<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Azrael</book-title><annotation><p>Eine Serie bizarrer Selbstmorde und unerkl�rlicher Todesf�lle stellt die Berliner Kriminalpolizei vor ein R�tsel. Einziger Anhaltspunkt f�r die Ermittlungen ist der an jedem Tatort wiederkehrende mysteri�se Schriftzug: AZRAEL. Alle Spuren f�hren in die Pharmawerke des Dr. Sillmann, und die Nachforschungen ergeben, da� dort vor einigen Jahren Drogenexperimente durchgef�hrt wurden, deren katastrophale Folgen man vor der �ffentlichkeit geheimhielt. Aber was hat das alles mit AZRAEL, dem �Todesengel�, zu tun? Mittlerweile wird Mark, der Sohn von Sillmann, in Alptr�umen von AZRAEL verfolgt. In seinen Angstvisionen sieht er immer wieder den Todesengel und kann doch sein Gesicht nicht erkennen. Mark sp�rt, da� hinter den Selbstmorden und seinen eigenen Horrortr�umen etwas Mysteri�ses steht - eine schreckliche Macht, der er schon einmal begegnet ist, damals vor sechs Jahren, als seine Mutter in die Nervenklinik kam und etwas geschah, an das er sich nicht mehr erinnern kann. Das Geheimnis von AZRAEL mu� so schnell wie m�glich gel�st werden, um dem Schrecken Einhalt zu gebieten - denn schon nimmt auch einer der Ermittlungsbeamten aus den Augenwinkeln einen dunklen Schatten wahr, der ihn verfolgt... Hohlbeins Roman ist ein nicht enden wollender Alptraum, in dem es um Leben und Tod geht. Ein erz�hlerisches Meisterwerk, das den Leser unerbittlich in eine Welt des Unbegreiflichen und des Grauens hineinzieht, in der die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits verschwimmen.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><src-lang>de</src-lang><sequence name="Azrael" number="1"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-15">15 April 2012</date><id>626FB398-8EFF-4127-89B9-9E1C5A9919D5</id><version>1.0</version><history><p>1.0�- conversion from pretty crappy "unconvertable" PDF.</p></history></document-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><empty-line/><p>Das Buch</p><p>Eine Serie bizarrer Selbstmorde und unerkl�rlicher Todesf�lle stellt die Berliner Kriminalpolizei vor ein R�tsel. Einziger Anhaltspunkt f�r die Ermittlungen ist der an jedem Tatort wiederkehrende mysteri�se Schriftzug: AZRAEL. Alle Spuren f�hren in die Pharmawerke des Dr. Sillmann, und die Nachforschungen ergeben, da� dort vor einigen Jahren Drogenexperimente durchgef�hrt wurden, deren katastrophale Folgen man vor der �ffentlichkeit geheimhielt. Aber was hat das alles mit AZRAEL, dem �Todesengel�, zu tun? Mittlerweile wird Mark, der Sohn von Sillmann, in Alptr�umen von AZRAEL verfolgt. In seinen Angstvisionen sieht er immer wieder den Todesengel und kann doch sein Gesicht nicht erkennen. Mark sp�rt, da� hinter den Selbstmorden und seinen eigenen Horrortr�umen etwas Mysteri�ses steht - eine schreckliche Macht, der er schon einmal begegnet ist, damals vor sechs Jahren, als seine Mutter in die Nervenklinik kam und etwas geschah, an das er sich nicht mehr erinnern kann. Das Geheimnis von AZRAEL mu� so schnell wie m�glich gel�st werden, um dem Schrecken Einhalt zu gebieten - denn schon nimmt auch einer der Ermittlungsbeamten aus den Augenwinkeln einen dunklen Schatten wahr, der ihn verfolgt... Hohlbeins Roman ist ein nicht enden wollender Alptraum, in dem es um Leben und Tod geht. Ein erz�hlerisches Meisterwerk, das den Leser unerbittlich in eine Welt des Unbegreiflichen und des Grauens hineinzieht, in der die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits verschwimmen.</p><empty-line/><p>Der Autor</p><p>Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Seit er 1982 gemeinsam mit seiner Frau den Roman <emphasis>M�rchenmond </emphasis>ver�ffentlichte, arbeitet er hauptberuflich als Schriftsteller. Mit seinen zahlreichen fantastischen Romanen hat er sich seither eine gro�e Fangemeinde erobert. Im Wilhelm Heyne Verlag liegen bereits vor: <emphasis>Das Druidentor</emphasis> (01/9536), <emphasis>Das Netz </emphasis>(01/6874).</p></section><section><title><p>1. Kapitel</p></title><p>Artner nannte es nur das Haus der Pein. Es hie� nicht wirklich so. Auf dem l�ngst gr�n gewordenen Kupferschild, das, von zwei Barockengeln getragen, �ber dem Eingang hing, stand ein anderer Name, und wiederum ein anderer auf dem sorgsam polierten Messingschildchen neben der T�r. Unter wieder einem anderen war es bei den Menschen in der n�heren Umgebung bekannt. Und fr�her hatte es noch andere Bezeichnungen getragen, Namen - mit oder ohne besondere Bedeutungen -, die Geschichten erz�hlten und d�stere Versprechungen beinhalteten. Das Haus war im Laufe seiner langen, bewegten Geschichte unter vielen Namen gef�rchtet worden, aber f�r Artner war und blieb es: <emphasis>das Haus der Pein. </emphasis>Es hatte diesen Namen nur f�r ihn, und er h�tete ihn wie ein kostbares Geheimnis. Niemals h�tte er ihn in Gegenwart anderer benutzt, obwohl er schon �hnliche Bezeichnungen geh�rt hatte: Haus des Schreckens, Haus der Tr�nen, Haus der Schmerzen, Haus des Todes. Sie alle stimmten, denn es hatte von alledem mehr als genug gesehen; seine Mauern hatten die Tr�nen Zahlloser getrunken, seine W�nde die Schreie Ungez�hlter erstickt, seine Luft den Schmerz so vieler geatmet, und es h�tte noch unz�hlige andere, zutreffendere Bezeichnungen f�r das gro�e Geb�ude gegeben, und jede einzelne w�re richtig gewesen. Obwohl dieses Haus von Anfang an nur einem einzigen Zweck gedient hatte, n�mlich jenen, die es betraten, zu helfen und ihren Schmerz zu lindern, hatte es doch unendlich viel von genau diesem Schmerz gesehen. Und verursacht.</p><p>Im Mittelalter, als es errichtet worden war, war es ein Kloster gewesen. Aber nicht lange. Irgendeiner der ebenso zahl - wie sinnlosen Kriege, die das Land mit der gleichen Regelm��igkeit wie Jahreszeiten, Naturkatastrophen und Hungersn�te heimsuchten, mu�te die frommen M�nner vertrieben haben, kaum da� sie mit ihrer H�nde Arbeit diese wehrhaften Mauern aufgerichtet hatten. Und f�r eine noch k�rzere Zeit hatte es als Festung und Gef�ngnis gedient. Das Blut derer, die es errichtet hatten, war vom Blut der Gefangenen fortgesp�lt worden und nicht lange danach von dem ihrer W�rter. Danach waren wieder fromme M�nner gekommen, doch diesmal nicht nur, um zu beten. Kriege und Seuchen forderten viele Opfer in jenen Tagen, und das Kloster war zu einem Ort geworden, an dem man sich um diese Opfer k�mmerte. Wieder waren es Blut und Schreie gewesen, die seine Mauern f�rbten und seine Luft tr�nkten, und daran hatte sich bis heute nicht viel ge�ndert - das Geb�ude hatte als Hospiz gedient, sp�ter, in einem moderneren und viel effektiveren Krieg, als Milit�rkrankenhaus, und f�r lange Zeit als Hospital unter kirchlicher Leitung, bis es schlie�lich in die Obhut der Stiftung �bergeben worden war.</p><p>Ge�ndert hatte sich nichts. Die Methoden waren feiner geworden, die Schreie nicht mehr ganz so laut, und das Blut flo� nicht mehr ganz so reichlich. Und trotzdem hatte sich Artner schon mehr als einmal die Frage gestellt, ob der einzige - der <emphasis>wirkliche - </emphasis>Daseinszweck dieses Hauses vielleicht nicht nur der war, den Menschen ihre Hilflosigkeit vor Augen zu f�hren und ihnen klarzumachen, da�, was sie taten, zum Scheitern verurteilt worden war, noch ehe sie es begannen. Sie waren hier - <emphasis>er war hier -, </emphasis>um zu helfen, doch manchmal wunderte er sich, ob seine Hilfe nicht zumeist nur daraus bestand, alten Schmerz gegen neuen zu tauschen. Wunden zu schlie�en, indem er gr��ere dar�ber f�gte, und bekannte Qual gegen neue, unbekannte zu wechseln.</p><p>Oh, sie hatten Erfolge! Er war ein bekannter Arzt, eine Koryph�e auf seinem Gebiet, dessen Krankenbl�tter, die er mit dem Stempel �Geheilt� zu den Akten gelegt hatte, ganze Schr�nke f�llten. Und doch - stets wenn er hierher kam, in diesen ganz speziellen Trakt - fragte er sich, ob er auch zu Recht ber�hmt war, und ob <emphasis>geheilt </emphasis>auch wirklich immer <emphasis>geholfen </emphasis>hie�.</p><p>Was unterschied sie eigentlich wirklich von jenen, die vor einem halben Jahrtausend hier gewesen waren und auf ihre Weise versucht hatten, den Leidenden zu helfen? Sicher, ihre Werkzeuge waren feiner geworden, ihre Methoden subtiler, ihre Therapien erfolgreicher. Statt Knochens�gen benutzten sie Laserskalpelle, statt Aderl�ssen winzige Mengen farbloser Fl�ssigkeiten, die auf Glaskolben aufgezogen waren, und selbst die brutalen Elektroschocks des vergangenen Jahrzehnts waren durch einen kaum noch sp�rbaren Stich in eine Vene ersetzt worden. Nur fragte er sich manchmal, ob sie ihren alten Feind, die Pein, wirklich besiegt - oder vielleicht vielmehr nur daf�r gesorgt hatten, da� sie die Schreie der Gequ�lten nicht mehr h�rten.</p><p>Der Aufzug hielt mit einem kaum sp�rbaren Ruck an, und Artner zw�ngte sich schr�g gehend durch die T�r, deren H�lften wie �blich mit enervierender Langsamkeit auseinanderglitten. Das taten sie nur hier unten, und der Mechaniker der Aufzugsfirma hatte es schon vor drei Jahren aufgegeben, nach der Ursache daf�r suchen zu wollen. Artner kannte sie. Es war der gleiche Grund, weswegen es hier unten immer ein wenig muffig roch und feucht war, weswegen die W�nde, obwohl in freundlichen Pastellt�nen gestrichen, trotzdem nichts anderes als ein finsteres Gew�lbe waren, und weswegen es hier niemals <emphasis>richtig </emphasis>hell wurde, allen Neonbatterien und Halogenstrahlern zum Hohn. Dieser spezielle Trakt lag anderthalb Stockwerke unter den Kellern und zweieinhalb Stockwerke unter der Stra�e, und heute wie damals war es ein Ort, an dem weder die Zeit noch irgend etwas, was Menschen taten, wirklich z�hlte. Heute wie damals enthielt er einige wenige R�ume, die den allersichersten Teil dieses Geb�udes darstellten: jene Zellen, in denen die Hoffnungslosen untergebracht waren, die Unheilbaren und gef�hrlich Gewaltt�tigen, denen man nur eine einzige Hilfe angedeihen lassen konnte; eine Hilfe, die darin bestand, sie vor sich selbst und davor zu sch�tzen, anderen Schaden zuzuf�gen. Hier wurden ihm die Grenzen seines K�nnens vor Augen gef�hrt, vielleicht die absolute Grenze, die niemals �berschritten werden konnte - vielleicht auch nicht sollte.</p><p>Auch das war etwas, das Artner niemals laut eingestanden h�tte, aber er wu�te, da� es jene Schwelle gab, an der jedes �rztliche K�nnen scheiterte, vor der jede Chemie kapitulierte und hinter der das Wissen nichts mehr z�hlte. Eine Grenze, hinter der der Geist verloren war und die sich nur in eine Richtung �berschreiten lie�: hinein in ein Gef�ngnis, dessen Mauern aus Furcht und dessen Ketten aus Grauen bestanden, und dessen Fenster gro� und ohne Gitter waren und direkt in die tiefsten Abgr�nde der H�lle f�hrten. Seit einem halben Jahrtausend lag hier unten die Schwelle zu jenem Grenzbereich, und so hatte dieser Ort vielleicht einfach zuviel Qual gesehen, um noch irgend etwas anderes zur�ckgeben zu k�nnen.</p><p>Deshalb war es f�r Artner �das Haus der Pein�. Nicht mehr und nicht weniger, und es w�rde sich nie �ndern.</p><p>Er hatte die Sicherheitst�r erreicht, zog seine Codekarte aus der Brusttasche und schob sie in den daf�r vorgesehenen Schlitz, ohne auch nur hinzusehen. Die T�r �ffnete sich mit einem leisen Summen, und Artner trat hindurch. Sp�ter, wenn er den Sicherheitstrakt in umgekehrter Richtung wieder verlie�, w�rde er eine sechsstellige Codenummer eingeben und sich zudem dem mi�trauischen Auge einer Videokamera stellen m�ssen, um die T�r erneut zu �ffnen. In gewisser Weise �hnelte der Hochsicherheitstrakt dem zweiten, inneren Gef�ngnis, in dem die Egos seiner Bewohner gefangen waren - man kam relativ leicht hinein, aber nur sehr schwer wieder hinaus.</p><p>Sein Blick glitt automatisch �ber die T�ren, die den schmalen Gang mit der gew�lbten Decke flankierten, f�nf auf der rechten, vier auf der linken Seite, in unterschiedlichen, angenehm anzuschauenden Farben gestrichen und scheinbar nicht mehr als normale Zimmert�ren, an denen es sogar Griffe gab - die sich allerdings nicht so ohne weiteres niederdr�cken lie�en. Nur einem sehr aufmerksamen Beobachter w�re vielleicht aufgefallen, da� diese T�ren aus massivem, drei Zentimeter dickem Stahl bestanden, die Bolzen in den Angeln verschwei�t waren - und neben jeder ein kleiner Videomonitor flimmerte, der das Bild einer Weitwinkelkamera auf der anderen Seite zeigte. Der tote Winkel w�re nicht einmal gro� genug gewesen, eine Katze zu verbergen.</p><p>Artner passierte vier T�ren und �ffnete die letzte T�r auf der rechten Seite des Ganges. Dahinter lag ein kleines, fensterloses B�ro, dessen nicht eben billige Einrichtung vergeblich versuchte, einen behaglichen Eindruck zu vermitteln, und das von einem knappen Dutzend kleiner Halogenlampen in schon beinahe �bertriebene Helligkeit getaucht wurde. In der Wand neben der T�r flimmerten die Zwillinge der �berwachungsmonitore drau�en im Gang, und ein weiterer, etwas gr��erer Schirm zeigte den Gang selbst. In regelm��igen Abst�nden schaltete das Bild um und zeigte die H�lfte des Korridors, die vor der Sicherheitst�r lag und zum Aufzug f�hrte. Der Mann hinter dem Schreibtisch nickte Artner fl�chtig zu und machte eine Notiz in irgendeiner Liste, die vor ihm lag und vermutlich vollkommen zwecklos war. Artner wu�te, da� er den Gro�teil seiner Schicht damit zu verbringen pflegte, zweitklassige Kriminalromane zu lesen, und die Sicherheitstechnik, die sie f�r Unsummen hatten installieren lassen, vornehmlich nutzte, sich selbst zu bewachen und den mit etwas furchtbar Wichtigem Besch�ftigten zu spielen, sobald jemand den Lift verlie� und hereinkam. Artner war es gleich. Solange er seine Arbeit tat und die Patienten in den sechs belegten Zellen im Auge behielt, konnte er seinetwegen tun und lassen, was er wollte. Trotzdem, dachte er, irgendwann einmal w�rde er sich einfach den Spa� machen und ihm eines der B�nder vorspielen, die die versteckte Kamera aufnahm, die <emphasis>ihn </emphasis>�berwachte.</p><p>�Alles in Ordnung?� Es war keine Frage, auf die er eine Antwort erwartete - w�re <emphasis>nicht </emphasis>alles in Ordnung gewesen, dann w�re er jetzt nicht hier, wenigstens nicht allein.</p><p>Der Mann nickte auch nur, aber nach einigen Sekunden fiel ihm dann doch ein, was Artner <emphasis>wirklich </emphasis>meinte. Hastig legte er seinen Stift aus der Hand, bequemte sich endlich, seinen Blick ganz von seiner Liste und dem vermutlich darunter versteckten Jerry-Cotton-Roman zu l�sen, und sah zu Artner hoch. �Zelle f�nf, nehme ich an?�</p><p>Artner nickte mit unbewegtem Gesicht und verkniff sich die scharfe Antwort, die ihm auf der Zunge lag. �Gab es irgendwelche besonderen Vorkommnisse?�</p><p>�Nicht w�hrend meiner Schicht. Ich bin seit -�, er schob den �rmel seiner wei�en Pflegeruniform hoch und sah mit angestrengter Miene auf die Armbanduhr, als h�tte er nicht schon seit Beginn seiner Schicht die Minuten gez�hlt, die er noch bis zum Feierabend durchstehen mu�te, �- knapp sechs Stunden hier. Seitdem hat sie sich nur einmal ger�hrt, um aufs Klo zu gehen, danach ist sie wieder zur Salzs�ule erstarrt. Soll ich aufmachen?�</p><p>Artner sagte auch jetzt nichts, sondern belie� es wieder bei einem stummen Nicken. Die anz�gliche Art des Burschen ging ihm auf die Nerven, schon seit einer ganzen Weile, aber heute besonders. Aber es lohnte sich nicht, Energie darauf zu verschwenden, ihn in seine Schranken zu verweisen. Der Mann war nicht besonders intelligent, was wohl auch der Grund war, weswegen er hier unten sa� und nichts anderes zu tun hatte, als sechs postkartengro�e Bildschirme im Auge zu behalten und FBI-Romane zu lesen. Artner war dieser Umstand sehr recht.</p><p>�Ja�, sagte er im Hinausgehen, �und schalten Sie das Mikrophon ab.�</p><p>�Wie �blich, Doc�, antwortete der Mann, und wie auch sonst immer f�gte er hinzu: �Okidoki.�</p><p>Artner verdrehte im stillen die Augen und schwieg weiter. Er wu�te, da� er das Mikrophon <emphasis>nicht </emphasis>abschalten w�rde, ebensowenig wie die Kamera, die die Zelle vierundzwanzig Stunden am Tag �berwachte, aber das spielte keine Rolle - Artner besa� einen Schl�ssel f�r den Raum, in dem die B�nder verwahrt wurden, und w�rde die Kassette sp�ter austauschen, wenn es n�tig war.</p><p>Vor der letzten T�r auf der linken Seite des Ganges blieb er stehen und wartete, bis sich das leise Summen von vorhin wiederholte. Diesmal schwang die T�r nicht von selbst auf. Er mu�te einen Schl�ssel aus der Tasche nehmen - einen von sechs verschiedenen, f�r jede dieser T�ren - und im Schlo� herumdrehen. Und er behielt den kleinen Monitor in der Wand vor sich dabei aufmerksam im Auge. Die Gestalt, die zusammengerollt wie ein zu gro�er F�tus auf dem Bett lag, regte sich nicht. Weder als er das Schlo� entriegelte, noch als er die T�r �ffnete und eintrat. Erst als er die T�r wieder hinter sich zuschob und das charakteristische leise Metallklicken zum zweiten Mal erscholl, regte sich der wei�e Schemen auf wei�em Grund; eine flie�ende Bewegung, die immer gleich war und Artner immer aufs neue faszinierte, denn mehr als alles andere erinnerte sie ihn an eine sich �ffnende Bl�te - ein wei�er Kelch, der auf sein Erscheinen wie auf die ersten warmen Strahlen der Sonne reagierte und sich dem Licht zuwandte. Nichts an dieser Bewegung war irgendwie plump oder derb. Claudia ging jene kraftvolle Unbeholfenheit der Bewegungen v�llig ab, die die meisten Menschen bei bestimmten Geisteskranken unbewu�t abst��t und die wohl zu einem guten Teil der Grund sind, weswegen sie Behinderten so befangen gegen�bertreten. Ihre Bewegungen waren im Gegenteil von einer flie�enden Eleganz, als w�re sie in krassem Gegensatz zu ihrem Krankheitsbild in einem ewigen Tanz gefangen, aus dem sie nicht mehr ausbrechen konnte. Verdammt zu immerw�hrender Grazie, die selbst die kleinste ihrer seltenen Bewegungen zu einem Zeremoniell machte.</p><p>Die Bl�te entfaltete sich weiter, und nach den Bl�ttern sah er ihr Herz: als schmales, verwundbares Gesicht, fast so wei� wie das Kleid, das sie trug, und so zerbrechlich wie Porzellan. Und auch dieses Gesicht entsprach nicht dem Bild, das man sich im allgemeinen von einer Patientin in diesem Teil des Instituts machte. Es gab keine starren, in eine von namenlosem Schrecken erf�llte Unendlichkeit blickenden Augen, keine eingefallenen Wangen um einen zu einem stummen Schrei gerundeten Mund, ihre Z�ge waren nicht erschlafft. Allenfalls, da� ihr Gesicht eine unnat�rliche Bl�sse zeigte. Aber selbst das hatte einen ganz banalen Grund - sie hatte diesen Raum seit sechs Jahren kaum verlassen. Das einzige Licht, das sie kannte, war das der winzigen Halogenscheinwerfer in der gemauerten Decke ihrer Welt. Claudia war sehr sch�n. Sie war es schon als Kind gewesen, als sie hierhergekommen war; nicht mehr ganz M�dchen, aber noch lange keine Frau. Und jetzt - noch nicht ganz Frau, aber schon lange kein M�dchen mehr - war sie es noch viel mehr.</p><p>Artner blieb einige Sekunden unter der T�r stehen, w�hrend Claudia ihn aufmerksam musterte. Nicht mit dem leeren Blick einer Idiotin, sondern offen, neugierig und �berrascht und auch ein ganz kleines bi�chen mi�trauisch. Und zugleich auch sehr freundlich. Sie sah ihn immer auf die gleiche Art an, wenn er hereinkam, denn obwohl er sie fast t�glich besuchte, war er doch jedesmal ein Fremder f�r sie.</p><p>Claudias Ged�chtnis hatte vor sechs Jahren aufgeh�rt, neue Informationen aufzunehmen. Sie lebte in einem st�ndigen Jetzt, das sich mit jedem Tag um weitere vierundzwanzig Stunden von der Gegenwart entfernte.</p><p>�Hallo�, sagte er.</p><p>Das M�dchen legte lauschend den Kopf auf die Seite und schien �ber das Wort nachzudenken, dann sagte auch sie: �Hallo.�</p><p>Artner l�chelte. Heute war ein guter Tag. Es gelang ihm nicht immer, ihr Vertrauen zu erringen. Heute mochte sie den Fremden, der ihre Zelle betreten hatte. Aber das war l�ngst nicht immer so. An manchen Tagen war ihr Mi�trauen st�rker als ihre nat�rliche Offenheit, so da� sie nur einsilbig auf seine Fragen antwortete oder auch gar nicht mit ihm redete. Vorsichtig, um sie nicht durch eine unbedachte Bewegung zu erschrecken, ging er zum Bett und lie� sich auf der Kante nieder; nahe genug, um Vertrauen zu signalisieren, aber nicht so nahe, da� er ihre Sicherheitsdistanz unterschritten h�tte.</p><p>�Wie f�hlst du dich?� fragte er.</p><p>�Gut. Danke. Wer... sind Sie?�</p><p>�Ein Freund�, antwortete Artner, und dann, nach einem kurzen, letzten Z�gern, f�gte er hinzu: �Erinnerst du dich an mich?� Er stellte diese Frage nicht immer, denn manchmal reichte sie allein aus, alles zu zerst�ren. Das Vertrauensverh�ltnis zwischen ihnen war wie ein filigranes Gespinst, das jeden Tag aus einem anderen Material zu bestehen schien: mal aus massivem Stahl, so da� nichts es ersch�ttern konnte, manchmal aber auch aus feinster Gaze, die schon unter der geringsten Belastung zerri�. Auch wenn ihr Ged�chtnis nicht funktionierte, so schien doch allein der <emphasis>Versuch, </emphasis>sich zu erinnern, etwas in ihr auszul�sen. Und nur in den allerseltensten F�llen war es etwas <emphasis>Gutes.</emphasis></p><p>Aber heute war wirklich ein guter Tag. Claudia sch�ttelte nur den Kopf und fragte: �Sollte ich das?�</p><p>�Nein�, antwortete Artner l�chelnd. �Es ist nicht wichtig. Ich bin nur gekommen, um mich ein bi�chen mit dir zu unterhalten. Wenn du m�chtest, hei�t das.�</p><p>�Unterhalten? Gern. Aber wor�ber?�</p><p><emphasis>Das </emphasis>war nun wirklich etwas Besonderes. Claudia entwickelte selten irgendeine Initiative. In diesem Punkt �hnelte sie tats�chlich der Blume, mit der er sie manchmal verglich: Sie konnte unter bestimmten Umst�nden <emphasis>reagieren, </emphasis>aber so gut wie niemals <emphasis>agieren. </emphasis>Um so mehr �berraschte ihn nun diese Frage. Zugleich erf�llte sie ihn mit einer j�hen Hoffnung, einer Hoffnung, die er sich im Grunde vor Jahren schon selbst verboten hatte.</p><p>Artner rief sich innerlich zur Ordnung. Er hatte schon vor Jahren aufgeh�rt, an Wunder zu glauben, und w�rde jetzt bestimmt nicht wieder damit anfangen, nur weil es so sch�n gewesen w�re. Diese Frage war kein erster Schritt, sondern ein Zufall. Eine Bedeutungslosigkeit, in die er etwas hineingeheimniste.</p><p>�Wor�ber du willst�, antwortete er.</p><p>Das M�dchen �berlegte einen Moment, dann sagte es: ��ber uns?�</p><p>Artner erstarrte. Ein unsichtbarer K�bel mit Eiswasser ergo� sich �ber seinen R�cken, und sein Herz schlug pl�tzlich hart und so ruckartig, als m�sse es jedesmal gegen einen enormen Widerstand ank�mpfen. ��ber uns? Was... was meinst du damit?�</p><p>Sie antwortete nicht gleich. Nicht laut. Aber zum ersten Mal, seit Artner Claudia kannte, w�nschte er sich fast, ihr Blick w�re so leer und erloschen, wie er es sein sollte, denn er las die Antwort auf seine Frage �berdeutlich in ihren Augen. �Aber das wei�t du doch genau�, sagte sie schlie�lich. �Du kannst es nicht vergessen haben. Es war so sch�n, und du hast gesagt -�</p><p>Artner erinnerte sich im letzten Moment des Pflegers, der in seinem Wachraum auf der anderen Seite des Ganges sa� und vermutlich den Teufel getan und das Mikrophon ausgeschaltet hatte, sondern mit gro�en Ohren lauschte und mit noch gr��eren Augen zusah. Er unterbrach sie hastig: �Aber du hast doch gerade selbst gesagt, da� du mich gar nicht kennst. Erinnerst du dich denn an irgend etwas? Etwas, das mit mir zu tun hat - oder mit dir?� Er sprach langsam und w�hlte seine Worte mit gro�em Bedacht. Selbst, wenn der Pfleger <emphasis>nicht </emphasis>lauschte, w�rde trotzdem jedes Wort auf Band aufgezeichnet, und auch wenn er die Kassette sp�testens heute abend l�schen w�rde: Man konnte nie wissen, wer sich daran zu schaffen machte.</p><p>Claudia lachte. �Das ist ein Spiel, nicht wahr?� fragte sie. �Ich verstehe. Du willst mich auf die Probe stellen. Du glaubst, ich h�tte dich vergessen, nicht wahr? Aber das habe ich nicht.�</p><p>Artner schluckte schwer. Er h�tte sie mit einigen wenigen Worten zum Schweigen bringen k�nnen, und alles in ihm schrie danach, es zu tun. Er wu�te, wie empfindlich sie war, und er wu�te noch sehr viel besser, womit er sie verletzen konnte. Aber er brachte es einfach nicht �ber sich. Auch wenn das, was sie sagen mochte, das Ende seiner Karriere bedeuten konnte - oder doch zumindest den Anfang von sehr, sehr viel �rger -, er konnte ihr nicht weh tun. Dazu war sie einfach zu verwundbar. Ihre Verletzlichkeit war ihre st�rkste Waffe, und <emphasis>sein </emphasis>Wissen darum, da� sie diese Waffe niemals bewu�t einsetzte, machte es nur noch schlimmer.</p><p>Und es gab noch einen Aspekt: Vor allem anderen war Artner auch in diesem Moment Wissenschaftler und Arzt. Besonders Arzt. Und er h�tte schon blind und taub sein m�ssen, um nicht zu begreifen, da� er Zeuge einer wirklich dramatischen Ver�nderung wurde. Sein Erschrecken wich einer ebenso heftigen wie kaum noch beherrschbaren Erregung. Hatte er noch vor ein paar Sekunden selbst gedacht, da� er nicht an Wunder glaubte? Er <emphasis>erlebte </emphasis>gerade eines!</p><p>�Ein Spiel? Ja, warum eigentlich nicht? Spielen wir ein Spiel - was h�ltst du davon?� Er streckte die Hand in ihre Richtung aus, ber�hrte sie aber nicht, sondern machte eine flatternde, auffordernde Geste mit den Fingern; eine Bewegung, mit der man einen jungen Hund oder eine Katze zum Spielen herausgefordert h�tte. �Wir tun einfach so, als ob ich alles vergessen h�tte, und du sagst mir, woran du dich zu erinnern glaubst. Und danach sage ich dir, was davon stimmt und was nicht. Einverstanden?�</p><p>�Aber das ist doch albern�, antwortete Claudia. �Du mu�t dich doch erinnern - an den Tag, an dem du hier heruntergekommen bist und der Pfleger �ber seinem Kriminalroman eingeschlafen war. Du hast die Monitore abgeschaltet und bist dann hierhergekommen.�</p><p>Diesmal war es kein Eimer mit Eiswasser, sondern ein ganzer Tankzug. Das <emphasis>konnte </emphasis>sie nicht wissen. Er hatte es ihr nicht erz�hlt. �Woher... wei�t du das?� fragte er. Seine Stimme klang belegt und schien einem Fremden zu geh�ren. Was ging hier vor? <emphasis>Was ging hier vor!</emphasis></p><p>�Er hat es mir gesagt�, antwortete Claudia.</p><p>�Er? Von wem sprichst du?� Aber pl�tzlich wu�te er es. Mit einem Mal ergab alles einen Sinn. Die anz�glichen Blicke, die plumpen Vertraulichkeiten - hatte er wirklich geglaubt, damit durchzukommen? Es war wei� Gott nicht das erste Mal, da� intellektuelle Intelligenz gegen Bauernschl�ue angetreten war und den k�rzeren gezogen hatte. �Der Pfleger�, sagte er resignierend. �Er hat alles gesehen. Er hat es dir gesagt. Ich frage mich nur, warum. Was wollen Sie? Geld? Oder einen Freibrief, in Zukunft zu tun oder zu lassen, was immer Sie wollen?�</p><p>Die letzten S�tze hatte er lauter gesprochen, und sie galten nicht Claudia, sondern dem Mikrophon, das sicherlich noch immer jedes seiner Worte aufzeichnete. �Sie t�uschen sich, ich bin nicht zu erpressen.�</p><p>Ganz pl�tzlich wurde ihm klar, da� das tats�chlich stimmte. Er brauchte sich keine Sorgen zu machen. Niemand w�rde ihn fragen, was er getan hatte. Es spielte keine Rolle. Claudia war erwacht. Gegen jede Hoffnung, gegen all seine wissenschaftliche �berzeugung und die seiner Kollegen hatte sie die Mauer niedergerissen, hinter der sich ihr Bewu�tsein mehr als ein halbes Jahrzehnt verborgen gehalten hatte, und <emphasis>das </emphasis>war alles, was im Moment interessierte. Sie <emphasis>erinnerte </emphasis>sich. Vielleicht nicht einmal wirklich. Vielleicht nur an das, was ihr diese erpresserische kleine Ratte erz�hlt hatte, aber das war gleich. Noch gestern hatte sie nicht einmal gewu�t, wer sie war.</p><p>�Wann hat er es dir erz�hlt?� fuhr er aufgeregt fort. Er mu�te sich zusammenrei�en, damit sie seine Erregung nicht zu deutlich sp�rte. Vielleicht war die T�r nur einen Spaltbreit ge�ffnet; eine unbedachte Bewegung mochte gen�gen, sie wieder ins Schlo� zu werfen, und das m�glicherweise f�r immer. Artner war wild entschlossen, es nicht so weit kommen zu lassen; er hatte den Fu� einmal in der T�r, und dort w�rde er bleiben, selbst wenn er ihm dabei zerquetscht wurde. Aber er mu�te behutsam vorgehen.</p><p>�Heute? Gestern? Was genau hat er erz�hlt?�</p><p>�Nicht der Pfleger�, antwortete Claudia mit einem Lachen, als h�tte er etwas ungemein Naives gefragt. �ER.�</p><p>�Er? Wer... Von wem sprichst du? War au�er mir noch jemand hier? Einer der anderen �rzte vielleicht?�</p><p>�Er ist noch immer hier�, antwortete Claudia. �Ich habe so lange auf ihn gewartet, aber ich wu�te immer, da� er kommt. Er hat es mir gesagt, und was er sagt, das h�lt er auch ein.�</p><p>Artner nickte. Er war nicht �berrascht. Auch nicht entt�uscht. Von all den Klischees, die �ber Geistesgest�rte bei den - sogenannten - Normalen existierten, kamen Phantome und k�rperlose Stimmen, die Befehle erteilten, der Wahrheit vielleicht am n�chsten. Aber er kam endlich auf die richtige Idee, den Umkehrschlu� aus Claudias Worten zu ziehen und zumindest die <emphasis>M�glichkeit </emphasis>in Betracht zu ziehen, da� der Pfleger das Mikrophon tats�chlich abgeschaltet hatte, und zog sein eigenes Diktierger�t aus der Tasche. Er schaltete es ein und legte es deutlich sichtbar auf die Bettdecke zwischen Claudia und sich. Das M�dchen betrachtete es neugierig. Das gleichm��ige Rotieren der winzigen Spulen faszinierte sie sichtlich.</p><p>�Dieser... Er�, begann Artner vorsichtig. �Wer ist er? Wie sieht er aus? Ich meine - ist er nur eine Stimme, oder hat er auch einen K�rper?�</p><p>�Nat�rlich hat er einen K�rper!� antwortete Claudia lachend, diesmal in einem Ton, der ganz deutlich machte, da� sie mittlerweile ihn f�r verr�ckt hielt.</p><p>�Ich nehme an, er kommt dich ab und zu besuchen�, vermutete Artner.</p><p>�Er ist hier�, antwortete Claudia.</p><p>�Immer? Ich meine: auch jetzt, in diesem Augenblick?�</p><p>�Aber nat�rlich�, sagte Claudia. Sie seufzte, zog die Beine unter den K�rper und r�ckte ein kleines St�ck von ihm fort. �Das ist ein dummes Spiel�, sagte sie. �Ich will es nicht mehr spielen.�</p><p>Fast ohne da� er es sp�rte, schlich sich ein L�cheln in Artners Z�ge. Er hatte beinahe vergessen, da� er es im Grunde mit einer Elfj�hrigen zu tun hatte, die sich nur zuf�llig im K�rper einer jungen Frau aufhielt. Wenn das Wunder Bestand hatte, w�rde es sicher interessant sein zu beobachten, in welchem Tempo ihr Geist die Zeit aufzuholen imstande war, die ihr K�rper ihm voraus hatte.</p><p>�Also ist er auch jetzt hier�, sagte er. �Und wo? Ich... w�rde ihn gerne sehen.�</p><p>�Hinter dir�, antwortete Claudia. �Du mu�t dich nur herumdrehen, dann kannst du ihn sehen. Aber ich wei� nicht, ob du das wirklich willst.�</p><p>Artner drehte sich nicht herum. Er wu�te, was er sehen w�rde - n�mlich rein gar nichts. Doch er wu�te auch, da� dies ein gef�hrlicher Moment war. Er hatte den Fu� wieder ein kleines St�ckchen weiter in die T�r geschoben, aber er mu�te nun aufpassen, da� er sie nicht versehentlich selbst zuwarf.</p><p>�Er spricht also mit dir�, sagte er. �Und was sagt er? Ich meine: Erz�hlt er dir Geschichten, oder gibt er dir Befehle? Stellt er Fragen?�</p><p>Hinter ihm war ein Ger�usch. Etwas raschelte. Nein, kein Rascheln. Es war ein Laut, als w�rde ein prall aufgeblasener Luftballon von einer Faust zusammengedr�ckt. Beinahe h�tte Artner sich erschrocken herumgedreht, aber er unterdr�ckte den Impuls im letzten Moment. Da war nichts. Da <emphasis>konnte</emphasis> nichts sein. Die T�r lie� sich nur mit dem Schl�ssel �ffnen, den er in der Tasche hatte - sowohl von dieser als auch von der anderen Seite.</p><p>�Er ist da�, sagte Claudia noch einmal. �Das reicht. Er mu� nicht viel sagen. Er hatte versprochen, da� er kommen w�rde, damals, als sie... als sie mich hergebracht haben. Damals hat er es mir versprochen, und ich wu�te, da� er sein Versprechen einh�lt. Deshalb habe ich nicht mit euch geredet. Ich durfte es nicht.�</p><p>�Warum?� fragte Artner. �Hat er es dir verboten? Und du hast dich all die Jahre daran gehalten? Die ganze Zeit?�</p><p>�Es war sehr lange�, best�tigte Claudia. �Aber ich wu�te ja, da� er kommt. Er l�gt nie. Das kann er gar nicht.�</p><p>Der Ballon wurde weiter zusammengedr�ckt. Das stumpfe Gummiger�usch nahm an Intensit�t zu. Es war ein sehr unangenehmer Laut, der den Effekt von Fingern�geln auf einer Schiefertafel oder einer Gabel auf einem Topfboden hatte. Artner sp�rte ein unbehagliches Kribbeln, das sein R�ckgrat hinunterlief. Etwas wie unsichtbare Finger schien seine Kehle zu ber�hren - nicht, um ihn zu ersticken, aber um ihm das Atmen schwieriger zu machen. Und pl�tzlich hatte er das ganz intensive Gef�hl, da� da tats�chlich etwas war. Er gestattete sich nicht, diesem Gef�hl nachzugeben. Ebensowenig wie er dem Impuls nachgab, sich doch herumzudrehen. Das Ph�nomen war ihm bekannt, auch wenn er es noch nie am eigenen Leibe erlebt hatte. Claudia w�re nicht die erste Patientin, die �ber eine erstaunliche Suggestivkraft verf�gte, und er w�re nicht der erste Arzt, der ihr erlag. Schlie�lich war er ihr schon einmal erlegen, wenn auch in vollkommen anderer Hinsicht.</p><p>�Es war in der Tat eine sehr lange Zeit�, sagte er. �Ich habe dir wirklich geglaubt, wei�t du? Und die anderen auch. Wir dachten, du k�nntest dich an nichts erinnern.�</p><p>Ein deutlicher Ausdruck von Trauer erschien in Claudias Augen. �Ich durfte nichts verraten�, sagte sie. �Ich glaube, ich... ich h�tte es dir auch jetzt nicht sagen sollen. Vielleicht war es ein Fehler. Er wird vielleicht zornig.�</p><p>�Und dann wird er dir etwas tun?� vermutete Artner.</p><p>�Nein. Aber ich habe Angst, da� er <emphasis>dir </emphasis>etwas tut. Ich... ich wei�, da� du mein Freund bist, und was... wir getan haben, das war sehr sch�n. Aber er sagt, da� es nicht gut war. Er ist zornig auf dich, und er will dich bestrafen.�</p><p>�Und wie?� fragte Artner. Das Ger�usch war immer noch da. Etwas leiser jetzt, daf�r aber auch deutlicher. <emphasis>Etwas </emphasis>war hier. Verdammt, es <emphasis>konnte </emphasis>nicht sein, und er w�rde sich einfach nicht erlauben, ausgerechnet in diesem Moment hysterisch zu werden, aber er hatte das immer deutlichere Gef�hl, da� jemand - etwas - den Raum betreten hatte. Verr�ckt, v�llig verr�ckt. Dabei sollte <emphasis>er </emphasis>doch der Normale hier sein!</p><p>�Geh jetzt�, sagte Claudia pl�tzlich. �Geh schnell. Er ist sehr w�tend.�</p><p>�Auf mich?� fragte Artner.</p><p>�Ja, aber er kann dir nichts tun, solange du ihn nicht ansiehst. Dreh dich nicht herum. Bitte!�</p><p>�Er wird mir nichts antun�, sagte Artner ruhig - sehr viel ruhiger, als er in Wirklichkeit war. Er hatte die H�nde fest gegen die Oberschenkel gepre�t, damit sie nicht zitterten, und es fiel ihm immer schwerer, seine Stimme unter Kontrolle zu behalten. Aber es war sehr wichtig, da� er jetzt St�rke zeigte. Wichtig f�r sie und... ja, und wohl auch f�r ihn. <emphasis>Arzt, </emphasis>dachte er, <emphasis>heile dich selbst!</emphasis></p><p>�Und er wird auch dir nichts tun�, fuhr er fort, mit leiser, aber sehr fester Stimme. �Du brauchst keine Angst zu haben. Solange ich in deiner N�he bin, kann dir nichts geschehen. Ich werde es dir beweisen.�</p><p>�Nein!� Claudia schrie fast. Sie hatte die H�nde halb erhoben, wie um sie vor das Gesicht zu schlagen, die Bewegung aber nicht zu Ende gef�hrt. �Nicht! Sieh ihn nicht an! <emphasis>Sieh ihn nicht an!�</emphasis></p><p>Es war zu sp�t. Artner l�chelte noch einmal das zuversichtlichste L�cheln, das er zustande bringen konnte, und drehte sich dann zur T�r - nicht nur, weil er es Claudia schuldig war, um das Versprechen auf Schutz einzul�sen, das er ihr gegeben hatte, sondern auch, und vielleicht sehr viel mehr, weil er <emphasis>sich selbst </emphasis>beweisen mu�te, da� er so stark war, wie er tat.</p><p>Er war es nicht. Artner sa� einfach da und starrte die T�r an, und w�hrend er es tat, f�r die unendliche Dauer einer geschlagenen Minute, war sein Kopf wie leergefegt. Er empfand nichts. Keine Furcht, keine �berraschung, kein Erstaunen, gar nichts. Vielleicht war das, was er in diesem Moment empfand, die absolute Form des Horrors. Ein Entsetzen, das zu tief und zu gewaltig war, um Platz f�r etwas so Banales wie Erschrecken oder Angst zu lassen, und das etwas in ihm einfach get�tet hatte. Schnell, schmerzlos und endg�ltig. Er sa� einfach da und starrte die T�r an, und der einzige halbwegs klare Gedanke, den er hatte, war, da� er nun endlich wu�te, woher dieser gummiartige Laut kam.</p><p>Es war die T�r.</p><p>Sie hatte sich ver�ndert. Was gerade noch massives Metall gewesen war, schien zu einer hauchd�nnen wei�en Latexhaut geworden zu sein, durch die etwas hindurchwollte. Eine Art... Gestalt... Schemen... Schatten. Er wu�te es nicht. Es war gro� und schien die Umrisse eines Menschen zu haben, zugleich aber auch die von etwas unsagbar Fremdem - <emphasis>anderem -, </emphasis>das sich jedem Versuch einer Beschreibung entzog.</p><p>Dann schlug das Entsetzen doch zu. Warnungslos, schnell und brutal wie ein Axthieb. Artner sprang mit einem keuchenden Schrei in die H�he und taumelte zur�ck. Seine Kniekehlen prallten gegen die Bettkante. Er sp�rte, da� er das Gleichgewicht verlieren w�rde, k�mpfte trotzdem mit wild rudernden Armen dagegen an und beschleunigte seinen Sturz so nur noch mehr. Hilflos fiel er r�cklings halb �ber das Bett, rollte zur Seite und prallte schwer auf den harten Steinboden.</p><p>Ein rotgl�hender Schmerz scho� durch seinen Ellbogen. Artner keuchte vor Pein, rollte aber trotzdem blitzschnell herum und sah zur T�r hoch. Betete, da� das Entsetzen verschwunden und die T�r wieder nichts als eine T�r aus massivem Stahl sein w�rde.</p><p>Sein Gebet verhallte ungeh�rt.</p><p>Es war noch da. <emphasis>ER </emphasis>war noch da. Die d�nne Membran hatte sich weiter gedehnt, und er erkannte jetzt deutlich die Umrisse eines menschlichen K�rpers. Arme, Beine, Schultern und Gesicht, die sich weiter und weiter aus der T�r herausarbeiteten, gegen den z�hen Widerstand ank�mpften und ihn besiegten. Langsam und unendlich m�hevoll, aber auch unaufhaltsam. Die Membran wurde d�nner, begann hier und da ihre Farbe zu verlieren und wurde milchig, transparent. Und der schreckliche stumpfe Laut wurde immer intensiver und nahm ihm nun <emphasis>wirklich </emphasis>den Atem. Ein Arm wuchs aus der T�r hervor, eingeh�llt in einen gewaltsam geschaffenen Handschuh, der aus der d�nnen Latexhaut herausgezerrt wurde, dann ein zweiter, und schlie�lich...</p><p>... wu�te er, was es war. Aber die Erkenntnis kam zu sp�t. Die Membran zerri� mit einem hellen, flappenden Laut, und etwas Schwarzes, Riesiges brach aus der T�r hervor. Etwas mit Fl�geln und Klauen, das ganz aus fauligem Fleisch und Blut und Krallen bestand.</p><p>Artner kam nicht einmal mehr dazu, einen Schrei auszusto�en. Das Haus der Pein hatte seinen H�scher geschickt, um ihn zu holen und ihn in das <emphasis>wahre </emphasis>Geheimnis dieses Ortes einzuweihen. Doch selbst diesen Gedanken dachte er nicht mehr ganz zu Ende.</p><p>Sein Herz setzte aus.</p></section><section><title><p>2. Kapitel</p></title><p>�Kamikaze!� Prein schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, als hielte er sie tats�chlich f�r einen Mitsubishi-J�ger aus dem Zweiten Weltkrieg, den er ersatzweise statt auf einen amerikanischen Flugzeugtr�ger auf den aufgeschlagenen Plastikhefter vor sich herabst�rzen lie�. �Genau das ist es, was Sie tun, Sillmann. Wissen Sie eigentlich, was Sie im Begriff sind zu tun, mein lieber Junge?�</p><p>�Ich bin nicht Ihr <emphasis>lieber Junge�, </emphasis>antwortete Mark ruhig. �Und ich bin auch nicht hier, um mich mit Ihnen zu streiten, Herr Direktor.� Seine Ruhe wirkte aufgesetzt, das sp�rte er selbst. Aber sie war es nicht. Er hatte sich auf dieses Gespr�ch vorbereitet, und die Reaktion, die Prein gerade demonstrierte, war nur eine von mehreren Alternativen, die er vorausgesehen und auf die er sich vorbereitet hatte, seit sehr langer Zeit.</p><p>�Bitte - dann meinetwegen <emphasis>Herr Sillmann�, </emphasis>antwortete Prein. Obwohl er die Stimme nur um eine Winzigkeit hob, brachte er es irgendwie fertig, eine Verachtung in die letzten beiden Worte einflie�en zu lassen, die Marks Ruhe ersch�tterte. Vielleicht war es damit doch nicht ganz so weit her, wie er sich selbst eingeredet hatte.</p><p>Der Direktor stand auf und flog einen zweiten Kamikaze-Angriff auf den Kunststoffordner, um ihn mit einem Knall zuzuklappen. Der daumendicke Hefter enthielt Marks Schulakte, wie das auf dem Deckblatt eingeklebte Foto eindeutig bewies. Er hatte schon auf dem Tisch gelegen, als er hereingekommen war. Offenbar war er nicht der einzige, der dieses Gespr�ch vorausgesehen hatte, und vielleicht auch nicht der einzige, der gr�ndlich darauf vorbereitet war. Prein seufzte, rammte die H�nde in die Hosentaschen und starrte einen Punkt neben Marks linkem Fu� auf dem Boden an. Er sah sehr aufgebracht aus, aber auch ein wenig m�de - was in Anbetracht der Uhrzeit allerdings auch verst�ndlich war. Ein Uhr nachts war seit ein paar Minuten vorbei.</p><p>�Also gut�, sagte er. �Versuchen wir es noch einmal in Ruhe.�</p><p>�Ich glaube nicht, da� das Sinn hat�, antwortete Mark. �Mein Entschlu� steht fest.� Was leider nicht einmal ann�hernd f�r seine Stimme galt - sie zitterte jetzt, und Mark verfluchte sich in Gedanken daf�r. Und noch einmal, als ihm klar wurde, da� er die H�nde fest um die Armlehnen des Sessels gekrallt hatte. Der Verrat, den er seinen Worten verboten hatte, wurde von seiner K�rpersprache begangen. Hastig l�ste er seinen Griff, und selbstverst�ndlich blieb auch <emphasis>das </emphasis>Prein nicht verborgen. Fehler Nummer drei - aber wahrscheinlich eher Nummer drei�ig.</p><p>Mark h�tte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Er hatte sich so gut auf dieses Gespr�ch vorbereitet. Seit Wochen hatte seine Lieblingsbesch�ftigung darin bestanden, genau diese Szene immer und immer wieder in Gedanken durchzuspielen, in allen m�glichen Variationen und nat�rlich immer mit dem gleichen Ende: einem, in dem er nicht nur als Gewinner, sondern auch eindeutig als <emphasis>Sieger </emphasis>aus diesem B�ro herausmarschieren w�rde. Er hatte die besseren Karten. Er hatte das <emphasis>Recht </emphasis>auf seiner Seite: juristisch, und moralisch noch viel mehr. Und trotzdem hatte er immer mehr das Gef�hl, den Kampf bereits verloren zu haben, noch bevor er eigentlich richtig begonnen hatte. Im Grunde hatte der Direktor ihm mit einer Winzigkeit den Wind aus den Segeln genommen - mit der aufgeschlagenen Akte, die auf seinem Tisch gelegen hatte, als Mark hereinkam. Sie machte jede Erkl�rung �berfl�ssig. Prein hatte ebenso gewu�t wie er, da� dieses Gespr�ch kommen w�rde, und auch, wann. Und er hatte es wahrscheinlich gar nicht n�tig, sich darauf <emphasis>vorzubereiten.</emphasis></p><p>�Ihr Entschlu� steht also fest.� Prein sch�ttelte den Kopf, ging zu seinem Tisch zur�ck und lie� sich in den zerkratzten Ledersessel auf der anderen Seite fallen, da� das altersschwache M�belst�ck �chzte. �Und das vermutlich seit Monaten. Seit... nicht ganz einem Jahr. Stimmt's?�</p><p>Mark war ziemlich �berrascht, aber er versuchte, es sich wenigstens nicht allzu deutlich anmerken zu lassen, und �nderte nur seine Taktik, sofern er jemals eine gehabt hatte. Die Idee, einen gro�en Abgang zu inszenieren, sich sechs Jahre Frust und Zorn, sechs Jahre heruntergeschluckte Wut und pubert�re Rachephantasien in einer einzigen gro�en Szene von der Seele zu reden und mit Donnerhall und Wetterleuchten abzutreten, war h�bsch als Idee, aber mehr auch nicht. Er w�rde einfach aufstehen und gehen. Jetzt. Er stand auf, und Prein sagte ganz ruhig und auf eine Art, die es Mark einfach unm�glich machte, nicht zu gehorchen: �Bitte setzen Sie sich wieder.�</p><p>�Herr Direktor, bitte�, sagte er. �Es hat wirklich keinen Sinn. Sie verschwenden nur Ihre Zeit, wenn Sie versuchen, mich umzustimmen.�</p><p>�Das habe ich auch nicht vor�, antwortete Prein. �Ich habe schon seit einer geraumen Weile gewu�t, was Sie vorhaben.�</p><p>�Woher?� fragte Mark.</p><p>Prein l�chelte. �Niemand hat Sie <emphasis>verraten, </emphasis>wenn es das ist, was Sie glauben�, sagte er. �Ich bin der Direktor dieses Internats. Der Oberqu�lgeist. Glauben Sie wirklich, irgendeiner Ihrer Kameraden w�rde dem Statthalter Luzifers auf Erden ein Geheimnis anvertrauen?�</p><p>Mark blieb ernst. �Woher wissen Sie es dann?�</p><p>�Sie sind nicht der erste, der an seinem achtzehnten Geburtstag zu mir kommt, um genau das zu tun, was Sie vorgehabt haben: mir einmal richtig die Meinung zu sagen. Mir ins Gesicht zu sagen, was Sie von mir pers�nlich und diesem ganzen Schei�laden hier halten, und mir zumindest rhetorisch den Schreibtisch umzuwerfen. Das hatten Sie doch vor, �der?�</p><p>Mark machte nicht einmal den Versuch, seine �berraschung zu verbergen. Gut, dann <emphasis>konnte </emphasis>Prein eben Gedanken lesen. Das �nderte auch nichts mehr.</p><p>�Wenn es Sie beruhigt�, fuhr Prein fort, als er einsah, da� Mark nicht antworten w�rde, �keiner hat es bisher getan. Jedenfalls ist keiner bisher damit durchgekommen. Ein paar sind frech geworden, aber die meisten sind am Ende einfach wieder gegangen - �brigens zum Gro�teil zur�ck auf ihr Zimmer, nicht zum Bahnhof.�</p><p>�Ich werde nicht auf mein Zimmer gehen�, sagte Mark.</p><p>Prein deutete ein Achselzucken an und sah auf die Uhr. �Sie wollen den Nachtzug nehmen, richtig? Dann haben wir noch etwas Zeit.�</p><p>Dieser Meinung war Mark eigentlich ganz und gar nicht. Es war beinahe Viertel nach eins, und er mu�te sich im Gegenteil sputen, um noch rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Allen Unkenrufen zum Trotz fuhr die Bundesbahn n�mlich meistens <emphasis>doch </emphasis>p�nktlich, und nachts eigentlich <emphasis>immer.</emphasis></p><p>�Ich fahre Sie zum Bahnhof, wenn Sie m�chten�, sagte Prein.</p><p>�Sie?�</p><p>�Ich kann Auto fahren�, versicherte ihm Prein. �Sie wissen doch - diese Dinger mit vier R�dern, zwei T�ren und einem Lenkrad vorne links.�</p><p>Mark begann sich allm�hlich zu fragen, ob Preins Humor wirklich echt war oder nur Bestandteil <emphasis>seiner </emphasis>Taktik, ihn einzuseifen. Wenn es ums Einseifen ging, war er gut.</p><p>�Ich dachte eigentlich, da� Sie mich dazu �berreden wollen, hierzubleiben.�</p><p>�Nat�rlich will ich das�, gestand Prein gelassen. �Aber <emphasis>�berreden </emphasis>bedeutet nicht <emphasis>zwingen. </emphasis>Geben Sie mir die Chance? Bestenfalls gelingt es mir, und wenn nicht - nun, dann sind Sie bequemer und schneller zum Bahnhof gekommen als zu Fu�. �brigens auch trockener.�</p><p>Warum eigentlich nicht? dachte Mark. Er durchschaute Preins Falle sofort, aber dummerweise war es eine von der Art, die man ruhig erkennen konnte - man tappte trotzdem hinein. Seine guten Vors�tze und der sorgsam kultivierte Zorn, den er mit in dieses Gespr�ch gebracht hatte, richteten sich nun gegen ihn. Er konnte die Bitte des Direktors kaum ausschlagen, ohne vollends das Gesicht zu verlieren. Und so ganz nebenbei - Prein hatte recht: Der Weg zum Bahnhof <emphasis>war </emphasis>weit, und es war verdammt kalt drau�en. Widerwillig nickte er.</p><p>�Dann lassen Sie uns gehen.� Prein stand auf, verstaute mit einer schwungvollen Bewegung Marks Schulakte in der Schreibtischschublade und zog im Hinausgehen die Jacke an, die an einem Haken neben der T�r hing. Kein Zweifel - er war gut vorbereitet gewesen. Wesentlich besser als Mark.</p><p>Sie redeten nicht, w�hrend sie die zwei Treppen in die Haupthalle hinuntergingen. Die Nacht hatte das Internat fest in ihrem Griff, auf den Fluren brannten nur die blassen Lichter der Nachtbeleuchtung, die die Proportionen der Dinge verzerrten und das Gleichgewicht von Licht und Schatten vertauschten. Und eine eigent�mliche Stille schien von dem ganzen weitl�ufigen Geb�ude Besitz ergriffen zu haben; ein Schweigen, wie Mark es hier selten erlebt hatte - und er war hier nicht das erste Mal mitten in der Nacht unterwegs.</p><p>Wahrscheinlich lag es an ihm. Nichts hier hatte sich ver�ndert. Nicht wirklich. <emphasis>Er </emphasis>war es. Es war das unwiderruflich letzte Mal, da� er diesen Weg ging, und Mark mu�te sich zu seiner eigenen �berraschung eingestehen, da� er so etwas wie Wehmut empfand. Er hatte das Internat und alles, was damit zu tun hatte, geha�t. Vom ersten Tag an, an dem er hier angekommen war, und jedem, der ihm gefolgt war. Aber pl�tzlich konnte er das nicht mehr. Trotz allem war dieses Internat seine Heimat, viel mehr, als ihm bisher bewu�t gewesen war. Er hatte ein Drittel seines Lebens hier verbracht - eigentlich sogar weit mehr als die H�lfte, wenn er nur jenen Teil ber�cksichtigte, an den er sich wirklich erinnerte -, und eine solche Zeit ging nicht spurlos vor�ber. Jeder Zentimeter hier war ihm vertraut, viel mehr als sein eigenes Elternhaus, das er in den letzten sechs Jahren nur viermal gesehen hatte. Er kannte jeden Schritt, er wu�te, was hinter jeder T�r lag, welche Gesichter, welche Ger�usche und welche Ger�che ihn erwarteten, und er empfand tats�chlich so etwas wie einen Abschiedsschmerz, der wahrscheinlich sogar noch viel intensiver gewesen w�re, h�tte er sich nicht mit aller Macht dagegen gewehrt. Das Gef�hl war sehr intensiv, doch er k�mpfte es mit gro�er Willensanstrengung nieder. Sp�ter, wenn er in der Bahn sa� und es kein Zur�ck mehr gab, konnte er sich dem gro�en Katzenjammer hingeben.</p><p>Sein Gep�ck stand in einem Winkel neben der T�r, der vom Licht der Notbeleuchtung ausgelassen wurde. Manchmal machte der Hausmeister nachts noch eine Runde, und Mark hatte nicht das Risiko eingehen wollen, wom�glich zur�ckzugehen und an seine T�r h�mmern zu m�ssen, falls er die beiden Koffer und die Reisetasche fand und etwa mitnahm. Prein zog die linke Augenbraue hoch, als er Marks Fluchtvorbereitungen sah, doch sein Kommentar beschr�nkte sich auf ein wissendes L�cheln. Wortlos griff er in die Jackentasche, nahm den Hauptschl�ssel heraus und �ffnete die T�r. Ein weiterer Pluspunkt f�r ihn und ein weiterer Minuspunkt f�r Marks Planung. <emphasis>Er </emphasis>hatte vorgehabt, durch ein Fenster zu steigen. Nicht besonders gef�hrlich, aber unbequem, und ganz gewi� nicht das, was man sich unter einem gro�en Abgang vorzustellen hatte.</p><p>Dicht hinter dem Direktor verlie� er das Geb�ude und erlebte die n�chste �berraschung, als er Preins Wagen nur wenige Meter neben der T�r geparkt sah. �Sie h�tten mir sagen k�nnen, da� Sie Gedanken lesen k�nnen�, sagte er. �Das h�tte mir in den letzten Jahren wahrscheinlich eine Menge �rger erspart.�</p><p>Prein lachte. �Aber das ist Grundvoraussetzung f�r meinen Job�, sagte er. �Wenn man nicht telepathisch veranlagt ist, wird man gar nicht erst eingestellt - wu�ten Sie das etwa nicht?� Er �ffnete den Kofferraum, wartete, bis Mark sein Gep�ck hineingelegt hatte, und warf den Deckel dann so schwungvoll zu, da� Mark hastig die Hand zur�ckziehen mu�te.</p><p>�Jemand hat mich verraten�, sagte Mark grimmig.</p><p>�Nein�, antwortete Prein. �Oder doch, ja, Sie selbst.�</p><p>�Ich?�</p><p>Mark blieb �berrascht mitten im Schritt stehen und starrte Prein an. Aber der Direktor war schon auf der anderen Seite des Wagens und weigerte sich, Blickkontakt mit ihm aufzunehmen, sondern schlo� die T�r auf und stieg ein. Erst als Mark auf dem Beifahrersitz Platz genommen und sich angeschnallt hatte, redete Prein weiter.</p><p>�Das mit dem Wagen, da war ich nicht sicher�, sagte er. �Ich habe gehofft, da� Sie mir diese Chance geben, aber ganz �berzeugt war ich nicht. Aber ich war sicher, da� Sie gehen. Und zwar heute, an Ihrem achtzehnten Geburtstag. Eigentlich habe ich Sie schon eine Stunde fr�her erwartet. Schlag zw�lf. �brigens - herzlichen Gl�ckwunsch.�</p><p>�Und wieso?� fragte Mark. Preins Gratulation �berh�rte er absichtlich. Heute war sein Geburtstag, aber es bestand absolut kein Grund zum Feiern. Der Direktor startete den Motor und schaltete nacheinander das Licht und die Scheibenwischer ein. Es nieselte leicht, und die Regentropfen zerschellten auf der Windschutzscheibe zu Millionen winziger Prismen. �Weil ich Sie kenne, mein lieber Junge�, antwortete er. �Ja, ja, ich wei� - Sie sind nicht <emphasis>mein lieber Junge, </emphasis>aber ich bleibe trotzdem dabei. Aus alter Gewohnheit, sozusagen. Sie sind seit sechs Jahren hier, und Sie waren in diesen sechs Jahren nicht unbedingt das, was man einen Mustersch�ler nennt, nicht wahr? Ich erinnere mich nicht an einen einzigen Monat, in dem Ihr Name nicht aus dem einen oder anderen Grund in irgendeiner Besprechung erw�hnt wurde - oder bei einer Beschwerde auftauchte. Und vor einem knappen Jahr hat sich das schlagartig ge�ndert. Sie sind immer noch kein Mustersch�ler, aber l�ngst nicht mehr so renitent und aufs�ssig wie fr�her. Daf�r gibt es eigentlich nur zwei Erkl�rungen: Sie sind schlagartig vern�nftig geworden oder haben sich entschlossen, die Z�hne zusammenzubei�en und es irgendwie durchzustehen, ohne allzuviel Schaden zu nehmen. Und Sch�ler, die von einem Tag auf den anderen vern�nftig werden, sind �u�erst selten, das k�nnen Sie mir glauben.�</p><p>�Ich wu�te nicht, da� ich so leicht zu durchschauen bin�, sagte Mark zerknirscht.</p><p>�Nur keine Sorge, das sind Sie nicht�, antwortete Prein. Pl�tzlich lachte er wieder. �Soll ich Ihnen verraten, woher ich so genau wu�te, wann Sie abreisen? Sie haben vor zwei Wochen das Ticket gekauft. Der Mann am Fahrkartenschalter hat mich angerufen.�</p><p>�Wie bitte?� fragte Mark entr�stet.</p><p>�Das hier ist eine kleine Stadt�, sagte Prein. �Sie sind nicht der erste Internatsz�gling, der sich klammheimlich eine Fahrkarte besorgt und abreist. Wir haben... gewisse Vereinbarungen mit den Leuten am Bahnhof.�</p><p>�Interessant�, sagte Mark. �Aber nicht so ganz legal, oder?�</p><p>�Keine Ahnung�, gestand Prein. �Und im Moment wohl auch ziemlich gleichg�ltig. Haben Sie wenigstens vor, weiter zur Schule zu gehen? Sie wissen, da� Sie das Abi mit links schaffen k�nnen, wenn Sie sich nur ein bi�chen anstrengen.�</p><p>�Also kommen Sie endlich zum Thema�, sagte Mark. Der Wagen hatte die Ausfahrt erreicht, und Prein warf einen raschen Blick in beide Richtungen die Stra�e hinunter, bevor er Gas gab. Obwohl das Internat mitten in der Stadt lag, waren sie das einzige Fahrzeug, das unterwegs zu sein schien.</p><p>�Das bin ich schon die ganze Zeit�, antwortete Prein. �Wir reden �ber Sie, oder etwa nicht? Und um nichts anderes geht es. Ob Sie es glauben oder nicht - ich kann Sie verstehen.�</p><p>�Das glaube ich kaum�, sagte Mark leise. Vermutlich <emphasis>glaubte </emphasis>Prein sogar genau zu wissen, was in ihm vorging, aber das konnte er gar nicht. Er hatte sechs Jahre Einzelhaft in der H�lle hinter sich, und er wu�te nicht einmal, warum. In ihm sa� ein Schmerz, der so tief war und so fest verwurzelt, da� er ihn wahrscheinlich nie wieder v�llig loswerden w�rde. Man hatte ihn verletzt. Nicht nur sein Vater, die ganze Welt hatte ihn verletzt, vollkommen grundlos und sehr tief. Daf�r ha�te er sie: die ganze Welt, seinen Vater und am allermeisten sich selbst, da� er diese grausame Strafe so lange ertragen hatte, ohne den Mut aufzubringen, sich zu wehren. Und im Grunde tat er das auch jetzt noch nicht. Er lief davon, das war alles.</p><p>�Ich war nicht besonders begeistert, als Ihr Vater Sie damals hergebracht hat�, sagte Prein. �Ich leite zwar ein Internat, aber ich lebe trotzdem nicht im vorletzten Jahrhundert. Ich glaube nicht, da� man irgend jemanden zu seinem Gl�ck zwingen kann. Sie wollten nicht hier sein. Sie wollten nicht kommen, und Sie wollten nicht bleiben. Und Sie waren jeden einzelnen Tag ungl�cklich, an dem Sie hiergewesen sind. Richtig?�</p><p>Mark schwieg, doch das war Prein Antwort genug.</p><p>�Ich kenne solche Geschichten zur Gen�ge�, sagte er. �Sie gehen fast immer schief. Und bei Ihnen hat es mir besonders leid getan.�</p><p>�Und wieso?� fragte Mark einsilbig. Er f�hlte sich immer unbehaglicher. Er hatte erwartet, da� Prein ihm drohen oder ihn k�dern oder mit einer Kombination aus beidem versuchen w�rde, ihn umzustimmen, doch er tat nichts von alledem, und damit verstie� er irgendwie gegen die Spielregeln. Was er tat, das war nicht <emphasis>fair.</emphasis></p><p>�Weil ich Sie mag�, antwortete Prein ganz offen. �Sie sind ein intelligenter Junge. Sie waren damals ein intelligentes Kind, und Sie sind zu einem cleveren jungen Mann herangewachsen, der seinen Weg ganz bestimmt geht. Ich nehme meinen Beruf sehr ernst, wissen Sie. Ich glaube nicht, da� meine Pflicht sich darin ersch�pft, Ihnen acht Stunden am Tag lateinische Vokabeln einzuh�mmern und es Ihnen m�glichst schwerzumachen, sich au�erhalb der Sperrstunde aus dem Internat zu entfernen. Au�erdem zahlt mir Ihr Vater eine Menge Geld daf�r, da� ich mich um Sie k�mmere.�</p><p>Endlich kam er zur Sache, dachte Mark. Sein Vater hatte die Hand im Spiel, nat�rlich hatte er das. Was hatte er erwartet? �Wei� er Bescheid?� fragte er.</p><p>�Ihr Vater?� Prein sch�ttelte den Kopf. �Gott bewahre, nein. Noch nicht. Ich werde ihn anrufen - das mu� ich -, aber nicht sofort. Sie sind um sieben am Bahnhof, richtig? Dann reicht es, wenn ich ihn kurz danach benachrichtige. Er wird mir glauben, wenn ich behaupte, da� Ihr Verschwinden erst am Morgen aufgefallen ist. Versprechen Sie mir, nach Hause zu gehen und nicht irgendeinen Bl�dsinn zu machen?�</p><p>�Sie haben doch gerade selbst gesagt: Ich bin ein intelligenter Junge. W�rde ein intelligenter Junge irgendeinen Bl�dsinn machen?�</p><p>�Gerade die Intelligentesten machen den gr��ten Bl�dsinn�, sagte Prein lachend. �Sie w�rden sich wundern.�</p><p>Mark warf einen Blick nach vorne. Sie waren nicht mehr weit vom Bahnhof, entfernt. Die Dreiviertelstunde Fu�marsch, die er einkalkuliert hatte, war auf knapp f�nf Minuten zusammengeschrumpft, aber er w�nschte sich fast, er h�tte Preins Angebot ausgeschlagen. Der Direktor spielte dieses Spiel nach seinen Regeln, die Mark weder kannte noch beherrschte. Er sollte nicht so freundlich sein.</p><p>�Warum tun Sie das?� fragte er.</p><p>�Was?�</p><p>�Das wissen Sie genau�, antwortete Mark. �Sie geben sich doch nicht mit jedem Ihrer Sch�ler so gro�e M�he. Es ist mitten in der Nacht, und Sie sollten eigentlich w�tend auf mich sein.�</p><p>�Und wer sagt Ihnen, da� ich es nicht bin?�</p><p>�Hat mein Vater Ihnen den Auftrag gegeben?� fragte Mark ganz direkt.</p><p>�Ich sagte Ihnen doch: Ihr Vater wei� nichts davon�, antwortete Prein. �Warum ich es tue? Zum einen, weil ich meinen Beruf sehr ernst nehme, wie ich schon sagte, und zum anderen, weil ich es ehrlich bedauern w�rde, wenn Sie jetzt alles wegwerfen. Sie konnten eine gl�nzende Zukunft vor sich haben. Sie sind intelligent genug, um ein Studium zu schaffen. Sie sind nicht faul, Ihr Vater hat Geld - und Sie laufen vielleicht gerade Gefahr, das alles zu verlieren.�</p><p>�Geld�, murmelte Mark d�ster. �Ja, das hat er. Aber sonst auch nichts.�</p><p>Prein sah ihn auf eine sonderbare Weise an. Er antwortete nicht, sondern warf einen Blick in den R�ckspiegel, setzte trotz der vollkommen leeren Stra�en den Blinker und bog auf den Bahnhofsvorplatz ein.</p><p>Sein vorbildliches Verhalten als Autofahrer h�rte dann aber auch schon auf. Er parkte nicht nur direkt vor dem Haupteingang, sondern machte sich einen Spa� daraus, den Wagen zweimal vor und zur�ck zu setzen, um auch ganz genau unter dem Halteverbotsschild zum Stehen zu kommen. Erst dann drehte er den Z�ndschl�ssel herum, lehnte sich im Sitz zur�ck und fragte: �Hassen Sie Ihren Vater?�</p><p>Mark mu�te tats�chlich einen Moment �ber diese Frage nachdenken. Es war nicht das erste Mal. Er hatte sich schon oft selbst gefragt, ob er seinen Vater tats�chlich <emphasis>ha�te, </emphasis>aber er hatte bisher noch nicht wirklich eine Antwort auf diese Frage gefunden, und vielleicht wollte er das auch gar nicht. �Ich wei� es nicht�, sagte er. �Ich glaube nicht. Damals, als... als das mit meiner Mutter geschah und er mich hierhergebracht hat, da habe ich geglaubt, da� ich ihn hasse. Aber das stimmte nicht. Ich liebe ihn nicht besonders.�</p><p>Prein sah ihn an, als w�re dies schlimmer, als h�tte er seine Frage mit einem klaren Ja beantwortet. �Wie geht es Ihrer Mutter?� fragte er.</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Mark. �Ich habe seit mehr als einem halben Jahr nichts mehr von ihr geh�rt. Aber ich werde sie besuchen, gleich morgen.�</p><p>�Das sollten Sie auch�, sagte Prein. �Und vielleicht sollten Sie sich Gedanken �ber Ihre Zukunft machen. Ich meine, haben Sie sich je �berlegt, wie sie aussehen soll?�</p><p>�Nein�, gestand Mark. �Aber ich wei� ziemlich genau, wie sie <emphasis>nicht </emphasis>aussehen wird. Ich werde nicht hierbleiben.�</p><p>�Sie k�nnen jederzeit zur�ckkommen�, versicherte Prein.</p><p>�Und warum sollte ich das?� wollte Mark wissen. �Warum erst weggehen, um dann wiederzukommen?�</p><p>�Weil man sich oft an einem Ort wohler f�hlt, zu dem man <emphasis>zur�ckkehrt�, </emphasis>antwortete Prein mit gro�em Ernst. �Es sind noch anderthalb Jahre bis zum Abitur. So lange ist das nicht. Es gibt bessere Schulen als unsere, das ist mir klar. Aber es gibt auch eine Menge schlechterer. �berlegen Sie es sich. Es ist immerhin eine Alternative. Bleiben Sie einfach ein, zwei Wochen bei Ihrem Vater, und danach kommen Sie zur�ck, wenn Sie wollen.�</p><p>�Und dann?� fragte Mark. Sp�testens <emphasis>jetzt </emphasis>sollte er w�tend auf Prein werden, denn nach all diesen semantischen Kopfst�nden ging er nun ziemlich plump vor. Er hatte versucht, sich anzuschleichen, und es war ihm gelungen. Aber offensichtlich wollte er nun die letzten Meter im Sturmangriff zur�cklegen.</p><p>�Das wird sich zeigen�, sagte Prein. �Ein Studium, nehme ich an. Ich habe mit Ihrem Vater schon vor einer ganzen Weile dar�ber geredet. Er ist ein sehr eigenwilliger Mensch, und er wird es Ihnen sicher nicht leichtmachen. Aber glauben Sie mir: Sie werden bestimmen, wie es weitergeht, nicht er.�</p><p>�Das tue ich doch bereits.�</p><p>�Nein�, widersprach Prein. �Was Sie gerade machen, ist etwas anderes. Sie haben endlich die Schl�ssel zu Ihrem Abteil bekommen, und jetzt rei�en Sie die T�r auf und springen blindlings hinaus. Es ist nicht ganz ungef�hrlich, von einem fahrenden Zug zu springen. Man kann ziemlich hart landen.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Mark. �Aber ich glaube, er f�hrt in eine Richtung, die mir nicht gef�llt. Ich kann nicht warten, bis er von selbst anh�lt.�</p><p>�Dann �ndern Sie seine Richtung�, antwortete Prein. <emphasis>�Sie</emphasis> k�nnen jetzt die Weichen stellen. Aber das geht nicht mit Gewalt. Sie wollen weg? Dann reden Sie mit Ihrem Vater, damit er Sie gehen l��t. Auf eine andere Schule meinetwegen. Obwohl ich es bedauern w�rde. Vielleicht in eine andere Stadt - eine, die <emphasis>Sie </emphasis>aussuchen.�</p><p>�Ja�, sagte Mark. �Und irgendwann einmal werden wir uns wiedersehen, und ich werde �lter und viel vern�nftiger geworden sein und meinen Doktor gemacht haben, damit ich als zuk�nftiger Chef der Sillmann-Werke auch vorzeigbar bin, und wir werden gemeinsam dar�ber lachen, wie dumm ich doch damals war. Nein, danke.� Seine Stimme wurde bitter. �Sie sind auch nicht anders als er.�</p><p>�Was ist so schlecht daran, vern�nftig zu sein?� wollte Prein wissen.</p><p>�Nichts, sobald man sich dar�ber verst�ndigt hat, was man unter dem Begriff <emphasis>vern�nftig </emphasis>versteht.�</p><p>�Ich denke, so sehr unterscheiden sich unsere Auffassungen da gar nicht�, erwiderte Prein. �Denken Sie �ber meinen Vorschlag nach. Ich gebe Ihnen offiziell zwei Wochen frei vom Unterricht. Mehr kann ich nicht verantworten. Aber diese zwei Wochen kriege ich hin; auch Ihrem Vater gegen�ber. Was halten Sie davon?�</p><p>Er hatte es geschafft, Mark ein weiteres Mal zu verbl�ffen. Sein Vorschlag klang verlockend, denn er schien ihm alle Optionen offen zu lassen. Aber zugleich sp�rte Mark auch, da� das eben nur so schien. Was Prein ihm wirklich bot, das war nicht die M�glichkeit, zur�ckzukommen und alles besser zu machen, sondern ein bequemer Weg, sich aus der Verantwortung zu schleichen. Nicht sehr weit und nicht f�r lange, aber vielleicht schon <emphasis>zu </emphasis>weit. Wenn es etwas gab, das Mark an sich selbst ha�te, dann war es seine Unf�higkeit, nein zu sagen. Bei aller Zeit, die er gehabt hatte, dar�ber nachzudenken, war ihm sein Entschlu�, an seinem achtzehnten Geburtstag ein neues Leben nach seinen Vorstellungen zu beginnen, trotzdem unendlich schwergefallen. Er <emphasis>hatte </emphasis>es getan - oder war zumindest auf dem besten Weg dazu -, aber er ahnte auch, da� er, wenn er Preins Angebot jetzt annahm, alles zunichte machen w�rde. Diese Zweiwochenfrist zu akzeptieren w�rde eben bedeuten, nicht <emphasis>nein </emphasis>zu sagen, und das n�chste Mal w�rde es ihm noch schwererfallen.</p><p>�Ich mu� jetzt gehen�, sagte er.</p><p>Prein sah auf die gr�n leuchtende Digitaluhr im Armaturenbrett. Er hatte noch fast eine halbe Stunde, ehe sein Zug kam. Eine lange Zeit auf einem kalten, zugigen Bahnsteig. Aber er versuchte nicht mehr, Mark zu irgend etwas zu �berreden, nicht einmal dazu, die restliche Zeit im geheizten, trockenen Wagen zu verbringen, sondern stieg wortlos aus und half ihm, das Gep�ck aus dem Kofferraum zu holen.</p><p>Wenigstens ersparte er ihm eine gro�e Abschiedsszene. Er stieg einfach wieder ins Auto, w�hrend Mark die Bahnhofshalle betrat, aber er fuhr nicht weg. Erst eine halbe Stunde sp�ter, als der Zug langsam aus dem Bahnhof hinausrollte und die F�nf-Stunden-Reise durch die Nacht antrat, sah Mark ihn vom Bahnhofsvorplatz wegfahren.</p></section><section><title><p>3. Kapitel</p></title><p>Das Ger�usch, mit dem der K�rper auf dem Wagendach aufgeschlagen war, w�rde er wohl nie wieder vergessen. Dabei war es nicht einmal besonders laut gewesen; ein sonderbar weicher, dumpfer Laut - das Ger�usch eben, das ein menschlicher K�rper verursachte, der mit der Beschleunigung auf ein Wagendach aufprallte, die er bei einem Sturz aus gut f�nfundzwanzig Metern H�he erfuhr. Es hatte ein bi�chen wie eine �berreife Tomate geklungen, die man auf eine Tischplatte fallen l��t. Das Ergebnis sah auch ganz �hnlich aus - nur da� es sich nicht um eine Tomate gehandelt hatte, sondern um einen Mann von ungef�hr hundertachtzig Pfund Gewicht, dessen �berreste die beiden Krankenwagenfahrer noch immer von der Stra�e... entfernten, soweit sie nicht auf dem Wagendach oder auf Hansens Uniform klebten, hie� das.</p><p>Bremer musterte seinen j�ngeren Kollegen mit einer Mischung aus Mitleid und Erleichterung. Mitleid, weil Hansen nach immerhin f�nf Minuten noch immer nicht aufgeh�rt hatte, sich zu �bergeben, obwohl sein Magen l�ngst leer war und er nur noch bittere Galle hervorw�rgte, und Erleichterung, da� nicht er es gewesen war, dem dieser Trottel beinahe auf den Kopf gefallen w�re. F�r den Toten selbst empfand er nicht einmal eine Spur von Mitleid, wohl aber einen geh�rigen Zorn, und zwar deutlich mehr als nur eine <emphasis>Spur. </emphasis>Bremers privater Meinung nach - die sich von der des Polizeiobermeisters Peter Bremer manchmal geh�rig unterschied - hatte jeder das Recht, �ber sein Leben frei zu entscheiden und es im Extremfall auch zu beenden, wann und wo er es wollte. Aber verdammt noch mal - niemand hatte das Recht, es so zu tun. Selbstmord war eine Sache, eine Frage, �ber die sich die Psychologen und ihre gottgesandten Kollegen mit dem wei�en Kragen die K�pfe hei� reden sollten, wenn es ihnen Spa� machte. Doch den M�nnern, die verzweifelt versuchten, es einem auszureden, aus f�nfundzwanzig Metern H�he vor die F��e zu springen, das geh�rte sich einfach nicht. Es war nicht nur unanst�ndig, es war auch un�sthetisch. Von der Zumutung, die es f�r die armen Kerle bedeutete, die die ganze Schweinerei hinterher auflesen mu�ten, einmal ganz zu schweigen.</p><p>Angesichts der Situation, in der er sich befand, waren diese Gedanken schon absurd - zumindest aber so abwegig, da� es ihm selbst auffiel. Prompt meldete sich sein schlechtes Gewissen. Er h�tte jetzt Bedauern versp�ren sollen, angesichts des Lebens, das hier so sinnlos weggeworfen worden war, oder doch zumindest deutlich mehr Mitgef�hl f�r seinen Kollegen, der auf der anderen Seite des demolierten Daimler im Rinnstein hockte und sich noch immer die Seele aus dem Leib kotzte. Aber f�r den Toten empfand er eigentlich nur Verachtung, und was Hansen anging, so �berwog seine Erleichterung, da� <emphasis>der </emphasis>es gewesen war, der die ganze Schweinerei abbekommen hatte, sein Mitleid bei weitem. Dabei war Bremer an sich alles andere als kaltschn�uzig oder gar ein Zyniker. Vermutlich, dachte er, war dies wohl <emphasis>seine </emphasis>Art, mit dem Entsetzlichen fertig zu werden. Auch er stand wohl noch unter einer Art Schock, auch wenn er keine der �blichen �u�eren Anzeichen daf�r sp�rte. Weder zitterten seine H�nde und Knie, noch war ihm kalt oder f�hlte er sich irgendwie benommen. Doch er hatte das erste Mal seit zwei Jahren wieder Appetit auf eine Zigarette, einen regelrechten Hei�hunger sogar. Einen Moment lang erwog er ernsthaft den Gedanken, zum Krankenwagen hin�berzugehen und den Arzt um eine Zigarette zu bitten. Dem Mann war es wahrscheinlich ebenso untersagt wie ihm, in der �ffentlichkeit zu rauchen, solange er in Uniform und im Dienst war, aber angesichts dessen, was er hier erlebt hatte, pfiff er wohl auf diese Vorschrift, denn er qualmte ununterbrochen, und seine H�nde zitterten sichtbar. Der Selbstm�rder war immerhin zuvorkommend genug gewesen, auf das Eintreffen des Krankenwagens zu warten, ehe er sprang. Und der Arzt war noch relativ jung. Auf keinen Fall alt genug, um so etwas schon �fter erlebt zu haben.</p><p>Wahrscheinlich war das niemand, dachte Bremer und verwarf zugleich auf einer zweiten, parallellaufenden Ebene seines Bewu�tseins die Idee, nach zwei Jahren wieder mit dem Rauchen zu beginnen. Sein Verlangen nach einer Zigarette war st�rker denn je, aber er w�rde diesem Trottel verdammt noch mal nicht auch noch den Gefallen tun und nach so langer Zeit wieder mit dem Laster beginnen, das er sich so m�hsam abgew�hnt hatte.</p><p>Erneut fiel ihm auf, wie vollkommen l�cherlich das war, was in seinem Kopf vorging. In Anbetracht dessen, was er <emphasis>eigentlich </emphasis>tun sollte. Also wohl doch, so eine Art Schock - was ja auch nur verst�ndlich war. Noch vor f�nf Minuten hatte Bremer geglaubt, da� es nicht mehr viel g�be, was ihn noch erschrecken konnte. In achtzehn Jahren Streifendienst bekam man so ziemlich alles an Gewalt und Perversit�ten zu Gesicht, was man sich nur vorstellen konnte, und auch das eine oder andere, was man sich eigentlich <emphasis>nicht </emphasis>vorstellen konnte.</p><p>Aber das war vor f�nf Minuten gewesen, <emphasis>bevor </emphasis>dieser Idiot sich von seinem Balkon im achten Stock gest�rzt und sowohl seinem Leben als auch der Existenz eines nagelneuen Daimler Benz der S-Klasse ein ebenso dramatisches wie abruptes Ende gesetzt hatte. So ganz nebenbei hatte er Bremer und seinen Kollegen dabei auch in akute Lebensgefahr gebracht. H�tte er nicht so zielsicher den Wagen getroffen, sondern w�re einen einzigen Meter weiter rechts oder links heruntergekommen ...</p><p>Bremer brach den Gedanken mit einer bewu�ten Anstrengung ab. Er gab sich zwar selbst einen gewissen Dispens, aber er mu�te trotzdem aufpassen, da� er nicht hysterisch wurde.</p><p>Er sah auf die Uhr. Zwei - und damit seine Schicht - war seit zehn Minuten vorbei. Bremer seufzte. Hansen und er waren auf dem Weg zum Revier gewesen, als der Funkspruch kam. H�tte der Selbstm�rder noch ein paar Augenblicke gewartet, dann w�re er jetzt schon auf dem Weg nach Hause mit der Aussicht auf ein kaltes Bier und eine kleine Mahlzeit aus dem K�hlschrank. Vielleicht h�tte er sich auch noch einen Film aus der Videothek mitgenommen, die auf dem Weg lag, und vielleicht...</p><p>Zu viele <emphasis>Vielleicht, </emphasis>dachte er. Nicht <emphasis>vielleicht, </emphasis>sondern mit ziemlicher Sicherheit w�rde diese Nacht noch verdammt lang werden. Er strich die Aussicht auf einen Clint-Eastwood-Film ebenso aus seinem Plan f�r den Rest der Nacht wie die auf eine Mahlzeit oder gar ein kaltes Bier. Wenn die Sache hier sich auch nur halb so entwickelte, wie er f�rchtete, dann konnte er froh sein, wenn er �berhaupt noch Zeit fand, nach Hause zu fahren und sich ein paar Stunden aufs Ohr zu legen, statt gleich dazubleiben und seine n�chste Schicht anzutreten.</p><p>Sein Funkger�t meldete sich. Bremer zog den Apparat aus der Jackentasche, schaltete ihn ein und sah ganz automatisch nach oben zu dem Balkon im achten Stock des Apartmenthauses. Hinter den offenstehenden Glast�ren herrschte noch immer Dunkelheit. Offensichtlich hatte es dieser Trottel von Hausmeister immer noch nicht geschafft, die T�r aufzubekommen.</p><p>Er dr�ckte die Sprechtaste. �Ja?�</p><p>�Peter?�</p><p>Das war Clausens Stimme, der Fahrer des anderen Streifenwagens, der drei�ig Meter entfernt mit noch immer zuckendem Blaulicht quer auf der Fahrbahn stand und die zweite H�lfte der improvisierten Stra�ensperre bildete, die sie errichtet hatten. Nicht, da� das irgend etwas nutzte. Der Menschenmenge zufolge, die hier innerhalb der letzten Viertelstunde zusammengekommen war, h�tte man meinen k�nnen, sich an einem langen Samstag auf dem Ku'damm zu befinden, nicht mitten in der Nacht in einer Wohngegend an der Peripherie der Stadt.</p><p>�Nein, hier ist der Kaiser von China�, antwortete Bremer gereizt. Wen um alles in der Welt erwartete Clausen, wenn er ihn anfunkte?</p><p>�Ich f�rchte, wir kommen hier nicht weiter.� Die Verbindung war zu schlecht, um sagen zu k�nnen, ob Clausen seinen aggressiven Ton zur Kenntnis genommen hatte oder nicht. �Ruf doch lieber einen Schlosser an.�</p><p>�Was ist so schwer daran, eine T�r aufzubrechen?� fragte Bremer, noch immer im gleichen gereizten Ton. �Wenn der Hausmeister es nicht schafft, dann tritt sie meinetwegen ein. Ihr werdet doch noch so eine bl�de T�r aufkriegen, oder?�</p><p>Diesmal verging ein sp�rbarer Moment, ehe Clausen antwortete. �Was ist denn los mit dir? Wieso bist du so gereizt?�</p><p><emphasis>Du solltest die Sauerei hier mal sehen, </emphasis>dachte Bremer, <emphasis>dann w��test du, warum ich gereizt bin. </emphasis>Aber er sprach diese Antwort nicht laut aus. Clausens Reaktion machte ihm klar, wie es wirklich um seine Verfassung bestellt war. Er verlor so gut wie nie die Beherrschung und niemals die Fassung, aber es kam auch h�chst selten vor, da� jemand sein Gehirn �ber die Uniform seines Partners verteilte.</p><p>�Es ist nichts�, sagte er ausweichend. �Entschuldige. Was ist nun mit der T�r? Kriegt ihr sie auf oder nicht?�</p><p>�Keine Chance�, antwortete Clausen. �Fort Knox ist nichts dagegen. Wir brauchen einen Schlosser, und zwar einen guten. Er soll ein Schwei�ger�t mitbringen.�</p><p>�Wie bitte?� fragte Bremer �berrascht.</p><p>�Komm rauf und sieh es dir selbst an, wenn du mir nicht glaubst�, erwiderte Clausen. �Das hier ist die reinste Festung. Der Kerl mu� vollkommen paranoid gewesen sein - oder er hat etwas ziemlich Wertvolles in seiner Wohnung.�</p><p>Bremer starrte das Funkger�t in seiner Hand f�r einen Moment lang so feindselig an, als tr�ge es ganz allein die Schuld an dem ganzen Fiasko. Er hatte pl�tzlich Lust, es auf den Boden zu werfen und kr�ftig darauf herumzutrampeln. Statt dessen dr�ckte er erneut die Sprechtaste und sagte in resignierendem Ton: �Also gut. Ich werde sehen, was ich tun kann. Nehmt euch mittlerweile schon mal die Nachbarn vor. Vielleicht haben sie ja irgend etwas gesehen oder geh�rt.�</p><p>Er schaltete ab, steckte den Apparat achtlos in die Jackentasche und ging zu seinem Streifenwagen zur�ck. Der Passat stand mit offener Heckklappe und noch immer zuckendem Blaulicht nicht weit hinter dem Krankenwagen, und zumindest hier funktionierte die psychologische Barriere, die das Blaulicht und die Signalfarben des Wagens bilden sollten. Nat�rlich war auch diese Seite der Stra�e von Neugierigen belagert, doch sie hielten einen deutlichen Abstand zu den beiden Fahrzeugen. Als Bremer n�her kam, wichen einige der zuvorderst Stehenden sogar vor ihm zur�ck oder versuchten es zumindest, bis sie von den Gaffern hinter ihnen aufgehalten wurden. Die meisten senkten hastig den Blick, als sie ihn bemerkten, oder machten sich auf irgendeine andere Weise zum Narren. Wahrscheinlich w�ren sie alle sehr erstaunt gewesen, h�tten sie gewu�t, wie Bremer wirklich �ber sie dachte - n�mlich so gut wie gar nichts. Am Anfang war er sehr erbost gewesen, wenn Verbrechen, Gewaltt�tigkeit oder einfach der Anblick eines Unfalls Neugierige in Scharen anzogen. Doch mit den Jahren hatte sich diese gerechte Emp�rung gelegt, und mittlerweile nahm Bremer sie gar nicht mehr zur Kenntnis. Unf�lle und Gewalt zogen Neugierige an, so war das nun einmal. Bremer hatte gelernt, sie zu ignorieren, solange sie seine Arbeit nicht zu sehr behinderten.</p><p>Er �ffnete die Beifahrert�r, streckte die Hand nach dem Funkger�t aus, und im gleichen Moment meldete sich der Apparat von sich aus. Bremer l�chelte fl�chtig �ber diesen Zufall, dr�ckte die Sprechtaste und meldete sich.</p><p>Es war die Zentrale. Im Hintergrund der Verbindung, die - obwohl �ber viel gr��ere Entfernung - ungleich klarer war als die gerade zu Clausen, h�rte er das �bliche Stimmengewirr, Telefonklingeln und elektronische Piepsen der Funkleitstelle.</p><p>�Gut, da� ihr euch meldet�, begann er. �Wir brauchen hier einen Schlosser. Und bevor ihr es sagt - ich wei�, wie sp�t es ist. Aber es ist wohl n�tig. Der Hausmeister kriegt die T�r nicht auf.�</p><p>�Okay, wir schicken den Schl�sseldienst und -�</p><p>�Damit wird es kaum getan sein�, fuhr Bremer fort. �Clausen meint, er sollte ein Schwei�ger�t mitbringen, und jetzt frag mich blo� nicht, warum. Anscheinend handelt es sich um eine etwas stabilere T�r.�</p><p>�Ich sehe zu, was ich machen kann�, versprach sein Kollege nach einem Moment verbl�fften Schweigens. �Aber ihr solltet trotzdem euer M�glichstes versuchen. Ihr bekommt n�mlich gleich hohen Besuch. Sendig ist auf dem Weg zu euch.�</p><p>�Sendig?� Bremer richtete sich �berrascht im Sitz auf. �Der Alte selbst!�</p><p>�Sieht so aus. Ich sch�tze, da� er in zehn Minuten bei euch ist, vielleicht sogar eher.�</p><p>�Aber wieso?� murmelte Bremer verst�rt. Die Frage galt sehr viel weniger dem Mann in der Funkleitzentrale als ihm selbst. Einmal ganz davon abgesehen, da� niemand im Revier Sendig m�chte - genaugenommen kannte Bremer auch sonst nirgendwo jemanden, der das getan h�tte -, war Sendig nicht irgendein Kriminalbeamter, sondern der Leiter der Mordkommission. Und so ganz nebenbei, beliebt oder nicht, einer der unbestritten f�higsten Kriminalbeamten der Stadt. �Das ist doch nur ein ganz normaler <emphasis>Selbstmord - </emphasis>was hat Sendig damit zu tun?�</p><p>�Keine Ahnung. Er war wohl zuf�llig hier, als die Meldung reinkam. Ich hab's selbst nicht miterlebt, aber als er die Adresse geh�rt hat, mu� er wie eine Rakete in die Luft gegangen sein, Ich dachte mir, das interessiert euch vielleicht.�</p><p>�Stimmt�, antwortete Bremer verwirrt. �Danke f�r die Warnung. Und denkt an den Schlosser!�</p><p>Er schaltete das Ger�t aus, ohne sich abzumelden, und stieg aus dem Wagen. Er war vollkommen verwirrt und sehr viel best�rzter, als er zugeben wollte. Sendig war ein Ekel, daran f�hrte kein Weg vorbei, aber er war ein <emphasis>t�chtiges </emphasis>Ekel, und schon gar keines, das seine Zeit damit vergeudete, sich wichtig zu machen. Zehn Minuten nach zwei war keine Uhrzeit f�r einen Mann wie ihn, sich zu produzieren. Wenn er hierherkam, dann hatte er einen Grund.</p><p>Bremer warf die Wagent�r mit einem Knall ins Schlo�, machte drei Schritte auf das Haus zu, von dessen Balkon der Selbstm�rder gesprungen war, und bog dann noch einmal ab, um zu Hansen zu gehen. Er mu�te den demolierten Mercedes dazu umrunden, und er tat es in gr��erem Abstand, als n�tig gewesen w�re, denn der Anblick erf�llte ihn noch immer mit einem fast k�rperlichen Unbehagen. Es war erstaunlich, dachte Bremer, welchen Schaden etwas so Weiches wie ein menschlicher K�rper anrichten konnte, wenn es nur aus gen�gend gro�er H�he fiel. Der Wagen war vollkommen zertr�mmert. Das Dach war eingedr�ckt, als w�re ein Panzer dar�ber hinweggerollt, und nicht eine einzige Scheibe war heil geblieben. �berall klebte erst halb eingetrocknetes Blut, und der Anblick seines Kollegen, der auf der anderen Seite des Wagens im Rinnstein hockte, trug auch nicht unbedingt dazu bei, Bremers Stimmung zu heben.</p><p>Hansen hatte aufgeh�rt, sich zu �bergeben, aber er sah noch immer aus, als w�re er mehr tot als lebendig. Sein Gesicht war kreidebleich, seine H�nde zitterten ununterbrochen. Eine schwei�nasse Haarstr�hne hing ihm ins Gesicht, was seinem Blick etwas Irres gab, fand Bremer.</p><p>Zwei Schritte vor ihm blieb er stehen, sah einen Moment auf ihn herab und lie� sich dann in die Hocke sinken, damit sich ihre Gesichter auf gleicher H�he befanden. Er ersparte sich die Frage, ob alles in Ordnung war - das w�re nicht einmal ein <emphasis>schlechter </emphasis>Witz gewesen in diesem Augenblick -, sondern wartete darauf, da� Hansen von sich aus das Wort ergriff. Aber der Junge schwieg. Er starrte ihn nur an, und das auf eine Art, die Bremer einen kalten Schauer �ber den R�cken laufen lie�. Sein Blick flackerte und schien irgendwie durch ihn hindurchzugehen, auf einen Punkt weit hinter ihm gerichtet, und was immer er dort sehen mochte, war nichts Angenehmes.</p><p>Zum ersten Mal, seit dieser Alptraum begonnen hatte, machte sich Bremer wirklich Sorgen um Hansen. Bisher war er selbst viel zu schockiert gewesen, um mehr als einen fl�chtigen Gedanken an seinen j�ngeren Kollegen zu verschwenden. Mitleid aufzubringen, wenn man im Grunde selbst welches brauchte, war nicht ganz einfach. Aber der Anblick des zitternden H�ufchens Elend vor ihm machte ihm mit erschreckender Deutlichkeit klar, um <emphasis>wieviel </emphasis>j�nger Hansen war. Dreiundzwanzig - im Grunde noch nicht viel mehr als ein Kind, dem man eine gr�ne Uniform und eine Waffe gegeben hatte und das Versprechen, damit schon gegen alles gefeit zu sein.</p><p>Und das stimmte einfach nicht. Hansen war seit einem halben Jahr auf der Stra�e, und er hatte garantiert noch nichts Derartiges erlebt... Was von dem Selbstm�rder nicht an seiner Uniform klebte, das hatte sich vor seinen Augen auf dem Wagendach verteilt. Ein einziger Blick in Hansens Augen reichte Bremer, um zu wissen, da� er diesen Schock vielleicht niemals wirklich verwinden w�rde.</p><p>Mit einem Mal empfand er Mitleid. Aber selbst jetzt war es nur ein schwaches Gef�hl. Viel st�rker war der Zorn, der pl�tzlich in ihm emporkochte. Ein Zorn, der dem Verr�ckten galt - nein, dem <emphasis>Verbrecher, </emphasis>der sich vor ihren Augen vom Balkon gest�rzt und damit vielleicht nicht nur sein eigenes Leben zerst�rt hatte, sondern auch das dieses Jungen, der einfach noch ein paar Jahre gebraucht h�tte, um mit etwas wie dem hier fertig zu werden.</p><p>Er war eigentlich gekommen, um nach Hansen zu sehen und ihm von Sendigs bevorstehender Ankunft zu berichten und ihm zugleich den Rat zu geben, sich ein bi�chen am Riemen zu rei�en. Aber das ersparte er sich. Statt dessen fragte er in einem Ton, der selbst f�r seine Verh�ltnisse ungew�hnlich sanft war: �Kannst du aufstehen?�</p><p>Im ersten Moment glaubte er, Hansen h�tte die Worte gar nicht geh�rt. Sein Blick ging immer noch durch Bremer hindurch zu jenem imagin�ren Punkt irgendwo weit oben auf der Skala des Entsetzens. Aber dann, gerade als Bremer seine Frage wiederholen wollte, antwortete er doch.</p><p>�Es... geht schon wieder�, murmelte er. �Es war nur... entschuldige. Es kam so �berraschend, und...� Er verhaspelte sich, brach schlie�lich ganz ab und fuhr sich mit dem Handr�cken �ber die Lippen. Bremer unterdr�ckte das Ekelgef�hl, das beim Anblick der glitzernden Feuchtigkeit darauf in seinem Magen emporsteigen wollte, und half Hansen, sich ganz zu erheben.</p><p>�Ich brauche nur ein paar Minuten�, murmelte Hansen. �La� mich einfach noch ein bi�chen im Wagen sitzen und ausruhen.�</p><p>�Sicher�, antwortete Bremer. Er �berzeugte sich davon, da� Hansen aus eigener Kraft stehen konnte, griff dann aber vorsichtshalber doch nach seinem Arm und f�hrte ihn behutsam �ber die Stra�e, zur�ck zum Krankenwagen.</p><p>Die T�ren des gro�en Mercedes-Transporters standen weit offen, und die beiden Sanit�ter und der Arzt sa�en auf den lederbezogenen Liegen und rauchten. Bremer h�tte nicht sagen k�nnen, wer von ihnen blasser war und st�rker zitterte, doch alle drei sahen aus, als w�ren sie am Ende ihrer Kraft. Als Hansen und Bremer n�her kamen, kletterte einer der Sanit�ter aus dem Wagen und kam ihnen entgegen, doch Bremer machte eine abwehrende Handbewegung und deutete zugleich mit einem Nicken auf den Arzt.</p><p>�Ich glaube, Sie sollten sich ein wenig um meinen Kollegen k�mmern�, bat er.</p><p>Trotz des un�bersehbaren Zustands des Schocks, in dem sich auch der Arzt befand - Bremer registrierte nebenher, da� er kaum �lter sein konnte als Hansen -, legte er eine erstaunliche Professionalit�t an den Tag. Mit einer einzigen Bewegung war er aus dem Wagen und bei ihnen, und seine immer noch zitternden H�nde hinderten ihn nicht daran, Hansen am Arm zu ergreifen und zum Krankenwagen zu f�hren. Mit Hilfe eines der Sanit�ter bugsierte er ihn auf eine der beiden Liegen und untersuchte ihn unverz�glich, rasch, aber trotzdem sehr gr�ndlich.</p><p>�Der Mann hat einen schweren Schock�, sagte er, w�hrend er bereits eine Spritze aufzog und den Sanit�ter mit routinierten Gesten anwies, ihm zur Hand zu gehen. �Sie h�tten viel eher kommen sollen.�</p><p>Bremer schwieg. Er sah wortlos zu, wie der Arzt Hansen eine Injektion verabreichte, dann ebenso rasch und routiniert eine Infusion anlegte. Hansen protestierte schwach, aber es h�tte ihm vermutlich auch nichts geholfen, h�tte er es energischer getan.</p><p>�Ist es schlimm?�</p><p>�So schlimm ein Schock eben ist�, antwortete der Arzt. �Es besteht keine akute Gefahr, wenn Sie das meinen. Trotzdem nehmen wir ihn mit ins Krankenhaus - nur f�r alle F�lle. Falls Sie nichts dagegen haben, hei�t das.�</p><p>Diese Frage, dachte Bremer, zeugte schon von etwas weniger Professionalit�t. �rzte geh�rten normalerweise zu dem Personenkreis, der den allerwenigsten Respekt vor seiner Uniform an den Tag legte.</p><p>Aber er hatte auch nichts dagegen, ganz im Gegenteil. V�llig losgel�st von der medizinischen Seite war es wohl besser f�r Hansen, wenn er nicht mehr da war, wenn Sendig eintraf. Sendig ha�te Polizisten, die Gef�hle zeigten.</p><p>Der Gedanke an Sendig erinnerte ihn wieder daran, da� er nicht mehr viel Zeit hatte. Er wollte sich umdrehen und nun wirklich zu Clausen und dem Hausmeister hinaufgehen, aber der Arzt rief ihn zur�ck.</p><p>�Bitte warten Sie noch einen Moment�, sagte er. �Da... ist noch etwas, was ich Ihnen zeigen m�chte.�</p><p>Bremer blieb gehorsam stehen, aber er f�hlte sich pl�tzlich noch unwohler. Der Arzt hatte ihn nicht einmal angesehen, w�hrend er sprach, sondern stand weiter �ber Hansen gebeugt da und hantierte an seinem Arm herum, aber irgend etwas am Klang seiner Worte beunruhigte Bremer. Mehr, als er sich selbst erkl�ren konnte. Mehr, als ihm lieb war. Vielleicht war es das unmerkliche Stocken gewesen, diese winzige Pause, die fast jeder einlegte, bevor er etwas aussprach, was ihm unangenehm war. Oder ihm angst machte.</p><p>Hinter dem Schutzschild dieses Gedankens schlich sich wieder die Hysterie heran, das sp�rte Bremer. Er gestattete ihr nicht, weiter Besitz von ihm zu ergreifen, als sie es ohnehin schon getan hatte, sondern fragte mit bewu�t fester Stimme: �Und was?�</p><p>Der Arzt machte eine Kopfbewegung in die Richtung des Toten, der unter einem wei�en Tuch verborgen auf der Stra�e lag. Er sah ganz bewu�t nicht direkt in seine Richtung, und irgendwie gelang es ihm sogar, aus dem Wagen zu steigen und vor Bremer her zu dem Toten zu gehen, ohne ihn anzublicken.</p><p>�Ich bin nicht sicher, ob es etwas f�r die Polizei ist oder eher f�r die Kollegen von der Psychiatrie�, sagte er, w�hrend er sich umst�ndlicher als n�tig in die Hocke sinken lie� und <emphasis>sehr viel </emphasis>umst�ndlicher als notwendig nach dem Tuch griff, um es anzuheben. �Aber ich denke, es ist auf jeden Fall besser, wenn ich es Ihnen zeige.�</p><p>Bremer wappnete sich innerlich gegen den Anblick, der sich ihm gleich bieten w�rde. Aber was unter dem Tuch zum Vorschein kam, war nicht ann�hernd so schlimm, wie er erwartet hatte. Es war schlimm, aber sein Kurzzeitged�chtnis schien einen eigenen Sinn f�r Dramatik entwickelt zu haben, denn Bremer hatte den Leichnam in sehr viel �blerem Zustand in Erinnerung. Aber als er ihn das letzte Mal gesehen hatte, da hatte er halb auf dem Wagendach und halb auf der Stra�e gelegen, verdreht und mit zerschmetterten Knochen, und au�erdem war der Arzt r�cksichtsvoll genug, sein Gesicht verdeckt zu lassen, das den schlimmsten Anblick geboten hatte.</p><p>�Sehen Sie, hier.�</p><p>Bremer schluckte die bittere Galle herunter, die sich unter seiner Zunge angesammelt hatte, und beugte sich taktvoll �ber den Toten, um dem ausgestreckten Zeigefinger des Notarztes zu folgen. Ein schwacher Geruch ging von dem Toten aus, nicht deutlich genug, um ihn zu identifizieren, aber trotzdem vage bekannt. Sein Magen begann nun doch zu revoltieren, aber er sah auch fast sofort, was dem Arzt aufgefallen war.</p><p>�Diese Wunden hier.� Der Zeigefinger folgte, in f�nf Zentimetern H�he schwebend, einer Anzahl parallellaufender tiefer Schnitte, die den eingedr�ckten Brustkorb zus�tzlich verunstalteten. Es war nicht leicht, unter all dem eingetrockneten Blut, dem Schmutz und den zahllosen Schrammen und Absch�rfungen, die den Torso des Mannes im Grunde in eine einzige gro�e Sch�rfwunde verwandelten, etwas zu erkennen, aber es gelang Bremer: Die Schnitte verliefen parallel und gerade, aber auch spitz gegeneinander geneigt und sich kreuzend, als h�tte jemand mit tauben Fingern und einem zu gro�en St�ck stumpfer Kreide versucht, etwas auf eine nasse Tafel zu schreiben. Und sie waren <emphasis>sehr </emphasis>tief, teilweise bis auf den wei�en Knochen reichend. Bremer versuchte, sich den Schmerz vorzustellen, den ein solcher Schnitt verursachen mu�te, doch es gelang ihm nicht. Eigentlich wollte er es auch nicht wirklich. Ihm war noch immer �bel.</p><p>�Ich habe sie nicht sofort bemerkt, weil alles so voller Blut war, aber sie stammen eindeutig nicht von dem Sturz.�</p><p>Unter Bremers Zunge sammelte sich schon wieder bitter schmeckender Speichel. Er mu�te immer schneller schlucken, und das flaue Gef�hl in seinem Magen nahm weiter zu. <emphasis>Wof�r zum Teufel hielt ihn dieser Bursche? </emphasis>F�r Columbo? Laut sagte er: �Sie meinen, er hatte sich schon vorher verletzt?�</p><p>�Das sind keine normalen Verletzungen�, antwortete der Arzt. �Ich meine, er ist nicht durch eine Glasscheibe gest�rzt oder so was. Ich bin ziemlich sicher, da� er sie sich absichtlich zugef�gt hat.�</p><p>�Das ... denke ich auch�, sagte Bremer schleppend. Ein wenig hastiger, als ihm selbst lieb war, richtete er sich auf und fokussierte seinen Blick auf einen Punkt zwanzig Zentimeter �ber der Leiche; ein Trick, den er vor langen Jahren einmal von einem �lteren Kollegen gelernt und der ihm schon oft geholfen hatte. Der Leichnam wurde zu einem verschwommenen Schemen vor seinen Augen, aber f�r alle anderen mu�te es so aussehen, als blicke er ihn noch immer konzentriert an.</p><p>�Es sieht fast so aus, als h�tte er versucht, etwas zu schreiben�, sagte der Arzt.</p><p>Mit einem Skalpell?! dachte Bremer entsetzt. Er gestattete dem Bild vor seinen Augen noch immer nicht, wieder scharf zu werden, aber trotzdem hatte der junge Mann wahrscheinlich recht - was da in krakeliger Druckschrift drei Zentimeter tief in das Fleisch des Toten eingeritzt war, <emphasis>waren </emphasis>Buchstaben, auch wenn er sie nicht entziffern konnte.</p><p>�Das ist... sehr interessant�, sagte er m�hsam. Sein Magen begann Purzelb�ume in seinem Leib zu schlagen. Er mu�te hier weg, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, dem jungen Arzt den Abend endg�ltig zu verderben, indem er ihm �ber die Schuhe kotzte. �Die Kollegen von der Spurensicherung sind unterwegs. Sie werden es sich genauer ansehen.�</p><p>�Wahrscheinlich hat es nichts zu bedeuten�, antwortete der Arzt. �Ich nehme an, der Mann war schon vorher nicht mehr zurechnungsf�hig. Aber ich dachte, es w�re besser, wenn ich es Ihnen zeige.�</p><p>Bremer richtete sich nun endg�ltig auf und trat zwei volle Schritte zur�ck. Er sp�rte selbst, da� er kreidebleich geworden war und da� seine H�nde mittlerweile heftig zitterten.</p><p>�Das war vollkommen richtig, Herr Doktor�, sagte er. �Wie gesagt - meine Kollegen sind unterwegs. Sie m��ten eigentlich jeden Moment hier sein. Zeigen Sie ihnen, was Sie entdeckt haben.�</p><p>Damit drehte er sich um und begann mit schnellen Schritten auf das Haus zuzugehen. Der Arzt sah ihm verwirrt nach, aber das war Bremer mittlerweile egal. Er hatte nur noch die Wahl, das Gesicht oder den Inhalt seines Magens zu verlieren. Bremer verstand sich selbst nicht mehr ganz. Der Anblick - vor allem zusammen mit dem, was vorher geschehen war - <emphasis>war </emphasis>schlimm, aber auch wieder nicht so schlimm.</p><p>Mit noch immer leicht zitternden H�nden hob er das Funkger�t und rief seinen Kollegen oben im achten Stock. �Wie sieht es aus?� fragte er, kaum da� Clausen sich gemeldet hatte. �Kommt ihr vorw�rts?�</p><p>�Mit der T�r?� Er konnte Clausens Kopfsch�tteln regelrecht h�ren. �Ohne entsprechendes Werkzeug ist da nichts zu machen. Ein Safe ist nichts dagegen.�</p><p>�Das will ich mir selbst ansehen�, antwortete Bremer. �Komm runter und halt hier die Stellung, bis die Kollegen eintreffen.�</p><p>�Ganz wie du meinst.� Clausen klang ein wenig beleidigt, aber auch das war Bremer mittlerweile ziemlich gleich. Er mu�te hier weg. Von diesem Toten ging etwas aus, was ihn beunruhigte - und das war noch vorsichtig ausgedr�ckt.</p><p>Voller Ungeduld wartete er, da� die Haust�r aufging und sein Kollege herauskam. Clausen blickte erstaunt und setzte zu einer Frage an, doch Bremer gab ihm keine Gelegenheit, sie zu stellen. Er trat rasch an ihm vorbei ins Haus, wobei er mit einer geschickten Drehung des Oberk�rpers der zufallenden T�r auswich, steuerte den Aufzug an und rannte die letzten Schritte, als sich die T�ren zu schlie�en begannen. Seine Hand schnellte vor und glitt durch die Lichtschranke, und als er in die Kabine trat, war sein Schwung so gro�, da� er beinahe gegen die R�ckwand geprallt w�re. Es h�tte des Anblicks seines eigenen schreckensbleichen Gesichts in dem deckenhohen Spiegel davor kaum mehr bedurft, um Bremer klarzumachen, was er hier tat. Es war nichts weniger als eine Flucht. Aber wovor eigentlich?</p><p>Die Liftt�ren begannen sich erneut zu schlie�en. Bremer hob automatisch die Hand nach den Kontrollkn�pfen, bemerkte dann aber, da� das Licht f�r die achte Etage bereits brannte. Nerv�s lie� er den Arm wieder sinken, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber das Kinn und z�hlte in Gedanken und mit angehaltenem Atem bis zehn; ein weiterer Trick, der ihm oft geholfen hatte, gefa�ter zu erscheinen, als er war. Heute funktionierte er nicht. Seine Nervosit�t legte sich tats�chlich ein wenig, aber die Beunruhigung blieb. <emphasis>Was war nur mit ihm los?</emphasis></p><p>Der Aufzug summte mit enervierender Langsamkeit nach oben. Bremer starrte wie hypnotisiert auf die wechselnden Lichter, die das jeweils passierte Stockwerk anzeigten, und als die Sieben der Acht wich und sich die Liftt�ren vor ihm spalteten, hatte er sich wieder v�llig in der Gewalt. Er verstand noch immer nicht, was gerade mit ihm los gewesen war, aber er war Profi genug, diese Frage auf sp�ter zu vertagen; die Liste der unangenehmen Dinge, die ihn in dieser Nacht noch erwarten mochten, war auch so schon lang genug.</p><p>Bremer trat aus dem Aufzug und sah gleichzeitig auf die Uhr. Sie waren nicht allzuweit vom Pr�sidium entfernt - wenn Sendig wirklich sofort losgefahren war, dann mu�te er jeden Moment eintreffen. Er wandte sich nach rechts und ging den hell erleuchteten Hausflur entlang. Hinter den meisten T�ren brannte ebenfalls Licht, eine oder zwei standen auch offen. Bremer ignorierte sie, schritt schneller aus und erreichte schlie�lich die T�r, hinter der das Apartment des Selbstm�rders liegen mu�te.</p><p>Ein vielleicht f�nfzigj�hriger dunkelhaariger Mann in Pantoffeln, Schlafanzug und einem hastig dar�bergeworfenen blauen Kittel kniete davor und machte sich mit ungeduldigen Bewegungen daran zu schaffen, wobei er unentwegt vor sich hin murmelte. Clausens Kollege - ein junger Bursche, der kaum �lter sein konnte als Hansen, rothaarig war und dessen Name Bremer vergessen hatte - stand neben ihm, ebenso vergeblich wie tapfer bem�ht, sich seine Nervosit�t nicht anmerken zu lassen. Als er Bremer sah, machte sich ein erleichterter Ausdruck auf seinem Gesicht breit. Ganz offenbar hatte es ihm nicht besonders gefallen, hier oben allein gelassen zu werden. <emphasis>Kinder, </emphasis>dachte Bremer. Nat�rlich war es ein reiner Zufall, da� Clausen und er beide in dieser Nacht mit einem Anf�nger auf Streife gefahren waren, aber das �nderte nichts daran, da� man Kinder nicht in eine Uniform stecken und auf die Menschheit loslassen sollte; ebensowenig wie die Menschheit auf sie. Bremer war schon immer dieser Meinung gewesen. Der Ausdruck in Hansens Augen vorhin harte ihn darin nur best�rkt.</p><p>Er nickte dem jungen Beamten fl�chtig zu und wandte sich sofort an den Mann im Pyjama. �Sie sind der Hausmeister hier?�</p><p>Der andere sah auf und kniff das linke Auge zusammen. �Ihr Kollege -�</p><p>�Ich habe ihn abgel�st�, unterbrach ihn Bremer. �Wie ist Ihr Name?�</p><p>�Schraiber�, antwortete der Hausmeister. �Mit ai. Hab' gar nicht gemerkt, da� Ihr Kollege weggegangen ist. War viel zu sehr mit diesem Schei�schlo� hier besch�ftigt. So was hab' ich noch nicht erlebt, das k�nnen Sie mir glauben. Und ich bin jetzt seit zwanzig Jahren in diesem Job. Hab' immer gedacht, es gibt kein Schlo�, das ich nicht aufkriege. Aber das...�</p><p>Er sch�ttelte heftig den Kopf und wandte sich wieder dem Schlo� zu, das im Grunde ganz harmlos aussah. Zumindest auf den ersten Blick schien es sich um nichts anderes als ein ganz normales Sicherheitsschlo� zu handeln, das in einer ganz normalen Teakholzt�r eingebaut war. Was diesen Eindruck vielleicht ein bi�chen st�rte, waren die zahlreichen Kratzer, die die T�r rings um das Schlo� herum verunzierten, und das halbe Dutzend abgebrochener Schraubenzieher, Bohrer und Dietriche, die vor den Knien des Hausmeisters verstreut waren. In den Kratzern schimmerte es silbern. Unter dem Teakholzfurnier verbarg sich massives Metall.</p><p>�Sind alle T�ren in diesem Haus so stabil?� fragte Bremer.</p><p>�Stabil?� Schraiber lachte schrill und versuchte zum dritten Mal vergeblich, die Schneide eines Stechbeitels zwischen T�r und Rahmen zu schieben. �Schei�e, nein. Eigentlich sind sie aus besserer Pappe. Ist ein Wunder, da� hier nicht �fter eingebrochen wird, wissen Sie. Sie brauchen nur dagegenzufurzen, und sie fallen um.�</p><p>Bremer warf einen fragenden Blick ins Gesicht seines rothaarigen Kollegen und erntete die Andeutung eines Schulterzuckens und eine Grimasse.</p><p>�Dann wurde diese T�r also nachtr�glich eingebaut?� vergewisserte er sich.</p><p>�Worauf Sie einen lassen k�nnen. Ich hab's nicht mal gemerkt. Und dabei vergeht kein Tag, an dem ich nicht eine Runde durch das Haus drehe. Wei� der Teufel, was in L�bach gefahren ist.�</p><p>�L�bach?�</p><p>�Doktor L�bach�, sagte Schraiber, schlug mit der flachen Hand auf den Griff des Stechbeitels und fluchte, als er sich dabei die Hand prellte und die Schneide des Werkzeugs mit einem trockenen Knacken abbrach. �Er wohnt hier.�</p><p>�Seit wann?� Bremer hob automatisch den Blick und sah die Wand neben der T�r an. Ein dezent teurer Klingelknopf, aber kein Namensschild. Daf�r jedoch in Kopfh�he das runde Videoauge einer kleinen Kamera.</p><p>Der Hausmeister starrte abwechselnd seine schmerzende Hand und den zerbrochenen Stechbeitel an. �Seit f�nf... fast sechs Jahren. Ja, sechs Jahre. Ich erinnere mich jetzt. Hatte einen F�nf-Jahres-Vertrag, der im letzten Sommer verl�ngert wurde.�</p><p>�Dr. L�bach, sagen Sie. Ein Arzt?�</p><p>�Glaube ich nicht. Ich wei� nicht viel �ber ihn. Hat wenig gesprochen und so gut wie keinen Kontakt zu den anderen Mietern hier im Haus gehabt. Ich glaube, er war Physiker oder so was. Hatte jedenfalls 'ne Menge Geld. Der Daimler unten vor dem Haus, das war seiner.�</p><p>�Der Wagen, auf den er -�</p><p>�Dem er aufs Dach gesprungen ist, ja�, best�tigte Schraiber. Er stand auf, musterte die T�r noch einmal lange und kopfsch�ttelnd, dann f�gte er in gedankenverlorenem Ton hinzu: �Hat ihn immer vor dem Haus geparkt, obwohl wir eine Tiefgarage unten haben. Ich hab' ihm ein paarmal geraten, den Wagen nicht immer auf der Stra�e unten stehenzulassen. So ein Schlitten kostet einen Haufen Geld, und heutzutage ist nicht einmal diese Gegend hier, was sie mal war. Aber er hat ja nie auf mich geh�rt.�</p><p>�Haben Sie schon die Nachbarn befragt?� Bremer wandte sich in bewu�t sachlichem Ton an Clausens Partner und bekam ganz genau die Antwort, die er erwartete.</p><p>�Noch nicht. Polizeihauptmeister Clausen meinte -�</p><p>�Dann tun Sie es�, unterbrach ihn Bremer. F�nf Schritte hinter ihm schl�ssen sich die Aufzugt�ren mit einem hellen �Blink�, und der Lift setzte sich wieder in Bewegung. Bremer hatte eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, wen er diesmal abholen w�rde. �Die �bliche Prozedur - wer war der Mann, was hat er getan, mit wem hat er verkehrt, hat er sich in letzter Zeit auff�llig verhalten... Sie kennen das ja.�</p><p>Er schwieg gerade lange genug, um seinen Worten mit einem fl�chtigen L�cheln ein bi�chen von ihrer Sch�rfe zu nehmen, ehe er mit einem Nicken zu der L�bachs Apartment gegen�berliegenden T�r hinzuf�gte: �Fangen Sie dort dr�ben an.�</p><p>W�hrend Clausens Kollege pl�tzlich seinen Diensteifer wiederentdeckte und ging, um seinem Befehl nachzukommen, sah sich Bremer die T�r zu L�bachs Apartment noch einmal genauer an. W�ren die verr�terischen Kratzer rings um das Schlo� nicht gewesen, h�tte man sie f�r eine ganz normale Wohnungst�r halten k�nnen. Selbst das Schlo� machte einen harmlosen Eindruck. Trotzdem - jetzt, wo er wu�te, wonach er zu suchen hatte, fiel ihm doch die eine oder andere Kleinigkeit auf. Die T�r schlo� so pr�zise, da� zwischen Blatt und Zarge nicht einmal ein Haar hineingepa�t h�tte. Der Knauf bestand aus massivem Stahl und war wahrscheinlich mit der T�r verschwei�t, so da� jeder Versuch, ihn mit einem Werkzeug aufzubrechen, das merklich leichter (und leiser) als ein Vorschlaghammer war, aussichtslos sein mu�te. Und es gab kein Schlie�blech; Zylinder und T�r waren vollkommen plan, und somit gab es auch keinen Ansatzpunkt f�r einen Hebel oder ein entsprechendes anderes Werkzeug.</p><p>Bremer hob die Hand und klopfte leicht mit dem Kn�chel gegen die T�r. Sie war so hart, wie er vermutet hatte, und gab nicht das mindeste Echo. Clausen hatte recht gehabt - es <emphasis>war</emphasis> eine Safet�r, und eine verdammt gute dazu. Die Arbeit eines Profis. L�bach mu�te entweder vollkommen paranoid gewesen sein - oder einen verdammt guten Grund gehabt haben, sich zu sch�tzen. Bremer war nicht ganz sicher, welcher M�glichkeit er den Vorzug geben sollte.</p><p>�Ich hab' ein Schwei�ger�t unten im Keller�, sagte Schraiber. �Wenn Sie mir unterschreiben, da� die Polizei f�r den Schaden aufkommt, hole ich es. Wir kriegen sie schon auf.�</p><p>�Das wird nicht n�tig sein�, antwortete Bremer. �Wir haben einen Schlosser bestellt.�</p><p>�Der kann auch nichts anderes tun als ich�, sagte Schraiber eingeschnappt. �Au�erdem mu� ich erst die Hausverwaltung um Erlaubnis fragen. Hier kann schlie�lich nicht jeder rummachen, wie er will.�</p><p><emphasis>Dein Gl�ck, </emphasis>dachte Bremer. Allm�hlich begann ihm dieser Wichtigtuer ziemlich auf die Nerven zu gehen. Er ersparte sich eine Antwort, sah den Mann nur einen Moment lang durchdringend an und drehte sich genau im richtigen Moment wieder zum Aufzug, um die T�ren auseinandergleiten und Sendig h�chstpers�nlich herausspazieren zu sehen. Er trug Smoking, R�schenhemd und eine weinrote Fliege unter einem vollkommen unpassenden Trenchcoat, und wenn schon nicht seine Kleidung, so machte sp�testens sein Gesichtsausdruck klar, da� Bremer und er zumindest <emphasis>eines </emphasis>gemeinsam hatten: Sie beide hatten sich den Verlauf dieses Abends anders vorgestellt.</p><p>�Herr Kommissar?� Bremer trat dem Kriminalbeamten einen Schritt entgegen und war nicht einmal besonders erstaunt, als Antwort nur einen eisigen Blick zu ernten. Sendig st�rmte einfach an ihm vorbei, blieb einen halben Schritt vor L�bachs Apartment abrupt stehen und ma� die T�r mit einem raschen, aber sehr aufmerksamen Blick.</p><p>�Ist es L�bach?� fragte er.</p><p>�Dr. L�bach, richtig.� Bremer mu�te sich zusammenrei�en, damit Sendig ihm die �berraschung nicht zu deutlich anmerkte. Nat�rlich konnte Sendig den Namen des Toten von Clausen wissen, aber er hatte eindeutig in einem Ton gesprochen, als ob er diesen Mann tats�chlich <emphasis>kannte. </emphasis>�Ein Physiker, glaube ich.�</p><p>�Chemiker, aber sonst stimmt's.� Sendig drehte sich mit einem Ruck zu ihm herum und deutete mit dem Daumen �ber die Schulter. �Was ist mit der T�r? Wieso ist sie noch nicht auf?�</p><p>�Es gibt ein paar Schwierigkeiten�, gestand Bremer. �Der Hausmeister bekommt sie nicht auf -�</p><p>�Ist nicht meine Schuld�, verteidigte sich Schraiber. �Das Schei�ding ist so stabil wie ein Geldschrank. Er h�tte so was gar nicht einbauen lassen d�rfen ohne Erlaubnis.�</p><p>�- aber ich habe bereits einen Schlosser angefordert�, schlo� Bremer. �Er m��te bald hier sein.�</p><p>�Wollen wir's hoffen.� Sendig kramte eine einzelne Zigarette aus der Manteltasche und steckte sie zwischen die Lippen, aber er sch�ttelte den Kopf, als Bremer ihm Feuer geben wollte.</p><p>�Danke, nein. Ich versuche gerade, es mir abzugew�hnen. Haben Sie schon mit den Leuten hier im Haus gesprochen?�</p><p>Bremer entfernte sich ein paar Schritte von Sendig und dem Hausmeister, hob das Funkger�t und erkundigte sich in der Zentrale nach dem Verbleib des Schlossers. Er bekam genau die erwartete Antwort: n�mlich erstens, da� der Mann unterwegs sei, und zweitens einen Hinweis auf die vorger�ckte Stunde, zu der selbst in einer Weltstadt wie Berlin die allermeisten Schlosser in ihrem Bett lagen und schliefen. Er gab die H�lfte dieser Antwort an Sendig weiter und beeilte sich dann, dem Beispiel seines j�ngeren Kollegen zu folgen und die Nachbarn zu befragen.</p><p>W�hrend der n�chsten halben Stunde klingelte Bremer an einem knappen halben Dutzend T�ren. Er erfuhr eine Menge �ber Dr. Klaus L�bach - und zugleich sehr wenig. Nirgends mu�te er lange um Einla� bitten. S�mtliche Bewohner des Hauses schienen ohnehin wach zu sein, und nur die wenigsten versuchten �berhaupt, ihre Neugier zu verhehlen. Die meisten T�ren wurden ge�ffnet, noch ehe er die Hand nach dem Klingelknopf ausstreckte, und er bekam bereitwillig Auskunft. Allerdings stellte sich rasch heraus, da� es nicht besonders viel gab, was man ihm �ber den Bewohner des Apartments achthundertundsiebzehn sagen konnte. Mit Ausnahme seines Namens und der Tatsache, da� er als Chemiker bei <emphasis>irgendeiner gro�en Firma </emphasis>in der Stadt arbeitete, schien niemand etwas �ber L�bach zu wissen. Der Mann hatte keinen Kontakt zu seinen Nachbarn gepflegt, war jedem Gespr�ch aus dem Weg gegangen und hatte die meiste Zeit nicht einmal gegr��t. Ein Eigenbr�tler, der viel auf Achse war und manchmal f�r Wochen nicht nach Hause kam und der den meisten hier ein bi�chen unheimlich gewesen war. Allerdings auch kein Exzentriker. Bremers obligatorische Frage, ob irgend etwas in letzter Zeit auf das hingedeutet h�tte, was jetzt geschehen war, wurde stets verneint.</p><p>Ein paar Minuten nach zwei kam endlich der Schlosser. Dem Mann war anzusehen, da� ihn das Telefon aus dem tiefsten Schlaf gerissen hatte, und er machte aus seiner Ver�rgerung dar�ber keinen besonderen Hehl. Er schleppte nicht nur einen gro�en Werkzeugkoffer, sondern auch ein komplettes Schwei�ger�t mit sich, dessen Gasflaschen in schreiendem Signalrot gespritzt waren und die Abmessungen von Sauerstoffflaschen hatten, wie sie Taucher benutzten. Bremer unterdr�ckte m�hsam ein schadenfrohes Grinsen, als der Mann das zentnerschwere Ger�t mit einem Knall so dicht vor Sendigs F��en ablud, da� der Kommissar sich mit einem hastigen Sprung in Sicherheit brachte.</p><p>Bremer hatte auf seiner H�lfte des Flures noch zwei T�ren abzuarbeiten, aber er war ziemlich sicher, da� er auch dort nicht mehr �ber Dr. L�bach erfahren w�rde als bei den anderen, und da Sendig nichts dagegen zu haben schien, gesellte er sich nach einer Weile wieder zu ihm, um dem Schlosser bei seiner Arbeit zuzusehen.</p><p>Der Mann hatte zwar schweres Ger�t mitgebracht, versuchte aber zuerst, mit Hilfe eines Dietrichs und eines gebogenen Drahtes das Schlo� zu �ffnen. Nach einigen Minuten kapitulierte er, �ffnete seine Werkzeugkiste und brach hintereinander drei Bohrer bei dem Versuch ab, das Schlo� herauszubohren. Er sagte kein Wort, aber er sch�ttelte ununterbrochen den Kopf, und der Ausdruck griesgr�miger Ver�rgerung auf seinem Gesicht wich mehr und mehr dem eines fast ehrfurchtsvollen Staunens. Bremer schien mit seiner Einsch�tzung, was die Qualit�t der T�r und des Schlosses anging, ziemlich richtig gelegen zu haben. Es dauerte gute zehn Minuten, bis er endlich aufgab und das tat, was Bremer ihm von Anfang an geraten h�tte: n�mlich das mitgebrachte Schwei�ger�t zu benutzen. Der Hausmeister begann lautstark zu lamentieren, bis Sendig ihn mit ein paar halblauten, aber sehr scharfen Worten zum Verstummen brachte, und rauschte beleidigt von dannen; vermutlich, um den Hausbesitzer aus dem Bett zu klingeln und ihm sein Leid zu klagen.</p><p>�Rufen Sie in der Zentrale an�, sagte Sendig, w�hrend sich die kleine blaue Acetylenflamme funkenspr�hend in den Stahl fra�. Das Teakholzfurnier verkohlte unter einer enormen Rauchentwicklung, so da� sie ein paar Schritte zur�cktraten und der Schlosser zu husten begann. �Es sollte mich nicht wundern, wenn er eine Alarmanlage hat und Ihre Kollegen gleich hier auftauchen, um uns zu verhaften.� .</p><p>Bremer trat schuldbewu�t einige Schritte weiter zur�ck und zog das Funkger�t aus der Tasche. Sendigs Worte waren frei von jedem Tadel gewesen, aber das �nderte nichts daran, da� er auf diese Idee auch von selbst h�tte kommen k�nnen; bei der augenscheinlichen Paranoia, unter der L�bach gelitten hatte, lag sie praktisch auf der Hand.</p><p>Er gab den Kollegen in der Funkleitzentrale Bescheid und trug ihnen gleichzeitig auf, L�bachs Namen durch den Computer laufen zu lassen - auch das zu sp�t, aber immerhin nicht so sp�t, da� Sendig ihn daran erinnern mu�te. Sein Erlebnis von vorhin schien ihn doch mehr mitgenommen zu haben, als er selbst wahrhaben wollte. Normalerweise verga� er solche Dinge nicht.</p><p>Der Schlosser schaltete sein Schwei�ger�t aus, als Bremer zu ihm zur�ckkam. Er hatte nur ein winziges Loch in die T�r gebrannt, gerade so gro� wie Bremers Daumennagel, in dem er nun mit dem Draht von vorhin und einem an einen Zahnarztschaber erinnernden Werkzeug herumstocherte. Es verging noch eine geraume Weile, aber dann ert�nte ein helles metallisches Klicken, und der Mann richtete sich triumphierend auf und hob die Hand, um die T�r aufzusto�en.</p><p>�Nicht!� sagte Sendig. �Treten Sie zur�ck.�</p><p>Der Schlosser wirkte mehr verwirrt als erschrocken, gehorchte aber sofort, und Sendig gab Bremer mit einem Kopfnicken zu verstehen, da� er dicht hinter ihm bleiben sollte. Clausens Kollege gesellte sich zu ihnen, hielt aber vorsichtshalber drei Schritte Abstand. Seine Hand lag auf dem Pistolengriff, und Bremer sah mit einem Gef�hl leiser Besorgnis, da� er die Waffe bereits entsichert hatte.</p><p>Seltsamerweise konnte er das verstehen. Auch ihm ging es nicht sehr viel besser. Er war beunruhigt. Das hier war alles, nur kein normaler Selbstmord. Trotzdem deutete er ein Kopfsch�tteln in Richtung des Jungen an, von dem er hoffte, da� Sendig es nicht bemerkte, und registrierte erleichtert, wie der junge Kollege die Hand wieder zur�ckzog.</p><p>Sendig legte die Hand auf die T�r, ri� sie hastig wieder zur�ck und zog ein Taschentuch aus dem Mantel, um sich vor der Hitze zu sch�tzen, die das Metall offensichtlich gespeichert hatte. Mit einer schwerf�lligen Bewegung, die ihr Gewicht verriet, schwang die T�r nach innen. Silbergraues Licht kroch ihnen entgegen. S�mtliche Lampen waren ausgeschaltet, aber die gro�e T�r zu dem Balkon, von dem L�bach gesprungen war, stand weit offen, und auf der anderen Seite des Raumes glommen die roten und gr�nen Lichter einer Stereoanlage wie die leuchtenden Augen unheimlicher Insekten, die sie aus der Dunkelheit heraus anstarrten. Nach der hellen Neonbeleuchtung drau�en auf dem Flur fiel es Bremer im ersten Moment schwer, mehr als Schatten zu erkennen, aber Sendig war nur einen Schritt hinter der T�r stehengeblieben und tastete bereits nach dem Lichtschalter. Es gab keinen Laut, aber unter der Decke gl�hten pl�tzlich gleich Dutzende winziger wei�er Halogenscheinwerfer, und im n�chsten Moment ri� Bremer ungl�ubig die Augen auf.</p><p>�Gro�er Gott!� fl�sterte Sendig.</p></section><section><title><p>4. Kapitel</p></title><p><emphasis>Der Raum war dunkel und gro�. Zwar brannte Licht - eine nicht zu sch�tzende Anzahl von Kerzen, die, einem asymmetrischen Muster folgend, im Zimmer verteilt waren -, aber etwas stimmte mit diesem Licht nicht. Es war da, aber es war nicht wirklich hell, als erreiche es die Oberfl�che der Dinge nicht. Und es verwirrte eher, statt irgend etwas erkennen zu lassen, wie leuchtendes Wasser, das um dunkle Inseln herumflo�, ohne ihre Oberfl�che zu benetzen. Was er sah, sah er nicht wirklich, sondern erriet es mehr, so da� er in einer Welt der Dinge war, die existieren konnten, nicht solcher, die tats�chlich waren: Gestalten - f�nf, vielleicht sechs oder auch sieben, die im Kreis auf dem Boden sa�en und sich an den H�nden hielten, wobei sie den Oberk�rper im Takt einer unh�rbaren Melodie hin und her wiegten. Ihre Gesichter waren leere Fl�chen ohne Augen und M�nder, die massiven Umrisse weniger, aber sehr schwerer M�belst�cke, deren Verteilung mit der der Kerzen korrespondierte und ebensowenig zu bestimmen war, und dazwischen etwas, das ein leuchtendes Kreuz h�tte sein k�nnen, w�re es nicht zu gro� gewesen und zugleich zu organisch.</emphasis></p><p><emphasis>Ein durchdringender Geruch hing in der Luft, und die Klarheit, die ihm seine Augen nicht liefern konnten, versuchten seine anderen Sinne durch �berm��ige Sch�rfe zu kompensieren. Er sp�rte jede winzige Unebenheit des Bodens, auf dem er sa�. Den leichten Luftzug auf der Haut, der durch das nur angelehnte Fenster hereinstrich. Die winzigen Falten, die seine Kleidung warf, und die W�rme der beiden H�nde, die er ber�hrte. Er war Teil des Kreises, und wie die anderen wiegte er den Oberk�rper in regelm��igen Bewegungen, h�rte jedoch die lautlose Melodie nicht, deren Rhythmus er dabei folgte.</emphasis></p><p><emphasis>Das war falsch. Er war Teil dieses Kreises, zugleich aber auch wieder nicht, sondern ausgeschlossen. Und obwohl er noch nicht einmal wu�te, weshalb, erf�llte ihn dieser Gedanke mit einem tiefen Bedauern. Er hatte etwas verloren, schlimmer noch, etwas war ihm</emphasis> genommen <emphasis>worden, und obwohl dies selbst f�r das Wissen um das galt, was es gewesen war, versp�rte er einen tiefen Schmerz und zugleich Zorn dar�ber, denn immerhin wu�te er noch, da� es etwas ungemein Gro�es, Wertvolles und Sch�nes gewesen war.</emphasis></p><p><emphasis>Das Licht flackerte. Im ersten Moment dachte er, ein Luftzug h�tte die Kerzen ber�hrt, aber die zahllosen winzigen Fl�mmchen bewegten sich nicht. Trotzdem war zu der Bewegung der Sitzenden eine andere hinzugekommen: die der Schatten, die zu wandern begannen. Er sah auf und erkannte, da� es das leuchtende Kreuz war, das sich auf ihn zubewegte. Es war nicht wirklich ein Kruzifix, sondern eine schlanke M�dchengestalt in einem schmucklosen wei�en Kleid, das bisher mit ausgebreiteten Armen dagestanden hatte. Von seiner Gestalt ging tats�chlich ein mildes, goldfarbenes Licht aus, das noch weniger real war als das der Kerzen und seine Sinne noch mehr verwirrte, denn obwohl es nur wenige Meter entfernt dagestanden hatte und nun mit einem Schritt in den Kreis der sich Wiegenden hineintrat, konnte er das Gesicht unter dem glattenschwarzen Haar nicht erkennen. Aber er sp�rte den Blick ihrer Augen, der durchdringend auf ihm ruhte, und es war etwas darin, das ihn bis ins Mark ersch�tterte. Etwas, das hei�er brannte als Zorn, das tiefer ging als Ha� und das ihn am Grunde seiner Seele ber�hrte und etwas in ihm zu Eis erstarren lie�. Ganz instinktiv sp�rte er, da� das Gesicht hinter diesem goldenen Schein unendlich sch�n sein mu�te, aber da� ihn sein Anblick auch verbrennen w�rde, denn er war nicht f�r die Augen Sterblicher gedacht. Trotzdem h�tte er sein Leben gegeben, nur einen einzigen Blick hinter diesen Vorhang ausleuchtendem Licht zu werfen.</emphasis></p><p><emphasis>Dann h�rte er die Stimme. Sie war so �berirdisch sch�n und irreal wie die Gestalt selbst, und wie schon zuvor bei ihrem Gesicht war etwas Substantielles von ihr nicht zu erkennen. H�tte er es gekonnt, w�re ihr Klang so t�dlich gewesen wie der Anblick des Engelsgesichtes, und er h�tte ebensoviel daf�r gegeben, ihn ein einziges Mal wirklich zu h�ren. �Du hast uns verraten�, sagte sie. �Du hast </emphasis>mich <emphasis>verraten, obwohl ich dir mein Vertrauen und meine Liebe geschenkt habe. Sieh, was du getan hast.�</emphasis></p><p><emphasis>Eine leuchtende Hand hob sich und deutete auf die Gestalt zu seiner Rechten, und als sein Blick der Geste folgte, wurde der Traum endg�ltig zum Alptraum. Die Hand, die er hielt, war keine richtige Hand; das war sie vielleicht einmal gewesen, aber es mu�te Jahre hersein. Jetzt war es eine mumifizierte Klaue, ein d�rres Knochenger�st, �ber dem sich pergamenttrockene graue Haut spannte, die an zahllosen Stellen gerissen war, so da� es wei� hindurchschimmerte. Sie steckte in einem vermoderten braunen Jacken�rmel, an dem sein Blick hinaufwanderte, bis er auf das traf, was einmal ein Gesicht gewesen war. Jetzt war es eine verw�stete, zerst�rte Landschaft aus mumifiziertem Fleisch, vertrockneten grauen Hautfetzen und kratergleichen Wunden, an deren Grund eine Lava aus wei�en Maden brodelte. Augen, Nase und Mund waren verschwunden und zu glitschigen Nistpl�tzen geworden, und eine gewaltige diagonale Schnittwunde spaltete dieses Horrorantlitz fast zur G�nze.