<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_horror</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Der Dagon-Zyklus, Band 3</book-title><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Der Hexer von Salem"><sequence name="Dagon" number="3"/></sequence></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-09">09 April 2012</date><id>AD98517F-A3BE-4CA1-A316-661D18AA3289</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Weltbild Verlag</publisher><city>Augsburg</city><year>1991</year><isbn>ISBN 3-86047-343-3</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><strong>Neue Romane vom</strong></p><empty-line/><p>Hexer von Salem</p><empty-line/><p><strong>DER DAGON-ZYKLUS</strong></p><empty-line/><p><strong>Band 3</strong></p><empty-line/><p><strong>BECHTERM�NZ VERLAG</strong></p><empty-line/><empty-line/><p>Genehmigte Lizenzausgabe f�r</p><p>Bechterm�nz Verlag im</p><p>Weltbild Verlag GmbH, Augsburg 1996</p><p>Copyright � 1991 by Bastei Verlag,</p><p>Gustav H. L�bbe GmbH &amp; Co., Bergisch-Gladbach</p><p>Umschlagbild: Agentur Holl, Aachen</p><p>Einbandgestaltung: Adolf Bachmann, Reischach</p><p>Gesamtherstellung: Ebner Ulm</p><p>Printed in Germany</p><p>ISBN 3-86047-343-3</p><empty-line/><p>In maschinenlesbares Format</p><p>�bertragen von <strong>peterpan</strong></p><p>Korrektur und Satz von <strong>Tinkerbelle</strong></p><p>Version 1.0</p></section><section><title><p id="The_Book">Der Dagon-Zyklus Band 3</p></title><image l:href="#0"/><p>Die Puppe war klein; nicht gr��er als eine Faust, dazu so roh gefertigt, da� man kaum ihre menschlichen Umrisse erkennen konnte. Leib, Arme und Beine bestanden aus Sackleinen, das mit groben Stichen zusammengen�ht war, der Kopf eine ungleichm��ige Kugel, auf die mit ungelenken Strichen die Z�ge eines menschlichen Gesichtes gemalt worden waren. Das einzig Auff�llige war das Haar der Puppe: ein B�ndel schwarzgef�rbten Strohs, in das, beginnend vom Haaransatz �ber dem linken Auge, eine wei�e, blitzf�rmig gezackte Str�hne eingeflochten war.</p><p>Der Mann mit der Holzmaske betrachtete die Voodoo-Puppe lange und ausgiebig. Er war sehr gro�; kein Riese, aber doch so hochgewachsen, da� er zwischen den kleinen, braungebrannten Gestalten der Eingeborenen auffiel. Seine Gestalt war ganz von einem buntbestickten, bis auf die Kn�chel reichenden Zeremoniengewand verh�llt, das Gesicht verborgen hinter der h�lzernen Maske, die die angedeuteten Z�ge einer Raubkatze trug. Selbst die H�nde steckten in braunen, durch aufgen�hte Pumakrallen zu stilisierten Pranken gewordenen Handschuhen. Aber es waren nicht nur seine Kleidung und seine Gr��e, was ihn von den Majunde-Kriegern unterschied. Etwas umgab diesen Mann wie eine Mauer aus unsichtbarem Glas, isolierte ihn und machte ihn gleichzeitig zu ihrem Herren.</p><p>Der Mann war ein Magier, ein Mensch, der gelernt hatte, die verborgenen Kr�fte der Sch�pfung zu entdecken und zu nutzen. Und es waren finstere, durch und durch b�se Kr�fte, deren er sich bediente. Kr�fte, die jetzt, obgleich er noch immer reglos wie eine h�lzerne Statue stand, in die winzige grobe Puppe in seinen H�nden fl�ssen. Kr�fte, die Tod und Vernichtung brachten.</p><p>Denn die sechs Majunde-Krieger und ihr Magier waren nur zu einem einzigen Zweck hierhergekommen, an diesen verbotenen Ort im Inneren des Kraters, einem Ort, der mit seinem roten Licht und der wabernden Hitze der H�lle n�her war als der Erde.</p><p>Sie waren hier, den Tod zu beschw�ren.</p><p>Den Tod f�r einen Mann, dessen Haar die gleiche, wei�gezackte Str�hne trug wie die kleine Voodoo-Puppe...</p><p>Es war hell geworden, bis wir den kleinen Ort an der S�dk�ste Krakataus erreicht hatten, und die letzten zehn Minuten waren mir vorgekommen wie ein verzweifelter Spie�rutenlauf. Der Dschungel hatte uns Deckung gegeben, denn er wuchs wie eine beh�bige gr�ne Armee bis dicht an den Ortsrand heran, und sein Unterholz �berwucherte noch einen Teil der kleinen G�rten, die die verfallenen H�user s�umten, so da� wir diesen Teil des Weges relativ sicher hinter uns gebracht hatten.</p><p>Den Rest nicht mehr.</p><p>Eldekerks Haus lag am entgegengesetzten Ende des Ortes, eine kleine, eingeschossige H�tte, die letzte in einer langen Reihe gleichartiger �rmlicher Behausungen, die das hintere Drittel der einzigen Stra�e s�umten.</p><p>Shannon und ich waren wie die Diebe von Schatten zu Schatten gehuscht, und mehr als einmal hatten wir uns in eine offene T�r oder hinter einen Busch geduckt und mit angehaltenem Atem gewartet, bis die Stra�e vor uns wieder frei war. Meiner Sch�tzung nach waren nicht mehr als zw�lf Stunden vergangen, seit wir aus Dagons unterirdischem Labyrinth entkommen waren, aber ich wu�te, wie gef�hrlich die M�nner waren, mit denen wir es zu tun hatten.</p><p>Tergard w�re kein <emphasis>Master </emphasis>des Templerordens gewesen, wenn er nicht in diesem Moment bereits gewu�t h�tte, da� ich entkommen war. Und wenn er nicht in diesem Moment bereits Himmel und H�lle in Bewegung gesetzt h�tte, mich wieder einzufangen.</p><p>Wir waren an die f�nfzehn Meilen von seinem d�monischen Gefangenenlager entfernt, und zudem lag das gewaltige Massiv des Krakatau zwischen ihm und dem kleinen Ort. Trotzdem war ich fast sicher, da� es auch hier gen�gend Augen und Ohren gab, die nur darauf warteten, da� ich mich zeigte.</p><p>Ich atmete erleichtert auf, als wir die H�tte endlich erreicht hatten und Shannon die T�r hinter mir ins Schlo� dr�ckte; nicht nur, weil ich meinen gequ�lten K�rper endlich auf einen Stuhl fallen lassen und ihm ein wenig Ruhe g�nnen konnte. Wir waren allein. Der Tag hatte noch nicht ganz Einzug in den winzigen Raum gehalten; die Schatten �berwogen, und die vorgelegten L�den lie�en nur schmale Streifen des Sonnenlichtes herein, aber es war zumindest hell genug, mich erkennen zu lassen, wie erb�rmlich die H�tte war. Die Einrichtung bestand nur aus ein paar roh zusammengezimmerten M�beln, der Boden war festgestampfter Lehm, und von der Decke baumelte eine Petroleumlampe an einem ru�geschw�rzten Draht.</p><p>Irgendwie war ich entt�uscht. Shannon hatte mir von Jop Eldekerk erz�hlt, dem alt gewordenen Abenteurer, den es hierher nach Krakatau verschlagen hatte und der vielleicht unser einziger Verb�ndeter war. Aber ich hatte etwas anderes erwartet. Was, wu�te ich selbst nicht.</p><p>�Ich denke, wir sind hier erst einmal in Sicherheit�, sagte Shannon, nachdem er durch den Raum gegangen war und sorgf�ltig alle L�den �berpr�ft hatte. �Wenigstens f�r den Moment.� Er l�chelte aufmunternd, ging zu einem kleinen Schrank an der S�dseite und kam mit einem Zinnbecher und einer Flasche zur�ck, der ein scharfer Geruch entstr�mte, als er den Korken herauszog. Schweigend schenkte er den Becher voll und reichte ihn mir.</p><p>Ich trank, ohne erst lange zu �berlegen, welche Art von Fl�ssigkeit die Flasche enthielt. Als ich aufgeh�rt hatte zu husten, f�llte Shannon den Becher erneut, aber diesmal nippte ich nur daran und sah fragend zu ihm auf. �Du nicht?� Shannon verneinte. �Ich trinke niemals Alkohol�, sagte er. �Aber dir wird er gut tun.� Pl�tzlich war wieder dieser Ausdruck von Sorge in seinem Blick. �F�hlst du dich besser?� fragte er.</p><p>Impulsiv wollte ich nicken, belie� es aber dann bei einem Achselzucken und trank einen weiteren Schluck. Mittlerweile glaubte ich das Getr�nk als Rum zu identifizieren, wenngleich als einen Rum, der zu mindestens hundertzehn Prozent aus purem Alkohol bestand. Aber obgleich mir die Br�he schier die Kehle wegzu�tzen schien, breitete sich eine Woge wohltuender W�rme in meinem Magen aus. Ich mu�te vorsichtig sein. In dem desolaten Zustand, in dem ich mich befand, w�rde mich ein zweites Glas dieses Teufelsgebr�us glattweg umhauen. Beinahe hastig stellte ich den Becher auf den Tisch zur�ck.</p><p>�Wo ist dein Freund?� fragte ich.</p><p>�Eldekerk?� Shannon deutete mit einer vagen Kopfbewegung nach Norden. �Oben in den Bergen - wenn ihn Tergards Leute nicht erwischt haben, hei�t das. Wir treffen ihn sp�ter.� Er r�umte die Flasche weg, kam zur�ck und lie� sich vor mir auf ein Knie sinken. �Zieh dein Hemd aus. Ich will dich untersuchen.�</p><p>�Sp�ter?� hakte ich nach, begann aber gehorsam mein Hemd aufzukn�pfen. Shannon war kein Arzt, aber ich hatte am eigenen Leibe erfahren, wie hilfreich und lindernd die Ber�hrung seiner H�nde sein konnte; und im Moment h�tte ich wahrscheinlich auch die Hilfe einer tibetanischen Kr�uterhexe angenommen, so miserabel, wie ich mich f�hlte.</p><p>�Was soll das hei�en, sp�ter?�</p><p>�Wir bleiben nicht hier�, antwortete Shannon, w�hrend seine H�nde bereits geschickt �ber meinen Leib huschten und hier und da verharrten. Es tat weh, aber ich bi� tapfer die Z�hne zusammen.</p><p>Shannon sch�ttelte den Kopf. �Du siehst schlimm aus�, sagte er. �Bist du geschlagen worden?�</p><p>Seine Worte weckten die Erinnerung an Roosfeld wieder in mir; mein Gesicht verd�sterte sich. Aber es war weniger die Erinnerung an die k�rperlichen Mi�handlungen als vielmehr die Erniedrigung, die mich aufst�hnen lie�, als Shannons Finger weiter �ber meine geprellten Rippen tasteten.</p><p>�Wer war es?�</p><p>�Ein Mann namens Roosfeld�, antwortete ich und f�gte, mit einem etwas verungl�ckten L�cheln, hinzu: �Er hat mir wohl den verrenkten Arm �belgenommen.�</p><p>Shannon sah auf. �Ein ziemlich gro�er Mann mit einem Schl�gergesicht und einer Narbe �ber dem Auge?� fragte er. Ich nickte �berrascht. �Du kennst ihn?�</p><p>�Ich... bin ihm begegnet�, antwortete Shannon ausweichend. �In den n�chsten Wochen wird er niemanden mehr so zurichten. Wenn er's �berlebt. Keine Sorge.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was Shannon mit seinen Worten meinte. Und als es mir klar wurde, erschrak ich. Shannons Worte waren so kalt und gef�hllos, als spr�che er �ber einen K�fer, den er zertreten hatte. Einen Moment lang zweifelte ich beinahe daran, da� dies wirklich der Shannon war, den ich kennengelernt zu haben glaubte. Der junge Magier, der mir in Arkham und sp�ter noch einmal in Amsterdam das Leben gerettet hatte, war vielleicht mein Feind gewesen. Aber trotz allem ein Mensch voller W�rme und Freundlichkeit. Kein eiskalter Zyniker.</p><p>Aber dann verscheuchte ich den Gedanken. Es war lange her, seit wir das letzte Mal als Freunde miteinander geredet hatten. Und Shannon hatte nicht dar�ber gesprochen, aber ich ahnte, da� das, was Necron ihm angetan hatte, schlimmer sein mu�te als die paar Schl�ge, die ich von Roosfeld erhalten hatte. Es gibt f�r jeden Menschen eine Grenze, jenseits derer er einfach zerbricht. Vielleicht war Shannon ihr zu nahe gekommen.</p><p>�Halt jetzt still�, sagte er. �Es wird weh tun. Aber danach f�hlst du dich besser.�</p><p>Er stand auf, legte die linke Hand auf mein Herz und spreizte die Finger der Rechten, um sie auf mein Gesicht zu legen. Ich kam nicht mehr dazu, ihn zu fragen, was er vorhatte.</p><p>Er hatte recht - es <emphasis>tat </emphasis>weh, h�llisch weh sogar, aber hinterher f�hlte ich mich keineswegs besser.</p><p>Jedenfalls nicht sofort.</p><p>Ich wurde erst einmal ohnm�chtig.</p><p>Die Hitze der Erde war hier unten deutlicher zu sp�ren. Wie ein erstickender Hauch drang sie aus dem Boden, lie� die Luft knistern und z�hfl�ssig wie hei�en Sirup werden und �berzog die Grate und Risse der geborstenen Lava mit einer unsichtbaren, schmierigen Schicht.</p><p>Und etwas an ihr hatte sich ver�ndert. Sie schien... aggressiver geworden zu sein. Dr�ngender. Drohender.</p><p>Dagon war sicher, sich die Ver�nderung nicht nur einzubilden. Alles hier war anders geworden, auf eine nicht greifbare, d�stere Art bedrohlicher und lebensfeindlicher.</p><p>Aber er wu�te auch den Grund dieser Ver�nderung. Die Zeit r�ckte heran. Bald w�rde das Tor aufgesto�en werden, hinter dem <emphasis>Sie </emphasis>seit Jahrmillionen warteten, geduldig und zeitlos wie die Unendlichkeit, aus der sie vor �onen gekommen waren, um zusammen mit ihren Herren diesen kleinen Stern am Rande der Galaxis zu besitzen. Noch war es nicht soweit, aber der Tag r�ckte heran, und bald schon w�rde er die Stunden z�hlen k�nnen, bis der Augenblick der Erf�llung gekommen war. Wenn die THUL SADUUN erwachten!</p><p>Dagon hatte Angst vor jenem Moment. Er gab es nicht zu, nicht einmal sich selbst gegen�ber, aber tief in seinem Inneren f�rchtete er den Augenblick <emphasis>ihres </emphasis>Erwachens, denn einst hatte er sie betrogen, und er war nicht ganz sicher, ob sie es ihm wirklich danken w�rden, da� er bereute und nun alles tat, ihnen zu helfen, aus ihrem Kerker zwischen den Dimensionen zu entkommen. M�glicherweise w�rden sie ihn bestrafen.</p><p>Er vertrieb den Gedanken und wandte sich wieder an das bizarre Wesen, das zu treffen er hergekommen war.</p><p>Die Gestalt �hnelte einem Menschen, aber es war eine �hnlichkeit, die nur einer oberfl�chlichen Musterung standgehalten h�tte. Sie war gro�, �ber die Ma�en schlank und schimmerte, als w�re sie aus poliertem, schimmerndem schwarzem Holz oder Horn gefertigt. Wo ihr Gesicht sein sollte, befand sich nur eine ebene, vollkommen glatte Fl�che. Winzige Spritzer erstarrter Lava klebten auf ihren Gliedern und ihrem langgestreckten Leib.</p><p>Dagon versp�rte einen neuerlichen, deutlichen Schauer von Furcht, als er das Wesen betrachtete. Alle, auch die, die ihn als Gott verehrten und ihm Sklavendienste taten, glaubten, da� er, Dagon, ihr Herr war, der Herr der furchtbaren Schatten, die mit der Nacht aus dem Meer kamen und den Tod brachten.</p><p>Es war genau umgekehrt. So wie die Sterblichen <emphasis>ihn</emphasis> f�rchteten, f�rchtete er <emphasis>sie, </emphasis>die gesichtslosen Schrecken des Meeres, von denen die Legenden der Eingeborenen sagten, da� sie Seelen derer waren, die die See verschlungen hatte, und von denen er wu�te, da� die Wahrheit tausendmal schlimmer war. Er f�rchtete sie, obwohl - oder vielleicht auch gerade weil - sie ihm halfen und sie Diener der THUL SADUUN waren wie er. Vielleicht, weil er sich bis zu diesem Moment nicht dar�ber klar geworden war, wer die wichtigere Rolle spielte, ob er oder sie entbehrlicher sein w�rden, wenn <emphasis>sie </emphasis>erwacht waren. Oder vielleicht auch beide.</p><p>�Es wird Zeit�, sagte das Hornwesen. Seine Stimme lie� Dagon schaudern, denn er h�rte den Befehl, der sich hinter diesen so harmlos klingenden Worten verbarg.</p><p>Dagon nickte, drehte sich um und klatschte in die H�nde, und in die Gruppe der Betenden, die im Halbkreis um den lodernden Lavasee herum niedergekniet waren, kam Bewegung. Acht der M�nner erhoben sich, verlie�en die H�hle und kehrten wenige Augenblicke sp�ter zur�ck, zwei kleine, bronzebraun gebrannte Gestalten mit Peitschenhieben vor sich hertreibend.</p><p>Dagon stutzte. �Nur zwei?� fragte er. �Wo sind die anderen?�</p><p>Einer der M�nner trat vor und senkte dem�tig den Blick. Sein Atem ging schnell, aber Dagon war nicht sicher, ob es nur an der erstickenden W�rme lag, die hier unten herrschte und seine Sklaven auszehrte, so da� ihm keiner l�nger als wenige Wochen zu Diensten war, ehe auch er starb oder geopfert wurde.</p><p>�Nun?� fragte er noch einmal und in weitaus sch�rferem Tonfall.</p><p>�Es... sind nicht mehr da, Herr�, antwortete der Mann. Diesmal h�rte Dagon die Furcht in seinen Worten �berdeutlich.</p><p>�Was soll das hei�en?� fauchte er. �Es wurden M�nner gebracht in den letzten Tagen.�</p><p>�Sie sind... nicht mehr da, Herr�, antwortete der Sklave im Fl�sterton. �Die <emphasis>M�chtigen </emphasis>sind hungrig, Herr. Und seit dem letzten Morgen kamen keine M�nner mehr.�</p><p>�Es...� Dagon ballte zornig die H�nde zu F�usten und starrte den Mann einen Herzschlag lang zornig an. Dann fuhr er herum und wandte sich an die schwarz schimmernde Horngestalt.</p><p>�Ist das wahr?� fauchte er.</p><p>�Es ist wahr�, antwortete das Wesen.</p><p>�Und warum erfahre ich das erst jetzt?�</p><p>�Es ist deine Aufgabe, daf�r zu sorgen, da� gen�gend Sterbliche da sind�, entgegnete das Wesen kalt, und fast glaubte Dagon, so etwas wie ein h�misches Lachen in dem konturlosen Gesicht zu sehen. �Wir haben getan, was wir mu�ten. Die Nacht r�ckt heran.�</p><p>Dagon erschauderte. Die Nacht. Mit der Nacht w�rden die Boote kommen, die Boote, die neue <emphasis>Ssaddit </emphasis>brachten, die H�llenw�rmer, die n�tig waren, um <emphasis>Ihr</emphasis> Kommen vorzubereiten. Und sie w�rden hungrig sein.</p><p>Mit einem zornigen Ruck wandte er sich um, hob den Arm und deutete auf die beiden kleinw�chsigen Gestalten, die seine Sklaven gebracht hatten. �Ihr!� sagte er fordernd. �Kommt her!�</p><p>Einer der beiden reagierte sofort, w�hrend der andere wie unter einem Hieb zusammenfuhr und ihn aus vor Angst geweiteten Augen anstarrte. Dagon machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand, und der Ausdruck von Furcht im Blick des Eingeborenen erlosch. Willenlos wie eine Puppe kam der Mann n�her und blieb am Rande des Lavasees stehen, so nah, da� der fl�ssige Stein beinahe seine F��e ber�hrte. Er schien die Hitze nicht einmal zu sp�ren.</p><p>Dagon wandte sich zum See und hob die Arme. Dann schlo� er die Augen.</p><p>F�r endlose Minuten geschah nichts. Dann, ganz sanft zuerst, als zittere der ganze See wie unter einer inneren Spannung, begann die Oberfl�che des Flamment�mpels zu beben. Kreise wie von ins Wasser geworfenen Steinen bildeten sich und verliefen wieder. Schlie�lich begann die Lava zu brodeln, als st�nde ein Ausbruch bevor.</p><p>In der Mitte des Sees erstreckte sich ein langgestreckter, wei�gl�hender K�rper, massig wie ein Wal und lang wie der Mast eines Schiffes. Mit einer eleganten, flie�enden Bewegung teilte er die tausend Grad hei�en Fluten und tauchte wieder unter, eine zitternde, zischende Welle hinter sich herziehend, aus der erstickende D�mpfe und die Hitze der H�lle emporstiegen.</p><p>Dagon glaubte die Gier zu sp�ren, die das Wesen erf�llte, als es das Leben am Ufer des brennenden Sees witterte...</p><p>Es mu�te Mittag sein, als ich erwachte. Im Inneren der H�tte herrschte noch immer schattiges Halbdunkel, aber die W�rme war durch die d�nnen Bretterw�nde gekrochen und lastete wie ein schmieriger Film auf meiner Haut. Vorsichtig stemmte ich mich hoch. Zu meiner �berraschung ging es erstaunlich gut. Nicht einmal meine geprellten Rippen schmerzten noch.</p><p>�Sei vorsichtig�, sagte eine Stimme neben mir. Ich wandte den Blick, erkannte Shannon und sah ihn fragend an.</p><p>�Du bist in keinem guten Zustand�, sagte der junge Magier erkl�rend. �Du darfst nicht zuviel von deinem K�rper verlangen. Er k�nnte sich r�chen.�</p><p>�Ich f�hle mich gut�, widersprach ich, aber Shannon machte nur eine unwillige Handbewegung.</p><p>�Ich habe die verborgenen Kr�fte deines K�rpers aktiviert�, sagte er. �Aber diese Reserven reichen nicht lange. Also schone dich. Du wirst deine Kr�fte noch dringend brauchen.�</p><p>Ich nickte, setzte mich - weitaus vorsichtiger - ganz auf und lie� die Beine vom Rand der wackeligen Liege baumeln, auf der ich erwacht war. In meinem Kopf war ein dumpfes Rauschen wie eine noch nicht ganz �berwundene Benommenheit, und als ich aufstehen wollte, zuckte ein d�nner, aber tiefgehender Stich durch meine Brust. Ich zog eine Grimasse und lie� mich wieder zur�cksinken. Shannon hatte wohl recht. Es hatte nicht allzuviel Sinn, den Helden zu spielen, nachdem man am Tage zuvor von einem Profi zusammengeschlagen worden war.</p><p>Shannon umrundete mein Bett, lie� sich auf einen freien Stuhl sinken und reichte mir einen zerbeulten Blechteller, auf dem eine undefinierbare braune Substanz lag.</p><p>�Was ist das?� fragte ich ihn, als er mir eine rostige Gabel mit verbogenen Zinken reichte.</p><p>Shannon l�chelte fl�chtig. �Willst du es erst wissen, oder willst du lieber erst essen?�</p><p>Ich starrte ihn an, aber ich war mehr als blo� hungrig, und so zog ich es vor, nicht �ber den Inhalt meines Tellers nachzudenken, sondern ihn zu verspeisen. Er schmeckte nicht halb so schlimm, wie er aussah.</p><p>�Worauf warten wir eigentlich?� fragte ich, nachdem ich fertig war und hastig abgewunken hatte, als Shannon fragend auf meinen Teller deutete.</p><p>�Auf die Nacht�, antwortete er. �Es w�re nicht gut, bei hellem Tageslicht von hier fortzugehen. Tergards Leute sind nicht dumm. Sie werden die Augen offenhalten.�</p><p>�Was wei�t du �ber Tergard?� fragte ich.</p><p>Shannon zuckte mit den Achseln. �Nicht viel mehr, als da� er da ist und mit Dagon zusammenarbeitet.�</p><p>�Er ist ein Templer�, sagte ich.</p><p>Shannon nickte. Er wirkte nicht besonders �berrascht.</p><p>�Ein <emphasis>Master </emphasis>des Templerordens�, fuhr ich fort. �Du kennst diese M�nner?�</p><p>�Nein�, erwiderte Shannon. �Aber kh habe von ihnen geh�rt. Sie und Necron sind... keine Freunde.� Ich hatte das sichere Gef�hl, da� er in Wahrheit etwas ganz anderes hatte sagen wollen, hakte jedoch nicht nach, sondern blickte noch einmal zum Fenster und sah dann wieder zu Shannon auf.</p><p>�Wir haben Zeit�, sagte ich. �Warum erz�hlst du mir nicht alles? Wie kommst du hierher, Shannon? Zwei Jahre in die Vergangenheit?�</p><p>�Auf dem gleichen Wege wie du�, antwortete Shannon. �Necron beherrscht die <emphasis>Tore, </emphasis>zumindest zu einem geringen Teil.�</p><p>�Das ist keine Antwort�, sagte ich. �Gestern abend hast du gesagt, da� du geflohen bist. Warum ausgerechnet hierher?�</p><p>�Weil ich wu�te, da� ich dich hier finden w�rde�, antwortete Shannon.</p><p>�Woher?�</p><p>�Auf Krakatau befindet sich das zweite SIEGEL�, sagte Shannon, als w�re dies Antwort genug. Mir jedenfalls reichte es nicht. Ich stellte eine entsprechende Frage.</p><p>Shannon schwieg ein Weile, aber er schien zu begreifen, da� ich mich diesmal nicht mehr mit Ausfl�chten zufriedengeben w�rde. Schlie�lich nickte er, griff unter seinen Rock, f�rderte einen kleinen, in ein braunes St�ck Kattun eingeschlagenen Gegenstand zutage und gab ihn mir.</p><p>�Das hier habe ich Necron gestohlen, ehe ich geflohen bin�, sagte er. �Ich... kann es dir nicht genau erkl�ren, denn nicht einmal Necron selbst wei� wirklich, auf welche Weise es funktioniert, aber es ist eine Art...� Er z�gerte, suchte einen Moment sichtlich nach Worten und fuhr mit einem unsicheren L�cheln fort: �Eine Art Kompa�, wenn du so willst. Ein Kompa�, der nur einem einzigen Zweck dient - die SIEGEL zu finden. Wer ihn besitzt und ein <emphasis>Tor </emphasis>benutzt, wird in die N�he eines SIEGELS gebracht. Frage mich jetzt nicht, wieso, oder woher Necron ihn hat, ich wei� es n�mlich nicht. Ich wei� nur, da� es so ist. Necron gedachte ihn zu benutzen, um die sechs anderen SIEGEL aufzusp�ren.�</p><p>Verst�rt blickte ich auf die kaum m�nzgro�e Metallscheibe in meinen H�nden. Sie war v�llig glatt und f�hlte sich kalt wie Eis an. Einen Moment lang wunderte ich mich, keinerlei Anzeigen von Magie zu sp�ren, denn auch das war etwas, das ich in den letzten Jahren fast gegen meinen Willen gelernt hatte. Erst nach Sekunden kam mir wieder zu Bewu�tsein, da� meine magischen Kr�fte nach der Begegnung mit Tergard ungef�hr so stark entwickelt waren wie die einer Kellerassel. Entt�uscht reichte ich Shannon den <emphasis>Kompa� </emphasis>zur�ck.</p><p>�Das erkl�rt, warum du hier bist�, sagte ich. �Aber nicht, was mich hierher verschlagen hat.�</p><p>Shannon steckte die Metallscheibe weg, nachdem er sie sorgf�ltig wieder eingewickelt hatte. �Du bist ein Magier wie ich�, sagte er schlie�lich. �M�glicherweise ist deine angeborene Begabung sogar st�rker. Vielleicht st�rker als die Necrons.�</p><p>�Unsinn�, widersprach ich, aber Shannon beharrte auf seiner Meinung.</p><p>�Necron hat Angst vor dir, Robert�, sagte er pl�tzlich. �Ist dir das klar?�</p><p>�Angst? Vor mir?� Ich versuchte zu lachen, aber es gelang nicht ganz. �Du machst Witze.�</p><p>�Keineswegs�, sagte Shannon ernst. �Er ha�t dich, weil er dich f�rchtet, Robert. Er hat Angst vor dir, weil er ahnt, da� du ihn vernichten k�nntest, irgendwann einmal. Es ist der gleiche Grund, aus dem er mich get�tet h�tte, w�re ich nicht geflohen. Der Grund, aus dem er das M�dchen gefangenh�lt.�</p><p>Ich fuhr auf, wie von einem Schlag getroffen.</p><p>�Das M�dchen?!� Ich schrie fast. �Welches M�dchen, Shannon?�</p><p>Shannon antwortete nicht, sondern blickte mich nur mit einer Mischung aus Schrecken und allm�hlich aufkeimendem Mitleid an, und ich begriff, da� er etwas gesagt hatte, was er ganz und gar nicht hatte sagen wollen.</p><p><emphasis>Das M�dchen...</emphasis></p><p>�Priscylla�, murmelte ich. �Dann... dann lebt sie? Sie... sie ist... ist am Leben, Shannon? Sie lebt noch?� Pl�tzlich begann meine Stimme zu zittern, und in meiner Brust erwachte ein neuer, grausamer Schmerz, der nichts mit meinen Verletzungen zu tun hatte und den keine Magie der Welt zu lindern imstande war. Ich hatte gehofft, ihn durch Vergessen abt�ten zu k�nnen, aber Shannons Worte hatten mir bewiesen, da� auch das nicht ging. Er war noch da, grausam und qu�lend wie am ersten Tag.</p><p>�Pri�, murmelte ich erneut. Ein harter, schmerzhafter Klo� sa� pl�tzlich in meiner Kehle. �Hast du... hast du sie gesehen?�</p><p>Shannon nickte.</p><p>�Sie lebt�, best�tigte Shannon. �Aber sie ist...� Er sprach nicht weiter, und mit einem Male - eigentlich zum allerersten Male, seit ich ihn kennengelernt hatte - konnte er meinem Blick nicht mehr standhalten und starrte beinahe betreten zu Boden. �Es tut mir leid, Robert�, sagte er. �Ich wollte nicht dar�ber reden. Es war ein Fehler, der dir nur weh getan hat. Verzeih.�</p><p>�Sie lebt?� beharrte ich. Ich f�hlte mich wie in Trance. Meine Gef�hle waren aufgew�hlt, als w�re am Grunde meiner Seele ein Vulkan aufgebrochen. Meine H�nde zitterten.</p><p>Shannon nickte, aber die Bewegung war so sacht, da� ich sie kaum sah. �Sie lebt, aber Necron hat sie in Schlaf versetzt, Robert. Einen magischen Schlaf, aus dem nur er sie wieder erwecken kann.� Pl�tzlich hob er den Kopf und sah mir mit neu gewonnener Festigkeit in die Augen. �Vergi� sie, Robert�, sagte er sanft. �Selbst wenn sie wieder erwachen sollte, wird sie nicht mehr...�</p><p>Er kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu bringen. Mit einem Sprung war ich auf den F��en und bei ihm, ri� ihn an den Jackenaufschl�gen in die H�he und ballte die Hand unter seinem Gesicht.</p><p>�Sag so etwas nie wieder, Shannon!� schrie ich. �Nie, h�rst du? Sag nie wieder, da� ich sie vergessen soll!�</p><p>Shannon blickte mich an, sch�ttelte traurig den Kopf und dr�ckte meine H�nde mit einer beinahe sanften Geste zur Seite. Meine Wut verrauchte, so schnell wie sie gekommen war, und mit einem Male f�hlte ich mich nur noch elend. Mir war im wahrsten Sinne des Wortes zum Heulen zumute.</p><p>�Entschuldige, Shannon�, sagte ich. �Ich... habe die Beherrschung verloren. Ich wollte das nicht.�</p><p>�Wir haben beide Fehler gemacht�, sagte Shannon sanft. �Warum vergessen wir sie nicht auch beide.� Er schwieg einen Moment, l�chelte traurig und f�gte mit noch leiserer Stimme hinzu: �Bedeutet dir dieses M�dchen so viel? Nach all der Zeit?�</p><p>Ich antwortete nicht, denn ich konnte es nicht. Bei Gott - wie oft hatte ich mir das Hirn zermartert, um selbst eine Antwort auf diese Frage zu finden? Ich liebte sie, ja, mehr als alles andere auf der Welt, aber - war es wirklich Liebe? Ich hatte sie ja kaum gekannt. Die wenigen Tage, die ich zusammen mit ihr in London verbracht hatte, hatten ja nicht einmal ausgereicht, sie wirklich kennenzulernen, und die Jahre danach ...</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand ich, ohne Shannon anzublicken.</p><p>�Du hattest kaum Zeit, sie wirklich zu lieben�, sagte Shannon, fast als h�tte er meine Gedanken gelesen. �Du hast zwei Jahre neben einer Kranken gelebt, Robert. Einem M�dchen, das nicht Herr ihrer selbst war. Vielleicht ist es nur Mitleid.�</p><p>Ich sah auf, atmete h�rbar ein und blickte ihn fest an. �Hast du jemals geliebt, Shannon?� fragte ich.</p><p>Es dauerte lange, bis Shannon antwortete, fast als m�sse er erst gr�ndlich �ber meine Frage nachdenken. Dann sch�ttelte er den Kopf. �Du hast recht�, sagte er, �Man sollte nicht �ber etwas reden, was man niemals kennengelernt hat.� Pl�tzlich l�chelte er und sprach mit ver�nderter Stimme weiter: �Und so wie die Dinge liegen, kommen wir im Moment ohnehin nicht zu einer L�sung. Ich verspreche dir, da� ich dir helfen werde, sie zu befreien. Wenn <emphasis>das </emphasis>alles hier vor�ber ist.�</p><p>�Befreien? Ich wei� ja nicht einmal, wo sie ist. Und f�r dich w�re es Selbstmord, auch nur in Necrons N�he zu kommen. Er wird nicht sehr erbaut davon sein, da� du ihm dieses Ding gestohlen hast.� Ich deutete auf die Tasche, in der er den magischen Kompa� trug. �Au�erdem hast du ganz recht - im Augenblick gibt es Wichtigeres zu tun. Hast du schon einen Plan?� Shannon lachte befreit auf. �Ich dachte schon, du w�rdest mich nie fragen�, sagte er. �H�r zu,..�</p><p>Der gro�e Platz inmitten des Gefangenenlagers wirkte wie ausgestorben. Die T�ren der hufeisenf�rmig angelegten Baracken waren ausnahmslos geschlossen, die L�den vorgelegt, und auch das normalerweise niemals abrei�ende Hin und Her der Wachen auf den Wehrg�ngen jenseits des doppelten Stacheldrahtverhaues hatte aufgeh�rt. Selbst in den warmen Hauch des Krakatau, der vom Gipfel des Vulkans herabtrieb und aus der Erde drang, hatte sich etwas wie K�lte gemischt.</p><p>Tergard fr�stelte. Die Sonne stand hoch am Himmel, und es h�tte unertr�glich warm sein m�ssen. Aber wenn er die Augen schlo�, dann glaubte er Schnee und Eis zu sp�ren.</p><p>Trotzdem war er in Schwei� gebadet. Er hatte die H�nde unter den Stoff seines wei�en Zeremonienmantels geschoben, damit Roosfeld und die anderen nicht sahen, wie stark seine Finger zitterten.</p><p>�Er kommt�, sagte Roosfeld pl�tzlich. Er sah aus, als w�re er mit knapper Not einem Fleischwolf entsprungen. Zu seinem verbundenen, verrenkten Arm trug er einen passenden Mullverband um die blaugl�nzende Stirn.</p><p>Tergard nickte, drehte sich mit bewu�t langsamen Bewegungen herum und blickte auf die langgestreckte Baracke, die den Abschlu� des freien Platzes bildete, der zwischen den anderen Geb�uden des Gefangenenlagers lag. Ihre T�r stand offen, und erst vor Minuten hatte Roosfeld auch die innere, aus Metall gefertigte T�r aufgeschlossen, so da� die rote Glut der Lava aus dem brennenden Geb�ude leuchtete. Es sah aus, als brenne das Haus. F�r einen Moment schlo� Tergard die Augen und versuchte, das Chaos hinter seiner Stirn zu beruhigen. Er hatte Angst, und er gestand es sich selbst gegen�ber ein. Ein Fehler, ein falsches Wort, ja, eine falsche Betonung, und er war verloren.</p><p>Aber der Preis, der ihm winkte, wenn er Erfolg hatte, war den Einsatz wert. Wenn er obsiegte, dachte er mit einem raschen, warmen Gef�hl vorweggenommenen Triumphes, dann waren seine Tage auf diesem gottverlassenen Eiland am Ende der Welt gez�hlt. Dann w�rde <emphasis>er </emphasis>die Robe des Gro�meisters tragen. Vielleicht mehr.</p><p>Unter der offenstehenden T�r erschien eine Gestalt, und Tergard rief sich innerlich zur Ordnung. Seinen Sieg konnte er feiern, wenn er ihn errungen hatte. Nicht eher.</p><p>�Ihr bleibt hier�, sagte er, als Roosfeld und zwei der anderen ihm folgen wollten. �Ich rede allein mit ihm.�</p><p>Roosfeld widersprach nicht, sondern wich beinahe hastig drei, vier Schritte zur�ck, sichtbar froh, ihm nicht folgen zu m�ssen. Tergard beschlo� in Gedanken, sich bald nach einem neuen Mann umzusehen, der Roosfelds Stelle einnehmen konnte. Er war zweimal hintereinander geschlagen worden, und wie bei allen M�nnern, die im Grunde ihres Herzens feige waren, war eine einzige Niederlage f�r ihn schon zuviel. Wenn er das n�chste Mal in eine gef�hrliche Situation kam, w�rde Roosfeld versagen, das wu�te er.</p><p>Langsam n�herte sich der Tempelritter der Baracke und der schlanken Gestalt, die aus der T�r getreten war, blieb in zwei Schritten Abstand stehen und deutete mit der linken Hand auf die zweite Gestalt, die hinter der ersten aufgetaucht war, einem Wesen wie aus H�rn und erstarrter Nacht, ohne Gesicht, ohne Leben, ohne Seele. Seine andere Hand lag verborgen unter dem Mantel auf dem Schwertgriff; eine Geste, die ihm sicherlich keinen Schutz gab gegen dieses Wesen, die ihn aber beruhigte.</p><p>�Schicke diese Kreatur fort�, sagte er kalt.</p><p>�Du hast hier nichts zu befehlen�, entgegnete der Mann, dem er gegen�berstand. Seine faustgro�en Fischaugen musterten Tergard kalt. �Du...�</p><p>�Dieses Wesen ist eine Kreatur der H�lle�, unterbrach ihn Tergard. �Schicke es fort, oder ich gehe wieder. Du wolltest mit mir sprechen, und ich bin hier, um mit dir zu reden. Aber nur mit dir.�</p><p>Dagon starrte ihn an und pre�te w�tend die Lippen aufeinander. Dann fuhr er mit einem Ruck herum, machte eine befehlende Geste und gab einen zischenden Laut von sich. Der Gesichtslose verschwand lautlos im Haus und l�ste sich in der lodernden Glut hinter seiner T�r auf.</p><p>�Jetzt k�nnen wir reden�, sagte Tergard. �Du hast mich gerufen?�</p><p>�Spiele nicht den Narren, <emphasis>Mensch!� </emphasis>fauchte Dagon. �Du wei�t sehr wohl, aus welchem Grund ich dich herbefohlen habe. Hast du unser Abkommen vergessen?�</p><p>�Keineswegs�, antwortete Tergard mit einem fl�chtigen, fast abf�llig wirkenden L�cheln. �Ich halte es, so gut ich kann.�</p><p>�Du h�ltst es?� Dagon schrie beinahe. �Versuche nicht, mich zum Narren zu machen, Tergard! Du hast versprochen, mir Sklaven zu schicken, aber meine...�</p><p>�Das habe ich getan�, unterbrach ihn Tergard. �Hunderte, Dagon, in den letzten zwei Jahren. Meine M�nner bringen so viele, wie sie nur k�nnen.�</p><p>�Nicht genug!� fauchte Dagon. �Ich brauche mehr, Tergard, weit mehr. Noch heute.�</p><p>�Das ist unm�glich�, sagte Tergard bedauernd. �Sieh dich um. Das Lager ist leer. Du hast alle M�nner bekommen, die ich dir geben kann.� Pl�tzlich wurde sein Stimme sch�rfer, nur eine Spur, aber doch so, da� Dagon die Drohung darin nicht �berh�ren konnte. �Was verlangst du? Meine M�nner haben Schiffe geentert und dir die Passagiere gebracht. Wir haben das Ger�cht ausgestreut, da� es Gold und edle Metalle auf Krakatau gibt, um Abenteurer und anderes Gesindel anzulocken, und wir haben dir die Fischer gebracht, die allein auf das Meer hinausfuhren. Was verlangst du noch? Soll ich meine M�nner die St�dte �berfallen und dir die Einwohner bringen lassen. Ich habe dir zahllose Opfer gebracht!�</p><p>�Es sind zu wenige!� beharrte Dagon. <emphasis>�Ihr </emphasis>Hunger ist uners�ttlich, und der Moment r�ckt heran, da ...�</p><p>�Ich kann dir nicht helfen�, unterbrach ihn Tergard kalt. �Es ist niemand mehr da, den ich dir bringen k�nnte. Ich habe schon mehr getan, als ich d�rfte. Man beginnt bereits zu reden, Dagon. Es f�llt auf, wenn auf einer Insel wie Krakatau Hunderte von Menschen verschwinden. Sie werden kommen und nachsehen, wenn wir nicht vorsichtig sind.�</p><p>�Bis dahin ist es zu sp�t!� sagte Dagon heftig. �Noch wenige Tage, und es ist vollbracht, Tergard. Dann k�nnen sie mit einer Armee kommen, und wir werden ihnen widerstehen. Aber ich brauche Opfer. Lebende Opfer.�</p><p>�Ich kann sie dir nicht geben�, beharrte Tergard. �Es tut mir leid.�</p><p>�Du betr�gst mich!� behauptete Dagon.</p><p>�Dich? Einen <emphasis>Gott?� </emphasis>Tergards Stimme troff geradezu vor Hohn.</p><p>�Ich warne dich, Tergard�, sagte Dagon leise. �Versuche, mich zu hintergehen, und meine Rache wird furchtbar sein.� Tergard zog die linke Augenbraue hoch. �So?� fragte er lauernd. �Ich glaube nicht, da� du irgend etwas gegen mich unternehmen wirst, Dagon. Ich habe meinen Teil der Abmachung gehalten, so gut es mir m�glich war. Und ich glaube auch nicht, da� du mir wirklich drohen solltest.�</p><p>�Ich kann dich vernichten.�</p><p>�Das <emphasis>k�nntest </emphasis>du�, korrigierte Tergard. �Wenn du Zeit dazu h�ttest. Und wenn es einen Mann namens Robert Craven nicht g�be.� Er lachte leise. �Ich nehme an, er ist dir entkommen.�</p><p>Dagon antwortete nicht, sondern starrte ihn nur aus vor Ha� lodernden Augen an, und nach einer Weile fuhr Tergard fort.</p><p>�Es tut mir leid, Dagon. Ich bin nicht in der Lage, dir zu helfen. Wenn du Futter f�r die Ungeheuer brauchst, die du dort unten z�chtest, so mu�t du es dir schon selbst besorgen. Und ich w�rde dir raten, es rasch zu tun. Bald wird die Sonne untergehen, und du hast es selbst gesagt: <emphasis>ihr </emphasis>Hunger ist uners�ttlich. Sie werden sich holen, was du ihnen nicht freiwillig gibst.�</p><p>�Dann brichst du unser Abkommen?�</p><p>Tergard sch�ttelte den Kopf. �Nein. Ich halte es, Dagon. Ich habe niemals versprochen, deine Arbeit zu tun, erinnere dich. Niemand wird diese Insel betreten oder verlassen, bis nicht der n�chste Vollmond herangekommen ist, daf�r garantiere ich. Mehr kann ich nicht tun.� Er starrte Dagon einen Moment lang herablassend an und machte dann eine sp�ttische Verbeugung. �Und nun entschuldige mich, Dagon�, sagte er. �Ich habe zu tun. Ich mu� den Mann fangen, der dir und deinen Kreaturen entkommen ist. Und diesmal werde ich ihn selbst t�ten.�</p><p>Damit wandte er sich um und ging, ohne der Gestalt des Fischgottes auch nur noch einen einzigen Blick zu widmen. Roosfelds Gesicht war grau vor Furcht, als er zu ihm zur�ckkam. �Nun?� fragte der Leutnant. �Was... was hat er gesagt?�</p><p>�Er hat mir gedroht�, antwortete Tergard, �aber damit habe ich gerechnet.�</p><p>�Aber er glaubt Ihnen?�</p><p>Tergard zuckte mit den Schultern. �Ich wei� es nicht�, gestand er. �Aber so wie die Dinge liegen, hat er kaum gen�gend Zeit, herauszufinden, ob ich ihn bel�ge oder nicht.� Pl�tzlich lachte er. �Wir werden siegen, Roosfeld. Dieser Craven war jeden einzelnen Hieb wert, den er dir versetzt hat.�</p><p>Roosfelds Gesicht verd�sterte sich bei Tergards Worten, was diesen zu einem noch zufriedeneren L�cheln veranla�te. �Vergi� es, Roosfeld�, sagte er. �Du hast diesen Mann untersch�tzt, und du hast daf�r bezahlt.�</p><p>�Ich werde ihn umbringen!� versprach Roosfeld. �Wenn ich ihn das n�chste Mal in die Finger bekomme...�</p><p>�Wirst du ihn sch�n in Ruhe lassen�, unterbrach ihn Tergard. �Ich brauche ihn noch; mehr als dieser Narr auch nur ahnt. Und nun komm. Die Zeit wird knapp. Wir m�ssen Craven finden, ehe Dagon es tut.�</p><p>Der Ort lag unter uns, nicht mehr als vier oder allerh�chstem f�nf Meilen entfernt, aber der Dschungel hatte seine Lichter schon nach wenigen Schritten verschlungen, und seit die Sonne untergegangen war, hatte ich das Gef�hl, durch eine Welt zu marschieren - genauer gesagt, mich hindurchzutasten -, die nur noch aus Dunkelheit und wechselweise rei�enden wie schlagenden oder stolpernlassenden Schatten bestand. Shannon hatte mir ein halbes dutzendmal aufhelfen m�ssen, weil ich gest�rzt war, und einmal war ich geradewegs vor einen Baum gerannt und hatte mir den Sch�del blutig geschlagen. Wie Shannon das Kunstst�ck fertigbrachte, bei der herrschenden Dunkelheit nicht die Orientierung zu verlieren, war mir ein R�tsel.</p><p>�Sie kommen�, erklang die Stimme des jungen Magiers links von mir, und ich schrak abrupt aus meinen d�steren �berlegungen hoch. Vorsichtig richtete ich mich hinter dem stacheligen Busch auf, den ich mir sinnigerweise als Deckung auserkoren hatte und der mir seit einer Viertelstunde das Gesicht und die H�nde zerkratzte, und lugte aus zusammengekniffenen Augen �ber die Lichtung.</p><p>Ich sah absolut nichts, aber das war auch nicht weiter verwunderlich: Was Shannon in einem Anfall von mir unverst�ndlichem Humor als Lichtung bezeichnet hatte, war nichts als ein runder Platz von vielleicht drei�ig Schritten Durchmesser, auf dem keine B�ume und kaum Unterholz wuchsen; was die Urwaldriesen nicht daran hinderte, ihre Kronen �ber unseren K�pfen wie laubbewachsene Finger ineinanderzukrallen, so da� es hier unten so pechschwarz war wie im eigentlichen Dschungel.</p><p>Nun, zumindest wu�te ich, worauf wir warteten. Shannon hatte mir seinen Plan erkl�rt. Und er war so einfach wie verzweifelt. Wir beide allein h�tten in hundert Jahren keine vern�nftige Chance, Dagon aufzuhalten, geschweige denn, ihn zu besiegen. Wir brauchten Unterst�tzung. Und die einzige Hilfe, auf die wir hoffen konnten, waren die Eingeborenen Krakataus. Das hie�, wenn sie uns nicht kurzerhand die K�pfe abschnitten oder andere unerfreuliche Dinge mit uns taten. Auf der anderen Seite der �Lichtung� raschelte etwas im Unterholz, und einen Moment sp�ter glaubte ich einen kleinen, gedrungenen K�rper zu erkennen, der sich behutsam durch das Dornengestr�pp schob. Instinktiv senkte ich die Hand zum G�rtel und umklammerte den Griff des Buschmessers, das ich in Eldekerks Haus gefunden und mitgenommen hatte.</p><p>�Das w�rde ich nicht tun, Robert�, sagte Shannon ruhig. �Sie sind sehr mi�trauisch. Du darfst sie nicht reizen.�</p><p>�Sie sehen es ja nicht�, knurrte ich.</p><p>Shannon lachte leise. �Warum wirfst du nicht einen Blick nach hinten, ehe du weitersprichst?� fragte er.</p><p>Ich gehorchte - und zog die Hand so rasch vom Griff des Buschmessers, als h�tte ich sie mir verbrannt.</p><p>Um uns herum herrschte beinahe undurchdringliche Finsternis. Aber so dunkel die Nacht war, reichte das bi�chen verbliebene Helligkeit doch aus, die vier kleinw�chsigen Gestalten zu erkennen, die mich in kaum einem Yard Abstand umringten. Zwei von ihnen zielten mit B�gen auf mich, die ein gutes St�ck gr��er waren als ihre Besitzer.</p><p>�Sie beobachten uns schon seit einer halben Stunde�, sagte Shannon ruhig. �Keine Sorge. Wenn sie uns umbringen wollten, w�ren wir l�ngst tot. Aber sei vorsichtig, wenn du aufstehst.�</p><p>Ich bedankte mich f�r seinen guten Rat mit einem gifttriefenden Blick, hob vorsichtig die Arme in Schulterh�he und stand ungeschickt auf. Die beiden B�gen folgten meiner Bewegung mit der Sturheit lauernder Schlangen.</p><p>Shannon trat langsam an meine Stelle, und hinter ihm wuchs ein weiteres halbes Dutzend Majunde-Krieger aus der Nacht.</p><p>�La� mich reden�, wisperte Shannon. �Ich spreche Ihre Sprache.�</p><p>�Gibt es irgend etwas, was du nicht kannst?� fragte ich.</p><p>�Ja�, antwortete Shannon ernsthaft. �Kochen.� Er grinste, wurde �bergangslos wieder ernst und trat dem vordersten Eingeborenen einen halben Schritt entgegen, blieb aber sofort wieder stehen, als dieser drohend seinen Bogen hob.</p><p><emphasis>�Tiagunge�, </emphasis>begann Shannon. <emphasis>�Owagi chai..</emphasis>.�</p><p>�Brechen sie sich nicht die Zunge ab, Mister�, sagte einer der Eingeborenen. �Ich spreche ihre Sprache.�</p><p>Shannon brach verbl�fft ab. �Wer sind sie?� fragte er, an den Mann gewandt, der zwischen den anderen hervorgetreten war. Er war der einzige, der keine Waffen trug, wie mir jetzt auffiel.</p><p>�Mein Name ist Yo Mai�, antwortete der Majunde. �Sind Sie Shannon?�</p><p>Shannon nickte. Auf seinem Gesicht machte sich ein deutlicher Ausdruck von Erleichterung breit. �Sie haben mit Eldekerk gesprochen.�</p><p>Yo Mai nickte und kam einen Schritt n�her, so da� ich sein Gesicht erkennen konnte. Er war klein und schmalschultrig wie auch die anderen M�nner, und seine Haut war - soweit ich das bei der miserablen Beleuchtung erkennen konnte - von der Farbe dunkel gewordenen Kupfers. Sein Gesicht wies einen stark asiatischen Schlag auf, aber seine Lippen waren wulstig wie die eines afrikanischen Negers. Wie die anderen Majunde war er nackt, sah man von seinem barbarischen Halsschmuck und der bunten Feder ab, die er sich durch das linke Ohr gestochen hatte. Und er sprach beinahe besser Englisch als ich.</p><p>�Wer ist er?� fragte Yo Mai, w�hrend er mit der Hand auf mich deutete.</p><p>�Ein Freund�, sagte Shannon hastig. �Wir sind gekommen, um...�</p><p>�Ich wei�, weshalb Sie hier sind�, unterbrach ihn Yo Mai. �Eldekerk hat es uns gesagt. Wir werden dar�ber reden, doch nicht hier. Gebt eure Waffen.�</p><p>Er streckte befehlend die Hand aus. Vorsichtig zog ich das Buschmesser aus dem G�rtel und reichte es ihm, w�hrend Shannon, der wie �blich genug Mordinstrumente mit sich herumschleppte, um eine kleine Armee auszur�sten, seine Waffensammlung an einen der anderen Majunde aush�ndigte. Yo Mai drehte mein Messer ein paarmal in den H�nden, sch�rzte ver�chtlich die Lippen und schleuderte die Waffe achtlos in den Busch.</p><p>�Gehen wir�, sagte er.</p><p>Es war sehr still geworden in der H�hle. Das Zischen und Brodeln des verfl�ssigten Steines klang ged�mpft, und gleichzeitig hatte sich etwas k�rperloses Drohendes, Finsteres �ber die gewaltige Halle tief unter dem flammengekr�nten Haupt des Krakatau ausgebreitet.</p><p>Dagons Blick hing wie gebannt an der faustgro�en Kugel aus wasserklarem Kristall, die unmittelbar vor ihm lag. Das Gebilde schwebte eine Handbreit �ber einem m�chtigen, mit verwirrenden Linien und Symbolen bedeckten Block aus schwarzem Basalt, und manchmal glaubte Dagon ein rasches Huschen und Wogen wie von Nebeln oder kleinen, faserigen Gebilden in ihrem Inneren zu gewahren, das jedoch immer wieder verschwand, ehe er es wirklich erkennen konnte.</p><p>Der Anblick machte ihm Angst.</p><p>Nicht nur diese Kugel oder der schwarze Altarstein erf�llten ihn mit Furcht, sondern dieser ganze Raum, das Herz des Vulkans, zwei Meilen unter seinem Gipfel und Hunderte von Yards unter dem Meeresspiegel gelegen. Er geh�rte nicht mehr ganz zu dieser Welt, das sp�rte er, aber auch noch nicht zu der anderen, aus der seine Sch�pfer stammten.</p><p>Es war das zweite Mal, seit er hierhergekommen war, da� er diesen Raum betrat, und wie beim allerersten Mal ersch�tterte ihn der Anblick bis in die tiefsten Gr�nde seiner Seele.</p><p>Die Halle war riesig; eine Kuppel aus schwarzer Lava, deren Zenit sich gute hundert Meter �ber seinem Kopf spannte, und wie der gr��te Teil des gewaltigen Labyrinthes, das den Krakatau durchzog, war sie vom blutigen roten Licht der Lava erf�llt, Licht und Hitze, die aus zahllosen Rissen und Kl�ften im Boden oder den W�nden dr�ngten. In ihrem hinteren Drittel, direkt unter dem einzigen Eingang, so da� jeder Sterbliche, der es wagen sollte, hierherzukommen, unweigerlich hineinst�rzen und elendiglich verbrennen mu�te, war der Boden geschmolzen und zu einem brodelnden Teich geworden, und von ihrer S�dwand rieselte ein brennender Wasserfall aus Lava.</p><p>Die gegen�berliegende Wand bestand aus Wasser.</p><p>Der Anblick erschreckte ihn jetzt so wie beim ersten Mal. Wo massiver Fels sein sollte, erhob sich eine spiegelnde Wand aus schwarzem Wasser, erstarrt zur Festigkeit von Eis oder Stahl. Dagon hatte versucht, ihr Geheimnis mit Hilfe seiner magischen Kr�fte zu erkunden, aber es war ihm nicht gelungen. Der Zauber, der das Meer davon abhielt, ins Innere des Krakatau zu st�rzen, war zu stark.</p><p>Aber er wu�te, da� es die Kugel war, sie und der Block aus lichtschluckendem schwarzem Basalt, die den magischen Bann aufrecht erhielten. Das SIEGEL...</p><p>Dagon atmete h�rbar ein und erhob sich aus der knienden, dem�tigen Haltung, in der er die letzte halbe Stunde vor dem Altar und dem SIEGEL gehockt hatte. Angst und Ratlosigkeit hatten ihn hier herabgetrieben, sie und die verzweifelte Hoffnung, eine Antwort auf die dr�ngenden Fragen zu finden, die ihn qu�lten. Aber das SIEGEL hatte geschwiegen, und seine Furcht war eher noch schlimmer geworden.</p><p>Ihm blieb nicht mehr viel Zeit. Bald w�rde die Mitternacht herankommen, und mit ihr die Boten der <emphasis>M�chtigen. </emphasis>Die <emphasis>Ssaddit </emphasis>w�rden hungrig sein, hungriger denn je, und wenn er nichts hatte, ihre Gier zu stillen,..</p><p>Dagon schauderte. Gleichzeitig versp�rte er eine hei�e Woge m�rderischer, hilfloser Wut, als er an Tergard dachte. Er hatte geahnt, da� dieser Mann ihn betr�gen w�rde, fr�her oder sp�ter, und er war darauf vorbereitet gewesen. Womit er nicht gerechnet hatte, war der Zeitpunkt.</p><p>Nur wenige Tage! dachte er voller Zorn. Nur wenige Tage noch, und er w�re am Ziel gewesen, f�nftausend Jahre voller Angst und Flucht, f�nf Millennien des Versteckens und Davonlaufens beendet.</p><p>Er dachte an alles, was er getan hatte, seit er das <emphasis>Zeittor</emphasis> ge�ffnet und um fast ein Jahrzehnt zur�ck in die Vergangenheit geflogen war, die einzige Richtung, in der er seine Spur wenigstens f�r eine Weile zu verwischen hoffte, all seine sorgf�ltigen Vorbereitungen, sein Planen und vorsichtiges Handeln, und sein Zorn wuchs erneut. All das sollte vergebens sein, nur wegen eines armseligen, machtgierigen <emphasis>Menschen?</emphasis> Die jahrhundertelangen Vorbereitungen, die ungeheure Anstrengung, die es gekostet hatte, die Falle...</p><p>Dagon zwang sich mit aller Macht, den Gedanken nicht zu Ende zu denken. Er durfte es nicht, nicht hier, nicht einmal oben, wo er nur in der N�he der geistlosen <emphasis>Ssaddit </emphasis>und ihrer gefr��igen Jungen war.</p><p>Mit einem entschlossenen Ruck wandte sich Dagon um und verlie� die H�hle. Die Zeit wurde knapp, und er mu�te handeln, wollte er eine Katastrophe verhindern. Sp�ter w�rde Zeit genug sein, sich mit Tergard zu besch�ftigen.</p><p>Dagon freute sich bereits darauf. Dieser Narr w�rde begreifen, was es hie�, einen Gott betr�gen zu wollen!</p><p>Das Lager der Majunde lag nur wenige Meilen von der K�ste entfernt, aber so gut verborgen im Dschungel Krakataus, da� es ebensogut auf dem Mond h�tte liegen k�nnen. Wir waren eine weitere halbe Stunde durch den Wald gestolpert, als der Dschungel pl�tzlich wie abgeschnitten endete und sich eine halbkreisf�rmige, eine gute Viertelmeile messende Lichtung vor uns auf tat.</p><p>An die drei�ig runde, mit spitzen Bl�tterd�chern versehene H�tten gruppierten sich im Halbkreis um einen flachen See herum, dessen Wasser im Mondlicht wie geschmolzenes Pech schimmerte. Ein gewaltiges Lagerfeuer loderte im Zentrum des Eingeborenendorfes. Schattenhafte Gestalten bewegten sich davor, und die Nacht trug Fetzen eines fremdartig klingenden, aber sehr melodischen Gesanges heran.</p><p>Yo Mai gebot uns mit Gesten, stehenzubleiben, als wir die Lichtung zur H�lfte �berquert hatten, und verschwand rasch in der Dunkelheit. Die anderen Majunde-Krieger umringten Shannon und mich weiter, und das ungute Gef�hl in mir nahm weiter zu, jetzt, als ich sie im hellen Mondlicht erkennen konnte.</p><p>Selbst der gr��te von ihnen reichte mir gerade bis zur Schulter, und ich bin, obgleich nicht gerade klein, so doch auch alles andere als ein Riese. Aber was ihnen an Gr��e fehlte, das machten sie an Wildheit wieder wett. Ihre Gesichter waren - anders als das Yo Mais - mit bunten Farben bemalt, was ihnen ein schreckenerregendes �u�eres gab, und die B�gen in ihren H�nden erweckten nicht gerade den Eindruck, als ob sie damit nur auf Paradiesv�gel zu schie�en gewohnt w�ren. Ein leiser:</p><p>Schauer �berlief mich, als ich daran dachte, da� der Kannibalismus in diesem Teil der Welt nicht unbedingt so ungew�hnlich war wie in England.</p><p>Nach einer schieren Ewigkeit kam Yo Mai zur�ck, �Unser �ltester erwartet euch�, sagte er. Shannon nickte und wollte losgehen, aber Yo Mai hielt ihn mit einer fast hastigen Geste noch einmal zur�ck.</p><p>�Behandle ihn respektvoll�, sagte er warnend. �Und denke immer daran, da� ihr nur noch lebt, weil Eldekerk f�r euch gesprochen hat. Unsere Gastfreundschaft kennt Grenzen.� Shannon nickte abermals, warf mir einen auffordernden Blick zu und ging weiter. Ich folgte ihm.</p><p>Mit einer Mischung aus Neugier und Unbehagen sah ich mich um, als wir das Majunde-Dorf durchquerten. Trotz unserer mi�lichen Lage schlug mich das Bild auf sonderbare Weise in seinen Bann.</p><p>Es war wie eine Reise in die Vergangenheit der Vergangenheit. Nur wenige Stunden hinter uns gab es eine Stadt, die, wenngleich �ber die Ma�en �rmlich, so doch eindeutig zum neunzehnten Jahrhundert geh�rte, und noch nicht einmal eine Woche zur�ck, war ich auf einem Schiff gewesen, das die Weltmeere mit der Kraft von hundert Elefanten kreuzte, aber dieses kleine Dorf hier schien geradewegs in die Steinzeit zu geh�ren.</p><p>Die H�tten waren aus Bast und Stroh und gro�en, fingerartigen Bl�ttern gefertigt und ausnahmslos rund. Es gab keine Fenster, sondern nur eine niedrige, halbrunde T�r, durch die man wohl eher in ihr Inneres kriechen mu�te, als man gehen konnte, und einen Rauchabzug im Dach, aber alles war von einer erstaunlichen Reinlichkeit. Verglichen mit dem Majunde-Dorf war Eldekerks Haus unten in der Stadt schlichtweg ein Saustall. Von der <emphasis>Van Helsing </emphasis>gar nicht erst zu reden.</p><p>Und auch die Majunde selbst kamen mir auf sonderbare Weise - obgleich behangen - zivilisiert vor. Ihre Gesichter waren voller Mi�trauen, und in so manchem Blick, der Shannon und mich traf, las ich einen tiefen, in endlosen Jahren der Feindschaft gewachsenen Groll; aber nirgendwo Falschheit.</p><p>�Gef�llt gro�e Massa, was wei�e Massa sehen?� fragte Yo Mai pl�tzlich.</p><p>Ich wandte den Blick und sah ihn einen Moment an, bis ich begriff, was sein absichtliches Radebrechen bedeutete. Ein heftiger �rger ergriff von mir Besitz.</p><p>�Ihr Zynismus ist fehl am Platze, mein Freund�, sagte ich. �Ich gestehe, da� ich �berrascht bin. Angenehm �berrascht.� Yo Mai l�chelte entschuldigend. �Verzeihen sie, Mister Craven. Ich wollte sie nicht beleidigen.�</p><p>�Das haben sie aber�, sagte ich patzig.</p><p>Ich sah, wie er unter meinen Worten zusammenfuhr, und sie taten mir fast im selben Moment wieder leid. �Ich bin ein wenig gereizt�, sagte ich erkl�rend. �Es macht mich nerv�s, wenn jemand mit einem Bogen auf mich zielt.�</p><p>Yo Mai nickte. �Das kann ich verstehen�, sagte er. �Mir geht es �hnlich. Bei Gewehren.�</p><p>�Sie haben schlechte Erfahrungen mit Wei�en gemacht�, vermutete ich.</p><p>Yo Mai schnaubte. �Schlechte Erfahrungen? Ich habe f�nf Jahre unter Ihresgleichen gelebt, Mister Craven. Ich brauche keine Erfahrungen mehr zu machen.�</p><p>So, wie er das Wort <emphasis>Erfahrungen </emphasis>aussprach, klang es nach einer Obsz�nit�t, aber wir hatten mittlerweile das Zentrum des Platzes und das flackernde Lagerfeuer erreicht, so da� ich der unangenehmen Pflicht enthoben war, ihn zu fragen, wie er seine Worte gemeint habe. Yo Mai hob die Hand, um uns zu bedeuten, da� wir stehenzubleiben h�tten, umrundete das Feuer und verschwand in einer H�tte. Wenige Augenblicke sp�ter kam er zur�ck, begleitet von dem mit Abstand �ltesten Menschen, dem ich jemals begegnet war.</p><p>Der Majunde mu�te weit �ber hundert Jahre alt sein. Seine Schultern waren gebeugt, als schleppe er eine unsichtbare Zentnerlast mit sich, und sein Gesicht glich einer verwirrenden Landschaft aus Falten und Runzeln, in die ein Paar kleiner, vom Alter tr�be gewordener Augen eingebettet waren. Er hatte nicht mehr die Kraft, allein zu gehen; ein Mann, der ihn begleitete, mu�te ihn st�tzen. Pl�tzlich begriff ich, warum Yo Mai uns befohlen hatte, diesen Alten respektvoll zu behandeln.</p><p>M�hsam umrundete er das Feuer, blieb auf Armesl�nge vor Shannon und mir stehen und sah uns beide nacheinander und sehr ausgiebig an, Es war schwer, auf seinem faltenzerfurchten Gesicht irgendeine Regung abzulesen, aber als ich ihn von ahem sah, korrigierte ich meine Sch�tzung sein Alter betreffend noch einmal um einige Jahre. Nach oben. Schlie�lich begann er zu sprechen. Seine Stimme war so d�nn, da� sie fast im Prasseln des Feuers unterging, und ich sah an der Reaktion auf Shannons Gesicht, da� er einen Dialekt sprach, von dem er keinen Ton verstand. Gottlob war Yo Mai da, der seine Worte �bersetzte, kaum da� er geendet hatte.</p><p>�Ihr seid die Wei�en Teufel, die uns um Hilfe bitten�, sagte der junge Majunde. �Ich biete euch Gastfreundschaft f�r die Dauer dieses Gespr�ches und meinen Schutz. Sprecht - und sprecht schnell, denn unsere Geduld ist fast so kurz wie die eure.�</p><p>Diese Formulierung gefiel mir nicht besonders, aber ich war klug genug, den Mund zu halten und Shannon reden zu lassen. �Sage dem �ltesten�, wandte er sich an Yo Mai, �da� wir ihm f�r seinen Schutz und seine Gastfreundschaft danken. Und da� wir nicht hier sind, um eure Hilfe zu erbitten, sondern um euch vor einer gro�en Gefahr zu warnen, die uns allen droht, gleich ob wei�en M�nnern oder dem tapferen Volk der Majunde.�</p><p>Yo Mai stutzte, �bersetzte aber gehorsam Shannons Worte. Der Alte h�rte mit unbewegtem Gesicht zu und schwieg l�nger als f�nf Minuten, ehe er antwortete.</p><p>Yo Mai �bersetzte: �Wir f�rchten keine Gefahr, wei�er Mann, denn unsere G�tter sch�tzen uns.�</p><p>Der Alte hob den Arm und deutete mit einer von Gicht verkr�mmten Hand zum Krater des Krakatau hinauf, der anderthalb Meilen �ber dem Eingeborenendorf Flammen gegen den Himmel spie. �Der gro�e Gott Krakatau h�lt seine Hand �ber seine Kinder, wie er es seit Anbeginn der Welt getan hat. Wir vertrauen auf ihn. Die Gefahr mag die Wei�en Teufel vernichten, doch wir wissen, da� Krakatau uns sch�tzen wird.�</p><p>�Gegen die ostindische Gesellschaft hat er euch wenig genutzt�, knurrte ich. Shannon warf mir einen raschen, fast erschrockenen Blick zu, aber Yo Mai hatte meine Worte verstanden und �bersetzte sie. Seltsamerweise reagierte der Alte ganz anders, als ich erwartet hatte. Einen Moment lang starrte er mich an, dann lachte er, leise und auf eine Art, die mich an das Meckern einer Ziege erinnerte, und Yo Mai �bersetzte: �Du hast recht, Wei�er Teufel. Doch der wei�e Mann ist gekommen und wieder gegangen, und die Majunde und Krakatau sind geblieben.�</p><p>�Tergard und seine Bande sind noch da�, erinnerte ich, Shannons verzweifeltes Grimassenschneiden ignorierend. �Du hast recht, wei�er Mann�, antwortete der Alte. �Die wei�en Hunde, die im Zeichen des Kreuzes t�ten, sind noch da. Doch wir f�rchten sie nicht. Der Wald sch�tzt uns, und unser Gott wird sie vernichten. Wir sp�ren sein Z�rnen schon seit langer Zeit. Seine Geduld ist gro�, doch bald wird die Zeit der wei�en M�rder abgelaufen sein.�</p><p>�Es geht nicht nur um sie�, sagte Shannon. Er hob die H�nde und machte eine fast verzweifelte Geste. �Yo Mai, erkl�re ihm, da� wir nicht wegen dieser Baphomet-Anbeter hier sind. Ich glaube euch, da� euer Gott das Volk der Majunde sch�tzt. Doch es sind fremde G�tter gekommen, G�tter, die m�chtiger und b�ser sind als die der wei�en M�nner. M�chtiger als euer Gott.�</p><p>�H�te deine Zunge, du wei�er Hund!� sagte eine Stimme hinter ihm. �Niemand beleidigt ungestraft unsere G�tter!� Shannon und ich fuhren beinahe im selben Moment herum, Der gesamte Stamm schien zusammengekommen zu sein und bildete einen weit gespannten, aber auch dicht geschlossenen Halbkreis um uns, das Feuer und den Alten. Jetzt hatte sich dieser Halbkreis geteilt, um einem hochgewachsenen Mann Platz zu machen, der einen buntbestickten Mantel und eine h�lzerne Maske vor dem Gesicht trug. Seiner Aufmachung nach zu schlie�en, mu�te er so etwas wie der Medizinmann oder Magier des Stammes sein. Nat�rlich, dachte ich w�tend Irgendeiner mu�te immer st�nkern.</p><p>Shannon deutete eine Verbeugung an. �Es lag mir fern, euren Gott zu beleidigen�, sagte er mit einer Stimme, die vor K�lte beinahe knisterte. �Doch ich wei�, wovon ich spreche. Euer Gott mag m�chtig und gut sein, doch sie, vor denen zu warnen wir gekommen sind, sind m�chtig und b�se. Sie sind es, denen eure Br�der und Schwestern geopfert wurden, deren Tod ihr beklagt, und sie werden noch mehr t�ten.�</p><p>�Du l�gst!� behauptete der Maskierte. Seine Stimme klang nur dumpf unter der h�lzernen Maske hervor, und ihr verzerrte Echo lie� mich schaudern. Und ich sp�rte, da� ich nicht der inzige war, der urpl�tzlich Furcht vor diesem Mann empfand. Der Abstand, den die Eingeborenen zu ihm hielten, die sch�chternen Blicke und verborgenen Gesten waren kein Respekt. Wenn die Majunde f�r diesen Mann irgend etwas empfanden, dann Angst.</p><p>Pl�tzlich trat er einen Schritt zur�ck, hob den linken Arm und schob den anderen unter den Mantel. Seine freie Hand deutete auf mich.</p><p>�Diese beiden sind gekommen, um uns mit ihren L�gen zu t�uschen!� behauptete er. �Aber der m�chtige Gott der Majunde l��t sich nicht t�uschen. Seht, was er denen tut, die seine Kinder zu bel�gen versuchen!�</p><p>Ein furchtbarer Schmerz scho� durch meine Brust, so pl�tzlich, als h�tte jemand einen gl�henden Dolch direkt in mein Herz gesto�en. Ich keuchte, taumelte einen Schritt zur�ck und brach in die Knie. Ein vielstimmiger Schrei drang aus der Reihe der Majunde, aber ich h�rte ihn kaum, sondern k�mpfte mit verzweifelter Kraft darum, atmen zu k�nnen. Der Schmerz wurde immer st�rker, steigerte sich zu purer Agonie und lie� das Lager vor meinen Augen hinter einem Vorhang aus wabernden roten Schemen verschwimmen.</p><p>�H�r auf!� Yo Mais Stimme �bersetzte die Worte des Alten, so laut und in einem derart befehlenden, herrischen Tonfall, da� der Maskierte unwillk�rlich den Blick hob. Seine rechte Hand kroch unter dem Umhang hervor, und im selben Moment erlosch der f�rchterliche Schmerz in meiner Brust.