumtrat und stehenblieb, um das Haus zu begutachten.</p><p>Es war nicht sehr viel zu erkennen. Der Nebel lag wie eine vom Himmel gefallene Wolke �ber dem Haus und dem Anwesen, tauchte alles in faseriges Grau und lie� die Konturen des Geb�udes verschwimmen. Aber das, was ich erkennen konnte, war eindrucksvoll genug.</p><p>Das Haus war gewaltig. Hinter dem Nebel ragte es auf wie ein grauschwarzer Kolo�, dreieinhalb Stockwerke hoch und an die hundert Schritte breit. Im ersten Moment erschrak ich fast; die Masse dieses ungeheuerlichen Hauses schien mich Armen aus erstarrtem Nebel erschlagen zu wollen, neigte sich wie ein gewaltiger Berg �ber mich und -</p><p>Die Vision zerplatzte so schnell, wie sie gekommen war. Pl�tzlich war der Nebel wieder Nebel und das Haus ein Haus, mehr nicht.</p><p>Was blieb, war ein dumpfes Gef�hl von Beklemmung. Der logische Teil meines Denkens sagte mir, da� jedes Haus so aussehen w�rde, bei schlechtem Licht und noch dazu bei Nebel betrachtet.</p><p>Aber ich hatte zu viel erlebt, um nur noch auf die Logik zu h�ren.</p><p>�Nun, Robert - gef�llt es dir?� Grays aufreizend fr�hliche Stimme brach den Bann vollends und brachte mich in die Wirklichkeit zur�ck. Pl�tzlich sp�rte ich die K�lte wieder, und die N�sse, die mich fr�steln lie�.</p><p>Ich l�chelte und zuckte mit den Achseln. �Es ist eine Nummer zu gro߫, sagte ich. �Oder zwei.�</p><p>Gray lachte. �Das mag sein. Aber es wird dir gefallen. Und jetzt geh weiter. Wahrscheinlich werden wir schon ungeduldig erwartet. Und mir ist kalt. Schlie�lich bin ich ein alter Mann.�</p><p>Er zog in einer absichtlich �bertriebenen Geste die Schultern zusammen und ging mit weit ausgreifenden Schritten durch das Gittertor, das in den Vorgarten f�hrte. Nach einem kurzen Z�gern folgte ich ihm.</p><p>Der Nebel verwandelte den Garten in eine bizarre Landschaft, in der alles irgendwie unwirklich und verzerrt schien. Kleine, graue Schwaden umspielten meine F��e, so da� ich den Kies, mit dem die Zufahrt bestreut war, nicht einmal sehen konnte, sondern nur sein Knirschen h�rte. Ich fror, st�rker, als es durch die K�lte allein zu begr�nden gewesen w�re. Unwillk�rlich ging ich langsamer.</p><p>Gray blieb stehen, drehte sich ungeduldig zu mir herum. �Was ist los?� fragte er.</p><p>Einen Moment lang suchte ich nach den richtigen Worten, um das sonderbare Gef�hl, mit dem mich das Haus und der Nebel erf�llten, zu beschreiben, aber schlie�lich zuckte ich nur mit den Achseln. �Nichts�, sagte ich. �Es ist nichts. Gehen wir.�</p><p>Gray sah mich einen Herzschlag lang scharf an, wandte sich dann aber wieder um und hob die Hand zum T�rklopfer.</p><p>Ein dr�hnender Schlag erscholl.</p><p>Es war nicht das Ger�usch des Messingl�wen, mit dem der T�rklopfer gegen das Eichenholz schlug, sondern ein Ton wie von einer gewaltigen, hallenden Kirchenglocke, unglaublich tief und <emphasis>laut.</emphasis></p><p>Gray zuckte zusammen, prallte einen halben Schritt von der T�r zur�ck und starrte mich an. Seine Lippen bewegten sich, aber seine Worte gingen in einem zweiten, vielleicht noch lauteren Gongschlag unter.</p><p>Vier, f�nf, schlie�lich sechs Mal erscholl das ungeheure laute Dr�hnen. Ich lie� meinen Spazierstock und die Reisetasche fallen und pre�te die H�nde gegen Schl�fen und Ohren. Das Dr�hnen schien aus keiner bestimmten Richtung zu kommen, sondern von �berallher zugleich, als schw�nge jedes einzelne Molek�l der Luft, die uns umgab, im Rhythmus der dumpfen Vibrationen.</p><p>Dann, mit einer Pl�tzlichkeit, die fast noch erschreckender war als das Dr�hnen, herrschte wieder Stille, aber Gray und ich blieben noch sekundenlang reglos stehen, die H�nde gegen die Ohren gepre�t und jederzeit darauf gefa�t, dieses ungeheuerliche Dr�hnen noch einmal zu h�ren.</p><p>Schlie�lich nahm ich z�gernd die Arme herunter, b�ckte mich nach der Reisetasche und dem Stockdegen und sah wieder zum Haus hin�ber. Die T�r war aufgerissen worden, und ein verst�rt dreinblickender Mann in der gestreiften Livree eines Butlers lugte zu uns heraus.</p><p>Ich straffte mich, trat auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. �Guten Tag�, sagte ich, so ruhig, wie es mir im Moment �berhaupt m�glich war. �Man sagte mir, da� ich erwartet w�rde. Mein Name ist Craven. Robert Craven.�</p><p>Auf dem Gesicht des Alten erschien zuerst Verbl�ffung, dann ein Ausdruck wachsenden Unglaubens und - ja, und dann beinahe Schrecken.</p><p>�Mister ... Craven?� vergewisserte er sich. �Sie sind ... Robert? Robert Craven?�</p><p>Ich kam nicht dazu, zu antworten, denn in diesem Moment erscholl ein erfreutes �Robert! Junge!� und Howard st�rmte mit weit ausgreifenden Schritten auf mich zu. Er trug einen rotbraunen Hausmantel, und in seinem Mundwinkel qualmte die unvermeidliche Zigarre.</p><p>Ich setzte die Tasche ab, dr�ckte dem Butler Hut und Stock in die H�nde und fiel Howard in die Arme. Es war beinahe albern - seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten, waren nur ein paar Wochen vergangen, aber ich freute mich, als h�tten wir uns seit einem Jahr nicht mehr gesehen.</p><p>�Sch�n, da� du endlich da bist�, sagte Howard, nachdem er mich umarmt und mir dabei fast das gl�hende Ende seiner <emphasis>Zigarre </emphasis>ins Gesicht gedr�ckt h�tte. Er machte eine weit ausholende Geste.</p><p>�Wie gef�llt dir dein neues Domizil?�</p><p>�Die T�rglocke ist zu laut�, antwortete ich. �Aber nur eine Spur.�</p><p>Howard runzelte die Stirn. �Die Glocke? Was meinst du damit? Wir ... haben keine T�rglocke.�</p><p>�Dann mu� einer der Diener eine Taschenuhr mit einem ziemlich lauten L�utwerk haben.� Ich lachte leise, wurde aber sofort wieder ernst und drehte mich halb herum, um Gray zu uns zu winken. �Sagen Sie ihm, was passiert ist, Doktor.�</p><p>Gray kam gehorsam heran, wandte sich aber nicht an Howard, sondern blickte mich verwirrt an und runzelte die Stirn. �Ich f�rchte, ich verstehe nicht, Robert�, sagte er.</p><p>�Kommen Sie, Doc - Sie verstehen recht gut. Was war das gerade? Ein kleiner Scherz zur Begr��ung?� Ich steckte den kleinen Finger ins linke Ohr und bohrte demonstrativ darin herum. �Also?�</p><p>Grays einzige Reaktion bestand aus einem raschen, verwirrten Blick in Howards Richtung.</p><p>�Was meinst du, Robert?� fragte er. �Ich habe nichts geh�rt.�</p><p>�Sie -� Ich stockte, sah abwechselnd ihn und Howard an. Ich hatte doch <emphasis>gesehen, </emphasis>wie Gray genau wie ich schmerzhaft das Gesicht verzog!</p><p>Aber wenn die beiden sich darin gefielen, mich wie zwei Sextaner auf den Arm zu nehmen - warum nicht?</p><p>�Lassen wir das�, sagte ich achselzuckend. �Ihr k�nnt ja sp�ter dar�ber lachen. Wenn ich nicht dabei bin. Jetzt gibt es anderes zu besprechen.�</p><p>Howard starrte mich weiter mit so echt gespielter Verbl�ffung an, da� ich mich f�r einen Moment ernsthaft fragte, ob ich mir nicht alles nur eingebildet haben konnte. Aber nur f�r einen Moment. Mir klingelten noch jetzt die Ohren. Nein - das einzige, was hier nicht stimmte, waren Grays und Howards infantiler Humor.</p><p>�Vergessen wir es�, sagte ich noch einmal.</p><p>Howard blinzelte, starrte Gray f�r die Dauer eines Herzschlages bl�de an und nickte pl�tzlich. �Sicher. Es wird sich schon eine Erkl�rung finden.� Pl�tzlich l�chelte er. �Wie gef�llt dir das Haus, Robert?�</p><p>Statt einer Antwort trat ich einen Schritt zur�ck und sah mich erst einmal um. Die Halle, in der ich stand, war gro� genug, um das ganze Haus aufzunehmen, in dem ich die ersten f�nfzehn Jahre meines Lebens verbracht hatte.</p><p>�Ein bi�chen gro� f�r meinen Geschmack�, sagte ich.</p><p>Howards Entt�uschung war nicht zu �bersehen. �Es gef�llt dir nicht?�</p><p>�Doch doch�, sagte ich hastig - obwohl mir dieses Monstrum von Haus ganz und gar nicht gefiel -, �es ist nur ... etwas zu bombastisch, findest du nicht? Ich wei� ja, da� ich jetzt reich bin, aber ...�</p><p>�Es hat dich keinen Penny gekostet, wenn es das ist, was dir Sorgen bereitet�, unterbrach mich Gray. �Das Haus und das Grundst�ck geh�ren zur Erbmasse.�</p><p>Ich begriff nicht gleich. �Erbmasse?� wiederholte ich. �Sie meinen, mein Vater besa� auch Grundst�cke?�</p><p>�Mehrere�, best�tigte Howard. �Das Haus hier geh�rte ihm. Er hat immer hier gewohnt, wenn er in England war.�</p><p>Einen Moment lang blickte ich ihn verwirrt an, dann drehte ich mich um und musterte den Diener, der mich eingelassen hatte. Er hatte die T�r geschlossen, sich aber nicht von der Stelle ger�hrt, sondern starrte mich noch immer mit dieser Mischung aus Verbl�ffung und kaum verhohlenem Schrecken an. Nach allem, was ich bisher von den englischen Butlern geh�rt hatte, ein sehr sonderbares Benehmen. Aber es war nicht das erste Mal, da� ich einen solchen Blick sah. Jeder, der meinen Vater gekannt hat und mich zum ersten Mal sieht, blickt mich so an. Die �hnlichkeit zwischen uns war verbl�ffend.</p><p>�Ich verstehe�, sagte ich leise. �Die Angestellten kannten meinen Vater.�</p><p>Howard nickte. �Einige. Sieh es ihnen nach; wenn sie vielleicht ein bi�chen ... sonderbar sind, in den ersten Tagen. Sie haben deinen Vater alle gemocht. Viele sind schon ihr Leben lang hier.� Pl�tzlich lachte er. �Und jetzt komm. Es gibt noch jemanden, der schon ganz ungeduldig auf dich wartet.�</p><p>Er grinste und deutete auf die Treppe, die nach oben f�hrte. Und auch auf Grays Z�gen erschien das gleiche, d�mliche Verschw�rerl�cheln. Ich schluckte die bissige Bemerkung, die mir auf den Lippen lag, herunter und f�gte mich in mein Schicksal. Offenbar hatten die beiden ihren senilen Tag. Und ich hatte keine Lust, ihnen die Freude zu verderben.</p><p>Ein leises Klingen drang an mein Ohr, und ich blieb unwillk�rlich stehen und sah mich um.</p><p>�Was ist?� fragte Howard sp�ttisch. �H�rst du wieder Kirchenglocken?�</p><p>Ich schenkte ihm einen giftigen Blick, drehte mich mit einem Ruck um und ging weiter.</p><empty-line/><p>Wieder war es anders als sonst gewesen.</p><p>Selbst ihm, der es gew�hnt war, Wege zwischen den Wirklichkeiten zu gehen und in den Schatten zu wandeln, war es jedesmal neu und erschreckend, das goldbeschlagene, lebende <emphasis>Tor </emphasis>zu benutzen. Necron wu�te nicht, wieviel Zeit vergangen war; Stunden, vielleicht auch Tage oder Wochen. Wie die Wege, die seinen Geist bef�higten, losgel�st von seinem K�rper die Welt zu durchstreifen, durch die Augen anderer zu sehen und mit den H�nden anderer zu handeln, war auch das <emphasis>Tor </emphasis>unberechenbar.</p><p>Necron besa� die Macht, seinen Ausgang zu bestimmen, vorherzusagen, in welchem Teil der Welt er aus den Schatten treten w�rde, aber seine Macht reichte nicht, die Dauer seines Aufenthaltes in der <emphasis>anderen </emphasis>Welt zu bestimmen.</p><p>Jetzt, als er sich langsam auf die Knie erhob und darauf wartete, da� das qu�lende Schwindelgef�hl zwischen seinen Schl�fen verebbte, sp�rte er, da� diesmal nur wenig Zeit vergangen war. Vielleicht weniger, als <emphasis>wirklich </emphasis>verstrichen war, seit er den Schritt in die Schatten getan hatte. Manchmal lief die Zeit auch r�ckw�rts, wenn er das <emphasis>Tor </emphasis>benutzte.</p><p>Langsam kl�rte sich sein Blick. Er war in einem niedrigen, dunklen Raum von unbestimmbaren Ausma�en und mit gew�lbter Decke. Es roch nach Ratten und Moder, und von irgendwoher kam graues, flackerndes Licht. Gestalten waren um ihn herum, schlanke drohende Schatten vor der Dunkelheit des Kellergew�lbes.</p><p>Er versuchte auf die Knie zu kommen, sank kraftlos wieder zur�ck und griff dankbar nach der Hand, die sich helfend nach ihm ausstreckte. Necron f�hlte sich schwach und ausgelaugt wie immer, wenn er das <emphasis>Tor </emphasis>benutzte, nur da� es diesmal viel, viel schlimmer gewesen war. Er hatte nicht nur f�r sich, sondern auch f�r zehn andere einen Weg durch die Schatten bahnen m�ssen. Selbst er, der die Zeit so viele Male betrogen hatte, sp�rte pl�tzlich das Gewicht der Jahrhunderte, die unsichtbar auf seinen Schultern lasteten.</p><p>Einen Moment lang wurde das Schwindelgef�hl so stark, da� er echte Angst empfand, sich �bernommen zu haben. Er wu�te, da� die <emphasis>Tore </emphasis>nicht ungef�hrlich waren, nicht einmal f�r einen so m�chtigen Magier wie ihn. Schon so mancher war nicht wieder zur�ckgekommen aus der Welt der Alptr�ume und der Furcht. Und so mancher, der zur�ckgekommen war, war als blo�er K�rper wieder aufgetaucht, als ausgebrannte, leere H�lle.</p><p>Aber dann sp�rte er, wie die Schw�che und das Schwindelgef�hl wichen, und wie ihn neue, finstere Energien durchstr�mten. Und ...</p><p>Sie waren nicht allein!</p><p><emphasis>Etwas </emphasis>war mit ihnen in dem finsteren Gew�lbe, etwas, das nicht aus dieser Welt, vielleicht nicht einmal aus diesem Universum stammte. Unsichtbar, lautlos, aber m�chtig.</p><p>Und fremd. So unglaublich <emphasis>fremd.</emphasis></p><p>Und dann erkannte Necron es.</p><p>Er fuhr mit einem keuchenden Schrei herum. Sein Blick bohrte sich in das wogende graue Meer der Schatten im hinteren Teil des Gew�lbes.</p><p>Und dort begannen sich die Schatten zu formen. Wirbelndes Grau und lichtschluckendes Schwarz ballten sich zu einer vielfingrigen, amorphen Faust, faserten wieder auseinander und bildeten f�r einen kurzen Moment einen fast menschlichen Umri�, platzten wie unter einem Hieb auseinander und formierten sich neu.</p><p>Einer der Krieger prallte mit einem gellenden Schrei zur�ck, als das <emphasis>Ding </emphasis>am anderen Ende des Raumes materialisierte.</p><p>Der Alte erstarrte wie eine Marionette, deren F�den mitten in der Bewegung durchtrennt worden waren. Cthulhu! durchfuhr es ihn. <emphasis>Er </emphasis>ist es. Cthulhu! Zwei, drei Sekunden blieb er reglos stehen, dann senkte er langsam das Haupt und fiel dem�tig auf die Knie. �Herr ...� fl�sterte er.</p><p>Die Gestalt verbarg sich hinter einem Vorhang aus barmherzigen Schatten; ein wesenloses graues Ding mit zerflie�enden Umrissen, voller Ungewisser Bewegung und Schw�rze. Trotzdem h�tte das, was von ihr zu erkennen war, einen normalen Menschen in den Wahnsinn und vielleicht in den Tod getrieben.</p><p><emphasis>Du bist selbst gekommen.</emphasis></p><p>Der Alte hatte das Gef�hl, die Ber�hrung einer eisigen, unsichtbaren Hand zu sp�ren, die ganz allm�hlich sein Herz zusammenpre�te. Sein Atem ging schnell. Trotz der K�lte, die sich in den Mauern ringsum eingenistet hatte, glitzerten pl�tzlich Schwei�tropfen auf seiner Stirn. Hatte er Tadel in der Stimme des Unsichtbaren geh�rt?</p><p>�Ich ... kam, weil die Aufgabe, die zu tun ist, keinem ... Unwissenden �bertragen werden darf�, antwortete er stockend. Seine Worte klangen holperig und waren nicht sehr geschickt gew�hlt. Er war halb von Sinnen vor Angst.</p><p><emphasis>Ich wei�. </emphasis>Die Stimme des <emphasis>Dinges </emphasis>war kalt, ohne die geringste Spur irgendeines Gef�hles. Aber das machte die Drohung, die in ihren Worten mitschwang, nur um so schlimmer. <emphasis>Du wirst versagen, Necron. Deine Kr�fte reichen nicht, Andaras Erben zu besiegen. Ihr habt ihn nicht bezwungen, und ihr werdet seinen Sohn nicht bezwingen, denn er ist st�rker als der Vater.</emphasis></p><p>Necron fuhr wie unter einem Hieb zusammen. �Nein, Herr!� keuchte er. �Ich kenne seine Macht, aber er ... er selbst hat keine Ahnung davon. Er ist ein Narr, der -�</p><p><emphasis>Der einen der unseren vernichtet und zahllose Dienerkreaturen get�tet hat, von denen jede einzelne m�chtig genug gewesen w�re, dich zu zerquetschen, alter Narr! </emphasis>unterbrach ihn das <emphasis>Ding </emphasis>kalt. <emphasis>Du beginnst, Fehler zu machen. Ich sagte dir, du sollst ihn t�ten. Ich sagte nicht, da� du selbst gehen und dich in Gefahr bringen sollst. Du bist zu wichtig f�r uns. Aber vielleicht war es auch ein Fehler von mir, dir soviel Wissen und Macht zu verleihen.</emphasis></p><p>Der Alte antwortete nicht. Seine schmalen, blutleeren Lippen waren fest aufeinandergepre�t, und auf seinem d�rren Hals pochte eine Ader, so heftig, als wolle sie jeden Moment zerplatzen. Aber er schwieg. Er wu�te, wie wenig Sinn es hatte, <emphasis>ihm </emphasis>zu widersprechen.</p><p>�Ich ... werde ihn t�ten�, sagte er nach einer Weile. �Meine besten Krieger begleiten mich, und -�</p><p><emphasis>Du wirst nichts dergleichen tun, </emphasis>unterbrach ihn das <emphasis>Ding. Die Zeit ist gekommen, da sich unsere Pl�ne der Vollendung n�hern. Sobald der Erbe des Magiers und seine Helfer beseitigt sind, gibt es niemanden mehr, der uns aufhalten k�nnte.</emphasis></p><p>F�r einen Moment glaubte der Alte fast, ein leises, zufriedenes Lachen aus den Schatten heraus zu h�ren, aber er wu�te, da� er sich get�uscht haben mu�te. <emphasis>Sie </emphasis>konnten nicht lachen, so wenig wie sie weinen, Zorn oder Freude oder irgendein anderes Gef�hl als Ha� empfinden konnten.</p><p><emphasis>Ich selbst werde es tun.</emphasis></p><p>�Ihr mi�traut mir, Herr?� murmelte der Alte. Seine Stimme bebte so heftig, da� die Worte kaum mehr zu verstehen waren.</p><p><emphasis>Nein. Aber du bist ein Mensch, und Menschen machen Fehler. Ich sandte dich hierher, aber ich sehe jetzt, da� die Aufgabe zu gro� f�r dich ist. Zu wichtig, um sie einem Menschen zu �berlassen. Einem von euch. </emphasis>Es klang wie eine Beschimpfung.</p><p>�Und ... das Buch?� fragte der Alte stockend.</p><p><emphasis>Dein albernes Buch interessiert mich nicht, </emphasis>antwortete die Stimme. <emphasis>Nimm es dir, wenn dir soviel daran liegt, doch h�te dich, meine Pl�ne zu durchkreuzen. Du wirst warten, bis alles vor�ber ist. Danach kannst du dir dein n�rrisches Buch nehmen, wenn du willst. Und den Rest der Welt dazu.</emphasis></p><p>Und diesmal war der Alte sicher, ein dunkles, unendlich b�ses Kichern aus den Schatten zu vernehmen.</p><p>Mit einem Male war ihm kalt. Sehr kalt.</p><p>Schweigend stand er da und wartete, da� die Stimme weitersprach, aber sie schwieg, und als er es nach einer Weile wagte, vorsichtig den Blick zu heben, war die Schattengestalt verschwunden.</p><p>Mit einem lautlosen Aufatmen wandte er sich um und lie� seinen Blick �ber die Reihe der Krieger gleiten. Er sp�rte ihre Furcht, die Panik, die ihre Gedanken durchdrungen hatte. Sie waren tapfere M�nner, vielleicht die tapfersten, die es in diesem Teil der Welt gab. Jeder von ihnen h�tte sich ohne zu z�gern in sein Schwert gest�rzt, h�tte er es verlangt. Aber was sie gesehen hatten, war kein Wesen von dieser Welt gewesen. Nicht einmal ein D�mon, denn auch den h�tten sie kaum gef�rchtet.</p><p>Was sie gesehen hatten, war das Grauen selbst gewesen, ein Ding aus Schatten und Furcht und gestaltgewordenem Entsetzen.</p><p>Nein - er konnte es ihnen nicht ver�beln, da� sie Angst zeigten, denn auch in seine Gedanken hatte sich die Furcht gekrallt. Trotzdem klang seine Stimme kalt wie immer, als er die Hand hob und auf einen der M�nner deutete. �Du!�</p><p>Der Krieger trat vor und senkte dem�tig das Haupt.</p><p>�Du wirst gehen und den Mann suchen, den ich dir beschrieben habe�, sagte Necron. �Die anderen bleiben mit mir hier und warten, bis du zur�ck bist.�</p><p>In den Augen des Mannes blitzte es erschrocken auf. �Herr!� sagte er. �Ich habe geh�rt, was -�</p><p>�<strong>Du</strong> hast geh�rt, was <emphasis>ich </emphasis>gesagt habe, oder?� unterbrach ihn Necron. Seine Stimme klang schneidend. �Du sollst ihn nur suchen, weiter nichts. Du wirst nichts unternehmen. Nichts! Du wirst ihn finden und mir melden, wo er sich aufh�lt. Aber er darf dich nicht sehen! Ist er durch deine Unachtsamkeit gewarnt, wirst du es mit dem Leben bezahlen. Oder bist du anderer Meinung?�</p><p>�Nein, Herr�, fl�sterte der Krieger. �Verzeiht meine Unversch�mtheit.�</p><p>Necron machte eine wegwerfende Handbewegung. �Schon gut. Ich verstehe deine Verwirrung. Aber jetzt geh.�</p><p>Seine Hand vollf�hrte eine rasche, komplizierte Geste. Ein kaltes, bl�uliches Licht glomm auf, zeichnete die Konturen des Kriegers wie flackerndes Elmsfeuer nach - und erlosch.</p><p>Und mit ihm verschwand der Krieger.</p><p>Necron blieb noch einen Moment reglos und wie erstarrt stehen. Sein Blick war unverwandt auf die Stelle gerichtet, an der der Mann gestanden hatte, aber seine Augen sahen ins Leere. Und auf seinen Lippen erschien, ganz langsam, ein d�nnes, beinahe triumphierendes L�cheln.</p><p>Oh ja, er hatte geh�rt, was <emphasis>er </emphasis>gesagt hatte. Aber er hatte auch die Unsicherheit in seiner Stimme vernommen. Und er hatte zwischen den Worten gelauscht und erkannt, da� <emphasis>ihre </emphasis>Macht lange nicht mehr so gewaltig war wie einst.</p><p>Vielleicht w�rde ihm Craven entgehen, aber das spielte keine Rolle. Er hatte zweihundert Jahre auf diesen Tag gewartet - welche Rolle spielten da ein paar Tage oder Wochen?</p><p>Aber er w�rde das Buch bekommen. Noch heute.</p><p>Doch daf�r mu�te er den Sohn des Hexers noch <emphasis>vor </emphasis>dem GROSSEN ALTEN finden. Nur Craven selbst wu�te, wo das NECRONOMICON versteckt lag. Nein, er w�rde Craven nicht t�ten. Er w�rde ihm sein armseliges Leben lassen, f�r Cthulhu. Aber er w�rde sich das Buch holen.</p><p>Und wenn er es hatte, dachte er, die Worte des GROSSEN ALTEN in Gedanken wiederholend, dann w�rde er sich den Rest der Welt dazu nehmen. Dann gab es niemanden mehr, den er noch f�rchten mu�te.</p><p>Nicht einmal die GROSSEN ALTEN selbst.</p><empty-line/><p>Das Zimmer lag im obersten Stockwerk des Hauses, unmittelbar unter dem Dach. Eine breite Marmortreppe hatte uns in die zweite Etage gef�hrt, dann hatten wir eine versteckte Tapetent�r durchschritten und waren �ber eine weitere, diesmal h�lzerne Treppe hier hinauf unter das Dach gestiegen, wo das Haus nicht mehr von Symbolen des Reichtums und Wohlstandes strotzte (was mir �u�erst angenehm auffiel). Doch alles wirkte frisch und ordentlich, als w�re es erst vor wenigen Tagen renoviert worden. In der Luft hing noch der Geruch von Farbe und Leim, alles war hell und freundlich - im Grunde f�hlte ich mich hier wohler als unten.</p><p>Aber trotz der hellen Farben und der fr�hlich gemusterten Tapeten und Vorh�nge entgingen mir nicht die Gitter vor den Fenstern, so wenig wie die T�ren, die ein ganz kleines bi�chen zu solide wirkten. Die Schl�sser h�tten sogar einen talentierten Einbrecher vor erhebliche Probleme gestellt. Und die dicken Teppiche und Vorh�nge dienten hier nicht mehr dem Prestige, sondern der Schallisolierung. Das Dachgescho� war ein Gef�ngnis. Ein <emphasis>schalldichtes </emphasis>Gef�ngnis.</p><p>Mein Herz begann wie rasend zu klopfen, als ich die Hand auf den T�rknauf legte und ihn z�gernd drehte. Ich wu�te, wen ich dahinter treffen w�rde, auch wenn Howard bisher nichts als sinistre Andeutungen gemacht hatte.</p><p>Priscylla sa� auf ihrem Bett, als wir den Raum betraten, halb aufrecht und von einem Kissen gest�tzt, das Gesicht zum Fenster gewandt, aber mit geschlossenen Augen. Eine �ltliche, grauhaarige Frau sa� auf einem Stuhl neben ihr und las in einem Buch. Als wir eintraten, klappte sie es zu, legte einen Finger auf die Lippen und kam uns mit lautlosen Schritten entgegen.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis ich sie erkannte.</p><p>�Mary!�</p><p>Ich hatte Mrs. Winden damals in Durness kennengelernt, als Howard, Rowlf und ich einem D�mon gegen�berstanden, der von einem ganzen Wald Besitz ergriffen hatte.</p><p>Mrs. Winden sch�ttelte mi�billigend den Kopf ob meiner Lautst�rke, l�chelte aber gleich darauf und deutete mit einer �bertrieben pantomimischen Bewegung hinter sich. Ich erkannte eine nur angelehnte T�r, die in einen zweiten, hell erleuchteten Raum f�hrte. Sie bedeutete Howard und mir mit Gesten, ihr zu folgen, und ging auf Zehenspitzen an Priscyllas Bett vorbei.</p><p>Mein Blick streifte Pris Gesicht, und ich blieb unwillk�rlich stehen. Ein seltsames, beklemmendes Gef�hl machte sich in mir breit, als ich das schlafende M�dchen betrachtete.</p><p>Sie schien mir sch�ner als je zuvor, obwohl die Ereignisse, die sie durchgestanden hatte, tiefe Spuren in ihrem Antlitz hinterlassen hatten. Trotzdem war sie die sch�nste Frau der Welt.</p><p>Wenigstens f�r mich.</p><p>Meine Gedanken eilten zur�ck zu dem Tag, an dem ich sie das erste Mal gesehen hatte. Ich glaube, ich habe sie von der ersten Sekunde an geliebt, und nichts von dem, was danach geschah, hat irgend etwas daran �ndern k�nnen. Sie war wie ich als Waise aufgewachsen; in einem kleinen Fischerdorf an der schottischen K�ste.</p><p>Und kaum da� ich sie kennengelernt hatte, wollte sie mich umbringen.</p><p>Nat�rlich nicht sie selbst. Ihr K�rper, sicher - aber nicht sie. Nicht die Priscylla, die ich kennen- und liebengelernt hatte. Das M�dchen, dessen Dolch ich an meiner Kehle gesp�rt hatte, war eine andere gewesen. Eine Hexe namens Lyssa, die vor zweihundert Jahren gestorben war und deren Geist �ber den Abgrund der Zeit hinweg vom K�rper dieses unschuldigen Wesens Besitz ergriffen hatte.</p><p>Howard ist vom ersten Tag an etwas anderer Meinung �ber diesen Punkt gewesen, aber ich <emphasis>wei�, </emphasis>da� die wirkliche Priscylla ein zartes, sanftm�tiges Wesen voller Liebe und Z�rtlichkeit war.</p><p>Und ich w�rde sie heilen. Howard und Dr. Gray hatten vergeblich versucht, sie aus dem Zustand der Verwirrung zu rei�en, in den ihr Geist nach der Vernichtung der Hexe versunken war, aber mir w�rde es gelingen. Ich wu�te es. Vielleicht w�rde es all meine Macht, das ganze magische Erbe meines Vaters kosten. Aber ich w�rde sie heilen.</p><p>Eine Hand legte sich auf meine Schulter. �Kommen Sie, Mister Craven�, sagte Mrs. Winden leise, um Priscylla nicht aufzuwecken. �Gehen wir nach nebenan. Dort k�nnen wir reden.�</p><p>Ich nickte und folgte ihr - wenn auch widerstrebend - in das angrenzende Zimmer.</p><p>Mary schlo� die T�r und drehte sich mit einem befreiten L�cheln zu mir um. �Mister Craven!� sagte sie. �Wie sch�n, da� Sie endlich da sind. Wir haben schon ungeduldig auf Sie gewartet. Besonders Priscylla.�</p><p>�Wie geht es ihr?� fragte ich.</p><p>�Gut�, antwortete Mrs. Winden. �Sie schl�ft viel, aber manchmal, wenn sie erwacht, ist sie vollkommen klar, und ...� Sie brach ab, starrte mich einen Moment betroffen an und murmelte: �Verzeihung.�</p><p>�Schon gut.� Ich versuchte, so gelassen wie m�glich zu klingen, aber ganz gelang es mir nicht.</p><p>�Es tut mir leid, Mister Craven�, sagte sie niedergeschlagen. �Ich wollte Sie nicht -�</p><p>�Es ist gut, Mary�, unterbrach sie Howard. �Es wird Zeit, da� sich Robert an die Wahrheit gew�hnt.�</p><p>Ich fuhr herum und starrte ihn zornig an. Aber ich schwieg, obwohl alles in mir zu brodeln schien. Er hatte ja recht. Und er konnte nichts daf�r, da� meine Gef�hle nicht nach Recht oder Unrecht fragen.</p><p>�Es geht ihr wirklich gut, Mister Craven�, fuhr Mary fort. �Dr. Gray untersucht sie jeden Tag, und sie hat sogar schon nach Ihnen gefragt.�</p><p>Die letzte Behauptung war eine L�ge, und es h�tte nicht einmal meines magischen Talentes, L�ge von Wahrheit zu unterscheiden, bedurft, um das zu sp�ren.</p><p>�Es ist gut, Mrs. Winden�, sagte ich sanft. �Ich verstehe. Aber h�ren Sie auf, mich �Mister Craven� zu nennen, bitte. Mein Name ist Robert.�</p><p>�Nur, wenn Sie mich Mary nennen�, antwortete sie. �Ich f�hle mich um f�nfzig Jahre �lter, wenn mich jemand mit �Mrs. Winden� anredet.�</p><p>Diesmal war mein Lachen echt.</p><p>�In Ordnung ... Mary�, antwortete ich. Ich wollte noch mehr sagen, aber wieder unterbrach uns Howard.</p><p>�Vielleicht lassen Sie uns einen Moment allein, Mary�, sagte er. Ich blickte �berrascht auf und sah ihn fragend an, aber Mary nickte gehorsam und verlie� das Zimmer, noch ehe ich Gelegenheit fand, sie zur�ckzuhalten.</p><p>�Was soll das?� fragte ich scharf, als wir allein waren. �Warum schickst du sie hinaus?�</p><p>�Weil ich mit dir zu reden habe�, antwortete Howard.</p><p>�Reden? Wor�ber?�</p><p>��ber Priscylla�, sagte Howard ernst. �Und �ber dich. Setz dich bitte.�</p><p>Ich gehorchte, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Das unmerkliche Z�gern in seinen Worten war mir nicht entgangen.</p><p>�Was soll mit Priscylla sein?� fragte ich scharf. �Sie ist hier, und ich werde mich um sie k�mmern.�</p><p>�Und du glaubst wirklich, du k�nntest es? Du glaubst, du h�ttest die Chance, etwas zu vollbringen, was Dr. Gray, einer der besten Spezialisten des Landes, vergebens versucht hat?�</p><p>�Das glaube ich�, antwortete ich zornig. �Du selbst hast mir doch immer wieder erkl�rt, da� ich ein Magier bin, oder? Magie hat sie krank gemacht, und Magie wird sie heilen. Ich werde ihr helfen, Howard, und wenn es den Rest meines Lebens in Anspruch nehmen sollte.�</p><p>Howard blinzelte. �Ist mit dir alles in Ordnung?� fragte er ruhig.</p><p>Ich nickte w�tend, setzte zu einer neuerlichen scharfen Antwort an und sch�ttelte dann doch den Kopf. Welchen Sinn hatte es, Howard zu bel�gen?</p><p>�Nein�, sagte ich. �Nichts ist in Ordnung, Howard. Du hast Mary geh�rt. Ich ... hatte gehofft, da� sich ihr Zustand bessert, jetzt, wo Lyssa vernichtet ist. Aber ich mu� es einfach versuchen.�</p><p>�Du f�hlst dich schuldig�, behauptete Howard. �Du denkst, es w�re deine Schuld, und jetzt versuchst du es wieder gutzumachen.�</p><p>�Ist es denn nicht so?� fragte ich leise.</p><p>�Nein, verdammt noch mal!� schnappte Howard. �Dieses M�dchen war von Lyssas Geist besessen, lange bevor du aufgetaucht bist. Sie haben sie nur auf dich angesetzt, weil du zuf�llig so n�rrisch warst, dich in sie zu verlieben, das ist alles. Wie lange, glaubst du, haben sich die �rzte in der Anstalt um sie gek�mmert?�</p><p>Es war eine rhetorische Frage, auf die er keine Antwort erwartete. Trotzdem antwortete ich.</p><p>��ber ein Jahr.�</p><p>�Aber es hat sich nichts ge�ndert.�</p><p>�Nein�, gestand ich niedergeschlagen. �Nichts. Ihr Zustand ist unver�ndert. Sie ist ruhig und manchmal sogar ansprechbar, aber sie ist noch immer ... noch immer ...�</p><p>�Geistesgest�rt�, sagte Howard, als ich nicht weitersprach.</p><p>Ich h�tte ihm die Faust ins Gesicht schlagen k�nnen, f�r dieses Wort. Es war nicht wahr. Ich wu�te es, und Howard wu�te es. Priscyllas Verstand war nur verwirrt. Sie war so lange eine Gefangene in ihrem eigenen K�rper gewesen, da� sie den Weg zur�ck in die Wirklichkeit nicht mehr fand. Nun war der D�mon in ihr gebannt. Doch ihr Selbst, die echte, wahre Priscylla, das M�dchen, das ich liebte, hatte sich noch immer noch nicht aus den Spinnweben l�sen k�nnen, in die finstere M�chte ihren Geist verstrickt hatten.</p><p>�Sie ist nicht geistesgest�rt�, sagte ich leise.</p><p>�Es ist mir egal, wie du es nennst�, sagte Howard grob. �Ich habe diese Reise mitgemacht, weil die Hoffnung bestand, es h�tte sich etwas ge�ndert. Aber es ist alles beim alten geblieben. Sie kann nicht hierbleiben, das wei�t du. Nicht in diesem Haus. Nicht einmal in dieser Stadt.�</p><p>�Sie stellt keine Gefahr mehr dar!� behauptete ich.</p><p>�Doch, Robert�, widersprach Howard. �Im Moment vielleicht noch nicht. Aber glaube mir, ich habe sie eingehend untersucht. Mehr als einmal. Sie k�nnte wieder zu dem werden, was sie war. Die Hexe in ihr ist tot, aber ihr Geist ist vergiftet.�</p><p>�Du stellst unsere Freundschaft auf eine harte Probe�, sagte ich leise.</p><p>Howard ignorierte meine Worte. �Du wei�t sehr gut, da� ich recht habe�, sagte er. Sein Blick wurde hart. �Du liebst sie noch immer, nicht wahr?�</p><p>Ich antwortete nicht. Es war auch nicht n�tig.</p><p>�Bist du wirklich sicher, da� du sie liebst?� fragte Howard nach einer Weile. Er hob die Hand und machte eine bes�nftigende Geste, als ich schon wieder auffahren wollte. ��berlege dir deine Antwort gut, Robert. Ich verstehe deine Gef�hle, aber ... bist du sicher, da� es nicht doch nur Mitleid ist?�</p><p>Diesmal blieb ich ihm die Antwort schuldig, wandte nur mit einem Ruck den Kopf und starrte die T�r an, hinter der Priscyllas Zimmer lag. Meine Augen brannten. Es war nicht das erste Mal, da� ich diese Frage h�rte. Ich hatte sie mir selbst gestellt in den letzten Monaten, immer und immer wieder.</p><p>Aber ich hatte nie eine Antwort gefunden.</p><p>�Schon gut, Junge�, sagte Howard, als ihm die Bedeutung meines anhaltenden Schweigens klar wurde. �Ich wollte keine alten Wunden aufrei�en. Aber wir sollten dar�ber reden. Sp�ter.�</p><p>Priscylla schlief noch immer, als wir das Zimmer durchquerten und wieder auf den Korridor hinaustraten. Howard schlo� die T�r und l�chelte mir noch einmal ebenso aufmunternd wie falsch zu.</p><p>�Der Lunch ist unten im Salon vorbereitet�, sagte er, w�hrend wir die Treppe zur Tapetent�r hinabstiegen. �Aber vorher mu� ich dir noch etwas sagen. Wir -�</p><p>Der Rest seiner Worte ging in einem dunklen, unglaublich machtvollen Dr�hnen unter.</p><p>Ich hatte das Gef�hl, das Haus unter meinen F��en erheben zu f�hlen. Fast w�re ich die Treppe hinuntergest�rzt. Ein zweiter, lang hallender Schlag folgte, dann ein dritter, vierter - es war das gleiche, unheimliche Dr�hnen, das ich schon drau�en vor dem Haus geh�rt hatte, ein Schlagen wie von einem gigantischen, dunklen Gong, der mich zur�cktaumeln und vor Schmerz aufst�hnen lie�, selbst, als der f�rchterliche Laut endlich mit einem letzten, vibrierenden Nachhall endete.</p><p>Howard blinzelte verwirrt, als ich die H�nde von den Schl�fen nahm. �Was ist los, Robert?� fragte er. In seiner Stimme klang echte Verwunderung.</p><p>Ich starrte ihn an. �Das ... das L�uten�, stotterte ich. �Du mu�t es doch geh�rt haben.� Ich stockte und sah ihn fassungslos an. �Du hast ... nichts geh�rt?� fragte ich.</p><p>Howard verneinte. �Nichts. Wovon zum Teufel sprichst du?�</p><p>Ich antwortete nicht. Vorhin, als er mich begr��t hatte, hatte ich noch an einen kindischen Scherz geglaubt, den Gray und er sich zu meiner Begr��ung ausgedacht haben mochten. Aber er sagte die Wahrheit - er hatte wirklich nichts geh�rt!</p><p>�Ich mu� mich geirrt haben�, murmelte ich verst�rt. �Entschuldige, Howard. Ich bin �berm�det, glaube ich.�</p><p>Howards Blick war jetzt eindeutig besorgt. �Ich begreife das nicht�, murmelte Howard. �Was war das f�r ein Ger�usch, das du geh�rt hast?�</p><p>�Eine Art Glockenschlag�, sagte ich. �Ich habe dasselbe unten vor dem Haus schon einmal geh�rt. Aber ich dachte, Gray und du w�rden sich einen Scherz mit mir erlauben.�</p><p>�Einen Scherz?� Howard runzelte die Stirn. �Du solltest mich eigentlich besser kennen, Junge.�</p><p>�Howard, was geschieht hier?� fragte ich leise. �Was stimmt nicht mit diesem Haus? Diese Ger�usche ... was hat das alles zu bedeuten?�</p><p>�Das wei� ich so wenig wie du, Robert�, antwortete Howard. �Ich wollte, ich w��te es.� Er sch�ttelte abermals den Kopf, wandte sich um - und erstarrte.</p><p>Hinter uns stand ein Mann.</p><p>Er war sehr gro�, schlank und in ein sack�hnliches braungraues Gewand gekleidet. Sein Gesicht verbarg sich hinter einer Art Turban aus schwarzem Tuch, der nur einen schmalen Streifen �ber den Augen freilie�. Und in seiner Hand blitzte ein gewaltiges, zweischneidiges Schwert!</p><p>Der Fremde schien durch unseren Anblick ebenso �berrascht zu sein wie wir durch den seinen - aber er reagierte mit beinahe menschlicher Schnelligkeit. Sein Schwert blitzte auf und beschrieb einen t�dlichen, engen Halbkreis auf Howard zu.</p><p>Mit einer verzweifelten Bewegung trat ich Howard in die Kniekehlen. Er sank mit einem �berraschten Keuchen zur�ck, und die Klinge verfehlte ihn um Millimeter, aber der Fremde griff bereits wieder an!</p><p>Seine Waffe zuckte in einer unglaublichen schnellen Bewegung auf Howard herab, traf ihn mit der Breitseite vor die Schl�fe und lie� ihn halb benommen zu Boden sinken. Sofort kam die Klinge wieder hoch und stie� - reichlich ungezielt diesmal - auf mich zu.</p><p>Verzweifelt warf ich mich zur�ck. Das Schwert h�mmerte wenige Zentimeter neben meinem Gesicht in das Holz und ri� Splitter aus dem T�rrahmen. Ich sprang auf, trat nach dem Schwert und hieb gleichzeitig nach dem Fremden.</p><p>Der doppelte Angriff war zuviel f�r ihn. Mein Tritt reichte nicht aus, ihm die Waffe aus der Hand zu prellen, aber meine Faust traf sein Kinn, und der Hieb war hart genug, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und zur�cktaumeln zu lassen.</p><p>Er war nicht wirklich schwer getroffen. In den Jahren, die ich in den New Yorker Slums gelebt habe, mu�te ich genug K�mpfe �berstehen, um zu erkennen, wann ein Feind wirklich getroffen ist und wann nicht - dieser Mann war es nicht. Mein Schlag hatte ihn nur �berrascht, und er war - wenn �berhaupt - allerh�chstens benommen.</p><p>Aber so kurz der Moment auch war - er reichte.</p><p>Hastig sprang ich zur Seite, um aus der Reichweite seiner Waffe zu kommen, wartete, bis der Maskierte aufsah und der Blick seiner dunklen Augen dem meinen begegnete - und schlug mit aller geistiger Macht zu.</p><p>�Bleib stehen!� befahl ich.</p><p>Meine Stimme klang schneidend und scharf wie ein Peitschenhieb, und wie immer, wenn ich das d�stere Erbe meines Vaters entfesselte, erschrak ich fast selbst vor ihrem Klang. Aber ich sp�rte die Macht der hypnotischen Gewalt, die wie eine unsichtbare Welle in seinen Geist flutete und jeden Widerstand zerschmetterte.</p><p>Der Fremde erstarrte wie eine Puppe. Seine Augen weiteten sich, aber die wilde Entschlossenheit in seinem Blick war blankem Entsetzen gewichen.</p><p>Aber nur f�r einen Moment.</p><p>Dann - so pl�tzlich und unerwartet wie ein Blitz aus einem heiterem Sommerhimmel - dr�ngte sich etwas anderes, Fremdes, zwischen seinen Geist und mich, zerri� das geistige Band und schmetterte meine eigene Kraft auf mich zur�ck.</p><p>Es war wie ein Hammerschlag.</p><p>Ich schrie auf, fiel auf die Knie und kr�mmte mich. Flammende farbige Kreise tanzten vor meinen Augen, und f�r einen winzigen, schrecklichen Moment sp�rte ich, wie die geistige Faust tiefer bohrte und nach der Substanz meines Selbst griff.</p><p>Dann erlosch der Druck; Bruchteile von Sekunden, ehe er t�dlich h�tte werden k�nnen.</p><p>Als ich wieder klar sehen konnte, hatte sich der Fremde wieder erhoben und das Schwert in den G�rtel gesteckt. Er stand lauernd und mit leicht gespreizten Beinen da. Ich kannte diese Art, einen Gegner zu erwarten, nur zu gut. Der kurze Kampf, der meinem geistigen Angriff vorausgegangen war, hatte mir gezeigt, da� der Maskierte ein Meister des waffenlosen Kampfes war.</p><p>Neben mir stemmte sich Howard auf die F��e, sch�ttelte benommen den Kopf und ging langsam, mit erhobenen F�usten, auf den Fremden zu.</p><p>�Sei vorsichtig, Howard�, sagte ich warnend.</p><p>Howard nickte. Seine Zunge fuhr nerv�s �ber die Lippen.</p><p>Langsam bewegten wir uns auf den Fremden zu.</p><p>Der Mann sah uns ruhig entgegen. Aus irgendeinem Grunde verzichtete er darauf, seine Waffe abermals zu ziehen.</p><p>�Geben Sie auf�, sagte ich. �Sie haben keine Chance.�</p><p>Statt einer Antwort griff der Fremde an, und obwohl ich darauf vorbereitet gewesen war, kam meine Reaktion zu sp�t. Er sprang vor, einen gellenden, abgehackten Schrei auf den Lippen, schlug mit dem Handballen nach Howards Brust und trat gleichzeitig nach mir. Sein Fu� durchbrach meine Deckung. Ich prallte gegen die Wand und k�mpfte einen Moment gegen die roten Schleier, die meinen Blick vernebelten. Howard versuchte nach dem Fremden zu schlagen, aber der wich seinem Hieb mit fast spielerischer Leichtigkeit aus, packte sein Handgelenk und brachte ihn mit einem kurzen, harten Ruck aus dem Gleichgewicht. Howard wurde von den F��en gerissen und segelte in hohem Bogen �ber den pl�tzlich gekr�mmten R�cken des Angreifers durch die Luft und auf die Marmortreppe zu.</p><p>Das Krachen des zerbrechenden Treppengel�nders mischte sich mit Howards Schrei. Das armdicke gedrechselte Holz zerplitterte unter seinem Aufprall. Wie in einer grausigen Vision sah ich, wie Howard mit wilden Bewegungen nach hinten kippte.</p><p>Seine H�nde fanden im letzten Moment Halt an einer abgebrochenen Strebe und klammerten sich fest. Das Holz knirschte unter seinem Gewicht, bog sich sichtbar durch - und brach!</p><p>Ohne auf den Fremden zu achten, sprang ich hinzu, erreichte ihn im letzten Moment und griff nach seinem Handgelenk.</p><p>Der Ruck, mit dem ich seinen Sturz abfing, schien mir die Arme aus den Schultern zu rei�en. F�r einen kurzen, schrecklichen Augenblick verlor auch ich auf den glatten Marmorstufen den Halt, fiel, von Howards Gewicht gezogen, nach vorne, rutschte auf den zweieinhalb Stockwerke tiefen Abgrund zu und klammerte mich irgendwo fest.</p><p>Die Zeit schien stehenzubleiben. Howards Beine pendelten hilflos �ber der zwanzig Yard tiefen Schlucht, und aus dem Erdgescho� drangen aufgeregte Schreie und Rufe zu uns herauf. Mit aller Kraft versuchte ich, Howard hochzuzerren, aber sein K�rper schien mit einem Mal Tonnen zu wiegen, und ich sp�rte, wie auch ich Zentimeter f�r Zentimeter auf den Abgrund zugezogen wurde. Howard schrie wie von Sinnen und strampelte wild mit den Beinen.</p><p>Ich rutschte ein weiteres St�ck nach vorne. Howards Hand kam hoch, krallte sich in meine Weste - und dann zog er sich mit der Kraft der Verzweiflung nach oben und �ber die Kante.</p><p>Dieser neuerliche Ruck war zuviel.</p><p>Ich schrie auf, lie� sein Handgelenk los und kippte, hilflos mit den Armen rudernd, nach vorne. Der Abgrund st�rzte auf mich zu; ein gigantisches, bodenloses Maul, auf das ich zugezogen wurde!</p><p>Ein Schatten erschien �ber mir. Dunkle, von schwarzem Tuch umgebene Augen starrten mich an, und pl�tzlich griff eine Hand nach meinem Arm, ri� mich zur�ck und wieder auf die Treppe hinauf.</p><p>Sekundenlang blieb ich benommen sitzen. Ger�usche drangen an mein Ohr, und mit einem kleinen Teil meines Bewu�tseins sah ich, wie Howard mit der dunkel gekleideten Gestalt zu ringen begann und pl�tzlich zu Boden sank.</p><p>Ich versuchte aufzustehen, griff kraftlos nach dem Angreifer und bekam einen Hieb, der mich erneut auf die Knie fallen lie�. Der Fremde wirbelte herum und begann mit weit ausholenden Schritten die Treppe hinabzust�rmen.</p><p>Howard zerrte mich auf die F��e. �Los, Robert!� keuchte er. �Er darf nicht entkommen!�</p><p>Noch halb bet�ubt von dem Schock taumelte ich hinter ihm her. Der Fremde jagte wie von Furien gehetzt die Treppe hinab, schwang sich pl�tzlich �ber das Gel�nder und �berwand die letzten vier Yard bis zum Erdgescho� mit einem gewagten Satz. Er fiel, rollte �ber die Schulter ab und kam mit einer eleganten, flie�enden Bewegung wieder auf die F��e. Ich hatte selten jemanden gesehen, der sich so schnell und geschickt zu bewegen imstande war. Schnell hatte er einen gro�en Vorsprung vor Howard und mir.</p><p>Aber der Fremde versuchte nicht, den Ausgang zu erreichen - im Gegenteil.</p><p>Die schmale T�r unter der Treppe bemerkte ich erst, als er sie aufri� und hindurchst�rmte.</p><p>�Er will in den Keller!� schrie Howard. �Hinterher!�</p><p>Er ri� im Vor�berlaufen einen S�bel von der Wand und st�rmte mit gesenkten Schultern durch die T�r.</p><p>Der Fremde hatte das Ende der schmalen, steil in die Tiefe f�hrenden Treppe fast erreicht, als ich dicht hinter Howard durch die Kellert�r dr�ngte. Howard fluchte vor Zorn und Entt�uschung, als er sah, da� ihm sein Opfer zu entkommen drohte, streckte den S�bel vor und raste, immer zwei, drei Stufen auf einmal nehmend, in die Tiefe.</p><p>Ein gro�er, mit allerlei Unrat und Ger�mpel vollgestopfter Raum nahm uns auf. Das Licht sickerte durch wenige, schmale Fenster hoch oben unter der Decke, und ein Hauch von Feuchtigkeit und K�lte schlug uns entgegen. Die nackten W�nde reflektierten das Ger�usch unserer Schritte und warfen sie als verzerrte, unheimlich hallende Echos zur�ck. Und dann sahen wir den Fremden. Er war in der Mitte des Raumes stehengeblieben und hatte uns mit erhobenem S�bel erwartet.</p><p>Nun sprang er Howard einen Schritt entgegen und f�hrte die Waffe in einem blitzartigen, halbkreisf�rmigen Hieb.</p><p>Seine Klinge traf Howards S�bel dicht �ber dem Heft und zerschmetterte ihn.</p><p>Howard schrie auf, st�rzte und rollte sich instinktiv zur Seite, als er sah, da� der Mann den S�bel nun mit beiden H�nden schwang und zu einem letzten Hieb ausholte.</p><p>Ich setzte alles auf eine Karte. Mit aller Kraft stie� ich mich ab, zog die Beine an den K�rper und trat noch im Sprung zu. Den Tritt hatte ich von einem Chinesen in den New Yorker Slums gelernt. Doch anscheinend war ich kein sehr guter Sch�ler gewesen. Der Fremde wich mir nur zu leicht aus und lie� mich ins Leere st�rzen. Unbeholfen prallte ich auf den harten Steinboden. Ein scharfer, gl�hender Schmerz scho� durch meine Kiefer. Meine Handgelenke schienen zu brechen, als ich versuchte, dem Sturz die allergr��te Wucht zu nehmen.</p><p>Mit einem Schrei w�lzte ich mich herum, sprang auf die F��e und torkelte abermals auf den Maskierten zu. Er stand ganz ruhig da, das Schwert mit ausgestreckten Armen vor sich haltend. In seinen Augen blitzte ein sonderbares Feuer, als sich unsere Blicke trafen.</p><p>Aber er schlug nicht zu.</p><p>Statt dessen wirbelte er herum, stie� sein Schwert in den G�rtel und rannte davon. F�r eine Sekunde war ich v�llig perplex. Er h�tte mich t�ten k�nnen. Warum floh er?</p><p>Doch jetzt war nicht der Augenblick, sich dar�ber den Kopf zu zerbrechen. Ich st�rmte hinter dem Maskierten her. Der Fremde rannte mit gesenktem Kopf zwischen den aufgestapelten Kisten und K�rben hindurch - direkt auf eine niedrige T�r an der Schmalseite des Raumes zu.</p><p>Er erreichte sie wenige Sekunden vor mir, ri� sie auf und st�rmte hindurch. Auch ich �berwand die letzten Schritte mit einem w�tenden Satz, ri� mit aller Macht am T�rgriff und -</p><p>Ich wu�te hinterher nicht genau zu sagen, warum ich die Gefahr nicht bemerkte und irgendwie reagierte. Wahrscheinlich spielten mir meine eigenen, �berschnellen Reflexe in diesem Moment einen b�sen Streich, denn ich warf mich mit aller Kraft nach vorne und durch die T�r.</p><p>Da� dahinter eine massive, gemauerte Wand war, bemerkte ich einen Sekundenbruchteil zu sp�t.</p><empty-line/><p>Als ich erwachte, lag ich auf dem harten Kellerboden, und der helle Fleck �ber mir wurde langsam zu Howards Gesicht.</p><p>�Alles in Ordnung, Junge?� fragte er besorgt.</p><p>Ich nickte, verzog das Gesicht, als mein Kopf mit einem dumpfen, pochenden Schmerz auf die pl�tzliche Bewegung reagierte, und versuchte mich hochzustemmen. F�r einen Moment begann sich der Keller um mich herum zu drehen, und ich mu�te mich an Howards Arm festhalten, um nicht erneut zu st�rzen. Als ich die Hand hob und vorsichtig nach meiner Stirn tastete, f�hlte ich eine m�chtige Beule.</p><p>�Wie oft mu� ich dir eigentlich noch sagen, da� du nicht versuchen sollst, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen?� fragte Howard in einem Anflug von Galgenhumor.</p><p>Ich schenkte ihm einen giftigen Blick, schob seine Hand beiseite und n�herte mich - weitaus langsamer als beim ersten Mal - der T�r. Sie war wieder geschlossen, und obwohl ich genau wu�te, was ich dahinter zu erwarten hatte, lie� mich der Anblick f�r Sekunden den Atem anhalten und verbl�fft auf die uralten, von Moder und Feuchtigkeit fleckig gewordenen Steine starren.</p><p>�Das ist doch nicht m�glich!� entfuhr es mir. �Verdammt, Howard, ich habe <emphasis>gesehen, </emphasis>wie er durch diese T�r gegangen ist.�</p><p>�Ich auch�, antwortete Howard d�ster.</p><p>Ungl�ubig tastete ich mit den Fingerspitzen �ber den morschen Stein. Ich rechnete fast damit, meine Fingerspitzen in seine Oberfl�che eindringen zu sehen, aber er war massiv; nat�rlich, massiv und undurchdringlich. Der pochende Schmerz in meiner Schl�fe w�re nicht n�tig gewesen, mich davon zu �berzeugen.</p><p>�Diese Wand mu� schon ziemlich lange hier stehen�, sagte Howard. �Sieh dir den Moder an - er ist zum Teil mit dem T�rrahmen verwachsen. So etwas dauert Jahre!�</p><p>�Aber welcher Trottel w�rde einen T�rrahmen vor eine massive Mauer bauen?�</p><p>Howard zuckte mit den Achseln. �Vielleicht hat sie jemand zugemauert. Aber wenn, dann vor ziemlich langer Zeit. Und jetzt frag mich blo� nicht�, fuhr er mit leicht erhobener Stimme fort, �wie dieser Bursche durch die Wand gekommen ist. Ich wei� es so wenig wie du. Was mich viel mehr interessiert, ist die Frage, wer er war.� Er blickte mich scharf an. �Hast du ihn je zuvor gesehen?�</p><p>Ich verneinte. Von seinem Gesicht war nicht viel zu erkennen gewesen, aber ich wu�te zumindest, da� ich jemanden <emphasis>wie ihn</emphasis> noch nie zuvor gesehen hatte. Allein die Schnelligkeit, mit der er sich bewegte, hatte etwas �bernat�rliches gehabt.</p><p>�Noch nie�, antwortete ich. �Ich wei� weder, wer er war, noch was er wollte.�</p><p>Howard lachte rauh. �Uns umbringen, was sonst?�</p><p>�Glaubst du? Er hatte mehr als eine Gelegenheit, uns beide zu t�ten. Er hat es nicht gewollt.�</p><p>Howard blickte mich einen Moment zweifelnd an. Dann hob er die Hand und tastete nachdenklich �ber seine Schl�fe, dort, wo ihn die Klinge des Angreifers getroffen hatte. Mit der <emphasis>Breitseite </emphasis>getroffen hatte. Der Hieb h�tte ihm auch den Sch�del spalten k�nnen.</p><p>�Du hast recht�, murmelte er. �Als du von ... der Treppe gest�rzt bist, hat er dich sogar gerettet. Aber was wollte er dann?�</p><p>Ich zuckte mit den Achseln. �Vielleicht stehlen. Wir sollten hinaufgehen und sehen, ob irgend etwas fehlt. Vielleicht ein Kronleuchter.�</p><p>Howard verzog das Gesicht, ging aber nicht weiter auf meine Worte ein; vielleicht sp�rte er, da� sie nicht halb so scherzhaft gemeint waren, wie sie im ersten Moment klangen. Trotzdem nickte er schlie�lich. �Du hast recht - gehen wir hinauf. Hier k�nnen wir ohnehin nichts mehr ausrichten.�</p><p>Nach einem letzten, verst�rten Blick auf die zugemauerte T�r wandte ich mich um und ging zur Treppe zur�ck.</p><p>Ich fand erst jetzt wirklich Gelegenheit, mich im Keller umzusehen. Eigentlich gab es nichts Besonderes - er war sehr gro�, und die Decke war, wie bei Kellern in alten H�usern oftmals �blich, mehrfach gew�lbt und wurde von einer Reihe fast mannsdicker St�tzpfeiler getragen. Trotz seiner Gr��e wirkte er eher beengt, denn er war fast zum Bersten mit Kisten, F�ssern und in Tuch eingeschlagene Ballen vollgestopft, die - ihrem verstaubten �u�ern nach zu urteilen - schon seit sehr langer Zeit unangetastet hier liegen mu�ten. Das Licht, das durch die wenigen vergitterten Fenster hereinfiel, wirkte grau und bla�.</p><p>Und ...</p><p>Ich war mir nicht sicher, und ich blieb auch nicht stehen, um mich zu �berzeugen, aber ein paar der Linien und Winkel kamen <emphasis>mir falsch </emphasis>vor.</p><p>Das Gef�hl war schwer in Worte zu kleiden, aber es war, als g�be es hier und da einen Winkel, den es eigentlich nicht geben <emphasis>durfte, </emphasis>eine Linie, die gleichzeitig gerade und gekr�mmt war, ein Rechteck, dessen Winkel mehr als dreihundertsechzig Grad ma�.</p><p>Ich versuchte den Eindruck abzusch�tteln. Es war nicht das erste Mal, da� ich so etwas sah - die Welt, in die ich getreten war, seit ich das Erbe meines Vaters �bernommen hatte, war nicht die Welt der Menschen. Es gab Dinge in ihr, die dem menschlichen Begriffsverm�gen entzogen waren, Dinge, die krank machten oder t�ten konnten, wenn man versuchte, ihr Geheimnis zu ergr�nden. Es war kalt, und durch die zum Teil zerbrochenen Fenster schlichen sich Feuchtigkeit und d�nne Nebelschwaden ein.</p><p>Wieder durchstreifte mein Blick den Raum, und wieder bemerkte ich hier und da Linien und Winkel, die nicht stimmten, und an der Wand ...</p><p>... den <emphasis>Schatten!</emphasis></p><p>Der Anblick traf mich so �berraschend, da� ich wie gegen eine unsichtbare Mauer geprallt stehenblieb und einen kr�chzenden Schrei ausstie�. Durch eines der Fenster fiel blasses Sonnenlicht herein, gerade kraftvoll genug, meinen und Howards Schatten auf die gegen�berliegende Wand zu werfen.</p><p><emphasis>Und Howards Schatten war nicht der eines Menschen!</emphasis></p><p>Howard fuhr herum, als er meinen Schrei h�rte, sah mich eine halbe Sekunde verwirrt an, drehte mit einem Ruck den Kopf - und erstarrte ebenfalls, als er das groteske, tentakelschwingende <emphasis>Ding </emphasis>sah, was dort wogte, wo sein eigener Schatten neben meinem sein sollte.</p><p>Dann, so schnell, wie er gekommen war, verschwand der Schatten. Pl�tzlich waren wieder zwei ganz normale menschliche Schattenbilder an der Wand, aber etwas von der K�lte und Fremdartigkeit der Bestie schien zur�ckzubleiben.</p><p>Und pl�tzlich fror ich.</p><p>Ich hatte den Schatten an der Wand erkannt.</p><p>Es war nicht das erste Mal, da� ich ihn sah. Ich hatte sogar das Wesen, zu dem dieser Schatten geh�rte, schon einmal gesehen, und ich hatte seine schwarze Seele in der meinen gesp�rt. Die wei�e Haarstr�hne �ber meinem rechten Auge war nur das �u�ere Zeichen meiner Begegnung mit einem dieser namenlosen D�monen, die in Ermangelung einer anderen Bezeichnung die GROSSEN ALTEN genannt wurden.</p><p>�Mein Gott, Robert�, murmelte Howard. �Was ... was geschieht hier? Was geschieht mit diesem Haus?�</p><p>Diesmal antwortete ich nicht darauf. Aber die K�lte schien zuzunehmen.</p><p>Pl�tzlich hatte ich es sehr eilig, den Keller zu verlassen.</p><p>�Hier.� Howard beugte sich vor, blies mir eine �belriechende blaue Qualmwolke ins Gesicht und hielt mir mit einem aufmunternden L�cheln eine randvoll gef�llte Tasse entgegen. �Der Kaffee wird dir sicher gut tun.�</p><p>Ich nickte dankbar, griff mit spitzen Fingern nach der Tasse und nahm einen vorsichtigen Schluck des br�hhei�en, h�llisch starken Getr�nkes. Wir waren durch den Garten zur�ck ins Haus gegangen, und Howard hatte mich hier herauf in den Salon gef�hrt. Dr. Gray hatte sich uns angeschlossen und schweigend zugeh�rt, w�hrend Howard berichtete, was unten im Keller geschehen war.</p><p>�Und du wei�t wirklich nicht, wer dieser Mann war und was er von euch wollte?� fragte er. Es war vielleicht das zehnte Mal, da� er diese Frage stellte, und meine Antwort bestand, wie die neun Male zuvor, aus einem Kopfsch�tteln. �Fragen Sie Howard, Doc�, sagte ich zwischen zwei Schlucken. �Ich glaube, er wei� mehr, als er zugibt.�</p><p>Obwohl ich nicht hinsah, sondern weiter in meine Tasse starrte, entging mir Howards rasches, schuldbewu�tes Zusammenfahren keineswegs. Und auch Gray legte den Kopf auf die Seite und blickte ihn fragend an.</p><p>�Was meint Robert damit?�</p><p>�Nichts�, sagte Howard ausweichend. �Ich wei� auch nicht, warum er -�</p><p>Ich setzte die Tasse mit einem h�rbaren Klirren auf den Tisch zur�ck und blickte ihn strafend an. �Hast du vergessen, da� man mich nicht bel�gen kann, Howard?� fragte ich sanft. �Du wei�t mehr �ber diesen Vorfall, als du zugibst.�</p><p>�Ich ... wei� �berhaupt nichts�, sagte Howard. Aber er sagte es in einer Art, die das Gegenteil behauptete. �Ich glaube, ich habe einen Mann wie diesen schon einmal gesehen�, gestand er schlie�lich. �Aber ich bin mir nicht sicher. La� mir etwas Zeit, Nachforschungen anzustellen.�</p><p>�Wie lange?� fragte Gray scharf. So einen Tonfall war ich gar nicht von ihm gewohnt. �Bis er wiederkommt und dich und Robert umbringt?� Sein Blick wurde hart. Er beugte sich vor, umklammerte die Sessellehne mit beiden H�nden und starrte Howard herausfordernd an. �Sage es ihm!�</p><p>Howard zuckte erneut zusammen, senkte den Blick und blies eine Rauchwolke von sich, als wolle er sich dahinter verstecken.</p><p>�Was soll er mir sagen, Doktor?� fragte ich.</p><p>Howard seufzte gequ�lt. �Bitte, Gray�, sagte er. �Ich brauche einfach ein wenig Zeit. Die Dinge sind kompliziert genug.�</p><p>�Verdammt, Howard - wenn Sie es nicht tun, dann tue ich es!� antwortete Gray scharf. �Was mu� noch geschehen, ehe Sie begreifen, da� es ernst ist? Warum, glauben Sie denn, war dieser Kerl hier?�</p><p>Howard antwortete noch immer nicht, sondern zog nur eine Augenbraue hoch, dr�ckte seine Zigarre im Aschenbecher aus und kramte sofort eine neue aus der Rocktasche. Ich unterdr�ckte ein Seufzen. Howard ohne <emphasis>Zigarre </emphasis>war so unvorstellbar wie ein Ozean ohne Wasser, und der Gestank von brennendem Tabak war in meiner Erinnerung untrennbar mit seinem Gesicht verbunden - aber allm�hlich konnte man die Luft im Salon fast schneiden. Wenn Howard l�nger blieb, dann w�rde ich das Haus neu tapezieren lassen m�ssen.</p><p>�Vielleicht haben Sie recht, Doktor�, sagte Howard schlie�lich. Der Klang seiner Stimme gefiel mir nicht. Er lehnte sich zur�ck und nahm einen tiefen Zug aus seiner <emphasis>Zigarre.</emphasis></p><p>Pl�tzlich ri� mir die Geduld. �Verdammt, was ist denn los?� polterte ich. �Ihr beide benehmt euch wie kleine Kinder, die ein Geheimnis haben. Was ist passiert? Ist ein Krieg ausgebrochen?�</p><p>Ich versuchte zu lachen, aber das Lachen blieb mir im Halse stecken, als ich die Reaktion auf Howards Z�gen bemerkte. Seine Miene verfinsterte sich, und ein Ausdruck tiefer Sorge glomm in seinen Augen auf.</p><p>�Ja, Robert�, sagte er. �Ich f�rchte, die Antwort auf deine Frage ist ja. Und das, was du gerade erlebt hast, war nur die erste Schlacht.�</p><p>�Was ... ist passiert?� fragte ich leise.</p><p>�Eine Menge�, erwiderte Howard ernst. �Wir h�tten Arkham nie verlassen d�rfen, Robert.�</p><p>Er schwieg einen Moment, starrte vor sich hin und tauschte einen langen, wissenden Blick mit Gray.</p><p>�Verdammt! <emphasis>Was ist geschehen?� </emphasis>Langsam sa� ich auf gl�henden Kohlen.</p><p>�Ich habe ein Telegramm erhalten, vor einigen Tagen. Professor Lengley hat es �ber den Telegraf der Western Union laufen lassen. Es mu� ihn ein Verm�gen gekostet haben.� Howard drehte die Zigarre nerv�s zwischen den Fingern.</p><p>�Er und Rowlf haben versucht, auf Shannon achtzugeben, nachdem du abgereist warst.�</p><p>�Versucht?� Ein eisiger Schrecken stieg in mir auf. �Ist Shannon ...�</p><p>�Tot? Nein, das nicht. Drei Wochen nach deiner Abreise kamen die M�nner nach Arkham, die ihm den Auftrag gaben, dich umzubringen. Die Hexer von Salem. Sie haben ihn mit sich genommen. Vielleicht ist er auch freiwillig gegangen.� Howards Lippen bebten, als er fortfuhr. �Sie haben die Universit�t �berfallen. Es gab einen Kampf und mehrere Tote. Rowlf wurde schwerverletzt. Aber er ist au�er Lebensgefahr. Robert, der Angriff galt nicht nur Shannon. Die Hexer haben etwas <emphasis>gesucht!�</emphasis></p><p>�Und was?� fragte ich, als Howard nicht weitersprach.</p><p>�Das NECRONOMICON�, sagte Gray. �Die Abschrift, die in der Universit�t aufbewahrt wird.�</p><p>�Und haben sie es bekommen?� fragte ich, sehr leise und mit einer Stimme, der man den eisigen Schrecken, den ich bei Howards Worten empfunden hatte, nur zu genau anh�rte.</p><p>Howard sch�ttelte den Kopf. �Nein. Aber ich f�rchte, sie wissen jetzt, da� du im Besitz des zweiten Exemplares bist. Necron ist ...�</p><p>�Necron?�</p><p>�Ihr Meister�, erkl�rte Howard. �Der Herr der Drachenburg. Von dem Shannon seinen Auftrag erhielt, dich zu t�ten. Dieser Necron ist ein sehr m�chtiger Zauberer; und er wei�, da� du ein Exemplar des Necronomicons besitzt. Der Mann, der uns vorhin dort oben �berfallen hat, war einer seiner Killer, Robert.�</p><p>Ich starrte ihn an. �Vermutest du das - oder wei�t du es?�</p><p>�Ich vermute es�, gestand Howard. �Aber es ist die einzige Erkl�rung. Ihr Versuch, das Buch aus den Tresoren der Universit�t zu stehlen, ist fehlgeschlagen. Es w�re nur logisch, wenn sie jetzt versuchen, sich dein Exemplar zu holen. Necron wird alles daransetzen, das Buch zu bekommen. Hast du es hier?�</p><p>Die Frage kam so �berraschend, da� ich um ein Haar den Kopf gesch�ttelt und geantwortet h�tte. Aber Howard stellte sie in einem so lauernden Ton, da� ich bei seinen Worten wie unter einem Hieb zusammenfuhr.</p><p>�Warum?� fragte ich.</p><p>Howard runzelte die Stirn. �Das ist eine ziemlich dumme Frage, findest du nicht?� sagte er. �Der Killer wird wiederkommen, mein Junge. Und wahrscheinlich nicht allein. Wir m�ssen das Buch in Sicherheit bringen, ehe es Necron in die H�nde fallen kann.�</p><p>�Dort, wo es jetzt ist, ist es in Sicherheit�, antwortete ich ausweichend.</p><p>Howard seufzte. �Ich habe bef�rchtet, da� du so reagieren w�rdest�, behauptete er. �Du traust niemandem, wenn es um das Buch geht, wie? Nicht einmal mir.�</p><p>�Warum fragst du �berhaupt, wenn du es schon wei�t?� schnappte ich. �Verdammt, Howard, als dieses Buch das letzte Mal aufgeschlagen wurde, sind ein paar Dutzend Menschen gestorben, und eine halbe Stadt ist niedergebrannt.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Howard lakonisch. �Aber es wird noch viel mehr geschehen, wenn es in Necrons H�nde fallen sollte.�</p><p>�Das wird es nicht�, behauptete ich. �Selbst wenn ich sterben sollte, bekommt er es nicht. Vielleicht w�re es �berhaupt das beste, wenn dieses verdammte Manuskript endlich vernichtet w�rde.�</p><p>Howard seufzte, trank einen Schluck Kaffee und sah mich �ber den Rand seiner Tasse hinweg pr�fend an. �Wo ist es?� fragte er.</p><p>Etwas an der Art, in der er die Frage stellte, st�rte mich. Ich setzte zu einer Antwort an, bi� mir aber statt dessen nur auf die Zungenspitze und sch�ttelte stur den Kopf. �Nein�, sagte ich. �Das wird niemand erfahren. Nicht einmal du, Howard. Es ist zu gef�hrlich.�</p><p>�Aber -�</p><p>�Es tut mir leid�, sagte ich, so scharf, da� er unwillk�rlich die Tasse senkte und mich stirnrunzelnd ansah; beinahe erschrocken.</p><p>�Ich habe geschworen, dieses Buch nie wieder anzur�hren, und ich werde diesen Schwur halten�, sagte ich. �Ich wei�, was geschieht, wenn ich es ber�hre.�</p><p>�Aber du wei�t nicht, was geschieht, wenn du es nicht tust!� fuhr Howard auf. Dr. Gray warf ihm einen raschen, warnenden Blick zu. Howard atmete h�rbar ein.</p><p>�Robert�, sagte Gray. �Ich -�</p><p>�Es hat keinen Zweck, wenn Sie versuchen, mich zu �berreden, Doktor�, sagte ich. �Dieses Buch ist zu gef�hrlich. Ich bin Howard und Ihnen dankbar f�r die Warnung, aber das, was gerade geschehen ist, best�rkt mich noch in meinem Entschlu�. Niemand wird erfahren, wo es ist.�</p><p>�Ich k�nnte dich zwingen, es mir zu geben, Robert�, sagte Howard leise.</p><p>Fassungslos starrte ich ihn an, suchte einen Moment nach Worten und stand schlie�lich mit einem Ruck auf.</p><p>Howard schien zu bemerken, da� er mit seinen Worten �ber das Ziel hinausgeschossen war. Hastig erhob er sich ebenfalls und trat um den Tisch herum auf mich zu. �Es tut mir leid, Robert�, sagte er. �Ich habe mich hinrei�en lassen. Ich h�tte das nicht sagen d�rfen. Verzeih mir.�</p><p>Zum ersten Mal, seit ich Howard wiedergesehen hatte, sp�rte ich seine Unsicherheit. Er wirkte ruhig und gel�st wie immer, aber Howard war ein Mensch, der auch dann noch voller Heiterkeit l�cheln w�rde, wenn man ihn an H�nden und F��en gefesselt von der Tower Bridge warf. In Wirklichkeit, das sp�rte ich pl�tzlich, war er mehr als nur nerv�s.</p><p>Er war verzweifelt.</p><p>Und halb verr�ckt vor Furcht.</p><p>Trotzdem ignorierte ich seine ausgestreckte Hand, wandte mich mit einem Ruck um und st�rmte aus dem Zimmer.</p><p>Mit einem Male hatte ich Angst vor ihm.</p><empty-line/><p>Vor einer Stunde war es dunkel geworden, und nachdem wir - Howard, Dr. Gray und ich - unten im Salon ein hastiges Abendessen eingenommen hatten, war es im Haus rasch still geworden. Auch ich versp�rte M�digkeit wie eine unsichtbare Last, die an meinen Gliedern zerrte. Es war ein anstrengender Tag gewesen, und ich war seit den fr�hen Morgenstunden auf den Beinen - eigentlich w�re es das Kl�gste gewesen, Howards Beispiel zu folgen und zu Bett zu gehen.</p><p>Aber ich wu�te, da� ich keinen Schlaf gefunden h�tte. Zu viele Dinge gingen mir durch den Kopf, und die Welt, die heute morgen noch halbwegs in Ordnung gewesen war, war pl�tzlich gr�ndlich durcheinandergewirbelt worden.</p><p>Ich wu�te nicht, was mich mehr verwirrte - dieses sonderbare, verhexte Haus, in dem Kronleuchter von der Decke fielen, T�ren zu t�dlichen Schafotts und Treppen zu m�rderischen Fallgruben wurden - oder Howards sonderbares Verhalten.</p><p>Er schien wie ausgewechselt. Zuerst war mir sein Benehmen nicht aufgefallen, und dann hatten sich die Ereignisse zu sehr �berschlagen, als da� ich �berhaupt Gelegenheit gehabt h�tte, einen klaren Gedanken zu fassen, aber - war der Mann, mit dem ich gerade zusammen gegessen hatte, wirklich noch Howard! Nicht, da� ich an seiner Identit�t zweifelte, nein - aber war er noch <emphasis>der </emphasis>Howard, den ich kannte? Und wenn ja, was mochte geschehen sein, ihn so zu ver�ndern?</p><p>Nat�rlich fand ich keine Antwort auf diese Frage, aber das Gef�hl von Unsicherheit und Verwirrung blieb und wurde nur schlimmer. Schlie�lich versuchte ich mich dazu zu zwingen, an etwas anderes zu denken, drehte den Knauf des Stockdegens in meinen H�nden, sah auf meine Uhr und verglich ihre Anzeige mit dem Zifferblatt der monstr�sen Standuhr, die die Ecke neben dem Kamin beherrschte.</p><p>Howard hatte auf meine Frage, was es mit dieser Uhr auf sich hatte, nur mit einem Achselzucken geantwortet, und auch die Diener, die ich gefragt hatte, hatten mir nicht mehr sagen k�nnen, als da� sie schon immer hier gestanden hatte.</p><p>Die Uhr war ein Monstrum, in jeder Beziehung - so alt, da� das Holz an gewissen Stellen schon anfing, hart und grau wie Stein zu werden, und mit drei zus�tzlichen kleinen Zifferbl�ttern, die ein ungleichm��iges Dreieck unter der gro�en, normalen, Anzeige bildeten. Was sie anzeigten, wu�te kein Mensch - auf jeden Fall <emphasis>nicht </emphasis>die Zeit. Eines hatte drei Zeiger, das zweite �berhaupt keine, und auf dem dritten drehten sich drei kleine spiralige Scheiben, da� es einem schwindelte, wenn man zu lange hinsah.</p><p>Die Uhr war ungef�hr das geschmackloseste M�belst�ck, das ich jemals gesehen hatte - und ich habe eine Menge Dinge zu Gesicht bekommen -, aber irgend etwas hatte meinen Vater wohl stets davon abgehalten, sie wegzuwerfen und den Platz besser zu nutzen. Das gro�e Uhrwerk hinter dem Zifferblatt zeigte immerhin p�nktlich die Uhrzeit an.</p><p>Ich betrachtete die chronographische Mi�geburt noch einen Moment, lehnte meinen Stockdegen gegen den Kaminsims und ging zum Fenster. Es war kurz nach acht, und das Leben drau�en auf den Stra�en schien mit Einbruch der D�mmerung vollends erstorben zu sein. Hinter den Fenstern der H�user flackerte Licht, und im S�den war das glitzernde Band der Themse wie eine schwarze Schlucht im Lichtermeer der Stadt zu erkennen. Ein Bild von t�uschendem Frieden.</p><p>Der Angriff kam so �berraschend, da� meine Reaktion um Haaresbreite zu sp�t gekommen w�re.</p><p>Ein Schatten wuchs hinter mir auf und spiegelte sich verzerrt in der Scheibe vor meinem Gesicht, dann zischte etwas durch die Luft, verfehlte meine Schl�fe um Millimeter und schlug mit solcher Wucht gegen den Kaminsims, da� Funken aus dem Stein stoben. Ich prallte zur�ck, glitt auf einem L�ufer aus und fiel.</p><p>Der Sturz rettete mir das Leben. Ein silberner Blitz fuhr durch die Luft, dort, wo ich vor Sekundenbruchteilen noch gestanden hatte.</p><p>Das Schwert h�mmerte dumpf mit der Breitseite auf den Parkettboden, kam wieder hoch und beschrieb einen kompliziert aussehenden Bogen - und zuckte wie eine angreifende Kobra auf mich herab!</p><p>Ich reagierte, ohne zu denken. Ich hatte gelernt, fair zu k�mpfen, selbst wenn es um Leben und Tod ging, aber erstens ist es nicht gerade fair, einen Unbewaffneten mit einem meterlangen Schwert anzugreifen, und zweitens waren meinen Instinkten meine antrainierten Skrupel herzlich egal. Meine Hand krallte sich in den L�ufer und zog mit einem kurzen, harten Ruck daran.</p><p>Der Angreifer verlor das Gleichgewicht, hing einen Moment in einer fast unm�glichen Schr�glage mit wild rudernden Armen in der Luft und krachte schlie�lich schwer zu Boden.</p><p>Diesmal war ich eine Winzigkeit schneller als er.</p><p>Wir kamen beinahe gleichzeitig auf die Beine, aber als er sich hochstemmte und sein Schwert aufhob, war ich bereits heran und versetzte ihm einen gezielten Tritt.</p><p>Der Angreifer keuchte, blieb eine Sekunde reglos auf den Knien hocken - und fiel benommen zur Seite.</p><p>Hastig hob ich sein Schwert auf und legte es auf den Kaminsims, wo es erst einmal au�er Reichweite war, dann �ffnete ich die Schublade des Schreibtisches, von der ich wu�te, da� sie eine Waffe enthielt, nahm den Revolver hervor und kontrollierte sorgf�ltig die Trommel. Erst dann drehte ich mich wieder zu meinem ungebetenen Besucher herum.</p><p>Der Kerl mu�te einen Sch�del aus Granit haben, denn er stemmte sich bereits wieder auf H�nde und Knie hoch und sah zu mir her�ber - wenn auch noch aus leicht verschleiert wirkenden Augen.</p><p>Ich hatte erst jetzt Gelegenheit, ihn n�her in Augenschein zu nehmen. Es war alles zu schnell gegangen, als da� ich ihn deutlicher denn als schwarzen Schatten erkannt h�tte - aber viel mehr vermochte ich auch jetzt noch nicht zu sehen.</p><p>Er war nicht sehr gro�, das sah ich, obwohl er auf den Knien hockte und zur Bewegungslosigkeit erstarrt war. Sein Gesicht war fast zur G�nze unter der Kapuze des schwarzen, bodenlangen Mantels verborgen, in den seine Gestalt geh�llt war. Alles, was ich sehen konnte, war ein schmallippiger, d�nner Mund, der von einem schwarzen Bart eingerahmt war. Es war seltsam - wieder hatte ich den Eindruck gehabt, da� der Angreifer sein Schwert nicht <emphasis>t�dlich </emphasis>gef�hrt hatte. Er h�tte mich eigentlich schon beim ersten Schlag treffen m�ssen. Was steckte dahinter?</p><p>�Also�, begann ich. �Wer sind Sie, und was wollen Sie hier?�</p><p>Er antwortete nicht, sondern starrte mich nur weiter schweigend unter seiner Kapuze hervor an, und mir fiel auf, wie faltig und zerfurcht sein Gesicht wirkte. Und ungew�hnlich bla�. Er mu�te fast ein Greis sein - aber ein Greis mit den Kr�ften eines Athleten. Jedenfalls war er nicht der Mann, der Howard und mich am Nachmittag angegriffen hatte.</p><p>Er bewegte sich. Ich hob die Waffe ein wenig und spannte den Hahn. In der Stille, die nach dem kurzen Kampf in der Bibliothek eingekehrt war, klang das Knacken wie ein Peitschenhieb. Der Fremde erstarrte wieder.</p><p>Fast.</p><p>Ich hatte halbwegs mit einem Angriff gerechnet, und trotzdem kam seine Bewegung so schnell, da� ich kaum mehr die Zeit fand, zu reagieren. Seine Hand zuckte unter dem Mantel hervor, in einer Bewegung, die so schnell war, da� ich sie nicht einmal richtig sah. Gleichzeitig federte er in einem schlichtweg unm�glichen Satz auf die F��e und auf mich zu. In seinen Fingern blitzte ein gekr�mmter Dolch. Diesmal schien er Ernst zu machen.</p><p>Mir blieb keine Wahl.</p><p>Ich dr�ckte ab.</p><p>Der Schu� war auf seine Schulter gezielt, aber er bewegte sich zu schnell - und sprang direkt in die Schu�bahn!</p><p>Sein K�rper schien von einer Riesenfaust getroffen und wie eine Puppe zur�ckgeschleudert zu werden. Er schrie, lie� das Messer fallen, kr�mmte sich und taumelte r�ckw�rts davon, prallte gegen den Kaminsims und fiel erneut zu Boden. Ein Zipfel seines Mantels geriet in die Flammen und fing Feuer.</p><p>Ich stie� einen Fluch aus, warf den Revolver von mir und eilte auf ihn zu, um ihn aus dem Feuer zu ziehen. Es waren nur wenige Schritte bis zum Kamin, aber als ich ihn erreichte, stand sein Mantel bereits in Flammen, und die Hitze schlug mir wie eine unsichtbare gl�hende Hand ins Gesicht.</p><p>Der Alte bewegte sich. Ich fiel auf die Knie, griff nach seinen Schultern, um ihn aus der Glut zu zerren und das brennende Kleidungsst�ck herunterzurei�en - und fiel keuchend zur�ck, als mich ein Fausthieb traf!</p><p>Ich rollte herum und sah aus den Augenwinkeln, wie der Alte aufsprang und nach mir trat! Ich versuchte den Tritt abzufangen, schaffte es aber nicht ganz, rollte zur Seite und k�mpfte einen Herzschlag lang gegen schwarze Bewu�tlosigkeit.</p><p>Als die grauen Schleier vor meinen Augen wichen, bot sich mir ein Anblick wie aus einem Alptraum.</p><p>Der Alte hatte seine Waffe vom Kaminsims gerissen und hoch �ber seinen Kopf erhoben, aber er war nur als flackernder Schemen zu erkennen.</p><p>Grellwei�es Feuer h�llte ihn wie ein lodernder Mantel ein. Er schrie, hoch und schrill, stie� Worte in einer fremden, guttural klingenden Sprache aus und taumelte auf mich zu, das Schwert in beiden H�nden.</p><p>Die Hitze war unertr�glich. Wo er ging, zerfiel der Teppich zu schwarzer Asche, und das Parkett darunter begann zu schwelen.</p><p>Ich sprang auf, packte den n�chstbesten Gegenstand - es war eine Petroleumlampe - und schleuderte sie nach ihm. Er machte nicht einmal einen Versuch, dem Wurfgescho� auszuweichen. Die Lampe traf seine Schulter, zerbrach und ging in br�llende Flammen auf.</p><p>Aber er fiel nicht.</p><p>Er blieb stehen. Sein K�rper begann zu zittern, und ich sah, wie die Klinge des Schwertes langsam in dunklem, drohendem Rot zu gl�hen begann -</p><p>Das Feuer mu�te hei� genug sein, um Eisen zu schmelzen, und doch torkelte er weiter auf mich zu, langsam, schleppend und unendlich m�hevoll, aber unerbittlich. Wo er ging, blieb eine Spur aus prasselnden Flammen zur�ck.</p><p>Endlich ersp�hte ich meinen Revolver auf dem Fu�boden. Er lag ein St�ck neben dem Unheimlichen - und in der Trommel waren noch f�nf Kugeln!</p><p>Mit der Kraft der Verzweiflung hechtete ich an dem brennenden Mann vorbei, rollte mich ab und sprang nach der Waffe. Ich bekam sie zu fassen, rollte mich auf den R�cken und scho� drei, vier, f�nfmal hintereinander, bis die Trommel leer war und der Hammer klickend ins Leere schlug.</p><p>Jede einzelne Kugel traf.</p><p>Ich sah, wie grellwei�e Feuerb�lle dort aufflammten, wo die Geschosse in die gl�hende Flammens�ule schlugen, wie der K�rper darunter bis ins Mark ersch�ttert wurde - und weiter auf mich zukam!</p><p>Der Anblick l�hmte mich. Ich lie� die nutzlos gewordene Waffe fallen und kroch r�cklings vor dem Unheimlichen davon, unf�hig, einen klaren Gedanken zu fassen.</p><p>Der Angreifer taumelte. Die Waffe entglitt seinen H�nden und fiel polternd zu Boden, um ein weiteres St�ck des Teppichs in Brand zu setzen, aber der Mann kam noch immer auf mich zu. Brennende Fetzen seines Gewandes fielen zu Boden wie kleine, gl�hende Meteore. Er kam n�her, blieb einen halben Meter vor mir stehen und hob die Arme. Seine schrecklichen H�nde �ffneten sich zu einem letzten, t�dlichen Griff!</p><p>Ein dumpfer Schlag mischte sich in das rasende H�mmern meines Herzens. Ein Schu� peitschte, lauter und dumpfer als die Revolversch�sse, die ich abgefeuert hatte, dann erschien eine riesige, unglaublich breitschultrige Gestalt hinter dem brennenden Mann, hob ihn hoch - und warf ihn mit einer w�tenden Bewegung quer durch das Zimmer gegen das Fenster!</p><p>Scheibe und Rahmen zerbrachen. Die Gardinen flammten auf wie trockenes Laub, als der Gluthauch des Unheimlichen sie streifte. Der Mann versuchte noch, sich festzuklammern - und st�rzte mit einem Schrei in die Tiefe. Ein dumpfer Schlag folgte. Dann war Stille.</p><p>Wie durch einen roten Schleier sah ich, wie mein Retter die Flammen ausschlug, die auf seine �rmel �bergegriffen hatten, und zum Fenster st�rmte. Das Zimmer begann sich vor meinen Augen zu drehen und zu verbiegen. Mir war pl�tzlich �bel und kalt, gleichzeitig schien mein K�rper wie unter einem inneren Feuer zu gl�hen. Ich sp�rte, da� ich das Bewu�tsein zu verlieren begann.</p><p>Das letzte, was ich wahrnahm, war Rowlfs breitfl�chiges Bullbei�ergesicht, das sich vom Fenster abwandte und zu einem Grinsen zerflo�.</p><p>�Na, Junge�, sagte er. �Sieht aus, wie wenn wir grad noch im letzt�n Moment gekomm� warn, wa?�</p><empty-line/><p>Ich konnte kaum l�nger als eine Minute ohne Bewu�tsein gewesen sein, denn als ich die Augen das n�chste Mal aufschlug, stand Rowlf noch immer am Fenster und blinzelte in die Dunkelheit hinaus. Eine Hand schlug mir immer wieder ins Gesicht, und als ich endlich den Kopf wandte und nach dem Qu�lgeist Ausschau hielt, erkannte ich Howards Gesicht, das zu einem Ausdruck tiefer Sorge verzogen war.</p><p>�Alles in Ordnung, Junge?� fragte er.</p><p>Ich nickte, stemmte mich hoch und sch�ttelte gleich darauf den Kopf. Mein Blick saugte sich an Rowlfs breitem R�cken fest. <emphasis>Rowlf!</emphasis></p><p>�Was zum Teufel ist hier passiert?� fragte Howard. Seine Hand wies mit einer weit ausholenden Geste auf das verw�stete Zimmer. Die Luft war dick und grau vor Qualm, und hier und da flackerten noch immer kleine Br�nde und Nester roter Glut in dem geschw�rzten Parkettfu�boden.</p><p>�Was hier passiert ist?� murmelte ich verst�rt. Ich hatte M�he, seinen Worten �berhaupt zu folgen. Ich konnte nichts anderes, als Rowlf anzustarren.</p><p>Schlie�lich ri� Howards Geduldsfaden. Mit einem �rgerlichen Knurren packte er mich an der Schulter und zwang mich recht unsanft, ihn anzusehen. �Verdammt, ich habe etwas gefragt!� schnappte er. �Was ist passiert? Was machst du �berhaupt hier? Ich dachte, du triffst erst morgen hier ein.�</p><p>M�hsam l�ste sich seine Hand von meiner Schulter. �Was <emphasis>ich</emphasis> hier mache?� fragte ich ungl�ubig. �Aber du hast ... du hast mich doch selbst ... und Rowlf ... ich meine, wieso ... was macht er hier �berhaupt?�</p><p>Rowlf drehte sich vom Fenster weg und sah mich vorwurfsvoll an. �Hasse was �gegen?� nuschelte er.</p><p>Vorwurfsvoll streckte er die H�nde aus und deutete auf die gro�en, blutigroten Brandblasen, die langsam auf seinen geschw�rzten Fingern entstanden. �Hast �ne komische Art, danke zu sagen�, sagte er.</p><p>Ich starrte Howard an. Langsam zweifelte ich ernsthaft an meinem Verstand.</p><p>�Aber du ... wir ... wir wissen doch beide ... Rowlf ist doch in Arkham, in der Universit�t. Du hast mir selbst erz�hlt, er w�re verletzt worden.�</p><p>�<emphasis>Ich </emphasis>habe dir das gesagt?� vergewisserte sich Howard. Ich nickte.</p><p>�Wann soll ich dir das gesagt haben, Robert?�</p><p>�Vor ein paar Stunden�, antwortete ich verst�rt.</p><p>�Vor ein paar Stunden, so�, wiederholte Howard. �Ich habe dich seit �ber vier Wochen nicht mehr gesehen, Robert�, fuhr er fort. �Nicht, seit ich aus Arkham abgereist bin.�</p><p>�Seit -� Ich stockte, setzte mich vollends auf und starrte abwechselnd ihn und Rowlf an. Mir fiel erst jetzt auf, da� Howard einen anderen Rock trug als noch am Nachmittag. Und als ich genauer hinsah, sah ich auch, da� die blutunterlaufene Beule an seiner Schl�fe, wo ihn das Schwert des Angreifers getroffen hatte, verschwunden war.</p><p>�Robert, was geht hier vor?� fragte Howard, als ich nicht von mir aus antwortete. �Du solltest �berhaupt nicht in diesem Haus sein, wenigstens jetzt noch nicht, sondern -�</p><p>�Ich bin seit heute mittag hier, Howard�, unterbrach ich ihn, leise, aber sehr ernst. �Dr. Gray hat mich hergebracht - und du selbst hast mich empfangen, unten an der T�r. Hast du das schon vergessen?�</p><p>�Dr. Gray?� vergewisserte sich Howard. �Bist du sicher?� Er runzelte die Stirn, stand auf und tauschte einen langen, sehr nachdenklichen Blick mit Rowlf.</p><p>�Howard, was bedeutet das alles?� fragte ich schlie�lich.</p><p>�Wo kommt Rowlf pl�tzlich her, und wieso kannst du dich nicht erinnern, mich selbst begr��t zu haben? Verdammt, wir haben vor einer Stunde miteinander zu Abend gegessen!�</p><p>�Nein, Robert�, antwortete er leise. �Ich wei� nicht, mit wem du zu Abend gegessen hast, aber vor einer Stunde war ich noch nicht einmal hier.�</p><p>�Und wo willst du sonst gewesen sein?�</p><p>Howard �berging den sp�ttischen Ton in meiner Stimme, richtete sich ein wenig auf und deutete mit der Hand auf die Standuhr. �Dort.�</p><p>Ich drehte mich herum, musterte Howard noch eine Sekunde mit einer Mischung aus Zweifel und allm�hlich gr��er werdendem Schrecken und ging auf die monstr�se Standuhr zu. Ihre T�r war jetzt halb ge�ffnet, aber dahinter war nicht das Innere einer Uhr zu erkennen, sondern eine zweite, niedrige T�r, die in einen angrenzenden Raum f�hrte.</p><p>�Was ist das� fragte ich.</p><p>�Die ... die Geheimbibliothek deines Vaters�, antwortete Howard z�gernd. �Jedenfalls glaube ich es.�</p><p>�Du <emphasis>glaubst </emphasis>es?� wiederholte ich betont.</p><p>�Ich war niemals dort�, sagte Howard.</p><p>�Moment! Ich denke, Rowlf und du wart dort dr�ben?�</p><p>Howard l�chelte fl�chtig. �Du hast mich falsch verstanden, Junge�, sagte er. �Ich habe auf die Uhr gezeigt, nicht auf die T�r in ihrer R�ckwand. Sie ist nur eine Tarnung, Rowlf und ich waren bis vor f�nf Minuten in Arkham.�</p><p>�Und es w�re auch besser gewesen, wenn Sie dort geblieben w�ren�, sagte eine Stimme hinter ihm.</p><p>Howard, Rowlf und ich fuhren in einer einzigen Bewegung herum. Die Zimmert�r war lautlos aufgegangen, und unter dem Durchgang waren zwei M�nner erschienen.</p><p>Howard und Dr. Gray.</p><p>Rowlf knurrte und spannte sich zum Sprung, aber in den H�nden des zweiten - falschen - Howard erschien pl�tzlich eine kleine, doppell�ufige Pistole. Der Hahn knackte h�rbar.</p><p>�Ich w�rde das nicht tun, Rowlf�, sagte er mit einem b�sen L�cheln. Rowlf erstarrte mitten in der Bewegung, und die beiden Doppelg�nger Howards und Dr. Grays kamen langsam n�her.</p><p>�Was bedeutet das?� fragte ich verwirrt.</p><p>�Wissen Sie das wirklich nicht, Sie junger Narr?� fragte der falsche Howard kalt.</p><p>Ich starrte ihn an, schluckte ein paarmal, um den bitteren Geschmack loszuwerden, der mir pl�tzlich auf der Zunge lag, und nickte schlie�lich.</p><p>�Doch, Du ... - Sie - haben sich ja genug M�he gegeben.�</p><p>Howard - der <emphasis>echte </emphasis>Howard - blickte mich verst�ndnislos an. �Genug M�he?�</p><p>Ich lachte, sehr leise und sehr bitter. �Das Buch, Howard. Das NECRONOMICON. Sie wollen das Buch.�</p><p>�Dann geh�ren Sie zu den gleichen, die die Universit�t in Arkham �berfallen haben?� fragte Howard. Ich fuhr zusammen und sah erst ihn und dann seinen Doppelg�nger irritiert an.</p><p>�Das ist wahr?� fragte ich.</p><p>Der Howard-Doppelg�nger nickte grimmig. �Beinahe. Ich hasse es, zu l�gen, Craven, und ich tue es nur, wenn es unumg�nglich n�tig ist. Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt: die Universit�t wurde von unseren Verb�ndeten - unseren ehemaligen Verb�ndeten - �berfallen. Von der Bruderschaft der Hexer. Auch, was Ihren Freund Shannon angeht, hat sich alles genauso abgespielt, wie ich es Ihnen erz�hlt habe. Und Rowlf w�re an seinen Verletzungen gestorben, wenn ihm Howard nicht beigestanden h�tte. Aber w�hrend der echte Howard sofort nach Arkham �reiste�, als er das Telegramm erhielt, habe ich hier seine Rolle �bernommen.� Er lachte b�se. �Das NECRONOMICON ist viel zu wichtig, um es in den H�nden eines solchen Narren zu lassen, wie Sie es sind, Craven. Ich wollte es ohne Blutvergie�en bekommen, aber wenn Sie mich zwingen, werde ich Gewalt anwenden.�</p><p>�Ohne Blutvergie�en?� Beinahe h�tte ich gelacht. �Haben Sie deshalb ein paarmal versucht, mich umbringen zu lassen?�</p><p>Der Mann sch�ttelte heftig den Kopf. �Ich gebe Ihnen mein Wort, da� ich nichts mit diesen sonderbaren Vorf�llen zu tun hatte, Craven.�</p><p>�Was f�r Vorf�lle?� fragte Howard scharf.</p><p>Ich z�gerte einen Moment, sah seinen Doppelg�nger fragend an und erz�hlte Howard schlie�lich in wenigen S�tzen von den Zwischenf�llen.</p><p>Howard h�rte schweigend zu, aber der Ausdruck von Sorge auf seinem Gesicht wuchs mit jedem Wort, das er h�rte. Als ich fertig war, sch�ttelte er ein paarmal hintereinander den Kopf, sah seinen Doppelg�nger an und l�chelte auf seltsam sp�ttische Art.</p><p>�Sie sind ein Narr, Mister, wer immer Sie sind�, sagte er schlie�lich.</p><p>Sein Doppelg�nger starrte ihn verwirrt an. �Was meinen Sie damit?�</p><p>�Warum, glauben Sie, bin ich so rasch zur�ckgekehrt?� fuhr Howard fort. �Warum ich ein zweites Mal das Risiko eingegangen bin, das <emphasis>Tor </emphasis>zu benutzen? Ich wollte Robert noch in Southampton abfangen und ihn warnen. Aber nicht vor ihnen. Der Mann, der versucht hat, Robert umzubringen, und der, den sie am Nachmittag getroffen haben, geh�rten zu Necron. Und ich f�rchte, er ist selbst hier. Ich wei� nicht, ob es Ihnen gefallen w�rde, mit ihm zusammenzutreffen. Ihre beiden ... nennen wir sie Interessengruppen, sind nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen, habe ich geh�rt.�</p><p>Sein Doppelg�nger zitterte vor Wut. �Sie wissen eine Menge, Lovecraft�, schnappte er.</p><p>�Auf jeden Fall mehr als Sie�, gab Howard gelassen zur�ck. �Sie scheinen sich ein bi�chen mit Magie auszukennen, denn sonst w�re es Ihnen kaum gelungen, Robert zu t�uschen, aber leider sind Sie nicht gut genug. Sonst h�tten Sie gesp�rt, da� dieses Haus alles andere als ein normales Haus ist.�</p><p>Der andere schien f�r einen Moment verwirrt. �Was wollen Sie damit sagen, Lovecraft?� fragte er.</p><p>Howard l�chelte. �Dieses Haus hat Roderick Andara geh�rt�, sagte er. �Roberts Vater. Er war ein Magier wie sein Sohn, haben Sie das vergessen? Das Haus sp�rt ganz genau, da� sein rechtm��iger Besitzer wieder hier ist.�</p><p>Der Doppelg�nger blickte ihn einen Moment erschrocken an, dann gab er sich einen sichtlichen Ruck und fa�te seine Waffe fester. �M�glich�, sagte er. �Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Ich will das Buch. Wenn Sie mich dazu zwingen, werde ich Gewalt anwenden, um es zu bekommen. Necrons Hiersein �ndert nichts an meinem Entschlu�, im Gegenteil. Es ist ein Grund mehr, den Band in meinen Besitz zu bringen.�</p><p>�Idiot�, sagte Howard freundlich.</p><p>In den Augen des anderen blitzte es auf, aber Howards L�cheln wurde eher noch breiter.</p><p>�Glauben Sie wirklich, wir w�rden das NECRONOMICON einfach so mit uns herumschleppen?� fragte er.</p><p>�Mister Craven wird so freundlich sein, uns zu seinem Versteck zu f�hren.�</p><p>�Den Teufel werde ich tun�, versetzte ich.</p><p>�Wenn nicht�, fuhr der Mann fort, �sehe ich mich leider gezwungen, zuerst Rowlf und dann Mister Lovecraft zu erschie�en, Robert. Und wenn das noch nicht ausreichen sollte, Ihre kleine Freundin oben unter dem Dach.�</p><p>Seine Worte lie�en eine Welle hei�er, m�rderischer Wut in mir aufsteigen. Ich ballte die F�uste und machte einen Schritt auf ihn zu, aber Howard ri� mich im letzten Augenblick zur�ck.</p><p>�La� das, Robert�, sagte er ruhig. �Er meint es ernst.�</p><p>�Glauben Sie ihm lieber, Robert�, f�gte sein Doppelg�nger schneidend hinzu. �Ich hasse es, jemanden unter Druck setzen zu m�ssen, aber ich schw�re Ihnen, da� ich das Buch bekommen werde.� Er l�chelte d�nn, hob die Waffe und richtete ihre beiden L�ufe auf Rowlf. �Nun?�</p><p>�Selbst, wenn ich es Ihnen sagen w�rde, w�rde es Ihnen nichts nutzen�, sagte ich hastig und nur, um Zeit zu gewinnen. �Es ist ... gesch�tzt. Es w�rde sie t�ten, wenn Sie versuchten, es zu ber�hren.�</p><p>Der Mann lachte h��lich. �Vielleicht lassen Sie das unsere Sorge sein, Craven�, sagte er. �Also?�</p><p>Im gleichen Moment erbebte das Haus wie unter einem Schlag.</p><p>Es war keine Ersch�tterung wie ein Erdsto� oder der Hieb eines Orkans, sondern ein trockener, unglaublich <emphasis>harter </emphasis>Sto�, der das Geb�ude wie ein Hammerschlag traf und bis in die Grundfesten ersch�tterte.</p><p>Der Boden hob sich wie ein bockendes Pferd. Die Fensterscheiben explodierten und �bersch�tteten den Raum mit einem Hagel kleiner scharfkantiger Geschosse. Die Decke barst, als einer der Balken brach und durch den Putz stie�. Ein gewaltiger, gezackter Ri� spaltete die S�dwand.</p><p>Und im gleichen Moment wurde die T�r aus den Angeln gerissen.</p><p>Ein widerliches, gr�nes Licht tauchte den Raum f�r Sekunden in grelle Helligkeit. Ich schrie und schlug die H�nde vor meine Augen, aber der Glanz war so intensiv, da� ich trotzdem sah, wie Gray von der zerberstenden T�r getroffen und durch den Raum geschmettert wurde, St�hle und Tische dabei niederrei�end, und wie er schlie�lich mit Wucht gegen die Wand neben dem Fenster prallte.</p><p>Rowlf sprang mit einem w�tenden Knurren vor, packte den Howard-Doppelg�nger und schlug ihn nieder.</p><p>Als das Licht erlosch, sah ich die Gestalt. Sie kam mir wie eine jener umri�losen Bestien vor, die uns manchmal in Fiebertr�umen heimsuchen: gro�, bizarr verzerrt und mit stampfenden, plumpen Elefantenbeinen, einem alptraumhaften Kopf und peitschenden Tentakeln anstelle von Armen, dann zerflo� sie und wurde f�r Sekunden zu einer Karikatur menschlichen Lebens, ein Ding mit noch immer zu vielen Armen und peitschenden d�nnen F�hlern.</p><p>Dann verwandelte sie sich abermals, und ich erkannte sie.</p><p><emphasis>�Priscylla!�</emphasis></p><p>Es war Priscylla - und auch wieder nicht, denn sie hatte sich auf f�rchterliche Weise ver�ndert!</p><p>Sie trug ein wei�es, seidenes Nachthemd, aber der Stoff war mit Blut besudelt. Ihr Gesicht flammte und in ihren Augen brannte ein unheimliches, verzehrendes Feuer.</p><p>Langsam, mit stockenden, taumelnden Schritten, als h�tte sie kaum mehr die Kraft, sich auf den Beinen zu halten, kam sie auf mich zu und streckte dabei die Arme aus. Ihre H�nde waren verkr�mmt wie Krallen. Die Lippen �ffneten sich wie zu einem Schrei, aber alles, was sie hervorbekam, war ein gr��liches Keuchen. Ihre Fingern�gel wuchsen, wurden zu Dolchen, und ihre Arme breiteten sich zu einer t�dlichen Umarmung aus.</p><p>Etwas traf meine Schulter und schleuderte mich zu Boden. Priscyllas H�nde schlossen sich mit einem sonderbaren, metallisch-schnappenden Laut, genau dort, wo meine Kehle gewesen w�re.</p><p>Und trotzdem sprang ich, wie von einem fremden Willen beseelt, sofort wieder auf die F��e und versuchte zu Priscylla zu gelangen.</p><p>Rowlf sprang mich ein zweites Mal an und ri� mich zur�ck, und diesmal sp�rte ich die ganze ungeheure Kraft seiner gewaltigen H�nde. Ich versuchte seinen Griff zu sprengen, aber seine Pranken hielten mich wie Fesseln. Priscylla kreischte. Ihre H�nde vollf�hrten sinnlose, wirbelnde Bewegungen.</p><p>�Das ist nicht Priscylla, Robert!� br�llte Howard. �Denk an Arkham! Es ist ein <emphasis>Shoggote!� </emphasis>Sie versuchen es wieder!</p><p>Priscyllas Augen loderten.</p><p>Und dann begann sie sich zu ver�ndern, langsam, aber auf f�rchterliche Weise. Langsam zogen sich ihre Lippen zu einem gemeinen, w�lfischen Grinsen zur�ck, und ich sah, da� ihre Z�hne pl�tzlich lang und spitz und nach hinten gebogen waren.</p><p>Ein heller, knisternder Laut erscholl. Irgend etwas Unsichtbares huschte an mir vor�ber und traf Rowlfs K�rper wie ein Hammerschlag. Seine H�nde l�sten sich von meinen Schultern. Mit einem Seufzen sank er hinterher und blieb reglos liegen. Auch Howard st�rzte getroffen zu Boden.</p><p>Aber sein Schrei hatte den Bann gebrochen, und pl�tzlich wu�te ich, welchem Wesen ich wirklich gegen�berstand - einem <emphasis>Shoggoten. </emphasis>Einem <emphasis>Shoggoten </emphasis>wie dem, der mich schon einmal in Priscyllas Gestalt angegriffen hatte, in der Gestalt des Menschen, den ich am meisten liebte und dessen Anblick mich am meisten treffen mu�te. Und endlich sah ich ihn, wie er wirklich war: eine furchtbare Persiflage Priscyllas; gr��er, knochiger, mit zerfurchter brauner Pergamenthaut, �bers�t von Warzen und Pusteln, aus denen schwarze Borsten wuchsen. Die H�nde waren gewaltige F�nge, die mich zerrei�en w�rden, und in den Augen flammte eine Bosheit, die nicht von dieser Welt war.</p><p>�Du wirst sterben, Craven�, sagte sie. Ihre Stimme hatte jede �hnlichkeit mit der eines Menschen verloren - ein heiseres Kr�chzen, als h�tte sie eine Kehle aus Stein -, und f�r einen Moment glaubte ich durch ihren K�rper hindurch einen zweiten, aufgedunsenen Leib zu erkennen, das Bild des <emphasis>Shoggoten, </emphasis>wie er wirklich aussah: gigantisch, mit stampfenden S�ulenbeinen, Augen wie Blut und peitschenden, schleimigen Tentakeln, �bers�t mit Dornen und Saugn�pfen. Dann verschmolzen die beiden Bilder zu einem neuen, grauenerregenden Wesen, einem Ding, das jeder Beschreibung spottete.</p><p>�Du wirst sterben, Craven�, keuchte das Ding. �Du bist der letzte Erbe des Hexers, und du wirst sterben und den Weg freimachen f�r die wahren Herren. Ich t�te dich!� Das Ding kicherte. Die Schrunden und Runzeln in seiner Haut wurden tiefer, und pl�tzlich zuckte etwas wie ein schwarzer, �liger Nervenfaden �ber sein Gesicht, zog eine glitzernde Schleimspur �ber die Wange und verschwand in seinem Mund.</p><p>Mit einem entsetzten Keuchen wich ich vor der n�herkommenden Alptraumgestalt zur�ck. Das Ding folgte mir, mit schleppenden, schwerf�lligen Schritten, unabl�ssig vor sich hin kichernd und f�rchterliche Laute aussto�end. Ich sah, da� sich seine F��e in Drachenklauen verwandelt hatten. Der Teppich begann zu schwelen, wo es ihn ber�hrte.</p><p>�Robert!� Howards St�hnen drang wie durch Watte an meine Sinne. Er wollte aufstehen, aber seine Beine gaben unter dem Gewicht seines K�rpers nach. �Das Tor ...�, keuchte er. �Flieh. Benutze ... das Tor ...�</p><p>Noch einmal sammelte er alle Kr�fte. Seine Hand vollf�hrte eine rasche, ausholende Bewegung. Etwas Dunkles, Schlankes flog auf mich zu. Instinktiv griff ich danach, bekam es zu fassen und erkannte den Stockdegen, den ich vorhin am Kaminsims abgestellt hatte.</p><p>Die einzige Waffe, die einen <emphasis>Shoggoten </emphasis>zu t�ten imstande war!</p><p>Blitzschnell zog ich ihn aus seiner Fassung, die ihn wie einen gew�hnlichen Spazierstock aussehen lie� - und stie� ihn dem <emphasis>Priscylla-Shoggoten </emphasis>in die Brust.</p><p>Das Ungeheuer gab einen kr�chzenden, klagenden Laut von sich, taumelte einen halben Schritt zur�ck und griff sich mit seinen Klauen an die Brust. Ein neuer, dunkel gl�nzender Fleck erschien auf dem wei�en Nachtgewand; die schwarze, unheimliche Fl�ssigkeit, die im Leib dieser Protoplasma-Wesen pulsierte. Grauer, �belriechender Dampf quoll unter seinem Kleid hervor. Der Aufl�sungsproze� hatte begonnen, und es gab keine Macht des Universums mehr, der ihn noch aufzuhalten imstande war.</p><p>Aber ich kannte diese Wesen zu gut, um nicht zu wissen, da� es noch immer gef�hrlich war. Es w�rde sterben - soweit etwas, das nie gelebt hatte, �berhaupt sterben konnte - aber es war noch immer gef�hrlich.</p><p>Ein w�tendes Knurren kam �ber die Lippen des Scheusals.</p><p>Mit tappenden, wankenden Schritten kam es wieder auf mich zu. Unter seinem Gewand brodelte und zischte es; eine Spur grauen, kochenden Schlammes blieb auf dem Teppich zur�ck, wo sich das schwarze Protoplasma seines K�rpers wie unter der Einwirkung einer �tzenden S�ure aufl�ste.</p><p>�Wir kriegen dich!� kicherte es. �Du wirst sterben, Robert Craven!�</p><p>�Das <emphasis>Tor!� </emphasis>keuchte Howard. �Flieh, Robert!�</p><p>Der <emphasis>Shoggote </emphasis>stie� ein kr�chzendes Br�llen aus und warf sich mit weit ausgebreiteten Tentakeln in meine Richtung.</p><p>Ich versuchte ihm auszuweichen, stolperte �ber Rowlfs reglosen K�rper und schlug der L�nge nach hin. Instinktiv umklammerte ich den Knauf des Stockdegens mit beiden H�nden und stie� der heranst�rmenden Kreatur die Waffe entgegen.</p><p>Selbst wenn der <emphasis>Shoggote </emphasis>die Gefahr bemerkte, so blieb ihm keine Zeit mehr, darauf zu reagieren. Sein eigener Schwung trug ihn vorw�rts und stie� den Degen ein zweites Mal fast bis zum Heft in seine Brust.</p><p>Der Aufprall ri� mir die Waffe aus der Hand und bet�ubte mich fast. Wie durch einen wogenden Schleier sah ich, wie sich der <emphasis>Shoggote </emphasis>aufb�umte, mit beiden Pranken an die Brust griff und die Waffe mit einem einzigen, w�tenden Ruck herausri�.</p><p>Der Degen flog im hohen Bogen davon und blieb zitternd wie ein Pfeil in der Holzvert�felung neben der Standuhr stecken.</p><p>Der <emphasis>Shoggote </emphasis>taumelte, bereits halb aufgel�st. Die Verletzung machte ihn rasend vor Schmerz. Seine H�nde verwandelten sich zu �bergro�en Hummerscheren, die mit einem ekelhaften Ger�usch nach meinem Gesicht schnappten.</p><p>�Das <emphasis>Tor!� </emphasis>br�llte Howard zum dritten Mal. �Flieh, Robert!�</p><p>Die Scherenh�nde des <emphasis>Shoggoten </emphasis>zertr�mmerten den Schreibtisch, hinter dem ich Deckung gesucht hatte. Ein einziger Hieb dieser Monster-Arme mu�te mir die Knochen brechen, das wu�te ich.</p><p>Ich mu�te mir den Degen wieder holen! Nur damit konnte ich dem <emphasis>Shoggoten </emphasis>vielleicht noch lange genug Paroli bieten, bis er sich v�llig aufgel�st hatte. Howard schrie noch immer, aber der <emphasis>Shoggote </emphasis>vollf�hrte einen solchen L�rm, da� ich seine Worte nicht verstand.</p><p>Ich prallte gegen die Standuhr, wich einem weiteren Hieb des Monstrums aus und ri� mit beiden H�nden den Degen aus dem Holz.</p><p>Im gleichen Moment schlo� sich der Arm des <emphasis>Shoggoten </emphasis>von hinten um meinen Hals.</p><p>Der Schmerz war unbeschreiblich. Die Luft wurde mir aus den Lungen gepre�t. Feuerringe tanzten vor meinen Augen. Blind vor Schmerz schlug ich mit dem Degen um mich, traf irgend etwas Weiches, Schwammiges.</p><p>Schwarzes Blut besudelte mein Gesicht, und pl�tzlich schleuderte mich das Wesen mit seiner ganzen Kraft von sich. Ich sp�rte, wie ich gegen die Uhr geworfen wurde und das morsche Holz barst, streckte instinktiv die H�nde aus - und griff ins Leere.</p><p>Zwei, drei Sekunden vergingen, ehe ich merkte, da� irgend etwas nicht so war, wie es sein mu�te.</p><p>Das Zimmer, Howard, Rowlf, der <emphasis>Shoggote, </emphasis>die Standuhr - das alles war verschwunden. Um mich herum war nichts als eine gigantische, vollkommen leere Ebene, �ber der sich Schw�rze wie die Kuppel eines gewaltigen, wolken- und sternenlosen Himmels spannte. Die Ebene verschmolz irgendwo mit der Unendlichkeit, es gab weder sichtbare Unterbrechungen noch so etwas wie einen Horizont.</p><p>Es war nicht mehr die Welt, in der ich geboren war.</p><p>Aber es war eine Welt, die ich kannte.</p><p>Und endlich begriff ich, was Howard gemeint hatte, als er mir zuschrie, das <emphasis>Tor </emphasis>zu benutzen.</p><p>Die Standuhr war keine Uhr, nicht einmal nur eine Geheimt�r, sondern ein Tor in eine fremde Welt.</p><p>Ein Tunnel in eine Welt, die vor zweitausend Millionen Jahren untergegangen war, so wie die Wesen, die sie beherrscht hatten.</p><p>Die Welt der GROSSEN ALTEN.</p><empty-line/><p>Das Zimmer war dunkel, als Howard die Augen �ffnete.</p><p>Ein schwerer K�rper lag halb �ber ihm, und etwas Warmes, Klebriges lief �ber sein Gesicht. Blut ...</p><p>Howard fuhr mit einem unterdr�ckten Aufschrei hoch, rollte den leblosen K�rper des vermeintlichen Dr. Gray zur Seite und sah sich um. Wie lange war er ohne Bewu�tsein gewesen?</p><p>Die Lampe war erloschen, und auch durch die zerborstenen Fenster sickerte nur wenig Licht. Aber die Beleuchtung reichte doch aus, ihn erkennen zu lassen, da� das Zimmer ein Bild der Verw�stung bot. M�bel und B�cherregale waren umgest�rzt und zerbrochen, als w�re ein Wirbelsturm durch den Raum gefahren, hier und da gl�hten Teppich und Boden noch, und die Uhr ...</p><p>Die Uhr!</p><p>Pl�tzlich, von einer Sekunde auf die andere, erinnerte sich Howard wieder. Mit einer abrupten Bewegung fuhr er hoch, st�rmte auf die Uhr zu - und blieb stehen, als w�re er gegen eine unsichtbare Barriere geprallt.</p><p>Rings um die gewaltige Standuhr waren der Boden und die W�nde geschw�rzt, als w�re ein Blitz aus der Uhr gefahren und h�tte das Holz verkohlt. Die Uhr selbst war unversehrt. Ihre T�r stand offen. Und dahinter ...</p><p>Howard vermochte nicht zu sagen, was es war.</p><p>Schw�rze, sicher, aber auch noch etwas anderes, etwas wie ein gro�es, wogendes, lebendes Ding, das sich der genauen Betrachtung auf unheimliche Weise immer wieder entzog.</p><p>Sekundenlang stand er reglos da, starrte das Unfa�bare an und pre�te die Lippen aufeinander. Robert hatte das <emphasis>Tor </emphasis>durchschritten, und nicht einmal Gott wu�te, wohin es ihn verschlagen hatte. Endlich l�ste er sich von dem Bild, stieg �ber die zerbrochenen M�belst�cke hinweg und ri� den Mann mit einem w�tenden Ruck mit seinem Gesicht vom Boden hoch.</p><p>Der Doppelg�nger �ffnete st�hnend die Augen und versuchte Howards Hand wegzuschieben. Howard schlug seinen Arm herunter und ballte drohend die Faust.</p><p>�So�, sagte er. �Und jetzt erz�hlen Sie mir alles, Freundchen. Wer sind Sie? Welche Rolle spielen Sie in diesem verdammten Spiel?�</p><p>�Ich ... wei� nichts�, murmelte der andere schwach. �Ich habe nichts damit zu tun.�</p><p>�Gemsen mir, H.P.�, sagte Rowlf drohend. Howard sah auf und l�chelte erleichtert, als er sah, da� Rowlf bereits wieder auf den Beinen und bis auf ein paar Kratzer wohl auch unverletzt geblieben war. Auf seinem breitfl�chigen Gesicht stand ein finster-entschlossener Ausdruck.</p><p>�Gemsen mir�, sagte er noch einmal. �Ich schlagem die Wahrheit schon aus�m Maul.�</p><p>Howard l�chelte d�nn. �Sie haben geh�rt, was Rowlf sagt�, sagte er. �Ich mu� gestehen, da� ich ernsthaft versucht bin, Sie ihm zu �berlassen. Vielleicht reden Sie dann.�</p><p>Der Mann erbleichte. Sein Blick suchte angstvoll Rowlfs Gesicht und begann zu flackern.</p><p>�Ich ... wei� nichts�, sagte er hastig. �Ich sollte das Buch holen, im Auftrag von DeVries, meinem Herrn, aber ich habe keine Ahnung, woher dieses Monstrum kam.�</p><p>�Und Necron?� fragte Howard w�tend. �Was ist mit seinen Drachenkriegern? Welche Rolle spielen sie?�</p><p>Sein Gefangener setzte zu einer Antwort an, sog dann aber nur erschrocken die Luft zwischen den Z�hnen ein und starrte auf einen Punkt dicht hinter Howard.</p><p>�Warum fragen Sie sie nicht selbst?� sagte er leise.</p><p>Howard erstarrte.</p><p>Unter der zerborstenen T�r waren zwei hochgewachsene, schlanke Schatten erschienen. M�nner in schwarzen, bis auf den Boden reichenden M�nteln, mit maskierten Gesichtern und langen, zweischneidig geschliffenen Schwertern in den H�nden, auf deren Griffst�cken ein goldener, feuerspeiender Drache prangte ...</p><empty-line/><p>Zuerst war nichts als Dunkelheit um mich herum, eine Schw�rze, die sich wie ein erstickender Mantel um meinen K�rper und meine Erinnerungen schmiegte. Es dauerte nicht lange - nur einen kurzen, schrecklichen Augenblick, aber diese wenigen Sekunden wurden zu Ewigkeiten der Qual, in denen ich nicht wu�te, wo ich mich befand, nicht einmal wer noch was ich war. Dann kl�rten sich die schwarzen Nebel vor meinem Geist, und mit dem grausamen Schmerz, der in meinen Eingeweiden erwachte, kehrten auch die Erinnerungen zur�ck.</p><p><emphasis>Da war eine Ebene, schwarz wie Tee und so unendlich wie die Ewigkeit, sanft gewellt wie ein Ozean, der mitten in der Bewegung erstarrt war, und beschienen vom Licht eines kalten, knochenbleichen Mondes, der viel zu nahe und zu gro� war, und -</emphasis></p><p>Ich blinzelte und fuhr mir in der vollkommenen Dunkelheit, die mich noch immer umgab, verwirrt mit den Fingerspitzen �ber die Schl�fen. <emphasis>Was waren das f�r Erinnerungen? </emphasis>Ich war nie in einem solchen Land gewesen, noch hatte ich davon geh�rt oder gelesen. Und doch sah ich das Bild so plastisch und klar vor mir, da� ich f�r einen Moment meinte, nur die Hand ausstrecken zu m�ssen, um die schwarzen morastigen Wogen ergreifen, ihre widerliche W�rme sp�ren und die Hand durch ihre z�he, sirupartige Oberfl�che sto�en zu k�nnen ...</p><p>Wieder wurden die Bilder so klar, da� ich sp�rte, wie mir die Realit�t zu entgleiten begann. Ich st�hnte und pre�te Daumen und Zeigefinger so fest gegen die geschlossenen Lider, da� kleine farbige Sterne vor meinen Augen aufzuflammen begannen.</p><p>Der Schmerz ri� mich - endg�ltig - in die Wirklichkeit zur�ck. F�r einen ganz kurzen Moment hatte ich das Gef�hl, gegen einen unsichtbaren Widerstand ank�mpfen zu m�ssen, wie ein Netz klebriger Spinnf�den, die mich hielten, dann zerri� es mit einem pl�tzlich harten Ruck, und die Bilder und Visionen verschwanden aus meinem Geist.</p><p>Als ich die Augen �ffnete, war die Dunkelheit nicht mehr vollkommen. Ich erkannte graue, rissige W�nde aus Holz vor, rechts und links von mir, und meine Hand umklammerte etwas Kaltes, Hartes. Ich selbst lehnte zusammengesunken an einer weiteren Wand in meinem R�cken.</p><p>Ich sah an mir herab. Meine Kleider waren verdreckt und hingen zum Teil in Fetzen, die Haut darunter war rot und schwarz, hier und da von kleinen Krusten erst halb geronnenen Blutes bedeckt. Mein ganzer K�rper schien ein einziger, pulsierender Schmerz zu sein.</p><p>Durch das Holz vor mir drangen Stimmen, ged�mpft und so verzerrt, da� ich ihre Worte nicht verstehen konnte. Aber es waren die Stimmen von Menschen; wenigstens das.</p><p>Ich versuchte mich aufzurichten, stie� mir den Sch�del an der viel zu niedrigen Decke und w�re erneut gest�rzt, h�tte der winzige, kastenf�rmige Raum genug Platz daf�r geboten.</p><p><emphasis>Der winzige, kastenf�rmige Raum ...</emphasis></p><p>Die Worte hallten ein paarmal in meinem Sch�del wider, bis ich begriff, warum sie ein so d�steres, erschreckendes Echo in meiner Seele ausl�sten.</p><p>Kastenf�rmig.</p><p>Klein.</p><p>Und aus Holz!</p><p>F�r einen Moment geriet ich in Panik. Ein Teil meines Denkens blieb klar und �berlegt, aber der andere, gr��ere Teil lie� mich schreien und toben und gaukelte mir die schreckliche Vorstellung vor, in einem Sarg zu sein, vielleicht schon tief unter der Erde, die murmelnde Stimme dort drau�en nichts als die Gebete des Priesters, der den Sarg segnete, w�hrend hinter ihm schon die Totengr�ber darauf warteten, da� die Zeremonie endlich vor�ber war, damit sie beginnen konnten, den Sarg mit Erde zu bedecken.</p><p>Den Sarg, in dem ich <emphasis>lebend </emphasis>beerdigt worden war!</p><p>Dann, so schnell wie die Vision gekommen war, verging sie wieder, und der Panik folgte ein Gef�hl von Schw�che und Erleichterung, das mich mit einem Seufzen gegen die rauhe Wand sinken lie�. Ich <emphasis>stand </emphasis>aufrecht, und S�rge wurden �blicherweise waagerecht ins Grab gelassen.</p><p>Drau�en hatten die Stimmen f�r einen Moment innegehalten, als ich zu schreien begonnen hatte. Jetzt erklangen sie wieder, lauter und aufgeregter, dann n�herten sich hastige, trappelnde Schritte. Eine Hand schlug dumpf gegen das Holz meines Versteckes, etwas quietschte, und dann stach helles blendendes Sonnenlicht in meine Augen.</p><p>Ich st�hnte, hob instinktiv die Hand �ber das Gesicht und versuchte die Gestalt zu erkennen, die vor mir aufragte. Der Mann zeichnete sich nur als schwarzer, von einem Strahlenkranz qu�lender Helligkeit umrandeter Schatten �ber mir ab, aber ich h�rte sein ungl�ubiges Keuchen, und seine Gestalt verkrampfte sich vor �berraschung.</p><p>�Zum Teufel!� entfuhr es ihm. �Was machen Sie hier? Wer sind Sie �berhaupt?�</p><p>Wieder vergingen einige Sekunden, ehe ich die Hand herunternahm und durch den Vorhang von Tr�nen, der meinen Blick verschleierte, zu ihm aufsah.</p><p>Und dann dauerte es noch l�nger, bis das Gef�hl der Beunruhigung, das seine Worte in mir ausgel�st hatten, verging und einem l�hmenden Schrecken Platz machte.</p><p>�Verdammt, antworten Sie!� verlangte der Fremde noch einmal. �Wie kommen Sie hier herein, und wer sind Sie?�</p><p>Aber ich antwortete auch diesmal nicht.</p><p>Nicht, da� ich es nicht wollte - ich konnte nicht.</p><p>Denn ich wu�te die Antworten nicht, die er von mir h�ren wollte ...</p><empty-line/><p>K�lte hing in der Luft wie unsichtbarer Nebel, und von den W�nden hallten die Echos winziger harter Rattenf��chen wider. Es war nicht sehr hell; durch die schmalen, vergitterten Fenster hoch unter der Decke drang zwar Licht herein, aber der Raum war sehr gro� und von Schatten erf�llt, die das Licht zu absorbieren schienen. Als verberge sich hinter den grauen Schleiern etwas, das die Helligkeit und die Botschaft von Leben, die mit ihr kam, gierig verschlang.</p><p>Howard hob m�de den Kopf, sog tief die Luft zwischen den Z�hnen ein und zerrte zum wahrscheinlich hundertsten Mal an den d�nnen Lederriemen, die seine Handgelenke auf den R�cken fesselten.</p><p>Zum hundertsten Male vergeblich. Der Mann, der ihn gefesselt hatte, verstand sein Handwerk, er konnte die Arme nicht einmal bewegen, geschweige denn, seine H�nde befreien.</p><p>�Lassenses bleim�, nuschelte eine tiefe Stimme hinter ihm. Sie klang kr�ftig in der Stille, die in dem feuchten Kellerverlies herrschte. Trotzdem schwang ein h�rbarer Unterton von Schmerz darin.</p><p>Howard wandte den Kopf und sah einen Moment schweigend auf den gefesselten Riesen neben sich herab.</p><p>�Sie tun sich blo� weh�, fuhr Rowlf fort. �Der Kerl wei�, wie man�n Mann fesseln mu�.�</p><p>Howard verzichtete auch diesmal auf eine Antwort. Sie waren seit beinahe acht Stunden in diesem Keller, aber sie hatten kaum ein Dutzend S�tze miteinander gewechselt. Die Angst hatte sich in ihre Seelen gekrallt und machte jede Unterhaltung unm�glich.</p><p>Er schlo� die Augen, fuhr sich mit der Zungenspitze �ber die geschwollene, aufgeplatzte Unterlippe und atmete h�rbar ein. Selbst das Luftholen tat weh. Wahrscheinlich hatten sie ihm eine oder gar mehrere Rippen gebrochen.</p><p>Er konnte sich kaum erinnern, wie alles gekommen war. Die beiden schwarzgekleideten M�nner waren wie ein lebender Sturmwind �ber ihn und Rowlf hereingebrochen. Alles, an was er sich erinnern konnte, waren verschwommene Bilder an wirbelnde Arme und Beine.</p><p>Ein leises St�hnen drang in seine Gedanken. M�hsam wandte er den Kopf, rutschte unbeholfen mit gefesselten Armen und Beinen herum und verdrehte den Hals, bis er auf den Mann herabsehen konnte, der auf der anderen Seite lag, so gr�ndlich gefesselt wie er und Rowlf, aber wom�glich noch schlimmer zugerichtet.</p><p>Es war ein bizarrer Anblick. Jetzt, nachdem er Zeit und Mu�e gehabt hatte, das Gesicht des anderen in aller Ruhe zu studieren, war die �hnlichkeit nicht mehr ganz so frappierend. Trotzdem hatte er im ersten Moment wieder das Gef�hl, in einen Spiegel zu sehen.</p><p>Der Mann neben ihm hatte sein Gesicht.</p><p>St�hnend �ffnete der Fremde die Augen, versuchte sich aufzusetzen und sank mit einem schmerzerf�llten Keuchen zur�ck.</p><p>�Geben Sie sich keine M�he�, sagte Howard am�siert. Eine morbide Heiterkeit stieg in ihm empor. Fast h�tte er gelacht.</p><p>�Was ... o Gott, was ist passiert?� murmelte der Fremde. Erneut versuchte er sich aufzusetzen, und diesmal gelang es ihm. Als sein Gesicht in den schmalen Streifen grauer Helligkeit geriet, der durch eines der Fenster fiel, sah Howard, da� sein linkes Auge zugeschwollen und die Wange darunter blau und gr�n angelaufen war. Au�erdem l�ste sich sein Bart ab.</p><p>�Das h�tte ich gerne von Ihnen gewu�t�, antwortete er ruhig. �Warum erz�hlen Sie mir nicht alles? Zeit genug zum Reden haben wir, denke ich. Wer sind Sie?�</p><p>�Mein Name ist Lovecraft�, sagte der andere undeutlich. Der Blick seines offenen Auges war verschleiert; er schien noch nicht ganz in die Wirklichkeit zur�ckgefunden zu haben. �Howard Lovecraft. Ich -�</p><p>�H�ren Sie auf�, unterbrach ihn Howard �rgerlich. �Das ist wirklich nicht der richtige Augenblick f�r makabere Scherze.�</p><p>Der andere stockte, blinzelte ein paarmal mit nur einem Auge und sah Howard verwirrt an. Dann flammte Schrecken in seinem Blick auf.</p><p>Howard l�chelte schadenfroh. �Na, endlich wach?�</p><p>�Was ...� Der Mann stockte, sah sich verwirrt um und begann mit einem Male wie wild an seinen Fesseln zu zerren.</p><p>Howard wartete geduldig, bis sein Gegen�ber die Sinnlosigkeit seiner Bem�hungen eingesehen hatte. Dann lehnte er sich zur�ck, so weit es die unbequemen Fesseln zulie�en.</p><p>�Wenn Sie das bi�chen Verstand, das Sie zu haben scheinen, wieder zusammengekratzt haben, k�nnen wir vielleicht reden�, sagte er freundlich.</p><p>�Reden?� Die Stimme des anderen bebte. Panik loderte in seinem Blick. Sein Atem ging schnell und sto�weise. �Wo sind wir hier? Was ... was ist passiert?�</p><p>�Wo wir hier sind, wei� ich so wenig wie Sie�, antwortete Howard geduldig. �Und was passiert ist, sollten Sie besser wissen als ich.�</p><p>�Ich wei� gar nichts. Ich bin Howard Love -�</p><p>�Verdammt, h�ren Sie auf!� br�llte Howard. <emphasis>�Ich </emphasis>bin Howard Lovecraft, nicht Sie. Und ich will wissen, wer Sie sind und wer Sie geschickt hat!�</p><p>Sein Doppelg�nger starrte ihn an und schwieg. Howard musterte ihn genauer. Die �hnlichkeit war nicht mehr so gro� wie zu Anfang - der Bart war falsch und das Haar gef�rbt, das konnte er jetzt sehen, und der andere war ein wenig dicker im Gesicht als er. Die Schl�ge und das Blut hatten die Schminke verschmiert, so da� das wahre Gesicht des anderen durch die Maske hindurchschimmerte. Trotzdem mu�te er ihm auch so �hnlich sehen wie ein Bruder.</p><p>�Ich wei� �berhaupt nichts�, sagte der andere schlie�lich. Seine Stimme h�rte sich an, als w�rde er jeden Moment anfangen zu weinen.</p><p>�Vielleicht erinnern Sie sich, wenn ich Ihnen ein wenig auf die Spr�nge helfe�, murrte Howard. �Sie haben Rowlfs und meine Abwesenheit ausgenutzt, um an meiner Stelle mit Robert Craven Kontakt aufzunehmen. Aus dem einzigen Grund, in den Besitz des NECRONOMICONS zu gelangen. Soweit richtig?�</p><p>Der andere schwieg beharrlich, aber er hatte sein Gesicht nicht gut genug unter Kontrolle, als da� Howard die Antwort nicht aus seinen Z�gen ablesen konnte.</p><p>�Also richtig�, sagte er zufrieden. ��brigens - mein Kompliment. Die perfekteste Maske, die ich jemals gesehen habe. Wer hat Sie geschickt? Der Orden?�</p><p>Diesmal versagte die Selbstbeherrschung des anderen endg�ltig. Ein erschrockenes Keuchen kam �ber seine Lippen. �Sie ... wissen ...�</p><p>Howard lachte hart. �Halten Sie mich f�r einen Trottel, Sie Mister Doppelg�nger? Ihre Br�der jagen mich seit zehn Jahren. Ich habe gewu�t, da� Sie eines Tages kommen w�rden. Sie oder jemand wie Sie. Wie ist Ihr Name? Ich finde es ziemlich albern, Sie st�ndig mit Howard anreden zu sollen.�</p><p>�Van der Groot�, sagte der andere leise. �Henk van der Groot.�</p><p>�Holl�nder?�</p><p>Van der Groot nickte. Sein Blick bohrte sich in die graue Dunkelheit hinter Howard.</p><p>�H�ren Sie zu, van der Groot�, sagte Howard geduldig. �Sie und ich sind Feinde, wie die Dinge liegen, aber ich schlage vor, wir schlie�en einen Burgfrieden. Wenigstens, bis wir hier heraus sind.�</p><p>Van der Groot starrte ihn an. �Heraus?� kr�chzte er. �Sie sind von Sinnen, Lovecraft. Niemand entkommt den Drachenkriegern. Ich dachte, das w��ten Sie.�</p><p>�Irgendwann ist immer das erste Mal�, sagte Howard l�chelnd. �Au�erdem schadet ein Versuch nicht, oder?�</p><p>Es dauerte lange, bis van der Groot nickte. �Was ... haben Sie vor?� fragte er.</p><p>�Zuerst einmal m�ssen wir diese verdammten Fesseln loswerden�, antwortete Howard. �Und danach werden wir sehen, ob Necrons Leibgarde wirklich so unbesiegbar ist, wie man sagt, Rowlf!�</p><p>Der breitschultrige Riese knurrte, zog die Beine an den Leib, so weit es die Fesseln zulie�en, und begann �ber den feuchten Steinboden heranzukriechen. Auch Howard bewegte sich, schwang vor und zur�ck und kippte schlie�lich langsam zur Seite. Ein unterdr�ckter Schmerzlaut entrang sich seinen Lippen, als er auf den harten Steinboden aufschlug.</p><p>Van der Groot beobachtete ihn mit einer Mischung aus Unverst�ndnis und Neugier. �Was haben Sie vor?� fragte er.</p><p>Howard antwortete nicht, sondern rollte sich keuchend auf den Bauch, w�hrend Rowlf wie ein mi�gestalter Riesenwurm auf ihn zurobbte. Schlie�lich lag der Kopf des Riesen nahe seinen zusammengebundenen H�nden.</p><p>�Achten Sie ... auf die T�r�, keuchte Howard. �Es w�re ... peinlich, wenn gerade jetzt der Zimmerservice k�me.�</p><p>Van der Groot runzelte die Stirn, verdrehte aber gehorsam den Hals, um zu der niedrigen Holzt�r am anderen Ende des Raumes zu starren. Nicht, da� es etwas genutzt h�tte. Wenn jetzt jemand hereinkam, das wu�ten sie alle, dann w�re es aus.</p><p>Rowlf nahm die d�nnen Liederriemen zwischen die Z�hne und begann darauf herumzukauen. Seine m�chtigen Kiefer mahlten h�rbar, und die Muskeln an seinem Hals traten wie knotige Stricke durch die Haut.</p><p>Es dauerte lange, aber Rowlf lie� nicht locker. Blut lief an Howards Handgelenken herab, als die d�nnen Lederriemen wie rei�ender Draht in seine Haut einschnitten, aber der schlanke Amerikaner gab keinen Laut des Schmerzes von sich. Endlich, nach zwanzig Minuten, rollte Rowlf mit einem ersch�pften Keuchen herum und schlo� die Augen. Sein Kinn war voller Blut.</p><p>Howard richtete sich auf, hob die H�nde vor das Gesicht und massierte seine Gelenke. Dann l�ste er rasch die Fesseln, die seine F��e hielten, und befreite dann Rowlf.</p><p>�He!� sagte van der Groot, als Howard keine Anstalten machte, sich ihm zu widmen. �Und ich?�</p><p>Howard wandte sich mit einer betont langsamen Bewegung an den Holl�nder. Ein sonderbares L�cheln erschien auf seinen Z�gen.</p><p>�Wir sollt�n einfach liegnlassn�, knurrte Rowlf. �Dieser Necron wird sich freuen, wenigstns noch ein �Gefangn� zu haben.�</p><p>Van der Groot erbleichte. �Das ... das k�nnen Sie doch nicht machen!� keuchte er. �Die ... die werden mich umbringen, wenn Sie mich zur�cklassen.�</p><p>�M�glich.� Rowlf grinste. �Aber ganz langsam. Sie wern was davon ham, denk ich.�</p><p>�Sie Tier!� keuchte van der Groot. �Lovecraft, Sie ... Sie werden mich doch nicht hierlassen!�</p><p>�Nicht, wenn Sie mir ein paar Fragen beantworten�, sagte Howard ruhig. �Also?�</p><p>�Das ist Erpressung!� protestierte van der Groot.</p><p>�Und noch dazu ganz und gar �berfl�ssig�, sagte eine Stimme aus dem Schatten.</p><p>Van der Groot schrie auf, w�hrend Howard und Rowlf in einer einzigen schnellen Bewegung herumfuhren.</p><p>Der Mann mu�te schon lange dort gestanden und sie beobachtet haben, unsichtbar und lautlos, vielleicht hatte er die ganzen Stunden als stummer W�chter dort gestanden und sich �ber ihre Befreiungsversuche am�siert.</p><p>Jetzt verwandelte er sich von einer Statue in einen rasenden Schatten.</p><p>Es ging unglaublich schnell. Sein Fu� zuckte vor, traf Rowlfs Knie und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Gleichzeitig kam seine Faust hoch, traf Howards Kinn und streckte ihn zu Boden.</p><p>Rowlf schrie wie ein w�tender Stier, fing seinen Sturz im letzten Moment ab und wollte sich erneut auf den Schwarzgekleideten st�rzen.</p><p>Es gelang ihm nicht. Der Mann tauchte unter Rowlfs wirbelnden Armen hindurch, packte sein Handgelenk und ri� ihn zur�ck. Rowlf segelte �ber den gekr�mmten R�cken des Kriegers hinweg, flog durch die Luft und krachte auf einen Kistenstapel, der unter seinem Gewicht zusammenbrach.</p><p>�Mijneer van der Groot hat vollkommen recht, Lovecraft�, fuhr die Stimme aus dem Schatten fort. �Niemand entkommt meinen M�nnern. Sie h�tten auf ihn h�ren sollen. Das h�tte Ihnen eine Menge Kraft und Schmerzen erspart.�</p><p>Howard richtete sich m�hsam auf. Der Schlag hatte ihn von den F��en gefegt. Sein Kopf dr�hnte, und f�r einen Moment sah er nichts als farbige Kreise.</p><p>Aber er erkannte zumindest, da� es nicht der Krieger war, dessen Stimme er h�rte. Der Mann war wieder zur Reglosigkeit erstarrt, zu einer stummen, drohenden Statue.</p><p>Die Stimme, die er h�rte, kam aus den Schatten im Hintergrund des Kellergew�lbes. Stoff raschelte, und pl�tzlich erkannte Howard undeutlich eine zweite, kleinere Gestalt.</p><p>�Schade, da� wir uns unter solchen Umst�nden kennenlernen m�ssen, Lovecraft�, fuhr die Stimme fort. �Ich habe von Ihnen geh�rt, wissen Sie? Unter anderen Umst�nden h�tten wir vielleicht sogar zusammenarbeiten k�nnen. Aber so ...� Er sprach nicht weiter, sondern seufzte nur h�rbar und kam n�her.</p><p>Howard schrie gellend auf, als aus dem Schatten ein K�rper wurde und er Einzelheiten erkannte ...</p><p>�Also - zum letzten Mal, Freundchen. Wer sind Sie und wie kommen Sie hierher?�</p><p>Tornhills Stimme - ich glaubte zumindest, in dem genuschelten Etwas, mit dem er sich vorgestellt hatte, den Namen �Tornhill� verstanden zu haben - klang scharf. Er war kein geduldiger Mensch.</p><p>�Mein Name ist ...� Ich stockte, kramte verzweifelt in meinen Erinnerungen herum und blickte Tornhill mit einer Mischung aus Furcht und Verwirrung an, die seinen ohnehin kaum noch verhohlenen Zorn noch zu steigern schien.</p><p>Ich h�tte schreien k�nnen. Es war nicht so, da� ich an Amnesie litt. Ich wu�te sehr gut, wer ich war und vor allem, was geschehen war. Die Erinnerungen und Fakten waren da, aber jedes Mal, wenn ich danach greifen, meinen Namen oder irgend etwas anderes aussprechen wollte, schien eine unsichtbare Hand durch mein Bewu�tsein zu fahren und alles fortzuwischen. Ich f�hlte mich in der Lage eines Mannes, der unversehens aufwachte und merkte, da� er nicht mehr gehen kann.</p><p>Tornhill seufzte. �In Ordnung�, sagte er bissig. �Wenn Sie gerne Spielchen spielen, vergeuden wir eben unsere Zeit.� Er grinste - ungef�hr so freundlich wie eine Schlange, die gerade ein besonders fettes Kaninchen ersp�ht hatte - setzte sich vor mir auf die Schreibtischkante und st�tzte sein Doppelkinn auf die Faust. Tornhill war der mit Abstand fetteste Mensch, den ich jemals gesehen hatte. Er bewegte sich nur langsam, und wenn er ging, dann flo� er eher von einem Punkt zum anderen, als da� er lief. Aber im Gegensatz zu den meisten Dicken war er weder gutm�tig noch gem�tlich.</p><p>�Ihren Namen kenne ich sowieso�, sagte er.</p><p>Nun, da wu�te er mehr als ich. Nat�rlich kannte ich meinen Namen. Er lautete ...</p><p>�Tut mir leid, Mister Tornhill�, murmelte ich. �Ich -�</p><p><emphasis>�Inspektor </emphasis>Tornhill�, verbesserte er mich kalt. �Inspektor Tornhill von Scotland Yard. Mordkommission, um genau zu sein.�</p><p>Mordkommission? F�r einen Moment durchbrach eisiger Schrecken das schwarze Gewusel, in das sich meine Erinnerungen verwandelt hatten. Aber ich vermochte das Wort nicht wirklich zu verarbeiten.</p><p>�Also, Mister Andara�, fuhr Tornhill fort, ein triumphierendes Glitzern in den Augen. �Ihren Namen kennen wir, wie gesagt.�</p><p>�Andara?� Ich sah auf. Andara war eindeutig <emphasis>nicht </emphasis>mein Name. �Wie kommen Sie darauf?�</p><p>Tornhill l�chelte kalt. �Weil Ihr Bild unten in der Halle h�ngt, mein Lieber�, erkl�rte er.</p><p>Irgend etwas in meinem Bewu�tsein machte h�rbar �Klick�, und pl�tzlich war ein Teil meiner Erinnerungen frei. Ich sah das Bild vor mir, das kleine Namensschildchen aus Messing darunter und das Gesicht darauf.</p><p>�Das bin nicht ich�, widersprach ich. �Der Mann auf dem Bild ist mein Vater. Mein Name ist ... Craven. Robert Craven.�</p><p>�Craven?� Tornhill runzelte die Stirn und sah mich scharf an. Aber er widersprach nicht. Unter dem Bild stand auch ein Datum, soweit ich mich erinnerte - und da� ich keine f�nfundf�nfzig Jahre alt war, begriff er wohl.</p><p>�Ihr Vater also�, sagte er nach einer Weile. �Dann sehen Sie sich wirklich �hnlich.� Die Art, in der er die Worte aussprach, gefiel mir nicht. Und als ich aufsah, bemerkte ich, wie sein Blick an meiner wei�en Haarstr�hne hing. Die meisten Menschen, die mich zum ersten Mal sehen, k�nnen sich einer abf�lligen Bemerkung �ber den gezackten wei�en Blitz in meinem Haar nicht enthalten. Die allermeisten mochten es f�r eine Modetorheit und mich folglich f�r einen leicht bescheuerten Geck halten; einige wenige ahnten wohl, da� es mit dieser Str�hne etwas Besonderes auf sich hatte, und sehr wenige mochten auch instinktiv sp�ren, da� es kein angenehmes Geheimnis war, das sich hinter der schlohwei�en Str�hne verbarg. Ich hatte das sichere Gef�hl, da� Tornhill zur letzten Gruppe geh�rte.</p><p>Wenn ich mich nur erinnern k�nnte! Es war alles da, greifbar und nah, aber zwischen mir und meinem Denken schien eine unsichtbare Wand zu sein.</p><p>�Dann geh�rt Ihnen also dieses Haus�, fuhr Tornhill nach einer Ewigkeit fort.</p><p>Ich nickte. Die unsichtbare Hand fuhr wieder durch mein Gehirn, tastend, sondierend, suchend. Jemand spielte Scrabble mit meinen Erinnerungen, aber dieser Jemand mu�te Analphabet sein. �Was ... ist passiert?� fragte ich.</p><p>Tornhills linke Augenbraue rutschte ein St�ck nach oben, wie ein haariger Wurm, der seine Glatze hinaufkroch. �Sie wissen es wirklich nicht?� fragte er. Seine Stimme klang noch immer kalt, aber schon merklich freundlicher als bisher. Einer seiner Assistenten - es waren allein drei hier in der Bibliothek, und den Ger�uschen nach zu schlie�en mu�te sich noch eine ganze Armee drau�en im Haus aufhalten - trat neben ihn und fl�sterte ihm etwas ins Ohr. Tornhill scheuchte den Mann mit einer unwilligen Geste fort und knurrte �sp�ter!�</p><p>�Was passiert ist?� fragte er, wieder an mich gewandt. �Nun, eigentlich hatte ich gehofft, eine Antwort auf diese Frage von Ihnen zu erhalten. Jemand hat uns alarmiert, weil er Schreie und Sch�sse aus dem Haus geh�rt hat.� Er zog eine Grimasse. �Ein brennender Mann soll aus dem Fenster gefallen sein.�</p><p><emphasis>Die Gestalt taumelte wie eine lebende Fackel auf mich zu. Ich scho� immer und immer wieder, und ich sah, wie die Kugeln als kleine wei�gl�hende B�lle in der Flammens�ule explodierten, in die sich der Unheimliche verwandelt hatte, aber er kam n�her und n�her, die lodernden H�nde vorgestreckt.</emphasis></p><p>Ich st�hnte. Das Bild war wie eine Explosion in meinem Geist erschienen. Im ersten Moment erschien es mir zu schrecklich, um wahr sein zu k�nnen, ein Bild aus einem Alptraum. Aber ich wu�te, da� es passiert war.</p><p>�Was haben Sie?� fragte Tornhill.</p><p>�Nichts.� Ich sch�ttelte hastig den Kopf und richtete mich ein wenig in dem Sessel auf, in den mich Tornhill und sein Assistent gedr�ckt hatten. �Sprechen Sie weiter.�</p><p>Tornhills Augenbraue glitt noch ein St�ck weiter nach oben und erreichte jetzt fast den Scheitel. Aber er fuhr unbeeindruckt fort: �Das ist es eigentlich schon. Mit Ausnahme von acht Toten und zwei Bewu�tlosen, hei�t das.�</p><p>�Toten?� Wieder blitzte ein Bild vor meinem inneren Auge auf. <emphasis>Rowlfs Gesicht, verzerrt vor Schmerzen und �ber und �ber voller Blut. Howards verzweifelter Schrei. Das Ungeheuer ...</emphasis></p><p>�Ihre Hausangestellten, Mister ... Craven�, antwortete Tornhill. �Und ein Mann, in dessen Tasche ein gef�lschter Pa� war, der auf den Namen ...� Er stockte, griff in die Innentasche des kleinen Zeltes, das er anstelle eines �berrockes trug, und nahm einen zerknitterten Pa� heraus.</p><p>�Da haben wir es ja. Dr. Dr. Dr. Mortimer Gray�, las er vor und sah mich pr�fend an. �Hat er gestottert?�</p><p>�Dr. jur, Dr. phil und Dr. med�, erkl�rte ich. Tornhill wu�te recht gut, was die drei �Dr.� zu bedeuten hatten. �H�ren Sie auf, den Deppen zu spielen, Tornhill.�</p><p>Ein am�siertes Glitzern erschien in seinen Augen. �Wer war es wirklich?� fragte er.</p><p>�Wie kommen Sie darauf, da� dieser Mann nicht Dr. Gray war?� erwiderte ich; nur, um Zeit zu gewinnen. Wieder zuckten Bilder durch meinen Kopf. Und allm�hlich begannen sie sich zu einem Ganzen zu formen.</p><p>�Ich kenne Dr. Gray�, antwortete Tornhill. �Er ist ein ber�hmter Anwalt und Arzt, das sollten Sie wissen, Craven. Ich hatte oft genug mit ihm zu tun. Dieser Tote hier ist auf keinen Fall Dr. Mortimer Gray. Und ich h�tte seinen falschen Pa� nicht gebraucht, um es zu merken.�</p><p>Pl�tzlich stand er auf, knallte den Ausweis mit einer w�tenden Bewegung auf den Tisch und funkelte mich an. Von seiner Ruhe war nichts mehr geblieben.</p><p>�Verdammt, Mister Craven�, schnauzte er. �Ich werde zu einem Haus gerufen, in dem ein Massaker stattgefunden hat, und alles, was ich von Ihnen h�re, sind <emphasis>Fragen! </emphasis>Wie w�re es mit ein paar Antworten?� Er trat auf mich zu und beugte sich vor.</p><p>�Wo waren Sie?� br�llte er. �Meine M�nner haben dieses Zimmer auf den Kopf gestellt, zweieinhalb Stunden lang, und es war keine Spur von Ihnen zu sehen!�</p><p>Ich hielt seinem Blick einen Herzschlag lang stand, ehe ich auf die Uhr deutete. �Dort ... drinnen�, sagte ich. �Sie haben mich doch selbst -�</p><p>�H�ren Sie auf, Craven�, unterbrach mich Tornhill w�tend.</p><p>�Sie k�nnen nicht die ganze Zeit dort drinnen gewesen sein. Sie w�ren erstickt, in dieser Kiste.�</p><p>Wieder gab die unsichtbare Hand einen Teil meiner Erinnerungen frei.</p><p>�Es ist ... keine Uhr�, sagte ich schleppend. �Dahinter ist noch ein Raum. Eine ... Bibliothek. Die R�ckwand l��t sich �ffnen.�</p><p>Tornhill starrte mich zweifelnd an, fuhr herum und walzte auf die offenstehende Uhr zu. Bei seiner K�rperf�lle war es ein Kunstst�ck - aber er brachte es wirklich fertig, sich in die Uhr zu zw�ngen und seine fleischige Hand auf die R�ckwand zu pressen.</p><p>Holz knirschte, dann schwang die R�ckwand zur Seite und gab den Blick auf die Geheimbibliothek frei, die sich dahinter verbarg.</p><p>Meine Gedanken �berschlugen sich. Die Information war pl�tzlich da gewesen, ein weiteres Bruchst�ck in dem Durcheinander hinter meiner Stirn. Es steckte Methode dahinter. Das war keine normale Amnesie, wie sie manchmal auftrat, wenn man bewu�tlos gewesen war. Etwas kontrollierte meine Erinnerungen, mein Ged�chtnis. Und dieses Etwas gab mir immer genau die Menge an Information, die ich unbedingt brauchte. Kein bi�chen mehr.</p><p>�Eine Bibliothek, wie?�</p><p>Tornhill war durch die Uhr getreten und im angrenzenden Raum verschwunden. Seine Stimme erzeugte ein sonderbares, hallendes Echo.</p><p>Ich stand auf, n�herte mich der Uhr - und blieb wie versteinert stehen, als mein Blick in die dahinterliegende Bibliothek fiel.</p><p>Der Raum war vorhanden - vielleicht f�nf Schritte breit und dreimal so lang. An den W�nden standen Regale, auf denen hier und da noch die vermoderten �berreste von B�chern zu erkennen waren, gr�nwei�e Klumpen von Schimmel und schleimigem Moder.</p><p>Tornhill war stehengeblieben. Als er meine Schritte h�rte, drehte er sich um und sah mich vorwurfsvoll aus seinen kleinen Schweins�uglein an.</p><p>�Ich wei�, da� es Ihre Sache ist, Craven�, sagte er. �Aber wenn Sie einen Rat von mir wollen - Sie sollten Ihre Putzfrau entlassen.�</p><p>Ich konnte ihm nicht widersprechen. Auf dem Fu�boden - oder dort, wo eigentlich der Fu�boden sein sollte - lag eine drei�ig Zentimeter hohe Schicht aus schwarzem, �lig gl�nzendem Schleim, in die er bis �ber die Waden eingesunken war.</p><empty-line/><p>Die Gestalt schien geradewegs aus einem Alptraum entsprungen zu sein. Es war ein Mensch, aber das war nur noch an seinen Proportionen zu erkennen; und selbst die waren verschoben, als w�re der ganze Leib zusammengestaucht und auf grausame Art deformiert worden. Seine Haut war, wo sie nicht geschw�rzt und verkohlt war, zerrissen und mit braunroten feuchten Krusten �bers�t, und durch die zerfetzten Kleider war der blanke Knochen zu erkennen. Necrons Stimme klang, als k�me sie aus einem zermalmten Kehlkopf.</p><p>�O mein Gott!� keuchte Howard. �Was -�</p><p>Necron machte eine w�tende Geste. �Der hilft Ihnen jetzt auch nicht mehr, Lovecraft�, zischte er. Aus seinen Worten sprach der Ha�. �Schauen Sie mich ruhig an. Schauen Sie sich an, was dieser Hund Craven und ihr Gehilfe mit mir gemacht haben. Sie werden daf�r bezahlen, das schw�re ich Ihnen!�</p><p>�Aber ich -� Howards Stimme versagte. Jetzt, nachdem er den ersten Schock �berwunden hatte, der dem Anblick der f�rchterlichen Erscheinung gefolgt war, begann er zu begreifen.</p><p>�Das waren ... Sie?� murmelte er ungl�ubig. �Sie selbst waren der Mann, der versucht hat, Robert zu ermorden?�</p><p>�Ermorden?� Necron lachte schrill. �Meinetwegen nennen Sie es so. Ich nenne es eine Hinrichtung.�</p><p>Van der Groot begann schrill zu wimmern. �Wer ist das, Lovecraft?� keuchte er. �Was bedeutet das?�</p><p>Howard machte eine unwillige Bewegung mit der Linken, um den Holl�nder zum Schweigen zu bringen, und trat gleichzeitig einen Schritt auf den verkr�ppelten Magier zu.</p><p>Sofort spannte sich die Gestalt des Kriegers neben Necron. Howard blieb stehen.</p><p>�Warum das alles, Necron?� fragte er. Ein b�ses L�cheln spielte um seine Lippen. �Oder sollte ich Sie lieber Ab ...�</p><p><emphasis>�Schweigen Sie!� </emphasis>Necrons Worte waren wie ein Peitschenhieb. �Sprechen Sie diesen Namen nicht aus, Lovecraft. Niemals!�</p><p>�Wie Sie wollen, Necron. Aber das beantwortet meine Frage nicht. Warum das alles? Warum haben Sie mich nicht von Ihren Killern ermorden lassen?�</p><p>�Wenn es Sie st�rt, kann ich es nachholen�, erwiderte Necron b�se. �Aber ich will Ihre Frage beantworten. Ich brauche Sie.�</p><p>�Lovecraft, was ... was hat dieser Teufel vor?� wimmerte van der Groot. �Bitte, was ...?�</p><p>Necrons Hand machte eine blitzartige, kaum wahrnehmbare Bewegung. Die schwarze Gestalt des Drachenkriegers bewegte sich wie ein Schatten auf van der Groot zu. Seine Faust traf den Holl�nder am Kinn. Er br�llte, fiel nach hinten und kr�mmte sich auf dem Boden.</p><p>�Das war f�r den Teufel, vermute ich�, sagte Howard, ohne den Blick von der verst�mmelten Gestalt des Alten zu nehmen. Er begriff es immer noch nicht ganz. Der logische Teil seines Bewu�tseins sagte ihm mit aller Klarheit, da� er einer der geheimnisumwittertsten Gestalten gegen�berstand, die es jemals gegeben hatte, aber ein anderer, verborgener Teil seines Selbst weigerte sich einfach, die Tatsache anzuerkennen. Necron! Der Hexer der Drachenburg! Er stand einer lebenden Legende gegen�ber. Einer Legende, die mit Blut und Tr�nen geschrieben war und eine endlose Geschichte des Leidens und der Furcht erz�hlte.</p><p>�Was wollen Sie von mir?� fragte er, wieder an den Alten gewandt.</p><p>�Von Ihnen gar nichts�, erwiderte Necron hart. �Ich will etwas <emphasis>mit </emphasis>Ihnen. Vielleicht werden Sie es nie begreifen, aber Sie haben noch einmal Gl�ck gehabt, Lovecraft. Ginge es nach mir, w�rde ich Sie t�ten, Sie und diese beiden j�mmerlichen Narren da. Aber es geht nicht nach meinem Willen. Die Aufgabe ist wichtiger.�</p><p>�Welche Aufgabe?� stammelte van der Groot. Wieder erhob der schwarzgekleidete Krieger die Hand, um ihn zu schlagen, aber diesmal hielt ihn Necron mit einer raschen Bewegung zur�ck.</p><p>�Sie und Ihre Br�der sind nicht die einzigen, die hinter einem gewissen Buch her sind, van der Groot�, sagte Howard leise. �Das da vorne ist gewisserma�en die Konkurrenz.� Er lachte leise und blickte Necron fest ins Gesicht. �Oder?�</p><p>Der Magier nickte. Die Bewegung wirkte abgehackt, wie die einer Puppe, die von einem ungeschickten Spieler gelenkt wurde.</p><p>�Und jetzt lassen Sie mich weiterraten�, fuhr Howard fort. �Sie sind gekommen, um Robert zu t�ten, weil Sie in ihm den Erben Roderick Andaras erkannt haben. Aber dann ist irgend etwas geschehen, das Sie zu einer �nderung Ihrer Pl�ne bewegen hat. Was war es?�</p><p>Necron antwortete nicht. Seine rechte, unversehrte Hand ballte sich zur Faust.</p><p>�Cthulhu.�</p><p>Howard drehte verwirrt den Kopf und wandte sich dann ganz um. Van der Groot hatte sich wieder aufgesetzt und blickte voller Angst zwischen ihm, dem Alten und der hoch aufgerichteten Gestalt des Drachenkriegers hin und her. Aber seine Stimme war fest, als er weitersprach.</p><p>�Es ist Cthulhu, Lovecraft�, sagte er. �Wir ... der Orden ... haben Informationen erhalten. Unser Ordensherr hatte ... eine Vision. Er sah ... Cthulhu. Er ist wiederauferstanden, in alter Macht. Das ... das Wesen, das in Gestalt des M�dchens auftrat und Craven get�tet hat, war ein Shoggote, von Cthulhu nach seinem Vorbild erschaffen.�</p><p>�Stimmt das?� fragte Howard. Nat�rlich antwortete Necron nicht, aber das war auch nicht n�tig.</p><p>Es ergab alles seinen Sinn.</p><p>�So ist das also�, sagte Howard nachdenklich. �Sie kommen zur�ck, Necron. Die M�chte, denen Sie Ihre Seele verschrieben haben, sind lebendig geworden. Und sie fordern jetzt ihren Preis.� Er blickte nachdenklich in das zerst�rte Gesicht des uralten Magiers. �Aber Sie sind nicht bereit, diesen Preis zu zahlen. Sie haben durch den Orden erfahren, da� Robert sich im Besitz des NECRONOMICONS befindet, und Sie wollen es haben. Glauben Sie wirklich, Sie k�nnten den GROSSEN ALTEN widerstehen?�</p><p>�Ich wei� es�, versetzte Necron zornig. �Sie m�gen viel wissen, Lovecraft, aber Sie sind trotzdem ein Narr. Niemand au�er mir ahnt, welche Macht das Buch dem gibt, der es wirklich zu lesen versteht. Es enth�lt Geheimnisse, denen selbst die ALTEN nicht gewachsen sind. Mit diesem Buch kann selbst ich ihnen die Stirn bieten.� Er lachte meckernd. �In gewissem Sinne sind wir sogar Verb�ndete. Wenigstens bin ich ein Mensch.�</p><p>�Da bin ich mir gar nicht so sicher�, antwortete Howard, wohlweislich aber so leise, da� Necron seine Worte nicht h�ren konnte. Laut sagte er: �Sie haben sich verrechnet, Necron. Cthulhu wird Ihren Verrat bemerken. Er wird Sie t�ten.�</p><p>�Nicht, wenn ich das Buch habe.�</p><p>�Sie ... Narr�, keuchte van der Groot. �Der einzige Mensch, der wu�te, wo das Buch verborgen liegt, ist tot.�</p><p>�Robert ist nicht tot�, sagte Howard, ohne ihn anzusehen.</p><p>�Nein�, f�gte Necron hinzu. �Und er wird mir das Buch aush�ndigen. Nicht wahr, Lovecraft?�</p><p>Howard schwieg, aber er wu�te nur zu gut, wie recht der Alte hatte. Nat�rlich w�rde Robert das Buch herausgeben - aller Logik und allen Warnungen zum Trotz.</p><p>Es war ganz einfach. So einfach, da� er fast gelacht h�tte. Necron hatte ein Pfand, gegen das Robert selbst seine Seele verkauft h�tte. Ihn, Rowlf - und Priscylla.</p><p>�Sie ... m�ssen verr�ckt sein, Necron�, sagte Howard. Seine Stimme zitterte. �Sie bilden sich ein, gegen Wesen k�mpfen zu k�nnen, deren Macht die von G�ttern ist. Dabei sind Sie nichts als ein j�mmerlicher Taschenspieler, im Vergleich zu ihnen.�</p><p>�So?� machte Necron. Howards Worte schienen ihn eher zu am�sieren als zornig zu machen.</p><p>�Sehen Sie sich doch an!� begehrte Howard auf. �Ich wei� nicht, <emphasis>wie </emphasis>Sie es gemacht haben, da� Sie noch leben - aber schon ein ganz normaler Mensch wie Robert h�tte Sie um ein Haar get�tet.�</p><p>Necron lachte leise, richtete sich auf und schnippte mit den Fingern. Eine hochgewachsene, ganz in schwarzes Tuch gekleidete Gestalt trat aus den Schatten hervor und blieb mit demutsvoll gesenktem Blick zwei Schritte vor ihm stehen. �Vielleicht war es Absicht, Lovecraft�, sagte er leise. �Vielleicht wollte ich ja, da� Sie mich so sehen - damit ich Ihnen beweisen kann, <emphasis>wie </emphasis>gro� meine Macht wirklich ist. <emphasis>Schauen Sie!�</emphasis></p><p>Und damit hob er die unversehrte Hand und machte eine rasche, befehlende Geste. Der Krieger trat n�her, fiel auf die Knie herab und senkte das Haupt.</p><p>Necron begann zu summen. Seine Stimme wurde hoch, dann schrill, formulierte sinnlos erscheinende und doch irgendwie drohend klingende Worte.</p><p>Und dann ging eine unheimliche Ver�nderung mit ihm vor.</p><p>Sein zerst�rtes Gesicht begann sich zu gl�tten. Die klaffenden Wunden schlossen sich. Die Blutkrusten verschwanden, zerbrochene Knochen f�gten sich wieder zusammen, die gerissene Haut begann auf wundersame Weise zu heilen, in Sekunden, wozu die Natur Monate gebraucht h�tte. Seine gebeugte, zusammengestauchte Gestalt straffte sich, die Schultern wurden wieder gerade, und unter dem zerrissenen schwarzen Stoff seiner Kutte drang ein f�rchterliches Rascheln und Knistern hervor.</p><p>Der unheimliche Vorgang dauerte nicht einmal eine Minute. Als er vor�ber war, war aus dem verkr�ppelten Zerrbild eines Menschen ein alter, schwarzhaariger Mann mit scharfer Adlernase und dunklen, stechenden Augen geworden.</p><p>Und dort, wo der Drachenkrieger gekniet hatte, lag nur noch eine leere Kutte aus schwarzem Tuch.</p><empty-line/><p>�Was ist das hier?�</p><p>Tornhill sprach langsam, �berdeutlich und �ber die Ma�en betont, um seinen Worten das geh�rige Gewicht zu verleihen. Da� seine Stimme dabei vor kaum verhohlenem Schrecken bebte, verdarb ihm den Effekt. Seine Augen waren unnat�rlich geweitet, und auf der Stirnglatze perlte kalter Schwei�.</p><p>�Was ist das hier?� fragte er noch einmal. �Ein Irrenhaus oder was? Oder treiben Sie ein besonders ausgekochtes Spielchen mit mir, Craven?� Er beugte sich vor, zog mit spitzen Fingern den Stoff seiner Hose �ber dem rechten Bein nach oben und betrachtete angeekelt seine Schuhe. Er hatte den schwarzen Schleim mit einem Zipfel der Gardine abgewischt, aber aus Str�mpfen und Hose hatte er das Zeug nur notd�rftig herausbekommen.</p><p>Und den Geruch schon gar nicht.</p><p>�Also, Craven ...� Er setzte sich auf und atmete h�rbar ein. �Ich fasse noch einmal zusammen - soweit ich die unglaubliche Geschichte, die Sie mir aufgetischt haben, richtig verstehe. Sie behaupten also, dieses Haus gestern bezogen zu haben. Ein Erbst�ck von Ihrem Vater, sozusagen.�</p><p>�Sozusagen�, best�tigte ich. Das Wort kam noch schleppend �ber meine Lippen. Die Klammer um mein Bewu�tsein begann sich zu lockern, aber es war ein langer und beinahe schmerzhafter Proze�, und die Informationen, die ich bekam - die man mir <emphasis>zubilligte, </emphasis>berichtigte ich mich in Gedanken -, waren sorgsam gefiltert. Ich wu�te gerade genug, um Tornhills Fragen beantworten zu k�nnen, nicht mehr. Aber ich hatte auch zugeh�rt, und bei allem Schrecken, mit dem mich Tornhills Worte erf�llt hatten, sp�rte ich trotzdem eine vorsichtige Erleichterung. Mary, die sich um Priscylla gek�mmert hatte, war am Leben. Verletzt und in keinem guten Zustand, aber am Leben.</p><p>Priscylla selbst war verschwunden, genau wie Howard, Rowlf und Howards sonderbarer Doppelg�nger. Und irgend etwas sagte mir, da� sie ebenfalls noch lebten. Ich sp�rte es einfach.</p><p>Tornhill nickte. �Sie behaupten weiter, von einem Mann, der aussah wie Dr. Gray und sich auch als dieser ausgab, hierhergebracht worden zu sein. Anschlie�end haben Sie Ihren alten Freund Lovecraft getroffen. Aber beide waren nicht die M�nner, f�r die sie sich ausgaben, sondern Doppelg�nger - was Sie allerdings erst sp�ter erfuhren. Weiter behaupten Sie, von einem schwarzgekleideten Mann angegriffen worden zu sein. Sie haben mehrmals auf ihn geschossen, dabei dieses Zimmer in Brand gesetzt und ihn anschlie�end aus dem Fenster geworfen. Danach sei dann pl�tzlich der richtige Lovecraft aufgetaucht -�</p><p>�Nicht danach�, unterbrach ich ihn. �Er war es, der mich gerettet hat, als mich der Fremde angriff.�</p><p>�Geschenkt�, sagte Tornhill ungehalten. �Jedenfalls behaupten Sie weiter, da� der echte Lovecraft danach auf seinen Doppelg�nger getroffen ist. Aber bevor Sie Licht in die Sache bringen konnten, tauchte ein Doppelg�nger ihrer Braut auf, schlug Gray tot und jagte Sie in diese Uhr. Soweit richtig?�</p><p>Ich nickte, war aber klug genug, ihn dabei nicht anzusehen. Wir waren allein in der Bibliothek. Als ich angefangen hatte zu erz�hlen, hatte Tornhill all seine Gehilfen und Assistenten aus dem Zimmer geschickt.</p><p>�Wissen Sie, wie sich diese Geschichte anh�rt, Craven?� fragte Tornhill ruhig.</p><p>�Ziemlich ... verwirrend.�</p><p>�Ziemlich bescheuert�, verbesserte mich Tornhill. �Und das ist noch gelinde ausgedr�ckt.� Er beugte sich vor und fuchtelte mit einem Finger vor meinem Gesicht herum. �Erstens�, sagte er, �haben wir den Toten, den Sie angeblich aus dem Fenster geworfen haben, nicht gefunden, Craven. Diesen Mann hat es nie gegeben. Und dann Ihr Gerede von den Doppelg�ngern. Wo sind sie denn alle? Haben sich in Luft aufgel�st, wie? Ich habe Ihnen von einem brennenden Mann erz�hlt, den irgendeine hysterische Ziege zu sehen glaubte, als sie uns rief. Das hat wohl Ihre Phantasie angeregt, Craven. Aber es gab keinen brennenden Mann. Das Feuer hier ist wei� Gott wie entstanden, und wer diesen ... falschen Gray umgebracht hat ...� Er zuckte die Achseln. �Nach dem ersten Gutachten unseres Polizeiarztes hat man ihm das Genick gebrochen. Das bringt ein kr�ftiger Mann wie Sie leicht fertig, wenn er wei�, wie.�</p><p>�Warum verhaften Sie mich nicht gleich?� fragte ich w�tend. Das Schlimme war, da� ich ihm nicht einmal wirklich b�se sein konnte. W�re ich an seiner Stelle gewesen und h�tte eine derart unglaubliche Geschichte von einem Mann, der aus einem Uhrkasten gekrochen war, geh�rt, h�tte ich ihn gleich ins n�chste Irrenhaus eingeliefert. Aber vielleicht holte er das noch nach.</p><p>�Weil ich wissen will, was hier wirklich passiert ist�, antwortete Tornhill ruhig. �Verdammt, Craven, ich glaube nicht, da� Sie all diese Leute hier umgebracht haben. Aber ich glaube, da� Sie eine ganze Menge mehr wissen, als Sie zugeben.� Pl�tzlich wurde seine Stimme laut. �In diesem Haus sind <emphasis>acht </emphasis>Menschen ums Leben gekommen, Craven! Und wenn Sie die Wahrheit gesagt haben, dann sind vier weitere verschwunden. Glauben Sie, ich w�rde jetzt nur den Kopf sch�tteln und Tee trinken gehen?�</p><p>�Nat�rlich nicht. Aber -�</p><p>�Kein Aber, Craven�, sagte Tornhill. �Ich schw�re Ihnen, da� ich Sie von hier aus direkt in den Tower bringe und den Schl�ssel in die Themse schmei�e, wenn Sie nicht gleich mit einer glaubw�rdigen Erkl�rung herausr�cken.�</p><p>Ich sah ihn an, aber er hielt meinem Blick m�helos stand und l�chelte sogar: kalt, fordernd und beinahe ohne Gef�hl.</p><p>�Die Geschichte ist kompliziert�, begann ich langsam.</p><p>�Versuchen Sie�s�, sagte Tornhill. �Ich bin nicht ganz bl�d, wissen Sie?�</p><p>�Es geht ... um ein Buch�, sagte ich stockend. �Ich glaube, es geht um ein Buch. Ein ganz bestimmtes Buch. Die M�nner, die hier waren und sich als Howard und Dr. Gray ausgaben, waren hinter einem Buch her, das sich in meinem Besitz befindet. Ein sehr wertvolles Buch.�</p><p>�Das mu� es wohl sein�, knurrte Tornhill. �Wenn sie bereit waren, sieben Menschen daf�r umzubringen.�</p><p>�Sie h�tten auch siebenhundert Menschen ermordet, um in Besitz dieses Buches zu kommen�, antwortete ich. Tornhill zog erneut die Augenbrauen hoch, und ich beeilte mich, hinzuzuf�gen: �Sie sind nicht mit normalen Ma�st�ben zu messen, Inspektor. Diese M�nner sind ... Fanatiker. Religi�se Fanatiker.�</p><p>Es war ein Schu� ins Blaue. Eine glatte L�ge, auch wenn ich sp�ter begreifen sollte, da� ich der Wahrheit damit sehr sehr nahe gekommen war. Im Moment war es einfach das �berzeugendste Argument, das mir einfiel. Und Tornhill schien geneigt, mir zu glauben. Jedenfalls widersprach er nicht.</p><p>�Ich ... erinnere mich nicht genau an den Kampf�, fuhr ich fort. �Es ging alles so schnell ... Irgendwie gelangte ich in den Nebenraum. Sie konnten mich dort nicht finden. Diese Uhr ist eine perfekte Tarnung.�</p><p>�Und Sie wollen mir erz�hlen, diese ... M�nner h�tten Sie ebenfalls nicht gefunden?� fragte Tornhill.</p><p>�Sie hatten nicht viel Zeit zum Suchen�, gab ich zu bedenken. �Sie und Ihre Leute waren schnell zur Stelle. Und wer sucht schon in einer Uhr?�</p><p>Tornhill runzelte die Stirn. Aber zu meiner �berraschung sagte er nichts, sondern stand auf, ging wortlos wieder zu der Standuhr und lugte durch ihre beiden offenstehenden T�ren.</p><p>�Dann bleibt nur noch die Frage, was das hier f�r ein ... Zeugs ist�, sagte er. �Nur so - aus pers�nlicher Neugier, Craven. W�rden Sie es mir erkl�ren?�</p><p>Er fragte ganz und gar nicht aus pers�nlicher Neugier. Das f�hlte ich. Trotzdem stand ich auf und ging zu ihm hin�ber und ...</p><p><emphasis>Die Ebene reichte bis zum Horizont und dar�ber hinaus, und hoch �ber ihr, am Himmel, hing ein bleicher, knochenwei�er Mond. In der Luft lag der Gestank verwesender K�rper, und zwischen den schwarzen, in sanfter Monotonie auf- und abstrebenden Wellen, zu denen sich der Boden aufgeworfen hatte, lagen blasphemische Dinge von unbeschreiblicher Gestalt -</emphasis></p><p>Ich st�hnte. Das Bild hatte mich mit der Wucht eines Fausthiebes getroffen, und obgleich ich mir mit aller Gewalt einzuh�mmern versuchte, da� es nichts als eine �ble Vision war, wu�te ich doch mit unersch�tterlicher Gewi�heit, da� diese Spottgeburt von einer Welt existierte, irgendwo, verloren in den Weiten der Zeit und doch real und drohend und t�dlich.</p><p>�Was haben Sie?�</p><p>Tornhills Stimme war so deutlich, als st�nde er direkt neben meinem Ohr, aber seine Worte erreichten mein Bewu�tsein nicht.</p><p>Die Mauer war wieder da, diesmal in anderer Richtung: eine Wand, die zwischen der Welt und meinem Denken lag, und an der alles Reale, Greifbare und Wirkliche abprallte, die <emphasis>Platz </emphasis>f�r den Wahnsinn schuf, der sich mit eisigen H�nden in meinen Verstand w�hlte.</p><p>�Craven!� sagte Tornhill scharf. �Was ist mit Ihnen?�</p><p>Wie durch einen auf und ab wogenden Schleier aus Nebeln und b�sen Schatten sah ich, wie er sich herumdrehte und einen halben Schritt in meine Richtung tat. Dann blieb er pl�tzlich wieder stehen, aufmerksam geworden auf irgend etwas hinter der T�r.</p><p>�Nichts!� st�hnte ich. Dieses eine, kaum verst�ndliche Wort kostete mich unendliche �berwindung. Ich begann zu zittern. Die Kraft flo� aus meinem K�rper wie Blut, das durch eine f�rchterliche Wunde entweicht und nur Schw�che und Tod zur�ckl��t. Ich wollte ihn warnen, ihm zuschreien, da� er sich herumdrehen und laufen sollte, so schnell er konnte, weg, nur weg von der Uhr, aber <emphasis>ich war Stunde um Stunde gewandert, unf�hig, eine l�ngere Pause oder wenigstens eine kurze Rast einzulegen, denn der Boden war nicht fest, und wenn ich l�nger als ein paar Augenblicke auf der gleichen Stelle verharrte, begann ich in den h�llischen schwarzen Sumpf einzusinken, </emphasis>und ich konnte mich nicht r�hren, hatte nicht einmal die Kraft, auf ihn zuzutaumeln und ihn zur�ckzurei�en.</p><p>�Gehen Sie nicht ... dort hinein�, st�hnte ich. �Um Gottes willen, Inspektor, gehen ... Sie ... nicht durch die ... T�r.�</p><p>Meine Stimme versagte. Ich st�rzte, fiel hilflos zu Boden, aber der Schmerz, als ich mir das Gesicht blutig schlug, erreichte mein Bewu�tsein nicht.</p><p>Tornhill war mit einem Schritt bei mir und ri� mich in die H�he.</p><p>�Verdammt, Craven, was ist passiert?� fauchte er.</p><p>�Nicht dort hinein�, keuchte ich. Meine Gedanken begannen sich vollends zu verwirren. Ich konnte nicht mehr richtig sehen, begann die Kontrolle �ber meine Glieder zu verlieren und w�re erneut gest�rzt, h�tte Tornhill mich nicht gehalten. Sein Gesicht zerflo� vor meinen Augen zu einer amorphen wei�en Fl�che, seine Augen sanken ein und wurden zu lichtlosen schwarzen T�mpeln, aus denen mir der Wahnsinn entgegengrinste.