</emphasis></p><p><emphasis>Er schrie auf und versuchte sich zur�ckzuwerfen, aber die Totenhand hielt seine Finger mit unerbittlicher Kra� umklammert. Verzweifelt ri� und zerrte er, um den stahlharten Griff zu sprengen. Die morschen Knochen raschelten wie trockenes Holz, und graue Leichenhaut l�ste sich in pulverfeinen Staub auf, der an seiner Hand herablief und in seinen �rmel rieselte; ein Gef�hl, als krabbelten Millionen winziger Spinnen an seinem Unterarm entlang.</emphasis></p><p><emphasis>�Sieh nur, was du getan hast! Was du uns </emphasis>angetan <emphasis>hast!�</emphasis></p><p><emphasis>Er wollte es nicht. Er versuchte, sich mit aller Kra� dagegen zu wehren, aber sein Blick l�ste sich gegen seinen Willen von dem schrecklichen Totengesicht zur Rechten und fiel in das noch viel schlimmere auf der linken Seite. Es war nicht so grausam zerst�rt wie das andere, aber viel j�nger, beinahe noch das eines Kindes, und vielleicht wirkten die Verheerungen darum um so schrecklicher. Es war ein M�dchen mit blondem, schulterlangem Haar, dessen seidiger Glanz einen gr��lichen Kontrast zu der aufgerissenen Totenhaut des Gesichts bildete, und gro�en Augen, in denen noch eine verblassende Erinnerung an das Leben geschrieben stand, das einst darin gewesen war. Aber auch noch mehr: ein stummer Vorwurf wie ein lautloser Schrei, vor dem er die Augen verschlie�en konnte, aber nicht die Ohren: Es ist deine Schuld. Wir haben dich geliebt, und das ist dein Dank!</emphasis></p><p><emphasis>�Sieh, was du getan hast! Sieh es dir an!�</emphasis></p><p><emphasis>Er schrie erneut und noch lauter und versuchte noch einmal, sich loszurei�en. Doch der Griff der toten H�nde war wie Stahl. So wie der Anblick des Gesichtes seinen Blick gefangenhielt, umklammerten die d�rren Finger seine H�nde, ganz gleich, wie verzweifelt er auch versuchte, sich loszurei�en. Dann nahm er eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahr, und irgend etwas daran durchbrach den Bann, der ihn bisher gezwungen hatte, die Zombiegesichter neben sich anzustarren. Ein Schatten beugte sich �ber ihn, und f�r einen winzigen Moment glaubte er das Gesicht hinter dem leuchtenden Schleier zu erkennen. Vielleicht auch nur etwas wie ein Gesicht, nicht mehr ganz menschlich, aber auch nicht ganz fremd, und eine Hand streckte sich nach ihm aus und ber�hrte seine Schulter.</emphasis></p><p><emphasis>Ihr Griff war wie Feuer, das seinen K�rper mit etwas tausendmal Schlimmerem wie Schmerz erf�llte, so da� er aufbr�llte und sich zur�ckwarf und sofort...</emphasis></p><p>... erwachte. Sein Herz jagte wie ein zuckender roter Gummiball in seiner Brust. Mark wu�te sofort und mit unerbittlicher Sicherheit, da� er getr�umt hatte, aber seltsamerweise half ihm dieses Wissen kein bi�chen, die Furcht zu �berwinden, die ihn noch immer erf�llte. Sie war und blieb noch in ihm wie ein pulsierender Embryo, den eine Schlupfwespe aus dem Land der Nachtmahre in ihm abgelegt hatte.</p><p>�F�hlen Sie sich nicht wohl?�</p><p>Marks Blick kl�rte sich nur langsam. Er konnte sehen, aber es fiel ihm schwer, den Bildern die richtige Bedeutung zuzuordnen. Vor ihm war noch immer ein Gesicht, und auf seiner Schulter lag noch immer eine Hand, die ihn wohl auch wachger�ttelt hatte, aber sie geh�rten nicht mehr zu dem Todesengel, sondern einer vielleicht f�nfzigj�hrigen dunkelhaarigen Frau, die besorgt auf ihn herabblickte und ihre Frage wiederholte, vielleicht nicht zum ersten Mal.</p><p>�F�hlen Sie sich nicht wohl?�</p><p>Mark sch�ttelte benommen den Kopf. �Es ist nichts�, murmelte er. �Ich hatte einen Alptraum... glaube ich.�</p><p>�Sie haben geschrien.� Die Frau nickte. Dann machte sich pl�tzlich Verlegenheit auf ihrem Gesicht breit, und sie richtete sich hastig auf und nahm endlich die Hand von seiner Schulter. Mark atmete erleichtert auf. Diese Ber�hrung war leicht wie die einer Feder gewesen, aber sie erinnerte ihn an die des Todesengels aus seinem Traum, und das allein war beinahe mehr, als er ertragen konnte.</p><p>Offenbar sah man ihm seine Erleichterung auch deutlich an, denn die Verlegenheit im Gesicht der Frau nahm noch weiter zu. Mit einer nerv�sen Bewegung lie� sie sich wieder auf den Sitz auf der anderen Seite des Abteils sinken, von dem sie aufgestanden war, um ihn zu wecken. �Entschuldigen Sie�, sagte sie. �Ich wollte nicht -�</p><p>�Das ist schon in Ordnung�, unterbrach sie Mark. Er zwang sich zu einem L�cheln. �Es war ein Alptraum. V�llig verr�ckt, schlimm. Ich bin Ihnen dankbar, da� Sie mich geweckt haben.�</p><p>Das h�rte sich ungef�hr so �berzeugend an, wie sein L�cheln aussehen mu�te, aber vermutlich h�tte alles, was er jetzt sagen konnte, die Situation nur noch peinlicher gemacht. In diesem Moment jedoch wurde die Abteilt�r ge�ffnet, und ein zugleich �berm�det wie alarmiert aussehender Schaffner mit Ringen unter den Augen und einer schlechtsitzenden Uniform blickte zu ihnen herein. Irgend etwas an ihm war ungew�hnlich, aber Mark konnte nicht sagen, was es war.</p><p>�Alles in Ordnung?� fragte er. Obwohl er sehr m�de aussah, klang seine Stimme mi�trauisch, und sein Blick war sehr wach. Und jetzt wu�te Mark auch, was an ihm nicht stimmte: Seine H�nde waren leer. Die abgewetzte, immer zu kleine und meistens mit einem Einmachgummi zusammengehaltene Ledermappe mit Fahrpl�nen, Formularen, Fahrkartenblocks und Quittungen, die fester Bestandteil jedes Eisenbahnschaffners war, fehlte bei diesem Mann. Er war nicht auf seiner normalen Runde, sondern einzig und allein hergekommen, weil er etwas geh�rt hatte.</p><p>�Es ist schon gut�, sagte Mark hastig. �Ich hatte einen Alptraum. Es tut mir leid.�</p><p>Der Schaffner blickte weiter mi�trauisch auf ihn herab. Das war nicht die Antwort, die er erwartet hatte, und wahrscheinlich auch keine, die er wirklich glaubte. Er wandte sich mit einem fragenden Blick an die Frau auf der anderen Seite des Fensters.</p><p>�Es ist wirklich alles in Ordnung�, sagte sie. �Er hat schlecht getr�umt. So etwas kommt vor.�</p><p>�Ja, das kommt es wohl.� Der mi�trauische Glanz in den Augen des Schaffners blieb. Er z�gerte ein bi�chen zu lange, dann trat er r�ckw�rts wieder aus dem Abteil heraus und machte eine Kopfbewegung nach rechts. �Ich gehe dann wieder. Ich bin im Dienstabteil, zwei T�ren weiter - falls Sie noch irgend etwas ben�tigen.�</p><p>�Vielen Dank.� Mark wartete, bis der Mann die T�r zugeschoben hatte und sie wieder allein im Abteil waren, dann wandte er sich mit einem dieses Mal echt wirkenden L�cheln wieder an sein Gegen�ber. �Jetzt haben Sie mich zum zweiten Mal gerettet, glaube ich. Wahrscheinlich zerbricht er sich den Rest der Nacht den Kopf �ber die Frage, ob ich bekifft bin oder Sie bel�stigen wollte.�</p><p>�Sie waren wirklich ziemlich laut�, sagte die Frau. �War es so schlimm?�</p><p>�Keine Ahnung�, log Mark. �Ich erinnere mich nicht. Nur, da� es ein Alptraum war.�</p><p>�Das sind manchmal die schlimmsten. Man erinnert sich n�mlich doch, wissen Sie... Man will es nur nicht wissen.�</p><p>Damit kam sie der Wahrheit n�her, als sie wahrscheinlich selbst ahnte. Mark fragte sich einen Moment lang, warum er eigentlich gelogen hatte - er erinnerte sich an jede noch so winzige Kleinigkeit dieses verdammten Traumes, aber er wu�te die Antwort auch im gleichen Augenblick selbst. Obwohl scheinbar v�llig sinnlos, war der Traum viel zu intim gewesen, um dar�ber zu reden - noch dazu mit einem vollkommen fremden Menschen. Und dazu kam noch etwas: Auch wenn sein Herz aufgeh�rt hatte zu rasen und seine H�nde nicht mehr zitterten, war die Angst noch da. �ber den Traum zu reden k�nnte bedeuten, den Embryo zu wecken.</p><p>�War sie Ihre Freundin?�</p><p>Mark schrak nicht nur aus seinen Gedanken hoch, sondern begriff auch voll pl�tzlichem Schrecken, da� sie ihn nun tats�chlich zum zweiten Mal gerettet hatte, denn er war nahe daran gewesen, erneut in die furchtbare Vision abzugleiten. Schon die Erinnerungen daran waren wie Fallstricke, zwischen denen bodenlose Abgr�nde lauerten. �Wer?�</p><p>�Azrael�, antwortete die Frau. �Sie haben ein paarmal ihren Namen gerufen.�</p><p>Mark kramte in seinem Ged�chtnis. Azrael? Im ersten Moment sagte ihm dieser Name - <emphasis>wenn </emphasis>es ein Name war - nichts. Aber dann schien doch etwas Vertrautes an diesem Begriff zu sein. Er grub tiefer in seinem Ged�chtnis - und prallte so entsetzt zur�ck, als h�tten seine tastenden H�nde eine gl�hende Herdplatte ber�hrt. Da <emphasis>war </emphasis>etwas... etwas Wei�gl�hendes, Scheu�liches, das wie eine Spinne im Zentrum ihres unsichtbaren Netzes hockte und darauf wartete, da� er einen der klebrigen F�den ber�hrte.</p><p>�Nein�, sagte er. �Ich glaube nicht.�</p><p>Der Schrecken lie� seine Stimme aggressiv klingen, das sp�rte er selbst. Dabei war das letzte, was er wollte, unh�flich oder gar grob zu sein. Er hatte seine zuf�llige Reisebegleiterin ohnehin schon in eine peinlichere Situation gebracht, als ihm lieb war.</p><p>�Entschuldigung�, sagte er noch einmal.</p><p>�Sie m�ssen sich nicht ununterbrochen entschuldigen, junger Mann�, antwortete sie. �Es ist nichts Schlimmes daran, Gef�hle zu haben.�</p><p>Mark schwieg, aber er betrachtete sie jetzt das erste Mal genauer. Die Frau war nicht so alt, wie er im ersten Moment angenommen hatte - allerh�chstens vierzig -, aber ihr Gesicht und vor allem ihre Augen hatten etwas M�tterliches, das sie �lter erscheinen lie�, und Mark begann sich zu fragen, ob es vielleicht nicht doch ein Fehler gewesen war, h�flich sein zu wollen. �bertriebene Besch�tzerinstinkte und - wenn auch unbeabsichtigte - Aufdringlichkeit gingen meistens Hand in Hand. Er brauchte jetzt niemanden, der in seinem Seelenleben herumkramte. Aber er hatte mittlerweile auch lange genug geschwiegen, um das Gespr�ch endg�ltig zu unterbrechen. Und wieder breitete sich Peinlichkeit zwischen ihnen aus. Als sie diesmal �berm�chtig zu werden drohte, stand die Frau auf und nahm einen kleinen Handkoffer von der Gep�ckablage. �Es wird Zeit�, sagte sie. �Ich mu� an der n�chsten Station raus.�</p><p>Das stimmte nicht. Bis zum n�chsten Bahnhof war es noch eine gute halbe Stunde, wie Mark mit einem unauff�lligen Blick auf die Uhr feststellte. Sie wollte einfach raus aus diesem Abteil und vor allem aus der N�he dieses unheimlichen Burschen, der im Schlaf schrie und im �brigen wohl auch alles andere als vertrauenerweckend aussah. Marks letzter Friseurbesuch war ein Jahr her. Er trug einen viel zu gro�en gr�nen Parka mit einem Mot�rhead-Aufn�her auf dem rechten �rmel, abgewetzte blaue Jeans und feste Schuhe, die bei fl�chtigem Hinsehen und mit andersfarbigen Schn�rsenkeln durchaus als Rep-Knobelbecher durchgegangen w�ren. Dieses Outfit symbolisierte keineswegs irgendeine Weltanschauung, sondern trug nur seiner urspr�nglichen Planung Rechnung, zu Fu� zum Bahnhof zu gehen. Aber er konnte sich gut vorstellen, welchen Eindruck es zusammen mit seinem �berm�deten Gesicht und seinem seltsamen Benehmen machte.</p><p>Um ein Haar h�tte er sie gebeten, zu bleiben, denn pl�tzlich hatte er fast panische Angst davor, allein zu sein. Er k�nnte wieder einschlafen, und dann w�rde vielleicht der Traum zur�ckkommen, und diesmal w�re niemand da, um ihn zu wecken. Mark war sogar ziemlich sicher, da� sie geblieben w�re, h�tte er sie darum gebeten. Aber er hatte nicht den Mut dazu, und so blieb er nur wortlos sitzen und verabschiedete sich mit einem ebenso stummen Nicken, als sie das Abteil verlie�.</p><p>Mark verfluchte sich in Gedanken f�r seine Feigheit. Vielleicht hatte Prein ja recht, und er war tats�chlich ein Feigling, zumindest aber nicht besonders klug. Er sah auf die Uhr. Fast halb drei. Seit nicht ganz zweieinhalb Stunden war er nun also vollj�hrig, aber er begann sich zu fragen, ob er damit auch tats�chlich schlagartig erwachsen geworden war, und wenn, warum er sich dann eigentlich nicht so benahm. P�nktlich auf die Minute mit �berschreitung der magischen Achtzehn-Jahres-Grenze alle Br�cken hinter sich abzubrechen und blindlings davonzust�rmen war wohl eher ein Zeichen von kindlichem Trotz, nicht von Reife.</p><p>Der Zug bewegte sich schnell und beinahe lautlos durch die Nacht. Sie mu�ten �ber flaches Land fahren oder zumindest durch eine sehr d�nn besiedelte Gegend, denn er sah drau�en kein einziges Licht. Dazu kam, da� es noch immer regnete und schwere Wolken den Himmel bedeckten; der Intercity h�tte ebensogut durch einen endlos langen, unbeleuchteten Tunnel fahren k�nnen. Und in gewisser Weise tat er das ja auch, nur da� er nicht die geringste Ahnung hatte, was ihn am Ende dieses Tunnels erwarten mochte. Er wu�te, woher er kam - aus einem Leben, das er geha�t hatte, zumindest w�hrend der letzten sechs Jahre, und das jeden Tag ein kleines bi�chen mehr -, aber er wu�te nicht, wohin er ging. Wenn er ehrlich zu sich selbst gewesen w�re, h�tte er sich eingestanden, da� er nicht einmal wu�te, wohin er gehen <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>Er sah wieder auf die Uhr. Seit er es das letzte Mal getan hatte, schien keine me�bare Zeit vergangen zu sein, und vor ihm lagen noch viele Stunden, angef�llt mit endlosen Minuten, von denen jede einzelne sich zu einer kleinen Ewigkeit dehnen w�rde, ehe der Zug Berlin erreichte. Er hatte Angst, wieder einzuschlafen, und so verlie� er das Abteil und ging in den Speisewagen, um einen Kaffee zu trinken. Er mochte eigentlich keinen Kaffee, aber er brauchte jetzt etwas, um wach zu bleiben.</p><p>Mark war der einzige Gast des Zugrestaurants. Es war nach zwei, selbst f�r einen Intercity auf der Nachtroute eine stille Zeit, in der die meisten Fahrg�ste schliefen oder dem Morgen entgegend�sten. Ein verschlafen aussehender Kellner brachte ihm das bestellte K�nnchen Kaffee und bestand darauf, sofort zu kassieren - Parka und Knobelbecher waren offenbar auch nicht dazu angetan, seine Kreditw�rdigkeit zu heben.</p><p>W�hrend Mark die bitter schmeckende, hei�e Fl�ssigkeit in kleinen Schlucken herunterw�rgte und darauf wartete, da� die belebende Wirkung einsetzte, versuchte er sich �ber die Bedeutung seines seltsamen Traumes klar zu werden. Wahrscheinlich war es wirklich nicht mehr als ein Traum gewesen, ohne irgendeine tiefere Bedeutung. Alptr�ume kamen eben manchmal. Und trotzdem... Etwas an diesen Bildern war so ... <emphasis>realistisch </emphasis>gewesen. Hinter dem Wahnsinn hatte eine Wahrheit gelauert, die hinauswollte und die sich vielleicht nur hinter apokalyptischen Visionen tarnte, weil ihr wirkliches Antlitz noch viel schrecklicher war.</p><p>Er trank einen weiteren Schluck Kaffee, verzog angewidert das Gesicht und schenkte sich gleichzeitig nach. Die belebende Wirkung, auf die er so hoffte, lie� noch immer auf sich warten, daf�r schmeckte das Gebr�u jetzt, nachdem es abzuk�hlen begann, um so scheu�licher. Er fragte sich, warum so viele so versessen auf dieses Zeug waren. Es schmeckte nicht, war ungesund, und die versprochene Wirkung blieb es auch noch schuldig.</p><p>Daf�r begann ihn das regelm��ige Schaukeln des Zuges und das Ger�usch der rollenden R�der schon wieder einzulullen. Um der M�digkeit entgegenzuwirken, rutschte er absichtlich in eine unbequemere Stellung und richtete sich auf. Sein Blick glitt haltlos durch den langen, schmalen Raum, aber es gab nichts, was interessant genug gewesen w�re, ihn wachzuhalten. Der Kellner, der ihn bedient harte, lehnte mit verschr�nkten Armen an der Theke, rauchte und warf dann und wann einen gelangweilten Blick in seine Richtung. Mark hatte bisher angenommen, da� er ihn als willkommene Abwechslung in der toten Zeit zwischen zwei und vier betrachtete, aber augenscheinlich war es genau umgekehrt: Er hatte diese Stunden wohl als zus�tzliche Pause fest einkalkuliert und �rgerte sich jetzt, wegen eines Gastes und eines Trinkgeldes von deutlich unter einer Mark wach bleiben zu m�ssen.</p><p>Marks Blick wanderte weiter �ber das knappe Dutzend Tische, die den schmalen Gang flankierten. Ihre Gleichf�rmigkeit hatte etwas Bedr�ckendes. Er w�nschte sich, es w�re eine Stunde sp�ter oder er s��e wenigstens nicht so allein im Zugrestaurant. Um sich die Zeit zu vertreiben, versuchte er die Pl�tze an den Tischen ringsum in Gedanken mit Menschen anzuf�llen, aber er gab diesen Versuch fast sofort wieder auf: Die Phantome, die er erschuf, hatten eine unangenehme Tendenz, tote Gesichter mit leeren Augenh�hlen zu haben.</p><p>Er sah nach rechts, aber auch die vor�bergleitende n�chtliche Landschaft bot keine Abwechslung. In einiger Entfernung schwebte eine Autobahn vorbei, in unregelm��igen Abst�nden gesprenkelt mit wei�en und roten Lichterpaaren, die vollkommen stillzustehen schienen. Er war schrecklich m�de, und es war, als h�tte sich nun die ganze Welt verschworen, um ihm zu beweisen, da� er sich wirklich am tiefsten Punkt der Nacht befand - einer Stunde, die dem Schlaf geh�rte und den Tr�umen mit ihren Bewohnern.</p><p>Irgend etwas bewegte sich drau�en vor dem Fenster. Wahrscheinlich war es nur ein Lichtreflex auf einem Blatt oder eine Stromleitung, an der der Zug vor�berraste, aber er hielt trotzdem aufmerksam danach Ausschau, konnte er auf diese Weise doch der Nacht einige weitere Augenblicke abtrotzen. Und er wurde belohnt. Nach einem Moment sah er es wieder, und diesmal sah es nicht aus wie ein Lichtreflex, sondern seidig und wehend, wie ein wei�es Kleid, das sich im Wind bewegte und dabei nicht nur mit dem rasenden Tempo des Zuges mithielt, der mit ann�hernd zweihundert Stundenkilometern durch die Nacht scho�, sondern im Gegenteil allm�hlich n�her zu kommen begann. Hinter ihm und rechts und links von ihm glommen pl�tzlich zahllose winzige Funken in der Dunkelheit auf. Hunderte von ruhig brennenden gelben Kerzen, die ovale H�fe von mildem Licht um sich verbreiteten.</p><p>Es war ein Kleid. Die Kerzen waren real und die Schatten davor die eines Dutzends im Kreis sitzender Gestalten, die sich an den H�nden ergriffen hatten und im Takt einer unh�rbaren Musik wiegten. Mark prallte entsetzt zur�ck und stie� gegen seine Tasse. Sie fiel um und tr�nkte die Tischdecke mit dem Rest Kaffee, der noch darin gewesen war, aber das registrierte er ebensowenig wie das Stirnrunzeln des ver�rgerten Kellners. Sein Blick irrte immer unsteter �ber die leeren Tische auf der anderen Seite des Ganges. Er war noch immer der einzige Gast. Au�er ihm und dem Ober war niemand hier, und trotzdem sah er jetzt ganz deutlich das Spiegelbild von f�nf, sechs, sieben Personen in der schwarzen Scheibe. Ein Spiegelbild ohne Original, das nicht sein konnte und trotzdem immer realer wurde, bis die Wirklichkeit verbla�te und der Traum ihre Stelle einnahm. Die Fensterscheibe war jetzt kein Spiegel mehr, sondern ein Tor in eine andere, verbotene Welt, deren Abgesandte sich auf dem Weg zu ihm befanden.</p><p>�Na, was ist denn da los? Haben wir Probleme?�</p><p>Wenn dies ein Traum war, wie konnte er dann die Stimme des Kellners h�ren? Aber er konnte nicht darauf reagieren. Gel�hmt vor Schrecken, starrte er die Gestalt in dem wei�en Kleid an, die Gestalt ohne Gesicht, die den Kreis betreten hatte und langsam n�her kam. Ihre F��e ber�hrten den Boden nicht, aber ihre H�nde waren nach ihm ausgestreckt. Es waren schlanke, sehr schmale H�nde. Die H�nde eines M�dchens oder einer jungen Frau, die so zerbrechlich wie Puppenglieder wirkten und von denen er trotzdem wu�te, welch enorme Kraft sie hatten. Eine t�dliche, m�rderische Kraft, die nur auf ein einziges Ziel gerichtet war.</p><p>�He, Freundchen - was ist los mit dir?�</p><p>Er h�rte, wie der Kellner n�her kam. Seine Stimme klang jetzt ziemlich ver�rgert, und Mark flehte, da� er es auch wirklich war, da� er sich beeilte und ihn erreichte, ehe sie es tat, ehe diese schrecklichen H�nde ihn ber�hren konnten. Die Gestalt ohne Gesicht war jetzt ganz nah, nur noch durch das Glas der Fensterscheibe von ihm getrennt, ihre H�nde n�herten sich ihm, ber�hrten das Glas und glitten hindurch, ohne da� es einen sichtbaren Widerstand gab, tauchten hinein wie in transparentes Quecksilber, kleine, runde, sich kreuzende Wellenkreise erzeugend, doch was auf seiner Seite wieder aus dem Glas auftauchte, das waren keine wei�en Porzellanfinger mehr, sondern schuppige Teufelsklauen. Grobe Pranken mit einer Haut aus gr�nem Stahl und Krallen, die wie gezackte Rasierklingen blitzten und sich gierig nach seiner Kehle ausstreckten ...</p><p>Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter, und die Ber�hrung lie� die Illusion zerplatzen. Und das im wortw�rtlichen Sinne: Das Bild auf dem Glas vor ihm zerbrach in Tausende von Splittern, die lautlos in alle Richtungen davonflogen. Die t�dlichen Krallen zerbarsten und l�sten sich auf. Das Fenster war wieder ein Fenster, hinter dem die n�chtliche Landschaft vor�berrollte.</p><p>Mark sah hoch und blickte in ein breitfl�chiges, m�des Gesicht, dessen Augen vor kaum noch verhohlener Wut funkelten. Aber nur f�r einen Sekundenbruchteil. Was immer der Kellner in seinem Gesicht sah, es lie� aus dem �rger in seinem Blick Erschrecken und gleich darauf Best�rzung werden. Hastig nahm er die Hand von Marks Schulter.</p><p>�Ist alles in Ordnung?� fragte er.</p><p>Mark h�tte ihn vor Erleichterung umarmen k�nnen. Sein Herz h�mmerte, er zitterte am ganzen Leib und sp�rte erst jetzt, da� ihm lauwarmer Kaffee auf den Scho� tropfte, und trotzdem f�hlte er sich so erleichtert wie niemals zuvor. Es war nur ein Traum gewesen, aber Mark war nicht sicher, ob es auch so geblieben w�re, h�tten diese furchtbaren H�nde ihn ber�hrt.</p><p>�Schon gut�, sagte er. �Ich war... ein bi�chen ungeschickt. Tut mir leid wegen der Decke.� Irgend etwas kratzte an der Scheibe hinter ihm, wahrscheinlich nur ein Regentropfen, aber vielleicht auch stahlharte Fingern�gel, die �ber das Glas scharrten. Mark wagte es nicht, hinter sich zu blicken, aber er sah aufmerksam ins Gesicht des Kellners und suchte nach einer Spur von Erschrecken, einem Stirnrunzeln, irgendeinem Hinweis darauf, da� auch er da drau�en irgend etwas Ungew�hnliches entdeckt hatte. Nichts...</p><p>�F�hlen Sie sich nicht wohl? Sie sehen krank aus.�</p><p>Von <emphasis>Freundchen </emphasis>waren sie nun wieder beim h�flichen Sie angelangt - immerhin eine gewisse Verbesserung, dachte Mark. Er sch�ttelte ein wenig zu heftig den Kopf, um �berzeugend zu wirken, und zuckte praktisch in der gleichen Bewegung mit den Schultern. �Nicht besonders�, gestand er. �Ich bin ein bi�chen �berm�det, sch�tze ich.�</p><p>�Dann sollten Sie ein paar Stunden schlafen�, sagte der Kellner. Er begann mit seinem Handtuch die Kaffeepf�tze wegzutupfen, die sich auf der Tischdecke vor Mark gebildet hatte, und stellte gleichzeitig die Tasse wieder auf. �Fahren Sie durch bis zum Ende?�</p><p>�Bis Berlin, ja.�</p><p>�Suchen Sie sich ein freies Abteil und legen Sie sich lang�, fuhr der Kellner fort. �Sind genug da. Der Zug ist fast leer. Und wenn Sie verschlafen, dann weckt Sie ja sp�testens die Putzkolonne wieder auf.�</p><p>Vermutlich war das scherzhaft gemeint, aber Mark war nicht nach Lachen zumute. Er sch�ttelte den Kopf. �Ich m�chte nicht schlafen. Lieber h�tte ich noch einen Kaffee, um wach zu bleiben.�</p><p>�Dann lieber einen Mokka, w�rde ich vorschlagen, einen doppelten. Ist noch ein weiter Weg bis Berlin.�</p><p>�Das f�rchte ich auch�, murmelte Mark. Er hob den Arm und streifte den �rmel des Parkas zur�ck, wobei er es sorgsam vermied, auch nur in die ungef�hre Richtung des Fensters zu blicken. Es war noch nicht einmal eine halbe Stunde vergangen. Die Uhrzeiger schienen festgeklebt zu sein, und vor ihm lagen noch eine Menge halber Stunden.</p><p>�Azrael...� murmelte er.</p></section><section><title><p>5. Kapitel</p></title><p>Die Wohnung war ein Alptraum. Die vorherrschende Farbe war Schwarz - angefangen von den Jalousien vor den Fenstern �ber den Teppichboden, die W�nde, T�rrahmen und das sp�rliche Mobiliar. Bis hin zur Decke hatte sich jemand gro�e M�he gegeben, jede Farbe aus diesem Raum zu l�schen. Es gab nur sehr wenige M�bel: ein einfaches, nat�rlich schwarzgestrichenes Holzregal, das eine Stereoanlage und einen Fernseher enthielt, einen Couchtisch und ein paar St�hle und anstelle eines Bettes einen gro�formatigen - schwarzen - Futon. Das fast vollst�ndige Fehlen einer Einrichtung bedeutete jedoch nicht, da� die Wohnung <emphasis>leer </emphasis>war. Ganz im Gegenteil herrschte in dem gro�en Apartment ein unbeschreibliches Durcheinander. Auf dem Fu�boden lag eine fast wadenhohe Schicht aus Kleidungsst�cken, B�chern, Papierfetzen, Plastikt�ten, aufgerissenen Kartons und Kissen, Hunderten von leeren Zigarettenschachteln und Zeitschriften, vollen Aschenbechern und Bierdosen, McDonalds-Kartons, Kerzenstummeln und Prospekten ... Eine M�llkippe war nichts dagegen. Trotz der offenstehenden Balkont�r stank es erb�rmlich. Bremer mu�te immer schneller schlucken, um den schon wieder aufkommenden Brechreiz zu unterdr�cken. Was hatte er dem Schicksal eigentlich angetan, da� es ihm heute so �bel mitspielte?</p><p>�Mein Gott�, murmelte er. �Das ist ja unvorstellbar. Wie kann ein Mensch so leben?�</p><p>Er trat einen weiteren Schritt hinter Sendig in den Raum hinein und stie� dabei mit dem Fu� gegen eine Papiert�te, die umfiel und ihren Inhalt �ber den Boden verteilte: ein halbes Dutzend leerer Bierdosen und Plastiksch�lchen mit Essensresten, die schon Schimmel angesetzt hatten. Bremer verzog angeekelt das Gesicht. Wahrscheinlich wimmelte es hier von Ungeziefer und Krankheitserregern. Der Gestank war so schlimm, da� er eigentlich noch drei Etagen tiefer zu sp�ren sein mu�te. Es war ihm ein R�tsel, da� sich die anderen Mieter des Hauses nicht l�ngst dar�ber beschwert harten.</p><p>�R�hren Sie nichts an�, sagte Sendig. �Rufen Sie das Pr�sidium. Die Spurensicherung soll herkommen. Und schlie�en Sie die T�r�, f�gte er nach kurzem Z�gern hinzu. �Das hier mu� niemand sehen.�</p><p>Dazu war es ein bi�chen zu sp�t. Unter der T�r standen mittlerweile nicht nur der rothaarige Polizist und der Schlosser und starrten aus ungl�ubig aufgerissenen Augen zu ihnen herein, auch Schraiber mit �ai� war zur�ckgekehrt, und er sah aus, als tr�fe ihn jeden Moment der Schlag.</p><p>�Aber das... das... das ist ja unfa�bar�, stammelte er. �Eine solche Schweinerei hab' ich ja noch nie gesehen! Das... das mu� ich sofort der Hausverwaltung melden!�</p><p>�Tun Sie das�, sagte Sendig. �Am besten von einem M�nzfernsprecher am Hauptbahnhof aus.� Er wiederholte seine Aufforderung, die T�r zu schlie�en, mit einer ungeduldigen Geste und sch�ttelte den Kopf, als Bremer ihr endlich nachkam.</p><p>�Idiot�, murmelte Sendig. Er war in der Mitte des �berraschend gro�en Raumes stehengeblieben und sah sich noch immer unentwegt kopfsch�ttelnd um. Er sagte nichts mehr, aber es fiel ihm offenbar ebenso schwer wie Bremer, wirklich zu glauben, was er sah.</p><p>Bremer erinnerte sich endlich an den Rest des Befehles, den Sendig ihm erteilt hatte, und hatte es pl�tzlich sehr eilig, sein Funkger�t einzuschalten und die Zentrale anzurufen. W�hrend er es tat, bewegte sich Sendig raschelnd durch den Raum und verschwand hinter einer der beiden anderen T�ren, die es gab. Bremer erledigte seinen Anruf und folgte ihm. Es war nicht unbedingt so, da� er Sendigs Gesellschaft �berm��ig sch�tzte - aber allein in dieser unheimlichen Wohnung zu bleiben, gefiel ihm noch sehr viel weniger.</p><p>Die T�r f�hrte in ein gro�z�gig bemessenes Bad, das neben Toilette und Badewanne eine zus�tzliche Duschkabine und ein Bidet enthielt. Und alles war mit einer dicken Schicht schwarzer �lfarbe �berzogen. Auf den glasierten Fliesen und dem Porzellan haftete die Farbe nicht gut, weshalb L�bach mehrere Schichten �bereinander aufgetragen hatte, bis sie so rauh und uneben wie gl�nzender Teer geworden waren. Es gab sogar ein Fenster, das Bremer aber erst beim zweiten Hinsehen �berhaupt bemerkte. Scheibe und Rahmen waren so dick mit schwarzer Farbe bekleistert, da� sie mit der Wand zu verschmelzen schienen. Es war auch nicht sehr hell. In den Deckenpaneelen befanden sich die gleichen, einen Sternenhimmel simulierenden Halogenl�mpchen wie im Wohnzimmer, aber die meisten Birnen waren herausgezogen, so da� der Raum nur aus einem Konglomerat schwarzer Schatten mit verschwimmenden Kanten bestand.</p><p>�Unheimlich�, murmelte Sendig. �Ich frage mich, was in einem solchen Menschen vorgehen mu�.�</p><p>Er machte einen weiteren Schritt in den Raum hinein, und die Dunkelheit und das allgegenw�rtige Schwarz verliehen der Bewegung eine sonderbare Tiefe. Es war, dachte Bremer, als mache er zugleich einen Schritt in eine bizarre, fehlfarbene Welt mit verschobenen Dimensionen.</p><p>�Wahrscheinlich werden wir das nie erfahren.� Sendig beantwortete seine Frage selbst, als Bremer es nicht tat. �Aber vielleicht mu� man den Verstand verlieren, in einer solchen Umgebung.�</p><p>�Er hat sich selbst so eingerichtet�, gab Bremer zu bedenken.</p><p>�Ja, das hat er wohl.� Sendig drehte sich einmal um seine Achse und trat schlie�lich an den Spiegelschrank �ber dem Waschbecken heran. L�bach hatte s�mtliche Plastikteile und zwei der drei T�ren geschw�rzt; nur ungef�hr ein Drittel des mittleren Spiegels war seiner Malwut entgangen. Sendig betrachtete ihn einen Moment nachdenklich, dann hob er die Hand und �ffnete den Schrank, wobei er nur den Nagel des kleinen Fingers benutzte. Vorsichtig, dachte Bremer, aber ziemlich �berfl�ssig. Welchen Beweis brauchte er nach dem Anblick <emphasis>dieser </emphasis>Wohnung eigentlich noch, da� L�bach einen Ri� in der Sch�ssel gehabt hatte, der so breit war wie der Grand Canyon?</p><p>Der Schrank war fast leer: ein schmutziges Glas, eine noch in Cellophan eingepackte Zahnb�rste und ein halb aufgebrauchtes R�hrchen Thomapyrin. L�bach hatte vers�umt, auch das Innere des Schrankes schwarz anzumalen, und auf dem wei�en Kunststoff war eine mehrere Millimeter dicke Staubschicht zu erkennen. Es mu�te Monate her sein, da� dieser Schrank das letzte Mal ge�ffnet worden war.</p><p>Sendig musterte das Innere des Schr�nkchens erstaunlich lange und erstaunlich ausgiebig, ehe er das R�hrchen mit Schmerztabletten herausnahm. Er schraubte es auf, sch�ttete s�mtliche Tabletten auf seine Handfl�che und ber�hrte jede einzelne mit der Zungenspitze, als wollte er sich pers�nlich davon �berzeugen, da� sie auch wirklich nichts anderes als ein harmloses Schmerzmittel enthielten. Ebenso sorgf�ltig praktizierte er die Tabletten wieder in das Kunststoffr�hrchen zur�ck und lie� es dann in seiner Manteltasche verschwinden. Bremer blickte fragend, aber Sendig machte sich nicht die M�he, sein sonderbares Verhalten irgendwie zu erkl�ren.</p><p>Er versuchte auch die anderen beiden T�ren zu �ffnen, aber es ging nicht. Sie waren mit Farbe verklebt, dasselbe galt auch f�r den Wasserhahn darunter; ebenso �brigens wie f�r die Dusche und die Armaturen der Badewanne.</p><p>�Scheint, als h�tte er sich auch nicht mehr gewaschen�, sagte Sendig kopfsch�ttelnd. �V�llig plemplem, wenn Sie mich fragen. Ich verstehe das nicht... Sie sagen, den Nachbarn ist nichts an ihm aufgefallen?�</p><p>�Nichts Besonderes�, antwortete Bremer. �Au�er eben, da� er ein ziemlicher Eigenbr�tler war.�</p><p><emphasis>�Paranoid </emphasis>trifft die Sache wohl eher�, sagte Sendig. �Sehen Sie sich nur diese T�r drau�en an. Was ich nur nicht verstehe, ist... das hier.� Er lie� seine H�nde in einer flatternden Bewegung kreisen. �Ich meine, da�... da� sich jemand bedroht f�hlt, kommt vor. Aber warum verwandelt er seine eigene Wohnung in eine Gruft?� Er seufzte. �Sehen wir uns den Rest an. Und versuchen Sie, irgendwo Licht aufzutreiben. Ich komme mir allm�hlich vor wie lebendig begraben.�</p><p>Sie verlie�en das, was einmal ein Badezimmer gewesen war, und Bremer durchsuchte das Apartment nach einem weiteren Lichtschalter oder einer Lampe, ohne allerdings f�ndig zu werden. Wie im Bad waren die meisten Birnchen aus der Decke herausgezogen worden. Er fand auf dem nur sp�rlich best�ckten B�cherregal hinter dem Fernseher zwar eine Leselampe, die allerdings nicht mehr funktionst�chtig war: L�bach hatte sich nicht die M�he gemacht, die Birne herauszuschrauben. Er hatte sie kurzerhand �bermalt.</p><p>Nur aus Neugier versuchte Bremer, die Titel der wenigen B�cher zu entziffern. Soweit er es in dem kaum vorhandenen Licht erkennen konnte, handelte es sich ausnahmslos um B�cher, die sich mit religi�sen oder esoterischen Themen befa�ten. Die Titel der wenigen CDs, die er fand, pa�ten dazu. Es war schwere, zum gr��ten Teil schwerm�tige Klassik: Wagner, Mussorgski, Grieg. Er h�rte ein Ger�usch, und als er aufsah, glaubte er eine Bewegung aus den Augenwinkeln heraus zu bemerken. Ein Schatten, der sich - drau�en auf dem Balkon? - bewegte. Aber noch bevor er sich ganz herumdrehen konnte, h�rte er Sendigs Stimme, die hinter der T�r auf der anderen Seite des Raumes erklang.</p><p>�Bremer! Kommen Sie her!�</p><p>Er hatte nicht einmal sehr laut gesprochen, aber das war auch nicht n�tig. In seiner Stimme war etwas, das Bremer alarmierte. Er verga� augenblicklich den Schatten, den er sich wahrscheinlich sowieso nur eingebildet hatte. So rasch er gerade noch konnte, ohne zu rennen, folgte er Sendig - und prallte erschrocken unter der T�r zur�ck.</p><p>Sendig stand in einer kleinen, aber komplett eingerichteten K�che, die sich nicht nur in ebenso verwahrlostem Zustand befand wie der Rest des Apartments, sondern ebenfalls komplett schwarz angemalt worden war. Angefangen von den M�beln bis hin zu den Fliesen �ber der Arbeitsplatte. Das einzige, was nicht schwarz war, waren die Kochplatten - und die krakeligen, zwanzig Zentimeter gro�en Druckbuchstaben, die jemand in stumpfem Rot an die Wand neben der T�r gemalt hatte.</p><p>�O verdammt!� murmelte er. �Was ist <emphasis>das?� </emphasis>Er wollte n�hertreten, doch Sendig hob rasch die Hand und hielt ihn zur�ck.</p><p>�R�hren Sie nichts an�, sagte er. �Wir warten auf die Spurensicherung.�</p><p>Bremer fand diese Bemerkung ebenso �berfl�ssig wie die von vorhin. Er hatte nicht vorgehabt, irgend etwas anzur�hren, schlie�lich war er lange genug Polizist. Aber er schluckte seinen �rger herunter und beugte sich statt dessen nur zur Seite, um an Sendig vorbei einen genaueren Blick auf die Schrift an der Wand zu werfen.</p><p>�Das... das ist Blut�, murmelte Sendig. Ungeachtet dessen, was er selbst gerade zweimal gesagt hatte, hob er die Hand und tastete mit den Fingerspitzen �ber die Schrift. Sie hinterlie�en kleine, runde Flecken in den verschmierten Buchstaben, in denen man bei genauerem Hinsehen sogar noch seine Fingerabdr�cke erkennen konnte, und Bremer hatte das absurde Gef�hl, da� er dadurch irgendwie zum Mitt�ter wurde. Er rieb die Finger aneinander, roch daran und verzog angeekelt das Gesicht, ehe er noch einmal und mit gr��erem Nachdruck sagte: �Das ist Blut!�</p><p>Bremer k�mpfte tapfer weiter gegen das flaue Gef�hl, das von seinem Magen Besitz ergriffen hatte und seine Kehle hinaufzukriechen versuchte, und zwang sich, die Schrift genauer zu betrachten. Die Buchstaben waren verschmiert und offensichtlich mit zitternden Fingern geschrieben, so da� er sie kaum identifizieren konnte.</p><p>�A... Z... R... A... E... L�, buchstabierte Sendig. �Azrael. Was bedeutet das?�</p><p>Bremer konnte nur mit den Schultern zucken. �Ich wei� es nicht�, sagte er. �Aber...�</p><p>Sendig sah ihn fragend an. �Aber?�</p><p>�Ich bin nicht sicher�, antwortete Bremer, �aber der Tote - L�bach... Auf seiner Brust waren Schnittwunden. Der Arzt hat mich darauf aufmerksam gemacht. Es sah fast aus, als h�tte er versucht, sich etwas in die Brust zu ritzen. Ich konnte es nicht entziffern, aber es k�nnte dasselbe Wort gewesen sein.�</p><p>�Azrael...� Sendig wandte seine Aufmerksamkeit wieder den blutigen Buchstaben auf der Wand zu und sch�ttelte abermals den Kopf, �Irgendwoher kenne ich dieses Wort. Ich wei� nicht mehr genau, woher, aber ich habe es schon einmal geh�rt.�</p><p>Bremer erging es �brigens ebenso. Aber auch er konnte nicht sagen, wieso ihm dieser Begriff bekannt vorkam. Er <emphasis>wollte </emphasis>auch nicht dar�ber nachdenken. Er f�hlte sich... wie erschlagen. Bisher war alles, was sie gefunden hatten, bizarr und vielleicht ein bi�chen unheimlich gewesen, aber ihre grausige Entdeckung r�ckte die ganze Geschichte in ein vielleicht nicht neues, aber doch anderes Licht. Sie gab dem Entsetzen �ber L�bachs Tat eine Tiefe, die es bisher trotz allem nicht gehabt hatte. Ganz pl�tzlich und nur f�r ein paar Sekunden, in dieser Zeit aber sehr intensiv, ha�te er L�bach. Er hatte diesen Mann nicht einmal gekannt, und er verdiente wohl sehr viel eher sein Mitleid als seinen Zorn, aber er hatte ihn gezwungen, sich einer Facette der menschlichen Psyche zu stellen, die er in <emphasis>dieser </emphasis>Auspr�gung bisher weder gekannt hatte, noch jemals hatte kennenlernen wollen. Und daf�r ha�te er ihn. Dann wurde ihm klar, wie ungerecht dieses Gef�hl war, und sein schlechtes Gewissen nahm die Stelle des Hasses ein, allerdings war es auch nicht viel leichter zu ertragen.</p><p>Vielleicht half ja Normalit�t, um dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Mit einer bewu�ten Anstrengung l�ste er seinen Blick von der Blutschrift an der Wand und sah sich aufmerksam in der kleinen K�che um. Er wurde fast sofort f�ndig. W�re er nicht so schockiert gewesen, dann h�tte er es wohl noch viel eher bemerkt.</p><p>�Dort!� Bremer deutete auf ein blutiges Steakmesser, das auf der Arbeitsplatte lag. Eine d�nne rote Spur f�hrte von dort aus zur Wand unter der Schrift und in der anderen Richtung hinaus ins Wohnzimmer. �Damit hat er es wohl getan.�</p><p>�Wahrscheinlich. Und er war sogar ordentlich genug, das Messer wieder zur�ckzulegen, ehe er hinausgegangen ist, um sich vom Balkon zu st�rzen.� Sendig zog eine Grimasse. �V�llig verr�ckt. Das ist wohl eher ein Fall f�r die Psychiater als f�r uns.�</p><p><emphasis>Und was tust du dann hier? </emphasis>dachte Bremer. Er h�tete sich, das laut auszusprechen, aber es mu�te entweder deutlich in seinem Gesicht geschrieben stehen, oder Sendig hatte begriffen, welche Frage er mit seinen Worten implizierte, denn er fuhr nach einem kurzen Moment unaufgefordert fort: �Ich kannte L�bach, wissen Sie. Ich hatte schon einmal mit ihm zu tun, wenn auch nur indirekt. Sie �brigens auch.�</p><p>�Ich?�</p><p>Sendig nickte. �Sillmann�, sagte er. �Na, klingelt's jetzt? Die Geschichte vor sechs Jahren, in die er verwickelt war. Erinnern Sie sich?�</p><p>Ob er sich <emphasis>erinnerte? </emphasis>dachte Bremer. Sollte das ein Witz sein? Niemand, der auch nur am Rande mit dieser <emphasis>Geschichte,</emphasis> wie Sendig es genannt hatte, in Ber�hrung gekommen war, w�rde sie jemals wieder vergessen. Es hatte ein paar Tote zuviel gegeben, und ein paar Antworten zuwenig. Au�erdem hatte er damals Sendig kennengelernt.</p><p>�Ich erinnere mich�, sagte er. �Aber was -�</p><p>�L�bach arbeitet als Chemiker f�r die Sillmann-Werke�, fiel ihm Sendig ins Wort. �Wenigstens hat er das getan. Wenn ich mich allerdings hier so umsehe, frage ich mich, ob er �berhaupt noch irgendwo arbeitete.�</p><p>�Die Leute hier im Haus sagen, da� er viel auf Reisen gewesen ist und offenbar Geld hatte.� Bremer warf einen �bertrieben stirnrunzelnden Blick in die Runde. �Auch wenn es hier nicht so aussieht.�</p><p>�Ziehen Sie keine voreiligen Schl�sse�, sagte Sendig. �Ich kenne die Gegend hier. Dieses Apartment d�rfte im Monat mehr Miete kosten, als Sie verdienen.�</p><p>�Kein Wunder, da� nichts mehr f�r eine Putzfrau �brigblieb.�</p><p>Sendig lachte, aber es wirkte nicht besonders am�siert. Vielleicht lag das auch an ihrer Umgebung. L�bach hatte sich mit Erfolg M�he gegeben, diese Wohnung in einen Ort zu verwandeln, an dem jede �u�erung menschlichen Lebens - und ein Lachen vor allem - deplaciert wirkte. Der Laut durchbrach die Dunkelheit nicht, die sie umgab, sondern schien sie im Gegenteil zu betonen, und er lie� etwas wie einen schlechten Nachgeschmack zur�ck.</p><p>Sendig r�usperte sich gek�nstelt und wandte sich wieder der verschmierten Schrift an der Wand zu. �Azrael�, murmelte er zum dritten Mal. �Wenn ich nur w��te, woher ich dieses Wort kenne. Er hat es sich in die Brust geritzt, sagen Sie?�</p><p>Konkret <emphasis>gesagt </emphasis>hatte Bremer das nicht, aber es war vielleicht nicht der passende Moment f�r Haarspaltereien. �Es sah so �hnlich aus�, sagte er vorsichtig. �Aber ehrlich gesagt, habe ich nicht sehr genau hingesehen. Er bot... keinen besonders sch�nen Anblick.�</p><p>�Es ist ein ziemlich langer Sturz nach unten.� Sendig war an diesem Abend ungew�hnlich vers�hnlicher Stimmung; normalerweise w�re Bremers Eingest�ndnis ein guter Grund f�r einen Verweis gewesen und einen Vortrag dar�ber, da� Polizeibeamte keine R�cksicht auf ihre pers�nlichen Gef�hle zu nehmen hatten und sie gef�lligst bei Dienstantritt zusammen mit ihrer Zivilkleidung in den Spind h�ngen sollten. Aber vermutlich lie� etwas wie das hier nicht einmal ihn vollst�ndig kalt. Wahrscheinlich ging Bremer auch mit sich selbst zu hart ins Gericht. Er h�tte wohl eher Anla� gehabt, sich Sorgen zu machen, wenn er bei diesem Anblick <emphasis>nicht </emphasis>ins Schleudern gekommen w�re.</p><p>Sendig zog pl�tzlich mit einem �bertriebenen Schn�ffeln die Luft durch die Nase ein, und als reiche ihm diese Imitation eines witternden Polizeihundes noch nicht, legte er auch noch den Kopf schr�g. �Wonach riecht es hier eigentlich?� fragte er.</p><p><emphasis>Nach M�ll, </emphasis>dachte Bremer. Aber das war es nicht, was Sendig gemeint hatte. Er hatte Bremer mit seiner Frage erst darauf aufmerksam machen m�ssen, aber nun, als er es einmal getan hatte, fiel es auch ihm auf: Unter dem s��lichen Abfallgeruch war noch etwas, ein Aroma, das l�ngst nicht so aufdringlich und nicht einmal ann�hernd so stark wie der Verwesungsgestank war, trotzdem aber irgendwie seinen Platz behauptete. Und das er nicht nur kannte, sondern jetzt endlich auch <emphasis>erkannte.</emphasis></p><p>�Marzipan!� Sendig sprach es eine halbe Sekunde schneller aus, als Bremer es tun konnte. �Es riecht nach Marzipan.�</p><p>Bremer konnte nur wortlos nicken und die Lippen aufeinanderpressen. In Verbindung mit dem M�llkippengeruch, der die Wohnung erf�llte, war allein der Gedanke an etwas E�bares ekelhaft.</p><p>Was aber nichts daran �nderte, da� Sendig recht hatte - es <emphasis>war </emphasis>Marzipangeruch, der jetzt, wo sie ihn einmal identifiziert hatten, mit jedem Moment st�rker zu werden schien. Und da war noch etwas: Bremer erkannte den Marzipangeruch jetzt nicht nur wieder, weil es Marzipangeruch war und man Marzipangeruch eben kannte - er hatte ihn vor ein paar Minuten erst in fast gleicher Intensit�t wahrgenommen und nur nicht richtig einordnen k�nnen. Unten, auf der Stra�e.</p><p>�L�bach!� sagte er.</p><p>Sendig starrte ihn an. �L�bach?�</p><p>�Er hat ganz genauso gerochen�, antwortete Bremer. �Ich habe es nicht erkannt, aber jetzt... Er hat so sehr nach dem Zeug gestunken, als h�tte er darin gebadet.�</p><p>Sendig �berlegte einige Sekunden, ehe er mit den Schultern zuckte und in bewu�t beil�ufigem Ton sagte: �Vielleicht hat er es ja, aber bestimmt nicht in der lackierten Badewanne dahinten.�</p><p>Bremer verzichtete diesmal darauf, so zu tun, als w�rde er �ber den Scherz lachen. Statt dessen sah er sich aufmerksam in dem kubischen Schwarzen Loch um, in das L�bach die K�che verwandelt hatte. Auch hier stapelten sich Abf�lle und aufgeplatzte T�ten mit verschimmelten Lebensmittelresten gut kn�chelhoch, aber die Arbeitsfl�che und die Sp�le waren leer, abgesehen von dem Steakmesser und der roten Tropfenspur, die es hinterlassen hatte.</p><p>Sendig �ffnete der Reihe nach und auf die gleiche, �bervorsichtige Art wie im Bad s�mtliche T�ren oder versuchte es zumindest. Die meisten waren allerdings ebenso verklebt wie die des Spiegelschrankes. Irgend jemand h�tte L�bach vielleicht sagen sollen, da� es kaum einen zuverl�ssigeren Kleber gab als frischen Lack.</p><p>Die wenigen T�ren, die sich �berhaupt �ffnen lie�en, waren eine Entt�uschung. Sie fanden ein halbes Dutzend Teller, einige Tassen und zwei Gl�ser, alles seit Monaten nicht mehr benutzt, und zwei Dosen H�hnersuppe mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum.</p><p>�Viel gegessen scheint er hier in letzter Zeit nicht zu haben�, sagte Bremer. �Ich frage mich, wie jemand nach au�en hin einen ganz normalen Schein wahren, aber in Wirklichkeit so leben kann.�</p><p>�So <emphasis>ganz normal </emphasis>war sein Leben nun auch wieder nicht.� Sendig rieb Daumen und Zeigefinger gegeneinander und roch daran. �Die Farbe ist noch nicht sehr alt. Allerh�chstens zwei, drei Tage, sch�tze ich. Es w�rde mich nicht wundern, wenn das Labor herausfindet, da� er diese ganze Verw�stung hier erst in den letzten Tagen angerichtet hat.�</p><p>Er lie� sich in die Hocke sinken und �ffnete die K�hlschrankt�r. Auf den drei gl�sernen Borden lagen ein paar vergammelte Lebensmittel - und eine Anzahl kleiner, durchsichtiger Plastikbeutel, die eine k�rnige wei�e Substanz enthielten. Der Marzipangeruch entstr�mte eindeutig einem dieser Beutel, der aufgeschnitten und nicht besonders sorgf�ltig verschlossen worden war.</p><p>�Was ist das?� Bremer lie� sich neben Sendig in die Hocke sinken und verhielt sich, nicht zum ersten Mal an diesem Abend, nicht besonders professionell, denn er wollte die Hand nach einem der Beutel ausstrecken, aber Sendig hielt ihn zur�ck.</p><p>�Um Gottes willen, nicht anr�hren!� sagte Sendig - nein, er <emphasis>keuchte es. </emphasis>Seine Finger umschlossen Bremers Handgelenk so fest, da� es weh tat. Schon im n�chsten Moment hatte er sich wieder unter Kontrolle; er lie� Bremers Arm los und l�chelte nerv�s.</p><p>�Tut mir leid�, sagte er.</p><p>�Aber was ist denn los?� fragte Bremer. Er rieb sich gedankenverloren das Handgelenk. Sendig hatte mit aller Gewalt zugegriffen. Er konnte jeden einzelnen seiner Finger noch immer auf der Haut sp�ren. �Was ist das f�r ein Zeug?�</p><p>�Woher soll ich das wissen?� fragte Sendig mit einer Stimme, in der schon wieder eine deutliche Spur der gewohnten Unfreundlichkeit mitschwang. �Ich wollte nicht, da� Sie es anfassen, das ist alles. Haben Sie Handschuhe dabei?�</p><p>Bremer zog ein Paar zusammengerollter Einmalhandschuhe aus der Jackentasche und reichte Sendig unaufgefordert noch eine Plastikt�te mit Clipverschlu�. Sendig praktizierte die kleinen Kunststoffbeutelchen so vorsichtig hinein, da� er seiner Behauptung, nichts �ber ihren Inhalt zu wissen, damit auch noch den letzten Rest von Glaubw�rdigkeit nahm. Er verschlo� die T�te pedantisch, verstaute sie in der Manteltasche und schob die K�hlschrankt�r zu, ehe er aufstand.</p><p>�Aber Sie wissen nicht, was das f�r ein Zeug ist, wie?� fragte Bremer sp�ttisch. Sowohl die Frage als auch erst recht der Ton, in dem er sie stellte, w�ren unter normalen Umst�nden eine glatte Unversch�mtheit gewesen. Aber das hier <emphasis>war</emphasis> nun einmal nicht normal - und Sendig war entweder viel zu perplex �ber seinen unerh�rten Ton oder selbst zu schockiert, um entsprechend darauf zu reagieren. Er sah Bremer nur einen Moment nachdenklich an, dann sagte er k�hl: �Nein, ich wei� tats�chlich nicht, um welche Substanz es sich handelt, Herr Polizeiobermeister. Ich halte es nur f�r prinzipiell angeraten, vorsichtig zu sein.�</p><p>�Bitte entschuldigen Sie�, sagte Bremer, �ich wollte nicht -�</p><p>Sendig winkte ab. �Schon gut. Wir sind wohl beide ein bi�chen nerv�s, sch�tze ich. Das beste wird sein, wir bringen das Zeug morgen fr�h ins Labor und �berlassen es denen, sich den Kopf dar�ber zu zerbrechen, die daf�r bezahlt werden.�</p><p>Bremer sagte nichts mehr. Er gestattete sich nicht einmal, sich zu �rgern. Er war hier mit <emphasis>Sendig </emphasis>zusammen, der wohl nicht ganz umsonst einen gewissen Ruf besa�. Was hatte er erwartet?</p></section><section><title><p>6. Kapitel</p></title><p>Er war schlie�lich doch noch eingenickt und wurde erst wach, als der Zug die Endstation erreichte. Seine vielleicht etwas vorschnell gefa�te Meinung �ber den Kellner revidierte er in Form eines Zehnmarkscheines, den er als Trinkgeld neben seiner Tasse zur�cklie�; immerhin hatte der Mann ihn schlafen lassen, obwohl dies der Speisewagen und er gerade zur Fr�hst�ckszeit sicher knapp an Pl�tzen war. Und das war ganz und gar nicht selbstverst�ndlich.</p><p>Marks Traum war nicht wiedergekommen, was ihn einigerma�en beruhigte. Es war wohl doch nur ein Traum gewesen, ein ganz besonders scheu�licher Traum vielleicht, aber trotzdem nicht mehr. Was erwartete er nach einer Nacht wie der, die hinter ihm lag? Stre�, Aufregung, Furcht, dazu kam, da� er seit ann�hernd vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hatte, so da� sein Blutzuckerspiegel gegen Null tendieren mu�te... Er hatte sich ja geradezu darauf programmiert, Alptr�ume zu haben!</p><p>Mark verlie� als einer der letzten Fahrg�ste den Zug und eilte zu den Taxist�nden vor dem Bahnhof. Es gab noch einmal eine kurze peinliche Erinnerung an die vergangene Nacht, als er die Frau aus seinem Abteil wiedersah, die behauptet hatte, bei der n�chsten Station aussteigen zu m�ssen. Aber Mark war diplomatisch genug, so zu tun, als erkenne er sie nicht, und sie verlegen genug, das Spiel mitzuspielen und hastig in einem Taxi zu verschwinden. Mark wartete, bis es abgefahren war, ehe er selbst einen zweiten Wagen herbeiwinkte und auf dem Beifahrersitz Platz nahm, sehr zur Verstimmung des Fahrers �brigens, der mit demonstrativ zur Schau getragenem Unmut ein Sammelsurium aus Zeitungen, Papieren, Zigarettenschachteln und einem zerlesenen Stadtplan nach hinten schaufelte, damit er sich setzen konnte.</p><p>�Wo soll's hingehen?�</p><p>Mark fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger �ber die Augen und versuchte einen Moment lang vergeblich, ein G�hnen zu unterdr�cken, ehe er seine Adresse nannte - eigentlich aus einem reinen Reflex heraus, nicht weil er wirklich nach Hause <emphasis>wollte. </emphasis>Er hatte Prein zwar versprochen, es zu tun, aber irgendwie hatte er sich die ganze Nacht hindurch erfolgreich davor gedr�ckt, wirklich dar�ber nachzudenken. Nach Hause... Was hie� das eigentlich? Die Adresse, die er dem Taxifahrer genannt hatte, war es jedenfalls nicht. Es war ein Haus in einer der vornehmeren Gegenden der Stadt, die Adresse, unter der er gemeldet war und wo er auch ein Zimmer hatte und den allergr��ten Teil seines pers�nlichen Besitzes. Aber sein <emphasis>Zuhause </emphasis>war es nicht. Mark versuchte zwar noch eine Weile, sich gegen die Erkenntnis zu wehren, aber es blieb wohl dabei: Das einzig wirkliche <emphasis>Zuhause, </emphasis>das er in den letzten Jahren gehabt hatte, war das Internat.</p><p>�Ich habe es mir �berlegt�, sagte er pl�tzlich. �Fahren Sie raus zum Institut.�</p><p>Der Fahrer warf einen schr�gen Blick auf das Taxameter, das wunderbarerweise bereits einen Fahrpreis von etwa acht Mark anzeigte, obwohl sie gerade erst losgefahren waren, dann auf seinen Fahrgast und fragte: �Was f�r ein Institut?�</p><p>�Das St.-Eleonor-Stift�, antwortete Mark. �Ich wei� nicht, wie die Stra�e hei�t.�</p><p>�Die Klapsm�hle, meinen Sie? Kein Problem. Ist aber ein ziemlich weiter Weg. Das wird nicht ganz billig.�</p><p>Mark seufzte. Er mu�te dringend etwas an seiner Aufmachung �ndern. Allm�hlich wurde es l�stig, jedermann und st�ndig beweisen zu m�ssen, da� er nicht so war, wie er aussah. Mit einer �rgerlichen Bewegung zog er seine Geldb�rse heraus, entnahm ihr einen F�nfziger und reichte ihn dem Fahrer. �Das sollte wohl reichen. Und ich ziehe den Ausdruck <emphasis>Nervenklinik </emphasis>vor.�</p><p>Der Mann strich den Geldschein ein und war klug genug, nichts mehr zu sagen, sondern sich zumindest f�r die n�chsten Minuten ganz darauf zu konzentrieren, den Mercedes durch den einsetzenden Berufsverkehr zu man�vrieren. Die Anzahl der Wagen, die auf der Stra�e waren, �berraschte Mark. Er wu�te, da� die Stadt sich ver�ndert hatte und immer noch ver�nderte, aber die Schnelligkeit dieses Wandels verbl�ffte ihn jedesmal. Sein ruppiges Auftreten hatte daf�r gesorgt, da� der Fahrer nicht mehr versuchte, Kilometer zu schinden, sondern den k�rzesten Weg zu ihrem Ziel einschlug, aber sie kamen trotzdem kaum von der Stelle. Andererseits war er bisher auch noch nie zu dieser Uhrzeit hier angekommen, sondern meistens an einem Samstag- oder Sonntagabend, an dem die Stra�en einen radikal anderen Anblick boten. Vielleicht ver�nderte sich seine Umwelt gar nicht immer schneller, sondern er hatte nur aufgeh�rt, diese Ver�nderungen wahrzunehmen.</p><p>Er sah auf die Uhr. Wenn Prein Wort gehalten hatte, dann wu�te sein Vater noch nicht, da� er in der Stadt war, sondern w�rde es in fr�hestens zwei oder drei Stunden erfahren. Mark h�tte es im Grunde gleich sein k�nnen, aber das war es nicht. Wenn sein Vater wu�te, da� er in der Stadt war, ohne direkt nach Hause zu kommen, dann w�rde er auch wissen, wo er war - und das machte einen gro�en Unterschied. Mark war nicht oft im St.-Eleonor-Stift, aber jedesmal, wenn er es tat, war ihm der Unterschied deutlicher aufgefallen: Irgend etwas war anders, wenn sein Vater wu�te, da� er dort war.</p><p>Der Verkehr nahm ein wenig ab, als sie aus dem Zentrum heraus waren, und schlie�lich fuhren sie auf die Stadtautobahn. Zwanzig Minuten sp�ter bog das Taxi von der Stra�e ab und rollte, langsamer werdend, die Zufahrt des Stifts hinauf, um schlie�lich direkt vor dem Haupteingang zu halten.</p><p>Ein banges Gef�hl begann sich in Mark breitzumachen. Er f�hlte sich nie gut, wenn er hierherkam, das tat niemand. Und es war eine der gro�en Absurdit�ten von Orten wie diesem: Sie dienten dem erkl�rterma�en einzigen Zweck, Menschen zu helfen und Leid zu lindern, und doch riefen sie bei allen, die sie betraten, die genau gegenteiligen Gef�hle wach - n�mlich Unwohlsein und Beklemmung, und nur allzuoft Furcht.</p><p>Aber all dies kannte er. Heute war es anders. Schlimmer. Irgend etwas war hinzugekommen. Vielleicht etwas, das er aus seinem Traum mitgebracht hatte.</p><p>Mark wurde pl�tzlich klar, da� er jetzt schon fast eine geschlagene Minute dasa� und die Treppe vor dem gewaltigen Eichenholzportal anstarrte. Hastig �ffnete er die T�r und schwang die Beine aus dem Wagen, wandte sich aber dann noch einmal an den Fahrer. �Es wird nicht sehr lange dauern - vielleicht eine halbe Stunde. Wenn Sie wollen, k�nnen Sie warten. Ich mu� dann zur�ck in die Stadt.� Er z�gerte einen Moment, dann f�gte er hinzu: �Sie k�nnen die Uhr laufen lassen.�</p><p>�Kein Problem.�</p><p>Mark stieg endg�ltig aus und begann, langsamer als n�tig, die Treppe hinaufzugehen. Sein Blick tastete �ber die durchbrochene Fassade und blieb schlie�lich an den beiden lebensgro�en Engelsfiguren �ber der T�r h�ngen.</p><p>Vielleicht war es das. Er hatte diese Statuen nie besonders gemocht. Ihre barocke Wucht und ihre strengen Gesichter schienen viel mehr dazu angetan, Besucher abzuschrecken, als Vertrauen zu verbreiten. Und heute kam noch etwas dazu: Die beiden Figuren erinnerten ihn an den Engel aus seinem Traum.</p><p>Ein Mann in wei�em Kittel verlie� eilig die Klinik. Mark wollte die sich vor ihm schlie�ende T�r noch erreichen.</p><p>Er war nicht schnell genug. Das Portal schlug zehn Zentimeter vor seinem Gesicht mit einem schweren Laut zu. Er streckte die Hand nach dem Bronzegriff aus, dr�ckte ihn nieder und mu�te sich wie immer ziemlich anstrengen, um die T�r zu �ffnen. Ein weiteres R�tsel, das er niemals l�sen w�rde: Wenn dies ein Krankenhaus war, warum war das Portal dann eigentlich so schwer, da� selbst ein gesunder Mensch seine liebe M�he hatte, es aufzubekommen?</p><p>Mark betrat die Eingangshalle und wandte sich nach rechts, w�hrend die T�r hinter ihm langsam zufiel. Ein vornehmes Schweigen empfing ihn, und wie jedesmal, wenn er hierherkam, wunderte er sich f�r einen kurzen Moment, da� so gar nichts an dieser Halle darauf hinwies, was sich in diesem Geb�ude wirklich verbarg. Es h�tte die Eingangshalle eines Museums sein k�nnen oder eines teuren Hotels, nur eines nicht, eine - wie hatte der Taxifahrer es genannt? - Klapsm�hle. Andererseits konnte man das von einem Etablissement dieser Preisklasse auch erwarten. Sein Vater lie� sich seine Freiheit eine Menge kosten.</p><p>Mark steuerte das einzige an, was die Illusion vielleicht ein bi�chen st�rte, n�mlich den in schlichtem Teakholz gehaltenen Empfangsschalter, hinter dem zwei Computermonitore und eine Schwester in einer bl�tenwei�en Tracht Wache hielten. Da er seit einigen Jahren regelm��ig hierherkam, kannte er einen Gro�teil des Personals. Diese Schwester geh�rte jedoch nicht dazu. Mark sch�tzte, da� sie ein oder zwei Jahre j�nger war als er. Wahrscheinlich arbeitete sie noch nicht lange hier.</p><p>�Guten Morgen�, begr��te sie ihn. �Was kann ich f�r Sie tun?� Ihr Blick glitt rasch und taxierend �ber sein Gesicht und seine Kleidung, aber sie beherrschte sich perfekt. Mark konnte auf ihrem Gesicht nicht ablesen, zu welchem Schlu� sie kam.</p><p>�Mein Name ist Sillmann�, antwortete Mark. �Mark Sillmann. Ich m�chte meine Mutter besuchen.�</p><p>Ein Ausdruck von leiser Verbl�ffung zeigte sich auf dem durchaus h�bschen Gesicht unter dem wei�en H�ubchen. �Ihre Mutter?�</p><p>�Erika Sillmann�, best�tigte Mark. �Sie ist Patientin hier.�</p><p>Die Finger der Schwester huschten geschickt �ber die Computertastatur, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht begann zwischen Verwirrung und Ratlosigkeit zu schwanken. �Hatten Sie einen Termin, Herr Sillmann?�</p><p>�Nein�, antwortete Mark. Er wu�te, was nun unweigerlich folgen w�rde, aber er war m�de und nicht unbedingt allerbester Laune, und er hatte verdammt noch mal keine Lust, sich mit einer Lernschwester herumzustreiten, ganz egal wie freundlich oder h�bsch sie auch sein mochte, und so fuhr er in h�rbar sch�rferem Ton fort: �Und ehe Sie es sagen: Ich wei� auch, wie sp�t es ist und da� die offizielle Besuchszeit erst in ein paar Stunden anf�ngt. Aber ich komme gerade vom Bahnhof. Ich bin die ganze Nacht gefahren, und ich habe meine Mutter seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Und ich mu� sie wirklich <emphasis>dringend </emphasis>sprechen. Verstehen Sie?�</p><p>Das war eindeutig die falsche Taktik. Schwester Beate - wie das dezente Namensschild an ihrer Tracht verriet - mochte noch ziemlich jung sein, aber sie geh�rte nicht zu den Menschen, die sich so leicht einsch�chtern lie�en. Jeder Ausdruck verschwand von ihrem Gesicht. Sie wirkte nur noch k�hl und kein bi�chen verunsichert.</p><p>�Herr Sillmann, das hier ist ein Krankenhaus�, sagte sie. �Unsere Patienten brauchen vor allem -�</p><p>�H�ren Sie, Schwester Beate�, unterbrach sie Mark. �Ich wei�, was Sie sagen wollen, und Sie haben vollkommen recht damit. Aber ich habe es auch wirklich eilig. Wir k�nnen uns jetzt also eine Weile streiten und vielleicht ein bi�chen laut werden, und jeder von uns k�nnte eine Menge Dinge sagen, die er eigentlich gar nicht so meint und die ihm gleich darauf schon wieder leid tun, das ist die eine M�glichkeit. Die andere ist, da� Sie jetzt den Telefonh�rer nehmen und Professor Artner anrufen und ihm sagen, da� der Sohn von Gustav Sillmann hier ist und darum bittet, seine Mutter besuchen zu d�rfen.�</p><p>�Professor Artner ist... im Moment nicht hier�, antwortete sie, eindeutig �berrascht, aber auch ein bi�chen erschrocken. Sie schien nicht damit gerechnet zu haben, da� Mark den Chefarzt der Klinik pers�nlich kannte. Das war im Grunde auch nicht der Fall. Er hatte Artner ein einziges Mal getroffen und sich vielleicht zehn Minuten mit ihm unterhalten, aber er wu�te, da� sein Vater und er sich gut kannten, und baute einfach darauf, da� die blo�e Erw�hnung des Namens seiner Forderung den n�tigen Nachdruck verlieh.</p><p>�Dann eben den zur Zeit diensthabenden Arzt�, sagte er.</p><p>Diesmal ging seine Rechnung auf. Schwester Beate blickte ihn noch eine Sekunde verst�rt an, aber dann streckte sie die Hand nach dem Telefon aus und sagte: �Ganz wie Sie w�nschen. Bitte gedulden Sie sich einen Moment. Ich werde sehen, was ich f�r Sie tun kann.�</p><p>Sie tippte eine dreistellige Nummer ein und lauschte, und Mark trat einen Schritt von der Theke zur�ck, um sie nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen, sich selbst �brigens auch. Er f�hlte sich alles andere als wohl in seiner Haut, und schon gar nicht in der Rolle, die er pl�tzlich spielte. Wenn Prein ihn jetzt sehen k�nnte, dachte er, w�rde sich wahrscheinlich ein selbstzufriedenes Grinsen auf seinem Gesicht ausbreiten. Tat er nicht genau das, was er ihm prophezeit hatte? Er schrie Protest und Widerstand, er behauptete, nichts von alledem haben zu wollen, was ihm das Schicksal als Geschenk mitgegeben hatte, und doch nutzte er das Gewicht seines Namens - genauer gesagt: des seines Vaters - und vor allem das seines Geldes aus, um ein Ziel zu erreichen. Und das schon bei der ersten kleinen Schwierigkeit, die sich zeigte. �Die dunkle Seite der Macht�, wie Darth Vader es wohl ausdr�cken w�rde. Es war tats�chlich leicht, ihrer Verlockung zu erliegen.</p><p>Vor allem, wenn man m�de, hungrig und vollkommen verst�rt war.</p><p>Die Schwester telefonierte eine ganze Weile, und obwohl Mark ganz bewu�t nicht hinh�rte, sagte ihm doch ihr Tonfall, wie sehr sie das �berraschte, was sie erfahren mu�te. Schlie�lich h�ngte sie ein und wandte sich mit einem Blick an Mark, in dem sich Verwirrung und eine Art widerwilliger Respekt miteinander mischten. �Sie k�nnen Ihre Mutter sehen. Wenn Sie sich nur noch einen Moment gedulden w�rden. Einer der Pfleger wird Sie zu ihr bringen.�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte Mark. Er bem�hte sich, so freundlich zu l�cheln, wie es gerade noch ging, ohne aufgesetzt oder gar schadenfroh zu wirken. �Und nichts f�r ungut, okay?�</p><p>Er bekam keine Antwort. Er hatte damit gerechnet, aber es entt�uschte ihn trotzdem. Innerhalb weniger Stunden war es jetzt das zweite Mal, da� er bei einem vollkommen fremden Menschen einen unangenehmen Eindruck hinterlassen hatte - und �brigens auch das zweite Mal, da� ihm dies mehr zu schaffen machte, als es eigentlich sollte. Bisher zumindest verlief der Start in sein neues, selbstbestimmtes Leben ganz und gar nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte.</p></section><section><title><p>7. Kapitel</p></title><p>�Na, wieder einigerma�en fit?� Sendig l�chelte und bot ihm eine Zigarette an, die Bremer tapfer, aber nicht besonders umsichtig ablehnte - mit einem heftigen Kopfsch�tteln n�mlich, das sofort einen intensiven, h�mmernden Schmerz in seinem Sch�del nach sich zog. Er bi� die Z�hne aufeinander und versuchte, ein St�hnen zu unterdr�cken.</p><p>�Gut, ich ziehe die Frage wieder zur�ck. War sowieso ziemlich dumm. Schlie�lich wei� ich, wie <emphasis>ich </emphasis>mich f�hle. So eine Nacht steckt man nicht einfach weg.�</p><p>Dem konnte Bremer nur zustimmen. Sie waren noch bis in die fr�hen Morgenstunden in L�bachs Wohnung geblieben, und es war ihm noch nie so schwergefallen, eine Nachtschicht durchzustehen.</p><p>Die Sache machte ihm mehr zu schaffen, als er zuzugeben bereit war - auch sich selbst gegen�ber.</p><p>Bremer hob die H�nde vor das Gesicht, um ein G�hnen zu kaschieren, das er nicht ganz unterdr�cken konnte. Er harte kaum geschlafen, selbst als er schlie�lich nach Hause und ins Bett gekommen war. �Entschuldigen Sie bitte, Herr Kommissar�, begann er, �aber ich -�</p><p>�Sie fragen sich, was ich eigentlich von Ihnen will�, unterbrach ihn Sendig. �Und was zum Teufel ich hier zu suchen habe - in Ihrer Wohnung, unangemeldet, und noch dazu, wo Sie krankgeschrieben sind und selbst unabh�ngig davon jetzt eigentlich dienstfrei h�tten.�</p><p><emphasis>Damit hast du verdammt recht, </emphasis>dachte Bremer, <emphasis>besser h�tte ich es auch nicht ausdr�cken k�nnen. </emphasis>Laut sagte er: �Wissen Sie mittlerweile, was in L�bachs K�hlschrank war?�</p><p>Sendig hob die Schultern, warf einen fragenden Blick auf die Kaffeekanne auf dem Tisch und schenkte sich den benutzten Becher ein, als Bremer nickte. Er nippte an seinem Kaffee und verzog anerkennend die Lippen.</p><p>�Und?� fragte Bremer.</p><p>�Nichts Au�ergew�hnliches. Kokain. Ganz gew�hnliches Kokain. L�bach scheint ab und zu ein Naschen voll genommen zu haben.�</p><p>�Kokain?� Bremer blickte ihn zweifelnd an. �Seit wann bewahrt man Kokain im Tiefk�hlfach auf?�</p><p>Sendig zuckte abermals mit den Achseln. �Seit wann malt man seine Wohnung schwarz an, schnitzt sich den Namen eines alttestamentarischen Todesengels mit einem Steakmesser in die Brust und springt dann nackt vom Balkon?� gab er zur�ck.</p><p>�Alttestamentarischer Todesengel?�</p><p>�Wie Sie sehen - ich habe meine Hausaufgaben gemacht�, erwiderte Sendig. �Au�erdem habe ich ein ziemlich gutes Lexikon zu Hause. Azrael ist der Name des biblischen W�rgeengels.� Er lachte kurz. �L�bach war wirklich verr�ckt.�</p><p>Bremer glaubte ihm kein Wort. Was immer in den Beuteln gewesen war, die sie in L�bachs K�hlschrank gefunden hatten, Kokain war es ganz bestimmt nicht. <emphasis>Kokain, </emphasis>das nach Marzipan roch?</p><p>�Bitte, Herr Kommissar�, sagte Bremer. �Ich habe wirklich Kopfschmerzen. Ich bin m�de und -�</p><p>�Ich verstehe�, unterbrach ihn Sendig. �Ich gehe Ihnen auf die Nerven, und Sie fragen sich, was zum Teufel ich eigentlich von Ihnen will. Wenn es Sie tr�stet - ich bin bisher nicht einmal nach Hause gekommen, von einem Bett ganz zu schweigen.�</p><p>Das zumindest stimmte offensichtlich. Sendig trug noch immer die vollkommen unpassende festliche Kleidung, mit der er am vergangenen Abend in L�bachs Apartment aufgetaucht war, nur da� sie jetzt einen vollkommen verknitterten und verdreckten Anblick bot. Sein Gesicht war �brigens genauso zerknautscht, was auch seine Behauptung zu beweisen schien, noch weniger Schlaf gefunden zu haben als Bremer. Bremers Mitgef�hl hielt sich allerdings in Grenzen.</p><p>�Es gibt einen bestimmten Grund, weswegen ich mit Ihnen reden will�, fuhr Sendig fort. �Ich h�tte es schon gestern abend getan, wenn nicht... etwas dazwischengekommen w�re. Es war wohl ein gl�cklicher Zufall, da� ausgerechnet <emphasis>Sie </emphasis>gestern nacht Dienst hatten, als L�bach auf die Idee kam, Superman zu spielen.�</p><p>�Hatte ich gar nicht�, maulte Bremer. �Ich war auf dem Weg zur Dienststelle. Meine Schicht war vorbei.�</p><p>�Ich sagte doch, ein gl�cklicher Zufall�, sagte Sendig, ��ber den ich sehr froh bin.�</p><p>Bremer schwieg. Seine Kopfschmerzen wurden st�rker, und es erschien ihm viel zu m�hsam, zu antworten. Au�erdem traute er dem Braten nicht. Sendig war der unumstritten gr��te Widerling der Berliner Polizei. Wenn er freundlich war, dann war das allemal ein Grund, mi�trauisch zu sein - und sehr, sehr vorsichtig.</p><p>�Also gut, ich will ganz offen zu Ihnen sein�, fuhr Sendig fort, nachdem er eine Weile vergebens auf eine Antwort gewartet hatte. �Diese ganze Geschichte stinkt. Sie stinkt genauso zum Himmel wie damals bei Sillmann, aber diesmal werde ich nicht klein beigeben. Ich werde den Fall zur�ckverfolgen bis zu den Verantwortlichen, und dazu h�rte ich gerne Ihre Hilfe.�</p><p>�Meine Hilfe?�</p><p>�Ich brauche einen Mitarbeiter, auf den ich mich verlassen kann. Und dem ich nicht jeden Handgriff erkl�ren mu�, sondern der mitdenkt.�</p><p>�Davon haben Sie sch�tzungsweise zweihundertf�nfzig im Pr�sidium�, antwortete Bremer. �Ich bin ein ganz normaler Streifenpolizist, kein Kripobeamter.�</p><p>�Ich traue keinem einzigen davon.� Sendig stand auf und trat ans Fenster. Er blickte eine ganze Weile wortlos hinaus und z�ndete sich eine Zigarette an, ehe er fortfuhr: �Sie waren damals bei der Sillmann-Geschichte dabei, Bremer. Ich habe Sie gleich wiedererkannt, obwohl es sechs Jahre her ist. Wollen Sie wissen, warum? Weil ich genau gesehen habe, wie Sie die Geschichte mitgenommen hat. Ich meine... wir waren alle ziemlich mit den Nerven runter, aber Sie waren einer der wenigen, die es gewagt haben, sich ihre Gef�hle wirklich anmerken zu lassen.�</p><p>�Ja, ich erinnere mich�, sagte Bremer. Seine Stimme nahm ohne sein Zutun einen s�uerlichen Klang an, aber er versuchte auch nicht, dagegen anzuk�mpfen. Es war seine erste pers�nliche Begegnung mit Sendig gewesen - an der Zigarre, die er ihm verpa�t hatte, hatte er eine Woche lang geraucht. Und was die Gef�hle anging,..</p><p>...nur ein Stein h�tte keine Regung gezeigt bei <emphasis>diesem</emphasis> Anblick. Vier Tote waren ein bi�chen viel, um sie einfach so wegzustecken. Zwei davon waren praktisch noch Kinder gewesen.</p><p>Sendig lachte leise, aber es klang nicht echt. �Ja, und wahrscheinlich sind Sie heute noch sauer auf mich, weil ich Sie damals so angeblafft habe. Dabei war ich genauso fertig wie Sie. Glauben Sie es oder nicht - aber ich habe geheult wie ein Schlo�hund, als ich zu Hause war. Jeder von uns hat eben seine eigene Art, mit den Ereignissen fertig zu werden.�</p><p>Er sog an seiner Zigarette und blies eine graue Rauchwolke gegen die Scheibe. �Aber ich bin nicht hier, um Ihnen mein Herz auszusch�tten. Wissen Sie, wie die Geschichte damals ausgegangen ist?�</p><p>�Nein�, sagte Bremer.</p><p>�K�nnen Sie auch gar nicht�, antwortete Sendig, ohne sich zu ihm umzudrehen. �Sie ist n�mlich nicht ausgegangen. Bis heute nicht.�</p><p>�Aber ich dachte -�</p><p>�Sie dachten dasselbe, was alle dachten�, fiel ihm Sendig ins Wort. �Sie dachten das, was Sie denken <emphasis>sollten. </emphasis>Aber die Wahrheit sieht ein bi�chen anders aus.�</p><p>�Und wie?�</p><p>�Ich w�re wahrscheinlich nicht hier, wenn ich das w��te�, antwortete Sendig. Er setzte sich wieder, dr�ckte die Zigarette auf seiner Untertasse aus und trank den letzten Schluck Kaffee. �Die offizielle Version ist, da� es sich um einen tragischen Unfall gehandelt hat. Ein paar ausgeflippte Junkies, die es �bertrieben und die Quittung daf�r bekommen haben.�</p><p>�Aber Sie glauben das nicht.� Worauf wollte Sendig hinaus?</p><p>�Sagen wir: Man hat mir zu verstehen gegeben, da� ich besser daran t�te, es zu glauben. Vor sechs Jahren - und vor knapp zwei Stunden noch einmal.�</p><p>�Wie bitte?� entfuhr es Bremer.</p><p>Sendig zuckte mit den Schultern und z�ndete sich schon wieder eine Zigarette an, obwohl er die erste nicht einmal zu einem Drittel aufgeraucht hatte. �Schlechte Nachrichten sprechen sich offenbar wirklich schnell herum�, sagte er paffend. �Man hat mir jedenfalls erneut zu verstehen gegeben, da� die Ermittlungen besser zu dem Ergebnis f�hren sollten, nach dem gestern alles aussah. Der tragische Selbstmord eines Geistesgest�rten.�</p><p><emphasis>�Man?� </emphasis>sagte Bremer betont. �Wer ist <emphasis>man?�</emphasis></p><p>Sendig l�chelte d�nn und verbarg das Gesicht hinter einer blaugrauen Rauchwolke. �Ich wei� es nicht. Eine Stimme am Telefon, mehr kann ich Ihnen nicht sagen.�</p><p>�Der Sie so einfach gehorchen?�</p><p>�Nichts ist einfach, Bremer�, sagte Sendig. �Vielleicht werde ich es Ihnen irgendwann einmal erkl�ren, wahrscheinlich aber nicht. Geben Sie sich damit zufrieden: Es gibt in diesem Land ein paar Dienstausweise, die Sie wahrscheinlich noch nie im Leben zu Gesicht bekommen haben, und Sie sollten beten, da� es so bleibt.�</p><p>�Einen Moment, bitte�, sagte Bremer. Sein Kopf tat noch immer weh, aber er war mit einem Male hellwach. Wem wollte Sendig eigentlich <emphasis>diese </emphasis>R�uberpistole erz�hlen? �Nur, damit ich das richtig verstehe: Sie behaupten, da� man Sie damals gezwungen hat, die Ermittlungen zu verschleppen. <emphasis>Sie?� </emphasis>Das letzte Wort hatte er in so zweifelndem Ton ausgesprochen, da� sich ein verkniffenes L�cheln auf Sendigs Gesicht stahl.</p><p>�Das kommt Ihnen seltsam vor, nicht? Aber eine ganze Reihe von Leuten haben damals �berraschend Karriere gemacht oder sind unerwartet zu Geld gekommen.�</p><p>Diesmal verging eine Weile, bevor Bremer �berhaupt begriff, was Sendig damit sagen wollte. Ungl�ubig ri� er die Augen auf. �Sie wollen mir nicht im Ernst erz�hlen, da� man Sie bestochen hat.�</p><p>�Niemand hat mir irgend etwas angeboten�, antwortete Sendig. �Man hat mir nur zu verstehen gegeben, da� es sich nicht besonders g�nstig auf meine Karriere auswirken w�rde, wenn ich unvern�nftig w�re. Ich <emphasis>war </emphasis>vern�nftig - und wurde acht Monate sp�ter zum Leiter der Mordkommission bef�rdert.�</p><p>�Das w�ren Sie sowieso geworden�, widersprach Bremer, und das so heftig, da� es ihn selbst �berraschte.</p><p>�Sicher�, erwiderte Sendig. �Fr�her oder sp�ter. Aber wahrscheinlich doch eher sp�ter. Jeder hat seinen Preis, Bremer. Ich auch. Ich habe nur ein bi�chen zu sp�t begriffen, da� es Dinge gibt, die man sich nicht abkaufen lassen kann. Nicht einmal dann, wenn man es will. Wissen Sie, ich habe die Gesichter dieser beiden toten Kinder nie mehr vergessen.�</p><p>Bremer antwortete nicht darauf. Das Geh�rte hatte ihn ersch�ttert, und er hatte es noch l�ngst nicht wirklich begriffen. Sendig hatte sich kaufen lassen? Das war vollkommen unm�glich. Er weigerte sich einfach, es zu glauben!</p><p>�Ich habe mir eingebildet, es w�re vorbei�, fuhr Sendig fort. �Aber das ist es nicht. Was oder wer immer L�bach umgebracht hat, es war dasselbe wie damals. Aber diesmal werde ich herausfinden, was es ist.�</p><p>�Trotz der Dienstausweise?� fragte Bremer.</p><p><emphasis>�Wegen </emphasis>der Dienstausweise�, verbesserte ihn Sendig. �Ich nehme meinen Beruf ernst, Bremer. Ich habe geschworen, die Menschen in dieser Stadt zu besch�tzen und das Gesetz zu achten. Und niemand wird mich ein zweites Mal dazu bringen, diesen Eid zu brechen. Ganz egal, was f�r einen <emphasis>Dienstausweis </emphasis>er auch hat. Politische Gr�nde interessieren mich einen Dreck, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen.�</p><p>Das waren gro�e Worte. F�r Bremers Geschmack beinahe ein bi�chen <emphasis>zu </emphasis>gro�. Aber was bei den meisten anderen aufgesetzt und im besten Fall theatralisch geklungen h�tte, das h�rte sich bei Sendig beinahe glaubhaft an.</p><p>�Und dabei soll ich Ihnen helfen?� fragte Bremer. Als Sendig nickte, f�gte er hinzu: �Warum ausgerechnet ich? Doch bestimmt nicht nur, weil ich damals <emphasis>Gef�hle </emphasis>gezeigt habe.�</p><p>Sendig warf einen langen Blick in die Runde. Er taxierte die einfache, aber geschmackvolle Einrichtung der Ein-Zimmer-Wohnung, das ungemachte Bett, von dem er Bremer aufgescheucht hatte, und die Schrankwand, deren F�cher fast vollkommen von Bremers privater Videosammlung eingenommen wurden.</p><p>Es dauerte eine Weile, bis Bremer begriff, da� dieser Blick keineswegs den Grund hatte, Zeit zu schinden, sondern bereits Teil der Antwort auf seine Frage war.</p><p>�Zum Teil tats�chlich, weil Sie damals dabei waren�, sagte er schlie�lich. �Ich k�nnte niemandem wirklich erkl�ren, wie es war. Ihnen mu� ich das nicht, Sie haben es gesehen. Au�erdem sind Sie ein guter Mann.�</p><p>�Und zum anderen Teil?�</p><p>�Sie sind Junggeselle�, sagte Sendig. �Ich habe mich �ber Sie erkundigt. Sie haben kaum andere Interessen als Ihren Beruf. Kaum Hobbys, au�er Ihre Vorliebe f�r Filme - die meiner Meinung nach keinen anderen Grund als schlichte Langeweile hat -, und dazu eine bl�tenwei�e Weste. Wenn meine Informationen stimmen, haben Sie in den letzten acht Jahren nicht einmal falsch geparkt. Es d�rfte ziemlich schwer sein, Sie irgendwie unter Druck zu setzen.�</p><p>�Und Sie glauben, da� das passieren wird?�</p><p>�Keine Ahnung�, gestand Sendig. �Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ebensogut ist es m�glich, da� gar nichts passiert. Vielleicht sehe ich ja nur Gespenster. Machen Sie das Beste f�r sich draus. Sie haben doch schon einmal einen Antrag gestellt, zur Kripo versetzt zu werden, oder?�</p><p>�Vor zwei Jahren�, best�tigte Bremer. �Er wurde abgelehnt.�</p><p><emphasis>�Ich </emphasis>habe ihn abgelehnt�, sagte Sendig ruhig. �Nur, damit Sie sehen, da� ich wirklich mit offenen Karten spiele.�</p><p>Bremer starrte ihn an. �Sie? Aber warum, um Gottes willen?�</p><p>Sendig sah ihn mit Unschuldsmiene an. �Vielleicht hatte ich eine Vorahnung�, sagte er. �Wenn ja, war sie richtig. Sonst h�tte ich ja jetzt nichts, was ich Ihnen bieten k�nnte. Schon vergessen? Jeder Mensch hat seinen Preis. Ich lasse Sie zur Kripo versetzen - zuerst vor�bergehend, und falls wir beide diese Geschichte halbwegs unbeschadet �berstehen sollten, auf Dauer.�</p><p>Wenn von dem, was Sendig erz�hlte, auch nur die H�lfte wahr war, dachte Bremer d�ster, dann konnte er wahrscheinlich hinterher von Gl�ck sagen, wenn er sich bei der Autobahnpolizei wiederfand und die Leitplanken polieren durfte. �Was erwarten Sie jetzt von mir?� fragte er. �Da� ich Ihnen vor Dankbarkeit um den Hals falle, weil Sie mir etwas anbieten, das Sie mir selbst weggenommen haben?�</p><p>Sendig zog eine abf�llige Grimasse. �Halten Sie mich meinetwegen f�r ein Schwein�, sagte er gleichm�tig. �Es soll mir recht sein. Ich habe einen Ruf zu verteidigen, wissen Sie. Ich bitte Sie um Ihre Hilfe, nicht, mich zu heiraten.� Er stand auf. �Also?�</p><p>�Kann ich es mir �berlegen?� fragte Bremer.</p><p>�Selbstverst�ndlich.� Sendig deutete auf die T�r. �Genau so lange, wie ich brauche, um zur T�r zu gehen und diesen Raum zu verlassen. Danach werde ich leugnen, dieses Gespr�ch jemals gef�hrt zu haben.�</p><p>Eine innere Stimme fl�sterte Bremer zu, da� er besser beraten war, die Frage nicht laut auszusprechen, die ihm auf der Zunge lag, aber er ignorierte sie und fragte: �Und was, wenn ich nein sage? Immerhin k�nnte ich zu der geheimnisvollen Stimme am Telefon gehen und ihr alles erz�hlen.�</p><p>Sendig verzog keine Miene. �Das w�rde ich bedauern�, sagte er k�hl. �Aber in diesem Fall m��te ich Innen wohl beweisen, was f�r ein Schwein ich wirklich sein kann.�</p><p>Das lie� an Deutlichkeit nicht viel zu w�nschen �brig, und Bremer glaubte ihm jedes Wort. Wenigstens waren die Fronten jetzt gekl�rt, dachte er. �Also gut�, sagte er. �Sie haben gewonnen. Es ist zwar v�llig verr�ckt, aber ich bin dabei.�</p><p>�Es freut mich, da� Sie sich so entscheiden�, sagte Sendig. �Ich fahre jetzt nach Hause und ziehe mich um. Meine Frau wird wahrscheinlich schon eine Vermi�tenanzeige aufgegeben haben. Ich wollte auf dem R�ckweg von der Oper nur noch mal kurz ins B�ro, um eine Akte zu holen. Seither hat sie nichts mehr von mir geh�rt. Ich hole Sie in, sagen wir...� Er sah auf die Uhr. �... zwei Stunden ab, und wir fahren zusammen zu Herrn Sillmann, um ihm die eine oder andere Frage zu stellen. Einverstanden?�</p><p>Bremer nickte, und Sendig ging, ohne sich zu verabschieden. Bremer starrte die geschlossene T�r hinter ihm noch eine ganze Weile an, selbst als Sendig das Haus l�ngst verlassen hatte und er h�ren konnte, wie sein Wagen unten auf der Stra�e abfuhr. Seine Gedanken rasten, aber gleichzeitig schienen sie sich auch tr�ge wie halb erstarrter Sirup zu bewegen. Was er in den letzten zehn Minuten geh�rt hatte, das war unglaublicher und zugleich erschreckender als alles, was ihm in seinen bisherigen Dienstjahren untergekommen war. Hatte Sendig gerade wirklich zugegeben, da� er sich hatte <emphasis>kaufen</emphasis> lassen? Und hatte er tats�chlich fast im gleichen Atemzug versucht, <emphasis>ihn </emphasis>zu kaufen?</p><p>Und so unglaublich dieser Gedanke schon klang, es gab einen, der noch erschreckender war, n�mlich den, da� er, Bremer, im Grunde gar nichts dagegen hatte, sich kaufen zu lassen.</p></section><section><title><p>8. Kapitel</p></title><p>In all den Jahren, die er jetzt hierherkam, hatte sich dieser Raum nicht ver�ndert. Das Antlitz der Klinik befand sich in einem sehr langsamen, aber best�ndigen Wandel: T�ren und Fenster waren in freundlichen Farben gestrichen worden, verschlissene Teppiche ersetzt, das eine oder andere Bild aufgeh�ngt oder abgenommen, das eine oder andere Gesicht ausgetauscht worden. Aber an diesem speziellen Zimmer waren s�mtliche Ver�nderungen spurlos vor�bergegangen. Tapeten und Mobiliar waren ebenso geblieben wie die beiden geschmackvollen Drucke an der dem Fenster gegen�berliegenden Wand. Auf dem Tisch stand noch immer der gleiche Aschenbecher aus wei�em Carrara-Marmor wie vor vier Jahren, ja selbst die Zeitschriften, die s�uberlich aufgestapelt auf einem kleinen Tischchen neben dem Fenster lagen, schienen die gleichen zu sein wie immer.</p><p>Nat�rlich wu�te Mark, da� das nicht stimmte. Das Titelbild der obersten Illustrierten hatte er am Morgen in der Auslage des Bahnhofskioskes gesehen, und wahrscheinlich w�ren ihm noch mehr Ver�nderungen aufgefallen, h�tte er nur danach gesucht. Die Wahrheit war, da� er es nicht <emphasis>wollte. </emphasis>Sein Leben, das w�hrend des zur�ckliegenden halben Jahrzehnts aus praktisch nichts anderem als Warten bestanden hatte, war innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden derart - und derart <emphasis>schnell - </emphasis>in Bewegung geraten, da� er sich pl�tzlich fast verzweifelt an jede noch so kleine Konstante klammerte, die er fand. Selbst wenn sie in Wirklichkeit gar nicht da war.</p><p>Er h�rte Schritte drau�en auf dem Flur, und fast im gleichen Moment wurde die T�r ge�ffnet. Mark wappnete sich gegen den Anblick, der sich ihm bieten w�rde, obwohl er wu�te, da� er nicht dramatisch oder auch nur erschreckend war. Aber er war nerv�s. Auf seiner Zunge lag ein pelziger Geschmack, den er wider besseres Wissen auf seine �berm�dung schob, und er fragte sich, was er eigentlich hier wollte. H�tte er nur einen Moment mehr Zeit gehabt, w�re er vielleicht aufgestanden und wieder gegangen, ohne auf seine Mutter zu warten. Aber auch das geh�rte zu diesem Zimmer. Es erging ihm fast jedes Mal so, wenn er hier war.</p><p>Mark hatte einen Pfleger erwartet, doch es war niemand anders als Schwester Beate, die seine Mutter hereinf�hrte. �Herr Sillmann - Ihre Mutter. Aber bitte: nur eine halbe Stunde. Sie bringen sonst den ganzen Ablauf hier durcheinander.�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Mark. Er hatte nicht vor, lange zu bleiben. Konkret hatte er es noch nie l�nger als zwanzig Minuten hier ausgehalten, meistens nicht einmal das. Er stand auf, eilte um den Tisch herum und schlo� seine Mutter in die Arme. Sie lie� es einen Moment lang zu, dann schob sie ihn mit sanfter Gewalt ein kleines St�ckchen von sich fort und sah kopfsch�ttelnd zu ihm hoch.</p><p>�Mark! Was ist denn los? Du tust ja geradeso, als h�tten wir uns monatelang nicht gesehen!�</p><p>Es waren genau <emphasis>sechs </emphasis>Monate, aber Mark ersparte es sich, das auszusprechen. Seine Mutter lebte in ihrer eigenen Zeit, die anderen Gesetzen gehorchte als die der restlichen Welt. �Ich freue mich nur so, dich wiederzusehen�, sagte er, dann wandte er sich mit einer entsprechenden Geste an die Schwester.</p><p>�Es ist gut�, sagte er. �Ich sage Ihnen dann Bescheid, wenn wir fertig sind.�</p><p>�Eine halbe Stunde�, erinnerte sie, schlo� dann aber die T�r hinter sich und ging. Mark wartete ganz automatisch darauf, einen Verschlu�mechanismus einrasten zu h�ren oder einen Riegel. Das geschah niemals. Sie befanden sich in einem Teil des Instituts, in dem es keine verschlossenen T�ren gab, keine Gummizellen, keine Gitterst�be und keine Sicherheitsvorkehrungen - zumindest keine, die man sah. Die Mauern <emphasis>dieses </emphasis>Gef�ngnisses waren unsichtbar und k�rperlos. Sie existierten nur in den K�pfen seiner Insassen. Er h�tte hinausspazieren und seine Mutter vielleicht sogar mitnehmen k�nnen, ohne da� es aufgefallen w�re.</p><p>Mark wartete, bis seine Mutter sich gesetzt hatte, bevor er ihr gegen�ber Platz nahm und sie jetzt das erste Mal aufmerksam ansah. Sie hatte sich sehr ver�ndert, seit er das letzte Mal hiergewesen war. Trotz der fr�hen Stunde und des fast sch�bigen Morgenmantels, den sie trug, wirkte sie wie immer sehr gepflegt - perfekt frisiert und mit sorgf�ltig manik�rten N�geln. Und vor allem ihre Haltung: jeder Zoll die Grande Dame, die sie einst gewesen war. Vielleicht war dies das Grausamste an ihrer Krankheit �berhaupt, da� sie ihr �u�eres vollkommen unangetastet gelassen hatte. Sie war mittlerweile vierzig, aber noch immer eine sehr attraktive Frau und noch immer eine - scheinbar - starke Pers�nlichkeit. Trotzdem war irgend etwas anders an ihr. Sie wirkte auf eine unbestimmte Weise traurig. Ihre Bewegungen waren ein wenig ged�mpfter, ihre Stimme eine Spur leiser, der Glanz ihrer Augen nicht ganz so intensiv wie sonst. Aber Mark fragte sich, ob sie sich tats�chlich ver�ndert hatte - oder er sie vielleicht nur anders <emphasis>sah.</emphasis></p><p>�Es ist sch�n, da� du kommst�, sagte sie. �Ich habe mich gestern sehr gelangweilt. Ich wei� nat�rlich, da� ich nicht von euch verlangen kann, mich jeden Tag zu besuchen. Manchmal habe ich das Gef�hl, da� die Zeit hier stehenbleibt, wenn niemand kommt. Hast du deinen Vater nicht mitgebracht?�</p><p>�Er wei� nicht, da� ich hier bin�, antwortete Mark.</p><p>�Ein �berraschungsbesuch? Du hast dich ganz spontan dazu entschieden? Das ist nett. Aber trotzdem -�, sie sah auf ihre Armbanduhr und runzelte demonstrativ die Stirn, �- was tust du hier? Solltest du um diese Zeit nicht eigentlich in der Schule sein?�</p><p>�Ich gehe nicht mehr zur Schule, Mutter�, sagte Mark geduldig.</p><p>�Nicht mehr zur Schule? Was soll das hei�en? Sind denn schon Ferien?�</p><p>�Bald�, antwortete Mark. �Noch ein paar Wochen. Aber das ist nicht der Grund, weswegen ich hier bin.�</p><p>�Oh, ich verstehe�, unterbrach ihn seine Mutter, indem sie ihm spielerisch mit dem Zeigefinger drohte. �Du hast einfach blaugemacht! Geschw�nzt, um deine arme Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Das ist lieb gemeint, aber nicht besonders klug von dir. Es ist wichtig, zur Schule zu gehen, h�rst du! Au�erdem wird dein Vater nicht besonders erfreut sein, wenn er h�rt, da� du die Schule geschw�nzt hast. Ich f�rchte, ich werde es ihm sagen m�ssen, wenn er kommt. Kommt er heute?� Sie legte den Kopf auf die Seite und runzelte erneut angestrengt die Stirn. �Ich wei� gar nicht... War er gestern da, oder vorgestern?�</p><p>�Vater war nicht vorgestern hier, Mutter�, sagte Mark, so ruhig er konnte. �Und er war auch gestern nicht hier, und er wird heute nicht kommen und auch morgen nicht. Er war seit f�nf Jahren nicht mehr hier, und er wird dich auch in den n�chsten f�nf Jahren nicht besuchen.�</p><p>Seine Mutter blinzelte verwirrt. �Was redest du da?�</p><p>�Und ich gehe auch nicht mehr zur Schule�, fuhr Mark fort. �Weder heute noch morgen oder nach den Ferien.�</p><p>�Nicht?�</p><p>�Ich habe die Schule abgebrochen�, sagte Mark. Nat�rlich war es sinnlos. Sie h�rte seine Worte vielleicht, aber sie bedeuteten nichts f�r sie, denn das, wor�ber er sprach, geh�rte zu jenem Teil des Universums, der auf der anderen Seite des Abgrundes lag, hinter dem sich ihr Bewu�tsein verschanzt hatte. Trotzdem glaubte er einen Moment lang - nein: redete es sich ein -, so etwas wie Begreifen in ihrem Blick aufflackern zu sehen.</p><p>�Ich habe die Schule abgebrochen und bin aus dem Internat ausgezogen. Ich wei� noch nicht genau, wie es jetzt weitergeht, aber ich werde erst einmal hier in der Stadt bleiben, und ich verspreche dir, da� ich mich in Zukunft mehr um dich k�mmern werde als bisher.�</p><p>�Das ist wirklich lieb von dir�, sagte seine Mutter, �aber nicht n�tig. Die �rzte hier sind wirklich gut, und das Personal ist sehr zuvorkommend. Die paar Tage, die ich noch hierbleiben mu�, gehen auch noch vorbei. Dein Vater -�</p><p><emphasis>�Mein </emphasis>Vater�, unterbrach Mark sie so scharf, da� nur noch eine Nuance fehlte, und er h�tte geschrien, �ist schuld daran, da� du hier bist, Mutter. Er hat dich hierhergebracht. Aber ich werde daf�r sorgen, da� das nicht mehr lange so bleibt. Bisher konnte ich nichts tun, aber jetzt hat er keine Macht mehr �ber mich. Ich wei� noch nicht, wie, aber irgendwie hole ich dich hier heraus. Das verspreche ich dir.�</p><p>Ein Versprechen, das er nicht halten konnte. Und er wu�te es auch selbst. Die Worte waren nicht mehr als Ausdruck seiner Hilflosigkeit und der Wut, die immer noch tief in ihm schlummerte und immer wieder neu aufflammte, wenn er hierherkam und sah, was aus seiner Mutter geworden war. Er konnte es nicht einhalten, und er war nicht einmal ganz sicher, ob er es wollte. Ganz gleich, wie sehr er seinen Vater auch f�r das ha�te, was er ihr angetan hatte - sie war nun einmal, was sie war, und mit Sicherheit war sie hier am besten aufgehoben. Mit ausreichend Energie, Zeit und einem Bataillon gewiefter Rechtsanw�lte w�rde es ihm vielleicht sogar wirklich gelingen, sie hier herauszuholen. Aber mit ziemlicher Sicherheit w�rde er sie damit auch umbringen.</p><p>�Hast du eigentlich daran gedacht, den Videorecorder zu programmieren?� fragte seine Mutter pl�tzlich. Ihre Stimme klang ein bi�chen alarmiert. �Du wei�t, wie sehr ich <emphasis>Dallas</emphasis> liebe. Ich m�chte keine Folge verpassen!�</p><p><emphasis>�Dallas </emphasis>l�uft seit f�nf Jahren nicht mehr, Mutter�, murmelte Mark. Laut und mit einem erzwungenen L�cheln sagte er: �Nat�rlich. Es ist alles auf Band. Du vers�umst nichts, keine Angst.�</p><p>�Ich wei�, da� es albern ist�, antwortete seine Mutter mit einem kleinen, verlegenen L�cheln. �Dein Vater wird immer ganz zornig, wenn er sieht, da� ich mir diese Serie anschaue. Aber ich mag sie nun einmal. Und jetzt erz�hl mir von der Schule. Hast du immer noch so gro�e Schwierigkeiten mit der Mathematik? Ich hoffe doch, du gehst weiter regelm��ig zum Nachhilfeunterricht - auch wenn ich nicht da bin, um auf dich aufzupassen.�</p><p>Mark resignierte. Er h�tte nicht entt�uscht sein d�rfen - f�r seine Mutter war er noch immer zw�lf Jahre alt und w�rde es auch immer bleiben -, aber er war es, so sehr, da� es beinahe k�rperlich weh tat. Manchmal, wenn er hier war, fragte er sich allen Ernstes, ob er es vielleicht aus dem einzigen Grund immer wieder tat, um sich f�r irgend etwas zu bestrafen. Trotzdem sagte er noch einmal: �Ich gehe nicht mehr zur Schule, Mutter. Ich bin seit gestern achtzehn. Ich bin vollj�hrig und lebe jetzt mein eigenes Leben. Vater hat mir nichts mehr zu sagen. Und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um dich hier herauszuholen.�</p><p>Damit endete sein sinnloses Aufbegehren gegen die Wirklichkeit aber auch. Er blieb noch f�nfzehn Minuten, aber er schl�pfte mit jeder Minute mehr in die Rolle, die er f�r sie ohnehin spielte, seit er gekommen war: die des Zw�lfj�hrigen, der seine Mutter im Krankenhaus besuchte, in dem sie seit einigen Tagen lag und aus dem sie in wenigen Tagen entlassen werden w�rde, wegen einer - wie sie es dezent ausdr�ckte - <emphasis>Frauengeschichte. </emphasis>Die �rzte hatten es ihm damals erkl�rt. Ihr Bewu�tsein war in einer tempor�ren Schleife gefangen, die drei oder vier Tage zur�ckreichte und dann immer wieder aufs neue begann. Sie konnte sich nie erinnern, wor�ber sie bei seinem letzten Besuch gesprochen hatten. Oder wie lange er hier war. Sie konnte sich nicht wirklich erinnern, warum sie hier war, und erst recht nicht, weshalb man sie eingeliefert hatte. Sie h�tte all dies gekonnt, aber sie wollte es nicht. <emphasis>Etwas </emphasis>in ihr wollte es nicht. Und keine Macht der Welt, kein �rztliches K�nnen und kein Medikament waren bisher stark genug gewesen, diese Weigerung zu durchbrechen. Manchmal fragte sich Mark, ob sie �berhaupt das Recht hatten, es zu tun. Ihr Geist hatte sich in ein winziges Schneckenhaus zur�ckgezogen, in dem er sicher und beh�tet war - und mit welchem Recht ma�ten sie sich eigentlich an, ihn dazu zu zwingen, sich den Schrecken zu stellen, vor denen er geflohen war?</p><p>Jetzt jedenfalls versuchte er es nicht mehr. Er spielte seine Rolle perfekt, erz�hlte von einer Schule, auf der er nie gewesen war, von Klassenkameraden, die es nicht gab, und Lehrern, deren Namen er sich im gleichen Moment ausdachte, in dem er sie nannte. Er erz�hlte von einem Zuhause, das l�ngst nicht mehr existierte, und von einer Familie, die es vielleicht nie gegeben hatte. Schlie�lich begann seine Mutter unruhig zu werden. Auch das geh�rte zu ihrer Krankheit. Sie konnte sich kaum l�nger als zehn oder f�nfzehn Minuten auf eine bestimmte T�tigkeit oder ein Gespr�ch konzentrieren, und er wollte sich selbst den Moment ersparen, in dem sie begann, ihre Fragen vom Beginn des Gespr�ches zu wiederholen. Er umarmte sie noch einmal zum Abschied, dann drehte er sich mit einem Ruck herum, st�rmte regelrecht aus dem Zimmer und die ersten Schritte den Flur hinunter. Erst auf halbem Wege zum Aufzug wurde er wieder langsamer, und auch sein Atem beruhigte sich.</p><p>Er blieb einen Moment stehen, um sich vollends zu beruhigen, ging aber dann doch schnell weiter und steuerte den Aufzug an. In wenigen Augenblicken schon w�rde die Schwester oder auch einer der Pfleger kommen, um seine Mutter abzuholen, und er wollte ihr nicht noch einmal begegnen: Nicht jetzt. Er h�tte es nicht ertragen, wenn sie ihn voller �berraschung begr��t und in die Arme geschlossen h�tte, als w�re er seit Tagen nicht mehr hiergewesen. Mark gestand sich jetzt ein, da� es ein Fehler gewesen war, �berhaupt herzukommen.</p><p>Der Aufzug lie� auf sich warten. Das kleine Licht neben der T�r blieb eine ganze Weile auf Rot, was bedeutete, da� die Kabine irgendwo unter oder �ber ihm stillstand, und er war schon fast so weit, aufzugeben und die Treppe nehmen zu wollen, als die Farbe endlich von Rot zu Gr�n wechselte und er h�ren konnte, wie eine Etage unter ihm die Liftt�ren zuglitten. Einen Moment sp�ter setzte sich die Kabine in Bewegung. Mark trat ganz automatisch einen Schritt zur�ck, als sie wieder anhielt und die T�rh�lften sich vor ihm teilten, aber der Lift war leer, niemand trat heraus, dem er h�tte Platz machen m�ssen. Mit einem schnellen Schritt trat er in den Lift hinein, sah hoch - und h�tte um ein Haar laut aufgeschrien.</p><p>Er war da.</p><p>Die Aufzugkabine bestand ganz aus mattiertem Chrom, auf dem sich seine eigene Gestalt als verzerrter Schemen widerspiegelte - aber er war nicht allein. Hinter seinem Spiegelbild war ein zweites, ein wehender, wei�er Schatten ohne Gesicht, der lautlos n�her kam.</p><p>Er war da.</p><p>Der Engel aus seinem Traum.</p><p>Er hatte die Grenzen zur Wirklichkeit durchbrochen und war jetzt hier, um ihn zu holen.</p><p>Mark fuhr mit einer entsetzten Bewegung herum.</p><p>Er war tats�chlich nicht mehr allein, doch hinter ihm stand keine Schim�re, sondern die Schwester vom Empfang. Sie mu�te gelaufen sein, um den Aufzug noch zu erwischen, denn sie war ein bi�chen au�er Atem, und irgendwie wirkte sie auch erschrocken, ihn zu sehen. Vielleicht nicht einmal ihn. Vielleicht war da etwas in seinem Gesicht, das sie erschreckte. Mark hatte den Schrei, der aus seiner Kehle entweichen wollte, gerade noch unterdr�cken k�nnen, aber sein Herz raste jetzt wie wild, und er war nicht sicher, ob er sein Gesicht weit genug unter Kontrolle hatte, um das Entsetzen zu verbergen, das ihn gepackt hatte.</p><p>Sonderbarerweise erleichterte es ihn im ersten Augenblick �berhaupt nicht, statt eines zum Leben erwachten Alptraums die junge Krankenschwester zu sehen. Ganz im Gegenteil h�mmerte sein Herz pl�tzlich noch wilder, und seine H�nde begannen so heftig zu zittern, da� er sie zu F�usten ballte, um sie �berhaupt ruhig halten zu k�nnen.</p><p>Schwester Beate blickte ihn einen Moment lang irritiert an, dann drehte sie sich mit einer hastigen Bewegung um und dr�ckte einen Knopf auf der Schalttafel neben der T�r. Der Lift setzte sich in Bewegung.</p><p>Marks Gedanken rasten. Was geschah mit ihm? <emphasis>Was um alles in der Welt geschah mit ihm?!</emphasis></p><p>Vielleicht hatte er ein Ger�usch gemacht, vielleicht sp�rte sie seine Nervosit�t aber auch einfach, denn pl�tzlich drehte sich Schwester Beate herum und sah erneut und auf die gleiche erschrockene Art irritiert zu ihm hoch. Mark fiel erst jetzt auf, wie klein sie war, und wie zerbrechlich - allerh�chstens ein Meter sechzig und so schlank, da� sie ohne die wei�e Schwesterntracht und das dazugeh�rige H�ubchen wie ein Kind ausgesehen h�tte.</p><p>�Na - immer noch sauer?� fragte er. Seine Stimme zitterte so sehr, da� aus dem beabsichtigten lockeren Tonfall eher das Gegenteil wurde.</p><p>�Sauer? Warum sollte ich das sein?�</p><p>�Wegen vorhin.� Mark machte eine erkl�rende Geste zur T�r. �Es tut mir leid. Ich war vielleicht ein bi�chen grob zu Ihnen.�</p><p>�Das macht nichts�, antwortete sie; zu schnell und mit zuviel Nachdruck, um ihn zu �berzeugen.</p><p>�Ich m�chte mich entschuldigen. Ich war einfach...� Er suchte nach Worten und rettete sich schlie�lich in ein Achselzucken. Nichts von dem, was er bisher gesagt hatte, klang irgendwie �berzeugend. Offenbar war er schon wieder dabei, es noch schlimmer zu machen. Vielleicht sollte man an Tagen, die damit anfingen, da� man von einem Gespenst gejagt wurde, besser mit �berhaupt niemandem reden.</p><p>�Ist schon gut�, sagte Beate. Sie sah ihn weiter ernst, aber jetzt auch beinahe ein wenig mitf�hlend an. �Es mu� sehr schlimm gewesen sein.�</p><p>�Was?� fragte Mark.</p><p>�Ihre Mutter�, erkl�rte sie. �Es scheint Sie sehr mitgenommen zu haben, sie so zu sehen.�</p><p>Obwohl das nicht der Grund f�r seine Bl�sse und das Zittern seiner H�nde war, versp�rte Mark doch ein heftiges Gef�hl von Dankbarkeit. Dieses M�dchen war vielleicht keine gute Menschenkennerin, aber offenbar ein sehr mitf�hlendes Wesen, und im Augenblick konnte er jedes bi�chen Mitleid gut gebrauchen.</p><p>�Es ging�, sagte er ausweichend. �Es war schon schlimmer. Aber heute...�</p><p>Der Lift hielt an, und Mark wartete, bis sie die Kabine verlassen hatten, ehe er fortfuhr: �Mein grober Ton tut mir wirklich leid. Kann ich irgend etwas tun, um es wiedergutzumachen?�</p><p>Beates Antwort �berraschte ihn. Sie blieb stehen und sah ihm eine Sekunde lang ernst in die Augen, dann l�chelte sie pl�tzlich und nickte. �Ich habe in zehn Minuten Pause. Sie k�nnten mich in die Cafeteria begleiten und mich zum Fr�hst�ck einladen.�</p><p>Das �berraschte ihn noch mehr. Es war nur eine rhetorische Frage gewesen, auf die er nat�rlich eine ebenso rhetorische Antwort erwartet hatte. Aber warum eigentlich nicht? Er brauchte jetzt einen Menschen, mit dem er reden konnte; vielleicht nicht einmal �ber seine Probleme, sondern einfach so, nur jemanden, der da war und zuh�rte, und vielleicht war ein Fremder dazu besser geeignet als jeder andere.</p><p>�Gern�, sagte er. �Ich sage nur noch dem Taxifahrer Bescheid, da� es noch einen Moment dauert. Gehen Sie ruhig schon vor. Ich kenne den Weg zur Cafeteria.�</p><p>Schnell, ehe sie vielleicht ihren eigenen Mut bedauern und es sich anders �berlegen konnte, durchquerte er die Halle und verlie� das Geb�ude. Er mu�te einen Moment nach dem Taxi suchen - der Fahrer hatte den Wagen gewendet und am Ende der Einfahrt geparkt, und als er Mark im R�ckspiegel mit weit ausgreifenden Schritten heraneilen sah, faltete er seine Zeitung zusammen und lie� den Motor an. Er war nicht besonders begeistert, als Mark ihm erkl�rte, da� er sich noch weiter in Geduld fassen m�sse. Die Anzeige auf dem Taxameter hatte die f�nfzig Mark, die Mark ihm gegeben hatte, bereits weit �berschritten, aber seine Barschaft war so gut wie aufgebraucht. Er wollte schlie�lich nicht in die Verlegenheit geraten, die Schwester darum bitten zu m�ssen, das Fr�hst�ck zu bezahlen, zu dem er sie eingeladen hatte - und wom�glich sein eigenes dazu. Also erkl�rte er dem Fahrer so selbstbewu�t, wie er konnte, da� es noch eine Viertelstunde dauerte, und hoffte, da� die Adresse, die er ihm beim Antritt ihrer Fahrt genannt hatte, dessen Zweifel zerstreuen w�rde. Ganz gelang es ihm offensichtlich nicht, aber Mark gab ihm gar keine Chance, irgendwelche Einw�nde zu erheben, sondern drehte sich auf dem Absatz herum und ging wieder zur�ck zum Haus.</p><p>Dabei blieb sein Blick f�r einen Moment an einem Wagen h�ngen, der drau�en auf der Stra�e geparkt war. Es war ein ganz normaler, durchschnittlicher Wagen; ein wei�er Kombi, dessen Typ er nicht genau erkennen konnte - m�glicherweise ein Japaner, vermutete er -, aber irgend etwas daran irritierte ihn. Genauer gesagt: <emphasis>darin. </emphasis>Er konnte die Gesichter hinter der Windschutzscheibe nicht erkennen, dazu war der Wagen zu weit entfernt, aber er sah sie als helle ovale Flecken, und das bedeutete, da� sie in seine Richtung blickten.</p><p>Beobachteten sie ihn?</p><p>Unsinn. Wer immer diese M�nner waren - <emphasis>wenn </emphasis>es M�nner waren -, sie sa�en bestimmt nicht dort dr�ben im Wagen und observierten ihn. Er fing wohl allm�hlich <emphasis>wirklich </emphasis>an, Gespenster zu sehen. Mark schritt schneller aus, �ffnete die T�r und schl�pfte so rasch hindurch, wie er konnte.</p><p>Die Cafeteria befand sich in einem Anbau auf der r�ckw�rtigen Seite des Geb�udes, der fast vollkommen aus Glas und Chrom bestand. Mark war schon oft hiergewesen, aber noch nie so fr�h, und deshalb bot sie im ersten Augenblick einen ungewohnten, fast fremden Anblick. Er kannte diesen Raum voller Menschen - Patienten und �rzte, Besucher und Schwestern, manchmal so viele, da� �Die Reise nach Jerusalem� zu einem beliebten und manchmal ziemlich verbissen gef�hrten Spiel zu werden schien, aber jetzt war es dort fast leer. Au�er Schwester Beate befanden sich nur noch zwei st�mmige Krankenpfleger in dem gro�en, hellen Raum. Mark kannte einen von ihnen. Er nickte ihm fl�chtig zu und ging dann zu dem Tisch am Fenster, an dem Beate Platz genommen hatte. Sie hatte sich bereits einen Kaffee besorgt und studierte scheinbar interessiert die Karte, was Mark ein wenig wunderte. Er kam nicht oft hierher, doch selbst er kannte die Speisekarte bereits auswendig. Sie wechselte nie; von den Preisen vielleicht einmal abgesehen.</p><p>�Schon was gefunden?� fragte er, w�hrend er Platz nahm.</p><p>Sie lie� die in Plastik eingeschwei�te Karte mit einer fast erschrockenen Bewegung sinken und sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube, ich lasse es bei einem Kaffee�, sagte sie. �Mir ist gerade aufgefallen, da� ich gar keinen richtigen Appetit habe.�</p><p>Nat�rlich stimmte das nicht. Viel wahrscheinlicher war ihr aufgefallen, da� ihre impulsive Antwort auf Marks vielleicht nicht ganz ernst gemeinte Frage leicht als aufdringlich mi�verstanden werden konnte, und sie versuchte jetzt, das Beste aus der Situation zu machen. Er k�nnte sie direkt darauf ansprechen, �berlegte Mark, und sie damit ein bi�chen in Verlegenheit bringen. <emphasis>Darin </emphasis>hatte er ja mittlerweile �bung.</p><p>Statt dessen griff er mit einer bewu�t forschen Bewegung nach der Karte, �berflog sie rasch und sagte: �Die R�hreier kann ich empfehlen. Sie sind wirklich gut.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete sie. �Ich lebe seit drei Monaten praktisch davon. In den ersten vier Wochen haben sie sogar geschmeckt.�</p><p>�Und in den anderen?�</p><p>�Auch. Aber mittlerweile kommen sie mir zu den Ohren wieder raus. Lassen wir es bei dem Kaffee.� <emphasis>Und dabei, mich nicht noch weiter in Verlegenheit zu bringen, okay?</emphasis></p><p>Mark zuckte mit den Schultern und bestellte f�r sich eine hei�e Schokolade, und er gewann einen weiteren Moment, indem er scheinbar interessiert aus dem Fenster sah und den park�hnlichen Innenhof des Geb�udetrakts musterte. Wie die Cafeteria bot auch er einen ungew�hnlich verwaisten Anblick. Irgendwie schien heute alles anders zu sein, als er in Erinnerung hatte, nur weil er fr�her gekommen war. Es war erstaunlich, welchen Unterschied einige wenige Stunden machten. Offenbar gab es verschiedene Welten, die nebeneinander und am gleichen Ort existierten, nur durch die Tageszeiten getrennt.</p><p>�Ich m�chte mich noch einmal in aller Form entschuldigen�, sagte er schlie�lich. �Mein Benehmen von vorhin -�</p><p>�War v�llig in Ordnung�, unterbrach ihn Beate. <emphasis>�Ich </emphasis>bin es, die sich entschuldigen m��te. F�r heute morgen, und f�r gerade.�</p><p>�Gerade?�</p><p>�Ich war, glaube ich, ein bi�chen... aufdringlich�, sagte sie verlegen. �Aber irgendwie haben Sie mich �berrumpelt. Ich hatte das Gef�hl, etwas sagen zu m�ssen, und das mit der Einladung zum Fr�hst�ck war das erste, was mir einfiel. Ziemlich dumm, furchte ich.�</p><p><emphasis>� �Macht nichts� </emphasis>w�re auch nicht viel origineller gewesen�, antwortete Mark. �Au�erdem ist es schon okay. Ich... bin ganz froh, mich ein bi�chen unterhalten zu k�nnen.�</p><p>�Ich habe Sie nicht gleich erkannt�, fuhr Beate unbeeindruckt fort. �Wissen Sie, als ich Ihren Namen h�rte, war ich einfach �berrascht. Ich meine... wir alle kennen Ihre Mutter, und ich habe eine Menge von Ihnen geh�rt. Sie erz�hlt viel von Ihnen. Aber ich hatte Sie mir... nun ja - <emphasis>anders </emphasis>vorgestellt.�</p><p>�Anders?�</p><p>�J�nger�, gestand Beate, die immer mehr in Verlegenheit zu geraten schien, obwohl Mark nicht h�tte sagen k�nnen, warum.</p><p>Er nickte. �Ich verstehe. Sie erz�hlt von ihrem zw�lfj�hrigen Sohn, der vor einem Jahr aufs Gymnasium gekommen ist und Schwierigkeiten mit Latein und Algebra hat.�</p><p>�Ja�, gestand Beate. �Es tut mir leid. Ich habe einfach nicht richtig geschaltet. Nat�rlich h�tte ich wissen m�ssen, wer Sie sind, aber als Sie pl�tzlich vor mir standen und behaupteten, ihr Sohn zu sein, da habe ich es einfach nicht kapiert.�</p><p>�Wahrscheinlich w�re es mir genauso gegangen�, sagte Mark, ganz impulsiv und nur aus dem Bed�rfnis heraus, sie irgendwie zu tr�sten. �Es mu� ziemlich verwirrend sein, einen Zw�lfj�hrigen zu erwarten und mich dann zu sehen. Entt�uscht?�</p><p>Sie blinzelte verwirrt. �Wie?�</p><p>�Schon gut.� Mark l�chelte und machte eine entsprechende Handbewegung. �Schwamm dr�ber. Einigen wir uns darauf, da� wir beide einen Fehler gemacht haben und quitt sind, okay?�</p><p>Ihr L�cheln wirkte immer noch ein bi�chen sch�chtern, und in ihren Augen zeichnete sich jetzt fast so etwas wie Angst ab. Wovor? Er vermochte nicht einmal zu erraten, was es war, aber er sp�rte pl�tzlich mit beinahe schon k�rperlicher Intensit�t, da� das M�dchen sich vor etwas f�rchtete; als h�tte sie einen Fehler begangen, der viel schlimmer war als der, den sie zugab, und weitreichende Konsequenzen haben mochte. Doch er sah in ihren Augen auch noch mehr. Da war etwas... Irritierendes. Ein Interesse, fast etwas <emphasis>Forderndes, </emphasis>das er sich noch viel weniger erkl�ren konnte, aber das eindeutig <emphasis>da </emphasis>war.</p><p>�Sie kennen meine Mutter also?� fragte er, nur um �berhaupt etwas zu sagen. Ihre Art, ihn anzusehen, verunsicherte ihn immer mehr.</p><p>�Sicher. Wir kennen sie alle. Und jeder hier hat sie sehr gern. Sie ist eine au�ergew�hnliche Frau.�</p><p><emphasis>Das war sie einmal, </emphasis>dachte Mark. <emphasis>Heute ist sie nur noch ... </emphasis>Er gestattete sich nicht, den Gedanken zu Ende zu formulieren, sondern sagte laut: �Ja, das ist sie wohl.�</p><p>Die falschen Worte, und die falsche Betonung. Etwas in Beates Blick erlosch und machte dem Mitgef�hl von vorhin Platz. Nur da� es nicht mehr das <emphasis>gleiche </emphasis>Mitgef�hl war. Jetzt war es etwas, was ihn in Verlegenheit brachte.</p><p>�Es mu� schlimm f�r Sie sein, sie so zu sehen�, sagte sie.</p><p>�Schlimm? Wie kommen Sie darauf?� Mark nippte an seinem Getr�nk und starrte an ihr vorbei ins Leere.</p><p>�Sie sehen ziemlich mitgenommen aus�, antwortete sie offen.</p><p>�Das bin ich auch�, sagte Mark. �Aber es hat... andere Gr�nde.� Und f�r einen winzigen Moment war er nahe daran, ihr alles zu erz�hlen - die Geschichte der letzten Jahre, die die H�lle gewesen waren, die der vergangenen Nacht und vor allem seines Traumes, in dem sich diese Jahre zu einer gr��lichen Vision akkumuliert hatten, die ihn bis jetzt nicht ganz losgelassen hatte, und die dessen, was noch vor ihm lag. Auch das war ein Gedanke, dem er bisher erfolgreich ausgewichen war, aber in sp�testens einer halben Stunde w�rde er sich dem bisher gr��ten Hindernis auf seinem Weg in die Freiheit stellen m�ssen: seinem Vater. Und vielleicht - wahrscheinlich sogar - <emphasis>h�tte </emphasis>er ihr sogar alles erz�hlt, denn pl�tzlich sehnte er sich nach nichts mehr als nach einem Menschen, der einfach nur zuh�rte, h�tte Beate in diesem Moment nicht etwas getan, worauf er vollends unvorbereitet war: Sie streckte die Hand aus und ber�hrte seine Finger, und es war eine sehr warme, vertraute Ber�hrung, in der etwas von dem war, was er auch in ihrem Blick gelesen hatte.</p><p>Er fuhr zusammen, und im gleichen Augenblick zog Beate erschrocken die Hand zur�ck. Sie sah ein bi�chen betroffen aus, und auf die gleiche Art schuldbewu�t wie gerade, so da� er nun hastig nach ihren Fingern griff und sie festhielt. Allerdings nur f�r einen Moment, denn pl�tzlich wurde ihm bewu�t, da� die beiden Pfleger, die an einem Tisch am anderen Ende des Raumes sa�en, schon seit einer geraumen Weile zu ihnen her�berblickten. Zum einen war ihm das peinlich, zum anderen wu�te er, da� es hier sehr strenge - und sicher berechtigte - Vorschriften gab, was das Verh�ltnis des Personals zu den Patienten und deren Anverwandten anging. Das St.-Eleonor-Stift war eine der teuersten Privatkliniken der Stadt, wenn nicht des Landes. Niemand, der hierherkam und einen Verwandten besuchte, lebte von der Sozialhilfe, und der Institutsleitung war sicher bewu�t, wie gro� die Verlockung f�r eine junge Schwester oder einen gutaussehenden Pfleger sein mochte, sich einen Million�rssohn oder eine reiche Erbin zu angeln, und f�r einen ganz kurzen Moment kam ihm ein ketzerischer Gedanke: n�mlich der, ob nicht ganz genau das der Grund war, weswegen Schwester Beate sich pl�tzlich so sehr f�r ihn interessierte.</p><p>Sofort wurde ihm klar, da� dieser Verdacht nicht nur absurd, sondern auch boshaft und ungerecht war. Sie h�tte schon verdammt schnell schalten und au�erdem ein ziemlich berechnendes Biest sein m�ssen, um so schnell zu reagieren. Und irgend etwas sagte ihm, da� keines von beidem zutraf. Die Wahrheit war sehr viel simpler. Sie hatte einfach gesehen, in welchem Zustand er sich befand, und wollte ihn irgendwie tr�sten. Einfach nett zu ihm sein.</p><p>Mark hatte mit einem Mal das v�llig aberwitzige Gef�hl, da� sie seine Gedanken erraten haben mu�te - und ein daraus resultierendes sehr schlechtes Gewissen. Er hatte heute wirklich ein einmaliges Talent, jedem, der den Fehler beging, freundlich zu ihm sein zu wollen, einen Tritt zu verpassen.</p><p>�Wie alt sind Sie eigentlich?� fragte er, um seine Verlegenheit zu �berspielen, aber auch aus wirklichem Interesse.</p><p>�Siebzehn - warum?�</p><p>Mark lachte. �Dann bin ich gerade mal ein Jahr �lter. Warum lassen wir also das bl�de <emphasis>Sie </emphasis>nicht? Ich hei�e Mark.�</p><p><emphasis>Wer </emphasis>baggerte jetzt eigentlich <emphasis>wen </emphasis>an? Zumindest war es ihm schon wieder gelungen, sie in Verlegenheit zu bringen. M�glicherweise hatte er mehr in ihren Blick und ihre vertraute Geste hineingedeutet, als darin war.</p><p>�Na ja - warum nicht?� sagte sie unsicher. �Eigentlich nennt mich sowieso jeder Schwester Beate. Kein Problem, das <emphasis>Schwester </emphasis>wegzulassen.�</p><p>�Du bist also seit drei Monaten hier?� fragte Mark.</p><p>Sie nickte verbl�fft. �Stimmt. Aber woher - ?�</p><p>�Die R�hreier�, erinnerte Mark. �Ich bin ein aufmerksamer Zuh�rer.�</p><p>�Das scheint mir auch so. Ganz im Gegensatz zu mir, f�rchte ich. Sie sind - <emphasis>du bist - </emphasis>wirklich erst achtzehn?�</p><p>�Und auch das erst seit heute�, best�tigte Mark. Beates �berraschung wunderte ihn kein bi�chen. Er sah sehr viel �lter aus, als er war, was zum Teil an seiner Gr��e lag, zum weitaus gr��eren Teil aber an der Bitterkeit, die sich im Laufe der letzten Jahre tief in sein Gesicht eingegraben hatte. Und manchmal hatte er das Gef�hl, nicht nur wie f�nfundzwanzig auszusehen, sondern es auch schon seit mindestens zehn Jahren zu sein.</p><p>Er konnte sich kaum erinnern, jemals wirklich ein Kind gewesen zu sein. Sein Vater hatte ihm weit mehr angetan, als ihm sein Elternhaus und die Liebe seiner Mutter vorzuenthalten. Er hatte ihm seine Jugend gestohlen. Er war nicht erst heute morgen erwachsen geworden, sondern an dem Tag, an dem er ins Internat gekommen war, und das auf eine Art, die sehr bitter gewesen war.</p><p>�Heute?�</p><p>Er nickte. �Ich habe heute Geburtstag. Seit heute bin ich achtzehn. Ein richtiger, vollwertiger Mensch.�</p><p>�Na, dann herzlichen Gl�ckwunsch!�</p><p>Mark schnaubte. �Da gibt es nicht viel zu begl�ckw�nschen, f�rchte ich�, sagte er. �Ich habe schon angenehmere Tage erlebt.�</p><p>�Wieso?�</p><p>Die Frage brachte ihn in Verlegenheit. �Ich sch�tze, ich habe ...ziemlichen Mist gebaut�, gestand er. �Ich war wohl...� Was? <emphasis>Ein bi�chen vorschnell? Ein klitzekleines bi�chen dumm? </emphasis>Er hob die Schultern und schlo� nach einer h�rbaren Pause: �Ich habe einen Fehler gemacht.�</p><p>�Aber Sie wollen nicht dar�ber reden.�</p><p><emphasis>�Du�,</emphasis> korrigierte er sie. �Nein, das stimmt nicht. Nur jetzt nicht. Noch nicht.� Dabei stimmte das gar nicht. Wenn �berhaupt etwas, dann hatte ihm dieses Gespr�ch mit Beate eines klargemacht: Er war hierhergekommen, um zu reden. Vielleicht nicht einmal mit seiner Mutter. Aber er hatte das, was er ihr gesagt hatte, einfach <emphasis>irgend jemandem </emphasis>erz�hlen m�ssen - bevor er es seinem Vater sagte.</p><p>�Vielleicht sp�ter�, f�gte Mark mit einem R�uspern hinzu. Er sah auf und begegnete einem L�cheln, das vielleicht zum ersten Mal an diesem Morgen wirklich echt wirkte, auf jeden Fall nicht verkrampft. Er l�schte es aus, indem er noch einmal den Kopf sch�ttelte und leise sagte: �Entschuldige. Ich... wollte nicht unh�flich sein. Es ist nur...�</p><p>�Schon gut. Das alles geht mich ja wirklich nichts an.�</p><p>�Das ist es nicht�, sagte er hastig. �Ich bin einfach nur durcheinander, das ist alles. Und anscheinend habe ich heute ein ganz besonderes Talent, jedem auf die Zehen zu treten, der freundlich zu mir sein will.�</p><p>Beate blickte ihn noch einen Moment lang sehr nachdenklich an, dann rettete sie sich in ein ausdrucksloses L�cheln und sah auf die Uhr. �Meine Pause ist vorbei�, sagte sie. �Ich mu� zur�ck, bevor ich �rger bekomme.�</p><p>�Selbstverst�ndlich.� Mark stand auf, zahlte ihre Getr�nke und rannte fast, um vor Beate an der T�r zu sein und sie ihr aufzuhalten. Er benahm sich ziemlich linkisch, das bewiesen nicht nur der sp�ttische Gesichtsausdruck der beiden Krankenpfleger, die Beate und ihn jetzt ganz unverbl�mt anstarrten, sondern auch Beates irritierte Blicke - immerhin stolperte er beinahe �ber seine eigenen F��e, nur um vor ihr bei einer T�r zu sein, die er nun wei� Gott nicht aufhalten mu�te. Anders als das gro�e Portal drau�en trug <emphasis>sie </emphasis>den speziellen Bed�rfnissen der Bewohner dieses Geb�udes Rechnung und war so leichtg�ngig, da� selbst ein Kleinkind keine M�he gehabt h�tte, sie zu �ffnen.</p><p>�Wei�t du�, sagte er, w�hrend sie den Garten durchquerten und wieder das Hauptgeb�ude ansteuerten, �eigentlich hast du recht.�</p><p>�Womit?� fragte Beate.</p><p>Mark seufzte und machte eine flatternde, ausholende Geste. �Es ist ein Schei�tag, wenn man bedenkt, da� ich heute achtzehn werde. Eigentlich sollte man einen solchen Tag anders begehen.�</p><p>�Nicht mit einem Besuch im Krankenhaus, meinst du?�</p><p>�Zum Beispiel. Man sollte ihn feiern.�</p><p>�Und warum tust du es nicht?�</p><p>Er l�chelte bitter. �Vielleicht, weil ich wenig Grund dazu habe. Und au�erdem w��te ich niemanden, der mit mir feiert.� Er blieb mitten im Schritt stehen und sah Beate mit gespielter �berraschung an. �He - warum feiern wir ihn nicht gemeinsam? Ich k�nnte dich abholen, wenn deine Schicht vorbei ist, und wir machen einen drauf.�</p><p>Einen Moment lang war er davon �berzeugt, den Bogen �berspannt zu haben. So ganz nebenbei - seine eigenen Worte �berraschten ihn jetzt <emphasis>wirklich, </emphasis>denn er hatte eigentlich nur <emphasis>irgend etwas </emphasis>sagen wollen, um den peinlichen Moment zu �berspielen. Beate wirkte fast erschrocken. Dann sch�ttelte sie den Kopf und sagte: �Ich ... glaube nicht, da� das eine gute Idee ist.�</p><p>�Ich verstehe�, seufzte er. �Du h�ltst mich f�r aufdringlich. Oder hast einen festen Freund.�</p><p>�Nein�, antwortete sie. �Keinen Freund. Aber ich... es geht nicht.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Ich wohne hier�, sagte Beate. �Ich habe nur ein kleines Zimmer, zwar f�r mich allein, aber die Anstaltsleitung sieht es nicht gerne, wenn -�</p><p>�Schon kapiert�, unterbrach sie Mark. �Dann hole ich dich nicht ab. Wir k�nnen uns unten an der Kreuzung treffen, und wir gehen irgendwohin und trinken ein Bier. Oder essen etwas - keine R�hreier, Ehrenwort.�</p><p>�Bestimmt nicht?�</p><p>�Ganz bestimmt nicht�, versprach er lachend. �Und keine Angst - wenn du meinetwegen �rger bekommst, sage ich meinem Vater Bescheid, und er kauft den Laden und schmei�t jeden raus, der dich auch nur schief ansieht.�</p></section><section><title><p>9. Kapitel</p></title><p>Die Bilder w�rden ihm ein Verm�gen einbringen. Der leichte Nieselregen, der die ganze Nacht �ber angehalten und nur am Morgen f�r eine knappe Stunde ausgesetzt hatte, hatte vor kurzem wieder eingesetzt, und mittlerweile go� es in Str�men. Au�erdem war es viel zu kalt f�r die Jahreszeit, so da� Mogrod mittlerweile nicht nur bis auf die Haut durchn��t war, sondern auch vor K�lte mit den Z�hnen klapperte, aber das st�rte ihn nicht im geringsten. Ganz im Gegenteil - er war in der Stimmung, laut zu singen, und er grinste so breit �ber das ganze Gesicht, da� ihn mehr als ein Fahrgast in der U-Bahn erstaunt angeblickt hatte.</p><p>Er hatte auch allen Grund f�r sein Grinsen. Was da in seiner rechten Manteltasche klapperte, war Gold wert, und das in jeder Hinsicht. Die Bilder w�rden eine Menge Geld einbringen, aber das allein war es nicht. Das war es nicht einmal <emphasis>haupts�chlich. </emphasis>Viel wichtiger als der Scheck, den ihm die Redaktion r�berschieben durfte, damit sie <emphasis>diese </emphasis>Bilder bekamen (und, so wahr ihm Gott helfe, er w�rde daf�r sorgen, da� es ein <emphasis>gro�er </emphasis>Scheck war, aber trotzdem), viel wichtiger als das Geld waren die Umst�nde, unter denen er an diese Bilder gekommen war. Mogrod war wieder da. Wie Ph�nix aus der Asche war er auferstanden und breitete in alter Kraft und Frische die Schwingen aus, und niemand - <emphasis>keiner! - </emphasis>w�rde es jetzt noch wagen, das zu bezweifeln.</p><p><emphasis>Er war wieder da. </emphasis>Die beiden Filme in seiner Tasche bewiesen es, und der Aufstand, den die Bullen erst einmal machen w�rden, wenn sie die Bilder in der Abendausgabe bewundern durften, w�rde es auch dem Rest der Welt beweisen.