</p><p>Mit einem erleichterten Keuchen sank ich nach vorn, fiel auf das Gesicht und rang w�rgend nach Atem. Der gl�hende Dolch war aus meiner Brust verschwunden, aber allein die Erinnerung an den Schmerz lie� mich weiter st�hnen und mich wie einen getretenen Wurm winden. Ich atmete, aber ich hatte noch immer das Gef�hl, keine Luft zu bekommen; in meiner Kehle schien fl�ssige Lava zu sein, und eine unsichtbare Hand pre�te mein Herz zusammen. Mein Pulsschlag war unregelm��ig und rasend und tat weh.</p><p>Erst als Shannon neben mir niederkniete und die Hand auf mein Herz legte, lie�en Schmerz und Atemnot allm�hlich nach Aber es dauerte lange, und ich f�hlte, wie schwer es dem jungen Magier fiel, das zu tun, was er mit <emphasis>die geheimen Kr�fte meines K�rpers mobilisieren </emphasis>meinte. Erst nach endlosen Minuten war ich wieder soweit, mich zu erheben und - kraftlos auf Shannons Arm gest�tzt - auf Yo Mai und den Alten zuzuwanken.</p><p>�Verzeiht unserem Magier�, �bersetzte Yo Mai die Worte des �ltesten. �Er ist unbeherrscht und jung, und er ha�t die Wei�en Teufel, denn sie haben seine Familie verschleppt und get�tet.�</p><p>Yo Mais Stimme klang dabei warm und voll ehrlichem Bedauern, aber ich h�rte auch die Worte des Alten, die der junge Majunde �bersetzte. In ihnen war nichts von dem ehrlichen Zorn, den Yo Mai empfand.</p><p>�Um all dem ein Ende zu bereiten, sind wir hier�, sagte Shannon. �Ich flehe dich an, Yo Mai - mach eurem �ltesten klar, da� wir es ehrlich meinen.�</p><p>�Wann hat es der Wei�e Teufel jemals ehrlich gemeint?� fauchte der Magier. W�tend trat er zwischen Shannon und den Alten und machte eine herrische Geste mit der Hand. �Ich respektiere deinen Befehl, �ltester�, sagte er zornig. �Doch ich warne dich - die Wei�en Teufel werden Tod und Unheil �ber das Volk der Majunde bringen, wie sie es immer getan haben. Sie reden mit den Zungen von Engeln, doch in ihren Herzen sind Teufel.�</p><p>�Idiot�, sagte ich, wohlweislich aber so leise, da� au�er Shannon niemand das Wort verstehen konnte. Dabei konnte ich den Mann durchaus begreifen, bei allem Zorn, den seine Worte in mir ausl�sten. Bis vor ein paar Tagen hatte ich nicht einmal gewu�t, da� es diese Insel gab, und bis vor wenigen Stunden gar h�tte ich mir unter Majunde wahrscheinlich ein exotisches Gericht vorgestellt. Aber ich mu�te dieses Volk auch nicht kennen, um mir seine Geschichte vorstellen zu k�nnen, Es war immer das gleiche, �berall. Wo die sogenannten zivilisierten Nationen auf Urv�lker trafen, gingen diese unter, fr�her oder sp�ter. Meist fr�her.</p><p>�Genug jetzt!� �bersetzte Yo Mai die Worte des Alten. �Die beiden Wei�en m�gen warten. Der �ltestenrat wird entscheiden, was mit ihnen zu geschehen hat.�</p><p>�Entscheiden?� keuchte ich. �Aber ihr... ihr wi�t ja noch gar nicht, was wir von euch wollen!�</p><p>�Wir wissen genug�, sagte Yo Mai. �Geht in jene H�tte dort und wartet. Ich werde zu euch kommen, sobald die �ltesten entschieden haben.�</p><p>Tergard stand hoch aufgerichtet auf der Klippe und sah auf das nachtschwarze Meer hinab. Der Wind war verstummt, und im selben Moment, in dem die bleiche Scheibe des Mondes hinter den Wolken hervorgekommen war, waren die Lichter �ber dem Meer erschienen; kurz darauf die Schiffe.</p><p>Wenn es Schiffe waren und nicht irgend etwas anderes... Der schlanke <emphasis>Master </emphasis>des Templer-Ordens schauderte. Er sollte Triumph empfinden, denn die Dinge entwickelten sich ganz so, wie er es vorausgesehen und erhofft hatte: Dagon sch�umte vor Wut und verbrachte wahrscheinlich den gr��ten Teil seiner Zeit damit, Rachepl�ne zu schmieden, aber er w�rde nicht mehr die Zeit haben, sie auszuf�hren. Von Osten her kamen die Schiffe, und sie brachten eine Fracht, die keinen Aufschub duldete. Dagon war in Zeitdruck, und er, Tergard, w�rde daf�r sorgen, da� sich dieser Zustand nicht �nderte, ehe es nicht zu sp�t war.</p><p>Und trotzdem f�hlte er sich alles andere als wohl. Die Schiffe dort unten irritierten ihn. Er hatte <emphasis>gewu�t, </emphasis>mit welchen M�chten er sich einlie�, und er hatte vom ersten Tag an gewu�t, da� es ein Spiel mit dem Feuer war, in einer gleich doppelten Bedeutung des Wortes. Aber er hatte es nie <emphasis>gesehen. </emphasis></p><p>�Das ist... unheimlich�, murmelte Roosfeld neben ihm. Seine Stimme bebte vor Angst. �Was sind das f�r... f�r Wesen?�</p><p>�Die Boten des Satans�, antwortete Tergard, und die Stille fing seine Worte auf und schien ihnen einen neuen, angstmachenden Inhalt zu verleihen. �Teufelswerk, Roosfeld�, sagte er.</p><p>�Das ist alles nicht richtig�, sagte Roosfeld nach einer Weile.</p><p>Tergard wandte den Kopf und blickte ihn scharf an. �Was willst du damit sagen?�</p><p>�Nichts�, versicherte Roosfeld heftig. �Es ist nur...�</p><p>�Ja?� Tergards Stimme klang lauernd, und Roosfeld registrierte ihren ver�nderten Klang sehr wohl.</p><p>�Wir k�mpfen im Namen Gottes�, sagte er unsicher. �Es ist nicht richtig, wenn wir mit dem Teufel gemeinsame Sache machen.�</p><p>�Wir machen keine gemeinsame Sache mit ihm�, belehrte ihn Tergard, laut und in sehr scharfem Ton. �Wir benutzen das B�se, um es am Ende gegen sich selbst zu richten, Roosfeld. Es wird sich selber zerst�ren. Das ist das Wesen des B�sen. Es vernichtet sich immer selbst.�</p><p>Roosfeld antwortete nicht, aber wieder schien es Tergard, als antworte statt seiner die Stille auf seine Worte.</p><p>Und er war fast sicher, ein ganz leises, aber sehr sehr b�ses Lachen durch die Nacht wehen zu h�ren.</p><p>Die H�tte war weitaus ger�umiger, als ihr �u�eres hatte vermuten lassen, und die Majunde waren um ein Gutteil gastfreundlicher, als ihr barbarisches Aussehen erwarten lie�. Yo Mai und die vier M�nner, die uns zu dem kleinen Rundbau am Ufer des Sees begleiteten, lie�en keinen Zweifel daran, da� wir Gefangene waren und uns als solche zu benehmen hatten, aber wir wurden trotzdem mit gro�er Freundlichkeit behandelt, und nach einer Weile kam sogar eine Majunde-Frau und brachte uns Wasser und zu essen, beides in geschickt gefalteten Palmbl�ttern.</p><p>Danach sahen wir f�r gute zwei Stunden niemanden mehr; bis auf die beiden Wachen nat�rlich, die mit steinerner Miene und untergeschlagenen Beinen auf der anderen Seite der H�tte hockten und das Kunstst�ck fertigbrachten, uns unentwegt anzustarren und dabei so zu tun, als g�be es uns gar nicht. Wovon wir keine Spur sahen, war Eldekerk. Ich wandte mich mit einer entsprechenden Frage an Shannon, aber er zuckte nur mit den Schultern.</p><p>�Wahrscheinlich hat er das Weite gesucht, bei der ersten Gelegenheit�, sagte er. �Ich kann es ihm nicht verdenken. Die fylajunde kennen ihn - er ist einer der wenigen Wei�en, die hierher kommen k�nnen, ohne sofort umgebracht zu werden. Aber er ist kein tapferer Mann.�</p><p>�Oh�, sagte ich mit einem schiefen L�cheln. �Das bin ich auch nicht. Es gibt Dinge, die es einem abgew�hnen k�nnen, tapfer...�</p><p>�Still!�</p><p>Shannon richtete sich kerzengerade auf, hob warnend die Hand und starrte zum Ausgang hin�ber, und aus den Augenwinkeln sah ich, wie auch die beiden Majunde aus ihrer geschauspielerten Gleichg�ltigkeit auffuhren und wechselweise Shannon und den Ausgang anstarrten.</p><p>�Was ist los?� fragte ich. Aber ich bekam auch diesmal keine Antwort. Shannon stand auf und ging auf den Ausgang zu. Einer der beiden Majunde vertrat ihm den Weg, w�hrend der andere warnend nach seinem Messer griff.</p><p>Shannon begann wie wild zu gestikulieren. �Ich mu� hinaus!� sagte er. �Etwas geschieht. Ihr... holt Yo Mai. Schnell!�</p><p>Nat�rlich verstanden ihn die beiden nicht, aber zumindest schienen sie den Namen Yo Mai zu verstehen, denn der, der Shannon zur�ckgehalten hatte, nickte pl�tzlich und bedeutete ihm mit einer befehlenden Geste, sich wieder zu setzen, w�hrend sein Kamerad geduckt aus der H�tte lief.</p><p>�Zum Teufel, was ist los?� fauchte ich.</p><p>Shannon starrte mich an und runzelte die Stirn. �Ich wei� es nicht�, gestand er. �Aber es ist... irgend etwas geht vor, Robert. Sp�rst du es nicht?�</p><p>Beinahe verzweifelt sch�ttelte ich den Kopf. Tergards Bann lahmte mein magisches Erbe noch immer, und ich sp�rte erst jetzt, wie hilflos und blind ich im Grunde war. Das Erbe meines Vaters war st�rker in mir gewesen, als ich mir bewu�t gewesen war, aber ich begann dies erst jetzt zu begreifen, nachdem ich es verloren hatte.</p><p>�Tergard?� murmelte ich.</p><p>Shannon sch�ttelte den Kopf und setzte zu einer Antwort an. Irn selben Moment zerri� ein gellender Schrei die Stille der Nacht.</p><p>Shannon, ich selbst und der Majunde fuhren in einer einzigen, erschrockenen Bewegung herum. Der Eingeborene rief ein Wort in seiner Muttersprache und begann mit seinem Messer zu fuchteln, als Shannon erneut zum Ausgang st�rzen wollte; eine halbe Sekunde sp�ter hockte er auf dem Boden und starrte verbl�fft seine leeren H�nde an, w�hrend Shannon bereits an ihm vorbei war und aus der H�tte st�rmte. Ich folgte ihm, so schnell ich nur konnte.</p><p>Als ich auf den Platz hinausst�rzte, erscholl ein zweiter Schrei.</p><p>Und dann brach im wahrsten Sinne des Wortes die H�lle los.</p><p>Ein grelles, beinahe schmerzhaft intensives Licht lie� das Lagerfeuer im Zentrum des Dorfes verblassen. Die Erde begann zu zittern, und durch den Chor gellender Schreie, der mit einem Male losbr�llte, drang ein tiefes, mahlendes St�hnen, ein Laut, der direkt aus der Erde hervorbrach, als winde sich die Insel wie ein gewaltiges leidendes Tier. Ein greller, wei�orangefarbener Blitz zerri� die Nacht.</p><p>Im ersten Moment glaubte ich ernsthaft, einen Ausbruch des Krakatau zu erleben, aber dann ergriff Shannon meine Hand und ri� mich herum, und als ich zum Nordrand des Eingeborenendorfes blickte, erkannte ich, was es wirklich war.</p><p>Dicht vor dem Waldrand, einer willk�rlich gezackten Linie folgend, war der Erdboden aufgebrochen. Hitze und rotes Licht und Flammen, prasselnd und so hoch wie die gewaltigen Urwaldriesen dahinter, sch�ssen aus der klaffenden Wunde im Erdreich, und noch w�hrend ich versuchte, den furchtbaren Anblick zu verarbeiten, bebte der Boden erneut, und der Ri� verbreiterte sich, wurde zu einer zehn Yards breiten, lodernden Spalte, in der Lava wie grellrotes Blut emporstieg. Ein peitschender Ton erscholl, und der Ri� im Boden wuchs, wurde von einer spinnenfingrigen Linie zu einem gewaltigen, feurigen Halbkreis, der das Dorf zum Dschungel hin abschlo� und die Nacht mit Flammen und unglaublich intensivem Licht durchwob. Der ganze, schreckliche Vorgang dauerte nicht l�nger als wenige Sekunden, aber ich sah alles mit einer fast �bernat�rlichen Klarheit.</p><p>Unter den Majunde brach eine Panik aus. Der Boden zuckte und bebte immer st�rker, und aus dem Ri� loderten gewaltige Flammen, die wie mit feurigen H�nden nach den fliehenden Eingeborenen griffen. Ich sah, wie einer der M�nner von dem Gluthauch gestreift und zu Boden geworfen wurde, sich vier-, f�nfmal �berschlug und verzweifelt wieder auf die Beine zu kommen versuchte.</p><p>Er f�hrte die Bewegung nie zu Ende.</p><p>Pl�tzlich schien eine unsichtbare Hand eine d�nne, grellwei�e Linie auf den Boden rings um ihn herum zu malen, einen unregelm��igen Kreis von gut zwei Yards Durchmesser, der sich schneller schlo�, als das Auge der Bewegung folgen konnte. Aus der bleistiftd�nnen, wei�en Linie wurde ein Spalt, der gezackte rote Blitze ins Innere des Kreises sandte, und pl�tzlich sch�ssen Flammen aus der Erde, vereinigten sich zu einem t�dlichen Kreis um den ungl�ckseligen Majunde herum - und dann brach der Boden ein.</p><p>Es ging so schnell, als t�te sich eine Fallgrube unter dem Mann auf. Der Boden zerbrach zu Hunderten kleinerer Brocken, zwischen denen z�hfl�ssige Lava emporquoll, und mit einem Male war die Gestalt des Majunde verschwunden. Wo der Eingeborene gelegen hatte, g�hnte ein zwei Yards messender, wei�gl�hender Teich aus zischender Lava.</p><p>Lava, in deren Zentrum sich <emphasis>etwas bewegte!</emphasis></p><p>F�r einen winzigen Moment hatte ich den Eindruck eines gro�en wurmartigen Leibes, massig und in zahllose hell- und dunkelrot gl�hende Segmente gegliedert; ein Gigant, der sich in der wei�gl�henden Lava wand, ehe er wieder versank, eine gewaltige Stichflamme gegen den Himmel schleudernd.</p><p>�Mein Gott!� keuchte Shannon. �Was ist das?�</p><p>�Dagon!� antwortete ich. �Das sind Dagons Gesch�pfe, Shannon! Er... er greift an!�</p><p>Shannon fuhr herum. Sein Gesicht war schreckensbleich, aber seine Antwort ging im neuerlichen, urgewaltigen Br�llen der Flammen unter, als die Erde gleich an einem Dutzend anderer Stellen aufbrach, Lava und Hitze und grauenhafte Wurmgesch�pfe aussto�end. Pl�tzlich meinte ich auch am Grunde des Risses dr�ben am Waldrand lodernde rote Bewegung wahrzunehmen.</p><p>Es war die H�lle. M�nner, Frauen und Kinder irrten ziellos und schreiend durcheinander, und mehr als ein Eingeborener versank lautlos in rotgl�hender Lava. Zwei, drei der aus trockenem Ge�st erbauten H�tten fingen Feuer; Gestalten rannten kreischend an uns vor�ber, und ein kleines Gr�ppchen beherzter M�nner versuchte gar, sich den h�llischen Kreaturen entgegenzuwerfen und begann mit B�gen auf die zehn Yards langen Ungeheuer zu schie�en.</p><p>Die schlanken Holzpfeile fingen Feuer, lange ehe sie die gl�henden Leiber der <emphasis>Ssaddit </emphasis>�berhaupt erreichten, aber die Kreaturen schienen instinktiv zu sp�ren, da� sie angegriffen wurden, denn sie hielten f�r einen Moment in ihrem stummen Vormarsch inne - und wandten sich den Majunde zu, die auf sie geschossen hatten!</p><p>Es war ein Bild wie aus einem Alptraum. Die bronzefarbenen Krieger wichen Schritt f�r Schritt vor der unsichtbaren Hitzewoge zur�ck, die den Ungeheuern vorauseilte, und obgleich sie erkennen mu�ten, wie sinnlos ihr Tun war, sch�ssen sie Pfeil auf Pfeil auf die Bestien ab ohne sie indes auch nur verletzen zu k�nnen. Mit zuckenden Bewegungen krochen die Kreaturen heran, eine Spur aus geschmolzener Erde und brennenden Steinen hinterlassend. Es waren vier, angef�hrt von einem besonders gro�en Exemplar, dessen vorderes, augenloses Ende sich immer wieder wie der Kopf eines blinden Wurmes in die H�he erhob und witternd hierhin und dorthin stie�.</p><p>Der Anblick schlug mich so stark in seinen Bann, da� Shannon mich grob an der Schulter packen und herumrei�en mu�te, um mich aus meiner Starre zu wecken. �Zum See!� br�llte Shannon �ber das Prasseln der Flammen und das Schreien der Majunde hinweg. �Schnell!�</p><p>Wie von Furien gehetzt, rannten wir los. Der See war nur wenige Dutzend Schritte entfernt, aber die Majunde reagierten in ihrer Panik wie erschrockene Tiere - n�mlich genau richtig - und suchten wie wir instinktiv im Wasser Schutz vor der Hitze und den heranr�ckenden H�llenkreaturen.</p><p>Die flache B�schung, die den etwas h�her gelegenen See vom Ort trennte, war von gleich Dutzenden fliehender M�nner und Frauen blockiert, und unmittelbar vor meinen entsetzt aufgerissenen Augen st�rzte eine alte Frau zu Boden und wurde von den Nachdr�ngenden zu Tode getrampelt. Etwas traf mich in die Rippen und lie� mich vor Schmerz aufst�hnen, und f�r einen kurzen Moment erkannte ich eine hochgewachsene, in einen bunten Mantel geh�llte Gestalt zwischen den fl�chtenden Majunde, deren Gesicht hinter einer h�lzernen Maske verborgen war. Eine Hitzewelle folgte uns. Die Luft stank so nach Rauch und brennender Erde, da� ich kaum mehr zu atmen vermochte.</p><p>Mit letzter Kraft stolperte ich den ger�ll�bers�ten Hang hinauf, k�mpfte mich mit H�nden und Ellbogen zwischen den Majunde hindurch und taumelte ins Wasser. Mein R�cken schien in Flammen zu stehen; ich bildete mir ein, meine Haare in der Hitze knistern zu h�ren, und der Himmel �ber dem Dorf strahlte im Widerschein der Lava, als h�tte das Firmament selbst Feuer gefangen. Erst als ich fast bis zur H�fte ins Wasser gewatet war, wagte ich es, stehenzubleiben und mich umzudrehen.</p><p>Der gesamte Ort stand in Flammen. Und l�ngst nicht alle Eingeborenen waren in den See geflohen. Es mu�ten noch Dutzende sein, die in kopfloser Panik zwischen den brennenden H�tten umherliefen, verzweifelt auf der Flucht vor den riesigen, brennenden Wurmungeheuern und den Rissen, die in der Erde klafften. Ein ganzer Teil des Ortes war abgeschnitten, von allen Seiten umgeben von breiten Schluchten voller rotgl�hender Lava, und �berall zwischen den brennenden Geb�uden war der Boden aufgebrochen, <emphasis>Ssaddit </emphasis>in allen nur denkbaren Gr��en ausspeiend.</p><p>�Das ist der Fluch der Wei�en Teufel!� gellte eine Stimme hinter mir. �Ich habe es euch gesagt! Sie haben den Tod gebracht! Sie sprachen von Hilfe, und jetzt seht, was sie euch getan haben!� Mit einem Fluch fuhr ich herum. Die Gestalt des Magiers stand hoch aufgerichtet auf der Uferb�schung, vom Widerschein des brennenden Dorfes in ein unheimliches Licht getaucht. Seine Stimme �berschlug sich beinahe, als er nacheinander auf Shannon und mich deutete.</p><p>�Es ist ihre Schuld!� kreischte er. �Sie waren es, die die fremden D�monen zu uns gef�hrt haben! Vernichtet sie!�</p><p>Ein w�tenden Aufschrei ging durch die Menge der Eingeborenen. F�uste wurden gesch�ttelt, und mit einem Male blitzten Messer und Pfeilspitzen in der Nacht. Sieben, acht Majunde-Krieger drangen auf Shannon und mich ein.</p><p>Ich duckte mich unter einem Messerstich hinweg, packte den Burschen am Arm und tauchte ihn so kr�ftig unter, da� er seine Waffe fallen lie�; beinahe gleichzeitig stie� ich einem zweiten die flache Hand vor die Brust, da� er mit wild rudernden Armen nach hinten kippte und ins Wasser klatschte.</p><p>Aber es war ein Kampf ohne die geringste Chance. Das h�fthohe Wasser behinderte mich, und selbst wenn es anders gewesen w�re - Shannon und ich standen einer fast f�nfzigfachen �bermacht gegen�ber. Selbst f�r zwei so hochtrainierte K�mpfer wie uns ein wenig zu viel. Binnen weniger Augenblicke waren wir von Dutzenden von M�nnern und Frauen umringt, die mit Keulen, Messern und blo�en F�usten auf uns eindrangen.</p><p>Ich wehrte mich, so gut es ging; boxte, schlug und trat um mich, aber f�r jeden Majunde, den ich wegstie�, dr�ngten zehn andere heran, und der Zauberer peitschte die Menge mit gellenden Schreien zu immer gr��erer Wut an. Die Situation war geradezu absurd - nicht einmal zwanzig Yards hinter diesen M�nnern und Frauen starben ihre Br�der, und sie hatten nichts anderes zu tun, als uns umzubringen!</p><p>Pl�tzlich schrie Shannon auf und ri� die Arme in die H�he. Ich war sicher, da� er die M�nner vor sich dabei nicht ber�hrt hatte; trotzdem wurden zwei von ihnen wie von Faustschl�gen getroffen zur�ckgeschleudert, und auch die anderen prallten zur�ck. Mehr als einer verlor das Gleichgewicht und versank gurgelnd im Wasser.</p><p>Und dann sp�rte ich es auch.</p><p>Es war wie eine k�rperlose Woge der Furcht, die aus dem Nichts heranraste und meine Gedanken wie ein Tornado traf. Ich schrie auf, taumelte zur Seite und fiel. F�r Sekunden geriet ich unter Wasser.</p><p>Als ich wieder auftauchte, bot sich mir ein v�llig ver�ndertes Bild. Der aufgepeitschte Mob, der uns noch vor Sekunden nach dem Leben getrachtet hatte, hatte sich in einen Haufen panikerf�llter Menschen verwandelt, die schreiend vor Shannon und jnir zur�ckwichen, gepackt von einem Entsetzen, das mit Worten nicht zu beschreiben war. Und auch ich sp�rte die Furcht. Ich ahnte, da� das, was ich empfand, nur ein schwaches Echo dessen sein konnte, was Shannon in die Gehirne der Majunde projizierte, und trotzdem kr�mmte ich mich vor Furcht und Grauen.</p><p>Das Gef�hl war unbeschreiblich. Es war Angst, blo�e, nur unbegr�ndete und gerade daher um so schlimmere Angst, die jegliche Abwehr durchbrach und die tiefsten Abgr�nde meiner Seele ber�hrte, die Urangst jeglicher lebenden Kreatur, erweckt zu lodernder Wut.</p><p>Dann h�rte es auf. Shannon taumelte vor Ersch�pfung, fing sich im letzten Moment wieder und deutete zornig auf den Majunde-Zauberer, der noch immer hoch aufgerichtet auf der B�schung stand.</p><p>�Du verdammter Narr!� schrie er. �Um euch vor dieser Gefahr zu warnen, sind wir hier! Es sind nicht unsere D�monen, sondern eure und unsere Feinde, die eure Br�der t�ten!�</p><p>�Du l�gst!� keuchte der Magier. �Du bist ein Wei�er, und alle Wei�en sind Teufel! Du l�gst, um auch uns noch zu verderben. Aber ich werde dir beweisen, da� unsere G�tter st�rker sind als die euren. Ich werde die D�monen vernichten! Sieh her!�</p><p>Damit wandte er sich um und sprang mit weit ausgebreiteten Armen von der B�schung hinunter, um in das brennende Dorf zur�ckzulaufen.</p><p>�Dieser Idiot!� keuchte Shannon. �Er wird ...� Er brach ab, ballte eine halbe Sekunde lang in stummer Wut die H�nde zu F�usten und watete dann ebenfalls los, zur�ck zum Ufer. Diesmal wichen die Eingeborenen beinahe panikerf�llt vor uns zur�ck. Niemand machte auch nur noch den Versuch, uns anzugreifen.</p><p>Die Hitze traf mein Gesicht wie eine gl�hende Hand, und meine Augen begannen zu tr�nen, als ich versuchte, auf den brennenden Ort hinunterzublicken. Das Gebiet vom See bis zum Dschungel hatte sich in ein Muster aus flammenden T�mpeln und gezackten, wei�- und rotgl�henden Rissen und Spalten verwandelt, zwischen und in denen sich gl�hende Leiber wanden. Es mu�ten Hunderte sein; <emphasis>Ssaddit </emphasis>in allen nur denkbaren Gr��en. Dagon mu�te den gr��ten Teil seiner Armee aufgeboten haben, um das Majunde-Dorf zu �berfallen. Shannon ergriff mich am Arm und deutete mit der anderen Hand auf den Zauberer, der lauthals schreiend und die Arme zu einer beschw�renden Geste erhoben auf den vordersten H�llenwurm zurannte. �Dieser Narrl� keuchte er. �Er wird sich umbringen!�</p><p>Sein Griff verst�rkte sich, so sehr, da� ich aufst�hnte - und pl�tzlich machte irgend etwas ganz deutlich <emphasis>Klick </emphasis>hinter meiner Stirn.</p><p>Die Welt ver�nderte sich. Licht und Finsternis kippten um; aus hell wurde dunkel, aus dunkel hell, die Farben verschwanden, und ich sah alles nur noch wie in einer monochromen, noch dazu ins Negative verkehrten photographischen Aufnahme.</p><p>Es war nicht das erste Mal, da� ich durch Shannons Augen sah. Der Nachthimmel war zu einer wei�en, sonderbar bleichen Fl�che geworden, die brennenden Risse und Kl�fte im Boden zu finsteren Sch�chten, die Dunkelheit wie �bles Pestlicht verstrahlten, die <emphasis>Ssaddit </emphasis>zu schwarzen Kreaturen der H�lle, die Spuren aus vernichtender Dunkelheit hinterlie�en, wo sie �ber den hellen Erdboden krochen.</p><p>Dann sp�rte ich, wie etwas Unsichtbares, unglaublich Kaltes aus Shannon herauskroch und einen verborgenen Teil meiner Seele ber�hrte, und mit einem Male hatte ich das Gef�hl, ausgesaugt zu werden, binnen Sekundenbruchteilen jeglicher Kraft beraubt und leer. Ich taumelte. W�re Shannons Hand nicht gewesen, w�re ich gest�rzt.</p><p>Pl�tzlich schrie Shannon auf, ri� den Arm in die H�he und deutete mit Zeigefinger und Ringfinger auf den Riesenwurm, auf den der Zauberer zurannte. Etwas Schwarzes, k�rperloses B�ses brach wie ein finsterer Blitz aus seinen Fingern, jagte an der rennenden Gestalt vorbei und traf den <emphasis>Ssaddit. </emphasis>Der Wurm explodierte.</p><p>Ein Keim tiefschwarzer Finsternis glomm in seinem K�rper auf, fra� das matte Schwarz, in dem ich ihn in der bizarren Unicolor-Welt sah, die ich durch Shannons Augen erblickte, und zerri� seinen K�rper.</p><p>Shannon deutete auf einen zweiten <emphasis>Ssaddit</emphasis> und schleuderte noch einmal einen Blitz purer, destruktiver Macht auf die H�llenkreatur.</p><p>Doch diesmal blieb die erhoffte Wirkung aus. Ich sah, wie sich die Bestie wie unter einem Stromschlag aufb�umte und sich in wilder Agonie zu winden begann, aber die lautlose Explosion, auf die ich wartete, kam nicht, und als ich mich zu Shannon umwandte, war sein Gesicht eine Maske aus Ersch�pfung und Schrecken geworden. Keuchend lie� er meine Hand los, und die Welt schnappte mit einem fast schmerzhaften Ruck in die Normalit�t zur�ck.</p><p>�Ich schaffe es nicht!� st�hnte Shannon. �Sie sind zu stark. Irgend etwas sch�tzt sie.�</p><p>�Aber du mu�t sie aufhalten!� keuchte ich. �Sie werden uns umbringen, Shannon. Alle!�</p><p>Shannon nickte. Nerv�s fuhr er sich mit der Zungenspitze �ber die Lippen, starrte einen Moment an mir vorbei auf das chaotische Bild und nickte abgehackt. �Es gibt eine M�glichkeit�, sagte er. �Aber es ist riskant.� Er sah mich an. �Lauf und hol diesen verdammten Trottel da unten zur�ck, Robert. Wir brauchen ihn. Und beeil dich!�</p><p>Ich z�gerte. Allein der Gedanke, in den lichterloh brennenden Ort zur�cklaufen zu sollen, schien irgend etwas in mir zum Erstarren zu bringen. Aber Shannon hatte recht - wenn der Majunde-Magier starb, hatten wir keine Chance mehr, das Vertrauen der Eingeborenen zu gewinnen. Ich raffte allen Mut zusammen, hob sch�tzend die H�nde vors Gesicht - und rannte los.</p><p>Die Hitze spottete jeder Beschreibung. Ich bekam keine Luft mehr; meine Haare und Brauen und Wimpern schienen zu brennen. Halb blind von dem glei�enden Licht, das aus der geborstenen Erde drang, torkelte ich die B�schung hinab, setzte �ber eine brennende Erdspalte hinweg und versuchte die Gestalt des Magiers vor mir auszumachen. Es gelang mir, und er war nicht einmal sehr weit entfernt, kaum zwanzig Schritte, aber es waren zwanzig Schritte in die H�lle hinein. Als ich die H�lfte der Entfernung �berwunden hatte, brach die Erde vor mir auf. Mit einem peitschenden Knall ri� der Boden auseinander. Steinsplitter und Spritzer rotgl�hender Lava trafen mich. Etwas Gro�es, Helles bewegte sich in dem klaffenden Ri�.</p><p>Ich dachte in diesem Moment nicht mehr, sondern reagierte rein instinktiv. Statt zur�ckzuprallen und so wahrscheinlich das Gleichgewicht zu verlieren und zu st�rzen, was einem Todesurteil gleichgekommen w�re, warf ich mich nach vorn und stie� mich mit aller Kraft ab.</p><p>Es dauerte nur eine Sekunde, aber f�r mich verging eine Ewigkeit, und ich sah jedes noch so winzige Detail des Geschehens mit grausamer Klarheit. Der Ri� weitete sich wie ein gierig schnappendes steinernes Maul, und ein ungeheuerliches wei�gl�hendes Scheusal stie� seinen gesichtslosen Kopf aus der brodelnden Lava, gigantisch und hei� wie die H�lle und sich aufb�umend wie eine angreifende Kobra. Sein riesiges, zahn- und lippenloses Maul schnappte nach meinen Beinen und verfehlte sie um Haaresbreite, w�hrend ich mit einem verzweifelten Hechtsprung �ber die Kluft hinwegsetzte. Die Hitze lie� meine Kleider aufflammen.</p><p>Ich fiel, rollte mich instinktiv zur Seite und stie� mich mit aller Kraft ab, die ich unter normalen Umst�nden nicht zu einem Zehntel aufgebracht h�tte. Hinter mir erklang ein gr��licher, zischender Laut. Die Erde bebte, als der wei�gl�hende Leib des <emphasis>Ssaddit </emphasis>wie ein brennender Fels dort niederkrachte, wo ich vor Bruchteilen von Sekunden noch gelegen hatte.</p><p>Wie von Sinnen sprang ich auf, setzte �ber ein kaum handlanges Exemplar von Dagons H�llenkreaturen hinweg und rannte im Zickzack auf den Majunde-Zauberer zu. Der Mann war gest�rzt, als Shannon den <emphasis>Ssaddit</emphasis> zum Explodieren gebracht hatte, und er mu�te verletzt sein, denn als ich n�herkam und er mich erkannte, versuchte er sich auf H�nde und Knie hochzustemmen, fiel aber mit einem wimmernden Laut wieder zur�ck und blieb verkr�mmt liegen.</p><p>Ich vergeudete keine Zeit damit, ihn anzusprechen, sondern ri� ihn an den Schultern in die H�he.</p><p>Um ein Haar w�re es meine letzte Bewegung gewesen. In den H�nden des Majunde blitzten pl�tzlich f�nf Zoll rasiermesserscharf geschliffener Stahl, und zu den zahllosen brennenden Schmerzen gesellte sich ein weiterer, als der Dolch meine Kehle verfehlte und mir einen geh�rigen Schmi� in der Wange zuf�gte.</p><p>�Hund!� kreischte er. �Du Teufel! Du hast die D�monen gerufen, und daf�r werde ich dich t�ten!�</p><p>Mein Geduldsfaden ri� endg�ltig.</p><p>Als er das n�chste Mal mit dem Dolch nach mir ausholte, verdrehte ich ihm das Handgelenk, bis er die Waffe fallen lie�, packte ihn grob mit der Linken und knallte ihm eine, da� seine Holzmaske in hohem Bogen davonflog. Dahinter kam ein schmales, erstaunlich junges Gesicht zum Vorschein. Ich lud mir seinen pl�tzlich erschlafften K�rper wie eine leblose Last auf die Schulter und wandte mich um, um zum See zur�ckzulaufen.</p><p>Wenigstens wollte ich es.</p><p>Aber da, wo vor Augenblicken noch fester Boden gewesen war, brodelte pl�tzlich ein Teich aus kochender Lava. Ich drehte mich mit meiner leblosen Last herum - und erstarrte. Auch hinter mir war der Boden gerissen und erbrach Lava und die Glut der H�lle! Wei�es Licht drang aus dem gezackten Ri� und stach wie mit gl�henden Nadeln in meine Augen, und die �tzenden D�mpfe, die aus der Erde quollen, verbrannten mir schier die Lungen.</p><p>Verzweifelt drehte ich mich einmal um meine Achse, aber das Bild war �berall gleich. Ich war gefangen. Gefangen in einem kaum zehn Schritte messenden Kreis aus Glut und waberndem roten Licht. Und ich begann bereits zu sp�ren, wie der Boden unter meinen F��en zitterte. Haarfeine Risse bildeten sich, und mit einem Male drang ein unheimlicher roter Schein aus der Erde, auf der ich stand.</p><p><emphasis>�Robert! Pa� auf!�</emphasis></p><p>Shannons Schrei ging beinahe im Prasseln der hochschie�enden Flammen unter. Keuchend drehte ich mich um und versuchte seine Gestalt hinter der Wand aus Glut zu erkennen.</p><p>Er stand noch immer an derselben Stelle, an der er zur�ckgeblieben war, wenn auch in sonderbar verkrampfter Haltung, nach vorn gebeugt und erstarrt, als schiebe er eine unsichtbare, unglaublich schwere Last von sich.</p><p>Dann...</p><p>F�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich ein Licht zu sehen, einen grellen, unglaublich blendenden Schein, der aus dem Nichts kam und wie eine lodernde Zwergensonne direkt �ber Shannons Gestalt erstrahlte. Pl�tzlich stie� Shannon einen Schrei aus und machte eine Bewegung mit der Hand, und der feurige Ball wurde zu einem Blitz, der wenige Schritte neben ihm in den Boden fuhr.</p><p>Die Uferb�schung barst in einer lautlosen Explosion ungeheuerlicher Gewalten auseinander, und Wasser ergo� sich sch�umend und sprudelnd in das Dorf. Ich sah, wie Shannon wie von einer Riesenfaust gepackt in die H�he geschleudert wurde, dann erreichte die sprudelnde Woge die Lavafront.</p><p>Und die Welt ging unter.</p><p>Es war wie das Aufeinanderprallen zweier urgewaltiger G�tter. Feuer und Wasser vereinigten sich in einer ungeheuerlichen, br�llenden Explosion aus Dampf und himmelhoch spritzendem Schaum und explodierender Erde. Ein Hammerschlag der G�tter traf den Boden, ri� mich von den F��en und lie� mich hilflos davonrollen, geradewegs auf den lavagef�llten Graben zu, aber das Wasser war schneller.</p><p>Pl�tzlich ergriff mich eine unsichtbare Hand, ri� mich in die H�he und schleuderte mich wie einen Spielball davon. Ich schluckte Wasser, drehte mich wie ein Kreisel in der irrsinnigen Str�mung und sah Licht und brodelndes Wasser und hei�en Schaum, als ich wieder auftauchte. Wenige Yards neben mir scho� eine Wand aus kochendem Dampf in die H�he, f�nfzig oder mehr Yards senkrecht gegen den Himmel und durchwoben von Fetzen rotgl�hender Lava, und darunter, unter dem sprudelnden Wasser nur als verschwommener Schatten zu erkennen, wand sich ein gigantischer Wurm im Todeskampf.</p><p>Das Wasser ri� mich weiter, schleuderte mich auf die Reste einer H�tte zu, die brennend auf dem Wasser trieb und unter meinem Anprall zerbrach. Wie in einer schrecklichen Vision sah ich den Waldrand und den bodenlosen, selbst unter dem Wasser noch von wei�gl�hender Lava und sich windenden Wurmleibern erf�llten Ri� auf mich zurasen, griff in blinder Panik um mich und bekam irgend etwas zu fassen, aber nur, um gleich wieder herumgeschleudert und unter Wasser gedr�ckt zu werden.</p><p>Als ich wieder nach oben kam, sah ich den Waldrand auf mich zurasen, dann einen einzelnen, mehr als dreifach mannsdicken verkrusteten Stamm, dessen unteres Drittel in Flammen stand und der wie ein heranrasendes Raumschiff auf mich zielte.</p><p>Den Anprall sp�rte ich schon nicht mehr.</p><p>Aus einer Entfernung von zwei Meilen betrachtet, sah es aus, als w�re ein neuer Krater auf der Flanke des Krakatau ausgebrochen, dort, wo das Dorf der Eingeborenen gelegen hatte. Der Widerschein der Flammen hatte den Himmel selbst in Brand gesetzt, und selbst jetzt, wo das Feuer erloschen war, drang noch ein unheimliches Gl�hen und Lodern aus der Erde, denn das Wasser hatte sich seinen Weg gesucht und dabei nicht alle Wunden gel�scht, die die finstere Magie des Fischgottes der Erde geschlagen hatte.</p><p>Tergard setzte das Fernglas ab, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger �ber die vom langen Starren in die wei�e Glut brennenden Augen und seufzte tief. Die Nacht war kalt, wie es tropische N�chte sehr oft sind; er fror. Und er war m�de. Es war die zweite Nacht, in der er seinem K�rper keinen Schlaf hatte g�nnen k�nnen. Und er wu�te, da� noch sehr viel Zeit vergehen w�rde, ehe er sich wieder ein paar Stunden Schlaf stehlen konnte. Die n�chsten Stunden - vielleicht Tage - waren zu wichtig, um sie mit etwas so Banalem wie Schlaf zu vertun.</p><p>Das Ger�usch leiser Schritte lie� ihn aus seinen Gedanken hochfahren. Mit einer beinahe erschrockenen Bewegung wandte er sich um, wechselte das Fernglas in die Linke und legte die freigewordene Hand auf den Schwertgriff.</p><p>Aber es war nur Roosfeld, der aus dem Unterholz trat. Tergard schalt sich in Gedanken einen Narren. Er hatte mehr als genug getan, um sicher zu sein. Seine Feinde - <emphasis>all</emphasis> seine Feinde, auch die, die noch gar nicht wu�ten, da� er sie dazu deklariert hatte, dachte er voller boshafter Befriedigung - hatten im Augenblick alle H�nde voll zu tun, am Leben zu bleiben. Aber sein Erschrecken war auch ein deutliches Warnzeichen f�r den Grad seiner Ersch�pfung. Tergard nahm sich vor, deutlicher auf solche Warnungen zu achten. Es w�re fatal, im entscheidenden Moment einen Fehler zu machen, nur weil er vielleicht zu m�de war, um noch klar zu denken. Vielleicht w�rde er sich doch einige Stunden Schlaf g�nnen m�ssen.</p><p>�Hat er gesprochen?� fragte er.</p><p>Roosfeld sch�ttelte den Kopf. �Nicht mehr, als wir schon wu�ten�, antwortete er. �Er wei� nicht, wer dieser Fremde ist. Aber er hat Angst vor ihm.�</p><p>�Bist du sicher, da� er die Wahrheit gesagt hat?� fragte Tergard.</p><p>�Bisher hat mich noch keiner belogen, wenn ich ihn wirklich ernsthaft verh�rt habe�, antwortete Roosfeld beleidigt. Tergard musterte ihn einen Moment, und als er n�her an den Leutnant herantrat, sah er, da� seine H�nde voller Blut waren. Seine Verachtung f�r Roosfeld stieg. Tergard verabscheute Gewalt, wo sie nicht n�tig war. Sein Entschlu�, sich von Roosfeld zu trennen, so bald er jemanden gefunden hatte, der seinen Platz einnehmen konnte, festigte sich.</p><p>�Ich werde ihn selbst noch einmal fragen�, sagte er. �Sicher ist sicher.�</p><p>�Er wei� nichts�, sagte Roosfeld.</p><p>�Aber du gestattest, da� ich mich selbst davon �berzeuge?� schnappte Tergard. Roosfeld nickte hastig, und Tergard reichte ihm mit einer groben Bewegung das Fernglas und ging an ihm vorbei.</p><p>Eldekerk lag auf der Erde, das Gesicht im weichen Boden vergraben und die H�nde gegen den Leib gepre�t. Die beiden Soldaten, die ihn bewachten, wichen Tergards Blick aus, als er sie ansah.</p><p>Langsam kniete der <emphasis>Master </emphasis>des Templer-Ordens neben dem Holl�nder nieder, drehte ihn auf den R�cken und betrachtete sein blut�berstr�mtes Gesicht. Eldekerk w�rde sterben, das sah man sofort. Die Verletzungen, die Roosfeld ihm zugef�gt hatte, waren zu schlimm.</p><p>Beinahe behutsam ber�hrte Tergard Eldekerks Stirn und sandte beruhigende Impulse in seinen Geist. Nach wenigen Augenblicken schon begann sich Eldekerks keuchender Atem zu beruhigen. Seine H�nde h�rten auf zu zittern, und nach einer weiteren Minute hatte er sogar die Kraft, die Augen zu �ffnen.</p><p>Aber in seinem Blick waren nur Entsetzen und Angst, als er Tergard ansah.</p><p>�Keine Sorge, mein Freund�, sagte Tergard. �Es ist vorbei. Niemand wird Ihnen mehr weh tun.� Er unterst�tzte seine Worte mit einer Woge suggestiver Impulse, gegen die Eldekerks erl�schendes Bewu�tsein machtlos war. Sekundenlang starrte ihn der Holl�nder weiter mit diesem Ausdruck grenzenlosen Entsetzens an, dann gl�tteten sich seine Z�ge, und die Andeutung eines L�chelns erschien auf seinen blutverkrusteten Lippen.</p><p>�Ich werde ihnen helfen�, fuhr Tergard fort. �Aber sie m�ssen mir die Wahrheit sagen, was haben Craven und Shannon vor?�</p><p>Nat�rlich antwortete Eldekerk nicht. Er konnte es nicht mehr. Sein geschundener K�rper besa� kaum noch genug Kraft, sein Herz schlagen zu lassen. Aber Tergard las die Antwort auf seine Frage im Bewu�tsein des Sterbenden so deutlich, als h�tte er gesprochen.</p><p>Mit einem zufriedenen Nicken richtete er sich wieder auf und wandte sich an Roosfeld. �Du hattest recht�, sagte er.</p><p>�Er wei� wirklich nichts. Aber es ist nicht schwer zu erraten, was sie vorhaben.� Er schwieg einen Moment, und als er weitersprach, schwang ein Tonfall in seiner Stimme mit, den Roosfeld falsch deutete und der - fast - am�siert klang. �Wer wei�, Roosfeld�, sagte er. �Vielleicht bekommst du doch noch Gelegenheit zu einer Revanche, was Robert Craven betrifft. Wenn dieser Shannon wirklich der Mann ist, an den sich Craven erinnerte, brauchen wir diesen englischen Hund nicht mehr.�</p><p>Er wandte sich mit einem Ruck um und ging, blieb dann aber noch einmal stehen und deutete auf Eldekerk hinab. �Er ist nutzlos geworden�, sagte er. �T�tet ihn.�</p><p>Ich hatte Schlimmes erwartet, nachdem ich aufgestanden und zum Waldrand zur�ckgegangen war, Bilder, wie sie in der Phantasie der Menschen mit dem Wort Vernichtung gepaart sind - verbrannte H�user, zerborstene Erde, Leichen, die Spuren von Br�nden...</p><p>Nichts von alledem war zu sehen.</p><p>Der Ort war nicht zerst�rt.</p><p>Er war einfach nicht mehr da.</p><p>Was das Feuer und Dagons H�llenkreaturen �briggelassen hatten, hatte das Wasser weggeschwemmt. Das ovale Areal zwischen dem Dschungel und dem See hatte sich in eine schlammige Fl�che verwandelt, einem Sumpf gleich, in dessen erst halb erstarrter, brauner Oberfl�che dunkle formlose Dinge eingebettet waren, durchzogen von gezackten Rissen und Kl�ften, zum Teil mit blasig erstarrter Lava, zum Teil mit Wasser gef�llt.</p><p>Noch immer lag ein Hauch von unwirklicher W�rme �ber der Lichtung, und von Zeit zu Zeit glaubte ich ein ganz leises, mahlendes Grollen zu h�ren, ein Ger�usch, das anders war als der Pulsschlag des Krakatau, der in fast regelm��igen Abst�nden erklang und tief unter meinen F��en entstand. Tief im Leib der Erde, die vielleicht eine Wunde davongetragen hatte, die viel tiefer war, als wir jetzt schon ahnen mochten.</p><p>Ich mu� wohl zehn Minuten oder l�nger wie versteinert dagestanden haben, unf�hig, wirklich zu <emphasis>begreifen, </emphasis>was hier geschehen war. Obwohl ich das Chaos so unmittelbar erlebt hatte, wie es nur m�glich war, weigerte sich etwas in mir, die Erinnerung an die schrecklichen Sekunden freizugeben.</p><p>Eine Hand ber�hrte mich an der Schulter, und ich wu�te, da� es Shannon war, ohne da� ich mich umdrehen mu�te. Ich hatte gesp�rt, da� er kam. Meine magischen Kr�fte begannen wieder zu erwachen, sehr langsam und z�gernd noch, so da� es Tage, wenn nicht Wochen w�hren mochte, bis sie mir in gewohnter St�rke wieder zur Verf�gung standen. Aber sie regten sich. Vielleicht war es der Schock gewesen, der Tergards Bann gebrochen hatte. F�r Sekunden war ich fest davon �berzeugt gewesen, zu sterben.</p><p>�Es ist f�rchterlich, nicht?� sagte Shannon. �Ich war nicht sicher, ob es mir gelingen w�rde.�</p><p>Ich sah ihn noch immer nicht an, sondern versuchte das Chaos hinter meiner Stirn zu beruhigen. Ich war den Rest der Nacht ohne Bewu�tsein gewesen, und als ich endlich erwachte, hatte Shannon neben mir gesessen, und seine Hand hatte meine Stirn ber�hrt, was die Frage beantwortete, <emphasis>warum </emphasis>ich so lange ohne Bewu�tsein gewesen war.</p><p>Trotzdem f�hlte ich mich noch immer wie in Trance. Dies alles hier war so unwirklich, da� ich mich fragte, ob es wirklich passiert war.</p><p>Mein Blick blieb auf einem finsteren, verkr�mmten Ding haften, das halb in den braunen Schlamm eingesunken war, der die Lichtung bedeckte. Im ersten Moment dachte ich, einem verkohlten Baumstamm gegen�berzustehen, dann erkannte ich die regelm��ige Struktur seiner Oberfl�che. Es war ein <emphasis>Ssaddit, </emphasis>einer von Dagons H�llenw�rmern, vom Wasser zu schwarzer Schlacke verbrannt, wie ein lebendes Wesen in dem Element verbrannt w�re, in dem es normalerweise existierte. Seltsamerweise erweckte der Anblick keinen Triumph in mir; nicht einmal Zufriedenheit. Nur Schrecken.</p><p>�Sind sie alle tot?� fragte ich.</p><p>�Alle, die hier waren�, best�tigte Shannon. �Aber ich f�rchte, es werden noch mehr da sein. Trotzdem haben wir Dagon einen geh�rigen Schlag versetzt.�</p><p>Ich trat zur Seite, so da� seine Hand von meiner Schulter herabglitt, und starrte ihn aus brennenden Augen an. �Ist das alles, was dir dazu einf�llt?� fragte ich, sch�rfer, als ich eigentlich beabsichtigt hatte. �Beinahe drei�ig Majunde sind tot, Shannon. Und wir...� Ich brach ab, rang einen Moment h�rbar nach Atem und deutete mit einer zornigen Bewegung auf die Lichtung hinaus. �Wir h�tten diese ganze verdammte Insel in die Luft sprengen k�nnen, ist dir das klar? Wenn das Wasser tief genug in den Berg gedrungen w�re, um eine gro�e Lavaader zu erreichen...�</p><p>�Das ist es aber nicht�, unterbrach mich Shannon. �Das Risiko war mir klar, Robert. Aber ich hatte keine Wahl. Dagons Haustierchen h�tten uns alle umgebracht, wenn ich sie nicht vernichtet h�tte. Wir haben ihn nicht geschlagen, aber wir haben wenigstens etwas Zeit herausgeschunden. Er wird Tage brauchen, um sich davon zu erholen. Wenn nicht Wochen.�</p><p>Wieder dauerte es lange, bis ich antwortete, und als ich es tat, �berlegte ich mir jedes einzelne Wort sehr genau. Ich war gereizt, und das furchtbare Geschehen - und mehr noch der Gedanke an das, was h�tte geschehen <emphasis>k�nnen -</emphasis> w�hlten mein Innerstes auf. Shannon hatte keine Wahl gehabt. Nicht in den wenigen Sekundenbruchteilen, die ihm geblieben waren, sich zu entscheiden. Es hatte wenig Sinn, wenn wir stritten. �Ich begreife den Sinn dieses ganzen �berfalles nicht�, sagte ich, eigentlich nur, um auf ein anderes Thema zu kommen.</p><p>�Er konnte nicht ahnen, da� wir ihn so vernichtend schlagen w�rden�, antwortete Shannon.</p><p>Ich sch�ttelte den Kopf. �Trotzdem ergibt es keinen Sinn�, sagte ich. �Es war auf jeden Fall ein Risiko. Und ich kenne Dagon. Man kann ihm eine Menge nachsagen, aber er ist nicht dumm.�</p><p>�Vielleicht finden wir die Antwort�, sagte Shannon. �Der Zauberer ist erwacht. Ich dachte mir, da� du dabei sein willst, wenn ich mit ihm rede.�</p><p>�Nat�rlich.� Ich nickte, obwohl ich im Moment alles andere als Lust hatte, mit einem Mann zu reden, der mir noch vor wenigen Stunden seine Lebensrettung mit einem Messerstich gedankt hatte. Aber ich war noch immer wie erschlagen. Vielleicht war es das Kl�gste, wenn ich irgend etwas tat, um meine Gedanken abzulenken.</p><p>Die Eingeborenen lagerten unweit des Waldrandes. Nachdem das Feuer erloschen war, hatten sie vorsichtig den See verlassen und den Rest der Nacht damit verbracht, nach �berlebenden des Gemetzels zu suchen. Sie hatten keine gefunden. Aber es waren auch keine Leichen gefunden worden. Die <emphasis>Ssaddit </emphasis>hatten jede Spur von Leben aus dem Dorf getilgt, lange ehe das Wasser kam und sie t�tete.</p><p>Als ich auf das hastig von Unterholz befreite Waldst�ck hinaustrat, auf dem das knappe Hundert �berlebender Majunde lagerte, glaubte ich die dumpfe Verzweiflung, die von den Eingeborenen Besitz ergriffen hatte, geradezu k�rperlich zu sp�ren. Niemand sprach. Ein Kind weinte, aber das war der einzige Laut, den die ann�hernd einhundert Menschen von sich gaben, und pl�tzlich begriff ich, da� ihr Entsetzen noch viel tiefer sein mu�te, als ich bisher angenommen hatte.</p><p>Ich war beinahe froh, an Shannons Seite neben den Magier des Majunde-Stammes treten und meine Gedanken mit anderen Pingen besch�ftigen zu k�nnen.</p><p>Das Gesicht des Mannes war auf der linken Seite geschwollen, wo ihn meine Faust getroffen hatte. Er konnte nur ein Auge �ffnen, aber damit starrte er mich mit einem solchen Ha� an, da� mir ein eisiger Schauer den R�cken hinablief. Ich begriff den Grund dieses Gef�hles nicht. Was ich sah, war weit mehr als der Groll, den man dem Angeh�rigen eines verha�ten Volkes entgegenbrachte. Es war ein Ha�, der mir ganz pers�nlich galt.</p><p>Shannon kniete neben dem Eingeborenen nieder, blickte ihm einen Moment fest in die Augen und sagte: �Wir m�ssen mit dir reden. Wirst du uns einige Fragen beantworten?�</p><p>Der Magier spuckte ihn an.</p><p>Eine Sekunde lang blieb Shannon wie versteinert sitzen, dann hob er ganz langsam den Arm, wischte sich das Gesicht sauber und legte dem Mann in der gleichen Bewegung die Hand auf die Schulter.</p><p>�Was haben wir dir getan?� fragte er. �Warum ha�t du uns so? Wir stehen auf deiner Seite.�</p><p>Der Majunde schnaubte, hob die Hand, um Shannons Arm beiseite zu schlagen - und erstarrte. Der Glanz seiner Augen erlosch. Seine Z�ge erschlafften, w�hrend sich Shannons Finger so tief in seine Schulter gruben, da� er eigentlich vor Schmerz h�tte aufschreien m�ssen. Aber er regte sich nicht, sondern blieb weiter stumm und wie erstarrt sitzen.</p><p>�Was tut er da?�</p><p>Ich drehte mich herum, als ich Yo Mais Stimme erkannte. Der kleinw�chsige Majunde war so leise hinter mich getreten, da� ich seine Schritte nicht einmal geh�rt hatte, und ganz offensichtlich stand er schon eine ganze Weile da und beobachtete uns.</p><p>�Nichts, was dir Grund zur Angst g�be�, sagte ich hastig. �Er... versucht die Wahrheit herauszubekommen.� Ich deutete auf den Majunde-Zauberer. �Euer Magier ha�t uns. Wir wollen wissen, warum.�</p><p>�Die Wahrheit?� Yo Mai blickte irritiert auf Shannon und den Magier herab. �Ist er... ein Zauberer?�</p><p>�Man k�nnte es so nennen�, sagte ich nach kurzem �berlegen. �Ja. Das Wort mag f�r den Augenblick gen�gen. Aber du brauchst keine Angst zu haben.�</p><p>�Angst?� Yo Mai starrte mich an, als h�tte ich ihn gefragt, ob er an den Weihnachtsmann glaubte. �Angst?� wiederholte er.</p><p>�Ich habe keine Angst, wei�er Mann. Keiner von uns hat noch Angst nach der vergangenen Nacht.�</p><p>Das verstand ich nicht, aber Yo Mai redete weiter, ohne mir Gelegenheit zu einer Zwischenfrage zu geben: �Die G�tter haben uns gewarnt, wei�er Mann. Vor euch. Sie haben gesagt, da� eines Tages ein Wei�er kommen wird, der gro�es Unheil und Leid �ber das Volk der Majunde bringt. Die alten Prophezeiungen haben vorausgesagt, da� dies geschehen wird. Wir hatten Angst; schon vorher. Jetzt, da es geschehen ist, haben wir keine Angst mehr.� Er brach ab, blickte einen Moment lang an mir vorbei auf die Reihen der stumm dasitzenden Eingeborenen und f�gte mit sehr leiser, beinahe tonloser Stimme hinzu: �Wir wissen, da� wir sterben werden.�</p><p>Bei jedem anderen und in jeder anderen Situation h�tte ich vermutlich �ber diese Worte gelacht.</p><p>Jetzt nicht. Yo Mais Worte waren von einem solchen Ernst, da� ich abermals einen raschen, eisigen Schauer sp�rte. Trotzdem widersprach ich ihm.</p><p>�Niemand spricht vom Sterben, Yo Mai�, sagte ich. �Ihr habt...�</p><p>Yo Mai unterbrach mich. �Du wei�t nicht die ganze Prophezeiung, wei�er Mann�, sagte er. �Die alten Lieder sagen, da� der gro�e Gott selbst sich erheben und seine Feinde verschlingen wird, zusammen mit seinen Kindern. Wir wissen, da� es geschehen wird.�</p><p>Es dauerte einen Moment, bis ich begriff. <emphasis>Der gro�e Gott selbst...</emphasis></p><p>Der Krakatau.</p><p>Der gewaltige Vulkan, dessen waldbedeckte Flanken diese Insel bildeten. Unwillk�rlich hob ich den Blick und blinzelte zum schwarzen Gipfel des Berges hinauf, der selbst jetzt, im hellen Licht des Tages, noch von einer Krone aus lodernder roter Glast gekr�nt war.</p><p>Yo Mai l�chelte, als er meinen Blick bemerkte. �Du glaubst mir nicht�, sagte er. �Ich habe das erwartet. Aber du wirst es erleben. Es wird nicht mehr lange dauern.�</p><p>�Das... das da oben ist kein Gott�, widersprach ich ihm. �Es ist ein Vulkan, Yo Mai, nicht mehr und nicht weniger.� Meine Stimme wurde fast flehend, als ich sein verzeihendes L�cheln sah. �Yo Mai, du bist ein gebildeter Mann!� fuhr ich fort. �Du sprichst unsere Sprache und hast unter uns gelebt. Eurem Zauberer und dem alten Mann sehe ich es nach, aber du solltest wissen, da� dieser Berg nichts mit irgendwelchen G�ttern oder D�monen zu tun hat.�</p><p>�Sollte ich das?� fragte Yo Mai. �Es mag sein, da� ich ein gebildeter Mann bin - wenn das Erlernen einer fremden Zunge und ein paar B�cher schon Bildung sind, Robert Craven. Doch ich bin auch ein Majunde, und wir wissen, da� es mehr Dinge auf der Welt gibt, als in euren B�chern stehen. Was die Alten sagen, wird eintreffen. Ihr Wei�en glaubt, alles erkl�ren zu m�ssen. Dinge, die ihr nicht versteht, leugnet ihr weg, und die alten Werte gelten euch nichts. Aber ihr t�uscht euch. Du wirst es erleben. Bist du nicht selbst hergekommen, um uns um Beistand zu bitten, Beistand im Kampf gegen Wesen, deren Existenz auch M�nner deines Volkes verleugnen?�</p><p>�Das ist etwas anderes�, widersprach ich, in dem sicheren Bewu�tsein, da� es ganz und gar <emphasis>nichts </emphasis>anderes war. Warum fiel es mir pl�tzlich so schwer, die richtigen Worte zu finden? Die Tatsache, da� es dieser einfache Majundekrieger fertiggebracht hatte, mich mit wenigen Worten aus der Fassung zu bringen, irritierte mich.</p><p>Yo Mai wollte antworten, aber in diesem Moment erklang neben uns ein leises St�hnen, und als ich zu Shannon hinabsah, sah ich gerade noch, wie der Magier erschlaffte und in seinen Armen zusammensank. Behutsam legte Shannon ihn zu Boden, richtete sich auf und sah erst Yo Mai, dann mich mit deutlicher Sorge an.</p><p>�Was ist?� fragte ich. �Was hast du erfahren?�</p><p>�Eine Menge�, antwortete Shannon. �Und nichts davon gef�llt mir, Robert.� Er deutete auf den Majunde, der mit offenen Augen, aber reglos und wie erstarrt, auf dem Boden lag. Sein Atem ging sehr langsam. �Er hatte einen guten Grund, uns zu hassen, Robert. Es war kein Zufall, da� diese Kreaturen angegriffen haben. Und ich f�rchte, das heute nacht war erst der Anfang.�</p><p>Ich verstand �berhaupt nichts mehr, und ich sagte es ihm.</p><p>�Tergard�, sagte Shannon. �Hinter allem steckt dieser machtgierige Baphomet-Anbeter.�</p><p>Es war das zweite Mal, da� Shannon die Tempelherren mit diesem Namen bedachte, aber wie beim ersten Male kam ich nicht dazu, ihn danach zu fragen, wie seine Worte gemeint waren, denn Shannon fuhr, nun deutlich erregt, fort: �Tergard hat ihm erz�hlt, da� du die Ungeheuer mitgebracht hast. Er denkt, diese Bestien w�ren unsere Diener.�</p><p>�Und das glaubt er wirklich?�</p><p>Shannon schnaubte. �Tergard hat Mittel und Wege, seinen Worten Nachdruck zu verleihen, das solltest du wissen. Erinnerst du dich an das, was Tergard mit dir getan hat, Robert?�</p><p>Das war eine reichlich �berfl�ssige Frage, aber sie war auch wohl rein rhetorischer Natur, denn Shannon sprach rasch weiter, ehe ich auch nur Zeit zu einem Kopfsch�tteln gefunden hatte: �Dieser Mann wei� jetzt alles �ber dich, Robert. Er wei� alles, was du �ber Dagon wei�t, �ber die THUL SADUUN...�</p><p>Er machte eine flatter de Handbewegung. �Du hast ihm die Augen ge�ffnet. Er wei� jetzt, da� Dagon alles andere als ein Gott ist, sondern nur ein kleiner Zauberer, der durch Zufall ein paar au�ergew�hnliche Tricks gelernt hat.�</p><p>Das war die Untertreibung des Jahres, aber ich begriff, worauf Shannon hinaus wollte. Ich hatte weit mehr getan, als Tergard gegen meinen Willen ein paar Informationen zu geben. Trotz allem war der Templer ein intelligenter Mann; er w�rde aus dem, was er in meinen Gedanken gelesen hatte, die richtigen Schl�sse ziehen.</p><p>�Du glaubst, er versucht Dagon aufs Kreuz zu legen?�</p><p>Shannon l�chelte. �Ich h�tte es anders formuliert, aber es l�uft darauf hinaus, ja. Du hast das Lager gesehen, in das er jeine Gefangenen verschleppen l��t, um sie Dagon und seinen widerlichen Kreaturen zu opfern. Es existiert seit Jahren. Er hat schon Hunderte von Menschen auf diese Weise verschwinden lassen.�</p><p>�Und jetzt...�</p><p>�Tut er es nicht mehr�, f�hrte Shannon den Satz mit einem grimmigen Nicken zu Ende. �Ganz recht. Mit dem Wissen, das er von dir hat, glaubt er sich Dagon �berlegen.�</p><p>Ich schauderte, als mir die Konsequenzen aus Shannons Worten klar wurden. Wenn Shannon mit seiner Vermutung recht hatte, dann machte der n�chtliche �berfall der <emphasis>Ssaddit</emphasis> mit einem Male Sinn. Dagon hatte gar keine andere Wahl gehabt, als seine H�llenkreaturen auf die Eingeborenen loszulassen, wenn Tergard ihm den Nachschub an Opfern f�r seine gr��lichen Zeremonien entzog! Die <emphasis>Ssaddit</emphasis> verlangten ihre Opfer, lebende Opfer, und Dagon mu�te sie ihnen geben, wollte er nicht Gefahr laufen, von den Ungeheuern vernichtet zu werden, die er gerufen hatte!</p><p>�Mein Gott!� st�hnte ich. �Dann... dann werden sie wiederkommen.�</p><p>Shannon nickte. �Ich f�rchte es. Der Angriff heute nacht war nicht der letzte. Sie werden wiederkommen.�</p><p>�Aber wir werden nicht mehr da sein.�</p><p>Shannon und ich wandten uns gleichzeitig um und sahen Yo Mai an. Der Majunde war unserem Gespr�ch mit unbewegtem Gesicht gefolgt, aber der entschlossene, harte Ausdruck, der in seinem Blick war, hatte eher noch an Intensit�t gewonnen.</p><p>�Nat�rlich werdet ihr nicht mehr da sein�, sagte Shannon unwillig, der Yo Mais Worte falsch deutete. �Ihr m��t fort. Das Beste wird sein, wenn ihr eure Frauen und Kinder an einen sicheren Ort bringt und...�</p><p>�Du verstehst nicht, was er meint�, unterbrach ich ihn, ohne den Blick von Yo Mais Gesicht zu nehmen.</p><p>Shannon starrte mich an. �Was soll das bedeuten?�</p><p>�Das, was dein Freund richtig erkannt hat, wei�er Mann�, entgegnete Yo Mai. �Wir werden zu unserem Gott gehen.� Er wies mit einer Kopfbewegung hinauf zum Gipfel des Krakatau.</p><p>�Dort oben, in den heiligen H�hlen unseres Volkes, werden wir die Entscheidung der G�tter abwarten, wei�er Mann.�</p><p>�Dort oben?� keuchte Shannon. �Aber das ist Wahnsinn! Ihr lauft Dagon ja geradezu in die Arme. Er will euch alle umbringen.�</p><p>�Wenn es der Wille der G�tter ist, wird das geschehen. Wenn nicht, nicht�, antwortete Yo Mai. Shannon wollte abermals auffahren, aber der junge Majunde hob rasch die Hand, und Shannon schien zu begreifen, da� es sinnlos war, dem Eingeborenen widersprechen zu wollen.</p><p>�Der Wille des m�chtigen Gottes Krakatau wird geschehen�, sagte Yo Mai entschieden. �In den heiligen H�hlen wird sich entscheiden, ob das Volk der Majunde leben oder untergehen wird. Es liegt nicht in unserer Hand, irgend etwas daran zu �ndern.�</p><p>�Das ist Wahnsinn�, murmelte Shannon, aber es war kein echter Widerspruch mehr, sondern weitaus mehr Ausdruck seiner Hilflosigkeit.</p><p>Und Wut.</p><p>Einen Moment lang versuchte ich mir einzureden, da� ich mich t�uschte, aber der Ausdruck auf Shannons Gesicht war zu deutlich. Shannon war w�tend. Aber wor�ber? Etwa �ber die Tatsache, da� sich seine Hoffnung nicht erf�llte und die Majunde uns die Waffenhilfe verweigerten, die wir uns von ihnen erhofft hatten?</p><p>Yo Mai hielt Shannons Blick noch einen Moment lang stand, dann drehte er sich mit einem sonderbar traurigen L�cheln um und ging zu seinen Leuten zur�ck. Shannon starrte ihm w�tend nach. �Dieser Narr!� keuchte er.</p><p>�Diese hirnverbrannten Idioten! Sie werden Dagons Kreaturen direkt in die M�uler laufen, wenn sie wirklich dort hinaufgehen!� Zornig ballte er die H�nde zu F�usten. In seinen Augen blitzte es. Dann bemerkte er, da� ich ihn anstarrte, und erschrak sichtbar. Der Ausdruck von Wut verschwand von seinen Z�gen und machte dem einer tiefen, schuldbewu�ten Betroffenheit Platz.</p><p>�Entschuldige, Robert�, murmelte er. �Ich... habe die Beherrschung verloren. Es tut mir leid.�</p><p>�Schon gut�, sagte ich, obwohl in Wahrheit absolut nichts <emphasis>schon gut </emphasis>war. Die Wut, die ich in Shannons Augen gelesen hatte, hatte mich ersch�ttert. Es war einfach nicht fair, da� alles, was er empfand, w�hrend er dem Todesurteil eines ganzen Volkes lauschte, <emphasis>Wut </emphasis>war.</p><p>Dann wurde ich mir der Tatsache bewu�t, da� meine Gedanken auch alles andere als fair waren. Shannon war der mit Abstand begabteste und wohl auch st�rkste Mann, dem ich jemals begegnet war, aber das bedeutete nicht, da� ich in irgendeiner Form das Recht hatte, ihm menschliche Schw�chen abzusprechen. Auch f�r ihn mu�te das, was wir erlebt und durchgemacht hatten, bis an die Grenzen seiner Kr�fte gegangen sein.</p><p>War es da ein Wunder, da� auch er anders als gewohnt und vielleicht sogar falsch reagierte?</p><p>Eigentlich nur, um die Peinlichkeit, die der Moment f�r uns beide gewonnen hatte, zu �berwinden, drehte ich mich um und beugte mich zu dem Majunde-Magier hinab, der noch immer reglos und stumm dasa� und Shannon und mich aus weit gewordenen Augen anstarrte.</p><p>�Geht es dir besser?� fragte ich.</p><p>Sein Blick schien geradewegs durch mich hindurchzugehen, und als er sprach, war seine Stimme kaum mehr als ein heiseres Fl�stern.</p><p>�Ist es wahr, was dein Freund gesagt hat?� murmelte er.</p><p>�Was? Die Sache mit Tergard und Dagon?�</p><p>�Er hat mich belogen�, murmelte der Majunde. �Er hat mit der Stimme der G�tter gesprochen, und der gro�e Gott Krakatau selbst hat...�</p><p>�Ich wei� nicht, was Tergard dir gesagt hat�, unterbrach ihn Shannon k�hl, �und auf welche Weise. Aber ich gebe dir mein Wort, da� er so wenig mit deinen G�ttern zu tun hat wie wir. Tergard ist ein Meister der L�ge wie alle seine Br�der.�</p><p>�Aber er hat mit der Stimme der G�tter gesprochen!� begehrte der Magier auf. Seine Stimme kippte fast �ber, und seine Augen schienen vor Entsetzen schier aus den H�hlen quellen zu wollen. Ich hatte keine Ahnung, was diese Stimme der G�tter war, aber was immer sich hinter diesem Wort verbarg, der blo�e Gedanke daran, da� sie <emphasis>gelogen </emphasis>hatte, mu�te den Majunde beinahe um den Verstand bringen.</p><p>�Tergard ist ein gef�hrlicher Mann�, sagte ich rasch, ehe Shannon auf seine wenig diplomatische Art vielleicht noch mehr Schaden anrichten konnte. �Er hat dich get�uscht, Magier, wie so viele. Er hat alle belegen. Selbst die, mit denen er sich verb�ndet hat.� Ich schwieg einen Moment, tauschte einen raschen Blick mit Shannon und fuhr mir nerv�s mit der Zunge �ber die Lippen. Ich war mir klar dar�ber, wie sinnlos meine n�chsten Worte waren, aber ich mu�te es wenigstens versuchen.</p><p>�Ihr d�rft nicht dort hinaufgehen�, sagte ich mit einer Geste auf den Krakatau. �Es w�re der Untergang f�r dein Volk, Zauberer.�</p><p>Wie ich es erwartet hatte, reagierte der Magier gar nicht auf meine Worte, sondern starrte mich nur weiter an. Seine Lippen bebten.</p><p>�Die Stimme der G�tter�, murmelte er. �Gelogen. Dieser Wei�e Teufel hat die Stimme der G�tter mi�braucht.� Pl�tzlich ver�nderte sich etwas in seinem Blick. �Ich h�tte ihn t�ten sollen, wei�er Mann�, sagte er. �Ich h�tte dich t�ten sollen. Alle Wei�en sind Teufel. Ich h�tte tun sollen, was die Stimme der G�tter befohlen hat.�</p><p>�Du irrst dich�, sagte ich eindringlich. �Tergard hat euch hintergangen, so wie er alle belogen hat, selbst Dagon. Um so wichtiger ist es, da� euer Volk jetzt weiterlebt. Ihr m��t fliehen.�</p><p>Es war sinnlos. Der Blick des Majunde-Magiers verschleierte sich wieder, und pl�tzlich begann er Worte in seiner Muttersprache zu stammeln, die ich nicht verstand. Seine schlanken H�nde �ffneten und schl�ssen sich unentwegt, als wolle er etwas packen und zermalmen.</p><p>�Das hat keinen Zweck mehr, Robert�, sagte Shannon leise.</p><p>Ich nickte, richtete mich widerstrebend auf und starrte an ihm vorbei auf den flammengebenden Gipfel des Krakatau. Sein Gl�hen schien pl�tzlich etwas Unheimliches und Drohendes zu haben.</p><p>Und trotzdem fror ich pl�tzlich.</p><p>Der Hauch des Todes lag �ber der Lichtung. Menschen waren hier gestorben, eines unnat�rlichen, gewaltsamen Todes, und ihr Sterben hatte Spuren hinterlassen, unsichtbar, aber trotzdem zu f�hlen f�r den, der die geheimen Zeichen der Natur zu deuten wu�te.