</p><p>Dann ver�nderte es sich abermals. Seine Z�ge wurden schmaler, j�nger, weiblicher und sanfter, wurden zum Antlitz des einzigen Menschen, den ich jemals geliebt hatte. Aber nur f�r einen Moment, dann zerplatzte es erneut, und hinter der Maske Priscyllas kam ein grauenhaftes Ding zum Vorschein, eine boshafte perverse Karikatur menschlichen Lebens, die fleischgewordene Verspottung Priscyllas, der h�llische <emphasis>Shoggote, </emphasis>der an Priscyllas Stelle in meinem Haus aufgetaucht war, denn <emphasis>das Ding war mir gefolgt, als ich durch das Tor in die Vergangenheit geschleudert wurde. Zusammen mit mir hatte es den magischen Tunnel betreten, der in der Standuhr meines Vaters begann und in der Welt der GROSSEN ALTEN endete. Etwas war geschehen, w�hrend dieses Sturzes durch die Ewigkeiten, etwas hatte uns getrennt, so da� er in einigem Abstand zu mir - r�umlich oder zeitlich - die Welt seines Ursprunges erreicht hatte, aber er war da, und er sah mich und h�rte mich und er hatte begonnen, mich zu verfolgen und w�rde mich einholen, um zu vollenden, was ihm in der Bibliothek meines Hauses nicht gelungen war ...</emphasis></p><p>Ich schrie. F�r einen Moment �berschritt ich die Grenzen zum Wahnsinn; die Welt um mich herum wurde zu einem Alptraum aus grauschwarzen Spinnweben und Furcht. Ich br�llte und schrie und schlug in Panik um mich, bis Tornhill mich brutal an den Schultern hochri� und mir mit der flachen Hand vier-, f�nf-, sechsmal hintereinander ins Gesicht schlug.</p><p>�Sind Sie wieder normal?� fragte er. Seine Stimme klang kalt und �rgerlich wie zuvor, aber ich glaubte echte Sorge in seinem Blick zu erkennen.</p><p>M�hsam l�ste ich seine Hand von meiner Schulter, richtete mich auf und nickte. Dann sch�ttelte ich den Kopf.</p><p>�Aha�, machte Tornhill. �Und was hei�t das jetzt?�</p><p>�Ich bin ... in Ordnung�, sagte ich. �Glaube ich.�</p><p>Tornhills Blick verd�sterte sich. �Was sollte das?� fragte er. �Warum wollen Sie nicht, da� ich durch diese T�r gehe? Es w�re besser, wenn Sie mir jetzt endlich die Wahrheit sagen w�rden - ich bekomme es sowieso heraus. Ich werde n�mlich ganz Scotland Yard auf dieses Haus und ganz besonders dieses Zimmer dort ansetzen, wenn es sein mu�. Was ist dort dr�ben, Craven? Was ist dieses schwarze Zeugs?�</p><p>Ich wollte antworten, kam aber nicht dazu.</p><p>Durch die offenstehende T�r der Uhr wehte ein unheimliches Ger�usch heran. Im ersten Moment klang es wie das Heulen eines Wolfes, weit, weit entfernt und verzerrt vom Wind und der Leere. Aber dann wurde es schriller, bizarrer und fremdartiger, ein Laut, der nicht von dieser Welt war, ein unbeschreibliches <emphasis>wildes </emphasis>und <emphasis>feindseliges </emphasis>Kreischen, mit dem <emphasis>irgend etwas </emphasis>eine �onenalte Wut in die Welt hinausschrie.</p><p>Tornhill erbleichte. Seine Augen weiteten sich, und seine Lippen begannen zu zittern. Aber kein Laut entrang sich seiner Brust. Und dann drehte er sich mit starren, gezwungen wirkenden Bewegungen zur Standuhr herum.</p><p>�Nicht!� keuchte ich. �Gehen Sie nicht dorthin, Tornhill!�</p><p>Aber wenn der Inspektor meine Worte �berhaupt h�rte, so reagierte er nicht darauf - oder konnte es nicht. Langsam, mit Schritten, die von einer gnadenlosen unsichtbaren Kraft gelenkt wurden, n�herte er sich der T�r.</p><p>Ich sprang hoch, warf mich auf ihn und zerrte ihn mit aller Gewalt zur�ck. Mein Blick fiel durch die T�r.</p><p>Und was ich sah, lie� mich erstarren.</p><p>W�nde und Decke waren verschwunden, und wo die Geheimbibliothek meines Vaters gewesen war, erstreckte sich jetzt wieder die Welt der GROSSEN ALTEN, eine Welt, die vor zweihundert Millionen Jahren untergegangen war. An einer Stelle, noch weit entfernt, zuckte und bebte der Boden wie die schrundige Haut eines gewaltigen, h��lichen Tieres. Die erstarrten schwarzen Wellen bewegten sich wie unter Schmerzen.</p><p>Aber es war System in dieser Art der Bewegung. Es war kein wirkliches Erzittern, kein Beben dieser schwarzen lebenden Masse, nein, es war, als - <emphasis>krieche etwas dicht unter der Oberfl�che des Bodens heran, langsam und mit schwerf�lligen Bewegungen, aber zielstrebig und unaufhaltsam. Etwas Gro�es, Massiges, ungeheuer Starkes ...</emphasis></p><p>�Mein Gott, Craven - <emphasis>was ist das?�</emphasis></p><p>Tornhills Hand krampfte sich so fest um meine Schulter, da� ich vor Schmerz aufschrie und seinen Arm beiseite schlug. Aber er starrte blo� weiter auf das grauenhafte Bild, das Zucken und Wogen des Bodens, und das schwarze Etwas, das dicht unter seiner Oberfl�che auf uns zukroch.</p><p>�Was ist das, Craven?� wimmerte er. Jetzt schien <emphasis>er </emphasis>es zu sein, der am Rande des Wahnsinns entlangbalancierte.</p><p>Die Wellen kamen n�her. Ein dunkler, scheinbar formloser K�rper arbeitete sich dicht jenseits der T�r zur Oberfl�che empor und -</p><p>Es war wie eine lautlose Explosion.</p><p>Schwarzer Schlamm spritzte auf, mit Urgewalt auseinandergefetzt wie von einer M�rsergranate. Faustgro�e Brocken der widerlichen schwarzen Masse schossen zu uns heraus, besudelten den Teppich oder klatschten gegen die W�nde, schwarze Streifen wie z�hes Blut hinter sich herziehend.</p><p>Etwas Gro�es, Formloses brach aus der zerfetzten Oberfl�che des schwarzen Sumpfes, ein ungeheures Br�llen aussto�end. F�r einen Moment glaubte ich peitschende Krakenarme zu erkennen, eine verzerrte Fratze, beherrscht von einem f�rchterlichen, zahnbewehrten Papageienschnabel und einem einzelnen, blutigroten Auge, dann verging die Vision, und das Ding war nichts als eine formlose schwarze Masse, gro� wie ein B�r und wankend. D�nne, zuckende F�den des schwarzen Sumpfes tropften von seinem Leib.</p><p>Ich reagierte, ohne �berhaupt zu wissen, was ich tat. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Tornhills Hand unter seinen �berrock fuhr und mit einer langl�ufigen Pistole wieder zum Vorschein kam.</p><p>Ich wirbelte herum, warf mich mit meinem ganzen K�rpergewicht gegen ihn. Der Revolver entlud sich dicht neben meinem rechten Ohr mit einem Knall, der mir die Trommelfelle zu zerfetzen schien, aber die Kugel fuhr harmlos �ber uns in die Decke. Tornhill und ich st�rzten aneinandergeklammert zu Boden.</p><p>Als ich mich wieder aufrichtete, war das schwarze Ding halbwegs aus der Uhr herausgetreten. Es wankte. Gro�e, an schwarzen Eiter erinnernde Brocken des Sumpfes l�sten sich von einem Leib, liefen an seinem Sch�del herab und gaben Teile eines menschlichen Gesichtes frei.</p><p>Eines Gesichtes, das von unvorstellbarem Entsetzen zu einer Grimasse verzerrt war, wie ich sie noch nie zuvor erblickt hatte.</p><p>Und aus dieser scheu�lichen Visage kam eine Stimme. Eine Stimme, die kaum mehr Menschliches an sich hatte, und aus der alle Qualen der H�lle zu sprechen schienen.</p><p>�Helft ... mir�, r�chelte sie. �Ihr m��t ... mir ... helfen!�</p><p>Es waren nicht die Worte, die mich aufschrien und in die H�he fahren lie�en. Es war die Stimme selbst. Ich kannte sie, ebenso wie dieses vom Entsetzen zerst�rte Gesicht.</p><p>Es war Rowlfs Stimme.</p><empty-line/><p>�Verdammt, halten Sie still, van der Groot!� Howards Stimme erzeugte hallende Echos an den W�nden des Gew�lbekellers, und er sah aus den Augenwinkeln, wie ihr W�chter rasch aufblickte und sie aus kalten Augen mi�trauisch musterte, sich aber nicht r�hrte.</p><p>Van der Groot st�hnte, als Howards Fingerspitzen �ber sein angeschwollenes Kinn tasteten. �Das ... tut verdammt weh�, murmelte er.</p><p>�Es h�rt gleich auf.� Howard hielt den Kopf des anderen mit der linken Hand, tastete mit den Fingerspitzen der rechten weiter �ber sein Kinn, suchte einen bestimmten Nervenknoten und dr�ckte kurz und hart zu, als er ihn gefunden hatte. Van der Groot schrie auf, schlug seine Hand beiseite und machte pl�tzlich ein sehr verbl�fftes Gesicht.</p><p>�Was ... haben Sie gemacht?� stammelte er. �Die Schmerzen sind weg!�</p><p>Howard grinste und lehnte sich zur�ck. �Nichts Weltbewegendes�, antwortete er. �Nur ein kleiner Trick. Vielleicht lernen Sie ihn auch noch einmal, wenn Sie lange genug leben, um �ber den Rang eines bezahlten Killers hinauszukommen.�</p><p>Die Augen des Holl�nders wurden schmal vor Zorn. �Sie wissen ganz genau, da� ich kein bezahlter M�rder bin, Lovecraft�, sagte er.</p><p>�Ach?� machte Howard. �Und was hatten Sie vor, mit Rowlf und mir?�</p><p>�Jedenfalls keinen Mord.�</p><p>�Nennen Sie es, wie Sie wollen�, antwortete Howard. �Es l�uft aufs gleiche hinaus.�</p><p>�Das tut es nicht�, protestierte van der Groot. �Sie sind zum Tode verurteilt worden und haben sich der gerechten Strafe entzogen. Wundern Sie sich, wenn man M�nner hinter Ihnen herschickt?�</p><p>�Nein�, erwiderte Howard trocken. �Es kr�nkt mich allerdings, da� man dazu solche Nieten einsetzt wie Sie und diesen angeblichen Doktor Gray.� Er blickte van der Groot ernst an und f�gte hinzu: �Verurteilt? Von welchem Gericht, van der Groot?�</p><p>�Vom Rat der Ordensherren. Und �ber ihnen steht die h�chste Gerichtsbarkeit der Sch�pfung.�</p><p>�Und daran glauben Sie, wie?�</p><p>Van der Groot schien f�r einen Moment nicht mehr zu wissen, was er antworten sollte. Howards Stimme war frei von Spott oder Hohn gewesen.</p><p>�Nat�rlich�, sagte er schlie�lich. �Warum fragen Sie, Lovecraft? Sie wissen, da� keiner von uns aus Gewinnsucht oder anderen niederen Beweggr�nden handelt. Sie waren selbst einer von uns, bevor Sie ... bevor Sie den Orden verraten haben.� Der letzte Teil des Satzes klang irgendwie trotzig. Er blickte an Howard vorbei auf den schwarzgekleideten Drachenkrieger, aber seine Augen schienen etwas anderes zu sehen.</p><p>�Verrat?� Howard betonte das Wort auf sonderbare Weise. �Welche Art von Verrat meinen Sie, van der Groot?�</p><p>Der Holl�nder druckste herum. �Nun�, sagte er. �Ich ... man hat mir gesagt, da� Sie den Orden verraten haben, und man hat mir das Urteil gezeigt, unterzeichnet und besiegelt vom obersten Ordensherrn selbst.�</p><p>�Und das reicht, nicht wahr?� Howard l�chelte, aber es wirkte irgendwie traurig. �Nun - es spielt vermutlich keine Rolle mehr, ob Sie mir glauben oder nicht, van der Groot, aber ich versichere Ihnen, da� ich weder den Orden noch einen seiner Br�der in irgendeiner Form verraten habe. Ich habe das Schweigegel�bde gehalten. Nicht einmal Rowlf wei� von meiner ... Vergangenheit.�</p><p>�Das glaube ich Ihnen nicht�, antwortete van der Groot verstockt. �Der Ordensherr w�rde kein Fehlurteil sprechen.�</p><p>�Das hat er ja auch nicht�, sagte Howard. �Von seinem Standpunkt aus hatte er gar keine andere Wahl, als mich eliminieren zu lassen. Ich verstehe ihn sogar, auch wenn ich seine Meinung verst�ndlicherweise nicht ganz teilen kann. Ich hasse ihn deswegen nicht.�</p><p>�Was haben Sie dann getan, wenn Sie den Orden nicht verraten haben?� wollte van der Groot wissen.</p><p>�Etwas viel Schlimmeres�, antwortete Howard. �Ich habe die Wahrheit erkannt, van der Groot. Ich habe erkannt, da� der Orden unrecht tut, und da� seine Regeln auf den falschen Grunds�tzen aufgebaut sind. Die Ziele seiner Br�der m�gen gerecht sein, aber auf schlechtem Boden wachsen keine guten B�ume, was immer der Orden tut, wird �bles hervorbringen.� Van der Groot erbleichte. �Das ist ... Gottesl�sterung!� kr�chzte er.</p><p>�Nein�, erwiderte Howard. �Nur die Wahrheit. Aber ich glaube, wir sollten uns nicht dar�ber streiten. So, wie die Dinge liegen, wird wohl keiner von uns noch lange Gelegenheit haben, der einen oder anderen Seite zu dienen.�</p><p>�Sie ... glauben, Necron wird uns umbringen?� fl�sterte van der Groot.</p><p>Howard schwieg, und nach einer Weile wandte sich der Holl�nder wieder um und starrte in die grauen Schlieren, die den Keller in zwei ungleiche H�lften teilten. Necron und seine J�nger waren auf der anderen Seite dieser Barriere. Nur einer der Drachenkrieger war als W�chter bei ihnen zur�ckgeblieben, nachdem der Alte gegangen war und Rowlf mitgenommen hatte.</p><p>Rowlf ...</p><p>Howard h�tte viel darum gegeben, nur einen Blick durch den Nebelvorhang werfen zu k�nnen. Necron hatte mit keinem Wort angedeutet, was er mit Rowlf zu tun beabsichtigte. Howard glaubte nicht, da� er ihn t�ten wollte. Necron war grausam, aber nicht dumm, und wie seine M�nner t�tete er niemals ohne Grund - wenngleich ihm schon der geringste Anla� einen solchen bieten konnte.</p><p>Nein, Howard f�rchtete nicht um Rowlfs Leben. Nicht im Moment. Aber er hatte das bedr�ckende Gef�hl, da� der Tod vielleicht nicht das Gr��te aller �bel sein mochte, das seinem Diener und Freund im Moment zusto�en konnte. Es gab Dinge, die schlimmer waren als der Tod.</p><p>Er seufzte und wandte sich wieder an van der Groot. �Wissen Sie�, sagte er, �wenn es nicht so traurig w�re, w�rde ich laut dar�ber lachen. Sie und Ihre Br�der sind vielleicht die einzige Macht auf der Welt, die die GROSSEN ALTEN noch aufhalten k�nnte. Und statt mit dieser Macht zusammenzuarbeiten, laufe ich vor Ihnen und Ihresgleichen weg, und Sie setzen Himmel und H�lle in Bewegung, um mich umzubringen.�</p><p>�Es gibt keine Gemeinsamkeit zwischen uns�, antwortete van der Groot kalt. �Sie sind ein Verr�ter. Ganz gleich, wie Sie es nennen. Ihr Todesurteil wird vollstreckt werden. Wenn nicht jetzt, dann sp�ter.� Er lachte b�se. �Warum fragen Sie nicht Necron? Seine Seele geh�rt dem Teufel doch schon. Vielleicht arbeitet er mit Ihnen zusammen. Wir brauchen M�nner wie Sie nicht, Lovecraft. Gott wird uns die Kraft geben, die D�monen, die Sie die GROSSEN ALTEN nennen, zu schlagen, ohne da� wir deshalb einen Handel mit dem Satan eingehen m��ten.�</p><p>�Sie glauben nicht an sie, was?� fragte Howard.</p><p>�An wen? Die GROSSEN ALTEN?�</p><p>Howard nickte.</p><p>�Nein�, sagte van der Groot nach kurzem �berlegen.</p><p>�Aber haben Sie nicht selbst gerade erst gesagt, da� Ihr Ordensherr die Anwesenheit Cthulhus gesp�rt hat?�</p><p>�Das stimmt�, gestand van der Groot unbeeindruckt. �Wenn Sie <emphasis>diese </emphasis>Art von D�monen meinen - an die glaube ich. Ich wei�, da� es sie gibt. Es sind die �blen Geister und finsteren M�chte, die in der Seele der Menschen hausen.� Er �berlegte einen Moment, blickte den Drachenkrieger durchdringend an und fuhr fort: �Ich glaube an die Existenz des B�sen an sich. Wenn Sie das meinen, haben Sie recht. An Wesen wie Ihre GROSSEN ALTEN glaube ich nicht.�</p><p>�Sie Narr�, sagte Howard. �Haben Sie so wenig gelernt in den Jahren, die Sie ausgebildet wurden, ehe Sie in den Orden aufgenommen werden konnten? Oder sind die Regeln so gelockert worden, seit ich ausgeschieden bin? Zu meiner Zeit war es eine Ehre, sich Tempelherr nennen zu d�rfen!�</p><p>�Das ist es auch noch!� protestierte van der Groot. �Aber ich glaube nicht an Geschichten, mit denen man kleine Kinder und Idioten erschrecken kann. D�monen aus der Urzeit - das ist doch l�cherlich!�</p><p>�Und was war das f�r ein Wesen, das uns in der Bibliothek angegriffen hat?� fragte Howard ruhig.</p><p>Van der Groot schien einen Moment verunsichert. �T�uschung�, sagte er, aber der Klang seiner Stimme bewies, da� es nur eine Ausrede war, an die er selbst nicht glauben konnte. �Finstere Magie und Teufelszeug.�</p><p>�Nennen Sie es, wie Sie wollen�, sagte Howard. �Aber es ist -� Er stockte, blickte den dunkelhaarigen Holl�nder einen Moment verwirrt an und stand dann mit einem Ruck auf. Er ging auf die Nebelbarriere zu und hob beruhigend die Hand, als sich der Krieger spannte. �Ruf deinen Herrn�, sagte er, �ich mu� ihn sprechen.�</p><p>Der Krieger starrte ihn einen Moment unschl�ssig an, dann wandte er sich um und verschwand mit raschen Schritten durch die Nebelwand. Wenige Sekunden sp�ter kam er zur�ck, in Begleitung Necrons. Hinter ihnen schoben sich zwei weitere Drachenkrieger durch die grauen Schwaden.</p><p>�Was wollen Sie?� fragte Necron unwillig. �Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen zu unterhalten.�</p><p>�Das glaube ich gerne�, antwortete Howard am�siert. �Sie haben alle H�nde voll zu tun, sich Cthulhu vom Halse zu halten, nicht wahr? So, wie ich ihn einsch�tze, wird er es Ihnen nachtragen, da� Sie seinen Befehl mi�achtet haben.�</p><p>�Was geht Sie das an?� schnappte Necron.</p><p>�Nichts�, sagte Howard achselzuckend. �Ich dachte, wir k�nnten einen Handel abschlie�en.�</p><p>�Einen Handel?� Necrons gnadenlose Augen wurden schmal. �Was f�r einen Handel, Lovecraft?�</p><p>�Sie haben einen Fehler gemacht, Necron�, begann Howard. �Sie haben einen Befehl der GROSSEN ALTEN mi�achtet, und Sie haben einen ihrer Pl�ne zum Scheitern gebracht, was vermutlich schlimmer ist.�</p><p>�Habe ich das?�</p><p>�Behandeln Sie mich nicht wie einen Narren�, sagte Howard zornig. �Robert ist noch am Leben. Ich wei� nicht, ob er das wirklich Ihrer Eigenm�chtigkeit zu verdanken hat, aber da der Charakter der GROSSEN ALTEN noch miserabler sein d�rfte als der Ihre, wird Cthulhu Sie garantiert zum S�ndenbock machen.�</p><p>Wieder blieb Necron ihm die Antwort schuldig, und Howard fuhr fort:</p><p>�Sie wissen, da� es so ist. Vielleicht dauert es eine Zeit, bis er reagiert, aber wenn, wird seine Rache f�rchterlich sein. Er wird Sie nicht einfach umbringen. Ich wei� nicht, was er tun wird, aber ihm f�llt bestimmt etwas viel Am�santeres ein - von seinem Standpunkt aus.�</p><p>�Was wollen Sie?� fragte Necron. Seine Stimme war kalt wie Eis, aber in seinen Augen blitzte es.</p><p>�Ihnen einen Handel vorschlagen�, sagte Howard. �Ich helfe Ihnen, wenigstens noch ein paar Tage zu leben. Vielleicht gelingt es Ihnen sogar, Ihre sagenhafte Bergfestung zu erreichen und sich dort zu verbarrikadieren - das soll nicht meine Sorge sein. Jedenfalls werden Sie dieses Land lebend verlassen.�</p><p>�Und wie?� fragte Necron lauernd.</p><p>Howard l�chelte und sch�ttelte den Kopf. �So nicht, Necron. Erst meine Bedingung.�</p><p>�Sie haben keine Bedingungen zu stellen�, zischte Necron. �Aber bitte - sagen Sie, was Sie wollen.�</p><p>�Nichts, als da� Sie verschwinden�, antwortete Howard. �Sie gehen, nehmen Ihre M�nner mit und lassen mich, Rowlf, van der Groot und das M�dchen frei. Und Sie lassen die Finger von Robert.�</p><p>�Mehr nicht?� fragte Necron sarkastisch.</p><p>�Mehr nicht�, erwiderte Howard. ��berlegen Sie es sich, Necron. Die Dinge haben sich durch Ihre Eigenm�chtigkeit ge�ndert. Sie kamen, um Robert zu t�ten und sich des Buches zu bem�chtigen, aber ihr Verrat an Cthulhu hat alles ge�ndert. Wir sind jetzt Verb�ndete, ob es uns pa�t oder nicht. Wenn wir die GROSSEN ALTEN besiegen wollen, dann k�nnen wir das nur mit vereinten Kr�ften. Wenn es einer von uns allein versucht, wird er untergehen.�</p><p>�Sie untersch�tzen mich, Lovecraft�, antwortete Necron hart. �Und Sie �bersch�tzen sich. Aber gut - ich habe Ihre Forderung geh�rt. Was wollen Sie mir bieten?� Er kicherte. �Eine Schiffspassage �ber den �rmelkanal?�</p><p>�Ein <emphasis>Tor</emphasis>�, antwortete Howard ruhig.</p><p>Diesmal vergingen Sekunden, ehe Necron antwortete.</p><p>�Sie ... wissen von den ... Toren?� fragte er z�gernd.</p><p>Howard nickte. �Ja. Was glauben Sie, wie ich sonst so rasch von Arkham nach London kommen konnte, Necron? Ich wei� davon, und ich wei� auch, da� Sie das Tor, durch welches Sie hierhergekommen sind, nicht mehr benutzen k�nnen. So, wie es im Moment aussieht, k�nnen Sie �berhaupt keines der Ihnen bekannten Tore benutzen. Die Wege, die Sie gehen, werden ausnahmslos von den GROSSEN ALTEN beherrscht und �berwacht. Sie w�rden geradewegs in Cthulhus Rachen marschieren, wenn Sie eines der Tore benutzen w�rden.�</p><p>�Und Sie -�</p><p>�Ich kenne ein Tor, das nicht ihrem Einflu� unterliegt�, sagte Howard. �Ich wei�, wo es ist, und ich wei�, wie man es aktivieren kann. Seine Position gegen unsere und Roberts Freiheit.�</p><p>�Sie l�gen!� behauptete Necron.</p><p>Howard setzte sein sonnigstes L�cheln auf.</p><p>Der Alte starrte ihn eine endlose Sekunde lang an, dann ballte er die F�uste und trat w�tend einen Schritt auf ihn zu<emphasis>. </emphasis>�Sagen Sie, wo es ist!� befahl er. �Sagen Sie mir den Standort!�</p><p>�Es ist hier in London�, erwiderte Howard seelenruhig. Necrons Zorn schien ihn nicht im geringsten zu beeindrucken. �Warum suchen Sie es nicht?�</p><p>Necron keuchte vor Zorn. �Ich k�nnte Sie zwingen!�</p><p>�Versuchen Sie es�, antwortete Howard. �Sie k�nnen eine Menge, Necron, das gebe ich zu. Aber gerade haben Sie behauptet, ich w�rde Sie untersch�tzen. Begehen Sie nicht den gleichen Fehler! Ich bin kein Hexer wie Sie oder Robert, aber ich verstehe genug von Magie, um mich zu sch�tzen. Selbst vor Ihnen.�</p><p>�So?� kreischte Necron. �Das wollen wir sehen.�</p><p>�Wenn Sie zum Beispiel versuchen sollten -� begann Howard.</p><p>Necron hob die H�nde und begann dunkle Worte in einer gutturalen Sprache zu murmeln.</p><p>�- meinen Willen mit magischen Kr�ften zu brechen -�</p><p>Zwischen Necrons Fingern begann sich d�nner grauer Rauch zu kr�useln. Rauch, der wie spinnenfingrige H�nde durch die Luft auf Howard zuglitt und sein Gesicht umspielte.</p><p>�- dann k�nnte es durchaus sein, da� ich in meinem Unterbewu�tsein einen hypnotischen Befehl verankert habe -�</p><p>Der Rauch ballte sich dichter. Necrons Stimme wurde h�her und schriller, und pl�tzlich begann er wie ein Derwisch hin und her zu h�pfen. Die rauchigen Spinnenh�nde h�llten Howards Kopf so ein, da� sein Gesicht kaum noch zu erkennen war. Etwas bewegte sich zwischen ihnen.</p><p>�- der mich t�tet, wenn ich das Geheimnis verraten will. Sie verwenden doch den gleichen Trick bei Ihren M�nnern, oder? Die sterben auch, ehe Sie irgend etwas gegen Sie tun oder sagen k�nnen.�</p><p>Necron erstarrte mitten in der Bewegung, mit offenem Mund und halb in der Luft erhobenen H�nden. Sein Adamsapfel h�pfte auf und ab, als h�tte er eine lebende Kr�te verschluckt.</p><p>�Sie l�gen!� behauptete er. Seine Stimme zitterte.</p><p>Howard zuckte mit den Schultern. �Stellen Sie mich auf die Probe, Necron. Einen Versuch haben Sie frei. Aber nur einen.�</p><p>Drei, vier endlose Sekunden starrte Necron Howard Lovecraft aus zornesblitzenden Augen an, dann lie� er die H�nde sinken, ballte sie zu F�usten und knirschte h�rbar mit den Z�hnen.</p><p>�Also gut�, sagte er. �Sie haben gewonnen. Jedenfalls f�r den Moment.�</p><p>�Sie willigen ein?�</p><p>�Einwilligen?� Necron sch�ttelte zornig den Kopf. �Nein, Lovecraft. So schnell nicht. Aber ich werde Sie noch nicht umbringen. Und ich werde �ber Ihren Vorschlag nachdenken.�</p><p>�Tun Sie das�, rief Howard. �Aber lassen Sie sich nicht zu viel Zeit.�</p><empty-line/><p>�Zum hundertsten Male�, br�llte Tornhill. �Ich will wissen, was in diesem Haus vorgegangen ist, Craven. Alles. Jede Einzelheit.�</p><p>Dabei schlug er mit der flachen Hand auf die Platte des gewaltigen Schreibtisches, der den Gro�teil seines B�ros ausf�llte. Jeder, der auf der anderen Seite dieses gewaltigen M�belst�ckes auf dem unbequemen Besucherstuhl sa�, mu�te sich klein und sch�big vorkommen, zumal der Stuhl ein Gutteil zu klein geraten war und man zu Tornhill aufsehen mu�te; ein ziemlich mieser Trick, und dazu nicht einmal besonders originell.</p><p>Aber er funktionierte, zumindest in meinem Fall. Ich wu�te nicht mehr, wieviel Zeit vergangen war, seit mich Tornhill von Rowlf fortgerissen und an zwei seiner Leute �bergeben hatte.</p><p>Wir waren in Scotland Yard - zumindest nahm ich das an -, und dieser kleine Raum mit dem schmalen, zus�tzlich vergitterten Fenster im zweiten oder dritten Stock war Tornhills B�ro. Von der freundlichen, ja beinahe mitf�hlenden Art, die er in meinem Haus an den Tag gelegt hatte, war nichts mehr geblieben. Vielleicht lag es daran, da� Tornhill hier gewisserma�en auf eigenem Boden k�mpfte.</p><p>Vielleicht hielt er mich auch schlichtweg f�r einen M�rder.</p><p>�Also?� Er schrie jetzt nicht mehr, aber die Ruhe, mit der er sprach, war fast drohender.</p><p>Ich sah auf und fuhr mir mit dem Handr�cken �ber die Stirn. Meine Augen brannten, und auf meiner Zunge lag ein pelziger bitterer Geschmack. Ich hatte Durst. �Ich habe Ihnen alles erz�hlt, Tornhill�, sagte ich leise. �Glauben Sie mir. Ich ... wei� nicht, wer meine Hausangestellten umgebracht und die anderen entf�hrt hat.�</p><p>Tornhill starrte mich einen Moment mit unver�ndertem Ausdruck an, dann seufzte er, lehnte sich zur�ck und verschr�nkte die H�nde vor dem Bauch.</p><p>�Wissen Sie was, Craven?� sagte er. �Ich glaube Ihnen sogar.�</p><p>�Dann lassen Sie mich gehen�, st�hnte ich. �Ich kann Ihnen nicht helfen, begreifen Sie das doch endlich! Mein Gott, es sind meine <emphasis>Freunde, </emphasis>die diese M�nner entf�hrt -�</p><p><emphasis>�Diese </emphasis>M�nner?� unterbrach mich Tornhill. Seine Stimme klang lauernd. �Was f�r M�nner, Craven? Woher wissen Sie, da� es M�nner waren?�</p><p>�Ich glaube nicht, da� die Kidnapper S�uglinge waren, die aus ihren Kinderwagen gestiegen sind und ein Blutbad im Haus angerichtet haben�, antwortete ich w�tend. �Ich <emphasis>wei� </emphasis>nicht, wer sie sind, und ich wei� noch viel weniger, wo Howard und Priscylla abgeblieben sind.�</p><p>�Ich behaupte ja auch gar nicht, da� Sie es wissen�, sagte Tornhill ruhig. �Aber Sie wissen mehr, als Sie zugeben, Craven. Sehr viel mehr!�</p><p>Er beugte sich vor, und wieder war seine Ruhe wie fortgewischt. �Verdammt, f�r wie bl�d halten Sie die englische Polizei eigentlich?� schnauzte er. �Ich komme in ein Haus, in dem ein Massaker stattgefunden hat, ziehe Sie aus einer Uhr und finde ein Zimmer voller ... voller ...� Er suchte einen Moment krampfhaft nach den richtigen Worten. �Voller was-wei�-Ich. Und dann taucht einer ihrer vermi�ten Freunde buchst�blich aus dem Nichts auf und -�</p><p>�Warum lassen Sie mich nicht mit ihm reden?� unterbrach ich ihn. �Vielleicht hat er die Antworten auf ein paar von Ihren Fragen.�</p><p>�Das geht im Moment nicht�, antwortete Tornhill. Ich wu�te, da� er die Wahrheit sagte. Er und seine Leute hatten mich fast sofort aus dem Zimmer gezerrt, nachdem Rowlf aufgetaucht war, doch ich hatte noch sehen k�nnen, in welch schlimmen Zustand Howards Leibdiener war.</p><p>�Wie geht es ihm?� fragte ich.</p><p>Tornhill zuckte die Achseln. �Er wurde ins Hospital gebracht�, sagte er. �Ich habe Anweisung gegeben, da� man mich sofort ruft, wenn er aufwacht.� Seine Augen wurden schmal. �Was hat er damit gemeint, Craven?�</p><p>�Womit?�</p><p>�Mit dem, was er gesagt hat, bevor er das Bewu�tsein verlor�, sagte Tornhill gepre�t. �Und falls Sie es vergessen haben sollten, Craven - seine Worte lauteten: <emphasis>Er will dich, Robert. Er will dich haben!�</emphasis></p><p>Er h�tte es nicht zu wiederholen brauchen. Ich wu�te nur zu gut, was Rowlf gemeint hatte. Trotzdem antwortete ich nach kurzem Z�gern:</p><p>�Ich habe keine Ahnung, Tornhill.�</p><p>Zu meiner �berraschung explodierte der fettleibige Scotland-Yard-Mann nicht.</p><p>�Wie Sie wollen, Craven�, sagte er nur. �Dann eben nicht.� Er l�chelte kalt, stand mit einem Ruck auf und kam um den Tisch herum auf mich zugewalzt. �Stehen Sie auf�, befahl er.</p><p>Ich gehorchte. �Was haben Sie vor?� fragte ich.</p><p>Tornhill l�chelte d�nn. �Ich sperre Sie ein, Craven�, antwortete er, in einem Ton, als h�tte ich ihn gefragt, warum die Sonne morgens aufgeht. �Was denn sonst?�</p><p>Er streckte die Hand nach mir aus, aber ich wich unwillk�rlich ein St�ck zur�ck. �Mit welcher Begr�ndung?�</p><p>Tornhill �chzte. �Mit welcher Begr�ndung? Sind Sie von Sinnen, Craven? Ich finde ein Dutzend Gr�nde, um Sie f�r zweitausend Jahre hinter Gitter zu bringen, wenn ich will.�</p><p>�Sagten Sie nicht gerade, da� Sie mich f�r unschuldig halten?�</p><p>�M�glich�, antwortete Tornhill l�chelnd. �Aber das hat ja keiner geh�rt au�er Ihnen, nicht?� Er wandte sich um, ri� die T�r auf und machte eine einladende Geste. �Bitte, Mister Craven. Ihr Zimmer ist gerichtet.�</p><empty-line/><p>Das Ger�usch, mit dem die Gittert�r hinter mir zuschlug, klang in meinen Ohren wie das Zukrachen eines st�hlernen Sargdeckels.</p><p>Lange Zeit stand ich reglos da und lauschte auf das Klirren des Schl�ssels, der sich hinter mir drehte, und das Pochen meines Herzens.</p><p>Gef�ngnist�ren.</p><p>Sie �hnelten sich �berall, ganz gleich, in welchem Land man war. Bevor ich nach England kam und ein neues Leben als reicher Millionenerbe antrat, hatte ich sie zu Dutzenden gesehen - von beiden Seiten -, und oft genug waren sie hinter mir verschlossen und erst nach Monaten wieder aufgemacht worden. Wegen l�cherlicher Dinge wie dem Diebstahl eines Brotes oder �hnlicher �Kapitalverbrechen�.</p><p>Ich hatte gehofft, diesen Abschnitt meines Lebens ein f�r allemal hinter mir zu haben, nachdem ich das Erbe meines Vaters �bernommen hatte, aber die Vergangenheit hatte mich eingeholt.</p><p>Es war zum Verzweifeln!</p><p>Die Klammer um meine Erinnerungen war noch immer da, wenngleich sie sich gelockert hatte und ich mich jetzt mehr und mehr auf die Dinge zu besinnen begann, die sich vor Howards und Priscyllas Verschwinden ereignet hatten.</p><p><emphasis>Er will dich, Robert!</emphasis></p><p>Rowlfs Worte schienen immer und immer wieder hinter meiner Stirn widerzuhallen. <emphasis>Er will dich!</emphasis></p><p><emphasis>Wer </emphasis>wollte mich? Wer war dieser <emphasis>Er, </emphasis>und was wollte er von mir? Wer hatte die M�nner geschickt, die ich f�r Howard und Dr. Gray erhalten hatte, und -</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf, um das taube Gef�hl zwischen meinen Schl�fen zu vertreiben, ging zu der schmalen Pritsche, die auf der anderen Seite in die Wand eingelassen war, und lie� mich daraufsinken. Fragen. Fragen �ber Fragen, aber keine Antworten.</p><p>Und der einzige Mensch, der vielleicht wenigstens ein bi�chen Licht in das Dunkel bringen konnte - Rowlf -, lag in einem Krankenhausbett, unerreichbar und durch ein Dutzend verschlossener Stahlt�ren und eine Armee von Polizisten von mir getrennt.</p><p>F�r einen Moment dachte ich ernsthaft daran, nach Tornhill zu rufen und ihn einzuweihen, ihm alles zu erz�hlen, von Anfang an. Aber ich verwarf den Gedanken so schnell, wie er mir gekommen war.</p><p>Alles, was ich damit erreichen w�rde, war, da� ich die Zelle im Keller von Scotland Yard mit einer Gummizelle im n�chsten Irrenhaus vertauschte. Tornhill <emphasis>konnte </emphasis>mir gar nicht glauben.</p><p>Ich lie� mich zur�cksinken, legte den Kopf gegen den feuchtkalten Stein der Wand und schlo� die Augen. Mein K�rper verlangte nach Schlaf, und so, wie die Dinge im Moment standen, war ich sowieso dazu verdammt, in diesem Loch bis zum n�chsten Morgen zu warten.</p><p>Vielleicht nicht nur bis zum n�chsten Morgen. Es standen acht Tote auf der Sollseite meines Kontos, und wie ich Tornhill einsch�tzte, w�rde er sich an mich halten, wenn er niemand anderes fand, der die Rechnung beglich ...</p><p>Ich seufzte, rutschte auf der harten Pritsche in eine bequemere Stellung (wenigstens versuchte ich es) und verschr�nkte die H�nde hinter dem Kopf. Der Schlaf kam fast sofort.</p><p><emphasis>Die gestalt war in ein wei�es nachtgewand geh�llt aber es war blutig und zerrissen das haar versengt und schwarz und die augen dunkle wundersch�ne augen in denen goldener und silberner sternenstaub blitzen sollte waren voller tod alles war tot und blut und schrecken und priscyllas alabasternes antlitz hatte sich in eine fratze des grauens verwandelt das d�monische abbild eines wesens das nicht leben durfte und niemals gelebt hatte der sturz durch zeit und raum hatte uns getrennt aber es sp�rte mich folgte meiner f�hrte wie ein bluthund und kam n�her ... n�her ... n�her ... n�her ... ab und zu verschwand die gestalt wie ein schiff auf st�rmischer see hinter den erstarrten schwarzen wogen der h�llischen landschaft die die kulisse f�r unser bizarres Wettrennen bildete aber sie tauchte immer wieder auf und war jedesmal n�her heran ganz egal wie schnell ich lief schien ihre geschwindigkeit immer eine winzigkeit h�her zu sein als die meine und ich wu�te da� ich ihr nicht entkommen konnte und ...</emphasis></p><p>Mit einem Schrei fuhr ich von der Pritsche hoch. Die Zelle war dunkel, schwarz und lichtlos wie ein Grab. Es war Nacht geworden, w�hrend ich geschlafen hatte.</p><p><emphasis>Aber ich war nicht mehr allein ...</emphasis></p><p>Etwas war bei mir. Unsichtbar, k�rperlos und t�dlich.</p><p>Drau�en auf dem Gang wurden Schritte laut, dann klirrte ein Schl�ssel im Schlo�, und die T�r wurde mit einem unsanften Ruck aufgerissen. Ein rothaariger Bursche mit kantigem Kinn und dunklen, �berm�deten Augen blickte zu mir herein. In der Rechten hielt er eine Lampe, die er direkt auf mein Gesicht richtete.</p><p>�Was ist passiert?� fragte er. �Wer hat geschrien wie am Spie�?�</p><p>�Geschrien?� Ich mu�te nicht einmal schauspielern, um wirklich verwirrt zu klingen. Mein Herz jagte. Ich hatte M�he, mich auf die Worte des Polizeibeamten zu konzentrieren.</p><p>�Verdammt noch mal, ja!� blaffte der Mann. �Ich hab�s doch deutlich geh�rt!�</p><p>�Ich ... ich wei� nicht�, log ich. �Ich habe geschlafen. Vielleicht ... jemand in einer der anderen Zellen?�</p><p>�Da ist keiner�, antwortete der W�chter, sch�ttelte den Kopf und zog die T�r wieder halb zu. Dann sah er mich scharf an. �Wenn Sie irgendwelche bl�den Scherze versuchen, mein Lieber�, sagte er, �dann denken Sie daran, da� ich auch Humor habe. Ich wei� nur nicht, ob er Ihnen gefallen wird.�</p><p>�Ich ... habe nichts getan�, antwortete ich, so �berzeugend, wie ich �berhaupt konnte. �Vielleicht ...�, f�gte ich hinzu, �habe ich im Schlaf geschrien.�</p><p>�Im Schlaf, wie?� Er �berlegte einen Moment. Pl�tzlich war der Ausdruck auf seinen Z�gen viel freundlicher.</p><p>�Zum ersten Mal hier?�</p><p>Ich nickte.</p><p>�Dann kann ich Sie fast verstehen�, sagte er. �Ist nicht besonders angenehm, hier eingesperrt zu sein. Aber die erste Nacht ist ein bi�chen fr�h, um schon einen Gef�ngniskoller zu kriegen. Wer bearbeitet Ihren Fall?�</p><p>�Tornhill�, antwortete ich.</p><p>�Au weia�, murmelte der Beamte. �Na dann viel Spa�. Dem ist noch keiner ausgekommen. Wenn Sie einen Rat wollen - sagen Sie ihm die Wahrheit, das erspart Ihnen eine Menge �rger.�</p><p>�Und wenn ich unschuldig bin?�</p><p>�Dann sagen Sie�s ihm�, sagte er. �Wenn�s stimmt, dann wird er Ihnen auch glauben.� Er l�chelte noch einmal, wandte sich endg�ltig um und zog die T�r hinter sich ins Schlo�. Die Schl�ssel klirrten, dann h�rte ich, wie sich seine Schritte entfernten.</p><p>Mit einem lautlosen Seufzen lie� ich mich wieder zur�ck auf die Pritsche sinken. Der Mann h�tte keine zehn Sekunden l�nger in meiner Zelle bleiben d�rfen. Meine Selbstbeherrschung war zu Ende. Zum Schlu� war sein Gesicht zerflossen, und durch seine Z�ge hatte mich die bizarre D�monenfratze aus meinem Traum angestarrt, eine verzerrte Verh�hnung von Priscyllas lieblichen Z�gen ...</p><p>Aber war es wirklich nur ein Traum gewesen? Alles schien so unglaublich <emphasis>echt </emphasis>zu sein, von einer Realit�t, die die Grenzen des Ertr�glichen fast �berstieg.</p><p>Hatte ich von der Welt der GROSSEN ALTEN wirklich nur getr�umt - oder war ich dagewesen?</p><p>Ich versuchte die Vorstellung abzusch�tteln, aber das machte es eher noch schlimmer. Wenn ich mich doch nur erinnern k�nnte!</p><p>Die Vorstellung, da� sich Priscylla wirklich in diese ... diese <emphasis>Bestie </emphasis>verwandelt haben k�nnte, war ...</p><p>Irgendwo neben mir knirschte etwas.</p><p>Ich erstarrte. F�r einen Moment vermochte ich nicht einmal zu denken.</p><p>Das Ger�usch wurde lauter, dunkler ... <emphasis>als bewegte sich eine T�r in uralten, rostigen Scharnieren ...</emphasis></p><p>Langsam, zitternd vor Entsetzen, hob ich den Kopf und blickte nach links.</p><p>Auf der gegen�berliegenden Wand der Zelle war ein Umri� entstanden. Ein schmales, vielleicht anderthalb Meter hohes Rechteck, gebildet von d�nnen, gr�n flackernden Linien - der Umri� einer T�r!</p><p>Und diese T�r schwang langsam, ganz, ganz langsam, nach au�en ...</p><p>Dahinter wogte die Unendlichkeit.</p><p>Eine Welt, so fremd, da� sie sich der Vorstellungskraft des Menschen entzog. Auch ich kann sie in diesen Zeilen nicht beschreiben. Man kann �u�erlichkeiten benennen, Dinge, die man sieht und anfassen kann, nicht aber den Schrecken, den diese Welt atmete wie finsteren Pestgestank, eine Welt, in der das Leben keinen Platz hatte, in der Tod und Furcht die Ordnung der Dinge aufrechterhielten und deren Pulsschlag vom Grauen bestimmt wurde.</p><p>Eine Ebene, schwarz wie die H�lle und sanft gewellt wie der finstere Boden eines blasphemischen Ozeans, besudelt von schrecklichen, unaussprechlichen Dingen, die seine pockige Oberfl�che durchbrachen.</p><p>Ein Himmel, den niemals das Licht einer Sonne beschienen hatte, bar jeden Sternes, beherrscht vom grinsenden Knochengesicht eines bleichen Todesmondes.</p><p>Und - weit, weit entfernt, aber n�her kommend - eine Gestalt.</p><p>Wei�. Ein wei�es Kleid, besudelt von Blut. Dunkles Haar, das wie ein Medusenhaupt wogte und zitterte. Krallen so t�dlich und scharf wie Dolche. Eine verzerrte D�monenfratze, die bekannten Z�ge darin zu einer grotesken Verh�hnung allen Lebens verzerrt.</p><p>Und dann h�rte ich die Stimme.</p><p>Zuerst erkannte ich sie nicht einmal - es war ein hohes, d�nnes Kreischen, ein Schrei d�monischer Wut, der in meinen Ohren gellte und lauter und lauter wurde, aber dann h�rte ich die Worte.</p><p>�Wir kriegen dich, Robert Craven�, wisperte sie, immer wieder unterbrochen von einem d�monischen, b�sen Kichern wie das Lachen verzerrter Kinderstimmen. �Wir kriegen dich, Robert Craven. Du bist tot.�</p><p>Und es war nicht irgendeine Stimme, so wenig wie die Fratze dieser h�llischen Ausgeburt irgendeine Fratze war.</p><p>Es war Priscyllas Stimme, und es war ihr Mund, der diese Worte formte.</p><p>Ich begann zu schreien, und diesmal h�rte ich nicht auf, auch als die T�r aufgerissen wurde.</p><p>Ich merkte nicht einmal, wie der rothaarige Polizist zur�ckprallte, als w�re er von einem Schlag getroffen worden, und wie auch er zu schreien begann.</p><p>Etwas Helles, Flirrendes raste aus der �ffnung in der Wand und schmiegte sich wie eine Aureole aus verzehrendem Licht um seinen K�rper. Und mit dem Licht kamen Schemen, in denen h�llische Fratzen aufblitzen, und rauchige Geisterfinger, die an seinem Haar und seinen Kleidern zerrten, Striemen in sein Gesicht rissen und ihm die Augen auskratzen wollten.</p><p>Blindlings sprang ich auf, warf mich gegen ihn und stie� ihn r�cklings aus der T�r. Ich glaubte noch ein w�tendes Zischen zu h�ren, dann traf etwas meinen R�cken.</p><p>Noch ehe ich den Schmerz sp�ren konnte, wurde mir schwarz vor Augen ...</p><p>Das Gesicht des M�dchens war bleich wie das einer Toten. Ihre Augen waren geschlossen, und die Lippen hatten alle Farbe verloren und wirkten wie zwei d�nne, blasse Narben auf der wei�en Haut.</p><p>Necron hob langsam die Hand, beugte sich vor und ber�hrte die Lippen der Schlafenden fast z�rtlich mit den Fingerspitzen. Sekundenlang blieb er reglos so sitzen, dann zog er seine Hand zur�ck, richtete sich mit einem Ruck auf und winkte mit einer befehlenden Geste zwei seiner Krieger heran. Die M�nner kamen n�her und senkten dem�tig das Haupt, um die Befehle ihres Meisters entgegenzunehmen.</p><p>�Ihr beide haftet mir mit eurem Leben f�r dieses M�dchen�, sagte Necron. �Niemand wird sie ber�hren. T�tet jeden, der sich ihr auch nur n�hert.�</p><p>Die beiden Drachenkrieger zogen schweigend ihre Waffen und postierten sich rechts und links des improvisierten Lagers, auf dem das M�dchen lag.</p><p>Necron betrachtete die Bewu�tlose noch einen Moment, mit einer sonderbaren Mischung aus Unglauben und Verwirrung, dann wandte er sich um und blickte nachdenklich von Howard zu van der Groot und wieder zur�ck. Vier seiner Krieger hatten Howard und den Holl�nder herbeigeschleift und hielten sie mit st�hlernem Griff zwischen sich.</p><p>�Ich habe �ber Ihren Vorschlag nachgedacht, Lovecraft�, sagte Necron leise.</p><p>Howard sah auf. Es waren Stunden vergangen, seit er das letzte Mal mit Necron gesprochen hatte; Stunden, in denen die Sonne drau�en untergegangen und seine Hoffnung nahezu auf den Nullpunkt gesunken war.</p><p>�Sind Sie einverstanden?� fragte er.</p><p>Necron antwortete nicht. Statt dessen gab er einem der beiden Krieger, die Howard gepackt hielten, einen knappen Wink. Der Mann hob die Hand und schlug sie seinem Gefangenen in den Nacken. Howard sank mit einem unterdr�ckten Schmerzenslaut auf die Knie, bi� die Z�hne zusammen und schrie erneut auf, als ihn der Krieger wieder auf die Beine ri�.</p><p>Necron lachte leise. �Das nur als Warnung, Lovecraft. Sie haben nur zu reden, wenn ich es Ihnen ausdr�cklich gestatte. Wie gesagt - ich habe �ber Ihren Vorschlag nachgedacht. Man k�nnte das, was Sie mir angetragen haben, eine Erpressung nennen, oder?�</p><p>�Ich schlage Ihnen ein Gesch�ft vor�, erwiderte Howard. �Ihr Leben gegen unseres und das des Jungen.�</p><p>�Ein Leben gegen vier?�</p><p>�Das eigene Leben ist immer ein bi�chen mehr wert, oder?�</p><p>Wieder hob der Drachenkrieger die Faust, aber diesmal winkte ihn Necron im letzten Moment zur�ck. Er lachte sogar. Wenn auch auf eine Art, die Howard einen Schauer �ber den R�cken laufen lie�.</p><p>�Sie am�sieren mich, Lovecraft�, sagte er. �Entweder sind Sie wirklich sehr mutig, oder ein Narr. Aber zur Sache.� Er trat ein St�ck zur Seite, so da� Howard direkt auf die bewu�tlose Priscylla hinabsehen konnte, und fuhr fort: �Wie gesagt, ich habe �ber Ihren Vorschlag nachgedacht.�</p><p>�Sie haben gar keine andere Wahl, als anzunehmen�, sagte Howard leise. �Das wissen Sie. Sie sitzen mit Ihren M�nnern in der Falle. Fr�her oder sp�ter wird Cthulhu hier auftauchen, oder eine seiner Kreaturen. Dann ist es um Sie geschehen.�</p><p>�Das mag sein�, bekannte Necron unger�hrt. �Trotzdem werde ich nicht auf den Handel eingehen, den Sie mir vorschlagen. Ich habe eine bessere Idee.� Er l�chelte d�nn. �Ich werde Sie zwingen, mir zu sagen, wo dieses <emphasis>Tor </emphasis>ist - falls es �berhaupt existiert.�</p><p>�Und wie?� fragte Howard. �Ich habe keine Angst vor dem Tod, Necron. Und ihre magischen Kunstst�ckchen funktionieren nicht bei mir.�</p><p>�Wer spricht von Magie?� entgegnete Necron l�chelnd. �Sehen Sie, Lovecraft, Sie sind ein Europ�er, und ihr Abendl�nder seid uns auf gewissen Gebieten schon immer unterlegen gewesen. Zum Beispiel im Ertragen von Schmerzen. Oder im Zuf�gen.�</p><p>Howard schluckte. �Sie wollen mich ... foltern?�</p><p>�Der Gedanke ist mir gekommen�, sagte Necron. �Aber nur f�r einen kurzen Moment. Ich bin sicher, da� Sie Schmerzen nicht lange aushalten w�rden, aber ich bin fast ebenso sicher, da� Sie einen Weg f�nden, sich selbst zu t�ten, ehe Sie reden w�rden. Wie Sie sehen, begehe ich nicht den Fehler, Sie zu untersch�tzen. Aber ich habe noch zwei weitere Gefangene, nicht?� Er wies auf van der Groot, der erschrocken zusammenzuckte.</p><p>�Meine M�nner sind Spezialisten im Zuf�gen von Schmerzen�, fuhr Necron fort. �Und darin, das Opfer dabei m�glichst lange am Leben zu erhalten. Ich k�nnte es Ihnen an diesem Narren demonstrieren, Lovecraft. Es w�re kein gro�er Verlust.�</p><p>�Warum tun Sie es nicht?� fragte Howard kalt. �Wir sind nicht gerade Freunde. Glauben Sie, ich w�rde Robert verraten, um einen Mann zu retten, der mich umbringen wollte?�</p><p>�Sie bluffen�, behauptete Necron. �Ich kenne Sie besser. Sie w�rden reden. Ich bin �berzeugt, da� Sie nicht zusehen w�rden, wie ein anderer an ihrer Stelle leidet. Aber - wie gesagt, das ist nur meine Meinung. Ich kann mich t�uschen. Deshalb bin ich auf eine bessere L�sung verfallen.�</p><p>Er starrte Howard durchdringend an, drehte sich pl�tzlich herum und trat mit einem schnellen Schritt hinter Priscyllas Lager. Seine Hand krallte sich in ihr Haar und ri� ihren Kopf in die H�he. Sie erwachte nicht, aber �ber ihre Lippen kam ein halblautes St�hnen.</p><p>�Ich gebe Ihnen mein Wort, da� meine M�nner dieses M�dchen vor Ihren Augen zu Tode foltern werden, Lovecraft�, sagte er leise. �Sagen Sie mir, wo sich das <emphasis>Tor </emphasis>befindet!�</p><p>�Du Teufel!� keuchte Howard. �Du verdammte Bestie! Ich -�</p><p>Ein Faustschlag traf ihn zwischen die Schulterbl�tter und lie� ihn erneut auf die Knie brechen.</p><p>�Wenn Sie sie ... auch nur anr�hren, Necron�, w�rgte er hervor, �t�te ich mich selbst. Dann haben Sie nur noch eine Leiche, und niemanden mehr, der Ihnen den Weg zur�ck zeigen k�nnte.�</p><p>�Das w�rde nichts nutzen�, sagte Necron kalt. �Ich w�rde sie trotzdem t�ten lassen, Lovecraft. Wenn ich meinen M�nnern den Befehl dazu gebe, w�rden sie weitermachen, gleich, ob Sie tot sind oder nicht. Ihr Opfer w�re sinnlos. Glauben Sie mir - ich meine, was ich sage.�</p><p>Howard stemmte sich m�hsam auf H�nde und Knie. Sein Blick war getr�bt. �Sie sind ... ja kein Mensch mehr�, keuchte er. �Warum begreifen Sie nicht, da� wir auf der gleichen Seite stehen? Cthulhu ist auch Ihr Feind, Necron!�</p><p>�Nicht, wenn ich ihm etwas bringe, das noch wertvoller ist als das Leben Robert Cravens�, sagte Necron leise.</p><p>�Er wird Sie vernichten�, beharrte Howard. �Und Sie wissen es. Sie kennen die GROSSEN ALTEN besser als jeder andere Sterbliche. Er wird Sie benutzen und Sie dann vernichten, sobald sie Ihren Zweck erf�llt haben.�</p><p>�Vielleicht.� Necrons Blick glitzerte wie der eines Wahnsinnigen. �Aber wenn, so werde ich mich zu wehren wissen.� Er hob die Hand. Einer der schwarzgekleideten M�rder zog einen schmalen, gekr�mmten Dolch unter dem Gewand hervor, kniete neben dem M�dchen nieder und setzte seine Spitze auf ihrem linken Augenlid an.</p><p>�Nein!� keuchte Howard.</p><p>Necron starrte ihn an. �Sie werden reden?�</p><p>�Ich ... sage Ihnen alles�, sagte Howard niedergeschlagen. �Sie haben gewonnen, Necron. Lassen Sie das M�dchen in Frieden.�</p><p>Necron l�chelte triumphierend und winkte den Drachenkrieger zur�ck. �Also?�</p><p>Howard richtete sich m�hsam auf. �Es ist ... hier�, sagte er leise. �Hier im Haus. Dieser Keller hier geh�rt doch zu Roberts Haus, nicht?�</p><p>�Woher wissen Sie das?� schnappte Necron. Seine Augen waren schon wieder voller Mi�trauen.</p><p>Howard lachte leise. �Ich bin kein Narr, Necron. Ich war oft genug hier. Ein paar von den Kisten dort hinten habe ich selbst hier heruntergeschafft, zusammen mit Andara. Das Tor ist hier, direkt �ber Ihrem Kopf, sozusagen.�</p><p>�Hier?� murmelte Necron ungl�ubig. �Ein <emphasis>Tor? </emphasis>Ein magisches <emphasis>Tor </emphasis>der ALTEN hier im Haus?�</p><p>�Andara entdeckte es vor vielen Jahren�, best�tigte Howard. �Er, ich und ein paar befreundete M�nner versuchten, es f�r unsere Zwecke umzupolen und hierher zu schaffen. Es gelang.� Er lachte leise. �Es ist noch immer da, und es arbeitet noch. Lassen Sie uns gehen, und ich zeige Ihnen -�</p><p>�Das wird nicht mehr n�tig sein�, unterbrach ihn Necron.</p><p>�Was soll das hei�en?�</p><p>�Nichts.� Necron l�chelte. �Ich wei�, was ich wissen wollte, Lovecraft. Ich und meine M�nner werden gehen - sobald wir das NECRONOMICON haben.�</p><p>�Sie brechen Ihr Wort?�</p><p>�Ich habe Ihnen kein Wort gegeben, das ich brechen k�nnte�, sagte Necron kalt. �Ich bin gekommen, um mein Eigentum zur�ckzuholen - und ich werde es bekommen. In einem anderen Punkt allerdings�, f�gte er nach einer merklichen Pause hinzu, �gebe ich Ihnen recht, Lovecraft. Es w�re ein Fehler, Craven und Sie zu beseitigen. Wenn dieses ... �Hexer-S�hnchen� mir das Buch �bergibt, dann schenke ich Ihnen Ihr j�mmerliches Leben. Wer wei� - vielleicht sind Sie ja noch einmal ganz n�tzlich.�</p><p>�Wir sollten zusammenarbeiten, Necron�, sagte Howard in fast beschw�rendem Tonfall.</p><p>Necron lachte. �Niemals. Ich lasse Sie, Craven und das M�dchen am Leben, und das ist schon mehr, als Sie verdient haben. Betrachten Sie es als ein Zeichen meiner �bergro�en G�te. Und nun genug. Ich habe zu tun. Vorbereitungen m�ssen getroffen werden. Beten Sie, da� Ihr geistesschwacher Gehilfe diesen jungen Narren bald findet, denn lange wird meine Geduld nicht mehr vorhalten.�</p><p>�Rowlf?� Howard sah sich um, als vermisse er Rowlf erst jetzt. �Sie haben ihn zu Robert geschickt?�</p><p>Necron nickte. �Ja. Auf einem Wege, der Sie am�sieren wird. Jetzt, da ich alles wei�, offenbart sich mir erst die Ironie meiner Wahl.� Er kicherte b�se.</p><p>�Was soll das hei�en?� fragte Howard. �Was haben Sie mit Rowlf gemacht?�</p><p>�Gemacht? Nichts. Ich habe ihn zur�ckgeschickt, als Boten, und wenn Sie so wollen, als einen, der die Sicherheit meines Heimweges testet. Wir werden sehen, ob er angekommen ist.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis Howard begriff. �Sie ... haben ihn durch ... durch eines Ihrer <emphasis>Tore </emphasis>geschickt?� keuchte er.</p><p>Necron nickte. �Es war der k�rzeste Weg.�</p><p>�Sie Wahnsinniger!� br�llte Howard. �Sie haben Rowlf durch ein <emphasis>Tor </emphasis>gehen lassen, von dem Sie wu�ten, da� Cthulhu dahinter lauert und -�</p><p>�Nichts wu�te�, unterbrach ihn Necron kichernd. �Nur vermutete. Ich glaube nicht, da� Azaloth, der Blasenschlagende im Zentrum der Unendlichkeit, einen harmlosen Narren wie Rowlf vernichten wollte.�</p><p>�Und wenn er es doch getan hat?� fragte Howard. Pl�tzlich klang seine Stimme ganz kalt.</p><p>Necron zuckte die Achseln. �Werde ich einen anderen Weg finden, Craven zu erreichen�, sagte er. �Jetzt, wo ich die Lage des unbewachten <emphasis>Tores </emphasis>kenne, spielt Zeit keine Rolle mehr.�</p><p>Howard schrie auf, warf sich nach vorne und streckte die H�nde nach der Kehle des Alten aus. Einer der Drachenkrieger machte eine blitzschnelle Bewegung, und Howard stolperte, fiel auf den Steinboden und blieb verkr�mmt und um Atem ringend liegen. Seine Augen waren verschleiert, als er endlich wieder die Kraft fand, sich auf den R�cken zu w�lzen und zu dem Alten hochzusehen.</p><p>�Sie Teufel�, keuchte er. �Sie ... verdammter ... Teufel.�</p><p>Necron lachte leise. �Zuviel der Ehre, Lovecraft�, sagte er. �Ein solches Kompliment habe ich gar nicht verdient. Jedenfalls noch nicht.�</p><empty-line/><p>�Es reicht. Es ist mir ganz egal, was f�r Gr�nde Sie haben, den Geheimnisvollen zu spielen, Craven. Das hier war zuviel. Ich will wissen, was hier gespielt wird. Jetzt und alles.�</p><p>Tornhills Augen blickten kalt, und eine innere Stimme sagte mir, da� er jedes Wort ganz genau so meinte, wie er es ausgesprochen hatte. Einer der Wachen hatte ihn geradewegs aus dem Bett geholt und zu mir gebracht. Er hatte sich schweigend angeh�rt, was der rothaarige Wachmann zu berichten hatte, dann hatte er ohne ein weiteres Wort alle au�er mir und dem Rotschopf aus der Zelle geschickt, die T�r geschlossen und zu reden begonnen.</p><p>Er hatte eine Menge gesagt, und nichts davon hatte mir gefallen. Die Worte �Irrenanstalt� und �lebensl�nglich� waren ein paarmal vorgekommen, und noch einiges mehr.</p><p>�Ich mu� zu Rowlf�, sagte ich, leise und ohne ihn anzusehen. �Bitte, Tornhill - lassen Sie mich zu ihm. Meinetwegen legen Sie mich in Ketten und Fu�eisen, aber ich <emphasis>mu� </emphasis>zu ihm.�</p><p>�Nein�, sagte Tornhill leise. �Nicht, ehe Sie reden.�</p><p>�Sie w�rden mir nicht glauben, Tornhill�, antwortete ich.</p><p>�Glauben?� Tornhill seufzte. �Sie m�ssen noch viel lernen, junger Freund�, sagte er, und in seiner Stimme war ein �berraschend sanfter, verzeihender Ton. �Zum Beispiel, da� ein Polizist prinzipiell nichts <emphasis>glaubt, </emphasis>sondern sich von Tatsachen �berzeugen l��t.� Er sch�ttelte den Kopf, lehnte sich gegen die Zellent�r und sah abwechselnd mich und den rothaarigen Polizisten an, der wie ein H�ufchen Elend zusammengesunken auf dem Rand meiner Pritsche hockte.</p><p>�Erz�hlen Sie noch einmal, Devon�, sagte er. �Was ist passiert?�</p><p>Devon sah auf. Tornhills Worte schienen ihn aus einer Trance geweckt zu haben. Sein Blick flackerte. �Ich ... wei� es ja selbst nicht genau�, sagte er weinerlich. �Craven hat geschrien, und da war diese Stimme ...�</p><p>�Seine Stimme?�</p><p>�Nein�, antwortete Devon, wenn auch nach langem Z�gern und sehr unsicher. �Ich ... glaube nicht. Ich bin sicher, da� es nicht seine Stimme war. Sie hat gelacht und ... und etwas gefl�stert. Etwas wie ...� Er brach ab, starrte wieder zu Boden und begann verzweifelt mit den H�nden zu ringen.</p><p>�Wir kriegen dich, Robert�, sagte ich.</p><p>Devons Kopf ruckte herum. Seine Augen weiteten sich. �Ja�, fl�sterte er. �Sie ... haben es auch geh�rt?�</p><p>Diesmal h�tte ich fast gelacht.</p><p>�Weiter�, sagte Tornhill rasch, und Devon fuhr fort: �Als ich in die Zelle kam, war da dieses Licht, und ...� Wieder stockte er, l�chelte nerv�s und warf mir einen hilfesuchenden Blick zu.</p><p>�Und das Gespenst�, stie� er schlie�lich hervor. Ich h�rte, wie schwer es ihm fiel, das Wort auszusprechen.</p><p>Seltsamerweise blieb Tornhill vollkommen ruhig. Er hatte auch keine Miene verzogen, als Devon seine Geschichte zum ersten Mal erz�hlt hatte.</p><p>�Es ... packte mich�, fuhr der Polizist nach einer Weile fort. �Und dann ... dann geschah etwas mit mir. Ich ... ich wei� nicht, was es war. Ich ... es war ... es war, als ... als w�rde etwas aus mir herausgesaugt. Als ...� Seine Stimme schwankte und drohte �berzukippen. Er atmete ein paarmal tief ein, zwang sich zur Ruhe und sprach stockend und langsam weiter: �Es war, als w�rde ich innerlich aufgefressen. Anders kann ich es nicht beschreiben. Craven hat mich dann hinaus auf den Gang gesto�en, das ist alles, woran ich mich erinnern kann.�</p><p>Er sprach nicht weiter, und auch Tornhill schwieg einen Moment. Dann l�chelte er, trat von der T�r zur�ck und warf Devon einen auffordernden Blick zu. �Okay, Devon. Gehen Sie nach Hause und erholen Sie sich. Ich sage dem Captain Bescheid, da� Sie bis zum Ende der Woche bezahlten Krankenurlaub haben. Und - kein Wort zu irgend jemandem, verstanden?�</p><p>Devon nickte, sprang auf und verlie� beinahe fluchtartig die Zelle. Tornhill dr�ckte die T�r wieder hinter ihm zu. �Und jetzt m�chte ich den Rest der Geschichte h�ren�, sagte er an mich gewandt.</p><p>�Auch, wenn er noch verr�ckter ist als das, was Sie schon geh�rt haben?� fragte ich.</p><p>Tornhill lachte hart. �Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, da� ich prinzipiell nichts glaube, Craven�, sagte er. �Aber ich halte auch prinzipiell nichts f�r unm�glich, es sei denn, man beweist mir das Gegenteil. Was Devons Geschichte angeht - ich glaube nicht, da� es ein Gespenst war, das ihn �berfallen hat. Aber ich wei�, da� er sich eine solche Geschichte nicht aus den Fingern saugen w�rde, um sich wichtig zu machen. Was ist wirklich passiert?�</p><p>�Das wei� ich so wenig wie Sie�, antwortete ich niedergeschlagen. �Und das ist die Wahrheit, Tornhill. Ich wei� nur, da� mich jemand verfolgt, jemand oder besser gesagt - etwas.�</p><p>�Und was ist dieses ... <emphasis>Etwas?� </emphasis>fragte er betont. �Sicher nicht der Geist Ihrer Gro�mutter, der keine Ruhe finden kann, oder?�</p><p>Ich starrte ihn an, pre�te die Lippen zusammen und schwieg. Tornhills Miene verd�sterte sich, und ich sp�rte, da� er die Grenzen seiner Geduld erreicht und �berschritten hatte.</p><p>Und dann tat ich etwas, was ich nie zuvor in meinem Leben getan hatte, etwas, von dem ich nicht einmal <emphasis>wu�te, </emphasis>ob es mir gelingen w�rde.</p><p>Und das ich nie wieder in meinem Leben tun sollte.</p><p>Ich stand auf, hob den Arm und streckte die Hand nach Tornhill aus. �Kommen Sie her�, sagte ich.</p><p>Tornhill z�gerte. Sein Blick tastete �ber meine blo�e Hand, als f�rchte er, da� sie sich jeden Moment in eine Schlange verwandeln k�nnte. Dann l�ste er sich von seinem Platz an der T�r, kam auf mich zu und ber�hrte z�gernd meine Finger.</p><p>Ich griff zu, ehe er auch nur Gelegenheit fand, einen Schreckensschrei auszusto�en. Meine Finger schlossen sich mit aller Gewalt um die seinen und pre�ten sie zusammen.</p><p>Und zum allerersten Mal in meinem Leben benutzte ich die Macht, die ich von meinem Vater geerbt hatte, in vollem Umfang.</p><p>Es war grauenhaft.</p><p>Mein Geist - ein Teil meines Geistes, etwas, von dem ich bisher nicht einmal wirklich gewu�t hatte, da� es existiert, etwas Dunkles und Finsteres, das aus den tiefsten Abgr�nden meiner Seele emporquoll wie finstere Lava - ber�hrte seinen Geist, zerschmetterte die Barrieren, die das menschliche Bewu�tsein vor Wahnsinn und Verfall sch�tzt, mit einem einzigen Schlag.</p><p>F�r einen Moment, einen furchtbaren, zeitlosen Moment, nicht mehr als den millionsten Teil einer Sekunde vielleicht, waren wir eins. Es war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich las nicht seine Gedanken oder �bermittelte ihm Wissen - ich <emphasis>war </emphasis>Tornhill. Sein Leben, der <emphasis>ganze, </emphasis>ungeheure Schatz an Erfahrungen und Informationen, die in den millionenfach verschlungenen Windungen seines Gehirns gespeichert waren, war pl�tzlich in mir.</p><p>Ich erinnerte mich, erinnerte mich an jede Sekunde seines Lebens, jeden Triumph, jede Niederlage, jedes Gespr�ch, jede Schmach und jede Peinlichkeit, jede einzelne Erfahrung, die er irgendwann einmal gemacht hatte, durchlebte f�nf Jahrzehnte in Millisekunden und <emphasis>wu�te.</emphasis></p><p>Und er war ich. Der entsetzte Ausdruck in seinen Augen sagte es mir, da� er umgekehrt das gleiche erlebte wie ich, da� er Robert Craven war, der Sohn des Hexers, meine Jugend, mein Leben als Tagdieb in den Slums von New York miterlebte, den Schrecken sp�rte, als mir meine wahre Identit�t enth�llt wurde, das ungl�ubige Entsetzen, als ich begriff, da� es hinter unserer Welt noch eine zweite, schrecklichere gab, meine Furcht, das erdr�ckende Gef�hl der Hilflosigkeit ...</p><p>Unsere H�nde l�sten sich mit einem Ruck. Ich taumelte, sank auf die Pritsche zur�ck und verbarg das Gesicht in den H�nden, w�hrend Tornhill wie versteinert stehenblieb und mich aus entsetzt aufgerissenen Augen anstarrte.</p><p>Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren. Seine Lippen bebten, und pl�tzlich begannen seine H�nde zu zucken, als h�tte er die Kontrolle �ber seine Glieder verloren. �Was ...�, kr�chzte er. �Mein Gott, Craven, was ... was haben Sie ... getan?�</p><p>�Das wollte ich nicht�, murmelte ich. Auch meine Stimme zitterte, und ich sp�rte, wie ich mehr und mehr die Beherrschung zu verlieren begann. Das Entsetzen l�hmte mich. Ich war �ber seine Seele hergefallen, hatte an den ureigensten Geheimnissen dieses Mannes ger�ttelt und an den Tag gezerrt, was nur ihm geh�rte und was kein anderer Mensch auf der Welt zu wissen berechtigt war. Ich hatte ihn gezwungen, mein eigenes Leben zu teilen, hatte seine Seele vergewaltigt, vielleicht die Grundlage all dessen, woran er glaubte, zerst�rt. Ich hatte das Leben eines Menschen seziert, nur weil ich es <emphasis>wollte, </emphasis>kraft eines einzigen, unbedachten Gedankens. Pl�tzlich wurde mir klar, welch ungeheure <emphasis>Macht </emphasis>mir Roderick Andara hinterlassen hatte!</p><p>�Das wollte ich nicht, Tornhill�, keuchte ich. �Bitte, glauben Sie mir! Ich ... ich wu�te nicht, was ich tat. Verzeihen Sie mir - <emphasis>bitte!�</emphasis></p><p>Tornhill machte einen schwerf�lligen Schritt auf mich zu, hob die Hand und ber�hrte mich beinahe sanft an der Schulter.</p><p>�Es ist in Ordnung, Robert�, sagte er. �Ich wei�, da� du ... da� du das nicht geahnt hast.� Er atmete h�rbar ein, fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und setzte sich neben mich auf die Pritsche.</p><p>Ich glaubte zu ahnen, was in ihm vorging, und wenn es nur halb so schrecklich war wie das, was ich in diesem Moment durchmachte, dann ging er durch die H�lle.</p><p>�Verzeihen Sie mir�, murmelte ich noch einmal. �Ich wollte das nicht. Ich wollte nur, da� ... da� Sie mir glauben.�</p><p>Tornhill lachte, aber es klang wie ein Schrei in meinen Ohren. Pl�tzlich packte er mich, ri� mich mit brutaler Kraft an den Schultern herum und sch�ttelte mich wild. �Ist das alles wahr?� br�llte er. �Sagen Sie die Wahrheit, Craven! Wenn es ein Trick war, um -�</p><p>Behutsam l�ste ich seine H�nde von meinen Schultern, rutschte ein St�ck zur�ck und sch�ttelte den Kopf. �Es war kein Trick, Tornhill!� sagte ich.</p><p>Er wu�te, da� ich die Wahrheit sprach. Er hatte keine Sekunde daran gezweifelt. Sein pl�tzlicher Ausbruch war nur ein letzter, verzweifelter Versuch gewesen, die Augen vor der Wahrheit zu verschlie�en.</p><p>Tornhill st�hnte, lie� sich mit geschlossenen Augen gegen die Wand sinken und begann krampfhaft zu schlucken. �Das ... das ist schrecklich�, keuchte er.</p><p>�Aber es ist die Wahrheit�, sagte ich. �Und ich f�rchte, es wird noch viel mehr Schreckliches geschehen, wenn wir nicht zu Rowlf gehen und versuchen, herauszubekommen, was er uns sagen wollte.�</p><p>Tornhill nickte, sah mich aber nicht an.</p><p>Auch nicht, als wir wenig sp�ter das Geb�ude von Scotland Yard verlie�en und in einer viersp�nnigen Kutsche nach Norden fuhren, auf das Regency-Hospital zu.</p><empty-line/><p>Das Hospitalgeb�ude war selbst w�hrend der Nacht von Licht und Leben erf�llt.</p><p>Rowlfs Zimmer lag ganz am Ende eines der zahllosen Korridore, die das Hospital wie die G�nge eines steinernen Ameisenbaues durchzogen. Vor der T�r hielt ein Polizist in der schwarzen Uniform der Londoner Bobbys Wache, der sich bei Tornhills Auftauchen straffte und einen diensteifrigen Ausdruck auf seine verschlafenen Z�ge zu zaubern versuchte. Tornhill scheuchte ihn mit einer Handbewegung aus dem Weg, �ffnete die T�r und wedelte unwillig mit den Armen, als uns der Arzt, der uns zu Rowlfs Zimmer geleitet hatte, folgen wollte.</p><p>�Wir m�ssen allein mit ihm sprechen�, sagte er.</p><p>Der Arzt z�gerte sichtlich.</p><p>�Der Mann ist schwerkrank!� sagte er. �Ich wei� nicht, ob es -�</p><p>�Aber ich�, unterbrach ihn Tornhill �rgerlich. �Wir machen es kurz, Doktor, das verspreche ich - aber wir m�ssen mit ihm reden, und zwar allein.�</p><p>Einen Moment lang leistete der Arzt noch Widerstand; aber nur mit Blicken, nicht mehr mit Worten. Dann fuhr er auf dem Absatz herum und stapfte beleidigt davon.</p><p>Tornhill grinste geringsch�tzig, trat noch einmal auf dem Gang hinaus und �berzeugte sich davon, da� niemand in der N�he war, der uns belauschen konnte, ehe er die T�r schlo�.</p><p>Rowlf lag allein in dem Zimmer; zwei weitere Betten standen leer. Er schlief; zumindest waren seine Augen geschlossen, und er regte sich nicht, auch nicht, als sich Tornhill �ber ihn beugte und seine Hand ber�hrte.</p><p>�Lassen Sie mich versuchen�, sagte ich leise. Tornhill blickte mich einen Moment zweifelnd an, dann nickte er und trat beiseite, um mir Platz zu machen.</p><p>Ich erschrak zutiefst, als ich Rowlfs Gesicht sah. Er war gewaschen und �rztlich versorgt worden, aber er bot jetzt einen beinahe noch schrecklicheren Anblick als am Morgen, als er mit letzter Kraft aus dem Sumpf gekrochen war. Seine Stirn gl�nzte fiebrig, und seine Wangen waren eingefallen und mit grauen Schatten belegt. Seine Lippen waren gesprungen, und ein rascher Blick auf seine H�nde zeigte mir, da� seine Fingern�gel abgebrochen und gesplittert waren, als h�tte er versucht, sich mit blo�en H�nden durch die Erde zu w�hlen. Sein K�rper zitterte unter der Bettdecke, als h�tte er Sch�ttelfrost.</p><p>Vorsichtig beugte ich mich vor, legte die Hand auf seine Stirn und fl�sterte seinen Namen. Rowlf st�hnte leise, bewegte den Kopf hin und her und �ffnete f�r einen ganz kurzen Moment die Augen. Sein Blick war leer. Alles, was ich darin las, war ein tiefer, unglaublich <emphasis>tiefer </emphasis>Schrecken.</p><p>�Er wacht auf�, fl�sterte Tornhill.</p><p>Ich gebot ihm mit einer hastigen Geste, zu schweigen, setzte mich auf die Bettkante und ergriff mit der Linken Rowlfs Hand, w�hrend ich die andere Hand auf seiner Stirn ruhen lie�. Immer wieder fl�sterte ich seinen Namen, aber es dauerte sehr lange, bis er wieder eine Reaktion zeigte.</p><p>Seine gesprungenen Lippen �ffneten sich, und ein tiefes, schmerzerf�lltes St�hnen drang aus seiner Brust. Dann flogen seine Lider mit einem Ruck auf.</p><p>�Es ist alles in Ordnung, Rowlf�, sagte ich rasch. Sein Blick war wild, und seine Hand pre�te die meine pl�tzlich so fest, da� ich beinahe vor Schmerz aufgeschrien h�tte.</p><p>�Keine Angst, Rowlf�, fuhr ich in ruhigem Ton fort. �Du bist in Sicherheit. Alles ist gut.�</p><p>�In ... Sicherheit?� wiederholte er. �Was ist ... wo ... mein Gott, wo bin ich? Wie ... <emphasis>Howard! </emphasis>Er hat -�</p><p>�Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen�, sagte Tornhill. �Sie sind im Hospital. Der Alptraum ist vorbei.�</p><p>Rowlf blinzelte verwirrt, starrte Tornhill eine Sekunde lang an und wandte sich dann wieder an mich. �Wer is dat?�</p><p>Diesmal konnte ich ein Grinsen nicht unterdr�cken. Wenn Rowlfs f�rchterlicher Slang wieder zum Vorschein kam, war alles in Ordnung. Er sprach nur dann reines Oxford-Englisch, wenn er sich allein glaubte oder vollkommen aus der Fassung gebracht war.</p><p>�Das spielt jetzt keine Rolle�, sagte ich. �Er ist ... ein Freund. Erinnerst du dich, was passiert ist?�</p><p>�Erinnern?� Rowlfs breitfl�chiges Gesicht verd�sterte sich. �Und ob�, knurrte er. �Necron hat uns entf�hrn lassn, von sein schwarzen Schl�gern. Er hat Howard un das M�dchn.�</p><p>�Necron?�</p><p>Ich sah Tornhill nicht an, aber ich bemerkte aus den Augenwinkeln, wie sich seine Gestalt straffte. Seine Stimme klang angespannt. �Wovon reden Sie, Mann?�</p><p>�Vom Alten!� knurrte Rowlf. �Diesem Pfeifengesicht Necron. Von wem sonst?�</p><p>�Nee -� Tornhill brach mitten im Wort ab, sog �berrascht die Luft ein und beugte sich erregt vor. �Sie meinen doch nicht ... Necron, den ... den Magier von Salem?� keuchte er. �Necron - den Herrscher der Drachenburg?�</p><p>�Sach ich doch�, antwortete Rowlf. �Aber was gehtn Sie das an?�</p><p>�Es ist schon in Ordnung, Rowlf�, sagte ich rasch. Dann wandte ich mich an Tornhill. �Sie kennen ihn? Diesen Necron?�</p><p>�Kennen?� Tornhill sch�ttelte heftig den Kopf. �Nat�rlich nicht. Aber ich habe von ihm geh�rt. Bisher war ich allerdings der Annahme, da� er nichts als eine Legende ist, mit der man allenfalls Kinder erschrecken kann.�</p><p>�Wenn ichn zwischen die Finger krich�, versprach Rowlf d�ster, �dann k�nnse hinterher nichmal mehr�n Hund mittem erschrecken.�</p><p>�Du mu�t uns alles erz�hlen, Rowlf�, sagte ich. �Was ist passiert? Wieso hat er Howard entf�hrt, und wie bist du in ...� Ich z�gerte, rettete mich in ein verlegenes L�cheln und begann neu: �Wie ist dir die Flucht gelungen?�</p><p>�Flucht?� Rowlf verzog das Gesicht und starrte betreten die Bettdecke an. ��berhaupt nich�, gestand er kleinlaut. �Er hat mich gehn lassn. Ich wei� nich, wasser gemacht hat - zwei von sein� Pr�gelknaben ham mich gepackt und durch so ne Art T�r geschmissen, un das n�chste, woran ich mich erinnern kann, is dieser schwarze Sumpf.� Er verzog angeekelt die Lippen, sagte aber nichts mehr. Aber ich hatte seine Schreie geh�rt. Rowlf war durch ein Inferno gegangen, w�hrend er in der Welt der GROSSEN ALTEN gewesen war.</p><p>�Er hat dich gehen lassen?� fragte ich, als klar wurde, da� er nicht von selbst weiterreden w�rde.</p><p>Rowlf nickte. �Ich ... soll dir was sagn.�</p><p>�Und was?� Die Frage war im Grunde �berfl�ssig. Ich wu�te, was Necron von mir wollte.</p><p>Statt einer Antwort drehte Rowlf den Kopf in den Kissen und blickte Tornhill einen Herzschlag lang durchdringend an.</p><p>�Du kannst ihm vertrauen�, sagte ich.</p><p>�Vertraun?� Rowlfs Augen Augen wurden schmal. �Wieviel weiߒn der?�</p><p>�Alles�, sagte ich. Rowlf fuhr zusammen, und ich f�gte hastig hinzu: �Jedenfalls genug. Du kannst sprechen.�</p><p>�Er will dich�, sagte Rowlf leise. �Dich und das Buch, Robert. Aber ich wei� nicht, was er mehr will.�</p><p>�Das Buch?� Tornhill sah mich alarmiert an. �Das NECRONOMICON?�</p><p>Rowlf starrte mich mit einer Mischung aus Staunen und Zorn an. �Verdammt, was weiߒn der Kerl noch alles?� schnappte er.</p><p>�Genug�, antwortete Tornhill an meiner Stelle. �Jedenfalls genug, um zu wissen, da� wir ihm dieses Buch nicht geben k�nnen. Wohin haben er und seine Leute Lovecraft und das M�dchen gebracht?�</p><p>�Wieso <emphasis>wir?� </emphasis>fragte ich betont. Den letzten Teil seiner Frage �berh�rte ich bewu�t. �Bisher bin ich der einzige, der wei�, wo das NECRONOMICON ist -�</p><p>Nein, ich war nicht der einzige, der das Versteck des Buches kannte! Es gab noch jemanden. Jemanden, der alle meine Gedanken und Geheimnisse so genau kannte, als w�ren es seine eigenen.</p><p>�Versuchen Sie nicht, sich in Dinge zu mischen, die Sie nichts angehen�, sagte ich drohend.</p><p>Tornhill lachte leise. �<emphasis>Ich? </emphasis>Ich glaube, Sie verwechseln da etwas, Craven. Sie haben mich nicht gefragt, ob ich all diese Dinge wissen wollte. Ich wollte sie nicht wissen, und ich g�be meinen rechten Arm darum, sie wieder vergessen zu k�nnen. Aber ich bin nun einmal mit drin, in diesem Fall -�</p><p>�Es ist keiner von Ihren F�llen, Tornhill�, unterbrach ich ihn scharf. �Sie k�nnen mir helfen, aber versuchen Sie nicht, mir in die Quere zu kommen. Es geht hier um mehr als ein Buch mit alten Zauberspr�chen. Das Leben meiner Freunde ist in Gefahr.�</p><p>�Sie wissen ganz genau, da� das NECRONOMICON kein <emphasis>Buch mit alten Zauberspr�chen </emphasis>ist�, antwortete Tornhill kalt. �Sie spielen doch nicht ernsthaft mit dem Gedanken, es Necron zu geben?�</p><p>�Er wird Howard un die Kleine t�ten, wenners nich kriegn tut�, sagte Rowlf.</p><p>�Das wird er nicht�, antwortete Tornhill gereizt. �Ich werde ihn daran hindern.�</p><p>�Sie?� Ich lachte, hart und bewu�t herablassend. Tornhill erbleichte und starrte mich w�tend an. �Sie wissen genau, da� Sie das nicht k�nnen, Tornhill�, sagte ich. �Wenn Sie versuchen, sich einzumischen, bringen Sie Howard und Priscylla in Gefahr. Ich werde das nicht zulassen.�</p><p>�Aha. Und wie? Ich wei�, wo das Buch ist, vergessen Sie das nicht.�</p><p>�Dann wissen Sie auch, was geschieht, wenn Sie es auch nur anr�hren�, antwortete ich. �Ihr Wissen nutzt Ihnen nichts, Tornhill. Was mit dem Buch geschieht, entscheide allein ich.�</p><p>Bevor er noch etwas sagen konnte, wandte ich mich wieder an Rowlf. �Was hat er genau gesagt? Versuch dich zu erinnern, Rowlf. Ich mu� jedes einzelne Wort wissen.�</p><p>�Nicht viel�, antwortete Rowlf. �Nur da� du ... bezahl�n sollst, glaub ich. Dasser dich ham will. Dich pers�nlich. Un du sollst das Nickernemikon mitbringn.�</p><p>�Und wohin?�</p><p>�Ins Haus�, sagte Rowlf nach kurzem Schweigen. �Mehr hatter nich gesagt. Er w�rd dich schon fin�n, meinte er. Du sollst zum Haus komm�, mittem Buch.�</p><p>�Das verbiete ich�, sagte Tornhill ruhig.</p><p>Rowlf l�chelte. �Ein Wort, un ich hau ihm aufs Maul�, sagte er liebensw�rdig. �Sin noch zwei Betten frei hier.�</p><p>Tornhill reagierte nicht auf die Drohung, aber seine Stimme klang vers�hnlicher, als er weitersprach. �Er wird Sie umbringen, Craven�, sagte er. �Und Howard und Priscylla auch. Glauben Sie im Ernst, er l��t einen von Ihnen am Leben, wenn er das Buch hat?�</p><p>�Mich sicher nicht�, antwortete ich. �Aber vielleicht Priscylla. Verdammt, Tornhill, was w�rden Sie tun, wenn er Ihre Freundin und Ihren besten Freund dort gefangen h�tte und als Geiseln benutzte?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Tornhill. �Und ich denke auch nicht �ber Fragen nach, die mit was-w�re-wenn beginnen, Craven. Mich interessieren Fakten.�</p><p>Er stand auf, trat ein paar Schritte vom Bett zur�ck und griff in die Manteltasche. Als er die Hand wieder hervorzog, lag eine Pistole darin. Der Hahn knackte h�rbar.</p><p>�Und diese Fakten�, fuhr er fort, �besagen eindeutig, da� Sie im Moment nicht der richtige Mann sind, eine Entscheidung zu treffen. Sie sind nicht objektiv, Craven. Sie lieben dieses M�dchen, und Sie w�rden alles tun, um sie zu befreien. Selbst diesem wahnsinnigen alten Mann das Buch �berlassen. Und das kann ich nicht gestatten.�</p><p>Ich stand auf, aber ich griff ihn nicht an. Tornhill w�rde schie�en - ich kannte ihn so gut wie er sich selbst. Er w�rde ohne Z�gern abdr�cken, wenn ich einen Trick versuchte.</p><p>�Und was haben Sie vor?�</p><p>�Ich bringe Sie zur�ck in den Yard in Ihre Zelle�, sagte Tornhill. �Dann nehme ich zehn von meinen besten Leuten und r�uchere Necron und seine M�rderbande aus. Morgen fr�h ist alles vorbei.�</p><p>�Damit bringen Sie Howard und Priscylla um.�</p><p>�Das ist m�glich�, gestand Tornhill. �Aber nicht sehr wahrscheinlich, Craven. Wir haben gute Leute beim Yard. Und ich habe schon mehr als eine Geisel befreit.�</p><p>�Aus den H�nden eines <emphasis>Magiers?�</emphasis></p><p>�Der ist auch nicht kugelfest�, sagte Tornhill lakonisch.</p><p>�Sind Sie sicher?�</p><p>Meine Frage brachte ihn sichtlich aus dem Konzept. Aber nur f�r einen ganz kurzen Moment. Dann sch�ttelte er unwillig den Kopf, steckte die Hand mit der Waffe in die Manteltasche und deutete mit der anderen zur T�r. �Gehen Sie, Craven�, befahl er. �Und denken Sie daran - eine falsche Bewegung, und ich erschie�e Sie. Besser, Sie glauben mir.�</p><p>Und ob ich ihm glaubte! F�r Tornhill war die Sachlage im Grunde ganz einfach: Er wu�te ebensogut wie ich, welche Gewalten in dem Buch schlummerten, und welchen Schaden der verr�ckte Magier mit dieser Macht anrichten konnte. Er konnte sich zum Herrscher �ber L�nder oder Kontinente aufschwingen; vielleicht sogar der ganzen Welt. Es war eine ganz einfache Rechnung - Howards, Priscyllas und mein Leben gegen das von Tausenden. Tornhill blieb gar keine andere Wahl, als mich lieber zu erschie�en, ehe er das NECRONOMICON aush�ndigte.</p><empty-line/><p>Die G�nge waren menschenleer und nirgendwo bot sich eine Gelegenheit, Tornhill zu �berrumpeln.</p><p>Er hatte dem Bobby vor Rowlfs Krankenzimmer Befehle erteilt, niemanden zu Rowlf vorzulassen, nicht einmal die �rzte.</p><p>Immer wieder hatte ich auf dem Weg zum Ausgang auf ihn eingeredet, mich wenigstens mit Necron verhandeln zu lassen - vergebens.</p><p>Tornhill reagierte gar nicht mehr darauf.</p><p>Wir bogen auf den breiten, von Dutzenden von Gaslampen taghell erleuchteten Hauptkorridor ein. Ich wollte die Haupttreppe ansteuern, aber Tornhill bugsierte mich mit unsanften St��en seines Pistolenlaufes nach rechts, auf eine kleine, versteckte T�r zu.</p><p>�Wir nehmen den Lieferanteneingang�, sagte er. �Mir ist wohler, wenn ich allein mit Ihnen bin. Sie k�nnten auf dumme Gedanken kommen, wenn zu viele Menschen in der N�he sind, Craven.�</p><p>Gehorsam �ffnete ich die T�r und trat hindurch. Dahinter lag ein muffig riechendes Treppenhaus. Eine einfache Metalltreppe f�hrte in waghalsigen Windungen in die Tiefe; einen Luxus wie Lampen gab es hier nicht, und die einzige Helligkeit kam durch schmale, in die S�dwand eingelassene Fenster.</p><p>Etwas war nicht so, wie es sein sollte.</p><p>Ich konnte das Gef�hl nicht in Worte kleiden. Es war das gleiche, unheimliche Etwas, das ich in der Zelle gesp�rt hatte, etwas Fremdes und Lauerndes, das sich in den Schatten zu verbergen schien und uns aus unsichtbaren Augen anstarrte. Unwillk�rlich blieb ich stehen.</p><p>�Weitergehen!� fauchte Tornhill. �Versuchen Sie keine Tricks, Craven. Ich warne Sie!�</p><p>�Das ist ... kein Trick�, sagte ich stockend. �Irgend etwas ... ist hier, Tornhill.�</p><p>Tornhill starrte mich an. Er hatte die Hand wieder aus der Tasche gezogen und die Pistole auf mich gerichtet. Ich konnte direkt sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.</p><p>Ein dumpfes, unheimliches Krachen wehte durch den Treppenschacht zu uns hinauf, und pl�tzlich verbla�te das Mondlicht hinter einem flackernden, gr�nen Schein, der irgendwo hinter mir entstand und flackernde Schatten an die gegen�berliegende Wand warf.</p><p>Ich fuhr herum, als ich sah, wie sich Tornhills Gesicht zu einer Maske des Entsetzens verzerrte.</p><p>Es war eine getreuliche Wiederholung der Szene, die ich im Keller von Scotland Yard erlebt hatte.</p><p>Auf der nackten Ziegelwand in meinem R�cken erschienen die Umrisse einer T�r und dahinter, verzerrt und wie durch einen finsteren, auf und ab wogenden Schleier, die monotone Schw�rze der alten Welt. Auch die Gestalt war da, wei� und gr��lich, und hinter meiner Stirn kicherte ihre Stimme. <emphasis>Wir kriegen dich, Robert Craven. Du bist tot! Tot! Tot!</emphasis></p><p>Und doch war etwas anders. <emphasis>Noch drei, vier der schwarzen Wellent�ler, ein paar Dutzend l�cherliche Schritte, und die Schim�re w�rde hinaustreten aus der Welt des Wahnsinns in die wirkliche, w�rde ihre Krallen in mein Fleisch schlagen und mich t�ten. Ich wu�te, da� es kein Entkommen gab. Und in diesem Moment, endlich, erkannte ich die Wahrheit.</emphasis></p><p><emphasis>Die Vision war nie echt gewesen. Das Monster war nichts als Illusion, so wie die Welt, in der zu sein ich geglaubt hatte, nichts als ein b�ses, k�rperloses Ding war, das in mir existierte und sonst nirgendwo. Aber es w�rde real werden, real und t�dlich, im gleichen Moment, in dem es die T�r erreichte und hinaustrat; ein Gedanke, der zum K�rper wurde, geschaffen, um zu t�ten, und zu keinem anderen Zweck. Diese Monster-Priscylla war nicht wirklich, sondern nur ein Spuk, ein Bote, der vom Ende der Nacht kam und den Tod brachte.</emphasis></p><p><emphasis>Wir kriegen dich, Robert! </emphasis>wisperte die Stimme. <emphasis>Wir kriegen dich. Du bist tot!</emphasis></p><p>Dann schlo� sich die T�r; lautlos und schnell. Das gr�ne Leuchten verbla�te und pl�tzlich war die Wand wieder eine Wand und das Treppenhaus nur vom blassen Licht des Mondes erhellt.</p><p>Ich erwachte den Bruchteil einer Sekunde vor Tornhill aus meiner Erstarrung.</p><p>Als die L�hmung von ihm abfiel, hatte ich mich bereits auf ihn gest�rzt. Er versuchte, seine Pistole herumzubringen und auf mich zu richten, aber ich lie� ihm keine Chance. Es stand zu viel auf dem Spiel, als da� ich noch an Dinge wie Fairne� denken konnte.</p><p>Meine Faust traf sein Handgelenk. Die Waffe flog in hohem Bogen davon und schlitterte klappernd �ber die Metallstufen der Treppe in die Tiefe. Tornhill stolperte zur�ck, versuchte seinen Sturz abzufangen und gleichzeitig nach mir zu treten. Ich packte seinen Fu�, verdrehte ihn und brachte Tornhill mit einem kurzen harten Ruck aus dem Gleichgewicht. Er schrie auf und krachte mit dem Hinterkopf gegen die Wand.</p><p>Er keuchte noch einmal, starrte mich aus glasig werdenden Augen an - und sank reglos zu Boden.</p><p>Rasch kniete ich neben ihm nieder, �berzeugte mich hastig davon, da� er nicht ernstlich verletzt war, und zerrte seinen zentnerschweren Leib keuchend in eine einigerma�en bequemere Position. Dann wandte ich mich ab und ging auf die Treppe zu.</p><p>Auf der obersten Stufe machte ich noch einmal halt und sah zu der Wand zur�ck, an der die T�r erschienen war. Sie war nicht mehr da; nat�rlich nicht. Die Wand war so glatt und unber�hrt, als w�re alles nur ein Spuk gewesen, ein Trugbild, mit dem mich meine eigenen Sinne genarrt hatten. Aber ich wu�te, da� sie dagewesen war.</p><p>Wenn sie das n�chste Mal aufging, w�rde ich sterben.</p><empty-line/><p>�Dort hinein!� Necron deutete mit einer befehlenden Geste auf die offenstehende T�r der Bibliothek und versetzte van der Groot einen Sto�, als der nicht schnell genug reagierte. Der Holl�nder taumelte und fiel der L�nge nach auf den Boden.</p><p>Necron lachte h��lich. �Stehen Sie auf, van der Groot. Zum Liegen haben Sie bald Zeit genug. Eine Ewigkeit.�</p><p>Van der Groot richtete sich st�hnend auf und starrte den Magier aus brennenden Augen an. Seine Lippen zuckten. Aber er war klug genug, keinen Laut von sich zu geben, sondern schweigend zu einem der Sessel zu gehen, auf die Necron gedeutet hatte, und sich hineinzusetzen.</p><p>Auch Howard nahm Platz. Zwei schwarzgekleidete Drachenkrieger nahmen hinter ihnen Aufstellung und zogen ihre S�bel.</p><p>Der Alte begann seinen restlichen M�nnern schnell und in einem unverst�ndlichen, arabischen Dialekt Anweisungen zu geben. Nacheinander entfernten sie sich. Ihre Schritte waren auf dem Parkettfu�boden drau�en in der Halle beinahe nicht zu h�ren.</p><p>�Und jetzt -� Necron wandte sich um und streckte fordernd die Hand in Howards Richtung, �das <emphasis>Tor, </emphasis>Lovecraft!�</p><p>Howard z�gerte, wenn auch nur f�r eine Sekunde. Schlie�lich legte er den Kopf schr�g, starrte an Necron vorbei ins Leere und fl�sterte: �Es ist hier, Necron. Direkt hinter Ihnen.�</p><p>Necron starrte ihn f�r die Dauer eines Lidzuckens mi�trauisch an, dann drehte er sich mit einem Ruck herum und ging quer durch den verw�steten Raum auf die gewaltige Standuhr in der Ecke zu. Seine Augen leuchteten auf.</p><p>�Nat�rlich�, fl�sterte er. �Ich mu� blind gewesen sein, nicht von selbst darauf zu kommen. Auf diesem Wege mu� Craven verschwunden sein, und ich selbst habe die fremde Macht gesp�rt, als ich das erste Mal in diesem Zimmer war.� Er hob die Arme und streckte die H�nde nach dem Uhrgeh�use aus, ber�hrte es aber noch nicht, sondern drehte sich wieder zu Howard und van der Groot um.</p><p>Howard starrte ihn finster an. �Was wollen Sie noch, Necron? Warum benutzen Sie es nicht und gehen endlich?�</p><p>�Bald�, antwortete der Magier. �Nur noch ein wenig Geduld, Lovecraft. Dieser junge Narr ist bereits auf dem Weg hierher, um mir mein Eigentum zur�ckzugeben. Sobald ich es habe, gehe ich zur�ck.�</p><p>Er lachte, hoch, schrill und triumphierend, wandte sich an den einzigen <emphasis>Haschischim, </emphasis>der zur�ckgeblieben war und unter der T�r Wache hielt, und sagte: �Bring das M�dchen. Wir wollen doch alle beisammen sein, wenn Craven erscheint, nicht wahr?�</p><p>Seinen Worten folgte ein d�nnes, boshaftes Kichern. Er warf einen triumphierenden Blick in Howards Richtung, schlug sich vor Vergn�gen auf die Oberschenkel und eilte ohne ein weiteres Wort hinter dem Krieger her. Howard und van der Groot blieben allein zur�ck.</p><p>�Der ... der Kerl ist wahnsinnig, Howard�, murmelte der Holl�nder. �Das ist kein Mensch mehr, sondern ein Ungeheuer.� Er schluckte ein paarmal, versuchte sich zur Ruhe zu zwingen und fuhr dann, noch erregter als zuvor, fort: �Und Sie wollen ihm das Buch ausliefern! Sie sind genauso verr�ckt wie er. Glauben Sie im Ernst, dieser Irre wird sein Wort halten?�</p><p>Seltsamerweise l�chelte Howard. �Sollte ich das nicht?�</p><p>�Nein, ganz und gar nicht!� schnappte van der Groot. Howards Ruhe und Gelassenheit schienen ihn zur Raserei zu treiben. �Wissen Sie, was er tun wird? Er wird Sie betr�gen, Howard! Er wird Craven das Buch abnehmen und durch dieses <emphasis>Tor </emphasis>verschwinden!�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Howard gelassen. �Aber vielleicht ist es gerade das, was ich will.�</p><p>Diesmal antwortete van der Groot nicht mehr. Aber seine Verwirrung stieg im gleichen Ma�e, in dem der zufriedene Ausdruck auf Howards Gesicht zunahm.</p><p>In einer halben Stunde w�rde die Sonne aufgehen, und das Grau der D�mmerung w�rde die schwarze Herrschaft der Nacht brechen. Aber noch lag Dunkelheit wie eine finstere Glocke �ber der Stadt, lie� die Umrisse der H�user zu flachen schwarzen Schatten verblassen und verwandelte die Stra�en in finstere Schluchten.</p><p>Es war sehr kalt, und am Zenit des tiefh�ngenden Himmels sammelten sich bereits wieder Wolken, um mit dem Beginn des neuen Tages eisigen Regen auf die Stadt herabregnen zu lassen.</p><p>Ich war stehengeblieben, als das weite Oval des Ashton Place vor mir aufgetaucht war. Mein Herz jagte, und trotz der K�lte war ich in Schwei� gebadet. Ich war gelaufen, quer durch die Stadt, immer auf Nebenstra�en oder schmalen Gassen, damit ich niemandem begegnete oder gar einer Polizeistreife auffiel. Der Weg vom Bahnhof bis zum Ashton Place war nicht sehr weit - zwei, allerh�chstens drei Meilen; eine kurze Fahrt in einer Kutsche, und ein gem�chlicher Spaziergang bei Tageslicht.</p><p>F�r mich war es ein verzweifeltes Wettrennen geworden, und die drei Meilen hatten sich zu drei Ewigkeiten gedehnt.</p><p>L�nger als f�nf Minuten blieb ich im Schatten des letzten Hauses stehen und beobachtete das weite, menschenleere Areal des Platzes. Jetzt, bei Nacht und verlassen, wirkte er wie ein stiller, bodenloser See, ein Loch in der Erde, in dem das Mondlicht versickerte. Ich wu�te, da� es ein Trugbild war, nichts als Einbildung - meine Nervenkraft war am Ende, und meine Phantasie begann mir Dinge vorzugaukeln, die es nicht gab. Trotzdem brannte sich das Bild in mein Bewu�tsein ein und verst�rkte die Angst noch, die in meiner Seele w�hlte.</p><p>Umst�ndlich wechselte ich das in braunes Packpapier eingeschlagene Paket vom linken in den rechten Arm und l�ste mich aus meiner Deckung. Ich ging nicht quer �ber den Platz, sondern umkreiste ihn, bem�ht, stets im Schatten der H�user zu bleiben.</p><p>Nicht, da� es etwas genutzt h�tte, dar�ber war ich mir im klaren. Necron war nicht darauf angewiesen, mich zu <emphasis>sehen.</emphasis></p><p>Wahrscheinlich wu�te er schon lange, da� ich auf dem Wege war.</p><p>Aber was ich tat und was ich dachte, stand nicht mehr im Einklang. Ich wollte nur noch dorthin, in dieses Haus am anderen Ende des Platzes, in dem der irrsinnige Magier auf mich wartete und Howard und Priscylla in seiner Gewalt hatte. Er w�rde mich t�ten, dessen war ich mir sicher. Aber in diesem Moment war es mir vollkommen gleich, was mit mir geschah. Alles was ich wollte, war, Priscyllas Leben zu retten.</p><p>Der Weg kam mir viel weiter vor als sonst, und das Buch schien mit jedem Schritt schwerer zu werden. Eine d�nne, aufdringliche Stimme in meinen Gedanken fl�sterte mir zu, da� mein Vorhaben vollkommener Wahnsinn war. Necron w�rde mich t�ten, das Buch nehmen und Howard und Priscylla umbringen. Aber ich konnte nicht zur�ck. Der logische Teil meines Denkens war ausgeschaltet, machtlos, nicht mehr als eine Stimme, die kein Geh�r mehr fand.</p><p>Alles, woran ich denken konnte, war Priscylla, meine liebe, kleine Pri, die in der Gewalt dieses Ungeheuers war.</p><p>Vor dem Gartentor hielt ich noch einmal an. Das schmiedeeiserne, drei Meter hohe Gitter war nur angelehnt, und f�r einen Moment bildete ich mir ein, hastig tapsende Schritte und das Hecheln von Atemz�gen zu h�ren. Aber ich war allein. Was ich h�rte, war nur meine Einbildung.</p><p>Das Haus ragte wie ein Berg aus Schw�rze vor mir auf, als ich das Gitter aufschob und auf den breiten, kiesbestreuten Weg trat, der zum Eingang hinauf f�hrte. Hinter den bemalten Bleiglasfenstern rechts und links des Portals glomm gelbes Licht, und auch das Fenster der Bibliothek im ersten Stock war erleuchtet. Aber die Lichter wirkten verloren; das Haus war zu einer Festung des B�sen geworden. Zu einem Grab.</p><p>Meinem Grab.</p><p>Ich schob das Gitter hinter mir zu, straffte die Schultern und ging mit festen Schritten auf das Haus zu. Necron erwartete mich. Ich konnte seine Blicke sp�ren.</p><p>Irgendwo links von mir raschelte etwas in den B�schen. Ich glaubte einen Schatten zu sehen, blieb stehen, sah mich erschrocken um - und erstarrte.</p><p>Eine Gestalt trat neben mir aus den B�schen; ein Mann wie ein Kolo�, gro�, massig, mit einer gl�nzenden Stirnglatze.</p><p>�Tornhill!� keuchte ich.</p><p>Er nickte. Der Revolver in seiner Hand richtete sich langsam auf meine Stirn. Sein Zeigefinger spannte sich um den Abzug.</p><p>�Sch�n, da� Sie mich wenigstens noch erkennen, Craven�, sagte er kalt. �Aber ich wei� nicht, ob Sie sich lange dar�ber freuen werden.�</p><p>�Wie ... wie kommen Sie ...?� stotterte ich, brach verwirrt ab und blickte mich wild um. Schlagartig wurde mir klar, da� die Schritte und Atemz�ge, die ich geh�rt hatte, alles andere als Einbildung gewesen waren. Tornhill war nicht allein gekommen.</p><p>�Wie ich hierher komme?� fragte Tornhill. �Sie haben Pech gehabt, Craven. Ihr Schlag war nicht fest genug, mich umzubringen.�</p><p>�Ich habe Sie nicht ... Sie sind gegen die Wand ...�</p><p>�Jemand vom Krankenhauspersonal hat mich gefunden�, fuhr er unger�hrt fort. �Nur ein paar Minuten, nachdem Sie geflohen waren. Pech f�r Sie. Um ein Haar h�tte es geklappt.� Ein boshaftes L�cheln erschien auf seinen Z�gen. �Genaugenommen haben Sie mir sogar einen Gefallen getan, Craven�, sagte er mit einer Kopfbewegung auf das Buch. �Sie haben es ja selbst gesagt - ich allein h�tte den Band nicht einmal ber�hren k�nnen. Aber jetzt haben sie den Schutzzauber ja wohl aufgehoben, oder?�</p><p>Hinter ihm raschelte etwas in den B�schen, und eine zweite Gestalt trat auf den Weg hinaus. Wie Tornhill war sie in Mantel und Hut gekleidet, nicht in die Uniform eines Polizeibeamten, wie ich halbwegs erwartet hatte. Der Mann war gro� und sehr schlank und bewegte sich mit der katzenhaften Geschmeidigkeit eines hochtrainierten Sportlers. In seiner rechten Armbeuge lag eine Winchester mit Zielfernrohr.</p><p>�Wie ich sehe, haben Sie Ihre Spezialeinheit zusammengetrommelt�, sagte ich bitter. �Halten Sie immer noch an ihrem Wahnsinnsplan fest, Tornhill?�</p><p>Tornhill nickte unger�hrt. �Ja. Und Sie werden uns dabei helfen, Craven. Ich gebe zu, da� ich nicht genau wu�te, wie wir Necron und seine Killer ablenken k�nnen. Das werden Sie �bernehmen.�</p><p>�Und wenn ich mich weigere?�</p><p>�Das werden Sie nicht�, behauptete Tornhill. �Wenn Sie es n�mlich tun, lasse ich meine M�nner st�rmen. Wir kriegen Necron auch so. Aber vielleicht bleibt ihm dann Zeit, Ihre Verlobte und Howard zu t�ten.�</p><p>Und in diesem Moment begriff ich, da� er verr�ckt war. Tornhill war wahnsinnig geworden. Das Wissen, das er von mir erhalten hatte, hatte seinen Verstand zerst�rt.</p><p>Tornhill war ein Mann der Logik gewesen, Zeit seines Lebens jemand, der nur glaubte, was er sah. Ich hatte ihn gezwungen, sein Weltbild zu �ndern, praktisch alles zu verleugnen, woran er jemals geglaubt hatte. Ich hatte ihm nicht nur die Augen ge�ffnet, ich hatte seine Welt zerst�rt, die Fundamente seines Lebens ersch�ttert. Und er hatte nicht einmal Zeit gehabt, sich an dieses Wissen zu gew�hnen. Es war im Bruchteil von einer Sekunde �ber ihn hereingebrochen wie eine schwarze brodelnde Flut, die seinen Verstand hinweggesp�lt hatte. Tornhill war verr�ckt geworden, wahnsinnig auf eine gef�hrliche, stille Art.</p><p>Und ich war schuld daran.</p><p>�Tornhill�, begann ich, �Sie -�</p><p>�Kein Wort mehr�, unterbrach er mich. �Wir haben schon viel zu viel Zeit mit Reden vergeudet. Gehen Sie!�</p><p>Langsam wandte ich mich um, wechselte das Buch abermals in den anderen Arm und trat wieder ganz auf den Weg hinaus. Es war sinnlos, weiter mit Tornhill reden zu wollen.</p><p>Die T�r wurde ge�ffnet, als ich noch vier oder f�nf Schritte von der kurzen Steintreppe entfernt war. Flackerndes gelbes Licht fiel auf die Stufen, und dann trat eine schlanke, in schwarzes Tuch geh�llte Gestalt aus der T�r.</p><p>Der Anblick traf mich wie ein Hieb. Es war nicht das erste Mal, da� ich Necron erblickte.</p><p>Es war der gleiche Mann, der mich in der Bibliothek �berfallen hatte.</p><p>Der gleiche, den ich erschossen zu haben glaubte.</p><p>Der Mann, der verbrannt war.</p><p>Den Rowlf aus zehn Metern H�he aus dem Fenster geschleudert hatte.</p><p>Ich hatte gesehen, wie sein K�rper von den Flammen verzehrt wurde, hatte geh�rt, wie er auf dem harten Pflaster der Stra�e zerschmetterte.</p><p>Aber er lebte. Er <emphasis>lebte!</emphasis></p><p>Necron schien meine Gedanken zu lesen, aber vermutlich standen sie auch deutlich auf meinem Gesicht geschrieben. Ich habe nie zu den Leuten geh�rt, die noch die Fassung behalten, wenn sie mit einem Toten reden.</p><p>�Wie sch�n, dich wiederzusehen, Robert Craven�, sagte er. Seine Stimme klang unheimlich laut in der klaren Nachtluft. �Du bist also gekommen. Ich wei� nicht, ob ich dich bewundern oder verachten soll.�</p><p>�Wo ist Priscylla?� fragte ich. �Sie haben gesagt -�</p><p>�Nichts habe ich gesagt�, unterbrach mich Necron. �Aber das M�dchen ist hier - und dein n�rrischer Freund auch. Gib mir das Buch.�</p><p>Ich r�hrte mich nicht. �Sonst nichts?� fragte ich. �Nur das Buch. Mich nicht?�</p><p>Necron lachte leise. �Du bist kl�ger, als ich dachte, Craven. Aber ich will dich nicht. Ich gebe zu, da� ich an Rache dachte, zuerst. Aber du bist unwichtig. Nicht mehr als ein Werkzeug, das man nicht zerst�rt, wenn es sich noch einmal als wichtig erweisen k�nnte. Gib mir das Buch, und ich bringe dich zu Howard und dem M�dchen.�</p><p>Ich bewegte mich noch immer nicht. Necron stie� einen halblauten Fluch aus, ging zwei Schritte weit die Treppe herab und hob die Hand. Zwei schwarzgekleidete Gestalten tauchten hinter ihm auf und glitten an seine Seite.</p><p>Ich schauderte.</p><p>Ich hatte einen dieser M�nner schon einmal gesehen, aber damals hatte ich noch nicht gewu�t, wen ich vor mir hatte. Das waren nicht irgendwelche Krieger oder gedungene M�rder. Wenn dieser Mann wirklich Necron war, der legend�re F�hrer und Herr der Drachenburg, dann stand ich seiner Leibgarde gegen�ber, den Drachenkriegern. Den gef�rchtetsten und h�rtesten Einzelk�mpfern, die es jemals auf der Welt gegeben hatte. Diese beiden M�nner allein waren durchaus in der Lage, es mit Tornhills ganzer Spezialabteilung aufzunehmen.</p><p>�Das Buch!� befahl Necron.</p><p>Ich machte einen Schritt auf ihn zu und nahm den Band in beide H�nde.</p><p>Im gleichen Moment wurde die Nacht vom kalkwei�en Lichtstrahl eines Karbidscheinwerfers zerrissen. Irgendwo krachte etwas, auf der R�ckseite des Hauses fiel ein Schu�, und hinter mir erschollen hastige, trappelnde Schritte.</p><p>�Necron!� dr�hnte Tornhills Stimme, verst�rkt durch ein Sprechrohr und unheimlich verzerrt durch die hallenden Echos der Nacht. <emphasis>Dieser Narr! </emphasis>�Hier spricht die Polizei! Das Haus ist umstellt; Sie haben keine Chance mehr! Geben Sie auf!�</p><p>Necron blinzelte. Das grelle Licht des Scheinwerfers wurde von einem zweiten glei�enden Strahl verst�rkt, der von der anderen Seite des Gartens her kam.</p><p>Necrons Gesicht verzerrte sich.</p><p>�Du hast mich verraten, Craven!� keuchte er. �Du hast mich hintergangen! Daf�r wirst du bezahlen!�</p><p>�R�hren Sie sich nicht von der Stelle, Necron!� br�llte Tornhill. �Die H�nde hoch! Wir schie�en bei der geringsten verd�chtigen Bewegung!�</p><p>Necrons Lippen verzogen sich zu einem kalten, �berheblichen L�cheln. Langsam hob er die Arme, streckte die H�nde aus - und verschwand.</p><p>Er lief nicht etwa davon oder l�ste sich auf, nein - er verschwand, von einem Sekundenbruchteil auf den anderen. Dort, wo er gerade noch gestanden hatte, war pl�tzlich nichts als die leere Treppe und die Gestalten seiner beiden Leibw�chter ...</p><empty-line/><p>Alles geschah gleichzeitig. Die beiden Drachenkrieger wirbelten herum. Tornhill begann zu br�llen und hinter mir krachten Sch�sse. Instinktiv warf ich mich nach vorn. Die Kugeln pfiffen �ber mich hinweg und klatschten gegen die Wand oder heulten als Querschl�ger davon. Einer von Necrons M�nnern b�umte sich auf und fiel.</p><p>Dann war es vorbei. Die Polizisten feuerten noch immer, und auch von der anderen Seite des Hauses erklangen jetzt Sch�sse, aber es gab keine Ziele mehr. Necron und der zweite Drachenkrieger waren entkommen.</p><p>�Feuer einstellen!� br�llte Tornhill. �H�rt auf zu schie�en! Wir st�rmen!�</p><p>Er tauchte vor mir auf, blieb stehen und ri� mich mit einer hastigen Bewegung auf die F��e.</p><p>Ich schlug seine Hand beiseite. �Sie Idiot!� br�llte ich. �Jetzt wird er Pri und Howard umbringen! Und es ist Ihre Schuld!�</p><p>�Nicht, wenn wir es verhindern k�nnen!� antwortete Tornhill. In seinen Augen stand ein gehetzter Ausdruck. Seine Z�ge wirkten schlaff, als h�tte er die Kontrolle �ber sein Gesicht verloren. �Wir st�rmen das Haus. Kommen Sie, Craven!�</p><p>Abermals ergriff er meinen Arm, und diesmal packte er so fest zu, da� ich einfach mitgeschleift wurde. Die Sch�sse von der R�ckseite des Hauses nahmen zu, und dann h�rte ich einen Schrei, langgezogen und furchtbar, der pl�tzlich abbrach. Der Todesschrei eines Menschen.</p><p>�Der erste!� keuchte Tornhill. �Sie sehen, so unbesiegbar sind diese Zauberkrieger gar nicht.�</p><p>Ungl�ubig starrte ich ihn an. Begriff er wirklich nicht, <emphasis>wer </emphasis>da geschrien hatte?</p><p>Drei, vier seiner M�nner erreichten das Haus, feuerten blindlings durch die offenstehende T�r in der Halle und warfen sich rechts und links des Einganges in Deckung. Tornhill versetzte mir einen Sto� in den R�cken, der mich die Treppe hinauftaumeln lie�.</p><p>�In ein paar Minuten ist der ganze Alptraum vorbei!� keuchte er. �Ich kenne meine M�nner, Craven. Keine Angst. Wir hauen das M�dchen heraus!�</p><p>�Sie sind ja wahnsinnig!� schrie ich ihn an. �Necron wird ein Blutbad unter Ihren M�nnern anrichten und Pri und Howard umbringen!�</p><p>Tornhills Antwort ging im Krachen einer neuen Gewehrsalve unter. Zwei seiner M�nner sprangen hinter ihrer Deckung hervor und hetzten geduckt durch die T�r, w�hrend die anderen wie wild ins Haus schossen.</p><p>�Jetzt!� befahl Tornhill.</p><p>Geduckt rannten wir durch die T�r. Tornhill versetzte mir einen Sto�, der mich nach rechts torkeln lie�, und sprang gleichzeitig in die entgegengesetzte Richtung. Hinter ihm hetzten zwei Polizisten durch die T�r, lie�en sich auf die Knie fallen und hoben die Gewehre.</p><p>Aber sie schossen nicht, und nach einigen Sekunden h�rten auch die beiden anderen auf, wie wild in der Gegend herumzufeuern und ihre Munition zu vergeuden.</p><p>Die Halle war leer.</p><p>�Aber das ist doch unm�glich!� stammelte Tornhill. �Wo sind sie? Sie ... sie k�nnen nicht die Treppe hinauf sein, die haben wir die ganze Zeit gesehen. Was ... was ist mit den T�ren?�</p><p>�Unm�glich�, sagte einer der M�nner. Seine Stimme klang zwar beherrscht, aber doch von einer h�rbaren Nervosit�t erf�llt. �Manners und ich haben sie die ganze Zeit im Blick gehabt. Die Kerle sind weder die Treppe hinauf noch durch eine T�r.�</p><p>Tornhill fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen. Sein Blick tastete unstet durch die Halle, saugte sich an Schatten und Winkeln fest und begann immer st�rker zu flackern.</p><p>�Wo sind sie?� murmelte er verst�rt. �Die ... die Kerle k�nnen sich doch nicht in Luft aufgel�st haben. Das ... das ist doch unm�glich!�</p><p>Der Blick, den er mir zuwarf, war beinahe flehend. Ich bemerkte ihn kaum. Tornhill mu�te selbst mit dieser Erkenntnis fertig werden. Meine Gedanken drehten sich in diesen Sekunden nur um zwei Menschen: Howard und Priscylla. Wenn ich jetzt nicht handelte, waren sie verloren!</p><p>Ich erhob mich, packte mein Buch fester und huschte geduckt auf die Treppe zu.</p><p>Als ich die unterste Stufe fast erreicht hatte, wuchs ein Schatten vor mir in die H�he: schwarz, gro� wie ein Riese und einen Krumms�bel schwingend. Ich schrie auf und ri� instinktiv das Buch sch�tzend �ber den Kopf, als der S�bel des Drachenkriegers herabsauste.</p><p>Die Klinge zerfetzte das Papier, in das das Buch eingeschlagen war, und prallte an dem steinharten Leder des Einbandes ab, aber ich sp�rte die ungeheure Kraft, die hinter dem Schlag gesessen hatte, als vibrierenden Schmerz bis in die Schultern hinauf.</p><p>Hinter mir peitschten Sch�sse. Der Drachenkrieger b�umte sich auf, taumelte zwei, drei Stufen hinauf und sank mit einem Keuchen zur�ck. Seine Hand lie� den S�bel fallen, glitt zum G�rtel und zerrte etwas Kleines, Gl�nzendes hervor.</p><p>Meine Warnung ging im Schmerzensschrei eines der Polizisten unter. Einer von Tornhills M�nnern hatte sein Gewehr fallen gelassen und die H�nde um den Hals gekrampft. Blut quoll zwischen seinen H�nden hervor. Der Drachenkrieger hatte seinen M�rder noch im Tode mit sich genommen.</p><p>Aber Tornhill mi�achtete auch diese allerletzte Warnung. Da� er einen seiner M�nner verloren hatte, schien ihn nicht im geringsten zu beeindrucken; im Gegenteil.</p><p>Er stemmte sich hoch, lief mit einem triumphierenden Schrei zu dem Toten hin�ber und gab aus n�chster N�he noch einen Schu� aus seiner Pistole auf den Toten ab.</p><p>�Nummer drei, Craven!� br�llte er. �Wir kriegen sie alle! Und Necron entkommt uns auch nicht.� Er richtete sich auf, sah sich wild um und schwenkte den Lauf seiner Pistole hierhin und dorthin, als ob er an nichts anderes mehr denken konnte, als zu t�ten. Seine drei Begleiter gesellten sich zu ihm, aber auf ihren Gesichtern war kein Triumph, sondern, wenn �berhaupt ein Gef�hl, so allerh�chste Furcht.</p><p>�Wir kriegen sie, Craven!� wiederholte Tornhill triumphierend. War es wirklich Zufall, da� er beinahe die gleichen Worte benutzte wie das Gespenst aus meiner Seele? dachte ich schaudernd.</p><p>Aber das sprach ich nicht aus. Statt dessen trat ich mit einem gro�en Schritt �ber den get�teten Drachenkrieger hinweg, blieb auf Armesl�nge von Tornhill stehen und blickte ihn ernst an.</p><p>�Sie haben Gl�ck gehabt, Tornhill�, sagte ich beschw�rend. �Aber das wird sich �ndern. H�ren Sie!�</p><p>Tornhill legte den Kopf auf die Seite und lauschte eine Sekunde. �Ich h�re nichts�, sagte er.</p><p>�Eben.� Ich nickte. �Gar nichts.�</p><p>Tornhill setzte zu einer unwilligen Antwort an, aber dann breitete sich Schrecken auf seinen Z�gen aus und vertrieb den Zorn.</p><p>Es war still geworden. Unheimlich still. Das Gewehrfeuer von der anderen Seite des Hauses war verstummt. Und wir wu�ten beide, da� es nur eine einzige logische Erkl�rung daf�r gab.</p><p>�Verschwinden Sie von hier, Tornhill�, sagte ich. �Nehmen Sie Ihre M�nner und gehen Sie, solange Sie es noch k�nnen.�</p><p>�Verschwinden?� wiederholte Tornhill schrill. �Jetzt, wo ich gewonnen habe?�</p><p>�Sie begreifen noch immer nicht, wie?� sagte ich. �Necrons M�nner haben Ihre Leute auf der anderen Seite des Hauses erledigt, und jetzt kommt er zur�ck, um Sie zu holen, Tornhill. Gehen Sie, ehe noch mehr Blut vergossen wird!�</p><p>Auf den Gesichtern seiner drei Begleiter breitete sich Panik auf. Ich sah, wie die M�nner nerv�s an ihren Gewehren zu fingern begannen und ihre Blicke unstet hierhin und dorthin huschten. Sie waren gewi� keine Feiglinge, aber sie alle hatten gesehen, wie Necron vor ihren Augen verschwunden war, und sie hatten den Krieger, der mich angegriffen hatte, aus dem <emphasis>Nichts </emphasis>auftauchen sehen. Und das Schweigen, das pl�tzlich auf dem Haus lastete, sprach seine eigene Sprache.</p><p>�Nein�, sagte Tornhill schlie�lich. �Ich werde diesen Verr�ckten nicht entkommen lassen.� Sein Blick wurde hart. �Die M�nner haben aufgeh�rt zu schie�en, weil sie diese Wilden erledigt haben, das ist alles! Eine Bande verr�ckter Fanatiker mit Messern und S�beln kann es eben nicht mit einem Dutzend guter Gewehre aufnehmen.�</p><p>Seine Stimme klang ganz klar, so �berlegen und bewu�t wie immer. Aber der Ausdruck in seinen Augen behauptete das Gegenteil. Tornhill war f�r rationale Argumente nicht mehr zug�nglich. Es hatte keinen Sinn mehr, mit ihm reden zu wollen.</p><p>Wortlos drehte ich mich herum und begann die Treppe hinaufzusteigen.</p><p>�Wo wollen Sie hin, Craven?� rief Tornhill. �Kommen Sie zur�ck!�</p><p>Ich antwortete gar nicht, sondern beschleunigte meine Schritte noch. Das Licht am oberen Ende der Treppe schien zu flackern, und f�r einen ganz kurzen Moment bildete ich mir ein, einen schlanken Schatten vor�berhuschen zu sehen, aber ich lief unger�hrt weiter. Pl�tzlich hatte ich keine Angst mehr. Necron w�rde mich t�ten, das wu�te ich, aber nicht jetzt, und nicht hier. Nicht, solange ich ihm das Buch nicht �bergeben hatte.</p><p>Tornhill fluchte, rief seinen M�nnern einen scharfen Befehl zu und begann, hinter mir die Treppe hinauf zu wanken. Zwei seiner M�nner begleiteten ihn, w�hrend der dritte mit angeschlagenem Gewehr unten zur�ckblieb und die Halle sicherte.</p><p>Der Inspektor erreichte nicht einmal die H�lfte der Treppe. �ber mir wuchs pl�tzlich die h�nenhafte Gestalt eines Drachenkriegers in die H�he.</p><p>Ein gellender Schrei erklang. Metall blitzte auf, und etwas Kleines, Flaches sirrte wie ein Diskus an mir vor�ber, so dicht, da� ich den scharfen Luftzug sp�ren konnte. Tornhill schrie auf und versuchte dem Wurfgescho� auszuweichen, aber der kleine, sechszackige Stern aus Stahl folgte seiner Bewegung. Tornhill keuchte, prallte seitlich gegen die Wand und blieb eine halbe Sekunde mit ungl�ubig aufgerissenen Augen stehen. Blut tropfte auf die steinernen Stufen.</p><p>Die drei Polizisten begannen zu schie�en. Verzweifelt warf ich mich nach vorn und prallte hart auf den Marmor der Treppe. Rechts und links von mir klatschten Kugeln gegen die Wand und die Stufen. Aber der Drachenkrieger war schon l�ngst nicht mehr da.</p><p>Ich w�lzte mich herum und begann zu schreien, so laut ich konnte. �Lauft!� br�llte ich. �Lauft weg! Sie bringen euch um!�</p><p>Einer der beiden M�nner auf der Treppe beherzigte meinen Rat, w�hrend die beiden anderen, halb wahnsinnig vor Angst und Entsetzen, ungezielt weiter auf den Balkon und das obere Ende der Treppe feuerten.</p><p>Das Ende kam schnell. L�ngs der Halle wurden pl�tzlich drei, vier T�ren aufgerissen, und auch �ber mir erschienen zwei oder drei der schwarzen Schatten.</p><p>Keiner der drei Scotland-Yard-Beamten erreichte auch nur den Ausgang.</p><empty-line/><p>Auf dem Gang brannte kein Licht. Nur durch die T�r der Bibliothek, deren rechter Fl�gel halb offenstand, fiel ein schmaler Streifen tr�bgelber Helligkeit.</p><p>Die Gestalten der beiden Drachenkrieger, die mich wie zwei stumme Schatten flankierten, wirkten in der Dunkelheit drohender und gef�hrlicher denn je.</p><p>Aber ich hatte keine Angst. Jetzt nicht mehr. Das Entsetzen, das mich gepackt hatte, als ich hilflos zusehen mu�te, wie Necrons Killer Tornhill und seine M�nner t�teten, war einer dumpfen, bet�ubenden Leere gewichen, als w�re meine F�higkeit, Schrecken und Furcht zu empfinden, ersch�pft. Selbst das Wissen, da� der Tod hinter jener T�r dort vorne auf mich wartete, schreckte mich nicht mehr. Im Gegenteil. Es kam mir fast wie eine Erl�sung vor.</p><p>Trotzdem begann mein Herz zu rasen, als ich die T�r erreichte. Auf meiner Zunge breitete sich ein bitterer, metallischer Geschmack aus, verbunden mit einer immer st�rker werdenden �belkeit, die aus meinem Magen emporkroch.</p><p>Aber es war keine Furcht. Es war der Geschmack der Niederlage, den ich zum ersten Mal im Leben wirklich zu sp�ren begann.</p><p>Einer meiner Begleiter bedeutete mir mit einer befehlenden Geste, stehenzubleiben, stie� die T�r vollends auf und trat mit einer angedeuteten Verbeugung in die Bibliothek.</p><p>Ich hatte geahnt, was mich erwartete. Trotzdem krampfte sich etwas in mir zusammen, als ich das halb ausgebrannte Zimmer betrat und mich umsah.</p><p>Howard hockte in einem Sessel unter dem Fenster und blickte mir mit steinernem Gesicht entgegen. Sein linkes Auge war halb zugeschwollen, und auf seiner Wange war ein frischer, verkrusteter Schnitt. Die Art, in der er die Rechte in den Scho� gelegt hatte, sagte mir, da� sie verstaucht oder gebrochen sein mu�te.</p><p>Neben ihm, in einem zweiten Sessel, sa� der Mann, den ich f�r die Dauer eines Tages f�r Howard gehalten hatte. Die �hnlichkeit war jetzt nicht mehr ganz so verbl�ffend, aber noch immer gro�.</p><p>Sie waren sich in Statur und Wuchs gleich, und obwohl der falsche Bart des Howard-Doppelg�ngers mittlerweile entfernt war und die Farbe in seinem Haar zu verblassen begann, h�tte man sie noch immer leicht f�r Br�der halten k�nnen. Was ihn von Howard unterschied, war die Furcht. W�hrend Howard fast gelassen in seinem Sessel sa�, war das Gesicht seines Doppelg�ngers verzerrt und gl�nzte vor Schwei�. Er mu�te halb wahnsinnig vor Angst sein.</p><p>Ich trat vollends in das Zimmer, als einer der Drachenkrieger mir einen Sto� versetzte, und sah mich um. Meine Gedanken begannen zu rasen, als ich die schlanke, in ein wei�es Nachthemd gekleidete Gestalt auf der kleinen Couch neben dem Kamin entdeckte.</p><p>Pri! Sie war hier!</p><p>Aber ich hatte mich gut genug in der Gewalt, stehenzubleiben und nicht zu versuchen, zu ihr zu kommen. Necrons Leute w�rden mich bei der geringsten verd�chtigen Bewegung t�ten.</p><p>Die T�r hinter meinem R�cken schlo� sich mit einem dumpfen Knall. Ich widerstand im letzten Moment der Versuchung, mich herumzudrehen.</p><p>Statt dessen blieb ich reglos stehen und blickte zu Priscylla hin�ber, gierig auf jede Sekunde, die ich sie noch sehen konnte. Sie war ohne Bewu�tsein, aber sie lebte, wie das regelm��ige Heben und Senken ihrer Brust bewies, und sie schien unverletzt. Wenn ich starb, dann war es dieses Bild, was ich mit hin�bernehmen wollte. Wo immer dieses �hin�ber� sein mochte.</p><p>Eine Gestalt in Schwarz trat an mir vorbei, kleiner als die Drachenkrieger und �lter, aber auf schwer zu beschreibende Art gef�hrlicher und bedrohender als sie.</p><p>Necron ging mit raschen Schritten zu der Couch, auf der Priscylla lag, blickte einen Moment versonnen auf ihr regloses Antlitz herab und hob dann mit einer ruckartigen Bewegung den Kopf, fast, als bemerke er meine Anwesenheit erst jetzt.</p><p>�Du h�ttest mich nicht hintergehen sollen, Craven�, sagte er. Seine Stimme war ganz kalt, ohne irgendeine Spur von Zorn oder Ha�. Aber gerade das machte die Drohung darin um so schlimmer.</p><p>�Du h�ttest allein kommen sollen, wie ich es verlangt habe�, sagte er. �Jetzt bin ich nicht mehr an unsere Abmachung gebunden.�</p><p>�Ich konnte nichts daf�r, Necron�, antwortete ich, obwohl ich wu�te, wie sinnlos jedes Wort war. Wir hatten keine Abmachung; es hatte nie eine gegeben. Und wenn, h�tte Necron sich ohnehin nicht an irgendwelche Zusagen gehalten. �Diese M�nner sind mir ohne mein Wissen gefolgt.�</p><p>�Wie dumm von dir�, murmelte Necron. �Aber das spielt nun auch keine Rolle mehr. Du hast mein Eigentum zur�ckgebracht, wie ich sehe?�</p><p>Er streckte fordernd die Hand aus, aber ich z�gerte noch, ihm das Paket mit dem NECRONOMICON auszuh�ndigen. �Warum haben Sie das getan?� fragte ich.</p><p>Necron blinzelte in gespielter Verwirrung. �Was?�</p><p>�Die Toten�, murmelte ich. �Sie haben sie umbringen lassen. All diese Menschen h�tten nicht sterben m�ssen.�</p><p>�Sie haben mich angegriffen�, erinnerte Necron.</p><p>Ich fegte seine Antwort mit einer �rgerlichen Geste beiseite. �Wenn Sie auch nur halb so m�chtig sind, wie man sich erz�hlt, Necron, dann h�tten Sie andere M�glichkeiten gehabt, sich zu wehren. Aber Sie haben ihre schwarzen Killer ausgeschickt und sie umbringen lassen. Warum?�</p><p>�Warum?� Necron lachte meckernd. �Vielleicht, weil es mir Spa� macht�, sagte er. �Die M�nner m�ssen im Training bleiben, wei�t du, Craven? Und was k�mmert es dich? Tornhill h�tte dich eingesperrt, wenn das hier vor�ber w�re. So oder so. Er war verr�ckt. Und gef�hrlich.�</p><p>�Aber er war ein <emphasis>Mensch!� </emphasis>begehrte ich auf. �Woher nehmen Sie sich das Recht, �ber das Leben anderer zu entscheiden, Sie Wahnsinniger!�</p><p>In Necrons Augen blitzte es auf. Aber zu meiner eigenen �berraschung blieb der erwartete Zornesausbruch aus. Er l�chelte nur, trat auf mich zu und streckte abermals die Hand aus. �Das Buch!�</p><p>Diesmal gehorchte ich. Necron entri� mir das Paket, fetzte mit zitternden Fingern das Papier herunter und hielt das Buch mit beiden H�nden in die H�he. Seine Augen flammten.</p><p>�Das NECRONOMICON!� keuchte er. �Ich habe es wieder. Jetzt gibt es niemanden mehr, der sich mir noch entgegenstellen k�nnte. Niemanden!� Er lachte irr, pre�te den riesigen Folianten wie einen Schatz an die Brust und blickte aus brennenden Augen von Howard zu mir und wieder zur�ck.</p><p>�Niemand!� wiederholte er. �Sie Narr haben ja nie gewu�t, welchen Schatz Sie hatten! In diesem Buch steckt die Macht, das Universum zu ersch�ttern!�</p><p>Howard antwortete irgend etwas, aber ich verstand seine Worte nicht.</p><p>Denn in diesem Moment h�rte ich die Stimme.</p><p><emphasis>Wir kriegen dich, Robert Craven! </emphasis>kicherte sie. <emphasis><strong>Du</strong> bist tot. Tot! Tot! Tot!</emphasis></p><p>Ein lautloses St�hnen kam �ber meine Lippen. Ich taumelte. Meine Knie gaben unter dem Gesicht meines K�rpers nach. Ich tastete blindlings nach Halt, griff ins Leere und st�rzte schwer.</p><p>Vor meinem geistigen Auge entstand ein Bild. Ich sah eine T�r, klein und niedrig, gezeichnet mit flimmernden Linien aus unheimlichem gr�nem Licht, und ich wu�te, da� dahinter der Wahnsinn lauerte, das <emphasis>Ding </emphasis>aus meiner Seele, der D�mon mit Priscyllas Gesicht, der mich t�ten w�rde. Und ich sp�rte, da� er nahe war, ganz nahe ...</p><p><emphasis>Wir kriegen dich, Robert Craven! </emphasis>wisperte die Stimme. Eine verzerrte Fratze tauchte vor mir auf, und durch das rasende H�mmern meines Herzens glaubte ich ein dumpfes Knarren zu h�ren, als bewegte sich eine T�r in uralten rostigen Angeln ...</p><p>Necron drehte sich mit einer abgehackten Bewegung herum. �Was bedeutet das, Craven?� schnappte er. �Wenn Sie einen Trick versuchen, t�te ich Sie!�</p><p>�Er versucht keinen Trick�, sagte Howard. �Er ist krank. Schon lange.� Ich h�rte seine Stimme kaum. Hinter meiner Stirn gellte das b�se Kinderlachen der Schim�re. Necrons Antlitz schien immer wieder zu zerflie�en, und durch die grausamen Augen des alten Magiers grinste mich der Wahnsinn an.</p><p>�Krank?� Necron starrte Howard an. �Was fehlt ihm?�</p><p>�Was interessiert Sie das?� antwortete Howard. �Sie haben, was Sie wollten. Jetzt nehmen Sie Ihre M�rderbande und gehen Sie!�</p><p><emphasis>Wir kriegen dich, Robert Craven! </emphasis>wisperte die Stimme. <emphasis>Du bist tot!</emphasis></p><p>Necron z�gerte. Ich begriff nicht, was Howards Worte bedeuteten, und ich begriff auch nicht, warum Necron mich nicht umbrachte. Irgend etwas mu�te zwischen ihm und Howard vorgefallen sein w�hrend meiner Abwesenheit.</p><p>Aber der Gedanke entglitt mir, als ich danach greifen wollte. Das Lachen der Schim�re wurde lauter. <emphasis>Wir kriegen dich! </emphasis>wisperte sie. <emphasis>Du bist tot!</emphasis></p><p>Necron starrte noch einen endlosen Moment auf mich herab, dann fuhr er herum, klemmte sich das Buch unter den linken Arm und durchquerte mit raschen Schritten die Bibliothek.</p><p>Aber sein Ziel war nicht die T�r, sondern die monstr�se Standuhr in der Ecke. Er trat an das uralte M�bel heran, hob die freie rechte Hand und ber�hrte die T�r.</p><p>Und im gleichen Moment, in dem sie mit einem h�rbaren Knarren nach au�en schwang, begriff ich. Aber es war zu sp�t. Die T�r �ffnete sich weiter, und ein unheimliches, flackerndes gr�nes Licht erf�llte die Bibliothek mit giftigem Schein. Necron schrie auf und prallte zur�ck, als sich die Uhr vollends ge�ffnet hatte.</p><p>Hinter der T�r stand die Schim�re.</p><empty-line/><p>Alles geschah gleichzeitig. Necron stie� ein markersch�tterndes Br�llen aus und torkelte zur�ck, aber sein Schrei ging im irrsinnigen Kreischen der Alptraumgestalt unter. Das Ungeheuer sprang mit einem Satz aus der Uhr hervor und ri� den Alten vom Berge von den F��en.</p><p>Necron br�llte vor Schmerz. Zwei, drei Drachenkrieger st�rzten herbei und versuchten das tobende Ungeheuer von ihrem Herrn wegzuzerren, aber die Bestie stie� sie davon, als w�ren sie schwache Kinder, und fuhr fort, auf den Alten einzuschlagen. Necrons Schreie wurden spitzer. Sein schwarzes Gewand war zerfetzt und f�rbte sich �berall rot.</p><p>Erneut griffen die Drachenkrieger an, und diesmal waren es alle sechs, die sich gleichzeitig auf das Ungeheuer st�rzten.</p><p>Das Priscylla-Ding br�llte vor Zorn und Schmerz, als der Stahl der Krumms�bel in seinen Leib bi�. Mit einem f�rchterlichen Kreischen richtete es sich auf, schleuderte den K�rper des Alten von sich und schlug nach den M�nnern, die es attackierten. Die Drachenkrieger wichen blitzartig zur�ck. Vier von ihnen umkreisten das <emphasis>Ding </emphasis>weiter, w�hrend die beiden anderen herumfuhren und sich um Necron k�mmerten.</p><p>Es war ein bizarrer, unwirklicher Kampf. Die Drachenkrieger bewegten sich schneller, als ich es jemals bei einem Menschen beobachtet hatte, aber sie standen einem Feind gegen�ber, der nicht von dieser Welt war. Immer wieder stie� das Ungeheuer blitzschnell auf sie zu, und immer wieder parierte ein irrsinnig schneller Schwerthieb die Hiebe der Bestie. Das Monster focht mit blo�en Armen gegen Schwerter, und ich sah, wie die Krumms�bel der Drachenkrieger schreckliche Wunden in seinen Leib rissen.</p><p>Aber sie schlossen sich so schnell, wie sie entstanden, und der Schmerz schien die Wut des Ungeheuers nur noch zu steigern. Seine Schreie wurden spitzer und schriller.</p><p>Und dann traf es einen der Krieger. Seine Krallenhand packte den S�bel des <emphasis>Haschischim, </emphasis>verdrehte und zerbrach ihn mit einer einzigen, starken Bewegung und zerrte den Krieger gleichzeitig zu sich heran. Die m�rderischen F�nge, in die sich seine H�nde verwandelt hatten, blitzten auf, und der Medusenkopf wurde zu einem geh�rnten Knochensch�del und bi� wie eine vorschnellende Kobra zu. Der Drachenkrieger sackte lautlos in sich zusammen.</p><p>Die drei anderen wichen hastig zur�ck, als sich das Monster wieder aufrichtete und mit einem w�tenden Zischen erneut angriff. Sie attackierten die Bestie jetzt nicht mehr, sondern beschr�nkten sich darauf, sie mit ihren S�beln auf Distanz zu halten und zusammen mit den beiden anderen Drachenkriegern einen lebenden Schutzwall um ihren Meister zu bilden.</p><p>Das Ungeheuer blieb stehen. Ein f�rchterliches Fauchen kam aus seinem Rachen. Seine Krallen �ffneten und schlossen sich unentwegt, als gierte es danach, irgend etwas zu packen.</p><p>Aber es griff nicht weiter an.</p><p>Dann h�rte ich das Summen.</p><p>Es begann als ganz hohes, d�nnes Ger�usch, beinahe jenseits der H�rgrenze, aber es nahm rasch an Lautst�rke und Kraft zu; gleichzeitig wurde es tiefer.</p><p>Hinter der lebenden Mauer der Drachenkrieger richtete sich eine schreckliche Gestalt auf.</p><p>Necron! Sein K�rper war zerfetzt, <emphasis>aber er lebte noch immer - </emphasis>und er war es, der diesen sonderbaren, summenden Laut ausstie�, ein Ger�usch, das immer mehr und mehr an Kraft gewann und die Bestie zu l�hmen schien.</p><p>Irgendwoher nahm er die Kraft, seine H�nde noch einmal zu heben und unsichtbare Figuren in die Luft zu malen, Linien und Striche aus Rauch und flirrendem graublauem Licht, die sich irgendwie dem Auf und Ab des Summens anpa�ten.</p><p>Das Monster begann zu zittern. Sein Knochensch�del wurde wieder zu einem Medusenhaupt, und ein sonderbarer, beinahe �ngstlich klingender Laut drang �ber seine Lippen. Seine H�nde griffen ziellos ins Leere.</p><p>Necron summte immer lauter; gleichzeitig nahm der blaue Glanz, der zwischen ihm und dem Ungeheuer hing, an Intensit�t zu. Tr�ge wie gef�rbtes Wasser kroch das Licht durch den Raum, bildete Schlieren und verg�ngliche Figuren und n�herte sich der Schim�re. Das Monster versuchte zur�ckzuweichen, aber die gleiche Kraft, die es daran gehindert hatte, Necron und seine M�nner weiter anzugreifen, bannte es nun an seinem Platz.</p><p>Dann ber�hrte das Licht den K�rper des Ungeheuers. Winzige, blauwei�e Funken glommen auf, und ich sp�rte, welche gigantischen unsichtbaren Kr�fte da aufeinanderprallten. Es dauerte nur Sekunden, aber es war ein Kampf, der mit beispielloser H�rte ausgefochten wurde, ein Duell der Giganten, von dem wir nur einen winzigen Teil wirklich zu sehen bekamen.</p><p>Die Bestie verlor.</p><p>Necrons Summen nahm mehr und mehr zu und wurde drohender, fordernder und lauter. Und im gleichen Ma�e begann der K�rper des Ungeheuers zu verblassen. Er verlor an Substanz, wurde heller und durchsichtig, bis er schlie�lich nicht mehr war als ein bleicher Schemen. Dann verging auch er.</p><p>Necron sank mit einem Wimmern in sich zusammen. Das blaue Licht erlosch, und aus seinem Summen wurden keuchende Schmerzenslaute.</p><p>Aber er starb noch immer nicht. Obwohl es absolut unm�glich war, stemmte er seinen geschundenen K�rper noch einmal in die H�he und starrte mich an.</p><p>�Daf�r ... wirst ... du bezahlen ... Craven�, kr�chzte er. �Du wirst ... leiden bis an dein ... Lebensende. Du hast mich ... zweimal verraten, Robert Craven, und du wirst zweitausend Tode sterben f�r jeden ... Verrat.�</p><p>Er keuchte. Der Teppich unter ihm begann zu zucken wie unter Kr�mpfen. Er schrie, fiel nach hinten und w�lzte sich auf dem Boden. Aber noch immer war Kraft in ihm, und noch einmal richtete er sich auf und starrte mich aus blinden Augen an. �Ich verfluche dich, Robert Craven!� schrie er. �Ich verfluche dich mit aller Macht, die mir gegeben wurde. Du wirst niemals Ruhe finden! Du wirst ein Leben als Gejagter f�hren, als Ruheloser. Alles, was du liebst, soll zerbrechen, und alles, was du tust, soll �bles zur Folge haben! Ich gebe dir das Unheil. Leid und Tod sollen deine Br�der werden, und die Menschen werden dich verfluchen, wohin du deine Schritte auch lenkst! Du wirst an meine Rache denken, Robert Craven!�</p><p>Wieder sackte er nach hinten. Aber er starb noch immer nicht, sondern begann schrille Worte in einer mir unverst�ndlichen Sprache hervorzusto�en.</p><p>In die f�nf �berlebenden Drachenkrieger kam pl�tzlich Bewegung. Zwei von ihnen hoben den K�rper ihres Meisters auf, w�hrend der dritte zu der Standuhr eilte und ihre T�r mit einem einzigen kraftvollen Schlag aus dem Rahmen ri�.</p><p>Dahinter dr�ute die schwarze Sumpflandschaft, die ich in meinen Alptr�umen - von denen ich jetzt wu�te, da� es keine Tr�ume gewesen waren - gesehen hatte.</p><p>Und der vierte eilte zu der kleinen Couch neben dem Kamin und hob Priscylla auf die Arme.</p><p>Mit einem gellenden Schrei sprang ich in die H�he und st�rzte mich auf ihn.</p><p>Ich sah den Schlag nicht einmal, so schnell kam er. Pl�tzlich hatten meine Beine nicht mehr die Kraft, meinen K�rper zu tragen. Ich fiel, sah eine schattenhafte Bewegung aus den Augenwinkeln und kr�mmte mich in neuem, irrsinnigem Schmerz, als der Fu� des Drachenkriegers in meine Seite stie�.</p><p>Ich verlor nicht das Bewu�tsein, sah und h�rte alles, was um mich herum vorging, aber ich war unf�hig, die Bilder und Ger�usche zu verarbeiten oder gar darauf zu reagieren.</p><p>Die beiden Drachenkrieger trugen den Alten zu der Standuhr. Ich h�rte, wie er noch etwas zu Howard sagte, verstand die Worte aber nicht, dann traten sie vollends durch die T�r und begannen zwischen den schwarzen Wogen des erstarrten Sumpfes hindurchzugehen.</p><p>Meine Gedanken umnebelten mich. F�r einen Moment wurde mir schwarz vor Augen, und ich sp�rte nichts als Schmerzen und ein nie gekanntes Gef�hl der Hilflosigkeit.</p><p>Als ich wieder sehen konnte, waren Necron und seine schwarzen Killer verschwunden.</p><p>Und mit ihnen Priscylla.</p><empty-line/><p>�Es war meine Schuld�, sagte Howard leise. �Es tut mir leid, Robert.� Seine Stimme bebte, und in seinen Augen stand ein Flehen, wie ich es noch nie zuvor bei einem Menschen erblickt hatte. �Bitte ... verzeih mir�, fl�sterte er.</p><p>Er und van der Groot hatten mich aufgehoben und zu der Couch getragen, auf der Priscylla zuvor gelegen hatte. Ich war wieder vollkommen bei Sinnen, und mein K�rper schmerzte nicht mehr so unertr�glich, wenn ich auch bei jedem Atemzug einen brennenden Stich in der Brust versp�rte. Der Drachenkrieger mu�te mir eine Rippe gebrochen haben; vielleicht auch mehrere.</p><p>Aber von all dem bemerkte ich kaum etwas. Ich h�rte auch Howards Worte nur mit einem Teil meines Bewu�tseins, und es fiel mir schwer, �berhaupt darauf zu reagieren und ihn anzusehen.</p><p>�Deine Schuld?�</p><p>Er nickte. Mit einem Male wirkte er sehr traurig. �Ja. Ich ... wu�te, was geschehen w�rde, wenn er die Uhr �ffnet. Und wollte es. Es war die einzige Chance, ihn zu vernichten. Dachte ich.�</p><p>Mein Blick wanderte zu der ge�ffneten Standuhr. Die schwarze Alptraumlandschaft war verschwunden und hatte wieder dem rissigen Holz der R�ckwand Platz gemacht, nachdem Necron gegangen war. F�r einen Moment versuchte ich mir einzureden, da� alles nicht mehr als nur ein Alptraum war, aus dem ich erwachen w�rde, wenn ich es nur fest genug wollte.</p><p>Aber ich w�rde nie erwachen, denn der Alptraum, in dem, ich mich befand, hie� Wirklichkeit.</p><p>�Es tut mir so leid�, murmelte Howard. �Als ... Necron uns gefangennahm, da ...�</p><p>�Es ist gut, Howard�, sagte ich leise. �Du kannst nichts daf�r.�</p><p>Er sah mich an, und in seinen Augen glomm ein schwacher Funke von Hoffnung auf. �Du ... ha�t mich nicht?� fragte er.</p><p>�Hassen?� Meine Stimme klang ganz kalt. Ich erschrak fast selbst �ber ihren Klang. �Warum sollte ich dich hassen?�</p><p>�Er hat Priscylla entf�hrt�, sagte Howard vorsichtig. �Er h�tte es nicht getan, wenn ich nicht versucht h�tte, ihm eine Falle zu stellen.�</p><p>Ich antwortete nicht, aber das war auch nicht n�tig. Howard begriff auch so, was in diesem Moment in mir vorging.</p><p>�Wei�t du, wo seine ... Bergfestung ist?� fragte ich leise.</p><p>�Necrons Drachenburg?�</p><p>Ich nickte.</p><p>Howard �berlegte einen Moment, dann sch�ttelte er den Kopf. �Nein. Niemand wei� genau, wo sie ist. Du willst ihn ... suchen?� Sein Blick flackerte.</p><p>�O ja�, antwortete ich. �Ich werde ihn suchen, Howard. Ich werde ihn finden, und wenn ich bis ans Ende der Welt reisen m��te. Und dann werde ich ihn t�ten.�</p><empty-line/><p>Gerade war die Stelle am Ufer des kleinen Sees noch leer gewesen. Jetzt standen pl�tzlich drei M�nner dort. Niemand, der zu dieser sp�ten Stunde noch in den Regents Park gegangen w�re, h�tte sie kommen sehen, denn sie waren buchst�blich aus dem Nichts herausgetreten.</p><p>Nur eine streunende Katze war Zeuge ihrer Ankunft. Und sie allein sp�rte die schreckliche, abgrundtief b�se Aura, die die drei M�nner umgab.</p><p>Ihr rostrotes Fell str�ubte sich, bevor sie mit hastigen Spr�ngen und in wilder Panik davonstob.</p><p>F�r einen winzigen Moment hatte sie den <emphasis>Tod </emphasis>gesp�rt ...</p><p>Sekundenlang standen die drei hochgewachsenen Gestalten reglos am Ufer des Sees, lauschten auf das Rascheln der Bl�tter und das leise Murmeln des Wassers, dessen Oberfl�che der Wind kr�uselte.</p><p>Dann verschwanden sie, in verschiedene Richtungen und beinahe so lautlos, wie sie aufgetaucht waren. Nur ihre Fu�spuren blieben im feuchten Sand des schmalen Seeufers zur�ck.</p><p>Aber selbst die w�rden bis zum Morgengrauen verschwunden sein ...</p><empty-line/><p>�Warum k�nnen wir das Tor nicht benutzen? Ich sehe keinen Grund, der mich daran hindern sollte, das gleiche zu tun wie Necron!�</p><p>Howard zog mi�billigend die Brauen zusammen, als er den vorwurfsvollen Unterton in meinen Worten gewahrte, nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarre, griff umst�ndlich nach seiner Tasse mit l�ngst kalt gewordenem Kaffee und tat so, als tr�nke er. Seine �bertrieben zur Schau gestellte Ruhe machte mich allm�hlich rasend. Wir sa�en seit mehr als zwei Stunden in der Bibliothek beisammen und redeten; das hei�t - <emphasis>ich </emphasis>redete, und Howard h�rte zu, runzelte dann und wann die Brauen oder sch�ttelte den Kopf und beschr�nkte seinen Beitrag an unserer �Aussprache� ansonsten auf ein gelegentliches �hm� oder �tztztz!�</p><p>Nicht, da� ich etwas anderes erwartet hatte. Wenn ich jemals einem Menschen begegnet war, der eine wahre Meisterschaft darin entwickelt hatte, auf konkrete Fragen <emphasis>keine </emphasis>Antworten zu geben, dann war es Howard.</p><p>�Also? Warum nicht?�</p><p>Howard l�chelte, hob die Zigarre an die Lippen und blies eine �belriechende Qualmwolke in meine Richtung. �Weil es nicht geht�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Weil es ... nicht geht?� wiederholte ich. �Warum hast du das nicht gleich gesagt? Wenn es so ist, sehe ich nat�rlich ein, da� du recht hast.�</p><p>�Du brauchst �berhaupt nicht zynisch zu werden, Robert�, sagte Howard kopfsch�ttelnd. �Reicht dir nicht, was du mit diesem Ding erlebt hast?�</p><p>�Du hast es auch benutzt, zusammen mit Rowlf�, sagte ich �rgerlich.</p><p>Howard sch�rzte w�tend die Lippen. �Das war etwas anderes. Rowlf schwebte in Lebensgefahr; ich mu�te ihm beistehen. Und ich wu�te selbst nicht, wie gef�hrlich es war. H�tte ich es gewu�t, h�tte ich mir meinen Entschlu� zweimal �berlegt. Verdammt, Robert - du hast selbst erlebt, was dieses Ding anrichten kann!�</p><p>Diesmal antwortete ich nicht sofort, sondern blickte einen Moment stumm an ihm vorbei auf die monstr�se Standuhr, die wie ein �berbleibsel aus einer l�ngst vergangenen Zeit in einer Ecke der Bibliothek hockte.</p><p>Genaugenommen war sie das ja auch: ein �berbleibsel aus einer Zeit, die untergegangen war, lange bevor es so etwas wie Leben auf diesem Planeten gegeben hatte. Leben in unserem Sinne ...</p><p>Ich versuchte den Gedanken abzusch�tteln, aber es gelang mir nicht ganz. Wie immer, wenn ich an die Welt der GROSSEN ALTEN dachte, blieb eine Art dumpfer Benommenheit zur�ck; etwas wie ein schlechter Geschmack auf der Seele, der nur langsam verbla�te.</p><p>Obwohl fast anderthalb Wochen vergangen waren, seit Necron, der Alte vom Berge, durch das magische <emphasis>Tor </emphasis>entkommen war, das sich hinter der t�uschend harmlos aussehenden Front der vermeintlichen Uhr verbarg, �berlief mich ein eisiger Schauer.</p><p>Die Standuhr war nicht nur �u�erlich ein Monstrum, Hinter dem br�chig gewordenen Holz ihres Geh�uses verbarg sich kein kompliziertes Uhrwerk, wie ihr �u�eres vermuten lie�, sondern ein Tor, das geradewegs in die H�lle f�hrte ...</p><p>Im Grunde wu�te ich sehr wohl, da� Howard recht hatte. Einmal war ich mit knapper Not dem Verh�ngnis entgangen, das hinter der geschlossenen T�r der Uhr lauerte. Aber ich konnte schlecht darauf spekulieren, auch ein zweites Mal ein so unversch�mtes Gl�ck zu haben. Aber der Gedanke, tatenlos hier herumzusitzen, w�hrend die Zeit verstrich und Necron mit Priscylla wei� Gott wo war, war einfach unertr�glich.</p><p>�Necron hat es auch benutzt�, sagte ich st�rrisch. �Ich sehe nicht ein, warum -�</p><p>�Wenn zwei das Gleiche tun, Robert�, sagte Howard in belehrendem Tonfall, �ist das noch lange nicht dasselbe.�</p><p>Ich funkelte ihn an. Howard meint es nur gut, das wu�te ich genau, aber einem anderen, boshaften Teil meines Ichs erschien er im Moment als die ideale Zielscheibe f�r meine schlechte Laune.</p><p>�Warum hast du Necron nicht auch mit einem Sprichwort empfangen?� schnappte ich. �Zum Beispiel: Unrecht Gut gedeihet nicht? Ich bin sicher, er h�tte sich entschuldigt und w�re gegangen.�</p><p>�Kaum�, antwortete Howard trocken. �Er h�tte ein Komma hinter das �gedeihet� gesetzt.� Er beugte sich vor und dr�ckte seine Zigarre aus.</p><p>�Necron ist ein erfahrener Magier�, sagte er eindringlich. �Ein Mann, der diese Tore seit Jahrhunderten benutzt, Robert. Er kennt die Gefahren, die auf diesen Wegen lauern k�nnen, und wei�, wie er ihnen begegnen mu�. Du nicht.�</p><p>�Aber du! Und trotzdem hast du ...�</p><p>Ich verstummte wieder und kniff die Lippen zusammen.</p><p>Meine Worte taten mir im gleichen Moment schon wieder leid, als ich sah, wie Howard wie unter einem Hieb zusammenzuckte. Er antwortete nicht, sah mich auch nicht mehr an, sondern blickte starr an mir vorbei aus dem Fenster, ohne indes wirklich hinauszusehen. Er machte sich schwere Vorw�rfe, und nicht erst seit heute.</p><p>Er hatte versucht, Necron eine Falle zu stellen. Sie war zugeschnappt, wie er es geplant hatte, aber der Alte vom Berge war ihr entkommen und hatte Priscylla und das NECRONOMICON mit sich genommen, und Howard gab sich die Schuld an alldem. Meine st�ndigen Beteuerungen, da� er nichts daf�r konnte, hatten daran nichts ge�ndert.</p><p>Und wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, dann gab es einen kleinen, unlogischen Teil in meinem Bewu�tsein, der mir st�ndig zufl�sterte, da� Howard die Schuld an Priscyllas Verschwinden trug. Ich hatte versucht, dagegen anzuk�mpfen und die lautlose Stimme zum Schweigen zu bringen, aber es war mir nicht gelungen.</p><p>Howard stand pl�tzlich auf, straffte �bertrieben die Schultern und wandte sich zur T�r.</p><p>�Wohin willst du?� fragte ich scharf. �Wir sind noch nicht fertig.�</p><p>Howard l�chelte. �Ich komme wieder. Meine Zigarren sind alle. Ich gehe nur nach unten und hole eine neue Kiste aus meinem Koffer. Die Luft hier ist noch zu gut, wei�t du.�</p><p>Ich runzelte mi�billigend die Stirn, aber Howard reagierte darauf nur mit einem noch breiteren L�cheln, ging mit raschen Schritten zur T�r und verlie� das Zimmer.</p><p>Ich hatte das sichere Gef�hl, da� er nicht nur hinausgegangen war, um neue Zigarren zu holen; wahrscheinlich wollte er ein paar Minuten in Ruhe dar�ber nachdenken, wie er mir am besten den Wind aus den Segeln nehmen konnte. W�re es nach mir gegangen, dann w�ren wir jetzt schon an Bord eines Schnellseglers, der uns zur�ck nach Amerika bringen w�rde.</p><p>Aber es ging nicht nach meinem Willen, und Howard trug nicht einmal Schuld daran, auch wenn ihm die Entwicklung sicherlich ganz gelegen kam. W�hrend der letzten anderthalb Wochen hatte er es mit beinahe �bernat�rlichem Geschick verstanden, mir auszuweichen, mich zu vertr�sten oder irgendwelche furchtbar wichtigen Dinge vorzusch�tzen, nur um diesem Gespr�ch aus dem Wege zu gehen.</p><p>In den ersten Tagen war ihm dies sehr leicht gemacht worden - das Haus hatte sich in einen Bienenkorb verwandelt, in dem ein ununterbrochenes Kommen und Gehen geherrscht hatte. Eine halbe Hundertschaft von Scotland-Yard-Beamten war �ber uns hergefallen, und w�hrend der ersten f�nf Tage war ich kaum zum Schlafen gekommen, geschweige denn, da� ich eine freie Minute gefunden h�tte, mit Howard zu reden.</p><p>Jetzt war es vorbei. Irgendwie hatten es Howard und Dr. Gray - der <emphasis>echte </emphasis>Dr. Gray, den Howard mit einem Blitztelegramm herbeizitiert hatte - fertiggebracht, meinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen; wenigstens vorerst.</p><p>Nicht, da� die Angelegenheit vollkommen erledigt gewesen w�re - wir hatten eine kleine Verschnaufpause bekommen, mit den �blichen Auflagen: die Stadt nicht zu verlassen, jederzeit zur Verf�gung zu stehen und so weiter. Die polizeiliche Untersuchung w�rde weitergehen, so lange, bis ein Verantwortlicher gefunden oder die Akten als erledigt abgelegt wurden. Der erste Fall w�rde nie eintreten, und auf den zweiten konnten wir Jahre warten, mit etwas Pech.</p><p>Wieder suchte mein Blick wie von selbst die m�chtige Standuhr in der gegen�berliegenden Ecke. Sie wirkte bedrohlich und finster, ein grauer, h�lzerner Obelisk, der nur darauf wartete, erneut mit aller Macht zuzuschlagen.</p><p>Ich stand auf, n�herte mich der Uhr mit vorsichtigen, kleinen Schritten und streckte die Hand nach dem rissigen Holz ihrer Seitenwand aus. Mein Herz schlug ein wenig schneller, obwohl ich wu�te, da� - zumindest im Augenblick - keine Gefahr mehr von diesem ... Ding ausging.</p><p>Trotzdem bildete ich mir ein, ein unangenehmes, helles Kribbeln in den Fingerspitzen zu sp�ren, als ich das Holz ber�hrte. Vor meinem inneren Auge sah ich die T�r sich �ffnen, und dahinter war pl�tzlich nicht mehr das komplizierte Laufwerk der vier unterschiedlichen Ziffernbl�tter, sondern die monotonen schwarzen Wogen eines mitten in der Bewegung erstarrten Ozeans, ein krankes, b�ses Land, beschienen von einem bleichen Sch�delmond ...</p><p>Mit einem Ruck zog ich die Hand zur�ck und pre�te die Lider zusammen, so fest, da� blitzende Punkte vor meinen Augen auftauchten. Trotzdem dauerte es endlose Sekunden, bis die Vision verbla�te und mein Herz aufh�rte, wie rasend zu schlagen.</p><p>Ich wandte mich um, atmete ein paarmal erzwungen tief und langsam durch und versuchte jeden Gedanken an die GROSSEN ALTEN, an Necron und seine Drachenkrieger aus meinem Gehirn zu vertreiben.</p><empty-line/><p>Als ich zu meinem Platz am Tisch zur�ckgehen wollte, fiel mein Blick auf einen kleinen Gegenstand unter Howards Stuhl. Neugierig b�ckte ich mich danach, hob ihn auf und erkannte einen abgegriffenen amerikanischen Pa�. Howards Pa�.</p><p>Er mu�te ihm aus der Tasche gefallen sein, als er die Jacke ausgezogen und �ber den Stuhl geh�ngt hatte. Ich sch�ttelte den Kopf, �ffnete sein Jackett und schob den Ausweis wieder in die Innentasche des schwarzen Rockes.</p><p>Der Pa� fiel durch die Tasche, die innen ausgerissen sein mu�te, glitt mit einem seidigen Schleifen bis an den unteren Saum der Jacke und fiel durch einen Ri� am Futter erneut auf den Teppich.</p><p>Jedenfalls sah es so aus. Das einzige, was diesen Eindruck st�rte, war die Tatsache, da� ich den Pa� noch gar nicht losgelassen hatte, sondern noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger hielt ...</p><p>Verwirrt zog ich die Hand wieder hervor, starrte einen Moment unschl�ssig auf das zerknickte blaue Passepartout in meinen Fingern, dann auf das auf dem Teppich, hob es schlie�lich auf und drehte die beiden P�sse in den H�nden.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis mir bewu�t klar wurde, was meinem Unterbewu�tsein schon im ersten Moment aufgefallen sein mu�te und worauf es mit einem lautlosen Alarmschrei in meinen Gedanken reagiert hatte. Etwas stimmte nicht mit diesen beiden P�ssen.</p><p>Und dann erkannte ich auch, was.</p><p>Sie waren gleich.</p><p>Sie �hnelten sich nicht blo�, wie es P�sse der gleichen Nationalit�t nun einmal tun, nein - sie waren <emphasis>gleich!</emphasis></p><p>Vollkommen identisch.</p><p>Verbl�fft starrte ich zehn, f�nfzehn Sekunden lang auf die beiden blaugoldenen Dokumente in meinen H�nden, dann trug ich sie zum Tisch, setzte mich und legte sie nebeneinander auf die Platte.</p><p>Alles an diesen beiden P�ssen stimmte �berein - der zerfranste, an einen f�nfarmigen Zwerg erinnernde Tintenklecks auf dem Einband, die abgebl�tterten Stellen in seinem Golddruck, das Eselsohr in der rechten oberen Ecke; alles. Sie �hnelten sich wie zwei vollkommen identische Abg�sse aus ein und derselben Form.</p><p>Wieder z�gerte ich endlose Sekunden. Mein schlechtes Gewissen begann sich zu regen, als mir klar wurde, da� ich hier in Howards pers�nlichen Dingen herumschn�ffelte, die mich absolut nichts angingen. Aber meine Neugier war st�rker. Langsam klappte ich die P�sse in einer synchronen Bewegung auf, wie um ihre Gleichf�rmigkeit noch zu unterstreichen, und blickte mit immer st�rker werdender Verwirrung auf die erste Seite.</p><p>Die sonderbare �bereinstimmung setzte sich im Inneren der P�sse fort. Der amerikanische Wei�kopfadler, der auf dem von Linien und Symbolen durchzogenen Spezialpapier prangte, hatte einen Schmutzfleck auf der rechten Schwinge - in <emphasis>beiden </emphasis>P�ssen! -, hier war ein winziger, halb ausradierter Bleistiftstrich, dort eine Linie, an der das Papier geknickt und gebrochen war. Verwirrt bl�tterte ich weiter, sah die verschiedenen Stempel und Eintragungen durch und stellte auch hier fest, da� sie identisch waren, sowohl in Lage und Reihenfolge als in Daten, Farbst�rke und Anordnung.</p><p>Dann schlug ich die Seite mit Howards pers�nlichen Daten auf. Meine H�nde z�gerten unmerklich, als wollten sie mich ein letztes Mal daran erinnern, da� ich etwas tat, wozu ich kein Recht hatte. Ich wu�te seit langem, da� es ein Geheimnis um Howards Identit�t gab, aber er hatte auf meine diesbez�glichen Fragen niemals geantwortet, und ich hatte einfach kein Recht, hinter seinem R�cken in seinen Papieren zu lesen.</p><p>Trotzdem tat ich es. Und diesmal fand ich einen Unterschied in den beiden Zwillingsbr�dern aus blauem Papier.</p><p>Es war nur eine Winzigkeit; zwei kleine, harmlos aussehende Zahlen in der Spitze, in der Howards Geburtsdatum stand. Und trotzdem ersch�tterten sie mich bis ins Innerste.</p><p>In dem einen, linken Pa� war Howards Geburtsdatum mit dem 20. August 1840 angegeben. Der 20. August stand auch in dem zweiten Papier - nur die Jahreszahl stimmte nicht.</p><p>Sie lautete 1890.</p><p>Meine H�nde begannen zu zittern. Ein eisiger Hauch schien mich zu streifen. Mir war mit einem Male hei� und kalt zugleich, und in meinem Magen sa� pl�tzlich ein eisiger, harter Klumpen. Beinahe gegen meinen Willen hob ich den Kopf und starrte auf den kleinen Dauerkalender, der auf einer Ecke meines Schreibtisches stand.</p><p>Er zeigte das heutige Datum an. Den 11. Juni 1885!</p><empty-line/><p>Der Mann mochte Mitte Drei�ig sein, und was dem Portier als erstes an ihm auffiel, war seine ungew�hnlich dunkle Gesichtsfarbe. Er war kein Neger, aber die Sonne hatte seine Haut so sehr gebr�unt, da� der Unterschied nur noch in Nuancen feststellbar war. Er war sehr gro� - sicherlich an die zwei Meter -, aber er bewegte sich nicht mit der Schwerf�lligkeit, die Menschen seines Wuchses meistens auszeichnet, sondern ungemein geschmeidig.</p><p>Er hatte - ganz anders, als die meisten G�ste, die zum ersten Mal hierher kamen - nicht gez�gert, nachdem er durch die T�r getreten war. Er hatte sich nur kurz und aufmerksam aus seinen tiefblauen, ein wenig schr�gstehenden Augen umgesehen und war dann weitergegangen, zielstrebig direkt auf die Rezeption zu.</p><p>Der Portier stand auf, schnippte hastig die Kr�mel des K�sesandwiches, mit dem er sich die letzte halbe Stunde vertrieben hatte, von seiner Hose und sah dem Mann mit einem berufsm��igen L�cheln entgegen; nicht, ohne vorher einen raschen, mi�billigenden Blick auf die Zeiger der m�chtigen Messinguhr zu werfen, die hinter ihm an der Wand hing. Es war ann�hernd drei Uhr. Eine recht ungew�hnliche Zeit, sich ein Zimmer zu suchen.</p><p>�Sir?� begann er fragend.</p><p>Der Fremde sah ihn einen Moment wortlos an, und irgend etwas war in seinem Blick, was den Portier schaudern lie�. Seine Augen schienen eine beinahe k�rperlich sp�rbare K�lte auszustrahlen. Es war, als w�rde er von einem eisigen Hauch getroffen.</p><p>�Ein Zimmer�, sagte der Fremde. Seine Stimme klang sonderbar; rauh und tief und so kehlig, als beflei�ige er sich normalerweise einer Sprache, deren Klangfarbe mit dem Englischen nichts gemein hatte.</p><p>�F�r ... wie lange, Sir?� fragte der Portier.</p><p>Der Fremde zuckte mit den Achseln. �Zwei, vielleicht drei Tage�, antwortete er nach kurzem �berlegen. �Vielleicht auch mehr. Ich wei� es noch nicht.�</p><p>Das Stirnrunzeln des Portiers vertiefte sich. Er r�usperte sich, beugte sich demonstrativ �ber die niedrige Theke und blickte nach rechts und links. �Sie haben ... kein Gep�ck, Sir?� fragte er. Seine Stimme klang spr�de.</p><p>�Kein Gep�ck�, best�tigte der Fremde.</p><p>�In diesem Fall, Sir�, sagte der Portier nach einem neuerlichen, etwas l�ngeren Z�gern, �mu� ich leider auf einer Vorauszahlung bestehen. Eine Regel unseres Hauses.�</p><p>Seltsamerweise zeigte der Fremde keinerlei Spur von Zorn oder auch nur Ver�rgerung. Schweigend griff er in die Tasche, zog eine zusammengefaltete F�nfzig-Pfund-Note hervor und legte sie auf die Theke. �Reicht das?�</p><p>Der Portier widerstand im letzten Moment der Versuchung, die Hand auszustrecken und die Banknote an sich zu rei�en. �Das ist ... mehr als genug�, sagt er stockend. �Aber ich f�rchte, ich werde Ihnen nichts herausgeben k�nnen. Die Kasse ist abgeschlossen. Wenn Sie sich bis morgen fr�h gedulden k�nnten, Sir ...�</p><p>�Das wird nicht n�tig sein�, antwortete der Fremde, und seine Worte �berzeugten den Portier endg�ltig davon, da� er entweder total verr�ckt oder auf der Flucht vor der Polizei war. �Sie k�nnen den Rest behalten.� Er l�chelte, nahm schweigend den Schl�ssel entgegen, den ihm der Portier reichte, und wandte sich um, aber der Mann hinter der Theke rief ihn noch einmal zur�ck.</p><p>�Sie ... m�ssen sich noch eintragen, Sir�, sagte er. �Der Meldezettel w�re noch ...�</p><p>Er verstummte, als ihn der Blick der stahlblauen Augen traf. Etwas hatte sich darin ge�ndert, etwas, das nicht mit Worten zu beschreiben war.</p><p>�Das wird nicht n�tig sein�, sagte der Fremde. Seine Stimme klang pl�tzlich ganz anders als bisher.</p><p>Der Portier wollte widersprechen, aber er konnte es nicht. Statt dessen nickte er, klappte das Meldebuch wieder zu und legte den F�llfederhalter aus der Hand. �Es wird nicht n�tig sein�, best�tigte er.</p><p>�Vielleicht ist es sogar besser, wenn niemand von meinem Hiersein erf�hrt�, fuhr der dunkelh�utige Fremde fort.</p><p>�Selbstverst�ndlich, Sir�, nickte der Portier. �Niemand wird etwas erfahren.� <emphasis>Was ist das? </emphasis>dachte er entsetzt. Das waren nicht meine Worte!</p><p>�Vielleicht sollten Sie auch vergessen, mich jemals gesehen zu haben, mein Freund�, fuhr der Fremde fort.</p><p>�Das w�re wohl ... das Beste�, best�tigte der Portier.</p><p>�Wenn Ihre Abl�sung morgen fr�h kommt�, fuhr der Fremde fort, �dann sagen Sie ihm einfach, auf Zimmer� - er warf einen raschen Blick auf den Schl�sselanh�nger - �auf Zimmer hundertzehn ist ein frisch verheiratetes Paar, das nicht gest�rt werden will. Und tragen Sie eine entsprechende Meldung in Ihr Buch ein.�</p><p>Der Portier nickte, schraubte den F�ller wieder auf und senkte den Blick. Beinahe entsetzt sah er, wie seine Hand ohne sein Zutun zu schreiben begann und die Linien mit Namen und Daten nicht existierender Personen f�llte. Anschlie�end krakelte er ein unleserliches Etwas als Unterschrift darunter. Niemand w�rde Verdacht sch�pfen, das wu�te er. Es kam h�ufig vor, da� sich ein junges Paar unter falschem Namen in einem der Zimmer einmietete, im voraus bezahlte und f�r Tage nicht gesehen wurde.</p><p>�Sehr gut�, sagte der Fremde, als er fertig war. �Und, wie gesagt - am besten vergessen Sie selbst auch, da� Sie mich jemals gesehen haben.�</p><p>�Das ... werde ich tun�, antwortete der Portier stockend.</p><p>Noch einmal versuchte er, sich gegen den fremden Einflu� zu wehren, der ihn zwang, Dinge zu tun und zu denken, die er nicht tun oder denken wollte.</p><p>Aber als sich der Fremde abermals umwandte und zur Treppe hin�berging, hatte er schon vergessen, da� er ihm �berhaupt jemals begegnet war.</p><empty-line/><p>Es dauerte lange, bis Howard zur�ckkam; viel l�nger, als n�tig gewesen w�re, um wirklich in sein Zimmer im Erdgescho� hinunterzugehen und neue Zigarren zu holen. In seinem Mundwinkel hing eine glimmende Zigarre, als er die Bibliothek wieder betrat, und in der rechten Hand hielt er einen Brief mit einem m�chtigen, amtlich aussehenden Siegel.</p><p>�Das ist gerade gekommen�, sagte er und hielt mir den Brief hin. �Eingeschrieben. Scheint wichtig zu sein.�</p><p>Ich nahm den Brief entgegen, warf aber noch nicht einmal einen Blick auf den Absender, sondern legte ihn unge�ffnet vor mich auf den Tisch und blickte Howard weiter unverwandt an.</p><p>Die sonderbare L�hmung, die von mir Besitz ergriffen hatte, hielt mich noch immer gepackt. Ich f�hlte mich ... erschlagen. Und es war noch etwas; etwas, das mir nur langsam klar wurde, und das mich mit einem tiefen, ungl�ubigen Schrecken erf�llte. Das Gef�hl der Freundschaft, diese beinahe v�terliche Verbundenheit, die ich Howard gegen�ber empfunden hatte, war gest�rt.</p><p>Howard hielt meinem Blick ein paar Sekunden lang stand, dann nahm er die Zigarre aus dem Mund und sah mich stirnrunzelnd an. �Was ist los mit dir, Robert?� fragte er. �Habe ich pl�tzlich ein drittes Auge auf der Stirn?�</p><p>�Nein�, antwortete ich gepre�t. Bisher hatte ich mich mit aller M�he beherrscht; jetzt, als ich sprach, fiel es mir pl�tzlich immer schwerer, wenigstens �u�erlich die Fassung zu bewahren. �Ich bewundere dich nur, das ist alles.�</p><p>Howards Stirnrunzeln vertiefte sich. Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. �Was ist los?� fragte er. �Ist irgend etwas passiert, w�hrend ich ...� Er stockte, wandte den Kopf mit einer ruckartigen Bewegung und starrte die Standuhr an.</p><p>�Es hat nichts damit zu tun�, sagte ich rasch. �Nicht das Geringste, Howard. Ich bewundere dich nur, das ist alles. Ich habe schon von fr�hreifen Kindern geh�rt, aber du setzt selbst mich in Erstaunen.�</p><p>�Bist du verr�ckt geworden?� murmelte Howard. Seine Selbstsicherheit war sichtlich ersch�ttert; er sp�rte, da� ich auf etwas Bestimmtes hinauswollte, aber er wu�te nicht, worauf.</p><p>�Keineswegs�, antwortete ich. Meine Hand glitt �ber die Tischkante und griff in die Schublade, in die ich die beiden P�sse gelegt hatte.</p><p>�Dein Jackenfutter hat einen Ri߫, sagte ich betont, w�hrend ich langsam den Pa� - einen der beiden P�sse - aus der Schublade nahm und ihn quer �ber den Tisch auf Howard zuschob. �Das hier ist herausgefallen.�</p><p>Howards Augen weiteten sich. Ich sah, wie er hinter der blaugrauen Qualmwolke, die er wie eine Barriere zwischen uns gelegt hatte, erbleichte.</p><p>Seine Hand zuckte, als wolle er den Pa� an sich rei�en, dann beherrschte er sich im letzten Moment und nahm das Dokument mit einer erzwungen ruhigen Bewegung auf. Seine Finger spielten nerv�s an dem Eselsohr in seinem Einband. Er l�chelte, sog wieder an seiner Zigarre und schlug den Pa� auf, in einer bewu�t gleichm�tigen Geste, so, als h�tte er eigentlich keinen Grund dazu und besch�ftigte nur seine Finger. Sein Blick bohrte sich in den meinen, aber ich schwieg und tat so, als w�rde ich auf einen Punkt irgendwo hinter ihm an der Wand starren.</p><p>�Du solltest besser auf deine Papiere achtgeben�, sagte ich. �Du k�nntest �rger bekommen, wenn du sie verlierst.�</p><p>�Das ... stimmt�, antwortete Howard. Seine Finger hatten die Seite aufgebl�ttert, auf der seine pers�nlichen Daten standen. Ich sah, wie er im letzten Moment ein erleichtertes Aufatmen unterdr�ckte, als sein Blick auf das Geburtsdatum fiel.</p><p>Rasch klappte er den Pa� zu und schob ihn in die Hosentasche. �Ich werde ihn in meinen Koffer legen�, sagte er. �Am besten sofort, ehe ich es wieder vergesse.�</p><p>Er wollte aufstehen, aber ich hielt ihn mit einer raschen Geste zur�ck. �Warte�, sagte ich. �Du hast ... noch etwas verloren. Das hier.�</p><p>Und damit zog ich den zweiten Pa� aus der Schublade, legte ihn zwischen uns auf den Tisch und machte eine auffordernde Geste.