</p><p>Mogrod �berquerte die Stra�e, sprang mit einem ausgelassenen Satz auf den B�rgersteig hinauf und balancierte wackelnd und mit ausgebreiteten Armen wie ein Schulanf�nger einige Schritte weit auf dem Bordstein entlang. Er h�tte die ganze Welt <emphasis>umarmen </emphasis>k�nnen - mit Ausnahme einiger ganz spezieller Arschl�cher, verstand sich, die er im Lauf der kommenden Tage bestimmt nicht <emphasis>umarmen, </emphasis>sondern kr�ftig in den Arsch treten w�rde. Der eiskalte Regen, der ihm ins Gesicht klatschte, verbesserte seine Laune eher noch.</p><p>Der noch viel k�ltere Wassergu�, mit dem ihn ein Wagen �bersch�ttete, dessen R�der nur Zentimeter an ihm vorbei durch den Rinnstein pfl�gten, schon etwas weniger. Mogrod fluchte, brachte sich mit einem hastigen - wenn auch versp�teten - Satz in Sicherheit und sah gerade noch, wie der Fahrer ihm im R�ckspiegel einen kopfsch�ttelnden Blick zuwarf und sich gegen die Schl�fe tippte.</p><p>�Idiot!� br�llte Mogrod. Aber grinste dabei, und eigentlich war er dem Mann nicht einmal b�se. Er war sowieso na� bis auf die Haut, und die Klamotten, die er trug, h�tten eigentlich schon vor einem Jahr in die M�lltonne geh�rt. Genau dort w�rden sie sp�testens morgen auch landen; sobald er seinen Scheck eingel�st und sich neu eingekleidet hatte - nebst einigen anderen Kleinigkeiten, die er schon viel zu lange vor sich herschob. Ja, dachte er fr�hlich, <emphasis>er war wieder da, </emphasis>und nach diesen Volltrotteln in der Redaktion w�rden die Obertrottel auf der Bank die n�chsten sein, die das merkten. Das s�ffisante Grinsen, das jedes Mal auf dem Gesicht des Kassierers erschien, wenn er nach seinen Ausz�gen fragte, w�rde ihm im Hals steckenbleiben.</p><p>Mogrods Hand glitt in die Tasche seines durchweichten Parkas und suchte die Schl�ssel. Sie fand sie, ber�hrte dabei aber auch die beiden Plastikdosen mit den Filmen, die er in L�bachs Apartment aufgenommen hatte, und verharrten einen Moment l�nger darauf, als vielleicht n�tig gewesen w�re. Ein phantastisches Gef�hl. Der Kunststoff war so kalt und glatt und hart, als w�re es wirklich Gold - ach was, Gold, Platin mit Diamanteinschl�ssen! -, aber die Ber�hrung bewirkte noch etwas anderes, was Mogrod im ersten Moment fast selbst �berraschte. Irgendwie ern�chterte sie ihn.</p><p>Er grinste noch immer fr�hlich vor sich hin, w�hrend er den Schl�ssel aus der Tasche zog und mit vor K�lte steifen Fingern am Schlo� herumfummelte, aber er rief sich zugleich auch in Gedanken zur Ordnung. Sicher, er w�rde daf�r sorgen, da� er einen <emphasis>verdammt guten </emphasis>Preis f�r die Filme bekam, und den w�rden sie auch zahlen, denn was auf den Negativen zu sehen war, das war eine Sensation, und <emphasis>keine kleine,</emphasis> aber Geld war nicht die Hauptsache. Selbst wenn er die Summe bekam, die ihm vorschwebte (und w�re er nur ein bi�chen weniger euphorisch gewesen, h�tte er sich selbst gesagt, da� seine Vorstellung ziemlich utopisch war), w�rde sie nicht einmal ausreichen, seinen Saldo auszugleichen. Diesen Idioten auf der Bank das breite Grinsen in den Hals zu stopfen, w�rde noch ein bi�chen warten m�ssen, ebenso wie die diversen Einkaufsz�ge, die ihm vorschwebten. Aber das Geld war nicht das Wichtigste.</p><p>Was allein z�hlte war, <emphasis>da� </emphasis>er die Bilder hatte, und wie er darangekommen war. Nat�rlich w�rde er allen nur das <emphasis>�daߋ</emphasis> erkl�ren, ganz bestimmt nicht das <emphasis>�wie�. </emphasis>Aber das war ja gerade das Sch�ne. <emphasis>Er war wieder da - </emphasis>Stefan Mogrod, der immer f�nf Minuten <emphasis>vor </emphasis>der Polizei am Tatort war und Bilder scho�, f�r die die meisten seiner sogenannten Kollegen ihre Seele verkauft h�tten. Die Fotos in seiner Tasche bewiesen es.</p><p>Er erreichte seine Wohnung im f�nften Stock, �ffnete die T�r, schl�pfte aus dem durchweichten Mantel und warf ihn im hohen Bogen in die ungef�hre Richtung des Garderobenst�nders, noch w�hrend er die T�r mit dem Fu� hinter sich zuschob - nat�rlich nicht, ohne in der gleichen Bewegung die beiden Kunststoffr�hrchen mit den Filmen aus der Tasche des Mantels geklaubt zu haben. Noch immer im gleichen Sturmschritt, in dem er durch die T�r gekommen war, durchquerte er die Wohnung, legte die Kamera auf den einzigen freien Sessel und betrat die Dunkelkammer, die er sich im ehemaligen Abstellraum eingerichtet hatte. Im Vor�bergehen bemerkte er zwar, da� das Licht des Anrufbeantworters flackerte, aber das ignorierte er - wie meistens. Wahrscheinlich war es sowieso nur jemand, dem er Geld schuldete, oder ein Redakteur, der einen Moment abgewartet hatte, in dem er ganz sicher nicht zu Hause war, um ihm eine Absage aufs Band zu sprechen. Normalerweise schaltete er das Ding sowieso nicht ein, wenn er das Haus verlie�.</p><p>Auch das w�rde sich ab morgen radikal �ndern, dachte Mogrod gutgelaunt. Manchmal waren es die Kleinigkeiten, die einem das Leben vers��ten - wie zum Beispiel, nicht mehr zusammenzuzucken, wenn es unerwartet an der T�r klingelte, oder mit gutem Gewissen den Anrufbeantworter abh�ren zu k�nnen.</p><p>Mit einer fast ehrf�rchtigen Bewegung lud er die beiden Filmrollen auf der zerschrammten Arbeitsplatte ab, schaltete das Rotlicht ein und die normale Deckenbeleuchtung aus. Er h�tte sofort anfangen k�nnen, die Filme zu entwickeln - alles war bereit, alle Utensilien standen ordentlich in Griffweite, alles, was er brauchte, war da. Es kam schon einmal vor, da� sein K�hlschrank leer war, aber das Regal mit den Chemikalien, Entwicklerfl�ssigkeiten und Fixierern war immer ebenso gut gef�llt wie die Papierschubladen unter dem Tisch. Obwohl sein Leben sich w�hrend der letzten beiden Jahre in eine immer schneller werdende Schlitterpartie in den Abgrund verwandelte, hatte er zumindest hier drinnen noch eine Spur der alten Disziplin und Zuverl�ssigkeit bewahrt; zum Teil aus purer Gewohnheit, zum gr��eren Teil aber aus dem sicheren Wissen heraus, da� - wenn �berhaupt - er einen neuen Start hier drinnen beginnen w�rde. Fotografieren war alles, was er konnte. Alles, was er je gekonnt hatte, und alles, was er jemals k�nnen <emphasis>wollte. </emphasis>Und er hatte recht gehabt, verdammt noch mal. Sein Comeback stand vor ihm, verpackt in zwei f�nf Zentimeter hohen, schwarzen Plastikdosen.</p><p>Mogrod �ffnete das erste R�hrchen, nahm den Film heraus und �berzeugte sich pedantisch davon, da� die T�r sicher verschlossen war und nicht der winzigste Lichtschimmer durch einen Spalt dringen konnte, ehe er die Rolle �ffnete und die Negative in die Entwicklerdose gab. Er h�tte beide Filme zugleich entwickeln k�nnen, und er h�tte auch die Fl�ssigkeit benutzen k�nnen, die griffbereit in einer noch gut halbvollen Flasche auf dem Regal stand, aber er tat keines von beidem, sondern lie� den zweiten Film vorerst unangetastet und �ffnete eine neue, noch versiegelte Flasche. Dies war seine gro�e und mit ziemlicher Sicherheit allerletzte Chance. Er w�rde nicht das mindeste Risiko eingehen.</p><p>Seine Finger zitterten leicht, w�hrend er arbeitete. Vermutlich eine Folge der durchwachten Nacht - und so ganz nebenbei der Angst, die er ausgestanden hatte. Au�erdem war er kein junger Springer mehr, sondern mit seinen knapp f�nfzig Jahren, von denen er sicherlich zwei - zusammengerechnet - im Zustand der Volltrunkenheit verbracht hatte, schon in einem Alter, in dem man sich nicht mal eben �ber eine Balkonbr�stung schwang und an einem d�nnen Nylonseil in die darunterliegende Etage hinunterkletterte. Genau das hatte er n�mlich in der vergangenen Nacht getan.</p><p>Ein d�nnes L�cheln breitete sich auf Mogrods Gesicht aus, als er an die zur�ckliegende Nacht dachte. Die Bullen waren wie aufgescheuchte H�hner durch die Gegend gerannt und hatten sich vor lauter Mi�trauen und Dienstbeflissenheit gegenseitig auf die F��e getreten - schlie�lich kam es nicht jeden Tag vor, da� der Leiter der Mordkommission h�chstselbst die Ermittlungen durchf�hrte.</p><p>Nicht, da� ihn das sonderlich aufgehalten h�tte. Ein bi�chen Bestechung, ein bi�chen Dreistigkeit und ein, zwei kleine Notl�gen, und schon war er in einer Wohnung gewesen, die praktisch von der gesamten Berliner Polizei besch�tzt wurde, damit auch keiner �berraschend hereinplatzte und ihn beim Fotografieren st�rte. Vielen Dank auch.</p><p>Nat�rlich war das, was Mogrod jetzt so selbstzufrieden vor seinem inneren Auge defilieren lie�, in der Realit�t nicht ganz so leicht gewesen, sondern im h�chsten Ma�e illegal - aber das Ergebnis hatte den Einsatz gelohnt. Zigfach.</p><p>Er war mit dem ersten Film fertig, stellte die Entwicklerdose behutsam auf den Tisch zur�ck und wandte sich dem zweiten zu. Er wiederholte den Vorgang pedantisch, dann bet�tigte er die Taste der Zeitschaltuhr. Jetzt konnte er nur noch warten. Nicht einmal sehr lange, aber er wu�te nat�rlich, da� selbst wenige Minuten jetzt zu Ewigkeiten werden w�rden.</p><p>Um sich abzulenken, verlie� er die Dunkelkammer, ging in die K�che und bereitete sich eine Tasse Instant-Kaffee zu. Er schmeckte scheu�lich, aber er war hei� und stark, und er schenkte ihm wenigstens die <emphasis>Illusion, </emphasis>seine Lebensgeister zu wecken. Mogrod leerte die Tasse mit kleinen Schlucken, zwischen denen er erzwungen lange Pausen einlegte, und er beherrschte sich eisern, nicht auf die Armbanduhr zu sehen, bevor die Tasse nicht vollkommen geleert war. Als er es dann tat, war die Entt�uschung um so gr��er. Es war wohl so, wie man sagte: Je mehr man darauf wartete, da� die Zeit verging, desto langsamer schien es zu geschehen.</p><p>Vielleicht sollte er in die Dunkelkammer zur�ckkehren. Ein Auge auf die Entwicklerdosen werfen. Was, wenn mit der Fl�ssigkeit etwas nicht in Ordnung war? Er hatte eine neue Flasche angebrochen, aber sie konnte schlie�lich schon im Laden �beraltert gewesen sein, das Etikett mit dem Haltbarkeitsdatum unleserlich oder gef�lscht, weil irgendein knickeriger Kr�mer die �berlagerte Ware nicht wegwerfen wollte. M�glicherweise waren auch die Dosen undicht, so da� ein Lichtschimmer eindrang und die Negative verdarb, oder -</p><p>Oder der Himmel tat sich auf, und ein brennender Stern st�rzte auf sein Haus und verschlang ihn samt seinen kostbaren Filmen. Schlu� jetzt. Er hatte allen Grund, gespannt zu sein, aber verdammt noch mal keinen einzigen, hysterisch zu werden.</p><p>Statt in die Dunkelkammer zur�ckzugehen und wom�glich aus lauter Ungeduld doch noch irgendeinen Fehler zu machen, br�hte er sich eine zweite Tasse Kaffee auf, die er jedoch nicht sofort trank, sondern behutsam vor sich her ins Wohnzimmer balancierte. Einem Au�enstehenden w�re der Raum klein, aber trotzdem in gewissem Ma�e behaglich eingerichtet vorgekommen, aber f�r Mogrod war er Sinnbild all dessen, was er verloren hatte. Es hatte eine Zeit gegeben, da h�tte er ernsthaft �berlegt, ob ein Kabuff wie dieses �berhaupt gro� genug f�r seine <emphasis>Dunkelkammer </emphasis>war - jetzt war es das gr��te Zimmer der Wohnung, und die sch�bigen M�bel, die er zum gr��ten Teil gebraucht erworben oder geschenkt bekommen hatte, waren alles, was er noch besa�.</p><p>Mogrod setzte sich schwer in einen der sch�bigen Sessel, nippte an seinem Kaffee und lie� seinen Blick nachdenklich durch den Raum schweifen. Er sah die M�bel und die fleckigen Tapeten nicht wirklich, sondern nur das Dutzend Schwarzwei�fotografien, die in schlichten Glasrahmen an der Wand neben der T�r hingen. Er betrachtete sie fast immer, wenn er hier sa� und gerade nichts Besseres zu tun hatte - was in letzter Zeit ziemlich h�ufig der Fall gewesen war -, und er wurde niemals m�de, es zu tun. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er Geld gehabt, einen Wagen, eine teure Wohnung, teure Freunde und noch teurere Frauen. Den Wagen und die Wohnung hatte er als erstes verloren, und die Freunde - die keine gewesen waren - kurz danach. Jetzt waren diese Bilder unwiderruflich alles, was ihm geblieben war.</p><p>Einem Fremden w�ren diese Bilder sonderbar vorgekommen, vielleicht ein wenig pervers, auf jeden Fall aber <emphasis>unheimlich, </emphasis>und objektiv betrachtet waren sie das wohl auch. Es waren seine Lieblingsbilder, die <emphasis>einzigen, </emphasis>die er aufgehoben hatte, aus der ganzen Zeit. F�r drei davon hatte er Preise bekommen, f�r die allermeisten eine h�bsche Stange Geld, und jedes einzelne hatte seine eigene Geschichte.</p><p>Die meisten zeigten dramatische Motive: ein brennendes Haus, auf dessen Dach Menschen standen; �ber ihnen kreisende Hubschrauber, die wegen der aufsteigenden Hitze und der Menschenmenge nicht auf dem Dach landen konnten. Mehr als ein Dutzend ineinandergerammter Autowracks, von denen einige ebenfalls in Flammen standen, und zwischen denen winzige Gestalten umherirrten, zwei von ihnen brennend. Ein totes Kind, das von einem Feuerwehrmann aus dem Kanalisationsrohr gezogen wurde, in das es gest�rzt und qualvoll erstickt war. Das Wrack eines Sportflugzeuges, das auf eine Laubenkolonie gest�rzt war, dicht daneben ein verkr�mmter, kopfloser Torso, guillotiniert von einem abgebrochenen Propellerfl�gel. Tod und Katastrophen waren sein Metier gewesen.</p><p>Keines dieser Bilder lie� an Grausamkeit zu w�nschen �brig, aber sie alle verbla�ten neben dem Bild gleich neben der T�r. Es war nicht sonderlich scharf, und nicht einmal richtig belichtet, aber es war trotzdem das Glanzst�ck seiner Sammlung. Es zeigte eine junge Frau, farbig und mit zerrissenen Kleidern, die vor einem Panzer russischer Bauart davonlief. Ihre F��e waren nackt und hinterlie�en blutige Abdr�cke auf dem Pflaster, und obwohl das Gesicht ebenso unscharf war wie der Rest der Aufnahme, konnte man die nackte Todesangst in ihren Augen doch deutlich erkennen. Der Panzer war noch f�nf Meter hinter ihr und stand ein wenig schr�g, weil er gerade �ber einen Wagen hinweggerollt war, der am Stra�enrand stand, die M�ndung des Kanonenrohres deutete genau in die Kamera. Trotz der schlechten Aufnahmequalit�t hatte das Foto eine unglaubliche Dynamik. Man konnte die Geschwindigkeit, mit der der Hundert-Tonnen-Kolo� heranraste, geradezu sehen. Er hatte das Bild w�hrend der Schlacht um Aden aufgenommen, und er h�tte es beinahe mit dem Leben bezahlt. Der Panzer hatte die Frau nicht erwischt, aber um ein Haar h�tte er Mogrod �berrollt. Er hatte sich im buchst�blich allerletzten Moment mit einem Satz in Sicherheit gebracht, wobei er gest�rzt und die Kamera zu Bruch gegangen war. Der Film war verdorben, aber eine Laune des Zufalls hatte daf�r gesorgt, da� ausgerechnet dieses eine Negativ noch zu gebrauchen gewesen war. Mogrod hatte Stunden in einem stinkenden Kellerloch zugebracht und darauf gewartet, da� ein Gesicht �ber dem Eingang erschien und ein Schu� fiel, der seinem Leben ein Ende setzte. Es war nicht geschehen. Sp�ter, als sich die K�mpfe in einen anderen Teil der Stadt verlagerten, hatte er es gewagt, sein Versteck wieder zu verlassen und die Leiche der jungen Frau gefunden. Sie war dem Panzer entkommen, aber offensichtlich nur, um wenige Augenblicke danach von einem Heckensch�tzen erschossen zu werden. Noch sp�ter, nachdem es ihm irgendwie gelungen war, den Jemen zu verlassen, hatte er jedem erz�hlt, da� der Panzer die Frau vor seinen Augen �berfahren h�tte. Wie sich herausstellte, hatte dies den Preis f�r das Bild allerdings nicht in die H�he getrieben, sondern im Gegenteil daf�r gesorgt, da� es unverk�uflich wurde.</p><p>Trotzdem war es sein pers�nliches Lieblingsbild. Vielleicht, weil dies seine erste <emphasis>wirkliche </emphasis>Ber�hrung mit dem Tod gewesen war. Er hatte ihn unz�hlige Male miterlebt, unz�hlige Male fotografiert und dokumentiert, aber damals in Aden war er ihm so nahe wie nie zuvor gewesen. Der Panzer hatte ihn buchst�blich um Zentimeter verfehlt, und die junge Frau <emphasis>war </emphasis>tot. Manchmal fragte er sich ganz ernsthaft, ob <emphasis>sie </emphasis>vielleicht tot war, weil <emphasis>er </emphasis>lebte.</p><p>Er sah wieder auf die Uhr, Noch f�nf Minuten. F�nfmal sechzig Sekunden, und sein Leben w�rde sich radikal �ndern. Und <emphasis>diesmal </emphasis>w�rde er sich nicht kaufen lassen, wie damals vor sechs Jahren.</p><p>Er stand auf, trug seine Tasse in die K�che zur�ck und sp�lte sie sorgsam aus, um auf diese Weise noch eine weitere Minute zu gewinnen. Als er in die Dunkelkammer zur�ckging und das Rotlicht aufleuchtete, war die Zeituhr beinahe abgelaufen. Er h�tte die Filme jetzt gefahrlos herausnehmen k�nnen; einige Minuten Differenz nach oben oder unten machten bei dem modernen Material, mit dem er arbeitete, nicht viel aus.</p><p>Trotzdem wartete er ab, bis das leise elektronische Summen erklang, ehe er die beiden Beh�lter �ffnete, die Filme herausnahm und in den Trockner gab. Das Rotlicht w�re stark genug gewesen, schon jetzt das eine oder andere auf den Negativen erkennen zu k�nnen, aber mittlerweile geno� Mogrod die Spannung regelrecht. Die wenigen Minuten, die er jetzt noch warten mu�te, vertrieb er sich damit, den Projektor auszurichten, die Fotoschalen zu s�ubern und Papier bereitzulegen. Als er Entwickler, Fixierbad und Wasser bereitgestellt hatte, ert�nte erneut ein leises Summen. Die Negative waren fertig.</p><p>Sorgf�ltig zerschnitt er die Filme in je sechs gleich lange Streifen, legte elf davon beiseite und spannte den ersten in den Projektionsapparat. Seine Finger zitterten nun doch leicht. Trotzdem arbeitete er pr�zise und mit der gewohnten Sicherheit und Routine - mit einer Ausnahme. Er belichtete nicht alle sechs Bilder nacheinander, sondern begann sie einzeln zu entwickeln. Er hatte Zeit, und er wollte den Moment genie�en.</p><p>Der erste Filmstreifen zeigte nichts Besonderes: eine Au�enansicht des Hauses, das in der Nacht nicht viel mehr als ein schwarzer Schatten mit hunderten rechteckiger leuchtender Augen gewesen war, einige Schnappsch�sse der Menge, die sich nach L�bachs Selbstmord auf der verregneten Stra�e versammelt hatte, und den zertr�mmerten Wagen, neben dem ein leichenblasser und sichtlich noch sehr junger Polizeibeamter im Rinnstein hockte und sich die Seele aus dem Leib kotzte - so ganz nebenbei ein guter Kandidat, um in seine Sammlung drau�en im Wohnzimmer aufgenommen zu werden, aber mehr auch nicht. Gestern abend, als er es geschossen hatte, hatte er noch gehofft, es f�r ein paar Mark an irgendein Revolverblatt verkaufen zu k�nnen. Die Menschen liebten solche Horrorfotos.</p><p>Auch der zweite Negativstreifen war kaum ergiebiger - bis auf das letzte Bild. Mogrod war schon drauf und dran gewesen, in die U-Bahn zu steigen und nach Hause zu fahren, damit der Film rechtzeitig entwickelt war, um noch f�r irgendeine Morgenausgabe interessant zu sein, als Sendig angekommen war. Das Bild zeigte ihn, wie er in Abendgarderobe und dazu passendem nachmittern�chtlichem Gesichtsausdruck aus dem Wagen stieg; und von diesem Moment an war Mogrod klar gewesen, da� es sich hier bestimmt <emphasis>nicht </emphasis>nur um einen ganz gew�hnlichen Selbstmord handelte. Im Gegenteil - er hatte sofort gewu�t, da� hier etwas Gro�es im Gange war, etwas <emphasis>ganz Gro�es </emphasis>sogar. Nur hatte er selbst da noch nicht geahnt, <emphasis>wie </emphasis>gro�.</p><p>Ohne da� es ihm bewu�t war, begann er nun doch schneller zu arbeiten. Die Bilder, die vor seinen Augen auf dem wei�en Papier auftauchten und allm�hlich an Tiefe und Sch�rfe gewannen, erz�hlten die Geschichte der vergangenen Nacht noch einmal nach. Nat�rlich hatte er sich sofort an Sendigs Fersen geheftet. Es war ihm nicht einmal sonderlich schwergefallen, in das Haus zu kommen, von dessen Balkon L�bach gesprungen war.</p><p>Er hatte die ersten sechs Negativstreifen fertig abgezogen und wandte sich dem zweiten, ohnehin interessanteren Film zu. Mogrod blickte unwillk�rlich auf die Trocknertrommel, die sich mit einem leisen Summen drehte. S�mtliche anderen Aufnahmen zeigten L�bachs Wohnung selbst. Er hatte einen ganzen Film verschossen, und er h�tte noch mindestens zwei oder drei weitere verbraucht, h�tte er nicht ein Ger�usch an der T�r geh�rt und es vorgezogen, sich aus dem Staub zu machen. Aber auch so war die Ausbeute gigantisch.</p><p>Mogrod arbeitete schnell und routiniert. Er brauchte kaum zehn Minuten, um die sechsunddrei�ig Bilder zu belichten, und zu seiner gro�en Freude stellte er dabei fest, da� nur eine einzige Aufnahme nichts geworden war. Er hatte die Wand, auf die L�bach mit seinem eigenen Blut das Wort AZRAEL geschrieben hatte, gleich viermal fotografiert. Drei Bilder waren erstklassig, doch auf dem vierten war irgendein Schatten. Vielleicht eine Verunreinigung auf dem Negativ, vielleicht sogar sein eigener Schatten, der vom Blitzlicht irgendwie reflektiert und verzerrt worden war. Auf jeden Fall war das Bild verdorben.</p><p>Vielleicht war es aber auch das Beste �berhaupt.</p><p>Mogrod hatte bereits dazu angesetzt, das Bild aus der Schale zu nehmen und in den Papierkorb zu werfen, aber dann lie� er es doch wieder in die Fl�ssigkeit zur�ckgleiten und beobachtete gespannt, was weiter geschah. Das Bild war bereits jetzt �berentwickelt; die Schattierungen und Nuancen, die gerade erst auf dem Papier aufgetaucht waren, begannen wieder zu verschwinden, w�hrend das St�ck Papier seine Reise von strahlendem Wei� hin zu tiefstem Schwarz fortsetzte. Aber das, was eigentlich ein Fehler war, hatte auch einen erstaunlichen Effekt auf den Schatten. Irgendwie schien er... <emphasis>dreidimensionaler </emphasis>zu werden, als ginge auf dem Fotopapier etwas vonstatten, was dem Wort <emphasis>Entwicklung </emphasis>eine v�llig neue Dimension verlieh. Und er war jetzt sicher, da� es tats�chlich <emphasis>sein </emphasis>Schatten war, den er versehentlich fotografiert hatte, denn die Form war zu eindeutig. Es war der Schatten eines Menschen, und schlie�lich war er der einzige Mensch in der Wohnung gewesen. Was nichts daran �nderte, da� das Bild eine gewisse Eigendynamik hatte - und zudem unheimlich genug war, um zu Spekulationen nach Herzenslust anzuregen. Und bei der bizarren Atmosph�re, die in der Wohnung geherrscht hatte, sogar in ganz besonderem Ma�e. Mogrod beschlo�, das Negativ auf jeden Fall aufzuheben. Man konnte nie wissen...</p><p>Auf der anderen Seite der T�r ert�nte ein scharfer Knall, unmittelbar gefolgt vom Splittern von Glas und etwas, das sich wie ein ferner Schrei anh�rte. Mogrod fuhr so erschrocken zusammen, da� er um ein Haar die Schale mit Entwicklerfl�ssigkeit vom Tisch gerissen h�tte, drehte sich herum und trat zur T�r. Im allerletzten Moment fiel ihm ein, da� einige Bilder zwar belichtet, aber noch nicht entwickelt waren. Hastig drehte er sich noch einmal herum, legte die entsprechenden Bl�tter in eine lichtundurchl�ssige Schachtel und trat ein zweites Mal zur T�r. Der Knall und das Splittern hatten sich nicht wiederholt, aber er glaubte noch immer, so etwas wie einen Schrei zu h�ren.</p><p>Sein Blick huschte aufmerksam durch das Wohnzimmer, als er die Dunkelkammer verlie�. Das Ger�usch hatte sich angeh�rt, als w�re es unmittelbar hinter der T�r erklungen, aber da mu�te er sich wohl get�uscht haben. Alles hier sah genauso aus wie vor einer halben Stunde, als er dagesessen und darauf gewartet hatte, da� die Zeit verging. Was h�tte es auch sein sollen? Er lebte allein hier, er hatte keine Haustiere, und an Poltergeister und �hnliches Zeug glaubte er nicht. Also war drau�en auf der Stra�e etwas passiert.</p><p>Hastig trat er ans Fenster und sah auf die Stra�e hinab. Ja, irgend etwas... war dort unten. Er konnte im ersten Moment nicht genau sagen, was, aber da war eine Ver�nderung. Zu wenige Menschen, und so gut wie kein Verkehr. Und er konnte jetzt ganz deutlich h�ren, da� irgendwo jemand schrie. Dann sah er einen Mann, der mit weit ausgreifenden Schritten aus dem gegen�berliegenden Haus gerannt kam und nach links hastete, und gleich darauf einen zweiten. Etwas war passiert. Wahrscheinlich ein Unfall.</p><p>Mogrods allererster Gedanke war, seine Kamera zu nehmen und hinunterzulaufen. Unf�lle waren immer gut f�r ein paar Mark, und normalerweise h�tte er eine solche Chance, wie sie sich jetzt bot, kaum ungenutzt verstreichen lassen. Der Ger�uschkulisse nach mu�te es sich um etwas wirklich <emphasis>Gro�es</emphasis> handeln, vielleicht eine entgleiste Stra�enbahn oder einen umgest�rzten Tanklaster, aus dem Salzs�ure lief, die ein paar Passanten ansengte. Au�erdem w�re er garantiert der erste Fotograf vor Ort. Er war auch schon auf halbem Wege zur T�r, aber dann blieb er wieder stehen.</p><p>Pl�tzlich wurde ihm klar, wie n�rrisch er sich benahm. Wen interessierte ein umgest�rzter Lastwagen oder eine entgleiste Tram? Das war Kleinkram. Er hatte es verdammt noch mal nicht mehr <emphasis>n�tig, </emphasis>sich damit abzugeben. Gestern abend h�tte er sich noch wie eine Hy�ne darauf gest�rzt, aber zwischen gestern abend und heute morgen lagen Welten. Gestern abend war er eine Hy�ne <emphasis>gewesen. </emphasis>Jetzt war er ein Adler, der eine fette Beute ersp�ht hatte. Und er sollte allm�hlich damit anfangen, sich wie ein solcher zu benehmen.</p><p>Mogrod warf den Fotoapparat, den er ganz automatisch ergriffen hatte, schwungvoll in einen Sessel, machte sich wieder auf den Weg zur Dunkelkammer und drehte sich auf halbem Wege wieder herum, um zum Telefon zu gehen. Die Bilder liefen ihm nicht davon, und er w�rde jetzt etwas tun, worauf er sich seit Jahren gefreut hatte.</p><p>Der L�rm drau�en auf der Stra�e hielt an, w�hrend er das Telefonbuch aufklappte und nach der Nummer suchte. Mogrod widerstand tapfer der Versuchung, aufzustehen und zum Fenster zu gehen, nahm sich aber nichtsdestotrotz vor, es nach seinem Telefonat nachzuholen. So, wie es sich anh�rte, war dort unten <emphasis>wirklich </emphasis>etwas im Gange, das sich zu fotografieren lohnte.</p><p>Er hatte die Nummer gefunden, nahm den Telefonh�rer ab und dr�ckte mit der anderen Hand die L�schtaste des Anrufbeantworters, ohne die Nachrichten abgeh�rt zu haben. Dann tippte er mit langsamen, fast zeremoniellen Bewegungen die Nummer ein und lauschte auf das Freizeichen.</p><p>Es klingelte dreimal, dann schaltete sich der Anrufbeantworter ein. �Guten Tag. Sie sind mit dem Anschlu� 5630265 verbunden�, sagte eine vollt�nende M�nnerstimme. �Leider bin ich zur Zeit selbst nicht zu erreichen. Sie k�nnen aber, wenn Sie dies m�chten, eine Nachricht beliebiger L�nge hinterlassen. Ich rufe Sie dann so schnell wie m�glich zur�ck. Bitte, sprechen Sie nach dem Signalton.�</p><p>Mogrod zog eine Grimasse. Er ha�te Anrufbeantworter. Trotzdem wartete er geduldig, bis das elektronische Piepsen erklungen war, dann sagte er: �Hallo, Doktorchen. Hier spricht Mogrod. Stefan Mogrod - Sie erinnern sich doch noch an mich? Keine Angst, ich will nichts von Ihnen, und Sie brauchen mich auch nicht zur�ckzurufen. Aber kaufen Sie sich doch heute die Abendausgabe der POST. Sie werden darin etwas finden, was Sie bestimmt brennend interessiert.�</p><p>Er dr�ckte auf die Gabel und h�ngte erst danach ein. Sosehr er sich noch vor zwei Sekunden �ber den Anrufbeantworter ge�rgert hatte - jetzt erschien es ihm eher positiv, seine Nachricht nur auf Band gesprochen zu haben, statt sich wom�glich in ein Gespr�ch hineinziehen zu lassen, bei dem er mehr verriet, als er eigentlich wollte. Au�erdem steigerte das die Spannung. Sein Name allein sollte ausreichen, demjenigen, der das Band abh�rte, ein paar fr�hliche Stunden zu bereiten. Wenigstens so lange, bis die Abendausgabe erschien. Und danach noch etliche weitere...</p><p>Er stand auf und wollte nun wirklich zum Fenster gehen, doch in diesem Moment erscholl aus der Dunkelkammer ein lautstarkes Klappern, das Mogrod wie elektrisiert zusammenfahren lie�. Er verga� die beunruhigenden Laute auf der Stra�e augenblicklich und hetzte so schnell zur Dunkelkammer, da� er fast �ber seine eigenen F��e gestolpert w�re. Hastig ri� er die T�r auf, schaltete das Licht ein und sah sich um.</p><p>Nichts.</p><p>Der Raum sah aus wie immer: winzig, �berladen und d�ster, nicht ganz so sauber, wie er h�tte sein k�nnen, und ein wenig unordentlicher, als er h�tte sein m�ssen. Auf dem Boden lag nichts, und auch die Fotoschalen und das halbe Dutzend durchsichtiger Acrylboxen mit seinen diversen Utensilien standen ordentlich aufgereiht da, wo sie hingeh�rten. Er mu�te sich das Ger�usch wohl eingebildet haben. Nun, bei dem, was f�r ihn auf dem Spiel stand, hatte er das Recht, ein bi�chen nerv�s zu sein. Einbildung, mehr nicht.</p><p>Trotzdem schlo� er sorgsam die T�r hinter sich und unterzog den Raum einer zweiten, gr�ndlicheren Inspektion, die allerdings zu keinem anderen Ergebnis f�hrte als die erste. Hier war weder etwas um- noch heruntergefallen.</p><p>Wenn er schon einmal hier war, konnte er seine Arbeit auch zu Ende bringen. Behutsam �ffnete er die Schachtel mit den noch nicht entwickelten Bildern und lie� sie eines nach dem anderen in die Fotoschalen gleiten. Sie zeigten weitere Ansichten von L�bachs Wohnung - die K�che, die M�llkippe, in die er sein Wohnzimmer verwandelt hatte, das auf so unheimliche Weise ver�nderte Bad, und als allerletztes noch einmal die blutige Schrift an der Wand. <emphasis>Azrael... </emphasis>Wenn er nur w��te, wo er dieses Wort schon einmal geh�rt hatte.</p><p>Mogrod fixierte die Bilder, gab sie in den Trockner und befestigte die �brigen gut zwanzig Abz�ge, die er schon fertiggestellt hatte, an der Pinnwand neben der T�r. Nachdem er sich davon �berzeugt hatte, da� kein unbelichtetes Fetzchen Papier mehr irgendwo herumlag, schaltete er das Rotlicht aus und die Deckenbeleuchtung ein. In der im ersten Moment fast unangenehmen Helligkeit der beiden Neonr�hren besah er sich die bisher fertiggestellte Kollektion kritisch. Das Haus, die Polizeibeamten, Sendig, die unvermeidlichen Gaffer und schlie�lich L�bachs Horrorapartment... ideal. Die perfekte <emphasis>true story, </emphasis>wie die Leute sie liebten, ob sie nun wirklich true war oder nicht.</p><p>Dabei waren die Bilder f�r sich allein betrachtet noch nicht einmal <emphasis>so </emphasis>sensationell. L�bachs Selbstmord w�rde ohne diese Fotos sp�testens morgen fr�h und <emphasis>mit ihnen </emphasis>sp�testens �bermorgen fr�h keinen mehr wirklich interessieren - aber er hatte mehr als diese Bilder. <emphasis>Er </emphasis>kannte die Geschichte, die dahintersteckte. Die wahre Geschichte. Er wu�te, warum L�bach sich umgebracht hatte, und er wu�te sogar, wie; zumindest hatte er eine Theorie, die der Wahrheit sehr nahe kommen mu�te. Und <emphasis>diese </emphasis>Nachricht w�rde einschlagen wie eine Bombe.</p><p>Der Trockner summte. Mogrod nahm die letzten sechs Abz�ge heraus und befestigte sie neben den anderen an der Pinnwand. Als er es getan hatte und sich wieder herumdrehte, streifte sein Blick eine der Plastikschalen auf dem Tisch.</p><p>Mogrod blieb stehen und runzelte �berrascht die Stirn. In der Entwicklerfl�ssigkeit schwamm noch immer der fehlerhafte Abzug, den er sich vorgemerkt hatte, um ihn zu einem Gespensterfoto f�r irgendein Revolverblatt zu machen. Er befand sich seit einer guten halben Stunde darin und h�tte eigentlich so schwarz sein sollen, wie es nur ging, und zum allergr��ten Teil <emphasis>war </emphasis>er das auch.</p><p>Aber eben nur zum allergr��ten Teil. Neunundneunzig Prozent des Bildes gl�nzten im tiefsten Schwarz, das man sich nur vorstellen konnte. Aber da war noch etwas - eine haarfeine helle Linie, ungef�hr dort, wo er den Schatten gesehen zu haben glaubte. Vielleicht nur ein weiterer Fehler. Ein Haar, das w�hrend der Belichtung auf das Blatt gefallen war, ein Staubpartikel auf der Linse oder eine Verunreinigung im Negativ. All das und noch viel mehr <emphasis>h�tte </emphasis>es sein k�nnen - aber irgend etwas sagte ihm, da� das nicht die wirkliche Erkl�rung war. Wenn man lange genug hinsah, dann schien diese d�nne Linie tats�chlich die Umrisse einer menschlichen Gestalt nachzuzeichnen: ein nachtschwarzer Schatten, der vor einer starken, aber weit entfernten Lichtquelle stand und sie beinahe vollst�ndig verdeckte, so da� er eine leuchtende Korona bekam wie der Mond bei einer Sonnenfinsternis.</p><p>Er w�rde der Sache jetzt auf den Grund gehen. Mogrod nahm das Foto aus der Schale, legte es ins Fixierbad und wusch sich rasch, aber sehr gr�ndlich die H�nde, ehe er die Filmstreifen zur Hand nahm und das entsprechende Negativ heraussuchte. Er untersuchte es, ohne irgendeine Besonderheit zu entdecken, schaltete das Licht aus und machte einen weiteren Abzug. Diesmal achtete er peinlich genau darauf, keinen Fehler zu machen.</p><p>Das sonderbare Gef�hl, das beim Anblick des Bildes von Mogrod Besitz ergriffen hatte, verst�rkte sich weiter, w�hrend er arbeitete. Auf dem Negativ war n�mlich nicht der allerkleinste Makel zu entdecken. Es zeigte die Blutschrift an der Wand und sonst nichts. Keinen Kratzer, keine Verunreinigung, nicht einmal den Schatten eines Schattens. Ein Fehler im Fotopapier? Eigentlich war das nicht m�glich - nicht so -, aber Mogrod zog diese Alternative zumindest in Betracht, und wenn es so war, dann war es h�chst bedauerlich, denn das bedeutete, da� er den Effekt nicht w�rde wiederholen k�nnen. Ade Geisterfoto und ade Extrahonorar.</p><p>Er vergr��erte die entsprechende Stelle so stark, wie es das Format seines Fotopapiers zulie�, nahm das Blatt aus dem Projektor und lie� es in die Schale mit Entwickler gleiten. Er mu�te nur ein paar Sekunden warten, bis sich die ersten grauen Konturen auf der strahlendwei�en Oberfl�che zu zeigen begannen.</p><p>Und der Schatten war da. Die Wand, ein Teil des T�rrahmens, die verlaufende Schrift - und der unheimliche Umri�, der eigentlich gar nicht da sein durfte und <emphasis>auf dem Negativ auch nicht zu sehen war. </emphasis>Mogrod war sicher. Er hatte ganz genau hingesehen. Was sich da vor seinen Augen in wolkigem Grau bildete und allm�hlich zu scheinbarer Substanz gerann, war auf dem Negativ eindeutig nicht abgebildet. Konnte es sein, da�...</p><p>... da� er tats�chlich eine Art Gespenst fotografiert hatte?</p><p>Das war nat�rlich hahneb�chener Unsinn - Mogrod glaubte weder an Geister noch an irgendwelchen anderen �bernat�rlichen Kram -, und trotzdem konnte er sp�ren, wie sich die feinen H�rchen in seinem Nacken bei diesem Gedanken aufstellten.</p><p>Vielleicht zum ersten Mal �berhaupt fiel ihm auf, wie gespenstisch der Anblick eines Bildes war, das scheinbar aus dem Nichts heraus auf dem Papier erschien, sobald man es in die Entwicklerfl�ssigkeit gegeben hatte. Das rote Licht in der Kammer verst�rkte den unheimlichen Effekt noch und gab ihm etwas D�steres, Drohendes.</p><p>Mogrod war immer noch nicht bereit, zuzugeben, was er wirklich empfand, n�mlich Angst. Aber sein Herz begann schneller zu schlagen, w�hrend das Bild weiter an Deutlichkeit und Sch�rfe zunahm.</p><p>Der Schatten war jetzt ganz deutlich zu sehen - und es war eindeutig nicht <emphasis>sein </emphasis>Schatten.</p><p>Es war der Schatten einer gro�en, sehr schlanken Gestalt, die eine Art g�rtelloses Kleid oder Toga zu tragen schien und schulterlanges glattes Haar hatte. Ihre Arme, die in sehr weit geschnittenen Trompeten�rmeln steckten, waren halb ausgebreitet, und hinter und �ber ihnen war noch etwas, als tr�ge sie etwas Gro�es auf dem R�cken, das er nicht genau erkennen konnte.</p><p><emphasis>Unm�glich, </emphasis>dachte Mogrod. Was er sah, <emphasis>war </emphasis>unm�glich. Der Schatten war jetzt viel deutlicher als vorhin, auf dem ersten Abzug, und er war auch fast sicher, da� er <emphasis>da </emphasis>nicht mit halb erhobenen Armen dagestanden hatte. Es konnte nicht sein. Es <emphasis>konnte, konnte, konnte </emphasis>nicht sein!</p><p>Der Schatten verdichtete sich weiter. Er war jetzt viel mehr als ein Schemen, und w�re Mogrod nicht bereits halb hysterisch gewesen, h�tte er zugegeben, da� er keinen Schatten mehr betrachtete, sondern l�ngst eine Gestalt, die er fotografiert hatte. Aus hellem wurde dunkleres Grau, dann Schwarz, und auch seine Umrisse wurden sch�rfer. Das Bild war bereits wieder �berentwickelt. Die Wand mit L�bachs Blutschrift begann wieder zu verschwimmen und f�rbte sich immer dunkler, aber die Gestalt war noch immer sichtbar. Auf eine unheimliche Art und Weise schien sie pl�tzlich sogar <emphasis>Tiefe </emphasis>zu besitzen, als betrachte er nicht l�nger ein Foto, sondern eine Holographie.</p><p>Oder etwas, das lebte.</p><p>Dann begann sich die Fl�ssigkeit zu bewegen. Winzige Wellenkreise erschienen �ber dem Schatten, und pl�tzlich <emphasis>bewegte auch er sich und streckte die H�nde nach Mogrod aus!</emphasis></p><p>Der Fotograf stolperte mit einem keuchenden Laut zur�ck, prallte gegen den T�rrahmen und w�re um ein Haar gest�rzt. Seine H�nde fuhren mit scharrenden Lauten �ber die T�r und suchten die Klinke, aber sie hatten irgendwie nicht mehr die Kraft, sie zu dr�cken. Halb verr�ckt vor Panik und zugleich gel�hmt vor Furcht stand er da und starrte die Fotoschale an. Er konnte das Bild jetzt nicht mehr sehen, aber h�rte etwas, ein leises Pl�tschern, als bewege sich etwas in der Fl�ssigkeit. Etwas, das in der Schale gefangen war und herauswollte!</p><p><emphasis>Unm�glich! </emphasis>dachte Mogrod. <emphasis>Das ist voll-kom-men unm�glich! Das bilde ich mir nur ein! Ich bin hysterisch. �berarbeitet. Ich habe einen Drink zuviel gehabt. Schlechtes Gras geraucht! Das kann einfach nicht sein! SO ETWAS GIBT ES NICHT! </emphasis>Er fuhr alle Gesch�tze der Logik und des klaren Menschenverstandes gegen das Ph�nomen auf, und f�r einige Momente schien es tats�chlich, als h�tte dieser Pr�ventivschlag Wirkung gezeigt.</p><p>Genau so lange, bis die Hand �ber dem Rand der Fotoschale erschien. Mogrod schrie, aber es war ein lautloser Schrei. Aus seiner Kehle kam nur ein Laut, und der Schrei gellte nur in seinem Kopf, w�hrend er aus hervorquellenden Augen die blutigen Fingerst�mpfe anstarrte, die sich am Rand der Kunststoffschale festgeklammert hatten. Sie hatten keine Haut. Das Fleisch schien zu kochen, und hier und da schimmerte wei�er, halb zersetzter Knochen durch die entsetzliche Masse. Die Hand sah aus, als w�re sie in Salpeters�ure getaucht worden.</p><p>Aber sie bewegte sich. Die Finger klammerten sich nur noch einen Moment am Rand der Schale fest, dann krochen sie wie eine f�nfbeinige fleischige Spinne weiter, so da� das Gelenk und ein Teil eines schlanken Unterarmes erschienen, dann eine zweite Hand, ebenso grausam verst�mmelt wie die erste, die sich auf die gleiche unheimliche Weise in die H�he zu arbeiten begann.</p><p>Und schlie�lich der Kopf.</p><p>Mogrod schrie diesmal wirklich gellend auf, ri� sch�tzend beide Arme vor das Gesicht und taumelte r�cklings vor der entsetzlichen Gestalt zur�ck, die sich mit langsamen, pumpenden Bewegungen aus der Fotoschale herausarbeitete, wie ein Kanalarbeiter, der sich aus einem zu engen Schacht herauszustemmen versucht. Es war die Gestalt aus dem Foto. Er hatte ihr Gesicht nicht erkannt, und das konnte er auch nicht, denn es war im Grunde kein Gesicht, sondern ein hautloser, brodelnder Sch�del ohne Augen und Lippen, und auch jetzt war hinter ihr noch etwas Gro�es, Brodelndes, das noch immer nicht genau zu erkennen war.</p><p>Mogrod prallte gegen ein Regal. Irgend etwas fiel zu Boden und zerbrach klirrend, und eine scharfkantige Scherbe grub sich durch sein Hemd hindurch tief in seinen R�cken, ohne da� er den Schmerz auch nur bewu�t registriert h�tte. Sein Herz jagte, als wolle es aus seiner Brust herausspringen. Ein winziger Teil von ihm versuchte noch immer, seine einzige Waffe, die Logik, einzusetzen, um ihn davon zu �berzeugen, da� er all dies nicht wirklich erlebte. Er hatte eine Halluzination, nichts weiter. Aber selbst wenn das stimmte, nutzte dieses Wissen nichts, denn die Beruhigung, die es bringen sollte, wurde von der Wucht der Bilder, die er sah, einfach davongefegt. Mogrod sank wimmernd in die Knie und schlug die Arme �ber dem Kopf zusammen.</p><p>W�hrenddessen hatte sich die Gestalt fast vollkommen aus der Schale herausgearbeitet, und w�hrend sie es tat, ver�nderte sie sich weiter. Das brodelnde Fleisch h�rte auf zu kochen und gl�ttete sich, hier und da erschienen kleine, rosige Hautfetzen, und das Gesicht hatte pl�tzlich Augen, die ihn aus viel zu gro�en, liderlosen H�hlen anstarrten. Lippen und weitere Haut gesellten sich hinzu, und auch der verkohlte Stoff des schwarzen Kleides, in das die Gestalt geh�llt war, entwickelte sich weiter. Dann, als allerletztes, wurde auch das wogende Etwas hinter ihr materiell, und Mogrod erkannte, da� es ein Paar gewaltiger schwarzer Fl�gel war.</p><p>Und endlich wu�te er, wem er gegen�berstand.</p><p>Er war viel kleiner, als er erwartet hatte, fast von der Statur eines Kindes, und vollkommen schwarz. Aber es war keine wirkliche Farbe, sondern etwas, f�r das es keine Bezeichnung gab, und auch sein Gesicht, obwohl jetzt g�nzlich unversehrt, war nicht wirklich zu erkennen, als w�re es menschlichen Augen nicht gestattet, das Antlitz des Todesengels zu sehen. Seine Fl�gel waren gigantisch, viel zu gro� f�r die zerbrechliche Gestalt, und von der gleichen unwirklichen Farbe. Er begann sie langsam zu entfalten, wobei er gleichzeitig die Arme ausbreitete.</p><p>Und Mogrod wu�te mit unersch�tterlicher Sicherheit, da� er sterben w�rde, wenn die Bewegung vollendet war.</p><p>Er wollte nicht sterben. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht so. Nicht <emphasis>ausgerechnet jetzt! </emphasis>Er war seinem Ziel so nahe! Es war einfach nicht <emphasis>fair!</emphasis></p><p>Der Gedanke erf�llte ihn mit jener absoluten Kraft, wie sie nur die Todesangst oder bestimmte Drogen hervorrufen konnten, die erlaubten, den Tod im Leben zu erfahren. Mit einem noch gellenderen Schrei sprang er auf die F��e, warf sich zur Seite und schlug die T�rklinke herab, wobei er sich mehrere Fingern�gel abbrach, so da� er blutige Spuren auf dem Holz hinterlie�.</p><p>Er sp�rte es nicht. Er torkelte weiter, sprengte die T�r mit der Schulter auf und stolperte schreiend auf die Stra�e hinaus. Brandgeruch und der Gestank von hei�en Maschinen lagen in der Luft. Nicht weit entfernt h�mmerte ein Maschinengewehr, und aus den Fenstern des gegen�berliegenden Hauses schlugen Flammen.</p><p>Mogrod stolperte mit haltlos rudernden Armen noch zwei, drei Schritte weiter, ehe er schlie�lich fiel und so schmerzhaft auf das rechte Knie prallte, da� ihm die Tr�nen in die Augen sch�ssen. Er ignorierte auch diesen Schmerz, sprang wieder in die H�he und sah sich gehetzt um.</p><p>Er war nahezu im Zentrum der K�mpfe. Fast alle H�user ringsum lagen in Tr�mmern oder brannten, und nur zwei oder drei Stra�en weiter schien eine ganze Granatensalve einzuschlagen. Er sp�rte, wie der Boden unter seinen F��en erzitterte, noch ehe er das dumpfe Grollen der Explosionen h�rte und die schwarzen Rauchwolken sah, die sich in den Himmel w�lzten. Er mu�te hier weg!</p><p>Aber wohin? Die Truppen der Aufst�ndischen hatten die Stadt nahezu �berrannt, und der Kessel schien mittlerweile endg�ltig geschlossen zu sein. F�r ihn bedeutete das den nahezu sicheren Tod. Er hatte diesmal auf das falsche Pferd gesetzt und sich mit seiner Berichterstattung ganz offen auf die Seite der Regierungstruppen gestellt - als es noch so aussah, als behielten sie die Oberhand. Wieder h�mmerte das Maschinengewehr, und diesmal kam es ihm so vor, als w�re es merklich n�her. Mogrod sah sich wild um. Er brauchte ein Versteck, irgendein Loch, in dem er sich verkriechen konnte, bis das Schlimmste vor�ber war.</p><p>Er sah kein Versteck, aber daf�r den Panzer.</p><p>Es war ein veraltetes Modell russischer Bauart, das rumpelnd auf seinen rostigen Ketten um die Ecke kam und sich trotz seines sichtlichen Alters mit erschreckender Schnelligkeit bewegte. Der Turm mit dem kurzen, dicken Gesch�tz drehte sich unentwegt von rechts nach links und wieder zur�ck, als suche er gierig nach einem Ziel - und richtete sich dann genau auf ihn!</p><p>Mogrod fuhr herum und rannte im Zickzack die tr�mmer�bers�te Stra�e entlang. Hinter ihm heulte der Motor des Tanks auf wie ein w�tendes Raubtier, und er konnte h�ren, wie die breiten Ketten das Stra�enpflaster zerrissen. Wie schnell fuhr ein Panzer? Vierzig, f�nfzig Stundenkilometer? Egal. Auf jeden Fall schneller, als er laufen konnte. Gehetzt sah Mogrod �ber die Schulter zur�ck und erkannte, da� sein Vorsprung bereits auf weniger als die H�lfte zusammengeschrumpft war.</p><p>Irgend etwas h�mmerte dumpf und sehr schnell, und eine Stimme rief seinen Namen: �Herr Mogrod? Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Brauchen Sie Hilfe?�</p><p>Mogrod stolperte weiter, wich hakenschlagend einem Wagen aus, der auf vier platten Reifen am Stra�enrand stand, und wartete auf das Krachen der Kanone oder eine MG-Salve, die ihn zwischen die Schulterbl�tter traf. Doch der Panzerfahrer hatte offenbar nicht vor, kostbare Munition zu verschwenden. Statt dessen heulte der Motor noch schriller auf, und der Hundert-Tonnen-Kolo� machte einen regelrechten Satz. Er machte sich nicht die M�he, dem Wagen auszuweichen, sondern walzte ihn einfach platt.</p><p>Wieder ert�nte das H�mmern, und diesmal klang die Stimme schrill: �Herr Mogrod! Was ist denn da drinnen nur los? Ich schlage jetzt die T�r ein, wenn Sie nicht antworten!�</p><p>Das konnte er nicht. Er brauchte jedes bi�chen Atem, das er bekam, um zu rennen. Trotzdem kam der Panzer unerbittlich n�her. Er brauchte ein Versteck, irgend etwas, wo er sich verkriechen und wo ihn dieser Panzer nicht erreichen konnte!</p><p>Dann sah er es. Ein Kellerloch, nur noch wenige Schritte entfernt, und hinter einer halb niedergebrochenen Wand. Der Fu�boden des Hauses war eingest�rzt, wohl von einer Granate oder einem schweren Tr�mmerst�ck getroffen, und der darunterliegende Keller lag gut drei Meter tiefer. Ein riskanter Sprung, aber die einzige Chance, die er vielleicht noch hatte. Der Panzerfahrer w�rde es nicht wagen, ihm mit seinem tonnenschweren Gef�hrt dorthin zu folgen, aus Angst, da� der Tank einfach durch den Boden brach.</p><p>Etwas krachte. Er h�rte das Ger�usch von splitterndem Holz und sah aus den Augenwinkeln, wie ein Mann aus einer T�r nicht weit entfernt heraustaumelte. Sein Gesicht kam ihm vage bekannt vor, auch wenn er im Moment nicht genau wu�te, woher. Und er bewegte sich genau auf den Panzer zu. Mogrod schrie ihm eine Warnung zu, mobilisierte noch einmal alle Kr�fte, die er in seinem geschundenen K�rper fand, und flankte mit einem gewaltigen Satz �ber den Mauerrest.</p><p>Ein grausamer Schmerz spaltete sein Gesicht in zwei <emphasis>ungleiche </emphasis>H�lften. Andere, kleinere Glasscherben stachen wie Messerklingen in seine Brust und seine H�nde, und obwohl er den Schmerz diesmal sp�rte, schien er ihm irgendwie unwirklich, als w�re es gar nicht er, der ihn erlitt. F�r einen winzigen Moment schwebte er scheinbar schwerelos im Nichts, und f�r die gleiche, fast nicht existente Zeitspanne konnte er durch das Fenster zur�cksehen, durch das er gesprungen war. Das Zimmer war vollkommen verw�stet, M�bel umgeworfen, Bilder von den W�nden gerissen, der Fernseher aus dem Regal gefallen und zerbrochen, und jemand hatte die T�r eingetreten und rannte mit wild gestikulierenden Armen auf ihn zu, wobei er unentwegt seinen Namen schrie. Hinter ihm stand der Todesengel, gro�, schwarz, mit ausgebreiteten Schwingen und erhobenen Armen. Seine rechte Hand wies auf Mogrod, und die Bedeutung dieser Geste war eindeutig. Er hatte es zu Ende gebracht. Diesmal war niemand dagewesen, der an seiner Stelle starb.</p><p>Er fiel.</p><p>Seine Wohnung lag nicht im achten Stock, und so dauerte sein Sturz auch nicht so lange wie der L�bachs wenige Stunden zuvor.</p></section><section><title><p>10. Kapitel</p></title><p><emphasis>Er </emphasis>war auf dem Weg nach Hause im Taxi eingeschlafen und erwachte mit h�mmernden Kopfschmerzen und der wirren Erinnerung an einen noch wirreren Traum - er war reichlich unangenehm gewesen, an mehr erinnerte er sich nicht, und nach dem, was er in der vergangenen Nacht erlebt hatte, <emphasis>wollte </emphasis>er sich auch nicht an mehr erinnern. Mark verscheuchte den Gedanken, blinzelte ein paarmal und richtete sich dann auf dem R�cksitz des Mercedes hoch, auf dem er zusammengesunken und im Schlaf halb gegen die T�r gerutscht war.</p><p>�Wir sind da�, sagte der Taxifahrer vollkommen �berfl�ssigerweise. <emphasis>Noch </emphasis>�berfl�ssigererweise f�gte er hinzu: �Zu Hause.�</p><p>Wahrscheinlich hatte er nur freundlich sein wollen, aber er erreichte das Gegenteil. Mark blickte einige Momente lang die in Altwei� gestrichene Villa an, die sich drei�ig Meter hinter dem mannshohen Gitterzaun erhob, vor dem das Taxi angehalten hatte, und versuchte etwas im Klang dieses Wortes zu erkennen. Zu Hause... Nein - er war immer noch nicht sicher, ob dies wirklich sein <emphasis>Zuhause </emphasis>war.</p><p>Immerhin wohnte er hier.</p><p>Er machte Anstalten, die T�r zu �ffnen, aber der Taxifahrer streckte rasch den Arm aus und dr�ckte den T�rknopf herunter. �Macht zweihundertsiebzehn�, sagte er. �Ohne die Anzahlung von vorhin.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Mark. �Aber ich habe sie nicht bei mir. Kommen Sie mit zum Haus, oder trauen Sie mir?�</p><p>Der Fahrer sah ihn schief an, dann zog er kommentarlos den Z�ndschl�ssel aus dem Schlo� und stieg aus. Mark nahm es ihm nicht �bel. Er an seiner Stelle h�tte wohl nicht anders gehandelt.</p><p>Mark stieg aus dem Taxi, ging zum Tor und tippte eine sechsstellige Ziffernfolge in die Zahlentastatur, die die Stelle eines Schlosses einnahm. Ein kaum h�rbares Summen erklang, und das Tor sprang einen Fingerbreit auf. Der Taxifahrer zog erstaunt die linke Augenbraue hoch, aber er sagte nichts, sondern schlo� sich Mark wortlos an, als er das Tor aufschob und den breiten Weg zum Haus hinaufzumarschieren begann.</p><p>Er ging sehr viel langsamer, als n�tig gewesen w�re - wie er sich selbst einredete, um den Moment der Heimkehr entsprechend zu genie�en, in Wahrheit aber wohl eher, um Zeit zu gewinnen. Mit ein wenig Gl�ck war sein Vater nicht zu Hause, aber irgend etwas sagte ihm, da� das nicht der Fall sein w�rde. Und jetzt hatte es keinen Zweck mehr, es zu leugnen: Er <emphasis>hatte </emphasis>Angst, ihm gegen�berzutreten. Ob Prein nun Wort gehalten hatte oder nicht - ihm stand ein nicht sehr angenehmes Gespr�ch bevor. Und nach dem, was er in den letzten Stunden erlebt und �ber sich selbst erfahren hatte, war er ganz und gar nicht mehr sicher, da� er wirklich als Sieger daraus hervorgehen w�rde.</p><p>Sie waren noch f�nf Meter von der Haust�r entfernt, als sie ge�ffnet wurde. Das elektronische Schlo� vorne am Tor stellte nur einen Bruchteil der Ausstattung dar, mit der sein Vater das Haus in den letzten Jahren in eine High-Tech-Festung verwandelt hatte, auch wenn man es ihm nicht ansah. Sie waren nat�rlich l�ngst entdeckt und von einem halben Dutzend mi�trauischer Kameraaugen beobachtet worden. Den Vorteil der �berraschung w�rde er in dieser Konfrontation auf keinen Fall mehr auf seiner Seite haben.</p><p>Aber es war nicht sein Vater, der ihnen die T�r �ffnete, sondern Marianne, dessen Haush�lterin. Mark war im ersten Moment erleichtert, sie zu sehen statt seines Vaters oder einen der anderen Angestellten. Marianne war ins Haus gekommen, als er noch ein Baby war, und sie geh�rte nicht nur schon praktisch zum Inventar, sondern war auch zu etwas wie einer m�tterlichen Freundin geworden; vielleicht der einzige wirkliche <emphasis>Freund, </emphasis>den er in diesem Haus noch hatte, seit seine Mutter nicht mehr da war.</p><p>Ein einziger Blick in ihr Gesicht beantwortete Mark die Frage, die ihn auf dem Weg vom Tor bis zum Eingang am meisten bewegt hatte: ob Prein Wort gehalten hatte oder nicht. Er hatte offensichtlich.</p><p>Marianne war nicht �berrascht, ihn zu sehen. Sie h�tte es sein m�ssen, auch wenn sie ihn schon ein paar Augenblicke eher auf einem Monitor erkannt h�tte, aber der einzige Ausdruck, den Mark auf ihrem Gesicht las, war eine vage Spur von Trauer und eine <emphasis>sehr deutliche </emphasis>Bedr�ckung, die ihn alarmierte. Sein Vater wu�te offensichtlich nicht nur bereits, da� er kam, sondern hatte auch schon den einen oder anderen Kommentar abgegeben.</p><p>�Hallo, Marianne�, sagte er. Und als h�tte der Klang seiner Stimme einen unsichtbaren Bann gebrochen, verschwand der bek�mmerte Ausdruck von ihrem Gesicht und machte einer ehrlich empfundenen Freude Platz. Die Haush�lterin machte einen halben Schritt auf ihn zu und setzte zu einer Bewegung an, ihn in die Arme zu schlie�en. Aus irgendeinem Grund tat sie es dann schlie�lich doch nicht, doch Mark nahm ihr die Entscheidung ab, indem er seinerseits die Arme ausbreitete und sie kurz, aber heftig an sich dr�ckte.</p><p>�Wie sch�n, da� Sie da sind, Herr Sillmann�, sagte sie ein wenig atemlos, nachdem er sie wieder losgelassen und auf halbe Armesl�nge von sich geschoben hatte.</p><p>Mark zog die linke Augenbraue hoch. <emphasis>�Herr </emphasis>Sillmann? Das letzte Mal waren wir noch per du.�</p><p>Seine Worte brachten Marianne sichtlich in Verlegenheit. �Das letzte Mal ist -�</p><p>�- ein knappes halbes Jahr her�, fiel ihr Mark ins Wort. �Sie wollen sich doch nicht etwa mit mir streiten, oder? Denken Sie immer daran: Sie stehen Ihrem zuk�nftigen Bo� gegen�ber, auch wenn es vielleicht noch ein paar Jahre dauert. Verderben Sie es sich lieber nicht mit ihm.�</p><p>Der n�chste Scherz, der danebenging. Marianne l�chelte zwar, aber es wirkte nicht �berzeugend; nicht einmal �berzeugend geschauspielert. Anscheinend war er heute mit einer Art Fluch beladen, alle und jeden irgendwie zu ver�rgern.</p><p>Um den peinlichen Moment irgendwie zu �berspielen, r�usperte er sich zweimal und deutete dann auf den Taxifahrer, der in einigen Schritten Entfernung stehengeblieben war und die Szene mit unbewegtem Gesichtsausdruck verfolgte. �Seien Sie so lieb und bezahlen Sie das Taxi, Marianne�, bat er. �Und geben Sie dem Mann ein gutes Trinkgeld. Es wird meinen Vater nicht ruinieren. Wo ist er �berhaupt? Ist er im Haus?�</p><p>Marianne nickte. �Ja. Er ist im Arbeitszimmer. Aber er hat gerade Besuch. Vielleicht sollten Sie ihn jetzt nicht st�ren.�</p><p>�Du�, verbesserte Mark sie. �Und ich glaube nicht, da� ich ihn noch weiter ver�rgern kann, als ich es schon getan habe.�</p><p>�Aber Sie... <emphasis>du </emphasis>solltest jetzt wirklich -�</p><p>Mark h�rte gar nicht mehr zu, sondern trat an Marianne vorbei ins Haus und ging mit schnellen Schritten zur Treppe. Sie versuchte nicht noch einmal, ihn zur�ckzuhalten, sondern wandte sich dem Fahrer zu, und Mark h�tte sowieso nicht auf sie geh�rt. Sicher hatte sie recht: Sein Vater war kein besonders duldsamer Mann, und es war bestimmt nicht sehr klug, ihn zu st�ren, falls er gesch�ftlichen Besuch hatte. Mark war auch nicht daran gelegen, ihn noch mehr zu reizen - aber er hatte noch weniger Lust, jetzt hier zu warten, wie ein Sch�ler, der einen Termin bei seinem Direktor hatte, um sich einen R�ffel abzuholen. Au�erdem war er nicht sicher, ob er sp�ter �berhaupt noch den Mut haben w�rde, seinem Vater gegen�berzutreten. Gestern abend hatte Prein sicherlich �bertrieben, aber jetzt war er genau in der Stimmung, die er ihm da unterstellt hatte - nerv�s, erregt und vollkommen �berm�det.</p><p>So schnell, wie er gerade noch konnte, ohne wirklich zu rennen, lief er die Treppe hinauf und steuerte die Bibliothek an, die seinem Vater zugleich als Arbeitszimmer diente. Die T�r war nur angelehnt, und er konnte die Stimmen seines Vaters und mindestens zweier weiterer M�nner h�ren. Er konnte die Worte nicht verstehen, aber der Klang der Unterhaltung schien ihm nicht gesch�ftlich, ja nicht einmal wirklich <emphasis>h�flich. </emphasis>Vielleicht war dort drinnen kein wirklicher Streit im Gange, aber zumindest doch die Vorstufe dazu.</p><p>Als er die Hand nach der T�rklinke ausstreckte, klingelte das Telefon. Er konnte h�ren, wie sein Vater abhob und sich meldete, dann sagte er: �F�r Sie.�</p><p>Mark betrat die Bibliothek im gleichen Moment, in dem der Besucher den Telefonh�rer entgegennahm und sich meldete, und der Anblick, der sich ihm bot, war so unerwartet, da� er mitten im Schritt stehenblieb und �berrascht die Augen aufri�.</p><p>Sein Vater sa� hinter dem wuchtigen Schreibtisch, der vor dem Fenster aufgebaut war, und trug noch immer einen seidenen Hausmantel, Pantoffeln und Pyjamahosen, obwohl es bereits nach zehn war. Seine Frisur war wirr, als h�tte er statt eines Kamms die gespreizten Finger benutzt, und er rauchte - wenn er sich in den vergangenen sechs Monaten nicht radikal ver�ndert hatte, ein Zeichen h�chster Erregung. Und seine Besucher boten ein kaum weniger auff�lliges Bild. Beide sahen ungef�hr so frisch und ausgeruht aus, wie Mark sich f�hlte, und er sch�tzte beide auf Anfang f�nfzig - aber damit h�rten ihre Gemeinsamkeiten auch schon wieder auf. Der Mann am Telefon trug einen Trenchcoat, dem man auf hundert Meter ansah, da� er aus einem Designerladen stammte und ein mittleres Verm�gen gekostet haben mu�te, und darunter einen offenbar ma�geschneiderten Anzug. Sein Haar war streng zur�ckgek�mmt und begann sich an den Schl�fen deutlich zu lichten, der Gesichtsausdruck hatte etwas Verbissenes.</p><p>Der andere schien das genaue Gegenteil. Er hatte dunkles, sehr volles Haar und einen gleichfarbigen Schnauzbart, der eine Spur zu lang war, um noch modisch zu wirken, so, wie er auch sch�tzungsweise zwanzig Pfund zuviel auf den Rippen hatte, um wirklich noch sportlich auszusehen. Sein Gesicht wirkte hart, aber trotzdem auf eine schwer zu beschreibende Weise freundlich - und er trug die gr�ne Uniform eines Schutzpolizisten. Polizei? Hier? Hatte sein Vater �rger?</p><p>�Mark!� sagte sein Vater. Er klang eher unwillig als �berrascht. �Wo bist du gewesen?�</p><p>Ja, dachte Mark, das war genau die Begr��ung, wie er sie erwartet hatte - vor allem im Ton. Aber er beherrschte sich. Im Moment war er noch zu verbl�fft, um �berhaupt zu reagieren. �Ich hatte... noch zu tun�, sagte er ausweichend. �Guten Morgen.�</p><p>Er lie� absichtlich offen, ob die Begr��ung nun allen im Raum oder nur seinem Vater galt. Sein Vater antwortete auch gar nicht darauf, sondern sah ihn nur aufmerksam an, w�hrend er mit der linken Hand einen Aktenhefter schlo�, der aufgeschlagen vor ihm auf dem Tisch lag und offenbar eine ganze Anzahl gro�formatiger Schwarzwei�fotos enthielt; was sie zeigten, konnte Mark aus seiner Position heraus nicht erkennen. Es spielte im Moment auch keine Rolle. Der Polizeibeamte erwiderte Marks Gru�, w�hrend der andere - vermutlich ebenfalls ein Polizist, nur in Zivil - mit einem wortlosen Nicken reagierte und sich ansonsten auf das konzentrierte, was er am Telefon h�rte.</p><p>Mark schob die T�r hinter sich zu und trat z�gernd n�her. �Die Polizei im Haus?� fragte er. �Ist irgend etwas... passiert?�</p><p>�Ja, so k�nnte man es nennen�, sagte sein Vater. �Aber es hat nichts mit uns zu tun.� Er musterte die beiden Beamten finster und schien noch mehr sagen zu wollen, aber der uniformierte Polizist wandte sich in diesem Moment vollends zu Mark um und sagte:</p><p>�Mein Name ist Bremer. Das dort am Telefon ist mein Kollege, Herr Sendig. Und Sie sind <emphasis>...?�</emphasis></p><p>Mark antwortete ganz automatisch. �Ich bin Mark Sillmann�, sagte er.</p><p>�Mein Sohn�, f�gte sein Vater �berfl�ssigerweise hinzu. �Aber es ist nicht n�tig, ihn zu bel�stigen. Er hat mit der ganzen Geschichte nun wirklich nichts zu tun.�</p><p>�Mit welcher Geschichte?� fragte Mark. Was, zum Teufel, ging hier vor?</p><p>�Nichts�, sagte sein Vater. �Es ist wirklich nichts. Ich wei� auch nicht, warum man uns damit bel�stigt.�</p><p>�Aber ich bitte Sie, Herr Doktor Sillmann�, sagte Bremer geduldig. �Wir bel�stigen Sie nicht. Leider ist es n�tig, gewisse Nachforschungen anzustellen.�</p><p>�Nachforschungen wor�ber?� wollte Mark wissen. Er versuchte, ein wenig sch�rfer zu klingen, ohne direkt unh�flich zu werden. F�r seinen Geschmack benahm sich sein Vater schon unm�glich genug.</p><p>Sendig h�ngte ein, ohne da� Mark auch nur ein Wort des Abschieds geh�rt h�tte, und sah ihn zum ersten Mal direkt an. ��ber Doktor L�bach, Herr Sillmann�, sagte er. �Sie kennen ihn, nehme ich an?�</p><p>Mark nickte. �Nat�rlich kenne ich ihn. Er ist einer unserer ...� Er verbesserte sich. �Er ist ein Angestellter meines Vaters.�</p><p><emphasis>�War�, </emphasis>verbesserte ihn Sendig. �Es mu� hei�en, er war ein Angestellter Ihres Vaters. Doktor L�bach ist tot.�</p><p>�Tot?� Mark erschrak, beinahe tiefer, als er sich im ersten Moment selbst erkl�ren konnte. Er hatte L�bach gekannt, aber nicht sehr gut. �Was ist passiert? Ein Unfall?�</p><p>�Das versuchen wir ja gerade herauszufinden�, antwortete Sendig, wobei er Marks Vater einen bedeutsamen Blick zuwarf, sich aber sofort wieder an Mark wandte und das Thema wechselte. �Was tun Sie hier, wenn ich fragen darf?�</p><p>Allm�hlich begann Mark sich �ber Sendig zu �rgern. Es war gar nicht so sehr das, was er sagte, sondern vielmehr, wie er es tat. Sendig schien zu jenen Menschen zu geh�ren, bei denen selbst die Frage nach der Uhrzeit schon wie eine verkappte Provokation klang. Er begann allm�hlich zu ahnen, warum sein Vater so �bler Laune war.</p><p>�Ich wohne hier�, antwortete er.</p><p>Sendig blieb vollkommen gelassen, obwohl ihm kaum entgangen sein konnte, wie Marks Antwort gemeint war. �Das ist mir klar�, sagte er. �Aber sind Sie nicht seit einigen Jahren in einem Internat? Soviel ich wei�, haben die Ferien noch nicht angefangen.�</p><p>Mark wollte antworten, aber sein Vater kam ihm zuvor. �Mein Sohn war eine Weile krank. Nichts Ernstes, aber der Arzt meinte doch, da� er sich ein paar Tage zu Hause erholen sollte. Ich habe mit dem Direktor seiner Schule gesprochen. Es geht in Ordnung.�</p><p>Mark war ziemlich �berrascht, wie gut er sich selbst in der Gewalt hatte. Er war sicher, da� Sendig ihm seine Verbl�ffung �ber diese Antwort nicht ansah - aber er suchte auch vergebens nach irgend etwas Verschw�rerischem oder Warnendem im Blick seines Vaters. Konnte es sein, da� Prein ihm diese Geschichte <emphasis>wirklich </emphasis>erz�hlt hatte?</p><p>�Sie sehen auch nicht besonders fit aus�, sagte Bremer. �Eine Sommergrippe, hm?�</p><p>Mark zuckte mit den Schultern. �Es war nichts Ernstes. Immerhin hat es mir ein paar Tage Extraurlaub eingebracht.�</p><p>�Seit wann sind Sie hier?� fragte Sendig.</p><p>�In Berlin? Seit heute morgen. Warum?�</p><p>�Nur so.� Sendig machte eine wedelnde Handbewegung und l�chelte ungef�hr so freundlich wie eine Schlange, die ein Kaninchen mustert. �Ich mu� immerzu Fragen stellen. Eine schlechte Angewohnheit, ich wei�. Aber das bringt mein Beruf nun mal mit sich. Bleiben Sie lange in der Stadt?�</p><p>�Ein paar Tage�, antwortete Mark k�hl. �Allerh�chstens eine Woche - es sei denn, Sie sagen mir jetzt, da� ich die Stadt nicht verlassen darf, ohne mich bei Ihnen abzumelden.�</p><p>Sendigs Augen verengten sich ein wenig, aber Mark sah auch, da� Bremer alle M�he hatte, nicht zu grinsen. Er fragte sich, wieso ausgerechnet <emphasis>diese </emphasis>beiden Beamten zusammenarbeiteten. Er hatte selten zwei M�nner gesehen, die so wenig zusammenpa�ten wie Bremer und Sendig.</p><p>�Das wird wohl nicht n�tig sein�, antwortete Sendig. �Wir sind jetzt auch schon fertig - zumindest f�r den Moment. M�glicherweise haben wir noch ein paar Fragen, die -�</p><p>�- Ihnen mein Anwalt viel besser beantworten kann als ich�, unterbrach ihn Marks Vater. �Seine Adresse ist Ihnen ja noch bekannt, oder?� Er stand auf. �Und wenn Sie uns jetzt bitte entschuldigen w�rden? Mein Sohn und ich haben einiges zu besprechen. Sie finden allein den Weg hinaus, nehme ich an.�</p><p>Mark war nicht der einzige, den dieser pl�tzliche Ausbruch �berraschte. Sein Vater war auch bisher nicht <emphasis>gerade freundlich </emphasis>zu den beiden Beamten gewesen. Trotzdem kam dieser kaum noch verhohlene Hinauswurf einer Hundertachtzig-Grad-Wendung gleich.</p><p>Sendigs Augen wurde noch schmaler, doch der Ausbruch, auf den Mark wartete, blieb aus. Er starrte seinen Vater nur noch einen Moment lang durchdringend an, ehe er sich mit einer ruckhaften Bewegung zur T�r wandte und ging. Sein uniformierter Kollege folgte ihm nach einem Augenblick - aber er hatte wenigstens den Anstand, Mark und seinem Vater zum Abschied zuzunicken. Mark erwiderte die Geste, w�hrend sein Vater den dunkelhaarigen Beamten nur finster anblickte.</p><p>Er sagte kein Wort, auch nicht, als die beiden das Zimmer verlassen hatten und ihre Schritte die Treppe drau�en hinunterpolterten. Und selbst dann schwieg er beharrlich weiter, bis sie das Ger�usch der Haust�r h�rten, die ins Schlo� fiel. Und selbst dann war es Mark, der die Stille unterbrach, und nicht sein Vater.</p><p>�Was ist hier los?� fragte er geradeheraus. �Warum warst du so unfreundlich?�</p><p>�Unfreundlich?� Sein Vater lachte. �Nein. Du hast mich noch nicht erlebt, wenn ich wirklich <emphasis>unfreundlich </emphasis>werde.�</p><p>Das stimmte nicht, und sie wu�ten es beide. Sie wu�ten auch beide, was diese Antwort wirklich bedeutete: n�mlich, da� sein Vater nicht weiter �ber dieses Thema reden wollte. Aber Mark war schlie�lich nicht hierhergekommen, um das alte Spiel nach den alten Regeln fortzusetzen, und so sagte er: �Sie tun nur ihre Arbeit. Und wenn einer deiner Angestellten ums Leben kommt -�</p><p>�L�bach war nicht mehr unser Angestellter�, unterbrach ihn sein Vater scharf. �Ich habe ihn schon vor einem halben Jahr entlassen.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Seit wann interessierst du dich f�r meine Firma?� schnappte sein Vater. �Aber bitte: Er hatte angefangen zu trinken. Ich habe keine Ahnung, warum, und ich will es auch nicht wissen. Frauen, nehme ich an. Oder Geld. Vielleicht auch beides. Was wei� ich. Ich habe ihn zweimal gewarnt und dann gefeuert.�</p><p>Das klang einleuchtend und entsprach auch durchaus dem Charakter seines Vaters - aber es �berzeugte Mark trotzdem nicht endg�ltig. Er hatte L�bach zwar wirklich nicht besonders gut gekannt, aber immerhin wu�te er, da� er einer der wichtigsten und vor allem �ltesten Angestellten seines Vaters gewesen war. Einen solchen Mann feuerte man nicht <emphasis>einfach so, </emphasis>weil er ein Alkoholproblem hatte oder anderen �rger.</p><p>�Und jetzt ist er tot�, sagte Mark.</p><p>�Das ist nicht meine Schuld�, blaffte sein Vater. �Was ist los mit dir? Bist du -� Er brach mitten im Satz ab, starrte Mark eine geschlagene Sekunde lang aus brennenden Augen an - und dann ging eine ganz erstaunliche Ver�nderung mit ihm vonstatten. Der Zorn, jener Ausdruck, den Mark so oft auf seinen Z�gen gesehen hatte, da� er sich sein Gesicht manchmal schon gar nicht mehr anders vorstellen konnte, verschwand urpl�tzlich und wich etwas, das ihn an den Ausdruck in Mariannes Augen vorhin erinnerte, nur da� es bei seinem Vater viel verwirrender wirkte. Er atmete h�rbar ein, entspannte sich sichtbar und sagte mit einer Sanftmut, die Mark erneut und noch mehr �berraschte: �Lassen wir das, okay? Ich glaube, wir haben jetzt wohl Wichtigeres zu tun, als uns zu streiten. Wie geht es dir?�</p><p>Im ersten Moment <emphasis>verstand </emphasis>Mark die Frage nicht einmal wirklich; er argw�hnte eine der rhetorischen Fallen, in die sein Vater seine Gespr�chspartner mit Vorliebe lockte - wobei er auch bei seinem eigenen Sohn keine Ausnahme gemacht hatte -, aber die Sorge in seinen Augen sah tats�chlich <emphasis>echt</emphasis> aus. Vorhin, als er den Gedanken das erste Mal erwogen hatte, hatte er nicht ernsthaft geglaubt, da� Prein seinem Vater wirklich die Geschichte von seiner Krankheit und dem Erholungsurlaub aufgetischt haben k�nnte. Aber es sah tats�chlich so aus, als w�re es so.</p><p>�Gut�, sagte er. �Ich bin nicht krank.�</p><p>�Ja, du siehst aus wie das bl�hende Leben�, sagte sein Vater ironisch.</p><p>�Ich habe schlecht geschlafen�, antwortete Mark. �Aber das ist auch schon alles. Ich bin nicht krank, und ich war es auch nicht.�</p><p>�Aber dein Direktor -�</p><p>�- ist ein sehr netter Mann�, unterbrach ihn Mark. �Ich nehme an, er hat dir diese Geschichte erz�hlt, um mir einen Gefallen zu tun - schlie�lich kennt er dich. Aber sie ist nicht wahr. Er hat mich nicht nach Hause geschickt, damit ich mich erhole. Ich bin von mir aus gegangen. Und ich kehre auch nicht zur�ck ins Internat.�</p><p>Diesmal vergingen Sekunden, bis sein Vater reagierte. Aber er tat es auch jetzt wieder auf eine v�llig unerwartete, untypische Art. Da� Mark seinen Vater nicht gerade liebte, bedeutete nicht, da� er ihn f�r dumm hielt. Im Gegenteil - er war sicher, da� er sofort begriffen harte, was seine Worte bedeuteten. Und trotzdem fuhr er auch jetzt nicht hoch, machte ihm keine Vorhaltungen oder lie� die eine oder andere Drohung h�ren - mit alledem hatte Mark gerechnet und war darauf vorbereitet, so gut er konnte - sondern sah ihn nur ruhig und irgendwie resignierend an, ehe er sagte: �Ich verstehe. Du hast nicht viel Zeit verloren. Bei der Gelegenheit: Herzlichen Gl�ckwunsch zum Geburtstag.�</p><p>�Danke�, antwortete Mark. �Und das ist alles?�</p><p>�Dein Geschenk ist bestellt, aber noch nicht -�</p><p>�Das meine ich nicht, und das wei�t du auch verdammt genau�, fiel ihm Mark ins Wort. Es fiel ihm immer schwerer, ruhig zu bleiben. Die so vollkommen unerwartete Gelassenheit, die sein Vater an den Tag legte, machte ihn rasend. �Willst du mir nicht erkl�ren, da� ich verr�ckt bin? Oder mich ein bi�chen anschreien und mir befehlen, sofort wieder ins Internat zur�ckzukehren?�</p><p>�H�tte das denn Sinn?� fragte sein Vater sanft. Er machte eine einladende Geste auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch, vor dem Sendig zuvor gestanden hatte. �Setz dich, Mark. Ich glaube, wir sollten uns unterhalten - auch wenn es kein besonders gl�cklicher Moment ist.�</p><p>Mark gehorchte ganz automatisch - und �rgerte sich ebenso automatisch sofort wieder �ber sich selbst, da� er seinen Part in diesem uralten Spiel von Befehlen und Gehorchen so bereitwillig weiterspielte. Aber selbst dieser �rger War nicht mehr wirklich echt. Sein m�hsam kultivierter Zorn begann bereits wieder zu verrauchen. Offenbar hatte er sehr viel weniger davon gehortet, als er selbst geglaubt hatte. Mit einer Stimme, die sehr viel mehr von seiner Unsicherheit verriet, als ihm recht war, sagte er: �Wenn du versuchen willst, mich umzustimmen, kannst du dir die M�he sparen.�</p><p>�Nat�rlich will ich das�, sagte sein Vater. �Aber keine Sorge - ich werde dir weder etwas befehlen, noch versuchen, dich zu etwas zu �berreden, was du nicht wirklich willst.�</p><p>War es wirklich Zufall, dachte Mark, da� er fast die gleichen Worte benutzte wie Prein am vergangenen Abend, oder redeten einfach alle Erwachsenen so?</p><p>Und hatten sie vielleicht recht damit?</p><p>�Ich wu�te, da� du so etwas tun w�rdest�, sagte sein Vater. �Ich habe nicht so schnell damit gerechnet, aber in den n�chsten Tagen oder Wochen schon. Es war nicht schwer zu erraten.�</p><p>Pl�tzlich w�nschte sich Mark, er w�re zehn Jahre j�nger - dann h�tte er vor lauter Entt�uschung und Frustration wenigstens laut losheulen k�nnen. Standen ihm seine Gedanken eigentlich in roten Leuchtbuchstaben auf der Stirn geschrieben, oder benahm er sich wirklich so vorhersehbar?</p><p>�Dein Direktor wollte dir wahrscheinlich wirklich einen Gefallen tun, indem er mir diese kleine Notl�ge aufgetischt hat, aber es w�re nicht n�tig gewesen. Ich bin dir nicht b�se. Im Gegenteil - ich bin froh, da� du nach Hause gekommen bist, statt irgendeinen Unsinn zu machen und dich vielleicht in drei Monaten aus Alaska zu melden.�</p><p>�Das ist gar keine schlechte Idee�, sagte Mark. �Vielleicht h�tte ich es tun sollen.�</p><p>�Dazu bist du zu klug�, behauptete sein Vater. �Du gibst es im Moment vielleicht nicht zu, aber du bist gar nicht so rebellisch, wie du tust. Jedenfalls nicht rebellisch genug, um auf gewisse... <emphasis>Bequemlichkeiten </emphasis>zu verzichten.�</p><p>�Da w�re ich nicht so sicher�, antwortete Mark. Soviel, f�gte er in Gedanken hinzu, zum Thema: <emphasis>�berraschendes Verhalten. </emphasis>Sein Vater war gar nicht so verst�ndnisvoll und geduldig, wie es im ersten Moment den Anschein gehabt hatte - es war einfach nur eine andere Taktik, die nichts mit Respekt zu tun hatte, sondern vielleicht nur seinem Alter angepa�t war. Und <emphasis>jetzt </emphasis>war der Zorn wieder da, nach dem er vorhin vergeblich gesucht hatte. �Vielleicht freue ich mich seit Jahren darauf, auf die <emphasis>Bequemlichkeiten </emphasis>verzichten zu d�rfen, die du mir bereitest.�</p><p>�Kaum�, sagte sein Vater ruhig. �Du wirst bestimmt nicht -�</p><p>�Du hast mich vorhin gefragt, wo ich war�, fiel ihm Mark ins Wort. �Ich habe dir zwar geantwortet, aber es war eine L�ge. Ich bin schon seit dem fr�hen Morgen in der Stadt, wei�t du. Ich war bei Mutter.�</p><p>�Ich wei߫, sagte sein Vater gelassen. �Jemand aus dem Stift hat mich angerufen.�</p><p>�Wer?� fragte Mark scharf. Schwester Beate? Das war m�glich, aber er konnte es sich kaum vorstellen - vielleicht, weil es ihn sehr entt�uscht h�tte.</p><p>�Das spielt keine Rolle�, sagte sein Vater.</p><p>�Artner?� wollte Mark wissen. Es war ein Schu� ins Blaue, aber er schien getroffen zu haben, denn sein Vater fuhr ganz leicht zusammen. Er wirkte fast erschrocken. Aber er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nein�, sagte er. �Es spielt keine Rolle, wer es war. Und bevor du dich weiter aufregst - sie haben dich nur zu deiner Mutter gelassen, weil <emphasis>ich </emphasis>es ihnen gesagt habe.�</p><p>�Sehr gro�z�gig�, sagte Mark zynisch. �Wie kann ich dir nur je daf�r danken?�</p><p>�Zum Beispiel, indem du aufh�rst, dich wie ein Idiot zu benehmen, und endlich anf�ngst, mit mir zu reden�, antwortete sein Vater ruhig. �Bist du nur hierhergekommen, um dich mit mir zu streiten? Das ist ein bi�chen billig, findest du nicht?�</p><p>Hinter ihm bewegte sich etwas. Ein Schatten, vielleicht nur ein Lichtreflex, der durch das Fenster hereinfiel. Trotzdem starrte Mark diese gar nicht vorhandene Bewegung eine geschlagene Sekunde lang an, ehe er antwortete: �M�glicherweise. Ich bin...� Er suchte nach Worten, aber pl�tzlich war sein Kopf wie leergefegt. Er war nur noch m�de. Seine Glieder f�hlten sich an wie Blei.</p><p>�Ach verdammt, ich wei� es nicht�, sagte er zornig. �Ja, vielleicht. Vielleicht wollte ich auch einfach nur weg aus dem Internat.�</p><p>�Das kann ich verstehen�, sagte sein Vater. �Ich mache dir einen Vorschlag: Du gehst in dein Zimmer und schl�fst dich erst einmal gr�ndlich aus. Wir essen heute abend zusammen, und dann reden wir. In aller Ruhe und von Mann zu Mann.�</p><p>Wann hatte er je <emphasis>in aller Ruhe </emphasis>mit seinem Vater reden k�nnen? dachte Mark. Oder gar <emphasis>von Mann zu Mann? </emphasis>Sein Vater behandelte niemanden wie einen gleichgestellten Partner. Manchmal fragte er sich, ob er �berhaupt f�hig war, f�r einen anderen Menschen irgendein Gef�hl zu empfinden, das nicht Verachtung oder �rger hie�. Aber er widersprach nicht, sondern zuckte nur mit den Achseln. Der Streit, auf den er innerlich vorbereitet war, hatte zwar gar nicht stattgefunden, aber er f�hlte sich trotzdem so ausgelaugt, als l�ge er hinter ihm. Und als h�tte er ihn verloren.</p><p>�Ich bin wirklich etwas m�de�, gestand er. �Aber ich wei� nicht, ob wir heute abend zum Essen gehen k�nnen. Ich habe eine Verabredung. Ein M�dchen�, f�gte er unaufgefordert hinzu.</p><p>�Ein M�dchen?� Sein Vater zog die Augenbrauen hoch. Offenbar war es Mark nun doch gelungen, ihn zu �berraschen. �Hast du sie mitgebracht?�</p><p>�Nein�, antwortete Mark. �Sie ist hier aus Berlin.�</p><p>�Und du bist heute morgen erst angekommen? Das ging schnell.�</p><p><emphasis>Und geht dich nichts an, </emphasis>dachte Mark. Er antwortete nicht.</p><p>�Dann bring sie doch einfach mit�, sagte sein Vater. �Ich m�chte deine Freunde gerne kennenlernen.�</p><p>�Warum?� wollte Mark wissen. �Um zu entscheiden, ob sie zu mir passen?�</p><p>�Nein�, sagte sein Vater. �Ich m�chte sie einfach kennen, das ist alles.�</p><p>Mark wollte antworten, da� sich sein Vater noch nie f�r seine Freunde interessiert hatte, aber er schluckte die Bemerkung im letzten Moment herunter. Sie h�tte zwar der Wahrheit entsprochen, aber eigentlich nur, weil er bisher niemals Freunde <emphasis>gehabt </emphasis>hatte. Au�erdem war Schwester Beate nun wirklich nicht seine <emphasis>Freundin, </emphasis>Er kannte sie, das war alles. Er wu�te nicht einmal, ob er �berhaupt mehr <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>Wieder bewegte sich etwas an der Wand hinter seinem Vater, das gar nicht da war, und diesmal glaubte Mark f�r den Bruchteil einer Sekunde etwas wie einen menschlichen Schatten zu erkennen, aber zugleich auch nicht. Er widerstand im letzten Moment der Versuchung, sich herumzudrehen. Verr�ckt.</p><p>�Was hast du?� fragte sein Vater alarmiert.</p><p>�Nichts. Was soll sein?�</p><p>�Du bist pl�tzlich bla� geworden. Ist dir nicht gut?�</p><p>�Nein�, antwortete Mark. �Das hei�t: nein, mir ist <emphasis>nicht</emphasis> nicht gut. Ich bin ziemlich �berm�det, das ist alles. Ich habe im Zug kaum geschlafen.�</p><p>�Unangenehme Mitreisende?�</p><p>�Unangenehme <emphasis>Tr�ume�, </emphasis>antwortete Mark. �Okay - vertagen wir den Showdown auf heute abend oder morgen. Ich lege mich ein paar Stunden hin. Ich nehme an, du hast jetzt sowieso viel zu tun. Schlie�lich mu�t du deinen Anwalt anrufen.�</p><p>Sein Vater blieb auf eine Art ruhig, die Mark allm�hlich zur Wei�glut reizte - allerdings auf eine Art, die irgendwie nicht wirklich an die Oberfl�che drang. Er sp�rte das Feuer, aber die Eruption blieb aus, obwohl er sie sich gew�nscht h�tte.</p><p>�Ich hoffe, da� es nur <emphasis>mein </emphasis>Anwalt ist und nicht bald <emphasis>unser</emphasis> Anwalt�, sagte sein Vater ruhig. �Ich kenne diesen Polizisten, diesen Sendig. Er ist ein sehr unangenehmer Mensch.�</p><p>�Und was habe ich mit ihm zu tun?�</p><p>�Genausoviel wie ich, n�mlich nichts�, behauptete sein Vater. �Aber das wird ihn nicht daran hindern, uns weiter zu bel�stigen.�</p><p>�Warum sollte er das tun? Wenn L�bach -�</p><p>�L�bach!� Sein Vater unterbrach ihn, scharf und mit einer wegwerfenden Geste. �L�bach hat mit der ganzen Geschichte nichts zu tun. Sendig vertr�gt keine Niederlagen, und ich habe ihm vor ein paar Jahren einmal eine bereitet. Ich sch�tze, er glaubt, jetzt w�re der Moment gekommen, sich zu revanchieren.�</p><p>�Was hast <emphasis>du </emphasis>mit der Polizei zu schaffen?� fragte Mark mi�trauisch.</p><p>�Gar nichts�, behauptete sein Vater. �Vor ein paar Jahren hat mich jemand denunziert - ein gefeuerter Angestellter, ein Konkurrent, was wei� ich. Angeblich soll in der Firma irgendeine Drogengeschichte gelaufen sein.�</p><p>�Drogen?� Mark ri� erstaunt die Augen auf. Er konnte sich viel vorstellen, aber sein Vater und <emphasis>Drogen? </emphasis>Das war l�cherlich. Sein Vater verachtete Menschen, die Drogen nahmen. Die meisten, die keine nahmen, �brigens auch. �Aber daran ist doch nichts Wahres, oder?�</p><p>�Nat�rlich nicht�, sagte sein Vater. �Aber Sendig hatte sich in die Idee verrannt. Ich konnte meine Unschuld beweisen, aber er lie� nicht locker, und so habe ich mich schlie�lich �ber ihn beschwert. Die Ermittlungen wurden eingestellt, und Sendig bekam einen R�ffel, den er mir bis heute wohl nicht verziehen hat. Es sollte mich nicht wundern, wenn er jetzt irgendwie versucht, die ganze Geschichte von damals wieder aufzuw�rmen. Sei also vorsichtig, wenn er dich anspricht. Am besten redest du gar nicht mit ihm.� Er l�chelte unecht und f�gte in ebenso unecht aufmunterndem Ton hinzu: �Und jetzt ab ins Bett.�</p><p>�Wie kommt es nur, da� ich das Gef�hl habe, du willst mich loswerden?� fragte Mark.</p><p>�Vielleicht, weil es so ist�, erwiderte sein Vater. �Ich habe in der Tat eine Menge zu tun - nicht nur wegen dieses Dummkopfes Sendig. Dein Besuch kam... etwas �berraschend. Aber bis heute abend habe ich mich freigeschwommen, keine Angst.�</p><p>Soviel zu Marks Ank�ndigung, <emphasis>nicht </emphasis>mit ihm essen zu wollen. Aber er war viel zu m�de, um zu widersprechen - in diesem Punkt hatte er wohl eindeutig recht. So stand Mark auf und ging zur T�r, blieb aber noch einmal stehen und wandte sich um. Sein Vater hatte bereits die Hand nach dem Telefonh�rer ausgestreckt, sah aber weiter aufmerksam in seine Richtung.</p><p>�Ist noch irgend etwas nicht in Ordnung?�</p><p><emphasis>Irgend etwas? </emphasis>Mark h�tte am liebsten aufgelacht. Hatte sein Vater ihn gerade wirklich gefragt, ob <emphasis>irgend etwas nicht in Ordnung </emphasis>war? Und doch ... irgend etwas in dessen Blick hielt Mark davon ab, ihm laut ins Gesicht zu lachen. Die Frage, die sein Vater stellte, war vielleicht rein rhetorisch, aber nichtsdestotrotz ehrlich gemeint gewesen. Er war sich keiner Schuld bewu�t - und welcher auch? Sollte er seinen Vater vielleicht f�r das verantwortlich machen, was <emphasis>er </emphasis>gestern und heute getan hatte? Oder gar f�r seine Alptr�ume? Das war l�cherlich.</p><p>�Nein�, sagte er nur. �Ich bin nur...� <emphasis>froh, wieder zu Hause zu sein. Trotz allem. </emphasis>�... m�de.�</p><p>Er schlo� die T�r und ging zur Treppe. Sein Zimmer lag im Erdgescho�, gleich unten neben der Haust�r, aber er wurde immer langsamer, w�hrend er die Treppe hinunterging - obwohl er tats�chlich so m�de war, wie er behauptet hatte. Trotzdem. Irgendwie sp�rte er, da� dies ein wichtiger Moment war, den er nicht mit Schlafen vergeuden sollte, wenigstens nicht gleich. Er war nach Hause gekommen, nicht f�r eine Stippvisite zwischendurch, nicht als Besucher f�r zwei, drei Tage oder eine Woche, sondern endg�ltig. Eine Heimkehr war immer etwas Besonderes, selbst wenn sie unter so ungl�ckseligen Vorzeichen stattfand wie diese. Und eine Heimkehr war es. Es spielte keine Rolle, ob er f�r immer gekommen war oder vielleicht auch diesmal nur f�r wenige Tage. Was z�hlte, war allein, da� er zu Hause war, an dem Ort, an den er geh�rte.</p><p>Es war ein sonderbar wohltuender Gedanke - und zugleich einer, der Mark sehr verwirrte, denn er widersprach so ziemlich allem, was er in den letzten Wochen und Monaten gedacht und selbst heute morgen noch empfunden hatte. War er nicht sicher gewesen, dieses Haus und vor allem seinen <emphasis>Hausherrn </emphasis>zu hassen? Hatte er nicht allen Grund, Groll gegen seinen Vater zu empfinden, den Mann, der ihm seine Jugend und seiner Mutter das Leben gestohlen hatte? Nichts hatte sich daran ge�ndert. All diese Gef�hle waren noch da, ebenso pr�sent wie am Morgen. Und trotzdem - es wurde ihm erst jetzt wirklich bewu�t, aber im gleichen Moment, als er das Haus betreten hatte, war etwas in ihm geschehen. Er war nach Hause gekommen, zum ersten Mal seit sechs Jahren <emphasis>wirklich.</emphasis>Er war an dem Ort, an den er hingeh�rte.</p><p>Er hatte das Ende der Treppe fast erreicht, als er hinter sich ein Ger�usch h�rte. Marianne, die ihm wahrscheinlich nacheilte, um ihm die T�r zu offnen, sein Bett aufzuschlagen und ihn auf genau die aufdringlich liebenswerte Art zu bemuttern, auf die sie es vom Tag seiner Geburt an getan hatte. Wahrscheinlich, dachte er sp�ttisch, hatte sein Vater sie bereits instruiert, ihm das k�nigliche Prinzgemach zu richten und ein Glas warme Milch mit Honig bereitzustellen. Das war auch etwas, was er �ndern w�rde, und zwar schnell. Marianne war zwar tats�chlich so etwas wie eine Ersatzmutter f�r ihn - und in den letzten Jahren mehr, als es seine <emphasis>richtige </emphasis>Mutter je gewesen war -, aber er w�rde ihr trotzdem erkl�ren, da� er nicht mehr acht, sondern <emphasis>achtzehn </emphasis>war und sich somit das eine oder andere in ihrem Verh�ltnis �ndern mu�te.</p><p>Aber nicht heute. Nicht jetzt. Im Augenblick empfand er den Gedanken, ein wenig bemuttert zu werden, als ganz angenehm.</p><p>Er trat von der letzten Stufe herunter und drehte sich herum, weil er ihre N�he sp�rte, aber hinter ihm war nichts.</p><p>Er sp�rte genau, da� er nicht allein war. <emphasis>Jemand war hier. </emphasis>Er sp�rte es, mit der unersch�tterlichen Sicherheit eines Raubtieres, das Witterung aufgenommen hatte, dem Instinkt eines Blinden, der die unmerkliche Ver�nderung des Luftdrucks in seiner N�he f�hlte, er... <emphasis>wu�te </emphasis>einfach, da� jemand hier war. Aber er war allein. �ber ihm lag nichts als die Treppe und der perspektivisch abgeschnittene Rest des Korridors, und jetzt konnte er Marianne auch h�ren: Sie hantierte in der K�che unten mit Geschirr und summte dabei leise vor sich hin, wie sie es seit eh und je tat; und so falsch wie eh und je.</p><p>Was?</p><p>Marks Atem beschleunigte sich, und seine H�nde begannen zu zittern. Was geschah hier? Was geschah <emphasis>mit ihm? </emphasis>Er machte einen unsicheren Schritt zur�ck, senkte den Blick und sah seinen Schatten, der als schwarzes Leporello vor ihm die Treppenstufen hinaufgefaltet war, aber er sah auch den anderen, zweiten Schatten, der dicht neben seinem eigenen stand, etwas kleiner, schlanker, der eines M�dchens oder einer sehr zierlichen Frau, ein Schatten, der keinen K�rper hatte, sondern einfach nur da war, als h�tte das Sonnenlicht oder der, der es schickte, einen Teil des Universums ausgelassen, vielleicht, weil es verboten war, weil dieser Teil etwas verbarg, dessen Anblick t�dlich gewesen w�re, oder Schlimmeres.</p><p>Mark fuhr herum und h�tte durch die hastige Bewegung fast das Gleichgewicht verloren. Sein Herz h�mmerte jetzt so schnell, als wollte es aus seiner Brust heraush�pfen. Er war allein. Allein. Niemand war hier. Nur er und der Schatten, und das unsichtbare Etwas, das ihn warf.</p><p>Er strauchelte, fand mit einer instinktiven Bewegung am Treppengel�nder Halt und pre�te f�r eine Sekunde so fest die Lider zusammen, da� es weh tat und er bunte Sterne und Farbblitze sah. Als er die Augen wieder �ffnete, war der Schatten verschwunden.</p><p><emphasis>Weil er nie dagewesen ist! </emphasis>Er versuchte sich zur Ruhe zu zwingen, bot jedes Quentchen Logik und Verstand und Selbstbeherrschung auf, das er noch in sich fand. Da war kein Schatten. Da war nie einer gewesen. �berm�dung, Stre�, Angst, Zorn, Frustration und Verwirrung - es gab tausend gute Gr�nde, Halluzinationen zu haben, aber keinen einzigen, tats�chlich ein Gespenst zu sehen. Jedenfalls keinen guten.</p><p>Doch das Wunder geschah. Gerade in dem Moment, in dem er sp�rte, wie die Barrieren aus Vernunft und logischem �berlegen zu wanken begannen, zog sich der Schrecken zur�ck. Sein Herz raste immer noch, und seine H�nde zitterten so heftig, da� er es auch mit aller Macht nicht unterdr�cken konnte, aber der schwarze Sumpf aus Wahnsinn, in dem er zu versinken begonnen hatte, war pl�tzlich weg.</p><p>�Mark?�</p><p>Diesmal war es wirklich Marianne. Mark sah auf und blickte in ihr schmales Gesicht, auf dem sich ein Ausdruck erschrockener �berraschung breitmachte. Er hatte nicht geh�rt, da� sie die K�che verlassen hatte und hergekommen war. �Was ist los mit Ihnen?�</p><p>�Nichts�, sagte Mark. �Was soll denn sein?� Er versuchte zu l�cheln, konnte es aber nicht. Seine eigene Stimme klang wie die eines Fremden in seinen Ohren.</p><p>�Ich dachte, ich h�tte ein Ger�usch geh�rt.� Marianne kam n�her, und die �berraschung in ihren Augen wurde nun eindeutig zu Sorge. �Ist auch wirklich alles in Ordnung? Sie sind kreidebleich.�</p><p>�Ich f�hle mich nicht gut�, antwortete Mark. �Aber es ist nichts. Ich bin nur m�de, das ist alles.�</p><p>Marianne sah ihn auf eine Art an, die jede Erkl�rung dazu, was sie von seiner Antwort hielt, �berfl�ssig machte, und w�re die Situation auch nur ein wenig anders gewesen, h�tte Mark sicher gel�chelt - er war noch nie ein guter L�gner gewesen, und <emphasis>Marianne </emphasis>etwas vorzumachen war schlichtweg ein Ding der Unm�glichkeit. Aber die Situation <emphasis>war </emphasis>nicht anders, und so nickte er nur noch einmal schwach und sagte erneut und sehr leise: �Nur m�de.�</p></section><section><title><p>11. Kapitel</p></title><p>�Irgend etwas stimmt nicht�, sagte Sendig, w�hrend seine Finger nerv�s auf das Lenkrad trommelten. Er sah Bremer nicht an, und er hatte auch ziemlich leise und wohl gar nicht direkt zu ihm gesprochen, sondern mehr zu sich selbst; und wahrscheinlich hatte er auch nicht damit gerechnet, eine Antwort zu bekommen. Sie sa�en seit gut f�nf Minuten im Wagen vor der Sillmann-Villa, und Bremer hatte die gleiche Zeit vergeblich darauf gewartet, da� Sendig losfuhr oder irgend etwas sagte. Aber sein neuer Vorgesetzter und Kollege hatte weder das eine noch das andere getan, sondern nur wortlos vor sich hin gestarrt, w�hrend seine Finger den Takt zu einer Melodie auf dem Lenkrad trommelten, die Bremer erkennen zu wollen aufgegeben hatte. Er sah sehr besorgt aus, und aus einem Grund, den Bremer sich nicht richtig erkl�ren konnte, auch sehr zornig.</p><p>�Etwas stimmt ganz und gar nicht.�</p><p>�Mit wem?� fragte Bremer. �Sillmann?�</p><p>�Nein�, antwortete Sendig, sch�ttelte den Kopf und verbesserte sich selbst: �Oder doch. Aber ich meine nicht den Alten. Der Junge, Mark.�</p><p>Der unwillige Ton in seiner Stimme korrespondierte mit seinem Gesichtsausdruck, aber Bremer hatte das sichere Gef�hl, da� beide nichts miteinander gemein hatten. Vielmehr hatte Sendig in einem Ton gesprochen, der ihm klarmachte, da� er seine Frage f�r �berfl�ssig hielt, es vielleicht auch nicht gewohnt war, von einer Kreatur so niedrigen Standes, wie sie ein gemeiner Streifenpolizist darstellte, angesprochen zu werden. Trotzdem fuhr Bremer fort: �Was soll mit ihm sein?�</p><p>Sendig warf ihm einen durchdringenden Blick zu und zog die Augenbrauen zusammen, aber es verging noch einmal ann�hernd eine halbe Minute, ehe er antwortete: �Er sollte nicht hier sein. Die Geschichte mit der Krankheit war eine L�ge.�</p><p>�Wie kommen Sie darauf?�</p><p>Sendig hob die Schultern, streckte die Hand nach dem Z�ndschl�ssel aus und zog den Arm wieder zur�ck, ohne ihn ber�hrt zu haben. �Gesp�r. Ich wei�, wenn mich jemand bel�gt. Sie nicht?� Er wartete Bremers Antwort gar nicht ab, sondern fuhr fast unmittelbar fort: �Allerdings scheint der Alte die Story geglaubt zu haben.�</p><p>�Und warum nicht?� fragte Bremer.</p><p>Sendig grunzte. �Ja, und wo wir schon einmal dabei sind - warum glauben wir nicht gleich wieder an den Weihnachtsmann? Der Junge sollte in einem Internat sein, stimmt's? Und er kommt ausgerechnet heute zur�ck? Wissen Sie was? Ich halte jede Wette, da� ich wei�, wo er gewesen ist, ehe er nach Hause kam. In der Klinik.�</p><p>�Und was ist daran so erstaunlich? Immerhin ist seine Mutter in diesem Krankenhaus - er wird sie besucht haben.�</p><p>�Ausgerechnet heute?!�</p><p>�Vielleicht <emphasis>nicht </emphasis>ausgerechnet heute�, antwortete Bremer betont. �Es kann ein Zufall sein. Vielleicht besucht er sie auch regelm��ig einmal die Woche, immer am gleichen Tag. Was wei� ich.�</p><p>Sendig bedachte ihn erneut mit einem langen Stirnrunzeln, und sein Blick f�gte so deutlich hinzu, da� Bremer es beinahe zu h�ren glaubte: <emphasis>Stimmt. Was wei�t du schon? </emphasis>Laut sagte er: �Und immer zwei Stunden bevor die offizielle Besuchszeit beginnt?� Er wies mit einer unwilligen Geste auf die Uhr im Armaturenbrett, und Bremer gestand sich im stillen ein, da� er <emphasis>darauf auch </emphasis>von selbst h�tte kommen k�nnen. Es war einfach noch zu fr�h, um einen normalen Besuch in einer Klinik abzustatten. Ein Punkt f�r Sendig. Und nicht einmal der erste. Seit er, wie versprochen, gekommen war, um Bremer abzuholen, waren gerade einmal zwei Stunden vergangen - aber diese Zeit hatte bereits gereicht, in Bremer ernsthafte Zweifel zu wecken, sich richtig entschieden zu haben. Nat�rlich hatte er gewu�t, da� Sendig ihn nicht als gleichberechtigten Partner behandeln w�rde; dazu war er wahrscheinlich gar nicht in der Lage. Er w�re nicht einmal �berrascht gewesen, Sendig genauso ekelhaft und zynisch zu erleben, wie er ihn nun einmal kannte. Aber wenig davon war wirklich geschehen. Sendig spielte nicht etwa seine �berlegenheit aus oder gar seinen h�heren Dienstrang - er tat etwas viel Schlimmeres: Er lie� Bremer in jeder Sekunde sp�ren, da� er einfach besser war. Er hatte einen sch�rferen Verstand, wu�te sich besser auszudr�cken und verga� offensichtlich nie etwas, ganz gleich, ob es f�nf Minuten oder f�nf Jahre her war. Und er schien Dinge mit der Pr�zision eines Hochleistungscomputers zu registrieren und in den richtigen Zusammenhang zu bringen, von denen Bremer nicht einmal begriff, da� sie etwas miteinander zu tun hatten. Bremer begann sich immer mehr zu fragen, warum Sendig am Morgen eigentlich gekommen war, um ihm dieses �beraus gro�z�gige Angebot zu machen. Bisher war er ihm kaum eine Hilfe gewesen, sondern hatte ihm allenfalls im Weg herumgestanden. Dazu kam, da� Sendig alles andere als kooperativ zu sein schien; bisher hatte er es nicht einmal f�r n�tig befunden, ihm zu sagen, worum es in dem geheimnisvollen Telefongespr�ch gegangen war, das er aus Sillmanns Arbeitszimmer gef�hrt hatte.</p><p>Bevor er jedoch eine entsprechende Bemerkung machen konnte, summte das Telefon. Sendig hob ab und lauschte einen Moment konzentriert in den H�rer, ohne sich zuvor gemeldet zu haben oder auch nur ein Wort zu sagen. Er h�ngte ebenso wortlos wieder ein, aber was er nicht sagte, verriet sein Gesichtsausdruck daf�r um so deutlicher.</p><p>�Schlechte Nachrichten?� fragte Bremer.</p><p>�Wie man's nimmt�, antwortete Sendig ausweichend. �Auf jeden Fall interessante. Sagt Ihnen der Name Artner etwas? Professor Artner?�</p><p>Bremer kramte einen Moment lang in seiner Erinnerung, sch�ttelte aber dann den Kopf. �Nein. Sollte er?�</p><p>�Wahrscheinlich nicht�, erwiderte Sendig mit einem vielsagenden Seufzen. �Aber wo wir schon einmal bei dem Thema sind - es scheint, als w�re im Moment das gro�e Akademiker-sterben ausgebrochen.�</p><p>�Aha�, sagte Bremer. Allm�hlich begann er sich wirklich �ber Sendig zu �rgern. Wof�r hielt der Kerl sich eigentlich, da� er nur in R�tseln sprach? F�r eine Wiedergeburt der Sphinx? �Und wer ist dieser Artner?�</p><p>�War�, verbesserte ihn Sendig und startete den Motor. �Die Vergangenheitsform ist hier wohl eher angebracht. Dr. Artner war der Chefarzt der Klinik, in der Sillmanns Frau sitzt. Marks Mutter, um genau zu sein. Na - glauben Sie immer noch, da� das alles Zufall ist?�</p><p>�Moment�, sagte Bremer. �Sie wollen nicht sagen, da� - Mark irgend etwas mit Artners Tod zu tun hat?�</p><p>Sendig unterbrach ihn mit einem Kopfsch�tteln und einem angedeuteten abf�lligen L�cheln. �Kaum. Jedenfalls nicht direkt. Mir sind das alles nur ein paar Zuf�lle zuviel auf einmal.� Er gab Gas und fuhr los, ohne auch nur einen Blick in den Spiegel geworfen zu haben.</p><p>�Auch �rzte sterben dann und wann�, gab Bremer zu bedenken - eigentlich wider besseres Wissen. Nat�rlich hatte Sendig recht: Artner, L�bach und jetzt das Auftauchen des jungen Sillmann - das alles waren tats�chlich ein paar Zuf�lle zuviel.</p><p>�Erstens�, sagte Sendig und hob den Daumen, �war Professor Artner kein �berarbeiteter Karrierearzt, sondern ein Mann in den besten Jahren, der sich bis gestern abend einer hervorragenden Gesundheit erfreut hat, zweitens -� Er hob den Zeigefinger, �- steht es noch gar nicht fest, da� er wirklich einen Herzinfarkt erlitten hat. Bisher vermuten sie es nur. Drittens -� Jetzt hob er den Mittelfinger, �- war mir der Bursche ein bi�chen zu nerv�s, der ihn angeblich gefunden hat. Viertens -� Jetzt hatte er nur noch den kleinen Finger der rechten Hand am Steuer, �- glaube ich kein Wort von der angeblichen technischen St�rung.�</p><p>�Was f�r eine technische St�rung?� erkundigte sich Bremer irritiert.</p><p>F�r einen Moment wirkte Sendig ertappt, hatte sich aber sofort wieder in der Gewalt. �Die Krankenzimmer werden st�ndig �berwacht�, erkl�rte er. �Die sind da unten mit Videotechnik und Kameras ausgestattet, auf die Hollywood neidisch w�re. Und der ganze Kram f�llt ausgerechnet in dem Moment aus, in dem Dr. Artner vor laufender Kamera der Schlag trifft?�</p><p><emphasis>Und f�nftens bist du verdammt gut informiert, </emphasis>dachte Bremer. Das alles konnte Sendig nicht in den wenigen Augenblicken erfahren haben, die er gerade telefoniert hatte. Ganz offensichtlich verschwieg ihm sein neuer Partner eine Menge mehr, als er ohnehin schon angenommen hatte, und er machte sich nicht einmal die M�he, es zu verheimlichen.</p><p>Er sagte nichts davon, sondern warf statt dessen einen nerv�sen Blick auf den Tachometer. Sie fuhren ann�hernd sechzig. Auf einer Stra�e, die h�chstens f�r die H�lfte dieser Geschwindigkeit gut war. �Sagen Sie... haben Sie mehr als zehn Gr�nde, mi�trauisch zu sein?� fragte er.</p><p>Sendig sah ihn eine Sekunde lang verst�ndnislos an, dann folgte er Bremers Blick, der nerv�s an seiner linken Hand und dem letzten verbliebenen Finger hing, der das Lenkrad hielt. Aber er tat Bremer auch den Gefallen, das Steuer wieder fest zu ergreifen und sogar etwas langsamer zu fahren.</p><p>�Ich komme auf zwanzig, wenn ich in Ruhe dar�ber nachdenke�, sagte er. �Aber ich habe keine Lust, daf�r die Schuhe auszuziehen. Au�erdem m�chte ich Ihnen das nicht antun.�</p><p>�Sehr r�cksichtsvoll�, murmelte Bremer, dann hob er den Blick und sah wieder auf die Stra�e hinaus. �Das ist nicht der Weg zur Klinik.�</p><p>�Wir fahren auch nicht dorthin�, antwortete Sendig. �Jedenfalls nicht gleich.�</p><p>�Aber ich dachte -�</p><p>�Der Anruf gerade?� Sendig sch�ttelte den Kopf. �Es ging nicht um Artner. Das habe ich schon heute morgen erfahren, bevor ich zu Ihnen gekommen bin.�</p><p>Das �berraschte Bremer nicht im mindesten, aber irgend etwas sagte ihm auch, da� Sendig nicht geneigt war, ihm zu erkl�ren, <emphasis>worum </emphasis>es denn nun gegangen war. Allm�hlich begann er sich zu fragen, warum er �berhaupt hier war, aber er sparte es sich auch, diese Frage laut zu stellen. Vielleicht h�tte er sogar eine Antwort bekommen, doch er war ziemlich sicher, da� sie ihm nicht gefallen w�rde. Er drehte den Kopf wieder zur anderen Seite, um aus dem Fenster zu sehen - und fuhr so erschrocken zusammen, da� Sendig um ein Haar das Steuer verrissen h�tte und hart auf die Bremse trat.</p><p>Sie waren nicht mehr allein im Wagen. Jemand sa� hinter ihnen.</p><p>Bremer hatte es nur im Spiegel gesehen, und auch da nur aus den Augenwinkeln: ein kaum sichtbares, dunkles Flackern; gerade noch an der Grenze des �berhaupt Wahrnehmbaren - aber das war eindeutig kein Schatten gewesen.</p><p>Sendig brachte den Wagen mit einem unn�tig harten Ruck zum Stehen und fragte erschrocken: �Was ist los?�</p><p>Bremer schwieg. Hinter ihnen war nichts. Sie waren allein im Wagen.</p><p>�Was ist?� fragte Sendig noch einmal. T�uschte er sich, oder h�rte er jetzt deutlich einen Unterton von H�me in seiner Stimme?</p><p>�Nichts�, antwortete Bremer. Er starrte noch eine Sekunde lang reichlich verdattert die leere Bank hinter sich an, sch�ttelte den Kopf und sagte noch einmal: �Es war ... nichts. Ich mu� mich wohl get�uscht haben.� Hastig drehte er sich wieder herum.</p><p>Sendig blickte ihn zweifelnd an. Er sagte nichts mehr, aber Bremer konnte zur Abwechslung einmal fast <emphasis>seine </emphasis>Gedanken lesen. Es spielte keine Rolle, was sie voneinander hielten - sie beide waren M�nner, von denen man nicht erwartete, da� sie sich <emphasis>t�uschten.</emphasis></p><p>�Ich dachte f�r einen Moment, ich h�tte etwas im Spiegel gesehen�, fuhr er mit einem nerv�sen L�cheln fort, �aber wie gesagt: Es war wohl ein Irrtum. Vielleicht nur ein Schatten.�</p><p>Sendig antwortete auch darauf nicht, aber er nahm die Hand vom Steuer und drehte den Innenspiegel so, da� er die R�ckbank betrachten konnte. F�r einen kurzen Augenblick erschien ein sehr konzentrierter Ausdruck auf seinem Gesicht.</p><p>Bremer widerstand der Versuchung, ebenfalls in den R�ckspiegel zu sehen. Er hatte auch nicht <emphasis>diesen </emphasis>Spiegel gemeint, sondern den Au�enspiegel, und <emphasis>darin </emphasis>hatte er ganz deutlich eine Gestalt gesehen, die auf der R�ckbank des Wagens sa� und sie anstarrte.</p><p>So behutsam wie m�glich, damit Sendig es auf keinen Fall sah, drehte er Millimeter f�r Millimeter den Kopf und blickte aus den Augenwinkeln erneut in den Spiegel. Er konnte den sp�rlichen Verkehr hinter ihnen erkennen, einen Teil der rechten T�r und die Scheibe dar�ber.</p><p>Und die Gestalt!</p><p>Sie war da. Ein hochgewachsener, dunkler Schemen, nicht wirklich eine Gestalt, sondern vielmehr ein Schatten, dem irgendwie der K�rper abhanden gekommen war. Und es war auch nicht wirklich der Scharten eines Menschen, sondern eher eines... Nein, das war verr�ckt!</p><p>�Sicher nur ein Schatten�, sagte er noch einmal.</p></section><section><title><p>12. Kapitel</p></title><p><emphasis>Es war derselbe Traum, und zugleich war er auch vollkommen anders. Diesmal konnte er seine Umgebung genau erkennen, und er sah, da� er sich get�uscht hatte; das, oder der Raum hatte sich ver�ndert. Der Kerzenschein, die wenigen, wenn auch ausgesuchten M�belst�cke und der d�stere Gesang der sich wiegenden Gestalten, die im Kreis am Boden hockten, hatten ihm in der ersten Vision eine Behaglichkeit verliehen, die er jetzt nicht mehr besa�. Es war ein Verlies, d�ster und ohne Fenster und mit gemauerten W�nden, an denen nur hier und da noch die Reste von grauem Betonputz klebten. Auf der anderen Seite war eine T�r, die er beim ersten Mal ebenfalls nicht bemerkt hatte. Und noch etwas war anders:Diesmal war er sich vom ersten Moment an dar�ber im klaren, da�er tr�umte. Nichts von alledem, was er zu sehen, was er zu h�ren oder was er zu f�hlen glaubte, besa� irgendeine Substanz. Aber dieses Wissen half nicht. Es machte den Schrecken, mit dem ihn die Vision erf�llte, nicht weniger schlimm, sondern schien ihn im Gegenteil noch zu intensivieren, denn mit diesem Wissen ging ein anderes, schlimmeres Hand in Hand: Real oder nicht, er war in Gefahr, das sp�rte er deutlich.</emphasis></p><p><emphasis>Langsam drehte er sich im Kreis, wobei sein Blick der Bewegung vorauseilte. Er tastete �ber die am Boden hockenden Gestalten, die Kerzen und den Sekret�r - war er das erste Mal schon dagewesen? Er wu�te es nicht mehr - und suchte nach etwas Bestimmtem, von dem er im ersten Moment nicht einmal wu�te, was es war, nur, da� es da war und da� es ihm angst machte.</emphasis></p><p><emphasis>Anders als in einem normalen Traum war er weder unbeteiligter Zuschauer noch hilfloses Opfer oder Gejagter, sondern schien �ber eine Art K�rper zu verf�gen, zumindest konnte er sich bewegen. Aber er war nicht direkt beteiligt: Der Kreis der sich wiegenden, an den H�nden haltenden Gestalten am Boden war noch immer da, doch diesmal sah ihn niemand an, keine H�nde streckten sich ihm entgegen, um ihn festzuhalten, kein Gesicht zerfiel zu einer Zombiegrimasse, die ihn aus leeren Augenh�hlen anstarrte. Die Luft roch schlecht und scharf, und von irgendwoher kam ein rhythmischer, stampfender Laut, fast wie das Schlagen eines gewaltigen eisernen Herzens.</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht war es das ja, dachte Mark: das steinerne Herz eines steinernen Riesen, in dessen Adern der Wahnsinn pulsierte und dessen Gedanken geronnene Furcht waren. Im Wachen h�tte er �ber diese Vorstellung gel�chelt, aber jetzt gab sie seiner Furcht neue Nahrung. Er wu�te nat�rlich noch immer, da� er tr�umte, aber zugleich wu�te er auch noch immer mit unersch�tterlicher Sicherheit, da� er in Gefahr war. Real oder nicht, was ihn hier bedrohte, war echt. Er war in einem Bereich des Seins gestrandet, der irgendwo zwischen Tod und Leben lag, und der Weg hinaus f�hrte in beide Richtungen: und in beide vielleicht gleich schnell und endg�ltig.</emphasis></p><p><emphasis>Wieder sah er die T�r an. Es war eine typische Alptraumt�r: Ihre Proportionen stimmten nicht. Sie war zu niedrig, daf�r zu breit, und bestand aus massivem Eisen, das irgendwann einmal einen Schutzlack gehabt hatte, nun aber gleichsam geh�utet war; Rost hatte das Metall zerfressen, es zu einer braunen Masse gemacht, die an verklumptes Blut erinnerte, wo sie nicht von schw�renden Beulen �bers�t war. Es gab kein Schlo�, nur eine ausgefranste Wunde mit schwarzen R�ndern, vielleicht die Spuren eines Schneidbrenners, mit dem diese T�r einmal gewaltsam ge�ffnet worden war. Durch diese Bresche in der st�hlernen Wand schimmerte Licht, das nicht heller, aber doch irgendwie anders war als das hier im Raum.</emphasis></p><p><emphasis>Was bedeutete dieser Traum? Mark hatte immer noch Angst - sein Herz h�mmerte, und obwohl er seine H�nde nicht sehen konnte, sp�rte er, da� sie zitterten und feucht vor Schwei� waren -, aber nun, wo er sich keiner direkten Gefahr ausgesetzt sah, hatte sie sich ein St�ck zur�ckgezogen, nicht ganz und auch nicht auf Dauer, sondern wie eine gi�ige Spinne, die zur�ck ins Zentrum ihres Netzes gekrochen war und dort reglos auf ihre Beute lauerte. Er war sich ihrer N�he sehr bewu�t, trotzdem begann er allm�hlich so etwas wie Neugier zu empfinden.</emphasis></p><p><emphasis>Was bedeutete dieser Traum? Warum war er hier?</emphasis></p><p><emphasis>Er war sicher, keine der Gestalten am Boden zu kennen, diesen Raum niemals wirklich gesehen, dieses unheimliche Geschehen niemals wirklich erlebt zu haben; weder in dieser noch in irgendeiner anderen Form. Und trotzdem hatte er ein Gef�hl der Vertrautheit, das mit jedem Moment st�rker wurde.</emphasis></p><p><emphasis>Langsam begann er sich durch den Raum zu bewegen, wobei er sich erneut und mit wachsendem Interesse umsah. Es war tats�chlich eine Art Verlies, vielleicht ein sehr alter Keller, dem jemand mit ein paar Teppichen und M�belst�cken ohne viel Erfolg einen Anstrich von Wohnlichkeit zu verleihen versucht hatte. An den W�nden hingen Poster, und unter der Decke befanden sich zwei �berlange Neonr�hren. Ihr Licht wurde von dem der unz�hligen Kerzen �berstrahlt, sorgte aber trotzdem f�r den gr��ten Teil der Helligkeit hier unten.</emphasis></p><p><emphasis>Unweit der T�r befand sich ein Sekret�r, der in seiner schlichten Form schon fast einen Anachronismus darstellte und mit Papieren und den allgegenw�rtigen Kerzen �bers�t war. Er wollte n�her herangehen, um einen Blick auf die Papiere zu werfen, aber das h�tte auch bedeutet, sich der T�r zu nahem, und irgend etwas hielt ihn davon ab. Es gab keinen logischen Grund daf�r (logisch? Nichts von dem, was er hier erlebte, war in irgendeiner Form logisch!), aber die Angst war wieder da; die Spinne im Netz war sprungbereit, und sich der T�r zu n�hern hie�e, ihre F�den zu ber�hren und sich darin zu verwickeln.</emphasis></p><p><emphasis>Statt dessen machte er beinahe erschrocken einen Schritt zur�ck und geriet dabei wieder zwischen die Gestalten am Boden.</emphasis></p><p><emphasis>Der Kreis schlo� sich.</emphasis></p><p><emphasis>Aus dem Alptraum von gestern wurde der von heute.</emphasis></p><p><emphasis>Das dunkle Dr�hnen des metallenen Herzschlages hielt an, aber der Gesang verstummte f�r einen Moment. Ein Dutzend Gesichter wandte sich ihm zu, bleich, tot und mit erloschenen Augen, und dahinter, noch nicht ganz die Grenze des wirklich Sichtbaren erreichend, aber sch�n da, war die Lichtgestalt. Der Todesengel, der erneut gekommen war, um ihn zu holen.</emphasis></p><p><emphasis>�Du hast uns verraten, Mark. Du hast uns alle get�tet.�</emphasis></p><p><emphasis>Er schrie. Es war ein lautloser Schrei, denn seine Kehle war zugeschn�rt, aber er hallte in seinem Kopf wider und machte aus der schwarzen Spinne der Furcht einen rasenden Wirbel, der sein klares Denken und seine Vernunft verschlang. Entsetzt ri� er die Arme vor das Gesicht und taumelte r�ckw�rts vor der Gestalt davon, die vor ihm aus dem Licht trat und die H�nde nach ihm ausstreckte.</emphasis></p><p><emphasis>�Du hast uns verraten. Wir haben dir vertraut, und unser Leben war der Preis.�</emphasis></p><p><emphasis>Mark taumelte weiter. Er prallte gegen die Wand, schlug wimmernd die H�nde vor das Gesicht und kr�mmte sich wie unter Schl�gen, obwohl die Gestalt nicht n�her gekommen war, sondern ihm im gleichen Abstand folgte, was das Geschehen nun vollends zum Alptraum werden lie�. Der unsichtbare Verfolger aller b�sen Tr�ume aller Zeiten war da, die Schim�re, die immer hinter einem war, immer Schritt hielt, ganz gleich, wie schnell oder langsam man auch lief. Aber dieser Vergleich war ungef�hr und einseitig - in einem Traum konnte einem das Monster nichts tun, solange man sich nicht herumdrehte und es ansah, aber dieses Gesch�pf kam n�her, langsam, aber unerbittlich.</emphasis></p><p><emphasis>Marks R�cken schrammte an rauhem Stein und an rostzerfressenem Metall entlang, und er sp�rte, wie sich die T�r schwerf�llig hinter ihm bewegte, sich �ffnete. Er wollte nicht hindurchgehen.</emphasis></p><p><emphasis>Er </emphasis>durfte <emphasis>es nicht.</emphasis></p><p><emphasis>Wenn er es tat, dann w�rde er sterben. Hier und jetzt und endg�ltig - und vielleicht nicht einmal wirklich tot sein, sondern f�r alle Zeiten in diesem Alptraum gefangen.</emphasis></p><p><emphasis>Wimmernd vor Angst wich er weiter zur�ck, und auch die T�r bewegte sich weiter. Langsam und tr�ge und mit der Schwerf�lligkeit ihres gro�es Gewichtes, aber auch dessen Beharrlichkeit.</emphasis></p><p><emphasis>Der Herzschlag wurde lauter, als die T�r sich weiter �ffnete. Mark schrie erneut, taumelte zur�ck und ri� die Arme herunter, um mit einer rudernden Bewegung um sein Gleichgewicht zu k�mpfen. Die Gestalt war jetzt ganz nahe; ein bleicher Schemen ohne klar umrissene Konturen oder Gesicht, aber von t�dlicher Bedrohung.</emphasis></p><p>�Mark!�</p><p><emphasis>Er schrie. Diesmal wirklich und so laut, da� sein Hals schmerzte. Die T�r in seinem R�cken schwang weiter auf, und irgend etwas war da. Er wollte nicht hindurchgehen. Was immer es war, es erf�llte ihn mit panischer Angst: einer Furcht, die noch gr��er war als die vor dem Todesengel, der ganz langsam n�her kam und nun die Arme ausstreckte. Vielleicht w�rde ihn seine Ber�hrung t�ten, vielleicht ihm etwas Schrecklicheres antun, doch was immer es war, es konnte nicht schlimmer sein als das, was hinter der T�r lauerte.</emphasis></p><p><emphasis>Mark fand mit wild fuhrwerkenden Armen seine Balance wieder, stie� sich von der zur�ckweichenden Barriere aus rostigem Eisen ab und schlug blind vor Furcht um sich.</emphasis></p><p>�Mark!�</p><p><emphasis>Der erste Schlag ging ins Leere, aber sein zweiter Hieb traf und schleuderte die unheimliche Erscheinung zur�ck. Ein gellender Schrei schnitt wie ein Messer in seine Gedanken, und gleichzeitig sp�rte Mark, wie er erneut und von der Wucht seines eigenen Hiebes zur�ckgeworfen das Gleichgewicht verlor und jetzt wirklich st�rzte, r�ckw�rts hindurch durch die T�r, hinter der das Grauen lauerte und...</emphasis></p><p><emphasis>... </emphasis>mit einem erstickten Keuchen hochfuhr. Sein Herz schlug mit kurzen, harten St��en gegen seine Rippen, und seine Kehle schmerzte von den Schreien, die er ausgesto�en hatte. Er zitterte am ganzen Leib, und im ersten Moment wu�te er nicht wirklich, wo er war, sondern w�hnte sich weiter in jenem schrecklichen Raum hinter der Eisent�r. Alles drehte sich um ihn, Licht und Schatten f�hrten einen irren Veitstanz auf, und er h�rte noch immer jenen dr�hnenden schweren Herzschlag. Er wu�te, da� er wach und der Traum vor�ber war, aber zugleich schien es ihm nicht zu gelingen, wirklich in die Realit�t zur�ckzukommen. Sein Erwachen war weder ein sanftes Gleiten noch ein j�her Sturz von der einen in die andere Wirklichkeit gewesen, vielmehr schien er in einer klebrigen Membran verstrickt, die beide Welten voneinander trennte und ihn mit z�her Kraft zur�ckzuhalten versuchte. Er keuchte vor Anstrengung, fiel zur�ck und setzte sich abermals mit rudernden Armen auf, und in diesem Moment wurde die T�r aufgerissen, und sein Vater st�rmte herein. Marks Erinnerungen f�gten im nachhinein seine polternden schweren Schritte auf der Treppe hinzu, die er wahrgenommen, aber nicht registriert hatte. Offenbar hatte er laut genug geschrien, um seinen Vater am anderen Ende des Hauses zu alarmieren. Sein Gesicht war schreckensbleich, und sein Atem ging so schwer, da� er die Worte nur als kaum verst�ndliches Keuchen hervorstie�: �Mark, was ist los? Was - ?�</p><p>In seinem Gesicht erschien ein neuer, noch gr��erer Schrecken, und seine Augen weiteten sich, als sein Blick auf einen Punkt am Boden neben Marks Bett fiel. �Mein Gott, was ist hier passiert?� fl�sterte er.</p><p>Mark verstand im allerersten Moment kein Wort. Der Schrecken im Gesicht seines Vaters pa�te zu gut zu seinen eigenen Empfindungen in diesem Augenblick, als da� er auch nur auf den Gedanken gekommen w�re, einen besonderen Grund daf�r zu suchen. Aber dann folgte er dem Blick seines Vaters und sah die Gestalt, die vor seinem Bett lag, und <emphasis>dieser</emphasis> Anblick zerri� die Membran endg�ltig, deren klebrige Reste ihn bisher noch festgehalten harten. Noch w�hrend er sich mit einem Ruck zur Seite schwang und in einer einzigen flie�enden Bewegung halb vom Bett fiel, halb herunterglitt, um neben Marianne niederzuknien, ordneten sich die durcheinanderwirbelnden Bilder in seinem Kopf zu einem Puzzle, das Alptraum und Realit�t gleicherma�en umfa�te. Nicht alles hatte zu jener surrealistischen Welt des Kellers geh�rt. Die Stimme, die zweimal seinen Namen gerufen hatte, geh�rte Marianne, und der pochende Schmerz in seiner rechten Hand erz�hlte den Rest der Geschichte: Offensichtlich hatte sich Marianne �ber ihn gebeugt, um ihn wachzur�tteln, weil er im Schlaf geschrien hatte, und ebenso offensichtlich hatte er sie niedergeschlagen.</p><p>�Was zum Teufel hast du getan?!�</p><p>Mark ignorierte den schneidenden Ton in der Stimme seines Vaters ebenso wie dessen verwirrte Gesten. Sie waren beide nahezu gleichzeitig neben Marianne niedergekniet, aber sie schienen auch beide gleich hilflos. Mark streckte die H�nde nach Marianne aus, aber er wagte es nicht, sie zu ber�hren. Seine Gedanken �berschlugen sich. Marianne r�hrte sich nicht. Er konnte nicht sehen, da� sie atmete, und f�r einen Moment war er felsenfest davon �berzeugt, sie get�tet zu haben. Seine rechte Hand schmerzte immer heftiger. Er mu�te in seinem panischen Kampf gegen den Todesengel mit aller Gewalt zugeschlagen haben. Er hatte sie umgebracht.</p><p>�Was ist denn nur passiert?� fragte sein Vater. Er klang jetzt nur noch erschrocken, nicht mehr zornig und fordernd, und obwohl ihm selbst der Gedanke in dieser Situation geradezu grotesk erschien, begriff Mark vielleicht zum ersten Mal wirklich, da� die herrische Art seines Vaters vielleicht nicht mehr als eine Maske war; eine Gewohnheit, die ihm so sehr in Fleisch und Blut �bergegangen war, da� er sie schon gar nicht mehr abstreifen konnte, geschweige denn <emphasis>wollte. </emphasis>Aber er war gar nicht so. Nicht wirklich. Vielleicht war er nicht einmal ann�hernd so stark, wie Mark bisher geglaubt hatte.</p><p>�Ich wei� es nicht�, stammelte er. �Es tut mir leid. Ich wollte das nicht. Es ist...�</p><p>Marianne bewegte st�hnend die H�nde und versuchte den Kopf zu heben. Ihre Bewegungen waren unsicher und nicht richtig koordiniert, so da� Mark rasch ihre Hand ergriff und festhielt, damit sie sich nicht selbst verletzte.</p><p>�Marianne!� sagte er. �K�nnen Sie mich verstehen? Was ist mit Ihnen? Sind Sie in Ordnung?�</p><p>Nat�rlich war sie es nicht. Sie hatte jetzt zwar die Augen ge�ffnet, schien ihn aber im ersten Moment gar nicht wahrzunehmen; zumindest war in ihrem Blick kein Erkennen. Mark sah, da� die linke Seite ihres Gesichtes bereits anzuschwellen begann.</p><p>�Es tut mir so leid�, murmelte er. �Bitte, da... das wollte ich nicht. Ich wu�te nicht -�</p><p>�Was?� Der schneidende Ton war wieder da, und diesmal war er nicht gespielt. Mark sah nur fl�chtig auf, aber schon dieser kurze Blick ins Gesicht seines Vaters reichte, ihn alles wieder streichen zu lassen, was er gerade �ber ihn gedacht hatte. M�glicherweise war seine H�rte ja tats�chlich nur aufgesetzt - aber wenn, dann so perfekt, da� es keinen Unterschied machte.</p><p>�Was... was ist passiert?� murmelte Marianne. Sie versuchte sich aufzusetzen, und Mark gewann einige kostbare Sekunden damit, ihr dabei zu helfen und sie zu st�tzen.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte er noch einmal. �Ich wollte das nicht, Marianne. Ich glaube, ich...�</p><p><emphasis>�Ich </emphasis>glaube�, unterbrach ihn sein Vater, �da� du uns eine Menge zu erkl�ren hast, mein lieber Junge. Warst du das?�</p><p>�Er hat es nicht absichtlich getan�, sagte Marianne leise. �Bitte, Herr Sillmann - regen Sie sich nicht auf. Es war ein Unfall. Mark kann nichts daf�r.�</p><p>Mark versp�rte ein kurzes, heftiges Aufwallen von Dankbarkeit. Marianne war noch immer benommen. Selbst durch den dicken Stoff ihres Kleides hindurch konnte er sp�ren, da� sie am ganzen Leib zitterte, und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit wu�te sie gar nicht, was passiert war. Trotzdem versuchte sie ihn in Schutz zu nehmen. Aber dieser Gedanke weckte auch seinen Trotz - und den Zorn auf seinen Vater, den er nicht umsonst monatelang sorgsam kultiviert hatte. Pl�tzlich begriff er wieder, da� es einen Grund daf�r gab.</p><p>�Doch, ich <emphasis>kann </emphasis>etwas daf�r�, sagte er. �Es war meine Schuld. Aber dar�ber reden wir sp�ter. Jetzt legen Sie sich erst einmal aufs Bett, und ich rufe Ihnen einen Arzt.�</p><p>�Nein!� Marianne klang fast entsetzt. �Keinen Arzt. Mir fehlt nichts.�</p><p>�Das zu beurteilen, �berlassen Sie bitte Doktor Petri�, sagte Marks Vater. �Mark hat vollkommen recht. Wir rufen einen Arzt und kl�ren hinterher, was �berhaupt passiert ist.�</p><p>Das klang vern�nftig - aber zugleich auch nicht besonders �berzeugend. Mark mu�te seinen Vater nicht einmal ansehen, um zu sp�ren, da� diese Worte nur rhetorisch gemeint waren. Vermutlich, dachte er w�tend, arbeitete es hinter der Stirn seines Vaters schon wieder auf die gewohnte Art: Der Arzt w�rde Fragen stellen, und selbst wenn nicht, w�rde er sich seinen Teil denken. Die Leute k�nnten <emphasis>reden. </emphasis>Gut.</p><p>Mit einer fast zornigen Bewegung half er Marianne, sich auf das Bett zu legen, dann richtete er sich auf und deutete zur T�r. �Ich ruf jetzt den Arzt an. Und Sie r�hren sich nicht, klar?�</p><p>�Bitte nicht�, sagte Marianne. �Mir fehlt nichts. Ein paar Minuten Ruhe und ein kalter Umschlag, und alles ist wieder in Ordnung.�</p><p>Mark machte sich nicht einmal die M�he, zu antworten. Er sah sie nur an. Ihr linkes Auge schwoll so schnell zu, da� man dabei zusehen konnte. In sp�testens einer Stunde w�rde sie M�he haben, zu reden. Wortlos drehte er sich um, verlie� das Zimmer und ging zum Telefon in der Diele, um den Arzt anzurufen. Er h�tte es ebensogut vom Anschlu� in seinem Zimmer aus tun k�nnen, aber das h�tte bedeutet, l�nger in der N�he seines Vaters zu bleiben, und aus irgendeinem Grund ertrug er den Gedanken im Moment einfach nicht. Es gab �berhaupt keinen vern�nftigen Anla� dazu, aber in diesem Augenblick machte er nicht sich, sondern ihn f�r alles verantwortlich, was geschehen war. Dies war <emphasis>sein </emphasis>Haus, und es war der b�se Geist seines Vaters, der es beherrschte.