</p><p>Tergard war bis zur Mitte des halberstarrten Sumpfes gegangen, der sich dort erstreckte, wo noch am Abend zuvor das Majunde-Dorf gestanden hatte. Er hatte den Kampf beobachtet, aus sicherer Entfernung heraus zwar, aber doch nahe genug, um sich ein Bild dessen machen zu k�nnen, was sich abgespielt hatte. Und trotzdem erschreckte ihn der furchtbare Anblick.</p><p>Langsam drehte er sich um, machte einen Schritt auf einen gewaltigen, halb im Schlamm vergrabenen dunklen K�rper zu und blieb abrupt wieder stehen, als er erkannte, was da vor ihm lag.</p><p>Der Leib des H�llenwurmes war geborsten wie trockene Holzkohle, wie von einem Hammerschlag in drei Teile zersprengt und noch im Tode auf schier unm�gliche Weise verdreht und verzerrt. Selbst jetzt, als es nichts mehr war als ein St�ck verbrannter Schlacke, strahlte das Wesen etwas Unheimliches aus. Es war ein Gesch�pf Satans, dessen war sich Tergard sicher, ganz gleich, mit welchen Namen die anderen Dagon und seine Kreaturen bedachten. Eine sonderbare Mischung aus Stolz und Furcht ergriff von Tergard Besitz, als er diesen Gedanken dachte, und pl�tzlich breitete sich eine fast hysterische Belustigung in ihm aus. Balestrano hatte ihn bisher auf diese Insel am Ende der Welt verbannt, damit er sich <emphasis>bew�hren </emphasis>konnte, als Strafe f�r das, was Tergard als seine Pflicht und Balestrano als Fehler bezeichnet hatte.</p><p>Und er, ausgerechnet er, Tergard, der versto�ene <emphasis>Master, </emphasis>der Mann, der in Ungnade gefallen war und dessen Name selbst der geringste Knappe mit Verachtung in der Stimme aussprach, ausgerechnet er w�rde es sein, der die entscheidende Schlacht schlug, der das Armageddon herbeif�hrte und zu Gunsten des wahren Herren entschied!</p><p>W�re er nicht so m�de gewesen, h�tte er lauthals gelacht, als ihm die hintergr�ndige Ironie dieses Gedankens voll zu Bewu�tsein kam. Wie sagte Balestrano immer: <emphasis>Die Wege des Herrn sind voller R�tsel.</emphasis></p><p>Ja, dachte er zufrieden. Das sind sie wirklich. Und voller �berraschungen, insbesondere und vor allem f�r einen senilen Trottel, der auf seinem Thron in Paris sa� und sich f�r den Nabel der Welt hielt. Balestrano w�rde der erste sein, den er vernichtete, wenn er erst einmal die Macht ergriffen hatte.</p><p>Tergard drehte sich um, um zum Waldrand zur�ckzugehen, verhielt aber dann pl�tzlich mitten im Schritt und blickte auf einen kleinen, halb im Schlamm versunkenen Gegenstand. Eine Sekunde lang z�gerte er, dann lie� er sich in die Hocke sinken, hob seinen Fund auf und wischte mit einem Zipfel seines Mantels den gr�bsten Schmutz ab. Ein �berraschtes Stirnrunzeln zog seine Brauen zusammen, als er erkannte, was er da gefunden hatte. Aber dann l�chelte er erneut. �Die Wege des Herrn sind wirklich r�tselhaft�, sagte er, w�hrend er aufstand, seinen Fund sorgf�ltig in eine Tasche seines Mantels schob und mit schnellen Schritten zum Waldrand und den wartenden Soldaten zur�ckging. Mit dem Tag war die Stille gekommen. Nichts hatte sich an der H�hle ge�ndert: das rote, d�stere Licht war wie immer, das Zischen der Lava erf�llte die labyrinthischen G�nge und Stollen wie ein Chor unheilvoll wispernder b�ser Stimmen, und von Zeit zu Zeit bebte der Berg unter seinen F��en, als wolle der Geist des Krakatau Dagon daran erinnern, da� er keineswegs der unumschr�nkte Herrscher dieser Insel war. Und doch war es stiller geworden, wenngleich es eine Stille jenseits des H�rbaren war, ein Schweigen, das d�ster und schwer auf seiner Seele lastete und eine unausgesprochene Drohung mit sich f�hrte.</p><p>Dagon starrte mit einer Mischung aus Verzweiflung und hilfloser Wut auf das wimmelnde Rot unter sich. Hier und da war die Oberfl�che des Lavasees zu schwarzen, zerborstenen Eisschollen erstarrt, und die Hitze, die es normalerweise selbst ihm verbot, l�nger als wenige Augenblicke hier zu stehen, hatte merklich abgenommen. Nur manchmal bewegte sich etwas in der lodernden Glut tief unter ihm. Aus dem gewaltigen Heer flammengeborener <emphasis>Ssaddit </emphasis>war ein armseliger Haufen geworden, wenige Dutzend, wo am Abend zuvor noch Hunderte seiner Diener gewesen waren.</p><p><emphasis>Der zweite Fehler, </emphasis>dachte er. Es war das zweite Mal gewesen, da� er Robert Craven untersch�tzt hatte, und wie beim ersten Mal hatte er um ein Haar mit dem Verlust all dessen, was er in Jahren geduldig aufgebaut hatte, bezahlt. Aus der gewaltigen Armee unbesiegbarer <emphasis>Ssaddit, </emphasis>mit deren Hilfe er die Ankunft der THUL SADUUN vorbereiten wollte, war ein armseliger Haufen geworden, eine Handvoll, wo Hunderte vonn�ten gewesen w�ren. Es war nicht die Zahl seiner Diener, die er verloren hatte, die ihn so hart traf, sondern die Tatsache, da� es die gr��ten und st�rksten der H�llenw�rmer gewesen waren. Ihre Zahl spielte keine Rolle. Wenn die Nacht kam, w�rden <emphasis>ihre </emphasis>Diener aus dem Meer kommen und neue <emphasis>Ssaddit </emphasis>bringen, Hunderte, wenn er es w�nschte, Tausende, die seine brennende Armee rasch wieder auff�llen w�rden.</p><p>Aber er hatte keine M�glichkeit mehr, sie wieder zu dem zu machen, was sie gewesen war. Dagon befand sich in der Lage eines Feldherren, der �ber eine unbegrenzte Zahl von Kriegern gebieten konnte - und nicht die M�glichkeit hatte, sein Heer auch nur einen Tag zu ern�hren.</p><p>Die Schatten aus dem Meer w�rden die D�moneneier bringen, die die THUL SADUUN durch die Abgr�nde der Zeit sandten, aber es w�rde nichts als eine gewaltige Zahl gefr��iger kleiner Monster sein, Ungeheuer, die Dagon selbst und seine Diener vernichten w�rden, wenn er ihnen kein anderes Opfer anbieten konnte.</p><p>Nun, dachte er grimmig, was das anging, so <emphasis>hatte </emphasis>er noch Mittel und Wege, sich Opfer f�r die <emphasis>Ssaddit </emphasis>zu beschaffen, wenn ihm auch der Gedanke nicht gefiel, denn er w�rde Aufsehen erregen, und Dagon h�tte es vorgezogen, sein Tun so lange wie m�glich geheimzuhalten.</p><p>Dagon hob die Hand und machte eine befehlende Geste. Die Bewegung blieb ohne die geringste sichtbare Reaktion, aber weit drau�en, in den lichtlosen Tiefen des Ozeans, begannen sich Tentakel zu regen, erhoben sich bizarre, aufgedunsene K�rper aus dem sandigen Grund. Der achtarmige Tod erwachte.</p><p>Das Lager war verlassen, wie wir <emphasis>es </emphasis>erwartet hatten. Das Haupttor stand offen, und wo bei meiner ersten Ankunft in Tergards teuflischem Gefangenenlager schwerbewaffnete Wachen gestanden hatten, spielte nun nur noch der Wind mit Abf�llen und abgestorbenem Ge�st. Wie die meisten Geb�ude, die von ihren Bewohnern verlassen worden waren, machte die Anlage einen unheimlichen Eindruck. Aber vielleicht war es auch nur die Erinnerung an das, was ich hier erlebt hatte, die mich erneut schaudern lie�, als ich neben Shannon durch das zweite, innere Tor trat und stehenblieb. Vielleicht auch die Angst vor dem, was wir tun w�rden.</p><p>Mein Blick suchte das niedrige, quer stehende Geb�ude am Ende der doppelten Reihen einfacher Baracken, die den inneren Teil des Lagers bildeten. Seine T�ren standen offen, und ein unheimlicher roter Schein fiel auf den festgestampften Lehm des Bodens hinaus. Ich glaubte die Hitze zu sp�ren, die aus dem Schacht drang, der sich dahinter verbarg.</p><p>�Du kannst es dir noch �berlegen�, sagte Shannon leise. �Ich w�rde es verstehen, wenn du nicht mitkommst.�</p><p>Ich blickte ihn an und versuchte zu lachen, aber es wurde eher ein hysterisches Kreischen daraus. �Willst du wirklich eine Antwort darauf haben?� fragte ich. Shannon nickte. �Ich meine es ernst, Robert. Du w�rest mir ohnehin keine gro�e Hilfe. Nicht, solange du nicht im Vollbesitz deiner Kr�fte bist.�</p><p>�Sie kehren zur�ck�, sagte ich heftig. �Tergard hat sie nur gel�hmt, mehr nicht.�</p><p>�Das wei� ich�, antwortete Shannon. �Aber es kann Tage dauern, bis du dich v�llig erholt hast. So viel Zeit bleibt uns nicht.�</p><p>�Deshalb komme ich ja auch gleich mit�, sagte ich, und f�gte, in bewu�t �rgerlichem Tonfall, hinzu: �Gib dir keine M�he, Shannon. Ich werde ganz bestimmt nicht hierbleiben und die Wolken z�hlen, w�hrend du dort hinuntergehst und dich ganz allein mit Dagon und den Bestien herumschl�gst. Ich komme mit.�</p><p>Shannon sah wohl ein, wie sinnlos es war, und beschr�nkte sich auf ein resignierendes Seufzen.</p><p>Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie es in seinem Inneren aussah - wenig anders als in meinem. Das Schlimme war, da� weder Shannon noch ich auch nur die geringste Ahnung hatten, was wir dort unten antreffen w�rden.</p><p>Geschweige denn, was wir �berhaupt dort <emphasis>wollten.</emphasis></p><p>Unser ganzer Plan bestand darin, Dagon aufzuhalten. Irgendwie.</p><p>Seufzend wandte sich Shannon um und deutete mit einer Kopfbewegung auf den vorderen Teil des Lagers. Der Platz hinter dem inneren Tor war von den �berlebenden des Majunde-Stammes bev�lkert, an die hundert M�nner, Frauen und Kinder, die in kleinen Gruppen oder auch allein auf dem nackten Boden sa�en. Es war ein bizarres Bild - das Lager war von seinen legitimen Besitzern verlassen, und es gab genug R�umlichkeiten, auch eine weit gr��ere Zahl von Menschen aufzunehmen, als es Yo Mais Stamm darstellte, aber nicht ein einziger Eingeborener hatte eines der Geb�ude betreten. Die Majunde mu�ten so hungrig und durstig sein wie ich - und ich h�tte im Moment ein halbes Pferd verspeisen k�nnen -, aber es war, als hielte sie irgend etwas davon zur�ck, den Steinbauten auch nur nahe zu kommen. Viele ihrer Stammesbr�der hatten hier ihr Leben lassen m�ssen. Es hatte Shannon und mich unsere ganze �berredungskunst gekostet, die Majunde allein dazu zu �berreden, das Lager zu betreten, um eine Rast einzulegen.</p><p>Wir gingen zwischen den stumm dahockenden Eingeborenen hindurch und n�herten uns dem gr��ten der rechteckigen Steinbauten, die den Festungsteil des Lagers bildeten. Ich hatte noch mehrere Male versucht, die Majunde von ihrem Vorhaben abzubringen, zum Gipfel des Krakatau hinaufzugehen und dort die Entscheidung ihrer G�tter abzuwarten, aber das Ergebnis war jedes Mal das gleiche gewesen. Schlie�lich hatten Shannon und ich uns entschieden, ihnen ein St�ck zu folgen, denn der Weg, den die Majunde nahmen, um zu ihren heiligen H�hlen zu gelangen, f�hrte direkt an Tergards Lager vorbei.</p><p>Von hier ab w�rden sich unsere Wege trennen, denn w�hrend Yo Mai und seine Leute einem Ungewissen Schicksal und dem Gipfel des Vulkans entgegengingen, w�rden Shannon und ich die entgegengesetzte Richtung nehmen: lotrecht in die Erde hinab, hinunter zu Dagon und seinen <emphasis>Ssaddit. </emphasis>Und dem, was wir sonst noch dort finden mochten.</p><p>Ich vertrieb den Gedanken, schlo� mit raschen Schritten zu Shannon auf und trat hinter ihm ins Innere des Hauptgeb�udes. Dunkelheit und der unangenehme Geruch von abgestandenem Tabaksqualm und zu vielen Menschen, die zu lange auf zu engem Raum zusammengelebt hatten, schlugen uns entgegen. Rasch und ohne ein �berfl�ssiges Wort durchsuchten wir das Geb�ude. Das Haus machte den Eindruck eines Geb�udes, das von seinen Bewohnern in h�chster Eile verlassen worden war - M�bel waren umgesto�en und achtlos liegengelassen worden, auf den Tischen standen Teller mit nur halb verzehrten Mahlzeiten, T�ren standen offen.</p><p>Schlie�lich fanden wir, wonach wir suchten - die K�che. Nach den Erfahrungen, die ich mit Shannons Kochkunst gemacht hatte, sch�ttelte ich rasch den Kopf, als er sich anbot, eine Mahlzeit zuzubereiten, und erkl�rte, da� ein wenig kaltes Fleisch und Brot ihren Dienst t�ten.</p><p>Nach neuerlichem, kurzem Suchen fanden wir die Speisekammer, und ich trug Brot und P�kelfleisch und ein St�ck gesalzenen Schinken auf einem Tisch gleich neben der T�r auf, w�hrend Shannon das Feuer im Herd zu neuer Glut entfachte und Kaffee kochte.</p><p>Die n�chste halbe Stunde verbrachten wir mit Essen. Shannons Kaffee schmeckte noch scheu�licher als sein Essen, aber er vertrieb wenigstens die bleierne M�digkeit, die von mir Besitz ergriffen hatte. Im Grunde war diese Mahlzeit �berfl�ssig. Es spielte keine besondere Rolle, ob wir mit knurrenden M�gen oder satt in Dagons unterirdisches Reich hinunterstiegen; wahrscheinlich w�rden wir ohnehin nicht mehr lange genug leben, um wirklichen Hunger zu bekommen. Es war nur ein Vorwand gewesen, den wir beide mit Freuden ergriffen hatten, das Unausweichliche noch einmal hinauszuschieben, und sei es nur f�r eine halbe Stunde. Als wir fertig waren, wollte Shannon aufstehen, aber ich machte eine rasche Geste, sitzenzubleiben.</p><p>�Warte noch�, bat ich. �Ich ... habe noch ein paar Fragen.�</p><p>Shannon sah mich an, und - es war verr�ckt, aber ich war absolut sicher - f�r einen Moment spiegelte sein Gesicht den gleichen �rger, den ich schon einmal an ihm bemerkt hatte, am Morgen, als er mit Yo Mai sprach. Aber ich schob das Gef�hl, wie schon einmal, auf den desolaten Zustand, in dem sich seine Nerven befinden mu�ten. �Was... was geschieht, wenn wir Erfolg haben?� fragte ich. Shannon legte den Kopf auf die Seite und sah mich mi�trauisch an. �Wie meinst du das?� fragte er. �Wie ich es sagte�, antwortete ich gereizt. �Was wirst du tun, wenn wir Dagon wirklich besiegen sollten?� Shannon schwieg einige Sekunden, dann nickte er. �Ich verstehe�, sagte er. �Necron.�</p><p>�Necron�, best�tigte ich. �Du wirst zu ihm zur�ckkehren?�</p><p>Shannon nickte. �Ja. Aber aus anderen Gr�nden, als er ahnt.�</p><p>�Ich werde dich begleiten�, sagte ich.</p><p>Shannon lachte. �Du bist verr�ckt�, sagte er. �Glaube mir, Robert, du w�rdest seiner Drachenburg nicht einmal nahe genug kommen, um sie zu sehen. Ich wei� nicht mal, ob es mir gelingt.�</p><p>�Trotzdem werde ich dich begleiten�, beharrte ich. �Necron wird nicht aufgeben, nur weil du ihm entkommen bist und ihm seinen magischen Kompa� gestohlen hast.�</p><p>�Wenn wir das hier �berleben�, sagte Shannon �berzeugt, �hat er keinen Grund mehr, dich zu jagen, Robert.�</p><p>�Wie meinst du das?� fragte ich verwirrt.</p><p>Shannon l�chelte fl�chtig und wurde sofort wieder ernst. �Es gibt nur einen Weg, Dagon aufzuhalten�, sagte er. �Das wei�t du so gut wie ich. Wir m�ssen das SIEGEL in unsere Hand bekommen, denn das ist es, woher er seine Kr�fte nimmt. Ohne das SIEGEL DER MACHT ist er nichts weiter als ein kleiner Zauberlehrling, der nicht einmal mir gewachsen ist. Er ist ein Nichts, Robert, ein Mann, der von geliehener Kraft zehrt und es nicht mal wei�.�</p><p>�Du wei�t eine Menge �ber einen Mann, �ber den du nichts wei�t�, sagte ich.</p><p>Shannon �berging meinen Einwurf. �Wenn wir das SIEGEL in unsere Hand bekommen, ist nicht nur Dagon besiegt�, sagte er, �sondern auch Necron.�</p><p>Diesmal war ich ehrlich �berrascht, und Shannon schwieg eine ganze Weile, als gen�sse er es, sich an meiner Verwirrung zu weiden. �Ich werde es dir erkl�ren�, sagte er schlie�lich, �schon, damit du begreifst, wie wichtig es ist, da� wir Erfolg haben. Es geht hier um mehr als diese Insel, Robert. Dagon ist im Besitz der ersten beiden SIEGEL gewesen, aber er ahnt nicht einmal, welche Macht in seinen H�nden liegt, glaube mir. Necron wei� es sehr wohl, und er wird seine Diener in Scharen schicken, sobald er herausgefunden hat, wo sich das zweite Siegel befindet.� Seine Miene verd�sterte sich. �Und ich f�rchte, es wird nicht mehr lange dauern. Aber sie werden zu sp�t kommen.�</p><p>�Du willst es zerst�ren?� vermutete ich.</p><p>Shannon nickte. �Wenn es mir gelingt. Aber es mu� gelingen. Ohne dieses SIEGEL sind die anderen wertlos f�r Necron.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Es sind sieben, Robert�, erkl�rte Shannon. �SIEBEN SIEGEL DER MACHT, geschaffen von den �LTEREN G�TTERN. SIEBEN SIEGEL, die die GROSSEN ALTEN selbst jetzt noch bannen und verhindern, da� sie Besitz von dieser Welt ergreifen. Du hast mir erz�hlt, da� du dabei warst, als dreizehn von ihnen in die Gegenwart gekommen sind, aber du kennst nur einen Teil der Wahrheit. Sie haben den Abgrund der Zeit �berwunden, aber die, die sie vor Jahrmilliarden besiegten, sahen selbst diese M�glichkeit voraus. Sie schufen die SIEBEN SIEGEL DER MACHT, sieben magische Siegel, die die wahre Macht der GROSSEN ALTEN bannen.</p><p>Sie sind Ungeheuer, furchtbare, schreckliche D�monen, Robert, aber ihre wahre Macht k�nnen sie erst entfalten, wenn auch das siebente Siegel erbrochen wurde. Und sie m�ssen <emphasis>alle </emphasis>ge�ffnet werden, begreifst du? Es nutzt Necron �berhaupt nichts, nur f�nf oder meinetwegen auch sechs Siegel in seinem Besitz zu haben. Das Spiel hei�t alles oder nichts. Wenn es mir gelingt, dieses SIEGEL zu zerst�ren, das sich in Dagons Besitz befindet, ist Necron erledigt. Shub-Niggurath wird ihn t�ten, wenn er auch diesmal versagt.�</p><p>Ich wollte antworten, aber in diesem Moment scho� ein d�nner, heftiger Schmerz durch meine Brust. Hastig hob ich meine Tasse mit kalt gewordenem Kaffee und versuchte, mich dahinter zu verkriechen. Shannon mu�te nicht sehen, in welch schlechtem Zustand ich mich noch immer befand. Er war dazu f�hig, auf eigene Faust loszugehen und mich zur�ckzulassen.</p><p>�Und wie willst du es tun?� fragte ich gepre�t.</p><p>�Was? Das SIEGEL vernichten?�</p><p>Ich nickte, und Shannon antwortete: �Es ist leicht, Robert. Magie hat es geschaffen, und Magie wird es wieder zerst�ren.�</p><p>�Gerade hast du das Gegenteil behauptet�, antwortete ich. Es fiel mir schwer, zu sprechen. Der d�nne Schmerz in meiner Brust nahm nicht ab, sondern im Gegenteil zu. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Was, zum Teufel, geschah mit mir?</p><p>�Es ist leicht, es zu vernichten, verglichen mit der M�he, die es kosten w�rde, es zu brechen�, antwortete Shannon. �Auch Necrons Macht reicht l�ngst nicht dazu aus, Robert. Er ist nur ein Werkzeug. Wenn er alle sieben SIEGEL in seinem Besitz hat, dann...�</p><p>Der Schmerz in meiner Brust explodierte. Ein wei�gl�hender Draht schien sich direkt in mein Herz zu bohren. Ich fuhr wie unter einem Peitschenhieb zusammen, versuchte zu schreien und bekam nur ein St�hnen heraus. Die Kaffeetasse fiel aus meiner Hand und polterte zu Boden.</p><p>�Stell dich nicht so an�, sagte Shannon scherzhaft. �So schlecht ist mein Kaffee nun auch wieder nicht.�</p><p>Seine Gestalt begann vor meinen Augen zu verschwimmen. Ich keuchte, sackte haltlos zur Seite und fiel zu Boden, von Qualen gesch�ttelt und noch immer unf�hig, auch nur den geringsten Laut hervorzubringen. Ich h�rte, wie Shannon ein erschrockenes Keuchen ausstie� und so heftig aufsprang, da� sein Stuhl umfiel, f�hlte mich pl�tzlich an der Schulter gepackt und herumgerissen, aber vor meinen Augen waren nichts als wogende rote Schemen, und der gl�hende Draht, der in meinem Herzen w�hlte, wurde zu einer wei�gl�henden Schwertklinge. Ein neues Gef�hl gesellte sich zu dem Schmerz: ein Druck, der wuchs und wuchs und wuchs, bis ich glaubte, mein Herz w�re eine st�hlerne Feder, die bis zum Zerrei�en gespannt war. Ich bekam noch immer keine Luft.</p><p>Shannon fiel neben mir auf die Knie, packte mich beim Kragen und sch�ttelte mich wild. �Robert!� schrie er. �Was ist los?�</p><p>Ich versuchte zu sprechen, aber ich konnte es nicht. Verzweifelt hob ich die H�nde, klammerte mich wie ein Ertrinkender an Shannon fest und stie� erstickte Laute aus.</p><p>�Ma... gier�, kr�chzte ich. Woher ich die Kraft nahm, �berhaupt zu sprechen, begriff ich selbst nicht. Der Druck auf mein Herz stieg noch immer an. �Majunde. Der... der Zauberer ...�</p><p>Und endlich begriff Shannon. Hastig hob er mich in die H�he, setzte mich wie eine Puppe auf den Stuhl zur�ck, pre�te die linke Hand auf meine Stirn und legte die andere mit weit gespreizten Fingern auf meine Brust, als wolle er mein Herz umfassen.</p><p>Der Schmerz erlosch, aber nicht sofort, wie die Male zuvor, als ich die unheimliche heilende Macht von Shannons H�nden gesp�rt hatte, sondern nur langsam, z�gernd und widerwillig, als w�rde in meinem Inneren ein verbissener Kampf ausgefochten. Ich sah, wie sich Shannons Gesicht vor Anstrengung verzerrte und Schwei� auf seine Stirn trat. Die unsichtbare Feder in meiner Brust spannte sich weiter - und war verschwunden.</p><p>Mit einem erleichterten Keuchen sank ich nach vorn, prallte mit dem Gesicht auf die Tischplatte und rang nach Atem. Mein Herz h�mmerte, und jeder einzelne Pulsschlag tat weh, unglaublich <emphasis>weh. </emphasis>Aber der gl�hende Draht war aus meinem Herzen verschwunden.</p><p>�Der Magier�, st�hnte ich. �Er... er bringt mich um, Shannon. Er t�tet mich.�</p><p>Shannon antwortete, aber ich verstand seine Worte nicht, denn in meinen Ohren war pl�tzlich ein dumpfes, an- und abschwellendes Rauschen, das ich erst nach endlosen Sekunden als das Ger�usch meines eigenen Blutes identifizierte.</p><p>Erst als mich Shannon reichlich unsanft in die H�he ri� und mich zwang, ihn anzusehen, zerri� der erstickende Schleier, der sich um meine Gedanken gelegt hatte. M�hsam schob ich seine H�nde beiseite, hielt mich an der Tischkante fest und pre�te die Hand auf die Brust. Shannons Gestalt begann sich vor meinen Augen zu verbiegen und verdrehen, als betrachte ich sie durch einen Zerrspiegel. Der Geschmack nach salzigem Blut war in meinem Mund. Ich hatte mir auf die Zunge gebissen, ohne es �berhaupt zu merken.</p><p>�Was hast du damit gemeint - der Magier?� fragte Shannon.</p><p>�Er hat versucht, mich umzubringen, Shannon�, murmelte ich. Was war los mit ihm? Er h�tte den magischen Angriff so deutlich sp�ren m�ssen wie ich - schlie�lich waren <emphasis>seine</emphasis> Kr�fte nicht durch einen Bann gel�hmt. Aber ich war noch viel zu verst�rt, um den Gedanken konsequent zu Ende zu verfolgen. �Ich wei� nicht, was er tut, aber es war... es war das gleiche wie gestern Nacht.�</p><p>Einen Moment lang blickte mich Shannon unsicher an, dann wandte er sich um und wollte aus dem Zimmer st�rmen. Ich hielt ihn zur�ck.</p><p>�Ich komme mit dir.� Der Gedanke, allein hier zur�ckzubleiben und wom�glich einem zweiten Angriff des Majunde-Zauberers hilflos ausgeliefert zu sein, lie� mich innerlich fr�steln.</p><p>Shannon lachte. �Red keinen Unsinn�, sagte er. �Du kannst doch kaum stehen. Du wartest hier, bis ich zur�ck bin. Ich werde mir den Burschen vorkn�pfen.�</p><p>�Ich begleite dich�, sagte ich entschieden. �Schlie�lich hat er <emphasis>mich </emphasis>angegriffen, nicht dich.�</p><p>Diesmal widersprach Shannon nicht mehr.</p><p>Das Lager hatte sich ver�ndert, als wir aus dem Haus st�rmten. Die Majunde hatten sich zu kleinen Gruppen zusammengefunden und Feuer entz�ndet, �ber denen sie mitgebrachte Lebensmittel erhitzten, und hier und da hatte sich einer auf dem nackten Boden ausgestreckt und schlief. Shannon deutete auf Yo Mai, der zusammen mit einer Handvoll Majunde-Krieger am Tor stand und ganz offensichtlich in eine erregte Diskussion verstrickt war. Wir eilten zu ihnen, und Shannon ri� den Majunde grob an der Schulter herum, ohne auf die drohenden Blicke der anderen zu achten.</p><p>�Wo ist euer Magier?� schnauzte er.</p><p>Yo Mai blickte ihn einen Moment unverstehend an. �Unser Magier?� wiederholte er. �Warum? Was willst du von ihm?�</p><p>�Nichts�, fauchte Shannon. �Aber ich habe das Gef�hl, er will etwas von uns.� Zornig deutete er auf mich. �Um ein Haar h�tte er meinen Freund hier umgebracht, Wilder! Wo ist er?�</p><p>�Ich... wei� es nicht�, gestand Yo Mai verwirrt. �Ich werde ihn suchen.� Er wandte sich an die M�nner, die im Halbkreis um uns standen, und wechselte ein paar rasche Worte im Dialekt des Stammes mit ihnen. Sie entfernten sich. Dann drehte er sich wieder zu Shannon um. Die Verwirrung war aus seinen Z�gen gewichen und hatte allm�hlich aufkeimendem Zorn Platz gemacht. �Was bedeutet das alles?� fragte er. �Ihr habt unser Wort, da� wir uns nicht in eure Dinge mischen.�</p><p>�Deines vielleicht�, sagte Shannon w�tend. �Aber euer Hinterhofzauberer schert sich einen Dreck darum. W�re ich nicht dabeigewesen, w�re Robert jetzt tot.�</p><p>Yo Mai erschrak sichtlich, sah mich einen Moment verunsichert an und sch�ttelte ein paarmal den Kopf, als k�nne er nicht glauben, was er h�rte.</p><p>Nach einer Weile kehrten die Eingeborenen zur�ck, die er weggeschickt hatte, um nach dem Magier zu suchen. Und sie kamen allein. Es war nicht schwer, den Ausdruck auf ihren exotisch geschnittenen Gesichtern zu deuten.</p><p>�Er... ist nicht mehr da�, sagte Yo Mai stockend, nachdem er mit seinen Leuten gesprochen hatte. �Ich verstehe das nicht!�</p><p>�Was soll das hei�en, nicht mehr da?� schnappte Shannon. Seine Wut - die ich noch immer nicht verstand - war keineswegs bes�nftigt, sondern schien durch die Worte des Majunde eher noch weiter angestachelt zu werden.</p><p>�Er ist... nicht im Lager�, gestand Yo Mai, wobei er Shannons Blick auswich. �Ein paar M�nner haben gesehen, wie er weggegangen ist, kurz ehe wir hierherkamen.�</p><p>�Wohin?� fauchte Shannon.</p><p>Yo Mai sah auf, aber er blickte mich an, nicht Shannon.</p><p>Dann hob er die Hand und deutete auf den Gipfel des Krakatau. �Dorthin�, sagte er, �Zu den heiligen H�hlen unseres Volkes.�</p><p>Ich wollte antworten, aber ich kam nicht dazu, denn in diesem Moment flammte ein neuer, qu�lender Schmerz in meiner Brust auf.</p><p>Es war l�ngst nicht so schlimm wie der erste Angriff, eigentlich nur ein d�nner, tiefgehender Stich, eher l�stig als wirklich schmerzhaft. Aber er blieb.</p><p>Die W�rme des Vulkans machte sich hier oben, n�her an seinem Krater als an der K�ste und dem Meeresspiegel, unangenehm bemerkbar. Trotz des hellen Sonnenlichtes schien der Himmel unmittelbar �ber dem wie abgeschnitten wirkenden Gipfel des Berges in d�sterem Rot zu gl�hen, und in fast regelm��igen Abst�nden ert�nte ein dumpfes, knirschendes Grollen, manchmal gefolgt von einer S�ule feuriger Lava, die aus der Caldera des Vulkans emporscho� und fauchend wieder zur�cksank.</p><p>�Der Berg ist unruhig�, sagte Roosfeld.</p><p>Tergard zog eine Grimasse. �Eine ungemein intelligente Feststellung, Roosfeld�, murmelte er. �Was w�rde ich nur ohne dich tun?�</p><p>Roosfeld schluckte, senkte den Blick und konzentrierte sich ganz darauf, neben Tergard den absch�ssigen Hang hinaufzusteigen, ohne auf dem losen Ger�ll das Gleichgewicht zu verlieren. Tergard war gereizt, und Roosfeld wu�te nur zu gut, wie unberechenbar der Templer sein konnte, wenn er schlechter Laune war.</p><p>Schweigend stiegen sie weiter, �berwanden den Hang und drangen wieder in den Dschungel ein, der hier oben nicht ganz so undurchdringlich war wie weiter unten an der K�ste. Trotzdem w�rden sie den Krater nicht vor Sonnenuntergang erreichen, das wu�te Roosfeld. Und seit der vergangenen Nacht hatte er Angst, nach Dunkelwerden hier zu sein. Er wu�te, da� die Feuerw�rmer wiederkommen w�rden. Tergard mochte ihn als Idioten betrachten, aber so dumm, sich nicht auszurechnen, da� Dagon sie mit aller Macht verfolgen w�rde, war er nun auch wieder nicht.</p><p>Tergard blieb stehen, als sie einige Schritte in den Wald eingedrungen waren. Ein angespannter Ausdruck lag mit einem Male auf seinem Gesicht. Roosfeld sah, da� seine Rechte unter dem Mantel zum Schwert kroch.</p><p>�Was ist?� fragte er alarmiert.</p><p>Tergard machte eine rasche, ungeduldige Geste, zu schweigen, und sah sich aufmerksam um. Auch Roosfeld lauschte, aber er h�rte nichts au�er dem m�hsamen H�mmern seines eigenen Herzens und den nat�rlichen Ger�uschen des Waldes, in die sich das Grollen des Berges wie d�sterer Trommelschlag gemischt hatte.</p><p>Die B�ume vereinigten ihre Kronen f�nfzig Yards �ber ihren K�pfen zu einem beinahe v�llig geschlossenen Bl�tterdach, das nur wenig Licht hindurchlie�, so da� sie in schattigem Halbdunkel standen, in dem die Schatten zu furchtbarem eigenem Leben zu erwachen schienen.</p><p>�Irgend etwas ist hier nicht in Ordnung�, murmelte Tergard. Pl�tzlich drehte er sich herum, hob den Arm und bedeutete den Soldaten, die ihnen in wenigen Schritten Abstand gefolgt, waren, mit ungeduldigen Gesten, aufzuschlie�en. Die M�nner gehorchten und bildeten einen weit gespannten Kreis um Tergard und Roosfeld.</p><p>Es war ein beinahe bizarrer Anblick. Wie Tergard selbst und auch Roosfeld hatten die Soldaten ihre niederl�ndischen Marineuniformen gegen die zeremoniellen Gew�nder der Tempelherren getauscht - schwarze Hosen und Stiefel, Kettenhemden und dar�ber ein h�ftlanges, wei�es Gewand mit einem aufgestickten roten Kreuz. Bisher hatte Roosfeld immer einen Hauch von Ehrfurcht versp�rt, wenn er diese Gew�nder sah. Hier, inmitten des tropischen Dschungels und im Angesicht des flammenspeienden Giganten �ber ihren K�pfen, kamen sie ihm albern vor.</p><p>�Irgend jemand belauert uns�, murmelte Tergard. �Ich sp�re es. Wir...�</p><p>Der Rest des Satzes ging in einem peitschenden Laut und dem gellenden Schrei eines der Templer unter. Roosfeld hatte den fl�chtigen Eindruck eines langgestreckten, schlanken Schattens, der aus dem Unterholz herausflog, und beinahe im selben Augenblick griff sich einer der Soldaten an den Hals und brach in die Knie, beide H�nde um den Schaft des Pfeiles gekrallt, der pl�tzlich aus seiner Kehle ragte.</p><p>�Das ist ein �berfall!� br�llte Tergard. �In Deckung!�</p><p>Aber wenn die M�nner seine Worte �berhaupt verstanden, so blieb ihnen keine Zeit, darauf zu reagieren. Pl�tzlich sirrten ein zweiter und dritter Pfeil heran, und ein weiterer Tempelherr brach getroffen zusammen.</p><p>Aber der Augenblick der �berraschung w�hrte nicht lange. Auf Tergards befehlenden Schrei hin zogen sich die M�nner zu einem engen, Schulter an Schulter geschlossenen Kreis zusammen, l�sten die gro�en dreieckigen Schilde von den R�cken und knieten dahinter nieder, eine lebende Schutzmauer um Tergard und Roosfeld bildend.</p><p>Der n�chste Pfeilhagel prallte harmlos von den schweren Eichenschilden ab.</p><p>�Da sind sie!� Tergard deutete auf eine Stelle im Unterholz, an der sich die Schatten bewegt hatten. �Greift an!�</p><p>Die M�nner gehorchten. W�hrend die H�lfte von ihnen zur�ckblieb, um ihren <emphasis>Master </emphasis>zu besch�tzen, sprangen die anderen auf und rannten, die Schilde sch�tzend erhoben und die Schwerter gez�ckt, los. R�cksichtslos brachen sie durch das Unterholz und waren verschwunden. Wenige Augenblicke sp�ter erscholl ein ganzer Chor gellender Schreie, und dann h�rte Roosfeld Kampfl�rm.</p><p>Er sah die Bewegung im letzten Augenblick, aber seine Reaktion kam zu sp�t. Ein kleiner, bronzebraun gebrannter K�rper st�rzte auf ihn herab, ri� ihn mit dem ungest�men Schwung seines Anpralles nach hinten und schwang ein fast armlanges Messer. Roosfeld wich einem w�tenden Stich aus und packte das Handgelenk des Eingeborenen. Rechts und links von ihm erschienen weitere Majunde, st�rzten aus den �sten der B�ume oder erschienen wie aus dem Boden gewachsen hinter Unterholz und Ge�st, um sich mit verbissener Wut auf die kleine Templerarmee zu st�rzen.</p><p>Roosfeld k�mpfte wie ein Besessener. Er war viel st�rker als der Majunde, der ihn angefallen hatte, aber der Eingeborene k�mpfte mit der Wut und Schnelligkeit einer Wildkatze, und Roosfeld wurde durch seinen verbundenen Arm stark behindert.</p><p>In Todesangst b�umte er sich auf, stie� den Majunde von seiner Brust und versuchte abermals, seinen Arm zu packen. Seine Bewegung war nicht schnell genug; er verfehlte den Arm des braungebrannten Kriegers, und die Messerklinge fuhr in seine Hand.</p><p>Roosfeld taumelte zur�ck und brach in die Knie. Der Majunde wirbelte herum, schlug ihm mit dem Ellbogen ins Gesicht und stie� ihm den Dolch in den Leib.</p><p>Es tat nicht einmal besonders weh, aber es war, als wiche von einem Sekundenbruchteil auf den anderen jegliche Energie aus Roosfelds K�rper. Der wei�e Stoff seines Templergewandes begann sich dunkel zu f�rben.</p><p>Roosfeld kippte nach vorn, aber seine Arme hatten nicht mehr die Kraft, das Gewicht seines K�rpers zu tragen. Ein stechender Schmerz durchzuckte seine Brust, dann wurde ihm schwarz vor Augen.</p><p>Er erwachte aus seiner Ohnmacht, als ihn eine Hand an der Schulter ber�hrte und ihn auf den R�cken drehte. �ber seinem Gesicht erschien ein verschwommener Fleck, den er erst nach Sekunden als Tergards Antlitz identifizierte. Der <emphasis>Master </emphasis>des Templerordens war verletzt: �ber seinem Auge klaffte ein blutender Schnitt, und es sah aus, als h�tte man ihm ein B�schel Haare ausgerissen. Aber keine dieser Verletzungen war ernsthaft.</p><p>�Steh auf, Roosfeld�, begann er ungeduldig. �Sie sind geflohen. Wir m�ssen weiter.� Er stockte, als sein Blick �ber Roosfelds Leib glitt und er den allm�hlich gr��er werdenden, dunklen Fleck auf seinem Gewand gewahrte, aus dessen Mitte der lederumwickelte Griff des Messers ragte.</p><p>�Helfen... sie mir�, st�hnte Roosfeld. Die Schw�che in seinen Gliedern wurde immer schlimmer, und hinter seinen Gedanken begann sich etwas Dunkles zusammenzuballen. �Helfen?� In Tergards Blick war kein Mitleid, als er den Kopf sch�ttelte. �Wie soll ich dir helfen, du Narr?� fragte er. �Wir sind meilenweit von der Garnison entfernt. Ich kann nichts f�r dich tun.�</p><p>Er stand auf, schob sein Schwert in den G�rtel zur�ck und wies mit einer herrischen Geste nach Westen, zum Gipfel des Krakatau. �Weiter!� befahl er. �Wir m�ssen vor Sonnenuntergang oben sein.�</p><p>Gehorsam wandten sich die Templer um und gingen, und nach einem letzten, mitleidlosen Blick auf Roosfeld drehte sich auch Tergard selbst um.</p><p>�Helfen sie mir!� flehte Roosfeld. �Sie... sie k�nnen mich doch nicht einfach hier zur�cklassen.�</p><p>Beinahe war er �berrascht, als Tergard tats�chlich noch einmal stehenblieb und zu ihm zur�cksah. Aber pl�tzlich l�chelte der Tempelherr; ein d�nnes, grausames L�cheln, das Roosfeld beinahe mehr traf als der Schmerz, der nun allm�hlich in seinem Leib emporkroch.</p><p>�Doch, Roosfeld�, sagte Tergard leise. �Ich kann.�</p><p>Vor einer Stunde war der Dschungel hinter uns zur�ckgeblieben, und die letzte Meile der Strecke zum Gipfel hinauf waren wir durch eine Landschaft aus Felsen und scharfkantigen Lavatr�mmern und j�h aufklaffenden Spalten geirrt, wie sie bizarrer kaum auf der Oberfl�che eines fremden Sternes sein konnte.</p><p>Die Luft schmeckte scharf und brannte beim Atmen in den Lungen, und vom Himmel strahlte der blutigrote Widerschein der Lava auf uns herab.</p><p>Ich vermochte kaum noch zu gehen. Immer wieder verschwamm der Gipfel vor meinen Augen, und w�re Shannon nicht gewesen, der mich von Zeit zu Zeit sanft an der Stirn ber�hrte und mir neue Kraft gab, w�re ich wahrscheinlich schon nach der H�lfte des Weges zusammengebrochen. Die Schmerzen kamen jetzt in Sch�ben, wie ein Bombardement kleiner, wei�gl�hender Nadeln, die sich tief in meine Brust bohrten und sich meinem Herzen jedes Mal ein St�ckchen weiter n�herten, und wenngleich sie noch immer nicht so heftig waren, da� ich nicht mehr h�tte weitergehen k�nnen, zehrten sie doch an meinen Kr�ften.</p><p>Oas Schlimme war, da� mir Shannon diesmal nicht helfen konnte. Er hatte es getan, unten im Lager, und den Schmerz vertrieben, aber es kostete ihn jedes Mal gro�e Anstrengung, es zu tun. Und er konnte mich nicht ununterbrochen bewachen, w�hrend unser geheimnisvoller Feind nach Gutd�nken zuschlagen konnte.</p><p>Oas hie� - so geheimnisvoll war unser Gegner gar nicht. Weder Yo Mai noch ich hatten eine Erkl�rung daf�r gefunden, warum er mich nach allem, was er gesehen und geh�rt hatte, noch immer angriff, aber der w�hlende Schmerz in meiner Brust bewies mir, da� er es tat. Vielleicht war Tergards hypnotischer Bann doch st�rker gewesen, als wir angenommen hatten, oder der Ha� auf alle Wei�en war so stark in ihm, da� er keinen Unterschied mehr zwischen uns und Tergards M�rderbande machte. Vielleicht hatte er auch schlichtweg den Verstand verloren - was ihn nicht daran hindern w�rde, mich umzubringen, wenn wir ihn nicht rechtzeitig fanden. Unsere einzige Hoffnung war, da� Yo Mai und eine Handvoll seiner Leute uns begleitet hatten, um uns den Weg zu den heiligen H�hlen ihres Volkes zu zeigen. Im Moment allerdings zweifelte ich ernsthaft daran, ob wir diese H�hlen �berhaupt noch erreichen w�rden. Der Hang wurde immer steiler, und auch das letzte Zeichen von Leben war l�ngst hinter uns zur�ckgeblieben; wir stolperten �ber eine verbrannte, geborstene Landschaft, �ber die nach Schwefel stinkende D�mpfe trieben und von deren Himmel es manchmal Feuer regnete.</p><p>Obwohl die Sonne sank und unten im Tal l�ngst die D�mmerung hereingebrochen sein mu�te, war es hier oben noch immer taghell. Aber es war ein hartes, rotes Licht, das nicht vom Himmel, sondern aus dem Schlund des Vulkankraters vor uns kam, und es brachte eine erstickende Hitze mit sich.</p><p>Beides w�rde noch schlimmer werden, sobald wir den Grat �berstiegen hatten, denn der Eingang der heiligen H�hlen lag auf der Innenseite des Kraters.</p><p>Die Sonne ging vollends unter, als wir den Grat �berschritten und die Caldera des Krakatau unter uns lag - ein gigantisches, weit �ber eine Meile messendes Oval, dessen j�h in die Tiefe st�rzende Flanken aus schwarzverbrannter, wie poliertes Glas schimmernder Lava bestanden und das von fl�ssigem Feuer erf�llt war.</p><p>Der h�llische See tief unter uns war von brodelnder Bewegung erf�llt. Gewaltige, tr�ge Blasen stiegen in dem geschmolzenen Stein hoch und zerplatzten, und manchmal sch�ssen feurige Geysire hundert und mehr Yards steil in die H�he und lie�en Feuer und brennende Lavatropfen vom Himmel regnen. Ein dumpfes unabl�ssiges Grollen schlug uns entgegen, ein Laut, der mich an das zornige Fauchen eines gewaltigen steinernen Ungeheuers erinnerte, das uns verschlingen w�rde, wenn wir ihm zu nahe kamen.</p><p>Pl�tzlich verstand ich, warum dieser flammenspeiende Berg f�r die Majunde ein Gott war. In gewisser Beziehung war er es wohl wirklich.</p><p>�Wo sind diese H�hlen?� wandte sich Shannon an Yo Mai, der dicht hinter uns den Hang hinaufgestiegen und zwischen Shannon und mir stehengeblieben war, um keuchend nach Atem zu ringen. Es erf�llte mich mit einer absurden Zufriedenheit, da� auch die anderen unter dem Bi� der schwefelges�ttigten Luft litten.</p><p>Yo Mai deutete nach rechts unten. �Dort�, sagte er. �Nicht sehr weit. Aber der Weg ist gef�hrlich. La�t mich vorausgehen.�</p><p>Er machte einen Schritt, aber Shannon griff blitzschnell zu und hielt ihn zur�ck, mit einem so festen Griff, da� sich das Gesicht des jungen Majunde f�r Sekunden vor Schmerz verzerrte.</p><p>�Keine Tricks, Eingeborener�, sagte Shannon kalt. �Wenn du versuchst, uns zu hintergehen, endest du dort unten.� Er wies mit einer Kopfbewegung auf den See aus brennender Lava und stie� Yo Mai von sich, so heftig, da� dieser um ein Haar das Gleichgewicht verloren h�tte.</p><p>Yo Mai starrte ihn eine Sekunde lang mit unverhohlenem Ha� an. �Du t�uschst dich, wei�er Mann�, sagte er zornig. �Ich habe euch nicht begleitet, um euch zu helfen. Was unser Magier getan hat, hat unsere Ehre beschmutzt. Er hat die angegriffen, die unter unserem Schutz stehen, und unsere Gastfreundschaft gebrochen. Daf�r werde ich ihn bestrafen. Ihr interessiert mich nicht.� Damit wandte er sich um und lief weiter, und Shannon und ich folgten ihm.</p><p>�Warum bist du so feindselig?� fragte ich. �Er meint es ehrlich.�</p><p>�Feindselig?� Einen Moment lang starrte mich Shannon w�tend an, dann blickte er zu Boden, zuckte mit den Achseln und seufzte. �Du hast recht�, sagte er. �Entschuldige. Aber es wird... es wird alles zu viel. Verdammt, als ob es nicht genug w�re, gleichzeitig gegen Tergard und diesen irrsinnigen Fischanbeter zu k�mpfen. Meine Nerven sind einfach nicht mehr die besten.�</p><p>�Vielleicht wirst du alt�, vermutete ich scherzhaft.</p><p>�Das hoffe ich�, antwortete Shannon. �Uralt sogar. Ich habe vor, im Bett zu sterben. Irgendwann in der zweiten H�lfte des zwanzigsten Jahrhunderts.� Er lachte, und nach wenigen Sekunden stimmte auch ich - wenn auch etwas gequ�lt - in sein Lachen ein. Wir waren wohl beide �beranstrengt und dadurch reizbarer, als gut war. Eine Sekunde sp�ter h�rte ich auf zu lachen und griff haltsuchend nach Shannons, Hand, als ein neuer, greller Schmerz durch meine Brust scho�. Shannon fluchte, hielt mich mit der linken Hand aufrecht und fummelte mit der anderen an meinem Hals herum. Eine Sekunde sp�ter erlosch der Schmerz wie abgeschnitten. Keuchend rang ich um Atem. Diesmal war es schlimmer gewesen als zuvor. Noch zwei, drei solcher Attacken, dachte ich schaudernd, und es war aus.</p><p>�Geht es wieder?� fragte Shannon besorgt.</p><p>Ich nickte, schob seine Hand zur Seite und machte einen vorsichtigen Schritt. �Alles in Ordnung�, murmelte ich, mit einer Stimme, die meine Worte L�gen strafte. �Was ist das, Shannon? Welche Art von Magie benutzt er?�</p><p>Shannon runzelte die Stirn. �Eine, die er gar nicht kennen d�rfte�, sagte er stockend. �Ich... habe davon geh�rt. Voodoo.�</p><p>�Was?� fragte ich.</p><p>Shannon l�chelte fl�chtig. �Ein Kult�, erkl�rte er. �Und eine Methode, sich seiner Gegner zu entledigen, ohne sie auch nur zu ber�hren. Es ist sogar ziemlich weit verbreitet, allerdings nicht in diesem Teil der Welt. Ich vermute, Tergard hat ihm diesen kleinen schmutzigen Trick beigebracht. Aber es ist auch unsere einzige Hoffnung.�</p><p>�Oh�, sagte ich sarkastisch. �Das beruhigt mich ungemein.�</p><p>�Wenn ich recht habe�, murmelte Shannon unbeirrt, �dann bleibt uns noch etwas Zeit. Der Schmerz, den du sp�rst, ist das, was er der Voodoo-Puppe antut, die er von dir gemacht hat. Aber ein Voodoo-Zauber braucht Zeit, um zu wirken. Wenn wir ihn rechtzeitig genug finden und ihm die Puppe abnehmen, hat er keine Macht mehr �ber dich.�</p><p>�Wenn das so ist, sollten wir uns beeilen�, murmelte ich mit einer Kopfbewegung auf Yo Mai, der schon ein gutes St�ck Vorsprung gewonnen hatte. �Ich habe keine besondere Lust, herauszufinden, ob dieser Bubu-Kram wirklich funktioniert.�</p><p>�Voodoo�, l�chelte Shannon. �Und er funktioniert, mein Wort darauf.�</p><p>Wir gingen weiter, dem flammenden See aus Hitze am Grunde des Kraters und dem Eingang der heiligen Majunde-H�hlen entgegen. Die erstarrte Lava unter unseren F��en wurde so hei�, da� ich es selbst durch die dicken Sohlen meiner Schuhe hindurch unangenehm zu sp�ren begann. Wie Yo Mai und seine Begleiter - barf��ig - die Hitze ertrugen, war mir ein R�tsel.</p><p>Schlie�lich erreichten wir den Eingang der H�hlen, Nach allem, was ich dar�ber geh�rt hatte, war ich beinahe entt�uscht, als ich dicht hinter Shannon geduckt durch den niedrigen Eingang trat. Die H�hle war nicht einmal hoch genug, um aufrecht darin stehen zu k�nnen, und von d�sterem, flackerndem, rotem Licht erf�llt, und aus einem schmalen, dreieckigen Gang, der tiefer in den Leib des Berges hineinf�hrte, drang ein Schwall erstickend warmer, trockener Luft.</p><p>�Er ist hier�, sagte Shannon pl�tzlich.</p><p>Yo Mai und ich sahen ihn gleichzeitig verwirrt an.</p><p>�Woher willst du das wissen?� fragte ich.</p><p>�Ich sp�re es�, murmelte Shannon. Seine Stimme klang gepre�t. Irgend etwas schien ihn zu verunsichern. �Aber da ist noch etwas. Ich...� Er brach ab, schwieg einen Moment und sah Yo Mai an.</p><p>�Wohin f�hrt dieser Gang?� fragte er, w�hrend er auf den Tunnel am Ende der H�hle deutete.</p><p>�Tiefer in den Berg hinein�, sagte Yo Mai. �Zu den eigentlichen H�hlen. Aber es ist Fremden verboten, sie zu betreten. Ihr werdet hier warten. Meine Br�der und ich werden gehen und den Zauberer suchen.�</p><p>�Und wir bleiben hier?� Shannon lie� ein leises, h��liches Lachen ert�nen. �Du bist verr�ckt, wenn du das wirklich glaubst, Wilder.�</p><p>�Ihr bleibt!� beharrte Yo Mai. Drohend trat er einen Schritt auf Shannon zu und starrte ihn herausfordernd an. Da� der junge Drachenkrieger beinahe zwei K�pfe gr��er als er und sehr viel kr�ftiger war, schien ihn nicht im mindesten zu beeindrucken.</p><p>�Kein wei�er Mann wird jemals die heiligen H�hlen betreten, so spricht das uralte Gesetz des gro�en Gottes Krakatau�, sagte er.</p><p>�Und du willst mich daran hindern?� fragte Shannon sp�ttisch. Yo Mai nickte ernst. �Du wirst mich t�ten m�ssen, wenn du diesen Gang gehen willst�, sagte er. �Und meine Br�der auch.�</p><p>Wie um seine Worte zu unterstreichen, traten die drei Majunde-Krieger, die uns begleitet hatten, hinter Yo Mai und legten die H�nde auf ihre Waffen. Shannons L�cheln wurde noch eine Spur sp�ttischer. Ich sah, wie er ganz leicht die Beine spreizte und auf dem rauhen Boden nach festem Stand suchte. �Seid ihr verr�ckt geworden?� keuchte ich. �Shannon! Yo Mai - was ist in euch gefahren? Wir sind nicht hergekommen, um uns zu streiten!�</p><p>Shannon brachte mich mit einer herrischen Geste zum Verstummen. �Halt den Mund, Robert!� fauchte er. �Ich werde das kl�ren, und zwar gleich. Dieser verdammte Magier ist dort drinnen, und ich werde hineingehen und ihn holen. Versuche mich aufzuhalten, wenn du es wagst, Majunde!� Die letzten Worte waren an Yo Mai gerichtet gewesen, der noch immer mit erhobenen Armen vor dem Stollen stand und Shannon den Weg verwehrte. Ich war sehr sicher, da� er nicht weichen w�rde.</p><p>�Shannon!� sagte ich verzweifelt. �Was, in drei Teufels Namen, ist in dich gefahren? Was geschieht mit dir?�</p><p>Shannons Antwort ging in einem peitschenden Knall unter, der von der verwirrenden Akustik der H�hle noch verst�rkt und tausendfach gebrochen wurde. Yo Mai keuchte, machte einen unsicheren Schritt nach vorne - und brach in die Knie. Aus seiner Schulter ragte der zitternde Schaft eines Pfeiles...</p><p>Shannon reagierte, noch ehe ich den Anblick wirklich zur Kenntnis genommen hatte. Mit einem Schrei stie� er mich beiseite, sprang vor und warf sich mit weit ausgebreiteten Armen auf die drei Majunde-Krieger, um sie zu Boden zu rei�en. Keine Sekunde zu sp�t. Ein zweiter Pfeil zischte aus dem Gang und zerbrach am Fels, dort, wo ich gerade noch gestanden hatte. Shannon sprang mit einer unglaublich schnellen Bewegung auf die F��e und rannte los, direkt auf den Stollen zu!</p><p>Den dritten Pfeil fing er auf.</p><p>Ich wei�, da� es unm�glich ist. Nicht einmal die �berz�chteten Reflexe eines Drachenkriegers konnten schnell genug sein, einen aus allern�chster N�he abgeschossenen Pfeil im Fluge zu fangen, aber er tat es, zerbrach das Gescho� mit einem w�tenden Schrei und rannte weiter, um in die Schw�rze jenseits des H�hleneinganges einzutauchen. Sekunden sp�ter erscholl ein dumpfer Laut, und dann war Stille. Vorsichtig stemmte ich mich in die H�he, n�herte mich dem Stollen und versuchte, irgend etwas zu erkennen. Er war nicht sehr lang, und die H�hle, in der er endete, war von d�sterem rotem Licht erf�llt. Shannon stand wenige Schritte jenseits des Gangendes, breitbeinig und leicht �ber eine reglose Gestalt gebeugt, die vor seinen F��en lag. In den H�nden hielt er einen mannsgro�en Majunde-Bogen, den er in zwei Teile zerbrach, als ich hinter ihm aus dem Gang trat.</p><p>Verwirrt blickte ich mich um.</p><p>Die H�hle war gigantisch, ein Dom aus Lava, in dem ich mir winzig und verloren vorkam, aber schon wenige Schritte vor uns brach der Boden entlang einer messerscharf gezogenen Kante j�h ab. Dahinter, und gut hundert Yards tiefer, loderte die brennende Lava des Krakatau. Eine schmale, gel�nderlose Steinbr�cke f�hrte direkt vor uns �ber den brennenden Abgrund. Allein der Gedanke, sie betreten zu sollen, lie� mich schaudern. Und pl�tzlich sp�rte ich, da� es vielleicht besser gewesen w�re, Yo Mais Warnung ernst zu nehmen. Es war etwas Unheimliches an diesem Ort. Kein Wei�er sollte hier sein. Dies war ein Reich von Kr�ften, mit denen zu messen weder Shannon noch ich stark genug waren.</p><p>Aber solcherlei �berlegungen kamen wohl zu sp�t. Ich h�rte Schritte hinter mir und wu�te, da� es die drei Majunde waren, und auch ohne mich umzudrehen, wu�te ich, da� sie ihre Waffen gehoben und auf Shannon und mich angelegt hatten. Ohne ein weiteres Wort trat ich an Shannon vorbei und beugte mich �ber den Eingeborenen, den er niedergeschlagen hatte. Ich war nicht �berrascht, als ich feststellte, da� er tot war. Nur schockiert.</p><p>�Warum hast du ihn umgebracht?� fragte ich leise.</p><p>In Shannons Augen blitzte es trotzig auf. �Er wollte uns t�ten�, antwortete er. W�tend warf er mir den zerbrochenen Bogen vor die F��e. �Damit. Hast du das schon vergessen?�</p><p>�Du h�ttest ihn nicht t�ten m�ssen�, sagte ich matt. �Mein Gott, Shannon - was ist los mit dir? Was hat dieser Teufel Necron mit dir gemacht? Du... du bist nicht mehr der Mann, den ich gekannt habe.�</p><p>Shannon sch�rzte abf�llig die Lippen. �Vielleicht hast du mich niemals richtig gekannt, kleiner Hexer�, sagte er b�se. �Vielleicht w�re es auch besser gewesen, wenn ich nicht gekommen w�re, um dich zu retten.� Er brach ab, blickte einen Moment wortlos auf einen Punkt irgendwo hinter mir und fuhr in ver�nderter Tonlage fort: �So, wie es aussieht, spielt das keine Rolle mehr. Schau hinter dich.�</p><p>Gehorsam drehte ich mich um.</p><p>Die Gestalt war wie ein Schatten aus dem Nichts erschienen. Die Flammen der brennenden Lava zeichneten huschende Schatten und verwirrende Lichtreflexe auf die h�lzerne Tiermaske, die ihre Z�ge verbarg. Es war der Magier, der <emphasis>Zauberer </emphasis>des Majunde-Stammes, der mir den Tod geschworen hatte. In seinen H�nden lag eine kleine, roh gefertigte Stoffpuppe, und hinter ihm bewegten sich weitere Schatten. Ich sch�tzte, da� wir einem knappen Dutzend Eingeborener gegen�berstanden, Die drei nicht einmal mitgerechnet, die uns den R�ckweg verwehrten. Selbst ohne die gespannten B�gen in den H�nden der Krieger kein sehr gutes Verh�ltnis.</p><p>�Ihr Wei�en Teufel!� zischte er. �Ihr wagt es, selbst das Heiligtum unseres Volkes zu entweihen. Ich werde euch vernichten. Der gro�e Gott Krakatau selbst wird sich an euch r�chen, an euch und eurem ganzen Volk.�</p><p>�Du t�uscht dich, Magier�, sagte Shannon kalt. �Nicht wir sind deine Feinde. Deine eigene Dummheit wird dich umbringen.�</p><p>Der Magier nahm die Beleidigung ohne die geringste sichtbare Reaktion hin. Nur die Krieger, die in seiner Begleitung waren, r�ckten ein St�ck n�her. Nerv�s sah ich mich nach einem Fluchtweg um, aber die einzige Richtung, die uns blieb, war die steinerne Br�cke, die �ber den Abgrund f�hrte. Ich verga� den Gedanken an eine Flucht sehr rasch wieder. Eine bessere Zielscheibe als einen Mann, der �ber diesen kaum armbreiten Steg balancierte, konnten sich die Eingeborenen gar nicht w�nschen.</p><p>�R�hr dich nicht�, fl�sterte Shannon pl�tzlich. �Und bleib ganz dicht bei mir, gleich, was geschieht.� Laut und an den Zauberer gewandt, fuhr er fort: �Du selbst hast diesen Ort entweiht, Magier, denn du hast einen deiner Br�der ermorden lassen, hier, in den heiligen H�hlen deines Volkes, in denen das Blut keines Majunde jemals vergossen werden darf.�</p><p>�L�ge!� kreischte der Magier. Seine Finger krallten sich zornig um die kleine Stoffpuppe, und ich hob instinktiv die Hand an die Brust. Aber der Schmerz, auf den ich wartete, kam nicht. Noch nicht.</p><p>�Yo Mai ist ein Verr�ter!� fuhr der Magier erregt fort. �Er hat die heiligen H�hlen entweiht, nicht ich. Er h�tte euch nie hierherbringen d�rfen. Er mu�te sterben. So wie ihr,�</p><p>�Aber sicher�, sagte Shannon ruhig. �Trotzdem schlage ich vor, da� wir uns sp�ter dar�ber streiten. Warum legst du nicht die Puppe zu Boden und kommst her? Und ihr anderen, werft eure Waffen weg - <emphasis>bitte.�.</emphasis></p><p>Die Eingeborenen gehorchten.</p><p>Langsam, als hielte er eine kostbare Last aus zerbrechlichem Glas, legte der Magier die Voodoo-Puppe vor sich auf den Fels, w�hrend seine Krieger ihre B�gen entspannten und nacheinander in den Abgrund warfen.</p><p>Sekundenlang starrte ich fassungslos auf das unglaubliche Bild. Dann begriff ich. Shannon hatte nichts anderes getan als das, was auch ich versucht h�tte, w�re ich noch im Vollbesitz meiner geistigen Kr�fte gewesen - die Majunde-Krieger und ihr Stammeszauberer standen unter seinem hypnotischen Bann. Und wahrscheinlich merkten sie es nicht einmal.</p><p>�Und jetzt komm her�, sagte Shannon. Seine Stimme klang kalt und so schneidend wie Stahl, aber ich schob es auf die enorme Konzentration, die es ihm abverlangen mu�te, mehr als ein Dutzend M�nner gleichzeitig unter Kontrolle zu behalten. Ich fragte mich, wie lange Shannon diese Anstrengung durchhalten w�rde.</p><p>Gehorsam kam der Magier n�her, blieb in zwei Schritten Abstand vor uns stehen und nahm seine Zeremonienmaske ab, als Shannon die Hand hob. Das Gesicht des Majunde war so starr wie die Maske. Der Glanz seiner Augen war erloschen.</p><p>�Du wirst jetzt gehen�, sagte Shannon. Seine Stimme bebte; ganz sachte nur, aber doch h�rbar. �Du wirst gehen und deine Krieger mitnehmen, hast du das verstanden? Ihr werdet uns nicht mehr angreifen.�</p><p>�Das wird auch gar nicht mehr n�tig sein�, sagte eine Stimme hinter ihm. �Es w�re ziemlich dumm, einen toten Mann anzugreifen, oder?�</p><p>Wie von der Tarantel gestochen fuhr ich herum - und erstarrte. Die Gestalt in der wei�en Templerrobe stand wie ein D�mon aus einer anderen Welt hinter uns, so da� das rote Licht der Lava ihr Gesicht beschien und zu einer schrecklichen D�monenfratze machte.</p><p>Auch Shannon war herumgefahren, und ich h�rte, wie die Majunde hinter uns aus ihrer Starre erwachten, als sein hypnotischer Bann brach. Erschrockene, w�tende Schreie wurden laut und rissen bizarre Echos aus der Weite der Lavah�hle. Dann klirrte Metall hinter uns auf dem Stein. Ich sah �ber die Schulter zur�ck und erkannte weitere M�nner in den wei�en Roben der Templer, die die Majunde umringt hatten und mit ihren Waffen in Schach hielten. �Tergard!� murmelte Shannon.</p><p>Der Templer nickte. �Ganz recht. Und Sie m�ssen Shannon sein. Ich habe von ihnen geh�rt, mein Freund.� Er seufzte. �Aber ich f�rchte, leider nichts Gutes.� Ein d�nnes, b�ses L�cheln huschte �ber seine Z�ge, als er auf den Krieger hinabsah, den Shannon get�tet hatte. �Ich hoffe doch, da� ich nicht zu sp�t gekommen bin, um den interessanten Teil der Vorstellung zu verpassen�, sagte er h�misch. �Wie ich sehe, haben sie sich mit meinen kleinen braunen Freunden schon bekannt gemacht. Das vereinfacht die Sache.�</p><p>Ich wollte antworten, aber in diesem Moment stie� der Majunde-Zauberer Shannon mit einem Schrei beiseite und sprang auf Tergard zu. �Du Teufel!� kreischte er. �Wei�er Hund! Du sprichst mit gespaltener Zunge und entweihst unser Heiligtum! Die G�tter werden dich strafen!�</p><p>Tergard sah ihm scheinbar unger�hrt entgegen. Reglos wartete er, bis der Zauberer ihn beinahe erreicht hatte, sprang mit einer blitzschnellen Bewegung zur Seite und hob den Arm.</p><p>Der Magier schrie auf, taumelte wie vom Blitz getroffen zur�ck und krallte die H�nde �ber der Brust in den Stoff seines Gewandes. Das buntgef�rbte Leinen begann sich dunkel zu f�rben, und im roten Licht der Lava sah ich eine winzige Messerklinge in Tergards H�nden blitzen. Der Majunde taumelte, brach in die Knie und fiel auf die Seite.</p><p>�M�rder�, murmelte ich. �Sie verdammter M�rder! Ist das die Art, auf die sie die Regeln ihres Ordens sch�tzen?� Tergard l�chelte kalt, steckte seine Waffe weg und zog einen handgro�en Gegenstand unter dem wei�en Gewand hervor. Ich konnte nicht erkennen, was es war, aber Tergards L�cheln wurde noch breiter, und Shannon stie� einen �berraschten Laut aus.</p><p>�Wissen Sie, Craven�, sagte Tergard beinahe gelangweilt, �Sie beginnen, mir auf die Nerven zu gehen. Aber ich wei� ein gutes Mittel dagegen.� Damit griff er abermals unter sein Gewand und zog eine lange, glitzernde Nadel hervor, um sie tief in den sack�hnlichen kleinen Gegenstand zu sto�en, den er in der Rechten trug.</p><p>Ein Schwerthieb traf mein Herz.</p><p>Ich brach in die Knie, kr�mmte mich und krallte die H�nde in meine Brust. Fl�ssiges Feuer f�llte meine Lungen, und mein ganzer K�rper bestand nur noch aus Qual. Ich schrie, fiel nach vorn und ri� mir das Gesicht an der scharfkantigen Lava auf. Pl�tzlich war der Schmerz fort, so schnell, wie er gekommen war, aber ich blieb weiter keuchend liegen, unf�hig, mich zu r�hren oder auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Wie von weit, weit her h�rte ich Shannons Stimme irgend etwas schreien, ohne die Worte zu verstehen, dann ert�nte ein dumpfer, klatschender Laut, und Shannon brach neben mir in die Knie.</p><p>Der Templer, der ihn mit der Breitseite seines Schwertes niedergeschlagen hatte, versetzte ihm noch einen Tritt und trat zur�ck, um Platz f�r Tergard zu machen. Ein h�hnisches L�cheln verzerrte die Z�ge des <emphasis>Masters, </emphasis>als er sich vor mir in die Hocke sinken lie� und die rechte Hand ausstreckte. �Sie sind ein intelligenter Mann, Robert�, sagte er. �Und trotzdem haben Sie sich wie ein Narr benommen. Sie haben die ganze Zeit den falschen Mann verfolgt, wissen Sie das?� St�hnend richtete ich mich auf, blinzelte die Schleier weg, die vor meinen Augen wogten und starrte auf Tergards Hand. In seinen Fingern lag eine Puppe.</p><p>Eine kleine, grob zusammengen�hte Voodoo-Puppe, auf deren Kopf jemand mit ungelenken Strichen eine h��liche Karikatur meiner Z�ge gemalt hatte. In ihrem Strohhaar schimmerte eine wei�e Str�hne.</p><p>�Sehen Sie?� Tergard lachte. �Dieser idiotische Eingeborene hatte die G�te, sie zu verlieren, und ich habe mir erlaubt, sie aufzuheben. Man soll nichts verkommen lassen, nicht wahr?�</p><p>�Sie... Sie sind ja wahnsinnig!� st�hnte ich.</p><p>Tergard l�chelte, hob die Nadel, die er in der Hand trug - und trieb sie mit einem Ruck tief in den Kopf der Stoffpuppe. Als ich wieder zu Bewu�tsein kam, lag ich auf dem R�cken. Blut lief �ber mein Gesicht, und der Schmerz in meinem Sch�del war unertr�glich.</p><p>Einer von Tergards M�nnern ri� mich in die H�he und zwang mich, den Tempelherren anzusehen. Das L�cheln in Tergards Augen war erloschen und hatte einem grausamen, entschlossenen Ausdruck Platz gemacht.</p><p>�Sie werden jetzt sterben, Mister Craven�, sagte er. �Es tut mir leid, da� mir nicht mehr Zeit bleibt, mich mit Ihnen zu befassen, aber ich bin sicher, Sie wissen die M�he zu w�rdigen, die ich mir gemacht habe. Das hier�, er hob die Voodoo-Puppe und hielt sie mir ganz dicht vor die Augen, �ist jedenfalls ein angemesseneres Ende f�r den Sohn eines Hexers, als von einem hirnlosen Idioten wie Roosfeld zu Tode gepr�gelt zu werden, nicht wahr?�</p><p>�Gehen Sie... zum ... Teufel�, kr�chzte ich.</p><p>Tergard lachte. �Ich f�rchte, dorthin werden erst Sie gehen, mein Freund. Ich w�nsche Ihnen eine gute Reise. Und wer wei� - vielleicht sehen wir uns ja ba...�</p><p>Er brach mitten im Wort ab. Seine Augen weiteten sich, und pl�tzlich, v�llig warnungslos, verzerrte sich sein Gesicht zu einer Grimasse. Tergard schrie auf, taumelte zur�ck und rutschte an der Wand entlang zu Boden. Die Voodoo-Puppe entglitt seinen Fingern und fiel auf den Fels.</p><p>Der Schlag bet�ubte mich fast.</p><p>�Der Magier!� kreischte Tergard. �Der Majunde! T�tet ihn! Bringt ihn um!� Seine Stimme kippte �ber, wurde zu einem hysterischen Kreischen.</p><p>M�hsam drehte ich mich herum.</p><p>Der Stammeszauberer war zur�ckgekrochen und hatte sich auf H�nde und Knie erhoben. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, und die Wunde in seiner Brust blutete st�rker. Trotzdem brachte er die Kraft auf, sich noch einmal zu erheben und auf den Abgrund zuzutaumeln. In seinen H�nden lag ein kleiner, dunkler Gegenstand.</p><p>�Erschie�t ihn!� schrie Tergard. �Sofort!�</p><p>Eine Bogensehne sirrte. Der Magier b�umte sich auf, gleichzeitig von drei, vier Pfeilen getroffen. Dann brach er in die Knie, stemmte sich noch einmal hoch und wankte weiter auf den Abgrund zu.</p><p>Der n�chste Pfeil zischte heran. Der Majunde taumelte, drehte sich einmal um seine Achse und fiel, von zwei weiteren Pfeilen getroffen, nach hinten.</p><p>Direkt in den Abgrund hinein.</p><p>Tief unter uns erscholl ein dunkles Klatschen, als der Leichnam des Zauberers in die geschmolzene Lava st�rzte. Im selben Augenblick verwandelte sich Tergard in eine lebende Fackel.</p><p>Es ging unglaublich schnell. Mit einem Male z�ngelten Flammen aus seinen Kleidern und Haaren, griffen blitzartig auf seine ganze Gestalt �ber und h�llten ihn in einen Mantel aus wabernder Hitze. Binnen einer Sekunde zerfiel der <emphasis>Master </emphasis>des Templer-Ordens vor meinen Augen zu Asche.</p><p>So schnell wie ein menschlicher K�rper zerf�llt, der in tausend Grad hei�e Lava geschleudert wird.</p><p>Und pl�tzlich war die H�hle voller Schreie, ringenden Gestalten und den Ger�uschen des Kampfes, der entbrannte, als sich die Majunde auf die Tempelritter st�rzten. Die wei�gekleideten Krieger leisteten kaum Widerstand, jetzt, da sie ohne F�hrer und Tergards geistigem Einflu� entkommen waren.