</p><p>Howard erbleichte. Seine Lippen begannen zu zittern. Um ein Haar w�re ihm die Zigarre aus dem Mund gefallen. Ungl�ubig starrte er den Pa� in seiner Hand an, dann den zweiten, der zwischen uns lag. Dann bohrte sich sein Blick in meine Augen.</p><p>�Du ... du hast -�</p><p>�Ich habe nichts�, unterbrach ich ihn. �Deine Jacke ist wirklich zerrissen. Der da� - ich deutete mit einer Kopfbewegung auf den zweiten Pa� - �fiel heraus, als ich den anderen zur�ckstecken wollte.�</p><p>Howard schluckte ein paarmal. Sein Adamsapfel begann hektisch auf und ab zu h�pfen. Dann ri� er den Pa� mit einer abrupten Bewegung an sich und pre�te ihn an die Brust wie einen Schatz.</p><p>�Ich habe hineingesehen�, sagte ich leise.</p><p>�Und?� Howards Stimme klang st�rrisch. �Ich habe einen falschen Pa�. �berrascht dich das? Willst du mich jetzt bei der Polizei anzeigen?� Das Lachen, mit dem er diese Worte hervorbrachte, klang unecht und nerv�s. �Unten in meinem Koffer liegen noch drei oder vier. Es gibt manchmal Situationen, in denen es von Vorteil ist, unter einem anderen Namen zu reisen.�</p><p>�Auch als ein Mann, der noch gar nicht geboren ist?� fragte ich ruhig.</p><p>Diesmal dauerte es lange, bis Howard antwortete. Eine Weile blickte er mich nur an, aber der Zorn, den ich erwartete, kam nicht. In seinem Blick stand eher ein Ausdruck von Trauer. Vielleicht Best�rzung.</p><p>Und Entt�uschung.</p><p>Schlie�lich klappte er den Pa� auf, legte ihn aufgeschlagen vor sich auf den Tisch und zog auch den anderen aus der Hosentasche hervor, um ihn daneben zu legen. �Ich k�nnte jetzt sagen, da� ... es sich dabei um einen Fehler handelt�, sagte er. �Ein Irrtum, den der F�lscher begangen hat.�</p><p>�Das k�nntest du�, best�tigte ich.</p><p>Howards Blick flackerte. �Aber du w�rdest mir nicht glauben.�</p><p>�Nein�, antwortete ich. �Das w�rde ich nicht, Howard. Welcher von diesen beiden P�ssen ist echt?� Ich beugte mich und ber�hrte den zweiten Pa�, den mit dem unm�glichen Geburtsdatum. Howards Hand zuckte in einer erschrockenen Bewegung vor, als wolle er mir das Dokument entrei�en. Aber er f�hrte die Bewegung nicht zu Ende.</p><p>�Das ist der Echte�, behauptete ich. �Aber damit kannst du dich schlecht in irgendein Amt wagen, nicht wahr? Nicht als ein Mann, der erst in f�nf Jahren geboren wird.�</p><p>�Und wenn es so w�re?� murmelte Howard.</p><p>�Wer bist du?� fragte ich. Ich gab mir M�he, ruhig zu sprechen, aber ich h�rte selbst, wie verzerrt und fremd meine Stimme klang. <emphasis>�Wer bist du, Howard?�</emphasis></p><p>Eine endlose Sekunde lang hielt er meinem Blick stand, dann senkte er den Kopf, lehnte sich in seinem Stuhl zur�ck und fuhr sich mit einem ersch�pften Seufzer �ber Kinn und Mund. Ich hatte ihn nie so verwirrt und aus der Fassung gebracht wie in diesem Moment. Aber er schwieg.</p><p>�Ich h�tte es wissen m�ssen�, murmelte ich, als Howard auch nach einer Weile keine Anstalten machte, auf meine Frage zu antworten oder in irgendeiner Art zu reagieren. �Ich war ein Narr, Howard. Und du hast mich genauso behandelt, wie ich es verdient habe. Wie einen Trottel.�</p><p>�Unsinn�, murmelte Howard.</p><p>�Nein, das ist ganz und gar kein Unsinn. Die Beweise waren deutlich genug. Erinnerst du dich an unser Zusammentreffen mit Lyssa?�</p><p>Howard antwortete nicht, aber das war auch nicht n�tig. Keiner von uns hatte die Szene vergessen. Auch nicht die Worte, die Howard zu der Hexe gesagt hatte, die von Priscyllas K�rper Besitz ergriffen hatte.</p><p>�Du hast dich nicht ver�ndert, seit Salem�, zitierte ich seine Worte aus dem Ged�chtnis. �Salem, Howard. Damals hielt ich es f�r Rhetorik, eine reine Redewendung. Aber es war genau das, was du gesagt hast. Du hast diese Frau in Salem getroffen. In einer Stadt, die vor <emphasis>zweihundert Jahren </emphasis>zerst�rt wurde!� Pl�tzlich wurde meine Stimme lauter; ich schrie beinahe, obwohl ich es nicht wollte. Aber die Erregung �bermannte mich einfach.</p><p>�Du bist nichts als ein Freund meines Vaters, wie? Sonst nichts. Nur ein -�</p><p>�Ich bin ein ganz normaler Mensch�, unterbrach mich Howard. Seine Stimme war pl�tzlich ganz ruhig, bar jeden Gef�hles oder jeder Regung. Sie klang eisig.</p><p>Mit einer abrupten Bewegung stand er auf, nahm seine Jacke von der Stuhllehne und steckte die beiden P�sse in die Innentasche. Sie rutschten durch das Innenfutter und fielen wieder heraus. Howard pre�te w�tend die Lippen aufeinander, b�ckte sich und stie� sich den Sch�del an der Schreibtischkante, als er sich wieder aufrichtete.</p><p>�Es reicht wirklich, Robert�, sagte er gepre�t. �Ich habe mich deiner angenommen, als du damals hierher gekommen bist, obwohl wir uns nie zuvor gesehen haben. Ich habe es getan, weil dein Vater und ich Freunde waren, und ich habe gedacht, da� wir vielleicht auch einmal Freunde werden w�rden.� Er lachte bitter. �Eine Weile habe ich wirklich geglaubt, da� es so w�re. Ich dachte, ich h�tte meinen Freund Roderick wiedergefunden, in dir. Aber ich habe mich get�uscht.�</p><p>�Bitte, Howard�, sagte ich. �Du wei�t genau -�</p><p>Howard schnitt mit mir einer w�tenden Bewegung das Wort ab und schl�pfte in seine Jacke. �Nichts wei� ich�, sagte er. �Ich wei� nur, da� du mich entt�uscht hast, Robert. Ich dachte, da� das, was wir gemeinsam erlebt haben, ausreicht, um dich von meiner Loyalit�t zu �berzeugen. Aber alles, was ich sehe, ist Mi�trauen.�</p><p>Auf meiner Zunge breitete sich ein unangenehmer Geschmack aus. Ich wu�te, da� seine Worte zu einem Gutteil nur aus Zorn geboren waren - es war ganz normal, da� er nun seinerseits zum Angriff �berging wie ein Tier, das in die Ecke gedr�ngt war und keine M�glichkeit mehr sah, zu fliehen.</p><p>Und trotzdem waren sie mehr. Sie enthielten die Wahrheit, die mir bisher selbst verborgen gewesen war. Und die weh tat. Sehr weh.</p><p>�Es ... tut mir leid, Howard�, sagte ich.</p><p>Howard l�chelte, sehr d�nn und sehr bitter. Er wich meinem Blick aus. �Mir auch, Robert�, sagte er leise. �Mir auch.�</p><empty-line/><p>Das Haus lag in einem Au�enbezirk Londons, in einem Gebiet, in dem sich die Stadt vor Jahrzehnten einmal auszubreiten begonnen hatte, ihr Wachstum dann aber aus Gr�nden, die heute niemand mehr zu sagen wu�te, wieder einstellte. Zwei, drei Stra�en, die das heruntergekommene Viertel durchzogen, endeten im Nichts; Fragmente einer Planung, die niemals zu Ende gef�hrt worden war.</p><p>Ein paar Grundst�cke waren abgesteckt, Keller ausgehoben und Fundamente gemauert worden, aber die H�user waren niemals gebaut worden. Jetzt g�hnten dort, wo pr�chtige Villen und f�nfst�ckige Mietsh�user hatten entstehen sollen, nur eine Anzahl regelm��ig angeordneter L�cher im Boden; Gruben, die wie bizarre rechteckige Krater wirkten, zum Teil mit Regen- und Grundwasser gef�llt, so da� sie zu kleinen �ligen Seen geworden waren, mit Unkraut und Gestr�pp �berwuchert.</p><p>Auch das Haus war verfallen. Es war gebaut und f�r kurze Zeit auch bewohnt gewesen, aber die Menschen, die es bezogen hatten, waren wieder fortgegangen. Wie viele Geb�ude in diesem Viertel stand es leer und war Verfall und Alter preisgegeben.</p><p>Und trotzdem beherbergte es Leben. Die Natur, die schon die Baugrundst�cke und Gruben zur�ckerobert hatte, hatte auch hier mit Moos und Flechten und d�nnen Wurzelfingern Fu� gefa�t; seine W�nde waren vom Schwamm durchzogen, und da und dort hatte ein Busch oder Strauch seine Wurzeln in die Fugen gekrallt und begann das Mauerwerk zu zerm�rben, langsam, in einem Proze�, der vielleicht Jahrzehnte dauern w�rde. Irgendwann w�rden Eis und Wasser hinzukommen und das spr�de gewordene Mauerwerk von innen heraus sprengen.</p><p>Schon jetzt hing �ber der zugenagelten T�r ein Schild, das jeden Besucher warnte, das Haus zu betreten. Jemand hatte mit roher Farbe <emphasis>Einsturzgefahr! </emphasis>dar�ber gemalt. Die Farbe war abgebl�ttert und von Wind und Jahreszeiten heruntergewaschen worden. Aber es betrat auch so nie jemand dieses Haus, denn es gab etwas Unheimliches an ihm, etwas, das nicht in Worte zu fassen, aber deutlich zu sp�ren war wie ein finsterer Atem. Die Menschen, deren Weg an dem Haus vorbeif�hrte, machten einen gro�en Bogen um die Ruine, selbst am Tage.</p><p>Seine leeren Fensterh�hlen, die wie ausgestochene Augen auf die Stra�e hinabzustarren schienen, fl��ten ihnen Furcht ein, und der eingesunkene Dachstuhl mit den nackten, halbverwitterten Balken erinnerte sie an das Skelett eines gewaltigen urzeitlichen Ungeheuers, das die Jahrmillionen �berdauert hatte, um hier zu sterben.</p><p>Hoch unter diesem eingest�rzten Dach, in einem finsteren, von Feuchtigkeit und Moder durchtr�nkten Winkel des morschen Geb�lkes, nisteten die Motten.</p><p>Es waren keine besonderen Tiere. Selbst im Vergleich mit anderen ihrer Art h�tten sie nicht gut abgeschnitten: sie waren klein, nicht einmal einen Zentimeter lang, unansehnlich und bla�. Ihre Fl�gel wirkten immer ein bi�chen zerknittert und sahen aus wie mit klebrigem grauem Staub bedeckt.</p><p>Das einzig Sonderbare an ihnen war vielleicht ihre Art zu leben. Anders als es Motten normalerweise tun, nisteten sie in einem gro�en, wie ein Bienenkorb an einem abgebrochenen Balken h�ngenden Klumpen, einem Ball aus winzigen Fasern, aus Abfall und Moder und zerkauten Pflanzenteilchen. Das Innere dieses Balles wurde von einem Labyrinth Tausender feiner G�nge und Kavernen durchzogen, Kriechg�nge, in denen sich die blinden grauen Larven der Motten fortbewegten und fra�en, bis sie gro� genug waren, sich zu verpuppen und kurz darauf selbst als unansehnliche verkr�ppelte Schmetterlingswesen ans Tageslicht zu kriechen.</p><p>Sie waren harmlos, diese Stiefkinder der Natur. H��liche kleine Ungeheuer, die niemandem Schaden zuf�gen konnten und erschlagen wurden, wo man sie sah. Eine Laune der Natur, ohne die F�higkeit, in dem gnadenlosen Kampf der Evolution lange zu �berdauern.</p><p>Bis zu diesem Augenblick.</p><p>Der Mann war mit einer Mietkutsche gekommen, aber er hatte den Wagen lange, bevor er den Block erreichte, verlassen und fortgeschickt, um die letzten paar hundert Schritte zu Fu� zu gehen.</p><p>Der Kutscher hatte ihm einen sonderbaren Blick zugeworfen, als er mit einer Zehn-Pfund-Note bezahlte und sich herumdrehte, ohne auf sein Wechselgeld zu warten, aber er war sofort abgefahren, froh aus der Gesellschaft dieses sonderbaren, schweigsamen Mannes, den eine seltsame Aura des Unheimlichen und der Gefahr zu umgeben schien, entkommen zu k�nnen.</p><p>Niemand hatte den Fremden gesehen auf dem Weg hierher. Lautlos war er von Ruine zu Ruine gehuscht, auf der Suche nach etwas, von dem er selbst nicht wirklich wu�te, was es war, das er aber erkennen w�rde, sobald er es fand.</p><p>Schlie�lich hatte er das Haus betreten. Nachdem er Zimmer f�r Zimmer durchsucht hatte, war er hier hinauf gelangt, in den zerfallenen Dachstuhl.</p><p>Dort hatte er die Motten entdeckt.</p><p>Lange, Stunde um Stunde, war er so stehengeblieben, eine Statue, die zur Reglosigkeit erstarrt war, bis er selbst zu einem Teil dieser staubigen, verfallenen Umgebung geworden zu sein schien.</p><p>Und doch <emphasis>tat </emphasis>er etwas.</p><p>Etwas ging mit diesen kleinen, harmlosen Tieren vor sich. Sie sp�rten es nicht, und ihren primitiven Nervensystemen war die Ver�nderung nicht einmal bewu�t. Sie hatten nichts, was man mit einem Gehirn vergleichen konnte oder was gar in der Lage gewesen w�re, zu <emphasis>denken.</emphasis></p><p>Aber als die Ver�nderung abgeschlossen war, waren sie keine harmlosen kleinen Sch�dlinge mehr.</p><p>Sie waren zu Killern geworden.</p><p>Der Fremde ging, ehe die Sonne den Horizont erreicht hatte, und wieder nahmen die Motten keine Notiz von ihm, denn er geh�rte zu einer Welt, die f�r die primitiven Sinne der kleinen Insekten auf ewig bizarr und fremd und unverst�ndlich bleiben mu�te. Er w�rde wiederkommen, an diesem Abend und auch an den n�chsten, aber auch das w�rden sie nicht bemerken.</p><p>F�r die Motten hatte sich nichts ge�ndert. Die Welt war, wie sie immer gewesen war: gro�, unverst�ndlich und voller Gefahren und Beute.</p><p>Und doch waren sie zu etwas ganz anderem geworden ...</p><p>Als sich das n�chste Mal die D�mmerung �ber die Stadt senkte und eine Heerschar winziger h��licher Motten aus dem Haus aufstieg, um in der n�heren Umgebung nach Nahrung und Beute zu suchen, teilte sich ein winziger Teil der Tiere vom Hauptschwarm ab und flog lautlos nach Westen.</p><p>Mit ihnen flog der Tod.</p><empty-line/><p>Mit der D�mmerung hatte sich auch �ber das Haus Stille und Dunkelheit gesenkt, eine Dunkelheit, die bedr�ckend wirkte, und eine Stille, die mich an das Schweigen eines steinernen Mausoleums erinnerte.</p><p>Ich machte mir schwere Vorw�rfe. Howard hatte die Bibliothek verlassen und war in sein Zimmer gegangen, und ich hatte ihn bisher nicht wieder gesehen; auch nicht zum Essen.</p><p>Charles, mein neuer Majordomus und - solange ich noch nicht genug Personal eingestellt hatte - in gleicher Person auch Kutscher, Butler und K�chenhilfe, hatte mehrmals an seine T�r geklopft und ihn zum Essen gerufen, aber er war nicht gekommen.</p><p>Jetzt stand ich vor der T�r des kleinen G�stetraktes, den Rowlf und er bewohnten; aber ich stand schon eine ganze Weile dort, f�nf, vielleicht sogar zehn Minuten, ohne da� ich bisher den Mut gefunden h�tte, anzuklopfen.</p><p>Nachdem Howard gegangen war, war mir ganz allm�hlich klar geworden, wie schwer ihn meine Worte gekr�nkt haben mu�ten.</p><p>Wenn Howard nicht mein Freund war, dann war das Wort Freundschaft bedeutungslos. Er hatte ein halbes Dutzend Mal sein Leben riskiert, um das meine zu retten. H�tte er sich nicht um mich gek�mmert - einen Fremden, mit dem ihn nichts weiter verband, als die Tatsache, da� dieser zuf�llig der uneheliche Sohn seines verstorbenen Freundes war -, dann k�nnte er vermutlich heute noch sicher in seiner kleinen Pension im Norden Londons sitzen und Gott einen guten Mann sein lassen.</p><p>Aber er hatte es nicht getan, sondern mich mit offenen Armen empfangen und mich wie einen Sohn aufgenommen. Er hatte seine gesicherte Existenz und sein Leben als zur�ckgezogener Sonderling, den man vielleicht bel�chelte, dem aber niemand etwas B�ses wollte, f�r das Leben eines Gejagten eingetauscht.</p><p>Und ich dankte es ihm, indem ich ihm <emphasis>mi�traute! </emphasis>Ich Idiot.</p><p>Mit einer entschlossenen Bewegung hob ich die Hand und klopfte an. Ich bekam keine Antwort, aber damit hatte ich auch nicht gerechnet. Ich klopfte noch einmal, wartete noch ein paar Sekunden und legte die Hand auf die Klinke.</p><p>Sie bewegte sich knirschend nach unten und brach ab.</p><p>Verbl�fft starrte ich auf das verzinkte St�ck Metall in meiner Hand. Seine Oberfl�che war fleckig und zerschrunden, und aus dem abgebrochenen Bolzen rieselte feiner brauner Rost wie trockenes Blut.</p><p>Die T�rklinke sah aus, als h�tte sie ein Jahrhundert in feuchter Erde gelegen.</p><p>Ich schrak aus meinen Gedanken hoch, als die T�r unsanft aufgerissen wurde und Howard zu mir heraussah. In der d�mmerigen Beleuchtung, die hier drau�en auf dem Gang herrschte, vermochte ich den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht richtig zu erkennen, aber seine Stimme hatte einen eisigen, reservierten Klang.</p><p>�Warum kommst du nicht herein, statt die T�r zu demolieren?� fragte er.</p><p>Ich l�chelte nerv�s, trat an ihm vorbei in sein Zimmer und drehte die abgebrochene T�rklinke in der Hand.</p><p>Howard zog die T�r hinter sich zu, dr�ckte sie aber vorsichtshalber nicht ins Schlo�. Auch auf dieser Seite der T�r war die Klinke heruntergefallen; wir h�tten Schwierigkeiten; bekommen, den Raum wieder zu verlassen, wenn das Schlo� einschnappte.</p><p>�Warum zertr�mmerst du die Einrichtung?� fragte Howard. �Gef�llt dir dein Haus pl�tzlich nicht mehr?� Sein Gesicht blieb bei diesen Worten ausdruckslos; ihr scherzhafter Klang t�uschte.</p><p>�Ich ... verstehe das nicht�, murmelte ich. �Ich habe die Klinke ganz normal ber�hrt. Nicht einmal besonders fest.�</p><p>�Es ist ein altes Haus�, sagte Howard achselzuckend. �Vielleicht solltest du einen Handwerker kommen und die ganze Bude auf Vordermann bringen lassen. Was willst du?�</p><p>Ich sah ihn an, legte die zerbrochene T�rklinke auf den Kaminsims und senkte den Blick. �Mich entschuldigen�, sagte ich. �Was ich gesagt habe, war wohl ziemlich dumm. Es tut mir leid.�</p><p>Howard nickte. �Ich glaube dir, Robert. Nimm es nicht zu schwer - ich habe auch nicht gerade intelligent reagiert.� Pl�tzlich l�chelte er, und diesmal sah es ehrlich aus. �Im Grunde ist es meine Schuld. Es war ziemlich dumm von mir, diesen Pa� mit mir herumzuschleppen. Ich sollte dir dankbar sein, statt dich anzugreifen. Das Dokument h�tte auch einem anderen in die H�nde fallen k�nnen.�</p><p>Ich seufzte erleichtert, wandte mich zu ihm und und wollte antworten.</p><p>Aber ich tat es nicht. Mein Blick streifte Howards Bett, und die Worte, die ich mir m�hsam zurechtgelegt hatte, blieben mir im Halse stecken.</p><p>Auf dem ungemachten Bett lag Howards Koffer. Der Deckel war aufgeklappt, und seine Kleider und pers�nlichen Gegenst�nde waren in einem w�sten Durcheinander ringsum auf dem Bett verstreut.</p><p>�Du ... packst?� fragte ich stockend.</p><p>�Wie du siehst.� Howard eilte an mir vorbei zum Bett, stopfte ein zu einem unordentlichen B�ndel zusammengewuseltes Hemd in den Koffer und klappte den Deckel zu. �Ich reise morgen fr�h�, sagte er. �Mit dem ersten Zug nach Dover.�</p><p>�Aber du ...� Ich brach verwirrt ab, suchte einen Moment nach Worten. Der eisige Klumpen in meinem Magen war wieder da. Ich f�hlte fast so etwas wie Verzweiflung.</p><p>�Bitte, Howard�, sagte ich leise. �Es tut mir leid. Ich ... wollte das nicht sagen. Ich wollte nicht -�</p><p>�Meine Abreise hat nichts mit dem zu tun, was vorhin geschehen ist�, unterbrach mich Howard. Seine Stimme war ganz kalt; so reserviert, als spr�che er mit einem Fremden. Einem Fremden dazu, den er nicht besonders gut leiden konnte.</p><p>Er war <emphasis>h�flich.</emphasis></p><p>�Aber warum dann? Warum diese �berst�rzte Abreise?�</p><p>�Sie ist nicht �berst�rzt�, sagte Howard ruhig. �Du �bersch�tzt deine Wichtigkeit, Robert. Ich w�re auch so gefahren.� Er zuckte mit den Achseln. �Vielleicht ein paar Tage sp�ter. Aber ich mu� weg.�</p><p>Seine Worte trafen mich wie Ohrfeigen.</p><p>�Und warum?� fragte ich.</p><p>�Es hat nichts mit dir zu tun. Das ist eine Sache, die mich allein angeht. Sie h�ngt mit van der Groot zusammen - und den Leuten, die ihn geschickt haben.�</p><p>�Van der Groot? Was ist mit ihm? Ich dachte, die Polizei -�</p><p>�Hat ihn festgenommen�, unterbrach mich Howard. Der Blick, mit dem er mich ma�, sagte mir deutlich, wie wenig mich seine Angelegenheiten in seinen Augen angingen. Jetzt nicht mehr. �Aber es geht nicht um ihn. Van der Groot ist unwichtig. Wichtig sind nur die Leute, die hinter ihm stehen. Die Sache hat nichts mit dir zu tun, Robert. Es ist ... eine alte Rechnung, die ich schon lange h�tte begleichen sollen.�</p><p>�Gibt es ... keine M�glichkeit, mich bei dir zu entschuldigen?� fragte ich leise. �Ich habe einen Fehler gemacht. Es tut mir leid. Mehr kann ich nicht sagen.�</p><p>�Das ist auch nicht n�tig�, erwiderte Howard. �Und was Fehler angeht, so haben wir uns beide nichts vorzuwerfen. Ich h�tte es besser wissen sollen. Ein Mann wie ich sollte keine Freunde haben.�</p><p>�Howard, ich -�</p><p>�Ich meine das nicht so, wie du jetzt glaubst�, sagte er rasch. �Irgendwann wirst du es verstehen, Robert. Nicht jetzt.� Er l�chelte, nahm eine Zigarre aus der Westentasche und drehte sie in der Hand, machte aber keine Anstalten, sie anzuz�nden. Dann wechselte er abrupt das Thema.</p><p>�Was war mit dem Brief, den ich dir gebracht habe?� fragte er. �Der Stempel sah amtlich aus. Wenn du meine oder Grays Hilfe brauchst ...�</p><p>Einen Moment blickte ich ihn verwirrt an, ohne �berhaupt zu wissen, was er meinte. Nach dem h��lichen Vorfall zwischen uns hatte ich den Brief in die Tasche gesteckt, ohne auch nur noch einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden.</p><p>Ich zog ihn heraus, warf einen raschen Blick auf das Siegel und ri� den Umschlag auf.</p><p>�Eine Vorladung? Vor <emphasis>Gericht?� </emphasis>Howard zog �berrascht die Brauen zusammen. �Seit wann ist die englische Justiz so schnell?�</p><p>�Das hier hat nichts mit dem �berfall auf das Haus oder Tornhills Tod zu tun�, sagte ich. �Es ist eine Vorladung des Seegerichtes. Es geht um Bannerman.�</p><p>�Du wirst hingehen m�ssen�, sagte er, nachdem er ihn gelesen hatte. �Gray kann dich begleiten.�</p><p>�Mir w�re lieber, wenn du ... auch dabei w�rst�, sagte ich stockend.</p><p>�Am Montag?� Er sch�ttelte den Kopf. �Das wird nicht m�glich sein, Robert. Am Montag bin ich bereits in Paris. Ich hoffe es jedenfalls.�</p><p>Es h�tte noch viel gegeben, was ich h�tte sagen k�nnen. Aber ich sp�rte, da� es nutzlos war. So schwieg ich, wandte mich um und verlie� das Zimmer.</p><p>Ich f�hlte mich erschlagen; bet�ubt und wie in einem unseligen Traum gefangen. War es wirklich m�glich, mit ein paar schnellen, unbedachten Worten alles zu zerst�ren, was sich in den Monaten unserer Bekanntschaft entwickelt hatte?</p><p>Necrons Worte fielen mir ein, und zum ersten Mal, seit er sie ausgesprochen hatte, glaubte ich, in ihnen mehr zu erkennen als den Fluch eines Sterbenden.</p><p><emphasis>Ich verfluche dich, Robert Craven, </emphasis>hatte er gesagt. <emphasis>Du wirst niemals Ruhe finden. Du wirst ein Leben als Gejagter f�hren, als Ruheloser. Alles, was du liebst, soll zerbrechen und alles, was du tust, soll �bles zur Folge haben. Ich gebe dir das Unheil. Leid und Tod sollen deine Br�der werden.</emphasis></p><p>Vielleicht war es schon soweit, dachte ich d�ster. Vielleicht war dies hier Necrons Fluch, der sich zu erf�llen begann.</p><p>Meine Augen brannten, als ich die Treppe zur Bibliothek hinaufrannte.</p><empty-line/><p>�Dort dr�ben ist es.� Der Kutscher deutete mit einer Kopfbewegung auf das m�chtige dreist�ckige Geb�ude, das sich finster und massig vor dem dunkel gewordenen Himmel abzeichnete. �Macht zwei Shilling six Pence, Ma�am.�</p><p>Gloria Martin griff in den kleinen handgestrickten Beutel, z�hlte die geforderte Summe ab und dr�ckte sie dem Kutscher in die Hand. Der Mann lie� das Geld in der Tasche verschwinden, ohne nachzuz�hlen, nahm Glorias Reisetasche vom Bock und stellte sie behutsam auf dem B�rgersteig ab.</p><p>�Und das ist ... auch wirklich die richtige Adresse?� vergewisserte sich Gloria. Ihr Blick irrte unsicher �ber das gewaltige Haus hinter dem schmeideeisernen Zaun.</p><p>�Ashton Place 9�, best�tigte der Kutscher. �Ich sagte Ihnen ja - eine der feinsten Adressen der Stadt.� Er l�chelte, deutete auf die Tasche und fragte: �Soll ich sie Ihnen noch ins Haus tragen, Ma�am?�</p><p>Gloria verneinte hastig. �Danke. Sie ... ist nicht sehr schwer.�</p><p>Der Mann zuckte mit den Achseln. �Wie Sie wollen. Wenn Sie sonst noch irgend etwas ben�tigen ...� Er l�chelte verlegen, als er Glorias Blick bemerkte. �Heute ist sowieso kein guter Tag�, sagte er. �Kein Gesch�ft. Wenn Sie wollen, warte ich hier.�</p><p>Einen Moment lang dachte Gloria ernsthaft �ber das Angebot nach. Sie hatte sich auf dem Weg vom Bahnhof bis hierher mit dem Mann unterhalten und ihm erz�hlt, da� sie aufgrund einer Zeitungsannonce herkam, um sich auf die ausgeschriebene Stelle einer Hausdame zu bewerben. Und sie hatte gleich gesp�rt, da� der Mann mehr als rein gesch�ftsm��iges Interesse an ihr hatte. Nun - warum nicht? Sie war sechsundzwanzig und nicht gerade h��lich, und er ... wenn sie sich den viel zu gro�en Mantel und den unm�glichen Zylinder wegdachte, sah er bestimmt gut aus.</p><p>Aber dann verscheuchte sie den Gedanken. Nein - es ging nicht. Sie war hierher nach London gekommen, um sich in der besseren Gesellschaft nach oben zu dienen. Hausdame, vielleicht sogar Gesellschafterin irgendeiner reichen alten Glucke, das war es, was sie werden wollte.</p><p>Vorerst. Sp�ter w�rde man sehen ... Es gab genug alleinstehende junge M�nner in der Londoner Gesellschaft. Nein. Ein Mietkutscher pa�te nicht zu ihr. Auch, wenn er noch so gut aussah.</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf, griff nach ihrer Tasche und wandte sich mit einem kecken H�ftschwung um. Aber der Kutscher hielt sie noch einmal zur�ck. Gloria fuhr unmerklich zusammen, als sie sp�rte, wie hart sein Griff war.</p><p>�Vielleicht sollte ich doch besser warten�, sagte er, deutlich verlegen und ohne sie anzusehen. �Es geht mich ja nichts an, aber - ich w�rde da nicht hinein gehen.�</p><p>Gloria streifte seine Hand ab. �Warum nicht?� fragte sie. �Sie haben doch selbst gesagt, es w�re eine der vornehmsten Adressen der Stadt, oder?�</p><p>�Man erz�hlt sich komische Dinge �ber dieses Haus�, fuhr der Mann fort, als h�tte er ihre Worte gar nicht geh�rt. �Es hat eine ganze Weile leergestanden, und die Leute, die jetzt dort wohnen, kennt hier niemand. Und vor ein paar Tagen soll es eine wilde Schie�erei gegeben haben.�</p><p>Und? dachte Gloria. Was machte das? Wer sich ein solches Haus leisten konnte, mu�te reich sein. Nicht verm�gend, sondern <emphasis>reich. </emphasis>Sie wiederholte das Wort ein paarmal in Gedanken und geno� seinen prickelnden Klang.</p><p>�Ich werde hier warten�, fuhr der Kutscher, als er ihr Schweigen registrierte und falsch auslegte. �Wenn Sie in einer Stunde nicht wieder da sind, verschwinde ich, und Sie k�nnen mich vergessen.�</p><p>�Aber kommen Sie nicht auf die Idee, da� ich Ihnen den Verdienstausfall bezahlen soll�, sagte Gloria sp�ttisch. �Meinetwegen warten Sie, ... �h ...�</p><p>�Ronald�, sagte der Kutscher. �Ron, f�r meine Freunde.�</p><p>Gloria nickte. �Gut, Ron. Eine Stunde.�</p><p>Der Kutscher l�chelte, zog sich mit einem kraftvollen Ruck auf den Kutschbock hinauf und lie� die Z�gel knallen. Gloria sah ihm nach, bis der Wagen ein kurzes St�ck die Stra�e hinunter gefahren und wieder zum Halten gekommen war; weit genug, da� er vom Haus aus nicht direkt gesehen werden konnte, aber so, da� er seinerseits das Tor und einen Teil des dahinterliegenden Gartens gut im Blick hatte.</p><p>Warum nicht? �berlegte sie. Wenn sie die Stelle nicht annahm, war Ron vielleicht nicht der Schlechteste, um sich mit ihm die Zeit zu vertreiben. Bis sie etwas Besseres gefunden hatte.</p><p>Sie nahm ihre Tasche auf, �ffnete das Tor und trat mit einem entschlossenen Schritt hindurch. Das Haus und der Garten - eigentlich war es schon eher ein kleinerer Park - waren dunkel, nur hinter einem Fenster hoch oben im zweiten Stock brannte ein einsames Licht.</p><p>Gloria ging langsamer, als n�tig gewesen w�re, aber sie sah sich dabei aufmerksam um. Das Haus wirkte sehr alt, wie Ron gesagt hatte, aber es war - genau wie der Garten - sehr gepflegt. Und es sah nach Geld aus. Nach sehr viel Geld. Es gefiel ihr.</p><p>Irgend etwas ber�hrte ihr Gesicht.</p><p>Gloria blieb abrupt stehen, sah sich erschrocken nach beiden Seiten um und hob die Hand an die Wange, wo sie die Ber�hrung gesp�rt hatte. Es war nicht viel mehr als ein fl�chtiger Hauch gewesen, kaum sp�rbar. Vielleicht ein Insekt, das im Dunkeln die Orientierung verloren hatte und gegen sie geprallt war.</p><p>Das junge M�dchen runzelte die Stirn, packte seine Tasche fester und ging weiter.</p><p>Sekunden sp�ter sp�rte sie eine weitere Ber�hrung, ein wenig fester als beim ersten Mal, und diesmal glaubte sie etwas zu sehen: einen kleinen, verschwommenen Schatten, der trunken vor ihrem Gesicht auf und ab torkelte und blitzschnell verschwand, als sie die Hand hob und danach schlug.</p><p>Ihr Herz begann ein wenig schneller zu schlagen. F�r einen ganz kurzen Moment sp�rte sie nagende Furcht, aber sie vertrieb das Gef�hl, schalt sich in Gedanken selbst eine dumme Ziege und blinzelte aus zusammengekniffenen Augen in die Dunkelheit. Es gab eine Menge Dinge, die man Gloria nachsagen konnte - aber Feigheit geh�rte nicht dazu.</p><p>Irgendwo zwischen ihr und dem sorgsam gestutzten Rhododendronbusch rechts neben dem Weg bewegte sich etwas; ein Spiel unruhiger kleiner Schatten, die mit hektischen Bewegungen auf und ab h�pften.</p><p>Was war das? dachte sie. M�cken? Aber nein; M�cken schw�rmten nach Dunkelwerden nicht mehr. Au�erdem h�tte sie sie h�ren m�ssen.</p><p>Ohne auf die warnende Stimme in ihrem Inneren zu achten, setzte sie die Reisetasche ab und n�herte sich vorsichtig dem Busch. Die Schatten wurden deutlicher, sch�lten sich jetzt als kleine graue Umrisse aus der Dunkelheit und torkelten wie wild hin und her. Einer von ihnen huschte auf sie zu und wich hastig zur Seite, als sie die Hand hob und damit wedelte.</p><p>Dann erkannte Gloria, was sie vor sich hatte.</p><p>Motten. Nichts als einen Schwarm kleiner, unansehnlicher grauer Motten.</p><p>Sie l�chelte, sch�ttelte den Kopf �ber ihre eigene Neugier und Dummheit und ging zur�ck zu der Stelle, an der sie die Tasche abgestellt hatte.</p><p>Als sie sich danach b�ckte, ber�hrte etwas ihre Hand. Und diesmal tat die Ber�hrung <emphasis>weh.</emphasis></p><p>Gloria fuhr mit einem unterdr�ckten Schrei hoch, sah ein graues Etwas von ihrer Hand fortflattern und schlug blindlings danach. Sie traf. Das kleine Fl�geltier wurde aus der Bahn geworfen, torkelte zu Boden.</p><p>Sie zertrat es.</p><p>Der Kies unter ihrem Schuh knirschte, als zermalme sie Knochen, als sie den Fu� �ber dem winzigen Insekt drehte.</p><p>Ihre Hand tat immer noch weh. Gloria hob die Finger vor die Augen und versuchte im schwachen Mondlicht die Stelle zu erkennen, an der sie die Motte gebissen hatte - denn etwas anderes konnte es nicht sein -, aber alles, was sie sah, war ein kleiner, grauer Fleck auf der Haut, wie Staub.</p><p>Angeekelt wischte sie sich die Hand an ihrem Rock sauber, nahm ihre Tasche auf und ging weiter.</p><p>Eine Motte flog auf sie zu, wich Millimeter vor ihrem Gesicht zur Seite und ber�hrte sie ganz sanft mit den Fl�gelspitzen an der Stirn.</p><p>Gloria schrie erschrocken auf, schlug nach dem Tier und glitt auf dem Kies aus. Ihre Arme ruderten hilflos, sie verlor vollends das Gleichgewicht und st�rzte. Ihre Tasche platzte auf, ihr Inhalt quoll hervor und fiel auf den Weg.</p><p>Und pl�tzlich waren �berall Motten. Tausende der kleinen, grauen Tiere schienen mit einem Male die Luft um sie herum zu erf�llen, ein flatternder, torkelnder, lautloser Schwarm, der immer wieder auf sie herabstie� und ihr Gesicht und ihre H�nde, die nackte Haut ihrer Beine und ihren Nacken ber�hrte.</p><p>Gloria schrie vor Angst. In blinder Panik schlug sie um sich, zermalmte Dutzende der winzigen Tierchen mit den H�nden und kr�mmte sich vor Furcht, als eine ganze Wolke der h��lichen grauen Schmetterlinge auf ihr Gesicht herabstie�.</p><p>Im ersten Moment war ihre Ber�hrung sanft, beinahe z�rtlich, wie ein Streicheln. Dann begann sie weh zu tun.</p><p>Schrecklich weh.</p><p>�ber ihr im Haus flammten Lichter auf. Erregte Stimmen erklangen, dann wurde eine T�r aufgerissen, und hastige Schritte n�herten sich.</p><p>Aber von alldem nahm Gloria kaum etwas wahr! Pl�tzlich, so rasch, wie die Schmerzen gekommen waren, verschwanden sie wieder. Sie war nur noch m�de.</p><p>So unglaublich m�de.</p><empty-line/><p>Die Bibliothek war nicht mehr leer. Jemand hatte das gro�e Licht gel�scht und daf�r die kleine Petroleumlampe auf dem Schreibtisch entz�ndet, und das Feuer im Kamin war zu h�herer Glut entfacht worden. In dem hochlehnigen Ohrensessel davor sa� eine breitschultrige, in einen seidenen Hausmantel geh�llte Gestalt.</p><p>�Rowlf!� sagte ich verbl�fft. �Was ...� Ich brach ab, schob die T�r hinter mir ins Schlo� und eilte auf ihn zu, blieb aber auf halbem Wege stehen. Auf seinem breitfl�chigen Gesicht stand ein Ausdruck, den ich mir nicht erkl�ren konnte. Irgend etwas zwischen Trauer und Vorwurf.</p><p>�Du bist ... nicht unten?� fragte ich vorsichtig.</p><p>�Howard kommt mit dem Gep�ck schon allein zurecht. Aber er glaubt auch, da� ich in meinem Zimmer bin und schlafe. Er wei� nicht, da� ich hier bin, und er mu� es auch nicht wissen. Ich mu� mit dir reden�, sagte Rowlf. Seine Stimme klang ver�ndert. Sehr ernst. �Wenn du Zeit hast, hei�t das.�</p><p>�Nat�rlich.� Ich wandte mich zu dem kleinen Teewagen neben der T�r, auf dem Gl�ser und Flaschen bereitstanden. �Einen Drink?� fragte ich. Rowlf nickte, und ich mixte f�r uns beide einen kr�ftigen Whisky. Meine H�nde zitterten so stark, da� die Eisw�rfel wie ein kleines Glockenspiel klirrten, als ich mit den Gl�sern zu Rowlf ging.</p><p>Er nahm mir eines davon aus der Hand, nippte daran und sah zu, wie ich mich nerv�s in den Sessel sinken lie� und mein Glas mit einem einzigen Zug zur H�lfte leerte. Prompt verschluckte ich mich und hustete qualvoll.</p><p>Aber das sp�ttische Lachen, das ich von ihm erwartete, blieb aus. Und jetzt, im nachhinein, fiel mir auch noch etwas auf: Rowlf s Dialekt war verschwunden. Er hatte das reinste Oxford-Englisch gesprochen, das ich jemals geh�rt habe. Bisher hatte er seinen Slang, den er normalerweise sorgsam pflegte und zur Perfektion zu entwickeln versuchte, nur ein einziges Mal in meiner Gegenwart vergessen.</p><p>Damals war er in Lebensgefahr gewesen.</p><p>�Also?� fragte ich, nachdem ich wieder einigerma�en zu Atem gekommen war. �Was gibt es?�</p><p>�Du hast mit Howard gesprochen?�</p><p>Ich nickte. Mein Gesicht verd�sterte sich. War er gekommen, um mir Vorw�rfe zu machen?</p><p>�Er packt�, murmelte ich. �Aber das wei�t du sicher schon.�</p><p>�Ja�, antwortete Rowlf. �Deshalb mu� ich mit dir reden. Vielleicht h�rt er auf dich. Mich hat er gar nicht erst zu Wort kommen lassen.�</p><p>�Auf mich?� Ich schluckte im letzten Moment das schrille Lachen herunter, das in meiner Kehle emporstieg. �Rowlf, es ist <emphasis>meine </emphasis>Schuld, da� er packt.�</p><p>�Quatsch�, sagte Rowlf heftig. �Glaubst du wirklich, Howard w�rde wie ein beleidigter Obersch�ler davonlaufen, nur weil ihr euch gestritten habt?� Er sch�ttelte heftig den Kopf, leerte sein Glas mit einem Zug und drehte es nerv�s in den Fingern. �Wir w�ren sowieso gefahren, fr�her oder sp�ter. Euer kleiner Streit hat nur den Ausschlag gegeben, jetzt schon aufzubrechen. Es hat mit diesem van der Groot zu tun.�</p><p>�Das hat Howard mir gesagt�, murmelte ich. �Aber mehr auch nicht. Was ... ist passiert?�</p><p>�Passiert?� Rowlfs Gesicht verd�sterte sich. Seine H�nde spannten sich mit einer kurzen, kraftvollen Bewegung um das Glas. Es knackte, und in dem dickwandigen Whiskyglas entstand ein sichelf�rmiger Sprung. Rowlf zog eine Grimasse. �Was passiert ist?� fuhr er fort. �Dieser van der Groot ist passiert. Ich h�tte ihm den Sch�del einschlagen sollen, als noch Zeit dazu war. Ich Idiot h�tte wissen m�ssen, was passiert.� Er schnaubte. �Eigentlich habe ich seit Jahren darauf gewartet.�</p><p>�Ich ... verstehe kein Wort�, sagte ich stockend. �Wer ist dieser van der Groot �berhaupt?�</p><p>�Was�, sagte Rowlf. �Die Frage mu� lauten, <emphasis>was </emphasis>ist van der Groot, Robert. Die Geschichte ist nicht so einfach zu erkl�ren. Und du mu�t mir versprechen, Howard kein Wort davon zu verraten, da� ich hier war.�</p><p>�Sicher�, sagte ich. �Ich verrate nichts. Bisher habe ich ja auch nichts geh�rt, was ich verraten k�nnte.�</p><p>Rowlf grinste, stand auf und ging zum Teewagen, um sich ein neues Glas zu holen. �Dieser van der Groot�, begann er, �hat nicht aus eigenem Antrieb gehandelt. Er selbst ist ein ziemlich unwichtiger kleiner Handlanger, wei�t du? Er kam hierher, um ... einen Auftrag auszuf�hren.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete ich. �Er wollte das NECRONOMICON.�</p><p>Rowlf drehte sich herum, nippte an seinem Drink und sah mich �ber den Rand des Glases hinweg scharf an. �Nein�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Nein?� Ich blinzelte verwirrt. �Aber was -�</p><p>�Er war schon sehr viel l�nger in der Stadt. Die Sache mit dem NECRONOMICON war eigentlich gar nicht geplant. Van der Groot und dieser Gray-Abklatsch konnten nur nicht widerstehen, als sie erfuhren, was sich in deinem Besitz befindet. Wahrscheinlich�, sagte er mit einer abf�lligen Grimasse, �haben sie gedacht, sie w�rden als Helden gefeiert, wenn sie mit dem Buch als Beute zur�ckkommen. Aber in Wahrheit waren sie hinter Howard her. Seit Monaten.�</p><p>�Hinter ... Howard?� stotterte ich. �Aber was ... was wollen sie von ihm?�</p><p>�Seinen Kopf�, sagte Rowlf trocken. �Und nicht nur bildlich gesprochen. Sie und ihre ... Br�der verfolgen Howard seit Jahren.�</p><p>Das unmerkliche Z�gern in seinen Worten entging mir keineswegs. �Br�der?� wiederholte ich. �Was meinst du damit, Rowlf?�</p><p>�Du wei�t nicht viel �ber Howard, nicht?� fragte er anstelle einer Antwort. Ich sch�ttelte den Kopf, und Rowlf f�llte sein Glas ein drittes Mal, ehe er antwortete. Ich hatte ihn selten zuvor so viel in so kurzer Zeit trinken sehen; ein deutlicher Beweis f�r seine Nervosit�t. �Sie haben ihn um die halbe Welt gejagt�, begann er, �in dem letzten Jahr, in dem du die B�cher deines Vaters studiert hast. Vielleicht h�tten wir eine Weile Ruhe vor ihnen gehabt, wenn wir in Arkham geblieben w�ren.�</p><p>�Sie? Wer sind <emphasis>sie?� </emphasis>fragte ich.</p><p>�Die ... diese M�nner�, antwortete Rowlf stockend. �Van der Groot und seine sogenannten Br�der. Es ist ... eine Art Organisation. Ein ... Bund wie ...�</p><p>�Eine Loge?� half ich aus.</p><p>Rowlf nickte. �Man k�nnte es so nennen. Ich wei� selbst nicht mehr dar�ber als ein paar Andeutungen, die Howard einmal entschl�pft sind. Ich habe ihn erst kennengelernt, als er bereits auf der Flucht vor ihnen war.�</p><p>�Aber warum?� fragte ich. �Wer sind diese M�nner, und warum verfolgen sie Howard?�</p><p>�Weil er einmal zu ihnen geh�rt hat�, antwortete Rowlf. �Er war selbst Mitglied bei den ...� Wieder stockte er und starrte einen Moment in sein Glas, dann fuhr er fort: �Bei diesen Leuten eben. Ich kann dir nicht mehr dar�ber sagen, aber sie sind m�chtig, Robert.�</p><p>�Wenn sie m�chtig genug sind, selbst Howard Angst einzujagen, dann m�ssen sie <emphasis>sehr </emphasis>m�chtig sein�, sagte ich halblaut.</p><p>Rowlf nickte. �Das sind sie. Und sie haben Howard zum Tode verurteilt, schon vor Jahren. Van der Groot und sein Spie�geselle waren nichts als Henker.�</p><p>�Van der Groot sitzt im Gef�ngnis�, sagte ich. �Und der andere ist tot.�</p><p>�Und?� Rowlf machte eine wegwerfende Geste. �Sie werden andere schicken.�</p><p>�Ist das der Grund, aus dem Howard packt?� fragte ich. �Weil er Angst hat, da� sie ihn -�</p><p>�Angst?� keuchte Rowlf. �Bist du bescheuert, Kleiner? Howard und Angst?� Er schnaubte, stellte sein Glas mit einem Ruck auf den Tisch und trat erregt einen Schritt auf mich zu. �Verdammt, wenn er Angst h�tte, dann w�re ich jetzt nicht hier. Ich w�re froh, wenn es so w�re! Glaubst du, es w�rde mir etwas ausmachen, wieder vor ihnen davonzulaufen? Wir haben zehn Jahre Verstecken mit diesen Hunden gespielt. Nein, Howard hat keine Angst. Im Gegenteil.�</p><p>�Aber was ... was willst du dann von mir?� fragte ich verwirrt.</p><p>�Howard hat sich entschlossen, nicht l�nger vor ihnen davonzulaufen�, sagte Rowlf d�ster. �Das ist das Problem, verstehst du? Er will zu ihnen.�</p><p>�Er will -�</p><p>�Nach Paris�, best�tigte Rowlf. �Er hat gesagt, da� es keinen Sinn mehr h�tte, davonzulaufen. Er will sich ihnen stellen. Und sie werden ihn umbringen.� Pl�tzlich klang seine Stimme erregt, beinahe beschw�rend. �Sprich du mit ihm, Robert. Auf mich h�rt er nicht mehr, aber vielleicht auf dich! Du mu�t ihm diesen Wahnsinnsplan ausreden! Er glaubt, er k�nnte mit ihnen sprechen, aber ich wei�, da� sie ihn nicht einmal anh�ren werden!�</p><p>�Aber wie soll ich -?�</p><p>Der Rest meiner Worte ging in einem markersch�tternden Schrei unter, der aus dem Garten heraufscholl.</p><empty-line/><p>Rowlf erstarrte. �Was war das?� keuchte er. �Wer hat da -?�</p><p>Wieder erscholl dieser gr��liche, gellende Schrei von unten, dann h�rten wir ein dumpfes Poltern.</p><p>Rowlf fuhr herum und st�rmte aus dem Raum, und auch ich sprang auf und lief hinter ihm her, so schnell ich konnte.</p><p>Das Haus war voller huschender Lichter und Schritte, als wir die Halle erreichten. Die T�r zu Howards Zimmer stand halb offen, und als ich die letzten drei Stufen mit einem Satz �berwand, tauchte Charles in der Halle auf, eine qualmende Petroleumlampe schwenkend.</p><p>Die Schreie hatten aufgeh�rt, als wir die Haust�r erreichten. Ich erkannte Howard, der auf ein Knie herabgesunken war und sich �ber einen dunklen, unf�rmigen K�rper beugte.</p><p>Rowlf und ich erreichten ihn gleichzeitig.</p><p>�Was ist passiert?� fragte ich erregt. �Wer hat da geschrien?�</p><p>Howard sah auf, gebot mir mit einer hastigen Geste, zur�ckzubleiben, und deutete mit der anderen Hand auf den verkr�mmt daliegenden K�rper vor sich. Etwas Graues, Winziges erhob sich von dem dunklen B�ndel und flatterte davon.</p><p>�Wer ist das?� murmelte ich.</p><p>Howard zuckte mit den Achseln. �Ich wei� nicht�, murmelte er. �Eine Frau. Aber ...�Er stockte und sah mich pr�fend an. �Kennst du sie?�</p><p>Neugierig beugte ich mich vor.</p><p>Der Anblick war unheimlich. Es war eine Frau, aber selbst das konnte ich nur noch anhand ihrer Kleider und des langen, bis weit �ber die Schulter fallenden grauwei�en Haares erkennen. Ihre gebrochenen Augen standen weit offen und waren tr�be geworden, und in ihrem erstarrten Blick hatte sich ein Ausdruck so tiefen Entsetzens festgesetzt, da� ich unwillk�rlich ein St�ck zur�ckschrak.</p><p>Das Gesicht der Toten war eine Kraterlandschaft aus Runzeln und Falten. Graue, pergamenttrockene Haut spannte sich um einen zahnlosen Mund, der vor Jahrzehnten einmal sehr sch�n gewesen sein mu�te. H��liche schwarze Flecken verunstalteten das Gesicht, und �ber der rechten Schl�fe war die Haut gerissen und begann sich abzusch�len. Es war alt, dieses Gesicht. Unglaublich <emphasis>alt.</emphasis></p><p><emphasis>So </emphasis>alt wie ihre Kleider, dachte ich schaudernd. Das einteilige, hochgeschlossene Kleid mu�te vor einem Jahrhundert einmal farbenfroh gewesen sein; jetzt war es ein Fetzen, vermodert, grau, d�nn und zerschlissen, so da� an unz�hligen Stellen der Stoff durchsichtig geworden war. Es sah aus wie von Motten zerfressen.</p><p>�Sie ... mu� mindestens hundert sein�, murmelte Howard verst�rt. �Aber wie ist das m�glich? Wer ist diese Frau, und wie kommt sie hierher?�</p><p>�Diese Frage kann ich beantworten�, sagte eine Stimme.</p><p>Howard, Rowlf und ich fuhren im gleichen Moment herum. Keiner von uns hatte den Fremden bemerkt, der sich uns gen�hert hatte. Nat�rlich nicht - wir waren viel zu aufgeregt gewesen, um die leisen Schritte auf dem Kies zu h�ren.</p><p>�Wer sind Sie?� blaffte Rowlf. Drohend richtete er sich zu seiner vollen Gr��e auf und trat auf den Fremden zu, aber dieser zeigte sich davon nicht im geringsten beeindruckt. Er hatte es wohl auch nicht n�tig - seine Schultern waren fast so breit wie die Rowlfs, und mit seinem schwarzen Zylinder �berragte er Howards Leibdiener sogar noch um eine gute Handbreit.</p><p>�Wer zum Teufel sind Sie?� schnappte Howard, als der Fremde nicht antwortete. �Und was machen Sie hier?�</p><p>�Mein Name ist Ron�, sagte der Mann. Er kam n�her und trat in den blassen Lichtschein von Charles� Lampe, und ich erkannte, da� er den schwarzen Mantel und Hut eines Kutschfahrers trug.</p><p>Er deutete auf die Tote. �Ich habe sie gefahren.�</p><p>�Sie kennen sie?�</p><p>Ron nickte, sch�ttelte gleich darauf den Kopf und machte eine vage, unbestimmte Geste. �Ja und nein. Ihr Name ist Gloria, und das ist schon so ziemlich alles. Ich ... habe sie vom Bahnhof hierher gebracht.�</p><p>�Gloria?� Irgendwie kam mir der Name bekannt vor, aber ich wu�te nicht, wo ich ihn unterbringen sollte.</p><p>Howard sah mich scharf an. �Du kennst diese Frau?�</p><p>�Ich ... nein�, antwortete ich nach kurzem �berlegen. �Eine Gloria Martin wollte heute oder morgen hierher kommen, um sich um die Stelle als Hausdame zu bewerben, die ich ausgeschrieben habe. Aber das kann sie unm�glich sein.�</p><p>�Sie ist es aber�, sagte Ron hart. �Ich habe mich mit ihr unterhalten. Sie erz�hlte, da� sie sich vorstellen wollte.�</p><p>Verbl�fft starrte ich auf das ausgetrocknete Greisengesicht vor mir herab. �Aber das ist unm�glich!� entfuhr es mir. �Diese Frau hat wohl kaum noch die Kraft gehabt, auf eigenen F��en zu stehen.�</p><p>�Bl�dsinn!� schnappte Ron. �Sie ist -�</p><p>Sein Unterkiefer klappte herunter, als sein Blick auf das zerfallene graue Antlitz der Toten fiel. Seine Augen weiteten sich. Trotz der Dunkelheit sah ich, wie sein Gesicht in Sekundenbruchteilen alle Farbe verlor.</p><p>�Das ... gibt es ... nicht!� stammelte er. �Das ist doch ... unm�glich!� Seine H�nde begannen zu zittern. Er wankte, griff haltsuchend um sich und w�re vielleicht gest�rzt, wenn Rowlf nicht blitzschnell zugegriffen h�tte.</p><p><emphasis>�Was </emphasis>ist unm�glich?� fragte Howard betont.</p><p>�Diese ... diese Frau!� stammelte Ron. �Gloria. Sie ... o mein Gott, das ist doch nicht m�glich!� Sein Kopf flog mit einem Ruck hoch. Seine Augen weiteten sich noch mehr, als er Howard und mich anstarrte. Ich hatte selten einen Ausdruck so ungl�ubigen Entsetzens im Gesicht eines Menschen gesehen.</p><p>�Gloria�, stammelte er. �Sie ... sie war allerh�chstens zwanzig.�</p><p>�Was reden Sie da!� murrte Howard. �Sie -�</p><p>�Aber es stimmt!� sagte Ron. Seine Stimme wankte und drohte �berzukippen. Speichel lief an seinem Kinn herab. Er merkte es nicht einmal. �Ich bin doch nicht verr�ckt! Ich habe mit diesem M�dchen gesprochen und ... und sie hier abgesetzt! Sie war keine zwanzig Jahre alt!�</p><p>�Diese Frau hier�, antwortete Howard betont, �ist eher zweihundert als zwanzig, Ron. �berlegen Sie in Ruhe. Vielleicht haben Sie Ihre Gloria vor einem anderen Haus abgesetzt. Sie m�ssen sich get�uscht haben!�</p><p>�Nein!� keuchte Ron. Es klang wie ein Schrei, den er im letzten Moment unterdr�ckte. �Ich habe sie keine Sekunde aus den Augen gelassen! Ich habe gewartet, weil ... weil sie noch nicht wu�te, ob sie die Stelle annimmt, und ...� Er brach ab, rang h�rbar nach Worten und begann kleine, unverst�ndliche Laute auszusto�en.</p><p>�Ich glaub�, er hat recht�, sagte Rowlf leise. �Seht euch die Klamotten an.� Er deutete auf die zerschlissene Reisetasche, die ein St�ck neben der Toten lag. Sie war aufgeplatzt, und ihr Inhalt hatte sich �ber den Weg verstreut.</p><p>Er bestand aus nichts als Lumpen. Wenn die grauen, halb vermoderten Fetzen irgendwann einmal Kleider gewesen waren, dann mu�te es Jahrzehnte her sein.</p><p>Howard streckte die Hand nach einem der Kleider aus.</p><p>Es zerfiel zu Staub, als er es ber�hrte.</p><p>�Das ist Hexerei!� keuchte Ron. �Das ist ... Teufelswerk!� Seine Stimme wurde h�her, schriller. �Es stimmt, was man sich �ber Sie erz�hlt!� behauptete er. �Es ist alles wahr! Sie sind ein Hexer!�</p><p>�Beruhigen Sie sich!� sagte Howard scharf, aber Rons Erregung stieg eher noch.</p><p>�Sie sind ein Hexer!� keuchte er. �Es ist wahr! Sie sind mit dem Satan im Bunde, wie die Leute behaupten!�</p><p>Howard hob rasch die Hand. Rowlf drehte sich herum, bedachte Ron mit einem freundlichen L�cheln - und schlug ihm warnungslos die Faust unter das Kinn. Der h�nenhafte Kutscher stie� ein ersticktes Keuchen aus, kippte nach hinten und fiel wie ein nasser Sack zu Boden.</p><p>�Er h�tte die ganze Nachbarschaft zusammengeschrien�, sagte Howard mit einem entschuldigenden L�cheln. Dann wandte er sich wieder an Rowlf. �Trag ihn ins Haus. Und dann bring eine Decke oder besser noch ein Bettuch. Wir m�ssen die Frau wegschaffen, ehe jemand aufmerksam wird.�</p><p>�Was hast du vor?� fragte ich. �Wir m�ssen die Polizei rufen, Howard! Hier ist ein Mensch ums Leben gekommen!�</p><p>�Die Polizei?� Howard sch�ttelte den Kopf. Der Blick, mit dem er mich musterte, war fast mitleidig. �Aber sicher�, sagte er. �Wir rufen Scotland Yard und erkl�ren ihnen, da� dieses M�dchen innerhalb Sekunden um hundert Jahre gealtert ist. Nachdem vor knapp einer Woche in deinem Haus fast ein Dutzend Menschen umgebracht worden sind, werden sie mit den K�pfen nicken und zur Tagesordnung �bergehen.�</p><p>Betroffen starrte ich ihn an. Nat�rlich hatte Howard recht - es war ohnehin nur einem mittleren Wunder und Dr. Grays juristischen Haarspaltereien zu verdanken, da� wir alle noch in Freiheit waren und nicht die Verliese des Towers genossen. Die M�nner von Scotland Yard lauerten nur auf den geringsten Anla�, uns einsperren zu k�nnen.</p><p>Ohne ein weiteres Wort des Protestes half ich Rowlf, Ron ins Haus zu tragen und behutsam auf die Couch im Salon zu legen. Rowlf verschwand kommentarlos in seinem Zimmer, ri� die Decke vom Bett und kam Sekunden sp�ter zur�ck.</p><p>Als wir das Haus wieder verlie�en, waren nicht nur Charles, sondern die gesamte Dienerschaft auf der Treppe zusammengelaufen. Es war ein bedr�ckendes Gef�hl, als sie vor mir auseinanderwichen, um mich durchzulassen. Niemand sagte ein Wort, aber die Blicke, mit denen sie mich musterten, waren eindeutig.</p><p>Sie hatten Angst.</p><p>Angst vor <emphasis>mir. </emphasis></p><empty-line/><p>Rowlf scheuchte das halbe Dutzend M�nner und Frauen beiseite, kniete neben der Toten nieder und breitete seine Decke aus. Dann hob er den ausgemergelten Leib der Greisin auf die Arme und legte ihn auf den Stoff.</p><p>Jedenfalls wollte er es.</p><p>Sie zerfiel.</p><p>Ein widerliches, papierenes Rascheln war zu h�ren, als Rowlf die H�nde unter den K�rper der Toten schob. Grauer Staub quoll aus den zerfallenden Kleidern des Leichnams, und pl�tzlich begann der ganze K�rper in sich zusammenzusacken; wie eine jahrtausendealte Mumie, die man unvorsichtig ber�hrt hatte. Ein Schwarm winziger grauer Schatten l�ste sich aus den vermoderten Fetzen des Kleides und stob in alle Richtungen auseinander.</p><p>Motten! dachte ich verwirrt. Es waren Motten! Dutzende, wenn nicht Hunderte von kleinen, unansehnlichen grauen Motten!</p><p>Es war eine Szene wie aus einem Alptraum. Alles geschah in wenigen Sekunden, aber die Zeit schien pl�tzlich langsamer abzulaufen, und die Furcht und das Entsetzen sch�rften mein Wahrnehmungsverm�gen, so da� ich jede Kleinigkeit mit fast �bernat�rlicher Sch�rfe sah:</p><p>Die Motten stoben auseinander und verschwanden in der Nacht, aber eines der winzigen Tierchen scho� direkt auf Rowlf zu, machte wenige Zentimeter vor seinem Gesicht kehrt und setzte sich auf seine Schulter. Seine winzigen, grauen Fl�gel schlugen erregt.</p><p>Rowlfs seidender Hausmantel f�rbte sich grau.</p><p>Es war ein unheimlicher, bizarrer Vorgang. So, wie sich Tinte in einem St�ck L�schpapier ausbreitet, verbla�ten die Farben von Rowlfs Hausmantel in einem lautlosen Flie�en. Der Stoff <emphasis>alterte </emphasis>in Sekundenbruchteilen, verlor seine Farbe, wurde d�nn und unansehnlich ...</p><p>Hinter mir erscholl ein spitzer Schrei. Irgend etwas fiel zu Boden und zerbrach klirrend. Howard erwachte aus seiner Erstarrung, warf sich nach vorne und schlug mit der geballten Faust auf die winzige Motte.</p><p>Das Tier wurde zermalmt; Rowlf kippte nach hinten und ri� Howard dabei mit sich, und aus dem vermoderten Lumpenb�ndel, das einmal eine Reisetasche gewesen war, erhoben sich drei weitere graue Schatten und flogen mit trunkenen Schaukelbewegungen auf Howard und Rowlf zu ...</p><p>�Zur�ck!� br�llte ich. �Es sind die Motten!� Verzweifelt warf ich mich vor, versuchte Howard und Rowlf gleichzeitig auf die F��e zu zerren und schlug nach den winzigen Tierchen. Ich traf nicht, aber die hektische Bewegung verscheuchte die Tiere wenigstens f�r einen Moment.</p><p>Howard stemmte sich keuchend auf H�nde und Knie hoch, starrte mich aus schreckgeweiteten Augen an und erhob sich vollends. Aber er machte keine Anstalten, zum Haus zur�ckzugehen.</p><p>�Verdammt, Howard - worauf wartest du?� keuchte ich. �Wir m�ssen -�</p><p>Ich verstummte, als mein Blick in die Richtung fiel, in die seine ausgestreckte Hand deutete. Die Motten, die ich verscheucht hatte, hatten sich ein St�ck in die Luft erhoben und torkelten unsicher nach links, auf den Rhododendronbusch zu, der neben dem Weg wuchs.</p><p>Das Licht reichte nicht aus, um wirklich Einzelheiten zu erkennen, aber was ich sah, reichte, um mir den Magen umzudrehen.</p><p>Der Busch war einmal gr�n gewesen.</p><p>Jetzt war er grau. Ein unf�rmiger, aufgequollen wirkender Ball, in dem es ununterbrochen zuckte und bebte.</p><p>Motten!</p><p>Tausende, wenn nicht Zehntausende der winzigen, grauen Tiere bedeckten den Busch �ber und �ber.</p><p>Und fast, als h�tten sie nur darauf gewartet, aus ihrer Ruhe aufgest�rt zu werden, lief pl�tzlich ein rasches, nerv�ses Zucken durch die Masse der winzigen Tiere. Der graue Ball zog sich zusammen, zuckte wie in einem Krampf - und platzte auseinander.</p><p>In einer lautlosen Wolke erhoben sich Tausende von Motten in die Luft und st�rzten sich auf uns ...</p><empty-line/><p>Es war ein Wettlauf mit dem Tod.</p><p>Die wenigen Schritte zum Haus wurden zu einer Ewigkeit. Die Nacht war pl�tzlich voller grauer Schatten, und das Schwirren und Rascheln Zehntausender winziger Schwingen hallte wie boshaftes Hohngel�chter in meinen Ohren.</p><p>Ich sp�rte eine Ber�hrung, schlug in blinder Furcht um mich und stolperte die Stufen hinauf. Etwas h�pfte vor meinem Gesicht auf und ab, ich duckte mich, tauchte darunter hinweg und prallte gegen den T�rrahmen. Eine Hand ergriff mich am Arm und zerrte mich ins Haus.</p><p>Jemand br�llte, und das Rascheln und Zirpen der Schmetterlingsfl�gel wurde lauter. Ich fiel, rollte mich instinktiv zur Seite und sah, wie sich Rowlf mit seinem ganzen K�rpergewicht gegen die T�r warf und sie ins Schlo� schmetterte.</p><p>Keine Sekunde zu fr�h.</p><p>Es klang, als werfe jemand Sand gegen die T�r. Das Rascheln und Knistern verstummte, aber daf�r h�rte ich ein hohes, w�tendes Prasseln, rasch und schneller werdend und zornig. Grauer Staub quoll durch die T�rritzen, als die Motten in blinder Wut gegen die T�r prallten. Etwas Winziges, Flatterndes schwang sich in die H�he und verschwand unter der Decke.</p><p>�Sie sind hier!� br�llte Rowlf. �Ein paar sind reingekommen. Pa�t auf!� Seine Stimme �berschlug sich fast. Ich sah, wie er mit einem grotesken H�pfen zur Seite sprang und den Kopf einzog, als einer der grauen Schemen wie ein angreifender Raubvogel auf ihn niederstie�, kam endlich selbst auf die F��e und blickte mich wild um.</p><p>Rowlf hatte die T�r im letzten Augenblick geschlossen. Der Mottenschwarm prasselte noch immer wie Sand gegen die T�r, aber die Hauptmasse der Tiere war ausgesperrt.</p><p>Trotzdem war eine Handvoll von ihnen ins Haus gelangt ...</p><p>Rowlf drehte sich pl�tzlich zur Seite und schlug nach etwas, das vor ihm hin und her torkelte.</p><p>�Fa� sie nicht an!� schrie Howard entsetzt. �Nicht ber�hren, Rowlf!�</p><p>Wenn Rowlf seine Worte �berhaupt h�rte, so reagierte er nicht darauf. Gleich drei der winzigen grauen Killer-Insekten attackierten ihn. Er sprang in l�cherlich aussehenden Bewegungen hin und her, versuchte den Motten auszuweichen und schlug immer wieder mit den H�nden nach ihnen, traf aber nicht.</p><p>�Das Licht!� br�llte Howard. �L�scht das Licht!�</p><p>Seine Worte gingen fast in dem hellen Prasseln unter, das pl�tzlich von au�en hereindrang. Entsetzt wandte ich den Kopf und sah, wie die beiden Fenster rechts und links der T�r grau wurden.</p><p>Die Motten hatten aufgeh�rt, gegen die T�r anzurennen - aber daf�r warfen sie sich jetzt wie in stummer Raserei gegen die Scheiben! Hunderte von ihnen zerschmetterten am Glas, aber aus der Dunkelheit tauchten immer neue auf, flogen mit wild schlagenden Schwingen gegen das unsichtbare Hindernis und starben. Die Scheiben waren binnen Sekunden mit einer dicken, schmierigen, grauen Schicht bedeckt - aber es kamen immer neue.</p><p>�L�scht endlich das Licht!� br�llte Howard. �Es macht sie rasend!�</p><p>Irgend jemand schrie eine Antwort, dann flackerte der gro�e, gasbetriebene Kronleuchter unter der Decke der Halle - und erlosch.</p><p>Dunkelheit senkte sich wie ein schwarzer Schleier �ber den Raum. Ich erstarrte. Meine �berreizten Nerven gaukelten mir noch immer huschende Bewegung und das Schwirren kleiner Fl�gel vor, aber alles, was ich wirklich h�rte, waren Rowlfs keuchende Atemz�ge und - irgendwo weit im Hintergrund - das ged�mpfte Weinen einer Frau. Die prasselnden Laute waren verstummt. Die Motten hatten aufgeh�rt, gegen die Fensterscheiben zu fliegen; im gleichen Moment, in dem das Licht erloschen war.</p><p>Howards Stimme kam irgendwo aus der Dunkelheit links von mir. �Niemand r�hrt sich von der Stelle�, sagte er. �Sie greifen nur an, wenn ihr euch bewegt. Charles - sind Sie da?�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis der Majordomus antwortete, und als er es tat, war seine Stimme vor Furcht und Erregung so verzerrt, da� ich sie kaum erkannte.</p><p>�Ich bin ... hier�, stammelte er. �Bei der Treppe.�</p><p>�Gut�, fl�sterte Howard. �Haben Sie die Lampe noch?�</p><p>�Sicher. Ich ... habe sie gel�scht.�</p><p>�Dann stellen Sie sie vorsichtig auf die Treppe�, befahl Howard. �Soweit weg, wie Sie k�nnen.�</p><p>Irgendwo in der Dunkelheit klirrte und klimperte etwas, dann schabte Metall �ber harten Marmor. �In ... Ordnung, Sir�, sagte Charles stockend.</p><p>�Jetzt nehmen Sie den Kolben herunter. Vorsichtig.�</p><p>Wieder klirrte Glas. �Fertig?� fragte Howard.</p><p>�F ... fertig, Sir�, stammelte Charles. �Was soll ich jetzt tun?�</p><p>Howard z�gerte einen Moment. �Drehen Sie den Docht so weit heraus, wie es geht�, sagte er. �Nehmen Sie ein Streichholz und z�nden ihn an. Und dann laufen sie, so schnell Sie k�nnen.�</p><p>Im stillen bewunderte ich Howards Kaltbl�tigkeit. Er tat das einzige, was in diesem Moment Sinn ergab - n�mlich den Motten, die trotz allem ihre angeborenen Verhaltensweisen nicht vergessen zu haben schienen, eine Falle zu stellen.</p><p>Es war die einzige M�glichkeit, die wir �berhaupt hatten. Selbst wenn nur ein Dutzend der winzigen Tierchen ins Haus eingedrungen waren, konnten wir sie im Dunkeln nicht aufsp�ren und t�ten, ohne da� es zu einem Desaster gekommen w�re. Und das Licht wieder einschalten, k�me einem Todesurteil f�r die meisten von uns gleich.</p><p>�Ich ... bin soweit, Sir�, drang Charles� Stimme aus der Dunkelheit in meine Gedanken. �Aber ich ... ich habe Angst.�</p><p>�Aber Sie m�ssen es tun�, antwortete Howard. �Ich wei� nicht, wie lange diese Biester sich noch still verhalten.�</p><p>�Gut, Sir�, antwortete Charles. Seine Stimme bebte. �Ich nehme jetzt das Streichholz.�</p><p>�Alle anderen weg von der Treppe�, befahl Howard. �Nehmt euch irgend etwas, womit ihr zuschlagen k�nnt - einen Schuh; rei�t von mir aus Streifen aus euren Kleidern. Ihr d�rft sie auf keinen Fall mit blo�en H�nden ber�hren!�</p><p>Die Zeit schien stehenzubleiben. Ich h�rte raschelnde, schleifende Ger�usche, ein kaum h�rbares Klappern, als Charles die Streichholzschachtel �ffnete ...</p><p>Dann glomm ein winziger Funke auf, wuchs zu einer Flamme empor und erwachte zu greller Wei�glut, als der petroleumgetr�nkte Docht der Lampe mit einem h�rbaren Knistern Feuer fing. Auf den unteren Stufen die Treppe entstand eine kleine, flackernde Insel aus gelbem Licht, und ein halbes Dutzend winziger grauer Schatten stie� aus der Dunkelheit herab.</p><p>Charles schrie in Panik auf und brachte sich mit einem verzweifelten Satz in Sicherheit, w�hrend die Flamme hinter ihm h�her und h�her wurde. Pl�tzlich blitzte es auf; winzige, knisternde Funken barsten im Herzen der Flamme auseinander.</p><p>�Es funktioniert!� keuchte ich. �Sie ... st�rzen sich hinein, Howard!�</p><p>Immer mehr und mehr Motten schwebten lautlos aus der Dunkelheit herbei und st�rzten sich blindlings in die Flamme, um zu vergl�hen. Es waren mehr als die zehn oder zw�lf, die ich gesehen hatte; viel mehr. Hunderte der kleinen Tiere schienen den Weg ins Haus gefunden zu haben - und sie wurden magisch von der immer h�her und h�her auflodernden Flamme angezogen!</p><p>Aber das flackernde gelbe Licht enth�llte auch noch einen anderen Anblick. Ein Bild, das mir wie eine eisige Faust den Magen zusammenkrampfte ...</p><p>Es war Rowlf. Er war in blinder Panik durch die Halle gest�rzt und wohl im Dunkeln zu Fall gekommen. Jetzt sa� er in einer grotesken, wie mitten in der Bewegung erstarrten Haltung halb auf dem R�cken liegend, halb auf die Ellbogen hochgestemmt und die rechte Hand zur Brust erhoben, da. Er starrte aus hervorquellenden Augen auf die winzige graue Motte, die wie ein Kolibri mit irrsinnig schnellen Fl�gelschl�gen dicht �ber seiner Brust in der Luft schwebte und sich nicht entschlie�en zu k�nnen schien, ob sie sich auf ihn oder die lockende Flamme wenige Schritte weiter entfernt st�rzen sollte ...</p><p>�Um Gottes willen, Rowlf!� keuchte Howard. Seine Stimme klang beschw�rend. �R�hr dich nicht! Ich komme!�</p><p>Rowlfs Lippen zuckten. Sein Gesicht war schreckensbleich. Kalter Schwei� perlte auf seiner Oberlippe. Der eine Arm, auf den er sich erhoben hatte, zitterte vor Anspannung. Er w�rde diese unbequeme Stellung nur noch Sekunden aushalten k�nnen, das sah ich.</p><p>�Ich komme!� fl�sterte Howard. �R�hr dich nicht, Rowlf! Ich helfe dir!�</p><p>Rowlf schluckte m�hsam. Die winzigen grauen Fl�gel ber�hrten nahezu sein Gesicht.</p><p>Howard �berwand die letzten Meter mit einem verzweifelten Satz, warf sich nach vorne und schlug mit einem dunklen, langgestreckten Gegenstand zu, den er in der Hand hielt.</p><p>Die Motte wurde davongewirbelt, prallte mit einem h�rbaren Knacken gegen das Treppengel�nder und fiel zuckend zu Boden. Sekunden sp�ter senkte sich Howards Fu� auf das Tier herab und zermalmte es.</p><p>Aber es war noch nicht vorbei. Das Blitzen und Funken im Herzen der Flamme war erloschen, aber von drau�en drang jetzt wieder das helle Prasseln der Tiere herein, die das Licht durch das Fenster sahen und hereinzukommen versuchten.</p><p>Ich hatte das Gef�hl, die Scheiben unter ihrem Ansturm klirren zu h�ren. Aber das war nat�rlich Unsinn. Selbst Milliarden der kleinen Tiere konnten das massive Glas der beiden Bleiglasfenster nicht eindr�cken.</p><p>�Wir m�ssen weg hier!� keuchte Howard, als h�tte er meine Gedanken gelesen. �Die T�r h�lt ihrem Ansturm nicht stand.�</p><p>Ich wollte widersprechen, aber ein rascher Blick zum Ausgang belehrte mich eines Besseren. Die Motten prasselten noch immer wie Sand, der vom Sturm gepeitscht wurde, gegen die T�r und die beiden Fenster - <emphasis>aber es war keine massive Eichent�r mehr, gegen die sie anrannten! </emphasis>Das zweifingerdicke Holz war rissig und por�s geworden. Die Farbe bl�tterte in gro�en, h��lichen Flecken von ihrer Oberfl�che, und das Holz darunter war alt und h��lich geworden; breite, wie erstarrte Blitze verlaufende Risse durchzogen seine Oberfl�che. Grauer Staub rieselte an ihr herab.</p><p>Sie <emphasis>alterte! </emphasis>Die T�r alterte in Sekunden um die gleiche Anzahl von Jahren ...</p><p>�Mein Gott!� murmelte ich. �Sie ... kommen durch!�</p><p>�In die Bibliothek!� sagte Howard. �Wir m�ssen hinauf. Das ist der einzige Ort, an dem wir sicher sind.� Er richtete sich auf und wies mit einer befehlenden Geste zum oberen Ende der Treppe. �Alles nach oben!� schrie er. �In die Bibliothek, schnell!�</p><p>Charles und zwei oder drei der Dienstboten, die sich angstvoll in die Ecken gekauert hatten, begannen die Treppe hinaufzust�rmen, w�hrend Howard mit einer abrupten Kopfbewegung auf eine T�r am anderen Ende der Halle wies. �Der Kutscher!� sagte er. �Wir m�ssen ihn holen!�</p><p>Rowlf wollte sich umdrehen und loslaufen, aber Howard hielt ihn zur�ck. �Bring die Diener nach oben!� befahl er. �In die Bibliothek - schnell. Robert und ich holen ihn.�</p><p>Nebeneinander rannten wir los. Das Prasseln gegen die T�r und die Fenster wurde lauter und klang jetzt wie Gewehrfeuer, und als ich im Laufen den Kopf wandte und zur�cksah, bemerkte ich, da� die T�r nicht mehr ganz gerade in den Angeln zu h�ngen schien. Eine Anzahl winziger dunkler Punkte schien vor ihr in der Luft auf und ab zu h�pfen, aber ich war mir nicht sicher, ob sie wirklich da waren oder ob es nur meine Angst war, die sie mir vorgaukelte.</p><p>Howard stie� die T�r ohne viel Federlesens mit der Schulter auf, st�rzte hindurch - und blieb so abrupt stehen, da� ich um ein Haar gegen ihn geprallt w�re.</p><p>Der Kutscher lag noch so auf dem Bett, wie wir ihn hingelegt hatten. Und �ber seinem Kopf kreiste ein ganzer Schwarm der kleinen, fahlgrauen Motten.</p><p>Howard deutete stumm auf ein offenstehendes Fenster. Rahmen und Glas waren alt und br�chig geworden, und durch den handbreiten Spalt quollen immer mehr und mehr Motten herein. Es mu�ten bereits Hunderte sein, und von drau�en kamen immer mehr nach.</p><p>Vorsichtig n�herten wir uns dem Bett. Der Kutscher regte sich st�hnend, und die quirlende Bewegung des Mottenschwarmes wurde schneller, unruhiger. Erschrocken blieb ich stehen, fuhr mir nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und machte einen weiteren, vorsichtigen Schritt.</p><p>Der Kutscher �ffnete st�hnend die Augen. Sein Blick war noch verschleiert. Er versuchte sich hochzustemmen, sank mit einem Seufzer wieder zur�ck - und erstarrte vor Schreck, als er das graue Wirbeln �ber sich gewahrte. Ich konnte direkt sehen, wie seine Erinnerungen mit grausamer Wucht zur�ckkehrten.</p><p>�Um Gottes willen - r�hren Sie sich nicht!� keuchte Howard. �Keine hastige Bewegung!�</p><p>Aber es war - wenn Ron seine Warnung �berhaupt h�rte - zu sp�t. Der lebende Teppich �ber ihm wogte weiter hin und her, und drei, vier der kleinen Tiere lie�en sich neben ihm auf die zerw�hlte Bettdecke sinken.</p><p>Sofort begann der Stoff unansehnlich und grau zu werden. Und eine einzelne, m�nzgro�e Motte lie� sich mit einem lautlosen Fl�gelschlag auf seine Brust sinken.</p><p>Ron schrie auf, fuhr hoch und schlo� mit einer blitzschnellen Bewegung die Faust um das Tier.</p><p>�Nein!� schrie Howard. �Nicht! <emphasis>Werfen Sie sie weg!�</emphasis></p><p>Ron schlo� die Faust noch fester um die Motte, richtete sich auf und blickte abwechselnd Howard und seine zusammengepre�ten Finger an.</p><p>Es ging ganz schnell.</p><p>Seine Finger wurden grau.</p><p>Die Haut ri�, aber sie blutete nicht, sondern rollte sich wie trocken gewordenes Pergament auf. Adern und Sehnen traten wie Stricke durch die d�nner werdende Haut, seine Hand verkrampfte sich, zog sich wie unter einer inneren Spannung zusammen und wurde zu einer verkr�mmten ausgemergelten Klaue.</p><p>Der Hand eines alten, eines uralten Mannes ...</p><p>Rons Lippen �ffneten sich. Ein w�rgender, ungl�ubiger Laut drang aus seiner Brust. �Helft ... mir!� keuchte er. �Ich ... ich sterbe ...�</p><p>Howard sprang vor, packte den Mann bei den Schultern und zerrte ihn vom Bett herunter. Der Mottenschwarm �ber ihm begann zu kochen. Dutzende der kleinen grauen Tiere fielen wie Staub auf das Bett herab, regneten rings um Howard und den Kutscher auf den Teppich oder lie�en sich auf den W�nden und dem Boden nieder. Howard br�llte, zertrat eines der Insekten, das einen Fingerbreit vor ihm zu Boden gefallen war, warf sich herum und robbte, Ron mit sich zerrend, vom Bett fort.</p><p>�Das Licht!� schrie er. �Robert - das Licht!�</p><p>Ich reagierte beinahe zu sp�t. Bisher hatte wie durch ein Wunder keines der grauenhaften Wesen Howard oder den Kutscher ber�hrt, aber die hektische Bewegung der beiden schien die Tiere zur Raserei zu bringen. Meine Hand zuckte zu dem kleinen, versteckt angebrachten R�dchen, das die Gaszufuhr regulierte, und warf es mit einem Ruck herum. Das Licht wurde blasser und erlosch.</p><p>Aber es wurde nicht vollkommen dunkel. Durch das zerborstene Fenster fiel ein blasser Lichtschimmer hinein und versilberte die Motten, die wie toll hin und her flatterten und das Zimmer in ein Chaos aus Bewegung und raschelnden, knisternden Ger�uschen verwandelten, und das Kaminfeuer begann pl�tzlich h�her zu brennen; winzige, kurzlebige Funken flammten auf und erloschen, und in das Rascheln der Mottenfl�gel mischte sich ein trockenes, widerliches Knacken.</p><p>Es war genau wie drau�en in der Halle. Die Tiere wurden vom Licht des Feuers magisch angezogen und st�rzten sich blindlings in die Flammen ...</p><p>Howard versetzte mir einen Sto�, der mich endg�ltig aus meiner Starre ri�, bugsierte Ron hinter mir unsanft aus dem Raum und zog die T�r hinter sich ins Schlo�. Das Knacken und Prasseln des Kaminfeuers wurde immer lauter, und f�r einen Moment bildete ich mir ein, ein flackerndes rotes Licht unter der T�r hervorscheinen zu sehen.</p><p>�Weiter!� keuchte Howard. �Zur Bibliothek, Robert! Um Gottes willen - <emphasis>schnell</emphasis>!�</p><p>Die Motten rannten noch immer gegen die T�r und die Fenster an, und ich wu�te, da� es nur noch Sekunden dauern konnte, ehe sie ihrem Ansturm erliegen und zerbrechen mu�ten. Selbst das eigentlich unzerst�rbare Bleiglas mu�te alt und br�chig werden, wenn jede Sekunde ein Jahrzehnt bedeutete, und es w�rde irgendwann einfach unter seinem eigenen Gewicht zerfallen und zu Staub werden.</p><p>Aber der Schrecken vermochte die dumpfe Bet�ubung, die sich um meine Gedanken gelegt hatte, nicht zu durchbrechen.</p><p>�Beeil dich!� sagte Howard ungeduldig. �Wir m�ssen nach oben. In die ...�</p><p>Er sprach nicht weiter.</p><p>Vom oberen Ende der Treppe erscholl ein gellender, verzerrter Schrei: <emphasis>�Bleibt unten! Es ist eine Falle!�</emphasis></p><p>Irgend etwas polterte, dann erklang ein Laut, als schl�ge Stahl oder Stein auf Fleisch, und pl�tzlich torkelte Rowlfs h�nenhafte Gestalt auf den Balkon hinaus. In einem grotesken Satz prallte er gegen das Treppengel�nder, drehte sich herum und suchte nach Halt, aber seine H�nde schienen nicht mehr die Kraft zu haben, seinen K�rper zu st�tzen. Er wankte, glitt auf der obersten Stufe aus und prallte schwer gegen die Wand. Sein Mund �ffnete sich, aber kein Laut drang �ber seine Lippen. Ich sah, wie er qualvoll nach Atem rang.</p><p>Dann trat eine zweite Gestalt auf den Balkon hinaus, langsamer als Rowlf und hoch aufgerichtet, mit gestrafften Schultern.</p><p>Es war ein Mann. Sein Gesicht war hinter einem schwarzen Tuch verborgen, das Nase und Mund bedeckte und an den Schl�fen mit seinem Turban verbunden war. Wie seine ganze Kleidung war dieser Turban schwarz, ein Schwarz, das tiefer war als das der Nacht und das Licht aufzusaugen schien. Nur der halbmeterlange, rasiermesserscharf geschliffene Krumms�bel in seiner Hand reflektierte das Licht der flackernden Lampe.</p><p>Der Anblick lie� mich erstarren. Ich verga� Rowlf, der sich zu F��en des Fremden auf den Stufen kr�mmte. Ich verga� Howard, der irgend etwas stammelte, was ich nicht verstand, und ich verga� den Kutscher, der vollends zwischen uns zusammengebrochen war. Ich sah nur noch den Fremden.</p><p>Den Drachenkrieger, den Necron geschickt hatte, um zu vollenden, was ihm nicht gelungen war.</p><p>Hinter uns zerbarst die Haust�r mit einem ungeheuren Dr�hnen; beinahe gleichzeitig zersprangen die Fenster wie unter einem Fausthieb. Durch die �ffnung quoll eine kochende Wolke winziger grauer Motten ...</p><p>Howards gellender Schrei verklang in meinen Ohren. Ich h�rte, wie die Fensterscheiben vollends zerbarsten und die Luft �ber uns pl�tzlich vom seidigen Schlagen Millionen und Abermillionen winziger Fl�gel war, und ich h�rte, wie Ron neben uns hysterisch zu kreischen begann, aber all dies registrierte ich nur mit einem winzigen Teil meines Bewu�tseins, einer winzigen, halbwegs klar gebliebenen Insel in dem Chaos tobender Emotionen, das meine Gedanken erf�llte. Dieser Mann war ein <emphasis>Drachenkrieger.</emphasis></p><p><emphasis>Ein Drachenkrieger. </emphasis>Immer und immer wieder h�mmerten meine Gedanken dieses einzelne Wort, und mit jedem Male wurde der Wille, die Treppe hinaufzust�rzen und ihm die H�nde um die Kehle zu dr�cken, unbezwingbarer. Er war ein Drachenkrieger, einer jener Bestien, die Necron begleitet hatten, als er gekommen war, um Priscylla zu entf�hren.</p><p>Howard erwachte pl�tzlich neben mir zu hektischer Bewegung, ri� den hilflos dahockenden Kutscher auf die F��e und schrie irgend etwas, aber ich achtete nicht auf ihn. Von irgendwoher drang ein tiefer dr�hnender Laut wie ein machtvoller Glockenschlag an mein Ohr, aber auch das registrierte ich kaum.</p><p>Der klar gebliebene Teil meines Bewu�tseins sagte mir, da� ich mich in Lebensgefahr befand, da� nur noch Sekunden vergehen konnten, bis die Motten �ber uns waren und uns t�teten, aber ich war unf�hig, auf diese Stimme der Vernunft zu h�ren.</p><p>Mit einem gellenden Schrei st�rzte ich los, sprang, immer drei, vier Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf und �ber Rowlf hinweg. Howard br�llte eine Warnung, aber sie prallte von der unsichtbaren Wand, die pl�tzlich um mein Bewu�tsein war, ab.</p><p>Der Drachenkrieger erwartete mich gelassen. Er trat einen halben Schritt zur�ck, als ich heranst�rmte, wie um mir Gelegenheit zu geben, den Balkon zu erreichen und mich zum Kampf zu stellen, bewegte den S�bel und hob gleichzeitig die Linke, als wolle er mir zuwinken. Seine Gestalt spannte sich.</p><p>Ich versuchte erst gar nicht, ihn abzulenken, wie es normal gewesen w�re, wenn man mit leeren H�nden einem Mann mit einem S�bel gegen�bersteht, sondern st�rmte ungebremst auf ihn los und drehte erst im allerletzten Moment den Oberk�rper zur Seite.</p><p>Seine S�belspitze schnitt mit einem rei�enden Laut durch meine Jacke und schrammte schmerzhaft �ber meine Rippen, aber im gleichen Moment prallte ich gegen ihn, brachte ihn allein mit der ungest�men Wucht meines Angriffs aus dem Gleichgewicht und ri� ihn zu Boden.</p><p>Ein �berraschtes Keuchen entrang sich den Lippen des Drachenkriegers, als wir aneinandergeklammert zu Boden fielen und mein Knie seine Rippen traf.</p><p>Ich k�mpfte wie ein Rasender. Unter normalen Umst�nden h�tte ich keine Chancen gegen diesen Mann gehabt, aber meine Wut gab mir �bermenschliche Kr�fte, und ich war nicht mehr in der Verfassung, R�cksicht auf mich selbst zu nehmen. Mit der blo�en Hand schlug ich seinen S�bel beiseite, als er den Arm hochri�, um mir die Klinge in die Seite zu rammen, warf mich nach vorne und drang mit w�tenden Schl�gen auf ihn ein.</p><p>Diesmal schrie er vor Schmerz, aber ich tobte weiter, ri� ihn hoch und herum und schmetterte ihn gegen die Wand. Der S�bel entglitt seinen H�nden und polterte zu Boden. Irgendwoher nahm ich die Geistesgegenwart, die Waffe mit dem Fu� zur Seite zu sto�en, wirbelte blitzartig wieder zu dem Drachenkrieger herum und zielte auf seinen ungesch�tzten Hals.</p><p>Aber der Sekundenbruchteil, den ich abgelenkt gewesen war, seine Waffe beiseite zu sto�en, war schon zu viel gewesen. Der Arm des Mannes kam mit einer blitzartigen Bewegung hoch, fing meinen Hieb ab und brachte mich aus dem Gleichgewicht. Nahezu im gleichen Sekundenbruchteil traf seine andere Hand meinen Leib, in einer sonderbaren Haltung nach oben gereckt und die Finger einw�rts gekr�mmt, so da� mich nur der Handballen traf.</p><p>Es war wie eine Explosion. Ich prallte gegen die Wand, bekam keine Luft. Farbige Kreise tanzten vor meinen Augen. Meine Glieder wurden schwer. Alle Kraft schien aus meinem K�rper gewichen, und meine Bewegungen waren von einer qu�lenden Langsamkeit. Wie durch einen roten Nebel sah ich, wie der Drachenkrieger einen halben Schritt zur�ckwich, ganz leicht in den Knien einknickte und sich blitzartig um die eigene Achse drehte.</p><p>Sein Fu� traf meine Rippen. Ich h�rte meine eigenen Knochen knacken, kippte mit einem lautlosen Schmerzensschrei - denn ich bekam noch immer keine Luft - nach vorne und griff blindlings zu. Zwischen meinen Fingern war pl�tzlich glatter, seidiger Stoff. Instinktiv klammerte ich mich daran, ri� mit aller Kraft und zerrte ihn mit mir, als ich zu Boden st�rzte.</p><p>Der Drachenkrieger machte sich mit einem zornigen Ruck frei, taumelte ein St�ck nach hinten und griff instinktiv nach der steinernen Balkonbr�stung.</p><p>Sie zerbr�ckelte unter seinen Fingern zu Staub.</p><p>Die Augen des Maskierten weiteten sich entsetzt. Einen Moment lang hing er mit wild rudernden Armen in einer unm�glichen Schr�glage in der Luft, dann kippte er ganz langsam nach hinten, stie� einen gellenden Schrei aus und st�rzte in die Tiefe. Das Ger�usch, mit dem er in der Halle aufschlug, klang seltsam ged�mpft und weich in meinen Ohren.</p><p>Ich kr�mmte mich vor, krampfte die H�nde �ber dem Leib zusammen und rang verzweifelt nach Luft. Ich konnte wieder atmen, aber jeder einzelne Atemzug war eine Orgie der Qual. Schleier wogten vor meinen geschlossenen Augen, und mein Herz schlug rasend, als wolle es zerbersten.</p><p>Jemand ber�hrte mich an der Schulter und stellte mich auf die Beine, und ich h�rte eine Stimme, die meinen Namen rief, aber alles erschien mir unwirklich und sehr weit weg, als hallten die Worte �ber einen unendlich tiefen Abgrund zu mir her�ber ...</p><p>Eine Hand klatschte in mein Gesicht, und der neuerliche Schmerz ri� mich in die Wirklichkeit zur�ck. Ich st�hnte, �ffnete die Augen und hob instinktiv die H�nde vor das Gesicht, um mich vor neuen Schl�gen zu sch�tzen. Rowlf hatte mich gepackt und gegen die Wand gelehnt. In seinem Blick flammte eine Mischung aus Sorge und Angst, und seine Linke war zum Schlag erhoben.</p><p>�Nicht mehr ... schlagen!� stammelte ich. �Es ... geht wieder.�</p><p>Rowlfs Blick nach zu schlie�en, zweifelte er diese Tatsache erheblich an. Aber er lie� die Hand gehorsam sinken und lie� auch meine Rockaufschl�ge los, griff aber sofort wieder zu, als ich prompt zusammenzusacken begann. Wieder �berkam mich Schw�che, aber diesmal war es nicht dieser b�se, rasende Blutrausch, der meine Sinne zu vernebeln begann, sondern nur die Nachwirkungen der m�rderischen Hiebe, die ich hatte hinnehmen m�ssen.</p><p>�Howard�, murmelte ich. �Was ist mit ... Howard?�</p><p>Statt einer Antwort richtete Rowlf mich auf, griff mit beiden H�nden unter meine Achseln und schleifte mich zur Balkonbr�stung.</p><p>Trotz des nur schwachen Lichtes, das die einzeln dastehende Lampe verbreitete, konnte ich die weitl�ufige Eingangshalle gut �berblicken. Aber das Bild, das sich mir bot, lie� mir abermals den Atem stocken.</p><p>Howard und der Kutscher hockten zusammengesunken wenige Schritte vor der Treppe, zwei einsame Gestalten in einem Meer winziger, grauer K�rper. Der Drachenkrieger lag wenige Schritte neben ihnen, verkr�mmt und halb eingesunken in die kn�cheltiefe graue Masse, die seinem Aufprall nichts von der t�dlichen Wucht genommen hatte. Einer Masse, die den Boden der Halle von einem Ende zum anderen bedeckte.</p><p>Motten.</p><p>Es mu�ten Millionen sein, Millionen und Abermillionen der winzigen t�dlichen Tiere, die durch die zerborstenen Fenster hereingequollen waren. Sie bedeckten nicht nur den Boden, sondern auch die M�bel, Bilder- und T�rrahmen, Deckenleisten ... jeder noch so winzige Vorsprung schien mit flockigem grauem Schnee bedeckt, und pl�tzlich sp�rte ich auch den fremdartigen scharfen Geruch, der die Luft erf�llte.</p><p>Und die Motten waren nicht nur unten in der Halle. Auch die Treppenstufen waren von dem grauen Schnee bedeckt, und als ich den Blick senkte, gewahrte ich auch unter meinen F��en eine d�nne, graue Schicht, in der es ununterbrochen zu zucken und zu beben schien, zertrampelt und aufgew�hlt von den Spuren des Kampfes, aber allgegenw�rtig.</p><p>Dann begann der l�hmende Schrecken zu weichen, und ich sah, da� die drohende Bewegung nur meiner Einbildung entsprungen war.</p><p>Die Motten r�hrten sich nicht mehr, so wenig wie die, die den Boden der Halle bedeckten.</p><p>Sie waren tot.</p><p>Alle.</p><p>Der Mann erwachte aus seiner Starre. Stundenlang hatte er wie tot dagestanden, ohne sich zu bewegen, ohne auch nur die Lider zu heben, ja, selbst ohne zu atmen. Es war nur sein K�rper gewesen, der unter dem Dach des verfallenen Hauses zur�ckgeblieben war. Sein Geist hatte an einem anderen Ort geweilt, nur ein paar Meilen entfernt und doch durch Welten von dem einzeln dastehenden, abbruchreifen Haus entfernt.</p><p>Jetzt erwachte er. Seine Brust hob sich mit einem m�hevollen Atemzug, und sein Blick irrte einen Moment unstet hin und her, als f�nde er den Weg in die Wirklichkeit nicht gleich zur�ck.</p><p>Etwas war nicht so, wie es sein sollte.</p><p>Er wu�te nicht, was es war. Er hatte getan, was man ihm aufgetragen hatte, aber irgend etwas anderes, Fremdes, etwas ... ja, Feindseliges hatte das geistige Band, das ihn mit dem Haus am anderen Ende der Stadt verband, zerschnitten.</p><p>Lange Zeit stand er schweigend im Dunkeln und starrte den grauwei�en Riesenkokon vor sich an. Nur wenige Motten waren darauf zur�ckgeblieben, als die Dunkelheit und die Zeit ihres Schw�rmens gekommen war, und auch sie wirkten seltsam tr�ge und schwach. Als l�hmte sie etwas, dachte der Mann.</p><p>Aber was? Er versuchte erneut, Kontakt mit seinen m�rderischen kleinen Dienern aufzunehmen, aber die Verbindung war abgeschnitten; etwas blockierte die Wege, die sein Geist gegangen war, um die Tiere zu lenken.</p><p>Wieder vergingen Minuten, bis der dunkel gekleidete Fremde aus seiner Starre erwachte. Er trat noch einmal an den gewaltigen grauen Kokon heran, streckte die Hand aus, als wolle er ihn ber�hren, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende, sondern wandte sich im letzten Moment um und verlie� mit raschen Schritten den Dachboden. Die ausgetretenen Stufen �chzten unter seinem Gewicht, als er die bauf�llige Treppe hinuntereilte.</p><p>Er w�rde wiederkommen. Er w�rde wiederkommen und herausfinden, was es war, das ihn an der Vollendung seiner Aufgabe hinderte. Er w�rde es herausfinden, das Hindernis beseitigen und tun, wozu er gekommen war. Er zweifelte nicht daran, denn er war etwas, das man ihm nicht ansah, etwas, das ihn m�chtiger und gef�hrlicher machte als die, deren Gestalt er sich bediente, solange er in dieser Stadt war. Er war ein Magier.</p><empty-line/><p>Howards Hand zitterte so stark, da� er fast das Streichholz fallen lie�, mit dem er eine Zigarre anz�nden wollte. Er war bleich, und sein Atem ging sto�weise und schnell, als w�re er meilenweit gelaufen.</p><p>Auf der Tischplatte vor ihm stand ein geleertes Glas, auf dessen Boden noch ein kleiner Rest goldgelben Whiskys schimmerte; es war das achte oder neunte, das er im Laufe der letzten halben Stunde hinuntergest�rzt hatte. Aber die beruhigende Wirkung des Alkohols war bisher ausgeblieben.</p><p>Es war seltsam still geworden in der Bibliothek. Obwohl sich ann�hernd zehn Personen in dem kleinen Raum aufhielten, war es so ruhig, da� man die ber�hmte Stecknadel h�tte fallen h�ren k�nnen.</p><p>Ich f�hlte mich elend. Es waren nicht allein die pochenden Schmerzen, die wie kleine brennende Nadeln von meinen geschundenen Rippen ausgingen und jeden Atemzug zu einer Qual machten, und nicht allein die Schw�che und die Nachwirkungen der Todesangst, die ich in wenigen Minuten ein dutzendmal hintereinander gesp�rt hatte.</p><p>Mein Blick tastete �ber die Gesichter der drei Dienstboten, die eng nebeneinander auf der winzigen Couch unter dem Fenster sa�en; zwei Frauen, der junge Bursche, den ich als Kutscher und Mann f�rs Grobe eingestellt hatte, und hinter ihnen Charles, mein neuer Majordomus. Von allen hatte sich Charles vielleicht noch am besten in der Gewalt, denn er war ein Mann, der es ein Leben lang gelernt hatte, seine Gef�hle hinter einer Maske von Freundlichkeit zu verbergen. Aber auch in seinen Augen loderte die Angst.</p><p>Und es waren nicht nur ihre Gesichter, die ich sah. F�r einen Moment bildete ich mir ein, das speckig gl�nzende Gesicht Tornhills zu erkennen; die t�uschend echt imitierten Z�ge Grays, die ich im Antlitz seines Doppelg�ngers erblickt hatte, die in Ehren alt gewordenen Augen Henrys, des alten Butlers, der mich bei meiner Ankunft in diesem verfluchten Haus so freundlich begr��t hatte - all diesen Menschen (und nicht nur ihnen) hatte ich den Tod gebracht, in der einen oder anderen Form.</p><p>Schlie�lich kam ich zu einem Entschlu�. Ich stand auf, ging ohne ein einziges Wort zu meinem Schreibtisch und zog die Schublade heraus. Unter Howards fragenden Blicken �ffnete ich mein Scheckbuch, schrieb vier gleichlautende Schecks �ber je eintausend Pfund Sterling aus und schob sie mit der Hand �ber den Tisch.</p><p>In Charles� Augen glomm ein fragender Ausdruck auf, und auch die drei anderen Domestiken sahen nacheinander in meine Richtung, als sp�rten sie meine Blicke.</p><p>Ich stand auf, ging um den Tisch herum und machte ein auffordernde Geste auf die vier kleinen, rechteckigen St�ckchen Papier hinter mir. �Nehmen Sie es�, sagte ich.</p><p>�Sir?� Charles blickte irritiert auf die Schecks. �Ich f�rchte, ich verstehe nicht ...�</p><p>�Sie verstehen sehr gut, Charles�, antwortete ich. Ich hatte M�he, meine Stimme wenigstens so weit unter Kontrolle zu halten, da� ich klar sprechen konnte. �Ich m�chte, da� Sie gehen. Alle.�</p><p>Charles und das Zimmerm�dchen wollten auffahren, aber ich hob befehlend die Hand und sprach rasch und beinahe eine Spur zu laut weiter: �Es tut mir leid, aber ich mu� mich von Ihnen trennen. Ich wei�, da� ich Sie erst vor wenigen Tagen eingestellt habe, aber ich kann es nicht l�nger verantworten, Fremde in meiner Umgebung zu haben.�</p><p>Howard runzelte die Stirn, griff nach seinem Glas und verzog entt�uscht die Lippen, schwieg aber beharrlich.</p><p>�Nehmen Sie das Geld und gehen Sie, bitte�, sagte ich noch einmal. �Sie haben alle erlebt, was gerade passiert ist. Vielleicht kommen Sie das n�chste Mal nicht so glimpflich davon.�</p><p>Der Majordomus kam z�gernd auf mich zu, sah mir einen Herzschlag verwirrt in die Augen und streckte die Hand nach einem der Schecks aus. Seine Augen weiteten sich, als er die Summe sah, die ich darauf eingetragen hatte. �Aber Sir!� keuchte er. �Das ist -�</p><p>�Eine angemessene Entsch�digung�, unterbrach ich ihn. �Sie haben Ihre alten Stellungen aufgegeben und sind zum Teil aus Ihren Wohnungen ausgezogen. Es wird eine Weile dauern, bis Sie wieder Fu� gefa�t haben.�</p><p>�Aber Sir, das ist mehr, als ich in drei Jahren verdiene!� protestierte Charles. �Das kann ich nicht annehmen.�</p><p>�Sie k�nnen!� beharrte ich. �Und die anderen auch. Betrachten Sie das, was Ihrer Meinung nach zuviel ist, als Entsch�digung f�r die ... Ungelegenheiten, die Sie erlitten haben.�</p><p>�Und als Schweigegeld�, f�gte Howard hinzu. Seine Stimme klang ein wenig schleppend, und er sprach langsamer als gewohnt. Der Alkohol zeigte seine Wirkung. Aber sein Blick war klar, als ich ihn ansah. �Sie werden nat�rlich niemandem sagen, was hier passiert ist.�</p><p>Charles schwieg einen Moment. �Niemandem, Sir?� fragte er. �Und der ... Tote?�</p><p>�Darum k�mmere ich mich�, sagte ich rasch. �Ich werde Rowlf gleich morgen zu Scotland Yard schicken. Keine Sorge, Charles. Was Howard - Mister Lovecraft - meint, sind die ...�</p><p>�Die Motten.� Charles nickte. �Das w�rde uns ohnehin niemand glauben, Sir.�</p><p>�Dann ist es ja gut.� Howards Stimme klang �rgerlich, obwohl ich mir den Grund daf�r nicht erkl�ren konnte. �Nehmen Sie das Geld und gehen Sie. Alle.�</p><p>Charles z�gerte noch einen Moment, dann aber griff er nach dem Scheck, faltete ihn ordentlich in der Mitte zusammen und lie� ihn in der Innentasche seines Jacketts verschwinden. Auch der Kutscher und das Zimmerm�dchen folgten nach kurzem Z�gern seinem Beispiel. Nur Mary blieb sitzen, und der Blick, mit dem sie auf mein ungeduldiges Stirnrunzeln antwortete, hielt mich davon ab, sie in Gegenwart der anderen Dienstboten noch einmal zum Gehen aufzufordern.</p><p>Howard gab Rowlf mit einem stummen Wink zu verstehen, da� er sich um Charles und die beiden anderen k�mmern sollte, bis sie das Haus verlassen hatten, stand auf und ging mit leicht schwankenden Schritten zu dem kleinen Teewagen hin�ber, um sich sein Glas erneut zu f�llen. Ich verfolgte sein Tun mit mi�billigenden Blicken, h�tete mich aber wohlweislich, auch nur eine Bemerkung zu machen. Es gab Wichtigeres zwischen uns zu besprechen.</p><p>Als Rowlf den Raum verlassen hatte, um Charles und die anderen nach unten zu begleiten, wandte ich mich an Mary. Sie hatte die ganze Zeit stumm auf der Chaiselongue gesessen und mich nur mit seltsamen Blicken gemustert, aber bisher keine Anstalten gemacht, in irgendeiner Form auf meine K�ndigung zu reagieren.</p><p>�Und Sie, Mary?� fragte ich. �Was ist mit Ihnen?� Ich l�chelte, drehte mich halb herum und deutete auf den letzten Scheck, der noch auf dem Tisch lag. �Mein Angebot gilt auch f�r Sie.�</p><p>�Ich wei߫, sagte sie. �Aber ich m�chte bleiben.�</p><p>�Das habe ich bef�rchtet�, antwortete ich leise. �Und wenn ich ... darauf bestehe, da� Sie gehen?�</p><p>�Ich habe keine Angst�, antwortete sie.</p><p>�Das hatte Priscylla auch nicht�, erwiderte ich so ernst, wie ich konnte. �Und auch dieses M�dchen nicht, das sich auf eine Zeitungsannonce gemeldet hat, um hier zu arbeiten.�</p><p>F�r einen Moment verd�sterten sich ihre Z�ge, und ein unbestimmter Ausdruck von Trauer trat in ihre Augen. Aber sie hatte sich schnell wieder in der Gewalt. �Ich ... wei߫, sagte sie. �Aber das �ndert nichts an meinem Entschlu�. Sie k�nnen nicht allein in diesem Riesenhaus bleiben.�</p><p>Ihre Stimme klang sehr bestimmt, und irgend etwas sagte mir, da� es vollkommen sinnlos war, sie umstimmen zu wollen. Trotzdem nahm ich den Scheck vom Tisch, ging zu ihr hin�ber und legte ihn neben sie auf die Couch.</p><p>�Ich bestehe darauf�, sagte ich. �Es sind schon zu viele Unschuldige zu Schaden gekommen, Mary. Ich bringe Ungl�ck. Es ist nicht gut, sich zu lange in meiner N�he aufzuhalten. Nehmen Sie das Geld und suchen Sie sich irgendwo eine h�bsche kleine Wohnung f�r sich und Ihre Tochter.�</p><p>Mary l�chelte, nahm den Scheck zwischen Daumen und Zeigefinger beider H�nde und ri� ihn gen��lich in kleine Streifen.</p><p>�Ich bleibe�, erkl�rte sie bestimmt. �Und ich will einen solchen Unsinn wie <emphasis>ich bringe Ungl�ck </emphasis>nicht mehr h�ren, mein Junge.�</p><p>�Es ist kein Unsinn�, widersprach ich. �Es -�</p><p>�Und selbst wenn es so w�re, w�rde ich bleiben�, fuhr sie unbeeindruckt fort. �Verwechseln Sie mich nicht mit Charles und den beiden anderen. Sie haben sie vor zwei oder drei Tagen eingestellt, und im Moment ist wahrscheinlich alles, was sie wollen, so schnell wie �berhaupt m�glich von hier zu verschwinden. Ich kenne Sie schon l�nger, Robert. Schon viel zu lange. Glauben Sie im Ernst, dieses Geld w�rde mich vergessen lassen, was ich erlebt habe, Robert? Ich w�rde nie wieder irgendwo Ruhe finden, solange ich wei�, da� diese Bestien existieren. Haben Sie vergessen, was sie meiner Tochter angetan haben?�</p><p>�Nein. Aber Sie scheinen zu glauben, in irgendeiner Schuld bei mir zu stehen, Mary, und -�</p><p>�Und genauso ist es�, unterbrach sie mich. �Ohne Sie w�re meine Tochter jetzt tot, oder vielleicht besessen von einem dieser Ungeheuer - ich wei� nicht, was schlimmer w�re.�</p><p>�Aber das ist -�</p><p>�La� sie, Robert.� Howard hob sein Glas, prostete mir zu und leerte es mit einem Zug. �Sie hat recht�, fuhr er fort. �Du kannst ... kannst nicht allein in diesem Kasten wohnen.�</p><p>�Wer sagt, da� ich das will?� antwortete ich. Howard grinste, drehte sich um und griff erneut nach der Whiskyflasche. Mit einem raschen Schritt trat ich neben ihn, nahm ihm die Flasche aus der Hand und bugsierte ihn mit sanfter Gewalt zu seinem Sessel zur�ck. Howard wollte protestieren, aber ich brachte ihn mit einer befehlenden Geste zum Schweigen und wandte mich an Mary.</p><p>�Wenn Sie schon mit aller Macht bleiben wollen, dann seien Sie so lieb und machen uns einen starken Kaffee�, bat ich. �Ich glaube, Howard kann ihn gebrauchen. Und sehen Sie nach dem Kutscher.� Rowlf hatte Ron, der erneut das Bewu�tsein verloren und zu phantasieren begonnen hatte, in eines der angrenzenden Zimmer gebracht und die T�r von au�en verschlossen. Aber mir war wohler zumute, wenn jemand ab und zu nach ihm sah.</p><p>Mary l�chelte und verlie� die Bibliothek; nicht, ohne im Vor�bergehen die Whiskyflasche mitzunehmen, was ihr einen w�tenden Blick Howards eintrug.</p><p>Ich ging ihr nach, �ffnete die T�r noch einmal einen Spaltbreit und blickte auf den Korridor hinaus. Erst, als ich mich davon �berzeugt hatte, da� wir wirklich allein und ungest�rt waren, dr�ckte ich die T�r wieder zu und drehte mich zu Howard herum.</p><p>Sein Blick war ganz klar. Der Alkohol, den er getrunken hatte, beeintr�chtigte sein Denken nicht im geringsten. Er hatte den Betrunkenen <emphasis>gespielt, </emphasis>vielleicht, um nicht auf die Fragen antworten zu m�ssen, die ich ihm stellen w�rde.</p><p>�Also?� sagte ich.</p><p>�Was - also?� wiederholte Howard. Seine Lippen zuckten ein ganz kleines bi�chen, und seine Finger hielten das dickwandige leere Glas fester, als n�tig gewesen w�re.</p><p>�Bitte, Howard�, sagte ich leise. �Du wei�t ganz genau, was ich wissen will. Was ist passiert? Wie hast du diese Ungeheuer get�tet?�</p><p>�Ich?� Howard lachte, als h�tte ich einen Witz zum Besten gegeben. �Wer von uns ist hier betrunken, Junge - du oder ich?� Er lachte bitter, beugte sich vor und machte eine Armbewegung, die das ganze Haus einschlo�. �Es war dieses Haus, das sie get�tet hat, Robert. Nicht ich. Diese Macht habe ich nicht.�</p><p>�Red keinen Unsinn!�</p><p>�Ich rede keinen Unsinn�, behauptete Howard. �Erinnerst du dich, was ich dir �ber das Haus deines Vaters erz�hlt habe? Es ist nicht irgendein Haus. Dieses Geb�ude ist eine Festung. Es wei� sich sehr wohl zu wehren. Warum glaubst du, hat Necron seine Killer nicht auf uns gehetzt, um uns zu t�ten, ehe er es nicht <emphasis>konnte? </emphasis>Er hat ganz genau gesp�rt, welche Kr�fte dieses Haus hat. Er hat <emphasis>gewu�t, </emphasis>da� er dir nicht beikommen konnte. Nicht hier!�</p><p>Und pl�tzlich erinnerte ich mich auch wieder an den sonderbaren, hallenden Ton, den ich zu h�ren geglaubt hatte, als ich mich auf den Drachenkrieger st�rzte. Der gleiche unheimliche Klang aus dem Nirgendwo, mit dem die schlummernden M�chte dieses Hauses versucht hatten, mich vor Howards und Grays Doppelg�ngern zu warnen. Und dann das zerfallende steinerne Gel�nder ...</p><p>�Aber das ist ... das ist verr�ckt�, widersprach ich verst�rt. �Das ergibt keinen Sinn.�</p><p>Howard zog eine Grimasse. �Der einzige, der hier schon eine geraume Weile seine f�nf Sinne nicht beisammen zu haben scheint, bist du, mein Junge. Was ist in dich gefahren, die Diener wegzuschicken? In drei Tagen wei� die ganze Stadt, was hier passiert ist!�</p><p>�Niemand wird es ihnen glauben�, antwortete ich ruhig.</p><p>�O nein, sicher nicht.� Howards Stimme troff vor Sarkasmus. �Auch die beiden Toten werden niemanden interessieren. Glaubst du wirklich, sie werden nicht dar�ber sprechen, nur weil du ihnen Geld gegeben hast? Im Gegenteil, Robert! Sie werden nur noch mi�trauischer werden. In sp�testens drei Tagen sind die Beamten von Scotland Yard wieder hier. Mit Handschellen und einem Haftbefehl.�</p><p>�Das wird nicht n�tig sein�, antwortete ich. �Ich habe es ernst gemeint, als ich sagte, da� ich Rowlf morgen zum Yard schicken werde.� Howard �chzte, aber ich lie� ihn nicht zu Wort kommen, sondern sprach rasch weiter. �Es waren keine leeren Worte, Howard. Ich ... ich kann nicht mehr. Es ist nur ein paar Wochen her, da� ich nach London gekommen und in dieses Haus eingezogen bin, und alles, was ich erlebt habe, waren Tod und Schrecken. Necron hatte recht - ich verbreite Unheil, wohin ich auch komme. Die Menschen sterben, wenn sie zu lange in meiner N�he sind. Mein Gott, Howard - ich habe eine Spur aus Toten hinterlassen, begreifst du das nicht?�</p><p>�Ich begreife nur, da� du Unsinn redest�, erwiderte Howard ruhig. �Es war nicht deine Schuld, da� Hasan Necron hierhergekommen ist. Und es war auch nicht deine Schuld, da� dieser Tornhill verr�ckt genug war, seine Drachenkrieger angreifen zu wollen.�</p><p>Zumindest in diesem Punkt irrte er. Juristisch traf mich vielleicht keine Schuld daran - aber ich gab mir die Verantwortung, zumindest zu einem Teil. Aber das geh�rte nicht hierher. Ich hatte Howard nichts davon erz�hlt, und ich w�rde es auch nicht tun. Das war eine Sache, die nur mich anging.</p><p>�Und heute?� fragte ich. �Diese ... diese Motten, oder was immer sie waren?�</p><p>Howard schwieg. Auf seiner Stirn gl�nzte Schwei�, obwohl es k�hl in der Bibliothek war. �Das hatte nichts mit dir zu tun�, sagte er leise. �Ich ... dachte es im ersten Moment auch, aber es stimmt nicht.�</p><p>�Was meinst du damit?� fragte ich. Eine unbestimmte Ahnung stieg in mir auf. Ich sp�rte, da� die Einzelteile des Puzzles alle da waren - aber noch ergaben sie keinen Sinn, weigerten sich, sich zu einem Bild zusammenzuf�gen.</p><p>�Es sollte so aussehen�, antwortete Howard, ohne mich anzusehen. �Du solltest glauben, da� dieser Anschlag dir galt. Dieser nachgemachte Drachenkrieger diente keinem anderen Zweck, als dich zu t�uschen, Robert.�</p><p>�Sagtest du - nachgemacht?� fragte ich verwirrt.</p><p>Howard sah mich mit einem beinahe mitleidigen Blick an. �Dieser Mann war kein Drachenkrieger�, sagte er. �Wenn er das wirklich gewesen w�re, dann w�rst du jetzt tot, mein Junge.�</p><p>Ich legte demonstrativ die Hand auf meine zerschundenen Rippen und zog eine �bertrieben schmerzhafte Grimasse. �Viel hat ja auch nicht gefehlt.�</p><p>�Das ist der Unterschied�, sagte Howard ernst. �Bei einem wirklichen Drachenkrieger h�tte dieses <emphasis>nicht viel </emphasis>eben nicht gefehlt. Du glaubst vielleicht, diese M�nner zu kennen, Robert, aber du t�uschst dich. W�re er wirklich das gewesen, als was er sich ausgegeben hat, dann h�tte er dich aufgeschlitzt, ehe du ihm auch nur nahe gekommen w�rst.�</p><p>�Ich hatte Gl�ck�, sagte ich, �das war alles. H�tte er keinen Fehltritt gemacht -�</p><p>�Bl�dsinn�, unterbrach mich Howard. �Du hattest kein Gl�ck, Junge, er hatte Pech, so herum gibt die Sache einen Sinn. Er wollte dich nicht t�ten. Er wollte, da� du genau das denkst - da� du Gl�ck gehabt hast. Er sollte dich verletzen; dich ein bi�chen w�tend machen. Da� er sich dabei das Genick bricht, war wohl nicht vorgesehen, aber das ist auch schon alles.�</p><p>�Und wer war er wirklich?� fragte ich, ganz leise und obwohl ich die Antwort im Grunde schon wu�te.</p><p>Howard antwortete nicht, sondern blickte nur starr an mir vorbei ins Leere, aber sein Schweigen war schon Antwort genug. Langsam ordneten sich die wirr durcheinanderliegenden Teile des Puzzles zu einem Ganzen.</p><p>�Der Angriff galt dir�, sage ich. �Diejenigen, die diesen Mann geschickt haben, waren die gleichen, in deren Auftrag van der Groot und der Doppelg�nger Grays gekommen sind.�</p><p>�Und wenn?� fragte Howard. Seine Stimme war jetzt ganz leise. Sie klang flach, tonlos wie die eines Menschen, der mit allerletzter Kraft um seine Beherrschung k�mpft.</p><p>�Es ist diese ... Loge�, fuhr ich fort. �Die M�nner, zu denen du gehen willst. Nach Paris.�</p><p>Howard sah auf. F�r einen ganz kurzen Moment blitzte Zorn in seinen dunklen Augen. �Rowlf hat mit dir geredet.�</p><p>�Das hat er�, gestand ich. �Aber es w�re nicht n�tig gewesen. Es ist nicht sehr schwer, eins und eins zusammenzuz�hlen, wei�t du! Ich werde nicht zulassen, da� du dorthin gehst, Howard.�</p><p>�So?� machte er sp�ttisch. �Wirst du nicht?�</p><p>Ich sch�ttelte entschieden den Kopf. �Nicht nach dem, was heute passiert ist. Diese Loge oder wer immer sie sind -�</p><p>�Es ist keine Loge�, unterbrach mich Howard zornig. Seine H�nde pre�ten sich so fest um die Sessellehne, da� das Holz �chzte. �Wof�r h�ltst du mich, Robert? F�r einen Gecken, der seine Zeit mit spiritistischen Sitzungen oder Geheimtreffen vertut? Diese ... Loge, wie du sie nennst, ist eine Organisation, die ...�</p><p>�Eine Organisation von Magiern?�</p><p>Howard �berging meine Frage. �Es ist ein Geheimbund�, sagte er. �Ein sehr m�chtiger Geheimbund, Robert, vielleicht der m�chtigste �berhaupt. Ich habe gedacht, ich k�nnte seiner Macht trotzen, aber ich habe mich geirrt. Ich bin l�nger als zehn Jahre vor ihnen davongelaufen, aber es hat keinen Sinn mehr.� Pl�tzlich wurde seine Stimme bitter. �Du glaubst, <emphasis>dich </emphasis>tr�fe die Schuld an allem, was passiert ist?� Er lachte b�se. �Ich bin es, dem du Vorw�rfe machen m��test, Robert, nicht dir selbst. Das alles w�re nicht geschehen, wenn <emphasis>ich </emphasis>nicht hiergewesen w�re. Aber in einem Punkt hast du recht - es hat schon genug Tote gegeben. Viel zu viele. Ich werde das tun, was ich schon vor Jahren h�tte tun sollen. Ich stelle mich ihnen.�</p><p>�Dann werden sie dich t�ten�, sagte ich.</p><p>�M�glich.� Howard hatte sich jetzt wieder vollkommen in der Gewalt. Seine Stimme klang, als rede er �ber ein Kochrezept. �Ich werde versuchen, es zu verhindern.�</p><p>�Aber das ist Selbstmord!�</p><p>�Vielleicht�, gestand Howard unger�hrt. �Aber wenigstens werden dann keine Unschuldigen mehr sterben, Robert.�</p><p>Ich fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Howard war in sein Zimmer zur�ckgegangen, und auch ich hatte mich zur�ckgezogen und versucht, ein wenig Ruhe zu finden; nat�rlich vergebens. Rowlf hatte die zerbrochenen Fenster und die T�r repariert, so gut es ging, nachdem Charles und die beiden anderen das Haus verlassen hatten.</p><p>Wie konnte ich auch Schlaf finden? Was heute abend geschehen war, war mehr als ein Anschlag auf mein Leben. Wenn Howard recht hatte - und ich zweifelte keine Sekunde daran -, dann war hier eine neue, vielleicht noch gef�hrlichere, dritte Macht auf den Plan getreten, von deren Existenz ich bis vor wenigen Stunden nicht einmal eine Ahnung gehabt hatte.</p><p>Allm�hlich begann die Sache un�bersichtlich zu werden.</p><p>Eine Stunde - die mir wie eine Ewigkeit vorkam - w�lzte ich mich unruhig auf meinem Bett hin und her und versuchte den Schlaf herbeizuzwingen (womit ich nat�rlich das genaue Gegenteil erreichte), dann kapitulierte ich, stand auf und zog mich wieder an.</p><p>Ich verlie� mein Zimmer, blieb einen Moment auf dem Korridor stehen und sah mich unschl�ssig um. Ich wu�te selbst nicht zu sagen, <emphasis>was </emphasis>ich eigentlich wollte; die Unruhe hatte mich einfach hochgetrieben.</p><p>Das Haus war seltsam still, und es schien etwas Dumpfes, Bedr�ckendes in dieser Stille zu liegen. Es war jene sonderbare, mit Worten nur sehr unzureichend zu beschreibende Stille, wie man sie manchmal in Mausoleen oder uralten Kellern antrifft, der dumpfe Geruch von Zeit.</p><p>Vielleicht war es die Ber�hrung der anderen, den menschlichen Sinnen normalerweise verschlossenen Welt, die ich sp�rte. Vielleicht war ich ihr nahe, in diesem sonderbaren, magischen Haus.</p><p>Ich ging ein paar Schritte, blieb wieder stehen und sah mich im Dunkeln um. Was hatte Howard gesagt? <emphasis>Dieses Haus ist eine Festung.</emphasis></p><p>Das war es, aber es war auch noch mehr. Es war ein Ort unheimlicher und dunkler Geheimnisse, eine Stelle, an der der Vorhang zwischen der Welt der Menschen und der des Magischen d�nn und zerschlissen war, und an der man den Atem dieses fremden, bizarren Universums wie einen eisigen Grabeshauch sp�rte.</p><p>Es machte mir Angst. Und die Tatsache, da� mir die Kr�fte, die dieses Haus beherbergte, wohlgesinnt waren, �nderte daran gar nichts.</p><p>Unschl�ssig ging ich den Korridor hinab, z�gerte einen Moment, und trat dann mit einem entschlossenen Schritt auf den Balkon hinaus, der die zwei Stockwerke hohe Empfangshalle in zehn Metern H�he umlief. Das zerborstene Treppengel�nder, durch das der vermeintliche Drachenkrieger gebrochen war, kam mir in der wattigen Dunkelheit wie ein h�misches Grinsen vor.</p><p>Mein Blick tastete �ber den Boden. Hier und da waren noch kleine Haufen flockigen grauen Staubes zu erkennen, und der geflieste Boden unten in der Halle kam mir wie mit grauem Ausschlag bedeckt vor. Aber die Kadaver der Killer-Motten begannen sich bereits aufzul�sen.</p><p>Ich war nicht einmal sonderlich �berrascht; im Gegenteil. Es h�tte mich eher gewundert, wenn es <emphasis>nicht </emphasis>passiert w�re. Dieses Haus war ein Vampir, ein Moloch, der alles, was nicht zu ihm geh�rte, verschlang. Ich war sicher, da� von dem ganzen Spuk keine Spur mehr zu sehen sein w�rde, wenn die Sonne am n�chsten Morgen aufging.</p><p>Ein heller, langgestreckter Gegenstand am anderen Ende des Balkons erregte meine Aufmerksamkeit. Ich erinnerte mich, da� Rowlf und Charles den Leichnam des Drachenkriegers - besser gesagt des Mannes, der sich als solcher ausgegeben hatte - in ein Bettuch gewickelt und aus der Halle geschafft hatten. Es kam mir etwas geschmacklos vor, ihn wie einen Teppich in einer Ecke abgelegt zu sehen. Aber vermutlich war jetzt nicht der Zeitpunkt f�r Geschmacksfragen.</p><p>Z�gernd bewegte ich mich auf ihn zu, lie� mich neben dem reglosen K�rper auf die Knie sinken und streckte die Hand nach dem Tuch aus. Mein Herz schlug ein wenig schneller, als ich es auseinanderfaltete, um einen Blick auf sein Gesicht zu werfen; warum, wu�te ich selbst nicht zu sagen.</p><p>Ich bin sicher kein Nekromane. Im Gegenteil. Aber vielleicht fand ich an seinem Leichnam irgend etwas, was Licht in das Durcheinander unbeantworteter Fragen und Geheimnisse bringen konnte.</p><p>Das Gesicht des Toten war starr, wie eingefroren in dem Augenblick, in dem das Leben aus ihm gewichen war. Ich hatte halbwegs erwartet, es vor Schrecken oder Entsetzen verzerrt zu sehen, aber alles, was ich gewahrte, war ein Ausdruck ungl�ubigen Staunens, als h�tte er bis zum allerletzten Moment nicht begriffen, da� er versagt hatte.</p><p>F�r einen Moment glaubte ich zu ahnen, was er in den letzten Sekundenbruchteilen seines Lebens gesp�rt haben mochte. Keine Angst; sicher nicht. Dazu war alles viel zu schnell gegangen. Er hatte auch gar keinen Grund gehabt, Angst zu empfinden, denn er war nicht gekommen, um zu t�ten oder gar get�tet zu werden. <emphasis>Ich </emphasis>war es, der sich nicht an die Spielregeln gehalten hatte, der aus der Finte Ernst, aus einem Spiel einen Kampf auf Leben und Tod gemacht hatte.</p><p>Ich war sein M�rder.</p><p>Es kostete mich ungeheure �berwindung, das Gef�hl abzusch�tteln und wieder in die Wirklichkeit zur�ckzukehren. Mit einer heftigen Bewegung richtete ich mich auf, griff nach dem wei�en Tuch und wollte es wieder �ber das Gesicht des Toten streifen, verhielt dann aber mitten in der Bewegung.</p><p>Das schwarze Drachenkrieger-Gewand des Toten hatte sich ge�ffnet, so da� ich seinen nackten Brustkorb erkennen konnte.</p><p>Direkt �ber seinem Herzen war eine T�towierung. Das Licht reichte nicht aus, sie genau zu erkennen, und so lie� ich mich nach kurzem Z�gern abermals auf die Knie sinken, zog ein Streichholz aus der Tasche und ri� es an.</p><p>Das flackernde Licht der Flamme offenbarte mir ein winziges, kunstvoll mit blauvioletten Linien in seine Haut t�towiertes Bild. Es war kaum gr��er als mein Daumennagel, aber von einer Detailtreue, wie ich sie sonst nur auf kunstvoll angefertigten Miniaturen erblickt hatte.</p><p>Es war ein Kreis mit gezacktem Rand, wie eine stilisierte Sonnenscheibe. In seinem Inneren war ein Pferd abgebildet, auf dem zwei nur mit Lendensch�rzen bekleidete M�nner sa�en, beide das Gesicht dem Betrachter zugewandt. Der zuvorderst Sitzende hielt eine Lanze in der hochgereckten Rechten, w�hrend sein Hintermann die H�nde wie zum Gebet zusammengelegt hatte.</p><p>Das Streichholz war abgebrannt, und die Flamme versengte mir die Fingerspitzen. Ich warf es fort, deckte das Gesicht des Toten wieder zu und stand auf.</p><p>Ich f�hlte mich elend. Ich war in der Lage eines Menschen, der tatenlos zusehen mu�, wie die Welt, in der er bisher gelebt hatte, St�ck f�r St�ck um ihn herum auseinanderbricht. Zum ersten Mal in meinem Leben begann ich zu begreifen, was das Wort Hilflosigkeit <emphasis>wirklich </emphasis>bedeutete.</p><p>Ich schluckte, um den bitteren Geschmack loszuwerden, der pl�tzlich auf meiner Zunge war. Fast gegen meinen Willen fand mein Blick das goldgerahmte Bild meines Vaters, das als letztes in einer schier endlosen Reihe von Portraits die W�nde zierte.</p><p>Langsam ging ich weiter, blieb auf Armesl�nge vor dem �berlebensgro�en Portrait stehen und betrachtete die scharfen, asketisch wirkenden Z�ge des Mannes, den es zeigte.</p><p>Roderick Andara.</p><p>Mein Vater ...</p><p>Irgendwie klangen die Worte bitter in meinen Gedanken; seine Z�ge kamen mir h�rter vor als die Male, die ich das Bild vorher angesehen hatte, der Ausdruck in seinen dunklen, klaren Augen erbarmungsloser, nein - entschlossener.</p><p>Er war mein Vater gewesen - aber was wu�te ich wirklich �ber ihn? Wenig mehr als seinen Namen. Ich hatte sein Erbe angetreten, beinahe gegen meinen Willen, und ich hatte bisher nicht einmal in Ans�tzen begriffen, woraus dieses Erbe bestand.</p><p>Robert Craven - der Hexer.</p><p>Fast h�tte ich gelacht. Ich hatte gelernt, ein paar Kunstst�ckchen aufzuf�hren. Ein bi�chen Firlefanz, ein paar T�uschungen, gerade genug, mich auf irgendwelchen langweiligen Stehpartys der besseren Londoner Gesellschaft wichtig zu machen. Einmal, ein einziges Mal, hatte ich die Macht, die mir Andara vererbt hatte, <emphasis>wirklich </emphasis>benutzt.</p><p>Und damit einen Menschen get�tet.</p><p>�Ist es das, was du mir vererbt hast, Vater?� fragte ich leise. �Ist das dein Erbe? Tod und Unheil?�</p><p>Nat�rlich bekam ich keine Antwort. Auch wenn ich mehrmals Kontakt mit dem Geist - oder der Seele oder wie immer man es nennen will - meines verstorbenen Vaters gehabt hatte, so glaubte ich doch nicht im Ernst daran, mich mit einem <emphasis>Bild </emphasis>unterhalten zu k�nnen. Aber ich mu�te einfach reden, zu irgend jemandem oder auch irgend etwas. Manchmal erleichtert es selbst, mit einem Bild zu sprechen.</p><p>�Oder ist es der Fluch Necrons?� fuhr ich fort.</p><p>�Etwas von beidem, Robert�, sagte eine sanfte Stimme hinter mir.</p><empty-line/><p>Ich drehte mich herum und erkannte Rowlfs massige Gestalt wie einen Berg in der Dunkelheit hinter mir.</p><p>�Was wei�t du von ihm?� fragte ich.</p><p>�Andara?� Rowlf �berlegte einen Moment. �Nicht viel. Ich habe ihn nur einmal gesehen, und da auch nur f�r �n Paar Augenblicke. Aber Howard hat viel �ber ihn gesprochen. Ich glaube nicht, da� er ein so harter Mann war, wie du denkst, Robert.�</p><p>�Denke ich das?�</p><p>Rowlf nickte. �Deine Stimme klang sehr bitter gerade. Aber du tust ihm unrecht. Und dir auch.�</p><p>�Worte�, murmelte ich. �Worte, Rowlf. Sie bringen Priscylla nicht zur�ck und machen Tornhill und all die anderen nicht wieder lebendig.�</p><p>�Aber dich trifft keine Schuld!� beharrte Rowlf.</p><p>�Ich werde dieses Haus verlassen�, sagte ich. �Sobald ... alles vorbei ist.�</p><p>�Vorbei?� Rowlf sch�ttelte den Kopf. �Es wird nie vorbei sein, Robert. Glaubst du, du k�nntest deinem Schicksal davonlaufen?�</p><p>�Ich ... glaube �berhaupt nichts�, antwortete ich unsicher. �Ich wei� nur, da� ich Katastrophen anzuziehen scheine wie das Aas die Fliegen. Wenn das das Erbe meines Vaters ist, dann will ich es nicht.�</p><p>�Und was willst du statt dessen? Aufgeben?�</p><p>�Aufgeben!� sagte er noch einmal, und diesmal h�rte es sich an wie eine Beschimpfung. �Du l�ufst weg. Du schlie�t die Augen und vergr�bst den Kopf im Sand, statt dich zu wehren! Und ich dachte, du k�nntest mir helfen!�</p><p>�Helfen?� Ich l�chelte bitter. In mir war nichts als Leere. �Wobei sollte ich dir helfen k�nnen? Auf eine besonders originelle Art und Weise ums Leben zu kommen, wie dieser Mann?�</p><p>�Dein Selbstmitleid hilft dir auch nicht weiter�, sagte Rowlf hart.</p><p>�Selbstmitleid? Ich glaube nicht, da� es nur das ist, Rowlf. Es sind Menschen gestorben.�</p><p>�Dann suche die, die daf�r verantwortlich sind, und bestrafe sie, verdammt noch mal!� polterte Rowlf. �Begreifst du eigentlich nicht, da� Necron und diese -�</p><p>�... diese Ungeheuer in Menschengestalt�, f�hrte er den Satz zu Ende, �nichts als ein Spiel mit dir spielen? Und du l��t dich herumschubsen wie eine Schachfigur und gibst dir auch noch die Schuld an allem! Verdammt, ich bin hier, weil ich deine <emphasis>Hilfe </emphasis>brauche, Robert!�</p><p>�Und wobei?� fragte ich. Seine pl�tzliche Erregung war mir unerkl�rlich. Aber eigentlich war es auch alles andere als normal, da� Rowlf mitten in der Nacht aufstand, um mit mir zu reden.</p><p>�Howard�, sagte er. �Du hast mit ihm gesprochen, nicht wahr?�</p><p>�Ich habe es versucht�, antwortete ich. �Aber ich f�rchte, es hat nicht viel genutzt.�</p><p>�Genutzt?� Rowlf lachte auf, brach abrupt ab und wandte in einer fast �ngstlichen Geste den Kopf. Aber hinter der T�r von seinem und Howards Zimmer blieb es still.</p><p>�Er will gehen, Robert�, sagte er.</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Rowlf sch�ttelte fast zornig den Kopf. �Du wei�t gar nichts. Der Angriff auf uns galt ihm, Robert. Und der Mann, der hinter all dem steckt, ist nicht dieser Tote hier.�</p><p>�Du ... meinst, sie k�nnten ... sie k�nnten wiederkommen?� fl�sterte ich entsetzt.</p><p>�Ich meine gar nichts�, sagte Rowlf grob. �Aber Howard hat Angst davor. Er wei�, da� wir unangreifbar sind, solange wir dieses Haus nicht verlassen. Aber er hat Angst, da� diese Ungeheuer anderswo in der Stadt auftauchen k�nnten. Er ... er glaubt, was heute abend passiert ist, war nur eine Warnung, verstehst du?�</p><p>�Nein�, sagte ich ehrlich.</p><p>Rowlf seufzte. �Wir - das hei�t, Howard - glaubt, da� seine ... Br�der hier in der Stadt sind. Nicht van der Groot oder dieser gedungene M�rder hier, sondern einer vom Inneren Zirkel, ein Magier wie du oder dein Vater. Er ist hier, um ihn zu holen, Robert. Der erste Anschlag ist daneben gegangen, aber er wird es wieder versuchen. Und das n�chste Mal wird er vielleicht an einem Ort zuschlagen, an dem wir nicht gesch�tzt sind. Und andere auch nicht.�</p><p>Seine Worte lie�en mich innerlich erschauern. Wie in einer blitzartigen, furchtbaren Vision liefen die grausigen Szenen noch einmal vor meinem inneren Auge ab. Die Vorstellung eines Schwarmes der m�rderischen Killer-Motten, der irgendwo frei in der Stadt herumflog, war unertr�glich.</p><p>�Und was ... hat Howard vor?� fragte ich.</p><p>�Er glaubt zu wissen, wo sich der Magier verborgen h�lt�, antwortete er. �Er will zu ihm gehen.�</p><p>�Und wann?�</p><p>�Morgen fr�h�, antwortete Rowlf. Ich sp�rte, wie schwer es ihm fiel, diese beiden Worte auszusprechen. F�r ihn mu�te es so sein, als verriete er Howard. �Kurz vor Einbruch der D�mmerung verl��t er das Haus. Wenn die Sonne aufgeht, will er ihn treffen. Es ... hat irgend etwas mit ihren Regeln zu tun.�</p><p>�Mit <emphasis>ihren </emphasis>Regeln�, sagte ich betont, auf eine so lauernde Art, da� Rowlf aufsah und mich fast mi�trauisch anblickte. �Wer sind diese geheimnisvollen <emphasis>Sie, </emphasis>Rowlf?� fuhr ich fort. �Wer sind diese M�nner, da� selbst Howard Angst vor ihnen hat?�</p><p>Rowlf wollte antworten, aber ich sp�rte, da� er wieder eine seiner �blichen Ausfl�chte vorbringen w�rde, und sch�ttelte rasch den Kopf. �Sag mir die Wahrheit, Rowlf�, sagte ich leise, aber so eindringlich, wie ich konnte. �Ich glaube dir nicht mehr, da� du nicht wei�t, wer sie sind. Und ich bekomme es so oder so heraus.�</p><p>Rowlf starrte zu Boden und druckste eine Weile herum. �Ich ... habe Howard geschworen, niemandem etwas zu sagen�, murmelte er.</p><p>�Vergi� es�, antwortete ich grob. �Es geht um sein Leben, Rowlf!�</p><p>�Templer�, sagte er schlie�lich. �Es sind Templer.�</p><p>�Templer?� Ich starrte ihn aus ungl�ubig aufgerissenen Augen an. �Du ... du meinst den Orden der ... der Tempelherren?�</p><p>Rowlf nickte. �Ja. Die k�mpfenden M�nche, Robert.�</p><p>�Aber das ... das ist unm�glich�, fl�sterte ich, obwohl ich ganz genau wu�te, da� er die Wahrheit sagte. �Das ist -�</p><p>�Es ist die Wahrheit, Robert.�</p><p>Verzweifelt kramte ich in meinen Erinnerungen, suchte nach irgend etwas, womit ich seine Behauptung entkr�ften oder ihr wenigstens etwas von ihrem Schrecken nehmen konnte. �Aber die ... die Tempelritter wurden ausgel�scht�, sagte ich schlie�lich schwach. �Soweit ich wei�, hat sie -�</p><p>�Philipp der Sch�ne im dreizehnten Jahrhundert vernichtet�, unterbrach mich Rowlf. �Ich - wei�.� Pl�tzlich klang seine Stimme ungeduldig. �Jeder glaubt, da� es so w�re. Aber es ist nicht die Wahrheit. Der Orden der Tempelritter hat niemals aufgeh�rt zu existieren. Sie sind in den Untergrund gegangen, das ist alles. Sie existieren weiter, und sie sind m�chtiger als je, Robert. Viel m�chtiger als dieser Narr Necron. Er ist nur einer, aber sie sind Hunderte. Sie sind nicht mehr, was sie waren. Viele von ihnen haben magisches Wissen erworben. Howard hat Angst vor ihnen, Robert, und mit Recht. Du hast erlebt, wie wenig diesen Bestien ein Menschenleben gilt. Sie werden weiter t�ten, wenn Howard sich ihnen nicht ausliefert.� Er brach ab, schwieg einen Moment und f�gte, viel leiser und in niedergeschlagenem Tonfall hinzu: �Aber wenn er es tut, bringen sie ihn um.�</p><p>�Dann m�ssen wir ihn daran hindern�, sagte ich.</p><p>Rowlf schnaubte. �Hindern? Eher hinderst du die Themse daran, ins Meer zu flie�en, Junge. Howard w�rde mich erschie�en, wenn er w��te, da� ich jetzt hier bin und mit dir rede.� Er sch�ttelte den Kopf, blickte mich einen Moment durchdringend an und starrte dann zu Boden.</p><p>�Und was�, sagte ich, als klar wurde, da� er nicht von sich aus weiterreden w�rde, �willst du tun?�</p><p>Er sagte es mir.</p><empty-line/><p>Im Osten begann ein Streifen bla�roter Helligkeit das Grau der D�mmerung aufzul�sen. Die Stra�e atmete noch die K�lte der Nacht, und im roten Gegenlicht des Sonnenaufganges sah die Silhouette der Stadt aus wie eine gezackte, an zahllosen Stellen ausgebrochene Festungsmauer.</p><p>Rowlf machte mir mit der Hand ein Zeichen, und ich duckte mich tiefer hinter den moosbewachsenen Mauerrest, hinter dem ich Deckung genommen hatte. Mein Blick bohrte sich in das wogende Grau der Schatten, die die Stra�e vor uns in eine bizarre, irreal wirkende Kulisse verwandelten. Das einzig Wirkliche schien der schwarze, zu einem tiefenlosen Schatten gewordene Umri� der Kutsche zu sein, die ein St�ck weiter die Stra�e hinunter stand.</p><p>Die beiden Pferde in ihrem Geschirr regten sich von Zeit zu Zeit; dann und wann scharrte ein Huf �ber Stein oder klirrte Metall, aber selbst diese Laute wirkten irgendwie falsch und unwirklich auf mich.</p><p>Ich verscheuchte den Gedanken und versuchte, mich ganz auf das Fuhrwerk und seinen Insassen zu konzentrieren. Das Ruinengrundst�ck, auf dem Rowlf und ich Stellung bezogen hatten, gew�hrte uns freien Blick �ber die ganze Stra�e, ohne da� wir selbst gesehen werden konnten.</p><p>Allerdings h�tte es auch kaum jemanden gegeben, der uns h�tte sehen k�nnen. Der Teil Londons, in dem wir uns befanden, schien ausgestorben zu sein. In keinem einzigen der H�user, die die Stra�e vor uns flankierten, brannte Licht, nirgends waren die Spuren menschlichen Lebens sichtbar; unsere Umgebung wirkte wie eine Geisterstadt.</p><p>Rowlf und ich hatten uns abgewechselt, in einem finsteren Winkel der Halle Wache zu halten, bis Howard - wie Rowlf es vorausgesagt hatte, wenige Minuten vor Einbruch der D�mmerung - aus seinem Zimmer getreten war und das Haus durch den Hinterausgang verlassen hatte; zweifellos, um die Kutsche aus der Remise zu holen und zu seiner Verabredung zu fahren.</p><p>Wir hatten ihn erwartet, als er das Grundst�ck verlie�. Rowlfs Rechnung war aufgegangen - Howard hatte der Kutsche, die ein paar Dutzend Schritte n�rdlich des Hauses am Stra�enrand stand, keinerlei Beachtung geschenkt, sondern war schnurstracks in entgegengesetzter Richtung losgefahren.</p><p>Von da ab waren wir ihm gefolgt; Rowlf, der sich in Rons Kutschermantel und -zylinder pr�chtig auf dem Bock des Wagens ausmachte, ich hinter den zugezogenen Gardinen des Zweisp�nners. Howard hatte ein scharfes Tempo eingeschlagen, und eine kurze Weile hatte ich beinahe bef�rchtet, da� er uns bemerkt h�tte, denn er fuhr, immer schneller und schneller werdend, kreuz und quer durch die Stadt, scheinbar ohne Ziel oder Plan.</p><p>Dann hatte ich begriffen, da� er <emphasis>suchte. </emphasis>Er wu�te selbst nicht genau, wo dieser Mann war, der ihm am vergangenen Abend seine furchtbare Botschaft hatte zukommen lassen.</p><p>Immer wieder hatte er angehalten, einmal sogar gewendet, um ein St�ck des Weges zur�ckzufahren, dann jedoch wieder die urspr�ngliche Richtung eingeschlagen und war weitergefahren, bis er schlie�lich das Gebiet der Stadtmitte verlie� und sich mehr und mehr nach Norden wandte.</p><p>Kurz vor Sonnenaufgang schlie�lich hatte er seinen Wagen in dieses verfallene, scheinbar menschenleere Viertel am n�rdlichen Rande der Stadt gelenkt. Rowlf hatte unseren Wagen weiter zur�ckfallen lassen, denn den Verkehr, den es trotz der fr�hen Stunde weiter stadteinw�rts bereits gegeben hatte und der uns Schutz gew�hrte, gab es hier nicht mehr, und schlie�lich hatten wir uns nur noch an den Echos der Pferdehufe orientieren k�nnen.</p><p>Dann hatte er angehalten. Rowlf und ich hatten unseren Wagen in sicherer Entfernung zur�ckgelassen, waren zu Fu� weiter herangekommen, und hatten uns schlie�lich auf diesem Ruinengrundst�ck auf die Lauer gelegt.</p><p>Seither warteten wir.</p><p>Ich wu�te nicht, wie lange ich schon frierend hinter dem halbmeterhohen Mauerrest lag und zu der Kutsche hin�berstarrte.</p><p>Meine Finger waren taub und gef�hllos geworden, und die geprellten Rippen schmerzten beinahe unertr�glich. Das Warten wurde zu einer Qual, aber wir konnten nichts anderes tun, als dazuliegen und zu beobachten. Howard w�rde sofort die Flucht ergreifen, wenn er auch nur argw�hnte, da� wir ihm gefolgt sein k�nnten.</p><p>Unsere Situation kam mir mit jedem Moment absurder vor. W�hrend der Nacht, als Rowlf mit mir geredet hatte, hatte alles so klar und logisch ausgesehen; aber jetzt ...</p><p>Allein die Vorstellung, Howard - ausgerechnet Howard, diesen eiskalten Logiker - mit irgendeinem obskuren Geheimbund in Verbindung zu bringen, erschien mir aberwitzig.</p><p>Howard und Mitglied einer Loge? Howard als J�nger irgendeiner Bruderschaft, die bei Mitternacht in albernen Kost�men herumh�pfte und den Mond oder den heiligen St. Einseifer anbetete?</p><p>L�cherlich!</p><p>Irgend etwas traf die Mauer dicht vor meinem Gesicht. Ich schrak zusammen, sah auf und zog instinktiv den Kopf zwischen die Schultern, als Rowlf einen zweiten Kiesel in meine Richtung warf, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Seine Linke deutete heftig gestikulierend nach oben. Ich rutschte hinter meiner Deckung auf den Knien herum und blickte in die Richtung in die seine Hand wies.</p><p>Im ersten Moment erkannte ich nicht einmal, was er meinte. Der Himmel hatte sich weiter aufgehellt, und der flimmernde rosarote Streifen �ber der Stadt war breiter geworden. Es wurde hell. Trotzdem hing �ber unseren K�pfen noch eine dr�uende Decke aus grauer D�mmerung und bauchigen schweren Wolken.</p><p>Und dann sah ich, da� sich ein Teil dieser Wolken bewegte ...</p><p>Es war wie ein lautloses Flie�en und Gleiten. Die Wolke bewegte sich unstet hierhin und dorthin, zog sich zusammen, dehnte sich wieder aus, sank wie im Spiel ein St�ck herab und gewann dann mit einem fast hektischen H�pfer wieder an H�he, w�hrend sie langsam n�herkam.</p><p>Es waren Motten.</p><p>Milliarden von Motten.</p><p>Rowlf begann verzweifelt Grimassen zu schneiden und zu gestikulieren, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Hastig legte er den Zeigefinger �ber den Mund; als ich zu ihm hin�bersah, wedelte er mit der Hand und deutete auf die Kutsche.</p><p>Die stra�enw�rts gewandte T�r des Wagens hatte sich ge�ffnet, und Howard war ins Freie getreten. Er mu�te wie wir die Ann�herung des Mottenschwarmes bemerkt haben, denn er legte den Kopf in den Nacken, blinzelte einen Moment zu der lebenden Wolke empor und wandte sich dann langsam um. Das Ger�usch seiner Schritte ging in einem seidigen, allm�hlich an Lautst�rke gewinnenden Schleifen und Sirren unter, das aus den Wolken zu uns herabdrang.</p><p>Dann waren sie heran. Die Wolke senkte sich in einer nur scheinbar schwerf�lligen Bewegung auf die Stra�e herab, ber�hrte die D�cher der H�user rechts und links von uns und barst wie in einer lautlosen Explosion auseinander. Millionen und Abermillionen pennygro�er grauer Punkte erf�llten die Stra�enschlucht wie wirbelnder, schmutziger Schnee, und die Luft war pl�tzlich von einem scharfen, auf schwer zu bestimmende Weise <emphasis>drohend </emphasis>wirkenden Summen und Wispern erf�llt.</p><p>Ich warf mich instinktiv nach vorne und verbarg das Gesicht zwischen den H�nden, als die Killer-Insekten zu Tausenden �ber Rowlf und mich hereinbrachen ...</p><empty-line/><p>Unendlich zarte, federleichte Finger schienen meinen Nacken und meine blo�en Handgelenke zu ber�hren, �berall war raschelnde, huschende, flatternde Bewegung, grauer Staub, der von den kleinen Schwingen emporstieg und die Luft mit einem scharfen Geruch durchsetzte.</p><p>Aber der t�dliche Schmerz, auf den ich instinktiv wartete, blieb aus. Die Motten ber�hrten mich zu Hunderten, bedeckten meine Kleider wie ein lebender grauer Teppich - aber es geschah nichts.</p><p>Vorsichtig richtete ich mich auf, hob die H�nde vor die Augen und starrte mit einer Mischung aus Schrecken und ungl�ubiger, noch vorsichtiger Erleichterung auf das Schwirren und Flattern auf meinen H�nden herab. Die Tiere flogen davon, als sie die Bewegung sp�rten, aber sofort schwebten andere herbei und lie�en sich auf den freigewordenen Pl�tzen nieder. Es schien, als h�tten sie ihre furchtbare F�higkeit, die Zeit tausendmal schneller ablaufen zu lassen, verloren.</p><p>�Robert!�</p><p>Rowlfs hastig gefl�sterter Ruf ri� mich in die Wirklichkeit zur�ck. Ich wedelte mit den H�nden, um die Motten davonzuscheuchen, stemmte mich auf die Knie hoch und sah zu ihm hin�ber.</p><p>Seine Gestalt war kaum zu erkennen, so sehr war die Luft vom Wirbeln und Tanzen der Insekten erf�llt. Aber ich sah, wie er aufsprang und nach vorne deutete, in die Richtung, in die Howard verschwunden war.</p><p>Am Ende der Stra�e, ein wenig abgesetzt von den anderen Geb�uden, erhob sich ein zweist�ckiges, halb verfallenes Haus. Sein Dachstuhl war eingesunken, und das Grundst�ck davor war mit Tr�mmern und zerborstenen Balken �bers�t. Unkraut und verkr�ppelte kleine B�ume hatten Halt in den Tr�mmern gefunden, und die schier unendliche Zahl der Insekten, die es wie ein lebender Schneesturm umtosten, verwischten seine Konturen zus�tzlich und verst�rkten den unheimlichen, geisterhaften Eindruck, den dieser Haus-Leichnam schon am Tage hervorrufen mu�te.</p><p>�Schnell jetzt!� keuchte Rowlf. �Ehe er verschwindet!� Er sprang hoch, raffte den Rucksack auf, den er neben sich abgelegt hatte, und setzte mit einem Sprung �ber den Mauerrest.</p><p>Wir liefen los, ohne noch darauf zu achten, in Deckung zu bleiben. Selbst wenn sich Howard umgedreht h�tte, h�tte er uns hinter den kochenden grauen Schleiern, die in der Stra�e wirbelten, kaum gesehen.</p><p>Aber er drehte sich nicht um, sondern ging zielstrebig auf das Haus zu und verschwand geb�ckt in seinem halb eingebrochenen Eingang. Ich war mir nicht sicher - aber ich hatte den Eindruck, da� das Toben der Insekten zunahm, als Howard das Haus betrat. Das Sirren und Schleifen ihrer Fl�gel wurde immer lauter, und die Luft war pl�tzlich so voll von ihrem grauen, wirbelnden Staub, da� ich kaum noch atmen konnte.</p><p>Rowlf erreichte die T�r wenige Schritte vor mir und lie� sich keuchend gegen den zerborstenen Rahmen sinken.</p><p>�Er ist ... die Treppe hinauf!� keuchte er. �Schnell. Ich ... fange hier unten an.�</p><p>Ich wollte widersprechen, aber Rowlf zerrte mich kurzerhand am Arm zu sich heran und gab mir einen Sto�, der mich haltlos ins Haus hinein und auf die bauf�llige Treppe zutaumeln lie�, die vor mir in die H�he f�hrte.</p><p>�F�nf Minuten!� rief er. �Keine Sekunde l�nger! Denk daran!�</p><p>Instinktiv sah ich noch einmal zum Himmel empor. Der Streifen rotgl�henden Tageslichtes war breiter geworden. F�nf Minuten waren beinahe zu lang. Aber dieses Risiko mu�ten wir eingehen, wenn Howard eine Chance haben sollte.</p><p>W�hrend Rowlf hinter mir den mitgebrachten Rucksack aufri� und hektisch in seinem Inneren zu w�hlen begann, lief ich die Treppe hinauf; zuerst schnell, immer zwei, drei Stufen auf einmal nehmend, dann, als ich das erste Stockwerk erreicht hatte, langsamer und beinahe mit angehaltenem Atem.</p><p>Howards Schritte waren dicht �ber mir. Ich glaubte seine Stimme zu h�ren, war mir aber nicht sicher, denn selbst hier drinnen war das Sirren und Schleifen der Insektenfl�gel mittlerweile deutlich zu h�ren, dann fiel eine T�r ins Schlo�, und kurz darauf war ein polternder Laut zu vernehmen, als schl�ge ein schwerer K�rper auf den Boden.</p><p>Vorsichtig ging ich weiter. Meine Hand tastete nach dem Griff des sechssch�ssigen Revolvers, den ich unter dem Mantel trug, Rowlfs Worte hatten mich dazu bewegen, au�er meinem Stockdegen auch noch den Revolver mitzunehmen, obwohl ich Schu�waffen normalerweise verabscheue. Aber das Gef�hl der Sicherheit, das einem das Gewicht einer Waffe �blicherweise vermittelt, blieb damals aus. Meine Handfl�chen waren feucht vor Schwei�.</p><p>Die Treppe begann wie ein lebendes Wesen unter meinem Gesicht zu �chzen und zu beben, als ich weiter in die H�he stieg. Dunkelheit umgab mich, nur hier und da durchbrochen von einem bleichen Streifen fahlgrauer flimmernder D�mmerung, die durch die Ritzen und L�cher des bauf�lligen Gem�uers hereinfiel. Wieder h�rte ich Stimmen, und diesmal war ich sicher, sie mir nicht einzubilden.</p><p>Schlie�lich erreichte ich einen kurzen, an der einen Seite schr�gen Korridor, der nach wenigen Schritten vor einer verfaulten Holzt�r endete. Die Stimmen kamen von jenseits der T�r. Eine davon geh�rte einem Fremden, die andere war die Howards. Sie klang sehr erregt. Ich blieb stehen, zwang mich, m�glichst flach zu atmen, und schob mich lautlos weiter, bis mein Ohr am rissigen Holz der T�r lag.</p><p>�... nicht selbst gekommen?� verstand ich Howards Stimme. Sie klang erregt, aber eher zornig als voller Angst. �Ich habe verstanden, was er mir sagen wollte. Ich bin hier. Was zum Teufel wollt ihr noch von mir?�</p><p>�Sprich diesen Namen nicht aus, Bruder Howard�, sagte die andere, fremde Stimme. �Vers�ndige dich nicht in deinen letzten Minuten.�</p><p>Howard lachte hart. �H�r mit dem Geschwafel auf, <emphasis>Bruder�, </emphasis>sagte er betont. In seiner Stimme war ein fremder, b�ser Klang, den ich noch nie zuvor darin bemerkt hatte. �Du wei�t so gut wie ich, warum ich hier bin. Ihr wolltet mich haben - also bitte! Aber ruft diese Ungeheuer zur�ck, die ihr erschaffen habt. Sie haben genug Unschuldige get�tet.�</p><p>�Du hast dich nicht ver�ndert, Bruder Howard�, sagte die andere Stimme vorwurfsvoll. �Wann wirst du einsehen, da� die Wege des Schicksals vorgezeichnet sind? Nicht, was wir Menschen tun oder unterlassen, vermag den Willen des Herrn zu beeinflussen.�</p><p>�Dann war es vielleicht auch der Wille des Herrn, da� zwei unschuldige Menschen sterben mu�ten, durch eure ... eure Bestien?� schnappte Howard zornig.</p><p>�H�te deine Zunge, Bruder Howard! Nicht mehr lange, und du wirst dem gegen�berstehen, den du jetzt noch l�sterst. Und deine Vorw�rfe sind unberechtigt. Es ... mag sein, da� ein scheinbar Unschuldiger sterben mu�te, doch wenn, so trifft allein dich die Schuld daran. H�ttest du dein Schicksal angenommen, statt vor ihm zu fliehen, w�re all dies nicht geschehen.�</p><p>�Ruf sie zur�ck!� verlangte Howard, als h�tte er die Worte des anderen gar nicht geh�rt. �Du wei�t nicht, was du tust! In dieser Stadt leben sechs Millionen Menschen! Sind sie vielleicht auch nur <emphasis>scheinbar </emphasis>unschuldig, du ... du verdammte Bestie!� Howards Stimme bebte. Ich hatte ihn niemals so erregt erlebt.</p><p>Aber seltsamerweise blieb die Stimme des anderen ruhig, ja, sie klang beinahe erheitert, als er antwortete.</p><p>�Du hast nichts zu verlangen, Bruder Howard�, sagte er.</p><p>�Und selbst wenn, so st�nde es nicht in meiner Macht, deiner Forderung nachzukommen. Nur der, der sie erschaffen hat, kann sie auch wieder zu dem machen, was sie waren.� Er lachte ganz leise und sehr, sehr b�se. �Du h�ttest nicht sp�ter kommen d�rfen, Bruder Howard. Die Geduld des Meisters hat Grenzen, wie du wei�t. Noch sind alle diese Tiere dort drau�en nichts als harmlose kleine Insekten. Doch wenn die Sonne das n�chste Mal sinkt, schw�rmen sie aus.�</p><p>�Ihr ... ihr w�rdet das tun?� keuchte Howard. �Ihr w�rdet diese Bestien auf eine Stadt mit sechs Millionen Menschen loslassen, um <emphasis>einen einzigen Mann umzubringen?�</emphasis></p><p>�Hinzurichten, Bruder Howard. Das Urteil �ber dich ist schon lange gesprochen. Niemand entgeht seiner gerechten Strafe. So, wie der Verr�ter van der Groot bestraft wurde, wirst auch du den Preis f�r den Frevel zahlen, den du begangen hast.�</p><p>�Van der Groot? Was ist mit ihm?�</p><p>�Ich habe ihn liquidiert. Es war recht einfach, in das Gef�ngnis einzudringen. Er hat unsere Sache verraten, wie du. Verr�ter leben nicht lange. Was jetzt geschieht, ist alles deine Schuld, Bruder Howard.�</p><p>�Das ... das ist teuflisch!� keuchte Howard. �Ihr ma�t euch an, im Namen des Herrn zu sprechen, und im gleichen Atemzug verurteilst du Millionen Unschuldiger zum Tode.�</p><p>�Es steht mir nicht zu, �ber die Ratschl�sse des Meisters zu urteilen�, antwortete der andere lakonisch. �Du kannst selbst mit ihm diskutieren, Bruder Howard. Wenn er dich anh�rt, hei�t das.�</p><p>�Selbst?� wiederholte Howard verwirrt. �Was ... was hei�t das?�</p><p>�Er erwartet dich�, antwortete der andere. �Nicht sehr weit von hier. Und wir sollten gehen, ehe seine Geduld vollends ersch�pft ist. Du wei�t, wie wenig langm�tig er sein kann.�</p><p>�Er ist <emphasis>hier?� </emphasis>keuchte Howard. �In <emphasis>London? </emphasis>DeVries selbst ist hier in der Stadt? Der <emphasis>Animal-Master </emphasis>des Ordens ist <emphasis>selbst </emphasis>gekommen?�</p><p>Der andere lachte leise. �Ja. Du siehst, es geht hier nicht nur um <emphasis>einen einzelnen Mann, </emphasis>Bruder Howard. Es geht um dich. Und du bist etwas Besonderes.�</p><p>Irgendwo tief unter mir klirrte etwas. Glas zerbrach, und dann glaubte ich ein leises Prasseln und Knistern zu h�ren. <emphasis>F�nf Minuten! </emphasis>hatte Rowlf gesagt. <emphasis>Keine Sekunde l�nger!</emphasis></p><p>Ich versuchte erst gar nicht, auf die Uhr zu sehen - die f�nf Minuten mu�ten l�ngst um sein, und drau�en wurde es hell -, sondern wich einen Schritt zur�ck, holte Schwung und warf mich mit aller Gewalt gegen die T�r.</p><p>Das morsche Holz zersplitterte unter meinem Anprall. Ich taumelte durch die T�r, fiel auf ein Knie und sprang sofort wieder auf. Die Pistole sprang wie von selbst in meine Hand.</p><p>Ein Schatten flog auf mich zu. Ich wirbelte herum, ri� die Waffe in die H�he und kr�mmte den Finger um den Abzug. Aber ich dr�ckte nicht ab. Denn der Mann, der auf mich zusprang, war Howard!</p><p>Howards Gesicht war zu einer Grimasse des Entsetzens verzerrt. Er schrie wie in Todesangst, warf sich auf mich und entrang mir mit einer einzigen, zornigen Bewegung die Waffe.</p><p>Seine Hand tastete nach meinem Arm, packte ihn und drehte ihn mit grausamer Wucht herum. Ich schrie auf, fiel nach vorn und begann hilflos mit den Beinen zu strampeln, als sich Howard auf meinen R�cken schwang und mich mit den Knien am Boden festnagelte.</p><p>�Es war nicht meine Schuld!� br�llte er. �Ich wu�te nicht, da� er mir folgt! Du mu�t mir glauben!�</p><p>Immer und immer wieder br�llte er diese Worte, und in seiner Stimme schwang dabei ein Entsetzen, das mich schaudern lie�.</p><p>�Ich wu�te es nicht!� schrie er. �Sag DeVries, da� ich es nicht wu�te! Er kann mich haben! <emphasis>Er kann mich haben!�</emphasis></p><p>Aber es war niemand mehr da, der auf seine Worte antworten konnte.</p><p>Nach einer Weile lie� er meine Hand los, stand auf und lie� sich mit einem unterdr�ckten Schluchzen gegen die morsche Bretterwand in seinem R�cken sinken, und auch ich drehte mich herum, pre�te den schmerzenden Arm an mich und versuchte, auf die F��e zu kommen. Mein Kopf dr�hnte. F�r einen Moment begann sich der zerfallene Dachboden vor meinen Augen zu drehen, als ich aufstand. Howard hatte wie ein Irrsinniger zugeschlagen.</p><p>Aber er machte keine Anstalten, mir auf die Beine zu helfen, sondern blickte mich nur aus starren Augen an.</p><p>�Du ... Narr�, fl�sterte er. �Du verdammter, elender Narr. Wei�t du �berhaupt, was du getan hast?� Seine Stimme war ganz ruhig. Es war kein Vorwurf mehr darin, nicht einmal Zorn. Nur eine K�lte, die mich schaudern lie�.</p><p>�Er ist fort�, murmelte er.</p><p>�Ich wei߫, pre�te ich zwischen zusammengebissenen Z�hnen hervor. Irgendwo tief unter uns klirrte wieder Glas. Durch die nackten Dachsparren �ber unseren K�pfen sickerten die ersten Sonnenstrahlen herein.</p><p>�Er ist fort�, wiederholte Howard tonlos. �Er ist fort, Robert.�</p><p>�Verdammt, das war der Sinn der Aktion!� br�llte ich. �Wenn du dich nicht wie ein Rasender auf mich geworfen h�ttest, dann h�tte ich den Kerl �ber den Haufen geschossen!�</p><p>Howard gab einen sonderbaren, beinahe schluchzenden Laut von sich. �Du wei�t ja nicht, was du getan hast�, sagte er noch einmal.</p><p>�Doch�, antwortete ich. Allm�hlich begann ich in Rage zu geraten. �ber unseren K�pfen ging die Sonne auf. Rowlf <emphasis>konnte gar </emphasis>nicht mehr l�nger warten! �Ich habe dir das Leben gerettet, du starrk�pfiger, alter Narr! Glaubst du, ich sehe zu, wie du Selbstmord begehst?�</p><p>�Selbstmord?� Howard lachte schrill. �Es war die einzige M�glichkeit, diese Ungeheuer zur�ckzurufen! Begreifst du denn nicht? Wenn die Sonne das n�chste Mal untergeht, werden sie zu Millionen �ber die Stadt herfallen!�</p><p>�Wenn die Sonne das n�chste Mal untergeht, wird es sie nicht mehr geben�, antwortete ich gehetzt. �Und uns auch nicht, wenn wir nicht machen, da� wir hier heraus kommen.�</p><p>Howard starrte mich verst�ndlich an. �Was -�</p><p>Ich unterbrach ihn, indem ich ihn an der Schulter packte und mit einem unsanften Sto� auf den Gang hinausbugsierte. Graue Schatten tanzten vor uns in der Luft. Motten, die von ihrem n�chtlichen Schw�rmen heimkehrten, um bis zum n�chsten Sonnenuntergang zu ruhen.</p><p>Howard wehrte sich nicht mehr, aber er machte auch keine Anstalten, aus eigenem Antrieb weiterzugehen, sondern lie� sich wie ein willenloses Kind von mir an der Hand mitschleifen.</p><p>Noch einmal glaubte ich das helle Klirren von Glas zu h�ren, und das Ger�usch spornte mich noch einmal zu gr��erer Schnelligkeit an. Wie von Furien gehetzt, jagte ich die Treppe hinab und zerrte Howard erbarmungslos mit mir. Wir fielen, polterten aneinandergeklemmt die letzten zehn, f�nfzehn Stufen hinab und blieben einen Moment benommen liegen.</p><p>Als ich die Augen �ffnete, sah ich einen winzigen, orangeroten Funken vor mir aufgl�hen ...</p><p>Ich sprang hoch, zerrte Howard mit einem Ruck mit mir - und setzte im letzten Moment �ber den halbmeterbreiten Kreis aus Petroleum hinweg, den Rowlf um das Haus gelegt hatte.</p><p>Eine wei�gl�hende Faust traf meinen R�cken. Ich schrie, aber der Laut ging im Br�llen der tobenden Feuers�ule unter, die das Haus hinter Howard und mir verschlang.</p><p>Eine ungeheure Hitzewelle fauchte �ber uns hinweg. Verzweifelt stemmte ich mich auf H�nde und Knie hoch, zog den Kopf zwischen die Schultern und kroch von den Flammen fort.</p><p>Erst, als ich mehr als zehn Yard von der Ruine entfernt war, wagte ich es, mich herumzudrehen und zur�ckzublicken.</p><p>Rowlf und Howard knieten ein St�ck neben mir, Howard noch immer starr, wie gel�hmt und mit stierem, abwesendem Blick, aber unverletzt. Wahrscheinlich hatte er noch gar nicht begriffen, was geschehen war.</p><p>Eine dumpfe Explosion wehte aus dem Prasseln der Flammen zu uns her�ber, als eine der Petroleumflaschen, die Rowlf im Keller und Erdgescho� des Hauses verteilt hatte, detonierte, dann eine zweite, dritte, vierte ...</p><p>Das Haus verwandelte sich in wenigen Augenblicken in einen gigantischen Scheiterhaufen. Der Flammenschein wurde gelb, dann ann�hernd wei�, bis er mir die Tr�nen in die Augen trieb und wie eine zweite k�nstliche Sonne im verblassenden Grau der D�mmerung loderte.</p><p>Aber trotz der Tr�nen, die meinen Blick verschleierten, sah ich die grauen Schwaden, die wie feink�rniger Staub aus allen Richtungen herbeist�rzten, der t�dlichen, unwiderstehlichen Helligkeit entgegen. Zu Tausenden und Abertausenden st�rzten sie aus dem Himmel herab, st�rzten sich in die Flammen und vergl�hten.</p><p>Aber so viele es auch waren - ihre Zahl schien kein Ende zu nehmen. Die brodelnde graue Wolke �ber unseren K�pfen wurde nicht kleiner, sondern schien sich im Gegenteil noch zu verdichten, dunkler und schwerer zu werden.</p><p>Und dann h�rte ich das Ger�usch. Es war nicht das Summen und Schleifen der Motten, sondern ein tiefes, gequ�ltes Keuchen und �chzen, ein steinerner Laut, als schrien die H�user entlang der Stra�e vor Entsetzen auf. Pl�tzlich ert�nte ein schmetternder, ungeheuerlicher Schlag, und durch das Wirbeln und Wabern der Mottenschw�rme sah ich, wie der Dachstuhl eines der benachbarten Geb�ude wie in einer grotesk verlangsamten Bewegung in sich zusammensank, wie Risse, schwarzen Spinnenfingern gleich, die W�nde des Hauses spalteten, Fenster und T�ren zu grauem Staub zerfielen ...</p><p>Das Haus <emphasis>alterte ...</emphasis></p><p>Und der Proze� beschr�nkte sich nicht nur auf dieses eine Geb�ude. Wie die Zeichen einer ansteckenden, mit unglaublicher Geschwindigkeit um sich greifenden Krankheit breitete sich der Verfall aus, griff auf andere Geb�ude �ber, lie� den Stra�enbelag stumpf und rissig werden. �berall, wo die Motten Stein oder Holz ber�hrten, zerfiel dies in grotesker Schnelligkeit, spulten sich Jahre in Sekunden, Jahrzehnte in Minuten ab. Und der Proze� wurde schneller!</p><p>�Robert!� br�llte Howard. Seine Stimme �berschlug sich fast. Ich hatte niemals einen Ausdruck solch �berw�ltigender Panik in der Stimme eines Menschen geh�rt. �Er lebt! Er lebt noch!�</p><p>Aus dem brennenden Haus hinter uns ert�nte ein gellender Schrei, und als ich herumfuhr, bot sich mir ein furchtbarer Anblick.</p><p>Die Flammenwand, die das Haus verschluckt hatte, hatte sich geteilt. Unter der rauchgeschw�rzten T�r war eine Gestalt erschienen, die Gestalt eines Mannes - jedenfalls nahm ich an, da� es ein Mann war.</p><p>Sein Gesicht war nicht mehr zu erkennen.</p><p>Er schrie, torkelte auf uns zu, in eine Feuers�ule geh�llt.</p><p>Ich hatte den Mann noch nie zuvor in meinem Leben gesehen, und trotzdem wu�te ich sofort, wen ich vor mir hatte. Dieser Mann war DeVries, der geheimnisvolle <emphasis>Animal-Master, </emphasis>den Howard bei seinem Gespr�ch mit dem Fremden erw�hnt hatte! Er mu�te sich irgendwo im Haus verborgen gehalten haben, um Howard zu erwarten.</p><p>Als Rowlf den Brand gelegt hatte, war es zu sp�t f�r ihn gewesen, zu fliehen. Vielleicht hatte er auch versucht, sich mit seiner unheimlichen magischen Macht zu sch�tzen, aber wenn, dann hatte sie versagt.</p><p>Schreiend taumelte er durch die wabernde Flammenwand, fiel auf die Knie, schleppte sich weiter auf uns zu.</p><p>Nicht ein Quadratzentimeter seiner Haut war von den Flammen nicht gezeichnet.</p><p>Und trotzdem lebte er.</p><p>Der furchtbare Anblick schlug mich so in seinen Bann, da� ich fast zu sp�t reagierte. Der Mann kroch auf mich zu, hob die H�nde in einer beschw�rend wirkenden Geste und schrie ein einzelnes, unglaublich <emphasis>lautes </emphasis>Wort.</p><p>Eine schwerf�llige Bewegung ging durch die Masse der M�rdermotten. Wie ein einziges, gigantisches Wesen zuckte die Wolke, formierte sich neu und st�rzte sich auf mich.</p><p>Ein unh�rbares Knistern ging durch die Luft. Ich sp�rte, wie sich die Zeit um mich herum zu biegen und zu winden begann, wie Jahrhunderte zu Sekunden zusammenschrumpften, wie mein Leben komprimiert wurde.</p><p>Meine Hand zuckte in einer Bewegung, die nicht <emphasis>meinem </emphasis>Willen entsprang, unter meinen Mantel, schmiegte sich um den Griff des Stockdegens und ri� ihn aus seiner Umh�llung. Die Motten kamen n�her. Ich f�hlte, wie mein Leben zu zerbrechen begann, aufgesogen von Millionen der winzigen Tiere, die mir meine Zeit stahlen.</p><p>Der Degen zuckte nach vorne, schnitt mit einem rei�enden Ger�usch durch den Stoff meines Mantels und zielte wie ein st�hlerner Blitz auf DeVries� Herz. Eine sanfte unendlich leichte Hand schien mich im Nacken zu ber�hren, dann im Gesicht, auf den H�nden, den Schultern. Die Welt um mich herum wurde grau, versank in einem Strudel grauer, flatternder, schlagender Fl�gel und rasend schnell verstreichender Zeit.</p><p>Die Klinge des Stockdegens bohrte sich in DeVries� Brust.</p><p>Der Magier erstarrte. Seine vom Feuer getr�bten Augen weiteten sich. Er brach vollends zusammen, stemmte sich noch einmal auf die H�nde und tastete mit einer fast erstaunt wirkenden Bewegung nach der t�uschend kleinen Wunde �ber seinem Herzen.</p><p>Und im gleichen Moment verschwanden die Motten.</p><p>Wie ein Spuk hoben sich die winzigen Tierchen wieder in die Luft, das sanfte Streicheln ihrer Schwingen und F�hler verschwand, und wieder h�rte ich dieses m�chtige, seidige Rauschen und Wispern, als sie sich erneut zu einem gewaltigen Schwarm formierten.</p><p>Aber es war nichts T�dliches, nichts �bernat�rliches mehr in ihrem Tanzen und Flattern. Ihr Fluch war erloschen, das sp�rte ich mit absoluter Sicherheit. Pl�tzlich, von einer Sekunde auf die andere, waren sie wieder das, was sie immer gewesen waren. Nichts als kleine, h��liche Tiere.</p><empty-line/><p>DeVries starb kaum eine Minute sp�ter, aber es war nicht meine Macht gewesen, die ihn vernichtet hatte, so wenig, wie die Bewegung des Degens in Wahrheit meinem Willen entsprungen war.</p><p>Weder Howard noch Rowlf hatten es gesehen, und ich w�rde mich h�ten, ihnen jetzt oder zu irgendeinem anderen Zeitpunkt etwas davon zu berichten - aber ich hatte den kleinen f�nfzackigen Stern aus grauem Stein gesehen, der in seinen kristallenen Knauf eingelassen war, den <emphasis>Shoggotenstern, </emphasis>dieses uralte, magische Ding, das f�r einen Moment die Kontrolle �ber mein Handeln �bernommen und letztlich auch DeVries vernichtet hatte. All seine furchtbare magische Macht vermochte ihn nicht mehr zu retten, nachdem ihn die Klinge des Degens getroffen hatte.</p><p>Er starb in meinen Armen, aber w�hrend seiner letzten Sekunde ging eine Ver�nderung mit ihm vor, etwas, das nicht mit Worten zu beschreiben, wohl aber zu sp�ren war.</p><p>Es war, als fiele die dunkle, d�monische Aura, die ihn umgeben hatte, wie ein getragenes Kleidungsst�ck von ihm ab. Im gleichen Ma�e, in dem das Leben aus seinem K�rper wich, wurde er wieder zum Menschen.</p><p>Seine Augen waren klar, als ich mich �ber ihn beugte.</p><p>Und dann formte sein zerst�rter Mund Worte ...</p><p>Seine Stimme klang schrecklich, verzerrt und schrill und von einem rasselnden, gr��lich <emphasis>feuchten </emphasis>Ger�usch begleitet, aber er sprach, und so sehr ich mich dagegen zu wehren versuchte, ich <emphasis>verstand </emphasis>die Worte, die er fl�sterte.</p><p>�Necro ... nomicon�, fl�sterte er. �Die ALTEN. Amster ... dam ... Geht nach ... Amsterdam ... Keine Zeit zu ... verlieren. Es ... kommt n�her und ...�Er b�umte sich auf, kr�mmte sich.</p><p>�Es ... st�rker�, keuchte er. �Immer ... st�rker ... das Buch ... m��t Amsterdam ... Van Dengsterstraat ... Geht zur ... Van Dengsterstraat.�</p><p>Dann starb er.</p><p>Lange, endlos lange blieb ich reglos sitzen und hielt seinen erschlafften K�rper in den H�nden, bis mich Rowlf schlie�lich an der Schulter ber�hrte und mir mit Zeichen zu verstehen gab, da� wir gehen mu�ten.</p><p>Ich nickte, stand m�hsam auf und ging zu Howard hin�ber, der noch immer in unver�nderter Haltung auf den Knien hockte und aus ungl�ubig aufgerissenen Augen auf den toten Magier starrte.</p><p>�Wir m�ssen gehen, Howard�, sagte ich. Er reagierte nicht, und so f�gte ich hinzu: �Es ist vorbei, Howard.�</p><p>Er sah auf. Sein Gesicht wirkte wie eine Maske; starr und bla�. �Vorbei?� murmelte er. �O nein, Robert, es ist nicht vorbei.�</p><p>�DeVries ist tot.�</p><p>Er schluckte, sch�ttelte pl�tzlich den Kopf und schlug meine Hand zur Seite. �Es ist nicht vorbei, Robert�, wiederholte er. �Sie ... werden einen anderen DeVries schicken.�</p><p>Ich widersprach nicht, sondern zwang ihn mit sanfter Gewalt, sich zu erheben und zwischen mir und Rowlf zum Wagen zur�ckzugehen. Aber kurz bevor wir einstiegen, blieb er noch einmal stehen und blickte zu dem brennenden Haus zur�ck.</p><p>�Wir m�ssen fort�, murmelte er. �Du hast ... geh�rt, was er gesagt hat.�</p><p>Ich nickte. �Amsterdam. Was ist dort?�</p><p>Howard schien meine Frage gar nicht zu h�ren, und so fuhr ich nach einer Weile fort: �Du willst noch immer nach Paris?�</p><p>Howard nickte. �Ich mu�, Robert. Jetzt erst recht. Sie werden nicht aufgeben.�</p><p>Ich widersprach nicht. DeVries war tot. Aber wenn das, was Rowlf mir gesagt hatte, auch nur zur H�lfte wahr war, dann konnten sie hundert DeVries� schicken, um Howard zu vernichten. Nein - er mu�te nach Paris. Jetzt erst recht.</p><p>Aber ich w�rde ihn nicht begleiten. Vielleicht noch ein kurzes St�ck, vielleicht sogar noch auf dem Schiff, das uns zum Festland brachte, aber dann w�rden sich unsere Wege trennen.</p><p>Howard w�rde nach Paris gehen, um sich den M�nnern zu stellen, die ihm dieses Ungeheuer hinterhergeschickt hatten, und wenn es mir irgendwie m�glich war, w�rde ich ihm folgen und versuchen, ihm in diesem ungleichen Kampf beizustehen.