</p><p>Er fand die Nummer des Arztes auf der ersten Seite im Telefonbuch, aber er z�gerte pl�tzlich, sie zu w�hlen. Er hatte nur fl�chtige Erinnerungen an Dr. Petri, einen �ltlichen, auf den ersten Blick netten Mann, der beinahe ebenso lange zu diesem Haushalt geh�rte wie Marianne und sehr viel l�nger als er selbst. Mark war als Kind selten krank gewesen und hatte somit wenig Kontakt mit ihm gehabt. Trotzdem hatte er keine guten Erinnerungen an ihn. Dr. Petri war der Mann, der seine Mutter in die Klinik eingewiesen hatte.</p><p>Aber das spielte im Moment keine Rolle. Er war ein sehr guter Arzt, und das allein z�hlte. Au�erdem w�rde er wahrscheinlich sehr schnell hier sein. Seine Praxis befand sich nur zwei Stra�en entfernt. Mark w�hlte seine Nummer, wartete ungeduldig, bis sich die Sprechstundenhilfe meldete, und bat mit knappen Worten um einen Besuch. Wieder ein winziges Detail, das zeigte, welchen Einflu� sein Vater besa�: Die junge Frauenstimme am Telefon fragte nicht, was geschehen war, sondern antwortete nur, da� Dr. Petri in sp�testens zehn Minuten kommen w�rde. Marks Zorn auf seinen Vater stieg.</p><p>Aus diesem Grund ging er auch nicht in sein Zimmer zur�ck, sondern wartete in der Halle, bis der Arzt kam - was tats�chlich nicht einmal zehn Minuten dauerte. Petri schien alles stehen- und liegengelassen zu haben, um zu seinem wichtigsten Patienten zu eilen.</p><p>Auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck ma�loser �berraschung, als er Mark erkannte, aber gleich darauf auch ein L�cheln, das so ehrlich war, da� Mark sich seiner eigenen Gedanken von vorhin fast sch�mte. Er begegnete in letzter Zeit sehr selten Menschen, die sich freuten, ihn zu sehen. <emphasis>Zu </emphasis>selten, als da� er es sich leisten konnte, ungerecht zu sein.</p><p>�Mark!� sagte Petri. �Sie sind zu Hause? Das ist ja eine �berraschung. Sind denn schon wieder Ferien?�</p><p>Mark trat zur�ck und �ffnete in der gleichen Bewegung weiter die T�r. �Nein�, antwortete er. �Ich bin nur... zu einem kurzen Besuch.�</p><p>�Das ist sch�n�, sagte Petri und trat ein. Mark hatte ihn als alten, sehr schlanken Mann in Erinnerung, aber in beiden Punkten hatte er sich get�uscht Er war nicht ann�hernd so alt, wie er geglaubt hatte, daf�r aber so d�rr, da� selbst der teure Ma�anzug, den er trug, um seine Gestalt zu schlottern schien. Die Arzttasche in seiner rechten Hand schien viel zu schwer f�r einen Mann seiner Statur.</p><p>�Wie lang haben wir uns nicht mehr gesehen? Drei Jahre? Vier?�</p><p>�So ungef�hr�, sagte Mark. Er war ein bi�chen verlegen. Nat�rlich konnte Petri nicht wissen, was er �ber ihn gedacht hatte, aber er wu�te es, und das allein reichte, ihn sich unwohl f�hlen zu lassen. Er hatte pl�tzlich das Bed�rfnis, sich bei Petri zu entschuldigen.</p><p>�Wie die Zeit doch vergeht�, murmelte Petri. Pl�tzlich erschien ein Ausdruck leiser Sorge auf seinem zerfurchten Gesicht. �Aber was ist denn eigentlich passiert? Meine Sprechstundenhilfe sagte nur, da� ich vorbeikommen soll und da� es eilig w�re. Es ist doch nichts mit Ihrem Vater?�</p><p>�Marianne�, verbesserte ihn Mark kopfsch�ttelnd. �Es hat einen kleinen Unfall gegeben.�</p><p>�Ein Unfall?� Petri wirkte alarmiert. Vielleicht mehr, als er sollte.</p><p>�Es ist wirklich nichts Schlimmes, Doktor.� Marks Vater erschien unter der T�r und ri� allein durch sein Auftauchen die Regie der Szene wieder an sich. Er l�chelte knapp und ohne echtes Gef�hl und fuhr fort: �Aber Mark hat schon recht - es ist besser, Sie sehen nach ihr. Kommen Sie, Doktor.�</p><p>Petri wirkte nun vollends verwirrt, aber sein Vater war nun wieder vollkommen zu dem Mann geworden, als den er ihn in Erinnerung hatte: Er sprach weder besonders laut noch mit besonderer Betonung, doch sein Wort war Befehl, der keinen Widerspruch duldete. Mark gestand es sich ungern ein, aber selbst er sp�rte die Autorit�t, die sein Vater ausstrahlte.</p><p>�Mark, wartest du bitte oben in der Bibliothek? Ich komme dann sofort nach.�</p><p>�Sicher.�</p></section><section><title><p>13. Kapitel</p></title><p>�Warum mu� es eigentlich immer so sein?� fragte Bremer. �Hat denn pl�tzlich niemand mehr den Anstand, Schlaftabletten zu nehmen, sich zu erschie�en oder wenigstens ins Wasser zu gehen?�</p><p>�Ich finde das nicht komisch�, sagte Sendig. Unter normalen Umst�nden h�tte allein die Sch�rfe in seiner Stimme ausgereicht, Bremer zu alarmieren. Aber jetzt hob er nicht einmal den Blick, sondern sagte nur sehr leise und sehr ernst: �Es war auch nicht witzig gemeint. Aber ich wei� nicht, wie lange ich das noch ertrage. Auch ich habe nur Nerven, wissen Sie.�</p><p>Und die liefen im Moment beinahe Amok - zumindest die in seinem Magen und einigen anderen, tiefergelegenen Innereien. Dabei war der Anblick des Toten nicht einmal ann�hernd so schlimm wie der L�bachs in der vergangenen Nacht. Was ihn trotzdem beinahe schlimmer machte, war, da� er ihm <emphasis>�hnelte </emphasis>und Bremer wieder an das zerschmetterte blutige Etwas erinnerte, das zwischen Hansen und ihm auf dem Stra�enpflaster gelegen hatte. Der Anblick von Mogrods Leichnam machte die Erinnerung an L�bach wieder lebendig und gab ihr eine Realit�t, die ihr nicht zustand.</p><p>�Beherrschen Sie sich�, sagte Sendig noch einmal - und er sagte es nicht nur �berraschend sanft, sondern f�gte nach einem kaum merklichen Z�gern etwas noch viel �berraschenderes hinzu - zumindest f�r jeden, der ihn kannte: �Wenigstens so lange, wie wir nicht alleine sind. Sie tragen Uniform.�</p><p>Er atmete h�rbar ein, ehe er sich mit einem sichtlichen Ruck vom Anblick des Toten losri� und herumdrehte. �Kommen Sie, Bremer. Sehen wir uns die Wohnung dieses Herrn <emphasis>Mogrod</emphasis> an.�</p><p>War es schon seine bisher ungewohnt gro�m�tige Stimmung gewesen, die Bremer alarmiert hatte, so nun sp�testens die Art, auf die Sendig Mogrods Namen aussprach. Es war nicht irgendein Name. Er bedeutete etwas f�r Sendig, und ganz offensichtlich erwartete er, da� er das f�r ihn ebenso tat. W�hrend er Sendig �ber die abgesperrte Stra�e zum Haus hin folgte, kramte er angestrengt in seinen Erinnerungen. Aber da war nichts. Er hatte sich den Toten sehr genau angesehen, und anders als gestern abend gab es hier nichts, was er h�tte wiedererkennen k�nnen. So war er sehr sicher, diesen Mann noch nie im Leben gesehen zu haben, und er hatte auch seinen Namen noch nie geh�rt; wenigstens nicht in einem Zusammenhang, der des Erinnerns wert gewesen w�re. Und was diese Gegend hier betraf ...</p><p>Bremer warf einen raschen Blick in die Runde. Die Stra�e geh�rte nicht zu seinem Revier, und schon gar nicht zu den Gegenden, in denen er sich aufzuhalten pflegte, wenn er nicht im Dienst war. Die �hnlichkeit zwischen L�bachs und Mogrods Tod war nicht total - die Regie mochte die gleiche sein, aber die Kulissen waren so verschieden, wie sie nur sein konnten. Das Haus, aus dessen Fenster sich Mogrod gest�rzt hatte, als sch�big zu bezeichnen, w�re noch geschmeichelt gewesen. Es war eine bessere Ruine - nein, keine <emphasis>bessere, </emphasis>es <emphasis>war</emphasis> eine Ruine. Falls es jemals einen Anstrich erlebt hatte, war er l�ngst zusammen mit dem gr��ten Teil des Putzes in Staub aufgegangen; unter dem ungleichm��igen Lochmuster kam grauer Ziegelstein zum Vorschein, in dem der Schwamm nistete. Die Fenster begannen herauszufaulen, und zumindest im Erdgescho� mu�ten wohl einige Wohnungen leerstehen; es sei denn, ihre Bewohner liebten es, ohne Scheiben zu leben. Als sie das Haus betraten, schlug ihnen ein muffig-feuchter Geruch entgegen, der ihnen im ersten Augenblick fast den Atem nahm.</p><p>�H�bsch, nicht?� fragte Sendig.</p><p>�Ja�, antwortete Bremer. �Wie gut, da� ich nicht bei der Baupolizei bin. W�re ich es, h�tte ich jetzt f�r einen Monat zus�tzliche Arbeit.�</p><p>�Mindestens�, pflichtete ihm Sendig bei. �Das sieht nicht gerade so aus wie das Haus, in dem L�bach gewohnt hat, finden Sie nicht?�</p><p>�Wieso?� fragte Bremer. Er sah Sendig scharf an, aber sein Gesicht verriet nichts, au�er einem Ausdruck leiser Konzentration, den ihm die Anstrengung abverlangen mochte, die knarrenden Holzstufen hinaufzueilen. Selbst Bremer sp�rte nach der zur�ckliegenden Nacht jede einzelne Stufe, die sie hinaufgingen, und immerhin war Sendig gute zehn Jahre �lter als er und hatte seit gut <emphasis>zwanzig </emphasis>Jahren einen Schreibtischjob.</p><p>�Weil es eigentlich so sein sollte�, antwortete Sendig mit bedeutsamer Verz�gerung.</p><p>�Und warum?�</p><p>Sie hatten den ersten Stock erreicht. Vor ihnen lag ein kurzer, schmuddeliger Flur mit insgesamt vier T�ren. Alle standen offen, und ein gutes Dutzend Gesichter starrte sie neugierig an - jedenfalls so lange, bis Bremer weit genug ins Licht trat, da� man seine gr�ne Uniformjacke erkennen konnte. Dann verschwanden zwei oder drei der gaffenden Gestalten hastig. Eine T�r wurde mit einem Knall zugeschlagen, und ein Viertel des Lichtes verschwand. Bremer sah automatisch hoch und erkannte, da� es keine Flurbeleuchtung gab - wo die Lampe h�ngen sollte, kr�uselten sich nur zwei abgerissene Drahtenden aus der Decke, Was f�r eine f�rchterliche Bruchbude!</p><p>�Was haben L�bach und dieser Mogrod miteinander zu tun?� fragte er, nachdem sie das Ende des Korridors erreicht hatten und die Treppe zum zweiten Stockwerk in Angriff nahmen. In welcher Etage hatte Mogrod gewohnt? Der vierten oder f�nften?</p><p>�Nun, zum einen, da� sie tot sind�, antwortete Sendig kurzatmig. �Der Name sagt Ihnen wirklich nichts?�</p><p>Bremer sch�ttelte den Kopf und sparte sich den Atem, laut zu antworten.</p><p>�Schade�, sagte Sendig. �Ich hatte gehofft, da� Sie sich erinnern. Aber m�glicherweise haben Sie ihn damals ja gar nicht kennengelernt.�</p><p><emphasis>�Wen?� </emphasis>fragte Bremer betont. �Diesen Mogrod? Wer war er?�</p><p>�Eine Ratte�, antwortete Sendig. �Ein Fotoreporter - jedenfalls nannte er sich selbst so. Aber nicht unbedingt eine Zierde seines Berufsstandes. Ich konnte den Kerl nicht ausstehen. Schon vorher nicht.�</p><p>Damit hatte Mogrod sich wahrscheinlich in der Gesellschaft des allergr��ten Teiles der �brigen Menschheit befunden, dachte Bremer. Er gab sich ja alle M�he, Sendig irgend etwas Positives abzugewinnen, aber es gelang ihm immer weniger. Sendig hatte Mogrod nicht leiden k�nnen? Und? Bremer bezweifelte mittlerweile allen Ernstes, da� Sendig <emphasis>sich selbst </emphasis>leiden konnte. Sie erreichten das zweite Stockwerk, und als sie die dritte Treppe hinaufgingen, fragte Sendig unvermittelt: �Erinnern Sie sich, was ich Ihnen heute morgen erz�hlt habe? Da� damals nach der Geschichte mit Sillmann eine Menge Leute pl�tzlich Karriere gemacht haben?�</p><p><emphasis>Wie du selbst? </emphasis>�Ja.�</p><p>Sendig sah ihn an, als h�tte er seine Gedanken gelesen, runzelte vielsagend die Stirn und fuhr in h�rbar k�hlerem Ton fort: �Mogrod geh�rte dazu.�</p><p>�Mogrod?� Bremer w�re vor �berraschung stehengeblieben, w�re ihm nicht im allerletzten Moment die Erkenntnis gekommen, da� ein Innehalten nur eine unn�tige zus�tzliche Verz�gerung bedeuten w�rde.</p><p>�Mogrod�, best�tigte Sendig. �Ich wei�, es sieht nicht so aus, aber damals war er ganz oben. F�r eine Weile wenigstens. Aber ich sch�tze, ihm ist die H�henluft nicht bekommen. Scheint, als w�re er zweimal ziemlich tief gefallen. Das erste Mal vor drei oder vier Jahren.�</p><p>�Hm�, machte Bremer. Sendigs aufgesetzte Wortspielchen gingen ihm allm�hlich auf die Nerven. �Sie meinen, er hat es nicht geschafft.�</p><p>�Genau das meine ich�, best�tigte Sendig. �Eine Weile war er die Nummer eins. Die besten Auftr�ge, gutes Geld - und ich sch�tze, jemanden, der die H�nde �ber ihn gehalten hat.�</p><p>�Und dann?� fragte Bremer.</p><p>�Keine Ahnung�, behauptete Sendig. Sie durchquerten einen weiteren schummerigen Flur, auf dem es zwar eine Beleuchtung gab, aber keine offenstehenden T�ren mehr, so da� es fast dunkler war als unten. Aus einer der Wohnungen, an denen sie vor�berkamen, drang ein solches Geschrei, da� Bremer ganz automatisch im Schritt innehielt und wahrscheinlich geklingelt h�tte, h�tte ihn Sendig nicht mit einem sp�ttischen Blick und einer entsprechenden Geste davon abgehalten. Wieder auf der Treppe, setzte er den angefangenen Satz fort, als h�tte es gar keine Unterbrechung gegeben:</p><p>�Ich habe ihn aus den Augen verloren, wenigstens f�r eine Weile. Aber man h�rt ja das eine oder andere. Ich sch�tze, es war die normale Geschichte. Alkohol, Frauen, Angabe... Sie kennen das. Eine Ratte bleibt eine Ratte, auch wenn Sie sie in einen Ma�anzug stecken. Irgendwann kehrt sie ganz von selbst dorthin zur�ck, wo sie hingeh�rt.�</p><p>Bremer zog es vor, nichts dazu zu sagen. Sendigs Worte machten ihn zornig. Er hatte diesen Mogrod nicht gekannt, aber es machte ihn einfach w�tend, da� er so �ber ihn sprach. Ganz egal, was er getan hatte oder nicht, er lag jetzt tot drei - nein, mittlerweile fast vier - Stockwerke unter ihnen auf der Stra�e, und das sollte gen�gen, ihm ein Mindestma� an Respekt entgegenzubringen. Statt direkt auf Sendigs Worte einzugehen und �ber Mogrod zu reden, fragte er betont: �Finden Sie nicht, da� es langsam an der Zeit w�re, mir zu erkl�ren, was damals <emphasis>wirklich </emphasis>passiert ist?�</p><p>Sendig blieb drei Stufen vor Erreichen des vierten Stockwerkes stehen und sah ihn lange genug durchdringend an, da� Bremer in Gedanken bis drei z�hlen konnte. Dann sch�ttelte er den Kopf.</p><p>�Nein. Noch nicht.�</p><p>Es fiel Bremer jetzt wirklich schwer, sich noch zu beherrschen. Er wu�te auch gar nicht mehr, ob er es wirklich noch wollte. �Noch nicht?� wiederholte er. �Und wann ist <emphasis>noch </emphasis>vorbei?�</p><p>�Wenn ich Gewi�heit habe�, antwortete Sendig.</p><p>�Gewi�heit wor�ber?�</p><p>Sendig l�chelte matt. �Zum Beispiel, ob ich diese verdammte Treppe jemals schaffe, ohne einen Herzinfarkt zu erleiden. Kommen Sie, Bremer. Endspurt.�</p><p>Er ging weiter, die ersten Schritte so schnell, als wollte er tats�chlich einen Endspurt einlegen, so da� Bremer gar nicht dazu gekommen w�re, ihn festzunageln, auch wenn er es versucht h�tte. Aber vermutlich h�tte ihm sowieso der Atem daf�r gefehlt. Die letzte Nacht forderte immer nachdr�cklicher ihren Preis. Sein Herz jagte, als h�tte er eine Stunde Freihand klettern hinter sich, als sie endlich das Dachgescho� erreichten.</p><p>Mogrods Wohnung lag hinter einer von nur zwei T�ren, die es hier oben gab. Beide standen offen, so da� Bremer erkennen konnte, da� die andere H�lfte des Dachstuhles nicht ausgebaut, sondern einfach ein gro�er, mit Gerumpel und - dem Geruch nach zu schlie�en - Abf�llen vollgestopfter Raum war. Schatten bewegten sich in dem fensterlosen Raum, und die Ger�usche, die er h�rte, machten ihm klar, da� seine Kollegen offensichtlich damit besch�ftigt waren, den Speicher zu durchsuchen. Wonach? Und warum eigentlich, wenn es sich tats�chlich um einen so klaren Fall von <emphasis>Selbstmord </emphasis>handelte, wie Sendig auf dem Weg hierher behauptet hatte?</p><p>Sendig blieb schwer atmend auf der letzten Stufe stehen, wischte sich mit dem Jacken�rmel den Schwei� von der Stirn und sagte: �Scheint, als h�tte ich dem verstorbenen Herrn Mogrod doch unrecht getan. <emphasis>Ich </emphasis>kann mir jedenfalls keine Penthouse-Wohnung leisten.�</p><p>�Ungeheuer komisch�, murmelte Bremer. �Sobald ich wieder genug Luft habe, lache ich dar�ber.�</p><p>Sendig warf ihm einen schr�gen Blick zu, aber er sparte sich die Antwort und ging weiter. Er wirkte pl�tzlich sehr angespannt, fand Bremer, auf eine Art, die nicht allein an den f�nf Treppen liegen konnte, die sie hinaufgegangen waren. H�tte er es nicht besser gewu�t, h�tte er geschworen, da� er vor irgend etwas Angst hatte.</p><p>Dicht hinter Sendig betrat er Mogrods Wohnung und stellte eine weitere Parallele zu der Szene aus der vergangenen Nacht fest: Das Apartment des Journalisten war zwar nicht schwarz angemalt wie das L�bachs, aber beinahe ebenso verw�stet. Ein Gro�teil der ohnehin sp�rlichen M�blierung war zertr�mmert oder umgeworfen, und �berall lag zerbrochenes Glas. Und was die erste Welle der Zerst�rung �berstanden hatte, das bem�hten sich jetzt mindestens ein Dutzend von Bremers Kollegen endg�ltig zu verheeren. Bremer identifizierte mit nicht geringem Erstaunen gleich zwei Teams der Spurensicherung und sieben oder acht seiner uniformierten Kollegen, die buchst�blich jedes Staubkorn umdrehten.</p><p>�Was ist denn hier los?� murmelte er. �Reicht die gesamte Spurensicherung nicht mehr?�</p><p>Sendig l�chelte fl�chtig. �Es hat gewisse Vorteile, wenn man der Chef ist�, sagte er, z�gerte einen halben Atemzug lang und f�gte dann mit h�rbarer Betonung und einem noch sehr viel unmi�verst�ndlicheren Blick in Bremers Richtung hinzu: �Zum Beispiel, da� niemand dumme Fragen stellt. Warten Sie hier. Es dauert wahrscheinlich nicht lange.�</p><p>Das war Bremer nur recht. Er wu�te nicht, wie lange er Sendigs Art noch ertragen h�tte, ohne etwas zu sagen, was ihm <emphasis>wirklich </emphasis>leid tun w�rde. Er trat nur einen Schritt zur Seite, um die T�r freizugeben, und nutzte die Zwangspause zu einem zweiten, aufmerksameren Blick in die Runde.</p><p>Was er sah, das lie� ihn pl�tzlich gar nicht mehr so �berzeugt davon sein, sich tats�chlich am Schauplatz eines Suizids zu befinden. Es sah sehr viel mehr nach einem Kampf aus, fand Bremer. Es war jetzt schwer zu sagen, was von der unvorstellbaren Unordnung auf Mogrods Konto ging und was auf das der Beamten der Spurensicherung, die sich gleich sechs Mann hoch im Weg standen und so eifrig fotografierten, pinselten, einsammelten und begutachteten, da� Bremer nur noch den Kopf sch�tteln konnte. Sendig t�uschte sich, wenn er glaubte, da� niemand dumme Fragen stellen w�rde. Man w�rde sie nicht besonders <emphasis>laut </emphasis>stellen, aber das war auch schon alles. Trotzdem - Polizeibeamte pflegten weder Glastische zu zertr�mmern, noch Bilder von den W�nden zu rei�en oder Scheiben einzuschlagen, und das war nur ein Teil der Verw�stung, die er sah. Wenn es hier <emphasis>keinen </emphasis>Kampf gegeben hatte, dann mu�te der Journalist vor seinem Sprung aus dem Fenster regelrecht Amok gelaufen sein.</p><p>Wie L�bach.</p><p>Der Gedanke l�ste irgend etwas in ihm aus, das ihn schaudern lie�. Es war keine Furcht, sondern eine Art von... Unbehagen, die ihm vollkommen fremd war und auf ihre Art beinahe schlimmer als Angst. Ganz pl�tzlich glaubte er Sendig sehr viel besser zu verstehen als noch vor ein paar Augenblicken. Es <emphasis>gab </emphasis>eine Verbindung zwischen L�bach und Mogrod. Und sie bestand aus weit mehr als der blo�en Tatsache, da� beide tot waren. Vielleicht war es nicht einmal Zufall, da� sie beide auf die gleiche Weise gestorben waren.</p><p>Bremer ertappte sich dabei, ganz instinktiv die W�nde abzusuchen, aber so weit ging die Parallele nun doch nicht. Es gab keine Blutschrift, nur eine Reihe fettiger Schmutzflecke und f�nf oder sechs gro�formatige Schwarzwei�fotos, die, in schlichte Glasrahmen gefa�t, neben der T�r hingen.</p><p>Als Bremer sie betrachtete, begann er ein bi�chen besser zu verstehen, was Sendig vorhin gemeint haben mochte, als er �ber Mogrod sprach. Sie zeigten unterschiedliche Motive, hatten aber allesamt das gleiche Thema. Auf einem war ein offensichtlich totes Kind zu sehen, das im Schlamm lag und von Ratten angefressen worden war, auf einem anderen ein brennendes Haus, aus dem Menschen st�rmten. Zwei davon brannten ebenfalls. Ein drittes Bild zeigte eine Luftaufnahme einer Massenkarambolage auf der Autobahn - und so weiter. Bremer versp�rte ein kurzes, heftiges Fr�steln. Er verstand zuwenig vom Fotografieren, um zu sagen, ob diese Bilder nun gut oder schlecht waren - wahrscheinlich waren sie gut -, aber er fragte sich, was f�r ein Mensch sich <emphasis>solche </emphasis>Fotografien in sein Wohnzimmer h�ngte.</p><p>�H�bsch, nicht?�</p><p>Bremer fuhr unmerklich zusammen, wandte den Kopf und blickte ins Gesicht eines jungen Polizeibeamten. Er sah ihm nicht einmal �hnlich, aber er erinnerte ihn an Hansen, und offensichtlich spiegelten sich seine Gef�hle sehr deutlich auf seinem Gesicht wieder, denn der andere wirkte pl�tzlich regelrecht erschrocken.</p><p>�Finden Sie?� fragte Bremer.</p><p>�Das... war nat�rlich nicht ernst gemeint�, versicherte der junge Beamte hastig. Er versuchte, sich in ein verlegenes L�cheln zu retten, das seine Unsicherheit aber eher noch unterstrich. �Der... der Kerl mu� einen ganz sch�nen Sprung in der Sch�ssel gehabt haben, sch�tze ich. Wie kann man sich nur so etwas an die Wand h�ngen. Da unten liegt noch mehr von dem Zeug.�</p><p>Er deutete auf eine Anzahl zerborstener Glasrahmen, deren Scherben rings um die T�r herum auf dem Boden verstreut lagen. Bremer hatte eigentlich schon vom Anblick der Bilder an der Wand genug, ging aber trotzdem in die Knie, um einige der Fotos zu begutachten. Es war eine getreuliche Fortsetzung der Horrorgalerie, die neben der T�r hing, und mindestens eines davon war noch schlimmer: Es zeigte eine junge Frau, die vor einem Panzer davonlief.</p><p>Bremers H�nde begannen ganz leicht zu zittern, w�hrend er das Foto betrachtete. Irgend etwas daran... erschreckte ihn. Dieses Foto <emphasis>war </emphasis>gut, das erkannte selbst er, aber es strahlte neben der ungeheuren Dramatik des Motives an sich noch etwas aus, das gar nicht wirklich sichtbar war, aber sp�rbar da. Vielleicht lag es einfach an dem Winkel, in dem es aus dem zerbrochenen Rahmen herausgerutscht und im unteren Drittel geknickt war, vielleicht hatte der Fotograf - Bremer wu�te einfach, da� es Mogrod selbst gewesen war - auch einen besonderen Trick angewandt, aber gleich, warum: Das Bild besa� eine enorme Dynamik. Es geh�rte nicht mehr sehr viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, da� der Panzer im n�chsten Augenblick zum Leben erwachen und klirrend aus dem Bild herausrumpeln w�rde.</p><p>�Das mu� die Kiste sein, die hier alles kurz und klein gewalzt hat�, sagte der junge Polizeibeamte. Bremer sah hoch, blickte ihn gerade lange genug an, um sein linkisches L�cheln vollends zum Erl�schen zu bringen, und richtete sich dann mit einer ruckhaften Bewegung wieder auf. Sein Fu� stie� gegen eine Glasscherbe. Das Klirren h�rte sich an wie das Rasseln ferner Panzerketten.</p><p>�Ja�, sagte er. �Es sieht wirklich so aus. Was ist hier eigentlich passiert?� Er machte eine fragende Handbewegung. �Ist es sicher, da� es Selbstmord war?�</p><p>�Scheint so�, antwortete der andere. Er wirkte jetzt sehr nerv�s, aber auch ein bi�chen angespannt. Er sah Bremer nicht an, w�hrend er antwortete, sondern betrachtete scheinbar interessiert die Bilder hinter ihm. �Jedenfalls gibt es einen Zeugen, der gesehen hat, wie er gesprungen ist. Sagt er wenigstens. Wenn er die Wahrheit sagt, dann hat er Schreie und L�rm geh�rt und ist hochgerannt, um nach dem Rechten zu sehen. Schlie�lich hat er die T�r eingeschlagen - gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sich dieser Fotograf durch das geschlossene Fenster st�rzt.�</p><p>Er zuckte mit den Schultern und ma� Bremer mit einem fragenden Blick. �Ich habe nicht alles mitbekommen, aber ich glaube, es sieht nicht nach Fremdeinwirkung aus. Sie?�</p><p>�Ich?� Bremer sch�ttelte den Kopf. �Woher soll <emphasis>ich </emphasis>das wissen. Ich bin gerade erst gekommen.�</p><p>�Na ja, aber ich meine... wenn sich der gro�e Bo� selbst um eine Sache k�mmert...�</p><p>So <emphasis>viel zu deiner Theorie, da� niemand dumme Fragen stellt,</emphasis> dachte Bremer schadenfroh. Aber er lie� sich nichts von seinen wahren Gef�hlen anmerken, sondern sch�ttelte nur wieder den Kopf und sagte: �Ich habe keine Ahnung, was wir hier tun. Vielleicht kannte er ihn ja pers�nlich. Er hat einen Fahrer gesucht, und ich hatte einfach das Pech, gerade im Weg herumzustehen. Sieht nach ein paar unbezahlten �berstunden aus�, f�gte er noch hinzu.</p><p>Seine Worte schienen immerhin �berzeugend genug zu klingen, um die Neugier des anderen zu befriedigen, wenigstens f�r den Moment. Bremer gab ihm auch keine Gelegenheit, weitere Fragen zu stellen, sondern lie� ihn stehen und schlenderte ziellos durch die Wohnung, soweit dies in der hier herrschenden Enge �berhaupt m�glich war. Sendig stand neben dem zerbrochenen Fenster und redete abwechselnd mit zwei Kriminalbeamten und einem heruntergekommenen d�rren Kerl, dem das schlechte Gewissen regelrecht ins Gesicht gebrannt war und der so sehr in diese Umgebung pa�te, als w�re dieses Haus eigens f�r ihn gebaut worden - und zwar in dem Zustand, in dem es sich jetzt befand. Das mu�te der Zeuge sein, von dem der junge Beamte gesprochen hatte. Bremer fand nicht, da� er sehr vertrauenerweckend aussah. Oder gar <emphasis>glaubhaft.</emphasis></p><p>Er beendete seine ohnehin eher ziellose Inspektion der Wohnung in einem winzigen Verschlag unter der Dachschr�ge, den er von au�en f�r eine Abstellkammer gehalten hatte. Als er die T�r �ffnete, erlebte er eine �berraschung - der Raum war zwar winzig, entpuppte sich aber als komplett eingerichtete Dunkelkammer. Unter der Decke brannte eine einzelne rote Lampe, in deren tr�bem Schein er im allerersten Moment nur Umrisse erkannte. Aber immerhin sah er, da� auch hier ein ziemliches Chaos herrschte. Mogrod hatte auch hier ganze Arbeit geleistet. Fotoschalen und Flaschen waren vom Tisch gerissen worden, der Belichter umgeworfen und Glas zerbrochen. Ein scharfer Chemikaliengeruch stieg ihm in die Nase, und auf dem Boden gl�nzte eine �lige Pf�tze: Wasser, Entwickler und Fixierfl�ssigkeit, die ineinandergelaufen waren und in denen gro�formatiges Fotopapier schwamm, das im tiefsten Schwarz gl�nzte, das man sich nur vorstellen konnte.</p><p>Bremers Augen weiteten sich erstaunt, als sein Blick auf die Bilder fiel, die an die Wand neben der T�r geheftet waren. Selbst in dem schwachen Licht, das hier drinnen herrschte, erkannte er sofort, was sie zeigten: L�bachs zerschmetterten Leichnam, den Menschenauflauf vor seinem Haus, den Krankenwagen - und auf einem Bild ihn selbst und einen schreckensbleichen Hansen, der zumindest auf dieser Fotografie nicht sehr viel lebendiger aussah als L�bach, und schlie�lich sogar eine Aufnahme von Sendig, wie er gerade aus dem Wagen stieg.</p><p>Aber das war nur die H�lfte der Fotos. Die andere H�lfte zeigte L�bachs Apartment. Wie immer er es auch fertiggebracht hatte - irgendwie war es dem Journalisten gelungen, in die strengbewachte Wohnung einzudringen und einen ganzen Film zu verschie�en.</p><p>Ganz pl�tzlich verlor f�r Bremer die Theorie von Mogrods Selbstmord sehr viel von ihrer Glaubhaftigkeit. F�r diese Bilder h�tte jedes Revolverblatt in der Stadt eine f�nfstellige Summe bezahlt - eine Menge Geld, vor allem f�r jemanden, der in einem solchen Loch hauste. Warum zum Teufel sollte er sich <emphasis>umbringen, </emphasis>mit einem solchen Kapital?</p><p>Bremer fuhr herum, beugte sich halb aus der T�r und versuchte mit heftigem Gestikulieren Sendigs Aufmerksamkeit zu erregen. Die einzige Reaktion bestand jedoch aus einem �rgerlichen Blick eines der M�nner von der Spurensicherung, der ihn lautstark anfuhr: �He, was tun Sie dort drinnen? Da sind wir noch nicht fertig!�</p><p>�Schon in Ordnung.� Sendig hob bes�nftigend die Hand und schenkte dem Mann seine Version eines freundlichen L�chelns. �Der Mann geh�rt zu mir. Warten Sie einen Moment, Bremer. Ich komme gleich. Und tun Sie Ihren Kollegen den Gefallen und r�hren nichts an, okay?�</p><p>�Sicher.� Bremer zog sich hastig wieder in die Dunkelkammer zur�ck, ehe ihn die w�tenden Blicke des Beamten von der Spurensicherung zur Salzs�ule erstarren lassen konnten. Er war mit einem Male sehr aufgeregt. Diese Geschichte hatte erschreckend angefangen, war mysteri�s weitergegangen und es auch bisher geblieben, aber allm�hlich begann sie sich von einer Gespenstergeschichte in etwas zu verwandeln, von dem er wirklich etwas verstand: einen Kriminalfall. In einem hatte Sendig vollkommen recht gehabt: Nichts von allem, was bisher geschehen war, war Zufall. Es <emphasis>gab </emphasis>eine Verbindung zwischen L�bach und Mogrod. Sie hing vor ihm an der Wand. Mogrod war garantiert nicht freiwillig aus dem Fenster gesprungen, dessen war sich Bremer jetzt sicher. Und L�bach wahrscheinlich auch nicht.</p><p>Ungeduldig wartete er darauf, da� Sendig endlich sein Gespr�ch beendete und hierherkam. Er hatte pl�tzlich eine Menge Fragen, die er seinem <emphasis>Wohlt�ter </emphasis>stellen mu�te, und diesmal w�rde er sich nicht mit Ausfl�chten und Halbwahrheiten abspeisen lassen.</p><p>Bremer machte einen weiteren Schritt zur�ck in den Raum, um die Fotos an der T�r aus etwas gr��erer Entfernung und damit in ihrer Gesamtheit betrachten zu k�nnen, aber es gab nicht sehr viel Platz, um irgendwohin zur�ckzuweichen. Er stie� gegen den Tisch, und irgend etwas fiel klappernd um und rollte �ber die Tischkante. Bremer machte eine hastige Bewegung zur Seite, um seine Hose vor Spritzern des Chemiegebr�us am Boden zu sch�tzen; m�glicherweise �tzte das Zeug ja. Sein Blick streifte dabei wieder die vollkommen �berentwickelten Fotos, die in der Lauge schwammen. Es waren ungef�hr ein halbes Dutzend Bl�tter, DIN A4 gro� und so schwarz, wie Fotografien nun einmal waren, wenn man sie ein paar Stunden lang entwickelt hatte.</p><p>Alle, bis auf eines.</p><p>Bremer stutzte. Etwas an diesem Bild war... <emphasis>falsch. </emphasis>Auf eine unheimliche Weise falsch und erschreckend. Das war der allererste, blitzartige Eindruck, den er hatte, ein Gef�hl, das sehr dem �hnelte, das er drau�en beim Betrachten der Fotografie des Panzers gehabt hatte, und der sich einstellte, ehe er wirklich <emphasis>sah, </emphasis>was daran so falsch war. Es war der Umstand, da� es dieses Bild gar nicht geben durfte.</p><p>Nicht so.</p><p>Nicht an diesem Ort.</p><p>Es lag wie alle anderen in einer fast zentimetertiefen Pf�tze aus Chemie, die es eigentlich in einen schwarzen Spiegel h�tte verwandeln m�ssen. Aber statt eines hoffnungslos �berbelichteten Positivs zeigte das Blatt das genaue Gegenteil: das Negativ einer dunkel gestrichenen Wand, auf der mit Blut das Wort AZRAEL geschrieben stand. Es war verschmiert und kaum entzifferbar, aber Bremer hatte es in der vergangenen Nacht zu deutlich gesehen, um es nicht zu erkennen. Und trotzdem war es nicht das, was ihn so erschreckte. Die chemische Unm�glichkeit, da� das Bild unbeschadet geblieben war, registrierte er nur am Rande, und sie spielte in diesem Moment auch keine Rolle.</p><p>Auf dem Bild war noch etwas. Etwas, das nicht nur chemisch, sondern <emphasis>�berhaupt </emphasis>unm�glich war; und wenn schon nicht das, etwas, das einfach nicht sein <emphasis>durfte.</emphasis></p><p>Ganz langsam lie� sich Bremer in die Hocke sinken und streckte die Hand nach dem Blatt aus. Seine Finger zitterten pl�tzlich heftig, und er sp�rte, wie sein Herz immer schneller und mit immer h�rteren Schl�gen zu h�mmern begann. Mit einem Male hatte er fast panische Angst, das Blatt zu ber�hren, aber zugleich war es ihm auch unm�glich, es nicht zu tun. So behutsam, als ber�hre er wei�gl�hendes Eisen, zog er das Bild aus der Pf�tze und hob es hoch.</p><p>�So, da bin ich!� Sendig kam mit einem einzigen energischen Schritt herein und blinzelte ein paarmal, um sich an das tr�brote Licht zu gew�hnen.</p><p>�Was haben Sie denn so Wichtiges - ups!� Offenbar verf�gte er �ber eine etwas anpassungsf�higere Sehkraft als Bremer, denn er erkannte sofort, was Mogrods Bilder zeigten.</p><p>�Donnerwetter!� murmelte er. �Da laust mich doch der Affe! Der Kerl ist tats�chlich heute nacht in der Wohnung gewesen! Das darf doch nicht wahr sein! Er mu� buchst�blich vor unseren Augen hereingeschlichen sein!�</p><p>Bremer antwortete nicht. Er h�rte Sendigs Worte zwar, aber es gelang ihm nicht, ihnen irgendeinen Sinn zuzuordnen. Er konnte nicht mehr denken. Sein Herz h�mmerte wie mit F�usten von innen gegen seine Brust, und seine H�nde zitterten jetzt so stark, da� er fast M�he hatte, das Foto zu halten.</p><p>�Wie zum Teufel kann eine solche Schweinerei passieren?� Sendig drehte sich halb zu Bremer herum und zog fragend die Augenbrauen zusammen. �Bremer? Was ist los mit Ihnen? Antworten Sie, Mann!�</p><p>Bremer konnte es nicht. Sein Blick hing wie gebannt an der Fotografie. Er konnte jetzt immer mehr Details erkennen, als beginne sich das Foto auf gespenstische Art vor seinen Augen doch noch zu entwickeln. Es zeigte die Wand, vor der Sendig und er in der vergangenen Nacht gestanden hatten, sogar aus dem gleichen Winkel und vermutlich der gleichen Entfernung aufgenommen. Aber es zeigte auch noch mehr.</p><p>�Was ist los mit Ihnen?� fragte Sendig erneut. Er klang jetzt alarmiert. �Ist Ihnen nicht gut? Was haben Sie da?�</p><p>Irgendwie gelang es Bremer schlie�lich doch, seinen Blick von der Fotografie loszurei�en, aber er konnte immer noch nicht antworten. Vielleicht wollte er es auch gar nicht. Vielleicht hatte er Angst, auszusprechen, was er sah. Statt dessen drehte er das Blatt herum, so da� nun auch Sendig die Fotografie sehen konnte. Die Bewegung beanspruchte nicht einmal eine halbe Sekunde, aber in dieser winzigen Zeitspanne flehte Bremer darum, da� er sich get�uscht haben m�ge; da� Sendig ihn einfach nur verst�ndnislos anblicken oder auch eine seiner gef�rchteten spitzen Bemerkungen loslassen w�rde, alles - nur nicht, da� es wahr war.</p><p>Aber Sendig sah ihn nicht verst�ndnislos an. Er machte auch keine ironische Bemerkung. Er starrte nur auf das Foto und sagte kein Wort, aber Bremer konnte selbst in der schwachen Beleuchtung hier drinnen deutlich sehen, da� sich sein Gesicht kreidebleich f�rbte.</p></section><section><title><p>14. Kapitel</p></title><p>Die Bibliothek kam ihm gr��er vor als sonst - und irgendwie stiller, als fehle etwas. Vielleicht lag es daran, da� er sehr selten allein hiergewesen war. In den letzten Jahren war er ja ohnehin nicht oft zu Hause gewesen, und eigentlich hatte er den Raum <emphasis>niemals </emphasis>betreten, ohne da� sein Vater dagewesen war. Der Anblick seines Vaters, der hinter dem wuchtigen Schreibtisch sa�, telefonierte, an irgendwelchen Papieren arbeitete oder einfach nur dasa�, geh�rte so untrennbar zu Marks Erinnerungen an diesen Raum wie die bis unter die Decke reichenden vollgestopften B�cherregale, das gro�e Fenster in der S�dseite mit seinen vielfarbigen Bleiglasscheiben und der Kamin, dessen W�nde und Sturz schwarz von Ru� waren, obwohl Mark sich nicht erinnern konnte, ihn jemals brennen gesehen zu haben. Beinahe kam ihm die Situation absurd vor: Er war schlie�lich hier heraufgekommen, um <emphasis>nicht </emphasis>in der N�he seines Vaters sein zu m�ssen, und trotzdem vermi�te er ihn - und sei es nur aus Gewohnheit. Aber vielleicht bestand ja auch sein Leben weit mehr aus Gewohnheiten, als ihm bisher klar gewesen war.</p><p>Er schlo� die T�r hinter sich, blieb einen Moment dagegengelehnt und mit geschlossenen Augen stehen und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Er war scheinbar ganz ruhig. Aber eben nur scheinbar. Auf einer - nicht sehr viel - tiefer gelegenen Ebene seines Denkens war er aufgew�hlt und nerv�s; wenn er sich bisher geweigert hatte, �ber Marianne nachzudenken, dann nicht, weil ihm das, was geschehen war, gleich gewesen w�re oder ihn gar kalt gelassen h�tte, sondern einzig, weil �ber sie nachzudenken auch bedeutet h�tte, sich zugleich wieder dem Grund dieses schrecklichen Unfalls zu stellen: dem Traum. Wenn es ein Traum war.</p><p>Mark l�chelte nerv�s. Was sollte es sonst gewesen sein? Er begriff im allerletzten Moment, da� er nun doch begonnen hatte, �ber genau das nachzudenken, vor dem er eigentlich davonlaufen wollte, und dr�ngte den Gedanken mit Macht zur�ck. Wenigstens versuchte er es. Nat�rlich ging es nicht. Es war die alte Geschichte von dem Schatz und dem wei�en Pferd: Versprich einem Mann einen Topf voller Gold, wenn er nicht an ein wei�es Pferd denkt, und nat�rlich wird er an nichts anderes mehr denken k�nnen. Es hatte eine Zeit gegeben (sie lag ungef�hr zw�lf Stunden zur�ck), da h�tte er �ber diesen Vergleich gel�chelt. Jetzt machte er ihm angst.</p><p>Um sich abzulenken, l�ste er sich von seinem Platz an der T�r und begann ziellos im Raum umherzugehen. Sein Blick glitt �ber die ordentlich aufgereihten Buchr�cken in den Regalen, verharrte bei dem einen oder anderen Titel und suchte nach irgend etwas, woran er sich festklammern, was ihn auf andere Gedanken bringen konnte. Aber die B�cher waren nicht sehr ergiebig. Es gab einige wenige Romane - sie waren fast allesamt ungelesen - und eine schier un�berschaubare Flut von Fachliteratur von seinem Vater. Die gesamte Bibliothek geh�rte seinem Vater, und bei allem, was zwischen ihnen gewesen war, begann er manchmal zu vergessen, da� sein Vater nicht nur ein sehr harter, sondern auch ein sehr gebildeter Mann war, ein Mann, der seinen Beruf liebte und wirklich <emphasis>gut</emphasis> darin war und der einen gro�en Teil seines Lebens damit zugebracht hatte und es immer noch tat, zu lernen.</p><p>Vielleicht war es falsch gewesen, hierher zu kommen, dachte Mark. Hier oben <emphasis>war </emphasis>er in Gesellschaft seines Vaters, denn dieser Raum war so sehr Teil von ihm, wie es ein Zimmer nur sein konnte. Er trat vom B�cherregal zur�ck und spielte einen Moment lang ernsthaft mit dem Gedanken, wieder hinunterzugehen und in der Halle auf seinen Vater und Dr. Petri zu warten, wandte sich dann jedoch statt dessen um und trat an den Schreibtisch seines Vaters heran. Alles lag noch genauso da, wie er es am Morgen vorgefunden hatte, als er hereinkam und seinen Vater in der Gesellschaft der beiden Polizeibeamten sah.</p><p>Auch dies war keine angenehme Erinnerung. Er hatte die sonderbaren Blicke, mit denen ihn der �ltere der beiden Beamten gemessen hatte, nicht vergessen, nur verdr�ngt, wie so vieles in letzter Zeit, und jetzt, als ihm der Anblick des Schreibtisches das Bild wieder deutlicher ins Ged�chtnis zur�ckrief, erinnerte er sich auch wieder an das kurze, aber heftige Erschrecken im Gesicht seines Vaters, als er das Zimmer betrat. Und da war noch etwas gewesen.</p><p>Die Mappe. Neben dem Telefon lag noch immer der gelbe Aktendeckel, den sein Vater hastig geschlossen und dann beinahe zu beil�ufig zur Seite geschoben hatte.</p><p>Mark trat z�gernd n�her. Wenn er bedachte, mit welchem Vorsatz er hierhergekommen war, war es geradezu l�cherlich, aber trotzdem meldete sich pl�tzlich sein schlechtes Gewissen. Mark empfand einen gro�en Respekt vor der Privatsph�re anderer, schon weil er erwartete, da� auch seine eigene unbedingt respektiert wurde. Trotzdem streckte er nach einem kurzen Zaudern die Hand aus und �ffnete die Mappe.</p><p>Sie enthielt eine Anzahl engbeschriebener Schreibmaschinenseiten und zwei oder drei Fotokopien, die er nur �berflog, ohne da� ihr Inhalt ihm etwas sagte - und zwei �bereinanderliegende Polaroidfotos. Auf den allerersten Blick konnte er auf dem oberen kaum etwas erkennen; es schien nur ein rotwei�schwarzes Durcheinander zu zeigen, in dem es keine festen Konturen oder identifizierbare Umrisse gab.</p><p>Dann ordneten sich die ineinanderflie�enden Farben pl�tzlich vor seinen Augen, und Mark fuhr erschrocken zusammen.</p><p>Das Bild zeigte ein Gesicht. Es war vollkommen zerschmettert, und kaum mehr als die �berreste eines menschlichen Wesens waren zu erkennen, und trotzdem wu�te er sofort, wer der Mann auf dem Foto war. L�bach.</p><p>Marks Finger begannen heftig zu zittern, und in seinem Magen r�hrte sich eine beginnende �belkeit, aber er zwang sich trotzdem, das Bild genauer zu betrachten. Am Morgen hatte er die Nachricht von L�bachs Selbstmord zwar zur Kenntnis genommen, aber mehr auch nicht. Das hier jedoch war etwas anderes. Das Foto lie� keinen Zweifel daran aufkommen, <emphasis>wie </emphasis>L�bach seinem Leben ein Ende gesetzt hatte, und es machte aus einer blo�en Information pl�tzlich wieder ein menschliches Schicksal. Er hatte L�bach zwar kaum gekannt, aber das wenige, was er �ber diesen Mann gewu�t hatte, pa�te einfach nicht zu diesem Bild.</p><p>L�bach war Chemiker gewesen; ganz wie sein Vater ein Mann, dessen Handeln fast ausschlie�lich Vom Intellekt bestimmt wurde, nicht von Gef�hlen - auf keinen Fall ein Mann, der seinem Leben ein derart brutales Ende setzen w�rde. Er hatte es nicht n�tig, sich so umzubringen. Und Mark verstand die scheinbare K�lte, mit der sein Vater auf die Nachricht von L�bachs Tod - und vor allem auf <emphasis>dieses Foto -</emphasis> reagiert hatte, jetzt noch sehr viel weniger als am Morgen. Die beiden M�nner waren, wenn schon nicht Freunde, so doch langj�hrige gute Bekannte und Kollegen gewesen, und am Morgen noch hatte er die scheinbare Gelassenheit, mit der sein Vater auf seine Vorw�rfe reagierte, f�r pure Selbstverteidigung gehalten.</p><p>Jetzt bezweifelte er das. Niemand, der ein Bild wie dieses sah, h�tte wenige Minuten danach eine Gelassenheit vorspielen k�nnen, die er nicht wirklich empfand. Irgend etwas mu�te zwischen L�bach und seinem Vater vorgefallen sein, von dem er nichts wu�te.</p><p>Mark tastete mit spitzen Fingern nach dem Foto und schob es zur Seite, um die andere Aufnahme zu betrachten, wobei er sorgsam darauf achtete, L�bachs zerschmettertes Gesicht auf dem Bild nicht zu ber�hren. Dann fiel sein Blick auf das Polaroidfoto darunter, und er verga� das Gesicht des toten Chemikers auf der Stelle.</p><p>Es war keine weitere Aufnahme L�bachs, wie er ganz automatisch angenommen hatte. Das Bild zeigte den Ausschnitt einer roh mit schwarzer �lfarbe angemalten Wand, auf die mit dunkelroten fahrigen Gro�buchstaben ein einzelnes Wort geschmiert worden war.</p><p>AZRAEL.</p><p>Es war wie ein Schlag in Marks Gesicht. Sein Magen zog sich zu einem harten Klumpen zusammen, der kleine feurige Schmerzpfeile in jeden Winkel seines K�rpers verscho�, und er sp�rte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten und gleichzeitig das Blut aus seinem Kopf wich. Pl�tzlich schien sich das Zimmer um ihn zu drehen, und jetzt h�rte er auch den Herzschlag wieder, ein dumpfes, nachhallendes H�mmern, zu schwer und zu langsam f�r den eines Menschen. F�r einen Moment glaubte er verschwommene Gestalten zu erkennen, die rings um ihn herum auf dem Boden sa�en und sich an den H�nden hielten, und durch die farbigen Buchr�cken auf den Regalen schimmerte zerbr�ckelnder grauer Betonputz.</p><p><emphasis>Nein, </emphasis>dachte er verzweifelt. <emphasis>Nein!</emphasis></p><p>Es war zu sp�t. Die Schemen verdichteten sich zu Schatten. Die T�r in den Alptraum war ge�ffnet, bisher vielleicht nur einen winzigen Spaltbreit, und doch schon viel zu weit, um sie wieder zu schlie�en, denn da war pl�tzlich noch etwas, eine unvorstellbare Kraft, die sie weiter �ffnete, die her�berdr�ngte, heraus aus der Welt des Unvorstellbaren in die des realen Schreckens. Die Schatten verdunkelten sich weiter, drohten zu K�rpern zu werden und Gesichter zu bekommen. Und da war noch etwas. Das <emphasis>Ding, </emphasis>das pl�tzlich einen Namen bekommen hatte und damit Wahrhaftigkeit.</p><p>Die T�r wurde ge�ffnet, und sein Vater trat in Begleitung des Arztes herein, und im gleichen Moment zerplatzte die Vision wie eine Seifenblase - zur�ck blieb eine tiefe, allumfassende Leere, die sich jedoch bereits mit der vagen Ahnung einer kommenden Furcht zu f�llen begann, die zwar noch immer gestalt-, aber nicht mehr namenlos war, und die ihn vielleicht schon jetzt vollends �berw�ltigt h�tte, wenn die beiden M�nner auch nur einen Augenblick sp�ter erschienen w�ren. Mark fuhr mit einem Ruck hoch und schlug den Aktendeckel mit einer so heftigen Bewegung zu, da� Petri und sein Vater erstaunt mitten im Schritt innehielten und ihn anstarrten. Petri sah einfach nur verwirrt aus, w�hrend sein Vater f�r den Bruchteil einer Sekunde wieder auf die gleiche unerkl�rliche Weise alarmiert wirkte, die Mark an diesem Tag schon mehrmals an ihm beobachtet hatte. Dann erkannte er wohl die Ursache des Ger�usches, und aus Erschrecken wurde f�r einen noch winzigeren Moment beinahe Entsetzen, dann Zorn. Einen Augenblick sp�ter hatte er sich wieder in der Gewalt.</p><p>�Mark?� fragte Petri. Er l�chelte, wirkte aber trotzdem weiter beunruhigt. �Was ist mit Ihnen? Sie sind ja ganz bla�. F�hlen Sie sich nicht wohl?�</p><p>Mark trat hastig einen weiteren Schritt nach hinten und versuchte, Petris L�cheln zu erwidern. �Es ist nichts�, sagte er. �Ich bin nur... nerv�s. <emphasis>Wie </emphasis>geht es Marianne?�</p><p>�Sie schl�ft�, antwortete Petri. �Ich habe ihr etwas zur Beruhigung gegeben. Aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Mark. Ihr fehlt nichts Ernstes. Ein paar Stunden Ruhe und ein kalter Umschlag, damit die Schwellung zur�ckgeht, und sie ist wieder v�llig in Ordnung. Aber was ist denn nun �berhaupt passiert?�</p><p>Petri kam n�her, w�hrend Marks Vater die T�r schlo� und ihm zugleich einen fast beschw�renden Blick zuwarf. Mark ignorierte ihn. Es war ihm v�llig gleich, was sein Vater Petri erz�hlt hatte oder nicht.</p><p>�Es war meine Schuld�, sagte er. �Ich f�rchte, ich habe sie niedergeschlagen. Und ihr ist wirklich nichts Schlimmes passiert?�</p><p>Das war ganz bestimmt nicht das, was sein Vater h�ren wollte; vermutlich auch nicht das, was dieser Petri gerade erz�hlt hatte, wie der erstaunte Ausdruck auf dem Gesicht des Arztes vermuten lie�.</p><p>�Niedergeschlagen?�</p><p>Mark hob die rechte Hand und ballte sie f�r einen kurzen Moment zur Faust. �Nicht absichtlich�, sagte er. �Ich hatte einen Alptraum. Ich mu� wohl geschrien haben. Sie wollte mich wecken, und ich habe um mich geschlagen -�</p><p>�- und die arme Marianne getroffen�, f�hrte Petri den Satz zu Ende. �So etwas kann passieren, Mark. Sie brauchen sich wirklich keine Vorw�rfe zu machen.�</p><p>�Wenn es �berhaupt so war�, mischte sich sein Vater ein. �Mark ist aufgewacht, und da lag sie am Boden, das ist alles, was er wei�.�</p><p>�Ja, und meine Hand tut weh, Marianne ist bewu�tlos, und ich habe getr�umt, da� ich nach einem Gespenst geschlagen habe�, f�gte Mark scharf hinzu. �Das ist alles, was ich wei�. Reicht das nicht?�</p><p>Petri mu�te wohl sp�ren, da� zwischen ihnen noch sehr viel mehr war, was nicht ausgesprochen wurde, denn er hob bes�nftigend die Hand und wechselte pl�tzlich in einen anderen, berufsm��igeren Ton. �Ein Alptraum? Darf ich fragen, was-�</p><p>�Nein�, unterbrach ihn Mark scharf. �Nur ein Alptraum. So etwas kommt vor. Ich brauche keinen Arzt, Doktor Petri.�</p><p>�Ich frage auch nicht als Arzt, sondern als Freund�, antwortete Petri. Marks bewu�t unfreundlichen Ton ignorierte er mit der Gelassenheit eines Mannes, der einen Gro�teil seines Lebens mit Menschen zu tun hatte, die pl�tzlich mit dem Ende der Legende ihrer eigenen Unverwundbarkeit konfrontiert wurden und in ihrer Verbitterung einen Verantwortlichen suchten.</p><p><emphasis>Freund? </emphasis>Um ein Haar h�tte Mark schrill aufgelacht. Petri war alles, nur nicht sein <emphasis>Freund. </emphasis>Pl�tzlich empfand er ein so intensives Gef�hl der Abneigung gegen diesen kleinen, d�nnen Mann, der bei genauem Hinsehen doch so alt war, wie er ihn in Erinnerung hatte, da� es ihm schwerfiel, nicht angeekelt das Gesicht zu verziehen. Dieser Mann war sein Feind ebenso wie sein Vater, wie L�bach und Prein und all die anderen, die Schuld daran trugen, da� sein Leben gescheitert war, bevor es richtig begonnen hatte. Er war vollkommen allein in einer Welt voller Feinde und unbekannter Gefahren, eingesperrt in eine unsichtbare Zelle, an deren T�r die Alptr�ume kratzten und -</p><p><emphasis>Aufh�ren!</emphasis></p><p>Der Befehl, obwohl er ihn sich selbst gegeben harte, zeigte Wirkung. Seine Gedanken h�rten auf, sich in der Endlosschleife zu drehen, in die sie sich verfangen hatten, und pl�tzlich begriff er, wie l�cherlich sie gewesen waren. L�cherlich, aber nicht im geringsten komisch. Er fragte sich, ob es f�r alles, was er seit gestern abend erlebt hatte, nicht vielleicht eine ebenso simple wie erschreckende Erkl�rung geben mochte: da� er dabei war, den Verstand zu verlieren. M�glicherweise erlebte er den Anfang einer beginnenden Paranoia. Und warum nicht? Viele Geisteskrankheiten waren erblich, und schlie�lich sa� seine Mutter seit Jahren im Irrenhaus, und -</p><p>�Mark?�</p><p>Erst, als Petri ihn am Arm ber�hrte und mit ziemlicher Kraft zugriff, wurde ihm klar, da� der Arzt ihn schon mindestens zwei- oder dreimal angesprochen hatte. �Was ist denn los mit Ihnen?�</p><p>�Nichts.� Mark machte sich mit sanfter Gewalt los und wollte einen Schritt zur�ckweichen, konnte es aber nicht, weil er schon unmittelbar vor dem Regal stand. Aber Petri schien instinktiv zu sp�ren, wie es in ihm aussah. Instinktiv? Mark begegnete dem Blick seines Vaters, und was er <emphasis>darin </emphasis>las, machte ihm klar, da� seine Gedanken wie mit gl�henden Lettern geschrieben auf seinem Gesicht abzulesen sein mu�ten. Der Arzt wich selbst einen Schritt zur�ck und l�chelte, lie� Mark aber keine Sekunde aus den Augen.</p><p>�Sie sind leichenbla�, und Sie zittern am ganzen Leib�, konstatierte Petri. �Erz�hlen Sie mir also nicht, da� Sie sich pudelwohl f�hlen. Ich bin seit drei�ig Jahren Arzt.�</p><p>�Die Geschichte mit Marianne ist mir ziemlich nahegegangen�, sagte Mark. Petris Blick blieb zweifelnd, und nach ein paar Augenblicken f�gte er in leicht gereiztem Ton hinzu: �Au�erdem habe ich eine anstrengende Nacht hinter mir und kaum geschlafen. Ich behaupte nicht, da� ich mich pudelwohl f�hle.�</p><p>�Ich m�chte Sie untersuchen�, sagte Petri.</p><p>�Wozu? Mir fehlt nichts.�</p><p>�Der Direktor deines Internats hat mir etwas anderes erz�hlt�, mischte sich sein Vater ein. �Immerhin hat er dich nach Hause geschickt, weil du l�ngere Zeit krank warst.�</p><p>�Hat er nicht�, sagte Mark. Sein Vater legte fragend den Kopf auf die Seite, und Marks Vermutung wurde zur Gewi�heit: Prein hatte ihm wohl tats�chlich genau diese Geschichte erz�hlt, um Mark zu sch�tzen; nur f�r alle F�lle, falls er es sich auf dem Weg nach Berlin vielleicht doch noch �berlegt und in Erw�gung gezogen haben sollte, zur�ckzukommen. Nein, er wollte ihm keine Schwierigkeiten bereiten.</p><p>�Oder doch. Er hat vielleicht <emphasis>geglaubt, </emphasis>da� ich krank war. Ich habe simuliert.�</p><p>�Warum?�</p><p>Das Problem mit einer L�ge war, dachte Mark, da� sie meistens eine weitere nach sich zog, und dann noch eine und noch eine, bis man sich schlie�lich an der Spitze eines L�gengeb�udes wiederfand, das unter seinem eigenen Gewicht zusammenzubrechen begann. Wahrscheinlich war es im Moment das kl�gste, wenn er seinem Vater die Antwort auf diese Frage schuldig blieb. F�r einige Sekunden kehrte eine sehr unangenehme Stille ein.</p><p>�Also gut�, sagte Petri schlie�lich. Er klang ein bi�chen entt�uscht. �Ich kann Sie leider nicht zwingen, vern�nftig zu sein. Aber ich w�rde Sie wirklich in den n�chsten Tagen gerne einmal in meiner Praxis sehen. Nur so, f�r einen allgemeinen Check-up. Was halten Sie davon?�</p><p>�Ich �berlege es mir�, sagte Mark ausweichend.</p><p>�Tun Sie das.� Petri bewegte einen Moment unschl�ssig die H�nde und gab sich dann einen sp�rbaren Ruck. �Ich denke, es wird allm�hlich Zeit, wieder in die Praxis zu gehen. Meine Patienten warten.�</p><p>�M�chten Sie etwas trinken?� fragte Marks Vater.</p><p>Zu Marks �berraschung hob Petri die Schultern und sagte: �Warum nicht? Auf eine Minute kommt es nicht an. Aber wirklich nur einen Moment.�</p><p>Petri verabscheute Alkohol, das wu�te Mark. Wenn er sich in den letzten Jahren nicht radikal ge�ndert hatte, dann konnte es f�r diesen kurzen Dialog zwischen ihm und seinem Vater eigentlich nur einen Grund geben: Die beiden hatten noch etwas miteinander zu besprechen. Etwas, das wahrscheinlich nicht f�r Marks Ohren bestimmt war.</p><p>W�hrend sein Vater zur Bar ging und zwei Cognacgl�ser f�llte, glitt Marks Blick suchend durch das Zimmer und blieb schlie�lich wieder an dem Aktendeckel auf dem Schreibtisch h�ngen, und dann wu�te er es.</p><p>�Sie haben von L�bach geh�rt?� fragte er.</p><p>In den beiden Cognacgl�sern in den H�nden seines Vaters fand ein winziges Erdbeben statt, und er wurde genauso bla�, wie Mark es vorhin gewesen sein mu�te. Mark h�tte Petri gar nicht mehr ansehen m�ssen, um zu wissen, da� er ins Schwarze getroffen hatte.</p><p>�L�bach? Nein. Was ist mit ihm?�</p><p>�Er ist tot�, antwortete Mark. �Selbstmord. Hat mein Vater Ihnen noch nichts erz�hlt?�</p><p>Den Ausdruck auf Petris Gesicht als <emphasis>Entsetzen </emphasis>zu bezeichnen, w�re untertrieben gewesen, dachte Mark. Willkommen im Club. Sein Vater und er waren ganz eindeutig nicht die einzigen, die Geheimnisse hatten.</p><p>�Selbst... mord?� kr�chzte Petri.</p><p>�Die Polizei geht bisher davon aus�, sagte Marks Vater hastig. Er hatte sich wieder gefangen und war zwar noch bla�, zitterte aber nicht mehr. Doch die Bewegung, mit der er Petri das Cognacglas reichte, war viel zu heftig. Einige Tropfen der goldbraunen Fl�ssigkeit spritzten auf Petris Jacke. Er bemerkte es nicht einmal.</p><p>�Ich wollte es Ihnen noch erz�hlen, aber nicht so... so <emphasis>undiplomatisch.� </emphasis>Er warf Mark einen �rgerlichen Blick zu. �Doktor Petri und L�bach sind seit drei�ig Jahren befreundet, Mark.�</p><p>�Oh�, sagte Mark betroffen. �Das... das habe ich nicht gewu�t. Es tut mir leid.� Das war ehrlich gemeint. Mark war best�rzt. Er hatte einen Schu� ins Blaue abgeben, aber Petri nicht verletzen wollen.</p><p>�Es gibt eine Menge Dinge, die du nicht wei�t�, sagte sein Vater k�hl. �Vielleicht fragst du mich das n�chste Mal erst, <emphasis>ehe </emphasis>. du redest.�</p><p>�Selbstmord?� murmelte Petri verst�rt. Den kurzen Disput zwischen Mark und seinem Vater hatte er gar nicht mitbekommen. �Aber das... das kann doch gar nicht sein.�</p><p>�Es ist bisher auch nur eine Theorie�, sagte Marks Vater. �Und ich glaube auch nicht daran. Wahrscheinlich war es ein Unfall.�</p><p><emphasis>Ja, </emphasis>dachte Mark, <emphasis>er hat sich nackt ausgezogen, das Wort AZRAEL an die Wand geschrieben und sich dann vom Balkon gest�rzt. Nat�rlich war es ein Unfall. Was soll es sonst gewesen sein ?</emphasis>Die Worte lagen ihm auf der Zunge, aber dann blickte er wieder in Petris Gesicht und brachte es einfach nicht fertig, sie auszusprechen.</p><p>�Es tut mir leid, da� Sie es so erfahren mu�ten�, sagte sein Vater.</p><p>�Das ist... schon in Ordnung�, antwortete Petri. Er fand seine Fassung jetzt wieder, aber das war nur �u�erlich. Mark bedauerte seine Worte zutiefst. Er h�tte viel darum gegeben, sie zur�ckzunehmen. Seltsam, wie schwer es war, jemanden zu verletzen, wenn man es wollte - und wie leicht, wenn man es nicht wollte.</p><p>�Ich mu� jetzt wirklich gehen, f�rchte ich.� Petri stellte das Glas auf den Schreibtisch zur�ck, ohne seinen Inhalt anger�hrt zu haben. �Wie gesagt: Meine Patienten warten. Ich komme am Abend dann noch einmal vorbei und sehe nach Marianne.�</p><p>Er ging �berhastet. Marks Vater begleitete ihn bis zur T�r, aber nicht hinunter zum Ausgang, sondern Wartete nur, bis Petris Schritte auf der Treppe verklungen waren, ehe er sich mit einem Ruck wieder zu Mark herumdrehte. Seine Augen blitzten.</p><p>�Bravo!� sagte er. �Das war wirklich eine Meisterleistung. Stellst du dir so dein Leben als Erwachsener vor, da� du herumlaufen und Leute vor den Kopf sto�en kannst, wie es dir beliebt?�</p><p>�Ich wollte es nicht�, verteidigte sich Mark. �Ich wu�te nicht, da� -�</p><p>�Du wei�t eine ganze Menge nicht�, unterbrach ihn sein Vater. Er hob nicht einmal die Stimme, aber das mu�te er auch nicht. Er hatte es stets verstanden, ganz ruhig zu bleiben und dabei trotzdem so verletzend wie eine Rasierklinge zu sein. Er war der einzige Mensch, den Mark kannte, der schreien konnte, ohne dabei laut zu werden.</p><p>Daf�r war Mark beinahe zum Heulen zumute. Er wu�te, was nun kam, und er wu�te auch, da� er nicht die geringste Chance hatte. Es war wie gestern nacht mit Prein: Er war mit dem festen Vorsatz hierhergekommen, diesen Kampf auszutragen, aber er machte alles falsch, was er nur falsch machen konnte. Seine Vorbereitungen waren gut, seine Argumente waren gut, aber das Timing war miserabel. Was nutzten die besten Waffen, wenn man sie sich ohne Gegenwehr aus der Hand schlagen lie�?</p><p>�Und was war das mit dem Internat?� fuhr sein Vater fort. Er kam n�her, und wieder mu�te Mark sich beherrschen, um nicht automatisch vor ihm zur�ckzuweichen. So, wie er schreien konnte, ohne laut zu werden, konnte er sich auch drohend bewegen, ohne irgend etwas <emphasis>wirklich </emphasis>zu tun. Er war weder besonders gro� noch au�ergew�hnlich kr�ftig; und trotzdem hatte er in diesem Moment etwas von einer Lawine, die sich vielleicht nicht einmal besonders schnell, aber unaufhaltsam auf ihn zubewegte. �Dein Direktor hat mich heute morgen angerufen und mir mitgeteilt, da� du eine schwere Grippe hinter dir h�ttest. Aber offenbar hat er mich angelogen.�</p><p>�Offenbar�, antwortete Mark trotzig. �Er wollte mich wohl in Schutz nehmen.�</p><p>�Und du ihn.�</p><p>�Und?� fragte Mark herausfordernd. �Vielleicht wollte ich nicht, da� du �ber ihn herf�llst und ihn auf deine �bliche Art fertigmachst.�</p><p>�Ich mache niemanden fertig�, antwortete sein Vater betont. �Ich sch�tze es nur nicht, belogen zu werden, das ist alles.�</p><p>�Genausowenig wie ich.�</p><p>�Das klingt gut.� Sein Vater ging zum Tisch, leerte das Glas, das er f�r sich eingeschenkt hatte, mit einem Zug und nahm fast in der gleichen Bewegung das des Doktors zur Hand. Ohne Mark anzusehen, f�gte er hinzu: �Und wann, bitte, habe ich dich belogen?�</p><p>Mark schwieg. Er h�tte diese Frage erwarten m�ssen, wu�te aber keine Antwort darauf. Er hatte gerade eine neue Lektion gelernt: Rhetorik allein half auch nicht weiter. Wenn er noch eine Chance haben wollte, aus dieser Runde nicht wieder als eindeutiger Verlierer herauszugehen, mu�te er in die Offensive gehen.</p><p>�Also?�</p><p>�Du h�ttest es mir sagen k�nnen!� sagte Mark mit einer Geste auf den Aktendeckel.</p><p>�L�bach?� Sein Vater schnaubte. �Du warst doch hier, als diese beiden freundlichen Polizisten mir ihre Aufwartung gemacht haben, oder? Und wenn ich mich richtig erinnere, dann haben wir hinterher dar�ber gesprochen. Ziemlich ausf�hrlich sogar.�</p><p>�Und das Bild?� fragte Mark.</p><p>�Ich wollte dir den Anblick ersparen�, antwortete sein Vater. �So h�bsch ist es nicht.�</p><p><emphasis>�Dieses </emphasis>Bild meine ich nicht.� Mark ging zum Tisch, klappte den Aktendeckel auf und fegte das Bild des toten Chemikers mit einer zornigen Handbewegung zur Seite. �Ich meine <emphasis>das hier.�</emphasis></p><p>Sein Vater hatte sich - wenigstens �u�erlich - vollkommen in der Gewalt. Er blieb ganz ruhig, w�hrend Mark das Foto mit beiden H�nden ergriff und es fast triumphierend in die H�he hob. �Also?�</p><p>Er h�tte das Bild nicht anfassen sollen. Wahrscheinlich war es Einbildung, ein �briggebliebenes Teil des wieder zerbrochenen Puzzles, das sich irgendwie auf die falsche Seite der Barriere verirrt hatte, aber f�r einen Moment hatte er das Gef�hl, da� sich das dicke Blatt unter seinen Fingern... <emphasis>bewegte. Es </emphasis>schien zu pulsieren, als w�re es kein St�ck Papier, sondern ein Kokon, in dem etwas Lebendiges, Fleischiges war, das sich bewegte und hinauswollte.</p><p>�Was bedeutet das?� fragte er m�hsam. Sein Herz jagte - aber war es wirklich sein eigener Pulsschlag, den er h�rte, oder war es das dumpfe steinerne Schlagen eines Alptraumherzens?</p><p>�Ich habe keine Ahnung�, sagte sein Vater. Er klang �berzeugend - aber seine H�nde verrieten ihn. Als er das Glas hob und einen winzigen Schluck trank, zitterten sie. �Die Polizei hat mich dasselbe gefragt, und ich habe ihnen dasselbe geantwortet wie dir jetzt: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Wahrscheinlich war L�bach vollkommen verr�ckt. Die Polizei hat Drogen in seiner Wohnung gefunden.�</p><p>Das Bild bewegte sich jetzt ganz deutlich in seinen H�nden. Er konnte es <emphasis>sehen. </emphasis>Wieso sah sein Vater es nicht?</p><p>�Du l�gst!� sagte er.</p><p>Obwohl er nahe daran war, vor Angst laut aufzuschreien, konnte er das Foto nicht loslassen. Es pulsierte immer heftiger in seinen H�nden. Es <emphasis>atmete.</emphasis></p><p>�Kaum�, antwortete sein Vater gelassen. �Ich l�ge nur, wenn es n�tig ist. Und hier ist es nicht n�tig. Warum sollte ich dich anl�gen? Wor�ber?�</p><p>Etwas kratzte an den W�nden. Von innen. Unsichtbare Klauen aus stahlhartem Horn fuhren scharrend �ber Putz und Beton. Was geschah mit ihm? Begann es jetzt auch tags�ber? Im Wachen? Verlor er jetzt wirklich den Verstand?</p><p>�Was bedeutet dieses Wort?� beharrte er. �Du wei�t es.�</p><p>�Azrael?� Sein Vater zuckte mit den Schultern und trank einen weiteren Schluck. �Irgend etwas aus der Bibel... Der Name eines Engels, glaube ich. Warum?�</p><p>�Weil ich ihn kenne�, antwortete Mark. Es fiel ihm immer schwerer, �berhaupt noch zu reden. �Ich habe von ihm getr�umt, in der vergangenen Nacht und auch vorhin. Als ich Marianne niedergeschlagen habe, da habe ich mich gegen <emphasis>ihn</emphasis> gewehrt.�</p><p>�Gegen einen <emphasis>Engel?� </emphasis>Sein Vater lachte, aber irgendwie klang es eher wie das Bellen eines Hundes. Eines <emphasis>sehr gro�en</emphasis> Hundes. �Wird das jetzt hier eine Geistergeschichte? Ich meine - f�ngst du mittlerweile an, Stimmen zu h�ren?�</p><p>Irgendwie gelang es Mark endlich, das Bild fallen zu lassen. Es flatterte auf die Tischplatte hinab und drehte sich dabei so, da� die belichtete Seite oben lag und Mark die dunkelroten Buchstaben weiter lesen konnte.</p><p>�Ich wei� nur, da� ich seit zwei Tagen schlechte Tr�ume habe�, antwortete er, �und da� du mir etwas verschweigst. Was bedeutet Azrael?�</p><p>�Das habe ich dir gesagt�, antwortete sein Vater. �Und mehr wei� ich nicht. Aber ich beginne mich mittlerweile etwas anderes zu fragen, Mark. Was bedeutet <emphasis>dein </emphasis>Verhalten?�</p><p>�Lenk nicht ab�, sagte Mark, aber sein Vater machte nur eine zornige Geste.</p><p>�Das tue ich nicht�, sagte er. �F�llt dir eigentlich nicht selbst auf, wie du dich benimmst, seit du nach Hause gekommen bist?�</p><p>�Ich benehme mich -�</p><p>�- wie ein dummer Junge, der nicht wei�, was er will! Mark, ich habe versucht, dieses Gespr�ch zu vermeiden, aber ich f�rchte, das war ein Fehler. Sprechen wir uns aus. Hier. Jetzt.�</p><p>Mark deutete auf das Bild. �Dar�ber?� Seit er es nicht mehr in der Hand hielt, f�hlte er sich besser. Der Schrecken war noch da, aber er klang jetzt rasch ab.</p><p>�Nein, verdammt noch mal, nicht <emphasis>dar�ber!� </emphasis>Sein Vater fegte die Fotografie mit einer zornigen Bewegung vom Tisch. ��ber dich! Was zum Teufel ist eigentlich in dich gefahren? Du hast also die Schule hingeschmissen, um nach Hause zu kommen, und ich nehme auch nicht an, da� du wieder dorthin zur�ckkehren willst? Was hast du jetzt vor?�</p><p>�Das hatten wir schon, oder?�</p><p>�Ja. Aber noch nicht zu Ende diskutiert.�</p><p>�Und das habe ich auch nicht vor�, sagte Mark scharf. �Und wenn du es ganz genau wissen willst, ich bin auch nicht <emphasis>nach Hause </emphasis>gekommen. Ich habe nicht vor, lange hierzubleiben.�</p><p>�Selbstverst�ndlich nicht� Sein Vater seufzte erneut und sehr tief. �Du bist nur hierhergekommen, um mir einmal so richtig die Meinung zu sagen, nicht wahr? Und was hast du als n�chstes vor? Willst du nach Australien auswandern und K�nguruhs z�chten?�</p><p>�Ich will -�</p><p>�Du wei�t gar nicht, was du willst�, behauptete sein Vater. Er leerte sein Glas, stellte es mit einer �bertrieben heftigen Bewegung auf den Tisch zur�ck und lie� fast eine Minute verstreichen, ehe er fortfuhr: �Du willst einfach nur protestieren. Dich auflehnen. Aber wogegen? Gegen mich? Bitte. Sag mir, was du zu sagen hast, wenn du glaubst, dich dann wohler zu f�hlen. Wer wei�, vielleicht habe ich ja wirklich Fehler gemacht, ohne es zu merken. Ich werde dir zuh�ren. Also?�</p><p>Aber <emphasis>dar�ber </emphasis>wollte er nicht reden. Nicht jetzt. Er wollte �ber dieses Bild reden und �ber seine Tr�ume. Und trotzdem: Jetzt, wo sein Vater das Thema einmal angesprochen hatte, antwortete er beinahe ohne sein Zutun. �Fehler? Ja, so kann man es auch nennen. Du hast mich bestohlen!�</p><p>�Interessant�, sagte sein Vater ruhig. �Und was <emphasis>habe </emphasis>ich dir gestohlen?�</p><p>�Meine Jugend�, antwortete Mark. �Die letzten sechs Jahre meines Lebens. Und meine Mutter.�</p><p>Das sa�. Sein Vater zog den Kopf zwischen die Schultern. Er sagte nichts, doch Mark sp�rte, da� er seine Selbstsicherheit vielleicht zum ersten Male wirklich ersch�ttert hatte. �Glaubst du das wirklich?� fragte er.</p><p>�Ich glaube, da� ich die letzten sechs Jahre nicht in diesem verdammten Internat zubringen wollte�, antwortete Mark. �Ich glaube, da� ich ein ganz normales Elternhaus haben wollte. Vater und Mutter. Freunde. Keinen freundlichen Direktor und <emphasis>Klassenkameraden. </emphasis>Ich wollte <emphasis>hier </emphasis>sein. Bei <emphasis>euch.�</emphasis></p><p>�Du wei�t, da� das nicht m�glich war�, antwortete sein Vater. �Deine Mutter ist krank, und -�</p><p>�- und du hattest keine Zeit�, fiel ihm Mark bitter ins Wort. �Weil du dich ja um die <emphasis>Firma </emphasis>k�mmern mu�test, nicht wahr? Deine verdammte Firma. Sie stand immer an erster Stelle.�</p><p>�Ja�, sagte sein Vater unger�hrt. �Sie hat es immer getan, und sie wird es immer tun. Meine Arbeit ist mein Leben. Deine Mutter hat das von Anfang an gewu�t. Und sie hat es akzeptiert.�</p><p>�Ja, so ungef�hr hat sie es auch ausgedr�ckt�, sagte Mark b�se. �Heute morgen, als ich sie in der Irrenanstalt besucht habe.�</p><p>�Krankenhaus�, verbesserte ihn sein Vater. �Nicht Irrenanstalt. Das ist ein Unterschied. Was hast du vor? Willst du mir mit aller Gewalt weh tun? Es ist dir gelungen - falls es dich befriedigt, das zu h�ren.�</p><p>�Du kannst es nennen, wie du willst�, antwortete Mark erregt. �F�r mich bist du schuld daran, da� sie dort ist.�</p><p>Ein weiterer Tiefschlag, der aber diesmal ohne Wirkung blieb, vielleicht, weil sein Vater ihn erwartet hatte. Er sah ihn nur lange und traurig an, sch�ttelte den Kopf und schlo� dann f�r einen Moment die Augen, und von der T�r her sagte eine Stimme: �So war es nicht, Mark.�</p><p>Mark und sein Vater fuhren zugleich erschrocken herum. Keiner von ihnen hatte bemerkt, da� Petri zur�ckgekommen war und offensichtlich schon lange genug unter der T�r stand, um einen Gro�teil ihres Gespr�chs mit angeh�rt zu haben.</p><p>�Ich habe meine Tasche vergessen�, sagte der Arzt. �Bitte entschuldigen Sie, Herr Sillmann. Ich wollte nicht indiskret sein, aber ich habe Ihr Gespr�ch mitgeh�rt. Ich finde, Sie sollten es ihm sagen.�</p><p>�Bitte, Doktor�, sagte Marks Vater gepre�t. �Das hier ist eine Familienangelegenheit. Nehmen Sie es mir nicht �bel - aber das geht Sie wirklich nichts an.�</p><p><emphasis>�Was </emphasis>solltest du mir sagen?� fragte Mark scharf.</p><p>�Nichts�, sagte sein Vater.</p><p>�Da� es nicht seine Schuld ist�, sagte Petri. �Dein Vater kann nichts f�r das, was deiner Mutter zugesto�en ist, Mark. Es ist nicht seine Schuld.�</p><p>�Seien Sie still, Doktor!� sagte Marks Vater scharf. �Ich verbiete Ihnen, sich in Dinge zu mischen, die Sie nichts angehen!�</p><p>Petri ignorierte ihn. Er kam n�her und blieb auf halber Strecke zwischen der T�r und Mark wieder stehen. �Es ist nicht die Schuld deines Vaters, Mark�, sagte er noch einmal. �Ich wei�, da� es f�r dich so aussehen mu�, aber das stimmt nicht.�</p><p>�Petri, Sie -�</p><p>�Vater, bitte!� sagte Mark. �La� ihn reden. Es ist sowieso zu sp�t.� Er wandte sich wieder an den Arzt. �Was wollen Sie damit sagen, Doktor?�</p><p>�Du hast all die Jahre �ber geglaubt, da� dein Vater die Schuld am Schicksal deiner Mutter tr�gt, nicht wahr?� fragte Petri. �Und ich nehme an, du hast ihn daf�r geha�t.�</p><p>Mark schwieg. <emphasis>Geha�t? </emphasis>Prein hatte ihm am vergangenen Abend die gleiche Frage gestellt, und da hatte er ebensowenig eine Antwort gefunden wie jetzt. Vielleicht <emphasis>wollte </emphasis>er es gar nicht.</p><p>Aber sein Schweigen schien Antwort genug; zumindest f�r Petri. Der Arzt sah pl�tzlich sehr traurig aus. Er sah noch einmal in Richtung seines Vater und sagte leise: �Es ist besser, wenn Sie es ihm erz�hlen, Herr Sillmann. Fr�her oder sp�ter m�ssen Sie es sowieso. Er beginnt sich zu erinnern.� Er seufzte, sch�ttelte ein paarmal den Kopf und starrte mit leerem Blick vor sich hin. Erst nach einigen Sekunden blickte er wieder zu Mark hoch.</p><p>�Setz dich, Mark. Ich m�chte dir etwas erz�hlen.�</p></section><section><title><p>15. Kapitel</p></title><p>�Sie verschweigen mir etwas�, sagte Bremer. Sendig warf die Autot�r ins Schlo� und kam um den Wagen herum auf ihn zugeeilt, ohne sich die M�he zu machen, abzuschlie�en. �Stimmt�, sagte er einsilbig. Bremer hatte nichts anderes erwartet. Aber Sendig hatte ganz bestimmt nicht erwartet, da� er ihm pl�tzlich den Weg vertrat und ihn ziemlich unsanft am Arm ergriff, um ihn festzuhalten. Im allerersten Moment schien er viel zu verbl�fft, um �berhaupt zu reagieren. Dann blitzte es zornig in seinen Augen auf, und er versuchte sich loszurei�en, allerdings mit m��igem Erfolg. Bremers Griff war so entschlossen, da� er schon Gewalt h�tte anwenden m�ssen, um ihn zu sprengen.</p><p>�Was soll das?� fragte Sendig erbost.</p><p>�Das frage ich <emphasis>Sie </emphasis>�, antwortete Bremer. Er war ein bi�chen erstaunt �ber seinen eigenen Mut, vor allem, als er Sendig in die Augen sah und die Wut erkannte, die allm�hlich darin aufzulodern begann. Aber er war jetzt schon zu weit gegangen, um noch einen R�ckzieher zu machen; nicht, wenn er �berhaupt noch eine Chance haben wollte, irgendwann einmal eine klare Antwort auf eine klare Frage zu bekommen. Immerhin lie� er Sendigs Arm los, machte aber ganz bewu�t keine Bewegung, um den Weg freizugeben.</p><p>�Ich finde Ihr Verhalten nicht besonders fair�, sagte er. �Ich dachte, wir h�tten ein Abkommen getroffen, ehrlich zueinander zu sein.�</p><p>�Daran kann ich mich nicht erinnern�, antwortete Sendig k�hl. �Ich habe Ihnen vorgeschlagen, eine Weile f�r mich zu arbeiten, und Sie waren einverstanden. Ich kann mich nicht erinnern, versprochen zu haben, <emphasis>fair </emphasis>zu sein.�</p><p>Das war die falsche Taktik. Bremer war nicht mehr in der Laune, sich einsch�chtern zu lassen, und Sendig schien das auch zu sp�ren, denn nach einigen Augenblicken f�gte er hinzu: �Vielleicht haben Sie recht. Ich sollte Ihnen das eine oder andere erkl�ren.�</p><p>�Das stimmt�, s�gte Bremer, und Sendig unterbrach ihn sofort: �Aber nicht jetzt. Keine Sorge�, f�gte er hastig hinzu, �ich will Sie nicht wieder vertr�sten. Ich verspreche Ihnen, da� Sie alles erfahren werden, was Sie wissen wollen. Ich brauche nur noch ein paar Minuten. Lassen Sie mich ein, zwei Telefongespr�che f�hren, und dann reden wir.�</p><p>�Und warum nicht jetzt?� fragte Bremer.</p><p>Sendig seufzte. �Weil jetzt weder die Zeit noch der Ort daf�r ist�, antwortete er mit besonderer Betonung; und zumindest, was den <emphasis>Ort </emphasis>anging, mu�te Bremer ihm widerwillig recht geben. Sie standen auf dem Parkplatz des Polizeipr�sidiums, und sie waren nicht allein. Zwar hielt sich niemand in ihrer unmittelbaren Umgebung auf, aber es mochte eine Menge neugieriger Augenpaare geben, die in diesem Moment aus irgendeinem der zahllosen Fenster �ber ihnen auf den Parkplatz herabblickten. Es w�re �berfl�ssig, Sendig Gelegenheit zu geben, sich darauf zu besinnen, da� er einen gewissen Ruf zu verteidigen hatte; einen Ruf, zu dem es eindeutig <emphasis>nicht </emphasis>geh�rte, da� er sich von einem gew�hnlichen Streifenpolizisten am Arm festhalten und herumschubsen lie�.</p><p>�Also gut�, sagte er widerwillig. �Gehen Sie telefonieren. Aber wenn Sie zur�ckkommen, will ich ein paar Antworten.�</p><p>�Sie k�nnen mich gerne begleiten�, antwortete Sendig.</p><p>�Zu gn�dig�, erwiderte Bremer h�hnisch. �Ich kann mich aber auch gerne auf dem R�cksitz verstecken oder so lange auf der anderen Stra�enseite warten, damit uns niemand zusammen sieht.�</p><p>Sendig starrte ihn b�se an, aber er zog es vor, den ohnehin sinnlosen Streit nicht fortzusetzen, sondern ging mit schnellen Schritten an ihm vorbei auf das Geb�ude zu, und nach kurzem Z�gern folgte ihm Bremer.</p><p>Beinahe h�tte er es nicht getan. Er hatte sich von Anfang an nicht besonders wohl bei dieser ganzen Geschichte gef�hlt, genauer gesagt: bei Sendig. Ihm jetzt dort hinein zu folgen hie�e, sich ihm vollends auszuliefern. Bisher waren sie immerhin sozusagen auf neutralem Boden gewesen. Das f�nfst�ckige Geb�ude mit seinen einseitig verspiegelten Fenstern auf der anderen Seite des Parkplatzes z�hlte jedoch eindeutig f�r Sendig. Trotzdem beeilte er sich, ihn einzuholen.</p><p>Sie betraten die Eingangshalle, die ebenso gro�, hell und supermodern war wie das gesamte Geb�ude. Ein uniformierter Beamter hinter einer Glasscheibe nickte Sendig nur fl�chtig zu und dr�ckte eine verborgene Taste unter seinem Tisch, woraufhin die innere der beiden Glast�ren aufsprang. Sendig �ffnete sie schwungvoll, doch als Bremer ihm folgen wollte, winkte ihn der Beamte hinter der Scheibe zur�ck.</p><p>Bremer seufzte, schickte sich aber in sein Schicksal. Immerhin kannte er die strengen Sicherheitsvorschriften, die nicht nur hier galten. Da� sich Sendig dar�ber hinwegsetzte, bedeutete offensichtlich nicht, da� es auch jeder in seiner Begleitung tun konnte. Ergeben trat er wieder an die gl�serne Barriere heran und griff in die Tasche, um seinen Ausweis hervorzuziehen. Aber der Mann auf der anderen Seite der Scheibe sch�ttelte nur den Kopf.</p><p>�Sind Sie Bremer?� fragte er.</p><p>Bremer nickte. �Ja. Warten Sie. Ich habe meinen Ausweis -�</p><p>�Die junge Dame dort hinten wartet auf Sie�, unterbrach ihn der andere.</p><p>Bremer sah �berrascht hoch, dann drehte er sich herum und blickte in die Richtung, in die die Hand des Polizister; wies. Im ersten Moment erkannte er durch das spiegelnde Glas kaum etwas; dann identifizierte <emphasis>er </emphasis>eine schlanke Frauengestalt, die unweit des Eingangs stand und erwartungsvoll zu ihm her�bersah.</p><p>�Mich?� vergewisserte er sich. Niemand wu�te, da� er hierherkommen w�rde. Vor einer halben Stunde hatte er es ja noch nicht einmal selbst gewu�t.</p><p>�Sie hat nach Ihnen gefragt.�</p><p>Bremer bedankte sich, steckte seinen Ausweis wieder ein und trat ebenfalls durch die T�r, die Sendig noch immer ungeduldig aufhielt. Sein fragender Blick machte deutlich, da� er von dem kurzen Gespr�ch nichts mitbekommen hatte, aber Bremer ignorierte ihn. Es war zwar nur ein kleiner Triumph, aber immerhin - sollte Sendig doch zur Abwechslung einmal raten, was Sache war.</p><p>Die Frau kam ihm mit nerv�sen Schritten entgegen. Sie wirkte sehr unsicher und sehr �ngstlich, fand Bremer. Er �berlegte angestrengt, woher er sie kannte - sie war ihm nicht vollkommen fremd, das wu�te er -, kam aber zu keiner Antwort. Sie war blond, sehr schlank und allerh�chstens zwanzig Jahre alt. H�tte sie nicht so ver�ngstigt und m�de ausgesehen, w�re sie sicher sehr h�bsch gewesen.</p><p>�Herr Bremer?� <emphasis>Die </emphasis>Art, auf die sie ihn und nicht Sendig ansah, bewies Bremer, da� zumindest sie wu�te, wer er war.</p><p>�Ja, bitte?� antwortete er.</p><p>�Bitte entschuldigen Sie, wenn ich... wenn ich Sie st�re, aber ich...� Sie stockte. Ihre Stimme schwankte pl�tzlich, und Bremer hatte das sichere Gef�hl, da� sie nur noch mit letzter Kraft die Tr�nen zur�ckhielt. Schlie�lich atmete sie h�rbar ein und setzte neu an: �Haben Sie eine Minute Zeit f�r mich?�</p><p>�Sicher�, sagte Bremer. �Worum geht es denn? Kennen wir uns?�</p><p>�Ich... ich bin Angelika�, antwortete die junge Frau mit einem unsicheren Blick in Sendigs Richtung. �Angelika Hansen. Wir haben uns vor zwei Wochen kennengelernt.�</p><p><emphasis>Hansen? Hansens Frau? </emphasis>Bremer erschrak. Nat�rlich. Der Junge hatte seine Frau am ersten Tag mit aufs Revier gebracht, um ihr seine neuen Kollegen vorzustellen. Aber damals hatte sie anders ausgesehen. Strahlender. Nicht so traurig. Bremer f�hlte sich pl�tzlich sehr unwohl. Er hatte seit der vergangenen Nacht nicht mehr an Hansen gedacht, aber der Anblick seiner Frau erinnerte ihn schmerzlich wieder daran, da� diese ganze wahnsinnige Geschichte schon mehr Opfer gefordert hatte, als er wahrhaben wollte.</p><p>�Nat�rlich�, sagte er. �Bitte entschuldigen Sie, da� ich Sie nicht sofort erkannt habe. Aber es ist -�</p><p>�Schon gut�, unterbrach sie ihn. �Es macht nichts. Ich... ich will Sie auch gar nicht lange aufhalten. Aber man hat mir gesagt, da� ich Sie hier finde, und -�</p><p>�Wer?� mischte sich Sendig ein.</p><p>Angelika blickte ihn ver�ngstigt an, und Bremer f�gte rasch und in m�glichst beruhigendem Ton hinzu: �Das ist mein Kollege, Kommissar Sendig. Sie k�nnen ganz offen sprechen.�</p><p>�Auf dem Revier�, antwortete Angelika z�gernd. �Ihre... Ihre Kollegen dort sagten, da� Sie mit Herrn Sendig unterwegs w�ren, und da� ich ihn wahrscheinlich hier finde. Und Sie auch.�</p><p>Sendig runzelte die Stirn, schwieg aber. Soviel zum Thema Geheimhaltung, dachte Bremer. Er fragte sich, ob es �berhaupt irgend jemanden in dieser Stadt gab, der noch nicht wu�te, da� Sendig und er zusammenarbeiteten.</p><p>�Wie geht es Ihrem Mann?� fragte er. �Ich bin leider noch nicht dazu gekommen, ihn zu besuchen. Er ist doch wieder okay, oder?�</p><p>�Ich... ich wei� es nicht�, sagte Angelika. Und damit war ihre Selbstbeherrschung endg�ltig ersch�pft. Pl�tzlich begann sie zu schluchzen, k�mpfte noch einen Moment lang weiter vergeblich gegen die Tr�nen und warf sich dann an Bremers Brust.</p><p>�Ich... ich wei� nicht, wo er ist�, schluchzte sie. �Sie wollen es mir nicht sagen.�</p><p>Bremer war vollkommen �berrascht. Im ersten Moment verstand er nicht einmal, was Angelika meinte. Er sah Sendig an, erntete aber nur einen verwunderten Blick. Er hielt einige Sekunden still, ehe er die junge Frau an den Schultern ergriff und sehr sanft ein kleines St�ck weit von sich fortschob, um ihr ins Gesicht zu sehen.</p><p>�Was soll das hei�en: Sie wollen es Ihnen nicht sagen?�</p><p>Angelika schluchzte noch ein paarmal, dann hatte sie die Tr�nen wieder unter Kontrolle. Mit einer fahrigen Bewegung klappte sie ihre Handtasche auf und zog ein Papiertaschentuch hervor. Aber sie benutzte es nicht, sondern begann es nur nerv�s mit den Fingern zu kneten. �Entschuldigen Sie�, sagte sie. �Ich wollte nicht -�</p><p>�Das ist schon in Ordnung�, unterbrach sie Sendig. �Ich w�re wahrscheinlich genauso aufgeregt an Ihrer Stelle. Was haben Sie damit gemeint, als Sie sagten, Sie w��ten nicht, wie es Ihrem Mann geht?� Er sah kurz zu Bremer hin. �Ihr junger Kollege von letzter Nacht?�</p><p>Bremer nickte. �Ja. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, als Sie angekommen sind. Aber er hatte nur einen leichten Schock.�</p><p>�Ich war da�, sagte Angelika. Ihre Stimme zitterte noch immer leicht, aber sie weinte jetzt nicht mehr. �Gleich heute morgen, nachdem der Anruf vom Revier kam. Sie sagten, sie h�tten ihn in die Unfallklinik gebracht. Aber da... da war er nicht.�</p><p>�Was soll das hei�en?� fragte Bremer. �Ich habe selbst gesehen, wie man ihn in den Krankenwagen gelegt hat.�</p><p>�Zuerst wollten sie mich nicht zu ihm lassen�, fuhr Angelika fort. �Sie sagten, er st�nde unter Schock und d�rfte nicht gest�rt werden. Aber ich habe darauf bestanden, ihn zu sehen, und dann... dann ist ein Arzt gekommen.�</p><p>�Welcher Arzt?� fragte Sendig. �Wie war sein Name?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Angelika. �Er hat mir seinen Namen genannt, aber ich... ich habe gar nicht richtig hingeh�rt. Ich war so aufgeregt. Ich wollte zu Gerd, aber er hat es nicht zugelassen. Er hat gesagt, er l�ge in Narkose.�</p><p>�Narkose?� Bremer starrte die junge Frau an. �Bl�dsinn. Ich versichere Ihnen, Dir Mann ist nicht verletzt worden. Er hatte einen geh�rigen Schock, aber mehr auch nicht.�</p><p>�Und weiter?� fragte Sendig ruhig. Er wirkte mit einem Male sehr gespannt.</p><p>�Ich bin gegangen, aber nicht wirklich�, sagte Angelika. �Ich meine, ich habe so getan, als ob ich nachgebe. Aber als der Arzt weg war, bin ich heimlich zur�ckgegangen und habe gewartet, bis die Stationsschwester einen Moment weg war, um in ihr Buch zu sehen. Ich wollte die Zimmernummer wissen.�</p><p>Sendig l�chelte, schwieg aber.</p><p>�Und?� fragte Bremer.</p><p>�Er war nicht da�, antwortete Angelika. �Ich meine: Es gab eine Eintragung, aber das Zimmer war leer. Ich bin hingegangen und habe nachgesehen. Es stand nur ein leeres Bett darin. Mehr nicht. Als ich zur�ckkam, war der Arzt wieder da. Er war ziemlich w�tend und hat gedroht, mich hinauswerfen zu lassen.�</p><p>�Sie werden sich in der Zimmernummer get�uscht haben�, vermutete Sendig. �Dieses Krankenhaus ist sehr gro�.�</p><p>�Nein�, sagte Angelika �berzeugt. �Es war das richtige Zimmer. Ich habe nicht lockergelassen, und schlie�lich hat er mir gesagt, da� man Gerd weggebracht hat.�</p><p>�Wohin?� fragte Sendig.</p><p>Angelika sch�ttelte den Kopf. �In ein anderes Krankenhaus. Eine Spezialklinik. Aber sie haben mir nicht gesagt, welche.� Sie kn�llte das Papiertaschentuch in ihrer Hand fester zusammen, und in ihren Augen schimmerten jetzt wieder Tr�nen. �Ich... ich habe den ganzen Morgen herumtelefoniert. Ich habe jedes einzelne Krankenhaus in der Stadt angerufen, aber er ist in keinem davon. Jedenfalls haben sie das gesagt. Was ist mit ihm passiert? Was ist wirklich passiert?�</p><p>Bremer mu�te pl�tzlich selbst mit den Tr�nen k�mpfen, als er den Schmerz in ihren Augen sah. Die junge Frau war mit ihren Kr�ften vollkommen am Ende. Wenn er jemals einen verzweifelten Menschen gesehen hatte, dann sie.</p><p>�Nichts�, sagte er hilflos. �Ich schw�re Ihnen, Angelika - ihm <emphasis>ist </emphasis>nichts passiert. Es war eine h��liche Sache. Ein Selbstmord, wissen Sie. Jemand ist vom Balkon gesprungen, und Ihr Mann und ich standen praktisch daneben. Kein sch�ner Anblick. Aber Gerd ist nicht verletzt worden. Es kann sich nur um einen Irrtum handeln.�</p><p>�Aber wieso ist er dann verschwunden? Und wieso sagt mir niemand, wo er ist?�</p><p>�Das wissen wir nicht�, antwortete Sendig an Bremers Stelle. �Bitte glauben Sie mir, Frau Hansen - Herr Bremer sagt die Wahrheit. Wahrscheinlich handelt es sich wirklich nur um einen Irrtum. Irgendeine dumme Verwechslung. Ich verspreche Ihnen, da� wir die Sache ganz schnell aufkl�ren.� Er l�chelte aufmunternd. �Wissen Sie was? Sie geben meinem Kollegen Ihre Telefonnummer, und wir rufen Sie so schnell wie m�glich an. Wir finden schon raus, was da schiefgegangen ist. Wozu sind wir schlie�lich Polizisten?�</p><p>�Ich habe Hansens Nummer�, sagte Bremer. Auch er versuchte zu l�cheln, aber es mi�lang. Leise und sehr mitf�hlend, allerdings wenig �berzeugend fuhr er fort: �Keine Sorge. Gehen Sie jetzt nach Hause, und versuchen Sie sich ein bi�chen zu beruhigen. Wir melden uns bei Ihnen, sobald wir herausgefunden haben, was da schiefgegangen ist.�</p><p>Angelika nickte. Sie versucht tapfer zu sein, dachte Bremer, aber wahrscheinlich war ihr Vorrat an Tapferkeit aufgebraucht. Was um alles in der Welt ging hier vor?</p><p>�Danke�, sagte sie. �Und entschuldigen Sie noch einmal, da� ich Sie bel�stigt habe, aber ich wu�te mir keinen anderen Rat.�</p><p>�Das ist v�llig in Ordnung�, sagte Sendig. �Aber jetzt gehen Sie nach Hause. Sind Sie mit dem Wagen hier? Wenn ja, lassen Sie ihn besser stehen. In Ihrem Zustand sollten Sie nicht Auto fahren.� Er wartete Angelikas Antwort nicht ab, sondern gab dem Mann hinter der Glasscheibe einen Wink.</p><p>�Lassen Sie diese junge Frau nach Hause fahren.� Er wartete, bis Angelika gegangen war. Dann sah er Bremer sehr lange und sehr ernst an, und schlie�lich sagte er: �Ich denke, ich werde doch mehr als nur <emphasis>ein </emphasis>Telefonat f�hren m�ssen.�</p></section><section><title><p>16. Kapitel</p></title><p>Petri nahm die beiden Gl�ser, aus denen er und sein Vater zuvor getrunken hatten, und trug sie mit �bertrieben langsamen Bewegungen zur Bar. Ebenso langsam und umst�ndlich f�llte er das seines Vaters wieder auf, schenkte ein zweites ein und reichte es Mark.</p><p>�Danke�, sagte Mark. �Aber ich trinke keinen Alkohol.�</p><p>�Bl�dsinn�, erwiderte Petri. �Du bist alt genug, und es redet sich besser so. Au�erdem ist es kein Alkohol, sondern Medizin, und die verordne ich dir jetzt.�</p><p>Mark griff widerwillig nach dem Glas, hielt es aber nur in der Hand. Er hatte nicht vor, zu trinken, aber Petris theatralisches Gehabe beunruhigte ihn noch mehr. Es hatte keinen anderen Sinn als den, Zeit zu gewinnen. Warum?</p><p>�Wozu? Glauben Sie, da� ich es n�tig habe?�</p><p>�Doktor, bitte�, sagte Marks Vater. �Ich glaube nicht -�</p><p><emphasis>�Ich�, </emphasis>unterbrach ihn Petri mit einer Sch�rfe und Bestimmtheit, die Mark niemals an ihm vermutet h�tte, �glaube, da� Sie schon viel zu lange gewartet haben. Wenn Sie schon nicht auf meinen freundschaftlichen Rat h�ren wollen, dann h�ren Sie auf meine Erfahrung als Arzt. Es gibt Dinge, die m�ssen sein, auch wenn sie weh tun. Sie werden nicht besser, wenn man nur lange genug wartet.�</p><p>Er wandte sich wieder an Mark. �Du ha�t deinen Vater, nicht wahr? Weil du glaubst, da� er deine Mutter auf dem Gewissen hat.�</p><p>�War es denn nicht so?� fragte Mark.</p><p>�Nein�, sagte Petri. �Er kann nichts daf�r. Er am allerwenigsten.�</p><p>�Ach�, sagte Mark. �Wieso?�</p><p>Petri z�gerte. Man mu�te nicht unbedingt telepathisch begabt sein, um zu erkennen, wie schwer es ihm fiel, weiterzusprechen. �Es ist... nicht seine Schuld�, sagte er zum wiederholten Mal. �Er hielt es nur f�r besser, dich in dem Glauben zu belassen, da� es so ist.�</p><p>�Wie bitte?� fragte Mark fassungslos. Er starrte seinen Vater an, aber der wich seinem Blick aus.</p><p>�Es <emphasis>war </emphasis>besser�, fuhr Petri fort. �Wenigstens f�r eine Weile. Aber ich denke, da� es jetzt an der Zeit ist, dir die Wahrheit zu erz�hlen.�</p><p>�Besser f�r wen?� fragte Mark. �Was soll das alles �berhaupt?�</p><p>�Besser f�r dich�, sagte Petri. �Wei�t du - manchmal ist es leichter, einen Schmerz zu ertragen, wenn jemand da ist, dem man die Schuld daran geben kann.�</p><p>�Und jetzt -�</p><p>�Jetzt�, unterbrach ihn Petri betont, �bist du alt genug, um die Wahrheit zu erfahren. Es ist schade, da� es so geschehen mu�, aber wahrscheinlich geht es nicht anders.�</p><p>�Was mu� ich erfahren?� fragte Mark. �Eine neue L�ge? Ich will sie nicht h�ren.�</p><p>Es war nicht Petri, der antwortete, sondern sein Vater. Er sah Mark noch immer nicht an, und er sprach sehr leise, mit einer Stimme, die Mark noch nie zuvor von ihm geh�rt hatte. Pl�tzlich klang er wie ein alter, schwacher Mann. �Die Wahrheit, Mark. Aber sie wird dir nicht gefallen.�</p><p>�Das glaube ich kaum�, antwortete Mark. �Ich glaube nicht, da� mir irgend etwas weniger gef�llt als das, was ich bisher erlebt habe.�</p><p>Petri und sein Vater tauschten einen langen Blick, und diesmal war es Petri, der das Gespr�ch fortsetzte.</p><p>�Du warst zw�lf Jahre alt, als du ins Internat gekommen bist, nicht wahr?� fragte er.</p><p>�Ja�, antwortete Mark. �Was soll diese Frage?�</p><p>�Und was war vorher?�</p><p>�Vorher?� Mark blickte verwirrt von seinem Vater zu Petri und wieder zur�ck. �Was soll das?�</p><p>�Ich frage dich, was vor deiner Zeit im Internat war�, beharrte Doktor Petri. �Du wolltest eine ganz normale Jugend - das hast du jedenfalls gerade selbst gesagt. Erz�hl mir etwas davon. Von der Zeit <emphasis>vor </emphasis>deinem zw�lften Geburtstag. Bevor du ins Internat gekommen bist.�</p><p>�Aber das ist doch l�cherlich!� sagte Mark.</p><p>�Erz�hl mir davon�, verlangte Petri. �Irgend etwas. Es ist gleich, was.�</p><p>�Aber was soll denn das?� schnappte Mark. �Das ist... idiotisch!�</p><p>�Vielleicht�, sagte Petri. �M�glicherweise bin ich nur ein alter Idiot, wer wei�? Trotzdem - erz�hl mir irgend etwas. Du wirst dich doch erinnern. Du hast bestimmt Freunde gehabt, ein Lieblingsspielzeug, irgendeine Serie im Fernsehen, die du besonders gemocht hast... irgend etwas.�</p><p>�Was soll ich schon erz�hlen?� fragte Mark verwirrt. �Ich... ich war hier.� Pl�tzlich raste sein Herz wieder, und er schlo� die H�nde so fest um den Cognacschwenker, da� das Glas knackte, nur damit Petri und sein Vater nicht sahen, wie sie zitterten. Er begriff noch immer nicht, worauf Petri hinauswollte - aber das �nderte nichts daran, da� ihn die Fragen des Arztes regelrecht in Panik versetzten. Stockend fuhr er fort: �Ich habe hier gelebt. Mit... mit meinem Vater und meiner Mutter und... und Marianne. Da gibt es nichts Besonderes zu erz�hlen.�</p><p>�In zw�lf Jahren? Es ist nichts passiert, woran du dich erinnerst? Gar nichts? Das kann nicht dein Ernst sein.�</p><p>Mark starrte den Arzt an. Er wollte lachen, einfach hysterisch losschreien oder ihn anbr�llen, aber er konnte nichts von alledem. Seine Gedanken �berschlugen sich schier. Das war l�cherlich. Grotesk. Wieso sollte er sich nicht an seine Jugend erinnern k�nnen? Er hatte hier gelebt, mit seinen Eltern und Marianne, und er kannte jeden Quadratzentimeter dieses Hauses, jedes einzelne M�belst�ck, jedes Buch auf den Regalen. Er erinnerte sich an sein Leben hier, die Schule, an Mariannes Essen und die Fernsehabende mit seiner Mutter, die Weihnachtsfeiern und seine Geburtstage.</p><p>Und sonst an nichts.</p><p>Es war nicht etwa so, da� seine Erinnerungen erst mit seinem Umzug ins Internat begannen und davor ein schwarzes Nichts gewesen w�re. Es war alles da - aber die Details fehlten. Es war, als w�re sein ganzes Leben in einem Buch niedergeschrieben worden, das er nur durchgebl�ttert, nicht aber wirklich <emphasis>gelesen </emphasis>hatte, so da� er zwar die Handlung, nicht aber das eigentliche <emphasis>Leben </emphasis>zwischen den Zeilen mitbekommen hatte. Er <emphasis>wollte </emphasis>sich erinnern, mit aller Gewalt.</p><p>Aber er konnte es nicht.</p><p>Da <emphasis>war </emphasis>nichts, woran er sich erinnern konnte.</p><p>�Was... was bedeutet das?� fragte er stockend.</p><p>Petri atmete h�rbar ein. �Wei�t du, was man unter dem Wort Amnesie versteht? Sicher, du wei�t es. Jedermann wei� so etwas heute.�</p><p>�Ged�chtnisverlust�, antwortete Mark �berfl�ssigerweise. Er versuchte zu lachen. �Wollen Sie mir gerade weismachen, da� ich unter einer Art Amnesie leide.�</p><p>�Einer ganz speziellen Art, ja�, best�tigte Petri. �Es gibt die verschiedensten Ursachen f�r einen Ged�chtnisverlust, und er ist nicht immer total. Meistens verschwindet er nach ein paar Stunden oder allerh�chstens Tagen von selbst wieder. Aber manchmal dauert es auch Jahre, und manchmal kehren die Erinnerungen auch nie vollst�ndig zur�ck.�</p><p>�Und manchmal hilft jemand nach�, f�gte sein Vater ganz leise hinzu.</p><p>�Wie... bitte?� fragte Mark.</p><p>Er starrte abwechselnd seinen Vater und Petri an, bekam aber von keinem der beiden eine Antwort. Sein Vater blickte weiter starr ins Leere, w�hrend Petri jetzt noch betroffener aussah, irgendwie aber zugleich auch entschlossener, auf eine grimmige, ungute Art.</p><p>�Was soll das hei�en?� fragte Mark.</p><p>Tief in ihm begann eine furchtbare Ahnung aufzukeimen - nein, keine <emphasis>Ahnung. </emphasis>Es war Wissen, klares, zweifelsfreies Wissen, das irgendwo in ihm vergraben war, unendlich tief und so sorgsam eingesperrt, da� er es selbst jetzt noch nicht wirklich erkennen konnte. Aber es war da. Eingesperrt, aber da. Nur war er mit einem Male gar nicht mehr sicher, ob er es wirklich befreien wollte. Was hatte Petri gesagt? <emphasis>Die Wahrheit wird dir nicht gefallen?</emphasis></p><p>�Dein Vater sagt die Wahrheit�, sagte Petri schlie�lich. �Manchmal hilft jemand nach, um zu verhindern, da� die Amnesie zu schnell nachl��t.�</p><p>�Jemand?�</p><p>�Ich�, gestand Petri. �Ich war damals der Arzt, der die Diagnose gestellt hatte. Und ich habe auch daf�r gesorgt, da� du dich nicht erinnerst, jedenfalls nicht gleich.� Er hob die Hand, als Mark widersprechen wollte. �Ich wei�, was du sagen willst, aber du irrst dich. Es gibt durchaus Mittel und Wege, ganz bestimmte Erinnerungen aus dem Ged�chtnis eines Menschen zu l�schen. Ziemlich einfache sogar. Man spricht nur nicht gerne dar�ber.�</p><p>�Erinnerungen <emphasis>woran?� </emphasis>bohrte Mark.</p><p>�An das, was damals geschehen ist�, antwortete sein Vater. Er atmete h�rbar ein, setzte das leere Glas an die Lippen und senkte es wieder. Bevor er weitersprach, ging er zur Bar und f�llte es erneut. W�hrend der ganzen Zeit, und auch danach noch, sah er Mark nicht an.</p><p>�In einem Punkt hattest du recht, Mark�, sagte er leise. �Ich habe dich belogen. Sowohl was deine Mutter als auch was L�bach angeht. Und den Namen.�</p><p>�Welchen Namen?�</p><p>�Azrael�, sagte sein Vater. �Ich wei�, was er bedeutet. Und du wei�t es auch.� Er trank - nicht sehr viel -, drehte das Glas einige Sekunden lang mit kleinen, nerv�sen Bewegungen in den Fingern und wandte sich schlie�lich mit einem Ruck um. Jetzt sah er Mark doch an.</p><p>�Erz�hl mir von deinem Traum�, verlangte er.</p><p>�Da gibt es nicht viel zu erz�hlen�, antwortete Mark. �Ein Alptraum. Wirres Zeug eben.�</p><p>Weder Petri noch sein Vater antworteten, aber allein ihr Schweigen machte Mark klar, wie wenig �berzeugend seine Behauptung klang, nicht nach allem, was passiert war. Schlie�lich zuckte er mit den Schultern und begann mit leiser, schwankender Stimme zu erz�hlen. Er hatte sich vorgenommen, ganz ruhig zu bleiben, und w�hrend der ersten zwei oder drei Minuten gelang es ihm sogar. Aber nicht viel l�nger. Indem er �ber den Traum sprach, gab er ihm neue Substanz. Diesmal h�rte er keinen Herzschlag oder sah Schatten und greifende Schemen. Trotzdem war der Schrecken da, allerdings auf eine v�llig andere, neue Art. Es war ein Schrecken, der irgend etwas mit dem verborgenen Wissen in ihm zu tun hatte, vielleicht der Schl�ssel zu dem Kerker war, gegen dessen W�nde es immer nachhaltiger h�mmerte. Als er fertig war, hatte er kaum noch die Kraft, zu reden. Er zitterte am ganzen Leib.</p><p>�Das ist alles�, schlo� er. �Wie gesagt - nur ein Alptraum.�</p><p>�Nein�, sagte sein Vater. �Das ist es nicht. Es gab diesen Raum, den du gesehen hast, Mark. Du warst da. Und die anderen auch.�</p><p>Das Glas zerbrach in Marks H�nden. Die Scherben schnitten tief in sein Fleisch, aber er sp�rte weder den Schmerz noch das Blut, das pl�tzlich warm �ber seine Handgelenke lief und zu Boden tropfte. Er h�tte nicht erschrecken d�rfen, aber er tat es. Erst nach ein paar Sekunden machte er sich klar, da� er nicht �ber das erschrak, was sein Vater sagte - im Grunde hatte er die ganze Zeit �ber gewu�t, da� sein Traum mehr als ein Traum war -, sondern weil diese Worte seine letzte Hoffnung zunichte machten, die Hoffnung n�mlich, da� es <emphasis>doch </emphasis>nur eine Vision war. Petri b�ckte sich nach seiner Arzttasche, trat zu Mark, griff nach seiner Hand und begann mit ge�bten Bewegungen die beiden Schnittwunden zu versorgen, alles, ohne ein einziges Wort zu sagen.</p><p>�Welche anderen?� fragte Mark nach einiger Zeit.</p><p>�Claudia, Beate, Fred, Jennifer ...� Sein Vater machte eine vage Geste. �Ihre Namen spielen keine Rolle. Wenn du dich jetzt noch nicht an sie erinnerst, macht es nichts. Wer sie waren, ist gleich.�</p><p><emphasis>Waren? </emphasis>Also stimmte auch dieses Detail - all diese bleichen Gestalten aus seinem Traum waren tot. Er war der einzige, der davongekommen war, und sie waren nun hier, um ihn zu holen.</p><p>�Und Azrael?�</p><p>�Nein. Azrael ist... kein Mensch. Vielleicht sollte ich besser sagen: kein <emphasis>Jemand. </emphasis>Sondern ein <emphasis>Etwas. </emphasis>Eine Droge, genauer gesagt.�</p><p>�Eine Droge?!� Mark fuhr zusammen, als Petri etwas mit seiner Hand tat, das ihm weitaus mehr Schmerz bereitete als die Schnitte. Er sah nicht einmal hin. �Willst du etwa behaupten, da� ich drogens�chtig war?�</p><p>�Ja�, antwortete sein Vater. �Du und die anderen und...� Er stockte einen winzigen Moment, in dem er Petri einen aufmerksamen und zugleich entschuldigenden Blick zuwarf. �Und L�bach.�</p><p>�L�bach?�</p><p>�Ja�, best�tigte sein Vater. �Ich habe es nicht gewu�t - damals jedenfalls. Nicht, bis es zu sp�t war. Sp�ter hat er mir die ganze Geschichte gebeichtet, aber da war das Ungl�ck bereits geschehen.�</p><p>�Welches Ungl�ck?� fragte Mark. �Wovon zum Teufel sprichst du �berhaupt? <emphasis>Was ist damals passiert?!�</emphasis></p><p>�Ich mu� ein wenig ausholen�, antwortete sein Vater. �Bitte h�r mir einfach zu, Mark. Es... es f�llt mir nicht leicht, die Geschichte zu erz�hlen. Nicht nach all der Zeit und vor allem nicht dir. Wenn du Fragen hast, beantworte ich sie dir hinterher, aber jetzt h�r einfach zu, okay?�</p><p>�Okay�, murmelte Mark.</p><p>�Es begann neunzehnhundert ...� Sein Vater dachte einen Moment konzentriert nach und zuckte denn mit den Achseln. �... Sechsundsechzig oder siebenundsechzig, so genau wei� ich das selbst nicht mehr. Es spielt auch keine Rolle. Auf dem H�hepunkt der Drogenbewegung jedenfalls. LSD war gerade gro� in Mode, Haschisch etwas f�r Weichlinge, und Chemiestudenten bastelten an jeder Ecke an neuen Halluzinogenen.�</p><p>�Designerdrogen gibt es heute auch an jeder Ecke�, sagte Mark.</p><p>�Sicher. Aber f�r uns war es etwas Besonderes. Etwas Neues. Etwas Aufregendes, verstehst du? Nat�rlich erkannten wir auch die Gefahren, die davon ausgingen, aber wir sp�rten auch die Faszination. Wei�t du, Mark, f�r euch heute sind Drogen etwas ganz Normales, aber damals war es... eine neue Welt. Der erste Schritt in eine v�llig neue Dimension. Ein neues, aufregendes Land, das es zu entdecken und zu erforschen galt. Und vergi� nicht, da� wir auch beruflich damit zu tun hatten.�</p><p>�Wir?�</p><p>�L�bach und ich�, antwortete sein Vater. �Er war schon damals mein Chefchemiker. Und ein guter Freund. Wir haben ein bi�chen herumexperimentiert - dann und wann LSD eingeworfen oder ein bi�chen mit neuem Zeug rumexperimentiert.� Er l�chelte, als er Marks ungl�ubige Blicke bemerkte. �Ich war auch einmal jung, wei�t du. Aber weiter. Wie gesagt, wir haben es <emphasis>dann und wann </emphasis>getan, und wir haben ziemlich rasch auch wieder damit aufgeh�rt. Ich jedenfalls.�</p><p>�L�bach nicht?�</p><p>�Damals dachte ich es�, antwortete sein Vater. �Die Wahrheit habe ich erst sehr viel sp�ter erfahren. Aber wir hatten nicht nur privat mit Drogen zu tun. Immerhin - ich besitze eine pharmazeutische Fabrik, und Drogen waren schon damals mein t�glich Brot, sozusagen.�</p><p>�Und au�erdem ist da eine Menge Geld drin�, sagte Mark b�se.</p><p>�Eine <emphasis>gewaltige </emphasis>Menge Geld sogar�, best�tigte sein Vater unger�hrt. �Und? Was spricht dagegen? Ich habe niemals versucht, auf illegale Weise damit Geld zu verdienen. Ganz im Gegenteil - L�bach und ich haben jahrelang an einem Projekt gearbeitet, das das Drogenproblem vielleicht mit einem Schlag erledigt h�tte. Du kennst die Versuche, die heutzutage mit Methadon durchgef�hrt werden.�</p><p>�Eine Ersatzdroge, ja.�</p><p>�Ein alter Hut�, sagte sein Vater heftig. �L�bach und ich hatten die Idee schon vor beinahe drei�ig Jahren. Nur hie� sie nicht Methadon, sondern AZRAEL. <emphasis>Amphetamin </emphasis>Z 7 <emphasis>Reciprocal Ascarin Ethylmescalin Lophophinderivat.�</emphasis></p><p>Das Wortungeheuer ging ihm so fl�ssig von den Lippen, als h�tte er es unz�hlige Male ausgesprochen, aber in Mark l�ste es ein Schaudern aus. Jetzt, wo er endlich wu�te, was dieses Wort bedeutete, h�tte es seinen Schrecken eigentlich verlieren m�ssen. Aber das genaue Gegenteil war der Fall. �Hattet ihr Erfolg?� fragte er.</p><p>�Nein. Wir sind gescheitert - jedenfalls zuerst. Es war ein neuer, aber wie sich herausstellte auch riskanter Gedanke. AZRAEL war keine einzelne psychogene Substanz, sondern eine Mischung aus verschiedenen Drogen, die in ihrer Gesamtheit die Wirkung jeder einzelnen Droge �bertroffen h�tte - aber ohne s�chtig zu machen. Das war die Idee. Wir haben eine Menge Geld und sehr viel Zeit in dieses Projekt gesteckt, und ein paarmal glaubten wir wirklich, kurz vor dem Durchbruch zu stehen. Aber wir hatten nie wirklich Erfolg. L�bach und ich haben mehr als zehn Jahre daran gearbeitet, aber am Schlu� haben wir aufgegeben.�</p><p>�L�bach offensichtlich nicht�, sagte Mark leise. Die Kerkert�r in seinem Inneren begann sich zu �ffnen. Er erinnerte sich noch immer nicht wirklich, aber er sp�rte ein positives Echo auf die Worte seines Vaters.</p><p>�Nein, L�bach nicht�, best�tigte sein Vater. �Er hat weitergemacht - ohne mein Wissen und auf eigene Kosten. Er hat mir niemals verraten, was er <emphasis>wirklich </emphasis>getan hat, auch sp�ter nicht, als alles herauskam. Um ehrlich zu sein - ich habe ihn nicht gefragt. Ich glaube, ich wollte es nicht wissen. Ich war viel zu schockiert damals. Aber er hat ganz offensichtlich weitergemacht und tats�chlich eine vollkommen neue Droge entwickelt. Aber sie hatte nichts mehr mit dem zu tun, was uns vorschwebte, als wir mit unserer Arbeit begannen.� Er lachte bitter. �Ist das nicht komisch? Ihr w�rdet so etwas heutzutage wahrscheinlich eine Designerdroge nennen - wir hatten es schon vor zwanzig Jahren. Wie gesagt, ich wei� keine Details, aber es mu� ungef�hr so gewesen sein: Er entwickelte AZRAEL tats�chlich, und er ging einen Schritt weiter, als ich es jemals getan h�tte. Er experimentierte damit - zuerst an sich selbst, dann an anderen. Vornehmlich Kindern.�</p><p>�Kindern?!�</p><p>�Jugendlichen, wenn dir das Wort lieber ist�, sagte sein Vater. �Und an deiner Mutter.�</p><p>Mark setzte sich kerzengerade auf. �Das ist nicht wahr?�</p><p>�Ich f�rchte, doch�, sagte Petri leise.</p><p>�Sie l�gen!� fuhr ihn Mark an. �Meine Mutter hat niemals Drogen genommen!�</p><p>�Mark, bitte�, sagte sein Vater, aber Mark lie� ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern schrie ihn erneut und noch lauter an: �Das ist nicht wahr!�</p><p>�Vielleicht ist es besser, wenn ich den Rest der Geschichte erz�hle�, sagte Petri. �Ich habe vielleicht ein wenig mehr... Abstand.�</p><p>�Sie?!� fauchte Mark. �Ich dachte, L�bach und Sie w�ren gute Freunde gewesen?�</p><p>�Das waren wir auch, aber jemanden zu m�gen bedeutet nicht, alles guthei�en zu m�ssen, was er tut. Was dein Vater erz�hlt, ist die Wahrheit, Mark. Deine Mutter war tablettens�chtig, schon lange vor der Geschichte mit L�bach. Valium. Schlaftabletten, Schmerzmittel... du kennst das ja. Sie nahm alles, was sie bekommen konnte.�</p><p>�Von Ihnen, nehme ich an.�</p><p>�Von mir und von anderen�, best�tigte Petri unger�hrt. �Ja. Als ich merkte, wie es um sie stand, habe ich ihr nichts mehr gegeben - aber vergi� nicht, welchen Beruf dein Vater hat. Es war eine Kleinigkeit f�r sie, an alles heranzukommen, was sie haben wollte. Auf diese Weise ist sie wahrscheinlich auch in L�bachs Drogengruppe hineingerutscht. Sie haben sich damals einmal die Woche getroffen, um gemeinsam auf einen Trip zu gehen. Du wei�t, wo.�</p><p>�In... in einem alten Keller�, murmelte Mark. Die T�r �ffnete sich weiter, und dahinter war etwas. Etwas Gro�es, H��liches, das herauswollte.</p><p>�In der Fabrik deines Vaters, ja�, best�tigte Petri. �Wir haben das meiste erst sp�ter von der Polizei erfahren, aber es mu� wohl so gewesen sein, da� sie sich mindestens zwei Jahre lang regelm��ig dort trafen. Die meisten waren nicht �lter als du damals - elf, zw�lf Jahre. L�bach war so eine Art Guru f�r sie, auch wenn das Wort damals noch nicht so in Mode war wie heute. Sie haben dieses AZRAEL gemeinsam eingenommen, und wenn auch nur die H�lfte von dem stimmt, was L�bach uns sp�ter erz�hlt hat, dann mu� es seine k�hnsten Erwartungen noch �bertroffen haben. Der perfekte Supertrip, ohne Nebenwirkungen und ohne Suchtgefahr.�</p><p>�Und was ist passiert?� fragte Mark. Warum fragte er �berhaupt? Er wu�te es. Er hatte es im Traum gesehen. Er hatte sie alle umgebracht.</p><p>�Das wissen wir nicht�, sagte Petri. �Nicht genau. Wir wissen auch nicht genau, wie <emphasis>du </emphasis>in die Gruppe hineingekommen bist - vielleicht �ber deine Mutter oder �ber L�bachs Tochter. Du warst damals mit ihr befreundet, erinnerst du dich?�</p><p>Mark sch�ttelte den Kopf. <emphasis>Diese </emphasis>Information wurde von der lautlosen Stimme in seinem Inneren nicht best�tigt.</p><p>�Irgend etwas ist passiert�, fuhr Petri fort. �Etwas Entsetzliches. Ich vermute, irgendeine Nebenwirkung AZRAELs, mit der L�bach nicht gerechnet hat. Alles, was wir wissen, ist, da� es zu einer Katastrophe kam. Von den dreizehn Mitgliedern der Gruppe waren vier tot, und sechs weitere trugen irreparable geistige Sch�den davon.�</p><p>�Und die drei anderen?� fragte Mark.</p><p>�Einer war L�bach selbst�, antwortete Petri. �Die beiden anderen du und deine Mutter. Du hattest einen Schock und schwere Vergiftungserscheinungen, aber irgendwie hast du es verkraftet. Vielleicht, weil du noch nicht lange genug dabei warst.�</p><p>�Nur meine Mutter und ich sind davongekommen?� fragte Mark. �Was f�r ein Zufall.�</p><p>�Keineswegs�, antwortete Petri. �Allerh�chstens insofern, da� <emphasis>ich </emphasis>als erster Arzt bei euch war - weil dein Vater mich gerufen hat. Nat�rlich habe ich mich zuerst um dich und deine Mutter gek�mmert, und dann um die anderen. Vielleicht war es das. Du hast es jedenfalls �berstanden. Deine Mutter hatte weniger Gl�ck.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Weil sie sich an alles erinnerte, Mark�, antwortete sein Vater. �Sie ist nie damit fertig geworden. Sie hat die Wirkung des AZRAEL �berstanden, aber sie ist an dem zerbrochen, was sie getan hat.�</p><p>�Das... das ist nicht wahr�, stammelte Mark. �Ich glaube dir nicht. Du l�gst. Ihr l�gt beide!�</p><p>�Nein, Mark, das tun wir nicht�, sagte Petri. �Und du wei�t es. Vielleicht noch nicht jetzt, aber bald. Du wirst dich erinnern. Jetzt, wo du einmal wei�t, was wirklich geschehen ist, werden deine Erinnerungen zur�ckkommen. Wahrscheinlich ziemlich schnell. Ich hoffe, du wirst damit fertig.�</p><p>�Ihr l�gt!� schrie Mark erneut. �Das ist alles nicht wahr! Ich glaube euch nicht! L�bach war bis gestern noch auf freiem Fu�! Er war -�</p><p>�Er ist nie verhaftet worden�, unterbrach ihn sein Vater sanft.</p><p>�Und das soll ich glauben?� Mark lachte b�se. �Vier Tote und sechs andere so gut wie tot, und L�bach soll nicht belangt worden sein? Wem willst du das erz�hlen?�</p><p>�Die Polizei hat niemals herausgefunden, da� er hinter der Sache gesteckt hat�, sagte sein Vater. �Offiziell war es einfach ein Drogenunfall. Eine Gruppe Jugendlicher, die mit dem Feuer gespielt und sich dabei verbrannt hat. L�bachs Name ist nicht einmal gefallen. Er war nie in Verdacht.�</p><p>Mark starrte seinen Vater an. Er wu�te genau, was seine Worte wirklich bedeuteten, aber er weigerte sich einfach, es zu glauben. Nicht einmal sein Vater w�rde <emphasis>das </emphasis>tun.</p><p>�Weil du ihn gedeckt hast�, fl�sterte er.</p><p>Sein Vater schwieg.</p><p>�Warum? Aus <emphasis>Freundschaft?� </emphasis>So, wie er das Wort aussprach, h�rte es sich an wie ein Fluch. Petri fuhr sichtbar zusammen, aber das Gesicht seines Vaters blieb starr.</p><p>�Nein�, sagte er mit leiser, ausdrucksloser Stimme. �Ich h�tte ihn umgebracht, Mark. Wenn Petri mich nicht zur�ckgehalten h�tte, h�tte ich ihn damals get�tet. Ich habe ihn gedeckt, um <emphasis>dich </emphasis>zu sch�tzen. Dich und deine Mutter.�</p><p>�Oh ja, und L�bach gleich mit�, sagte Mark h�hnisch. �Den Mann, der uns das alles angetan hat - wenn es die Wahrheit ist.�</p><p>�Wir hatten keine Zeit, um nachzudenken�, sagte sein Vater. �Die Polizei war bereits auf dem Weg. Wir haben deine Mutter und dich weggebracht, und L�bach auch. Was h�tten wir tun sollen? Wenn die Polizei L�bach verh�rt h�tte, w�re alles herausgekommen. Wir hatten keine Wahl!�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Mark d�ster. Er starrte den Arzt an, und sein Blick mu�te regelrecht ha�erf�llt sein, denn Petri wich instinktiv einen halben Schritt vor ihm zur�ck. <emphasis>�Deshalb</emphasis> sind die anderen nicht durchgekommen, nicht? Nicht, weil Sie uns <emphasis>als erste </emphasis>behandelt haben, Doktor, sondern weil Sie uns <emphasis>als einzige </emphasis>behandelt haben. Ihr habt meine Mutter und L�bach und mich weggebracht und die anderen einfach verrecken lassen!�</p><p>�So war es nicht�, sagte sein Vater scharf. �Der Doktor hat getan, was in seiner Macht stand, aber es war zu sp�t.�</p><p>�Zu sp�t f�r wen?!� fragte Mark. �F�r dich? Worum hattest du Angst? Um mich und Mutter oder um deinen guten Ruf? Du wolltest uns sch�tzen, wie? Und du hast keine Sekunde lang daran gedacht, da� es deiner <emphasis>Firma </emphasis>schaden k�nnte, wenn die Geschichte herausk�me?�</p><p>Sein Vater sagte nichts, aber er sah pl�tzlich sehr betroffen aus. Der Schmerz, der bisher nur in seinem Blick gewesen war, breitete sich auf seinem ganzen Gesicht aus, wie ein Tintenfleck in einem Blatt Papier. Es war, als altere er vor Marks Augen in wenigen Sekunden um ein Jahrzehnt. Schlie�lich drehte er sich wortlos herum, stellte sein Glas auf den Tisch und verlie� mit langsamen Schritten die Bibliothek.</p><p>�Das war sehr grausam von dir, Mark�, sagte Petri leise. �Und ungerecht.�</p><p><emphasis>�Ungerecht?!� </emphasis>Mark schrie das Wort beinahe. �Sie wissen ja nicht, was Sie da reden, Doktor.�</p><p>�Dein Vater tr�gt keine Schuld an dem, was passiert ist.� Petri fuhr sich mit beiden H�nden durch das Gesicht. Er sah sehr m�de aus. �Vielleicht hast du sogar recht, und wir h�tten all das nicht tun d�rfen, Mark. Aber wir wollten dich nur sch�tzen. Dich und deine Mutter. Dein Vater hat sie sehr geliebt, Mark. Er tut es noch heute.�</p><p>�Mein Vater wei� nicht einmal, was das Wort <emphasis>Liebe </emphasis>bedeutet�, sagte Mark bitter.</p><p>Petri seufzte. �Mark, du -�</p><p>�Lassen Sie mich in Ruhe!� fiel ihm Mark ins Wort. �Bitte, <emphasis>Doktor Petri - </emphasis>ich habe genug geh�rt. Mehr, als ich wollte.�</p><p>�Aber du hast anscheinend nicht -�</p><p><emphasis>Petri </emphasis>hatte anscheinend nicht begriffen, wie es in Mark wirklich aussah. Aber seine Kraft war aufgebraucht. Er konnte sich nicht mehr beherrschen, und er wollte es auch gar nicht mehr. In seinem Kopf kreiste ein au�er Kontrolle geratenes Kaleidoskop aus Bildern, Worten, Erinnerungen und Gef�hlen, und nichts von alledem war positiv. Er wollte schreien, irgend etwas packen und zerschlagen, <emphasis>irgend etwas tun, </emphasis>nur nicht mehr dasitzen und sich diesem schrecklichen Wissen stellen, da� Petri und sein Vater die Wahrheit gesagt hatten. Ohne Vorwarnung sprang er auf und ri� den Arm in die H�he, wie um Petri tats�chlich zu schlagen.</p><p>Aber er tat es nicht. Petri prallte zur�ck und starrte ihn entsetzt an, aber Mark stand einfach sekundenlang da, zitternd, mit erhobenem Arm und verzerrtem Gesicht, ehe er auf dem Absatz herumwirbelte und aus dem Haus lief, so schnell er konnte.</p></section><section><title><p>17. Kapitel</p></title><p>Sie hatten ihm seine Uhr weggenommen, so da� er nicht sagen konnte, wie lange er schon hier war - was immer <emphasis>Hier</emphasis> auch bedeuten mochte. Er wu�te nicht, wo er war, und er erinnerte sich nicht einmal <emphasis>wirklich, </emphasis>wie er hierhergekommen war. Er erinnerte sich vage an ein Zimmer, in dem er aufgewacht war, nachdem die Wirkung der Spritze nachlie�, die ihm der Arzt im Krankenwagen gegeben hatte, aber es war nicht dieses Zimmer gewesen. Dieses andere Zimmer hatte Fenster gehabt und eine Klingel, die er bet�tigen und damit nach der Schwester rufen konnte.</p><p>Das Zimmer, in dem er sich jetzt befand, hatte keine Fenster. Und es hatte auch keine Klingel, ebensowenig wie einen Schrank, eine Waschgelegenheit oder wenigstens eine Toilette. Der Raum war sehr klein und enthielt nichts als das breite, aber trotzdem unbequeme Bett, auf dem er lag, und eine wuchtige T�r, der man trotz der neutralen wei�en Lackierung ansah, da� sie aus massivem Stahl gemacht war, schwer genug, jedem Tresor Ehre zu machen. Oh ja, und noch etwas: Unmittelbar �ber dieser T�r war ein gl�nzendes rundes Glasauge, das ihn best�ndig anstarrte. Das Objektiv einer Videokamera. Wenn er hier in einem Krankenhaus war, dann in dem sonderbarsten, von dem er jemals geh�rt hatte.</p><p>Aber Hansen glaubte nicht, da� es sich um ein Krankenhaus handelte. Er war mit einem Krankenwagen hergebracht worden - wenigstens vermutete er das -, und die wenigen Menschen, die er bisher zu Gesicht bekommen hatte, trugen ausnahmslos wei�e Kleidung und helle Turnschuhe; au�erdem hatten sie eine unangenehme Vorliebe f�r Spritzen, von denen sie ihm schon eine ganze Anzahl verabreicht hatten, ohne da� sich irgend jemand die M�he machte, ihm etwa zu sagen, <emphasis>was </emphasis>sie ihm da spritzten. Er hatte ein paarmal gefragt, aber keine Antwort bekommen. Eigentlich hatte bisher noch niemand wirklich mit ihm gesprochen - wenn man unter <emphasis>gesprochen </emphasis>nicht verstand, da� nur einer der Gespr�chspartner redete und der andere schwieg oder Fragen beantwortete, die er gar nicht gestellt hatte.</p><p>In diesem Punkt war er allerdings nicht ganz sicher. Seine Erinnerungen spielten ihm einen Streich - nicht nur, was den Weg hierher anging, sondern auch die Zeit danach. Er hatte das <emphasis>Gef�hl, </emphasis>da� es mehrere Stunden gewesen sein mu�ten, war aber nicht sicher. Vielleicht lag es an den Spritzen, vielleicht an dem, was in der vergangenen Nacht geschehen war - auch daran erinnerte er sich nur unscharf, weniger wie an etwas Selbsterlebtes, das erst ein paar Stunden zur�cklag, sondern wie an einen Film, den er vor vielen Jahren einmal gesehen und schon zum Gro�teil wieder vergessen hatte -, aber seine Gedanken verwirrten sich immer wieder. Dreimal war er allein hochgeschreckt und hatte sich gefragt, wo er �berhaupt war, und einmal gar, <emphasis>wer </emphasis>er war. Seine Erinnerungen setzten immer gleich darauf wieder ein, aber vielleicht war das gerade das Schlimme: Er war sich der Tatsache bewu�t, da� er Blackouts hatte, und da� sie immer schneller kamen und immer l�nger dauerten. <emphasis>Was in Gottes Namen geschah mit ihm?</emphasis></p><p>Hansen richtete sich auf dem Bett auf. Die Bewegung verlangte gro�e Kraft von ihm und noch mehr Konzentration. Nicht nur sein Erinnerungsverm�gen hatte gelitten, er f�hlte sich auch k�rperlich schlecht - so schwach wie ein Baby und schwindelig. Sein rechter Arm war taub von den vielen Spritzen, die er bekommen hatte, und als er versuchte, sich weiter aufzusetzen und die Beine vom Bett zu schwingen, h�tte er es fast nicht geschafft. Um ein Haar w�re er nach vorne gekippt und h�tte kaum die Kraft gehabt, sich zu halten.</p><p>Er st�hnte leise. In einer kraftlosen Bewegung sank er nach vorn, st�tzte die Ellbogen auf die Knie und verbarg das Gesicht in beiden H�nden. Das Schwindelgef�hl zwischen seinen Schl�fen war jetzt so schlimm, da� er es nicht wagte, die Augen zu �ffnen, aus Angst, da� ihm �bel werden konnte.</p><p>Wo war er hier? Was hatten sie nur mit ihm getan?</p><p>Es war einer seiner lichten Momente, wie ihm mit grausamer Deutlichkeit bewu�t wurde. Nicht der erste. Und es war auch nicht das erste Mal, da� er sich genau diese Frage stellte und vielleicht sogar eine Antwort darauf gefunden hatte, aber er hatte sie ebenso vergessen wie die davor und die vor ihr, und die davor.</p><p>Pl�tzlich hatte er Angst. Eine Angst, die in Bruchteilen von Sekunden beinahe zur Panik wurde und ihn h�tte aufschreien lassen, h�tte er nur die Kraft daf�r gehabt. Hansen war kein Feigling; eigentlich hatte er das Gef�hl der Angst nur sehr selten kennengelernt und niemals in dieser Auspr�gung. Aber nat�rlich gab es auch in seinem Leben etwas, das er f�rchtete, vor dem er mehr Angst hatte als vor allem anderen - wie bei jedem Menschen. Bei Hansen war es die Angst, wahnsinnig zu werden.</p><p>Sie war nicht unbegr�ndet. Er selbst hatte niemals an seiner geistigen Gesundheit zweifeln m�ssen, aber er hatte einen Bruder gehabt - er war vier Jahre �lter gewesen als er und im vergangenen Jahr (endlich) gestorben -, der geistig zur�ckgeblieben war. Hansen war zusammen mit einem Bruder aufgewachsen, der stets gr��er und sehr viel kr�ftiger als er gewesen war, f�r eine Weile �lter, f�r eine kurze Weile ebenso alt wie er und f�r lange, qualvolle Jahre j�nger; ein f�nfj�hriges Kind im K�rper eines Mannes, das niemals richtig gelernt hatte zu denken, sich zu artikulieren und sich zu bewegen, und ein durch und durch b�ses Kind noch dazu. Hansen hatte notgedrungen viel �ber geistige Behinderungen gelernt, und ihm war nicht verborgen geblieben, da� die meisten Schwachsinnigen erstaunlich friedfertig waren; wenigstens die, die man frei herumlaufen lie�. Sein Bruder nicht. Er war nicht direkt gef�hrlich; nicht so, da� es einen Grund gegeben h�tte, ihn einzusperren oder unter irgendeine besondere Aufsicht zu stellen, aber er machte Hansen und seiner ganzen Familie das Leben zur H�lle. Die vierundzwanzig Jahre, die er alt geworden war, hatten das Leben seiner Eltern zerst�rt und das seines j�ngeren Bruders zu einer Qual gemacht. Als er schlie�lich gestorben war, hatte die ganze Familie aufgeatmet - und in Hansen war die tiefverwurzelte, unausl�schliche Angst zur�ckgeblieben, eines Tages genauso zu werden.</p><p>Vielleicht war es mehr als blo�e Furcht gewesen. Vielleicht eine Ahnung, vielleicht hatte er instinktiv gesp�rt, da� das gleiche, grausame Etwas, das den Geist seines Bruders zerst�rt hatte, auch schon in ihm war: ein unsichtbares Krebsgeschw�r, das lautlos und im verborgenen wucherte und auf den Moment wartete, auszubrechen.</p><p>War es jetzt soweit? War das der Grund, weshalb er hier war? Weshalb dieses Krankenhaus keinem Krankenhaus �hnelte, das er je gesehen hatte, weil es kein Kranken-, sondern ein Irrenhaus war?</p><p>Hansen sp�rte, da� er dabei war, sich selbst in eine Furcht hineinzusteigern, der er vielleicht nicht mehr w�rde Herr werden k�nnen, und zwang sich mit einer gewaltigen Anstrengung, den Gedankengang abzubrechen. Er nahm die H�nde herunter, hob den Kopf und �ffnete mit einem Ruck die Augen. Wie er erwartet hatte, wurde ihm schwindelig, aber nicht so schlimm, wie er gef�rchtet hatte. F�r einen Moment schwankte das kleine, fensterlose Zimmer vor seinen Augen auf und ab, aber er brachte den Effekt mit einer bewu�ten Anstrengung zum Erliegen. Er wu�te nicht, wo er war, aber eines konnte er mit gro�er Sicherheit sagen: Dies war <emphasis>keine </emphasis>Irrenanstalt. Die ber�hmte Gummizelle - deren W�nde �brigens in den seltensten F�llen tats�chlich aus Gummi bestanden - sah anders aus. Sie hatte zum Beispiel keine Tresort�r, und es gab auch kein Videoauge in der Wand, das jede Bewegung ihres Insassen mi�trauisch �berwachte. Wo also war er?