</p><p>Ich bekam von dem Kampf kaum etwas mit. Selbst, als sich Shannon neben mir st�hnend erhob, sich das Blut aus dem Gesicht wischte und sich umdrehte, um den Eingeborenen zu Hilfe zu eilen, blieb ich reglos auf den Knien hocken und betrachtete die kleine, schmuddelige Stoffpuppe, die Tergards H�nden entglitten war.</p><p>Eine Puppe mit meinem Gesicht und meinem Haar.</p><p>Aber eigentlich sah ich sie gar nicht. Vor meinem inneren Auge stand das Bild einer zweiten, gleichartigen Voodoo-Puppe, Einer Puppe, auf deren Sch�del ein B�schel ausgerissener Menschenhaare geklebt und auf deren Brust ein gleichschenkeliges rotes Balkenkreuz gemalt gewesen war.</p><p>Ich hatte sie nur eine knappe Sekunde lang wirklich gesehen, im selben Augenblick, in dem sie auch Tergard erblickt und die Wahrheit erkannt hatte.</p><p>Eine Voodoo-Puppe mit seinem eigenen Gesicht.</p><p>Die Puppe, die der Majunde-Zauberer in den H�nden gehalten hatte, als er in die Tiefe st�rzte...</p><p>Die Sonne war aufgegangen. Es war fr�her Morgen, der dritte oder vierte, seit ich die tropische Insel in der Sundastra�e betreten hatte - so genau wu�te ich das nicht mehr, denn w�hrend der letzten Tage war zu viel geschehen -, und vom Meer wehte eine k�hle, nach Salzwasser riechende Brise herauf, die selbst hier oben, f�nfhundert Yards �ber und anderthalb Meilen von der K�ste entfernt, noch deutlich zu sp�ren war.</p><p>Trotzdem schienen die niedrigen, von kleinen rechteckigen Zinnen gekr�nten Geb�ude der Garnison, vor der ich auf der Lauer lag, bereits wieder hinter einem Vorhang aus wabernder Hitze auf und ab zu schwingen. Die Sonne, gerade erst hinter dem Horizont hervorgekrochen und noch l�ngst nicht so grell, wie sie tags�ber vom wolkenlosen Himmel Krakataus herabbrannte, �bersch�ttete die Insel bereits mit einem �berma� an W�rme. Selbst die Nebelfetzen, die noch wie ein letzter Gru� der vergangenen Nacht zwischen den B�umen hingen, schienen <emphasis>warm </emphasis>zu sein. Ich hatte das Gef�hl, am ganzen Leib klebrig zu sein und mich ununterbrochen kratzen zu m�ssen. Ein Rascheln in den B�schen neben mir ri� mich aus meinen d�sterer. �berlegungen. Ich sah auf, gewahrte einen Schatten und kurz darauf Shannons Gesicht, das im roten Licht der Sonne schwei�na� gl�nzte. Wenn man genau hinsah, dann konnte man die dunklen, tief eingegrabenen Ringe unter seinen Augen entdecken, die Zeugnis davon ablegten, da� die Anstrengungen der letzten Nacht auch an ihm nicht spurlos vor�bergegangen waren.</p><p>Gerade an ihm nicht. Shannon hatte wieder einmal den Hauptteil des Kampfes ausgetragen, der eigentlich mir zugestanden h�tte. Ohne ihn w�re ich zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich l�ngst tot gewesen - zum wievielten Male eigentlich?</p><p>�Alles in Ordnung�, sagte er, nachdem er neben mir angelangt war und sich rasch nach beiden Seiten umgeblickt hatte.</p><p>�Es ist niemand zu sehen.�</p><p>�Keine Wachen?� erkundigte ich mich. �Niemand - auch nicht am Tor?�</p><p>Shannon sch�ttelte den Kopf. �Die Schilderh�uschen sind leer�, sagte er. �Ich war dort. Wenn Tergard Soldaten zur�ckgelassen hat, dann schlafen sie alle oder spielen Karten.�</p><p>Verwirrt blickte ich zu den wei�gekalkten Geb�uden der Garnison hin�ber. Nicht, da� ich Shannon nicht glaubte - wenn er sagte, dort dr�ben w�re niemand, dann <emphasis>war </emphasis>dort niemand. Aber der Gedanke, da� Tergard sein geheimes Hauptquartier von allen Truppen entbl��t haben sollte, nur um mich und Shannon zu jagen, ging mir ebensowenig ein. Er hatte weniger als ein Dutzend M�nner bei sich gehabt, als wir ihn oben in den heiligen H�hlen der Majunde stellten, und ich hatte allein zweimal so viele M�nner gesehen, als ich das erste Mal hier gewesen war. Von der Besatzung seines teuflischen Konzentrationslagers am Fu�e des Krakatau ganz zu schweigen. Nein - irgend etwas stimmte hier nicht.</p><p>Trotzdem erhob ich mich ohne ein weiteres Wort, als Shannon mir das Zeichen dazu gab, trat geduckt hinter dem dornigen Busch hervor, der uns bisher Deckung gegeben hatte, und huschte hinter dem schwarzgekleideten Drachenkrieger auf die zwei Yards hohe Einfriedung der Garnison zu, jeden Moment auf einen Schrei oder gar einen Schu� gefa�t. Aber wir erreichten die Mauer unbehelligt, und als wir uns dem Tor n�herten, sah ich, da� Shannon die Wahrheit gesagt hatte - die beiden Schilderh�uschen rechts und links des geschlossenen Tores standen leer. Von den Soldaten, die darin Wache stehen sollten, war nicht die geringste Spur zu sehen. Abermals blieben wir stehen, und Shannon machte mich mit Gesten darauf aufmerksam, da� das Tor nicht verschlossen, sondern nur angelehnt war.</p><p>�Irgend etwas stimmt hier nicht�, murmelte ich. Shannon sah zu mir zur�ck, l�chelte fl�chtig und vollf�hrte eine vage Bewegung mit der Hand.</p><p>�Sie werden sich wohl einen sch�nen Tag machen, solange Tergard nicht da ist�, sagte er sp�ttisch.</p><p>Ich antwortete gar nicht darauf. Shannon wu�te so gut wie ich, wie unsinnig seine Vermutung war. Die M�nner in dem Geb�ude jenseits der Mauer waren Templer, und die machten sich garantiert keinen sch�nen Tag, nur weil ihr Kommandant nicht hier war!</p><p>Shannon schlich bis zur Mitte des Tores, lie� sich auf ein Knie sinken und schob einen der Torfl�gel etwas weiter auf, um durch den Spalt zu sp�hen. Fast eine Minute lang verharrte er so, dann stand er auf und winkte mir, n�herzukommen.</p><p>�Alles ruhig�, sagte er. �Es scheint niemand mehr hier zu sein.�</p><p>Verwirrt - aber auch in immer st�rkerem Ma�e beunruhigt - trat ich neben ihn und blinzelte ebenfalls durch das Tor. Es war, wie er gesagt hatte: Der Hof lag verlassen im Licht der Morgensonne da, und selbst die Geb�ude dahinter wirkten auf schwer zu bestimmende Weise <emphasis>leer.</emphasis></p><p>Shannon schob mich zur Seite, dr�ckte das Tor weiter auf und trat mit einem entschlossenen Schritt hindurch, und nach einer weiteren Sekunde des Z�gerns folgte ich ihm, wenn auch weit weniger entschlossen und mit klopfendem Herzen. Nichts geschah. Ich hatte noch immer halbwegs damit Berechnet, Schreie zu h�ren oder M�nner aus den Geb�uden st�rmen zu sehen, aber der Hof blieb still und verlassen, wie er war.</p><p>Langsam n�herten wir uns dem ersten Geb�ude, das - wenn mich meine Erinnerung nicht trog - eine Art Mannschaftsunterkunft sein mu�te und nur durch einen schmalen, �berdachten Gang mit dem eigentlichen Haupttrakt der Garnison verbunden war. Shannon zog seinen Dolch aus dem G�rtel, ehe er die T�r �ffnete.</p><p>Eine Vorsichtsma�nahme, die nicht n�tig gewesen w�re, denn das Haus war leer. Sein Inneres bestand aus einem einzigen gro�en Raum, der �u�erst k�rglich m�bliert war: eine doppelte Reihe zweigeschossiger, unbequem aussehender Betten zog sich rechts und links der T�r an den W�nden entlang, dazwischen dr�ngelten sich einfache h�lzerne Tische und dreibeinige Schemel, und in der Mitte des Raumes thronte ein gewaltiger Kanonenofen. Ein sonderbares Gef�hl machte sich in mir breit, als ich hinter Shannon durch die T�r trat. Der Raum war nur unzureichend erhellt, denn vor den Fenstern lagen h�lzerne L�den, die nur schmale Streifen Licht hereinlie�en, aber vielleicht war es gerade diese d�mmrige Beleuchtung, die der Unterkunft ein so unheimliches Aussehen gab.</p><p>Es waren nur Kleinigkeiten: Gleich neben der T�r lag ein umgest�rzter Schemel, den aufzustellen sich niemand die M�he gemacht hatte; auf einem der Tische standen Teller mit den Resten einer Mahlzeit, schmutziges Besteck lag daneben, und eine Gabel war zu Boden gefallen und offenbar achtlos liegengelassen worden. Vielleicht hatte ihr Besitzer auch nicht mehr die Zeit gehabt, sie aufzuheben. Einige der Betten waren zerw�hlt, was mir bei M�nnern von der Disziplin und Zucht der Tempelherren mehr als nur merkw�rdig vorkam.</p><p>�Du hast recht�, murmelte Shannon pl�tzlich. �Irgend etwas stimmt hier nicht...� Er trat ein St�ck weiter in den Raum hinein, hob pl�tzlich die Hand und deutete auf eine Stelle vor seinen F��en. Ich gewahrte einen kopfgro�en, br�unlichen Fleck auf den sorgsam gewischten Dielen.</p><p>�Ist das ... Blut?� murmelte ich.</p><p>Shannon zuckte mit den Achseln. �Oder Kaffee�, murmelte er. �Komm weiter. Sehen wir uns die anderen Geb�ude an.�</p><p>Wir verlie�en die Mannschaftsunterkunft, wandten uns nach rechts und gingen quer �ber den kopfsteingepflasterten Hof auf das Hauptgeb�ude zu.</p><p>Das ungute Gef�hl in mir wuchs fast bis zur Intensit�t echten k�rperlichen Schmerzes heran, w�hrend ich hinter Shannon auf das festungs�hnliche Geb�ude zuging, aber es waren wohl eher die unguten Erinnerungen, die mit diesem Anblick verbunden waren. <emphasis>Es </emphasis>war noch nicht lange her, da� ich hier gewesen war, in Ketten und mehr tot als lebendig... Ich vertrieb den Gedanken und beeilte mich, zu Shannon aufzuschlie�en. Hinter der Eingangst�r war es so dunkel wie drau�en in der Unterkunft, denn auch vor dem einzigen schmalen Fenster der Halle lag ein geschlossener Laden, aber Shannon schien �ber das Sehverm�gen einer Katze zu verf�gen, denn er bedeutete mir ungeduldig, einzutreten, zog die T�r hinter sich ins Schlo� und ging zielsicher auf die tiefer ins Haus f�hrende T�r zu. Ich dagegen r�hrte mich nicht von der Stelle. Es war wie ein Hieb.</p><p>Das Gef�hl war nicht zu beschreiben, denn es war etwas, wof�r es in der menschlichen Sprache keine Entsprechung gibt. Es war... ein Gef�hl der Bedrohung, mehr noch, ein k�rperlich fa�bares Empfinden von Gewalt, die hier stattgefunden hatte, der finster-dr�uende Atem des B�sen, der von diesem Haus Besitz ergriffen hatte und auf unsichtbaren Spinnenbeinen in meine Seele kroch. Ich fror, gleichzeitig war mir siedend hei�. Meine Handfl�chen wurden feucht vom Schwei�, und ich hatte das Gef�hl, da� sich jedes einzelne Haar auf meinem Kopf kerzengerade aufrichtete. Eine unsichtbare, eisige Hand schien mein R�ckgrat entlangzufahren.</p><p>�Was ist los?� fragte Shannon unwillig. �Worauf wartest du?�</p><p>Ich wollte antworten, aber die Furcht schn�rte mir schier die Kehle zu; ich konnte nichts anderes tun, als reglos dazustehen und ihn anzustarren. <emphasis>Sp�rte er es denn nicht?</emphasis></p><p>Mit aller Kraft, die mir verblieben war, befreite ich mich von dem unseligen Bann und eilte zu ihm hin�ber. Shannon knurrte ungeduldig, stie� die T�r mit dem Fu� auf - und blieb wie erstarrt stehen.</p><p>Vor uns breitete sich ein gro�er, in der Art eines Salons m�blierter Raum aus, der der Unterkunft hochgestellter G�ste oder vielleicht auch gelegentlichen Festlichkeiten dienen mochte.</p><p>Und er war total verw�stet.</p><p>Die M�bel waren zertr�mmert: St�hle waren umgest�rzt und zerborsten, die beiden Tische zerschlagen, so da� das Geschirr, das darauf gestanden hatte, auf dem Boden zerbrochen war, Lampen und Bilder waren von den W�nden gerissen und selbst die Tapeten zerfetzt und besudelt. Ein zerbrochenes Schwert lag direkt hinter der T�r auf dem Boden und gleich daneben, wie um den Anachronismus noch zu betonen, ein modernes Selbstladergewehr, dessen Lauf auf sonderbare Weise verbogen schien. Und �berall war Blut. In diesem Zimmer mu�te ein f�rchterlicher Kampf getobt haben.</p><p>�Gott im Himmel�, murmelte ich, �was ist hier passiert?�</p><p>Shannon wandte den Kopf, blickte mich eine Sekunde lang auf sonderbare Weise an und ging dann mit schnellen Schritten in den Raum hinein. Z�gernd folgte ich ihm, blieb jedoch gleich hinter der T�r stehen, w�hrend Shannon daran ging, das Zimmer gr�ndlich zu durchsuchen.</p><p>Abermals tastete mein Blick �ber das zerbrochene Schwert, huschte weiter und blieb schlie�lich an der Winchester-B�chse h�ngen, die einen Fu�breit daneben lag, und wieder fiel mir auf, auf welche absurde Weise ihr Lauf verbogen war.</p><p>Und nicht nur er war besch�digt. Schlo� und Hahn der Waffe waren glattweg abgerissen, und der Kolben, der - wie ich wu�te - aus dem h�rtesten Eichenholz geschnitzt war, war mehrfach gesplittert und an seinem unteren Ende zusammengedr�ckt, als h�tte ihn ein Hammerschlag getroffen. Die B�chse sah aus, als w�re sie von einer unbeschreiblichen Gewalt gepackt und zusammengepre�t worden. Z�gernd l�ste ich mich von meinem Platz an der T�r, kniete neben ihr nieder und streckte die Hand danach aus.</p><p>�Nicht!�</p><p>Ich zog die Hand abrupt zur�ck, als ich Shannons Warnung h�rte, und sah zu ihm auf. Shannon winkte noch einmal warnend mit der Hand, kam auf mich zu und lie� sich neben mich in die Hocke sinken, ehe er behutsam seinen Dolch nahm und das Gewehr damit herumdrehte.</p><p>Als ich seine R�ckseite sah, war ich froh, es nicht angefa�t zu haben.</p><p>Schaft und Lauf der Winchester waren dick mit einer klaren, leicht gr�nlich schimmernden Schicht einer schleimigen Substanz beschmiert, in der kleine, k�rnige Einschl�sse schimmerten, deren blo�er Anblick mir �belkeit bereitete. Shannon hob den Lauf der Winchester mit dem Dolch an, und ich sah, wie die Gallertmasse d�nne, klebrige F�den zog, aber nicht zerri�, sondern das Gewehr wie widerliche Spinnweben festhielt.</p><p>Schlie�lich lie� Shannon die Waffe fallen, wischte seinen Dolch sorgf�ltig am Teppich ab und schob ihn wieder unter den G�rtel.</p><p>�Das Zeug ist hier �berall�, sagte er. �Ich wei� nicht, was es ist, aber es ist besser, wenn wir es nicht ber�hren.� Er stand auf, bi� sich nachdenklich auf die Lippen und sah mich an.</p><p>�Wei�t du noch, wo Tergards Zimmer liegt?�</p><p>�Auf der anderen Seite der Halle.�</p><p>�Dann komm. Und bete, da� deine Sachen dort sind und wir nicht lange suchen m�ssen. Ich m�chte nicht l�nger hierbleiben als unbedingt n�tig.�</p><p>Ich z�gerte keine Sekunde, seinem Wink zu folgen und das auf so schreckliche Weise verw�stete Zimmer zu verlassen. Ich verstand weniger denn je, was hier geschehen war, aber ich wollte es pl�tzlich auch gar nicht mehr wissen. Alles, was ich wollte, war, hier herauszukommen, so schnell wie m�glich. Wir durchquerten die Halle ein zweites Mal, und wieder sp�rte ich das unheimliche Etwas, das von diesem Haus Besitz ergriffen hatte. Es war, als h�tten das Morden und die Gewalt, deren stumme Zeugen wir gesehen hatten, ihre Spuren in der Wirklichkeit hinterlassen. Mit einem Male hatte ich das Gef�hl, nicht mehr richtig atmen zu k�nnen.</p><p>Shannon stie� eine T�r auf, und ich erkannte den Korridor wieder, an dessen Ende Tergards R�umlichkeiten lagen. Die T�r stand offen, aber sie war nicht angelehnt, sondern hing, wie von einem ungeheuren Schlag getroffen, schr�g in den Angeln und quietschte h�rbar, als Shannon sie mit der Schulter aufschob.</p><p>Auch hier waren die Spuren eines Kampfes zu sehen, wenngleich auch l�ngst nicht so schlimm wie in dem Saal. Ein paar St�hle waren umgeworfen worden, der Schreibtisch, hinter dem Tergard mich verh�rt hatte, hatte ein Bein eingeb��t, so da� er in bedenklicher Schr�glage dastand, und eines der Fenster war gesplittert. An den Splittern klebte eingetrocknetes Blut, und sie waren nach <emphasis>innen </emphasis>gedr�ckt - als h�tte jemand versucht, in heller Panik durch die geschlossene Scheibe zu springen und w�re im letzten Moment von einer �berm�chtigen Kraft wieder zur�ckgerissen worden. Ich dachte an die verbogene Winchester und schauderte.</p><p>Shannon eilte auf den Schreibtisch zu und ri� nacheinander alle Schubladen auf, fand aber nicht das, wonach er suchte, denn als er fertig war, warf er die letzte Lade ver�rgert wieder zu, mit solcher Wucht, da� der Tisch endg�ltig die Balance verlor und polternd umfiel.</p><p>�Das Amulett ist nicht hier�, sagte er w�tend. �Und dein Degen auch nicht. Wei�t du, ob Tergard...� Er stockte, sah mich einen weiteren Moment lang nachdenklich an - und fuhr pl�tzlich auf dem Absatz herum. Mit zwei, drei raschen Schritten war er beim Kamin, ri� das Bild, das dar�ber an der Wand hing, herunter und stie� ein triumphierendes Kr�chzen aus, als dahinter kein Mauerwerk, sondern das matte Schwarz einer Safet�r zum Vorschein kam.</p><p>�Gut, da� Tergard kein einfallsreicherer Mann war�, sagte er. �Ich bin sicher, dort drinnen ist alles, was wir brauchen.� Er trat einen Schritt zur�ck, fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und starrte den Safe an. Ein angespannter, konzentrierter Ausdruck erschien auf seinen Z�gen.</p><p>Ich beobachtete Shannon mit gemischten Gef�hlen. Wir waren hierhergekommen, um meinen Stockdegen und Andaras Amulett zu holen, die Tergard mir abgenommen hatte, aber im Moment h�tte ich liebend gern auf beides verzichtet, wenn ich nur aus diesem verfluchten Geb�ude herausgekonnt h�tte. Die Stille, die wie ein �bler Geruch in den Mauern der Garnison nistete, schien sich mit jeder Sekunde dichter um mich zusammenzuziehen, und das brodelnde Gef�hl der Beunruhigung war mittlerweile zu etwas herangewachsen, das nicht mehr sehr weit von echter Panik entfernt war.</p><p>�Hilf mir�, sagte Shannon pl�tzlich. Seine Stimme klang so gepre�t und flach, da� ich alarmiert aufsah. Sein Gesicht war verzerrt. Feiner, glitzernder Schwei� bedeckte seine Stirn, und seine H�nde, die in einer fast beschw�renden Geste erhoben waren und auf den Safe deuteten, zitterten sichtbar.</p><p>Auf einen stummen Wink hin trat ich an den Geldschrank, legte die Hand auf das kleine, vom vielen Gebrauch zerschrammte Zahlenrad und sah ihn auffordernd an.</p><p>Shannons Blick wurde glasig. Sein Atem ging schneller. �Nach... rechts�, sagte er m�hsam. �Vier.�</p><p>Ich fragte ihn lieber gar nicht erst, woher er diese Information hatte, sondern gehorchte. Das kleine R�dchen drehte sich lautlos und rastete dann mit einem sp�rbaren Klicken ein. Der Safe war nicht gerade von hervorragender Qualit�t; wir h�tten ihn wohl auch ohne Shannons magische F�higkeiten aufbekommen, wenn auch nicht so rasch.</p><p>�Links�, sagte Shannon. �Neunzehn. Dann rechts die Eins und noch einmal rechts die Achtunddrei�ig.�</p><p>Ich gehorchte, und kaum hatte ich die letzte Zahl eingestellt, ert�nte ein leises, metallisches �Klack�, und die handstarke T�r aus feuerfestem Stahl schwang ein St�ck nach au�en.</p><p>Ich unterdr�ckte einen Freudenschrei, als ich meinen Stockdegen im Inneren des Safes gewahrte. Tergard hatte das Zwischenfach herausgenommen, um die sperrige Waffe diagonal in dem Wandsafe unterbringen zu k�nnen. Ich griff hinein, nahm ihn an mich und stellte mich auf die Zehenspitzen, um nach Andaras Amulett Ausschau zu halten. Es lag auf einem mit Bindfaden zusammengehaltenen Stapel zerfledderter Pergamentbl�tter, die ich achtlos liegen lie�. Hastig steckte ich den f�nfzackigen goldenen Stern ein, schob den Stockdegen wie einen Dolch unter meinen G�rtel und wandte mich mit einem gleicherma�en zufriedenen wie erleichterten Nicken zu Shannon um.</p><p>�An dir ist ein Safeknacker verlorengegangen�, sagte ich scherzhaft. �Und jetzt komm. Nichts wie raus hier.�</p><p>Aber statt sich umzudrehen und zu gehen, kam Shannon n�her, schob mich mit sanfter Gewalt beiseite und begann den Inhalt des Safes auszur�umen und auf dem Boden auszubreiten. Ich sah ihm mit wachsender Nervosit�t zu. Der Geldschrank enthielt mehr, als ich gedacht hatte, denn er war recht tief - nacheinander f�rderte Shannon mehrere B�ndel der mir schon bekannten Pergamente, ein sorgsam in �lpapier gewickeltes, gro�formatiges Buch, zwei dicke B�ndel mit Geldscheinen und ein ledernes S�ckchen, das Gold- und Silberm�nzen enthielt, zutage. Das Geld schob er achtlos beiseite, w�hrend er dem Buch und den Pergamenten gr��ere Aufmerksamkeit schenkte, als mir lieb war.</p><p>�Was tust du da, zum Teufel?� fragte ich unwillig.</p><p>Shannon sah fl�chtig auf und konzentrierte sich dann wieder auf Tergards Papiere. �Diese Aufzeichnungen hier sind sehr alt�, sagte er. �Vielleicht finden wir etwas, das uns weiterhilft. Immerhin war er mit Dagon im Bunde. Ein Mann wie Tergard wird sich abgesichert haben.�</p><p>Ich konnte ihm kaum widersprechen - was nichts daran �nderte, da� ich ihn am liebsten gepackt und an den Haaren aus dem Haus geschleift h�tte. Ich f�hlte mich von Sekunde zu Sekunde weniger wohl in meiner Haut. Das Gef�hl, meine Waffe und Andaras Amulett wiederzuhaben, beruhigte mich ein wenig, aber die Gefahr, die wie ein Pesthauch aus den W�nden str�mte, der Atem des Fremden, B�sen, nahm eine geradezu k�rperliche Intensit�t an.</p><p>Trotzdem regte sich meine Neugier. Ich trat an Shannons Seite, beugte mich leicht �ber ihn und blickte auf die Pergamente, die er mit fliegenden Fingern sortierte. Die vergilbten Bl�tter waren mit kleinen, unleserlichen Schriftzeichen bedeckt.</p><p>�Kannst du das entziffern?� fragte ich.</p><p>�Nein�, antwortete Shannon - und fuhr fort, die Papiere zu zwei ungleichen Stapeln zu sortieren.</p><p>Ungeduldig trat ich zur�ck, legte die Hand auf den fast faustgro�en Knauf meines Degens und blickte mich um. Die Spuren des Kampfes, der hier stattgefunden hatte, waren �berdeutlich. Das hie� - ein <emphasis>Kampf </emphasis>schien es nicht einmal direkt gewesen zu sein. Eher eine Flucht, die auf grausame Weise beendet worden war. Die Szene, so schrecklich sie anmutete, erweckte ein starkes Gef�hl des <emphasis>D�j� vu </emphasis>in mir. Ich hatte etwas �hnliches schon einmal gesehen, vor nicht sehr langer Zeit. Die Verbindung war da, aber ich konnte sie nicht greifen. Vielleicht war es etwas, das ich drau�en in der Mannschaftsunterkunft gesehen hatte. Mit aller Anstrengung versuchte ich, mir das Bild noch einmal vor Augen zu f�hren: die umgest�rzten St�hle, die zerw�hlten Betten, das Geschirr, das benutzt auf dem Tisch stand, als h�tten die M�nner ihre Mahlzeit in aller Hast unterbrochen ...</p><p>Das war es.</p><p>�Das Lager!� entfuhr es mir.</p><p>Shannon sah auf. �Wie bitte?�</p><p>�Das Lager!� wiederholte ich erregt. �Erinnere dich, Shannon - Tergards Konzentrationslager oben in den Bergen. Es war dort ganz genau so! Alles war in h�chster Eile verlassen! Siehst du denn nicht, wie �hnlich sich alles ist? Wir haben gedacht, Tergards M�nner h�tten das Lager ger�umt, aber dort mu� das gleiche passiert sein wie hier!�</p><p>Shannon sah mich einen Herzschlag lang mit undeutbarem Ausdruck an und fuhr dann fort, die Pergamente zu sortieren, wenngleich auch mit pl�tzlich viel gr��erer Eile und nicht mehr so sorgf�ltig wie bisher. Binnen weniger Minuten war er fertig, stand auf und schob sich einen Packen von vielleicht f�nfzig Bl�ttern zusammengefaltet unter den G�rtel. Auch das Buch steckte er ein, ohne sich die M�he zu machen, es auszuwickeln.</p><p>Ich atmete innerlich auf, als wir Tergards Zimmer verlie�en und wieder auf den kurzen Gang hinaustraten, der in die Halle f�hrte.</p><p>Pl�tzlich blieb Shannon so erregt stehen, als w�re er gegen eine unsichtbare Wand geprallt.</p><p>�Was ist los?� fragte ich alarmiert. Shannon antwortete nicht, gebot mir aber mit einer hastigen Geste, zu schweigen, und legte den Kopf auf die Seite. Und dann h�rte ich es auch: ein schweres, feuchtes Gleiten und Schleifen, ein Ger�usch, als w�rde eine ungeheuerliche Masse nassen Tuches oder Leders �ber den h�lzernen Boden gezerrt, so d�ster und unheilschwanger, da� ich erneut wie unter der Ber�hrung einer unsichtbaren eisigen Hand erschauerte. Der Laut kam aus der Halle, die wir vor wenigen Minuten durchquert hatten, aber er schien auf Pfaden, die die Barrieren der Wirklichkeit umgingen, direkt in unsere Seelen zu kriechen. Vorsichtig ging Shannon weiter. Der Laut nahm an Intensit�t ab, je mehr wir uns dem Ende des Ganges n�herten, und ich bemerkte, da� Shannons Schritte immer langsamer wurden. Schlie�lich blieb er, die Hand nach dem T�rgriff ausgestreckt, stehen, und wartete, bis der Laut vollends verklungen war. Ich hatte nichts dagegen, denn auch ich war nicht sonderlich neugierig darauf, dem zu begegnen, was dieses schreckliche Ger�usch verursachte. Ich wu�te nicht, was es war - der Laut entsprach nichts von dem, was ich jemals geh�rt hatte. Aber was immer es war, es mu�te unglaublich <emphasis>gro� </emphasis>sein. Schlie�lich herrschte auf der anderen Seite der T�r Stille. Trotzdem wartete Shannon eine gute Minute ab, ehe er behutsam die Klinke hinunterdr�ckte und die T�r einen Fingerbreit aufschob.</p><p>Die Halle war leer, aber irgend jemand - oder etwas - mu�te w�hrend unserer Abwesenheit hier gewesen sein, denn der Laden war vom Fenster verschwunden, und die T�r stand weit offen, so da� helles Sonnenlicht hereinfiel.</p><p>Die goldfarbene Helligkeit zeigte uns ein f�rchterliches Bild. Wo vor wenigen Minuten noch sauberer Holzboden gewesen war, zog sich jetzt eine breite, eklig glitzernde Spur einer w�sserigen, leicht gr�nschillernden Substanz dahin, von der ein stechender Geruch ausging. Hier und da gewahrte ich einen kleinen, k�rnigen Einschlu�, und als ich hinter Shannon aus der T�r trat und vorsichtig n�her an die Schleimspur heranging, sah ich, da� der Boden an manchen Stellen aufgerauht war, wie von S�ure zerfressen. Das Ganze erinnerte mich an die Spur einer ins Absurde vergr��erten Schnecke. Ein dicker, bitter schmeckender Klo� war pl�tzlich in meinem Hals. Ich schluckte ein paarmal, bekam ihn aber nicht herunter und mu�te gezwungen tief einatmen, um der �belkeit Paroli zu bieten.</p><p>�Bei Gott, was ist das?�</p><p>Statt einer Antwort deutete Shannon nach links.</p><p>Als ich der Geste mit Blicken folgte, fuhr ich wie unter einem Schlag zusammen. Die schreckliche Schleimspur verlief diagonal durch den Raum und f�hrte die Treppe ins obere Gescho� des Hauses hinauf, durchquerte die Halle und verschwand durch eine zersplitterte T�r.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis ich die Bedeutung dieser Beobachtung begriff. <emphasis>Was immer diese Spur verursacht hatte, es war noch im Haus gewesen, als wir hereinkamen!</emphasis></p><p>Ein hei�er, l�hmender Schrecken durchfuhr mich, als ich begriff, wie knapp wir dem Tod oder vielleicht auch Schlimmerem entronnen waren, denn was immer diese Spur verursacht hatte, mu�te die Schuld an all dem Schrecklichen tragen, das hier geschehen war. Ich war so starr vor Schrecken, da� ich nicht einmal protestieren konnte, als Shannon mit einem gro�en Schritt �ber die Kriechspur hinwegtrat und sich der zerborstenen T�r n�herte, hinter der sie verschwand, sondern ihm beinahe willenlos folgte.</p><p>Der Raum dahinter bot einen Anblick des Chaos. Das Mobiliar war zertr�mmert, als w�re eine Bombe in seiner Mitte explodiert; selbst die W�nde waren besch�digt, gerissen und von faustgro�en, wie hineingefressen aussehenden L�chern durchbrochen, und der wei�gr�ne Schleim bildete hier keine Schleifspur mehr, sondern war an die W�nde und gegen die Fenster, ja, selbst gegen die gut drei Yards hohe Decke gespritzt. Der harte Klo� in meinem Hals begann sich zu w�rgender �belkeit aufzul�sen. Bitterer Speichel f�llte meinen Mund. Trotzdem folgte ich Shannon tapfer, als er den Raum mit beinahe grotesk anmutenden Schritten, um nirgends auf die widerliche Masse zu treten, durchquerte und durch die gegen�berliegende T�r verschwand. Der Raum dahinter war auf die gleiche furchtbare Weise verw�stet, wie auch der n�chste, in den wir kamen. Es sah aus, als h�tte, was immer hier entlanggekrochen war, mit unglaublicher Wut getobt und seinen Zorn an allem ausgelassen, was ihm in den Weg kam. Es war eine Spur totaler Vernichtung, die sich quer durch das Geb�ude zog und zum Teil sogar durch massive W�nde brach.</p><p>Dann erreichten wir den letzten Raum, eine gro�e, aber fensterlose Kammer, die wohl als Lagerraum gedient hatte, jetzt jedoch ein Bild des Chaos bot wie alle anderen Zimmer, durch die wir gekommen waren. Die schleimige Spur f�hrte in gerader Linie hindurch, wobei sie einige Truhen und Kisten, die ihr im Wege gestanden hatten, schlichtweg zermalmt hatte, und endete vor einem gewaltigen, mehr als mannshohen und doppelt so breiten Loch, als h�tte ein Faustschlag die Wand getroffen und wie Papier nach au�en gedr�ckt. �berall waren Steine, Kalk und zersplittertes Holz verteilt, und die Wucht des Hiebes hatte einen der Dachbalken geknickt, so da� das gesamte Dach in bedenklicher Schr�glage �ber unseren K�pfen hing.</p><p>Aber darauf achtete ich kaum, sondern trat, beinahe gel�hmt vor Unglauben und Schrecken, neben Shannon und beugte mich nach vorn - aber nur, um mich hastig zur�ckzuziehen und mit der Hand an einem Mauerst�ck Halt zu suchen, denn hinter der Mauer war - nichts mehr!</p><p>Die Garnison erhob sich unmittelbar �ber der an dieser Stelle gut zweihundert Yards hohen Steilk�ste Krakataus. Die Wand, vor der wir standen, schlo� wie eine gemauerte Verl�ngerung des Felsens senkrecht mit der Oberkante der Steilk�ste ab.</p><p>Was nichts anderes bedeutete, als da� das gewaltige Loch, das in der Wand vor uns g�hnte, auf einen zweihundert Yards tiefen Abgrund hinausf�hrte. Was immer hier durch die Mauer gebrochen war, mu�te entweder an einer senkrechten Wand hinabkriechen - oder fliegen k�nnen!</p><p>Siebzehntausend Meilen entfernt und zwei Jahre sp�ter:</p><p>Der prunkvolle Sessel �chzte h�rbar, als Nemo sich hineinfallen lie�. Der Kapit�n der NAUTILUS schien um Jahre gealtert zu sein in der letzten Woche. Howard glaubte zu wissen, da� Nemo vor vier Tagen zum letztenmal geschlafen hatte.</p><p>�Nun, mein Freund?� fragte er. �Wie weit sind die Reparaturarbeiten an der NAUTILUS gediehen?�</p><p>Nemo z�gerte einen Moment, ehe er antwortete, und Howard konnte ihm direkt ansehen, wie schwer es ihm fiel, sich auf Howards Frage zu konzentrieren.</p><p>�Wir sind... so gut wie fertig�, sagte er schlie�lich. �Soweit das mit unseren beschr�nkten Mitteln �berhaupt m�glich ist.�</p><p>�Das hei�t, wir kommen hier heraus?� fragte Howard. Nemo nickte. �Ja. Aber mehr auch nicht. Um die NAUTILUS wieder voll man�vrierf�hig zu bekommen, m�ssen wir zur Basis zur�ck.�</p><p>�Gef�llt mer nich�, mischte sich Rowlf ein. �Was is mittem Kleinen?�</p><p>�Monsieur Craven?� erkundigte sich Nemo verwirrt.</p><p>Rowlf nickte. �Sachich doch.�</p><p>�Meine M�nner haben den See abgesucht�, sagte Nemo. �Und auch die Geb�ude, die noch begehbar waren. Aber sie haben keine Spur von ihm gefunden. Es tut mir leid.�</p><p>�Dann sollnse noch mal suchen�, grollte Rowlf. �Ich denke ja nich dran, den Kleen' im Stich zu lassn. Immerhin hatter uns alln 's Leben gerettet, nich?�</p><p>�Das bestreitet niemand�, sagte Nemo, in einem Ton, als m�sse er sich verteidigen. �Aber ich habe erstens nicht genug Leute, um den See so gr�ndlich abzusuchen, wie es n�tig w�re�, erkl�rte er, �und zweitens w�re es reichlich sinnlos. Wenn er noch lebt, ist er nicht mehr hier.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Weil der Sauerstoffvorrat, den er in seinem Tank hatte, nur f�r zwei Stunden ausreichte�, antwortete Howard an Nemos Stelle. �Nicht f�r vier Tage. Nemo hat recht, Rowlf - es hat keinen Sinn, weiter nach ihm zu suchen. Au�erdem bin ich sicher, da� er noch lebt.�</p><p>Rowlf wollte abermals widersprechen, aber diesmal schnitt ihm Howard mit einer befehlenden Geste das Wort ab und wandte sich demonstrativ zur T�r, so da� Nemo und Rowlf ihm folgen mu�ten. Schweigend durchquerten sie die NAUTILUS und gingen die Treppe zum Salon hinauf. Der Raum hatte sich ver�ndert, seit Howard das letzte Mal hiergewesen war. Die Bodenplatten, die herausgerissen worden waren, um den Mechanikern Zugang zu den besch�digten Teilen des Schiffes zu gew�hren, waren wieder an Ort und Stelle, und auch das Kommandopult, von dem aus Nemo das gewaltige Unterseeboot steuern konnte, war wiederhergestellt worden. Es sah alles ein bi�chen provisorisch aus, fand Howard, w�rde aber sicher seinen Dienst tun. Nemo ging schweigend an ihm vorbei, nahm hinter dem kompliziert aussehenden Pult Platz und fuhr beinahe liebkosend mit den H�nden �ber die zahllosen Schalter, Stellr�der und Tasten, die die polierte Metallfl�che in nur scheinbarer Unordnung bedeckten.</p><p>�Wann geht es los?� fragte Howard.</p><p>Nemo zuckte mit den Achseln. �Sobald die Maschinen laufen. In einer Stunde, vielleicht zwei.� Sein Blick bohrte sich in das wogende Schwarz jenseits der riesigen Sichtscheiben, die beinahe die gesamten gegen�berliegenden W�nde des Salons einnahmen. Die Au�enscheinwerfer des Schiffes waren abgeschaltet worden, um die Batterien zu schonen, und jenseits der zollstarken Quarzglasscheiben herrschte nur die Nacht. Wenn man zu lange hinsah, dachte Howard schaudernd, dann begann sich die Dunkelheit zu bewegen, eigenes, amorphes Leben zu entwickeln, das nicht wirklich da war, sondern nur seinen eigenen �ngsten entsprang, deswegen aber keineswegs weniger schrecklich war. Er vertrieb den Gedanken, lie� sich auf einen freien Stuhl sinken und zog mit einer umst�ndlichen Bewegung, eine d�nne, schwarze Zigarre aus der Brusttasche seines Rockes. Nemo kommentierte die Bewegung mit einem finsteren Blick, enthielt sich aber jeder Bemerkung, auch, als Howard ein Streichholz anri� und den blauen Qualm mit sichtlichem Genu� inhalierte.</p><p>Ein sonderbares, lastendes Schweigen breitete sich zwischen den drei M�nnern aus, eine Stille, die sich wie eine unsichtbare Wand zwischen Howard und Nemo senkte, und die auch keiner von ihnen zu durchbrechen wagte.</p><p>Es war nicht nur die Erleichterung �ber ihre wundersame Genesung; nicht einmal nur die Sorge um Robert, die Howard mehr und mehr in d�steres Schweigen versinken lie�. Jetzt erst, als alles vorbei war, begann er den Druck zu sp�ren, unter dem Rowlf und er w�hrend der letzten Wochen gestanden hatten. Es war, als begreife er erst jetzt wirklich, was w�hrend dieser Zeit alles geschehen war.</p><p>�Kriegst du das Schiff wieder hin?� fragte er pl�tzlich. Nemo, der ebenso in seine eigenen Gedanken versunken gewesen war, fuhr mit einem sichtlichen Ruck auf. �Die NAUTILUS?� Er nickte, um seine eigene Frage zu beantworten. �Sicherlich. Schlimmstenfalls k�nnte ich sie neu bauen lassen, aber das wird nicht notwendig sein. Wir haben in der Basis alles, was wir brauchen, um das Schiff wieder seet�chtig zu machen.�</p><p>�Ich mache mir Vorw�rfe�, gestand Howard. �Ich h�tte dich niemals in diese Sache hineinziehen d�rfen.�</p><p>�Unsinn�, widersprach Nemo. <emphasis>�Ich </emphasis>habe <emphasis>dich </emphasis>in diese Sache hineingezogen, wenn du es vergessen haben solltest. Als ich auf diese unterseeische Stadt und Dagons Kreaturen stie�, war mir sofort klar, da� ich deine Hilfe brauchen w�rde.�</p><p>�Das meinte ich gar nicht�, murmelte Howard.</p><p>�Aber du warst sicher. Die ganze Welt hielt dich f�r tot und die NAUTILUS f�r zerst�rt - bis du an Land gegangen bist, um Robert zu holen. Jetzt wird die ganze Hetzjagd von vorne beginnen.�</p><p>Seltsamerweise l�chelte Nemo. �Du vergi�t, da� du es warst, der mir diesen wahrhaft b�hnenreifen Abgang auf Lincoln, der <emphasis>geheimnisvollen Insel, </emphasis>erm�glichte�, sagte er. ��berdies wei� bisher rein niemand, da� die NAUTILUS nach wie vor existiert. Und dabei wird es auch eine ganze Weile bleiben. Dieser Cyrus Smith und seine Leute waren von meinem Tod �berzeugt, da bin ich mir sicher. Mein Gott, da� das schon 16 Jahre zur�ckliegt...�</p><p>Ein heller Gongton unterbrach Nemos gerade erst in Schwung gekommenen Redeflu�. Der Kapit�n der NAUTILUS drehte sich im Stuhl herum, griff nach dem Sprachrohr, das aus der rechten Seite des Kommandopultes wuchs, und sprach ein paar schnelle Worte in seiner Muttersprache hinein, die Howard nicht verstand, ebensowenig wie die Antwort, die Augenblicke sp�ter aus dem Rohr kam. Aber Nemo schien �u�erst zufrieden, als er das Instrument zur�cklegte.</p><p>�Wir k�nnen starten�, sagte er. �Die Maschinen werden in wenigen Augenblicken anlaufen. Aber bleibt bitte sitzen�, f�gte er rasch hinzu, als sich Howard erheben wollte, um an seine Seite zu treten. �Es k�nnte ein wenig holprig werden. Wir m�ssen gegen die Str�mung fahren, und ich habe nur ein Viertel unserer normalen Kraft zur Verf�gung.�</p><p>Wie um seine Worte zu best�tigen, begann der Boden pl�tzlich ganz sanft zu zittern, und Sekunden sp�ter drang das erste, noch m�hsame Pochen der gro�en Motoren an Howards Ohr. Der Laut schwoll rasch an und wurde schlie�lich zu einem machtvollen, monotonen Wummern, das den gesamten Leib der NAUTILUS wie das Schlagen eines riesigen st�hlernen Herzens ausf�llte. Trotzdem wartete Nemo noch beinahe f�nf Minuten, ehe er sich endlich vorbeugte und mit raschen, routinierten Bewegungen Schalter und Hebel auf seinem Pult zu bedienen begann. Binnen Sekunden erwachte das Kommandopult zu blinkendem Leben.</p><p>Dann zerri� der grellwei�e Kegel eines m�chtigen Lichtstrahles das Dunkel jenseits des Fensters, als Nemo die Scheinwerfer einschaltete. F�r Augenblicke sah Howard nichts au�er schwarzem Wasser, in dem kleine, an tanzende Schneeflocken erinnernde wei�e Partikel h�pften; darunter der dunkle, wie eine erstarrte D�nung gewellte Boden des Sees. Dann durchlief ein zweites, machtvolleres Zittern den gewaltigen Rumpf der NAUTILUS, und pl�tzlich quollen Schlammwolken in den Lichtstrahl der Scheinwerfer. Langsam, wie ein m�chtiges st�hlernes Tier, das sich nur m�hsam seiner Ketten entledigt, hob sich die NAUTILUS vom Seegrund, vollf�hrte einen Schwenk um ann�hernd hundertachtzig Grad und begann, schneller werdend, auf den �stlichen Rand des Sees zuzugleiten.</p><p>Howard schwieg, w�hrend die NAUTILUS �ber den Tr�mmern der ehemaligen Stadt des Fischgottes dahinglitt und sich dem Tunnel n�herte, der sie hinaus ins freie Meer bringen w�rde. Der Anblick der f�rchterlichen Verw�stungen, die die Schlacht angerichtet hatte, die hier vor Tagen getobt hatte, erf�llte ihn nicht mit Triumph oder Zufriedenheit, obwohl es eine Bastion ihrer Feinde gewesen war.</p><p>Erst nach Sekunden merkte er, da� Nemo von seinem Pult aufgesehen hatte und ihn anblickte. �Du siehst nicht sonderlich gl�cklich aus, wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf, mon ami�, sagte Nemo leise.</p><p>Howard versuchte zu l�cheln, aber er sp�rte selbst, da� es wohl eher zu einer Grimasse geriet. �Das stimmt�, sagte er und deutete auf die Bilder der Zerst�rung, die vor dem Bullauge vorbeiglitten. �Sollte ich es sein?�</p><p>�Es war eine Stadt Dagons�, gab Nemo zu bedenken.</p><p>�Davon rede ich nicht.� Ungeachtet Nemos Warnung stand Howard auf, trat dicht an das riesige Aussichtsfenster heran und deutete auf ein zusammengest�rztes riesiges Etwas, in dem nicht einmal mehr mit sehr viel Phantasie die hundert Yards hohe f�nfseitige Pyramide zu erkennen war, die es einmal dargestellt hatte.</p><p>�Das hat ein einziger Torpedo angerichtet�, sagte er.</p><p>�Zwei�, verbesserte Nemo. �Um genau zu sein.�</p><p>�Meinetwegen zwanzig�, schnappte Howard so ver�rgert, da� er es sich im ersten Moment selbst nicht erkl�ren konnte und rasch l�chelte, um seinen Worten wenigstens etwas von ihrer Sch�rfe zu nehmen. �Es ist einfach nicht richtig, Nemo. Eine Zerst�rungskraft wie diese d�rfte nicht in menschliche H�nde gelegt werden.�</p><p>�Ohne sie w�ren wir jetzt vielleicht tot.�</p><p>�Wahrscheinlich�, gestand Howard.</p><p>�Aber das �ndert nichts. Diesmal haben wir diese Macht gegen die Feinde der Menschen eingesetzt, aber das B�se wird nicht besser, wenn man es gegen sich selbst richtet. Was, wenn Menschen eines Tages diese furchtbaren Waffen gegen Menschen einsetzen?�</p><p>�Torpedos?� Nemo sch�ttelte �berzeugt den Kopf. �Niemals, mein Freund. Ich gestehe dir zu, da� die Mitglieder der menschlichen Rasse manchmal von geradezu str�flicher Dummheit sind, aber sie sind trotz allem doch eine intelligente Spezies. Ich selbst habe Sorge getragen, da� die Pl�ne f�r die NAUTILUS und ihre Torpedos niemals in falsche H�nde geraten werden.�</p><p>�Und wenn ein anderer sie neu erfindet?�</p><p>�Wird er die gleiche Entscheidung treffen�, sagte Nemo �berzeugt. �Ich besitze Informationen, da� die britische Marine bereits seit Jahren mit Torpedos experimentiert, wenngleich sie l�ngst nicht so effektiv sind wie die der NAUTILUS. Aber ich wei� auch, da� seit ebenso langer Zeit Bestrebungen im Gange sind, diese unmenschliche Waffe zu �chten. Man wird es tun, mein Freund. Am Schlu� wird die Vernunft den Sieg davontragen.�</p><p>�Genau das bef�rchte ich�, murmelte Howard, aber er sagte es so leise, da� Nemo die Worte nicht verstand. Nach einem letzten, sehr langen Blick auf die verw�stete Stadt, die unter der NAUTILUS dahinglitt, ging er zu seinem Sessel zur�ck, lie� sich hineinfallen und schlo� ersch�pft die Augen. Pl�tzlich war er m�de, furchtbar m�de, und es war eine M�digkeit, die sich nicht auf seinen K�rper allein beschr�nkte. Aber es w�rde noch lange, sehr sehr lange dauern, bis er ihr nachgeben konnte. Vielleicht nie.</p><p>Das dumpfe H�mmern des st�hlernen Pulsschlages der NAUTILUS �nderte sich pl�tzlich, und als Howard die Augen �ffnete, sah er, da� das Schiff angehalten hatte und nun senkrecht in die Tiefe glitt, direkt auf den gewaltigen schwarzen Schlund zu, der im Boden des Sees g�hnte. Der Anblick lie� ihn schaudern, erinnerte er ihn doch mehr als alles andere an ein gigantisches, gierig aufgerissenes Maul, das sich unter dem Schiff auf getan hatte, um es zu verschlingen.</p><p>Die tanzenden Schemen im Licht der Scheinwerfer wichen hartem, wie Stahl gl�nzendem Fels, als die NAUTILUS in den Schacht eindrang und sich langsam um ihre Achse drehte, um den Bug mit dem gezackten Rammsporn auf den Tunnel auszurichten, der tief durch den nat�rlich gewachsenen Fels ins offene Meer hinausf�hrte. Langsam, mit einer Behutsamkeit, die Howard einem Schiff von der Gr��e der NAUTILUS niemals zugetraut h�tte, begann das Schiff Fahrt aufzunehmen und in den steinernen Tunnel hineinzugleiten. Die Zeit schien stillzustehen, w�hrend Nemo das riesige Schiff mit der Geschicklichkeit eines Chirurgen, der an einem offenen Herzen arbeitet, durch den Stollen lenkte, dessen Durchmesser oftmals nur wenig mehr als der der NAUTILUS betrug. Die Str�mung begann das Schiff zu packen und hin und her zu schwenken, und mehr als einmal verzerrte sich Nemos Gesicht vor Anspannung - vielleicht auch vor Furcht -, wenn die unsichtbare Kraft des Wassers die NAUTILUS wie eine riesige Hand gegen den Felsen dr�ckte.</p><p>Zweimal prallte das Schiff tats�chlich gegen den Stein, und einmal ging ein ungeheurer Schlag durch seinen Rumpf, gefolgt von einem dumpfen, bedrohlichen Knirschen und �chzen, als der hervorstehende Turm der NAUTILUS gegen einen Felszacken traf, der aus der Tunneldecke hervorwuchs. Es dauerte eine volle Stunde, bis am Ende der glei�enden Scheinwerferb�ndel, die der NAUTILUS wie tastende Finger vorausglitten, keine wogende Finsternis, sondern ein unregelm��iger Kreis bla�gr�ner Helligkeit war, und selbst dann vergingen noch endlose Minuten, bis das Schiff den Stollen vollends verlassen hatte und das offene Meer vor ihm lag.</p><p>Nemo atmete h�rbar auf, griff nach dem Geschwindigkeitsregler und schob ihn mit einer erleichtert wirkenden Bewegung ganz nach vorn. Das dumpfe H�mmern der Maschinen steigerte sich zu einem w�tenden Br�llen und sank gleich darauf zu einem Ger�usch dicht oberhalb der H�rgrenze herab. Die NAUTILUS machte einen Satz und scho� regelrecht ins Meer hinjaus.</p><p>�Das w�re geschafft�, sagte Nemo. Seine Stimme zitterte, und sein Gesicht war bla�. Noch einmal beugte er sich �ber sein Pult, nahm das Sprachrohr und gab seinen M�nnern auf der Br�cke Befehl, die Steuerung der NAUTILUS zu �bernehmen. Dann wies Nemo mit einer ersch�pfenden Kopfbewegung zur T�r und wartete darauf, da� Howard und Rowlf aufstanden und seiner Einladung folgten. Pl�tzlich stie� Rowlf einen Schrei aus und deutete auf eines der Fenster. Rowlf und Howard fuhren im selben Augenblick herum.</p><p>Die NAUTILUS scho� mit der Geschwindigkeit eines Torpedos durch das Wasser, aber sie war nicht allein.</p><p>Ein Schw�rm gewaltiger, dunkler K�rper begleitete das Schiff, ein St�ck neben und �ber ihm; Schatten, die Howard im ersten Augenblick f�r Fische hielt, wenn auch ihre Bewegungen irgendwie falsch wirkten.</p><p>Nemo st�rzte zum Kommandopult zur�ck, und eine Sekunde sp�ter schwenkte einer der m�chtigen Scheinwerferstrahlen herum und richtete sich auf das wogende Gewimmel, das die NAUTILUS mittlerweile beinahe zur H�lfte einschlo�. Diesmal schrie auch Howard auf.</p><p>Es waren keine Fische.</p><p>Es waren <emphasis>Kraken!</emphasis></p><p>Hunderte, wenn nicht Tausende der achtarmigen, wie lebende Torpedos geformten Tiere, die ohne sichtliche Anstrengung mit der Geschwindigkeit der NAUTILUS mithielten und sogar aufschlossen, die Arme eng nach hinten gelegt und die spitzen, kegelf�rmigen Leiber mit den starrenden Telleraugen wie lebendige Pfeilspitzen auf den Rumpf des Schiffes gerichtet. Howard konnte deutlich sehen, wie sie pumpend Wasser einsaugten und wieder ausstie�en, sich mit ihrem von der Natur geschaffenen Fortbewegungsmechanismus wie kleine Raketen durch das Wasser schleudernd.</p><p>�Gott!� keuchte Howard. �Was ist das?�</p><p>�Es besteht keine Gefahr�, sagte Nemo so hastig, da� Howard ziemlich sicher war, da� seine Worte wohl eher Wunsch als �berzeugung waren. �Sie k�nnen dem Schiff nichts anhaben.�</p><p>Howard antwortete nicht darauf, sondern trat n�her an die Scheibe heran und betrachtete ungl�ubig den gewaltigen Schw�rm der Oktopoden, der sich wie eine lebende Klammer um das Schiff zusammenzuziehen begann. Es gab Tiere in allen nur erdenklichen Gr��en - angefangen von kaum fingergro�en Winzlingen, die wie Staub im Licht der Scheinwerfer glitzerten, bis hin zu gewaltigen Kreaturen, deren Tentakel zehn oder mehr Yards messen mu�ten.</p><p>Und dann sah er etwas, das ihm schier den Atem stocken lie�. Inmitten des gr��lichen Schwarmes befand sich <emphasis>eine menschliche Gestalt!</emphasis></p><p>�Aber das... das ist doch... unm�glich!� stammelte Nemo, als die Gestalt n�herkam. Auch Howard versp�rte einen neuerlichen, ungl�ubigen Schrecken, als sich der Schw�rm dicht vor dem Rumpf der NAUTILUS teilte und er mehr als einen blo�en Umri� erkennen konnte.</p><p>Es war eine Frau.</p><p>Wenigstens zum Teil.</p><p>Bis zu den H�ften hinab war sie durchaus menschlich, sah man von ihrer tiefblauen, wie geschliffener Diamant schimernden Haut ab. Langes, im Wasser wie eine dunkle Wolke wogendes Haar umgab ein wundersch�nes Gesicht, aus dem zwei tiefblaue Augen seinen Blick erwiderten, und ihr K�rper war so perfekt geformt, da� sie jeder griechischen G�ttin Konkurrenz h�tte machen k�nnen.</p><p>Wie gesagt, bis zu den H�ften. Darunter...</p><p>Howards Verstand weigerte sich einfach, das, was er da sah, als Realit�t anzuerkennen. Es war unm�glich. <emphasis>Un-m�g-ich!</emphasis></p><p>Und doch war es da.</p><p>�Da f�llt mir nix mehr ein�, murmelte Rowlf. �Absolut gar Nixe.�</p><p>Howard warf ihm einen b�sen Blick zu und konzentrierte sich wieder auf das Bild jenseits der Scheibe. Im Moment war wahrhaftig nicht der richtige Augenblick f�r Rowlfs dumme Witze.</p><p>Langsam schwamm das bizarre Wesen n�her an die NAUTILUS heran, n�herte sich dem Fenster und hob die Hand, um zu winken. Es dauerte einen Moment, bis Howard begriff, was ihr Gestikulieren bedeutete.</p><p>Sie winkte nicht, sondern versuchte, ihn mit Gesten dazu zu bewegen, das <emphasis>Schiff anzuhalten! </emphasis>Immer wieder bewegte sie die gespreizten Finger ihrer Linken nach unten und deutete mit der anderen Hand auf einen Punkt an der Unterseite des Schiffes. �Die... die Luke�, sagte er stockend. �Mein Gott, Nemo - sie meint die Bodenschleuse. Sie will an Bord kommen!�</p><p>Nemo gab ein Ger�usch von sich, das wie ein kr�chzender Schrei klang, r�hrte sich aber nicht. Die Nixe kam n�her, begann ungeduldiger zu gestikulieren und schlug schlie�lich mit der flachen Hand gegen die Scheibe. Ihr Mund bewegte sich, aber das Dr�hnen der Maschinen und das Rauschen des rasch vorbeigleitenden Wassers verschluckten ihre Worte.</p><p>�Du mu�t anhalten�, sagte Howard. �Bitte, Nemo!�</p><p>�Den Teufel werde ich tun!� antwortete Nemo gepre�t. Seine Augen waren unnat�rlich geweitet. Howard sah die Furcht in seinem Blick. �Glaubst du, ich lasse dieses Monstrum an Bord meines Schiffes? Was, wenn es uns angreift?�</p><p>�Angreifen?� Howard sch�ttelte den Kopf. �Wenn es das wollte, w�re es l�ngst geschehen, Nemo�, sagte er �berzeugt. �Sieh dort hinaus.�</p><p>Nemos Blick folgte der Richtung, in die Howards ausgestreckter Arm wies - und pl�tzlich erbleichte der Kapit�n der NAUTILUS noch mehr. Hinter dem wirbelnden Schw�rm aus Kraken war ein weiteres Tier aufgetaucht. Es n�herte sich der NAUTILUS nicht, sondern hielt einen gleichm��igen Abstand, aber selbst aus der Entfernung von sicher mehr als einer Meile war sein Anblick noch majest�tisch genug, auch Howard den Atem stocken zu lassen.</p><p>Es war ein Krake, ein Tier, das sich kaum von den Millionen und Abermillionen seiner Rassengenossen unterschied, die der NAUTILUS ein stummes Geleit gaben. Der einzige wirkliche Unterschied war seine Gr��e. Es war ein Gigant; der gr��te Oktopus, den Howard und selbst Nemo jemals zu Gesicht bekommen hatten. Jeder einzelne seiner acht riesigen, mit kopfgro�en Saugn�pfen versehenen Fangarme war ein gutes St�ck l�nger als die ganze NAUTILUS.</p><p>Zehn, f�nfzehn Sekunden lang starrte Nemo diesen Titanen der Meere an, dann wandte er sich - mit einer sonderbar ruckhaften, gezwungenen Bewegung - wieder dem Steuerpult zu und griff zum Sprachrohr.</p><p>�Hier Nemo�, sagte er. �Nehmen Sie Fahrt weg. Wir drehen bei.�</p><p><emphasis>Dagon st�hnte leise. Vielleicht war es das erste Mal in seinem nach Millionen z�hlenden Leben, da� er sp�rte, was das Wort </emphasis>Furcht <emphasis>in seiner ureigensten Bedeutung besagte; eine Erfahrung, die erz�rn ersten Mal gemacht hatte und kein zweites Mal �berleben w�rde.</emphasis></p><p><emphasis>Das Innere der faustgro�en Kugel, die vor ihm auf der Oberfl�che des Altarsteines ruhte, war noch immer von wirbelnden roten Schwaden erf�llt, aber die Schmerzen waren vorbei, der Griff der fremden, uns�glich d�steren Macht war verschwunden. Trotzdem hatte er kaum die Kraft, sich aus der knienden Stellung, in der er die letzte Stunde - die f�r ihn zu einer Ewigkeit geworden war - verbracht hatte, zu erheben undr�ckw�rts gehend von Altar und Stein zur�ckzuweichen. Die Stimme - diese gr��liche, furchtbare Stimme inseinem Innern war verstummt, aber er hatte die Wortenicht vergessen, die sie gesprochen hatte, denn siehatten sich wie mit wei�gl�henden Lettern in seinBewu�tsein eingebrannt, zu tief, als da� er sie jemalswieder daraus verdr�ngen konnte. Er hatte versagt. Erhatte eine zweite Chance bekommen, trotz des Verrates, den er begangen hatte, und er hatte versagt. Um einHaar h�tte ein gew�hnlicher, sterblicher Mensch alleszunichte gemacht. Schon jetzt war der Zorn der THULSADUUN gewaltig, denn sie waren keine geduldigenG�tter, obgleich sie es gewohnt waren, in Zeitr�umen zudenken, die selbst Dagons Vorstellungskraft sprengten. Aber sie hatten zu lange gewartet, und obwohl sie nochein Abgrund von unvorstellbarer Tiefe vom Hier und derIllusion, die die Menschen als Wirklichkeit kannten, trennte, wachten sie mi�trauisch �ber jede einzelneseiner Handlungen. Sie sp�rten den grausamen Hungerder </emphasis>Ssaddit, <emphasis>und sie sp�rten, da� sich die Zeit ihresWartens verl�ngerte, solange er nicht gestillt war. Dagon taumelte mehr aus der H�hle, als er ging. Siehatten ihn gewarnt, ihm gesagt, da� dies dieunwiderruflich letzte </emphasis>Warnung <emphasis>war, bevor sie ihren Planaufgaben und sich einen anderen Diener suchten, dergeeigneter war. Sie hatten ihm gesagt - und gezeigt! -, was geschehen w�rde, wenn er auch diese allerletzteChance verspielte. </emphasis></p><p><emphasis>Und trotzdem vermochte er einen erschrockenen Aufschrei nicht zu unterdr�cken, als er f�r einen Moment innehielt und auf seine H�nde hinabblickte... </emphasis></p><p>Das Dorf hatte sich ver�ndert, seit ich das letzte Mal hier gewesen war. Es war keine Ver�nderung des Sichtbaren - die Handvoll kleiner, �rmlicher H�tten, zwischen denen die vier wei�gekalkten Geb�ude des �Zentrums� wie groteske Fremdk�rper emporragten, die schlammige Stra�e, die sich irgendwo auf halbem Wege zwischen dem Ortsrand und dem Dschungel in Morast und Unkraut verlor, und der kleine, eigentlich nur aus ein paar in den Uferschlamm getriebenen Pf�hlen bestehende Hafen waren noch genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte.</p><p>�Sp�rst du es auch?� fragte Shannon. Ich nickte ruckhaft. Es war das gleiche wie in der Garnison, weniger pr�sent und aggressiv zwar, aber doch unverkennbar. Das B�se hatte seine Hand bereits nach dem Ort ausgestreckt.</p><p>Mein Blick suchte das Meer. Der Ozean lag still da, eine gewaltige, vielfach gewellte Ebene, die das Licht der Sonne millionenfach reflektierte und scheinbar bar jeden Lebens war. Aber ich wu�te, wie sehr dieser Eindruck t�uschte. Ich glaubte den namenlosen Schrecken, der tief unter der unbewegten Meeresoberfl�che lauerte, regelrecht riechen zu k�nnen. �Gehen wir�, sagte ich. Shannon nickte, bog die Zweige des Geb�sches auseinander, hinter dem wir Deckung gesucht hatten, und trat mit einem gro�en Schritt auf den schlammigen Pfad hinaus, der zur Stadt hinabf�hrte. Ich f�hle mich m�de. Meine Waden schmerzten, denn wir hatten den Gro�teil des Weges von der Garnison bis hierher - und das waren immerhin mehr als f�nf Meilen - im Laufschritt zur�ckgelegt; bei Temperaturen noch dazu, die sich irgendwo dicht unterhalb der 40-Grad-Marke bewegen mu�ten. Im Schatten, versteht sich. Ich merkte erst jetzt, als wir aus dem Dschungel heraus waren, wie sehr uns sein Bl�tterdach trotz allem vor den sengenden Strahlen der Sonne gesch�tzt hatte.</p><p>Das ungute Gef�hl in meinem Magen verst�rkte sich, als wir den Ort erreichten. Aus der N�he wirkte er keineswegs so ausgestorben, wie es von weitem den Anschein gehabt hatte - im Gegenteil. Eine erstaunlich gro�e Anzahl M�nner und Frauen bewegte sich zwischen den niedrigen, zum Gro�teil aus Stroh oder anderen nat�rlichen Baustoffen errichteten Geb�uden, und aus einem an einer Seite offenen Schuppen drang das Gr�len von mehreren M�nnern, die ungeachtet der noch fr�hen Stunde bereits betrunken waren. Und trotzdem... Nichts von alledem wirkte <emphasis>echt. </emphasis>Das Leben, das uns begegnete, wirkte irgendwie falsch, die Fr�hlichkeit gezwungen. Ich hatte das Gef�hl, mich in einer Theaterkulisse zu befinden, nicht in einer wirklichen Stadt mit wirklichen Menschen.</p><p>Ich versuchte den Gedanken zu verscheuchen, aber er blieb, wie ein �bler Geschmack, den man nicht von der Zunge bekommt, und als ich einen raschen Blick in Shannons Gesicht warf, sah ich, da� es ihm nicht anders erging.</p><p>Wir durchquerten den Ort fast ganz und blieben stehen. �Wohin jetzt?� fragte ich leise. �Zum Hafen?�</p><p>Shannon nickte, sch�ttelte aber gleich darauf den Kopf und deutete auf das Wirtshaus, aus dem der Gesang der Betrunkenen noch lauter geworden war. Schweigend folgte ich ihm, blieb jedoch etwas au�erhalb des Geb�udes im Schatten seines �berh�ngenden Vordaches stehen.</p><p>Die Hafenkneipe - wenn die bauf�llige Bretterbude diese Bezeichnung �berhaupt verdiente - war �berraschend gut besucht. Au�er den vier gr�lenden Matrosen, die wir schon von weitem geh�rt hatten, hockte noch ein gutes Dutzend weiterer M�nner in dem gro�en, in angenehmes Halbdunkel getauchten Raum, tranken und redeten oder a�en einen unappetitlich anmutenden Brei von verbeulten Blechtellern. Die vier Randalierer, die an einem der wackeligen Tische sa�en, h�rten abrupt mit ihrem Gesang auf, als sie Shannon erblickten. Verwirrt senkten sie ihre Becher und starrten ihn an - was ich ihnen nicht weiter ver�beln konnte. An einem Ort wie diesem mochte man an die abenteuerlichsten Erscheinungen gew�hnt sein, aber ein Mann wie Shannon mu�te selbst hier auffallen. Wer au�er einem Verr�ckten, dachte ich mit sanftem Spott, konnte schon auf den Gedanken verfallen, an einem der hei�esten Orte der Erde in pechschwarzer Kleidung herumzulaufen? Es hatte mich alle M�he gekostet, Shannon wenigstens dazu zu �berreden, Umhang, Handschuhe und seine turban�hnliche Kopfbedeckung abzulegen, ehe wir die Stadt betraten...</p><p>Shannon ignorierte die halb sp�ttischen, halb herausfordernden Blicke, die ihm die vier Burschen zuwarfen, trat an den Tresen und drehte sich herum.</p><p>�Meine Herren�, sagte er. Er sprach nicht einmal sehr laut, aber seine Worte waren von einer solchen Sch�rfe, da� auch die letzten Gespr�che abrupt verstummten und sich die Blicke aller auf ihn richteten.</p><p>�Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche�, sagte Shannon h�flich, �aber mein Freund und ich�, er deutete auf mich, und f�r eine sehr unangenehme Sekunde sah ich mich von mehr als einem Dutzend Augenpaaren durchdringend angestarrt, �ben�tigen dringend ein Boot. Wo kann man hier ein Schiff und einen kundigen Seemann finden?�</p><p>Niemand antwortete ihm, aber es schien, als ver�ndere sich etwas an der Art, in der die Zecher vor uns schwiegen. Ich bemerkte, wie einer der vier Matrosen an dem Tisch gleich neben Shannon die Stirn runzelte und Anstalten machte, aufzustehen, jedoch von seinem Nebenmann mit einer raschen Bewegung daran gehindert wurde.</p><p>Shannon wartete ebenso geduldig wie vergebens auf eine Antwort, zuckte nach einer Ewigkeit mit den Achseln und drehte sich um, um sich an den Barkeeper zu wenden, einen kleinen, kahlk�pfigen Burschen mit einem sonnenverbrannten Gesicht, dessen kreolischer Schnitt nicht zu �bersehen war. Ich sah, wie sich der Matrose hinter ihm spannte, fing aber fast im selben Moment einen Blick von Shannon auf, der mir sagte, da� auch ihm die Bewegung keineswegs entgangen war und ich mir keine Sorgen zu machen brauchte.</p><p>�Vielleicht k�nnen Sie mir weiterhelfen�, begann Shannon von neuem. �Es ist wirklich dringend, verstehen Sie? Wir brauchen dringend ein Boot. Und wir sind bereit, sehr gut daf�r zu zahlen.� Dann griff er unter seinen G�rtel, zog einen Golddollar hervor und legte ihn vor sich auf die Theke. Der Kreole schob die M�nze zur�ck, ohne sie auch nur anzusehen - was h�chst sonderbar war, denn das Geldst�ck mu�te ungef�hr dem Gegenwert seiner Kaschemme entsprechen, falls er jemanden fand, der einen Liebhaberpreis bezahlte... Aber der Mann beachtete es gar nicht.</p><p>�Hier gibt es keine Boote�, sagte er. �Nicht f�r euch.� Shannon runzelte die Stirn. Der Mann hinter ihm spannte sich weiter, legte die H�nde flach nebeneinander auf den Tisch und stand ganz langsam auf, ebenso wie seine drei Begleiter. Wieder bedeutete mir Shannon mit einem raschen Blick, mich zur�ckzuhalten, und wieder nickte ich ebenso unmerklich. Allm�hlich begann er selbst mir unheimlich zu werden. <emphasis>Hatte er Augen im Hinterkopf?</emphasis></p><p>�Vielleicht habe ich mich nicht richtig ausgedr�ckt�, sagte Shannon, noch immer freundlich, aber pl�tzlich mit einer Stimme, die so kalt war wie Glas. �Das hier ist f�r Sie. Das Boot bezahlen wir extra.� Er schob den Dollar abermals �ber die Theke. Der Kreole starrte ihn an, nahm den Golddollar - und warf ihn zielsicher in den Spucknapf, der neben Shannons F��en vor dem Tresen stand. �Ihr kriegt kein Boot�, sagte er kalt.</p><p>�Verschwindet. Alle beide.� Gleichzeitig gab er den M�nnern hinter Shannon einen Wink.</p><p>Pl�tzlich ging alles unglaublich schnell. Mit einer einzigen Bewegung sprangen die vier Kerle vollends auf und st�rzten sich gleichzeitig auf Shannon, so rasch, da� ich die Bewegung kaum wahrnahm.</p><p>Shannon war trotzdem schneller.</p><p>Ich konnte nicht genau erkennen, was er tat - aber einer der vier kr�mmte sich pl�tzlich auf dem Fu�boden, w�hrend der zweite wie von Geisterhand den Boden unter den F��en verlor und gegen den dritten Burschen prallte, um ihn von den F��en zu rei�en. Noch bevor die beiden auf dem Boden aufprallten, hatte Shannon den vierten gepackt, herumgedreht und ihm von hinten den Arm um den Hals geschlungen; gleichzeitig bohrte sich sein Knie in den R�cken des Burschen.</p><p><emphasis>�Shannon! Pa� auf!� </emphasis>Mein Schrei vermischte sich mit dem Klirren von Glas, als der Kreole in Shannons R�cken eine Weinflasche beim Hals ergriff und auf der Theke zerschlug. Ich gewahrte die Bewegung im allerletzten Augenblick, aber meine Warnung w�re trotzdem zu sp�t gekommen, w�re der kreolische Barkeeper nicht beim Klang meiner Stimme zusammengefahren und h�tte den Bruchteil eines Atemzuges gez�gert. So blieb mir genug Zeit, mit einem Sprung �ber seinen Tresen zu flanken, den Stockdegen hervorzurei�en und ihm die Spitze der Waffe gegen den Adamsapfel zu dr�cken.</p><p>Der Bursche erstarrte mitten in der Bewegung. Das zerborstene Ende der Flasche, bereits zum Schlag erhoben, entglitt seinen Fingern und zerschellte auf dem Boden.