</p><p>Aber vorher mu�te ich in eine andere Stadt. Zu einem Ort, von dem ich nicht wu�te, ob es ihn �berhaupt gab, und wenn, was mich dort erwarten mochte.</p><p>In eine ganz bestimmte Stra�e in Amsterdam ...</p><empty-line/><p>�Tut mir leid, Mijnheer - ich kann Ihnen nicht sagen, wo Sie die Van Dengsterstraat finden. Amsterdam ist gro�, wissen Sie?� Der Portier l�chelte Verzeihung heischend, reichte mir den Zettel, auf den ich die Adresse geschrieben hatte, �ber die Theke zur�ck und fuhr sich mit der Linken durch das schwarze, �lig gl�nzende Haar.</p><p>Entt�uscht faltete ich das Blatt wieder zusammen und wandte mich um; mit einer Mischung aus Resignation und langsam st�rker werdendem Zorn. Trotz der fr�hen Stunde herrschte in der hohen, verschwenderisch ausgestatteten Hotelhalle bereits ein unabl�ssiges Kommen und Gehen, und der Portier sprach bereits wieder mit einem der anderen G�ste; schnell und in unverst�ndlichem holl�ndischem oder belgischem Gebrabbel - f�r mich machte das keinen Unterschied; ich verstand beides nicht.</p><p>So wenig, wie ich diese Stadt verstand, genauer gesagt, die Leute, die sie bewohnten. Nach allem, was ich auf der �berfahrt und auch vorher schon �ber Amsterdam geh�rt hatte, hatte ich eine freundliche, vor Leben sprudelnde Stadt mit netten Menschen erwartet.</p><p>Nun - was die Stadt anging, waren meine Erwartungen fast �bertroffen worden; was die Menschen anging, nicht. Ich war seit drei Tagen in Amsterdam. Den ersten Tag hatte ich zusammen mit Howard damit verbracht, unser weiteres Vorgehen zu besprechen (und mich von ihm zu verabschieden, was den allergr��ten Teil der darauffolgenden Nacht und vier Flaschen Genever in Anspruch genommen hatte), die beiden anderen damit, die Van Dengsterstraat zu suchen.</p><p>Bisher allerdings vergeblich. Ich hatte am Hauptbahnhof einen Stadtplan erstanden, aber die Stra�e, die uns der sterbende Templer genannt hatte, war nicht darauf eingetragen - was kein Wunder war, denn Amsterdam wuchs in den letzten Jahren schneller, als die Kartenzeichner und Verlage mithalten konnten.</p><p>Danach hatte ich angefangen, auf andere Weise nach der Van Dengsterstraat zu suchen; zuerst auf dem �blichen Wege, in dem ich mich bei Droschkenfahrern und Kutschern erkundigte, sp�ter beim Hotelportier - nicht dem, der jetzt Dienst tat, sondern seinen Vorg�ngern - dann bei der Polizei, im Rathaus, schlie�lich sogar bei einer Spedition.</p><p>Und alles war vergeblich gewesen. Es war nicht so, da� es die Van Dengsterstraat nicht gab - auch diese M�glichkeit hatte ich nach meinen ersten entt�uschenden Erlebnissen in Betracht gezogen -, sondern vielmehr, da� man mir nicht sagen wollte, <emphasis>wo </emphasis>sie war. Ich sp�rte ganz deutlich, wie die M�nner und Frauen, die ich nach dem Weg fragte, innerlich zusammenfuhren, wenn sie den Namen auch nur h�rten. Und ich h�tte nicht unbedingt ein Magier sein m�ssen, um zu erkennen, da� ihr <emphasis>Kannitverstan </emphasis>oder <emphasis>Wei�-ich-Nicht </emphasis>gelogen war.</p><p>Und mir blieben noch genau zwei Tage, um die Van Dengsterstraat zu finden und herauszubekommen, wovor uns DeVries im Augenblick seines Todes hatte warnen wollen, wenn ich p�nktlich in Paris ankommen wollte, um mich mit Howard zu treffen.</p><p>Nein - ich hatte bisher bewu�t darauf verzichtet, eines meiner besonderen Talente in die Waagschale zu werfen; aber es sah ganz so aus, als bliebe mir jetzt keine andere Wahl mehr, wollte ich die Mauer des Schweigens, gegen die ich bisher angerannt war, brechen.</p><p>Pl�tzlich hatte ich es sehr eilig. Rasch durchquerte ich die Halle und verlie� das Hotel, ohne meine Zeit mit dem ausgiebigen holl�ndischen Fr�hst�ck zu vergeuden. Es war ohnehin erst neun Uhr vormittags. Zu so n�chtlicher Stunde h�tte ich sowieso nicht mehr als eine Tasse Kaffee und ein Marmeladebr�tchen vertragen.</p><p>Ich lief auf die Stra�e und winkte einen Kutscher herbei. Der Wagen hielt schwerf�llig, und der Mann auf dem Bock beugte sich herab. �Wohin kann ich Sie hinbringen, Mijnheer?� fragte er h�flich.</p><p>Ich z�gerte einen Moment, dann zauberte ich den unschuldigsten Ausdruck der Welt auf mein Gesicht, nannte ihm in perfekt geschauspielertem, geistesabwesendem Ton die Van Dengsterstraat und wollte einsteigen.</p><p>Aber ich wollte es nur.</p><p>Der Kutscher beugte sich mit einer blitzschnellen Bewegung vor, fauchte irgend etwas auf Holl�ndisch und stie� mir ziemlich grob den Peitschenstiel vor die Brust. Seine Wangenmuskeln zitterten so stark, da� er kaum sprechen konnte.</p><p>�Tut mir leid, Mijnheer�, sagte er. �Aber dort fahre ich Sie nicht hin!�</p><p>�Doch�, antwortete ich, so ruhig ich konnte. �Das werden Sie, mein Freund. Ich bin ganz sicher.�</p><p>Ich hatte ganz leise gesprochen, aber es waren auch nicht meine Worte, auf die es ankam. Im gleichen Moment, in dem mich der Kutscher ansah, bannte ich seinen Blick, brach seinen geistigen Widerstand und befahl ihm mit aller suggestiven Macht, meinen Befehlen zu gehorchen.</p><p>Der Droschkenlenker erstarrte mitten in der Bewegung. Sein Unterkiefer klappte herunter, und seine Gesichtsmuskeln erschlafften, als h�tte er pl�tzlich nicht mehr die Kraft, sie unter Kontrolle zu halten. Mit einem Male war sein Blick leer.</p><p>�Haben Sie mich verstanden?� fragte ich.</p><p>Er nickte, sehr langsam und so steif, als koste ihn selbst diese kleine Bewegung unendliche M�he.</p><p>�Sie werden mich in die Van Dengsterstraat fahren, nicht wahr?�</p><p>�Ich werde Sie in die ... Van Dengsterstraat fahren�, antwortete der Kutscher.</p><p>Und als ich in seine Augen sah, erblickte ich das Grauen. Es war eine Furcht, viel tiefer, als ich sie jemals bei einem Menschen gesehen hatte; ein Grauen, da� ihn selbst jetzt an den Rand des Zusammenbruchs trieb.</p><p>Es war nicht die Angst vor mir, wie ich im ersten Moment glaubte. Trotz des suggestiven Bannes, in dem ich sein Bewu�tsein hielt, l�ste allein die Erw�hnung der Van Dengsterstraat eine fast panische Angst in ihm aus.</p><p>Erschrocken l�ste ich meinen geistigen Griff, trat einen halben Schritt von der Kutsche zur�ck und sah den Mann mit einer Mischung aus Best�rzung und Unverst�ndnis an. Er machte mir nichts vor; das konnte er gar nicht. Nein - sein Schrecken war echt.</p><p>Der Kutscher blieb noch eine Sekunde lang wie gel�hmt und in sonderbar erstarrter Haltung auf seinem Bock hocken, dann stie� er einen keuchenden Schreckenslaut aus, schwang seine Peitsche und raste davon.</p><p>Verst�rt blickte ich der Kutsche nach. Es w�re mir ein Leichtes gewesen, den Mann zur�ckzurufen; selbst jetzt noch. Aber ich tat es nicht. Ich hatte nicht nur die Macht meines Vaters geerbt, sondern mit ihr auch Verantwortung. Es stand mir nicht zu, einem Menschen eine solche Qual zu bereiten, wie ich sie in seinen Augen gelesen hatte.</p><p>Aber warum? dachte ich verwirrt. Was war in dieser Van Dengsterstraat, da� der blo�e Gedanke daran einen Menschen halbwegs in den Wahnsinn trieb?</p><p>Erst nach einigen Augenblicken bemerkte ich den Passanten, der neben mir stehengeblieben war. Es handelte sich um einen kleinen, verhutzelten Mann, der einen schlecht sitzenden und selbst f�r Amsterdamer Verh�ltnisse mehr als altmodischen Anzug trug, und dessen spitzes Gesicht mich irgendwie an eine Ratte erinnerte. Seine Augen waren fast ohne Pupillen.</p><p>�Habe ich recht geh�rt, Mijnheer? Sie suchen die Van Dengsterstraat? Da kann ich Ihnen ganz sicher helfen�, sagte er und entbl��te seine gelben Z�hne zu einem widerlichen Grinsen. Die kleinen, rotger�nderten Augen starrten mich so lauernd an, als wolle er mein Innerstes nach au�en kehren, um zu untersuchen, wie er mich am besten �bers Ohr hauen konnte.</p><p>Der Kerl gefiel mir ebenso wenig wie ein Kilo Arsen zum Fr�hst�ck. Aber ich war viel zu verwirrt und bet�ubt von der extremen Reaktion des Kutschers, um den Gedanken zu Ende zu verfolgen. Und es war das erste Mal, da� ich jemanden traf, der wenigstens <emphasis>zugab, </emphasis>diese Stra�e zu kennen.</p><p>Der Fremde deutete mein Schweigen wohl als stumme Aufforderung, weiterzureden, und kam ihr nach. �Sie haben Ihre Suche an der falschen Stelle begonnen, Mijnheer. In diesem vornehmen Viertel werden Sie vergebens nach jemand suchen, der Sie zur Van Dengsterstraat f�hrt. Da m�ssen Sie schon in die N�he des Hafens gehen und sich von einem Kahnf�hrer hinbringen lassen.�</p><p>Er deutete eine Verbeugung an, die mir ziemlich grundlos erschien, und fuhr verschlagen fort: �Darf ich Ihnen den Schiffer Nies empfehlen? Sie finden ihn an der St.-Vincentius-Br�cke!�</p><p>Mit einem Kichern l�ftete der Mann seinen Hut und schlurfte die Stra�e hinab. Er lie� mich mit dem Gef�hl zur�ck, da� er mehr �ber diese geheimnisvolle Adresse wu�te, und so rief ich ihm nach.</p><p>�He! Sie da! Warten Sie! Ich habe noch eine Frage!�</p><p>Der Fremde ging unbeeindruckt weiter. Ich rief noch einmal nach ihm, aber mein geheimnisvoller Helfer schien ganz pl�tzlich mit Taubheit beschlagen zu sein.</p><p>Als ich hinter ihm herlief, begann auch er zu rennen. Er mu�te Augen im Hinterkopf haben, denn ganz gleich, wie schnell oder wie langsam ich mich bewegte, er pa�te sich immer meinem Schritt an, obwohl er sich kein einziges Mal nach mir umdrehte.</p><p>Zuerst rannte er immer geradeaus an der Gracht entlang, und ich dachte schon, er wolle schnurstracks zum Hafen laufen. Doch mit einem Mal bog er ohne jede Vorwarnung in eine schmale L�cke zwischen zwei H�usern ein.</p><p>Keine f�nf Sekunden sp�ter erreichte ich die Gasse ebenfalls und schaute hinein.</p><p>Sie war wie leergefegt. Von dem kleinen Mann mit dem Rattengesicht war keine Spur mehr zu sehen.</p><p>Meine Unachtsamkeit verw�nschend, ging ich zweimal zwischen den t�r- und fensterlosen Mauern auf und ab, ohne jedoch die geringste Spur von dem Mann zu finden. Schlie�lich gab ich die Suche auf und machte mich zur St.-Vincentius-Br�cke auf, im stillen auf eine neuerliche, endlose Odyssee durch diese Stadt gefa�t. Aber zu meiner gr��ten Verwunderung fand ich sie wenige Schritte hinter der Einm�ndung der Gasse, in der der rattengesichtige Mann verschwunden war. Und mit einem Mal war ich ganz sicher, da� er nicht zuf�llig in diese Richtung gelaufen war ...</p><p>Ein unbestimmbares Gef�hl hielt mich davon ab, sofort nach dem Schiffer Nies zu fragen. Ich stieg zu einem Steg hinab, an dem einige nicht besonders vertrauenerweckende Bootsleute herumlungerten, wartete, bis sie mit ihrer stummen Musterung fertig waren, und forderte dann einen von ihnen auf, mich zur Van Dengsterstraat zu bringen.</p><p>Er erbleichte, sah mich einen Herzschlag lang wie einen Verr�ckten an, spie wortlos seinen Priem ins Wasser der Gracht, sprang in seinen Kahn und ruderte wortlos davon.</p><p>Der n�chste Schiffer, den ich fragte, machte erschrocken das Kreuzzeichen.</p><p>Dem Dritten, der gerade anlegte, fielen vor Schreck die Riemen aus der Hand.</p><p>Und so weiter.</p><empty-line/><p>Nies sah aus wie ein alter Pirat, dem es auf das eine oder andere Menschenleben nicht ankommt. Sein Gesicht war eine Ruinenlandschaft aus Narben und tiefen, von Salzwasser und Wind eingegrabenen Linien, und der Blick seiner eng beieinanderstehenden, tr�ben Augen lie� mich innerlich fr�steln.</p><p>Trotzdem wurde auch er kreidebleich, als ich ihm mein Fahrziel nannte. Erst nach einem t�chtigen Schluck aus dem Geneverkrug, den er unter seiner Sitzbank stehen hatte, fa�te er sich wieder so weit, da� er �Macht zehn Gulden� murmeln konnte.</p><p>F�r einen Moment wu�te ich nicht, ob ich aus der Haut fahren oder ihn schlichtweg auslachen sollte. �Wie bitte?� fragte ich. �Sagten Sie - zehn Gulden, Mijnheer? Bei allem Verst�ndnis, aber daf�r kann ich ja Ihren Kahn kaufen.�</p><p>�Sie k�nnen ja wieder aussteigen!� antwortete er mit einer Stimme, der ich anmerkte, da� ihm das wirklich das Liebste gewesen w�re. �Vielleicht schwimmen Sie lieber hin. Oder Sie zahlen f�nfzehn Gulden.�</p><p>Ich �chzte. �F�nfzehn? Gerade waren es noch zehn!� begehrte ich auf.</p><p>Nies sch�ttelte mit steinerner Miene den Kopf. �Sie irren sich, Mijnheer. <emphasis>Gerade </emphasis>waren es <emphasis>zwanzig. </emphasis>Jetzt sind es <emphasis>f�nfundzwanzig.�</emphasis></p><p>Ich starrte ihn an, schluckte die Bemerkung, die mir auf der Zunge lag, herunter, und beeilte mich, zustimmend zu nicken und ihm zuzul�cheln, als h�tte er mir eine Freude gemacht - ehe sein Preis eine H�he erreicht hatte, f�r den ich die komplette Van Dengsterstraat kaufen konnte. Eine unbestimmte Ahnung sagte mir, da� ich selbst f�r die zehnfache Summe keinen zweiten Bootsmann finden w�rde, der mich zur Van Dengsterstraat fahren w�rde.</p><p>�Abgemacht�, murmelte ich.</p><p>Nies sah mich mit zusammengekniffenen Lidern an, musterte mich noch einen Herzschlag lang mit gierigem Blick, dann l�ste er die Kette, mit der der Kahn am Ufer befestigt war, und lenkte ihn mit gem�chlichen Ruderschl�gen in die Gracht hinaus.</p><p>Das Boot gefiel mir noch weniger als sein Besitzer, so alt und morsch war es. Verfaultes Bilgenwasser schwappte auf seinem Boden hin und her und spritzte auf meinen Mantel. Ein Tropfen streifte meine Wange. Ich wischte angewidert mein Gesicht ab und sah dann auf die Gracht hinaus. Der Dreck, der am Ufer lag, die verrotteten Fischerk�hne und schmierigen Hausboote rechts und links und der Gestank, der vom Wasser hochstieg, zeigten deutlich, da� wir in kein sehr vornehmes Viertel dieser Stadt hineinfuhren. Trotzdem h�tte ich nicht so angeekelt sein d�rfen. Es war eine Gegend wie diese, in der ich aufgewachsen war und die meisten Jahre meiner Jugend verbracht hatte. Und es war noch nicht einmal sehr lange her ...</p><p>Wir kamen an einigen halbverfallenen H�usern vorbei und bogen schlie�lich in eine schmale Gracht ein, die auf beiden Seiten von hohen, grauen Mauern eingeschlossen war. Ich f�hlte eine seltsame Anspannung, die jedoch nicht aus mir selbst kam, sondern irgendwie von diesen W�nden ausging. H�user k�nnen im Lauf der Zeit Eigenleben entwickeln, �hnlich wie alte B�ume und gewisse Landschaften. Doch das, was ich hier wahrzunehmen glaubte, ging weit �ber jedes normale Ma� hinaus, und es bedeutete nichts Gutes. F�r einen Moment verglich ich das Gef�hl mit dem finsteren Hauch, der das Haus meines Vaters am Ashton Place in London umgab, den Odem der Magie und verbotenen Macht, der sich in seinen uralten Mauern eingenistet hatte.</p><p>Aber der Vergleich stimmte nicht. Das hier war etwas anderes. Etwas <emphasis>ganz </emphasis>anderes.</p><p>Ich roch f�rmlich das B�se hinter dem Moder, der aus den schief in den Angeln h�ngenden Fenstern herauswehte, den unsichtbaren Griff dunkler, dr�uender M�chte, als blickten die glaslosen Fensterrahmen beiderseits der Gracht wie erloschene Augen auf den Fremden herab, der sich in ihren Machtbereich verirrt hatte. Unwillk�rlich stand ich auf.</p><p>Dabei �bersah ich, wie das Boot auf eine niedrige Br�cke zufuhr und knallte mit dem Kopf unsanft gegen die Steine. Als ich wieder mehr als kreisende Sterne vor meinen Augen sehen konnte, fand ich mich in der fauligen Br�he zwischen den Spanten wieder. Heute war wirklich nicht mein Gl�ckstag.</p><p>Spott funkelte aus den Augen des Schiffers, als ich auf die Knie kam und meinen schmerzenden Sch�del betastete.</p><p>�Sie h�tten mich ja auch warnen k�nnen!� murmelte ich. �Oder ist das zuviel verlangt f�r f�nfundzwanzig Gulden?�</p><p>Nies grinste, sagte unger�hrt: �Drei�ig� und brachte den Kahn mit ein paar kr�ftigen Ruderschl�gen neben der Br�cke zum Halten. Erneut schluckte ich die w�tende Antwort, die mir auf den Lippen lag, herunter. Nies h�tte ohnehin nur mit �F�nfunddrei�ig� oder �Vierzig� geantwortet.</p><p>�Dort ist die Van Dengsterstraat�, quetschte er zwischen den Z�hnen hervor und deutete mit dem Daumen nach vorne. Ich nickte �rgerlich, streifte den Dreck von meinem Mantel und meiner Hose, so gut es ging, und stieg ans Ufer.</p><p>Nies wartete stumm, bis ich ihn bezahlt hatte, dann stie� er seinen Kahn ab und legte sich so wild in die Riemen, da� sich die Sch�fte bogen. Er ruderte nicht einfach davon, <emphasis>er floh.</emphasis></p><p>Nachdenklich sah ich mich um. Die Van Dengsterstraat wirkte wie eine Scharte, die ein Riesenschwert in die d�steren Mauern geschlagen hatte: finster und hart, mit scharfen, wie mit w�tenden Messerstrichen gezogenen Kanten und Linien; finster. Ich suchte vergebens nach einem St�ck blauen Himmels �ber ihr. Ich war in eine h�hlen�hnliche Schlucht geraten, in die sich seit Jahrhunderten kein Sonnenstrahl mehr verirrt hatte.</p><p>Von den meisten H�usern war der Verputz abgebl�ttert.</p><p>Einige der alten Bruchsteinmauern waren unter ihrem Gewicht zusammengest�rzt und nur notd�rftig repariert worden, und auf der Stra�e t�rmte sich der Schutt. Es stank nach menschlichen Ausscheidungen und F�ulnis, und an einer Wand lag der halbverfaulte Kadaver eines d�rren Hundes.</p><p>Ganz langsam begann ich zu begreifen, warum au�er Nies niemand bereit gewesen war, mich hierher zu bringen. Die Stra�e war nicht nur eine Beleidigung f�r Auge und Nase, sie schien mir ein wahres Paradies f�r Stra�enr�uber zu sein. Ich bedauerte, zu meinem Stockdegen nicht noch einen Revolver mitgenommen zu haben. Doch es war zu sp�t, sich jetzt noch anders zu besinnen. Also fa�te ich meinen Spazierstock fester und trat beherzt auf die erstbeste T�r zu. DeVries hatte mir zwar den Stra�ennamen, nicht aber die Hausnummer gesagt, bevor er starb. Geschweige denn, wonach ich suchen sollte.</p><p>Nun - sehr viele Bewohner konnte diese Stra�e kaum haben - sah man von Kakerlaken und Ratten ab.</p><p>Auf mein Klopfen hin h�rte ich es drinnen rascheln. Heisere, zischende Stimmen erklangen hinter blinden Scheiben, irgend etwas polterte, dann br�llte jemand zornig und in einer Sprache, die ich nicht verstand. Doch niemand machte mir auf.</p><p>Ich schaute durch ein mit zerrissenem Papier notd�rftig abgedecktes Fenster und glaubte noch, eine Bewegung im Hintergrund zu erkennen. Dann war alles still. Verwundert klopfte ich noch einmal und ging dann weiter zur Nachbart�r.</p><p>Der Erfolg war der gleiche.</p><p>Mit st�ndig sinkender Hoffnung wanderte ich die Van Dengsterstraat hinab, im Zickzack, immer von einer Stra�enseite zur anderen wechselnd, um nur kein Haus und keine T�r auszulassen. Mein Zorn auf DeVries wuchs. Vielleicht hatte er mich doch belogen; vielleicht hatte er mir diese Adresse sogar absichtlich genannt, damit ich in dieser zweifellos von Dieben und Mordsgesindel bewohnten Gegend ums Leben kam und er sich so nach seinem Tode an mir r�chen konnte. Schlie�lich erreichte ich ein Haus, das nicht ganz so verfallen und heruntergekommen aussah wie die anderen Ruinen, die die Van Dengsterstraat zierten; was nicht hie�, da� es etwa in gutem Zustand gewesen w�re.</p><p>Es befand sich ganz am Ende der Stra�e und lehnte, ein wenig schr�g, als h�tte es nicht mehr die Festigkeit, aus eigener Kraft zu stehen, an der graubraunen Ruine des Nachbargeb�udes. Es war das letzte Haus der Stra�e, und nachdem ich �berall vergeblich geklopft hatte, hatte ich kaum noch Hoffnung, hier Erfolg zu haben.</p><p>Trotzdem - ich mu�te es versuchen. DeVries hatte die Wahrheit gesagt, ehe er starb. Das, was ich suchte, <emphasis>war </emphasis>hier, in dieser Stra�e, in irgendeinem der heruntergekommenen Rattennester, die einmal von menschlichen Wesen bewohnte H�user gewesen waren.</p><p>Nur, da� ich selbst nicht genau wu�te, <emphasis>wonach </emphasis>ich eigentlich suchte ...</p><p>Mit gemischten Gef�hlen stand ich vor einer breiten Freitreppe aus wei�em Carrara-Marmor mit vergoldetem Gel�nder. �ber der ersten Stufe w�lbte sich ein Torbogen aus zwei Schlangen, deren Schw�nze und K�pfe miteinander verflochten waren. Am oberen Ende prunkte eine mit filigranhaften Bronzebeschl�gen geschm�ckte T�r.</p><p>Treppe und T�r geh�rten zu einem wuchtigen Patrizierhaus in altert�mlich holl�ndischem Stil, das in dieser sch�bigen Gegend ebenso verfehlt wirkte wie ein Hilfsmatrose in einem feinen englischen Club. Fr�her einmal mu�te dieses Haus eine prachtvolle Villa gewesen sein; das sah man ihm auch nach den vielen Jahrzehnten noch an. Es schien einen unsichtbaren Flair von Zeitlosigkeit und Anmut auszustrahlen; trotz der abbl�tternden Farbe und der zerborstenen, schr�g in den Angeln h�ngenden L�den, hinter denen grau gewordene Scheiben wie getr�bte Augen das Licht der Sonne aufsaugten.</p><p>Ich hatte das Haus erst gesehen, als ich genau davor stand, dessen war ich mir sicher. Dabei war ich jedoch mit Sicherheit in keine Nebengasse der Van Dengsterstraat abgebogen. Und an eine Kurve konnte ich mich auch nicht erinnern. Verwirrt drehte ich mich um und sah zur Gracht hinab. Die Stra�e f�hrte wie mit dem Lineal gezogen genau auf die Br�cke zu, bei der mich Nies abgesetzt hatte.</p><p>Wieder ein R�tsel; keines, das mir diese unheimliche Gegend sympathischer machte. Doch obwohl ich mehr Widerwillen denn je empfand, stieg ich die Treppe empor und bet�tigte den l�wenk�pfigen T�rklopfer. Vielleicht fand ich hier endlich Leute, die mir einen Hinweis auf das Haus geben konnten, in dem ich das geheime Quartier der Templer vermutete.</p><p>Schon nach wenigen Sekunden waren Schritte zu vernehmen. Die T�r schwang auf, und ein livrierter Lakai steckte seinen Kopf heraus. �Womit kann ich dienen, Mijnheer?� fragte er.</p><p>Ich war �ber diesen pl�tzlichen, nach all den Entt�uschungen schon unerwarteten Erfolg derart �berrascht, da� ich einen Moment stotterte, ehe ich wieder Worte fand.</p><p>�Verzeihen Sie die St�rung�, sagte ich. �Ich ... ich suche einen Bekannten, der irgendwo in dieser Stra�e wohnt. Aber ich kann leider sein Haus nicht finden.� Und ich nannte ihm den Namen des umgekommenen Templers und beschrieb sein �u�eres, so gut ich konnte. Dabei behielt ich ihn genau im Auge. Aber sein blasiertes Gesicht zeigte keine Regung. Entweder hatte er den Namen DeVries wirklich noch nie zuvor in seinem Leben geh�rt - oder er war der beste Schauspieler, der mir je untergekommen war.</p><p>Der Diener schien einen kurzen Moment zu �berlegen, dann bat er mich mit einer Verbeugung, einzutreten. �Bitte, Mijnheer, wenn Sie einen Augenblick im Salon warten wollen. Mein Herr befindet sich zwar im Moment au�er Haus, aber ich bin sicher, da� Ihnen die Herrin behilflich sein kann!�</p><p>Der Boden der Empfangshalle war mit wertvollen Teppichen ausgelegt, und die M�bel und Seidentapeten h�tten dem Schlo� jeden Herzogs zur Zierde gereicht. Doch auch der Duft der Rosen, die in allen m�glichen Gef��en herumstanden, konnten den Geruch nach Moder und Verwesung nicht �berdecken, der mir aus jeder Ecke entgegenstr�mte. Ich kam mir vor wie in einem Museum, in dem man vor zwei oder drei Menschenaltern vergessen hatte, eine Putzfrau einzustellen.</p><p>Der Lakai f�hrte mich in ein holzget�feltes Zimmer, von dessen Decke ein schwerer L�ster aus b�hmischem Kristall hing. Obwohl sicher mehrere hundert Kerzen in ihm brannten, hatte ich das Gef�hl, in eine schwarze Grube gefallen zu sein. Etwas Unsichtbares, D�steres schien in der Luft zu h�ngen und die Helligkeit aufzusaugen. Auch das hochauflodernde Holzfeuer im Kamin vertrieb weder die Dunkelheit noch die K�lte, die meine Knochen schier zu Eis erstarren lie�.</p><p>Ich trat an den Kamin, um die H�nde �ber den Flammen zu reiben, und �berlegte bereits, wie ich mich so schnell wie m�glich wieder aus diesem unheimlichen Haus entfernen konnte. Es war nicht gut, sich in einem Haus wie diesem lange aufzuhalten. Unwillk�rlich mu�te ich wieder an die sonderbare Reaktion des Kutschfahrers denken. Die Angst, die ich in seinen Augen gelesen hatte ...</p><p>Ich h�rte die T�r gehen, drehte mich um und sah eine �ltliche Matrone in gro�er Toilette hereinrauschen. Ihr Kleid war wohl das Teuerste an Garderobe, was ich bis zu dem Zeitpunkt gesehen hatte. Es wirkte nur um die vierzig Jahre hinter der Mode zur�ck und roch so muffig und scharf, als k�me es direkt aus einer Manufaktur f�r Mottenkugeln. Nun - wenigstens pa�te es zum Gesicht seiner Tr�gerin; oder dem, was unter den zahllosen Schichten von vor zwanzig Jahren eingetrockneter Schminke zu erkennen war. Gottlob war es nicht viel.</p><p>Hinter meiner Stirn begann eine Alarmglocke zu l�uten. Dieses Haus war nicht nur alt. Irgend etwas stimmte hier nicht. Ich wu�te noch nicht, was, aber ich sp�rte die Gefahr wie eine k�rperliche Ber�hrung. Etwas schien mich zu belauern, etwas Gro�es, M�chtiges und Gef�hrliches.</p><p>Ich verbeugte mich, unterdr�ckte meine Abneigung gegen Mottenkugeln und f�hrte die rechte Hand der Dame an meine Lippen, um sie zu k�ssen.</p><p>Es war, als h�tte ich eine vom Nachtfrost erstarrte Schlange ergriffen. Oder eine Leiche.</p><p>Sie gr��te mich freundlich und lud mich ein, neben ihr auf dem Diwan Platz zu nehmen. �Frans sagte mir bereits, da� Sie einen Freund in dieser Stra�e aufsuchen wollen, ihn aber nicht finden�, sagte sie mit einer Stimme, die �berraschend weich und geschmeidig klang. �Ich bin sicher, Ihnen helfen zu k�nnen, denn ich kenne alle Leute, die hier wohnen. Wie hei�t denn Ihr Freund?�</p><p>�Er ist ein Ausl�nder und nennt sich ...�begann ich, sprach aber nicht weiter, als ich sah, da� meine Gastgeberin sich nicht einmal die M�he machte, wenigstens so zu tun, als h�re sie mir zu.</p><p>Im gleichen Augenblick sah ich im Licht der Kerzen einen Schatten auf mich zugleiten; schnell und mit einer kraftvollen, aggressiven Bewegung. Instinktiv sprang ich auf.</p><p>Die Bewegung rettete mir vermutlich das Leben, denn den Bruchteil einer Sekunde sp�ter krachte eine Keule auf die Stelle, an der ich eben noch gesessen hatte, zerfetzte den Stoff und ri� einen armlangen Span aus der Diwanlehne.</p><p>Ich duckte mich, trat hastig einen Schritt zur�ck und hob kampfbereit die H�nde.</p><p>Der vierschr�tige Kerl, der mich angegriffen hatte, sprang erstaunlich leichtf��ig �ber den Diwan und st�rmte mit erhobener Keule auf mich zu. Ich wich seinem Schlag aus, brachte ihn mit einem Fu�feger zu Fall und schlug ihm den Kristallknauf meines Stockdegens gegen die Schl�fe.</p><p>Der Bursche sank mit einem erstickten Seufzer zu Boden, verdrehte die Augen und erschlaffte.</p><p>Aber der rasche Sieg brachte mir keine Atempause, denn schon hatte ich zwei weitere Kerle am Hals, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren. Auf ihren Gesichtern stand eine Mischung aus grimmiger Entschlossenheit und einer d�mlichen Erheiterung geschrieben, die ich mir nicht erkl�ren konnte.</p><p>Einen Augenblick glaubte ich es mit einem Banditen�berfall von au�en zu tun zu haben. Doch ein Blick in das beinahe freudig erregte Gesicht der Matrone belehrte mich eines Besseren. Sie hatte ganz genau gewu�t, welcher Art die <emphasis>Hilfe </emphasis>war, die sie mir angedeihen lassen wollte. Dieses Haus war eine Falle. Und ich war vermutlich nicht der erste, der durch seine T�r hinein, aber nicht mehr heraus kam.</p><p>Nun, was diesen Umstand anging, gedachte ich ihr und ihren Mordbuben eine Lektion zu erteilen.</p><p>Ich durchquerte mit einem m�chtigen Satz den Raum und zog den Stockdegen. Die beiden M�nner z�gerten, als die Klinge im Licht des L�sters aufblitzte. Dann sahen sie sich kurz an, trennten sich und kamen von zwei Seiten auf mich zu. Gleichzeitig stand der Kerl, den ich niedergeschlagen hatte, schon wieder auf und reihte sich in die Front meiner Gegner, ein, als sei nichts geschehen. Der Bursche mu�te die Widerstandskraft eines Ochsen besitzen.</p><p>Einige Sekunden sp�ter hatten mich die Burschen bis an die Wand zur�ckgedr�ngt. Wenigstens nahmen sie an, da� es so war. Ich tat so, als w�re ich halb von Sinnen vor Angst, bewegte den Stockdegen mit kleinen, nerv�sen Rucken hin und her und suchte scheinbar verzweifelt nach einer M�glichkeit, zwischen den Kerlen durchzubrechen.</p><p>Einer von ihnen fiel auf die Finte herein, kam mit kampflustig erhobenen H�nden n�her und ging keuchend zu Boden, als ich mit dem Degen ant�uschte und ihm gleichzeitig eine so schallende Ohrfeige versetzte, da� er meinen mu�te, Big Ben in seinem Sch�del schlagen zu h�ren.</p><p>Die beiden anderen blieben erschrocken stehen. Aber nur f�r einen Moment. Die �berraschung wich so schnell von ihren Z�gen, wie sie gekommen war, und machte wieder dem d�mmlichen, irritierten L�cheln Platz.</p><p>Ein h�hnisches Kichern ert�nte, und eine weitere Gestalt betrat den Raum.</p><p>Es war der verhutzelte Mann, der mir vor meinem Hotel den Weg zur Van Dengsterstraat gewiesen hatte. Sein Blick gefiel mir ganz und gar nicht. Es war genau die Art, in der ein Raubtier seine Beute anstarrt, die ihm nicht mehr entkommen kann. Sein Rattengesicht verzog sich zu einem zufriedenen Grinsen.</p><p>�Wir wollen und d�rfen Sie nicht t�ten, Craven�, sagte er mit einem s�ffisanten Grinsen. �Doch es macht meinen M�nnern nichts aus, Sie zum Kr�ppel zu schlagen, wenn Sie sich uns nicht freiwillig ergeben und mit uns kommen!�</p><p>Und pl�tzlich war etwas in seinem Blick, was mich innerlich zu Eis erstarren lie�. Es war wie das d�stere Etwas, das das Licht im Zimmer aufsaugte und K�lte verbreitete, ungreifbar und k�rperlos, aber deutlich zu sp�ren. Irgend etwas war pl�tzlich anders. Aus dem Spiel war Ernst geworden.</p><p>Und mit einem Male begriff ich, da� es unter Umst�nden hier nicht mehr um Leben und Tod, sondern um mehr ging ...</p><p>�Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?� fragte ich ihn mit mehr lauter als fester Stimme.</p><p>Rattengesicht zuckte mit den Achseln. �Das geht Sie im Moment zwar noch nichts an�, sagte er, �aber vielleicht erz�hle ich es Ihnen, wenn Sie Ihre Waffe wegwerfen und die H�nde �ber den Kopf heben!�</p><p>�Wenn Sie mich wirklich so gut kennen, wie es scheint, dann sollten Sie wissen, da� ich das nicht tun werde. Was wollen Sie von mir? Ich kenne Sie nicht, und ich habe keinen Streit mit Ihnen.�</p><p>�Nun, ich habe Ihnen eine Chance gegeben, Craven!� antwortete er und wandte sich an die drei Schl�gertypen. �Los, entwaffnet ihn!�</p><p>Wie durch ein Wunder gelang es mir, den ersten Schl�gen der wuchtigen Keulen auszuweichen. Ich steppte zur Seite und nahm einen Schlag gegen die Schulter hin, um einem der Burschen meine Degenklinge in den Oberschenkel zu rammen. Der Kerl wankte einen Moment und schaute wie verwundert auf die klaffende Wunde. Dann hob er die Keule unger�hrt zum n�chsten Schlag. Er schien den Schmerz nicht einmal zu <emphasis>sp�ren</emphasis>!</p><p>Aus den Augenwinkeln sah ich, wie die T�r aufsprang und der Diener hereinst�rmte, eine wertvolle chinesische Vase packte und nach mir schleuderte. Das antike Wurfgescho� zerschellte neben meinem Gesicht an der Wand und �bersch�ttete mich mit scharfkantigen Splittern. Aber ich war f�r einen Moment abgelenkt, und meine drei Gegner nutzten diesen kurzen Moment aus. Eine Hand krallte sich in mein Haar und ri� daran. Gleichzeitig streifte ein Keulenschlag meine Rippen und trieb mir die Luft aus dem Leib.</p><p>�Gut gemacht, Croff. Ja! Pa�t auf! Gleich habt ihr ihn!� schrie Rattengesicht, schlug sich vor Vergn�gen auf die Oberschenkel und sprang herum, als hielte er sich f�r Rumpelstilzchen. Seine Handlanger bildeten einen Halbkreis um mich und droschen mit ihren Keulen nach meinem Stockdegen. Sie h�tten mich jetzt l�ngst treffen k�nnen, aber sie gehorchten Rattengesichts Befehl und versuchten nur, mich zu entwaffnen.</p><p>Ich unterlief einen Hieb und rammte dem Kerl, der zugeschlagen hatte, das Knie in den Unterleib; das war zwar nicht sehr fair, aber wirksam.</p><p>Jedenfalls war es das bisher immer gewesen ...</p><p>Es war ein Gef�hl, als h�tte ich gegen eisverkrustetes Holz geschlagen. Der Mann verzog die Lippen zu einem h��lichen Grinsen und holte zum n�chsten Schlag aus.</p><p>�Du kannst nicht entkommen, Craven! Gib doch auf!� kicherte der Kleine.</p><p>Mein Blick irrte durch den Raum und blieb auf einem gro�en, stra�enseitigen Fenster haften. Ich raffte alle Kraft, die ich noch hatte, zusammen, nahm einen weiteren, m�rderischen Hieb gegen den Leib in Kauf, trat dem Besitzer der Keule daf�r mit aller Macht auf den Fu� und drehte den Absatz, kurz und schnell und mit dem ganzen Gewicht meines K�rpers belastend, um.</p><p>Der Kerl br�llte auf, lie� seine Keule fallen und sprang, ungeschickt mit den Armen rudernd und nur auf einem Bein h�pfend, zur�ck. Ich half der Entwicklung noch ein wenig nach, indem ich ihm einen Sto� vor die Brust versetzte, der ihn haltlos gegen seine beiden Spie�gesellen taumeln lie�.</p><p>Im n�chsten Moment scho� ich zwischen ihnen hindurch, fegte den Diener mit dem Ellbogen beiseite und hechtete durch das splitternde Glas.</p><p>F�r einen Moment war ich benommen. Ein dumpfer Schmerz pochte in meinem Sch�del, und vor meinen Augen tobten graue und rote Schleier. M�hsam stemmte ich mich hoch, blinzelte die Tr�nen fort und sah mich mit einer Mischung aus Staunen und banger Besorgnis um.</p><p>Ich war nicht auf der Stra�e gelandet, sondern in einem mit allerlei Ger�mpel vollgestopften, niedrigen Raum. Bestialischer Gestank raubte mir den Atem, schrille Schreie peinigten meine Ohren. Ich sprang auf, duckte mich kampfbereit und hob die Waffe. Mein Degen beschrieb einen Halbkreis, doch er traf nur leere Luft.</p><p>Wo war die Stra�e? dachte ich verst�rt. Ich war das Fenster nach <emphasis>drau�en </emphasis>gehechtet - aber um mich herum waren W�nde ...</p><p>Langsam begannen sich meine Augen an das D�mmerlicht zu gew�hnen und aus amorphen Schatten wurden Umrisse.</p><p>Ich war nicht allein! Eine Anzahl lemuren�hnlicher Gesch�pfe dr�ckte sich in den hintersten Winkel der Kate. Zweimal mu�te ich hinsehen, bis ich in ihnen Kinder erkannte. Ihre weit aufgerissenen Augen wirkten wie leuchtende, gl�serne Murmeln, in denen die Furcht wie verzehrendes Feuer loderte.</p><p>�Keine Angst! Ich tue euch nichts!� sagte ich, trat einen Schritt auf sie zu und senkte mit verlegenem L�cheln den Degen. Doch sie dr�ngten sich noch �ngstlicher aneinander und verschmolzen stumm mit den Schatten.</p><p>Dann h�rte ich hinter mir ein Ger�usch, schnellte herum und starrte auf ein kleines Loch in der Wand, das nur wenig mehr als die Breite meiner Schultern besa� und vor einer Sekunde noch nicht dagewesen war. Einer meiner Gegner ri� gerade die Reste einer Papierbespannung beiseite und zw�ngte seinen Oberk�rper durch den br�chigen Rahmen.</p><p>�Gleich habe ich dich, Craven!� jubelte er und holte mit der Keule aus.</p><p>Ein Zur�ckweichen war unm�glich. So stie� ich zu. Ich wollte ihm den Degen in die Schulter bohren, um ihn zu entwaffnen. In dem Augenblick jedoch verlor er den Halt, schlitterte auf mich zu und rammte sich selbst den Degen in die Kehle.</p><p>Der Stich h�tte t�dlich sein m�ssen. Doch der Mann schrie nur auf, ri� sich die Klinge aus der Wunde und glitt aus dem berstenden Fensterrahmen. Er schlug auf dem Boden auf und erhob sich wieder mit der Leichtigkeit einer Katze.</p><p>Verzweifelt sah ich mich nach einem Fluchtweg um. Die Kinder hatten sich in eine Ecke des Raumes gedr�ngt und verfolgten den ungleichen Kampf aus gro�en, schreckgeweiteten Augen; hinter und neben ihnen stapelten sich Ger�mpel und Abfall - und dann entdeckte ich eine T�r. Verzweifelt sprang ich hin, sah einen verrosteten Schl�ssel stecken, ri� ihn vor Erregung fast aus dem Schlo� und versuchte verzweifelt, die T�r aufzubekommen.</p><p>Hinter mir begann der Boden unter den stampfenden Schritten meines Verfolgers zu zittern. Ein Schatten wuchs �ber meinem eigenen auf der T�r auf, und pl�tzlich sp�rte ich den eisigen Luftzug.</p><p>Ich versuchte nicht einmal, dem Hieb auszuweichen, sondern warf mich mit aller Macht nach hinten und stie� mit dem Ellbogen zu.</p><p>Die Keule traf wenige Zentimeter neben meinem Kopf gegen die T�r und lie� das Holz splittern; im gleichen Augenblick krachte mein Ellbogen gegen das Brustbein des Angreifers.</p><p>Sein w�tendes Br�llen verwandelte sich in eine Folge unnat�rlicher, keuchender Laute. Er wankte, lie� seine Keule fallen und krampfte die H�nde �ber dem Leib zusammen.</p><p>Als ich mich zu ihm herumdrehte, sank er ganz langsam in die Knie und starrte mich aus hervorquellenden Augen an.</p><p>Ich stie� seine Keule mit dem Fu� vollends zur Seite, versetzte ihm einen Sto�, der ihn hilflos nach hinten und zur Seite fallen lie� - und st�hnte auf.</p><p>Die Kinder waren n�her gekommen, w�hrend ich mit dem Schl�ger gek�mpft hatte. Ihre Gesichter wirkten leer und starr wie zuvor, so leblos wie die von Puppen, aber der Ausdruck in ihren Augen hatte sich ver�ndert.</p><p>Vorhin hatte ich Furcht in ihren Blicken gelesen.</p><p>Jetzt starrten sie mich voller Zorn und Wut an.</p><p>Und pl�tzlich blitzten Waffen in ihren H�nden - schartige Messer, gezackte Glas- und Spiegelscherben, rostige N�gel; einer schwang ein Brett, durch das N�gel geschlagen waren, und eine kleine Gestalt richtete einen altert�mlichen Vorderlader auf mich und fummelte ungeschickt an seinem Spannschlo�.</p><p>Instinktiv hob ich den Degen. Die zuvorderst stehenden Kinder prallten zur�ck, aber ich las keine Angst in ihren Augen.</p><p>Trotzdem senkte ich meine Waffe wieder. Ganz egal, aus welchem Grund sie mich angriffen - es waren <emphasis>Kinder; </emphasis>ich konnte nicht gegen sie k�mpfen. Nicht einmal, wenn es um mein Leben ging.</p><p>Ich wartete, bis sie wieder n�her kamen, dann versetzte ich einem von ihnen einen �berraschenden Sto�, der ihn zur�cktaumeln und gegen die anderen prallen lie�, wirbelte herum und ri� die T�r auf. Hinter mir zerri� ein ohrenbet�ubender Knall die Stille, und dicht neben meiner Schulter schlug etwas in den T�rrahmen. Die Luft stank pl�tzlich durchdringend nach Schie�pulver.</p><p>Ich st�rzte durch die T�r, warf sie hinter mir ins Schlo� und suchte einen Moment vergebens nach einem Riegel oder irgendeiner anderen M�glichkeit, sie zu versperren. Mit einem w�tenden Knurren fuhr ich herum, blickte einen Moment unentschlossen nach rechts und links und rannte schlie�lich los.</p><p>Es vergingen nur wenige Augenblicke, bis die T�r hinter mir erneut aufgerissen wurde. Ich sah im Laufen �ber die Schulter zur�ck. Aber es waren nicht die Kinder, die mich verfolgten, sondern die beiden Schl�ger, die mich im Salon �berfallen hatten. Der Anblick erleichterte mich fast.</p><p>Ich lief noch schneller, erreichte eine Gangbiegung und st�rzte nach rechts, ohne zu denken. Eine verschlossene T�r versperrte mir den Weg. Ich suchte gar nicht erst nach einem Schl�ssel, sondern rammte das morsche Holz mit der Schulter ein, taumelte in den dahinterliegenden Raum und fing meinen Sturz im letzten Moment mit wild rudernden Armen ab.</p><p>Sofort verdoppelten meine Verfolger ihre Anstrengungen, mich einzuholen. Gehetzt sah ich mich um, erkannte aber nichts als Dunkelheit und die verschwommenen grauen Schatten wehender Spinnweben, und hob kampfbereit die Klinge.</p><p>In diesem Augenblick erf�llte ein Fiepen und Pfeifen die Schw�rze des Raumes um mich. Schwarze Schatten st�rzten von oben auf mich zu und schlugen klatschend auf mich ein. Ich sah riesige gelbe Augen und lange wei�e Fangz�hne vor meinen Augen tanzen und sp�rte, wie ich wieder und wieder gebissen wurde.</p><p>Irgendwie gelang es mir, mein Gesicht mit einem Zipfel meines Mantels zu bedecken, um die Augen zu sch�tzen. Dann lie� ich die Klinge wirbeln und hackte auf die schwirrende Wolke ein, so schnell ich konnte. Trotzdem brannte mein Gesicht nach drei, vier Atemz�gen schon so, als w�re meine Haut versengt. Die Ber�hrung der winzigen Krallen und Z�hne schmerzte h�llisch.</p><p>Der Spuk h�rte ebenso schnell wieder auf, wie er gekommen war. Ich h�rte noch sich rasch entfernendes Fl�gelrauschen, dann waren die schwarzen Schatten verschwunden.</p><p>Keine zehn Sekunden sp�ter erreichten meine Verfolger hinter mir die T�r und st�rmten br�llend in den Raum. Da ich keine zweite T�r und kein Fenster sah, durch das ich fliehen konnte, rannte ich die Treppe hoch in den n�chsten Stock und kletterte dann eine wacklige, halb verfaulte Leiter empor, die zum Dachboden f�hren mu�te. Zum Teufel - wie gro� war dieses Haus?</p><p>Die Fallt�r klemmte, doch ich stie� sie mit einem Ruck auf und zw�ngte mich r�cksichtslos hindurch. Das Dach war halb eingebrochen. Zerbrochene Sparren und Balken hingen wie bleiche Knochen eines bizarren Riesengerippes herab, aber es gab wenigstens Licht; und ich konnte zum ersten Mal, seit ich die Van Dengsterstraat und dieses H�userlabyrinth betreten hatte, wieder die Sonne sehen.</p><p>Schnell zog ich die Leiter zu mir herauf und schlo� die Fallt�r wieder. Ein Schwall wilder Fl�che drang durch das morsche Holz zu mir hoch, und durch die breiten Risse zwischen den halb vermoderten Dielen sah ich, wie meine Verfolger die F�uste in hilfloser Wut sch�ttelten.</p><p>F�r einen Moment hatte ich Luft.</p><p>Meine Lage war mehr als verzweifelt. Meine Verfolger kannten dieses Geb�ude zweifellos wie ihre Westentaschen, und sie w�rden �ber kurz oder lang einen Weg finden, zu mir herauf zu gelangen. Einen Moment lang spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, auf das Dach hinaufzuklettern, um von dort auf ein Nachbarhaus zu springen, verwarf ihn aber rasch wieder. Selbst die Balken, die noch halbwegs fest aussahen, zerbr�ckelten mir unter den H�nden; auf das Dach hinauszusteigen, w�re glatter Selbstmord gewesen.</p><p>Dann entdeckte ich auf der anderen Seite des Dachbodens eine T�r und balancierte vorsichtig darauf zu.</p><p>Ziegelschutt knirschte unter meinen Sohlen; die Bohlen knarrten gespenstisch. Schon nach wenigen Schritten trat ich durch ein verfaultes Brett. Ich konnte mit M�he einen Sturz in die Tiefe vermeiden und blieb mit klopfenden Herzen stehen. Allm�hlich verging mir auch der letzte Rest von Galgenhumor. Diese Ruine war nicht nur eine M�rdergrube, sondern das reinste Irrenhaus.</p><p>Ich bi� die Z�hne zusammen und balancierte weiter auf die T�r zu. Hinter mir begann jemand mit einem harten Gegenstand gegen die Klappe zu h�mmern. Holz knirschte, und pl�tzlich h�rte ich einen unfl�tigen Fluch. Irgend etwas sauste an mir vorbei, so dicht, da� ich den Luftzug sp�rte, und l�ste eine wahre Holz- und Ziegellawine aus, als es in das Dach einschlug.</p><p>Ich spurtete los und sp�rte einen endlos langen Augenblick den Boden unter mir zittern, als die morschen Bretter vollends unter meinem Gewicht nachzugeben begannen. Ich stie� mich mit aller Macht ab, sprang, die Schulter voraus und mit zusammengebissenen Z�hnen, gegen die geschlossene T�r - und sp�rte noch, wie hinter mir eine Art Fallt�r herunterschlug.</p><empty-line/><p>Die Luft roch modrig und so verbraucht, da� ich im ersten Moment das Gef�hl hatte, ersticken zu m�ssen. Au�erdem war es so dunkel, da� man die sprichw�rtliche Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. Instinktiv drehte ich mich um und suchte nach der T�r, die hinter mir herabgefallen war, sp�rte aber nur kalte, feuchte Steine unter meinen H�nden.</p><p>Da ich nichts sah, tastete ich mich vorsichtig an der Wand entlang. Doch nach wenigen Schritten versperrte mir etwas den Weg, eine Art flacher, langgestreckter Steinblock von der Gr��e eines Sarges. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, da� es ein Sarg <emphasis>war.</emphasis></p><p>Da sich meine Augen allm�hlich an die Dunkelheit gew�hnten, nahm ich jetzt auch den gr�nlich phosphoreszierenden Schimmer wahr, der von den Steinen ausging. Konturen sch�lten sich aus der Finsternis und formten sich zu einem niedrigen Gew�lbe, das aus wuchtigen, grobbehauenen Quadern errichtet worden war.</p><p>Auf dem Boden standen sechs oder sieben Dutzend steinerne Sarkophage, in Reih und Glied ausgerichtet wie Soldaten. Mit einer f�r das sp�rliche Licht erschreckenden Dunkelheit nahm ich die bleichen Knochen wahr und die Totensch�del, die mich durch die zersprungenen und verschobenen Deckel der S�rge angrinsten.</p><p>Eine Weile starrte ich auf die unerfreuliche Gesellschaft, in die ich nun geraten war, und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Doch das seltsame Labyrinth und seine lebenden und toten Bewohner verwirrten mich so sehr, da� ich einfach selbst nicht mehr wu�te, was ich suchte und wohin ich eigentlich wollte.</p><p>Ich versuchte erst gar nicht, einen Sinn hinter diesem ganzen Wahnwitz zu finden. Letztlich hatte ich mir mein Schicksal wohl selbst zuzuschreiben. Howard hatte mich oft genug vor dem <emphasis>Animal-Master </emphasis>der Tempelherren gewarnt, aber ich hatte ja nicht h�ren k�nnen, verdammter Narr, der ich war! DeVries hatte mich im Tode in eine Falle gelockt.</p><p>Ich unterdr�ckte das Grauen, das mir wie eine eisige Hand das R�ckgrat entlang strich, ging langsam weiter und schaute mich so aufmerksam wie m�glich um. Nach einigen Ewigkeiten entdeckte ich dann schlie�lich im dunkelsten Winkel des Gew�lbes eine steile Treppe, die vor einer eisenbeschlagenen T�r endete.</p><p>Ich rannte hinauf und dr�ckte die Klinke nieder. Doch nichts r�hrte sich. Ich verfluchte im stillen alle T�ren dieses h�llischen Labyrinths, warf mich gegen dieses Musterexemplar vor mir und r�ttelte dann mit aller Kraft. Ich h�tte ebensogut an den Steinen rechts und links neben mir r�tteln k�nnen. Die T�r war nicht nur verschlossen; die Klinke bewegte sich nicht einmal.</p><p>Schlie�lich kehrte ich mit zusammengebissenen Z�hnen in die Gruft zur�ck und durchsuchte sie nach einem zweiten Ausgang. Doch da gab es nichts au�er Steinen, Knochen, Dreck und Moder.</p><p>Die schlechte Luft und das ekelhafte gr�nliche Licht zerrten in einer Art und Weise an meinen Nerven, da� ich nicht mehr klar denken konnte. Pl�tzlich packte mich die Angst, in dieser Gruft lebendig begraben zu sein. Und dann gingen mir meine Nerven durch. Verzweifelt rannte ich die Treppe hoch und h�mmerte mit aller Macht gegen die T�r.</p><p>Ich wei� nicht, wie lange ich wie ein Irrsinniger gegen die T�r h�mmerte und trat, Minuten vielleicht, aber mir kamen sie wie Stunden vor.</p><p>Dann, mit der Unberechenbarkeit, die dieser irrsinnigen Umgebung eigen war, gab die T�r unter meinen Faustschl�gen nach; ich stolperte, verlor, vom Schwung meiner eigenen Bewegungen nach vorne gerissen, den Halt und fiel auf die Knie.</p><p>Meine Umgebung hatte sich abermals ver�ndert, als ich aufsah. Vor mir lag ein von Menschen �berquellendes Kirchenschiff. Ich sch�tzte, da� mindestens dreihundert Leute auf den harten Holzb�nken Platz genommen hatten und nun voller Inbrunst fromme Lieder sangen; eine Umgebung von t�uschender Friedfertigkeit, die mich eigentlich h�tte beruhigen m�ssen. Und doch fr�stelte ich beim Anblick des hochaufragenden, kahlen Domes. Selbst der schmucklose Altar mit dem einfachen Holzkreuz str�mte etwas Kaltes, Fremdes aus, das ich als bedrohlich empfand.</p><p>Erst wollte ich das Gotteshaus auf dem schnellsten Weg verlassen, doch dann beschlo� ich, durch das Seitenschiff nach vorn zu gehen, um in einer stillen Ecke den Gottesdienst abzuwarten, um nicht irgend jemandem aufzufallen. Denn als ich mich dem Hauptportal zuwandte, kam der Pastor mit wehendem Talar aus einer schmalen Pforte neben dem Altar. Er warf einen zufriedenen Blick auf die versammelte Menge und stieg dann die gemauerte Treppe zur Kanzel hoch. Die Gl�ubigen verstummten und wandten ihm ihre ganze Aufmerksamkeit zu.</p><p>Ich hatte kaum die erste Bankreihe erreicht, da sprangen die beiden Fl�gel des Hauptportals krachend auf. Zuerst konnte ich gegen die tiefstehende Sonne nur drei drohende, schwarze Schatten sehen. Dann erkannte ich meine Verfolger und wich hinter eine der schmucklosen S�ulen neben den altersgrauen, aber leider fest verschlossenen Beichtst�hlen zur�ck.</p><p>Die drei Kerle verharrten einige Augenblicke auf der Schwelle und schauten grimmig herein. Dann setzten sie sich in Bewegung und kamen mit hallenden Schritten n�her. Seltsamerweise schienen sie weder dem Pastor noch den Gl�ubigen aufzufallen, denn sie setzten ihren Gottesdienst fort, ohne auch nur einmal aufzuschauen. Es war, als bemerkten sie die M�nner gar nicht.</p><p>Sie k�mmerten sich auch nicht um die Eindringlinge, als diese einen jungen Mann, der mir entfernt �hnlich sah, aus der Bank zerrten und auf ihn einzuschlagen begannen; selbst dann noch, als sie ihren Irrtum bemerkten, wenn auch jetzt wohl eher aus Wut. Schlie�lich stie�en sie ihn zur Seite und holten den n�chsten heraus. Dabei kamen sie mir n�her und n�her.</p><p>Ich wartete, bis die Aufmerksamkeit meiner Gegner wieder auf die Bankreihen gerichtet war. Dann huschte ich aus meinem Versteck und schlich geb�ckt zwischen zwei Reihen hindurch. Zu meinem Gl�ck waren die Leute in der Kirche so in ihrem Gebet versunken, da� ich genausowenig Beachtung wie meine Verfolger fand.</p><p>Ohne entdeckt zu werden, erreichte ich den Altar und benutzte ihn als Deckung. Meine Feinde wurden mittlerweile immer ungeduldiger. Sie zw�ngten sich r�de durch die B�nke. Ich hoffte schon auf einen Aufruhr in der Kirche und darauf, da� sich die Gl�ubigen endlich zur Wehr setzen w�rden. Doch die Leute setzten sich so, als wenn nichts geschehen w�re, wieder auf ihre Pl�tze. Das waren doch keine Menschen! dachte ich entsetzt. Sie bewegten sich, redeten und atmeten und sangen, aber was immer ich vor mir hatte, sah nur aus wie eine Gemeinde lebender Menschen. Sie waren wie ... Puppen.</p><p>Verr�ckt, dachte ich und blickte auf die Pforte, durch die der Pastor vorhin das Kirchenschiff betreten hatte. Dann vergewisserte ich mich, da� keiner der Verfolger zu mir hersah, und raste wie von Furien gehetzt durch die T�r.</p><p>Oder durch das, was ich f�r eine T�r hielt.</p><p>Das Wasser einer breiten Gracht d�mpfte meinen Fall. Ich tauchte bis auf den schlammigen Grund, und wollte dann mit einigen Schwimmst��en wieder an die Oberfl�che. Doch meine Kleidung hatte sich mit Wasser vollgesogen. Sie hing wie ein schwerer Klotz an mir und hielt mich einfach unten fest.</p><p>Meine Lungen stachen vor Schmerz, und Sterne tanzten vor meinen Augen. Halberstickt m�hte ich mich, meinen Mantel und meinen �berrock abzustreifen, und stieg dann endlich mit kraftlosen Schwimmbewegungen wieder hoch.</p><p>Endlich kam ich mit dem Kopf �ber die Wasseroberfl�che und rang gierig nach Atem. Da beugte sich ein dunkler Schatten �ber das Ufer, packte mich am Genick und zog mich wie eine nasse Katze heraus.</p><p>Vor mir stand der Mann, dem ich in dem Elendsquartier mit knapper M�he entkommen war, und musterte mich mit einem diabolischen Grinsen. In der kurzen Zeit zwischen unserer letzten Begegnung und jetzt hatte er sich entsetzlich ver�ndert.</p><p>Er glich nun einer mumifizierten Wasserleiche. Ein leichtes, widerlich schwammiges Platschen begleitete seine Bewegungen, und von dem Gestank, der von ihm ausging, wurde mir beinahe �bel.</p><p>Seine H�nde schlossen sich um meine Oberarme, und er hob mich wie ein kleines Kind in die H�he. Mit einem heftigen Ruck prellte er mir den Stockdegen aus der Hand. Ich trat mit beiden Beinen zu, doch er sch�ttelte nur lachend den Kopf. Meine Gegenwehr schien ihn zu am�sieren.</p><p>�Deine Zeit ist um, Robert Craven. Mir ist noch nie jemand entkommen!� grinste er und verst�rkte seinen Griff. Seine Augen gl�hten vor Ha�. Verzweifelt versuchte ich mich aus seinen Pranken zu winden, doch ich h�tte ebensogut versuchen k�nnen, zolldicke Eisenfesseln aufzubrechen.</p><p>St�hnend gab ich meinen Widerstand auf und lie� meine Arme h�ngen. Dabei ber�hrte ich mit meiner Rechten die Hosentasche und f�hlte etwas Hartes unter meinen Fingern. Es war ein Taschenmesser, das Rowlf mir bei irgendeiner Gelegenheit geschenkt hatte und das ich seither mit mir herumtrug.</p><p>Wenn es mir gelang, diese Waffe zu ziehen, hatte ich vielleicht eine Chance. Zwar hielt der Unheimliche meine beiden Oberarme umklammert und schleppte mich wie eine Puppe mit sich, aber ich konnte zumindest meine Ellbogen frei bewegen und die rechte Hand in die Hosentasche zw�ngen. Beim dritten Zugreifen hatte ich das Messer in der Hand und versuchte es aufzuklappen.</p><p>Der erste Versuch mi�lang, doch dann brachte ich die Klinge ein St�ck aus dem Griff und stemmte den Daumen zwischen Schneide und Griff.</p><p>Um den Kerl zu t�uschen, stie� ich mit dem Kopf in sein Gesicht. Er geriet aus dem Gleichgewicht und lie� mich f�r einen Augenblick los. In dem Moment zuckte mein Messer hoch und bohrte sich in seine Wange.</p><p>Schmerz schien das Monstrum noch empfinden zu k�nnen, denn es heulte auf und drehte sich um seine eigene Achse. So schnell mich meine schmerzenden Beine trugen, stolperte ich zu der Stelle, an der mein Stockdegen lag, und nahm die Waffe aufatmend an mich.</p><p>Als ich wieder in das Gesicht des Unheimlichen blickte, erstarrte ich.</p><p>Die Wunde, die ich ihm zugef�gt hatte, war nicht mehr als ein l�cherlicher Schnitt, sicherlich schmerzhaft, aber ganz und gar ungef�hrlich. Aber sein K�rper begann sich aufzul�sen ...</p><p>Verwirrt prallte ich zur�ck, starrte das zerlaufende Gesicht des Unheimlichen an und blickte dann auf das Messer herab. Und pl�tzlich begriff ich. Die Klinge des Taschenmessers war aus Silber - einem Metall, dessen Ber�hrung auf ein untotes Wesen wie ihn t�dlich wirkte! Guter Rowlf.</p><p>Aber wenn er auch blind war, war mein Feind doch keineswegs ungef�hrlich. Sein K�rper begann zu zerfallen, als der unselige Zauber, der ihn �ber so lange Zeit auf widernat�rliche Weise am Leben gehalten hatte, erlosch, aber noch war er in der Lage, sich zu bewegen. Er schien jede Bewegung, die ich machte, im voraus zu ahnen, denn er war mit einem Schlag still und drehte lauernd seinen Kopf hin und her. Dann begann er pl�tzlich laut zu schn�ffeln und stampfte mit ausgebreiteten Armen auf mich zu.</p><p>Ich tauchte unter seinen zugreifenden Pranken hindurch und hoffte, da� er weitergehen und ins Wasser st�rzen w�rde.</p><p>Doch er blieb genau an der Uferkante stehen und sog pr�fend die Luft ein. Dann drehte er sich langsam herum.</p><p>Ich sprang ihn mit dem Mut der Verzweiflung an und traf ihn mit der Fu�spitze �ber dem Knie. Er verlor das Gleichgewicht und ruderte mit den Armen in der Luft.</p><p>Dann kippte er nach hinten und fiel r�cklings ins Wasser. Einen kurzen Moment lang konnte er sich noch an der Oberfl�che halten. Dann ging er unter und versank in der Tiefe.</p><p>Eine Sekunde sp�ter glomm unter der Wasseroberfl�che ein unheimliches, blaues Licht auf. Zuerst dachte ich, das Wasser w�rde brennen. Dann erkannte ich, da� das Licht von meinem Verfolger ausging. Er wurde immer heller, bis er nach wenigen Sekunden wie ein in der Tiefe der Gracht brennender Holzsto� aussah. Zwei Augenblicke sp�ter explodierte er mit einem dumpfen Knall.</p><empty-line/><p>Ich war so ersch�pft, da� ich nicht einmal Erleichterung �ber das Ende meines Verfolgers empfand. Meine H�fte schmerzte, als w�rde jemand mit einer gl�henden Stange hineinstechen, und meine Oberarme waren von dem Griff meines Verfolgers taub. Dazu pochte mein verletzter rechter Daumen wie verr�ckt. Ich wickelte mein Taschentuch darum, um die Blutung zu stillen, und las dann die Scheide meines Stockdegens auf.</p><p>Meine H�nde zitterten vor Schw�che, so da� ich kaum die Klinge in die Scheide einf�hren konnte. Danach war ich so ersch�pft, da� ich mich hinsetzen und verschnaufen mu�te.</p><p>Ich w�re am liebsten nicht mehr aufgestanden. Doch nach einigen Minuten wankte ich auf die Mauer zu und untersuchte sie. An einer Stelle war sie zwar nur f�nf Meter hoch, aber praktisch fugenlos glatt. In meinem desolaten Zustand war es mir unm�glich, an ihr hochzuklettern.</p><p>So blieb mir nichts anderes �brig, als die geheime T�r zu suchen, die mein Verfolger erw�hnt hatte. �Wenn es sie �berhaupt gibt und der Kerl dich nicht zum Narren gehalten hat�, fl�sterte mir ein Gedanke ein. Ich versuchte ihn zu ignorieren, aber nach einer halben Stunde erfolgloser Sucherei sah es so aus, als ob sich diese Bef�rchtung bewahrheiten w�rde. Ich hatte die Mauer von Ufer zu Ufer untersucht und nichts als glatten Stein gefunden.</p><p>Ich sank m�de und entt�uscht zu Boden und blieb auf dem R�cken liegen. Meine Rippen stachen, und meine Zunge lag mir wie ein angeschwollener Schlauch im Mund. Wenn ich nicht bald etwas zu trinken bekam, w�rde ich in kurzer Zeit nicht mehr weiter k�nnen. Auch meldete sich jetzt mein Magen und r�chte sich daf�r, da� ich am Morgen in meiner Eile auf das Fr�hst�ck verzichtet hatte.</p><p>Das Wasser der Gracht schlug mit sanftem Klatschen gegen das Ufer, und ich konnte diesem Ruf nicht widerstehen. So rasch mich meine Beine trugen, eilte ich hin und tauchte beide H�nde ins Wasser. Der Gestank, der dem Wasser entstr�mte, lie� die �belkeit wieder in mir hochsteigen. Ich w�rgte, k�mpfte erfolglos gegen den Brechreiz an und �bergab mich.</p><p>Schlie�lich kam ich wieder so weit zu mir, da� ich mich auf die Beine qu�len und zur Mauer zur�ckgehen konnte.</p><p>Doch ich hatte keine Hoffnung mehr, die geheime T�r noch zu finden. Meine Knie wurden weich; ich knickte ein und st�tzte mich mit einer Hand an der Mauer ab. Das hei�t, ich wollte es tun. Ich sp�rte keinen Widerstand, sondern versank mit der Hand in der Mauer. Als ich meine Verbl�ffung endlich �berwunden hatte, ertasteten meine Finger einen verborgenen Hebel, ergriffen ihn und legten ihn um.</p><p>Ein mannshohes St�ck Mauer verschwand so spurlos, als h�tte es sich in Luft aufgel�st. Helles Licht schien durch die �ffnung und blendete mich. Ich achtete nicht darauf, sondern taumelte innerlich aufatmend durch die T�r. Dann gew�hnten sich meine Augen an das Licht - und ich hielt unwillk�rlich den Atem an.</p><p>Ich stand am Eingang eines langen Saales, der sich in unz�hligen Abteilungen so weit erstreckte, wie ich schauen konnte. Das Licht stammte von Zigtausenden von Kerzen, die auf �bermannshohen Kerzenst�ndern aus massivem Silber brannten, oder auf bemalten Porzellanl�stern, die an der mit reichem Stuck verzierten Decke hingen.</p><p>Die W�nde des Saales waren mit kitschigen Gem�lden geschm�ckt, die irgendwelche Schlachten der Weltgeschichte darstellten. Dazu gab es noch gro�e Gobelins mit h�fischen Jagdszenen und Bildern aus den antiken Mythen sowie Marmorbr�sten franz�sischer K�nige.</p><p>Erst allm�hlich erkannte ich, da� sich die Bilder in jeder der scheinbaren Abteilungen des Saales wiederholten und begriff, da� ich ein Opfer meiner �berreizten Sinne geworden war. F�r die scheinbare Unendlichkeit des Saales sorgten zwei riesige Wandspiegel, die sich genau gegen�berstanden und sich auf diese Weise tausendfach widerspiegelten. Es war der gleiche Trick, der im Spiegelsaal von Versailles f�r den Effekt der Unendlichkeit des Raumes sorgte.</p><p>Da auch die Tische und St�hle �ber und �ber mit Bourbonen-lilien bestickt waren, h�tte ich durchaus in Versailles sein k�nnen. Aber ich wu�te genau, da� ich mich in der Van Dengsterstraat von Amsterdam befand. Au�erdem glaubte ich gewisse Unterschiede zum Versailler Spiegelsaal zu sehen und sch�tzte, da� ich mich in einer Kopie dieses Saales befand, den sich irgendein abendl�ndischer Potentat in Amsterdam hatte erbauen lassen.</p><p>Ich ri� mich von dem Anblick los und entdeckte auf einem kleinen Tischchen ein Silbertablett, auf dem eine volle Kristallkaraffe und ein leeres Glas standen.</p><p>M�de, wie ich war, holte ich mir einen Stuhl und ergriff die Karaffe. Sie schien mit genau der Sorte erstklassigen Burgunders gef�llt zu sein, den ich am liebsten trank. Zuerst war ich verbl�fft und schaute mich suchend um. Da ich aber nur mein eigenes Spiegelbild sehen konnte, beruhigte ich mich wieder und f�llte das Glas bis zum Rand.</p><p>Dann lehnte ich mich gem�tlich zur�ck und trank mit Genu� den ersten Schluck.</p><p>�Du mu�t ja ein verdammt harter Bursche sein, Craven�, sagte eine Stimme hinter mir.</p><p>Ich verschluckte mich vor Schrecken, lie� das Glas fallen - und erstarrte mitten in der Bewegung, als ich den Druck einer Messerklinge am Nacken sp�rte. Langsam, um den Mann hinter mir nicht durch eine unbedachte Bewegung zu provozieren, wandte ich mich um. Ich war nicht einmal sonderlich �berrascht, in die Gesichter der beiden �briggebliebenen Verfolger zu sehen.</p><p>�Du mu�t wirklich etwas ganz Au�ergew�hnliches sein�, sagte der, der mir das Messer nun gegen die Kehle dr�ckte, noch einmal, �wenn du sogar mit Croff fertig geworden bist. Aber denk jetzt bitte nicht, du h�ttest das Gl�ck gepachtet.� Er l�chelte kalt und drehte mir die Arme auf den R�cken.</p><p>Die beiden machten sich wenig Umst�nde mit mir. Unsanft rissen sie mich vollends vom Stuhl hoch, fesselten mich und stie�en mich in eine Ecke.</p><p>Der, den der andere Yaccur genannt hatte, holte sich einen zweiten Stuhl und setzte sich mit dem Gesicht zur Lehne darauf. Sein Kumpel schenkte den Burgunder in zwei Gl�ser und reichte Yaccur eines davon.</p><p>Ich zerrte w�tend an meinen Fesseln, doch der einzige Erfolg war, da� die Stricke in meine Handgelenke einschnitten. Schlie�lich gab ich es auf und fragte: �Was habt ihr mit mir vor?�</p><p>�Ich mu� schon sagen, du bist verdammt neugierig, Craven! Warte doch ab, dann wirst du schon erleben, was das Labyrinth aus dir macht!� kicherte Yaccur. �Du wirst es sehen. Nur keine Ungeduld.�</p><p>Als die Karaffe leer war, trat Yaccur zu mir her und beugte sich �ber mich. �Komm, Sidos, hilf mir, den Kerl rauszubringen�, rief er seinem Spie�gesellen zu. Doch dieser winkte nur ab.</p><p>�Ach komm, Yaccur, warum sollen wir Craven von hier fortschleppen? Es ist doch weitaus besser, wenn wir hier warten, bis der Meister kommt!�</p><p>�Aber wir m�ssen ihn doch ins Zentrum bringen�, brummte der andere widerstrebend.</p><p>�Bist du so bl�d, oder willst du es blo� nicht begreifen? Dieser Kerl ist kein so harmloser Spinner wie die anderen Idioten, die bis zum Stehkragen voll von magischen Kr�ften waren und dann vor Angst vor unseren Keulen in die Hosen machten. Der hier hat immerhin Croff umgelegt! Ich bin froh, da� wir ihn endlich erwischt haben, und habe keine Lust, auch nur das Geringste zu riskieren, bevor der Meister hier ist.�</p><p>�Du bist ein Feigling, Sidos. Auf meine Knoten ist Verla�!�</p><p>�Willst du etwa damit sagen, da� ich schlechtere Knoten binde als du?� fuhr Sidos auf und stemmte sich von dem Stuhl hoch. Yaccur warf einen ver�chtlichen Blick auf die geballten F�uste seines Kumpans und lie� mich wie eine Strohgarbe zur�ck auf den Boden fallen. Dann grinste er Sidos anz�glich an: �Ich habe gedacht, du willst nichts riskieren? Warum bist du dann so scharf auf Pr�gel?�</p><p>Ich mu� gestehen, ich hatte in dem Augenblick wirklich gehofft, da� sich die beiden Kerle gegenseitig an die Kehle gehen w�rden. Aber meine Hoffnung wurde nicht erf�llt. Mit einem Mal verzerrte sich Sidos� Gesicht zu einer schmerzhaften Grimasse, und die erhobenen F�uste sanken wie von einer unsichtbaren Kraft gezwungen nieder. Er zischte Yaccur einen gemeinen Fluch zu und lie� sich auf einen Stuhl fallen.</p><p>Auch Yaccur wirkte mit einem Male stiller; fast �ngstlich - ein Verhalten, f�r das ich im ersten Moment keine Erkl�rung fand. Er warf sich in einen Sessel, ballte die F�uste und begn�gte sich damit, abwechselnd mir und seinem Kumpan bitterb�se Blicke zuzuwerfen.</p><p>Dann stand er, noch immer wortlos, auf, kam zu mir her�ber - und versetzte mir einen Faustschlag, der mir auf der Stelle das Bewu�tsein raubte.</p><p>Das Klirren einer Kette weckte mich. Mein Sch�del dr�hnte, als h�tte ihn ein b�ser Geist als Trommel mi�braucht.</p><p>Ich wollte mich auf die andere Seite w�lzen. Da klirrte die Kette erneut, und ich wurde von einer eisigen Hand zur�ckgerissen. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, da� es sich um keine Hand handelte, sondern um einen Eisenring, der eng um meine Taille lag. Das Klirren kam von zwei Ketten, mit denen der Ring am Boden befestigt war.</p><p>Dann merkte ich, da� auch meine Arme mit Ketten an den Boden gefesselt waren und ich nur noch die Beine bewegen konnte.</p><p>�Waidmannsheil, Robert Craven! Der Hirsch ist zwar noch nicht tot, aber gestellt. Die Jagd ist vorbei. Endlich, denn es hat eh viel zu lange gedauert. Das Labyrinth ist schon ungeduldig geworden!�</p><p>Ich schlo� die Augen, um Rattengesichts Visage nicht sehen zu m�ssen. Aus und vorbei, h�mmerten meine Gedanken. Ich f�hlte weder Verzweiflung noch Angst. Daf�r machte sich eine gro�e M�digkeit in mir breit. Mir war in diesem Augenblick egal, was aus mir werden w�rde. Nur schnell sollte es gehen.</p><p>�Eigentlich schade, da� ein so m�chtiger Magier wie Sie ein so unr�hmliches Ende nimmt. Sie k�nnten mir sicher viel erz�hlen�, sagte er kichernd. �Wissen Sie was? Wenn das Labyrinth mit Ihnen fertig ist, werde ich Sie zu meinem dritten W�chter machen. Sie haben Croff umgebracht. Also werden Sie ihn ersetzen. Das ist doch logisch, oder?�</p><p>Ich achtete nicht auf sein Gefasel, sondern sah mich um, soweit es meine Fesseln zulie�en. Ich war nicht mehr in dem Raum, in dem mich die beiden Burschen �berw�ltigt hatten, sondern befand mich in einer gewaltigen Halle. Sie war leer bis auf ein riesiges, monstr�ses Etwas, einen Altar, der fast die Form eines gewaltigen Totensch�dels hatte.</p><p>Die Augenh�hlen str�mten eine d�monische Kraft aus, die sogar Decke und W�nde erschaudern lie�, und die irgendwie anders war als die Kraft der GROSSEN ALTEN. Der Mund wurde immer gr��er, bis er den Kopf wie ein gezackter Ri� in halber H�he waagerecht spaltete. Einen Moment betrachtete der Sch�del aus seinen gl�henden Augen die Umwelt, dann sog er zum ersten Mal den Atem ein.</p><p>Es klang wie das Br�llen und R�hren von tausend B�ffeln. Rattengesicht drehte sich erschrocken um und starrte entsetzt auf das Ding. In seiner Erregung machte er mich f�r die Verwandlung verantwortlich.</p><p>�Ihre magischen Tricks k�nnen Ihnen doch nicht mehr helfen, Craven�, fuhr er mich an und schrieb mit der Hand eine Abwehrrune in die Luft. Doch das Ding dachte nicht daran, sich diesem Zauber zu beugen. Im Gegenteil. Es wuchs bis zur Decke hoch und dr�ngte ihn dabei auf mich zu.</p><p>Im Bruchteil eines Augenblicks erkannte ich meine Chance und zog die Beine an den Leib. Mit aller Kraft schnellte ich sie wieder von mir und gab Rattengesicht einen Sto�, der ihn mitten in das riesige, rote Maul hineinschleuderte.</p><p>Sein Schrei gellte durch die Halle, steigerte sich zu einem schrillen Heulen und erlosch schlagartig. Sidos und Yaccur, die sich im Hintergrund gehalten hatten, st�rzten br�llend auf mich zu. Doch sie erreichten mich nicht. Das Tor explodierte f�rmlich und packte die Diener des Labyrinths. Einen kurzen Moment lang schwebten sie in der Luft, dann verschwanden auch sie im uners�ttlichen Maul des Riesensch�dels.</p><p>Das Tor erreichte die R�ckwand der Halle und sprengte sie auf. Ziegel und zerborstene Balken regneten herab und wurden von dem gierigen Maul verschluckt.</p><p>Ich schrie mit, um mein eigenes Entsetzen zu bet�uben. Das zu einer riesigen D�monenfratze verwandelte Tor war bis auf Arml�nge an mich herangekommen.</p><p>Schon sp�rte ich seinen hei�en Atem �ber mich streichen. Ich sah mich schon in seinen Schlund verschwinden und wu�te ganz deutlich, da� es diesmal kein zweites Tor geben w�rde, durch das ich die Zwischenwelt wieder verlassen konnte. Das Ding, das aus dem Tor der GROSSEN ALTEN entstanden war, dieser brennende Teufelssch�del, war mehr als ein geistloses Werkzeug. Es war ein Monstrum, eine grauenhafte Perversion alles Lebenden. Es fra� alles, was es erreichen konnte. Sein Opfer war das Labyrinth selbst, und alles, was sich darin aufhielt. Unter anderem ich.</p><p>Steine und Balken l�sten sich aus der Decke und prasselten auf meinen Stockdegen nieder, der neben dem Portal lag. Ich zerrte verzweifelt an meinen Ketten, und - zerbrach sie mit einem Ruck. Verwirrt starrte ich auf das spr�de, zerfallende Metall, das ich in meinen Fingern hielt, schleuderte es dann in das Maul und sprang auf die F��e. Im gleichen Moment gl�hte der Shoggotenstern meines Degenknaufes unter den Tr�mmern auf, so als h�tte er auf mich gewartet. Ich ri� die Waffe an mich und taumelte ins Freie.</p><p>Hinter mir zerfiel die Halle zu Staub, und ein gro�er Teil des Labyrinths verschwand auf Nimmerwiedersehen im Tor. Doch dieser Happen regte den Appetit des Sch�dels nur noch mehr an. Er saugte alles, was sich in seinem Bereich befand, in sich hinein. Selbst die Marmorplatten konnten ihm nicht widerstehen. Sie brachen krachend aus dem Boden und flogen dicht an mir vorbei in das Riesenmaul.</p><p>Ich rannte, so schnell mich meine schmerzenden Knochen trugen, und fragte mich, wie lange es wohl dauern w�rde, bis mich eine zusammenbrechende Wand oder ein herabst�rzender Stein umbrachte - oder die Hitze des flammenden Sch�dels, der sich in die Substanz des Labyrinths hineinfra�. Ich versuchte erst gar nicht zu verstehen, was da um mich herum vorging. Zum Nachdenken war sp�ter noch Zeit. Wenn ich dann noch lebte ...</p><p>Kurze Zeit sp�ter erreichte ich die Mauer, entdeckte eine Pforte und rannte darauf zu. Mit fliegenden H�nden schob ich den Riegel zur�ck und wollte die T�r aufsto�en. Doch sie war in den Angeln festgerostet. Verzweifelt warf ich mich dagegen und r�ttelte an ihren Gitterst�ben, bis mir die Handfl�chen aufplatzten und Blut in meine �rmel rann.</p><p>Da packte eine lange Feuerzunge nach mir, erwischte aber nur die Pforte und ri� sie buchst�blich in St�cke. Ich zw�ngte mich hastig durch die �ffnung und st�rmte auf die Stra�e hinaus.</p><p>Oder das, was ich f�r eine Stra�e gehalten hatte.</p><p>Ich wu�te nicht, <emphasis>was </emphasis>geschah: die Welt schien vor meinen Augen zu einem Vorhang aus wirbelndem Grau und auf und ab tanzenden Schleiern zu zerschmelzen: ich sah Umrisse, Gesichter, Visionen, eine Stimme: �Jetzt! Holt ihn heraus!�</p><p>Und dann das Kreuz.</p><p>Das Bild war ganz deutlich: ein flammendes, gleichschenkeliges Balkenkreuz in blutigem Rot, das wie ein Fanal durch das Chaos der zerberstenden Wirklichkeit auf mich herabstie�.</p><p>Ich schrie, ri� die H�nde �ber den Kopf und versuchte zur Seite zu springen. Aber meine Reaktion kam zu sp�t.</p><p>Pl�tzlich waren die tobenden Schatten verschwunden, und die Welt versank im grellen Rot des Kreuzes ...</p><empty-line/><p>Das n�chste, was ich bewu�t wahrnahm, waren Stimmen. Die Stimmen von vier, f�nf, vielleicht mehr Menschen, die sich ged�mpft miteinander unterhielten, dazu all die anderen, einzeln kaum erkennbaren Laute, die mir verrieten, da� ich nicht allein und zumindest in einem halb realen Teil der Welt war, einer Welt, in der es wieder lebende Menschen und richtige, massive H�user gab, H�user aus Stein und Holz, die nicht versuchten, einen aufzufressen.</p><p>Ich blinzelte, hob rasch die Hand vor die Augen und verbi� mir im letzten Moment ein St�hnen, als das grelle Licht einer Gaslampe wie eine d�nne Nadel in meine Augen stach.</p><p>Eine Hand ber�hrte mich an der Stirn, blieb einen Moment darauf liegen, wie um meine Temperatur zu �berpr�fen, und zog sich zur�ck.</p><p>�Bewegen Sie sich nicht, Mister Craven�, sagte eine Stimme. �Die Schmerzen und das Schwindelgef�hl werden bald vergehen. Aber Sie m�ssen Geduld haben. Und keine Angst mehr. Sie sind in Sicherheit. Bei Freunden.�</p><p>Etwas an der Art, in der er das Wort <emphasis>Freunde </emphasis>aussprach, mischte sich wie ein unangenehmer Geschmack in den freundlichen Klang seiner Stimme.</p><p>M�hsam hob ich erneut die Lider. Im ersten Moment war das Licht so grell, da� ich nichts au�er Schatten mit verschwommenen R�ndern und leeren Fl�chen erkannte, wo die Gesichter sein sollten. Dann gew�hnten sich meine Augen an die glei�ende Helligkeit.</p><p>Ich lag auf dem R�cken in einem breiten, sauber bezogenen Bett. Um mich herum stand eine Anzahl M�nner - vier oder f�nf, die ich erkennen konnte, ohne den Kopf zu wenden, auf der anderen Seite des Bettes weitere, deren Stimmen ich h�rte.</p><p>�Das Labyrinth�, murmelte ich. �Der ...� Ich brach ab, verwirrt und verst�rt, versuchte den Kopf zu bewegen und zahlte daf�r mit einem raschen, dumpfen Schmerz, der wie eine stumpfe Nadel durch meinen Sch�del stach.</p><p>Einer der Fremden beugte sich �ber mich, sah mich einen Moment ernst an und l�chelte dann. �Erschrecken Sie nicht�, sagte er. �Sie haben nichts zu bef�rchten. Wir werden Ihnen alles erkl�ren.�</p><p>Aber ich h�rte seine Worte kaum.</p><p>Mein Blick hatte sich weiter gekl�rt, und ich erkannte die M�nner jetzt deutlicher denn als verschwommene Schatten.</p><p>Es waren M�nner unterschiedlichen Alters, aber eines hatten sie alle gemeinsam.</p><p>Ihre Kleider.</p><p>Es waren sehr sonderbare Kleider. Schwarze, in wadenhohen, weichen Lederstiefeln steckende Wollhosen, dar�ber ein weites wollenes Gewand von blendendwei�er Farbe. Darunter schien Metall zu schimmern, als tr�gen sie Kettenhemden.</p><p>Aber was mich am meisten faszinierte - und gleichzeitig einen ersten, noch beinahe sanften Hauch von Furcht in mir erweckte, ein Gef�hl, das st�rker und st�rker wurde - war das blutigrote, gleichschenklige Kreuz, das auf den Brustteilen ihrer Kleider prangte.</p><p>Ich hatte Kleider wie diese schon einmal gesehen. Nicht wirklich, nicht an einem Menschen, sondern auf einer Abbildung in einem Buch.</p><p>Es waren nicht irgendwelche Kleider.</p><p>Es war eine Uniform.</p><p>Die Uniform der Tempelherren. Der M�nner, die Howard Lovecraft den Tod geschworen hatten ...</p><p>�ber den D�chern von Amsterdam ging die Sonne auf. Die D�mmerung hing noch wie ein Hauch d�nnen, rauchigen Nebels in der Luft und verwischte die Konturen der H�user und Stra�enschluchten, aber das Licht der roten Morgensonne war schon jetzt kr�ftig genug, die Nacht zu durchdringen und aufzul�sen. Selbst hier drinnen, hinter den geschlossenen Doppelscheiben des Fensters, glaubte ich die W�rme ihrer Strahlen wie ein sanftes Streicheln auf der Haut zu sp�ren.</p><p>Es w�rde ein sch�ner Tag werden. Die wenigen Wolken, die sich an den Morgenhimmel dieses Julitages verirrt hatten, waren klein und wei�, und das Wasser der Grachten tief unter mir gl�nzte wie geschmolzenes Gold. Die wenigen K�hne, die darauf fuhren, wirkten wie Spielzeugschiffchen, aus der H�he meines in der vierten Etage gelegenen Zimmers betrachtet.</p><p>Ja - es w�rde ein sch�ner Tag werden, nicht nur f�r Amsterdam. Nach dem ungew�hnlich harten und langen Winter, mit dem das Jahr begonnen hatte, brach der Sommer nun mit doppelter Macht herein, als wolle er gutmachen, was sein kalter Bruder den Menschen zugef�gt hatte.</p><p>Und trotzdem sp�rte ich in mir nichts als K�lte. K�lte und ein Gef�hl der Leere, das auf schwer in Worte zu fassende Weise weh tat.</p><p>Mein Blick l�ste sich von dem tr�gerisch ruhigen Bild, das das erwachende Amsterdam bot, und saugte sich am �stlichen Horizont fest. Nat�rlich war es Einbildung, dessen war ich mir vollends bewu�t, aber f�r einen Moment meinte ich, einen dunklen, pulsierenden Fleck in der Masse der H�user zu erkennen, ein h�llischer schwarzer Pfuhl, der wie das aufgerissene Maul eines steinernen Ungeheuers zuckte und bebte ...</p><p>Mit einem Ruck wandte ich mich vom Fenster ab, pre�te die Lider zusammen und zwang mich, an etwas anderes zu denken. Das Bild war nicht real. Es existierte nicht wirklich. Das m�chtige Patrizierhaus, in dem ich mich aufhielt, befand sich nahezu am anderen Ende Amsterdams; Meilen um Meilen von der Van Dengsterstraat und dem menschenmordenden Moloch entfernt.</p><p>Und trotzdem kostete es mich unglaubliche M�he, es zu vertreiben. Es war nicht dieses Bild, das mich �ngstigte. Es war das <emphasis>Wissen, </emphasis>aus dem es geboren wurde.</p><p>Ich trat vom Fenster zur�ck, ging unschl�ssig zwei- oder dreimal durch das kleine, behaglich eingerichtete Zimmer und lie� mich schlie�lich langsam auf die Bettkante sinken. Ich war nicht m�de, sondern im Gegenteil von einer kribbelnden, unangenehmen Energie erf�llt; jenem sonderbaren Tatendurst, der manchmal willk�rlich und ziellos auftritt und es einem unm�glich macht, still zu sitzen und nichts zu tun.</p><p>Aber das einzige, was ich im Moment tun konnte, war eben <emphasis>nichts.</emphasis></p><p>Seit nahezu sechsunddrei�ig Stunden war ich jetzt ein Gefangener dieses Zimmers. Nicht, da� ich Grund zur Beschwerde gehabt h�tte - der Raum war wesentlich behaglicher und komfortabler eingerichtet als das Hotelzimmer, in dem ich meine ersten N�chte in dieser Stadt verbracht hatte, das Essen, das dreimal am Tag von einem muskelbepackten und offenbar mit Taubstummheit geschlagenen Lakaien gebracht wurde, vorz�glich, und das Regal neben der T�r bot eine exorbitante Auswahl kurzweiliger B�cher (mit dem kleinen Sch�nheitsfehler, da� sie in Holl�ndisch abgefa�t waren). Aber die T�r hatte eben an der Innenseite keine Klinke, und der Diener, der auf jedes Klingeln in Sekunden erschien, hatte eine Statur, die selbst Rowlf davon abgehalten h�tte, ihn angreifen und �berw�ltigen zu wollen.</p><p>Es <emphasis>war </emphasis>ein Gef�ngnis, wenn auch ein komfortables.</p><p>Die ersten drei�ig der besagten sechsunddrei�ig Stunden hatte ich vorwiegend damit verbracht, zu schlafen.</p><p>Zwei weitere Stunden lang war ich zuerst w�tend, dann ausfallend und schlie�lich hysterisch geworden und hatte mich als kr�nender Abschlu� in einer Art Amoklauf immer wieder gegen die T�r geworfen und mich damit vollends l�cherlich gemacht.</p><p>Und w�hrend der restlichen vier Stunden hatte ich gewartet. Ger Looskamp - von dem Dutzend M�nner, die mich aus dem wildgewordenen Labyrinth gerettet hatten, war er der einzige, dessen Namen ich �berhaupt kannte! - hatte mir versprochen, mich in alles einzuweihen, sobald die Zeit dazu reif war. Nur <emphasis>wann </emphasis>dieser Zeitpunkt sein w�rde, wu�te ich nicht.</p><p>Es gab in diesem Zimmer keine Uhr, und mein Taschenchronometer hatte die Attacken des Labyrinths nicht halb so gut �berstanden wie ich, so da� ich die Zeit nur sch�tzen konnte. Aber wenn jetzt die Sonne aufging, dann mu�te ich gegen zwei oder drei Uhr nachts aufgewacht sein - eine Zeit, zu der ich normalerweise zu Bett zu gehen pflegte. Meine Ungeduld hatte mittlerweile ein Ausma� erreicht, das mich schon ernsthaft mit den Gedanken an eingeschlagene Scheiben und verwegene Spr�nge aus dem vierten Stockwerk spielen lie�.</p><p>Aber dazu war immer noch Zeit.</p><p>Ich war vielleicht eine weitere halbe Stunde unruhig im Zimmer auf und ab gegangen, als drau�en auf dem Korridor Schritte laut wurden und ich Stimmen vernahm. Sekunden sp�ter klopfte es an meine T�r, und auf mein gemurmeltes �Bitte!� hin klirrte der Riegel, und der vierschr�tige Lakai blickte durch einen Spalt zu mir herein.</p><p>�Mijnheer Mister Craven? Der Meister m�chte Ihnen jetzt schaun, wenn Du sich ruhiggeschlafen gen�gend vorkommst.�</p><p>Gegen meinen Willen stahl sich ein fl�chtiges Grinsen auf meine Lippen. Der Riesenkerl sprach das Englische fast ohne Akzent, aber mit dem orthographischen Feingef�hl einer Dampframme. Ich nickte und folgte ohne ein weiteres Wort seiner einladenden Geste. Looskamp hatte neue Kleider neben meinem Bett bereitlegen lassen, aber ich glaubte kaum, da� ich Hut und Mantel jetzt brauchte.</p><p>Vielleicht w�rde ich sie �berhaupt nie wieder brauchen.</p><p>Der Diener schlo� pedantisch die T�r hinter mir, wiederholte seine auffordernde Handbewegung und ging vor mir den Korridor entlang.</p><p>Trotz meiner Erleichterung, endlich aus dem Zimmer heraus zu sein, machte sich ein nagendes Gef�hl der Beunruhigung in mir breit, w�hrend ich dicht hinter dem breitschultrigen Riesen die schmalen, f�r meine an englische Verh�ltnisse gewohnten Sinne �beraus steile Treppe hinabstieg.</p><p>Die freundliche Behandlung, die mir bisher zuteil geworden war, mochte durchaus t�uschen. Vielleicht war es die gleiche Art von Zuvorkommenheit, die man einem zum Tode Verurteilten zuteil werden lie�, in seiner letzten Nacht. Looskamp und seine Br�der waren Tempelherren, und wenn ich von Necron und seinen Mordbuben absah, dann stand dieser Orden ziemlich einsam an der Spitze meiner Feinde.</p><p>Meiner <emphasis>menschlichen </emphasis>Feinde.</p><p>Wir erreichten das Erdgescho�. Mein F�hrer gebot mir mit einer Geste, zur�ckzubleiben, und klopfte an eine gewaltige, zweifl�gelige T�r, die genau gegen�ber des Einganges tiefer in das Geb�ude hineinf�hrte. Einen Moment lang musterte ich die Eingangspforte beinahe sehns�chtig - sie sah recht stabil aus, aber es gab in jedem Fl�gel ein gro�es, buntbemaltes Fenster aus Bleiglas und ohne irgendwelche Gitter oder sonstigen Zierrat. Ich traute mir durchaus zu, mit einem beherzten Sprung das Glas durchbrechen zu k�nnen.</p><p>Aber ich verwarf den Gedanken beinahe ebenso rasch wieder, wie er mir gekommen war. Die scheinbare Sorglosigkeit, mit der mich mein �Diener� stehengelassen hatte, bewies mir, wie sicher er meiner war.</p><p>Mit einem lautlosen Seufzer wandte ich mich wieder um, trat neben ihn und wartete, bis er die T�r ge�ffnet hatte.</p><p>Dahinter lag ein gro�er, �berraschend heller Raum; etwas, das wie eine gelungene Mischung aus Bibliothek, Arbeitszimmer und Salon aussah. An den W�nden wechselten sich B�cherborde mit Bildern, antiken Waffen und kleinen, aus edlen H�lzern gefertigten Schr�nkchen ab, und vor dem m�chtigen Kamin, in dem trotz der Jahreszeit ein m�chtiges Feuer loderte, thronte ein Monstrum von Tisch, wie ich noch keines gesehen hatte.</p><p>Der Mann hinter diesem Tisch wirkte verloren angesichts der Unmenge von Pergamentrollen, Karten und B�chern, mit der die Platte �berladen war. Und gleichzeitig ... es fiel mir schwer, das richtige Wort zu finden ... w�rdevoll. Sein grau gewordenes, streng zur�ckgek�mmtes Haar gab dem faltigen Gesicht darunter etwas Weises, und die eingesunkenen Augen, vom Alter l�ngst tr�b geworden, musterten mich mit einer sonderbaren Mischung aus sanfter Neugier und K�lte. Er war alt, dieser Mann. Uralt.</p><p>�Mister Craven!�</p><p>Der Klang der Stimme lie� mich zusammenzucken. Sie war <emphasis>hinter </emphasis>mir erklungen! Erschrocken fuhr ich herum.</p><p>Looskamps Lippen verzogen sich zu einem verzeihenden L�cheln. Er hatte neben der T�r gestanden, wohl nicht aus Zufall in einem Winkel, in dem ich ihn nicht sofort sehen konnte. �berhaupt hatte ich pl�tzlich das bestimmte Gef�hl, da� der Eindruck, den der wei�haarige Alte auf mich gemacht hatte, genau berechnet gewesen war.</p><p>�Ich hoffe, Sie haben sich gut erholt�, sagte Looskamp, als ich auch nach endlosen Sekunden noch keinen Laut von mir gab.</p><p>�Das ... Zimmer ist sehr komfortabel, danke�, sagte ich. �Nur fehlt die Klinke an der T�r. Sie sollten einen Schlosser kommen lassen.�</p><p>Looskamp lachte. Er l�ste sich mit einer Bewegung, die seine schwerf�llig Erscheinung L�gen strafte, von seinem Platz an der T�r und ging an mir vorbei auf den Tisch zu, hinter dem der Alte sa�. Ich folgte ihm unaufgefordert, blieb zwei Schritte davor stehen und blickte abwechselnd zu Looskamp und dem Alten.</p><p>Wie der schwarzhaarige Flame trug auch der Greis das wei�e, mit einem blutroten Kreuz bestickte Zeremonienhemd der Tempelherren. Der einzige Unterschied war, da� das Kreuz auf seiner Brust nicht gleichschenkelig war, sondern dem glich, das man in Kirchen und auf Bibeln zu sehen pflegt. Er mu�te sehr weit oben in der Hierarchie der Templer stehen. Wenn mich meine Erinnerung nicht trog, trugen <emphasis>dieses </emphasis>Kreuz nur wenige, m�chtige Mitglieder des Zirkels.</p><p>�Mister Craven�, sagte Looskamp mit einer Geste auf den Alten, �darf ich Ihnen Jean Balestrano vorstellen? Er hat sich sehr auf das Treffen gefreut.� Er l�chelte fl�chtig. �Man kann sagen, da� Ihr Name mittlerweile auch in den h�chsten R�ngen unseres Ordens einen gewissen Ruf genie�t.�</p><p>�Balestrano?� Der Name kam mir bekannt vor, irgendwie auf unangenehme Weise, aber ich vermochte ihn nicht einzuordnen.</p><p><emphasis>�Bruder </emphasis>Balestrano�, sagte Looskamp mit eigenartiger, fast lauernder Betonung, und als ich ihn ansah, gewahrte ich ein sonderbares Flackern in seinen Augen. Was war das? Ehrfurcht?</p><p>�Das ... sagt mir leider nichts�, antwortete ich vorsichtig.</p><p>�Sag es ihm, Bruder Ger�, sagte der Alte. Seine Stimme klang �berraschend klar. Kr�ftig und fest wie die eines jungen Mannes. �Jetzt ist nicht der Moment f�r ein geheimnisvolles Gehabe.�</p><p>Looskamp z�gerte noch einen Moment, dann zuckte er die Achseln und sagte: �Bruder Balestrano, Robert Craven, ist der Gro�meister unseres Ordens.�</p><p>Obwohl ich halbwegs darauf vorbereitet gewesen war, trafen mich seine Worte wie eine Ohrfeige.</p><p>�Der ... Gro�meister?� keuchte ich. �Sie sind ...�</p><p>�Der Mann, den zu treffen Bruder Howard jetzt in Paris ist�, unterbrach mich der Alte. �Sie sehen, Mister Craven, es gibt nicht viel, wor�ber ich nicht informiert w�re.�</p><p>Ich wollte auffahren, aber er schnitt mir mit einer herrischen Geste das Wort ab und fuhr mit einer Stimme, die jeden Gedanken an Widerspruch gleich im Keime erstickte, fort: �Ich wei� nicht, was Bruder Howard Ihnen �ber mich erz�hlt hat. Aber was immer es war, ich bitte Sie, es f�r zehn Minuten zu vergessen und mich anzuh�ren.�</p><p>�Er hat nicht viel erz�hlt�, sagte ich kalt, hin und her gerissen zwischen <emphasis>Zorn, </emphasis>�berraschung und ganz einfacher, banaler Wut. Das also war der Mann, der Howard zehn Jahre lang wie ein Tier rund um die Welt hatte hetzen lassen! Auf seinen Befehl hin waren zahllose M�rderkommandos ausgeschw�rmt, um sein sogenanntes <emphasis>Todesurteil </emphasis>auszuf�hren.</p><p>Er hatte Howard bisher nicht erwischt, aber zahllose Unschuldige waren allein bei dem Versuch, den Mordbefehl auszuf�hren, ums Leben gekommen. �Nur, da� Sie ihn umbringen lassen wollen�, f�gte ich hinzu. Meine Stimme bebte.</p><p>Balestrano machte eine wegwerfende Geste. �Ich sagte bereits - jetzt ist nicht die Zeit, dar�ber zu streiten, Mister Craven�, sagte er. �Was Bruder Howard getan hat, geht nur mich und den Orden etwas an, und ich werde nicht dar�ber diskutieren. Auch nicht mit Ihnen!�</p><p>�Was wollen Sie dann?� schnappte ich.</p><p>Balestranos uralte, wissende Augen glitzerten. �Sie sind uns etwas schuldig, Mister Craven�, sagte er.</p><p>�So?� Ich versuchte, meiner Stimme einen m�glichst abf�lligen Klang zu verleihen. �Bin ich das?�</p><p>Balstrano nickte. �Ihr Leben, Craven. Ohne das rechtzeitige Eingreifen Bruder Looskamps und seiner Ritter w�ren Sie schon vor Tagesfrist gestorben.�</p><p>�Das war wohl eher Zufall�, begann ich, wurde aber sofort wieder unterbrochen, diesmal von Looskamp.</p><p>�Nein, Craven, das war es nicht�, sagte er ernst. Er l�chelte, wartete, bis ich aufgeh�rt hatte, ihn anzustarren, und den Unterkiefer wieder nach oben klappte, und deutete auf einen freien Stuhl.</p><p>Ich folgte der Einladung, und auch Looskamp zog sich eine Sitzgelegenheit heran und lie� sich darauf nieder. Er sah sonderbar aus in seinem mittelalterlichen Ritterkost�m, ein m�chtiges, zweischneidiges Schwert an der Seite und die �rmel des Kettenhemdes unordentlich nach oben geschoben, so da� seine muskul�sen Unterarme sichtbar wurden.</p><p>�Sehen Sie, Craven�, begann er schlie�lich, �als wir Sie aus dem Labyrinth holten, war das alles andere als Zufall. Denken Sie nicht, da� es leicht war - ein Dutzend der Begabtesten von uns waren n�tig, die d�monischen Kr�fte dieses H�llenwesens zu brechen. Wir haben uns alle in Gefahr begeben, denn h�tte das Labyrinth unser Eingreifen vor der Zeit bemerkt, so h�tte es zweifellos versucht, auch uns zu vernichten.�</p><p>�Was soll das?� murrte ich. �Wollen Sie mir Schuldgef�hle verpassen?�</p><p>�Ja�, antwortete Looskamp l�chelnd. �Zumindest m�chte ich Sie erinnern, da� Sie uns ... sagen wir, eine gewisse Hilfe schuldig sind.�</p><p>�Hilfe?� wiederholte ich. �Und wobei?�</p><p>Looskamp machte eine bes�nftigende Geste. �Gleich, Craven. Zuerst lassen Sie mich zu Ende erkl�ren, damit Sie auch wirklich verstehen, was wir von Ihnen wollen. Wir wu�ten schon, da� Sie kommen, ehe Sie Amsterdam erreichten. Bruder DeVries informierte uns noch vor seiner ... Niederlage. Sie haben keinen Schritt getan, von dem wir nicht wu�ten.�</p><p>Seine Worte stimmten mich nicht gerade vers�hnlicher. Ich mag es nicht, wenn man mich wie eine Figur in einem Spiel behandelt. �Auch als ich ... in die Van Dengsterstraat ging?� fragte ich mi�trauisch.</p><p>Ein fl�chtiger Schatten huschte �ber Looskamps Gesicht. �Ja�, gestand er. �Wir wollten Sie warnen, aber wir waren nicht schnell genug. Und wir hatten nicht gen�gend Vertraute in Ihrer N�he, um Ihnen direkt zu Hilfe eilen zu k�nnen. Aber wir haben Sie beobachtet. Jeden Schritt, den sie im Einflu�bereich des pervertierten Tores getan haben.�</p><p>�Des was?� machte ich.</p><p>Looskamp l�chelte. �Gemach, Craven. Sie werden alles erfahren. Aber zuvor m�chte ich etwas von <emphasis>Ihnen </emphasis>wissen.�</p><p>�Und ... was?� fragte ich gedehnt.</p><p>�Wir brauchen Ihre Hilfe�, antwortete Balestrano an Looskamps Stelle. �Wir m�chten Sie bitten, uns bei einer Mission zu helfen. M�glicherweise reicht es schon, wenn Sie uns begleiten.�</p><p>�Begleiten?� Ein Gef�hl eisigen Schreckens breitete sich in meinem Magen aus. �Und wohin?�</p><p>�Dorthin, wo Sie schon einmal waren, Craven�, antwortete der Gro�meister l�chelnd. �Zum Herzen des Labyrinths.�</p><empty-line/><p>Es wartete. Es hatte geschlafen, millenienlang, ein tr�umender Gigant, dessen Tr�ume Furcht und dessen Atem Schrecken gebaren. Dann und wann war es erwacht, wenn es die N�he eines Opfers gesp�rt hatte, war wie ein schlafender Drache aus seiner Ruhe aufgeschreckt, hatte sondiert und getastet, manchmal auch gelockt, und seine Opfer mit einer blitzartigen Bewegung verschlungen.</p><p>Dann hatte es die N�he eines besonderen Opfers gesp�rt, eines Opfers, wie es selbst in seinem schier endlos langen Leben nur wenige hatten erlangen k�nnen. Wie immer hatte es seine Fallstricke ausgelegt, hatte mit Visionen und Trugbildern gespielt und sein Opfer belauert, schlie�lich zugeschlagen.</p><p>Aber der Magier war ihm entkommen. Und er hatte ihm Schmerzen zugef�gt, unertr�gliche Schmerzen.</p><p>Der Schmerz war vergangen, aber der Zorn war geblieben.</p><p>Jetzt wartete es. Es wu�te, da� das Opfer wiederkommen w�rde, denn es hatte den feindseligen Geist, von dem es beseelt war, gesp�rt. Es wartete und beobachtete und lauerte, belauschte die Wesen, die sich in ihrer �berheblichkeit anma�ten, sich seine Feinde zu nennen, sah zu, wie sie ihre Vorbereitungen trafen, ihre l�cherlichen Waffen zusammentrugen und sich in den Wahn steigerten, seiner Macht widerstehen zu k�nnen.</p><p>Einen Moment lang war es versucht, mit aller Gewalt zuzuschlagen und ihnen zu demonstrieren, wie m�chtig es war. Aber dann erkannte es, wie dumm ein solches Vorgehen gewesen w�re.</p><p>Es w�rde warten, bis sie von selbst zu ihm kamen, freiwillig und zahlreich. Opfer, viel mehr, als es sonst in Jahrzehnten erlangen konnte. Lebensenergie, die ausreichen w�rde, die Wunden zu heilen, vielleicht sogar noch seinen Machtbereich zu vergr��ern.</p><p>W�re es in der Lage gewesen, so etwas wie Freude zu empfinden, h�tte es zufrieden in sich hineingekichert.</p><p>Aber das konnte es nicht, und so tat es das einzige, was ihm statt dessen ein Gef�hl der Befriedigung verlieh.</p><p>Es wartete.</p><p>Es hatte Zeit.</p><p>Es war unsterblich.</p><empty-line/><p>�Sie wissen nicht viel �ber das Labyrinth, nicht wahr?� fragte Balestrano. Seine Stimme klang sanft, aber gleichzeitig wissend und m�chtig.</p><p>�Nicht ... besonders�, antwortete ich stockend. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Die Worte des Alten hatten mich st�rker in Erregung versetzt, als ich zugeben wollte. Glaubte er im Ernst, ich w�rde auch nur im Traum daran denken, noch einmal einen Fu� in dieses h�llische H�userlabyrinth zu setzen?</p><p>�Vor Urzeiten�, begann Balestrano, �war es nicht mehr als ein <emphasis>Tor, </emphasis>ein unbedeutender Bestandteil jenes magischen Transportsystems, das die Wesen, die Sie die GROSSEN ALTEN nennen, errichteten.�</p><p>�Wie meinen Sie das?� hakte ich nach. �Haben Sie einen anderen Namen f�r sie?�</p><p>Balestrano nickte. Auf seiner Stirn erschienen drei steile Falten. �Ja. Den haben wir in der Tat, Craven. Aber das spielt im Moment keine Rolle. Lassen Sie mich zu Ende berichten, denn die Zeit dr�ngt. - Das Herz des Labyrinths�, erkl�rte er weiter, �wurde vor unendlichen Zeiten von den GROSSEN ALTEN als ein Zentrum ungeheurer magischer Kr�fte geschaffen. Welchen Zweck sie damit verfolgten, habe ich leider nicht herausfinden k�nnen.</p><p>Nur eines ist sicher: das Labyrinth hat damals noch nicht existiert. Erst als die GROSSEN ALTEN bezwungen wurden und diesen Pol magischen Potentials nicht mehr kontrollierten, konnte es sich selbst�ndig machen und zu wachsen beginnen.</p><p>Es wurde im Verlauf der Jahrhunderttausende immer st�rker und begann zuletzt eigenes Leben und eigene Intelligenz zu entwickeln. Doch schon bald reichten die Kraftreserven nicht mehr aus, die das neu geschaffene Wesen dem magischen Pol, aus dem es entstanden ist, entziehen konnte.</p><p>Um seine unheilvolle Existenz zu erhalten, mu�te es sich andere Formen von lebender Energie suchen und begann zun�chst, Tieren ihre Lebenskraft zu entziehen. Aus dieser Zeit stammen die Ungeheuer, die in seinen Tiefen leben.</p><p>Aber die von den Tieren gewonnene Kraft gen�gte diesem ungeheuerlichen Gesch�pf nicht. Um seinen Hunger nach essentieller Nahrung zu stillen, griff es nach den Lebensenergien von Menschen und verleibte sie sich samt ihren H�usern, Burgen, Schl�ssern und heiligen St�tten ein. Dabei entdeckte es schon bald, da� es Menschen und auch von Menschen geschaffene Orte mit einer besonderen Art von geistiger Kraft gab ...�</p><p>�Magie?� warf ich ein und erntete daf�r einen b�sen Blick.</p><p>�Nat�rlich nicht nur Magie! Jede Art von spiritueller Kraft dient dem Labyrinth-Ungeheuer als Nahrung! Das Monstrum, das aus den au�er Kontrolle geratenen Kr�ften der GROSSEN ALTEN entstand, lie� sich als Parasit in den menschlichen Zivilisationen nieder, verleibte sie sich h�user- und st�dteweise ein und wuchs und gedieh wie nie zuvor.</p><p>Doch gerade die Menschen mit magischen F�higkeiten, die seine liebste Beute waren, lie�en sich am schwersten fangen. Sie setzten sich zur Wehr und schlugen die Angriffe des Wesens �fter zur�ck, als da� sie ihm zum Opfer fielen.</p><p>Da verlockte das Wesen Adurias, einen der Magier, der sich gegen ihn behauptet hatte, in seine Dienste zu treten. Auf seinen Wanderungen durch Raum und Zeit hatte es die Landschaften und Geb�ude zusammengestohlen, aus denen Adurias nun ein fallenreiches Labyrinth schuf. Kein Zauberer und kein Magier sollte mehr eine Chance bekommen, dem Zugriff des unheilvollen Wesens zu entgehen. Soweit ich wei�, ist dies auch nur noch einigen wenigen M�chtigen gelungen. Sie haben Adurias kennengelernt.�</p><p>�Rattengesicht?�</p><p>Balestrano l�chelte fl�chtig und wurde sofort wieder ernst. �Ja. Aber er ist tot. Und er war nicht nur der K�der des Labyrinthes. Er hat es - in gewisser Weise - auch beherrscht, es immer wieder am endg�ltigen Erwachen zu hindern gewu�t, denn schlie�lich h�tte dies auch sein eigenes Ende bedeutet.� Er schwieg einen Moment und starrte ins Leere. Dann gab er sich einen sichtlichen Ruck.</p><p>�Aber weiter�, sagte er. �Das <emphasis>Tor </emphasis>entartete und wurde zu etwas Fremden und B�sen, das nicht einmal seine alten Herren anerkannte, sondern selbst sie vernichten w�rde, h�tte es die Gelegenheit dazu.�</p><p>�Das habe ich gesehen�, murmelte ich, aber wieder machte Balestrano diese schnelle, �rgerliche Geste, die mich davon abhielt, weiter zu sprechen.</p><p>�Nichts haben Sie gesehen, Craven�, fauchte er. �Was Sie gesehen haben, waren Visionen. Bilder, die dieses Ungeheuer Ihnen vorgegaukelt hat, um Sie zu verwirren und in Furcht zu st�rzen. Schein und Wahrheit sind dort nicht mehr, was Sie hier in unserer Welt sind, Craven. Es k�mpft mit den Waffen der H�lle, und die L�ge ist eine ihrer m�chtigsten. Was wirklich geschah, haben Sie nicht gesehen.�</p><p>�Aber wir�, sagte Looskamp d�ster. Auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck ehrlicher, tiefer Sorge.</p><p>�Es war kein Zufall, da� sich ein Dutzend der besten Magier unserer Bruderschaft hier in Amsterdam aufhielt, Craven�, sagte er.</p><p>�Ich wei�.�</p><p>Looskamp l�chelte verzeihend. �Jetzt �bersch�tzen Sie Ihre Wichtigkeit, Robert�, sagte er in gutm�tigem Spott. �Wir warfen ein Auge auf Sie, als wir h�rten, da� Ihr Weg Sie nach Amsterdam f�hrte, aber wir kamen nicht Ihretwegen zusammen.�</p><p>�Und weshalb dann?� fragte ich.</p><p>�Das Labyrinth�, antwortete Looskamp, nun wieder vollkommen ernst. �Mit dem Auftauchen derer, die Sie die ... GROSSEN ALTEN nennen� - er sprach den Namen erst nach kurzem Z�gern und dann sehr hastig aus, als h�tte er eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen - �erwachten auch die Kr�fte des pervertierten Tores wieder. Es hat geschlafen, Tausende und Tausende von Jahren. Das, was Sie als das Labyrinth kennen- und zweifellos f�rchtengelernt haben, war nur ein schwacher Abglanz seines wahren Selbst. Nicht mehr als ein Schatten, den seine Tr�ume in die Wirklichkeit warfen.�</p><p>�Und jetzt ... jetzt erwacht es?�</p><p>Looskamp nickte. �Ja. Der Proze� begann vor einem Jahr, aber selbst wir sp�rten es erst, als es fast zu sp�t war. In gewissem Sinne haben Sie ihn sogar beschleunigt, durch Ihr Eingreifen.� Er hob rasch die Hand, als ich auffahren wollte. �Aber Sie haben es auch geschw�cht. Die Wunde, die Sie ihm zugef�gt haben, ist schmerzhaft, wenn auch nicht t�dlich. Trotzdem wird es erwachen. Sehr bald.�</p><p>Er sprach nicht weiter, und auch ich schwieg eine ganze Weile. �Und jetzt wollen Sie, da� ich Ihnen helfe, es vollends unsch�dlich zu machen?� fragte ich schlie�lich.</p><p>Looskamp nickte, stand auf und ging wortlos zu einem der kleinen, an der Wand aufgeh�ngten Schr�nke. Als er zur�ck kam, hielt er einen langen, in ein Tuch eingeschlagenen Gegenstand in der Hand.</p><p>Ich fuhr zusammen, als Looskamp den wei�en Stoff zur�ckschlug und ich erkannte, was er verborgen hatte.</p><p>Es war mein Stockdegen. Die Waffe, die mir mein Vater hinterlassen hatte.</p><p>Im letzten Moment unterdr�ckte ich den Impuls, danach zu greifen, konnte aber wohl ein verr�terisches Flackern in meinem Blick nicht ganz verhindern, denn Looskamp l�chelte auf sehr eigent�mliche Weise, legte den Degen vor sich auf den Tisch und setzte sich wieder.</p><p>�Sie m�ssen verr�ckt sein�, murmelte ich. �Ich ... ich bin diesem ... diesem <emphasis>Schatten, </emphasis>wie Sie es nennen, mit M�he und Not entkommen, und selbst dazu war Ihre Hilfe n�tig. Und jetzt erkl�ren Sie mir, da� wir hingehen und dieses Ding vernichten sollen! Was erwarten Sie? Da� es stillh�lt?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte Balestrano �rgerlich. Er beugte sich vor, streckte den Arm aus und griff mit einer d�rren, wei� behandschuhten Hand nach dem Degen. Etwas schien sich in mir zusammenzuziehen, als ich sah, wie er den Knauf aus milchigem Kristall in die H�he und gegen das Licht hielt.</p><p>Dann sah er wieder mich an. �Wir sind vielleicht Ihre Feinde, Robert Craven�, sagte er, �obwohl dieses Gef�hl keineswegs auf Gegenseitigkeit beruht, wie ich Ihnen versichern darf. Bruder DeVries hat es ehrlich gemeint, als er Ihnen anbot, zu uns zu kommen. Aber das spielt jetzt keine Rolle. Wie gesagt: Wir sind vielleicht Ihre Feinde, aber wir sind nicht dumm. Wir kennen die Macht des Labyrinthwesens; besser als Sie. Und wir wissen, wie es zu vernichten ist.�</p><p>�Warum haben Sie es dann nicht schon lange getan?� fragte ich zornig.</p><p>Balestrano drehte den Stockdegen scheinbar versonnen in den H�nden. Der Wunsch, aufzuspringen und ihm die Waffe zu entrei�en, wurde immer st�rker in mir.</p><p>�Weil wir es nicht konnten�, sagte er schlie�lich. �Weil uns etwas fehlte, Craven. Eine Waffe.�</p><p>�Eine ... Waffe?� wiederholte ich stockend.</p><p>Balestrano l�chelte kalt. <emphasis>�Diese </emphasis>Waffe�, sagte er, beugte sich vor und hielt mir den Degen hin.</p><p>Verbl�fft starrte ich erst ihn, dann den Degen, dann wieder ihn an und griff schlie�lich z�gernd nach dem vermeintlichen Spazierstock mit dem gro�en, milchigen Knauf aus gesprungenem Kristall.</p><p>�Sie ... wissen ...?� murmelte ich verst�rt.</p><p>Balestrano nickte. �Selbstverst�ndlich. Wir wissen von dem besonderen <emphasis>Shoggotenstern, </emphasis>der im Knauf dieser Waffe eingearbeitet ist, und wir wissen von seiner T�dlichkeit f�r die, die Sie die GROSSEN ALTEN nennen.� Er l�chelte und verschr�nkte die H�nde vor der Brust.</p><p>�Sie sehen, wir sind ehrlich zu Ihnen�, fuhr Balestrano fort. �Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter, Craven. Ich gestehe Ihnen ein, da� uns die Waffe allein nichts nutzt. Nur in Ihren H�nden entfaltet sie ihre ganze, vernichtende Macht. Bruder Looskamp oder ich k�nnten das Labyrinthwesen damit verletzen, mehr nicht. Sie k�nnen es t�ten.�</p><p>Ich z�gerte, zu antworten. Balestranos Offenheit verwirrte mich, und ich sp�rte genau, da� er die Wahrheit sagte.</p><p>�Und es ist nicht einmal n�tig�, f�gte Balestrano hinzu. �Bruder Looskamp wird es Ihnen erkl�ren, wenn Sie einverstanden sind, uns zu begleiten. Es gibt einen Weg, es unsch�dlich zu machen, ohne es zu zerst�ren.�</p><p>Verwirrt blickte ich zwischen den beiden ungleichen M�nnern hin und her. Ich sp�rte, da� jedes Wort, das sie sagten, genau berechnet war. Sie spielten sich die S�tze zu wie B�lle, nur, um mich zu verwirren und in die Enge zu treiben.</p><p>�Ich verstehe Ihre Sorge, Craven�, fuhr Looskamp fort. �Auch ich habe Angst, und auch die anderen, die uns begleiten werden. Aber wir haben keine Wahl. Und wir k�nnen uns sch�tzen. Die Visionen des Labyrinths verm�gen uns nichts anzuhaben, und gegen seine Kreaturen werden uns unsere Schwerter verteidigen.�</p><p>�Sicher�, sagte ich. �Das h�rt sich ganz einfach an. Wie ein Spaziergang.�</p><p>�Das wird es nicht werden�, fuhr der Tempelherr ernst fort. �F�nfzig unserer tapfersten Ritter werden uns begleiten, Craven, und nicht alle von ihnen werden zur�ckkehren. Vielleicht nicht einer. Vielleicht nicht einmal Sie und ich. Doch wir m�ssen es tun.�</p><p>�Und was�, fragte ich nach einer endlosen Pause, �bringt Sie auf die Idee, da� ich Sie freiwillig begleiten w�rde?�</p><p>�Der Umstand, da� wir Sie kennen, Robert�, antwortete Looskamp ernst. �Das Labyrinth wird erwachen, zu einem Wesen ungeheurer Macht und Bosheit. Es hat bereits zu wachsen begonnen, und wenn es erst einmal vollends erwacht ist, kann keine Macht dieser Welt sein Vordringen mehr aufhalten. Es wird sich weiter ausbreiten, Robert. Es wird die benachbarten Stra�en verschlingen, die Wasser der Grachten verpesten und ganz Amsterdam unter seine Kontrolle bringen. Dann die umliegenden St�dte. Schlie�lich das ganze K�nigreich. Vielleicht sogar die ganze Welt.�</p><p>Ich schwieg. Looskamps Worte lie�en mich erschaudern, denn wie bei Balestrano zuvor sp�rte ich, da� sie weder gelogen noch �bertrieben waren. Er meinte alles, was er sagte, vollkommen ernst.</p><p>F�r die Dauer eines Atemzuges glaubte ich mich zur�ckversetzt in die sinnverdrehenden G�nge und Katakomben des Labyrinths, sp�rte ich noch einmal den Pestgestank des B�sen, der dieses Wesen beseelte. Und dann hatte ich fast so etwas wie eine Vision.</p><p>Die Vision einer Stadt, Amsterdams, das von diesem Moloch verschlungen worden war, einer gigantischen Masse zusammengeballter H�user und Geb�ude. Grachten, in denen Blut flo� statt Wasser, H�user, die zu Menschenfallen geworden waren, Stra�en, die geradewegs in die H�lle f�hrten. Ich schauderte.</p><p>Looskamp hatte recht. Er war ein Zyniker, ein berechnender, gemeiner Zyniker, hinter dessen freundlichem L�cheln sich pure Bosheit verbarg.</p><p>Aber er hatte recht.</p><p>Ich hatte gar keine andere Wahl, als mich ihnen anzuschlie�en und mich dem Grauen ein zweites Mal zu stellen.</p><p>�Sie haben gewonnen�, murmelte ich. �Ich helfe Ihnen.�</p><p>Balestrano nickte. �Das habe ich erwartet, Craven.�</p><p>Ich sah ihn an und versuchte eine Spur von Falschheit oder Verrat in seinen uralten Augen zu gewahren, aber da war nichts.</p><p>�Wann wird es ... soweit sein?� fragte ich leise. �Wann wird dieses ... Ding erwachen?�</p><p>�Wenn wir nichts dagegen unternehmen?� Looskamp �berlegte einen Moment und zuckte dann die Achseln. �Bald. In ein paar Tagen. Vielleicht in einer Woche. L�nger nicht.�</p><p>�Dann bleibt uns nicht viel Zeit�, murmelte ich.</p><p>Looskamp sch�ttelte den Kopf. �Nein.�</p><p>Ich nickte, strich versonnen mit den Fingerspitzen �ber den Kristallknauf meines Degens und atmete h�rbar ein, ehe ich die entscheidende Frage stellte:</p><p>�Wann brechen wir auf?�</p><p>Balestrano l�chelte.</p><p>�Jetzt.�</p><empty-line/><p>Es war Mittag geworden. Die Stadt war vollends zum Leben erwacht und pulsierte wie ein gewaltiges, steinernes Herz. Auf den Grachten tummelten sich Boote und K�hne, und die schmalen Stra�en, die die Wasserwege s�umten und durch zahllose Br�cken miteinander verbunden waren, quollen schier �ber von Menschen.</p><p>Mir war kalt. Trotz der w�rmenden Strahlen der Sonne, die wie ein gro�es g�tiges Auge im Zenit des Himmels stand, schien ich innerlich zu Eis erstarrt; meine Finger und Zehen prickelten, und meine Muskeln schienen in einen einzigen, gro�en Kampf gefangen.</p><p>Aber es war diesmal nicht der Odem des B�sen, den ich sp�rte und der mich fr�steln lie�, sondern Angst. Ganz ordin�re Angst. Der Gedanke, ein zweites Mal - und noch <emphasis>dazu freiwillig - </emphasis>in dieses Labyrinth zu gehen, trieb mich schier in den Wahnsinn. Meine H�nde zitterten, und mein Unterkiefer schmerzte, so fest pre�te ich die Z�hne zusammen.</p><p>Looskamp, der hoch aufgerichtet im Heck des Bootes neben mir stand und mit einer Hand das Ruder f�hrte, l�chelte aufmunternd. Seit wir das Haus verlassen hatten, hatten wir kaum ein Wort miteinander geredet, obgleich wir jetzt die zweite Stunde unterwegs waren. Looskamp hatte das Boot, das von vier stummen Ordensbr�dern gerudert wurde, kreuz und quer durch die Stadt gelenkt.</p><p>Immer wieder hatten wir angehalten, und der Tempelherr war an Land gegangen, um in einem Haus zu verschwinden oder mit einem Passanten, der scheinbar zuf�llig am Ufer stand, ein paar hastige Worte zu wechseln.</p><p>Es war ein Aufmarsch. Der Templer rief seine Leute zusammen, und ich wu�te, da� au�er uns jetzt noch fast vier Dutzend anderer M�nner unterwegs zur Van Dengsterstraat waren. Eine kleine Armee. Aber erb�rmlich wenig gegen den Feind, gegen den wir zogen.</p><p>Wir erreichten eine Stelle, an der sich zwei Grachten wie Stra�en kreuzten, und Looskamp stemmte sich gegen das Ruder, um unser Boot in die rechtsseitige Abzweigung zu lenken. Wir wurden schneller, und mit jedem H�userblock, der an uns vor�berglitt, schien das Leben hinter uns zur�ckzubleiben.</p><p>Die Zahl der Passanten nahm ab, zuerst langsam, dann immer schneller, und schlie�lich ruderten die M�nner das Boot durch das brackige Wasser der heruntergekommenen Hafengegend, die ich nur zu gut kannte. Ich schauderte.</p><p>�Angst?� fragte Looskamp pl�tzlich.</p><p>Irritiert sah ich ihn an, sch�ttelte den Kopf und nickte gleich darauf.</p><p>Looskamp lachte. �Ich auch, Robert.� Er deutete mit einer Handbewegung auf die vier breitschultrigen, in braune Umh�nge geh�llten M�nner, die das Boot von der Stelle pullten. �Auch diese M�nner haben Angst. Aber wir m�ssen es tun.�</p><p>Er straffte sich ein wenig, sah an sich herab und schlo� einen Knopf seines Mantels, der sich weit ge�ffnet hatte. Darunter trug er die wei�e Templeruniform, und wenn man genau hinsah, konnte man die Umrisse des m�chtigen Schwertes durch den Stoff erkennen.</p><p>�Wir m�ssen es tun, weil vielleicht das �berleben zahlloser Unschuldiger davon abh�ngt, da� wir Erfolg haben�, sagte er; Die Worte klangen wie eine Rechtfertigung.</p><p>�Wie ... wollen Sie - <emphasis>wir�, </emphasis>korrigierte ich mich hastig, �vorgehen?�</p><p>Looskamp wies mit einer Kopfbewegung zum Bug hinab. �Wir erreichen die Van Dengsterstraat in wenigen Minuten�, sagte er. �Dort warten wir, bis auch die anderen Br�der eingetroffen sind. Einige sind schon dort und erwarten uns, aber es wird eine Stunde dauern, bis wir vollz�hlig sind. Dann gehen wir hinein. Auf dem gleichen Weg, den Sie genommen haben, Robert.�</p><p>�Das meine ich nicht�, antwortete ich ver�rgert. �Ich mache mir keine besonderen Sorgen dar�ber, wie wir hineinkommen, Looskamp.�</p><p>�Ger�, sagte er. �Nennen Sie mich Ger. Wir ziehen Schulter an Schulter in einen Kampf auf Leben und Tod, Robert. Wir sollten uns nicht mit F�rmlichkeiten aufhalten.�</p><p>�Meinetwegen�, antwortete ich, grober, als ich eigentlich wollte, denn ich versp�rte - fast gegen meinen Willen - ein starkes Gef�hl der Sympathie f�r den schwarzhaarigen Holl�nder. �Ich frage mich nur, wie wir das Herz des Labyrinths finden wollen. Ich kann dir den Weg nicht zeigen. Ich wei� ja selbst nicht, wie ich hingekommen bin.�</p><p>Ger winkte ab. �Das ist kein Problem, Robert. Es wird uns selbst hinf�hren, in seiner Gier. Aber es wird nicht leicht werden. Ich -�</p><p>Das Boot erzitterte. Etwas Gigantisches, Dunkles erschien unter der glitzernden Wasseroberfl�che, und pl�tzlich wurde Looskamp das Ruder aus der Hand geprellt, so wuchtig, da� er mit einem Aufschrei nach hinten kippte und ich ihn im letzten Augenblick davor bewahren konnte, �ber Bord zu fallen.</p><p>Aber nur f�r einen Moment. Dann erbebte das Boot unter einer zweiten Ersch�tterung, hart wie ein Faustschlag. Ich verlor den Halt unter den F��en, kippte nach vorne und fiel, halb geworfen, halb von Gers Gewicht gezogen, kopf�ber ins Wasser.</p><p>Der Schatten glitt an mir vor�ber. Ich sp�rte den Sog, als das Wasser von einem gigantischen K�rper mit Macht beiseite gepre�t wurde, geriet in einen Strudel und wurde mit haltlos rudernden Armen und Beinen herumgewirbelt.</p><p>Verzweifelt rang ich um Atem. Alles war so schnell gegangen, da� ich nicht einmal Zeit gefunden hatte, wirklichen Schrecken zu empfinden.</p><p>Daf�r schn�rte mir der Anblick, der sich mir bot, schier die Kehle zu.</p><p>Dicht vor uns schien die Gracht zu explodieren. Das Wasser wurde von ungeheuren Kr�ften beiseite gepre�t und hochgeschleudert, so da� wei�er Schaum bis an die W�nde der H�user rechts und links der Gracht spritzte.</p><p>Das Boot hatte sich schr�g auf die Seite gelegt und war achtern abgesackt, so da� sein tangbewachsener Bug steil in die Luft stach. Etwas Gro�es, Gr�ngraues, Schleimiges hatte sich um das hintere Drittel des kleinen Schiffchens geschlungen.</p><p>Ich wollte den M�nnern an Bord eine Warnung zuschreien, aber in diesem Augenblick traf mich eine zweite Druckwelle, pre�te mich wieder unter Wasser und schleuderte mich gegen das gemauerte Grachtenufer. Der Aufprall trieb mir die Luft aus den Lungen. Ich schrie, bekam Wasser in den Mund, w�rgte und versuchte an die Oberfl�che zu kommen, aber schon raste eine neue Druckwelle heran und pre�te mich noch tiefer in das schlammige Wasser herab.</p><p>Dann packte mich eine Hand, zerrte mich nach oben und hievte mich mit �bermenschlicher Kraft an die Luft.</p><p>Ich warf mich zur�ck, spuckte Wasser und Schleim aus und sog gierig die Luft ein. Wie durch einen Schleier sah ich, wie sich dicht vor uns der letzte Akt des Dramas anbahnte.</p><p>Das Boot war schon zur H�lfte unter Wasser gezogen worden. Nicht nur einer, sondern ein ganzes Dutzend gigantischer, gr�ngrauer, mit riesigen Saugn�pfen und Warzen �bers�ter Tentakel hatte sich um den Rumpf geschlungen und zerrte es weiter in die Tiefe. Das Wasser kochte, und sein Sch�umen und Br�llen verschluckte die Todesschreie der vier ungl�cklichen Templer, die noch an Bord des Schiffes waren.</p><p>Die Hand, die mich am Kragen gepackt und an die Oberfl�che gezerrt hatte, packte ein zweites Mal zu und stie� mich grob zum Ufer hin. Instinktiv packte ich zu, ergriff die feuchte Ufermauer und zog mich mit letzter Kraft hinauf.</p><p>Looskamp kletterte wenige Sekunden nach mir an Land. Taumelnd sprang er hoch, zerrte mich auf die F��e und versetzte mir einen Sto�, der mich weitertorkeln lie�, weg von der Gracht und dem tobenden Ungeheuer, das sie beherrschte.</p><p>Ich versuchte mich umzudrehen, aber Looskamp stie� mich weiter vor sich her, bis wir eine schmale L�cke zwischen zwei der halbverfallenen H�user erreicht hatten.</p><p>Er blieb erst stehen, als wir drei�ig, vierzig Schritt von der Gracht entfernt und somit aus der Reichweite der peitschenden Tentakeln waren.</p><p>Keuchend lie� ich mich gegen die Wand sinken, sah Looskamp aus brennenden Augen an und versuchte ein Wort herauszubekommen, brachte aber nur ein w�rgendes St�hnen zustande. Meine Lungen brannten, und ich begann erst jetzt, als alles vorbei war, den l�hmenden Schrecken zu sp�ren, den der Anblick der Bestie in mir ausgel�st hatte.</p><p>�Mein Gott, Looskamp, was ... was war das?� st�hnte ich.</p><p>Das Gesicht des Tempelherrn schien zu einer steinernen Maske zu erstarren.</p><p>�Es hat schon begonnen, Robert�, sagte er leise. Sein Gesicht blieb weiter unbewegt, aber in seinem Blick stand pl�tzlich ein furchterf�lltes Flackern. �Mein Gott, es ... es hat schon begonnen. Es wei�, da� wir hier sind.�</p><p>�Und ... die M�nner?� fragte ich leise. Von der Gracht her klangen immer noch die f�rchterlichen Laute des Kampfes: das Bersten von Holz, das Ger�usch kochenden, von ungeheuren Gewalten auseinandergerissenen Wassers, das dumpfe, vibrierende Grollen des Ungeheuers. �Es waren noch vier M�nner auf dem Boot! Sie ... sie sind verloren.�</p><p>�Die anderen�, murmelte Looskamp pl�tzlich. �Mein Gott, es ... es wird sie umbringen. Sie haben ja keine Ahnung!�</p><p>�Die anderen?� fragte ich verwirrt. �Wovon sprichst du?�</p><p>Looskamp starrte mich an. Dann drehte er sich schweigend um, streifte den durchn��ten Mantel von der Schulter, zog sein Schwert aus dem G�rtel und wandte sich wortlos um.</p><p>�Um Gottes willen, Ger - was hast du vor?� keuchte ich.</p><p>�Ich mu� zur�ck�, sagte er. �Bleib meinetwegen hier, wenn du Angst hast.�</p><p>�Verdammt, darum geht es nicht!� sagte ich w�tend. �Die M�nner sind l�ngst tot - begreifst du das nicht?�</p><p>Statt einer Antwort ging er los, so schnell, da� ich laufen mu�te, um mit ihm Schritt halten zu k�nnen.</p><p>Das Drama war vor�ber, als wir das Ufer der Gracht erreichten. Bis auf ein paar auf den Wellen schaukelnden Holztr�mmern und Stoffetzen war keine Spur des Bootes oder seiner Besatzung mehr zu sehen. Aber das Ungeheuer war noch da, das sp�rte ich �berdeutlich. F�r einen Moment vermeinte ich die Blicke seiner gro�en, starren Telleraugen wie einen k�rperlichen Druck auf mir zu sp�ren.</p><p>Es griff an, als Looskamp noch einen halben Schritt vom Ufer entfernt war. Das Wasser spritzte in einer schaumigen Explosion auseinander, und ein gewaltiger, narben- und saugnapf�bers�ter Fangarm reckte sich wie eine angreifende Schlange auf den Tempelritter zu.</p><p>Aber so schnell es auch war - Looskamp war schneller. Mit einer beinahe eleganten Bewegung sprang er zur Seite und zur�ck, duckte sich unter dem peitschenden Tentakel hindurch und f�hrte gleichzeitig einen m�chtigen, beidh�ndigen Hieb.</p><p>Seine Klinge zerschnitt den oberschenkelstarken Fangarm so leicht, als best�nde er nur aus Papier.</p><p>Ein dickfl�ssiger, �belriechender Strahl dunkelroter Fl�ssigkeit scho� aus der Wunde. Looskamp keuchte, brachte sich mit einem verzweifelten Satz in Sicherheit - und st�rzte, als ein zweiter, nicht weniger dicker Schlangenarm aus dem Wasser scho� und sich wie eine Peitsche um seinen rechten Fu� wickelte. Ich sah, wie sich die gewaltigen Muskelstr�nge des Ungeheuers spannten.</p><p>Looskamp lie� sein Schwert fahren und versuchte sich mit den H�nden in den Rillen des Kopfsteinpflasters festzukrallen. Aber der widernat�rlichen Kraft dieser gigantischen Kreatur hatte er nichts entgegenzusetzen. Hilflos wurde er auf das Ufer zugezerrt. Und aus dem Wasser tauchten sch�umend zwei, drei weitere Tentakeln auf.</p><p>Ich reagierte, ohne noch zu denken. Mit einem Satz war ich neben dem Tempelherren, ri� meinen Stockdegen aus der H�lle und stie� mit aller Kraft zu. Die schlanke Klinge durchbohrte den Fangarm, ohne da� sie auf f�hlbaren Widerstand gesto�en w�re.</p><p>Aber obwohl die Wunde im Vergleich mit der Verletzung, die Looskamp dem Monstrum beigebracht hatte, nicht mehr als ein Nadelstich sein konnte, war die Wirkung meines Hiebes unvergleichlich st�rker.</p><p>Die gigantische Kreatur zuckte. Der Fangarm, der sich um Looskamps Bein gewickelt hatte, l�ste sich mit einem Ruck, der mir um ein Haar den Degen aus der Hand geprellt h�tte, und schnappte mit einem saugenden Ger�usch zur�ck ins Wasser.</p><p>Dann schien die ganze Gracht zu explodieren.</p><p>Das Wasser scho� zehn, zwanzig Meter hoch und klatschte gegen die Hausw�nde. Der Boden unter meinen F��en erzitterte, und pl�tzlich gellte in meinen Ohren ein ungeheurer Schrei, das Br�llen einer zyklopischen Kreatur. F�r einen ganz kurzen Moment konnte ich den Leib des Scheusals durch den Vorhang aus brodelndem Wasser und Schaum hindurch erkennen: ein sack�hnlicher, vier oder f�nf Meter durchmessender Balg, scheu�lich aufgedunsen und von zwei radgro�en, lidlos starrenden Augen beherrscht. Seine acht Arme peitschten ziellos das Wasser, und f�r einen Moment sah es beinahe so aus, als wolle es sich auf seinen riesigen Tentakeln aus der Gracht emporstemmen, um sich auf uns zu werfen.</p><p>Dann sch�umte das Wasser noch einmal auf, und als ich wieder sehen konnte, war das Monstrum verschwunden. Nur aus der Tiefe der Gracht leuchtete ein grelles, boshaftes Licht zu uns herauf, gewann f�r die Dauer eines Atemzuges an Intensit�t und verbla�te.</p><p>Ich wu�te, was dieser Schein bedeutete. Ich hatte mehr als einmal gesehen, auf welche Weise die Labyrinthkreaturen starben ...</p><p>Neben mir erhob sich Looskamp st�hnend auf H�nde und Knie, griff nach seinem Schwert und spuckte w�rgend Wasser. �Danke�, murmelte er. �Ich, ich dachte schon, es w�re aus.�</p><p>�Das war ich dir schuldig, oder? Wir sind quitt.� Ich grinste - ein wenig schief - stemmte mich hoch und reichte Ger die Hand. Dankbar griff er danach, stand ebenfalls auf und wandte sich noch einmal zur Gracht um.</p><p>�Was war das?� murmelte er. �Eines dieser ...?�</p><p>�Der GROSSEN ALTEN?� half ich ihm aus. Looskamp nickte, und ich �berlegte einen Moment und sch�ttelte dann den Kopf. �Nein�, sagte ich. �Im ersten Moment dachte ich es, aber es war wohl ein Oktopus. Ein ganz gew�hnlicher Riesenkrake. Das Labyrinth mu� ihn irgendwann einmal verschlungen haben.�</p><p>Statt einer direkten Antwort sah er die Gracht hinab, in die Richtung, aus der wir gekommen waren.</p><p>Die brackige Wasserstra�e war nicht mehr leer. Fast ein Dutzend Boote n�herte sich unserem Standort; kleine, von zwei, manchmal nur einem Ruder bewegte Schiffchen, jeweils mit drei oder vier M�nnern in der wei�en Uniform der Templer besetzt.</p><empty-line/><p>Es war verwirrt. Mit seinen Millionen unsichtbaren Augen und Ohren hatte es das Geschehen im <emphasis>Drau�en </emphasis>verfolgt, begierig darauf gespannt, wie sich die Sterblichen seines Angriffes erwehren w�rden. Es hatte nicht damit gerechnet, sie vollkommen zu vernichten; das war auch gar nicht die Aufgabe der Kreatur gewesen, die es aus den unersch�pflichen Reihen seiner Diener ausgew�hlt hatte. Sie hatte die Angreifer nur schw�chen und in Zorn versetzen sollen.</p><p>Trotzdem war es �berrascht �ber die Leichtigkeit, mit der die Sterblichen einen seiner st�rksten Diener vernichtet hatten, und �ber die Schl�ue, die sie bewiesen.</p><p>Dann begriff es. Der Kampf hatte au�erhalb seines direkten Machtbereiches stattgefunden, dort, wo seine Kreaturen schwach und verwundbar waren. Nur ein Bruchteil der d�monischen Kr�fte, die sie im Inneren des Labyrinths beseelten, stand ihnen dort drau�en zur Verf�gung. Kaum genug, sie am Leben zu erhalten.</p><p>Es �berlegte eine Weile, dann kam es zu einem Entschlu�.</p><p>Die Zahl seiner Diener war beinahe grenzenlos, aber es hatte keinen Sinn, sie zu vergeuden. Die Sterblichen w�rden freiwillig in seinen Machtbereich kommen; dorthin, wo es sie mit seiner ganzen Kraft angreifen und mit seiner ganzen Schl�ue �berlisten konnte.</p><p>Mit einem lautlosen Befehl rief es die anderen Kreaturen, die den Sterblichen auflauerten, zur�ck.</p><p>Dann wartete es.</p><empty-line/><p>�Halt still!�</p><p>Ger nickte und pre�te die Z�hne aufeinander, zuckte abermals wie unter einem Hieb zusammen, als ich den Verband festzog und seine Enden sorgsam miteinander verknotete. Er bestand nur aus einem St�ck Stoff, das ich aus seinem ramponierten Leinenhemd gerissen hatte, aber er tat seine Dienste und stoppte wenigstens die Blutung.</p><p>Ich trat zur�ck, musterte mein Werk kritisch. �Du solltest eigentlich damit zu einem Arzt gehen�, sagte ich. Looskamp blickte stirnrunzelnd an seinem bandagierten Arm hinunter, zog eine Grimasse und machte eine wegwerfende Bewegung mit der unverletzten Hand. Der Schnitt, den ich ihm verbunden hatte, war keineswegs der einzige, er hatte fast ein Dutzend mehr oder weniger schwerer Schmisse abbekommen.</p><p>�Das erledige ich sp�ter�, sagte er. �Wenn wir zur�ck sind.� Er deutete bei diesen Worten auf das bauf�llige, schr�g gegen das Nachbarhaus gelehnte Geb�ude mit der wei�en Marmortreppe, an deren Fu� sich seine kleine Armee versammelt hatte - oder das, was davon �brig war.</p><p>Nur siebenunddrei�ig der f�nfzig Mann, von denen Balestrano gesprochen hatte, waren noch am Leben. Die anderen waren dem Angriff des Ungeheuers zum Opfer gefallen oder einfach verschwunden, w�hrend sie die Van Dengsterstraat bewachten - aber das hatte ich nur aus den paar Brocken, die ich hatte aufschnappen k�nnen, geschlossen.</p><p>Ein sanfter, unangenehmer Schauder lief meinen R�cken hinab, als ich zu dem heruntergekommenen Geb�ude emporblickte. Es war nicht das erste Mal, da� ich dieses Haus sah - vor nicht einmal ganz zwei Tagen hatte ich schon einmal vor dieser Treppe gestanden, damals noch nicht ahnend, in welches Reich des Wahnsinns und Grauens die verquollene T�r an ihrem Ende f�hrte. Allein bei der Vorstellung, dieses Haus noch einmal zu betreten, str�ubten sich mir die Haare.</p><p>Ich l�ste meinen Blick m�hsam von dem Bild und wandte mich wieder an Ger.</p><p>�Gibt es wirklich keinen anderen Weg hinein?� fragte ich.</p><p>Der Flame l�chelte, aber es wirkte vollkommen humorlos.</p><p>�Doch�, sagte er. �Dutzende. Aber keinen, den wir gehen k�nnten. Auf allen anderen Wegen w�rden wir sterben, ehe wir seinem Herz auch nur nahe gekommen w�ren.�</p><p>�Hier nicht?� Ich versuchte, sarkastisch zu klingen, aber ich sp�rte selbst, da� meine Stimme einen eher kl�glichen Klang hatte.</p><p>�Jedenfalls nicht so schnell�, antwortete Ger unbeeindruckt.</p><p>�Das Gef�hl hatte ich nicht�, murmelte ich. �Verdammt, wir haben dieses Ding noch nicht einmal <emphasis>betreten, </emphasis>Ger, und du hast schon ein F�nftel deiner M�nner verloren. Gib es auf!�</p><p>Looskamp sch�ttelte ernst den Kopf. �Du wei�t, da� wir das nicht k�nnen�, sagte er leise. �Und es ist nicht so gef�hrlich, wie du glaubst, Robert. Ich ... war unvorsichtig.�</p><p>�Was geschehen ist, ist allein meine Schuld. Ich habe nicht damit gerechnet, da� es schon so m�chtig sein k�nnte, uns au�erhalb seines eigentlichen Machtbereiches angreifen zu k�nnen. Ich habe dir gesagt, da� uns seine Visionen nichts anhaben k�nnen, und das ist die Wahrheit. Gegen seine Kreaturen sch�tzen uns nur unsere Schwerter. Bisher haben sie niemals au�erhalb des Labyrinths zugeschlagen. Sie konnten es nicht, Robert. Aber es ist m�chtiger geworden, sehr viel m�chtiger. W�ren wir vorbereitet gewesen, w�re das nicht passiert.�</p><p>�Aber es <emphasis>ist </emphasis>nun einmal geschehen�, widersprach ich, obwohl ich ganz genau sp�rte, wie sinnlos es war, den Templer von seinem Vorhaben abbringen zu wollen.</p><p>Pl�tzlich fiel mir etwas ein.</p><p>�Ihr habt mich doch aus dem Labyrinth herausgeholt�, sagte ich. �Du und deine Br�der. Ihr habt mich mit magischen Kr�ften aus diesem Ding gerettet - warum k�nnen wir es nicht auf dem gleichen Wege betreten?�</p><p>�Es w�re unser aller Tod�, antwortete Ger ernsthaft. �Zw�lf unserer begabtesten Magier haben sich stundenlang konzentriert, um die Kraft f�r diesen einzigen Schritt aufzubringen, und auch er gelang uns nur, weil die Kreatur des Labyrinths nichts von unserer Anwesenheit ahnte. H�tte sie es gewu�t, h�tte sie unsere eigenen Kr�fte gegen uns wenden und uns alle vernichten k�nnen. Jetzt ist sie gewarnt.� Er sch�ttelte heftig den Kopf. �Nein, Robert. Es gibt nur einen einzigen Weg - den, den du gegangen bist.�</p><p>Er wandte sich mit einem fast zornigen Ruck um und ging, ohne mir Gelegenheit zu weiteren Fragen zu geben.</p><p>Einen Moment lang sah ich ihm nach, dann blickte ich wieder zu der T�r am Ende der Treppe hinauf. Erneut machte sich dieses eisige Gef�hl in mir breit. Die Pforte schien vor meinem Blick zu zerflie�en, sich zu biegen und zu zittern wie ein gewaltiges, weit aufgerissenes Maul, das sich zu einem h�hnischen Grinsen verzerrte.</p><p>Im Grunde war es das wohl auch - ein Maul; das Maul dieses titanischen Molochs, der seit �onen existierte und nichts anderes tat als zu verschlingen. Vielleicht war ich das erste seiner Opfer gewesen, das ihm jemals entkommen war. Und vielleicht - f�r einen ganz kurzen Moment schlich sich diese Idee wie der Funken eines Verrats in meine Gedanken - vielleicht hatte es mich sogar entkommen <emphasis>lassen, </emphasis>damit ich zur�ckkehrte und ihm neue, lohnendere Opfer brachte ...</p><p>Eine Hand ber�hrte mich an der Schulter und ri� mich in die Wirklichkeit zur�ck. Ich blickte auf.</p><p>�Wir sind soweit�, sagte Ger ernst.</p><p>Ich nickte, atmete noch einmal tief und gezwungen ruhig ein und trat mit einem entschlossenen Schritt auf die Treppe hinauf. Hinter uns setzten sich auch die anderen Templer in Bewegung - in einer weit auseinandergezogenen Formation, bei der immer zwei M�nner mit Schilden einen dritten, mit einem Bogen oder einer Armbrust bewaffneten Ritter deckten.</p><p>Trotz ihrer gro�en Zahl war ihr Vormarsch nahezu lautlos. Erneut mu�te ich die Disziplin und milit�rische Pr�zision dieser M�nner bewundern. Im ersten Moment, als ich sie in ihren altert�mlichen Kost�men und veralteten Waffen an Bord der kleinen Schiffchen gesehen hatte, waren sie mir hilflos, ja beinahe l�cherlich vorgekommen. Aber dieser Eindruck war falsch. Vollkommen.</p><p>Ich blieb stehen, als wir die T�r erreicht hatten. Looskamp trat neben mich, l�chelte aufmunternd - und trat die T�r mit einem einzigen, wuchtigen Fu�tritt ein.</p><p>Looskamp, ich selbst und vielleicht ein Dutzend seiner M�nner st�rmten vorw�rts, in den Salon, in dem ich dem buckeligen Croff und den beiden anderen Dienern Adurias beinahe zum Opfer gefallen w�re, w�hrend sich der Rest der Truppe in der Halle verteilte oder mit gez�ckten Schwertern die angrenzenden R�ume st�rmte.</p><p>Der Salon hatte sich ver�ndert. War er mir beim ersten Mal schon alt und heruntergekommen erschienen, so bot er sich unseren Blicken jetzt als Ruine dar - die M�bel waren zusammengebrochen, ihre Stoffbez�ge verfault und vermodert, und von den Gardinen und Teppichen waren nur noch graue, unansehnliche Fetzen geblieben. Die Holzvert�felung war �berall herabgebrochen, so da� man die feuchte, von Schwamm und Moder zerfressenen W�nde dahinter sehen konnte. Ein nahezu unertr�glicher F�ulnisgestank lag in der Luft. In den Ritzen des aufgequollenen, �berall eingesackten Fu�bodens schwappte brackiges Wasser.</p><p>�Mein Gott!� entfuhr es mir. �Was ist das?�</p><p>Looskamp senkte sein Schwert, das er kampfbereit erhoben hatte, als wir den Salon st�rmten, drehte sich sichernd noch einmal um seine Achse und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.</p><p>�Das Labyrinth�, sagte er. �So, wie es wirklich aussieht. Was du gesehen hast, war nichts als Schein. T�uschung und Illusion sind Satans m�chtigste Waffen, Robert.�</p><p>�Satan?�</p><p>�Satan, der Teufel, Beelzebub - nenn ihn, wie du willst�, grollte Looskamp. �Alles nur verschiedene Namen f�r das gleiche Ding.�</p><p>Ich verzichtete auf eine Antwort. Jetzt war nicht der Moment, mich auf eine theologische Diskussion einzulassen.</p><p>Nach und nach kamen auch die anderen Templer zu uns in den Salon. Sie hatten das Haus untersucht, waren aber nirgends auf Widerstand oder auch nur ein Zeichen von Leben gesto�en.</p><p>Ger h�rte sich ihre Berichte der Reihe nach an, reagierte aber mit keiner Miene darauf, sondern wartete stumm, bis auch der letzte zu uns gesto�en war. Dann deutete er auf die T�r am anderen Ende des Salons.</p><p>�Dort entlang.�</p><p>�Das ist nicht der Weg, den ich gegangen bin�, sagte ich.</p><p>Looskamp verzog ungeduldig die Lippen, w�hrend zwei seiner M�nner sich bereits in Bewegung setzten, die T�r kurzerhand aufbrachen und geduckt in den angrenzenden Raum verschwanden. �Ich sagte dir doch, da� wir nicht den Weg nehmen, den du kennst�, sagte er. �Keine Sorge - wir finden schon, wonach wir suchen.�</p><p>�Und was ist das?� fragte ich.</p><p>Looskamp l�chelte. �Sein Herz�, sagte er. �Das <emphasis>Ding, </emphasis>das dieses Labyrinth geschaffen hat und beherrscht.� Dann wandte er sich um und ging. Aber ich hatte das sichere Gef�hl, da� seine Antwort nicht die volle Wahrheit war. Er belog mich nicht - das h�tte ich unweigerlich gesp�rt -, aber er <emphasis>verschwieg </emphasis>mir etwas.</p><p>Und ich w�rde herausfinden, was. Irgend etwas sagte mir, da� es wichtig f�r mich sein konnte, es in Erfahrung zu bringen.</p><p>Lebenswichtig.</p><empty-line/><p>Sie kamen n�her. Mi�trauisch beobachtete und belauerte es jede ihrer Bewegungen, hielt sich aber noch weiter im Hintergrund und schickte nur dann und wann einige seiner Kreaturen aus, damit ihr Vormarsch nicht zu leicht wurde und so ihr Mi�trauen erwachte.</p><p>Es w�re ihm ein leichtes gewesen, sie zu vernichten, jetzt, da sie in seinem Einflu�bereich waren, dort, wo seine Macht am gr��ten war.</p><p>Aber es wartete. Es wartete und lauerte und spann geduldig sein Netz. Die Falle, in die die Sterblichen mit offenen Augen hineinliefen.</p><empty-line/><p>Manche der R�ume und G�nge, durch die wir kamen, erkannte ich wieder. Andere waren mir fremd, und bei einigen glaubte ich eine vage �hnlichkeit zu erkennen, war mir aber nicht sicher, denn alles war alt und verfallen und von grauem und gr�nem Schimmel und von wuchernden Pilzkolonien �berzogen.</p><p>Mehr als einmal brach der Boden unter den Schritten der M�nner ein, zerbarst Stein oder zerfiel Holz zu krumigem Staub, um j�h aufklaffenden Abgr�nden Platz zu machen, und es glich mehr und mehr einem Wunder, da� niemand dabei zu Schaden kam.</p><p>Ich wu�te nicht, wie lange ich schon hinter Looskamp und den drei M�nnern, die die Spitze unseres kleinen Sto�trupps bildeten, durch die finsteren, von dr�uendem grauem Licht erf�llten G�nge und Treppenfluchten des Labyrinths ging. Meine Uhr war stehengeblieben, im gleichen Augenblick, in dem wir das Labyrinth betreten hatten, als h�tte die Zeit hier drinnen ihre Bedeutung verloren.</p><p>Der Weg schien meistenteils nach unten zu f�hren; Treppen, schr�ge Rampen oder G�nge, deren B�den sich in absurden Winkeln vor uns abw�rts neigten, aber nicht einmal dessen war ich mir sicher. Ich hatte die bizarre Geometrie der GROSSEN ALTEN zur Gen�ge kennengelernt, um zu wissen, wie schnell sie die Sinne eines Menschen narren und in die Irre f�hren konnte.</p><p>Ein paarmal waren wir angegriffen worden - meistens von d�rren, im Grunde bedauernswerten Kreaturen, die scheinbar aus dem Nichts auftauchten und unter den Klingen der Tempelritter ein rasches Ende fanden -, aber nicht einer der M�nner war verwundet oder gar get�tet worden.</p><p>Aber die scheinbare Leichtigkeit unseres Vormarsches beunruhigte mich eher, und auch der Ausdruck auf Gers Z�gen wurde von Minute zu Minute ernster. Die Angriffe waren nicht wirklich ernst gemeint gewesen; es waren nicht mehr als Nadelstiche, die uns eher in Sicherheit wiegen als wirklich schaden sollten.</p><p>Das Gef�hl, in eine Falle zu laufen, wurde von Augenblick zu Augenblick st�rker in mir.</p><p>Irgendwann - drau�en �ber dem Labyrinth mu�te l�ngst die Sonne untergegangen sein - erreichten wir eine niedrige, von Spinnweben und grauen Staubvorh�ngen beherrschte Gruft. Ihre Decke war gew�lbt und aus massigen, tonnenschweren Steinquadern zusammengesetzt, und auf dem Boden standen rechteckige, geborstene K�sten aus por�s gewordenem Stein.</p><p>Ich blieb stehen, sah mich stirnrunzelnd um und wandte mich an Ger, der ebenfalls mitten im Schritt verharrt war.</p><p>�Ich kenne diese Gruft�, murmelte ich. �Ich ... war schon einmal hier.� Ich deutete auf die niedrige T�r, die am Ende einer kurzen Steintreppe auf der anderen Seite aus dem Gew�lbe hinausf�hrte. �Dahinter liegt die Kirche.�</p><p>Ger nickte. Seine Zunge fuhr nerv�s �ber die aufgeplatzten, rissig gewordenen Lippen, w�hrend sein Blick unstet hierhin und dorthin tastete, als h�tte er Angst, die Schatten k�nnten pl�tzlich lebendig werden und sich auf uns st�rzen.</p><p>�Ich ... wei߫, sagte er stockend. Das niedrige Gew�lbe warf seine Worte vielfach gebrochen und verzerrt zur�ck und verlieh ihnen einen unheimlichen Klang.</p><p>�Wir ... n�hern uns dem urspr�nglichen Labyrinth.� Die Spitze seiner Waffe deutete nach oben, zur Decke. �Wir sind schon unter der Erde, Robert. Tief unter der Erde.�</p><p>Seine Worte ber�hrten mich unangenehm. Pl�tzlich hatte ich das Gef�hl, das Gewicht der Erd- und Steinmassen, das auf dem steinernen Gew�lbe lastete, wie einen unertr�glichen Druck zu sp�ren, einen Druck, der mir langsam die Brust zusammendr�ckte und mich am Atmen hindern wollte.</p><p>Irgend etwas war hier. Ich war auf irgend etwas - oder jemanden - getroffen, hier oder in der N�he dieses Gew�lbes, als ich das erste Mal hiergewesen war, aber ich vermochte mich nicht zu erinnern, was es gewesen war. Es war zu viel geschehen, nachdem ich in dieses Labyrinth eingedrungen war.</p><p>Wir gingen weiter. Die T�r am anderen Ende war diesmal nicht verschlossen, und nachdem Looskamp zwei M�nner vorausgeschickt hatte und sie zur�ckgekommen waren und gemeldet hatten, da� alles in Ordnung sei, traten auch wir hindurch.</p><p>Vor uns erstreckte sich das Schiff einer uralten, sehr gro�en Kirche; das gleiche Gotteshaus, durch das ich meine verzweifelte Flucht vor Croff und seinen beiden Begleitern fortgesetzt hatte.</p><p>Aber wie hatte es sich ver�ndert!</p><p>Beim ersten Mal hatte es nur leicht angestaubt gewirkt, eine Kirche, die vielleicht ein wenig vernachl�ssigt, aber durchaus noch lebendig war.</p><p>Jetzt war es eine Ruine. Die Fenster waren zerschlagen, schwarze leere Augenh�hlen, hinter denen wesenlose Finsternis wallte. Ein Teil des Daches war herabgest�rzt und hatte mit seinen Tr�mmern die Bankreihen zermalmt. Das gro�e Holzkreuz, das an der Wand �ber dem Altar gehangen hatte, lag zerbrochen auf dem Boden; darunter das Skelett eines Menschen, den es erschlagen hatte. Vermutlich den Priester.</p><p>Das Schlimmste aber waren die Gebetsst�hle. Bei meinem ersten Hiersein hatten Dutzende, wenn nicht Hunderte von Menschen darin gesessen, gebetet und gesungen. Schon damals waren sie mir unnat�rlich starr und wie Puppen vorgekommen.</p><p>Jetzt waren es Leichen. Mumifizierte, in betenden Haltungen erstarrte K�rper, schon vor Jahrzehnten oder vielleicht sogar Jahrhunderten gestorben und in einem zeitlosen Augenblick des Grauens eingefroren. Deutlicher als bisher begriff ich pl�tzlich, was Looskamp gemeint hatte, als er sagte, da� das Labyrinth mit Schein und Trug arbeitete. Ich hatte Leben gesehen, wo Tod war, Bewegung, wo die Stille der Ewigkeit l�ngst Einzug gehalten hatte. Was ich gesehen hatte, war nichts als ein Schatten einer l�ngst vergangenen Wirklichkeit gewesen.</p><p>Looskamps Gesicht war zu einer Maske des Zornes geworden, als ich mich zu ihm herumdrehte. Seine Augen waren geweitet, w�hrend sein Blick in hilflosem Entsetzen �ber die Bankreihen tastete.</p><p>�Selbst dies�, murmelte er. Seine Stimme zitterte und h�rte sich an, als wolle sie brechen. �Selbst ein Haus des Herrn hat es in seiner Gier verschlungen.�</p><p>Seine Worte lie�en mich innerlich erschauern. Ich hatte fast vergessen, da� die Tempelherren mehr als eine Vereinigung fanatischer M�nner waren, sondern auch Priester; k�mpfende M�nche, die sich zusammengetan hatten, um das Wort des Herren mit dem Schwert in alle Welt zu tragen. Sicher waren sie irregeleitet, religi�se Fanatiker, die sich in ihrem Wahn mehr vom Kern ihres Glaubens entfernt hatten, als sie selbst ahnten. Trotzdem waren sie sehr gl�ubig. F�r einen Mann wie Looskamp mu�te der Anblick dieser Kirche hundertmal schlimmer sein als f�r mich.</p><p>Ich wollte ihm ein Wort des Trostes sagen, aber in diesem Moment ert�nte aus dem hinteren Teil des Gebetshauses ein splitternder, berstender Laut.</p><p>Ich fuhr herum. Ein Teil der R�ckwand war zusammengebrochen; ein mannshohes und vielleicht vier Meter breites Loch war entstanden. Grauer Staub wallte auf, und aus der zerborstenen Mauer�ffnung regneten noch immer Steintr�mmer herab.</p><p>Und hinter der �ffnung, halb verborgen hinter brodelndem Staub, bewegten sich Gestalten. Kleine, verkr�ppelt wirkende Gestalten. Wesen, die auf grausige Weise an furchtbar verunstaltete Kinder erinnerten ...</p><p>Ein vielstimmiger Schrei brach aus den Reihen der Templer, als das erste dieser Wesen durch den Vorhang aus Staub und Qualm trat und ihm weitere folgten.</p><p>Es <emphasis>waren </emphasis>Kinder. Aber sie waren nicht verkr�ppelt oder verunstaltet. Das, was hinter dem verwischenden Nebel wie grausige Buckel und pockennarbige Ausw�chse ausgesehen hatte, waren Teile ihrer Kleidung; Fetzen, die von ihren verdreckten K�rpern herabhingen, S�cke, die sie auf den Schultern oder den R�cken trugen.</p><p>Looskamp st�hnte. Manche der Kinder - es mu�ten an die drei�ig sein, die mit wiegenden Schritten aus der Mauer�ffnung heraustraten und die Templer allm�hlich einzukreisen begannen - schleppten blanke Knochen mit sich herum.</p><p>Der Anblick war so furchtbar, da� wir die Gefahr, in der wir uns befanden, beinahe zu sp�t bemerkten!</p><p>Die Kinderarmee hatte uns eingekreist. Mit wiegenden, wie trunken erscheinenden Schritten waren sie n�hergekommen, bis sie einen weit geschwungenen, an drei Seiten geschlossenen Dreiviertelkreis bildeten, in dessen Zentrum sich die Templer befanden.</p><p>Und pl�tzlich ging eine Ver�nderung mit ihnen vor sich. Sie blieben stehen, alle zugleich, wie auf ein geheimes, unh�rbares Zeichen hin. Einige von ihnen schienen mich aus ihren erloschenen Augen direkt anzublicken, und auf ihren Gesichtern erschien pl�tzlich ein bl�des, beinahe gl�ckliches L�cheln.</p><p>Und dann blitzten Messer in ihren kleinen H�nden auf.</p><p>Einer der Templer br�llte auf und taumelte zur�ck, beide H�nde gegen den Oberschenkel gepre�t. Aus seinem Bein ragte der Griff eines Dolches, den ihm eines der Kinder warnungslos ins Fleisch gesto�en hatte!</p><p>�Zur�ck!� schrie Looskamp. Gleichzeitig sprang er selbst zur Seite, wich einem Messer aus, mit dem eines der Kinder nach ihm hieb, und versetzte dem Knirps gleichzeitig eine schallende Ohrfeige, die ihn zur�ck und zu Boden taumeln lie�. Dicht neben ihm ri� einer der Templer sein Schwert in die H�he; Looskamp wirbelte herum, fiel dem Mann in den Arm und fing den Hieb im letzten Moment ab.</p><p>Der vielleicht zehnj�hrige Knabe, dem er damit das Leben gerettet hatte, dankte es ihm auf recht sonderbare Weise - in seinen H�nden blitzte pl�tzlich ein langer Dolch auf, mit dem er auf Looskamp eindrang. Der Tempelherr fluchte, schlug dem Knaben die geballte Faust auf das Handgelenk und brach in die Knie, als ihn ein geschleuderter Stein an der Stirn traf.</p><p>Endlich erwachte auch ich aus meiner Erstarrung. Mit einem Satz war ich neben Ger, wehrte mit einem Arm die heranst�rmende Kinderhorde ab und versuchte ihn mit dem anderen auf die F��e zu zerren.</p><p>Looskamp st�hnte. Seine rechte Augenbraue war aufgeplatzt; Blut lief in bizarren Linien �ber sein Gesicht, und seine Augen wirkten glasig. �Wir m�ssen ... zur�ck�, murmelte er. �Keinen ... Kampf. Es sind ... Kinder.�</p><p>Ich nickte, richtete ihn �chzend auf und zog mich Schritt f�r Schritt zur�ck, w�hrend die Tempelritter bereits unter dem Ansturm der Kinderarmee zu wanken begannen. Wie durch ein Wunder war bisher keiner von ihnen ernsthaft zu Schaden gekommen - ihre fast mannsgro�en Schilde sch�tzten sie vor den immer dichter heransausenden Steinen und Wurfgeschossen und bildeten eine Barriere. Aber lange w�rden sie sich nicht mehr halten k�nnen, das sah ich. Immer wieder zuckte eine Klinge durch eine L�cke zwischen zwei Schilden, mogelte sich unter ihren R�ndern hindurch und f�gte den M�nnern Wunden zu.</p><p>Wahrscheinlich w�re es ein leichtes f�r Looskamps M�nner gewesen, die Angreifer niederzumachen. Und wahrscheinlich war ich nicht der einzige, der ahnte, da� unsere Gegner nur scheinbar Kinder waren; in Wahrheit waren es Labyrinthgesch�pfe, Kreaturen des B�sen, die die unsichtbare Monstrosit�t, die dieses Tunnelsystem beherrschte, erschaffen hatten, um uns ins Verderben zu st�rzen, absichtlich in dieser �u�eren Form, den K�rpern unschuldiger Kinder, um unseren Widerstandswillen zu brechen; vielleicht auch nur, um uns zu qu�len.</p><p>Und trotzdem hob nicht einer sein Schwert, um die H�llenkreaturen zu vernichten. Schritt f�r Schritt zogen sich die Templer zur�ck, bildeten einen immer dichter werdenden Kreis um mich und Looskamp und beschr�nkten sich darauf, mit ihren Schildern die geschleuderten Steine und Messer abzuwehren, so gut es ging.</p><p>Ich war froh, da� die M�nner so und nicht anders reagierten. Ich wu�te sehr wohl, da� wir Kreaturen der H�lle gegen�berstanden, aber meine Augen sagten mir das Gegenteil.</p><p>Looskamp fand endlich seine klare Besinnung wieder, streifte meinen helfenden Arm ab und nickte kurz und dankbar. Dann richtete er sich auf und rief seinen M�nnern mit hoch erhobener Stimme Befehle zu; Worte in einer fremden schnellen Sprache, die ich nicht verstand.</p><p>Die Tempelritter reagierten sofort. In einer flie�enden, schnellen Bewegung zog sich der Kreis aus Schilden noch einmal um die H�lfte zusammen, so da� der Vormarsch der Kinder f�r einen Moment ins Leere stie�, platzte dann auseinander und bildete einen schlanken, nach vorne spitz zulaufenden Keil. Blitzartig formierten sich die Templer um, stie�en die Angreifer mit ihren Schilden zu Boden oder trieben sie allein durch die ungest�me Wucht ihres abrupten Angriffes zur�ck.</p><p>Looskamp schwang sein Schwert, schlug eine heranst�rmende Labyrinth-Kreatur mit der Breitseite der Klinge zu Boden und st�rmte los. Hinter uns schlo� sich die Gasse, die die Templer mit ihren Schilden gebildet hatten, wieder.</p><p>Aber auch die Kinder hatten sich von ihrer �berraschung erholt und gingen nun erneut zum Angriff �ber. Und diesmal verlegten sie sich auf eine andere Taktik. Sie versuchten nicht mehr mit Steinen zu werfen oder ihre Messer durch L�cken in der Schildmauer zu sto�en, sondern griffen mit schrillen, an Vogelrufe erinnernden Schreien an, klammerten sich mit ihren kleinen H�nden an die Schildr�nder und versuchten den Wall aus Schilden zu �bersteigen.</p><p>Es war ein bizarrer, unwirklicher Kampf. Ich sah, wie die Reihen der Templer zu wanken begannen. Immer wilder und wilder wogten die Labyrinthkreaturen herum, und einer der Tempelritter taumelte mit einem Schmerzensschrei zur�ck, lie� seinen Schild fallen und wurde im letzten Moment von zwei seiner Kameraden gedeckt.</p><p>Looskamp deutete keuchend auf den Mauerdurchbruch, durch den die Kinder gekommen waren. �Dorthin!� sagte er schweratmend. �Schnell!�</p><p>Ich sah eine Bewegung aus den Augenwinkeln und warf mich instinktiv zur Seite. Dort, wo ich einen Sekundenbruchteil zuvor gestanden hatte, krachte eine fast meterlange Eisenstange zu Boden und zermalmte den Stein. Ein w�tendes Kreischen erscholl.</p><p>Ich wirbelte herum. Der Bursche, der nach mir geschlagen hatte, stie� ein entt�uschtes Zischen aus, ri� seine Eisenstange mit erstaunlicher Kraft in die H�he und holte zu einem zweiten, besser gezielten Hieb aus. Blitzschnell sprang ich auf ihn zu und versetzte ihm eine Backpfeife. Er lie� die Stange fallen und begann zu weinen.</p><p>Der Anblick schien irgend etwas in mir zu zerbrechen. Wut, unbezwingbare, kochende Wut auf die Bestie, die dieses Labyrinth erschaffen hatte, wallte in mir empor und fegte jeden klaren Gedanken beiseite. Dieses <emphasis>Ding </emphasis>da vor mir war kein Kind, sondern nur ein Schatten, auf widernat�rliche Art am Leben erhalten und zu einer ewigen, m�rderischen Existenz gezwungen.</p><p>Ich hatte mir geschworen, die d�monische Macht, die tief am Grunde meiner Seele lauerte, nie wieder zu entfesseln, das t�dliche Erbe meines Vaters auf ewig gefangen- und stillzuhalten. Aber mein klares Denken war ausgeschaltet. Ich fuhr auf, schrie vor Zorn und ri� in einer beinahe beschw�renden Geste die Arme hoch.</p><p>�Komm her!� h�rte ich meine eigene Stimme schreien, laut, unglaublich <emphasis>laut </emphasis>und dr�hnend, Worte bildend, die nicht aus mir heraus kamen, sondern aus dem schrecklichen, brodelnden <emphasis>Ding </emphasis>in meiner Seele, dem d�monischen Erbe meines Vaters. �Komm heraus und zeige dich, du Bestie! Komm her und k�mpfe selbst, wenn du den Mut dazu hast!�</p><p>Etwas Sonderbares geschah. F�r einen zeitlosen Augenblick war mir, als ginge eine rasche, unruhige Bewegung durch unsere Umgebung, ein Zucken, als w�re alles nichts als ein bewegliches Bild, das eine unsichtbare Hand blitzartig zusammenzog und wieder straffte. Ein tiefer, drohender Laut erscholl; ein Brummen und Rauschen, wie ich es noch nie zuvor vernommen hatte.</p><p>Dann endete der Kampf. Pl�tzlich, von einer Sekunde auf die andere, lie�en die Labyrinthgesch�pfe von ihren Gegnern ab. Ihre Arme sanken herab; Messer und Kn�ppel fielen zu Boden, und das bizarre Heer zog sich wie ein gro�es, aus vielen einzelnen Gliedern bestehendes Tier zur�ck.</p><p>Das Licht flackerte. F�r einen Moment wurde es dunkel, dann kam die Helligkeit zur�ck, aber es war ein anderes, giftgr�nes Licht diesmal, ein unheiliger b�ser Schein, der aus keiner bestimmten Quelle kam, sondern aus der Luft direkt zu str�men schien, und ich sah, wie die vermeintlichen Kinder pl�tzlich zur Reglosigkeit erstarrten, eines nach dem anderen zu Boden sanken und zu Staub zerfielen.</p><p>Das gr�ne Gl�hen verst�rkte sich. Irgendwo zwischen mir und dem Altar mit dem toten Priester begann sich vage Bewegung zu bilden, kein K�rper, sondern ein wesenloses Gl�hen und Wogen, als z�ge sich das Licht dorthin zur�ck, um ein Loch in die Wirklichkeit zu brennen.</p><p>Und genau das war es auch.</p><p>Der grelle Glanz wurde unertr�glich. Ein wabernder, wie eine winzige Sonne glei�ender Ball entstand, anderthalb Meter �ber dem Boden reglos in der Luft schwebend, zog sich weiter zusammen, dehnte sich weiter aus, zog sich wieder zusammen ...</p><p>Schneller und schneller wurde sein Pulsieren, bis <emphasis>es </emphasis>schlug wie ein gewaltiges, rasendes Herz. Ein widerlicher summender Ton erf�llte pl�tzlich das zerfallene Kirchenschiff, und mit einem Male h�rte ich einige von Looskamps M�nnern vor Schreck aufschreien.</p><p>Im Zentrum des pulsierenden Herzens aus Licht erschien eine Gestalt.</p><p>Zuerst war es nur ein Schatten, halb durchsichtig und an den R�ndern verlaufen, wie von S�ure zerfressen. Dann gewann er an Substanz und Gr��e, wuchs, dehnte sich aus und wurde zu einer absurden, tentakelbewehrten Monstrosit�t.</p><p>Das Ding war fast doppelt so gro� wie ein Mann und massig wie ein B�r. Sein Leib war ein aufgedunsener grauschwarzer Ball, triefend vor Schleim und Algen, und unter seinem Kopf, der von einem einzigen, rotflammenden Auge beherrscht wurde, sa� ein Kranz peitschender, saugnapfbewehrter Tentakeln, doppelt so lang wie ein menschlicher Arm und st�ndig in unruhiger Bewegung, wie ein Nest schwarzer, sich windender Schlangen. Aus seinen Schultern wuchsen zwei gewaltige, muskul�se Arme, die in f�rchterlichen, an groteske Hummerscheren erinnernden Klauen endeten.</p><p>Und dann h�rte ich die Stimme.</p><p>Sie war mit nichts vergleichbar, was ich jemals zuvor vernommen hatte; keine Stimme, sondern ein Grollen wie das Br�llen eines erz�rnten Gottes, ein unglaublich lautes und b�ses Schreien, das das Kirchenschiff in seinen Grundfesten erheben lie�.</p><p><emphasis>�Du hast mich gerufen!� </emphasis>donnerte sie. <emphasis>�Ich bin hier, Craven! Lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet, allzulange, Robert Craven! Ich habe dich erwartet! Dich, den Sohn des Magiers! Jetzt komm her und k�mpfe!�</emphasis></p><p>Das Monstrum b�umte sich auf. Seine Tentakeln peitschten w�tend die Luft, die gigantischen, tangbewachsenen Klauen zuckten in meine Richtung, und das faustgro�e, rote Auge flammte auf.</p><p>Unter den Tempelrittern begann eine Panik auszubrechen. Schreiend wichen sie zur�ck, lie�en ihre Waffen fallen und bargen die Gesichter in den H�nden; Looskamp br�llte irgend etwas, das ich nicht verstand. Der Boden erzitterte unter der Wut der D�monenstimme, und von der Decke regneten Steine und zerborstene Balken herab.