</p><p>Vielleicht lag die Antwort auf diese Fragen in den Ereignissen der vergangenen Nacht. Hansen hatte immer noch Schwierigkeiten, sich zu erinnern, aber nun versuchte er das Problem mit Logik anzugehen. Eine der ersten Lektionen, die er w�hrend seiner Ausbildung zum Polizeibeamten gelernt hatte, beinhaltete, da� es zwar richtig war, ein Problem in seiner Gesamtheit zu betrachten, der genau entgegengesetzte Weg aber ebenso zum Erfolg f�hren konnte: den Blick auf die Details zu lenken und jedes einzelne sorgsam zu pr�fen. Er war mit Bremer auf Streife gewesen, und ihre Schicht war schon beinahe vor�ber. Er erinnerte sich, sehr m�de gewesen zu sein und alles andere als begeistert, als der Einsatzbefehl �ber Funk kam. Es ging um einen...</p><p>An diesem Punkt setzten seine Erinnerungen aus. Er... <emphasis>glaubte, </emphasis>da� es um einen Selbstm�rder gegangen war, war aber nicht sicher. Irgend etwas war danach geschehen. In seinem Kopf waren ein paar zusammenhanglose Bilder: ein Hochhaus, Menschen, die zusammengelaufen waren und die K�pfe in den Nacken legten, eine winzige wei�e Gestalt, die mit weit ausgebreiteten Armen wie ein bleicher Vogel ohne Schwingen hoch durch die Luft flog, dann ein Schrei und ein dumpfer Aufprall; irgend etwas hatte ihn getroffen, danach kam wieder eine L�cke, die mit vagen, aber zusammenhanglosen Bildern und Empfindungen gef�llt war. Dann der Krankenwagen. Er hatte nicht gewollt, da� man ihn hineinlegte, sich zugleich aber auch nicht wirklich dagegen wehren wollen. Wieder eine L�cke: ein Blackout, das diesmal seine Erinnerungen betraf und total war. Das n�chste, woran er sich erinnerte - daran aber sehr klar -, war das Krankenhaus gewesen, in dem er das erste Mal aufgewacht war. Anders als dies ein ganz normales Krankenhaus mit einem ganz normalen Bett und ganz normalem Personal. Eine Schwester war gekommen und hatte ihm zu trinken gebracht, und danach...</p><p>Ja, danach hatte er verlangt, mit seiner Frau telefonieren zu d�rfen. Er kannte die Vorschriften. Sicherlich hatte man Angelika l�ngst dar�ber informiert, da� er einen Unfall (Unfall?) gehabt hatte und ins Krankenhaus gebracht worden war, und sie w�rde sich Sorgen machen. Er mu�te anrufen und sie beruhigen. Aber statt eines Telefons war ein Arzt in seinem Zimmer erschienen, und statt ihn zu entlassen, hatte er ihm mitgeteilt, da� noch einige Untersuchungen n�tig seien. Er hatte nicht protestiert. Eine weitere Lektion, die er schon sehr fr�h gelernt hatte, war, da� es keinen Sinn hatte, sich mit �rzten zu streiten. Sie hatten meistens recht, und wenn schon nicht das, waren sie doch fast immer in der st�rkeren Position. Er hatte nicht einmal gefragt, welche Untersuchungen und warum, sondern sich in sein Schicksal gef�gt und nur darum gebeten, da� man seine Frau benachrichtigte und ihr mitteilte, wo er war und da� ihm nichts Ernstes fehlte. Danach hatte der Arzt ihm eine Spritze gegeben, und er war eingeschlafen.</p><p>Das Mittel hatte nicht richtig gewirkt, oder etwas in ihm hatte sich gegen seine Wirkung gewehrt, denn er war schon nach kurzem wieder aufgewacht und hatte sich in einem D�mmerzustand zwischen Schlafen und Wachen befunden. Sein Bewu�tsein war st�ndig von der einen Seite der Grenze auf die andere hin�ber und wieder zur�ck geglitten, so da� er in Bruchst�cken mitbekommen hatte, da� man ihn aus dem Zimmer und einige Augenblicke sp�ter in einen Krankenwagen brachte, der ohne Blaulicht und Sirene, aber trotzdem sehr schnell losgefahren war. Da hatte er das erste Mal Angst bekommen. Er war nicht verletzt, er hatte keine Schmerzen, Und mit Ausnahme seiner Benommenheit - die mit gro�er Wahrscheinlichkeit an der Spritze lag, die er bekommen hatte - f�hlte er sich gut. Aber warum brachte man ihn dann weg? Und wohin?</p><p>Seitdem war er hier, in diesem unheimlichen Zimmer. Ein paarmal waren M�nner in wei�en Hosen und kurz�rmeligen wei�en Jacken gekommen, um nach ihm zu sehen oder eine Nadel in seinen Arm zu stechen, und das war alles, was er wu�te.</p><p>Hansen richtete sich weiter auf und atmete ein paarmal bewu�t tief ein und aus, um das leise Gef�hl der �belkeit zu bek�mpfen, das sich in seinem Magen ausgebreitet hatte. Sein Blick suchte das starre Kameraauge �ber der T�r und fixierte es lange genug, damit er sicher war, da�, wer immer den dazugeh�rigen Monitor auf der anderen Seite beobachtete, es auch bemerkt hatte.</p><p>�Ich will mit einem Arzt sprechen�, sagte er, nicht sehr laut, aber mit schon fast �berdeutlicher Betonung und allem Nachdruck, den er in die Worte legen konnte. �H�ren Sie? Ich verlange, sofort mit jemandem zu reden, der mir sagt, was hier los ist.�</p><p>Nat�rlich bekam er keine Antwort. Er konnte nirgendwo einen Lautsprecher entdecken, aber wahrscheinlich h�tte er auch keine bekommen, h�tte es einen gegeben. Es spielte keine Rolle. Seine Worte waren mit Sicherheit geh�rt worden. Wer immer sich solche M�he mit ihm gab, w�rde die Videokamera dort �ber der T�r nicht ausgeschaltet lassen. Und bei allen �ngsten, die ihn peinigten, hatte er doch immer noch Vertrauen in die Wissenschaft und die �rzte. Er war zornig, da� ihm niemand etwas gesagt hatte, da� man ihm Spritzen gab, ohne ihm zu erkl�ren, warum, und ihm ein einfaches Telefongespr�ch mit seiner Frau verweigerte, aber er unterstellte ihnen - wer immer sie waren - trotzdem noch immer die besten Absichten. Beschweren konnte er sich sp�ter, und das w�rde er auch hin, aber jetzt galt es erst einmal, sich �ber seine Situation Klarheit zu verschaffen.</p><p>Zeit verstrich. Hansen blieb aufrecht und reglos auf der Bettkante sitzen und bem�hte sich auch, seine H�nde und sein Gesicht unter Kontrolle zu halten, denn ihm war klar, da� er beobachtet wurde. Er versuchte, das Verstreichen der Zeit zu sch�tzen, dann begann er zu z�hlen: in einem langsamen, gleichm��igen Rhythmus, der sich am Takt seiner Herzschl�ge orientierte. Zuerst bis hundert, dann bis f�nfhundert.</p><p>Niemand kam.</p><p>Daf�r kehrte die Furcht zur�ck. Er hatte pl�tzlich einen absurden, aber gr��lichen Gedanken: Was, wenn er all das nicht wirklich erlebte? Was, wenn er nur <emphasis>glaubte, </emphasis>es zu erleben? Wenn er niemals in dieses seltsame Zimmer gekommen war, sondern noch immer im Krankenhaus lag, angeschlossen an eine Unzahl durchsichtiger Schl�uche und bunter Dr�hte, in denen er sich verfangen hatte wie in dem verchromten Netz einer riesigen st�hlernen Spinne, deren Opfer er geworden war - und die es nicht auf sein Heisch, sondern auf seinen Geist abgesehen hatte? Was, wenn er -</p><p>Es hatte schon einmal geholfen, und er versuchte auch jetzt, den Gedanken mit einer bewu�ten Anstrengung abzubrechen. Die Angst blieb. Die Stimme der Logik war zu d�nn und hatte nicht die richtigen Argumente, das b�se Fl�stern in seinem Kopf zum Verstummen zu bringen. Es wurde etwas leiser, aber es war noch da und gewann mit jedem Moment an Eindringlichkeit und �berzeugungskraft. St�hnend schlo� Hansen die Augen und pre�te die Lider so fest zusammen, da� wei�e Lichtblitze vor seinen Augen tanzten. Er schlo� die H�nde, ballte sie zu F�usten und grub ganz bewu�t die Fingern�gel tief in sein eigenes Fleisch. Der Schmerz war wie ein d�nner, hei�er Draht, der in seine H�nde schnitt, aber er lockerte seinen Griff nicht, sondern wandte im Gegenteil noch mehr Kraft auf. Schmerz - k�rperlicher Schmerz - war etwas Reales, ein Teil der Welt, in der er lebte und <emphasis>bleiben </emphasis>wollte, und er war nicht sein Feind, sondern die Rettungsleine, nach der er mit verzweifelter Kraft griff, um sich daran festzuklammern und nicht vollends hineingerissen zu werden in den Strudel aus Angst und Wahnsinn, auf den er immer schneller und schneller zutrieb.</p><p>Es half. Die Furcht verebbte ganz langsam. Der Sog wurde schw�cher, er sp�rte, wie warmes Blut �ber seine H�nde lief und zu Boden tropfte, aber es war ein k�stliches Gef�hl, ein Gef�hl, das ihm bewies, da� er noch lebte und sich noch immer in einer Welt realer Dinge befand. Nicht in jenem unsichtbaren Gef�ngnis aus Infantilit�t und Irrsinn, das den Geist seines Bruders verschlungen hatte.</p><p>Als er die Augen �ffnete, war er nicht mehr allein.</p><p>Er hatte nicht geh�rt, da� die T�r aufgegangen war, aber sie mu�te es wohl, denn vor ihm stand ein sehr gro�er, schlanker Mann mit grauem Haar, einem asketischen Gesicht und der hier allgemein �blichen Kleidung: wei�e Hosen, wei�es Hemd und dar�ber ein wei�er Kittel. Aber er war kein Pfleger, sondern Arzt. Hansen h�tte das kleine Namensschildchen an seinem Kittel gar nicht sehen m�ssen, um das zu wissen. Er war in seinem Leben genug �rzten begegnet, um sie sofort zu erkennen.</p><p>�Gott sei Dank�, murmelte er erleichtert. �Endlich. Ich dachte schon, es kommt �berhaupt niemand mehr.�</p><p>Der Grauhaarige l�chelte. Auch dieses L�cheln kannte Hansen zur Gen�ge. Er hatte es so oft gesehen, wenn er seinen Bruder und seine Mutter zum Arzt begleitete - ein L�cheln, das nichts bedeutete und allenfalls die eigene Unsicherheit verbarg.</p><p>�Wie ich sehe, geht es Ihnen endlich besser�, sagte der Arzt. �Wie f�hlen Sie sich?�</p><p>�Nicht besonders gut�, gestand Hansen. �Mir ist schwindelig, und ich f�hle mich sehr schwach. Was ist passiert? Wo bin ich?�</p><p>�Im Krankenhaus�, erwiderte der andere. �Aber das wissen Sie sicher selbst. Sie sind in guten H�nden, keine Sorge, Ihnen wird nichts geschehen.�</p><p>, Allein der Umstand, da� er diese Versicherung f�r n�tig hielt, beunruhigte Hansen schon wieder. �Was ist passiert?� fragte er. �Hatte ich einen Unfall?�</p><p>Der Arzt hob abwehrend die Hand. �Ich bin hier, um Ihnen alles zu erkl�ren�, sagte er. �Ich bin Dr. Artner, der Leiter dieser Klinik, und ich nehme an, Sie haben tausend Fragen.�</p><p>�Vor allem m�chte ich mit meiner Frau sprechen�, antwortete Hansen. Er kannte auch die Art Artners zu reden zur Gen�ge. So wie sein L�cheln bedeutete sie nichts. Er w�rde antworten, aber es w�rden wahrscheinlich Antworten sein, die keine waren.</p><p>�Ihr Frau wurde benachrichtigt�, sagte Artner, �machen Sie sich keine Sorgen. Sie wei�, da� es Ihnen gutgeht, wahrscheinlich besser, als Sie selbst.�</p><p>�Bestimmt sogar�, sagte Hansen und bekam einen Begleiter: Zorn.</p><p>�Bitte, Herr Doktor�, fuhr er in unh�rbar sch�rferem, aber auch entschlossenem Tonfall fort, �ich m�chte jetzt wissen, was �berhaupt passiert ist.�</p><p>�Sie erinnern sich nicht?� fragte Artner.</p><p>�Nein�, erwiderte Hansen. �Dann w�rde ich kaum fragen, oder?�</p><p>Artner seufzte und schien einen Moment intensiv nachzudenken, wie er antworten sollte. �Nun gut�, sagte er schlie�lich. �Ich denke, wir sollten uns wirklich unterhalten.�</p><p>�Das glaube ich auch�, antwortete Hansen, noch immer im gleichen, h�rbar aggressiven Ton. �Es sei denn, Sie legen Wert darauf, da� ich jetzt aufstehe und hier herausspaziere.� Er deutete auf die T�r.</p><p>Artner machte sich nicht einmal die M�he, seiner Geste zu folgen. Er sah ihn nur an. �Also gut�, sagte er. �Reden wir. Aber nicht �ber Sie.�</p><p>�Wor�ber sonst?�</p><p>�Oh, da fallen mir auf Anhieb eine Menge interessanter Themen ein�, sagte Artner. Etwas in seinem L�cheln ver�nderte sich. Hansen h�tte nicht sagen k�nnen, was, aber was immer es auch war - es beunruhigte ihn.</p><p>�Zum Beispiel?�</p><p>�Zum Beispiel Ihr Bruder�, antwortete Artner.</p><p>Hansen erstarrte. <emphasis>Sein Bruder? </emphasis>Was um alles in der Welt -</p><p>�Er war schwachsinnig, nicht wahr? Ich meine: total verr�ckt, zur�ckgeblieben, ein Idiot.�</p><p>�Was hat das ... mit mir zu tun?� fragte Hansen stockend. Seine H�nde zitterten pl�tzlich. Er sah an sich herab und stellte fest, da� sie nicht mehr bluteten. Das konnten sie auch nicht. Die winzigen sichelf�rmigen Wunden, die seine Fingern�gel vorhin in seine Haut gegraben hatten, waren nicht mehr da.</p><p>�Nichts�, antwortete Artner. �Ich dachte nur, es w�re ein interessantes Thema. Eines, �ber das Sie gerne reden w�rden.�</p><p>�Wie... wie kommen Sie darauf?� murmelte Hansen. Jede Sch�rfe und jede Sicherheit waren aus seiner Stimme verschwunden. Sie zitterte jetzt ebenso heftig wie seine H�nde, und er sp�rte, wie sich hinter seiner Stirn etwas Dunkles, Gro�es, K�rperloses zu drehen begann.</p><p>�Stimmt das etwa nicht?� wollte Artner wissen, �Sie denken doch oft an Ihren Bruder zur�ck, nicht? Wie hie� er doch gleich? Gerd?�</p><p>�Fred�, antwortete Hansen.</p><p>�Fred, so.� Artner nickte ein paarmal. �Ein passender Name f�r einen Schwachsinnigen. Obwohl Gerd eigentlich auch pa�t - aber das ist Ihr Vorname, nicht wahr?�</p><p>Hansen starrte ihn an. Er antwortete nicht mehr. Er h�tte es gar nicht gekonnt, denn seine Kehle war zugeschn�rt. Sein Herz schlug ganz langsam, aber sehr schwer.</p><p>�Aber keine Angst, Gerd�, fuhr Artner fort. �Ich bin nicht gekommen, um Ihnen schonend beizubringen, da� Sie verr�ckt geworden sind. Das sind Sie nicht.� Er lachte. �Jedenfalls nicht verr�ckter als die meisten dort drau�en, die sich f�r normal halten.�</p><p>�Was... was soll das?� kr�chzte Hansen. �Ich verstehe nicht, was...�</p><p>�Na ja, das k�nnen Sie vermutlich auch nicht�, unterbrach ihn Artner. �Schlie�lich bin ich ja hier, um Ihnen alles zu erkl�ren. Das ist meine Aufgabe, wissen Sie? Erkl�ren und beruhigen - auch wenn es manchmal gar nichts zu erkl�ren gibt und schon gar nichts zu beruhigen. Ich meine, sehen Sie mich an, ich bin der Leiter dieser Klinik. Das alles hier geh�rt mir. Zwanzig �rzte, an die hundert Pfleger und Schwestern und Technik im Wert von etlichen zig Millionen - und was habe ich davon? Nichts.�</p><p>�Bitte, Dr. Artner�, sagte Hansen mit letzter Kraft. �Was immer Sie mir sagen wollen, sagen Sie es. Erkl�ren Sie mir, was mit mir geschieht.�</p><p>�Aber das versuche ich ja gerade�, antwortete Artner in einem Ton resignierender Geduld. �Es hat �berhaupt keinen Sinn, sich gegen das Schicksal aufzulehnen, wissen Sie? Fr�her habe ich das einmal geglaubt, aber es stimmt nicht. Wir k�nnen tun, was wir wollen, am Ende ist es st�rker.� Er zog einen Schmollmund. �Schauen Sie mich an! Dieser ganze Laden hier h�rt auf mein Kommando, und was habe ich davon? Ich bin tot!�</p><p>Hansen ri� ungl�ubig die Augen auf. �Wie?�</p><p>�Ja, ja�, sagte Artner. �Ich bin tot. Sehen Sie!� Er griff in die rechte Tasche seines Kittels, zog ein Skalpell heraus und f�hrte es mit einer langsamen, sehr pr�zisen Bewegung �ber seine linke Wange. Das Fleisch klaffte auf und fiel herunter wie ein St�ck losgerissener Tapete, und darunter kamen der blanke Knochen und rote Muskel- und Sehnenstr�nge zum Vorschein. Als er weitersprach, konnte Hansen sehen, wie sich die Zunge in seinem Mund bewegte wie ein kleiner fleischiger Wurm, der vergebens gegen die St�be eines Elfenbeink�figs anrannte.</p><p>�Hoppla�, sagte Artner. �Das war vielleicht etwas �bertrieben. Aber so ist das: Man wird leicht unachtsam, wenn man keine Schmerzen mehr f�rchten mu�.� Er entledigte sich des Skalpells, indem er es sich wuchtig in den linken Unterarm stie�, griff mit der freigewordenen Hand nach seinem Gesicht und klappte den Fleischlappen, der seine Wange gewesen war, wieder nach oben.</p><p>�Haben Sie Angst vor Schmerzen, Gerd?� fragte er.</p><p>Hansen schrie. Voller Panik wich er vor Artner zur�ck, st�rzte nach hinten und begann r�cklings �ber das Bett vor ihm davonzukriechen.</p><p>�Ich will Ihnen keine Angst machen�, fuhr Artner im Plauderton fort. �Ich frage nur, weil Sie wahrscheinlich eine gewaltige Menge Schmerzen ertragen werden m�ssen, dort, wo Sie hingehen. Und f�r ziemlich lange, f�rchte ich.� Er lachte leise. �Oh ja, <emphasis>sehr lange. </emphasis>Wie lang ist die Ewigkeit?�</p><p>Hansen kreischte weiter. Der Schrei wurde von den gepolsterten W�nden zur�ckgeworfen und hallte schmerzhaft laut in seinen Ohren, und in ihm erwiderte eine lautlose Stimme den Schrei und fegte auch noch den letzten Rest von Beherrschung davon. Hinter seiner Stirn begann sich ein Druck aufzubauen, der binnen Sekunden die Grenzen des Ertr�glichen erreichte und �berstieg und immer noch weiter und weiter wuchs, bis er das Gef�hl hatte, explodieren zu m�ssen. Seine Furcht erreichte eine Intensit�t, die wirkliche k�rperliche Schmerzen freisetzte, aber diesmal war dieser Schmerz kein Freund, sondern ein Verb�ndeter der Panik, der mit scharfen Krallen an der immer d�nner werdenden Barriere ri�, die seinen Verstand noch von den Abgr�nden des Wahnsinns trennte. Und Artner kam n�her. Er hatte das Bett erreicht und ging einfach hindurch - nicht wie ein Geist oder ein Trugbild, das einfach durch feste Materie hindurchglitt, sondern mit langsameren, m�hevollen Schritten, wie ein Mann, der in knietiefem z�hem Schlamm watete.</p><p>�Ich habe eine �berraschung f�r dich, Gerd�, sagte er. �Aber ich furchte, sie wird dir nicht gefallen.�</p><p><emphasis>Seine Stimme. </emphasis>Etwas stimmte nicht mit seiner Stimme. Es war pl�tzlich nicht mehr die des Arztes. Das hie� - nicht eigentlich seine <emphasis>Stimme </emphasis>hatte sich ver�ndert, sondern vielmehr seine Art, zu reden. Sie war... schleppender geworden. Monotoner. Kindlicher?</p><p>Die T�r zu Hansens Zelle wurde mit einem Knall aufgerissen, und zwei muskul�se M�nner in wei�en Pflegeruniformen st�rmten herein, dicht gefolgt von einem dritten, etwas �lteren Mann, dem man, ganz wie Artner zuvor, den Arzt ansah. Offenbar hatte die Videokamera doch ihren Dienst getan, und sie waren gekommen, um ihn zu retten. Sie w�rden Artner �berw�ltigen und -</p><p>Sie ignorierten Artner.</p><p>Hansen schrie weiter aus Leibeskr�ften und schlug und trat mit Armen und Beinen um sich, aber er hatte keine Chance gegen die beiden Pfleger. Mit routinierten Bewegungen ergriffen sie ihn und rangen seinen Widerstand scheinbar m�helos nieder. Hansen schrie weiter, b�umte sich mit verzweifelter Kraft auf und br�llte, und Artner stand die ganze Zeit da, bis zu den Knien in seinem Bett versunken und l�chelnd, und irgend etwas geschah mit seinem Gesicht. Es ver�nderte sich, ohne sich wirklich zu ver�ndern. Etwas Bekanntes war mit einem Male darin, etwas auf eine furchtbare Weise Vertrautes, das nicht sein konnte, das <emphasis>einfach nicht sein durfte, </emphasis>denn es war unm�glich, absolut und vollkommen unm�glich.</p><p>�Beruhigen Sie sich, Hansen!� sagte der neu hinzugekommene Arzt. Er stand direkt hinter Artner auf der anderen Seite des Bettes, so da� Hansen sein Gesicht nur zum Teil sehen konnte. Er sah erschrocken aus und sehr besorgt - aber <emphasis>er sah Artner nicht. </emphasis>Sein Blick war fest auf Hansen gerichtet, obwohl er ihn doch sehen mu�te. Er stand unmittelbar vor ihm!</p><p>�Ja, ja, du solltest auf meinen armen lebenden Kollegen h�ren�, sagte Artner fr�hlich. �Beruhige dich. Es w�re wirklich kl�ger.� Er lachte meckernd. �Um dich aufzuregen, hast du noch viel Zeit. Viel, viel, viel Zeit.�</p><p>Etwas in Hansen zerbrach. Der Druck hinter seiner Stirn �berstieg die Grenzen des Vorstellbaren, und es war wirklich wie eine kleine Explosion - er konnte f�hlen, wie irgendein Widerstand in ihm nachgab, die Mauern einst�rzten, die seinen Verstand bisher trotz allem noch irgendwie gesch�tzt hatten. Er heulte auf, mobilisierte noch einmal alle Kr�fte und schaffte es dann, seinen rechten Arm loszurei�en. Der Pfleger auf der entsprechenden Seite des Bettes fluchte, versuchte seine Hand wieder zu ergreifen und taumelte im n�chsten Augenblick einen Schritt zur�ck, als Hansen ihm die Faust mit aller Gewalt in den Leib trieb.</p><p>�Nicht schlecht�, sagte Artner anerkennend. �Aber auch nicht gut. Jedenfalls nicht gut genug. Den beiden bist du nicht gewachsen, f�rchte ich. Sie verstehen ihr Handwerk.� Er l�chelte weiter, und diese furchtbare Vertrautheit nahm noch zu. Es war gar nicht sein Gesicht, das sich ver�ndert hatte. Es waren seine Augen. Etwas <emphasis>in </emphasis>seinen Augen, das Hansen wiedererkannte. Etwas, das er beinahe zwanzig Jahre seines Lebens gesehen und fast die gleiche Zeit �ber gef�rchtet hatte. Und geha�t. Verzweifelt b�umte er sich auf und versuchte auch seinen anderen Arm loszurei�en, aber es war so, wie das Artner-Ding gesagt hatte: Er war den beiden Pflegern nicht gewachsen. Die beiden waren viel st�rker als er, und was die angeblich so absolute Kraft anging, die die Todesangst verleihen sollte, so war sie entweder nur eine Legende, oder die beiden Pfleger waren im Umgang mit ihr ge�bt. Er versuchte einen zweiten Fausthieb anzubringen, aber diesmal fing der Mann seinen Schlag mit einer fast spielerischen Bewegung ab, packte ihn und verdrehte seinen Arm. Ein grausamer Schmerz explodierte in seiner Schulter, und er schrie wieder, diesmal vor Qual.</p><p>�Seien Sie vorsichtig�, mahnte der Arzt. �Tun Sie ihm nicht unn�tig weh.� Er griff in die Tasche, zog ein schmales Etui heraus und entnahm ihm eine bereits fertig aufgezogene Spritze.</p><p>�Keine Angst, Hansen�, sagte er. �Sie werden sich gleich besser f�hlen. Wir wollen Ihnen doch nur helfen.�</p><p>�Das bezweifle ich�, sagte Artner fr�hlich. �Ich meine: nicht, da� er dir helfen will. Aber da� du dich gleich besser f�hlen wirst.�</p><p>Hansen k�mpfte mit aller Kraft. Selbst den beiden Pflegern gelang es nur mit �u�erster M�he, ihn auf das Bett zur�ckzudr�cken und so festzuhalten, da� der Arzt die Spritze ansetzen konnte, aber es <emphasis>gelang </emphasis>ihnen. Hansen sp�rte ein kurzes, aber heftiges Brennen in der Armbeuge und fast unmittelbar darauf ein taubes Gef�hl, das sich wie eine warme, beruhigende Woge in seinem ganzen K�rper auszubreiten begann.</p><p>�Ein Hoch auf die moderne Chemie�, sagte Artner. Er applaudierte sp�ttisch. Das Skalpell, das noch immer in seinem linken Unterarm steckte, bewegte sich rhythmisch wie der Zeiger eines h�llischen Metronoms, und er hatte die Hand vom Gesicht genommen, so da� seine Wange wieder heruntergeklappt war und mit einem flappenden Ger�usch gegen sein Kinn schlug.</p><p>�Gleich schl�fst du ein, wetten wir?� fuhr er fort. �Aber bevor du es tust, habe ich noch eine �berraschung f�r dich. Pa� auf - den Trick kann ich nur einmal vorf�hren, f�rchte ich.�</p><p>Er trat einen Schritt zur�ck und damit halb durch den Arzt hindurch, der die Spritze aus Hansens Vene zog und besorgt und sehr aufmerksam auf ihn herabsah. �Sie f�hlen sich gleich besser�, sagte er, �Sie werden einschlafen, und wenn Sie aufwachen, ist alles vorbei, das verspreche ich.�</p><p>�Unsinn�, f�gte Artner hinzu. �Dabei habe ich ihm so oft gesagt, da� er keine Versprechungen machen soll, die er nicht halten kann. Aber manche lernen es nie.�</p><p>Er zog das Skalpell aus seinem Arm, drehte es herum und stie� sich die rasiermesserscharfe Klinge gute zwei Zentimeter in den Bauch. Die Wunde blutete nicht, aber sein Kittel, das Hemd und das wei�e Fleisch darunter klappten auseinander und gaben Hansen den Blick auf das rote pulsierende Innere des K�rpers frei. Das <emphasis>Ding, </emphasis>das darin hockte.</p><p>Hansen wollte schreien, aber er konnte es nicht. Das Medikament, das ihm der Arzt gespritzt hatte, entfaltete seine Wirkung immer rascher. Er war gel�hmt, vollkommen hilf- und reglos, doch das Mittel war trotz allem nicht gn�dig genug, ihn endlich das Bewu�tsein verlieren zu lassen. Er schrie noch immer, aber jetzt war es ein lautloser Schrei, der nicht einmal seine Lippen zittern lie�. Wehrlos mu�te er mit ansehen, wie Artner das Skalpell weiter bewegte und eine pr�zise gerade Linie �ber seine Brust zog, seine Kehle vertikal spaltete und dann Kinn, Lippen und Nase teilte, ehe die Klinge �ber seinem Scheitel verschwand und einen Winkel annahm, in dem er sie nicht mehr fuhren konnte. Achtlos lie� er das Messer fallen, griff mit beiden H�nden nach oben und ri� die Kopfhaut auseinander.</p><p>Sein Gesicht �ffnete sich mit einem Ger�usch wie ein fleischiger Rei�verschlu�. Artners Arme bewegten sich weiter und zogen Haare, Gesicht und schlie�lich Schultern und Brust auseinander, und darunter kam ein rotes, glitschiges Etwas zum Vorschein, ein grauenhaftes Ding wie eine �bergro�e Schlupfwespe, feucht und pulsierend und <emphasis>lebendig. </emphasis>Das Gesch�pf streifte Artners K�rper ab wie ein Taucher seinen Neoprenanzug, aus dem er sich m�hsam herausarbeitete, ebenso langsam, aber auch mit der gleichen Zielsicherheit. Aber es war kein <emphasis>Gesch�pf. </emphasis>Kein Monster.</p><p>Es war sein Bruder.</p><p>�Hallo, Gerd�, sagte er l�chelnd. �Sch�n, da� du wieder da bist. Ich wu�te immer, da� wir uns wiedersehen.�</p><p>Hansen konnte sp�ren, wie seine Augen aus den H�hlen quollen. Er begann zu zittern. Ein leiser, wimmernder Schrei kam �ber seine Lippen.</p><p>�Da stimmt was nicht, Doktor�, sagte einer der Pfleger. Er und sein Kollege traten wieder n�her und streckten die H�nde nach Hansen aus, ohne ihn allerdings schon zu ber�hren.</p><p>�Hast du wirklich gedacht, du w�rst mich los?� fragte Fred. Auf seinem rotwei� marmorierten Gesicht erschien ein furchtbares, blutiges L�cheln. Er sprach jetzt nicht mehr mit Artners Stimme, sondern mit dem monotonen Singsang, der Freds einzige m�gliche Betonung gewesen war, aber seine Augen hatten sich abermals ver�ndert. Etwas war darin, das Hansen niemals im Leben in den Augen seines Bruders gesehen hatte: <emphasis>Bewu�tsein. Wille. </emphasis>Sein Bruder hatte die Fesseln endlich abgestreift, die seinen Geist zeit seines Lebens im Alter von vier oder f�nf Jahren festgehalten hatten. Aber was da erwacht war, das war etwas B�ses, etwas unvorstellbar Finsteres und Zerst�rerisches.</p><p>�Du hast mich geha�t, nicht wahr?� fuhr er fort. �Streite es nicht ab, ich wei� es. Du hast mich vom ersten Tage an geha�t. Du hast den liebenden Bruder gespielt, und alle haben dir geglaubt, aber das war eine L�ge. Du hast mich mein Leben lang geha�t, weil Mutter und Vater <emphasis>mich </emphasis>geliebt haben, viel mehr als dich. Du hast mich geha�t, weil sie Mitleid mit mir hatten, wegen meiner Behinderung, und der Aufmerksamkeit, die alle mir geschenkt haben, und nicht dir. Hast du etwa gedacht, ich wei� es nicht? Ich wu�te es, Gerd. Jeden Tag meines Lebens, jede Stunde, jede Sekunde hast du dir gew�nscht, da� ich sterbe, und ich habe es jeden Tag, jede Stunde und jede Sekunde gesp�rt.�</p><p>Das <emphasis>Ding </emphasis>hatte sich jetzt bis zur H�fte aus Artners K�rper herausgearbeitet, aber es machte keine Anstalten, ihn vollends abzustreifen. Langsam kam es n�her. Artners Haut schlabberte wie ein halb heruntergezogener Overall um seine H�ften und verursachte schreckliche nasse Laute, w�hrend sie �ber das Bett streifte. �Du warst froh, als ich endlich gestorben bin�, fuhr es fort. �Du hast den Trauernden gespielt, aber innerlich hast du jubiliert. Glaub nicht, da� ich es nicht wu�te. Aber du bist mir nicht entkommen. Ich war die ganze Zeit bei dir, und wei�t du was? Ich werde noch viel l�nger bei dir sein. F�r immer. Wir werden f�r alle Ewigkeiten vereint sein, wie es Br�der doch sein sollen, oder?�</p><p>Sein Bruder beugte sich vor und streckte die H�nde nach ihm aus, die noch bis zu den Unterarmen in den abgerissenen Artner-Handschuhen steckten, und die Vorstellung, von diesen grauenhaften H�nden ber�hrt zu werden, war mehr, als Hansen ertrug.</p><p>Er b�umte sich auf. Eine Woge reiner, wei�gl�hender Panik schwemmte die Wirkung des bet�ubenden Medikamentes aus seinem K�rper heraus, und die absolute Kraft, die er gerade vermi�t hatte, war pl�tzlich da. Die beiden Pfleger versuchten ihn zu packen und festzuhalten, aber Hansen sch�ttelte sie einfach ab. Einer der M�nner ging lautlos zu Boden, als ihn seine Faust traf, der andere stolperte schreiend zur�ck, prallte gegen die Wand und sank ebenfalls auf die Knie.</p><p>Das Ungeheuer kam noch immer n�her. Hansen kreischte. Verzweifelt kroch er weiter vor ihm davon, st�rzte vom Bett und rappelte sich ungeschickt wieder hoch. Sein Bruder stand vor ihm, die Arme ausgebreitet und die H�nde weit ge�ffnet, aber nicht in einer zupackenden, sondern umarmenden Geste.</p><p>�Du kannst nicht vor mir davonlaufen, Gerd�, sagte er. �Du kannst es versuchen, aber es ist sinnlos. Wir geh�ren zusammen. F�r alle Zeiten.�</p><p>Hansen st�rzte mit einem gellenden Schrei los. Der Arzt versuchte nach ihm zu greifen und b��te zwei Fingern�gel ein. Als er mit einem Schmerzensschrei zu Boden ging, sprang Hansen �ber das Bett und raste weiter, und obwohl die Zelle so winzig war, da� er nicht einmal zwei ganze Schritte Anlauf nehmen konnte, reichte die Wucht, mit der er seinen eigenen Sch�del gegen den st�hlernen T�rrahmen rammte, doch aus, um ihn auf der Stelle zu t�ten.</p></section><section><title><p>18. Kapitel</p></title><p>Kommissar Sendig legte den Telefonh�rer mit einer �bertrieben pr�zise wirkenden Bewegung auf die Gabel zur�ck. Er hatte w�hrend der vergangenen halben Stunde nicht nur mehrere, sondern eine ganze Menge Telefongespr�che gef�hrt, und obwohl Bremer die ganze Zeit �ber im Zimmer gewesen war, hatte er nicht alles verstanden - was nicht etwa daran lag, da� er zu leise oder zu laut gesprochen h�tte oder in einer fremden Sprache. Vielmehr hatten einige dieser seltsamen Telefonate aus wenig mehr bestanden, als da� Sendig seinen Namen genannt, die eine oder andere Andeutung gemacht und dann die meiste Zeit einfach nur zugeh�rt hatte. Eines aber war ihm in dieser Zeit endg�ltig klargeworden (nein. Gewu�t hatte er es schon lange. Aber jetzt gab es nicht einmal mehr eine M�glichkeit, die Augen davor zu verschlie�en): da� Sendig sehr viel mehr wu�te, als er zugab.</p><p>Er wartete sekundenlang vergebens darauf, da� Sendig endlich etwas sagte, dann h�rte er auf, ihn anzustarren, und drehte sich statt dessen in seinem Stuhl herum, um einen langen, aufmerksamen Blick durch den Raum zu werfen. Das hatte er schon ein halbes Dutzend Mal getan, seit sie hereingekommen waren und Sendig angefangen hatte zu telefonieren, aber der Anblick �berraschte ihn selbst jetzt beinahe ebensosehr wie im allerersten Moment. Dieses Zimmer pa�te so wenig zu Sendig, wie es nur vorstellbar war. Immerhin war sein grauhaariges Gegen�ber nicht irgendwer, sondern der Leiter der Mordkommission, und Bremer hatte ganz automatisch unterstellt, da� er ein gro�z�giges und vor allem repr�sentatives B�ro sein eigen nennen w�rde. Das genaue Gegenteil war der Fall. Sendigs B�ro war nicht nur winzig, der einzige passende Ausdruck, der ihm daf�r einfiel, war sch�big. Der Raum ma� kaum f�nf mal f�nf Schritte und hatte nur ein einziges Fenster, das ungef�hr so breit wie ein zusammengefaltetes Handtuch war, und das Mobiliar mu�te �lter sein als sein Besitzer, allerdings nicht ann�hernd so gut gepflegt. Das Vorzimmer, durch das sie gerade gekommen waren und in dem gleich drei Sekret�rinnen samt Computern, Telefaxger�ten und allem anderen technischen Schnickschnack Dienst taten, war gut dreimal so gro� wie Sendigs eigentliches B�ro. Er fragte sich, ob dieser Umstand etwas dar�ber aussagte, wie es in Sendig aussah - und wenn ja, was.</p><p>�Das ist wohl... seltsam�, sagte Sendig. Bremer drehte sich wieder zu ihm herum und bekam gerade noch den Rest der Kopfbewegung mit, mit der Sendig auf das Telefon vor sich gedeutet hatte.</p><p>�Was?�</p><p>�Dieses letzte Gespr�ch.� Sendig rollte seinen Stuhl weit genug vom Schreibtisch zur�ck, um eine Schublade aufziehen zu k�nnen, und begann hektisch darin herumzukramen. �Raten Sie, wer das war.�</p><p>Bremer riet nicht. Er war nicht in der Stimmung f�r Small talk. Schon seit gestern nacht nicht mehr.</p><p>�Na ja, macht auch nichts�, fuhr Sendig fort. Er hatte sich so weit vorgebeugt, da� Bremer sein Gesicht nicht mehr sehen konnte, und dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen, mu�te sich der gr��te Teil seines Kopfes in der Schreibtischschublade befinden. �Der Name h�tte Ihnen sowieso nichts gesagt. Es war jemand, der mir einen Gefallen schuldig ist.�</p><p>Er richtete sich wieder auf, zog eine Pistole samt Schulterhalfter aus der Schublade und placierte sie mit durch und durch zufriedenem Gesichtsausdruck vor sich auf dem Tisch. �Gut. Ich dachte schon, ich h�tte sie irgendwo verkramt. Peinlich, peinlich.�</p><p>�Und was f�r ein Gefallen war das?� fragte Bremer ver�rgert. Sendig bestimmte noch immer die Spielregeln, ganz gleich, <emphasis>was </emphasis>er auch versuchte.</p><p>�Wir k�nnen Ihrer kleinen Freundin jetzt sagen, wo ihr Mann ist�, antwortete Sendig.</p><p>�Ich kenne die Frau kaum�, antwortete Bremer. �Sie ist nicht meine Freundin.�</p><p>�Aber Hansen war doch Ihr Partner, oder?�</p><p>�Seit ein paar Tagen�, antwortete Bremer. �Aber das �ndert nichts daran, da� er ein Kollege ist.�</p><p>�Oh ja, und Kollegen halten zusammen, sicher.� Sendig zog die Pistole aus dem Halfter, lie� das Magazin herausschnappen und verzog die Lippen, als er feststellte, da� es leer war.</p><p>�So ist es�, sagte Bremer, nun schon in h�rbar gereizterem Ton. Was f�r ein Spiel spielte Sendig jetzt schon wieder mit ihm? Aber dann bemerkte er etwas, was ihm bisher entgangen war: Sendig hatte eine weitere Schublade aufgezogen und kramte darin herum - wahrscheinlich suchte er die Patronen f�r die Waffe, die er sichtlich seit Monaten oder vielleicht auch Jahren nicht mehr in die Hand genommen hatte -, aber seine Bewegungen waren etwas zu schnell und etwas zu hektisch, sein L�cheln ein wenig zu verkniffen. Sendig spielte keine Spielchen mit ihm. Er war nerv�s. Sehr nerv�s.</p><p>In vers�hnlicherem Tonfall fuhr er fort: �Wenn Sie mir die Adresse sagen, gehe ich hinaus und rufe Hansens Frau an. Sie wird mittlerweile wahrscheinlich halb verr�ckt vor Sorge sein.�</p><p>Sendig hatte die Patronen gefunden und begann das Magazin zu laden. Er sah �berallhin, nur nicht in Bremers Richtung. �Das wird nicht gehen, f�rchte ich�, sagte er.</p><p>�Wieso nicht? Ich denke, Sie wissen, wo er ist.�</p><p>�Das wei� ich auch. Aber ich f�rchte, wir k�nnen es ihr im Moment noch nicht sagen. Jedenfalls nicht, ehe ich nicht etwas ... �berpr�ft habe.� Eine der Patronen, die er mit mehr Kraft als Geschick in das Magazin schob, entglitt seinen Fingern und rollte �ber den Schreibtisch. Bremer griff automatisch zu, verfehlte sie aber und mu�te sich b�cken, um sie vom Boden aufzuheben. Als er sich wieder aufrichtete und sie Sendig reichte, zitterten dessen H�nde so stark, da� er M�he hatte, das Gescho� zu ergreifen.</p><p>�Was ist los mit Ihnen, Sendig?� fragte Bremer geradeheraus.</p><p>�Was soll sein?� fragte Sendig. �Ich bin m�de und vielleicht ein bi�chen nerv�s, und -�</p><p>�Quatsch�, unterbrach ihn Bremer. �Sie sind nicht <emphasis>ein bi�chen </emphasis>nerv�s. Sie haben Angst.�</p><p>Sendig �berraschte ihn erneut. Er versuchte nicht einmal, zu leugnen. �Ja, vielleicht�, gestand er. Seltsamerweise wirkte er pl�tzlich wieder ruhiger - fast als h�tte ihm allein dieses Eingest�ndnis geholfen, mit seiner Furcht fertig zu werden. �Es hat wohl nicht viel Sinn, Ihnen etwas vormachen zu wollen, oder? Aber jetzt fragen Sie mich bitte nicht, wovor ich mich f�rchte. Ich werde es Ihnen erz�hlen, aber zuerst mu� ich noch etwas �berpr�fen.�</p><p>�Noch etwas?� fragte Bremer.</p><p>�Nein, es ist das gleiche.� Sendig hatte die Pistole endlich geladen und begann umst�ndlich das Schulterhalfter anzulegen. Sein ungeschicktes Hantieren best�tigte Bremers Theorie: Es war etliche Jahre her, da� er diese Bewegungen das letzte Mal ausgef�hrt hatte. Bremer hatte immer gedacht, da� man so etwas nie wieder verlernt, aber das schien nicht zu stimmen.</p><p>�Wir k�nnen beides an einem Ort erledigen�, fuhr Sendig fort. �Uns um Hansen k�mmern und meine Theorie �berpr�fen.�</p><p>�Und dazu brauchen Sie eine Waffe?�</p><p>�Vielleicht.� Sendig bi� sich auf die Unterlippe. F�r den Bruchteil einer Sekunde erschien ein Schatten in seinen Augen, aber er erlosch zu schnell, als da� Bremer sicher sein konnte. �Wahrscheinlich nicht, aber ich habe mir sowieso vorgenommen, das Ding dann und wann einmal wieder zu tragen. Nur, um nicht aus der �bung zu kommen.� Dann wurde seine Stimme leiser, und pl�tzlich war der Schatten nicht mehr in seinem Blick, sondern in seinen Worten: �Wenn wir das finden, was ich bef�rchte, wird sie mir sowieso nichts nutzen. Aber es ist vielleicht ein gutes Gef�hl, wenigstens eine Waffe dabeizuhaben.�</p><p>�Was bef�rchten Sie denn zu finden?� fragte Bremer.</p><p>Tats�chlich setzte Sendig zu einer Antwort an. Im allerletzten Moment stockte er, blinzelte �berrascht und drohte Bremer dann spielerisch mit dem Finger. �Nicht schlecht, der Versuch�, sagte er. �Beinahe h�tte es geklappt. Aber nur beinahe. Ich sagte Ihnen doch - Sie werden alles erfahren, sobald ich Gewi�heit habe.�</p><p>Bremer sch�ttelte den Kopf. �Jetzt�, sagte er. �Es reicht, Sendig. Ich habe keine Lust mehr, wie ein Dummkopf herumzulaufen und nicht einmal zu wissen, wonach wir eigentlich suchen.�</p><p>�Das wei� ich ja selbst nicht�, sagte Sendig. �Okay, ich wei�, Sie glauben mir nicht, aber es ist die Wahrheit. Ich ... wei� es nicht. Noch nicht. Ich habe eine Theorie, aber sie ist einfach zu verr�ckt, um sie auszusprechen.�</p><p>�Verr�ckt?� Bremer lachte ganz leise und ohne Humor. Was von allem, was er seit der vergangenen Nacht erlebt hatte, war wohl nicht verr�ckt, auf die eine oder andere Weise? �Oder haben Sie einfach Angst davor?�</p><p>Sendig blickte ihn kopfsch�ttelnd an. �Bremer, Bremer�, seufzte er. �Warum versuchen Sie st�ndig, mir einzureden, da� ich Angst habe?�</p><p>�Haben Sie es nicht gerade selbst zugegeben?�</p><p>�Habe ich das?� Sendig verzog abf�llig die Lippen. �Was interessiert mich mein dummes Gerede von eben?� Er streckte die Hand nach der hoffnungslos veralteten Gegensprechanlage auf seinem Schreibtisch aus und dr�ckte eine Taste. Ein leises Summen ert�nte, als sich das viel modernere Gegenst�ck drau�en im Vorzimmer einschaltete, und eine Frauenstimme fragte: �Ja?�</p><p>�Nadine? Haben Sie die Liste, um die ich Sie gebeten habe?�</p><p>�Sie ist fertig. Ich bringe sie Ihnen sofort.�</p><p>Sendig lie� die Taste los und lehnte sich wieder in seinem Stuhl zur�ck. Er machte nicht den Eindruck, als h�tte er vor, weiterzureden oder gar Bremers Fragen zu beantworten, und Bremer wu�te auch, da� es vollkommen sinnlos war, weiter zu bohren. Trotzdem: Er h�tte schon blind sein m�ssen, um nicht zu sehen, da� mit Sendig etwas nicht stimmte, sp�testens seit dem Moment, in dem er ihm das Foto gezeigt hatte, das er in Mogrods improvisierter Dunkelkammer gefunden hatte. Bisher hatte es Sendig verstanden, jeder direkten Antwort auf eine entsprechende Frage auszuweichen. Aber es gab auch Fragen, die nicht ausgesprochen werden mu�ten, und die <emphasis>hatte </emphasis>er beantwortet.</p><p>Die T�r wurde ge�ffnet, und eine von Sendigs Sekret�rinnen kam herein. Sie war noch �berraschend jung und ausnehmend h�bsch, aber sehr unattraktiv gekleidet und nicht besonders gut geschminkt. Wahrscheinlich war das Absicht, dachte Bremer.</p><p>�Die Liste, die Sie haben wollten, Herr Kommissar�, sagte sie, w�hrend sie Sendig einen engbeschriebenen Computerausdruck reichte. Ihr Blick streifte Bremer, und sie hatte sich nicht gut genug in der Gewalt, ihre Verwunderung zu verhehlen, ihn hier zu sehen. Gemeine Schutzpolizisten verirrten sich offensichtlich nicht sehr oft in diese heiligen Hallen.</p><p>�Danke, Nadine.� Sendig nahm das Blatt entgegen und legte es mit der beschriebenen Seite nach unten auf den Tisch.</p><p>�Bitte. Eine ziemlich lange Liste, finde ich. Das scheint ja eine regelrechte Epidemie zu sein. Glauben Sie, da� etwas f�r uns dabei ist?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Sendig. �Wenn ja, lasse ich es Sie wissen. Das war alles.�</p><p>Die junge Frau wirkte ein wenig best�rzt Sendig hatte die Stimme nicht einmal erhoben, aber auch Bremer war der unwillige Klang in seinen Worten nicht entgangen. Wenn er an den Ruf dachte, den Sendig allgemein geno�, war das f�r sie wahrscheinlich schon ein deutliches Warnsignal. Sie hatte es auch pl�tzlich sehr eilig, sich herumzudrehen und zu gehen, blieb aber auf halbem Wege zur T�r wieder stehen.</p><p>�Meckenbroich hat schon wieder angerufen�, sagte sie. �Das dritte Mal in einer halben Stunde. Was soll ich ihm sagen?�</p><p>Diesmal gab sich Sendig keine M�he mehr, seine Ver�rgerung zu verbergen. �Wimmeln Sie ihn ab�, sagte er.</p><p>�Aber er sagte, es w�re sehr dringend.�</p><p>Sendig schnaubte. �Wenn der <emphasis>Herr Ministerialpr�sident </emphasis>noch einmal anruft, dann sagen Sie ihm, da� ich den ganzen Tag au�er Haus bin und Sie nicht wissen, wie Sie mich erreichen sollen�, sagte er ungehalten. �Verflucht, wimmeln Sie ihn irgendwie ab. Dazu sind Sie schlie�lich da.�</p><p>Auf Nadines Gesicht erschien ein Ausdruck, der Bremer unwillk�rlich Mitleid mit ihr empfinden lie�. Aber sie war klug genug, nicht mehr zu widersprechen, sondern ging ohne ein weiteres Wort und sehr schnell.</p><p>��rger?� fragte Bremer, nachdem sie die T�r hinter sich geschlossen hatte.</p><p>�W�rde Sie das freuen?�</p><p>�Nein�, antwortete Bremer ehrlich. �Mir f�llt nur auf, da� Sie sehr gereizt sind, das ist alles.�</p><p>Sendig schenkte ihm einen finsteren Blick und ersparte es sich, zu antworten. Statt dessen nahm er das Blatt, das ihm seine Sekret�rin gebracht hatte, wieder zur Hand und vertiefte sich f�r endlose Sekunden darin. Bremer behielt ihn aufmerksam im Auge, aber Sendigs Gesicht verriet nichts. Er hatte sich wieder v�llig in der Gewalt.</p><p>Ganz pl�tzlich, unvermittelt und ohne Bremer dabei anzusehen sagte er: �Wenn es Sie freuen w�rde, h�tten Sie Grund dazu. Erinnern Sie sich an das, was ich Ihnen heute morgen �ber gewisse Dienstausweise erz�hlt habe?�</p><p>�Ja�, antwortete Bremer.</p><p>Sendig starrte noch immer auf das Blatt. �Meckenbroich hat einen solchen Dienstausweis�, sagte er. �Konkret ist er der einzige Besitzer eines solchen Ausweises, den ich namentlich kenne. Aber ich vermute, es gibt noch ein paar andere.�</p><p>�Was... meinen Sie damit?� fragte Bremer verwirrt.</p><p>�Vielleicht nichts.� Sendig lie� das Blatt wieder sinken und sah Bremer nachdenklich �ber den Tisch hinweg an. �Vielleicht ist es ja Zufall, da� er sich ausgerechnet jetzt bei mir meldet. Nach ann�hernd f�nf Jahren.�</p><p>�Ich dachte, Sie glauben nicht an Zuf�lle.�</p><p>�Tue ich auch nicht.� Sendig faltete den Computerausdruck zusammen. �Also gut. Sie wollen Antworten? Hier. Lesen Sie.�</p><p>Er reichte Bremer das Blatt und unterstrich seine Worte mit einer entsprechenden Geste. Bremer nahm es verwirrt, faltete es wieder auseinander und warf einen Blick darauf. Es enthielt eine Anzahl Namen, Adressen und Uhrzeiten, mehr nicht.</p><p>�Was ist das?�</p><p>�F�llt Ihnen nichts auf?� fragte Sendig.</p><p>Bremer sah noch einmal und genauer hin - und zog �berrascht die Augenbrauen zusammen. Auf dem Blatt standen mehr als ein Dutzend Namen, die ihm allesamt nichts sagten. Alle, bis auf einen. �L�bach?�</p><p>�Das�, antwortete Sendig mit sonderbarer Betonung, �ist eine Aufstellung aller erfolgreichen oder versuchten Selbstmorde innerhalb der letzten zw�lf Stunden. Aller, die uns bisher gemeldet wurden, hei�t das.�</p><p>�Das ist eine Menge�, sagte Bremer. Er war nicht unbedingt ersch�ttert, aber doch in einem Zustand, der dem nahekam. Was er in der Hand hielt, war pl�tzlich mehr als ein St�ck Papier. Es waren anderthalb Dutzend menschlicher Schicksale, die innerhalb der letzten Stunden ausgel�scht worden waren.</p><p>�Und die Liste ist nicht einmal komplett�, sagte Sendig. �Mogrod steht noch nicht drauf. Ebensowenig wie Professor Artner.�</p><p>Im ersten Moment konnte Bremer mit diesem Namen nichts anfangen, aber dann erinnerte er sich wieder an das Gespr�ch, das sie im Wagen vor Sillmanns Haus gef�hrt hatten. �Aber sagten Sie nicht, er h�tte einen Herzanfall bekommen?�</p><p>�Deshalb steht er ja auch nicht auf der Liste�, antwortete Sendig. �Aber das bedeutet nicht, da� er nicht eigentlich daraufgeh�rt. Sehen Sie sich den letzten Namen an, ganz unten.�</p><p>Bremer gehorchte. �Heckel?� Obwohl er einen Moment angestrengt nachdachte, sagte ihm dieser Name nichts. Er sah Sendig nur ratlos an.</p><p>�Sie k�nnen ihn nicht kennen�, sagte Sendig. �Ich schon. Der Mann war Arzt. Pathologe, um genau zu sein. Er ist vor f�nfeinhalb Jahren in Pension gegangen - fr�hzeitig und auf eigenen Wunsch. Raten Sie, was einer der letzten F�lle war, die er bearbeitet hat.�</p><p>�Sillmann?�</p><p>�Der Kandidat hat hundert Punkte�, sagte Sendig. Er l�chelte, aber seine Augen taten es nicht. �Wissen Sie was, Bremer? Ich biete Ihnen eine Wette an. Ich wette, da� diese Liste noch nicht komplett ist. Und da� ich Ihnen ein paar Namen nennen kann, die bis heute abend darauf erscheinen werden. Schlagen Sie ein?�</p><p>Er streckte Bremer tats�chlich die Hand entgegen, aber Bremer r�hrte sich nicht. Sendig blieb einen Moment in einer fast l�cherlich vorgebeugten Haltung stehen, dann lie� er sich auf seinen Stuhl zur�cksinken. Bremer war jetzt vollkommen sicher, da� das, was er bisher f�r Nervosit�t gehalten hatte, in Wahrheit Angst war.</p><p>�Also gut�, seufzte Sendig. �Warum nicht? Ich kann es Ihnen ebensogut jetzt erz�hlen wie sp�ter. Haben Sie das Bild noch?�</p><p>Bremer griff in die Jackentasche und zog das Foto aus Mogrods Dunkelkammer heraus. Es war jetzt vollkommen schwarz. Nachdem er das Bild aufgehoben und trockengewischt hatte, hatte die Entwicklerfl�ssigkeit versp�tet ihren Dienst getan und das Blatt in eine identische Kopie der �brigen Fotos verwandelt, die in der Chemiebr�he auf dem Boden schwammen. Sowohl der unheimliche Umri�, den Bremer darauf erkannt hatte, als auch das, was Sendig so augenscheinlich zu Tode erschreckt hatte, waren verschwunden. Trotzdem zitterten Sendigs H�nde wieder leicht, als er es entgegennahm, und er starrte es zu lange und zu intensiv an. F�r ihn war es ganz eindeutig mehr als ein schwarzes Blatt Fotopapier.</p><p>�Was haben Sie darauf gesehen, Bremer?� fragte er.</p><p>�Gesehen? Ich verstehe nicht... Dasselbe wie Sie, vermute ich.�</p><p>Sendig l�chelte ein sehr seltsames, fast melancholisch wirkendes L�cheln. �Das bezweifle ich�, sagte er. Ganz unvermittelt lie� er das Foto auf den Schreibtisch sinken, schob es ein kleines St�ck von sich fort und nahm es dann noch einmal zur Hand, um es herumzudrehen, so da� die geschw�rzte Vorderseite unten lag. <emphasis>Als ertr�ge er es nicht, es noch weiter anzusehen, </emphasis>dachte Bremer.</p><p>�Was ist das Schlimmste, was Sie sich vorstellen k�nnen, Bremer?� fragte Sendig nach einer Weile.</p><p><emphasis>Bis zu meiner Pensionierung mit dir zusammenarbeiten zu m�ssen, </emphasis>dachte Bremer. Nat�rlich h�tte er sich geh�tet, es laut auszusprechen, aber Sendig schien irgend etwas in dieser Art zu erwarten, denn er l�chelte einen ganz kurzen Moment lang, ehe er wieder ernst wurde und hinzuf�gte: �Ich meine es ernst, Bremer. Haben Sie sich schon einmal Gedanken �ber Ihren schlimmsten Alptraum gemacht? Etwas, dessen blo�er Anblick schrecklich genug w�re, Sie um den Verstand zu bringen?�</p><p>�Sie meinen, so weit, da� ich meine Wohnung schwarz anmale und aus dem Fenster springe?� fragte Bremer.</p><p>Sendig nickte. �Zum Beispiel.�</p><p>�So etwas gibt es nicht�, antwortete Bremer, mit einer �berzeugung in der Stimme, die er nicht einmal ann�hernd empfand. Es war noch nicht lange her, da <emphasis>hatte </emphasis>er etwas gesehen, das ihn vielleicht nicht in den Wahnsinn, aber doch an den Rand seiner Selbstbeherrschung getrieben hatte.</p><p>�Wer wei߫, sagte Sendig. �Aber Sie werden zugeben, da� es gewisse Drogen gibt, die eine solche Wirkung haben k�nnen.�</p><p>Allm�hlich wurde die Sache doch noch interessant. Sendig redete zwar weiter um den hei�en Brei herum, aber die Kreise, die er zog, wurden best�ndig kleiner. Warum sagte er nicht einfach, was er dachte? Es geh�rte nicht unbedingt das kriminalistische Talent eines Sherlock Holmes dazu, um sich zusammenzureimen, da� er �ber die Substanz sprach, die sie in der Nacht in L�bachs K�hlschrank gefunden hatten.</p><p>�Sicher�, antwortete er. �Aber das ist doch wohl etwas anderes, oder? M�glicherweise hat dieser L�bach Drogen genommen, und vielleicht sogar der Fotograf. Aber Artner? Und dieser Pathologe?�</p><p>�Und vermutlich noch ein paar andere - ich sagte ja, ich mu� erst noch eine paar Dinge kl�ren, ehe ich Ihnen meine Theorie mitteilen kann�, sagte Sendig. �Ich -�</p><p>Das Telefon klingelte. Sendig blickte den Apparat einen Moment lang feindselig an, ehe er mit einer eindeutig widerwilligen Bewegung abhob und sich meldete: �Ja?�</p><p>Was immer er h�rte, dachte Bremer - es gefiel ihm nicht. Das Gespr�ch dauerte nur ein paar Augenblicke, und Sendig sagte kein Wort, aber sein Gesichtsausdruck sprach B�nde. Nachdem er eingeh�ngt hatte, starrte er ein paar Sekunden lang an Bremer vorbei ins Leere. Dann stand er mit einem Ruck auf. �Kommen Sie. Wir k�mmern uns jetzt zuerst einmal um Ihren Kollegen Hansen. Reden k�nnen wir genausogut im Wagen.�</p><p>Bremer machte keinen Hehl aus seiner Entt�uschung. Er hatte zumindest etwas erwartet, das einer Erkl�rung nahekam, aber Sendigs sonderbare Frage hatte seine Verwirrung nur noch gesteigert. Er erhob sich ebenfalls und wollte nach dem Bild greifen, aber Sendig war schneller. Mit einer raschen Bewegung verstaute er es in der Innentasche seines Jacketts und kam gleichzeitig um den Schreibtisch herum. �Kommen Sie, Bremer, beeilen wir uns ein bi�chen.�</p><p>Seine pl�tzliche Hast w�re Bremer selbst dann aufgefallen, wenn er nicht schon vorher gewu�t h�tte, da� mit Sendig etwas nicht stimmte. Er folgte ihm gehorsam, machte aber ein paar schnelle Schritte, so da� er ihn kurz vor der T�r einholen und mit einer entsprechenden Bewegung zum Stehenbleiben bringen konnte. �Was ist los?� fragte er geradeheraus. �Wieso haben wir es pl�tzlich so eilig?�</p><p>Er rechnete fest mit einer weiteren Ausflucht oder gar keiner Antwort, aber Sendig �berraschte ihn erneut. �Ich glaube, ich habe ein bi�chen zuviel herumtelefoniert�, sagte er. �Das Gespr�ch gerade...�</p><p>�Wieder jemand, der Ihnen einen Gefallen schuldig ist?� fragte Bremer sp�ttisch.</p><p>Sendig nickte. �Ja. Ich bin ein sehr hilfsbereiter Mensch, wissen Sie. Wenn man sich das zum Prinzip macht, dann gibt es am Ende eine Menge Leute, die Ihnen einen Gefallen schulden. Und jetzt kommen Sie - wir haben wirklich keine Zeit mehr zu verlieren. Reden k�nnen wir wirklich auch im Wagen.�</p><p>Ehe Bremer Gelegenheit gefunden h�tte, erneut zu widersprechen, �ffnete er die T�r und trat ins Vorzimmer hinaus, und allein die Autorit�t dieses gesch�ftigen Raumes mit seinen drei Sekret�rinnen und dem beachtlichen Pr�ventivaufgebot an Technik machte es Bremer unm�glich, ihn abermals aufzuhalten.</p><p>�Ich bin dann au�er Haus, Nadine�, sagte Sendig, w�hrend sie dem Ausgang zusteuerten. �Sie k�nnen p�nktlich Feierabend machen. Ich komme heute wahrscheinlich nicht mehr herein.�</p><p>�Aber Me -�</p><p>�Und ich bin auch f�r niemanden zu erreichen, verstanden?� Sendig hielt f�r einen Moment im Schritt inne und ma� seine Sekret�rin mit einem Blick, unter dem sie sichtlich zusammenzuschrumpfen schien. �Auch nicht �ber Funk. Im Notfall k�nnen Sie mich �ber meine Privatnummer im Wagen anrufen, aber nur Sie, und wirklich nur im �u�ersten Notfall. Sollte das Telefon klingeln und jemand anders als Sie dran sein, k�nnen Sie sich als gefeuert betrachten, verstanden?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Nadine kleinlaut. Bremer versp�rte erneut ein heftiges Mitleid mit ihr und ihren beiden Kolleginnen. Er fragte sich, wie es jemand aushielt, Jahre oder gar Jahrzehnte f�r einen Chef wie Sendig zu arbeiten. Er selbst war noch nicht einmal seit zw�lf Stunden mit ihm zusammen, und das waren schon zw�lf Stunden zuviel.</p><p>�Sind Sie immer so unfreundlich zu Ihren Leuten?� fragte er, als sie das Vorzimmer verlassen hatten und den Aufzug ansteuerten.</p><p>�Wenn ich schlechte Laune habe, ist es schlimmer�, antwortete Sendig. �Richtig unfreundlich werde ich eigentlich nur zu Leuten, die ihre Nase in Dinge stecken, die sie nichts angehen.�</p><p>�Verstanden�, sagte Bremer. �Das war deutlich genug.�</p><p>�Das sollte es sein�, antwortete Sendig. Sie hatten den Aufzug fast erreicht, als ein leiser Glockenton erscholl und die T�ren sich zu schlie�en begannen. Bremer wollte instinktiv schneller ausschreiten - sie waren nur noch zwei, drei Schritte entfernt, und er h�tte die Kabine bequem erreichen und aufhalten k�nnen, indem er die Lichtschranke in der T�r unterbrach. Aber Sendig hielt ihn mit einer raschen Bewegung zur�ck.</p><p>�Lassen Sie�, sagte er. �Wir nehmen die Treppe.�</p><p>Bremer blickte ihn fragend an. Es waren f�nf Stockwerke bis nach unten. �Wieso?�</p><p>�Ich bin auf den Geschmack gekommen�, antwortete Sendig. �Das Treppensteigen in Mogrods Haus hat mir wirklich Spa� gemacht. Mal sehen, ob es hier auch funktioniert.�</p><p>�Sehr komisch�, sagte Bremer. Aber er folgte Sendig trotzdem gehorsam, als dieser sich herumdrehte und mit pl�tzlich sehr viel schnelleren Schritten als bisher den Weg zur�ckging, um die schmale T�r am Ende des Flures zu erreichen. Sendig �ffnete sie, wedelte ungeduldig mit der Hand, als Bremer ihm nicht rasch genug folgte, und z�gerte gerade lange genug, damit es auffiel, ehe er die T�r wieder schlo�. Lange genug, dachte Bremer, um dem Aufzug noch einen pr�fenden Blick zuzuwerfen.</p><p>�Vor wem laufen wir davon?� fragte er, als sie nebeneinander die Treppe hinuntergingen.</p><p>�Tun wir das?� entgegnete Sendig ausweichend.</p><p>�Aber nein doch�, sagte Bremer. �Sie haben es ja selbst gesagt: Treppensteigen macht Spa�. Au�erdem ist es gesund, nicht wahr?�</p><p>�Ich laufe vor niemandem <emphasis>davon�, </emphasis>antwortete Sendig betont. �Sagen wir: Ich erwarte jemanden, mit dem ich im Moment nicht unbedingt reden m�chte.�</p><p>Das war alles, was er zu diesem Thema �u�erte, bis sie das Erdgescho� erreichten. Bremer versuchte noch zwei- oder dreimal, ihm eine Antwort abzuluchsen, aber Sendig schaltete jetzt wieder auf stur und sagte gar nichts. Schlie�lich sparte sich Bremer seinen Atem daf�r, neben ihm die Stufen hinunterzulaufen und irgendwie mit ihm Schritt zu halten. Wie schon einmal an diesem Tag bewies ihm Sendig, da� <emphasis>�lter</emphasis> nicht zwingend auch <emphasis>schlechter in Form </emphasis>zu sein bedeutete. Bremer war in Schwei� gebadet, nachdem sie die f�nf Treppen hinuntergelaufen waren, w�hrend Sendig nur ein bi�chen schwerer atmete als normal.</p><p>�Warten Sie hier�, sagte er. �Ich bin sofort zur�ck.�</p><p>Er �ffnete die T�r und schl�pfte hindurch, und Bremer blieb allein im Treppenhaus zur�ck. Er war beinahe dankbar f�r die kurze Pause. Sie waren die letzten beiden Etagen mehr hinuntergerannt als gegangen. Seine Waden und sein R�cken schmerzten, und er sp�rte jede einzelne Stufe, die sie hinuntergegangen waren. Au�erdem schlug sein Herz so schnell, da� er ein paarmal bewu�t tief ein- und ausatmete, um seine Lungen mit frischem Sauerstoff vollzupumpen. Er war wirklich nicht gut in Form. Und auch wenn Sendig es sich nicht anmerken lie�, konnte er sich kaum besser f�hlen. Warum also hatte er diese unn�tige Anstrengung in Kauf genommen? Bestimmt nicht nur, weil er irgend jemandem <emphasis>nicht begegnen</emphasis> wollte. Es sei denn, es war eben nicht irgend, sondern ein ganz bestimmter <emphasis>Jemand.</emphasis></p><p><emphasis>Zum </emphasis>Beispiel jemand mit einer ganz bestimmten Art von Dienstausweis?</p><p>Weit �ber ihm fiel eine T�r ins Schlo�. Bremer fuhr zusammen, drehte sich hastig herum und legte den Kopf in den Nacken. Aus irgendeinem Grund brannte hier unten, im Erdgescho�, kein Licht, aber die dar�berliegenden Etagen waren hell erleuchtet. Die Treppe drehte sich wie ein kubisches Schneckenhaus in scheinbar kleiner werdenden eckigen Spiralen �ber ihm in die H�he, und er h�rte auch ganz deutlich Schritte, konnte aber niemanden sehen. Trotzdem - jemand kam die Treppe herunter. Instinktiv sah er sich nach einem Versteck um.</p><p>Dann erst wurde ihm klar, wie albern er sich benahm.</p><p>Jemand kam die Treppe herunter. Und? Dazu waren Treppen schlie�lich da, selbst in H�usern, die �ber Aufz�ge verf�gten.</p><p>Bremer l�chelte nerv�s, sah sekundenlang die T�r an, hinter der Sendig verschwunden war, und drehte sich dann wieder herum. Die Schritte waren n�her gekommen, aber er konnte noch immer niemanden sehen.</p><p>Aber etwas stimmte nicht mit diesen Schritten. Sie waren... Er konnte nicht sagen, was es war, aber es war deutlich. Irgend etwas war mit diesem Ger�usch nicht in Ordnung. Eigentlich klang es gar nicht wirklich wie Schritte, sondern eher wie... ein Gleiten. Als schwebe etwas die Treppe herunter, das nur dann und wann die Stufen ber�hrte.</p><p>Unsinn! dachte Bremer. Er war dabei, sich in etwas hineinzusteigern, das nicht gut war. Nach dem, was er in den letzten Stunden erlebt hatte, hatte er vermutlich ein Recht auf ein wenig Nervosit�t, aber er lief allm�hlich Gefahr, regelrecht hysterisch zu werden. Das <emphasis>Schlimmste, was Sie sich vorstellen k�nnen? </emphasis>Unsinn!</p><p>Aber er hatte sich den Schatten im Spiegel nicht eingebildet. Sowenig wie die leuchtende Engelsgestalt, die er auf dem Foto in Mogrods Dunkelkammer gesehen hatte. Was war los mit ihm? Wurde er allm�hlich hysterisch? Aus dem einzigen Grund, sich selbst zu beweisen, wie l�cherlich seine Bef�rchtungen waren, trat er wieder zwei Schritte weit ins Treppenhaus zur�ck und sah die Treppe hinauf.</p><p>In der n�chsten Sekunde schon w�nschte er sich, es nicht getan zu haben.</p><p>Das Ger�usch war keine Einbildung gewesen. Jemand kam tats�chlich die Treppe herab. Aber er war nicht sicher, ob es wirklich ein <emphasis>Jemand </emphasis>war - und nicht ein <emphasis>Etwas.</emphasis></p><p>Bremers Atem stockte. Er konnte nur einen schwarzen Schattenri� gegen den helleren Hintergrund des Treppenhauses erkennen, aber etwas an diesem Umri� war auf furchtbare Weise falsch. Er war zu gro� und irgendwie mi�gestaltet, ohne da� er diesen Eindruck h�tte begr�nden k�nnen, und er wirkte auf sonderbare Weise... <emphasis>asymmetrisch. </emphasis>Und noch etwas: Bremer konnte jetzt <emphasis>sehen, </emphasis>da� er die Treppenstufen tats�chlich nicht ber�hrte, sondern eine Handbreit dar�ber hinwegglitt, wobei er dieses seltsam rhythmische, schleifende Ger�usch verursachte, das er f�lschlicherweise f�r Schritte gehalten hatte. Und nun h�rte er auch etwas wie Atemz�ge: ein schweres, rasselndes Atmen, das keinesfalls das eines Menschen sein konnte, aber auch nicht das irgendeines Tieres, das er kannte.</p><p>�Nein�, fl�sterte Bremer. Er h�tte das Wort geschrien, wenn er gekonnt h�tte, aber seine Stimmb�nder versagten ihm den Dienst. �Nein! Geh... weg. Geh!�</p><p>Die T�r ging auf. Bremer fuhr mit einer entsetzten Bewegung herum, und sein Zustand mu�te sich �berdeutlich auf seinem Gesicht abzeichnen, denn Sendig stockte mitten im Schritt, starrte ihn den Bruchteil einer Sekunde lang erschrocken an und griff dann blitzschnell unter die Jacke. �Was ist los?�</p><p>�Nichts�, antwortete Bremer. Sein Herz h�mmerte. Die Schritte, die keine waren, waren nicht mehr da. Sie waren im gleichen Moment verstummt, in dem Sendig die T�r ge�ffnet und den finsteren Zauber des Moments damit durchbrochen hatte, und seine Logik sagte ihm, da� auch der Schatten nicht mehr da war: zum einen, weil Sendig ihn unbedingt h�tte sehen m�ssen, und zum anderen, weil er niemals dagewesen war.</p><p>�Nichts? Ja, so sehen Sie auch aus.� Sendig nahm die Hand wieder unter der Jacke hervor, ohne die Waffe zu ziehen, trat aber mit einem raschen Schritt an Bremer vorbei und warf einen sehr langen und sehr mi�trauischen Blick nach oben. Bremer wartete auf einen Schrei oder irgendein anderes Anzeichen daf�r, da� auch Sendig etwas sah, aber nat�rlich kam es nicht. Trotzdem wagte er es nicht, sich herumzudrehen. Ganz gleich, ob das <emphasis>Ding </emphasis>nun da war oder nicht, es w�rde ihn zweifellos erwischen, wenn er sich herumdrehte und es ansah.</p><p>�Da ist nichts�, sagte Sendig mi�trauisch. �Was ist denn los mit Ihnen?�</p><p>�Nichts�, antwortete Bremer erneut. Er hustete, um das heftige Zittern seiner Stimme zu verbergen. �Ich dachte f�r einen Moment, ich h�tte etwas geh�rt, aber ich mu� mich wohl get�uscht haben.�</p><p>Sendigs Blick erz�hlte auf seine eigene Weise, was er von dieser Antwort hielt. Aber er ging nicht weiter darauf ein, sondern zuckte nur die Achseln und deutete mit einer Kopfbewegung zur T�r. �Kommen Sie.�</p><p>Nach der D�mmerung, die im unteren Teil des Treppenhauses geherrscht hatte, erschien ihm das Sonnenlicht in der fast v�llig aus Glas bestehenden Halle unnat�rlich grell. Er blinzelte ein paarmal und fuhr sich mit der Hand �ber die Augen, aber so unangenehm die Helligkeit im allerersten Moment auch war, so geborgen f�hlte er sich pl�tzlich darin. Zum allerersten Mal im Leben begriff er, wieso Menschen Angst vor der Dunkelheit hatten. Bisher war ihm dieses Gef�hl vollkommen fremd gewesen, aber er hatte es kennengelernt. Sie verlie�en das Geb�ude, ohne zu reden, und Bremer hielt ganz automatisch auf den Wagen zu, mit dem sie gekommen waren. Als er die Hand nach dem T�rgriff ausstreckte, sch�ttelte Sendig den Kopf, griff in die Jackentasche und zog einen Schl�sselbund hervor, den er ihm zuwarf. Bremer fing ihn instinktiv auf - ohne allerdings zu wissen, was er damit sollte.</p><p>�Wir trennen uns f�r einen Moment�, sagte Sendig, �Sie k�nnen meinen Privatwagen nehmen - der graue 450er dort dr�ben, gleich neben dem Tor. Sehen Sie ihn?�</p><p>Bremer blickte in die bezeichnete Richtung und ri� ungl�ubig die Augen auf, als er den silbergrauen Mercedes sah, der auf einem gesonderten Parkplatz direkt neben dem Tor stand. Der Wagen mu�te deutlich mehr kosten, als er in zwei Jahren verdiente, und er war ungef�hr so gro� wie ein G�terzug.</p><p>�Meinen Sie das ernst?� fragte er.</p><p>Sendig grinste. �Erz�hlen Sie mir nicht, da� Sie sich noch nie gew�nscht h�tten, so einen Wagen zu fahren. Und da behaupten Sie, ich w�re unfreundlich zu meinen Mitarbeitern?�</p><p>�Was... was soll das?� fragte Bremer verwirrt. Sendig t�uschte sich - er war �berhaupt nicht versessen darauf, mit einem solchen Wagen zu fahren, schon gar nicht, wenn er ihm nicht geh�rte. Wenn er auch nur einen Kratzer verursachte, w�rde ihn das wahrscheinlich zwei volle Monatsgeh�lter kosten.</p><p>�Ich bin gut versichert�, antwortete Sendig, als h�tte er seine Gedanken gelesen. �Au�erdem kenne ich Ihre Personalakte. Sie sind ein guter Fahrer. Und wir brauchen zwei Wagen. Sie fahren jetzt hinaus zum Krankenhaus und sehen nach Hansen, und ich... mu� mit jemandem reden. Wir treffen uns in zwei Stunden.�</p><p>�Ich kann irgendeinen Dienstwagen nehmen�, sagte Bremer, aber Sendig sch�ttelte beharrlich den Kopf.</p><p>�Es ist mir lieber, wenn ich meinen Wagen dabeihabe�, sagte er. �Es wird vermutlich sp�t werden, und ich habe keine Lust, extra noch einmal hierherzukommen, nur um den Wagen zu holen.�</p><p>�Und wo treffen wir uns?� fragte Bremer. Der Gedanke gefiel ihm immer noch nicht, aber wie meistens hatte es gar keinen Zweck, mit Sendig zu diskutieren.</p><p>Sendig zog einen zusammengefalteten Zettel aus der Tasche und reichte ihn �ber das Dach. �Ich warte im Wagen, direkt vor der T�r�, sagte er. �Wenn ich nicht da bin, warten Sie auf mich. Aber ich sch�tze, ich werde schneller sein. Oh ja, noch etwas - wenn Sie nach Hansen gesehen haben, fahren Sie nach Hause und ziehen sich um. Wir m�ssen vielleicht jemanden observieren. In Uniform ist das etwas schwierig.�</p><p>�Und Hansen?� fragte Bremer. �Ich meine, in welchem Krankenhaus liegt er eigentlich?�</p><p>�Habe ich das nicht gesagt? Im St.-Eleonor-Stift. Sie wissen, wo das ist?�</p><p>�Das St.-Eleonor?� Bremer staunte. �Aber das ist ... kein Krankenhaus.�</p><p>�Wie man's nimmt�, antwortete Sendig. �Jedenfalls ist es eine <emphasis>Klinik.</emphasis>�</p><p>�Es ist eine <emphasis>Irrenanstalt�, </emphasis>antwortete Bremer betont.</p><p>�Ja, und zwar die gleiche, in der Sillmanns Frau untergebracht ist�, best�tigte Sendig unger�hrt. �Und in der der selige Professor Artner gearbeitet hat Ein gl�cklicher Zufall, nicht wahr? Das erspart uns einen Weg.�</p><p>�Aber... aber wieso sollten sie Hansen dorthin bringen?� fragte Bremer hilflos. �Er hatte doch nur einen Schock!�</p><p>�Genau das sollen Sie ja herausfinden.� Sendig stieg ein und lie� das Seitenfenster herunter, so da� Bremer sich vorbeugen mu�te, um �ber den Beifahrersitz hinweg weiter mit ihm reden zu k�nnen. �Es w�rde mich nicht �berraschen, wenn sie leugnen, da� er dort ist. Aber er ist es, verlassen Sie sich darauf. Machen Sie ruhig geh�rig Druck, wenn man Ihnen dumm kommt. Aber lassen Sie meinen Namen aus dem Spiel - wenigstens vorerst.�</p><p>Bremer hatte noch tausend Fragen, aber Sendig startete den Motor und lie� den Wagen langsam zur�ckrollen, so da� er beiseitetreten mu�te, ob er es wollte oder nicht. Einen Moment sp�ter war er allein. Sendig hatte gewendet und fuhr in raschem Tempo auf die Stra�e hinaus.</p><p>Bremer blickte ihm kopfsch�ttelnd nach. Er verstand �berhaupt nichts mehr. Wieso sollten sie Hansen ausgerechnet in diese Klinik gebracht haben? Ganz abgesehen davon, da� es der Zuf�lle vielleicht ein bi�chen zu viele waren - er wu�te nicht viel �ber das St.-Eleonor-Stift, aber doch immerhin, da� es sich nicht um eine x-beliebige Nervenheilanstalt handelte, sondern um eine Privatklinik, deren Patienten fast ausnahmslos aus gutbetuchten Familien stammten. Es war ganz bestimmt kein Krankenhaus, in das man einen Polizeibeamten brachte, der im Dienst verletzt worden war. Und schon gar nicht in aller Heimlichkeit und ohne seine Angeh�rigen zu benachrichtigen.</p><p>Langsam ging er auf Sendigs Mercedes zu und umkreiste das Fahrzeug einmal, ehe er die T�r �ffnete. Er hatte beinahe Hemmungen, einzusteigen. Der Geruch von teurem Leder und edlem Holz schlug ihm entgegen, und als er sich hinter das Steuer setzte, sank er so tief in den Ledersitz ein, da� er fast erschrak. Seine Finger zitterten leicht, als er den Schl�ssel ins Schlo� steckte.</p><p>Der Motor sprang mit einem satten R�hren an, das die gewaltige PS-Zahl verriet, die unter der abgerundeten Motorhaube eingepfercht war, lief dann aber fast lautlos. Bremer suchte einen Moment vergebens nach dem Kupplungspedal, ehe ihm auffiel, da� er in einem Automatikwagen sa� - eigentlich eine sonderbare Kombination f�r ein so sportliches Fahrzeug wie dieses, aber auf der anderen Seite auch wieder irgendwie passend, wenn man seinen Besitzer bedachte -, dann schlo� er die T�r, legte den Gang ein und fuhr sehr vorsichtig los.</p><p>Ebenso vorsichtig bugsierte er den Wagen auf die Stra�e hinaus, wartete eine gen�gend gro�e L�cke im flie�enden Verkehr ab und gab dann etwas entschlossener Gas. Der Wagen gehorchte seinen Befehlen so pr�zise, als w�re er seit Jahren an keinen anderen Fahrer gew�hnt. Es dauerte tats�chlich nur einige Augenblicke, bis Bremers Nervosit�t sich bereits zu legen begann, und nur noch einige weitere Momente, bis er wirklich etwas von der Faszination zu sp�ren begann, die Sendig ihm gerade unterstellt hatte. Es <emphasis>war </emphasis>ein phantastischer Wagen. Um so weniger verstand er jetzt, warum Sendig ihn <emphasis>ihm </emphasis>anvertraut hatte und selbst mit dem Dienstwagen fuhr. Wenn sie zwei Wagen brauchten, warum hatte er dann nicht seinen eigenen PKW genommen und ihn, Bremer, mit dem Audi fahren lassen?</p><p>Aber eigentlich wu�te er die Antwort auf diese Frage. Er hatte sie die ganze Zeit �ber gewu�t, nur nicht richtig realisiert, aber das holte er nach, als er das n�chste Mal in den Spiegel sah und den Wagen erblickte, der ihm folgte. Es war ein ganz normaler dunkelblauer BMW, wie es Hunderte, wenn nicht Tausende in der Stadt geben mu�te, aber zwei Dinge daran waren doch seltsam: Er hatte abgedunkelte Scheiben, und er hatte ihn vorhin schon einmal gesehen, auf dem Parkplatz des Polizeipr�sidiums.</p></section><section><title><p>19. Kapitel</p></title><p>Den ganzen Nachmittag �ber war er vermeintlich ziellos durch die Stadt geirrt. Er konnte nicht mehr sagen, wo er �berall gewesen war und wie lange; und er wu�te auch nicht, was er in dieser Zeit getan oder auch nur gedacht hatte. Hinter seiner Stirn herrschte ein einziges heilloses Chaos. Erst sehr viel sp�ter wurde ihm klar, da� es nicht der ganze Nachmittag gewesen war, sondern allenfalls zwei Stunden, und da� er auch nicht ziellos durch die Stadt gelaufen war, sondern ganz im Gegenteil h�chst zielbewu�t. Aber w�hrend er unterwegs war, war es, als bewege er sich durch eine fremde Welt. Alles kam ihm mit einem Male feindselig und aggressiv vor: Die Menschen, denen er begegnete, schienen ihn mi�trauisch zu belauern, die Ger�usche waren zu schrill und zu laut, das Licht zu grell und zu hart, die H�user, an denen er vorbeikam, erschienen ihm wie die Mauern eines gewaltigen, die ganze Welt umspannenden Labyrinthes, in dem er herumirrte wie eine Laborratte im Glaskasten, die einfach nicht begriff, da� es keinen Ausweg daraus gab.</p><p>Aber vielleicht war er ja auch nicht viel mehr. F�r seinen Vater und Petri - genau wie f�r L�bach? - war er m�glicherweise niemals mehr gewesen, ganz egal, wie oft sie das Gegenteil beteuerten: ein Experiment. Selbst einmal unterstellt, ihre Geschichte w�re die Wahrheit - was er keine Sekunde lang glaubte. Er <emphasis>gestattete </emphasis>sich nicht, sie zu glauben - selbst dann h�tten sie kein Recht gehabt, ihm <emphasis>das </emphasis>anzutun. Sein Vater hatte behauptet, es nur seinetwegen getan zu haben, um seiner und seiner Mutter willen - l�cherlich! Sie hatten kein Recht. Niemand hatte das Recht, so etwas zu tun. Sie hatten ihm sechs Jahre seines Lebens gestohlen - mehr noch: im Grunde sein <emphasis>ganzes </emphasis>Leben, denn sie hatten auch die Erinnerung an die Zeit davor fast vollkommen ausgel�scht, und es gab nichts, was das rechtfertigte. Er kam sich benutzt vor: auf die schlimmste vielleicht m�gliche Art benutzt und manipuliert.</p><p>Und doch war das nicht einmal das Schlimmste. Dies waren die Gedanken und der Schmerz, die an der Oberfl�che waren. Darunter wuchs noch etwas anderes heran - etwas noch immer K�rperloses und Dunkles, das aus dem Verlies am Grunde seiner Seele gekrochen war und nun heraufwollte. Vielleicht war es nichts anderes als das Wissen, da� sein Vater doch die Wahrheit gesagt hatte. Oder die Angst.</p><p>Er hatte verzweifelt versucht, sich zu erinnern. An irgend etwas - L�bach, seine Tochter, die anderen, jene schicksalhafte Nacht, von der sein Vater gesprochen hatte, irgendeine Kleinigkeit, und sei sie noch so nebens�chlich, die nicht in das Bild einer ganz normalen, ein wenig langweiligen Jugend pa�te, das in seinem Ged�chtnis war. Aber da war nichts. Mark verstand mit jeder Minute weniger, wieso es ihm in all den Jahren nicht selbst aufgefallen war, denn jetzt, wo sein Vater und Petri ihn darauf aufmerksam gemacht hatten, begriff er mehr und mehr, wie falsch das war, was er die ganze Zeit f�r seine Erinnerung gehalten hatte. Und es war nicht einmal eine sehr �berzeugende F�lschung. Was in seinem Kopf war, war blo� Requisite: eine bunt angemalte Pappmache-Kulisse, die einer Betrachtung aus gro�er Entfernung standhalten mochte, aber nicht einmal das f�r lange Zeit. Dahinter war nichts. Es gab L�cken und d�nne Stellen in dieser Kulisse, aber wenn er daran kratzte und die blasse Farbschicht entfernte, kam nur eine allumfassende Schw�rze und Leere zum Vorschein. Die Erinnerungen an die Zeit vor seinem zw�lften Geburtstag existierten nicht mehr. Petri hatte zwar behauptet, da� sie wiederkehren w�rden, aber Mark war nicht sicher. Da h�tte irgend etwas sein m�ssen, das erwachen wollte. Irgend etwas, das er, wenn schon nicht erkannt, so doch gesp�rt h�tte. Doch alles, was er am Grunde dieser schwarzen Leere f�hlte, war das Ungeheuer der Furcht. Es lag dort unten <emphasis>wie </emphasis>ein Ding, das seine Vergangenheit gefressen hatte und nun vielleicht daranging, auch seine Gegenwart zu verschlingen.</p><p>Hinter ihm hupte ein Wagen. Mark, der in m��igem Tempo auf dem B�rgersteig entlangschlenderte und einen guten Meter vom Stra�enrand entfernt war, stellte keine Beziehung zwischen sich und diesem Hupen her und ignorierte es zuerst. Aber dann wiederholte es sich und dann noch einmal, und er drehte im Gehen den Kopf und sah sich suchend um. Auf der Stra�e herrschte nicht viel Verkehr, und so bemerkte er den silbergrauen Mercedes sofort, der im Schrittempo hinter ihm herrollte. Der Fahrer sah in seine Richtung. Mark konnte mit seinem Gesicht im ersten Moment nicht viel anfangen, aber das Hupen hatte ganz eindeutig ihm gegolten, denn erstens war er allein auf dem Gehweg, und zweitens hob der Mann im Mercedes in diesem Moment die Hand und machte eine eindeutige Bewegung.</p><p>Einen Moment lang spielte Mark mit dem Gedanken, einfach weiterzugehen. Er kannte so gut wie niemanden hier in Berlin, und allein der kostspielige Wagen, den der andere fuhr, legte den Verdacht nahe, da� es jemand war, den sein Vater geschickt hatte. Hatte er ihn die ganze Zeit beobachtet? Mark beantwortete seine Frage gleich selbst: nein. <emphasis>Dieser </emphasis>Wagen w�re ihm aufgefallen.</p><p>Der Fremde hupte zum dritten Mal, und Mark gab sich einen Ruck und trat mit raschen Schritten auf die Fahrbahn hinaus und um den Mercedes herum. Die Gesten des Fahrers waren eindeutig: Mark �ffnete die Beifahrert�r, lie� sich in den niedrigen Schalensitz fallen und erkannte endlich den Mann hinter dem Steuer.</p><p>Ungl�ubig ri� er die Augen auf. �Sie?� Er konnte sich nicht an den Namen erinnern, aber es war eindeutig der Polizeibeamte von heute morgen. Mit seiner gr�nen Jacke und der wei�en M�tze wirkte er in diesem Wagen vollkommen fehl am Platze, und obwohl er l�chelte, sah er zugleich nicht so aus, als ob er sich hinter dem teuren Sportlenkrad besonders wohlf�hlte.</p><p>�Guten Tag, Herr Sillmann�, begann der Beamte. �Erinnern Sie sich? Wir haben uns heute morgen kennengelernt. Soll ich Sie ein St�ck mitnehmen?�</p><p>�Sie sind...?�</p><p>�Bremer�, antwortete der Polizist. Zugleich machte er klar, da� seine zweite Frage nur rhetorisch gewesen war, denn er fuhr bereits weiter, ohne Marks Antwort abzuwarten. Trotzdem sagte Mark: �Gern. Aber wohin fahren wir?�</p><p>�Zum St.-Eleonor-Stift�, antwortete Bremer. �Sie wollen doch dort hin, oder?�</p><p>Mark sah Bremer einen Moment lang verst�ndnislos an, ehe er rechts und links aus den Fenstern blickte. Zum ersten Mal nahm er seine Umgebung wirklich bewu�t wahr. Er erinnerte sich vage, eine Weile kreuz und quer mit der U-Bahn durch die Stadt gefahren zu sein, und er hatte geglaubt, die Z�ge vollkommen willk�rlich gew�hlt zu haben. Offenbar war das ein Irrtum gewesen. Er befand sich auf dem Weg zur Klinik.</p><p>�Verfolgen Sie mich?� fragte er mi�trauisch.</p><p>Bremer fuhr ein wenig schneller und sah wie beil�ufig in den R�ckspiegel. Obwohl der Motor kaum h�rbar lauter wurde, sah Mark doch, da� sie viel zu schnell fuhren. Die Tachonadel n�herte sich der Achtzig.</p><p>�H�tte ich denn Grund dazu?� fragte Bremer.</p><p>Mark verzog �rgerlich das Gesicht und streckte die Hand nach dem T�rgriff aus. �Ich glaube, ich steige hier besser aus�, sagte er.</p><p>�Nicht doch.� Bremer machte eine beruhigende Geste. �Nein. Ich verfolge Sie nicht. Aber wir haben den gleichen Weg - warum sollte ich Sie nicht mitnehmen?�</p><p>Es klang so sehr nach einer Ausrede, dachte Mark, da� es schon wieder �berzeugend war. Beinahe wenigstens.</p><p>�Hat die Polizei jetzt neue Dienstfahrzeuge?� fragte er.</p><p>Bremer nickte. �Ja, es war auch an der Zeit, da� man uns angemessen ausstattet.� Er lachte. �Nein - das ist kein Dienstwagen. Ich... �berf�hre ihn nur, sozusagen.�</p><p>�Aha�, sagte Mark. �Und dabei haben Sie zuf�llig den gleichen Weg wie ich?�</p><p>Bremer ma� ihn mit einem nachdenklichen, aber auch ganz leicht sp�ttischen Blick. �Wenn ich Sie beschatten w�rde, Mark, w�rden Sie es nicht merken�, sagte er. �Ich w�rde es zum Beispiel nicht mit diesem Wagen tun. Da� wir uns getroffen haben, ist wirklich Zufall.�</p><p>�Und eine praktische Gelegenheit, allein mit mir zu reden, nicht wahr?� f�gte Mark hinzu.</p><p>�Dazu besteht kein Anla߫, behauptete Bremer.</p><p>�Was haben Sie heute morgen bei <emphasis>uns </emphasis>gewollt?� fragte Mark.</p><p>Bremer zuckte mit den Schultern. �Routine. Wir sind verpflichtet, gewisse Untersuchungen anzustellen bei einem Selbstmord.�</p><p>�Routine?� wiederholte Mark. �Ihr Kollege, dieser Sendig - er ist ein ziemlich hohes Tier, nicht?�</p><p>�Eines der h�chsten sogar�, best�tigte Bremer. �Ich wei�, was Sie sagen wollen. Ich glaube, er hat L�bach gekannt. Kannten Sie ihn?�</p><p>�Er arbeitete l�nger f�r die Firma meines Vaters, als ich lebe�, erinnerte sich Mark. Er sah Bremer aufmerksam und mit neu erwachendem Mi�trauen an. War das nun Konversation oder vielleicht doch das, was der Polizeibeamte gerade so �berzeugend abgestritten hatte: ein Verh�r?</p><p>�Ihr Vater und er waren Freunde, nicht?� Bremer sah wieder in der. R�ckspiegel und gab noch mehr Gas. Sie fuhren jetzt fast hundert.</p><p>�Ja�, antwortete Mark. �Nein. Fr�her einmal... glaube ich.�</p><p>Bremer sagte nichts dazu, aber sein Gesichtsausdruck war beredt genug, und nach einigen Sekunden rettete sich Mark in ein Achselzucken. �Ich habe in letzter Zeit nicht mehr sehr viel von dem mitbekommen, was in der Firma vorgeht. Warum fahren Sie eigentlich so schnell?�</p><p>Bremer nahm tats�chlich den Fu� vom Gas, allerdings nur f�r einen kurzen Moment, dann beschleunigte er wieder, und sein erneuter Blick in den R�ckspiegel verriet ihn. Mark drehte sich m�hsam in dem Sportsitz herum, der zwar eine bequeme Position, kaum aber Bewegung erm�glichte, und musterte die Stra�e hinter ihnen.</p><p>Sie hatten bereits mehrere Fahrzeuge �berholt, die rasch zur�ckfielen, aber darunter war eines, das die Distanz hielt, wenn auch in geh�rigem Abstand: ein dunkelblauer, sehr gro�er BMW.</p><p>�Werden wir verfolgt?� fragte er.</p><p>Bremer lachte. �Kaum. Okay, ich gebe zu, ich fahre ein bi�chen schneller, als die Polizei erlaubt.�</p><p>Mark verzog die Lippen. Er hatte sich den Kalauer erspart, obwohl er ihm ein paarmal auf der Zunge gelegen hatte. �Dieser BMW...�</p><p>Bremer war kein besonders guter Schauspieler. Er sah in den Spiegel und tat so, als suche er nach dem Fahrzeug, von dem Mark gesprochen hatte, aber mit dieser Vorstellung h�tte er niemanden �berzeugt. Anscheinend sah er das auch selber ein, denn nach ein paar Augenblicken sagte er: �Ach der. Er f�hrt schon eine ganze Weile hinter mir her. Anscheinend verletzt es seinen Stolz, auf einen schnelleren Wagen zu treffen. Sollen wir ihn anhalten? Sein Gesicht, wenn ich in Uniform aus dem Wagen steige, ist bestimmt sehenswert.�</p><p>Mark hakte das Thema in Gedanken ab. Er hatte wirklich andere Probleme. Anscheinend hatte dieser Bremer eine geh�rige Macke, Polizeibeamter oder nicht. Oder er war sehr viel raffinierter, als er bisher angenommen hatte. Aber das spielte keine Rolle. �Wir sind jetzt gleich da�, sagte er.</p><p>Zu Fu� h�tte er f�r den Weg sicher noch eine Stunde gebraucht, aber das Tempo, das Bremer vorgelegt hatte, hatte ihn auf wenige Minuten zusammenschmelzen lassen. Seltsamerweise war er �berhaupt nicht froh dar�ber. Auch wenn es keine bewu�te Entscheidung gewesen war, war ihm doch klar, weshalb er hier war: um mit dem einzigen Menschen zu reden, der die Geschichte seines Vaters best�tigen konnte - mit seiner Mutter. Zugleich aber hatte er Angst davor. Selbst wenn sie - was unwahrscheinlich war - seine Frage verstand, und selbst wenn sie - was noch unwahrscheinlicher war - darauf antwortete, h�tte er nicht einmal sagen k�nnen, welche Antwort er h�ren wollte. Die, da� alles gelogen war und sein Vater ein Ungeheuer sei, das sich diese phantastische Geschichte nur ausgedacht hatte, um sich von seiner eigenen Schuld reinzuwaschen und seinen, Marks, Widerstand vielleicht f�r alle Zeiten zu brechen? Oder die, da� es die Wahrheit war und er allein die Schuld daran trug, da� seine Mutter als seelisches Wrack dahinvegetierte und sein Leben in den letzten sechs Jahren die H�lle gewesen war?</p><p>Als h�tte er seine Gedanken gelesen, fragte Bremer in diesem Moment: �Sie besuchen Ihre Mutter?�</p><p>�Nein�, antwortete Mark fast erschrocken. �Das habe ich heute morgen getan, bevor ich nach Hause gekommen bin. Ich bin hier... mit jemandem verabredet. Privat�, f�gte er hinzu, um jede entsprechende Frage Bremers von vornherein abzublocken. Der Polizist zog vielsagend die Augenbrauen hoch, aber er hatte den Tonfall, in dem Mark das letzte Wort ausgesprochen hatte, bemerkt und richtig gedeutet. Er sagte nichts.</p><p>Sie hatten ihr Ziel auch beinahe erreicht. Die Abzweigung zur Klinik lag unmittelbar vor ihnen. Bremer bremste unn�tig hart ab, steuerte den Wagen um die Kurve und gab wieder so heftig Gas, da� Mark in den Sitz gepre�t wurde. Er sah in den R�ckspiegel, und auch Mark behielt die Stra�e hinter ihnen aufmerksam im Auge. Es verging eine ganze Weile, ehe der blaue BMW hinter ihnen an der Einm�ndung vorbeifuhr und verschwand.</p><p>�Schade�, sagte Bremer. �Und ich h�tte ihm so gerne eine �berraschung bereitet.� Er lachte dabei, aber dieses Lachen kam Mark ein bi�chen zu laut vor, und er sah gerade lange genug in den Spiegel, um seinen Worten das meiste von ihrer Glaubw�rdigkeit zu nehmen. Mark war mittlerweile davon �berzeugt, da� dieser Wagen sie verfolgt hatte - aber das ging ihn nichts an. Unter normalen Umst�nden h�tte er die Situation sicher als aufregend empfunden und versucht, n�here Einzelheiten zu erfahren; aber heute und jetzt hatte er genug mit sich selbst zu tun. Er schwieg, bis sie den Parkplatz der Klinik erreicht hatten und Bremer den Mercedes unweit der gro�en Marmortreppe zum Stehen brachte.</p><p>Ohne ein Wort stiegen sie aus. Und obwohl sie nicht zusammengeh�rten, wartete Mark ganz automatisch, bis der Polizist die T�ren verriegelt hatte und um den Wagen herumgekommen war, um neben ihm die Treppe zum Hauptportal hinaufzugehen.</p><p>Es war ein sehr sonderbares Gef�hl. Mark f�hlte sich niemals wohl, wenn er hierher kam, aber jetzt war es anders. Er hatte beinahe Angst. So ungef�hr, dachte er, mu�te sich ein Delinquent f�hlen, der die Stufen zum Schafott hinaufschritt. Dieses Geb�ude hatte niemals Gutes f�r ihn bereitgehalten, aber nun beheimatete es ein weiteres d�steres Geheimnis, von dem er immer noch nicht genau wu�te, wie es aussah, wohl aber, da� es sein Leben unwiderruflich und f�r alle Zeiten ver�ndern w�rde, ganz gleich, wie die Antworten auf seine Fragen ausfielen. In gewissem Sinne erwartete ihn dort drinnen tats�chlich ein kleiner Tod - nicht das Ende seiner k�rperlichen Existenz, wohl aber der Abschied von jenem hochkomplizierten, verworrenen und im Grunde doch so simplen Bild aus Frustration, Zorn, Ha� und Schuldzuweisungen, das sein Leben und seine Gedanken in den letzten sechs Jahren bestimmt hatte.</p><p>Er sah instinktiv die beiden gewaltigen Barockengel �ber dem Portal an, und im Grunde fiel ihm erst jetzt auf, <emphasis>wie </emphasis>gro� sie waren und wie drohend und finster. Bisher war ein Engel f�r ihn stets etwas Positives gewesen (sah man einmal davon ab, da� er nicht an deren Existenz glaubte) - ein Besch�tzer, ein W�chter, ein Freund. Aber das waren die Engel aus den Kindergeschichten. F�r die meisten Menschen blieben sie dies ihr Leben lang, aber manchmal begannen sie sich zu ver�ndern und mutierten zu etwas, das ihrer urspr�nglichen Bedeutung wahrscheinlich n�herkam, als die meisten ahnten.</p><p>�Azrael...� murmelte er ganz leise, wobei ein nur angedeutetes, bitteres L�cheln auf seinen Lippen erschien. Mit Sicherheit war es kein Zufall, da� L�bachs Killerdroge damals genau diesen Namen bekommen hatte, sondern ein Wortspiel, an dem er vermutlich lange herumgebastelt und seinen infantilen Spa� daran gehabt hatte. Er fragte sich, ob L�bach seiner Erfindung wohl den gleichen Namen gegeben h�tte, h�tte er geahnt, auf welch schreckliche Weise er Wahrheit werden sollte.</p><p>�Wie bitte?� fragte Bremer.</p><p>Mark sah hoch und registrierte erst jetzt, da� er das Wort laut ausgesprochen hatte - allerdings wohl nicht laut genug, um es Bremer wirklich verstehen zu lassen. �Nichts�, sagte er hastig. �Ich war... in Gedanken.�</p><p>Aus einem Grund, den er selbst nicht ganz nachvollziehen konnte, w�re es ihm unangenehm, Azrael Bremer gegen�ber zu erw�hnen. Mit gro�er Wahrscheinlichkeit h�tte der Polizeibeamte mit diesem Wort gar nichts anfangen k�nnen, allenfalls, da� ihm seine biblische Bedeutung gel�ufig w�re. Aber er wollte nicht �ber dieses Thema sprechen. Schon gar nicht mit Bremer - obwohl ihm der Mann im Grunde sympathisch war. Mark war nicht sicher, ob er wieder aufh�ren konnte, wenn er einmal damit anfing, �ber seine Visionen zu reden. Vorhin in Gegenwart seines Vaters und des Arztes jedenfalls hatte er es nicht gekonnt.</p><p>Bremer �ffnete die T�r und machte eine einladende Geste. �Es wird bei mir nicht allzu lange dauern�, sagte er, als Mark an ihm vorbeiging. �Wenn Sie wollen, nehme ich Sie nachher wieder mit zur�ck in die Stadt.�</p><p>Pl�tzlich grinste er. �Falls wir wieder auf den BMW sto�en, k�nnte ich einen guten Copiloten gebrauchen. M�glicherweise mu� jemand aus der T�r heraus schie�en, w�hrend ich lenke - nur f�r den Fall, da� es sich um Agenten einer ausl�ndischen Macht handelt.�</p><p>�Warum nicht gleich um Au�erirdische?� fragte Mark b�se. Bremers Grinsen erlosch abrupt, und Mark ging mit schnellen Schritten an ihm vorbei und steuerte den Empfang an, an dem er heute morgen die junge Lernschwester getroffen hatte. Er bedauerte seine eigene Grobheit beinahe; Bremer hatte nur einen Scherz machen wollen, aber er ha�te es nun einmal, wie ein Kind behandelt zu werden.</p><p>Statt Schwester Beate tat nun eine �ltere Frau in einem grauen Kost�m hinter dem Empfang Dienst. Ihr Haar war zu einem strengen Knoten zusammen- und hochgebunden, und ihr Gesicht hatte einen harten Zug, der es �lter erscheinen lie�, als es vermutlich war. Obwohl Mark als erster den Empfang erreichte, sah sie ihn kaum an, sondern blickte zu Bremer hin�ber. Mark mu�te sich zweimal �bertrieben r�uspern, ehe sie sich dazu herablie�, ihm wenigstens einen Teil ihrer Aufmerksamkeit zu schenken.</p><p>�Bitte?� fragte sie mit einer Stimme, die ebenso grau und streng klang, wie ihr Gesicht aussah.</p><p>�Mein Name ist Sillmann�, sagte Mark. �Mark Sillmann. Ich m�chte gerne meine Mutter besuchen. Sie ist Patientin hier.�</p><p>Die Schwester sah ihn eine Sekunde lang vollkommen ausdruckslos an und verlagerte ihre Aufmerksamkeit dann wieder zu Bremer, der mittlerweile herangekommen war. �Und was kann ich f�r Sie tun?�</p><p>Ihre Besucher zum Beispiel der Reihe nach abfertigen, dachte Mark ver�rgert, aber er sparte es sich, das auszusprechen. Bremers Uniform gab ihm eine Autorit�t, gegen die er ohnehin nicht ankam.</p><p>Bremer tauschte einen bezeichnenden Blick mit Mark, nannte aber dann seinen Namen und zog v�llig �berfl�ssigerweise noch einen in Plastik eingeschwei�ten Dienstausweis aus der Jacke, den er der Schwester reichte, ohne ihn jedoch aus der Hand zu geben. Sie pr�fte ihn sorgf�ltig und notierte sich etwas auf einem Blatt Papier, wahrscheinlich Bremers Namen und Dienstnummer, vermutete Mark.</p><p>�Und was f�hrt Sie hierher, Herr Polizeiobermeister?� fragte sie.</p><p>�Es geht um einen Ihrer Patienten�, antwortete Bremer. �Ein Kollege von mir. Er ist heute morgen eingeliefert worden.�</p><p>Die Schwester machte ein fragendes Gesicht. �Ein Kollege? Sind Sie sicher?�</p><p>�Vollkommen�, antwortete Bremer. �Sein Name ist Hansen. Er hatte einen Unfall in der vergangenen Nacht. Er mu� irgendwann zwischen acht und neun hergebracht worden sein.�</p><p>Die Schwester z�gerte. Ihr Blick war jetzt noch unfreundlicher als zuvor, aber offenbar wagte sie es nicht, sich in einem entsprechenden Ton an Bremer zu wenden. Sie klang allerdings auch alles andere als freundlich. �Ich f�rchte, Sie... sind da vielleicht einem Mi�verst�ndnis erlegen, Herr Wachtmeister�, begann sie vorsichtig. �Das hier ist -�</p><p>�- das St.-Eleonor-Stift, oder?� unterbrach sie Bremer. �Und hier wurde er hergebracht nach meinen Informationen. Ich bin sicher, da� es sich nicht um einen Irrtum handelt.�</p><p>�Ich werde mich erkundigen�, versprach die Schwester. Sie streckte die Hand nach dem Telefon aus, und Mark fand, da� es an der Zeit war, sich in Erinnerung zu bringen, solange er �berhaupt noch eine Chance h�tte, wahrgenommen zu werden.</p><p>�Entschuldigung�, sagte er. �Kann ich vielleicht durchgehen? Ich kenne den Weg.�</p><p>�Das mag sein, junger Mann�, antwortete die Schwester. �Aber das hier ist kein Hotel, wo jedermann kommen und gehen kann, wie er gerade lustig ist. Ich werde nachh�ren, ob Ihre Mutter Besuch empfangen kann. Haben Sie einen Termin?�</p><p>�Nein�, gestand Mark. �Aber ich habe heute morgen erst mit ihr gesprochen, und -�</p><p>�Ich erkundige mich.�</p><p>W�hrend sie zu w�hlen begann, drehte sich Mark kurz zu Bremer herum. Der Polizeibeamte ma� die Frau hinter dem Schalter mit strengen Blicken, nahm sich aber trotzdem die Zeit, Mark rasch zuzublinzeln, wobei sich f�r eine Sekunde ein am�siertes L�cheln in seine Augen stahl. Der Mann wurde ihm dadurch noch sympathischer. Obwohl er ihn kaum kannte, sp�rte er instinktiv, da� das Urteil seines Vaters zumindest �ber ihn falsch gewesen war.</p><p>Mark wandte sich wieder an die Schwester und fragte: ��brigens - hat Schwester Beate schon Feierabend? Ich bin mit ihr verabredet.�</p><p>Der Gesichtsausdruck der Schwester wurde noch unfreundlicher, als er es wagte, sie beim Telefonieren zu st�ren - obwohl sie h�chstwahrscheinlich nur dem Freizeichen lauschte. �Es gibt hier keine Schwester Beate�, sagte sie grob und ohne ihn anzusehen.</p><p>�Wie bitte?� Mark l�chelte unsicher. �Sie m�ssen sich irren. Ich habe heute morgen mit ihr gesprochen.�</p><p>�Sie h�ren doch, was ich gesagt habe�, antwortete die Schwester. �Es gibt hier niemand dieses Namens.�</p><p>�Aber -�</p><p>Die Schwester hob mit einer ruckartigen Bewegung den Zeigefinger und brachte ihn damit zum Verstummen. Mark h�rte nicht hin, w�hrend sie mit ihrem Gespr�chspartner am anderen Ende der Verbindung redete, aber es dauerte auch nur einen Moment, bis sie sich mit offizieller Miene an Bremer wandte: �Einen Moment Geduld noch, Herr Wachtmeister�, sagte sie. �Doktor Hallenberg wird sich gleich um Sie k�mmern.� Sie h�ngte nicht ein, sondern hielt den H�rer fest und dr�ckte mit zwei Fingern der gleichen Hand auf die Gabel und w�hlte dann eine andere Nummer. Diesmal vergingen nur wenige Augenblicke, ehe sie eine Verbindung bekam. �Dr. Ehlers? Hier unten ist ein junger Mann. Ein gewisser Mark...� Sie sah Mark eine Sekunde lang nachdenklich an, als bed�rfe es seines Anblicks, um sich an seinen Namen zu erinnern. �... Sillmann. Er m�chte seine Mutter sprechen. Aber er hat keinen Termin.� Sie lauschte einen Moment auf die Antwort, nickte dann und h�ngte wortlos ein.</p><p>�Einen Moment bitte�, sagte sie.</p><p>�Aber das ist wirklich nicht n�tig�, sagte Mark. �Sie kennen mich nicht, aber ich komme sehr oft her. Ich besuche meine Mutter regelm��ig, und ich habe noch nie einen Termin gebraucht.�</p><p>�Bei mir schon�, antwortete sie unfreundlich. �Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, meine Herren. Ich habe noch zu tun.�</p><p>Mark sp�rte allm�hlich einen geh�rigen �rger in sich aufsteigen, und w�re Bremer nicht dabeigewesen, dann h�tte er diesem �rger vermutlich auch Luft gemacht. So sah er die Schwester nur einen Moment lang b�se an und wich dann ein paar Schritte vom Empfang zur�ck. Bremer folgte ihm nach kurzem Z�gern. Mark versuchte vergeblich, seinen Gesichtsausdruck zu deuten; er schwankte irgendwo zwischen Ver�rgerung und Am�siertheit.</p><p>�Geht es hier immer so f�rmlich zu?� erkundigte sich der Polizeibeamte.</p><p>�Nein�, antwortete Mark. �Eigentlich habe ich das noch nie erlebt, aber ich kenne diese Schwester auch nicht. Sie mu� neu sein.�</p><p>�Offensichtlich�, sagte Bremer. �Immerhin kennt sie nicht einmal den Namen ihrer Kollegin.�</p><p>�Scheint so�, sagte Mark.</p><p>Der Aufzug kam. Ein kleinw�chsiger Mann in einem wei�en Arztkittel trat aus der Kabine und wandte sich mit einem fragenden Blick an die Schwester hinter dem Empfang. Sie deutete wortlos auf Bremer, der sich herumdrehte und dem Arzt entgegenging. Mark entfernte sich diskret einige Schritte; was die beiden miteinander zu besprechen hatten, ging ihn nichts an.</p><p>Bremer hatte das gro�e Portal nicht geschlossen, so da� ein schmaler Streifen Tageslicht in das vornehme Halbdunkel der Halle fiel. Drau�en fuhr ein Wagen vor. Mark h�rte das ged�mpfte Motorenger�usch und schlenderte mit langsamen Schritten zur T�r. Es war gar nicht so ungew�hnlich, wie er Bremer gegen�ber behauptet hatte, da� er warten mu�te. Selbst das Gewicht seines Namens reichte nicht immer aus, sofort vorgelassen zu werden. Ganz im Gegenteil bereitete er sich auf eine l�ngere Wartezeit vor, zumal er ja am Morgen schon einmal hier gewesen war. Er fragte sich, ob seine Mutter sich an diesen Besuch erinnerte.</p><p>Er hatte die T�r erreicht und hielt aus purer Langeweile nach dem Wagen Ausschau, den er hatte vorbeifahren sehen. Es war kein blauer BMW, wie er eine halbe Sekunde lang erwartet hatte, sondern ein Krankenwagen. Er hatte ein gutes St�ck neben dem Haupteingang angehalten, und die beiden hinteren T�ren standen offen. Zwei M�nner in wei�en Anz�gen waren damit besch�ftigt, eine Trage mit einer reglosen Gestalt darauf auszuladen.</p><p>Jedenfalls unterstellte Mark, da� es M�nner waren. Ebensogut h�tte es sich aber auch um Frauen handeln k�nnen oder Marsmenschen.</p><p>Mark fuhr sich erstaunt mit dem Handr�cken �ber die Augen und blinzelte ein paarmal, aber das Bild blieb. Die beiden M�nner trugen wei�e, den ganzen K�rper umh�llende Anz�ge mit fest angebrachten Stiefeln, Handschuhen und Helmen, die aus einem Science-fiction-Film h�tten stammen k�nnen. Es waren Isolieranz�ge. In einem Krankenhaus vielleicht kein so ungew�hnlicher Anblick - aber dies war kein normales Krankenhaus. Schon gar keines, das Patienten mit so ansteckenden Krankheiten aufnahm, da� sich die Krankenwagenbesatzung auf eine solche Weise sch�tzen mu�te. Sehr ungew�hnlich!</p><p>�Wartest du schon lange?�</p><p>Mark erschrak so heftig, da� er auf dem Absatz herumfuhr und Beate einen hastigen Schritt zur�ck machte. Im allerersten Moment h�tte er sie kaum erkannt - statt der strengen Schwesterntracht trug sie jetzt Jeans, T-Shirt und eine knappsitzende schwarze Lederjacke, was sie wesentlich j�nger und kindlicher erscheinen lie� als noch am Morgen, zugleich aber auch sehr viel attraktiver.</p><p>�Entschuldige�, sagte er hastig. �Ich war ...� Er sch�ttelte den Kopf. �Nein, ich warte noch nicht lange. Ein paar Minuten. Aber ich hatte die Hoffnung trotzdem schon fast aufgegeben.�</p><p>Beate legte fragend den Kopf auf die Seite.</p><p>�Deine Kollegin dort hinten.� Mark deutete mit s�uerlichem Gesichtsausdruck �ber die Schulter zur�ck zum Empfang. �Sie hat behauptet, hier g�be es keine Schwester Beate.�</p><p>�Ach ja, Schwester Rabiata�, sagte Beate l�chelnd.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Eigentlich hei�t sie Ingeborg, aber alle nennen sie nur Schwester Rabiata�, erkl�rte Beate. �Sie kann mich nicht ausstehen. Au�erdem ist sie v�llig paranoid. Sie sieht in jedem weiblichen Wesen, das j�nger ist als sie und besser aussieht, eine Mitgiftj�gerin. Und du kennst ja die Vorschriften hier.�</p><p>Mark warf einen raschen Blick zum Empfang hin�ber. Bremer war in eine heftige und offenbar nicht besonders erfreuliche Diskussion mit dem Arzt verwickelt, w�hrend Schwester Ingeborg Beate und ihn mit unverhohlenem Mi�trauen ansah. �Ich hoffe, du bekommst jetzt keine Schwierigkeiten�, sagte er.</p><p>Beate sch�ttelte heftig den Kopf. �Ach wo�, sagte sie. �Au�erdem - hast du nicht selbst gesagt, da� du den Laden kaufst und jeden rauswirfst, der mir �rger macht?�</p><p>Mark lachte zwar, aber eigentlich war ihm nicht danach zumute. Aus irgendeinem Grund f�hlte er sich ganz pl�tzlich wieder ebenso befangen, verunsichert und zugleich auf eine fast unerkl�rliche Weise zu Beate hingezogen wie am fr�hen Morgen. Es war ein sehr angenehmes Gef�hl, aber es verwirrte ihn auch. Und ein bi�chen erschreckte es ihn. Er war fast erleichtert, als Schwester Rabiata hinter dem Empfang die Hand hob und ihn heranwinkte. Beate machte keine Anstalten, ihm zu folgen, sondern blieb stehen, wo sie war. Offenbar herrschte zwischen ihr und ihrer Kollegin tats�chlich ein sehr gespanntes Verh�ltnis.</p><p>Er kam dicht genug an Bremer und dem Arzt vorbei, um einen Teil ihres Gespr�ches mitzuh�ren, obwohl er es gar nicht wollte.</p><p>�... aber ich f�rchte, es bleibt bei meiner Entscheidung, Herr Wachtmeister�, sagte der Arzt gerade.</p><p>�Aber ich will doch nur -�</p><p>�Es tut mir leid, Herr Wachtmeister�, fuhr der Arzt in nun schon h�rbar k�hlerem Ton fort, �aber f�r uns z�hlt erst einmal das Wohl des Patienten, nicht, was Sie oder Ihre Kollegen oder meinetwegen auch Ihre Vorgesetzten m�chten.�</p><p>�Lassen Sie mich wenigstens kurz mit ihm reden�, sagte Bremer. �Seine Frau macht sich gro�e Sorgen.�</p><p>�Das glaube ich gern�, antwortete der Arzt unger�hrt. �Aber wir tun f�r Ihren Kollegen, was wir k�nnen. Und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen w�rden - ich habe noch andere Patienten.�</p><p>Er wollte gehen, aber Bremer hielt ihn mit einer fast befehlenden Geste zur�ck. �Ich h�tte es lieber nicht so offiziell werden lassen, Herr Doktor�, sagte er, �aber ich kann durchaus mit einem Gerichtsbeschlu� wiederkommen.�</p><p>Das war nicht die richtige Taktik. Mark sp�rte es, bevor der Arzt antwortete, Bremer sicher auch.</p><p>�Ganz, wie Sie meinen, Herr Wachtmeister�, sagte er ruhig. �Sie w�ren nicht der erste, der sich eine blutige Nase holt. Verschwenden Sie ruhig Ihre Zeit - aber bitte nicht weiter die meine.� Und damit drehte er sich herum und ging mit energischen Schritten zur�ck zum Aufzug.</p><p>Bremer machte ein betroffenes Gesicht, und Mark hielt es im Moment f�r diplomatischer, ihn nicht auf das Thema anzusprechen, sondern ging rasch die wenigen Schritte weiter zum Empfang.</p><p>Schwester Ingeborg hatte nat�rlich alles mitbekommen und machte keinen Hehl aus ihrer Schadenfreude. �Kein erfolgreicher Tag f�r Ihren Freund?� fragte sie triumphierend.</p><p>�Wir geh�ren nicht zusammen�, antwortete Mark. �Wir sind nur zuf�llig im gleichen Moment hereingekommen.�</p><p>Schwester Ingeborg zuckte nur mit den Schultern und deutete auf das Telefon vor sich. �Ich f�rchte, ich habe auch f�r Sie schlechte Nachrichten�, sagte sie. �Ich habe mit dem zust�ndigen Arzt gesprochen. Wie es aussieht, geh�rt Ihre Mutter tats�chlich zu unseren Patienten. Aber im Moment k�nnen Sie sie unm�glich besuchen.�</p><p>Mark mu�te sich beherrschen, um sich seinen �rger �ber diese Formulierung nicht zu deutlich anmerken zu lassen. �Warum?� fragte er gepre�t.</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete die Schwester. �Ihr Zustand l��t es nicht zu.�</p><p>�Unsinn�, sagte Mark. �Ich habe sie erst...� Er verbesserte sich im letzten Moment. �... vor kurzem besucht. Es ging ihr ausgezeichnet.�</p><p>�Sind Sie zuf�llig Arzt?� fragte die Schwester spitz. �Ich glaube nicht. Wenn Sie es w�ren, dann w��ten Sie, wie rasch sich der Zustand eines seelisch kranken Menschen manchmal �ndern kann. Die kleinste Aufregung kann da ausreichen. Ich kann Ihnen jedenfalls nicht helfen.�</p><p>Mark blickte sie mit unverhohlener Feindseligkeit an, aber er sagte nichts von alledem, was ihm auf der Zunge lag. Tief drinnen war er sogar beinahe froh, seine Mutter jetzt nicht sehen zu k�nnen. Er war mit dem festen Vorsatz - nein, der <emphasis>Notwendigkeit - </emphasis>hierher gekommen, mit ihr zu reden, und er h�tte sich selbst gegen�ber keine Ausrede gelten lassen. Aber so unsympathisch ihm diese Schwester auch sein mochte und so sehr sie es sichtlich geno�, seinen Wunsch abzuschlagen, glaubte er doch nicht, da� sie log.</p><p>�Vielleicht haben Sie recht�, sagte er. �Ich komme sp�ter noch einmal wieder. Heute abend oder morgen.�</p><p>�Es w�re kl�ger, wenn Sie vorher anrufen und sich einen Termin geben lassen. Nur, damit Sie sich einen weiteren unn�tigen Weg ersparen�, riet ihm die Schwester und beendete das Gespr�ch damit, denn sie beugte sich wieder �ber irgendwelche Papiere, die vor ihr lagen, und tat so, als lese sie konzentriert darin.</p><p>Mark schluckte seinen �rger - der sich ohnehin in Grenzen hielt - herunter und ging zu Beate zur�ck. Sie hatte sich die ganze Zeit �ber nicht von ihrem Platz neben der T�r ger�hrt, aber als er sie erreichte, l�chelte sie fl�chtig und sagte: �Wei�t du jetzt, warum wir sie Schwester Rabiata nennen?�</p><p>�Hm�, machte Mark. <emphasis>�Schwester Unfreundlich </emphasis>w�re passender. Ist sie immer so?�</p><p>�Ach woher�, antwortete Beate. �Sie hat heute einen guten Tag. Normalerweise l�uft sie in einem roten Cape herum und hat einen Dreizack in der rechten Hand. Du hattest Gl�ck.�</p><p>Mark lachte, aber es schien nicht sehr �berzeugend zu klingen, denn Beate sah pl�tzlich ein bi�chen besorgt aus. �Du wolltest deine Mutter noch einmal besuchen?� fragte sie. �Wenn es wirklich wichtig ist, k�nnte ich vielleicht etwas tun. Ich meine, ich kann nichts versprechen, aber ich kenne Doktor Ehlers gut, und -�</p><p>�Schon gut�, unterbrach sie Mark. �Es macht nichts. Vielleicht war es nicht einmal eine gute Idee. Immerhin war ich erst heute morgen hier. Es w�rde sie nur verwirren, wenn ich sie schon wieder besuche.� <emphasis>Falls sie sich �berhaupt daran erinnert, </emphasis>f�gte er in Gedanken hinzu. Er machte eine entsprechende Handbewegung und fuhr mit festerer Stimme fort: �Wenn du soweit bist, k�nnen wir aufbrechen. Du hast Zeit?�</p><p>�Soviel du willst�, antwortete Beate. Sie deutete auf Bremer: �Was ist mit ihm?�</p><p>�Nichts�, antwortete Mark. �Was... soll mit ihm sein?�</p><p>Bevor Beate antworten konnte, sagte Bremer: �Er kann sein Versprechen wahrscheinlich nicht halten.� Er wedelte bedauernd mit dem Autoschl�ssel, w�hrend er n�her kam. �Ich habe zwar angeboten, Sie mit zur�ck in die Stadt zu nehmen, aber ich f�rchte, wir bekommen Probleme. Der Wagen ist ein Zweisitzer. Ich wu�te nicht, da� Sie -�</p><p>�Das macht �berhaupt nichts�, sagte Mark hastig. �Im Gegenteil. Es ist sch�nes Wetter, und ich gehe gerne spazieren. Du doch auch, oder?�</p><p>Die letzte Frage galt Beate, die sie mit einer �berraschten Geste beantwortete, die man mit einigem guten Willen zumindest als die <emphasis>Andeutung </emphasis>eines Kopfnickens auslegen konnte.</p><p>�Den ganzen Weg?� fragte Bremer zweifelnd.</p><p>�So weit ist es nicht�, sagte Mark. �Zur Not halten wir ein Taxi an. Au�erdem wissen wir noch gar nicht genau, wohin wir �berhaupt wollen. Vielen Dank jedenfalls f�r das Angebot.�</p><p>Bremer sah ihn noch einen Augenblick lang zweifelnd an, aber dann zuckte er mit den Achseln und verabschiedete sich. Mark sah ihm nach, w�hrend er die Treppe hinunter und auf den geparkten Mercedes zuging. Sein Blick streifte die Stelle, an der gerade noch der Krankenwagen mit den beiden sonderbaren Pflegern gestanden hatte. Das Fahrzeug war verschwunden. Und er war auch gar nicht mehr so sicher, da� er die beiden vermummten Gestalten <emphasis>wirklich </emphasis>gesehen und sie sich nicht nur eingebildet hatte.</p><p>�Was hast du mit der Polizei zu tun?� erkundigte sich Beate.</p><p>�Der Polizei?� Mark lachte unsicher. �Nichts. Ich... kenne ihn. Privat. Aber nicht sehr gut. Wir haben uns zuf�llig auf der Stra�e getroffen, und da wir den gleichen Weg hatten, hat er mich mitgenommen.� Das war nahe genug an der Wahrheit, um glaubhaft zu klingen, und zugleich weit genug davon entfernt, Beate an weiteren unangenehmen Fragen zu hindern. Au�erdem hatte sie mittlerweile auch gesehen, mit <emphasis>welchem </emphasis>Fahrzeug Bremer gekommen war, und ri� verbl�fft die Augen auf.</p><p>�Sieht so aus, als h�tte ich mir den falschen Job ausgesucht�, sagte sie.</p><p>�Er geh�rt ihm nicht�, antwortete Mark. �Warte einen Moment - ich rufe uns ein Taxi.�</p><p>Er wollte sich herumdrehen, aber Beate fragte rasch: �Ich dachte, wir gehen zu Fu�?�</p><p>�Zu Fu�?� sagte Mark mit gespieltem Entsetzen.</p><p>�Aber du hast doch gerade selbst gesagt, da� du gerne spazierengehst!� antwortete Beate irritiert. �Das war gelogen�, sagte Mark. �Ich <emphasis>hasse </emphasis>Spazierg�nge.� Er ging zum Empfang zur�ck und versuchte Schwester Ingeborgs Aufmerksamkeit zu erwecken. Es gelang ihm nicht, trotz mehrmaligen, immer lauter werdenden R�usperns.</p><p>�K�nnten Sie mir ein Taxi rufen?� fragte er schlie�lich. Er bekam keine Antwort.</p><p>�Ich bezahle f�r das Gespr�ch, das ist kein Problem�, sagte er gereizt und legte eine Handvoll M�nzen auf die Theke.</p><p>Die Schwester schob sie zur�ck, ohne auch nur von ihrer vorget�uschten Arbeit aufzusehen, und sagte: �Auf der anderen Stra�enseite ist ein Telefonh�uschen.�</p><p>�Sehr freundlich�, sagte Mark. �Vielen herzlichen Dank.� Innerlich kochend vor Wut ging er zu Beate zur�ck, marschierte an ihr vorbei und noch zwei Schritte weit auf die Treppe hinaus, ehe er wieder stehenblieb.</p><p>�Das darf doch alles nicht wahr sein!� sagte er zornig. �Was ist denn hier heute los? Wieso sind hier alle so gereizt und unfreundlich?�</p><p>�Ich habe dich vor ihr gewarnt�, sagte Beate.</p><p>�Quatsch�, antwortete Mark. �Ich komme seit Jahren hierher.�</p><p>�Sie sind alle ein bi�chen nerv�s heute�, sagte Beate. �Es hat einen Todesfall gegeben. Aber das geht dich nichts an.�</p><p>�Du hast heute morgen nichts davon erz�hlt�, sagte Mark.</p><p>�Warum sollte ich auch? So etwas h�ngt man nicht an die gro�e Glocke. Schon gar nicht einem Fremden gegen�ber.�</p><p><emphasis>Der er heute morgen noch f�r sie gewesen war. </emphasis>Beinahe hatte er vergessen, da� er dieses M�dchen erst vor ein paar Stunden kennengelernt hatte - und auch jetzt noch kaum mehr von ihr wu�te als ihren Namen. Es war beinahe unheimlich, wie vertraut sie ihm schon vorkam: ein Vertrauen, das nichts mit <emphasis>Kennen </emphasis>zu tun hatte.</p><p>�Es tut mir leid�, sagte er. �Ich wollte dich nicht -�</p><p>�Ich wollte <emphasis>dir </emphasis>nicht die gute Laune verderben�, unterbrach ihn Beate. �Und jetzt vergi� Artner und Schwester Rabiata. Heute ist dein Geburtstag, oder? Also - wie feiern wir ihn?�</p></section><section><title><p>20. Kapitel</p></title><p>Sillmann unterbrach sich mitten im Satz und legte die Hand auf die Sprechmuschel des Telefons/als er die T�r h�rte. F�r einen ganz kurzen Moment verzerrte sich sein Gesicht vor Zorn zu einer Grimasse, vor der selbst die wenigen Menschen erschrocken w�ren, die ihn kannten; dann sah er, <emphasis>wer</emphasis> das Zimmer betreten hatte, und die Wut machte Betroffenheit und dem intensivsten Ausdruck von Sorge Platz, zu dem er f�hig war (er war nicht sehr intensiv).</p><p>�Marianne!� sagte er best�rzt. �Was machen Sie denn hier? Sie sollten doch im Bett bleiben!�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Marianne. �Aber das ist nichts f�r mich. Ich werde nur krank, wenn ich nutzlos im Bett herumliege. Der Doktor ist unten.�</p><p>�Doktor Petri?� Sillmann nahm kurz die Hand vom H�rer, sagte: �Einen Moment, bitte�, und wandte sich dann wieder an Marianne. �Schon wieder? Haben Sie ihn gerufen?�</p><p>�Er sagt, er m�sse Sie dringend sprechen�, antwortete Marianne. Ihre Stimme klang ein bi�chen undeutlich. Die eine H�lfte ihres Gesichts war geschwollen und dunkel angelaufen, die andere daf�r um so blasser. �Das Telefon ist seit einer halben Stunde besetzt.�</p><p>�Also gut�, seufzte Sillmann. �Schicken Sie ihn rauf. Und dann legen Sie sich wieder hin und stehen nicht vor morgen fr�h wieder auf - haben Sie das verstanden? Das ist kein guter Rat, sondern ein dienstlicher Befehl.�</p><p>�Wie Sie w�nschen�, antwortete Marianne - in einem Ton, der jedes weitere Wort �berfl�ssig machte. Aber immerhin war sie klug genug, nicht direkt zu widersprechen, sondern verlie� die Bibliothek wieder. Sillmann wartete, bis sie die T�r hinter sich geschlossen hatte, ehe er sein unterbrochenes Telefonat fortsetzte.</p><p>�M�glicherweise hat es ja nichts zu bedeuten�, sagte er. �Ich... nein... nein, zum Teufel, ich versuche <emphasis>nicht, </emphasis>die Sache zu verharmlosen, aber... ja...�</p><p>Petri mu�te bereits drau�en vor der T�r gewartet haben, denn er trat ein, kaum da� die Haush�lterin gegangen war. Diesmal sah Sillmann kaum hoch, so als h�tte er den Arzt allein am Schritt erkannt. Seine Haltung versteifte sich merklich, w�hrend er zuh�rte und nach immer l�nger werdenden Pausen in immer sch�rferem Ton antwortete.</p><p>�Niemals. Nein. H�ren Sie, ich sagte <emphasis>nein. </emphasis>Es ist mir gleich, was Sie denken. Sie k�nnen mich nicht unter Druck...�</p><p>Petri h�rte weiter konzentriert zu, aber er konnte pl�tzlich nicht mehr stillstehen. Mit kleinen, nerv�sen Schritten begann er im Zimmer auf und ab zu gehen und trat schlie�lich an die Bar. Seine Finger zitterten, als er zwei Gl�ser f�llte und eines davon auf dem Schreibtisch neben Sillmann absetzte.</p><p>�Er ist mein <emphasis>Sohn�, </emphasis>sagte Sillmann betont. �Was erwarten Sie von mir?� Er lauschte auf die Antwort, dann lachte er, kurz und hart, und auf eine Weise, die nichts anderes als eine Drohung aus diesem Lachen machte. �Ganz wie Sie w�nschen�, sagte er. �Aber Sie wissen, was dann passiert. Beziehungsweise ganz bestimmt <emphasis>nie mehr </emphasis>passieren wird. Es ist Ihre Entscheidung.�</p><p>Er knallte den H�rer auf, ergriff ihn im n�chsten Moment noch einmal und schmetterte ihn dann mit solcher Wucht ein zweites Mal auf die Gabel, da� das Kunststoffgeh�use des Telefons ri�.</p><p>�Idioten�, murmelte er.</p><p>Petri trank einen Schluck von seinem Cognac und begann das Glas nerv�s in der Hand zu drehen. ��rger?� fragte er.</p><p>�Nein�, raunzte Sillmann. �Wie kommen Sie darauf? Aber damit werde ich fertig.� Er folgte Petris Beispiel, aber er begn�gte sich nicht mit einem Schluck, sondern leerte sein Glas mit einer einzigen Bewegung. �Und was wollen Sie, Doktor? Wenn es um Marianne geht -�</p><p>�Ich habe versucht anzurufen�, antwortete Petri. Er klang sehr nerv�s. �Das Telefon war ununterbrochen besetzt.�</p><p>�Ich hatte zu tun�, antwortete Sillmann grob. �Wie Sie geh�rt haben. Also - was gibt es so Wichtiges?�</p><p>Petri drehte das Glas immer schneller in den H�nden, hielt es dann an und bewegte es ruckartig in die Gegenrichtung. Der Cognac darin machte die Kreisbewegung noch einen Moment mit, ehe der winzige Strudel sich aufl�ste. �Ich habe gerade mit der Klinik telefoniert�, sagte er.</p><p>�Lassen Sie mich raten, Doktor�, sagte Sillmann finster. �Mark ist dort.�</p><p>�Das auch�, antwortete Petri. �Aber darum geht es nicht. Artner. Artner ist tot.�</p><p>�Was?!� Sillmanns Gesicht verlor auch noch den Rest von Farbe.</p><p>�Heute nacht�, best�tigte Petri. �Angeblich hat er einen Herzanfall bekommen.�</p><p>�Artner?� murmelte Sillmann fassungslos. �Gro�er Gott. Artner, L�bach, Mogrod... wer noch?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Petri leise. �Aber Sie wissen, was es bedeutet.�</p><p>�Ja�, fl�sterte Sillmann. �Es hat angefangen.�</p></section><section><title><p>21. Kapitel</p></title><p>�Das ist wieder mal typisch!� sagte Sendig kopfsch�ttelnd, w�hrend er mit der einen Hand den Bund mit Dietrichen in die linke Jackentasche gleiten lie� und mit der anderen das Kunstst�ck fertigbrachte, die T�r zu �ffnen und zugleich eine einladende Geste zu machen. �Die Leute geben ein Verm�gen f�r Alarmanlagen in ihren Wagen aus und bezahlen extra einen Wachdienst, der ihre H�user besch�tzt - und dann bauen Sie ein Schlo� ein, das jeder Erstkl��ler mit einer Hutnadel aufbekommt! Wo zum Teufel sind Sie so lange geblieben? Ich habe fast eine halbe Stunde auf Sie gewartet.�</p><p>Bremer folgte seiner Einladung und trat mit einem schnellen Schritt an dem Kommissar vorbei in die Penthousewohnung. Sendig hatte nicht l�nger als ein paar Sekunden gebraucht, um das Schlo� zu �ffnen, und obwohl er dazu einen Dietrich benutzt hatte, zweifelte Bremer keinen Moment lang daran, da� er es auch tats�chlich mit einer Hutnadel und in nicht nennenswert l�ngerer Zeit geschafft h�tte. Aber statt zufrieden zu sein, klang er eher beleidigt - beinahe entt�uscht.</p><p>�Seien Sie doch froh, da� es so einfach war�, sagte er. �Und um auf Ihre Frage zur�ckzukommen: Ich mu�te ein paar Umwege machen. Das dauert.�</p><p>�Um die M�nner in dem BMW abzusch�tteln?�</p><p>Bremer hatte mit jeder nur denkbaren Bemerkung gerechnet - aber damit nicht. Er hielt abrupt mitten in der Bewegung inne und starrte Sendig an. �Wie?�</p><p>�Sagen Sie nicht, Sie h�tten sie nicht bemerkt�, sagte Sendig. �Das w�rde mich entt�uschen.�</p><p>�Ich <emphasis>habe </emphasis>sie bemerkt�, begann Bremer, und Sendig unterbrach ihn erneut: �Genau wie ich, auf dem Parkplatz. Aber ehe Sie mich jetzt niederschie�en - Sie waren nicht in Gefahr. Sie h�tten Ihnen nichts getan.�</p><p>�Und was sollte diese R�uberpistole dann?� fragte Bremer zornig. Nat�rlich war der blaue BMW wieder dagewesen, kaum da� er die Klinik verlassen hatte, und er war ihm nahezu den ganzen Weg hierher gefolgt. Aber eben nur nahezu. Es war Bremer letztendlich gelungen, ihn abzusch�tteln. Wenigstens hoffte er das.</p><p>�Ich habe gehofft, da� sie <emphasis>Sie </emphasis>observieren und nicht mich�, antwortete Sendig unger�hrt. �Wie es aussieht, zu Recht.�</p><p>�Wozu?�</p><p>�Sagen wir: Ich habe mit jemandem gesprochen, den ich nicht mit in diese Geschichte hineinziehen m�chte. Au�erdem ist es besser, wenn niemand wei�, da� wir hier sind. Wenigstens noch nicht. Ich hoffe doch, Sie haben sie abgesch�ttelt.�</p><p>�Ich denke schon�, antwortete Bremer ver�rgert. �Allerdings mu�te ich �ber ein paar rote Ampeln fahren, und ich f�rchte, ich habe auch die zul�ssige H�chstgeschwindigkeit �berschritten. Mit Ihrem Wagen. Ich hoffe, Sie bekommen ein Dutzend Anzeigen.�</p><p>Sendig lachte. �Damit kann ich leben�, sagte er. �Und jetzt lassen Sie uns diese Wohnung durchsuchen.� Er deutete nach rechts. �Sehen Sie sich dort um. Ich nehme mir die Zimmer auf dieser Seite vor.�</p><p>Bremer schluckte seinen �rger herunter, aber er fragte sich, wie lange er das wohl noch konnte. Es war jetzt ungef�hr das zehnte Mal, da� er sich selbst sagte, da� Sendig ihn nicht mehr �berraschen konnte - und wahrscheinlich w�rde er es sich auch noch weitere zehnmal sagen. Er verstand nicht einmal wirklich, warum sie �berhaupt hier waren. Trotzdem durchquerte er rasch den kurzen Flur und �ffnete die T�r an seinem Ende. Sie f�hrte in ein kleines, aber sehr behaglich eingerichtetes Badezimmer ohne Fenster. Bremer blieb einen Moment unter der T�r stehen, um einen Gesamteindruck des Raumes in sich aufzunehmen, dann durchsuchte er ihn sehr gr�ndlich, fand aber nichts au�er den �blichen Badezimmer-utensilien: Handt�cher, Toilettenpapier und ein penibel aufger�umter Schrank mit W�sche, ein kleiner, nahezu leerer Medikamentenschrank �ber dem Waschbecken und ein Bademantel mit Monogramm und leeren Taschen, der s�uberlich neben der Duschkabine aufgeh�ngt war. Nicht das kleinste St�ubchen. Badewanne, Waschbecken und Dusche waren frisch poliert, und die Toilette blitzte vor Sauberkeit. Selbst das Klopapier war fast milit�risch aufgereiht. Wenn es in der ganzen Wohnung so aussah, dachte Bremer, dann mu�te Artner entweder eine �bereifrige Putzfrau haben oder ein verfluchter Pedant sein.</p><p>Der n�chste Raum, den er durchsuchte, war das Schlafzimmer. Er brauchte sehr viel l�nger dazu, kam aber zum gleichen Ergebnis: Er fand nichts - was allerdings zu einem Gutteil daran liegen mochte, da� er gar nicht wu�te, wonach sie eigentlich suchten - und war jetzt sicher, da� Artner einen Sauberkeitstick hatte - beziehungsweise <emphasis>gehabt </emphasis>hatte.</p><p>Er traf Sendig im Wohnzimmer wieder, das nicht nur �berraschend gro� war, sondern auch einen radikal anderen Anblick bot als der Teil der Wohnung, den er durchsucht hatte: Die eine H�lfte des Raumes war so pedantisch aufger�umt und sauber wie Bad und Schlafzimmer, die andere glich einem Chaos. Bremer hatte sich bem�ht, alles so zu hinterlassen, wie sie es vorgefunden hatten, und nichts zu ver�ndern, aber Sendig hatte da weniger Hemmungen: Als Bremer eintrat, fischte er gerade eine Reihe Taschenb�cher vom Regal, um sie rasch durchzubl�ttern und dann achtlos fallen zu lassen. Der Weg, den er genommen hatte, war genau nachzuverfolgen: Herausgerissene Schubladen, Schallplatten und achtlos verstreute CDs, die aus ihren H�llen gerissen worden waren, Videocassetten und Papiere bildeten eine Tr�mmerspur, die Sendig wie eine emsige Verw�stungsmaschine mit erstaunlicher Schnelligkeit verl�ngerte.</p><p>�Halten Sie das f�r klug?� fragte Bremer mi�billigend.</p><p>�Was?� Sendig schien im ersten Moment gar nicht zu verstehen, was Bremer meinte. Dann senkte er den Blick, sah mit gespielter Betroffenheit auf das Chaos hinunter, das ihm mittlerweile fast bis zu den Waden reichte, und sagte: �Oh. Ich verstehe. Aber ich glaube nicht, da� es den verstorbenen Professor noch besonders st�rt, wissen Sie.�</p><p>�Ihn nicht�, antwortete Bremer - wider besseres Wissen. Es hatte einfach keinen Sinn, mit Sendig zu diskutieren. Trotzdem fuhr er fort: �Aber vielleicht andere. Jemand k�nnte herkommen -�</p><p>�- und annehmen, da� eingebrochen worden ist�, fiel ihm Sendig ins Wort und lie� das n�chste Buch fallen. �Und? Haben Sie Angst, da� uns jemand anzeigt?� Er lachte. �Was sollen sie tun? Die Polizei rufen?�</p><p>�Zum Beispiel.�</p><p>�Ein Einbruch mehr oder weniger.� Sendig zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder dem B�cherregal zu. �Ich glaube nicht, da� es darauf ankommt. Nehmen Sie sich den Schrank vor, okay?�</p><p>Bremer schluckte die zornige Entgegnung herunter, die ihm auf der Zunge lag. Es war nicht Sendigs Schuld. Er war gereizt, sehr viel mehr, als er zugeben wollte, und er kam sich tats�chlich wie ein Einbrecher vor. Rein juristisch betrachtet waren sie das auch - sie hatten weder einen Durchsuchungsbefehl noch irgendeinen zwingenden <emphasis>Grund, </emphasis>diese Wohnung zu durchsuchen. Artner war tot, aber zu sterben war in diesem Land noch nicht strafbar. Was sie taten, hatte etwas von Leichenfledderei an sich, fand er.</p><p>Verr�ckt. Bremer verstand sich selbst nicht mehr. Solche Gedanken waren ihm eigentlich fremd. Aber seit seinem unheimlichen Erlebnis im Wagen hatte er sich noch immer nicht richtig beruhigt. Nat�rlich war es nur eine Sinnest�uschung gewesen, und trotzdem... Etwas daran war so realistisch gewesen, da� ihm noch immer ein eisiger Schauer �ber den R�cken lief, wenn er daran zur�ckdachte. Und den gr��ten Fehler hatte er anschlie�end begangen: Er hatte Sendig auf dem Weg hier herauf erz�hlt, was er f�r einen Moment im Spiegel zu sehen geglaubt hatte. Und auf dem Foto.