</p><p>�Danke�, sagte Shannon, ohne sich umzublicken oder den W�rgegriff um den Hals seines Gefangenen auch nur einen Deut zu lockern. Der Mann zerrte mit aller Kraft an Shannons Arm, aber genausogut h�tte er versuchen k�nnen, einen Felsen mit blo�en H�nden zu verr�cken. Ich sah, wie sein Gesicht allm�hlich rot anlief und seine Augen aus den �hlen zu quellen egannen.</p><p>�Du bringst ihn um, Shannon�, sagte ich erschrocken.</p><p>Shannon sch�rzte abf�llig die Lippen. �Und?� sagte er. �Das st nichts anderes, als was sie mit mir vorhatten - mit dir �brigens auch.� Trotzdem lockerte er seinen Griff; der Gefangene rang keuchend nach Luft und erschlaffte in seinen Armen. �Also�, fuhr Shannon mit erhobener Stimme fort. �Was soll das? Ist das eure Art, Fremde zu behandeln?�</p><p>Nat�rlich erhielt er keine Antwort, aber die M�nner, die nunmehr alle herangekommen waren und einen dicht geschlossenen Halbkreis um Shannon und seinen Gefangenen bildeten, r�ckten drohend n�her.</p><p>Shannon l�chelte kalt. �Noch einen Schritt�, sagte er ruhig, �und ich breche ihm das R�ckgrat.� Gleichzeitig verst�rkte er den Druck seines Knies auf den R�cken des Matrosen. Der Mann �chzte gequ�lt, war jedoch klug genug, keinen Versuch der Gegenwehr zu machen.</p><p>Shannons Worte lie�en irgend etwas in mir erstarren, denn ich sp�rte, da� er sie ganz genau so meinte, wie er es sagte. Es war keine leere Drohung, mit der er die M�nner einsch�chtern wollte! Betroffen - aber auch st�rker verunsichert, als ich es in diesem Moment mir selbst gegen�ber einzugestehen bereit war - trat ich einen halben Schritt zur�ck und nahm die Degenspitze vom Hals des Kreolen.</p><p>Der Bursche keuchte, hob die Finger an die Kehle und starrte erschrocken auf das Blut, das aus einem winzigen Schnitt in seiner Haut quoll. Sofort hob ich den Degen wieder, ber�hrte ihn aber nicht noch einmal, sondern beschr�nkte mich darauf, einen Moment lang mit der Klinge vor seinem Gesicht herumzufuchteln und dabei die finsterste Miene aufzusetzen, zu der ich f�hig war.</p><p>�Vielleicht haben Sie die Worte meines Freundes nicht richtig verstanden�, sagte ich drohend. �Ich kann gerne nachhelfen.�</p><p>Der Kreole erbleichte unter seiner Sonnenbr�une. Aber dann flammte Trotz in seinem Blick auf, Und ein Zorn, den ich mir absolut nicht zu erkl�ren vermochte. �Was wollt ihr von uns?� schnappte er. �Habt ihr nicht schon genug angerichtet? Verschwindet endlich.�</p><p>�Was soll das hei�en?� fauchte ich. �Was sollen wir angerichtet haben?�</p><p>Der Kreole starrte mich an - und spie mir direkt vor die F��e; angesichts der Degenklinge, die ich noch immer auf sein Gesicht richtete, eine Geste erstaunlichen Mutes. �M�rder!� sagte er angewidert. �Ihr verdammtes M�rderpack. Haut endlich ab. Hier kriegt ihr kein Boot, und wenn ihr uns alle umbringt!�</p><p>Ich verstand nun rein gar nichts mehr, aber die Entschlossenheit, die in den Worten des Kreolen mitgeschwungen hatte, �berzeugte mich davon, da� wir vielleicht wirklich gut daran taten, so schnell wie m�glich von hier zu verschwinden. Ich hatte keine Ahnung, welchen Verbrechens er uns bezichtigte, aber er schien mit seiner Meinung nicht allein dazustehen. Und gegen eine ganze Stadt voller aufgebrachter M�nner w�rden uns auch Shannons Kampfk�nste nicht mehr weiterhelfen...</p><p>Shannon schien zu einer �hnlichen �berlegung gekommen zu sein, denn noch bevor ich etwas sagen konnte, versetzte er seinem Gefangenen einen Sto�, der ihn nach vorn taumeln und auf die Knie fallen lie�, zog seinen Dolch aus dem G�rtel und schnitt einen blitzenden Halbkreis in die Luft. Die Blitzartigkeit der Bewegung lie� die im Ansatz befindliche Bewegung der M�nner vor ihm erstarren. Sie waren fast ein Dutzend und h�tten ihn wahrscheinlich �berw�ltigen k�nnen, aber keiner von ihnen schien gro�e Lust zu haben, als erster mit Shannons Waffe in Bekanntschaft zu treten. R�ckw�rts gehend und von einer stummen Reihe drohender Gestalten verfolgt, verlie�en wir die Kaschemme und traten auf die Stra�e hinaus. Shannon deutete mit einer Kopfbewegung zum Meer.</p><p>Ich verstand. Den Ort noch einmal zu durchqueren, erschien mir wenig ratsam, und letztlich waren wir hierhergekommen, um ein Boot zu besorgen - warum also keines stehlen?</p><p>Schritt f�r Schritt entfernten wir uns von der Hafenkneipe und n�herten uns dem Meer. Seltsamerweise verzichteten die M�nner, die uns gerade noch mit Freuden in St�cke gerissen h�tten, darauf, uns zu verfolgen - obgleich sie hier drau�en, wo sie sich nicht mehr gegenseitig behindern w�rden, eine gute Chance gehabt h�tten, uns zu �berw�ltigen. Als ich mich herumdrehte, wu�te ich auch, warum sie es nicht taten.</p><p>Wir waren keine zwanzig Schritte mehr von der Brandungslinie und den rettenden Booten entfernt, die in der D�nung schaukelten. Aber genausogut h�tten es auch zwanzig Meilen sein k�nnen.</p><p>Auf halber Strecke zwischen uns und dem Meer stand ein Mann. Er war sehr gro�, hatte ein strenggeschnittenes, kantiges Gesicht und trug das Haar straff zur�ckgek�mmt, was den milit�rischen Anstrich seiner dunkelblauen Marineuniform noch verst�rkte. Und er war nicht allein.</p><p>Hinter ihm stand ein halbes Dutzend Soldaten. In ihren H�nden lagen Gewehre. Und die M�ndungen dieser Gewehre deuteten drohend auf Shannon und mich...</p><p>�Lauf los, wenn du soweit bist�, sagte Shannon gepre�t. �Ich z�hle bis drei. Eins, zwei...�</p><p>�Warum drehen Sie sich nicht erst um, bevor Sie etwas tun, was Ihnen vielleicht leid t�te�, sagte der Mann in der Offiziersuniform kalt.</p><p>Shannon erstarrte f�r eine halbe Sekunde, fuhr mit einem Schrei herum und hob instinktiv den Dolch; eine Geste, die angesichts der sechs Automatikgewehre, die auf uns gerichtet waren, allerdings �u�erst l�cherlich wirkte.</p><p>Der Marineoffizier sch�ttelte mi�billigend den Kopf. �Das w�rde ich nicht tun�, sagte er. �Aber bitte - es ist Ihre Entscheidung. Wir k�nnen Sie auch gleich hier erschie�en.�</p><p>�Was soll das hei�en?� schnappte Shannon. �Was bedeutet dieser Zirkus? Wer sind Sie?�</p><p>�Mein Name ist Harmfeld�, sagte der Offizier. �Leutnant Harmfeld, um genau zu sein. Sie sind Mister Craven?�</p><p>Die Frage galt mir. Ich nickte, und Harmfeld fuhr, mit einer knappen Geste auf Shannon, fort:</p><p>�Ihren Freund kenne ich nicht, Mister Craven, aber das �ndert nichts. Ich erkl�re Sie beide f�r verhaftet. Bitte leisten Sie keinen Widerstand.�</p><p>�Verhaftet?� �chzte Shannon. �Was soll der Schwachsinn, Harmfeld?�</p><p><emphasis>�Leutnant </emphasis>Harmfeld, wenn ich bitten darf�, sagte Harmfeld ruhig. �Und als Schwachsinn w�rde ich es nicht gerade bezeichnen.� Er l�chelte, aber es war das k�lteste L�cheln, das ich jemals bei einem Menschen gesehen hatte. Harmfeld hob die Hand und deutete auf einen Punkt hinter uns. Ich mu�te mich nicht umdrehen, um zu wissen, da� die M�nner aus der Hafenkneipe gekommen waren und uns drohend umstanden.</p><p>�Betrachten Sie es als eine Ma�nahme, die Ihrem eigenen Schutz dient�, fuhr er fort. �Vorerst jedenfalls.�</p><p>�Schutz?� Ich sch�ttelte verst�rt den Kopf, bemerkte pl�tzlich, da� ich den Degen noch immer in der Hand hielt, und steckte ihn so hastig weg, da� ich mir dabei in den Daumen schnitt. �Was soll das hei�en, Leutnant?�</p><p>Harmfeld zuckte mit den Achseln. �Vielleicht ziehen Sie es vor, hierzubleiben�, sagte er. �Aber ich f�rchte, dann bleiben Sie nicht mehr lange am Leben. Jop Eldekerk war hier sehr beliebt, wissen Sie?�</p><p>�Eldekerk?� Pl�tzlich fielen mir die Worte des Kreolen wieder ein, und der Ha�, den ich in seinen Augen gelesen hatte. Eine furchtbare Ahnung stieg in mir empor. �Wollen Sie damit sagen, da�...�</p><p>Harmfeld schnitt mir mit einer �rgerlichen Handbewegung das Wort ab. �Spielen Sie nicht den Narren, Craven�, sagte er.</p><p>�Sie wissen genau, da� er tot ist.� Mit einem Male nahm seine Stimme einen kalten, offiziellen Klang an. �Ich verhafte Sie beide unter dem dringenden Verdacht des Mordes an Jop Eldekerk und Leutnant Hendrick Roosfeld. Und wahrscheinlich noch einigen M�nnern mehr�, f�gte er etwas leiser hinzu. Ich starrte ihn an, rang vergeblich nach Worten und brachte nur ein hilfloses Kr�chzen zustande.</p><p>Anders Shannon. Wenn ihn Harmfelds Worte �berhaupt �berraschten, dann �berspielte er es hervorragend. Seine einzige Reaktion bestand aus einem kalten, abf�lligen L�cheln, das den schwelenden Zorn in Harmfelds Augen zu neuer Glut entfachte.</p><p>�Sie sind ein Idiot, <emphasis>Leutnant </emphasis>Harmfeld�, sagte Shannon betont. �Glauben Sie wirklich, wir w�ren so dumm, am hellen Tag hierherzukommen, wenn wir mit Eldekerks Tod irgend etwas zu tun h�tten?�</p><p>Harmfeld atmete h�rbar ein. �Ich wei� nicht, was Sie gedacht haben und warum�, sagte er gepre�t. �Und es geht mich auch nichts an. Legen Sie die Waffe weg und heben Sie die H�nde.�</p><p>Shannon reagierte nicht. Aber ich sp�rte, da� eine sonderbare Ver�nderung mit ihm vonstatten ging. Er r�hrte nicht einen Muskel, aber mit einem Male schien eine f�hlbare Spannung von ihm auszugehen. Von einer Sekunde auf die andere erinnerte er mich an ein Raubtier, das nur auf eine Gelegenheit wartete, loszuspringen.</p><p>�Das alles ist ein schrecklicher Irrtum, Leutnant�, sagte ich. �Wir haben nichts mit Eldekerks Tod zu tun. Ich wu�te nicht einmal, da�...�</p><p>�Warum erz�hlen Sie das alles nicht dem Richter?� unterbrach mich Harmfeld. �rgerlich trat er auf Shannon und mich zu - wobei er sorgsam darauf achtete, nicht in die Schu�bahn seiner Leute zu geraten -, nahm Shannon den Dolch weg und streckte fordernd die Hand nach meinem Degen aus. Ich z�gerte einen winzigen Moment, aber das halbe Dutzend drohend erhobener Gewehre zehn Schritte vor mir �berzeugte mich rasch davon, wie sinnlos jeglicher Widerstand sein mu�te. Seufzend h�ndigte ich ihm die Waffe aus.</p><p>�Sie begehen einen furchtbaren Fehler, Harmfeld�, sagte ich. Der Leutnant zuckte mit den Achseln. �M�glich�, sagte er. �Wenn ja, werde ich mich entschuldigen. Wenn nicht, wird es mir ein gro�es Vergn�gen sein, Sie h�chstpers�nlich an den Fockmast der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>zu kn�pfen.�</p><p>Ich sah ihn fragend an, aber Harmfeld ignorierte meinen Blick, trat zur�ck und machte eine Bewegung mit der Hand. Zwei seiner M�nner lie�en die Gewehre sinken, kamen auf uns zu und banden Shannon und mir die H�nde auf den R�cken. Ich sp�rte, wie Shannons Spannung weiter stieg, und warf ihm einen fast flehenden Blick zu. Zu meiner Erleichterung machte er keinerlei Anstalten, sich zu wehren. Erst als wir beide sicher gebunden waren und die L�ufe der beiden Gewehre im R�cken versp�rten, lie�en die vier verbliebenen Marinesoldaten ihre Waffen sinken.</p><p>Harmfeld hob abermals die Hand, und zwei der M�nner liefen durch die niedrige Brandung zu einer flachr�mpfigen Pinasse hin�ber, die zwischen den sch�bigen Fischerbooten der Dorfbewohner d�mpelte. Das Schiff fiel mir erst jetzt auf. Ebenso wie das Emblem an seinem Bug.</p><p>�berrascht wandte ich mich an Harmfeld. �Die niederl�ndische Marine?� fragte ich. �Was, in drei Teufels Namen, hat das zu bedeuten? Was suchen Sie hier?�</p><p>Harmfeld l�chelte kalt. �Nichts. Eigentlich ist es ein purer Zufall, da� wir Krakatau angelaufen haben. Aber ich w�rde Sie auch aufh�ngen, wenn ich zur transsylvanischen Gebirgsmarine geh�rte, Craven. Eldekerk war ein pers�nlicher Freund von mir.�</p><p>�Sie irren sich!� protestierte ich verzweifelt. �Sie...�</p><p>Harmfeld unterbrach mich mit einem Sto� in den R�cken, der mich vorw�rtstaumeln lie�. �Erz�hlen Sie das alles dem Gouverneur von Borneo�, sagte er. �Und jetzt gehen Sie, ehe meine Geduld endg�ltig ersch�pft ist.�</p><p>Angetrieben von den harten St��en des Gewehrlaufes in meinem R�cken, stolperte ich durch die eiskalte Brandung, kletterte ungeschickt und durch meine auf den R�cken gebundenen H�nde arg behindert an Bord der Pinasse und lie� mich in ihrem Heck nieder. Shannon nahm neben mir Platz, und nach Harmfeld stiegen auch die Soldaten der Reihe nach in das Schiffchen.</p><p>Zwei von ihnen nahmen uns gegen�ber Platz und zielten weiter mit ihren Gewehren auf unsere Gesichter, w�hrend die anderen nach den Riemen griffen und kr�ftig zu pullen begannen. Rasch drehte sich das Schiffchen in die Brandung und begann, sich von der K�ste zu entfernen.</p><p>Erst in diesem Augenblick entdeckte ich das Schiff.</p><p>Es war sehr gro�; ein Dreimaster, der vor Waffen nur so starrte und weniger als eine halbe Meile vor der K�ste lag. Ich hatte ihn bisher nicht gesehen - was allerdings in Anbetracht der Umst�nde nur zu verst�ndlich war. Das mu�te die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>sein, von der Harmfeld gesprochen hatte.</p><p>�Ihr Schiff?� Die Frage war h�chst �berfl�ssig, aber Harmfeld antwortete trotzdem darauf. �Ja. Sie werden es bald kennenlernen.�</p><p>�Das glaube ich nicht�, sagte Shannon ruhig.</p><p>Harmfeld blinzelte. Ich sah, wie sich der Mann neben ihm spannte und den Kolben seines Gewehres ein wenig fester umklammerte.</p><p>�Wie meinen Sie das?� fragte Harmfeld lauernd.</p><p>Shannon l�chelte. �Ich meine�, antwortete er, �da� es genug ist. Wir sind weit genug von der K�ste entfernt. Sie k�nnen uns die Fesseln abnehmen.�</p><p>Harmfeld starrte ihn an. Sein Unterkiefer klappte herunter, als wolle er etwas sagen, aber dann brachte er nur einen kr�chzenden Laut zustande.</p><p>Der ruhige, beinahe monotone Klang von Shannons Stimme h�tte mich warnen m�ssen, aber ich begriff erst, was er tat, als Harmfelds Blick erlosch und die Gesichtsz�ge der beiden Bewaffneten erschlafften, als h�tten sie pl�tzlich jegliche Kontrolle �ber ihre Muskeln verloren.</p><p>�Legt die Waffen weg und nehmt uns die Fesseln ab�, sagte Shannon, und diesmal war seine Stimme nicht mehr sanft und freundlich, sondern von einem so harten, suggestiven Klang, da� selbst ich die Ausstrahlung seiner hypnotischen Macht sp�rte: eine Woge unsichtbarer, knisternder Kraft, die an mir vor�berbrandete und den letzten Rest freien Willens, der den M�nnern vor uns verblieben sein mochte, wie eine Flutwelle zerschmetterte.</p><p>�Tut, was... der Mann sagt�, sagte Harmfeld stockend.</p><p>Die beiden M�nner mit den Gewehren standen auf, mit Bewegungen, die mehr an die von Puppen als an die lebender Menschen erinnerten. Wortlos warfen sie ihre Gewehre �ber Bord, traten hinter Shannon und mich und l�sten die Stricke, die unsere Handgelenke hielten.</p><p>Shannon nahm aufatmend die H�nde vom R�cken und begann seine Gelenke zu massieren, um das gestaute Blut wieder in Flu� zu bringen. Sein Blick wich dabei keine Sekunde von dem Harmfelds. �Gut�, fuhr er fort, noch immer in dem gleichen, monotonen Ton, �und jetzt springt �ber Bord. Alle.�</p><p>Ich wollte auffahren, aber ich kam nicht dazu, denn Shannon schien die Bewegung zu sp�ren, ehe ich sie �berhaupt begonnen hatte. Sein Kopf ruckte herum, und f�r den Bruchteil einer Sekunde war <emphasis>ich </emphasis>es, der die ganze hypnotische Macht seines Blickes sp�rte. Kraftlos sank ich zur�ck auf die harte Bank und sah zu, wie Harmfeld und seine Leute gehorsam wie Marionetten aufstanden - und einer nach dem anderen �ber Bord sprang!</p><p>Erst, als auch der letzte Matrose im Wasser war, fiel der l�hmende Bann von mir ab. Mit einem Schrei sprang ich auf, verlor auf dem schwankenden Boden den Halt und fiel der L�nge nach hin.</p><p>Shannon lachte leise, beugte sich vor und streckte die Hand aus, um mir aufzuhelfen. Ich funkelte ihn an, schlug seinen Arm beiseite und stemmte mich aus eigener Kraft hoch.</p><p>�Bist du wahnsinnig?� keuchte ich. �Die M�nner werden ertrinken. Du ...�</p><p>�Das werden sie nicht�, widersprach Shannon. �Es sind Seeleute, oder? Und wir brauchen das Boot.� Er sagte es in einem Ton, als w�ren diese Worte allein Entschuldigung genug. Das hie� - nein, nicht Entschuldigung: <emphasis>Grund.</emphasis> Shannon brauchte keine Entschuldigung f�r das, was er tat. Eine Sekunde lang starrte ich ihn wie vor den Kopf geschlagen an, dann fuhr ich herum und blickte zu Harmfeld und seinen M�nnern. Sie waren ein gutes St�ck zur�ckgefallen, denn das Boot war mittlerweile in den Griff der Str�mung geraten und glitt rasch weiter ins offene Meer hinaus und dabei weg von der <emphasis>Zuidermaar. </emphasis>Harmfeld und das halbe Dutzend Matrosen schwammen nach Kr�ften, und nachdem ich sie einen Moment lang beobachtet hatte, war ich ziemlich sicher, da� sie die Strecke bis zu ihrem Schiff schaffen w�rden. Au�erdem hatte man auf der <emphasis>Zuidermaar</emphasis> sicherlich beobachtet, was hier vorgefallen war, und w�rde ihnen ein Boot entgegenschicken. Aber das �nderte nichts.</p><p>�Du ... du mu�t wahnsinnig geworden sein!� stammelte ich. �Wir wissen nicht einmal genau, was diese M�nner von uns wollten!�</p><p>�So?� Shannon verzog ver�chtlich die Lippen. �Mir reicht, was ich geh�rt habe. Wer wei߫, er zuckte mit den Achseln, �vielleicht sind sie sogar Freunde Tergards. Aber das spielt keine Rolle.� Er grinste, lie� die Hand auf die Ruderbank neben sich klatschen und griff nach einem der Riemen. �Wir sind in die Stadt gekommen, weil wir ein Boot brauchten�, fuhr er fort, w�hrend er mit der anderen Hand auf einen zweiten Riemen wies und mir ungeduldig bedeutete, danach zu greifen. �Wir haben ein Boot. Alles andere z�hlt nicht.�</p><p>Ich starrte ihn an, noch immer schier unf�hig, zu glauben, was ich erlebt und geh�rt hatte. �Was ist mit dir geschehen, Shannon?� murmelte ich. �Mein Gott, was... was hat Necron dir angetan, das dich so ver�ndert hat?�</p><p>Shannon runzelte die Stirn. �Mit mir ist gar nichts geschehen, Robert�, sagte er. �Aber ich f�rchte, mit dir. Du wirst weich, und das ist etwas, das wir uns nicht leisten k�nnen. Mu� ich dich daran erinnern, da� mehr auf dem Spiel steht als das Leben ein paar gr��enwahnsinniger Seeleute?�</p><p>Ich wollte antworten, aber ich wurde abermals davon abgehalten - und diesmal auf eine so drastische Art, da� ich alles, was ich Shannon ins Gesicht hatte schleudern wollen, unverz�glich verga�.</p><p>Ein dumpfer, seltsam trockener Donnerschlag rollte �ber das Meer zu uns heran, und eine halbe Sekunde sp�ter l�ste sich von der Reling der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>eine kleine wei�e Dampfwolke und zerstob im Wind.</p><p>Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, da� man an Bord des Kriegsschiffes tats�chlich beobachtet haben mu�te, was Shannon getan hatte. Und da� man keineswegs gewillt schien, uns ungeschoren davonkommen zu lassen. Pr�zise ausgedr�ckt, brauchte ich genau zwei Sekunden, bis diese Erkenntnis in mein Bewu�tsein drang.</p><p>Genau so lange, wie die erste Kanonenkugel ben�tigte, die Distanz von der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>zu uns zu �berwinden und zwei Yards neben der Pinasse ins Wasser zu klatschen. Ich verga� Shannon und Necron und mein ungl�ubiges Entsetzen, packte den Riemen fester und ruderte um mein Leben.</p><p>Die Tauchkammer war von sanftem elektrischen Licht erf�llt, und das Pochen der Maschinen klang hier unten viel lauter und aggressiver als oben im Salon. Das Ger�usch vermischte sich mit dem Gluckern und Rauschen des Wassers, das durch die offene Bodenschleuse eingedrungen war und nun von den starken Elektropumpen der NAUTILUS wieder hinausgepre�t wurde, aber Howard h�rte es kaum. Gebannt starrte er auf die schlanke Gestalt, die sich dicht unter der Wasseroberfl�che wand und bewegte.</p><p>Etwas war nicht in Ordnung. Nemo, Rowlf und er standen auf der schmalen Galerie, die sich dicht �ber dem mit Wasser gef�llten Teil der Tauchkammer dahinzog, und das Licht, das sich auf der Wasseroberfl�che spiegelte und brach, machte es beinahe unm�glich, mehr als einen Schemen zu erkennen. Trotzdem sah er, wie sich die Frauengestalt wie unter Schmerzen wand. Ihr Gesicht zuckte und schien sich zu einer Grimasse zu verzerren, und aus dem Wasser drangen schreckliche, gurgelnde T�ne, die Howard schaudern lie�en.</p><p>�Da stimmt was nicht�, sagte er. �Ich gehe hinunter.� Er wollte sich umwenden und unverz�glich die schmale Eisentreppe hinuntereilen, aber Nemo hielt ihn zur�ck.</p><p>�Warte�, sagte er. Howard gehorchte, wenn auch mit gemischten Gef�hlen. Seine Finger schmiegten sich nerv�s um das schmale Eisengel�nder, w�hrend er sich vorbeugte. Der Wasserspiegel sank jetzt rasend schnell. Schon nach wenigen Augenblicken war die M�dchengestalt auf dem Grunde der Tauchkammer deutlicher zu erkennen, dann zog sich das Wasser vollends zur�ck und gab eine zusammengekauerte, <emphasis>blauh�utige </emphasis>Gestalt frei.</p><p>Aber das war es nicht, was Howard f�r Sekunden an seinem Verstand zweifeln lie�. Es war vielmehr der Anblick der schlanken, wohlproportionierten <emphasis>Beine </emphasis>des M�dchens - Beine, die dort waren, wo Nemo und Rowlf und er noch vor Minuten einen gewaltigen, schuppenbedeckten Fischschwanz gesehen hatten!</p><p>�Das gibt's doch nich!� keuchte Rowlf. �Das... das is doch unm�glich! Ich spinn doch nich!�</p><p>Howard achtete gar nicht auf seine Worte, sondern war mit zwei, drei raschen S�tzen die Treppe hinunter und bei dem M�dchen. Durch seine �bergro�e Hast verlor er auf dem schl�pfrig gewordenen Metall des Bodens die Balance und fiel mehr neben ihr hin, als er sich kniete, aber auch das registrierte er kaum.</p><p>Sein Unglauben und Staunen hatte einem l�hmenden, eisigen Entsetzen Platz gemacht, als er begriff, warum die schlanke Frauengestalt in so sonderbar verkr�mmter Haltung vor ihm kauerte, was das krampfhafte Zucken und Beben ihrer Schultern zu bedeuten hatte...</p><p>Das M�dchen starb!</p><p>Die w�rgenden, schrecklichen Laute, die er geh�rt und f�r das Ger�usch des abflie�enden Wassers gehalten hatte, kamen in Wirklichkeit aus ihrer Kehle; Laute, wie sie ein Mensch aussto�en mochte, der qualvoll ertrank oder erstickte.</p><p>Mit bebenden H�nden griff Howard nach ihren Schultern. Die Haut des M�dchens f�hlte sich eiskalt an, gar nicht wie die eines Menschen, sondern vielmehr wie die eines Fisches oder einer Schlange, und ihr Haar, das jetzt in unansehnlichen, verklebten Str�hnen an ihrem Kopf klebte, kam ihm f�r Augenblicke viel mehr wie grober Tang denn wie menschliches Haar vor. Zwischen ihren Fingern spannten sich feine, durchscheinende Schwimmh�utchen, und an den Seiten ihres Halses verliefen vierfache Reihen d�nner, gerader Schlitze, die Howard im ersten Moment f�r schlecht verheilte Schnittwunden hielt, bis er begriff, da� es <emphasis>Kiemen </emphasis>waren.</p><p>Das Gesicht des M�dchens war zu einer Grimasse der Pein verzerrt, als es den Kopf hob und Howard ansah. In ihren Augen loderte ein Schmerz, der Howard schaudern lie�; ihre Lippen bewegten sich in einer Art, die Howard auf schreckliche Weise an das vergebliche Luftschnappen eines Fisches erinnerte, der unversehens auf das Trockene geraten ist, aber nicht der geringste Laut kam �ber ihre Lippen. Sie zitterte, zuckte wie unter einem Krampf zusammen und fiel zur Seite. Howard konnte sie im letzten Moment auffangen, ehe sie auf den harten Metallboden prallte.</p><p>�Sie stirbt!� schrie er entsetzt. �Nemo - ruf Doktor Obote. Um Himmels willen - <emphasis>schnell!� </emphasis>Aber er wu�te im selben Moment, in dem er die Worte sprach, da� der Bordarzt der NAUTILUS zu sp�t kommen w�rde. Das M�dchen hatte bestenfalls noch Sekunden zu leben. Ihre Bewegungen wurden bereits schw�cher, und der Blick ihrer dunklen, aquamarinblauen Augen begann sich zu verschleiern.</p><p>Und dann geschah das Unfa�bare:</p><p>Vor Howards ungl�ubig geweiteten Augen begann sich der K�rper der jungen Frau zu ver�ndern, auf eine unglaubliche, bizarre Weise. Der bl�uliche Ton ihrer Haut verbla�te zum blassen Teint ganz normaler, menschlicher Haut, ihr Haar gl�ttete sich und wurde gleichzeitig auf unheimliche Weise feiner und seidiger, die Schwimmh�ute zwischen ihren Fingern verschwanden, und innerhalb einer einzigen Sekunde gl�ttete sich ihr Hals; die Kiemen�ffnungen waren fort, als h�tte es sie niemals gegeben.</p><p>Und dann hob sich ihre Brust in einem ersten, qualvollen Atemzug.</p><p>�Gro�er Gott!� keuchte Nemo. Er war herumgefahren und hatte die Kammer schon halbwegs verlassen, war jedoch unter der T�r noch einmal stehengeblieben und ebenso wie Rowlf und Howard selbst Zeuge der phantastischen Ver�nderung geworden, die mit dem M�dchen vonstatten gegangen war. Howard sah, wie sich ein Schatten hinter ihm bewegte und ein neugieriges Augenpaar �ber seine Schultern zu blicken versuchte.</p><p>�Schlie� die T�r, Nemo�, sagte er hastig. Dann wandte er sich wieder der M�dchengestalt zu, schl�pfte mit einer fahrigen Bewegung aus seinem Rock und legte ihn wie eine Decke um ihre blo�en Schultern; danach st�tzte er sie behutsam.</p><p>Die Lider des M�dchens �ffneten sich. Ihr Blick war wieder klar, und der Ausdruck von Schmerz war aus ihren Augen gewichen.</p><p>Aber nur er, dachte Howard schaudernd. Die Angst war geblieben. Angst wovor?</p><p>Erneut versuchte das M�dchen zu sprechen, aber wieder bekam es nur eine Anzahl w�rgender, m�hsamer T�ne hervor. Mit einer schw�chlichen Bewegung befreite es sich aus Howards Umarmung, setzte sich auf und machte eine vage, nicht zu deutende Geste mit der Hand.</p><p>�Beruhigen Sie sich�, sagte Howard rasch. �Es besteht kein Grund mehr, Angst zu haben, Mi�. Der Doktor wird gleich kommen.�</p><p>Das M�dchen sch�ttelte den Kopf. �Keinen... Arzt�, sagte sie. �Ich brauche nur... ein wenig Ruhe.�</p><p>Howard nickte, stand auf und winkte Rowlf zu sich herab. �Bring sie in Nemos Kabine�, sagte er.</p><p>Aber wieder wehrte das dunkelhaarige M�dchen ab, als sich Rowlf nach ihr b�cken und sie hochheben wollte.</p><p>�Dazu ist jetzt keine Zeit�, sagte sie, Ihre Stimme klang gehetzt; sie atmete schwer wie ein Mensch, der bis zum Zusammenbruch gerannt war. Aber Howard war sicher, da� das nicht an der phantastischen Verwandlung lag, deren Zeuge sie geworden waren. Das M�dchen hatte Angst. Panische Angst.</p><p>�Ich mu� mit Mister Lovecraft sprechen�, sagte sie pl�tzlich. �Sind Sie Lovecraft?�</p><p>Howard nickte �berrascht. �Woher... kennen Sie mich?� fragte er.</p><p>�Robert hat von Ihnen erz�hlt�, antwortete das M�dchen. �Er sagte, Sie w�ren sein Freund, und ich k�nnte mich an Sie wenden, wenn ich Hilfe brauchte.�</p><p>�Hilfe?� Howard blinzelte verwirrt. �Wobei?�</p><p>�Es geht nicht um mich, Mister Lovecraft�, antwortete das M�dchen. �Es ist Robert, der Hilfe braucht. Er ist in Gefahr und nicht nur er. M�glicherweise...� Sie stockte, einen ganz kurzen Moment nur, aber doch so, da� Howard es h�rte und richtig deutete. �... m�glicherweise die ganze Welt, Mister Lovecraft.�</p><p>Eine Sekunde lang starrte Howard noch verwirrt auf das dunkelhaarige M�dchen hinab, dann richtete er sich mit einem Ruck auf und nickte Rowlf zum zweiten Male auffordernd zu.</p><p>�Bring sie in Nemos Kabine�, sagte er noch einmal. �Schnell.�</p><p>Die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>hatte noch drei weitere Sch�sse auf uns abgegeben. Keiner war auch nur in gef�hrlicher N�he des Bootes eingeschlagen, und jetzt, nachdem der erste Schrecken vor�ber war und ich Zeit gefunden hatte, zu mir selbst zu kommen und �ber die Dinge nachzudenken, war ich ziemlich sicher, da� sie auch nicht hatten treffen <emphasis>sollen. </emphasis>Es w�re dem riesigen Kriegsschiff wahrscheinlich ein leichtes gewesen, uns mit einer vollen Breitseite seiner m�glicherweise antiquierten, nichtsdestotrotz aber �u�erst wirkungsvollen Zw�lfpf�nder zu versenken.</p><p>Nein - die vier Kanonenkugeln, die man uns nachgeschickt hatte, waren nicht mehr als eine Warnung gewesen. Man wollte uns lebend.</p><p>Ich teilte das Ergebnis meiner �berlegungen Shannon mit, aber er zuckte nur mit den Achseln und forderte mich ziemlich grob auf, weiter zu rudern und meinen Atem f�r wichtigere Dinge aufzusparen.</p><p>Shannon hatte sich ver�ndert, das war mir schon vor geraumer Zeit aufgefallen. Aber erst die unglaubliche Brutalit�t, mit der er Harmfeld und seine M�nner gezwungen hatte, �ber Bord zu springen und durch die haifischverseuchten Gew�sser Krakataus zur <emphasis>Zuidermaar</emphasis> zu schwimmen, hatte mir mit aller Deutlichkeit vor Augen gef�hrt, <emphasis>wie</emphasis> stark diese Ver�nderung war. Der schwarzgekleidete, blonde junge Mann, dem ich gegen�bersa�, war nur noch �u�erlich der Shannon, den ich kennengelernt und der mir zweimal das Leben gerettet hatte, ohne auf sein eigenes R�cksicht zu nehmen. War es wirklich nur Necrons Einflu�, den ich beobachtete? dachte ich schaudernd. Und wenn, w�rde es ihm je gelingen, wieder zu dem warmherzigen, stets zu einem L�cheln bereiten jungen Mann zu werden, als den ich ihn kennengelernt hatte?</p><p>Wir n�herten uns der K�ste, und die Brandung begann sich st�rker bemerkbar zu machen, so da� ich f�r die n�chste Viertelstunde voll und ganz damit besch�ftigt war, das Boot wenigstens notd�rftig auf Kurs zu halten und gleichzeitig auf die Felsen und Riffe zu achten, die diesem Teil Krakataus vorgelagert waren und wie steinerne Z�hne darauf warteten, sich in den Rumpf unserer Pinasse bohren zu k�nnen. Das Schiff war schwer zu navigieren, denn es war f�r eine weitaus gr��ere Mannschaft gebaut; ohne Shannons schier �bermenschliche Kr�fte w�ren wir wahrscheinlich - wieder einmal - verloren gewesen.</p><p>Schlie�lich erreichten wir das Ufer, durchn��t bis auf die Haut und v�llig ersch�pft, aber unbeschadet, an einer Stelle, die kaum drei nautische Meilen vom Hafen und der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>entfernt war, aber durch eine weit ins Meer vorspringende Felsbarriere und das an dieser Stelle sehr seichte Wasser vor einer Verfolgung durch das Kriegsschiff sicher.</p><p>Ersch�pft stieg ich aus dem Boot und wollte mich in den nassen Ufersand sinken lassen, um Atem zu sch�pfen, aber Shannon g�nnte mir nicht die geringste Verschnaufpause, sondern bestand darauf, da� wir die Pinasse den Strand hinauf und in die Deckung einiger B�sche zerrten, die dem eigentlichen Dschungel an dieser Stelle vorgelagert waren - eine Aufgabe, die meine Kr�fte schier zu �bersteigen drohte. Als wir fertig waren und das kleine Schiff wenigstens vor einer Entdeckung vom Meer her sicher, war ich mit meinen Kr�ften vollends am Ende. Shannon mu�te mich st�tzen, damit ich die Sicherheit des Waldes erreichte.</p><p>Danach tat er irgend etwas an meinem Hals - was, bekam ich nicht einmal mit, ersch�pft und ausgelaugt, wie ich war -, aber hinterher f�hlte ich mich, wenn auch nicht wie neugeboren, so doch wesentlich besser.</p><p>Ich wollte aufstehen, aber Shannon schob mich mit sanfter Gewalt zur�ck und sch�ttelte den Kopf. �Bleib sitzen�, sagte er. �Ruh dich erst einmal richtig aus. Wir haben Zeit genug.� Er runzelte die Stirn und fuhr in deutlich ver�rgertem Tonfall fort: �Vor dem Dunkelwerden w�re es zu riskant, weiterzufahren. Dieses verdammte Schiff ist wirklich im allerung�nstigsten Augenblick aufgetaucht.�</p><p>�Ich verstehe das alles nicht�, gestand ich. �Was soll das bedeuten - Eldekerk tot und wir schuld daran?�</p><p>�Du�, korrigierte mich Shannon sanft und fuhr, so hastig, als h�tte er etwas gesagt, was er eigentlich nicht hatte sagen wollen, fort: �Ich wei� es so wenig wie du, Robert. Vielleicht ein letzter Gru� unseres Freundes Tergard.�</p><p>�Tergard ist tot�, erinnerte ich.</p><p>�M�glicherweise ist einer seiner M�nner entkommen.� Shannon zuckte mit einem Desinteresse, von dem ich sehr sicher war, da� er es nicht blo� heuchelte, die Achseln. �Dich eines Mordes zu bezichtigen, scheint mir eine ziemlich elegante Methode, dich aus dem Weg zu r�umen. Aber das braucht uns alles nicht zu k�mmern. Sobald die Sonne untergegangen ist, fahren wir zu der Bucht, die Eldekerk mir gezeigt hat, und schnappen uns Dagon. Und danach verschwinden wir auf Nimmerwiedersehen von dieser verdammten Insel.�</p><p>Ich antwortete nicht darauf, sondern lie� mich zur�cksinken, lehnte den Kopf gegen die rauhe Rinde eines Baumes und schlo� f�r Sekunden die Augen. Shannons Worte hatten mir wieder den Grund in Erinnerung gerufen, aus dem wir �berhaupt hierhergekommen waren in dieses gottverlassene Kaff an der Ostk�ste Krakataus, von dem ich nicht einmal den Namen wu�te.</p><p>Das, was wir in der verlassenen Garnison erlebt hatten, hatte uns recht drastisch vor Augen gef�hrt, wie naiv unser Vorhaben, einfach in Dagons unterirdisches Reich zu spazieren und ihm auf die Finger klopfen zu wollen, gewesen war.</p><p>Im Grunde hatte es keiner von uns wirklich gewollt, vielmehr war es einfach so gewesen, da� wir beide nicht so recht weitergewu�t hatten. Schlie�lich hatte Shannon vorgeschlagen, ein Boot zu besorgen und zu der verborgenen Bucht auf der anderen Seite der Insel hinauszufahren, in der Dagon Nacht f�r Nacht erschien, um sich mit den Meeresd�monen zu treffen.</p><p>Der Gedanke f�hrte mir schmerzhaft ins Bewu�tsein, wie wenig wir im Grunde �ber die Wesen wu�ten, die die wahren Herren dieser Insel waren. Und wie aussichtslos unser Kampf...</p><p>Ich kam nicht dazu, den Gedanken weiter zu verfolgen. Die Anstrengungen der letzten Stunden machten sich mit Macht bemerkbar, und die W�rme, die selbst hier im Dschungel herrschte, tat ein �briges. Ich schlief ein.</p><p>�Trinken Sie das�, sagte Nemo. �Es wird Ihnen guttun.� Er l�chelte auffordernd, als Jennifer z�gerte, nach dem Glas mit Portwein zu greifen, das er ihr hinhielt, und schlie�lich �berwand das M�dchen seine Hemmungen, griff nach dem geschliffenen Kristallglas und nahm einen beachtlichen Zug daraus.</p><p>�Danke�, sagte sie. �Sie haben recht. Es tut wirklich gut.� Sie reichte Nemo das Glas zur�ck, schmiegte sich enger gegen das weiche Leder der Couch, auf der sie Platz genommen hatte, und zog die Beine an den K�rper. Die Decke, die Nemo ihr gereicht hatte, verrutschte dabei ein wenig; hastig zog sie sie wieder enger zusammen. Nemo hatte sich angeboten, ihr Hosen und Hemd eines kleinw�chsigen Besatzungsmitgliedes bringen zu lassen, dessen Figur der ihren - wenigstens, was die Gr��e anging - nahekam, aber sie hatte es abgelehnt. Trotzdem hatte Howard den sicheren Eindruck, da� sie fror, obgleich es in Nemos Kabine eher zu warm als zu kalt war.</p><p>�Und nun erz�hlen Sie, Jennifer�, begann er. �Das war doch Ihr Name?�</p><p>Jennifer nickte. �Jennifer Borden, genau gesagt. Aber Jennifer reicht vollkommen.�</p><p>�Borden?� Howard runzelte die Stirn und tauschte einen raschen, fragenden Blick mit Rowlf. �War das nicht der Name, den Robert...�</p><p>�Er kannte meine Mutter�, unterbrach ihn Jennifer rasch. �Ich bin Several Bordens Tochter.�</p><p><emphasis>�Diese </emphasis>Jennifer?� entfuhr es Nemo. �Aber nat�rlich - warum bin ich nicht gleich darauf gekommen, ich Narr? Nach dem, was ich vor einer halben Stunde gesehen habe, k�nnen Sie niemand anderes sein. Robert hat von Ihnen erz�hlt.�</p><p>�Aber er hat nicht gesagt, wozu Sie f�hig sind�, f�gte Howard hinzu. �Ich mu� sagen, ich bin nicht leicht zu beeindrucken, aber Sie haben es geschafft.�</p><p>�Ich wu�te es selbst nicht�, gestand Jennifer. �Dagon hat... irgend etwas mit mir getan. Es... begann nach unserer R�ckkehr von der Dagon.�</p><p>�Der <emphasis>was!� </emphasis>Nemo fuhr wie von der Tarantel gestochen auf.</p><p>�Sie wollen sagen, da� Sie dieses Schiff gesehen haben? Es existiert also wirklich?�</p><p>�Nicht mehr�, antwortete Jennifer. Aus einem Grund, den sich Howard nicht erkl�ren konnte, klang ihre Stimme bei diesen Worten sehr traurig. �Sie wurde zerst�rt, kurz nachdem wir von Bord gegangen sind.� Sie schwieg einen Moment, und ihr Blick verschleierte sich, als br�chten die Worte Erinnerungen mit sich, die ihr Pein bereiteten. Dann sah sie auf, blickte Howard f�r einen endlosen Augenblick durchdringend und mit undeutbarem Ausdruck an und begann zu erz�hlen. Es war eine sehr lange Geschichte. Sie begann mit dem Abend, an dem sie von McGillycaddy und ihrem eigenen Vater auf Loch Firth ausgesetzt und Dagons Bekanntschaft gemacht hatte, berichtete von ihrem Zusammentreffen mit Robert und dem Exodus der Einwohner des kleinen K�stendorfes. Sie erz�hlte von der Irrfahrt der <emphasis>Dagon </emphasis>und dem verzweifelten Kampf gegen die Drachenkrieger, die so pl�tzlich aus dem Nichts aufgetaucht waren. Als sie vom Tod ihrer Mutter berichtete, lief eine einzelne, glitzernde Tr�ne �ber ihre Wange, aber sie sprach tapfer weiter und fing sich bereits nach wenigen Augenblicken wieder.</p><p>�Die... die Ver�nderung begann, als wir zur�ck waren�, schlo� sie. �Ich wei� nicht, was es ist, Mister Lovecraft. Ich wei� nicht einmal, ob Dagon es so gewollt hat oder was aus mir werden wird. Aber seither bin ich f�hig, unter Wasser zu atmen und schneller zu schwimmen als ein Fisch. Ich... ich f�hle mich unwohl, wenn ich an Land bin. Vielleicht kann ich eines Tages �berhaupt nur noch im Wasser leben.�</p><p>F�r eine lange, endlose Minute herrschte v�lliges Schweigen in der kleinen Kabine. Schlie�lich r�usperte sich Howard h�rbar. �Das... ist eine sehr beeindruckende Geschichte�, begann er.</p><p>�Aber Sie glauben sie nicht�, sagte Jennifer.</p><p>Howard l�chelte nerv�s. �Es f�llt mir schwer�, gestand er.</p><p>�Auch verstehe ich nicht, warum Robert mit Dagon gegangen ist.�</p><p>�Sie... wissen es wirklich nicht?� fragte Jennifer. �Sie wissen nicht, womit Dagon Robert gezwungen hat, ihn an Bord seines Schiffes zu begleiten?�</p><p>Howard sch�ttelte stumm den Kopf.</p><p>�Sie�, sagte Jennifer. �Ihr Leben, Mister Lovecraft. Ihres und das Ihrer Freunde auf diesem Schiff hier. Das war der Preis daf�r, da� Robert mit Dagon ging. Ich war dabei, als er diesen Handel schlo�.�</p><p>Howard starrte sie an. Er f�hlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Jennifer wandte sich an Nemo. �Glauben Sie wirklich, Sie h�tten den <emphasis>Shoggoten </emphasis>besiegt, den Dagon gegen die NAUTILUS eingesetzt hatte?� fragte sie. �Es war Dagon, der ihn zur�ckrief. Sie haben ihn verletzt, aber er h�tte Sie und Ihr Schiff trotzdem noch vernichten k�nnen, wenn er gewollt h�tte.�</p><p>�Was soll das?� fragte Howard scharf. �Sind Sie nur gekommen, um uns zu erz�hlen, was f�r ein herzensguter Mensch Dagon in Wahrheit ist?�</p><p>Jennifer l�chelte sehr traurig, sch�ttelte den Kopf und wischte sich eine Str�hne ihres pechschwarzen Haares aus der Stirn. �Nein�, antwortete sie. �Das ist er sicher nicht. Wahrscheinlich ist er nicht einmal ein Mensch. - Aber ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen �ber Dagon zu sprechen, Kapit�n. Jedenfalls nicht nur.�</p><p>�Was dann?� fragte Nemo.</p><p>Diesmal z�gerte Jennifer sichtlich, ehe sie antwortete, und als sie es tat, sah sie Howard dabei an, nicht Nemo. �Ich will zu Dagon�, sagte sie. �Und Sie k�nnen mich hinbringen. Nur Sie.�</p><p>Howard �chzte. �Sie... Sie wollen, da� wir...�</p><p>�Ich sagte bereits�, unterbrach ihn Jennifer, �da� es auch um Robert geht. Sie wollen ihn wiederfinden, nicht? Aber Sie wissen nicht, wo er ist. Ich wei� es.�</p><p>�Und daf�r, da� Sie uns sagen, wo Craven ist, sollen wir Sie zu Dagon bringen?� fragte Nemo sp�ttisch. �Sie sind verr�ckt, Kindchen. Was wollen Sie von diesem Monstrum? Reicht Ihnen noch nicht, was er Ihnen und Ihrer Mutter angetan hat?�</p><p>�Das ist meine Sache�, antwortete Jennifer heftig. �Sie w�rden es nicht einmal verstehen, wenn ich es Ihnen erkl�ren w�rde, Nemo.�</p><p>Nemo wollte auffahren, aber Howard beendete den drohenden Streit, ehe er wirklich beginnen konnte, und fragte: �Sie schlagen uns also ein Gesch�ft vor, wenn ich Sie richtig verstehe? Wir bringen Sie zu Dagon, und Sie sagen uns daf�r, wo Robert ist.�</p><p>Jennifer nickte. Die Bewegung wirkte irgendwie trotzig. �Wenn Sie es so nennen wollen...�</p><p>�Was sollte uns daran hindern, Ihr Angebot abzuschlagen und Robert Craven auf eigene Faust zu suchen?� fragte Nemo.</p><p>Jennifers L�cheln verriet Howard, da� sie genau auf diese Frage gewartet hatte. �Ich gebe Ihnen mein Wort, Kapit�n Nemo�, sagte sie betont, �da� Sie ihn nicht finden w�rden. Au�erdem bliebe Ihnen nicht mehr genug Zeit, alle Weltmeere nach einem einzelnen Mann abzusuchen.�</p><p>Nemo erbleichte, war aber gottlob klug genug, nicht auf die unausgesprochene Herausforderung in Jennifers Worten einzugehen.</p><p>�Was meinen Sie damit�, fragte er, �uns bleibt keine Zeit?�</p><p>�Robert Craven befindet sich nicht in dieser Zeit�, antwortete Jennifer. �Das magische <emphasis>Tor </emphasis>auf der <emphasis>Dagon </emphasis>hat ihn um etwas mehr als zwei Jahre in die Vergangenheit versetzt, Kapit�n Nemo. Genau wie Dagon.�</p><p>�In die Vergangenheit?� �chzte Nemo.</p><p>�Und wenn ich Ihnen sage, an welchen Ort, werden Sie begreifen, was ich gemeint habe, als ich sagte, es w�re nicht mehr sehr viel Zeit. Ich meine es ernst.� Sie brach ab, legte eine ganz genau bemessene Pause ein und wandte sich an Howard. �Nun?�</p><p>�Ich... kann das nicht entscheiden�, antwortete Howard ausweichend. �Die NAUTILUS ist nicht mein Schiff.� Jennifer antwortete nicht darauf, und pl�tzlich begriff Howard, wie sehr er dieses M�dchen untersch�tzt hatte. Ihre zarte Gestalt und das beinahe noch kindliche Gesicht hatten ihn get�uscht, aber hinter dem sanften Blick ihrer meerblauen Augen verbargen sich ein eiserner Wille und ein Verstand, der ganz genau wu�te, was er wollte. �In Ordnung�, sagte er schlie�lich. �Sagen Sie uns, wo wir hinfahren m�ssen.�</p><p>�Auf die andere Seite der Erde�, antwortete Jennifer. �Wie lange braucht Ihr Schiff, um siebzehntausend Meilen zur�ckzulegen, Kapit�n Nemo?�</p><p>�Siebzehntausend Meilen?� Nemo schrie fast. �Sie sind verr�ckt, Mi� Borden! Dieses Schiff wird keine siebzehnhundert Meilen mehr fahren, geschweige denn siebzehntausend! Die H�lfte unserer Maschinen ist schrottreif, und der Rest wird nur durch die Gebete unserer Mechaniker zusammengehalten. Die NAUTILUS mu� f�r mindestens zwei Wochen ins Dock.�</p><p>�Dann�, sagte Jennifer ruhig, �wird Robert Craven sterben, Nemo. Und sehr viele andere Menschen mit ihm.�</p><p>Howards Geduld war nun endg�ltig ersch�pft. W�tend trat er auf Jennifer zu und streckte den Arm aus, um sie bei den Schultern zu packen und wie ein st�rrisches Kind zu sch�tteln, tat es aber dann schlie�lich doch nicht, sondern beschr�nkte sich darauf, sie anzufahren: �Zum Teufel, Jennifer, was soll das? Wir sind hier nicht im Kindergarten und spielen Ratespielchen. Wo ist Robert?�</p><p>�In der Vergangenheit�, sagte Jennifer noch einmal. �Etwas mehr als zwei Jahre. Auf einer Insel namens Krakatau.� Das L�cheln in ihren Augen wurde beinahe b�sartig, als sie sich an Nemo wandte. �Sagt Ihnen dieser Name etwas, Kapit�n?�</p><p>Nemo antwortete nicht.</p><p>Aber Howard konnte sehen, wie er erbleichte.</p><p>Weniger als eine halbe Stunde sp�ter nahm die NAUTILUS zum zweiten Mal Fahrt auf und lief mit voller Kraft in die offene See hinaus.</p><p>Etwas an der Nacht war falsch.</p><p>Ich konnte das Gef�hl nicht in Worte fassen, aber es war da, �berdeutlich und so qu�lend wie ein Schmerz, der dicht unter der Grenze des F�hlbaren bohrt. Es schien, als w�re mit der Dunkelheit noch etwas aus dem Meer heraufgekrochen, etwas K�rperloses und Finsteres und B�ses, das sich stets in den Schatten hielt; ein Gef�hl, als w�ren wir von einer Armee unsichtbarer, lauernder Dinge umgeben, die stets verschwanden, kurz bevor man sie sehen konnte.</p><p>Ich versuchte den Gedanken zu verscheuchen und machte es damit eher noch schlimmer, und als ich zu Shannon aufsah, dessen Gesicht in der Nacht neben mir zu einer wei�en Fl�che geworden war, sp�rte ich auch seine Nervosit�t. Aber er sagte kein Wort.</p><p>So, f�gte ich in Gedanken hinzu, wie er seit meinem Erwachen am sp�ten Nachmittag kaum ein Wort mit mir gesprochen hatte. Shannon hatte mich erst geweckt, als die Sonne bereits den Horizont ber�hrt und der Dschungel sich in einen Dom aus blasser werdenden Farben und langen, greifenden Schatten verwandelt hatte.</p><p>Wir hatten das Boot aus seinem Versteck geholt und �ber einen Strand, der von der einsetzenden Ebbe auf das F�nffache seiner vorherigen Breite verl�ngert worden war, ins Meer hinausgeschoben. Dann waren wir hierhergerudert, um die halbe Breite der Insel herum, und die letzten anderthalb Meilen so dicht an der K�ste, da� es mir noch jetzt wie ein Wunder vorkam, da� wir nicht an einem der zahllosen Riffe oder der Steilk�ste selbst zerschmettert worden waren. Jetzt lag die kleine Pinasse hinter einer der beiden Felsnasen, die den Strand vor uns wie nat�rlich gewachsene Wehrmauern nach beiden Seiten abschirmten, sorgsam vert�ut und unter einigen hastig ausgerissenen B�schen und Palmbl�ttern verborgen, die sie zumindest w�hrend der dunklen Stunden vor einer Entdeckung vom Meer aus sch�tzen mochten.</p><p>Und vor uns lag die H�hle. Shannon hatte mir davon erz�hlt. Schon einmal war er auf diesem Wege in Dagons unterirdisches Reich eingedrungen, und genau das gleiche hatten wir wieder vor, sobald die Mitternacht vor�ber und Dagons unheimliche Besucher wieder im Meer verschwunden waren. Wie von selbst glitt mein Blick auf das Meer hinaus und suchte die winzigen irrlichternden Leuchtpunkte, die weit vor der K�ste aus der Nacht aufgetaucht waren. Shannon hatte mir davon erz�hlt, so detailliert, da� ich sie mir gut hatte vorstellen k�nnen. Und trotzdem erschreckte mich der Anblick bis ins Mark. Es waren nicht nur das Licht und die Schatten und die sonderbaren, an- und abschwellenden Laute, die ihr Auftauchen begleiteten und die an Lautst�rke gewannen, je mehr sich die Lichter und die bizarren Schattengebilde der K�ste n�herten. Es war ein Schrecken in ihnen, der irgend etwas tief am Grunde meiner Seele anr�hrte.</p><p>Wir warteten. Die Zeit schien tr�ge wie Sirup zu flie�en, und mein Herz begann vor Erregung schneller zu h�mmern, je n�her die unheimliche Flotte kam. Bald erkannte ich, da� es sich um ein gutes Dutzend absurder Gebilde handelte - Dinge, die wie eine reichlich mi�lungene Kreuzung zwischen skelettierten Riesentieren und irgend etwas Pflanzlichem aussahen und die von grotesken, kn�chernen Wesen mit langen Stangen durch das seichte Wasser gestakt wurden. Zwischen ihnen tanzte scheinbar schwerelos eine gro�e Anzahl kopfgro�er, in allen Farben des Regenbogens schillernder Kugeln auf dem Meer, und auch in den Booten selbst gewahrte ich gro�e Mengen davon. Der Anblick erinnerte mich an etwas, und es war eine Erinnerung, die deutlich mit dem Empfinden von Gefahr gepaart war. Aber ich vermochte sie nicht zu fassen. Shannon ber�hrte mich am Arm und deutete nach rechts zum Eingang der H�hle, der wie ein aufgerissenes steinernes Maul in der Felswand klaffte. Vor Augenblicken war er noch leer gewesen, aber jetzt stand eine dunkle, nur als schwarzer Schatten gegen einen lavagl�henden Hintergrund zu erkennende Gestalt dort.</p><p>�Dagon�, fl�sterte Shannon, so leise, da� ich das Wort kaum verstand.</p><p>Ich strengte nach Kr�ften meine Augen an, um die Gestalt vor dem H�hleneingang deutlicher erkennen zu k�nnen, sah aber weiterhin nichts als einen Schatten. Aber etwas an diesem Schatten war... sonderbar. Ich kannte Dagon zu gut, um seine h�nenhafte, breitschultrige Gestalt zu verwechseln, nicht einmal bei einer so schlechten Sicht wie jetzt. Und der Schatten dort dr�ben war ganz entschieden <emphasis>nicht </emphasis>der des Fischgottes. Sicher, auch er war ein Gigant; ein Riese, selbst noch gr��er als Shannon. Aber er wirkte irgendwie... deformiert. Zusammengestaucht und auf furchtbare, nicht zu beschreibende Weise verdreht und verzerrt, als h�tte jemand einen Klumpen Lehm genommen und versucht, eine menschliche Gestalt daraus zu formen, ohne auch nur die mindeste Ahnung von menschlichen Proportionen zu haben. Der Anblick lie� mich schaudern.</p><p>�Bist du sicher?� fl�sterte ich.</p><p>Shannon antwortete nicht, sondern machte eine unwillige Geste mit der Hand, die mir gebot, zu schweigen. Gebannt blickten wir auf die See hinaus.</p><p>Das Licht und der d�stere Gesang waren st�rker geworden, und die bizarren Schiffe kamen n�her. Obwohl wir kaum einen Steinwurf entfernt waren, konnte ich nicht genau erkennen, was geschah. Schatten wogten hin und her, Dinge bewegten sich auf dem Strand, und ein Chor d�sterer, auf bedr�ckende Weise angstmachender Stimmen mischte sich in das dumpfe H�mmern meines Herzens.</p><p>Es mu�te eine halbe Stunde dauern, vielleicht l�nger, bis sich die kn�cherne Armee wieder in die See zur�ckgezogen hatte.</p><p>Aber es war noch nicht zu Ende.</p><p>Ich wollte mich erheben, als das letzte Schiff in Nebel und Nacht verschwunden war, aber Shannon ber�hrte mich rasch an der Hand und sch�ttelte den Kopf. Dann deutete er, ohne ein Wort zu sagen, zum H�hleneingang hin�ber. Die Gestalt war verschwunden, nachdem sich die Schiffe wieder entfernt hatten, aber das steinerne Maul der H�hle war nicht leer. Zwei kleinere, schm�chtige Schatten waren vor dem roten Licht der brennenden Lava erschienen, die ich nach Sekunden als die M�nner identifizierte, die ich bei meinem ersten unfreiwilligen Besuch in Dagons unterirdischem Reich getroffen hatte. Sie taten nichts, sondern standen einfach nur da, die K�pfe gehoben und die Blicke auf das Meer gerichtet. Es sah aus, als warteten sie auf irgend etwas. Oder jemanden.</p><p>Shannon zerbi� einen Fluch auf den Lippen. �Verdammt noch mal, worauf warten die?� murmelte er. �Das war noch nie da.�</p><p>Ich schwieg. Der Gedanke, abermals in Dagons unterirdisches, feuriges Reich eindringen zu sollen, lastete wie ein dumpfer, l�hmender Druck auf meiner Seele. Schon einmal war ich dem chthonischen Labyrinth und seinen m�rderischen Beherrschern nur mit �u�erster M�he und - wie k�nnte es anders sein? - nur durch Shannons Eingreifen entkommen. Gut; diesmal mochten die Karten etwas besser verteilt sein: Wir hatten den Vorteil der �berraschung auf unserer Seite, und ich war fast wieder im Vollbesitz meiner magischen Kr�fte. Aber - um bei dem einmal gew�hlten Vergleich zu bleiben - wir hatten allerh�chstem ein paar Siebener gegen Dagons Royal Flush.</p><p>Pl�tzlich ber�hrte mich Shannon abermals an der Schulter und deutete hinaus auf die See.</p><p>Die bizarre Flotte der Knochenm�nner war verschwunden, aber das Meer war keineswegs leer. Ich <emphasis>sp�rte </emphasis>einfach, da� sich unter der tr�gerisch glatten Oberfl�che der See etwas Finsteres, ungemein B�ses zusammenbraute. Es war wie der Pestgestank schwarzer Magie, der den Geruch der Normalit�t vergiftete.</p><p>Pl�tzlich begann sich das schwarzgl�nzende Wasser unweit der K�ste zu kr�useln. Der Mond war wieder hinter schwarzen, schweren Wolkenf�usten verschwunden, so da� ich nicht genau auszumachen vermochte, was es war, das da aus dem Wasser kam und sich schnell dem wei�en Sand des Strandes n�herte, aber ich sah immerhin, da� es gro� war, gro� und dunkel und ungeheuer schwerf�llig. Wie ein Wal n�herte es sich der K�ste, begann mit einem schauerlichen Schleifen und Scharren den Sand hinaufzukriechen und verharrte schlie�lich auf halber Strecke zwischen uns und dem H�hleneingang.</p><p>Dann begann es sich zu ver�ndern.</p><p>Obwohl das Licht immer schw�cher wurde und ich ihn jetzt weniger denn je erkennen konnte, sah ich zumindest, wie der kolossale buckelige Umri� in sich zusammenzusacken begann wie ein Ballon, aus dem die Luft entweicht. Ein grausiger, keuchender Laut erklang, und eine halbe Sekunde sp�ter schlug eine Woge gr��lichen Gestankes �ber Shannon und mir zusammen und nahm uns den Atem.</p><p>Dann ri� die Wolkendecke auf, und das silberne Licht des Mondes offenbarte uns einen Anblick, wie er f�rchterlicher kaum sein konnte:</p><p>Das <emphasis>Ding, </emphasis>das aus dem Meer hervorgekrochen war, hatte tats�chlich keinen festen Umri�, sondern �hnelte einem riesenhaften, schwarzgl�nzenden Sack aus feuchtem Leder, doppelt so gro� wie ein Blauwal und zuckend und bebend wie ein aus dem Rhythmus gekommenes, hektisch schlagendes Herz. Sein K�rper war von einer Unzahl kopfgro�er Ausw�chse �bers�t, die eine �lig gl�nzende Fl�ssigkeit absonderten. Und pl�tzlich begann es sich zu teilen. Ein furchtbarer, rei�ender Laut erklang, als sich das gigantische Scheusal in zwei Teile spaltete. Gleichzeitig platzten einige der Ausw�chse auf und gebaren lange, peitschende Krakenarme. Das ganze gr��liche Gesch�pf klaffte wie eine d�stere Bl�te auseinander. Ein Schwall schwarzer Fl�ssigkeit sprudelte hervor, und der Gestank wurde so �berm�chtig, da� ich nur noch mit M�he einen Brechreiz unterdr�cken konnte.</p><p>�O mein Gott!� st�hnte Shannon pl�tzlich. �Schau dir das an!�</p><p>Ich h�rte seine Worte kaum. Das f�rchterliche Geschehen, das sich wenige hundert Yards vor uns auf dem Strand abspielte, lahmte mich vollkommen.</p><p>Die zuckenden Tentakel des Monstrums begannen sich wie Beine einer sterbenden Spinne nach innen zu biegen, griffen direkt in seinen Leib hinein und nahmen etwas heraus, etwas, das ich nach wenigen Augenblicken als <emphasis>menschliche K�rper </emphasis>identifizierte!</p><p>�Sie... sie leben!� entfuhr es Shannon. �Mein Gott, Robert, <emphasis>sie leben nochl�</emphasis></p><p>Vielleicht war das das Schlimmste. Ich hatte es im selben Moment erkannt wie Shannon, aber mein Verstand weigerte sich einfach, es zu glauben. Die M�nner und Frauen, die sich im Griff der f�rchterlichen Krakenarme wanden, <emphasis>lebten!</emphasis></p><p>Meine H�nde begannen zu zittern. Ein leiser, st�hnender Laut kam �ber meine Lippen, ohne da� ich etwas dagegen tun konnte. Meine F�higkeit, Schrecken zu ertragen, war ersch�pft. Ich sp�rte, da� ich gleich etwas furchtbar Dummes tun w�rde, aber ich war hilflos dagegen.</p><p>Shannons Hand ber�hrte mich so heftig im Nacken, da� ich vor Schmerz zusammenzuckte. Sein Blick war hart wie Stahl, als er mich ansah.</p><p>�Tu jetzt nichts Un�berlegtes, Robert�, sagte er. �Wir k�nnen ihnen nicht helfen.�</p><p>�Aber sie... sie leben!� keuchte ich. �Wir m�ssen sie retten, Shannon!�</p><p>Er sch�ttelte den Kopf. �Das geht nicht, Robert�, sagte er, und mit einem Male war ein neuer, warnender Ton in seiner Stimme.</p><p><emphasis>Ich begriff eine Sekunde zu sp�t, was er tat. Mein Versuch, mein Bewu�tsein abzuschotten, kam zu sp�t.</emphasis></p><p>�Wir sind nicht hier, um diese Menschen zu retten, sondern um Dagon zu vernichten�, sagte er. �Das ist unser Ziel: Dagon unsch�dlich zu machen und das SIEGEL in unsere H�nde zu bekommen.�</p><p>Das leuchtete mir ein. Wie hatte ich nur so dumm sein k�nnen, mich von ein paar l�cherlichen Gef�hlen um ein Haar zu einer Unbedachtsamkeit hinrei�en zu lassen? Ich nickte, lie� mich wieder zur�cksinken und sah zu, was weiter geschah.</p><p>Aus dem H�hleneingang waren M�nner gekommen, sehr viele M�nner, die die halb bet�ubten Menschen, die das Ungeheuer am Strand ablud, in die H�hle zu treiben begannen, ungeachtet der Tatsache, da� viele von ihnen verletzt waren und sich kaum auf den Beinen halten konnten. Der Anblick ber�hrte mich nicht mehr. Shannon hatte wohl recht - es ging hier um viel mehr, als da� ich mich um das Schicksal von wenigen Menschen k�mmern konnte. Vielleicht stand das Schicksal der ganzen menschlichen Rasse auf dem Spiel.</p><p>Das furchtbare Geschehen dauerte fast eine halbe Stunde, dann schlo� sich der riesige fette Balg wieder. Die Tentakel krochen in den Leib des Scheusals zur�ck, und pl�tzlich begann es sich aufzuplustern wie ein gigantischer lebender Blasebalg. Zuckend, mit spasmischen, nur scheinbar ziellosen Bewegungen, begann es ins Meer zur�ckzukriechen - nein, zu <emphasis>flie�en, </emphasis>wobei es eine breite, glitzernde Spur aus Schleim auf dem Strand zur�cklie�.</p><p>Auch der Zug der Verlorenen vor uns war beinahe beendet. Ich sch�tzte, da� es an die siebzig M�nner und Frauen gewesen sein mu�ten, die im Leib des Vulkanes verschwunden waren. Jetzt waren es nur mehr wenige: drei, vielleicht vier, die von einer kleinen Gruppe von Dagons Kreaturen auf den H�hleneingang zugetrieben wurden.</p><p>Pl�tzlich strauchelte eine der geb�ckt gehenden Gestalten, st�rzte in den Sand und w�lzte sich auf den R�cken. Sein Bewacher stie� ein w�tendes Knurren aus und schwang seine Peitsche.</p><p>Er kam nicht dazu, zuzuschlagen.</p><p>Mit einem Male wirbelte einer der anderen Gefangenen herum, entri� ihm die Peitsche und schlug ihm den h�lzernen Stiel ins Gesicht. Der Bursche br�llte, schlug beide H�nde vor den Mund und fiel auf den R�cken.</p><p>Eine Sekunde sp�ter fielen die drei �brigen W�chter gemeinsam �ber den widerspenstigen Gefangenen her. Der Kampf w�hrte nur Sekunden. Der Bursche wehrte sich tapfer, aber gegen die W�chter hatte er keine Chance. Er st�rzte, kr�mmte sich im Sand und versuchte, das Gesicht mit den Armen zu decken. F�f eine Sekunde geriet sein Gesicht ins helle Mondlicht, und ich erkannte ihn trotz der gro�en Entfernung.</p><p>Es war Yo Mai.</p><p>Der Anblick lie� irgend etwas in mir zerbrechen. Es war ein Gef�hl, als w�rde eine Stahlfeder irgendwo in mir bis zum Zerrei�en gespannt - und mit einem Ruck losgelassen. Ich keuchte, fiel zur Seite und k�mpfte eine Sekunde lang gegen den immer schlimmer werdenden Schwindel, der pl�tzlich hinter meiner Stirn w�hlte. Shannon beugte sich �ber mich und versuchte mich hochzuheben.</p><p>Ich schlug seine Hand beiseite, schwang die Faust und holte aus, schlug aber nicht zu. Aber mein Blick spr�hte vor Zorn, �R�hr mich nicht an!� keuchte ich. �R�hr mich nie wieder an, Shannon!�</p><p>Einen Moment lang wurde Shannons Blick hart, und ich wappnete mich instinktiv gegen einen neuerlichen hypnotischen Angriff. Aber er kam nicht. Statt dessen senkte Shannon beinahe betreten den Blick und seufzte h�rbar.</p><p>�Es tut mir leid, Robert�, sagte er leise. �Aber ich mu�te es tun. Du... du h�ttest alles verdorben.�</p><p>Ich starrte ihn an, f�r Sekunden derart gel�hmt vor Entsetzen und Unglauben, da� ich nicht einmal einen klaren Gedanken fassen konnte, geschweige denn antworten.</p><p>�Tu das nie wieder, Shannon�, sagte ich. �Niemals.�</p><p>Shannon sah auf. In seinem Blick stand ein vager Ausdruck von Trauer. Aber auch von Trotz und Zorn. �Ich mu�te es tun�, verteidigte er sich. �Was h�ttest du denn gemacht? Wolltest du allein gegen f�nfzig von Dagons Kreaturen k�mpfen? Du h�ttest uns umgebracht, du Narr!� Er hatte recht, aber das war es nicht, warum ich am liebsten geschrien h�tte. Und Shannon wu�te das.</p><p>�Du hast mich hypnotisiert�, sagte ich zornig. �Du hast mich dazu gebracht, �ber Menschen wie �ber Spielfiguren zu denken, Shannon.� Ich deutete zornig auf die H�hle, in der die Majunde verschwunden waren. �Du hast mich gezwungen, sie wie <emphasis>Dinge </emphasis>zu betrachten, Shannon, und das verzeihe ich dir nie. Tu es nie wieder, h�rst du? Nie! Wenn du es noch einmal tust, dann t�te ich dich.�</p><p>Shannon blickte mich an, sch�ttelte ein paarmal den Kopf und seufzte, war aber klug genug, nicht direkt auf meine Worte zu reagieren. Er mu�te wohl sp�ren, da� mich die Erregung Dinge sagen lie�, die ich vielleicht unter anderen Umst�nden nicht gesagt h�tte.</p><p>Aber nicht einmal dessen war ich mir ganz sicher...</p><p>Ich stand vollends auf, blickte mich rasch nach beiden Seiten um und begann, noch immer im Sch�tze der Felsen, auf die H�hle zuzuhuschen. Ich sah nicht einmal zur�ck, um mich davon zu �berzeugen, ob Shannon mir folgte oder nicht. Selbst das war mir im Moment egal.</p><p>Als ich die Felswand erreichte, waren bis auf Yo Mai und zwei von Dagons Hungerleiderkreaturen alle verschwunden. Einer der beiden blutete aus dem Mund; es mu�te der sein, den Yo Mai niedergeschlagen hatte. Und so, wie es aussah, schien er sich entschlossen zu haben, dem Majunde den Hieb mit gr��erer M�nze heimzuzahlen, denn er hatte die Peitsche gegen einen kopfgro�en Stein getauscht, den er mit beiden H�nden schwang, w�hrend sein Kamerad wie eine �bergro�e Spinne auf Yo Mais Brust hockte und seine Arme mit den Knien in den Sand nagelte.</p><p>Ich erreichte sie eine Sekunde, ehe der Kerl den Stein niedersausen lassen konnte.</p><p>Der Zorn gab mir �bermenschliche Kr�fte. Mit einem Satz war ich bei dem Burschen, trat ihm in die Kniekehlen und schmetterte ihm gleichzeitig die Faust in den R�cken. Der Kerl br�llte, lie� seinen Stein fallen und kippte in einer fast grotesken Bewegung nach hinten. Ich steppte an ihm vorbei, schmetterte ihm den Ellbogen gegen die Stirn und versetzte dem anderen noch aus derselben Bewegung heraus einen Tritt, der ihn von Yo Mais Brust herunter und der L�nge nach in den Sand fliegen lie�.</p><p>Als er sich hochstemmen wollte, war ich �ber ihm, packte ihn im Nacken und versetzte ihm mit der anderen Hand einen Hieb gegen die Schl�fe, der ihm f�r den Rest der Nacht einen besonders tiefen Schlaf bescheren w�rde. Dann richtete ich mich auf, �berzeugte mich mit einem raschen Blick davon, da� auch der andere im Augenblick keine Gefahr mehr darstellte, und kniete neben Yo Mai nieder.