</p><p>Aber ich nahm von alledem kaum etwas wahr. Ich war wie gefangen in einem Rausch. Alles in mir war Zorn, ein unglaublicher, uralter Zorn, der warnungslos aus meiner Seele hervorbrach und mein klares Denken in ein Chaos verwandelte. Mein ganzes Denken und Wahrnehmen war auf einen kleinen, winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit konzentriert, in dessen Zentrum sich das gr�ne Leuchten und die schwarze Monstrosit�t befand, die es geboren hatte.</p><p>Und ich sp�rte, wie sich meine Hand um den Griff des Stockdegens schlo� ... Mein K�rper spannte sich, sammelte Kraft f�r den Sprung, eine Bewegung, die ohne und gegen meinen Willen erfolgte, als w�re ich nicht mehr Herr meines Leibes, sondern nur noch ein unbeteiligter, hilfloser Beobachter.</p><p>�Ja�, fl�sterten meine Lippen. �Ich komme!�</p><p>Das waren nicht meine Worte, so wenig wie die Bewegung, die meine Hand machte, als sie den Stockdegen aus seiner Umh�llung l�ste, <emphasis>meine </emphasis>Bewegung war. �Ich komme!� fl�sterten meine Lippen. �Auch ich habe auf diesen Moment gewartet, viel zu lange.�</p><p>Ich wollte schreien, aber nicht einmal das konnte ich. Mein Arm hob sich, schwang den Degen, und ein gellender Schrei brach �ber meine Lippen. Das Monstrum vor mir breitete mit einem zornigen Kreischen seine Scherenarme aus und lie� die Tentakel peitschen.</p><p>Das letzte, was ich registrierte, war eine rasche, ruckhafte Bewegung neben mir.</p><p>Und Looskamps Hand, die in meinen Nacken krachte und mein Bewu�tsein ausl�schte.</p><empty-line/><p>Zum ersten Mal in seinem nach Jahrmillionen z�hlenden Leben versp�rte es einen sanften Hauch von Beunruhigung, ja, beinahe Furcht; ein Gef�hl, das ihm bisher fremd gewesen war.</p><p>Die Falle war zugeschnappt, wie es es geplant hatte; seine Diener hatten die Sterblichen angegriffen, um sie dorthin zu treiben, wo es sie hatte haben wollen, um sie vollends zu vernichten.</p><p>Und pl�tzlich war etwas Neues, Fremdes dagewesen, ein Quell solch unglaublicher magischer Macht, wie es niemals einem begegnet war.</p><p>Erst nach Sekunden hatte es begriffen, wem es da gegen�berstand. In seinem Zorn und seiner Wut h�tte es beinahe einen Fehler begangen und sich dem verha�ten Feind zum Kampf gestellt, einem Kampf, den es nicht verlieren konnte und nicht gewinnen durfte.</p><p>Ohne es zu ahnen, hatten die Sterblichen selbst es vor einem furchtbaren Fehler bewahrt, als sie sich einmischten und den Kampf verhinderten.</p><p>Hastig hatte es sich zur�ckgezogen, zur�ck in die Tiefen seines chthonischen Palastes, wo es unangreifbar und sicher war. Wo es Zeit hatte, zu �berlegen und sich auf die neue Situation einzustellen.</p><p>Neue Pl�ne zu schmieden.</p><p>Das Auftauchen dieser neuen, unerwarteten Macht ver�nderte die Lage vollkommen. Es empfand keine wirkliche Furcht, denn es wu�te um seine Unangreifbarkeit.</p><p>Aber es erkannte die M�glichkeit, die sich ihm pl�tzlich bot. Wenn es ihm gelang, die furchtbare Macht, die es gesp�rt hatte, mit seiner eigenen zu vereinen, w�rde es st�rker und unbesiegbarer sein als jemals zuvor, m�chtiger, als es sich in seinen k�hnsten Tr�umen vorzustellen gewagt hatte.</p><p>Schlie�lich, nach einer Weile, streckte es behutsam seine gedanklichen F�hler aus, um erneut nach seinem Feind zu tasten, nicht um ihn anzugreifen, sondern nur suchend, sondierend.</p><p>Es mu�te vorsichtig vorgehen, anders als sonst nicht mit seiner ganzen magischen Macht k�mpfen, sondern mit List und Verschlagenheit. Es wu�te, da� es den <emphasis>anderen </emphasis>dort, wo er jetzt war, wohl vernichten, sich aber seine Kr�fte nicht nutzbar machen konnte, doch gerade das war es ja, was es wollte.</p><p>Behutsam begann es ein neues, raffiniertes Netz zu spinnen ...</p><empty-line/><p>Ein dumpfer Schmerz pulsierte in meinem Sch�del, als ich erwachte. Ich st�hnte, versuchte den Kopf zu heben und bi� mit einem neuerlichen St�hnen die Z�hne zusammen, als eine d�nne wei�gl�hende Nadel in meinen Nacken zu stechen schien.</p><p>Dann tastete eine Hand nach meinem Hals, suchte mit kundigen Bewegungen nach einer bestimmten Stelle und dr�ckte kurz und heftig zu. Der Schmerz flammte noch einmal zu grausamer Wut auf und erlosch. Ich �ffnete die Augen.</p><p>Das erste, was ich registrierte, war, da� wir nicht mehr in dem zerfallenen Kirchenschiff waren, sondern uns unter dem gewaltigen, steinernen Dach einer H�hle aufhielten, das eine Meile oder mehr �ber mir zu schweben schien. Eine unangenehme, gl�serne K�lte hing in der Luft, und es roch nach Meer und fauligem Tang.</p><p>�Alles wieder in Ordnung?� fragte eine wohlbekannte Stimme neben mir.</p><p>Ich wandte den Kopf, begegnete Looskamps ernstem Blick und nickte. �Was ... ist passiert?� fragte ich mit schwerer Zunge.</p><p>Looskamps Augen wurden dunkel vor Sorge. �Das wollte ich gerade dich fragen�, sagte er. Er versuchte zu l�cheln, aber der bebende Unterton in seiner Stimme machte den Effekt zunichte.</p><p>Allm�hlich begann ich mich zu erinnern. �Du ... hast mich niedergeschlagen�, sagte ich, w�hrend ich mich unsicher auf die Ellbogen hochstemmte und mich umsah.</p><p>Die H�hle war so gewaltig, da� ihre W�nde irgendwo im Ungewissen Dunst der Entfernung verschwammen. Ich lag auf einem Untergrund aus grobem, dunkelbraunem Sand, der mit schwarzen Lavaklumpen durchsetzt war. Linker Hand, sehr weit entfernt, glaubte ich die d�nne, schwarzgl�nzende Uferlinie eines Sees oder Flusses zu erkennen.</p><p>Die Templer hatten einen weiten, lockeren Kreis um Looskamp und mich gebildet. Hier und da brannte ein Feuer und versuchte vergeblich, die unangenehme K�lte zu vertreiben, die unseren Atem zu grauem Dunst machte. Ich war mir nicht sicher, aber es schien mir, als w�re es kein Zufall, da� sie alle so weit von Looskamp und mir fortger�ckt waren. Keiner von ihnen sah in meine Richtung.</p><p>�Du hast mich niedergeschlagen�, sagte ich noch einmal und sah Looskamp an.</p><p>Auch er wich meinem Blick aus. �Ja�, sagte er. �Du warst auf dem besten Wege, dich umzubringen.� Er sch�ttelte den Kopf, setzte dazu an, noch etwas zu sagen, zog aber dann nur mit einem stummen Seufzer die Knie an den K�rper und starrte an mir vorbei.</p><p>�Was war das?� murmelte ich. �Dieses ... Ding, Ger - was war das?�</p><p>Ger starrte mich an. �Wei�t du das wirklich nicht?� fragte er.</p><p>Ich sch�ttelte zornig den Kopf. �Verdammt, wozu sollte ich fragen, wenn ich es w��te?� schnappte ich. �Ich -�</p><p>�Es war die Kreatur�, unterbrach mich Ger. �Die Kreatur des Labyrinths, Robert.�</p><p>Ich schwieg, gleicherma�en verwirrt wie erschrocken. Ein eisiges, l�hmendes Gef�hl des Unglaubens machte sich in mir breit. �Du ... du meinst, dieses ... dieses Ding war ...�</p><p>�Die Verk�rperung des Labyrinthwesens�, best�tigte er. �Und du hast sie gerufen, Robert.� Seine Lippen pre�ten sich zu einem d�nnen, blutleeren Strich zusammen.</p><p>�Wer bist du?� fl�sterte er pl�tzlich. �Wer bist du, da� du solche Macht hast, die Kreaturen der H�lle heraufzubeschw�ren, Robert Craven?�</p><p>Unter allen anderen Umst�nden h�tten seine Worte - und vor allem die Art, in der er sie aussprach - theatralisch und albern gewirkt. Jetzt lie�en sie mich innerlich erschauern.</p><p>Denn ich begriff pl�tzlich, warum die Templer so weit von mir fortger�ckt waren. Warum keiner von ihnen in meine Richtung sah und selbst Looskamp meinem Blick nur mit �u�erster M�he standhielt.</p><p>Sie hatten Angst.</p><p>Angst vor mir.</p><p>�Das ... das war nicht ich�, antwortete ich stockend. �Ich wei� ... selbst nicht, was es war, Ger. Bitte glaub mir. Ich ... bin ebenso erschrocken wie du. Es war ... pl�tzlich in mir.�</p><p>Der Blick seiner dunklen Augen schien sich in den meinen zu bohren. Eine endlose Sekunde lang starrte er mich an, dann senkte er mit einer ersch�pft wirkenden Bewegung den Kopf und nickte.</p><p>�Ich glaube dir�, sagte er einfach. Er atmete scharf ein, schlo� einen Moment die Augen und sch�ttelte pl�tzlich den Kopf. Seine Hand grub in dem groben Sand unter uns, ohne da� er es �berhaupt zu bemerken schien.</p><p>�Du bist nicht nur irgendein Magier, nicht?� fl�sterte er, ohne mich anzusehen. �Ich meine, du ... du bist nicht einer wie ... wie ich und die anderen, die gelernt haben, mit Magie umzugehen. Du bist ...�</p><p>�Ich bin Roderick Andaras Sohn�, sagte ich leise, als er nicht weitersprach. �Und was du gesehen hast, war sein Erbe, Ger. Aber ich will es nicht. Ich ... habe versucht, es zu vertreiben. Ich wollte es irgendwo in mir vergraben und f�r immer vergessen.�</p><p>�Andara�, murmelte Ger, als h�tte er meine letzten Worte gar nicht geh�rt. �Der Hexer.�</p><p>Ich nickte. Pl�tzlich f�hlte ich mich niedergeschlagen und elend. Es war nicht das erste Mal. Ich hatte versucht, mit diesem Erbe zu leben, aber es hatte sich mehr und mehr als Fluch erwiesen, eine Macht, die eher mich beherrschte als umgekehrt.</p><p>�Bruder Balstrano mu� es gewu�t haben�, murmelte Ger. Seine Stimme klang flach; tonlos. �Er hat gewu�t, da� du ein wirklicher Magier bist. Vielleicht der letzte, den es gibt. Deshalb wollte er, da� du uns begleitest.�</p><p>Einen Moment blickte ich ihn an, dann wandte auch ich mich um und sah dorthin, wo ich den See zu erkennen geglaubt hatte. Ein schwacher Salzwassergeruch schlich sich unter der K�lte heran. Eine Erinnerung blitzte hinter meiner Stirn auf und verging wieder, ehe ich sie fassen konnte.</p><p>�Nat�rlich hat er es gewu�t�, sagte ich leise. �Glaubst du wirklich, er h�tte mich nur <emphasis>deswegen </emphasis>mitgeschickt?� Ich hielt den Stockdegen mit dem Kristallknauf in die H�he und lachte rauh. �Eine Waffe wie diese mag m�chtig sein, aber gegen die Labyrinthkreatur nutzt sie nicht viel. Nicht viel mehr als eure Schwerter.� Ich sch�ttelte den Kopf, lie� den Degen wieder sinken und starrte Ger so lange an, bis er meinen Blick sp�rte und den Kopf wandte.</p><p>�Warum sind wir wirklich hier?� fragte ich leise.</p><p>Ger schwieg einen Moment. �Was ... meinst du damit?� fragte er. Seine Stimme klang lauernd.</p><p>�Das wei�t du genau�, antwortete ich, noch immer sehr leise, damit keiner der anderen unsere Unterhaltung h�rte, aber scharf und fordernd.</p><p>�Wir sind nicht hier, um dieses Labyrinth zu vernichten�, behauptete ich. �Das k�nnen wir nicht. Weder ich noch du. Nicht f�nftausend deiner Ritter, und wenn sie noch so m�chtig sind; geschweige denn f�nfzig. Warum sind wir wirklich hier?�</p><p>�Ich sage die Wahrheit, Robert!� sagte Ger, aber ich unterbrach ihn mit einer zornigen Geste und fuhr ihn an:</p><p>�Versuche nicht, mich zu bel�gen, Ger�, sagte ich. �Ich bin ein Magier, vergi� das nicht. Man kann mich nicht bel�gen. Niemand kann das. Ich sp�re, wenn man mich bel�gt.�</p><p>Ger hielt meinem Blick einen Moment lang stand, dann senkte er abermals den Kopf und fuhr fort, mit den Fingern im Sand zu graben. �Du hast recht�, sagte er schlie�lich. �Zu Anfang war es mein Plan, die Kreatur zu vernichten und dieses Satanswerk hier unsch�dlich zu machen. Aber ich erkannte schnell, da� das nicht m�glich ist.�</p><p>�Und weshalb sind wir dann hier?� fragte ich.</p><p>Looskamp atmete h�rbar ein. �Du wei�t nicht viel �ber die <emphasis>Tore </emphasis>der GROSSEN ALTEN�, begann er. �Nicht?�</p><p>�Nur, da� es sie gibt�, antwortete ich. �Und das, was mir Balestrano erz�hlt hat.�</p><p>�Er hat dir erz�hlt, da� die Kreatur des Labyrinths aus einem pervertierten Tor entstanden ist�, sagte Ger. �Und das ist die Wahrheit. Aber wir k�nnen es nicht vernichten. Keine Macht des Universums kann das, ausgenommen der Herr selbst. Was entstand, wird bleiben, solange dieses Wesen existiert. Aber wir k�nnen es aufhalten. Wir k�nnen es daran hindern, sich noch mehr auszudehnen. Niemand vermag die armen Seelen, die ihm bisher zum Opfer gefallen sind, zu retten. Aber wir k�nnen daf�r sorgen, da� es nicht noch mehr Opfer findet.�</p><p>�Und wie?� fragte ich. �Du hast mich zur�ckgehalten, als ich das Monster angreifen wollte.�</p><p>�Um dir das Leben zu retten, du Narr!� fuhr Looskamp auf. �Es h�tte dich vernichtet. Auch deine magischen Kr�fte h�tten dir nicht geholfen. Nicht hier, im Herzen seiner Macht, Robert!�</p><p>�Wie wollt ihr es dann aufhalten?�</p><p>Looskamp blickte an mir vorbei. �Die <emphasis>Tore�, </emphasis>sagte er, und ich sp�rte, wie schwer es ihm fiel, weiterzusprechen, �sind keine ... technischen Dinge. Sie sind auch nicht magischer Natur; nicht so, wie wir dieses Wort verstehen. Sie ... leben.�</p><p>�Leben?� murmelte ich verst�rt. �Du meinst dieses spezielle Tor hier!�</p><p>Looskamp sch�ttelte ernst den Kopf. �Nicht nur dieses�, sagte er. �Es sind ... Kreaturen. Unbegreifliche Wesen, von den GROSSEN ALTEN nur f�r diesen einen Zweck erschaffen. Sie sind nicht wirklich in der Lage, zu denken oder eigene Entscheidungen zu treffen, aber sie leben, wenn auch in einem unbegreiflichen, fremden Sinn dieses Wortes, den wir niemals wirklich verstehen werden. Wenn wir es aufhalten wollen, dann m�ssen wir sein Herz erreichen und zerst�ren.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis mir der Sinn seiner Worte klar wurde. �Du meinst das so, wie du es sagst, nicht?� fragte ich. �Nicht im �bertragenen Sinne. Es gibt dieses Herz wirklich.�</p><p>Ger nickte. �Ja. Niemand wei�, wie es aussieht, aber es gibt dieses Herz, in jedem <emphasis>Tor. </emphasis>Der Sitz seines Lebens. Wenn wir ihn finden und zerst�ren, wird es wenigstens aufh�ren zu wachsen.�</p><p>�Und du glaubst, es w�rde tatenlos zusehen, wie wir -�</p><p>�Nat�rlich nicht�, unterbrach mich Ger. �Aber wir werden einen Weg finden, zu ihm zu gelangen.� Er machte eine weitausholende Geste, die die ganze gigantische H�hle einschlo�. �Es ist nicht mehr weit�, sagte er. �Ich sp�re seine N�he bereits, wie den H�llenatem Satans.�</p><p>Ich antwortete nicht gleich, sondern sah mich noch einmal in der gro�en, vollkommen leeren H�hle um. Aber wieder konnte ich nichts anderes erkennen als eine schier endlose Ebene aus braunem Sand und Lavaklumpen und Ungewissen Schatten, irgendwo sehr, sehr weit entfernt. �Wo sind wir �berhaupt?� fragte ich schlie�lich.</p><p>�Unter dem Labyrinth�, antwortete Ger nach kurzem Z�gern. �Wir fanden einen Tunnel, nachdem wir die Kirche verlie�en. Er brachte uns direkt hierher.� Pl�tzlich bebte seine Stimme h�rbar. �Es mu� ganz nahe sein�, fl�sterte er, mehr zu sich selbst als zu mir gewandt. �Wir sind tief unter der Stadt, vielleicht sogar unter dem Meer. Dies mu� eine der verfluchten H�hlenwelten sein, von denen die alten B�cher sprechen.�</p><p>Seine Worte lie�en auch mich erschauern. Hie� es nicht im NECRONOMICON, Cthulhu selbst l�ge ertrunken in seiner verfluchten Stadt R�lyeh am Grunde des Meeres und vertr�ume die Ewigkeit?</p><p>Ich verjagte den Gedanken, aber er verschwand nicht ganz, sondern blieb wie ein unangenehmer Geschmack dicht unter der Oberfl�che meines Bewu�tseins zur�ck.</p><p>�Dies mu� der Ort sein, an dem das urspr�ngliche <emphasis>Tor </emphasis>stand�, fuhr Looskamp mit leiser Stimme fort. �Ich frage mich, wohin es gef�hrt hat. Welche Schrecken mag diese H�hle geborgen haben, Robert?�</p><p>Ein dumpfes Gef�hl von Hoffnungslosigkeit breitete sich in mir aus. Beinahe w�re mir wohler gewesen, wenn wir noch in der bizarren Umgebung des Labyrinths gewesen w�ren. Dort hatte es wenigstens ein �Irgendwo� gegeben, zu dem wir gehen konnten. Hier gab es nichts. Nichts als Sand und Leere. Ich f�hlte mich verloren.</p><p>Ger deutete auf die d�nne, schwarze Linie am Horizont. Wieder glaubte ich einen schwachen Hauch von Salzwassergeruch in der Luft zu sp�ren, und wieder war mir, als erinnerte ich mich an etwas, konnte aber auch diesmal nicht sagen, was es war. Dann verging das Bild, und zur�ck blieb ein Gef�hl sonderbarer Leere.</p><p>Mit einem lautlosen Achselzucken stand ich auf und reihte mich in die zerbrochene Kette taumelnder Gestalten ein.</p><p>Zwei Stunden sp�ter erreichten wir den Strand. Was von weitem wie die Uferlinie eines Flusses oder Sees ausgesehen hatte, erwies sich beim N�herkommen als ein gewaltiger, mattschwarzer Ozean, dessen Wellen lautlos gegen einen Lavastrand rollten und das Licht verschluckten.</p><p>Nach und nach waren auch die ersten �berlebenden des kleinen Heeres zu uns gesto�en. Es waren nicht viele; Ger und mich mitgerechnet, waren wir nicht einmal mehr zwanzig, und kaum einer von uns war unverletzt. Es war ein zerschlagener, mutloser Haufen, in dem wir uns dem Strand entgegenschleppten. Keiner von uns gab sich noch der Hoffnung hin, dieses Labyrinth des Wahnsinns noch einmal zu verlassen. Wir waren weiter von der wirklichen Welt entfernt als je zuvor. Vielleicht waren wir nicht einmal mehr in unserer Zeit.</p><p>Der Salzwassergeruch wurde fast unertr�glich, je mehr wir uns dem Strand n�herten. Die Lautlosigkeit, mit der die finsteren Wellen heranwogten, hatten etwas Bizarres, und als ich genauer hinsah, fiel mir auf, da� die Bewegung des Wassers sonderbar tr�ge und langsam wirkte, als w�re es gar kein Wasser, sondern Sirup oder geschmolzenes Pech.</p><p>M�de erreichte ich das Ufer, lie� mich dicht vor der Flutlinie auf die Knie sinken und tauchte vorsichtig den Finger in eine der heranrollenden Wellen.</p><p>Das Wasser war kalt und f�hlte sich z�h an, irgendwie schleimig, und als ich den Finger an die Lippen hob und ganz vorsichtig kostete, hatte ich das Gef�hl, mit purem Salz in Ber�hrung gekommen zu sein.</p><p>Und dann ...</p><p>Das Bild entstand so pl�tzlich in meinem Geist, da� ich unwillk�rlich zusammenfuhr.</p><p>F�r einen Moment glaubte ich ein Kamel zu erblicken, die mumifizierte Leiche eines Arabers in einem zeitlosen Augenblick auf seinem Sattel erstarrt, beide konserviert und aufrecht gehalten von einer unendlichen Ein�de salzigen Wassers, das sie einschlo�. Dann sch�lten sich die Umrisse der <emphasis>Stadt </emphasis>aus dem grauen Nebel meiner Erinnerungen ...</p><p>Ich wandte mich zu Looskamp um, der mir gefolgt war, und sagte: �Wir sind am Ziel, Ger. Ich wei�, wo das Herz des <emphasis>Tores </emphasis>ist.�</p><p>In seinen Augen blitzte f�r einen Moment noch einmal der alte Kampfgeist auf, �Wo?� fragte er scharf.</p><p>Mit einem matten, ersch�pften L�cheln hob ich die Hand und deutete auf den gigantischen Salzozean hinter uns. �Dort�, sagte ich. �Am Grunde dieses Meeres, Ger. Ich glaube, nicht einmal sehr weit von hier entfernt.�</p><p>Er erbleichte, denn das, was ich <emphasis>nicht </emphasis>sagte, mu�te all seine Hoffnungen mit einem einzigen Schlag zunichte machen.</p><p>Vielleicht waren wir dem Herzen des Labyrinths n�her gekommen als jemals ein lebender Mensch zuvor - und trotzdem schien es, als w�re alles sinnlos gewesen.</p><p>Looskamp wollte etwas sagen, aber seine Worte gingen in einem dumpfen, drohenden Grollen unter, das den Strand unter unseren F��en erbeben lie�. Seine Augen weiteten sich, w�hrend sein Blick an mir vorbei auf den See hinausging.</p><p>Voller pl�tzlichem Schrecken fuhr ich herum.</p><p>Die gewaltige schwarze Fl�che des Ozeans sch�umte und kochte, brach pl�tzlich wie unter dem Hieb einer unsichtbaren Riesenfaust auseinander. Font�nen aus schaumigem Schlick erhoben sich hundert und mehr Meter in die Luft, barsten auseinander und st�rzten in sich zusammen.</p><p>Und dann ...</p><p>Zuerst war es nicht mehr als ein Schatten, ein zitternder, wogender Umri� hinter dem Vorhang aus kochendem, salzigem Wasser, gigantisch gro�. Er wuchs weiter, gewann an Substanz und ...</p><p>Dicht vor dem Strand, weniger als hundert Meter von der lavabesetzten Flutlinie des schwarzen Wassers entfernt, wuchs eine Insel aus dem Meer. Geboren aus kochendem Schaum erhob sie sich �ber uns, ein schwarzes Ungeheuer, das seinen felsgekr�nten Sch�del weit �ber das schaumige Wasser reckte.</p><p>Und es war nicht nur eine Insel ...</p><p>Aus dem schwarzen Fels wuchsen Geb�ude. Titanische St�tzpfeiler aus schwarzem, von Salz und Jahrmillionen zerfressenem Basalt trugen absurde Konstruktionen in der fremdartigen, unangenehmen Geometrie der GROSSEN ALTEN. Br�cken und Stege reckten sich wie greifende Arme empor und endeten im Nichts ...</p><p>Ich wei� nicht, wie lange der Vorgang dauerte. Das Wasser �bersch�ttete uns mit Schaum und Salz und K�lte, und die Insel stieg weiter aus den Wogen empor, wuchs und wuchs und wurde zu einer gigantischen Abscheulichkeit. Immer mehr und mehr Geb�ude, T�rme und absurd geformte <emphasis>Dinge </emphasis>wuchsen aus den Fluten empor, und endlich erhob sich vor uns, mit einem Schlag, als w�rde die Wasseroberfl�che von einem Axthieb gespalten, ein schmaler, gel�nderloser Steg; eine Br�cke, die sich �ber das tobende Wasser hinweg zu den Ufern der schwarzen Stadt spannte.</p><p>Schlie�lich, nach einer Ewigkeit, beruhigte sich das Meer, die Wogen wurden wieder kleiner, und der Ozean h�rte auf zu toben.</p><p>Looskamps Schritte drangen wie ein Laut aus einer fremden, irrealen Welt in meine Gedanken, als er neben mich trat. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren; er wirkte nicht nur bleich, er war <emphasis>wei� </emphasis>vor Furcht und Entsetzen.</p><p>Und als ich seine Augen sah, erkannte ich, da� er so genau wie ich wu�te, da� wir das Ziel unserer Suche erreicht hatten.</p><p>Ich h�tte es wissen m�ssen, als ich diese Monstrosit�t erblickte, aber ich erkannte es erst jetzt.</p><p>Trotzdem war es Looskamp, dessen Lippen das verfluchte Wort formten, den Namen dieser Stadt, die durch die Legenden geisterte, und das niemals h�tte auferstehen m�ssen. Seine Lippen bebten, und als er das Wort aussprach, klangs wie ein Fluch. �R�lyeh!�</p><empty-line/><p>Seine Unsicherheit wuchs. Die Sterblichen waren in eine Falle gegangen, wie es geplant hatte. Sie wehrten sich kaum; die wenigen Diener, die sie auf ihrem Wege vernichtet hatten, waren nicht der Rede wert. Sie waren ersetzbar. Wenn es gewollt h�tte, h�tte es Millionen von ihnen erschaffen k�nnen. Aber es war nicht n�tig. Es war nicht einmal n�tig, die Sterblichen in die Richtung zu treiben, in der es sie haben wollte; sie kamen freiwillig, n�herten sich dem Zentrum seiner Macht wie Schlachtvieh der Bank und schienen es kaum erwarten zu k�nnen, <emphasis>ihm </emphasis>gegen�berzutreten, n�rrisch, wie sie waren.</p><p>Alles lief wie geplant.</p><p>Und doch war es anders. Etwas, das es sich nicht erkl�ren konnte.</p><p>Es sp�rte die Pr�senz einer weiteren, fremden Macht, noch schlafend, aber bereit und lauernd. F�r einen Moment �berlegte es ernsthaft, seine Pl�ne zu �ndern und seine Diener auszuschicken, um sie zu vernichten, schnell und ehe sie seinem verwundbaren Herzen noch n�her gekommen waren. Aber dann verwarf es den Gedanken wieder. Was immer dieses schlummernde Etwas war, w�rde das Opfer nur vergr��ern, seine eigene Macht mehren.</p><p>Schweigend sah es zu, wie sich die Falle hinter den Sterblichen endg�ltig schlo�.</p><empty-line/><p>Die Br�cke war nicht lang, und dennoch kam mir der Weg hin�ber zur Insel vor wie eine Ewigkeit; jeder Schritt schien uns weiter von ihr fort zu f�hren statt n�her heran, und die unwirkliche Architektur der GROSSEN ALTEN gaukelte meinen Augen Dinge vor, die in krassem Gegensatz zu dem standen, was mir mein Gleichgewichtssinn und die anderen Sinne sagten.</p><p>Der Steg begann unmittelbar am Ufer, als h�tte er all die Jahrmillionen unbemerkt wenige Zentimeter unter dem Sand begraben gelegen und nur darauf gewartet, wieder aufzutauchen, und f�hrte in k�hnem Schwung zu der Insel hin�ber, aber er war glatt und rund und ohne Gel�nder, und in seiner Mitte schwang er sich mehr als hundert Yard weit in die H�he, so da� ein Sturz ins Meer so t�dlich gewesen w�re wie auf massiven Fels.</p><p>Trotzdem hatte nicht einer von Looskamps M�nnern auch nur gez�gert, die Br�cke zu betreten. Es war kein Zufall, da� die Insel ausgerechnet jetzt aus den Fluten emporgetaucht war, so wenig, wie das Auftauchen dieser Br�cke zuf�lliger Natur sein konnte.</p><p>Sie war eine Einladung, eine stumme Aufforderung, hin�berzugehen und zu tun, weshalb wir gekommen waren.</p><p>Und gleichzeitig war es eine Warnung, bedeutete ihr Vorhandensein doch, da� die Labyrinthkreatur wu�te, da� es uns gab und wo wir waren.</p><p>Mein Herz schlug langsam und schwer wie ein altes, bronzenes L�utwerk, als wir uns der abw�rts geneigten Kr�mmung der Br�cke n�herten und unsere Schritte uns wieder dem Wasser entgegen brachten, gleichzeitig aber auch der Insel, auf deren Fels die verfluchte schwarze Stadt wie ein steinernes Krebsgeschw�r wucherte.</p><p><emphasis>R�lyeh ...</emphasis></p><p>Ich wiederholte den Namen ein paarmal in Gedanken, aber er verlor nichts von seinem unheimlichen, bedrohenden Klang. Wie oft hatte ich ihn gelesen, diesen verfluchten Namen, wie viele Geschichten �ber den Ort geh�rt, wie viele d�stere Prophezeiungen und Mahnungen?</p><p>R�lyeh - Stadt und Palast Cthulhus, des Schrecklichsten der furchtbaren alten G�tter, die Howard und mein Vater die GROSSEN ALTEN genannt hatten. Irgendwo in den Tiefen dieser Stadt, verborgen unter dem grindigen Fels, aus dem seine H�user und T�rme und Br�cken errichtet worden waren, lag sein Haus, die Thronkammer des Giganten, in der er seit hundert Ewigkeiten begraben lag, ertrunken und tot, seid R�lyeh in den Fluten des Urmeeres versunken war, und doch tr�umend und bereit f�r den Tag, an dem er sich erheben und die Herrschaft seiner furchtbaren Rasse erneut beginnen w�rde.</p><p>Das Meer begann zu toben und wie rasend an den steinernen St�tzpfeilern zu zerren, die den Br�ckenbogen trugen. Obgleich sie zehn oder mehr Meter dick sein mu�ten, sp�rte ich die Ersch�tterungen wie Hammerschl�ge unter meinen F��en, und die Brecher zerbarsten mit solcher Urgewalt an dem schwarzen Fels, da� schaumige Spritzer bis zu uns hinaufgelangten. Gro�e, zerflie�ende Umrisse begannen sich unter der schwarzglitzernden Oberfl�che des Wassers zu bilden, tauchten manchmal beinahe auf und versanken wieder, ehe ich genau erkennen konnte, was es war. Tangglitzernde Tentakeln wickelten sich wie Schlangen um die steinernen St�tzen unseres Steges und wurden von der Wut der Brandung zur�ck in die chthonische Tiefe gerissen, aus der sie emporgestiegen waren, gewaltige, pupillenlose Augen, die kalt wie Stahl und ohne jedes Gef�hl zu uns hinaufblickten, schrecklich gelbe F�nge, von pockennarbigen Zungen in gieriger Vorfreude auf unser Fleisch geleckt ...</p><p>Es kostete mich uns�gliche M�he, die Bilder, die mir meine �berreizten Nerven vorgaukeln wollten, zu vertreiben und mich darauf zu konzentrieren, weiterzugehen und auf dem schl�pfrigen Fels der Br�cke nicht die Balance zu verlieren.</p><p>Je n�her wir der Insel kamen, desto mehr Einzelheiten konnte ich erkennen, und nichts von dem, was ich sah, gefiel mir. Der Strand, der wie die gesamte Insel aus nacktem schwarzen Fels zu bestehen schien, war mit unf�rmigen dunklen Wesen �bers�t, Bewohnern der salzigen Tiefen, in denen R�lyeh bisher geschlafen und getr�umt hatte, abrupt mit in die H�he und den Tod gerissen. Manche der schwarzen, ekelhaft deformierten Leiber zuckten und zitterten noch, Flossen peitschten den Stein, faustgro�e schwarze Augen blickten unverstehend in eine Welt, die ihnen fremd war und ihnen den Tod brachte, zahllose M�nder schnappten vergebens nach Luft ...</p><p>Ein gellender Schrei ri� mich aus meinen Gedanken. Einer der M�nner hatte auf dem schl�pfrigen, mit schmierigen Algen und Tang bewachsenen Fels der Br�cke den Halt verloren und war in die Tiefe gest�rzt. Das Wasser spritzte auf, als er hineintauchte, dann, f�r Bruchteile von Sekunden, b�umte sich ein mit Zacken und Flossen bewehrtes Etwas in den Fluten auf und verschwand wieder.</p><p>�Geh ... weiter�, kr�chzte Ger hinter mir. Seine Stimme bebte. Aber er schob mich behutsam voran, und sein Griff war fest.</p><p>Die Dunkelheit ballte sich um uns zusammen, als wir uns der Insel weiter n�herten. Ein kalter, irgendwie klebriger Hauch mischte sich in den Wind, und durch das starke Salzwasseraroma des Sees dr�ngte sich der Geruch von Moder und F�ulnis. Vergebens versuchte ich, genauere Einzelheiten der schwarzen Stadt vor uns zu erkennen. R�lyeh blieb, was es war: ein wogender, sich st�ndig in Ungewisser Bewegung befindender Klo� aus zusammengeballter Finsternis.</p><p>Als ich von der Br�cke herunter auf den gewachsene Fels der Insel trat, sp�rte ich das Pochen. Es war ein tiefes, ungemein dunkles und langgezogenes Vibrieren, wie das Schlagen eines riesigen, steinernen Herzens, das tief im Felsen der Insel verborgen sein mochte.</p><p>Ich schauderte. Eine unsichtbare, eisige Hand ber�hrte etwas in meiner Seele und lie� es erstarren. Die Schatten zogen sich enger um uns zusammen.</p><p>Looskamp deutete stumm nach vorn.</p><p>Nicht weit von uns befand sich die Mauer, die die eigentliche Stadt umschlo�. Bizarre T�rme und Erker wucherten wie steinerne Pilze aus ihren Flanken, und da und dort hingen Gebilde wie Tr�nen aus Basalt, halb an der Wand herabgelaufen und mitten in der Bewegung erstarrt. Aber es gab auch einen Durchgang, ein Tor aus braunem, rostzerfressenem Eisen, mit Schlamm und gr�ngrauen Algen bewachsen. Es stand offen, und wie zu einer Begr��ung drehte sich in diesem Moment der Wind und trug dumpfen Modergeruch zu uns heraus.</p><p>F�r einen Moment erschien mir dieses Tor wie ein aufgerissenes, steinernes Maul. Niemand, der seinen Fu� durch diese T�r setzte, das wu�te ich pl�tzlich, w�rde sie je wieder in umgekehrter Richtung durchschreiten ...</p><p>Trotzdem z�gerte ich keine Sekunde, weiterzugehen, als Ger das Zeichen dazu gab. Rasch n�herten wir uns der Mauer und dem zyklopischen Tor, durchschritten es und standen unversehens in einer bizarren, so vollkommen fremden Welt, da� ich unwillk�rlich aufst�hnte.</p><p>Es war nicht m�glich, mit Worten zu beschreiben, was ich sah. Die Geb�ude, die die - war es eine Stra�e? - Stra�e s�umten, waren Ausgeburten einer kranken Phantasie, schwarze Scheu�lichkeiten, in unm�glichen Winkeln zueinander angeordnet, nach Regeln erbaut, die den Naturgesetzen spotteten.</p><p>Der Boden unter unseren F��en war aus hartem grindigem Stein, und trotzdem schien er auf unheimliche Weise zu leben, und der Salzwassergeruch war nun fast vollkommen dem Gestank von F�ulnis und Moder und Tang gewichen.</p><p>�Wohin ... jetzt?� fragte ich. Unwillk�rlich hatte ich die Stimme gesenkt, denn ich bef�rchtete grausig verzerrte Echos von den W�nden widerhallen zu h�ren. Aber der schwarze Stein verschluckte jeden Laut, so wie er auch jedes Licht und jedes bi�chen W�rme zu verschlucken schien.</p><p>Looskamp sah sich mit steinernem Gesicht um, als suche er etwas. Ich fragte mich, wie er sich in dieser sinnverwirrenden Umgebung zu orientieren vermochte, aber ehe ich eine entsprechende Frage stellen konnte, deutete er auf ein dunkles, auf den ersten Blick formloses Geb�ude nicht weit von uns entfernt.</p><p>Beim N�herkommen stellte es sich als schwarzer, grob zylinderf�rmiger Turm heraus, an einer Seite mit schwarzen Ausw�chsen versehen, wie Lava, die an seiner Flanke herabgetropft und erstarrt war.</p><p>Ein niedriges Tor f�hrte ins Innere des Turmes, dahinter waren die ersten Stufen einer Treppe zu erkennen, die sich in Ungewisser Dunkelheit verlor. Alles in mir str�ubte sich gegen die blo�e Vorstellung, dort hinunter zu steigen, hinab in den Leib R�lyehs, dorthin, wo Cthulhu lag und seine b�sen Tr�ume tr�umte.</p><p>Aber Looskamp ging bereits mit forschen Schritten weiter, b�ckte sich unter dem T�rsturz hindurch und verschwand in der Tiefe, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu z�gern, und auch seine M�nner folgten ihm im gleichen Tempo, so da� ich ihnen wohl oder �bel folgen mu�te, wollte ich nicht allein in dieser Stadt des Wahnsinns zur�ckbleiben.</p><p>Das kranke graue Licht blieb hinter uns zur�ck, als wir die Treppe hinabzusteigen begannen. Ein paar Templer z�ndeten mitgebrachte Fackeln an, aber ihr Licht schien mir bla� und verloren, als sauge irgend etwas hier in diesem Turm die Helligkeit der Flammen auf. Der Schein reichte gerade, uns die Stufen unter unseren F��en erkennen zu lassen.</p><p>Die Treppe f�hrte in engen Windungen in die Tiefe hinab, und jede einzelne Stufe schien von anderer Form und Gr��e als die vorhergehenden, was das Gehen auf ihnen zu einer �u�erst schwierigen Angelegenheit machte. Ich begann die Stufen zu z�hlen, verz�hlte mich aber bald und gab es wieder auf. Irgend etwas sagte mir, da� ich den Turm ohnehin nicht auf diesem Wege verlassen w�rde, wenn �berhaupt.</p><p>Nach einer Ewigkeit h�rte das unregelm��ige Klacken der Schritte unter mir auf, und die Fackeln, die bisher eine lang auseinandergezogene, zerbrochene Kette verlorener kleiner Lichtinseln auf der Kr�mmung der Treppe gebildet hatten, sammelten sich zu einem Kreis. Ich begriff, da� wir den Fu� der Treppe erreicht hatten.</p><p>Looskamp wartete, bis auch der Letzte seiner kleinen Armee zu ihm gesto�en war. Dann hob er den Arm und schwenkte seine Fackel, um das Zeichen zum Weitergehen zu geben.</p><p>Diesmal war der Weg nur kurz. Zwei, allerh�chstens drei Minuten gingen wir noch schweigend durch die lichtschluckende Dunkelheit, und ich fragte mich erneut, wie der Tempelherr die Orientierung behalten konnte.</p><p>Nach kurzer Zeit hatten wir den Raum, in den die Treppe m�ndete, durchquert, und standen vor einer weiteren, nur halb geschlossenen T�r aus rostzerfressenem Eisen. Tiefe, auf den ersten Blick sinnlos erscheinende Linien waren in ihre Oberfl�che eingeritzt und bildeten ein abscheuliches Muster, und aus dem dahinterliegenden Raum strahlte ein gr�nlicher, flackernder Schein zu uns heraus.</p><p>Looskamp z�gerte einen endlosen, qu�lenden Moment. Sein Blick streifte mich, und was ich darin sah, war ein Ausdruck, der mich erschauern lie�.</p><p>Dann gab er sich einen sichtlichen Ruck, senkte seine Fackel, legte die Hand auf die T�r und stie� sie mit einer �bertriebenen heftigen Bewegung auf.</p><empty-line/><p>Es triumphierte. Sein Plan war aufgegangen, die Falle hinter den Sterblichen vollends zugeschnappt, und das Opfer war nahe, sehr nahe.</p><p>Und es war noch m�chtiger, als es bisher geglaubt hatte, ein Quell ungeheurer magischer Gewalten, der seine Macht ins Unvorstellbare steigern w�rde, wenn es sich mit ihm vereinte.</p><p>F�r einen ganz kurzen Moment sp�rte es noch einmal einen fl�chtigen Hauch von Besorgnis, das Gef�hl, da� irgend etwas vielleicht nicht so war, wie es schien. Aber es verscheuchte den Gedanken und konzentrierte sich ganz darauf, Kraft f�r den entscheidenden Schlag zu sammeln ...</p><empty-line/><p>Der Raum war gigantisch, so gro�, da� sich seine Decke und W�nde in der Ferne verloren, lange ehe sie dem Blick Widerstand leisten konnten. Er mu�te gr��er als die Insel sein, gr��er als R�lyeh selbst, vielleicht gr��er als die H�hle, in deren Zentrum der See lag. Aber dieser Gedanke verwirrte mich nur f�r einen Augenblick, denn wir waren nicht mehr in der Welt der Menschen, sondern im Palast des ertrunkenen Cthulhu, in dem die Naturgesetze keine G�ltigkeit mehr hatten und das Innere sehr wohl gr��er als das �u�ere eines Dinges sein konnte. Ein unheimlicher, gr�nlicher Schein hing wie leuchtender Nebel in der Luft, und unter unseren F��en gluckerte eine kn�cheltiefe Schicht aus Tang und sterbenden Muscheln, stiel�ugigen Tiefseefischen und Wesen, die noch keines Menschen Auge zuvor erblickt hatte. Aber an all diese verschwendete ich wenig mehr als einen fl�chtigen Gedanken. Meine ganze Konzentration galt dem gigantischen, aus erstarrter Lava geformten Thron, der sich vor uns erhob. Und dem unbeschreiblichen <emphasis>Etwas, </emphasis>das h��lich und tot auf ihm lag; gestorben, als die Welt noch leer und die Sterne jung waren, und doch nur schlafend; eine groteske Spottgeburt, die sich jedem Versuch, sie zu beschreiben, entzog.</p><p>Es war Cthulhu, der m�chtigste der GROSSEN ALTEN, der tr�umende Gott selbst!</p><p>Looskamp st�hnte. Seine Hand schmiegte sich so fest um den Griff seines Kreuzfahrerschwertes, da� seine Gelenke knirschten. Sein Gesicht verzerrte sich.</p><p>Aber als ich auf den gigantischen Lavathron zueilen wollte, hielt er mich zur�ck und sch�ttelte den Kopf, in einer Art, als verlange die Bewegung unendliche M�he von ihm.</p><p>�Nicht�, fl�sterte er. �Sieh ... nicht hin, Robert. Er ist ... nicht wirklich.�</p><p>�Nicht wirklich?� wiederholte ich verwirrt. �Was meinst du dazu?�</p><p>Looskamp machte eine Bewegung, die die ganze gigantische Halle einschlo�. �Nichts von dem, was du zu sehen glaubst, existiert wirklich�, murmelte er. Trotz der grausamen K�lte, die in der Luft lag, gl�nzte seine Stirn vor Schwei�, und in seinen Augen stand das Flackern des beginnenden Irrsinns.</p><p>�Es sind ... Erinnerungen�, fuhr er fort. �Die Erinnerungen der ... Labyrinthkreatur. Nur Trugbilder, Robert. Bilder dessen, was es gesehen hat, der Orte, zu denen es f�hrte, und, der Wesen, die es benutzten, als es noch ein <emphasis>Tor </emphasis>war. Aber wir sind ihm nahe. Ich ... kann es sp�ren.�</p><p>Irritiert blickte ich zu der tintenfischk�pfigen Monstrosit�t auf dem Riesenthron hin�ber. Die Bestie kam mir ganz und gar nicht wie eine Illusion vor - aber ich hatte keinen Grund, an Gers Worten zu zweifeln. Ganz davon abgesehen, da� mir der kleine Rest logischen Denkens, der mir noch geblieben war, ganz klar sagte, da�, w�re dies hier wirklich das sagenumwobene R�lyeh gewesen, wir kaum noch am Leben sein w�rden. Nein - diese Stadt, der tr�umende Gott, und die Insel, die sch�umend aus dem Meer aufgestiegen war, sie alle waren nicht mehr als Schatten, blasse Bilder, die in der Erinnerung des Labyrinthwesens und sonst nirgends Realit�t hatten.</p><p>Und trotzdem w�rden sie uns vernichten, wenn wir nur einen winzigen Augenblick unaufmerksam waren ...</p><p>Looskamp setzte sich wieder in Bewegung, und auch ich beeilte mich, an seiner Seite zu bleiben und den Anschlu� nicht zu verlieren. In respektvollem Abstand zu dem Riesenthron mit dem schlafenden Krankengott begannen wir den Raum zu durchqueren.</p><p>Die scheinbare Unendlichkeit der Halle war eine T�uschung. Schon nach wenigen Dutzend Schritten sch�lte sich die gegen�berliegende Wand aus dem gr�nlich leuchtenden Nebel, und vor ihr stand etwas, das ich nur als gro� und schwarz und drohend bezeichnen kann, weil es sich einer genaueren Betrachtung auf unheimliche Weise entzog. Gleichzeitig nahm das gr�ne Leuchten an Intensit�t zu, und es wurde w�rmer. Auch der Geruch nach faulendem Seetang schien sich zu verst�rken.</p><p>Und dann erreichten wir das, was von weitem wie ein schwarzer Altar ausgesehen hatte.</p><p>Ich erkannte es erst, als Looskamp wenige Schritte davor stehenblieb und auch mir mit Handzeichen bedeutete, zur�ckzubleiben.</p><p>Es war ein schwarzer, vielleicht doppelt mannshoher H�cker aus rissigem Stein, �ber und �ber mit Linien und von geheimnisvoller Bewegung erf�llten Mustern �bers�t, von warzigen Ausw�chsen und Dingen, die wie abgerissene F�hler aussahen ...</p><p>Das <emphasis>Tor.</emphasis></p><p>Das geheimnisvolle Herz des <emphasis>Tores, </emphasis>vor dem ich schon einmal gestanden hatte, vor nicht einmal zwei Tagen, ohne zu ahnen, was es wirklich war. Damals hatte es mir eine andere Umgebung vorgegaukelt, und auch sein Aussehen war nicht genau das gleiche gewesen. Jetzt, zum ersten Mal, sah ich es so, wie es wirklich war: alt und halb zerst�rt, zerfressen von Zeit und Krankheit.</p><p>Und an seinem Fu�, in einer Schale aus schwarzem Basalt und von sonderbarer Form, lag ...</p><p>Im ersten Moment glaubte ich, einen kopfgro�en, buntschillernden Diamanten zu erblicken, dann wieder erschien es mir wie ein riesiges, aus blitzendem Kristall gefertigtes Herz, das in dumpfem Rhythmus schlug und h�mmerte, aber als ich n�her trat, erkannte ich die zerfurchte Oberfl�che, die gleichzeitig vertraute und erschreckende Form ...</p><p>Es war ein Gehirn.</p><p>Ein riesiges, blitzendes Gehirn aus geheimnisvoll leuchtendem Kristall!</p><p>Looskamp erblickte es im gleichen Augenblick, in dem ich mich danach b�cken wollte. Mit einem Schrei war er bei mir, stie� mich zur Seite und griff mit beiden H�nden nach der schwarzen Opferschale, in dem es lag.</p><p>Ein Blitz von grausamer Helligkeit zuckte aus dem schwarzen Kegel des <emphasis>Tores, </emphasis>stach wie eine Nadel aus Licht in Looskamps Brust und schleuderte ihn wie ein Faustschlag zu Boden. Er schrie, hielt seine verbrannten H�nde vor das Gesicht und wand sich wie in Kr�mpfen. Gleichzeitig flackerte das gr�ne Licht, das die Halle erhellte, und f�r eine endlose Sekunde h�llte uns Dunkelheit ein.</p><p>Dann begann der Kegel zu gl�hen. Etwas knackte, als w�rde ein Hebel aus hartem Stein oder Eisen mit Gewalt umgelegt, und ein paar der Buckel und Ausw�chse auf dem steinernen Kegel drehten und wanden sich auf unm�gliche Weise in sich selbst.</p><p>In der Luft vor mir entstand ein grellgr�ner Punkt. Rasend schnell wuchs er heran und gewann dabei immer mehr und mehr an Leuchtkraft, bis mir sein Licht die Tr�nen in die Augen trieb, und dann begann in seinem Herzen ein dunkler, hin und her zuckender Umri� Gestalt anzunehmen.</p><p>Es war das gleiche wie oben, in der Kirche, in der uns die Labyrinthkreaturen angegriffen hatten, nur hundertmal schlimmer und furchtbarer. Wieder materialisierte das Monstrum dicht vor mir, und erneut sp�rte ich seinen h�llischen Atem. Aber diesmal wu�te ich, da� ich ihm nicht mehr entkommen w�rde.</p><p>Pl�tzlich begriff ich, da� es mich auch oben in der vermeintlichen Kirche schon h�tte vernichten k�nnen, mit der gleichen Leichtigkeit, mit der ein Mensch ein Insekt zerquetscht, das ihm l�stig wird. Aber es hatte gewartet, bis ich zu ihm gekommen war, hier herunter, ins Herz des Labyrinths, wo seine Macht am gr��ten war!</p><p>Das Ungeheuer hatte vollends Gestalt angenommen, als ich endlich aus meiner Erstarrung erwachte. Sein Br�llen �bert�nte die angsterf�llten Rufe der Templer und meine eigenen, hallenden Schreckensschreie, und aus seinem Krakenmaul erscholl ein f�rchterliches Zischen und Geifern. Mit einem fast beh�bigen Schritt trat es aus dem Zentrum des gr�nen Leuchtens heraus, hob die beiden Scherenarme und drang auf mich ein.</p><p>Verzweifelt schwang ich meinen Degen, duckte mich unter seinen peitschenden Tentakeln hindurch und rammte die Spitze der Klinge tief in das faulige Fleisch der Kreatur. Die Bestie schrie auf, prallte zur�ck und fegte mich von den F��en. Ich fiel, rollte mich ein paar Meter zur Seite und sprang wieder hoch.</p><p>Die Kreatur des Labyrinths war zur�ckgeprallt und hatte einen ihrer Arme erhoben. Dunkles, �lig gl�nzendes Blut tropfte aus dem handlangen Schnitt, den meine Klinge in seine Haut gerissen hatte.</p><p>Aber die erhoffte Wirkung blieb diesmal aus! Der <emphasis>Shoggotenstern </emphasis>im Inneren des Degenknaufes wirkte nicht auf diese furchtbare Kreatur!</p><p>Mein Herz machte einen schmerzhaften Sprung. Die t�dliche Wirkung der magischen Waffe war meine letzte Hoffnung gewesen, meine einzige Hoffnung sogar.</p><p>Jetzt war ich verloren.</p><p>Aber seltsamerweise machte die Kreatur keinerlei Anstalten, sich erneut auf mich zu st�rzen und der Sache ein Ende zu bereiten. Unentschlossen und mit pendelnden Armen, wie ein Boxer, der noch nicht wei�, ob er sich auf seinen Gegner st�rzen soll oder nicht, blieb sie stehen, musterte mich aus ihrem riesigen, blutroten Auge - und wandte sich pl�tzlich mit einem Ruck um.</p><p>Erst jetzt fiel mir auf, da� sich die Templer, w�hrend ich mit der Kreatur gek�mpft hatte, zu einem dichten Kreis um den schwarzen H�cker zusammengezogen hatten. Keiner von ihnen hatte auch nur <emphasis>versucht, </emphasis>mir zu Hilfe zu eilen.</p><p>Eine bange, ungl�ubige Ahnung stieg in mir empor, und als ich in Looskamps Gesicht sah, wu�te ich, da� sie auf Wahrheit beruhte.</p><p>Er wich meinem Blick aus. In seinen versengten Fingern lag das schimmernde kristallene Hirn.</p><p>Das Monstrum stie� ein �rgerliches Fauchen aus, fuhr herum - und blieb abrupt stehen, als Ger das Kristallhirn hoch �ber den Kopf erhob und so tat, als wolle er es vor sich auf dem Boden zerschmettern.</p><p>�Keinen Schritt n�her!� sagte er. �Eine Bewegung, und ich vernichte es.�</p><p>Das Ungeheuer erstarrte. Seine Tentakeln peitschten wild, aber es machte keine Bewegung mehr in Looskamps Richtung.</p><p>Und endlich begriff ich.</p><p>Das Ding, das Ger in den H�nden hielt, das blitzende Gehirn aus Kristall, war nichts anderes als das wahre Labyrinthwesen, der Sitz seines unheiligen Lebens, von dem er mir berichtet hatte. Auch die Krakenkreatur vor mir war nichts weiter als eine Illusion, ein Werkzeug, das es sich kraft seiner Gedanken erschaffen hatte, um H�nde und Arme zu haben. Das wahre, einzige Labyrinthwesen, die Kreatur, die all dies hier geschaffen hatte, befand sich im Inneren des kristallenen Hirnes. Und sie war hilflos, so verwundbar wie ein menschliches Hirn.</p><p>Mit einem erleichterten Keuchen lie� ich den Degen sinken und machte einen Schritt auf Looskamp zu.</p><p>Die Krakenkreatur fuhr mit einem wilden Zischen herum und hieb nach mir. Ich machte einen verzweifelten Satz, entging seiner herabsausenden Klaue mit knapper Not und strauchelte erneut.</p><p>�Bleib, wo du bist, Robert�, sagte Looskamp, als ich mich hochstemmte und ihn ansah. �Es tut mir leid.�</p><p>�Was ... was willst du damit sagen?� keuchte ich. Ich ahnte, was er meinte, aber der Gedanke war zu schrecklich, als das ich ihn sofort akzeptieren konnte.</p><p>�Du wirst nicht mit uns zur�ckkehren�, antwortete Ger, leise und ohne mich dabei anzusehen. �Es tut mir leid, Robert, ehrlich. Aber du wirst hierbleiben.�</p><p>Ich wollte auffahren, aber mit einem Male fehlte mir die Kraft dazu. Im Grunde hatte ich vielleicht die ganze Zeit �ber geahnt ...</p><p>�Ihr habt das von Anfang an vorgehabt, nicht wahr?� fragte ich leise.</p><p>Ger sah mich noch immer nicht an, sondern starrte weiter unverwandt auf die riesige Krakenkreatur vor sich. Seine H�nde umspannten das kristallene Hirn so fest, als wolle er es zermalmen. In seinem Inneren schienen geheimnisvolle Lichter zu pulsieren.</p><p>�Nicht wir�, sagte er leise. �Es war ...� Er stockte, suchte einen Moment nach Worten und setzte noch einmal und mit ver�nderter, harter Stimme an:</p><p>�Es ist Bruder Balestranos Ratschlu� gewesen. Ich wollte es nicht. Aber er ist der Ordensherr.�</p><p>�Ihr habt mich als Opfer mitgenommen, nicht wahr?�</p><p>Ger sch�ttelte den Kopf. �Nicht als Opfer�, sagte er. �Als K�der.�</p><p>Ich lachte. �Und wo ist der Unterschied? Ihr habt mich benutzt, das ist alles!�</p><p>�Es mu�te sein, Robert�, unterbrach mich Ger. Seine Stimme klang beinahe flehend. �Bitte begreife das. Wir w�ren niemals so weit gekommen, ohne etwas, das dieses Ungeheuer dazu verleiten konnte, uns zu seinem Herz zu f�hren. Wir h�tten es nicht einmal gefunden, wenn es uns nicht selbst hergeleitet h�tte.�</p><p>Das Krakenmonster bewegte sich fauchend. Looskamp hob das Kristallhirn h�her �ber den Kopf und spannte die Muskeln. Sofort blieb die Bestie stehen.</p><p>�Dann zerst�re es!� sagte ich verzweifelt. �Vernichte es, und alles hat ein Ende! Oder hast du Angst?�</p><p>�Angst?� Ger lachte schrill. �Du bist ein Narr, Robert. Glaubst du, ich h�tte eingestimmt, das Leben eines Unschuldigen zu opfern, wenn es nur darum ginge?� Mit einer Kopfbewegung deutete er auf das Kristallhirn, in dessen Innerem das Wabern und Gl�hen st�rker geworden war. �Du hast ja keine Ahnung, was das hier wirklich ist! Ich habe dir erz�hlt, da� es das Hirn dieses <emphasis>Tores </emphasis>sei, aber das war nicht die ganze Wahrheit! Kein normales <emphasis>Tor </emphasis>der GROSSEN ALTEN h�tte jemals zu diesem Labyrinth werden k�nnen, ganz gleich, wie sehr es entartete. Das hier ist das <emphasis>Meister-Tor, </emphasis>Robert, das <emphasis>Tor, </emphasis>von dem aus alle anderen <emphasis>Tore </emphasis>in Raum und Zeit aus beherrscht werden k�nnen. Und wer sein Herz besitzt, der kann sie lenken! Begreifst du jetzt?�</p><p>Ich starrte ihn an. Und ob ich begriff! Es war Balestrano nicht nur darum gegangen, das pervertierte Tor der GROSSEN ALTEN unsch�dlich zu machen. Er hatte erkannt, welch ungeheure Macht da zum Greifen nahe vor ihm lag. Die Tore! Ich wu�te nicht viel �ber dieses phantastische Transportsystem der GROSSEN ALTEN, aber was ich wu�te, gen�gte vollauf. Es mu�te Tausende von ihnen geben, verteilt �ber den ganzen Erdball. <emphasis>Tore, </emphasis>die es dem, der sie beherrschte und zu lenken verstand, erm�glichten, in Augenblicken von einem Erdteil zum anderen zu gehen, ja, sich vielleicht sogar in der Zeit zu bewegen.</p><p>Und Balestrano hatte erkannt, welche Chance sich ihm hier bot. Wenn es Ger gelang, das Kristallhirn zu ihm zur�ckzubringen, w�rde er unendlich m�chtig werden. Seinem Orden - und ihm - w�rde die Welt geh�ren, denn wer vermochte einem Gegner Widerstand zu leisten, der praktisch an allen Orten der Welt zugleich sein konnte?</p><p>Nein - Ger <emphasis>konnte </emphasis>mich gar nicht mit zur�cknehmen. Ich mu�te hierbleiben, als Opfer f�r die blutgierige Labyrinthkreatur, der Preis, den er und die M�nner an seiner Seite f�r den Schatz zahlten, den sie mitnahmen.</p><p>Etwas regte sich in mir. Etwas Dunkles, Machtvolles. Ich schrak davor zur�ck, und f�r einen Moment erlosch es, erwachte aber gleich darauf wieder und nahm best�ndig an Kraft zu.</p><p>�Es wird euch vernichten, Ger�, sagte ich leise. �Ihr werdet niemals zur�ck zur Oberfl�che kommen.�</p><p>Ger l�chelte kalt. �O doch, Robert. Du vergi�t, da� es trotz allem noch immer ein <emphasis>Tor </emphasis>ist. Und da� ich es beherrsche, hiermit!�</p><p>Er streckte das Kristallhirn noch weiter in die H�he. Einer seiner M�nner wich zur�ck, bis seine H�nde den schwarzen Kegel ber�hrten. Looskamps Lippen formten ein einzelnes, dunkel klingendes Wort in einer Sprache, die ich noch nie zuvor geh�rt hatte, und die H�nde des Templers dr�ckten nacheinander auf verschiedene Ausbuchtungen und Warzen des steinernen Kegels.</p><p>Die Krakenkreatur stie� ein w�tendes Fauchen aus. Ihre Arme peitschten. Aber sie wagte es nicht, sich auf Looskamp und seine Begleiter zu st�rzen.</p><p>�ber dem Stein begann die Luft zu gl�hen, erneut in diesem gr�nen, unheimlichen Schein, aber noch viel intensiver diesmal. Es war ein Licht, das sich wie ein brennender Kreis in die Wirklichkeit fra�. Und in seinem Zentrum �ffnete sich ein schwarzes Loch.</p><p>Das <emphasis>Tor. </emphasis>Der Weg, auf dem Ger und seine Begleiter gehen w�rden, w�hrend ich zur�ckblieb, um den Blutdurst der Kreatur zu stillen. Das Opfer, das verhindern w�rde, da� es ihnen folgte.</p><p>Das k�rperlose W�hlen und Brodeln in meinem Inneren wurde st�rker. Eine Erinnerung blitzte hinter meinen Schl�fen auf, aber wie zuvor verging das Bild, ehe ich es richtig fassen konnte.</p><p>Einer der Templer wandte sich um, trat mit einem Schritt in den Kreis aus wabernder Schw�rze hinein und verschwand. Das Ungeheuer zischte w�tend. Seine Tentakeln schnitten mit pfeifenden Lauten wie Peitschenschn�re durch die Luft. Aber noch immer wagte es nicht, Looskamp oder seine Begleiter anzugreifen.</p><p>Ein zweiter Tempelherr verschwand im Inneren des <emphasis>Tores, </emphasis>dann ein dritter, vierter, f�nfter ...</p><p>Irgendwo in mir spannte sich etwas. Ein Gef�hl, als w�rde eine Feder aus Stahl zusammengedr�ckt, immer weiter und weiter und weiter, bis der Druck unertr�glich wurde. Schw�rze kroch aus meiner Seele empor. Die Erinnerungen wurden deutlicher. Shannon. Ich sah Shannons Gesicht. Und ich <emphasis>sp�rte, </emphasis>da� er nicht tot war. Er lebte. Irgendwo in den Weiten des Labyrinths lebte er noch. Ich sp�rte seine Anwesenheit so deutlich wie einen kalten Hauch.</p><p>Der vorletzte Tempelherr verschwand im Inneren des brodelnden Kreises aus Schw�rze, und dann standen nur noch Ger und einer seiner M�nner da, der Templer schweigend und in sonderbar verkrampfter Haltung, die rechte Hand auf dem Schwert, w�hrend sein Blick unstet zwischen Ger, dem Krakenmonster und mir hin und her irrte. Looskamp hoch aufgerichtet und das Kristallhirn noch immer �ber den Kopf erhoben.</p><p>�Warum gehst du nicht endlich?� fragte ich. Meine Stimme hatte einen bitteren Klang, der mich fast selbst erschreckte. Ich f�hlte keinen Ha�, nicht einmal Zorn Ger gegen�ber. Ger konnte nichts daf�r, nicht wirklich. Necrons Fluch hatte mich eingeholt, das war alles. Ich war ein Hexer, und Hexer haben keine Freunde.</p><p>�Robert�, sagte er, �es -�</p><p>�Ger!� unterbrach ich ihn. �Geh und bringe deinem Herrn, was er will.�</p><p>Gers Blick flackerte. Einen Moment lang starrte er noch auf die f�rchterliche Krakenkreatur, die aufgeh�rt hatte, wild mit den Tentakeln die Luft zu peitschen, als verst�nde sie, was zwischen uns vorging. Dann nickte er, wandte sich mit einem Ruck um und trat in das <emphasis>Tor.</emphasis></p><p>Im gleichen Moment zerri� ein ungeheurer, berstender Schlag die Luft.</p><p>Die H�hle erzitterte. Ein unertr�glicher, blauwei�er Blitz l�schte das gr�ne Licht aus, und pl�tzlich hatte ich das Gef�hl, von innen nach au�en gest�lpt zu werden. Ich schrie auf, als die Labyrinthkreatur mit einem irrsinnigen Kreischen auf mich zusprang. Ihre t�dlichen Arme peitschten auf mich herab.</p><p>Die Labyrinthkreatur hob mit einem f�rchterlichen Br�llen die Arme, aber sie st�rzte sich nicht auf mich, denn zwischen ihr und mir war pl�tzlich etwas anderes, etwas, <emphasis>wie eine Wolke brodelnden schwarzen Nebels, </emphasis>das sich zu einer Kreatur verdichtete, die ihr �hnelte, aber noch gr��er, noch furchtbarer und noch wilder war!</p><p>Mit einem verzweifelten Satz war ich dort, wo Looskamp gerade noch gestanden hatte, und warf mich blindlings nach vorne. Das <emphasis>Tor </emphasis>begann sich zusammenzuziehen, rasend schnell, und f�r eine endlose, f�rchterliche Sekunde schien die Zeit stillzustehen, w�hrend ich in einem verzweifelten Hechtsprung durch die Luft segelte und das <emphasis>Tor </emphasis>vor mir weiter schrumpfte. Dann nahm ich nur noch Schw�rze wahr.</p><empty-line/><p>Ich schwebte in einem endlosen, finsteren Nichts. Um mich herum war keine Leere, kein Raum, keine Zeit, <emphasis>nichts mehr. </emphasis>Ein Geist ohne K�rper, ein Bewu�tsein, in die Ewigkeit eines endlosen Augenblicks geschleudert, der Gefangene einer Dimension, aus der die Schrecken und die Alptr�ume stammten. Ich war allein, allein mit mir und meinen Erinnerungen, und der Furcht, die auf unsichtbaren Spinnenf��en in meine Seele kroch.</p><p>Und dann h�rte ich die Stimme.</p><p>Sie sprach zu mir, und ich verstand sie, obgleich sie Worte aus einer Sprache formte, die vor Millionen Jahren untergegangen war. Sie sprach von finsteren Geheimnissen und fl�sterte von Dingen, die zu wissen den Menschen auf ewig verboten war, aber sie sprach auch von dem, was geschehen war, als ich das Labyrinth und den Machtbereich seiner Kreatur zum ersten Mal betrat. Sie selbst hatte den Keim zu ihrem eigenen Untergang gelegt, denn obgleich er nur ein Schatten war, sind doch die Tr�ume das ureigenste Reich Cthulhus, des Obersten der GROSSEN ALTEN, und er war es, ein winziger Teil seiner tr�umenden Macht, die ich in mir gesp�rt hatte, der b�se Keim, den schon die Ber�hrung seines Schattenbildes in meiner Seele hinterlassen hatte. Er hatte den Verrat gesp�rt, den die Labyrinthkreatur plante.</p><p>Ohne, da� ich es auch nur ahnte, hatte ich den Tod zur�ck in das Labyrinth von Amsterdam gebracht, wie der Tr�ger einer schleichenden Krankheit, der selbst nicht infiziert war, aber Tod und Verderben s�te, wohin sein Atem auch fiel.</p><p>Dies und noch viel mehr fl�sterte mir die unh�rbare Stimme zu, und obgleich ich keinen Beweis, keinen logischen Anhaltspunkt daf�r hatte, wu�te ich, da� es Cthulhu selbst war, der in seinen Tr�umen zu mir sprach.</p><p>Dann erlosch die Schw�rze, so �bergangslos, wie sie mich ergriffen hatte. Pl�tzlich sp�rte ich meinen K�rper wieder, und als ich die Augen �ffnete, stach helles Sonnenlicht in meine Netzh�ute und lie� mich blinzeln.</p><p>Vorsichtig setzte ich mich auf. Ich befand mich in einem heruntergekommenen, bauf�lligen Raum, dessen eine Seite nur noch aus modrigen Brettern bestand. Die Fenster waren zerbrochen und lie�en das flirrende Licht der Morgensonne herein, und die Luft roch nach Verfall und Tod.</p><p>Als ich mich bewegte, gab eines der Fu�bodenbretter nach und brach. Die Ersch�tterung lie� Steine aus der Wand und Kalk von der Decke brechen. Staub wallte in grauen, zum Husten reizenden Wolken auf.</p><p>Aber ich erkannte, wo ich mich befand. Es war der Salon in dem Haus in der Van Dengsterstraat, der Raum, in dem der Alptraum begonnen hatte. Und in dem er enden w�rde.</p><p>W�hrend ich aufstand und mit vorsichtigen Schritten zur T�r ging, begann das Haus hinter mir und �ber mir zu zerbrechen. �chzend neigten sich die altersschwachen Balken und W�nde, Steine kollerten, und ich hatte kaum das Geb�ude verlassen und den Fu� der pl�tzlich zerborstenen Marmortreppe erreicht, als der gesamte Dachstuhl sich zu neigen begann und dann krachend und polternd zusammenst�rzte.</p><p>Ich begann zu rennen, so verzweifelt und schnell wie noch niemals zuvor in meinem Leben, w�hrend rings um mich herum ein tiefes, beinahe schmerzhaft klingendes St�hnen durch die H�user ging, sich W�nde neigten und Zwischenb�den und D�cher krachend zusammenst�rzten.</p><p>Das Labyrinth starb. Und mit ihm zerfielen die H�user, starben die Geb�ude, deren Verfall es seit Jahrzehnten mit einer finsteren Macht aufgehalten hatte.</p><p>Als ich das Ende der Gasse erreichte und keuchend am Ufer der schmalen, schlammigen Gracht stehenblieb, war die Van Dengsterstraat zu einer Tr�mmerlandschaft geworden.</p><p>Aber ich empfand keine wirkliche Befriedigung bei dem Anblick. Es gab etwas, das sich wie mit gl�henden Lettern in meine Erinnerung gebrannt hatte und jeden anderen Gedanken, jedes andere Gef�hl vertrieb.</p><p>Die Stimme. Cthulhus Stimme. Ich w�rde ihren Klang niemals wieder vergessen. So wenig, wie die letzten Worte, die er zu mir gesagt hatte, kurz, bevor sich das <emphasis>Tor </emphasis>schlo� und mich zur�ck in die Wirklichkeit spie:</p><p><emphasis>�F�r diesmal sollst du davonkommen, Robert Craven, denn du hast uns einen Dienst erwiesen, </emphasis>hatte er gesagt. <emphasis>Doch ich warne dich. Kreuzen sich unsere Wege noch ein einziges Mal, vernichte ich dich, denn auch meine Gro�z�gigkeit hat Grenzen. Mische dich nie wieder in unsere Angelegenheiten.</emphasis></p><p><emphasis>Nie.� </emphasis></p><empty-line/><p>�Haltet Euch bereit, Br�der.�</p><p>Balestranos Stimme bebte vor Erregung, und auch die Bewegungen des alten Mannes hatten viel von der Ruhe verloren, die de Laurec immer so an ihm gesch�tzt und bewundert hatte. Seine Finger zitterten, als er langsam auf den niedrigen, altar-�hnlichen Tisch zutrat, und in seinen Augen stand ein Glitzern, das vielleicht nur Anspannung ausdr�cken mochte.</p><p>Vielleicht aber auch Angst.</p><p>Angst vor dem, dachte de Laurec schaudernd, was sich au�er den sieben Gro�meistern der Templer-Loge noch in dem kleinen, fensterlosen Raum aufhielt.</p><p>Dem Geist des Satans.</p><p>Sarim de Laurec versuchte den Gedanken zu vertreiben und schalt sich im stillen einen Narren. Das kristallene Gebilde, das auf dem Tisch vor Bruder Balestrano stand, hatte absolut nichts mit dem Antichristen zu tun; weder im �bertragenen noch im w�rtlichen Sinne. Es war nichts als das Artefakt einer Rasse von vielleicht unglaublich m�chtigen, aber nichtsdestotrotz <emphasis>sterblichen </emphasis>Wesen, pr�historischer Monstrosit�ten, denen sie in Ermangelung einer besseren Bezeichnung den Namen die GROSSEN ALTEN gegeben hatten und deren Macht an die von G�ttern heranreichen mochte.</p><p>Sie hatten nichts mit dem Teufel zu tun.</p><p>Es war nicht das erste Mal, da� sich de Laurec dies einzureden versuchte. Und es war nicht das erste Mal, da� der Gedanke die beruhigende Wirkung, die er eigentlich haben sollte, verfehlte.</p><p>�Kommt n�her, Br�der.� Balestrano war stehengeblieben. Jetzt hob er die Arme, streckte die H�nde in einer beschw�rend wirkenden Geste �ber das gehirn�hnliche Kristallgebilde aus und schlo� gleichzeitig die Augen.</p><p>Lautlos traten die sechs anderen <emphasis>Master </emphasis>des Templer-Ordens neben ihn, bildeten einen weit auseinandergezogenen Kreis um den Stein und das Kristallgehirn und ergriffen sich bei den H�nden.</p><p>De Laurec fuhr unmerklich zusammen, als er die Hand Bruder Looskamps ber�hrte. Sie war kalt wie Eis und trotzdem schwei�feucht, und als de Laurec aufsah und dem Blick des dunkelhaarigen Flamen begegnete, bemerkte er die gleiche Nervosit�t darin, die er schon in Balestranos Augen zu sehen geglaubt hatte.</p><p>Irgendwie beruhigte es ihn, da� er nicht allein mit seiner Furcht war.</p><p>�Jetzt, meine Br�der�, fl�sterte Balestrano.</p><p>De Laurec wu�te nicht genau, was Balestrano tat. Obwohl er einer der sehr wenigen Templer war, die jemals den Rang eines <emphasis>Masters </emphasis>erreicht hatten, hatte er nie verstanden, was es war, das ihn und die anderen hier im Raum von normalen Sterblichen unterschied. Er war ein ebenso begabter Magier wie die anderen hier, aber anders als Balestrano - oder auch Looskamp - bediente er sich der Kr�fte, die ihm zur Verf�gung standen, rein instinktiv. Er hatte niemals logisch begr�nden k�nnen, woher seine Macht kam. Vielleicht wollte er es auch nicht.</p><p>Aber gleich, was es war - de Laurec sp�rte, wie <emphasis>irgend etwas </emphasis>geschah. Unsichtbare Energien brachten die verbrauchte Luft in dem kleinen Zimmer zum Knistern. Ein unheimlicher, gr�nlichblauer Schein lie� die Luft ergl�hen, ohne da� de Laurec h�tte sagen k�nnen, woher er kam, und im gleichen Moment glaubte er ein sanftes Tasten und F�hlen zu sp�ren, die unsichtbare Ber�hrung der sechs anderen Geister, die sich gleich ihm auf die magische Welle des Kristallgehirnes einzuschwingen versuchten ...</p><p>De Laurec unterdr�ckte ein Schaudern. Es war - seinem Wissens nach - erst das dritte Mal in der gesamten Geschichte des Templerordens, da� sich eine so m�chtige Loge zusammenschlo�. Bei den beiden anderen Versuchen war es um nichts Geringeres als die Rettung der Welt gegangen. Und jetzt?</p><p>�Bruder Laurec!� Balestranos Stimme schnitt wie ein Peitschenhieb in seine Gedanken, und de Laurec fuhr erschrocken zusammen. Verwirrt lie� er Looskamps Hand los und wandte sich an den Gro�meister. �Herr?�</p><p>In Balestranos Augen blitzte es zornig. �Beherrsche dich, Bruder�, sagte er streng. �Unsere Aufgabe ist wichtig. Das Leben zahlloser Menschen kann vom Gelingen unserer Mission abh�ngen. Diszipliniere deine Gedanken und beherrsche dich!�</p><p>De Laurec senkte ehrfurchtsvoll das Haupt, griff wieder nach den H�nden seiner Nebenm�nner und fl�sterte eine Entschuldigung. Balestrano hatte recht. Ihre Aufgabe war zu wichtig, als da� er seinen Gedanken erlauben konnte, auf eigenen Wegen zu wandeln.</p><p>Erneut machte sich das lautlose Knistern und Beben magischer Energien in dem kleinen Kellerraum bemerkbar. Die Luft begann st�rker zu gl�hen, bis der unheimliche gr�ne Schein das Licht der Kerzen �berstrahlte und selbst durch de Laurecs geschlossene Lider stach. Der Franko-Araber glaubte ein ganz sachtes Vibrieren zu sp�ren, dann begann das Licht zu pulsieren; zuerst langsam, dann rascher und beinahe w�tend, bis es in einen dunklen, an das Schlagen eines gewaltigen Herzens erinnernden Rhythmus fiel.</p><p>De Laurec �ffnete die Augen - und stie� einen gellenden Schrei aus!</p><p>Das Zimmer hatte sich auf gr��liche Weise ver�ndert. Auch aus dem Inneren des Kristallgehirns erstrahlte jetzt ein pulsierendes, giftiges Licht, ein Schein, so grell und gnadenlos, da� er die Gestalten der sechs anderen Templer zu flachen grauen Schemen verblassen und de Laurec die Tr�nen in die Augen steigen lie�. Schatten von unbestimmbarer Gestalt huschten im irrwitzigen Hin und Her durch <emphasis>den </emphasis>Raum, und pl�tzlich hatte de Laurec das Gef�hl, in einen gewaltigen, grundlosen Schacht zu blicken, der sich vor ihm auftat.</p><p><emphasis>Warum merken die anderen nichts? </emphasis>dachte de Laurec verwirrt.</p><p>Er versuchte, Looskamps Hand loszulassen, aber es ging nicht. Die Finger des Flamen waren steif geworden, und als de Laurec in sein Gesicht sah, erkannte er, da� das Antlitz des Flamen zu einer Maske erstarrt war.</p><p>Mit verzweifelter Kraft ri� er sich los, fuhr herum - und keuchte abermals vor Schrecken.</p><p>Er war der einzige, der sich noch bewegen konnte!</p><p>Nicht nur Looskamp war wie zur Salzs�ule erstarrt. Au�er de Laurec selbst standen die Mitglieder der Templer-Loge reglos wie menschengro�e Statuen da, mit verzerrten Gesichtern und zum Teil in grotesken Haltungen, aber unf�hig, sich zu bewegen oder auch nur einen Muskel zu r�hren.</p><p>�Balestrano!� keuchte de Laurec. �Br�der! Was ist mit euch?�</p><p>Aber er bekam keine Antwort.</p><p>Und pl�tzlich fiel ihm auch die Stille auf.</p><p>Es war keine normale Stille, sondern ein Schweigen von gewaltiger, allumfassender Tiefe. Er h�rte ... <emphasis>nichts!</emphasis></p><p>Verwirrt drehte sich der <emphasis>Puppet-Master </emphasis>des Templer-Ordens einmal um seine Achse, lie� den Blick �ber die Gestalten der Br�der schweifen und starrte schlie�lich wieder auf das Kristallgehirn herunter.</p><p>Etwas hatte sich daran ver�ndert, aber er vermochte nicht zu sagen, was. Z�gernd machte er einen Schritt auf den niedrigen Altartisch zu, lie� sich auf ein Knie sinken und streckte die Finger nach dem riesigen Diamantgebilde aus.</p><p>Im gleichen Augenblick zerbrach die Wirklichkeit.</p><p>Es war, als zersplittere die Welt unter einem ungeheuren Hammerschlag. Ein greller Blitz l�schte das gr�ne Leuchten aus, und pl�tzlich waren �berall Flammen und rotes, hei�es Licht. Dann ...</p><p><emphasis>Es war wie die Ber�hrung einer unsichtbaren Hand, ein Tasten und W�hlen und Suchen in de Laurecs Gehirn, als drehe etwas jeden einzelnen seiner Gedanken herum, sondiere seine Seele bis in die Tiefen und hinterlie�e nichts als Chaos. Er sp�rte die Gegenwart einer fremden, unglaublich b�sen Macht, das pl�tzliche, fast explosive Auftreten finsterer Energien, die aus den Abgr�nden der Zeit emporstiegen wie gl�hende Lava aus dem Schlund eines Vulkans.</emphasis></p><p>Das Kristallgehirn begann zu pulsieren. Kleine, graue Flecke erschienen mit einem Male in der Luft, wuchsen in rasendem Wirbel heran und bildeten zerfaserte Nebelgebilde, die wie mit d�nnen grauen Spinnf�den miteinander verbunden waren.</p><p>Und pl�tzlich begriff Sarim de Laurec, was er da beobachtete.</p><p>Die grauen Wirbel waren Tore.</p><p>Was er sah, war das Entstehen der gef�rchteten <emphasis>Tore </emphasis>der GROSSEN ALTEN, jener unbegreiflichen Verbindungen zwischen den Dimensionen, �ber die das Kristallgehirn herrschte!</p><p>De Laurec keuchte vor Schrecken, als er sah, wie sich Dutzende der faustgro�en grauen Gebilde zu zwei, drei mannshohen grauen Nebelflecken zusammenschlossen. Pl�tzlich waren sie nicht mehr leer, sondern von wogender Bewegung erf�llt. Dann bildeten sich <emphasis>Dinge </emphasis>im Inneren der <emphasis>Tore, </emphasis>Dinge von namenlos schrecklichem Aussehen - graue, miteinander verwobene Arme, schreckliche Fratzen mit zu vielen Augen und falschen Farben ...</p><p>Und es war noch nicht vorbei.</p><p>Pl�tzlich ert�nte ein scharfer, peitschender Knall - und aus einem der Tore zuckte ein oberschenkelstarker, gr�nlicher Fangarm, tastete einen Moment blind hin und her und bewegte sich dann zielstrebig auf Bruder Balestrano zu. Der Krakenarm erreichte die erstarrte Gestalt des greisen Tempelritters, wickelte sich in einer fast spielerisch erscheinenden Bewegung um seine Schultern - und begann, ihn langsam aber unbarmherzig auf das pulsierende Tor zuzuzerren!</p><p>De Laurec schrie auf, warf sich nach vorne und ri� verzweifelt an dem gr�ngrauen Strang. Aber seine Anstrengungen waren vergeblich. So schleimig und nachgiebig der Tentakel aussah, war seine Haut hart wie Stahl, und seine Kraft die eines Giganten.</p><p>Erneut erscholl dieser peitschende, schreckliche Laut, und ein zweiter Tentakel ringelte sich aus einem der <emphasis>Tore, </emphasis>packte einen weiteren Templer und begann ihn auf den Dimensionsri� zuzuziehen. Und kaum eine Sekunde sp�ter griff auch aus dem dritten <emphasis>Tor </emphasis>einer der schrecklichen Krakenarme heraus. F�r eine Sekunde glaubte de Laurec ein f�rchterliches, unmenschliches Lachen zu h�ren.</p><p>Verzweifelt fuhr der Tempelritter herum. Seine Gedanken �berschlugen sich. Balestrano hatte das <emphasis>Tor </emphasis>fast erreicht. Es konnte nur noch Sekunden dauern, bis er in dem grauen Wogen verschwunden war!</p><p>De Laurec dachte in diesem Moment nicht mehr, sondern handelte rein instinktiv. Mit einem gellenden Schrei ri� er das Zeremonienschwert aus dem G�rtel, schwang die Waffe mit beiden H�nden hoch �ber den Kopf - und lie� die Klinge mit aller Macht auf das Kristallgehirn heruntersausen!</p><p>Es war ein Gef�hl, als h�tte er auf Stahl geschlagen. Der Hieb prellte ihm das Schwert aus der Hand und zuckte als vibrierender Schmerz bis in seine Schultern hinauf; die Klinge flog davon und zerbrach noch in der Luft, und das h�hnische Lachen, das de Laurec gerade noch geh�rt hatte, verwandelte sich urpl�tzlich in ein panikerf�lltes, zorniges Kreischen.</p><p>Ein greller Blitz zerri� das gehirn�hnliche Kristallgebilde. De Laurec sah noch, wie die peitschenden Krakenarme verbla�ten und sich die <emphasis>Tore </emphasis>wie zuckende Wunden schlossen. Dann traf ihn ein Splitter des Kristallhirnes an der Schl�fe, und er verlor das Bewu�tsein.</p><empty-line/><p>Vor dem Fenster des Eisenbahnabteils zog die Landschaft vorbei, grau und schaukelnd und halb verborgen hinter niedrig h�ngenden Regenwolken, aus denen es schon seit dem fr�hen Morgen wie aus Eimern go�. Obwohl das Erste-Klasse-Abteil geheizt war, glaubte ich die K�lte zu f�hlen, die wie ein klammer Hauch �ber dem Land lag und dem Sommer, der dem Kalender nach schon vor �ber einem Monat Einzug gehalten hatte, eine lange Nase drehte.</p><p>Seit meiner Abreise aus Amsterdam war das Wetter best�ndig schlechter geworden. Es regnete ununterbrochen und die Temperaturen schienen mit jeder Meile, der ich mich Paris n�herte, zu sinken. Es h�tte mich nicht verwundert, die Seine-stadt unter Eis und Schnee vorzufinden.</p><p>Mi�mutig wandte ich mich vom Fenster ab, blickte einen Moment auf die zerlesene englische Zeitung mit dem Datum vom 23. Juli 1885, die auf dem freien Platz neben mir lag, und lie� mich zur�cksinken. Ich hatte sie vor meiner Abreise in Amsterdam erstanden und kannte sie auswendig. Ich hatte mich daf�r entschlossen, mit der Bahn nach Paris zu reisen, wo ich Howard zu treffen hoffte. Es gab bequemere Arten des Reisens, auch komfortablere - aber kaum eine schnellere. Und im Moment war Zeit das, was ich am allerwenigsten hatte. Es war nicht mehr weit bis Paris - nicht einmal mehr achtzig Minuten, hatte der Schaffner gesagt -, aber nach zwanzig Stunden, die ich nahezu ununterbrochen unterwegs gewesen war, erschien mir selbst diese kurze Spanne wie eine Ewigkeit.</p><p>Paris ... Ich wiederholte den Namen ein paarmal in Gedanken und versuchte vergeblich, ihm etwas von dem geheimnisvollen Flair abzugewinnen, das man der Stadt an den Ufern der Seine nachsagte. F�r mich hatte dieser Name eher einen d�steren Klang. Bestenfalls w�rde ich Howard dort wiederfinden und gleich ein halbes Dutzend Wunder bewirken m�ssen, um ihn vor einer Riesendummheit zu bewahren, und schlimmstenfalls ...</p><p>Ich verscheuchte den Gedanken, schlo� die Augen und versuchte zu schlafen, was nat�rlich mi�lang. Nicht, da� ich nicht m�de gewesen w�re; im Gegenteil. Aber wer einmal mit der franz�sischen Eisenbahn gefahren ist, wei�, wovon ich spreche. Die Eisenbahngesellschaft wirbt auf ihren Plakaten mit der Bequemlichkeit und Schnelligkeit ihrer Z�ge. Was das Tempo angeht, hat sie sicherlich recht. Aber die Bequemlichkeit? Der Marquis de Sade h�tte seine helle Freude an diesem Bef�rderungsmittel gehabt.</p><p>Der Zug wurde langsamer. Ein schriller, mi�t�nender Pfiff ert�nte von der Lokomotive her, dann griffen die Bremsen mit einem Ger�usch, als kratze eine Gabel �ber den Kochtopfboden. Der Zug verlangsamte weiter und hielt mit einem letzten, magenumst�lpenden Ruck vor einem einst�ckigen Bahnhofsgeb�ude.</p><p>Neugierig beugte ich mich vor und sp�hte aus dem Fenster. Das schlechte Wetter schien den Leuten hier auch die Lust am Bahnfahren verg�llt zu haben, denn der Bahnsteig war nahezu leer; nur ein �ltliches Ehepaar und ein schlanker, mittelgro�er Mann unbestimmbaren Alters standen frierend neben den Geleisen. Das Ehepaar verschwand irgendwo im hinteren Teil des Zuges, wo die Wagen der zweiten und dritten Klasse waren, w�hrend der Mann einen Moment lang unschl�ssig stehenblieb, sich pl�tzlich mit einem Ruck umwandte und zielstrebig auf mein Abteil zusteuerte. Ein Schwall eisiger Luft und Feuchtigkeit drangen herein, als er die T�r �ffnete.</p><p>Ich nickte ihm zu, wie es die H�flichkeit verlangt, wenn man einen Fremden w�hrend einer Bahnfahrt trifft, und wollte ebenso h�flich den Blick wieder abwenden - aber dann fiel mir irgend etwas an ihm auf. Ich konnte nicht sagen, was es war, aber irgend etwas an ihm war sonderbar. Ich vermochte den Gedanken nicht gleich zu fassen, aber irgendwo hinter meiner Stirn begann eine schrille Alarmglocke anzuschlagen, als der Mann mit seltsam eckigen Bewegungen in das Abteil kletterte und die T�r hinter sich schlo�.</p><p>Dann wu�te ich, was es war.</p><p>Er war zu schwer. Die Bodenbretter �chzten unter seinem Gewicht, als h�tte er Blei gefr�hst�ckt, und die Wucht, mit der er die Zugt�r schlo�, lie� das Glas klirren, obwohl die Bewegung eher langsam war. Instinktiv richtete ich mich ein wenig im Sitz auf und musterte ihn genauer.</p><p>Der Mann drehte sich herum, erwiderte meinen Blick f�r die Dauer eines Atemzugs mit steinernem Gesicht und lie� sich in den Sitz genau mir gegen�ber fallen. Die Bank zitterte wie unter einem Hammerschlag. Ich glaubte die Sprungfedern in den Polstern unter seinem Gewicht �chzen zu h�ren. Er mu�te der schwerste Mann sein, dem ich jemals begegnet war. Dabei war er nicht einmal so gro� wie ich und sogar noch eine Spur schlanker.</p><p>Pl�tzlich wurde ich mir der Tatsache bewu�t, da� ich den Fremden noch immer unverwandt anstarrte, l�chelte entschuldigend und wandte hastig den Blick ab. Mein Gegen�ber war nicht ganz so h�flich - er starrte mich weiter mit unbewegtem Gesicht an, und obwohl ich mich fast krampfhaft bem�hte, nicht in seine Richtung zu sehen, sp�rte ich seinen Blick mit fast unangenehmer Deutlichkeit.</p><p>Von drau�en ert�nte wieder der schrille Pfiff der Lokomotive. Ein erster, noch sanfter Ruck ging durch den Zug, dann fa�ten die R�der, und der Zug fuhr an.</p><p>Als ich wieder aufblickte, starrte mich der Fremde noch immer an. Diesmal hielt ich seinem Blick stand; wenn auch nicht sehr lange. Der Blick seiner grauen, blitzenden Augen war ... unangenehm. Sie sahen gar nicht aus wie lebende Augen, sondern wirkten vielmehr wie buntbemalte Glaskugeln, und die H�rte, die ich darin las, lie� mich schaudern.</p><p>Schlie�lich senkte ich ein zweites Mal den Blick, griff nach der Zeitung neben mir und tat so, als lese ich. Aber ich sp�rte seinen Blick weiter.</p><p>Schlie�lich wurde es mir zu bunt. Mit einer Geste, die selbst dem d�mmsten Trottel klargemacht h�tte, da� meine Geduld am Ende war, senkte ich die Zeitung und blickte mein Gegen�ber feindselig an. �Excusezmoi, Monsieur�, begann ich, wurde aber sofort von dem Fremden unterbrochen.</p><p>�Sie k�nnen ruhig Englisch sprechen, Mister�, sagte er und entbl��te dabei ein w�lfisches Gebi�, das wie poliertes Silber blitzte. �Das erleichtert die Sache. Ich spreche Ihre Sprache.�</p><p>Ich nickte �berrascht. Meine Franz�sischkenntnisse waren mit den beiden Worten, die ich gesagt hatte, in der Tat so gut wie ersch�pft, aber der hochm�tige Ton, in dem der Bursche sprach, brachte irgend etwas in mir zum Kochen. Er war nicht einmal aggressiv - aber er sprach mit einer K�lte, als w�re sein Stimmapparat aus dem gleichen Stahl, aus dem sein unappetitliches Gebi� bestand. Trotzdem schluckte ich die scharfe Erwiderung herunter, bedachte die Silberz�hne meines Gegen�bers mit einem bewu�t angewiderten Blick und fragte: �Woher wissen Sie, da� ich Engl�nder bin?�</p><p>�Sie lesen eine englische Zeitung�, antwortete er.</p><p>�Scharf beobachtet.�</p><p>�Nicht besonders�, sagte der Fremde. �Es f�llt auf, wenn jemand in Frankreich eine englische Zeitung liest. Ich bin nicht dumm.�</p><p>Diesmal kostete es mich wirklich meine ganze Selbstbeherrschung, ihm nicht die Antwort zu geben, die er verdiente.</p><p>W�tend faltete ich die Zeitung ganz auseinander, lehnte mich in die Polster zur�ck und hielt das Blatt vor das Gesicht, um wenigstens seinem unangenehmen Blick entzogen zu sein.</p><p>Aber mein eisenz�hniger Mitreisender gab nicht so leicht auf. Zwei, vielleicht drei Minuten lang sp�rte ich seine bohrenden Blicke durch das Papier der Zeitung hindurch, dann r�usperte er sich so lautstark, da� ich unwillk�rlich die Zeitung sinken lie� und ihn ansah.</p><p>�Bis Paris kommt jetzt keine Haltestelle mehr�, sagte er.</p><p>�Und?�</p><p>�Nichts, und.� Er zuckte mit den Achseln und grinste. Dabei sah ich, da� seine Z�hne wirklich aus Eisen waren. Nun ja, das war sein Problem. Paris war schlie�lich nicht nur eine Stadt der High-Society, sondern auch der Sonderlinge - um nicht zu sagen, Spinner. Und vermutlich kam ich ihm mit meiner wei�en Str�hne im Haar genauso verr�ckt vor wie er mir. Ich seufzte und verkroch mich wieder hinter meiner Zeitung.</p><p>�Es ist praktisch, da� wir nicht mehr halten�, sagte Eisenzahn kalt. Eigentlich sprach er gar nicht wie ein Mensch, sondern z�hlte Tatsachen auf. Kalt, sachlich und ohne die geringste Spur irgendeines Gef�hles. �Dann kann mich wenigstens niemand st�ren.�</p><p>�Wobei?� fragte ich in bewu�t gelangweiltem Ton.</p><p>Diesmal antwortete er nicht - wor�ber ich nicht sonderlich b�se war -, aber nach ein paar Sekunden h�rte ich die Sitzpolster quietschen; dann schien das ganze Abteil zu erbeben, als er aufstand und mit einem schwerf�lligen Schritt auf mich zutrat.</p><p>Vollends am Ende meiner Geduld angelangt, lie� ich die Zeitung sinken, starrte w�tend zu ihm empor - und erstarrte.</p><p>Eisenzahn stand breitbeinig vor mir. Seine H�nde waren halb erhoben und ge�ffnet, als wollte er mich packen. Sein Gesicht war noch immer so reglos wie eine Wachsmaske, aber in seinen Augen war pl�tzlich ein Glanz, der mich schaudern lie�.</p><p>�Was soll das?� fragte ich. �Was haben Sie vor?�</p><p>�Was soll ich schon vorhaben, Craven�, sagte Eisenzahn. �Ich bringe Sie um - was denn sonst?�</p><p>Und dann geschah alles gleichzeitig.</p><p>Seine H�nde zuckten nach meinem Hals. Die Finger waren wie t�dliche Krallen gekr�mmt. Im gleichen Augenblick stie� sein Knie hoch und versuchte, mich zwischen die Oberschenkel zu treffen.</p><p>Dem Kniesto� wich im letzten Moment durch eine blitzartige Drehung aus; seinen H�nden nicht mehr.</p><p>Die Krallen verfehlten zwar meine Kehle, aber seine Linke fuhr wie eine st�hlerne Forke neben mir in das Sitzpolster und zerfetzte es, w�hrend sich die Finger seiner Rechten in meine Schulter gruben und zudr�ckten, da� ich glaubte, meine Knochen knirschen zu h�ren. Ich schrie auf, warf mich im Sitz zur Seite und schlug ihm gleichzeitig die Faust gegen das Kinn.</p><p>Ein Hieb gegen massiven Fels h�tte kaum weniger Erfolg gezeigt. Ein greller Schmerz explodierte in meiner Hand und lie� mich erneut aufschreien, w�hrend Eisenzahns Gesicht nicht einmal zuckte. Mit einem w�tenden Ruck zerrte er mich herum.</p><p>Verzweifelt b�umte ich mich auf, warf mich gleichzeitig zur Seite und nach vorne und versuchte, seinen Griff zu sprengen. Aber der Bursche war stark wie ein Elefant. Und er schien immun gegen jegliche Art von Schmerz zu sein. Seine Rechte umklammerte noch immer meine Schulter und schien sie zermalmen zu wollen, und die w�tenden Hiebe, die ich immer wieder gegen sein Gesicht und seinen Hals abscho�, schien er nicht einmal zu sp�ren.</p><p>Er gab sich nicht einmal die M�he, meine Schl�ge abzuwehren. Sein Kinn war voller Blut, aber es war <emphasis>mein </emphasis>Blut, das aus meinen aufgeplatzten Kn�cheln quoll, und als ich mich herumwarf und ihm das Knie gegen den Leib schmetterte, zuckte er noch nicht einmal.</p><p>Daf�r l�ste er endlich die Linke aus den zerfetzten Polstern, ballte sie zur Faust - und schlug mit aller Macht nach meinem Gesicht.</p><p>Im letzten Moment drehte ich den Kopf beiseite. Seine Faust streifte meine Schl�fe und zerschmetterte die Abteilwand.</p><p>Die Ber�hrung lie� meinen Sch�del wie eine angeschlagene Glocke dr�hnen. Rot flammende Kreise tauchten vor meinen Augen auf und tr�bten meinen Blick, und f�r eine schrecklich lange Sekunde drohte mir, das Bewu�tsein zu verlieren.</p><p>Eisenzahn ri� mich wie eine Puppe in die H�he, schleuderte mich in die Polster zur�ck und hob die Faust zum letzten, entscheidenden Hieb. Ich wu�te, da� ich sterben w�rde, w�rden mich seine schrecklichen F�uste auch nur ein einziges Mal mit aller Kraft treffen.</p><p>Ein harter, pl�tzlicher Ruck ging durch den Boden, als der Zug �ber eine Weiche h�pfte und sich die Ersch�tterung �ber die ungefederten Achsen bis in die Abteile fortpflanzte. Ich sp�rte es kaum, denn ich lag halb ausgestreckt und hilflos auf der Sitzbank, aber Eisenzahn, der mit leicht gespreizten Beinen �ber mir stand, wankte wie eine angeschlagene Statue und drohte f�r einen Moment nach vorne zu kippen.</p><p>Ich reagierte, ohne zu denken. Im gleichen Moment, in dem er seinen Sturz abzufangen versuchte, zog ich die Knie an den K�rper, raffte das letzte bi�chen Kraft, das mir geblieben war, zusammen - und trat ihm mit aller Gewalt vor den Bauch.</p><p>Es war wie vorhin, als ich nach seinem Kinn geschlagen hatte - der Bursche mu�te Betonplatten unter der Kleidung tragen, denn ich hatte das Gef�hl, vor einen Felsen getreten zu haben. Ein gr��licher Schmerz zuckte bis in meinen R�cken hinauf und drohte ein zweites Mal, mir das Bewu�tsein zu rauben.</p><p>Aber ich sah immerhin, wie Eisenzahn wie ein gef�llter Baum nach hinten kippte, in der gleichen, grotesken Haltung, in der er �ber mir gestanden hatte - die Arme ausgestreckt und die H�nde halb ge�ffnet - auf die gegen�berliegende Sitzbank fiel und das M�belst�ck mit seinem ungeheuren Gewicht kurzerhand zerschmetterte.</p><p>Als er sich aus den Tr�mmern der Bank zu befreien versuchte, war ich �ber ihm. Seine Hand griff nach mir, aber ich wich ihr aus, warf mich mit meinem ganzen K�rpergewicht auf ihn und schlug ihm drei-, vier-, f�nfmal hintereinander die Handkante gegen den Hals. Schon ein einziger dieser Hiebe h�tte gereicht, selbst einen Giganten wie Rowlf zu bet�uben - aber Eisenzahn schien sie nicht einmal zu <emphasis>sp�ren!</emphasis></p><p>Daf�r schnappte seine Hand nach meiner Kehle. Ich warf mich zur�ck, f�hlte, wie seine Finger an meinem Hals entlangschrammten und dabei einen Teil meiner Haut mitnahmen, warf mich verzweifelt aus der Reichweite seiner schrecklichen H�nde und griff blindlings um mich. Meine Finger ertasteten etwas Hartes, Schweres und klammerten sich darum. Es war ein Eisenst�ck; ein zollstarker, mehr als armlanger Stab, der aus der zerborstenen Bank herausschaute und an einem Ende mit den scharkantigen Resten abgebrochener Bolzen versehen war.</p><p>Blind vor Angst schlug ich zu.</p><p>Eisenzahn versuchte den Hieb abzuwehren, aber er war nicht schnell genug. Meine improvisierte Stachelkeule traf seinen Sch�del mit vernichtender Wucht, schmetterte ihn abermals zu Boden und wurde mir durch die schiere Wucht meines eigenen Schlages aus der Hand geprellt.</p><p>Und im gleichen Moment zuckte Eisenzahns Hand nach vorne und schlo� sich wie eine st�hlerne Klammer um meinen Unterarm!</p><p>Noch einmal b�umte ich mich auf. Aber diesmal versuchte ich nicht mehr, seinen Griff mit Gewalt zu sprengen, sondern warf mich im Gegenteil in die Richtung, in die er mich zu zerren versuchte, drehte mich gleichzeitig um meine eigene Achse - und brachte ihn mit einem pl�tzlichen Ruck in die entgegengesetzte Richtung aus der Balance.</p><p>Eisenzahns eigene Kraft wurde ihm zum Verh�ngnis. Den Zug seiner eigenen �bermenschlich starken Muskeln ausnutzend, hebelte ich ihn �ber meinen R�cken hinweg, half der Entwicklung noch durch einen kr�ftigen Sto� nach - und schleuderte ihn quer durch das Abteil gegen die Au�enwand!</p><p>Die T�r schien wie von einer Kanonenkugel getroffen und zerschmettert zu werden. Eisenzahns Gewicht zermalmte das massive Blech wie Papier, lie� die Fensterscheibe in einem Hagel von Glassplittern explodieren und beulte die halbe Abteilwand ein. Er griff mit hilflos rudernden Armen um sich, klammerte sich am T�rrahmen fest - und verlor abermals das Gleichgewicht, als seine Finger das Eisenblech wie Pergament zerfetzten.</p><p>Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, aber �ber seine Lippen kam nicht der geringste Laut, als er in einer grotesken Bewegung weiter nach hinten kippte und aus dem fahrenden Zug fiel.</p><empty-line/><p>Dunkelheit und die Ger�usche zahlreicher Menschen waren um ihn herum, als sich seine Sinne kl�rten. Eine Hand machte sich an seiner Schl�fe zu schaffen und linderte geschickt den qu�lenden Schmerz, der dort tobte, und eine Stimme redete auf ihn ein. Er verstand die Worte nicht, aber sie beruhigten ihn irgendwie. Nach einer Weile h�rte auch der irre Veitstanz auf, den seine Gedanken auff�hrten, und Sarim de Laurec tastete sich langsam in die Wirklichkeit zur�ck.</p><p>Das erste, was er sah, als er die Augen aufschlug, war das faltenzerfurchte Gesicht Jean Balestranos. Seine Lippen waren zu einem L�cheln verzogen, aber de Laurec sah trotzdem den Ausdruck von Sorge, der in den Augen des alten Mannes geschrieben stand.</p><p>�Was ... ist geschehen?� fragte de Laurec m�hsam. Er wollte die Hand heben, um nach der Schl�fe zu tasten, aber Balestrano dr�ckte seinen Arm mit sanfter Gewalt herunter.</p><p>�Es ist alles in Ordnung, Bruder�, sagte er. �Du hast uns alle gerettet.�</p><p>�Ich?� De Laurec versuchte zu l�cheln, aber es mi�lang; Schmerz und Schock lie�en nur eine Grimasse daraus werden. Verwirrt stemmte er sich auf die Ellbogen hoch, fuhr pl�tzlich zusammen und drehte mit einem erschrockenen Laut den Kopf, um zum Altarstein und dem Kristallgehirn zu blicken.</p><p>Der schwarze Steintisch stand unber�hrt da, aber das Kristallgehirn war zur Seite gefallen und halb von der Platte heruntergerutscht. De Laurec sah deutlich die Stelle, an der sein Schwert eine Scharte in den diamantharten Kristall geschlagen hatte. �Was ist passiert?� murmelte er. �Ich ... erinnere mich kaum.�</p><p>Balestrano l�chelte. �Das ist normal�, sagte er. �Ich f�rchte, du hast eine schwere Gehirnersch�tterung, Bruder Laurec.� Er schwieg einen Moment, und als er weitersprach, waren seine Augen dunkel vor Sorge.</p><p>�Es ist meine Schuld�, sagte er. �Ich h�tte diesen Versuch niemals zulassen d�rfen.�</p><p>De Laurec h�rte seine Worte kaum. Es fiel ihm schwer, sich auf den alten Mann zu konzentrieren. Seine Gedanken begannen sich zu verwirren, und f�r einen ganz kurzen Moment fragte er sich vollen Ernstes, wer er �berhaupt war, und wie er hierher kam.</p><p>Verwirrt hob er die Hand an den Kopf und tastete mit den Fingerspitzen �ber die Schl�fe. Warum hatte er pl�tzlich das Gef�hl, eine lautlose Stimme in seinem Sch�del fl�stern zu h�ren?</p><p>�... untersch�tzt�, sagte Balestrano. De Laurec fuhr zusammen und sah den Gro�meister schuldbewu�t an. Er begriff erst jetzt, da� Balestrano die ganze Zeit mit ihm gesprochen hatte. Er hatte die Worte nicht einmal geh�rt!</p><p>�Deine Bef�rchtungen waren nur zu berechtigt�, fuhr Balestrano fort. �Dieses Ding� - er verzog angewidert das Gesicht und deutete auf das besch�digte Kristallgehirn - �ist Teufelswerk. Wir h�tten es niemals ber�hren d�rfen!�</p><p>De Laurec schwieg. Was h�tte er auch sagen sollen? Sie waren zusammengekommen, um das Kristallgehirn, das seinem Besitzer Gewalt �ber die magischen <emphasis>Tore </emphasis>der GROSSEN ALTEN gab, unter ihre Kontrolle zu bringen. Aber das Geschehen bewies, da� sich das magische Artefakt sehr wohl zu sch�tzen vermochte, selbst gegen eine Loge der Tempelritter.</p><p>�Um ein Haar w�ren wir alle gestorben�, fuhr Balestrano fort, �h�ttest du es nicht zerschlagen.�</p><p>De Laurec blickte unsicher an Balestrano vorbei auf das schimmernde Kristallgebilde. �Ist es ... zerst�rt?� fragte er.</p><p>Balestrano schwieg einen Moment, dann zuckte er mit den Achseln. �Ich wei� es nicht�, gestand er. �Zumindest ist es im Augenblick ungef�hrlich. Und ich werde daf�r sorgen, da� es so bleibt.� Er sch�rzte entschlossen die Lippen. �Wir haben an Kr�ften ger�hrt, die nicht f�r Menschen sind�, sagte er bestimmt. �Um ein Haar h�tten wir den Preis daf�r gezahlt.�</p><p>�Was wollt ihr tun?� fragte de Laurec. �Es ... vernichten?� <emphasis>Warum erschrak er so sehr bei diesem Gedanken? </emphasis>Bei der Vorstellung, das kristallene Gebilde zu zerst�ren, versp�rte er eine beinahe k�rperliche Angst.</p><p>Balestrano sch�ttelte den Kopf. �Nein�, sagte er, �denn dazu ist es zu wertvoll. Ich bezweifle auch, da� wir es k�nnten. Aber ich werde es an einen sicheren Ort bringen und daf�r sorgen, da� niemand seine Kr�fte weckt, ehe wir nicht genau wissen, womit wir es zu tun haben.� Er stand auf, wartete, bis auch de Laurec sich erhoben hatte, und deutete mit einer befehlenden Geste zur T�r.</p><p>�Geht�, sagte er. �Geht alle hinaus, la�t mich allein. Was zu tun ist, mu� ich allein tun.�</p><p>De Laurec starrte den wei�haarigen Tempelritter sekundenlang an. Seine Verwirrung wuchs mit jeder Sekunde. Er hatte pl�tzlich eine absurde Angst davor, da� Balestrano trotz seiner gegenteiligen Worte das Gehirn zerst�ren w�rde, und sei es nur aus Angst vor dessen Macht.</p><p>Aber er sprach nichts davon aus, sondern drehte sich schlie�lich ebenso wie die anderen um und wollte den Kellerraum verlassen. Doch diesmal war es Balestrano selbst, der ihn zur�ckhielt.</p><p>�Noch einen Moment, Bruder Laurec�, sagte er. De Laurec blieb gehorsam unter der T�r stehen und wandte sich noch einmal um. Balestrano war dicht an den Tisch mit dem kristallenen Gehirn herangetreten, und auf seinem Gesicht lag ein angespannter, konzentrierter Ausdruck. �F�hlst du dich wieder kr�ftig genug, einen Moment mit mir zu reden?� fragte er.</p><p>De Laurec nickte. �Nat�rlich.�</p><p>�Dann warte drau�en auf mich�, sagte Balestrano. �Wir m�ssen noch bereden, was mit Bruder Howard geschieht. Du wei�t, da� er in Paris ist?�</p><p>De Laurec nickte. �Seit geraumer Zeit. Und dieser Narr Craven ist ebenfalls auf dem Weg hierher.�</p><p>Balestrano machte eine unwillige Geste. �Craven interessiert uns nicht�, sagte er. �Er ist nicht unser Feind, Laurec.�</p><p>�Er ist -� begann de Laurec.</p><p>Aber Balestrano fiel ihm sofort ins Wort: �Er hat uns einen gro�en Dienst erwiesen, vergi� das nicht.�</p><p>�Ohne es zu wollen!� entgegnete de Laurec �rgerlich. Den Zorn, den er bei diesen Worten empfand, verstand er selbst nicht ganz. Er wu�te sehr wohl, da� Robert Craven schlimmstenfalls unbedeutend und bestenfalls ein potentieller Verb�ndeter in ihrem unabl�ssigen Kampf mit dem Antichristen war. Warum empfand er solche Wut, wenn er nur an diesen Namen dachte?</p><p>�Mu� ich dich erinnern, was Bruder DeVries geschehen ist?� sagte Balestrano streng. �Er hat gegen meinen Willen versucht, Craven zu t�ten.�</p><p><emphasis>Und daf�r mit dem Leben bezahlt, </emphasis>f�gte de Laurec zornig in Gedanken hinzu. Aber er senkte gehorsam den Blick. �Craven wird nichts geschehen, Bruder�, sagte er dem�tig. Dann wandte er sich um und verlie� den Raum, um drau�en zu warten.</p><p>Der Schmerz in seiner Schl�fe wurde st�rker.</p><empty-line/><p>Mit einem einzigen Satz war ich bei der T�r. Der Zug schaukelte und h�pfte wie ein bockendes Muli unter meinen F��en, so da� ich um ein Haar das Gleichgewicht verloren und hinter Eisenzahn hergefallen w�re. Der Fahrtwind trieb mir die Tr�nen in die Augen, als ich mich an der verbeulten Kabinenwand festklammerte und hinausbeugte.</p><p>Im ersten Moment sah ich nichts als die Schatten der vorbeihuschenden Landschaft, dann drehte ich das Gesicht aus dem Wind, blickte zum Heck des Zuges zur�ck - und sah, wie sich eine Gestalt unmittelbar neben den Bahngeleisen in die H�he stemmte - und mit einem unglaublich kraftvollen Satz direkt auf den fahrenden Zug sprang!</p><p>H�tte es nach allem noch eines endg�ltigen Beweises bedurft, da� mein unheimlicher Gegner alles andere als ein normaler Mensch war, dann w�re es dieses Bild gewesen.</p><p>Eisenzahn versuchte nicht, sich auf eine der Plattformen zu schwingen, die die Wagen der ersten und zweiten Klasse abschlossen, sondern ging die Sache entschieden direkter an. Wie ein lebendes Gescho� krachte er gegen den Zug. Seine Hand zerschmetterte das Blech einer Abteilt�r und fand irgendwo drinnen Halt, w�hrend er selbst das Gleichgewicht verlor, mit den F��en auf den Schotter neben den Geleisen geriet und ein gutes St�ck mitgeschleift wurde, ehe er auch mit der anderen Hand sicheren Halt fand und sich in die H�he ziehen konnte. Wie eine Spinne kletterte er an der Au�enwand des Zuges entlang, wobei sich seine Finger und Zehen in das lackierte Stahlblech gruben und kleine runde L�cher darin hinterlie�en.</p><p>Der Anblick war so unglaublich, da� ich f�r einen Moment sogar die Gefahr verga�, in der ich mich befand.</p><p>Der Unheimliche war zu weit entfernt, als da� ich Einzelheiten erkennen konnte - aber, zum Teufel, er war bei einer Geschwindigkeit von beinahe f�nfzig Meilen aus einem fahrenden Zug gest�rzt und mu�te sich alle Knochen dabei gebrochen haben! Und trotzdem kroch er langsam, aber stur wie eine Maschine, �ber die Au�enseite des Zuges weiter auf mich zu!</p><p>Erst, als Eisenzahn schon fast die H�lfte des Zuges �berwunden hatte und den Kopf hob, um sich zu orientieren, wurde ich mir der Tatsache bewu�t, da� er dieses Kunstst�ck nicht aus reinem Sportsgeist auff�hrte, sondern zur�ckkam, um zu Ende zu bringen, was er begonnen hatte, ehe ich ihn aus dem Zug warf - n�mlich mich umzubringen!</p><p>Erschrocken prallte ich von der T�r zur�ck und sah mich hastig nach einer Waffe oder einem Fluchtweg um.</p><p>Das Abteil bot einen Anblick, als w�re eine Granate darin explodiert, aber es gab nichts, was sich auch nur ann�hernd als Waffe angeboten h�tte. Wie unempfindlich der Fremde gegen Hiebe mit Eisenstangen oder �hnlichen Spielzeugen war, hatte er ja bereits bewiesen.</p><p>Und es gab auch keinen Fluchtweg. In Gedanken verfluchte ich mich daf�r, eines jener Erste-Klasse-Abteile gew�hlt zu haben, die nur von au�en zu betreten waren. Ich hatte mir auf diese Weise eine ungest�rte Fahrt sichern wollen, aber es konnte gut sein, da� ich mir eine Karte zu meinem eigenen Grab gel�st hatte ...</p><p>Hastig trat ich zu dem Tr�mmerhaufen, der von meiner Sitzbank �briggeblieben war, zog den Stockdegen aus meinem Reisekoffer und verstaute ihn sicher unter meinem G�rtel.</p><p>Einen Moment lang blieb mein Blick auf dem roten B�gel der Notbremse haften, aber ich verwarf den Gedanken, sie zu ziehen, schnell wieder. Nein - es gab nur einen Weg. Auch wenn mir allein bei dem Gedanken daran schon der kalte Angstschwei� ausbrach.</p><p>Eisenzahn war bis auf eine gute Wagenl�nge herangekommen, als ich abermals an die T�r trat und mich - vorsichtig mit beiden H�nden an dem zerfetzten Rahmen Halt suchend - hinausbeugte. Seine Augen waren starr ge�ffnet, trotz des rasenden Fahrtwindes, und ich sah jetzt, als er n�her gekommen war, da� sein Gesicht ein bi�chen eingedr�ckt zu sein schien.</p><p>Der Anblick lie� mich auch meine letzten Hemmungen vergessen. Vorsichtig beugte ich mich weiter hinaus, griff mit beiden H�nden nach oben, bis meine Finger irgendwo an dem verbeulten Blech Halt fanden, l�ste den linken Fu� vom Boden und schwang mich mit einer kraftvollen Bewegung aus dem Zug.</p><p>Eine endlose, grauenerf�llte Sekunde lang schwebte ich �ber dem Nichts. Der Fahrtwind schlug mir wie eine unsichtbare Faust entgegen und nahm mir den Atem, und der Zug sprang und zitterte unter mir wie ein bockendes Pferd, das mit aller Kraft versucht, einen Reiter abzusch�tteln.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Eisenzahn seine Anstrengungen verdoppelte und schnell n�her kam. Seltsamerweise kam er immer noch nicht auf den Gedanken, das N�chstliegende zu tun und auf das Zugdach hinaufzuklettern, um mich dort in aller Ruhe zu erwarten, sondern krabbelte weiter wie eine Spinne an der Au�enseite des Waggons entlang.</p><p>Der Anblick gab mir zus�tzliche Kraft. Meine F��e fanden irgendwo Halt, ich lie� mit der linken Hand los, tastete blind nach oben und f�hlte die Kr�mmung des Daches, dann etwas Kleines, Spitzes, das stabil genug schien, mein K�rpergewicht zu tragen, und zog mich mit einem verzweifelten Ruck nach oben.</p><p>Zwei, drei Sekunden blieb ich reglos liegen, rang nach Atem und wartete darauf, da� meine H�nde und Knie zu zittern aufh�rten. Dann stemmte ich mich vorsichtig hoch, kroch bis in die Mitte des Daches und sah zur�ck.</p><p>�ber der Kante des Zugdaches erschien eine Krallenhand, grub sich mit einem schmetternden Knall in und durch das Blech und fand an einem Tr�ger darunter festen Halt. Sekunden sp�ter erschien ein dunkler Haarschopf �ber dem Dach, und kalte, polierte Glasaugen starrten mich an.</p><p>Ich schluckte einen Fluch herunter, sprang auf die F��e und wirbelte herum. Der Wagen, auf dessen Dach ich mich befand, war der letzte gleich hinter der Lokomotive, so da� mir keine andere Wahl blieb, als an Eisenzahn vorbei wieder in Richtung Zugende zu rennen - wobei seine Hand um ein Haar mein Bein erwischt h�tte und ich mich nur durch einen riskanten H�pfer in Sicherheit bringen konnte.</p><p>Eine h�chst zweifelhafte Sicherheit allerdings, wie sich bald herausstellte. Ich hatte kaum ein Dutzend Schritte zur�ckgelegt, da hatte ich auch schon das Ende des Wagens erreicht - und das Dach des dahinterliegenden war gute zwei Yard entfernt und sprang und hoppelte wie ein wildgewordener Maulesel auf und ab!</p><p>Zwei Yard sind vielleicht kein besonders wagemutiger Sprung f�r einen durchtrainierten Mann wie mich, unter normalen Umst�nden. Aber ein Fehltritt w�rde einen Sturz unter die R�der des Zuges bedeuten, bestenfalls auf den Schotter des mit mehr als f�nfzig Meilen vorbeirasenden Bahndammes -, und wahrscheinlich w�re das eine so t�dlich wie das andere.</p><p>Hinter mir erscholl ein splitterndes Ger�usch, und als ich zur�ckblickte, sah ich, wie sich Eisenzahn umst�ndlich auf die Beine erhob und mit ausgebreiteten Armen auf mich zugetapst kam. Seine F��e hinterlie�en tiefe Dellen im Blech des Daches.</p><p>Ich verga� meine Furcht, spannte die Muskeln - und stie� mich ab.</p><p>Es war leichter, als ich gef�rchtet hatte. Der Wagen schien mir noch entgegenzukommen. Ich kam ungeschickt auf, fiel auf die Knie, fing den Sturz mit beiden H�nden auf und stie� mich wie ein Hundert-Meter-L�ufer am Start ab. Verzweifelt rannte ich los, w�hrend Eisenzahn mir auf die gleiche Weise folgte, zwar wenig elegant, daf�r aber erheblich lauter.</p><p>Es war aussichtslos. Ich rannte, so schnell es der schwankende Untergrund zulie�, sprang von Wagendach zu Wagendach und vergr��erte die Entfernung zwischen mir und meinem unheimlichen Verfolger allm�hlich.</p><p>Schlie�lich hatte ich das Ende des Zuges beinahe erreicht und blieb unsicher stehen. Vor mir lag ein letzter Wagen - und dann nichts mehr. Es sah aus, als w�re meine Flucht zu Ende, ehe sie richtig begonnen hatte. Verzweifelt drehte ich mich herum, tastete nach dem Stockdegen unter meinem G�rtel und blickte meinem Gegner mit einer Mischung aus Entsetzen und trotzigem Zorn entgegen. Ich wu�te weder, wer der Bursche war, noch was er von mir wollte - aber ich w�rde mein Leben so teuer wie m�glich verkaufen.</p><p>Dann sah ich den Schatten am vorderen Ende des Zuges, noch weit vor der Lokomotive. Ein verzweifelter Plan begann hinter meiner Stirn Gestalt anzunehmen. H�tte ich Zeit gehabt, ihn in allen Einzelheiten zu durchdenken, h�tte ich es vermutlich zehnmal lieber auf einen Kampf mit dem Unheimlichen ankommen lassen - aber gottlob blieb mir keine Zeit.</p><p>So wandte ich mich noch einmal um, sprang auf den letzten Wagen und wirbelte abermals herum, kaum da� ich sicheren Stand gefunden hatte. Der Stockdegen glitt wie von selbst aus seiner Umh�llung und funkelte wie ein gefangener Blitz in meiner Hand. Der Schatten erreichte die Lokomotive und jagte �ber sie hinweg. Noch zwei Sekunden, sch�tzte ich. Allerh�chstens.</p><p>Eisenzahn blieb stehen, kaum einen Schritt vom Ende des Wagendaches entfernt. Seine kalten Glasaugen musterten die Waffe in meiner Hand, und f�r einen Moment z�gerte er, als sch�tze er ihre Gef�hrlichkeit ab. Dann machte er eine wegwerfende Handbewegung, spannte sich - und sprang.</p><p>Ich lie� mich zur Seite fallen, schlo� die Augen - und st�rzte mit angehaltenem Atem vom Wagendach herunter. Was dann geschah, ging so unglaublich schnell, da� ich selbst hinterher nicht sicher war, es wirklich gesehen oder mir nur eingebildet zu haben.</p><p>Der Boden raste auf mich zu. Eisenzahn landete wie ein lebender Ambo� auf dem Dach und beulte es ein, fand mit wild wedelnden Armen sein Gleichgewicht wieder. Sein Stahlgebi� blitzte.</p><p>Aber nur f�r eine halbe Sekunde.</p><p>Hinter ihm jagte der Schatten heran. Die Lokomotive stie� einen schrillen Pfiff aus, dann fiel der Schatten der Br�cke direkt �ber unseren Wagen. Eisenzahn versuchte noch zu reagieren, wirbelte mit �bermenschlicher Schnelligkeit herum und duckte sich gleichzeitig. Aber obwohl er sich mindestens doppelt so schnell bewegte wie ein normaler Mensch, hatte er die Drehung nicht einmal halb beendet, als der Zug unter der Br�cke hindurchdonnerte.</p><p>Es war eine sehr niedrige Br�cke.</p><p>So niedrig, wie ich gehofft hatte. Sogar noch ein bi�chen niedriger ...</p><empty-line/><p>�Pardon, Monsieur - wie war doch gleich Ihr Name?� Der livrierte Lakai, der nach dem dritten Klopfen unter der T�r des Hauses in der Rue de Gascogne No. 17 erschienen war und den beiden sonderbaren Besuchern den Einla� verwehrte, legte demonstrativ seine Stirn in Falten. �Oh-ahr?�</p><p>�Howard�, sagte der �ltere der beiden, ein hagerer, eher konservativ gekleideter Gentleman mit scharfgeschnittenen Z�gen, der ein erb�rmlich stinkendes Zigarillo rauchte und mit der anderen Hand mit einem Stockschirm spielte. �Howard Phillips Lovecraft, um genau zu sein. Aber Howard d�rfte gen�gen. Wenn Sie mich jetzt bitte Monsieur Benoit melden w�rden?�</p><p>Der Lakai hob in einer abwehrenden Geste die Hand. �Ich f�rchte, Sie unterliegen einem bedauernswerten Irrtum, Monsieur�, sagte er und warf Howards Begleiter, einem bulligen, vierschr�tigen Kerl mit der Gestalt eines Preisboxers samt der dazu passenden breitgeschlagenen Nase, einen fast �ngstlichen Blick zu.</p><p>�Hier wohnt kein Monsieur Benoit�, fuhr er hastig fort. �Dies ist das Stadthaus von Monsieur Guy de Mortignac. Von einem Monsieur - �h ... <emphasis>Benoit </emphasis>habe ich noch nie geh�rt. Vielleicht war es der Vorbesitzer des Hauses.�</p><p>�Un seit wann wohnta hier, dieser Mons� Moritkack?� erkundigte sich Howards Begleiter in einem Franz�sisch, das noch zerschlagener wirkte als sein Gesicht. �Vielleicht holnsen ma her. Kann ja sein, dasser was �bba Bennoa wei�.�</p><p>Der Lakai erbleichte, schien aber nach einem weiteren Blick auf Rowlfs schaufelgro�e H�nde zu der Ansicht zu kommen, da� es besser w�re, die Beleidigung zu �berh�ren. �Ich f�rchte, auch das wird nicht m�glich sein, Monsieur�, erwiderte er steif. �Die Herrschaften sind auf ihr Landgut gefahren - und ich wei� nicht, wann sie wiederkommen�, f�gte er hastig hinzu.</p><p>Rowlf setzte zu einer w�tenden Entgegnung an, aber Howard legte ihm rasch und beruhigend die Hand auf den Unterarm. �La� gut sein, Rowlf�, sagte er und f�gte an den Lakai gewandt hinzu: �Bitte entschuldigen Sie die St�rung, mein Freund. Vielleicht habe ich mich wirklich in der Hausnummer get�uscht. Es ist lange her, da� ich in Paris war. Au revoir.�</p><p>�Au revoir, Monsieur.� Verwirrt blickte der Lakai den beiden M�nnern nach, die auf dem Absatz kehrtmachten und auf die um diese Tageszeit beinahe leere Rue de Gascogne hinaustraten. Von hinten boten ihre so ungleichen Gestalten - der eine ein Kleiderschrank von einem Mann, der andere eine wahre Bohnenstange - einen fast komischen Anblick. Der Lakai begann sich zu fragen, warum er sich jemals vor diesen beiden gef�rchtet hatte. Aber als er mit einem Kopfsch�tteln die schwere, reich verzierte Eichent�r wieder schlo�, �berlief ihn ein merkw�rdiger Schauer, der auch nicht vergehen wollte, nachdem er sich ausgiebig an dem Lik�rkabinett seiner Herrschaften bedient hatte.</p><p>Die beiden M�nner, das sp�rte er, waren der Verzweiflung nahe gewesen. Und Verzweifelte taten oft Dinge, die irrational und gef�hrlich waren.</p><empty-line/><p>�Die wievielte Adresse war das?�</p><p>Rowlfs grollende Stimme ri� Howard Lovecraft aus seinen d�steren Gedanken. Sie waren von der Rue de Gascogne abgebogen und promenierten nun die belebtere Rue de Rivoli entlang. Junge, vorwiegend wei� gekleidete Damen an den Armen ihrer Kavaliere, Kinder in blauen Matrosenanz�gen und zartrosa ger�schten Kleidchen, die vornehm herausgeputzt zwischen ihren Eltern von Auslage zu Auslage der teuren Gesch�fte stolzierten - es war ein Treiben, das das Herz eines jeden Flaneurs h�her schlagen lassen mu�te. Nur Rowlf und er schienen nicht so recht hierher zu passen. Sie waren zu d�ster f�r dieses heitere Treiben, zwei schwarze Farbtupfer in diesem hellen Gemisch aus Licht, Luft und den schwerelosen Farben des Sommers.</p><p>Aber schlie�lich war Howard nicht nach Paris gekommen, um den Sommer in dieser ungekr�nten Hauptstadt der zivilisierten Welt zu genie�en. Er war gekommen, weil er sich einem Gericht stellen wollte, dessen Schergen ihn von Kontinent zu Kontinent verfolgt und zu t�ten versucht hatten. Aber jetzt, da er an den Ort seiner Aburteilung zur�ckgekehrt war, wollten sie offensichtlich nichts mehr von ihm wissen.</p><p>Seufzend z�ndete er sich ein neues Zigarillo an dem alten, fast bis zu den nikotin- und teerverf�rbten Fingern heruntergebrannten Stummel an. Er inhalierte tief, bis sein Kopf von einer bl�ulichen, �belriechenden Wolke eingeh�llt war. �Ich verstehe das einfach nicht mehr, Rowlf�, sagte er. �Seit einer Woche klappern wir jetzt alle alten Kontaktadressen ab, und �berall scheint pl�tzlich eine Mauer zu sein. �Nie geh�rt, den Namen.� �Nein, der ist unbekannt verzogen.� �Monsieur Lasalle? Nein, den gibt es hier nicht, und ich wohne seit zehn Jahren hier.� - Es ist zum Verr�cktwerden!�</p><p>�Stimmt�, pflichtete Rowlf seinem Herrn und Meister bei. Wie immer, wenn sie allein waren, hatte er sein Pidgin-Englisch vergessen und sprach ohne Akzent, und auch der d�mmliche Ausdruck war von seinen Z�gen verschwunden. �Aber wie ich dich kenne, gibst du nicht auf, wie?�</p><p>Lovecraft lachte rauh, was ihm die verwunderten Blicke einiger Passanten einbrachte. �Nein, Rowlf�, antwortete er. �Nat�rlich werde ich nicht aufgeben. Aber vielleicht bleibt mir bald nichts anderes mehr �brig. Die Adressenliste wird allm�hlich k�rzer. Offengestanden wei� ich nur noch eine einzige M�glichkeit, doch noch Kontakt mit meinen ehemaligen <emphasis>Br�dern� - </emphasis>er spie das Wort beinahe aus - �aufzunehmen.�</p><p>�Und die w�re?� fragte Rowlf. Sein Blick spiegelte eine sanfte Sorge. Er hatte bisher kein Geheimnis daraus gemacht, wie wenig er mit dem einverstanden war, was Howard tat.</p><p>�Gaspard�, antwortete Howard. �Immer vorausgesetzt, da� er nicht ebenso verschwunden ist wie alle anderen, w�re es mir sehr ... unangenehm, zu ihm gehen zu m�ssen. Aber es scheint, als g�be es keine andere M�glichkeit mehr.� Er seufzte entt�uscht.</p><p>�Warum reisen wir nicht zur�ck nach London?� schlug Rowlf vor. �So, wie es aussieht, scheinen sie kein Interesse mehr an dir zu haben.�</p><p>Howard nickte b�se. �Du dr�ckst es schon ganz richtig aus, Rowlf - so, wie es aussieht.� Er sch�ttelte heftig den Kopf, trat an den Stra�enrand und hielt nach einer Kutsche Ausschau.</p><p>�Hast du vergessen, was in London passiert ist?� fragte er. �DeVries kam nicht aus freien St�cken. Ich kann es nicht riskieren, da� noch mehr Unschuldige meinetwegen in Gefahr geraten.� Er ersp�hte eine freie Mietkutsche, hob die Hand und wartete schweigend, bis der Wagen vor ihnen angehalten hatte und der Kutscher vom Bock sprang, um den Schlag aufzurei�en. Rasch sagte er ihm eine Adresse, die Rowlf nicht genau verstand, wartete, bis sein h�nenhafter Begleiter in den Wagen gestiegen war, und kletterte schnaubend hinterher.</p><p>�Wohin fahren wir?� fragte Rowlf, als sich die Kutsche schaukelnd in Bewegung setzte. �Ins Hotel?�</p><p>Howard sch�ttelte den Kopf. �Zu Gaspard�, sagte er nach kurzem Z�gern. �Oder zumindest dorthin, wo er gewohnt hat, als ich das letzte Mal hier in Paris war.�</p><p>�Du hast den Namen nie erw�hnt�, bemerkte Rowlf. �Was ist das f�r ein Mann? Ein ... Freund von dir?�</p><p>Ein sonderbarer Ausdruck von Trauer huschte �ber Lovecrafts hagere Z�ge. �Freund?� wiederholte er. Dann l�chelte er, aber auch dieses L�cheln wirkte traurig. �Ja, wir ... waren einmal Freunde�, antwortete er, aber er sprach in einem Ton, als rede er mit sich selbst. �Gute Freunde sogar. Aber dann habe ich seine Freundschaft mi�braucht, und jetzt w�rde ich mich sch�men, ihm unter die Augen zu treten.�</p><p>�Und trotzdem fahren wir hin?�</p><p>Howard nickte. �Nach allem, was vorgefallen ist, kann er mich eigentlich nur noch hassen�, sagte er leise. �Er w�rde mir bestimmt mit Freuden helfen, Kontakt mit den Templern herzustellen. Er wei�, da� das hiesige Templerkapitel mich zum Tode verurteilt hat. Und wenn er mich zu ihnen bringt, kann er sich wenigstens an mir r�chen. Ohne auch nur einen Finger zu kr�mmen.�</p><p>Rowlf runzelte die Stirn und setzte dazu an, eine weitere Frage zu stellen, aber dann fiel ihm der sonderbare Ausdruck in Howards Augen auf, und er schwieg. Er war lange mit Howard zusammen, vielleicht l�nger, als irgendein anderer Mensch vor ihm. Und vielleicht kannte er ihn besser als irgendein anderer. Aber es gab noch immer eine Menge Dinge, die er nicht wu�te. Und er hatte das sichere Gef�hl, da� Howard ohnehin schon mehr gesagt hatte, als er wollte.</p><p>L�nger als eine halbe Stunde fuhren sie schweigend weiter, jeder mit seinen eigenen Gedanken besch�ftigt. Die Kutsche rollte �ber das gepflegte Kopfsteinpflaster der Pariser Stra�en, fuhr �ber den Montmartre und ein paar Minuten lang an den Ufern der Seine entlang, dann begann die Umgebung ganz langsam an Pracht und Sch�nheit zu verlieren. Die Kleider der Passanten, an denen sie vor�berkamen, waren nicht mehr ganz so teuer und exklusiv. Hier und da tauchte ein Karren mit Gem�se oder Kohlen zwischen den Mietdroschken auf, eine Schl�germ�tze zwischen den wei�en H�ten der Damen, eine schwarze Arbeitsjacke unter den ma�geschneiderten Ausgehanz�gen ihrer Kavaliere.</p><p>Als die Kutsche schlie�lich anhielt, schienen sie nicht nur in einem anderen Teil, sondern in einer anderen Stadt zu sein. Rowlf sah sich mi�trauisch um, als sie aus dem Wagen stiegen und von der Bordsteinkante zur�cktraten. Die Stra�e war schmal, flankiert von d�steren, im Laufe der Jahrzehnte schwarz gewordenen H�usern, und von Schlagl�chern �bers�t. Ein unangenehmer, leicht fauliger Geruch hing in der Luft, und die wenigen Menschen, die ihnen begegneten, bedachten Howards vornehme Kleidung mit eindeutig feindseligen Blicken. Rowlf spannte sich instinktiv, als Howard mit weit ausgreifenden Schritten auf ein Geb�ude am Ende der Stra�e zuhielt.</p><p>�Bist du sicher, da� wir hier auch richtig sind?� fragte er.</p><p>Howard zuckte mit den Achseln. �Was die Adresse angeht - ja. Allerdings war die Gegend vor f�nf Jahren noch nicht so heruntergekommen wie jetzt. Ich hoffe nur, Gaspard wohnt noch hier.�</p><p>Sie �berquerten die Stra�e, wichen einer gro�en, �lig schimmernden Pf�tze aus und blieben schlie�lich vor einem winzigen Ladengesch�ft stehen. Auf den blindgewordenen Scheiben verk�ndete abgebl�tterte Farbe:</p><empty-line/><p><emphasis>Frangois Gaspard,</emphasis></p><p><emphasis>An- und Verkauf von B�chern, Antiquariat Okkulte Schriften </emphasis></p><empty-line/><p>�Er scheint wirklich noch hier zu wohnen�, murmelte Howard. Seine Stimme war so leise, als spr�che er mit sich selbst, und auf seinen Z�gen lag mit einem Male ein Ausdruck von Schmerz, den sich Rowlf nicht erkl�ren konnte.</p><p>�Vielleicht ist es besser, wenn ich erst einmal allein hingehe�, erbot sich Rowlf an. �Es k�nnte eine Falle sein.�</p><p>Howard drehte mit einer ruckartigen Bewegung den Kopf. Dann l�chelte er verzeihend. �Kaum�, sagte er. �Wenn dort drinnen eine Gefahr auf mich warten sollte, dann bestimmt keine, vor der du mich sch�tzen kannst, Rowlf.�</p><p>Rowlf verstand nun �berhaupt nichts mehr. Aber Howard machte keine Anstalten, seine Worte zu erkl�ren, sondern straffte mit einem Seufzer die Schultern, streckte die Hand nach der T�rklinke aus - und dr�ckte sie �bertrieben kr�ftig herunter.</p><p>K�hle, Halbdunkel und der charakteristische Geruch alter B�cher schlugen ihnen entgegen, als sie den kleinen Laden betraten. Der Raum hinter den Scheiben mochte in Wahrheit gro� sein, aber er war derart vollgestopft mit Regalen und Tischen, auf denen sich B�cher und Folianten aller nur denkbaren Art und Gr��e stapelten, da� Rowlf beinahe Platzangst bekam. Eine kleine Glocke �ber der T�r k�ndete ihr Kommen an, und schon nach Sekunden ert�nten aus dem Hintergrund des Raumes schlurfende Schritte. Howard spannte sich. Seine Finger zupften mit kleinen, nerv�sen Bewegungen am Saum seines Gehrockes.</p><p>Die Schritte kamen n�her, dann sch�lte sich ein Schatten aus dem Gewirr von B�cherregalen und -stapeln. Rowlf erkannte einen grauhaarigen, hageren Mann schwer bestimmbaren Alters. Sein Gesicht war zu einem knappen, berufsm��igen L�cheln verzogen, und seine Haut hatte den kr�nklichen, w�chsernen Farbton des Menschen, der zu selten an frischer Luft und Sonne war.</p><p>�Monsieur?� begann er. �Was kann ich f�r Sie ...�</p><p>Der Mann stockte. Das L�cheln auf seinen Z�gen erlosch und wurde dann zur Grimasse. Seine Augen flammten auf, und Rowlf sah, wie sich seine H�nde blitzartig zu F�usten ballten und dann wieder �ffneten.</p><p>�Hallo, Gaspard�, sagte Howard leise.</p><p>Gaspard schwieg. Sein Gesicht zuckte und in seinen Augen wechselten sich in Sekunden Ha� und Unglauben und Schrecken und Verzweiflung ab, so rasch, da� Rowlf nicht zu sagen wu�te, welches Gef�hl nun die Oberhand behielt. �Du ... du bist tats�chlich gekommen�, sagte er schlie�lich. �Du hast es wirklich gewagt.� Seine Stimme bebte.</p><p>Der Ausdruck von Trauer auf Howards Z�gen vertiefte sich. �Du ha�t mich noch immer, Gaspard�, sagte er leise. �Ich hatte gehofft, da� ...�</p><p>Gaspard unterbrach ihn mit einer w�tenden Handbewegung. �Hassen?� schnappte er. �Wie kommst du darauf, Howard? Ich hasse dich nicht. Ich verachte dich. Und ich verfluche den Tag, an dem ich dich kennengelernt habe. Du bist es nicht wert, da� ich dich hasse.�</p><p>Lovecraft fuhr wie unter einem Schlag zusammen. �Es tut mir leid, Gaspard�, fl�sterte er. �Ich hatte gehofft, da� die Zeit die Wunde ein wenig geheilt hat, aber ich sehe, da� du mir nicht vergeben hast.�</p><p>�Was willst du?� schnappte Gaspard. Sein Gesicht war jetzt zur Maske erstarrt, und seine Stimme klang kalt und schneidend wie die einer Maschine.</p><p>Howard atmete h�rbar ein. �Ich brauche deine Hilfe, Gaspard.�</p><p>�Meine Hilfe?� Gaspard lachte, aber es klang nicht sehr am�siert. �Wobei, mein <emphasis>Freund�, </emphasis>fragte er. �Ich habe nur eine Tochter. Wenn du auf ein Abenteuer aus bist, kann ich dir leider nicht dienen. Aber Paris ist gro�.�</p><p>Howard kr�mmte sich wie unter einem Hieb. �Bitte, Gaspard�, sagte er, beinahe flehend. �Ich kann nicht mehr sagen, als da� es mir leid tut. Und es war niemals ein Abenteuer f�r mich, das mu�t du mir glauben. Ich habe es ernst gemeint.�</p><p>Gaspard nickte. �Das habe ich auch gedacht, damals. Und Ophelie auch. Bis zu dem Morgen, an dem du verschwunden warst.�</p><p>Rowlf blickte verwirrt zwischen Howard und dem grauhaarigen Franzosen hin und her. Ophelie? dachte er. Er hatte diesen Namen noch niemals geh�rt.</p><p>�Ich hatte keine andere Wahl�, antwortete Howard leise. �Ich mu�te Paris verlassen. Ich war in Gefahr. Und Ophelie und du w�ret es auch gewesen, wenn ich geblieben w�re.�</p><p>�W�re sie auch in Gefahr geraten, wenn du geschrieben h�ttest?� fragte Gaspard kalt. �Oder hattest du kein Geld mehr, um das Porto zu bezahlen?�</p><p>Howard seufzte. �Ich hatte keine Wahl�, sagte er noch einmal. �Du wei�t nicht, was damals geschehen ist.�</p><p>�Doch�, sagte Gaspard ruhig. �Du scheinst mich f�r einen Narren zu halten, Howard. Deine Br�der kamen zu mir, keine Woche, nachdem du Ophelie im Stich gelassen hattest.�</p><p>Howard erschrak sichtlich. �Sie waren hier?� keuchte er. �Haben sie ... haben sie Ophelie etwas getan?�</p><p>Gaspard sch�rzte die Lippen, sch�ttelte den Kopf und starrte Howard mit unverhohlenem Ha� an. �Nein�, sagte er. �Sie haben ihr nichts getan. Aber das war kaum dein Verdienst. Was willst du?� fragte Gaspard noch einmal. �Ophelie ist nicht hier. Sie ist nicht einmal in Paris.� Er schnaubte. �Wenn du gekommen bist, um sie zu sehen, hast du den Weg umsonst gemacht. Sie will dich nie wiedersehen. Und ich auch nicht.�</p><p>�Ich bin nicht ihretwegen hier�, murmelte Howard. �Ich versuche seit einer Woche, Kontakt mit dem Orden aufzunehmen. Bisher ist es mir nicht gelungen.�</p><p>�Und jetzt glaubst du, ich k�nnte dir dabei helfen?� Gaspard lachte hart. �Wenn das alles ist - warte.� Er drehte sich um, verlie� den Raum durch eine Seitent�r und kam kaum eine Minute sp�ter zur�ck, ein kleines, in braunes Papier eingeschlagenes P�ckchen unter dem Arm.</p><p>�Was ist das?� fragte Howard verwirrt, als Gaspard ihm das Paket entgegenhielt.</p><p>�Woher soll ich das wissen�, schnappte Gaspard. �Es wurde f�r dich abgegeben - vor ein paar Tagen.�</p><p>Howard griff z�gernd nach dem zigarrenkistengro�en P�ckchen. �Abgegeben?� vergewisserte er sich. �Von wem?�</p><p>�Einem Fremden�, antwortete Gaspard. �Einem Mann, den ich vorher nie gesehen habe. Er hat mir f�nfhundert Francs gegeben und das P�ckchen.� Sein Gesicht verzog sich, als spr�che er �ber eine Obsz�nit�t. Pl�tzlich griff er in die Innentasche seines abgewetzten Rockes, zog ein zusammengefaltetes B�ndel mit Geldscheinen hervor und schleuderte es Howard vor die F��e. �Das sind die f�nfhundert Francs�, sagte er angewidert. �Nimm sie und gib sie ihm wieder. Ich will nichts, was irgendwie mit dir zu tun hat, behalten. Er sagte, du w�rdest kommen und es holen.� Er wartete, bis Howard das P�ckchen an sich genommen hatte, dann deutete er mit einer Kopfbewegung zur T�r.</p><p>�Aufmachen kannst du es drau�en�, sagte er kalt. �Geh. Und komm nicht wieder.�</p><p>Eine endlose Sekunde lang starrte Howard den grauhaarigen Franzosen noch an, dann drehte er sich auf dem Absatz herum und st�rmte aus dem Laden, so schnell, da� Rowlf M�he hatte, �berhaupt mit ihm Schritt zu halten.</p><empty-line/><p>Der Aufprall hatte mir das Bewu�tsein geraubt, aber es konnte kaum mehr als eine Minute vergangen sein, denn das erste, was ich wahrnahm, war das schrille Pfeifen der Lokomotive. Sekundenlang blieb ich reglos liegen und wartete darauf, da� der h�mmernde Schmerz in meinem Hinterkopf nachlie�, dann �ffnete ich die Augen, erkannte einen Ausschnitt regengrauen Himmels �ber mir und fand mich langsam mit der Tatsache ab, noch am Leben und - wenigstens einigerma�en - unverletzt zu sein.</p><p>M�hsam richtete ich mich auf. Das qu�lende H�mmern in meinem Sch�del lie� rasch nach, aber in meinem K�rper schien kein einziger Muskel zu sein, der nicht irgendwie geprellt, gestaucht oder �berdehnt war. Als ich versuchte, mich auf H�nden und Knien zu erheben, unterdr�ckte ich nur mit M�he einen Schmerzensschrei.</p><p>Dabei hatte ich noch Gl�ck gehabt. Ich war nicht direkt auf den schotterbestreuten Bahndamm geprallt, sondern ein St�ck weit die B�schung hinabgerollt, ehe ein Busch meinen rasenden Sturz gebremst (und mich vermutlich vor einigen �blen Knochenbr�chen oder Schlimmerem bewahrt) hatte. Wenn ich von den zahllosen Kratzern und Absch�rfungen an meinen H�nden und dem Gesicht absah, schien ich fast unverletzt zu sein.</p><p>So unverletzt, wie man eben ist, wenn man von einem mit voller Geschwindigkeit dahinpreschenden Eisenbahnzug springt ...</p><p>Irgendwo, sicher schon eine oder zwei Meilen von mir entfernt, pfiff die Lokomotive ein weiteres Mal, und der Laut erinnerte mich daran, da� ich einen triftigen Grund gehabt hatte, vom Dach des Waggons zu springen. Ich bog die Zweige des Busches auseinander, sah mich sichernd nach beiden Seiten um und trat dann vollends aus meiner Deckung hervor. M�hsam - und noch immer unsicher auf den Beinen - erklomm ich die B�schung, sah noch einmal nach beiden Seiten und bewegte mich auf die Br�cke zu. Ich war nicht sehr weit von der Stelle entfernt, an der sie sich �ber die Geleise spannte - zwanzig, vielleicht drei�ig Yard. Weniger als eine Sekunde, bei der Geschwindigkeit, die der Zug gehabt hatte. Der Gedanke lie� mich fr�steln. Eine Sekunde ... Wenn ich auch nur um eine Winzigkeit zu sp�t reagiert h�tte ...</p><p>Mein Blick tastete �ber das regennasse Gras der B�schung, fand einen niedergewalzten Busch und folgte der Spur aus aufgew�hltem Erdreich und entwurzelten Str�uchern, die sich fast zwanzig Schritt weit die B�schung hinabzog. Einen Moment lang ergriff mich eine fast absurde Angst, da� sich die B�schung bewegen und Eisenzahn in alter Mordlust auftauchen k�nnte, aber ich vertrieb den Gedanken und nannte mich im stillen einen Narren. Alles, was ich finden w�rde, war eine Leiche.</p><p>Trotzdem z�gerte ich noch, von den Bahngeleisen hinunterzutreten und Eisenzahns K�rper zu suchen. Allein der Gedanke an den Anblick, den sein Leichnam bieten mu�te, drehte mir schier den Magen herum. Aber dann verscheuchte ich auch diese Vorstellung, ging die B�schung hinab und folgte der Spur. Der Boden war fast handtief aufgerissen, wie von einer gewaltigen Egge umgepfl�gt, Gras und kleinere B�sche glattweg abgeschnitten und selbst ein junger Baum, der fast die St�rke meines Handgelenkes hatte, abgebrochen, als w�re ein Meteor vom Himmel gest�rzt. �berall lagen Fetzen von Kleidern, zerborstenes Metall, und Dinge, die derart zusammengestaucht und zerst�rt waren, da� ich ihre urspr�ngliche Bestimmung nicht einmal zu erraten wagte. Dann fand ich einen Schuh, der wie von einer Kreiss�ge halbiert worden war. Schlie�lich eine ganze Ansammlung kleiner, bis zur Unkenntlichkeit verbeulter Metallgegenst�nde. Schlie�lich endete die Spur am Ufer eines schmalen, aber allem Augenschein nach rei�enden Fl��chens, das sich parallel zum Bahndamm dahinzog.</p><p>Was ich nicht fand, war Eisenzahn.</p><p>Zwei-, dreimal hintereinander suchte ich den Bahndamm rechts und links der gewaltigen Schleifspur ab, zuerst fl�chtig und in aller Hast, dann gr�ndlicher. Aber das Ergebnis war jedes Mal das gleiche: die Schleifspur endete nach einer Strecke von mehr als drei�ig Yard im Uferschlamm des Flusses, aber dort, wo der zerschmetterte Leichnam meines Gegners liegen sollte, war nichts.</p><p>Sekundenlang stand ich wie versteinert da und starrte die Stelle an, an der er h�tte liegen m�ssen. Die logische Erkl�rung war, da� ihn die Wucht des Sturzes bis in den Flu� geschleudert hatte, wo ihn die Str�mung davontrug; aber irgend etwas sagte mir, da� es nicht so war, und da� ich gut daran tat, mich trotz allem in acht zu nehmen.</p><p>Direkt vor meinen F��en schimmerte etwas im Gras. Ich blieb stehen, b�ckte mich und streckte die Hand nach dem Gegenstand aus, f�hrte die Bewegung dann aber nicht zu Ende. Eine eisige Faust schien sich um mein Herz zu legen und rasch und schmerzhaft zuzudr�cken, und die �belkeit in meinem Magen erwachte zu neuer Wut.</p><p>Es war ein Auge.</p><p>Wie eine kleine glitzernde Murmel lag es vor mir im Gras, schimmernd und lidlos und von einem stummen, im Tode erstarrten Vorwurf erf�llt. Ein <emphasis>menschliches </emphasis>Auge.</p><p>Oder zumindest die perfekteste Nachbildung eines menschlichen Auges, die ich jemals zuvor gesehen hatte. Das einzige, was die Illusion st�rte, waren die d�nnen, glitzernden Dr�hte, die sich wie abgerissene metallene Adern aus seiner R�ckseite hervorkr�uselten.</p><p>Zwei, drei Sekunden blieb ich weiter reglos stehen, dann lie� ich mich auf die Knie herabsinken, nahm das gl�serne Auge behutsam zwischen die Fingerspitzen und hob es hoch. Es war schwer, viel schwerer, als ich geglaubt hatte, und als ich versehentlich zwei der d�nnen Dr�htchen ber�hrte, gab es einen winzigen blauen Funken. Ein leises Schnarren ert�nte aus dem Inneren des Gebildes, und die Pupille bewegte sich von links nach rechts und wieder zur�ck.</p><p>Ich war nicht einmal sonderlich �berrascht. Nach allem, was geschehen war, hatte es eigentlich nur diese eine Erkl�rung geben k�nnen.</p><p>Was nicht etwa hie�, da� sie mich beruhigt h�tte. Ganz im Gegenteil.</p><empty-line/><p>�Es tut mir au�erordentlich leid, Monsieur, aber ich f�rchte, es steht nicht in meiner Macht, Ihnen zu helfen.� Das Gesicht des Mannes hinter der durchbrochenen Glasscheibe dr�ckte aufrichtiges Bedauern aus - vor allem wohl in Anbetracht der zusammengefalteten F�nfzig-Franc-Note, die Howard unter dem Schalter hindurchgeschoben hatte; diskret genug, da� keiner der hinter ihm Stehenden etwas davon gemerkt hatte. �Wir sind ausverkauft. Schon seit Wochen. Heute ist Premiere, m�ssen Sie wissen.�</p><p>�Aber ich bitte Sie, mein Lieber!� Howard seufzte, nahm eine zweite Banknote aus der Westentasche und legte sie neben die erste. �Es wird sich doch eine M�glichkeit finden. Eine einzige Karte.�</p><p>�Ich nehme auchn Stehplatz!� f�gte sein h�nenhafter Begleiter hinzu. �Kann meinetwegn auch Rasierloge sein. Ich mach mir sowieso nix aus dem Gesinge.�</p><p>Der freundliche Ausdruck auf dem Gesicht des Kartenverk�ufers wurde um mehrere Grade k�lter, w�hrend Howard mit M�he ein Grinsen unterdr�ckte. �Rowlf meint das nicht so�, sagte er hastig. �Aber es w�re wirklich sehr unkommod f�r uns, nicht zusammen in die Vorstellung gehen zu k�nnen.�</p><p>Der Kartenverk�ufer ma� die beiden ungleichen M�nner erneut mit einem langen, bedauernden Blick, sah fast wehm�tig auf die beiden Banknoten vor sich hinunter und schob sie dann mit spitzen Fingern zur�ck. �Es tut mir leid, Monsieur�, sagte er. �Glauben Sie mir - ich w�rde Ihnen helfen, wenn ich k�nnte. Aber wir sind restlos ausverkauft.�</p><p>Howard blickte ihn noch einen Moment fast flehend an, dann zuckte er mit den Achseln, strich sein Geld wieder ein und trat vom Schalter zur�ck. Rowlf folgte ihm, nicht, ohne dem Verk�ufer hinter der Scheibe noch ein mi�billigendes Stirnrunzeln zuzuwerfen.</p><p>�Das gef�llt mir nicht�, sagte er ohne viel Umschweife, als Howard stehenblieb. �Du willst wirklich allein da rein?� Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die beiden gewaltigen T�ren, die ins Innere des Opernhauses f�hrten. �Kann �ne Falle sein�, f�gte er hinzu.</p><p>�Eine Falle?� Howard l�chelte. �Kaum, Rowlf. Um jemanden in eine Falle zu locken, w��te ich auf Anhieb ungef�hr zehntausend bessere �rtlichkeiten, allein hier in Paris.�</p><p>Howard l�chelte erneut, um seine Worte zu unterstreichen. Aber trotzdem ertappte er sich dabei, einen verstohlenen Blick �ber die Menschenmenge zu werfen, die sich in der Empfangshalle der Pariser Oper dr�ngte. Er glaubte nicht wirklich, da� ihm hier irgendeine Gefahr drohte - die Templer waren keine M�nner, die dramatische Auftritte suchten. Sie scheuten nicht davor zur�ck, wenn es unbedingt n�tig war, aber wo es ging, erledigten sie ihre Aufgaben im stillen. Um ihn zu t�ten oder zu entf�hren, h�tten sie wei� Gott bessere Orte finden k�nnen als ausgerechnet das Opernhaus.</p><p>Und trotzdem war ihm nicht sonderlich wohl in seiner Haut. Das Paket, das ihm Gaspard �bergeben hatte, hatte das Siegel des Pariser Templerkapitels getragen, und niemand, der auch nur die H�lfte seiner f�nf Sinne beisammen hatte, h�tte es gewagt, <emphasis>dieses </emphasis>Siegel zu f�lschen. Aber alles, was das P�ckchen enthalten hatte, war eine Karte f�r diese Premiere gewesen - und ein kleines, in Gold und Emaille gearbeitetes Opernglas.</p><p>Nun, dachte Howard, es gab wohl nur eine einzige M�glichkeit, dieses R�tsel zu l�sen ...</p><p>�Es wird Zeit�, sagte er. �Ich gehe hinein. Das beste wird sein, wenn du hier drau�en irgendwo auf mich wartest.� Er deutete auf ein kleines Stra�encafe, dessen Lichter auf der entgegengesetzten Seite des Opernplatzes funkelten. �Warum setzt du dich nicht dorthin und genehmigst dir ein Bier, bis ich zur�ck bin? Oder auch zwei.�</p><p>Rowlf erwiderte sein L�cheln nicht. �Ich w�re lieber bei dir�, sagte er. �Ich trau� diesem Templerpack kein St�ck nich.�</p><p>�Vermutlich erwarten mich da drinnen nichts als zweieinhalb Stunden t�dlicher Langeweile�, sagte Howard.</p><p>Diesmal widersprach Rowlf nicht mehr, und nach einer weiteren Sekunde drehte sich Howard herum und verschwand im Inneren des Opernhauses.</p><p>Vor der Garderobe herrschte ein solches Gedr�nge, da� Howard seinen Mantel anbehielt und, den strafenden Blick der Garderobiere ignorierend, gleich die breite Treppe zu den Galerien hinaufging. Ein livrierter Dienstbote kam ihm entgegen, verlangte h�flich, aber bestimmt seine Eintrittskarte zu sehen, und f�hrte ihn zu einer T�r am Ende des Ganges, die auf den ersten Rang hinausf�hrte. Obwohl bis zum Beginn der eigentlichen Vorstellung noch eine gute halbe Stunde verstreichen w�rde, waren die gepolsterten Sitzreihen schon fast bis auf den letzten Platz besetzt. Der Lakai f�hrte ihn zu seinem Platz, bedeutete ihm mit Gesten, sich zu setzen, und verschwand wieder.</p><p>Howard sah sich mit einer Mischung aus allm�hlich st�rker werdender Unruhe und Entt�uschung um. Aus dem Zuschauerraum unter ihm drang das Raunen der Menschenmenge wie das dunkle Echo seines eigenen Herzschlages herauf, und das Licht war bereits ged�mpft, so da� er die Gesichter der M�nner und Frauen in seiner Umgebung nur undeutlich erkennen konnte. Aus dem Orchestergraben drang bereits das mi�t�nende Stimmen und Quietschen der Instrumente, und der dunkelrote Samtvorhang, der die B�hne noch vom Zuschauerraum trennte, bewegte sich tr�ge, wie von unsichtbarem Wind gebauscht. Howards Verwirrung stieg. Was sollte er hier? Seine ehemaligen Br�der hatten keinen Zweifel daran gelassen, da� sie seinen Tod wollten - aber wollten sie ihr Urteil etwa hier vollziehen, vor den Augen Hunderter, wenn nicht Tausender Zeugen? Howard konnte sich das kaum vorstellen.</p><p>Die Zeit verging tr�ge. Dann und wann �ffnete sich eine T�r, und ein weiterer Zuschauer trat auf den Rang hinaus, und jedesmal fuhr Howard herum und musterte den Neuank�mmling mit einer Mischung aus Furcht und banger Erwartung.</p><p>Schlie�lich �nderte sich etwas im Raunen der Menschenmenge unter ihm, und als Howard aufsah, begann das Licht allm�hlich dunkler zu werden; gleichzeitig ert�nten aus dem Orchestergraben die ersten Takte der Ouvert�re. Sekunden sp�ter �ffnete sich der Vorhang und gab den Blick auf eine phantastische B�hnendekoration frei. Howard wurde sich beinahe schuldbewu�t dar�ber klar, da� er nicht einmal wu�te, welches St�ck heute gegeben wurde.</p><p>Aber schlie�lich war er nicht hier, um eine Opernpremiere zu genie�en. W�hrend sich rings um ihn herum die anderen G�ste in ihren Sitzen zur�cksinken lie�en, beugte sich Howard weiter vor, blickte einen Moment lang konzentriert auf die B�hne herab und hob schlie�lich das Opernglas an die Augen.</p><p>Obwohl es klein war, erwies es sich als erstaunlich gut. Howard betrachtete einen weiteren Moment lang die B�hne, richtete sich dann ein wenig auf und lie� seinen Blick �ber die in vier �bereinanderliegenden Reihen angeordneten Balkone schweifen, die den Zuschauerraum an beiden Seiten s�umten. Die Gesichter in den kleinen Separees schienen pl�tzlich zum Greifen nahe; Gesichter von M�nnern und Frauen der guten und besten Gesellschaft, alte und junge, h�bsche und h��liche, und ...</p><p>Der Anblick traf ihn wie ein Fausthieb.</p><p>In der ersten Sekunde glaubte er es nicht. Etwas in ihm str�ubte sich mit aller Gewalt dagegen, das Bild als das anzuerkennen, was es war, aber er wu�te auch im gleichen Moment, da� es keine Illusion sein konnte.</p><p>Er kannte dieses Gesicht zu gut, um sich zu t�uschen.</p><p>Die dunklen, scheinbar grundlosen Augen, die dem schmalen Gesicht einen leicht exotischen Ausdruck verliehen, der sinnliche Mund, der immer zu einem sanften, sp�ttischen L�cheln bereit zu sein schien, der freche schwarze Haarschopf, der sich jedem Versuch, ihn zu einer Frisur zu ordnen, widersetzte ...</p><p>Nein - er kannte dieses Gesicht. Zu gut, um sich zu t�uschen.</p><p>Seine H�nde begannen zu zittern, und mit einem Male spannten sich seine Finger so fest um das Glas, da� das kleine Instrument h�rbar knirschte.</p><p>�Ophelie!� fl�sterte er. �Mein Gott!�</p><p>Der Mann zu seiner Rechten sah strafend auf, aber Howard merkte es nicht einmal. Sein Blick saugte sich an dem blassen M�dchengesicht fest, das in der Optik seines Glases erschienen war wie eine Vision aus einer l�ngst vergangenen Zeit. Dann bewegte sich ein Schatten, ein St�ck hinter und neben dem Antlitz Ophelies, und ein zweites Gesicht erschien im Sichtfeld des Glases. Das Gesicht eines schlanken, dunkelhaarigen Mannes mittleren Alters, beherrscht von einem Paar nachtschwarzer stechender Augen und einem sorgf�ltig ausrasierten Kinnbart.</p><p>Howard schrie auf. �Nein!� keuchte er. �Nicht ... nicht das! So grausam k�nnen sie nicht sein!�</p><p>Aber dann bewegte sich der Mann, und als Howard seinem Blick begegnete, wu�te er, da� sie es konnten.</p><p>Und pl�tzlich wu�te er auch, warum er hier war.</p><p>Und wie seine Strafe aussehen w�rde.</p><p>Seine Hand schlo� sich so fest um das Glas, da� die beiden Objektive klirrend zerbarsten.</p><empty-line/><p>Es mu�te auf Mitternacht zugehen, als ich Paris erreichte. Die Stra�en der Millionenstadt waren verlassen, und das Kopfsteinpflaster gl�nzte vor N�sse. �ber dem Zentrum der Stadt, noch Meilen entfernt, schien eine pulsierende Glocke aus Licht zu schweben, und das Ger�usch des klapperigen Fuhrwerkes, auf dem ich die letzten zwanzig Meilen zur�ckgelegt hatte, wurde von den H�usern rechts und links der Stra�e unheimlich verzerrt zur�ckgeworfen. W�hrend der letzten zehn Minuten hatte sich der zweisp�nnige Karren am Ufer der Seine entlanggequ�lt, aber alles, was ich von diesem ber�hmten Flu� wahrgenommen hatte, war ein schwarzer Graben, der die Stadt in zwei H�lften zu teilen schien, und dann und wann ein leiser Geruch nach fauligem Wasser. Wie immer sich das Viertel von Paris nannte, in dem wir waren - es schien nicht unbedingt zu den vornehmen Gegenden der Stadt zu geh�ren.</p><p>Das Fuhrwerk hielt mit einem letzten Schaukeln, und der Kutscher drehte sich zu mir herum. �Wir sind da, Monsieur�, sagte er. �Rue de la Provence.� Er nickte bekr�ftigend, deutete mit dem Stiel seiner Peitsche �ber den Flu� und f�gte hinzu: �Ich hab� extra einen Umweg gemacht, damit Sie nicht so weit laufen m�ssen. Ist keine so sichere Gegend hier. Vor allem nicht um diese Zeit. Sie brauchen nur noch �ber die Br�cke zu gehen.�</p><p>Ich verstand den Wink, stieg umst�ndlich von der Ladefl�che des Gem�sekarrens herunter und zog meine Geldb�rse aus der Rocktasche.</p><p>�Aber das ist doch nicht n�tig, Monsieur - ich bitte Sie!� Der Mann begann abwehrend zu gestikulieren, sch�ttelte ein paarmal hintereinander den Kopf - und griff blitzschnell nach dem F�nfzig-Franc-Schein, den ich ihm hinhielt. Ich unterdr�ckte ein Grinsen, dankte ihm noch einmal f�r seine Hilfe und wandte mich um, um auf die Br�cke zuzuhumpeln. Hinter mir verklang das Ger�usch der Karrenr�der auf dem Pflaster.</p><p>Von der Oberfl�che der Seine schlug mir ein eisiger Hauch entgegen, als ich auf die Br�cke hinaustrat, und die Dunkelheit schien intensiver zu werden, als sauge etwas �ber dem Flu� auch noch das bi�chen Licht auf, das Mond und Sterne spendeten. Ich schauderte und sah mich hastig nach beiden Seiten um.</p><p>Aber die Stra�e war leer. F�r einen ganz kurzen Moment glaubte ich einen Schatten zu erkennen, sehr weit entfernt und fast am Ende der Stra�e. Irgend etwas klirrte, ein Ger�usch wie Stahl, der �ber harten Stein scharrt. Aber als ich genauer hinsah, war er verschwunden, und das Klirren von Metall wurde zum �rgerlichen Fauchen eines Katers, den ich in seinem n�chtlichen Streifzug gest�rt hatte.</p><p>Ich schalt mich in Gedanken einen Narren, schlug den Jackenkragen hoch, denn die Luft war hier, direkt �ber dem Flu�, feucht und empfindlich kalt, und ging schneller weiter. Als ich das Hotel betrat, hatte ich den Schatten bereits wieder vergessen.</p><p>Das Haus war dunkel. Der Flur roch durchdringend nach kaltem Zigarrenrauch und Kohl, und irgendwo in den oberen Stockwerken pl�rrte ein Kind. Unschl�ssig blieb ich stehen, sah mich nach so etwas wie einem Empfangsraum um und klopfte schlie�lich an eine T�r, �ber der ein lieblos gekritzeltes Schild <emphasis>Concierge </emphasis>verk�ndete. Im stillen fragte ich mich, welcher Teufel Howard geritten haben mochte, in einem derartigen Loch Unterschlupf zu suchen. Selbst die heruntergekommene Pension, in der ich ihn zum ersten Mal getroffen hatte, war ein Prachtquartier gewesen, im Vergleich zu dieser Absteige.</p><p>Ich mu�te viermal klopfen - und jedesmal etwas lauter -, ehe schlie�lich hinter der T�r schlurfende Schritte laut wurden. Eine Kette klirrte, dann wurde die T�r einen Spaltbreit ge�ffnet, und ein verschlafenes Auge blinzelte zu mir heraus. �Wissen Sie, wie sp�t es ist?� murmelte eine Stimme. Das Auge blickte ein wenig feindseliger - was ich ihm, bei dem Anblick, den ich bieten mu�te, nicht einmal verdenken konnte. �Mitternacht�, antwortete ich automatisch, l�chelte so freundlich, wie es mir im Moment noch m�glich war, und f�gte hinzu: �Verzeihen Sie die St�rung, Monsieur ...�</p><p>�Madame�, unterbrach mich die Stimme. Die T�r wurde mit einem Ruck ganz ge�ffnet, und eine Zwei-Zentner-Matrone schob mir ihren gewaltigen Busen entgegen. Das Gesicht, das verschlafen unter einer Nachtm�tze hervorblinzelte, sah aus wie ein zerknautschter Scheuerlappen. Aber irgendwie pa�te es zu diesem Hotel. �Madame Dupre, um genau zu sein�, fuhr sie fort. �Und Sie m�ssen Monsieur Craven sein, wenn ich nicht irre.�</p><p>�Das ... stimmt�, sagte ich verbl�fft. �Woher wissen Sie -�</p><p>�Ich bin nicht dumm, junger Mann�, sagte Madame Scheuerlappen herablassend. �Ihre beiden Freunde haben gesagt, da� Sie kommen w�rden.� Der verschlafene Ausdruck wich jetzt rasch von ihrem Gesicht, und als sie weitersprach, wurden ihre Worte von einem Augenaufschlag begleitet, der mich sicher auf dumme Gedanken gebracht h�tte, w�re sie zwanzig Jahre j�nger und anderthalb Zentner leichter gewesen. �Ein gutaussehender junger Mann mit einer wei�en Str�hne im Haar�, fuhr sie fort. �Monsieur Lovecraft hat ein Zimmer f�r Sie reservieren lassen.�</p><p>�Hier?� entfuhr es mir.</p><p>�Nat�rlich hier�, antwortete sie, griff zielsicher hinter sich und hielt mir einen handlangen Schl�ssel vor das Gesicht. �Zimmer einundzwanzig. Im zweiten Stock.�</p><p>Automatisch griff ich nach dem Schl�ssel, r�hrte mich aber nicht von der Stelle, sondern sah unsicher zwischen ihr und der ausgetretenen Treppe hin und her.</p><p>�Sie sind sicher, da� er m�chte, da� ich -�</p><p>�Ganz sicher, junger Mann�, unterbrach mich Madame Dupre. �Um die Miete brauchen Sie sich nicht zu sorgen - Monsieur Lovecraft hat alles im voraus bezahlt. F�r zwei Wochen.�</p><p>�Aha�, machte ich.</p><p>�Er sagte auch, ich solle Ihnen zu essen geben, wenn Sie kommen�, fuhr Madame Scheuerlappen wichtigtuerisch fort. �Es ist zwar schon recht sp�t, aber f�r G�ste, die im voraus bezahlen, mache ich schon einmal eine Ausnahme.�</p><p>�Das ist sehr freundlich�, antwortete ich hastig, �aber es w�re mir im Moment wichtiger, mit Monsieur Lovecraft reden zu k�nnen. Welches Zimmer hat er?�</p><p>�Zweiundzwanzig�, antwortete sie. �Gleich neben Ihrem. Aber es hat gar keinen Zweck, hochzugehen. Die Herren sind nicht da.� Ihr Augenaufschlag wurde noch verf�hrerischer. �Warum kommen Sie nicht herein? Ich mache Ihnen einen starken Kaffee.�</p><p>�Sp�ter�, sagte ich eilig, als sie bereits Anstalten machte, die T�r vollends zu �ffnen und mich kurzerhand zu sich hereinzuzerren. �Ein Kaffee w�re g�ttlich, aber es ist im Moment sehr wichtig, da� ich mit Howard spreche. Wissen Sie, wohin er gegangen ist?�</p><p>Einen Moment lang blickte mich Madame Dupre fast vorwurfsvoll an, dann seufzte sie, fuhr sich mit einem fettigen Daumen �ber den Nasenr�cken und deutete zur T�r. �In die Oper. Aber es hat gar keinen Zweck, wenn Sie ihnen nachfahren.�</p><p>�In die ... Oper?� fragte ich zweifelnd. �Sind Sie sicher?�</p><p>�Und ob ich sicher bin�, entgegnete sie beleidigt. �Ich habe selbst den Wagen bestellt. Aber es hat keinen Sinn, wenn Sie ihnen nachfahren. Die Vorstellung ist garantiert ausverkauft. Heute ist Premiere, da gibt es schon Tage vorher keine Karten mehr. Und die Vorstellung ist sowieso bald aus. Warum kommen Sie nicht herein und trinken Kaffee mit mir, bis Ihre Freunde zur�ckkommen? Sie sehen aus, als h�tten Sie es n�tig�, f�gte sie hinzu.</p><p>Einen Moment lang war ich wirklich versucht, ihr Angebot anzunehmen; ich war hundem�de und f�hlte mich - im wahrsten Sinne des Wortes - ziemlich zerschlagen. Der Gedanke, auf der Treppe der Pariser Oper herumzustehen und darauf zu warten, da� Howard und Rowlf auftauchten, erf�llte mich nicht gerade mit Begeisterung. Aber dann blickte ich wieder in Madame Dupres treue Schweins�uglein, und der Ausdruck, den ich darin las, �berzeugte mich davon, da� sie weit mehr im Sinn hatte als Kaffeetrinken. Vielleicht war ein wenig frische Luft doch nicht zu verachten.</p><p>�Sp�ter�, sagte ich noch einmal. �Wenn ich zur�ck bin. Wie komme ich zur Oper?�</p><p>Das L�cheln auf Madames Gesicht wurde eisig. �Mit einem Wagen�, antwortete sie spr�de. �Aber um diese Zeit kriegen Sie keinen mehr. Nicht in dieser Gegend. Und zu Fu� brauchen Sie eine Stunde.� Allm�hlich begann ich ihre Hartn�ckigkeit zu bewundern.</p><p>�Trotzdem�, begann ich. �Ich mu� Howard sprechen. Wenn Sie so nett w�ren, mir den Weg -�</p><p>Weiter kam ich nicht. Madame Dupre kam auch nie mehr dazu, mir statt des Weges zur Oper den in ihr Bett zu zeigen.</p><p>Denn in diesem Augenblick wurde die T�r in meinem R�cken mit einem einzigen, gewaltigen Hieb eingeschlagen, und ein verzerrter menschlicher Schatten erschien unter der �ffnung.</p><p>Madame Dupre begann wie von Sinnen zu kreischen, w�hrend ich herumfuhr und instinktiv die Hand auf den Griff meines Stockdegens sinken lie�.</p><p>Aber ich f�hrte die Bewegung nicht zu Ende, denn im gleichen Moment fegte der Eindringling die Reste der zerbrochenen T�r vollends beiseite, und ich erkannte sein Gesicht.</p><p>Oder das, was davon �brig war.</p><p>Die linke H�lfte seines Kopfes war nahezu unversehrt, w�hrend die andere regelrecht zermalmt worden war. Das braune Material, das menschlicher Haut so t�uschend �hnlich sah, war zerrissen und hing in Fetzen herunter. Der eiserne Knochen darunter war zerbrochen und eingedr�ckt, und aus dem zerfransten Loch, in dem einmal die Nachbildung eines menschlichen Auges gewesen war, ragten die abgerissenen Enden d�nner, silberner Dr�hte.</p><empty-line/><p>�Aber Monsieur, ich bitte Sie - das geht doch nicht!� Der Lakai begann verzweifelt mit den H�nden zu ringen. Seine Stimme wurde schrill, und die Blicke, die er Howard zuwarf, grenzten eindeutig an Panik. Aber Howard beachtete ihn gar nicht, sondern schob ihn kurzerhand zur Seite und st�rmte mit gesenktem Kopf an ihm vorbei. Hinter ihm wurden aufgeregte Stimmen laut, gefolgt von den Schritten von gleich drei, vier M�nnern. Ohne auch nur zur�ckzusehen, rannte Howard weiter, erreichte die schmale T�r am Ende des Ganges und ri� sie auf.</p><p>Die Musik aus dem B�hnenraum wurde lauter, als er auf den winzigen Balkon hinaustrat. Hinter ihm erscholl ein fast entsetztes Keuchen, und eine Hand legte sich auf seine Schulter und versuchte ihn festzuhalten. Howard sch�ttelte sie ab. �rgerlich fuhr er herum und funkelte den Lakai so zornig an, da� der Mann unwillk�rlich ein St�ck zur�ckprallte.</p><p>�Aber ich bitte dich, Bruder Howard!�</p><p>Obwohl die Stimme sehr leise war, schnitt sie wie ein Peitschenhieb in Howards Geist. Seine Hand, die zu einer abwehrenden Geste erhoben war, erstarrte mitten in der Bewegung. Eine halbe Sekunde lang blieb er reglos stehen, dann wandte er sich mit starren, fast puppenhaften Bewegungen um und starrte den dunkelhaarigen Mann an, der die Worte gesprochen hatte.</p><p>�Bitte mach hier nicht so einen L�rm, Bruder Howard�, fuhr der Mann fort. �Immerhin haben diese Leute sehr viel Geld bezahlt, um sich in Ruhe einem Kunstgenu� hingeben zu k�nnen - den du zweifellos nicht zu w�rdigen wei�t.� Er l�chelte d�nn und humorlos, machte mit der Linken eine Geste auf den freien Platz neben sich und wandte sich an den Lakai, der mittlerweile Verst�rkung bekommen hatte. �Es ist gut, Jean-Luc. Ich kenne den Herrn.�</p><p>�Du -� Howards Stimme zitterte vor Erregung, aber wieder unterbrach ihn der Fremde mit einer knappen, befehlenden Geste. �Bitte, Bruder - nicht vor den Domestiken.�</p><p>Sekundenlang starrte Howard den dunkelhaarigen Mann mit unverhohlenem Ha� an. Seine Finger spannten sich so fest um den zerdr�ckten Operngucker, da� die Kn�chel wie kleine wei�e Narben auf seiner Haut sichtbar wurden. Aber er wartete gehorsam, bis die Diener wieder gegangen waren. Erst dann trat er auf den Fremden zu, hob die Arme und streckte die H�nde aus, als wolle er ihn packen und erw�rgen.</p><p>�Wo ist sie?� keuchte er. �Was hast du mit ihr gemacht?�</p><p>�Mit ihr?� Die d�nnen, wie aufgemalt wirkenden Brauen des Mannes zogen sich zu einem fragenden Stirnrunzeln zusammen. �Von wem sprichst du, Bruder? Wir sind allein. Sieh dich um.�</p><p>Howard keuchte w�tend. �Du wei�t genau, von wem ich rede, du Ungeheuer�, zischte er. �Ich habe sie gesehen. Du ... du hast mir doch extra dieses Ding schicken lassen, damit ich sie sehe!� Er schwang das Opernglas wie eine Waffe und trat einen weiteren halben Schritt auf den Fremden zu. �Wo ist Ophelie, Sarim? Sag es, oder ich gebe dir mein Wort, da� du diesen Balkon nicht lebend verl��t!�</p><p>Sarim de Laurec l�chelte fl�chtig. �Du hast dich nicht ver�ndert, Bruder Howard�, sagte er. �Ich habe deinen scharfen Geist und deinen wachen Verstand immer bewundert. Und ich habe nie verstanden, da� du dich in einen Idioten verwandelst, sobald diese Frau im Spiel ist. Wir h�tten dich schon einmal beinahe get�tet, ihretwegen.�</p><p>�Wo ist sie?� keuchte Howard. �Rede, oder -�</p><p>�Oder?� unterbrach ihn de Laurec kalt. �Oder was, Howard? Willst du mich t�ten? Was glaubst du, w�rde ihr geschehen, wenn du Hand an mich legen w�rdest?�</p><p>�Du Bestie!� keuchte Howard. �Ihr ... ihr verdammten Bestien. Warum zieht ihr sie mit hinein. Ich bin hier, weil ich mich euch stellen wollte. Ihr k�nnt mich haben, aber la�t Ophelie aus dem Spiel. Sie hat nichts mit euch zu schaffen.�</p><p>�Aber mit dir, Bruder�, antwortete de Laurec kalt. �Du willst dich stellen? Gut. Ich habe Tapferkeit immer respektiert, auch bei meinen Feinden. Aber du t�uscht dich, wenn du glaubst, du brauchtest nur hierher zu kommen, und alles w�re in Ordnung. Du willst Ophelie?�</p><p>�La�t sie in Ruhe�, sagte Howard. Seine Stimme bebte und drohte zu brechen. Seine H�nde zuckten, als k�mpfe er wirklich mit aller Macht gegen den Wunsch, sich auf de Laurec zu st�rzen und ihn kurzerhand zu erw�rgen. Aber im Grunde war es nur eine Geste der Hilflosigkeit. �Ich flehe dich an, Bruder de Laurec - Ophelie hat euch nichts getan. Sie ... sie ist unschuldig.�</p><p>�Niemand ist unschuldig, <emphasis>Bruder </emphasis>Howard�, erwiderte de Laurec kalt. �Aber ich werde dir beweisen, wie gro�m�tig die Bruderschaft ist; auch denen gegen�ber, die sie verraten haben. Du hast zw�lf Stunden, zu mir zu kommen. Allein und ohne Waffen.�</p><p>�Aber ich bin da!� begehrte Howard auf. �Du hast mich! Was willst du noch, du Bestie?�</p><p>De Laurec sch�ttelte tadelnd den Kopf. Howard fiel eine winzige, schon halb verkrustete Wunde an seiner Schl�fe auf, aber der Gedanke entglitt ihm, ehe er ihn vollends greifen konnte. �So nicht, Bruder�, sagte der Franko-Araber. �Du denkst, du brauchtest nach zehn Jahren nur aufzutauchen und zu sagen: <emphasis>ich bin da, </emphasis>und alles w�re in Ordnung?� Er l�chelte. �Du wei�t, da� es nicht so leicht ist.�</p><p>Howard ballte in hilflosem Zorn die F�uste. �Gut�, sagte er. �Ihr habt gewonnen, de Laurec. Was ... soll ich tun?�</p><p>�Du kennst mein Haus?�</p><p>�Das kleine Chalet au�erhalb der Stadt?�</p><p>De Laurec nickte. �Du wirst dorthin kommen. Allein und waffenlos - und ohne den hirnlosen Schl�ger, der dich begleitet.�</p><p>�Und was geschieht mit ... mit Ophelie?