</p><p>Als h�tte er seine Gedanken gelesen, sagte Sendig in diesem Moment noch einmal: �Ein Engel? Sie sind sicher, da� Sie einen <emphasis>Engel </emphasis>gesehen haben?�</p><p>Diesmal konnte Bremer nicht mehr so tun, als h�tte er die Frage �berh�rt. �Ich habe �berhaupt nichts gesehen�, antwortete er, ohne sich zu Sendig herumzudrehen. �Wahrscheinlich war es nur ein Lichtreflex. Irgendein Schatten.�</p><p>�Da w�re ich nicht so sicher�, sagte Sendig. Irgend etwas klapperte zu Boden, aber Bremer widerstand weiter tapfer der Versuchung, sich zu ihm herumzudrehen. Statt dessen �ffnete er eine weitere Schublade des wuchtigen altdeutschen Schrankes und untersuchte ihren Inhalt. Er unterschied sich nicht von dem der beiden, die er bereits durchgesehen harte: Zeitschriften, irgendwelche Papiere voller wissenschaftlicher Fachausdr�cke, die genausogut in Chinesisch geschrieben sein k�nnten, ein paar Akten, deren Stempel verriet, da� sie aus der Klinik stammten. Bremer �ffnete sie alle, aber er mu�te sie nicht durchbl�ttern. Jede einzelne enthielt auf der ersten Seite ein Farbfoto desjenigen, dessen Krankengeschichte sie behandelte.</p><p>�Glauben Sie an Engel?� fragte Sendig, als er auch nach einer Weile keine Antwort bekam.</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Bremer. �Genauso wie an den Osterhasen, den Weihnachtsmann und ehrliche Politiker.�</p><p>Sendig lachte pflichtschuldig, aber er schien Gefallen an dem Thema gefunden zu haben, denn er lie� auch jetzt nur einige Sekunden verstreichen, ehe er fortfuhr: �Sie sollten solche Dinge nicht auf die leichte Schulter nehmen, Bremer. Das meiste von dem, was wir f�r blo�e Einbildung oder Halluzination halten, hat eine tiefere Bedeutung. Manchmal sind es Botschaften, die uns unser Unterbewu�tsein schickt. Nur verstehen wir sie nicht immer gleich.�</p><p>Irgendwann, dachte Bremer, w�rde seine rechte Faust Sendig eine Botschaft schicken, und zwar eine, die an Deutlichkeit nichts zu w�nschen �brig lie�. Und dieser Tag war vielleicht gar nicht mehr so fern. Er schwieg weiter, aber Sendig verstand die Bedeutung dieses Schweigens entweder nicht, oder er ignorierte sie, denn er plapperte fr�hlich weiter.</p><p>�Au�erdem sollte man mit solchen Dingen nicht scherzen. Sie w�ren erstaunt, wenn Sie -�</p><p>�Sendig, h�ren Sie auf!� sagte Bremer. �Ich habe heute einfach keinen Nerv mehr f�r <emphasis>Geschichten.�</emphasis></p><p>Zu seinem eigenen Erstaunen hielt Sendig tats�chlich inne, als er ihn vorwurfsvoll ansah. Nach ein paar Sekunden drehte er sich herum und sah den Kommissar an. �Entschuldigung. Ich wollte nicht unh�flich sein.�</p><p>�Geschenkt.� Sendig machte eine gro�m�tige Geste, dann grinste er. �Ich wei�, da� ich manchen Leuten mit meinem Gerede auf die Nerven gehe. Das mu� mein afrikanisches Blut sein. Einer meiner Urururgro�v�ter war �gypter - angeblich mit einer Ahnenreihe, die bis in die Zeit der Pharaonen zur�ckreicht. Wu�ten Sie, da� die alten �gypter das schwatzhafteste Volk waren, das man sich nur vorstellen kann?�</p><p>�Wenn man Sie so h�rt, k�nnte man es beinahe glauben�, sagte Bremer. Seine Entschuldigung tat ihm bereits wieder leid. Vielleicht w�re es gar keine schlechte Idee, Sendig kr�ftig genug vor den Kopf zu sto�en, da� er wenigstens f�r ein paar Stunden beleidigt die Klappe hielt.</p><p>Mit dieser Bemerkung jedenfalls war es ihm nicht gelungen, denn Sendig lachte nur. �Irgend etwas mu� wohl dran sein, ja. Haben Sie was gefunden?�</p><p>Wieder brauchte Bremer fast eine Sekunde, um die Frage �berhaupt dem Thema zuzuordnen, zu dem sie geh�rte. Sendigs Verhalten verwirrte ihn zunehmend. Er mu�te entweder betrunken sein - oder so nerv�s, da� er halb hysterisch wurde. Warum? �Gefunden? Ich wei� ja nicht einmal, wonach wir suchen.�</p><p>�Ich auch nicht�, gestand Sendig. �Aber das macht die Geschichte ja gerade spannend.� Er seufzte. �Aber jetzt mal im Ernst: Da� Sie ausgerechnet einen <emphasis>Engel </emphasis>gesehen haben wollen, ist schon ein ziemlicher Zufall, finden Sie nicht?�</p><p>Bremer zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder herum. �Suchen wir weiter. Irgend etwas werden wir schon finden.�</p><p>�Ja�, st�hnte Sendig. �Wissenschaftliche Fachb�cher. Mein Gott, ich habe nie so viel gelehrtes Zeug auf einmal gesehen!�</p><p>�Was haben Sie erwartet?� fragte Bremer, w�hrend er sich der n�chsten Schublade zuwandte. Auch sie enthielt eine Anzahl Patientenakten. Artner mu�te ein Workaholic gewesen sein, und zwar im schlimmsten Stadium. �Der Mann <emphasis>war </emphasis>Wissenschaftler.�</p><p>�Aber er mu� doch noch irgendwelche anderen Interessen gehabt haben!� beschwerte sich Sendig. �So etwas ist doch nicht normal. Ich meine - jeder Mensch hat schlie�lich irgendein Hobby.�</p><p>�Wahrscheinlich war Artners Hobby sein Beruf.� Bremer schlo� die Schublade und wandte sich den T�ren dar�ber zu. �Auf jeden Fall scheint er sich jede Menge Arbeit mit nach Hause genommen zu haben.�</p><p>�H�tte ich an seiner Stelle auch getan�, witzelte Sendig. �Vielleicht einen besonders interessanten Fall. Jung, h�bsch, mit blonden Haaren und - he, was ist denn das?�</p><p>�Was haben Sie?�</p><p>�Schauen Sie, hier!� Sendig deutete auf das B�cherregal, dessen Inhalt er auf dem Boden verstreut hatte. Bremer trat neugierig n�her, aber er mu�te zweimal hinsehen, um den winzigen Spalt zu entdecken, der sich zwischen der R�ckwand und dem n�chstoberen Brett befand.</p><p>�Wenn das kein Geheimfach ist!� Sendig dr�ckte mit gespreizten Fingern gegen das Brett. Ein leises Klicken erscholl, und einen Augenblick sp�ter glitt die ganze R�ckwand nach oben. Dahinter kam ein zweites, schmaleres Regal zum Vorschein, das allerdings keine B�cher enthielt, sondern ein gutes Dutzend Cassetten in einem durchsichtigen Plastikst�nder.</p><p>�Hoppla!� Sendig stie� einen anerkennenden Pfiff aus, beugte sich vor und verrenkte sich fast den Hals, um in den Spalt �ber dem Regalbrett zu blicken. �Ein Federmechanismus!� sagte er. �Wie's aussieht, selbst gebaut. Gar nicht unclever, f�r einen versponnenen Professor! H�tte ich ihm nicht zugetraut.�</p><p>Bremer wu�te noch nicht einmal genau, was sie da entdeckt hatten, aber das hinderte ihn nicht daran, schon wieder einen leisen �rger zu empfinden. Eigentlich h�tte es ihm klar sein m�ssen, da�, falls es hier etwas zu finden gab, es <emphasis>Sendig</emphasis> war, der es fand, und nicht er.</p><p>Sendig arbeitete sich wieder aus dem Regal heraus und trat einen halben Schritt zur�ck. Nachdenklich betrachtete er die Cassetten. Sie waren mit wei�en Aufklebern versehen, aber nicht beschriftet. Bremer bemerkte erst beim dritten Hinsehen, da� es keine Audiocassetten waren, wie er im ersten Moment angenommen hatte. Die Gr��e stimmte, aber sie waren zu dick.</p><p>�Video-8-B�nder�, sagte er.</p><p>Sendig nickte heftig. �Erstaunlich, erstaunlich�, sagte er. �Ich bin gespannt, was da wohl drauf ist. Sieht so aus, als h�tte Professor Artner doch das eine oder andere Hobby au�er seinem Beruf. Was mag da wohl drauf sein, da� er sie so sorgf�ltig versteckt?�</p><p>Sendig sah sich nachdenklich um. �Irgendwo hier habe ich eine Adaptercassette gesehen�, sagte er. �Helfen Sie mir, sie zu finden.�</p><p>Bremer r�hrte sich nicht. Schlie�lich hatte er das Chaos nicht angerichtet, sondern Sendig selbst. Sollte er doch jetzt sehen, wie er diese verdammte Cassette wiederfand. Aber das war nicht der einzige Grund. Das ungute Gef�hl war wieder da. Nein, es war kein <emphasis>Gef�hl. </emphasis>Bremer war pl�tzlich <emphasis>sicher, </emphasis>da� sie sich diese B�nder nicht ansehen sollten. Mehr noch - er wollte pl�tzlich gar nicht mehr wissen, was sie enthielten.</p><p>�Vielleicht sollten wir die B�nder mitnehmen und sp�ter betrachten�, sagte er.</p><p>Sendig lie� sich in die Hocke sinken und w�hlte mit beiden H�nden in dem Durcheinander aus B�chern, Papieren und Tonband- und Videocassetten herum, das vor zehn Minuten noch s�uberlich sortiert auf den Regalbrettern vor ihnen gelegen hatte. Er fand fast sofort, wonach er suchte. Es vergingen nur ein paar Sekunden, bis er sich wieder aufrichtete und Bremer triumphierend die Adaptercassette entgegenhielt.</p><p>�Sehen Sie? In einem ordentlichen Haushalt geht eben nichts verloren. Geben Sie mir eines der B�nder.�</p><p>Bremer nahm tats�chlich eine der kleinen Cassetten aus dem Geheimfach, aber er z�gerte, sie Sendig auszuh�ndigen. Es war, als fl�sterte ihm eine lautlose Stimme zu, es nicht zu tun. �Wir sollten sie mitnehmen�, sagte er noch einmal. �Und sp�ter ansehen.�</p><p>�Sind Sie denn gar nicht neugierig?� Sendig lachte. �Wahrscheinlich sind das ganze hei�e Geschichten. Es ist besser, wir werfen wenigstens einen Blick hinein. Stellen Sie sich nur vor, wir geraten in eine Verkehrskontrolle, und man findet einen Koffer voller Kinderpornos bei uns. So etwas ist strafbar.� Sein Grinsen wurde noch breiter. �Wer wei� - man kann ja auch mal Gl�ck haben.�</p><p>Bremer blieb ernst. �Das sind mehr als zehn B�nder�, sagte er. �Zwanzig Stunden. Und ich finde, wir sind jetzt schon zu lange hier.�</p><p>�Wer sagt denn, da� ich sie alle ansehen will?� fragte Sendig. Er nahm Bremer kurzerhand das Band aus den Fingern und lie� es in die Adaptercassette gleiten, die er in den Videorecorder �ber dem Fernseher schob. Sowohl Recorder als auch Fernseher waren supermodern und offensichtlich nagelneu, und f�r einen Moment sch�pfte Bremer noch einmal Hoffnung, denn Sendig hatte sichtlich M�he, mit der Fernbedienung zurechtzukommen; auf der Mattscheibe war nur wei�es Rauschen.</p><p>�Schei�technik�, fluchte Sendig. �Da fliegen sie zum Mond und demn�chst zum Mars, aber noch keiner hat eine Fernbedienung erfunden, zu deren Bedienung man keinen akademischen Grad braucht!�</p><p>�Wir sollten das ganze Zeug mitnehmen und uns zu Hause ansehen�, sagte Bremer. �Mit <emphasis>meinem </emphasis>Recorder komme ich klar.�</p><p>�Und ich mit diesem Schei�ding, und wenn es das letzte ist, was ich tue!� versprach Sendig. Er dr�ckte verbissen weiter auf Kn�pfe und Tasten, und pl�tzlich machte das grauwei�e Flimmern auf der Mattscheibe einem Bild Platz.</p><p>�Na also!� sagte Sendig triumphierend. �Was haben wir denn da?�</p><p>Bremer schwieg. Im ersten Moment erkannte er gar nichts, denn das Band war entweder sehr alt und unz�hlige Male abgespielt worden oder mit der miserabelsten Kamera aufgenommen, von der er je geh�rt hatte. Aber nach ein paar Augenblicken wurde die Qualit�t besser; die grauen Schlieren auf dem Bildschirm gerannen zu den Umrissen eines winzigen, wei�gestrichenen Raumes, der von einer Position hoch oben unter der Decke aus aufgenommen worden war. Soweit Bremer erkennen konnte, hatte er kein Fenster, und die Einrichtung bestand lediglich aus einem Bett und einer modernen, aber einfachen Waschgelegenheit. Auf dem Bett sa� eine schlanke Gestalt, eine junge Frau oder ein M�dchen, die ein einfaches wei�es Nachthemd trug. Sie hatte die Beine unter den K�rper gezogen und den Kopf gesenkt, so da� ihr Gesicht nicht zu erkennen war.</p><p>�Was ist denn <emphasis>das?� </emphasis>murmelte Sendig.</p><p>�Ein Krankenzimmer�, antwortete Bremer �berfl�ssigerweise. Seine Zunge war pl�tzlich trocken. Er hatte M�he, zu sprechen. Warum beunruhigte ihn dieses Bild so? Es war so banal, wie es nur sein konnte. Und trotzdem beunruhigte es ihn.</p><p>Ein Schatten bewegte sich auf dem Bild, und eine halbe Sekunde sp�ter trat der dazugeh�rige K�rper in den Aufnahmebereich der Kamera.</p><p>�Holla�, sagte Sendig. �Wissen Sie, wer das ist?�</p><p>�Nein�, antwortete Bremer.</p><p>�Professor Artner h�chstpers�nlich.�</p><p>Artner. Bremer konnte selbst nicht sagen, warum, aber die Erkenntnis machte aus dem Gef�hl vager Beunruhigung eine nicht ann�hernd so vage Angst.</p><p>Einzig, um diesem unwirklichen Gef�hl Einhalt zu gebieten und �berhaupt etwas zu sagen, r�usperte er sich und sagte in einem Ton, der nicht einmal ann�hernd seine wirklichen Gef�hle widerspiegelte: �Sieht so aus, als h�tten Sie heute Pech, Sendig. Keine Kinderpornos.�</p><p>Sendig lachte unecht, und im gleichen Moment hob das M�dchen auf dem Bett den Kopf. Und als Bremer in ihr Gesicht sah und es <emphasis>erkannte, </emphasis>da w�nschte er sich fast, sie h�tten das gefunden, was Sendig sich erhofft hatte.</p></section><section><title><p>22. Kapitel</p></title><p>Die Kellnerin stellte das Tablett mit Eiscaf� und Cola zwischen Beate und Mark auf den Tisch und bestand darauf, gleich zu kassieren. Das hatte sie die beiden Male zuvor auch schon getan, und Mark fand jetzt wirklich keinen plausiblen Grund daf�r. Es konnte kaum daran liegen, da� sie seine Zahlungskraft anzweifelte; er hatte ganz bewu�t mit einem gro�en Schein bezahlt und ein schon fast �bertriebenes Trinkgeld gegeben. Trotzdem war sie weder freundlicher noch schneller geworden. Sie strich den Betrag auch diesmal kommentarlos ein und ging, und das auf eine Art, die Mark klarmachte, da� sie es wesentlich lieber gesehen h�tte, wenn <emphasis>er</emphasis> gegangen w�re.</p><p>�Du scheinst heute deinen Pechtag zu haben�, sagte Beate. Die finsteren Blicke, die Mark der Bedienung nachschickte, waren ihr nicht entgangen.</p><p><emphasis>Wenn du w��test, wie recht du hast! </emphasis>dachte Mark. Laut und mit einem schmerzlichen Verziehen der Lippen sagte er: �Vor allem, wenn man bedenkt, da� heute eigentlich mein Geburtstag ist.�</p><p>�Ja.� Beate griff nach ihrem Glas, aber sie nippte nur daran. �Was mich zu einer Frage bringt, die einer von uns allm�hlich stellen mu�, f�rchte ich. Hast du dir �berlegt, wie wir ihn feiern? Ich meine�, sie machte eine Kopfbewegung auf das Glas in ihrer Hand, �noch ein Eiscafe, und ich platze.�</p><p>�Und die Kellnerin hetzt mir die Mafia auf den Hals, ich wei߫, seufzte Mark. �Entschuldige.�</p><p>�Wof�r?�</p><p>�Na ja - ich habe dich eingeladen, meinen Geburtstag mit mir zu feiern. Und jetzt langweile ich dich zu Tode.�</p><p>�Ganz so schlimm ist es noch nicht�, antwortete Beate. �Aber es ist schade um den freien Tag. Ich habe nur einen pro Woche. Und die Million�rss�hne stehen bei mir Schlange, mu�t du wissen. Ich mu� mir schon �berlegen, mit <emphasis>wem </emphasis>ich ausgehe.�</p><p>�Ich wu�te es�, sagte Mark. �Schwester Rabiata hatte recht. Du <emphasis>bist </emphasis>eine Mitgiftj�gerin. Ich nehme an, du willst mich betrunken machen, und wenn ich morgen fr�h aufwache, sind wir verheiratet.�</p><p>�Dich?� Beate sch�ttelte heftig den Kopf. �Bestimmt nicht. Ich will deinen <emphasis>Vater </emphasis>heiraten. Glaubst du, ich habe Lust zu warten, bis du das ganze Geld erbst?�</p><p>Mark lachte, obwohl der Scherz einen ganz leisen, �blen Nachgeschmack hinterlie�. Nat�rlich <emphasis>war </emphasis>es ein Scherz, aber allein der Umstand, da� sie seinen Vater erw�hnte, verdarb ihm den Tag noch ein bi�chen mehr.</p><p>�Hoppla�, sagte Beate. Sein Gesichtsausdruck sprach offensichtlich B�nde. �Jetzt bin ich wohl ins Fettn�pfchen getreten. Ich wollte dir nicht die Laune verderben.�</p><p>�Das hast du nicht�, behauptete Mark. �Ich f�rchte, das geht gar nicht mehr.�</p><p>�So schlimm?�</p><p>Mark zuckte zur Antwort die Achseln - das war vielleicht kl�ger, als schon wieder etwas zu sagen, was ihm im gleichen Moment leid t�te. In einem hatte Beate vollkommen recht - heute war sein Pechtag, und zwar in jeder Beziehung. Es hatte mit der Frau im Zug angefangen und war ohne Unterbrechung, aber mit einer deutlich ansteigenden Tendenz bis jetzt weitergegangen. Offensichtlich war er heute einfach nicht in der Lage, zu irgend jemandem freundlich zu sein.</p><p>�M�chtest du dar�ber reden?�</p><p>�Nein�, antwortete Mark. Andererseits: warum eigentlich nicht? Was er im Moment am allern�tigsten brauchte, <emphasis>war </emphasis>jemand, mit dem er reden konnte, vermutlich sogar nur jemand, der zuh�rte. Und Beate war dazu wahrscheinlich besser geeignet als jeder andere, den er kannte. Er konnte jetzt weniger sagen denn je, warum es so war, aber das Gef�hl der Vertrautheit, das er vom ersten Moment an in ihrer N�he gesp�rt hatte, war noch immer da, und es war sogar noch st�rker geworden. Es war schon beinahe unheimlich: Alles in allem waren sie jetzt seit zwei oder drei Stunden zusammen, und er hatte das Gef�hl, sie zu kennen, solange er sich zur�ckerinnern konnte. Was war das? dachte er. Einsamkeit, die verzweifelt nach irgendeinem Ventil suchte, oder tats�chlich einer jener seltenen F�lle, in denen sich zwei Menschen trafen, die so perfekt zueinander pa�ten wie die zwei zerbrochenen H�lften eines eigentlich zusammengeh�renden Ganzen? Er wu�te es nicht. Er wu�te auch nicht, ob das, was er sp�rte, tats�chlich die vielzitierte Liebe auf den ersten Blick war - allein, weil er noch nie <emphasis>wirklich </emphasis>jemanden geliebt hatte. Er wu�te nur, da� es ein wunderbares, warmes Gef�hl war und da� er es auf gar keinen Fall irgendwie gef�hrden wollte. Wenn es einen Menschen auf der Welt gab, dem er sich im Moment h�tte anvertrauen wollen, dann war es Beate. Und zugleich war sie der letzte Mensch auf der Welt, den er mit seinen Problemen belasten wollte.</p><p>�Hm?� machte Beate.</p><p>Auch das geh�rte dazu: Er verstand die Frage, ohne da� sie sie �berhaupt aussprechen mu�te.</p><p>�Es ist kompliziert�, seufzte er.</p><p>�Was?�</p><p>�Woran ich denken mu�.�</p><p>�Zu kompliziert? Ich meine: nur f�r mich zu kompliziert, oder f�r Frauen im allgemeinen?�</p><p>�F�r mich�, antwortete Mark, Er seufzte. �Es ist alles... sehr schwierig. Aber du hast schon recht - gehen wir und machen die Stadt unsicher.�</p><p>W�hrend er aufstand, lie� er seinen Blick �ber die Stra�e schweifen. Sie waren tats�chlich ein gutes St�ck zu Fu� gegangen, ehe sie schlie�lich ein Taxi angehalten hatten und hierher gefahren waren, nicht <emphasis>ganz </emphasis>zu ihm nach Hause, aber doch nur zwei Stra�en entfernt. Die Adresse war ihm erst aufgefallen, als er sie dem Taxifahrer nannte und Beate ihn �berrascht ansah. Es war nicht unbedingt eine Gegend, die zu einem Stadtbummel einlud oder gar zum Feiern. Das Stra�encaf�, in dem sie sa�en, war das einzige Lokal weit und breit. Ansonsten reihten sich zu beiden Seiten schmucke Einfamilienh�user der gehobenen Mittelklasse, meist hinter gepflegten Vorg�rten oder auch mannshohen Mauern gelegen. Eine h�bsche, aber langweilige Gegend. Das einzig Au�ergew�hnliche war der dunkelblaue BMW, der schr�g gegen�ber dem Cafe auf der anderen Stra�enseite geparkt war.</p><p>Mark registrierte ihn erst beim zweiten Hinsehen. Dabei hatte sich der Fahrer nicht die geringste M�he gegeben, vorsichtig zu sein: Der Wagen stand, mit zwei R�dern auf dem B�rgersteig geparkt, ein bi�chen schr�g da, was ihn bei seiner Gr��e fast wie ein gestrandetes Schiff aussehen lie�. Hinter den get�nten Scheiben waren zwei Gestalten zu erkennen. Mark konnte ihre Gesichter nicht sehen, aber er sp�rte einfach, da� sie ihn anstarrten.</p><p>�Was ist los?� fragte Beate, und erst ihre Frage machte Mark klar, da� er sekundenlang wie gel�hmt dagestanden und den Wagen angestarrt hatte. Vermutlich war er auch bla� geworden.</p><p>Mark drehte sich mit einer �bertrieben heftigen Bewegung wieder zu ihr herum und zwang sich zu einem L�cheln. �Nichts�, sagte er. �Ich hatte gerade einen heftigen Anfall von Paranoia.�</p><p>�Das ist heilbar�, antwortete Beate gelassen. �Vertrau mir, ich wei�, wovon ich rede. Es kann ein paar Jahre dauern, aber ich verspreche dir, mich um dich zu k�mmern. Du bekommst die beste Behandlung.�</p><p>�Zu freundlich�, maulte Mark. �Du bist wie eine Mutter zu mir.�</p><p>�Irgendwie werde ich das ja auch�, sagte Beate ernst. �Sp�testens dann, wenn ich demn�chst deinen Vater geheiratet habe.�</p><p>Mark lachte ebenfalls, wenn auch im Grunde nur, weil er das Gef�hl hatte, es zu m�ssen, und auch nicht sehr lange. Sie alberten herum, aber diese Albernheiten begannen sich mehr und mehr in eine Richtung zu bewegen, die ihn erschreckte. Aber irgendwie schien das f�r alles zu gelten, was er heute begann, ganz gleich, was er sagte, dachte oder tat. Andererseits - was hatte er erwartet, nach dem, was er heute erfahren hatte? <emphasis>Oh ja, jetzt erinnere ich mich: Ich war dabei, als vier meiner Freunde gestorben sind und ein paar andere in der Klapsm�hle landeten. Ach, und meine Mutter ist an dem zerbrochen, was ich getan habe? Interessant. Und was gibt es zum Abendessen?</emphasis></p><p>�Ganz bestimmt nicht.� Das sagte er laut.</p><p>�Was meinst du?� fragte Beate.</p><p>�Nichts�, antwortete Mark. �Oder doch, ja... nat�rlich ist etwas nicht in Ordnung. Aber ich m�chte nicht dar�ber reden. Ich habe heute ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk bekommen, wei�t du. Ich f�rchte nur, es gef�llt mir nicht besonders.�</p><p>�Sagtest du nicht, du willst nicht dar�ber reden?� Beate nahm ihre Lederjacke vom Stuhl, warf sie sich mit einem energischen Schwung �ber die linke Schulter und kam um den Tisch herum. Mark folgte ihr, w�hrend sie sich ihren Weg durch das Stuhllabyrinth des Cafes bahnte und wie selbstverst�ndlich nach links wandte. Nach links, nicht nach rechts. In die Richtung, in der Marks Elternhaus lag.</p><p>Einen Moment lang �berlegte er ernsthaft, ob es Zufall war. Sicher, es war eine F�nfzig-Prozent-Chance, aber normal w�re gewesen, da� sie stehenblieb und ihn fragte, wohin, statt ganz selbstverst�ndlich loszugehen und ganz selbstverst�ndlich (und zielsicher?) in <emphasis>diese </emphasis>Richtung.</p><p>Was hatte er gerade �ber Paranoia gesagt?</p><p>�Es hat mit deinem Vater zu tun, nicht wahr?� fragte Beate, w�hrend sie nebeneinander die Stra�e hinunterschlenderten.</p><p>�Hm�, machte Mark. Im Gehen sah er �ber die Schulter zur�ck und stellte fest, da� der BMW noch immer an der gleichen Stelle stand. Wahrscheinlich w�rde er auch in einer Stunde noch genauso dastehen, oder in zwei. Was zum Teufel erwartete er eigentlich? Da� sie im Schrittempo hinter ihnen herfuhren?</p><p>�W�re es nicht eine gute Idee, dich mit ihm auszusprechen?� fragte Beate. �Ich meine - heute ist dein Geburtstag. Immerhin ein Anla�.�</p><p>�Hm�, machte Mark erneut.</p><p>Beate sah ihn schief an. �Irre ich mich, oder ist dein Wortschatz pl�tzlich drastisch geschrumpft?�</p><p>Mark h�tte beinahe zum dritten Mal auf die gleiche Weise geantwortet, aber dann zuckte er statt dessen nur mit den Schultern und sagte gar nichts. Er hatte keine Lust, zu reden. Bisher hatte er beinahe jedes Mal, wenn er den Mund aufmachte, Schaden damit angerichtet. Vielleicht sollte er sich die Lippen zun�hen lassen.</p><p>Aber Beate gab nicht so rasch auf. Sie blieb stehen und drehte sich so herum, da� er um sie herumgehen oder sie gewaltsam aus dem Weg h�tte schieben m�ssen. �Ich mache dir einen Vorschlag�, sagte sie. �Ich nehme mir ein Taxi und fahre zur�ck in mein dunkles, muffiges Zimmer in der Klinik, und du gehst nach Hause und sprichst dich mit deinem Vater aus. Deinen Geburtstag feiern wir einfach sp�ter.�</p><p>�Ich sch�tze, ich bin ein ziemlicher Stimmungskiller, wie?� fragte Mark.</p><p>�Wenn man auf Depressionen steht, nicht�, sagte Beate.</p><p>Vielleicht hatte sie ja recht. Bisher hatte Mark es trotz allem irgendwie geschafft, <emphasis>nicht </emphasis>�ber das nachzudenken, was er von Petri und seinem Vater erfahren hatte, nicht wirklich und nicht in letzter Konsequenz. Und wenn er sich ein bi�chen M�he gab, w�rde er es vermutlich noch Tage oder auch Wochen schaffen, das Thema zu vermeiden. Aber irgendwie <emphasis>mu�te </emphasis>er es, und eines wu�te er genau: Ob morgen oder in einer Woche oder auch in zehn Jahren - es w�rde schlimmer werden, je l�nger er wartete. Die alte Wunde war einmal aufgerissen, und diesmal w�rde sie nicht von selbst vernarben. Sie hatte bereits begonnen, sich zu entz�nden, und der Schmerz w�rde nur schlimmer werden, je l�nger er z�gerte, sie zu behandeln. In einer kurzen, aber sehr unangenehmen Vision sah er sich selbst, in zwanzig oder vielleicht auch f�nfzig Jahren: als verbitterten, alt gewordenen Mann, der sein Leben lang einsam geblieben war, weil er niemals wirklich den Mut gefunden hatte, sich einem Menschen anzuvertrauen. Er hatte die letzten sechs Jahre �ber einen Ha� gesch�rt, der ihm auf der einen Seite vielleicht die Kraft gegeben hatte, die H�lle durchzustehen, als die er sein Leben empfunden hatte. Aber andererseits war vielleicht gerade dieser Ha� schuld daran, da� es dazu gekommen war. Und nun, wo er wu�te, da� dieser Ha� auf einer L�ge beruhte... Nein, er mu�te mit seinem Vater reden. Je eher, desto besser.</p><p>�Ich glaube, du hast recht�, sagte er. �Ich werde mit meinem Vater reden. Aber du kannst mitkommen. Vielleicht kratzen wir uns ja nicht gegenseitig die Augen aus, wenn jemand dabei ist.�</p><p>�Ich hatte gehofft, da� du das sagst�, antwortete Beate.</p><p>Und Mark hatte es bef�rchtet. Beates Vorschlag war sehr vern�nftig, seiner nicht. Aber er hatte die Worte so rasch ausgesprochen, als h�tte ihn etwas dazu gezwungen. Vielleicht etwas, das trotz allem noch immer Angst davor hatte, seinem Vater allein gegen�berzutreten.</p><p>Es war zu sp�t, noch irgend etwas zu �ndern. Beate war bereits an den Stra�enrand getreten und sah aufmerksam nach rechts und links.</p><p>�Wir brauchen kein Taxi�, sagte er. �Es ist nicht mehr weit.� Er deutete die Stra�e hinab. �Zehn Minuten - wenn wir langsam gehen.�</p><p>Wenn Beate diese Er�ffnung �berraschte, so lie� sie sich jedenfalls nichts anmerken. �Dann sollten wir <emphasis>schnell </emphasis>gehen�, sagte sie betont. �Ehe du es dir anders �berlegst und ich sehen kann, wo ich eine gute Partie mache.�</p><p>Diesmal lachte Mark nicht. Er l�chelte nicht einmal. Er wollte Beate nicht vor den Kopf sto�en, indem er ihr in aller Deutlichkeit sagte, wie wenig begeistert er davon war, da� sie diesen Scherz offensichtlich zum <emphasis>running gag </emphasis>des Tages machen wollte, aber vielleicht begriff sie es ja von selbst, wenn er es nur lange genug ignorierte.</p><p>Was seinen ganz pers�nlichen <emphasis>running gag </emphasis>anging, so war er noch immer da, als sie die Stra�enkreuzung erreichten und er sich ein letztes Mal zu ihm herumdrehte. Bestimmt war es Zufall, dachte Mark. Schlie�lich war dieser Wagen mit Sicherheit nicht der einzige dunkelblaue BMW in Berlin. Noch vor ein paar Stunden w�re er felsenfest vom Gegenteil �berzeugt gewesen: Er h�tte jede Wette gehalten, da� hinter den get�nten Scheiben zwei Privatdetektive sa�en, die sich von seinem Vater daf�r bezahlen lie�en, ihn auf Schritt und Tritt zu �berwachen. Aber mit dem, was er heute mittag erfahren hatte, war die Verschw�rertheorie endg�ltig zusammengebrochen.</p><p>Es <emphasis>war </emphasis>Zufall, basta.</p><p>Sie gingen weiter. Der Wind hatte aufgefrischt, so da� Beate ihre Lederjacke wieder �berzog, was sie allerdings nicht daran hinderte, weiter fr�hlich zu plappern. Zum �berwiegenden Teil war es einfach nur Unsinn - sie alberte herum, wahrscheinlich, um ihre eigene Unsicherheit zu �berspielen, vielleicht auch, um Mark aufzuheitern. Trotzdem entgingen ihm die zunehmend erstaunteren Blicke nicht, die sie immer wieder nach rechts und nach links warf.</p><p>Schlie�lich sprach sie auch aus, was ihr so sichtbar auf der Zunge lag. �Eine sch�ne Gegend�, sagte sie. �Von so einem Haus habe ich bisher nicht einmal getr�umt.�</p><p>Dabei war das hier sozusagen nur der Vorort, dachte Mark. Der Schutzwall, der die <emphasis>wirklich </emphasis>teuren H�user vor allzu neugierigen Blicken sch�tzen sollte. �Und jetzt tust du es?� fragte er.</p><p>�Warum nicht? Wenn ich doch in diese Gegend einheirate?�</p><p>�Bitte la� das�, sagte Mark. �Ich finde das nicht besonders komisch.�</p><p>Beate sah ihn ein bi�chen betroffen an. �Aber es sollte doch nur ein Scherz sein.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Mark. �Aber ich glaube, ich kann im Moment �ber nichts lachen, das irgendwie mit meinem Vater zu tun hat.�</p><p>�War es so schlimm, was er dir angetan hat?�</p><p>�Gestern h�tte ich diese Frage noch mit einem eindeutigen Ja beantwortet�, sagte er. �Aber mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob es nicht genau umgekehrt war.�</p><p>�Uff�, sagte Beate. �Das klingt wirklich kompliziert... Bist du sicher, da� ich mitkommen soll?�</p><p>�Ja�, antwortete Mark - obwohl er nicht einmal davon vollkommen �berzeugt war. Trotzdem fuhr er fort: �Au�erdem ist es sowieso zu sp�t. Wir sind da.� Er l�chelte fl�chtig. �K�mm dir noch einmal die Haare und mach deine Fingern�gel sauber. Immerhin machst du jetzt den Antrittsbesuch bei deinem zuk�nftigen Br�utigam.�</p><p>Beate setzte zu einer entsprechenden Antwort an, aber gleichzeitig folgte ihr Blick auch der Richtung, in die Marks ausgestreckte Hand wies, und ihre Augen wurden gro�. �Das ... das ist dein Ernst?� fragte sie.</p><p>�Ein h�bsches Haus, nicht?� Mark empfand nicht die Spur von Besitzerstolz, aber er h�tte schon blind sein m�ssen, um nicht zu sehen, wie sehr Beate das Haus bewunderte, auf das er gedeutet hatte. Vielleicht, dachte er, war das mit dem kleinen, muffigen Zimmer im Krankenhaus nicht ganz so scherzhaft gemeint gewesen, wie er geglaubt hatte.</p><p>�Diese Villa geh�rt deinem Vater?�</p><p>Mark nickte. �Ich gebe zu, es ist ein bi�chen klein - aber immerhin sind wir ja auch nur zu zweit.� Er streckte die Hand nach der Klingel aus, aber bevor er den Knopf ber�hren konnte, fiel ihm auf, da� das Tor nicht eingerastet war. Er schob es ein St�ck weiter auf, schl�pfte hindurch und machte eine auffordernde Geste. �Schnell! Bevor die Hunde kommen!�</p><p>�Hunde?� Beate sah sich eindeutig erschrocken um. Aber dann blickte sie in sein Gesicht und sah das sp�ttische Funkeln in seinen Augen, und f�r einen Moment verd�sterte Zorn ihr Antlitz. �Das ist ungeheuer komisch.�</p><p>�Warum lachst du dann nicht?� fragte Mark.</p><p>Beate spie�te ihn mit Blicken regelrecht auf, enthielt sich aber jeder weiteren Antwort. Wahrscheinlich war sie viel zu sehr damit besch�ftigt, das Haus und den park�hnlichen Garten zu bewundern. Manchmal verga� Mark, welchen Eindruck dieses Anwesen auf jemanden machen konnte, der es zum ersten Mal sah. Sein Vater hatte nie viel von Bescheidenheit gehalten, und diesem Haus sah man es an.</p><p>�Ich glaube, es hat sich gelohnt, diesen Rothschild-Schn�sel abblitzen zu lassen und auf dich zu warten�, sagte Beate.</p><p>�Ich dachte, du wolltest meinen Vater heiraten?�</p><p>�Sicher�, antwortete Beate. �Aber ohne dich w�re ich nie an ihn herangekommen, oder?�</p><p>Sie hatten das Haus erreicht. Mark zog den Schl�sselbund hervor, �ffnete die T�r und lauschte einen kurzen Moment mit angehaltenem Atem. Es war vollkommen still, was ihn sehr erleichterte. Nat�rlich hatte er doch Angst vor dem Moment, in dem er seinem Vater wieder gegen�bertreten w�rde, und er war auch froh, da� Marianne nicht da war. Vermutlich hatte sie sich hingelegt und schlief noch.</p><p>Er trat ein, winkte Beate, ihm zu folgen, und schob die T�r so leise ins Schlo�, wie er konnte, ohne da� es auffiel.</p><p>�Es scheint niemand da zu sein�, sagte Beate.</p><p>Mark hob die Schultern. �Wahrscheinlich ist mein Vater oben in der Bibliothek�, sagte er. �Ich glaube manchmal, er lebt dort.� Er atmete h�rbar ein. �Also dann: auf in die H�hle des L�wen.�</p><p>�Ich mu� mich vorher noch etwas... frisch machen�, sagte Beate mit einem verlegenen L�cheln. �Geh ruhig schon vor. Ich komme sofort nach.� Sie wandte sich nach rechts und verschwand mit raschen Schritten in der G�stetoilette. Mark wunderte sich ein bi�chen, woher sie �berhaupt wu�te, wo diese war, verfolgte den Gedanken aber nicht weiter. Es war wohl nicht sehr schwer, es zu erraten. Au�erdem gab es im Moment Wichtigeres, als dar�ber nachzudenken. Sein Herz klopfte, und er war sehr nerv�s. Es kostete ihn enorme �berwindung, die Treppe hinaufzugehen und die Bibliothek zu betreten.</p><p>Sein Vater war nicht da, aber etwas von seiner Anwesenheit schien noch in der Luft zu vibrieren, und die Spuren dessen, was er in den letzten Stunden getan hatte, waren �berdeutlich auf dem Schreibtisch zu sehen. <emphasis>Die </emphasis>normalerweise spiegelblank polierte Platte glich einem Tr�mmerfeld. �berall stapelten sich Papiere, Fotos und lose Bl�tter, und das Telefon, das zur H�lfte unter einem Papierwust vergraben war, hatte einen Ri�, als w�re es heruntergefallen oder der H�rer mit solcher Wucht auf die Gabel geschmettert worden, da� das Kunststoffgeh�use geborsten war. Trotzdem mu�te es wohl noch funktionieren, denn die rote Lampe des Anrufbeantworters flackerte, um darauf aufmerksam zu machen, da� eine Nachricht eingegangen war.</p><p>Mark ging ziellos zum Tisch und lie� seine Finger �ber die darauf ausgebreiteten Papiere gleiten. Sie interessierten ihn nicht <emphasis>wirklich, </emphasis>ganz im Gegenteil war sein Bedarf an Geheimnissen f�r heute mehr als gedeckt. Er wollte gar nicht wissen, was da vor ihm lag.</p><p>�Na - schn�ffelst du wieder herum?�</p><p>Mark drehte sich zu seinem Vater um. Er hatte nicht einmal geh�rt, da� er hereingekommen war, aber auch das geh�rte zu den Eigenheiten seines Vaters: Trotz seiner Masse konnte er sich so lautlos wie die sprichw�rtliche Katze bewegen. Sein Gesicht trug den �blichen Ausdruck: eine Mischung aus Zorn, H�rte und einem unausl�schlich eingegrabenen Mi�trauen der ganzen Welt gegen�ber. Aber da war auch noch etwas - ein Schrecken, der vielleicht noch nicht ganz erwacht war, aber bereits seinen Schatten vorauswarf.</p><p>Mark widerstand dem Impuls, die Hand wie ein ertappter S�nder hastig zur�ckzuziehen. �Ich war in der Klinik�, sagte er.</p><p>�Ich wei�.� Sein Vater schlo� die T�r und kam n�her. �Du hast mit deiner Mutter gesprochen, nehme ich an?�</p><p>Mark verneinte. �Ich wollte es, aber sie haben mich nicht zu ihr gelassen. Vielleicht war es ganz gut so.�</p><p>�M�glicherweise�, antwortete sein Vater. �F�r sie bestimmt. Und was willst du jetzt hier? Deine Szene von heute morgen fortsetzen oder vern�nftig reden?� Er hatte den Schreibtisch erreicht und begann mit hektischen Bewegungen, die Papiere zusammenzuraffen, die darauf lagen, um sie wahllos in Schubladen zu stopfen. Er sah Mark nicht an.</p><p>Mark schluckte den �rger herunter, den die Worte seines Vaters schon wieder in ihm wachriefen. Er konnte nun einmal nicht aus seiner Haut. �Vern�nftig reden�, sagte er, m�hsam beherrscht. �Erinnerst du dich an heute morgen? Du hast vorgeschlagen, da� wir gemeinsam essen gehen und uns unterhalten. Vielleicht war das eine ganz gute Idee.�</p><p>Zum ersten Mal, seit er hereingekommen war, war es ihm gelungen, seinen Vater zu verbl�ffen - <emphasis>damit </emphasis>hatte er sichtlich nicht gerechnet. F�r einen winzigen Moment erstarrte er mitten in der Bewegung, aber dann fing er sich wieder und schaltete auch mit der gewohnten Schnelligkeit um.</p><p>�Sicher�, sagte er. �Jetzt gleich?�</p><p>Mark sah bezeichnend auf den noch immer halb verw�steten Schreibtisch. �Wenn es im Moment nicht -�</p><p>�Das kann warten�, unterbrach ihn sein Vater. �Gib mir zehn Minuten, um mich umzuziehen. Was ist mit diesem M�dchen? Hast du ihr wenigstens abgesagt?�</p><p>Mark konnte nicht anders, als das perfekte Ged�chtnis seines Vaters zu bewundern. Bei all der Aufregung, die hinter ihnen lag, erschien es ihm beinahe unglaublich, da� er sich auch an dieses winzige Detail ihres Gespr�ches vom Morgen noch erinnerte. �Nein�, sagte er.</p><p>�Das solltest du aber. Es ist sehr unh�flich, eine Verabredung nicht einzuhalten, ohne wenigstens abgesagt zu haben.�</p><p>�Wer hat gesagt, da� ich sie nicht eingehalten habe?� fragte Mark. Er machte eine Kopfbewegung zur T�r. �Sie ist unten. Ich dachte mir, wir nehmen sie mit - falls du nichts dagegen hast.�</p><p>Sein Vater <emphasis>hatte </emphasis>etwas dagegen, das sah er ihm deutlich an. Aber er protestierte nicht laut, sondern zuckte nur mit den Schultern und fuhr fort, seinen Schreibtisch abzur�umen, wobei er auch weiter Papiere, Bilder und kleine Zettel mit hastig hingekritzelten Berechnungen und Tabellen wahllos in die Schubladen stopfte. Es w�rde Stunden dauern, um dieses Chaos wieder zu ordnen, dachte Mark. Allm�hlich regte sich doch die Neugier in ihm, was sein Vater in den letzten Stunden getan hatte. Das rote Licht des Anrufbeantworters flackerte noch immer, aber sein Vater machte keine Anstalten, die aufgezeichnete Botschaft abzuh�ren.</p><p>�Soll ich so lange hinausgehen?� Mark machte eine Geste auf das Ger�t, aber sein Vater sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nicht n�tig. Ich wei�, wer angerufen hat. Es ist nicht wichtig. Er wird sich wieder melden, und wenn nicht - um so besser.� Er hatte die letzten Papiere vom Tisch gefegt und schlug die Schreibtischschublade mit einem Knall zu.</p><p>�Du hast dich also entschlossen, mir wenigstens eine Chance zu geben?� sagte er. �Ich mu� gestehen, da� ich kaum noch damit gerechnet habe. Um so mehr freut es mich, da� du es doch tust. Es mu� ein ziemlicher Schock f�r dich gewesen sein.�</p><p>�Das ist es noch�, antwortete Mark. �Ich glaube nicht, da� ich es schon ganz begriffen habe.�</p><p>�Wie auch?� Sein Vater schlo� f�r einen kurzen Moment die Augen. �Ich habe es bis heute noch nicht ganz begriffen, und ich werde es wahrscheinlich auch nie. Vielleicht will ich es nicht. Ich sch�tze, wir haben alle Fehler gemacht.�</p><p>�Ja�, sagte Mark. �Es sieht so aus.�</p><p>Ein seltenes Gef�hl breitete sich zwischen ihnen aus: Verlegenheit. Schlie�lich kam sein Vater um den Tisch herum und streckte die Hand aus. �Versuchen wir das Beste daraus zu machen, okay?�</p><p>Die Geste war theatralisch, r�hrend und irgendwie sogar ein bi�chen albern, aber vielleicht wirkte sie gerade deshalb so �berzeugend. M�glicherweise, dachte Mark, waren ja alle echten Regungen so - und er durfte auch nicht vergessen, da� sein Vater es nicht gewohnt war, <emphasis>Gef�hle </emphasis>zu zeigen - ihm gegen�ber schon gar nicht. Also griff er nach seiner ausgestreckten Hand und dr�ckte sie, und im gleichen Augenblick, auf den Sekundenbruchteil genau, als h�tte ein b�sartiger unsichtbarer Regisseur im Hintergrund nur darauf gewartet, ging die T�r auf, und Beate trat ein.</p><p>Das L�cheln seines Vaters gefror. In seinem Blick erschien ein Entsetzen, das Mark nicht mit Worten beschreiben konnte, aber das in ihm selbst eine pl�tzliche Woge roter, rasender Panik ausl�ste: eine Furcht von solcher Urgewalt, da� er um ein Haar aufgeschrien h�tte und herumfuhr, ohne die Hand seines Vaters losgelassen zu haben. W�hrend des Sekundenbruchteils, den die Bewegung beanspruchte, war er hundertprozentig davon �berzeugt, zu wissen, was er sehen w�rde: das Ding aus seinen Tr�umen, die Bestie ohne Gesicht, die gekommen war, um ihn f�r all das Unrecht zu bestrafen, das er seinem Vater in den letzten sechs J�hren angetan hatte.</p><p>Doch unter der T�r stand nicht der W�rgeengel, sondern Beate. Sie war in einer fast komisch anmutenden, nicht zu Ende gef�hrten Bewegung erstarrt, und auf ihrem Gesicht lag noch ein verblassender Rest des L�chelns, mit dem sie eingetreten war, und das nun allm�hlich einem Ausdruck vollkommener Verwirrung Platz zu machen begann. Weder Marks �berhastete Bewegung noch der Ausdruck auf dem Gesicht seines Vaters konnten ihr entgangen sein.</p><p>Mark lie� endlich die Hand seines Vaters los und sah ihm wieder ins Gesicht. Der entsetzte Ausdruck war aus seinen Z�gen verschwunden, aber sein Blick flackerte wie eine Kerzenflamme.</p><p>�Komme ich... irgendwie ungelegen?� fragte Beate.</p><p>Marks Vater blinzelte ein paarmal. Er k�mpfte um seine Fassung, und f�r einige Augenblicke schien es gar nicht sicher, da� er diesen Kampf auch wirklich gewinnen w�rde. �Wer...� murmelte er. �Aber das... das kann doch �berhaupt nicht...�</p><p>�Das ist Beate�, sagte Mark. �Ich habe ihr von dir erz�hlt. Wir haben uns heute morgen in der Klinik kennengelernt.�</p><p>�Beate?� Irgend etwas schien fast h�rbar hinter seiner Stirn einzurasten. <emphasis>Die </emphasis>Angst in seinem Blick erlosch und machte etwas anderem, Lauerndem Platz. Etwas, das Mark nicht einordnen konnte, aber das ihn fast noch mehr alarmierte als die lodernde Furcht zuvor. �Das ist Ihr Name?�</p><p>�Heute morgen war er es jedenfalls noch�, antwortete Beate mit einem kleinen nerv�sen L�cheln. Ihre Augen l�chelten nicht, sondern suchten Marks Blick. Er beantwortete die unausgesprochene Frage darin mit einem ebenso stummen Achselzucken.</p><p>�Und Sie haben sich im St.-Eleonor-Stift kennengelernt?� vergewisserte sich Marks Vater.</p><p>�Ja, das habe ich dir doch erz�hlt�, antwortete Mark an Beates Stelle. �Was soll das?�</p><p>Sein Vater schwieg einige Augenblicke. Bevor er weitersprach atmete er h�rbar ein, und er legte eine ganz bestimmte Betonung in seine Stimme. Er antwortete Mark, aber sein Blick blieb fest auf Beate gerichtet. �Weil ich diese junge Dame kenne, Mark�, sagte er. �Nicht pers�nlich - aber ich habe von ihr geh�rt.�</p><p>�Von mir?� fragte Beate �berrascht. �Wieso?�</p><p>�Ungl�cklicherweise geh�re ich zu den Menschen, die niemals etwas vergessen�, antwortete Marks Vater. �Manchmal ist das ziemlich l�stig, aber wie es scheint, ist es wohl in diesem Fall eher von Vorteil. Ich habe vor ein paar Monaten unabsichtlich einen Teil eines Gespr�ches mitgeh�rt, das Professor Artner mit einer der Oberschwestern gef�hrt hat. Es ging mich nichts an, und es interessierte mich auch nicht - wie gesagt, ein Zufall. Aber ich denke, ein gl�cklicher Zufall.�</p><p>�F�r wen?� fragte Mark. �Was zum Teufel soll das Ganze �berhaupt?�</p><p>Er schrie fast, aber sein Vater blieb unbeeindruckt. �F�r dich�, sagte er. �Es ging um deine kleine Freundin da. Um Schwester Beate - das sind Sie doch, oder? Ich meine, es gibt keine zweite <emphasis>Schwester Beate </emphasis>im St.-Eleonor-Stift?�</p><p>�Nein�, antwortete Beate, �aber ich verstehe trotzdem nicht, was -�</p><p>�Es ging um Ihre Entlassung�, unterbrach sie Marks Vater. �Die Oberschwester war daf�r, Sie zu entlassen, aber Artner wollte Ihnen noch eine Chance geben.�</p><p>�Meine... <emphasis>Entlassung?� </emphasis>wiederholte Beate fassungslos.</p><p>�Ich, ich verstehe nicht...�</p><p>�Sie verstehen sehr gut, junge Dame�, antwortete Marks Vater. Er deutete auf Mark. �Er ist nicht der erste, nicht wahr? Sind Sie schon mit ihm ins Bett gegangen, oder hatten Sie sich das f�r heute abend aufgehoben?�</p><p>�Vater!� sagte Mark scharf.</p><p>�Schockiert dich das?� fragte sein Vater. Er deutete auf Beate. �Dann frag sie doch, warum sie bereits drei Verwarnungen bekommen hat. Sie macht sich an die Angeh�rigen von Patienten heran. <emphasis>Reiche </emphasis>Angeh�rige <emphasis>reicher </emphasis>Patienten, versteht sich. Sie ist nicht an dir interessiert, Mark, nicht im geringsten. Sie ist einzig und allein scharf auf dein Geld.�</p><p>�Aber das ... das ist nicht wahr�, protestierte Beate. �Ich habe niemals -�</p><p>�Verlassen Sie auf der Stelle mein Haus�, fiel ihr Marks Vater ins Wort. �Es war ein netter Versuch, aber er hat nicht funktioniert.�</p><p>Mark war wie vor den Kopf geschlagen. Alles war so schnell gegangen und die Stimmung so j�h und so absolut umgeschlagen, da� er gar nicht richtig begriff, was geschah, jedenfalls nicht sofort.</p><p>�Worauf warten Sie?� fragte Marks Vater.</p><p>�Aber das ist alles nicht wahr!� verteidigte sich Beate. Ihre Augen f�llten sich mit Tr�nen, als sie Mark ansah. �Bitte, Mark, glaub mir. Ich habe nie irgendwelche <emphasis>Verwarnungen </emphasis>bekommen, und man wollte mich auch noch nie entlassen. Dein Vater mu� sich irren!�</p><p>�Ich irre mich nie�, sagte Marks Vater ruhig.</p><p>�Diesmal vielleicht schon�, sagte Mark. �Du hast selbst gesagt, das Gespr�ch hat dich nicht interessiert. Vielleicht hast du nicht richtig hingeh�rt.�</p><p>�Ein Irrtum, so?� Sein Vater verzog abf�llig die Lippen. �Na, dann rufen wir doch einfach in der Klinik an und fragen nach.� Er machte eine abgehackte Geste auf das Telefon, auf dem noch immer das rote L�mpchen blinkte. �Rufen wir Professor Artner an und kl�ren die Sache auf. Haben Sie seine Durchwahl im Kopf?�</p><p>�Professor Artner?� Beate machte eine unsichere Geste. �Das... das geht nicht. Professor Artner ist tot. Er ist... gestorben. In der vergangenen Nacht.�</p><p><emphasis>Tot! </emphasis>dachte Mark erschrocken. <emphasis>Artner tot? </emphasis>Aber das konnte nicht sein! Nicht auch noch er!</p><p>�Wie praktisch�, h�hnte sein Vater. �Nicht, da� es mich �berrascht - oder irgend etwas �ndert. Sie haben es versucht, und es hat nicht funktioniert. Und jetzt gehen Sie bitte, bevor ich die Polizei rufe und Sie hinauswerfen lasse.�</p><p>�Einen Moment�, sagte Mark, �so schnell -�</p><p>�So schnell�, unterbrach ihn sein Vater, �geht es. Ich wei�, es tut weh. Aber das hat die Wahrheit nun leider manchmal an sich.�</p><p>Marks H�nde begannen pl�tzlich zu zittern. Sein Herz schlug schneller, und f�r einen kurzen Moment konnte er sich kaum noch beherrschen, seinen Vater einfach anzuschreien. Irgendwie brachte er die Kraft auf, seinen Zorn noch einmal zu unterdr�cken. Mit einer m�hsam beherrschten Bewegung drehte er sich zu Beate herum und sah sie an. �Bitte warte unten�, sagte er. �Geh nicht weg, ich komme gleich nach.� Er kam sich bei diesen Worten wie ein Verr�ter vor. Er h�tte sie verteidigen, sich offen auf ihre Seite stellen und seinem Vater ins Gesicht schreien m�ssen, was er von seinen absurden Anschuldigungen hielt, aber er hatte einfach nicht die Kraft dazu. Der Angriff war zu pl�tzlich gekommen und zu heimt�ckisch.</p><p>Beate stand noch einen Moment zitternd und mit Tr�nen in den Augen da und sah abwechselnd ihn und seinen Vater an, aber dann drehte sie sich herum und lief aus dem Zimmer. Mark wartete, bis ihre Schritte die Treppe hinuntergepoltert waren und er das Ger�usch der Haust�r h�rte. Er wu�te, da� es unm�glich war, aber f�r einen Moment bildete er sich ein, ihre Schritte auch danach noch zu h�ren - ein rasches Rennen und Stolpern den Weg hinunter bis zum Tor und weiter hinaus auf die Stra�e. Am ganzen Leib zitternd drehte er sich wieder zu seinem Vater herum und starrte ihn an.</p><p>�Warum hast du das getan?� fragte er. Er fl�sterte - er hatte nur die Wahl, zu fl�stern oder zu schreien, und er wu�te, wenn er seinem Zorn einmal freien Lauf lie�e, w�rde er ihn nicht mehr beherrschen k�nnen. �Das ist v�llig absurd!�</p><p>�Entschuldige�, sagte sein Vater. �Ich wei�, wie du dich jetzt f�hlen mu�t. Vielleicht war ich ein bi�chen ungeschickt. Aber das �ndert nichts daran, da� es die Wahrheit ist. Dieses M�dchen -�</p><p><emphasis>�Dieses M�dchen�, </emphasis>fiel ihm Mark schneidend ins Wort, �ist gerade siebzehn Jahre alt. Sie ist weder eine Mitgiftj�gerin noch eine neue Mata Hari, sondern nichts als ein M�dchen, das ich vor ein paar Stunden kennengelernt habe.�</p><p>�Sie ist nichts f�r dich�, sagte sein Vater hart. �Glaub mir, ich wei� das besser als du.�</p><p>�Wieso?� Marks Stimme wurde lauter. Er wollte nicht schreien. Er wollte seinem Vater diesen Triumph nicht g�nnen, aber seine Kraft war ersch�pft. Seine H�nde zitterten immer heftiger, und sein Herz schlug jetzt so laut, da� es seine eigenen Worte zu �bert�nen schien. Zorn und Entt�uschung machten ihn fast rasend. �Vielleicht habe ich dir doch unrecht getan�, sagte er. �Du bist noch viel schlimmer, als ich gedacht habe.�</p><p>�Mark!� sagte sein Vater scharf. �H�r mir zu! Du verstehst nicht, was -�</p><p>�Ich verstehe sehr gut!� schrie Mark. �Es reicht dir immer noch nicht! Du glaubst immer noch, du k�nntest �ber mich bestimmen wie �ber etwas, das dir geh�rt! Aber das kannst du nicht, h�rst du? Das wirst du nie wieder k�nnen!�</p><p>�Mark!� sagte sein Vater erneut. �Bitte h�r doch zu! Dieses M�dchen ist nicht das, was es zu sein vorgibt! Ich wei�, da� es weh tut. Es tut immer weh, wenn man begreift, da� man belogen wurde.�</p><p>�Ja�, sagte Mark, �das stimmt. Wenigstens <emphasis>das </emphasis>habe ich von dir gelernt.�</p><p>�Und es tut mir leid�, erwiderte sein Vater. �Darum versuche ich ja gerade, dich vor noch einem viel gr��eren Fehler zu bewahren!�</p><p>�Fehler?� Mark lachte schrill. �Oh ja, ich habe einen Fehler gemacht! Es war ein Fehler, �berhaupt hierher zu kommen. Ich h�tte tun sollen, was ich von Anfang an vorhatte, und einfach verschwinden. Ich h�tte dir niemals zuh�ren d�rfen.�</p><p>Er fuhr herum und wollte zur T�r gehen, aber sein Vater machte eine blitzschnelle Bewegung und ergriff ihn am Arm. Nicht nur, um ihn festzuhalten, sondern hart, fast schmerzhaft, und vielleicht war es die Art dieser Ber�hrung, die unbedingten Gehorsam verlangte und keinen Widerspruch duldete, die den Faden endg�ltig zum Zerrei�en brachte.</p><p>Mark bewegte sich fast ohne eigenes Zutun. Mit einem zornigen Ruck ri� er sich los und versetzte seinem Vater gleichzeitig mit der flachen Hand einen Sto� vor die Brust, der diesen zur�cktaumeln lie� und vermutlich zu Boden geschleudert h�tte, w�re er nicht gegen die Schreibtischkante geprallt. Das Zimmer schien sich pl�tzlich vor Marks Augen zu verdunkeln, alles drehte sich um ihn, und sein Herz schlug pl�tzlich so laut und schwer, da� das Ger�usch den gesamten Raum auszuf�llen schien: ein dunkles, maschinenhaftes H�mmern und Stampfen, das nicht l�nger mehr das Ger�usch seines eigenen Herzschlages war, sondern der dr�hnende Rhythmus aus seinem Traum. Die Bibliothek ver�nderte sich. Licht und Schatten tauschten ihre Pl�tze, und sein Gesichtsfeld schien sich zusammenzuziehen, bis darin nur noch Raum f�r das Gesicht seines Vaters war, das vor Staunen und �berraschung zu einer Grimasse wurde. Dahinter wuchs etwas Dunkles heran. Er h�rte wispernde Stimmen und einen summenden, an- und abschwellenden Ton. Und f�r einen kurzen, zeitlosen Augenblick glaubte er flackernden Kerzenschein zu sehen.</p><p>Bevor die Vision �berm�chtig werden konnte, fuhr er auf dem Absatz herum und rannte aus dem Zimmer.</p></section><section><title><p>23. Kapitel</p></title><p>�Ich glaube fast, Sie haben recht�, sagte Sendig. �Sie <emphasis>k�nnte </emphasis>es sein.� Er hatte sich so weit vorgebeugt, da� sein Gesicht fast gegen die Scheibe stie� und das Glas unter seinem Atem beschlug, w�hrend er aus angestrengt zusammengekniffenen Augen zu der Gestalt auf der anderen Stra�enseite hin�berstarrte. Bremer fragte sich allerdings, was er auf diese Weise zu erkennen hoffte. Sie standen sicherlich drei�ig Meter vom Gartentor der Sillmann-Villa entfernt, noch dazu auf der anderen Stra�enseite und in einem ung�nstigen Winkel, entschieden zu weit, um das Gesicht des dunkelhaarigen M�dchens identifizieren zu k�nnen. �Sie <emphasis>ist es�,</emphasis> sagte er schlechtgelaunt. �Ich bin ganz sicher. Ich war ihr so nahe wie jetzt Ihnen.�</p><p>Sendig wandte kurz den Kopf und sah ihn mi�trauisch an, fuhr dann aber fort, die Scheibe vollzuhauchen und gleichzeitig nerv�s und unrhythmisch auf der Armlehne zu trommeln. �Es ist ja nicht so, da� ich Ihre Beobachtungsgabe anzweifle�, sagte er nach einer Weile. �Aber ich habe mich erkundigt, wissen Sie? Niemand kennt dieses M�dchen im Stift.� Er z�gerte einen ganz kurzen Moment, ehe er hinzuf�gte: ��brigens kann sich auch niemand daran erinnern, da� der junge Sillmann mit ihr zusammen weggegangen w�re.�</p><p>�Au�er mir�, sagte Bremer.</p><p>�Au�er Ihnen.� Sendig nickte und sah endlich wieder ganz in seine Richtung. �Diese Geschichte wird immer mysteri�ser. Ich glaube beinahe, wir hatten bisher den falschen Sillmann im Visier.�</p><p><emphasis>�Wir�, </emphasis>antwortete Bremer mit Nachdruck, �hatten bisher doch wohl �berhaupt niemanden im Visier. Sie sagen mir ja nichts.�</p><p>Sendig grinste, als h�tte er einen besonders guten Scherz zum besten gegeben, drehte den Kopf wieder nach rechts und hob pl�tzlich die Hand, als wenn er etwas sagen wollte. �Schauen Sie!� sagte er. �Er kommt!�</p><p>Bremer lehnte sich ein bi�chen nach vorne, um an Sendig vorbei einen Blick auf das Haus werfen zu k�nnen. Tats�chlich war die Haust�r aufgegangen, und Mark Sillmann st�rmte heraus. Er ging nicht etwa - er <emphasis>st�rmte mit </emphasis>gewaltigen Schritten auf das Tor zu. Eine Winzigkeit mehr, und er w�re gerannt. Die beiden Polizisten beobachteten, wie er den Garten durchquerte und das Tor mit solcher Wucht hinter sich zuwarf, da� sie den Knall bis hierher h�ren konnten.</p><p>�Hoppla�, sagte Sendig. �Scheint, als hinge der Haussegen bei den Sillmanns ein bi�chen schief.�</p><p>Bremer schwieg. Sie waren viel zu weit entfernt, um etwas von dem Gespr�ch mitbekommen zu k�nnen, das sich zwischen Mark und dem M�dchen entwickelte, aber die K�rpersprache der beiden verriet genug. Bremer war nicht ganz sicher, ob er einen Streit beobachtete, zumindest aber eine sehr hitzige Diskussion. Das M�dchen setzte zwei-, dreimal dazu an wegzugehen, aber Mark hielt es jedesmal mit mehr oder weniger sanfter Gewalt zur�ck und redete heftig gestikulierend weiter. Die Diskussion dauerte nur wenige Minuten. Schlie�lich beruhigten sich Sillmann und das M�dchen und gingen nebeneinander und sehr schnell, aber ohne sich zu ber�hren, davon.</p><p>�Folgen wir ihnen?� fragte Bremer. Er streckte die Hand nach dem Z�ndschl�ssel aus, und Sendig nickte, hielt aber zugleich seinen Arm fest.</p><p>�Ja, aber nicht gleich. Warten Sie einen Moment. Besser, sie merken es nicht.�</p><p>So erregt, wie die beiden waren, dachte Bremer, h�tten sie wahrscheinlich nicht einmal gemerkt, wenn er ihnen mit einem Sch�tzenpanzer hinterhergefahren w�re. Aber nat�rlich hatte Sendig recht - wie fast immer. Es war besser, vorsichtig zu sein.</p><p>�Ich w�rde meine rechte Hand daf�r geben, zu wissen, was da passiert ist�, sagte Sendig leise und im Ton eines Selbstgespr�ches. �Er hat Ihnen nicht gesagt, was genau er dort wollte?�</p><p>�In der Klinik?� Bremer sch�ttelte den Kopf. �Er wollte seine Mutter besuchen.�</p><p>�Zum zweiten Mal an einem Tag?� Sendig machte eine wedelnde Handbewegung. �Sehr seltsam... und dann dieses M�dchen... Ich habe das Gef�hl, da� wir ganz dicht davor stehen, etwas sehr Interessantes herauszufinden.�</p><p>Pl�tzlich war er sehr aufgeregt. �Also gut, Bremer. Sie nehmen den Audi und fahren den beiden nach. Aber vorsichtig! Sie d�rfen Sie nicht bemerken. Und greifen Sie nicht ein, egal was passiert.�</p><p>Er griff in die Manteltasche und fingerte die Schl�ssel des Dienstwagens heraus, der f�nfzig Meter die Stra�e hinab hinter der n�chsten Biegung geparkt war. �Also los. Ich bleibe hier und behalte das Haus im Auge. Ich habe das Gef�hl, da� sich hier bald etwas tut. Sie haben meine Telefonnummer?�</p><p>�Nein�, antwortete Bremer, w�hrend Sendig nach dem Schl�ssel griff und mit der linken Hand bereits die T�r des Mercedes �ffnete. �Wozu? Der Audi hat Funk und -�</p><p>�Ja, und genau den sollen Sie nicht benutzen�, unterbrach ihn Sendig. �Fragen Sie nicht, warum, tun Sie es einfach. Hier ist meine Nummer.� Er dr�ckte Bremer einen kleinen Zettel in die Hand, auf dem er bereits die Nummer des Autotelefons notiert hatte, und begann ungeschickt, �ber den Ganghebel hinweg auf den Fahrersitz des Mercedes zu rutschen, kaum da� Bremer aus dem Wagen gestiegen war. �Und jetzt beeilen Sie sich, bevor die beiden weg sind.�</p><p>Bremer verdrehte die Augen, aber er ersparte sich den Hinweis, da� es Sendig selbst gewesen war, der ihn noch vor kaum einer Minute daran gehindert hatte, Mark und seiner Freundin sofort zu folgen. Statt dessen warf er noch einen letzten pr�fenden Blick zu den beiden Gestalten hin�ber, die schon fast das Ende der Stra�e erreicht harten, und setzte sich dann in die entgegengesetzte Richtung in Bewegung. Er rannte nicht, um nicht aufzufallen, aber er ging doch sehr schnell, und er widerstand auch der Versuchung, sich erneut herumzudrehen, als er die Biegung erreichte. Er hatte zwar seine Uniform gegen zivile Kleidung getauscht, wie Sendig geraten hatte, aber er wollte trotzdem kein Risiko eingehen.</p><p>Als er um die Ecke bog und die Stra�e �berquerte, um den Audi zu erreichen, der auf der anderen Stra�enseite geparkt war, war er ein wenig unaufmerksam. Er bemerkte den Wagen, der in raschem Tempo herangefahren kam, erst im allerletzten Moment und mu�te sich mit einem hastigen Satz zur�ck auf den B�rgersteig in Sicherheit bringen. Trotzdem fuhr der Wagen so dicht an ihm vorbei, da� er den Luftzug sp�ren konnte. Bremer drehte sich fluchend herum, und der Polizist in ihm suchte ganz automatisch nach dem Nummernschild des Wagens. Fast beil�ufig registrierte er, da� es kein Berliner Kennzeichen war, aber seine Aufmerksamkeit reichte nicht mehr aus, den Rest zu identifizieren - er ri� ungl�ubig die Augen auf, und aus seinem zornigen Erschrecken wurde �berraschung - und dann ein neuer, aber g�nzlich anderer Schrecken.</p><p>Es war nicht irgendein Wagen, der ihn fast �berfahren h�tte. Es war ein dunkelblauer gro�er BMW mit get�nten Scheiben. Bremer sah ihn nur noch einen Sekundenbruchteil, ehe er, ohne den Blinker bet�tigt zu haben oder irgendwie seine Geschwindigkeit herabzusetzen, um die Ecke bog, aber er erkannte in dieser kurzen Zeitspanne doch einige weitere, beunruhigende Details. Der Wagen verfugte neben seiner normalen auch noch �ber zwei weitere, kleine Antennen: eine auf dem Dach und eine zweite auf dem hinteren Kotfl�gel. Trotz der �berbreiten Reifen und der Spurverbreiterung lag der Wagen sehr tief, und er bewegte sich kaum in den Federn, als er abbog, was auf ein enormes Gewicht schlie�en lie�. Eigentlich gab es nur eine Erkl�rung daf�r: Der Wagen war gepanzert. Und das wiederum bedeutete, da� -</p><p>Bremer beschlo�, sp�ter dar�ber nachzudenken, was diese Erkenntnis in letzter Konsequenz bedeuten mu�te, fuhr auf dem Absatz herum und rannte auf den Audi zu, so schnell er nur konnte.</p></section><section><title><p>24. Kapitel</p></title><p>Das Licht auf dem Anrufbeantworter flackerte noch immer. Seit Mark gegangen war, waren sicher f�nf Minuten verstrichen, aber weder in der Bibliothek noch im Rest des Hauses hatte sich in dieser Zeit irgend etwas ger�hrt. Die einzige Illusion von Bewegung kam von diesem regelm��ig an- und ausgehenden roten Licht.</p><p>Sillmann �ffnete die Augen. Er hatte wie erstarrt dagestanden, seit Mark gegangen war. Er konnte sich nicht erinnern, wie lange oder was er in dieser Zeit gedacht hatte. Vielleicht nichts. In ihm war pl�tzlich nur eine gro�e Leere, in der nicht einmal mehr Platz f�r Entt�uschung oder Angst war.</p><p>Ganz langsam, als m�sse er gegen unsichtbare Tonnengewichte ank�mpfen, die auf seinen Gliedern lasteten, drehte er sich herum und trat wieder an den Schreibtisch heran. Seine Hand streckte sich nach dem Telefon aus, verharrte f�r endlose Sekunden zitternd dar�ber und f�hrte die Bewegung dann noch langsamer zu Ende. Das rote Licht des Anrufbeantworters flackerte noch immer, aber er h�rte die Botschaft auch jetzt nicht ab. Sie war unwichtig geworden. Nichts hatte mehr irgendeine Bedeutung.</p><p>Sillmanns Finger tippten die elfstellige Nummer eines Satellitenanschlusses, und am anderen Ende wurde abgehoben, kaum da� er den H�rer ans Ohr genommen hatte. Eine kalte, unpers�nliche Stimme meldete sich mit einem einzigen Wort: �Ja?�</p><p>�Sillmann hier�, meldete er sich. �Sie hatten recht. Es tut mir leid. Ich... kann jetzt nichts mehr tun.�</p><p>Er bekam keine Antwort. Aus dem H�rer drang nur Schweigen, allenfalls, h�tte man ganz aufmerksam gelauscht, das Ger�usch ganz leiser, sehr regelm��iger Atemz�ge. Nach ein paar Sekunden wurde aufgelegt.</p><p>Sillmann lie� den Telefonh�rer auf den Schreibtisch sinken, � setzte sich in den schweren Ledersessel und schlo� die Augen. Er lauschte in sich hinein, wartete auf irgend etwas, irgendeine Reaktion, irgendein Gef�hl, aber da war nichts. Er war ausgebrannt, nicht einmal mehr f�hig, Angst zu empfinden. Selbst daf�r w�re er in diesem Moment dankbar gewesen, aber selbst das konnte er nicht mehr. Er dachte an das Gespr�ch mit Petri zur�ck: <emphasis>Es hat begonnen.</emphasis></p><p>Ja, es hatte angefangen: sp�ter, als er bef�rchtet, und soviel fr�her, als er gehofft hatte. Es hatte begonnen, und keine Macht dieser Welt konnte es jetzt noch aufhalten.</p><p><emphasis>Mark war wieder in jenem furchtbaren Keller, der von Kerzenschein und dem Wehklagen verdammter Seelen erf�llt war, und er h�rte auch wieder den Herzschlag und die lautlose Stimme, die seinen Namen fl�sterte und ihn Taten beschuldigte, an die er sich nicht erinnern konnte, von denen er aber nun wu�te, da� er sie begangen hatte. Das Gespenst war da. Es stand hinter ihm und war nun endg�ltig zum Monster aller Kindertr�ume geworden, denn so gro�e Angst es ihm auch machte, so wu�te er doch, da� es ihm nichts anhaben konnte, solange er sich nur nicht herumdrehte und es ansah.</emphasis></p><p><emphasis>Aber wie lange w�rde er das k�nnen?</emphasis></p><p><emphasis>Dieser Traum - der viel weniger </emphasis>Traum <emphasis>als eine fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrte </emphasis>Erinnerung <emphasis>war (aber eben nur </emphasis>fast) - <emphasis>gehorchte seiner eigenen, simplen Logik, die die eines noch ziemlich naiven Zw�lfj�hrigen war, nicht die eines Erwachsenen, und diese Logik war auf der einen Seite zwar daf�r verantwortlich, da� alles, was er nicht sah, auf der anderen Seite auch ihn nicht sehen und ihm somit nichts zuleide tun konnte, aber sie verlieh dem gesichtslosen Schrecken auf der anderen Seite auch die Macht eines Gottes. Seine Unverwundbarkeit war nicht absolut. Das Ungeheuer w�rde ihn zwingen, ihn anzusehen, sobald seine Konzentration auch nur f�r einen winzigen Moment nachlie�. Und er konnte bereits sp�ren, wie seine Kr�fte schwanden. Dies hier war nicht die Welt, in die er geh�rte. Es war nicht die Wirklichkeit - nicht </emphasis>die <emphasis>Wirklichkeit, die er kannte und verstand, aber es war auch weit mehr als eine Illusion. Er nannte es einen Traum, aber das war es nicht, sondern vielmehr ein Teil eines anderen, d�steren Universums, in dem Zeit und Raum ebensowenig Bestand hatten wie Realit�t und in dem er sich f�r eine Weile als Gast aufhalten konnte (oder als Gefangener?). Aber dieser Aufenthalt war nicht umsonst. Jede Sekunde, die er hier war, kostete Kraft, jeder Augenblick, den er l�nger in dieser vielleicht d�stersten Ecke des Universums verweilte, stahl ihm etwas von seiner Energie, vielleicht seiner Lebenskraft.</emphasis></p><p><emphasis>Er mu�te diesen Keller verlassen. Aber wie?</emphasis></p><p><emphasis>Die Vision hatte fast an der gleichen Stelle wieder eingesetzt, an der sie aufgeh�rt hatte: Er stand wieder vor der rostigen Eisent�r, durch die der h�mmernde schwere Herzschlag drang, und er sah das Licht, das durch den allm�hlich breiter werdenden Spalt zwischen ihr und dem Rahmen drang, und die tanzenden Schatten dahinter, und wieder begriff er mit unersch�tterlicher Sicherheit, da� etwas Furchtbares geschehen w�rde, wenn er durch diese T�r schritt.</emphasis></p><p><emphasis>Mark glaubte sich zu erinnern, da� es einen anderen Ausgang aus diesem Keller gab - eine zweite T�r, vielleicht auch nur ein offener Durchgang auf der anderen Seite, nicht einmal ein Dutzend Schritte hinter ihm, und trotzdem unerreichbar, denn dorthin zu gehen h�tte bedeutet, sich zu den Phantomen am Boden umzudrehen und der anderen, weit schlimmeren Gestalt, die hinter ihm stand, und die ihn zweifellos vernichten w�rde, sobald er den Schutz des Nicht-Sehens und dadurch Nicht-gesehen-Werdens aufgab.</emphasis></p><p><emphasis>Er sa� in der falle. Er konnte nicht hierbleiben, er konnte nicht weitergehen, und er konnte nicht zur�ck.</emphasis></p><p><emphasis>Vielleicht war es einfach an der Zeit, sich der Wahrheit zu stellen.</emphasis></p><p><emphasis>Der Gedanke entstand so klar artikuliert in seinem Kopf, als h�tte ihn tats�chlich jemand ausgesprochen, der unsichtbar bei ihm war, und im gleichen Augenblick fielen Furcht und Entsetzen wie ein zu lange getragenes Kleidungsst�ck von ihm ab.</emphasis></p><p><emphasis>Es </emphasis>war <emphasis>an der Zeit.</emphasis></p><p><emphasis>Mark hob den Arm, streckte die Hand aus und ber�hrte die T�r mit gespreizten Fingern, ganz sacht, unendlich vorsichtig, wie er eine gl�hende Herdplatte ber�hrt h�tte oder das Netz einer schlafenden Spinne, das er irgendwie �berwinden mu�te, ohne das giftige Tier zu wecken.</emphasis></p><p><emphasis>Es erwachte nicht. Die T�r war nicht hei�, aber auch nicht so kalt, wie ihr metallener Anblick h�tte erwarten lassen, und nicht einmal ann�hernd so schwer, wie ihre wuchtigen Formen suggerierten. Sie f�hlte sich warm an, und auf eine schwer in Worte fa�bare Art weich und beinahe lebendig, und obwohl seine Ber�hrung kaum mehr als ein Hauch gewesen war, schwang sie langsam vor ihm zur�ck und gab den Blick in den dahinterliegenden Raum -</emphasis></p><p>�Sag mal - tr�umst du?�</p><p>Mark fuhr so erschrocken hoch, da� er sein Glas umstie�. Er fing es auf, ehe es vom Tisch rollen konnte, war sich der Bewegung aber selbst kaum bewu�t.</p><p>Er hatte M�he, sofort in <emphasis>diesen </emphasis>Teil der Wirklichkeit zur�ckzufinden, aber ein Gedanke entstand ganz deutlich in seinem Kopf: da� er <emphasis>wieder </emphasis>im letzten Moment gerettet worden war, wie die anderen Male - wie <emphasis>jedes Mal! - </emphasis>zuvor. War das vielleicht der wirkliche Schrecken, den dieser Traum f�r ihn bereithielt: da� er niemals erfahren sollte, was auf der anderen Seite der T�r lag?</p><p>�Was?� fragte er verwirrt.</p><p>�Ich habe dich gefragt, ob du tr�umst!� schrie Beate - sie mu�te schreien, um den stampfenden Techno-Rhythmus zu �bert�nen, der aus einem Dutzend Richtungen zugleich auf sie herabh�mmerte.</p><p>�Ich habe dich jetzt dreimal gefragt, ob du Lust hast, zu tanzen!� fuhr Beate fort. �Ich meine - du mu�t nicht. Ich bin dir nicht b�se. Aber du k�nntest wenigstens antworten!�</p><p>Mark blickte sie weiter verst�ndnislos an, ebenso wie das Glas in seiner Hand, das er aufgefangen hatte, ohne auch nur das geringste dazu getan zu haben. Seine Reflexe funktionierten offensichtlich auch unabh�ngig von dem, was in seinem Kopf vorging. Der Inhalt des Glases war in einer halbkreisf�rmigen Spur auf dem Tisch vor ihm verteilt, soweit er nicht bereits zu Boden getropft war, und der scharfe Geruch, der davon aufstieg, verriet ihm, da� er nicht nur aus purer Cola bestanden hatte. Seltsam - er konnte sich gar nicht erinnern, Whisky getrunken zu haben. Er lauschte in sich hinein, aber er sp�rte nichts von irgendeiner Wirkung. Er schmeckte �brigens auch keinen Alkohol.</p><p>�War das... deines?� fragte er verlegen.</p><p>Beate verdrehte in gespieltem Entsetzen die Augen. �Ja. Aber ich bestelle mir gerne ein neues. Es sei denn, du bist Gentleman genug, es f�r mich zu tun. Immerhin hast du mir ja auch die H�lfte meines Drinks auf die F��e gekippt.�</p><p>Mark stellte das Glas mit einer schuldbewu�ten Bewegung und sehr hastig endlich wieder auf den Tisch und hob ebenso rasch die Hand, um nach dem Kellner zu winken, aber er sah die Sinnlosigkeit dieses Vorhabens fast im gleichen Moment auch schon ein. Es gab tats�chlich mehrere Kellner, aber die Wahrscheinlichkeit, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, war gleich Null. Dann und wann tauchte ein Tablett an einem ausgestreckten Arm �ber den K�pfen der dichtstehenden Menge auf, das mit einer f�r Mark schier unvorstellbaren Sicherheit durch das Tohuwabohu geschifft wurde, aber er sah keinen der dazugeh�rigen Kellner. Schlie�lich stand er auf und deutete mit einer Kopfbewegung zur Bar. �Ich hole dir ein neues Glas�, br�llte er.</p><p>�Eine Aufforderung zum Tanzen w�re mir lieber�, schrie Beate in der gleichen Lautst�rke zur�ck, was Mark aber geflissentlich ignorierte. Er hatte keine Lust, zu tanzen. Eigentlich hatte er nicht einmal Lust, hier zu sein. Die Diskothek war ihm zu laut, zu dunkel, zu hektisch. Es waren zu viele Menschen hier, und sie waren zu fr�hlich. Es war sein Vorschlag gewesen, hierher zu kommen, nachdem sie eine ganze Weile ziellos durch die Stra�en gelaufen waren und alles getan hatten - nur eines nicht: sich auszusprechen. Die Idee war gut gewesen - er hatte gehofft, da� der L�rm, die N�he all dieser Menschen und die unz�hligen Ablenkungen auch ihm helfen w�rden, auf andere Gedanken zu kommen - aber es hatte nicht funktioniert. Er war mittlerweile sehr sicher, da� nichts funktionieren w�rde. Er h�tte nicht hierher kommen sollen, aber er wu�te auch nicht, was er sonst h�tte tun sollen. Vielleicht war dies eine der Situationen, in der es keine gute L�sung gab. Beate hatte sich alle M�he gegeben, den h��lichen Zwischenfall zu �berspielen, und er hatte zumindest die gute Absicht hinter diesem Vorhaben honoriert, indem auch er alles, was mit seinem Vater, seiner Mutter oder ihm selbst zu tun hatte, fast peinlich vermied. Sie hatten sich den ganzen Abend �ber Belanglosigkeiten unterhalten: kleine Anekdoten aus seinem Leben im Internat, die zum Teil wahr, zum Teil �bertrieben und zum Teil vollkommen ausgedacht waren, sie hatten �ber Politik, Geschichte, den Sinn des Lebens und die neuesten Modetorheiten gesprochen, ein bi�chen herumgealbert, dies und das getan und sich schlie�lich ganz bewu�t dazu entschieden, den Abend so ausklingen zu lassen, wie es einem achtzehnten Geburtstag in einer Stadt wie Berlin vielleicht angemessen war: laut, fr�hlich und lang und ohne irgendwelche Pl�ne f�r den n�chsten Tag oder auch nur die n�chste Stunde. Aber das war nur die Theorie. Die Praxis sah anders aus. Es verging kein Moment, in dem er nicht an seinen Vater dachte, und die Furcht hatte ihn den ganzen Abend �ber begleitet.</p><p>Sie - und ein fast verzweifelt unterdr�ckter, aber doch beharrlich nagender Zweifel. Von allem war vielleicht das das Schlimmste, was sein Vater ihm angetan hatte: Er begann sich zu fragen, ob er vielleicht recht hatte. Beate <emphasis>hatte </emphasis>sich seltsam benommen. Ihre Scherze auf dem Weg nach Hause waren ein bi�chen zu penetrant gewesen, und auch ihr Auftreten am Morgen war vielleicht nicht normal.</p><p>Und wenn? dachte er trotzig. Selbst wenn es so w�re - welche Rolle spielte es eigentlich? Vielleicht z�hlte f�r sie tats�chlich zuerst sein Geld und dann er, aber selbst wenn es so sein sollte - zumindest im Augenblick war es ihm gleich. Er empfand jedenfalls etwas f�r sie, auch wenn er selbst noch nicht genau wu�te, was es war, und irgendeine Garantie auf die ewige, reine Liebe hatte niemand. Selbst wenn sein Vater recht haben sollte, machte das sein Benehmen nicht entschuldbar. Es machte es eher schlimmer. Er hatte verdammt noch mal wie jeder andere das Recht, seine eigenen Fehler zu machen und daraus zu lernen.</p><p>Er hatte sich zur Bar durchgedr�ngelt, bestellte zwei frische Getr�nke und versuchte, sie zu ihrem Tisch zur�ckzubalancieren, ohne mehr als die H�lfte davon zu versch�tten. In einer so hoffnungslos �berf�llten Diskothek wie dem HADES erforderte diese Aufgabe fast seine ganze Aufmerksamkeit, so da� er erst wieder zu Beate aufsah, als er den Tisch fast erreicht hatte. Sie war nicht mehr allein. In das Gedr�nge rings um den kleinen Tisch hatte sich eine weitere Gestalt gemischt, die heftig gestikulierend auf Beate einredete und sie bereits so weit in eine Ecke gedr�ngt hatte, wie es �berhaupt nur ging. Auch ohne den H�llenl�rm ringsum h�tte Mark kaum verstanden, wor�ber die beiden sprachen, aber das war auch nicht n�tig. Jede Spur von Heiterkeit - ob nun aufgesetzt oder echt - war von ihrem Gesicht verschwunden. Sie stand in eindeutig abwehrender Haltung da und bewegte immer wieder den Kopf, um den zudringlichen H�nden ihres Gegen�bers auszuweichen.</p><p>Mark ma� den Burschen mit einem raschen, pr�fenden Blick, w�hrend er sich seinen Weg durch die Menge so schnell bahnte, wie er konnte. Er war ein gutes St�ck gr��er als er und mu�te zwanzig Pfund schwerer sein, und bei der sportlich durchtrainierten Statur unter seiner Windjacke h�tte Mark normalerweise zweimal �berlegt, sich mit ihm anzulegen. Aber er sah auch noch mehr: Die Bewegungen des Burschen waren unsicher und fahrig, und sein Gesicht wirkte aufgedunsen. Der Kerl war hoffnungslos betrunken - was ihn wahrscheinlich nicht weniger gef�hrlich machte, aber m�glicherweise etwas langsamer.</p><p>Mark erreichte endlich den Tisch und setzte die beiden Gl�ser mit einem h�rbaren Knall ab. Das Ger�usch erf�llte seinen Zweck: Beates Gesicht wandte sich mit einem Ruck in seine Richtung und mit einer guten Sekunde Verz�gerung auch das des Burschen, der vor ihr stand.</p><p>�Probleme?� fragte er.</p><p>Beate sch�ttelte hastig den Kopf. Die Erleichterung in ihrem Blick hatte nicht lange vorgehalten. Sp�testens jetzt, wo Mark dem anderen direkt gegen�berstand, mu�te ihr wohl auch auffallen, da� der Bursche ungef�hr doppelt so gro� war wie er. �Es ist okay�, sagte sie hastig. �Ein... ein Mi�verst�ndnis.�</p><p>�Ein Mi�verst�ndnis, so?� sagte Mark. Sein Blick blieb fest auf das Gesicht des anderen gerichtet. Die Augen des Burschen waren tr�b vom Alkohol, aber Mark bemerkte trotzdem das t�ckische Funkeln darin; der Kerl war nicht nur vollkommen betrunken, er war auch ein Schl�ger. Niemand, mit dem er sich normalerweise abgegeben h�tte, und erst recht niemand, gegen den er eine Chance hatte, wahrscheinlich nicht einmal in diesem Zustand.</p><p>�Was willst du?� fragte der Betrunkene. Er sprach schleppend, und als er redete, zerplatzten kleine Speichelblasen in seinem Mundwinkel. Sein Atem roch durchdringend nach Alkohol.</p><p>�Die Frage ist, was <emphasis>du </emphasis>willst�, antwortete Mark. Eine innere Stimme riet ihm, da� es besser - und wahrscheinlich auch ges�nder - war, jetzt die Klappe zu halten. Er konnte die Aggressivit�t des anderen beinahe riechen. Der Kerl war auf Streit aus, und er wu�te, da� er mit ihm nicht fertig werden konnte. Aber er <emphasis>wollte </emphasis>nicht vern�nftig sein. Ganz pl�tzlich war die Wut da, die er den ganzen Tag �ber vermi�t hatte, eine rasende, kaum noch zu beherrschende Wut, die ihn dazu trieb, nicht aufzuh�ren, nicht vern�nftig zu sein, sondern weiterzumachen. Er brauchte ein Ventil. Er wollte etwas packen, etwas zerst�ren und kaputtmachen, irgend etwas schlagen oder auch geschlagen werden, das war egal.</p><p>�Mach keinen �rger�, sagte Beate.</p><p>�Ich?� Mark trat mit zwei zornigen Schritten um den Tisch herum und baute sich drohend vor dem Betrunkenen auf. <emphasis>�Er</emphasis> macht �rger, nicht ich.�</p><p>�Spiel dich nicht auf, Kleiner�, sagte der Bursche. �Hau ab, solange du es noch kannst.�</p><p>�Und wenn nicht?� fragte Mark herausfordernd.</p><p>Er wu�te, was nun kam, und das zornige Aufblitzen in den Augen seines Gegen�bers warnte ihn zus�tzlich. Zorn und Frustration hatten seinen Kreislauf so mit Adrenalin �berschwemmt, da� er mit einer Schnelligkeit und Kraft reagierte, an die er normalerweise nicht einmal zu denken wagte. Der Kerl schlug zu, ein vielleicht kraftvoller, aber sehr plumper Hieb, dem Mark mit Leichtigkeit auswich. Gleichzeitig schlug er zur�ck. Seine Faust traf den anderen am Kinn, und die Wirkung �berstieg Marks k�hnste Erwartungen: Der Bursche schrie auf, warf die Arme in die H�he und st�rzte r�ckw�rts zu Boden, wobei er zwei oder drei andere mit sich ri�. F�r einen Moment drohte sich die Bewegung fortzusetzen, und Mark wartete beinahe darauf, da� s�mtliche Diskobesucher wie eine ineinandergedrehte Schnecke aus Dominosteinen umfielen. Nat�rlich geschah das nicht. Trotzdem setzte sich die Bewegung irgendwie fort; f�r einige Sekunden kamen die Tanzenden aus dem Takt, dann erlosch auch das Flackern der Lichtorgel, und schlie�lich verstummte sogar die Musik.</p><p>Der Betrunkene versuchte ungeschickt wieder auf die F��e zu kommen, aber da einige andere dies gleichzeitig auch probierten, behinderten sie sich nur gegenseitig; Mark hatte Zeit genug, ihm nachzusetzen und in eine entsprechende Position zu kommen. Er war pl�tzlich ganz ruhig. Der Zorn war noch da, vielleicht sogar schlimmer als zuvor, aber er machte ihn jetzt nicht mehr fahrig oder st�rte seine Konzentration. Er beobachtete den anderen genau, w�hrend er sich aufrappelte. Sein Gesicht wirkte benommen und ziemlich �berrascht, aber nicht besonders angeschlagen. Sein Schlag hatte eine spektakul�re, aber leider keineswegs nachhaltige Wirkung erzielt. Wahrscheinlich hatte er den Kerl nur w�tend gemacht. Er durfte ihm auf keinen Fall die Gelegenheit geben, seinerseits einen Treffer anzubringen.</p><p>Als der Bursche aufstand, empfing ihn Mark mit einem Tritt vor das Knie, der ihn nicht f�llte, ihn aber mit schmerzverzerrtem Gesicht zur�cktaumeln lie�. Mark setzte ihm nach, boxte ihn zwei-, dreimal mit aller Gewalt in den Leib und zielte mit einem Handkantenschlag nach seiner Kehle, als die erhoffte Wirkung auch diesmal ausblieb.</p><p>Sein Arm wurde mit solcher Kraft gepackt und zur�ckgerissen, da� er vor Schmerz aufschrie und gest�rzt w�re, h�tte die gleiche Hand, die ihn zur�ckgerissen hatte, ihn nicht auch festgehalten. Eine Sekunde sp�ter wurde sein Arm mit brutaler Kraft auf den R�cken gedreht, eine Hand krallte sich in sein Haar und ri� seinen Kopf in den Nacken, und dann traf ihn ein harter Kniesto� in den R�cken und lie� ihn endg�ltig in die Knie brechen. Ein glei�ender Schmerz explodierte in seinen Nieren, und f�r einen Moment sah er nichts au�er bunten Farbblitzen. Sein Kopf wurde so weit in den Nacken gebogen, da� er kaum noch Luft bekam und deshalb auch nicht schreien konnte, und der Gewalt, mit der er festgehalten wurde, hatte er nichts entgegenzusetzen. Trotzdem wehrte er sich noch einen kurzen Moment mit aller Kraft. Seine Wut war noch nicht verraucht. Er f�gte sich mit seiner Gegenwehr nur selbst Schmerzen <emphasis>zu, </emphasis>aber das war ihm gleich. Er mu�te irgend etwas zerst�ren - wenn er nichts anderes fand, sich selbst.</p><p>Kurz bevor er sich selbst den Arm auskugeln konnte, wurde der Griff ein wenig gelockert, nicht einmal ann�hernd weit genug, um sich loszurei�en, aber immerhin kam er unsicher auf die F��e, auch wenn er weiter mit unerbittlicher Kraft gehalten wurde. Er drehte den Kopf zur Seite, soweit es die Hand zulie�, die sich noch immer in sein Haar krallte, und erkannte, da� er von einem langhaarigen, muskelbepackten Burschen in Lederjacke und Jeans festgehalten wurde. Ein zweiter Rausschmei�er stand nur einen Schritt hinter ihm, aber er hatte die Lage bereits richtig eingesch�tzt und erkannt, da� es wohl kaum n�tig sein w�rde, sich zu zweit auf Mark zu st�rzen.</p><p>�Es ist okay�, sagte Mark m�hsam. �Ich bin in... in Ordnung. Ihr k�nnt mich loslassen.�</p><p>Er wurde nicht losgelassen, aber der Druck auf seinen Arm lie� weiter nach; wenigstens trieb der Schmerz ihm jetzt nicht mehr die Tr�nen in die Augen. Daf�r traf ihn ein harter Sto� in den R�cken, der ihn vorw�rtstaumeln lie�.</p><p>Mark hatte sich immer gefragt, wie eine solche Situation wohl sein mochte; sein gr��tenteils wohlbeh�tetes Leben im Internat hatte ihn vor Gewaltt�tigkeiten jeder Art bewahrt, aber nat�rlich hatte er sich solche Situationen <emphasis>vorgestellt. </emphasis>Die Wahrheit war ganz anders - nicht ann�hernd so dramatisch, aber daf�r ging es sehr viel schneller. Binnen Sekunden wurde er von beiden Rausschmei�ern zum Ausgang gezerrt, w�hrend hinter ihnen Musik und Tanz bereits wieder einsetzten, als w�re �berhaupt nichts geschehen. Nicht einmal eine Minute, nachdem er den Betrunkenen niedergeschlagen hatte, fand er sich der L�nge nach auf dem Bauch vor dem Eingang der Diskothek liegend.</p></section><section><title><p>25. Kapitel</p></title><p><emphasis>Nicht eingreifen, </emphasis>hatte Sendig gesagt. <emphasis>Ganz gleich, was passiert, er darf Sie nicht bemerken. Sie beobachten ihn, weiter nichts.</emphasis></p><p>Im Moment fiel es Bremer nicht ganz leicht, diesem Befehl Folge zu leisten. Vor einer Minute hatte er beobachtet, wie Mark Sillmann in hohem Bogen aus dem HADES geflogen war, und das im wortw�rtlichen Sinn; er hatte bereits die Hand nach dem T�rgriff ausgestreckt, aber dann war das M�dchen herausgekommen und hatte sich um Mark bem�ht, und Bremer hatte sich im letzten Moment wieder an Sendigs Befehl erinnert. Er fragte sich, was im HADES vorgefallen sein mochte. Nach allem, was er �ber den jungen Sillmann wu�te, war er kein Schl�ger, nicht einmal jemand, der sich so leicht auf einen provozierten Streit einlie�.</p><p>Bremer zog die Hand wieder zur�ck, aber es dauerte einen Moment, bis er sich soweit entspannte, da� er sich ganz im Sitz zur�cksinken lassen und beobachten konnte, was weiter geschah. Mark erhob sich unsicher auf die F��e und tastete mit den H�nden �ber seinen K�rper, als m�sse er sich davon �berzeugen, da� noch alles da war, machte aber trotzdem einen unverletzten Eindruck.</p><p>Bremer blieb allerdings aufmerksam. Sillmann und das M�dchen standen eine ganze Weile vor dem Eingang des HADES und debattierten sichtlich aufgeregt miteinander. Bremer h�tte seine rechte Hand daf�r gegeben, zu wissen, wor�ber die beiden sprachen. Vor allem das M�dchen.</p><p>Ihr Anblick erschreckte ihn jetzt kaum weniger als vorhin, als er sie auf dem Videoband gesehen hatte. Es war vollkommen unm�glich. Seine Logik und sein Verstand sagten ihm, da� es einfach nicht sein konnte. Aber seine Augen behaupteten das Gegenteil.</p><p>Die beiden begannen langsam die Stra�e hinunterzugehen. Bremer �berlegte gerade, ob er aussteigen und ihnen zu Fu� folgen oder abwarten, bis sie die Kreuzung erreichten, und ihnen mit dem Wagen nachfahren sollte, als zwei Dinge gleichzeitig geschahen: F�nfzig Meter hinter ihm wurde ein Wagen angelassen, und im gleichen Moment meldete sich das Funkger�t.</p><p>Bremer erschrak regelrecht. Sendig hatte ihm eingesch�rft, nicht den Polizeifunk zu benutzen - die Gefahr, abgeh�rt zu werden, war zu gro� -, aber sie hatten vor einer halben Stunde miteinander telefoniert und sich auf eine Frequenz geeinigt, die selten benutzt wurde, auch keine Garantie, <emphasis>nicht</emphasis> abgeh�rt zu werden, aber immerhin eine M�glichkeit f�r Sendig, im Notfall Kontakt zu ihm aufzunehmen. Bremers Hand verharrte �ber dem H�rer, ber�hrte ihn aber nicht. Das Ger�t piepste dreimal, dann waren zehn Sekunden Pause, dann noch zweimal, dann war Ruhe. Das vereinbarte Zeichen.</p><p>Bremer warf einen raschen Blick zu Sillmann und dem M�dchen hin�ber - sie gingen weiter in Richtung Kreuzung, bewegten sich aber nicht sehr schnell -, dann stieg er aus dem Wagen und ging mit schnellen Schritten zu der Telefonzelle auf der gegen�berliegenden Stra�enseite.</p><p>Sendig meldete sich, noch bevor das Freizeichen das erste Mal zu Ende getutet hatte. �Verdammt, Bremer, wo bleiben Sie so lange?�</p><p><emphasis>So lange? </emphasis>Bremer hatte allerh�chstens zehn Sekunden gebraucht, um die Zelle zu erreichen und die Nummer von Sendigs Autotelefon zu w�hlen. Aber Sendig lie� ihm gar keine Zeit, zu antworten, sondern fuhr bereits kurzatmig und in sehr erregtem Ton fort: �Egal. H�ren Sie zu, Bremer. Wir haben nicht viel Zeit. Ich wei� jetzt, wer sie sind.�</p><p>�Sie?�</p><p>�Die Kerle in dem BMW, die Sie verfolgt haben�, antwortete Sendig. �Sie m�ssen den jungen Sillmann und das M�dchen vor ihnen sch�tzen, haben Sie verstanden?�</p><p>�Ja�, antwortete Bremer verwirrt. �Aber wieso - ?�</p><p>�Fragen Sie jetzt nicht�, unterbrach ihn Sendig. Der Ton in seiner Stimme war keine Nervosit�t, dachte Bremer best�rzt. Es war nackte Panik. �Warnen Sie den Jungen! Schnell!�</p><p>Er h�ngte ein, ehe Bremer antworten konnte. Bremer starrte den Telefonh�rer in seiner Hand noch eine halbe Sekunde lang beinahe feindselig an, dann h�ngte er ein und verlie� die Telefonzelle. Sillmann und das M�dchen hatten die Ecke erreicht und bogen nach links ab, und im gleichen Moment blendeten die Scheinwerfer des Wagens f�nfzig Meter entfernt auf, und er setzte sich mit kreischenden Reifen in Bewegung. Als er an Bremer vorbeischo�, erkannte er, da� es sich um einen dunkelblauen BMW handelte.</p><p>Bremer fluchte und rannte los, so schnell er konnte. Als er im Wagen sa� und mit fliegenden Fingern den Z�ndschl�ssel herumdrehte, hatte der BMW die Kreuzung erreicht und bog ab, ohne seine Geschwindigkeit sp�rbar zu verringern. Bremer fluchte erneut und noch lauter, h�mmerte den Gang hinein und gab Gas.</p><p>Den zweiten Wagen bemerkte er erst, als er mit kreischenden Bremsen unmittelbar vor der K�hlerhaube des Audi zum Stehen kam und die beiden hinteren T�ren aufflogen.</p></section><section><title><p>26. Kapitel</p></title><p>Der Aufprall war sehr hart gewesen. Die beiden Rausschmei�er hatten sich wohl einen Spa� daraus gemacht, ihre Aufgabe w�rtlich zu nehmen: Mark war gute zwei Meter durch die Luft geflogen, ehe er auf dem Pflaster aufgeschlagen war, und er hatte das Gef�hl gehabt, aus der zehnfachen H�he aufzuprallen. Im ersten Moment schien es buchst�blich keinen Knochen in seinem Leib zu geben, der <emphasis>nicht </emphasis>weh tat.</p><p>Trotzdem war das nicht der Grund f�r seine Benommenheit. Dieser Grund war in ihm, eine hei�e, brodelnde Wut, die in ihm loderte und kochte wie die Glut eines im Ausbrechen befindlichen Vulkans, ein schwarzes Ding mit Klauen und brennenden Augen und einer Haut aus schimmerndem hartem Chitin, das die T�ren seines Gef�ngnisses endg�ltig aufgesto�en hatte und heraus wollte, das t�ten wollte, vernichten, zerrei�en und zerfetzen, ganz gleich, was oder wen. Er zitterte am ganzen Leib. Der Druck in ihm hatte die Grenzen des Ertr�glichen l�ngst erreicht und stieg immer noch weiter. Wahrscheinlich war es gut, da� der Rausschmei�er ihn zur�ckgehalten hatte. Er h�tte den Burschen umgebracht, das, oder zumindest auf ihn eingeschlagen, bis der andere <emphasis>ihn</emphasis> umgebracht h�tte.</p><p>�Bist du in Ordnung?�</p><p>Mark erkannte nur Beates Stimme. Als er den Kopf hob, sah er anstelle ihres Gesichts nur einen hellen, verwaschenen Fleck, eingefa�t von Konturen, die sich st�ndig zu ver�ndern schienen vor dem Hintergrund eines zerbr�ckelnden, von flackerndem Kerzenschein beleuchteten Betonputzes. Er erkannte die Gefahr im letzten Moment. Der Grat zwischen diesem und jenem anderen, gewaltt�tigeren Alptraum begann immer schmaler zu werden. Er drohte abzurutschen, und vielleicht w�rde es ein Sturz, den er nie wieder auffangen konnte.</p><p>�Mark, was ist mit dir?� Beate/der Todesengel streckte die Hand nach ihm aus, um ihn zu - vernichten/helfen -ber�hren, und er konnte im letzten Moment den Impuls unterdr�cken, ihren Arm mit aller Gewalt beiseite zu schlagen. Aber er wich ihrer Ber�hrung aus und drehte sich in der gleichen Bewegung auf die Seite. F�r einen kurzen Moment schlo� er die Augen und pre�te die Lider mit aller Gewalt aufeinander. Es tat weh, aber es half: Als er die Augen wieder �ffnete, war Beates Gesicht wieder ihr eigenes. Die Wand hinter ihr war noch immer sch�big, aber es war jetzt wieder die heruntergekommene Fassade des <emphasis>HADES, </emphasis>nicht mehr der Alptraumkeller, und das flackernde Licht war nicht mehr das Hunderter Kerzen, sondern die Leuchtreklame der Diskothek.</p><p>�Es ist... alles okay�, sagte er m�hsam.</p><p>�In Ordnung?� Beate zog zweifelnd die Augenbrauen zusammen. �Du machst nicht unbedingt den Eindruck, als ob du <emphasis>okay </emphasis>w�rst.�</p><p>Mark wich ihren bem�ht ausgestreckten H�nden erneut aus und stemmte sich umst�ndlich in die H�he. �Mir fehlt nichts�, versicherte er. �Es sah nur so wild aus. Der Kerl hatte wohl Mitleid mit mir.�</p><p>Beate blieb ernst. �Das meine ich nicht�, sagte sie. �Was ist denn da drinnen in dich gefahren? Benimmst du dich immer so?�</p><p>�In mich?� Mark sah sie fast feindselig an. �Moment mal. Ich wollte dir helfen.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Beate. �Aber der Kerl war nur ein harmloser Betrunkener, der sich aufspielen wollte. Es w�re nicht n�tig gewesen, wie ein Verr�ckter auf ihn loszugehen. Mein Gott, f�r einen Moment dachte ich, du w�rdest ihn umbringen!�</p><p>�Bl�dsinn!� antwortete Mark.</p><p>�Es sah nicht gerade nach <emphasis>Bl�dsinn </emphasis>aus. Suchst du etwas?�</p><p>Mark hatte angefangen, mit den H�nden �ber seine Lederjacke zu tasten. Seine Bewegungen wurden immer fahriger. �Mein Portemonnaie�, antwortete er. �Schei�e. Ich mu� es verloren haben, als ich...� Er machte eine Kopfbewegung zum Eingang des HADES. �Dort drinnen.�</p><p>�Wahrscheinlich�, sagte Beate. �Aber wenn du einen guten Rat von mir-�</p><p>�Nein�, unterbrach sie Mark scharf. �Ich will <emphasis>keinen </emphasis>guten Rat. Weder von dir noch von sonst jemandem. Am allerwenigsten von dir, wei�t du.�</p><p>Beate wurde bla�, aber Mark begriff den eigentlichen Grund daf�r erst, als sie einen halben Schritt vor ihm zur�ckwich und eine instinktiv abwehrende Haltung einnahm. Pl�tzlich hatte sie Angst, aber es war eindeutig Angst vor <emphasis>ihm.</emphasis> Das <emphasis>Ding </emphasis>in ihm war noch da. Es hatte sich zur�ckgezogen und zerrte nicht mehr mit aller Gewalt an seiner Kette, aber es war da, und im Moment nicht so stark, da� sie es sah, in seinem Gesicht, oder in seinen Augen. <emphasis>Was geschah mit ihm?</emphasis></p><p>�Entschuldige�, sagte er.</p><p>Beate l�chelte verkrampft. �Schon gut. Vergi� es.�</p><p>Mark streckte die Hand nach ihr aus und ber�hrte sie am Arm. Sie wich seiner Ber�hrung nicht aus, aber Mark sah deutlich, da� sie es gerne getan h�tte, und auch die Angst wich nicht vollst�ndig aus ihrem Blick.</p><p>�Nein�, sagte er. �Es ist <emphasis>nicht </emphasis>gut, und ich werde es nicht vergessen. Verdammt, ich... ich wei� nicht, was mit mir los ist. Ich scheine heute ein ganz besonderes Talent daf�r zu haben, Leuten weh zu tun, die es gut mit mir meinen.�</p><p>Beate antwortete nicht darauf, aber irgend etwas �nderte sich in ihrem Blick. Aus der Angst, die er gerade noch darin gelesen hatte, wurde etwas anderes, vielleicht nicht wirklich Mitleid, aber doch etwas, das diesem Gef�hl nahekam und das eine Woge heftiger Z�rtlichkeit in ihm wachrief. Pl�tzlich wollte er nichts mehr, als sie an sich zu ziehen und in die Arme zu schlie�en. Er f�hlte sich einsam, so allein gelassen wie niemals zuvor im Leben, und er brauchte einfach die N�he eines Menschen, dem er vertrauen konnte, selbst wenn es ein beinahe Fremder war wie Beate. Da� er es schlie�lich doch nicht tat, hatte zwei Gr�nde: Er sah noch immer eine Spur von Unsicherheit in ihrem Blick, und ganz pl�tzlich glaubte er wieder die Stimme seines Vaters zu h�ren: <emphasis>Haben Sie schon mit ihm geschlafen, oder wollten Sie sich das f�r heute abend aufheben? </emphasis>Er lie� die Arme sinken und trat wieder einen halben Schritt zur�ck.</p><p>�Heute ist anscheinend wirklich nicht mein Tag�, murmelte er.</p><p>Beate legte den Kopf schr�g und ma� ihn mit einem langen und schwer einzuordnenden Blick. �Willst du dar�ber reden?�</p><p>�Nein�, antwortete Mark. �Ja. Nein. Ich... ich wei� es nicht.� Er machte eine unsichere Geste mit beiden H�nden. �Wahrscheinlich sollte ich es. Aber ich wei� nicht, ob...�</p><p>�Ob ich die Richtige daf�r bin?�</p><p>�Ob ich es kann�, antwortete Mark kopfsch�ttelnd. �Es hat nichts mit dir zu tun. Wirklich nicht. Es ist nur ziemlich schwer, mit dem Gedanken fertig zu werden, da� alles, was man zu wissen geglaubt hat, pl�tzlich falsch gewesen sein soll. Manchmal frage ich mich, ob ich eigentlich wei�, wer ich selbst bin.�</p><p>Beate l�chelte unsicher. �Also, ich kann dir sagen, wer du im Moment bist. Ein ziemlich verunsicherter junger Mann, der sich alle M�he gibt, seinen achtzehnten Geburtstag zum schlimmsten Tag seines Lebens zu machen.�</p><p>Mark sah auf die Uhr. Sie hatte recht: Es waren noch gute zwei Stunden bis Mitternacht. Noch <emphasis>hatte </emphasis>er Geburtstag. Unvermittelt und sehr leise sagte er: �Es k�nnte sein, da� ich ein M�rder bin.�</p><p>Die Worte waren fast ohne sein eigenes Zutun �ber seine Lippen gekommen; er erschrak selbst, als er sie h�rte. Beates Reaktion fiel allerdings ganz anders aus, als er nach diesem �berraschenden Eingest�ndnis erwartet h�tte. Sie sah ihn nur aus gro�en Augen an, aber sie wirkte weder besonders �berrascht oder gar erschrocken, noch begann sie zu lachen. Nachdem sie sicherlich zwanzig Sekunden geschwiegen hatte, sagte sie: �Du hast recht. Wir sollten dar�ber reden.�</p><p>Aber mit einem Male wollte er das gar nicht mehr. Es hatte nichts mit ihr zu tun. Von allen Menschen, die er kannte - Prein vielleicht einmal ausgenommen, aber der war unerreichbar weit fort -, war sie der einzige, dem er sein d�steres Geheimnis h�tte anvertrauen k�nnen. Aber dar�ber zu reden h�tte auch bedeutet, die Geister der Vergangenheit endg�ltig zu wecken. Er w�rde es m�ssen, wollte er jemals damit fertig werden. Um den Gespenstern ihren Schrecken zu nehmen, mu�te er ihnen erst Gesicht und Gestalt verleihen. Aber nicht jetzt. Nicht heute. Es war zuviel f�r einen einzigen Tag.</p><p>�Ich glaube nicht, da� es... der richtige Moment ist�, sagte er stockend.</p><p>�Was war es?� fragte Beate. �Ein Unfall?�</p><p>�Was?� Mark brauchte eine Sekunde, um Beates Gedankengang zu folgen. Dann sch�ttelte er �bertrieben heftig den Kopf. �Oh nein, so einfach ist es leider nicht.�</p><p>�Es hat irgend etwas mit deiner Mutter zu tun�, vermutete Beate. �La� mich raten: Es ist der gleiche Grund, aus dem sie in der Klinik ist.�</p><p>�Gut kombiniert�, sagte Mark. �Aber falsch.�</p><p>�Sie hatte einen schweren Nervenzusammenbruch, und du hast die Schule abgebrochen und besuchst seither ein Internat in der tiefsten Provinz�, fuhr Beate fort. �Und das alles innerhalb desselben Monats. Was f�r ein Zufall.�</p><p>�Du bist ziemlich gut informiert�, sagte Mark.</p><p>Beates L�cheln wurde ein wenig k�hler. �Stimmt�, best�tigte sie. �Vielleicht hat dein Vater ja recht, und ich bin wirklich hinter eurem Geld her. Immerhin - dein Vater d�rfte zu den zwanzig verm�gendsten M�nnern dieser Stadt geh�ren. Nat�rlich habe ich mich informiert.�</p><p>�Entschuldige�, sagte Mark. Er streckte wieder die Hand nach ihr aus, aber diesmal wich sie vor ihm zur�ck und machte eine heftige, abwehrende Geste.</p><p>�Ich hatte den ganzen Tag Zeit, mich zu informieren�, fuhr sie fort. �Es war nicht sehr schwierig. Eure Familie ist ziemlich bekannt. Au�erdem sind die Daten deiner Mutter im Computer der Klinik gespeichert.�</p><p>�H�r auf!� sagte Mark. �Es tut mir leid. Ich... ich wollte das nicht sagen. Wirklich. Ich...�</p><p>�Du bist ganz sch�n kaputt, wei�t du das eigentlich?� fragte Beate.</p><p>Mark schwieg. Es h�tte nat�rlich eine Menge zu sagen gegeben, aber mit gro�er Sicherheit w�re es wieder auf dasselbe hinausgelaufen, womit heute alles zu enden schien, was er begann.</p><p>�Es gibt noch eine andere M�glichkeit, wei�t du?� fuhr Beate fort. �Ich arbeite zwar noch nicht lange in der Klinik, aber immerhin lange genug. Ich kenne deine Mutter. Und ich mag sie - wie �brigens fast alle bei uns. Sie ist eine sehr liebenswerte Frau.�</p><p>�Bitte h�r auf�, sagte Mark noch einmal. �Es tut mir leid. Ich habe mich wie ein Idiot benommen.�</p><p>�Ja�, antwortete Beate. �Das hast du.� Sie sah ihn noch eine Sekunde lang auf die gleiche undeutbare Art an wie zuvor, dann drehte sie sich herum und begann langsam die Stra�e hinunterzugehen. Mark z�gerte noch einen Moment, ehe er ihr folgte, sie mit zwei, drei raschen Schritten einholte und dann neben ihr herging.</p><p>�Du hattest unrecht�, sagte er leise. �Ich bin nicht dabei, diesen Tag zum schlimmsten meines Lebens zu machen. Ich f�rchte, er ist es schon.�</p><p>�Soll ich ihn noch ein bi�chen schlimmer machen?� fragte Beate.</p><p>�Ich glaube kaum, da� du das kannst�, antwortete Mark. Irgendwo hinter ihnen wurde ein Wagen angelassen, aber ansonsten war es fast unheimlich still. Selbst der monotone Techno-Rhythmus aus dem HADES blieb schon nach wenigen Schritten hinter ihnen zur�ck.</p><p>�Wer wei߫, sagte Beate. �Und wenn ich dir jetzt sagen w�rde, da� dein Vater recht hat?�</p><p>�Dann w�re es mir egal�, antwortete Mark impulsiv. Nach einer kurzen Pause f�gte er hinzu: �Sagst du es denn?�</p><p>Beate lachte kurz. �Wei�t du was, Mark? Du tust wirklich alles, um die Dinge schlimmer zu machen. Wu�test du, da� in jedem Menschen der Drang zur Selbstzerst�rung steckt? Ich glaube, du hast gerade einen ziemlich heftigen Anfall davon.�</p><p>Sie gingen eine ganze Weile schweigend nebeneinander her, dann sagte Mark: �Aber ich habe es ernst gemeint. Es w�re mir wirklich egal.�</p><p>�Heute�, sagte Beate. �Morgen vielleicht auch noch. Und dann?� Sie sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube nicht, da� wir dieses Gespr�ch fortsetzen sollten. Begleitest du mich noch bis zur U-Bahn?�</p><p>�Ich habe mich entschuldigt, oder?� fragte Mark - nat�rlich schon wieder in sch�rferem Ton, als erstens angemessen war und er zweitens selbst beabsichtigt hatte. �Was soll ich noch tun? Auf die Knie fallen und dich um Vergebung bitten?�</p><p>Sie hatten das Ende der Stra�e erreicht und blieben einen Moment stehen, Beate sah sich suchend um und deutete dann nach links. �Irgendwo dort hinten ist ein Taxistand�, sagte sie. �Ich schaffe den Rest schon allein. Wenn du willst, kannst du mich ja in den n�chsten Tagen anrufen. Ich habe bis Ende der Woche Fr�hschicht.�</p><p>Sie drehte sich herum und begann mit pl�tzlich schnellen Schritten die Stra�e hinunterzugehen. Mark blieb eine halbe Sekunde lang wie erstarrt stehen, aber dann eilte er ihr nach, holte sie ein und ri� sie mit einer fast schon groben Bewegung herum.</p><p>�Du gehst nirgendwohin�, sagte er. �Jedenfalls nicht so.�</p><p>�Ach?� fragte Beate. Sie ri� sich los, wich aber erstaunlicherweise nicht vor ihm zur�ck. �Und warum nicht?�</p><p>�Weil...� Mark suchte vergeblich nach Worten. Weil er nicht wollte, da� sie ging? Weil er sie brauchte wie keinen anderen Menschen auf der Welt? Weil er das Gef�hl hatte, sie seit Jahren zu kennen, obwohl es in Wahrheit gerade erst zw�lf oder vierzehn Stunden waren?</p><p>�Weil ich es nicht m�chte�, sagte er schlie�lich. �Gib mir noch eine Chance, okay? Ich werde damit fertig, aber nicht allem.�</p><p>Beate schwieg, aber irgend etwas geschah in ihrem Blick. Was war das, was er darin las? Triumph? Vielleicht, aber auch noch mehr - etwas... Vertrautes, etwas Altes und ungemein Bekanntes, das ihn pl�tzlich und ohne Vorwarnung mit einem Gef�hl von Geborgenheit erf�llte, das ihn hilflos machte. Worte waren pl�tzlich �berfl�ssig - mehr noch: Er hatte mit Worten an diesem Tag schon so viel zerst�rt, da� sie nur schaden konnten. Ohne etwas zu sagen, streckte er erneut die H�nde aus, zog sie an sich und hielt sie f�r einen Moment so fest, da� er ihr den Atem abschn�ren mu�te. Trotzdem versuchte sie nicht, sich zu wehren.</p><p>Ihre Gesichter waren sich jetzt ganz nahe, und es war eine vertraute N�he, so vertraut, als w�ren sie nicht l�nger zwei Menschen, sondern nur zwei H�lften eines Ganzen, die gewaltsam getrennt und nun endlich wieder zusammengef�gt worden waren. Ihre Lippen ber�hrten sich, und es war tats�chlich wie in allen kitschigen Liebesgeschichten, die er jemals geh�rt hatte: Im gleichen Augenblick, in dem sie sich k��ten, schien eine lautlose Explosion seinen K�rper bis in die letzten Nervenenden zu durchrasen. Sie <emphasis>waren </emphasis>eins. Sie - In Beates Augen flammte es auf, und im gleichen Moment erstrahlten ihre Z�ge in einem unheimlichen, hellen Glanz, der ihr Gesicht zu einem grellwei�en Schemen mit auseinanderfasernden Konturen machte.</p></section><section><title><p>27. Kapitel</p></title><p>Bremer trat mit aller Gewalt auf die Bremse, aber seine Reaktion kam zu sp�t. Die Reifen des Audi blockierten, aber der Wagen rutschte trotzdem weiter und kollidierte unsanft mit dem Kotfl�gel des BMW, der so urpl�tzlich vor ihm aufgetaucht war. Der Aufprall war nicht einmal besonders hart, aber Bremer hatte keine Zeit gehabt, sich anzuschnallen. Er wurde nach vorne geworfen und prallte mit voller Wucht mit Stirn und Wangenknochen auf das Lenkrad.</p><p>F�r einen Moment war er benommen. Er schmeckte Blut, und vor seinen Augen wirbelten dunkelrote Gl�hw�rmchen, die winzige Schmerzpfeile auf seine Netzh�ute absch�ssen. Bremer versuchte sie wegzublinzeln, aber ganz gelang es ihm nicht. Er blieb noch zwei oder drei weitere Sekunden benommen, in denen sein Sehverm�gen zwar allm�hlich zur�ckkehrte, er aber weiter hilflos war. Der Motor des Audi war ausgegangen, aber er sah, da� die Wucht des Zusammensto�es trotz der relativ geringen Geschwindigkeit ausgereicht hatte, den anderen Wagen einen guten Meter zur Seite zu schieben. Die hintere T�r war wieder zugefallen und hatte offensichtlich das Bein des Mannes eingeklemmt, der hinausspringen wollte, denn der Bursche kr�mmte sich auf dem R�cksitz. Von dem zweiten Mann keine Spur.</p><p>Bremer stemmte sich m�hsam in die H�he, tastete mit den Fingerspitzen �ber das Gesicht und f�hlte Blut aus einer langen Platzwunde �ber dem linken Auge sickern, aber keinen Schmerz. Er mu�te wohl so etwas wie eine leichte Gehirnersch�tterung haben, denn in der allerersten Sekunde erinnerte er sich zwar, was geschehen war, konnte mit diesem Wissen aber nichts anfangen. Er sah eine Gestalt hinter dem BMW auftauchen und mit weit ausgreifenden Schritten auf seinen Wagen zueilen, und etwas an diesem Anblick war sehr beunruhigend, aber er wu�te nicht, warum.</p><p>Als es ihm wieder einfiel, war es zu sp�t. Die T�r wurde aufgerissen, und Bremer f�hlte sich brutal gepackt und aus dem Wagen gezerrt. Sein rechtes Knie prallte mit solcher Wucht gegen die Lenks�ule, da� er aufschrie und ihm der Schmerz die Tr�nen in die Augen trieb. Trotzdem versuchte er, nach seiner Waffe zu greifen.</p><p>Es blieb bei dem Versuch. Bremer wurde roh in die H�he gerissen und so brutal gegen den Wagen geschleudert, da� ihm die Luft wegblieb. Die Pistole entglitt seinen Fingern und klapperte zu Boden. Vor seinen Augen tanzten schon wieder dunkelrote Gl�hw�rmchen, und die Stra�e schwankte vor ihm auf und ab wie das Deck eines Schiffes, das in einen Orkan geraten war. Er versuchte, die Arme in die H�he zu rei�en, um sein Gesicht zu sch�tzen, und der andere nutzte diesen Fehler entweder gnadenlos aus, oder er deutete die Bewegung falsch, als Angriff, denn seine Faust landete mit solcher Wucht in Bremers Magengrube, da� er st�hnend zusammenbrach und dann vorn�ber aufs Stra�enpflaster sank. Bitterer Speichel sammelte sich unter seiner Zunge. Ihm war furchtbar �bel, und f�r einen Moment war seine gr��te Angst, da� er sich �bergeben mu�te und mit dem Gesicht in seinem eigenen Erbrochenen liegen w�rde. Bremer schluckte ein dutzendmal hintereinander und sehr hektisch, bis seine Mundh�hle damit aufh�rte, bittere Galle gleich literweise zu produzieren. Daf�r breitete sich in seinem Magen ein leichtes �belkeitsgef�hl aus, aber damit konnte er fertig werden.</p><p>Das erste, was er sah, als er die Augen �ffnete, war ein Paar auf Hochglanz polierter teurer Schuhe, das unmittelbar vor seinem Gesicht in die H�he ragte und scheinbar nahtlos in die Beine eines mindestens ebenso kostspieligen Ma�anzuges �berging. Bremer drehte sich m�hsam auf die Seite, sah den Mann, der ihn niedergeschlagen hatte, einen Moment lang aus immer noch leicht umnebelten Augen an und setzte sich dann auf. Sein Blick streifte dabei die Pistole, die ihm aus den Fingern geglitten war. Sie lag allerh�chstens anderthalb Meter von ihm entfernt, noch dazu in einer so g�nstigen Position, da� er sich nur nach rechts fallen zu lassen brauchte, um sie zu erreichen.</p><p>�Versuchen Sie es lieber erst gar nicht. Ich m�chte Sie nicht verletzen.�</p><p>Bremer sah hoch und blickte in ein kr�ftiges, aber noch erstaunlich junges Gesicht. Der Bursche war h�chstens Mitte Zwanzig.</p><p>�Aber ich wette, Sie w�rden keine Sekunde z�gern, es zu tun, wenn ich Sie dazu zwinge�, sagte er.</p><p>Statt zu antworten, beugte sich der Bursche zu ihm herab und zog ihn ohne sichtliche Anstrengung in die H�he. Bremer verzog das Gesicht, als sein geprelltes Knie mit einem stechenden Schmerz auf die Belastung reagierte, verbi� sich aber jeden Laut. Aber der andere hatte es wohl trotzdem bemerkt. Das erste Mal hatte er ihn mit aller Gewalt gegen den Wagen geschmettert, jetzt stellte er ihn beinahe sacht dagegen; und er �berzeugte sich auch aufmerksam davon, da� Bremer tats�chlich aus eigener Kraft stehen konnte. Erst danach trat er zwei Schritte zur�ck und b�ckte sich nach Bremers Waffe.</p><p>W�hrenddessen hatten zwei weitere M�nner den BMW verlassen. Beide �hnelten in Statur und Kleidung dem Burschen, der ihn niedergeschlagen hatte, und vor allem: Alle drei geh�rten dem gleichen Typ an. Sehr gro�, sehr kr�ftig und mit ziemlicher Sicherheit ebenso gut ausgebildet wie intelligent. Und wahrscheinlich vollkommen skrupellos. Bremer hatte M�nner wie diese zwar schon gesehen, aber noch niemals mit ihnen zu tun gehabt. Bisher kannte er sie nur aus - zumeist amerikanischen - Kriminalfilmen. Wie es aussah, gab es sie auch hier, in Berlin.</p><p>�Wer zum Teufel seid ihr?� fragte er m�hsam. Ihm war noch immer �bel.</p><p>�Wahrscheinlich ist es besser, wenn Sie das nicht wissen, Herr Bremer�, sagte einer der beiden. Es mu�te der Fahrer des Wagens sein, denn Bremer identifizierte den anderen ohne Probleme als den, der auf der R�ckbank gesessen hatte - er humpelte stark.</p><p>�Sie... kennen meinen Namen?� fragte Bremer �berrascht.</p><p>Der junge Bursche in dem dunkelblauen Ma�anzug l�chelte k�hl. �Ich wei� sogar noch viel mehr�, sagte er. �Sie w�rden sich wundern, wenn Sie w��ten, <emphasis>wie </emphasis>viel, Bremer. Ich wei� zum Beispiel, da� Sie dabei sind, sich in etwas einzumischen, das Sie �berhaupt nichts angeht, Bremer.�</p><p>�Und Sie glauben. Sie k�nnten beurteilen, was mich etwas angeht und was nicht?� fragte Bremer.</p><p>Der andere nickte; dann gab er seinem Begleiter einen Wink, woraufhin dieser Bremers Waffe entlud und sie ihrem rechtm��igen Besitzer zur�ckreichte. Bremer war so verbl�fft, da� er ganz instinktiv danach griff, sie aber nicht einsteckte, sondern nur einen Moment hilflos in den H�nden drehte.</p><p>�Ich frage noch einmal: Wer seid ihr?� fragte Bremer. Die Mischung aus Verunsicherung und Furcht, die ihn bisher erf�llt hatte, machte allm�hlich einem Gef�hl ganz normaler, aber daf�r um so heftigerer Wut Platz. Wieso dachte eigentlich seit zwei Tagen jeder, da� er ihn nach Belieben herumschubsen d�rfte?</p><p>�Und ich sage Ihnen noch einmal, da� es besser ist, wenn Sie das nicht wissen�, antwortete der andere. �Besser f�r <emphasis>Sie,</emphasis> Bremer. Und so nebenbei - ich glaube auch nicht, da� Sie es wirklich wissen wollen.�</p><p>�So?� sagte Bremer w�tend. �Wenn ihr wirklich die seid, f�r die ich euch halte, dann solltet ihr eigentlich wissen, da� man so nicht mit einem Polizeibeamten umspringen kann. Es gibt Leute, die das gar nicht m�gen.�</p><p>�Tja - das scheint ein Beweis daf�r zu sein, da� wir vielleicht doch nicht die sind, f�r die Sie uns halten�, antwortete der andere l�chelnd. �Aber keine Angst - Ihnen geschieht nichts.�</p><p>�Solange ich <emphasis>vern�nftig bin, </emphasis>nehme ich an�, sagte Bremer h�hnisch.</p><p>Der andere deutete erst auf sich, dann auf seine beiden Begleiter. �Sehen wir aus, als ob wir Ihnen �berhaupt die Gelegenheit geben w�rden, unvern�nftig zu sein?� fragte er. �Nur keine Angst. Wir stehen auf Ihrer Seite, auch wenn Sie das vielleicht anders sehen. Wir haben nicht vor, Ihnen irgend etwas anzutun. In ein paar Minuten sind Sie uns los, und ich gebe Ihnen mein Wort, da� Sie uns auch nie wiedersehen werden.�</p><p>�Es hat mit dem Jungen zu tun, nicht?� fragte Bremer. �Mit Sillmann. Und dem M�dchen.�</p><p>�Auch das geh�rt zu den Dingen, die Sie besser nicht wissen sollten�, antwortete der andere. Er griff in die Tasche, zog ein kleines Funkger�t heraus und hob es an die Lippen, wandte sich dann aber noch einmal an Bremer, ehe er die Sprechtaste dr�ckte.</p><p>�Wenn Sie so furchtbar neugierig sind, Bremer, warum stellen Sie sich dann nicht selbst ein paar Fragen? Zum Beispiel die, warum Ihr neuer G�nner sich solche M�he gegeben hat, Ihr Vertrauen zu erringen und ausgerechnet <emphasis>Sie </emphasis>f�r ihn arbeiten zu lassen.�</p><p>Er setzte das Funkger�t erneut an, dr�ckte eine kleine Tasche an seiner Seite und sagte: �Gruppe eins an zwei. Habt ihr sie?�</p><p>Er bekam keine Antwort. Aus dem Ger�t drang nicht einmal statisches Rauschen, als er die Taste wieder loslie�. Er wartete einige Sekunden, dann dr�ckte er den Knopf erneut und wiederholte in h�rbar ungeduldigerem Ton: �Gruppe eins an Gruppe zwei - meldet euch, verdammt noch mal. <emphasis>Was</emphasis> ist bei euch los?�</p><p>Auch diesmal keine Antwort. Das Funkger�t blieb tot.</p><p>�Probleme?� fragte Bremer.</p><p>Der andere starrte ihn einen Sekundenbruchteil lang w�tend an, aber er machte sich nicht die M�he, ihm zu antworten. Schnell, aber ohne Hast steckte er das Walkie-talkie wieder ein und wandte sich zum Wagen um. �Da stimmt was nicht�, sagte er. �Los! Haymar - Sie bleiben hier und passen auf unseren �bereifrigen Wachtmeister auf.� Er umkreiste rasch den BMW, setzte sich hinter das Steuer und lie� den Motor an, w�hrend sein Kollege in den Fond des Wagens sprang. Der Audi zitterte so heftig, als er r�cksichtslos zur�ckstie�, um die beiden ineinandergekeilten Fahrzeuge zu trennen, da� Bremer einen hastigen Schritt zur Seite machte. Es gelang dem Fahrer, auch wenn der BMW einen Scheinwerfer und einen Teil der Sto�stange einb��te, ehe er endlich mit kreischenden Reifen losscho�.</p><p>Bremer blickte ihm kopfsch�ttelnd nach, bis er hinter der Stra�enkreuzung verschwunden war. �So bekommt Ihr Kollege garantiert ein Strafmandat�, wandte er sich an Haymar - den Mann mit dem verletzten Bein -, der zur�ckgeblieben war. �Der Wagen ist nicht verkehrssicher.�</p><p>Der andere tat ihm nicht den Gefallen, zu antworten. Er sah nicht einmal in die Richtung, in die der BMW verschwunden war, sondern behielt Bremer aufmerksam im Auge. Bremer seinerseits sah ihn an, wobei er gleichzeitig auch die Stra�e hinter ihm im Blickfeld hatte. Nur noch ein paar Meter entfernt rollte ein Wagen heran. Die Scheinwerfer waren erloschen, und der Fahrer hatte entweder den Motor ausgeschaltet, oder der Wagen lief so gut wie lautlos. Die mattsilberne Farbe war jedoch selbst im schwachen Licht des Mondes und der wenigen Stra�enlaternen auf der anderen Seite deutlich zu erkennen. Bremer versuchte, sich seine �berraschung nicht anmerken zu lassen, und fragte: �Was macht das Bein? Tut's weh?�</p><p>�Es geht�, antwortete Haymar. Seine Augen wurden schmal; offensichtlich hatte Bremer sich doch nicht so gut in der Gewalt gehabt wie er gehofft hatte - oder er hatte etwas geh�rt. Er sah Bremer noch eine halbe Sekunde lang durchdringend an, dann setzte er dazu an, sich herumzudrehen.</p><p>�Schade�, sagte Bremer. �Ich hatte gehofft, es w�re gebrochen.�</p><p>Seine Rechnung ging auf. F�r einen ganz kurzen Moment verzerrte sich das Gesicht des anderen vor Wut, und f�r einen noch k�rzeren Moment war er unaufmerksam, und Bremer nutzte diese Chance. Mit aller Kraft stie� er sich vom Wagen ab und sprang ihn an.</p><p>Noch w�hrend er es tat, begriff er, da� er mit seiner Einsch�tzung ziemlich genau ins Schwarze getroffen haben mu�te. Der Mann versuchte nicht, nach einer Waffe zu greifen - dazu war er einfach zu nahe -, aber er ging mit einer flie�enden und unglaublich schnellen Bewegung in die Grundstellung irgendeiner Kampftechnik - Karate oder Jiu Jitsu oder was immer sie auch gelernt haben mochten -, und Bremer w�re wahrscheinlich nicht einmal dazu gekommen, auch nur einen einzigen Schlag anzubringen. Allerdings versuchte er es auch nicht. Statt dessen trat er Haymar mit aller Gewalt vor das verletzte Bein.</p><p>Der Agent schrie auf - es war eher ein Kreischen als wirklich ein Schrei -, kippte zur Seite und griff mit der linken Hand nach seinem Unterschenkel. Die andere fuhr unter seine Jacke und kam mit einer Waffe wieder zum Vorschein, noch ehe er seinen Sturz ganz zu Ende gebracht hatte, doch diesmal war Bremer vorbereitet, sowohl auf seine Schnelligkeit als auch darauf, da� der andere keine Skrupel haben w�rde, seine Waffe einzusetzen: Seine Schuhspitze traf Haymars Hand und prellte ihm die Waffe aus den Fingern, und fast im gleichen Sekundenbruchteil b�ckte er sich und schmetterte ihm mit aller Gewalt die Faust vor die Schl�fe.</p><p>Es war ein Gef�hl, als h�tte er gegen massiven Fels geschlagen. Bremer keuchte vor Schmerz, aber aus Haymars neuerlichem Schrei wurde ein gurgelndes Keuchen, dann verdrehte er die Augen und sank bewu�tlos zur�ck. Trotzdem blieb Bremer noch zwei, drei Sekunden �ber ihn gebeugt stehen. Er traute dem Kerl durchaus zu, da� es nur eine Finte war.</p><p>�Saubere Arbeit�, sagte eine Stimme hinter ihm. �Das h�tte ich Ihnen gar nicht zugetraut.�</p><p>Bremer richtete sich auf und starrte Sendig fast ha�erf�llt an. �Man lernt eben nie aus�, sagte er. �Wo kommen Sie denn her? Waren Sie die ganze Zeit �ber in der N�he und haben zugesehen, wie sie mich zusammengeschlagen haben?�</p><p>Sendig grinste. Er war halb aus dem Mercedes gestiegen, hatte aber noch einen Fu� im Wagen und eine Hand auf dem Steuer. Die andere hielt eine Pistole, die auf die reglose Gestalt zu Bremers F��en zielte. �Jetzt �bertreiben Sie�, sagte er. �Erstens haben sie Sie nicht zusammengeschlagen, und zweitens: Was h�tte ich tun sollen? Mit Posaunenschall und wehenden Fahnen ankommen und eine w�ste Schie�erei beginnen? Ehrlich - die Zeiten, in denen ich an so etwas Spa� hatte, sind l�ngst vorbei.�</p><p>Bremer spie�te ihn weiter mit Blicken regelrecht auf, aber sein Zorn begann bereits wieder zu verrauchen. Sendig hatte ja recht - auch wenn Haymar und seine beiden Kollegen so aussahen, als w�ren sie aus einem amerikanischen Agenten-Krimi entsprungen, gab <emphasis>ihnen </emphasis>das noch lange nicht das Recht, sich auch so zu benehmen.</p><p>�Sie h�tten mich wenigstens warnen k�nnen, da� ich beschattet werde�, sagte er �rgerlich.</p><p>�Damit Sie nerv�s weiden und anfangen, Fehler zu machen?� Sendig sch�ttelte den Kopf. �Ich habe etwas viel Geschickteres gemacht, mein Lieber - ich habe die Leute beschattet, die Sie beschattet haben. Wie Sie sehen, mit Erfolg. Wo sind die anderen? Wieso sind sie so pl�tzlich verschwunden?�</p><p>Bremer hatte pl�tzlich das heftige Bed�rfnis, sich selbst zu ohrfeigen. So unglaublich es ihm selbst vorkam - er hatte f�r ein paar Sekunden einfach <emphasis>vergessen, </emphasis>warum er �berhaupt hier war. Aber er kam trotzdem nicht mehr dazu, Sendigs Frage zu beantworten, denn in diesem Moment erklang hinter der Stra�enbiegung ein gellender, unmenschlicher Schrei, gefolgt von einem Blitz und dem Ger�usch von auseinanderberstendem Metall.</p></section><section><title><p>28. Kapitel</p></title><p>Die Vision dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, aber in dieser unendlich kurzen Zeitspanne durchlebte er die H�lle, hundertmal schlimmer als in all den anderen Schreckensvisionen zuvor, denn diesmal war es die Wirklichkeit Er hielt sie in den Armen, aber das M�dchen, das er k��te, war kein M�dchen mehr, sondern der Todesengel, das Monster aus seinen Tr�umen, das endlich Gestalt angenommen hatte und gekommen war, um ihn zu vernichten.</p><p>Dann zerplatzte die Illusion, und er begriff, was es wirklich war: n�mlich tats�chlich nicht mehr als das - eine Illusion, eine grausame T�uschung, hinter der sich eine Wahrheit verbarg, die vielleicht noch schlimmer war als seine Alptr�ume. Das grelle Licht in Beates Augen war die Spiegelung eines Scheinwerferpaares, das direkt auf sie gerichtet war und rasend schnell n�her kam. Mark wollte herumfahren und Beate zugleich von sich sto�en, aber er konnte sich kaum r�hren. Das, was er nur in ihren Augen erkannte, sah Beate direkt auf sich zurasen, und sie war vor Angst wie gel�hmt; zugleich umklammerte sie ihn mit solcher Gewalt, da� er all seine Kraft aufwenden mu�te, um ihren Griff zu sprengen und sich herumzudrehen. Es war, als w�re er wieder in einem Traum, einem vollkommen anderen diesmal, in dem alles real war, nur da� etwas mit der Zeit nicht stimmte: Der Wagen - gro�er Gott, es war der blaue BMW, den er am Nachmittag gesehen hatte! Er hatte <emphasis>ihn </emphasis>verfolgt, nicht den Polizisten! - schien mit unvorstellbarer Schnelligkeit auf ihn zuzuschie�en, w�hrend er selbst und Beate sich pl�tzlich nur noch wie in Zeitlupe bewegen konnten. Er sah, wie der Wagen in nahezu rechtem Winkel von der Stra�e abbog und auf Beate und ihn zuraste. Die Vorderr�der h�pften mit einer Gewalt �ber den Bordstein, die eigentlich die Vorderachse h�tte zerbrechen lassen m�ssen, und f�r einen unendlich kurzen Moment - der zugleich wie eine Ewigkeit war - <emphasis>wu�te </emphasis>er einfach, da� die wuchtige Sto�-Stange ihn und Beate erfassen und mit t�dlicher Wucht gegen die Wand schmettern w�rde.</p><p>Im allerletzten Moment ri� der Fahrer das Steuer herum. Die Sto�stange verfehlte Mark um Zentimeter, w�hrend der Wagen mit kreischenden Reifen an ihnen vorbeischlitterte, aber der Wagen setzte die begonnene Schleuderbewegung noch ein St�ck weit fort. Sein Heck krachte nur einen halben Meter neben Beate und Mark funkenspr�hend gegen die Wand. Glas- und Kunststoffsplitter flogen in hohem Bogen davon, und Beates Schrei ging f�r einen Moment in dem dumpfen Krachen von rei�endem Metall unter. Mark ri� die Arme in die H�he und versuchte, sich sch�tzend vor Beate zu stellen, aber er f�hrte auch diese Bewegung nicht zu Ende. Der Wagen kam unmittelbar neben ihnen zum Stehen, und die hintere T�r flog auf und traf ihn wuchtig in die Seite. Mark stolperte ungeschickt gegen Beate, versuchte seinen Sturz irgendwie aufzufangen und ri� sie gerade dadurch mit sich.</p><p>Sie st�rzten nicht wirklich. Beate stolperte gegen die Wand und fing sich daran ab, und Mark landete auf beiden Knien. Sofort sprang er wieder in die H�he und versuchte sich herumzudrehen. Er sah aus den Augenwinkeln, wie eine Gestalt aus der offenen Wagent�r sprang und nach Beate griff, und h�rte sie erneut schreien, aber er kam nicht dazu, ihr zu helfen. Da war pl�tzlich noch ein zweiter Mann, der ihn packte, herumwirbelte und dann mit solcher Gewalt gegen die Wand stie�, da� er um ein Haar das Bewu�tsein verloren h�tte.</p><p>Irgend etwas in ihm zerbrach. Er konnte <emphasis>h�ren, </emphasis>wie die Ketten rissen und die Bestie erwachte, und zugleich fegte eine Woge lavahei�er Wut jeden Schmerz und jede Angst davon, ebenso wie jede Beherrschung, aber diesmal konnte er sich nicht mehr dagegen wehren - und er wollte es auch nicht Noch immer halb benommen taumelte er auf die F��e und drehte sich herum.