</p><p>Der ganze Kampf war so schnell vor�ber gewesen, da� der junge Majunde-Krieger nicht einmal richtig mitbekommen hatte, was �berhaupt geschah. Vielleicht h�tte er es aber auch sonst nicht gemerkt, denn der Blick seiner Augen war verschleiert; ich war mir nicht mal sicher, ob er mich erkannte, obwohl er mich ansah.</p><p>Sein Gesicht bot einen f�rchterlichen Anblick. Die M�nner mu�ten ihre ganze Wut an ihm ausgelassen haben. Er blutete aus zahllosen Wunden, und sein rechter Arm schien gebrochen zu sein.</p><p>Behutsam beugte ich mich �ber ihn, legte seinen Kopf in eine bequemere Lage und ber�hrte ihn mit der Hand zwischen den Augen. Ich sp�rte ...</p><p><emphasis>Schmerz. Einen grausamen, nicht lokalisierbaren Schmerz, der irgendwo tief in seinem Inneren w�hlte. Und Angst. Dann etwas Gro�es, Finsteres, das sich wie eine rauchige Faust am Grunde seiner Seele zusammenballte und mit unsichtbaren eisigen Fingern nach seinen Gedanken zu greifen begann...</emphasis></p><p>Hinter mir waren Schritte, und als ich aufsah, begegnete ich Shannons Blick. Er hatte sein Schwert gezogen und stand breitbeinig hinter mir, bereit, mir den R�cken zu decken, falls weitere von Dagons Kreaturen aus der H�hle kommen sollten.</p><p>�Er stirbt�, sagte ich leise.</p><p>Von Shannons Gesicht war keine Regung abzulesen, und so wandte ich mich wieder dem jungen Majunde zu und tat das einzige, was ich noch f�r ihn tun konnte: Ich ber�hrte ihn abermals an der Stirn, nahm Kontakt mit seinem Bewu�tsein auf und linderte den Schmerz, so gut ich konnte.</p><p>Yo Mais Blick kl�rte sich. Drei, vier endlose, schreckliche Sekunden lang starrte er mich an, dann verzog sich sein zerschlagenes Gesicht zu einem L�cheln.</p><p>�Du bist... gekommen, wei�er Mann�, st�hnte er. �Was... was hast du getan?�</p><p>�Nicht genug�, antwortete ich leise. �Aber du brauchst keine Angst mehr zu haben. Die Schmerzen werden nicht wiederkommen.�</p><p>Yo Mai versuchte zu nicken. �Ich... wei߫, sagte er stockend. �Ich habe... keine Angst. Der Tod tut niemandem... weh.�</p><p>�Unsinn�, widersprach ich.</p><p>�O doch, Robert Craven�, antwortete er. �Ich sterbe. Aber das... das macht nichts.� Er brach ab, verzog das Gesicht zu einer Grimasse der Pein und rang h�rbar nach Atem. Ich verst�rkte meinen geistigen Griff, aber ich sp�rte, wie das Finstere, K�rperlose hinter seinen Gedanken st�rker wurde.</p><p>�Du hattest recht, wei�er Mann�, fuhr Yo Mai fort. �Die... fremden G�tter sind st�rker als die unseren.� Er hustete, wand sich abermals wie unter Schmerzen und wollte weitersprechen, schien aber pl�tzlich nicht mehr die Kraft dazu zu haben.</p><p>�Shannon!� sagte ich. �Bitte!�</p><p>Shannon z�gerte einen Moment, dann gab er sich einen sichtbaren Ruck, kniete neben mir nieder, legte das Schwert aus der Hand und ber�hrte Yo Mai an der Schl�fe. Ich wu�te nicht, was er tat, aber was immer es war, es mu�te ungleich st�rker sein als das bi�chen Hilfe, das ich Yo Mai hatte zuteil werden lassen, denn sein Blick kl�rte sich wieder, und als er weitersprach, klang seine Stimme h�rbar kr�ftiger. �Was ist geschehen, Yo Mai?� fragte Shannon leise.</p><p>Der Majunde sah mich an, als er antwortete. �Die fremden G�tter�, sagte er. �Sie sind gekommen, Robert Craven. Mein... mein Volk suchte Zuflucht in den heiligen H�hlen, aber sie waren schon da.�</p><p>�Wer - sie?� dr�ngte Shannon. Ich warf ihm einen beschw�renden Blick zu, sah aber ein, da� Shannon recht hatte. Wir mu�ten wissen, was geschehen war, wollten wir nicht Gefahr laufen, von den selben Wesen �berw�ltigt zu werden wie Yo Mais Stamm.</p><p>�Die D�monen�, st�hnte Yo Mai. �Sie... sie kamen mit der Nacht. Unser Gott hat gez�rnt, aber sie waren st�rker.�</p><p>�Wer?� dr�ngte Shannon.</p><p>Yo Mai begann zu st�hnen. Ich sah, wie sich sein Blick wieder verschleierte, und diesmal war es etwas, das selbst st�rker als Shannons Macht war.</p><p>�La� ihn�, sagte ich leise. �Er stirbt.�</p><p>�Die D�monen�, wimmerte Yo Mai. �Sie kommen aus dem Meer, wei�er Mann. Sie haben das Volk Krakataus geholt, und sie werden euer Volk holen.�</p><p>�Was willst du damit sagen?� fauchte Shannon.</p><p>Noch einmal kl�rte sich Yo Mais Blick, aber ich sp�rte, da� es diesmal das unwiderruflich letzte Aufbegehren war. Seine Hand krallte sich so tief in meinen Arm, da� ich vor Schmerz die Z�hne zusammenbi�.</p><p>�Das Meer�, fl�sterte er. �Der Tod kommt aus dem Meer, wei�er Mann. Er hat unseren Gott besiegt, und er wird auch den euren besiegen. Er wird kommen, sobald sich die Nacht hebt. Ihr werdet sterben. Ihr alle werdet sterben, so wie mein Volk ge...�</p><p>Er sprach nicht weiter. Seine Augen brachen, und pl�tzlich erschlaffte sein Griff. Er war tot.</p><p>Sekundenlang blieb ich reglos sitzen, dann beugte ich mich vor, schlo� behutsam seine Augen und sah zu Shannon auf. �Du wei�t, was er gemeint hat�, sagte ich.</p><p>Shannon sch�ttelte den Kopf, aber ich sp�rte, da� er log. Ich h�tte es auch ohne meine magische F�higkeit, L�ge von Wahrheit zu unterscheiden, gesp�rt.</p><p>�Die Stadt�, sagte ich. �Sie werden die Stadt �berfallen.�</p><p>Shannon starrte mich an, schwieg einen Moment und sagte: �Das ist nur eine Vermutung.�</p><p>�Vermutung?� Ich traute meinen Ohren kaum. �Was soll das, Shannon? Du hast dieses Ungeheuer gesehen! Du hast Tergards Garnison gesehen! Hast du schon vergessen, was dort geschehen ist? Das war dieselbe Bestie! Sie ist an Land gekrochen, um Tergards M�nner zu holen, sie ist gekommen, um die Majunde zu �berfallen, und sie wird zur�ckkehren, um die Stadt anzugreifen!�</p><p>�Das ist nur eine Vermutung�, widersprach Shannon. �Die Worte eines Sterbenden, der vielleicht nicht mehr klar bei Verstand war, durch nichts best�tigt! Was denkst du, sollen wir jetzt tun?� Zornig deutete er aufs Meer. �Vielleicht dem Vieh nachschwimmen und es ers�ufen?�</p><p>�Nein�, antwortete ich w�tend. �Die Stadt warnen.�</p><p>�Warnen?� Shannon �chzte. �Bist du verr�ckt? Harmfeld wartet doch nur darauf, da� wir uns zeigen. Und wir haben keine Zeit. Dagon wird nicht warten, bis wir wiederkommen. Wenn er das <emphasis>Siegel </emphasis>erbricht und damit die THUL SADUUN in die Gegenwart holt, ist mehr verloren als eine Stadt, Robert!�</p><p>Es waren diese Worte, die die Entscheidung brachten. Worte, aus denen die gleiche K�lte und Gef�hllosigkeit sprachen, zu der er mich gezwungen hatte.</p><p>Ich stand auf.</p><p>�Ich gehe zur�ck�, sagte ich. �Harmfeld und sein Schiff sind mir herzlich egal. Der Irrtum wird sich irgendwie aufkl�ren.�</p><p>�Sie werden dich am h�chsten Mast der <emphasis>Zuidermaar</emphasis> aufh�ngen!� �chzte Shannon. �Robert, ich flehe dich an - das hier ist vielleicht unsere letzte Chance, Dagon aufzuhalten! Verspiele sie nicht.�</p><p>�Ich gehe�, beharrte ich. �Wenn du glaubst, da� es so schlimm ist, dann geh allein zu Dagon. Wahrscheinlich w�re ich dir sowieso nur eine Last.�</p><p>Shannon ballte zornig die Hand zur Faust, aber ich schnitt ihm mit einer entschlossenen Bewegung das Wort ab und sagte noch einmal: �Ich gehe, Shannon, ob es dir pa�t oder nicht.�</p><p>Shannon sch�rzte w�tend die Lippen. �Meinetwegen�, fauchte er. �Aber wenn du denkst, ich w�rde wieder im letzten Moment auftauchen, um dich herauszupauken, dann t�uschst du dich.� Er stand auf, ri� mit einer zornigen Bewegung das Schwert hoch und rammte es in die Scheide zur�ck. Pl�tzlich verschwand der w�tende Ausdruck von seinen Z�gen, aber ich sp�rte, da� selbst das nicht echt, sondern pure Berechnung war, vielleicht wie alles, was ich erlebt hatte, seit wir uns wiederbegegnet waren.</p><p>�Wir waren einmal Freunde, Robert�, sagte er sanft. �Ich flehe dich im Namen unserer Freundschaft an, tu es nichtl�</p><p>�Freunde?� Ich sch�ttelte den Kopf. �O nein, Shannon. Dem Mann, dessen Freund ich gerne gewesen w�re, bin ich das letzte Mal auf der <emphasis>Dagon </emphasis>begegnet. Ich wei� nicht, was mit ihm geschehen ist, aber du bist es jedenfalls nicht. Nicht mehr.� Ich deutete mit einer Kopfbewegung zur�ck in die Richtung, in der die Stadt lag. �Kann ich das Boot nehmen?�</p><p>�Meinetwegen�, sagte Shannon zornig. Dann drehte er sich um und verschwand mit schnellen Schritten in der H�hle.</p><p>Er w�nschte mir nicht einmal Gl�ck.</p><p>Wieder herrschte die Nacht vor den gro�en Fenstern, die wie zwei gl�serne runde Augen im Turm der NAUTILUS prangten, aber es war eine Nacht jenseits der Dunkelheit, ein Schwarz tiefer als Schwarz, ein Schweigen jenseits der Stille, eine Einsamkeit weit tiefer als alle Leere, die das gewaltige st�hlerne Schiff einh�llte. Das Pochen der Maschinen war verstummt, und selbst das Rauschen des am Rumpf des Schiffes vor�bergleitenden Wassers war einem anderen, unbeschreiblichen Laut gewichen: ein Gleiten und Flie�en, als striche die Ewigkeit selbst mit samtenen Fingern �ber den blauschwarzen Stahl der NAUTILUS.</p><p>�Wie lange noch?�</p><p>Nemos Stimme klang fremd; verzerrt und st�rend und mi�t�nend nach der schier endlosen Stille, die in der kleinen runden Turmkammer geherrscht hatte. Blauschwarze Schemen aus zusammengeballtem Nichts wogten vor den runden Bullaugen aus zollstarkem Panzerglas. Die NAUTILUS schien sich zu sch�tteln wie ein verwundetes Tier, obgleich sie sich nicht im mindesten bewegte.</p><p>Nemo schauderte. Das Meer, durch das die NAUTILUS seit einer unbestimmten Zeitspanne glitt, geh�rte zu einer Welt, in der sie nicht sein sollten. Alles hier machte ihm angst. Er konnte seinen Augen und Ohren nicht mehr trauen. Die Welt war aus den Fugen geraten, seit Howard begonnen hatte...</p><p>Ja, was tat er eigentlich?</p><p>Nemo war w�hrend der ganzen Zeit keine Sekunde von seiner Seite gewichen, aber es war ihm nicht gelungen, auch nur in Ans�tzen nachzuempfinden, was der schwarzhaarige Mann mit dem Asketengesicht neben ihm tat. �u�erlich stand er reglos, beinahe wie erstarrt vor einem der Bullaugen, so still, da� man schon mehr als genau hinsehen mu�te, um �berhaupt zu erkennen, da� er noch atmete. Und trotzdem hatte er damit begonnen, die Wirklichkeit zu ver�ndern.</p><p>Dann geschah etwas. Nemo konnte nicht sagen, was, aber das unsichtbare Wogen dort drau�en war pl�tzlich anders, schneller und hektischer und irgendwie gerafft, und mit einem Male waren <emphasis>wirklich </emphasis>Schatten in den wogenden Schemen. Ein sp�rbarer, knirschender Ruck ging durch das Schiff, und dann waren auch die Ger�usche der Wirklichkeit wieder da; das Pochen der Maschinen, das Rauschen und Klatschen des vor�berrasenden Wassers, die leisen, einzeln nicht wahrnehmbaren Laute, die den Atem des Schiffes bildeten, dies alles schlug wie eine Flutwelle �ber Nemo zusammen; so warnungslos, da� er im ersten Moment erschrocken zusammenfuhr.</p><p>Als er aufblickte, sah er gerade noch, wie Howard zusammenbrach.</p><p>Mit einem Schrei war er bei ihm, aber Rowlf war schneller. Geschickt fing er Howard auf, lie� ihn behutsam zu Boden gleiten und zog seine Jacke aus, um sie zusammenzukn�llen und wie ein Kissen unter Howards Kopf zu legen.</p><p>�Was ist passiert?� fragte Nemo erschrocken.</p><p>�Nix�, antwortete Rowlf. �Das wird wieda.�</p><p>Nemo blickte verwirrt zwischen den Bullaugen und Howards Gesicht hin und her. Vor den gl�sernen Augen der NAUTILUS war wieder das Meer, und in der Ferne zeichnete sich ein verschwommener schwarzer Schatten ab, das einzige Anzeichen des Schwarmes aus Millionen und Abermillionen Kraken und Tintenfischen, die dem Schiff noch immer folgten. Aber aus Howards Gesicht schien alles Leben gewichen zu sein. Er atmete, aber so flach, da� es kaum zu bemerken war, und sein Antlitz war bleich wie Kalk.</p><p>�Was ist mit ihm?� fragte Nemo noch einmal. Er glaubte nicht, da� es Zufall war, da� Lovecraft im selben Moment zusammengebrochen war, in dem die NAUTILUS wieder in die Wirklichkeit zur�ckfiel. �Soll... soll ich Obote holen?� fragte er stockend.</p><p>Rowlf blickte kurz auf, sch�ttelte den Kopf und beugte sich wieder �ber Howard. �Nee�, sagte er. �Der kannem sowieso nich helfn. 's wird schon wieda.�</p><p>Nemo wollte impulsiv widersprechen, aber in diesem Moment �ffnete Howard st�hnend die Augen. Sein Blick war verschleiert. Er zitterte vor K�lte und Schw�che, obwohl Schwei� seine Stirn bedeckte.</p><p>�Du und deine verdammten Zaubertricks�, murmelte Nemo kopfsch�ttelnd. Er versuchte zu l�cheln und seine Worte scherzhaft klingen zu lassen, um Howard �ber seine wirklichen Gef�hle hinwegzut�uschen. Aber nat�rlich gelang ihm weder das eine noch das andere.</p><p>�Es sind keine Zaubertricks�, murmelte Howard schwach. �Es sind...�</p><p>Nemo machte eine Handbewegung. �Verschone mich mit langen Erkl�rungen, mein Freund�, sagte er. �Erkl�r dir lieber selbst, da� auch <emphasis>deiner </emphasis>Leistungsf�higkeit gewisse Grenzen gesetzt sind.�</p><p>�Danke, gleichfalls�, sagte Howard. Er versuchte sich aufzurichten, aber seine Kr�fte reichten nicht.</p><p>Nemos Gesicht verd�sterte sich in �bertrieben geschauspielertem Zorn. �Immerhin lasse ich mich nicht mit einem verr�ckten Haufen �briggebliebener Kreuzritter ein, die mir irgendwelchen Firlefanz beibringen.�</p><p>Howard l�chelte. <emphasis>�Firlefanz? </emphasis>Nun ja ...�</p><p>Es war Nemo klar, da� sein Freund nicht weiter �ber dieses Thema sprechen wollte. Er wu�te, da� Howard mehr gewesen war als ein x-beliebiges Mitglied der Templer; ebenso, wie diese mehr waren als ein Haufen �briggebliebener Kreuzritter. Howard Phillips Lovecraft war einer der legend�ren <emphasis>Master </emphasis>dieses Ordens gewesen, ein Mann, der �ber ein Wissen und eine Macht verf�gte, die ihn in den Augen der allermeisten anderen Menschen zu einem Magier gemacht h�tten. Was er tat, hatte im Grunde nichts mit Magie zu tun - und trotzdem: war es nicht eine Art von Zauberei, ein gewaltiges Schiff wie die NAUTILUS nur durch die pure Kraft seines Willens <emphasis>durch die Zeit </emphasis>zu bef�rdern? Denn das war die besondere F�higkeit des <emphasis>Time-Masters.</emphasis></p><p>Nemo schauderte innerlich, als er sich vorzustellen versuchte, �ber welch unvorstellbare Macht ein Mann verf�gte, der die Zeit zu manipulieren imstande war. Howard hatte dies wohl auch begriffen, den Orden verlassen und sich geschworen, seine Kr�fte nie wieder einzusetzen.</p><p>Bis heute.</p><p>In diesem Moment dr�ngte sich ein schriller Pfiff in Nemos Gedanken. Ver�rgert drehte er sich herum, nahm den H�rer der Bordsprechanlage zur Hand und hielt ihn gegen das Ohr. �Ja?� fauchte er.</p><p>�Schiff ahoi, mon capitaine�, erscholl die Stimme des wachhabenden Offiziers aus dem Instrument. �Vier Meilen Backbord voraus.�</p><p>�Zum Teufel, dann gehen Sie tiefer!� antwortete Nemo ver�rgert. �Ich habe jetzt keine Zeit.�</p><p>Er konnte beinahe h�ren, wie der Mann am anderen Ende der Leitung nerv�s zusammenfuhr. �Es... es tut mir leid, mon capitaine�, fuhr der Offizier nach einer kleinen, aber bedeutungsschweren Pause fort. �Aber Sie sollten hier herunterkommen. Da... da ist noch etwas.�</p><p>Nemo fragte nicht mehr, sondern h�ngte das Ger�t ein, drehte sich auf dem Absatz um und st�rmte hinunter in den Salon der NAUTILUS.</p><p>Das Schiff lag wie ein schlafender Wal vor der K�ste; selbst aus der N�he nicht mehr als ein Schatten im Mondlicht, der gigantisch vor mir emporwuchs. Die Laute der Nacht vermischten sich mit dem leisen Klatschen, mit dem die Wellen gegen seinen h�lzernen Rumpf brandeten, dem Knarren und �chzen des riesigen h�lzernen Rumpfes und dem Singen des Tauwerks, und wenn ich genau hinh�rte, konnte ich sogar die Schritte der Deckswache vernehmen, die ihre monotonen Runden zog.</p><p>Ich n�herte mich dem Schiff von der Seeseite her. Ich hatte kaum damit gerechnet, wirklich unentdeckt so weit zu kommen, aber das Schicksal schien es ausnahmsweise einmal gut mit mir zu meinen. Die Sicht war so schlecht, da� der Mann auf dem Deck der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>die kleine Pinasse h�chstwahrscheinlich nicht einmal bemerkt h�tte, wenn er nach mir gesucht hatte; und au�erdem rechnete auf dem Schiff wohl kaum jemand damit, da� ich freiwillig zur�ckk�me. Noch dazu aus dem offenen Meer.</p><p>Ersch�pft lie� ich die Riemen sinken und �berlie� es der Str�mung, mich die letzten hundert Yards auf das Schiff zuzutreiben. Mein Blick glitt �ber die schwarz daliegende See, wanderte weiter und tastete �ber die dunkle K�stenlinie Krakataus. Die Stadt lag v�llig dunkel da; nicht das mindeste Licht brannte. Einen Moment lang mu�te ich mich gegen die bedr�ckende Vorstellung wehren, zu sp�t zu kommen und wieder nichts als verlassene Geb�ude und die Spuren eines f�rchterlichen, ungleichen Kampfes zu sehen...</p><p>Ich verjagte die d�steren Bilder, drehte mich herum und blickte wieder auf das Meer hinaus, und zum wiederholten Male sp�rte ich dieses dumpfe, bedr�ckende Gef�hl, ein Empfinden, als w�rde ich von unsichtbaren b�sen Augen angestarrt und taxiert. Das Meer war glatt und wirkte blind wie ein gewellter, erstarrter Spiegel, der selbst das schwache Licht, das die Wolken durchdrang, noch zum gr��ten Teil absorbierte und daf�r etwas Fremdes und namenlos B�ses freigab.</p><p>Aber war es wirklich nur Einbildung?</p><p>Behutsam, vorsichtig wie ein Mann, der die Hand nach einem Eisen ausstreckt und f�rchtet, es gl�hend hei� vorzufinden, �ffnete ich mein Bewu�tsein und tastete hinaus in die lichtlose Weite des Meeres.</p><p>Und sp�rte...</p><p><emphasis>Gier.</emphasis></p><p><emphasis>Eine unbeschreibliche, animalische Gier, gepaart mit fleischlichem Hunger.</emphasis></p><p><emphasis>Und Wut.</emphasis></p><p><emphasis>Wut auf alles Lebende, auf die Wesen, die ihnen die Welt gestohlen hatten, die von Rechts wegen ihnen geh�rte, ein Ha�, der irgend etwas in mir ber�hrte und sich wie ein brennender Schmerz in meinen Leib fra�...</emphasis></p><p>Erschrocken zog ich mich zur�ck, schirmte mein Bewu�tsein mit aller Macht gegen die destruktiven Impulse ab und schlo� die Augen. Meine H�nde zitterten. Der Kontakt hatte kaum eine Sekunde gedauert, aber schon diese kurze Zeitspanne hatte gereicht, mich an den Rand des Wahnsinns zu treiben.</p><p>Es dauerte Sekunden, bis ich begriff, was es gewesen war. Was ich gesp�rt hatte, war nichts anderes als das Bewu�tsein des schrecklichen schwarzen <emphasis>Dinges </emphasis>gewesen, das Shannon und ich beobachtet hatten. Es war kein Denken im eigentlichen Sinne des Wortes gewesen, sondern ein Bewu�tsein auf einer viel tieferen Stufe selbst noch als der des Tierischen, ein Ding, das nur aus Instinkten und dumpfen Reflexen zu bestehen schien, so d�ster und fremd, da� ein intensiver Kontakt reichen mu�te, mein Bewu�tsein zu zerbrechen.</p><p>Ein dumpfer Schlag brachte mich in die Wirklichkeit zur�ck. Ich fuhr auf, griff instinktiv nach meinem Degen und atmete erleichtert auf, als ich sah, da� es nur die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>war, gegen die mein Schiffchen gesto�en war, kein schwarzes Scheusal, das pl�tzlich aus dem Meer auftauchte.</p><p>Aber die Bestie war nahe, sehr nahe. Ich konnte sie sp�ren. Und ich sp�rte, da� sie n�herkam...</p><p>Hastig griff ich wieder nach einen Riemen, stakte mich an der Bordwand entlang und starrte nach oben.</p><p>Ich mu�te nicht lange warten. Der dumpfe Schlag, mit dem die Pinasse gegen den Rumpf des Kriegsschiffes geprallt war, war geh�rt worden, und schon nach wenigen Augenblicken erschien der Schatten der Bordwache �ber der Reling. Ich stand auf, lie� den Riemen achtlos ins Wasser klatschen und begann wild mit den H�nden zu gestikulieren.</p><p>Meine Kenntnisse des Holl�ndischen beschr�nkten sich auf die beiden Worte <emphasis>Mijnheer </emphasis>und <emphasis>bedank, </emphasis>so da� ich nur hoffen konnte, da� der Mann �ber mir die Bedeutung meiner Gesten erkannte.</p><p>Der Mann rief etwas, das ich nicht verstand, wartete wenige Sekunden und verschwand von der Reling. Ich konnte seine Schritte auf dem Deck des Schiffes poltern h�ren.</p><p>Aber ich h�rte auch noch etwas...</p><p>In das monotone Klatschen der Wellen hatte sich ein anderes Ger�usch gemischt, ein Laut, als glitte tief unter der Wasseroberfl�che ein gewaltiger, mi�gestalteter K�rper heran. Erschrocken fuhr ich herum. Die abrupte Bewegung lie� mein kleines Boot schwanken, so da� ich das Gleichgewicht verlor und mich mit einer Hand am Rumpf der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>festhalten mu�te, um nicht zu st�rzen.</p><p>Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich die Wellen.</p><p>Es war ein bizarrer, f�rchterlicher Anblick. Vielleicht eine Viertelmeile jenseits der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>begann sich die Wasseroberfl�che zu kr�useln, als stiege irgend etwas Gigantisches aus den Tiefen des Meeres empor. Eine pfeilf�rmige, sch�umende Bugwelle erschien auf der See, bewegte sich einen Moment lang scheinbar ziellos nach beiden Seiten - und richtete sich dann mit t�dlicher Pr�zision auf mein kleines Schiff!</p><p>Pl�tzlich waren �ber mir wieder Stimmen. Ich sah auf, gewahrte gleich ein halbes Dutzend Schatten, die sich �ber die Reling und zu mir herabbeugten, und h�rte ein Gewirr durcheinanderrufender Stimmen.</p><p>�Um Gottes willen, beeilt euch!� schrie ich. Ich hatte keine Ahnung, ob meine Worte verstanden worden waren oder ob es Zufall war, aber in der n�chsten Sekunde fiel ein Schatten �ber die Reling, wickelte sich auf und wurde zu einer Strickleiter, die keine zwei Yards vor meinem Boot gegen den Schiffsrumpf prallte.</p><p>Ich warf einen hastigen Blick auf die See hinaus. Die sch�umende Bugwelle war n�hergekommen, und sie hatte noch an Geschwindigkeit gewonnen! Allerh�chstem noch hundert Yards trennten sie vor der <emphasis>Zuidermaar - </emphasis>und mir. F�r einen winzigen Moment bildete ich mir ein, einen absurd aufgedunsenen Schatten darunter wahrzunehmen, den Umri� eines gigantischen, verzerrten Balges, der sich pumpend und zitternd auf mich zubewegte, schwarze Tentakelarme wie zuckende Nervenf�den nach mir ausstreckend...</p><p>�ber mir wurden die Stimmen aufgeregter, als auch die M�nner an Deck des Schiffes das gigantische Etwas entdeckten, das wie ein lebender Torpedo auf die <emphasis>Zuidermaar</emphasis> zuscho�, und pl�tzlich h�rte ich ein f�rchterliches Rauschen und Klatschen, keine zehn Yards hinter mir!</p><p>Mit aller Kraft zog ich mich an der Strickleiter empor. Pl�tzlich erscholl ein f�rchterliches Splittern und Bersten, und eine halbe Sekunde sp�ter war das Boot unter meinen F��en verschwunden und das Meer voller Schaum, Schw�rze und zerborstener Tr�mmer. Ein ungeheurer Schlag ging durch das Schiff. Die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>�chzte, legte sich in einer nur scheinbar tr�gen Bewegung auf die Seite und kr�ngte f�r einen Moment gef�hrlich �ber. Ich schrie auf, klammerte mich mit aller Gewalt an der Strickleiter fest und keuchte vor Anstrengung, als das Schiff in einer umgekehrten Bewegung zur anderen Seite kippte und seine Wand wie eine h�lzerne Faust nach mir schlug. Irgendwie gelang es mir, die Strickleiter weiter zu umklammern, und irgendwie brachte ich auch das Kunstst�ck fertig, nicht in die Tiefe geschleudert zu werden, sondern mit zusammengebissenen Z�hnen weiterzuklettern.</p><p>Verzweifelt blickte ich in die Tiefe. Von meinem Boot war keine Spur mehr zu sehen. Das Meer unter mir war verschwunden, und statt dessen brodelte eine gewaltige, schwarzgl�nzende Masse dort, ein schreckliches Etwas, aus dem peitschende Krakenarme nach oben griffen und scharrend am Rumpf des Schiffes entlangfuhren.</p><p>Dann ertastete einer der Arme die Strickleiter, wickelte sich darum und zog sie mit einem f�rchterlichen Ruck bis zur Zerrei�probe straff. Der Ruck schleuderte mich um ein Haar in die Tiefe.</p><p>Und dann sah ich, wie ein zweiter, armdicker Tentakel aus der schwarzen Masse herauswuchs und zitternd wie ein blinder Wurm zu mir emporkroch!</p><p>Mit verzweifelter Anstrengung kletterte ich weiter. Der Tentakel folgte mir. Seine ungeheure Gr��e verlieh seinen Bewegungen etwas tr�gerisch Langsames, aber er kam in Wahrheit rasend schnell n�her. Wie von Sinnen kletterte ich weiter, sah eine Hand nach der meinen greifen und klammerte mich blind vor Furcht daran. Eine zweite Hand erschien, dann eine dritte, vierte, und pl�tzlich wurde ich nach oben und �ber die Reling des Schiffes gezerrt.</p><p>Beinahe jedenfalls.</p><p>Mit einem Ruck, der mir schier das Bein aus dem Leib zu rei�en schien, wickelte sich der Tentakel um meinen linken Fu� und holte mich zur�ck. Ich keuchte vor Schrecken und Schmerz, prallte mit dem Kinn gegen die Reling und verlor um ein Haar das Bewu�tsein. Mehr H�nde griffen nach mir, und pl�tzlich war ich von K�rpern umringt, die sich mit aller Macht gegen den Zug des Schlangenarmes stemmten und mich an Bord des Schiffes zu zerren versuchten. Ich rechnete schon damit, glattweg in zwei Teile gerissen zu werden, da kam endlich einer der Matrosen auf die richtige Idee, zog ein gewaltiges Messer aus dem G�rtel und hackte den Tentakel mit einem einzigen Hieb ab. Die M�nner, die die Bewegung ein wenig zu sp�t registrierten, zerrten weiter an mir - mit dem Ergebnis, da� wir alle gemeinsam auf die Planken st�rzten.</p><p>Als ich aufsah, hatte sich das Deck rings um mich herum in ein Chaos verwandelt. Ich lag auf dem Boden, so da� mir der Schiffsrumpf den Blick auf das Meer verwehrte und ich nicht sehen konnte, was dort unten geschah, aber aus der Tiefe griffen zahllose schwarze Tentakel nach oben, ein ganzer Wald peitschender, schwarzglitzernder Schlangen, der �ber der Reling emporwuchs und nach den verschreckten Matrosen griff. Schreie gellten auf, dann peitschte ein Schu�, und pl�tzlich war einer der M�nner verschwunden und hing mit zappelnden Armen und Beinen zwei Yards �ber der Reling in der Luft, umklammert von einer schwarzen Ranke, die ihn in die Tiefe zerrte.</p><p>Ich dachte nicht mehr an die Gefahr, in der ich vor Sekundenbruchteilen noch geschwebt hatte, sondern sprang auf, ri� den Stockdegen aus seiner H�lle und trieb den geschliffenen Stahl bis zum Knauf in das schwarze Fleisch.</p><p>Das Ergebnis war so dramatisch, wie ich gehofft hatte.</p><p>Der Tentakel zuckte, schnellte wie unter einem Krampf herum und schleuderte den Matrosen zur�ck auf das Deck. Eine faustgro�e, graue Wunde entstand da, wo ihn der Stahl meiner Waffe getroffen hatte. Das unheilige Fleisch des Ungeheuers begann zu kochen, zerlief zu einer schwammigen, grauen Masse und l�ste sich in �tzenden Dampf auf. Und die Vernichtung blieb keineswegs auf einen kleinen Teil des Monstrums beschr�nkt, sondern lief rasend schnell weiter, erreichte die Spitze des Tentakels und raste gleichzeitig in die Tiefe. Der ganze gewaltige schwarze Strang f�rbte sich grau und zerlief wie Wachs, das zu lange in der Sonne gelegen hatte.</p><p>Ich achtete nicht weiter darauf, sondern fuhr herum, stach meine Klinge in einen zweiten Tentakel und trennte einen dritten mit einem einzigen Hieb ab, gerade als er sich um eine Gestalt wickeln wollte, die gestrauchelt war und nicht zu begreifen schien, in welcher Gefahr sie schwebte.</p><p>Ein neuerlicher harter Schlag traf das Schiff und lie� es in seinen Verb�nden erbeben, und in das Sch�umen und Kochen des Wassers unter uns mischte sich ein Laut, wie ich ihn schrecklicher noch nie zuvor geh�rt hatte: ein Schrei voller Zorn und unb�ndiger Wut.</p><p>Auch hinter mir gellte ein Schrei auf. Ich fuhr herum, sah eine Bewegung aus den Augenwinkeln und schlug blindlings mit dem Stockdegen zu. Der Tentakel, der nach mir hatte greifen wollen, zerfiel zu grauem Schleim, aber im selben Moment gellte wieder dieser Schrei in meinen Ohren, ich sah ein Gestalt an mir vor�bertaumeln, sah sie straucheln und sah den schwarzen Schlangenarm, der sich pl�tzlich um ihre Beine wickelte und sie auf die Reling zuzuzerren begann.</p><p>Mit einem k�hnen Sprung war ich zur Stelle, schwang meine Waffe und zertrennte den widerlichen Strang. Grauer Dampf wallte auf, und ein s�uerlicher Gestank nahm mir schier den Atem. Ich hustete, stie� das abgetrennte St�ck des Tentakels mit dem Fu� von mir und half dem Gest�rzten keuchend auf die Beine.</p><p>Erst in diesem Moment erkannte ich, wem ich gerade das Leben gerettet hatte.</p><p>Leutnant Harmfeld mu�te genauso �berrascht sein wie ich, denn trotz der prek�ren Situation, in der wir uns befanden, starrte er mich drei, vier Sekunden lang fassungslos an. �Craven?� keuchte er ungl�ubig. �Sie?�</p><p>Das war eine ziemlich �berfl�ssige Frage, aber mir blieb ohnehin keine Zeit, darauf zu antworten, denn das schwarze Monstrum unter uns gab keineswegs auf. Ich hatte ihm weh getan, aber selbst die Macht meines Stockdegens reichte nicht aus, es zu vernichten. Wahrscheinlich hatte ich es nur w�tend gemacht, denn der wirkliche Angriff begann erst.</p><p>Durch die Optik des Sehrohres betrachtet, wirkte das Schiff klein, verloren wie ein Spielzeug in der unendlichen Weite der See. Es trieb, die Segel schlaff wie gro�e, na� gewordene Tuchstreifen von den Rahen h�ngend, mit der Str�mung auf die englischen Inseln zu, eingeh�llt in eine wogende Nebelbank. Sonderbarerweise war es der einzige Nebel weit und breit; das Periskop war stark genug, das Meer �ber Meilen und Meilen zu �berblicken, aber wohin Nemo auch sah, war die Sicht klar.</p><p>Nur rings um das Schiff kr�uselte sich leichter Nebel wie Dampf, der von der Wasseroberfl�che aufstieg.</p><p>�War es das, was Sie mir zeigen wollten?� wandte er sich an seinen Leitenden Offizier, nachdem er das Periskop wieder eingefahren hatte und zur�ckgetreten war.</p><p>Der Mann sch�ttelte den Kopf, fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und deutete auf einen runden, mattgrauen Schirm, der wie ein blinder Spiegel inmitten des mit Schaltern und Skalen �bers�ten Steuerpultes der NAUTILUS lag. �Nein, mon capitaine�, sagte er. �Schauen Sie.�</p><p>Nemo trat neugierig neben den Mann, beugte sich �ber das Pult - und zog erstaunt die Brauen zusammen. Auf der matten Glasfl�che war nur ein scheinbar sinnloses Gewirr von Linien, Strichen und konturlosen Schatten zu erkennen, das sich aber f�r das kundige Auge zu einem verbl�ffend genauen Abbild des Seegebietes verwandelte, durch das sich das Unterseeboot bewegte. Nemos Blick verharrte f�r eine Sekunde auf einem verschwommenen, langgestreckten, wolkigen Gebilde, das - wie er wu�te - nichts anderes als das Abbild des Schiffes war, das er soeben durch das Periskop beobachtet hatte, und wanderte dann weiter, um an einem anderen, viel gr��eren Etwas h�ngenzubleiben.</p><p>�Was ist das?�</p><p>Nemo wandte sich �berrascht um, als er die Stimme h�rte. �Howard!� sagte er, halb erleichtert, halb aber auch erschrocken. �Du solltest in deiner Kabine liegen und dich ausruhen.�</p><p>Lovecraft fegte seine Worte mit einer unwilligen Handbewegung beiseite. Er sah krank aus. Sein Gesicht hatte zwar die unnat�rliche Bl�sse verloren, war aber noch weit davon entfernt, eine normale Farbe zu haben. Es schimmerte grau. In seinen Augen stand ein fiebriger Glanz. �Was ist das, Nemo?� wiederholte er, nachdem er sich �ber das Pult gebeugt und einen Moment stirnrunzelnd auf die runde Glasfl�che geblickt hatte.</p><p>�Das�, Nemo deutete auf den kleineren Schatten, �ist das Schiff, das der Ausguck gesichtet hat.� Sein Finger wanderte weiter und blieb einen Moment auf dem zweiten, gr��eren Schatten h�ngen. Es war sonderbar: Obwohl es nur ein verschwommener, heller Fleck auf dem mattgrauen Glas war, der zudem noch unentwegt Form und Gr��e zu ver�ndern schien, strahlte er etwas sp�rbar Beunruhigendes aus. �Was ich nicht wei�, ist, was das dort bedeutet.�</p><p>�Ein zweites Schiff?�</p><p>�F�nfzig Faden unter Wasser?�</p><p>Howard �berlegte einen Moment. �Ein Tier? Vielleicht ein Wal?�</p><p>�Kaum�, antwortete Nemo nach kurzem Nachdenken. �Es ist viel zu gro�. Selbst ein Pottwal erreicht nicht ein Viertel dieser Gr��e.�</p><p>Wieder blickte Howard lange - sehr lange - und sehr nachdenklich auf die runde Glasfl�che. Auf seinem Gesicht erschien ein sonderbarer, fast best�rzter Ausdruck.</p><p>�Zwei Jahre�, murmelte er pl�tzlich. �Bei Gott, es... es k�nnte sein.�</p><p><emphasis>�Was </emphasis>k�nnte sein?� fragte Nemo betont.</p><p>Howard schien seine Frage gar nicht geh�rt zu haben. �Unsere Position�, sagte er. �Wie ist unsere genaue Position, Nemo?�</p><p>Nemo sagte es ihm, und der best�rzte Ausdruck auf Howards Z�gen verst�rkte sich. �Das Schiff!� sagte er. �Wo ist es? Kreuzen wir seinen Kurs?�</p><p>Nemo verneinte. �Ich kann es dir zeigen�, sagte er mit einer Geste auf das Periskop. �Aber was soll damit sein? Wir befinden uns zwei Jahre in der Vergangenheit, Howard. Robert wird kaum an Bord sein!�</p><p>Wieder schien Howard seine Worte gar nicht geh�rt zu haben. Mit einem Satz war er am Periskop, fuhr das Ger�t aus und pre�te die Augen gegen das Okular. Zehn, f�nfzehn Sekunden lang starrte er gebannt durch die Optik. Pl�tzlich stie� er einen �berschnappenden Schrei aus, sprang zur�ck und winkte Rowlf, der bisher schweigend unter der T�r gestanden hatte, mit wilden Gesten zu sich heran.</p><p>�Schau durch, Rowlf!� befahl er. �Rasch. Sag mir, da� ich mich nicht t�usche!�</p><p>Howards h�nenhafter Diener gehorchte schweigend. Wie Howard starrte er sekundenlang durch die Optik des Fernrohres, und wie er stie� er pl�tzlich einen �berraschten Schrei aus.</p><p>�Das gibt es nich!� keuchte er. �Das isse. Verdammich, das isse! <emphasis>'s </emphasis>is die Lady!�</p><p><emphasis>�Lady?� </emphasis>Nemo verstand nun gar nichts mehr. �Wovon sprecht ihr, Howard? Kennst du dieses Schiff?�</p><p><emphasis>�Kennen?� </emphasis>Howard �chzte. �Kennen? Mein Gott, Nemo, das ist... das dort ist die <emphasis>Lady of the Mistl </emphasis>Wir... wir m�ssen sofort den Kurs �ndern.�</p><p>�Den Kurs �ndern? Wozu?�</p><p>�Bitte frag jetzt nicht, Nemo�, sagte Howard gehetzt. �Tu einfach, was ich dir sage - ich flehe dich an! Es ... es kann sein, da� dieser ganze Wahnsinn mit einem Schlag ein Ende hat.�</p><p>Nemo blickte ihn an, sch�ttelte reichlich verwirrt den Kopf, drehte sich dann aber gehorsam um und gab dem Mann am Steuerpult einen Wink. Im dumpfen Pochen der Maschinen �nderte sich nichts, aber Howard wu�te, da� die NAUTILUS sich jetzt mit aller Kraft gegen die Str�mung stemmte und den Rammsporn an ihrem Bug auf das kleine Schiff f�nf Seemeilen voraus richtete. Mit einem raschen Schritt trat er neben den Steuermann, beugte sich �ber seine Schultern und starrte sekundenlang auf den grauen Schirm und die beiden ungleichen Schatten, die er zeigte.</p><p>�Mein Gott, es k�nnte gelingen�, sagte er noch einmal. �Mit ein wenig Gl�ck, Nemo. Nur ein ganz kleines bi�chen Gl�ck, und...�</p><p>�Und was?� fragte eine scharfe Stimme von der T�r aus. Howard fuhr hoch, drehte sich abrupt um und blickte die dunkelhaarige, schlanke Frau an, die unter dem runden Schott erschienen war.</p><p>�Und was?� wiederholte Jennifer scharf, als Howard nicht antwortete.</p><p>�Nichts�, sagte Howard schlie�lich. �Dies hier ist etwas, das Sie nichts angeht.�</p><p>�Glauben Sie?� Jennifer l�ste sich mit einer raschen Bewegung von der T�r, kam auf Howard zu und blickte �ber seine Schulter hinweg auf den Schirm. Pl�tzlich erbleichte sie.</p><p>�Sind Sie wahnsinnig geworden?� entfuhr es ihr. �Sie wissen ganz genau, da� Sie das nicht d�rfen!�</p><p>�Da� er <emphasis>was </emphasis>nicht darf?� mischte sich Nemo ein. �Zum Teufel, w�rde mir vielleicht irgend jemand endlich sagen, was hier vorgeht?�</p><p>�Ihr Freund Howard hat den Verstand verloren!� antwortete Jennifer. �Er wird uns alle umbringen. Und nicht nur uns!�</p><p>Nemo blinzelte irritiert. �Was soll das hei�en, Howard?� Howard antwortete auch diesmal nicht, und so wandte sich Nemo wieder an Jennifer. �Wenn Sie mir nicht gleich sagen, was Ihr Auftritt zu bedeuten hat, verbringen Sie den Rest der Reise in der Gefangenenkabine, junge Dame�, sagte er zornig.</p><p>�Was hat es mit diesem Schiff auf sich? Und was ist das f�r ein Ding, das ihm folgt?�</p><p>�Dieses Schiff, Kapit�n Nemo�, antwortete Jennifer, ohne Howard eine Sekunde aus den Augen zu lassen, �ist die <emphasis>Lady of the Mist, </emphasis>das Schiff, mit dem Robert Craven und Roderick Andara im Jahre 1883 die schottische K�ste erreichten.�</p><p>�Andara?� keuchte Nemo. �Andara ist an Bord?�</p><p>�Er ist an Bord, und er wird sterben�, sagte Jennifer.</p><p>�Nicht, wenn wir es verhindern k�nnen�, sagte Howard. Er wandte sich an Nemo. Seine Stimme wurde beschw�rend.</p><p>��berlege doch nur, Nemo!� sagte er. �Roderick ist hundertmal st�rker als Robert. Sein Tod w�re so sinnlos! Zusammen mit ihm k�nnen wir diese ganze verdammte Bande dorthin zur�ckjagen, wo sie hergekommen ist. Er k�nnte Roberts Ausbildung beenden, zehnmal schneller und besser als ich, und er...�</p><p>�Und der Schatten, der dem Schiff folgt�, fuhr Jennifer unbeeindruckt fort, �ist eine Inkarnation Yog-Sothoths, Nemo. Das Ungeheuer, das die <emphasis>Lady </emphasis>vernichten und Roderick Andara t�ten wird.�</p><p>�Yog-Soth...� Nemos Stimme versagte. Seine Augen wurden gro�, als er Howard anstarrte. �Du... du willst, da� ich einen der GROSSEN ALTEN selbst angreife?�</p><p>�Keinen GROSSEN ALTEN�, sagte Howard zornig. �Nur seine Verk�rperung. Ein Wesen aus Fleisch und Blut, das verwundbar ist und get�tet werden kann. Die NAUTILUS ist stark genug, ihn zu vernichten. Ein einziger Torpedo, und der Spuk ist aus, Nemo.� Beschw�rend hob er die H�nde. �Ich flehe dich an! Eine Chance wie diese bekommen wir vielleicht nie mehr.�</p><p>�Eine Chance, die Zukunft zu ver�ndern�, sagte Jennifer. �Sie wissen genau, was passiert, wenn Sie das riskieren, Lovecraft. Gerade Sie sollten wissen, wie empfindlich das Gef�ge der Zeit ist. Ein winziger Eingriff, ein Fehler, und das Schicksal der gesamten Welt kann sich �ndern.�</p><p>Nemo schwieg sekundenlang. �Ist das wahr?� fragte er schlie�lich. Howard antwortete nicht, aber es war gerade dieses Schweigen, das deutlicher war als alles, was er h�tte sagen k�nnen.</p><p>�Nat�rlich ist es wahr�, antwortete Jennifer an seiner Stelle. Sie blickte noch einmal auf den Schirm und wandte sich an Howard, und mit einem Male klang ihre Stimme beinahe bedauernd. �Ich verstehe Sie ja, Howard�, sagte sie. �An Bord dieses Schiffes befindet sich Ihr bester Freund, ein Mann, der in wenigen Stunden den Tod finden wird. Aber Sie wissen, da� Sie nicht an Dinge r�hren d�rfen, die einmal geschehen sind. Zu viel w�rde sich �ndern, w�rde Andara lebend nach England kommen. Wenn die NAUTILUS Yog-Sothoth angreift und vernichtet, dann w�rde dies ein Zeitparadoxon ausl�sen.�</p><p>�Stimmt das, Howard?� fragte Nemo ganz leise.</p><p>Howard wich seinem Blick aus. �Es ist <emphasis>m�glich�,</emphasis> antwortete er. �Aber es kann auch ganz anders kommen. Verdammt, Nemo, du wei�t, wie dringend wir auf jede Hilfe angewiesen sind, die wir bekommen k�nnen. Andara wei� mehr �ber die GROSSEN ALTEN als wir zusammen. Er ist stark genug, um Cthulhu selbst die Stirn bieten zu k�nnen, begreife doch!�</p><p>Nemos Blick wandte sich nach Norden, dorthin, wo unsichtbar im schwarzen Wasser des Meeres die <emphasis>Lady </emphasis>und ihr d�monischer Schatten trieben. �Ich begreife, da� du deinen Freund retten willst, Howard�, sagte er schlie�lich. Er deutete auf Jennifer. �Und wenn sie recht hat, dann w�rde das ein... wie haben Sie es genannt?�</p><p>�Ein Zeitparadoxon�, sagte Jennifer.</p><p>�Ein Zeitparadoxon bedeuten�, schlo� Nemo. �Ich verstehe nichts von der Zeit, Howard. Du schon. Du hast es bewiesen. Ich frage dich: Kannst du garantieren, da� der Schaden nicht gr��er ist als der Nutzen?�</p><p>Howard schwieg, und nach einiger Zeit sagte Jennifer an seiner Stelle: �Das kann er nicht, Nemo. M�glicherweise w�rde nichts geschehen. M�glicherweise w�rde Roderick Andara leben und die GROSSEN ALTEN vernichten. M�glicherweise w�rden wir alle den Tod finden. Niemand wei�, was geschehen kann, wenn man an den Grundfesten der Zeit r�ttelt. Vielleicht w�rde unsere ganze Welt einfach aufh�ren zu existieren, im selben Moment, in dem Sie den ersten Torpedo abschie�en.�</p><p>Lange, sehr lange sagte Nemo gar nichts. Dann wandte er sich nach einem letzten, unendlich traurigen Blick auf Howard an den Steuermann und hob die Hand. �Wir tauchen�, sagte er.</p><p>�Tanks fluten, Kurs S�d.�</p><p>Wieder war im Stampfen und Pochen des Schiffes keine Ver�nderung zu bemerken, aber sie alle wu�ten, da� das m�chtige Schiff jetzt schnell wie ein Torpedo in die Tiefe sank und seinen Kurs abermals wechselte.</p><p>Und eine halbe Meile �ber und f�nf Meilen n�rdlich von ihnen lief ein kleines Schiff namens <emphasis>Lady of the Mist </emphasis>seinem Schicksal entgegen...</p><p>Das Schiff zitterte, aber es war kein harter, vernichtender Schlag mehr, sondern ein dumpfes Knirschen und �chzen, als schl�sse sich eine gewaltige Faust um den Rumpf der <emphasis>Zuidermaar</emphasis> und beginne mit unbarmherziger Kraft zuzudr�cken.</p><p>Irgendwo auf der anderen Seite des Schiffes gellte ein Schrei auf, und pl�tzlich krachte eine ganze Salve von Sch�ssen. M�nner begannen durcheinanderzubr�llen, und das Zittern des Schiffsrumpfes verst�rkte sich. Etwas Schwarzes, Gl�nzendes wuchs pl�tzlich hinter Harmfeld auf und tastete mit z�ngelnden Armen nach ihm.</p><p>Ich ri� ihn zur�ck und f�hrte einen schnellen Hieb mit dem Stockdegen nach den Tentakeln, aber das Ungeheuer schien die Gefahr, die von der Klinge ausging, endlich begriffen zu haben; die schwarzen Str�nge zogen sich blitzartig zur�ck, f�cherten auseinander und versuchten mich aus einem Dutzend Richtungen gleichzeitig zu packen. Ich sprang zur�ck, packte die Klinge mit beiden H�nden und schlug und hieb wie wild um mich. Der rasiermesserscharfe Stahl zertrennte ein halbes Dutzend der widerlichen Gebilde und verschaffte mir f�r Sekunden Luft, aber schon wuchsen neue Pseudopodien aus dem Meer - und pl�tzlich �nderte die Bestie ihre Taktik!</p><p>Voller Entsetzen sah ich, da� es diesmal nicht die armdicken, f�rchterlichen Krakenarme waren, die nach mir griffen, sondern eine Unzahl fadend�nner, gl�nzender Str�nge, kaum st�rker als ein Haar. Und es waren Tausende! Das Monstrum schien instinktiv begriffen zu haben, da� ich der einzige ernstzunehmende Gegner an Bord dieses Schiffes war; der einzige, der ihm wirklichen Schaden zuf�gen konnte - und es war nicht ann�hernd das tumbe Ungeheuer, als das ich es bisher betrachtet hatte, sondern verf�gte ganz augenscheinlich �ber eine d�monische Intelligenz.</p><p>Ich prallte zur�ck, hieb wie von Sinnen mit dem Degen um mich und schnitt die d�nnen F�den durch, die wie todbringender schwarzer Altweibersommer mit einem Male in der Luft um mich herum waren, �ber das Deck herankrochen oder sich zu dicken B�ndeln zusammenballten, die sofort auseinanderf�cherten, wenn meine Klinge auch nur in ihre N�he kam. Aber f�r jeden Strang, den ich zerschlug, schienen hundert neue aufzutauchen.</p><p>Und dann kam, was kommen mu�te...</p><p>Etwas ber�hrte mich im Gesicht, sanft, tastend, weich und klebrig. Ich schrie auf, taumelte zur�ck und schlug den Faden herunter, aber die halbe Sekunde der Unaufmerksamkeit war genug gewesen. Hundert, zweihundert der d�nnen F�den peitschten auf mich nieder, wickelten sich um meinen rechten Arm und das Handgelenk und rissen mich zu Boden. Ich schrie auf, fiel und versuchte meine Hand hin und her zu biegen, um so viele F�den wie m�glich zu durchtrennen, aber meine Bewegungsfreiheit war zu sehr eingeschr�nkt.</p><p>Dann verst�rkte sich der Druck der Minitentakel blitzartig. Ich sp�rte, wie der Degen meinen H�nden entglitt und auf das Deck polterte. Gleichzeitig rasten immer mehr Schlangenarme heran, umschlangen auch meine F��e und Beine und zerrten mich mit unbarmherziger Kraft auf die Reling zu. Verzweifelt versuchte ich mich mit der linken, freigebliebenen Hand irgendwo festzuklammern, aber selbst wenn ich Halt gefunden h�tte, h�tten meine Kr�fte schwerlich ausgereicht, dem Ungeheuer zu widerstehen. Erbarmungslos wurde ich auf die Reling zugezerrt, prallte dagegen und wurde in die H�he gerissen. Schiff und Himmel kippten �ber mir zur Seite, als das schwarze Monstrum seine Anstrengungen verdoppelte, um mich �ber Bord und in die Tiefe zu rei�en.</p><p>Pl�tzlich war eine Gestalt neben mir. Metall blitzte auf, und etwas zerschnitt die F�den, die meine Arme hielten. Ich st�rzte, rollte mich zur Seite und fiel ein zweites Mal, als Harmfeld den Degen wie eine Sense �ber den Boden scharren lie� und die haard�nnen Str�nge zerschnitt, die meine Beine hielten.</p><p>Eine halbe Sekunde lang blieb ich liegen, schwindelnd vor Anstrengung und Erleichterung, dann richtete ich mich auf, rang keuchend nach Luft, warf Harmfeld einen dankbaren Blick zu und streckte die Hand nach dem Stockdegen aus. Der Leutnant z�gerte, und in seinen Augen flammte ein schwer zu deutender Ausdruck auf. Pl�tzlich nickte er, warf mir die Waffe zu und zog seinen Offizierss�bel aus dem G�rtel.</p><p>�Wir sind quitt, Craven,� sagte er. Damit wandte er sich um, schwang seine Waffe und eilte zu einer anderen Seite der Reling, um seinen Leuten beizustehen.</p><p>Der Kampf n�herte sich seinem Ende. Harmfelds M�nner hackten die Tentakel fast schneller ab, als sie aus dem Meer emporwachsen konnten, und wenn ich auch keine Sekunde daran zweifelte, da� ihr Tun nichts als Nadelstiche f�r das schiffsgro�e Monster bedeutete, so waren es doch <emphasis>viele</emphasis> Nadelstiche. Und die Hiebe, die ich dem Scheusal versetzte, taten weh, denn die Tentakel, die meinem Degen zum Opfer fielen, wuchsen nicht wieder nach.</p><p>Nach kaum f�nf Minuten verlor der Angriff der schwarzen Bestie sichtlich an Schwung, und pl�tzlich erzitterte die ZUIDERMAAR ein letztes Mal wie unter einem Hieb; das Meer sch�umte und brodelte, und der schwarze Gigant verschwand wieder in den lichtlosen Tiefen, aus denen er emporgestiegen war.</p><p>Ersch�pft lie� ich meine Waffe sinken, lehnte mich einen Moment an die Reling und rang m�hsam nach Atem. Als ich mich wieder aufrichtete, stand Leutnant Harmfeld hinter mir. In den H�nden hielt er ein Gewehr. Und der Ausdruck auf seinem Gesicht lie� keinen Zweifel daran, da� er entschlossen war, es zu benutzen.</p><p>�Was... was soll das?� murmelte ich.</p><p>Harmfeld verzog keine Miene. �Legen Sie die Waffe weg, Craven�, sagte er leise. �Und dann nehmen Sie die H�nde hoch. Ich erkl�re Sie f�r verhaftet.�</p><p>Wahrscheinlich begann Harmfeld sp�testens in diesem Moment ernsthaft an meinem Verstand zu zweifeln - aber ich begann lauthals und schallend zu lachen. Ich h�rte nicht einmal damit auf, als mir zwei seiner M�nner den Degen abnahmen und mir die H�nde auf den R�cken banden.</p><empty-line/><p>�ber das Meer wehten Schreie heran, Schreie voller Angst und Tod und Wahnsinn. Die Nacht war zerrissen vom Peitschen der Sch�sse und dem Prasseln und Krachen der brennenden H�user, und dann und wann durchbrach ein f�rchterlicher, br�llender Laut das h�llische Crescendo; ein Ger�usch, das den M�nnern an Bord der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>einen eisigen Schauer �ber den R�cken jagte und ihre Seelen erstarren lie�. Denn es war kein Laut, wie ihn die Kehle irgendeines lebenden Wesens hervorbringen konnte.</p><p>�Was mu� noch passieren, damit Sie mir endlich glauben?� fragte ich gepre�t. �Dort dr�ben sterben Menschen, Harmfeld. <emphasis>Unschuldige </emphasis>Menschen!�</p><p>Der Kapit�n der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>antwortete nicht auf meine Worte, aber er sah mich auch nicht an, sondern wich meinem Blick aus, und ich sp�rte, da� er innerlich ganz und gar nicht so unbewegt war, wie er zu sein vorgab. Seine H�nde schmiegten sich so fest um die Reling, als wolle er das armdicke Holz zerbrechen.</p><p>Es war kalt auf dem Deck des gewaltigen Kriegsschiffes. Die Nacht lag wie ein Vorhang aus Schw�rze ringsum auf dem Meer, und bis auf die Todesschreie der sterbenden Stadt war es v�llig still. Selbst das Rauschen und Murmeln des Meeres war verstummt. Man h�tte glauben k�nnen, in einer anderen Welt zu sein. Vielleicht waren wir es auch. �Zum Teufel, lassen Sie endlich Segel setzen!� sagte ich, obwohl ich ganz genau wu�te, wie sinnlos meine Worte waren. �Wir m�ssen von hier verschwinden!�</p><p>Kapit�n Harmfeld richtete sich an der Reling auf, ri� seinen Blick mit sichtlicher Anstrengung von dem schrecklichen Schauspiel am Ufer los und sah mich an. Obwohl die Nacht sehr dunkel war, konnte ich sehen, wie eingefallen und bla� sein Gesicht wirkte. Es war drei Stunden her, da� wir den Angriff der Bestie abgeschlagen hatten, aber der Schrecken sa� dem Holl�nder noch so tief in den Knochen, als w�re es erst Augenblicke her.</p><p>�Das kann ich nicht, Craven�, sagte er. Es klang beinahe bedauernd. �Ich mu� warten, bis die Boote zur�ck sind.� Er ballte die Hand zur Faust und blickte abermals zur Insel hin�ber. �Wenn man wenigstens etwas sehen k�nnte!�</p><p>�Ich kann Ihnen sagen, was dort dr�ben geschieht�, antwortete ich w�tend. �Es sind die gleichen Ungeheuer wie jenes, das die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>angegriffen hat. Sie sind gerade dabei, die Stadt auszul�schen. Und Ihre M�nner dazu.� Harmfeld wurde noch blasser. Sein Adamsapfel h�pfte nerv�s, und ich sah, wie sich seine Rechte zur Faust ballte. Aber er sagte kein Wort, sondern wandte sich nur mit einem Ruck ab und fuhr fort, die brennende Stadt anzustarren.</p><p>Es hatte vor einer halben Stunde begonnen. Harmfeld und ich hatten in der Kapit�nskaj�te gesessen, einerseits, um unsere Wunden verbinden zu lassen - von denen wir wahrlich genug abbekommen hatten, auch wenn keine davon wirklich gef�hrlich war -, andererseits, weil ich geglaubt hatte, da� der Kapit�n nach allem, was geschehen war, endlich Vernunft annehmen w�rde. Aber das war nicht der Fall. Ich hatte ihm so ziemlich alles erz�hlt, was nach meiner Ankunft auf Krakatau geschehen war; aber nat�rlich hatte er mir kein Wort geglaubt.</p><p>Vielleicht h�tte ich umgekehrt auch nicht anders reagiert. Dann hatten uns die ersten Schreie an Deck gelockt. Trotz des bleichen Mondes war die Nacht zu dunkel, als da� wir irgendwelche Einzelheiten erkennen konnten, aber bei dem ersten Schrei war es nicht geblieben. Schon nach Augenblicken hatten Sch�sse die Stille zerrissen, und wenig sp�ter waren die ersten Br�nde aufgeflammt.</p><p>Im Grunde hatte Harmfeld nichts anderes als seine Pflicht getan, als er alle f�nf Pinassen der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>mit fast der H�lfte seiner Marinesoldaten bemannen lie�, um sie zum Ufer zu schicken. Und trotzdem war es das falscheste, was er �berhaupt tun konnte. Ich hatte versucht, ihn zu warnen. Aber nat�rlich hatte er nicht auf mich geh�rt.</p><p>Ich war sehr sicher, da� er keinen einzigen seiner M�nner lebend wiedersehen w�rde. Selbst die hell lodernden Br�nde, die im Laufe der letzten halben Stunde auf die ganze Stadt und den Hafen und sogar auf das Meer �bergegriffen hatten, als triebe brennendes �l auf den Wogen, lie�en uns nicht erkennen, was dort dr�ben wirklich geschah.</p><p>Aber das war auch nicht n�tig. Meine Phantasie reichte durchaus, mir das zu zeigen, was meine Augen nicht sehen konnten: Es waren Dagons Kreaturen, die gleichen protoplasmischen Ungeheuer, von denen eines die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>angegriffen und die Majunde verschleppt hatten, und vermutlich auch einige seiner f�rchterlichen <emphasis>Ssaddit, </emphasis>wie die �berall aufflammenden Br�nde bewiesen.</p><p>Nein - Harmfeld w�rde nicht einen seiner M�nner wiedersehen. Und wenn wir noch lange hierblieben, waren vermutlich auch wir verloren. Wir hatten den ersten Angriff der Ungeheuer abgeschlagen, aber das besagte nicht viel. Ich kannte Dagon zu genau, um mir auch nur eine Sekunde lang einzubilden, da� er so leicht aufgeben w�rde.</p><p>�Dann nehmen Sie mir wenigstens die Handschellen ab!� sagte ich. �Die Dinger sind nicht besonders bequem.� Harmfeld runzelte die Stirn, sah einen Moment auf die d�nne silberne Kette hinab, die meine Handgelenke aneinander band, als m�sse er ernsthaft �berlegen, wozu sie �berhaupt da waren, dann sch�ttelte er den Kopf. �Das ist auch nicht der Sinn von Handschellen�, sagte er.</p><p>�Zum Teufel, Harmfeld, ich habe Ihnen das Leben gerettet!� fuhr ich auf.</p><p>Harmfeld fuhr zusammen wie unter einem Hieb. �Sie werden unfair, Craven�, sagte er. �Ich bin Ihnen wirklich dankbar, aber...� Er sprach nicht weiter, sondern seufzte abermals und starrte wieder zur K�ste hin�ber. �Ich kann es nicht�, sagte er. Es klang wie eine Entschuldigung. �Ich habe meine Befehle, und ich mu� mich daran halten. Sie wissen, warum wir Sie und Ihren Freund gefangengenommen haben�, begann er.</p><p>�Nein�, sagte ich zornig. �Aber Sie werden es mir sagen.� Harmfelds Miene verd�sterte sich. �Warum machen Sie es sich und mir so schwer?� fragte er. �Sie werden nicht bestreiten, da� Sie Eldekerk gekannt haben. Sie sind zusammen gesehen worden.�</p><p>�Aber ich habe ihn nicht umgebracht!� fauchte ich. �Und Shannon auch nicht. Im Gegenteil, Harmfeld. Eldekerk stand auf unserer Seite!�</p><p>�Unserer Seite?� hakte Harmfeld nach. �Was hei�t das?�</p><p>�Warum erz�hlen Sie mir nicht einfach, was passiert ist?� fragte ich anstelle einer direkten Antwort. �Was bringt Sie auf die Idee, da� Shannon und ich Eldekerk ermordet haben sollen?�</p><p>�Seine eigene Aussage�, antwortete Harmfeld. �Er wurde gefunden, Craven, mit einem Messer im Bauch. Er konnte gerade noch Ihren Namen sagen, ehe er starb.�</p><p>�Und das reicht f�r Sie, mich eines <emphasis>Mordes </emphasis>zu bezichtigen?� keuchte ich. �Sind Sie von Sinnen?�</p><p>Harmfeld l�chelte. �Nein. Vielleicht sind Sie ja wirklich unschuldig, Craven. Aber wenn, dann frage ich mich, warum Sie und Ihr sonderbarer Freund nicht einfach mit uns gekommen sind. Sie m�ssen zugeben, da� es etwas befremdlich wirkt, wenn jemand, der sich nichts vorzuwerfen hat, unter ziemlich dramatischen Umst�nden flieht, kaum da� ich auftauche.�</p><p>�Aber ich habe es Ihnen erkl�rt�, sagte ich w�tend. �Mehr als einmal.�</p><p>Harmfeld bedachte mich mit einem fast mitleidigen Blick; einem Blick, der den dumpfen Zorn, der in mir brodelte, zu neuer Glut entfachte. F�r einen Moment war ich nahe daran, ihn schlichtweg zu hypnotisieren, wie Shannon es zuvor getan hatte. Aber ich tat es nicht. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich es gekonnt h�tte, denn was immer Tergard mit meinem Geist angestellt hatte, wirkte noch immer nach; meine magischen Kr�fte waren l�ngst noch nicht wieder v�llig regeneriert. Aber ich h�tte es wohl auch nicht getan, w�re ich im Vollbesitz meiner F�higkeiten gewesen. Es hat mir schon immer widerstrebt, einen Menschen zu Dingen zu zwingen, die er nicht wollte; und in diesem Falle w�re es allerh�chstens sch�dlich gewesen. Hypnose ist ein zweischneidiges Schwert. Man kann einen Mann dazu bringen, seine eigene Mutter auf dem Sklavenmarkt zu verkaufen, aber egal, wie perfekt man ist, jemand, der unter Hypnose handelt, ist wenig mehr als eine Puppe, kaum zu eigenen Entscheidungen f�hig. Ich wu�te noch immer nicht genau, was auf dieser Insel vorging, aber was immer es war, es war etwas Gewaltiges; etwas, bei dem ich keine Helfer brauchen konnte, die mit M�he und Not bis drei z�hlen k�nnen.</p><p>Vom Gipfel des Krakatau her erscholl ein dumpfes, drohendes Grollen, wie um meine Gedanken zu unterstreichen. Harmfeld sah auf und blickte aus eng zusammengepre�ten Augen zur Caldera des Riesenvulkanes hinauf. Flammen und rotgl�hendes Gestein, das durch die gro�e Entfernung wie ein Schw�rm harmloser kleiner F�nkchen aussah, sch�ssen gegen die tiefh�ngenden Wolken. F�r einen Moment glaubte ich ein sanftes, aber ungemein machtvolles Zittern und Beben unter den F��en zu sp�ren.</p><p>�Der Berg ist unruhig�, murmelte Harmfeld.</p><p>�Wird er ausbrechen?� fragte ich.</p><p>�Ausbrechen?� Der Kapit�n der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>wiederholte das Wort mit sonderbarer Betonung, sah mich an und sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube nicht�, sagte er. �Ich bin seit mehr als zehn Jahren hier, aber er ist noch nie ausgebrochen. Ein bi�chen Gerumpel, ein paar Flammen... aber das war auch alles.�</p><p>Er seufzte, wandte sich mit einem Ruck ab und blickte wieder zur Stadt hin�ber. Die Flammen tobten wie eh und je, aber das Schie�en und Schreien hatte abgenommen. Ich war mir nicht sicher, ob das wirklich ein gutes Zeichen war. Pl�tzlich erscholl �ber uns der helle Laut einer Schiffspfeife. Harmfeld sah rasch zum Mast hinauf, wandte sich dann wieder der Insel zu und lehnte sich �ber die Reling, so weit er konnte.</p><p>�Die Boote kommen zur�ck!� Einen Moment lang blickte er aus zusammengepre�ten Augen hinaus in die Dunkelheit, dann wandte er sich halb um und machte ein Zeichen mit der Hand. Sekunden sp�ter ert�nte ein scharfer Knall, und ein Magnesiumgescho� stieg vom Deck der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>auf und warf zuckendes, grellwei�es Licht auf das Meer.</p><p>Harmfeld stie� einen entsetzten Schrei aus.</p><p>Statt der erwarteten Flotte kleiner Pinassen trieb nur ein einziger massiger Umri� auf die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>zu. Und es war auch kein Boot, sondern ein gr��liches, braunschwarz glitzerndes Etwas, zuckend und peitschend wie ein Klumpen ekelhafter Gallerte, der auf einem Dutzend grotesk mi�gestalteter Beine �ber das Meer herangestakst kam!</p><p>�Das... ist das Ungeheuer, das die Majunde entf�hrt hat!� keuchte ich. �Um Gottes willen, Harmfeld - <emphasis>wir m�ssen hier verschwinden!�</emphasis></p><p>Aber es war, als w�rde der Kapit�n der <emphasis>Zuidermaar</emphasis> meine Worte �berhaupt nicht h�ren. Gel�hmt und starr vor Schrecken stand er da und starrte die n�herkommende Scheu�lichkeit an. Die Leuchtkugel brannte aus, aber beinahe sofort stieg ein zweites Gescho� vom Deck des Schiffes auf und illuminierte das n�herkommende Ungeheuer.</p><p>Und endlich erwachte Harmfeld aus seiner Erstarrung. Wenn auch auf andere Art, als mir lieb gewesen w�re. Pl�tzlich, von einer Sekunde auf die andere, fuhr er herum, begann wie wild mit den Armen zu fuchteln und Befehle in seiner Heimatsprache zu schreien. Sekunden sp�ter brach auf Deck der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>eine geradezu hektische Aktivit�t los. M�nner hetzten hierhin und dorthin, kletterten behende wie Affen in die Wanten hinauf oder schleppten Dinge durch die Gegend. Das Schiff begann zu zittern, als schl�ge tief in seinem Rumpf ein gewaltiges nerv�ses Herz.</p><p>Harmfeld wandte sich wieder der Reling zu. �ber dem Meer verzischte die vierte Leuchtkugel und wurde von einer neuen abgel�st, und in ihrem flackernden Schein konnte ich erkennen, da� das protoplasmische Ungeheuer schon mehr als die H�lfte der Entfernung zur <emphasis>Zuidermaar </emphasis>zur�ckgelegt hatte. Sein aufgedunsener K�rper zuckte und bebte unentwegt, und was im ersten Augenblick wie staksende Spinnenbeine ausgesehen hatte, erwies sich beim n�heren Hinsehen als ein ganzer Strang peitschender, mannsdicker Tentakel, mit deren Hilfe es sich mit phantastischer Geschwindigkeit durch das Wasser w�hlte.</p><p>Noch wenige Augenblicke, und es w�rde die <emphasis>Zuidermaar</emphasis> erreicht haben!</p><p>Aber es kam nicht dazu. Harmfeld schrie einen Befehl, und augenblicklich stie� eine orangerote Flamme aus dem Rumpf des Schiffes. Ein ungeheures Krachen erscholl, und eine Sekunde sp�ter spritzte dicht vor dem Monstrum das Meer auf. Die Luft stank pl�tzlich durchdringend nach Pulverdampf. Harmfeld hob den Arm, und eine zweite Kanone entlud sich donnernd. Diesmal war der Schu� besser gezielt.</p><p>Das Ungeheuer b�umte sich auf. Seine Tentakel begannen wie wild zu peitschen, und pl�tzlich war das Meer schwarz vom gr��lichen Blut der Spottgeburt; gro�e Brocken zerfetzten Plasmas wirbelten durch die Luft und klatschten ins Wasser zur�ck, und ich sah, wie einer der schrecklichen Fangarme abgerissen wurde und zuckend im Meer versank. Ich wu�te zwar, da� diesen Unget�men mit mechanischer Gewalt kaum beizukommen war - aber allein die Wucht der Kanonenkugel hatte gereicht, seinen K�rper nahezu in zwei St�cke zu zerrei�en und es weit zur�ckzutreiben.</p><p>�Jetzt!� schrie Harmfeld.</p><p>Die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>feuerte eine ganze Salve auf das Ungeheuer. Und jeder einzelne Schu� sa� im Ziel.