� fragte Howard stockend.</p><p>De Laurec zuckte mit den Achseln. �Das h�ngt ganz von dir ab, Bruder Howard. Glaube nicht, da� ich vergessen h�tte, wie gef�hrlich du bist. Ich traue dir sogar jetzt noch zu, mich zu besiegen. M�glicherweise k�nntest du der gerechten Strafe auch diesmal entkommen.�</p><p>�Aber dann w�rdet ihr Ophelie t�ten�, murmelte Howard.</p><p>De Laurec nickte.</p><empty-line/><p>Eine endlose Sekunde lang starrten wir uns nur an, ich mit einer Mischung aus schierem Unglauben und ganz langsam st�rker werdendem Entsetzen, Eisenzahn mit unbewegtem Gesicht. Sein einzelnes, verbliebenes Auge schien vor Ha� zu brennen, und seine H�nde vollf�hrten unentwegt kleine, zupackende Bewegungen, die von einem ganz leisen Summen begleitet wurden.</p><p>Schlie�lich war es Madame Dupre, die mit einem Schrei die l�hmende Stille brach. Eisenzahn und ich erwachten gleichzeitig aus unserer Erstarrung. Aber ich war um eine Zehntelsekunde schneller. Eisenzahns Kopf ruckte mit einer harten Bewegung herum. Sein Kunstauge gl�hte st�rker, und seine rechte Hand hob sich und grabschte in Madame Dupres Richtung; f�r einen Moment schien er unschl�ssig, welchem Gegner er sich zuerst zuwenden sollte.</p><p>�Zur�ck!� br�llte ich. �Um Gottes willen - <emphasis>laufen Sie um Ihr Leben!� </emphasis>Gleichzeitig sprang ich vor, versetzte ihr einen Sto� vor die Brust, der sie r�cklings in ihr Zimmer und ziemlich unsanft auf das gepolsterte Hinterteil fallen lie�, duckte mich unter Eisenzahns Klaue hindurch und f�hrte die Drehung zu Ende.</p><p>Mein Fu� kam hoch, beschrieb einen perfekten Halbkreis und traf Eisenzahns Kopf schr�g von unten. Es war ein Tritt wie aus dem Lehrbuch; ganz genau so, wie ihn mir mein chinesischer Freund beigebracht hatte.</p><p>Aber hier zeigte er keine Wirkung. Statt dessen griff Eisenzahn mit einer beinahe gem�chlichen Bewegung nach meinem Fu� und brachte mich mit einem kraftvollen Ruck aus dem Gleichgewicht. Ich schrie auf, k�mpfte mit wild rudernden Armen um meine Balance - und fiel nach hinten, als Eisenzahn unversehens meinen Fu� loslie�. Sekundenlang sah ich nichts als flimmernde rote Punkte und graue Schemen.</p><p>Als sich mein Blick kl�rte, kam Eisenzahn mit einem triumphierenden Klappern auf mich zu. Sein Stahlgebi� blitzte, und seine H�nde waren zu Klauen verkr�mmt. �Ich habe Ihnen doch gesagt, da� ich Sie t�ten werde, Craven�, sagte er ruhig und mit schnarrender Stimme. �Es ist meine Aufgabe.� Dann sprang er vor.</p><p>Mit einer verzweifelten Drehung warf ich mich beiseite, packte sein Bein mit beiden H�nden und zerrte mit aller Kraft daran. Gleichzeitig stie� ich mit den F��en nach seinem anderen Bein.</p><p>Erneut hatte ich das Gef�hl, gegen einen Stahltr�ger getreten zu haben. Die Ersch�tterung pflanzte sich wie eine Welle aus vibrierendem Schmerz durch meinen K�rper fort und trieb einen keuchenden Laut �ber meine Lippen. Aber ich hatte Erfolg - Eisenzahn zitterte und stand eine halbe Sekunde lang reglos da. Aus seinem Inneren drang ein schrilles, immer heller werdendes Heulen, dann h�rte ich ein trockenes Knacken, als zerbreche ein Ast. Er kippte wie ein gef�llter Baum nach hinten und zerschlug dabei die Bodenfliesen. Aber nur, um fast im gleichen Moment herumzurollen und sich mit einer schwerf�llig scheinenden Bewegung wieder in die H�he zu stemmen.</p><p>Ich war eine halbe Sekunde vor ihm auf den Beinen, machte einen Schritt in Richtung T�r und warf mich herum, als seine Hand vorschnellte. Seine Krallen gruben sich in die zertr�mmerten Reste der Haust�r und zermalmten sie vollends.</p><p>Ich prallte zur�ck, sah mich verzweifelt nach einem Fluchtweg um und rannte mit weit ausgreifenden Schritten auf die Treppe zu. Hinter mir erhob sich Eisenzahn wie ein zum Leben erwachter Alptraum. Die Treppe begann unter meinen F��en zu beben, als er zur Verfolgung ansetzte.</p><p>Immer zwei, drei Stufen auf einmal nehmend, st�rmte ich die Treppe hinauf, erreichte den ersten Absatz und lief weiter, ohne mich auch nur nach meinem Verfolger umzusehen. Die Treppe endete auf einem d�steren, scheinbar endlos langen Korridor, von dem zahlreiche T�ren abzweigten. Ich st�rmte weiter, erreichte sein Ende und polterte die n�chste Treppe hinauf.</p><p>Als ich das dritte und letzte Stockwerk erreicht hatte, betrug mein Vorsprung gute zwanzig Yard. Ich lief weiter, bis ich am Ende des Korridors angelangt war, sah unschl�ssig von einer T�r zur anderen und wandte mich schlie�lich dem Fenster zu. Eisenzahn kam schnell n�her. Das ganze Haus schien unter seinen stampfenden Schritten zu erzittern. Er hatte eine Menge von seiner Schnelligkeit eingeb��t, wie mir ein rascher Blick �ber die Schulter zeigte. Er lief torkelnd wie ein Betrunkener und zog das rechte Bein sichtbar nach. Trotzdem war er noch immer fast so schnell wie ich.</p><p>Der Anblick zerstreute auch den letzten Rest von Zweifel. Ich schlug das Fenster ein, beugte mich hinaus und sah einen drei Stockwerke tiefen, nachtschwarzen Abgrund unter mir. Aber direkt neben dem Fenster f�hrte eine verbeulte Regenrinne entlang, und die Mauer schien mir alt und rissig genug, meinen Fingern und Zehen Halt zu bieten. Mit einer entschlossenen Bewegung schwang ich mich nach drau�en, klammerte mich mit einer Hand und einem Bein an der Regenrinne fest, suchte mit dem anderen Fu� sicheren Halt auf dem Fensterbrett und griff mit der Rechten nach oben. Unter meinen Fingern war rissiger feuchter Stein und M�rtel, der unter meinem Griff zerbr�ckelte. Zu allem �berflu� hatte es auch noch zu regnen begonnen, nicht sehr heftig, aber doch genug, die Wand mit einem glitschigen Schmierfilm zu �berziehen.</p><p>Langsam - und fast krampfhaft darum bem�ht, nicht in die Tiefe zu blicken - begann ich an der Regenrinne nach oben zu klettern. Die altersschwache Konstruktion �chzte und knarrte bedrohlich unter meinem Gewicht, aber die Angst gab mir zus�tzliche Kraft, und ich brauchte kaum eine Minute, den �berh�ngenden Rand des flachen Ziegeldaches zu erreichen. Hastig sah ich in die Tiefe. Das zerborstene Fenster schien unendlich weit unter mir zu liegen, und die Stra�e darunter war hinter den Schatten der Nacht verschwunden. Von Eisenzahn war noch keine Spur zu sehen. Aber es konnte nur noch Sekunden dauern, ehe er das Fenster erreicht hatte.</p><p>Ich sah nach oben. Die Dachkante ragte einen guten halben Yard �ber die Mauer hinaus, so da� mir nichts anderes �brigblieb, als vorsichtig zuerst die linke, dann auch die rechte Hand von meinem Halt zu l�sen, nach der durchh�ngenden Regenrinne zu greifen und einfach darauf zu hoffen, da� sie mein Gewicht tragen w�rde.</p><p>F�r einen kurzen, schrecklichen Moment bog sich die gesamte Konstruktion unter meinem Gewicht durch. Ich angelte mit den F��en nach dem Regenrohr, glitt aber an dem feuchten Eisen ab und verlor vollends den Halt. Eine halbe Sekunde lang kippte der Himmel �ber mir zur Seite, dann lief ein sp�rbarer Ruck durch das rostzerfressene Eisen, irgendwo ert�nte ein Laut, als zerbreche Metall - und ich sp�rte, wie meine improvisierte Leiter vollends aus der Wand ri�.</p><p>Mit letzter Kraft warf ich mich vor, bekam die Dachkante zu fassen und klammerte mich mit aller Macht daran fest. Die regenfeuchten Ziegel boten meinen H�nden kaum Halt, aber ich krallte mich fest, sp�rte, wie meine Fingern�gel der Reihe nach abbrachen und griff blindlings mit der anderen Hand nach. Im gleichen Moment st�rzte die Dachrinne polternd unter mir in die Tiefe.</p><p>Drei, vier Sekunden lang hing ich mit hilflos pendelnden Beinen an der Dachkante. Meine F��e scharrten �ber die Wand, aber ich fand keinen Halt, und ich f�hlte, wie meine Finger Millimeter f�r Millimeter �ber den feuchten Schiefer glitten; langsam, aber unbarmherzig. Verzweifelt zog ich die Beine an, machte einen gewagten Klimmzug, unter dem das ganze Dach zu erbeben schien - und zog mich ein St�ck weiter nach oben. Aber nur, um sofort wieder auf dem glitschigen Dach zur�ckzurutschen.</p><p>Verzweifelt begann ich mit den Beinen zu strampeln, streifte die Schuhe ab und schrammte mit den Zehen �ber die Hauswand. Diesmal fand ich Halt. Meine nackten Zehen stemmten sich in einen Mauerri�, und f�r einen ganz kurzen Moment konnte ich mein K�rpergewicht verlagern und nach festem Halt suchen. Mit einem letzten, erleichterten Seufzer zog ich mich auf das Dach hinauf.</p><p>Besser gesagt - ich wollte es.</p><p>Ein gewaltiger Schatten erschien vor dem regenverhangenen Nachthimmel, dann senkte sich ein nackter Fu�, der nur zur H�lfte aus Fleisch und Haut und zur anderen aus schimmerndem Eisen bestand, auf meine linke Hand und trat so wuchtig zu, da� ich meinen Halt loslie� und erneut nach hinten zu kippen begann. Im letzten Moment konnte ich meinen Sturz bremsen - aber nur, um mit hilflos pendelnden Beinen weiter �ber dem Abgrund zu h�ngen. Und ich sp�rte, wie die Kraft in meiner rechten Hand von Sekunde zu Sekunde nachlie�.</p><p>�Sie machen es mir wirklich nicht leicht, meine Aufgabe zu erf�llen, Mister Craven�, sagte Eisenzahn kopfsch�ttelnd. Er beugte sich vor, und obwohl ich genau wu�te, da� er nichts als ein Automat und zu solcherlei Regungen gar nicht f�hig war, glaubte ich f�r einen Moment, ein schadenfrohes Glitzern in seinem verbliebenen Auge zu sehen. �Aber ich verstehe nicht ganz, warum Sie sich die M�he gemacht haben, an der Wand hinaufzuklettern�, fuhr er im Plauderton fort. �Sie h�tten die Treppe nehmen k�nnen, wissen Sie? Genau wie ich.�</p><p>Und damit trat er mir auf die andere Hand. Das letzte, was ich sah, war sein h�misches Grinsen. Dann kippten der Himmel und das Dach in einem grotesken Salto nach hinten weg, und ich fiel wie ein Stein in die Tiefe.</p><empty-line/><p>Obwohl in dem Zimmer an die hundert Kerzen brennen mu�ten, war es nicht richtig hell. Ein sonderbarer, grauflackernder Schein hing in der Luft wie graues Licht, und mit dem Knistern des Kaminfeuers drang noch ein anderer, unwirklicher Laut in das Schweigen der Nacht. Das Haus war still geworden, nachdem auch die letzten Dienstboten gegangen waren, viel stiller als sonst. Und da war noch etwas. Ein nicht mit Worten zu beschreibender, aber �berdeutlich f�hlbarer Unterschied, etwas, als ...</p><p>Sarim de Laurec hob st�hnend die Hand an die Stirn. F�r einen Moment hatte er das Gef�hl gehabt, das Zimmer auf bizarre Art und Weise sich biegen und winden zu sehen. Etwas war mit den Farben geschehen, das zu beschreiben ihm selbst in Gedanken die richtigen Worte fehlten. Die vertraute Umgebung, in der er seit mehr als zwei Jahrzehnten lebte, war ihm mit einem Male fremd und unheimlich erschienen, so fremd, als w�re er unversehens in eine vollkommen andere, ihm unverst�ndliche Welt verschlagen worden.</p><p>Dann war das Gef�hl gegangen.</p><p>Geblieben war die Furcht.</p><p>Sarim de Laurec hatte Angst. Und es war eine Angst ganz anderer Art, als er sie jemals zuvor kennengelernt hatte. Er hatte Angst, ohne zu wissen wovor, und es war, als w�re in ihm noch etwas, ein fremder, feindseliger Geist, der an seiner Seele nagte und fra� wie eine unsichtbare Ratte.</p><p>Der Franko-Araber versuchte, den Gedanken zu vertreiben, stand auf und ging mit raschen Schritten zu dem kleinen Teewagen neben dem Kamin hin�ber, um sich - ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten - einen Drink zu mixen. Seine H�nde zitterten so stark, da� das Eis im Glas klirrte, und der ungewohnte Alkohol brannte wie Feuer in seiner Moslem-Kehle. Aber er beruhigte ihn auch. Nach einer Weile sp�rte er, wie die Angst wich und sein normales, logisches Denken wieder die Oberhand gewann.</p><p>Sarims Augen wurden schmal, w�hrend er sich, das Glas noch immer in der Hand und den scharfen Geschmack des Cognacs auf der Zunge, einmal um seine Achse drehte und das Zimmer in allen Einzelheiten musterte. Das Gef�hl der Furcht war vergangen, aber de Laurec w�re nicht der Mann gewesen, der er war, w�re er einfach �ber den Zwischenfall hinweggegangen.</p><p>Was war das gewesen? dachte er. Wirklich nur seine Nervosit�t - oder vielleicht mehr? Ein Angriff mit Mitteln der Magie oder Teufelskraft? Sekundenlang wog de Laurec alle ihm m�glich erscheinenden Erkl�rungen gegeneinander ab. Es mochte sein, da� das, was er gef�hlt hatte, ein geistiger Angriff gewesen war, der Versuch eines anderen, Gewalt �ber sein Denken und seinen Willen zu erlangen. Bruder Howard?</p><p>Das war die eine M�glichkeit, �berlegte de Laurec.</p><p>Die andere - die ihm weit wahrscheinlicher erschien - war, da� er noch immer unter den Auswirkungen des fehlgeschlagenen Versuches litt, das Kristallhirn der GROSSEN ALTEN unter die Kontrolle des Templerkapitels von Paris zu bringen. Er hatte die Ber�hrung dieses unendlich fremden, b�sen Geistes nur f�r Sekunden gesp�rt, aber er hatte gef�hlt, welch ungeheure Macht dieses uralte Etwas besa�.</p><p>Als Sarim de Laurec an diesem Punkt seiner �berlegungen angekommen war, versp�rte er einen scharfen, sehr tief gehenden Stich in der Schl�fe. Er fuhr zusammen, kr�mmte sich wie unter einem Schlag und versuchte den Schmerz zu vertreiben. Als ausgebildeter Magier der Templerloge hatte er gelernt, seinen K�rper perfekt zu beherrschen und Schmerzen nach Belieben abschalten oder zumindest d�mpfen zu k�nnen.</p><p>Diesmal versagte sein K�nnen. Im Gegenteil - der Schmerz steigerte sich zu pl�tzlicher Raserei, f�llte seinen Sch�del aus und schickte d�nne brennende Adern aus purer Agonie in seinen K�rper. De Laurec keuchte. Seine Hand krampfte sich so fest um das Glas, da� es zerbrach und die Scherben tiefe Wunden in seine Haut schnitten. Er taumelte, fiel r�ckw�rts gegen den Barwagen und st�rzte in einem Hagel von zersplitternden Gl�sern und Flaschen zu Boden. Blut lief �ber seine H�nde, eine Scherbe zerschnitt seine Wange, und der Inhalt der zerborstenen Flaschen bildete eine gro�e, scharf riechende Lache auf den Mosaikfliesen des Bodens.</p><p>De Laurec sp�rte nichts von alledem.</p><p>Es war so wie beim ersten Mal, nur tausendfach schlimmer.</p><p>Das Zimmer zuckte und bebte vor seinen Augen, als w�ren die W�nde und die Einrichtung pl�tzlich zu gr��lichem Leben erwacht. Fremde, unangenehme Farben �berlagerten die zarten Pastellt�ne der Tapeten und Gardinen, und aus den Schatten krochen <emphasis>Dinge.</emphasis></p><p>De Laurec schrie. Verzweifelt b�umte er sich auf, schlug wie von Sinnen um sich und pre�te die H�nde gegen die Augen, aber es nutzte nichts. Er konnte weiter sehen, als verf�ge er pl�tzlich �ber zus�tzliche Sinne, und er sah weit mehr, als er es mit seinen normalen menschlichen Augen je gekonnt h�tte.</p><p>Das Zimmer ver�nderte sich weiter. Die W�nde bogen und verzerrten sich auf groteske Weise. Graue, blasphemische Scheu�lichkeiten starrten ihn aus den Rissen und Wunden der Wirklichkeit an, blasenschlagende Tentakeln peitschten, und da, wo der Boden sein sollte, kroch ein unheimlicher schwarzer Sumpf.</p><p>Dann, so schnell, wie die Visionen gekommen waren, verschwanden sie wieder. Mit ihnen ging der grausame Schmerz in de Laurecs Sch�del, und pl�tzlich war die Welt wieder so, wie Sarim de Laurec sie kannte.</p><p>Beinahe jedenfalls.</p><p>Es dauerte lange, bis dem <emphasis>Puppet-Master </emphasis>des Templerordens die Ver�nderung auffiel.</p><p>Die Wirklichkeit hatte Flecken bekommen.</p><p>Es war ein sonderbarer, sinnverdrehender Effekt, der ihn abermals aufst�hnen lie�, kaum da� er sich m�hsam in eine halbwegs sitzende Position hochgestemmt hatte. Dutzende von kleinen, verwaschenen grauen Flecken �bers�ten das Bild, das ihm seine Augen zeigten. Sie waren nicht statisch, sondern bewegten sich ununterbrochen, flitzten wie kleine graue Nebeltierchen hin und her und huschten jedesmal davon, wenn er versuchte, genauer hinzusehen. Es war, als w�re sein Blick pl�tzlich getr�bt; die grauen Flecken schienen auf seinen Netzh�uten zu sein, so da� es ihm unm�glich war, sie direkt anzusehen. Einen Moment lang versuchte er, sich an diese Erkl�rung zu klammern.</p><p>Aber er wu�te auch, da� es nicht so war. Er hatte graue Flecke wie diese schon einmal gesehen, vor nicht einmal zwei Tagen.</p><p>Und dann h�rte er die Stimme.</p><p>Sie war lautlos und erklang direkt in seinem Gehirn, und sie sprach Worte, die Sarim de Laurec noch nie zuvor in seinem Leben geh�rt hatte, Worte aus einer Sprache, die vor zweihundert Millionen Jahren untergegangen war; zusammen mit dem Volk, das sie benutzte.</p><p>Und trotzdem verstand er sie.</p><p>L�nger als eine Stunde blieb er reglos und mit geschlossenen Augen hocken und lauschte auf die unsichtbare Stimme in seinem Sch�del.</p><p>Als er endlich aus seiner Erstarrung erwachte, war alles Leben aus seinen Augen gewichen. Sie waren grau und matt, und alles, was darin noch loderte, war das Feuer des Wahnsinns. Sein Gesicht war schlaff, als lege das, was jetzt die Herrschaft �ber seinen K�rper hatte, keinen Wert mehr auf die Kontrolle seiner Muskeln.</p><p>Aber er war nicht nur �u�erlich ver�ndert. Die gr��ere, schlimmere Ver�nderung hatte sich lautlos und unsichtbar abgespielt, hinter seiner Stirn und auf einer Ebene seines Denkens.</p><p>Sarim de Laurec, der <emphasis>Puppet-Master </emphasis>des Templerordens, hatte einen neuen Herrn gefunden.</p><empty-line/><p>Der erste halbwegs klare Gedanke war Erstaunen. Verwunderung dar�ber, da� ich noch lebte. Dann Schmerz. Ein Schmerz, der nicht genau zu lokalisieren war, sondern �berall in meinem K�rper w�hlte, als zupfe jemand gen��lich an jedem einzelnen Nerv, den ich hatte. Dann begannen sich die d�steren Schleier zu lichten, die mein Bewu�tsein umgaben; ich h�rte Ger�usche, sp�rte die K�lte des Regens auf der Haut und das harte Pflaster der Stra�e unter dem Kopf, und schlie�lich gerann der Schmerz zu einem gr��lichen Brennen und Stechen in meinen Fu�kn�cheln und einem kaum weniger peinigenden Pochen in meinem R�cken. Jemand schlug mir ins Gesicht, nicht sehr fest, aber best�ndig, und eine Stimme rief immer wieder meinen Namen. Ich �ffnete die Augen.</p><p>Ich lag auf dem R�cken inmitten eines gewaltigen Tr�mmerhaufens aus Holz, Metall und einem widerlich weichen, gr�nlich-gelben Etwas, das durchdringend nach faulem Obst stank. Eine gewaltige, behaarte Hand hatte mich am Jackenaufschlag gepackt und halbwegs in die H�he gezerrt, und eine zweite, nicht weniger gro�e Hand klatschte immer wieder abwechselnd auf meine rechte und meine linke Wange.</p><p>Dar�ber, noch immer halb verzerrt hinter treibenden grauen Schleiern, starrte mich Rowlfs Bulldoggengesicht an.</p><p>Er schlug noch drei-, viermal zu, dann schien er endg�ltig davon �berzeugt zu sein, da� ich wieder bei Bewu�tsein war, denn er h�rte auf, auf mich einzupr�geln, und setzte mich statt dessen wie ein Spielzeug aufrecht hin. Sofort sackte ich wieder zusammen, aber Rowlf zerrte mich abermals hoch, grunzte w�tend und lehnte mich mit dem R�cken gegen das, was von dem zerborstenen Gem�sekarren �briggeblieben war. �Verstehst du mich?� fragte er. Seine Stimme klang sehr ernst.</p><p>Ich nickte, und auf Rowlfs breitem Gesicht machte sich ein erster Schimmer vorsichtiger Erleichterung breit. �Alles in Ordnung mit dir?� fragte er noch einmal.</p><p>�Noch�, murmelte ich schwach. �Aber du kannst aufh�ren, mich weiter zusammenzuschlagen. Ich habe f�r heute genug Pr�gel bezogen.�</p><p>Rowlf grinste, lie� meine Schulter los und griff blitzschnell wieder zu, als ich erneut zur Seite zu kippen drohte. In meinem Kopf machte sich ein ekelhaftes Gef�hl breit: kein Schmerz mehr, aber eine Mischung aus Schwindel und Schw�che, die beinahe schlimmer war.</p><p>�Wasn passiert, Kleener?� nuschelte Rowlf, pl�tzlich wieder in seinen f�rchterlichen Slang zur�ckfallend. �Wo kommste her, un warum nimmste niche Treppe, statt ausm Fenster zu springn?�</p><p>�Die gleiche bl�de Frage hat mir gerade schon jemand gestellt�, st�hnte ich. �Bitte, Rowlf - mir ist nicht nach Scherzen zumute.�</p><p>Rowlf wurde �bergangslos ernst. �Was war los?� fragte er.</p><p>Ich dachte einen Moment ernsthaft �ber diese Frage nach, ohne zu einer befriedigenden Antwort zu gelangen. Dann machte irgend etwas hinter meiner Stirn h�rbar <emphasis>klick - </emphasis>und ich fuhr mit einem leisen Schreckensruf hoch. Sofort wurde der Schwindel hinter meiner Stirn st�rker. Ich griff haltsuchend nach Rowlfs Schultern, verfehlte sie, und fiel mit dem Gesicht voran in eine Ladung halbzerquetschten Gem�ses. Rowlf half mir mit einem verzeihenden L�cheln auf.</p><p>�Wie lange ... wie lange liege ich hier schon?� fragte ich, kaum da� ich wieder zu Atem gekommen war.</p><p>�n� paar Minuten�, antwortete Rowlf. �Ich hab� grad noch gesehen, wie de vom Dach geflogn bist.� Er sch�ttelte den Kopf. �Dachte schon, ich m��te dich vonner Stra�e abkratzen, aber du has nochma Gl�ckehabt.� Er wies mit einer Kopfbewegung auf den zertr�mmerten Gem�sekarren, der meinen Sturz gebremst hatte und dabei selbst zu Bruch gegangen war. �Ohne dat Ding da w�rste jetzt platt, Kleener.�</p><p>Ich starrte ihn einen Moment lang an, versuchte mich noch einmal hochzustemmen und kam wankend auf die F��e. Sofort begannen sich die Stra�e und der Himmel wie wild vor meinen Augen zu drehen. Ich w�re abermals gest�rzt, h�tte Rowlf mich nicht gest�tzt.</p><p>�Wir m�ssen weg�, sagte ich m�hsam. �Schnell, Rowlf. Sonst sind wir beide tot.�</p><p>Seltsamerweise blieb Rowlf ernst; die sp�ttische Bemerkung, auf die ich wartete, kam nicht. �Der Mann, der dich vom Dach geworfen hat?� fragte er.</p><p>Erstaunt sah ich auf. �Du hast ihn gesehen?�</p><p>�Nur sein� Schatten�, antwortete Rowlf. �Wer warn das gewesn?�</p><p>�Das wirst du schneller erfahren, als dir lieb ist, wenn wir nicht verschwinden�, antwortete ich. Instinktiv sah ich nach oben. Aber das Dach war leer. Nat�rlich, dachte ich bedr�ckt. Eisenzahn mu�te genauso wie Rowlf gesehen haben, da� ich den Sturz �berlebt hatte. Wahrscheinlich war er jetzt schon auf dem Weg hier herunter. Wenn er noch nicht hier war, dann nur, weil ich an der R�ckseite des Hauses abgest�rzt war und das Geb�ude keinen Hinterausgang hatte.</p><p>�Weg hier, Rowlf!� sagte ich noch einmal. �Er bringt uns beide um, wenn wir nicht verschwinden.�</p><p>�Wer?� erkundigte sich Rowlf. �Ich seh keinen nich.�</p><p>�Aber er wird gleich hier sein! Er mu� den Block umgehen, aber er -�</p><p>Zumindest in diesem Punkt t�uschte ich mich. Eisenzahn mu�te nicht. Er w�hlte den einfacheren Weg.</p><p>Einen halben Meter hinter Rowlf schien die Wand zu explodieren. Steine und Kalk flogen in hohem Bogen auf die Stra�e hinaus und trieben uns zur�ck, dann erbebte die Wand ein zweites Mal wie unter einem titanischen Hammerschlag, und ein fast zwei Meter hohes und halb so breites St�ck der Ziegelmauer sank polternd in sich zusammen.</p><p>Und in der Bresche erschien eine verkr�ppelt wirkende menschliche Gestalt. Ihr Stahlgebi� blitzte.</p><empty-line/><p>Howard drehte das Gesicht aus dem Wind, stie� die T�r vollends auf und sprang aus dem Wagen, noch ehe das Gef�hrt vollends zum Stehen gekommen war. Eines der beiden Kutschpferde begann unruhig mit den Hinterl�ufen zu stampfen, als in unmittelbarer N�he ein Blitz aufzuckte. Kaum eine Sekunde sp�ter rollte das polternde Echo eines Donnerschlages durch die Nacht.</p><p>�Sie sind sicher, da� ich Sie nicht bis zum Haus fahren soll, Monsieur?� erkundigte sich der Kutscher, als Howard den Wagen umrundete und ihm einen zusammengefalteten Geldschein hinaufreichte. �Es kostet nicht mehr�, f�gte er gutm�tig hinzu.</p><p>�Darum geht es nicht�, antwortete Howard rasch, zog mit der Linken den Hut tiefer in die Stirn und deutete eine Kopfbewegung zum Chalet an. �Mein Freund ist ein Sonderling, wissen Sie�, sagte er, l�chelte entschuldigend und tippte sich bezeichnend mit dem Zeigefinger gegen die Schl�fe. �Er hat Angst um seinen Rasen und wird fuchsteufelswild, wenn ein Wagen auf sein Grundst�ck f�hrt.�</p><p>Der Kutscher blickte ihn an, als zweifle er ernsthaft an seinem Verstand, sagte aber nichts mehr, sondern steckte den Geldschein ein, verkroch sich tiefer hinter der Krempe seines Regenhutes und lie� die Peitsche knallen. Wie zur Antwort dr�hnte eine halbe Sekunde sp�ter ein weiterer Donnerschlag.</p><p>Howard wartete, bis der Wagen hinter glitzernden Regenschleiern verschwunden war, dann drehte er sich um, zog den Mantel noch enger um die Schultern und ging geb�ckt auf das gro�e, schmiedeeiserne Tor zu, das die wei�gekalkte Gartenmauer durchbrach. Die rostigen Scharniere quietschten unheimlich, als er das Tor aufschob.</p><p>Wieder zerri� ein Blitz die Nacht wie ein ver�stelter blauwei�er Ri� im Himmel. Das pl�tzliche, grelle Schlaglicht lie� die Umrisse des Chalets als schwarzen Schattenri� aus der Nacht treten.</p><p>Howard schauderte, aber das rasche, eisige Fr�steln, das �ber seinen R�cken lief, hatte nichts mit der K�lte zu tun, die wie ein klammer Hauch �ber dem Land lag. Es war der Anblick des Hauses gewesen, der ihn fr�steln lie�. Es war nicht das erste Mal, da� er hier war. Aber er hatte gehofft, dieses f�rchterliche Haus nie wieder betreten zu m�ssen ...</p><p>Schatten tauchten aus der Schw�rze des Gartens auf und umschlichen ihn, dann wuchs ein gro�es, zottiges Ding direkt vor ihm aus der Nacht, ein Etwas wie die gr��liche Parodie eines Hundes, mit F�ngen aus Stahl und gl�henden Augen aus rotem Kristall, in denen Mordlust loderte. Aber Howard ging mit unvermindertem Tempo weiter. Er wu�te, da� ihm die leblosen W�chter dieses Hauses nichts zuleide tun w�rden. Sein Schicksal wartete im Inneren des Geb�udes auf ihn.</p><p>Die T�r des Chalets schwang nach innen, als er die breite Freitreppe hinaufging. Ein sanftes, gelbliches Licht glomm unter der Decke der gewaltigen Empfangshalle auf, und die T�r schlo� sich wie von Geisterhand bewegt wieder, als er hindurchgetreten war.</p><p>Howard ging ein paar Schritte weit in die Halle hinein, blieb stehen und sah sich aufmerksam um. Er war allein. Trotzdem sp�rte er, da� er von zahllosen unsichtbaren Augen beobachtet wurde.</p><p>Fast eine Minute lang blieb Howard reglos stehen und wartete. Im Haus herrschte eine fast geisterhafte Stille, ein Schweigen sonderbar tiefer, unnat�rlicher Art, das vom rollenden Echo der Donnerschl�ge noch betont wurde, und ein paarmal flackerte das Licht. Howard sah nach oben und bemerkte, da� die Gasl�ster, die bei seinem letzten Besuch vor zehn Jahren unter der Decke gehangen hatten, von elektrischen Lampen ersetzt worden waren. Ein d�nnes, fast schmerzliches L�cheln stahl sich auf seine Lippen. Sarim de Laurec hatte schon immer eine Vorliebe f�r technische Spielereien gehabt. Was hatte er erwartet?</p><p>Am anderen Ende der Halle �ffnete sich eine T�r. Ein schmales Dreieck grellwei�en blendenden Lichtes schnitt in die gelbliche Helligkeit der Halle, dann erschien ein Schatten unter der T�r, gleich darauf ein zweiter.</p><p>�Sarim?� fragte Howard. Er blinzelte, konnte aber gegen das grausam helle Licht nichts als zwei unterschiedlich gro�e, menschliche Umrisse erkennen. Er machte einen Schritt, blieb wieder stehen und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Augen. Dann schlo� sich die T�r, das grellwei�e Licht erlosch, und aus den beiden tiefenlosen flachen Schatten wurden Menschen. Und Howard unterdr�ckte im letzten Moment einen Schrei.</p><p>�Du bist also gekommen�, sagte Sarim de Laurec leise. Er l�chelte, kalt und schnell wie eine Schlange, bewegte sich zwei, drei Schritte auf Howard zu und machte eine befehlende Geste mit der Linken. Die zweite Person erwachte ebenfalls aus ihrer Erstarrung und trat an seine Seite. Ihr bodenlanges, besticktes Kleid raschelte h�rbar. �Es freut mich zu sehen, da� du noch einen Funken Ehre im Leib hast, Bruder Howard. Ich mu� gestehen, da� ich nicht sicher war, ob du wirklich kommen w�rdest.�</p><p>Howard schien seine Worte gar nicht zu h�ren. Sein Blick saugte sich an dem schmalen, vor Furcht bleich gewordenen Gesicht der jungen Frau fest, die neben dem <emphasis>Puppet-Master </emphasis>stand.</p><p>�Ophelie�, fl�sterte er. Seine Stimme bebte und h�rte sich an, als w�rde sie jeden Moment brechen. �Was ... was haben sie mit dir gemacht?�</p><p>Die Frau wollte antworten, aber de Laurec gebot ihr mit einer knappen, befehlenden Geste zu schweigen und l�chelte abermals. Es wirkte noch k�lter als das erste Mal. �Nichts�, sagte er. �Wir sind vielleicht hart, m�glicherweise sogar so gnadenlos, wie du behauptest, Bruder Howard. Aber wir sind nicht grausam. Wir haben ihr nichts zuleide getan. Weder k�rperlich noch in anderem Sinne.�</p><p>�Stimmt das?� fl�sterte Howard. �Ist das wahr, Ophelie? Haben sie dir ... nichts getan?�</p><p>Diesmal hinderte de Laurec das M�dchen nicht daran, zu antworten. �Es stimmt, Howard�, sagte sie. Ihre Lippen zitterten. In ihren Augen stand ein f�rchterliches Flackern. �Aber ich ... ich habe Angst. Ich wei� nicht, was das alles hier bedeutet. Bitte, Howard - hilf mir.�</p><p>De Laurec lachte leise. �Du siehst, Bruder Howard, wir stehen zu unserem Wort.�</p><p>Howard nickte. Die Bewegung kostete ihn unendliche �berwindung. �So wie ... wie ich�, antwortete er stockend. �Ich bin hier, wie du verlangt hast, Sarim. Jetzt ... jetzt la� sie frei!�</p><p>De Laurec lachte erneut. �Glaubst du wirklich, es w�re so leicht, Bruder?� fragte er. �Du entt�uschst mich. Ich habe dir versprochen, sie freizulassen, sobald du deine gerechte Strafe bekommen hast. Dieses Versprechen werde ich halten. Aber mehr auch nicht.�</p><p>�Was willst du noch, du Teufel?� br�llte Howard. �Ich bin hier! Ich bin in deiner Gewalt! T�te mich, wen du es willst, aber la� sie gehen. Sie hat euch nichts getan!� Er ballte hilflos die F�uste, trat einen weiteren Schritt auf den Templer zu und blieb abermals stehen. �Was willst du noch?� fl�sterte er noch einmal.</p><p>�Deinen Tod. So, wie es beschlossen wurde, Bruder�, antwortete de Laurec kalt. �Aber ich habe mich entschlossen, dir noch eine letzte Chance zu gew�hren.�</p><p>�Eine Chance?� wiederholte Howard mi�trauisch. �Was soll das, Sarim? Willst du mich leiden sehen?�</p><p>�Vielleicht�, antwortete de Laurec am�siert. �Aber du wei�t, da� ich Tapferkeit als eine der wichtigsten m�nnlichen Tugenden sch�tze. Und tapfer warst du wei� Gott - auch wenn du deine F�higkeiten gegen uns eingesetzt hast, statt -�</p><p>�Das ist nicht wahr!� unterbrach ihn Howard. �Ich wollte nichts als meine Ruhe haben. Ich habe niemals gegen euch gek�mpft.�</p><p>�Wer nicht f�r uns ist, ist gegen uns, Bruder�, sagte de Laurec. �Aber es ist m��ig, wenn wir uns jetzt noch streiten. Du bist hier, das allein z�hlt. Und ich gebe dir eine Chance, dein Leben zu retten. Deines und das des M�dchens.�</p><p>�Das des ...� Howard brach mit einem keuchenden Laut ab, hob die F�uste und trat drohend einen weiteren Schritt auf den Templer zu. �Was ... was soll das hei�en, Sarim? Du hast versprochen, sie freizulassen, wenn ich mich stelle.�</p><p>�So, wie du einmal geschworen hast, unserer Loge bis an dein Lebensende treu zu sein�, nickte de Laurec. �Aber h�re mich an, ehe du mich einen Betr�ger schimpfst, Bruder. Ich stehe zu meinem Wort. Ich tue sogar noch ein �briges - ich gebe dir nicht nur die Chance, ihr Leben zu retten, sondern sogar dein eigenes.�</p><p>Er schwieg einen Moment, und als er weitersprach, war in seinen Augen ein Glitzern, das irgend etwas in Howard erstarren lie�. �Sag, Bruder�, fragte er, �spielst du noch immer so gut Schach wie fr�her?�</p><empty-line/><p>�Gehen Sie mir aus dem Weg�, sagte Eisenzahn ruhig. Seine Stimme hatte sich abermals ver�ndert; sie klang jetzt eine Spur zu hoch und zu schrill f�r die eines Menschen und wurde von einem leisen, wimmernden Jaulen begleitet. Sein rechtes Bein klirrte wie ein Sack voll Metallschrott, als er auf Rowlf zutrat und mit einer befehlenden Geste die Hand hob.</p><p>Rowlf ballte die F�uste, reckte kampflustig das Kinn vor und baute sich breitbeinig vor dem zwei K�pfe kleineren Mann auf. �Isser das?� fragte er, ohne den Blick von Eisenzahn zu wenden.</p><p>Ich nickte. Dann fiel mir ein, da� ich hinter Rowlf stand und er die Geste kaum sehen konnte, und ich f�gte ein hastiges �Ja� hinzu.</p><p>Rowlf schnaubte. �Was wollnse vonem Kleenen?� fauchte er Eisenzahn an. �Wennsem was antun wolln, m�ssense ers an mir vorbei, M�nneken.�</p><p>Eisenzahn schwieg einen Moment, und ich glaubte fast zu sehen, wie die Zahnr�der - oder was immer er anstelle eines Gehirns hatte - hinter seiner Stirn rotierten. Dann ruckte sein Kopf herum, und sein zerst�rtes Gesicht wandte sich wieder mir zu. �Ist das ein Freund von Ihnen, Mister Craven?� fragte er.</p><p>�n� Freund?� Rowlf keuchte. �Das kannste dreimal sagen, Knirps. Un ich mag es gar nicht, wenn einer meine Freunde vom Dach schmei�t!�</p><p>�Wenn Sie wirklich Freunde sind, Mister Craven�, fuhr Eisenzahn unger�hrt fort, �dann sollten Sie ihm sagen, wie aussichtslos es ist, gegen mich k�mpfen zu wollen.� Seine Stimme klang pl�tzlich bedauernd. �Warum ziehen Sie Fremde mit hinein, Mister Craven? Ihr Freund kann Sie nicht retten. Sie gef�hrden nur sein Leben, wenn Sie -�</p><p>Rowlf br�llte wie ein w�tender Stier, raste mit hoch erhobenen Armen auf Eisenzahn zu und schmetterte ihm mit aller Gewalt die Faust vor das Kinn. Eisenzahn machte nicht einmal den Versuch, dem Hieb auszuweichen. Es war auch nicht n�tig. Ich ahnte, was geschehen w�rde, aber mein Warnschrei kam zu sp�t. Und Rowlf h�tte wahrscheinlich sowieso nicht darauf geh�rt. Seine Faust krachte mit ungeheurer Wucht gegen Eisenzahns Kiefer.</p><p>Rowlf war mit Abstand der st�rkste Mann, dem ich jemals begegnet war. Ich hatte gesehen, wie er zum blo�en Zeitvertreib T�ren einschlug und armdicke �ste zerbr�selte wie andere einen Zahnstocher; einmal war ich Zeuge, wie er einen jungen Stier niederschlug: mit einem einzigen Hieb seiner gewaltigen F�uste. Und Eisenzahns Anblick mu�te ihm deutlich genug gesagt haben, da� er keinem �normalen� Gegner gegen�berstand. Diesmal schlug er nicht zu, um den anderen kampfunf�hig zu machen, wie er es sonst tat. Diesmal schlug er mit aller Gewalt zu. Der Hieb h�tte ein Brauereipferd gef�llt.</p><p>Eisenzahn ersch�tterte er nicht einmal.</p><p>Daf�r brach er sich seine Hand.</p><p>Rowlf br�llte vor Schmerz, prallte zur�ck und schrie gleich darauf ein zweites Mal auf, als sich Eisenzahns Rechte wie eine Stahlklammer um sein Handgelenk schlo�. Mit einem kurzen, unglaublich harten Ruck brachte er Rowlf aus dem Gleichgewicht, schleuderte ihn zu Boden und versetzte ihm mit der anderen Hand einen fast sanften Hieb gegen den Hinterkopf. Rowlfs Schmerzgeheul wurde zu einem erstickten Keuchen. Er fiel nach vorne, versuchte sich hochzustemmen und sank mit einem kraftlosen Seufzer zur�ck.</p><p>�Ich werde ihn nicht t�ten�, sagte Eisenzahn. �Es ist nicht meine Aufgabe.�</p><p>�Wie edel�, antwortete ich. Aber meine Stimme zitterte dabei und verdarb den sp�ttischen Klang, den die Worte eigentlich haben sollten. Eisenzahn kam langsam auf mich zu; im gleichen Tempo wich ich vor ihm zur�ck. Er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Das hat doch keinen Sinn, Craven�, sagte er sanft. �Sie wissen es. Sie haben l�ngst erkannt, was ich bin.�</p><p>�Ja�, antwortete ich, w�hrend ich verzweifelt einen Fluchtplan nach dem anderen erdachte und wieder verwarf. �Eine Maschine.�</p><p>�Ein Automat�, best�tigte Eisenzahn. Seine H�nde hoben sich und wurden wieder zu diesen grauenhaften Klauen. Rasiermesserscharfer Stahl schimmerte durch die zerfetzten Reste des hautfarbenen Materials, das ihn bedeckte.</p><p>�Und deine Aufgabe ist es, mich zu t�ten?� Meine Gedanken �berschlugen sich. Ich sa� in der Falle. Die Stra�e endete vierzig, f�nfzig Schritte hinter mir vor einer Wand, und den Gedanken, irgendwie an Eisenzahn vorbei zu kommen, um das offene Ende der Gasse zu erreichen, konnte ich gleichfalls vergessen.</p><p>�Das stimmt�, best�tigte Eisenzahn. �Um so weniger verstehe ich, weshalb Sie noch immer versuchen, zu entkommen. Sie m�ssen wissen, da� es keinen Sinn hat. Sie sind schneller als ich, aber ich kenne weder M�digkeit noch Schw�che. Sie k�nnen fliehen, soweit und wohin Sie wollen. Ich werde Sie einholen. Es ist eine reine Vergeudung von Energie und Material, wenn Sie weiter fliehen.�</p><p>�Das stimmt�, best�tigte ich. �Aber vielleicht unterscheidet mich das von einer Maschine.�</p><p>�Wie Sie wollen, Mister Craven�, sagte Eisenzahn. �Ich wollte es einfacher machen - f�r uns beide.�</p><p>Warnungslos sprang er auf mich zu.</p><p>Ich warf mich zur Seite, verlor auf dem regennassen Kopfsteinpflaster den Halt, fiel der L�nge nach hin und rollte mich instinktiv zur Seite. Eisenzahns st�hlerner Fu� krachte dort nieder, wo eine halbe Sekunde zuvor noch mein Gesicht gewesen war, zermalmte den Stein und kam zu einem weiteren Tritt wieder hoch. Ich rollte weiter, entging auch seiner n�chsten Attacke um Haaresbreite und kam torkelnd wieder auf <emphasis>die </emphasis>F��e.</p><p>Eisenzahn setzte mir lautlos nach. Seine H�nde schnappten nach meinem Gesicht, verfehlten es um Millimeter und fetzten ein St�ck Stoff aus meiner Jacke. Ich taumelte, schlug mir die H�nde an seinem Arm blutig und sp�rte einen eisigen Luftzug, als ich einem weiteren Faustschlag wie durch ein Wunder entging.</p><p>Ich torkelte weiter zur�ck, stolperte und f�hlte pl�tzlich harten Stein im R�cken. Eisenzahn sprang auf mich zu. Seine Glieder bewegten sich nicht mehr richtig; die Besch�digungen, die er erlitten hatte, mu�ten sein Koordinationszentrum in Mitleidenschaft gezogen haben. Trotzdem entging ich seinem n�chsten Hieb nur um Haaresbreite, duckte mich zur Seite und prallte mitten in der Bewegung zur�ck, als seine Faust vorscho� und ein kopfgro�es Loch in die Wand schlug, vor der ich stand. Der n�chste Hieb w�rde mich t�ten, das wu�te ich.</p><p>Aber der t�dliche Schlag, auf den ich wartete, kam nicht. Ein gewaltiger Schatten wuchs hinter Eisenzahns Gestalt in die H�he. Ich h�rte ein Ger�usch wie das Knurren eines gereizten B�ren, dann schlossen sich Rowlfs gewaltige Arme von hinten um Eisenzahns K�rper, verschr�nkten sich vor seiner Brust - und hoben ihn mit einem unglaublich kraftvollen Ruck in die H�he.</p><p>F�r die Dauer eines Atemzuges erstarrte der Maschinenmensch. Wieder erscholl aus seinem Inneren dieses schrille, mi�t�nende Jaulen, und pl�tzlich bog sich sein rechter Arm in einer unm�glichen Bewegung nach hinten. Rowlf br�llte auf, als sich Metallfinger in seine Stirn gruben. Blut lief �ber das Gesicht des rothaarigen Riesen.</p><p>Der Stockdegen schien wie von selbst aus seiner Scheide zu springen. Ich ri� die Waffe in die H�he - und stie� sie mit aller Gewalt in den zerfetzten Krater in Eisenzahns Gesicht, wo sein Kunstauge gesessen hatte. Die Klinge glitt eine halbe Handbreit in seinen Metallsch�del hinein, traf auf Widerstand und bog sich durch, als ich noch einmal mit aller Macht nachstie�.</p><p>Ein heller, peitschender Laut erscholl. Blaue Funken spr�hten aus dem Ri� in Eisenzahns Sch�del, und pl�tzlich lief ein hauchd�nner blauwei�er Blitz in einem irrsinnig schnellen Zickzack �ber die Klinge meines Degens. F�r einen Moment schien der gesprungene Knauf aus gelbem Kristall wie unter einem unheimlichen, inneren Feuer aufzugl�hen. Wei�blaue Feuerlinien zeichneten die Konturen des <emphasis>Shoggotensternes </emphasis>nach, der darin eingegossen war. Dann raste der Blitz weiter und verschwand in meiner Hand.</p><p>Ein gr��licher Schmerz zuckte durch meinen Arm und lie� jeden einzelnen Nerv darin vibrieren. Ich prallte schreiend zur�ck und versuchte den Degen loszulassen, aber es ging nicht. Meine Finger klebten unverr�ckbar am Metall des Degens, und aus Eisenzahns Sch�del zuckten noch immer d�nne, ver�stelte Blitze. Mein Herz kam aus dem Rhythmus. Ich taumelte, fiel auf die Knie und warf mich mit aller Macht zur�ck. Und diesmal gelang es mir, die Hand vom Griff des Stockdegens loszurei�en.</p><p>Es war vorbei, ehe ich zu Boden st�rzte. Ein letzter, grellblauer Blitz zuckte aus Eisenzahns Sch�del, dann verstummte das schrille Wimmern, und aus seinen Ohren, dem Mund und der Nase kr�uselte sich d�nner, grauer Rauch. Das m�rderische Feuer in seinem unversehrt gebliebenem Auge erlosch.</p><p>Obwohl die grellen Entladungen aufgeh�rt hatten, schien mein rechter Arm noch immer in Flammen zu stehen. Mein Herz h�mmerte wie rasend und durch einen blutgetr�nkten Nebel sah ich, wie Rowlf neben mir auf die Knie sank und die Hand nach meinen Schultern ausstreckte.</p><p>Dann verlor ich zum dritten Mal an diesem Tage das Bewu�tsein.</p><empty-line/><p>�E2 auf E4�, sagte Sarim.</p><p>Howard runzelte die Stirn, sagte aber nichts, sondern blickte nur konzentriert auf das gewaltige Schachbrettmuster vor sich herab. Sarims Zug war alles andere als originell. Genaugenommen war es eine Er�ffnung, wie sie jeder Anf�nger gemacht - und damit von vornherein verloren - h�tte.</p><p>�E7 auf E5�, sagte er schlie�lich. �Du entt�uschst mich, Sarim. Als ich das letzte Mal gegen dich gespielt habe, warst du ein Meister.�</p><p>De Laurec wartete, bis sich die hundegro�e Bauernfigur klappernd auf das angegebene Feld bewegt hatte, ehe er antwortete. �Wer wei�, Bruder�, sagte er. �Vielleicht bin ich aus der �bung. Oder du hast nachgelassen.� Er machte eine einladende Handbewegung. �D2 auf D4 - dein Zug, Bruder.�</p><p>Howard starrte den dunkelh�utigen <emphasis>Puppet-Master </emphasis>sekundenlang an, ehe er sich wieder auf das Schachbrett konzentrierte. Das Feld war so wie alles, was es in de Laurecs Haus gab: gigantisch und vollgestopft mit technischen Spielereien. Als Schachbrett diente das Schwarzwei�-Muster der Bodenfliesen in Sarims gro�em Salon, wobei jedes Feld gute anderthalb Meter im Quadrat ma�. Entsprechend gro� waren die Figuren. Die beiden K�nigsbauern, die sich jetzt in der Mitte des Feldes gegen�berstanden, hatten die Gr��e zehnj�hriger Kinder und bestanden aus silbernem - beziehungsweise goldfarbenem - Metall. Und sie �hnelten auch wirklich zwergenw�chsigen Bauern.</p><p>Sarims Damenbauer stand jetzt neben seinem K�nigsbauer und somit auf einem Feld, auf dem Howard ihn schlagen konnte. Was sollte das, dachte er. Ein Spieler von de Laurecs Format opferte keine Figur, wenn er nicht etwas ganz Bestimmtes dabei im Sinne hatte. Einen Moment �berlegte er, das Angebot anzunehmen und die Figur zu schlagen. Dann sch�ttelte er den Kopf, ging mit raschen Schritten zu seiner Grundlinie zur�ck und ber�hrte seinen Damenbauer an der Stelle, die de Laurec ihm gezeigt hatte. Rasselnd setzte sich die Metallfigur in Bewegung und blieb stehen, als Howard die Hand zur�ckzog. �D7 auf D5�, sagte er.</p><p>De Laurecs linke Augenbraue rutschte ein St�ck nach oben. �Du schl�gst ihn nicht?� fragte er. �Das wundert mich. Hast du Hemmungen?�</p><p>�Vielleicht�, sagte Howard leise. �Dein Zug.�</p><p>�Ich wei�.� De Laurecs L�cheln wurde eine Spur k�lter. �Ich nehme dein Angebot jedenfalls an. E4 auf D5. Bauer schl�gt Bauer.�</p><p>Die silberne Bauernfigur rutschte klirrend auf das bezeichnete Feld. Howards Damenbauer wurde beiseite gesto�en, blieb einen Moment klirrend und scheppernd auf dem Nachbarfeld stehen - und trollte sich vom Brett.</p><p>Doch er erstarrte nicht wieder zur Bewegungslosigkeit, wie Howard angenommen hatte. Aus seinem Inneren erscholl ein leises, metallisches Klicken, und pl�tzlich scho� einer der Metallarme vor. Rasiermesserscharfer Stahl blitzte dort, wo die Finger des Bauern sein sollten.</p><p>De Laurecs h�misches Kichern ging in Howards Schmerzensschrei unter, als sich die vier winzigen Klingen in dessen Wade bohrten.</p><empty-line/><p>Der Himmel �ber der Stadt wurde langsam grau. Es mu�te irgendwann zwischen vier und f�nf Uhr morgens sein, und so, wie es aussah, w�rde auch dieser Tag wieder mit Regen und unzeitgem��er K�lte �ber Paris hereinbrechen. Beinahe automatisch kroch meine Hand zur Weste, um die Taschenuhr hervorzuziehen, aber dann f�hrte ich die Bewegung nicht zu Ende. Selbst dazu war ich zu m�de. Das regelm��ige Schaukeln der Kutsche begann eine einlullende Wirkung auf mich auszu�ben.</p><p>�Gleich simmer da�, sagte Rowlf. Die Worte drangen nur undeutlich durch den d�mpfenden Mantel aus M�digkeit und Schw�che, der sich zwischen mein Denken und die Welt gesenkt hatte. Ich blinzelte, richtete mich ein wenig in den Polstern der Mietdroschke auf und lugte m�de durch eine zerschlissene Stelle in den Vorh�ngen. Es war noch nicht hell genug, um viel von der Umgebung zu erkennen. Aber nach dem wenigen, was ich sah, glaubte ich nicht, da� es eine Gegend war, die ich mochte.</p><p>M�de blinzelte ich zu Rowlf hin�ber. Er sah so ersch�pft und mitgenommen aus, wie ich mich f�hlte. Seine rechte Hand war unf�rmig angeschwollen und lag wie ein Klumpen nutzlosen Fleisches auf seinem Scho�. Sein Gesicht war zerschunden und blutig, und in seinen Augen hatte sich zu dem Ausdruck von Ersch�pfung und Schmerz noch der einer tiefen, qu�lenden Sorge gesellt. Wir hatten die halbe Stadt durchquert, ehe es mir - unter Zuhilfenahme meiner suggestiven Kr�fte und einer Summe, die ausgereicht h�tte, den altersschwachen Zweisp�nner zu kaufen - endlich gelungen war, einen Wagen zu bekommen. Das Dutzend anderer Kutscher, das wir vorher angesprochen hatten, hatte uns entweder davongejagt oder so getan, als existierten wir nicht. Ich konnte es ihnen nicht einmal verdenken. Wer nimmt schon mitten in der Nacht zwei Fremde auf, von denen der eine aussieht wie Frankensteins gro�er Bruder nach einer Schl�gerei und der andere keine Schuhe anhat und nach verfaultem Gem�se stinkt?</p><p>Die Kutsche schaukelte um eine Stra�enbiegung und wurde ein wenig schneller, und ich sah abermals aus dem Fenster. Die Gegend schien mit jedem Yard, den die Kutsche zur�cklegte, sch�biger zu werden. Die H�user waren schwarz vor Ru� und jahrzehntealtem Schmutz, und die kleinen Fenster schienen wie blind gewordene Augen auf uns herabzustarren. M�de versuchte ich, Ordnung in das Durcheinander zu bringen, das hinter meiner Stirn herrschte, und dachte noch einmal �ber das nach, was ich von Rowlf erfahren hatte. Er hatte in einem Stra�encafe am Opernplatz gewartet, wie Howard es ihm befohlen hatte, aber Lovecraft war lange vor Ende der Vorstellung wieder aufgetaucht - nur, um sofort in eine Kutsche zu springen und zu verschwinden, ehe Rowlf auch nur recht begriffen hatte, was vorging. Alles, was wir noch hatten, war die Adresse eines Mannes, von dem nichts au�er seinem Namen wu�ten - und der Tatsache, da� er Howard ha�te. Nicht gerade die idealen Voraussetzungen daf�r, in einer Stadt wie Paris einen einzelnen Mann zu finden; einen Mann dazu, der sicher alles in seiner Macht Stehende tun w�rde, seine Spur zu verwischen.</p><p>�Wir h�tten ihn inne Sahne schmei�n solln�, drang Rowlfs Stimme in meine Gedanken.</p><p>Ich sah auf, starrte ihn einen Moment unverstehend an und fragte: �Wen?�</p><p>�Den Blechkopp�, antwortete er. �s� wird ne Menge �rger gern, wenner gefunden wird. War besser gewesen, wir h�ttn verschwinden lassen.�</p><p>Ich nickte, zuckte gleich darauf mit den Achseln und sah demonstrativ aus dem Fenster. Nat�rlich hatte Rowlf recht. Es w�rde mehr als nur ��rger� geben, wenn die menschengro�e Puppe gefunden wurde und Madame Dupre ihre Aussage machte. Aber es war zu sp�t f�r solcherlei �berlegungen - und ich hatte auch keine Lust mehr, dar�ber nachzudenken. Eine Stadt mehr, in der es besser f�r mich war, mich nicht mehr blicken zu lassen, dachte ich. Was machte das schon? Allm�hlich begann ich mich daran zu gew�hnen, an jeden Ort nur einmal zur�ckzukehren.</p><p>�Wir sind da�, sagte Rowlf pl�tzlich. Ich schrak aus meinen Gedanken hoch, streckte die Hand nach der T�rklinke aus und �ffnete sie, kaum da� der Wagen gehalten hatte. Regen und ein Schwall eisiger Luft schlugen mir ins Gesicht, als ich auf die Stra�e hinabsprang. Weiter im Westen, �ber dem Zentrum der Stadt, wetterleuchtete das blaue Glei�en eines Gewitters. Sekunden sp�ter ert�nte der erste, noch ged�mpfte Donnerschlag.</p><p>Der Wagen fuhr weiter, nachdem Rowlf ausgestiegen war. Der Fahrer w�rde die beiden sonderbaren G�ste vergessen, die er mitten in der Nacht durch halb Paris kutschiert hatte, und sich am n�chsten Morgen �ber das B�ndel Geldscheine wundern, das in seiner Rocktasche war, daf�r hatte ich gesorgt. Einen Moment lang w�nschte ich mir, da� alle Probleme so leicht zu l�sen w�ren - mit Geld und ein wenig Hokuspokus. Aber das w�rde wohl immer ein frommer Wunsch bleiben. Oder ein dummer; je nachdem.</p><p>Rowlf deutete auf einen winzigen Laden auf der gegen�berliegenden Stra�enseite, dessen Fensterscheiben matt im grauen Licht der D�mmerung blinkten. �Dort.�</p><p>Seine Stimme klang gepre�t, und ich war sicher, da� es nicht nur die M�digkeit war, die ich darin h�rte. Einen ganz kurzen Moment lang z�gerte er noch, dann ging er, schr�g gegen den Wind und den Regen geneigt, �ber die Stra�e und blieb vor der T�r des Ladens stehen.</p><p>Ich folgte ihm. Die K�lte schien zuzunehmen, als ich neben Rowlf stehenblieb, und f�r einen Moment glaubte ich, ein helles metallisches Klirren unter dem Heulen des Windes zu h�ren. Erschrocken fuhr ich herum. Aber die Stra�e war leer.</p><p>�Was ist los?� fragte Rowlf alarmiert.</p><p>�Nichts�, antwortete ich. �Ich bin nerv�s, das ist alles.�</p><p>Rowlfs Blick sagte mir sehr deutlich, wie wenig er mir diese Erkl�rung abnahm. Aber er ging nicht weiter auf meine Worte ein, sondern wandte sich wieder dem Laden zu, streckte die Hand nach der T�rklinke aus und r�ttelte pr�fend daran.</p><p>Die T�r war offen.</p><p>Rowlf runzelte verwundert die Stirn, sah mich einen Herzschlag lang an und trat dann vollends in den Laden hinein. Ich folgte ihm, nicht, ohne vorher noch einen sichernden Blick auf die Stra�e zu werfen. Sie war noch immer leer.</p><p>Rowlf wartete, bis ich neben ihn getreten war, dann schob er die T�r vorsichtig wieder ins Schlo�, bedeutete mir mit Gesten, ein St�ck beiseite zu treten, und griff in die Tasche. Sekunden sp�ter gl�hte die gelbe Flamme eines Streichholzes auf und schuf eine flackernde Halbkugel aus Licht in der grauen D�mmerung, die den Laden erf�llte.</p><p>�Hallo?� machte Rowlf. �Is einer da?�</p><p>Er bekam keine Antwort. Das Streichholz brannte knisternd ab und erlosch, und Rowlf ri� ein zweites an. �Is hier einer?� rief er noch einmal. �Kaspa - biste da?�</p><p>Sekundenlang herrschte Stille, dann klangen irgendwo in der Dunkelheit vor uns Schritte auf. Rowlfs improvisierte Fackel erlosch wieder, und die Schritte kamen n�her, w�hrend er nach einem weiteren Z�ndh�lzchen kramte. Es waren sehr schwere Schritte. Nicht die Schritte des Mannes, als den Rowlf mir Gaspard beschrieben hatte. Instinktiv wich ich ein wenig weiter in die Dunkelheit zur�ck und legte die Hand auf den Griff meines Degens. Nach der Nacht, die hinter uns lag, hatte ich keine sonderliche Lust auf neuerliche �berraschungen.</p><p>�Zum Teufel - da ist doch einer!� raunzte Rowlf. �Sin Sie das, Kaspa?�</p><p>�Wenn Sie Monsieur Gaspard meinen, mein Freund, dann lautet die Antwort eindeutig nein�, antwortete eine Stimme aus der Dunkelheit. Ich kannte diese Stimme. Aber ich wu�te nicht, woher. Lautlos zog ich den Degen aus dem G�rtel.</p><p>Rowlf knurrte etwas Unverst�ndliches, ri� sein drittes Streichholz an und fluchte ungehemmt los, als der Schwefelkopf absprang und seine Finger versengte. Aus den Schatten vor ihm erscholl ein leises tiefes Lachen. �Sparen Sie sich die M�he, mein Freund�, sagte die Stimme. �Ich mache Licht - warten Sie.�</p><p>Sekunden sp�ter glomm das milde weiche Licht einer Petroleumlampe im hinteren Teil des Ladens auf, und ein schmalschultriger, wei�haariger Mann trat hinter einem der Regale hervor. In seinen Augen, die in ein Netz winziger ver�stelter F�ltchen eingebettet waren, glomm ein sp�ttisches Funkeln auf, als er erst Rowlf ansah und dann in meine Richtung blickte.</p><p>�Und auch Sie sollten mit dem Versteckspielen aufh�ren und herauskommen, Mister Craven. Und stecken Sie die Waffe weg. Wir sind nicht Ihre Feinde, das wissen Sie doch�, sagte Jean Balestrano.</p><empty-line/><p>�E5 auf F3�, sagte Sarim triumphierend. �Schach, mein lieber Freund.�</p><p>Howard duckte sich instinktiv, obwohl er wu�te, wie sinnlos es war. Sarims Springer - eine mehr als zwei Meter gro�e Scheu�lichkeit, die wie ein s�belzahniger Alptraum von Pferd aussah - sprang mit einem gewaltigen Satz auf das angegebene Feld und zermalmte Howards vorletzten Bauern. Ein Hagel winziger, scharfkantiger Stahlsplitter brach aus den N�stern des silbernen Riesenpferdes und traf Howards rechte Hand. Gleichzeitig zuckte ein blauwei�er Blitz aus der Stirn der Eisenkreatur und traf den schwarzen K�nig, und ein zweiter Schmerz zuckte durch Howards K�rper. Er fiel auf die Knie und stemmte sich mit letzter Kraft wieder hoch. Vor seinen Augen begann sich das Schachfeld zu verzerren.</p><p>�Dein Zug, mein Freund�, sagte de Laurec geh�ssig. �Und wenn ich dir einen Rat geben darf - streng dich ein wenig an. Matt in vier Z�gen, w�rde ich sagen.�</p><p>Howard ignorierte seine Worte und versuchte verzweifelt, sich auf das Spiel zu konzentrieren. Seine Gedanken wirbelten ziellos durcheinander, und jeder einzelne Schlag seines Herzens vibrierte als dumpfer Schmerz bis in seinen Sch�del. Wenn er sich nur konzentrieren k�nnte! Er hatte gespielt wie nie zuvor in seinem Leben. Mehr als die H�lfte von Sarims Figuren war geschlagen, aber auch die schwarzen Reihen hatten sich gelichtet - und f�r jede geschlagene Figur war eine neue Wunde in seinem K�rper hinzugekommen. Er hatte kaum noch die Kraft, zu stehen, und das Denken fiel ihm immer schwerer.</p><p>�E1 auf ... F1�, sagte er m�hsam. Rasselnd setzte sich sein K�nig in Bewegung und kroch von dem bedrohten Feld herunter. De Laurec sch�ttelte tadelnd den Kopf.</p><p>�Das war nicht besonders klug�, sagte er. �Du hast meine K�nigin �bersehen, f�rchte ich. Dame G8 schl�gt Bauer C4 und bietet Schach.�</p><p>Howard spannte sich, als die gewaltige silberne Dame diagonal �ber das Feld herangerast kam und seinen letzten Bauern niederwalzte. Ein handlanger Metallpfeil raste heran und bohrte sich in seine Schulter; eine halbe Sekunde sp�ter gl�hte der schwarze K�nig unter einer neuerlichen Entladung grellblauer elektrischer Energie auf. �F8 auf ... G8�, st�hnte Howard.</p><p>Sarim seufzte. �Du entt�uscht mich wirklich, Bruder�, sagte er. �Dame C4 auf D4 und schon wieder Schach.�</p><p>Diesmal bet�ubte ihn der elektrische Schock beinahe.</p><p>Sekundenlang versuchte Howard die schwarzen Schleier zu vertreiben, die sein Bewu�tsein zu verschlingen drohten. Sarims Gestalt schien sich wie in einem Zerrspiegel zu biegen, als er zu ihm aufsah.</p><p>�War das wirklich so klug?� fragte de Laurec. �Du wirst sterben, wenn du nicht acht gibst.�</p><p>�Das ... glaube ich nicht�, st�hnte Howard. �Du warst schon immer ein guter Spieler, Sarim, aber du machst noch heute die gleichen Fehler wie vor zehn Jahren.�</p><p>�Ach?� fragte de Laurec. �Und welche?�</p><p>�Du ziehst zu schnell�, murmelte Howard. Er wollte aufstehen, aber seine Muskeln versagten. �Dieser Zug ... kostet dich die K�nigin�, keuchte er. �Springer C2 schl�gt Dame D4.�</p><p>Mit letzter Kraft stemmte er sich hoch und sah zu seinem Pferd hin�ber. Die Figur r�hrte sich nicht.</p><p>�Was bedeutet das?� fl�sterte er. �Willst du ... mich betr�gen?�</p><p>De Laurec sch�ttelte den Kopf. �Keineswegs, Howard. So wenig, wie ich deinen Springer �bersehen habe. Ich m�chte dir nur Gelegenheit geben, dir diesen Zug noch einmal zu �berlegen. Ich spiele fair, wei�t du?�</p><p>M�hsam taumelte Howard auf die F��e, wischte sich mit der Hand Blut und Tr�nen aus den Augen und drehte den Kopf. Die verschiedenfarbigen Figuren und Felder begannen wie wild auf und ab zu h�pfen, und es kostete ihn unendliche �berwindung, die einzelnen Figuren und ihre komplizierten Stellungen zueinander zu erkennen. Er konnte kaum mehr denken. Er hatte die Falle, in die Sarims K�nigin gelaufen war, sorgsam aufgebaut und das zweifache Schach und den Schmerz, den es bedeutet hatte, bewu�t in Kauf genommen. Wenn de Laurecs K�nigin fiel, hatte er gewonnen. Selbst wenn seine Konzentration weiter sank, war seine zahlenm��ige �berlegenheit gro� genug, die wenigen verbliebenen wei�en Figuren einfach vom Brett zu fegen.</p><p>�Bleibst du dabei?� fragte Sarim l�chelnd.</p><p>Howard starrte ihn aus brennenden Augen an. �Warum sollte ich nicht?�</p><p>�Nun ...� Der <emphasis>Puppet-Master </emphasis>kam ein paar Schritte n�her und blieb unmittelbar neben der wei�en K�nigin stehen. �Vielleicht siehst du dir die Figur erst einmal genauer an.� Er l�chelt, hob die Hand und ber�hrte die schimmernde Metallbrust der menschengro�en Statue. Ein leises Klicken erscholl, und ein Teil des bizarren Gesichtsvisiers schob sich summend zur Seite. Dahinter kam ein bleiches, angstverzerrtes, menschliches Gesicht zum Vorschein.</p><p>Howard schrie auf. �Ophelie!� F�r einen Moment flammte der Zorn so heftig in ihm auf, da� er sogar den Schmerz und die Schw�che hinwegfegte. �Sarim!� br�llte er. �Du Ungeheuer. Du hast versprochen -�</p><p>�Was habe ich versprochen?� unterbrach ihn de Laurec eisig. �Ich habe versprochen, dir eine Chance zu geben. Die hast du bekommen. Besiege mich, wenn du kannst.� Er kicherte b�se. �Du brauchst nur diese K�nigin zu schlagen, und du hast praktisch gewonnen. Ich gebe zu, da� du der bessere Spieler bist. Also - bleibt es bei deinem Zug?�</p><empty-line/><p>�Sie h�tten nicht herkommen sollen, Mister Craven�, sagte Balestrano. Er sprach leise, fast ohne Betonung und sehr langsam, als m�sse er jedes einzelne Wort genau �berlegen, wie man es bei alten M�nnern h�ufig antrifft. Aber der Blick seiner Augen strafte den Eindruck von Alter und Gebrechlichkeit L�gen. So wie beim ersten Mal, als ich dem Oberhaupt des Templerordens begegnet war, sp�rte ich die Macht, die dieser Mann ausstrahlte, mit fast k�rperlicher Wucht.</p><p>�Wer is das?� schnappte Rowlf. �Kennste den Alten, Robert?�</p><p>Ich nickte, machte eine rasche, bes�nftigende Geste in Rowlfs Richtung und trat einen Schritt auf Balestrano zu.</p><p>�Was ... was wollen Sie hier?� fragte ich stockend. Ich hatte die �berraschung, ausgerechnet Jean Balestrano an diesem Ort zu treffen, noch immer nicht �berwunden. �Wir haben nichts mit Ihnen und Ihrer Sekte zu schaffen, Balestrano. Mischen Sie sich nicht ein.�</p><p>Der alte Templer seufzte. Ein Ausdruck von Trauer erschien in seinem Blick, den ich im ersten Moment nicht zu erkl�ren vermochte. �Sie werden verletzend, Robert�, sagte er leise. �Sie wissen sehr wohl, da� unser Orden keine Sekte ist. Und nicht wir mischen uns ein, sondern Sie sind es, der sich in Dinge einmischt, mit denen er absolut nichts zu schaffen hat. Was wollen Sie hier?�</p><p>�Wir suchen jemanden�, antwortete Rowlf grob.</p><p>�Monsieur Gaspard, nehme ich an�, sagte Balestrano. �Aber ich mu� Sie entt�uschen. Er ist nicht mehr hier.�</p><p>�Nicht mehr hier?� wiederholte ich. �Wo ist er? Was haben Sie mit ihm gemacht, Balestrano?�</p><p>�Gemacht?� Der Tempelritter l�chelte wieder sein sonderbares mildes L�cheln, sch�ttelte den Kopf und machte eine Bewegung mit der Linken, die den ganzen Laden einschlo�. �Wir haben nichts mit ihm gemacht, Robert�, sagte er sanft. �Ich habe lediglich daf�r gesorgt, da� er f�r eine Weile die Stadt verl��t, nachdem er Howard unsere Nachricht hat zukommen lassen.� Er l�chelte weiter, aber etwas in diesem L�cheln �nderte sich pl�tzlich; sein Blick wurde hart.</p><p>�Womit wir beim Thema w�ren�, fuhr er fort. �Ich nehme an, Sie beide sind hier, um nach Bruder Howard zu suchen.�</p><p>Rowlf wollte auffahren, aber ich brachte ihn mit einer beruhigenden Geste zum Schweigen und trat einen weiteren Schritt auf Balestrano zu. Die Schatten hinter ihm bewegten sich. Stoff raschelte, dann klirrte hinter und neben mir Metall. Wir waren nicht allein. �Nicht <emphasis>Bruder </emphasis>Howard, Balestrano�, sagte ich betont. �Wir suchen unseren <emphasis>Freund </emphasis>Howard. Ich hoffe, der kleine Unterschied ist Ihnen klar.�</p><p>Balestrano seufzte. �Robert, Robert�, murmelte er kopfsch�ttelnd. �Ich wei� einfach nicht, was ich mit Ihnen machen soll. Auf der einen Seite sind Sie ein wirklich begabter junger Mann, der tausend gute Gr�nde h�tte, auf unserer Seite zu stehen. Und noch dazu kann ich mich eines gewissen Gef�hls der Sympathie Ihnen gegen�ber nicht erwehren. Andererseits versuchen Sie st�ndig, sich in Angelegenheiten zu mischen, die Sie absolut nichts angehen.�</p><p>�Lassen Sie Howard frei, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Ihren Weg nie wieder zu kreuzen�, sagte ich zornig.</p><p>Balestrano antwortete nicht, sondern starrte mich sekundenlang durchdringend und mit einem sehr sonderbaren Blick an. Dann sch�ttelte er den Kopf und klatschte in die H�nde. F�nf hochgewachsene Gestalten in den wei�en Zeremoniengew�ndern der Templer l�sten sich aus den Schatten und umringten Rowlf und mich. Keiner von ihnen sagte ein Wort, aber ihre H�nde lagen drohend auf den Griffen der wuchtigen Breitschwerter, die in ihren G�rteln steckten.</p><p>Rowlf knurrte wie ein gereizter Hund. Aber selbst er schien einzusehen, wie sinnlos es w�re, mit Gewalt gegen diese �bermacht vorgehen zu wollen. Es waren nicht einfach nur f�nf M�nner, denen wir gegen�berstanden, sondern Tempelherren; M�nner, die zu der gef�rchtetsten Kriegerkaste geh�rten, die es vielleicht jemals gegeben hatte. Ich hatte einmal gesehen, wie sie zu k�mpfen verstanden. Und ich w�rde den Anblick niemals wieder vergessen.</p><p>So wenig, wie ich das Gesicht des dunkelhaarigen Templers vergessen w�rde, der direkt neben Balestrano Aufstellung genommen hatte.</p><p>�Ger�, murmelte ich. �Du also auch. Bist du hier, um nachzuholen, was dir in Amsterdam mi�lungen ist?�</p><p>Looskamp fuhr wie unter einem Hieb zusammen. Sein Blick flackerte, und ich sah, wie sich seine Hand fester um den Schwertgriff krampfte. �Ich kann dich verstehen, Robert�, sagte er leise. �Aber was ich getan habe, mu�te getan werden.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete ich. Pl�tzlich f�hlte ich Wut, Wut und den sinnlosen, aber fast �berm�chtigen Wunsch, ihn zu verletzen. �Ich bin vielleicht dumm, Ger, aber nicht ganz so dumm, wie du zu glauben scheinst. Ihr brauchtet einen K�der, um den W�chter des Labyrinths zu �berlisten. Aber du gestattest vielleicht, da� ich es nicht besonders lustig fand, dieser K�der zu sein.�</p><p>�Du hast es �berlebt, oder?� fragte Looskamp trotzig.</p><p>�Was nicht dein Verdienst ist�, schnappte ich. �Ein Mann ist gestorben, um mich aus der Falle zu befreien, in die du mich gelockt hast.�</p><p>�Bruder Looskamp�, sagte Balestrano scharf. �Craven! Was soll das? Ich bin nicht hier, um mir eure kindischen Streitereien anzuh�ren, sondern -�</p><p>�Sondern um sich davon zu �berzeugen, da� ich wieder einmal in eine Falle getappt bin�, fiel ich ihm ins Wort. �Darin scheint ihr alle ja wahre Meister zu sein. Im Fallenstellen, meine ich.�</p><p>In Balestranos Augen blitzte es auf. Aber seine Stimme klang so ruhig wie zuvor, als er antwortete. �Ich f�rchte, Sie verkennen die Lage, Robert. Wir sind keineswegs hier, um irgend jemanden in eine Falle zu locken. Im Gegenteil. Unser Hiersein dient eher Ihrem Schutz.�</p><p>�Schutz?� Ich lachte schrill. �Danke, Balestrano. Ihr <emphasis>Schutz </emphasis>ist mir zu riskant. Das letzte Mal habe ich ihn kaum �berlebt.�</p><p>�Sie sind ein Narr, Robert�, sagte der Tempelherr leise. �Als mir gemeldet wurde, da� Sie auf dem Weg nach Paris sind, habe ich bef�rchtet, da� Sie �rger machen werden. Mein Hiersein dient allein dem Zweck, Sie und Ihren schwachsinnigen Freund vor Schaden zu bewahren.�</p><p>�Schwachsinniger Freund?� fragte Rowlf verwirrt. �Wen meinste denn? Is hier noch einer?�</p><p>Balestrano blinzelte verst�rt, aber ich gab Rowlf keine Gelegenheit, eine weitere dumme Bemerkung anzubringen. �Wir sind also Ihre Gefangenen, wie?� fragte ich.</p><p>�Zu Ihrem eigenen Schutz, Robert�, best�tigte Balestrano. �Ich akzeptiere und ehre den Versuch, Ihren Freund Howard zu retten. Trotzdem mu� ich Sie daran hindern, sich weiter in unsere Angelegenheiten zu mischen.�</p><p>�Es ist nicht allein Ihre Angelegenheit, wenn Sie meinen besten Freund umbringen wollen, Balestrano�, antwortete ich zornig.</p><p>�Wir vollstrecken ein Urteil, Robert�, sagte Looskamp an Balestranos Stelle. �Wir bringen niemanden um.� Pl�tzlich klang seine Stimme erregt. �Zum Teufel, Robert - warum glaubst du, sind wir hier? Dein Freund Howard war klug genug, allein zu uns zu kommen, aber du mu�t dich ja unbedingt einmischen. Begreifst du nicht, da� Bruder Jean nichts als dein Wohl im Sinn hat? Du w�rdest ebenfalls get�tet, wenn du versuchen w�rdest, Howard zu retten. Wir sind zu deinem Schutz hier!�</p><p>�Ein sch�ner Schutz�, sagte ich b�se. �Ich bin der Bestie, die ihr auf mich angesetzt habt, dreimal mit knapper Not entkommen, und w�re Rowlf nicht im letzten Moment aufgetaucht, w�re ich jetzt schon tot. Ich verzichte auf einen solchen Schutz.�</p><p>Looskamp schwieg, und auch Balestrano blickte mich sekundenlang verwirrt an. �Ich f�rchte, ich verstehe Sie nicht ganz, Robert�, sagte er. �Wovon reden Sie?�</p><p>�Wovon ich rede?� Diesmal mu�te ich mich mit aller Macht beherrschen, um nicht loszuschreien. �Von diesem mechanischen Monstrum, das Sie auf meine F�hrte gesetzt haben, Balestrano!�</p><p>Der Ausdruck der Verwirrung in den Augen des alten Tempelherren wuchs. �Wovon reden Sie, Robert?� fragte er noch einmal. �Welches mechanische Monstrum? Was meinen Sie?�</p><p>�Eisenzahn�, sagte ich b�se.</p><p>�Eisenzahn?� Balestrano wirkte jetzt vollends verst�rt. �Wer soll das sein?�</p><p>�Blechkopp�, raunzte Rowlf. �Stell dich nicht dumm, Alter. Du wei�t genau, wen wir meinen.�</p><p>�Nein, das wei� ich nicht�, sagte Balestrano erregt. �Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon Sie reden. Ich wei� nichts von irgendeinem mechanischen Monstrum, geschweige denn von irgend jemandem namens Eisenzahn oder� - er stockte einen Moment und blickte stirnrunzelnd in Rowlfs Richtung - �Blechkopp.�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, welchen Namen Sie diesem Ungeheuer gegeben haben�, sagte ich zornig. �Aber Sie wissen sehr gut, wovon ich spreche. Ich meine die Mordmaschine, die mich im Zug �berfallen hat. Das Ding, das Sie gebaut haben, um -�</p><p>�Niemand von uns hat so etwas getan, Robert�, unterbrach mich Looskamp scharf. �Im Gegenteil. Bruder Jean hat strikten Befehl gegeben, da� dir kein Haar gekr�mmt wird.�</p><p>�Dann sind seine Befehle offenbar nicht richtig verstanden worden�, antwortete ich b�se.</p><p>�Das ist unm�glich!� behauptete Looskamp. �Niemand w�rde es wagen, seinen Worten nicht zu gehorchen.� Er funkelte mich an, sch�rzte w�tend die Lippen und f�gte hinzu: �Wer wei� - vielleicht hast du dir alles nur ausgedacht, um einen Grund zu haben, gegen uns vorzugehen.�</p><p>�Ausgedacht?� W�tend fuhr ich herum, stie� die Hand in die Rocktasche und zog das gl�serne Auge hervor, das ich im Gras neben dem Bahndamm gefunden hatte. �Und was ist das?� fragte ich, w�hrend ich ihm das Glasauge hinhielt. �Habe ich mir das vielleicht auch nur <emphasis>ausgedacht?</emphasis>�</p><p>Looskamp starrte sekundenlang abwechselnd mich und die schimmernde Glaskugel auf meiner Handfl�che an, dann streckte er den Arm aus, nahm das Kunstauge mit spitzen Fingern auf und hielt es Balestrano hin. Der wei�haarige Tempelherr betrachtete es fast eine Minute lang, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Aber der Ausdruck auf seinen Z�gen wandelte sich in dieser Zeit von Unglauben zuerst in Staunen, dann in Schrecken und schlie�lich Zorn. Schlie�lich gab er das Auge an Looskamp zur�ck und wandte sich wieder an mich.</p><p>�Woher haben Sie das, Robert?� fragte er.</p><p>Ich sagte es ihm. Balestrano h�rte mit unbewegtem Gesicht zu, tauschte einen raschen Blick mit Looskamp und forderte mich dann auf, die ganze Geschichte zu erz�hlen. Ich tat es, schnell und erregt, aber ohne irgend etwas hinzuzuf�gen oder wegzulassen. Balestrano wirkte best�rzt, als ich zu Ende gekommen war.</p><p>�Bruder de Laurec�, murmelte er. �Es gibt nur einen Mann unter uns, der so etwas erschaffen k�nnte.� Die Worte waren weniger an mich gerichtet, als zu ihm selbst, und ich h�rte den Schrecken, den er dabei empfand, deutlich aus seiner Stimme heraus.</p><p>�Aber das ist unm�glich!� sagte Looskamp. �Bruder Sarim w�rde niemals gegen Euren Befehl handeln, Bruder Jean!�</p><p>Balestrano schwieg eine ganze Weile. Als er schlie�lich antwortete, war seine Stimme ganz leise. �Wir werden es herausfinden, Bruder Looskamp�, sagte er. �Auf der Stelle. Kommt.�</p><empty-line/><p>Howards K�rper schien ein einziger Schmerz zu sein, und seine Gedanken weigerten sich, in geordneten Bahnen zu laufen. Das Schwarzwei�-Muster des Schachbrettes verzerrte und bog sich immer wieder vor seinem Blick.</p><p>�Warum gibst du nicht endlich auf?� fragte de Laurec. �Du hast keine Chance mehr, Howard. Matt in vier Z�gen.�</p><p>Howard st�hnte. Er wollte antworten, aber er konnte es nicht mehr. Alles in ihm war Schmerz.</p><p>�Wie du willst�, sagte de Laurec, als er nicht antwortete. �Dann bin ich wohl am Zuge, wie es aussieht. Dame A7 schl�gt Turm C7.�</p><p>Rasselnd und klirrend setzte sich seine K�nigin in Bewegung, erreichte das Feld, auf dem Howards Turm stand und zerschlug ihn mit einem einzigen Hieb ihrer gewaltigen Metallarme. Das riesige Eisengebilde st�rzte polternd in sich zusammen. Irgendwo im Inneren der Konstruktion blitzte es auf; ein faustgro�er feuriger Ball h�pfte auf Howard zu, prallte dicht vor seinen F��en vom Boden ab und rollte an seinem Bein entlang bis zur Schulter hinauf. Howard brach in die Knie und k�mpfte sekundenlang mit verzweifelter Anstrengung gegen die Bewu�tlosigkeit.</p><p>Seine Lage war aussichtslos. Er hatte gespielt wie nie zuvor in seinem Leben, trotz der Schmerzen und der Verzweiflung, die wie ein Gift in seinen Gedanken tobte, und de Laurecs Figuren regelrecht vom Brett gefegt, bis ihm nur noch der K�nig und die Dame verblieben waren. Trotzdem w�rde er verlieren, denn der <emphasis>Puppet-Master </emphasis>setzte seine Dame immer r�cksichtsloser ein. W�hrend der letzten halben Stunde hatte die wei�e K�nigin Howards Figuren nacheinander geschlagen. Und mit jedem Spielstein, der ausschied, bi� ein neuer, qu�lender Schmerz in seinen Leib. Keine der Wunden war wirklich gef�hrlich; aber sie alle zusammen w�rden ihn umbringen, wenn das Spiel noch lange dauerte.</p><p>�Sieh endlich ein, da� du keine Wahl mehr hast�, sagte Sarim. �Du hast noch den Springer und einen Turm. Den Turm nehme ich dir beim �bern�chsten Zug, und damit hast du verloren. Es sei denn, du schl�gst meine K�nigin.� Sarim kicherte. �Aber das wirst du nicht tun, nicht wahr?�</p><p>Howard hatte nicht mehr die Kraft, zu antworten. Sein Blick suchte die wei�e K�nigin und saugte sich an dem blassen M�dchengesicht hinter dem Stahlvisier fest, und in seiner Brust flammte ein neuer, viel tiefer gehender Schmerz auf. Er wu�te, da� de Laurec die Wahrheit sprach. Die Dame w�rde seinen Turm schlagen, und nur mit seinem K�nig und einem einzelnen Springer konnte er das Spiel nicht mehr gewinnen. W�re dies ein normales Spiel gewesen, h�tte er versuchen k�nnen, Sarims K�nig zu schlagen und so zumindest ein Remis herauszuholen. Aber nicht einmal das konnte er.</p><p>�Turm A6 auf E6�, murmelte er. �Schach.�</p><p>Seine Figur f�hrte den Zug gehorsam aus. Ein d�nner Blitz zuckte aus ihrer Vorderseite und traf den wei�en K�nig.</p><p>De Laurec lachte h�misch und stellte seine Dame zwischen Howards Turm und den bedrohten K�nig.</p><empty-line/><p>Das Gewitter war mit voller Kraft losgebrochen, ehe wir die halbe Strecke zu Sarim de Laurecs kleinem Chalet hinter uns gebracht hatten, und es war das schlimmste Gewitter, an das ich mich zu erinnern vermochte. Meine Taschenuhr beharrte darauf, da� es sieben Uhr und somit schon l�ngst Tag war. Aber der Himmel sagte das Gegenteil. Das Firmament hatte sich schwarz verf�rbt und spannte sich wie eine gewaltige Kuppel aus geschmolzenem Teer von Horizont zu Horizont, aber der Himmel schien zu brennen. Die Blitze zuckten so rasch hintereinander zu Boden, da� es manchmal minutenlang hell war; dann wieder bewegten sich die beiden Kutschen durch absolute Finsternis, die vom Klatschen des str�menden Regens und den Ger�uschen der Kutschen und Pferde erf�llt war. Es war ein Alptraum.</p><p>Obwohl wir fast eine Dreiviertelstunde unterwegs gewesen waren, hatten wir kaum ein Dutzend Worte miteinander gewechselt; und zu allem �berflu� hatten die Templer Rowlf und mich getrennt. Er war in den zweiten, gut f�nfzig Meter hinter uns fahrenden Wagen verfrachtet worden, nachdem zwei von Balestranos <emphasis>Br�dern </emphasis>seine Hand verarztet hatten.</p><p>Ohnehin war es eine sehr sonderbare Fahrt gewesen. Obwohl sich die beiden Templer, die Balestrano und mich begleiteten, keine M�he machten, irgendwie anders als drohend auszusehen und einer von ihnen sogar mit einem Dolch herumspielte, sp�rte ich, da� diese M�nner nicht meine Feinde waren. Balestrano hatte keinen Zweifel daran gelassen, da� wir seine Gefangenen waren. Aber wenn, dann zu unserem eigenen Schutz. Ich glaubte ihm. Ich habe stets gesp�rt, ob mein Gegen�ber mich belog oder die Wahrheit sprach, und ich war selten einem so ausgepr�gten Gef�hl von Wahrheit begegnet wie bei Balestrano. Die ganze Situation war absurd; gelinde ausgedr�ckt. Diese M�nner waren zusammengekommen, um meinen Freund zu t�ten, und sie machten nicht einmal einen Hehl daraus. Und trotzdem waren sie nicht meine Feinde.</p><p>Ich atmete innerlich auf, als wir nach einer Ewigkeit anhielten und Balestrano mir wortlos bedeutete, den Wagen zu verlassen. Der Regen klatschte mir wie eine nasse Hand ins Gesicht, und vor dem Hintergrund der unabl�ssig zuckenden Blitze wirkte das Haus, vor dem wir angehalten hatten, wie eine billige Theaterkulisse. Der zweite Wagen kam knarrend wenige Schritte neben uns zum Stehen. Die R�der versanken fast eine Handbreit tief in dem sumpfigen Morast, in den der stundenlange Regen den Weg verwandelt hatte, und als sich die T�r �ffnete und Rowlf - gefolgt von vier schweigenden M�nnern in dunklen Wetterm�nteln - ins Freie sprang, spritzte Wasser hoch.</p><p>Balestrano hob die Hand, und zwei seiner Begleiter huschten lautlos an uns vorbei, �ffneten das schmiedeeiserne Tor, das die brusthohe Gartenmauer vor uns durchbrach, und glitten hindurch. Eine halbe Minute sp�ter kam einer von ihnen zur�ck und nickte stumm. Erst dann gingen wir los. Mein Mi�trauen regte sich st�rker. Wenn dieses Haus einem von Balestranos <emphasis>Br�dern </emphasis>geh�rte - wozu dann diese �berfl�ssigen Sicherheitsma�nahmen?</p><p>Lautlos n�herten wir uns dem Haus. Der Regen str�mte immer dichter, und die Blitze zuckten jetzt so dicht hintereinander, da� der parkgro�e Garten des Anwesens fast taghell erleuchtet war. Die Luft knisterte von elektrischer Spannung, und der Donner rollte so m�chtig, als lieferten sich �ber uns zwei himmlische Heerscharen ein Artillerieduell.</p><p>Balestrano blieb stehen, als wir uns der T�r bis auf drei Schritte gen�hert hatten. Einer seiner Begleiter eilte voraus und streckte die Hand nach dem l�wenk�pfigen T�rklopfer aus, kam aber nicht dazu, ihn zu benutzen, denn in diesem Moment glitt das gewaltige Tor wie von Geisterhand bewegt nach innen. Balestrano ging los, als w�re so etwas das Selbstverst�ndlichste von der Welt, und auch seine Begleiter folgten ihm ohne das geringste Z�gern. Wohl oder �bel mu�ten auch Rowlf und ich das sonderbare Haus betreten, obgleich mir alles andere als wohl dabei in meiner Haut war.</p><p>Es war nicht nur die Tatsache, da� ich um Howards oder etwa um mein Leben f�rchtete. <emphasis>Diese </emphasis>Art der Angst kannte ich. Aber die Furcht, die ich jetzt sp�rte, war anderer Art. Es war, als sp�rte etwas in meiner Seele die Anwesenheit einer Gefahr, die meinen normalen menschlichen Sinnen noch verschlossen war.</p><p>Nun, was das anging - ich besa� noch ein paar mehr als die �blichen f�nf Sinne. W�hrend ich zwischen Balestrano und Looskamp durch die hohe, von elektrischem Licht beleuchtete Empfangshalle ging, versuchte ich den logischen Teil meines Denkens auszuschalten und mich auf die tiefer liegenden, animalischen Schichten meines Bewu�tseins zu konzentrieren; auf die Teile des menschlichen Geistes, die mich zu dem bef�higten, was die allermeisten Menschen mit Worten wie Zauberei und Magie bedacht h�tten, nur weil sie nicht in der Lage waren, die wirkliche Natur dieser Kr�fte zu erfassen.</p><p>Aber der Erfolg war gleich Null. Dieses Haus war ... tot. Ich sp�rte die Anwesenheit von Leben, aber es waren nur Rowlf und Balestrano und seine M�nner. Dann, nach Sekunden, f�hlte ich einen weiteren, menschlichen Geist. Ich konnte seine Gedanken nicht lesen - das habe ich nie gekonnt und wollte es auch nicht k�nnen -, aber ich sp�rte den Schmerz und die Verzweiflung, die ihn erf�llten. Und dann erkannte ich ihn.</p><p>Ich blieb so abrupt stehen, da� der hinter mir gehende Templer die Bewegung zu sp�t registrierte und in mich hineinrannte. �Howard�, sagte ich. �Howard ist hier, Rowlf.�</p><p>�Das wissen wir, Craven�, sagte Balestrano scharf, ehe Rowlf antworten konnte. �Begehen Sie jetzt keine Dummheit. Wenn Sie versuchen, Ihrem Freund zu helfen -�</p><p>�Werde ich auch zu Schaden kommen, ich wei߫, unterbrach ich ihn w�tend. �Warum haben Sie mich hergebracht, Balestrano? Glauben Sie im Ernst, ich sehe tatenlos zu, wie Sie meinen Freund abschlachten?�</p><p>�Ich f�rchte, Sie haben keine andere Wahl, mein Junge�, sagte er sanft. �Dies hier sind Dinge, die Sie nichts angehen.�</p><p>�Das werden wir sehen�, zischte ich.</p><p>Seltsamerweise antwortete Balestrano nicht mehr, sondern sah mich nur eine Sekunde lang mit sehr sonderbarem Blick an, ehe er sich abrupt abwandte und schnell weiterging.</p><p>Wir durchquerten die Halle, und Balestrano �ffnete eine niedrige T�r an ihrem gegen�berliegenden Ende. Ein schmaler, nur von einer einzelnen elektrischen Lampe erhellter Gang nahm uns auf. Ich betrachtete die sonderbare Lichtquelle neugierig, w�hrend ich hinter dem alten Templer durch den Korridor schritt. Nat�rlich hatte ich schon von elektrischem Licht geh�rt - das war eine dieser neumodischen (und s�ndhaft teuren) Erfindungen, die sich jetzt �berall auf dem Kontinent ausbreiteten und denen niemand im Ernst eine gro�e Zukunft zutraute. Aber es war das erste Mal, da� ich eine elektrische Lampe <emphasis>sah. </emphasis>Der Anblick verwirrte mich. Aber das h�tte der Anblick einer menschengro�en, sprechenden Puppe, die sich wie ein Wesen aus Fleisch und Blut bewegte, vor Tagesfrist auch noch getan.</p><p>Als wir das Ende des Ganges betraten, blieb Balestrano stehen. Wie vorhin am Tor gingen zwei seiner M�nner an ihm vorbei und verschwanden hinter der T�r, und wie vorhin warteten wir, da� sie wiederkamen.</p><p>Ich wandte mich an Looskamp, der einen halben Schritt hinter mir stehengeblieben war. �Bruder Jean scheint diesem Laurec nicht gerade zu trauen�, sagte ich.</p><p>Looskamp sah mich mit sonderbarem Ausdruck in den Augen an. �Unsinn�, sagte er, so schnell und so heftig, da� die Antwort kaum �berlegt war, sondern ganz automatisch zu erfolgen schien. Dann zuckte er mit den Achseln, starrte einen Moment zu Boden und nickte; wenn auch sehr widerwillig. �Vielleicht hast du sogar recht�, sagte er pl�tzlich. �Irgend etwas stimmt hier nicht.�</p><p>Balestrano sah auf. �Bruder Looskamp!� sagte er scharf. �Schweig!�</p><p>�Warum?� fragte ich w�tend. �Glauben Sie, ich w�re blind, alter Mann? Es gibt nur zwei Erkl�rungen f�r das, was ich hier sehe - entweder es ist bei euch Templern �blich, mit einer Armee und dem Schwert in der Hand eure Freunde zu besuchen, oder hier stimmt wirklich etwas nicht. Wer ist dieser Sarim?�</p><p>Balestrano schwieg einen Moment, dann seufzte er. �Sie haben recht, Craven�, sagte er. �Es w�re sinnlos, die Wahrheit zu leugnen. Bruder de Laurec ist der <emphasis>Puppet-Master </emphasis>unseres Ordens, der -�</p><p>�Der was?� unterbrach ich ihn.</p><p>Der greise Templer l�chelte verzeihend. �Es ist sein Talent. Macht �ber leblose Dinge zu gewinnen�, erkl�rte er. �So wie DeVries der <emphasis>Animal-Master </emphasis>war, dem die Herrschaft �ber die hirnlose Kreatur gegeben war.�</p><p>Ich begriff. �Der Herr �ber die leblosen Dinge�, murmelte ich. �Dann war diese ... Kreatur, die Rowlf und mich fast umgebracht h�tte, sein Werk?�</p><p>�Ich f�rchte es�, gestand Balestrano. �Das k�nstliche Auge, das Sie mir gaben - erinnern Sie sich?�</p><p>Das war die mit Abstand d�mlichste Frage, die ich in den letzten Wochen geh�rt hatte. Trotzdem nickte ich nur stumm.</p><p>�Es gibt nur einen Menschen auf der Welt, der so etwas erschaffen kann�, sagte Balestrano. Pl�tzlich wirkte er besorgt. �Bruder de Laurec. Er hat meinen Befehl mi�achtet. Und ich f�rchte, nicht nur diesen.� Er wandte sich an Looskamp, und seine Augen waren dunkel vor Sorge. �Wir h�tten es niemals ber�hren sollen, dieses Teufelsding.�</p><p>�Wovon reden Sie?� fragte ich.</p><p>�Von nichts�, sagte Looskamp rasch. �Jedenfalls nichts, was dich anginge, Robert.�</p><p>�Ach?� sagte ich spitz. �Wie zum Beispiel kristallene Gehirne, meinst du?�</p><p>Looskamp wollte auffahren, aber Balestrano brachte ihn mit einem raschen Wink zum Schweigen. �La� nur, Bruder Looskamp�, sagte er. �Craven hat nicht einmal so unrecht. Vielleicht war es ein Fehler, den Herrn des Labyrinths in unsere Gewalt bringen zu wollen. Dieses Ding ist von �bel und nicht f�r Menschenhand gedacht. Wir h�tten es zerst�ren sollen.�</p><p>�Was ... was bedeutet das?� fragte ich leise. Ein schrecklicher Verdacht begann in mir Gestalt anzunehmen. �Was haben Sie getan?�</p><p>�Wir haben versucht, die Macht des Gehirns unter unsere Kontrolle zu bringen, Craven�, antwortete er ernst. �Aber der Versuch scheiterte.�</p><p>�Scheiterte? Was geschah?�</p><p>�Nichts, was einer von uns erkl�ren k�nnte�, erwiderte Balestrano ausweichend. �Nur soviel - um ein Haar w�ren ich und alle, die Sie hier sehen, ums Leben gekommen. Bruder de Laurec war es, der uns rettete.� Er schwieg eine Sekunde. �Aber ich f�rchte�, f�gte er dann hinzu, �da� irgend etwas mit ihm geschehen ist.�</p><p>Die T�r am Ende des Ganges wurde ge�ffnet, und einer der beiden Templer kam zur�ck. Er hatte Hut und Mantel abgestreift und trug jetzt nur noch das Zeremoniengewand des Ordens - schwarze Hosen, ein feingewebtes Kettenhemd, das in einer Art Kapuze endete, und dar�ber ein wei�es Hemd mit dem gleichschenkeligen Kreuz des Templerordens. In seiner Rechten blitzte ein Schwert. Balestrano wandte sich um und sah ihn fragend an.</p><p>Der Mann nickte, trat beiseite und machte eine einladende Handbewegung. Dicht hinter Balestrano verlie�en wir den Gang und traten in einen weiteren, nur schwach beleuchteten Korridor hinaus. Eine Treppe f�hrte an seinem jenseitigen Ende in die H�he. Der Templer deutete schweigend mit dem Schwert hinauf, und wir gingen weiter.</p><p>Am oberen Ende der Treppe befand sich eine einzelne, nur angelehnte T�r. Flackerndes elektrisches Licht drang durch ihre Ritzen, und als ich hinter Balestrano hindurchtrat, bot sich mir ein Anblick, der mir im wahrsten Sinne des Wortes den Atem stocken lie�.</p><p>Wir standen auf einer schmalen, von einem brusthohen Gel�nder gesicherten Galerie, unter der sich ein gewaltiger, rechteckiger Saal ausdehnte. Eine Unzahl elektrisch betriebener Kronleuchter, deren Birnen bei jedem Blitz, der drau�en niederzuckte, hektisch zu flackern begannen, beleuchtete die bizarre Szene:</p><p>Der Fu�boden der Halle war mit gewaltigen schwarzen und wei�en Fliesen ausgelegt. Fliesen, deren Muster ein �bergro�es Schachbrett bildeten. Ein Feld, auf dem die grausamste Parodie dieses Spiels der K�nige ablief, die man sich nur denken konnte.</p><p>Die meisten Figuren waren bereits ausgeschieden und lagen zermalmt und teilweise bis zur Unkenntlichkeit zerst�rt am Rande des Spielfeldes; ein gewaltiger Haufen ineinandergeknoteter metallener Leiber und Glieder. F�nf der sieben Figuren, die noch auf dem Feld standen, waren Maschinen. Schreckliche, ins Riesenhafte vergr��erte Karikaturen von Schachfiguren, deren blo�er Anblick mir einen eisigen Schauer �ber den R�cken jagte. Die beiden K�nige waren zweieinhalb Meter hohe Giganten, die nur aus Stacheln und rei�enden Klingen zu bestehen schienen und in unheimlichem elektrischem Licht gl�hten. Die zwei Springer waren riesenhafte, gr��lich verzerrte Pferdek�pfe auf einem metallenen Torso, und die Dame, die neben dem wei�en K�nig stand, �hnelte jenem geschmackvollen Folterinstrument, das ich unter dem Namen Eiserne Jungfrau kannte - nur da� ihre Stacheln nach au�en gekehrt waren.</p><p>Die beiden letzten Figuren schlie�lich waren Menschen. Es dauerte einen Moment, bis ich den einen von ihnen erkannte, denn das Licht flackerte ununterbrochen und tauchte das Spielfeld in verwirrende Muster.</p><p>�Howard!� keuchte ich. �Um Gottes willen - das ist Howard!�</p><p>Instinktiv wollte ich loslaufen, aber Looskamp ergriff mich beim Arm und zerrte mich so heftig zur�ck, da� ich vor Schmerz aufst�hnte. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie zwei der Templer ihre Schwerter zogen und die Waffen drohend auf Rowlf richteten.</p><p>Die zweite Gestalt unten auf dem Spielfeld sah auf, als sie meine Stimme h�rte. F�r einen Moment begegnete ich dem Blick zweier dunkler, stechender Augen, dann wandte der Mann den Kopf, sah Balestrano an und nickte knapp. �Bruder Jean.�</p><p>�Was bedeutet das?� fragte Balestrano scharf. �Was soll das alles, Sarim? Rede!�</p><p>�Ich f�hre nur Euren Befehl aus, Bruder�, erwiderte Sarim de Laurec. Seine Stimme klang sp�ttisch. �Die Exekution des Verr�ters Lovecraft.�</p><p>�Ich gab dir den Auftrag, ihn zu t�ten�, sagte Balestrano zornig. �Nicht, ihn zu Tode zu foltern.�</p><p>�Wer spricht hier von Folter?� sagte de Laurec l�chelnd. �Bruder Howard ist aus freien St�cken hier - fragt ihn selbst.�</p><p>�Stimmt das?� fragte Balestrano.</p><p>Howard hob m�hsam den Kopf. Er hockte auf den Knien und schien kaum noch die Kraft zu haben, sich zu bewegen, und als er sich zu der Galerie umwandte, auf der wir standen, sah ich, da� seine Kleider blutig waren. Aus seiner rechten Schulter ragte etwas, das aus der Entfernung wie ein abgebrochener Degen aussah. Sein Gesicht war eine Maske der Pein.</p><p>Ich st�hnte vor Zorn und stemmte mich instinktiv gegen Looskamps Griff. Die Finger des Flamen suchten eine bestimmte Stelle an meinem Hals und dr�ckten kurz und warnend zu. Mein Widerstand erlahmte. Ich kannte diesen Griff.</p><p>�Er hat recht, Jean�, st�hnte Howard. �Misch dich nicht ein. Es ... es ist mein freier Wille.�</p><p>�Howard!� br�llte ich. �Was soll das hei�en? Was geschieht hier?�</p><p>Howard sah auf, als w�rde er mich erst jetzt erkennen. Ein mattes L�cheln huschte �ber seine Z�ge und verschwand wieder unter dem Ausdruck von Qual. �Misch dich nicht ein, Robert�, fl�sterte er. �Was hier geschieht, geht dich nichts an.�</p><p>Einen Moment lang starrte ich ihn an, dann befreite ich mich - ganz langsam, um ihn nicht zu einer Unbesonnenheit zu verleiten - aus Looskamps Griff, trat vollendes an die Br�stung heran und starrte auf den dunkelh�utigen Mann herab, der wenige Schritte neben Howard stand.</p><p>�De Laurec�, murmelte ich. �Was tun Sie da? Ich warne Sie - ich werde Sie eigenh�ndig umbringen, wenn Sie Howard -�</p><p>�Halten Sie den Mund, Craven�, unterbrach mich de Laurec kalt. �Ein Mann, der eigentlich schon tot sein m��te, sollte keine Drohungen aussto�en. Um so weniger, wenn er nicht in der Lage ist, sie wahr zu machen. Aber wenn es Sie beruhigt, sage ich es noch einmal: Ihr <emphasis>Freund� - </emphasis>er betonte das Wort auf eine Art, die allein Grund genug f�r mich gewesen w�re, ihn umzubringen - �ist vollkommen freiwillig hier. Ich gab ihm die Chance, um sein Leben zu spielen, und das ist schon mehr, als ihm zusteht.�</p><p>�Spielen?� sagte ich. �Was f�r eine Art von Spiel soll das sein?�</p><p>De Laurec lachte abf�llig. �Ein Intelligenzspiel, Craven. Machen Sie sich nichts daraus, wenn Sie es nicht verstehen. Man nennt es Schach. Vielleicht haben Sie schon davon geh�rt.� Er grinste, kam ein paar Schritte n�her und wandte sich wieder an Balestrano. �Nat�rlich kann ich ihn auch gleich t�ten, wenn Ihr es befehlt, Bruder Jean.�</p><p>Balestranos Gesicht war wie aus Stein. �Warum hast du meinen Befehl mi�achtet, Sarim?� fragte er, als h�tte er de Laurecs Frage gar nicht geh�rt. �Warum hast du den Eliminator auf Craven angesetzt? Du wei�t, da� diese Maschine niemals ohne meine Einwilligung benutzt werden darf.�</p><p>�Das ist eine lange Geschichte�, erkl�rte de Laurec. �Wenn Ihr gestattet, erz�hle ich sie Euch, sobald ich mit Howard fertig bin. Es dauert nicht mehr lange.�</p><p>�Nein - ich gestatte nicht�, sagte Balestrano �rgerlich. �Ich verlange eine Antwort, Sarim! Ich habe ausdr�cklich befohlen -�</p><p>�Verzeiht, Bruder�, fiel ihm de Laurec ins Wort. �Aber Ihr habt nichts mehr zu befehlen.�</p><p>Balestrano erstarrte. Ein Schlag ins Gesicht h�tte ihn kaum weniger �berraschend treffen k�nnen als die Worte de Laurecs. �Was�, murmelte er. �Was ... was soll das hei�en?�</p><p>�Das, was ich gesagt habe�, sagte de Laurec kalt. �Ich verweigere dir den Gehorsam, du alter Narr. Du wirst niemandem mehr befehlen.�</p><p>Looskamp war mit einem einzigen Schritt neben mir. �Daf�r wirst du dich verantworten m�ssen, Sarim!� sagte er drohend.</p><p>�Ich befehle dir, mit diesem grausamen Spiel aufzuh�ren und hierher zu kommen.�</p><p>�Ach ja?� sagte die Laurec l�chelnd. �Und wenn ich nicht gehorche?�</p><p>Looskamp legte die Hand auf das Schwert. �Dann t�te ich dich�, sagte er leise.</p><p>Sarim de Laurec lachte leise. �Warum versuchst du es nicht, Bruder?� sagte er. �Vorausgesetzt, du bringst das Kunstst�ck fertig, lebendig hier zu mir herunter zu kommen�, f�gte er hinzu. Damit hob er die Arme und klatschte in die H�nde.</p><p>Looskamp stie� ein zorniges Knurren aus, ri� sein Schwert aus dem G�rtel und rannte, Balestranos Rufe, der ihn zur�ckhalten wollte, ignorierend, zum Ende der Galerie und auf die Treppe zu, die hinunter in die Halle f�hrte.</p><p>Er hatte noch nicht einmal die erste Stufe erreicht, als unten ein schreckliches Klirren und Scheppern anhob. Eine rasche, zuckende Bewegung ging durch den Haufen zermalmter Riesenfiguren, der neben dem Schlachfeld aufgeschichtet war - und dann erhoben sich zwei, drei der grausigen Metallskulpturen und bewegten sich wie ungeschickte Riesen auf die Treppe und den heranst�rmenden Templer zu!</p><p>�Um Gottes willen!� keuchte Balestrano. �Zur�ck, Bruder Looskamp! Zur�ck!�</p><p>Aber Ger schien taub geworden zu sein. Mit unverminderter Geschwindigkeit st�rmte er die Treppe hinab, schwang sein gewaltiges Schwert und griff die vorderste der Riesenfiguren an. Seine Klinge schnitt einen silbernen Blitz in die Luft, traf mit ungeheurer Kraft auf den stachelbewehrten Stahlsch�del des Ungeheuers - und brach ab.</p><p>Looskamp schrie, prallte, von der Wucht seines eigenen Hiebes nach vorne gerissen, gegen die Maschine - und schrie gleich darauf ein zweites Mal und jetzt vor Schmerz, als sich der gekr�mmte Dolch, den das Ding anstelle eines Armes hatte, in seinen Oberschenkel bohrte.</p><p>De Laurec klatschte abermals in die H�nde. Der Stahlgigant erstarrte.</p><p>�Ihr seht, Br�der�, sagte er kalt, �es gibt nichts, was ich zu f�rchten h�tte. Nicht hier.�</p><p>�Was soll das hei�en, Sarim?� sagte Balestrano.</p><p>De Laurecs Blick war so hart wie der Stahl, aus dem seine Horrorgesch�pfe geschmiedet waren. �Begreifst du das wirklich nicht, du alter Narr?� fragte er. �Deine Tage sind gez�hlt.� Er deutete erst auf mich, dann auf Balestrano. �W�re es diesem jungen Narren nicht gelungen, den Eliminator zu vernichten, dann w�rest du der n�chste gewesen, den er besucht h�tte. Aber nun seid ihr ja alle freiwillig gekommen. Das erleichtert mir die Sache. Ihr werdet sterben.�</p><p>�Und dann?� fragte Balestrano, so ruhig, als h�tte er die Drohung in de Laurecs Worten gar nicht geh�rt. �Was h�ttest du davon? Es w�rden andere kommen. Du kannst nicht alle t�ten.�</p><p>�Wer sagt, da� ich das vorhabe?� fragte de Laurec l�chelnd. �Ich werde der einzige sein, der der Heimt�cke Cravens entgeht. Nicht, ohne ihn vorher zu t�ten, versteht sich.�</p><p>�Du Verr�ter!� br�llte Looskamp. �Damit kommst du nicht durch.�</p><p>�O doch, Bruder Looskamp�, murmelte Balestrano dumpf. �Ich f�rchte, er k�nnte es.�</p><p>De Laurec verbeugte sich sp�ttisch. �Euer Zutrauen ehrt mich, Bruder�, sagte er. �Um so mehr, als Ihr recht habt. Wenn dies alles hier vorbei ist, dann werde ich der neue Herr der Templerloge sein. Und ich f�rchte, es wird ein paar ... Ver�nderungen geben. Zum ersten werden wir diesen l�stigen Necron und seine n�rrischen Anh�nger vernichten. Dann sehen wir weiter.�</p><p>�Du Narr�, murmelte Balestrano. �Du hast nichts verstanden. Der Orden der Tempelherren war niemals eine Bruderschaft des Schwertes. Du wirst keinen Erfolg haben, wenn du versuchst, ihn dazu zu machen.�</p><p>��berla�t das getrost mir�, sagte de Laurec lakonisch.</p><p>�Bringt ihn um!� kreischte Looskamp. �Nehmt eure Waffen und erschlagt diesen Verr�ter endlich, Br�der!� Drei, vier M�nner aus Balestranos Begleitung zogen auch unverz�glich ihre Schwerter und machten Anstalten, seiner Aufforderung zu folgen.</p><p>De Laurec sch�rzte nur abf�llig die Lippen und klatschte wieder in die H�nde. Neben dem Schachfeld erhob sich ein gutes Dutzend der eisernen Kreaturen und n�herte sich klappernd und scharrend der Treppe, und auch aus dem Gang, durch den wir gekommen waren, ert�nten pl�tzlich metallisch klingende Laute. Ich machte mir nicht einmal die M�he, mich herumzudrehen. Ich wu�te, was hinter uns war. Und auch die Templer schienen zu begreifen, wie sinnlos es w�re, gegen diese seelenlosen Maschinen k�mpfen zu wollen. Einer nach dem anderen blieb wieder stehen, w�hrend die Maschinen rasselnd durch den Saal glitten und die Treppe hinaufzuscheppern begannen. Schlie�lich bildeten sie an beiden Seiten der Galerie eine undurchdringliche Mauer und blieben weiter stehen.</p><p>�Nun, wo die Verh�ltnisse gekl�rt w�ren�, sagte de Laurec sp�ttisch, �werdet ihr gestatten, da� ich erst einmal eine Angelegenheit zu Ende bringe, ehe ich mich der n�chsten zuwende.� Er kicherte, ging wieder zu seinem Feld zur�ck und winkte mit der Hand.</p><p>�Auf, Bruder Howard�, sagte er sp�ttisch. �Zeig unseren G�sten, wie meisterlich du das k�nigliche Spiel beherrschst.�</p><p>Howard st�hnte. Vergeblich versuchte er, sich auf die F��e zu stemmen, brach wieder zusammen und murmelte etwas, das ich nicht verstand. Aber sein letzter verbliebener Offizier - ein Springer - setzte sich rasselnd in Bewegung und bedrohte de Laurecs K�nig. Der <emphasis>Puppet-Master </emphasis>machte nicht einmal den Versuch, dem drohenden Schach zu entgehen, sondern zog seine Dame �ber das Feld, um Howards Springer zu jagen.</p><p>Trotz der aberwitzigen Situation, in der wir uns befanden, schlug mich das Spiel rasch in seinen Bann. Ich hatte ein paarmal den Gr��enwahn aufgebracht, mit Howard Schach zu spielen, und wu�te, wie gut er war - und er bewies seine Meisterschaft auch jetzt, trotz des erb�rmlichen Zustandes, in dem er sich befand. Immer wieder entgingen sein K�nig und der Springer den Nachstellungen der wei�en Dame, und immer wieder brachte er das Kunstst�ck fertig, de Laurecs K�nig mit nur einem Offizier vor sich herzutreiben. Aber auf Dauer w�rde es ihm nichts nutzen. Selbst der beste Schachspieler der Welt kann einen K�nig nicht nur mit seinem eigenen K�nig und einem Springer matt setzen. Es ist unm�glich. Trotzdem spielte er mit einer Meisterschaft, die jeden anderen nach sp�testens zehn Minuten total entnervt h�tte.</p><p>De Laurec nicht. Im Gegenteil. Je mehr ihn Howard vor sich hertrieb, desto am�sierter wirkte er. Und er spielte - gelinde ausgedr�ckt - wie der letzte Trottel. Schlie�lich besa� er den Nerv, seine Dame direkt neben Howards K�nig zu plazieren und kichernd �Schach� zu rufen.</p><p>Mein Unterkiefer klappte vor Unglauben herunter, als sich Howard unter einem elektrischen Blitz kr�mmte, m�hsam wieder zu Atem kam - und seinen K�nig zur�ckzog, statt die Dame zu schlagen, die vollkommen ungesch�tzt neben ihm stand!</p><p>�Howard!� br�llte ich. �Bist du von Sinnen? Warum schl�gst du sie nicht?�</p><p>Howard st�hnte, und wie zur Antwort stie� die Laurec ein neuerliches, fast wahnsinnig klingendes Kichern aus. �Das ist ja gerade der Trick, Craven�, br�llte er triumphierend. �Er k�nnte es, aber er will es nicht. Dann w�rde n�mlich seine kleine Freundin mit dran glauben m�ssen, wissen Sie?�</p><p>Verwirrt sah ich mir die wei�e K�nigin genauer an. Im ersten Moment erkannte ich nichts als den eisgewordenen Alptraum, den ich die ganze Zeit gesehen hatte - aber dann erhaschte ich einen Blick unter ihr Visier, und was ich dort sah, lie� mir das Blut in den Adern gerinnen.</p><p>Es war ein M�dchengesicht. Ein blasses, von dunklem Haar eingerahmtes Gesicht, dessen Augen schwarz vor Furcht geworden waren.</p><p>Sarim br�llte vor Lachen, schlug sich vergn�gt auf die Oberschenkel - und bot Howard ein weiteres Mal Schach. Diesmal ging Howard f�r fast eine Minute zu Boden, ehe er wieder soweit bei Atem war, seinen K�nig zur�ckzuziehen.</p><p>Meine Gedanken schienen sich zu �berschlagen, w�hrend unter uns das ungleiche Spiel weiterging. Ich versuchte erst gar nicht dar�ber nachzudenken, wer diese Frau war oder was Howard mit ihr zu schaffen hatte. Wer immer sie war, schien sie ihm wichtig genug, sein eigenes Leben und das unsere zu opfern, um sie zu retten. Das mu�te ich akzeptieren.</p><p>Und de Laurec nutzte es gnadenlos aus. Seine Dame huschte in Z�gen, die einem auch nur mittelm��igen Schachspieler die Tr�nen in die Augen getrieben h�tten, �ber das Feld, jagten Howards K�nig hierhin und dorthin und scheuchte praktisch im Vorbeigehen noch seinen Springer umher. Vor den Fenstern tobte das Gewitter immer heftiger. Blitze warfen zuckende Reflexe in die Halle.</p><p>Aber Howard gab nicht auf. Er kr�mmte sich ununterbrochen vor Schmerz und Schw�che - aber er spielte wie ein junger Gott. Immer wieder griff sein Springer an, bedrohte de Laurecs K�nig und zwang seine Dame so, das Kesseltreiben auf seinen eigenen K�nig wenigstens f�r eine Weile zu unterbrechen.</p><p>Schlie�lich brachte er sogar das Kunstst�ck fertig, de Laurecs verbliebenen Springer in eine Falle zu locken und zu schlagen.</p><p>Sarim de Laurec bekam einen Lachanfall.</p><p>�Phantastisch, Bruder, phantastisch!� br�llte er, wobei er aus Leibeskr�ften applaudierte und sich zwischendurch die Tr�nen aus den Augen wischte. �Du spielst wirklich gut. Wenn nur diese dumme, dumme Dame nicht w�re, wie?� Und damit bot er Howard abermals Schach.</p><p>Ich glaubte den Schmerz zu sp�ren, der Howards K�rper sch�ttelte, als ihn der elektrische Blitz traf. Verzweifelt starrte ich auf das Schachbrett und die gigantischen Figuren hinunter. Meine Gedanken �berschlugen sich. Wenn ich ihm nur helfen k�nnte! Aber ich konnte nicht gegen Maschinen k�mpfen. Meine magischen Kr�fte, die mich schon mehrmals aus brenzligen Situationen herausgeholt hatten, versagten hier. Geistlose Maschinen waren gegen Hypnose ziemlich immun.</p><p>Aber ich war verzweifelt genug, es zu versuchen. Wenn man ertrinkt, greift man sogar nach einer Seifenblase, wenn gerade kein Strohhalm bei der Hand ist.</p><p>Mit aller Macht konzentrierte ich mich, starrte den wei�en K�nig an und f�hlte ... nichts.</p><p>Nat�rlich nichts. Was hatte ich erwartet? Die einzigen Lebewesen dort unten waren Howard und de Laurec. Alles andere waren Maschinen.</p><p>Die einzigen Lebewesen?</p><p>Es dauerte eine endlose Sekunde, bis ich begriff. Wie in einer blitzartigen Vision sah ich noch einmal das glatte, so t�uschend echte Gesicht Eisenzahns vor mir, sp�rte noch einmal den Unglauben, als ich begriff, da� er kein Lebewesen war, sondern ein Automat ...</p><p>Und dann dauerte es noch einmal eine Sekunde, bis ich meinen Schrecken �berwand und mich nach vorne warf; so heftig, da� die steinerne Br�stung unter meinem Anprall bebte.</p><p>�Howard!� schrie ich mit �berschnappender Stimme. �Die Dame! Vernichte die Dame. <emphasis>Sie ist eine Maschine.�</emphasis></p><p>Meine Stimme ging fast im Bersten eines weiteren, gewaltigen Donnerschlages unter, aber Sarim fuhr trotzdem mit einem w�tenden Zischen herum, und auch Howard erstarrte f�r eine endlose Sekunde. Dann flammten seine Augen auf, und ein grauenhafter Schrei brach �ber seine Lippen.</p><p>�Craven!� br�llte de Laurec. �Halten Sie sich raus, oder -�</p><p>�Springer B8 auf C6�, sagte Howard laut. �Schach!� Sarim fluchte, starrte mich einen Moment ha�erf�llt an und wirbelte dann herum. �K�nig E5 auf E6�, sagte er. �Das nutzt dir nichts mehr, Howard. Gib auf.�</p><p>�Springer C6 auf D4�, erwiderte Howard. �Schach.� De Laurec fluchte noch lauter, ballte die F�uste und starrte zu mir herauf, als wolle er mich mit Blicken t�ten. �K�nig E6 auf E7�, sagte er. �Was soll das, Howard? Du bekommst mich nicht.�</p><p>�Nein?� fragte Howard kalt. Von seiner Schw�che war nichts mehr geblieben. Hoch aufgerichtet stand er da und starrte abwechselnd de Laurec und seinen K�nig an. Aber seine Stimme bebte, als er weitersprach. �Vielleicht habe ich dich schon, Bruder. Auf diesen Zug bist du schon vor zehn Jahren immer wieder hereingefallen. Wie ich sehe, hast du nichts dazugelernt.� Er hob die Hand und deutete auf seinen Springer.</p><p>�Springer D4 auf F5, Sarim. Schach und Gardez.� Seine Figur f�hrte den Zug gehorsam aus, und de Laurec stie� einen gellenden Wutschrei aus, als zwei d�nne, knisternde Blitze aus den Augen des Stahlpferdes schossen und seinen K�nig und seine Dame gleichzeitig trafen. Von drau�en ert�nte ein ungeheuerlicher Donnerschlag, wie um seine Worte zu unterstreichen.</p><p>�Damit kommst du nicht durch, Howard�, kreischte Sarim. �Du betr�gst! Es war nicht vereinbart, da� dir irgend jemand helfen darf.�</p><p>�Dein Zug!� sagte Howard kalt.</p><p>De Laurec starrte ihn eine endlose Sekunde lang an. Dann l�chelte er wieder. �Was glaubst du, gewonnen zu haben?� fragte er schlie�lich. �Ich gebe zu, da� ich beim n�chsten Zug meine Dame verliere - aber damit steht das Spiel allerh�chstens unentschieden. Es war ausgemacht, da� du gewinnen mu�t.�</p><p>�Du betr�gst�, stellte Howard fest. �Ich h�tte es mir denken k�nnen. Du hast schon immer gerne betrogen.�</p><p>�Schweig!� br�llte de Laurec. �Es spielt keine Rolle mehr, ob ich betr�ge oder nicht. Ihr werdet so oder so sterben.� Er kicherte, hob den Arm und deutete auf seinen K�nig. �E7 auf E8�, sagte er. �Nimm dir die Dame, wenn es dir Freude bereitet. Du verlierst trotzdem.�</p><p>Howard schlug seine Dame. Die gewaltige Stahlkreatur verging in einem grellen Blitz, der auch Howards Springer zerfetzte, aber de Laurecs Reaktion bestand in einem abf�lligen Verziehen der Lippen.</p><p>�Bravo, Howard�, sagte er kalt. �Mein Kompliment. Du hast phantastisch gespielt. Aus diesem Grunde gew�hre ich dir sogar eine weitere Gnade - du darfst noch leben und zusehen, wie deine Freunde sterben - allen voran dieser Narr Craven.�</p><p>Und in diesem Moment erwachten die riesigen Schachfiguren abermals zum Leben.</p><p>Ich h�rte einen Schrei, wirbelte herum und sah, wie Looskamp auf H�nden und F��en die Treppe hinaufzukriechen begann, verfolgt von einem Ding, das wie der Alptraum eines Eisenskorpions aussah. Auch von der anderen Seite her r�ckten die gigantischen Killermaschinen heran.</p><p>Die Templer wichen zur�ck, zogen ihre Schwerter blank und bildeten einen dicht geschlossenen Kreis um Balestrano und mich. Nicht, da� es etwas nutzen w�rde. Eine einzige dieser Maschinen mu�te reichen, uns alle zu t�ten. Und wir standen gleich drei�ig dieser st�hlernen Monster gegen�ber. Langsam, aber unaufhaltsam, r�ckten sie n�her.</p><p>�Jetzt sterbt ihr�, kreischte de Laurec. �Ihr habt euch zu fr�h gefreut. Der Sieg ist mein!�</p><p>Ich starrte den n�herr�ckenden Maschinen entgegen, sch�tzte hastig die Zeit ab, die mir noch blieb, und warf einen letzten Blick in die Halle hinunter. De Laurec sah mich direkt an. Vielleicht w�re dies der richtige Moment f�r eine theatralische - oder auch nur h�mische - Bemerkung gewesen, aber dazu fehlte mir die Zeit.</p><p>Ich stie� Balestrano und den Templer, der vor ihm stand, zur Seite, sprang den Schachm�rdern entgegen und ri� beide Arme in die H�he. Meine Lippen formten Worte, die ich vor Jahren auswendig gelernt und schon fast wieder vergessen hatte, und mein Geist tat Dinge, die ich selbst nicht wirklich verstand und die ich im Grunde niemals hatte k�nnen wollen.</p><p>Aber sie wirkten.</p><p>F�r einen kurzen Moment hatte ich das Gef�hl, eins mit dem tobenden Gewitter drau�en �ber dem Land zu sein, keinen K�rper zu haben, sondern nur noch aus pulsierender, berstender Kraft und Licht und Hitze zu bestehen, dann -</p><p>Ein unglaublicher Donnerschlag lie� das Geb�ude erzittern.</p><p>Die elektrische Beleuchtung erlosch. Knallend zerbarsten die Gl�hbirnen, und einer der Kronleuchter brach aus seiner Halterung und st�rzte zu Boden. Blaue, zischende Elmsfeuer rasten durch den Saal, sprangen �ber Steine und Menschen und Metall und erloschen. Dann explodierten die Fensterscheiben. Alle auf einmal und nach innen.</p><p>Ein grellwei�er Blitz zuckte durch eines der zerborstenen Fenster herein, schlug in den Boden und raste in irrsinnigem Zickzack durch die Halle, um die Maschinenmenschen zu treffen und zu wei�gl�hendem Schrott zu verschmelzen.</p><p>Aber davon merkte ich schon nichts mehr. Ich verlor das Bewu�tsein und ging zu Boden. Allm�hlich bekam ich auch darin Routine.</p><p>Diesmal dauerte es Stunden, bis ich erwachte. Ich lag auf einer Couch in einem kleinen, behaglich eingerichteten Salon, und das erste, was ich sah, war das ausgegl�hte Skelett eines elektrischen Kronleuchters, der �ber mir an der Decke pendelte. Dann regte sich etwas neben mir, und als ich den Kopf wandte, erkannte ich das faltenzerfurchte Gesicht Jean Balestranos. In seinen Augen stand eine Mischung aus vorsichtiger Erleichterung - und Angst.</p><p>Angst vor mir, dachte ich d�ster. Es war nicht das erste Mal, da� ich diesen Ausdruck in den Augen eines Menschen las. Aber bei Balestrano tat er besonders weh.</p><p>�Sind wir schon alle tot und im Himmel, oder leben wir noch?� fragte ich. Meine Stimme klang fremd in meinen eigenen Ohren. Eher wie ein Kr�chzen.</p><p>Balestrano l�chelte fl�chtig und wurde sofort wieder ernst. �Wir leben noch, Robert�, sagte er. �Dank Ihnen.�</p><p>Ich erwiderte sein L�cheln, versuchte mich aufzusetzen und sank st�hnend wieder zur�ck, als sich das Zimmer um mich herum zu drehen begann.</p><p>��beranstrengen Sie sich nicht�, sagte Balestrano sanft. �Sie haben sehr viel Kraft verbraucht.� Er schwieg einen Moment, seufzte tief und h�rbar und sah mich wieder mit einer Mischung aus Freundlichkeit und m�hsam unterdr�ckter Angst an.</p><p>�Ich will gar nicht wissen, was Sie getan haben, Robert�, sagte er ernst. �Aber was immer es war, ich danke Ihnen. Ohne Sie w�ren wir tot.�</p><p>�Es war kein -� Ich bem�hte mich, das Wort sp�ttisch klingen zu lassen. �- <emphasis>Teufelswerk, </emphasis>wenn Sie das meinen, Balestrano, sondern -�</p><p>�Ich will es nicht wissen�, sagte er noch einmal, und diesmal so scharf, da� ich unwillk�rlich aufsah.</p><p>�Warum?� fragte ich. �K�nnen Sie es nicht mit Ihrem Gewissen vereinbaren, sich von den M�chten des Lebens retten zu lassen, die Sie bek�mpfen? Ich habe so wenig mit dem Satan zu tun wie Sie.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Balestrano. �Und jetzt h�ren Sie auf davon, Robert. Wir haben sp�ter Zeit genug, uns �ber alles zu unterhalten. Vorerst werde ich daf�r sorgen, da� Sie und Ihr Freund Rowlf gesund gepflegt werden und Sie wieder zu Kr�ften kommen. Das ist das mindeste, was ich Ihnen schulde.�</p><p>�Nein, Balestrano�, sagte ich leise. �Sie schulden mir mehr.�</p><p>Balestrano schwieg, aber sein Stirnrunzeln vertieften sich.</p><p>�Ich habe Ihnen das Leben gerettet�, fuhr ich fort. �Ihnen und jedem einzelnen Mann in Ihrer Begleitung. Vielleicht habe ich sogar Ihren ganzen verdammten Orden vor dem Untergang gerettet, und das wissen Sie. Mit einem Dankesch�n allein kommen Sie mir nicht davon.�</p><p>Es dauerte lange, bis Balestrano antwortete. �Und was verlangen Sie?� fragte er, obwohl er die Antwort so gut kannte wie ich.</p><p>�Howard�, sagte ich. �Sie werden Howard in Ruhe lassen. Ich brauche Ihre Pflege nicht, so wenig wie Ihre Dankbarkeit. Alles, was ich verlange, sind frische Kleider und eine Kutsche, die uns zur�ck nach Paris und zum Bahnhof bringt. Howard und Rowlf und ich fahren noch heute zur�ck nach London. Und Sie werden diese teuflische Menschenjagd abblasen, die Sie seit zehn Jahren veranstaltet haben.�</p><p>Balestrano antwortete nicht, sondern sah mich nur weiter ernst und voller Trauer an. Aber es war auch nicht n�tig, da� er irgend etwas sagte. Ich las die Antwort in seinen Augen. Jean Balestrano war ein m�chtiger Mann, und er war ein harter Mann. Vielleicht der h�rteste und m�chtigste Mann, der in diesem Teil der Welt lebte. Aber er war auch ein Ehrenmann.</p><p>Ich wu�te, da� er seine Schuld begleichen w�rde.</p><p>Aber ich war mir nicht sicher, ob wir noch Freunde sein w�rden, wenn wir uns das n�chste Mal trafen.</p><empty-line/><p>Lady Audley McPhearson sah an diesem Abend ganz besonders attraktiv aus - soweit eine grauhaarige, etwas zu kurzbeinig geratene Matrone, deren K�rpergewicht sich dem zweiten Zentner zuneigte und die ihrem sechzigsten Geburtstag n�her war als dem f�nfzigsten, attraktiv auszusehen vermag. Aber das Kleid, das sie trug, war das mit Abstand teuerste und aufwendigste, das mir jemals untergekommen war, und das Saphirdiadem in ihrem hochtoupierten Haar mu�te ungef�hr dem Gegenwert einer mittleren englischen Ortschaft entsprechen. Ihre Stimme �bert�nte den L�rm der G�ste, die den gewaltigen Ballsaal von Penderguest Hall f�llten, mit Leichtigkeit.</p><p>Ich hatte ihr Lachen schon drau�en in der Halle geh�rt und h�tte eigentlich gewarnt sein m�ssen. Aber ich war leichtsinnig genug gewesen, mir einzubilden, irgendwo in der Menge untertauchen und ihr auf diese Weise entgehen zu k�nnen. Jetzt war es zu sp�t, mich noch unauff�llig zur�ckzuziehen.</p><p>Lady Audley hatte mich bereits entdeckt und walzte, mit ihrem gewaltigen Busen die Menge wie ein Schlachtschiff beiseite pfl�gend, auf uns zu. Auf ihrem Gesicht lag ein rosiger, verr�terischer Glanz, der darauf schlie�en lie�, da� das Glas Champagner in ihrer Rechten nicht das erste an diesem Abend war.</p><p>�Robert!� rief sie, den Vortrag des Violinsolisten auf der Orchesterempore mit Leichtigkeit �bert�nend, st�rmte auf mich zu, schlo� mich in die Arme und dr�ckte mir einen ebenso herzhaften wie feuchten Ku� auf die Wange. �Robert! Mein lieber Robert Craven!� sagte sie. �Wie sch�n, da� Sie uns die Ehre geben. Lord Penderguest sagte mir bereits, da� Sie f�r den heutigen Abend zugesagt haben.�</p><p>Sie entlie� mich endlich aus ihrer Umarmung, trat einen Schritt zur�ck und musterte mich von Kopf bis Fu�. Ihre kleinen, von zahllosen Kr�henf��chen eingefa�ten Augen funkelten. �Sie werden uns doch das Vergn�gen bereiten, uns an einer ihrer <emphasis>entz�ckenden </emphasis>Seancen teilnehmen zu lassen, oder?� fragte sie.</p><p>Ich rang mich zu einem L�cheln durch, verbeugte mich und sagte: �Dazu bin ich hier, Mylady.�</p><p>�Oh, wie <emphasis>entz�ckend!� </emphasis>sagte Lady Audley. �Damit ist der Erfolg des heutigen Abends ja gesichert.� Sie nippte an ihrem Glas, wobei sie den kleinen Finger �bertrieben abspreizte, und deutete auf Howard, der neben mir stehengeblieben war und die kurze Szene mit einer Mischung aus Verwirrung und m�hsam zur�ckgehaltener Erheiterung verfolgt hatte.</p><p>�Sie haben Besuch mitgebracht, Robert? Wie <emphasis>entz�ckend.�</emphasis></p><p>�Ja. Ein -� Ich brach ab, als ich einen raschen, warnenden Blick aus Howards Augen auffing, rettete mich in ein verlegenes L�cheln und begann mit einer Handbewegung auf Howard erneut: �Ein entfernter Verwandter, Lady Audley. Mister ... Phillips.� Gottlob �berh�rte sie das unmerkliche Stocken in meinen Worten, als ich Howard vorstellte. Aber er hatte mich gebeten, seinen wahren Namen nicht zu nennen, aus <emphasis>ganz pers�nlichen Gr�nden, </emphasis>wie er sich ausgedr�ckt hatte - ohne mir indes auch nur mit einer Silbe zu verraten, was diese, <emphasis>pers�nlichen Gr�nde </emphasis>denn nun waren.</p><p>�Phillips?� Lady Audley blinzelte. �Sind Sie Engl�nder, Mister Phillips?�</p><p>Howard sch�ttelte rasch den Kopf. �Amerikaner, Lady Audley. Aber ich lebe nicht mehr dr�ben in den Staaten. Schon lange nicht mehr.�</p><p>�Amerikaner?� wiederholte Lady Audley. �Nein, wie entz�ckend!� Sie kicherte, leerte ihr Champagnerglas und angelte mit einer grazilen Bewegung ein neues vom Tablett eines vor�bereilenden Kellners. �Dar�ber m�ssen Sie mir unbedingt mehr erz�hlen, Mister Phillips. Wir sehen uns sicher noch; sp�ter bei Roberts Seance.�</p><p>Lady Audley blinzelte, nickte uns noch einmal zu und verschwand dann wieder in der Menge.</p><p>�Entz�ckend�, sagte Howard kopfsch�ttelnd. Ein d�nnes, schwer zu deutendes L�cheln spielte um seine Lippen. �Wer ist sie?�</p><p>�Lady Audley? Ein ... Original, w�rdest du wohl sagen. Der letzte Spro� irgendeines aussterbenden Adelsgeschlechtes, glaube ich. Ein bi�chen verr�ckt, aber sehr nett.�</p><p>Ein livrierter Kellner kam auf uns zu und hielt uns ein Tablett mit Champagnergl�sern entgegen. Ich nickte dankend, nahm eines der Gl�ser und trank einen kleinen Schluck, w�hrend Howard mit einem raschen Kopfsch�tteln ablehnte.</p><p>�La� uns irgendwo hingehen, wo wir reden k�nnen�, sagte er pl�tzlich. �In Ruhe.�</p><p>Das war leichter gesagt als getan. Der Ballsaal von Penderguest Hall ist einer der gr��ten Londons, so wie die Empf�nge, die Sir und Lady Penderguest in regelm��igen Abst�nden zu geben pflegten, die beliebtesten und wahrscheinlich bestbesuchten sind. Ich sch�tzte, da� sich allein hier im Saal an die zweihundert Personen aufhielten - Aristokratie, Geldadel, der eine oder andere K�nstler, den man zu-kennen-hatte, ein paar hohe Regierungsangeh�rige. Und in den angrenzenden R�umen mu�te sich noch einmal die gleiche Anzahl G�ste aufhalten.</p><p>Trotzdem entdeckte ich nach kurzem Suchen eine wenigstens einigerma�en abgeschiedene Ecke unter einem der Fenster, eine winzige, von Pflanzenk�bel und wucherndem Gr�n eingefa�ten Oase der Ruhe: zwei kleine Sesselchen, zwischen denen ein dreibeiniger Tisch stand. Ich deutete mit einer Kopfbewegung darauf und ging voraus.</p><p>�Was hat Lady Audley gemeint, als sie von einer <emphasis>Seance </emphasis>sprach?� begann Howard, kaum da� wir uns gesetzt hatten. Das L�cheln war von seinem Gesicht verschwunden. Seine Z�ge wirkten beinahe ausdruckslos, aber in seinen Augen stand ein Ernst, den ich nur zu gut kannte. Ich hatte diesen Moment gef�rchtet, seit ich vor Wochenfrist die Einladung der Penderguests bekommen hatte.</p><p>�Eine kleine Belustigung, die die Penderguests ihren Lieblingsg�sten bieten�, antwortete ich. �Ein harmloser Spa�, mehr nicht.�</p><p>�Und du ... spielst eine Rolle bei diesem ... harmlosen Spa�?� fragte er gedehnt.</p><p>Diesmal dauerte es einen Moment, ehe ich antwortete. Es war eine Menge geschehen, seit ich das Erbe meines Vaters angetreten hatte und damit praktisch �ber Nacht zu einem der wohlhabendsten B�rger Londons geworden war. Ich hatte mich eingelebt und - zwar keine wirklichen Freunde gefunden - aber doch eine Menge Bekanntschaften gekn�pft und mir einen gewissen Ruf in der Londoner Pl�sch-Gesellschaft: erworben, und <emphasis>davon </emphasis>wu�te er so gut wie nichts. Und ich war ziemlich sicher, da� ihm eine Menge von diesem <emphasis>Nichts </emphasis>nicht gefallen w�rde. Manchmal, dachte ich, war es schon ein Kreuz, einen Freund wie Howard zu haben, der versuchte, gleichzeitig Mentor, Schutzengel und Vaterersatz zu sein ...</p><p>�Es ist wirklich nichts als ein harmloser Spa߫, sagte ich l�chelnd. �Seancen und spiritistische Sitzungen sind in der letzten Zeit in Mode gekommen, wei�t du?�</p><p>�Und du nimmst daran teil?� vergewisserte sich Howard. �Nur so, oder als Medium?�</p><p>�Letzteres�, bekannte ich kleinlaut. �Aber glaube mir, Howard, es ist wirklich -�</p><p>Ich sprach nicht weiter, als ich sah, wie sich seine Z�ge verfinsterten. F�r einen Moment hatte er wirklich M�he, sich noch zu beherrschen und mich nicht anzufahren; das sah ich. In seinen Augen blitzte es. Ich hatte ihn gebeten, mich zu begleiten, einfach weil ich es f�r eine gute Idee hielt, ein wenig harmloser Zerstreuung. Aber ich hatte pl�tzlich das sichere Gef�hl, da� es kein besonders guter Einfall gewesen war.</p><p>Einerseits konnte ich Howard ja sogar verstehen - schlie�lich war er einer der wenigen Menschen, die mein Geheimnis kannten; und auch den Fluch, der mein Leben �berschattete, seit ich das Erbe meines Vaters angetreten hatte. Meines Vaters, der ein leibhaftiger Hexer gewesen war, und der mir nicht nur ein erkleckliches Verm�gen und einen ungeheuren Schatz an okkultem Wissen, sondern auch einen Gutteil seiner eigenen, magischen F�higkeiten hinterlassen hatte. Kr�fte, die ich l�ngst noch nicht in vollem Umfang zu nutzen wu�te - und auch nicht wollte, denn sie machten mir Angst. Aber verdammt, das hier hatte nichts mit <emphasis>echter </emphasis>Magie zu tun, sondern war nur ein wenig harmloser Firlefanz. Und schlie�lich hatte auch ein Hexer dann und wann das Anrecht auf ein bi�chen Zerstreuung!</p><p>Einen Moment lang hielt ich seinem Blick noch stand, dann erhob ich mich mit einer abrupten Bewegung und deutete auf die quirlende Menge im Saal. �Reden wir sp�ter dar�ber�, sagte ich ausweichend. �Die Penderguests erwarten mich.�</p><p>�Oh ja�, sagte Howard b�se. �Zu deiner kleinen <emphasis>Zirkusvorstellung.� </emphasis>Er legte alle Verachtung, zu der er f�hig war - und das war eine ganze Menge -, in dieses eine Wort.</p><p>Ich drehte mich demonstrativ um. Mein Blick glitt fast sehns�chtig die geschwungene Marmortreppe am hinteren Ende des Saales hinauf. Eine der T�ren auf der Galerie dort oben f�hrte zu dem kleinen Salon, in dem Sir und Lady Penderguest mich wahrscheinlich schon ungeduldig erwarteten; unsere Seancen fanden keineswegs in aller Offenheit statt, sondern beschr�nkten sich auf einen kleinen, erlauchten Kreis. Aber ich war mir pl�tzlich nicht mehr sicher, ob es wirklich gut war, heute abend dort hinauf zu gehen; und noch viel weniger, ob ich Howard mitnehmen sollte.</p><p>Krampfhaft versuchte ich mir eine Ausrede einfallen zu lassen, die es mir erm�glichen w�rde, das Bankett zu verlassen, ohne die Penderguests allzusehr vor den Kopf zu sto�en.</p><p>Aber es war zu sp�t. Lady Audley mu�te die Nachricht von meinem Eintreffen bereits weitergegeben haben, denn noch w�hrend ich mir krampfhaft den Kopf nach einer plausiblen Ausrede zerbrach, tauchte sie in Begleitung Lady Penderguests wieder aus der Menge auf und steuerte zielsicher auf Howard und mich los.</p><p>Als ich mich diesmal zu Howard umwandte, war der Ausdruck in seinen Augen der pure Zorn. Aber er sagte nichts mehr.</p><p>Seufzend folgte ich Lady Audley. Sie selbst h�chstpers�nlich schlo� das Zimmer hinter uns ab, nachdem der letzte Teilnehmer unser illustren Runde die kleine Bibliothek betreten hatte, und wie �blich hatten sich zwei Diener vor der T�r postiert, um daf�r zu sorgen, da� wir auch wirklich nicht gest�rt wurden.</p><p>Howard und ich nahmen nebeneinander an dem gro�en, runden Tisch Platz, der zusammen mit den dazugeh�rigen St�hlen die gesamte Einrichtung des Raumes bildete. Er hatte kein Wort mehr mit mir gesprochen, seit unserer Beinahe-Auseinandersetzung unten im Saal. Und er wich auch meinem Blick aus. Trotzdem war ich froh, da� er geblieben war. Er w�rde rasch begreifen, da� es sich wirklich nur um einen harmlosen Hokuspokus handelte.</p><p>Lady Penderguest l�schte nacheinander die Kandelaber, die an den W�nden brannten, und der Raum versank in schattigem Halbdunkel. Schlie�lich brannte nur noch eine einzige, matte Gaslampe und tauchte den Tisch in eine Insel gelblicher Helligkeit, die an den R�ndern verschwamm und alles, was jenseits ihrer Grenzen lag, zu schemenhaften Schatten verblassen lie�.</p><p>Wir warteten, bis Lady Penderguest auf dem letzten verbliebenen Stuhl Platz genommen hatte und wie �blich mit einem leisen Nicken das Zeichen zum Anfangen gab. Schweigend ergriffen wir uns bei den H�nden und bildeten so einen gro�en, allseits geschlossenen Kreis. Selbst Howard ergriff, wenn auch mit s�uerlicher Miene und einem Ausdruck in den Augen, der irgendwo zwischen blanker Wut und m�hsam unterdr�cktem Spott schwankte, meine und die Hand seines Nebenmannes, lehnte sich zur�ck und tat wenigstens so, als w�rde er die Augen schlie�en und sich konzentrieren.</p><p>Etwas war anders als sonst.</p><p>Nach einer Weile begann Lady Audley, die wie immer mit der gr��ten Begeisterung bei der Sache war, leicht mit dem Oberk�rper hin und her zu schwingen und leise, summende T�ne auszusto�en, und nach weiteren Sekunden fiel auch Lady Penderguest darin ein - sie war immer die n�chste, die in �Trance� fiel, denn sie war fast mit der gleichen Begeisterung bei der Sache und brauchte lediglich einen Vorreiter, der ihr Mut machte und sie der Peinlichkeit enthob, als erste zu beginnen.</p><p>Aber etwas war nicht so wie sonst.</p><p>Ich sp�rte, wie eine kribbelnde Stimmung lustvollen Grauens von der Versammlung Besitz ergriff, wie stets bei diesen spiritistischen Sitzungen, aber das war nicht alles. Bisher waren diese Seancen nichts als ein harmloser Spa� gewesen, den die allerwenigsten Beteiligten wirklich ernst nahmen. Diesmal war ... etwas Fremdes dabei.</p><p>Ich hatte M�he, nicht zusammenzuschrecken und den Kreis zu unterbrechen, als ich es sp�rte. Erschrocken fuhr ich zusammen, wandte rasch den Blick und sah Howard an.</p><p>Auch der Ausdruck auf seinen Z�gen hatte sich ver�ndert. Der abf�llige Spott in seinen Augen war verschwunden und hatte einem Ausdruck ungl�ubigen Staunens - gepaart mit einer ganz leisen Spur von Furcht - Platz gemacht. Seine Lippen bebten.</p><p>Aber ich las auch die mi�trauische Frage in seinem Blick. Rasch und so, da� nur Howard die Bewegung sehen konnte, sch�ttelte ich den Kopf und deutete auf Lady Audley. Er nickte, wie ich auch nur mit den Augen. Er hatte verstanden, da� das, was hier geschah, auch mir neu und unheimlich sein mu�te.</p><p>Die grauhaarige Aristokratin hatte aufgeh�rt, sich hin und her zu wiegen und zu summen. Trotz des schwachen Lichtes konnte ich erkennen, da� ihr Gesicht alle Farbe verloren hatte. Ihre Wangenmuskeln waren gespannt, so fest, als presse sie die Kiefer mit aller Macht aufeinander, und auf ihrer Stirn glitzerte feiner Schwei�.</p><p>Pl�tzlich begannen ihre Lippen zu beben. Ein r�chelnder, unheimlicher Ton drang aus ihrer Brust.</p><p>�Ja - <emphasis>N�ghy n�ghya�, </emphasis>keuchte sie. <emphasis>�N�th�gn oa Shub-Niggurath, n�fthfath whaggha nagll.�</emphasis></p><p>Howard fuhr wie unter einem Peitschenhieb zusammen und sprang auf, so heftig, da� sein Stuhl umkippte und r�cklings auf dem Boden schlug.</p><p>Lady Penderguest, die direkt neben Lady Audley sa�, schrie gellend auf, prallte zur�ck und ri� ihre Hand aus der Lady Audleys, und auch die anderen Beteiligten fuhren mit einem entsetzten Keuchen hoch, schrien auf oder erstarrten auf ihren Pl�tzen vor Schreck.</p><p>Aber es waren nicht die f�rchterlichen, unmenschlichen Laute, die den Kreis auf so abrupte Weise gesprengt hatten!</p><p>Im gleichen Moment, in dem Lady Audleys Lippen begonnen hatten, jene unmenschlichen Lautballungen zu bilden, hatte sich das Licht ver�ndert. Der gelbliche Schein flackerte, war pl�tzlich von etwas Gr�nem, Ungreifbarem durchdrungen, und von einer Sekunde auf die andere erf�llte ein geradezu bestialischer Gestank den Raum.</p><p>Lady Audley begann zu wimmern. Ihre Lider flogen mit einem Ruck auf, aber der Blick ihrer Augen war tr�b vor Entsetzen; sie sah nicht uns, sondern schien etwas unglaublich Schreckliches zu erblicken.</p><p>�Cindy!� wimmerte sie. �Cindy!� Und dann, noch einmal und so gellend und spitz, da� der Schrei mir schier das Blut in den Adern gerinnen lie�: <emphasis>�Cindy!�</emphasis></p><p>Etwas Unheimliches geschah. Die f�rchterliche Gr�nf�rbung des Lichtes vertiefte sich, und pl�tzlich tanzte etwas Bleiches, formlos Wei�es wie transparenter Nebel in der Mitte der Tischplatte. Jemand schrie, St�hle polterten, und zwei, drei Personen sprangen in Panik auf und st�rzten zur T�r, konnten sie aber nicht �ffnen.</p><p>Ich starrte weiter auf das tanzende wei�e Etwas, das wie Nebel �ber dem Tisch wallte und wogte. Pl�tzlich wurde es kalt, schneidend kalt, und mit einem Male streifte mich ein eisiger moderiger Luftzug, wie der Hauch aus einem Grab.</p><p>Dann ballte sich der Nebel zusammen, wuchs in Augenblicken zu einer zwei Meter hohen, flackernden S�ule aus wirbelndem Wei� und reiner Bewegung -</p><p><emphasis>und formte sich zu einer menschlichen Gestalt!</emphasis></p><p>�Cindy!� br�llte Lady Audley. Ihre Stimme brach, schnappte �ber und wurde zu einem hellen, f�rchterlichen Kreischen. Ihre Augen schienen vor Entsetzen fast aus den H�hlen zu quellen, w�hrend sie auf die flackernde, halbdurchsichtige M�dchengestalt starrte, zu der sich die Ektoplasmawolke geformt hatte.</p><p>Lady Audley begann zu kreischen. Sie prallte zur�ck, hob die H�nde, wie um sie vor das Gesicht zu schlagen, f�hrte die Bewegung jedoch nicht zu Ende, sondern starrte mit vor Entsetzen verzerrtem Gesicht auf die durchsichtige M�dchengestalt. Dann geschah etwas Furchtbares. Es ging unglaublich schnell, so rasch wie das Senken und Heben eines Augenlides, und au�er Howard und mir erkannte wohl niemand seine wahre Bedeutung.</p><p>Unter der Gestalt, auf grausame Weise irgendwie <emphasis>im Inneren</emphasis> der massiven Tischplatte, erschien etwas Schwarzes, Waberndes, ein Klumpen formlos glitzernder ... <emphasis>Dinge, </emphasis>die sich wanden und zuckten und bebten. Ein peitschender, schleimig-schwarzer Arm zuckte wie eine glitzernde Schlange empor, drang durch den Nebelk�rper des M�dchens und ri� ihn mit einer unglaublich harten Bewegung auseinander, so rasch und pl�tzlich, wie ein Sturmb�e den Morgennebel zerrei�t. F�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich einen Schrei zu h�ren, einen Schrei so voller Entsetzen und Furcht, wie ich ihn noch nie zuvor in meinem Leben vernommen hatte. Dann verstummte er. Der Nebelk�rper und das schwarze <emphasis>Ding </emphasis>in der Tischplatte waren verschwunden, und pl�tzlich war das Licht wieder normal.</p><p>Lady Audley kreischte noch einmal, schlug die H�nde vor die Augen und kippte mitsamt ihrem Stuhl nach hinten. Zwei andere Frauen begannen hysterisch zu schreien, w�hrend der grauhaarige Mann in der Uniform eines Marineadmirals neben Howard kurzerhand in Ohnmacht fiel.</p><p>Howard war der erste, der die L�hmung �berwand. Mit zwei, drei hastigen Schritten war er um den Tisch herum und kniete neben Lady Audley nieder.</p><p>Im gleichen Moment brach in der kleinen Bibliothek endg�ltig eine Panik aus.</p><empty-line/><p>Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis sich Lady Audley wieder so weit beruhigt hatte, da� sie in der Lage war, einen zusammenh�ngenden Satz zu sprechen und auf Fragen zu antworten.</p><p>Howard, ich und einer der anderen m�nnlichen G�ste hatten ihre ann�hernd zwei Zentner in einen kleinen, an die Bibliothek angrenzenden Nebenraum geschleppt und sie auf eine Chaiselongue gebettet, wo sie die ersten zehn Minuten wie gel�hmt dagelegen hatte, zitternd, mit starren, weit aufgerissenen Augen und immer wieder kleine, keuchende Laute aussto�end.</p><p>W�hrend sich Howard und Lady Penderguest um sie bem�hten, war ich in die Bibliothek zur�ckgegangen und hatte eine Weile ernst mit Sir Penderguest gesprochen. Es war nicht sehr fair, was ich ihm sagte, und obwohl er meine Worte mit steinerner Miene zur Kenntnis nahm, verriet mir der Ausdruck in seinen Augen doch, da� dieses Gespr�ch unserem guten Verh�ltnis einen geh�rigen Knacks versetzt hatte.</p><p>Aber es wirkte. Sir Henry Penderguest war bleich und verst�rt, als ich mich herumdrehte, um zu Howard und Lady Audley zur�ckzugehen, aber ich wu�te, da� er daf�r sorgen w�rde, da� nichts von dem, was w�hrend dieser Seance geschehen war, bekannt wurde.</p><p>Howard sah auf, als ich den Raum betrat und die T�r hinter mir zuzog. In seinen Augen glomm eine stumme Frage auf.</p><p>�Es ist alles in Ordnung�, sagte ich rasch. �Niemand wird etwas erfahren. Jedenfalls vorerst nicht.�</p><p>Lady Penderguest, die auf der anderen Seite der Chaiselongue Platz genommen hatte und Lady Audleys Hand hielt, sah erstaunt auf, aber ich lie� sie gar nicht erst zu Wort kommen, sondern �ffnete die T�r noch einmal und machte eine eindeutige Bewegung mit der Hand.</p><p>�Es w�re sehr freundlich, wenn Sie uns einen Moment mit Lady Audley allein lie�en, Lady Penderguest�, sagte ich, in einem Ton, der die h�fliche Wahl meiner Worte zu blankem Hohn degradierte. Lady Penderguest erbleichte, bedachte mich mit einem Blick, der einen Eisberg zum Schmelzen gebracht h�tte, und rauschte beleidigt hinaus. Rasch schlo� ich die T�r hinter ihr, ging zu Howard hin�ber und lie� mich neben Lady Audley auf die Knie sinken. Ihre Augen waren ge�ffnet, aber ich hatte das Gef�hl, da� ihr Blick geradewegs durch mich hindurch ging. In ihren Pupillen flackerte etwas, das mich an den Ausdruck in den Augen einer Wahnsinnigen erinnerte. Was immer sie gesehen hatte, mu�te ihren Geist dicht an den Rand des Wahnsinns getrieben haben. Vielleicht dar�ber hinaus.</p><p>�Bist du sicher, da� niemand etwas sagen wird?� erkundigte sich Howard.</p><p>Ich nickte, ohne zu ihm aufzublicken. �Vollkommen sicher�, antwortete ich. �Die Penderguests w�rden sich eher erschie�en, ehe sie auch nur ein Wort von dem, was hier vorgefallen ist, verlauten lie�en.�</p><p>�Was hast du ihnen gesagt?� fragte Howard.</p><p>Ich zuckte mit den Achseln und pre�te �rgerlich die Lippen aufeinander. �Spielt das jetzt noch eine Rolle?� fragte ich. �Ich wei� nur, da� ich seit zehn Minuten zwei Freunde weniger habe. Hat sie etwas gesagt?�</p><p>�Lady Audley?� Howard verneinte. �Noch nicht. Ich f�rchte, wir werden einen Arzt rufen m�ssen. Sie hat einen Schock erlitten.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete ich. Besorgt sah ich auf Lady Audleys bleiches Gesicht hinunter. Sie schien zu phantasieren, und ihre Haut gl�nzte unnat�rlich, wie wei�er Wachs. Z�gernd griff ich nach ihrer Hand, legte die linke auf ihre Stirn und versuchte, ein Schaudern zu unterdr�cken, als ich sp�rte, wie eisig ihre Haut war. Ihr Puls jagte, aber gleichzeitig ging ihr Atem sonderbar flach, und ihre Finger zuckten in unregelm��igen Abst�nden. Aber als sie die Augen �ffnete, war ihr Blick klar.</p><p>�Wie f�hlen Sie sich?� fragte ich. �Besser?�</p><p>Lady Audley schien meine Worte �berhaupt nicht zu h�ren. Sie antwortete nicht, sondern starrte mich nur aus ungl�ubig aufgerissenen Augen an. Ihre Lippen bebten.</p><p>�G�tiger Gott!� fl�sterte sie. �Was ... ist ... passiert?�</p><p>Ich wollte antworten, aber Howard unterbrach mich mit einer befehlenden Geste und beugte sich zu Lady Audley herab. �Sie hatten einen Schw�cheanfall�, sagte er. �Erinnern Sie sich, was geschehen ist?� Er l�chelte, aber seine Stimme klang sehr ernst, als er weitersprach: �Bitte, Lady Audley - es ist wichtig. Sehr wichtig.�</p><p>Lady Audley zuckte zusammen wie unter einem Hieb. Wieder flammte f�r einen Moment ein schwacher Schimmer ungl�ubigen Entsetzens in ihrem Blick auf. Aber diesmal hatte sie sich besser in der Gewalt.</p><p>Sie nickte, sehr knapp und mit einer abgehackten, m�hevoll wirkenden Bewegung, fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und versuchte sich aufzurichten.</p><p>�Ich ... erinnere mich�, murmelte sie verst�rt.</p><p>Howard atmete h�rbar ein. �Lady Audley�, begann er, �ich kann mir vorstellen, wie schwer es f�r Sie sein mu�, aber ich m�chte Sie bitten, mir ... das hei�t, uns - ein paar Fragen zu beantworten.�</p><p>�Fragen?� murmelte Lady Audley verst�rt. �Was f�r ... Fragen? Wer ... wer sind Sie �berhaupt, und was ... was wollen Sie von mir?�</p><p>Ihre Stimme zitterte, und ich sp�rte, da� sie erneut kurz davor stand, die Beherrschung zu verlieren.</p><p>�Sie haben einen Namen gerufen, Lady Audley�, sagte ich leise. �Erinnern Sie sich? Cindy. Sie haben ein paarmal Cindy gerufen.�</p><p>�Cindy ...� wiederholte sie leise. Ihr Blick verschleierte sich, und pl�tzlich glitzerten Tr�nen in ihren Augen. Aber sie beherrschte sich noch immer und k�mpfte das Schluchzen, das aus ihrer Kehle emporsteigen wollte, mit aller Kraft zur�ck.</p><p>�Dieses M�dchen�, sagte Howard vorsichtig. �Diese ... Erscheinung - war das Cindy?�</p><p>Lady Audley sah mit einem Ruck auf. �Sie ... Sie haben sie auch gesehen?� fl�sterte sie. �Sie war wirklich da? Sie haben sie wie ich gesehen?�</p><p>�Wir haben sie gesehen�, best�tigte Howard. �Und alle anderen in der Bibliothek auch.� Seine Stimmte bebte vor Ungeduld. Ich warf ihm einen raschen, warnenden Blick zu, richtete mich ein wenig auf und griff noch einmal nach Lady Audleys Hand.</p><p>�Es war keine Halluzination, Lady Audley�, sagte ich, so sanft, wie es mir �berhaupt m�glich war. �Wir alle haben sie gesehen. Wer ist dieses M�dchen?�</p><p>�Cindy�, murmelte Lady Audley wieder. Ihre Finger krampften sich pl�tzlich so fest um die meinen, da� es schmerzte. �Meine kleine Cindy. Sie ist ... sie war meine Nichte. Ich ... ich habe sie geliebt wie ... wie eine Tochter, und sie mich wie eine Mutter.�</p><p>�War?� erkundigte sich Howard.</p><p>Lady Audley nickte. �Sie ist tot�, schluchzte sie. �Sie ist ... gestorben. Vor zwanzig Jahren gestorben, verstehen Sie?� Ihre Augen weiteten sich, w�hrend sie abwechselnd mich und Howard anstarrte. �Sie ist tot!� fl�sterte sie noch einmal.</p><p>�Was hat sie mit ihren Worten gemeint?� fragte Howard eindringlich. �Bitte, Lady Audley, versuchen Sie sich zu erinnern. Es ist wichtig! Sehr wichtig. Sie hat um Hilfe gerufen. Wer oder was bedroht sie?�</p><p>�Ich ... wei� es nicht�, schluchzte Lady Audley. �Aber sie braucht Hilfe. Sie ist in Gefahr!�</p><p>�Ich wei߫, murmelte Howard. Er schwieg einen Moment, starrte an Lady Audley vorbei ins Leere und fuhr, stockend und mit seltsam flacher, gezwungen ruhiger Stimme fort: �Sie haben ... Worte gesprochen, erinnern Sie sich? Sonderbare Worte.�</p><p>�Worte?� wiederholte Lady Audley.</p><p><emphasis>�I� - N�ghy g�ghya�, zitierte Howard aus dem Ged�chtnis. �N�th�gn oa Shub-Niggurath, n�fthfath whaggha nagll. Erinnern Sie sich?�</emphasis></p><p>�Erinnern?� Lady Audleys Lippen begannen erneut zu zittern. �Das ... das soll ich gesagt haben? Aber das ist ... das ist unm�glich. <emphasis>Ich </emphasis>soll so etwas gesagt haben? Diese furchtbaren ... <emphasis>Laute?�</emphasis></p><p>�Sie haben es gesagt�, best�tigte Howard. �Aber Sie erinnern sich nicht?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. �Nein�, fl�sterte sie. �Alles, woran ich mich erinnere, ist ...� Sie brach ab, schwieg einen Moment und begann st�rker zu zittern.</p><p>�Cindy�, schluchzte sie. �Meine arme, kleine Cindy. Wir ... wir m�ssen ihr helfen.� Pl�tzlich richtete sie sich auf, ergriff meinen Unterarm mit beiden H�nden und pre�te ihn mit verzweifelter Kraft. �Sie werden ihr helfen, Robert!� flehte sie. �Sie werden ihr doch helfen, oder?�</p><p>Es war Howard, der an meiner Stelle antwortete.</p><p>�Das werden wir, Lady Audley�, versprach er. �Das werden wir. Aber Sie m�ssen uns auch helfen. Wir m�ssen alles wissen, alles �ber Cindy und ihren Tod und -�</p><p>Ich h�rte nicht mehr zu. Lady Audley antwortete mit leiser, stockender Stimme, aber ihre Worte glitten irgendwie an meinem Bewu�tsein vorbei, ohne den Schleier aus Schwindel und ungl�ubigem Entsetzen durchdringen zu k�nnen, der sich pl�tzlich zwischen mich und die Wirklichkeit geschoben hatte.</p><p>Es hatte lange gedauert, bis ich wirklich <emphasis>begriff. </emphasis>Ich h�tte die Worte gleich erkennen m�ssen, obgleich es ein gutes halbes Jahr her war, da� ich Laute wie sie zum letzten Mal geh�rt hatte. Aber irgend etwas in mir hatte sich dagegen gestr�ubt, hatte mich einfach daran gehindert, die Wahrheit zu erkennen, obwohl sie zum Greifen nahe vor mir lag.</p><p>Ich hatte es einfach nicht begreifen <emphasis>wollen. </emphasis>Meine R�ckkehr nach London war mehr als eine Heimkehr gewesen. In Wahrheit war ich geflohen, davongelaufen vor einer Wirklichkeit, die zu schrecklich war, um mit ihr leben zu k�nnen.</p><p>Jetzt war der Schleier zerrissen. Die Wirklichkeit hatte mich eingeholt.</p><p>Immer wieder glaubte ich die furchtbaren Laute zu h�ren, die Lady Audley hervorgesto�en hatte. Ger�usche, die nicht f�r menschliche Stimmapparate ersonnen waren, nur scheinbar sinnlose Lautzusammenballungen, deren schierer Klang schon von einem Hauch von Unheil und Grauen begleitet zu sein schien.</p><p>Aber es waren nicht nur <emphasis>Laute.</emphasis></p><p>Es waren <emphasis>Worte.</emphasis></p><p>Worte einer Sprache, die vor zweihundert Millionen Jahren untergegangen war, zusammen mit dem Volk, das sie gesprochen hatte.</p><empty-line/><p>Lord Penderguest hatte sich anerboten, Lady Audley pers�nlich nach Hause zu bringen, aber Howard und ich hatten darauf bestanden, dies zu �bernehmen. Er hatte sich nicht lange mit uns gestritten - augenscheinlich war er mehr als froh, auf diese Weise nicht nur Lady Audley, sondern auch uns loszuwerden. Sein Blick war nicht besonders freundlich gewesen, als er uns aus dem Haus begleitete. Ich hatte das sichere Gef�hl, da� ich zum n�chsten Empfang in Penderguest Hall <emphasis>keine </emphasis>Einladung mehr bekommen w�rde.</p><p>Allerdings verschwendete ich <emphasis>daran </emphasis>im Augenblick auch kaum einen Gedanken. Howard und ich sprachen kaum ein Wort w�hrend der gesamten Fahrt zu Lady Audleys Haus, aber ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie es in seinem Inneren aussah - �hnlich wie in meinem, vermutlich.</p><p>Der Schock wirkte noch immer nach. Selbst nachdem ich rein verstandesm��ig begriffen hatte, was diese entsetzlichen Lautballungen zu bedeuten hatten, die Lady Audley in Trance ausgesto�en hatte, hatte ich noch eine ganze Weile versucht, die Augen einfach vor der Wahrheit zu verschlie�en.</p><p>Aber es ging nicht. Die Beweise waren zu deutlich - Lady Audleys schreckliche Worte, die formlosen, peitschenden <emphasis>Dinge, </emphasis>die das Erscheinen der Geistergestalt begleitet hatten, das wabernde gr�ne Licht ...</p><p>Gro�er Gott, und ich hatte mir eingebildet, da� alles vor�ber war, nach der Vernichtung des Kristallhirnes in Amsterdam! Aber das war es nicht. Vielleicht fing es gerade erst richtig an.</p><p>Hatte ich mir wirklich eingebildet, <emphasis>sie </emphasis>geschlagen zu haben, Wesen, die zweihundertmal �lter waren als die menschliche Rasse, und die die Macht von G�ttern hatten? Beinahe hilfesuchend sah ich Howard an, aber er wich meinem Blick aus. Sein Gesicht war wie Stein. Nur in seinen Augen war ein schwaches Funkeln, das mich schaudern lie�.</p><p>Meine Gedanken wanderten zur�ck zu jenem entsetzlichen Tag vor nunmehr sechs Monaten, an dem dieser ganze Alptraum begonnen hatte.</p><p>Es war im September 1885 gewesen, da� sich mein bis dahin vielleicht etwas chaotisches, aber doch �berschaubares Leben auf drastische Weise �nderte, durch den Tod meines Vaters n�mlich, von dessen Existenz ich bis zu diesem Moment nicht einmal etwas gewu�t hatte. Ebensowenig, wie ich gewu�t hatte, da� er ein leibhaftiger Hexer war - und einer der wenigen Menschen, die wu�ten, da� es neben unserer Welt noch eine andere gab, eine Welt der Geister und Hexen und D�monen. Sein Leben lang hatte er gegen sie gek�mpft, mit aller Macht, die ihm zur Verf�gung stand, aber am Schlu� hatten sie ihn besiegt.</p><p>Das alles - und vieles mehr - hatte ich indessen erst erfahren, als er in meinen Armen starb, wie durch eine grausame Ironie des Schicksales wenige Tage, nachdem ich ihn �berhaupt kennengelernt hatte. Er war es gewesen, der mich nach London schickte, wo sich Howard meiner annahm, der beste Freund meines Vaters und nun mein Besch�tzer und Lehrmeister. Fast alles, was ich heute wu�te, hatte ich von ihm erfahren.</p><p>Auch die Geschichte der GROSSEN ALTEN, jener d�monischen Rasse, die vor mehr als zweihundert Millionen Jahren von den Sternen kam und sich auf der Erde ansiedelte. Sie ging unter, wie so viele andere Lebensformen, die diesen Planeten vor uns bewohnten, aber mit Hilfe ihrer magischen Kr�fte gelang es den GROSSEN ALTEN trotzdem, die Zeit zu �berwinden. Ihre K�rper wurden zerst�rt, aber ihr Geist lebte weiter. Sie lebten, eingekerkert in magischen Gef�ngnissen tief im Leib der Erde, und ihr ganzes Trachten galt nur einem einzigen Zweck: die unsichtbaren Fesseln abzustreifen, die sie hielten, und ihre schreckliche Herrschaft �ber die Erde erneut anzutreten. Nur wenige Menschen wu�ten �berhaupt von ihrer Existenz, und noch weniger hatten jemals versucht, sie zu bek�mpfen. Einer von ihnen war mein Vater gewesen. Und nach seinem Tod war ich an seine Stelle getreten.</p><p>Der Wagen bog in eine breite, still und dunkel daliegende Allee ein, und ich schrak aus meinen Gedanken hoch und kehrte in die Wirklichkeit zur�ck. Instinktiv sah ich nach Lady Audley, die auf der gegen�berliegenden Bank sa�. Sie war wach, ihre Augen standen offen, aber ihr Blick war leer und ihr Gesicht bleich wie das einer Toten.</p><p>Der Anblick erf�llte mich mit einer Mischung aus Zorn und Hilflosigkeit. Warum mu�ten es immer die Unschuldigen, die Ahnungslosen sein, die von den Ungeheuern aus der Vergangenheit zu willenlosen Werkzeugen gemacht wurden?</p><p>Der Wagen wurde langsamer und kam schlie�lich mit einem sanften Schaukeln zum Stehen. Ich schob die Gardine vor dem Fenster beiseite und sah hinaus. Wir hatten Lady Audleys Stadthaus erreicht, einen gro�en, von einem weitl�ufigen Garten eingefa�ten zweist�ckigen Bau, der jetzt dunkel und wie ausgestorben dalag. Nur �ber der T�r, zu der eine kurze Treppe hinauff�hrte, brannte eine kleine Gaslaterne. Aber ihr Licht schien die Dunkelheit, die �ber dem Haus lastete, eher noch zu betonen. Ich schauderte. Vielleicht war ich einfach nur �berreizt, nach allem, was geschehen war, aber f�r einen kurzen Moment hatte ich das Gef�hl, etwas Finsteres, Gro�es in den Schatten zu sehen, als w�re die Dunkelheit selbst zu schrecklichem Leben erwacht.</p><p>Ich verscheuchte den Gedanken, �ffnete den Wagenschlag und sprang mit einem Satz hinaus. Es war sehr kalt, und mir fiel erst jetzt auf, da� sich ein leichter Bodennebel gebildet hatte. Einen Moment lang sah ich mich schaudernd um, dann drehte ich mich herum und streckte die Hand aus, um Lady Audley zu helfen. Unsicher und noch immer wie jemand, der sich in Trance bewegt, kletterte sie aus der Droschke, st�tzte sich einen Moment schwer auf meine Schulter und stand schlie�lich aus eigener Kraft, wenn auch sehr schwankend.</p><p>�Warte hier�, sagte Howard, nachdem er hinter ihr aus dem Wagen geklettert war. �Ich begleite Lady Audley ins Haus.�</p><p>Es war keine Bitte - Howard hatte in so scharfem Ton geredet, da� ich es nicht wagte, ihm zu widersprechen.</p><p>So sah ich den beiden wortlos zu, bis sie das Haus erreicht hatten und verschwunden waren, ehe ich in den Wagen zur�ckstieg und die T�r hinter mir zuzog, um die K�lte und den Nebel nicht hereinkriechen zu lassen. Sicher wollte Howard noch einmal mit Lady Audley sprechen, und irgendwie verstand ich sogar, da� er keinen besonderen Wert darauf legte, mich dabei zu haben. Offenbar war er der Meinung, da� ich f�r einen Tag genug Schaden angerichtet hatte.</p><p>Ich lehnte mich auf der gepolsterten Bank zur�ck, schlo� die Augen und versuchte, das Chaos hinter meiner Stirn zu ordnen. Aber es gelang mir nicht. Gegen meinen Willen kehrten meine Gedanken wieder zur�ck zu all den finsteren Geheimnissen, die ich von Howard erfahren und zum Teil am eigenen Leib erlitten hatte, zu Cthulhu, dem Schrecklichsten der GROSSEN ALTEN, der tot in seinem unterseeischen Palast in R�Lyeh lag und darauf wartete, erneut zu schrecklichem Leben zu erwachen, und dessen eisigen Atem ich versp�rt hatte, zu Nyaralathotep, dem gigantischen Krakend�mon, der meinen Vater get�tet hatte, und zu ...</p><p>Mit aller Macht dr�ngte ich die gr��lichen Bilder dorthin zur�ck, wo sie hergekommen waren, �ffnete abermals den Wagenschlag und sprang zum zweiten Mal auf die Stra�e hinab. Pl�tzlich war es mir ganz egal, ob Howard �rgerlich wurde oder nicht. Ich <emphasis>mu�te </emphasis>einfach wissen, was der entsetzliche Zwischenfall bei der Seance in Penderguest Hall zu bedeuten hatte.</p><p>Ich beschied dem Kutscher mit wenigen Worten, auf Howard und mich zu warten, wandte mich um und �ffnete das schmiedeeiserne Tor zu Lady Audleys Grundst�ck. Rasch schritt ich den gewundenen Kiesweg zum Haus hinauf, blieb vor der Treppe noch einmal stehen - und erstarrte.</p><p>Hinter mir war ein Ger�usch. Und es war nicht <emphasis>irgendein </emphasis>Ger�usch, sondern ... Schritte. Aber ich war v�llig sicher, da� ich das Tor wieder hinter mir geschlossen hatte, und da� der Garten verlassen gewesen war, als ich ihn betrat.</p><p>Mit klopfendem Herzen drehte ich mich herum.</p><p>Mein Geh�r hatte mich nicht getrogen. Hinter mir stand eine Gestalt. Sie stand etwas au�erhalb des Lichtkreises, so da� ich sie nur als dunklen, verzerrten Schatten erkennen konnte, aber es ging etwas sp�rbar Drohendes von dem flachen schwarzen Umri� aus.</p><p>Und ich war <emphasis>absolut sicher, da� sie vor einem Augenblick noch nicht dort gestanden hatte!</emphasis></p><p>�Wer ... wer sind Sie?� murmelte ich, mehr verwirrt als wirklich erschrocken. �Und was -�</p><p>Meine Stimme versagte, als die Gestalt aus ihrer Starre erwachte und mit einer sonderbar flie�enden Bewegung in das Licht der kleinen Gaslaterne hineintrat.</p><p>Vor mir stand eine Frau. Die Fremde war nicht sehr gro�, aber von au�ergew�hnlich gutem Wuchs, das konnte ich sogar in der schlechten Beleuchtung hier drau�en erkennen. Eine Sch�nheit, deren perfekt proportionierte Gestalt auch noch von der hellgr�nen, lose fallenden Toga betont wurde, die ihren K�rper vom Hals bis zu den Zehenspitzen verh�llte. Ihre H�nde steckten in gr��lichen, an Raubtierkrallen erinnernden Handschuhen, und wo ihr Gesicht sein sollte ...</p><p><emphasis>waren die skelettierten Reste eines ins Absurde vergr��erten Rattensch�dels, an denen da und dort noch Fetzen verfaulten Fleisches oder eingetrockneter, zu grauem rissigem Pergament verschrumpelter Haut hingen!</emphasis></p><p>Im flackernden gelben Licht der Lampe sah es aus, als throne ein bizarrer Monstersch�del auf den zierlichen Schultern der Fremden. Bleiche Knochen schimmerten wie lackiertes Elfenbein, das Gebi�, dessen Fleisch und Lippen weggefault waren, schien mich h�hnisch anzugrinsen, und in die leeren Augenh�hlen des Rattenkopfes waren faustgro�e, gr�nlich schimmernde Kristalle eingesetzt worden, in denen sich der Schein der Lampe tausendfach brach, so da� es aussah, als lebten sie noch. In halber H�he des Sch�dels waren zwei m�nzgro�e L�cher in den Knochen gebohrt worden, durch die ich den Blick zweier dunkler, grausamer Augen auffing.</p><p>�Gro�er Gott!� entfuhr es mir. �Was bedeutet das?!�</p><p>Und pl�tzlich war die Angst da. Eisig wie eine unsichtbare, gnadenlos harte Hand griff sie nach meinem Herzen, schn�rte mir die Kehle zu und pre�te meinen Magen zu einem schmerzenden Klumpen zusammen.</p><p>Ich schrie auf, prallte zur�ck und wirbelte herum, um zur Treppe zu st�rzen, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende.</p><p>Ein heller, struppiger K�rper erschien hinter mir auf den Stufen und kam auf trappelnden hornigen Krallen auf mich zu. Knopfgro�e, schwarze Augen blitzten t�ckisch.</p><p><emphasis>Eine Ratte! </emphasis>durchfuhr es mich. Das war eine <emphasis>Ratte! Eine wei�e Albinoratte! </emphasis>Und sie <emphasis>starrte mich an, aus roten funkelnden Augen, die ganz und gar nicht die eines stumpfsinnigen Tieres waren!</emphasis></p><p>Mit einem Schrei prallte ich zur�ck, griff ziellos in die leere Luft und wirbelte erneut herum.</p><p>Die Fremde stand noch immer an der gleichen Stelle, an der sie wie aus dem Nichts aufgetaucht war, und ihre Augen - der einzige Teil ihres Gesichtes, den ich unter dem bizarren Sch�delhelm erkennen konnte - blickten mich mit der gleichen gnadenlosen K�lte an, die ich auch in denen der <emphasis>wirklichen </emphasis>Ratte gelesen hatte.</p><p>�Wer ... wer sind Sie?� fragte ich m�hsam. Die Angst schn�rte mir die Kehle zu.</p><p>�Das spielt keine Rolle�, antwortete sie. Ihre Stimme klang sonderbar verzerrt und dumpf unter dem Helm aus wei�em Knochen hervor. �Ich bin hier, um dich zu warnen, Robert Craven.�</p><p>�Warnen?� stotterte ich. Ich begriff nicht das Mindeste. �Wovon sprechen Sie eigent-�</p><p>Mit einer �rgerlichen Handbewegung schnitt sie mir das Wort ab. �Das wei�t du besser als ich�, sagte sie kalt. �Du mischst dich in Dinge, die dich nichts angehen. Halte dich von Lady Audley und St. Aimes fern, oder du wirst sterben.�</p><p>Und damit verschwand sie.