</p><p>Ein Fausthieb traf ihn unter dem linken Auge. Mark stolperte zur�ck. Sein Hinterkopf krachte gegen die Wand, und diesmal <emphasis>verlor </emphasis>er das Bewu�tsein. Vielleicht auch nicht wirklich. Vielleicht war es auch etwas anderes, keine Ohnmacht, sondern ein einzelner Schritt hin�ber �ber die Grenze und gleich wieder zur�ck, denn er erwachte wieder, noch ehe die Kraft aus seinen Gliedern wich und er zusammenbrechen konnte. Aber er war nicht mehr allein. <emphasis>Etwas </emphasis>war bei ihm, etwas Finsteres, K�rper- und Gestaltloses, aber ungeheuer M�chtiges, das er aus der Dimension der Alptr�ume mitgebracht hatte. Weder war es, als w�re die Zeit zweigeteilt, aber nun genau umgekehrt: Seine eigenen Gedanken rasten mit Lichtgeschwindigkeit, seine Sinne und Wahrnehmungen arbeiteten mit tausendfacher Sch�rfe, w�hrend alles rings um ihn herum pl�tzlich nahezu erstarrt schien. Er h�rte Beate schreien und sah, wie sie sich ebenso verzweifelt Wie hilflos gegen den Griff des Mannes wehrte, der sie gepackt hatte und zum Wagen zerrte. Er erkannte ihn jetzt - es war der Betrunkene aus dem <emphasis>HADES. </emphasis>Aber er wirkte pl�tzlich gar nicht mehr betrunken, und das war er auch nie gewesen. Sein Angriff auf Beate und ihn hatte den einzigen Zweck verfolgt sie ins Freie zu locken, damit die Falle zuschnappen konnte, und ebenso, wie er das begriff, wurde ihm auch pl�tzlich klar, wer diese M�nner wirklich waren - sein Vater hatte sie geschickt: irgendwelche billigen Privatdetektive oder bezahlte Schl�ger, die ihn schon den ganzen Tag �ber beobachtet hatten. Vermutlich hatte er �ber jeden seiner Schritte Bescheid gewu�t, seit er das Haus verlassen hatte.</p><p>Der Gedanke l�schte auch noch den letzten Rest von Selbstbeherrschung in ihm aus. Mit einem gellenden Wutschrei st�rzte er sich auf den zweiten Angreifer, der ihn geschlagen hatte, nahm einen weiteren, noch h�rteren Hieb hin und schlug zur�ck, noch w�hrend der Schmerz in seinem Gesicht explodierte. Der Bursche stolperte zur�ck, aber es war wie vorhin in der Diskothek: Er war viel mehr �berrascht als wirklich getroffen, und er erholte sich sehr viel schneller, als Mark glaubte. Als er erneut zuschlagen wollte, duckte er sich mit fast spielerischer Leichtigkeit unter seinem Hieb weg und versetzte ihm gleichzeitig einen Schlag in den Leib, der Mark nach Luft schnappend zusammenbrechen lie�. Er hatte vielleicht den Zorn eines w�tenden Gottes, aber nicht dessen Kraft.</p><p>Irgendwie gelang es ihm, wieder hochzukommen, aber das war auch alles. Beate schrie noch immer und wehrte sich verzweifelt, Sie schlug und trat mit aller Gewalt um sich, aber der Kerl hatte sie so geschickt gepackt, da� sie nicht traf. Beinahe m�helos zerrte er sie zum Wagen und stie� sie grob auf die R�ckbank. �Verdammt, worauf wartest du?� br�llte er, �Bring den Jungen!�</p><p>Die Worte galten dem Burschen, der Mark angegriffen hatte. Er reagierte, aber nicht sofort, und auch v�llig anders, als Mark erwartet hatte. Mark war jetzt v�llig wehrlos. Er stand einfach da, und alle Kraft, die er �berhaupt noch aufbringen konnte, reichte gerade aus, um sich auf den Beinen zu halten, nicht einmal, um wirklich klar zu sehen. Trotzdem z�gerte der Mann, ihn zu packen. Er hatte die H�nde nach ihm ausgestreckt, aber irgend etwas... hielt ihn zur�ck.</p><p>Angst.</p><p>Mark sah m�hsam auf und blickte in sein Gesicht, und was er in seinen Augen las, das war das tiefste Entsetzen, das er jemals im Blick eines Menschen gesehen hatte, ein Gef�hl, wie es nur das absolute Grauen hervorrufen konnte, eine Angst, die stark genug war, zu t�ten.</p><p>Angst vor ihm.</p><p>Vor dem <emphasis>Ding </emphasis>in ihm.</p><p>Es war noch da. Die namenlose, schwarze Kraft, die er aus seinen Tr�umen mitgebracht hatte, sie war da, und jetzt war sie real, und der andere <emphasis>konnte sie sehen. </emphasis>Mark wu�te nicht, was er sah - sicher etwas ganz anderes als das, was er erblickt hatte w�hrend seiner Visionen -, aber was immer es war, es war mehr, als er ertragen konnte. Vielleicht mehr, als irgendein Mensch ertragen konnte. Seine H�nde blieben weiter wie in einer grotesken Pantomime nach Mark ausgestreckt, aber er wich trotzdem vor ihm zur�ck, taumelte einen, zwei, drei Schritte r�ckw�rts, bis er gegen den Wagen stie�, und begann zu schreien.</p><p>Und endlich begriff Mark seine Chance.</p><p>Pl�tzlich hatte er keine Angst mehr. Es war niemals n�tig gewesen, Angst zu haben. Die schwarze Kreatur in ihm war nie sein Feind gewesen.</p><p>�La�t sie los!� sagte er. �La�t sie sofort los!�</p><p>Etwas von der Kraft des Alptraumungeheuers flo� in seinen K�rper. Nicht viel, aber doch genug, da� er sich von der Wand absto�en und auf den Wagen zugehen konnte. Der Kerl, der ihn angegriffen hatte, schrie noch immer. Sein Gesicht war zu einer unmenschlichen Grimasse verzerrt, und seine Schreie glichen eher dem Br�llen eines gequ�lten Tieres. Im gleichen Moment sah auch der Mann hinter dem Steuer des BMW auf, und als er in Marks Gesicht blickte, begann auch er zu schreien. Mark machte einen weiteren Schritt. Er hatte keine Angst mehr. Weder vor seinen Tr�umen noch vor diesen M�nnern, die sein Vater geschickt hatte. Angst? Wovor? Es gab nichts auf der Welt, was er f�rchten mu�te. Keine Gewalt des Universums vermochte ihm Schaden zuzuf�gen. Er <emphasis>war </emphasis>der Todesengel, begriffen sie das denn nicht?</p><p>Er machte einen weiteren Schritt. �La�t sie los!� befahl er noch einmal. In der Hand des Burschen vor ihm lag pl�tzlich eine Pistole, aber er lachte nur dar�ber. Sie wollten ihn t�ten? Ihn? Azrael, den Herrn des Todes? Wu�ten sie denn nicht, wie n�rrisch das war?</p><p>Die Kugel durchschlug Marks Arm und prallte mit solcher Wucht hinter ihm gegen die Wand, da� sie als Querschl�ger davonheulte. Im ersten Moment sp�rte er kaum Schmerz, ja nicht einmal wirklich den Aufprall, sondern nur einen fast sanften Schlag, dem eine Woge kribbelnder Bet�ubung folgte, die sich rasch seinen Arm hinunter bis in die Fingerspitzen und in die andere Richtung hinauf bis in den Hals und die linke H�lfte seines Gesichts fortsetzte. Beinahe verbl�fft sah er an sich herab und sah Blut - eine erstaunliche Menge erstaunlich hellen Blutes - an seinem Unterarm hinablaufen und zu Boden tropfen, und dann, erst durch diesen Anblick ausgel�st, explodierte der Schmerz in seinem Arm.</p><p>Es war unvorstellbar. Mark schrie, prallte r�cklings gegen die Wand und sackte zu Boden. Sein Arm stand in Flammen. Sein ganzer K�rper war ein einziger pulsierender Schmerz, jeder einzelne Nerv darin ein wei�gl�hender Draht, der sich zischend in sein Fleisch sengte. Mark kr�mmte sich in wilder Agonie, pre�te die unverletzte Hand auf die Wunde und sp�rte, wie hei�es Blut zwischen seinen Fingern hervorquoll, Blut, das seine Haut zu verbrennen schien wie S�ure und seine Qual noch steigerte, Er h�rte, wie der Wagen mit durchdrehenden Reifen losscho�, aber er war unf�hig, irgend etwas zu tun. Er mu�te ihn aufhalten. Er mu�te sie aufhalten. Sie hatten Beate.</p><p>Langsam wurde ihm schwarz vor Augen. Der Schmerz verebbte, nicht v�llig, aber er war jetzt nicht mehr so schlimm, da� er ihn um den Verstand zu bringen drohte, aber an seiner Stelle machte sich eine fast noch schlimmere �belkeit in ihm breit. Obwohl er die Augen geschlossen hatte, begann sich alles um ihn zu drehen. Sie hatten Beate.</p><p>Mark stand auf. Sein Arm pulsierte und Jagte Wogen unertr�glicher wei�gl�hender Schmerzen in seinen ganzen K�rper - die Stra�e wand und bog sich vor seinen Augen wie ein Bild in einem rotgef�rbten Zerrspiegel. Er sah, wie der Wagen zwanzig oder drei�ig Meter entfernt mit kreischenden Reifen in eine Seitenstra�e einbog, und rannte in die gleiche Richtung. Auf halber Strecke �berholte ihn ein Wagen, der dem, der Beate und ihn angegriffen hatte, bis ins letzte glich, aber auch das bemerkte er kaum noch. Er hatte keine Kraft mehr daf�r, an irgend etwas anderes zu denken als an Beate und daran, einen Fu� vor den anderen zu setzen. Irgendwoher nahm er den Willen, schneller zu laufen, mit jedem Schritt ein bi�chen schneller als mit dem zuvor, obwohl er eine breite Spur aus hellrotem Leben hinter sich herzog, das aus der Wunde in seinem Bizeps sprudelte. Jeder weitere Schritt konnte ihn t�ten, aber das war ihm gleich. Was z�hlte, war nur dies: Sie hatten sie. Er rannte noch schneller, erreichte die Stra�e und bog taumelnd in den schmalen Seitenweg ein. Nicht weit vor ihm standen zwei nahezu identische blaue BMW, der eine ein Zwilling des anderen, der seinem Bruder blindlings in die gleiche Falle gefolgt war, in die sein Fahrer sich in seiner Panik selbst hineinman�vriert hatte, denn die von hohen, fensterlosen Backsteinmauern ges�umte Stra�e endete nach weniger als zwanzig Metern vor einer gleichartigen, wenn auch nur drei oder vier Meter hohen Wand. Es war eine Sackgasse.</p><p>Auch Mark blieb stehen. Schw�che �berflutete ihn wie eine bet�ubende Zentnerlast, ihm wurde erneut �bel, und in seinem Kopf begann eine ganz leise Stimme zu fl�stern, eine Stimme, die ihm erz�hlte, da� das, was er tat, Wahnsinn war. Vor ihm standen zwei Wagen mit aufgeblendeten Scheinwerfern und laufenden Motoren, Wagen voller M�nner, von denen ihn jeder einzelne mit blo�en H�nden t�ten konnte, und die Pistolen hatten, und vermutlich auch Messer und andere, t�dlichere Dinge, und keine Hemmungen, sie einzusetzen. Aber es war gleich. Was z�hlte, war nicht mehr, wer sie waren oder was. Was z�hlte, war nur, warum sie hier waren.</p><p>Sie... hatten... <emphasis>SIE</emphasis> ... geholt. Sie waren gekommen, um sie ihm wegzunehmen, aber das durfte er nicht zulassen. Er w�rde es ihnen nicht noch einmal gestatten. Niemand durfte sie ihm noch einmal wegnehmen. Niemand.</p><p>Er mu�te sie zur�ckholen.</p><p><emphasis>Er mu�te sie zur�ckholen.</emphasis></p><p><emphasis>Er</emphasis></p><p><emphasis>mu�te</emphasis></p><p><emphasis>sie</emphasis></p><p><emphasis>zur�ckholen,</emphasis></p><p>���� Jetzt!</p></section><section><title><p>29. Kapitel</p></title><p>�Ich halte das f�r keine gute Idee�, sagte Petri. Es waren die ersten Worte, die Sillmann von ihm h�rte, seit sie losgefahren waren, aber dieses Schweigen beruhte auf Gegenseitigkeit - auch Sillmann selbst hatte kaum etwas gesagt, sondern sich scheinbar vollkommen darauf konzentriert, den schweren Wagen durch den Verkehr zu man�vrieren. Trotzdem waren sie zweimal nur um Haaresbreite dem Zusammensto� mit einem anderen Fahrzeug entgangen, und Petri hatte l�ngst aufgeh�rt, die roten Ampeln und Stoppschilder zu z�hlen, die sie �berfahren hatten. Sie hatten noch nicht einmal ein Viertel der Strecke zur�ckgelegt, aber da� sie �berhaupt so weit gekommen waren, ohne in einen Unfall verwickelt oder von einer Polizeistreife angehalten zu werden, kam Petri schon fast wie ein kleines Wunder vor.</p><p>Petri wu�te allerdings nicht einmal, ob er sich dar�ber freuen sollte. Er wollte nicht hier sein. Er <emphasis>sollte </emphasis>nicht hier sein. Schlimmer: Irgend etwas sagte ihm, da� er nicht hier sein <emphasis>durfte. </emphasis>Was er gesagt hatte, entsprach zwar seiner �berzeugung, aber es hatte nicht einmal ann�hernd so nachdr�cklich geklungen, wie er gewollt hatte. Die Wahrheit war, da� Petri gerade am eigenen Leib eine neue Erfahrung machte: n�mlich die, da� man sowohl innerlich als auch �u�erlich vollkommen ruhig bleiben - und trotzdem in Panik geraten konnte.</p><p>Petri <emphasis>war </emphasis>in Panik. Es war eine ganz besondere Art von Panik - keine Feuersbrunst der Gef�hle, die sein Denkverm�gen verzehrt und seine H�nde h�tte zittern lassen, sondern ein Schwelbrand, hei� und dunkel und fast ohne Rauch, dessen Glut sich beharrlich tiefer und tiefer fra�.</p><p>Er w�rde sterben. Heute abend.</p><p>Trotzdem hatte er keine Angst. Er hatte niemals Angst vor dem Tod gehabt. Vor dem Sterben, sicher - als Arzt hatte er die furchtbaren Dinge zur Gen�ge gesehen, die das Leben einem Menschen antun konnte, wenn er sich dagegen wehrte, zu gehen, aber vielleicht war das auch der Grund, weshalb er den Tod nicht f�rchtete. In allen F�llen, die er erlebt hatte - <emphasis>ausnahmslos allen -, </emphasis>war er stets eine Erl�sung gewesen. Und er hatte noch einen zweiten, m�chtigeren Verb�ndeten gegen die Furcht: seinen Glauben. Petri war ein zutiefst religi�ser Mensch, und er wu�te, da� es danach nicht vorbei war. Etwas erwartete sie auf der anderen Seite: vielleicht etwas Sch�nes, vielleicht etwas Grauenhaftes, wahrscheinlich aber etwas einfach vollkommen anderes.</p><p>Nein, er hatte keine Angst. Was er sp�rte, war etwas anderes: ein Gef�hl von... Endg�ltigkeit, das sich jenseits der Furcht bewegte. Er war in einem Alter, in dem er begonnen hatte, �ber seine Zukunft nachzudenken, vielleicht ein wenig intensiver, als es ein j�ngerer Mann, und ein wenig nachdenklicher, als es ein anderer Mann an seiner Stelle getan h�tte, aber nicht sehr viel und nicht sehr oft. Wenn er an morgen gedacht hatte, dann an berufliche Dinge, vielleicht an den Ruhestand, von dem er seit Jahren sprach und den er seit ebenso vielen Jahren auf das <emphasis>n�chste </emphasis>Jahr - das immer das n�chste Jahr geblieben war - verschob, ganz selten an das Privatleben, das er ohnehin niemals gehabt hatte und auch nicht hatte haben wollen. Wenn er jetzt an morgen dachte, war da nichts. Nur eine schwarze Ebene, die sich dort erstreckte, wo die Zukunft sein sollte.</p><p>Petri war kein abergl�ubischer Mensch. Er glaubte weder an PSI-Ph�nomene noch an Geister oder Humbug wie Pr�kognition, aber er war auf der anderen Seite auch zu sehr Wissenschaftler, um nicht an <emphasis>Ahnungen </emphasis>zu glauben. Er hatte es zu oft erlebt. Manchmal meldete sich das Ende an, meistens in medizinischer Hinsicht: Der Verlauf so vieler Krankheiten war viel besser bekannt, als die allermeisten Menschen ahnten, und er hatte aufgeh�rt, sich die Zahl seiner Patienten merken zu wollen, deren verbliebene Lebensspanne er auf den Tag genau vorausberechnet hatte - ohne es ihnen zu sagen.</p><p>Aber er hatte auch andere F�lle erlebt. Nicht viele, aber eindeutig <emphasis>zu </emphasis>viele, um sie zu ignorieren oder als blo�en Zufall abzutun: Menschen, die weder krank noch alt waren und die doch das Ende nahen sp�rten. Jetzt erlebte er es selbst.</p><p>�Was haben Sie gesagt?� Sillmann drehte am Radio, um einen anderen Sender zu suchen - das hatte er bereits unz�hlige Male getan, seit sie losgefahren waren, ohne der Stimme irgendeines Sprechers oder irgendeinem Lied eine Chance von mehr als einer halben Minute zu gew�hren -, und sah Petri gleichzeitig fragend an. Er hatte geh�rt, <emphasis>da� </emphasis>er etwas, aber nicht, <emphasis>was </emphasis>er gesagt hatte. Petri andererseits hatte f�r einen Moment fast M�he, sich auf seine eigene Frage zu besinnen.</p><p>�Ich sagte, da� ich es nicht f�r eine gute Idee halte, dorthin zu fahren�, wiederholte er schlie�lich.</p><p>Sillmann l�chelte fl�chtig. �Ich auch nicht�, antwortete er. �Aber ich f�rchte, da� es nicht mehr darum geht, was wir meinen, Doktor.�</p><p>Petri zog die Unterlippe zwischen die Z�hne und begann darauf herumzukauen: eine Angewohnheit, die er w�hrend seines Studiums abgelegt hatte. Jetzt, fast ein Menschenalter sp�ter, war sie wieder da. Eines der ehernen Gesetze des Universums: Nichts verschwand wirklich. Nie. Er Wu�te, wie sinnlos es war, aber er fuhr trotzdem fort: �Es k�nnte der entscheidende Fehler sein. Noch ist es nicht zu sp�t. Wir... wir k�nnten einfach abwarten. Vielleicht kommt er zur�ck, und ...�</p><p>�Es <emphasis>ist </emphasis>zu sp�t, Doktor�, unterbrach ihn Sillmann. Er drehte weiter am Radio und �berfuhr ein Stoppschild, ohne es auch nur zu merken. Hinter ihnen quietschten Bremsen, und ein w�tendes, stakkatohaftes Hupen erscholl. Sillmann schien auch dies nicht einmal zu registrieren. �Waren das nicht Ihre eigenen Worte?�</p><p>�Ich wei�, was ich gesagt habe�, antwortete Petri scharf. �Aber auch ich kann mich irren.�</p><p>Sillmann lachte. �Ich kann mich an keinen Fall erinnern, in dem Sie sich <emphasis>geirrt </emphasis>h�tten, Doktor.�</p><p>�Irgendwann ist immer das erste Mal�, sagte Petri. Warum eigentlich? Er wu�te doch, da� Sillmann recht hatte. Er sprach genau das Gegenteil von dem aus, was er selbst dachte, aber er konnte auch nicht damit aufh�ren. Vielleicht, dachte er, war das das erste wirkliche Anzeichen von Panik, das er selbst an sich bemerkte. �Verdammt, wenn Sie schon nicht auf meine <emphasis>Gef�hle </emphasis>h�ren wollen, dann h�ren Sie wenigstens auf meinen Rat als Arzt. Es ist Wahnsinn, dorthin zu gehen.�</p><p>�Falsch�, sagte Sillmann, �Es <emphasis>war </emphasis>Wahnsinn, Doktor. Aber diesen Fehler haben wir vor langer Zeit begangen. Jetzt zahlen wir daf�r.�</p><p>Petri drehte mit einem Ruck den Kopf und sah Sillmann an, aber dabei streifte sein Blick den R�ckspiegel, und f�r einen ganz kurzen Moment war es ihm, als s�he er etwas darin. Noch w�hrend er antwortete, f�hrte er die begonnene Bewegung fort und sah auf die R�ckbank. Nat�rlich war sie leer. Was hatte er erwartet?</p><p>�Sie haben diesen Fehler begangen, Sillmann, nicht ich�, antwortete er in scharfem, aber trotzdem ganz bewu�t ruhigem Tonfall. �Nicht wir. Ich-�</p><p>�Ich dachte, das h�tten wir hinter uns�, unterbrach ihn Sillmann. Er wechselte schon wieder den Sender, schaltete das Radio dann mit einer zornig wirkenden Bewegung aus und gleich darauf wieder ein. �Wollen Sie aussteigen?�</p><p>Petri wu�te, da� er das gekonnt h�tte. Sillmann hatte ihn nicht gezwungen, ihn zu begleiten, zumindest nicht in dem Sinn, da� er ihm gedroht oder ihn irgendwie erpre�t h�tte. Manchmal waren es einfach die Umst�nde, die einen zwangen, Dinge zu tun, die man nicht wollte. Begangene Fehler, die sich r�chten. Aber verdammt noch mal, es war einfach nicht <emphasis>fair. </emphasis>Er hatte einen einzigen Fehler gemacht. Nur einen: Aber er mu�te ja auch nur mit einem Leben daf�r zahlen.</p><p>�Nein�, sagte er nach einer Weile. Sillmann hatte tats�chlich bereits den Fu� vom Gas genommen und lie� den Wagen langsamer rollen, aber Petri machte eine m�de Handbewegung und sagte: �Fahren Sie weiter. Aber beantworten Sie mir eine Frage: Warum ausgerechnet dort? Woher wissen Sie, da� er dorthin kommen wird?�</p><p>Sillmann zuckte mit den Achseln. �Vielleicht weil es dort begonnen hat.�</p><p>Und dort w�rde es enden. Ja, das war wohl die Erkl�rung. Es war ein Kreis, der sich schlo�. M�glicherweise war dies eine der <emphasis>Ahnungen, </emphasis>an die zu glauben ihn das Leben gegen seine eigentliche �berzeugung gelehrt hatte - pl�tzlich wu�te er, da� Sillmann recht hatte. Es w�rde dort enden, wo es begonnen hatte, an genau jenem Ort, der -</p><p>Der...</p><p>Diesmal konnte Petri ein ganz leises, erschrockenes Seufzen nicht mehr unterdrucken. Sillmann bemerkte es, denn er wandte kurz den Kopf und sah ihn fragend und gleicherma�en besorgt an, sagte aber nichts, sondern konzentrierte sich nach einigen Sekunden wieder auf den Verkehr, der dichter wurde, je weiter sie sich dem Stadtzentrum n�herten. Petri h�tte ihm auch nicht geantwortet, h�tte er seine Frage laut ausgesprochen.</p><p>Er hatte versucht, sich den Ort vorzustellen, zu dem sie fuhren, aber es war ihm nicht gelungen. Er war unz�hlige Male dort gewesen, seit jenem schrecklichen Tag vor sechs Jahren. Er sollte ihm vertraut sein wie die Zimmer seiner eigenen Wohnung, und er war es auch. Und trotzdem.</p><p>Pl�tzlich konnte er sich nicht mehr daran erinnern.</p></section><section><title><p>30. Kapitel</p></title><p>Bremer war einfach losgerannt, als er den Schrei h�rte. Schon nach wenigen Schritten war ihm selbst aufgefallen, da� das nicht besonders klug war - immerhin stand Sendigs Wagen mit laufendem Motor hinter ihm, und es waren gute f�nfzig Meter bis zur Stra�enkreuzung, und dar�ber hinaus war er unbewaffnet oder zumindest doch so gut wie; was nutzte ihm schon eine Pistole, deren <emphasis>Magazin </emphasis>sich in der Tasche ausgerechnet des Mannes befand, den er verfolgte?</p><p>Aber das waren Vernunftsgr�nde, und <emphasis>Vernunft </emphasis>hatte mit dieser Geschichte nichts mehr zu tun. Er h�rte Sendig hinter sich seinen Namen br�llen, und nur einen Augenblick sp�ter heulte der Motor des Mercedes auf. Trotzdem - er mu�te entweder s�mtliche Gesetze der Physik au�er Kraft gesetzt haben oder gerannt sein wie nie zuvor im Leben, denn er erreichte die Stra�enkreuzung <emphasis>vor </emphasis>Sendig. Der Mercedes schleuderte an ihm vorbei, drehte sich auf der Kreuzung einmal komplett um seine Achse und beschleunigte dann wieder, aber er hatte ihn immer noch nicht eingeholt.</p><p>Auf den ersten Blick war die Stra�e leer. Weder von Mark und dem M�dchen noch von einem der beiden Wagen war eine Spur zu entdecken, zumindest nicht im allerersten Moment. Dann sah er, da� dieser Eindruck falsch war. Es <emphasis>gab</emphasis> Spuren - an der rohen Backsteinmauer links von ihm waren frische Kratzer, und darunter lagen Glas- und Kunststoffsplitter wie bunter Regen. Und Blut. Im schwachen Licht der Stra�e sah es schwarz aus, aber Bremer war zu lange Polizist, um nicht zu wissen, was er sah. Blut. Sehr viel Blut: eine schimmernde Lache inmitten der Glasscherben, und noch mehr in einer unterbrochenen Tropfenspur, die sich den Gehweg entlangzog. Jemand war verletzt worden, sehr schwer verletzt sogar.</p><p>Bremer registrierte all diese Details und noch sehr viel mehr, dessen er sich vielleicht erst sp�ter wirklich bewu�t werden w�rde, ohne sein Tempo zu verlangsamen oder gar anzuhalten. Der Junge! Wo war der Junge? Es geh�rte nicht sehr viel Phantasie dazu, sich auszurechnen, <emphasis>wer </emphasis>hier verletzt worden war, und noch weniger, zu begreifen, warum er weder von Mark noch den beiden Wagen irgend etwas sah. Aber er hatte den Schrei geh�rt, und dieses entsetzliche, kreischende Ger�usch, das viel zu laut gewesen war, um irgendwie mit den paar Kratzern an der Wand zusammenzuh�ngen. Etwas war geschehen, das viel schlimmer war als eine simple Entf�hrung oder ein Mord, etwas, das nicht nur Sillmann und das M�dchen betraf, sondern auch ihn und vielleicht auch Sendig und noch sehr viele andere. Es war immer noch im Gange.</p><p>Bremers Blick eilte seinen Schritten voraus und folgte der schnurgeraden Perlenkette aus Blut. Sie f�hrte zu einer schmalen Stra�e, noch zwanzig Schritte entfernt, und bog im rechten Winkel hinein. Aber dort, wo man Dunkelheit oder allenfalls den bleichen Schein einer Stra�enlaterne erwartete, loderte Feuer: ein grellroter, flackernder Schein, der scharfkantige Splitter aus der Nacht ri�, lodernde Wunden, die sich mit allesverschlingender Schw�rze f�llten und dann wieder aufrissen, immer schneller und schneller, in einem wahnsinnigen, rasenden Rhythmus, der irgendwie... <emphasis>lebendig </emphasis>schien, als w�re es kein Feuer, das er sah, sondern der Atem eines Drachen, der auch ihn verschlingen mu�te, wenn er ihm zu nahe kam. Der Anblick erf�llte ihn mit einem wilden Entsetzen, das ihn unf�hig machte, darauf zu reagieren. Statt anzuhalten oder langsamer zu laufen, rannte er nur noch schneller, n�herte sich dem Feuer wie ein Schmetterling einer Kerzenflamme, deren Verlockung er nicht widerstehen konnte, obwohl er tief in sich wu�te, da� sie ihn verzehren w�rde.</p><p>Kurz bevor er die Stra�e erreichte, hatte Sendig seinen Wagen wohl endlich wieder unter Kontrolle bekommen, denn der Mercedes scho� mit aufheulendem Motor an ihm vorbei und bremste dann so hart, da� die Reifen Kielspuren aus grauem, fettigem Qualm zu ziehen begannen. Der silbergraue Lack flammte rot auf, als er in den Bereich des Lichtes geriet, und was immer Sendig in diesem Moment sah, es lie� ihn erneut die Gewalt �ber den Wagen verlieren: Der Mercedes brach aus, vollf�hrte zum zweiten Mal innerhalb weniger Sekunden eine komplette Pirouette und prallte hart mit zwei Reifen gegen den Bordstein auf der anderen Stra�enseite. Bremer rannte weiter, ohne es zu beachten, taumelte um die Ecke -</p><p>und tat einen Blick in die H�lle.</p><p>Die sch�bige Stra�e und die Mauern rechts und links waren verschwunden, ebenso wie der Himmel, die Erde, das Universum. Vor ihm loderte eine gewaltige Feuersbrunst, die die Welt von einem Ende zum anderen verschlungen hatte, und inmitten dieser h�llischen Glut, hochaufgerichtet und riesig und unvorstellbar <emphasis>drohend, </emphasis>stand der Todesengel. Bremer sah ihn nur als Schattenri�, denn das grelle Licht, das hier millionenmal intensiver war als drau�en auf der Stra�e, blendete seine Augen und fra� sich wie gl�hende S�ure an seinen Sehnerven entlang bis tief in sein Gehirn, um sich f�r den Rest seines Lebens darin einzubrennen, aber er wu�te trotzdem, da� <emphasis>er es </emphasis>war, der Schatten aus dem Wagen, <emphasis>das Ding, </emphasis>das ihn im Treppenhaus verfolgt, ihm von dem Foto aus Mogrods Dunkelkammer zugewinkt hatte, aber es war jetzt kein Schatten mehr, keine Vision, sondern real und t�dlich, ein Gigant mit Klauen und Z�hnen, einer schimmernden schwarzen Haut aus Stahl und einem Paar gewaltiger schwarzer Fl�gel, die sich noch weit �ber seinen K�rper erhoben. Er stand dem Herrn der H�lle gegen�ber, keinem Engel, sondern dem Teufel selbst - aber wo war der Unterschied? -, der gigantisch und drohend vor dem Tor zu seinem Reich stand und auf ihn gewartet hatte. Er hatte die Warnung nicht verstanden, die die Visionen bedeutet hatten, und jetzt war es zu sp�t.</p><p>Bremer stand da wie gel�hmt. Er h�tte in die Flammen hineinrennen m�ssen, aber die gleiche unheimliche Kraft, die ihn angezogen hatte, hielt ihn nun zur�ck und paralysierte ihn zugleich. Er konnte sich nicht bewegen. Nicht denken. Nicht einmal schreien. Er stand hilflos da und starrte auf den schwarzen Kolo�, und etwas in ihm starb, w�hrend er den Blick der unsichtbaren, grausamen Augen auf sich ruhen f�hlte. Es war kaum sp�rbar, ganz schwach nur, aber er f�hlte, wie etwas in ihn hineingriff und einen Teil dessen, was sein Menschsein ausmachte, einfach zermalmte. Es dauerte nur eine Sekunde, aber Bremer war nicht mehr derselbe, als sich die schwarze Schattenhand zur�ckzog und seine Seele wieder freigab. Und dann, im gleichen Augenblick, erlosch die Vision. Die L�hmung fiel von ihm ab, und im selben Moment wurde die Welt wieder das, was sie gewesen war, ehe sich vor seinen Augen die Tore zur H�lle ge�ffnet hatten. Der Wahnsinn zog sich - vielleicht ein allerletztes Mal nur noch - zur�ck und schleuderte ihn in eine andere, kaum weniger schlimme H�lle, die <emphasis>Hier </emphasis>hie�.</p><p>Bremer taumelte. Pl�tzlich sp�rte er die furchtbare Hitze, die ihm ins Gesicht schlug und seine Haut und seine Augenbrauen versengte. Der Schmerz, den er gerade vermi�t hatte - der <emphasis>k�rperliche </emphasis>Schmerz -, kam nun im �berma�. Er schrie, prallte gegen eine Wand und ri� instinktiv die H�nde vor das Gesicht. Trotzdem sah er jedes noch so brutale Detail des Bildes vor sich, wie es wirklich war, und es war keine Erleichterung, denn auf seine Art war es schlimmer als das, was er nur zu sehen <emphasis>geglaubt </emphasis>hatte.</p><p>Die Stra�e war eine Sackgasse, kaum zwanzig Meter lang, und in gewisser Hinsicht <emphasis>war </emphasis>sie zu einem Teil der H�lle geworden, einer H�lle aus Feuer und ineinandergerammtem Stahl, aus Schreien und verst�mmelten K�rpern. Einer der beiden BMW sah aus, als w�re er in voller Fahrt gegen die Wand geprallt und daran zerborsten, und wahrscheinlich war er in Flammen aufgegangen, als sich der nachfolgende Wagen in ihn hineingebohrt hatte. Die Flammen bildeten eine zweite, geschlossene Mauer vor der R�ckwand der Gasse, und die Hitze war selbst hier noch, zwanzig Meter entfernt, so gewaltig, da� Bremer kaum atmen konnte. Brennendes Benzin bildete Dutzende von kleinen und gro�en Lachen und war gegen die W�nde gespritzt, und an mindestens einer Stelle hatte sich das Feuer bereits durch ein Fenster gefressen und setzten sein Vernichtungswerk im Inneren des Geb�udes fort. �berall lagen gl�hende Metall- und Kunststoffsplitter.</p><p><emphasis>�Bremer! Der Junge!�</emphasis></p><p>Die Worte erschienen ihm seltsam bedeutungslos. Er h�rte und verstand sie, aber sie schienen zu einer Sprache zu geh�ren, die er irgendwann einmal gelernt und l�ngst wieder vergessen hatte. M�hsam drehte er den Kopf und sah eine Gestalt aus einem blutroten Wagen springen und mit fast grotesken Bewegungen auf ihn zueilen, aber es war mit ihr wie mit dem, was sie ihm zuschrie: Er wu�te, wer sie war, konnte mit diesem Wissen aber nichts anfangen. Hinter Sendigs Mercedes kam ein weiterer Wagen mit kreischenden Bremsen zum Stehen, und pl�tzlich waren da noch mehr Stimmen, Schreie, L�rm. Nichts von alledem hatte irgendeine Bedeutung.</p><p><emphasis>�Der Junge!� </emphasis>schrie Sendig noch einmal. Seine Stimme brach fast. <emphasis>�Holen Sie den Jungen raus! Er verbrennt!�</emphasis></p><p>Es waren diese Worte, die den Bann endg�ltig brachen. Der Wahnsinn hatte ihn gar nicht ganz losgelassen, sondern sich nur getarnt, aber mit einem Mal begriff er, was <emphasis>wirklich </emphasis>geschehen war - der Schatten, den er gesehen hatte, war so real gewesen wie das Feuer und die Hitze, die seine Lungen versengte. Es war Mark. Er lag nur wenige Meter von ihm entfernt zusammengekr�mmt auf dem Boden. Hinter ihm schossen drei Meter hohe, prasselnde Flammen aus einer Benzinlache in die H�he, und kleinere, blaue Fl�mmchen bewegten sich in einem spielerisch anmutenden Tanz auf ihn zu. Die Lache erhielt noch immer Nahrung aus dem geborstenen Tank eines der Wagen und breitete sich aus. Noch ein paar Sekunden, und sie mu�te die hilflos daliegende Gestalt erreicht haben.</p><p>Bremer ri� erneut sch�tzend beide Arme vor das Gesicht und lief geb�ckt los, mitten hinein in die Flammenh�lle und das t�dliche, glei�ende Licht. Er versuchte nicht zu atmen und die Augen so weit zu schlie�en, wie es nur ging. Trotzdem war die Hitze unvorstellbar. Es war keine gl�hende Hand, die in sein Gesicht schlug, sondern Thors Hammer, der ihm das Fleisch von den Knochen ri�, seine Augen verbrannte und seine Lungen mit kochender Lava f�llte. Halb blind vor Hitze und Schmerz erreichte er Mark, fiel neben ihm auf die Knie und grub die H�nde in seine Jacke. Selbst seine Kleidung war <emphasis>hei�. </emphasis>Und die Flammen kamen n�her. Sie bewegten sich jetzt schneller, um sich die schon sicher geglaubte Beute nicht doch noch im letzten Moment entrei�en zu lassen.</p><p>Bremer zerrte mit aller Kraft. Flammen griffen nach seinen H�nden und begannen ihm das Fleisch von den Knochen zu brennen, und eine gl�hende Lohe strich �ber sein Gesicht und verbr�hte seine Haut. Der Schmerz war unertr�glich, aber Bremer lie� nicht los. Marks regloser K�rper schien Tonnen zu wiegen. Bremer zerrte, ri�, stemmte sich gegen den Boden und sp�rte, wie die meisten seiner Fingern�gel abbrachen und sich sein eigenes Blut mit dem des Jungen vermischte, w�hrend es �ber seine Jacke lief, aber er ignorierte den neuerlichen Schmerz ebenso wie den immer unertr�glicher werdenden Drang, Luft zu holen. Er durfte es nicht. Er w�rde zusammen mit Mark sterben, wenn er es tat, denn die Luft war jetzt so hei�, da� er im wahrsten Sinne des Wortes Feuer atmen w�rde.</p><p>Er wu�te nicht wie, aber irgendwie gelang es ihm, den schlaff daliegenden K�rper zu bewegen. Es gab einen sonderbaren, saugenden Laut, als h�tte sogar der Boden noch versucht, sich an ihn zu klammern und ihn festzuhalten, aber pl�tzlich war Mark frei Bremer taumelte r�ckw�rts, einen Schritt, zwei, zerrte Mark mit dem letzten bi�chen verbliebener Kraft, das er noch in seinem K�rper fand, mit sich, einen weiteren Schritt und noch einen, und pl�tzlich waren H�nde da, die an ihm vorbei nach dem Jungen griffen, und andere, die <emphasis>ihn </emphasis>auffingen, als er zu st�rzen drohte.</p></section><section><title><p>31. Kapitel</p></title><p>Schlie�lich hatten sie doch noch einen Unfall gehabt. Es war eine Kleinigkeit, nicht mehr als ein paar Kratzer an Sillmanns schwerem Mercedes und ein eingedr�ckter Kotfl�gel an dem Golf, den sie gerammt hatten, und es war wohl eine der kleinen Ironien des Schicksals, da� es nicht einmal Sillmanns Schuld gewesen war; nach einem Dutzend Ampeln und Haltegeboten, die sie �berfahren hatten, hatte ihnen schlie�lich der andere die Vorfahrt genommen. Sillmann hatte sich nicht einmal die M�he gemacht, auszusteigen - er hatte zur�ckgesetzt die Scheibe heruntergelassen und dem noch v�llig benommenen Fahrer des anderen Wagens einen Tausendmarkschein in die Hand gedr�ckt, um weiterzubrausen, ehe dieser �berhaupt begriff, wie ihm geschah.</p><p>�Halten Sie das f�r klug?� fragte Petri.</p><p>�Was?� Sillmann fingerte schon wieder am Autoradio herum und sah zwischendurch unentwegt nerv�s in den R�ckspiegel. �Soll ich anhalten und warten, bis die Polizei kommt?�</p><p>�Es war <emphasis>seine </emphasis>Schuld�, sagte Petri. �Ganz eindeutig.�</p><p>�Und? Heute ist sein Gl�ckstag. Wenigstens einer.�</p><p>�Ja - und mit ein bi�chen Pech denkt er jetzt, Sie w�ren betrunken oder der Wagen gestohlen oder sonst irgend etwas nicht in Ordnung, und ruft erst recht die Polizei.�</p><p>Sillmann sah ihn kopfsch�ttelnd an. <emphasis>�Ihre </emphasis>Sorgen m�chte ich haben, Doktor.�</p><p>Das <emphasis>glaube ich kaum, </emphasis>dachte Petri. Oder vielleicht doch. Er wu�te nicht wirklich, was in Sillmann vorging, aber immerhin kannte er ihn gut genug, um zu wissen, da� er nicht ann�hernd so hart war, wie er sich gerne gab. Er hatte diese Rolle so lange gespielt, da� er wohl irgendwann einmal begonnen hatte, selbst daran zu glauben. Aber es war nicht die Wahrheit.</p><p>�Ich dachte nur daran, da� Sie gerade noch so gro�en Wert darauf gelegt haben, m�glichst schnell anzukommen�, sagte er. �Wenn jeder Streifenwagen in der Stadt unsere Nummer kennt und danach Ausschau h�lt -�</p><p>�- �ndert das auch nichts mehr�, fiel ihm Sillmann ins Wort. �Wir sind gleich da.� Er sah wieder in den R�ckspiegel, schaltete das Radio aus, wieder ein und gleich darauf wieder aus und hielt zum ersten Mal seit Beginn der Fahrt an einer Kreuzung an, um eine L�cke im Verkehr abzupassen. Er hatte recht - sie hatten die Fabrik beinahe erreicht. Sie lag...</p><p><emphasis>Ganz in der N�he, </emphasis>dachte Petri nerv�s. Was war mit seinem Ged�chtnis los? Er war diesen Weg unz�hlige Male gefahren, und doch hatte er M�he, sich daran zu erinnern. Sie waren nicht mehr weit entfernt, aber er konnte einfach nicht sagen, ob sie nun an der n�chsten, der darauffolgenden oder erst der f�nften oder sechsten Kreuzung abbiegen mu�ten.</p><p>Es <emphasis>war </emphasis>die n�chste Abzweigung. Der Mercedes verlie� die Hauptstra�e und rollte eine von Pappeln ges�umte Zufahrt hinauf, die besser zu einem Gutshof oder einer gro�en G�rtnerei gepa�t h�tte als zu einer pharmazeutischen Fabrik. Vor mehr als einem Menschenalter war es auch tats�chlich einmal ein gro�es Landgut gewesen, und Sillmann hatte stets Wert darauf gelegt, diesen �u�eren Schein zu wahren. Hinter dem schmiedeeisernen Zaun, der das gesamte Areal umgab, erhoben sich noch immer die sorgsam restaurierten Originalgeb�ude aus dem vergangenen Jahrhundert. Die drei zus�tzlichen Fabrikationshallen, die Sillmann hatte errichten lassen, duckten sich so geschickt hinter der ehemaligen Scheune und dem dreist�ckigen Wohnhaus, das nun die Verwaltung und den Labortrakt beherbergte, da� sie von der Stra�e aus vollkommen unsichtbar blieben. Ein dichtstehender Ring aus f�nfzehn Meter hohen B�umen unmittelbar hinter dem Zaun sch�tzte das Gel�nde zus�tzlich vor neugierigen Blicken, und Petri wu�te auch, da� es noch eine dritte, unsichtbare elektronische Barriere gab, die es so gut wie unm�glich machte, die Fabrik unbemerkt zu betreten. Fr�her einmal hatte er sich �ber diesen - seiner Meinung nach �bertriebenen - Sicherheitstick Sillmanns lustig gemacht, aber die Zeit hatte Sillmann recht gegeben. Es war seit einigen Jahren nicht mehr in, sein Geld mit Chemie zu verdienen. Nicht einmal mit <emphasis>pharmazeutischer</emphasis> Chemie.</p><p>Aber eigentlich wu�te er nicht einmal genau, was Sillmann hier produzierte. Er <emphasis>hatte </emphasis>es einmal gewu�t, aber aus irgendeinem Grund hatte er es vergessen.</p><p>Die Erkenntnis lie� die schwelende Panik in ihm f�r einen Moment nun doch zu hei�er Glut aufflackern. Es war v�llig absurd: Er war <emphasis>Arzt, </emphasis>er hatte zahllosen Patienten genau die Medikamente verschrieben, die in dieser Fabrik hergestellt wurden - und er konnte sich nicht mehr erinnern, welche es waren.</p><p>Sillmann bremste den Wagen unn�tig hart ab, als sie das Tor erreichten. In der Pf�rtnerloge neben dem geschlossenen Stahlgitter bewegte sich ein Schatten, und einen Moment sp�ter flammte �ber ihnen ein Scheinwerfer auf, der einen kreisf�rmigen Bereich unmittelbar vor dem Tor in wei�e Helligkeit tauchte. Petri schlo� geblendet f�r eine Sekunde die Augen.</p><p>Ein metallisches Summen und Rumpeln erklang, als das Tor gerade so weit auffuhr, um den Pf�rtner hindurchzulassen. Sillmann senkte die Fensterscheibe auf seiner Seite und wedelte ungeduldig mit der linken Hand. �Machen Sie auf, Bruno�, sagte er. �Wir haben es eilig!�</p><p>Der Pf�rtner, der die d�nkelblaue Phantasieuniform einer Wach- und Schlie�gesellschaft trug und ganz so aussah, als h�tten sie ihn grob aus seiner ersten Tiefschlafphase geweckt, kam n�her und hob zus�tzlich eine Taschenlampe, um in den Wagen zu leuchten.</p><p>�Herr... Sillmann?� fragte er verbl�fft. Er klang verschlafen. Selbst die �berraschung in seiner Stimme war in Wahrheit wohl eher Erschrecken.</p><p>�Verflucht, nehmen Sie diese Schei�-Lampe herunter�, schnappte Sillmann. �Was ist los? Haben Sie Ihr H�rger�t nicht dabei, oder habe ich Sie geweckt? Wenn ja, tut es mir leid.�</p><p>Die Lampe erlosch abrupt, und Petri konnte h�ren, wie sich der Pf�rtner nerv�s auf der Stelle bewegte. �Nat�rlich nicht�, versicherte er hastig. �Ich war nur... Entschuldigen Sie, Herr Sillmann. Niemand hat mir gesagt, da� Sie kommen, und...�</p><p>�Jaja, schon gut.� Sillmann gab <emphasis>sich </emphasis>h�rbar M�he, ruhig zu bleiben, wedelte aber zugleich ungeduldig mit der Hand. �Das hat schon seine Ordnung. Machen Sie das Tor auf, und sagen Sie niemandem, da� wir hier sind, verstanden?�</p><p>�Oh�, antwortete Bruno. �Ich verstehe. Eine kleine �berraschungsinspektion, wie?�</p><p>�Genau�, antwortete Sillmann. �Aber sie gilt nicht Omen, keine Sorge. Ist noch jemand im Labor?�</p><p>�Nein. Doktor Strecker war bis vor einer halben Stunde hier, aber er ist gefahren. Die Nachtschicht ist komplett angetreten.�</p><p>�Gut�, sagte Sillmann. �Sie sagen zu niemandem ein Sterbensw�rtchen, verstanden? Und hoch etwas - lassen Sie das Tor auf. Ich erwarte noch jemanden.�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete der Pf�rtner eifrig. �Darf ich fragen, wen? Nur, damit...�</p><p>�Nein, d�rfen Sie nicht�, unterbrach ihn Sillmann. �Lassen Sie ihn einfach durch, okay? Meinetwegen machen Sie einen Spaziergang, oder drehen Sie Ihre Runde - oder tun Sie, was Sie um diese Zeit immer tun, und legen sich hin und schlafen. Und jetzt machen Sie endlich dieses verdammte Tor auf, oder mu� ich es selbst tun?�</p><p>W�hrend der Pf�rtner hastig zu seinem verglasten H�uschen zur�ckeilte, um Sillmanns Befehl nachzukommen, fragte sich Petri nach dem Grund f�r Sillmanns Benehmen. Reagierte er nun wie ein Mann, der am Rande der Panik entlangbalancierte und sich kaum noch in der Gewalt hatte, oder wie jemand, dem es vollkommen gleich war, welchen Eindruck sein Benehmen hinterlie� - weil er wu�te, da� es keine Rolle mehr spielte? Vielleicht war er nicht der einzige, der nur eine schwarze Ebene vor sich sah, wenn er an morgen dachte.</p><p>Das Tor setzte sich rasselnd in Bewegung, und Sillmann fuhr weiter, noch ehe es sich ganz ge�ffnet hatte. Der rechte Kotfl�gel des Mercedes schrammte mit einem in den Ohren schmerzenden Quietschen an einem der Torpfosten entlang, und Petri h�rte Glas zerbrechen. Sillmann gab nur noch mehr Gas, jagte den Wagen mit einem regelrechten Satz �ber den Hof und brachte ihn unmittelbar vor dem Eingang des Hauptgeb�udes mit einer Vollbremsung wieder zum Stehen.</p><p>�Haben Sie Ihre Tasche?�</p><p><emphasis>Tasche? Welche Tasche? </emphasis>Petri sah Sillmann eine Sekunde lang verst�ndnislos an, ehe er �berhaupt begriff, was er meinte. Nat�rlich. Er war Arzt. Ein Arzt mu�te immer seine Tasche bei sich haben. Er hatte sie...</p><p>�Auf dem R�cksitz�, sagte Sillmann. �Sie haben sie selbst dorthin gestellt.�</p><p>Aus einem Grund, den er selbst nicht wu�te, war es ihm unangenehm, sich herumzudrehen und die kleine Arzttasche von der R�ckbank zu nehmen. Etwas war mit dieser Bank. Sie ... war verschwunden.</p><p>Petri blinzelte. Sein Arztkoffer stand da, genau dort, wo er selbst ihn hingestellt hatte, aber die R�ckbank war nicht mehr da. Wo sie sein sollte, war nichts. Nicht etwa Leere. Kein schwarzes Loch, sondern nichts. Er sah die beiden T�ren und das abgedunkelte Heckfenster, aber die Bank war verschwunden, als h�tte jemand mit einem scharfen Skalpell ein St�ck aus dem Universum herausgeschnitten und die R�nder der Wunde zusammengezogen und so kunstvoll vern�ht, da� nicht einmal eine Narbe zur�ckgeblieben war.</p><p>Petris Herz machte einen erschrockenen Sprung in seiner Brust. Er schlo� die Augen, z�hlte in Gedanken bis drei, und als er die Lider wieder �ffnete, war alles so, wie es sein sollte. Die Bank war da, wo sie die ganze Zeit �ber gewesen war. Es war eine Halluzination, nicht mehr. Ein b�ser Streich, den ihm seine �berreizten Nerven gespielt hatten. Nicht mehr. Es <emphasis>durfte </emphasis>nicht mehr sein. Beinahe �berhastet griff er nach der Tasche und nahm sie an sich.</p><p>Sillmann hatte mittlerweile das Handschuhfach ge�ffnet und griff hinein. Als er sich wieder aufrichtete, hielt er eine kleine, verchromte Pistole in der Hand. Petri starrte die Waffe vollkommen verst�ndnislos an.</p><p>�Was... was haben Sie denn damit vor?� fragte er.</p><p>�Sie erschie�en, wenn Sie weiter dumme Fragen stellen.� Sillmann schob die Pistole in die Manteltasche, �ffnete die T�r und stieg aus. Er drehte sich einmal im Kreis, wobei sein Blick aufmerksam �ber den Hof tastete und auf jedem Schatten und in jedem dunklen Winkel einen winzigen Moment verharrte. In seinem Gesicht arbeitete es. Er hatte die Hand nicht wieder aus der Tasche genommen, mit der er die Waffe eingesteckt hatte. Wozu brauchte er eine Waffe? Sie waren hier, um... um...</p><p>Petri pre�te st�hnend die Hand vor die Stirn und zwang sein Ged�chtnis mit einer bewu�ten Anstrengung, ihm zu verraten, warum sie hier waren. Es gelang ihm, aber dieser Gedanke blieb nicht einfach da. Er mu�te ihn festhalten wie einen zappelnden Fisch, den er gefangen hatte und der immer wieder zwischen seinen Fingern hindurchschl�pfen wollte.</p><p>Was geschah mit ihm? Sein Ged�chtnis begann zu zerbr�ckeln. Es war, als st�nde er vor einer gigantischen Wand, auf der jede Sekunde seines Lebens aufgemalt war, und jemand h�tte damit begonnen, Steine aus dieser Mauer herauszubrechen. Er konnte h�ren, wie sie st�rzten, und er konnte sehen, was hinter dieser Wand war.</p><p>Nichts. Nur Dunkelheit.</p></section><section><title><p>32. Kapitel</p></title><p>Vollkommen ersch�pft sank Bremer zu Boden. Er verlor nicht wirklich das Bewu�tsein, aber er war auch nicht wirklich wach; der Zustand, in dem er die n�chsten Minuten verbrachte, war irgend etwas dazwischen. Alles verwirrte sich, wurde unscharf und leicht, und die Zeit zerbrach zu einer Aneinanderreihung verschieden langer, verschieden deutlicher Impressionen, die an den Nahtstellen nicht richtig zusammenpa�ten. Er registrierte Schreie, Rufe, ein wildes Durcheinander von Stimmen und L�rm, von Motorenger�usch und kreischenden Bremsen, von Sirenen und Lichtblitzen: Bruchst�cke der Wirklichkeit, die manchmal nahtlos, manchmal mit beinahe schmerzhaften kleinen Rucken aufeinanderfolgten und ihm zumindest eine Ahnung davon vermittelten, was um ihn herum geschah.</p><p>Jemand r�ttelte an seiner Schulter, vielleicht zum zwanzigsten, vielleicht auch zum zweihundertsten Mal, aber erst jetzt fand er die Kraft, darauf zu reagieren.</p><p>Es war Sendig. Sein Gesicht gl�nzte vor Schwei� und sah aus, als w�re es geh�utet, aber unter all dem Schmutz lag kein rohes Fleisch, sondern nur der rote Widerschein des Feuers, das noch immer am Ende der Gasse tobte.</p><p>�Bremer! So antworten Sie doch Wagen ist schon unterwegs!�</p><p>Diesmal war der Schnitt nahtlos gewesen. Erst als Bremer die Sinnlosigkeit dieses Satzes zu Bewu�tsein kam, wurde ihm auch klar, da� es in Wirklichkeit <emphasis>zwei </emphasis>S�tze gewesen waren, deren Anfang und Ende er h�rte. Dazwischen war eine unendlich d�nne, kaum sp�rbare Naht, hinter der sich ein schwarzer Abgrund von vielleicht Minuten verbarg. Vielleicht auch von Stunden.</p><p>�Was?� murmelte er.</p><p>Sendig sah ihn f�r die Dauer eines schweren Herzschlages aus schmalen Augen an, dann fragte er �Alles wieder okay?�</p><p>�Ich... ich glaube schon�, antwortete Bremer schleppend.</p><p>Ganz pl�tzlich waren seine Erinnerungen wieder da. Er setzte sich mit einem Ruck auf und sah sich wild um. �Wo ist der Junge?�</p><p>Sendig hob bes�nftigend die Hand. �Dem geht es besser als Ihnen�, sagte er. �Mann, haben Sie mir einen Schrecken eingejagt. F�r einen Moment dachte ich fast, Sie h�tten es hinter <emphasis>sich.�</emphasis></p><p><emphasis>Wenn es doch nur so w�re, </emphasis>dachte Bremer. Er hatte Mark mittlerweile entdeckt und wollte aufstehen, sp�rte aber selbst, da� seine Kraft dazu noch nicht ausreichte, und belie� es dabei, sich etwas gerader aufzusetzen. Mark sa� mit angezogenen Knien, an den Kotfl�gel von Sendigs Wagen gelehnt, da und starrte ins Leere. Sein Haar war angesengt, das Gesicht voller Ru� und Schmutz, und er hatte auch ein paar Schrammen abbekommen, aber den wirklich schlimmen Anblick bot sein Arm. Jemand hatte ihm die Jacke ausgezogen, und sein Arm schien bis zur Schulter hinauf in einem nassen roten Handschuh zu stecken, von dem es gleichm��ig zu Boden tropfte. Bremer erinnerte sich voller Schrecken an die Blutspur, der er gefolgt war.</p><p>�Wieso lebt er noch?� fragte er impulsiv.</p><p>�Es sieht schlimmer aus, als es ist�, antwortete Sendig. �Er hat ein bi�chen Blut verloren, ich habe den Arm abgebunden.� Als er Bremers zweifelnden Blick bemerkte, f�gte er hinzu: �Der Krankenwagen m��te jeden Augenblick eintreffen.�</p><p>Bremers Kr�fte kehrten allm�hlich zur�ck. Er mu�te wohl einen leichten Schock erlitten haben, der ihn bisher vor dem Schlimmsten bewahrt hatte, aber nun, wo dessen Nachwirkungen abzuflauen begannen, sp�rte er auch all die kleinen und gr��eren Blessuren, die er davongetragen hatte. Seine abgebrochenen Fingern�gel schmerzten h�llisch, und sein Gesicht und die Haut auf seinen Handr�cken brannten wie Feuer. Er erinnerte sich an die Flammen, in die er praktisch hineingegriffen hatte, und allein die <emphasis>Erinnerung </emphasis>an diesen Schmerz lie� ihn wieder aufst�hnen. Wahrscheinlich hatte er sich das Fleisch bis auf die Knochen versengt Bremer brachte kaum den Mut auf, die Arme zu heben und seine H�nde zu betrachten. Er ahnte, welcher Anblick ihn erwarten w�rde.</p><p>Er t�uschte sich.</p><p>Er hatte sich tats�chlich f�nf oder sechs Fingern�gel abgebrochen, von denen einige leicht bluteten, aber seine H�nde waren dar�ber hinaus beinahe unverletzt. Sie waren zerschunden und schmutzig, aber nicht verbrannt.</p><p>�Was ist?� fragte Sendig. �Ist Ihnen nicht gut?� Bremer drehte die H�nde vor den Augen, schlo� sie zu F�usten und �ffnete sie wieder. Er hatte den Schmerz <emphasis>gesp�rt. </emphasis>Er hatte gesehen, wie die Hitze sein Fleisch zu brauner Schlacke verkohlt hatte. Aber seine Haut war unversehrt.</p><p>�Bremer�, sagte Sendig.</p><p>�Schon gut�, sagte Bremer. �Ich... freue mich nur, da� ich noch ganz bin.�</p><p>�Ich auch�, pflichtete ihm Sendig bei. �Einen Moment lang sah es gar nicht danach aus. Was war los? Wollten Sie den Jungen verbrennen lassen?�</p><p>�Ich... hatte wohl so etwas wie einen Blackout�, sagte Bremer ausweichend; Er versuchte sich zu einem L�cheln zu zwingen, lie� endlich die H�nde sinken und stand m�hsam auf. �Aber jetzt ist wieder alles in Ordnung. War wohl ein bi�chen viel auf einmal.�</p><p>Sendig sah ihn scharf an. Er tat es auf eine ganz bestimmte Art, die l�ngst nicht nur besorgt war. Er sah aus, dachte Bremer, als... <emphasis>erwarte </emphasis>er etwas. Etwas ganz Bestimmtes. �Es war wieder eine von diesen Visionen, nicht wahr?� fragte er.</p><p>Bremer fuhr sichtbar zusammen. Schon das Wort reichte, den schwarzen Schatten wieder vor seinen Augen erstehen zu lassen, und f�r einen winzigen Moment glaubte er wieder die Hitze zu sp�ren und den unvorstellbaren Schmerz. Er antwortete nicht auf Sendigs Frage, sondern drehte sich statt dessen herum und machte einen Schritt in Marks Richtung, blieb aber dann noch einmal stehen und sah �ber die Stra�e.</p><p>Die beiden Wagen brannten immer noch, wenn auch l�ngst nicht so lichterloh, wie er geglaubt hatte, und das Feuer hatte auch nicht auf die benachbarten H�user �bergegriffen. Er konnte die Wracks allerdings kaum mehr sehen, denn die Gasse war von Dutzenden Schaulustiger versperrt, die, durch den L�rm und den Feuerschein angelockt, herbeigelaufen waren. Zahlreiche Autos hatten rings um sie herum angehalten, einige mit noch laufendem Motoren, aber von ihren Fahrern verlassen, und in der Ferne h�rte er Sirenengeheul. Bremer nahm den Anblick einige Sekunden lang ganz bewu�t in sich auf und versuchte ihn mit dem zu vergleichen, was <emphasis>er </emphasis>dort dr�ben gesehen hatte, dann drehte er sich wieder herum, ging die zwei Schritte zu Sendigs Wagen und betrachtete sein eigenes Gesicht im Spiegel.</p><p>Es war verschwitzt und schmutzig, und seine Haut war rot, als h�tte er einen leichten Sonnenbrand, aber nicht verbrannt. Er hatte die Flammen gef�hlt, die seine Haut versengt hatten, die Hitze, die sich wie eine gierig fressende Ratte in seinen Sch�del hineingegraben hatte, und es war <emphasis>real gewesen. </emphasis>Er wu�te mit absoluter Sicherheit, da� sie ihn get�tet h�tte, w�re er auch nur einige Sekunden l�nger dort dr�ben geblieben, aber er war unverletzt.</p><p>Zutiefst ersch�ttert richtete sich Bremer wieder auf, blieb lange Sekunden reglos stehen und wandte sich dann zuerst zu Sendig, dann zu Mark um, der noch immer in der gleichen Haltung wie zuvor an Sendigs Wagen lehnte. Sein Gesicht war leer, und seine Augen blickten starr ins Nichts.</p><p>�Was ist los mit Ihnen, Bremer?� fragte Sendig erneut. Er klang jetzt �berhaupt nicht mehr besorgt Seine Stimme war fordernd, befehlend, aber zugleich von einem un�berh�rbaren Vibrieren kaum mehr zur�ckgehaltener Panik erf�llt. �Sie haben etwas gesehen, nicht wahr?�</p><p>Bremer sah ihn nur an, dann lie� er sich neben Mark in die Hocke sinken und streckte die H�nde nach ihm aus. Marks Gesicht war mit Schwei� bedeckt, aber eiskalt. Die Wunde in seinem Arm blutete immer noch leicht, obwohl Sendig tats�chlich einen Streifen aus seinem Hemd gerissen und die Arterie damit abgebunden hatte. Bremer zog den blutgetr�nkten Stoff �ber der Verletzung mit spitzen Fingern auseinander. Sein Gesicht verd�sterte sich, als er die Wunde sah.</p><p>�Das ist eine Schu�verletzung�, sagte er.</p><p>�Ich wei߫, antwortete Sendig. �Ich habe ihm gesagt, der Arzt ist unterwegs.�</p><p>�Sie haben auch gesagt, da� es <emphasis>nicht </emphasis>so schlimm ist�, antwortete Bremer. Er sah zornig zu Sendig hoch. �Sie wissen verdammt genau, da� er daran sterben kann.�</p><p>�Was soll ich tun?� schnappte Sendig. �Einen Regentanz auffuhren und die G�tter anflehen, einen Krankenwagen vom Himmel fallen zu lassen? Ich kann nicht zaubern.�</p><p>Bremer mu�te sich f�r einen Moment mit aller Gewalt beherrschen, um nicht aufzuspringen und Sendig die Faust ins Gesicht zu schlagen. F�r eine Sekunde sp�rte er nichts als Wut. Er hatte gewu�t, wie Sendig war. Er hatte versucht, sich selbst einzureden, da� er dessen Zynismus und vollkommene Gef�hllosigkeit kannte und schon irgendwie damit fertig werden w�rde. Aber das stimmte nicht. Ob der Junge starb oder nicht, war Sendig vollkommen egal, genauso egal, wie es ihm wahrscheinlich war, ob er diesen Tag �berlebte. Er selbst, Mark, das M�dchen, Marks Vater, der Fotograf, L�bach und Artner und wie sie auch alle hie�en, die an diesem Tag bereits zu Schaden gekommen waren oder es noch w�rden - keiner von ihnen bedeutete Sendig irgend etwas. Sie alle waren nur Spielzeug f�r ihn, Figuren in einem Spiel, von dem Bremer nicht einmal wu�te, wie es hie�. Aber statt aufzuspringen und auf Sendig loszugehen, lie� er sich im Gegenteil vollends auf die Knie sinken, griff behutsam nach Mark und legte ihn auf den R�cken. Hastig sch�lte er sich aus seiner Jacke, kn�llte sie zu einem Ball zusammen und schob sie unter seine Beine. Mark reagierte mit einem leisen St�hnen auf die Ber�hrung, aber seine Augen blieben weiter auf diese schreckliche Art leer.</p><p>�Sie haben im Erste-Hilfe-Kurs gut aufgepa�t�, sagte Sendig sp�ttisch.</p><p>�Jedenfalls lege ich es nicht darauf an, ihn umzubringen�, erwiderte Bremer. �Ich nehme an, ich kann mir die Frage sparen, wer die Kerle in dem BMW waren? Ich meine - nat�rlich w�rden Sie es mir sagen. Aber nicht jetzt, sondern bald. Sobald der richtige Moment gekommen ist.�</p><p>Sendig ignorierte den bei�enden Spott in seinen Worten. �Ich verstehe Ihre Neugier�, sagte er. �Aber glauben Sie mir - diese Burschen sind im Moment Ihr kleinstes Problem. Meines �brigens auch.�</p><p>Das Sirenengeheul kam n�her. Am Ende der Stra�e tauchte das Blaulicht eines Krankenwagens auf, unmittelbar gefolgt von der Feuerwehr und gleich zwei Streifenwagen der Polizei.</p><p>�Typisch Bullen�, sagte Sendig. �Wenn man sie wirklich braucht, kommen sie zu sp�t.�</p><p>Bremer ersparte es sich, zu antworten. Statt dessen beugte er sich wieder �ber Mark und legte die Hand auf seine Stirn. Sie war noch immer eiskalt, aber er konnte f�hlen, wie der Puls des Jungen jagte. Vielleicht war er mit dem, was er Sendig gerade zornig vorgeworfen hatte, der Wahrheit n�hergekommen, als ihm lieb war. Der Junge hatte einen schweren Schock, und dazu kam der Blutverlust, der enorm gewesen sein mu�te. Wenn er nicht schnellstens in ein Krankenhaus kam, dann w�rde er vielleicht wirklich sterben.</p><p>�Was ist mit den anderen?� fragte er.</p><p>Sendig machte eine Kopfbewegung auf die beiden brennenden Autowracks. �Sie sind tot�, sagte er ohne eine Spur von Mitleid in der Stimme.</p><p>�Ich glaube kaum, da� da einer rausgekommen ist Wenn sie mit im Wagen war...� Er zuckte die Achseln. �Ich fliehte, jetzt werden wir nie erfahren, ob Sie recht hatten.�</p><p>Er trat einen Schritt zur Seite, um dem Krankenwagen Platz zu machen, der sich mit mittlerweile abgeschalteter Sirene, aber noch immer hektisch rotierendem Blaulicht seinen Weg durch die Menge bahnte, die die Stra�e blockierte, und auch Bremer erhob sich z�gernd. Die T�ren des Krankenwagens flogen auf, und ein junger Arzt in einer signalroten Jacke sprang heraus und eilte zu Mark. Noch w�hrend er neben ihm niederkniete, �ffnete er seinen Notfallkoffer und begann den beiden Sanit�tern, die ihn begleiteten, routiniert Anweisungen zu geben.</p><p>Sendig trat einige weitere Schritte zur�ck und forderte Bremer mit einer Geste auf, ihm zu folgen. Bremer gehorchte nur widerwillig. Es war nicht nur so, da� er immer noch w�tend auf Sendig war - es war ihm im Moment beinahe unm�glich, seine N�he zu ertragen. Harte er diesem Mann wirklich jemals auch nur eine einzige Sekunde vertraut?</p><p>Sendig trat noch einige weitere Schritte zur�ck und blieb erst stehen, als sich niemand mehr in ihrer unmittelbaren H�rweite aufhielt Er sah Bremer auf eine Art an, als h�tte er seine Gedanken gelesen. Vermutlich waren sie ihm deutlich anzusehen. Aber er ging mit keinem Wort darauf ein, sondern drehte sich nach einigen Sekunden wieder herum und sah eine Weile zu, wie sich der Notarzt und die Sanit�ter um Mark bem�hten.</p><p>�Bin beruhigendes Gef�hl, zu wissen, da� es jemanden gibt, der einem im Notfall hilft, nicht?� fragte er.</p><p>�Wie?� fragte Bremer.</p><p>Sendig deutete auf den Arzt. �Er ist gut. Schade um ihn.�</p><p>�Was soll das hei�en?� fragte Bremer scharf.</p><p>Sendig wiederholte seine Geste, sch�ttelte ganz sacht den Kopf und sagte sehr leise und ohne Bremer dabei ins Gesicht zu sehen: �Sie wollten wissen, was los ist? Also gut. Was halten Sie davon: Ich habe ein bi�chen herumtelefoniert, w�hrend Sie die beiden beschattet haben. Erinnern Sie sich an den Arzt von gestern? Den, der L�bachs Leiche untersucht und sich um Ihren Kollegen gek�mmert hat?�</p><p>�Nat�rlich�, antwortete Bremer. �Warum?�</p><p>�Er ist verschwunden�, sagte Sendig.</p><p>�Verschwunden! Was soll das bedeuten?�</p><p>�Das, was es hei�t�, antwortete Sendig. �Er ist nicht mehr da. Eine Stunde, nachdem er Ihren Kollegen ins Krankenhaus gebracht hat, wurde er zu einem neuen Einsatz gerufen. Seither hat ihn niemand mehr gesehen. Weder ihn noch die beiden Sanit�ter, die dabei waren, oder den Krankenwagen. Interessant, nicht?�</p><p>�Aber... aber das ist doch Unsinn�, sagte Bremer. Seine Stimme klang beunruhigter, als er sich selbst eingestehen wollte. �Ein kompletter Krankenwagen verschwindet doch nicht so einfach.�</p><p>�Manchmal schon�, erwiderte Sendig mit einem leisen, humorlosen Lachen. �Vor allem, wenn er zu einem Einsatz gerufen wird, den es nicht gibt.� Er deutete erneut auf den Arzt und seine beiden Helfer, die sich noch immer heftig um Mark bem�hten. �Was meinen Sie? Sollen wir Wetten annehmen, ob sie morgen fr�h noch da sind? Oder tun wir unsere Pflicht und gew�hren ihnen Polizeischutz?�</p></section><section><title><p>33. Kapitel</p></title><p>Die Treppe wurde von zwei langen Neonr�hren beleuchtet, von denen aber nur eine funktionierte. Die andere flackerte unentwegt und verwandelte das untere Drittel des steil in die Tiefe f�hrenden Schachtes in ein Spiegelbild dessen, was in Petri vorging. Auch seine Erinnerungen flackerten. Die Wand brach immer schneller zusammen, und im gleichen Ma�e wuchs die Schw�rze dahinter heran. Es fiel ihm immer schwerer, sich zu konzentrieren. Seine Erinnerungen waren nicht wirklich verschwunden, aber sie w�ren nicht mehr <emphasis>pr�sent. </emphasis>Sillmann hatte ihn hierher in den Keller des Laborgeb�udes gef�hrt, und er erinnerte sich an jeden Schritt, den sie getan hatten - aber er mu�te sich dazu zwingen, mit einer Anstrengung, die ihm jedesmal ein bi�chen schwerer fiel. Irgend etwas geschah mit ihm, und tief im Innern wu�te er sogar, was es war. Aber der Gedanke war zu furchtbar, um ihn zu denken.</p><p>�Wo bleiben Sie, Doktor?� Sillmann hatte das Ende der Treppe bereits erreicht und vor einer schweren, mit zwei Schl�ssern gesicherten T�r haltgemacht. Mit der rechten Hand zog er einen Schl�ssel hervor, mit dem er sie nacheinander �ffnete. Die linke Hand blieb in seiner Manteltasche. Petri wu�te, da� er irgend etwas darin hatte. Etwas Beunruhigendes, Gef�hrliches, aber er erinnerte sich nicht mehr, was es war. Als Petri nicht auf seine Frage antwortete, drehte er den Kopf und sah zu ihm hoch. In dem flackernden Licht dort unten vor der T�r schien auch sein Gesicht unentwegt zu vergehen und sich neu zu bilden. �Ist irgend etwas nicht in Ordnung?�</p><p>�Nein�, sagte Petri hastig. �Ich komme.� Er versuchte, schneller zu gehen, aber es blieb bei dem Versuch. Er konnte es nicht - nicht, weil seine Glieder ihm den Gehorsam verweigert h�tten, sondern weil er sich f�r einen Moment nicht mehr daran erinnerte, wie man schneller ging. Seine Zeit war zerbrochen, er lebte nur noch im Jetzt, den drei endlosen Sekunden, die sein Bewu�tsein als Gegenwart akzeptierte, und das sich best�ndig von einem wachsenden Strom aus Erinnerungen und Bildern fortbewegte, verblassenden Bildern mit verblassenden Farben, die er immer schwerer erkennen konnte. Aber inmitten dieses aus Millionen und Abermillionen Tr�mmerst�cken bestehenden Chaos gab es ein Bild, das Bestand hatte. Er dachte an etwas, das in seiner Tasche war. Der Grund seines Hierseins. Und der Grund f�r das, was mit ihm geschah.</p><p>Sillmann hatte die Schl�sser ge�ffnet und schob jetzt die T�r auf. Obwohl er ein sehr kr�ftiger Mann war, kostete es ihn sichtlich M�he, sie zu bewegen. Die Scharniere quietschten, als w�ren sie seit Jahren nicht mehr bewegt worden, und die Luft, die durch die T�r herausstr�mte, roch nach Schimmel und Alter. Sillmann machte einen halben Schritt in den dahinterliegenden Raum hinein, tastete mit der Hand nach dem Lichtschalter und bet�tigte ihn. Kaltes Neonlicht erf�llte den kleinen, vollkommen leeren Raum, der sich hinter der T�r erstreckte. Petri erkannte zwei weitere, massive Eisent�ren, die tiefer in die Kellergew�lbe des Labors hineinf�hrten. Beide waren mit ebenso aufwendigen Schl�ssern gesichert wie die, durch die sie gerade gekommen waren, und zus�tzlich versiegelt. Er blieb stehen, als Sillmann weiterging und mit einem anderen Schl�ssel eine der beiden T�ren zu �ffnen begann. Seine H�nde zitterten pl�tzlich. Er war schon einmal hiergewesen, schon oft! Seine Erinnerungen versagten immer rascher, aber was er nun sp�rte, hatte nichts mit Erinnerung zu tun. In diesem Raum war mehr als Licht und Staub und seit sechs Jahren nicht mehr geatmete Luft, etwas war hier, etwas, das getan worden war <emphasis>(von ihm?) </emphasis>und das Spuren hinterlassen hatte, die dem Gesetz vom ewigen Vergehen der Zeit trotzten. Es hatte etwas mit dem Ding in seiner Tasche zu tun. Dann fiel ihm noch etwas auf: Der Raum hatte keine Form. Keine, die es geben konnte. Er war genau quadratisch, f�nf Schritte auf der rechten, f�nf Schritte auf der linken und die gleiche Anzahl auf der vorderen und hinteren Seite, und doch war die Wand zu seiner Rechten k�rzer als die anderen. Es war der gleiche Effekt wie vorhin im Wagen, nur viel deutlicher und viel erschreckender. Und diesmal konnte er ihn nicht mit der schlechten Beleuchtung oder seiner Nervosit�t erkl�ren. Ein St�ck der Wand fehlte. Jemand hatte einen Teil aus der Welt herausgeschnitten und die R�nder sorgsam wieder zusammengeklebt.</p><p>Sillmann hatte die n�chste T�r ge�ffnet und zerri� das Siegel.</p></section><section><title><p>34. Kapitel</p></title><p>Der Arzt zog die Nadel aus Bremers Vene und tupfte den einzelnen Blutstropfen, der aus dem winzigen Einstich quoll, mit einem Wattebausch weg. Bremer sch�ttelte den Kopf, als er die Spritze aus der Hand legte und nach einem Pflaster greifen wollte. Der Arzt nahm es ohne Protest hin. �Bis wir in der Klinik sind, wird das reichen�, sagte er. �Sind Sie sicher, da� ich Ihre Hand nicht verbinden soll?�</p><p>Bremer sch�ttelte erneut den Kopf, aber er sah auch ganz automatisch auf seihe linke Hand herab. Seine Fingern�gel hatten zwar aufgeh�rt zu bluten, aber sie waren bis weit ins Nagelbett hinein eingerissen und schmerzten mittlerweile erb�rmlich. Aber das spielte im Augenblick keine Rolle. �K�mmern Sie sich lieber um ihn�, sagte er, indem er auf Mark deutete. �Wird er durchkommen?�</p><p>Der Arzt z�gerte einen Moment mit der Antwort. Schlie�lich machte er eine Bewegung, die wie ein widerwilliges Nicken aussah. Er stand auf und trat geb�ckt an die Liege heran, auf der die beiden Pfleger den verletzten Jungen festgeschnallt hatten. Sie hatten ihm das zerrissene Hemd ausgezogen und die Schu�wunde in seinem Arm notd�rftig verbunden, und die Elektronik des Krankenwagens, der von au�en betagt aussah, innen aber supermodern ausgestattet war, �berwachte blinkend und piepsend all seine Lebensfunktionen.</p><p>Obwohl die Liege gefedert war, setzten sich die schaukelnden Bewegungen des Krankenwagens bis zu Mark fort. Sein Kopf rollte leicht hin und her, was den Eindruck erweckte, er w�re wach. Er war es nicht. Eine der zahlreichen Injektionen, die ihm der Arzt gegeben hatte, hatte ihn wohl einschlafen lassen, denn seine Augen waren jetzt geschlossen, und sein Atem ging gleichm��iger. Obwohl der Anblick Bremer nach wie vor erschreckte, war er doch zugleich erleichtert, nicht mehr diese schreckliche Leere in Marks Augen sehen zu m�ssen.</p><p>�Ich denke schon�, sagte der Arzt schlie�lich. �Er hat eine Menge Blut verloren und einen schweren Schock, aber... ich denke, wir kriegen ihn durch.�</p><p>Er trat wieder von der Liege zur�ck und bet�tigte die Sprechtaste, die ihn mit dem Fahrer im vorderen Teil des Wagens verband. �Wie lange brauchen wir noch?�</p><p>Die Antwort kam sofort, �Zehn Minuten, vielleicht l�nger. Der Verkehr ist heute abend wie verr�ckt. Ich wei� auch nicht, was los ist.�</p><p>�Aber ich�, mischte sich Sendig ein. Er hatte bisher schweigend und reglos neben Bremer auf der zweiten Liege gesessen und mit mi�trauischen Blicken jeden Handgriff des Arztes verfolgt, zwischendurch aber auch immer wieder nerv�s aus dem Fenster gesehen. Mit einer fahrigen Geste fuhr er fort: �Wir fahren zur Charit�?�</p><p>Der Arzt nickte. �Ja.�</p><p>�Dann kalkulieren Sie lieber zwanzig Minuten ein�, sagte Sendig. �Auf der Lindenallee ist eine Gro�baustelle. Die ganze City ist dicht. Hat man Ihnen nichts davon gesagt?�</p><p>�Kein Wort. Und ich habe auch nicht-�</p><p>�Ich hatte vorhin M�he, durchzukommen�, fiel ihm Sendig ins Wort. �Und das war vor einer Stunde. Jetzt sind die ganzen Verr�ckten aus den Diskotheken und Kinos auf dem Weg nach Hause.� Er �berlegte einen Moment, sah wieder aus dem Fenster und deutete dann auf die Sprechtaste, die der Arzt gerade bet�tigt hatte. �Lassen Sie ihn an der n�chsten Ampel rechts abbiegen. Wir fahren durch das Industriegebiet. Das ist weiter, geht im Moment aber schneller.�</p><p>Das klang nicht besonders �berzeugend, und der Arzt z�gerte auch tats�chlich einige Sekunden, dr�ckte aber schlie�lich doch auf die Sprechtaste und gab Sendigs Anweisung an den Fahrer weiter. Bremer sah den Kommissar fragend an. Er hatte den ganzen Tag �ber den Polizeifunk abgeh�rt und nichts von irgendeiner Baustelle erfahren, geschweige denn einem Stau. Und vor einer Stunde war Sendig ganz gewi� nicht in der N�he der City gewesen. Was hatte er vor?</p><p>Sendig quittierte seine fragend hochgezogenen Augenbrauen mit einem kurzen, aber beinahe beschw�renden Blick. Einem Blick, der Bremer mehr beunruhigte als alles andere, was bisher geschehen war. H�tte er bis zu diesem Moment noch Zweifel daran gehabt, da� Sendig unter der Maske aufgesetzter Ruhe vor Angst fast wahnsinnig wurde, so h�tte dieser Blick sie endg�ltig beseitigt Er sah einem Mann in die Augen, der um mehr f�rchtete als sein Leben.</p><p>�Glauben Sie, da� ich mit dem Jungen sprechen kann?� fragte Sendig.</p><p>�Sicher�, antwortete der Arzt. �Morgen fr�h oder in zwei Tagen oder einer Woche.�</p><p>�Das meine ich nicht�, sagte Sendig. Seine rechte Hand glitt in einer wie zuf�llig wirkenden Bewegung unter die Jacke und blieb dort. �Ich meine: jetzt, hier.�</p><p>�Machen Sie sich nicht l�cherlich�, sagte der Arzt. Er warf Sendig einen feindseligen Blick zu - �brigens nicht zum ersten Mal, seit sie losgefahren waren. Sendig hatte ihn fast gewaltsam dazu zwingen m�ssen, nicht nur Bremer, sondern auch ihn im Krankenwagen mitzunehmen, und der Arzt machte keinen Hehl daraus, da� er in mindestens einem Punkt mit Bremer �bereinstimmte: Er k�nnte Sendig nicht ausstehen. �Sie sehen doch, in welchem Zustand er ist. Selbst wenn ich ihn aufwecken k�nnte, w�rde ich es nicht tun. Aber ich kann es nicht.�</p><p>�Das ist bedauerlich�, sagte Sendig. �Aber ich f�rchte, ich mu� darauf bestehen.� Er zog die Hand unter der Jacke hervor, und sie hielt genau das, was Bremer erwartete hatte: eine Pistole, deren M�ndung er mit einer betont langsamen Bewegung auf das Gesicht des Arztes richtete.</p><p>Bremers Gedanken stockten f�r den Bruchteil einer Sekunde und begannen sich dann zu �berschlagen. Blitzartig spielte er alle M�glichkeiten durch, die er hatte. Er war Sendig nahe genug, um ihn zu packen und ihm die Waffe zu entrei�en, ehe er abdr�cken konnte. Zugleich aber sah er auch eine Entschlossenheit auf Sendigs Gesicht, die ihn warnte, da� Sendig sich nicht so einfach w�rde �berw�ltigen lassen. Ein Handgemenge in dem engen Wagen konnte fatale Folgen haben - t�dliche, sollte sich ein Schu� l�sen. Und da war noch etwas: Die Furcht in Sendigs Augen hatte die Erinnerung wieder geweckt, die er im Verlauf der letzten halben Stunde so m�hsam unterdr�ckt hatte. Die Erinnerung an das <emphasis>Ding </emphasis>auf der Treppe, den Schatten im Auto und das, was er auf dem Foto gesehen hatte.</p><p>�Sendig...� begann er z�gernd.</p><p>�Denken Sie nicht einmal daran�, unterbrach ihn Sendig. �Ich habe nichts mehr zu verlieren. Und Sie �brigens auch nicht.� Sowohl sein Blick als auch der Lauf seiner Waffe blieben starr auf den Arzt gerichtet, der dem kurzen Gespr�ch vollkommen fassungslos gefolgt war. Er sah nicht einmal erschrocken aus, sondern einfach nur verbl�fft.</p><p>�Sind... sind Sie verr�ckt geworden?� stie� er m�hsam hervor. Ohne Sendigs Reaktion abzuwarten, wandte er sich an Bremer. �Tun Sie etwas, Mann! Sie sind doch Polizist!�</p><p>�Seien Sie froh, da� er vern�nftig genug ist, nichts zu tun�, sagte Sendig. �Und jetzt wecken Sie den Jungen auf! Ich mu� darauf bestehen, Herr Doktor.�</p><p>�Das kann ich nicht�, antwortete der Arzt. Allm�hlich bekam er nun doch Angst, aber auf seinem Gesicht breitete sich auch ein Ausdruck von Trotz aus, den Bremer gut genug kannte. �Es w�rde ihn umbringen. Wollen Sie das?�</p><p>Die Pistole in Sendigs Hand bewegte sich eine Winzigkeit h�her und zielte nun genau zwischen die Augen des Arztes. �Wollen Sie lieber sterben?�</p><p>Der Arzt wurde immer nerv�ser. Aber er r�hrte sich nicht, sondern sch�rzte nun trotzig die Lippen. �Sie schie�en nicht�, behauptete er nerv�s. �Was h�tten Sie schon davon? Au�erdem kann ich ihn gar nicht wecken, selbst wenn ich wollte.�</p><p>Sendig seufzte tief. Er drehte den Kopf und sah kurz aus dem Fenster, dann stand er auf, trat in gebeugter Haltung mit einem Schritt auf den Arzt zu - und schlug ihm mit dem Lauf der Pistole quer �ber das Gesicht. Bremer fuhr erschrocken hoch, w�hrend der Arzt mit einem �berraschten Keuchen halb von seinem Schemel kippte und gegen die Liege mit dem bewu�tlosen Mark gefallen w�re, h�tte Sendig ihn nicht aufgehalten. Er stie� ihn grob auf den Schemel zur�ck und sagte in einem leisen, aber sehr entschlossenen Ton: �Ich w�re Ihnen sehr verbunden, wenn Sie es wenigstens versuchen w�rden, Herr Doktor.�</p><p>Die Sprechanlage knisterte. <emphasis>�Ist alles in Ordnung dahinten?�</emphasis></p><p>�Ja�, antwortete Sendig. �Das hei�t nicht ganz. Bitte halten Sie an der n�chsten Kreuzung an und kommen Sie nach hinten. Und Ihr Kollege auch.� Er wartete, bis das winzige Licht der Sprechanlage erlosch, dann wandte er sich wieder an den Arzt. �Also?�</p><p>�Sie sind ja wahnsinnig!� st�hnte der Mann. Er hatte die Hand auf das Gesicht gepre�t und schien h�rbar M�he zu haben, �berhaupt zu reden.</p><p>�M�glich�, antwortete Sendig. �Bedenken Sie diesen Umstand, ehe Sie irgend etwas tun.�</p><p>Bremer sa� noch immer wie gel�hmt da. Er verstand selbst nicht, warum er nichts unternahm. Es w�re die Gelegenheit gewesen, sich auf Sendig zu st�rzen und ihn zu entwaffnen. Er stand unmittelbar vor ihm, drehte ihm aber den R�cken zu, und der Lauf seiner Pistole war auf den Boden gerichtet. Selbst wenn er voraussetzte, da� Sendig verr�ckt war und auf nichts und niemanden mehr R�cksicht nehmen w�rde, standen seine Chancen nicht schlecht Aber statt es <emphasis>zu </emphasis>versuchen, sa� er nur einfach weiter da und r�hrte sich nicht. Das war also das Ende seiner Karriere, dachte er. Er h�tte auf seine innere Stimme h�ren und Sendig zum Teufel jagen sollen, als er heute morgen an seiner T�r geklopft hatte.</p><p>�H�ren Sie zu!� st�hnte der Arzt. �Sie verstehen das nicht. Der Junge hat einen schweren Schock. Das ist nicht so harmlos, wie die meisten Laien glauben. Er kann daran sterben!�</p><p>�Wenn Sie es nicht tun, werden vielleicht noch sehr viel mehr Menschen sterben, Doktor�, sagte Sendig ernst. �Ich verlange nicht, da� Sie es verstehen, aber glauben Sie mir - es geht um mehr als sein Leben. Und wenn Sie es nicht glauben wollen, bleiben Sie einfach bei Ihrer Meinung, da� ich verr�ckt und v�llig ausgerastet bin.�</p><p>Das Motorenger�usch ver�nderte sich. Bremer sah aus dem Fenster und bemerkte, da� der Wagen langsamer zu werden begann und an den Stra�enrand rollte. Sie fuhren ohne Sirene, aber mit eingeschaltetem Bl�ulicht. Nach einigen Augenblicken hielt der Wagen an. Bremer konnte h�ren, wie die beiden Sanit�ter ausstiegen und um das Fahrzeug herumeilten.</p><p>Sendig trat einen halben Schritt zur�ck und wartete, bis die beiden hinteren T�ren ge�ffnet wurden. Erst dann drehte er sich langsam herum und hob seine Waffe. �Guten Abend, meine Herren�, sagte er fr�hlich. �Es besteht kein Grund zur Panik. Betrachten Sie sich als gekidnappt. Wenn Sie vern�nftig sind und mich und meinen Begleiter nach Kuba fliegen, wird niemandem etwas geschehen.�</p><p>Niemand lachte. Die beiden M�nner starrten Sendig nur vollkommen verdattert an. Offensichtlich erging es ihnen nicht anders als dem Arzt gerade: Sie verstanden gar nicht, was geschah. �Soll... soll das ein Witz sein?� fragte einer der beiden.</p><p>�Keineswegs�, antwortete Sendig. Er l�chelte noch immer, aber eigentlich war es gar kein L�cheln. Es war eine Grimasse, �ber deren wahre Bedeutung Bremer lieber nicht nachdenken wollte. �Wenn ich Sie um Ihre Funkger�te bitten d�rfte?�</p><p>Bremers Blick fiel auf die Stra�e hinter den beiden M�nnern. Sie befanden sich in einer menschenleeren, sch�bigen Gegend - kopfsteingepflasterte Stra�en, die von tristen Industrie- und Lagerhallen ges�umt wurden und tags�ber vielleicht von Leben pulsierten, jetzt aber zum gr��ten Teil unbeleuchtet und still dalagen.</p><p>Das Blaulicht rotierte noch immer und warf zuckende Lichtreflexe auf die Ziegelsteinmauern, wie der Widerschein eines lautlosen, gleichm��igen Gewitters. Irgend etwas <emphasis>war</emphasis> dort drau�en. Bremer konnte es sp�ren. Irgendwo in diesen regelm��ig erscheinenden und wieder mit der Nacht verschmelzenden Schatten waren unsichtbare Augen, die ihn anstarrten, belauerten, gierig, drohend, abwartend... Er war da. Er war die ganze Zeit �ber in seiner N�he gewesen, ein unsichtbarer Schemen, der stets in den Schatten lauerte und dem keiner seiner Schritte entging. Ganz pl�tzlich begriff Bremer, wie sinnlos alle seine Versuche gewesen waren, vor ihm davonzulaufen. Wie konnte er vor etwas fliehen, das Teil von ihm war?</p><p>Die beiden Sanit�ter hatten mittlerweile wohl begriffen, da� Sendig keineswegs scherzte, und legten z�gernd ihre Sprechfunkger�te auf den Wagenboden. �Sehr vern�nftig�, sagte Sendig. �Und wenn ich Sie jetzt noch um Ihre Geldb�rsen bitten d�rfte? Keine Sorge - ich will Sie nicht bestehlen. Ich mochte nur sichergehen, da� Sie nicht telefonieren.�</p><p>Die M�nner gehorchten auch diesmal, aber einer sagte: �Was soll denn der Unsinn? Was glauben Sie, wie weit Sie mit der Kiste kommen?�</p><p>�Weit genug�, antwortete Sendig. Er wandte sich an Bremer: �K�nnen Sie den Wagen fahren?�</p><p>Bremer sah weiter die Stra�e hinab. Einer der Schatten dort drau�en bewegte sich in einem anderen Rhythmus als dem des flackernden Blaulichts. Er kam nicht n�her, aber er schien zu wachsen, als erhielte er mit jedem neuen Zyklus von hell nach dunkel ein wenig mehr Substanz. Er konnte ihn immer noch nicht wirklich erkennen, aber das brauchte er auch nicht. Er wu�te, was es war: etwas Gro�es, Glitzerndes, mit Klauen und Z�hnen und einem Paar gewaltiger st�hlerner Schwingen...</p><p>�Bremer?�</p><p>�Ja�, sagte der m�hsam. �Ja, okay. Ich... kann ihn fahren. Aber er hat recht - wir kommen keine zwei Kilometer weit.�</p><p>�Einen Krankenwagen zu kidnappen ist eine ziemlich bescheuerte Idee�, pflichtete ihm der Fahrer bei.</p><p>Auf Sendigs Gesicht erschien ein Ausdruck grimmiger Zufriedenheit. �Stimmt�, sagte er. Er wandte sich an den Arzt. �Doktor?�</p><p>Der Arzt starrte ihn an. �Ich beuge mich der Gewalt�, sagte er. �Aber ich warne Sie. Wenn der Junge stirbt, dann ist das Mord - und der geht auf Ihr Konto.�</p><p>Sendig antwortete nichts darauf. Nach einigen weiteren Sekunden erhob sich der Arzt, �ffnete eine Schublade und zog eine bereits fertig aufgezogene, in Cellophan eingeschwei�te Spritze hervor. �Das ist Wahnsinn�, murmelte er, w�hrend er die Verpackung abri� und die Nadel in den durchsichtigen Plastikschlauch stach, aus dem die Infusionsl�sung in Marks Vene tropfte. �Mit einer f�nfzigprozentigen Wahrscheinlichkeit wird es ihn umbringen.�</p><p>�Wie lange dauert es, bis es wirkt?� fragte Sendig unbeeindruckt.</p><p>�Keine Ahnung.� Der Arzt hob die Schultern. �F�nf Minuten... zehn. Wenn �berhaupt.�</p><p>�Wunderbar�, sagte Sendig. Er wedelte mit der Pistole. �Wenn Sie sich jetzt bitte zu Ihren Kollegen begeben w�rden, Herr Doktor. Ihr Funkger�t und Ihre Geldb�rse, bitte.�</p><p>Der Arzt legte die verlangten Gegenst�nde neben die der beiden Sanit�ter auf den Wagenboden, drehte sich dann aber noch einmal herum und zog eine weitere cellophanverpackte Wegwerfspritze aus einer Schublade. Er reichte sie Bremer. �Wenn er kollabiert, geben Sie ihm das�, sagte er. �Ich wei� nicht, ob es hilft, aber es ist das einzige, was ich noch tun kann.� <emphasis>Du h�ttest mehr tun k�nnen, </emphasis>f�gte sein Blick hinzu. <emphasis>Du h�ttest diesen Verr�ckten aufhalten k�nnen. Vielleicht kannst du es noch. Ehe er den Jungen umbringt. </emphasis>Bremer hatte nicht die Kraft, diesem Blick l�nger als eine Sekunde standzuhalten. Er schob die Spritze in die Innentasche seiner Jacke, wobei er sorgsam darauf achtete, die Nadel nicht zu verbiegen, und wandte sich ab.</p><p>Bremers Blick suchte die Stra�e ab. Es war da. Und es kam n�her; immer dann, wenn das zuckende Blaulicht f�r einen Moment erlosch, kam es n�hen eine schwarze Schim�re, die geduckt von Schatten zu Schatten sprang, wie ein Raubtier, das sich an seine Beute heranpirschte. Er war sicher, solange er hier drinnen blieb, aber wenn er den Wagen verlie�, w�rde es ihn kriegen. Er schlo� die Augen, aber es nutzte nichts. Der Terror fand <emphasis>hinter </emphasis>seinen Lidern statt.</p><p>�Geben Sie doch auf, Mann!� Der Arzt versuchte ein letztes Mal, an Sendigs Vernunft zu appellieren. �Ich... ich verspreche Ihnen, da� niemand etwas davon erf�hrt. Keiner von uns wird etwas sagen. Wenn dem Jungen nichts geschieht, vergessen wir die Sache einfach!�</p><p>Sendig deutete mit der Pistole die Stra�e hinab. �Gehen Sie, Doktor. Wenn Sie sich beeilen, sind Sie in zehn Minuten an der Hauptstra�e und k�nnen einen Wagen anhalten. Und wenn Sie noch einen guten Rat von mir wollen: Vertrauen Sie in den n�chsten Tagen niemandem. Erz�hlen Sie vor allem niemandem, da� Sie mit dem Jungen in Ber�hrung gekommen sind. Und jetzt verschwinden Sie!�</p><p>Die drei M�nner drehten sich um. Die ersten Schritte gingen sie noch langsam, aber dann verfielen sie in einen schnellen Laufschritt und rannten schlie�lich. Sendig wedelte ungeduldig mit seiner Waffe. �Bremer! Fahren Sie los. Wir haben nicht viel Zeit. Und schalten Sie dieses verdammte Blaulicht aus.�</p><p>Bremer wollte aus dem Wagen steigen, aber er konnte es nicht Er war wie gel�hmt. Das Ding war dort drau�en. Es wartete auf ihn. Er war verloren, wenn er die Sicherheit des Wagens verlie�.</p><p>�Was ist mit Ihnen, Bremer?� fragte Sendig. Er klang pl�tzlich alarmiert. �Stimmt etwas nicht?�</p><p>Bremers H�nde und Knie begannen zu zittern. Er war wieder f�nf Jahre alt und lag mit �ber den Kopf gezogener Decke im Bett, und drau�en schlich das Monster herum. Es war stickig unter der Bettdecke, es war hei�, und er bekam kaum noch Luft, aber das Monster w�rde ihn kriegen, sobald er die Decke auch nur um einen Spalt hob.</p><p>�Er... kommt�, fl�sterte Bremer.</p><p>Sendigs Augen wurden schmal. Eine Sekunde lang starrte er ihn an, dann folgte er seinem Blick und sah lange und mi�trauisch auf die Stra�e hinaus. Vielleicht nahm er ebenfalls etwas wahr, vielleicht auch nicht. Nach einigen Sekunden jedenfalls steckte er die Waffe ein und deutete �ber die Schulter zur�ck zur Fahrerkabine. �Also gut. Ich fahre. Bleiben Sie hier und achten Sie auf den Jungen.�</p></section><section><title><p>35. Kapitel</p></title><p>Petri hatte zu beten begonnen. Obwohl er ein zutiefst gl�ubiger Mensch war, hatte er seit Jahren nicht mehr gebetet. Jetzt tat er es. Seine Lippen bewegten sich lautlos, denn er hatte die Worte vergessen, aber die blo�e T�tigkeit spendete ihm Trost. Er wu�te nicht mehr, warum, aber da war etwas wie ein warmes Feedback in ihm, der Schatten einer verblassenden Erinnerung, der ihm noch eine Spur von W�rme vermittelte. Er konnte sich nicht erinnern, es getan zu haben, aber er mu�te Sillmann wohl in den n�chsten Keller gefolgt sein, denn sie waren in einem anderen Raum. Er enthielt Dinge, die ihn erschreckten, ohne da� er wu�te, warum.</p><p>�Sie haben alles dabei?� fragte... wer? Sillmann? Petri antwortete nicht, aber er h�rte, wie Sillmann sich herumdrehte und auf ihn zukam. Dann ber�hrte er ihn an der Schulter, und Petri mu�te die Augen �ffnen. Bisher hatte er es nicht gewagt. Die Dunkelheit hinter seinen Lidern machte ihm angst, aber solange er sie geschlossen hielt, konnte er sich wenigstens <emphasis>einreden, </emphasis>da� auf der anderen Seite Licht war und eine Welt, die nicht St�ck f�r St�ck erlosch.</p><p>�Was ist mit Ihnen, Doktor?� fragte der Mann, dessen Namen er vergessen hatte. �F�hlen Sie sich nicht wohl?�</p><p>Petris Blick irrte unstet durch den Raum. Die Welt war noch da, aber sie war jetzt asymmetrisch. Der Keller hatte keine geometrisch erkennbare Form mehr. Die St�cke, die die Wirklichkeit eingeb��t hatte, waren gr��er geworden. Er befand sich im Inneren eines Ballons, der unaufhaltsam schrumpfte. Aber noch war etwas da. Ein St�ck Wand, das nahtlos in die gegen�berliegende Seite des Raumes �berging, obwohl der Boden davor unversehrt geblieben war, ein Fragment der T�r, �ber dem ein sichelf�rmiges Fragment der Decke begann. Noch w�hrend er hinsah, wich wieder ein wenig Luft aus dem Ballon. Das Universum schrumpfte.</p><p>�Sie brauchen keine Angst zu haben�, sagte das Gesicht vor ihm. �Wenn wir die Nerven behalten, kann gar nichts passieren. Wir haben es schon einmal geschafft, und damals war es viel gef�hrlicher als heute.� Er sah Petri an, wartete vergebens auf eine Antwort und r�ttelte schlie�lich unsanft an seiner Schulter. Petri r�hrte sich nicht Er wu�te nicht, wer dieses Gesicht vor ihm war, und die Worte hatten jede Bedeutung verloren. Er hatte auch aufgeh�rt zu beten. Er wu�te nicht mehr, wie es ging und zu wem er h�tte beten sollen.</p><p>�Verdammt, Petri, rei�en Sie sich gef�lligst zusammen!� schnauzte Sillmann. �Machen Sie nicht ausgerechnet jetzt schlapp!� Er packte Petri an beiden Schultern und sch�ttelte ihn so heftig, da� seine Z�hne aufeinanderschlugen. �Ich brauche Sie!�</p><p>Der Raum war weiter zusammengeschmolzen. Er war jetzt kleiner, als er eigentlich sein konnte, um ihnen beiden Platz zu bieten, eine winzige, schrumpfende Blase der Wirklichkeit, um die herum nichts mehr war - nicht einmal mehr Leere. Und doch war pl�tzlich noch etwas da: eine schwarze Gestalt, die hinter dem namenlosen Gesicht vor ihm stand und ihn anstarrte. In der sich immer weiter ausbreitenden Leere in seinem Kopf blitzte noch einmal eine Erkenntnis auf: Er wu�te, <emphasis>wer </emphasis>er war, und er wu�te auch, <emphasis>warum </emphasis>er hier war. In Wahrheit war er die ganze Zeit �ber in seiner N�he gewesen, all die Jahre und Jahre, die vergangen waren.</p><p>�Ja, so ungef�hr habe ich mir das vorgestellt�, sagte Sillmann. �Aber gut - geben Sie her!� Mit einer groben Bewegung ri� er Petri die Arzttasche aus der Hand und begann hektisch darin herumzukramen. Schlie�lich hob er ein ledernes Spritzenetui in die H�he und lie� die Tasche achtlos fallen.</p><p>�Ist es das? Das ist es, nicht wahr? Also gut, dann mache ich es eben selbst. Ich werde auch allein damit fertig, verdammt. So, wie ich immer allein mit allem fertig werden mu�te.�</p><p>Er klappte das Etui auf. Darin lag eine verchromte Spritze mit gro�en Scherengriffen, in deren Glaskolben eine goldfarbene Fl�ssigkeit schimmerte. Sie war der Grund, aus dem der Vernichter gekommen war. Sie hatten ein Leben ausgel�scht, sanft, schmerzlos, aber auch ohne Gnade. Seinen schlimmsten Alptraum hatte er einem anderen angetan. Nicht der Tod, sondern die Vorstellung eines Endes, dem nichts mehr folgte, hinter dem nur noch eine allumfassend <emphasis>Leere </emphasis>wartete. Er hatte ihn get�tet, ohne ihn umzubringen.</p><p>�Petri, verdammt, <emphasis>sagen Sie etwas!� </emphasis>verlangte Sillmann. �Schei�e, das hat mir gerade noch gefehlt. Also gut, dann mache ich es allein. Stellen Sie sich in irgendeine Ecke, und zittern Sie meinetwegen ein bi�chen vor Angst, aber st�ren Sie mich wenigstens nicht.�</p><p>Petri schwieg. Er hatte vergessen, wie man sprach. Die Schw�rze in seinem Inneren war absolut, und die Welt vor seinen Augen erlosch in diesem Moment Sillmann verschwand, der letzte, winzige Ausschnitt der Wirklichkeit l�ste sich auf, und dann gab es nur noch ihn und den schwarzen Kolo�, der ihn aus unsichtbaren Augen anstarrte.</p><p>Und dann nicht einmal mehr das. Es gab nur noch ihn. Kein Hier, kein Jetzt, keine Erinnerungen oder Gef�hle; in der allumfassenden Leere, durch die er glitt, war nicht einmal mehr Platz f�r Furcht.</p><p>Petri war allein.</p><p>Die Ewigkeit wartete.</p></section><section><title><p>36. Kapitel</p></title><p>Sie konnten nur wenige hundert Meter weit gefahren sein. Sendig war einmal abgebogen und hatte den Wagen dann auf den Hof eines verlassenen Fabrikgel�ndes gelenkt und so geparkt, da� er von der Stra�e aus nicht sofort gesehen werden konnte, ehe er wieder nach hinten zu ihm und dem Jungen gekommen war. Mark war noch immer nicht wach geworden, aber Bremer hatte das Gef�hl, da� er sich jetzt ein wenig st�rker bewegte. Seine Hand suchte immer wieder nach der Spritze in seiner rechten Jackentasche. Er war beinahe froh, da� Sendig gekommen war. Die wenigen Minuten, die er allein mit dem Jungen hier hinten im Wagen zugebracht hatte, waren ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Er war nahe daran gewesen, ihm aus reiner Panik die Injektion schon jetzt zu geben.</p><p>�Warum zum Teufel wird er nicht wach?� fragte Sendig. Der Krankenwagen war zu klein, um unruhig darin auf und ab zu marschieren, und so bewegte er sich nerv�s auf der Stelle. Er sah sehr bla� aus, und in seinem Blick war noch immer das gleiche wilde Flackern, das Bremer vorhin schon so erschreckt hatte.</p><p>�Der Arzt hat von f�nf Minuten gesprochen, vielleicht sogar zehn�, sagte Bremer. �So lange sind wir noch gar nicht unterwegs.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Sendig nerv�s. �Aber f�nf Minuten k�nnen eine verdammt lange Zeit sein, wenn man wartet. Eine Ewigkeit.�</p><p>Bremer sah an ihm vorbei auf das Gesicht des bewu�tlosen Jungen herab, und pl�tzlich ergriff ihn ein Gef�hl von Unwirklichkeit. Dies alles war ein Alptraum, damit hatte er sich schon abgefunden - aber nun begann er wirklich <emphasis>absurd </emphasis>zu werden. Gro�er Gott, hatte er das wirklich alles erlebt? Sa� er wirklich hier und hatte Sendig dabei geholfen, einen Krankenwagen zu kidnappen und einen halbtoten Jungen zu entf�hren?!</p><p>�Sagen Sie mir, warum�, fl�sterte er. Seine Stimme war ganz leise, aber sie klang verzweifelt, beinahe Sehend. �Bitte sagen Sie mir, warum ich das alles getan habe!�</p><p>�Wissen Sie das immer noch nicht?� antwortete Sendig, beinahe ebenso leise, aber in einem g�nzlich anderen Ton. �Wegen dem, was Sie gesehen haben.� Er machte eine Kopfbewegung zur T�r. �Wegen des <emphasis>Dings, </emphasis>das dort drau�en auf Sie wartet. Aber wissen Sie was, mein Freund? Sie k�nnen rennen, so weit und so lange sie wollen - es wird immer schon da sein, wenn Sie ankommen. Es ist nicht dort drau�en. Es ist in <emphasis>Ihnen.�</emphasis></p><p>Bremer sah ihn gro� an. �Sie wissen - ?�</p><p>Sendig unterbrach ihn; Die Karikatur eines L�chelns verzerrte seine Lippen, aber nicht einmal sie vermochte die Furcht in seinem Blick auszul�schen. �Sehen Sie doch in den Spiegel, Mann�, sagte er. �Ich wei� nicht, was Sie dort drau�en gesehen haben, oder vorhin, im Treppenhaus im Pr�sidium, und, ehrlich gesagt, ich bin auch nicht scharf darauf, es zu wissen. Aber was immer es ist, es treibt Sie vor Angst fast in den Wahnsinn - habe ich recht?�</p><p>Bremer nickte. Er schwieg.</p><p>�Sehen Sie�, sagte Sendig leise und nun gar nicht mehr l�chelnd, �und das ist der Grund, aus dem wir hier sind. Aus dem dieser arme Junge da wahrscheinlich die Nacht nicht �berlebt, aus dem ein Dutzend Menschen gestorben oder verr�ckt geworden sind und aus dem sie uns jagen.�</p><p><emphasis>�Sie. </emphasis>Es sind die gleichen, die Sie damals -�</p><p>�Die mich gekauft haben, ja�, fiel ihm Sendig ins Wort. �Sprechen Sie es ruhig aus. Ich habe mich kaufen lassen, und es war der gr��te Fehler meines Lebens. Sie haben mir nicht gesagt, was ich wirklich daf�r bezahlen mu�.�</p><p>�Und wer sind... sie?� fragte Bremer z�gernd.</p><p>Sendig hob die Schultern. �Ich wei� es nicht. Der MAD, der Verfassungsschutz, die Amerikaner... Wahrscheinlich alle zusammen. Ich habe versucht, es herauszubekommen, aber es ist mir nicht gelungen. Auf jeden Fall steckt die CIA mit drin und das Pentagon. Es sind die gleichen, die Sillmann bezahlt haben, aber das ist auch alles, was ich wei�.�</p><p>�Sillmann?�</p><p>�Sillmann�, best�tigte Sendig. Er warf einen pr�fenden Blick in Marks Gesicht, als wolle er sich davon �berzeugen, da� der Junge noch schlief und nicht etwa h�rte, was er sagte. �Seinen Vater. Und L�bach. Und wahrscheinlich noch eine ganze Menge anderer. Die meisten von ihnen d�rften mittlerweile tot sein. Es lohnt sich selten, ein Gesch�ft mit dem Teufel zu machen.� Er schwieg f�r einige Sekunden, dann griff er in die Manteltasche und zog eine Packung Zigaretten hervor. Die Luft im Wagen wurde schon nach dem ersten Zug schlecht, und Bremer mu�te husten, aber er protestierte nicht.</p><p>�Ich habe Sie belogen, als ich behauptet habe, da� ich nicht wei�, was die Schrift an L�bachs Wand bedeutet�, fuhr er nach einer Weile fort �AZRAEL - erinnern Sie sieh?�</p><p>�Der Todesengel?�</p><p>�Auch�, sagte Sendig. �Aber in diesem Fall nicht. Es ist der Name einer Droge. Ich wei� nicht alles dar�ber, aber genug, um mir den Rest zusammenreimen zu k�nnen. L�bach und Sillmann haben sie gemeinsam entwickelt. Ich glaube, sie hatten vor, so etwas wie eine unsch�dliche Ersatzdroge zu entwickeln, eine Art Methadon, vielleicht sogar wirklich in bester Absicht. Aber herausgekommen ist etwas ganz anderes. Inwieweit kennen Sie sich mit Drogen aus, Bremer?�</p><p>�Soweit <emphasis>mein </emphasis>Job es verlangt�, antwortete Bremer. Nach einer Sekunde f�gte er hinzu: �Nicht besonders.�</p><p>�Aber Sie wissen immerhin, da� es Drogen gibt, die das Bewu�tsein auf eine ganz bestimmte Weise ver�ndern?� fragte Sendig. �Ich meine, sie erzeugen nicht nur Halluzinationen, sondern... erweitern Ihr Bewu�tsein.�</p><p>�Das sagt man�, sagte Bremer. �Aber ich glaube es nicht.�</p><p>�Glauben Sie es ruhig�, antwortete Sendig. �AZRAEL wirkt jedenfalls genau so. Sie gehen auf einen Trip, aber es ist ein ganz besonderer Trip. Sehen Sie - Sillmann und L�bach haben am Anfang wahrscheinlich nicht einmal selbst gewu�t, <emphasis>was </emphasis>sie da gefunden haben, aber ich denke, es mu� ihnen sehr schnell klargeworden sein. AZRAEL war nicht irgendein Acid, das man sich einwirft, sondern ein...� Er suchte nach Worten und zog zwischendurch nerv�s an seiner Zigarette. �Haben Sie schon einmal von Peyote geh�rt?�</p><p>Bremer verneinte.</p><p>�Eine Droge, die - unter anderem - die s�damerikanischen Indianer konsumieren�, sagte Sendig. �Nehmen Sie sie allein, wirkt sie wie irgendeine Droge. Aber in der Gruppe eingenommen, und vor allem �ber l�ngere Zeit, bewirkt sie tats�chlich eine Art von Gemeinschaftserlebnis.�</p><p>�Sie meinen, gemeinsame Halluzinationen?� vergewisserte sich Bremer.</p><p>�Auch�, best�tigte Sendig. Er seufzte. �Aber nicht nur. Wenn ein paar Leute das Zeug gemeinsam einnehmen, dann werden sie irgendwie... eins. Sie haben die gleichen Gef�hle, die gleichen Gedanken.�</p><p>�Das klingt ein bi�chen phantastisch, finden Sie nicht?� fragte Bremer.</p><p>�Ich habe es ausprobiert�, sagte Sendig.</p><p>Das Eingest�ndnis �berraschte Bremer nicht einmal. �Und AZRAEL?�</p><p>�Hatten Sie einmal einen VW-K�fer oder eine Ente?� fragte Sendig.</p><p>Bremer nickte. �Ja. Aber -�</p><p>�Dann wissen Sie, wie Peyote wirkt�, sagte Sendig. �Und jetzt versuchen Sie sich einen Ferrari Testarossa daneben vorzustellen oder eine Mondrakete, und Sie haben AZRAEL. Sillmann und L�bach haben eine Droge entwickelt, mit der sich die Gef�hle einer beliebigen Gruppe von Menschen verschmelzen lassen - und wahrscheinlich nicht nur ihre Gef�hle. Und sie kann noch mehr. Haben Sie AZRAEL einmal eingenommen und sich daran gew�hnt, dann k�nnen Sie jedes Gef�hl - Liebe, Ha�, Angst, Gl�ck - bis ins Unerme�liche steigern. Aber L�bach und Sillmann fanden noch etwas anderes, h�chst Erstaunliches heraus: Nahm eine Gruppe von Menschen gemeinsam AZRAEL, dann dominierten die Gef�hlsw�nsche desjenigen, der die h�chste Dosierung eingenommen hatte, die ver�nderten Gef�hle der <emphasis>ganzen Gruppe. </emphasis>Begreifen Sie, was das bedeutet?�</p><p>�Nicht.... genau�, sagte Bremer - obwohl er es nur <emphasis>zu genau</emphasis> verstand.</p><p>�Die totale Kontrolle�, sagte Sendig. �Sie werden im Grunde nicht wirklich s�chtig nach der Droge. Sie werden s�chtig nach dem, der die Gruppe beherrscht. Er wird Ihr Gott. Er kann Ihnen befehlen, was er will, und er mu� Sie nicht einmal zwingen, seinen W�nschen zu gehorchen - weil Sie eigentlich <emphasis>er </emphasis>sind. Es gibt eine Menge Drogen, die die Pers�nlichkeit ver�ndern. Aber AZRAEL kann sie <emphasis>ausl�schen </emphasis>und Ihnen eine andere geben, ohne da� es irgend jemand bemerkt Nicht einmal Sie selbst.�</p><p>�Das w�rde bedeuten -�</p><p>�Die absolute Macht�, sagte Sendig. �Der H�chstdosierte konnte seine Gef�hle den anderen Mitgliedern der Gruppe einfach aufzwingen... F�r das Milit�r lie�en sich da �u�erst interessante Anwendungsm�glichkeiten vorstellen. Leider machte L�bach in seinem Forschungseifer einen verh�ngnisvollen Fehler. Um endlich mit gen�gend Menschen experimentieren zu k�nnen, redete er seiner drogenbegeisterten Freundin ein, man k�nnte mit der harmlosen Droge - vergessen Sie nicht, AZRAEL macht nicht s�chtig, zumindest nicht physisch - die Lernf�higkeit von Menschen steigern und bereite abh�ngige Jugendliche heilen. So entstand eine Art Meditationsgruppe gr��tenteils drogens�chtiger Jugendlicher, die unter L�bachs Aufsicht auf AZRAEL umprogrammiert wurden - wobei L�bach die anderen v�llig dominierte. Er erzielte erstaunliche Erfolge. Es dauerte nicht lange, bis das Ger�cht von einer neuen Wunderdroge die Runde machte. So etwas war damals allerdings fast allt�glich. Sie wissen ja, wie das vor ein paar Jahren war. Jede Woche brachte irgendein verr�ckter Chemiestudent eine neue Designer-Droge auf den Markt. Trotzdem - ich war damals schon hinter L�bach her, aber ich konnte ihm nie etwas beweisen. Heute ist mir klar, warum. Er hatte Freunde. Ziemlich m�chtige Freunde, die ihn gedeckt haben.�</p><p>�Und was hat <emphasis>er </emphasis>damit zu tun?� Bremer deutete auf Mark. �Ich meine - als die ganze Geschichte passierte, da kann er doch noch gar nicht gelebt haben.�</p><p>�Stimmt�, sagte Sendig. �AZRAEL war trotz allem ein Fehlschlag. Sie kamen erstaunlich weit, aber L�bachs Ziel, die totale Kontrolle, haben sie nie erreicht. Ich wei� nicht, was schiefging. Irgend etwas fehlte vielleicht... Keine Ahnung. Jedenfalls versiegte Sillmanns Geldquelle irgendwann, und ich nehme an, sie haben ihm auch zu verstehen gegeben, da� sie ihn nicht weiter decken w�rden. Auf jeden Fall haben sie aufgeh�rt. F�r eine Weile wenigstens.�</p><p>�Aber sp�testens dann h�tten Sie ihn schnappen k�nnen�, sagte Bremer.</p><p>�L�bach?� Sendig lachte. �Sie kennen unsere BMW-fahrenden Freunde nicht. Einmal dabei, immer dabei. Sie haben ihm auf die Finger geklopft, aber glauben Sie wirklich, sie h�tten zugelassen, da� ein kleiner Polizeibeamter wie ich anf�ngt, ihn zu verh�ren? Ich h�tte eine Menge unangenehmer Fragen stellen k�nnen - und sie h�tten vielleicht nicht nur L�bach und Sillmann betroffen.�</p><p>�Aber irgendwann hat er dann wieder angefangen�, vermutete Bremer.</p><p>�Er hat nie aufgeh�rt�, verbesserte ihn Sendig. �Er war nur vorsichtiger. Und sie haben etwas gesucht. Etwas ganz Bestimmtes. Und schlie�lich haben sie es gefunden.� Er deutete auf Mark. �Ihn.�</p><p>�Was?�</p><p>�Er ist etwas Besonderes�, sagte Sendig. �Verstehen Sie mich nicht falsch - er ist weder Superboy noch irgendeine Art Wunderkind. Aber er war <emphasis>da, </emphasis>und er war jederzeit und v�llig gefahrlos greifbar.�</p><p>Bremers Augen weiteten sich vor Unglauben, als er begriff, was Sendig meinte. �Moment�, sagte er. �Sie... Sie wollen behaupten, Sillmann h�tte <emphasis>mit seinem eigenen Kind </emphasis>experimentiert?�</p><p>�Schockiert Sie das?� fragte Sendig ruhig. �Bremer, in welcher Welt leben Sie? Wissen Sie �berhaupt, wozu Menschen f�hig sind?�</p><p>�Aber das ist...�</p><p>�Ungeheuerlich?� schlug Sendig vor. �Unmenschlich? Grausam? M�glich. Ich werde Sillmann fragen, wenn wir ihn treffen. Vielleicht hatte er auch andere Gr�nde, wer wei�. Ich habe das alles nicht auf einmal herausgefunden. Ich trage seit sechs Jahren St�cke eines Puzzlespieles zusammen, und ich habe l�ngst nicht alle gefunden. Aber was ich wei�, ist, da� L�bach und Sillmann offensichtlich mit dem Jungen experimentiert haben. Sie haben eine neue Version von AZRAEL gebastelt - sozusagen eine Mark-Sillmann-Version.�</p><p>�Das verstehe ich nicht�, gestand Bremer.</p><p>�Drogen wirken auf die K�rperchemie des Menschen�, sagte Sendig. �Und dieses neue AZRAEL, das L�bach entwickelt hat, wirkte ganz gezielt auf die des Jungen. Er mu� die Droge sozusagen ma�geschneidert haben. Die Idee war nicht einmal besonders neu, aber L�bach und Sillmann waren die ersten, die sie in die Tat umgesetzt haben. An ihren eigenen Kindern. Mark Sillmann und Claudia L�bach. Und soviel ich wei�, hatten sie Erfolg.� Sein Gesicht verd�sterte sich. �Wahrscheinlich mehr, als sie wollten. Das geh�rt zu den Mosaiksteinen, die mir noch fehlen. Ich wei� nicht, was genau geschehen ist. L�bach mu� wohl eine neue AZRAEL-Gruppe gegr�ndet haben. Mark, Claudia und noch sechs oder sieben andere Kinder, alle ungef�hr im gleichen Alter. Ich sch�tze, da� es ein, zwei Jahre lang gutgegangen ist.�</p><p>�Und dann?�</p><p>�Irgend etwas ist passiert�, antwortete Sendig. �Niemand wei� genau, was. Irgend etwas... <emphasis>Unvorstellbares. </emphasis>Sie haben es ja selbst gesehen. Irgend etwas ist schiefgegangen, aber ich wei� nicht, was. Und ich bin ziemlich sicher, da� L�bach und Sillmann es auch nicht genau wu�ten. Auf jeden Fall waren vier von ihnen tot - und der Rest vielleicht noch schlimmer dran.� Er sah wieder auf Mark herab, und es vergingen lange Sekunden, bis er weitersprach. �Aber was immer es war - es hat mit <emphasis>ihm </emphasis>zu tun.�</p><p>�Wieso?� fragte Bremer.</p><p>Sendig lachte bitter. �Mann, ich denke, Sie sind Polizeibeamter! Z�hlen Sie zwei und zwei zusammen. Er war nicht mehr in diesem Keller, als wir gerufen wurden, oder?�</p><p>�Sillmann wird ihn weggeschafft haben�, vermutete Bremer.</p><p>�Nat�rlich hat er das�, sagte Sendig. �Aber er ist auch der einzige, der <emphasis>nicht </emphasis>den Verstand verloren hat, nicht wahr? Er ist einfach verschwunden. Und jetzt taucht er nach sechs Jahren wieder auf, und pl�tzlich scheint alles von vorne loszugehen. Ich wei�, es f�llt schwer, es zu glauben, wenn man ihn so da liegen sieht, aber ich sch�tze, da� dieser harmlose Junge die anderen auf dem Gewissen hat. Auch wenn es nicht seine Schuld ist.�</p><p>�Was ist... mit dem M�dchen geschehen?� fragte Bremer schleppend. Er hatte M�he, sich auf das Sprechen zu konzentrieren. Sendigs Geschichte schockierte ihn zutiefst. Er wu�te, da� Menschen zu den furchtbarsten Dingen imstande waren, aber das war... monstr�s.</p><p>�Bis vor ein paar Stunden hatte ich keine Ahnung�, sagte Sendig. �Das war einer der fehlenden Steine. Ich habe mich die ganze Zeit �ber gefragt, warum <emphasis>er </emphasis>es �berstanden hat und das M�dchen nicht. Bis ich die Cassette in Artners Wohnung gesehen habe. Das M�dchen auf dem Film ist Claudia L�bach. Sie ist ein paar Jahre �lter geworden, aber es gibt gar keinen Zweifel.�</p><p>�Oh�, sagte Bremer. �Jetzt verstehe ich, warum Sie so erschrocken waren, als ich sie wiedererkannt habe.�</p><p>�Sie verstehen?� Sendig lachte leise. Ohne sich zu Bremer herumzudrehen oder den Blick auch nur eine Sekunde von Marks Gesicht zu wenden, sagte er. �Das glaube ich nicht, Bremer. Das M�dchen auf dem Videoband und die Kleine, mit der sich Mark in der Klinik getroffen hat, sind ein und dieselbe Person, sagen Sie?�</p><p>�Ja�, antwortete Bremer. �Was... was soll das? Sie haben sie doch auch gesehen, als sie zusammen aus Sillmanns Haus gekommen sind. Sie <emphasis>ist </emphasis>es.�</p><p>�Aber das ist nicht m�glich�, erwiderte Sendig. Ganz langsam drehte er sich nun doch zu Bremer herum und sah ihn durchdringend an. �Da ist noch eine Kleinigkeit, die ich Ihnen nicht erz�hlt habe. Sie haben heute morgen nicht nur Professor Artners Leiche in der Zelle gefunden, sondern auch ihre. Sie ist im gleichen Moment gestorben wie er. Claudia L�bach ist seit zweiundzwanzig Stunden tot.�</p></section><section><title><p>37. Kapitel</p></title><p>Er hatte die Schritte bereits geh�rt, als sie die Treppe heruntergekommen waren, aber Sillmann drehte sich erst herum, als die M�nner den Keller betraten. Sie waren zu dritt - Berger und zwei andere, die er nicht kannte, die sich aber auf die gleiche Weise �hnelten wie alle, die er jemals in Bergers Begleitung gesehen hatte. Sie waren gro� und kr�ftig, und ihre kantigen Gesichter und der harte Ausdruck in den Augen suggerierten eine fehlende Intelligenz, die sehr wohl da war, sich nur sorgsam verbarg. M�nner wie Berger w�rden keine Dummk�pfe in ihrer N�he dulden. Vielleicht war das, was er f�r einen Ausdruck mangelnder Intelligenz hielt, auch nur der Blick von M�nnern, denen sorgsam und mit Erfolg jede Spur von Gewissen wegtrainiert worden war.</p><p>�Sie kommen sp�t�, sagte er. �Ich habe schon eher mit Ihnen gerechnet.� Berger - der Name klang so falsch, da� er beinahe schon wieder echt sein konnte - funkelte ihn zornig an. <emphasis>Seine </emphasis>Augen wirkten intelligent, aber auf eine Art, die Sillmann von der ersten Sekunde ihrer Bekanntschaft an angst gemacht hatte und es noch immer tat.</p><p>�Es gab... ein paar Schwierigkeiten�, sagte er.</p><p>�Schwierigkeiten?� Sillmann l�chelte d�nn. �Hat er ihre M�nner abgeh�ngt?�</p><p>In Bergers Augen blitzte es noch w�tender auf, aber noch beherrschte er sich. �Ja�, sagte er gepre�t. �So k�nnte man es nennen.�</p><p>�Er hat sie umgebracht�, vermutete Sillmann. Diesmal antwortete Berger nicht.</p><p>Statt dessen kam er mit langsamen Schritten n�her, blieb zwei Meter vor Sillmann stehen und deutete auf Petri, der zusammengekauert in einer Ecke sa� und aus leeren Augen in die Unendlichkeit starrte. �Was ist mit ihm?� fragte er.</p><p>�Er hat auch <emphasis>Schwierigkeiten�, </emphasis>antwortete Sillmann. Er hatte die linke Hand noch immer in der Manteltasche, und sie umklammerte noch immer den Griff der kleinen Pistole, die er vorhin aus dem Handschuhfach genommen hatte. Er hatte die Waffe entsichert, als er Bergers Schritte drau�en auf der Treppe h�rte, aber er bezweifelte trotzdem, da� sie ihm etwas nutzen w�rde. Die beiden Burschen hinter Berger beobachteten ihn mi�trauisch, und Sillmann wu�te, wie gef�hrlich diese M�nner waren. Einer von beiden w�rde ihn wahrscheinlich erwischen, entweder mit einer Waffe oder sogar mit blo�en H�nden. Sillmann beschlo�, Berger als ersten zu erschie�en, wenn es sein mu�te.</p><p>�Sie hatten schon immer einen Hang zu melodramatischen Szenen, wie?� fragte Berger. �Konnten Sie sich keinen anderen Ort f�r dieses Treffen aussuchen?�</p><p>Sillmann sah jetzt, da� das, was er f�r m�hsam unterdr�ckten Zorn gehalten hatte, in Wahrheit Nervosit�t war. Die Erkenntnis �berraschte ihn. Berger hatte niemals irgendeine menschliche Regung gezeigt, die �ber �rger oder Hohn hinausging, so lange sie sich kannten. Aber vermutlich hatte er so etwas wie heute auch noch nie erlebt. Sillmann war jetzt sicher, da� er mit seiner Vermutung ins Schwarze getroffen hatte. Bergers M�nner waren tot.</p><p>�Das hier ist der <emphasis>einzige </emphasis>Ort�, sagte er. �Er wird hierherkommen.�</p><p>�Woher wollen Sie das wissen?� fragte Berger.</p><p>�Ich wei� es eben�, antwortete Sillmann. �Sind Sie allein, oder haben Sie drau�en noch Leute postiert?�</p><p>�Nat�rlich�, sagte Berger voller Zynismus. �Die komplette GSG 9 ist auf dem Gel�nde verteilt, und �ber den Wolken wartet eine Hubschrauberstaffel auf den Einsatzbefehl.� Er lachte. �Keine Angst - wir werden mit ihm fertig. Wof�r halten Sie diesen Jungen? F�r Superman?�</p><p><emphasis>Ich wollte, ich w��te es, </emphasis>dachte Sillmann. Laut sagte er: �Die Frage ist, wof�r <emphasis>Sie </emphasis>ihn halten.�</p><p>�Ich?� Berger machte erregt einen Schritt auf ihn zu und gleich wieder zur�ck - vielleicht die Sicherheitsdistanz eines Menschen, der es gewohnt war, nicht nur mit Worten zu k�mpfen. �Das werde ich Ihnen sagen, Sillmann! Ich halte ihn f�r genau das, was er ist - ein Monstrum, ein gef�hrlicher Geisteskranker, ein Amokl�ufer. Und genauso werden wir ihn behandeln, wenn er hier auftaucht.�</p><p>�Sie werden ihn nicht anr�hren�, sagte Sillmann ruhig. �Er ist mein Sohn.�</p><p>�Ja, das hat Frankenstein damals wahrscheinlich auch gesagt�, antwortete Berger zynisch. �Er ist ein verdammtes Ungeheuer! Und Sie haben es erschaffen. Sie und dieser Idiot L�bach. Ihr Sohn? Er kann sein, wer er will. F�r mich ist er ein Monster, und genauso werden wir ihn auch behandeln, wenn er herkommt. Er hat f�nf meiner Leute umgebracht, einfach so.�</p><p>�Sie wollen ihn t�ten�, sagte Sillmann ruhig. Er sch�ttelte den Kopf und sah sekundenlang nachdenklich auf die zusammengekauerte Gestalt an der Wand neben sich herab. �Davon abgesehen, da� ich nicht glaube, da� Sie das schaffen - dann w�re alles umsonst gewesen.�</p><p>�H�ren Sie auf, Sillmann!� fauchte Berger. �Das zieht nicht mehr. Sie haben uns lange genug hingehalten.�</p><p>�Ich werde nicht -�</p><p>�Sie werden gar nichts mehr!� fiel ihm Berger in schneidendem Tonfall ins Wort. �Es ist vorbei, haben Sie das immer noch nicht begriffen? Das Projekt ist gestoppt. Wir sind hier, um die Akte endg�ltig zu schlie�en, aus keinen anderen Grund. Was denken Sie, habe ich vor - zuzusehen, wie er weiter durch die Gegend rennt und Menschen umbringt?�</p><p>�Aber ich kann ihn aufhalten!� sagte Sillmann.</p><p>Berger schnaubte. �Oh, das k�nnen wir auch. Und, mit Verlaub gesagt, besser.�</p><p>�Sie verstehen nicht�, sagte Sillmann. Er blieb noch immer ganz ruhig, sowohl nach au�en als auch innerlich. Sie sprachen hier �ber seinen Sohn, sein eigenes Kind, und trotzdem empfand er nicht einmal wirklichen Schrecken bei dem Gedanken, da� Berger und seine beiden Begleiter hier waren, um ihn zu t�ten. Er w�rde es nicht zulassen, so einfach war das.</p><p>�Ich verstehe <emphasis>was </emphasis>nicht?� fragte Berger sp�ttisch. �Da� Sie uns seit sechs Jahren an der Nase herumf�hren? Wieviel haben Sie aus Washington kassiert, Sillmann? F�nf Millionen? Zehn? Oder war es mehr?�</p><p>�Darum geht es nicht�, sagte Sillmann. �Begreifen Sie doch! Damals war er einfach noch nicht soweit, aber jetzt ist er es! Er ist genau das, was Sie haben wollten!�</p><p>�Was?� fragte Berger. �Ist er der Terminator oder Alien?�</p><p>�Sie sind ein Idiot, Berger�, sagte Sillmann ruhig. �Sie haben nie verstanden, worum es wirklich ging, nicht wahr?�</p><p>�Ich verstehe immerhin, was dabei herausgekommen ist�, antwortete Berger. Die Beleidigung schien er nicht einmal zu registrieren. �Und ich werde es beenden.�</p><p>�Sie wollen tats�chlich aufgeben?� fragte Sillmann. �Jetzt? Nicht f�nf Minuten bevor, sondern <emphasis>nachdem </emphasis>wir Erfolg gehabt haben?�</p><p>�Es ist vorbei, Sillmann�, sagte Berger noch einmal. �Endg�ltig.�</p><p>�Ja�, sagte Sillmann leise. �Das f�rchte ich auch.�</p><p>Er beging nicht den Fehler, die Waffe zu ziehen, sondern feuerte durch den Stoff der Manteltasche hindurch. Die erste Kugel traf den Mann links von Berger und t�tete ihn auf der Stelle, und der andere reagierte genau so, wie Sillmann erwartet hatte: Er versuchte nicht, eine Waffe zu ziehen, sondern warf sich mit einer blitzartigen komplizierten Drehbewegung nach rechts, die ihn zugleich aus der Schu�bahn als auch in eine Position gebracht h�tte, aus der heraus er Sillmann angreifen konnte.</p><p>Es w�re ihm zweifellos auch gelungen, h�tte Berger nicht falsch reagiert. Er machte einen erschrockenen Schritt zur�ck und prallte gegen ihn. Der Mann geriet f�r einen winzigen Moment aus dem Gleichgewicht. Er fing sich sofort wieder, aber seine Bewegungen hatten etwas von ihrer Eleganz und Schnelligkeit verloren. Nicht viel, aber genug f�r Sillmann, die Pistole aus der Manteltasche zu ziehen und zweimal hintereinander abzudr�cken.</p></section><section><title><p>38. Kapitel</p></title><p>�Sie wissen, da� das unm�glich ist�, sagte Bremer. Er wunderte sich selbst �ber die Ruhe in seiner Stimme, und zugleich fragte er sich, warum er eigentlich nicht laut �ber seine eigenen Worte lachte. Unm�glich? Es war genau umgekehrt. Wieviel von dem, was er in den vergangenen vierundzwanzig Stunden erlebt hatte, war eigentlich <emphasis>m�glich? </emphasis>Sendig machte sich auch nicht einmal die M�he, darauf zu antworten.</p><p>Bremers H�nde zitterten immer st�rker. Seit Sendig zur�ckgekommen war, war die hysterische Furcht nicht mehr ganz so schlimm; er war nicht mehr allein, und er f�hlte sich auf eine wenn auch vollkommen unlogische Art sogar <emphasis>sicherer,</emphasis> seit er wu�te, da� das, was mit ihm geschah, irgendwie mit dem bewu�tlosen Jungen auf der Trage zu tun hatte - vielleicht, weil es ihm trotz allem immer noch nicht gelang, ihn als seinen Feind zu betrachten. Wenn Sendig recht hatte (verdammt noch mal, das <emphasis>konnte </emphasis>er nicht! Was er erz�hlte, war schlechte Sciencefiction, mehr nicht), dann war Mark ungef�hr so harmlos wie eine Bombe mit tickendem Zeitz�nder, dessen Zifferblatt er nicht lesen konnte, und trotzdem war alles, was er f�r ihn empfand, ein Gef�hl tiefen Mitleids, und wenn er �berhaupt Zorn versp�rte, dann nur auf die, die ihm das alles angetan hatten: Marks Vater, L�bach und die M�nner in den blauen Wagen.</p><p>Daf�r machte ihm etwas anderes zu schaffen, und das war vielleicht schlimmer. Er begann den Bezug zur Realit�t zu verlieren. Er wu�te nicht mehr, was wirklich war und was Vision. Die Schatten, die ihn verfolgten, die M�nner, gegen die er gek�mpft hatte - was davon hatte er wirklich erlebt und was nicht? F�r einen Moment fragte er sich, ob der ganze zur�ckliegende Tag vielleicht nicht mehr als ein Alptraum gewesen sei, ein Traum, aus dem er einfach nicht aufwachen konnte, ganz egal, wie sehr er es auch versuchte. Irgend etwas kratzte an der Au�enseite des Wagens. Das Ger�usch war sehr leise, kaum wirklich h�rbar, aber es jagte Bremer einen eisigen Schauer �ber den R�cken. Er wu�te, was es war.</p><p>Sendig sog wieder an seiner Zigarette, hustete und reagierte nun doch auf seine Worte. �Ja. Genauso unm�glich wie das, was Mogrod zugesto�en ist. Oder Ihrem Kollegen Hansen. Oder L�bach. Artner... Soll ich weitermachen? Sie sind alle tot, Bremer. Alle, die damals dabei waren.�</p><p>�Alle au�er Ihnen�, sagte Bremer. �Jetzt verstehe ich endlich. Das ist der Grund, weshalb Sie pl�tzlich Ihr Gewissen wiederentdeckt haben, nicht? Ihr Name steht auch auf der Liste. Und mittlerweile wahrscheinlich ganz oben!�</p><p>�Und wenn?� fragte Sendig. �Ist es ein Verbrechen, �berleben zu wollen?�</p><p>�Manchmal ja�, antwortete Bremer. �Es kommt auf die Umst�nde an. Und darauf, was es kostet. Und ich habe Ihnen tats�chlich geglaubt! Sie haben mir etwas von Ihrem Gewissen erz�hlt und davon, da� Sie sich nicht noch einmal kaufen lassen wollen. Aber das war alles gelogen. Sie hatten einfach nur Angst.�</p><p>�Ja�, gestand Sendig. �Aber es war trotzdem nicht gelogen. Es war <emphasis>einer </emphasis>von <emphasis>zwei </emphasis>Gr�nden. Was ich Ihnen heute morgen erz�hlt habe, war die Wahrheit, glauben Sie es, oder lassen Sie es bleiben.�</p><p>�Sie sind ein verdammter Feigling�, murmelte Bremer. �Was mit dem Jungen passiert oder Hansen oder mir, ist Ihnen doch v�llig egal!�</p><p>�Haben Sie den Ausdruck auf Mogrods Gesicht gesehen?� fragte Sendig leise. Bremer sah ihn fragend an.</p><p><emphasis>�Ich </emphasis>habe ihn gesehen�, fuhr Sendig fort. �Und �brigens auch den auf dem Artners - und auf Ihrem eigenen, so ganz nebenbei. Begreifen Sie es immer noch nicht, Sie Trottel? Irgend jemand ist dabei, die gro�e Schlu�rechnung zu machen, und was all diesen anderen armen Hunden passiert ist, wird auch mir passieren. Und wahrscheinlich auch Ihnen. Und glauben Sie mir, was immer es ist, es ist schlimmer als der Tod.� Er machte eine zornige Handbewegung. �M�glicherweise passiert es gar nicht wirklich. Vielleicht bilden wir uns das tats�chlich alles nur ein. Aber wissen Sie was, Bremer? Ich sch�tze, es ist egal. Das Ergebnis bleibt sich gleich, wenigstens f�r uns.�</p><p>Pl�tzlich schrie er, �Ich wei� nicht, <emphasis>was </emphasis>dieser Junge da ist, aber es ist mir auch egal! Ich werde jedenfalls nicht tatenlos zusehen, wie mir dasselbe passiert wie den anderen!�</p><p>�Und was wollen Sie tun?� fragte Bremer leise. �Auf Gespenster schie�en?�</p><p>Bevor Sendig antworten konnte, h�rten sie ein leises St�hnen. Bremer sprang so heftig auf, da� er fast gegen Sendig geprallt w�re, und beugte sich �ber die Trage auf der anderen Seite. Mark bewegte sich. Sein Gesicht war noch immer so unnat�rlich bleich wie zuvor. Seine H�nde �ffneten und schl�ssen sich unentwegt, und seine Fingern�gel verursachten ein unangenehmes kratzendes Ger�usch auf dem Kunstlederbezug der Trage. Er zitterte am ganzen Leib, und Bremer fiel auf, da� sein Schwei� pl�tzlich durchdringend und sauer roch. Vielleicht stand er am Lager eines Sterbenden. Aber seine Lider waren jetzt nicht mehr ganz geschlossen. Seine Aug�pfel blickten tr�b.</p><p>�Mark?� fragte Sendig. �Sind Sie wach?�</p><p>Mark st�hnte wieder. Seine Fingern�gel h�rten auf, diese schrecklichen kratzenden Ger�usche zu verursachen, und seine H�nde schl�ssen sich mit einem Ruck zu F�usten. Sendig legte ihm die Hand auf die Stirn und zog sie so hastig wieder zur�ck, als h�tte er sich verbrannt.</p><p>�K�nnen Sie mich verstehen, Mark?� fragte er. �Antworten Sie, wenn Sie es k�nnen. Versuchen Sie es! Es ist wichtig!�</p><p>Die Lider des Jungen hoben sich weiter. Sein Blick war noch immer verschleiert. Einen Moment lang irrten seine Augen haltlos hin und her, dann gelang es ihnen, sich auf Sendigs Gesicht zu fixieren. Ein d�nner Speichelfaden lief aus seinem Mund und zog eine glitzernde Spur �ber sein Gesicht, als er zu sprechen versuchte.</p><p>�Clau... wo... wo ist... sie?�</p><p>�Sie ist nicht hier�, antwortete Sendig. �Aber Sie lebt, keine Angst. Ihr ist nichts geschehen. Verstehen Sie mich?�</p><p>Mark war zu schwach, um zu nicken, aber er deutete es mit einer Bewegung der Augen an. �... lebt... zu ihr...�</p><p>�Wir bringen Sie zu ihr�, sagte Sendig. �Keine Angst. Es ist alles in Ordnung. Warten Sie einfach einen Moment. Sie werden sich bestimmt gleich besser f�hlen.�</p><p>Bremer bezweifelte, da� Mark sich irgendwann noch einmal <emphasis>besser </emphasis>f�hlen w�rde. Die Wunde in seinem Arm hatte wieder zu bluten begonnen, und einige der Instrumente, an die er angeschlossen war, begannen pl�tzlich hektischer zu blinken. Bremer verstand nichts von dem, was er da sah, aber er war ziemlich sicher, da� das <emphasis>kein </emphasis>gutes Zeichen war. �Was haben Sie vor, Sendig?� fl�sterte er. �Wollen Sie ihn umbringen?�</p><p>Sendig brachte ihn mit einer herrischen Geste zum Schweigen. �H�ren Sie mir zu, Mark�, sagte er. �Verstehen Sie, was ich sage?�</p><p>Mark nickte erneut; diesmal sichtbar. Seine Zungenspitze fuhr �ber seine Lippen und versuchte sie zu befeuchten, und er atmete bewu�t tiefer. Vielleicht lag es tats�chlich an dem Mittel, das der Arzt ihm gespritzt hatte, vielleicht war da auch irgend etwas in ihm, das noch einmal alle Kr�fte mobilisierte, auch wenn es vielleicht nur ein letztes verzweifeltes Aufb�umen sein w�rde - aber er erholte sich jetzt zusehends. Seine Augen waren klar.</p><p>�Erinnern Sie sich an mich?� fuhr Sendig fort. �Wir haben uns heute morgen gesehen. Im Haus Ihres Vaters.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Mark schwach. Sein Blick l�ste sich von Sendigs Gesicht und fixierte Bremer. �Hallo, Herr Bremer. Ist das wieder ein Zufall, da� Sie hier sind?�</p><p>�Nein�, sagte Bremer. �Aber Sie sollten nicht reden. Sie -�</p><p>�Wir wollen Ihnen helfen, Mark�, fiel ihm Sendig ins Wort. �Ich wei�, da� es Ihnen schwerfallen mu�, mir zu glauben, aber wir stehen auf Ihrer Seite.�</p><p>�So?� sagte Mark leise. Er versuchte zu lachen, aber es wurde ein Husten daraus. In den Speichel auf seinen Lippen mischten sich winzige Blutstr�pfchen. �Glauben Sie... wirklich?�</p><p>�Wir wissen alles�, sagte Sendig. �Ich wei�, was Ihr Vater und L�bach Ihnen angetan haben, und ich wei� auch von dem M�dchen.�</p><p>Marks Kopf fuhr mit einem Ruck herum. �Beate? Wo ist sie? Sie... sie haben sie weggebracht, und -�</p><p>�Ihr fehlt nichts�, sagte Sendig hastig, wobei er Bremer einen raschen, fast beschw�renden Blick zuwarf. �Ich kann Sie zu ihr bringen, aber zuerst...� Er z�gerte fast unmerklich. Als er weitersprach, klang seine Stimme h�rbar angespannter. �Zuerst m�ssen Sie uns ein paar Fragen beantworten. Einverstanden?�</p><p>�Fragen? Was f�r... Fragen?�</p><p>�Ich will Ihr Wort�, sagte Sendig. �Ich m�chte, da� Sie mir glauben, da� wir nicht Ihre Feinde sind. Glauben Sie mir?�</p><p>Mark sah ihn verst�ndnislos an.</p><p>�Ich hatte nichts mit dem zu tun, was damals geschehen ist�, fuhr Sendig fort. �Das ist alles, was ich will: da� Sie mir das glauben. Ich habe von allem nichts gewu�t. Ich h�tte es verhindert, wenn ich es auch nur geahnt h�tte.�</p><p>�Warum... sagen Sie mir das?� murmelte Mark. �Was h�tten Sie verhindert?�</p><p>Sendig wurde immer nerv�ser. Auch sein H�nde zitterten jetzt, und er war fast so bleich wie Mark. �Ich hatte nichts damit zu tun�, sagte er. �Weder mit dem, was Ihr Vater und L�bach getan haben, noch mit der Vertuschungsaktion danach. Ich h�tte es nie zugelassen. Das ist alles, was ich von Ihnen will: da� Sie mir das glauben.