</p><p>Das Monstrum wurde regelrecht zerfetzt. Eine gewaltige S�ule aus kochendem Meerwasser und schwarzem, stinkendem Schleim scho� in die H�he und sank in weitem Umkreis auf das Meer herab. Das Schiff zitterte unter dem R�ckschlag seiner eigenen Kanonen, legte sich tr�ge auf die Seite und kippte wieder in die Waagerechte zur�ck.</p><p>Als sich der Pulverdampf verzog, war der Ozean leer. Nur hier und da schwamm noch ein kleiner Brocken schwarz-schleimiger Materie, und tief unter dem Wasser schien etwas Gewaltiges, K�rperloses zu zucken und zu beben.</p><p>Harmfeld lie� sich mit einem ersch�pften Seufzer auf die Reling sinken, fuhr sich mit der Hand �ber das Gesicht und sah mich an. �Sehen Sie, Craven�, sagte er. �Soviel zu Ihren unbesiegbaren Horror-Monstern. Eine gute niederl�ndische Kanone schafft zur Not auch noch die. Es ist vorbei.�</p><p>Ich antwortete nicht, sondern drehte mich - eigentlich ohne so recht zu wissen, weshalb - herum und blickte in die entgegengesetzte Richtung. �ber dem Meer waren die Wolken auseinandergerissen. Und im selben Moment, in dem das Mondlicht das Meer ber�hrte, wu�te ich, da� Harmfeld unrecht hatte.</p><p>Es war nicht vorbei. Im Gegenteil.</p><p>Es begann erst.</p><p>Es war sehr warm hier unten, tausend Yards unter der Erde und zweimal tausend Yards unter dem flammenspeienden Krater des Krakatau. Und es war eine unangenehme, auf schwer in Worte zu fassende Weise <emphasis>bedrohlich </emphasis>wirkende W�rme, ein erstickender Hauch, der aus den W�nden, der Decke und dem Boden drang, aus den brodelnden Lavaseen emporstieg und mit dem Zischen flammender Feuergeysire die Luft durchwob.</p><p>Seit einer Stunde stand Dagon reglos am Ufer des gewaltigen Lavasees und starrte auf das Wogen und Kriechen unter sich hinab. Die Oberfl�che des rotgl�henden Sees war in best�ndiger, zuckender Bewegung. Aber es war nicht nur das Brodeln wei�gl�henden Gesteines, nicht nur der Pulsschlag des Vulkans. Gewaltige, wurm�hnliche <emphasis>Dinge </emphasis>bewegten sich unter der hitzeatmenden Oberfl�che, stie�en manchmal wie im Spiel hindurch und versanken wieder, wei�gl�hende Spritzer geschmolzenen Steines zehn, f�nfzehn Yards hoch in die Luft schleudernd. Dann und wann drang ein tiefes, beunruhigendes Grollen an Dagons Ohr, und manchmal reckte sich der augenlose Sch�del eines <emphasis>Ssaddit </emphasis>aus dem geschmolzenen Stein wie ein Fisch, der nach Luft schnappt.</p><p>Ihre Zahl war wieder gestiegen. Dagons Diener hatten ihm Opfer gebracht, genug, selbst die Gier der THUL SADUUN zu befriedigen. Der Moment, auf den er all die Jahre gewartet hatte, war nicht mehr weit.</p><p>Dagon versp�rte einen leisen Schauer von Furcht, als er daran dachte, wie viele Leben zerst�rt worden waren, um diese Armee des Schreckens zu schaffen. Selbst ihm, f�r den das Leben eines Menschen oder irgendeiner anderen Kreatur weniger galt als der Schmutz unter seinen F��en, wurde angst, als er daran dachte, <emphasis>welcher </emphasis>Art die Wesen waren, die zu erwecken er hergekommen war.</p><p>Aber es war zu sp�t, um jetzt noch zur�ck zu k�nnen. Er hatte den entscheidenden Schritt noch nicht getan, aber die T�r ins Land der Schrecken war bereits einen Spaltbreit aufgesto�en. Er hatte den eisigen Hauch der H�lle gesp�rt, und seine H�nde, die jetzt sorgsam unter dem lang wallenden Umhang verborgen waren, legten Zeugnis davon ab.</p><p>Dagon vertrieb den Gedanken mit einem �rgerlichen Schnauben, erwachte endlich aus seiner Erstarrung und wandte sich mit einem Ruck ab. Als w�rden die <emphasis>Ssaddit </emphasis>das Gehen ihres Meisters - aber war er das �berhaupt? - sp�ren, begann der See aus geschmolzenem Gestein heftiger <emphasis>zu </emphasis>brodeln und zu zischen. Die Lava spritzte so hoch, da� seine Diener, die sich im Kreis um den gewaltigen flammenden Krater aufgestellt hatten, ein paar Schritte zur�ckwichen, und die Schatten begannen hektischer hin und her zu huschen.</p><p>Einer seiner Diener vertrat ihm den Weg, als Dagon die schmale steinerne Treppe ansteuerte, die hinab in jenen Bereich des Krakatau f�hrte, den zu betreten nur ihm allein gestattet war. Es war ein kleiner hagerer Mann, dessen nackter Oberk�rper vor Schwei� gl�nzte und dessen Gesicht vor Schmutz starrte und gezeichnet war vom Tod; wie die Gesichter aller, die zu lange hier unten nahe dem schlagenden Herzen des Berges waren. Der Krakatau war wie ein feuriger Gott, der kein anderes Leben in seiner N�he duldete. Er t�tete, allein durch seine N�he.</p><p>�Was gibt es?� herrschte Dagon den Mann an.</p><p>�Verzeiht, wenn ich Euch st�re, Herr�, antwortete der Sklave.</p><p>�Aber wir haben einen Eindringling gefa�t.�</p><p>�Einen Eindringling?� Dagon zog eine Grimasse. �Dann t�tet ihn.�</p><p>Er wollte weitergehen, aber wieder hob der Mann sch�chtern die Hand, und Dagon blieb abermals stehen. �Was ist noch?� fauchte er ungeduldig.</p><p>�Ihr solltet ihn... Euch ansehen, Herr�, antwortete der Sklave kleinlaut. �Er ist... anders als die anderen.�</p><p>�Anders?� Dagon runzelte die Stirn. �Was soll das hei�en?�</p><p>Aber diesmal antwortete der Mann nicht mehr. Sein Blick flackerte vor Angst.</p><p>�Gut�, sagte Dagon. �Ich sehe ihn mir an. F�hre mich zu ihm.�</p><p>Der Sklave nickte heftig, drehte sich herum und ging so schnell voraus, da� Dagon fast M�he hatte, ihm �berhaupt zu folgen. Sie durchquerten die H�hle in entgegengesetzter Richtung und betraten einen niedrigen, von blutigrotem Licht erf�llten Stollen, der tiefer hinein in das steinerne Herz des Berges f�hrte.</p><p>Sie erreichten eine hohe, domartig gew�lbte Kammer, die als bisher einziger Raum etwas wie eine M�blierung aufwies - in einer Ecke gab es eine niedrige, mit feuchtem Stroh gedeckte Bettstatt, davor einen einzelnen Stuhl.</p><p>Auf dem Bett lag ein Mann. Er war an H�nden und F��en gefesselt und so grob hingeworfen worden, da� Dagon sein Gesicht nicht erkennen konnte. Und trotzdem sp�rte er sofort, warum ihn der Sklave geholt hatte.</p><p>Etwas an diesem Mann war sonderbar. Dagon glaubte die Gefahr, die er verstr�mte, beinahe greifen zu k�nnen. Es war bizarr, ja beinahe l�cherlich: der schwarzgekleidete Fremde war an H�nden und F��en gebunden - und trotzdem hatte Dagon das Gef�hl, einer t�dlichen Viper gegen�berzustehen, nicht einem hilflosen Mann...</p><p>�Er hat vier von uns get�tet, Herr�, sagte der Sklave leise. �Mit blo�en H�nden. Wir mu�ten ihn zu zehnt angreifen, um ihn zu �berw�ltigen.�</p><p>Dagon nickte. �Es ist gut�, sagte er. �Du kannst gehen.� Der Sklave entfernte sich schweigend, und Dagon trat vollends an das Bett heran. Der Mann r�hrte sich nicht, und sein Atem ging langsam und so gleichm��ig wie der eines Schlafenden. Aber davon lie� sich Dagon nicht t�uschen. �Wir sind allein�, sagte er. �Sie brauchen sich nicht mehr zu verstellen. Ich wei�, da� Sie wach sind.�</p><p>Einen Moment lang schien es, als w�rde der Gefangene weiter den Schlafenden spielen, und Dagon sp�rte einen raschen Anflug von Ungeduld, ja, beinahe Zorn. Aber dann hob der Mann den Kopf, drehte sich auf den R�cken und setzte sich auf; mit einer Behendigkeit, als sp�re er die stramm angelegten Fesseln gar nicht. Dagon sah, wie er sich spannte, obgleich sein Gesicht v�llig ausdruckslos blieb.</p><p>�Versuchen Sie es nicht�, sagte Dagon ruhig. �Meine Diener haben mir berichtet, wie gef�hrlich Sie sind. Aber ich bin viel st�rker als ein Mensch.�</p><p>Der Fremde sah auf, und w�hrend sein Blick �ber das Gesicht Dagons huschte, nutzte der Fischgott seinerseits die Gelegenheit, seinen Gefangenen eingehender zu betrachten. Der Fremde war �berraschend jung; nicht mehr als Zwanzig, allerh�chstens zweiundzwanzig Jahre nach der Zeitrechnung der Menschen, und von schlankem, aber sehr kr�ftigem Wuchs. Seine H�nde waren von jener Sehnigkeit, die gro�e Kraft verriet, und der Blick seiner hellblauen, wasserklaren Augen war wie Stahl. Selbst Dagon begann sich unter diesem Blick unwohl zu f�hlen.</p><p>�Wer sind Sie?� fragte er.</p><p>�Shannon�, sagte der junge Mann. �Mein Name ist Shannon.�</p><p>�Shannon...� Dagon wiederholte den Namen ein paarmal, als versuche er, sich an seinen Klang zu gew�hnen. Dann nickte er. �Ich erinnere mich. Du bist der junge Magier, der zusammen mit Robert Craven kam. Was willst du?�</p><p>Der Fremde antwortete nicht, sondern starrte ihn nur weiter an. Pl�tzlich huschte ein sonderbares, schwer zu deutendes L�cheln �ber sein Gesicht. �Du bist Dagon�, sagte er. Dagon nickte. �Das ist richtig. Du kennst mich?�</p><p>�Nicht pers�nlich�, antwortete der Fremde. �Aber ich habe von dir geh�rt. Ich bin hier, weil ich dich gesucht habe.�</p><p>Dagon l�chelte d�nn. �Du hast mich gefunden. Aber ich glaube nicht, da� du Grund hast, dich dar�ber zu freuen. Was willst du?�</p><p>�Mit dir reden�, antwortete der Fremde. �Dir einen Vorschlag machen.�</p><p>�Einen Vorschlag?� Dagon sch�ttelte den Kopf. Er war ein wenig entt�uscht. �Was immer es ist, es interessiert mich nicht.�</p><p>�Warum hast du mich dann nicht gleich umbringen lassen?� fragte Shannon ruhig.</p><p>�Ich wollte den Mann sehen, der meine Sklaven in Furcht zu versetzen vermag�, antwortete Dagon. �Aber ich habe etwas anderes erwartet.�</p><p>Shannon nickte, richtete sich noch ein wenig weiter auf - und hob pl�tzlich die H�nde hinter dem R�cken hervor. �So etwas, zum Beispiel?� fragte er ruhig.</p><p>Dagon keuchte vor �berraschung. Shannon hatte die Fesseln nicht etwa zerrissen; obwohl sie aus daumendicken Hanfstricken bestanden, h�tte Dagon dies kaum erschreckt, denn Kraft war etwas Relatives, und die Menschen waren im allgemeinen so schwach. Nein - die Fesseln waren verschwunden. Genauer gesagt, sie hatten sich <emphasis>verwandelt!</emphasis></p><p><emphasis>Aus den zerfaserten braunen Stricken waren zwei d�nne, schwarzgr�n gl�nzende Schlangen geworden, die sich zischend und z�ngelnd um Shannons Handgelenke wanden!</emphasis></p><p>Es dauerte Sekunden, bis Dagon seine Fassung wiederfand. �Das ist... beeindruckend�, sagte er stockend. �Aber mehr auch nicht. Glaubst du, dein Leben mit ein paar Taschenspielertricks retten zu k�nnen?�</p><p>�Das wird kaum n�tig sein, Dagon�, antwortete Shannon, und irgend etwas war in seiner Stimme, was den Fischgott abermals aufblicken und das glatte Jungengesicht seines Gegen�bers genauer ansehen lie�. T�uschte er sich, oder hatte es sich ver�ndert? Dagon vermochte es nicht genau zu sagen, aber es schien, als w�re Shannons Gesicht reifer geworden, h�rter und... Ja, dachte er verst�rt. <emphasis>�lter.</emphasis></p><p>�Was hat das zu bedeuten?� fragte er scharf.</p><p>Shannon l�chelte, aber es war ein ganz und gar grausames L�cheln, ohne die mindeste Spur eines echten menschlichen Gef�hls.</p><p>�Ich habe dir einen Vorschlag zu machen, Dagon�, sagte Shannon. �Einen Vorschlag, der wahrscheinlich dein Leben retten wird. Ich bin nicht hier, um dich <emphasis>zu </emphasis>vernichten. W�re ich deshalb gekommen, dann w�re ich kaum so n�rrisch gewesen, mich von deinen Dienern fangen zu lassen, glaube mir.� Er setzte sich vollends auf, schwang die Beine vom Bett und stand nach sekundenlangem Z�gern auf. Dagon bemerkte, da� seine Bewegungen viel von ihrer Eleganz verloren hatten. Sie wirkten noch immer schnell und kraftvoll, aber es waren nicht mehr die eines jungen Mannes. Und die Fesseln an H�nden und F��en waren nun vollends verschwunden.</p><p>�Du hast es mir sehr schwer gemacht, Dagon, dich zu finden�, fuhr Shannon fort. �Aber noch ist es nicht zu sp�t. Wenn du tust, was ich dir sage, dann kann ich die Verwandlung aufhalten.�</p><p>Dagon keuchte. �Die...�</p><p>In Shannons Augen glomm ein rasches, kaltes L�cheln auf. �Spiel nicht den Narren. Ich kenne dein Geheimnis, Dagon.� Er deutete mit einer Kopfbewegung auf den Mantel des Fischgottes. �Es hat bereits begonnen, nicht?�</p><p>Dagon starrte ihn an. Seine schillernden Fischaugen waren weit vor Schrecken, und pl�tzlich, beinahe gegen seinen Willen und in einer Bewegung, die er nicht einmal aufhalten konnte, als er es versuchte, hob er die H�nde unter dem Mantel hervor und streckte sie dem schwarzgekleideten Magier entgegen.</p><p>Es waren nicht die H�nde eines Menschen - aber das waren sie ja nie gewesen -, aber auch nicht mehr die H�nde Dagons, des Fischgottes. Die schlanken, mit durchscheinenden Schwimmh�uten verbundenen Finger waren zu plumpen, schw�rzlich-braun glitzernden Pranken geworden, verkr�mmt und knotig und von Pusteln und n�ssenden Geschw�ren �bers�t. Aus seinen Daumen wuchsen gr��liche Raubtierkrallen hervor, und auch die anderen N�gel waren blutig; das schimmernde Wei� frischer N�gel, die sich zu F�ngen auswuchsen, gl�nzte durch das zerfetzte Fleisch.</p><p>Und die Ver�nderung war nicht allein auf seine H�nde beschr�nkt. Wie braune, unterschiedlich lange Handschuhe zog sich die f�rchterliche F�rbung seine Arme hinauf; Haut, die zu Horn und irgend etwas anderem Schrecklichen geworden war.</p><p>Einen Moment lang betrachtete Shannon die Krallenh�nde des Fischgottes interessiert, dann trat er zur�ck, seufzte und fuhr sich mit den Fingern �ber das Gesicht. Seine Haut schien dunkler zu werden, und abermals hatte Dagon das Gef�hl, den jungen Mann vor seinen Augen altern zu sehen.</p><p>�Es ist schon schlimmer, als ich dachte�, sagte Shannon. �Aber nicht zu schlimm.� Er l�chelte kalt. �Sie beginnen, dich in einen der ihren zu verwandeln, nicht wahr?�</p><p>Dagon nickte. �Woher... woher wei�t du das?�</p><p>�Ich wei� manches�, antwortete Shannon unwillig. �Und ich kann manches. Ich kann dir zum Beispiel helfen.�</p><p>�Du?� keuchte Dagon. �Du kannst...�</p><p>Shannon schnitt ihm mit einer unwilligen Bewegung das Wort ab. �H�r mir zu�, sagte er. �Es ist nicht mehr viel Zeit. Bald wird sich das <emphasis>Tor </emphasis>vollends �ffnen, und die THUL SADUUN werden auferstehen. Wenn dies geschieht, wirst du zu einem der ihren, nicht nur k�rperlich, und du wei�t es. Dann wirst du deinen Plan wohl kaum noch ausf�hren k�nnen.� Er l�chelte abermals, legte eine ganz genau berechnete Pause ein und fuhr mit ebenso genau berechneter, ver�nderter Stimme fort: �Es sei denn, du nimmst meine Hilfe an.�</p><p>�Deine Hilfe?� wiederholte Dagon verst�rkt. �Die Hilfe meines Feindes?�</p><p>�Feind!� Shannon lachte. �Du bist ein Narr, Dagon. Ich wollte dir Robert Craven auf einem silbernen Tablett servieren, aber dieser Trottel hat pl�tzlich sein Gewissen entdeckt und ist zur�ckgerannt, um sich umbringen zu lassen. Ich bin nicht dein Feind. Im Gegenteil - wir sind gewisserma�en Verb�ndete. Du kennst mich.�</p><p>Er trat einen Schritt zur�ck, hob die Arme und begann leise, unverst�ndliche Worte zu murmeln. Worte, die selbst in Dagon ein sp�rbares Schaudern hervorriefen.</p><p>Dann begann er sich zu ver�ndern.</p><p>Es ging ganz schnell. Rings um die hohe, in die Farbe der Nacht gekleidete Gestalt des jungen Magiers ballten sich Schatten und Finsternis zusammen, sein Gesicht verschwand hinter einem Schleier aus huschender Dunkelheit, und etwas geschah mit seiner Gestalt. Sie schien zu schrumpfen, sich auf unbeschreibliche Weise zu verbiegen und zu drehen. Der bizarre Vorgang dauerte nur wenige Sekunden.</p><p>Aber als er beendet war, war aus dem jungen, h�nenhaft gebauten Mann ein vom Alter gebeugter Greis geworden, ein Mann mit einem Gesicht aus Runzeln und Falten, in dem einzig die Augen noch zu leben schienen.</p><p>�Du kennst mich, Dagon�, sagte er noch einmal, und pl�tzlich sprach er mit einer zitternden Greisenstimme. �Wenn auch nicht unter dem Namen Shannon. Dieser K�rper war nicht mehr als ein Mantel, in den ich schl�pfte, um das Vertrauen dieses Narren Craven zu erringen - und dich zu finden. Mein wahrer Name ist Necron.�</p><p>Das Meer gl�hte. Ein unheimliches, rotgelbes Licht brannte irgendwo tief unter seiner Oberfl�che, und dahinter, nur als verschwommener Schatten wahrzunehmen, scho� ein kolossales Etwas heran, ein Ding wie ein Wal, aber dreimal so gro� und schnell wie ein Pfeil. Eine schaumige Spur markierte seine Bahn; eine wei�e, wie mit einem Lineal gezogene Linie, die geradewegs aus dem offenen Meer kam - und genau auf die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>deutete!</p><p>Harmfeld bemerkte die neue Gefahr eine halbe Sekunde nach mir. Und diesmal reagierte er ungleich schneller als beim ersten Mal. Mit einem Satz war er herum, hetzte �ber das Schiff und begann gleichzeitig Kommandos zu br�llen. Unter mir wurden knallend die Gesch�tzluken ge�ffnet, M�nner schrien, und �berall flammten pl�tzlich Fackeln und kleine brennende Lunten auf.</p><p>Mit einem Satz war ich bei Harmfeld und versuchte ihn zur�ckzurei�en. �Sind Sie wahnsinnig, Kapit�n?� schrie ich. �Was immer dort herankommt, es ist gr��er als Ihr Schiff!� Harmfeld fuhr herum. Seine H�nde zuckten, als wolle er mich packen. �Was soll ich tun, Ihrer Meinung nach?� fauchte er. �Hier verschwinden!� antwortete ich, ebenso zornig wie er.</p><p>Harmfeld schnaubte. �Sie sind ja verr�ckt! Die <emphasis>Zuidermaar</emphasis> ist ein Kriegsschiff, Sie Witzbold, kein Paddelboot! Ich brauche eine halbe Stunde, um das Schiff auch nur von der Stelle zu bekommen.� Er ballte die Hand zur Faust, blickte die n�herkommende Leuchterscheinung und die sch�umende Bugwelle an und sch�ttelte noch einmal den Kopf. �Was immer dort herankommt - wir werden k�mpfen m�ssen.�</p><p>Und es sah ganz so aus, als h�tte er recht.</p><p>Ich versuchte in Gedanken, die Zeit abzusch�tzen, die noch bis zum Zusammenprall vergehen mu�te - eine, allerh�chstens zwei Minuten, dann w�rde uns dieses Ding vermutlich in den Meeresboden hineinrammen. Ich legte die aneinandergebundenen H�nde auf die Reling und spreizte instinktiv die Beine, um mich auf den Anprall vorzubereiten - eine, logisch betrachtet, h�chst l�cherliche Reaktion in Anbetracht dieses schwimmenden Berges.</p><p>Aber dann wurde der Schatten langsamer. Das unheimliche, rotgelbe Licht, das er ausstrahlte, gl�hte heller auf, tastete wie der Strahl eines Scheinwerfers hierhin und dorthin und glitt, eine Handbreit unter der Wasseroberfl�che, �ber den Rumpf der <emphasis>Zuidermaar. </emphasis>Noch immer war der Riese nur als verschwommener Schatten unter dem Meer zu erkennen, aber ich sah deutlich, wie er langsamer und langsamer wurde und schlie�lich in einem engen Halbkreis herumschwenkte, bis er sich nahezu parallel zu unserem Schiff bewegte. Die Bugwelle verlief sich allm�hlich, aber �ber seinem R�cken begann mit einemmal das Wasser zu brodeln wie bei einem Wal, der Luft abbl�st. Der gewaltige Schatten begann zu wachsen, als das Unget�m der Wasseroberfl�che entgegenstrebte. Ich erkannte mehr Einzelheiten: den schlanken, zackenbesetzten Leib, die riesige Heckflosse, unter der das Meer sprudelte, den f�rchterlichen Rammsporn an seinem Sch�del, die beiden gewaltigen, runden Augen, die grelle Lichtnadeln durch das Meer stie�en...</p><p>Und pl�tzlich wu�te ich, was wir vor uns hatten!</p><p>�Es taucht auf!� sagte Harmfeld. Und dann, etwas lauter: �Kanoniere - Achtung. Feuer frei, sobald es oben ist.� Sekunden vergingen, bis seine Worte in mein Bewu�tsein drangen. Dann fuhr ich herum, packte Harmfeld bei den Rockaufschlagen und deutete wild auf das Meer hinaus. �Um Gottes willen, nicht!� keuchte ich. �Das ist kein Ungeheuer, Kapit�n! Das ist...�</p><p>Harmfeld versetzte mir einen Sto� vor die Brust, der mich zur�ck und gegen die Reling taumeln lie�. W�tend hob er die Hand, als wolle er mich schlagen. �Sind Sie �bergeschnappt, Craven?� schrie er. �Noch ein Wort, und ich lasse Sie in Ketten legen und unter Deck bringen!�</p><p>�Aber das ist...�</p><p>Harmfeld machte eine blitzschnelle Bewegung mit der Hand, und zwei seiner Marinesoldaten packten mich und zerrten mich grob zur�ck. Ich wehrte mich verzweifelt, aber mit gefesselten H�nden hatte ich keine gro�e Chance gegen die beiden kr�ftigen M�nner. Rasch wurde ich �ber das Deck und in Richtung des Achterkastells gezerrt.</p><p>�Harmfeld!� schrie ich verzweifelt. �Nicht schie�enl Das ist kein Ungeheuer! Sie werden...�</p><p>Meine Worte gingen in einem ungeheuren Krach unter, als sich die Bordgesch�tze der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>nahezu gleichzeitig entluden. Zwei-, dreihundert Yards weiter drau�en auf dem Meer spritzte das Wasser auf, Schaum und wei�e Gischt schossen in die H�he, und zwischen dem wei�en Brodeln stoben Funken in die Luft, als die Kanonenkugeln gegen zolldicken Stahl schlugen. Die beiden M�nner, die mich hielten, blieben unwillk�rlich stehen, um dem phantastischen Schauspiel zuzusehen. Das Donnern der Gesch�tzsalve war verstummt, aber das Meer kochte weiter und gebar wei�en Schaum, als der Gigant weiter auftauchte. Die <emphasis>Zuidermaar</emphasis> begann zu zittern, als gewaltige Wellen das Meer kr�uselten und gegen ihre Flanke prallten. Und pl�tzlich erhob sich vom Deck des Schiffes ein vielstimmiger, gellender Aufschrei, denn inmitten der sprudelnden Gischt erschien ein Alptraumsch�del, gewaltig und schwarzgr�n schimmernd, von einem Zackenkamm gekr�nt und aus zwei riesigen, grell lodernden Augen glotzend.</p><p>�Feuer frei!� br�llte Harmfeld. Seine Stimme �berschlug sich fast. Ich konnte die Angst darin beinahe greifen. Die Backbordgesch�tze der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>feuerten eine zweite Salve. Wieder spritzte das Meer auf, und wieder sah ich Funken und Metallsplitter davonfliegen, als die Geschosse gegen den st�hlernen Sch�del des vermeintlichen Ungeheuers prallten und zersplitterten. Dann stach eine orangerote Flamme aus dem brodelnden Gischt, ein helles, boshaftes Sirren erklang - und zwanzig Yards �ber unseren K�pfen l�ste sich ein Teil des Mastes in einer feurigen Wolke auf. Brennende Tr�mmerst�cke prasselten auf das Deck, und das gewaltige Kriegsschiff erbebte wie unter einem Hammerschlag.</p><p>Die beiden M�nner, die mich hielten, waren f�r einen Moment abgelenkt, und ich nutzte die Chance, die sich mir bot. Blitzschnell ri� ich mich los, packte den einen und schleuderte ihn wuchtig gegen seinen Kameraden. Die beiden Matrosen gingen zu Boden. Ich rannte zu Harmfeld zur�ck, packte ihn an den Schultern und ri� ihn herum.</p><p>�H�ren Sie endlich auf, Sie Idiot!� br�llte ich. �Stellen Sie das Feuer ein, ehe Sie uns alle umbringen!�</p><p>Harmfeld keuchte und versuchte, sich aus meinem Griff zu befreien, aber die Wut gab mir zus�tzliche Kraft. Ich stie� ihn gegen die Reling, versetzte einem seiner Soldaten, der mich zur�ckzerren wollte, einen Sto� mit dem Ellbogen, und packte Harmfeld erneut am Kragen.</p><p>�Das da drau�en sind nicht unsere Feinde!� keuchte ich. �Ihr sogenanntes Seeungeheuer h�tte uns mit dem ersten Schu� versenken k�nnen, ist Ihnen das klar? Es ist ein Unterseeboot, verdammt!�</p><p>Harmfeld wollte antworten, aber in diesem Moment erscholl ein ungeheures Pfeifen und Dr�hnen, und eine Sekunde sp�ter rollte eine menschliche Stimme �ber das Meer heran, verzerrt und von einer phantastischen Technik hundertfach verst�rkt. Eine Stimme, die ich nur zu gut kannte!</p><p>�Achtung, Kapit�n der <emphasis>Zuidermaarl </emphasis>Hier spricht Kapit�n Nemo von Bord der NAUTILUS. Stellen Sie das Feuer ein!�</p><p>Harmfeld erstarrte. Bleich vor Schrecken wandte er sich um, starrte aus hervorquellenden Augen auf den vermeintlichen Monstersch�del - der nichts anderes als der Turm des Unterseebootes war - und versuchte, Worte hervorzubringen. Aber alles, was �ber seine Lippen kam, war ein unartikuliertes St�hnen.</p><p>�Stellen Sie das Feuer ein und streichen Sie Ihre Eagge!� fuhr die hundertfach verst�rkte Ba�stimme Nemos fort. �Sie haben genau eine Minute Zeit, sich zu ergeben. Danach versenken wir Sie.�</p><p>Harmfeld begann am ganzen Leibe zu zittern. �Die... die NAUTILUS?� wimmerte er. �Das ist... das ist ganz unm�glich. Das ist...�</p><p>�Noch f�nfundvierzig Sekunden!� schrien die Lautsprecher der NAUTILUS.</p><p>�Zum Teufel, Kapit�n, antworten Sie!� sagte ich. �Nemo meint es ernst.�</p><p>�Aber das ist unm�glich!� keuchte Harmfeld. Seine Stimme klang schrill, fast kreischend. Sein Blick flackerte. �Die NAUTILUS ist eine Legende. Seemannsgarn. Es gibt dieses Schiff nicht!�</p><p>�Noch drei�ig Sekunden�, sagte Nemo.</p><p>�Ihre Legende wird uns bis auf den Mond sprengen, wenn Sie nicht kapitulieren!� sagte ich verzweifelt. �Geben Sie Befehl, die Flagge zu streichen!�</p><p>Aber Harmfeld schien meine Worte gar nicht zu h�ren. Gel�hmt vor Schrecken starrte er abwechselnd die NAUTILUS und mich an.</p><p>�Ihre Bedenkzeit ist um, mes amis�, sagte Nemo freundlich.</p><p>�Ich bedaure es zutiefst, aber Sie zwingen mich, Dinge zu tun, die mir im Grunde meiner Seele widerstreben. Pardonnez-moi.�</p><p>Und damit stach eine zweite, feurige Lanze zwischen den Bullaugen der NAUTILUS hervor. Ein ungeheures Krachen erklang, und f�r einen Moment wurde die Nacht zum Tage, als hoch �ber unseren K�pfen die niederl�ndische Flagge mitsamt einem Teil des Hauptmastes in Flammen aufging.</p><p>Mein Herz schien mit einem schmerzhaften Sprung direkt in meinen Hals hinaufzuh�pfen und dort wie ein toll gewordenes Hammerwerk weiterzuschlagen. Verzweifelt sah ich mich nach einer Fluchtm�glichkeit um. F�r einen Moment war ich nahe daran, schlichtweg �ber Bord zu springen, um das rettende Ufer schwimmend zu erreichen. Aber ich verwarf den Gedanken, kaum da� er mir gekommen war. Wenn Nemo wirklich einen seiner schrecklichen Torpedos auf die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>abscho�, w�rden von diesem Schiff kaum mehr Tr�mmerst�cke �brigbleiben.</p><p>Aber die t�dliche, alles ausl�schende Explosion, auf die ich wartete, kam nicht. Statt dessen begann pl�tzlich dicht vor der Reling das Meer zu brodeln, und eine Anzahl gewaltiger, schwarzgl�nzender K�rper durchbrach die Wasseroberfl�che. Harmfeld taumelte von der Reling zur�ck und fuchtelte wild und unkontrolliert mit den H�nden umher. An Bord des Schiffes begann eine Panik auszubrechen. Der einzige, der nicht versuchte, eine m�glichst gro�e Entfernung zwischen sich und die Reling zu bringen, war ich.</p><p>Im Gegenteil. So rasch es mir mit meinen gefesselten H�nden m�glich war, ergriff ich eine der zusammengerollten Strickleitern, die l�ngs der Reling lagen, warf sie �ber Bord und sah zu, wie die Riesengestalten hintereinander daran emporzuklettern begannen. Trotz ihres plumpen �u�eren bewegten sie sich �u�erst geschickt und schnell. Schon nach wenigen Sekunden stiegen die ersten M�nner �ber die Reling.</p><p>Es waren wahrhaftig Giganten. Keiner von ihnen war kleiner als zwei Yards, und ihre Schulterbreite betrug beinahe das Doppelte eines normalen Menschen. Selbst auf mich, der wu�te, da� ihr monstr�ses �u�eres nur auf die schweren Tiefseemonturen zur�ckzuf�hren war, die sie trugen, wirkte der Anblick fast be�ngstigend.</p><p>W�hrend sich die M�nner der NAUTILUS im Halbkreis um die Strickleiter verteilten und warteten, bis auch der letzte an Bord gekommen war, trat ich auf Harmfeld zu. Der Kapit�n der <emphasis>Zuidermaar</emphasis> war fast bis zur gegen�berliegenden Reling zur�ckgewichen und starrte aus hervorquellenden Augen auf die Horrorgestalten. Ein Teil seiner Mannschaft hatte sich um ihn geschart; die meisten bewaffnet, aber ebenso erstarrt vor Schrecken wie ihr Kapit�n.</p><p>�Geben Sie Ihren M�nnern Befehl, die Waffen zu senken�, sagte ich hastig. �Ein einziger Schu� l�st eine Katastrophe aus!�</p><p>Nat�rlich reagierte Harmfeld auch jetzt nicht auf meine Worte. Aber seine M�nner hatten sie verstanden, und der Anblick der finsteren Giganten unterstrich meine Worte und �berzeugte sie davon, da� es besser war, auf mich zu h�ren. Einer nach dem anderen senkten sie ihre Gewehre. Ich atmete innerlich auf.</p><p>Mittlerweile war auch der letzte Mann der NAUTILUS an Bord gekommen, und als ich mich umwandte, traten drei der monstr�sen Gestalten auf Harrnfeld und mich zu. Eine von ihnen �berragte selbst die schwarzgekleideten Riesen noch um mehr als Hauptesl�nge. Ich h�tte noch nicht einmal durch die Frontscheibe ihres Helmes blicken m�ssen, um sie zu erkennen.</p><p>�Rowlf!� sagte ich erleichtert. �Ihr h�ttet wirklich keine Minute sp�ter kommen d�rfen!�</p><p>Howards Leibdiener trat auf mich zu und blickte kopfsch�ttelnd zu mir herab. �Issoch immer's selbe mit dir�, sagte er.</p><p>�Kaum l��t ma dich 'n Moment ausse Augen, bisse wieda inne Klemme.� Er seufzte, nahm umst�ndlich seinen Helm ab und legte ihn vor sich auf das Deck.</p><p>�Was... was bedeutet das, Craven?� kr�chzte Harmfeld. �Sie kennen diese... diese M�nner?�</p><p>�Das will ich meinen, mon ami�, sagte eine der beiden anderen Gestalten. �Sie sind der Kapit�n dieses famosen Schiffes, nehme ich an?�</p><p>Harmfeld starrte den Mann im Taucheranzug an und sagte kein Wort. Nach wenigen Sekunden hob der Mann - wie Rowlf zuvor - die H�nde an den Kopf, l�ste seinen Helm und reichte ihn an seinen Begleiter weiter. Das schmale, ausgezehrt wirkende Asketengesicht mit dem wei�en Haar, das unter dem Taucherhelm zum Vorschein kam, wirkte �ber den monstr�sen Schultern der Tiefseemontur beinahe l�cherlich.</p><p>�Wenn ich mich vorstellen darf?� fragte er. �Mein Name ist Nemo. Kapit�n Nemo. Und Sie sind...�</p><p>�Harm... Harmfeld�, stammelte Harmfeld. �Sie... Sie sind Nemo? Der... <emphasis>der </emphasis>Nemo?�</p><p>�In der Tat, mein Lieber, <emphasis>der </emphasis>Nemo�, erwiderte Nemo mit einem raschen, fl�chtigen L�cheln. Er hob den Arm, deutete mit der Metallklaue seines Anzuges auf seine �brigen Begleiter und schlo� auch mich in die Geste ein. �Dies hier sind meine Leute, mon capitain�, sagte er. �Und wie Sie schon ganz richtig vermutet haben, handelt es sich bei Monsieur Craven um einen guten alten Bekannten von mir. Man k�nnte beinahe sagen, einen Freund.� Er runzelte die Stirn. �Ich sehe, er ist in Ketten?� fragte er. �Was hat er getan?�</p><p>Harmfelds Gesicht verlor noch ein wenig mehr an Farbe. �Nichts�, sagte er rasch. �Es handelt sich wohl um... um einen Irrtum.�</p><p>Nemo nickte. �Das scheint mir auch so, mon capitain. Es tut mir �brigens ausgesprochen leid, da� ich Ihr prachtvolles Schiff ein wenig besch�digen mu�te, aber unsere Zeit ist knapp bemessen, und Ihre Kanonen drohten die NAUTILUS in Mitleidenschaft zu ziehen.�</p><p>�Was... was wollen Sie von uns?� stammelte Harmfeld. �Das ist in der K�rze der Zeit und unter den gegebenen Umst�nden leider nicht so einfach zu erkl�ren�, antwortete Nemo knapp. �Aber ich darf Sie vielleicht bitten, mich an Bord meines Schiffes zu begleiten, mein lieber Freund. Dort werden Sie alles erfahren, was vonn�ten ist.�</p><p>�Ich... ich bin Ihr Gefangener?� fragte Harmfeld.</p><p>Nemo seufzte. �Ich h�tte vielleicht ein anderes Wort daf�r gefunden�, sagte er. �Aber ja, sicher, man k�nnte es so nennen. Sagen wir der Einfachheit halber, da� Sie Ihr prachtvolles Schiff vor�bergehend als geentert betrachten d�rfen.�</p><p>�Dann ist es also wahr, was man sich �ber Sie erz�hlt!� sagte Harmfeld w�tend. Er hatte den �rgsten Schrecken �berwunden und fand seine Fassung jetzt wieder. �Sie sind nichts als ein gemeiner Pirat!�</p><p>�Aber ich bitte Sie, mon ami!� erwiderte Nemo in leicht beleidigtem Ton. �Nichts liegt mir ferner, als einen Akt der Piraterie zu begehen. Es ist nur so, da� wir aus einem ganz bestimmten Grund hier sind. Sie werden sp�ter alles erfahren, aber nehmen Sie jetzt damit vorlieb, da� wir Ihr Schiff brauchen.�</p><p>�Und wozu?� fragte Harmfeld.</p><p>�Um diese Insel zu evakuieren�, antwortete Nemo.</p><p>�Evakuieren?� Harmfeld blinzelte irritiert. �Wie meinen Sie das? Was soll der Unsinn?�</p><p>�Ich f�rchte, es ist alles andere als Unsinn�, sagte Nemo in eindeutig bedauerndem Ton. �Dies ist die Insel Krakatau, nicht wahr?�</p><p>Harmfeld nickte, und Nemo fuhr fort: �Der Vulkan wird ausbrechen, mon capitain. In weniger als zwei Tagen wird fast die gesamte Insel in einer einzigen, gewaltigen Explosion vom Antlitz dieses Planeten getilgt werden.�</p><p><emphasis>Das Wesen fra� sich tiefer und tiefer in die Erde. L�ngst hatte es den Leib des Berges �ber sich zur�ckgelassen, die Insel, ja selbst den jahrmillionenalten Granit des Meeresbodens durchsto�en, aber immer noch fra� es sich weiter. Sein Leib, hei� wie das Herz einer Sonne, hatte eine feurige Wundein die Erde gegraben, einen flammenden Kanal, erf�lltmit kochender Lava und Hitze, aber noch hatte es seinZiel nicht erreicht.</emphasis></p><p><emphasis>Der Ssaddit hielt f�r einen Moment in seinem gierigen Fressen und Graben inne, um neue Kraft zu sch�pfen. Rings um den schrecklichen Lavawurm herum gl�hte der Fels, und mit dem winzigen, nur von Instinkten beherrschten Etwas, das er anstelle eines Verstandes trug, sp�rte er die Verlockung des feurigen Erdinneren wie einen d�steren Ruf, der von tief, tief unten erscholl. Dort war sein Ziel. Dort, im kochenden Herz der Erde, in dem die Erinnerung an die Jugend dieses blauen Planeten noch frisch war, w�rde er seine Erf�llung finden. Selbst er w�rde sterben, wenn ihn die Umarmung des flammenden Magmas umfing, aber das spielte keine Rolle. Den Weg dorthin zu graben, war der einzige Zweck seines Daseins. Seines und dem seiner zahllosen Artgenossen, die sich jetzt noch tatenlos in den sprudelnden Lavaseen des Krakatau suhlten, abwartend, aber bereit, ihm zu folgen, wenn er den Ort der Bestimmung erreicht hatte.</emphasis></p><p><emphasis>Die Kerker der THUL SADUUN.</emphasis></p><p>Die NAUTILUS war l�ngsseits gegangen. Das gewaltige Turmluk hatte sich ge�ffnet, und einer von Nemos M�nnern hatte eine Laufplanke ausgelegt, so da� wir das Unterseeboot trockenen Fu�es erreichen konnten. Harmfeld hatte sich nicht mehr gestr�ubt, Nemos �Einladung� Folge zu leisten und an Bord der NAUTILUS �berzuwechseln - wenn auch h�chstwahrscheinlich weniger aus Einsicht als vielmehr, weil er von dem Geh�rten und Erlebten viel zu schockiert war, um �berhaupt zu so etwas wie Widerspruch f�hig zu sein. Ich war ein wenig entt�uscht, Howard nicht im Turm vorzufinden, aber Nemo erkl�rte mir, da� er im Salon auf mich und den Kapit�n der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>warten w�rde, und ich beeilte mich, die gewendelte Eisentreppe hinunter in die Kommandozentrale der NAUTILUS zu laufen.</p><p>Unser Wiedersehen war so herzlich, wie man es nach allem, was in der Zwischenzeit geschehen war, erwarten konnte. Howard schlo� mich schlichtweg in die Arme und pre�te mich so heftig an sich wie eine Mutter, die ihren totgeglaubten Sohn wiedergefunden hat. Einen Moment lang lie� ich seine st�rmischen Freudenbezeugungen �ber mich ergehen, dann l�ste ich mich aus seiner Umarmung, trat einen Schritt zur�ck und musterte ihn von Kopf bis Fu�. Howard sah nicht gut aus. Tiefe graue Schatten lagen auf seinen Wangen, und seine Augen hatten einen fiebrigen Glanz, der wohl nur zum Teil auf seine Erregung zur�ckzuf�hren war. Seine H�nde zitterten ganz leicht, als er einen Zigarillo aus der Rocktasche nahm und anz�ndete.</p><p>�Wie sch�n, dich wiederzusehen, Junge�, sagte er - zum wahrscheinlich drei�igsten Male. �Ich hatte die Hoffnung bereits aufgegeben.�</p><p>�Du wei�t doch: Unkraut vergeht nicht�, antwortete ich. Howard l�chelte, aber der ernste Ausdruck in seinen Augen nahm eher zu. Er setzte sich, schnippte die Zigarrenasche auf den Boden und wies mich mit einer einladenden Geste an, ihm gegen�ber Platz zu nehmen. Ich sah zur T�r zur�ck, ehe ich gehorchte. Das halbrunde Stahlschott hatte sich hinter mir wieder geschlossen.</p><p>�Ich habe darum gebeten, da� man uns f�r einige Minuten in Ruhe l��t�, sagte Howard, der meinen Blick richtig deutete. �Wir haben eine Menge zu bereden. Und nicht sehr viel Zeit. Was ist passiert?�</p><p>Ich z�gerte einen Moment, zu antworten. Mir brannten selbst tausend Fragen auf der Zunge, angefangen mit der, wieso die NAUTILUS pl�tzlich hier aufgetaucht war - nicht nur Tausende von Meilen von der schottischen K�ste entfernt, sondern noch dazu zwei Jahre in der <emphasis>Vergangenheit. </emphasis>Aber ich kannte Howard auch gut genug, um zu wissen, da� ich ohnehin keine Antwort bekommen w�rde, ehe nicht sein Wissensdurst gestillt war. So f�gte ich mich denn und erz�hlte ihm alles, was seit unserer letzten Begegnung geschehen war, �ber die verzweifelte Odyssee der <emphasis>Dagon</emphasis> und mein Zusammentreffen mit dem geheimnisvollen Feind der GROSSEN ALTEN, bis hin zu dem, was sich auf Krakatau selbst zugetragen hatte. Howard sagte w�hrend der ganzen Zeit kein Wort, aber er hatte seine Physiognomie nicht gut genug unter Kontrolle, da� ich nicht darin h�tte lesen k�nnen. Nicht sehr viel von dem, was er h�rte, schien ihn zu �berraschen.</p><p>Auch als ich zu Ende berichtet hatte, schwieg Howard weiter, und schlie�lich hielt ich es nicht mehr aus und platzte heraus: �Was hat das alles zu bedeuten, Howard? Wie kommt die NAUTILUS hierher? Woher wu�tet ihr �berhaupt, wo ich bin, und was hat Nemo damit gemeint: Diese Insel wird vom Angesicht des Planeten getilgt werden?�</p><p>Howard l�chelte, wurde aber sofort wieder ernst. �Mein alter Freund Nemo beflei�igt sich manchmal einer etwas blumenreichen Ausdrucksweise�, sagte er. �Aber er hat recht, Robert. Sagt dir der Name Krakatau wirklich so wenig? Denk zur�ck - zwei Jahre ungef�hr.�</p><p>Ich �berlegte einen Moment, sch�ttelte aber dann den Kopf. Vor zwei Jahren war ich gerade in London eingetroffen und hatte versucht, mich in die Geheimnisse einzuarbeiten, die mir mein Vater zusammen mit seinem Riesenverm�gen hinterlassen hatte. Ich hatte w�hrend dieser Zeit kaum etwas von dem mitbekommen, was rings um mich herum auf der Welt vorging. �Zwei Jahre in der Vergangenheit, das ist jetzt�, sagte Howard. �Der Vulkan wird ausbrechen, in einer der gr��ten Eruptionen seit Menschengedenken.�</p><p>�Und es gibt... keine M�glichkeit, es... es zu verhindern?� Howard sch�ttelte traurig den Kopf. �Wie willst du etwas verhindern, was schon geschehen ist, Robert?� fragte er. �Wir k�nnen nur versuchen, so viele Menschen wie m�glich von der Insel fortzuschaffen, ehe die Katastrophe hereinbricht.�</p><p>�Deshalb hat Nemo die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>einfach entern lassen�, sagte ich.</p><p>Howard nickte. �Ja. F�r lange Erkl�rungen bleibt keine Zeit. Wir haben achtundvierzig Stunden, um Krakatau zu evakuieren, von hier zu verschwinden und so weit aufs Meer hinauszufahren, wie wir nur k�nnen. Dieses holl�ndische Kriegsschiff hat sogar noch weniger Zeit. Es mu� einen Hafen erreichen, ehe die Flutwelle kommt.� Er seufzte, stand auf und kam mit einer zerknitterten Seekarte wieder. Ich sah, da� er einige Punkte darauf mit roten Strichen markiert hatte.</p><p>�Einen Vorteil haben wir�, sagte er, w�hrend er die Karte auseinanderfaltete und mit dem Handr�cken glattstrich. �Wenn auch einen kleinen. Da wir wissen, wo und wie schlimm die Springflut zugeschlagen hat, k�nnen wir dem Kapit�n des Schiffes ziemlich genau sagen, wohin er segeln mu�, um zu �berleben.�</p><p>�Und... alles andere?� fragte ich stockend. �Dagon und Shannon und...�</p><p>�Dazu bleibt keine Zeit�, unterbrach mich Howard leise, aber sehr ernst. �Auf dieser Insel leben an die tausend Menschen. Wir werden kaum alle retten k�nnen, aber jeder Moment ist kostbar. Dein fischgesichtiger Freund wird zusammen mit dem Vulkan in die Luft fliegen.�</p><p>�Und Shannon auch�, f�gte ich d�ster hinzu.</p><p>Howard wich meinem Blick aus. �Ich f�rchte es�, murmelte er. Er schwieg einen Moment, sah mich dann doch an und fragte: �Du magst ihn sehr, wie?�</p><p>�Ich... ich wei� nicht�, antwortete ich ausweichend. �Bis vor ein paar Tagen dachte ich, er w�re mein Freund, aber jetzt...� Ich suchte vergeblich nach den passenden Worten. Wie h�tte ich die Entt�uschung, ja, das <emphasis>Entsetzen, </emphasis>mit dem mich Shannons so pl�tzliche Verwandlung erf�llt hatte, auch ausdr�cken sollen?</p><p>�Wir k�nnen nichts f�r ihn tun�, sagte Howard leise. �Nicht, wenn er wirklich zu Dagon gegangen ist.�</p><p>�Ich k�nnte versuchen, ihn herauszuholen�, sagte ich.</p><p>Howard lachte. Es klang nicht besonders am�siert. �Nach allem, was du mir erz�hlt hast? Du bist verr�ckt, Junge.�</p><p>�Aber er ist wenigstens kein Verr�ter!� sagte eine Stimme hinter mir.</p><p>Howard fuhr auf und pre�te w�tend die Lippen zusammen, und auch ich drehte mich herum - und unterdr�ckte im letzten Augenblick einen erschrockenen Ausruf. Das Schott hatte sich lautlos wieder ge�ffnet, und Nemo, Rowlf und Kapit�n Harmfeld waren hereingekommen, begleitet von zwei Matrosen der NAUTILUS, die wie zuf�llig rechts und links von Harmfeld standen. Und einem jungen, dunkelhaarigen M�dchen, das Howard und mich abwechselnd mit zornspr�henden Blicken anstarrte.</p><p>�Jennifer!� entfuhr es mir. �Wie... wie kommst du hierher?� Ich sprang auf und eilte ihr entgegen, aber Jennifer ignorierte mich und ging mit schnellen Schritten auf Howard zu.</p><p>�Halten Sie so Ihr Wort, Lovecraft?� fauchte sie. �Wir hatten etwas anderes vereinbart.�</p><p>�Unsinn�, verteidigte sich Howard. �Wir haben versichert, da� wir Sie hierherbringen, mehr nicht. Und selbst wenn - es stehen Menschenleben auf dem Spiel, was gilt da ein gegebenes Wort?�</p><p>�Was hat das alles zu bedeuten?� fragte ich verst�rt.</p><p>�Das fragst du besser deinen Freund Howard�, schnappte Jennifer w�tend. �Wir hatten eine Abmachung.�</p><p>�Eine Abmachung?� Ich sah Howard an.</p><p>�Das stimmt�, gestand er. �Wir... haben versprochen, sie zu Dagon zu bringen. Als Gegenleistung hat sie uns verraten, wo du bist. Und <emphasis>wann�, </emphasis>f�gte er mit sonderbarer Betonung hinzu.</p><p>�Und Sie betr�gen mich�, sagte Jennifer b�se. �Ich habe mein Wort gehalten und Sie zu Craven gef�hrt. Jetzt bringen Sie mich zu Dagon.�</p><p>�Kindchen�, begann Howard, �das ist...�</p><p>Jennifer fuhr ihm mit einer w�tenden Bewegung ins Wort. �Das ist, was wir vereinbart haben, Lovecraft. Ich habe mein Wort gehalten, jetzt halten Sie das Ihre. Wenn nicht...� Sie sprach nicht weiter, aber vielleicht war es gerade das, war ihren Worten ein solches Gewicht verlieh. Howard pre�te die Lippen aufeinander, aber ich sp�rte, da� sein Zorn nicht ganz echt war, und da� sich eine Furcht dahinter verbarg, die ich nicht verstand.</p><p>Ehe er antworten und damit alles nur noch schlimmer machen konnte, trat ich zwischen ihn und das schwarzhaarige M�dchen, um so wenigstens den Blickkontakt zwischen den beiden ungleichen Kampfh�hnen zu unterbrechen.</p><p>�Jenny�, sagte ich, �warum erz�hlst du mir nicht einfach, was geschehen ist. Vielleicht finden wir eine L�sung.�</p><p>�Da gibt es nicht viel zu erz�hlen�, antwortete sie w�tend. �Ich hatte eine Abmachung mit Lovecraft und Nemo. Ich habe ihnen gesagt, wo Sie zu finden sind, und daf�r haben sie sich verpflichtet, mich zu Dagon zu bringen.�</p><p>�Warum?� fragte ich. �Was versprichst du dir davon?�</p><p>�Das geht dich nichts an�, antwortete sie w�tend.</p><p>�Ich denke doch�, widersprach ich. �Mir ist auch daran gelegen, Dagon zu finden, ehe hier alles in die Luft fliegt, aber wenn ich dir helfen soll, dann mu� ich wissen, auf welcher Seite du stehst, Jenny.�</p><p>�Siehst du das wirklich nicht, Robert?� fragte Howard leise. �Schau sie dir doch an. Sie liebt ihn. Sie liebt dieses Ungeheuer!�</p><p>Seine Stimme troff dabei so von Verachtung, da� Jenny wie von der Tarantel gestochen herumfuhr und es f�r einen Moment so aussah, als wolle sie sich auf ihn st�rzen. �Wollen Sie es bestreiten?� fragte Howard k�hl. Ich drehte mich w�tend herum. �Howard, zum Teufel, was soll das?� schnappte ich.</p><p>Ich bekam keine Antwort, aber das zornige Funkeln in Howards Augen verst�rkte sich weiter. Einen Moment lang erwiderte ich seinen Blick, dann drehte ich mich wieder zu Jennifer um und versuchte zu l�cheln. Ganz gelang es mir nicht.</p><p>�Ist es wahr?� fragte ich. �Liebst du Dagon immer noch? Obwohl er dich und die anderen einfach im Stich gelassen hat?�</p><p>Das M�dchen sch�rzte w�tend die Lippen. �Und wenn?� fragte sie.</p><p>�Wenn�, antwortete ich, sehr leise und in aufrichtig bedauerndem Ton, �kann ich dir nicht helfen, Jenny. Das mu�t du einsehen. Dagon ist unser Feind, und nicht nur unserer.�</p><p>�Ach?� fragte Jennifer. �Ist er das?�</p><p>Ich stutzte. Ihre Worte waren genau in dem Ton vorgebracht, in dem ein st�rrisches Kind reden mochte, das ausprobiert, wie weit es gehen kann. Und trotzdem lie� mich etwas darin aufhorchen.</p><p>�Wie meinst du das?� fragte ich.</p><p>In Jennifers Augen blitzte es. �Warum kommst du nicht mit mir und fragst ihn selbst?� sagte sie. Ich wollte antworten, aber ich konnte es nicht. Jennifer ha�te mich, das war mir klar, im selben Moment, in dem ich in ihre Augen sah. Sie ha�te Howard, Nemo, mich - �berhaupt jeden hier, denn in den letzten Augenblicken hatte sie vermutlich die gr��te Entt�uschung ihres Lebens erlebt. Ich wu�te noch immer nicht genau, was Howard und sie vereinbart hatten - aber es schien, als h�tte <emphasis>sie </emphasis>ihren Teil dieses sonderbaren Handels eingehalten. Wenn Howard jetzt die Vereinbarung brach, dann mu�te ihr dies wie Betrug vorkommen. Genaugenommen war es das wohl auch. Und genaugenommen konnte ich es nicht guthei�en, ganz gleich, aus welchen Gr�nden heraus Howard und Nemo handeln mochten. Auch ein Betrug an einem Feind bleibt ein Betrug, egal, wie man es dreht und wendet.</p><p>Aber da war noch mehr. �ber diese Tatsache hinaus konnte ich Jennifer nur zu gut verstehen. Ich wu�te aus eigener schmerzlicher Erfahrung, wie eng Liebe und Leid miteinander verbunden sind. Auch ich hatte eine Entt�uschung erlebt, die ich selbst jetzt, nach mehr als zwei Jahren, noch nicht vollends verwunden hatte.</p><p>Schlie�lich senkte ich den Blick, starrte einen Moment zu Boden und wandte mich dann wieder an Howard. �Du bleibst dabei?�</p><p>�Die NAUTILUS wird sich keinen Fu� von der Stelle r�hren�, sagte Howard hart - und in einem Ton, der mich davon abhielt, noch einmal zu fragen.</p><p>�Gut�, antwortete ich. �Dann werde ich zusammen mit Jenny gehen.�</p><p>Howard keuchte. �Du willst...�</p><p>�Morgen fr�h�, fuhr ich fort, mit ganz leicht erhobener Stimme. �Nur wir zwei. Alles, was ich brauche, sind frische Kleider und ein Gewehr. Und vierundzwanzig Stunden Zeit. Habe ich die?�</p><p>Howard antwortete nicht sofort, sondern tauschte einen fragenden Blick mit Nemo. Der Kapit�n der NAUTILUS nickte beinahe unmerklich.</p><p>�Gut�, sagte Howard. Seine Stimme klang seltsam. Zorn war darin, aber auch noch etwas anderes, das ich nicht zu benennen vermochte. �Vierundzwanzig Stunden. Keine Minute l�nger, Robert. �bermorgen bei Sonnenaufgang stechen wir in See, ob du an Bord bist oder nicht. Wenn wir bleiben, ist es unser aller Tod.�</p><p>�ber dem Strand lag das Schweigen des Todes. Die Luft war still, beinahe unbewegt, und selbst das monotone Rauschen und Wispern der Brandung klang wie von weit, weit her, obwohl die Wellen nur wenige Handbreiten hinter den F��en der M�nner gegen den Strand leckten.</p><p>W�hrend der zweiten H�lfte der Nacht waren das Schreien und Schie�en verklungen und die Br�nde einer nach dem anderen erloschen, und jetzt lagen die H�user dunkel und bar jeden Lebens da; eine halbhohe, im grauen Licht der D�mmerung wie eine gezackte Zinnenmauer wirkende Wand, die sich vor dem gr��eren Schatten des Berges abhob. Brandgeruch hing in der Luft, und hier und da kr�uselte sich noch Rauch in den Himmel.</p><p>Eine Mauer des Schweigens. Es h�tte der gr�nwei�en, mit kleinen glitzernden Kl�mpchen durchsetzten Schleimspur auf dem Strand nicht einmal bedurft, um mir zu sagen, da� in diesem Ort nichts Lebendes mehr war.</p><p>�Warten Sie�, sagte Harmfeld, als ich weitergehen wollte, um einer Welle auszuweichen, die sch�umend herangerollt kam.</p><p>�Irgend etwas stimmt hier nicht.�</p><p>�Ach?� erwiderte ich spitz. �Wie kommen Sie darauf?� Harmfeld runzelte die Stirn, schenkte mir einen b�sen Blick und sah aus zusammengekniffenen Augen zur�ck zum Meer, wo sich die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>wie ein gewaltiger schwimmender Berg erhob. Das Schiff war n�her an die K�ste herangekommen, so nahe, wie es einem Schiff dieser nicht unbetr�chtlichen Gr��e eben m�glich war, bevor es Gefahr lief, pl�tzlich auf dem seichten Strand aufzusetzen. Trotzdem war es noch eine gute halbe Meile vom Ufer entfernt. Selbst die NAUTILUS, deren Turm wie eine st�hlerne Klippe unweit des Schiffes aus dem Meer ragte, erschien mir unendlich weit entfernt.</p><p>Das Bild erinnerte mich an Howard und Rowlf, die beiden einzigen Freunde, die ich besa�, und die auf diesem Schiff zur�ckgeblieben waren. Es tat weh. Ich hatte bis vor wenigen Stunden noch nicht einmal zu hoffen gewagt, sie �berhaupt wiederzusehen. Und dann war dieses Wiedersehen ganz, ganz anders verlaufen, als ich mir ertr�umt hatte.</p><p>Wie kam es nur, da� Howard und ich, die beide f�r den anderen eine gro�e Hochachtung und ebenso tiefe Zuneigung empfanden, sich fast ununterbrochen stritten? Was war der Grund - waren wir zu verschieden oder zu �hnlich? Oder war es vielleicht so, da� man nicht tagt�glich mit dem B�sen umgehen konnte, ohne selbst so zu werden? Vielleicht war es wirklich so, wie Howard einmal - nicht ganz im Scherz - gemeint hatte: <emphasis>Es ist, als w�rdest du mit den H�nden im Dreck w�hlen, Junge. Du kannst ihn fortwerfen, so weit du willst. Etwas bleibt immer an dir haften.</emphasis></p><p>Ich verscheuchte den Gedanken, trat - Harmfelds Befehl mi�achtend - zwei Schritte weiter auf den Strand hinauf und sah schadenfroh zu, wie Harmfeld und seine Leute nasse F��e bekamen. Auch Jennifer hatte sich ein St�ck weit den Strand hinauf bewegt, obwohl sie gewi� nicht wasserscheu war. Ein fl�chtiges L�cheln verzog ihre Lippen, als sie Harmfelds Mi�geschick bemerkte. Der Holl�nder fluchte, trat an meine Seite und blickte wieder zum Ort hin�ber.</p><p>Ein besorgter, ja beinahe schon �ngstlicher Ausdruck begann sich auf seinen Z�gen breitzumachen, w�hrend sein Blick �ber die niedergebrannten H�user tastete. Seine Hand legte sich in einer unbewu�ten Geste auf den Griff des Parades�bels, der von seiner Seite baumelte. Nirgends war eine Spur von Leben zu erblicken, aber das hatten wir auch nicht erwartet. Aber es war auch nicht ein einziger Toter zu sehen. Und das war beinahe schlimmer.</p><p>Langsam gingen wir weiter, flankiert von dem Dutzend M�nner, das Harmfeld und mich begleitete. Keiner von uns sprach, und selbst Jennifers Antlitz zeigte Furcht und Schrecken, als wir in die niedergebrannte Stadt eindrangen. Der Ort wirkte - so absurd es klingt - auf beunruhigende Weise friedlich. In dem kleinen, zum Hafen deklarierten Stra�enabschnitt, in dem unsere Pinasse angelegt hatte, d�mpelte ein halbes Dutzend Fischerboote in der Brandung, ein St�ck weiter n�rdlich lugte das halbverfaulte Wrack eines etwas gr��eren Bootes aus dem Wasser, das vor Jahren einmal hier aufgelaufen sein mu�te, ohne da� sich jemand die M�he gemacht hatte, es zu bergen. Ein St�ck den Strand hinauf, auf halber Strecke zwischen der Flutlinie und dem eigentlichen Ort, erhob sich das windschiefe Geb�ude der Hafenkneipe, in der Shannon und ich am Tage zuvor um ein Haar gelyncht worden w�ren. Seine T�r stand offen, so da� ich ungehindert in sein Inneres blicken konnte. Es war leer. Durch eine Laune des Zufalls war es eines der wenigen Geb�ude, die den Brand �berstanden hatten. Nicht einmal seine W�nde waren geschw�rzt.</p><p>Harmfeld schickte einen seiner Soldaten mit einer knappen Handbewegung in die Kneipe, nahm die Finger endlich von seinem S�bel und zog statt dessen einen langl�ufigen Revolver unter seiner Uniformjacke hervor. Das Knacken, mit dem er den Hahn zur�ckzog, klang in der unheimlichen Stille wie ein Peitschenhieb.</p><p>Wir gingen weiter, instinktiv enger zusammenr�ckend. Das Meer rauschte monoton gegen die K�ste, und der Wind begann mit trockenen Abf�llen und Fensterl�den zu spielen; aber nirgendwo zeigte sich die geringste Spur von Leben. Harmfelds M�nner schw�rmten aus, um hier und da ein Haus zu durchsuchen, aber das Ergebnis war immer das gleiche. Der Ort war leer. Die �berlebenden - falls es welche gegeben hatte - waren verschwunden, zusammen mit den Toten. Und Harmfelds Hilfstruppe.</p><p>�Was ist hier geschehen?� fl�sterte Harmfeld. Seine Stimme bebte.</p><p>Es war keine Frage, auf die er eine Antwort haben wollte, und so schwieg ich.</p><p>Wir durchquerten den Ort und blieben dicht vor der wuchernden gr�nen Mauer des Dschungels stehen. Harmfeld wich meinem Blick aus, aber ich sah, da� er immer wieder nach oben starrte, zum Gipfel des Krakatau hinauf. Der Berg spie Flammen, aber im hellen Licht der Morgensonne sah das Bild auf bedr�ckende Weise �sthetisch aus. Es war nichts Bedrohliches daran. Absolut nichts.</p><p>�Ich kann es einfach nicht glauben�, murmelte er. �All diese Menschen. Die... die Insel hat beinahe sechshundert Einwohner, und...� Er stockte, scharrte einen Moment mit der Schuhspitze im Boden und sah pl�tzlich mit einem Ruck auf.</p><p>�Sagen Sie mir die Wahrheit, Craven�, sagte er. Seine Stimme klang fast flehend. �Das alles ist doch nicht wahr! Das ist nur ein Trick Ihrer Freunde, damit ich keinen Widerstand leiste!�</p><p>�Leider nicht, Kapit�n�, antwortete ich. �Ich f�rchte, es ist so Der Vulkan wird ausbrechen, in genau dem Moment, den Nemo Ihnen vorhergesagt hat.�</p><p>Harmfelds Augen weiteten sich ungl�ubig, aber irgendwie schien er zu sp�ren, da� ich die Wahrheit sagte. �Was sind Sie?� fragte er leise. �So eine Art Hellseher?�</p><p>�Manchmal�, antwortete ich.</p><p>Harmfeld schien noch mehr sagen zu wollen, belie� es aber dann bei einem Kopfsch�tteln und rammte seine Pistole mit einer �bertrieben heftigen Bewegung in die Halfter zur�ck. �Ich lasse meine M�nner die Stadt noch einmal durchsuchen, bevor wir zum Schiff zur�ckkehren�, sagte er. �Ich mu� sichergehen.�</p><p>�Das wird Nemo nicht sehr freuen�, sagte ich. �Wir haben keine Zeit daf�r.�</p><p>Harmfeld fuhr auf. �Wir sollen die Insel evakuieren, oder?� fauchte er. �Das hei�t, Menschen zu retten. Und ich fange damit <emphasis>hier </emphasis>an.� Er ballte die Hand zur Faust, beruhigte sich aber so schnell wieder, wie er aufgefahren war. �Und Sie wollen wirklich dort hinauf?� fragte er mit einer Kopfbewegung auf den Vulkan.</p><p>�Ja�, antwortete Jennifer an meiner Stelle. �Aber wir werden zur�ckkommen, Kapit�n. Keine Sorge.�</p><p>Harmfelds Nicken wirkte nicht sehr �berzeugend.</p><p>�Dieser Narr�, murmelte Howard. �Dieser verdammte, romantische Narr. Er wird sich umbringen!� W�tend schlug er mit der Faust auf den Tisch, so da� Tintenfa� und Kohlestifte einen wilden Tanz vollf�hrten, zog dann einen seiner ber�chtigten schwarzen Zigarillos aus der Brusttasche seines Rockes und ri� ein Streichholz an.</p><p>�Du h�ttest ihn aufhalten k�nnen�, sagte Nemo, der auf der anderen Seite des Kartentisches Platz genommen hatte. �Warum hast du es nicht getan?�</p><p>�Aufhalten?� Howard stie� eine blaue Qualmwolke in die Luft. �Du kennst Robert nicht sehr gut, sonst h�ttest du das nicht gesagt�, behauptete er. �Eher hinderst du den Krakatau mit blo�en H�nden daran, auszubrechen.� W�tend sog er an seiner <emphasis>Zigarre, </emphasis>da� ihr brennendes Ende fast wei� aufgl�hte.</p><p>Nemo hustete demonstrativ. �Was macht dich so zornig?� fragte er leise. �Die Tatsache allein, da� er gegangen ist, oder die, da� er es gegen deinen Willen getan hat?�</p><p>Howard schnaubte. �Wenn er nicht zur�ckkommt, war alles umsonst�, fauchte er. �Ist dir das klar? Er ist genau wie sein Vater, als der im gleichen Alter war. Immer mit dem Kopf durch die Wand. Irgendwann�, f�gte er leiser hinzu, �wird er auf eine treffen, an der er sich den Sch�del einrennt.�</p><p>Wir hatten nur drei Stunden gebraucht, den Weg bis zur Steilk�ste hinter uns zu bringen, und trotzdem f�hlte ich mich, als h�tte ich einen Drei�ig-Meilen-Lauf hinter mich gebracht. Die Hitze war selbst im Schatten des Dschungels beinahe unertr�glich gewesen, und wenn der L�rm, den Jennifer und ich gemacht hatten, auch beinahe alles Leben aus unserer N�he verscheucht hatte, so hatten sich doch s�mtliche Moskitos, Stechfliegen und andere Blutsauger der s�dlichen Hemisph�re auf mich gest�rzt. Wenigstens f�hlte ich mich so. Mein ganzer K�rper schien eine einzige, unertr�glich juckende Beule zu sein. Mit einer Mischung aus Bewunderung und kaum verhohlenem Neid betrachtete ich Jennifer, die wenige Schritte neben mir ging. Irgendwie brachte sie das Kunstst�ck fertig, sich noch immer mit der Eleganz und Grazie einer Lady zu bewegen, obgleich sie wie ich seit drei Stunden nichts anderes tat, als �ber Wurzeln und Baumst�mpfe zu steigen, sich durch L�cken in dornigem Gestr�pp zu zw�ngen und tiefh�ngendem Ge�st auszuweichen, das ihr ins Gesicht peitschen wollte. Sie hatte nicht einen einzigen Kratzer abbekommen. �brigens auch nicht einen einzigen Insektenstich ...</p><p>Nach einer Ewigkeit hellte sich die dunkelgr�ne D�mmerung vor uns auf, und ich sp�rte wieder den Salzwassergeruch des Meeres durch das Aroma des Waldes. Aufatmend blieb ich stehen und bedeutete Jenny mit einer Handbewegung, es mir gleichzutun.</p><p>�Was ist?� fragte sie ungeduldig.</p><p>�Nichts. Ich... brauche nur eine kleine Pause, das ist alles�, antwortete ich stockend. Ich l�chelte verzeihungsheischend, als ich ihr unwilliges Stirnrunzeln bemerkte, und f�gte hinzu: �Die Kletterei zum Strand hinunter wird verdammt anstrengend werden. Du solltest dich auch ein wenig ausruhen.�</p><p>�Das alles w�re nicht n�tig gewesen, h�tten Nemo und Lovecraft ihr Wort gehalten�, sagte Jenny ver�rgert, lie� sich aber nach kurzem Z�gern dicht neben mir auf einen abgestorbenen Baumstumpf sinken und schlo� die Augen. Feiner Schwei� bedeckte ihre Stirn. Sie atmete ein wenig schneller als normal. Aber ganz und gar nicht so schnell, wie ein Mensch, der drei geschlagene Stunden durch den Dschungel gewandert war, h�tte atmen m�ssen.</p><p>�Mit der NAUTILUS h�tten wir den Weg in einer halben Stunde geschafft�, gestand ich. �Aber Howard hatte seine Gr�nde. Glaube mir. Er ist kein...�</p><p>�Kein was?� unterbrach mich Jenny zornig. �Kein Betr�ger?� Sie lachte. �Wolltest du das sagen?�</p><p>�Du h�ttest schwimmen k�nnen�, verteidigte ich mich, in die Enge getrieben durch ihren pl�tzlichen Ausbruch, aber auch verwirrt �ber den Zorn, den ich f�hlte.</p><p>�Ich schon�, antwortete Jenny. �Und du?�</p><p>�Ich?� Ich verstand nicht gleich.</p><p>Jennifer lachte abf�llig. �Versuch nicht, mir etwas vorzumachen�, sagte sie b�se. �Du bist nicht nur mitgekommen, um mir zu helfen oder das Wort einzul�sen, das Lovecraft mir gegeben hat.� Sie machte eine vage Geste zur K�ste hin. �Du bist genauso interessiert daran wie ich, dort hinunter zu kommen.� Einen Moment lang starrte ich sie an, dann nickte ich. �Ja�, sagte ich, allm�hlich genauso w�tend wie sie. �Dort unten ist n�mlich ein Freund von mir. Und wenn er noch lebt, werde ich ihn dort herausholen.�</p><p>�Ein Freund?� Jennifer sprach das Wort aus wie eine Beschimpfung. �Nach allem, was du �ber ihn erz�hlt hast?� Sie lachte b�se. �Ich glaube, wer <emphasis>deine </emphasis>Freunde hat, der braucht keine Feinde mehr, Robert.�</p><p>�Und Dagon?� fauchte ich. �Gib mir eine logische Erkl�rung, wie man ein Wesen <emphasis>lieben </emphasis>kann, das nicht einmal ein Mensch ist.�</p><p>Jennifer stand mit einem Ruck auf und deutete zur K�ste. �Gehen wir weiter�, sagte sie. Die beiden Matrosen waren ganz gewi� keine Schw�chlinge, sondern vielmehr das, was man sich im allgemeinen vorstellte, wenn man an einen Matrosen dachte: gro�e, sonnengebr�unte Gestalten, deren Muskeln den Stoff ihrer rotblau gestreiften Hemden zu sprengen drohten. Trotzdem reichten ihre Kr�fte kaum aus, den heftig um sich schlagenden Majunde zu b�ndigen. Der Mann wog kaum die H�lfte eines seiner beiden Gegner; aber er trat und schlug und kratzte und bi� so w�tend um sich, da� die beiden ihn mehr als einmal fast fallengelassen h�tten. Schlie�lich wurde es ihnen zu viel, und sie erledigten das Problem auf ihre Art: Ein gezielter Kinnhaken lie� den Eingeborenen reglos in den Armen der M�nner zusammensinken.</p><p>Howard seufzte. �Ich dachte, wir wollten diese Menschen retten�, sagte er, �nicht ihnen den Sch�del einschlagen.�</p><p>�Wenn wir wenigstens ihre Sprache beherrschen w�rden�, murmelte Nemo. �Wie, zum Teufel, soll ich Menschen klarmachen, da� wir sie retten wollen, wenn ich nicht einmal <emphasis>guten Tag </emphasis>sagen kann?�</p><p>Howard verzichtete auf eine Antwort. Er konnte Nemos Besorgnis sehr gut verstehen. Es ging nicht nur darum, da� seine M�nner die Majunde praktisch einzeln einfangen mu�ten, um sie an Bord der <emphasis>Zuidermaar </emphasis>zu bringen - und es ihnen nur zu oft nicht gelang, weil sich die Eingeborenen in den Dschungel retteten, nicht ahnend, da� sie damit in den sicheren Tod liefen. Die wirklichen Schwierigkeiten w�rden erst noch beginnen.