</p><p>Sie <emphasis>ging </emphasis>nicht etwa, sondern <emphasis>verschwand, </emphasis>von einem Sekundenbruchteil auf den anderen. Die Stelle, an der sie gerade noch gestanden hatte, war pl�tzlich leer, und der gelbe Schein der Gaslaterne beleuchtete nur noch den kiesbestreuten Weg vor Lady Audleys Haus.</p><p>Einen Moment lang starrte ich die Stelle fassungslos an und fragte mich allen Ernstes, ob ich vielleicht das eine oder andere Glas Champagner zu viel getrunken haben k�nnte, an diesem Abend. Aber als ich mich herumdrehte und ins Haus gehen wollte, begriff ich, da� das nicht so war.</p><p>Die wei�e Ratte war noch da.</p><p>Reglos hockte sie auf der obersten Treppenstufe und starrte mich aus ihren t�ckisch funkelnden Augen an. Sie schien nicht die mindeste Angst vor mir zu haben. Sie floh auch dann nicht, als ich langsam die Treppe hinaufzugehen begann, sondern kroch nur beh�big ein St�ck zur Seite und starrte mich weiter an. Unter ihren zitternden wei�en Schnurrbarthaaren blitzte ein Paar gewaltiger Schneidez�hne. Erst jetzt fiel mir auf, wie <emphasis>gro� </emphasis>dieses Tier war - so gro� wie ein Terrier, aber sehr viel kr�ftiger. Sicherlich kr�ftig genug, auch einen recht kr�ftigen, achtzehnj�hrigen Hexer wie mich in kleine Appetithappen zu zerbei�en, sollte er eine unvorsichtige Bewegung machen.</p><p>Ich bem�hte mich, genau das nicht zu tun, und schob mich vorsichtig an dem riesigen wei�en Tier vorbei. Meine H�nde zitterten so heftig, da� ich M�he hatte, den T�rknauf herumzudrehen.</p><p>Als ich in die Halle st�rmte, kam mir Howard entgegen. Seine Miene verfinsterte sich bei meinem Anblick noch mehr.</p><p>�Zum Teufel�, polterte er los. �Ich habe doch ausdr�cklich gesagt, da� du ...�</p><p>Er brach mitten im Wort ab, stutzte, und sah mich pl�tzlich alarmiert an. Wenn ich so aussah, wie ich mich f�hlte, dann mu�te ich kreidebleich im Gesicht sein. �Was ist los?� fragte er. Seine Stimme klang scharf, aber jetzt ohne Zorn.</p><p>Ich z�gerte einen Moment, sah mich unsicher nach der geschlossenen T�r um und fragte mich zum zweiten Mal innerhalb k�rzester Zeit, ob ich mir alles vielleicht nicht nur eingebildet hatte. Und ich kam zum zweiten Mal zu einem Ergebnis, das mir nicht gefiel.</p><p>Howard fragte nicht noch einmal, was passiert war, sondern ging wortlos an mir vor�ber und �ffnete die T�r. Ich fuhr erschrocken zusammen, auf den Anblick einer riesigen Albinoratte gefa�t, die auf der obersten Treppenstufe sa�.</p><p>Aber da war nichts. Nur die Nacht, die Dunkelheit und der Nebel, der merklich dichter geworden war.</p><p>Howard blickte eine Weile stirnrunzelnd hinaus, drehte sich dann zu mir um und sah mich verwirrt - und schon wieder ein bi�chen zornig - an. �Was ist los mit dir?� fragte er noch einmal. �Du siehst aus, als h�ttest du ein Gespenst gesehen.�</p><p>�Das ... habe ich auch�, gestand ich. �Wenigstens etwas ... etwas �hnliches.�</p><p>�Ein ...� Howard z�gerte, �ffnete die T�r dann ganz und machte eine befehlende Geste. �Komm mit. Du kannst mir in der Kutsche alles erz�hlen. Es ist ja nicht n�tig, da� wir das ganze Haus wecken, oder?�</p><p>Noch immer am ganzen Leibe zitternd, folgte ich ihm. Aber ich wagte es erst, aufzuatmen, als wir in der relativen Sicherheit der Kutsche waren und abfuhren.</p><empty-line/><p>Es war sehr lange nach Mitternacht, als wir nach Hause zur�ckkehrten. Das Haus war dunkel und still. Die Dienerschaft war schon lange zu Bett gegangen, und auch Rowlf hatte sich wohl zur�ckgezogen.</p><p>Howard bedeutete mir mit stummen Gesten, nach oben zu gehen und auf ihn zu warten, warf Hut und Mantel achtlos auf die Garderobe und verschwand lautlos in seinem Zimmer. Einen Moment wartete ich, dann wandte ich mich mit einem Achselzucken um, durchquerte die Halle und ging die Treppe ins erste Stockwerk hinauf.</p><p>Der kn�cheltiefe Teppich d�mpfte meine Schritte, und die Teppiche und Vorh�nge, die an den W�nden drapiert waren, schienen zus�tzlich jedes Ger�usch aufzusaugen, aber wie immer, wenn ich allein und abends durch die schier endlosen G�nge der Villa ging, bem�hte ich mich instinktiv, leise aufzutreten und kein Ger�usch zu machen.</p><p>Ich bewohnte das Haus seit einem halben Jahr; Zeit genug, da� ich jeden Winkel und jede Ecke kennen sollte, und erst recht Zeit genug, mich hier heimisch zu f�hlen.</p><p>Aber keines von beidem war der Fall.</p><p>Die riesige, dreist�ckige Villa in einem der vornehmsten Viertel Londons war - wie alles, was ich besa� - ein Erbe meines Vaters gewesen, und wie alles, was ich von ihm geerbt hatte, war es zehnmal so gro� und kostbar als alles, was ich zuvor kennengelernt hatte.</p><p>Und ich hatte mich vom ersten Moment an nicht wohl in seinen Mauern gef�hlt.</p><p>Zu Anfang hatte ich geglaubt, es l�ge einfach an seiner Gr��e. Auf jemanden wie mich, der den gr��ten Teil seines Lebens in den New Yorker Slums verbracht hatte, wirkte eine Umgebung wie diese naturgem�� im ersten Moment be�ngstigend. Ich war es nicht gewohnt, in einer Villa zu leben, in der man jede Mahlzeit in einem anderen Zimmer einnahm, in der es separate R�ume zum An- und Auskleiden, ganze Zimmerfluchten, die f�r G�ste reserviert waren, gleich drei Bibliotheken und noch eine Anzahl von R�umen, die einfach leerstanden, gab, und ich war es erst recht nicht gewohnt, von morgens bis abends von einer ganzen Heerschar von Dienern und Hausm�dchen umsorgt und bemuttert zu werden.</p><p>Aber Reichtum ist eine Sache, an die man sich gew�hnt; sehr schnell sogar gew�hnt.</p><p>An dieses Haus hatte ich mich nicht gew�hnt; im Gegenteil. Irgend etwas Unsichtbares, k�rperlos B�ses schien seine Mauern zu erf�llen, etwas wie ein best�ndiger eisiger Hauch, der weniger mit den normalen menschlichen Sinnen als vielmehr mit der Seele sp�rbar war. Selbst an hellen Tagen schien immer ein Hauch von D�sternis in den Zimmern zu h�ngen, und oft - vor allem nachts und vor allem, wenn ich allein war - hatte ich das Gef�hl, beobachtet zu werden; als h�tten die W�nde Augen. Es war nichts Feindseliges in diesem ... <emphasis>Etwas, </emphasis>das sp�rte ich deutlich. Aber es war erschreckend.</p><p>Erschreckend und vor allem <emphasis>fremd.</emphasis></p><p>Ich vertrieb den Gedanken, ging ein wenig schneller und betrat die Bibliothek. Der Raum war dunkel, lediglich durch die Fenster, deren Vorh�nge nur zur H�lfte zugezogen waren, fiel ein schwacher Streifen silbernen Mondlichtes herein, so da� ich die Umrisse der M�bel als schwarze, massige Schatten erkennen konnte. Vor der s�dlichen Wand leuchteten die drei Ziffernbl�tter der Standuhr wie geheimnisvolle, mattgr�ne Augen. Aber zumindest <emphasis>diesen </emphasis>unheimlichen Anblick konnte ich mir erkl�ren, denn diese Uhr war alles andere als eine Uhr. Sie sah nur so aus.</p><p>Ich schlo� die T�r hinter mir, ging zum Schreibtisch und streckte die Hand nach der Tischlampe aus, w�hrend ich mit der anderen in meiner Westentasche nach Streichh�lzern kramte.</p><p>Irgendwo hinter mir raschelte etwas.</p><p>Das Ger�usch war nicht sehr laut, aber sonderbar scharf und auf schwer in Worte zu fassende Weise deutlich mit einem Empfinden von Gefahr gepaart.</p><p>Ich erstarrte mitten in der Bewegung, nahm die Hand behutsam aus der Tasche und drehte mich ganz langsam herum. Drau�en vor dem Fenster rissen die Wolken auf, und die beiden dreieckigen Streifen silbernen Mondlichtes wurden heller, aber die Dunkelheit jenseits von ihnen schien sich eher noch zu verdichten. Die Schatten wurden schwarz und gleichzeitig h�rter, wie mit scharfen Tuschestrichen gezogen. Dann wiederholte sich das Rascheln. Und diesmal war es so deutlich, da� ich vollkommen sicher war, es mir nicht blo� eingebildet zu haben.</p><p>Mit angehaltenem Atem sah ich mich um. Das Rascheln war jetzt permanent zu h�ren, ein ged�mpfer, scharrender Laut, der mich an das Kratzen kleiner scharfer Krallen erinnerte; gleichzeitig glaubte ich einen schwachen, moderigen Geruch zu versp�ren, der aus der gleichen Richtung wie das Ger�usch kam.</p><p>War das nicht eine Bewegung? Zuckte und wogte es nicht in den Schatten, als w�re die Dunkelheit selbst zum Leben erwacht, bewegte sich die Schw�rze nicht wie ein gro�es, lebendes <emphasis>Ding </emphasis>hin und her?</p><p>Meine Hand tastete nach der Schreibtischschublade, zog sie lautlos auf und fand den kleinen, zweisch�ssigen Damenrevolver, den ich darin aufzubewahren pflegte. Vorsichtig, um kein �berfl�ssiges Ger�usch oder etwa eine verr�terisch hastige Bewegung zu machen, zog ich ihn hervor, drehte mich wieder um und ging mit erzwungenen ruhigen Schritten zum Fenster.</p><p>Wieder h�rte ich den raschelnden Laut, viel deutlicher diesmal - und <emphasis>n�her. </emphasis>Es klang, als rieben sich kleine, weiche K�rper aneinander. Der Friedhofsgeruch wurde st�rker.</p><p>Mein Herz begann zu h�mmern, und das Verlangen, herumzufahren und aus dem Zimmer zu st�rzen, wurde beinahe �berm�chtig. Ich sp�rte, da� ich nicht allein, sondern da� da noch etwas anderes, Lauerndes, Unsichtbares war - und da� dieses Etwas feindselig und b�se war.</p><p>Mit aller Selbstbeherrschung, die ich aufzubringen imstande war, trat ich zum Fenster, tat so, als blicke ich neugierig auf die Stra�e hinab -</p><p>und schlug mit einer einzigen Bewegung den Vorhang beiseite. Gleichzeitig wirbelte ich herum und ri� die Waffe in die H�he.</p><p>Der Anblick lie� mich erstarren.</p><p>Das Mondlicht str�mte wie ein silberner Lampenstrahl durch das Fenster und tauchte den r�ckw�rtigen Teil der Bibliothek in beinahe taghelle Helligkeit.</p><p>Der Boden dort dr�ben <emphasis>bewegte sich! </emphasis>Schwarze Schlangen aus Finsternis bebten und zuckten auf dem Teppich, bizarre Grimassen aus substanzgewordener Dunkelheit grinsten mich an, glitzernde Spinnenbeine tasteten zitternd in die Luft, und etwas Gro�es, K�rperloses, Schwarzes waberte und wogte wie brodelnder Nebel �ber und in dem Boden.</p><p>Dann zerstob die Illusion. Die klumpige Dunkelheit ballte sich zu K�rpern, und ich sah, was es wirklich war.</p><p><emphasis>Ratten.</emphasis></p><p>Auf dem Teppich vor dem Kamin lagen Dutzende von Ratten, gro�e, h��liche Tiere mit schwarzgrauem Fell, die meisten tot oder sich in Kr�mpfen windend, andere auf grauenhafte Weise verst�mmelt und verkr�ppelt. Nur wenige hatten noch die Kraft, sich mit zuckenden Bewegungen von der Stelle zu r�hren.</p><p>F�r endlose Sekunden blieb ich reglos und erstarrt vor Schreck und immer st�rker werdendem Ekel vor dem Fenster stehen. Der Anblick krampfte meinen Magen zu einem harten, schmerzhaften Klumpen zusammen. Meine Hand umklammerte den nutzlosen Revolver so heftig, da� sie zu zittern begann, und trotz des eisigen Schauers, der immer und immer wieder meinen R�cken hinablief, brach mir �berall am Leib der kalte Schwei� aus.</p><p>Trotzdem war es mir unm�glich, den Blick von der grauenhaften Erscheinung zu nehmen.</p><p>Die Ratten bildeten einen gro�en, zuckenden Berg aus Leibern und ineinander verkrallten Gliedma�en, eine einzige schw�rzliche Masse, die wie ein riesiges bizarres Tier zuckte und bebte. Viele von ihnen hatten sich im Todeskampf in ihre Artgenossen verbissen, andere lagen verkr�mmt da, in unm�glichen Haltungen, und wieder andere waren auf f�rchterliche Weise entstellt, die Leiber aufgedunsen und verquollen wie haarige B�lle, mit schrecklich verwachsenen Gliedma�en, Gesichtern ohne Augen und M�nder, mit <emphasis>zu vielen oder falschen </emphasis>Beinen, einige K�rper nackt, und glitzerten in feuchtem Rot, als w�re ihnen die Haut abgezogen worden oder ...</p><p>Erst, als eine der grauenhaft entstellten Kreaturen auf mich zuzukriechen begann, erwachte ich endlich aus meiner Erstarrung.</p><p>Mit einem Schrei sprang ich zur�ck, prallte schmerzhaft gegen die marmorne Fensterbank und ri�, halb von Sinnen vor Entsetzen und Ekel, den Abzug des Revolvers durch.</p><p>Der peitschende Knall zerri� die Stille wie ein Kanonenschlag. Die Kugel verfehlte das Tier und ri� eine Handbreit neben ihm Splitter aus dem Boden, denn meine H�nde zitterten so stark, da� ich die Waffe kaum zu halten, geschweige denn zu zielen vermochte. Aber die Ratte erschlaffte trotzdem mitten in der Bewegung, zuckte noch einmal und lag dann still.</p><p>Wie zur Antwort auf den Knall des Pistolenschusses ert�nte irgendwo im Haus ein erschrockener Ruf, dann h�rte ich eine T�r schlagen und eine zweite Stimme schreien, aber die Ger�usche schienen irgendwie nicht an mein Bewu�tsein zu dringen, sondern blieben irreal und bedeutungslos. Der furchtbare Anblick hielt mich noch immer gefangen, und mit jeder Sekunde, die sich meine Augen mehr an die Dunkelheit gew�hnten und ich weitere Einzelheiten zu erkennen vermochte, wuchs der Schrecken noch.</p><p>Die Ratten bildeten einen fast halbmeterhohen, kribbelnden, wogenden Klumpen aus verquollenem Fleisch und blutigem Fell vor dem Kamin, aber dahinter, wie eine grausige Spur, zog sich eine unterbrochene Kette toter Tiere quer durch die Bibliothek, lief im Zickzack �ber den Parkettboden und endete vor dem Schreibtisch. Mein Herz schien einen Schlag zu �berspringen und h�mmerte dann mit schmerzhafter Wucht und doppelt schnell weiter, als ich sah, da� einer der aufgedunsenen Kadaver direkt neben der Lampe auf der Schreibtischplatte lag - wenige Zentimeter von der Stelle entfernt, an der meine Hand gewesen war.</p><p>Ich versuchte, das immer st�rker werdende Ekelgef�hl zu unterdr�cken, trat ein St�ck vom Fenster fort und sah, da� sich die Spur aus toten oder sterbenden Ratten auf der anderen Seite des Schreibtisches fortsetzte, in einem leicht geschwungenen Bogen quer durch das Zimmer f�hrte und am Fu�e der Standuhr abbrach.</p><p>Das hie� - nicht an ihrem Fu�.</p><p>Die T�r des mannshohen, monstr�sen M�bels stand eine Handbreit offen, und aus dem Spalt blickten mich die gebrochenen Augen einer Ratte an, erf�llt von einer Wut, die sich selbst im Tode noch in ihren Blick gebrannt hatte.</p><p>Drau�en auf dem Gang wurden polternde Schritte und Stimmen laut, dann wurde die T�r aufgesto�en; so heftig, da� sie wuchtig gegen die Wand krachte. Howard und Rowlf st�rmten dicht hintereinander in die Bibliothek und blieben wie angewurzelt stehen. Howard keuchte, w�hrend Rowlf einen sonderbaren, quietschenden Laut ausstie� und zur�ckprallte.</p><p>Aber ich bemerkte die beiden kaum, sondern starrte aus ungl�ubig aufgerissenen Augen auf die Standuhr.</p><p>Die pl�tzliche Ersch�tterung lie� ihre T�r ein weiteres St�ck aufgehen. Und aus dem schmalen Raum dahinter quollen Dutzende von toten Ratten wie eine schwarze, haarige Lawine auf den Boden ...</p><empty-line/><p>Howard hatte die Lampen angez�ndet, und das Licht tat meinen an die Dunkelheit gew�hnten Augen fast weh. Vielleicht war das Schlimme aber auch nur das Bild, das der helle Schein der Gaslampen so gnadenlos enth�llte. Vorhin, als ich das Arbeitszimmer betreten und nur Schemen erkannt hatte, war es erschreckend und unheimlich gewesen.</p><p>Jetzt war es ein Alptraum.</p><p>Als sich das Entsetzen, das wie eine haarige Spinne meinen R�cken hinaufgekrochen war, legte, wurde mir �bel.</p><p>Ich starrte erst Rowlf, dann Howard sekundenlang an und machte einen schwerf�lligen Schritt auf die Standuhr zu.</p><p>�Nicht�, sagte Howard scharf. �R�hr sie nicht an, Robert!�</p><p>Ich gehorchte. Hinter der harmlosen Fassade der Standuhr verbarg sich nichts anderes als eines der geheimnisumwitterten <emphasis>Tore </emphasis>der GROSSEN ALTEN, ein Zugang zu jenem magischen Transportsystem, mit dem sie vor zweihundert Millionen Jahren in Sekundenschnelle von einem Ende der Welt zum anderen gelangen konnten. Es war eines der letzten, das die Jahrmillionen �berstanden hatte, und wie so vieles in diesem verhexten Haus war es Teil jenes unheimlichen Erbes, das mir mein Vater hinterlassen hatte. Aber sowohl Howard als auch ich hatten seit den Ereignissen in Amsterdam angenommen, da� das bizarre Transportsystem der ausgestorbenen D�monenrasse endg�ltig zerst�rt sei.</p><p>Das Bild, das sich uns bot, �berzeugte uns auf recht drastische Weise vom Gegenteil. Keine zehn Pferde h�tten mich jetzt noch dazu gebracht, die Uhr zu betreten.</p><p>�Was ist passiert?� fragte Howard. Obwohl er sich M�he gab, so ruhig und sachlich wie gewohnt zu klingen, h�rte ich das Zittern in seiner Stimme deutlich.</p><p>Ich warf ihm einen raschen Blick zu und bemerkte, da� sein Gesicht bleich wie Schnee und von feinen Perlen glitzernden Schwei�es bedeckt war.</p><p>�Ich wei� es nicht�, murmelte ich. �Ich bin hereingekommen, und ...� Ich sprach nicht weiter, denn in diesem Moment bewegte sich etwas dicht neben meinem rechten Fu�. Ein kleiner grauer Ball kroch auf mich zu, stie� ein kl�gliches Quietschen aus und verendete. Voller Entsetzen f�hrte ich mir die Tatsache vor Augen, da� l�ngst nicht alle Ratten tot waren. Ich wies auf die Uhr. �Sie m�ssen durch das <emphasis>Tor </emphasis>gekommen sein.�</p><p>Howard sah mich zweifelnd an. Er machte einen Schritt auf die offenstehende Uhr zu und lie� sich dicht neben dem Strom graubrauner toter oder sterbender Ratten in die Hocke sinken. Seine Gelenke knackten. Einen Moment lang sah er sich suchend um, dann deutete er mit einer Kopfbewegung auf das Lineal, das auf meinem Schreibtisch stand, und streckte fordernd die Hand aus.</p><p>Ich reichte es ihm. Howard drehte sich in der Hocke herum, st�tzte sich mit der Linken am Boden auf und angelte mit dem Ende des Lineals nach der T�r der Standuhr. Die Scharniere knirschten leise, als das massive Eichenholzblatt vollends nach au�en schwang.</p><p>Howard prallte mit einem Schrei zur�ck, als Hunderte und Aberhunderte von toten Ratten wie eine braune Lawine aus der Uhr kollerten und sich auf dem Boden verteilten.</p><p>Mit rasendem Herzen trat ich hinter Howard und sp�hte in die Uhr. Die komplizierte Mechanik des L�utwerkes war verschwunden; aber das hatte ich erwartet. Was ich nicht erwartet hatte, war der zuckende, rotwei�e Korridor, der hinter der T�r begann.</p><p>Er war rund, wenn auch nur ann�hernd, denn seine W�nde befanden sich in best�ndiger zuckender Bewegung, und schien sich unabl�ssig zu biegen und zu winden wie ein Schlauch. Tropfen von wei�er und roter Fl�ssigkeit drangen �berall aus W�nden und Decke. Auf furchtbare Weise hatte ich das sichere Gef�hl, etwas <emphasis>Lebendigem </emphasis>gegen�berzustehen ...</p><p>Howard packte das Lineal fester, beugte sich weiter vor und schob die T�r langsam wieder zu. Immer wieder mu�te er damit innehalten, um tote Ratten beiseite zu schieben, die die T�r blockierten, und ich hatte das Gef�hl, da� der Tunnel st�rker zuckte und bebte, je weiter sich die T�r schlo�.</p><p>Es gelang uns nur mit vereinten Kr�ften, und selbst zu dritt hatten wir alle M�he, die Uhr zu schlie�en. Es war nicht so, als m��ten wir wirklich gegen einen f�hlbaren Widerstand ank�mpfen; vielmehr schien sich die T�r selbst mit aller Gewalt gegen unseren Druck zu stemmen. Es war ein Gef�hl, als versuche man die Faust in ein Watteb�ndel zu schlagen, und als das kleine Messingschlo� schlie�lich einrastete, h�rte es sich fast an wie ein leises, qualvolles St�hnen.</p><p>Howard wandte sich wieder um, ging erneut vor dem Strom toter und verendender Tiere in die Hocke und hob schlie�lich einen der kleinen Nager am Schwanz in die H�he.</p><p>�Schau dir das an�, sagte er.</p><p>Widerwillig lie� ich mich neben ihm in die Hocke sinken, schluckte bitteren Speichel herunter und versuchte mich innerlich gegen den ekelerregenden Anblick zu wappnen.</p><p>Es war schauderhaft. Die Ratte war tot, aber jetzt, nachdem ich mich zwang, den gr��lichen Anblick zu ertragen, sah ich auch, da� sie nicht an ihren Verletzungen verendet war.</p><p>Sie war n�mlich nicht verletzt.</p><p>Obgleich der Kadaver einen Anblick bot, der ausgereicht h�tte, dem Marquis de Sade schlaflose N�chte zu bereiten, wies er keinerlei �u�erliche Verletzungen auf. Was ich f�r schreckliche Wunden gehalten hatte, waren gro�e, glitzernde Stellen, an denen das Fell nach innen gewachsen zu sein schien, die vermeintlich zerbrochenen Glieder waren so gewachsen, die heraush�ngenden Eingeweide von einem brutalen Scherz der Natur so angeordnet.</p><p>Und endlich begriff ich. Nicht eines der zahllosen Tiere, die hier bei uns im Raum waren, war gewaltsam ums Leben gekommen. Es war eine Armee grausiger Mi�geburten, die durch das <emphasis>Tor </emphasis>im Inneren der Uhr gekommen war!</p><empty-line/><p>Vor den Fenstern kroch graue D�mmerung in die Nacht, aber wir sa�en noch immer beieinander; keiner von uns hatte auch nur einen Gedanken daran verschwendet, sich zur�ckzuziehen oder gar Schlaf finden zu wollen. Es war f�nf - eine Zeit, zu der ich normalerweise zu Bett ging und gewisse abartig veranlagte Menschen bereits wieder aufstanden - und wir hatten den Rest der Nacht damit verbracht, die toten Ratten zu beseitigen und wenigstens wieder einigerma�en Ordnung zu schaffen. Nicht, da� es uns gelungen w�re. Der Aasgestank w�rde sich noch monatelang in Tapeten und Vorh�ngen halten, und �berall auf dem Teppich waren dunkle Flecken zur�ckgeblieben. Aber wir hatten wenigstens die Kadaver beseitigt, und wir hatten sogar das Kunstst�ck fertiggebracht, dies zu tun, ohne die Dienerschaft dabei aufzuwecken. Die M�nner und Frauen, die in meinem Dienst standen, waren zwar Absonderliches gew�hnt - aber ein paar hundert verst�mmelter Ratten, die aus dem Nichts in meiner Bibliothek auftauchten, geh�rten nun doch nicht dazu.</p><p>Mit zitternden H�nden griff ich nach meiner Tasse mit l�ngst kalt gewordenem Kaffee, trank einen Schluck und stellte sie mit einem �bertrieben kr�ftigen Ruck wieder ab, als Howard sich die wahrscheinlich f�nfzigste Zigarre w�hrend dieser Nacht anz�ndete. Er hatte argumentiert, da� der Tabaksgeruch den Aasgestank �berdeckte - was nicht stimmte, es roch jetzt zwar nicht mehr nach Aas, sondern nach <emphasis>verbranntem </emphasis>Aas -, aber ich hatte mich trotzdem geschlagen gegeben.</p><p>�Ich versteh� dat nich�, murmelte Rowlf. �Du has doch gesacht, das dat <emphasis>Tor </emphasis>es nich mehr tut.�</p><p>Howard deutete mit dem gl�henden Ende seiner Zigarre auf die tote Ratte, die auf einem St�ck Papier auf dem Tisch lag. �Zumindest funktioniert es nicht mehr so, wie es sollte�, sagte er. �Sieh dir dieses Tier an. Ich vermute, das war eine v�llig normale Ratte, als es das <emphasis>Tor </emphasis>betreten hat.�</p><p>Mein Magen kroch ein St�ck weit in meiner Speiser�hre hinauf. �Wie ... bitte?� sagte ich m�hsam.</p><p>Howard seufzte. Einen Moment lang hielt er meinem Blick stand, dann sah er weg, sog an seiner Zigarre und seufzte abermals. �Ich wei� nicht viel �ber die <emphasis>Tore�, </emphasis>begann er.</p><p>�Aber offensichtlich immer noch eine Menge mehr als ich�, unterbrach ich ihn spitz. Howard runzelte die Stirn.</p><p>�Ich habe meine Gr�nde, dir nicht alles zu sagen�, murmelte er. �Du bist noch nicht soweit, Junge.�</p><p>Zorn kochte wie eine hei�e Woge in mir hoch. �Aber ich bin weit genug, mich umbringen zu lassen�, sagte ich b�se. �Ich bin weit genug, mitten in der Nacht eine Armee verkr�ppelter Ratten in meinem Arbeitszimmer zu finden, und ich bin weit genug, dir um die halbe Welt nachzureisen, um dich vor den Nachstellungen deiner verr�ckten Logenbr�der zu retten. Zum Teufel - wann wirst du aufh�ren, mich wie einen Idioten zu behandeln, Howard?�</p><p>Die letzten Worte hatte ich fast geschrien, aber Howard blieb ganz ruhig. Er hatte eine Art, immer ruhiger und sanfter zu werden, je mehr ich mich aufregte, die mich rasend machte. �Wenn du aufh�rst, dich so zu benehmen, Robert�, sagte er leise.</p><p>Ich starrte ihn an. Howard hielt meinem Blick gelassen stand. �Es hat �berhaupt keinen Sinn, wenn wir uns jetzt streiten, Robert�, sagte er sanft. �Ich wei� wirklich nicht viel �ber die <emphasis>Tore. </emphasis>Dein Vater wu�te eine Menge dar�ber, aber er hat mir niemals alles verraten. Selbst von dem <emphasis>Tor </emphasis>in dieser Uhr habe ich nur durch Zufall erfahren.�</p><p>�Immerhin wu�test du genug dar�ber, um es zu benutzen�, erinnerte ich ihn.</p><p>Howard nickte. �In �u�erster Not�, best�tigte er. �Aber so, wie es jetzt aussieht, w�rde ich es nicht mehr wagen.�</p><p>Ich schluckte, blickte einen Herzschlag lang die geschlossene T�r der Standuhr an und wandte mich dann wieder an Howard. �Wie meinst du das?�</p><p>�Ich wei� nicht viel �ber die <emphasis>Tore�, </emphasis>sagte er noch einmal, an den Beginn seiner Erkl�rung ankn�pfend, die ich so abrupt unterbrochen hatte. �Aber dein Vater erkl�rte mir einmal, da� sie eine Art Weg durch eine andere Dimension darstellen.� Er l�chelte schmerzlich. �Ich wei�, wie verr�ckt sich das anh�rt, aber genau das waren seine Worte. Wer diesen Weg betritt, der existiert nicht mehr wirklich. Nicht ... nicht k�rperlich, verstehst du? Dein K�rper wird in Atome aufgel�st und in unglaublich kurzer Zeit zu einem anderen <emphasis>Tor </emphasis>transportiert. Dort wird er wieder zusammengesetzt. Du ... begreifst, was ich meine?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte ich und sch�ttelte den Kopf.</p><p>Howard l�chelte. �Es ist schwer zu erkl�ren�, gestand er ein. �Versuch es so zu sehen - du existierst nur noch als Idee, sobald du ein <emphasis>Tor </emphasis>betrittst. Und aus dieser Idee wird wieder ein K�rper, sobald du es verl��t.�</p><p>�Das mit den Ratten war �ne Schei�idee�, warf Rowlf ein. Er war aufgestanden und zum Fenster gegangen, um auf die Stra�e hinauszusehen.</p><p>Howard blieb vollkommen ernst. �Ich wei� nicht, ob es nur dieses <emphasis>Tor </emphasis>hier betrifft oder das ganze System�, fuhr er fort. �Jedenfalls scheint es nicht mehr zu funktionieren. Die Ratten wurden entmaterialisiert, aber nicht mehr richtig zusammengesetzt - laienhaft ausgedr�ckt.�</p><p>Ein eisiger Schauer raste �ber meinen R�cken, als ich begriff, was er meinte. �Willst ... willst du damit sagen, da� ... dasselbe mit einem Menschen geschehen w�rde, wenn er ...� Ich sprach nicht weiter. Der Gedanke lie� mich innerlich zu Eis erstarren.</p><p>�Ich f�rchte es�, sagte Howard. �Jedenfalls m�chte ich es nicht ausprobieren.�</p><p>�Aber woher sind sie gekommen?� fragte ich. �Und warum?�</p><p>Diesmal antwortete Howard nicht sofort. Nat�rlich wu�te er, worauf ich mit meiner Frage anspielte - es <emphasis>konnte </emphasis>kein Zufall sein, da� diese Ratten-Armee ausgerechnet <emphasis>jetzt </emphasis>hier aufgetaucht war, kaum eine Stunde nach meiner unheimlichen Begegnung mit der maskierten Frau und ihrem gespenstischen Begleiter.</p><p>�Ich wei� es nicht�, seufzte er schlie�lich. �Aber es sieht so aus, als h�tte jemand etwas dagegen, da� du dich zu sehr in gewisse Dinge mischst. Wer immer diese Frau war, die du gesehen hast - sie meint es ernst.�</p><p>�Aber das ergibt �berhaupt keinen Sinn!� widersprach ich. �Warum sollte sie mich erst warnen und mir dann diese ... diese <emphasis>Biester </emphasis>schicken?!�</p><p>�Vielleicht, um ihrer Warnung ein wenig Nachdruck zu verleihen�, vermutete Howard.</p><p>�Unsinn!� widersprach ich heftig. �Das h�tte Sinn, wenn ich mich weiter -�</p><p>�Vielleicht redet ihr sp�ter dr�ber�, unterbrach mich Rowlf. �Da kommt ne Droschke. Sieht aus, wie wennse hier halten w�rde.�</p><p>Howard und ich standen gleichzeitig auf und traten neben ihn. Rowlf hatte recht - im schwachen Licht des heraufziehenden Tages war ein viersp�nniger Wagen zu erkennen, der quer �ber den Ashton Place herangefahren kam und zielsicher vor meinem Grundst�ck hielt. Der Kutscher sprang vom Bock, wieselte um den Wagen herum und ri� den Schlag auf. Augenblicke sp�ter w�lzten sich zwei Zentner t�llverh�llten Specks auf die Stra�e und wackelten auf die T�r zu.</p><p>�Das ... ist Lady McPhearson!� sagte ich erstaunt. �Was in aller Welt will sie hier? Noch dazu zu dieser Zeit?�</p><p>�Das habe ich bef�rchtet�, murmelte Howard. �Es w�re auch zu sch�n gewesen ...� Er schlo� mit einem Seufzen, drehte sich abrupt vom Fenster weg und gab Rowlf einen Wink.</p><p>�Geh hinunter und mach die T�r auf�, sagte er. �Schnell, ehe sie klopft und die Dienerschaft weckt.�</p><p>Rowlf gehorchte. Wir h�rten ihn die Treppe hinunterpoltern und durch die Halle st�rmen; wenige Augenblicke sp�ter knarrte die Eingangst�r, und Lady Audleys Stimme klang auf.</p><p>Howard wickelte hastig die tote Ratte in ein Papier, sah sich einen Moment hilflos um und plazierte sie in Ermangelung eines besseren Verstecks schlie�lich im Kamin, w�hrend ich das Fenster aufri�, um den �blen Geruch aus dem Zimmer zu vertreiben. Auf die Idee h�tte ich auch schon vor zwei Stunden kommen k�nnen.</p><p>Wir waren kaum mit unseren Vorbereitungen fertig, als die T�r aufging und Rowlf wieder hereinkam, gefolgt von Lady Audley, die zu ihrem Doppelkinn nun auch noch dunkle Ringe unter den Augen trug. Sie schien in dieser Nacht so wenig geschlafen zu haben wie wir.</p><p>�Robert�, begann sie, ohne sich mit irgendwelchen �berfl�ssigen Floskeln aufzuhalten, �ich mu� Sie sprechen.� Zielsicher walzte sie auf mich zu, lie� sich in einen Stuhl fallen und griff nach der Kaffeekanne.</p><p>�Zwecklos, Lady Audley�, sagte ich. �Er ist kalt. Aber Rowlf kann neuen aufbr�hen.�</p><p>Rowlf nickte und verschwand, w�hrend sich Howard - schon wieder eine neue Zigarre im Mund - zwischen mir und Lady Audley am Tisch niederlie�.</p><p>�Ich sehe, Sie haben auch keinen Schlaf gefunden�, begann Lady Audley. �Das ist verst�ndlich, nach allem, was geschehen ist. Und es enthebt mich der Peinlichkeit, Sie wecken zu m�ssen.�</p><p>�Es h�tte nichts ausgemacht�, antwortete ich. �Aber Sie haben recht. Howard und ich haben die ganze Nacht dar�ber nachgedacht, was nun w�hrend der Seance wirklich geschehen ist. Aber leider wissen wir es nicht.�</p><p>�Aber ich�, erkl�rte Lady Audley.</p><p>Verwirrt sah ich sie an. �Sie ... wissen?� murmelte ich.</p><p>Lady Audley McPhearson nickte mit gro�em Ernst. �Sie k�nnen es nicht wissen, mein Junge�, sagte sie. �Sie sind jung und unbefangen, und das ist auch gut so.�</p><p>Ich hatte meine Z�ge wohl nicht halb so gut unter Kontrolle, wie ich es gerne gehabt h�tte, denn Lady McPhearson l�chelte pl�tzlich und fuhr - in eindeutig g�nnerhaftem Ton - fort: �Machen Sie sich nichts draus, Robert. Sie sind vielleicht ein begnadetes Medium, aber Ihnen fehlt einfach noch die Erfahrung, wissen Sie? Irgendwann werden Sie begreifen, da� es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die sich unsere Schulweisheit nicht erkl�ren kann.�</p><p>Das kam mir irgendwie bekannt vor, aber ich war klug genug, sie nicht zu unterbrechen.</p><p>�Was meinen Sie damit?� fragte Howard.</p><p>Lady Audley bedachte ihn mit einem Blick, der jeden anderen in den Sessel h�tte schrumpfen lassen. �Ich meine damit, Mister Phillips�, sagte sie, �da� Robert unsere kleinen Seancen bisher nicht ernst genommen hat. Widersprechen Sie mir nicht, Robert�, sagte sie mit erhobener Stimme, als ich sie unterbrechen wollte. �Ich habe Sie l�ngst durchschaut. F�r Sie war das alles nur ein gro�er Spa�, bei dem Sie sich k�stlich �ber uns alberne alte Frauen am�siert haben, nicht wahr?� Ein fl�chtiges L�cheln stahl sich auf ihre �berm�deten Z�ge und erlosch wieder. �Das ist Ihr gutes Recht, Robert�, fuhr sie fort. �Aber seit heute nacht sollten Sie wissen, da� es mehr ist als ein Spa�. Vielleicht war es das, bisher. Aber Sie <emphasis>sind </emphasis>ein Medium, auch wenn Sie es nicht wahrhaben wollen.�</p><p>Ich schwieg einen Moment, w�hrend Lady Audley sichtlich den Schrecken geno�, den ihre Worte f�r mich bedeuten mu�ten. �Wissen Sie, Lady Audley�, sagte ich schlie�lich, �es gibt da etwas, was ich Ihnen erkl�ren mu� ...�</p><p>Howard begann zu husten.</p><p>�Warum finden Sie sich nicht einfach damit ab, mein lieber Robert�, sagte Lady Audley. �Ich wei�, wie schwer es Ihnen fallen mu�, aber es gibt so etwas wie Geister und �bersinnliche Dinge. Wenn Sie �lter werden, werden Sie noch begreifen, was ich meine. Schauen Sie - die meisten meiner Freunde halten mich f�r leicht verr�ckt, und ich lasse sie in diesem Glauben. Aber ich bin es nicht, ganz und gar nicht.�</p><p>�Aber Lady Aud-�</p><p>�Bitte, Robert�, unterbrach sie mich. �Halten Sie mich meinetwegen f�r eine verr�ckte alte Frau, aber gew�hren Sie dieser verr�ckten alten Frau die Gnade, ein paar Stunden Ihrer Zeit in Beschlag zu nehmen.�</p><p>�Lady Audley�, begann ich, der Verzweiflung nahe. �Ich halte Sie ganz und gar nicht f�r verr�ckt. Im Gegenteil. Sie k�nnen nicht wissen, da� -�</p><p>�Warum h�ltst du nicht den Schnabel und h�rst einfach zu?� unterbrach mich Howard. �Vielleicht ist es ja wirklich wichtig, Robert.�</p><p>Ich gab auf. Und wahrscheinlich hatte Howard sowieso recht - selbst wenn Lady Audley mir geglaubt h�tte, w�re es mir schwergefallen, ihr zu erkl�ren, da� ich als Sohn eines leibhaftigen Hexers eine ganze Menge mehr �ber diese Dinge wu�te, von denen sie sprach.</p><p>Lady Audley warf Howard einen dankbaren Blick zu. �Ich danke Ihnen, Mister Phillips�, sagte sie, und f�gte - nach einem �bertrieben geschauspielerten Verziehen der Nase - hinzu: ��brigens - was rauchen Sie f�r einen Tabak?�</p><p>�Warum?� fragte Howard.</p><p>�Er riecht nicht besonders gut�, sagte Lady Audley. �Um ehrlich zu sein, er stinkt nach verbrannter Ratte.�</p><p>Howard schluckte, w�hrend ich mit M�he ein Grinsen unterdr�ckte. Gottlob kam in diesem Moment Rowlf mit einer Kanne frisch aufgebr�htem Kaffee zur�ck, und Lady Audley schwieg, bis er eingeschenkt und das Zimmer wieder verlassen hatte. Danach leerte sie schweigend hintereinander drei Tassen, ehe sie sich mit einem genu�vollen Seufzer zur�cksinken lie�.</p><p>�Das tat gut�, sagte sie. �Ich bin es nicht mehr gewohnt, eine Nacht nicht zu schlafen, Robert. Aber jetzt f�hle ich mich schon besser.�</p><p>�Warum sind Sie hier, Mylady?� begann Howard steif. �Doch sicher nicht nur, um Rowlfs Kaffee zu genie�en.�</p><p>Ich sah ihn warnend an, aber Lady Audley schien seine Worte nicht �belzunehmen. �Nat�rlich nicht, Mister Phillips�, sagte sie. �Mein �berfall hat mit dem zu tun, was gestern abend auf der Seance geschehen ist. Aber das haben Sie sicher schon vermutet.�</p><p>Howard nickte, dr�ckte seine Zigarre aus und entz�ndete sich eine neue. Lady Audleys Stirn umw�lkte sich. Wortw�rtlich.</p><p>�Ich m�chte Sie um einen Gefallen bitten, Robert�, fuhr sie fort. �Einen sehr gro�en Gefallen, wie ich gleich vorwegschicken mu�. Wahrscheinlich werden Sie mich hinterher f�r v�llig verr�ckt halten, aber ich flehe Sie an, einer alten Frau zu vergeben.�</p><p>�Nur zu�, sagte ich. �Nach dem, was heute nacht geschehen ist, ersch�ttert mich nichts mehr.�</p><p>�Auch nicht, wenn ich Sie bitte, mich nach St. Aimes zu begleiten?� fragte Lady Audley.</p><p>�St. Aimes?� echote ich.</p><p>�Der Friedhof, auf dem Cindy begraben liegt�, erkl�rte sie leise und mit gro�em Ernst. �Er liegt dort im Norden der Stadt, fast schon au�erhalb. Ich m�chte, da� Sie mit mir dorthin gehen, Robert.�</p><p>Ich mu� sie angestarrt haben, als zweifele ich an ihrem Verstand, denn sie f�gte hastig hinzu: �Ich wei�, was Sie jetzt denken, Robert. Aber ich flehe Sie an, helfen Sie mir.�</p><p>�Warum?� fragte Howard.</p><p>�Warum?� Lady Audley kreischte fast. �Das fragen Sie noch, nach dem, was Sie selbst heute nacht erlebt haben, Sie ... Sie ... Sie <emphasis>Amerikaner, </emphasis>Sie?�</p><p>Howards Mundwinkel zuckten. Aber er blieb - zumindest �u�erlich - ernst. �Sie mi�verstehen mich, Mylady�, sagte er und stie� eine Qualmwolke in ihre Richtung. �Im Gegensatz zu Robert bin ich mir der Tatasche bewu�t, da� Ihre kleinen Seancen alles andere als eine harmlose Spielerei sind. Das war auch der Grund, aus dem ich dagegen war.�</p><p>�Dann sollten Sie verstehen, was ich in St. Aimes m�chte�, erwiderte Lady Audley heftig. Pl�tzlich, und ohne da� ich mir erkl�ren konnte, warum, war sie voller Feindseligkeit. �Cindy ist in Gefahr. Sie haben geh�rt, wie sie mich um Hilfe gerufen hat.�</p><p>�Cindy�, erkl�rte Howard sanft, �ist seit zwanzig Jahren tot, Mylady.�</p><p>Lady Audley schluckte h�rbar. Ihr Gesicht wurde noch blasser. �Das wei� ich, <emphasis>Sir�, </emphasis>antwortete sie steif. �Aber ihre Seele ruft mich um Hilfe. Sie ist in Not. Vielleicht sind Sie als Amerikaner nicht daran gew�hnt, von Dingen wie einer unsterblichen Seele zu reden, aber wir sind hier nicht in den Staaten, sondern in einem zivilisierten Land, und wir wissen die alten Werte zu w�rdigen.�</p><p>�Howard wollte Ihnen sicher nicht zu nahe treten, Mylady�, sagte ich hastig. �Aber trotzdem - was glauben Sie, dort erreichen zu k�nnen?�</p><p>�Ich mu� ihr helfen�, sagte Lady Audley heftig. �Aber ich brauche Sie dazu, Robert.�</p><p>�Ich? Aber was k�nnte ich -�</p><p>��berlassen Sie das ruhig mir, mein Junge�, unterbrach sie mich. �Ich sagte es schon einmal, und ich sage es wieder: Sie sind ein Medium, sogar ein ganz au�ergew�hnlich begabtes Medium, Robert. Wir m�ssen nach St. Aimes. Cindy braucht meine Hilfe. Und ich glaube, da� Sie mich dabei unterst�tzen k�nnen. Nun?�</p><p>Ich schwieg einen Moment, sah erst sie, dann Howard und schlie�lich die vermeintliche Standuhr an, die in geradezu unversch�mter Harmlosigkeit an der Wand hinter mir thronte. F�r einen Moment glaubte ich, ein leises, schabendes Kratzen durch das fingerdicke Eichenholz zu h�ren. Ich konnte das Gef�hl nicht begr�nden - aber das Wissen, da� das, was ich w�hrend der Nacht erlebt hatte, in direktem Zusammenhang mit der verungl�ckten Seance stand, wurde immer dr�ngender.</p><p>�Bitte!� sagte Lady Audley leise. �Ich ... ich wei�, was ich von Ihnen verlange, Robert. Aber es ist wichtig. Cindy ist in Gefahr, das f�hle ich.�</p><p>�Lady Audley -�, begann Howard, wurde aber sofort von ihr unterbrochen, und diesmal in einem Ton, der so kalt und hart wie Eis war.</p><p>�Ich rede mit Robert, Mister Phillips. Nicht mit Ihnen.� An mich gewandt und wieder in sanftem, fast bettelndem Ton fuhr sie fort: �Ich flehe Sie an, Robert. Meinetwegen halten Sie mich f�r verr�ckt, und ... und meinetwegen k�nnen Sie hinterher jedem erz�hlen, da� ich jetzt v�llig den Verstand verloren habe, aber ich flehe Sie an, kommen Sie mit mir. Es ist nicht weit. In einer Stunde k�nnen wir dort sein.�</p><p>Ich versuchte vergeblich, ihrem Blick standzuhalten. In Lady Audleys Augen schimmerten Tr�nen, und pl�tzlich versp�rte auch ich einen bitteren, harten Klo� im Hals. Es war fast absurd - ich war gerade achtzehn geworden, und Lady Audley mu�te sich der Sechzig n�hern. Sie war alt genug, meine Gro�mutter zu sein - aber jetzt bettelte sie mich mit tr�nenerf�llten Augen an, ihr zu helfen. Ich <emphasis>konnte </emphasis>gar nicht anders.</p><p>�In Ordnung�, sagte ich. �Wann m�chten Sie fahren?�</p><p>�Jetzt ... gleich?� sagte Lady Audley sch�chtern.</p><p>Statt einer direkten Antwort blickte ich auf die Uhr. Es war kurz nach f�nf, und wir alle hatten einen sehr aufregenden Abend und eine Nacht ohne Schlaf hinter uns. Aber ein einziger Blick in Lady Audleys Augen lie� mich jeden Einwand vergessen, der mir auf der Zunge lag. Jede weitere Stunde, die sie in dieser schrecklichen Ungewi�heit verbrachte, mu�te ihr wahre H�llenqualen bereiten. Und auch ich sp�rte eine sonderbare Ungeduld, wenn auch freilich aus Gr�nden, die Lady Audley nicht einmal ahnen mochte. Alles, was geschehen war - die verungl�ckte Seance, die Frau mit dem schrecklichen Sch�delhelm, die Albinoratte und die Invasion der grauen Ungeheuer - kamen mir vor wie Teile eines schrecklichen Puzzlespieles, das ich noch nicht zusammenzusetzen vermochte. Aber irgendwie hatte ich das sichere Gef�hl, da� es wichtig sein konnte, es zu tun. Vielleicht lebenswichtig.</p><p>Ich nickte.</p><p>Lady Audley strahlte mich an, w�hrend Howard mit steinernem Gesicht an mir vorbei ins Leere starrte.</p><empty-line/><p>W�hrend rings um uns im Haus die Dienerschaft allm�hlich erwachte und die Stille der Nacht den noch m�den Ger�uschen des neuen Tages wich, trafen Howard und ich die letzten <emphasis>Reisevorbereitungen. </emphasis>Auch wenn es nur eine kurze Fahrt war, so war es doch alles andere als eine fr�hliche Landpartie, zu der wir uns aufmachten, und es gab gewisse Dinge, die ich mitzunehmen gedachte, wie zum Beispiel den harmlos aussehenden Spazierstock, den mir mein Vater vermacht hatte. In seinem Ebenholzschaft verbarg sich eine rasiermesserscharfe Klinge, die - Gott allein (und vielleicht noch mein Vater) wu�te, warum - auf die meisten d�monischen Wesen, die mit ihr zusammenstie�en, eine fatale Wirkung hatte.</p><p>Ich hatte damit gerechnet, da� Howard mich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit beim Kragen packen und mit Vorw�rfen �berh�ufen w�rde, aber er hatte kein Wort mehr gesagt, sondern sich nach einer Weile mit einer gemurmelten Entschuldigung zur�ckgezogen und erkl�rt, da� er dabei helfen wollte, den Wagen reisefertig zu machen - was nichts als eine Ausrede war, denn der Zweisp�nner, den wir f�r l�ngere Fahrten in der Stadt zu verwenden pflegten, stand stets abfahrbereit in der Remise hinter dem Haus. Bei einem Leben, wie Howard und ich es zu f�hren gezwungen waren, konnte es sich als lebenswichtig erweisen, auf einen schnellen Aufbruch vorbereitet zu sein. Trotzdem war ich mit keinem Wort darauf eingegangen, sondern hatte nur dankbar genickt. Obwohl ich mir durchaus dar�ber im klaren war, da� er quasi als Aufpasser mitzukommen gedachte, war ich sehr froh, nicht allein zum Friedhof St. Aimes fahren zu m�ssen.</p><p>Lady Audley hatte ihren Kutscher unter einem Vorwand weggeschickt, und jetzt war sie bei mir, sah mir zu, wie ich die letzten Kleinigkeiten zusammensuchte, und redete dabei ununterbrochen. Nachdem wir uns bereit erkl�rt hatten, sie zu begleiten, schien der Bann gebrochen; Lady Audley hatte endg�ltig alle Hemmungen �ber Bord geworfen und sprudelte alles hervor, was sie �ber Magie, Geistesbeschw�rungen und Okkultes nur wu�te; und das war eine Menge.</p><p>Das meiste davon war ein geradezu gottesl�sterlicher Bl�dsinn.</p><p>�Wissen Sie, Robert�, sagte sie gerade, �es gibt tats�chlich so etwas wie einen Astralleib, auch wenn die meisten sogenannten normal denkenden Menschen nicht daran glauben.� Sie l�chelte geheimnisvoll. �Jedenfalls behaupten sie, es nicht zu tun. Aber im Innersten glauben sie alle daran, blo� sind wir ja heutzutage so aufgekl�rt und zivilisiert, da� wir nicht mehr zugeben k�nnen, an okkulte Dinge zu glauben.� Sie w�lzte ihre gut zwei Zentner ein St�ck n�her und legte den Kopf in den Nacken, um mir ins Gesicht blicken zu k�nnen.</p><p>�Sie sind da selbst ein gutes Beispiel, mein lieber Junge�, fuhr sie mit einem Verschw�rerblinzeln fort. �Sie haben sich doch insgeheim bisher �ber uns verr�ckte alte Schachteln lustig gemacht, nicht wahr?� Sie drohte spielerisch mit dem Finger und stach mir dabei fast in die Augen. �Und das, obwohl Sie ein sehr begabtes Medium sind. Sie wissen es nur noch nicht.�</p><p>�So?� machte ich und tat so, als suche ich in einer Schublade. Sie enthielt absolut nichts von Bedeutung, aber Lady Audley begann langsam, mir auf die Nerven zu gehen. Ich dachte insgeheim an die Bahnfahrt, die ich zusammen mit ihr durchzustehen hatte, und glaubte Howards schadenfrohes Grinsen schon jetzt zu sehen.</p><p>�Oh, ja�, sagte Lady Audley bestimmt. �Sie werden es noch besser verstehen, Junge. Sp�ter, wenn Sie �lter und erfahrener sind.�</p><p>Ich h�rte auf, in meiner Schublade herumzuw�hlen, drehte mich betont langsam zu ihr um und sah sie an. �Lady Audley�, sagte ich ruhig. �Es gibt da etwas, was ich Ihnen gestehen mu�. Sie werden es ohnehin erfahren, wenn sie mit uns nach St. Aimes fahren, und -�</p><p>�Sie brauchen nichts zu sagen, Robert�, unterbrach sie mich, pl�tzlich ebenso ernst wie ich. Ein neuer, sonderbarer Ausdruck war in ihren Augen erschienen. �Ich wei� von Ihrem Vater, Robert.�</p><p>�Sie ... wissen?�</p><p>Sie nickte, pl�tzlich ganz g�nnerhafte Mutter. �Aber selbstverst�ndlich Junge�, sagte sie. �Jeder hier in London wei�, wer Ihr Vater war - Roderick Andara, der Hexer, nicht?� Sie sch�ttelte den Kopf, als sie mein Erschrecken bemerkte, und fuhr, etwas schneller, aber noch immer im gleichen, sanften Ton, fort: �Ihr Vater war dr�ben in den Staaten ein ber�hmter Mann, und wir hier in London leben nicht hinter dem Mond. Aber sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Niemand tr�gt Ihnen nach, was Ihr Vater getan hat.�</p><p>�Sie wissen, von ... von seinem ... seinem Geheimnis?� wiederholte ich verst�rt. Ein Eimer eiskalten Wassers, der urpl�tzlich �ber meinem Kopf ausgegossen worden w�re, h�tte mich nicht mehr erschrecken k�nnen als dieses pl�tzliche Eingest�ndnis.</p><p>�Aber nat�rlich�, sagte sie, trat noch weiter auf mich zu und hob die Hand, als wolle sie meine Wange streicheln. Ich wich ein St�ck weit zur�ck.</p><p>�Schauen Sie, Robert, niemand hat das gut gefunden, was Ihr Vater tat. Aber Sie leben lange genug hier, um zu wissen, wie unsere Philosophie ist - leben und leben lassen, nicht? Andara war sicher ein begabter Mann, der es verstanden hat, die Menschen dr�ben in Amerika mit seinen Taschenspielertricks zu verwirren. Ich glaube, er ist sogar ein bi�chen ber�hmt geworden. Aber wissen Sie - nein�, verbesserte sie sich selbst, �das k�nnen Sie ja gar nicht wissen -, ich denke, nach allem, was ich �ber ihn und auch Sie, Robert, erfahren habe, hat er wirklich ein gewisses magisches Talent besessen. Zumindest war er ein Medium, sonst w�re es ihm kaum gelungen, seine Zuschauer so perfekt zu t�uschen. Und Sie haben dieses Talent geerbt, Robert.�</p><p>�Mein Vater?� murmelte ich, hin und her gerissen zwischen vorsichtiger Erleichterung und dem immer st�rker werdenden Gef�hl, lauthals loslachen zu m�ssen. �Sie glauben, da� er ein ...�</p><p>�Ein Medium war, ja�, f�hrte Lady Audley den Satz zu Ende. �So wie Sie, mein Junge.�</p><p>Abrupt drehte ich mich wieder und fuhr fort, den Inhalt der Schublade von links nach rechts und wieder zur�ck zu sortieren. Lady Audley h�tte das verr�terische Zucken meiner Mundwinkel garantiert falsch gedeutet. Dabei war die Sache nicht halb so komisch, wie sie mir im Moment noch vorkam. Es w�rde mehr als nur Probleme geben, wenn wir den Friedhof von St. Aimes erreichten und dort auch nur einen Bruchteil dessen vorfanden, was ich bef�rchtete. Es war mir noch immer nicht gelungen, die losen F�den miteinander zu verkn�pfen - aber irgend etwas sagte mir, da� das Geschehen hier im Haus und das Schicksal von Lady Audley McPhearsons Nichte in direktem Zusammenhang miteinander standen.</p><p>Ich war heilfroh, als Howard schlie�lich an meine T�r klopfte und mich ungeduldig aufforderte, mich zu beeilen.</p><p>Der Morgen empfing uns mit K�lte und d�nnen Schwaden des gef�rchteten Londoner Nebels. Ein klammer Hauch lag �ber der Stra�e und lie� das Gras in den Vorg�rten glitzern, als l�ge Rauhreif darin, und ich ging instinktiv schneller und mit gesenkten Schultern, als Rowlf endlich den Wagen aus der Remise geholt hatte und vor dem Tor vorgefahren war. Auch Howard und Lady Audley, die mit mir das Haus verlassen hatten, beeilten sich, aus der ungem�tlichen K�lte heraus und in den Wagen zu kommen, wo wir wenigstens vor dem Wind gesch�tzt waren.</p><p>Ein sonderbares Gef�hl hatte von mir Besitz ergriffen: eine Mischung aus Unruhe, ja, beinahe Vorfreude, nach fast zwei Monaten dem doch recht tristen Leben eines M��igg�ngers zu entfliehen; aber auch eine beinahe an Furcht grenzende Beunruhigung Howard setzte sich mir gegen�ber auf die Bank. Ungeduldig zog ich den Wagenschlag hinter Lady Audley zu und wartete, bis Rowlf unser Gep�ck verstaut und auf dem Bock Platz genommen hatte. Seine Peitsche knallte, und endlich setzte sich das Gef�hrt schwerf�llig in Bewegung.</p><p>Langsam fuhren wir �ber den Ashton Place, wandten uns nach Norden und wurden schneller, als die Pferde sich warmliefen und ihre Muskeln geschmeidiger wurden.</p><p>Eine geraume Weile fuhren wir schweigend dahin. Lady Audley hatte den Weg nach St. Aimes erkl�rt - einem kleinen Nest weit im Norden, das irgendwann vor zehn oder mehr Jahren von der best�ndig weiterwuchernden Stadt einfach aufgesogen worden war, so da� es jetzt zu einem Teil Londons geworden war wie so viele kleine Ortschaften.</p><empty-line/><p>Wir mochten etwa eine halbe Stunde durch die morgendlich leeren Stra�en der Themsestadt gefahren sein, als der Wagen mit einem so abrupten Ruck zum Stehen kam, da� ich um ein Haar von der Bank gerutscht w�re. Auch Howard k�mpfte eine Sekunde lang um sein Gleichgewicht, dann fuhr er hoch, ri� fluchend die T�r auf und schrie Rowlf an: �Was zum Teufel soll das?�</p><p>Rowlf antwortete irgend etwas, das ich nicht verstehen konnte, und ich sah, wie der Zorn auf Howards Gesicht einem fragenden Ausdruck Platz machte.</p><p>Ich machte eine beruhigende Geste in Lady Audleys Richtung, stemmte mich ebenfalls hoch und beugte mich neugierig aus dem Wagen. Howard stieg auf der anderen Seite aus und schlug den Mantelkragen hoch, als der Wind mit einem triumphierenden Heulen wieder �ber ihn herfiel. Ganz instinktiv tastete meine Hand nach dem gelben Kristallknauf des Stockdegens, den ich w�hrend der Fahrt l�ssig zwischen meine Knie geklemmt hatte.</p><p>�Was ist los?� fragte ich, an Rowlf gewandt.</p><p>Der rothaarige Riese zuckte mit den Achseln und deutete nach vorne.</p><p>Die Stra�e war nicht mehr leer. Ein St�ck vor uns, nicht mehr als zwanzig Schritt entfernt, aber im schwachen Licht des Morgens nur als Schemen zu erkennen, stand eine Gestalt. Reglos und hoch aufgerichtet und mitten auf der Stra�e, nicht wie ein Mann, der vor Schrecken oder aus Neugier stehengeblieben w�re, sondern in einer Haltung, die mir deutlich sagte, da� er an dieser Stelle auf uns gewartet hatte; aus welchem Grund auch immer.</p><p>Dann bewegte sich die Gestalt, und aus dem grauen Schemen wurde ein K�rper. Sekunden sp�ter blickte ich in das Gesicht eines vielleicht zwanzigj�hrigen, rothaarigen Burschen, der in seiner abgerissenen Kleidung (und mit einem Gesicht, das wohl seit einem Monat nicht mehr mit Wasser in Ber�hrung gekommen war) noch immer wie ein Gesch�pf der Nacht aussah.</p><p>Das ungute Gef�hl in meinem Magen wurde st�rker. Instinktiv sah ich mich um. Wir hatten das Zentrum der Stadt l�ngst hinter uns gelassen und befanden uns in einer der weniger ansehnlichen Gegenden Londons. Die Stra�e war menschenleer.</p><p>Alarmiert wandte ich mich wieder dem rothaarigen Burschen zu. Langsam kam er n�her, sah erst Howard, dann mich und schlie�lich Rowlf in eindeutig absch�tzender Weise an und wandte sich schlie�lich wieder an mich.</p><p>�Bitte?� sagte ich. Ich kam mir ein bi�chen albern dabei vor, aber der Rothaarige schien genau auf diese Reaktion gewartet zu haben. Ein rasches, nerv�ses L�cheln huschte �ber seine Z�ge. Ich bemerkte, da� sein Atem nach billigem Weinbrand roch, und wich unwillk�rlich ein kleines St�ck von ihm weg.</p><p>�Sie sind Craven, oder?� fragte er. �Ronald Craven.�</p><p>�Robert�, verbesserte ich ihn. �Aber sonst stimmt es.� Ich runzelte die Stirn. �Kennen wir uns?�</p><p>Der Bursche sch�ttelte hastig den Kopf und kam wieder einen Schritt n�her. Ich widerstand nur mit M�he dem Impuls, abermals zur�ckzuweichen, um seiner Alkoholfahne aus dem Weg zu gehen. �N��, sagte er. �Aber ich hab� �nen Brief f�r Sie.� Er grub in der Tasche seiner schwarzen, viel zu weiten Arbeitsjacke, kramte einen zerknitterten Umschlag hervor und hielt ihn mir hin, zog die Hand aber rasch wieder zur�ck, als ich danach greifen wollte.</p><p>�Die Frau, die ihn mir gegeb�n hat, hat gesagt, ich kriege ein Pfund von Ihnen�, behauptete er.</p><p>�Ein Pfund?� Ich runzelte abermals die Stirn und ma� ihn mit einem langen, mi�trauischen Blick. Ein Pfund war eine h�bsche Stange Geld f�r einen - unter Umst�nden - schlechten Scherz. Aber wer sollte sich wohl einen Scherz mit mir erlauben, in einer Stadt, in der ich kaum eine Seele kannte?</p><p>�Gib es ihm�, murmelte Howard. Er hatte den Wagen umrundet und war neben mich getreten, ohne da� ich es geh�rt hatte. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich Rowlf auf dem Kutschbock spannte, als f�rchte er, da� der Rothaarige uns angreifen w�rde.</p><p>Ich �berlegte noch einen Moment, nickte dann und zog eine Pfundnote aus der Tasche. So viel, wie ein Arbeiter in den Docks in drei Tagen verdiente.</p><p>Der Bursche reichte mir den Brief, ri� mir die Banknote aus der Hand und verstaute sie mit einem triumphierenden Grinsen in der gleichen Tasche, aus der er den Brief gezogen hatte.</p><p>Neugierig drehte ich den Brief in der Hand. Schon ein erster, fl�chtiger Blick sagte mir, da� es <emphasis>kein </emphasis>Scherz war, auch kein �bler Trick dieses zwielichtigen Burschen, der sich auf diese Weise ein Pfund ergaunern wollte. Er trug keinen Absender, aber auf seiner Vorderseite war mit kleiner, krakeliger Handschrift <emphasis>F�r Robert Craven </emphasis>geschrieben.</p><p>�Wer hat Ihnen das gegeben?� fragte ich. �Und wann?�</p><p>�Grad, vor�n paar Minuten�, antwortete der Bursche. �War so�n komisches Weibsbild mit dunkler Haut, fast wie ne Araberin, wissen Sie? Hat mich dort dr�ben angequatscht, auf der anderen Stra�enseite. Sah aus, als h�tte sie auf euch komische V�gel gewartet.�</p><p>Instinktiv blickte ich zu dem Trottoir auf der anderen Seite der Stra�e hin�ber. Aber nat�rlich war die Frau nicht mehr da.</p><p>Und ich konnte mir noch auch die M�he sparen, hinzugehen und nach ihr zu suchen. Au�erdem hatte ich das bestimmte Gef�hl, zu <emphasis>wissen, </emphasis>wer sie war.</p><p>�Ich ... danke Ihnen�, sagte ich. Aber der Bursche machte keine Anstalten, sich zu r�hren.</p><p>�Was ist denn noch?� fragte ich. �Sie haben Ihr Geld doch bekommen.�</p><p>�Sie hat gesagt, ich soll warten, bis Sie ihn aufgemacht haben�, grinste der Bursche. �Wei� nicht, warum. Aber sie hat gesagt, Sie w��ten es sicher.�</p><p>Ich tauschte einen verwirrten Blick mit Howard und ri� den Brief auf. Er enthielt ein kleines, sorgsam in der Mitte gefaltetes Blatt.</p><p>Es enthielt nur eine einzige Zeile: <emphasis>Das n�chste Mal passiert es dir!</emphasis></p><p>Zwei<emphasis>, </emphasis>drei Sekunden lang starrte ich den Bogen Papier sprachlos an, dann fuhr ich mit einem w�tenden Ruck herum und fauchte den Rothaarigen an: �Was soll der Unsinn? Wenn das ein Witz sein soll, ist es kein guter, mein Freund.�</p><p>Der Bursche grinste in unverhohlener Schadenfreude. Aber er machte noch immer keine Anstalten, zu gehen, sondern blickte mich weiter an. �Sie hat noch was gesagt�, sagte er. �Sie sollen warten, bis ich weggegangen bin. Sie hat gesagt, Sie w��ten schon, warum. Ehrlich, Mister.�</p><p>Das wu�te ich ganz und gar nicht, so wenig, wie ich mir erkl�ren konnte, warum die geheimnisvolle Briefschreiberin ihre Nachricht nicht der Post anvertraut oder gleich unter meiner T�r durchgeschoben hatte. Trotzdem trat ich mit einem Achselzucken hinter dem Burschen her um den Wagen herum und blieb wieder stehen. Der Wind trug das Quieken einer Ratte heran, aber ich versuchte es zu ignorieren, denn der Gedanke weckte unangenehme Erinnerungen in mir. Aber in einer Gegend wie dieser geh�rten Ratten wohl zum Stadtbild wie die �berz�chteten wei�en Zwergpudel zu dem des Viertels, das ich bewohnte.</p><p>Der Wind schlug mir doppelt kalt ins Gesicht. Ich schauderte, schlug den Mantelkragen hoch und vergrub die H�nde tief in den Taschen, w�hrend der Bursche vor mir die Stra�e �berquerte und sich dabei ein paarmal zu mir umsah, wie um sich zu vergewissern, da� ich auch wirklich stehenblieb. Auf seinem Gesicht lag dabei ein Ausdruck, der mir gar nicht gefiel. Es war ein L�cheln, aber eines, das eher an ein geh�ssiges Grinsen als alles andere erinnerte. Ein dumpfes Gef�hl der Beunruhigung machte sich in mir breit. Nach allem, was ich bisher erlebt hatte, war es vielleicht nicht gut, gleich alles zu tun, was irgendein dahergelaufener Fremder von mir verlangte.</p><p>Der Rothaarige hatte mittlerweile die gegen�berliegende Stra�enseite erreicht und blieb stehen. Auf seinem Gesicht lag ein h��liches Grinsen, als er zwei Finger in den Mund steckte und einen schrillen Pfiff ausstie�.</p><p>Die Reaktion erfolgte prompt. Nur ein paar Schritte hinter ihm erschien ein Sch�ferhund, ein gro�er, sehr kr�ftiger Hund, der sicher seine hundert Pfund wog. Ganz ruhig trat er aus einer Toreinfahrt heraus und blickte den Rothaarigen an, der offensichtlich sein Herr war.</p><p>Wieder h�rte ich das Quieken, und diesmal war der Laut anders als bisher - schriller, kreischender, irgendwie ... <emphasis>w�tender; </emphasis>so mi�t�nend, da� ich unwillk�rlich aufsah und nach dem Tier Ausschau hielt, das diese beunruhigenden Laute verursachte.</p><p>Es war eine Ratte. Ich entdeckte sie, kaum einen Steinwurf entfernt, auf der anderen Seite der Stra�e. Im allerersten Moment dachte ich, es w�re die riesige Albinoratte, der ich in der Nacht begegnet war, aber dann l�ste sie sich vollends aus dem schwarzen Schatten des Hauses, und ich erkannte, da� es sich um ein anderes Tier handelt. Wenn auch um eines, das kaum weniger furchteinfl��end aussah als das wei�e Ungeheuer. Es war ein gewaltiges, struppiges Tier, graubraun und so gro� wie eine Katze, und es benahm sich irgendwie ... <emphasis>falsch. </emphasis>Es rannte nicht davon, sondern hockte nur reglos da, schnupperte in die Luft und schien mich aus seinen kleinen boshaften Augen direkt anzustarren. Sein Fell war gestr�ubt, und vor seinem Maul stand wei�er, flockiger Schaum.</p><p>Ich war nicht der einzige, der die Ratte entdeckte. Auch Howard zuckte wie unter einem Hieb zusammen, und aus dem Wagen erklang ein unterdr�ckter Schrei, als Lady Audley das ekelhafte Tier sah.</p><p>Die Ratte zischte wie irr, sprang auf die Stra�e und kam mit einem schauerlichen Hecheln n�her. Sein Fell war gestr�ubt, und ich sah jetzt, da� in dem wei�en Schaum, der von seinen Lefzen troff, Blut war. Der Hund begann drohend zu knurren und legte die Ohren an.</p><p>Das Quieken der Ratte steigerte sich zu einem irrsinnigen Zischen und Heulen. Mit einem letzten, gewaltigen Satz �berwand sie die Stra�e, federte auf den Hund zu und ri� ihn mit ungeheurer Wucht von den F��en. Sein Heulen ging fast im w�tenden Zischeln der Ratte unter.</p><p>Endlich erwachte ich aus meiner Erstarrung. Mit einem Schrei st�rzte ich vor, griff unter den Mantel und zerrte den kleinen, zweisch�ssigen Damenrevolver hervor, den ich in der letzten Zeit stets bei mir trug.</p><p>Alles ging unglaublich schnell. Die Riesenratte rang den Sch�ferhund einfach nieder, ungeachtet der Tatsache, da� er mindestens f�nfmal so gro� war wie sie. Ihre gewaltigen, mit f�rchterlichen F�ngen besetzten Kiefer klappten auf und stie�en auf die Kehle ihres Opfers. Der Hund kreischte vor Schmerz und Angst, b�umte sich auf und schnappte wild um sich, ohne das zuckende B�ndel erreichen zu k�nnen, das sich in seine Kehle verbissen hatte.</p><p>Ich scho�.</p><p>Die Entladung der kleinen Damenpistole h�rte sich seltsam d�nn und schw�chlich an, aber die Ratte fuhr, wie von einem unsichtbaren Fausthieb getroffen, zusammen, lie� von ihrem Opfer ab und strauchelte. Ihr Kreischen war pl�tzlich das des Schmerzes, nicht mehr der Wut. Wie irr begann sie sich um ihre eigene Achse zu drehen, heulte und kreischte und versuchte nach der Wunde in ihrer Schulter zu schnappen, der Stelle, an der der furchtbare Schmerz sa�, den sie sich mit ihrer dumpfen Intelligenz nicht erkl�ren konnte.</p><p>Ich blieb stehen, zielte noch einmal und sorgf�ltiger, und zog den zweiten Abzug der kleinen Waffe durch.</p><p>Diesmal traf ich besser. Das Tier b�umte sich noch einmal auf, brach in den Vorderl�ufen zusammen und starb.</p><p>Irgendwo hinter mir erklang ein zweites, w�tendes Zischen.</p><p>Erschrocken fuhr ich herum, sah einen Schatten auf mich zufliegen und ri� instinktiv die Arme in die H�he. Ich sp�rte einen Schlag, verlor auf dem regenfeuchten Pflaster den Halt und st�rzte, instinktiv die H�nde vor Gesicht und Kehle rei�end.</p><p>Aber der Angriff galt nicht mir.</p><p>Diesmal war es gleich ein Dutzend Ratten. Sie waren irgendwo aus dem Geb�ude hinter mir gekommen, vielleicht auch aus der Kanalisation oder einem Kellerloch gekrochen, und jagten jetzt zischend und fiepend vor Wut und Blutdurst auf den gest�rzten Hund zu.</p><p>Das Tier erkannte die Gefahr ganz instinktiv, und trotz der Schmerzen, die ihm die tiefen Bi�wunden bereiten mu�ten, reagierte es noch. Es b�umte sich auf, begann zu knurren und bi� nach den Ratten. Die erste t�tete es mit einem einzigen Zuschnappen seiner gewaltigen Kiefer. Dann waren die anderen �ber ihm, und der ungl�ckliche Hund verschwand unter einem Wust quirlender braungrauer Leiber.</p><p>Hinter mir begann Lady Audley zu schreien, w�hrend Rowlf mit einem Satz vom Wagen sprang, wie ich auf dem nassen Kopfsteinpflaster ausglitt und benommen liegenblieb. Zwei, drei, dann ein halbes Dutzend Ratten lie�en von dem Sch�ferhund ab, der sich nur noch schwach wehrte, und st�rzten sich auf Rowlf.</p><p>Es war dieser Anblick, der mich aus meiner Erstarrung ri�. Verzweifelt raste ich die Treppe hinunter, sprang hinzu, trat eine Ratte aus dem Weg und zog die Klinge meines Stockdegens blank, ungeachtet der Gefahr, in der ich mich selbst befinden mochte. Rowlf schrie und br�llte vor Schmerz und Entsetzen, w�hrend ich die Ratten, die sich in seine Kleider und seine Haut verbissen hatten, von ihm herunterzuschlagen versuchte. Ich spie�te ein halbes Dutzend der kleinen Ungeheuer auf, aber es kamen immer mehr. Binnen Sekunden handelte ich mir ein halbes Dutzend schmerzhafter Bisse und Kratzer an H�nden und Armen ein, und einer der ekelhaften Nager wollte gar nach meiner Kehle schnappen. Ich brach ihm das Genick, packte eine zweite Ratte im Nacken und zerrte sie von Rowlfs Brust und schleuderte mich zur�ck. Ich fiel, erschlug noch im St�rzen eine Ratte und sprang sofort wieder auf die F��e, um ihm zu Hilfe zu eilen. Mit einem Ruck fuhr ich hoch, fuhr herum - und erstarrte vor Schreck.</p><p>Die Stra�e schien zu gr��lichem Leben erwacht zu sein. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was das graubraune Wogen und Zucken zu bedeuten hatte, das sich wie eine schlammige Flutwelle auf mich zubewegte.</p><p>Es waren Ratten.</p><p>Hunderte von Ratten, die mit einem w�tenden Zischen und Quieken heranfluteten. Ihre stahlharten Klauen verursachten ein f�rchterliches, kratzendes Ger�usch auf dem Boden. Die F�nge der Tiere waren drohend gebleckt, und in den kleinen dunklen Augen loderte Mordlust.</p><p>Die Tiere waren �berall. Ratten aller nur denkbaren Gr��e und Rasse, alte und junge Tiere, Ratten von wenig mehr als Mausgr��e bis hin zu terriergro�en Bestien, deren Z�hne kr�ftig genug schienen, einem Mann die Hand abzubei�en. Und der Ring der Tiere schlo� sich unbarmherzig!</p><p>Die Ratten rasten heran! Wie eine braune Flutwelle ergossen sie sich aus Kellerfenstern und Gullys auf die Stra�e, eine quirlende, quietschende Armee braungrauer struppiger K�rper, die rasend schnell n�her kam. Sekunden, ehe sie den Wagen erreichten, teilte sich der rasende Strom in zwei ungleichm��ige H�lften, wie ein Meer, das sich vor einem Felsen teilt, um ihn zu umsp�len. Trotzdem stiegen die beiden Pferde kreischend auf die Hinterl�ufe. Eines der Tiere st�rzte, verhedderte sich im Zaumzeug und blieb liegen, kreischend vor Schmerz und Panik. Das andere zerrte verzweifelt an den ledernen Riemen, die es hielten, versuchte loszurennen - und ri� das ganze Fuhrwerk um. Lady Audleys angsterf�lltes Rufen ging im Schmerzgebr�ll der beiden Pferde und dem Krachen und Splittern der umst�rzenden Kutsche unter. Rowlf versuchte das Fuhrwerk zu erreichen, prallte aber mit einem schmerzhaften Keuchen zur�ck, als sich gleich Dutzende von rasiermesserscharfen Rattenz�hnen durch seine Hosenbeine gruben.</p><p>Aber all das registrierte ich nur am Rande, denn sowohl Howard als auch ich sahen uns pl�tzlich von einer ganzen Armee gierig zischelnder Ratten eingekreist! Zwei, drei Sekunden lang begn�gten sich die Tiere damit, den t�dlichen Kreis um uns herum zu schlie�en - und dann griffen sie an.</p><p>Es schien, als h�tten die Tiere einen lautlosen Befehl erhalten. Sie griffen nicht an wie rasende Kreaturen, sondern st�rzten sich in fast milit�rischer Pr�zision auf Howard und mich. Pl�tzlich schien die Welt nur noch aus braunem und grauem Fell und rei�enden Krallen und scharfen schnappenden Z�hnen zu bestehen. Ich ri� den Degen hoch und schlug verzweifelt um mich, aber obwohl ich fast mit jedem Hieb traf, war es aussichtslos. F�r jede Ratte, die ich erschlug oder verwundete, schienen zehn neue aufzutauchen.</p><p>Neben mir schrie Howard wie von Sinnen. Ich sah, da� Dutzende von Ratten in dichten Trauben auf seinem R�cken und an seinen Hosenbeinen hingen. Aus irgendeinem Grunde schien sich der Angriff der w�tenden Nager auf Howard zu konzentrieren.</p><p>Noch einmal b�umte ich mich auf, schlug eine Ratte von meiner Schulter herunter und sch�ttelte zwei, drei andere, die sich in mein Haar und meine Jacke verkrallt hatten, ab und taumelte auf Howard zu. Mein Herz raste wie wild, als ich sah, wie er unter dem Ansturm der Ratten zu Boden ging. Ich st�rzte neben ihm auf die Knie nieder und schleuderte die Ratten mit beiden H�nden zur Seite. Zwei, drei Tiere bissen nach mir, aber wie vorhin, als ich versucht hatte, dem Rothaarigen zu Hilfe zu kommen, griffen sie mich auch diesmal nicht wirklich an, sondern spritzten in alle Richtungen auseinander und flohen, und ich sah aus den Augenwinkeln, da� auch die Tiere, die sich auf Rowlf gest�rzt hatten, von ihrem Opfer ablie�en und verschwanden.</p><p>Und pl�tzlich fiel mir die Stille auf.</p><p>Der Angriff der Rattenarmee hatte nicht nur aufgeh�rt - sie waren fort! Die ganze Masse der widerlichen Tiere war verschwunden, in den wenigen Augenblicken, in denen ich mich zu Howard durchgek�mpft hatte. Hier und da lag ein vereinzeltes Tier tot oder verletzt auf der Stra�e, und hinter mir erklang ein fast mitleiderregendes Quieken. Aber die gewaltige Rattenarmee war fort, so schnell, als w�re sie nicht mehr als ein Spuk gewesen ...</p><p>�Der Wagen�, st�hnte Howard. �Was ist mit ... mit Lady McPhearson?�</p><p>Ich sah auf, fuhr wie unter einem Peitschenhieb zusammen und ging auf den zertr�mmerten Wagen zu.</p><p>Es war ein furchtbarer Anblick. Die beiden Pferde waren tot, in wenigen Sekunden von den Ratten regelrecht skelettiert, und der Wagen selbst war ein einziger Wust aus zerborstenem Holz und Glassplittern. Zitternd vor Schw�che - und immer st�rker werdender Angst - stieg ich �ber die zertr�mmerten Reste eines Rades, beugte mich vor und blickte mit klopfendem Herzen in den Wagen.</p><p>Eine eisige, unsichtbare Hand schien �ber meinen R�cken zu streichen und sich kribbelnd um meinen Nacken zu legen. Der Wagen bot einen furchtbaren Anblick. Die W�nde waren zertr�mmert, eine der T�ren war geborsten und die Splitter wie t�dliche h�lzerne Speerspitzen ins Wageninnere gesto�en; �berall war Blut, und zwei oder drei tote Ratten lagen mit verrenkten Glieder da.</p><p>Aber das war nicht das Schlimmste. Ich war auf Schreckliches gefa�t gewesen, selbst darauf, Lady McPhearson schwer verwundet oder gar tot vorzufinden.</p><p>Aber sie war weder das eine noch das andere.</p><p>Lady Audley McPhearson war verschwunden.</p><p>Eine Hand ber�hrte mich an der Schulter, und als ich aufsah, blickte ich in Rowlfs zerschundenes Gesicht. �Alles in Ordnung, Kleener?� nuschelte er.</p><p>Ich nickte - obwohl ich bisher nicht einmal Zeit gefunden hatte, mir dar�ber klarzuwerden, ob ich verletzt war oder nicht - und drehte mich schwerf�llig vom Wrack des Wagens weg. Howard kam soeben m�hsam angehumpelt, aber wie Rowlf und ich schien auch er mit ein paar Kratzern und Schrammen davongekommen zu sein. Nat�rlich, dachte ich bedr�ckt. Der Angriff auf uns war nichts als ein Ablenkungsman�ver gewesen. Es war Lady Audley, der die Falle gegolten hatte.</p><p>�Was ist passiert?� fragte Howard schweratmend. �Wo ist Lady McPhearson?�</p><p>Ich setzte zu einer Antwort ab, aber ich kam nicht mehr dazu, denn in diesem Moment fiel mein Blick auf die Gestalt auf der anderen Stra�enseite. Sie stand schon seit einigen Sekunden dort, aber ich hatte sie ganz instinktiv f�r den Rothaarigen gehalten.</p><p>Aber das war sie nicht.</p><p>Es war eine Frau. Sie war lautlos aus einer Seitenstra�e getreten, rasch und schweigend wie die Schatten, in denen sie gelauert und die Stra�e beobachtet haben mu�te. Jetzt stand sie reglos da, wie eine gr��liche Statue, nur zu dem einzigen Zweck erschaffen, jedes menschliche Leben, nach dessen Vorbild sie gefertigt worden war, zu verh�hnen. Von den F��en aufw�rts bis zu den Schultern war sie ein ganz normaler Mensch; eine Frau von jugendlich schlankem Wuchs und in eine hellgr�ne, halb durchsichtige Toga geh�llt, unter der sich die Umrisse ihres m�dchenhaften K�rpers wie ein schwarzer Schattenri� abzeichneten. Nur ihr Kopf war nicht der eines normalen Menschen.</p><p>Es war �berhaupt nicht der Kopf eines Menschen.</p><p>Auf den schmalen, leicht vorgebeugten Schultern ruhte der spitze, skelettierte Sch�del einer riesigen Ratte!</p><p>Sekundenlang stand ich wie erstarrt da; gleicherma�en gel�hmt durch den entsetzlichen Anblick wie auch auf eine morbide Art fasziniert.</p><p>Pl�tzlich hob die Rattenk�pfige die Hand und trat gleichzeitig weiter auf den zerborstenen Wagen und mich zu; und im gleichen Augenblick fiel die L�hmung wie ein hastig abgestreifter Mantel von mir ab; ich prallte zur�ck, stolperte und fiel der L�nge nach hin. Eine Ratte scho� quiekend davon, als ich sie unter mir zu begraben drohte - nicht ohne mich im Vorbeigehen noch einmal kr�ftig in die Hand zu bei�en - und die Frau mit dem Rattenkopf stie� einen leisen, fast wie ein Kichern klingenden Laut aus.</p><p>Abermals kam sie n�her. Der Blick ihrer dunklen Augen schien sich an meinem Gesicht festzusaugen; gleichzeitig vollf�hrten ihre H�nde - die noch immer in diesen schrecklichen Handschuhen steckten wie w�hrend der vergangenen Nacht - kleine, kompliziert anmutende Gesten. Ich h�rte einen Laut, den ich erst nach Sekunden als den Schrei einer menschlichen Stimme identifizierte, gefolgt von einem f�rchterlichen Scharren und Kratzen, dann einem ekelhaften Rascheln, als rieben sich zahllose kleine, weiche K�rper aneinander. Hastig wandte ich den Kopf, um nach der Ursache dieses bedrohlichen Ger�usches zu sehen.</p><p>Besser gesagt - ich wollte es.</p><p>Ich f�hrte die Bewegung nicht einmal halb zu Ende.</p><p>Es war nicht so, da� mir meine Muskeln nicht mehr gehorchten oder sie irgend etwas l�hmte; vielmehr hatte ich f�r einen kurzen, schrecklichen Moment das Gef�hl, als ob hinter meiner Stirn ein zweiter, fremder Wille sei, kaum weniger stark als mein eigener und von d�sterer, animalischer Art.</p><p>Zitternd und gegen meinen Willen drehte ich den Kopf wieder zur�ck, stemmte mich halb in die H�he und starrte die Frau mit dem Rattenhelm an. <emphasis>Etwas </emphasis>schien mit ihren Augen zu passieren; Augen, die gr��er und gr��er zu werden schienen, grundlosen schwarzen Sch�chten gleich, in denen mein Wille und meine Lebenskraft versickerten wie Wasser in der W�ste.</p><p>Und -</p><p><emphasis>Es war eine Welt unter einer schwarzen Sonne. Es gab kein Licht, sondern nur eine ungesunde, graue Helligkeit, die aus dem Nirgendwo kam und sich matt auf den schwarzen Wellen des erstarrten teerigen Sumpfes spiegelte, der die Oberfl�che dieser absurden Welt bedeckte. Hier und da durchbrachen </emphasis>Dinge <emphasis>den gewellten Boden, schwarze Str�nke wie verbranntes Buschwerk, die aber lebten und sich wie in einem unf�hlbaren Wind wiegten und wanden, peitschende B�ndel grauschwarzer narbiger Tentakel.</emphasis></p><p><emphasis>Da war das M�dchen. Sie war schlank und schmalschultrig und hatte dunkles Haar und gro�e, traurige Augen. Ihre Haut wirkte in dieser bizarren Umgebung noch blasser, und ihr Mund war zu einem Schrei ge�ffnet, ohne da� auch nur der mindeste Laut �ber ihre Lippen kam.</emphasis></p><p><emphasis>Sie rannte. Sie lief wie von Sinnen, ohne von der Stelle zu kommen, denn wie um sie in ihrer Qual noch zu verspotten, bewegte sich der Boden im gleichen Ma�e zur�ck, in dem sie lief. Tr�ge stiegen gewaltige Blasen aus dem nur scheinbar festen Schwarz der Erde und zerplatzten, und immer wieder stie�en B�schel vibrierender haariger Tentakel nach dem M�dchen, griffen nach ihr und zuckten im letzten Moment zur�ck, als scheuten sie aus irgendeinem Grund davor zur�ck, sie zu ber�hren. Das Licht flackerte, und am Himmel erschien ein absurdes aufgedunsenes Etwas, das unm�glich eine Sonne sein konnte und ein bleiches, krankmachendes Schlangenlicht verstr�mte.</emphasis></p><p><emphasis>Das M�dchen blieb stehen. Wieder zuckte der Boden wie ein lebendes Wesen und erbrach Tentakel und absurde Dinge aus lebendem blasigem Schleim, aber diesmal zeigte sie keine Furcht, sondern blickte sich mit einer sonderbaren, fast unschuldigen Neugier um. Dicht hinter ihr brach der Boden auf, und aus dem Ri�, der pulsierte und schwarze Fl�ssigkeit absonderte wie eine schreckliche Wunde, stieg ein unf�rmiger Klumpen schwarzschillernder Materie, wand und bog und verzerrte sich und wuchs zu einem Etwas, das auf furchtbare Weise an eine Ziege erinnerte, und gleichzeitig ganz anders war; nicht von dieser Welt, vielleicht nicht einmal aus diesem Kosmos.</emphasis></p><p><emphasis>Das M�dchen betrachtete das Tier einen Moment lang interessiert und drehte sich weiter herum. Schlie�lich blieb ihr Blick auf mir haften, und obwohl ich mir der Tatsache, da� dies alles nicht real, sondern nur eine Art Vision sein konnte, vollkommen bewu�t war, wu�te ich doch mit der gleichen Sicherheit, da� sie mich erkannte.</emphasis></p><p><emphasis>Dann begann sie zu reden.</emphasis></p><p><emphasis>�Dies ist die letzte Warnung, Sohn des Hexers�, sagte sie. �Was geschehen mu�, wird geschehen, und es liegt nicht in deiner Macht, irgend etwas am vorbestimmten Lauf der Dinge zu �ndern. Wisse, da� die Zeit herannaht, da ER, DESSEN NAMEN MAN NICHT AUSSPRECHEN SOLL, erwacht, und wisse, da� wir, die ihm dienen, DAS TIER erwecken werden. Und wisse, da� es nicht die Sache der Menschen ist, irgend etwas daran zu �ndern.�</emphasis></p><p><emphasis>Ich wollte eine Frage stellen, aber ich konnte es nicht, denn ich war - obgleich die Hauptperson dieser alptraumhaften Szene - nicht mehr als ein unbeteiligter Zuschauer, der h�ren und sehen konnte. Trotzdem schien das M�dchen zu sp�ren, was in mir vorging, denn pl�tzlich l�chelte es; wenn auch nur knapp und eher mitleidig.</emphasis></p><p><emphasis>�Aber wisse auch�, fuhr sie fort, �da� es nicht in unserem Interesse liegt, dir oder irgendeinem anderen Menschen Schaden zuzuf�gen. Deshalb geh. Geh und sei Mensch und k�mmere dich um die Dinge der Menschen, und dir wird kein Leid geschehen.�</emphasis></p><p><emphasis>Damit wandte sie sich um und ging. Der Boden zuckte und warf Wellen, wo ihre F��e den erstarrten schwarzen Sumpf ber�hrten, und immer wieder stiegen gro�e �lige Blasen empor, zerplatzten oder gebaren gr��liche schwarze Dinge, deren blo�er Anblick den Augen schmerzte. Dann begannen die D�nenlandschaft und die furchtbare krankmachende Sonne am Himmel zu verblassen, und</emphasis></p><p>- ich fand mich unversehens in der Wirklichkeit zur�ck, halb �ber dem zertr�mmerten Wagen zusammengesunken und in den Klauen des schrecklichen Rattenm�dchens.</p><p>Mit einem Schrei b�umte ich mich auf, sprengte ihren Griff und schlug ihr mit aller Kraft die Faust ins Gesicht. Ein scharfer Schmerz scho� durch meine Hand, als meine Kn�chel gegen den stahlharten Knochen des bizarren Helmes prallten, aber das Ungeheuer stie� ein pfeifendes Keuchen aus, torkelte zur�ck und brach in die Knie. Langsam kippte es zur Seite, verdrehte die Augen und schlug r�cklings auf dem harten Kopfsteinpflaster auf, wobei sein schwarzer Helm herabfiel und �ber die Stra�e kollerte.</p><p>Verst�rt starrte ich die sonderbare Kopfbedeckung mit den drei kleinen, blitzenden Messingkn�pfen an. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, da� Rattenm�dchen im allgemeinen keine schwarzen H�te trugen, sondern diese Art von Kopfschmuck eher von den Londoner Bobbys bevorzugt wurde.</p><p>Denn niemanden anders hatte ich niedergeschlagen.</p><empty-line/><p>Als ich hergebracht worden war, war gerade die Sonne aufgegangen, und das altehrw�rdige, aus graubraunem Sandstein erbaute Geb�ude schien noch nicht ganz erwacht zu sein. Jetzt stand die Sonne hinter den blind gewordenen Scheiben des kleinen B�ros fast im Zenit und verriet mir, da� es Mittag war. Ich f�hlte mich ersch�pft und ein wenig m�de. Ich hatte geredet, zugeh�rt, wieder geredet und zugeh�rt, Fragen beantwortet und selbst welche gestellt, und irgendwann, vielleicht vor einer Stunde, hatte das Gespr�ch angefangen, sich im Kreise zu drehen.</p><p>Mein Gespr�chspartner - ein Mann von ann�hernd f�nfzig Jahren und ehrfurchtgebietender Statur - wirkte genauso m�de und ersch�pft wie ich, obgleich er sich M�he gab, eine seiner Stellung entsprechende w�rdevolle Haltung anzunehmen. Sein Name war Wilbur Cohen - <emphasis>Captain </emphasis>Wilbur Cohen, wenn ich genau sein wollte - und er war so etwas wie der stellvertretende Leiter der Institution, in deren Mauern ich mich befand: Scotland Yard.</p><p>Das hei�t, ganz sicher war ich mir da nicht. Cohen hatte sich mir vorgestellt, und das kleine Messingschildchen au�en an der T�r seines B�ros hatte mir seinen Rang verraten, aber ich kannte mich nicht in der Rangordnung der englischen Polizei aus. Aber die Unterw�rfigkeit, mit der seine Untergebenen mit ihm sprachen, und die Bestimmtheit, mit der er mir gegen�ber aufgetreten war, lie�en mich zumindest annehmen, da� ich es mit einem sehr einflu�reichen Mann zu tun hatte.</p><p>Cohen seufzte und unterbrach so das lange, unbehagliche Schweigen, das sich zwischen uns ausgebreitet hatte. Der Blick, mit dem er abwechselnd den Block, auf den er in unregelm��igen Abst�nden etwas gekritzelt hatte, und mich ma�, wirkte anklagend.</p><p>�Und das ist jetzt alles?� fragte er.</p><p>Ich nickte, hielt seinem Blick gelassen stand und nickte abermals, als er auffordernd die Stirn krauste. �Das ist alles, Captain. Mehr kann ich Ihnen nicht erz�hlen.�</p><p>�Sonst wirklich nichts?� vergewisserte sich Cohen. �Keine Leichen mehr im Keller, keine verr�ckten Attent�ter mehr hinter Hecken, keine Ratten oder vielleicht Spinnen, die -�</p><p>�Verdammt, h�ren Sie auf�, unterbrach ich ihn, lauter und um mehrere Grade gereizter, als ich eigentlich vorgehabt hatte. Aber Cohens offen zur Schau gestelltes Mi�trauen trieb mich schier zur Raserei.</p><p>�Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann, Captain.� Ich beugte mich vor, lie� die flache Hand auf den Tisch klatschen und setzte die beleidigtste Miene auf, die ich zustande brachte. �Wenn ich Sie daran erinnern darf, Captain - es ist reines Gl�ck, da� meine Freude und ich noch am Leben und nicht ebenfalls verschwunden sind. Sie tun so, als h�tten Sie mich auf frischer Tat ertappt und verhaftet. Verdammt - ist es neuerdings strafbar, Opfer eines Mordanschlages zu sein?�</p><p>Mein Wutausbruch irritierte Cohen nicht im geringsten. Wahrscheinlich war er ganz andere Auftritte von Leuten gewohnt, die auf diesem Stuhl sa�en. Und ich konnte es ihm nicht einmal �belnehmen, wenn er mir mi�traute. Es war eine Menge geschehen, seit ich das Haus meines Vaters am Ashton Place bezogen hatte. Und das Allerwenigste davon war angetan, mich in den Augen der Polizei unverd�chtiger zu machen. Im Grunde war es nur einer ganzen Reihe mittlerer Wunder und Dr. Grays Redegewandtheit zu verdanken, da� ich bis zum heutigen Tage noch keine gr��eren Schwierigkeiten mit den Beh�rden bekommen hatte. Aber ich hatte w�hrend der letzten Stunden zunehmend das Gef�hl bekommen, da� sich das in n�chster Zukunft �ndern w�rde. Selbst die englische Langmut kennt Grenzen.</p><p>�Sie nehmen also an, da� Lady McPhearson tot ist�, sagte er.</p><p>Jetzt war meine Geduld endg�ltig ersch�pft. �Zum Teufel!� br�llte ich, �h�ren Sie auf, mir die Worte im Munde zu verdrehen, Captain! Ich nehme �berhaupt nichts an! Ich wei� nur, da� wir �berfallen und um ein Haar umgebracht worden w�ren, und da� Lady Audley verschwunden ist!�</p><p>�Und da� Sie einen Polizisten niedergeschlagen haben, der Ihnen versehentlich zu nahe gekommen ist�, f�gte Cohen hinzu. �Was war das, Craven? Eine Kurzschlu�handlung, pure Angst oder ein unbeabsichtiger Ausrutscher?�</p><p>�Was soll das, Cohen?� fragte ich w�tend. �Wollen Sie mir irgend etwas unterstellen?�</p><p>�Nat�rlich nicht, Mister Craven�, antwortete er ruhig. �Aber Sie m�ssen zugeben, da� Ihre Geschichte ... nun, zumindest unwahrscheinlich klingt, nicht wahr?�</p><p>Er schien auf eine Antwort zu warten, aber ich reagierte nicht. Ich konnte ihm schlecht beipflichten, nach den diversen Wutausbr�chen, die ich im Laufe des Vormittages bekommen hatte (einige davon waren geschauspielert, aber ein paar auch echt gewesen), aber ich konnte die Wahrheit seiner Worte auch schlecht abstreiten.</p><p>�Sehen Sie, Craven�, fuhr er fort, �es sind ein paar ... sonderbare Dinge geschehen, seit sie nach London gekommen sind, das m�ssen Sie zugeben. Sie genie�en einen gewissen Ruf, nicht wahr? Und jetzt kommen Sie mit einer Geschichte von Ratten, die wie aus heiterem Himmel eine Kutsche angegriffen haben sollen.� Er sch�ttelte den Kopf und schlug mit dem stumpfen Ende seines Bleistiftes arhythmisch auf die Tischplatte.</p><p>�Nicht, da� ich Ihre Aufrichtigkeit anzweifeln w�rde, Mister Craven�, fuhr er fort, �aber -� Sein Blick wurde urpl�tzlich hart - �ich glaube, da� Sie uns eine ganze Menge verschweigen. Was immer heute morgen geschehen ist, ich habe noch nie geh�rt, da� Ratten so etwas tun.�</p><p>�Sie haben es aber�, erwiderte ich gereizt, beugte mich vor und streckte die H�nde �ber den Tisch. Howard, Rowlf und ich waren verarztet worden, ehe man mich hierherbrachte, aber die kleinen Ri�wunden waren noch deutlich zu erkennen. �Sehen Sie mich an!� schnappte ich. �Oder Howard oder Rowlf. Und die toten Ratten und Pferde haben Sie doch auch gesehen!�</p><p>�Das habe ich�, bet�tigte Cohen unger�hrt. �Aber was beweist das? Ein paar tote Ratten, ein zerst�rter Wagen, zwei bis auf die Knochen blankgefressene Pferde und eine verschwundene Lady der besten Gesellschaft Londons - das ist ein bi�chen viel, um mit einem Achselzucken zur Tagesordnung �berzugehen, mein lieber Craven. Meinen Sie nicht auch, da� Sie mir eine Erkl�rung schuldig w�ren?�</p><p>Er sch�ttelte rasch den Kopf, als ich etwas sagen wollte, und seufzte h�rbar. �Nein, sagen Sie es nicht, Craven. Ich wei�, da� Sie von nichts wissen und ein unschuldig Verfolgter sind. Wahrscheinlich ist alles nur eine einzige entsetzliche Verwechslung. Diese dummen Ratten haben ihren Wagen schlichtweg mit einem Spatzennest verwechselt, das sie ausr�ubern wollten.� Seine Stimme troff vor Hohn. �Was glauben Sie, wie viele unschuldig in Verdacht geratene ehrsame B�rger schon auf dem Stuhl gesessen haben, auf dem Sie jetzt sitzen?�</p><p>Mein Blick wurde hart, und Cohen sah es. �Wenn Sie mich irgendeiner Straftat verd�chtigen, Captain�, sagte ich eisig, �dann reden Sie am besten mit meinem Anwalt weiter. Er wartet drau�en.�</p><p>Cohen machte eine wegwerfende Geste. �H�ren Sie mit Ihrem Rechtsverdreher auf, Craven.�</p><p>�Dr. Gray ist kein Rechtsverdreher!�</p><p>Cohen seufzte. �Ich wei�. Er ist einer der besten und teuersten Juristen des Landes. Das ist ja gerade das Schlimme.� Er beugte sich vor, verschr�nkte die H�nde vor sich auf dem Tisch und sah mich �ber den Rand seiner d�nnen, goldgefa�ten Brille hinweg durchdringend an. �Sie sind Amerikaner, Mister Craven.�</p><p>�Das steht in meiner Geburtsurkunde�, sagte ich, �aber ich bin seit -�</p><p>Aber wieder unterbrach mich Cohen. �Ich wei߫, sagte er. �Ich habe Ihre Karte studiert, Mister Craven. <emphasis>Trotzdem </emphasis>sind Sie <emphasis>de jure </emphasis>amerikanischer Staatsb�rger.�</p><p>�Ein Ausl�nder�, antwortete ich gereizt. �Sagen Sie es ruhig.�</p><p>Cohen zuckte die Achseln. �Das haben Sie gesagt. Ich ... will ehrlich zu Ihnen sein, Mister Craven. Sie haben uns eine Menge �rger gemacht, in den letzten Monaten.� Er stockte, suchte einen Moment sichtlich nach den richtigen Worten. �Ich will nicht lange um den hei�en Brei herumreden, Craven�, fuhr er mit deutlich ver�nderter Stimme fort. �Sie und ich sind erwachsene Menschen und wissen recht gut, wie die Dinge wirklich sind. Ich glaube kaum, da� Sie etwas mit dem Verschwinden von Lady McPhearson zu tun haben; jedenfalls nicht in dem Sinne, da� ich Sie einer Straftat verd�chtigen w�rde. Und ich f�rchte, bei Ihrem Einflu� und Ihren nicht unbetr�chtlichen finanziellen Mitteln d�rfte es mir schwer fallen, Sie offiziell unter Anklage zu stellen, selbst wenn ich irgendwelche konkreten Beweise h�tte.�</p><p>�Was soll ich dann noch hier?� fragte ich w�tend, das halbe Dutzend kaum verhohlener Vorw�rfe und Unterstellungen in seinen Worten bewu�t ignorierend.</p><p>Cohen l�chelte kalt. �Mir zuh�ren, Craven�, sagte er ruhig.</p><p>�Es geht nicht darum, ob und was ich Ihnen beweisen kann. Lady McPhearson ist nicht jemand, der einfach so verschwinden kann, ohne da� es weiter auffiele, aber darum k�mmern wir uns. Wenn sie noch lebt, finden wir sie, und wenn sie tot sein sollte, finden wir ihre M�rder. Aber wie gesagt - darum geht es bei diesem Gespr�ch gar nicht. Es geht um Sie, Mister Craven. Sie verbreiten Ungl�ck. Ich werfe Ihnen nicht vor, irgend etwas Ungesetzliches getan zu haben, aber sie verbreiten Ungl�ck. Die Leute, die in Ihre N�he kommen, entwickeln einen verh�ngnisvollen Hang, auf dramatische Weise ums Leben zu kommen. Das m�ssen Sie zugeben.�</p><p>�Was wollen Sie damit sagen?� fragte ich scharf.</p><p>�Nichts�, erwiderte Cohen gelassen. �Ich denke nur laut.� Er seufzte. �Wissen Sie, Craven�, fuhr er nach einer Weile fort. �Ich glaube, ich kann Sie nicht leiden. Und ich glaube weiter, da� ich kein Wort von der verr�ckten Geschichte glaube, die Sie mir aufgetischt haben. Wenn es nach mir ginge, dann w�rde ich sie einfach festnehmen und in den tiefsten Keller des Towers sperren, so lange, bis ich die Wahrheit herausbekommen h�tte. Aber zuf�lligerweise sind Sie kein <emphasis>irgendwer, </emphasis>sondern einer der reichsten und h�chstwahrscheinlich auch einflu�reichsten M�nner der Stadt, trotz ihrer Jugend.�</p><p>�Gut, da� Sie es einsehen�, knurrte ich.</p><p>�Das �ndert gar nichts�, sagte Cohen gelassen. �Nicht viel, jedenfalls. Ich werde ein Auge auf Sie haben, verlassen Sie sich darauf.� Er l�chelte, blickte einen Moment konzentriert aus dem Fenster, als g�be es dort etwas ungemein Wichtiges zu sehen, und sah mich dann wieder �ber den Rand seiner Brille hinweg an.</p><p>�Das Allerbeste�, sagte er leise, aber sehr, sehr ernst, �w�re, wenn Sie die Stadt verlassen w�rden, Mister Craven. Vielleicht sogar die Britischen Inseln.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis ich begriff. �Sie ... Sie wollen mich aus der Stadt werfen?� fragte ich. �Mich des Landes verweisen? Mit welcher Begr�ndung?�</p><p>�Mit keiner�, antwortete Cohen. �Wie gesagt - ich denke nur laut. Aber ich bin nicht der einzige, der das tut, m�ssen Sie wissen. Es gibt Leute, die es f�r besser halten w�rden, wenn sie dem Britischen Empire den R�cken kehren w�rden. Nat�rlich verweise ich Sie weder der Stadt noch des Landes. Das kann ich nicht. Noch nicht.�</p><p>�Aber Sie legen mir nahe zu gehen, ehe sie es k�nnen.�</p><p>Cohen nickte. �Ja. Was nicht ist, kann durchaus noch werden, wissen Sie? Ich w�rde es bedauern, wenn ich Sie in Handschellen an Bord eines Schiffes f�hren m��te, das in die Staaten f�hrt.�</p><p>Nicht, da� mich Cohens Worte wirklich �berraschend getroffen h�tten. Nach allem, was vorgefallen war, hatte ich im Grunde mit viel gr��eren Schwierigkeiten gerechnet. Ohne Grays juristische Kunstst�cke s��e ich wahrscheinlich jetzt schon l�ngst in irgendeiner Zelle, die ich erst in f�nfzig Jahren wieder verlassen konnte.</p><p>��berlegen Sie es sich�, sagte Cohen und stand auf. �Es hat keine Eile. Wie Sie sich denken k�nnen, mu� ich Sie sowieso bitten, die Stadt in n�chster Zeit nicht zu verlassen. Aber sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind, sollten Sie meinen Vorschlag ernsthaft ins Auge fassen. Vielleicht sehe ich in ein paar Tagen bei Ihnen vorbei und hole mir Ihre Antwort ab. Es sind da sowieso noch ein paar ... Kleinigkeiten zu besprechen.�</p><p>Ich stand ebenfalls auf, starrte ihn einen Moment mit einer Mischung aus Zorn und Niedergeschlagenheit an, und st�rmte aus seinem B�ro.</p><p>Dr. Gray, mein Rechtsanwalt und Verm�gensverwalter, der die ganze Zeit auf mich gewartet hatte, um sofort eingreifen zu k�nnen, falls ich doch in Schwierigkeiten geraten sollte, sprang von der unbequemen Holzbank auf und kam mir mit fragendem Gesicht entgegen. �Nun?�</p><p>�Nichts, <emphasis>nun�, </emphasis>sagte ich seufzend. �Er hat mir nahegelegt, das Land zu verlassen, oder wenigstens die Stadt.�</p><p>Gray erbleichte. �Er hat - was?� keuchte er.</p><p>�Mir gesagt, ich solle verschwinden, ehe ich �rger kriege�, antwortete ich. �Jedenfalls lief es darauf hinaus. Und das Schlimme ist: er hat sogar recht.�</p><p>Gray fegte meine Antwort mit einer w�tenden Bewegung beiseite, trat an mir vorbei und streckte die Hand nach der T�rklinke aus. �Warte hier auf mich�, sagte er. �Ich kl�re die Angelegenheit.�</p><p>Ich hielt ihn mit einem raschen Griff zur�ck. �Das hat doch keinen Sinn�, sagte ich. �Cohen hat ja recht. Ich kann nicht die H�nde in den Scho� legen und so tun, als w�re nichts geschehen.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, schnappte Gray. Seine grauen, von einem Netzwerk winziger F�ltchen eingefa�ten Augen blitzten. �Aber ich kenne Cohen. Wenn er keinen D�mpfer bekommt, wird er dein Schweigen als Zeichen von Furcht auffassen und das n�chste Mal einen Schritt weiter gehen. Warte unten in der Halle auf mich. Das hier dauert nur einen Moment.� Ehe ich Gelegenheit hatte, ihn zur�ckzurufen, dr�ckte er die Klinke herunter und st�rmte in Cohens B�ro.</p><p>Einen Moment lang blickte ich die geschlossene T�r noch kopfsch�ttelnd an, dann ging ich langsam den nur schwach erhellten Korridor zur Treppe hinab. Vermutlich hatte Gray recht - man mu�te Cohen auf die Finger klopfen. Aber seine F�higkeit, Konflikte auszutragen, war einfach ersch�pft. Ich war m�de, f�hlte mich schwach, hatte Hunger und Durst, und in meinem Kopf drehte sich alles. Im Grunde wollte ich nur noch nach Hause.</p><p>Ich ging die Treppe hinunter und trat in die hohe, nach vorne offene S�ulenhalle hinaus. Obwohl es f�r diese Jahreszeit kalt war, f�hlte ich mich im Freien einfach wohler. Es war absurd - die M�nner, die in dem wichtigen Geb�ude von Scotland Yard ihren Dienst versahen, waren im Grunde meine Verb�ndeten. Wir h�tten zusammenhalten sollen. Aber im Augenblick waren sie meine Feinde.</p><p>Fr�stelnd zog ich den Mantel enger um die Schultern zusammen, trat an den Stra�enrand und winkte einer Mietdroschke. Die ersten beiden Fuhrwerke rollten einfach vorbei, obgleich ich deutlich erkennen konnte, da� sie nicht besetzt waren. Aber die Kutscher hatten wohl meinen zerfetzten Mantel und den blutigen, zerrissenen Anzug darunter gesehen und daraus und aus dem Anblick des Hauses, vor dem ich stand, einen zwar verst�ndlichen, aber nichtsdestoweniger falschen Schlu� gezogen. Erst der dritte Kutscher hielt an und fragte mich brummig nach der Adresse, zu der er mich fahren sollte. Als ich sie ihm nannte, erbleichte der Mann, denn Ashton Place geh�rte zu den Orten, mit denen man Dinge wie goldene Toilettensch�sseln und diamantbesetzte T�rkn�pfe in Verbindung bringt. Aber an diesem Tag vermochte ich mich nicht recht �ber seine Verbl�ffung zu am�sieren. Ich f�hlte mich niedergeschlagen und mutlos wie selten zuvor in meinem Leben. Lady Audleys Verschwinden ging mir nahe. Sehr nahe.</p><p>Als sich der Wagen in Bewegung setzte, blickte ich eher zuf�llig aus dem Fenster und zum Geb�ude von Scotland Yard zur�ck.</p><p>Auf der breiten Freitreppe sa� eine Ratte und starrte mir nach.</p><empty-line/><p>Howard hatte sich meinen Bericht schweigend angeh�rt, aber ich wartete vergebens darauf, da� er antwortete oder auch nur mit dem Verziehen einer Miene auf meine Worte reagierte. Er war ein wenig bla�, und in seinen Augen stand noch immer der gleiche, dumpf-verzweifelte Ausdruck wie am Morgen, wenngleich er sich auch sichtlich gefangen hatte. Vielleicht wirkte er ein wenig betroffen, aber wenn, dann in der Art eines Mannes, den das, was er h�rte, nicht �berraschte, weil er es halbwegs erwartet hatte. Seine Hand lag auf dem Ledereinband des Buches, in dem er gelesen hatte, als ich heimkam.</p><p>Es war einer der B�nde aus der Geheimbibliothek meines Vaters: Das <emphasis>Chaat Aquadingen. </emphasis>Howard wu�te, wie wenig gern ich es sah, wenn er in diesem Buch las. Aber ich hatte kein Wort dar�ber verloren. Er kannte die Gefahr, die diese verbotenen B�cher darstellten, wahrscheinlich besser als ich.</p><p>�Ich verstehe einfach nicht, was das bedeutet�, sagte ich - zum wahrscheinlich zehnten Mal, seit ich hier herauf in die Bibliothek gekommen war.</p><p>�Es bedeutet, da� das, was geschehen ist, kein Zufall war�, sagte er mit seltsam flacher, ausdrucksloser Stimme. �Die Polizei glaubt, da� die Ratten die Tollwut hatten oder wir sie irgendwie gereizt haben, nicht?� Die Frage war rein rethorischer Art; wie ich und Rowlf war er stundenlang verh�rt worden. Nur da� er das Gl�ck gehabt hatte, nicht gerade Wilbur Cohen in die H�nde zu fallen.</p><p>�Ich wei� nicht, was die Polizei glaubt�, antwortete ich rasch. Ich hatte ihm nicht viel von Cohen erz�hlt; wir hatten dringendere Sorgen als einen Polizeicaptain, der mich aufs Korn nehmen wollte. �Aber ich nehme es an.�</p><p>�Es stimmt nicht�, antwortete Howard. �Das war eine Falle, Robert. Eine kaltbl�tige berechnete Falle. Die Ratten haben diesen armen Hund zerrissen, damit du es <emphasis>siehst. </emphasis>So etwas�, f�gte er mit einem entschiedenen Kopfsch�tteln hinzu, �tun keine Tiere.�</p><p>Seine Worte lie�en mich schaudern. Ich hatte geahnt, da� es so war, aber es gab einen Unterschied zwischen Ahnen und Wissen.</p><p>�Jemand hat sie geschickt�, fl�sterte ich stockend.</p><p>Howard nickte. �Nicht <emphasis>jemand�, </emphasis>sagte er betont. <emphasis>�Sie. </emphasis>Dieses arme Tier mu�te um einer sinnlosen Machtdemonstration willen sterben; nur, um uns zu zeigen, wie gro� ihre Macht ist.� Sein Blick wurde hart, gleichzeitig erschien wieder dieser Ausdruck von Vorwurf darin, mit dem er mich schon die ganze Zeit gemustert hatte und den ich mir nicht erkl�ren konnte.</p><p>�Ich habe �ber alles nachgedacht, w�hrend du weg warst�, fuhr er fort. Er l�chelte, sehr m�de und rasch, z�ndete sich umst�ndlich eine Zigarre an und lie� die freie Hand mit einer ersch�pften Bewegung auf den Einband des <emphasis>Chaat Aquadingen </emphasis>hinunterfallen. �Du hast mir alles erz�hlt?� vergewisserte er sich. �Du hast nichts vergessen, keine Kleinigkeit? Nichts weggelassen, auch wenn es dir unwichtig erscheint?�</p><p>�Nein.� Ich sch�ttelte den Kopf. �Nichts. Aber es war alles so ... so unwirklich. So ...<emphasis>falsch.�</emphasis></p><p>M�de beugte Howard sich in seinem Sessel vor, klappte das <emphasis>Chaat </emphasis>auf und lie� die d�nnen Pergamentbl�tter zwischen Daumen und Zeigefinger hindurchrascheln. �ER, DESSEN NAMEN MAN NICHT AUSSPRICHT - wei�t du wirklich nicht, wer damit gemeint ist? Hast du so wenig in den Schriften gelesen, die dir dein Vater hinterlassen hat?�</p><p>Ich starrte ihn an, und pl�tzlich hatte ich das Gef�hl, von einer eisigen, unsichtbaren Hand ber�hrt zu werden. Ein kurzer, rascher Schmerz zuckte wie eine Nadel durch mein Herz. �Du ... du meinst ...�</p><p>�Cthulhu�, sagte Howard unger�hrt. �Ja. Die Zeit seines Erwachens r�ckt heran. Aber das�, f�gte er rasch hinzu, als er mein abermaliges Erschrecken bemerkte, �mu� nichts bedeuten. Diese Wesen sind es gewohnt, in anderen Zeitr�umen zu rechnen als wir. Dieses <emphasis>Heranr�cken </emphasis>kann durchaus noch hundert Jahre bedeuten. Oder auch tausend.�</p><p>�Oder ein paar Tage�, sagte ich finster.</p><p>�Oder ein paar Tage�, best�tigte Howard unger�hrt. �Ja. Aber was mir trotzdem die gr��eren Sorgen bereitet, ist dieses andere, von dem das M�dchen gesprochen hat. DAS TIER.� Er seufzte, sog an seiner Zigarre und stie� eine �belriechende Qualmwolke in meine Richtung.</p><p>�Ich habe versucht, die Antwort in diesem Buch zu finden�, fuhr er mit einer Kopfbewegung auf das <emphasis>Chaat Aquadingen </emphasis>fort, �aber leider umsonst. Es sind alle m�glichen Dinge erw�hnt, aber nichts, was die Bezeichnung DAS TIER tr�ge. Wenn wir das NECRONOMICON noch h�tten ...�</p><p>�Wir haben es aber nicht�, unterbrach ich ihn grob. Howard sah mich mi�trauisch an. Er argw�hnte noch immer, da� ich eine weitere Abschrift dieses Buches besitzen w�rde, und er kam der Wahrheit damit auch n�her, als mir lieb war. Aber es gibt ein paar Dinge, in denen ich nicht bereit bin, auch nur um einen Deut von meinen Prinzipien abzuweichen. Das NECRONOMICON geh�rt dazu.</p><p>�Schade�, sagte er schlie�lich.</p><p>Ich nickte. �Sehr schade�, best�tigte ich. �Aber wir werden auch so herausfinden, was diese sonderbare Warnung zu bedeuten hat.�</p><p>Die Andeutung eines L�chelns erschien auf Howards m�den Z�gen. �Darf ich daraus schlie�en, da� du nicht vorhast, sie dir zu Herzen zu nehmen?�</p><p>�Ich habe nicht vor, Lady Audley im Stich zu lassen, wenn es das ist, was du meinst�, sagte ich. �Ich bin sicher, da� sie noch lebt, Howard. Und ich f�hle mich verantwortlich f�r das, was ihr geschehen ist. Dieser Narr Cohen hat nicht einmal so unrecht mit seinen Vorw�rfen.� Ich stand auf, ging zum Fenster und blickte durch einen Spalt in den Gardinen auf die Stra�e. London bot einen erb�rmlichen Anblick, bedachte man, da� Mai war und die Stadt eigentlich unter der Sommerhitze st�hnen sollte. Von Westen her trieben immer wieder d�stere graue Wolken �ber die Stadt und tauchten den Tag in graues Licht und unangenehme K�lte.</p><p>�Es ist ein bi�chen sp�t, sich Vorw�rfe zu machen, findest du nicht?� fragte Howard.</p><p>Ich nickte, ohne mich zu ihm herumzudrehen. �Sicher. Trotzdem trifft mich die Schuld an allem, Howard. Ich h�tte diesen Wahnsinn niemals beginnen d�rfen. Alles hat auf dieser verdammten Seance ange...�</p><p>Ich sprach nicht weiter. Irgend etwas hinter meiner Stirn machte deutlich h�rbar <emphasis>Klick.</emphasis></p><p>Und pl�tzlich wu�te ich es. Pl�tzlich h�rte ich noch einmal die Worte, die Lady Audley w�hrend der unseligen Seance ausgesto�en hatte, sah ich noch einmal das M�dchen, dessen Bild mir der Rattenmann geschickt hatte, die bizarre Welt, in der es existierte, das Wesen, das es begleitete und das ich f�r unwichtig gehalten hatte. Pl�tzlich f�gten sich die Puzzleteile zu einem Bild.</p><p>DAS TIER ...</p><p>Die schwarze Ziege.</p><p><emphasis>Die schreckliche Ziege mit den tausend Jungen ...</emphasis></p><p>Wie von der Tarantel gestochen fuhr ich herum. Mein Gesicht mu� eine Maske des puren Entsetzens gewesen sein, denn Howard sprang auf und blickte mich erschrocken an. �Was ist los?� fragte er.</p><p>Ich antwortete nur mit zwei Worten, aber ich sah, da� sie ihn mit der gleichen Wucht trafen wie mich.</p><p><emphasis>�Shub-Niggurath, </emphasis>Howard�, sagte ich. �DAS TIER ist nichts anderes als <emphasis>Shub-Niggurath. </emphasis>Einer der zw�lf GROSSEN ALTEN!�</p><p>Howard starrte mich an, und ich sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Er hatte sofort begriffen, aber auch er schien sich einfach gegen den Gedanken zu wehren; die Vorstellung, da� das Unvorstellbare vielleicht doch geschehen k�nnte; hier, vor unser aller Augen. Da� einer der Millionen Jahre alten D�monen erneut zu schrecklichem Leben erwachen k�nnte.</p><p>�Aber ... aber warum?� stammelte er schlie�lich. �Und was ... was hat Lady Audley damit -�</p><p>�Vielleicht nichts�, unterbrach ich ihn. �Vielleicht war sie nur im falschen Moment am falschen Ort, oder -� Ich brach ab.</p><p>Aus der Standuhr drang ein schabendes Ger�usch.</p><p>Es war nicht einmal besonders laut, aber nach allem, was geschehen war, reichte es aus. Howard und mich f�r Augenblicke vor Schrecken erstarren zu lassen.</p><p>Der Laut wiederholte sich, und diesmal war er deutlicher: es war das Kratzen harter, scharfer Krallen auf Holz. <emphasis>Rattenkrallen ...</emphasis></p><p>Mein Herz schien einen Schlag zu �berspringen und dann doppelt schnell und schmerzhaft weiterzuh�mmern.</p><p>Die T�r der riesigen Standuhr schwang lautlos auf. Ich selbst hatte sie am vergangenen Abend geschlossen und mich gr�ndlich davon �berzeugt, da� das kleine Messingschlo� auch eingerastet war, aber jetzt �ffnete sie sich, schwang wie von Geisterhand bewegt nach au�en, und dahinter ...</p><p>Es war nicht dieser entsetzliche, lebende Korridor, den wir in der vergangenen Nacht erblickt hatten, aber ein Anblick, der in seiner absurden Normalit�t beinahe ebenso erschreckend war:</p><p>Es war, als h�tte sich die Uhr in ein bizarres Fenster verwandelt. Dort, wo gestern noch das gr��liche Innere des Dimensionstunnels gewesen war, erstreckte sich nun etwas, das ich erst auf den zweiten Blick als das erkannte, was es war: ein Friedhof. Ein Friedhof, der offenbar schon vor langer Zeit aufgegeben worden war, denn die meisten Gr�ber waren verwahrlost. Kreuze und Stein waren umgeworfen, und hier und da war die Erde �ber den verfaulenden S�rgen zusammengesackt.</p><p>Jedenfalls war es das, was ich im allerersten Moment glaubte. Dann erkannte ich, was es wirklich war: Die Gr�ber waren nicht eingesunken, sondern <emphasis>aufgebrochen, </emphasis>und dazwischen ... Ratten. Tausende von h��lichen, fetten Ratten, die zwischen den gesch�ndeten Gr�bern hin und her huschten und die schmalen Kieswege zwischen den Gr�bern wie eine lebende Decke f�llten. �berall zwischen den Gr�bern war Bewegung, schwarze, huschende Bewegung, ein Wallen und Wogen und Schieben in keine bestimmte Richtung, als w�re der Erdboden selbst zum Leben erwacht. Zahllose Krallen rissen und scharrten den Boden auf. Die Ratten waren zu Millionen gekommen, und �ber die Felder und Stra�en str�mten noch immer weitere herbei.</p><p>Diesmal begriff Howard einen Sekundenbruchteil vor mir, was wir da sahen.</p><p>�St. Aimes!� fl�sterte er. Seine Stimme bebte vor Entsetzen. �Das ... das mu� St. Aimes sein, Robert!�</p><p>Ich h�tte nicht einmal dann antworten k�nnen, wenn ich es gewollt h�tte. Wie gel�hmt starrte ich das entsetzliche Bild an, unf�hig, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen oder auch nur wirklich zu begreifen, <emphasis>was </emphasis>ich da sah, geschweige denn, <emphasis>warum. </emphasis>Selbst, als sich die Uhr nach einer Weise auf die gleiche, gespenstische Art wieder schlo�, starrte ich die T�r noch endlos an. Meine eigene Stimme klang wie die eines Fremden in meinen Ohren, als ich das entsetzte Schweigen endlich brach.</p><p>�Wir m�ssen dorthin, Howard�, sagte ich m�hsam.</p><p>Und dieses Mal widersprach er mir nicht.</p><empty-line/><p>Es ging auf drei Uhr zu, als ich den Bahnhof erreichte. Dr. Gray war eine Stunde zuvor aus dem Yard zur�ckgekommen, aber er hatte nicht viel gesagt. Der wei�haarige Anwalt war merklich kleinlauter gewesen als am Mittag, und auf seinem Gesicht hatte ein Ausdruck gelegen, als h�tte er mit Cthulhu um seine Seele gepokert und verloren. Der <emphasis>D�mpfer, </emphasis>den er Cohen hatte versetzen wollen, schien wohl eher zu einem Bumerang geworden zu sein. Die Blicke, mit denen er mich musterte oder die er und Howard tauschten, wenn sie glaubten, ich s�he es nicht, sprachen B�nde. Es sah ganz so aus, als neige mein friedliches Leben als Salonl�we in London sich endg�ltig dem Ende entgegen.</p><p>Howard und er waren �berein gekommen, da� es sicherer war, nicht mit dem Wagen nach St. Aimes zu fahren, sondern den Vorortzug zu nehmen. Gray sollte so lange in meinem Haus bleiben und die Stellung halten, bis wir aus St. Aimes zur�ck waren. Sein Einflu� und juristisches K�nnen mochte auf jeden Fall reichen, mir bis zu unserer R�ckkehr Luft zu verschaffen. Und wenn wir nicht zur�ckkamen ... Nun, dann hatte Cohen ohnehin erreicht, was er wollte. Er hatte mir zwar verboten, die Stadt zu verlassen, aber ich hatte das ziemlich sichere Gef�hl, da� er ganz froh sein w�rde, wenn ich dieses Verbot mi�achtete und Fersengeld gab.</p><p>Trotzdem waren wir vorsichtig gewesen. Cohen war kein Trottel. Ich war ziemlich sicher, da� er mein Haus beobachten lie�, und so waren Howard, Rowlf und ich zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedene Richtungen aus dem Haus gegangen, wobei ich mich auf Howards Dr�ngen hin noch zus�tzlich mit einem viel zu weiten Mantel und einer albernen Kapuze getarnt hatte. Anschlie�end war ich eine gute halbe Stunde kreuz und quer durch die Stadt gegangen und gefahren, durch die Markthallen und ein gro�es Kaufhaus gelaufen, in drei verschiedenen Kneipen gewesen, die ich allesamt durch die Hintert�r verlassen hatte, und sogar �ber ein paar D�cher geklettert und ein St�ck weit durch die Tunnel der gerade im Bau befindlichen Untergrundbahn gerannt. Nicht einmal der Urvater s�mtlicher Sp�rhunde h�tte meine F�hrte jetzt noch verfolgen k�nnen.</p><p>Jetzt war ich auf dem Bahnhof und wartete auf den Zug. Trotz der Odyssee, die ich hinter mir hatte, blieb noch eine gute halbe Stunde Zeit, die ich damit verbrachte, m�glichst unauff�llig auszusehen und nach Howard und Rowlf Ausschau zu halten, die sicher l�ngst auf mich warteten. Ich f�hlte mich nicht sonderlich wohl; trotz meiner Verkleidung und der M�he, die ich mir gegeben hatte, einen hypothetischen Verfolger abzusch�tteln, traute ich dem scheinbaren Frieden nicht. Cohen war kein Idiot. Wenn er mich beschatten lie�, und wenn sein Mann ihm mitteilte, da� er meine Spur verloren hatte, w�rde er rasch die richtigen Schl�sse ziehen. Das einzige, was mich beruhigte, war die Tatsache, da� der Bahnsteig nahezu vor Menschen aus den N�hten platzte; es schien eine Unzahl von Leuten zu geben, die die Stadt verlassen wollten. Vielleicht war der Bahnsteig auch nur zu klein. Im Augenblick gab mir die Menge jedenfalls gen�gend Deckung, selbst wenn Cohen einen seiner M�nner hergeschickt hatte. Und wenn wir erst einmal im Zug waren, w�rden wir sehen.</p><p>Eine Bewegung auf der anderen Seite des Bahnsteiges erregte meine Aufmerksamkeit. Rasch trat ich hinter eine der verwitterten Eisens�ulen, die das Dach trugen, schlug die Kapuze ein wenig zur�ck und versuchte, �ber die K�pfe der dicht gedr�ngten Menge hinwegzuschauen.</p><p>Rowlfs hektisch ger�tetes Bulldoggengesicht war unverkennbar, selbst �ber die gro�e Entfernung hinweg. Er stand, beide H�nde in die Jackentaschen vergraben und ungeduldig mit den F��en aufstampfend, vor der Tafel mit den Abfahrtszeiten und blickte abwechselnd auf die kleingedruckten Buchstaben und die Normaluhr, die �ber seinem Kopf von der Decke hing. Dann schlug er den Jackenkragen hoch und ging mit weit ausgreifenden Schritten zu der Teebude am anderen Ende des Bahnhofes hin�ber. Ich �berlegte einen Moment, ob ich ihm folgen sollte, entschied mich aber dann dagegen. Die Gefahr, erkannt zu werden, war zu gro�. Wenn wir uns erst im Zug trafen, waren wir auf jeden Fall sicherer.</p><p>Der Gedanke lie� mich l�cheln. Ich begann mich schon zu benehmen und - was schlimmer war - so zu denken, als w�re ich auf der Flucht. Dabei sollten die M�nner, vor denen ich mich im Moment verbarg, meine Verb�ndeten sein. Es war zum Verr�cktwerden!</p><p>Ich sah auf die Uhr, stellte fest, da� ich noch viel Zeit bis zur Abfahrt hatte, und wandte mich fr�stelnd um, um ins Bahnhofscafe zu gehen. Es brachte niemandem etwas, wenn ich eine halbe Stunde hier herumstand.</p><p>Ich betrat das Lokal, suchte mir einen Platz in der hintersten Ecke, weit von der T�r entfernt und so, da� ich den Eingang im Auge behalten konnte, und bestellte einen hei�en Kaffee.</p><p>Nach einer Weile n�herten sich Schritte meinem Tisch. Ich sah auf und griff gleichzeitig in die Tasche, um eine M�nze hervorzuholen.</p><p>Aber es war nicht der Ober, den ich erwartet hatte.</p><p>Der Mann vor mir war ein Riese mit sch�tterem Haar, einer d�nnen, goldgefa�ten Brille und dem grimmigsten Gesichtsausdruck, der mir jemals untergekommen war. Und diesmal trug er nicht den abgewetzten grauen Anzug, mit dem ich ihn in seinem B�ro gesehen hatte, sondern die schwarze Uniform der Londoner Polizei, auf deren Schultern die Goldtressen seines Captainsranges blitzten.</p><p>�Cohen!� entfuhr es mir. �Sie?�</p><p>Er nickte - auf eine sehr unheilverk�ndende, abgehackte Weise -, zog sich unaufgefordert einen Stuhl heran und lie� sich darauf nieder. Das wackelige M�belst�ck �chzte unter seiner Leibesf�lle, aber Cohen schien es nicht einmal zu bemerken. Finster starrte er mich durch die halb beschlagenen Gl�ser seiner Brille an und scheuchte den Kellner, der mit meinem Kaffee herankam, mit einer barschen Handbewegung davon.</p><p>�Es freut mich, da� Sie sich wenigstens noch an meinen Namen erinnern k�nnen, Craven�, sagte er. �Um ehrlich zu sein, hatte ich schon fast bef�rchtet, da� sie unser Gespr�ch vom heutigen Morgen bereits vergessen haben k�nnten.�</p><p>Ich ignorierte den lauernden Unterton in seiner Stimme, legte den Kopf auf die Seite und sah ihn scharf an. �Worauf wollen Sie hinaus, Captain?� fragte ich.</p><p>Cohen l�chelte kalt. �Nichts, Craven, nichts. Sie wollen verreisen?�</p><p>�Ich folge nur Ihrem Rat�, antwortete ich bissig. �Heute morgen konnten Sie mich nicht schnell genug aus der Stadt herausbekommen, oder? Jetzt tue ich es.�</p><p>�Ohne Koffer?� fragte Cohen.</p><p>Ich zuckte mit den Achseln. �Ich reise immer mit kleinem Gep�ck. Also - was wollen Sie?�</p><p>�Sie haben es sehr eilig, wie?� murmelte Cohen lauernd. �Man k�nnte meinen, Sie laufen vor irgend etwas davon.�</p><p>�Sie selber haben mir gesagt -�</p><p>�Ich wei�, was ich Ihnen gesagt habe, Mister Craven�, unterbrach mich Cohen. Pl�tzlich klang seine Stimme ganz kalt, hart und unnachgiebig wie Stahl. �Aber das war heute morgen, Craven. Mittlerweile haben sich gewisse Dinge ge�ndert.�</p><p>�Gewisse Dinge?� wiederholte ich lauernd.</p><p>�Sehen Sie, Craven, selbst Scotland Yard ist nicht so dumm, wie ihr Amerikaner zu glauben scheint�, sagte Cohen. Seine Stimme wurde triumphierend, als er sich vorbeugte und mich anstarrte. �Nachdem Sie fort waren, haben wir gewisse ... Erkundigungen eingezogen, verstehen Sie?�</p><p>�Erkundigungen?� Ich mu�te meine Verwirrung nicht einmal heucheln. �Was meinen Sie damit, Captain?�</p><p>Cohen seufzte. �Nun, wir haben uns beispielsweise gefragt, was jemand wie Lady Audley zu einer so fr�hen Stunde bei jemandem wie <emphasis>Ihnen </emphasis>tut, Craven. Und dabei sind mir einige Dinge aufgefallen.� Er schwieg einen Moment und schien darauf zu warten, da� ich antwortete, aber den Gefallen tat ich ihm nicht.</p><p>�Das war kein Zufall, nicht wahr?� fuhr er endlich fort. �Sie waren gestern abend zusammen auf einem Empfang.�</p><p>Mein erschrockenes Zusammenzucken entging Cohen nat�rlich keineswegs.</p><p>�Gerade vor zwei Stunden habe ich mit Lord Penderguest gesprochen�, sagte er ruhig. �Vielleicht k�nnen Sie sich ungef�hr vorstellen, was er mir erz�hlt hat?�</p><p>�Ungef�hr�, sagte ich einsilbig.</p><p>Cohen l�chelte b�se. �Was ist nach Ihrer kleinen Seance passiert, Craven?� fragte er. �Sie und Ihr Freund Howard haben Lady McPhearson nach Hause gebracht - wie die Dienerschaft sagt, in einem schrecklichen Zustand.�</p><p>�Das ... ist alles nicht so, wie Sie glauben, Captain�, sagte ich. Ich war der Verzweiflung nahe. �Ich kann Ihnen das erkl�ren, aber -�</p><p>�Aber nicht hier�, unterbrach mich Cohen. Mit einem Male war seine Stimme so hart wie Eisen. �Sie werden es mir erkl�ren, das schw�re ich. Craven. Sie werden die Wahrheit sagen, in meinem B�ro auf Scotland Yard.�</p><p>�Aber ich kann nicht mit!� protestierte ich. �Ich mu� nach -�</p><p>�Ja?�</p><p>Ich starrte ihn an, bi� mir auf die Unterlippe und schwieg.</p><p>�Was ist wirklich passiert?� fragte er. �Warum war Lady Audley bei Ihnen, Craven? Was wollte sie?�</p><p>�Ich verstehe nicht, was Sie meinen�, sagte ich stur.</p><p>Cohen grinste b�se. �Das macht nichts, Craven�, sagte er. �Wir haben sehr viel Zeit, uns �ber alles zu unterhalten. Folgen Sie mir.�</p><p>Ich widersprach nicht, sondern erhob mich gehorsam von meinem Platz. Es war v�llig sinnlos, weiter mit ihm diskutieren zu wollen, oder gar einen Fluchtversuch zu unternehmen; Cohen wartete nur auf einen handfesten Grund, mich in Ketten zur�ck zum Yard zu schleifen.</p><p>Er ging im Sturmschritt neben mir her, blieb aber schon nach wenigen Schritten wieder stehen und deutete mit einer Kopfbewegung �ber den Bahnsteig.</p><p>Ich sah gleich, was er meinte, Rowlf und Howard war es nicht besser ergangen als mir. Rowlf stand mit geballten F�usten und blitzenden Augen einem guten halben Dutzend unglaublich unauff�llig gekleideter M�nner gegen�ber und schien sich noch nicht entschieden zu haben, ob er sie verdreschen oder ihnen folgen sollte, w�hrend Howard mit steinernem Gesicht zwischen zwei von Cohens M�nnern zum Ausgang schritt.</p><p>�Sie sehen, Craven�, sagte Cohen s�ffisant, �da� Sie sich das ganze alberne Versteckspiel h�tten sparen k�nnen.�</p><p>�Ich dachte, ich h�tte Ihren Mann abgesch�ttelt�, sagte ich d�ster.</p><p>Cohen blinzelte verwirrt. �Welchen Mann?� fragte er. �Ich habe niemanden auf Sie angesetzt, Craven. Wir haben hier auf Sie gewartet.�</p><empty-line/><p>Der Wagen wartete vor dem Bahnhof. Es war ein gro�es, kastenf�rmiges Gef�hrt, von gleich vier Pferden gezogen und mit kleinen, vergitterten Fenstern, so stabil wie ein rollender Safe und ungef�hr genauso unauff�llig. Als Cohen mich mit einem schadenfrohen L�cheln aufforderte, hineinzusteigen und auf einer der ungepolsterten B�nke Platz zu nehmen, hatte sich bereits ein regelrechter Menschenauflauf um den Wagen gebildet, und wahrscheinlich w�rde es sp�testens morgen kein anderes Stadtgespr�ch mehr geben als das, da� der sonderbare Nichtstuer, der vor einem halben Jahr in der Stadt aufgetaucht war, endlich dorthin gebracht worden war, wo er hingeh�rte.</p><p>Cohen kletterte hinter mir in den Wagen, schlo� die T�r jedoch nicht, sondern setzte sich mir gegen�ber auf eine Bank und starrte mich mit unbewegtem Gesicht an.</p><p>�Sie begehen einen schrecklichen Fehler, Cohen�, sagte ich. Nicht, weil ich mir ernsthaft einbildete, ihn �berzeugen zu k�nnen, sondern nur, um �berhaupt etwas zu sagen und das Schweigen nicht �berm�chtig werden zu lassen.</p><p>Cohen nickte unger�hrt. �Ich wei߫, sagte er. �Es ist alles nur ein furchtbarer Irrtum. Ich werde mich bei Ihnen entschuldigen, sollte es sich wirklich als solcher herausstellen. Schriftlich, wenn Sie es m�chten.�</p><p>�Sie verstehen �berhaupt nichts�, sagte ich zornig. �Wir sind alle in schrecklicher Gefahr, Captain.�</p><p>�Und Sie waren gerade unterwegs, um diese furchtbare Gefahr von uns abzuwenden, nicht wahr?� Cohens Augen blitzten sp�ttisch. �H�ren Sie mit dem Unsinn auf, Craven.�</p><p>�Es ist kein Unsinn�, beharrte ich. �Aber es ist wohl zwecklos, dar�ber mit Ihnen zu reden.�</p><p>M�nner wie Captain Cohen standen mit beiden Beinen einfach zu fest auf dem sogenannten Boden der Tatsachen, um zu akzeptieren, da� es Dinge wie Geister und D�monen wirklich gab. Kein Mensch w�rde ihn in diesem Punkt umstimmen k�nnen. Das hie� - kein normaler Mensch ...</p><p>�Sie <emphasis>wollen </emphasis>nicht reden, Craven�, schnappte Cohen. �Sie wissen etwas �ber Lady McPhearsons Verschwinden!�</p><p>�Ich habe keine Ahnung, wovon Sie �berhaupt reden, Cohen�, sagte ich. Ich sprach sehr leise, und meine Stimme war fast tonlos. Cohen runzelte die Stirn, und in seinem Blick glomm ein sanftes, mi�trauisches Flackern auf, aber ich sprach weiter, ehe er wirklich Verdacht sch�pfen und sich vielleicht instinktiv zur Wehr setzen konnte.</p><p>Es kostete mich entsetzliche �berwindung; nicht etwa, weil es besonders schwer gewesen w�re, sondern weil ich es stets verabscheut habe, das magische Erbe meines Vaters auf <emphasis>diese</emphasis> Weise zu mi�brauchen. Es ist entw�rdigend, den Willen eines Menschen zu brechen, f�r beide Beteiligten. Aber ich hatte keine andere Wahl, wenn ich Lady Audley - und vielleicht zahllose andere - noch retten wollte. Ich mu�te nach St. Aimes.</p><p>Meine Stimme wurde noch flacher, geriet zu einem monotonen, einlullendem Singsang, dessen Worte im Grunde bedeutungslos waren. �Ich wei� nicht, wovon Sie reden, Captain Cohen�, sagte ich. �Ich kenne keine Lady McPhearson, und ich wei� auch nicht, was ich hier soll. Wir sind doch Freunde, Mister Cohen. Ich will niemandem etwas �bles, und das wissen Sie. Wir sind Verb�ndete. Sie haben keinen Grund, mir in irgendeiner Form zu mi�trauen. Sie werden das einsehen, sobald wir Scotland Yard erreicht haben, und Ihren Vorgesetzten berichten, da� ich vollkommen unverd�chtig bin. Das stimmt doch, oder?�</p><p>Cohens Oberlippe begann zu zittern. Glitzernder Schwei� erschien in feinen Perlen auf seiner Stirn. Aber es war bereits zu sp�t. Gleichzeitig mit meinen Worten hatte ich nach seinem Geist gegriffen und seine Abwehr unterlaufen. Noch versuchte etwas in ihm, sich zu wehren, aber ich sp�rte, da� ich den Kampf bereits halb gewonnen hatte. Gottlob war Cohen geistig nicht halb so stark, wie sein aggressives Auftreten vermuten lie�. Aber das traf man h�ufig bei Menschen seiner Art. Noch wenige Sekunden, und er war vollends in meiner Hand.</p><p>�Ich ... bin mir nicht sicher�, murmelte er. Seine Stimme klang schleppend; ich h�rte, wie schwer es ihm fiel, �berhaupt zu sprechen.</p><p>�Aber Captain�, sagte ich. �Ich bitte Sie. Sie wissen genau, da� ich recht habe. Sie werden sehen, wir werden noch gute Freunde werden. Sie und ich stehen auf der gleichen Seite. Sehen Sie das nicht ein?�</p><p>Er nickte. Sein Adamsapfel h�pfte hektisch auf und ab, und das Netz feiner kalter Schwei�tropfen auf seiner Stirn wurde dichter. Ich sp�rte, wie sein innerer Widerstand zu zerbrechen begann. �Doch�, fl�sterte er. �Sie sind ... mein Verb�ndeter. Ich habe ... habe mich geirrt. Aber ich werde alles klarstellen.�</p><p>In diesem Moment wurde die T�r mit einem krachenden Schlag bis an die Wand zur�ckgeschmettert, und Rowlf stapfte, lauthals schimpfend, in den Wagen hinein. Cohen fuhr wie unter einem Schlag zusammen, blinzelte ein paarmal, als erwache er unversehens aus einem tiefen, bet�ubenden Schlaf, starrte mich eine halbe Sekunde lang mit blankem Entsetzen in den Augen an - und ri� einen sechssch�ssigen Revolver unter dem Jackett hervor. Das Knacken des Hahnes hallte wie ein Peitschenschlag in meinen Ohren wieder, als er die Waffe auf mich anlegte.</p><p>�R�hren Sie sich nicht, Craven�, kr�chzte er. Seine Stimme bebte und drohte �berzukippen, und seine Lippen zitterten so stark, da� ihm der Speichel aus dem Mundwinkel lief. �Tun Sie nichts, Craven�, keuchte er. �Ich warne Sie nicht noch einmal. Versuchen Sie es nicht noch einmal.�</p><p>Rowlf starrte verdattert von mir zu ihm und dann wieder zu mir zur�ck. �Wasnlos?� fragte er.</p><p>�Nichts, Rowlf�, antwortete ich gepre�t. �Gar nichts ist los. Vielen herzlichen Dank auch.�</p><p>�H�?� machte Rowlf. Aber ich achtete nicht mehr auf ihn, sondern starrte angstvoll auf die M�ndung von Cohens Revolver, die unverwandt auf meine Stirn deutete. Ich wu�te, da� er schie�en w�rde, wenn ich auch nur hustete.</p><p>�Ich wei� nicht, was das gerade war, Craven�, fuhr Cohen nach einer Weile fort. �Und ich will es auch gar nicht wissen. Aber ich schw�re Ihnen, da� ich Sie erschie�e, wenn Sie es noch einmal versuchen.�</p><p>Erneut betrat jemand den Wagen, und als ich aufsah, erkannte ich Howard, der von zwei von Cohens M�nnern begleitet wurde. Auf den Gesichtern der beiden Beamten erschien ein gleicherma�en erschrockener wie fragender Ausdruck, als sie die Waffe in Cohens Hand gewahrten. Aber ihr Erscheinen entspannte auch die Situation. Cohen atmete h�rbar auf, lie� den Hahn behutsam zur�ckschnappen und schob die Waffe wieder unter seine Jacke. Er sagte kein Wort.</p><p>Die T�r wurde geschlossen, und der Wagen fuhr an, kaum da� Howard und seine beiden Begleiter auf den unbequemen B�nken Platz genommen hatten. Die beiden Polizisten versanken in das gleiche, angespannte Schweigen, das auch von Cohen und uns Besitz ergriffen hatte, w�hrend sich der Wagen schaukelnd durch den dichten Nachmittagsverkehr qu�lte.</p><p>Eine Weile fuhren wir schweigend dahin, dann schienen wir die City hinter uns zu haben, denn der Wagen wurde schneller, und der Verkehrsl�rm, der bisher durch die W�nde gedrungen war, nahm h�rbar ab.</p><p>�Was war los?� fragte Howard schlie�lich. Die Frage galt mir, aber er sah Cohen dabei an.</p><p>Ich wollte antworten, aber der Polizeicaptain schnitt mir mit einer befehlenden Geste das Wort ab. �Keine Unterhaltungen�, sagte er. �Sie werden nachher mehr Gelegenheit zum Reden haben, als Ihnen lieb ist.�</p><p>Howards Gesicht verd�sterte sich. �Was soll das hei�en?� fragte er scharf. �Sie k�nnen mir schlecht das Reden verbieten, Mister.�</p><p>�Und ob ich das kann�, schnauzte Cohen. Er wirkte noch immer verst�rt, aber er verbarg seine Unsicherheit jetzt wieder hinter einem bissigen Auftreten. �Sie werden sich noch wundern, was ich alles kann. Ich kann zum Beispiel -�</p><p>Wir erfuhren nie, was Cohen beispielsweise gekonnt h�tte, denn in diesem Augenblick hielt der Gefangenenwagen mit einem so harten Ruck an, da� wir allesamt von den B�nken geworfen wurden und wild durcheinanderfielen. Ein zorniger Schrei drang durch das Holz der W�nde, dann das erschrockene Kreischen eines Pferdes, dann begann ein Mann zu keifen, ohne da� ich die Worte verstanden h�tte.</p><p>M�hsam rappelte ich mich hoch, schob Rowlfs Fu� von meinem Gesicht herunter und versuchte, meine Beine aus dem Gewirr von Gliedern und K�rpern zu entflechten, in dem sie verschwunden waren. Das Schreien drau�en vor dem Wagen nahm zu, und pl�tzlich ging ein harter Schlag durch das Gef�hrt, der uns abermals zu Boden schleuderte. Diesmal dauerte es l�nger, bis ich mich wieder aus dem Durcheinander befreit hatte und aufstand.</p><p>Das erste, was ich sah, war Cohen, der auf eine Bank gestiegen war und schon wieder mit seinem Revolver herumfuchtelte. �Keine Bewegung, Craven�, sagte er drohend. �Ich werde schie�en, wenn Sie auch nur einen falschen Furz lassen, das schw�re ich Ihnen!�</p><p>�Idiot�, sagte Howard gelassen.</p><p>Cohen fuhr herum, schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und wedelte mit dem Revolver vor Howards Gesicht. �Ich verbitte mir das!� br�llte er. �Ich belange Sie wegen Beamtenbeleidigung.�</p><p>Howard seufzte und schnippte mit einer betont gelangweilt wirkenden Bewegung ein imagin�res St�ubchen von seiner Jacke. �Tun Sie das, Mister Cohen�, sagte er freundlich. �Aber vielleicht sehen Sie vorher nach, was da drau�en passiert ist.�</p><p>Cohen starrte einen Moment lang ihn, dann die geschlossene T�r an, und nickte. Umst�ndlich kletterte er von seiner Bank herunter, ging r�ckw�rts zur T�r und klopfte mit der Faust dagegen. Drau�en ert�nte ein grellender Schrei, wie zur Antwort, und wieder kreischte ein Pferd. Diesmal war es eindeutig ein Schmerzensschrei.</p><p>Cohen erbleichte. Wie von Sinnen begann er mit den F�usten gegen die T�r zu schlagen und zu br�llen, aber die einzige Reaktion auf seine Worte waren neue Schreie drau�en auf der Stra�e, und ein abermaliger, dumpfer Schlag, der den Wagen traf. Dann krachte ein Schu�, gleich darauf ein zweiter, und pl�tzlich begannen eine ganze Menge Stimmen gleichzeitig zu kreischen. Den Ger�uschen nach zu urteilen, mu�te dort drau�en eine mittlere Schlacht stattfinden.</p><p>�Warum schlie�en Sie nicht auf?� schnappte Howard. �Da drau�en passiert etwas, das h�ren Sie doch!�</p><p>Cohen nickte nerv�s. �Ich kann nicht aufschlie�en�, sagte er. �Ich habe keinen Schl�ssel. Das ist Vorschrift.�</p><p>�Dann brechen Sie sie auf!� sagte Howard.</p><p>Cohen z�gerte einen Moment, lauschte noch einmal auf das Schreien und Krachen drau�en und nickte abgehackt. Mit einem heftigen Ruck drehte er sich herum und richtete den Lauf seiner Waffe auf das T�rschlo�. �Treten Sie zur�ck.�</p><p>Howard, ich und die beiden Polizisten gehorchten hastig, aber Rowlf trat mit einem �rgerlichen Knurren an mir vorbei, ergriff Cohens rechte Hand und verbog sein Gelenk, bis er mit einem Schmerzlaut die Waffe fallen lie�.</p><p>�Biste bescheuert, Mann?� schnauzte er. �Dat is ne F�nfunvierzier. Wenne mit der Wumme hier drin schie�n tust, platzt jedem hiers Trommelfell. Geh zur�ck. Ich machs schon.�</p><p>Damit versetzte er Cohen einen Sto�, der ihn quer durch den Wagen und in die Arme seiner beiden M�nner taumeln lie�, drehte sich mit einem Knurren herum - und rannte mit aller Gewalt gegen die geschlossene T�r.</p><p>Die Londoner Gef�ngniswagen schienen nicht halb so stabil zu sein, wie im allgemeinen angenommen wurde. Oder Rowlf war noch st�rker, als ich ohnehin wu�te.</p><p>Ich hatte erwartet, da� er die T�r im ersten Ansturm aufbrechen w�rde; was ich nicht erwartet hatte, war, da� das Holz wie m�rbes Stroh nachgab und er regelrecht durch die T�r hindurchrannte, um - von seinem eigenen Schwung weiter vorw�rts getragen - aus dem Wagen zu stolpern und drau�en auf die Knie zu fallen.</p><p>Ein Mann taumelte an ihm vor�ber. Er trug die schwarze Uniform der englischen Stadtpolizei. Seine Jacke und sein Gesicht waren voller Blut, und er schrie so gellend und schrill, wie ich es selten zuvor geh�rt hatte. An seinem rechten Arm hing ein zappelnder, pelziger brauner Ball.</p><p>Und endlich erwachte auch Cohen wieder aus seiner Erstarrung. Mit einem w�tenden Laut sprang er hinter Rowlf her, erblickte die Ratte und zog ganz automatisch seine Pistole. Entsetzt beobachtete ich, wie er auf die zappelnde Ratte anlegte, die sich in den Arm des schreienden Bobbys verbissen hatte.</p><p>�Um Gottes willen, Cohen - <emphasis>nicht!� </emphasis>rief ich. Blitzschnell warf ich mich vor, prallte mit weit ausgebreiteten Armen gegen ihn, einen Sekundenbruchteil, bevor sich der Schu� l�ste. Die gro�kalibrige Kugel, die m�glicherweise die Ratte und ganz sicher den Polizisten getroffen h�tte, jagte harmlos in die Luft.</p><p>Aneinandergeklammert st�rzten wir zu Boden. Der Aufprall war hart genug, Cohen die Waffe aus der Hand zu schlagen.</p><p>Wir sprangen beinahe gleichzeitig nach dem schweren Revolver, aber diesmal war ich um eine Winzigkeit schneller. Als Cohen sich verbl�fft - und noch immer ein bi�chen benommen - auf die Knie hochstemmte, blickte er in die M�ndung eines eigenen Revolvers.</p><p>�Nicht bewegen!� sagte ich warnend. �Ich w�rde Ihnen nur sehr ungern ins Bein schie�en, Captain. Aber ich tue es, wenn ich mu�.�</p><p>Cohen erstarrte. Seine Augen wurden gro� vor Schrecken, dann blitzte Wut in seinem Blick auf. Aber er wagte es nicht, auch nur einen Finger zu r�hren. �Das ... das werden Sie bereuen, Craven!� kr�chzte er.</p><p>Ich antwortete nicht, sondern sah mich zum ersten Mal bewu�t auf der Stra�e um. Der Schu� hatte die Ratte vertrieben, die sich in den Arm des Bobbys verbissen hatte, aber eine ganze Anzahl weiterer der gro�en h��lichen Nager bev�lkerten die Stra�e. Das kleine Fuhrwerk, das uns vorausgefahren war, war umgest�rzt, und die beiden Pferde, die durch das j�he Auftauchen der Ratten offensichtlich in Panik geraten waren, zerrten wie von Sinnen an ihrem Geschirr.</p><p>Trotzdem war es lange nicht so schlimm wie am Morgen. Anders als bei dem Angriff auf unsere Kutsche waren nur ein paar Dutzend Ratten auf der Stra�e erschienen, genug, um die Pferde in Panik zu versetzen und Cohens Leuten einen geh�rigen Schrecken einzujagen, aber mehr auch nicht. Ich atmete innerlich auf.</p><p>Ein verschreckt aussehender Bobby humpelte auf uns zu, den Schlagstock griffbereit in der Hand; aber er blieb abrupt stehen, als ich drohend mit dem Revolver fuchtelte.</p><p>�Sagen Sie Ihren M�nnern, da� Sie keine Dummheiten machen sollen�, sagte ich warnend. �Ich schie�e, wenn Sie mich dazu zwingen.�</p><p>Cohen pre�te die Lippen zusammen. Die Furcht in seinem Blick wich immer st�rkerer Wut, aber er schien zu erkennen, da� ich es ernst meinte. �Damit kommen Sie nicht durch�, sagte er gepre�t. �Sie kommen niemals aus der Stadt heraus, das schw�re ich Ihnen.�</p><p>Ich ignorierte ihn kurzerhand. Mir blieb keine Zeit f�r Erkl�rungen. Vorsichtig stand ich auf, ging zur Kutsche zur�ck und begann eines der Pferde abzuschirren, wobei ich Cohen weiterhin mit seiner eigenen Waffe in Schach hielt. Das Pferd war halb wahnsinnig vor Angst und versuchte nach mir zu bei�en. Ich griff nach seinem Geist und brach seinen Widerstand, und aus einem hysterischen Gaul wurde von einer Sekunde zur anderen ein lammfrommes Tier. Ich hatte fast so etwas wie ein schlechtes Gewissen, denn es hat mir immer widerstrebt, dem bewu�ten Willen einer denkenden Kreatur Gewalt anzutun, selbst wenn es nur ein Tier war. Dann vertrieb ich den Gedanken. Mir blieb keine Zeit f�r solcherlei �berlegungen.</p><p>Howard erreichte mich, als ich das Pferd zur H�lfte abgeschirrt hatte, und ri� mich unsanft an der Schulter herum. �Was hast du vor?� fragte er erregt.</p><p>Ich streifte seine Hand ab und fuhr fort, das Geschirr zu l�sen. �Ich mu� weg�, sagte ich. �Sofort. Ich wei� jetzt, was das alles zu bedeuten hat.�</p><p>�Dann sag es mir!� verlangte Howard.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf, l�ste den letzten Lederriemen und schwang mich auf den R�cken der Stute. �Das kann ich nicht�, sagte ich. �Nicht jetzt. Es geht um Sekunden, Howard.�</p><p>Ich wollte losreiten, aber Howard fiel mir zum zweiten Mal w�tend in die Z�gel. �Ich begleite dich�, sagte er, aber wieder sch�ttelte ich den Kopf und schlug seine Hand beiseite; fester, als ich eigentlich gewollt hatte.</p><p>�Das geht nicht�, sagte ich hastig. �Bitte, Howard - vertrau mir. Du mu�t hierbleiben. K�mmere dich um Cohen und erkl�re ihm alles, was n�tig ist.� Ich griff nach den Z�geln und zwang das Pferd, auf der Stelle kehrtzumachen. Auf einen lautlosen Befehl hin setzte sich die Stute in Bewegung. Sekunden sp�ter verlie� ich die Seitenstra�e und sprengte los.</p><empty-line/><p>Das Pferd war nahe am Zusammenbruch, als ich Ashton Place erreichte.</p><p>Wie von Furien gehetzt war ich quer durch die Londoner Innenstadt galoppiert, ungeachtet der Fl�che und Verw�nschungen, die mir folgten. Vermutlich w�rde ich einen ganzen Berg Strafanzeigen auf meinem Schreibtisch vorfinden, wenn ich zur�ckkam. Aber daran verschwendete ich in diesem Moment nicht einmal einen Gedanken.</p><p>DAS TIER. Das war das einzige, woran ich denken konnte. Die Bestie, die ich durch die Augen des Rattenm�dchens gesehen hatte. <emphasis>Shub-Niggurath, die schreckliche Ziege mit den tausend Jungen, </emphasis>das war alles, woran ich denken konnte. Selbst als ich das Pferd quer �ber den zu dieser Zeit recht belebten Ashton Place preschen lie� und eine Spur auseinanderspritzender, fluchender Menschen und einen w�tend gestikulierenden Bobby hinter mir zur�cklie�, sah ich nur das furchtbare Bild vor mir.</p><p>Ich erreichte mein Grundst�ck, jagte tief �ber den Hals des Pferdes gebeugt durch das offenstehende Gartentor und brachte das Tier unmittelbar vor der Haust�r zum Stehen. Mit einem Satz war ich aus dem Sattel, verlor auf dem kiesbestreuten Weg prompt den Halt und schlug der L�nge nach hin, w�hrend das Pferd mit einem erleichterten Schnauben herumfuhr und noch ein paar Schritte weiter trabte, ehe es stehenblieb und an einem der sorgsam gepflegten Rhododendronb�sche zu zupfen begann. Mein G�rtner w�rde einen Herzschlag bekommen.</p><p>Ich rappelte mich hoch und rannte die Treppe hinauf. Die T�r wurde aufgerissen, gerade als ich die Hand nach dem Klopfer ausstrecken wollte, und ein verbl�ffter Diener starrte mir entgegen. Ich st�rmte an ihm vorbei, warf Hut und Mantel in Richtung der Garderobe und rannte, immer zwei, drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf.</p><p>�Aber Sir!� rief er verwirrt. �Was -�</p><p>Ich machte eine abwehrende Bewegung, blieb aber auf dem letzten Absatz noch einmal stehen und wandte mich zu ihm um. �Fragen Sie nicht, Henry�, sagte ich. �Dazu ist jetzt keine Zeit. Ich habe wichtige Dinge zu erledigen. Ich werde mich in der Bibliothek einschlie�en. Sorgen Sie daf�r, da� mich niemand st�rt. Und sp�ter gehe ich aus dem Haus. Aber Sie brauchen nicht auf mich zu warten - es kann Mitternacht oder sp�ter werden.�</p><p>�Und morgen, Sir?� fragte Henry.</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte ich und ging weiter. �Wenn Howard zur�ckkommt, sagen Sie ihm, da� ich mich melde, sobald ich Genaueres wei�.� Damit st�rmte ich weiter und lie� einen total frustrierten Henry zur�ck. Erst, als ich die Bibliothek erreicht und die T�r hinter mir abgeschlossen hatte, gestattete ich mir den Luxus, stehenzubleiben, f�r die Dauer von vier, f�nf Atemz�gen die Augen zu schlie�en und Ordnung in meine Gedanken zu bringen.</p><p>Wenigstens versuchte ich es.</p><p>Schlie�lich stie� ich mich von der T�r ab, ging langsam durch den Raum und blieb vor dem Kamin stehen. Meine Finger tasteten �ber den goldgeschnitzten Rand des �lgem�ldes, das dar�ber hing. Ein leises Klicken erscholl, und das Bild schwang wie von Geisterhand bewegt zur Seite.</p><p>Dahinter kam die wuchtige T�r eines Wandsafes zum Vorschein. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um das Rad zu erreichen, stellte die Kombination ein und dr�ckte einen weiteren, verborgenen Knopf. Gleichzeitig formte ich in Gedanken die geheimen Worte, die den Schutzzauber au�er Kraft setzten, mit dem ich den Safe zus�tzlich versehen hatte.</p><p>Ich hatte lange genug auf der anderen Seite des Gesetzes gelebt, um mir nicht ernsthaft einzubilden, da� der Safe einem ernstgemeinten Versuch, ihn zu knacken, standhielt. Aber wer versuchte, <emphasis>diesen </emphasis>Schrank gegen meinen Willen zu �ffnen, der w�rde sein blaues Wunder erleben. Es war nicht direkt gef�hrlich - aber welchem Einbrecher w�rde es gefallen, monatelang von einer Bande halbmetergro�er leuchtendgr�ner Kobolde verfolgt zu werden, die lauthals dar�ber diskutierten, welches seiner Verbrechen wohl das raffinierteste gewesen war?</p><p>Ich �ffnete den Safe, schob seinen Inhalt zur Seite und �ffnete auch das Geheimfach, das hinter dem eigentlichen Geldschrank lag. Sein Inhalt bestand aus f�nf kleinen, sternf�rmigen Steinen aus por�sem grauem Fels, so gro� wie eine M�nze und mit einem abstrakten Muster versehen, das so roh war, als w�re es von Kinderhand eingeschnitten.</p><p>Behutsam nahm ich einen der <emphasis>Sternsteine </emphasis>hervor, steckte ihn in die Rocktasche und schlo� nacheinander das Geheimfach, den Safe und das Bild wieder. Ich besa� f�nf dieser magischen Amulette, die meines Wissens nach die einzige M�glichkeit �berhaupt darstellten, einem der GROSSEN ALTEN selbst Paroli zu bieten. Nicht einmal sie vermochten ihn endg�ltig zu vernichten - vielleicht war das �berhaupt unm�glich -, aber sie waren die einzigen Waffen, die ich �berhaupt gegen die D�monen aus der Vergangenheit ins Feld f�hren konnte; und somit die besten.</p><p>Hinter mir ert�nte ein leises Quietschen.</p><p>Eine halbe Sekunde lang war ich fast erstarrt vor Schrecken. Dann fuhr ich herum und ri� den Stockdegen aus seiner Umh�llung.</p><p>Auf meinem Schreibtisch sa� eine Ratte.</p><p>Es war ein besonders fettes, h��liches Exemplar, grau und struppig und so gro� wie eine Katze, mit Krallen, die tiefe Furchen in die Lederplatte meines Schreibtisches rissen. Seine Augen gl�hten, und der Blick, mit dem mich die Bestie musterte, lie� mich schaudern.</p><p>Aber ich verzichtete darauf, das Tier anzugreifen. Es war nur eine einzelne Ratte, und trotz ihres beeindruckenden �u�eren stellte sie keine wirkliche Gefahr dar. Ich beschlo�, mich nicht weiter um sie zu k�mmern und zu tun, weshalb ich hergekommen war.</p><p>Die Ratte war in diesem Punkt anderer Meinung. Als ich an meinem Schreibtisch vorbeiging, stie� sie ein h��liches Pfeifen aus, sprang ansatzlos vor und versuchte nach meiner Kehle zu schnappen. Ich wich zur Seite, hob meinen Degen und spie�te sie auf, als sie das zweite Mal angriff.</p><p>Meine Knie begannen zu zittern, als ich mich der Standuhr n�herte, und es kostete mich meine gesamte Kraft, die Hand zu heben und nach dem Messingknauf zu greifen. Die drei kleinen Ziffernbl�tter, die unter und neben der gro�en Zeitanzeige angebracht waren, schienen mich wie h�hnische Augen anzublinzeln. Das Metall des Knaufs f�hlte sich eiskalt unter meinen Fingern an, und als ich die andere Hand hob und sie gegen die T�r legte, glaubte ich f�r Bruchteile von Sekunden eine sanfte, pulsierende Bewegung zu sp�ren, die das Holz erzittern lie�. Fast wie das Schlagen eines gewaltigen, gro�en Herzens ...</p><p>Hinter mir erklang ein Kratzen. Ich wandte den Kopf und gewahrte einen Schatten, der von au�en an der Fensterscheibe scharrte. Kleine, gl�hende Knopfaugen starrten mich an. Dann kratzte etwas von au�en an der verschlossenen T�r; beinahe gleichzeitig rieselten Staub und Ru� aus dem Kamin.</p><p>Ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren. Mit einem entschlossenen Ruck drehte ich den Knauf herum und �ffnete die T�r.</p><p>Nichts hatte sich ver�ndert. Wo das Gest�nge der Uhr sein sollte, g�hnte der Anfang eines schlauchf�rmigen, zuckenden und bebenden Ganges. Seine W�nde waren rot und gelb und braun und glitzerten feucht, und ein Hauch schw�ler, irgendwie organisch riechender Luft schlug mir entgegen.</p><p>Noch z�gerte ich, mich dem magischen <emphasis>Tor </emphasis>anzuvertrauen. Ich hatte es schon einmal getan, und damals hatte ich wie heute keine andere Wahl gehabt, aber einen Unterschied gab es. <emphasis>Damals </emphasis>hatte das magische Transportsystem der GROSSEN ALTEN noch einwandfrei funktioniert.</p><p>Jetzt ... mein Magen begann zu rebellieren, als ich daran dachte, den Fu� auf diese widerlich weiche, lebendige Masse zu setzen. Vor meinem geistigen Auge erschien wie in einer blitzartigen Vision noch einmal das Bild der verkr�ppelten Ratten, die diesen Stollen von der anderen Seite her betreten und auf so schreckliche Weise ums Leben gekommen waren. Aber das Kratzen und Schaben hinter mir wurde lauter. Irgendwo im Haus klirrte Glas, und fast bildete ich mir schon ein, das Trappeln zahlloser harter Pfoten zu h�ren ...</p><p>Nein - ich hatte keine andere Wahl. Die Ratten waren schon hier im Haus; und selbst wenn ich ihnen noch einmal entkommen sollte - der Angriff auf den Gef�ngniswagen hatte bewiesen, da� sie mich um jeden Preis daran hindern w�rden, St. Aimes zu erreichen.</p><p>Entschlossen packte ich den Stockdegen fester, griff noch einmal mit der linken Hand in die Tasche und f�hlte nach dem <emphasis>Sternstein, </emphasis>wie, um mich davon zu �berzeugen, da� er noch da war, und trat mit einem gro�en Schritt in die Uhr hinein ...</p><p><emphasis>Zeit war bedeutungslos geworden. Ein Schritt war eine Ewigkeit, hundert Meilen ein Blinzeln. Es gab keine Richtungen, kein Oben, kein Unten, keinen real greifbaren Raum mehr. Der zuckende Schlund war verschwunden, im gleichen Moment, in dem sich die T�r hinter mir geschlossen hatte, und um mich herum war - nichts.</emphasis></p><p><emphasis>K�lte. Leere. Raum ohne wirkliche Weite, eine Welt, die zu beschreiben der menschlichen Sprache die Worte und dem menschlichen Geist die Sinne fehlten. Ein Kosmos des Wahnsinns, erf�llt von schrecklichen Dingen, weder zu beschreiben noch zu begreifen.</emphasis></p><p><emphasis>�onenlang - wie es mir vorkam - st�rzte ich durch ein finsteres, unendliches Nichts, einen �ther, in dem dann und wann bizarre schwarze Dinge aufzutauchen schienen, gewaltige pulsierende Leiber, die mit peitschenden Armen nach mir griffen, mich aus grundlosen Augen anstarrten oder auch teilnahmslos blieben, als sei ich nicht wichtig genug, um �berhaupt zur Kenntnis genommen zu werden.</emphasis></p><p><emphasis>Dann, nach einer Ewigkeit, tauchte ein stecknadelkopfgro�er, grellwei�er Punkt irgendwo in der richtungslosen Unendlichkeit auf, wuchs rasend schnell heran, wurde zu einem Ball, schlie�lich zu einer grellodernden, blauwei�en Sonne, deren flammender Atem mich zu versengen trachtete, meine Augen verbrannte, meinen K�rper in einen Mantel von Flammen badete und wuchs und wuchs und wuchs und dann ...</emphasis></p><p>st�rzte ich aus mehreren Metern H�he hart zu Boden und verlor das Bewu�tsein.</p><empty-line/><p>Ich lag auf weichem Gras, als ich erwachte, aber genau zwischen meinen Schulterbl�ttern war ein spitzer Stein, der unangenehm durch meine Kleidung hindurchdr�ckte, und jemand - oder etwas - fummelte ununterbrochen an meinem Gesicht herum. Hinter meiner Stirn f�hrten Gedanken und scheinbar zusammenhanglose bizarre Bilder einen absurden Tanz auf. Es war nicht so, als w��te ich nicht mehr, warum oder wie ich hierher gekommen war - wo immer dieses <emphasis>Hier </emphasis>sein mochte - aber es fiel mir seltsam schwer, all die Erinnerungen und Bilder, die pl�tzlich aus meinem Unterbewu�tsein heraufdr�ngten, zu ordnen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Irgendwie sp�rte ich, da� ich nur Bruchteile von Sekunden in jener fremden, feindseligen Welt gewesen war, die hinter dem <emphasis>Tor </emphasis>lauerte; aber es war eine Welt gewesen, die nicht Bestandteil des menschlichen Kosmos war, und mein Verstand hatte bereits begonnen, sich in den einzigen Ausweg zu fl�chten, der ihm blieb: den Wahnsinn.</p><p>Wenige Sekunden l�nger, dachte ich schaudernd, und ich w�re wohl wirklich wahnsinnig geworden.</p><p>Ich begann zu begreifen, warum sich Howard bisher stets beharrlich geweigert hatte, mich in die Geheimnisse der <emphasis>Tore </emphasis>der GROSSEN ALTEN einzuweihen.</p><p>Wieder machte sich etwas an meiner Wange zu schaffen, und die Ber�hrung war unangenehm wie die von Sandpapier. Ich blinzelte.</p><p>Es mu�te eine Menge Zeit vergangen sein, seit ich das Bewu�tsein verloren hatte, denn die Sonne neigte sich bereits dem Horizont entgegen. Ich lag so da, wie ich gest�rzt war, und der Schmerz zwischen meinen Schulterbl�ttern begann nun wirklich unangenehm zu werden. Ich setzte mich behutsam auf. Sofort wurde mir schwindelig. Ich sank nach vorne und blieb sekundenlang mit geschlossenen Augen sitzen, bis der Anfall vor�ber war.</p><p>�Alles in Ordnung, Mister?� fragte eine Stimme neben mir.</p><p>Ich hob behutsam den Kopf und sah zur Seite.</p><p>Neben mir hockte ein unglaublich alter Mann. Er war d�rr wie eine Bohnenstange, dabei aber sehr klein, hatte str�hniges graues Haar und noch genau drei Z�hne im Mund, was seiner Aussprache nicht gerade f�rderlich war. Sein Gesicht sah nicht nur aus wie ein ausgetretener alter Schuh, es roch auch so.</p><p>�Ich ... glaube schon�, antwortete ich z�gernd. �Wo bin ich?�</p><p>Der Alte schien entt�uscht. Einen Moment lang starrte er mich an, als w�re ich der Weihnachtsmann, dann seufzte er und sch�ttelte so nachhaltig den Kopf, da� ich fast Angst hatte, er w�rde ihm von den d�rren Schultern fallen. Sein Atem stank nach billigem Fusel und noch etwas, �ber das ich lieber nicht nachdachte.</p><p>�Er wei� es nicht�, sagte er. �F�llt vor Kilians Augen aus dem Nichts heraus und wei� nicht einmal, wer er ist.�</p><p>�Kilian?� wiederholte ich verst�ndnislos. Ich sah mich um, aber wir waren allein. Dann begriff ich. �Das sind Sie?�</p><p>Der Mann mit dem zerknautschten Gesicht lachte meckernd. �Jaja�, sagte er. �Das ist er schon. Ob er wohl einen Sixpence f�r den alten Kilian hat, der junge Herr?�</p><p>Ich wollte ganz automatisch in die Tasche greifen, aber in diesem Moment begegnete ich dem Blick des Alten. Etwas darin war ... <emphasis>unangenehm, </emphasis>auf schwer in Worte zu fassende Weise. In seinen Augen loderte ein sonderbares Feuer, und ich sp�rte genau, da� er etwas sagen wollte, vielleicht auch auf eine ganz bestimmte Reaktion von mir wartete.</p><p>Hinter mir raschelte etwas. Ich schrak zusammen, fuhr herum - und griff instinktiv nach meiner Waffe, als ich den grauen Schatten zwischen den B�schen verschwinden sah.</p><p>�Eine Ratte!� entfuhr es mir. �Zum Teufel, gibt es denn nirgends einen Ort, an dem diese Biester nicht sind?�</p><p>�Die grauen Herren tun Ihnen nichts�, sagte Kilian, in einem Ton, als belehre er ein uneinsichtiges Kind. Ich drehte mich abrupt zu ihm herum und sah ihn scharf an. Erst dann begriff ich, da� er nicht das Wort <emphasis>Ratte </emphasis>benutzt hatte, sondern ...</p><p>�Wie haben Sie sie genannt?� fragte ich alarmiert.</p><p>�Die grauen Herren�, sagte Kilian ernst. �Hat mich hierher gef�hrt, der graue Herr. Wollte wohl, da� der alte Kilian den Fremden findet und ihm alles zeigt. Aber ist keine gute Sache. W�re besser, er h�tte einen erfahrenen Mann geschickt, der graue Herr. Keinen dummen Jungen mit gef�rbtem Haar.�</p><p>�Das war eine <emphasis>Ratte�, </emphasis>sagte ich heftig. �Und -�</p><p>Kilian unterbrach mich mit einer �rgerlichen Geste. �Ratten!� sagte er abf�llig. �Ratten leben unter der Erde und fressen tote Dinger und Abf�lle. Die anderen sind Ratten. Die unten in der Stadt. Und am Friedhof. Sollte nicht �ber Dinge reden, von denen er nichts versteht, der junge Geck.�</p><p>Ich schluckte, l�ste mit einer fast schuldbewu�ten Geste die Hand vom Griff des Stockdegens und sah mich noch einmal um. Aber die Ratte war verschwunden, und das leise Rascheln, das ich jetzt noch h�rte, war nur das Ger�usch des Windes, der im Gras spielte.</p><p>F�r endlose Augenblicke kreisten meine Gedanken fast ziellos. Ich wu�te nicht zu sagen, was ich erwartet hatte, als ich in das <emphasis>Tor </emphasis>trat - einen halb schwachsinnigen Alten, der unverst�ndliches Zeug brabbelte, jedenfalls nicht. Aber es war auch bestimmt kein Zufall, da� das <emphasis>Tor </emphasis>ausgerechnet hier endete. Dann fiel mir etwas auf, was er gesagt und was ich im ersten Moment fast �berh�rt hatte.</p><p>�Welche anderen haben Sie gemeint, Kilian?� fragte ich. �Auf welchem Friedhof?�</p><p>Kilian blinzelte mich aus seinen entz�ndeten roten Augen an.</p><p>�Mu� schon ein gro�es Geheimnis sein, wenn die grauen Herren einen schicken, der nichts wei߫, sagte er.</p><p>Allm�hlich war mein Vorrat an Geduld ersch�pft. �Zum Teufel, niemand hat mich geschickt�, sagte ich grob. �Ich bin -�</p><p>Hinter mir erscholl ein halblautes Quieken. Ich brach mitten im Satz ab und fuhr herum.</p><p>Die Ratte hockte zwischen den dornigen Ranken eines halbhohen Busches, der ihren K�rper fast vollends verbarg. Sie sa� ganz ruhig da und betrachtete mich aus ihren kleinen, von boshafter Intelligenz erf�llten Augen. Ich schluckte ein paarmal, trat unsicher auf der Stelle und wandte mich wieder an Kilian.</p><p>Der Alte grinste d�mlich. �Da staunt er, der junge Geck�, kicherte er. �Ist nicht gut, die grauen Herren zu verspotten. Sind gekommen, um uns zu warnen. Er t�te besser daran, auf sie zu h�ren, denn sie sind klug.�</p><p>Nerv�s fuhr ich mir mit der Zungenspitze �ber die Lippen, wobei mein Blick zwischen dem Alten und der fetten grauen Ratte hin und her irrte. F�r einen Moment wu�te ich nicht zu sagen, vor wem ich mehr Angst hatte.</p><p>�Warnen?� fragte ich schlie�lich. �Vor wem?�</p><p>Kilian antwortete auf seine gewohnte Art - mit einem dusseligen Kichern und einem Kopfnicken. �Vor den Dingen unter der Erde�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Dinge unter der Erde?� Ich wurde hellh�rig. �Was meinen Sie damit? Was f�r Dinge?�</p><p>�B�se Dinge�, antwortete Kilian gewichtig. �Oh ja, sie wissen es, die grauen Herren. Es gibt schlimme Dinge unter der Erde. Dinge, die alt sind. Ist nicht gut f�r Menschen, sich damit abzugeben.� Er seufzte. �Aber sie tun es.�</p><p>�Wer?� hakte ich nach.</p><p>Diesmal z�gerte Kilian. Einen Moment lang blickte er die Ratte hinter mir an, als bitte er sie um Erlaubnis, weiter sprechen zu d�rfen, dann deutete er mit einer d�rren Hand hinter sich.</p><p>�Die anderen�, sagte er. �Wei� nicht, ob es gut ist, den Jungen hinzubringen. K�nnte zu Schaden kommen.�</p><p>�Vielleicht �berlassen Sie das mir�, entgegnete ich gereizt.</p><p>Kilian grinste d�mlich, drehte sich vollends herum und begann, den H�gel hinaufzuschlurfen. Trotz seiner gebrechlichen Erscheinung ging er dabei so rasch, da� ich mich beeilen mu�te, ihn einzuholen, ehe er die H�gelkuppe �berschritten hatte.</p><p>Ein k�hler, feuchter Wind schlug uns entgegen, als wir den Hang erklommen hatten. Unter uns lag ein winziges Dorf. Ich blieb stehen, sah mich neugierig um. �Was ist das?� fragte ich.</p><p>�St. Aimes�, antwortete Kilian.</p><p>Seine Worte h�tten mich nicht �berraschen d�rfen. St. Aimes - das war der Ort, auf dessen Friedhof Lady Audleys Nichte begraben lag. Der Kreis begann sich zu schlie�en.</p><p>Und trotzdem - w�hrend ich neben Kilian den Hang hinabging, hatte ich pl�tzlich das sichere Gef�hl, bisher nur einen Zipfel des wahren Geheimnisses in H�nden zu halten.</p><p>Der Ort bot einen bizarren Anblick. Die Stra�e war leer, bar jeder Bewegung und jeder Spur von Leben, aber irgend etwas Ungreifbares, k�rperlos B�ses schien wie ein d�sterer Hauch �ber dem Dorf zu h�ngen. Ich sp�rte, da� die H�user, die die schmale kopfsteingepflasterte Stra�e s�umten, leer waren.</p><p>�Was ist ... hier geschehen?� fragte ich stockend. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Das Gef�hl k�rperlicher Bedrohung wurde st�rker, mit jeder Sekunde. Es war, als balle sich das Unheil unsichtbar �ber uns zusammen, ein schreckliches Etwas, das weder zu sehen noch mit irgendeinem anderen menschlichen Sinn zu erkennen war, aber dieses ganze Land bedrohte. Vielleicht die ganze Welt.</p><p>�Sind alle fort�, antwortete Kilian mit einiger Versp�tung auf meine Frage.</p><p>Die Sonne versank hinter dem Horizont, als wir St. Aimes erreichten. Kilian war immer wieder stehengeblieben und hatte sich umgesehen, als suche er etwas, und mehr als einmal hatte ich ein Rascheln und Wispern hinter mir im Gras geh�rt. Selbst jetzt sp�rte ich die Anwesenheit der Ratte. Sie war da, unsichtbar und lautlos, aber ich f�hlte ihren Blick wie die Ber�hrung unsichtbarer gl�hender Finger.</p><p>�Wird bald dunkel�, sagte Kilian wie im Selbstgespr�ch. �Ich denke, es ist Zeit f�r den alten Kilian, zu gehen.�</p><p>�Gehen?� Verwirrt starrte ich den Alten an. �Sie meinen -�</p><p>�Der alte Kilian hat ihn hergebracht, oder?� fragte er mit seiner schrillen S�uferstimme. �Wie es die grauen Herren befohlen haben. Jetzt geht er besser. Was geschieht, geht ihn nichts an. Ist besser, er ist nicht dabei, wenn sie tun, was getan werden soll.�</p><p>Ich verstand �berhaupt nichts mehr, aber Kilian schien nicht geneigt, weitere Erkl�rungen abzugeben. Er wandte sich um, wackelte noch einmal mit dem Kopf und begann mit erstaunlicher Geschwindigkeit die Stra�e hinunter zu laufen. Wenige Augenblicke sp�ter war er verschwunden. Aber ich war trotzdem nicht allein, als ich mich wieder herumdrehte.</p><p>Vor mir sa� eine Ratte.</p><p>Es war das Tier, das in Kilians Begleitung gekommen war, aber ich sah es jetzt zum ersten Male richtig. Der Anblick lie� mich erschauern. Das Tier war so gro� wie ein Terrier, aber viel kr�ftiger, und seine Augen waren von wacher, sonderbar <emphasis>wissender </emphasis>Art. Sein Maul war leicht ge�ffnet, so da� ich die ehrfurchtgebietenden Schneidez�hne des kleinen Ungeheuers sehen konnte, und seine Krallen scharrten unentwegt �ber das Kopfsteinpflaster der Stra�e. Aber es war nichts Drohendes in dieser Geste.</p><p>Geduldig wartete sie, bis ich mich in Bewegung gesetzt und sie fast erreicht hatte, dann drehte sie sich herum, trippelte ein paar Schritte vor mir her und blieb abermals stehen, um zu mir zur�ckzusehen. Es war diese Bewegung, die mich endg�ltig davon �berzeugte, da� die riesige Ratte alles andere als ein geistloses Tier war.</p><p>Schaudernd schlug ich den Kragen meines viel zu d�nnen Mantels hoch und begann langsam in die Richtung zu gehen, in der ich den Kirchturm der kleinen Kapelle von St. Aimes �ber den D�chern der Stadt erkannte. Dahinter mu�te der Friedhof liegen.</p><empty-line/><p>Es wurde dunkel, bis mein gespenstischer F�hrer und ich den Friedhof erreichten.</p><p>Der Wind hatte aufgefrischt, und die B�en hatten - scheinbar zuf�llig - die Wolkendecke �ber dem Friedhof aufgerissen, so da� die bleiche Scheibe des Mondes sichtbar geworden war und ihr silbernes Licht wie der Strahl eines absonderlichen Scheinwerfers auf ein frisch aufgeworfenes Grab fiel.</p><p>Ich hatte den Anblick erwartet, aber er lie� mich trotzdem aufst�hnen. Dieses Grab war nicht das einzige, das aufgerissen worden war. Die Gr�berreihen waren gesch�ndet; die Gr�ber aufgebrochen, S�rge mit roher Gewalt zertr�mmert und die Toten aus ihrer ewigen Ruhe gerissen. Da und dort lag ein Teil eines Skeletts auf dem Weg, achtlos liegengelassen von den grauen Ungeheuern, die f�r dieses schreckliche Tun verantwortlich waren. Der Friedhof war menschenleer, aber keineswegs still. Das Schweigen des Gottesackers war dem Scharren und Kratzen ungez�hlter kleiner Pfoten gewichen. �berall auf dem Boden rings um das ge�ffnete Grab bewegten sich graubraune K�rper, und mit dem Rascheln des Windes wehte ein leises, helles Wispern und Tuscheln heran.</p><p>Ich versuchte, die bange Furcht in meinem Innern und das rasende H�mmern meines Herzens zu ignorieren, sah mich einen Moment unentschlossen um und trat mit einer fast trotzigen Bewegung auf den schmalen Kiesweg, der zwischen den gesch�ndeten Gr�bern hindurchf�hrte. An seinem Ende gl�hte ein unheimliches, hellgr�nes Licht, das wie im Takt eines riesigen b�sen Herzens zu pulsieren schien.</p><p>Dann h�rte ich die Schritte.</p><p>Sie waren nicht sehr laut, und es waren die Schritte eines sehr leichten Menschen - oder jemandes, der sich mit gro�er Eleganz zu bewegen vermochte. Ich wu�te, wer es war, noch bevor ich mich umdrehte und in das schmale, von dunklem Haar eingerahmte Gesicht des M�dchens blickte.</p><p>Sie war so sch�n wie das Bild, das ich in meinen Visionen von ihr gesehen hatte: schlank bis an die Grenzen der Zerbrechlichkeit, feingliedrig und elegant wie eine Statue aus Glas. Ihr Gesicht war wie das eines Engels.</p><p>Und so kalt wie Eis.</p><p>�Warum haben Sie meine Warnungen mi�achtet, Robert?� fragte sie. �Warum sind Sie gekommen?�</p><p>�Warum?� Ich versuchte zu lachen, brachte aber nur einen kr�chzenden Laut zustande. �Warum haben Sie mich von ihren Bestien herlocken lassen, wenn Sie nicht wollen, da� ich komme? Spielen Sie keine Spielchen mit mir, Cindy - oder wer immer Sie sind.� Ein absurder Trotz machte sich in mir breit.</p><p>�Gerufen?� Das M�dchen mit Cindys Gesicht - irgend etwas str�ubte sich in mir dagegen, sie auch nur in Gedanken Cindy zu nennen, denn ich sp�rte genau, da� ich alles andere als einen Menschen vor mit hatte - sah mich fragend an. �Niemand hat Sie gerufen, Robert. Im Gegenteil. Ich habe Ihnen mehr als eine Warnung zukommen lassen, sich aus dieser Angelegenheit herauszuhalten. Was haben Sie damit gemeint - <emphasis>gerufen?�</emphasis></p><p>Verwirrt blickte ich erst sie, dann die quirlende Rattenarmee und dann wieder sie an. Eine dumpfe Ahnung stieg in mir empor, ohne da� ich das Gef�hl zu diesem Zeitpunkt bereits in Gedanken fassen konnte. F�r einen kurzen Augenblick glaubte ich noch einmal die Ratte zu sehen, die Kilian und mich hierher begleitet hatte.</p><p>�Reden Sie!� sagte das M�dchen scharf. Ihr Engelsgesicht verdunkelte sich vor Zorn.</p><p>Ich tat das einzige, was mir �brigblieb - ich schwieg verstockt, und nach einer Weile gab die Fremde mit einem resignierendem Seufzer auf. �Wie Sie wollen, Robert�, sagte sie. �Es spielt auch keine Rolle mehr. Sie haben meine Warnung mi�achtet und m�ssen die Folgen tragen.�</p><p>�Wollen Sie mich Ihren Bestien zum Fra� vorwerfen?� fragte ich trotzig.</p><p>Cindy blickte mich mit einem fast mitleidigen Blick an. �Sie sind so dumm, Robert�, sagte sie bedauernd. �So furchtbar dumm. Warum konnten Sie nicht einfach in London bleiben und -�</p><p>�Und Lady Audley ihrem Schicksal �berlassen?� unterbrach ich sie. �Oder genauer gesagt - Ihrer Willk�r?�</p><p>Seltsamerweise reagierte das M�dchen nicht zornig, wie ich halbwegs erwartet hatte, sondern im Gegenteil eher traurig. Sekundenlang blickte sie mich aus ihren gro�en Augen an, dann sch�ttelte sie den Kopf und deutete mit einer fast resignierenden Geste hinter sich. �Gehen Sie, Robert.�</p><p>Ich gehorchte. Flankiert von ann�hernd zweihundert Ratten ging ich los.</p><p>Der Weg war nicht sehr weit. Wir kamen an einer kleinen Kapelle vorbei, deren T�r offenstand - mir fiel auf, da� sich in ihrem Inneren nicht eine einzige Ratte aufhielt -, wichen dann vom eigentlichen Weg ab und �berquerten den zerst�rten Rasen. Erneut schien eine eisige Hand nach meinem Herzen zu greifen, als ich sah, wie entsetzlich die Rattenarmee hier gehaust hatte. Der Gottesacker war verw�stet wie nach einem Granatenhagel. Die meisten Grabsteine und -platten waren umgeworfen oder zerschlagen, zahllose Gr�ber ge�ffnet, die S�rge darin zerborsten und mit brutaler Kraft aufgebrochen. Nur wenige Gr�ber waren noch unversehrt.</p><p>Cindy deutete stumm nach vorne, als ich abermals stehenblieb, und eine der Ratten, die mich eskortierten, unterstrich ihren Befehl mit einem warnenden Bi� in meine rechte Wade. Ich unterdr�ckte den Impuls, nach dem Tier zu treten, und ging weiter.</p><p>Nach einer Weile wurde das gr�ne Leuchten st�rker, verschluckte schlie�lich den Silberschein des Mondes und tauchte die gesch�ndeten Gr�ber rechts und links des Weges in unheimliche, flackernde Helligkeit.</p><p>Schlie�lich sah ich, woher der f�rchterliche Schein kam. Er drang aus einem frisch ausgehobenem Grab ganz am Ende des Friedhofes. An seinem jenseitigen Rand entdeckte ich Lady Audley, wie am Morgen bleich vor Schrecken und Angst, aber hoch aufgerichtet und unversehrt. Sie trug jetzt nicht mehr das t�llbesetzte Kleid, sondern ein gr�nes, mit absurden Mustern und Linien besticktes Gewand, auf dessen Brustteil der stilisierte Kopf einer Ratte abgebildet war. Rasch umrundete ich das Grab und streckte die Hand aus, ber�hrte sie aber nicht, als sie mit einem hastigen Ruck den Kopf wegdrehte.</p><p>�Lady Audley!� sagte ich erschrocken. �Sie leben! Sind Sie gesund?�</p><p>Lady Audley starrte mich an. Ihre Lippen zitterten, und in ihren Augen glitzerten Tr�nen. Langsam, wie unter einem inneren Zwang, hob sie die Hand, ber�hrte meine Wange und zog die Finger so rasch wieder zur�ck, als h�tte sie sich verbrannt.</p><p>�Robert�, murmelte sie. �Sie ... Sie h�tten nicht kommen sollen.�</p><p>�Es wird alles gut�, sagte ich. �Keine Sorge, Lady Audley. Ich ... ich bringe Sie hier raus; irgendwie.� Es war einer dieser bl�den Spr�che, von denen man ganz genau wei�, wie unsinnig sie sind, aber diesmal verfehlte er seine Wirkung. Lady Audley sch�ttelte blo� den Kopf, ber�hrte wieder meine Wange und l�chelte traurig. Eine einzelne, glitzernde Tr�ne lief �ber ihr Gesicht.</p><p>�Nichts wird gut, Robert�, sagte sie leise. �Ich werde sterben. Aber sie ... sie wird Ihnen nichts tun. Das hat sie mir versprochen.�</p><p>Eine Sekunde lang starrte ich sie an, dann fuhr ich mit einer w�tenden Bewegung herum. �Was haben Sie mit ihr getan, Sie ... Sie Ungeheuer?� fragte ich w�tend.</p><p>Das dunkelhaarige M�dchen blickte mich wieder mit dieser Mischung aus Trauer und Mitleid an. �Nichts, Robert�, sagte sie. �Nichts, was Sie verstehen oder akzeptieren w�rden. Sie ist aus freien St�cken hier.�</p><p>Verwirrt drehte ich mich wieder zu Lady Audley um.</p><p>Als ich in ihre Augen blickte, wu�te ich, da� Cindy die Wahrheit gesagt hatte. Lady Audley stand nicht unter dem Einflu� eines fremden Geistes. Was sie sagte, entsprang ihrem freien Willen.</p><p>�Mein Gott�, fl�sterte ich. �Was ... was geht hier vor?�</p><p>�Es ist alles in Ordnung, Robert�, wiederholte Lady Audley. �Was getan werden mu�, wird ... wird geschehen.�</p><p>�Aber sie wird Sie umbringen!� sagte ich verzweifelt.</p><p>Lady Audley nickte. �Nicht umbringen, Robert. Opfern.�</p><p>Ich �chzte. �Aber Sie -�</p><p>�Versuchen Sie nicht, es zu verstehen, Robert�, fuhr Lady Audley mit leiser Stimme fort. �Es ist gut so, wie es kommt. So hat das Leben einer nutzlosen alten Frau schlie�lich doch noch einen Sinn bekommen. Es ist besser, ER nimmt mich, als Sie oder irgendeinen anderen Unschuldigen.�</p><p>�ER?�</p><p>Lady Audley sprach nicht weiter, sondern starrte aus glanzlosen Augen an mir vorbei ins Leere, und so drehte ich mich wieder zu dem M�dchen um und ballte in hilflosem Zorn die F�uste.</p><p>�Warum tun Sie das?� fragte ich leise. �Warum m�ssen Sie diese alte Frau t�ten?�</p><p>�Sie besitzt die gleiche magische Kraft wie Sie, Robert. Wie dieser K�rper, den ich trage, als er noch von eigenem Leben erf�llt war. Sie ahnt nichts davon und hat nie gelernt, die Kraft zu benutzen und zu f�rdern. Und doch w�re Sie Ihnen ebenb�rtig, Robert.�</p><p>Unsicher sah ich Lady Audley an. �Es ist wahr, Robert�, fl�sterte sie. �Sie hat mir alles erz�hlt. Auch �ber ... �ber Sie. Sie braucht einen Menschen wie mich oder Sie, um die Zeremonie zu vollziehen. Sie h�tte Sie genommen, aber ich ... ich habe sie gebeten, Sie zu verschonen. Ich bin nur eine alte Frau, die ohnehin nicht mehr lange zu leben hat. Sie dagegen haben Ihr Leben noch vor sich.�</p><p>�Was haben Sie vor?� fragte ich an das M�dchen gewandt.</p><p>�Sie wissen es�, antwortete Cindy. �Es mu� getan werden. Nur alle tausend Jahre stehen die Sterne in der richtigen Stellung. Shub-Niggurath wird erwachen, Robert Craven. Heute nacht, sobald der Mond am Himmel aufgegangen ist.� Sie deutete in das offene Grab.</p><p>Ich trat einen Schritt vor und blickte in die Grube. Was ich sah, lie� mich aufst�hnen.</p><p>Der Boden des Grabes war unter einem wogenden Meer gr�nlichen Lichtes verschwunden, Helligkeit, die wie leuchtendes Wasser einen unf�rmigen schwarzen Balg umstr�mte. Schwarze Tentakel, noch nicht ganz materialisiert, aber schon fast stofflich, bewegten sich wie tr�ge Schlangen, und Augen voller abgrundtiefer Bosheit starrten zu mir herauf.</p><p>Shub-Niggurath. DAS TIER.</p><p>Die Bestie dort unten, das Ungeheuer, dessen Erwachen ich beiwohnen sollte, war nichts anderes als Shub-Niggurath, die schreckliche schwarze Ziege mit den tausend Jungen, wie sie in den <emphasis>Chaat Aquadingen </emphasis>genannt wurde. Ich hatte das Gef�hl, innerlich zu Eis zu erstarrten. Zum allerersten Male stand ich einem der gef�rchteten GROSSEN ALTEN bewu�t gegen�ber. Ich hatte das Gef�hl, direkt in den Schlund der H�lle zu schauen.</p><p>�Sie d�rfen das nicht tun�, fl�sterte ich. �Bitte, Cindy - wer immer Sie sein m�gen, tun Sie es nicht. Dieses Ungeheuer wird ... wird uns alle vernichten.�</p><p>Ihr Blick war voller Trauer, als sie auf der anderen Seite des Grabes Aufstellung nahm und mich ansah. �Es mu� sein, Robert�, sagte sie bedauernd. �Gedulden Sie sich. Sie werden verstehen.�</p><p>�Was soll ich verstehen?� fragte ich bitter. �Da� Sie ein Ungeheuer erwecken wollen, das die ganze Welt vernichten kann?�</p><p>Sie antwortete nicht. Langsam hob sie den Arm und stie� ein Wort in einer dunklen, fremdartig klingenden Sprache aus. Nicht die Sprache der GROSSEN ALTEN, aber eine andere, beinahe ebenso fremd.</p><p>Ein scharrender Laut hinter mir lie� mich aufsehen. Langsam n�herte sich ein halbes Dutzend Ratten dem Grab. Ich sah, da� sie einen dunklen Gegenstand zwischen sich schleiften, und als sie n�herkamen, erkannte ich auch, was es war: eine Leiche. Ein Toter, den sie aus einem der aufgebrochenen Gr�ber genommen und aus seiner ewigen Ruhe gerissen hatten. Cindy trat beiseite und machte eine befehlende Geste, und die riesigen Tiere krochen ganz an das Grab heran und schoben den Toten hinein.</p><p>Es gab keinen Laut, als das gr�ne Gl�hen ihn aufsaugte. Nur das Wabern und Wogen in seinem Zentrum wurde st�rker, das unbeschreibliche Etwas, das im Herzen des gr�nen Lichtes Gestalt anzunehmen begann, schien erneut um eine Winzigkeit lebendiger und stofflicher zu werden ...</p><p>Wieder bewegten sich die Lippen des M�dchens, und diesmal war es ein Wort in der Sprache der Menschen, das sie sprachen. Nur ein Wort, aber immer und immer wieder. �Bald�, fl�sterte sie. �Bald.�</p><p>Aus dem Grab erklang ein gr��licher, saugender Laut; wie zur Antwort. Er klang fast wie ein Schmatzen.</p><p>�Cindy!� sagte ich verzweifelt. �Bitte!�</p><p>Diesmal reagierte sie nicht mehr. Hoch aufgerichtet und mit beschw�rend ausgestreckten Armen stand sie �ber dem Grab, und ihre Lippen formten lautlose Worte; Worte einer Sprache, die vor �onen untergegangen war und jetzt wieder zu schrecklichem Leben erwachte.</p><p>Wie die Wesen, die sie gesprochen hatten.</p><p>Mehr und mehr Ratten n�herten sich dem Grab, immer in kleinen Gruppen und immer einen Toten zwischen sich tragend, den sie lautlos in das gr�ne Wogen hinabst�rzen lie�en. Opfer f�r Shub-Niggurath, dachte ich schaudernd. Nahrung f�r das Monster, das bald aus seinem �onenlangen Schlaf erwachen und das vergessene Grauen der Urzeit wieder �ber die Welt der Menschen bringen sollte. Und mit jedem Leichnam, der in das Grab geworfen wurde, wurde der aufgedunsene schwarze Balg der Bestie ein wenig stofflicher ...</p><p>Schlie�lich war auch der letzte Tote im Grab verschwunden, und der schwarze Fleck im Zentrum des gr�nen Lichtmeeres war jetzt zu einem pulsierenden, widerlichen Klumpen geworden, nur noch eine Winzigkeit davon entfernt, zu wirklichem Leben zu erwachen. Aber etwas fehlte noch.</p><p>Das letzte, entscheidende Opfer.</p><p>Das <emphasis>lebende </emphasis>Opfer, das er brauchte, um endg�ltig zu erwachen.</p><p>Cindy hob die Hand, und wie auf einen lautlosen Befehl hin setzte sich Lady Audley in Bewegung, trat ganz an das Grab heran und schlo� die Augen. Ihre Lippen zuckten.</p><p>Und dann sah ich die Ratte.</p><p>Irgend etwas unterschied sie von den zahllosen Tieren, die zusammengekommen waren, um der f�rchterlichen Zeremonie beizuwohnen.</p><p>Es war die Ratte, die Kilian begleitet hatte. Das Tier, das mich gerufen hatte. Und im gleichen Moment, in dem ich das begriff, sp�rte ich das Tasten.</p><p>Es war wie die Ber�hrung unsichtbarer Spinnenfinger in meinem Geist, ein Suchen und Sondieren auf dumpfer, animalischer Ebene, das ich trotzdem verstand und auf das ich reagierte.</p><p>Die Verbindung kam so schnell zustande wie am Nachmittag, als ich mit dem Geist des durchgehenden Pferdes in London verschmolzen war; nur da� es diesmal die Ratte war, die den Kontakt herstellte. Sie war noch immer ein Tier, und trotzdem waren ihre Handlungen zielgerichtet und �berlegt, denn da war ein anderer, st�rkerer Geist im Hintergrund, der sie lenkte. F�r Bruchteile von Sekunden sah ich durch die Augen der Ratte.</p><p>Und f�r Bruchteile von Sekunden sah ich Cindy so, wie sie wirklich war ...</p><p><emphasis>Ein Monster. Ein gigantisches, krakenhaftes Ding mit riesigen Fledermausfl�geln, lodernden roten Augen und schrecklichen Krallen, ein Ding, dessen blo�er Anblick t�tete.</emphasis></p><p>Ich schrie auf.</p><p>Cindys Kopf ruckte hoch, und in ihren Augen flammte Schrecken, dann nackte, panische Angst. Pl�tzlich fuhr sie herum, stie� einen schrillen Laut aus und deutete auf die Ratte.</p><p>Im gleichen Moment erlosch die geistige Verbindung zwischen uns. Die Ratte quietschte, fuhr auf der Stelle herum und versuchte verzweifelt, sich in Sicherheit zu bringen.</p><p>Sie kam nicht einmal einen Schritt weit. Wie eine graue Flut st�rzten sich Hunderte ihrer Rassegenossen auf sie und zerrissen sie buchst�blich in St�cke.</p><p>Wie vor den Kopf geschlagen starrte ich Cindy an. Ich wu�te, da� das, was ich gesehen hatte, die Wahrheit war. Aber ich weigerte mich, es zu glauben.</p><p>�Nein�, stammelte ich. �Das ... das ist nicht ...�</p><p>�Schweig!� schrie sie, und das Wort wurde von einem gedanklichen Hieb solcher Wucht begleitet, da� ich taumelte und mich wie unter Schmerzen zusammenkr�mmte. �St�re die Zeremonie nicht!�</p><p>Ich st�rzte, prallte mit dem Gesicht gegen einen Stein und verlor beinahe das Bewu�tsein. Trotzdem sp�rte ich den Schmerz kaum. Hinter meiner Stirn tobte das Chaos, und f�r Sekunden balancierte ich auf der messerscharfen Trennlinie zwischen Wahnsinn und Normalit�t entlang.</p><p><emphasis>�I�!� rief Cindy. Pl�tzlich war ihre Stimme nichts als ein widerliches Kr�chzen, die grausame Verh�hnung des Bildes, das mir meine Augen vorgaukelten. �I� Shub-Niggurath! Ngaathgaa nhafth!�</emphasis></p><p>Ich kr�mmte mich wie unter einem Hieb. Meine Hand kroch in meine Jackentasche und umklammerte etwas Kleines, Hartes. Cindys Stimme fuhr fort, diese scheu�lichen T�ne zu produzieren, und unter uns, in der Grube, begann Shub-Niggurath langsam Gestalt anzunehmen. Wie durch einen blutigen Nebel sah ich, wie Lady Audley mit einem entschlossenen Schritt vortrat, �ber den Rand der Grube geriet und wie in Zeitlupe nach vorne kippte.</p><p>Ich ri� den Arm hoch und schleuderte den Stein. Der Sternstein drang in das gr�ne Leuchten ein, eine halbe Sekunde, ehe Lady Audley mit weit ausgebreiteten Armen in Shub-Nigguraths Rachen fiel.</p><p>Und die Zeit blieb stehen.</p><p>Es dauerte nur den tausendsten Teil einer Sekunde, weniger, als ein Gedanke braucht, sich zu bilden. Und trotzdem Ewigkeiten.</p><p>Das gr�ne Leuchten erlosch. Der schwarze Balg des GROSSEN ALTEN zuckte wie unter einem Hieb, zog sich zusammen, bebte, zitterte, versuchte vor dem verfluchten grauen Stein zur�ckzuweichen und wand sich wie unter Kr�mpfen.</p><p>Dann zerplatzte er.</p><p>Im gleichen Moment, in dem der <emphasis>Sternstein </emphasis>sein unheiliges Fleisch ber�hrte, l�ste sich das Ungeheuer auf, verging in einer lautlosen Explosion glei�endwei�er Helligkeit, die das gr�ne Leuchten und das Licht des Mondes ausl�schte. Ein unglaubliches Br�llen erklang, ein Schrei solcher Verzweiflung und solchen Zornes, da� sich die Sch�pfung selbst darunter zu kr�mmen schien, ein Schrei voller zweitausend Millionen Jahre alten Hasses. Shub-Niggurath verging, und sein Sterben lie� den Himmel selbst erbeben, schleuderte Cindy und mich und alle anderen zu Boden und lie� die Erde aufst�hnen.</p><p>Und dann -</p><p><emphasis>Schwarz.</emphasis></p><p><emphasis>Kein K�rper. Kein Ding. Keine Substanz, nicht einmal nur Dunkelheit, sondern etwas wie das B�se an sich. Das, was die schwarze Scheu�lichkeit anstelle einer Seele trug, die Essenz des B�sen selbst. Das Prinzip des Schlechten, Zerst�rerischen.</emphasis></p><p>Es ging unglaublich schnell, noch schneller als das Sterben Shub-Nigguraths zuvor. Ein k�rperloses Etwas l�ste sich aus dem Chaos, das am Grunde des Grabens tobte, h�pfte wie ein Ball hoch in die Luft, sprang hierhin und dorthin, ber�hrte Menschen und Ratten und wieder Menschen und wieder Ratten, als suche er etwas - und raste auf die wei�e Albinoratte zu, die neben Cindy hockte. Das Tier wurde wie von einer unsichtbaren Riesenfaust getroffen und meterweit zur�ckgeschleudert, wo es mit zuckenden Gliedma�en liegenblieb. Gleichzeitig b�umte sich Cindy auf und brach mit einem Schmerzensschrei in die Knie.</p><p>Ich reagierte, ohne zu denken. Mit einem Satz sprang ich in die jetzt leere Grube hinein und ri� Lady Audley in die H�he. Die Angst gab mir zus�tzliche Kraft. Ich zerrte ihre zwei Zentner aus dem Grab heraus, half ihr auf die F��e und jagte los.</p><p>Rings um uns herum herrschte noch immer das Chaos. Die Ratten rasten wie von Sinnen durcheinander, bissen wild in die leere Luft oder zerfleischten sich gegenseitig, aber ich sah aus dem Augenwinkel, wie das wei�e Albino-Ungeheuer bereits wieder auf die F��e kam; noch unsicher, aber unverletzt. Neben ihm regte sich Cindy.</p><p>Wie von Furien gehetzt rannten wir los. Die Ratten waren noch immer in Panik; aus der disziplinierten Armee kleiner Ungeheuer war ein kopflos durcheinanderrennender Haufen geworden, aber dieser Zustand w�rde nicht allzulange anhalten. Der <emphasis>Sternstein </emphasis>hatte den D�mon nicht vernichtet, sondern nur geschw�cht. Uns blieben bestenfalls Minuten.</p><p>Als w�re dieser Gedanke ein Ausl�ser gewesen, begannen sich einige der tobenden Tiere bereits wieder zu beruhigen. Ich konnte regelrecht sehen, wie irgend etwas Unsichtbares, ungeheuer M�chtiges nach ihrem Willen griff und ihn brach.</p><p>Meine Gedanken �berschlugen sich, w�hrend ich �ber den verw�steten Friedhof hetzte, Lady Audley wie ein Kind an der Hand hinter mir herzerrend. Selbst wenn es uns gelingen sollte, den Friedhof zu verlassen - die Ratten w�rden uns einholen, lange, ehe wir weit genug entfernt waren, um in Sicherheit zu sein. Fall es so etwas wie <emphasis>Sicherheit </emphasis>vor diesen Bestien �berhaupt gab.</p><p>Eine verzweifelte Idee machte sich in mir breit. Es war nicht einmal eine Chance, sondern allerh�chstens die <emphasis>Idee </emphasis>einer Chance, aber wir hatten keine Wahl. Vielleicht -</p><p>Ich dachte den Gedanken nicht einmal zu Ende, sondern �nderte mitten im Schritt die Richtung und zerrte Lady Audley hinter mir her, auf die offenstehende T�r der kleinen Kapelle zu.</p><p>Es waren nur wenige Dutzend Schritte, und sie wurden zu einem Wettlauf mit dem Tod.</p><p>Aber wir gewannen ihn.</p><p>Mit einem letzten, verzweifelten Satz warf ich mich ins Innere der kleinen Kapelle, zerrte Lady Audley hinter mir her und warf in der gleichen Bewegung die T�r zu.</p><p>Eine Sekunde sp�ter erzitterte sie unter dem Aufprall eines Dutzends kleiner, pelziger K�rper.</p><p>Aber sie hielt.</p><p>Von drau�en erscholl ein w�tendes Pfeifen und Zischeln, und pl�tzlich h�rte ich das Scharren harter horniger Krallen an der T�r. Etwas prallte gegen das Fenster, aber das bunte Bleiglas hielt dem Ansturm ebenso stand wie die T�r. Lady Audley schrie auf, schlug entsetzt die H�nde vor das Gesicht und wich bis zum Altar vor der r�ckw�rtigen Wand zur�ck, und im gleichen Moment erbebte die T�r ein zweites Mal wie� unter einem Faustschlag.</p><p>Und dann war es vorbei.</p><p>Von einer Sekunde zur n�chsten h�rte der Angriff auf. Selbst durch das dicke Holz der T�r hindurch konnte ich das Scharren zahlloser Pfoten h�ren, die sich hastig zur�ckzogen.</p><p>Trotzdem blieb ich noch f�r l�nger als eine Minute fast reglos stehen, die Schulter gegen die T�r gestemmt und auf einen neuen, w�tenden Ansturm gefa�t, ehe ich es wagte, meiner Platz zu verlassen und mit klopfendem Herzen ans Fenster zu treten.</p><p>Es war nicht viel, was ich durch das gef�rbte Bleiglas hindurch erkennen konnte, aber das wenige, <emphasis>was </emphasis>ich sah, jagte mir einen eisigen Schauer �ber den R�cken.</p><p>Im bleichen Schein des Mondes gewahrte ich eine Armee aus Zigtausenden von Ratten, die den Boden wie ein lebender Teppich bedeckten. Genug, um durch ihre schiere Anzahl die T�r einfach einzudr�cken, vielleicht sogar die Mauern.</p><p>Aber sie taten es nicht. Es war, als hielte eine unsichtbare Macht sie zur�ck.</p><p>Lady Audley trat neben mich, noch immer zitternd vor Angst und totenbleich, aber trotzdem wenigstens halbwegs gefa�t. Ich mu�te den Mut dieser alten Frau bewundern. Jede andere an ihrer Stelle w�re vermutlich hysterisch geworden.</p><p>Ihre Augen wurden gro�, als sie aus dem Fenster sah. �Was ... ist das, Robert?� fl�sterte sie entsetzt. �Warum ... warum greifen sie nicht an?�</p><p>Ich antwortete nicht gleich, sondern hielt nach Cindy oder der riesigen Albinoratte Ausschau, konnte sie aber nicht entdecken. Schlie�lich trat ich einen halben Schritt vom Fenster zur�ck und sah mich in der kleinen Kapelle um. Der Innenraum ma� kaum zehn auf f�nf Schritte, und es gab nur zwei schmale B�nke und einen kleinen, h�lzernen Altar, auf dem ein ewiges Licht brannte.</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand ich. �Vielleicht ... vielleicht ist es der heilige Boden, den sie nicht betreten k�nnen. Aber ich glaube, da� wir sicher sind, solange wir die Kapelle nicht verlassen.�</p><p>Ich sp�rte, da� ich der Wahrheit damit wohl sehr nahe kam. Vielleicht war es wirklich das Kreuz �ber dem Altar, vielleicht auch irgend etwas, das wir niemals begreifen w�rden - aber ich wu�te einfach, da� wir in Sicherheit waren, solange wir hier drinnen blieben.</p><p>�Und ... was tun wir jetzt?� fragte Lady Audley nach einer weiteren Weile.</p><p>�Warten�, antwortete ich. �Fr�her oder sp�ter wird irgend jemand kommen und uns hier herausholen.�</p><p>Lady Audley sagte nichts darauf, aber ich sp�rte wie sie, wie d�nn diese Worte klangen; ein schwacher Versuch, sie und mich selbst zu bel�gen, um uns Mut zu machen.</p><p>Und sehr viel mehr waren sie wohl auch nicht.</p><p>�Die Sonne geht auf.� Lady Audleys Worte, so leise sie gesprochen waren, rissen mich mit fast schmerzhafter Pl�tzlichkeit aus dem Zustand zwischen Bet�ubung und Schock, in dem ich die vergangenen Stunden verbracht hatte.</p><p>Ich f�hlte mich zerschlagen und m�de, so, wie man sich eben f�hlt, wenn man die zweite Nacht ohne ausreichenden Schlaf hinter sich hat. Mein R�cken schmerzte von der harten Bank, auf der ich mich ausgestreckt hatte, um wenigstens ein bi�chen auszuruhen, und ich sp�rte all die zahllosen kleinen Bisse und Kratzer, die mir die Ratten zugef�gt hatten.</p><p>M�de trat ich neben Lady Audley an das schmale Fenster der Kapelle und sah mit brennenden Augen hinaus. Der Horizont begann sich aufzuhellen. Graue Fasern hatten sich in das samtene Schwarz der Nacht gewoben, und weit drau�en �ber der Stadt zeigte sich ein erster d�nner Streifen roter Helligkeit.</p><p>Fast kam es mir wie eine grausame Ironie des Schicksals vor, da� ausgerechnet dieser Morgen seit langer Zeit wieder sch�n zu werden versprach.</p><p>Es konnte n�mlich gut sein, da� es der letzte Morgen war, den dieses Land erlebte.</p><p>Vielleicht sogar der letzte der Welt.</p><p>Meine Gedanken mu�ten deutlich auf meinem Gesicht zu lesen sein, denn Lady Audley ber�hrte mich mit einer Hand an der Wange und l�chelte. Ganz im Gegensatz zu sonst war mir ihre m�tterliche Art nicht peinlich, nicht einmal l�stig. Im Gegenteil. Ich war fast dankbar daf�r.</p><p>�Lassen Sie den Kopf nicht h�ngen, mein Junge�, sagte sie sanft. �Das nutzt keinem, Ihnen am allerwenigsten.�</p><p>Ich erwiderte ihr L�cheln, wenn ich auch das Gef�hl hatte, da� eher eine Grimasse daraus wurde, schob ihre Hand sanft beiseite und legte den Kopf gegen die Fensterscheibe. Die K�lte des Glases tat wohl. Meine Haut f�hlte sich fiebrig an und schien �berall gerissen zu sein.</p><p>�Ich wei� Ihre F�rsorge zu sch�tzen, Lady Audley�, sagte ich. �Aber es ist nicht gerade leicht zu verdauen, wenn man -�</p><p>�Einen Fehler gemacht hat?� unterbrach sie mich. Ich wollte antworten, aber sie sch�ttelte den Kopf. �Sie haben keinen Fehler gemacht. Von ihrem Standpunkt aus haben Sie richtig gehandelt. Sie konnten nicht wissen, mit wem Sie es wirklich zu tun haben.�</p><p>�Ich h�tte es wissen m�ssen�, widersprach ich, aber wieder sch�ttelte Lady Audley nur den Kopf.</p><p>�Cindy hat mir -�</p><p>�Das war nicht Cindy�, unterbrach ich sie; ein gutes St�ck heftiger, als vielleicht angebracht gewesen w�re. Der grobe Tonfall tat mir fast sofort wieder leid, denn ich sah, da� sie ein bi�chen verletzt war. Trotzdem f�gte ich - wenn auch sehr viel sanfter - hinzu: �Dieses <emphasis>Ding </emphasis>ist nicht Cindy, Mylady. Es ... sieht nur so aus.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Lady Audley. Sonderbarerweise l�chelte sie. �Und trotzdem ist sie es, Robert, glauben Sie mir. Etwas von ihr ist ...� Sie stockte, rang einen Moment nach Worten. �Etwas von ihr lebt immer noch�, sagte sie schlie�lich. �Dieses Ungeheuer hat sich ihres K�rpers bem�chtigt, aber es hat auch etwas von der wirklichen Cindy aufgeweckt. Dieses ... <emphasis>Ding, </emphasis>wie Sie es nennen, hat mir alles erz�hlt. Es war kein <emphasis>Zufall, </emphasis>da� Cindy sein Opfer wurde. Sie war ...� Wieder stockte sie, und wieder bedachte sie mich mit einem langen, beinahe m�tterlichen Blick, der mir fast peinlich war. �... ein bi�chen wie Sie, Robert�, sagte sie schlie�lich. �Es brauchte jemanden mit gro�er magischer Macht.�</p><p>Bevor ich etwas sagen konnte, sch�ttelte Lady Audley den Kopf. �Leugnen Sie es nicht. Sie hat mir alles �ber Sie erz�hlt. �ber Sie und Ihren Vater und Ihren Freund Howard.� Sie l�chelte. �Sie m�ssen sich k�stlich �ber mich am�siert haben, als ich versuchte, Sie davon zu �berzeugen, da� es so etwas wie �bersinnliche Ph�nomene wirklich gibt. Ich hoffe, Sie sehen einer alten Frau ihre Unwissenheit nach.� Sie l�chelte erneut und wurde �bergangslos wieder ernst. �Sie h�tten nicht hierher kommen d�rfen. Aber das war auch Ihr einziger Fehler. Dieses Ungeheuer ist nun einmal erwacht, und keine Macht der Welt kann es ungeschehen machen.�</p><p>Das entsprach nicht ganz der Wahrheit - der D�mon war nicht vernichtet, dazu reichte nicht einmal die Macht des <emphasis>Sternsteines, </emphasis>aber ich hatte sein Erwachen zumindest teilweise verhindert. Er existierte noch, aber er war jetzt gefangen im K�rper der riesigen Albinoratte. Trotzdem war es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis er endg�ltig zu neuem, schrecklichem Leben auferstehen w�rde.</p><p>Und doch ... da war etwas, was ich gewu�t und sofort wieder vergessen hatte; ein Teil, der nicht in das schreckliche Puzzlespiel pa�te. Und der wichtig war.</p><p>Die Ratten ...</p><p>Der Gedanke war wieder da, aber es gelang mir nicht, ihn zu fassen; es war, als verhindere eine unsichtbare Macht, da� die Erkenntnis v�llig an mein Bewu�tsein drang. Etwas ... stimmte mit den Ratten nicht.</p><p>Ich zwang mich, die schreckliche Szene vom vergangenen Abend noch einmal zu durchleben. Da war dieses einzelne Tier gewesen, das in Kilians Begleitung gekommen war. Warum hatten die anderen es get�tet?</p><p>Ich dachte eine Weile �ber diese Frage nach, ohne auch nur den Schatten einer Erkl�rung zu finden, seufzte tief und trat ans Fenster.</p><p>Es wurde jetzt rasch hell. Der Friedhof lag still und in t�uschendem Frieden da, eine verw�stete Kraterlandschaft, deren Anblick mich noch immer schaudern lie�, und es waren nur noch wenige Ratten zu sehen. Trotzdem wu�te ich mit absoluter Sicherheit, da� sie noch da waren. Sie warteten auf uns, irgendwo.</p><p>�Irgend etwas stimmt nicht�, sagte Lady Audley pl�tzlich.</p><p>Alarmiert drehte ich mich zu ihr herum. Sie stand reglos da, den Kopf ein wenig auf die Seite gelegt und die Augen halb geschlossen, als lausche sie. Ein angespannter Ausdruck lag auf ihren Z�gen.</p><p>�Womit?� fragte ich.</p><p>Sie sah mich an, �berlegte einen Moment und sch�ttelte dann hilflos den Kopf. �Ich ... wei� es nicht�, sagte sie. �Irgend etwas mit diesem Ort. Ich wei� nicht, was, aber ich f�hle, da� irgend eine Ver�nderung vor sich geht. Und es ist keine Ver�nderung zum Guten.� Sie l�chelte verlegen, fast als k�me sie sich bei diesen Worten selbst ein bi�chen albern vor, aber ich sp�rte, wie ernst sie es meinte. Ich mu�te wieder an Cindys Worte denken, die behauptet hatte, Audley McPhearson gebiete �ber die gleichen magischen Kr�fte wie ich.</p><p>�Es ist nicht wie -�</p><p>Ich h�rte nicht, was sie weiter sagte, denn in diesem Moment gewahrte ich eine Bewegung drau�en vor dem Fenster. Im allerersten Moment dachte ich, es w�ren die Ratten, die zur�ckgekommen waren, aber als ich das Gesicht gegen die Scheibe pre�te und aufmerksamer hinaussah, erkannte ich meinen Irrtum.</p><p>Es waren Menschen; genauer gesagt, die Umrisse dreier M�nner, die sich langsam der Kapelle n�herten, wobei sie immer wieder stehenblieben, um sich fassungslos umzusehen. Sie waren zu weit entfernt, als da� ich ihre Stimme h�ren konnte, aber die Gesten, die ihre Unterhaltung begleiteten, waren eindeutig genug.</p><p>Dann erkannte ich sie; nicht zuletzt, weil einer unter ihnen war, der die beiden anderen um mehr als Hauptesl�nge �berragte. Es waren niemand anderes als Rowlf und Howard. Und der dritte Mann war Captain Wilbur Cohen.</p><p>Aber meine Erleichterung w�hrte nur den Bruchteil einer Sekunde, denn noch w�hrend ich dazu ansetzte, Lady Audley meine Beobachtung mitzuteilen, sah ich noch etwas. Etwas, das meine kaum neu aufgelebte Hoffnung mit einem einzigen Schlag wieder zunichte machte.</p><p>Auf dem Friedhof wurden die Schatten lebendig. Aus dem Geb�sch, aus aufgeworfenen Gr�bern, aus der Erde und dem Strauchwerk krochen Ratten. Hunderte von grauen, gro�en Ratten, die die drei M�nner einzukreisen begannen, ohne da� sie es �berhaupt zu bemerken schienen.</p><p>�Um Gottes willen;� rief ich. �Howard!�</p><p>Mit einem einzigen Satz sprang ich zur T�r, ri� sie auf - und sah mich einer fetten grauen Ratte gegen�ber, die wie ein schrecklicher W�chter davor Aufstellung genommen hatte und mich anfletschte wie ein mi�gestalteter Bluthund. Ich trat nach ihr, und es war wohl die Angst um Howard, die mir zus�tzliche Kraft gab - mein Fu� traf das h��liche Tier und schleuderte es meterweit davon; gleichzeitig schrie ich Howard und Rowlf aus Leibeskr�ften eine Warnung zu, nicht n�her zu kommen.</p><p>Ich erreichte das Gegenteil dessen, was ich gewollt hatte: Howard und Cohen sahen mich gleichzeitig, aber w�hrend Cohen f�r einen Moment erschrocken stehenblieb, rief Howard meinen Namen und begann mit weit ausgreifenden Schritten auf mich zuzurennen!</p><p><emphasis>�Um Gottes willen!� </emphasis>schrie ich mit �berschnappender Stimme. <emphasis>�Bleibt stehen!�</emphasis></p><p>Vermutlich war es weniger meine Warnung als vielmehr die Armee pelziger grauer Schatten, die pl�tzlich vor Howard und den beiden anderen auftauchte, die ihn tats�chlich veranla�te, mitten im Schritt zur�ckzuprallen. Mir blieb keine Zeit, dar�ber nachzudenken: die Ratte, die ich getreten hatte, kam zur�ck, und sie wurde von einem ganzen Dutzend ihrer Rassegenossinnen begleitet!</p><p>Mit einem verzweifelten Satz sprang ich in die Sicherheit der Kapelle zur�ck und warf die T�r ins Schlo�. Das Ger�usch, mit dem die heranrasenden Ratten dagegenprallten, h�rte sich an wie das Schlagen gro�er, widerw�rtig weicher F�uste.</p><p>Drau�en krachte ein Schu�, und dann h�rte ich Cohen schreien. Ich hetzte zum Fenster und sah, wie der Polizeicaptain ein zweites Mal seine gro�kalibrige Waffe abfeuerte, ohne die heranwogende Rattenarmee damit auch nur im geringsten beeindrucken zu k�nnen.</p><p>�O Gott;� st�hnte Lady Audley hinter mir. �Sie werden sie umbringen, Robert! Wir m�ssen etwas tun!�</p><p>Ich kam nicht mehr dazu, zu antworten. Ein dumpfes, st�hnendes Knirschen lief durch den Boden. Die ganze Kapelle bebte. Die Fensterscheibe zerbarst klirrend, Staub, Kalk und Holz regneten von der Decke, dann erzitterte das ganze Geb�ude wie unter einem Hammerschlag, und die Ersch�tterung ri� uns beide von den F��en.</p><p>Eine halbe Sekunde lang blieb ich benommen liegen, w�hrend das Haus und der Boden einen irrsinnigen Tanz um mich herum aufzuf�hren schienen. Irgendwo erklang ein Knirschen und Poltern, dann ert�nte ein Laut, als zerrisse �ber unseren K�pfen ein gigantisches, straff gespanntes Tuch, und etwas traf mich mit furchtbarer Wucht an der Schulter.</p><p>Der Schmerz ri� mich in die Wirklichkeit zur�ck. Es regnete Steine und geborstene Balken, und die Luft war so voller Staub, da� ich kaum noch zu atmen vermochte.</p><p>Ich begriff, da� die Kapelle �ber unseren K�pfen zusammenbrach, stemmte mich mit verzweifelter Kraft hoch und stolperte in die Richtung, in der hinter den tanzenden Schwaden die T�r liegen mu�te. Irgendwo hinter mir schrie Lady Audley. Ich blieb stehen, sah sie mit schreckverzerrtem Gesicht auf mich zu taumeln, ergriff ihr Handgelenk und zerrte sie heraus aus der Kapelle.</p><p>Keine Sekunde zu fr�h. Ein dritter Schlag traf das kleine Geb�ude und lie� es in den Grundfesten erbeben. Das Fenster und ein Teil des Daches zerbarsten, als w�re drinnen eine Bombe explodiert, und pl�tzlich neigte sich das ganze Geb�ude zur Seite, erzitterte wie ein waidwundes Tier - und brach wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Lady Audley und ich brachten uns mit einem verzweifelten Satz in Sicherheit, als Balken und Steintr�mmer wie t�dlicher Hagel dort niederprasselten, wo wir gerade noch gestanden hatten. Eine gewaltige, graue Staubwolke quoll hoch und nahm uns die Sicht.</p><p>Aber es war noch nicht vorbei. Im Gegenteil. Was immer es war - es begann gerade erst.</p><p>Ein mahlendes Ger�usch �berlagerte das Krachen und Poltern der zusammenst�rzenden Kapelle, und pl�tzlich b�umte sich der ganze Weg auf, sackte mit einem �chzenden Laut zur�ck und begann zu zittern.</p><p>Lady Audley schrie auf. Ihre Fingern�gel gruben sich tief in meine Haut, und ihre andere Hand deutete auf einen Punkt am entgegengesetzten Ende der Stra�e. Ihr Gesicht war eine Maske des Grauens.</p><p>Am anderen Ende des Weges, nur wenige Dutzend Schritte entfernt, w�lbte sich der Boden empor. Das Erdreich zerbarst, als schl�ge eine unsichtbare Gigantenfaust von unten dagegen. Steine, Erdreich und Felstr�mmer flogen wie t�dliche Geschosse durch die Luft. Der Weg zerbrach. Ein meterbreiter Spalt entstand, raste in irrsinnig schnellem Zickzack auf uns zu und wurde dabei breiter und breiter. Irgendwo hinter uns krachte Cohens Pistole zweimal kurz hintereinander.</p><p>Verzweifelt warf ich mich herum, zerrte Lady Audley mit mir und versuchte, dem heranrasenden Ri� zu entgehen, stolperte, schlug der L�nge nach hin und h�rte Lady Audley abermals und noch gellender aufschreien. Weniger als einen halben Yard neben mir brach der Boden auseinander, und da, wo vor Sekundenbruchteilen noch massive Erde gewesen war, klaffte pl�tzlich ein bodenloser Schlund.</p><p>Ein Schlund, in dem es grau und h��lich wimmelte, und in den Lady Audley langsam, aber mit unbarmherziger Beharrlichkeit abzurutschen begann!</p><p>Ihre H�nde griffen verzweifelt ins Leere, fuhren mit einem furchtbaren Scharren �ber Stein und loses Erdreich und rutschten Zentimeter f�r Zentimeter ab.</p><p>Ich warf mich zur Seite und griff nach ihren Armen. Meine Finger glitten ab, rissen blutige Kratzer in ihre Haut und krampften sich mit verzweifelter Kraft um ihre Handgelenke; eine Sekunde, bevor sie vollends den Halt verlor und mit einem letzten, gellenden Schrei nach hinten kippte.</p><p>Lady Audley begann wie von Sinnen mit den Beinen zu strampeln. Unter ihr zuckte und bebte der Ri� wie ein gigantisches, steinernes Maul. Mein Oberk�rper hing schon zur H�lfte �ber dem Abgrund, und Lady Audleys Gewicht zerrte wie ein Felsen an meinen Armen. Ich w�rde den Druck nur noch Sekunden aushalten.</p><p>�H�ren Sie auf zu strampeln!� br�llte ich verzweifelt. �Ich ziehe Sie rauf!�</p><p>Zu meiner eigenen �berraschung reagierte sie auf meine Worte und h�rte tats�chlich auf, sich hin und her zu werfen. Ihr Fu� fand sogar Halt an einem vorstehenden Felsbrocken, und f�r eine Sekunde verschwand der entsetzliche Zug wenigstens teilweise aus meinen Armen.</p><p>Ich hakte meinen Fu� irgendwo fest und begann, mit aller Kraft zu zerren. Lady Audleys K�rper schien Tonnen zu wiegen, und einen Moment lang rechnete ich ernsthaft damit, da� mir schlichtweg die H�nde aus den Gelenken rei�en w�rden, aber dann sp�rte ich, wie sie Zentimeter f�r Zentimeter nach oben glitt, wobei sie selbst mit den F��en nachhalf und sich abst�tzte, so gut sie konnte. Trotz des Ernstes unserer Lage mu�te ich die Kaltbl�tigkeit bewundern, die diese alte Frau an den Tag legte.</p><p>�Weiter so!� keuchte ich. �Wir schaffen es! Sie sind gleich raus!�</p><p>Bis zu diesem Augenblick habe ich nie an b�se Omen geglaubt. Aber von da an tat ich es.</p><p>Denn genau in dem Moment, in dem ich die Worte aussprach, brach der Boden entlang einer gezackten, halbkreisf�rmigen Linie rings um mich herum auseinander, und Lady Audley und ich st�rzten zusammen mit etlichen Tonnen Erdreich in die Tiefe.</p><p>Den Aufprall sp�rte ich schon nicht mehr. Ich verlor zum zweiten Mal innerhalb von zw�lf Stunden das Bewu�tsein.</p><empty-line/><p>Diesmal waren nur Augenblicke vergangen, als ich wieder erwachte; Sekunden, bestenfalls wenige Minuten. Ich f�hlte einen heftigen Schmerz an der Schl�fe und Blut, das aus einer tiefen Platzwunde �ber mein Gesicht lief, und einen etwas weniger heftigen, aber irgendwie l�hmenden Schmerz in der H�fte. In das dumpfe Rauschen des Blutes in meinen Ohren mischten sich Stimmen. Einen Augenblick sp�ter ber�hrte eine Hand mein Gesicht, und ich �ffnete die Augen.</p><p>Howard beugte sich �ber mich. Er sah reichlich mitgenommen aus - seine Kleider waren zerfetzt, und in seinem Gesicht und seinen H�nden gewahrte ich eine Anzahl kleiner, aber sehr h��licher Bi�wunden. Trotzdem leuchteten seine Augen erleichtert auf, als er sah, da� ich bei Bewu�tsein und offenbar nicht ernsthaft verletzt war.</p><p>�Alles in Ordnung?� fragte er.</p><p>Ich nickte ganz automatisch, sch�ttelte dann den Kopf und versuchte mich hochzustemmen. Meine geprellte H�fte machte ein Abenteuer aus dieser Bewegung, aber ich bi� die Z�hne zusammen und k�mpfte mich in die H�he. F�r einen Moment wurde mir schwindelig. Der Friedhof begann sich um mich herum zu drehen.</p><p>�Gro�er Gott!� fl�sterte eine Stimme neben mir. �Was ... was ist hier geschehen?!�</p><p>M�hsam drehte ich mich zu Cohen um. Und schon der erste Blick in sein Gesicht lie� mich allen Triumph und jede b�se Antwort, die mir auf der Zunge gelegen hatte, vergessen.</p><p>Ich hatte niemals zuvor im Leben einen Menschen gesehen, der ersch�tterter war als Cohen in diesem Moment. Sein Gesicht war nicht nur bleich, es war <emphasis>wei�, </emphasis>und seine Augen waren so weit aufgerissen, da� ich einen Moment fast ernsthaft Angst hatte, sie w�rden aus den H�hlen quellen.</p><p>Statt irgend etwas zu sagen, wandte ich mich wieder ab und blickte auf die �berreste der Kapelle.</p><p>Das Geb�ude war nicht nur zerst�rt - es war <emphasis>verschwunden. </emphasis>Wo es gestanden hatte, g�hnte ein gewaltiger Krater im Boden, aus dem zerborstene Balken und Tr�mmerst�cke ragten. Staub hing wie grauer Nebel �ber der Ruine, und tief unter unseren F��en krachte und rumpelte es noch immer. �berall zwischen den Tr�mmern lagen tote oder sterbende Ratten.</p><p>Die Ratten hatten die Kapelle nicht betreten k�nnen, aber sie hatten etwas anderes getan, w�hrend der Nacht, in der Lady Audley und ich uns so sicher gef�hlt hatten: sie hatten den Boden unter der Kapelle unterw�hlt, zu Tausenden und Abertausenden eine H�hle geschaffen, die gro� genug war, das ganze Geb�ude wie ein Kartenhaus zusammenst�rzen zu lassen. Ich versuchte, mir die Zahl der Ratten vorzustellen, die in der Lage waren, einen zwanzig Yard tiefen Ri� in die Erde zu graben. Es gelang mir nicht. Vielleicht war es gut so.</p><p>�Wo ist Lady Audley?� fragte ich leise, obgleich ich die Antwort zu wissen glaubte.</p><p>Howard deutete auf den klaffenden Ri� im Boden, aus dem er und Rowlf mich herausgezogen hatten. �Fort�, sagte er tonlos. �Sie haben sie weggeschleift.�</p><p>Ich f�hlte nicht einmal �berraschung. Irgendwie hatte ich damit gerechnet - es war das einzige, was Sinn machte. Die Ratten waren nicht gekommen, um Lady Audley zu t�ten. Sie brauchten sie. Die Zeremonie war unterbrochen worden, aber sie w�rden sie zu Ende f�hren.</p><p>�Aber ... aber wieso?� stammelte Cohen. Von seiner �berheblichkeit und seiner aggressiven Art war nichts mehr geblieben. Selbst seine Stimme klang anders, als ich sie in Erinnerung hatte. Jedes bi�chen Kraft schien aus dem Mann gewichen zu sein.</p><p>Ich sah ihn an, wollte etwas sagen und sch�ttelte dann nur stumm den Kopf. Wie konnte ich ihm etwas erkl�ren, was ich selbst nicht wirklich verstand?</p><p>�Wieso haben sie uns nicht angegriffen?� murmelte Howard. Er sah mich fast hilfesuchend an. �Was ist hier passiert, Robert? Sie sind alle verschwunden, nachdem -� Er z�gerte einen Moment, dann deutete er auf die Ruine der Kapelle, <emphasis>�das da </emphasis>passiert ist.�</p><p>�Sie wollten euch nicht�, murmelte ich. �Sie wollten auch mich nicht. Nur Lady Audley.�</p><p>�Aber warum?�</p><p>Ich antwortete nicht, sondern warf einen bezeichnenden Blick auf Cohen, der noch immer wie hypnotisiert in den rauchenden Krater hinunterstarrte und von unserem Gespr�ch gar nichts mitzubekommen schien.</p><p>�Aber das ... das ist doch unm�glich!� stammelte Cohen. M�hsam l�ste er den Blick von den �berresten der Kapelle und sah sich um. Der Ausdruck von Unglauben machte dem langsam aufkeimenden Entsetzen Platz, als er den gesch�ndeten Friedhof sah. �Warum haben sie das getan?!�</p><p>Der Unterton von Hysterie in seiner Stimme entging weder Howard noch mir. Cohen war ein starker Mann, aber auch einer, der es gewohnt war, die Dinge logisch zu betrachten und - wenn es sein mu�te - handfest anzupacken. Was er jetzt erlebte, mu�te sein Weltbild bis in die Grundfesten ersch�ttern.</p><p>�Woher wu�ten Sie, wo ich bin?� fragte ich, nur, um ihn abzulenken, bevor er vollends die Beherrschung verlieren konnte. �Von Howard?�</p><p>Einen Moment lang starrte er mich an, als h�tte er meine Worte gar nicht verstanden, dann sch�ttelte er abgehackt den Kopf. �Sie haben eine Fahrkarte gekauft, oder?� sagte er. �Es hat eine Weile gedauert, aber der Mann am Schalter hat sich erinnert.� Er schluckte krampfhaft, wollte weitersprechen und sch�ttelte dann nur den Kopf.</p><p>Ich sah Howard an. �Ihr habt einen Wagen da?�</p><p>Howard deutete stumm zur Stra�e. Es ging mir l�ngst nicht nur darum, Wilbur Cohen hier herauszubringen. Auch ich versp�rte pl�tzlich fast panische Angst, auch nur noch eine Sekunde l�nger an diesem schrecklichen Ort zu bleiben.</p><empty-line/><p>Zwei Stunden sp�ter sa�en wir im Arbeitszimmer meines Hauses am Ashton Place 9. Nicht nur zu meiner �berraschung hatte Cohen darauf verzichtet, uns allesamt in Ketten nach Scotland Yard zu schleifen, sondern nur stumm genickt, als ich Rowlf die Anweisung gab, auf dem schnellsten Wege nach Hause zu fahren. Sein Gesicht war noch immer so bleich wie die wei�gestrichene Wand, vor der er sa�, und das unstete Flackern in seinen Augen hatte zwar nachgelassen, war aber nicht ganz erloschen. Er hatte sich wieder gefangen; �u�erlich. �Es mu� eine logische Erkl�rung geben�, sagte er. �Vielleicht waren die Ratten krank. Oder irgend etwas hat sie in Panik versetzt.� Seine Stimme zitterte ein wenig, w�hrend er diese Worte sprach, und es war ein Ton darin, der sie zu einem verzweifelten Flehen werden lie�.</p><p>Ich sah ihn nur an und schwieg. Meine Hand, die die Kaffeetasse umklammerte, zitterte.</p><p>�Die Wissenschaft hat sogar einen Namen f�r ein solches Verhalten�, fuhr er fort. �So etwas ist schon vorgekommen; mehr als einmal.�</p><p>Howard, der auf der anderen Seite des Schreibtisches Platz genommen hatte und die Luft in meinem Arbeitszimmer mit seinen schwarzen Zigarren verpestete, nickte. �Massenhysterie�, best�tigte er. �So etwas gibt es -�</p><p>�Sehen Sie!� sagte Cohen triumphierend, und Howard f�gte im gleichen unger�hrten Tonfall hinzu: �- bei Menschen, Cohen. Tiere haben nicht das Bewu�tsein, das n�tig ist, sie in eine Massenhysterie zu versetzen. Fragen Sie einen Anthropologen, wenn Sie mir nicht glauben.�</p><p>Cohen fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und begann einen Bleistift in kleine St�cke zu zerbrechen.</p><p>Howard sah mich an, auf eine sehr bezeichnende Weise, und ich sch�ttelte fast unmerklich den Kopf. Wir hatten bisher keine Gelegenheit gefunden, allein miteinander zu reden, aber ich wu�te, was dieser Blick bedeutete - eine Warnung, Cohen nicht noch mehr zu verraten, als er ohnehin schon wu�te. Vielleicht war dieses Wenige schon zu viel. Bisher war jeder, der mit den GROSSEN ALTEN und ihren Schergen in Ber�hrung gekommen war, auf die eine oder andere Weise zu Schaden gekommen. Au�erdem war Cohen nicht der Mensch, der uns glauben w�rde. Nicht, weil er Howard und mir mi�traute, sondern einfach, weil er es nicht <emphasis>konnte, </emphasis>wollte er nicht alles, was er jemals gelernt und geglaubt hatte, einfach vergessen. Irgendwann - und wahrscheinlich schon sehr bald - w�rde der Schock nachlassen, und der alte, ewig mi�trauische und sehr logisch denkende Wilbur Cohen w�rde wieder erwachen. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie er reagierte, wenn wir ihm etwas von zweihundert Millionen Jahre alten D�monen erz�hlten.</p><p>�Wir m�ssen Lady Audley finden�, sagte ich anstelle einer direkten Antwort.</p><p>�Wie stellen Sie sich das vor?� schnappte Cohen. �Soll ich zu meinen Vorgesetzten gehen und sagen, da� ich M�nner brauche, um ... um einem Haufen Ratten nachzusp�ren, die Lady McPhearson entf�hrt haben, vor meinen Augen?� Er lachte schrill. �Vielleicht lassen wir jede Ratte in London verhaften, wie? Oder ich suche mir eine bequeme Zelle in der Klapsm�hle - gleich neben Ihnen.�</p><p>In der Tat - Wilbur Cohen befand sich auf dem Wege der Besserung.</p><p>Aber ich blieb ernst. �Sie verstehen immer noch nicht, wie?� fragte ich. �Das waren nicht <emphasis>irgendwelche </emphasis>Ratten, Cohen. Sie haben gesehen, was passiert ist. Das war eine Armee.�</p><p>�Unsinn!� schnaubte Cohen. �Das war -�</p><p>�Vielleicht erst der Anfang�, fiel ihm Howard ins Wort. �Vielleicht sind sie jetzt auf den Geschmack gekommen. Was sie mit dieser Kapelle getan haben, k�nnen sie auch mit anderen H�usern tun, nicht wahr?�</p><p>Cohen starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder fing.</p><p>�Trotzdem�, sagte er. �Ich kann nicht hingehen und ... und erwarten, da� mir irgend jemand glaubt. Ich ... ich glaube es ja selbst nicht.�</p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete Howard mit einem d�nnen, sofort wieder erl�schenden L�cheln. �Erz�hlen Sie einfach, was passiert ist - nicht in St. Aimes, aber gestern, auf dem Weg zum Yard. Berichten Sie Tatsachen, mehr nicht. Erz�hlen Sie, da� eine gro�e Masse von Ratten am hellichten Tage unsere Kutsche angegriffen und einen Ihrer Leute verletzt hat. Sie haben Dutzende von Zeugen.�</p><p>Cohen starrte ihn an, legte den zerbrochenen Bleistift aus der Hand und begann seinen F�llfederhalter auseinanderzuschrauben. Tinte lief an seiner Hand herab, w�hrend er die Bakelitkappe zerkr�melte. �Das ist verr�ckt.�</p><p>�Stimmt�, best�tigte Howard. �Aber ich f�rchte, wir haben keine andere Wahl. Wir m�ssen ...� Er brach ab, seufzte und sch�ttelte ein paarmal den Kopf. �Wenn wir wenigstens eine Spur h�tten. Verdammt, es gibt <emphasis>Hunderttausende </emphasis>von Ratten in London. Und Tausende von Orten, an denen sie sich aufhalten k�nnen.�</p><p>�Aber nur eine Albinoratte�, sagte ich nachdenklich. �Wenn wir sie finden, finden wir Lady Audley.�</p><p>�Oh, das ist ja ganz einfach!� h�hnte Cohen. �Lady McPhearson ist verschwunden, und niemand -�</p><p>�Niemand�, unterbrach ihn Howard mit leicht erhobener Stimme, �nimmt Ihnen die Verantwortung ab, wenn morgen hunderttausend Ratten �ber die Bewohner dieser Stadt herfallen und unschuldige Frauen und Kinder t�ten, Cohen.�</p><p>Cohen schluckte, warf den F�llfederhalter auf den Schreibtisch und ri� mit kleinen fahrigen Bewegungen Bl�tter von meinem Tischkalender, um sie zu kleinen B�llen zusammenzupressen und davonzuschnipsen. �Sie ... �bertreiben�, sagte er schlie�lich.</p><p>�M�glich�, sagte ich, in die gleiche Bresche schlagend wie Howard. �Vielleicht greifen sie auch nicht offen an, sondern beschr�nken sich darauf, ein paar wehrlose Kinder in ihren Betten anzufallen, oder die Kranken in den Hospit�lern.�</p><p>Cohens Gesichtsfarbe hatte jetzt einen deutlichen Stich ins Gr�nliche. �Und wenn alles nur falscher Alarm war?� fragte er, w�hrend er mit Daumen und Zeigefinger die Nieten aus meiner ledernen Schreibunterlage zog und zusammendr�ckte.</p><p>�Erf�hrt niemand etwas davon�, sagte Howard. �Sie brauchen nur das artenuntypische Verhalten der Ratten vorzubringen, Cohen. Sagen Sie, da� Sie Angst haben, sie k�nnten tollw�tig sein, meinetwegen.�</p><p>Er beugte sich vor, schnippte seine Zigarrenasche in das Chaos, das Cohen auf meinem Schreibtisch angerichtet hatte, und blies dem Captain eine blaue Qualmwolke ins Gesicht.</p><p>�Wir m�ssen diese Bestie erwischen, Cohen, ehe noch mehr passiert. Ich w�rde vorschlagen, da� wir etwas unternehmen. Vielleicht�, f�gte er nach einer winzigen Pause hinzu, �ehe Sie Roberts B�ro endg�ltig verw�stet haben.�</p><p>Cohen blinzelte, blickte auf seine tintenverschmierten H�nde herab und sah mit einem Male sehr betroffen aus. Aber dann nickte er. �Sie haben recht, Phillips. Vielleicht bin ich verr�ckt geworden, aber wenn auch nur die geringste Chance besteht, da� Sie und Craven die Wahrheit sagen, mu� ich etwas tun.�</p><p>Er hob m�de die H�nde ans Gesicht, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger der Rechten �ber die Augen und sah erst Howard, dann mich sehr lange und sehr nachdenklich an. Ich sp�rte, wie schwer es ihm fiel, weiterzureden. �Und ich wei� auch schon den richtigen Mann, der uns helfen wird.�</p><p>�Wen?� fragten Howard und ich wie aus einem Mund.</p><p>Aber diesmal sch�ttelte Cohen nur den Kopf. �Sp�ter�, sagte er. �Es hat keinen Sinn, jetzt blindlings loszurennen. Ich mu� ... nachdenken. Und wir brauchen alle ein paar Stunden Schlaf.� Er stand auf, fuhr sich noch einmal mit den H�nden durch das Gesicht und ging zur T�r, mit langsamen, schleppenden Schritten.</p><p>�Ich komme wieder�, sagte er. �Heute nachmittag.�</p><p>Ich war viel zu m�de, um zu antworten, und auch Howard nickte nur knapp, als Cohen sich endg�ltig umwandte und das Zimmer verlie�. Erst als seine polternden Schritte drau�en auf der Treppe verklangen, brach er das Schweigen wieder.</p><p>�Ein paar Stunden�, murmelte er. �Haben wir so viel Zeit?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand ich. �Aber wir werden sie haben m�ssen, f�rchte ich. Ich bin mit meinem Latein am Ende.� Ich schlo� die Augen, unterdr�ckte ein G�hnen und sah nachdenklich zu der gro�en Standuhr hin�ber.</p><p><emphasis>�Nein!� </emphasis>sagte Howard so scharf, als h�tte er meine Gedanken gelesen. �Eher lasse ich dich von Rowlf fesseln und knebeln, ehe ich zulasse, da� du noch einmal in dieses <emphasis>Ding </emphasis>steigst. Du h�ttest sterben k�nnen.�</p><p>�Ach?� sagte ich humorlos. �Tats�chlich?� Irgendwie sp�rte ich, da� er unrecht hatte. Ich war nicht in Gefahr gewesen. Da war etwas. Etwas Wichtiges. Ich hatte es gewu�t, aber wieder vergessen. Die L�sung. Die L�sung all dieser scheinbaren Widerspr�chlichkeiten und R�tsel.</p><p>�Tats�chlich�, sagte Howard grimmig. �Und selbst, wenn du es schaffst, sie auf diesem Wege zu finden - was willst du tun? Dich entg�ltig umbringen lassen?�</p><p>�Und was wollen wir tun, wenn wir sie gemeinsam finden?� gab ich zur�ck.</p><p>Darauf antwortete Howard vorsichtshalber nicht mehr.</p><p>Schon von weitem hatte das Haus sonderbar ausgesehen. Eingepfercht wie ein edles Rennpferd zwischen Ackerg�ulen, erhob es sich wie ein Fremdk�rper zwischen den schmalbr�stigen, vom Alter grau und sch�big gewordenen Mietskasernen, die das Stra�enbild in diesem Teil der Stadt bestimmten. Seine Fassade aus wei�em Marmor mu�te einmal sehr prachtvoll gewesen sein und wirkte selbst jetzt, wo Alter und Erosion ihre Spuren hinterlassen hatten, noch beeindruckend. Nicht einmal der Umstand, da� die meisten Fenster von innen mit Brettern vernagelt und der Vorgarten vollkommen verwildert waren, vermochten den Eindruck nachhaltig zu st�ren.</p><p>�Ihr ... Bekannter wohnt hier?� fragte Howard, als der Wagen angehalten hatte und Cohen uns mit Gesten zu verstehen gab, auszusteigen.</p><p>Der Polizeicaptain hatte das unmerkliche Z�gern in Howards Worten bemerkt und sah auf. Er war noch immer nerv�s, und seine Nervosit�t hatte noch zugenommen, je mehr wir uns dem Haus gen�hert hatten.</p><p>�Er ist kein <emphasis>Bekannter�, </emphasis>antwortete er knapp, stieg aus dem Wagen und wartete mit sichtlicher Ungeduld, da� Howard, Rowlf und ich ihm folgten. Ehe einer von uns Gelegenheit hatte, eine weitere Frage zu stellen, drehte er sich auf dem Absatz herum, eilte auf das Haus zu und stie� die schmiedeeiserne Gartent�r wuchtig auf. Ich tauschte einen erstaunten Blick mit Howard - den dieser mit einem Achselzucken quittierte - und beeilte mich, dem Captain zu folgen.</p><p>Cohen hatte mittlerweile das Haus erreicht und den T�rklopfer bet�tigt. Jetzt trat er ungeduldig von einem Bein auf das andere und wartete darauf, da� die T�r ge�ffnet wurde.</p><p>Ich trat neben ihn, beugte mich vor, um das T�rschild zu lesen - und zog �berrascht die Brauen zusammen.</p><p>�Cohen?� murmelte ich und sah den Captain fragend an. �Das Haus geh�rt -�</p><p>�Meinem Bruder�, unterbrach mich Cohen. Irgendwie klang seine Stimme feindselig, und ich begann mich zu fragen, ob wir wirklich gut beraten gewesen waren, sein �berraschendes Hilfsangebot anzunehmen. Irgend etwas war mit ihm geschehen, auf dem Friedhof. Und es war keine Ver�nderung zum Guten.</p><p>�Er ist auch bei der Polizei?� erkundigte ich mich vorsichtig.</p><p>Cohens Miene nach zu urteilen, mu�te das eine ziemlich unpassende Frage gewesen sein, denn der Captain runzelte nur die Stirn und pre�te w�tend die Lippen aufeinander, ohne auch nur mit einer Silbe zu antworten. W�tend griff er erneut nach dem T�rklopfer und lie� den schweren Messingknauf so wuchtig gegen das Holz krachen, da� die gesamte T�r erbebte.</p><p>Nach einer Weile wurden drinnen schlurfende Schritte laut, und Cohen h�rte auf, die T�r zu maltr�tieren. Eine Kette klirrte, dann wurde die T�r ge�ffnet, und ein verhutzeltes Faltengesicht lugte hinaus.</p><p>�Sir?� Die �berraschung, die der Mann beim Anblick Cohens empfand, war nicht zu �berh�ren.</p><p>�Ich mu� meinen Bruder sprechen, Fred�, sagte Cohen knapp. �Ist er zu Hause?�</p><p>Der Butler nickte. Cohen grunzte zufrieden, schob die T�r und den Alten mit der gleichen Bewegung nach innen und bedeutete uns, ihm zu folgen.</p><p>�Aber Sir!� ereiferte sich der Butler. �Das geht doch nicht! Sie wissen doch genau, wie -�</p><p>Cohen gab einen Laut von sich, der wie das Zischen einer w�tenden Riesenkobra klang, und der Alte verstummte mitten im Satz. Sein Gesicht wurde noch bleicher, als es ohnehin war.</p><p>�Holen Sie meinen Bruder�, sagte Cohen. �Sofort.�</p><p>Der Alte starrte ihn noch eine Sekunde unsicher an, dann nickte er und lief die Treppe hinauf, so schnell ihn seine alten Beine trugen.</p><p>Wir standen in einer gro�en, fr�her sicher einmal prachtvollen Empfangshalle, die jetzt ein Opfer des Staubes und jahrzehntelanger Verwahrlosung geworden war. Die wenigen M�belst�cke, die auf dem gefliesten Boden standen, waren ausnahmslos mit T�chern verh�ngt, und von den Kronleuchtern und der Decke hingen graue, staubverklebte Spinnweben fast bis zum Boden herab.</p><p>Cohen registrierte meinen Blick. �Wenn Ihnen das hier komisch vorkommt�, sagte er leise, �dann warten Sie erst einmal, bis Sie Stanislas kennenlernen.�</p><p>�Stanniwen?� fragte Rowlf.</p><p>Ein fl�chtiges L�cheln huschte �ber Cohens Gesicht. �Meinen Bruder�, antwortete er. �Er ist ein wenig ... sonderbar. Sozusagen das schwarze Schaf der Familie, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wir haben schon seit Jahren keinen Kontakt mehr. Aber ich glaube, er ist der einzige, der uns jetzt helfen kann - wenn er uns �berhaupt zuh�rt, hei�t das.�</p><p>Ich kam nicht dazu, Cohen zu fragen, wie er seine Worte gemeint hatte, denn in diesem Moment fiel oben im Haus eine T�r so wuchtig ins Schlo�, da� der Kronleuchter zu klirren begann, und Sekunden sp�ter erschien eine h�nenhafte Gestalt am oberen Ende der Treppe.</p><p>�Wilbur!� polterte eine Stimme. �Fred hat es mir gesagt, aber ich konnte es nicht glauben. Du hast tats�chlich die Unverfrorenheit, hier aufzutauchen!�</p><p>Ich strengte die Augen an, um trotz des herrschenden Halbdunkels die Gestalt Stanislas Cohens erkennen zu k�nnen. Der Mann war ein Riese - gut zwei K�pfe gr��er als Rowlf und weitaus breitschultiger, dabei aber - bedachte man, da� Cohen sein Bruder war - erstaunlich jung, allerh�chstens f�nfunddrei�ig. Trotzdem war sein Haar schlohwei�.</p><p>�Ich mu� mit dir reden, Stan�, sagte Cohen.</p><p>�Verschwinde!� schnappte Stanislas. �Ich sage es dir nicht zweimal, Wilbur. Geh und nimm die drei Galgenv�gel mit, solange ihr noch in der Lage seid, auf euren eigenen F��en das Haus zu verlassen.� Zornig ballte er die F�uste und begann, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe herunterzulaufen.</p><p>�Stan�, sagte Cohen verzweifelt. �H�r mir nur eine Minute zu. Es ist -�</p><p>�Du sollst verschwinden!� br�llte sein Bruder. �Ich habe dir verboten, dieses Haus jemals wieder zu betreten!� Er br�llte vor Wut, erreichte das Ende der Treppe und rannte mit kampflustig erhobenen F�usten auf seinen Bruder zu.</p><p>Rowlf stellte ihm ein Bein.</p><p>Stanislas keuchte, landete nach einem grotesk aussehenden H�pfer der L�nge nach auf den Fliesen und kam mit einem fast hysterischen Br�llen wieder auf die F��e. Seine gewaltige Faust wirbelte durch die Luft und schlug nach Rowlfs Gesicht.</p><p>Rowlf tauchte unter dem Hieb hindurch, steppte mit einer behenden Bewegung an ihm vorbei und drehte ihm den Arm auf den R�cken. Gleichzeitig legte sich seine linke Hand in Stans Nacken und dr�ckte mit aller Macht zu.</p><p>�Bisse jetzt ven�nftich, oder mu�ichers grob wern?� fragte er.</p><p>Stanislas br�llte vor Zorn, b�umte sich in Rowlfs Griff auf und griff mit der freien Hand nach hinten. Rowlf seufzte, sch�ttelte den Kopf und trat ihm wuchtig in die Kniekehlen. Stanislas fiel vor ihm auf die Knie und gab endlich seinen Widerstand auf.</p><p>�Rowlf!� sagte Howard scharf. �La� ihn los.�</p><p>�Warten Sie noch!� sagte Cohen hastig. Rowlf runzelte die Stirn, hielt Cohens Bruder aber vorsichtshalber weiter fest und lockerte nur seinen Griff ein wenig.</p><p>Cohen trat auf seinen Bruder zu und sah ihm einen Herzschlag lang ernst in die Augen. �Ich bitte dich, Stan�, sagte er eindringlich. �H�r uns f�nf Minuten lang zu. Danach gehe ich - wenn du das wirklich noch willst.�</p><p>Cohen II keuchte. �Verschwindet!� w�rgte er hervor. �Noch einmal kriegt ihr mich nicht. Und wenn ich mich selbst umbringen mu�.�</p><p>Cohen wollte antworten, aber Howard trat mit einem raschen Schritt zwischen ihn und seinen knienden Bruder, brachte Cohen mit einem Blick zum Verstummen und wandte sich an Stanislas.</p><p>�Ich f�rchte, Sir, hier liegt ein Irrtum vor�, begann er umst�ndlich. �Ich wei� nicht, was zwischen Ihrem Bruder und Ihnen vorgefallen ist, aber ich gebe Ihnen mein Wort, da� wir nichts damit zu tun haben.�</p><p>Cohen II starrte ihn an, als s�he er ihn zum ersten Mal. �Das ist ein Trick�, keuchte er. �Ich glaube Ihnen nicht - wer immer Sie sein m�gen.�</p><p>Howard seufzte und hob die Hand. �La� ihn los, Rowlf�, sagte er.</p><p>Rowlf z�gerte einen Moment, lie� dann aber gehorsam Stans Arm und Nacken los und trat zur�ck, blieb jedoch in angespannter, sprungbereiter Haltung.</p><p>Stanislas Cohen erhob sich umst�ndlich, griff sich mit der Linken in den Nacken und blickte abwechselnd von Howard zu seinem Bruder und wieder zur�ck. In seinem Gesicht arbeitete es.</p><p>�F�nf Minuten�, sagte er schlie�lich. �Und keine Sekunde l�nger.�</p><p>Howard atmete erleichtert auf. �Ich f�rchte, es wird l�nger dauern, Ihnen alles zu erkl�ren�, begann er. �Aber vielleicht reicht die Zeit, Sie davon zu �berzeugen, da� wir wirklich nicht Ihre Feinde sind, Mister Cohen. Im Gegenteil.�</p><p>Das Mi�trauen in Stanislas� Blick flammte zu neuer Glut auf. �Was soll das hei�en?� fragte er lauernd.</p><p>�Das soll hei�en, da� wir deine Hilfe brauchen, Stan�, sagte Cohen.</p><p>Sein Bruder lachte, aber es klang nicht sehr am�siert. �Meine Hilfe?� fragte er. �Wobei? Willst du mich wieder ins Irrenhaus bringen, oder hast du dir etwas Neues einfallen lassen?�</p><p>Cohen schluckte, verzichtete aber auf eine Antwort, und nach einer kleinen Ewigkeit wandte sich sein Bruder wieder an Howard. �Eine Minute ist bereits um�, sagte er. �Sie sollten sich beeilen.�</p><p>Howard sog h�rbar die Luft zwischen den Z�hnen ein und begann zu erz�hlen.</p><empty-line/><p>Aus den f�nf Minuten war eine Stunde geworden, und wir redeten noch immer. Stanislas Cohen hatte uns durch einen verwahrlosten Korridor ins erste Gescho� des Hauses gef�hrt, wo es neben einer Reihe heruntergekommener Zimmer eine Art Bibliothek gab, in der wir uns jetzt aufhielten. Fred, der grauhaarige Butler Cohens, hatte Tee gebracht, und Cohen hatte nicht einmal protestiert, als Howard eine seiner stinkenden Zigarren entz�ndet und damit begonnen hatte, die Luft im Raum zu verpesten. Howard und ich hatten ihm - abwechselnd - fast alles erz�hlt, was wir erlebt hatten: angefangen von der mi�gl�ckten Ratteninvasion in mein Arbeitszimmer, �ber den �berfall auf Lady Audleys Wagen bis zu dem Angriff, den Cohen selbst miterlebt hatte. Das einzige, was wir wohlweislich ausgelassen hatten, war das <emphasis>Tor, </emphasis>durch das die Ratten gekommen waren, dies und alles, was mit den GROSSEN ALTEN zusammenhing. Stanislas hatte immer wieder Fragen gestellt und alles ganz genau wissen wollen, ohne auch nur mit einer Miene zu verstehen zu geben, da� er uns kein Wort glaubte.</p><p>�Und das ist also der Grund, aus dem Sie gekommen sind�, sagte er, nachdem wir endlich geendet hatten und Howard ersch�pft seine Zigarre ausdr�ckte - nur, um sich gleich eine neue anzuz�nden. In seinen Augen blitzte eine Mischung aus Schrecken und kam verhohlenem Triumph, als er seinen Bruder ansah.</p><p>�Deshalb hast du sie hierher gef�hrt.�</p><p>Wilbur nickte. Die Bewegung wirkte m�hsam, als koste sie ihn unendliche �berwindung. �Ja�, sagte er knapp.</p><p>�Dann glaubst du mir endlich?� fragte Stanislas.</p><p>�Das habe ich nicht gesagt�, schnappte Wilbur. �Und wenn du es genau wissen willst, Stan, glaube ich auch nicht an irgendwelchen okkulten Kram -�</p><p>�Wie zum Beispiel Menschen mit Rattenk�pfen?� warf sein Bruder sp�ttisch ein, aber Wilbur fuhr - in noch sch�rferem Tonfall als bisher fort: �- sondern nur an das, was ich gesehen habe. Und das waren Ratten, ganz normale Ratten, die pl�tzlich aus ihren L�chern gekrochen kamen und Menschen angegriffen haben.�</p><p>�Und wie erkl�rst du dir das?�</p><p>�Gar nicht�, sagte Wilbur zornig. �Da� ich hier bin, �ndert nichts an dem, was ich �ber dich denke oder f�r dich empfinde, Stan. Ich bin f�r die Sicherheit dieser Stadt und ihrer Einwohner verantwortlich, das ist alles, was mich zu interessieren hat. Ich habe gesehen, wie Ratten Menschen angegriffen haben, sehr viele Ratten, und es besteht die Gefahr, da� sie es wieder tun.�</p><p>�Robert scheint ziemlich sicher zu sein�, warf Howard betr�bt ein und sah mich dabei an.</p><p>Cohen schenkte ihm einen b�sen Blick und fuhr fort: �M�glicherweise war es nichts als eine Art Massenhysterie unter den Tieren. M�glicherweise waren sie aber auch krank, und ein Vorfall wie der wird sich wiederholen. Wir m�ssen das Versteck dieser Ratten ausfindig machen und sie vertreiben oder t�ten.�</p><p>�Ihr Bruder war der Meinung, da� Sie uns dabei helfen k�nnten�, f�gte ich hinzu.</p><p>Stan Cohen blickte abwechselnd von mir zu seinem Bruder. �Es mu� sehr ernst sein, wenn du deswegen zu mir kommst, Wilbur�, sagte er leise.</p><p>Cohen nickte. �Das ist es, Stan. Ich bitte dich um nichts als einen Waffenstillstand zwischen uns, bis diese Angelegenheit vorbei ist. Ich verspreche dir nichts.�</p><p>�K�nnen Sie uns helfen?� fragte Howard hastig, dem die ganze Situation immer peinlicher zu werden begann.</p><p>Einen Moment lang schien es, als h�tte Stanislas seine Worte gar nicht geh�rt, denn er starrte unverwandt seinen Bruder an, aber dann nickte er, stand auf und deutete mit einer einladenden Geste auf eine T�r in der Schmalseite des Raumes.</p><p>Als Stanislas Cohen die T�r �ffnete und mit einer einladenden Geste beiseite trat, verstand ich pl�tzlich, warum uns sein Bruder hierher gef�hrt hatte.</p><p>Der Raum hinter der T�r war eine unbeschreibliche Mischung aus B�cherei, Laboratorium, Werkstatt und Chaos - wobei das Chaos �berwog. �berall in dem gut drei�ig mal drei�ig Schritte messenden Raum standen Tische der unterschiedlichsten Gr��e, auf denen sich B�cher, Papiere, Glaskolben, Draht- und Glask�fige, Tiegel, T�pfe, Truhen und verwirrende Versuchsanordnungen in heillosem Durcheinander dr�ngten. Selbst auf dem Fu�boden setzte sich das Chaos fort, so da� es schwer schien, hier drinnen auch nur einen Schritt zu tun, ohne auf irgend etwas zu treten. Und in der Luft lag ein scharfer, durchdringender Geruch.</p><p>Der Geruch nach Ratten.</p><p>Es gab nichts in diesem Zimmer, was nicht irgendwie mit Ratten zu tun hatte. Die B�cher, die sich schier zu Tausenden neben- und �bereinander stapelten, handelten von Ratten, auf den Papierfetzen, die �berall herumlagen, waren hingekritzelte Zeichnungen der grauen Nager, in den K�figen befanden sich lebende und tote Ratten. Einige Tiere lagen halb seziert - und dem Geruch nach zu urteilen, bereits in Verwesung �bergegangen - auf den Tischen oder zappelten in Versuchsanordnungen, deren Sinn Howard nicht einmal zu erraten wagte.</p><p>�Das ... ist sehr interessant�, sagte ich z�gernd.</p><p>Cohen II stie� einen schwer zu deutenden Laut aus. �Interessant?� wiederholte er. �Verr�ckt, wollten Sie sagen, nicht wahr?� Er lachte b�se, als ich schuldbewu�t aufsah und vergeblich versuchte, �berzeugend den Kopf zu sch�tteln.</p><p>�Mein verehrter Bruder h�lt mich f�r total �bergeschnappt�, fuhr er fort, �und er hat in den letzten zehn Jahren nichts unversucht gelassen, auch den Rest der Welt davon zu �berzeugen, da� ich in ein Irrenhaus geh�re. Aber das hier ist die Wahrheit!�</p><p>Erregt trat er vollends in den Raum hinein und machte eine weit ausholende Handbewegung. �Sie denken, ich w�re verr�ckt, wie? Sie denken, ich glaube Ihnen nicht? Ich wei� nur zu gut, wie verdammt recht Sie haben.�</p><p>�Die Ratten -�, begann Howard unsicher, wurde aber sofort wieder von Stan unterbrochen.</p><p>�Ich habe die letzten zehn Jahre damit verbracht, sie zu studieren�, schnappte der H�ne. �Und glauben Sie mir, ich wei� alles �ber sie. Ich wei�, wie sie leben. Ich wei�, was sie m�gen und was sie f�rchten. Ich wei�, wie sie denken. Wenn Sie jemanden suchen, der Ihnen helfen kann, diese wei�e Bestie zu finden, dann mich.�</p><p>�Sie wissen, wo sie ist?� fragte ich erregt.</p><p>Cohen II sch�ttelte so heftig den Kopf, da� seine Haare flogen. �Nein�, sagte er. �Aber ich wei�, wie wir sie finden k�nnen. Ich bin der einzige, der Sie zu ihr f�hren k�nnte.�</p><p>Howard sah beinahe hilfesuchend zu Wilbur Cohen, aber der Blick des Captains war starr auf seinen Bruder gerichtet. Auf seinen Z�gen spiegelte sich eine schwer zu beschreibende Mischung aus Schrecken, Abscheu und Mitleid.</p><p>�Es k�nnte ... gef�hrlich werden�, sagte ich stockend.</p><p>Stanislas Cohen lachte schrill. �Gef�hrlich?� kreischte er. �Sie belieben zu scherzen, wie? Es ist der reine Selbstmord, diese Bestie in ihrem Bau angreifen zu wollen. Dort unten wimmelt es von Ratten. Ratten und ... anderen Dingen.�</p><p>Howard sah ihn scharf an. �Dort unten?� wiederholte er. �Was meinen Sie damit? Wo?�</p><p>Stanislas lachte wieder, wandte sich halb zu seinem Bruder um und blickte ihn eine Sekunde lang triumphierend an, ehe er antwortete. �Dort, wo sie lebt. Die K�nigin der Ratten, Phillips. Die wahre Herrscherin �ber London.�</p><p>�Fang nicht schon wieder an, Stan�, sagte Wilbur.</p><p>Cohen II fuhr mit einem w�tenden Zischen herum. Seine Gestalt spannte sich, als wolle er sich auf seinen Bruder st�rzen. �Du glaubst mir noch immer nicht, wie?� fragte er. �Vielleicht wirst du mir glauben, wenn du ihr Auge in Auge gegen�berstehst, Wilbur. Aber m�glicherweise ist es dann zu sp�t.� Er ballte die F�uste, funkelte seinen Bruder noch eine Sekunde lang zornig an und wandte sich dann wieder an mich.</p><p>�Ich werde Sie hinbringen�, sagte er, m�hsam beherrscht. �Unter einer Bedingung.�</p><p>�Welche?� fragte ich mi�trauisch.</p><p>Stanislas� Gesicht verzerrte sich zu einer h�hnischen Grimasse. �Wir gehen allein�, sagte er. �Nur Sie und ich und Ihr Freund. Und Wilbur.�</p><p>�Das ist Wahnsinn!� fuhr Howard auf. �Sie wissen nicht, was -�</p><p>�Ich wei� mehr als Sie, Sie Narr�, unterbrach ihn Stanislas w�tend. �Sie glauben, Ihr Besuch �berrascht mich? Keineswegs. Ich wu�te die ganze Zeit, da� es eines Tages geschehen w�rde. Ich habe es in <emphasis>ihren </emphasis>Augen gelesen, als ich <emphasis>ihr </emphasis>gegen�berstand. Ich wu�te, da� <emphasis>sie </emphasis>irgendwann damit beginnen w�rde, uns zu zeigen, wer der wahre Herr dieser Stadt ist. Und vielleicht dieser Welt.�</p><p>Ich schauderte, als Cohen II die letzten Worte sprach. Pl�tzlich begriff ich, da� Wilbur Cohen seinem Bruder vielleicht nicht so vollkommen unrecht getan hatte, wie dieser glaubte. Stanislas war ... sonderbar, vorsichtig ausgedr�ckt.</p><p>Aber er war auch wahrscheinlich der einzige, der uns jetzt noch helfen konnte.</p><p>�Nun?� fragte Stanislas Cohen, w�hrend er abwechselnd seinen Bruder, mich und Howard ansah. Schlie�lich nickte Cohen I, wenn er sich auch nicht einmal M�he gab, das Unbehagen zu verbergen, das er dabei empfand.</p><p>�Dann kommt morgen fr�h wieder�, fuhr Cohen II fort. �Sobald die Sonne aufgeht -�</p><p>�Soviel Zeit bleibt uns nicht�, fiel ich ihm ins Wort.</p><p>Beide Cohens sahen mich �berrascht an, und auch Howard runzelte die Stirn.</p><p>�Es ist eilig�, fuhr ich fort. �Bitter, Mister Cohen - wir w�ren nicht hier, wenn wir Zeit h�tten. Wir m�ssen diese Albinoratte finden, bevor ...�</p><p>�Bevor <emphasis>was?� </emphasis>fragte Wilbur Cohen scharf.</p><p>�Lady Audley ist verletzt�, sagte ich anstelle einer direkten Antwort. �Sie war schon in schlechtem Zustand, als wir in die Kapelle gefl�chtet sind. Ich f�rchte, wir werden nur noch eine Tote bergen, wenn wir bis morgen warten.�</p><p>Das war eine glatte L�ge, zumindest, was die Behauptung anging, da� Lady Audley verletzt war, aber sie zeigte Wirkung. Cohen sah ziemlich erschrocken aus, als h�tte ich ihn an etwas erinnert, was er von selbst h�tte wissen m�ssen, und auch sein wei�haariger Bruder nickte blo�.</p><p>�Dann brechen wir gleich auf�, sagte er. �Es spielt auch gar keine Rolle, ob wir bei Tag oder Nacht dort hinuntersteigen.�</p><p>�Wo hinunter?� fragte Howard.</p><p>�In die Untergrundbahn, Mister Phillips�, antwortete Cohen. �Wohin denn sonst?�</p><empty-line/><p>Es dauerte schlie�lich doch noch l�nger als eine Stunde, bis wir Stanislas Cohens heruntergekommene Villa verlie�en; ohne Rowlf, der trotz seiner geharnischten Proteste zur�ckgeblieben war - zum einen, weil Cohen II darauf bestand, zum anderen, weil sowohl Howard als auch mir einfach wohler bei dem Gedanken war, da� es noch jemanden gab, der wu�te, wohin wir gegangen waren - nur f�r den Fall, da� wir nicht wiederkamen. Cohens altersschwacher Diener kutschierte uns zur U-Bahn-Station am Piccadilly Circus, wo wir ausstiegen und wie ganz normale Reisende die Treppe hinuntergingen und ein Billett l�sten.</p><p>Ich schauderte ein bi�chen, als ich hinter Howard und den beiden ungleichen Br�dern durch die Sperre ging und auf den unterirdischen Bahnsteig trat. Ich hatte die U-Bahn niemals gemocht. Tats�chlich war ich nur ein einziges Mal damit gefahren, obwohl ich seit einem halben Jahr in der Themsestadt lebte und sie unbestreitbar das bequemste - und manchmal, wenn die Stra�en mit Droschken und Pferdewagen vollgestopft waren, auch das schnellste - Verkehrsmittel darstellte. Aber die hohen, wei�gekachelten halbrunden Tunnel und G�nge erf�llten mich mit Unbehagen, und obgleich die mannsdicken St�tzpfeiler aus gutem Beton jeden Zweifler davon �berzeugen mu�ten, da� sie sicher waren, hatte ich stets ein wenig das Gef�hl, unter einem zusammenbrechenden Berg begraben zu sein. Vielleicht kam es daher, da� ich schon immer Angst vor H�hlen und unterirdischen Stollen gehabt hatte. Es war einfach ein bizarres Gef�hl, zu wissen, da� sich nur wenige Yards �ber meinem Kopf nichts weniger als eine ganze Stadt erhob, mit all ihren H�usern und Menschen und Fahrzeugen.</p><p>Wir n�herten uns der Bahnsteigkante, und wie auf Bestellung kam in diesem Moment auch schon ein U-Bahn-Zug herangerattert. Wie ein gro�er Wurm aus Stahl mit zahllosen rechteckigen gelbleuchtenden Augen scho� er aus dem Tunnel hervor und bremste dicht vor uns ab. Aber Stan Cohen hob nur abwehrend die Hand, als ich einen Schritt machen wollte, um den Zug zu betreten.</p><p>Verwirrt wartete ich, was weiter geschah. Die T�ren des Zuges �ffneten sich, und Menschen stiegen aus; Augenblicke sp�ter ergo� sich ein zweiter Passantenstrom in umgekehrter Richtung in den Wagen hinein, und nach knapp einer Minute fuhr der ganze Zug wieder ab. Obwohl dies alles einen sehr chaotischen Eindruck machte, ging es doch in Wahrheit sehr schnell und diszipliniert, einer Ordnung gehorchend, die ich nicht erkennen konnte, und die meine Aversion gegen diese Art der Fortbewegung noch steigerte. Ich fand es irgendwie unnat�rlich, wenn sich Menschen wie Heringe in eine Blechb�chse zw�ngten, nur um ein paar Minuten schneller von einem Ort zum anderen zu gelangen. Nein, da lobte ich mir schon meinen guten altmodischen Zweisp�nner. Und ich glaubte auch nicht, da� sich diese Art der Fortbewegung auf Dauer durchsetzen w�rde. Fr�her oder sp�ter w�rden die Leute sicher vern�nftig werden und dieses l�rmmachende stinkende Ding dorthin werfen, wo es hingeh�rt: auf den Schrottplatz.</p><p>Ich verscheuchte den Gedanken und wandte mich mit einem fragenden Blick an Stan Cohen. Dieser wartete, bis der Zug vollends im Tunnel verschwunden war, warf einen sichernden Blick nach rechts und links - und sprang mit einem Satz auf die Geleise herunter. Ein paar Reisende, die den Bahnsteig noch nicht verlassen hatten oder auf den n�chsten Zug warteten, sahen erstaunt auf, aber Cohen ignorierte sie und gab uns mit ungeduldigen Gesten zu verstehen, da� wir ihm folgen sollten.</p><p>Mein ungutes Gef�hl steigerte sich zu etwas, das verd�chtig an Angst erinnerte, aber ich gehorchte, ebenso wie Howard und Cohen I. Kaum hatten wir es getan, da drehte sich Stan herum und begann mit weit ausgreifenden Schritten in den Tunnel hineinzulaufen, in dem der Zug gerade verschwunden war.</p><p>�Beeilt euch!� rief er. �Der n�chste Zug kommt in viereinhalb Minuten. Und pa�t auf, da� ihr nicht an die Leitungen sto�t.�</p><p>�Was f�r Leitungen?� fragte ich.</p><p>Stanislas deutete im Laufen auf eine Anzahl d�nner, straff gespannter Dr�hte, die zwischen den Schienen entlangf�hrten. �Sie stehen unter Strom�, sagte er.</p><p>Ich beeilte mich, zu ihm aufzuschlie�en, wobei ich mich so weit von den harmlos aussehenden Dr�hten entfernt hielt, wie es �berhaupt m�glich war. Ich selbst hatte noch keinen elektrischen Strom in meinem Haus am Ashton Place, weil ich - wie gesagt - wenig von diesem neumodischen Kram hielt - aber ich hatte bereits schmerzhafte Erfahrungen mit dieser Erfindung gemacht. Au�erdem fragte ich mich, wie weit man in knapp viereinhalb Minuten - jetzt waren es wahrscheinlich nur noch vier - wohl gehen konnte. Das Ergebnis, zu dem ich kam, gefiel mir nicht besonders.</p><p>Aber der Weg war nicht sehr weit. Cohen f�hrte uns knapp hundertf�nfzig Yard weit in den Tunnel hinein, dann blieb er stehen, sah sich suchend um und ri� schlie�lich ein Streichholz an. Der flackernde gelbe Schein der Flamme zeigte uns eine niedrige, sehr massiv aussehende T�r, an der wir ohne seine F�hrung glattweg vorbeigelaufen w�ren.</p><p>�Dort hinein�, sagte er. �Und pa�t auf die Dr�hte auf!�</p><p>Die Warnung w�re �berfl�ssig gewesen. Ich trat mit einem fast grotesk aussehenden, �bertrieben gro�en Schritt �ber die stromf�hrenden Leitungen hinweg, �berquerte auch das zweite Gleis auf die gleiche Art und wartete ungeduldig, da� er die T�r �ffnete. Sie war abgeschlossen, aber Cohen hatte den passenden Schl�ssel. Ich h�rte das altersschwache Schlo� knirschen, als er ihn herumdrehte.</p><p>Die T�r mu�te seit Ewigkeiten nicht mehr ge�ffnet worden sein, denn die Angeln quietschten erb�rmlich, und selbst Stanislas� Gigantenkr�fte schienen kaum auszureichen, die T�r weit genug zu �ffnen, da� wir hindurchschl�pfen konnten.</p><p>Sein Streichholz verlosch, als wir es taten. Blind hob ich die H�nde, bekam Stans Jacke zu fassen und lie� mich einfach von ihm mitziehen. Hinter mir fluchte Wilbur Cohen halblaut.</p><p>Das Ungl�ck geschah, als sich Howard an mir vorbeizw�ngte und den Weg f�r Wilbur freimachte. Hinter uns erklang pl�tzlich ein weiterer Fluch, dann ein helles, widerlich zischendes Ger�usch, und pl�tzlich schrie Cohen auf. Ich fuhr herum und sah, wie er mit wild rudernden Armen auf uns zutaumelte. Aus zweien der Dr�hte hinter ihm schlugen zischende Funken. Sein rechtes Hosenbein rauchte. Voller Entsetzen begriff ich, da� er die Dr�hte ber�hrt haben mu�te.</p><p>Howard griff gedankenschnell zu und fing Cohen auf, als er zusammensackte. Mit vereinten Kr�ften schleiften wir Cohen durch die T�r. Er st�hnte, aber das bewies in diesem Moment nur, da� er noch lebte. Wenigstens war der Stromschlag nicht t�dlich gewesen.</p><p>Stan Cohen schlo� die T�r, hantierte eine Weile lautstark herum und ri� schlie�lich ein zweites Streichholz an.</p><p>Was die blasse Halbkugel aus Licht diesmal enth�llte, gefiel mir noch sehr viel weniger als das, was ich drau�en im Tunnel gesehen hatte: wir befanden uns in einem winzigen, w�rfelf�rmigen Raum, der vor sehr, sehr langer Zeit einmal als Lager gedient haben mu�te - an den W�nden standen vermoderte Regale, auf denen sich alle m�glichen Werkzeuge stapelten, dazu andere Dinge, die so verfault und mit Schimmelpilz und Moder �berwuchert waren, da� man nicht mehr erkennen konnte, worum es sich einmal gehandelt hatte.</p><p>Cohen beugte sich ohne eine Spur echter Sorge im Gesicht �ber seinen Bruder. Mit Bewegungen, die gro�e medizinische Erfahrung verrieten, hob er sein Augenlid an, blickte einen Moment in seine Pupille und wandte sich dann ohne ein Wort seinem Bein zu.</p><p>Ich st�hnte auf, als ich die h��liche Brandwunde sah, die der Inspektor davongetragen hatte. Er mu�te entsetzliche Schmerzen haben.</p><p>�Alles in Ordnung?� fragte Stan.</p><p>Cohen I nickte gepre�t. �Es ... geht schon�, sagte er. �Oh, verdammt, tut das weh.�</p><p>�Wir m�ssen ihn zur�ckbringen�, sagte Howard. �Der Mann mu� zum Arzt.�</p><p>Stanislas Cohens Streichholz erlosch abermals. Wortlos z�ndete er ein neues an, sah einen weiteren Moment auf seinen Bruder hinab und sch�ttelte schlie�lich den Kopf.</p><p>�Nein�, sagte er. �Sie selbst haben gesagt, da� Sie keine Zeit haben, oder?�</p><p>Ich wollte widersprechen, aber diesmal kam Wilbur seinem Bruder zu Hilfe. �Stan hat recht, Phillips�, sagte er. �Lassen Sie mich hier. Es ... wird schon gehen, wenn ich einen Moment ausruhen kann.� Er bi� die Z�hne zusammen. �Ich warte hier auf euch. Wenn ihr in einer Stunde nicht zur�ck seid, dann lasse ich euch suchen.�</p><p>�Okay�, sagte Stan, in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Er blies sein Streichholz aus, z�ndete sofort ein neues an und suchte eine Weile hektisch auf den Regalen herum, bis er eine Anzahl gro�er, staubverkrusteter Fackeln fand. Zu meiner �berraschung fingen sie sofort Feuer, als er sein Streichholz daranhielt. Rasch reichte er jedem von uns einen der brennenden St�be, klemmte sich eine Anzahl Reserve-Fackeln unter den freien Arm und deutete auf die jenseitige Wand.</p><p>Es gab dort einen zweiten Durchgang, der nur roh mit einer Anzahl moderiger Bretter versperrt war. Stanislas beseitigte sie auf eine sehr direkte Art - mit einem wuchtigen Fu�tritt, der das vermoderte Holz wie S�gesp�ne auseinanderbersten lie�.</p><p>Aber ich z�gerte noch, ihm zu folgen, und wandte mich noch einmal an seinen Bruder. Mir war nicht wohl dabei, Cohen hier einfach zur�ckzulassen.</p><p>Der Captain schien meine Gedanken zu erraten. �Gehen Sie ruhig, Craven�, sagte er. �Ich habe schon ganz andere Sachen ausgehalten. Vielleicht ist es ganz gut, wenn ihr ein bi�chen ... R�ckendeckung habt.� Er sah rasch zu seinem Bruder hin�ber und senkte die Stimme, ehe er weitersprach.</p><p>�Passen Sie auf ihn auf, ja?� bat er. �Er ist ...�</p><p>�Ich verstehe schon�, sagte ich. �Eine Stunde, okay?�</p><p>Cohen nickte. �Keine Sekunde mehr.�</p><p>Widerstrebend stand ich auf und trat neben Stan an den aufgebrochenen Tunneleingang. Dahinter erkannte ich den Anfang eines niedrigen, halbrunden Tunnels mit nur roh bearbeiteten W�nden.</p><p>Und er war nicht leer.</p><p>Nur wenige Schritte hinter dem Eingang lag ein Skelett. Ein <emphasis>menschliches </emphasis>Skelett.</p><p>�Gro�er Gott!� entfuhr es Howard, als er neben mich trat und sah, was dort als Begr��ung auf uns wartete. �Was ist das?�</p><p>�Jemand, der leichtsinnig genug war, hier herunter zu kommen�, antwortete Stan Cohen. Er grinste, aber auf eine Art, die mir ganz und gar nicht gefiel.</p><p>�Aber der tut Ihnen nichts mehr�, f�gte er hinzu. Ich schenkte ihm einen finsteren Blick und schob mich, mit dem R�cken dicht gegen die Wand gepre�t, an dem grausigen Knochenhaufen vor�ber. Das rote, flackernde Licht der Fackel schien den Totensch�del in Blut zu tauchen, und die zuckenden Schatten der hin- und hertanzenden Flamme f�llten die leeren Augenh�hlen mit scheinbarem Leben.</p><p>Aber vielleicht war es nicht ganz so <emphasis>scheinbar, </emphasis>wie es im ersten Moment ausgesehen hatte. Ganz pl�tzlich bewegte sich der Sch�del. Ein helles, schabendes Ger�usch drang durch den grauen Knochen, und mit einem Male rollte der Totensch�del zur Seite, wippte wie ein angesto�ener Ball noch ein paarmal hin und her, und der Unterkiefer klappte wie zu einem h��lichen Grinsen herab.</p><p>Aus dem offenstehenden Mund des Totensch�dels kroch eine haarige, schwarze Ratte und verschwand aus dem unregelm��igen Halbkreis rotgelber Helligkeit, den die Fackeln vor uns in den Gang zauberten. Ihre Schritte waren noch sekundenlang als leises, irgendwie metallisches Trappeln und Schaben zu h�ren. Und selbst danach bildete ich mir noch ein, die Blicke unsichtbarer kleiner Augen aus der Dunkelheit heraus zu f�hlen.</p><p>Trotz der K�lte, die den Gang wie ein gl�serner Hauch ausf�llte, perlte Schwei� auf meiner Stirn, und meine Handfl�chen f�hlten sich pl�tzlich feucht und klebrig an. Ich hielt die Fackel viel fester, als n�tig gewesen w�re. Mein Blick irrte unabl�ssig durch den niedrigen, gew�lbten Gang vor, saugte sich an der samtschwarzen Wand aus Dunkelheit fest und versuchte Umrisse zu erkennen, wo nur Schw�rze und Finsternis waren.</p><p>�Wohin ... f�hrt dieser Gang?� fragte ich. Meine Stimme kam mir fremd vor; die bizarre Akustik dieses unterirdischen Ganges verzerrte sie, und ihr Klang verriet mehr von meiner Nervosit�t, als mir recht war.</p><p>Stan Cohen, der wenige Schritte vor mir ging und mit seinen breiten Schultern den Stollen beinahe ausf�llte, blieb stehen, drehte sich halb um und grinste fl�chtig, ehe er antwortete. �Nach unten, Mister Craven. Weiter nach unten. Zur Subway, um genau zu sein. Wenn auch zu einem Teil, den kaum noch jemand kennt.�</p><p>Ich sah den wei�haarigen H�nen fragend an. �Kaum noch? Wissen Sie, Cohen, ich bin Amerikaner und noch nicht lange Zeit in London, aber die Subway -�</p><p>�Ich wei�, was Sie sagen wollen�, unterbrach mich Stanislas. �Sie haben gerade vor ein paar Jahren erst angefangen, die Untergrundbahn zu bauen.�</p><p>�So viel ich wei�, sind gerade erst ein paar Meilen fertig�, best�tigte ich. �Aber ein Gang, den <emphasis>kaum noch jemand kennt, </emphasis>bedingt ein ziemliches Alter.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Cohen. �Aber Sie werden schon sehen, was ich meine. Kommen Sie - wir haben nicht viel Zeit.�</p><p>Wir gingen weiter. Ich hielt mich dicht hinter Cohen, und trotz der Dunkelheit und der Massen von Schutt und Abfall, die den Boden bedeckten und das Gehen teilweise zu einem halsbrecherischen Abenteuer werden lie�en, kamen wir schnell voran. Mein Orientierungssinn war genauso durcheinander geraten wie mein Zeitgef�hl, seit wir das unterirdische Labyrinth betreten hatten, aber wir mu�ten weit mehr als eine Meile zur�ckgelegt haben, als Stan Cohen abermals stehenblieb, den Zeigefinger auf die Lippen legte, seine Fackel l�schte und uns mit Gesten bedeutete, es ihm gleichzutun.</p><p>Ich legte gehorsam die Fackel zu Boden und hob den Fu�, z�gerte aber, sie auszutreten. F�r einen kurzen Moment glaubte ich einen Totensch�del zu sehen, aus dessen leeren Augenh�hlen schwarze, haarige Ratten hervorquollen.</p><p>Ich sch�ttelte die Vorstellung ab, aber es gelang mir nicht vollkommen; es blieb ein dumpfes, bohrendes Gef�hl der Beunruhigung zur�ck, das beinahe schlimmer war als wirkliche Angst. Die Vorstellung, hier unten schutzlos der Dunkelheit ausgesetzt zu sein, war mir unertr�glich. Aber es mu�te sein. Cohen hatte uns lang und breit genug erkl�rt, wie licht- und ger�uschempfindlich <emphasis>sie </emphasis>waren. Was uns geschehen konnte, wenn ihr Vorhaben fehlschlug, hatte er uns nicht erkl�rt.</p><p>Aber das war auch nicht n�tig. Meine Phantasie reichte durchaus, es sich in allen nur denkbaren - und ein paar undenkbaren - Einzelheiten auszumalen.</p><p>�Nun machen Sie schon!� sagte Cohen ungeduldig.</p><p>Mit einem resignierenden Seufzen senkte ich den Fu� auf das Ende der Fackel.</p><p>Die Dunkelheit schlug wie eine erstickende Woge �ber uns zusammen. Und danach - wie in einem zweiten, noch wuchtigeren Hieb - die Furcht. Es war ein bizarres Gef�hl: es war keine Furcht, wie ich sie schon einmal erlebt oder gekannt h�tte, sondern ein Empfinden von solcher Direktheit und Wucht, da� meine intellektuelle Gegenwehr versagte. F�r Sekunden hatte ich meine Gedanken nicht mehr unter Kontrolle, und meine �berreizte Phantasie gaukelte mir Dinge vor, die nicht da waren - das Rascheln und Schleifen gro�er pelziger Leiber, die uns in der Dunkelheit umschlichen; ein leises, irgendwie boshaftes Quieken und Zischeln, das fast �berm�chtige Gef�hl, beobachtet, nein, schlimmer noch - <emphasis>belauert </emphasis>zu werden ...</p><p>Ich pre�te die Kiefer so fest aufeinander, da� meine Z�hne h�rbar knirschten. Der Schmerz trieb mir die Tr�nen in die Augen, aber er verscheuchte auch die Bilder, die aus meinem Unterbewu�tsein hervorstiegen. Trotzdem blieb ich noch sekundenlang mit geballten F�usten und fast krampfhaft zusammengepre�ten Lidern stehen, ehe ich es wagte, mich zu entspannen und vorsichtig die Augen zu �ffnen.</p><p>Im ersten Moment sah ich weiter nichts als undurchdringliche Schw�rze, dann glaubte ich einen sanften Hauch gr�nlichen Lichtes zu erkennen, irgendwo vor uns, in unbestimmbarer Entfernung. Stoff raschelte, direkt neben mir bewegte sich ein Schatten, und eine Hand ber�hrte mich an der Schulter.</p><p>�Alles wieder in Ordnung?� fragte Cohen.</p><p>Ich nickte, erst dann fiel mir ein, da� Cohen die Bewegung in der Dunkelheit schwerlich sehen konnte, und sagte: �Ja.�</p><p>Cohen richtete sich neben mir zu seiner vollen Gr��e auf. �Ich wei�, da� Sie halb verr�ckt sind vor Angst�, sagte er. �Das geht hier unten jedem so. Selbst mir. Ich war schon unz�hlige Male hier unten, und es ist jedes Mal genauso schlimm wie am ersten Tag.� Er schwieg einen ganz kurzen Moment, und als er weitersprach, war seine Stimme h�rbar ver�ndert.</p><p>�Ich wei� nicht, was es ist�, sagte er. �Es mu� irgend etwas mit diesen G�ngen zu tun haben. Vielleicht eine Art Gas, das hier unten in der Luft liegt.� Seine Stimme h�rte sich nicht so an, als glaube er selbst an die Begr�ndung, die er sich zurecht gelegt hatte. Aber die Worte brachten mich auf etwas anderes, das Cohen gesagt und was ich schon fast vergessen hatte.</p><p>�Wie meinen Sie das - diese G�nge? Vorhin -�</p><p>�Ich wei�, was ich vorhin gesagt habe�, unterbrach mich Cohen. �Kommen Sie - es ist viel einfacher, wenn Sie selbst sehen, was ich gemeint habe.� Er drehte sich herum, ergriff mich einfach am Handgelenk und f�hrte mich wie ein kleines Kind hinter sich her. Trotz der beinahe vollkommenen Dunkelheit bewegte er sich mit traumwandlerischer Sicherheit. Entweder, �berlegte ich, hatte er Augen wie eine Katze, oder er war schon so oft hier gewesen, da� er buchst�blich jeden Fu�breit Boden kannte. Die zweite Erkl�rung schien mir wahrscheinlicher.</p><p>Meine Geduld wurde auf keine harte Probe mehr gestellt. Der sonderbare Schein nahm rasch an Intensit�t zu und wurde zu einem fast taghellen, sanftgr�nen Licht, das den gew�lbten Stollen auf eine L�nge von mehr als f�nfzig Schritten erhellte. Dann sah ich auch, woher er kam:</p><p>Der Gang erstreckte sich gerade vor uns, so weit der Blick reichte, aber in einer Entfernung von kaum zwanzig Schritten klaffte im Boden ein kreisrundes, gut mannsgro�es Loch, aus dem ein gr�nliches, sonderbar flackerndes Licht drang.</p><p><emphasis>Nein, </emphasis>verbesserte ich mich in Gedanken. <emphasis>Nicht drang. Flo�. Es </emphasis>war das einzige Wort, das mir passend erschien. Vorhin, als ich den gr�nen Schein das erste Mal bemerkt hatte, war er mir nur sonderbar vorgekommen, obwohl er auf beunruhigende Weise an das gr�ne Teufelslicht erinnerte, das ich in der vergangenen Nacht auf dem Friedhof von St. Aimes gesehen hatte. Jetzt wirkte er bedrohlich. Es war das absonderlichste Licht, das ich jemals erblickt hatte: es schien sich - obgleich ich sehr wohl wu�te, da� dies eine physikalische Unm�glichkeit war - langsam zu bewegen, tr�ge, wie in schwerf�lligen, wellenf�rmigen Sch�ben, als w�re es gar kein richtiges Licht, sondern eine Art leuchtendes Gas oder Wasser. Und es war <emphasis>unangenehm.</emphasis></p><p>�Was ist das?� fragte ich.</p><p>Stanislas Cohen blieb abrupt stehen, drehte mit einem w�tenden Ruck den Kopf und starrte mich an. �Sie sollen still sein, zum Teufel!� zischte er. �Wir sind ihnen sehr nahe.� Er deutete auf den Schacht, der jetzt keine drei Schritte mehr vor uns lag. �K�nnen Sie klettern?�</p><p>Ich nickte. Cohen machte eine Grimasse, die wie ein unausgesprochenes <emphasis>Wenigstens etwas </emphasis>aussah, ging rasch bis zum Rand des Schachtes und kniete umst�ndlich nieder. Als Howard und ich neben ihm anlangten, sahen wir, da� eine Anzahl rostiger Eisenringe an seiner gegen�berliegenden Seite in die Tiefe f�hrte. Sie waren nicht genau untereinander, sondern versetzt angeordnet, doch man konnte sie mit einigem Geschick als Leiter benutzen. Ich vermochte allerdings nicht zu erkennen, wo sie endeten, denn das fremdartige Licht war hier sehr viel intensiver, so da� sich der Schacht schon nach wenigen Yard in wirbelnden gr�nen Schleiern aufzul�sen schien.</p><p>Cohen nickte mir noch einmal aufmunternd zu, ging - ohne sich dabei aus der Hocke zu erheben, was seine Art der Fortbewegung einigerma�en komisch aussehen lie� - um den Schacht herum und begann unverz�glich die Ringleiter hinabzusteigen. Wir mu�ten ihm folgen, ob wir wollten oder nicht. Aber das unangenehme Gef�hl, das ich dabei hatte, wurde immer st�rker; mit jeder Stufe.</p><empty-line/><p>Der Abstieg war sehr m�hsam, denn der Abstand der eisernen Ringe war nirgendwo gleich, und zudem hatte die Zeit hier unten ihren Tribut gefordert: mehrere Ringe waren zerfallen oder fehlten ganz, so da� mein Fu� mehr als einmal ins Leere stie� und ich mich auf abenteuerliche Weise zum n�chsten Ring hangeln mu�te. Einmal verlor ich gar den Halt und hing endlose Sekunden lang an nur einer Hand �ber dem Nichts, ehe Cohen nach oben griff und meine wild pendelnden F��e festhielt, um sie zum n�chsten sicheren Ring zu schieben.</p><p>Ich war in Schwei� gebadet, als wir endlich den Grund des bizarren Schachtes erreichten und unter unseren F��en wieder fester Boden war. Aufatmend drehte ich mich herum, wollte einen Schritt machen - und unterdr�ckte im letzten Augenblick einen entsetzten Aufschrei, als Cohen mich grob beim Jackenkragen ergriff und zur�ckzerrte.</p><p>Was ich f�r sicheren Boden gehalten hatte, war ein kaum doppelt handbreiter, gemauerter Sims, hinter dem die Wand senkrecht abbrach und weitere drei�ig, vierzig Fu� in die Tiefe f�hrte. Der Boden darunter war von wirbelnder, einzeln nicht erkennbarer Bewegung erf�llt. Ein widerlicher Gestank lag in der Luft und machte das Atmen schwer.</p><p>Cohen bedeutete uns mit Gesten, still zu sein, lie� sich abermals in die Hocke sinken und rutschte so lange hin und her, bis er auf dem Sims sa� und seine Beine frei �ber dem Abgrund pendelten. Umst�ndlich griff er in seine Rocktasche, f�rderte zwei zusammengefaltete wei�e T�cher und ein kleines Fl�schchen zutage, �ffnete dessen Verschlu� und tr�nkte die beiden Lappen damit, ehe er einen davon Howard reichte.</p><p>Howard schn�ffelte. �Ammoniak?� fragte er verwundert.</p><p>Cohen nickte �rgerlich, griff in seine andere Tasche und zog einen faustgro�en Glaskolben hervor, in dem eine farblose Fl�ssigkeit schwappte. �Wenn ich das Ding hier werfe�, fl�sterte er, �dann pressen Sie sich das Tuch vors Gesicht und atmen hindurch. Auf keinen Fall nehmen Sie es herunter, ehe ich Ihnen das Zeichen gebe - verstanden?�</p><p>Howard - und erst recht ich - verstanden ganz und gar nicht. Aber ich nickte trotzdem, sog mir die Lungen noch einmal voller Luft und pre�te den ammoniakgetr�nkten Lappen auf Cohens Zeichen hin vor Mund und Nase.</p><p>Cohen holte aus, warf den Glaskolben in die Tiefe und hob hastig sein eigenes Tuch. Irgendwo unter uns klirrte Glas, und pl�tzlich war die H�hle voller pfeifender und quietschender Laute und unruhiger Bewegung.</p><p>Ohne das gr�ne Licht h�tte ich kaum erkennen k�nnen, was unter uns vorging, denn der Ammoniakgestank trieb mir die Tr�nen in die Augen; meine Kehle schien zu verbrennen, und mir wurde augenblicklich �bel. Trotzdem pre�te ich das Tuch mit beinahe verzweifelter Kraft gegen Mund und Nase und zwang mich, die �tzende Luft einzuatmen. In dem Glaskolben mu�te sich irgendein Gas befinden, giftiges Gas h�chstwahrscheinlich. Das Ammoniak in dem Tuch neutralisierte die t�dliche Wirkung.</p><p>Wenigstens hoffte ich, da� es das tat.</p><p>Das Pfeifen und Quietschen unter uns wurde allm�hlich leiser. In meinem Kopf begann sich langsam alles zu drehen, und meine Augen waren so voller Tr�nen, da� ich nur wie durch Nebel hindurch sah, wie Cohen nach einer Weile sein Tuch senkte, vorsichtig die Luft einsog und Howard und mir zunickte.</p><p>Ich nahm das Tuch herunter und atmete gierig ein halbes dutzendmal ein und aus. Die Luft roch noch immer scheu�lich, und es war jetzt noch ein neuer, widerw�rtiger Geruch hinzugekommen, der eine leicht benommen machende Wirkung auszu�ben schien. Aber nach dem fl�ssigen Feuer, das ich minutenlang geatmet hatte, erschien mir all dies wie ein Labsal.</p><p>�Kommen Sie, Craven�, sagte Cohen ungeduldig. �Die Wirkung h�lt nicht sehr lange vor. Ich m�chte weit weg sein, wenn sie wiederkommen.� Er stand auf, balancierte mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem schmalen Steg entlang und winkte uns ungeduldig, ihm zu folgen.</p><p>Der Sims f�hrte gut drei�ig Schritte weit an der Wand entlang und endete vor einer schmalen, in k�hnem Winkel in die Tiefe f�hrenden Rampe. Ich blieb unwillk�rlich stehen, als ich hinter Cohen auf die erste Stufe trat und den Boden der H�hle erkennen konnte.</p><p>Er war voller Ratten.</p><p>Obgleich ich den Anblick erwartet hatte, str�ubte sich sekundenlang alles in mir dagegen, weiterzugehen. Es mu�ten Tausende von Ratten sein, die dicht gedr�ngt auf den ausgewaschenen Steinen lagen, und l�ngst nicht alle von ihnen waren tot oder g�nzlich bet�ubt. �berall in der gewaltigen haarigen Masse zuckte und bebte es, kleine, t�ckische Augen starrten uns an, halb gel�hmte Krallen scharrten hilflos �ber Stein ...</p><p>Es kostete mich enorme Anstrengung, meinen Widerwillen zu �berwinden und hinter Cohen die Treppe hinabzusteigen. Brechreiz stieg aus meinem Magen empor, als ich die letzte Stufe erreichte und unter meinen F��en pl�tzlich borstiges Fell und kleine zuckende K�rper waren.</p><p>Wir verlie�en die H�hle, so schnell wir nur konnten. Ein weiterer, steil in die Tiefe f�hrender Gang nahm uns auf, und wieder mu�ten wir durch einen Bereich dieses unheimlichen, gr�nlichen Lichtes. Und wieder war es mir, als w�re der fremdartige Schein weit mehr als Licht. Ich glaubte seine Ber�hrung auf der Haut zu sp�ren; zu f�hlen, wie er in meine Kleider drang, in Mund und Nase und Ohren kroch und alles mit dem giftigen gr�nen Odem der H�lle f�llte.</p><p><emphasis>Wie Wasser, </emphasis>dachte ich schaudernd. <emphasis>Oder wie eine Barriere.</emphasis></p><p>Cohen war bereits einige Yard vorausgeeilt und stehengeblieben. Ich konnte sein Gesicht in der unheimlichen gr�nen Helligkeit nicht richtig erkennen. Aber ich sp�rte die Nervosit�t des wei�haarigen Riesen direkt.</p><p>�Was ist das hier unten?� fragte ich, als Cohen fertig war und weitergehen wollte. �Vorhin sagten Sie, ich w�rde es sehen, aber ich mu� gestehen, da� ich wenig von dem, was ich gesehen habe, wirklich verstehe.�</p><p>Cohen schwang sich seinen Sack �ber die Schulter und nickte. �Niemand wei� das genau�, sagte er. �Diese G�nge wurden durch einen Zufall entdeckt; vor Jahren, als sie mit den ersten Grabungen f�r die Untergrundbahn begonnen haben. Ein halb fertiggestellter Tunnel st�rzte ein, und dahinter kam der Anfang dieses Stollens zum Vorschein.� Er machte eine weit ausholende Geste und sah mich ernst an. �Ein paar M�nner sind hineingegangen, um ihn zu erkunden, aber sie kamen nicht zur�ck. Danach haben sie eine Rettungsmannschaft geschickt, und eine weitere, die die Rettungsmannschaft retten sollte. Ein einziger Mann ist zur�ckgekommen. Und den haben sie f�r verr�ckt erkl�rt.�</p><p>�Und dieser Mann waren ... Sie?�</p><p>Stanislas Cohen nickte. �Ja. Niemand hat mir geglaubt - und ich mu� gestehen, da� es eine Zeit gab, in der ich mich selbst gefragt habe, ob die anderen vielleicht recht hatten und ich schlicht und einfach den Verstand verloren habe, damals. Nachdem sie den Zugang vermauert und den Stollen aus den Pl�nen herausgestrichen haben, bin ich wieder hierher gekommen und habe auf eigene Faust Nachforschungen angestellt.� Er brach ab, und f�r einen Moment ging sein Blick an mir vorbei ins Leere.</p><p>�Und was ... haben Sie gesehen?� fragte ich leise.</p><p><emphasis>�Sie�, </emphasis>antwortete Stan mit bebender Stimme. �Die wei�e Ratte, Craven. Das Ungeheuer, das Sie mir beschrieben haben.�</p><p>�Woher wollen Sie wissen, da� es dieselbe war?� fragte Howard. �Es kann mehr als nur eine Albinoratte geben.�</p><p>�Ich wei� es!� widersprach Cohen heftig. Seine Augen blitzten wie die eines Wahnsinnigen. Mit einer fast w�tenden Bewegung deutete er auf mich. �Fragen Sie Ihren Freund, er wird es Ihnen best�tigen. <emphasis>Sie </emphasis>ist ... kein Tier. Nicht irgendein Tier, wie all diese anderen. <emphasis>Sie </emphasis>ist ...� Er rang krampfhaft nach Worten, dann zuckte er die Achseln und sagte nur: �anders.�</p><p>Er seufzte, dann wechselte er �bergangslos das Thema. �Dieser Stollen ist nicht der einzige�, erkl�rte er. �Es gibt viele solcher G�nge. Meilen um Meilen, Craven. Und es gibt b�se Dinge hier unten.�</p><p>Er sprach nicht weiter, und ich sp�rte, da� ich auch keine Antwort mehr bekommen w�rde, wenn ich versuchte, nachzuhaken. <emphasis>Es gibt b�se Dinge hier unten, </emphasis>klangen Cohens Worte hinter meiner Stirn nach. Es war seltsam - gerade der Schrecken, den er nicht aussprach, war viel schlimmer als der, den er bezeichnet hatte ...</p><p>Wir gingen weiter. Das gr�ne Licht blieb ganz langsam hinter uns zur�ck, und nach einer Weile erreichten wir eine Stelle, an der irgend jemand vor zahllosen Jahren einige Fackeln deponiert hatte; vielleicht Cohen, vielleicht auch der ungl�ckselige Mann, dessen Skelett wir gefunden hatten. Stan Cohen kniete nieder, nahm einen der teergetr�nkten St�be auf und lie� ein Streichholz aufflammen. Augenblicke sp�ter wich die ewige Nacht dem roten Widerschein der Fackeln.</p><p>Howard schrie gellend auf, als er sah, was sich bisher hinter der Wand aus Schw�rze verborgen hatte.</p><empty-line/><p>Zuerst war da nur Schmerz; ein dumpfes, qu�lendes Pochen, als klopften harte Fingerkn�chel von innen gegen meine Sch�deldecke. Dann, ganz langsam, regte sich mein Bewu�tsein; der pochende Schmerz verging, und statt dessen kamen �belkeit und ein qu�lendes Brennen dicht �ber meinem rechten Ohr, wo mich der Schlag getroffen hatte.</p><p>Dann die Bilder.</p><p>Dunkelheit. Der pl�tzliche rote Glanz einer Fackel, Licht, das in den Gang stie� und Bahnen flackernder Helligkeit in eine Nacht fra�, die vielleicht seit Anbeginn der Zeit w�hrte. Ich erinnerte mich, das schon fast vertraute Bild des Ganges gesehen zu haben, dann die Ratten, deren Anblick nicht einmal unerwartet kam, trotzdem aber von einem hei�en Schrecken begleitet war. Ratten, die so gro� waren wie Sch�ferhunde.</p><p>Eine Weile versuchte ich mit aller Kraft, mir einzureden, da� es nur Teil eines absurden Traumes war, den ich getr�umt hatte. Sch�ferhundgro�e Ratten gab es nicht.</p><p>Aber irgend etwas sagte mir, da� es <emphasis>kein </emphasis>Traum gewesen war ...</p><p>Ich versuchte, mich auf meine Umgebung zu konzentrieren. Im ersten Moment sah ich nichts. Um mich herum war ein dunkelgrauer kr�nklicher Schimmer unangenehmen Lichtes, und es dauerte lange, bis sich meine Augen so weit umgestellt hatten, mich wenigstens Schemen erkennen zu lassen. Ich versuchte, mich zu bewegen, und merkte erst jetzt, da� ich in einer unbequemen, halb aufrechten Haltung an der Wand lehnte. Meine Hand- und Fu�gelenke wurden gehalten von breiten, rostzerfressenen Eisenringen, die mit kaum handlangen Ketten an der Wand befestigt waren. Leise rief ich Howards Namen, dann den Cohens. Aber ich bekam keine Antwort.</p><p>Ich mu�te sehr lange in dieser Stellung hier gehangen haben, denn meine Handgelenke waren blutig aufgesch�rft, und mit dem Erkennen kam der Schmerz. Meine Haut brannte wie Feuer, und mein R�cken schien mit einer Million gl�hender Nadeln gespickt zu sein.</p><p>Ich stemmte mich in die H�he, so weit es meine Fesseln zulie�en, und drehte den Kopf nach rechts und links. Die Kammer, in der ich mich befand, war nicht gro� - ein unregelm��iges Rund von weniger als zehn Schritten Durchmesser - aber daf�r so hoch, da� ihre Decke nicht sichtbar war. Fast wie ein Turm, der auf absurde Weise f�nfzig Yard tief unter die Erde geraten war. Die Riesenratten waren nicht da, aber ich war auch nicht allein. Auf der anderen Seite der Kammer, genau gegen�ber, lehnten zwei halb zusammengesunkene Gestalten an der Wand, wie ich von Ketten gehalten und offenbar ohne Bewu�tsein. Stanislas Cohen und Howard.</p><p>Ich h�rte ein Ger�usch, wandte abermals den Kopf und sah, wie sich in der scheinbar massiven Wand eine ovale, gut mannshohe �ffnung auftat. Ein Dutzend gro�er Ratten str�mte wie eine braungraue Flut herein, gefolgt von einer nur schemenhaft erkennbaren Gestalt mit spitzem Gesicht, die unter der T�r stehenblieb, w�hrend die Ratten in der Kammer ausschw�rmten. Ich wartete darauf, da� Cindy - denn um niemand anderes konnte es sich bei der Gestalt mit dem Rattenkopf handeln - mich ansprach oder sonst irgend etwas tat, aber sie blieb reglos stehen, und es dauerte mindestens zehn Minuten, ehe drau�en, auf dem unsichtbaren Gang, wieder Schritte laut wurden.</p><p>Etwas an ihrem Rhythmus st�rte mich. Ich wu�te nur nicht, was.</p><p>Und als ich es erkannte, h�tte ich um ein Haar aufgeschrien.</p><p>Es war nicht das erste Mal, da� ich dem Monstrum gegen�berstand. Es war eine Ratte. Aber nicht irgendeine Ratte, sondern ein Ungeheuer, das der Urvater aller Ratten sein mu�te.</p><p>Sie war wei�, von einer so makellosen, strahlenden Farbe, da� ihr Anblick beinahe blendete. Ihr K�rper war so gro� wie der eines Sch�ferhundes - sonderbar, viel gr��er, als ich sie in Erinnerung hatte -, und zusammen mit dem nachschleifenden, nackten Schwanz mu�te sie gute anderthalb Meter messen. Ihre Augen hatten die Farbe geronnenen Blutes.</p><p>Und das Schlimmste war der lodernde Funke boshafter Intelligenz, der darin lauerte.</p><p>Langsam kam das Tier <emphasis>(Tier?!) </emphasis>n�her, blieb dicht vor mir stehen und erhob sich f�r einen Moment auf die Hinterl�ufe, um mich eingehend zu beschn�ffeln. Dann drehte es sich herum, trippelte zu Cohen hin�ber und untersuchte auch ihn, weitaus l�nger und eingehender als mich zuvor. Schlie�lich blieb sie einen Moment vor Howard sitzen, dann hatte sie ihre Musterung beendet und lief zur�ck zur T�r, verlie� die Kammer jedoch nicht, sondern blieb neben Cindy hocken und sah zu ihr hoch.</p><p>Stan Cohen st�hnte, �ffnete die Augen und versuchte sich aufzurichten, sank aber sofort mit einem neuerlichen Wimmern wieder in sich zusammen.</p><p>�Stehen Sie auf!� sagte das M�dchen mit dem Rattensch�del. Seine Stimme war kaum zu verstehen. Es klang, als versuche ein Tier zu sprechen, das nicht den notwendigen Stimmapparat dazu hatte. Auch sie hatte sich ver�ndert, dachte ich schaudernd.</p><p>Trotzdem reagierte der wei�haarige H�ne darauf. M�hsam stemmte er sich in die H�he und hob den Kopf. Dann sah er die wei�e Ratte.</p><p>Es war, als h�tte er einen elektrischen Schlag erhalten. Mit einem Schrei fuhr er hoch, wurde von den Ketten zur�ckgerissen und warf sich einen Moment lang in sinnloser Raserei gegen die unzerbrechlichen Fesseln. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse des Hasses.</p><p>�Toben Sie ruhig�, sagte Cindy. �Aber es wird Ihnen nichts nutzen.�</p><p>�Du Ungeheuer!� br�llte Cohen. Seine Stimme war hoch und schrill wie die eines Wahnsinnigen, und es dauerte eine Weile, bis ich begriff, da� er gar nicht Cindy, sondern die wei�e Ratte anbr�llte. �Du verdammte Bestie. Ich werde -�</p><p>�Nichts werden Sie�, unterbrach ihn Cindy. �Sie h�tten nicht hierherkommen sollen. Jetzt werden Sie sterben. Alle drei.�</p><p>�Das n�tzt dir nichts mehr!� keuchte Cohen. �Es ist vorbei, du Bestie. Sie werden kommen und -�</p><p>�- und sterben�, fiel ihm Cindy ins Wort. �Es ist gut, da� sie kommen, denn wir brauchen sie.� Sie trat einen Schritt zur�ck und stellte sich so hin, da� sie mich und Cohen gleichzeitig ansehen konnte. �Sie beide und ihr Freund werden nur die ersten sein, deren Leben wir nehmen. Vielleicht tr�stet es Sie, zu wissen, da� Ihr Tod einem h�heren Zweck dient.�</p><p>�Wie originell�, murmelte ich. �Aber irgendwo habe ich das schon einmal geh�rt.�</p><p>Der Kopf der Albinoratte ruckte mit einer abrupten Bewegung herum. Ein schriller Pfiff ert�nte.</p><p>�Ihr Galgenhumor ist unangebracht, Robert�, sagte Cindy.</p><p>Es klang fast traurig. �Und auch dieser Scotland-Yard-Mann, den Sie zur�ckgelassen haben, wird Ihnen nicht mehr helfen.�</p><p>�Sie ... wissen?� entfuhr es mir.</p><p>Die Albinoratte pfiff erneut, und Cindy sagte: �Nichts, was in meiner Stadt vorgeht, bleibt mir verborgen, Craven. Ihre Gedanken sind ein offenes Buch, in dem ich lesen kann.�</p><p>Und pl�tzlich begriff ich, da� es in Wahrheit gar nicht Cindy war, die zu mir sprach, sondern der Albino. Das M�dchen diente ihr nur als die Stimme, die sie nicht hatte.</p><p>�Das stimmt�, sagte Cindy. �Sie sind ein intelligenter Mann, Robert Craven. Doch nun kommen Sie. Der <emphasis>Herr </emphasis>wartet.�</p><p>Ein letzter, befehlender Pfiff ert�nte, und Cindy - oder das, was von ihrem K�rper Besitz ergriffen hatte - trat gehorsam nacheinander auf Cohen, Howard und mich zu und l�ste unsere Fesseln. Die wei�e Riesenratte folgte uns, eskortiert von einem Dutzend der riesigen, haarigen Tiere, die eine Art Leibwache f�r sie zu bilden schienen. <emphasis>Die Garde der K�nigin, </emphasis>dachte ich schaudernd.</p><p>Einen ganz kurzen Moment lang dachte ich an Flucht, aber ich verwarf den Gedanken beinahe schneller, als er mir gekommen war. Selbst, wenn wir unseren Bewachern und der Rattenarmee entkommen w�ren, h�tten wir keine Chance. Ich wu�te nicht, wo wir waren. Ich h�tte nicht einmal gewu�t, in welche Richtung ich fliehen sollte, und wahrscheinlich lauerten in den grauen Schatten, die die gew�lbten G�nge erf�llten, im wahrsten Sinne des Wortes Millionen von Ratten.</p><p>�Auch das ist richtig�, sagte Cindy. �Es w�re Selbstmord, Robert.�</p><p>Ich schenkte ihr einen b�sen Blick und konzentrierte mich mit aller Macht auf das Bild einer riesigen schwarzen Katze, die eine Ratte geschlagen hat und sie gen��lich verspeist. Die Albinoratte gab einen Laut von sich, der beinahe wie ein Lachen klang.</p><p>Das unterirdische Tunnelsystem schien kein Ende zu nehmen. Unsere Bewacher f�hrten uns durch ein wahres Labyrinth von Stollen, G�ngen, schr�g abfallenden Rampen und gewaltigen, leeren Hallen, �ber Treppen und steil abfallende, schneckenhausartig gewundene Ebenen tiefer und tiefer in die Erde hinein. Ich versuchte, irgend etwas Vertrautes oder zumindest Bekanntes in meiner Umgebung zu entdecken, aber die Architektur dieser titanischen unterirdischen Anlage war mit nichts vergleichbar, was ich jemals gesehen h�tte. Es gab G�nge, die sich sinnlos hin und her wanden, Treppen, die im Nichts endeten oder auf so absurde Weise gebogen und in sich verdreht waren, da� es mir unm�glich war, sie l�nger als wenige Sekunden anzusehen, ehe mir schwindelig wurde.</p><p>Wir legten den Rest des Weges schweigend zur�ck. Cindy f�hrte uns tiefer und tiefer hinein in das unterirdische Labyrinth von Stollen und G�ngen, bis wir eine gewaltige, von d�stergr�nem flackerndem Licht erf�llte Halle erreichten.</p><p>Trotz ihrer Gr��e platzte sie im Moment vor Ratten aus den N�hten.</p><p>Ich sch�tzte, da� sich in der bizarr geformten unterirdischen Kuppel an die hunderttausend der grauen Tiere aufhalten mu�ten; eine quirlende Armee, die den Boden wie ein lebender Teppich bedeckte.</p><p>Neben mir st�hnte Cohen wie unter Schmerzen, und Cindy schenkte ihm einen fast mitleidigen Blick. �Haben Sie wirklich geglaubt, mit diesem irrsinnigen Plan Erfolg zu haben?� Sie lachte, leise und sehr verletzend. �Sie sehen, wie sinnlos es ist, sich wehren zu wollen. Niemand kann uns jetzt noch aufhalten.�</p><p>Ich sah sie an, und ... irgend etwas war da, etwas in ihren Augen, das nicht h�tte dasein d�rfen. Ein winziger, aber sichtbarer Funke von <emphasis>Menschlichkeit, </emphasis>der nicht zu dem Bild des monstr�sen Etwas passen wollte, das ich durch die Augen der Ratte gesehen hatte. Schaudernd dachte ich an das, was Lady Audley gesagt hatte: ... <emphasis>es hat einen Teil von ihr erweckt, Robert. </emphasis>Vielleicht hatte sie recht gehabt. Vielleicht gab es in ihr noch einen winzigen Funken Menschlichkeit, etwas, das alle D�monen der Vorzeit und alle intelligenten Riesenratten nicht hatten ausl�schen k�nnen.</p><p>�Bitte, Cindy!� sagte ich, in fast flehendem Ton. �Tun Sie es nicht!�</p><p>�Was?� fragte sie sp�ttisch.</p><p>�Was immer Sie vorhaben�, antwortete ich. �Sie ... d�rfen dieses Ungeheuer nicht erwecken, ich flehe Sie an!�</p><p>�Sie flehen mich an? Sie entt�uschen mich, Robert. Ich habe Sie f�r tapferer gehalten.�</p><p>�Verdammt, ich w�rde auch vor Ihnen auf den Knien rutschen, wenn ich damit irgend etwas �ndern k�nnte! Ich -�</p><p>�Schweigen Sie!� unterbrach mich Cindy scharf. �Sie verstehen nichts.�</p><p>�Das will ich auch gar nicht�, antwortete ich ebenso scharf wie sie. Ich wu�te, wie sinnlos es war, dieses Gespr�ch �berhaupt zu f�hren. Aber ich mu�te Zeit gewinnen. Ich wu�te nicht, wie lange ich bewu�tlos gewesen war, aber die Stunde, die wir mit Cohen vereinbart hatten, mu�te l�ngst vorbei sein.</p><p>�Was ich gesehen habe, war schon mehr als genug�, fuhr ich fort.</p><p>Das M�dchen blieb stehen. Ihr Blick flammte vor Zorn. �Sie verstehen nichts�, sagte sie noch einmal. �So wie alle anderen vor ihnen.�</p><p>�Dann erkl�ren Sie es mir!� verlangte ich. �Erkl�ren Sie mir, was das alles hier zu bedeuten hat. Erkl�ren Sie mir, warum Sie und Ihre - wie soll ich sie nennen: Br�der und Schwestern? - warum Sie Ihr Leben wegwerfen, um ein Ungeheuer zu erwecken?!�</p><p>Ein abf�lliges L�cheln huschte �ber die Lippen des M�dchens. �Wir werfen unsere Leben nicht fort�, sagte sie heftig - und sie sagte tats�chlich <emphasis>wir! </emphasis>�Was Sie erleben werden, ist unsere Erf�llung. Der Tag, auf den wir seit Generationen gewartet haben.�</p><p>�Ihren Tod?�</p><p>�F�r Sie mag es so aussehen, aber was bedeutet das?� fragte das M�dchen. �Was bedeutet der Tod eines einzelnen oder auch von hundert, wenn es um das Schicksal eines Volkes geht?�</p><p>�Wessen?� fragte ich lauernd. �Das der Menschen, oder der GROSSEN ALTEN?�</p><p>Aber diesmal antwortete das M�dchen nicht mehr, sondern pre�te nur die Lippen aufeinander.</p><p>�Sie haben schon viel zuviel erfahren�, sagte sie schlie�lich. �Mehr, als ich h�tte sagen d�rfen.�</p><p>�Warum?� fragte ich. Etwas ... war anders geworden, das sp�rte ich ganz deutlich. Auf eine schwer in Worte zu fassende Art war Cindy ... ersch�ttert. Als h�tten meine Worte in ihr etwas wachgerufen, was sie mit aller Macht zu bek�mpfen versuchte, aber nicht konnte.</p><p>�Es ist sinnlos�, sagte sie schlie�lich. �Er ist unser Gott, Robert. Was ist daran anders als bei Ihnen? Ihr betet einen Gott an, den es vielleicht nicht einmal gibt.�</p><p>�Zumindest ist es ein Gott, der seine J�nger nicht auffri�t�, sagte Howard b�se.</p><p>In Cindys Augen flammte es auf. �Was wissen Sie?� schnappte sie. �Wie viele Menschen haben ihr Leben gelassen, im Namen Ihres Gottes? Wie viele V�lker sind ausgel�scht worden, im Zeichen des Kreuzes, wie viele Kriege haben sie gef�hrt, nur weil die einen glaubten, ihr Gott w�re ein wenig wichtiger als der ihrer Nachbarn? Wir geben unsere Leben, das stimmt, aber wir tun es freiwillig, und wir wissen, da� es einem h�heren Zweck dient. Er wird wieder leben, und das allein z�hlt. Wir werden -� Sie brach abrupt ab, als sie bemerkte, da� sie schon viel mehr gesagt hatte, als sie eigentlich gedurft h�tte. Der Zorn in ihrem Blick wandelte sich in Best�rzung.</p><p>�Gehen wir weiter�, sagte sie.</p><empty-line/><p>Die Menge der Ratten teilte sich vor uns, wie ein lebender Ozean, durch den wir hindurchschritten, und der sich hinter uns sofort wieder schlo�. Langsam, nur von Cindy mit ihrem schrecklichen Sch�delhelm und zwei der bizarren Riesenratten begleitet, n�herten wir uns der Mitte der gigantischen H�hle.</p><p>Es gab dort einen runden, ann�hernd zehn Schritte durchmessenden Kreis, den keine Ratte betreten hatte, aber ich entdeckte die Gestalt, die zusammengekauert an seinem jenseitigen Rand hockte, erst, als wir ihn fast erreicht hatten.</p><p>�Lady Audley!� rief ich, gleichzeitig erleichtert, sie lebend anzutreffen, wie entsetzt, als ich begriff, was ihr Hiersein bedeutete.</p><p>Sie reagierte nicht, aber das hatte ich beinahe erwartet. Sie trug noch immer das bizarre Opfergewand, in dem ich sie schon gestern w�hrend der mi�gl�ckten ersten Beschw�rung Shub-Nigguraths gesehen hatte.</p><p>Diesmal, dachte ich d�ster, w�rde das Zeremoniell nicht unterbrochen werden. Nichts und niemand konnte dieses Ungeheuer jetzt noch aufhalten. Selbst wenn Wilbur Cohen sein Versprechen wahrmachte und uns folgte - die gesamte Polizei Londons war nicht genug, diese ungeheuerliche Armee von Ratten aufzuhalten.</p><p>Auf ein Zeichen Cindys hin blieben wir stehen. Lady Audley sah auf, mit leerem Blick und m�den Bewegungen, wie ein Mensch, der sich im Traum bewegt, stemmte sich ganz langsam in die H�he und trat in die Mitte des Kreises. F�r eine Weile geschah nichts, dann begannen sich die Ratten zu bewegen, auf eine unheimliche, fast milit�risch anmutende Art. Aus der wild durcheinanderwogenden Masse wurde eine gro�e, aus Tausenden und Abertausenden grauer und brauner K�rper zusammengesetzte Spirale, die sich fortw�hrend um den kleinen, freigebliebenen Kreis nackten Felsgesteins drehte, in dem Lady Audley und wir standen.</p><p>Und es ging weiter. Die Bewegung war erst kaum wahrnehmbar, nur eine sanfte, rhythmische Welle, die von einem Ende der Spirale zum anderen lief. Sie wurde schneller, gleichzeitig heftiger, bis der gewaltige Kreis aus Leibern zuckte und bebte wie ein riesiges, sich in Kr�mpfen windendes Tier. Dann begann das Singen.</p><p>Zuerst war es nur ein Ton, ein dunkles, irgendwie angstmachendes Summen und Dr�hnen, das die Luft selbst zum Schwingen brachte und ein unangenehmes Kribbeln in meinem Magen ausl�ste. Das Ger�usch schwoll an, sank wieder herab und schwoll abermals an, immer und immer und immer wieder, bis aus dem Dr�hnen ein Laut wurde, eine Silbe, fremdartig und doch auf schauderhafte Weise bedrohlich. Die Ratten <emphasis>sangen!</emphasis></p><p><emphasis>�Thuuuuuuul�, </emphasis>summten die Tiere. <emphasis>�Thuuuuuul.� </emphasis>Immer und immer wieder, stets unterbrochen von Sekunden, in denen ein t�dliches Schweigen herrschte, und stets lauter als beim vorigen Mal.</p><p>Ich schauderte. Nur, um nicht vollends den Verstand zu verlieren und mich abzulenken, versuchte ich, mir ein Bild vom wirklichen Ausma� dieser unterirdischen Anlage zu machen, aber meine Phantasie kapitulierte vor den gewaltigen Dimensionen der Katakombenstadt. Es mu�ten Meilen von G�ngen sein, die ganz London und vielleicht ein noch gr��eres Gebiet unterzogen. Ich glaubte jetzt zu ahnen, was Cohen gemeint hatte, als er behauptete, in Wirklichkeit seien nicht die Menschen, sondern die Albinoratte der Herr der Stadt.</p><p>Etwas im Klang der d�monischen Melodie �nderte sich, und ich sah auf. Die Masse der Tiere wiegte sich weiter hin und her und rief immer noch dieses eine, schreckliche <emphasis>Thuuuuul.</emphasis></p><p>Im Zentrum der Spirale aus K�rpern, gute zwei Meter �ber dem freigebliebenen Kreis, erschien ein giftgr�ner Lichtball. Zuerst war er winzig, wie ein Nadelkopf der ein intensives Licht ausstrahlte, aber er wuchs binnen weniger Sekunden zu einem Ball und schlie�lich zu einer mannsgro�en, flammenden Kugel grauenhaft heller Glut. Ich schlo� mit einem leisen St�hnen die Augen, aber die Helligkeit fra� sich selbst durch meine geschlossenen Lider.</p><p><emphasis>�Thuul�, </emphasis>intonierten die Ratten. <emphasis>�Thuul! Thuul!� </emphasis>Immer und immer wieder, bis der Laut meinen Herzschlag in seinen Bann zog, meine Z�hne vibrierten und jeden einzelnen Knochen in meinem Leib zum Schwingen zu bringen schien. Schlie�lich <emphasis>dachte </emphasis>ich sogar im Rhythmus dieses schrecklichen, immer wiederkehrenden Lautes.</p><p>Der Lichtball pulsierte, im gleichen Rhythmus, den die singenden Ratten vorgaben. In seinem Inneren begann sich ein dunkler, zuerst noch formloser Umri� zu bilden. Nach einer Weile wurde er fester, und gleichzeitig sank der Ball herab, ber�hrte den Boden und drang darin ein.</p><p>Noch einmal erbebte die H�hle unter einem gewaltigen, aus hunderttausend Rattenkehlen hervorgebr�llten <emphasis>�Thuuuuuul!� </emphasis>Der gr�ne Lichtball erlosch, und an seiner Stelle stand ...</p><p>Ich keuchte vor Erstaunen, als ich sah, was aus dem Flammenball hervorgetreten war.</p><p>Es war die wei�e Ratte.</p><p>Das Tier bewegte sich, wandte den Kopf hierhin und dorthin und machte einen ersten, noch schwerf�lligen Schritt auf Lady Audley zu, ber�hrte sie aber nicht.</p><p>Ich schauderte, als ich dem Blick seiner schwarzen Augen begegnete. Sie hatten sich ver�ndert, auf schreckliche Weise ver�ndert. Der rote Glanz, der ihnen das Aussehen blutgef�llter kleiner T�mpel gegeben hatte, war erloschen, aber trotzdem schienen sie von lauerndem, b�sem Leben erf�llt.</p><p>Wieder teilte sich die Menge, und ein halbes Dutzend der riesigen K�nigsratten kam heran. Rasch n�herten sie sich dem Albino, blieben in einiger Entfernung stehen und senkten dem�tig die H�upter. Die Albinoratte stie� einen schrillen, mi�t�nenden Pfiff aus, und aus der Menge hinter ihr l�sten sich zwei weitere gro�e Ratten, trippelten auf sie zu.</p><p>Ich kann das, was in den n�chsten Sekunden geschah, nicht in Worte fassen. Ich sah nichts Au�ergew�hnliches - daf�r <emphasis>sp�rte </emphasis>ich um so deutlicher, wie sich etwas in dem riesigen wei�en Monstrum regte, das l�ngst keine Ratte mehr war, sondern nur noch so aussah, wie es mit unsichtbaren Spinnenfingern zu den beiden Tieren hinabgriff und irgend etwas aus ihren K�rpern saugte.</p><p>Und dann begann sich der Albino zu ver�ndern. Sein Fell erstarrte. Teile seines K�rpers br�ckelten ab; rostige Sp�ne fielen wie blutiger Hagel zu Boden; Risse und Spr�nge durchzogen den Leib des Tieres, als w�re es pl�tzlich zu Eisen geworden, das in Sekundenschnelle um Jahrhunderte alterte.</p><p>Dann zerbrach es.</p><p>Ein heller, peitschender Laut erscholl; ein Ger�usch, als w�rde eine gewaltige Bronzeglocke zerspringen. Kleine, scharfkantige Metallsplitter flogen als t�dliche Geschosse durch die Luft, und schlie�lich begann die Brust des riesigen Tieres zu rei�en. Ein haard�nner, gezackter Spalt erschien, raste wie ein schwarzer Blitz seinen Hals hinauf, �ber Schnauze, Stirn und Sch�del des Tieres wieder zur�ck und den R�cken entlang. Ein f�rchterliches Knirschen und Mahlen erscholl aus der Brust des Unget�mes. Schlie�lich brach es in zwei Teile, die klirrend zu Boden fielen.</p><p>Etwas Schwarzes, Formloses quoll aus seinem K�rper.</p><p>Im ersten Augenblick hatte ich den Eindruck, einer gewaltigen Spinne gegen�berzustehen, aber schon in der n�chsten Sekunde erkannte ich, da� das nicht stimmte. Das <emphasis>Ding </emphasis>schien nur aus haltlosem brodelndem Schleim zu bestehen, eine widerliche schwarze Masse, pulsierend und zuckend, die immer wieder schwarze Pseudopodien ausbildete, F��e und Arme zu formen versuchte und wieder zerfiel. Armdicke Tentakel wuchsen aus dem menschengro�en Ball schwarzer Materie hervor, peitschten wie blinde Schlangen die Luft und wurden mit einem schmatzenden Ger�usch zur�ckgesaugt.</p><p>Ein Zittern lief durch die schwarze Masse. Langsam, als h�tte sie kaum noch die Kraft dazu, bildete sie einen schwarzen, nervend�nnen Strang aus, der tastend wie eine blinde Schlange auf Lady Audley zukroch, ihre Hand ber�hrte und ohne sichtbaren Widerstand in ihre Haut drang.</p><p>Ich schrie auf, griff in die Tasche und ri� einen der <emphasis>Sternsteine </emphasis>hervor, die ich noch immer in meiner Tasche trug; meine letzte, verzweifelte Hoffnung, das Monstrum wenigstens aufzuhalten, das da vor meinen Augen erwachte.</p><p>Ich kam nicht einmal dazu, ihn zu werfen.</p><p>Ein grauer Schatten sprang an mir empor; rasiermesserscharfe Z�hne gruben sich in meine Haut. Ich schrie auf, lie� den Stein fallen und brach in die Knie.</p><p>Ich schlo� mit einem St�hnen die Augen, aber was ich nicht verschlie�en konnte, waren die Ohren. Die Ger�usche, die ich h�rte, waren schrecklich genug, mir zu verraten, was weiter geschah. Das furchtbare Schmatzen und Saugen wurde lauter, steigerte sich zu einem Ger�usch, das sich wie eine gl�hende Messerklinge in mein Denken grub, und verklang dann; ganz allm�hlich nur.</p><p>Als ich die Augen wieder �ffnete, lagen Dutzende von toten Ratten vor dem pulsierenden schwarzen Balg, aber zu meiner unendlichen Erleichterung stand Lady Audley noch aufrecht und unversehrt da, nur durch den d�nnen glitzernden Nervenstrang mit dem schwarzen Ungeheuer verbunden. Offensichtlich war sie als letztes Opfer vorgesehen.</p><p>Mein Magen krampfte sich zusammen, als ich sah, auf welche Weise sich Shub-Niggurath ver�ndert hatte.</p><p>Aus dem zuckenden Klumpen war ein elefantengro�er, aufgedunsener Balg glitzernden schwarzen Fleisches geworden, eine titanische Scheu�lichkeit, die wie ein pulsierendes Krebsgeschw�r in der Mitte der Halle hockte, zuckende Tentakel wie die Str�nge eines feuchtschwarzen Spinnennetzes in alle Richtungen streckend, mit zahllosen, schnappenden M�ulern und mehr als einem Dutzend gewaltiger blinder Augen, die wie gr��liche Bl�ten auf langen, feuchtglitzernden Stielen wippten. Mir wurde schlecht.</p><p>KOMM N�HER, MENSCHENWURM! dr�hnte eine Stimme in meinen Gedanken.</p><p>Ich kr�mmte mich wie unter einem Schlag. Verzweifelt bem�hte ich mich, dem befehlenden Klang der lautlosen Stimme zu widerstehen, aber mein Wille zerbrach wie eine Glasscheibe unter dem Tritt eines Giganten. Gegen meinen Willen setzten sich meine Beine in Bewegung und trugen mich auf den zuckenden Giganten zu. Mein Blick folgte den d�nnen, glitzernden F�den, die von seinem mi�gestalteten Leib ausgingen. Sie waren unterschiedlich lang und zum Teil ineinander verflochten - aber fast alle endeten in kleinen, leblosen B�llen aus grauem Fell. Ratten. Die Opfer, die er brauchte, um wieder zum Leben zu erwachen, so wie er Lady Audley brauchen w�rde, um den letzten Schritt aus den Dimensionen des Wahnsinns hin�ber zu tun.</p><p>Und es wurden mehr und mehr der schwarzen, pulsierenden F�den. Binnen weniger Augenblicke war der Boden der Halle von einem engmaschigen Netz d�nner glitzernder Str�nge bedeckt. Im ersten Moment erinnerte es mich an ein �bergro�es Spinnennetz, aber dann sah ich die Bewegung, das schwerf�llige Zucken und Beben, das unabl�ssig durch die Masse lief, die d�nnen Str�nge, die an den K�rpern der Ratten emporgewachsen waren und �berall in ihre Haut eindrangen, und begriff, da� es eine Art Nervengeflecht sein mu�te, ein gigantisches lebendes Etwas, dessen Zentrum die schwarze Masse war.</p><p>Zwei Schritte vor der schwarzen Scheu�lichkeit blieb ich stehen. Mein Mund war voller bitterer Galle, und ich sp�rte, da� ich mich gleich �bergeben w�rde. Trotzdem hob ich den Kopf und raffte all meine Kraft zusammen, um dem Blick der gigantischen tr�ben Augen Shub-Nigguraths standzuhalten.</p><p>�Was ... was willst du von mir?� st�hnte ich.</p><p>NICHTS, antwortete das <emphasis>Ding, </emphasis>WAS DU MIR FREIWILLIG GEBEN W�RDEST. ABER DAS SPIELT KEINE ROLLE. DU WIRST MIR DIENEN, WIE ALLE ANDEREN.</p><p>�Wenn du mich t�ten willst, dann tu es�, sagte ich trotzig, obwohl ich halb verr�ckt war vor Angst.</p><p>Die Antwort bestand in einem lautlosen, b�sen Lachen in meinen Gedanken.</p><p>NARR, fl�sterte die Stimme. DU WIRST STERBEN, ABER NICHT HIER UND NICHT JETZT. DEINE ZEIT IST NOCH NICHT GEKOMMEN. UND NUN KNIE NIEDER!</p><p>Ich gehorchte. Ein helles, widerw�rtiges Schmatzen drang aus dem aufgedunsenen Fleischberg vor mir, dann klaffte seine Flanke auf wie eine gewaltige schw�rende Wunde, und ein d�nner, peitschender Faden ringelte sich auf mich zu.</p><p>Gel�hmt und hilflos mu�te ich ansehen, wie der Tentakel meinen Fu� ber�hrte, an meiner Hose emporkroch und sich meinem Gesicht n�herte. Ein unbeschreiblicher Ekel stieg in mir hoch, aber die geistige Fessel Shub-Nigguraths war zu fest. Ich konnte nicht einmal die Augen schlie�en.</p><p>Der Tentakel kroch weiter, n�herte sich meinem Gesicht, ber�hrte tastend mein Kinn, dann meine Unterlippe, zuckte zur�ck, kroch weiter und flo� wie eine schwarze Schlange meinen Nacken hinauf. Ein d�nner Schmerz bohrte sich in meinen Sch�del.</p><p>Etwas griff nach meinem Geist, aber gleichzeitig ...</p><p>Es war, als w�ren pl�tzlich zwei unterschiedliche Willen in mir, zwei Bewu�tseine, die unabh�ngig voneinander arbeiteten - eines, das fest in Shub-Nigguraths Gewalt war und sich nicht einmal mehr dagegen wehren <emphasis>wollte, </emphasis>von diesem entsetzlichen Vampir aufgesogen zu werden, und ein anderes, das mir mit fast grausamer Deutlichkeit jedes winzige Detail der schrecklichen Szenerie zeigte.</p><p>Neben mir richtete sich Lady Audley st�hnend auf. Ihr Gesicht war bleich, und ihre Mundwinkel zuckten unabl�ssig.</p><p>Und ...</p><p>etwas geschah mit den Ratten. W�hrend Shub-Nigguraths Tentakel weiter und weiter wuchsen und immer mehr der Tiere ergriffen, um sie auszusaugen wie reife Fr�chte, passierte ... irgend etwas.</p><p>Und wieder hatte ich das Gef�hl, der L�sung ganz nahe zu sein. Da war etwas, was ... Kilian? gesagt hatte. Etwas, das geschehen war. <emphasis>Die grauen Herren. Nicht die Ratten. Ratten sind die anderen.</emphasis></p><p>Und dann wu�te ich es.</p><p>Mit einer verzweifelten Anstrengung ri� ich mich los, zog den Stockdegen unter dem Mantel hervor und durchtrennte den d�nnen schwarzen Strang, der sich in Lady Audleys Hand gebohrt hatte.</p><p>Das Monstrum reagierte unglaublich schnell. Die beiden K�nigsratten rechts und links von mir regten sich nicht, aber das schwarze Nervengeflecht auf dem Boden zuckte wie unter einem elektrischen Schlag. Ein ganzes Dutzend d�nner, �lig gl�nzender F�den peitschten gleichzeitig in meine Richtung.</p><p>Blitzschnell zertrennte ich sie mit dem Degen, aber schon schossen neue heran, wickelten sich wie unzerrei�bare d�nne �rmchen um meine und Lady Audleys Beine und versuchten uns zu Boden zu zerren.</p><p>Ich raffte allen Mut zusammen, den ich noch in mir fand, warf mich herum und stie� die Klinge bis ans Heft in Shub-Nigguraths pulsierenden Leib.</p><p>Die Wirkung war unbeschreiblich.</p><p>Der ganze Hallenboden schien sich wie in einem Krampf zu winden. Ich fiel, rollte mich instinktiv nach hinten und streifte gleichzeitig die schwarzen F�den ab, die an meiner Kleidung klebten. Ein f�rchterliches Heulen erscholl, und pl�tzlich schossen �berall schwarze, schmierige Font�nen in die H�he. Eine Welle intensiver Hitze schlug �ber mir zusammen, es roch nach verbranntem Fleisch.</p><p>Der Kreis der Ratten zerbrach, als die Tiere wie von Hieben getroffen auseinanderspritzten oder einfach leblos zur Seite kippten. Mit hellen, peitschenden Lauten zerrissen die schwarzen F�den, die ihre K�rper eingeh�llt hatten.</p><p>Und die Vernichtung lief weiter!</p><p>Wie eine Woge des Todes raste sie durch die Halle, erfa�te Strang auf Strang und lie� das ganze gewaltige Netz zu einem Durcheinander aus platzenden Str�ngen und kochendem schwarzem Morast werden. Schlie�lich erreichte sie Shub-Niggurath selbst.</p><p>Die ekelhafte Fleischmasse zuckte und zog sich zusammen. Ihre Augen und Arme verdorrten in Sekundenschnelle. F�r einen ganz kurzen Moment flammte die irrsinnige Hoffnung in mir auf, da� der Tod, den die Ber�hrung der magischen Waffe dem Netz gebracht hatte, auch seinen Herrn verschlingen w�rde.</p><p>Aber nur f�r einen Moment. Shub-Nigguraths K�rper f�rbte sich grau und begann zu schrumpfen. Seine Haut trocknete aus und ri�. Eine schwarze, widerlich stinkende Fl�ssigkeit quoll aus seinem K�rper.</p><p>Aber er starb nicht. Wie ein gewaltiges, schlagendes Herz plusterte er sich auf, fiel abermals zusammen und begann schneller und schneller zu pulsieren. Pl�tzlich zuckte ein fadend�nner Strang aus seinem Leib, peitschte auf eines der reglos daliegenden Tiere herab und schlug wie ein Pfeil in seinen Leib. Die Ratte kreischte, b�umte sich auf - und zerfiel zu Staub.</p><p>Der Strang zog sich zur�ck, richtete sich wie eine blinde suchende Kobra auf und zuckte auf das n�chste Opfer herab. Der schreckliche Vorgang wiederholte sich, und die Bestie gewann im gleichen Ma�e an Kraft zur�ck, in dem sie ihre Opfer aussaugte. Nur noch Sekunden, und er w�rde seine alte St�rke zur�ckhaben!</p><p>Howards Schrei lie� mich herumfahren. Er war neben Lady Audley auf die Knie gefallen und versuchte sie hochzuheben, aber seine Kr�fte reichten nicht aus. Verzweifelt gestikulierte er mit den H�nden und schrie Worte, die ich nicht verstand. Ich sprang auf, war mit einem Satz bei ihm und ri� Lady Audley in die H�he. Howard deutete wild auf einen Punkt hinter mir. Alarmiert fuhr ich herum. Durch die Masse in Panik geratener Ratten raste ein Dutzend sch�ferhundgro�er Bestien auf uns zu - die Garde der toten Rattenk�nigin, die offensichtlich noch immer unter Shub-Nigguraths geistigem Einflu� stand!</p><p><emphasis>�Um Himmels willen, Robert - tun Sie etwas!� </emphasis>kreischte Lady Audley.</p><p>Und ich tat das einzige, was ich noch tun konnte.</p><p>Mit aller Macht griff ich nach dem Geist der vordersten Ratte und versuchte mit ihm zu verschmelzen.</p><p>Es war wie ein Schlag in die Magengrube.</p><p><emphasis>Hunger. Die Gier nach Fressen, st�rker als jedes andere Gef�hl. Eine Welt, die nicht von bewu�tem Denken, sondern von dumpfen tierischen Instinkten erf�llt war, klar gegliedert -</emphasis></p><p>Eine Ratte sprang an mir empor und bi� mich in die Hand, und ich schrie auf. Der Schmerz zerbrach meine Konzentration. Ich taumelte, verlor den Kontakt mit der Riesenratte und prallte gegen Howard, der mich gedankenschnell auffing.</p><p>Obwohl der geistige Kontakt nur Bruchteile von Sekunden gew�hrt hatte, hatte ich in dieser Zeit Wissen aufgenommen, ein so umfassendes Wissen, da� mir nun seine gesamten Erinnerungen zur Verf�gung standen. Und ich begriff ...</p><p>STEHE AUF! donnerte Shub-Nigguraths Stimme in meinem Kopf. Die Worte wurden von einem brutalen Hieb mentaler Energien begleitet, die wie wei�gl�hende Dolche in meinen Sch�del stachen. Ich kr�mmte mich, wimmerte vor Pein und tat so, als verl�re ich das Gleichgewicht, als ich mich auf H�nde und Knie hochstemmte. Meine Rechte n�herte sich der Ratte, die mich gebissen hatte, und wieder schnappten ihre F�nge nach meinen Fingern.</p><p>Diesmal war ich vorbereitet. Der geistige Widerstand des Tieres zerbrach, sein Bewu�tsein lag offen vor mir, und f�r den Bruchteil einer Sekunde sah ich durch seine Augen, roch und schmeckte und f�hlte und h�rte mit seinen Sinnen, <emphasis>war </emphasis>ich die Ratte. Ich sah mich selbst, ein riesiges, formloses Wesen unbestimmbarer Art und unbestimmbaren Aussehens, neben mir Howard und Lady Audley und Cohen, auch sie gigantisch und roh und nicht spezifiziert, sondern Teile einer unverst�ndlichen, aber klar in nur drei Teile gegliederten Welt. In Freund und Feind und Beute.</p><p>Wir geh�rten eindeutig zur dritten Kategorie.</p><p>Shub-Niggurath schrie lautlos auf, als er bemerkte, was ich tat. Ich sp�rte, wie seine Kr�fte heranrasten wie eine gewaltige �berirdische Faust, die mich zerschmettern mu�te, und schlug im gleichen Moment selbst zu.</p><p>Es ist schwer, einen geistigen Kampf <emphasis>wirklich </emphasis>zu beschreiben. In Worte gefa�t, klingt das Ringen zweier unterschiedlicher Bewu�tseine undramatisch und leicht, ja fast l�cherlich, aber es ist weder das eine noch das andere, und schon gar nicht das letztere. Der Kampf dauerte nur Bruchteile von Sekunden, aber f�r mich vergingen Ewigkeiten. Sein Bewu�tsein fiel �ber mich her, versuchte mich zu verschlingen, dann, als er begriff, da� er das nicht konnte, �nderte er seine Taktik und schlug mit brutaler Kraft zu.</p><p>Ich versuchte nicht einmal, mich zu wehren. Meine Kr�fte w�rden nur noch Sekunden reichen, ganz egal, ob ich seine Angriffe nun abwehrte oder mich darauf beschr�nkte, einfach am Leben zu bleiben, und ich tat das einzige, zu dem ich noch f�hig war. Ich konzentrierte mich auf einen einzigen, verzweifelten Gedanken. W�hrend der D�mon wei�gl�hende Sonnen hinter meiner Stirn aufflammen lie�, verschmolz ich meinen Geist noch einmal mit dem der Ratte.</p><p>Es war ein bizarres Bild. Wieder sah ich mich selbst, auch Howard und die beiden anderen, aber ich sah uns nicht aus einem bestimmten Blickwinkel, sondern irgendwie aus allen Richtungen zugleich. Es waren nicht nur die Augen dieser einen Ratte, derer ich mich bediente, sondern die der ganzen gewaltigen Rattenarmee. Es mu�te etwas geben, das sie verband, ein �bergeordneter, m�chtiger Wille, mit dem die einzelnen Ratten verbunden waren wie Marionetten an unsichtbaren F�den.</p><p>Es ging unglaublich schnell. Die Welt kippte um und verlor ihre Farbe. Ich sah nur noch hell und dunkel in allen nur denkbaren Schattierungen, dazu alles umgekehrt. Aus Wei� wurde Schwarz, aus Schwarz Wei�, wie auf einer noch nicht entwickelten fotografischen Platte. Aber ich sah noch mehr. Die Farben waren mir genommen worden, aber daf�r erblickte ich einen Teil der Welt, der dem menschlichen Auge sonst verschlossen ist. Ich sah die pulsierenden, d�nnen Kraftlinien, die die einzelnen Tiere miteinander verbanden wie zuckende B�nder aus grauem Nebel, den dickeren, bebenden Strom, der aus dem unf�rmigen Balg des D�mons wuchs - und den Knotenpunkt, der wie ein nebeliges Krebsgeschw�r �ber der grausigen Szene schwebte.</p><p>Es war, als tastete ich mich an einer unsichtbaren Halteleine entlang. Mein Geist �berwand Zeit und Entfernung, und f�r Bruchteile von Sekunden sah ich ein Bild - ein finsteres, feuchtes Verlies tief unter der Erde, zweihundert Millionen Jahre Einsamkeit, die dieses Wesen an den Rand des Wahnsinns und dar�ber hinaus getrieben hatten, eine schwarze Welt unter einer schwarzen Sonne, in der es nur Ha� und Furcht und sonst nichts gab.</p><p>Die Verbindung zerri� mit einem schmerzhaften, peitschenden Schlag. Es war wie das Zur�ckschnappen eines straff gespannten Lederriemens. �ber mir erlosch das nebelhafte Kraftzentrum, im gleichen Moment, in dem Shub-Niggurath mein Tasten und Suchen bemerkte und die geistige Verbindung unterbrach. Der D�mon br�llte wie unter Schmerzen, kippte mit haltlos peitschenden Armen nach hinten und verschwand in der quirlenden Masse der Ratten.</p><p>Im gleichen Augenblick brach die H�lle los. Aus der gewaltigen, disziplinierten Rattenarmee wurden wieder zahllose einzelne Tiere, hirnlose Kreaturen ohne wirkliches Bewu�tsein. Die Ratten flohen in Panik, griffen sich gegenseitig an und bissen nach allem, was sich bewegte. Eine braune Flutwelle raste �ber mich hinweg, schleuderte mich abermals von den F��en und ri� auch Howard und Lady Audley und Cohen nieder. Verzweifelt w�lzte ich mich herum, schlug die Arme �ber den Kopf und hielt den Atem an. Messerscharfe Krallen zerrissen meinen R�cken. Ein Dutzend Bisse lie�en mich aufschreien, und eine Ratte versuchte in ihrer Angst gar, unter meinen Mantel zu kriechen.</p><p>Dann war es vorbei. Der Schmerz und die ekelhafte Ber�hrung der weichen warmen Rattenleiber vergingen, und auch das Trappeln wurde in Sekunden leiser und verklang dann ganz.</p><p>Vorsichtig nahm ich die H�nde vom Kopf, wagte es, die Augen zu �ffnen, und sah mich um.</p><p>Die Ratten waren verschwunden. Ein paar vereinzelte Tiere irrten noch umher oder k�mpften blindw�tig miteinander, aber das bizarre Heer hatte sich in Sekunden in nichts aufgel�st, als der lenkende Wille erloschen war und die Tiere wieder ihrem Instinkt gehorchten.</p><p>Eine Hand ber�hrte mich an der Schulter, und als ich aufsah, blickte ich in Howards zerschundenes Gesicht. �Alles in Ordnung?� fragte er.</p><p>Ich nickte, stemmte mich vollends in die H�he und sah mich gr�ndlicher um. Cohen, Lady Audley und er schienen mit dem Schrecken davongekommen zu sein.</p><p>�Warum?� fl�sterte Howard fassungslos.</p><p><emphasis>Warum? </emphasis>Ich h�tte ihm die Antwort sagen k�nnen, in diesem Moment, aber ich schwieg, weil sie mir trotz allem einfach noch zu phantastisch erschien.</p><p><emphasis>Die grauen Herren ... </emphasis>Gro�er Gott, Kilian, dieser alte S�ufer, hatte es gewu�t, und die Ratten selbst hatten versucht, es mir zu sagen: das Tier, das auf dem Friedhof vor meinen Augen von den anderen zerrissen worden war, die Ratten, die Cohens Wagen angriffen, damit ich entkommen konnte ... die mir den einzig freigebliebenen Weg nach St. Aimes gezeigt hatten. Aus seinem Kerker heraus, in dem Shub-Niggurath seit zweihundert Millionen Jahren schlief, hatte er sich die Ratten Untertan gemacht, um seine Erweckung vorzubereiten. Und die Leiche eines M�dchens, um sie zu f�hren. Doch die Intelligenz, die er den Ratten zwangsl�ufig gab, war ihm zum Verh�ngnis geworden. Sie hatten die Gefahr erkannt, die ihnen und den Menschen von dem GROSSEN ALTEN drohte, und sich gegen ihn gewandt. Nachdem Cindy meine magischen Kr�fte bemerkt hatte, hatten sie mich ganz gezielt hierher gelenkt, damit ich ihren verzweifelten Kampf beendete.</p><p>�Warum?� sagte ich nach einer Weile und stand auf. Mein Blick tastete �ber die unz�hligen, leblosen grauen B�lle, Shub-Nigguraths Opfer. �Weil sie die Herren sind, Howard.�</p><p>Howard starrte mich fassungslos an, aber ich sagte nichts mehr, sondern ging langsam zu Lady Audley hin�ber.</p><p>Lady Audley hatte sich auf die Knie aufgerichtet und Cindys Kopf in ihren Scho� gebettet. Sie hatte den schrecklichen Knochenhelm entfernt, den das M�dchen getragen hatte, und ihre H�nde strichen unentwegt �ber Cindys Wangen.</p><p>Das M�dchen lebte. Ihre Brust hob und senkte sich in schweren, unregelm��igen St��en, und ihre Augen waren geschlossen, aber sie lebte.</p><p>Vorsichtig kniete ich neben Lady Audley nieder, l�chelte ihr beruhigend zu und legte die Hand auf Cindys Stirn. F�r einen Moment hatte ich f�rchterliche Angst, mich get�uscht zu haben und wieder die Anwesenheit dieses schrecklichen Ungeheuers zu sp�ren, das ich durch die Augen der Ratte gesehen hatte.</p><p>Aber da war nichts. Die Bestie war fort, ebenso wie Shub-Niggurath, ihr Herr, von dem sie vielleicht nur ein Teil gewesen war.</p><p>Lady Audley sah mich aus Augen an, in denen eine verzweifelte Hoffnung glomm, die aber gleichzeitig auch dunkel und gro� vor Angst waren.</p><p>�Sie ... sie ist doch sie selbst, oder?� stammelte sie. �Sie ist nicht mehr ... nicht mehr besessen? Sie wird leben?�</p><p>�Ich glaube schon�, antwortete ich vorsichtig. Ich versuchte erst gar nicht, es wirklich zu verstehen, aber vermutlich war es wirklich so, wie Lady Audley behauptet hatte: das <emphasis>Ding </emphasis>hatte Cindys K�rper wiedererweckt, weil es ihn brauchte, aber etwas von der wirklichen Cindy war mit aufgewacht, ein Teil ihrer Seele, der Mensch geblieben war. Und <emphasis>er </emphasis>existierte weiter.</p><p>Und wie um meine Worte zu best�tigen, schlug Cindy in diesem Moment die Augen auf. Ihr Blick war klar, spiegelte aber tiefe Verwirrung.</p><p>�Tante ... Aude?� fl�sterte sie, ganz im Ton eines Menschen, der aus einem tiefen Schlaf erwachte und nicht begriff, wo er war. �Was ... was ist passiert? Ich war krank und ...� Sie stockte und fuhr entsetzt zusammen, als sie sich ihrer Umgebung bewu�t wurde.</p><p>�Gro�er Gott, was ist das f�r ein entsetzlicher Ort?� fragte sie. �Wo bin ich? Mein Gott, ich hatte so einen schrecklichen Traum. Ich tr�umte, ich w�re tot, und -�</p><p>Ich h�rte nicht mehr hin, sondern stand auf und wandte mich <emphasis>ab, </emphasis>um Lady Audley wenigstens f�r einen Moment ganz ihrer Wiedersehensfreude zu �berlassen. Es w�rde ihr noch schwer genug fallen, Cindy zu erkl�ren, da� ihr Traum kein Traum gewesen war, und da� er die Kleinigkeit von zwanzig Jahren gedauert hatte.</p><p>Als ich mich umwandte, begegnete mein Blick dem Stan Cohens, der aus hervorquellenden Augen auf das M�dchen starrte und ganz offensichtlich an seinem Verstand zweifelte.</p><p>�Wissen Sie, wie wir hier herauskommen?� fragte ich.</p><p>Cohen nickte, ohne den Blick von Cindy zu nehmen.</p><p>�Dann sollten wir es tun�, fuhr ich fort, �bevor Ihr Bruder mit der halben englischen Armee hier auftaucht.� Und zu Howard gewandt, f�gte ich hinzu:</p><p>�Ich bin gespannt, was Captain Cohen jetzt gegen mich unternimmt. Einen Mord kann er mir ja jetzt nicht mehr nachweisen. Erinnere mich daran, Dr. Gray zu fragen, ob es in England strafbar ist, eine Tote wiederzuerwecken.�</p><empty-line/><p>ENDE</p><empty-line/></section></body><binary id="cover" 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