</p><p>Howard versuchte lieber gar nicht, sich vorzustellen, was an Bord eines Schiffes geschah, auf dem sich drei-, oder auch vierhundert Wilde aufhielten, die glaubten, in die Sklaverei oder sonstwohin entf�hrt zu werden.</p><p>Aber sie hatten keine andere Wahl. In wenigen Stunden w�rde es diese Insel nicht mehr geben.</p><p>Eines der vollbesetzten Beiboote erreichte in diesem Moment die <emphasis>Zuidermaar, </emphasis>deren Tiefgang es ihr nicht erlaubte, n�her als eine dreiviertel Meile an den Strand heranzufahren. Seile und Strickleitern wurden herabgelassen, und die Matrosen fuhren mit der undankbaren Aufgabe fort, die noch immer kreischenden und um sich schlagenden Majunde an Bord des Seglers zu hieven.</p><p>Nemo sah der Rettungsaktion, die mehr und mehr zu einem wilden Handgemenge zwischen Rettern und Nicht-gerettet-werden-Wollenden wurde, einige Augenblicke lang wortlos zu, dann wandte er sich mit einem neuerlichen, sehr tiefen Seufzen zu Howard um.</p><p>Aber er sagte nichts mehr, sondern ging mit m�den Bewegungen ins Innere der NAUTILUS zur�ck. Obwohl ich den H�hleneingang jetzt zum ersten Male bei hellem Tageslicht sah, schien er beinahe noch bedrohlicher zu wirken: ein g�hnendes, weit aufgerissenes Maul, das jeden verschlingen mu�te, der schwachsinnig genug war, auch nur einen Fu� dort hinein zu setzen. Das unheimliche Gl�hen, das w�hrend der Nacht aus dem Berg gedrungen war, hatte zugenommen und war jetzt selbst im Sonnenlicht zu erkennen, wenn auch nur als schwacher Funke irgendwo am Ende des Tunnels.</p><p>Es war hei�. Unertr�glich hei�. Aus dem Inneren der Erde wehte der Hauch der H�lle hervor.</p><p>�Worauf wartest du?� fragte Jennifer. Sie war vorausgegangen und bereits ein gutes St�ck in den Tunnel vorgedrungen, w�hrend ich dicht hinter dem Eingang stehengeblieben war. Das Gewehr, das mir Harmfeld mitgegeben hatte, lag jetzt in meiner Armbeuge und war entsichert. Aber ich hatte das Gef�hl, da� mir die Waffe bei dem, was uns hier erwartete, nicht sehr viel nutzen w�rde.</p><p>�Nicht so laut!� sagte ich warnend.</p><p>Jennifer seufzte. �Warum?� fragte sie spitz. �Hast du Angst, die Felsw�nde k�nnten dich h�ren?�</p><p>Ich schenkte ihr einen b�sen Blick und trat mit einem energischen Schritt neben sie; allerdings nicht, ohne mich noch einmal umzusehen.</p><p>�Vielleicht�, antwortete ich mit einiger Versp�tung. �Wir sollten vorsichtig sein. Dagons M�nner...�</p><p>�Dagon�, unterbrach mich Jennifer mit sonderbarer Betonung, �hat im Augenblick anderes zu tun, glaube mir.�</p><p>�Ist das eine Vermutung - oder wei�t du es?�</p><p>�Ich wei� es�, sagte Jennifer ungeduldig.</p><p>�Aber die Frage, woher, wirst du mir sicher nicht beantworten�, vermutete ich.</p><p>�Sicher nicht�, sagte Jennifer.</p><p>Ich seufzte, hob mein Gewehr ein wenig h�her und blinzelte ein paarmal, damit sich meine Augen, die noch an das grelle, vom Meer zus�tzlich reflektierte Sonnenlicht gew�hnt waren, schneller auf das rote Halbdunkel hier unten einstellten. Ich erkannte trotzdem kaum mehr. Vor uns waren Schatten und gro�e Bereiche absoluter Finsternis, in denen sich eine ganze Armee h�tte verbergen k�nnen, ohne da� ich sie gesehen h�tte.</p><p>Ein immer st�rker werdendes Gef�hl der Beklemmung machte sich in mir breit, je weiter wir in den Stollen eindrangen. Bald schrumpfte der Eingang hinter uns zu einem Fleck zusammen, und das d�stere, drohende Leuchten der Lava nahm zu. Die Hitze wurde unertr�glich. Der Fels, �ber den wir gingen, war so hei�, da� ich es durch die Stiefelsohlen hindurch sp�rte.</p><p>Howards Worte klangen in mir nach: <emphasis>�Der Vulkan wird ausbrechen, in einer einzigen gewaltigen Eruption�, </emphasis>und mit einem Male schienen sie eine ganz andere, unheimliche Bedeutung zu gewinnen. Bisher war mir die Vorstellung erschreckend und beunruhigend vorgekommen, aber sie hatte mich trotz allem nicht <emphasis>wirklich </emphasis>erschreckt; irgendwie war der Gedanke zu abstrakt wie die Nachricht von einem schrecklichen Ungl�ck, das andere getroffen hat, aber jetzt - Gott im Himmel, dieser Vulkan w�rde in wenigen Stunden explodieren, <emphasis>und ich befand mich auf dem Weg in sein Zentrum!</emphasis></p><p>F�r einen Moment drohte mich Panik zu �bermannen. Ich k�mpfte sie nieder, aber es blieb eine starke Unruhe zur�ck. Meine H�nde zitterten ganz leicht.</p><p>Nach einer Weile erreichten wir das Ende des Stollens. Zur Rechten erstreckte sich ein weiterer, gew�lbter Gang, w�hrend sich der Tunnel zur Linken nach wenigen Schritten hinter einer Biegung verlor, hinter der das Zentrum des roten Gl�hens liegen mu�te; den Ger�uschen und der Hitze nach zu urteilen wohl nichts anderes als ein gigantischer Lavasee. Ich versp�rte keine besondere Lust, in diese Richtung zu gehen.</p><p>�Gehen wir nach rechts�, schlug ich vor.</p><p>Jennifer antwortete nicht, aber das fiel mir erst auf, nachdem ich mich schon halb herumgedreht und einen Schritt in den Gang hinein getan hatte.</p><p>Ver�rgert blieb ich stehen, drehte mich ganz herum - und starrte verbl�fft ins Leere.</p><p>Jennifer war nicht mehr da. Der Gang hinter mir war leer. �Jenny?� rief ich. �Wo bist du?� Ich lauschte einen Moment, aber alles, was ich h�rte, war das verzerrte Echo meiner eigenen Stimme und das unabl�ssige Brodeln und Zischen der Lava. �Verdammt noch mal, was soll das?� rief ich, schon ein wenig lauter. �Wir haben keine Zeit f�r Spielchen!�</p><p>Aber es war auch kein Spiel. Jennifer war verschwunden. Entweder zur�ckgegangen oder - und diese Vermutung lag erstens n�her und war zweitens weit unangenehmer - in den anderen Gang hineingegangen, ohne da� ich es bemerkt hatte. Ich schluckte einen Fluch herunter, packte mein Gewehr fester und machte mich mit klopfendem Herzen auf.</p><p>Das rote Licht steigerte sich zu einer grellen Lohe, kaum da� ich die Gangbiegung erreicht hatte. Alles, was weiter als zehn oder f�nfzehn Schritte vor mir lag, schien in einem Meer roter Helligkeit aufgel�st zu sein wie in brennender S�ure. Meine Haut begann zu prickeln. Die Metallteile des Gewehres wurden unertr�glich hei�. F�r einen Moment steigerte ich mich in die absurde Vorstellung hinein, da� die Hitze so weit ansteigen w�rde, bis die Munition meiner Waffe explodierte. Ich verscheuchte den Gedanken und ging weiter. Nach einem Dutzend Schritte weitete sich der Gang zu einer gewaltigen, domartigen H�hle, die von wabernder Hitze und dem Zischen und Gluckern wei�gl�hender Lava erf�llt war. Abrupt blieb ich stehen. Direkt vor mir begann eine Art steinerner Br�cke, aber ich wagte nicht, sie zu betreten, denn die Lava war so weit in die H�he gestiegen, da� der Fels nur noch wenige Fingerbreiten aus der kochenden Masse herausragte. Selbst wenn er mein Gewicht noch trug - wovon ich nicht unbedingt �berzeugt war -, mu�te er gl�hend hei� sein.</p><p>Von Jennifer war keine Spur zu sehen. Aber das war es nicht, was mich so abrupt stehenbleiben lie�. Es war vielmehr der Umstand, da� ich diese H�hle kannte. Ich war schon hiergewesen. Aber damals hatte sie anders ausgesehen, v�llig anders. Die zahllosen rechteckigen Lavapf�tzen, die sich beiderseits des Steinpfades reihten, waren drei Yards tiefe Gruben gewesen, Zellen gleich, in denen Dagon seine ungl�cklichen Opfer gefangenhielt. Es waren Hunderte gewesen.</p><p>Und ich wu�te, was sie in lavagef�llte H�llenkessel verwandelt hatte.</p><p>Opfer.</p><p>Menschenopfer, die dargebracht wurden, damit aus Dagons D�moneneiern die schrecklichen <emphasis>Ssaddit </emphasis>wurden...</p><p>Trotz der unertr�glichen Hitze begann ich pl�tzlich zu frieren. Auch wenn ich unbewu�t wohl geahnt haben mochte, was mich erwartete, traf mich der Anblick wie ein Fausthieb. Wie in einer furchtbaren Vision sah ich noch einmal das gewaltige, schwammige Ungeheuer aus dem Meer auftauchen, Dagons M�rderwurm, den er ausgesandt hatte, Opfer f�r seine gr��lichen Zeremonien zu finden, sah es die wehrlosen Eingeborenen an Land speien, sah Dagons Sklaven die M�nner und Frauen mit Peitschenhieben hier hereintreiben.</p><p>Ich war zu sp�t gekommen. Ich wu�te nicht einmal, ob ich wirklich hier war, um die Majunde zu retten, oder nur Shannons wegen, aber gleich, was der wahre Grund gewesen sein mochte - ich hatte versagt.</p><p>Minutenlang stand ich so da, gel�hmt vor ungl�ubigem Schrecken und Entsetzen, bis es mir gelang, mich wenigstens herumzudrehen. Ich war nicht einmal �berrascht, als ich die Gestalt hinter mir erblickte.</p><p>�Du hast dich ver�ndert�, sagte ich leise.</p><p>�Und du bist ein ebensolcher Narr geblieben, wie du warst�, antwortete Dagon abf�llig. Seine riesigen Fischaugen musterten mich kalt, und was ich darin las, h�tte mich eigentlich zum Erzittern bringen m�ssen. Aber ich empfand nichts. Gar nichts mehr. Vielleicht war das, was hier geschehen war, einfach zu schrecklich, als da� ich noch in irgendeiner Form darauf reagieren konnte. Alles, was ich f�hlte, war eine tiefe, schmerzende Leere.</p><p>�Du h�ttest nicht herkommen sollen�, fuhr er fort. �Du bist mir einmal entkommen, mit Gl�ck und der Hilfe eines anderen. Ein zweites Mal wird dir das nicht gelingen.�</p><p>�Was hast du mit mir vor?� fragte ich. �Brauchst du noch eine Fleischration f�r deine Bestien?� Ich versuchte, meine Stimme sp�ttisch klingen zu lassen, aber nicht einmal das gelang mir. Und selbst wenn, h�tten die Worte ihre Wirkung auf Dagon verfehlt. Wenn jemals etwas Menschliches in ihm gewesen war, so war es nun verschwunden. Ausgel�scht. Der Dagon, den ich kennengelernt hatte, das Ungeheuer, in dem trotz allem noch ein winziger Funke seiner menschlichen Vorfahren steckte, war tot. Das Wesen, dem ich jetzt gegen�berstand, war eine Bestie.</p><p>Dagon antwortete nicht, sondern streckte nur fordernd die Hand aus und deutete auf mein Gewehr. Ich reichte ihm die Waffe. Dagon packte sie, bog ihren Lauf wie ein St�ck weiches Bleirohr zusammen und warf sie in die gl�hende Lava. Die Munition explodierte knallend, und f�r einen Moment sah ich etwas Riesiges, glei�end Helles unter dem verfl�ssigten Gestein dahingleiten.</p><p>�Komm�, befahl Dagon. Er winkte noch einmal auffordernd mit der Hand, drehte sich herum und verlie� die H�hle, ohne sich auch nur mit einem Blick davon zu �berzeugen, ob ich ihm wirklich folgte. Aber ich tat es. Wohin h�tte ich auch gehen sollen? Ein Fluchtversuch erschien mir unter den gegebenen Umst�nden das mit Abstand sinnloseste, was ich �berhaupt unternehmen k�nnte.</p><p>Nicht, da� es irgend etwas gab, was �berhaupt noch Sinn gemacht h�tte, jetzt und hier.</p><p>Dagon f�hrte mich durch ein wahres Labyrinth von Stollen und G�ngen weiter in die Tiefe. Nicht alle davon waren auf nat�rlichem Wege entstanden; manche wirkten so glatt wie poliertes Glas, da� ich M�he hatte, �berhaupt auf den Beinen zu bleiben; gewaltige R�hren wie in den Fels hineingebrannt. Das mu�ten die G�nge sein, die Dagons schreckliche Feuerw�rmer hinterlassen hatten.</p><p>Nach einer Ewigkeit wurde <emphasis>es </emphasis>vor uns wieder hell, aber diesmal war es nicht das d�stere Blutlicht der gl�henden Lava, sondern ein gr�nlicher, fast milder Schein, der nicht aus einer bestimmten Quelle, sondern von �berallher zugleich zu kommen schien, als leuchte die Luft selbst. Eine kurze, aus roh behauenen Steinstufen bestehende Treppe f�hrte in die Tiefe - und endete im Nichts.</p><p>H�tte Dagon mich nicht an der Schulter gepackt und aufgehalten, dann h�tte ich es vielleicht nicht einmal bemerkt, so abrupt brach die Konstruktion aus verwitterter Lava ab. Unter er letzten Stufe g�hnte ein gut f�nfzig Fu� tiefer Abgrund, unter dem die H�llenglut eines Lavasees loderte. Dagons Fischlippen verzogen sich zu einem h��lichen Lachen. �Siehst du, jetzt habe ich dir schon wieder das Leben gerettet�, sagte er.</p><p>Irgend etwas an der Art, in der er die Worte aussprach, lie� mich aufsehen. Seine Stimme hatte sich ver�ndert. Sie hatte nie wirklich menschlich geklungen, aber jetzt war ein schreckliches, hechelndes Pfeifen darin, begleitet von einer Art unheimlichem Echo. Als redeten zwei Menschen gleichzeitig. Und pl�tzlich fielen mir noch mehr Ver�nderungen auf: Dagons Gesicht war dunkler geworden. Die filigranen Silberschuppen hatten ihren Glanz verloren und waren matt geworden, und darunter zeichneten sich haard�nne, dunkle Linien ab.</p><p>Als w�re diese Beobachtung ein Stein gewesen, der andere mitri�, fielen mir pl�tzlich mehr und mehr Unterschiede zu dem Dagon auf, dessen Bild ich in meiner Erinnerung hatte. Er trug einen schwarzen, vom Hals bis �ber die Kn�chel reichenden Umhang, der keinen Quadratzoll seines K�rpers unbedeckt lie�. Und pl�tzlich wurde mir klar, da� es zu keinem anderen Zweck diente, als die Gestalt darunter vor neugierigen Blicken zu verbergen. Dagons K�rper schien mir auf sonderbare Weise verschoben, beinahe mi�gestaltet. Mein Blick war Dagon keineswegs entgangen, denn pl�tzlich trat ein Ausdruck von Zorn in seine Augen; er packte mich, ri� mich grob an der Schulter herum und trat mit einem einzigen Schritt in das Nichts jenseits der Treppe hinaus.</p><p>Aber wir st�rzten nicht. Wie von einer unsichtbaren Hand gehalten, schwebten wir ein St�ck weit in die H�hle hinein, glitten in sanftem Bogen �ber den Lavasee hinweg und setzten in sicherer Entfernung auf; sanft wie fallende Bl�tter. Trotzdem strauchelte ich und w�re um ein Haar gest�rzt, als Dagon meine Schultern loslie�, denn der Schrecken hatte mich erstarren lassen, und ich stand noch immer in der gleichen, unnat�rlich verkrampften Haltung da, in der Dagon mich von der Treppe gezerrt hatte. Erst jetzt bemerkte ich �berhaupt, da� ich vor lauter Schrecken den Atem angehalten hatte. Dagon musterte mich kalt. �Du bist ein verdammter Narr, hierherzukommen�, sagte er. �Warum hast du nicht dein Schiff bestiegen und bist davongefahren? Jetzt stirbst du.�</p><p>Ich antwortete nicht, obwohl ich f�r einen Moment das sichere Gef�hl hatte, da� Dagons Worte einem ganz bestimmten Zweck dienten. Fast kam es mir vor, als wolle er mir irgend etwas mitteilen, etwas Bestimmtes, das er aus irgendeinem Grund nicht klar auszudr�cken wagte.</p><p>Hinter mir waren Schritte. Ich drehte mich herum, darauf gefa�t, eine von Dagons Kreaturen zu gewahren, einen der f�rchterlichen Knochenm�nner, vielleicht auch einen seiner lebenden Sklaven.</p><p>Aber es war keines von beiden. Hinter mir stand ein hochgewachsener, ganz in mattes Schwarz gekleideter Mann, dessen wasserklare Augen mich mit erbarmungsloser H�rte anblickten.</p><p>�Ich kann dir sagen, warum er gekommen ist, Dagon�, sagte Shannon kalt. �Meinetwegen. Dieser romantische Narr ist hier, weil er glaubt, mir helfen zu m�ssen.� Er lachte, ein Laut, der mir einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�.</p><p>�Helfen�, sagte er noch einmal und bog sich vor Lachen.</p><p>Einen Moment lang blickte ich ihn an, dann wieder Dagon, dann noch einmal Shannon, und f�r einen ganz kurzen Augenblick wu�te ich nicht einmal, vor wem ich mehr Angst hatte - vor Dagon, der nun auch k�rperlich zu dem Ungeheuer zu werden begann, das er schon immer gewesen war, oder vor Shannon, der �u�erlich unver�ndert schien, in Wahrheit aber vielleicht das gr��ere Ungeheuer war.</p><p>�Ich dachte einmal, wir w�ren Freunde�, sagte ich leise.</p><p>�Freunde?� Shannon runzelte die Stirn, als m�sse er ernsthaft �ber die Bedeutung dieses Wortes nachdenken. Dann nickte er.</p><p>�O ja�, sagte er. �Freunde, sicher. Nat�rlich sind wir das. Und aus diesem Grunde werde ich dir auch einen letzten Freundschaftsdienst erweisen, Robert. Du wirst von meiner Hand sterben. Ganz freundschaftlich.�</p><p>Harmfelds H�ndedruck war kr�ftig und so warm wie das rote Licht der Sonne, die vor ein paar Minuten begonnen hatte, �ber den Horizont zu steigen. Howard wollte etwas sagen, irgendwelche Worte, die ihm passend erschienen, Worte, die Harmfeld klarmachten, da� er l�ngst mehr als ein zuf�lliger Bekannter f�r ihn geworden war, mehr als jemand, mit dem er eine Weile aus der Not heraus zusammengearbeitet hatte, aber wie immer in solchen Augenblicken fand er einfach nicht die passenden Worte. Vielleicht war es auch gar nicht n�tig. Auch Harmfeld wirkte irgendwie betreten; vermutlich ging es ihm nicht anders als Howard und Nemo. Sie waren alle keine M�nner gro�er Worte.</p><p>�Sie sollten gehen, Kapit�n�, sagte Nemo schlie�lich. �Zw�lf Stunden sind nicht viel Zeit, um aus dem Gefahrenbereich herauszukommen.�</p><p>Pl�tzlich mu�te Howard sich mit aller Gewalt beherrschen, um Harmfeld nicht einfach die Wahrheit zu erz�hlen - n�mlich, da� dies alles hier <emphasis>schon geschehen</emphasis> war, und da� es im Grunde v�llig gleich blieb, was sie taten oder nicht. Aber nat�rlich tat er es nicht.</p><p>Statt dessen l�chelte er Harmfeld noch einmal zum Abschied zu und trat ein St�ck zur�ck, damit er bequem in das Boot umsteigen konnte, das am st�hlernen Rumpf der NAUTILUS festgemacht hatte. Schweigend sahen sie zu, wie er ablegte und auf die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>zuhielt, die bereits Segel gesetzt hatte und bereit zum Auslaufen war.</p><p>�Wird er es schaffen?� fragte Nemo pl�tzlich.</p><p>Die Wahrheit war: Howard wu�te es nicht. Er hatte viel �ber den Ausbruch des Krakatau gelesen und geh�rt, aber in keinem der Berichte war der Name der <emphasis>Zuidermaar</emphasis> erw�hnt worden. Was auf der anderen Seite auch nicht hie�, da� sie es <emphasis>nicht </emphasis>geschafft hatte.</p><p>�Ja�, sagte er schlie�lich. Es war gelogen, und Nemo mu�te es sp�ren, aber sie belie�en es beide dabei.</p><p>�Du... solltest auch allm�hlich an die Abreise denken�, sagte Howard nach einer Weile.</p><p>Nemo wandte sich nicht zu ihm um, sondern sah weiter dem kleiner werdenden Ruderboot mit Harmfeld nach.</p><p>�So schnell ist die NAUTILUS nun auch wieder nicht�, fuhr Howard fort. �Und die Schockwelle wird unter Wasser noch schlimmer als hier oben. Dir bleibt nicht mehr viel Zeit.�</p><p>�Robert ist noch nicht zur�ck�, sagte Nemo leise. Er sah Howard noch immer nicht an.</p><p>�Du willst... warten?� murmelte Howard.</p><p>�W�rdest du das nicht?�</p><p>�Das ist etwas anderes�, antwortete Howard. �Robert und ich sind...�</p><p>�Freunde?� unterbrach ihn Nemo.</p><p>�Ja.�</p><p>�Siehst du?� Endlich drehte sich der Kapit�n der NAUTILUS herum und sah Howard an. Er l�chelte, aber sein Blick blieb ernst. �Wir warten�, sagte er noch einmal. �Noch ist ein wenig Zeit. Nicht mehr viel, aber genug.�</p><p>�Ich hoffe es�, fl�sterte Howard schaudernd. �Bei Gott, ich hoffe es.�</p><p>Nemo schwieg. Wortlos standen sie nebeneinander und blickten zur Silhouette des Berges hinauf, die im ersten Licht der Morgensonne wie ein blutrotes Fanal aufleuchtete. Ein leises Grollen drang zu ihnen.</p><p>Leise. Aber sehr, sehr drohend.</p><p>Der Raum war klein und w�rfelf�rmig. Die einzige �ffnung bestand aus einem gezackten Lock, drei Yards hoch unter der Decke und unerreichbar. Der Fels war so hei�, da� es mir unm�glich war, stillzustehen oder mich gar zu setzen. Selbst das Atmen bereitete mir Schmerzen. Der Boden unter meinen F��en zitterte ununterbrochen, und in unregelm��igen Abst�nden drang ein tiefes, irgendwie schmerzhaft klingendes St�hnen aus der Erde.</p><p>Ich wu�te nicht, wie lange ich schon hier war: eine Stunde, zwei, vielleicht l�nger. Ich hatte tausend Fluchtpl�ne ersonnen und ebenso schnell wieder verworfen, Shannon und Dagon und vor allem mich selbst immer und immer wieder verflucht, da� ich so dumm gewesen war, hierherzukommen. Jetzt war ich der Verzweiflung nahe. Das Ger�usch von schleifenden Schritten drang in meine Gedanken und lie� mich aufsehen. Ich hob den Kopf und gewahrte einen finsteren, irgendwie verzerrt wirkenden Schatten, den ich erst als Dagon erkannte, als er den Kopf bewegte und sich das rote Licht in seinen riesigen Fischaugen brach.</p><p>Er sagte kein Wort, sondern hob nur die Hand unter seinem Umhang hervor und machte eine knappe, befehlende Geste. Wie schon einmal, f�hlte ich mich von einer unsichtbaren Kraft ergriffen und sanft in die H�he gehoben. Shannon war bei ihm, stand aber in einiger Entfernung und so, da� er Dagon und mich gleichzeitig im Blick behalten konnte. Seine Augen waren kalt, und wie Dagon kam er mir irgendwie ver�ndert vor, ohne da� ich das Gef�hl im Moment in Worte zu kleiden vermochte.</p><p>�Es ist soweit�, sagte er kalt. �Komm.�</p><p>Der Griff von Dagons unsichtbarer Hand war erloschen, aber ich machte trotzdem keinen Versuch, mich zu widersetzen. Es w�re ziemlich sinnlos gewesen. Sowohl Dagon als auch Shannon waren mir haushoch �berlegen. Schweigend folgte ich ihnen bis in eine gro�e, wie alles hier unten von blutigrotem Lavalicht erhellte H�hle. Eine ihrer W�nde war durch einen schillernden Wall aus Wasser ersetzt worden - der Zugang zum Ozean, durch magische Kr�fte geb�ndigt und zur�ckgedr�ngt.</p><p>Aber ich achtete nicht sonderlich darauf, sondern blickte wie gebannt auf einen gewaltigen Block aus schwarzem Basalt, der genau im Zentrum des steinernen Domes aufgestellt worden war.</p><p>Genauer gesagt, auf die schimmernde Kugel aus rauchfarbenem Kristall, die wenige Inches �ber seiner glattpolierten Oberfl�che schwebte...</p><p>Und im selben Moment, in dem ich sie sah, wu�te ich, was ich vor mir hatte.</p><p>Shannon fuhr zusammen wie unter einem Peitschenhieb, blickte mich einen Herzschlag lang aus schreckgeweiteten Augen an und verzog die Lippen zu einem stummen Flehen, und ich begriff, da� er meine Gedanken gelesen hatte.</p><p><emphasis>Nicht, </emphasis>fl�sterte eine Stimme in meinen Gedanken. <emphasis>Sag es nicht, Robert!</emphasis></p><p>Verwirrt blickte ich zwischen ihm und Dagon hin und her. Ein pl�tzlicher, furchtbarer Verdacht begann in meinen Gedanken Gestalt anzunehmen, aber er war einfach zu bizarr, um wahr zu sein.</p><p>Und trotzdem sagte mir Shannons Blick, da� es ganz genau so war. <emphasis>Die raucherf�llte Kristallkugel, das Zentrum und der Quelle von Dagons Macht, war nichts anderes als das zweite der SIEBEN SIEGEL DER MACHT, und wie auf der </emphasis>Dagon, <emphasis>dem bizarren Dimensionsschiff, auf dem ich Shannon zum ersten Male wiederbegegnet war, war er auch jetzt nur hier, um es in seinen Besitz zu bringen!</emphasis></p><p>Mit einem Ruck blieb ich stehen, drehte mich zu Dagon um und deutete anklagend auf Shannon.</p><p>�Er betr�gt dich, Dagon�, sagte ich.</p><p>Dagon erstarrte. In seinen riesigen Fischaugen entstand ein mi�trauisches Glitzern. �Wie meinst du das?� fragte er. �Er steht nicht auf deiner Seite�, sagte ich, Shannons verzweifelte Blicke ignorierend. �Er ist hier, um das SIEGEL zu stehlen. Necron hat ihn geschickt.�</p><p>Dagon atmete h�rbar ein, blickte kurz zu Shannon zur�ck und sah dann lange und sehr nachdenklich auf den gewaltigen Basaltblock und die schwebende Kugel. Aber seine Reaktion war ganz anders, als ich mir erhofft hatte.</p><p>�Ich wei߫, sagte er. �Aber es erstaunt mich ein wenig, da� du ihn verr�tst, wo du doch damit rechnen mu�t, da� ich ihn t�te. Dieser Mann und du, ihr seid doch Freunde.�</p><p>�Au�erdem hast du nur zum Teil recht, du Narr�, sagte Shannon kalt.</p><p>Der Klang seiner Stimme lie� etwas in mir erstarren.</p><p>Es war nicht mehr seine Stimme, sondern die Stimme eines alten, b�se und hart gewordenen Mannes.</p><p>So, wie das Gesicht unter dem schwarzen Turban <emphasis>nicht mehr l�nger Shannons Gesicht war, sondern das Gesicht eines Greises, eingefallen und faltig, mit einer charfen Adlernase, d�nnen, grausamen Lippen und Augen, die so tief in ihre H�hlen zur�ckgekrochen waren, da� sie wie finstere L�cher in dem pergamenth�utigen Totensch�del wirkten. </emphasis>�Necron!� fl�sterte ich entsetzt.</p><p>�Es ehrt mich, da� du mich wiedererkennst, nach all der Zeit�, sagte Necron. �Vor allem, wo wir uns nur einmal begegnet sind. Aber ich nehme an, du erinnerst dich so gut daran wie ich. Du hattest mich damals... <emphasis>get�tet.�</emphasis></p><p>Ich wollte antworten, aber ich konnte es nicht. Ein Ha� von solcher St�rke, da� ich selbst davor erschrak, stieg in mir empor, ein Gef�hl, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Meine H�nde fingen an zu zittern. Etwas begann sich in mir zu regen, etwas Dunkles und B�ses, etwas, dessen Dasein ich geahnt, das ich aber bisher immer mit aller Macht bek�mpft und niedergehalten hatte.</p><p>Jetzt konnte ich es nicht mehr. Der Anblick dieses zerfurchten, unendlich <emphasis>b�sen </emphasis>Greisengesichts lie� irgend etwas in mir zerbrechen.</p><p>Ich stand <emphasis>Necron gegen�ber!</emphasis></p><p>Dem Mann, der mir den einzigen Menschen genommen hatte, den ich jemals geliebt hatte. Dem Mann, der meine Freunde dazu gebracht hatte, mich zu hassen. Der mit Menschenleben spielte wie mit Schachfiguren, gnadenlos und berechnend.</p><p>�Du�, fl�sterte ich heiser. �Du warst... du... du warst Shannon! Du warst die ganze Zeit...�</p><p>�Aber nein�, unterbrach mich Necron kichernd. �Damals auf dem Schiff, das war wirklich Shannon. Ich gebe zu, ihn einmal selbst geschickt zu haben. Ein Fehler, wie ich leider zu sp�t bemerkte. Es war sein Auftrag, dich zu t�ten, Er hat versagt.�</p><p>Er l�chelte. �Ein zweites Mal wird das nicht geschehen, mein Wort darauf.�</p><p>�Du Ungeheuer�, fl�sterte ich. �Du verdammtes...�</p><p>Necron hob die Hand, und eine unsichtbare Faust traf mich am Mund und lie� mich zur�ckstolpern. Ich prallte gegen Dagon, verlor das Gleichgewicht und klammerte mich instinktiv an seinem Umhang fest. Der Fischgott schrie auf, gab mir einen Sto� vor die Brust und sprang hastig zur�ck. Ich fiel, aber meine H�nde hielten den schwarzen Stoff fest umklammert, und als ich st�rzte, wurde der Umhang von seinen Schultern gerissen.</p><p>Der Anblick lie� mich erstarren.</p><p>Pl�tzlich begriff ich, warum Dagon selbst hier, wo er allein war, diesen Umhang getragen hatte.</p><p>Er war nicht mehr das Wesen, als das ich ihn kennengelernt hatte. Sein Gesicht und ein Teil - nur ein Teil - seines Oberk�rpers hatten noch vage �hnlichkeit mit dem Dagon, den ich kannte, aber darunter...</p><p>Darunter begann ein Alptraum aus schwarzem Fleisch. Dagons Leib war zu einem gr��lichen, unf�rmig aufgedunsenen Balg geworden, ein pumpendes schwarzes <emphasis>Ding </emphasis>aus n�ssendem Fleisch. Schwarzblaue Adern spannten sich �ber seinem Leib, und hier und da wuchsen dicke, knotige Dinge aus der zerborstenen Haut. Seine Arme waren groteske B�ndel aus miteinander verwachsenen Schlangen, von denen jede einzelne von schrecklichem Eigenleben erf�llt war. Ein Paar plumper, s�ulenf�rmiger Beine, die in unf�rmigen Klauenf��en endeten, trugen die alptraumhafte Erscheinung, und aus seinem R�cken begann etwas herauszuwachsen, das mich an verst�mmelte Fl�gel erinnerte.</p><p>Eine Sekunde lang stand Dagon wie versteinert da, dann stie� er einen Schrei aus, b�ckte sich zu mir und ri� mir den Mantel aus den H�nden, um ihn sich hastig wieder �berzustreifen.</p><p>�Das ist es also�, murmelte ich. �Das ist der Grund, aus dem du all das getan hast.�</p><p>�Schweig!� schrie Dagon.</p><p>�Du wirst zu einem der Ihren�, sagte ich. �Sie ver�ndern dich.�</p><p>�Das wird er nicht�, sagte Necron, eine Spur zu schnell, wie mir schien. �Ich werde es verhindern.�</p><p>�Du?� Ich stemmte mich hoch, blickte Dagon an und wandte mich dann wieder an Necron. �Ist es das, was du ihm angeboten hast, als Preis f�r das SIEGEL?�</p><p>Necron nickte, und ich begann leise - und so b�se, wie ich nur konnte - zu lachen.</p><p>�Und das glaubst du?� fragte ich, an Dagon gewandt. �Er ist hierhergekommen und verlangt das SIEGEL, als Preis f�r deine Rettung?�</p><p>�Schweig, Craven, oder ich t�te dich gleich hier�, sagte Necron w�tend.</p><p>Aber ich schwieg nicht, sondern fuhr im Gegenteil mit erhobener Stimme fort: �Wei�t du nicht, wer dieser Mann ist, Dagon?�</p><p>�Du sollst schweigen!� befahl Necron. Seine Rechte hob sich, und wieder sp�rte ich das Heranrasen unsichtbarer magischer Energien.</p><p>Aber diesmal traf mich der Hieb nicht unvorbereitet. Er war zehnmal so hart wie der erste, aber ich wu�te nun, wem ich gegen�berstand, und hatte keine Skrupel mehr, mit gleicher M�nze heimzuzahlen. Ich blockte den magischen Hieb ab, sprang blitzschnell zur�ck, bis ich mit dem R�cken gegen den Basaltbrocken gelehnt dastand, und tat so, als kr�mmte ich mich vor Schmerz. Meine Rechte n�herte sich Inch f�r Inch der schwebenden Kristallkugel.</p><p>�Das nutzt dir nichts, Necron�, st�hnte ich in gespieltem Schmerz. �Du kannst mich umbringen, aber dein Plan wird nicht aufgehen.�</p><p>Necron fauchte vor Wut wie eine Katze, der man versehentlich auf den Schwanz tritt, ballte die H�nde zur F�usten und holte zu einem weiteren, noch m�chtigeren magischen Hieb aus.</p><p>Er kam nicht dazu, die Bewegung zu Ende zu f�hren. Meine Hand hatte das SIEGEL erreicht, und meine Fingerspitzen ber�hrten den glatten Kristall der Kugel.</p><p>Der Effekt war genau der, den ich mir erhofft hatte.</p><p>Nur ungef�hr hundertmal so stark.</p><p>Ein sengender Blitz schien in mein Gehirn zu fahren. Ich keuchte vor �berraschung und Schmerz, lie� die Kugel aber nicht los, sondern hielt sie weiter und mit aller Kraft fest und versuchte an nichts anderes zu denken als an die ungeheuren magischen Energien, die aus der schimmernden Kugel in mein Gehirn fluteten, ergriff den Strom sengender Macht und lenkte ihn um, b�ndigte die tobende Springflut purer <emphasis>Macht,</emphasis> ganz genau so, wie es mir Shannon gezeigt hatte vor so langer Zeit - und schleuderte sie mit aller Gewalt gegen Necron.</p><p>Der K�rper des greisen Magiers schien von einem unsichtbaren Hammerschlag getroffen zu werden. Er wurde mehrere Yards weit in die Luft geschleudert. Hellblaue, tausendfach ver�stelte Blitze zuckten aus meinen Fingerspitzen und schlugen krachend in seinen Leib. Ich sah, wie meine N�gel schwarz wurden und die Haut an meinen Fingerspitzen verkohlte, aber ich sp�rte nicht den mindesten Schmerz, nicht einmal W�rme.</p><p>Necron schrie und br�llte wie von Sinnen, aber ich gab ihm keine Chance. Immer und immer wieder trafen die d�nnen Blitze den greisen Magier, bis er sich schreiend auf dem Boden w�lzte.</p><p>�Dieser Mann ist nicht dein Verb�ndeter, Dagon�, sagte ich kalt. �Er wird dich betr�gen. Dieser Mann ist kein Feind der GROSSEN ALTEN, sondern ihr treuester Verb�ndeter. Der Mann, den sie auserw�hlt haben, ihre R�ckkehr auf die Erde vorzubereiten.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Dagon ruhig.</p><p>Dann schlug er mir eine seiner deformierten Klauenh�nde mit solcher Wucht in den Nacken, da� ich bewu�tlos zu Boden st�rzte.</p><p>Jennifer pre�te sich so dicht gegen den Fels, da� ihr Schatten mit dem Schwarzgrau der erstarrten Lava zu verschmelzen schien. Der Stein war hei�; der d�nne Stoff ihres Kleides begann sich braun zu verf�rben, und die Haut darunter schlug Blasen. Trotzdem kam nicht der mindeste Schmerzlaut �ber ihre Lippen.</p><p>Jennifer beobachtete mit angehaltenem Atem, wie Robert Craven bewu�tlos zusammenbrach. Der Anblick erf�llte sie mit Schrecken, Sie h�tte viel darum gegeben, h�tte sie geh�rt, was er und Dagon gerade besprochen hatten.</p><p>Aber sie hatte es nicht riskieren k�nnen, noch n�her heranzugehen. Schon da� sie so weit in das Labyrinth unter dem Krakatau vorgedrungen war, ohne entdeckt zu werden, glich einem Wunder (zugegeben, sie hatte diesem <emphasis>Wunder</emphasis> ein wenig nachgeholfen), aber sie wu�te auch, da� sie ihr Gl�ck nicht �ber die Ma�en strapazieren durfte.</p><p>Was nicht hie�, da� sie tatenlos dastehen und zusehen w�rde, was weiter geschah. O nein, ganz bestimmt nicht. Sie wartete auf einen Augenblick, in dem die beiden Gestalten nicht in ihre Richtung blickten, dann l�ste sie sich aus der Nische, in der sie sich verborgen gehalten und zugesehen hatte, und huschte n�her heran. Lautlos wie ein Schatten. Necron spuckte mich an. W�hrend der letzten Minuten - seit er mich mit einem Fu�tritt aus meiner Bewu�tlosigkeit geweckt hatte - hatte er nichts anderes getan, als mich zu beschimpfen und abwechselnd zu treten und zu schlagen, bis Dagon ihn reichlich grob zur�ckgezerrt hatte. Der Herr der Drachenburg tobte vor Zorn. Sein Gesicht war verzerrt, und auf seiner faltigen Totenhaut waren gro�e, rotleuchtende Brandblasen erschienen. Seine H�nde waren blutig.</p><p>�Du Hund!� kreischte er. �Daf�r stirbst du tausend Tode, das schw�re ich! Ich werde dich vernichten! Tausend Jahre sollst du in der <emphasis>Dschehenna </emphasis>brennen, bis du mich um deinen Tod anwinselst, du verfluchter Christenhund!�</p><p>Ich richtete mich m�hsam auf, blinzelte die blutigen Schleier fort, die vor meinem Blick auf und ab wogten, und versuchte zu lachen, aber alles, was ich herausbekam, war ein gequ�lter Laut, der sich wohl eher wie ein Husten anh�rte. Necron keuchte und wollte sich schon wieder aufmich st�rzen, aber Dagon hielt ihn zur�ck, packte ihn grob bei den Schultern und sch�ttelte ihn.</p><p>�H�r jetzt auf, Necron!� befahl er. �Wir haben Wichtigeres zu tun! Der Augenblick ist da!�</p><p>Necron beruhigte sich tats�chlich, aber der Blick, den er mir zuwarf, schien vor Ha� zu brennen.</p><p>Trotzdem sagte er nichts mehr, sondern folgte Dagon, bis sie vor dem Basaltblock standen, �ber dem das <emphasis>SIEGEL</emphasis> schwebte. Ich richtete mich vollends auf, wischte mir mit dem Arm das gr�bste Blut aus dem Gesicht und machte ein paar Schritte in ihre Richtung, bis Dagon aufsah und drohend die Hand hob. Aber ich war auch so nahe genug, zu erkennen, was vorging.</p><p>Die blitzende Kristallkugel war h�her gestiegen, bis sie schwerelos in gleicher H�he mit Dagons und Necrons Gesichtern schwebte. Und sie schien auf geheimnisvolle Weise gewachsen zu sein, denn sie hatte jetzt die Gr��e eines Balles, nicht mehr einer Kinderfaust. Die Schatten in ihrem Inneren begannen st�rker zu wogen, wirbelten wie vom Sturm gepeitscht durcheinander und bildeten verg�ngliche Umrisse und Schemen.</p><p>Pl�tzlich lief ein krampfhaftes Zucken durch die Kugel. Die Schatten verbla�ten und machten einem strahlenden, giftgr�nen Licht Platz, das heller und immer heller wurde, bis sich selbst Dagon und Necron st�hnend abwandten und die Arme vor die Gesichter hoben.</p><p>Der Ball aus blendendem Licht wuchs weiter, und dann erschien in seinem Inneren ein winziger dunkler Fleck, weitete sich rasend schnell aus und griff mit rauchigen Armen um sich wie ein Tornado. In Sekunden verschlang er die Lichtkugel.</p><p>Irgend etwas klirrte, und ich sah, wie das SIEGEL, wieder zu seiner urspr�nglichen Gr��e zusammengeschrumpft und zu einer toten Kugel aus Glas erloschen, auf den Block herabfiel, ein St�ck zur Seite rollte und dann liegenblieb. Aber der schwarze Wirbel war noch immer da, und er wuchs weiter, wenn auch nicht mehr so rasch wie zuvor.</p><p>Und in seinem Inneren war irgend etwas, das dunkler war als dunkel, schw�rzer als schwarz, gro� und m�chtig und <emphasis>b�se... b�se... b�se...</emphasis></p><p>Ein dumpfer Schlag lie� den Boden erzittern. Irgendwo, unendlich tief unter mir, schien die Erde zu zerbersten, und pl�tzlich ersch�tterten ein zweiter, dritter und vierter Schlag den Boden. Die H�hle bebte. Steine krachten von der Decke, zerbarsten auf dem Boden oder klatschten in die fl�ssige, hoch aufspritzende Lava.</p><p>Ein Schrei erklang; ein Schrei von solcher Urgewalt und Wut, da� ich auf die Knie fiel und die H�nde gegen die Schl�fen pre�te. Aber es nutzte nichts, ich h�rte den Schrei noch immer, deutlicher und schriller als zuvor. Und dann begann diese schreckliche, unmenschlich kreischende Stimme <emphasis>Worte </emphasis>hervorzusto�en, zwei Worte, immer und immer und immer wieder nur diese beiden, f�rchterlichen Worte.</p><p>�THUL!� schrie die Stimme. �THUUUUL! THUL SADUUN! THUL SADUUN!�</p><p>Etwas Dunkles begann aus der geronnenen Schw�rze emporzukriechen, etwas wie ein Wurm, sich windend, gigantisch und furchteinfl��end, glitzernd wie lebender Stahl und augenlos, ein Alptraum, dessen blo�er Anblick gen�gen mu�te, mich in den Wahnsinn zu treiben, wenn er erst ganz materialisiert war. Tastend und zitternd wie ein blinder Arm griff er hinaus in die Wirklichkeit, zog sich wieder ein St�ck zur�ck und griff abermals hinaus, wurde massiver, gr��er... Der Gedanke traf mich wie ein Fausthieb. Dieses Ungeheuer war ein THUL SADUUN!</p><p>�Nein�, fl�sterte ich entsetzt. �Das... das kannst du nicht tun, Dagon!�</p><p>Obwohl ich sehr leise gesprochen hatte, mu�te Dagon meine Worte geh�rt haben, denn er fuhr pl�tzlich herum und starrte auf mich herab. �Ich mu�!� keuchte er. Es klang fast wie eine Entschuldigung. �Ich mu�, wenn ich nicht so werden soll wie <emphasis>sie!� </emphasis></p><p>Aus dem schwarzen Wirbel erklang ein Schrei, und Dagon fuhr wieder herum. Die gewaltige, wurm�hnliche Kreatur hatte sich wieder zur�ckgezogen und war nurmehr als blo�er Schatten zu erkennen, aber ich sah, da� sie sich wie in irrer Wut hin und her warf, mit ungeheuerlicher Kraft an den W�nden ihres unsichtbaren Gef�ngnisses zerrend, und trotz allem zu schwach, es zu zerbrechen.</p><p>�Etwas fehlt!� sagte Necron. Er richtete sich auf, starrte wild in die Runde - und deutete mit einer zornigen Bewegung auf mich.</p><p>�Sie brauchen Leben!� keuchte er. �Ihn! T�te ihn!� Seltsamerweise z�gerte Dagon. Sein Blick irrte unstet zwischen dem gigantischen THUL SADUUN und mir hin und her, und ich glaubte den inneren Kampf, den er durchstand, direkt auf seinem Gesicht ablesen zu k�nnen.</p><p>�Tu es!� befahl Necron. Seine Stimme wurde schrill, �berschlug sich fast. �Tu es! Ich <emphasis>befehle </emphasis>es dir!�</p><p>Langsam, als koste ihn die Bewegung unendliche Kraft, drehte sich Dagon herum, hob die H�nde und machte einen schwerf�lligen Schritt auf mich zu. Er f�hrte die Bewegung nie zu Ende.</p><p>�Halt!�</p><p>Die Stimme schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen, und sie erf�llte den Raum wie ein Donnerschlag. Dagon und Necron fuhren herum und starrten auf die Gestalt, die ich bereits gesehen hatte, als sie hinter einem Felsen hervorgetreten war.</p><p>�Jennifer!� murmelte ich fassungslos.</p><p>Das M�dchen blieb stehen, wandte den Kopf und blickte auf mich herab.</p><p>Und im selben Moment, in dem ich in ihre Augen sah, wu�te ich, da� sie nicht Jennifer war.</p><p>�Du?� keuchte Dagon. Hinter ihm tobte der THUL SADUUN noch immer in seinem Gef�ngnis aus Schatten und Nichts, aber Dagon schien das bizarre Wesen vergessen zu haben.</p><p>�Du?� wiederholte er. �Wer... bist du?�</p><p>Jennifer trat auf ihn zu, hob die Hand und ber�hrte ihn beinahe sanft an der Stirn. Dagon br�llte, taumelte nach hinten und prallte gegen den Basaltblock. Die Kristallkugel rollte aus ihrer Ruheposition, h�pfte �ber den Rand des Blockes und fiel klirrend zu Boden, aber das bemerkte er nicht einmal. Eine furchtbare Ver�nderung ging mit seinem K�rper vonstatten.</p><p>Was schon begonnen hatte, vollendete sich; aus Dagon, dem Fischmenschen, wurde ein Ungeheuer, eine Bestie, die zu beschreiben sich mein Bewu�tsein weigerte.</p><p>Jeglicher Rest von Menschlichkeit verschwand, sein K�rper verwandelte sich, wurde zu einem peitschenden, sich windenden gr��lichen Ding, das f�rchterliche, glucksende Laute ausstie�. Kopf und Gesicht verschwanden, wurden eins mit der f�rchterlichen Gallertmasse.</p><p>Aber auch Jennifer ver�nderte sich.</p><p>Die Umrisse ihres K�rpers schienen zu flackern, als sei sie in Wirklichkeit nichts als das Bild einer <emphasis>Laterna Magica,</emphasis> l�sten sich auf, trieben wie farbiger Nebel auseinander und formten sich neu.</p><p>Und dann war auch aus dem M�dchen ein Ungeheuer geworden.</p><p>Es war kleiner als Dagon - oder das, zu dem er geworden war -, wirkte aber auf seine Weise noch gr��licher, noch bedrohlicher und finsterer. Ein Paar gewaltiger, feuchter Fl�gel war dicht an seinen K�rper angelegt und zuckte unentwegt.</p><p>Es war das gleiche Wesen, dem ich auf der <emphasis>Dagon</emphasis> begegnet war, das <emphasis>Fremde </emphasis>das mir damals gegen Necrons Drachenkrieger beigestanden hatte.</p><p>Dagon kreischte, ein Laut voller entsetzlicher Angst, aber das Wesen, das einmal Jennifer gewesen war, beugte sich zu ihm nieder, ber�hrte ihn mit einem seiner schrecklichen Tentakelh�nde, und aus Dagons Angstschreien wurde ein Wimmern.</p><p>Auch der THUL SADUUN in seinem Gef�ngnis aus Finsternis begann sich st�rker zu winden und zu toben. Das Jennifer-Ungeheuer richtete sich auf, hob die Hand und deutete mit einer befehlenden Geste auf den Kreis aus Finsternis. Er begann zu schrumpfen, wurde zu einem kleinen pulsierenden Fleck - und verschwand.</p><p>�Das nutzt dir nichts!� keuchte Necron.</p><p>Der Krakenk�pfige drehte sich herum, musterte ihn einen Moment aus seinen riesigen gelben Augen und trat drohend auf ihn zu. Necron wich hastig zur�ck.</p><p>Seine Stimme zitterte, aber in seinen Augen blitzte der Trotz.</p><p>�Ich wei� nicht, wer du bist!� keuchte er. �Und ich wei� nicht, was du hier willst - aber es wird dir nichts nutzen. Das <emphasis>Tor </emphasis>ist ge�ffnet, und <emphasis>sie </emphasis>werden hindurchgehen. Keine Macht der Welt kann sie noch aufhalten. Auch du nicht.�</p><p>�Du wei�t nicht, wer ich bin?� fragte das Krakenungeheuer. �Das solltest du. Du selbst bist es gewesen, der mich gerufen hat, Necron.�</p><p>Necrons Augen weiteten sich. Er wurde bla�. �Du?� keuchte er. �Du... du bist,..�</p><p>�Sprich den Namen nicht aus!� sagte der Riese drohend. �Es w�re dein Tod.�</p><p>Necrons Lippen begannen zu zittern. Der Ausdruck von Trotz in seinem Blick war purem Grauen gewichen. �Du!� keuchte er. �Aber das ist unm�glich. Du kannst... kannst nicht hier sein. Du bist...�</p><p>�Ich <emphasis>bin </emphasis>hier!� unterbrach ihn mein geheimnisvoller Lebensretter. �Um zu verhindern, was du und dieser Narr Dagon beinahe getan h�ttet.�</p><p>�Dazu ist es zu sp�t�, behauptete Necron. �Das Tor ist ge�ffnet. Niemand kann <emphasis>sie </emphasis>noch aufhalten. Das wei�t du. Du wei�t es, weil es bereits geschehen ist.�</p><p>Wieder wich er einen Schritt zur�ck, blieb stehen, blickte auf etwas hinab, das zu seinen F��en lag, und starrte wieder den krakenk�pfigen D�mon an. �Nicht einmal du kannst die Zeit ver�ndern.�</p><p>�Bist du dir da so sicher?� fragte das Ungeheuer.</p><p>�Das bin ich�, antwortete Necron.</p><p>Und pl�tzlich verschwand seine Hand unter dem Umhang, kam wieder zum Vorschein und machte eine blitzschnelle Bewegung. Der Krakenk�pfige schrie w�tend auf und wollte auf ihn zuspringen.</p><p>Aber zwischen ihm und dem Zauberer war pl�tzlich ein silberner, blitzender Nebel, ein flirrendes Etwas, das sich wie ein zerbrochenes Spinnennetz auf seinen K�rper legte. Tausende winziger Explosionen schleuderten das bizarre Wesen zur�ck. Es schrie, torkelte, fiel pl�tzlich zur Seite und kam mit einem w�tenden Fauchen wieder auf die F��e. Necrons Angriff hatte ihn �berrascht, mehr nicht.</p><p>Aber mehr war auch nicht n�tig gewesen.</p><p>Necron war blitzschnell herumgefahren und hatte ein zweites Mal die H�nde gehoben, und in der leeren Luft hinter ihm war ein flimmerndes, gr�nliches Etwas erschienen, ein Tunnel in die Unendlichkeit, den ich nur zu gut kannte - ein Tor! Necron hatte ein <emphasis>Tor </emphasis>ge�ffnet, mit der Kraft seines puren Willens. Und noch bevor sich das Ungeheuer vom Boden erhoben und auf ihn gest�rzt hatte, sprang er hinein und war verschwunden. Der gr�ne Lichtkreis des <emphasis>Tores </emphasis>erlosch hinter ihm wieder.</p><p>Aber so schnell er auch verschwunden war - er hatte noch immer Zeit gefunden, sich zu b�cken und die kleine Kugel an sich zu rei�en. Es dauerte einen Sekundenbruchteil, bis ich begriff, was er <emphasis>wirklich </emphasis>getan hatte - und dann war es beinahe zu sp�t. Ich starrte Dagon an, und ich verschwendete noch einmal kostbare Augenblicke, mich �ber den entsetzten Ausdruck seines Gesichtes zu wundern, ehe mir klar wurde, da� er gar nicht mich ansah - sondern etwas <emphasis>hinter </emphasis>mir.</p><p>Ich fuhr herum und schrie auf, aber das Ger�usch ging in dem ungeheuerlichen Krachen und Tosen unter, <emphasis>in dem die hintere Wand des Raumes zusammenzubrechen begann.</emphasis> Necron hatte mehr mitgenommen als nur das zweite SIEGEL - er hatte den Zauber zerst�rt, der das Wasser des Meeres Jahrmillionen lang daran gehindert hatte, in diese H�hle zu str�men.</p><p>Jetzt gab es dieses Hindernis nicht mehr. Das Wasser neigte sich - absurd genug - in einer einzigen, senkrechten Fl�che nach vorn, st�rzte br�llend und sch�umend herein - und erstarrte.</p><p>Selbst Dagon stand sekundenlang einfach da und blickte das unglaubliche Bild an. Das Wasser bildete keine lotrechte Fl�che mehr, sondern eine bizarre, nach oben und au�en und innen und rechts und links gleichzeitig gew�lbte, verzerrte und verdrehte Skulptur, die mit Millionen kleiner und gro�er Ausw�chse, Spitzen, Stacheln und Speeren �bers�t war, erstarrte Wasserspritzer und Tropfen, die Skulptur eines verr�ckten Glasbl�sers, von einer anderen, kaum weniger starken Magie geb�ndigt. Es war ein Bild wie aus einem Alptraum, denn etwas bewegte sich darin, das mit Blicken nicht richtig zu erfassen war. Und endlich begriff ich.</p><p>Es war Jennifer - das <emphasis>Jennifer-Ding, </emphasis>dessen Magie die Wassermassen hielt.</p><p>Dummerweise begriff Dagon das auch - und leider einen winzigen Moment <emphasis>vor </emphasis>mir.</p><p>Mit einem urgewaltigen Br�llen st�rzte er los, schwang seine deformierten Klauen und fegte mich mit einer fast beil�ufigen Bewegung zur Seite. Ich versuchte, den Hieb abzufangen, aber alles, was ich erreichte, war, da� mir der Schlag nicht gleich s�mtliche Knochen im Leib brach, sondern mich nur zu Boden schleuderte und hilflos durch die halbe H�hle rutschen lie�. Wie von weit, weit her h�rte ich Dagons Wutschrei; und noch einen anderen, unheimlicheren Laut, den ich nicht einordnen konnte.</p><p>M�hsam setzte ich mich auf, versuchte die Benommenheit abzusch�tteln und schmeckte mein eigenes Blut. Ich konnte kaum noch richtig sehen. Selbst dieser nur mit einem Bruchteil seiner wirklichen Kraft gef�hrte Hieb hatte ausgereicht, mich um ein Haar umzubringen.</p><p>Wie durch einen Nebelschleier sah ich, wie sich Dagon auf den Unaussprechlichen zu st�rzen versuchte. Der Unheimliche machte eine Bewegung, die zu schnell war, als da� ich sie erkennen konnte - aber Dagon <emphasis>sp�rte </emphasis>sie. Etwas traf ihn und lie� ihn fast genausoweit und hilflos zur�cktaumeln wie mich zuvor.</p><p>Leider war der Bursche ein wenig h�rter im Nehmen als ich. Er taumelte, fiel auf die Knie (oder das, was er daf�r hielt), und stemmte sich mit einem tierischen Knurren sofort wieder in die H�he, um erneut auf den Unaussprechlichen einzudringen. Wieder wurde er zur�ckgeschleudert, aber mir fiel auch auf, da� der Hieb nicht mehr so hart war wie der erste. Offensichtlich lie�en die Kr�fte meines Verb�ndeten rasch nach.</p><p>Etwas in mir warnte mich, es zu tun - aber es war noch nie meine Art gewesen, in Momenten wie diesem <emphasis>vern�nftig </emphasis>zu sein. Ich sprang hoch, st�rmte auf Dagon los - und fing mir eine Maulschelle ein, die mich diesmal wirklich f�r Sekunden das Bewu�tsein verlieren lie�.</p><p>Dagon und ich kamen im selben Moment wieder auf die F��e. Ich taumelte, und auch Dagon bewegte sich nicht mehr so schnell und kraftvoll wie bisher. Er war angeschlagen - aber keineswegs besiegt.</p><p>Wieder drang er auf den Unaussprechlichen ein, und diesmal <emphasis>erreichte </emphasis>er ihn. Seine Klauen hinterlie�en eine tiefe blutige Spur im R�cken des Wesens, ehe ihn ein f�rchterlicher Hieb traf und erneut zu Boden schleuderte. Dagon schrie vor Schmerz - aber auch sein Gegner wankte. Und mit ihm die Wasserwand.</p><p>Aus Dagons Wutschreien wurde ein triumphierendes Kreischen, als er begriff, da� die Kr�fte seines Gegners nicht ausreichten, ihn zu besiegen und gleichzeitig den Zauber aufrechtzuerhalten, der das Wasser b�ndigte. Ich sah, wie sich seine m�chtigen Muskelstr�nge spannten, als er sich zum letzten Mal mit emem gewaltigen Satz auf seinen Gegner warf. Und ich mich auf ihn.</p><p>Der Unaussprechliche drehte sich im gleichen Moment herum, in dem wir in der Luft zusammenprallten. Dagons Klauen verfehlten meinen Sch�del um Haaresbreite und fuhren mit furchtbarer Gewalt auf meine Schultern nieder, ein Hieb, der meinen K�rper nahezu lahmte und mir die Tr�nen in die Augen trieb. Der Griff, mit dem ich ihn zu packen und niederzuringen gedacht hatte, erschlaffte.</p><p>Aber die pure Wucht meines Anpralles lie� ihn zur�cktaumeln. Eine halbe Sekunde lang stand er mit wild rudernden Armen da. W�hrend ich hilflos zu Boden st�rzte, sah ich, wie auch er das Gleichgewicht verlor und nach hinten fiel.</p><p>Direkt in einen der nadelspitzen Speere aus erstarrtem Wasser hinein.</p><p>Er keuchte. Seine Augen wurden gro� vor Schmerz, dann tr�bten sie sich, und ich konnte sehen, wie alles Leben aus ihm wich. W�re die Situation nicht so entsetzlich gewesen, so w�re mir in diesem Moment vielleicht die Ironie des Schicksals zu Bewu�tsein gekommen: Dagon, der Gott des Meeres, ein Gesch�pf, dessen Element das Wasser war - durch Wasser get�tet...</p><p>�Geh, Robert�, sagte der Unaussprechliche mit leiser Stimme. Ich sah auf - und erschrak erneut, als ich in sein Gesicht blickte. Es war verzerrt vor Anstrengung. Seine H�nde, die in einer befehlenden Geste ausgestreckt waren, zitterten.</p><p>�Geh� sagte er noch einmal. �Schnell. Ich... kann es nicht mehr lange halten. Selbst meinen Kr�ften sind Grenzen gesetzt. Geh und bring dich in Sicherheit. Es ist noch nicht zu sp�t.�</p><p>�Und... die THUL SADUUN?� fragte ich z�gernd.</p><p>�Sie werden untergehen�, antwortete das Wesen. �Sie werden zusammen mit diesem Berg sterben, in einer gewaltigen Explosion. Geh. Ich versuche, es aufzuhalten, so lange ich kann, aber es wird nicht sehr lange sein. <emphasis>Geh!�</emphasis></p><p>Und obwohl ich wu�te, da� jede weitere Sekunde des Z�gerns �ber meinen Tod oder mein Weiterleben entscheiden konnte, verharrte ich noch einen letzten Moment reglos neben dem riesigen fremdartigen Wesen. Es war mir pl�tzlich nicht mehr m�glich, es als einen Feind zu sehen, der nur eine Art Burgfrieden mit mir geschlossen hatte. Und pl�tzlich wu�te ich, da� er das auch niemals gewesen war. Ich w�nschte ihm, da� er es schaffen w�rde, lebend hier herauszukommen; irgendwie.</p><p>Dann fuhr ich herum und machte mich auf den schweren, entsetzlich <emphasis>langen </emphasis>Weg, der vor mir lag.</p><p>�ber der Insel brannte der Himmel. Tiefh�ngende, von gl�hender Vulkanasche blutrot gef�rbte Wolken brodelten wie kochender Nebel dicht �ber den Wipfeln der Urwaldriesen. In fast regelm��igen Abst�nden erzitterte die Erde wie unter dem Tritt eines unsichtbaren Giganten, und manchmal zerrissen grelle Blitze die dr�uenden Wolken. Das Meer, das nur manchmal hinter diesem Vorhang aus Chaos sichtbar wurde, schien zu kochen, und etwas, das wie Nebel aussah, stieg von seiner Oberfl�che auf und verband sich mit den Wolken.</p><p>Mehr als zwei Stunden war ich gelaufen, um die K�ste zu erreichen, immer in Gefahr, von st�rzenden B�umen oder herunterprasselndem Ge�ste erschlagen zu werden, in j�h aufklaffende Erdspalten zu st�rzen oder von einem der gl�henden Brocken getroffen zu werden, die wie brennende Meteore aus den Wolken niederregneten.</p><p>Die Insel starb einen langsamen, qualvollen Tod. Krakatau, der Gott der Majunde, hatte seine schreckliche Stimme erhoben, und mit jedem Schrei des Vulkans kam das Ende n�her. Das Chaos hatte seine Hand nach Krakatau ausgestreckt, und sein Griff war f�rchterlich.</p><p>Ich erreichte den Waldrand, lehnte mich gegen einen Baum, der mir massiv genug erschien, nicht beim n�chsten Erdsto� umzukippen und mich unter sich zu begraben, und rang einen Moment keuchend nach Atem. Meine Lungen brannten. Die Luft schmeckte bitter und hei�, und die schwarze Lavaasche tanzte wie finsterer Regen vor mir auf und ab. Alles, was ich anfa�te, f�hlte sich hei� und schmierig an. Der Dschungel dampfte, und immer wieder flackerten kleinere Br�nde auf. Die meisten erloschen sofort wieder, denn Krakatau war von einem tropischen Regenwald bedeckt, der mit Feuchtigkeit vollgesogen war wie ein gro�er gr�ner Schwamm. Aber wenn die Hitze weiter so anstieg, dann w�rde es nicht mehr lange dauern, bis die ganze Insel wie eine gigantische Fackel in Flammen aufging; lange, bevor der Krakatau eruptierte.</p><p>Ich versuchte, den Gedanken zu verscheuchen, atmete tief ein und lief weiter. Die Sonne war vor vier Stunden aufgegangen, und wenn Howard seine Drohung wahrgemacht hatte, dann w�rde ich den Strand leer vorfinden. Die Frist, in der er auf mich warten wollte, war abgelaufen. Aber irgendwie konnte ich nicht so recht daran glauben, da� er mich im Stich lassen w�rde. Vielleicht <emphasis>wollte </emphasis>ich es auch nicht.</p><p>Die letzten B�ume wichen zur Seite, als ich r�cksichtslos durch das Unterholz brach, und dann lag die Stadt vor mir - oder das, was davon �briggeblieben war. Der Feuerregen und die unabl�ssigen Erdst��e hatten das, was der Brand �bersehen hatte, endg�ltig vernichtet. Der Ort lag in Tr�mmern. �berall qualmte und brannte es, und quer �ber die Hauptstra�e zog sich ein meterbreiter, klaffender Ri�, aus dem Funken und fettiger schwarzer Qualm emporstiegen.</p><p>Die K�ste war hinter einem Vorhang aus Rauch und brodelndem Dampf verschwunden, und doch h�tte ich ein wartendes Schiff sofort sehen m�ssen.</p><p>Ich konnte keines ausmachen.</p><p>Die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>war fort.</p><p>Obwohl ich damit gerechnet hatte, durchfuhr mich eisiger Schrecken. So schnell ich konnte, rannte ich weiter, setzte mit einem gewagten Sprung �ber die Erdspalte hinweg und lief durch eine bizarre Allee aus brennenden H�usern weiter zur K�ste hinunter.</p><p>Endlich erreichte ich den schmalen wei�en Sandstreifen, der vor der Brandungslinie lag. Der Geruch nach hei�em Wasser und brennender Erde nahm mir den Atem. Die Gischt spritzte hoch auf, und das Meer war aufgew�hlt, als winde es sich in Kr�mpfen. Ein St�ck vor der K�ste mu�te eine unterseeische Magmaader aufgebrochen sein, denn das Meer kochte und spie Dampf und kleine zischende Steinbrocken in den Himmel. Wieder bebte die Erde wie unter einem Hammerschlag, und diesmal vermochte ich der Ersch�tterung nicht mehr standzuhalten. Ich stolperte, fiel der L�nge nach ins knietiefe Wasser und kam keuchend und nach Atem ringend wieder hoch. Eine Welle br�hhei�er Luft fauchte von der Insel aufs Meer hinaus, versengte meinen R�cken und trieb die Nebelschwaden auseinander.</p><p>Verzweifelt blickte ich die K�stenlinie entlang. Vergebens. Die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>war fort. Aber was hatte ich denn erwartet? Da� Harmfeld Hunderte von Menschenleben aufs Spiel setzte, nur um das meine zu retten?</p><p>Und auch meine letzte Hoffnung, wenigstens noch die NAUTILUS anzutreffen, hatte sich nicht erf�llt. Ich war gefangen - auf einem Pulverfa�, das in wenigen Stunden explodieren w�rde.</p><p>Ich lie� mich in den weichen Sand fallen und starrte aufs Meer hinaus. Doch bevor ich noch vollends resignierten konnte, h�rte ich Stimmen - hinter mir!</p><p>Mit einem Sprung war ich auf den Beinen und fuhr herum. Es waren drei von Nemos M�nnern! Sie schienen nicht halb so �berrascht, mich zu sehen, wie umgekehrt.</p><p>�Ah, Monsieur Craven!� rief einer von ihnen und lief auf mich zu. �Gott sei Dank! Wir hielten Sie schon f�r tot.�</p><p>�Viel hat auch nicht gefehlt�, antwortete ich grimmig. �Was ist geschehen? Wo sind die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>und die NAUTILUS?�</p><p>�Die <emphasis>Zuidermaar </emphasis>ist abgesegelt, vor Stunden schon�, sagte der Matrose. �Wir haben gut dreihundert Eingeborene auf dem Schiff untergebracht; das war alles, was wir in der kurzen Zeit...�</p><p>�Schon gut�, fiel ich ihm ins Wort. �Was ist mit der NAUTILUS?�</p><p>Der Matrose wies auf die kochende See hinaus. �Nemo wartet auf uns�, sagte er. �Allerdings in sicherer Entfernung von der K�ste.� Er zog ein flaches, eigent�mlich geformtes Etui unter seiner Jacke hervor. �Wir sollten so lange wie m�glich hier warten, ob Sie zur�ckkehren, Monsieur.� Er machte eine bedeutungsvolle Pause, bevor er schlo�: �Wir wollten eben das Signal geben. Sie kamen in buchst�blich letzter Minute.�</p><p>Damit klappte er das kleine Metalletui auf und legte einen Schalter in seinem Inneren um. Eine kleine Glaskugel leuchtete blendend hell auf.</p><p>Obwohl mich das seltsame Ger�t faszinierte, stellte ich keine Fragen; dazu war hier weder der rechte Ort noch die rechte Zeit.</p><p>Der Matrose hob die Lampe hoch �ber seinen Kopf und schwenkte sie hin und her.</p><p>Eine Minute lang geschah nichts. Dann begann die See weit drau�en zu brodeln, und etwas Schwarzes schob sich aus den Wellen.</p><p>Die NAUTILUS nahm Kurs auf den Strand.</p><p>Die Stunde der Katastrophe brach an, aber noch lag das Meer ruhig da. Die einzige Bewegung kam von den Schrauben der NAUTILUS, die wie rasend arbeiteten, um das Schiff nach Westen zu treiben; fort, nur fort von der Insel und dem, was in wenigen Minuten geschehen w�rde.</p><p>Es fiel mir schwer, meine Gedanken darauf zu konzentrieren. Nemo hatte mir alles erz�hlt. Alles, was geschehen w�rde - was bereits geschehen <emphasis>war, </emphasis>aber die Worte kamen mir sonderbar leer vor, ohne wirkliche Bedeutung, ohne Sinn.</p><p><emphasis>Sechsunddrei�igtausend Tote.</emphasis></p><p>Vielleicht war es diese Zahl, die der Vorstellung ihren Schrecken nahm, auf einen blo�en, abstrakten Begriff reduziert, an dem mein Bewu�tsein nichts Schlimmes mehr zu entdecken wu�te; einfach, weil sie zu gro� war, zu unvorstellbar, um wirklich begriffen zu werden.</p><p><emphasis>Sechsunddrei�igtausend.</emphasis></p><p>Ich versuchte, den Gedanken zu verarbeiten, aber es ging nicht. Sechsunddrei�igtausend, das war die Zahl der Todesopfer, die die Explosion des Krakatau und die anschlie�ende Springflut an den K�sten Javas und Borneos fordern w�rde. Ich blickte auf das Meer hinaus. Die NAUTILUS scho� durch das Wasser wie ein Pfeil, aber Krakatau war noch immer sichtbar, eine grelle Flamme, die die Nacht durchstach. In wenigen Augenblicken w�rde aus den Flammen ein lodernder Ball werden, und es war die Energie dieser Explosion, die die NAUTILUS durch Zeit und Raum wieder um zwei Jahre in unsere Gegenwart schleudern w�rde. Jedenfalls war es das, was Nemo mir gesagt hatte.</p><p>Aber irgendwie glaubte ich ihm nicht.</p><p>Ich hatte die heimlichen Blicke gesehen, die Howard und er getauscht hatten; und ich war nicht so dumm, da� mir die gletscherspaltentiefen L�cken, die in der Geschichte klafften, wie die NAUTILUS angeblich hierher in die Vergangenheit gekommen war, entgangen w�ren. Die beiden verbargen etwas vor mir, und ich war ziemlich sicher, da� es etwas mit der unheimlichen Zeitreise der NAUTILUS zu tun hatte - und mit Howard. Ganz sicher mit Howard. Ich w�rde ihn fragen, sobald wir hier heraus waren und einem Moment der Mu�e fanden. Und, bei Gott, ich hatte mir fest vorgenommen, ihm seine verdammten stinkenden Zigarren einzeln bis in den Magen hinunterzustopfen, wenn er mir <emphasis>diesmal </emphasis>nicht die Wahrheit sagte.</p><p>Trotzdem war dies im Moment nicht meine gr��te Sorge. Es war vorbei. Wir hatten vielleicht nicht gewonnen, aber wir waren immerhin noch am Leben, und wir hatten zumindest verhindern k�nnen, da� die THUL SADUUN zu neuem Leben und neuer Macht erwachten.</p><p>Was ich nicht hatte verhindern k�nnen, war, da� Necron ein weiteres der SIEGEL in die Hand bekam. Viele fehlten ihm jetzt nicht mehr.</p><p>Nein - es war kein Sieg gewesen, nicht einmal ein kleiner. In diesem Moment zerri� ein blendend wei�er Blitz die Nacht hinter uns, und als ich herumfuhr, sah ich eine neue, lodernd wei�e Sonne �ber dem Meer aufgehen, einen Ball aus h�llischem Feuer, der die Insel Krakatau aus dem Meeresboden ri� und sich zu einem meilenhohen wabernden Pilz aus Flammen und Glut formte.</p><p>Nemo gab einen scharfen Befehl, und die NAUTILUS begann zu tauchen, um der Flutwelle zu entgehen, die in wenigen Minuten den Ozean durchpfl�gen w�rde.</p><p>Kurz bevor sich das Wasser �ber dem Turm des Schiffes schlo�, erreichte uns der Schall der Explosion: ein ungeheures Dr�hnen und Kreischen, als st�rzten ganze Berge zusammen.</p><p>Aber in meinen Ohren klang es wie ein Schrei.</p><p>Der Todesschrei aus sechsunddrei�igtausend Kehlen.</p><p><strong>ENDE</strong></p></section></body><binary id="cover" 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