�</p><p>Er war jetzt in Panik, und Bremer begriff mit einem Gef�hl pl�tzlichen kalten Entsetzens, da� er nicht weiterwu�te. Er hatte keinen <emphasis>Plan - </emphasis>und schon gar keinen Ausweg aus dieser Situation.</p><p>Die Wahrheit war, da� er die ganze Zeit �ber in Panik gehandelt hatte. Nicht er hatte die Dinge bestimmt, sondern die Geschehnisse <emphasis>sein </emphasis>Handeln, bis hin zu dieser aberwitzigen Entf�hrung. Vielleicht hatte er tats�chlich geglaubt, da� er einfach nur mit Mark reden m�sse, um seinen Hals zu retten, aber jetzt, als er allm�hlich einsah, da� er sich get�uscht hatte, geriet er endg�ltig in Panik. Bremer war angespannt. Sendig hatte immer noch seine Waffe.</p><p>�Okay, ich glaube Ihnen�, sagte Mark verst�ndnislos. �Aber ich verstehe wirklich nicht -�</p><p>�Sie erinnern sich nicht�, sagte Bremer. Sendig starrte ihn fast ha�erf�llt an, doch diesmal lie� er sich davon nicht mehr beeindrucken. �Sie wissen gar nicht, wovon wir reden, habe ich recht?� Es kostete ihn gro�e M�he, weiterzusprechen.</p><p>�Wissen Sie, was mit L�bach passiert ist?�</p><p>Mark nickte. �Er ist tot. Er hat sich... umgebracht.�</p><p>�Und die anderen?�</p><p>�Welche anderen?� fragte Mark. Er versuchte sich aufzusetzen und h�tte es vielleicht sogar geschafft, aber Bremer dr�ckte ihn mit sanfter Gewalt zur�ck.</p><p>��beranstrengen Sie sich nicht�, warnte er. �Sie haben da eine ziemlich �ble Verletzung.�</p><p>Mark blickte an seinem Arm hinab, und allein die Art, wie er es tat, sagte Bremer, da� er die Wunde bisher weder bemerkt hatte, noch sich erkl�ren konnte, woher sie stammte. Schlie�lich sah er wieder zu Bremer hoch.</p><p>�Welche anderen?� wiederholte er. �Wovon reden Sie?�</p><p>Auch Bremer f�hlte sich pl�tzlich hilflos. Es erging ihm im Grunde ja nicht viel anders als Sendig - er versuchte Antworten zu bekommen, ohne die Fragen zu kennen.</p><p>Wenigstens hatte er jetzt keine Angst mehr. Irgendwann im Lauf des Gespr�ches war sie einfach erloschen. Die Vorstellung eines m�rderischen Schattens, der den Wagen umschlich und nach einem Eingang suchte, schien ihm mit einem Male wieder ebenso irreal wie die kratzenden Laute, die er zu h�ren geglaubt hatte. Es war -</p><p>�Von Ihren Tr�umen�, sagte er.</p><p>Mark erschrak. �Woher wissen Sie...?� fragte er impulsiv.</p><p>Auch Sendig sah ihn �berrascht an, aber Bremer hatte sich gut in der Gewalt. Er war auch gar nicht sehr �berrascht. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend hatte er das Gef�hl, da� es ihm in dieser ganzen Geschichte so erging wie w�hrend dieses Gespr�ches jetzt: da� er die <emphasis>Antworten </emphasis>eigentlich kannte und ihm nur die passenden Fragen fehlten. Da war noch etwas, was er wu�te: etwas ungeheuer Wichtiges. Aber <emphasis>dieser </emphasis>Gedanke entglitt ihm, als er danach zu greifen versuchte.</p><p>�Seit wann haben Sie sie?� fragte er. �Seit der vergangenen Nacht?�</p><p>�Ja�, antwortete Mark �berrascht. �K�nnen Sie Gedanken lesen?�</p><p>�Manchmal�, sagte Bremer l�chelnd. �Das ist gar nicht so schwer, wie Sie vielleicht glauben. Aber Spa� beiseite, seit wann haben Sie diese Tr�ume? Seit der vergangenen Nacht. So ungef�hr gegen eins?� <emphasis>Seit dem Moment, in dem L�bach sich vom Balkon seiner Wohnung gest�rzt hatte.</emphasis></p><p>Mark nickte verbl�fft, und Bremer wu�te, da� Sendigs Gesicht jetzt noch ein bi�chen mehr Farbe verloren hatte, auch ohne da� er ihn dazu ansehen mu�te.</p><p>�Warum erz�hlen Sie uns nicht davon?� fragte er.</p><p>�Das... m�chte ich nicht�, antwortete Mark stockend. �Ich kann es nicht.�</p><p>Aber schlie�lich konnte er es doch.</p></section><section><title><p>39. Kapitel</p></title><p>Berger hatte f�r einige Minuten das Bewu�tsein verloren, und wahrscheinlich w�rde er sterben, wenn er nicht zu einem Arzt gebracht wurde. Die Kugel hatte sein Herz verfehlt, aber seine linke Schulter zerschmettert, und unter seinem R�cken bildete sich eine gewaltige Blutlache, deren s��licher Geruch sich mit dem Staub in der Luft vermengte und den Keller endg�ltig wieder zu einem Grab werden lie�. Der Kreis begann sich zu schlie�en, dachte Sillmann. Dieser Raum war eine Gruft gewesen, als er ihn das letzte Mal betreten hatte. Der Tod hatte hinter ihnen die T�r geschlossen, und er war nicht gegangen. Er hatte nur hier gewartet.</p><p>�Sillmann, helfen Sie mir�, st�hnte Berger. �Ich sterbe!�</p><p>�Ich wei߫, sagte Sillmann leise. Er musterte die halb auf der Seite liegende Gestalt k�hl und versuchte, irgendein Gef�hl in sich zu finden. Er hatte geglaubt, Berger zu hassen, ihn und die namen- und gesichtslosen M�nner, die hinter ihm standen, aber das stimmte nicht. In ihm war gar nichts. Er empfand weder Ha� noch Groll, aber auch keine Zufriedenheit. Nicht einmal Erleichterung, da� es vorbei war. Vielleicht w�rde Berger sterben, vielleicht auch nicht. Es spielte keine Rolle.</p><p>�Ich flehe Sie an, Sillmann! Wollen Sie mich verbluten lassen?�</p><p>Er sagte nichts mehr darauf. Berger war schon tot, er wu�te es nur noch nicht. Er war bereits tot gewesen, als er sich entschlossen hatte, hierherzukommen - und vielleicht schon eher, schon viel eher. M�glicherweise harte er sein Recht auf Leben schon damals verwirkt, als er in sein B�ro gekommen war und ihn dazu gebracht hatte, das zu tun, wof�r sie nun bezahlten.</p><p>Sillmann versuchte nicht, ihm die Schuld daran zu geben; er besch�ftigte sich f�r einen kurzen Moment nur mit der rein akademischen Frage, <emphasis>wann </emphasis>Berger das Todesurteil unter sein eigenes Leben gesetzt hatte.</p><p>Er wu�te, wann <emphasis>er </emphasis>es getan hatte. Es war lange her. Auf den Tag genau vor achtzehn Jahren, im Moment von Marks Geburt. Der Gedanke war ihm im gleichen Augenblick gekommen, in dem er den neuen Menschen vor sich sah, ein Leben, das <emphasis>er </emphasis>geschaffen hatte und sonst niemand. Das ihm geh�rte. Ein Leben, das er formen und gestalten konnte und mu�te, das er - vielleicht als erster Mensch in der Geschichte dieser Welt �berhaupt - buchst�blich gestalten konnte.</p><p>Sillmann l�chelte, als ihm die Ironie dieses Gedankens zu Bewu�tsein kam. Heute war Marks achtzehnter Geburtstag. Bis zu diesem Morgen hatte er ihm geh�rt, und heute war der erste Tag seines eigenen Lebens.</p><p>Er liebte Mark. Er wu�te, da� das niemand glaubte, Mark am allerwenigsten, aber er hatte ihn vom ersten Moment seiner Existenz an geliebt, und er tat es noch immer. Er wu�te, da� sein Sohn ihn wahrscheinlich t�ten w�rde, aber dieser Gedanke erschreckte ihn nicht. Er hatte vielleicht ein wenig Angst vor dem <emphasis>wie, </emphasis>aber nicht vor dem <emphasis>da�.</emphasis></p><p>Er sah das wimmernde, pl�tzlich so erb�rmliche H�ufchen in dem blutgetr�nkten Ma�anzug vor sich an, dann hob er den Kopf, sah zu der gew�lbten steinernen Decke hoch und wandte sich zum ersten Mal in seinem Leben an einen Gott, an den er niemals geglaubt hatte.</p><p>War es denn so schlimm gewesen? dachte er. War das, was er gewollt hatte, wirklich so schlimm gewesen, da� es eine solch furchtbare Strafe rechtfertigte?</p><p>Es war eine Frage, auf die er keine Antwort erwartet hatte, aber er bekam sie.</p><p>Sie lautete: ja.</p></section><section><title><p>40. Kapitel</p></title><p>Marks Geschichte dauerte nicht sehr lange, und er erz�hlte sie immer hektischer, mit immer k�rzeren, immer hastiger hervorgesto�enen S�tzen und manchmal wie in einem Fieber, in dem er einfach nicht mehr aufh�ren konnte zu reden und Worte mehrfach wiederholte oder die Dinge durcheinanderwarf. Bremer hatte l�ngst nicht alles verstanden; was unklar blieb, das vervollst�ndigte er mit dem, was er von Sendig erfahren und selbst erlebt hatte, und pl�tzlich ergab alles einen Sinn - auch wenn er sich noch immer weigerte, diesen Sinn zu begreifen.</p><p>Am Ende war Mark so ersch�pft, da� er auf die Trage zur�cksank und die Augen schlo�, so da� Bremer f�r einen Moment glaubte, er h�tte wieder das Bewu�tsein verloren. Aber als er die Hand ausstreckte, um nach seinem Puls zu f�hlen, �ffnete er kurz die Augen und sah ihn an. Bremer flehte innerlich, da� er wach blieb. Er w�rde nicht die Kraft haben, es noch einmal durchzustehen. Er wu�te: Das n�chste Mal, wenn er den Schatten sah, w�rde zugleich auch das letzte Mal sein.</p><p>�Ruhen Sie sich einen Moment aus�, sagte er.</p><p>Mark versuchte mit einem L�cheln zu antworten. Er war zu schwach dazu, aber Bremer.. <emphasis>.f�hlte </emphasis>es irgendwie, ebenso wie er sp�rte, da� Mark nicht einschlafen w�rde. Es war beinahe unheimlich - wahrscheinlich lag es wirklich an dem, was Sendig ihm �ber die Droge erz�hlt hatte, und vielleicht daran, da� er diesen mi�handelten Jungen jetzt mehr denn je mochte, aber f�r einen Moment war es fast, als w�ren auch ihre Gef�hle miteinander verschmolzen. Er sp�rte den Schmerz des Jungen wie einen eigenen, seine Unsicherheit, die Verzweiflung und die unendlich tiefe Sehnsucht nach einer Liebe und Geborgenheit, die er niemals im Leben erfahren hatte.</p><p>�K�nnen Sie... mir helfen?� fragte Mark leise.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Bremer. <emphasis>Wahrscheinlich kann das niemand mehr, </emphasis>f�gte er in Gedanken hinzu, und im gleichen Moment �ffnete Mark die Augen und sah ihn wieder an, und Bremer wu�te mit absoluter Sicherheit, da� er diesen Gedanken gesp�rt hatte.</p><p>�Ja�, sagte Sendig laut.</p><p>Bremer wandte �berrascht den Kopf, und auch Mark blickte den Kommissar fragend an, mi�trauisch und voller Zweifel, aber auch von einer pl�tzlichen, j�hen Hoffnung erf�llt.</p><p>�Sendig�, begann Bremer, �Sie sind -�</p><p>�Wir k�nnen es wenigstens versuchen�, unterbrach ihn Sendig. �Und ich sch�tze, wir <emphasis>k�nnen </emphasis>es.�</p><p>�Was?� fragte Bremer scharf. �Ein Wunder vollbringen? Die Zeit zur�ckdrehen und ungeschehen machen, was sie mit ihm angestellt haben?�</p><p>�Das hat nichts mit Wundern zu tun�, behauptete Sendig. Etwas stimmte nicht mit ihm. In seinen Augen war wieder dieses wilde Flackern, aber es hatte sich ver�ndert. Zu der Furcht war etwas hinzugekommen, das Bremer alarmierte. �Was mit ihm geschehen ist, haben ihm Menschen angetan, und alles, was Menschen tun, kann auch wieder r�ckg�ngig gemacht werden, oder?�</p><p>Bremers Blicke wurden beschw�rend. Hatte Sendig jetzt endg�ltig den Verstand verloren? Der Junge konnte sich eindeutig an das meiste von dem, was mit ihm geschehen war, <emphasis>nicht </emphasis>erinnern. Von allen Beteiligten wu�te er wahrscheinlich das wenigste. Sendig war nahe daran, eine Katastrophe auszul�sen.</p><p>�H�ren Sie, Mark�, fuhr Sendig in erregtem, fast schon hysterischem Ton fort, �ich verspreche Ihnen keine Wunder, aber wir werden tun, was wir k�nnen. Aber Sie m�ssen uns helfen - okay?�</p><p>�Und wie?� Mark ballte die H�nde zu F�usten. �Ich wei� ja nicht einmal, ob ich mir das alles nur einbilde oder nicht. Vielleicht werde ich einfach verr�ckt.�</p><p>�Unsinn�, sagte Sendig. �Sie sind nicht verr�ckter als ich. Wir m�ssen herausfinden, was damals wirklich geschehen ist. Ich f�rchte allerdings, Ihr Vater wird uns das nicht freiwillig sagen. Aber das kriegen wir schon hin.�</p><p>�Und... Beate?� fragte Mark.</p><p>Bremers Herz begann zu h�mmern. Er hatte diese Frage bef�rchtet, von dem Moment an, in dem Sendig das M�dchen das erste Mal erw�hnt hatte. Vielleicht geschah die Katastrophe, die er vorausgeahnt hatte, jetzt.</p><p>�Ich wei� nicht, wo sie ist�, antwortete Sendig. �Nicht genau. Aber sie ist am Leben, und wir finden sie, das verspreche ich Ihnen. Schlie�lich ist das unser Job. Und was Ihre Angst angeht, den Verstand zu verlieren, mein lieber Junge, da kann ich Sie beruhigen. Sie haben sich das alles nicht nur eingebildet. Ich kann es Ihnen beweisen.�</p><p>Er warf Bremer einen raschen, beinahe beschw�renden Blick zu, dann wandte er sich mit einem gezwungenen L�cheln wieder an Mark. �Der Keller, von dem Sie getr�umt haben, Mark - er existiert. Und ich wei�, wo er ist.�</p><p>Bremer wu�te nicht, wie lange er sich noch beherrschen konnte. Was hatte Sendig vor? Wollte er einfach sehen, wie weit er gehen konnte, �der war er es jetzt, der den Verstand verlor?</p><p>�Sie wissen, wo er ist?� fragte Mark erregt. �Wo?�</p><p>�Langsam.� Sendig machte eine entsprechende Handbewegung. �Wir bringen Sie hin, das verspreche ich. Aber zuvor verlange ich ein Versprechen von <emphasis>Ihnen.�</emphasis></p><p>�Welches?�</p><p>�Schlie�en wir ein B�ndnis�, sagte Sendig. �Sie und ich - und Bremer hier - zusammen. Wir finden heraus, was passiert ist. Und wir finden heraus, wie wir Ihnen helfen k�nnen.�</p><p>Mark sah ihn lange und ernst an, und Bremer sp�rte, da� es mehr als nur ein Blick war. Etwas geschah in ihm, etwas Gewaltiges und Endg�ltiges, und als er schlie�lich nickte, da war es mehr als eine blo�e Bewegung. Mit dieser kleinen Geste schl�ssen Sendig und er einen Pakt f�r die Ewigkeit. Und Bremer hatte das unangenehme Gef�hl, da� er Teil dieses Paktes war, ob er wollte oder nicht.</p><p>Er ertrug es nicht mehr. W�re er noch eine Sekunde l�nger geblieben, dann h�tte er Sendig angeschrien oder ihn niedergeschlagen, und er h�tte Mark gesagt, mit wem er es <emphasis>wirklich</emphasis> zu tun hatte - n�mlich mit einem Mann, der wahrscheinlich gar nicht wu�te, was das Wort <emphasis>Gewissen </emphasis>bedeutete, und der um sein Leben redete. Mit einem Ruck stand er auf, eilte zur T�r und stie� sie mit solcher Wucht auf, da� sie zur�ckfederte und ihn fast getroffen h�tte.</p><p>Erst als er sich einige Schritte vom Wagen entfernt hatte, kam ihm zu Bewu�tsein, wie leichtsinnig er sich verhielt - seine Chancen h�tten gerade nicht schlecht gestanden, unversehens in ein Dutzend Gewehrl�ufe zu blicken. Sie standen seit einer guten Viertelstunde hier. Die rechtm��igen Besitzer des Krankenwagens hatten vermutlich l�ngst die Polizei alarmiert. Da� sie es mit einer mit herk�mmlicher Logik nicht zu erkl�renden Bedrohung zu tun hatten, verleitete ihn offenbar dazu, ihre <emphasis>realen </emphasis>Verfolger zu vergessen.</p><p>Sendig kam hinter ihm aus dem Wagen und z�ndete sich die letzte Zigarette aus seiner Packung an. Seine H�nde zitterten so heftig, da� er sie kaum halten konnte. Er wich Bremers direktem Blick aus, kam aber langsam n�her.</p><p>�Sind Sie verr�ckt geworden?� fuhr Bremer ihn an, ehe er auch nur Gelegenheit fand, ein einziges Wort zu sagen.</p><p>�Wieso?�</p><p>�Wieso?� keuchte Bremer. Er gestikulierte heftig zu der offenstehenden T�r des Wagens. �Was glauben Sie, was passiert, wenn er herausfindet, da� Sie ihn angelogen haben?�</p><p>�Das habe ich nicht�, sagte Sendig ruhig.</p><p>�Ach? Sie -�</p><p>�Sie meinen den Keller?� Sendig wedelte so heftig mit seiner Zigarette, da� sie eine Spur hellroter Funken hinter sich herzog, die auf halbem Weg zum Boden verloschen. �Ich wei� tats�chlich, wo er ist. Und Sie auch.�</p><p>�Ich?�</p><p>�Das k�nnen Sie doch nicht vergessen haben!� sagte Sendig mit schlecht gespielter Verbl�ffung. �Wir waren dort, Bremer. Sie und ich und eine Menge anderer.�</p><p>Bremer ri� ungl�ubig die Augen auf. �Sie... Sie meinen den Keller -�</p><p>�In Sillmanns Labor, genau�, sagte Sendig. �Also, man mu� nun wirklich kein Tiefenpsychologe sein, um zu erkennen, da� er von dem Ort tr�umt, an dem alles angefangen hat. Sie erinnern sich wirklich nicht? Der Tisch, die vielen Kerzen...�</p><p>Bremer schwieg betroffen. Nat�rlich erinnerte er sich. Wie hatte er es vergessen k�nnen?</p><p>�Und das M�dchen?� fragte er. �Was ist, wenn er herausfindet, da� sie nicht mehr am Leben ist?�</p><p>�Ist sie das denn nicht?�</p><p>�Sie wissen genauso gut wie ich, da� sie tot ist�, sagte Bremer. �Sie ist in einem der Wagen verbrannt.�</p><p>�Wer sagt das?� fragte Sendig. �Mark hat nur erz�hlt, da� sie sie in den Wagen gezerrt haben. An das, was danach geschehen ist, kann er sich nicht erinnern. Und das sollte auch so bleiben, wenigstens f�r eine Weile.�</p><p>�Fr�her oder sp�ter wird er die Wahrheit herausfinden.�</p><p>�Wahrscheinlich�, gestand Sendig. �Aber so gewinnen wir wenigstens etwas Zeit.�</p><p>�Zeit wof�r?�</p><p>�Verdammt noch mal, ich wei� es nicht!� Pl�tzlich war Sendigs Ruhe wie fortgeblasen. Er warf die Zigarette auf den Boden und stampfte w�tend mit dem Absatz darauf. �Ist Ihnen eigentlich klar, womit wir es hier zu tun haben? Haben Sie �berhaupt zugeh�rt?! Dieser harmlose arme Junge dort drinnen ist ein <emphasis>Killer! </emphasis>Er hat wahrscheinlich an einem einzigen Tag ein halbes Dutzend Leute umgebracht!�</p><p>�Es ist nicht seine Schuld�, sagte Bremer.</p><p>�Klasse�, antwortete Sendig h�hnisch. �Das werde ich auf unsere Grabsteine mei�eln lassen: Es <emphasis>war nicht seine Schuld.</emphasis> Zum Teufel, Bremer, begreifen Sie doch: Dieser Junge t�tet im Schlaf. Vielleicht erinnert er sich wirklich nicht mehr an das, was damals geschehen ist, aber <emphasis>irgend etwas in ihm </emphasis>tut es. Und dieses <emphasis>Etwas </emphasis>ist gerade beim Gro�reinemachen! Er bringt jeden um, der irgendwie mit der Sache damals zu tun hatte. Ich wei� nicht, was dieser L�bach und sein Vater mit ihm gemacht haben, aber er r�cht sich daf�r. So einfach ist das.�</p><p>�Das ist doch v�llig verr�ckt!� widersprach Bremer - obwohl er ganz genau wu�te, da� es die Wahrheit war. Er wu�te es sogar sehr viel besser als Sendig.</p><p>Er bewegte sich zwei Schritte von Sendig und dem Wagen weg und sah sich um. Die Nacht war sternenklar, aber trotzdem sehr dunkel. Die Mauern der aufgelassenen Fabrik erhoben sich absolut schwarz rings um sie herum, und er kam sich eingesperrt vor, gefangen in einer Nacht, die nie wieder enden w�rde. Noch vor vierundzwanzig Stunden h�tte er sich geweigert, auch nur �ber die blo�e <emphasis>M�glichkeit </emphasis>nachzudenken, da� es Dinge wie diese geben konnte - und jetzt stand er hier und unterhielt sich ernsthaft mit Sendig dar�ber, wie sie einen achtzehnj�hrigen Jungen davon abbringen konnten, sie zu t�ten, indem er <emphasis>tr�umte.</emphasis></p><p><emphasis>�Ja�, </emphasis>sagte Sendig. �Wahrscheinlich ist es das sogar. Aber haben Sie eine bessere Idee?�</p><p>�Nein�, sagte Bremer. Er starrte in die Dunkelheit vor sich, und f�r ein paar Sekunden w�nschte er sich beinahe, da� der Schatten wiederk�me und es endlich ein Ende h�tte.</p><p>�Sehen Sie�, sagte Sendig. �Ich auch nicht. Und jetzt steigen Sie ein, und fahren Sie uns zu Sillmanns Fabrik.�</p><p>�Und Sie?�</p><p>Sendig deutete auf die offenstehenden Heckt�ren. �Ich bleibe bei ihm und passe auf, da� er nicht einschl�ft.�</p></section><section><title><p>41. Kapitel</p></title><p>Sillmann hatte angefangen, die Kerzen zu entz�nden. Es waren sehr viele - l�ngst nicht mehr so viele wie damals, in jener furchtbaren Nacht, als Petri und er hergekommen waren und Mark schreiend und um sich schlagend inmitten eines Raumes voller Toter und Sterbender vorgefunden hatten, aber immer noch Dutzende, vielleicht Hunderte. Die Polizei hatte den Keller damals versiegelt, und alles war so geblieben, wie es war. Nur ein paar Kleinigkeiten waren ver�ndert worden.</p><p>Er tat alles, um diese �nderungen r�ckg�ngig zu machen. Er h�tte selbst nicht sagen k�nnen, warum, aber mit einem Male erschien es ihm ungeheuer wichtig, da� alles hier wieder so war, wie sie es damals vorgefunden hatten. Vielleicht aus dem absurden Gedanken heraus, die Ereignisse sich zwangsl�ufig wiederholen zu lassen, ganz einfach, indem er die gleichen Voraussetzungen schuf.</p><p>Und die Parallelen <emphasis>waren </emphasis>un�bersehbar. Das Verh�ltnis zwischen toten Toten und lebenden Toten war anders - diesmal hatte der barmherzige Tod die Oberhand behalten, w�hrend sein dunkler Bruder, der die K�rper der Menschen unangetastet lie�, nur ein einziges Opfer gefunden hatte, aber beide waren sie da. Die Parallelen waren un�bersehbar, und vielleicht war es mehr als ein morbider Zufall. Vielleicht war es ein Zeichen.</p><p>Berger wimmerte manchmal leise. Sillmann wunderte sich ein wenig, da� er noch lebte. Er verblutete, aber es dauerte viel l�nger, als er erwartet hatte. Er h�tte gerne etwas f�r ihn getan - nicht aus Mitleid oder gar Schuldgef�hl, sondern einfach aus dem Wissen heraus, da� ihm eine Verl�ngerung seiner Qual keinen Vorteil mehr brachte und auch keine innere Befriedigung. Aber er konnte es nicht. Es konnte es nicht wagen, nach oben zu gehen und Hilfe zu holen, und hier unten hatte er nicht die M�glichkeit, ihm irgendwie zu helfen. Er h�tte seine Qualen beenden k�nnen, indem er ihn t�tete, aber dazu fehlte ihm der Mut.</p><p>Und er hatte nicht mehr viel Zeit. Er sp�rte, da� es bald soweit war. Mark war auf dem Weg hierher, und bis er kam, mu�te er bereit sein.</p><p>Sillmann schritt von Kerze zu Kerze und z�ndete die ausgetrockneten Dochte an. Manche zerfielen einfach zu Staub, aber die meisten brannten nach all der Zeit noch �berraschend kr�ftig. Schlie�lich trat er an den Sekret�r, der an der Wand neben der T�r stand, um auch die Kerzen darauf anzuz�nden. Es waren nur drei St�ck. Zwei brannten sofort, aber die dritte war m�rbe geworden - als er sie ber�hrte, fing der Docht zwar Feuer, aber die Kerze zerbrach in zwei St�cke. Fl�ssiges Wachs tropfte auf das Durcheinander von Papieren und B�chern, das den Sekret�r bedeckte, und eines der Bl�tter begann zu schwelen. Sillmann schlug die Funken rasch mit der blo�en Hand aus und fegte das Blatt zu Boden, um ganz sicherzugehen.</p><p>Darunter kam ein aufgeschlagenes Buch zum Vorschein. Es hatte die letzten sechs Jahre verborgen dort gelegen, ebenso wie an jenem Abend, als Petri und er gekommen waren. Niemand hatte sich die M�he gemacht, die Papiere beiseite zu r�umen, um es anzusehen. Sillmann tat es jetzt. Sein Blick fiel auf die aufgeschlagenen Seiten, verharrte einen Moment darauf, schweifte ab und kehrte dann abrupt zur�ck.</p><p>F�r eine kurze Zeit stand er einfach da, starrte die engbedruckten Bl�tter an und dachte nichts. Er konnte es nicht mehr. Ein Gef�hl eisiger, l�hmender K�lte begann sich in ihm breitzumachen, eine Empfindung, die weit jenseits normalen Entsetzens und vorstellbarer Furcht lag.</p><p>�Oh mein Gott!� fl�sterte er. �Gro�er Gott!� Immer und immer wieder.</p></section><section><title><p>42. Kapitel</p></title><p>Er hatte sich verschaltet, so da� der Wagen pl�tzlich und sehr viel heftiger abbremste, als Bremer erwartet hatte. Der Motor heulte auf, und Bremer reagierte �berhastet und zum zweiten Mal falsch und hatte um ein Haar zu allem �berflu� auch noch die Lenkung verrissen, so da� der Krankenwagen auf kreischenden Reifen um die Kurve schlingerte. Hinter ihm quietschten Bremsen. Ein greller Lichtreflex huschte �ber den R�ckspiegel, und nur einen Augenblick sp�ter scho� ein Wagen an dem Krankentransporter vor�ber. Der Fahrer dr�ckte abwechselnd auf Hupe und Lichthupe, aber er fand im Vorbeifahren noch immer Zeit, ihm einen Vogel zu zeigen. Bremer tat so, als h�tte er es gar nicht bemerkt, aber er schickte dem Mann in Gedanken eine Entschuldigung hinterher - und sich selbst einen scharfen Verweis. Er zog es vor, lieber nicht dar�ber nachzudenken, wie nahe die Scheinwerfer im R�ckspiegel gewesen waren.</p><p>Sendig meldete sich �ber die Sprechanlage: �Was ist los?�</p><p>�Nichts�, antwortete Bremer. �Ich war ein bi�chen unaufmerksam. Entschuldigung. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?�</p><p>�Im Moment noch�, sagte Sendig.</p><p>T�uschte sich Bremer, oder h�rte er in seiner Stimme einen nerv�sen Unterton, der das genaue Gegenteil behauptete? Offensichtlich schon, denn nach einem winzigen Moment des Z�gerns f�gte Sendig hinzu: �Aber wir sollten uns ein bi�chen beeilen.�</p><p>Bremer verkniff sich im letzten Moment die Frage, ob irgend etwas mit Mark nicht in Ordnung sei. Sie w�re ziemlich �berfl�ssig gewesen. Die Frage war vielmehr, was mit Mark noch <emphasis>stimmte, </emphasis>nicht umgekehrt.</p><p>�Wie lange brauchen wir noch?�</p><p>�Zehn Minuten�, antwortete Bremer - aber das war eigentlich mehr geraten als eine realistische Sch�tzung. Er kannte sich in diesem Teil der Stadt nicht besonders gut aus; Berlin war schlie�lich kein Dorf, und sein Revier lag fast am anderen Ende. Er war seit Jahren nicht mehr hiergewesen. Au�erdem mu�te er sich zusammenrei�en, wenn er nicht riskieren wollte, da� ihre Fahrt abrupt an einem Baum oder dem K�hlergrill eines entgegenkommenden Wagens endete. Der Fehler gerade war vielleicht sein bisher gr��ter gewesen, aber nicht der erste.</p><p>�Zehn Minuten�, wiederholte Sendig. �Das ist lang.� Diesmal war der panische Ton in seiner Stimme auch beim besten Willen nicht mehr zu �berh�ren. <emphasis>Was zum Teufel ging dort hinten vor? </emphasis>Bremer sah nerv�s auf den Tachometer. Sie fuhren schon achtzig, selbst in einem Krankenwagen eine ziemlich sichere Methode, von der ersten Polizeistreife angehalten zu werden, der sie begegneten. Vor allem in einem <emphasis>gestohlenen</emphasis>Krankenwagen, der mit ausgeschalteter Sirene und ohne Blaulicht fuhr. Bremer ber�hrte die entsprechenden Schalter und korrigierte diese Fehler.</p><p>Er konnte Sendigs erschrockenes Keuchen �ber die Sprechanlage hinweg deutlich h�ren. �Bremer, sind Sie verr�ckt geworden? Was... was tun Sie?�</p><p>�Ich verschaffe uns ein bi�chen Zeit�, antwortete Bremer. Er gab Gas. Der Wagen beschleunigte auf neunzig, dann auf fast hundert Stundenkilometer. Die heulende Sirene und das zuckende blaue Licht scheuchten den Verkehr vor ihnen zwar zur Seite, aber noch schneller zu fahren wagte er trotzdem nicht.</p><p>�Sie verschaffen uns die Aufmerksamkeit der gesamten Berliner Polizei�, st�hnte Sendig.</p><p>�Aber die haben wir doch sowieso schon�, antwortete Bremer. Nat�rlich hatte Sendig recht - es war schon ein kleines Wunder, da� sie �berhaupt so weit gekommen waren. Seit sie den Fabrikhof verlassen hatten, war praktisch keine Sekunde vergangen, in der er nicht damit gerechnet hatte, das Blaulicht eines Streifenwagens im R�ckspiegel auftauchen zu sehen oder gleich den Scheinwerfer eines Polizeihubschraubers am Himmel. Wie sich die Dinge doch �nderten, dachte Bremer sp�ttisch. Gestern um diese Zeit hatte er noch zu den guten Jungs geh�rt, und jetzt wurde er von seinen eigenen Kollegen gejagt.</p><p>�Wahrscheinlich kommt es darauf auch schon nicht mehr an�, murmelte Sendig. �Also gut - aber wenn Sie schon schnell fahren m�ssen, dann beeilen Sie sich <emphasis>wirklich. </emphasis>Und geben Sie Bescheid, wenn wir uns der Fabrik n�hern.�</p><p>Er schaltete ab, und Bremer gab noch ein bi�chen mehr Gas, allerdings nicht sehr viel. Die Sirene verschaffte ihnen ein wenig Luft, aber sie machte sie nicht unverwundbar. F�r die n�chsten Minuten mu�te er seine gesamte Konzentration darauf verwenden, den Wagen heil durch den Verkehr zu bekommen: eine Aufgabe, die beinahe mehr von ihm verlangte, als er noch zu leisten imstande war. Zu der geistigen Ersch�pfung kam nun allm�hlich auch ganz profane k�rperliche M�digkeit. Trotzdem war er irgendwie froh dar�ber - auf diese Weise mu�te er wenigstens f�r ein paar Minuten nicht �ber Sendig, Mark und die Schatten nachdenken. Und das, was sie erwartete.</p><p>Seine Sch�tzung war aber trotz allem noch zu optimistisch gewesen. Obwohl er so schnell fuhr, wie er nur konnte, brauchten sie ann�hernd zehn Minuten, um Sillmanns Fabrik zu erreichen - und dann w�re er um ein Haar noch daran vorbeigerast. Im buchst�blich allerletzten Moment erkannte er die pappelges�umte Zufahrt wieder und trat so hart auf die Bremse, da� im hinteren Teil des Wagens irgend etwas umfiel und klirrend zerbrach.</p><p>Sendig selbst meldete sich eine halbe Sekunde sp�ter �ber die Sprechanlage. �Ich nehme an, das hei�t, da� wir da sind�, sagte er s�uerlich.</p><p>�Ich sollte Ihnen doch Bescheid sagen, oder?� Bremer kurbelte heftig am Lenkrad und brachte das Kunstst�ck fertig, den Wagen doch noch in die Einfahrt zu lenken, ohne die H�lfte der Pappeln auf der linken Seite abzurasieren. �Ist irgend etwas passiert?�</p><p>�Nein�, sagte Sendig. �Aber halten Sie trotzdem f�r einen Moment an. Ich komme nach vorne. Ich will es genie�en, wenn wir einen Looping schlagen.�</p><p>Bremer bremste behutsam ab. Er lie� das Blaulicht laufen, schaltete aber die Sirene ab und lenkte den Wagen an den rechten Stra�enrand. Der Weg war nicht mehr sehr weit, aber er konnte die Fabrik trotzdem noch nicht sehen. Vor dem dunklen Hintergrund der Nacht erhob sich nur ein Gebirge aus Schatten, das ebensogut f�nfzig Meter wie eine Million Meilen entfernt sein konnte. Er wu�te, da� Sillmanns Fabrik zum gr��ten Teil in den Geb�uden eines ehemaligen Gutshofes untergebracht war, aber die Schatten dort vorne deckten sich auf eine unheimliche Weise <emphasis>nicht </emphasis>mit seinen Erinnerungen. Sie waren zu schwarz und zu gro� und sahen auf eine bedrohliche Art fast <emphasis>organisch </emphasis>aus, als w�re es etwas Lebendiges, das am Ende der Stra�e auf sie wartete. Wenn er genau hinsah, konnte er sogar Bewegung erkennen. Der Scharten schien zu flie�en, wie ein z�her �lfleck in schwarzem Wasser, und hier und da in dieser klobigen, finsteren Masse funkelten kleine Lichter, die manchmal erloschen, wieder angingen oder auch ihre Positionen ver�nderten, als w�ren es tats�chlich Augen, die ihm zublinzelten.</p><p>Gerade, als diese Vorstellung die Grenze zwischen <emphasis>unangenehm </emphasis>und <emphasis>angsteinfl��end </emphasis>zu �berschreiten drohte, erkannte er, was es wirklich war: Das Fabrikgel�nde war von einem Ring hoher B�ume umgeben, deren �ste sich im Wind bewegten. So einfach war das.</p><p>Bremer l�chelte verkrampft. Er war <emphasis>wirklich </emphasis>nerv�s. Aber er hatte wahrscheinlich auch allen Grund dazu.</p><p>Wo blieb eigentlich Sendig? Er hatte gesagt, da� er nach vorne kommen wollte, aber sie standen nun schon fast eine Minute hier, und hinten im Wagen r�hrte sich nichts. Bremer streckte die Hand nach der Sprechtaste aus, lie� den Arm aber dann wieder sinken und stieg statt dessen aus. Rasch umkreiste er den Wagen und �ffnete die hintere T�r. �Sendig, wo blei -�</p><p>Verbl�fft hielt er inne. Sendig drehte ihm den R�cken zu und stand halb �ber Marks Liege gebeugt da. Seine Schultern verdeckten Marks Gesicht, so da� Bremer nicht sehen konnte, ob er wach war oder schlief, aber daf�r sah er etwas anderes: Sendig zog gerade in diesem Moment die d�nne Nadel einer Injektionsspritze aus Marks Vene. Als er das Ger�usch der T�r h�rte, fuhr er erschrocken zusammen und versuchte, mit einer hastigen Bewegung die Spritze verschwinden zu lassen.</p><p>�Was tun Sie da?� fragte Bremer scharf.</p><p>Sendig stand das schlechte Gewissen ins Gesicht geschrieben. Vollkommen absurd f�hrte er seine Bewegung noch ein kleines St�ck weiter und versuchte die Spritze in der Hand zu verbergen. �Er... er hat pl�tzlich das Bewu�tsein verloren�, sagte er stockend. �Vor zwei Minuten. Ich wollte Sie nicht beunruhigen, deshalb habe ich nichts gesagt.�</p><p>Bremer trat mit einem energischen Schritt in den Wagen hinein, packte Sendigs Hand und verdrehte sie so, da� die Spritze wieder sichtbar wurde. �Was ist das?�</p><p>Sendig ri� seine Hand los. �Dasselbe, was ihm der Arzt gegeben hat�, sagte er trotzig. �Was dachten Sie denn?�</p><p>�Ich wu�te gar nicht, da� Sie im Nebenberuf Arzt sind�, erwiderte Bremer. Er sah auf Mark hinab. Der Junge lag wieder schlaff und mit geschlossenen Augen da. Sein Atem ging gleichm��ig, aber sehr flach.</p><p>�Das bin ich auch nicht�, sagte Sendig. �Aber ich habe Augen im Kopf. Ich habe mir einfach <emphasis>gemerkt, </emphasis>welches Mittel er genommen hat.� Er machte eine Kopfbewegung zu der Schublade hinter sich. �Gott sei Dank ist das hier ein sehr ordentlicher Laden.�</p><p>Bremer glaubte ihm kein Wort. Seine Behauptung klang durchaus logisch, und doch: In diesem Moment war Bremer hundertprozentig davon �berzeugt, da� Sendig Mark umbringen wollte. M�glicherweise hatte er es schon getan.</p><p>�Was h�tte ich denn tun sollen?� fuhr Sendig fort. �Er ist pl�tzlich zusammengebrochen. Sie wissen, was passiert, wenn er einschl�ft.�</p><p>�Ja - da w�re es doch ganz praktisch, wenn er sterben w�rde, wie?� fragte Bremer kalt.</p><p>�Unsinn!� sagte Sendig. �Denken Sie nach, Mann! Wenn ich ihn umbringen wollte, h�tte ich das einfacher haben k�nnen.� Er atmete tief ein, fuhr sich mit der Zungenspitze �ber die Lippen und sah einen Moment auf Mark hinab, ehe er in leiserem Tonfall fortfuhr: �Au�erdem bin ich nicht einmal sicher, da� das etwas �ndert. Denken Sie an das M�dchen.�</p><p>Seine Worte machten Bremer schlagartig wieder klar, in welcher Lage sie sich <emphasis>wirklich </emphasis>befanden. Es spielte wahrscheinlich gar keine Rolle, was Sendig <emphasis>beabsichtigt </emphasis>hatte oder nicht. Sie durchlebten einen Alptraum, in dem die Gesetze von Ursache und Wirkung nicht mehr unbedingt galten.</p><p>Marks linke Hand bewegte sich. Seine Lider zitterten, ohne sich zu heben. Trotzdem begriff Bremer, da� er dabei war, aufzuwachen. Wie es aussah, hatte er Sendig unrecht getan.</p><p>�Sehen Sie?� sagte Sendig. �Er wacht auf.�</p><p>�Bedauern Sie es?� Bremer starrte sein Gegen�ber durchdringend an, aber alles, was er au�er Nervosit�t und der noch immer glimmenden Panik in seinen Augen las, war echte Erleichterung, das gleiche Gef�hl, das auch er jetzt empfand. Der Gedanke, da� Mark sterben k�nnte, erschreckte ihn, aber erst im nachhinein wurde ihm wirklich klar, was die Alternative gewesen w�re. M�glicherweise war ein toter Mark Sillmann gef�hrlicher als ein lebender - aber ein <emphasis>schlafender </emphasis>war es ganz bestimmt.</p><p>�Entschuldigung�, murmelte er.</p><p>Sendig winkte ab. �Vergessen Sie's. Los jetzt. Wir haben genug Zeit verloren.�</p></section><section><title><p>43. Kapitel</p></title><p>�Fuck it!� brummte Haymar kopfsch�ttelnd. �Der Kerl mu� seinen F�hrerschein im Lotto gewonnen haben!� Er lie� das Nachtglas sinken, sch�ttelte ein paarmal heftig den Kopf und setzte das klobige Instrument dann wieder an. Der elektronische Restlichtverst�rker f�rbte das Bild darin gr�n und �bersteigerte die Konturen ebenso wie die Unterschiede zwischen Licht und Dunkelheit. Der Krankenwagen hob sich in Neongr�n vor einem smaragdfarbenen Hintergrund ab, aber jedesmal, wenn das rotierende Blaulicht ins Bild geriet, schien sich eine d�nne, gl�hende Nadel in seine Augen zu bohren. Das Ger�t war nicht richtig eingestellt. Aber wenn er die Empfindlichkeit d�mpfte, lief er Gefahr, den Wagen aus den Augen zu verlieren. Sie hatten Befehl, den gr��tm�glichen Sicherheitsabstand zu halten. Er hatte wenige S�tze mit Berger gewechselt, aber die Worte seines Vorgesetzten hatten an Deutlichkeit nichts zu w�nschen �briggelassen. Konkret waren sie sogar <emphasis>sehr viel </emphasis>deutlicher gewesen, als Haymar sich gew�nscht h�tte. Einen zweiten Fehler wie den vorhin w�rde Berger ihm nicht durchgehen lassen. Wenn er den Wagen verlor oder die Polizisten bemerkten, da� sie verfolgt wurden, w�rde seine Arbeit in Zukunft darin bestehen, Papier in Rei�w�lfe zu stopfen.</p><p>�Was tun sie da?� fragte Brauss, der neben ihm hinter dem Steuer sa� und vergeblich versuchte, den Krankenwagen mit blo�em Auge zu erkennen. Sie waren einen guten Kilometer an der Abzweigung vorbeigefahren, ehe Haymar ihm bedeutet hatte, zu wenden und anzuhalten. Selbst das Blaulicht war nur als gelegentliches Funkeln zwischen den B�umen zu erkennen, die die Zufahrt zu Sillmanns Fabrik s�umten. Haymar �berlegte einen Moment, ob er �berhaupt antworten sollte. Brauss war ebenso neu wie der Wagen, in dem sie sa�en; und so wie er geh�rte er eindeutig zur zweiten Garnitur, zu den Leuten, die v�llig zu Recht Papier in Rei�w�lfe stopften. Haymar w�re sehr viel wohler gewesen, wenn er einen <emphasis>wirklich </emphasis>guten Mann neben sich gewu�t h�tte. Leider war im Moment keiner greifbar - was von der ersten Garnitur in dieser Stadt noch �brig war, das waren er und Bergers pers�nliche Wache. Der Rest lag zu Asche verbrannt in einer sch�bigen Gasse auf der anderen Seite der Stadt.</p><p>Schlie�lich antwortete er doch. �Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich sprechen sie sich gegenseitig Mut zu... Verdammt, fahrt endlich weiter!� Den letzten Satz hatte er gefl�stert, aber er kam von Herzen. Sie und die beiden anderen Einheiten, die im Abstand von f�nfhundert Metern vor und hinter ihnen angehalten hatten, taten ihr Bestes, um den Wagen abzuschirmen, aber sehr lange w�rde die Geschichte nicht mehr gutgehen. Haymar wunderte sich sowieso immer mehr, da� die beiden in dem Wagen dort dr�ben bisher noch nichts gemerkt hatten. Die gr��te Schwierigkeit w�hrend dieser Fahrt quer durch die Stadt war nicht gewesen, von Sendig und Bremer unbemerkt zu bleiben. Sie hatte darin bestanden, daf�r zu sorgen, da� ihnen nicht auffiel, da� niemand versuchte, sie anzuhalten. Es gab etliche tausend Polizeibeamte in dieser Stadt. Sie konnten sie nicht alle im Auge behalten. Fr�her oder sp�ter w�rde garantiert irgendein �bereifriger Streifenpolizist auftauchen und den gestohlenen Krankenwagen erkennen, nach dem die ganze Stadt suchte.</p><p>Er beobachtete, wie die Fahrert�r des Krankenwagens aufgesto�en wurde, eine Gestalt ins Freie sprang und verschwand. Ein Teil des Bildes gl�hte in hellem Gr�n auf, als die T�ren ge�ffnet wurden und Licht aus dem Inneren des Krankenwagens ins Freie fiel. Haymar fluchte, lie� hastig das Glas sinken und fuhr sich mit den Handkn�cheln �ber die Augen.</p><p>�Warum schnappen wir uns die beiden nicht einfach?� fragte Brauss. �Es sind doch nur zwei d�mliche Bullen.�</p><p>Haymar schluckte die zynische Antwort herunter, die ihm auf der Zunge lag. Brauss konnte schlie�lich nichts daf�r, da� er ein Idiot war. �Tun Sie sich keinen Zwang an�, sagte er. �Aber sagen Sie mir rechtzeitig Bescheid, damit ich nicht in der N�he bin, wenn Sie Berger davon erz�hlen. Wir sollen sie <emphasis>beobachten, </emphasis>mehr nicht.�</p><p>Vor seinen Augen tanzten keine Lichtpunkte mehr. Vorsichtig setzte er das Glas wieder an und sah hindurch, nachdem er die Empfindlichkeit der Elektronik ein wenig gesenkt hatte. Er konnte den Krankenwagen jetzt nur noch als Schemen erkennen, aber die Stra�e, auf der er stand, f�hrte nur in eine Richtung, und er wu�te, was an ihrem Ende lag, so da� kaum noch die Gefahr bestand, den Wagen zu verlieren. Das Licht, das aus den offenstehenden Heckt�ren des Wagens fiel, war noch immer unangenehm hell, aber es tat jetzt wenigstens nicht mehr weh.</p><p>�Au�erdem sollten Sie diese <emphasis>d�mlichen Bullen </emphasis>nicht untersch�tzen�, fuhr er leise fort. �Sie sind nicht ganz so -�</p><p>Brauss drehte den Kopf und sah ihn stirnrunzelnd an, als er mitten im Satz stockte. �Ja?�</p><p>Haymar blickte konzentriert durch sein Glas. F�r einen Moment hatte er geglaubt, etwas zu sehen, irgend etwas... sehr Sonderbares und Gro�es, das sich hinter dem Krankenwagen bewegte. Aber er mu�te sich wohl get�uscht haben. Mit zusammengebissenen Z�hnen stellte er den Empfindlichkeitsregler wieder auf die h�chste Stufe, obwohl ihm das Licht aus dem Wagen dadurch beinahe die Tr�nen in die Augen trieb, aber da war nichts Au�ergew�hnliches.</p><p>�Was ist?� fragte Brauss noch einmal.</p><p>�Nichts.� Haymar lie� das Glas sinken und blinzelte ein paarmal, um seine Augen wieder an die ver�nderten Lichtverh�ltnisse zu gew�hnen. Er war jetzt ganz sicher, <emphasis>nichts </emphasis>gesehen zu haben, und das, was er sich eingebildet hatte, hatte nicht einmal eine klar erkennbare Form gehabt. Es war nur eine Art Schatten. Wieso beunruhigte es ihn dann so?</p><p>�Ich habe mich geirrt�, sagte er - so laut und mit solchem Nachdruck, als m�sse er nicht nur Brauss, sondern vielmehr sich selbst davon �berzeugen. �Und was diese <emphasis>d�mlichen Bullen </emphasis>angeht, Brauss - untersch�tzen Sie sie nicht.�</p><p>Er sah Brauss bei diesen Worten scharf an, aber dessen Reaktion verriet nicht, ob er wu�te, was Haymars Kollegen zugesto�en war. Wahrscheinlich nicht. Es geh�rte nicht zu Bergers Politik, jeden seiner Mitarbeiter sofort und umfassend �ber alles zu informieren. Schon gar nicht �ber Fehlschl�ge. Oder Katastrophen. Die einzige Best�tigung seiner Worte kam von seinem rechten Bein. Es war nicht gebrochen, wie er im ersten Moment fast bef�rchtet hatte, aber es tat noch immer weh. Nun, was das anging, w�rde er sich zu gegebener Zeit mit diesem Bremer noch einmal unterhalten...</p><p>�Ich glaube, sie fahren weiter�, sagte Brauss. Er deutete auf das blaue Funkeln, das in regelm��igen Abst�nden zwischen den B�umen aufblitzte, und griff gleichzeitig nach dem Z�ndschl�ssel. Haymar hob rasch die Hand.</p><p>�Warten Sie. Noch nicht.� Gleichzeitig setzte er das Fernglas wieder an.</p><p>Haymar schrie gellend auf. Etwas raste auf ihn zu, etwas Gigantisches, Schwarzes, mit Schuppen und gl�nzenden Krallen und einem gewaltigen, gierig aufgerissenen Maul und Augen, in denen das Feuer der H�lle loderte. Es war das <emphasis>Ding, </emphasis>das er hinter dem Krankenwagen gesehen hatte, aber pl�tzlich war es nicht mehr dahinter, nicht einmal mehr auf der anderen Seite der Stra�e, sondern unmittelbar vor ihm, als h�rte es s�mtliche Gesetze der Physik au�er Kraft gesetzt und w�re in einem Moment dort verschwunden und im n�chsten im Inneren des Fernglases wieder aufgetaucht. M�rderische Klauen streckten sich nach Haymar aus. Er sp�rte einen hei�en, �belriechenden Hauch. Z�hne wie geschliffene spitze Dolche schnappten nach seinem Gesicht.</p><p>Mit einer entsetzten Bewegung ri� er das Fernglas herunter.</p><p>Brauss hatte sich neben ihm kerzengerade aufgerichtet und instinktiv nach seiner Waffe gegriffen. �Was ist los?� fragte er alarmiert. �Was haben Sie?!�</p><p>Haymar atmete m�hsam ein und aus. Sein Herz jagte, und seine Finger zitterten pl�tzlich so stark, da� er M�he hatte, das Fernglas zu halten. Die Stra�e vor ihm war leer. Da war kein Ungeheuer. Weder hier noch dort dr�ben zwischen den B�umen. �Ich habe mich nur erschrocken. Es war nichts.�</p><p>Beinahe gegen seinen Willen sah er auf den Feldstecher in seinen Fingern hinab, dann wieder zu dem winzigen blauen Licht dr�ben zwischen den B�umen. <emphasis>Nichts? </emphasis>dachte er hysterisch. Das war alles gewesen, nur nicht <emphasis>nichts.</emphasis></p><p>�Erschrocken?� fragte Brauss ungl�ubig. �Wovor? Sie -�</p><p>�Ich sagte doch, es war nichts�, unterbrach ihn Haymar grob. �Und jetzt fahren Sie endlich los! Aber vorsichtig.�</p></section><section><title><p>44. Kapitel</p></title><p>�Was machen wir, wenn sie uns nicht durchlassen?� fragte Bremer, w�hrend er um den Wagen herumging und die T�r auf der Beifahrerseite �ffnete. Er hatte ganz automatisch wieder hinter dem Steuer Platz nehmen wollen, aber Sendig hatte abgewinkt Aus irgendeinem Grund wollte er das letzte St�ck nicht nur vorne mitfahren, sondern <emphasis>selbst </emphasis>das Steuer �bernehmen. Bremer konnte sich nicht erkl�ren, wieso - aber er hatte das Gef�hl, da� ihm die Antwort nicht besonders gefallen h�tte, h�tte er sie gekannt. Sendig war ganz in der Stimmung, etwas sehr Dummes zu tun. Noch w�hrend er sich auf den Beifahrersitz hinaufzog und die T�r schlo�, spielte er ernsthaft mit dem Gedanken, einfach darauf zu bestehen, selbst zu fahren. Aber er sprach diesen Wunsch nicht laut aus. Sendig war noch immer sein Vorgesetzter. Das hie� - mit ziemlicher Sicherheit war er es nicht mehr, aber die alten Spielregeln von Gehorchen und Befehlen funktionierten noch immer. Niemand legte eine zwanzig Jahre alte Gewohnheit innerhalb weniger Stunden einfach so ab.</p><p>�Was sollen wir schon tun?� Sendig drehte einen Moment vergebens am Z�ndschl�ssel, bis er begriff, da� sie in einem betagten Diesel sa�en, und den Daumen auf den Startknopf pre�te. Der Motor sprang sofort an. �Sie wissen doch, wie das in amerikanischen Krimis l�uft, oder? Wir brechen durch das Tor. Was sonst?�</p><p>�Ich finde das nicht im geringsten komisch�, sagte Bremer. Das entsprach der Wahrheit. Er war nicht nur im Zweifel - er war <emphasis>ziemlich sicher, </emphasis>da� Sendig diese Worte ernst meinte.</p><p>�Ich auch nicht. Entschuldigen Sie.� Sendig legte den Gang ein, fuhr aber noch nicht los. Sein Blick tastete durch die Fahrerkabine und blieb an einem Punkt hinter und �ber Bremer h�ngen. �Wie ich schon sagte - gottlob ist das hier ein sehr ordentlicher Haushalt. Geben Sie mir eine davon.�</p><p>Bremer sah in die gleiche Richtung und entdeckte zwei signalrote Jacken, die an einem Haken hinter ihm hingen. Er tat, worum Sendig ihn gebeten hatte, und gab ihm eines der Kleidungsst�cke. Sendig nahm den Gang wieder heraus und begann umst�ndlich, die Jacke �ber seinen Mantel zu streifen, ein Vorhaben, das hinter dem Steuer des Wagens nahezu zu einem akrobatischen Kunstst�ck geriet. Das Ergebnis sah einigerma�en l�cherlich aus. Die Jacke war Sendig um mindestens drei Nummern zu gro�, und man sah deutlich, da� er darunter einen Mantel und ein zweites Jackett trug. Diese Verkleidung w�rde nicht einmal einem fl�chtigen Blick standhalten, geschweige denn irgend jemanden t�uschen. Trotzdem schl�pfte er nach kurzem Z�gern selbst in die zweite Jacke - und stellte fest, da� sie ihm viel zu klein war.</p><p>�Tauschen wir?� fragte er.</p><p>�Wozu?� Sendig bedachte Bremer mit einem breiten Grinsen, legte den Gang wieder ein und lie� den Wagen langsam losrollen. �Das lohnt nicht. Au�erdem - da f�hlt man sich doch wieder richtig jung, oder? Wie damals beim Bund. Einheitsgr��e - und pa�t! Waren Sie bei der Bundeswehr, Bremer?�</p><p>�Nein�, antwortete Bremer einsilbig. Sendigs Verhalten irritierte ihn immer mehr. Er hatte Verst�ndnis daf�r und erwartete sogar, da� er nerv�s war und Angst hatte - aber Sendig benahm sich vollkommen verr�ckt. Zum ersten Mal fragte er sich allen Ernstes, ob Sendig vielleicht tats�chlich den Verstand verloren hatte.</p><p>�So, Sie haben nicht gedient?� Sendig sch�ttelte in gespielter Emp�rung den Kopf. �Ich bin ersch�ttert.�</p><p>Bremer sah ihn durchdringend an. �Ist mit Ihnen alles in Ordnung?� fragte er.</p><p>�Alles in Ordnung?� Sendig grinste noch breiter. �Nat�rlich ist mit mir alles in Ordnung. Was soll denn nicht stimmen?�</p><p>Bremer schwieg, und auch Sendig war einige Sekunden lang still. Aber als er weitersprach, war sein L�cheln irgendwie eingefroren und sah aus wie die geschminkten Z�ge eines Harlekins. �Nein, es ist nicht alles in Ordnung. <emphasis>Ganz und gar nichts </emphasis>ist in Ordnung, Bremer. Ich habe eine verdammte Schei�angst.�</p><p>Bremer h�tte ihn gerne gefragt, wovor, aber es war zu sp�t. Die Einfahrt der Fabrik tauchte im Scheinwerferlicht auf, und Bremer sah, da� zumindest <emphasis>eine </emphasis>seiner Sorgen unbegr�ndet gewesen war - das schmiedeeiserne Rolltor stand weit offen. In dem kleinen Pf�rtnerh�uschen daneben brannte das tr�be Licht einer altmodischen Schreibtischlampe, aber der Pf�rtner selbst war bereits aus seiner Loge herausgetreten und leuchtete mit einer Taschenlampe in ihre Richtung. Wahrscheinlich hatte er sie schon bemerkt, als sie von der Stra�e abgebogen waren, und sich gewundert, warum sie mit laufendem Blaulicht noch einmal auf halbem Wege angehalten hatten.</p><p>Sendig trat leicht auf die Bremse, schaltete das Blaulicht aus und kurbelte gleichzeitig das Fenster auf seiner Seite herunter. �Sagen Sie nichts, Bremer�, sagte er. �Ich regele das.�</p><p>Er bremste weiter ab und hielt unmittelbar neben dem Pf�rtner an. Der Lichtstrahl der Taschenlampe richtete sich f�r einen Moment direkt auf sein Gesicht und erlosch, als Sendig die Hand hob und �bertrieben blinzelte. Bremer h�rte, wie der Pf�rtner n�her kam. Sehen konnte er ihn nicht, dazu war es zu dunkel drau�en. Alles, was er wahrnahm, war ein gesichtsloser Schatten.</p><p>�Guten Abend�, sagte der Pf�rtner. Seine Stimme verriet, da� er schon ziemlich alt sein mu�te. �Was ist denn los? Ist was passiert? Ich habe euch nicht gerufen, und -�</p><p>�Es ist nichts passiert�, unterbrach ihn Sendig. �Keine Angst - wir sind nicht im Einsatz. Direktor Sillmann hat uns angerufen. Ist er hier?�</p><p>�Direktor Sillmann?� Der Pf�rtner kam noch n�her und stand nun unmittelbar neben der T�r, so da� Bremer sein Gesicht nun erkennen konnte. Er war so alt, wie er erwartet hatte, und sah sehr verwirrt aus, aber auch ein bi�chen mi�trauisch. Wahrscheinlich war ihm Sendigs Aufzug bereits aufgefallen. Bremer betete, da� die blo�e Autorit�t des Krankenwagens ausreichen mochte, ihn nicht <emphasis>zu </emphasis>intensiv �ber dessen sonderbare Insassen nachdenken zu lassen.</p><p>�Er erwartet uns�, best�tigte Sendig. �Ist er schon da?�</p><p>�Ange...� Der Pf�rtner stockte mitten im Wort. Sein Gesicht hellte sich auf. �Jetzt verstehe ich. Nat�rlich ist er da - entschuldigen Sie. Er wartet schon <emphasis>auf </emphasis>Sie. Tut mir leid - ich habe die anderen durchgelassen, aber ich wu�te nicht, da� noch jemand kommt. Was ist denn eigentlich los?�</p><p>Sendig ignorierte die Frage. �Wo finden wir ihn?�</p><p>�Im Labor.� Der Pf�rtner schaltete seine Lampe wieder ein und deutete mit dem Lichtstrahl nach rechts. Bremers Blick folgte der Geste. Das Geb�ude, auf das der Mann wies, war zu weit entfernt, um mehr als ein Schatten zu sein, aber hinter einer offenstehenden T�r im Erdgescho� brannte Licht. Ein St�ck daneben war ein Wagen abgestellt. �Sehen Sie die T�r? Einfach den Gang bis zum Ende und dann die Treppe hinunter. Normalerweise ist abgeschlossen, aber wenn der Herr Direktor Sie erwartet, ist die T�r bestimmt auf. Wenn nicht, rufen Sie mich. Ich habe einen Hauptschl�ssel.�</p><p>Sendig bedankte sich, drehte das Fenster wieder hoch und fuhr weiter. Die Scheinwerferstrahlen beschrieben einen asymmetrischen Viertelkreis vor ihnen auf dem Boden, als er den Wagen durch das Tor und dann nach rechts lenkte, und wurden l�nger, als er aufblendete. Die offenstehende T�r im Laborgeb�ude verlor deutlich an Leuchtkraft, aber daf�r sah Bremer, da� hinter dem Wagen, der daneben abgestellt war, ein zweites Fahrzeug stand: ein auff�lliger schwarzer Mercedes mit abgedunkelten Scheiben und einer sonderbaren, wie ein Bumerang geformten Antenne auf dem Kofferraumdeckel. Das mu�ten die anderen sein, von denen der Pf�rtner gesprochen hatte.</p><p>Auf der anderen Seite des Wagens mit der seltsamen Kofferraumverzierung lehnte ein Mann. Er trug einen dunklen Anzug und rauchte. In der linken Hand hielt er etwas, das Bremer nicht genau erkennen konnte, von dem er aber ziemlich sicher war, da� es sich um ein Walkie-talkie handelte. Als das Licht den Wagen erfa�te, erschien sein Schatten riesig und verzerrt an der wei�gestrichenen Wand hinter ihm. Er drehte den Kopf und sah blinzelnd in ihre Richtung, machte aber keine Anstalten, vom Kotfl�gel des Wagens herunterzugleiten, auf dem er halb sa�, halb lehnte.</p><p>Sendig gab ein wenig mehr Gas. Er fuhr nicht sehr schnell, aber sie waren auch keine zehn Meter mehr von den beiden Wagen entfernt. Wenn er es nicht unbedingt darauf anlegte, die Bremsen des Krankenwagens zu testen, sollte er vielleicht allm�hlich wenigstens aufh�ren, Gas zu geben, dachte Bremer.</p><p>�Nicht so schnell�, sagte er.</p><p>Aber Sendig bremste nicht ab, sondern grinste pl�tzlich wieder - und trat das Gaspedal mit einem Ruck bis zum Anschlag durch.</p><p>Der Motor unter Bremers F��en heulte auf. Der Wagen machte einen regelrechten Satz, �berwand die verbliebenen f�nf oder sechs Meter im Bruchteil einer Sekunde und krachte mit solcher Wucht in die Hanke des Mercedes, da� Bremer nach vorne geschleudert wurde und erst im letzten Moment die Arme vor das Gesicht ri�, um sich nicht am Armaturenbrett die Z�hne einzuschlagen. Glas splitterte, und beide Scheinwerfer des Krankenwagens erloschen im gleichen Augenblick. Der Mercedes wurde ein St�ck in die H�he gehoben und drohte beinahe umzukippen, dann st�rzte er mit einem schmetternden Schlag zur�ck, wobei er die Sto�stange und einen guten Teil der Motorhaube des Krankenwagens abri�.</p><p>Bremer hatte den gr��ten Teil des Aufpralles irgendwie abgefangen, ohne dabei ein paar Z�hne einzub��en oder sich die Handgelenke zu brechen; aber die verbliebene Wucht war noch immer gro� genug, ihn vom Sitz zu rei�en und zu Boden zu schleudern. Benommen blieb er einige Augenblicke liegen. Als er sich wieder in die H�he stemmte, kroch Sendig ebenfalls gerade unter dem Lenkrad hervor. Er hatte weniger Gl�ck gehabt und blutete heftig aus der Nase, grinste aber trotzdem wie ein Schuljunge, dem ein besonders lustiger Streich gelungen war.</p><p>�Ups!� sagte er. �Wie ungeschickt von mir!�</p><p>�Sind... sind Sie verr�ckt geworden?� keuchte Bremer.</p><p>Sendig lachte, ri� die T�r auf und sprang aus dem Wagen. Bremer vergeudete eine halbe Sekunde damit, ihm fassungslos nachzustarren, dann drehte er sich hastig herum und stie� die T�r auf der anderen Seite auf. So schnell er nur konnte, stolperte er hinter Sendig her, holte ihn aber trotzdem erst ein, als er den halbzertr�mmerten Mercedes bereits umrundet hatte.</p><p>Der Mann, der auf dem Kotfl�gel gesessen hatte, lag jetzt st�hnend neben dem Wagen auf den Knien und hielt sich das Gesicht. Er blutete heftig aus Mund und Nase. Sendig rannte auf ihn zu, hielt abrupt an und sah einen Herzschlag lang wortlos - aber sichtlich am�siert - auf ihn hinunter.</p><p>�Na so was!� sagte er kopfsch�ttelnd. �Sind euch die BMWs ausgegangen?�</p><p>Der Verletzte hob m�hsam den Kopf und sah zu ihm hoch. Er blutete heftig aus Mund und Nase, und wahrscheinlich hatte er auch noch andere, schlimmere Verletzungen, denn sein Gesichtsausdruck spiegelte nur vollkommenes Unverst�ndnis und Schmerz. Dann blitzte etwas in seinen Augen auf, aber die Erkenntnis kam zu sp�t. Noch immer grinsend streckte Sendig blitzschnell die Hand aus, grub die Finger in sein Haar und knallte seine Stirn so heftig gegen den Kotfl�gel, da� der Wagen um eine weitere Delle bereichert wurde. Der Mann verdrehte die Augen und sank bewu�tlos zu Boden, als Sendig seine Haare loslie�.</p><p>�Sendig!� keuchte Bremer. �Sind Sie wahnsinnig?!� Instinktiv trat er auf Sendig zu, hob die Arme, wie um ihn zu packen - und erstarrte mitten in der Bewegung. In Sendigs Hand lag pl�tzlich wieder die Pistole. Und sein L�cheln war wie weggeblasen.</p><p>�Behalten Sie die Nerven, Bremer�, sagte er. �Wir haben jetzt wirklich keine Zeit f�r Gef�hlsduseleien. Holen Sie den Jungen.�</p><p>�Gef�hlsduseleien?� Bremer starrte aus vor Schrecken geweiteten Augen auf den bewu�tlosen Mann zu Sendigs F��en hinunter. �Sind Sie verr�ckt? Sie h�tten ihn umbringen k�nnen!�</p><p>�Und?� fragte Sendig. �Sind Sie so naiv, oder tun Sie nur so, Bremer? Glauben Sie im Ernst, da� die uns am Leben lassen, wenn sie uns zu fassen kriegen? Bestimmt nicht! Und jetzt holen Sie endlich den Jungen. Wir m�ssen weg hier. Wahrscheinlich sind noch einige mehr von diesen Kerlen in der N�he!�</p><p>Bremer f�hlte sich f�r einen Moment wie vor den Kopf geschlagen. Sendigs v�llig �berraschende Brutalit�t schockierte ihn, aber zugleich begriff er auch, da� er wahrscheinlich recht hatte. Wenn das, was Sendig ihm �ber die Droge und Sillmanns geheimnisvolle Besch�tzer erz�hlt hatte, die Wahrheit war, dann stand hier mittlerweile zuviel auf dem Spiel, als da� sie noch R�cksicht auf zwei kleine Polizeibeamte nehmen w�rden, vor allem dann nicht, wenn sie sich als l�stige Mitwisser entpuppten. H�tte er auch nur einen Moment lang �ber diese Frage nachgedacht, dann w�re er wahrscheinlich von selbst darauf gekommen - aber aus irgendeinem Grund hatte er das bisher nicht getan. Wahrscheinlich, weil er es gar nicht wissen <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>�Los schon!� sagte Sendig ungeduldig. �Wir haben wahrscheinlich nur ein paar Minuten!�</p><p>Bremer drehte sich widerwillig herum und ging ein paar Schritte, aber dann rannte er zum Krankenwagen zur�ck. Er war pl�tzlich sehr zornig, vor allem auf sich selbst. Er h�tte wissen m�ssen, da� es so oder so �hnlich enden w�rde - verdammt, er hatte es gewu�t. Wieso hatte er es zugelassen? Mit einer viel zu heftigen Bewegung ri� er die T�ren auf und sprang in den Wagen hinein.</p><p>Auch die Innenbeleuchtung war ausgefallen, so da� er im ersten Moment kaum etwas sah. Immerhin erkannte er, da� Mark sich aufgerichtet hatte und vorn�bergesunken auf der Trage sa�. Er st�hnte leise, hob aber den Kopf, als er Bremer bemerkte, und sah ihn an. �Was... was ist passiert?�</p><p>�Nichts�, antwortete Bremer hastig. �Ein kleiner Unfall, nichts Schlimmes. Ist Ihnen etwas passiert?�</p><p>Mark sch�ttelte den Kopf. Er versuchte aufzustehen, aber er war so schwach, da� es ihm ohne Bremers Hilfe nicht gelang. �Sind wir... da?� fragte er stockend.</p><p>�Ich glaube�, antwortete Bremer. Dann f�gte er, h�rbar (wenn auch gelogen) �berzeugter hinzu: �Ja. Noch ein paar Schritte. K�nnen Sie gehen?�</p><p>�Ja�, behauptete Mark. Es gelang ihm tats�chlich, einen Fu� vor den anderen zu setzen und sich zur T�r zu schleppen, aber nur, weil Bremer ihn dabei st�tzte. An der T�r angekommen, ergriff Bremer ihn kurzerhand unter den Armen und setzte ihn einen halben Meter tiefer wie ein Kind zu Boden. Mark st�hnte. Die Ber�hrung mu�te an seinem verletzten Arm h�llische Schmerzen verursachen.</p><p>Bremer sprang hinter ihm aus dem Wagen, nahm kurz entschlossen seinen unverletzten Arm und legte ihn sich �ber Schultern und Nacken. Er h�tte ihn getragen - der Junge war zwar gro�, wog aber nicht besonders viel - und w�re auf diese Weise bestimmt schneller vorangekommen, aber er war ziemlich sicher, da� Marks Stolz das nicht zugelassen h�tte, ganz gleich, wie elend er sich auch f�hlte. So st�tzte er ihn, so gut er konnte, schlang den linken Arm um seine H�fte und hakte die Finger unter seinen G�rtel, um auf diese Weise noch einen Teil seines Gewichts abzufangen.</p><p>Mark zitterte vor Anstrengung und Schmerz, als sie den zertr�mmerten Mercedes umrundeten. Bremer sah, da� Sendig mittlerweile die T�r des Wagens ge�ffnet und den Bewu�tlosen auf den Beifahrersitz verfrachtet hatte. Er fragte sich, warum, verschwendete aber keine Zeit auf diese Frage, sondern fuhr Sendig grob an: �Helfen Sie mir, verdammt noch mal!�</p><p>Sendig tauchte r�ckw�rts wieder aus dem Wagen auf, aber er r�hrte keinen Finger, um Bremer zu helfen, sondern musterte nur Mark, auf eine Weise, die Bremer einen eisigen Schauer �ber den R�cken jagte. �Wie f�hlen Sie sich?� fragte er. �Geht es?�</p><p>�Das ist die d�mlichste Frage des Tages�, sagte Bremer w�tend. �Helfen Sie mir, zum Teufel! Sie sehen doch, da� er gleich zusammenbricht.�</p><p>�Das ist... nicht n�tig�, sagte Mark schwach. �Wirklich, ich... ich f�hle mich schon besser.�</p><p>Um seine Worte zu beweisen, nahm er die Hand von Bremers Schulter und versuchte, aus eigener Kraft zu stehen. Es gelang ihm nicht ganz; er mu�te sich gegen den Kotfl�gel des Wagens lehnen, um nicht zu st�rzen. Aber er hatte trotzdem recht - er war schon weitaus kr�ftiger als drinnen im Wagen, und Bremer konnte regelrecht <emphasis>sehen, </emphasis>wie er sich erholte. Es war das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, und diesmal wirkte es noch unheimlicher.</p><p>�He, was ist denn da los?� Der Pf�rtner kam mit weit ausgreifenden Schritten herangest�rmt. Sein Gesicht war eine einzige Maske der Emp�rung. �Was treibt ihr denn da? Was ist los?�</p><p>Er blieb abrupt stehen, als er nahe genug war, um die beiden ineinanderverkeilten Wagen richtig zu erkennen. Seine Augen weiteten sich. �Aber das... Was habt ihr denn nur gemacht?�</p><p>�Nichts�, antwortete Sendig. �Ein kleiner Unfall. Es ist alles in Ordnung, danke. Nichts passiert.�</p><p>�Nichts passiert?!� keuchte der Mann. Dann schlug der Ausdruck von Fassungslosigkeit auf seinen Z�gen in j�hes Erschrecken um. �He - ihr... ihr seid �berhaupt keine Sanit�ter. Hier stimmt doch was nicht!�</p><p>�Ich sagte doch, es ist alles in Ordnung�, wiederholte Sendig. Er wandte sich dem Mann vollends zu, und diesmal hielt seine Verkleidung nicht einmal mehr einem fl�chtigen Blick stand. Unter der viel zu gro�en orangeroten Jacke sah die H�lfte seines Mantels hervor, und er hielt immer noch die Pistole in der linken Hand.</p><p>�Ihr... ihr seid gar keine Sanit�ter!� wiederholte der Pf�rtner hysterisch. �Hier ist doch was faul. Ich... ich rufe die Polizei!�</p><p>�Tun Sie das�, riet ihm Sendig. �Aber verschwinden Sie endlich.�</p><p>Er hob seine Waffe, nicht einmal sehr weit, vielleicht um zehn Zentimeter, so da� sie noch lange nicht auf sein Gegen�ber deutete, aber die Bewegung reichte trotzdem, den Mann aus seiner Erstarrung zu rei�en. Er keuchte erschrocken, lie� die Taschenlampe fallen und st�rmte davon.</p><p>�Los jetzt!� sagte Sendig. �Bremer!�</p><p>Bremer verstand. Ohne auf Marks schwache Proteste zu achten, ergriff er ihn wieder auf die gleiche Art wie gerade und zog ihn auf die offenstehende T�r des Laborgeb�udes zu. Sendig folgte ihnen in einem Schritt Abstand, sah sich aber im Laufen immer wieder um. Von irgendwelchen Verfolgern war noch nichts zu sehen, aber da� sie niemanden sahen, mu�te nicht bedeuten, da� sie nicht <emphasis>gesehen wurden. </emphasis>Au�erdem wurde in der Fabrik gearbeitet. Hinter einigen Fenstern brannte Lacht, und Bremer h�rte das Ger�usch ferner laufender Maschinen, Er ertappte sich bei dem Gedanken, da� es ein Fehler gewesen war, den Pf�rtner gehen zu lassen. Er machte sich keine Sorgen darum, da� er die Polizei rief - was immer dort unten im Keller auf sie wartete, sie w�rden garantiert zu sp�t kommen, um noch irgend etwas zu �ndern -, aber er hatte wenig Lust, sich mit einem Dutzend aufgebrachter Arbeiter herumzuschlagen, die ihre helle Freude daran hatten, zwei vermeintliche Einbrecher auf frischer Tat zu schnappen.</p><p>Kurz bevor sie die T�r erreichten, blieb Mark pl�tzlich stehen. Bremer sp�rte, wie er sich f�r einen Sekundenbruchteil versteifte und dann am ganzen Leib zu zittern begann. �Was ist los?� fragte er erschrocken.</p><p>�Sie... sie kommen�, murmelte Mark. �Sie kommen hierher!�</p><p>Bremer sah sich instinktiv erschrocken um. Der Pf�rtner verschwand gerade in diesem Moment in seinem Torh�uschen, aber der Hof war immer noch leer. �Wer?� fragte er.</p><p>�Sie kommen�, wiederholte Mark. �Sie... sie kommen mich wieder holen.�</p></section><section><title><p>45. Kapitel</p></title><p>Haymar gab auf. Mit einer Wucht, die das eigentlich sehr stabile Plastikgeh�use knirschen lie�, rammte er das Funkger�t in den Halter am Armaturenbrett zur�ck.</p><p>�Meldet er sich nicht?� fragte Brauss.</p><p>Nein, dachte Haymar w�tend. <emphasis>Das ist es nicht, Idiot. Ich habe aus purer Langeweile ungef�hr f�nfundzwanzig Mal versucht, den Wagen zu erreichen, und immer im letzten Moment abgeschaltet.</emphasis> Irgendwann in nicht mehr allzu ferner Zukunft w�rde er Brauss beiseite nehmen und sich mit ihm von Mann zu Mann unterhalten. Und sollte Brauss danach noch in der Lage sein, seinen derzeitigen Beruf auszu�ben, w�rde er sich garantiert einen anderen Partner suchen.</p><p>�Irgendwas stimmt da nicht�, murmelte Brauss. �Jetzt haben sie auch das Licht ausgeschaltet. Wir sollten nachsehen.�</p><p>�Kommt nicht in Frage�, erwiderte Haymar. �Berger war ziemlich eindeutig. Wir beobachten, mehr nicht. Bis wir andere Befehle bekommen�, f�gte er mit einer Kopfbewegung auf das Funkger�t hinzu, mit dem er seit gut f�nf Minuten vergeblich versucht hatte, genau diese anderen Befehle zu h�ren. Oder wenigstens irgend etwas.</p><p>Das schlimmste war, da� er Brauss insgeheim recht geben mu�te. Irgend etwas stimmte dort vorne auf dem Fabrikgel�nde wirklich nicht. Haymar arbeitete jetzt seit ann�hernd zehn Jahren f�r die Abteilung und f�r Berger, und wenn er eines �ber seinen Chef wu�te, dann, da� er ein Sicherheitsfanatiker war. Er ging nie ohne seine drei Bodyguards aus dem Haus, und er lie� prinzipiell einen der M�nner als Eingreifreserve zur�ck - und ein eingeschaltetes Funkger�t. Den Apparat nicht ununterbrochen empfangsbereit und die Ohren auf weniger als hundertf�nfzig Prozent Aufmerksamkeit zu haben war eine ziemlich sichere Methode, am n�chsten Tag <emphasis>nicht </emphasis>mehr als Leibw�chter des Chefs zu arbeiten. Haymar war es vor nicht allzu langer Zeit genauso gegangen.</p><p>Jetzt meldete sich der Posten seit f�nf Minuten nicht mehr. Brauss hatte recht. Irgendwas war faul. Trotzdem sagte er noch einmal: �Wir warten.�</p><p>Er sah seinem jungen Kollegen an, wie gerne er widersprochen h�tte. Da� er es nicht tat, lag einzig an seinem - Haymars - Ruf. Er stand in der Hackordnung der Abteilung noch ein gutes St�ck unter Berger, aber er war daf�r bekannt, das, was er an Brutalit�t und Streitlust zuviel hatte, mit einem Mangel an Geduld zu kompensieren. Haymar wu�te, da� ihn einige seiner Kollegen f�r einen Psychopathen hielten, aber das empfand er eher als Kompliment - solange niemand den Fehler beging, es ihm ins Gesicht zu sagen, allerdings.</p><p>Aber Brauss mu�te entweder mutiger - oder noch d�mmer - sein, als Haymar erwartet hatte, denn nach einigen weiteren Sekunden sagte er: �Und was ist, wenn sie verschwinden?�</p><p>�Wohin denn?� fragte Haymar abf�llig. Er teilte zwar Brauss' Sorge, da� dort vorne irgend etwas schiefgegangen sein k�nnte, aber nicht die, da� Sillmann und diese beiden Polizisten ihnen entkamen. Es gab nur diesen einen Weg in die Fabrik hinein oder heraus, und den blockierten sie vollkommen. Nat�rlich konnten sie theoretisch versuchen, den Wagen stehenzulassen und auf der R�ckseite des Gel�ndes �ber den Zaun zu klettern, aber wirklich nur <emphasis>theoretisch. </emphasis>Haymar hatte mit eigenen Augen gesehen, in welchem Zustand der Junge war. Zu Fu� kam er keine hundert Meter weit.</p><p>�Wir sollten wenigstens <emphasis>nachsehen�, </emphasis>beharrte Brauss. Er streckte die Hand nach dem Fernglas aus, z�gerte eine Sekunde und ergriff es dann, als Haymar nicht protestierte.</p><p>Haymar hielt den Atem an, als er das Ger�t an die Augen hob. Nichts geschah. Nat�rlich nicht. Trotzdem war er nahe daran, Brauss zu warnen oder ihm den Feldstecher gleich aus der Hand zu schlagen. Statt dessen lie� er ein paar Sekunden verstreichen, dann sagte er: �Sie m�ssen es einschalten.�</p><p>Brauss lie� das Ger�t verdattert sinken, sah Haymar einen Herzschlag lang verlegen an und dr�ckte dann �berhastet die entsprechende Taste. Ein winziges gr�nes Licht glomm an der Unken Seite des Apparates auf. �Danke�, murmelte er.</p><p>Hastig setzte er das Ger�t wieder an, schwenkte es in Richtung der Fabrik und drehte an der Feineinstellung.</p><p>Dann explodierte sein Gesicht. Haymar konnte <emphasis>h�ren, </emphasis>wie irgend etwas mit furchtbarer Gewalt direkt durch die Optik des Ger�tes hindurch in seine Augen fuhr und sie zerri�.</p><p>Brauss schrie auf. Sein Kopf wurde wie von einem Hammerschlag getroffen und gegen die Kopfst�tze geschleudert. Zwischen dem Okular des Fernglases und seinen Augen scho� eine Blutfont�ne hervor, besudelte die Sitze, die Scheiben und Haymars Gesicht. Brauss' ganzer K�rper b�umte sich mit solcher Gewalt auf, da� das untere Viertel des Lenkrades einfach wegsplitterte und Haymar h�ren konnte, wie seine Oberschenkel brachen, und Brauss schrie noch immer. Seine H�nde fuhren unkontrolliert durch die Luft, zerschmetterten das Seitenfenster und trafen Haymar mit solcher Wucht, da� er benommen gegen die Beifahrert�r sank.</p><p>Dann, endlich, h�rte Brauss auf zu schreien. Sein Oberk�rper sank nach vorne, und seine Stirn schlug auf dem zerschmetterten Lenkrad auf. Aber noch im Tode rollte sein Kopf zur Seite, als w�re ihm im nachhinein aufgefallen, da� da noch etwas war, was er Haymar zeigen wollte.</p><p>Sein Gesicht war verzerrt und so voller Blut, da� es wie eine bizarre rote Faschingsmaske aussah, nur da� sie anstelle von Augen zwei faustgro�e, blutige Krater mit zerfetzten R�ndern hatte, aus denen grauer Rauch aufstieg.</p><p>Haymar starrte das grauenhafte Bild eine geschlagene halbe Minute lang an, ehe er ganz langsam den Blick senkte und auf das Fernglas herabblickte, das in einer rasch gr��er werdenden Blutlache zwischen Brauss' F��en lag, und pl�tzlich sah er noch einmal ganz deutlich das furchtbare klauenbewehrte Ding, das so j�h in der Optik aufgetaucht war. H�tte er nur eine halbe Sekunde sp�ter reagiert...</p><p>Brauss' K�rper rutschte mit einigen Sekunden Versp�tung seitlich vom Lenkrad herunter und prallte gegen die T�r, und das dumpfe Ger�usch holte Haymar endg�ltig in die Realit�t zur�ck. Mit zitternden Fingern ri� er das Funkger�t aus der Halterung, schaltete es ein und wechselte auf eine andere Frequenz als die, auf der er gerade noch versucht hatte, Berger zu erreichen.</p></section><section><title><p>46. Kapitel</p></title><p>Das Geb�ude schien vollkommen verlassen zu sein. Der Korridor, durch den sie kamen, f�hrte an einem Dutzend T�ren vorbei, die fast allesamt offenstanden: B�ros, Konferenz- und Laborr�ume, von denen sie nur die durch das aus dem Gang hereinfallende Licht erhellten winzigen Ausschnitte sehen konnten. Hier und da blinzelte das gr�ne L�mpchen eines Telefons oder Computerterminals, das von seinem Besitzer nicht ausgeschaltet worden war, aber die kurze Schreckensvision, die Bremer f�r einen Moment gehabt hatte, als sie ins Haus hineingingen, wurde nicht wahr: Niemand sprang pl�tzlich hinter einer T�r hervor und richtete eine Waffe auf sie oder er�ffnete gleich das Feuer. Der Posten drau�en war offensichtlich allein gewesen.</p><p>Wie der Pf�rtner gesagt hatte, f�hrte der Korridor schnurgerade fast durch das gesamte Geb�ude hindurch und endete vor einer wuchtigen, mit Schnitzereien verzierten Eichent�r. Sie klemmte ein wenig, so da� sich Sendig zweimal mit der Schulter dagegenwerfen mu�te, um sie aufzubekommen, und die kurze Verz�gerung gab Bremers Phantasie Gelegenheit zu einer zweiten, witzigen Vision: Die T�r sah massiv genug aus, um den Besch�� einer Panzerfaust standzuhalten. W�re sie abgeschlossen gewesen, dann w�re ihre Flucht nach allem, was sie geschafft hatten, hier zu Ende - ein grotesker, aber irgendwie beinahe auch schon wieder passender Ausgang dieser aberwitzigen Geschichte.</p><p>Die T�r war nicht verschlossen. Als Sendig das zweite Mal mit der Schulter dagegenstie�, ging sie so pl�tzlich auf, da� er, vom �briggebliebenen Schwung seiner eigenen Bewegung mitgerissen, hindurchstolperte und um ein Haar gest�rzt w�re.</p><p>Bremer folgte ihm hastig, aber er nahm sich trotzdem die Zeit, die T�r hinter sich wieder ins Schlo� zu schieben. Er sah nicht ein, da� er ihren Verfolgern die Zeit schenken sollte, die sie durch die T�r verloren hatten.</p><p><emphasis>Da� </emphasis>sie verfolgt wurden, daran bestand mittlerweile kein Zweifel mehr - und zwar ganz bestimmt <emphasis>nicht </emphasis>von seinen ehemaligen Kollegen oder einer Meute Fabrikarbeiter, die auf eine Schl�gerei aus waren. Mark hatte seine unheimlichen Worte nicht wiederholt, aber Bremer <emphasis>sp�rte </emphasis>es einfach. Irgend jemand - <emphasis>irgend </emphasis>ETWAS - verfolgte sie. Und es kam n�her. Rasend schnell.</p><p>�Bremer, wo bleiben Sie?� schrie Sendig. Er hatte sich wieder gefangen und war bereits weitergelaufen. Der Korridor setzte sich vor ihnen nur noch ein paar Meter weit fort und ging dann in eine breite, mit einem gr�nen L�ufer belegte Holztreppe �ber, die in eine von Neonlicht erhellte Tiefe f�hrte. �Beeilen Sie sich, verdammt noch mal!�</p><p>Bremer r�ckte Marks Gewicht auf seiner Schulter hastig zurecht und lief los. Mark st�hnte. Vermutlich bereitete ihm die Bewegung unertr�gliche Schmerzen, denn er versuchte schwach, sich loszurei�en, aber Bremer nahm nun keine R�cksicht mehr. Die zweite Injektion, die Sendig ihm gegeben hatte, hatte noch weniger lange vorgehalten als die erste. Die Kr�fte des Jungen waren so rasch wieder geschwunden, wie er sich erholt hatte; Bremer schleifte ihn mehr neben sich her, als er ihn st�tzte. �ber Bremers Schulter lief klebrige W�rme. Die Wunde in Marks Arm hatte wieder zu bluten begonnen. Seine Chancen, mit einem Toten im Arm unten anzukommen, standen wirklich nicht schlecht. Er erreichte die Treppe und warf einen hastigen Blick �ber die Schulter zur�ck, ehe er die Stufen hinuntertastete. Die T�r war noch geschlossen, aber was immer ihnen folgte, es war jetzt nahe. Und es war kein Mensch. Vielleicht nicht einmal etwas Lebendiges. Vielleicht hatte sich Sendig get�uscht, als er vermutete, da� Mark nur wirklich gef�hrlich war, wenn er schlief; vielleicht reichte der fast komat�se Zustand des Jungen auch aus, um die unheimlichen Kr�fte seines Geistes schon jetzt zu entfesseln, aber vielleicht war es auch ganz anders, als sie beide geglaubt hatten. Er w�rde es herausfinden. Sehr bald.</p><p>Sie stolperten die Treppe hinab und fanden sich unversehens in einer vollkommen ver�nderten Umgebung wieder. Hatten die Architekten oben wenigstens noch versucht, das Ambiente des alten Gutshofes beizubehalten, der dieses Geb�ude fr�her einmal gewesen war, herrschte hier unten nichts als kalte Funktionalit�t. An der Decke leuchteten Neonr�hren, und vor ihnen lag ein langer, wei�gestrichener Gang, von dem ein halbes Dutzend Glast�ren abzweigten. S�mtliche R�ume dahinter waren taghell erleuchtet. Es waren Laboratorien voller unverst�ndlicher Ger�tschaften, Chrom und blinkender Monitore.</p><p>Es war beinahe zuviel. Bisher hatte Bremer sich erfolgreich dagegen gewehrt, sich zu erinnern, aber dieser Anblick weckte die Geister der Vergangenheit. Er war schon einmal hiergewesen, vor sechs Jahren, aber es h�tten auch sechzig Jahre sein k�nnen, und er h�tte sich genauso gut erinnert. Er w�rde dieses Geb�ude nie vergessen, ganz egal, wieviel Zeit auch verging. Au�erdem schien sich absolut nichts ver�ndert zu haben. Damals wie heute kam ihm dieser unter der Erde gelegene Gang wie die Kulisse eines Science-fiction-Filmes vor, in der die Zeit mindestens f�nfzig Jahre �bersprungen hatte; aber zugleich schien sie auch stehengeblieben zu sein, wie um auf die verlorenen Jahre zu warten. Damals wie heute gab es nur einzige T�r in diesem futuristischen Gang, die nicht aus Glas bestand, sondern aus massivem, wei�lackiertem Stahl, und mit gleich zwei Schl�ssern gesichert war. Und damals wie heute waren die Schl�sser ge�ffnet, und die T�r stand einen Spaltbreit auf. Voll kalten Entsetzens fragte er sich, ob er dahinter auch heute wieder das gleiche finden w�rde wie vor sechs Jahren: den absoluten Terror.</p><p>Sendig schob die zentnerschwere T�r weiter auf und wedelte ungeduldig mit beiden H�nden, damit sie schneller liefen. Bremer wollte es sogar, aber er wurde im Gegenteil eher langsamer. Mark versuchte jetzt gar nicht mehr, zu gehen, sondern lie� sich wie eine leblose Last von ihm mitschleifen. H�tte er nicht ab und zu ein leises St�hnen ausgesto�en, Bremer w�re davon �berzeugt gewesen, da� er auch genau das war. Sie waren dabei, ihn umzubringen. <emphasis>Er </emphasis>war dabei, ihn umzubringen.</p><p>An der T�r angekommen, sah er wieder �ber die Schulter zur�ck. Er sp�rte den Verfolger jetzt immer deutlicher, aber noch konnte er nichts sehen. Der Gang hinter ihnen war leer. Vielleicht w�rde er ihn diesmal �berhaupt nicht sehen.</p><p>Er verscheuchte den Gedanken und trat hinter Sendig durch die T�r, und wieder �nderte sich ihre Umgebung so radikal, wie es nur ging. Das Pendel schlug zur�ck. Aus der renovierten Pracht der Gr�nderzeit waren sie ein St�ck weit in die Zukunft gesprungen und j�h im finsteren Mittelalter gelandet. Vor ihnen lag ein steil in die Tiefe f�hrender, gew�lbter Gang, dessen W�nde und Decke aus nur roh behauenen Natursteinquadern bestanden, ebenso wie die Treppenstufen, die so ausgetreten waren, da� es selbst unter normalen Umst�nden schon riskant gewesen w�re, sie hinunterzugehen. Mit einem halbtoten Jungen auf der Schulter und einem Verfolger im Nacken wurde es zu einem lebensgef�hrlichen Abenteuer.</p><p>Ungeachtet dessen h�pfte Sendig wie ein roter Gummiball die Stufen hinunter und gewann rasch einen immer gr��er werdenden Vorsprung. Die Treppe war nur halb erleuchtet - unter der gew�lbten Decke brannten zwei Neonr�hren, deren untere jedoch ununterbrochen flackerte und weitaus l�nger <emphasis>aus </emphasis>als <emphasis>an </emphasis>war; als Sendig in diesen Bereich zweifach halbierter Helligkeit eintauchte, begann er selbst zu flackern. Er ging nicht mehr die Treppe hinunter, sondern verschwand von einer Stufe und tauchte auf der n�chsten wieder auf. Pl�tzlich hatte Bremer unvorstellbare Angst davor, in diese blinzelnde Dunkelheit hineinzutreten, panische Angst.</p><p>Trotzdem beschleunigte er seine Schritte ein wenig. Sein Herz machte einen entsetzten Sprung, als er den hell erleuchteten Teil der Treppe verlie�, und als die Dunkelheit das erste Mal �ber ihm zusammenschlug, hatte er tats�chlich das Gef�hl, k�rperlich von etwas ber�hrt zu werden.</p><p>Nat�rlich war es Einbildung. Es war nicht einmal wirklich dunkel, nur schartig. Bremer raffte das letzte bi�chen Selbstbeherrschung zusammen, das er in sich fand, scheuchte die Angst noch einmal zur�ck und kam schwer atmend und mit h�mmerndem Pulsschlag neben Sendig an, der sich mit einer weiteren, zwar ebenfalls nicht verschlossenen, aber offenbar noch schwereren Eisent�r abm�hte, die die untere Begrenzung der Treppe bildete. Dahinter lag der Keller. W�hrend Sendig sich gegen die T�r stemmte und sie m�hsam Zentimeter f�r Zentimeter aufschob, hob Bremer den Kopf und sah zum oberen Ende der Treppe hinauf.</p><p><emphasis>Er war da.</emphasis></p><p>Vor dem strahlend hell erleuchteten Rechteck der T�r stand ein gigantischer schwarzer Schatten und blickte zu ihnen herab. Ein Schatten mit einem Paar riesiger st�hlerner Schwingen und t�dlichen Klauen. Er r�hrte sich nicht. Er kam nicht n�her, sondern stand einfach da und starrte Bremer an; aber Bremer wu�te, was sein Erscheinen bedeutete. Sie hatten ihr Ziel erreicht, und obwohl er noch nicht einen einzigen Blick in den Raum hinter der T�r geworfen hatte, wu�te Bremer pl�tzlich, da� das, was <emphasis>heute </emphasis>auf sie wartete, nicht genauso schlimm sein w�rde wie damals.</p><p>Sondern schlimmer.</p></section><section><title><p>47. Kapitel</p></title><p>Morell trat so hart auf die Bremse, da� der Wagen ausbrach und sich mit kreischenden Reifen querstellte. Das Heck beschrieb einen Viertelkreis und verfehlte das andere Fahrzeug nur um Zentimeter, ehe Morell sich endlich wieder an das erinnerte, was er in der Fahrerschulung gelernt hatte, und den Wagen zum Stehen brachte.</p><p>�Mein Gott, was... was war das?� keuchte Z�hler. Er hatte die linke Hand gegen das Armaturenbrett gestemmt und den Arm durchgedr�ckt, um den erwarteten Zusammenprall abzufangen, sich gleichzeitig aber auch halb auf dem Beifahrersitz herumgedreht und sah aus dem Fenster.</p><p>�War das Brauss?� stammelte er. �Gro�er Gott, das... das war doch Brauss! Was ist mit seinem Gesicht passiert?�</p><p>Morell drehte sich nicht herum wie er, sondern begn�gte sich damit, in den R�ckspiegel zu starren. Alles, was er darin sehen konnte, war die offenstehende T�r des Wagens und eine Hand, die darunter hervorlugte. Trotzdem war das schon fast mehr, als er sehen <emphasis>wollte, </emphasis>Er hatte nur im Vorbeischleudern einen kurzen Blick auf Brauss' Gesicht erhascht, aber das reichte ihm vollkommen. Was immer Brauss zugesto�en war - er wollte es gar nicht wissen.</p><p>�Das... das war er doch, oder?� stammelte Z�hler.</p><p>Nat�rlich war es Brauss, dachte Morell. In dem Wagen hatten nur Haymar und er gesessen, und da sie Haymars Stimme noch vor ein paar Sekunden deutlich im Funkger�t geh�rt hatten, war die Auswahl nicht mehr sehr gro�. Aber er wu�te, da� Z�hler und Brauss befreundet waren, und so belie� er es bei einem Achselzucken.</p><p>�Ich bin nicht sicher�, sagte er.</p><p>�Einheit drei!� Haymars Stimme drang verzerrt aus dem Funkempf�nger. Das Ger�t arbeitete eigentlich st�rungsfrei, vor allem auf eine so kurze Distanz. Offensichtlich schrie Haymar laut genug, um das Mikrofon zu �berlasten. �Wo bleibt ihr? Beeilt euch gef�lligst!�</p><p>Morell h�mmerte mit einer fast erschrockenen Bewegung den Gang wieder hinein und gab Gas, so da� der Wagen mit durchdrehenden Reifen losscho� und eine Spur aus verbranntem Gummi auf dem Asphalt zur�cklie�. Sie hatten einen guten Kilometer zur�ckgelegen, als der Einsatzbefehl �ber Funk kam, diese Distanz aber beinahe aufgeholt, w�hrend der andere Wagen kurz anhielt, um Haymar aufzunehmen. Jetzt hatte Einheit zwei wieder gut f�nfhundert Meter Vorsprung - der Wagen scho� bereits durch das Fabriktor und verschwand in diesem Moment mit aufflammenden Bremslichtern auf dem Hof.</p><p>Morell fluchte und gab noch mehr Gas - aber er wu�te selbst nicht genau, ob er es nun tat, um m�glichst schnell zu Haymar und den beiden anderen aufzuschlie�en oder um m�glichst schnell eine m�glichst gro�e Distanz zwischen sich und Brauss' entsetzliches Gesicht zu legen. Der Wagen scho� mit heulendem Motor auf das Fabriktor zu. Die Distanz betrug noch zweihundert Meter, dann hundert. Als sie noch f�nfzig Meter entfernt waren, erschien eine Gestalt zwischen ihnen und dem Tor.</p><p>Sie trat nicht etwa aus der erleuchteten Pf�rtnerloge daneben heraus oder aus dem Schutz der Dunkelheit. Morell sah keine Bewegung.</p><p>Die Gestalt war <emphasis>einfach da, </emphasis>von einem Sekundenbruchteil auf den anderen.</p><p>Z�hler schrie neben ihm hysterisch auf und stemmte sich jetzt mit beiden H�nden gegen das Armaturenbrett, w�hrend Morell mit aller Gewalt gleichzeitig auf Kupplung und Bremse trat und versuchte, zwei G�nge herunterzuschalten. Die Reifen blockierten. Grauer Rauch scho� unter allen vier R�dern hervor, und Morell h�rte, wie beide Hinterreifen im gleichen Moment platzten. Das Lenkrad begann wild unter seinen H�nden zu bocken, aber der Wagen scho� trotzdem weiter auf die schwarze Gestalt zu, und Morell wu�te, da� sie nicht mehr rechtzeitig zum Stehen kommen w�rden. <emphasis>Warum sprang der Kerl nicht endlich beiseite? Noch zwei Sekunden, und der Wagen w�rde ihn zermalmen!</emphasis></p><p><emphasis>Dann sah er, da� es nicht die Gestalt eines Menschen war.</emphasis></p><p>Sie war zwar menschen�hnlich, aber viel zu gro� und zu breitschultrig, und sie hatte nicht nur Arme und Beine, sondern zus�tzlich noch ein Paar gewaltiger schwarzer Fl�gel von sonderbar eckiger Form. Sie hatte kein erkennbares Gesicht. Wo es sein sollte, war nur Schw�rze. Und sie machte nicht die kleinste Bewegung, um dem heranschie�enden Wagen auszuweichen, sondern stand einfach mit leicht erhobenen und halb ausgebreiteten Armen da. Der Wagen schlitterte auf blockierenden R�dern auf sie zu, erfa�te sie -</p><p>aber die Gestalt fiel nicht. Statt dessen <emphasis>glitt sie einfach durch die K�hlerhaube des BMW hindurch, </emphasis>als w�re sie wirklich nicht mehr als ein Schatten, und nur den Bruchteil einer Sekunde sp�ter durchdr�ngen Arme und Brust die Windschutzscheibe und waren pl�tzlich im Inneren des Wagens. Ihre H�nde legten sich um Morells und Z�hlers Kehlen.</p><p>Und die waren keine Schemen mehr. Sie waren massiv, so hart und gnadenlos wie st�hlerne Baggerschaufeln. Die beiden Agenten starben im Bruchteil einer Sekunde, als ihre K�rper j�h von diesen furchtbaren Klauen gepackt und festgehalten wurden, w�hrend der Wagen mit ungebremstem Tempo weiterscho�. Die beiden Sitze zerbrachen. Morells kopfloser Torso flog nach hinten und wurde aus dem zersplitternden Heckfenster geschleudert, w�hrend der pl�tzlich fahrerlose Wagen ausbrach, eine komplette und dann noch eine halbe Pirouette vollf�hrte und schlie�lich mit ungeheurer Wucht in das Pf�rtnerh�uschen neben dem Tor krachte. Praktisch in der gleichen Sekunde explodierte der Tank, und der Wagen, die Pf�rtnerloge und ein Teil des angrenzenden Zaunes wurden von einem orangeroten Feuerball verschlungen, der sich br�llend in den Himmel w�lzte...</p></section><section><title><p>48. Kapitel</p></title><p><emphasis>Es war kein wirklicher Herzschlag, sondern das Ger�usch der Maschinen, die in einem anderen Teil der Fabrik arbeiteten, das seinen Weg durch den Boden bis hierher fand, aber Mark gefiel die Vorstellung - sie hatte etwas Unheimliches, aber nichts Erschreckendes, sondern genau jene Art von sanftem Grusel, die er mochte.</emphasis></p><p><emphasis>Der Gedanke lie� ein leises L�cheln auf seinem Gesicht entstehen. Er war nicht der einzige, der Gruselgeschichten mochte, von Claudia vielleicht einmal abgesehen, die seine Begeisterung f�r solcherlei Dinge nie geteilt hatte. Aber nach dem heutigen Abend w�rde sie sie bestimmt auch m�gen. Er w�rde ihr eine Geschichte zeigen, da� es ihr den Atem verschlug. Und nicht nur ihr.</emphasis></p><p><emphasis>Mark sah ungeduldig auf die Uhr. Es war fast zw�lf. Er hatte den anderen gesagt, da� sie um Mitternacht hier sein sollten - die einzig passende Uhrzeit f�r das, was er vorhatte -, aber nun war es fast soweit, und noch lie� sich keiner der anderen sehen. Mark hoffte, da�sie alle kommen w�rden. Er hatte mit jedem einzelnen telefoniert und ihnen klargemacht, wie wichtig es war, da� sie kamen, und sie alle hatten zugesagt.</emphasis></p><p><emphasis>Andererseits wu�te er, da� er sich nicht darauf verlassen konnte. Es war nicht das erste Mal, da� sie sich heimlich hier trafen, ohne da� sein Vater oder Onkel L�bach etwas davon erfuhren, aber meistens wurde der eine oder andere doch aufgehalten. Mark war mit seinen zw�lf Jahren zwar nicht der �lteste der Gruppe, aber doch einer der reifsten. Von dem knappen Dutzend, das sie waren, z�hlte keiner mehr als f�nfzehn Jahre, und das war ein Alter, in dem es manchmal nicht einfach war, sich mitten in der Nacht aus dem Haus zu schleichen, noch dazu, ohne da� die Erwachsenen etwas merkten. Stefan und Klaus zum Beispiel waren gar nicht begeistert davon gewesen, da� er sie so �berraschend hierherzitiert hatte, und noch dazu, ohne da� er ihnen sagte, warum eigentlich. Die beiden waren nicht nur Mitglieder ihrer Meditationsgruppe, sondern nebenbei auch noch aktive Fu�ballspieler - Mark </emphasis>verachtete <emphasis>Fu�ball - und hatten morgen ein anstrengendes Turnier vor sich, und sie hatten ihm ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, da� das, weswegen er sie hierherbeorderte, besser wirklich </emphasis>wichtig <emphasis>sein sollte, wenn er sich nicht geh�rigen �rger einhandeln wollte.</emphasis></p><p><emphasis>Was das anging, machte sich Mark keine Sorgen. Wenn sie erst einmal sahen, was er ihnen zu bieten hatte, w�rden sie ihren bescheuerten Fu�ball garantiert auf der Stelle vergessen.</emphasis></p><p><emphasis>Marks H�nde strichen fast liebkosend �ber den Einband des Buches, das auf seinem Scho� lag. Er hatte ein St�ck Papier als Lesezeichen hineingelegt, so da� er es gleich an der richtigen Stelle aufklappen konnte. Nicht, da� das n�tig gewesen w�re. In den letzten zwei Tagen hatte Mark die entsprechende Seite so oft aufgeschlagen, da� er sie wahrscheinlich sogar mit verbundenen Augen gefunden h�tte. Sein Blick fiel zum unz�hligsten Male auf die kunstvolle Zeichnung, die das obere Drittel des Blattes bedeckte, und dann las er den Text darunter. Er hatte ihn rot eingekreist, um ihn schneller wiederzufinden, aber mittlerweile kannte er ihn auswendig.</emphasis></p><p><emphasis>Fast behutsam klappte er das Buch wieder zu, stand auf und trug es zu dem kleinen Sekret�r neben der T�r. Er legte es aufgeschlagen darauf, breitete aber einige Papiere dar�ber aus, damit keiner der anderen es durch Zufall sah, wenn er hereinkam. Schlie�lich wollte er sich nicht selbst den Spa� verderben - und ihnen die �berraschung.</emphasis></p><p><emphasis>Sein Blick glitt ein letztes Mal pr�fend durch den Raum. Er war mit seinen Vorbereitungen zufrieden - aber es war ja schlie�lich auch genug Arbeit gewesen. Er hatte allein zwei Tage gebraucht, um die ben�tigte Anzahl von Kerzen zusammenzubekommen; und gute drei Stunden, um sie alle anzuz�nden. Es waren genau sechshundertsechsundsechzig. Ihr Licht war zusammengenommen, nicht einmal so hell wie das der beiden Neonr�hren unter der Decke, aber viel w�rmer, und die zahllosen brennenden Dochte erf�llten die Luft mit einem sonderbaren, fast berauschenden Aroma. Auf dem niedrigen Holzpodest am anderen Ende des Kellers hatte er ein Kreuz aufgestellt, das er selbst - zugegeben, nicht besonders kunstvoll - aus zwei Latten zusammengebastelt hatte. Auf den ersten Blick wirkte es gleichschenklig, aber das war eine ganz bewu�te T�uschung. Der obere Balken war einen halben Zentimeter l�nger als der untere, was es zu einem umgedrehten Kruzifix machte. Das war sehr wichtig f�r das, was Mark vorhatte. Gleichzeitig konnten die anderen es nicht sofort sehen. Er mu�te ein bi�chen aufpassen, damit sie nicht vorher Verdacht sch�pften und ihm den Spa� verdarben. Ja - alles war bereit. Jetzt fehlten nur noch die anderen.</emphasis></p><p><emphasis>Als w�re dieser Gedanke ein Stichwort gewesen, h�rte er Schritte drau�en im Vorraum, und einen Augenblick sp�ter betrat Claudia den Keller. Sie blieb �berrascht stehen, als sie sah, welche Vorbereitungen er getroffen hatte, und blickte sich blinzelnd um.</emphasis></p><p><emphasis>�He, was ist...�</emphasis></p><p><emphasis>�H�bsch, nicht?� fiel ihr Mark grinsend ins Wort. �War auch eine Menge Arbeit.�</emphasis></p><p><emphasis>�H�bsch?� Claudia runzelte die Stirn, als suche sie nach einem anderen, zutreffenderen Ausdruck f�r das, was sie sah. �Also ich wei� nicht... Was soll denn das? Ist das etwa der Grund, aus dem wir alle so dringend hierherkommen mu�ten?�</emphasis></p><p><emphasis>�Auch�, best�tigte Mark. Er mu�te sich pl�tzlich beherrschen, um ihr nicht sofort alles zu erz�hlen, aber das h�tte ihm die Freude verdorben. Sp�ter w�rde sie von dem, was er ihnen zeigte, zweifellos genauso begeistert sein wie die anderen, aber zuerst wollte er ihr noch einen kleinen Schrecken einjagen. Ihr vor allem. Claudia und er waren jetzt seit einem Jahr zusammen in L�bachs Gruppe. Sie kannten sich, so lange er denken konnte - schlie�lich war ihr Vater ein guter Freund seines Vaters -, aber wirklich eng befreundet waren sie eigentlich erst, seit sie ihr gemeinsames Talent entdeckt hatten. Seither waren sie allerdings unzertrennlich, auch �ber die monatlichen Treffen mit Claudias Vater und den anderen hinaus.</emphasis></p><p><emphasis>Aber das �nderte nichts daran, da� sie trotzdem auf eine Art Konkurrenten geblieben waren, jetzt vielleicht mehr denn je. Claudia und er waren unbestritten die beiden talentiertesten Sch�ler, die die Gruppe je gehabt hatte. Selbst Marcus, der der �lteste war und die gr��te Erfahrung im Umgang mit AZRAEL hatte, gab neidlos zu, da� ihre Visionen die besten waren, und zwar mit Abstand. Aber Claudia und er teilten sich diese F�hrerrolle; und auch wenn keiner von ihnen das laut zugegeben h�tte - es pa�te weder ihm noch ihr.</emphasis></p><p><emphasis>Nun, dachte Mark, nach heute abend w�rde Claudia es schwer haben. Das, was er den anderen zu bieten hatte, mu�te sie erst einmal besser machen.</emphasis></p><p><emphasis>�Was ist so komisch?� fragte Claudia. Offenbar hatte Mark sich nicht gut genug in der Gewalt, sich seine Vorfreude nicht anmerken zu lassen.</emphasis></p><p><emphasis>�Nichts�, sagte er. Fast hastig f�gte er hinzu: �Hast du es?�</emphasis></p><p><emphasis>Claudia z�gerte einen Moment, dann griff sie in die Tasche ihrer knappsitzenden wei�en Jeansjacke und zog eine kleine Papiert�te hervor. Mark nahm sie entgegen, sch�ttete ihren Inhalt auf seine ausgestreckte Hand und z�hlte die farblosen Kapseln: Es waren zw�lf. Nicht viel, aber genug.</emphasis></p><p><emphasis>�Mehr war nicht drin�, sagte sie. �Ich habe sowieso kein gutes Gef�hl dabei.�</emphasis></p><p><emphasis>�Wieso?� fragte Mark.</emphasis></p><p><emphasis>Claudia zuckte mit den Schultern. �Ich glaube, mein Vater beginnt Verdacht zu sch�pfen. Er hat zwar nichts gesagt, aber so komische Andeutungen gemacht.�</emphasis></p><p><emphasis>�Was f�r </emphasis>Andeutungen?� <emphasis>fragte Mark alarmiert.</emphasis></p><p><emphasis>Claudia druckste einen Moment herum. �Andeutungen eben�, sagte sie schlie�lich. �Ich glaube jedenfalls nicht, da� er sehr begeistert ist, wenn er herauskriegt, da� wir uns heimlich hiertreffen.�</emphasis></p><p><emphasis>Mark schwieg dazu. Das war ein Thema, �ber das sie schon �fter gesprochen hatten, aber Mark hatte im Augenblick keine Lust, die alte Diskussion erneut aufflammen zu lassen. Claudia war ebenfalls nicht begeistert davon, da� sie sich zus�tzlich zu ihren monatlichen Sitzungen, die unter strenger Kontrolle ihres Vaters stattfanden, auch noch manchmal heimlich hier trafen. Er war sogar ziemlich sicher, da� es nur einen einzigen Grund gab, aus dem sie �berhaupt kam - n�mlich um ihm einen Gefallen zu tun. Und, nat�rlich, irgendwann einmal den Beweis anzutreten, da� sie </emphasis>doch <emphasis>die bessere war. W�hrend ihrer normalen Sitzungen w�rde ihr das bestimmt nicht gelingen. Ihr Vater achtete streng darauf, da� sie bei ihren geistigen Ausfl�gen einen bestimmten Punkt niemals �berschritten - was sie nat�rlich ungehemmt taten, wenn sie allein waren. Nein, er w�rde bestimmt nicht begeistert sein, wenn er w��te, was sie hier taten. Und in Zukunft sehr viel besser darauf achten, da� seine Tochter sich nicht in sein Arbeitszimmer schlich und eine Extraportion AZRAEL aus seinem Schrank nahm...</emphasis></p><p><emphasis>�Also was soll das alles hier?� fragte Claudia, nachdem Mark eine Weile geschwiegen und sie sich weiter in dem von Kerzenschein erf�llten Raum umgesehen hatte. �Was hast du vor? Eine schwarze Messe abzuhalten?�</emphasis></p><p><emphasis>Mark grinste. �Etwas viel Besseres�, sagte er. �Wart's ab. Nebenbei - hast du die anderen gesehen?�</emphasis></p><p><emphasis>Claudia nickte. �Sie sind oben. Sie kommen gleich nach, aber im Moment geht es noch nicht.� Sie lachte. �Bruno hat wieder einmal verschlafen und ist noch nicht auf seiner Runde.�</emphasis></p><p><emphasis>�Und wie bist </emphasis>du <emphasis>vorbeigekommen?� fragte Mark.</emphasis></p><p><emphasis>�Nun la� mir doch meine kleinen Geheimnisse�, kicherte Claudia. �Du wei�t doch, da� einer Frau gewisse M�glichkeiten offenstehen, ihre Ziele zu erreichen.�</emphasis></p><p><emphasis>Mark sah sie mit gespieltem Entsetzen an. Er grinste ebenfalls, aber er versp�rte auch ein rasches, v�llig absurdes Gef�hl von Eifersucht.</emphasis></p><p><emphasis>Sie gingen jetzt ein halbes Jahr miteinander, und er wu�te, da� Claudia ihm treu war - wer gemeinsam AZRAEL nahm, der hatte keine Geheimnisse voreinander - und Bruno nun </emphasis>wirklich <emphasis>keine Konkurrenz darstellte. Trotzdem �rgerte ihn die Bemerkung ein bi�chen.</emphasis></p><p><emphasis>Ehe der Gedanke weiter in ihm bohren konnte, ging die T�r auf, und die anderen kamen herein. Offensichtlich war der Nachtw�chter mittlerweile wach geworden und hatte seine Runde begonnen, was ihnen endlich Gelegenheit gab, durch die pr�parierte Stelle im Zaun gleich neben dem Tor zu schl�pfen. Es gab ein gro�es Hallo und eine Reihe sp�ttischer oder auch mi�trauischer Bemerkungen, als sie sahen, was er vorbereitet hatte, und vor allem Stefan konnte es sich nicht verkneifen, ihm noch einmal unter die Nase zu reiben, wie schwierig es gewesen war, aus dem Haus zu kommen, ohne da�seine Eltern es merkten.</emphasis></p><p><emphasis>�Ich hoffe, es l�hnt sich�, schlo� er in grollendem Tonfall. �Wir haben morgen ein anstrengendes Spiel. Wehe, du hast mich umsonst um meinen Nachtschlaf gebracht.�</emphasis></p><p><emphasis>�Du wirst es nicht bereuen�, versprach Mark. �Aber jetzt la�t uns anfangen. Es ist schon sp�t.�</emphasis></p><p><emphasis>Er sah auf die Uhr - Mitternacht war seit zehn Minuten vorbei, und er mu�te weitere zehn Minuten einkalkulieren, ehe das Mittel bei allen wirkte. Dazu noch einige Minuten, um die Trance zu erreichen ... Alles in allem blieb ihm gerade eine halbe Stunde, wenn er die Zeit zwischen zw�lf und eins ausnutzen wollte. Die Geisterstunde.</emphasis></p><p><emphasis>�Also, jetzt mal raus mit der Sprache!� verlangte Marcus. �Was ist so ungeheuer wichtig, da� wir mitten in der Nacht herkommen mu�ten?�</emphasis></p><p><emphasis>�Das werdet ihr gleich erfahren�, sagte Mark. Er wartete, bis sich alle im Kreis auf den Boden gesetzt und an den H�nden ergriffen hatten, ehe er selbst den Platz in der Mitte des Kreises einnahm, an dem normalerweise Onkel L�bach sa�. Er �bernahm auch weiter dessen Rolle, indem er heute die Rationen verteilte. Einige machten �berraschte Gesichter, als sie sahen, da� jeder eine ganze Kapsel bekam - L�bach gestattete ihnen nie mehr als ein Drittel, und selbst das nicht immer. Aber f�r das, was Mark vorhatte, war es wichtig, ein besonders intensives Stadium der geistigen Vereinigung zu erreichen.</emphasis></p><p><emphasis>Mark nahm seine Kapsel als letzter, zerbi� sie mit einer kr�ftigen Bewegung und schluckte das geschmacklose Pulver mit etwas Speichel herunter. �Also�, begann er. �Ihr platzt wahrscheinlich alle schon vor Neugier, aber ich verspreche euch, da� ihr nicht entt�uscht werdet. Ich habe etwas herausgefunden.�</emphasis></p><p><emphasis>Er machte eine entsprechende Geste, und alle ergriffen sich an den H�nden. Aber er lie� auch dann noch eine bewu�te dramatische Pause verstreichen, ehe er fortfuhr: �Ich wei� jetzt, was AZRAEL wirklich hei�t.�</emphasis></p><p><emphasis>�Was?� fragte Claudia mi�trauisch.</emphasis></p><p><emphasis>Mark l�chelte. �Ich zeige es euch�, sagte er.</emphasis></p></section><section><title><p>49. Kapitel</p></title><p>Bruno sah die Katastrophe kommen, aber er war nicht in der Lage, etwas dagegen zu tun. Der Wagen drehte sich anderthalbmal um seine Achse und scho� gleichzeitig auf das Pf�rtnerh�uschen zu, und Bruno wu�te mit absoluter Gewi�heit, da� er ihn treffen w�rde - obwohl er gleichzeitig ein verzweifeltes Sto�gebet zum Himmel schickte, da� er vielleicht ein weiteres Mal seinen Kurs �ndern, gegen ein unsichtbares Hindernis sto�en oder einfach noch eine Vierteldrehung vollf�hren w�rde, die ihn an seinem Ziel vorbeischleuderte. Nichts von alledem geschah.</p><p>Er war in seine Pf�rtnerloge zur�ckgeeilt, so schnell er konnte, und hatte die Polizei angerufen - viel zu sp�t, wie ihm jetzt klar wurde. Er hatte den Kerlen in dem Krankenwagen von Anfang an nicht getraut. Der �ltere in seiner viel zu gro�en Jacke hatte einfach nicht <emphasis>ausgesehen </emphasis>wie ein Krankenwagenfahrer, und der andere Bursche war f�r Brunos Geschmack ein bi�chen zu nerv�s gewesen, auch wenn er nichts gesagt hatte. Aber Direktor Sillmann hatte ja Besuch angek�ndigt; er bekam �fter sonderbare G�ste, und Bruno hatte keine Lust gehabt, sich an einem Tag gleich zwei Zigarren einzuhandeln. Sillmann war zwar ein Chef, der gut zahlte und normalerweise zu der angenehmen Sorte geh�rte - die, die man selten sah -, aber auch launisch sein konnte, und Bruno wollte seinen Job behalten. Nach f�nfundzwanzig Jahren setzte man nicht alles aufs Spiel, nur wegen eines <emphasis>dummen Gef�hls.</emphasis></p><p>H�tte er nur darauf geh�rt! Er hatte ganz genau gesehen, da� sie den Wagen, der kurz nach dem des Direktors auf den Hof gerollt war - Bruno hatte ihn durchgewinkt, genau wie Sillmann es befohlen hatte -, <emphasis>absichtlich </emphasis>gerammt hatten! Und dann hatten sie ihn noch mit einer Waffe bedroht! Wahrscheinlich hatte er Gl�ck, da� sie nicht auf ihn geschossen hatten. Was allerdings nicht hie�, da� sie das nicht nachholen w�rden, zum Beispiel, wenn sie wieder herauskamen. Wenn die Kerle wirklich das waren, wof�r er sie hielt - Terroristen, Industriespione oder vielleicht auch Mafia-Typen, die hinter Drogen her waren, von denen es unten im Labor bestimmt genug gab -, waren sie bestimmt nicht versessen darauf, Zeugen zu hinterlassen, die sie identifizieren konnten. Er hatte die Polizei angerufen, den Eingang und die drei Wagen dabei aber keine Sekunde aus den Augen gelassen. Sollte sich dort dr�ben irgend etwas r�hren, <emphasis>bevor </emphasis>die Polizei eintraf, w�rde er weglaufen und sich irgendwo in der Dunkelheit auf dem Fabrikgel�nde verstecken. Vermutlich w�re es sehr viel kl�ger gewesen, dies sofort zu tun, aber f�nfundzwanzig Jahre Dienst als Nachtw�chter und Pf�rtner hinderten ihn dann doch daran, seinen Posten zu verlassen.</p><p>Jetzt w�rde ihn sein Diensteifer wahrscheinlich das Leben kosten.</p><p>Die Polizei war nach weniger als zwei Minuten gekommen - wenigstens <emphasis>dachte </emphasis>er, da� es die Polizei war, als er die beiden Wagen die Zufahrt heraufkommen sah. Sie hatten zwar weder Sirene noch Blaulicht, aber das lag wahrscheinlich daran, da� sie die Typen nicht fr�hzeitig warnen wollten. Bruno war hinter seinem Schreibtisch aufgestanden und hatte sich bereit gemacht, hinauszugehen und ihnen zu sagen, wo sie suchen sollten, hatte es aber dann doch nicht getan - der Wagen war mit mindestens achtzig Sachen einfach durch das Tor geschossen und abgebogen, so da� er ihn nicht einmal richtig erkannt hatte. Immerhin sah er, da� es kein Streifenwagen war, sondern ein ziemlich gro�er, dunkler PKW - ein Mercedes oder BMW - mit get�nten Scheiben und einer Funkantenne auf dem Dach. Kripo, vielleicht sogar Geheimdienst. M�glicherweise hatte er mit seiner Vermutung, was die Mafia anging, gar nicht so falsch gelegen. Nur einen Augenblick sp�ter raste ein zweiter, noch schnellerer Wagen heran.</p><p>Drei�ig oder vierzig Meter, bevor er das Tor erreichte, trat der Fahrer pl�tzlich auf die Bremse. Es gab absolut keinen Grund daf�r - die Stra�e war vollkommen frei, und das Tor stand weit offen. Der Wagen schleuderte, brach aus, rutschte auf zerfetzten Reifen weiter und scho� auf die Pf�rtnerloge zu. Irgend etwas flog aus der Heckscheibe heraus, aber Bruno konnte nicht erkennen, was. Der Wagen schlingerte weiter und begann eine zweite Drehung, und erst in diesem Moment begriff Bruno <emphasis>wirklich, </emphasis>da� er ihn treffen mu�te. Er versuchte sich in die H�he zu stemmen und gleichzeitig irgendwie vom Schreibtisch wegzukommen, aber er war viel zu langsam. Die beiden geplatzten Hinterreifen des BMW flogen in Fetzen davon, und die nackten Felgen schlugen Funken auf der Stra�e. Der Wagen raste wie ein Berg aus Metall und Glas heran, h�pfte beinahe elegant �ber den niedrigen Bordstein und traf das Pf�rtnerh�uschen wie ein vier Meter gro�er Hammer. Wie in einer bizarren Zeitlupenaufnahme sah Bruno, wie die d�nne Sperrholzwand eingedr�ckt wurde und auf ihn zuflog. Holzsplitter, abgerissene Dr�hte und N�gel explodierten ihm ins Gesicht. Die Scheibe verwandelte sich in ein Gespinst aus Milliarden ineinanderlaufender Risse und milchiger Splitter, das einen Augenblick sp�ter in sich zusammenfiel, und der gesamte Schreibtisch machte einen Satz auf ihn zu. Bruno wurde die Luft aus den Lungen gepre�t, als die zerschrammte Schreibtischkante seinen Leib dicht oberhalb des Magens traf und sich anschickte, ihn zu halbieren. Gleichzeitig kippte er nach vorne, tauchte mit dem Gesicht in den Regen niederprasselnder Glasscherben ein und sp�rte, wie irgend etwas sein Bein traf und auf grausame Weise verdrehte. Der Wagen pfl�gte immer noch auf ihn zu, wie der st�hlerne Bug eines Eisbrechers, der dem infernalischen Vorspiel ein brutales Ende setzen w�rde.</p><p>Das War also der Tod, dachte Bruno, w�hrend er hilflos dabei zusah, wie ein gezackter Holzsplitter sich seinen Augen n�herte. Gleichzeitig wurden seine Rippen immer weiter zusammengequetscht, und -</p><p>und dann war etwas <emphasis>da.</emphasis></p><p>Etwas Gro�es, Schwarzes, das sich im Bruchteil einer Sekunde hinter ihm materialisierte und ihn mit unvorstellbarer Kraft ergriff. H�nde, stark wie die eines griechischen Gottes und schnell wie ein Blitz, packten ihn und rissen ihn im allerletzten Moment aus den Tr�mmern der zusammenbrechenden Pf�rtnerloge heraus. Etwas Riesiges, Dunkles h�llte ihn ein, und er glaubte das Rauschen m�chtiger Fl�gel zu h�ren, die die Luft teilten, und f�r einen winzigen Moment war es ihm wirklich, als <emphasis>fl�ge </emphasis>er - was nat�rlich unm�glich war. Dann sah er Feuerschein: ein blendendes, wei�es Licht, das ihn einh�llte und f�r Augenblicke blind machte. Eine Woge furchtbarer Hitze strich kochend �ber sein Gesicht und seine H�nde, grausam genug, ihn aufschreien zu lassen, aber zu schnell, um ihn wirklich zu verletzen. Bruno schrie, kr�mmte sich und wartete auf den Aufprall, der allem ein Ende setzen w�rde.</p><p>Er kam nicht. Es gab keinen Aufprall. Statt dessen war es, als w�rde er von unsichtbaren H�nden gehalten und beinahe sanft zu Boden gesetzt. Unter ihm war pl�tzlich Gras, und durch seine geschlossenen Lider drang noch immer greller Feuerschein. Irgend etwas explodierte mit einem ungeheuren Krachen, und wieder traf ihn eine Hitzewelle, vor der ihn diesmal nichts sch�tzte, so da� er zu Boden geschleudert wurde und hastig die Arme �ber den Kopf schlug.</p><p>Als er die Augen �ffnete, schien die ganze Welt in Flammen zu stehen. Er lag gut zehn Meter von der brennenden Pf�rtnerloge entfernt im Gras und blutete aus etlichen Dutzend winziger Schnitt- und Ri�wunden im Gesicht und den H�nden, und er hatte starke Schmerzen - aber er lebte. Er konnte sich nicht erkl�ren, wieso: Alles, was links von ihm war, brannte. Die Flammen hatten das Pf�rtnerh�uschen und den Wagen vollkommen eingeh�llt und leckten bereits gierig nach den �sten eines Baumes, der danebenstand, und die Hitze war selbst hier so gewaltig, da� er keine Luft bekam. Aber er <emphasis>lebte.</emphasis></p><p>W�hrend sich Bruno auf H�nde und Knie erhob und hastig von den Flammen fortzukriechen begann, meldete sich seine Logik, die ihm einzureden versuchte, da� er einfach von der Wucht der Explosion erfa�t und davongeschleudert worden sei, und das war auch die Version, die er sp�ter erz�hlte, als die Polizei eintraf und die Feuerwehr und alle anderen. Aber tief in seinem Innern wu�te er, da� das nicht stimmte. Der Wagen war explodiert, <emphasis>nachdem </emphasis>er das Pf�rtnerh�uschen zermalmt hatte. H�tte ihn die Explosion hierhergeschleudert, dann h�tten sie allerh�chstens einen verkohlten Leichnam gefunden, dem jeder Knochen im Leib zerbrochen worden war. Etwas hatte ihn gerettet. Es <emphasis>gab </emphasis>Schutzengel. Und er hatte seinen getroffen.</p></section><section><title><p>50. Kapitel</p></title><p>Der Keller war hergerichtet wie die Kulisse eines billigen Horrorfilmes. Bremer sch�tzte, da� von den �ber f�nfhundert Kerzen, die sie damals gez�hlt hatten, mindestens die H�lfte jetzt wieder brannte. Ihr Geruch vermischte sich mit dem Staub und dem Moder in der Luft zu etwas, das ihm fast den Atem nahm, und der flackernde Lichtschein erweckte Millionen huschender kleiner Schatten im Raum zum Leben.</p><p>Die Erinnerungen hatten ihn mit solcher Wucht getroffen, da� er unmittelbar hinter der T�r stehenblieb und f�r ein paar Sekunden einfach nicht weitergehen konnte. Alles war wie damals - die Kerzen, die W�rme, das umgedrehte Kreuz auf dem h�lzernen Podest. Selbst die Toten schienen wieder da zu sein. Ihre Umrisse waren an den verblichenen, aber noch immer sichtbaren Kreidestrichen auf dem Boden zu erkennen, und was die Leichen anging - sie lagen nicht in den Kreidekonturen, aber sie <emphasis>waren </emphasis>da.</p><p>Es gab auch heute wieder vier Tote in diesem Raum.</p><p>Drei von ihnen lagen in gro�en, bereits im Eintrocknen begriffenen Blutlachen unweit der T�r auf dem Boden, und ein vierter hockte vorn�bergesunken an der gegen�berliegenden Wand. Er blutete nicht, und als Bremer ein zweites Mal hinsah, war er auch nicht mehr sicher, da� er wirklich tot war. Er _ sa� v�llig reglos da, und sein Gesicht war schlaff und schneewei�, aber in seinen offenstehenden Augen <emphasis>war </emphasis>etwas. Allerdings kein Leben, sondern nur Grauen.</p><p>Die drei anderen hingegen waren tot, daran bestand kein Zweifel. Es waren auch keine Kinder, wie damals, sondern erwachsene M�nner - zwei von ihnen in einem schwer zu definierenden Alter zwischen f�nfundzwanzig und f�nfunddrei�ig, w�hrend der dritte ungef�hr in Sendigs Alter sein mu�te. Alle drei waren erschossen worden, und das wahrscheinlich erst vor ganz kurzer Zeit. In dem s��lichen Blutgeruch, der von ihren Leichen aufstieg, glaubte er noch Pulverdampf zu identifizieren.</p><p>Ganz allm�hlich fand er in die Wirklichkeit zur�ck. Es fiel ihm schwer. Die Mischung aus erinnertem und gegenw�rtigem Grauen, die ihn empfangen hatte, war schlimmer als alles andere bisher. Er mu�te sich bewu�t konzentrieren, um sich zu fragen, wer die drei Toten sein mochten - obwohl er die Antwort eigentlich kannte. Einer von ihnen hielt eine Pistole in der Hand, die er noch sterbend gezogen hatte, und sowohl ihre Gesichter als auch die Art, sich zu kleiden, wiesen gewisse �hnlichkeiten auf. Sie geh�rten zu den M�nnern in den blauen BMW. Sendigs <emphasis>Dienstausweise. </emphasis>Sie mochten m�chtig sein, aber sie waren nicht kugelfest.</p><p>�Sillmann?� Sendigs Stimme ri� ihn endg�ltig wieder in die Wirklichkeit zur�ck. Er war an ihm vorbeigetreten, aber nur einen einzigen Schritt, ehe er wieder stehengeblieben war. Seine Stimme hatte einen hohlen Klang, den Bremer im ersten Moment auf die Akustik des Kellerraumes schob. Dann wurde ihm klar, da� es pures Entsetzen war, was er darin h�rte.</p><p>Au�er den vier Toten gab es noch eine weitere Gestalt im Raum. Bremer konnte nur ihren R�cken erkennen, aber er h�tte auch ohne Sendigs Worte gewu�t, da� es Sillmann war. Irgend etwas ging von diesem Mann aus, das ihn unverwechselbar machte, selbst wenn man sein Gesicht nicht sah.</p><p>Sillmann drehte sich schwerf�llig herum. Er brauchte mehrere Sekunden f�r diese einfache Bewegung, und Bremer hatte den Eindruck, da� sie seine Kr�fte fast �berstieg. Sein Gesicht war grau, und in seinen Augen glomm eine Furcht, die beinahe so schlimm war wie die des Mannes, der dr�ben an der Wand hockte. Er trug einen teuren Kaschmirmantel, in dessen rechter Tasche sich vier kleine schwarze L�cher mit verbrannten R�ndern befanden. Die linke Hand hatte er in der Manteltasche, in der anderen hielt er ein gro�formatiges Buch mit dunkelbraunem Ledereinband.</p><p>Es schien ihn M�he zu kosten, Sendig zu erkennen. Einige Sekunden lang starrte er ihn verst�ndnislos an, dann l�ste sich sein Blick von ihm, irrte suchend durch den Raum und blieb schlie�lich auf Marks Gesicht h�ngen. Irgend etwas geschah hinter seiner Stirn, das konnte Bremer deutlich sehen. Er wu�te nicht, was, aber es war nichts Gutes.</p><p>Der Junge st�hnte leise, als h�tte er das Wort verstanden und versuchte darauf zu antworten - was Bremer allerdings bezweifelte. Seit sie den Keller betreten hatten, hatte Mark kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben, aber er konnte durch den Stoff seiner Kleidung hindurch sp�ren, wie schnell sein Puls h�mmerte. Trotzdem bewegte er sich jetzt wieder. Er versuchte den Kopf zu heben und die Augen zu �ffnen, hatte aber zu beidem nicht mehr die Kraft.</p><p>Bremer sah zum Eingang zur�ck. Der schwarze Engel hatte sie nicht verfolgt, aber er wu�te, da� er noch irgendwo dort drau�en stand und wartete. Vielleicht darauf, da� Mark endg�ltig das Bewu�tsein verlor. Sillmann machte einen schwerf�lligen Schritt, und Sendig hob seine Waffe.</p><p>�Bleiben Sie stehen!� sagte er.</p><p>Sillmann gehorchte tats�chlich, aber erst nach einem weiteren Schritt. Er sah nicht einmal in Sendigs Richtung, sondern starrte nur seinen Sohn an. �Was...was ist mit ihm?� fragte er leise. �Was haben Sie mit ihm -�</p><p>�Gar nichts�, unterbrach ihn Sendig. �Das haben Sie ihm ganz allein angetan. <emphasis>Sie sollen stehenbleiben, habe ich gesagt!�</emphasis></p><p>Sillmann hatte einen weiteren Schritt gemacht und blieb jetzt wieder stehen. Zum ersten Mal �berhaupt schien er die Waffe in Sendigs Hand zu bemerken. Er l�chelte. �Und nehmen Sie die Hand aus der Tasche!� verlangte Sendig.</p><p>Sillmann tat nichts dergleichen. Statt dessen wandte er den Kopf und sah die zusammengekauerte Gestalt an der Wand neben sich an, dann die drei Toten. Sein Gesicht blieb ausdruckslos. �Haben Sie sie erschossen?� fragte Sendig.</p><p>Sillmann nickte. Er atmete h�rbar ein, und Bremer konnte ihm regelrecht ansehen, wie seine Gedanken ein kleines St�ck weit in die Realit�t zur�ckfanden. �Ja�, sagte er, ohne irgendein h�rbares Gef�hl in der Stimme. Dann lachte er leise.</p><p>�Wollen Sie mich deswegen verhaften?�</p><p>Sendig schnaubte. �Wenn Sie es nicht getan h�tten, h�tte ich es getan�, sagte er kalt. �Ich habe nicht vor, Sie zu verhaften, Sillmann. Ich habe vor, Sie zu t�ten.� Er richtete die Waffe direkt auf Sillmanns Gesicht, und Bremer hielt instinktiv den Atem an, als sich sein Finger um den Abzug kr�mmte.</p></section><section><title><p>51. Kapitel</p></title><p>Haymar hob geblendet die Hand �ber die Augen, als das Pf�rtnerh�uschen explodierte. Er hatte alles genau gesehen, obwohl die gesamte Katastrophe weniger als zwei Sekunden in Anspruch genommen hatte - der Wagen war pl�tzlich ins Schleudern gekommen, hatte sich anderthalbmal um seine eigene Achse gedreht und dann die Pf�rtnerloge so m�helos zertr�mmert wie ein Panzer, der eine Campingtoilette plattwalzte. Das allein h�tten Morell und sein Begleiter noch gut �berleben k�nnen - die Wagen, die Haymar und seine M�nner fuhren, waren gut genug gepanzert, um noch eine ganze Menge mehr auszuhalten -, aber dann explodierte der Wagen pl�tzlich und mit unvorstellbarer Gewalt, als h�tte ihn etwas gesprengt, das sehr viel m�chtiger war als die Wucht der hundert Liter Benzin im Tank. Selbst Haymar und die beiden anderen Agenten sp�rten noch die Hitzewelle der Explosion, obwohl sie mindestens drei�ig Meter entfernt waren.</p><p>�Ach du Schei�e!� entfuhr es Andres. Er war hinter Haymar halb aus dem Wagen gestiegen und dann mitten in der Bewegung erstarrt, als die Explosion erfolgte. �Was ist denn da los?� Lech, der auf der anderen Seite aus dem Wagen gesprungen war und seinem Ruf, schie�w�tig zu sein, wieder einmal alle Ehre machte, indem er bereits seine MPi in H�nden hielt und den Sicherungshebel herumlegte, sagte gar nichts, sondern starrte nur aus schreckgeweiteten Augen auf die lodernde Feuers�ule, die sich neben dem Tor in den Himmel hinaufw�lzte. Keiner von ihnen machte auch nur eine Bewegung, um zur�ckzulaufen. Man mu�te kein Spezialist in solchen Dingen sein, um zu wissen, da� dort dr�ben jede Hilfe zu sp�t kam. Morell, Z�hler und der Pf�rtner waren tot.</p><p>�Dieser Idiot!� sagte Andres mit Nachdruck. �Ich hab' immer schon gesagt, da� er ein beschissener Autofahrer ist!�</p><p>Haymar schwieg dazu. Im Moment war es ihm nur recht, wenn Andres glaubte, da� Morell einfach einen Fehler gemacht oder die Gewalt �ber den Wagen verloren h�tte. Er wu�te es besser. Er wu�te nicht, <emphasis>was </emphasis>dort dr�ben passiert war, aber er dachte an Brauss' augenloses Gesicht und das <emphasis>Ding </emphasis>im Fernglas und an zwei weitere ausgebrannte Wagen, dr�ben am anderen Ende der Stadt, und pl�tzlich hatte er Angst. <emphasis>Worauf hatten sie sich da eingelassen?</emphasis></p><p>Er verscheuchte den Gedanken, beugte sich noch einmal in den Wagen hinein und nahm eine Maschinenpistole aus dem Geheimfach unter dem R�cksitz. Anders als Lech w�hlte er keine der kleinen UZIs, die zu ihrer Standardausr�stung geh�rten, sondern ein gr��eres Modell, klobiger, schwer zu handhaben und lauter, aber auch mit wesentlich mehr Durchschlagskraft und einem gr��eren Magazin. Er hatte das Gef�hl, sie zu brauchen.</p><p>W�hrend er sich bewaffnete, hatte Lech die beiden ineinandergekeilten Wagen umkreist und die Beifahrert�r des demolierten Mercedes aufgerissen. Er stie� einen Fluch aus, beugte sich vor und begann einen reglosen K�rper aus dem Wagen zu ziehen. Haymar und Andres beeilten sich, zu ihm zu kommen, aber Haymar vers�umte es auch nicht, einen raschen Blick ins Innere des Krankenwagens zu werfen. Er hatte nicht vor, sich ein zweites Mal �bert�lpeln zu lassen.</p><p>Der Krankenwagen war leer, und als er als letzter auf der anderen Seite ankam und sah, wen Lech da aus den �berresten von Bergers Wagen herausgezerrt hatte, fluchte Haymar erneut, und diesmal sehr viel lauter. Es war Olbrich, einer von Bergers Leibw�chtern. Einer seiner <emphasis>Ex-Leibw�chter, </emphasis>genauer gesagt, denn jemand hatte ihm s�uberlich die Kehle durchgeschnitten.</p><p>�Verdammte Sauerei!� fluchte Lech. Er fingerte nerv�s an seiner MPi herum. �Was geht hier vor.�</p><p>�Der Junge�, sagte Haymar d�ster. �Das war der Junge. Oder diese verdammten Bullen.�</p><p>Lech blickte ihn zweifelnd an. Er war zwar ein Hitzkopf, aber das bedeutete schlie�lich nicht, da� er auch <emphasis>dumm </emphasis>war. �Irgendwas stimmt hier doch nicht�, sagte er. �Verdammt, was geht hier �berhaupt vor? Ich denke, wir haben es mit zwei Polizisten und einem dummen Jungen zu tun? Das hier waren Profis!�</p><p><emphasis>Das war etwas ganz anderes, </emphasis>dachte Haymar. <emphasis>Und ich glaube nicht, da� du wirklich wissen willst, was. </emphasis>Laut sagte er: �Ich wei� es nicht. Aber in einem hast du recht. Hier stimmt was nicht. Los jetzt - in den Keller.�</p><p>Lech drehte sich zwar gehorsam um, machte aber nur einen einzigen Schritt und blieb dann wieder stehen. �Berger sagte-�</p><p>�Berger�, unterbrach ihn Haymar schneidend, �ist wahrscheinlich schon tot. Und wenn nicht, dann wird er es sein, wenn wir noch lange hier herumtr�deln.�</p><p>Hintereinander st�rmten sie in das Haus und den langen Korridor entlang. Lech und Andres warfen im Vor�berrennen hastige Blicke in die Zimmer, die vom Gang abzweigten, und zumindest einmal schien Lech irgend etwas Verd�chtiges gesehen zu haben, denn er jagte einen kurzen Feuersto� aus seiner Waffe durch die T�r. Glas splitterte, und etwas fiel polternd um, aber Haymar machte sich nicht einmal die M�he, nachzusehen, was Lech getroffen hatte. Sollte er ruhig schie�en, wenn er wollte. Es w�rde nicht viel nutzen. Sie <emphasis>waren </emphasis>in Gefahr, das sp�rte er, aber was immer es war, das sie verfolgte - sie wurden es ganz bestimmt nicht mit <emphasis>diesen </emphasis>Waffen erledigen k�nnen.</p></section><section><title><p>52. Kapitel</p></title><p>Sendig scho� nicht. Vielleicht h�tte er es getan, vielleicht war es auch nur ein Bluff, aber die Antwort auf diese Frage sollte Bremer nie bekommen, denn in diesem Moment drang von drau�en das dumpfe, nachhallende Grollen einer Explosion herein, die den Boden sp�rbar erzittern lie�. Sendig fuhr zusammen und sah alarmiert auf, und praktisch im gleichen Augenblick konnte Bremer sp�ren, wie irgend etwas mit Mark <emphasis>geschah. </emphasis>Sein K�rper spannte sich. Bremer konnte fast <emphasis>sehen, </emphasis>wie die verlorene Kraft in ihn zur�ckflo�, das Leben sich noch einmal seinen Platz behauptete und den Ansturm des Todes zur�ckdr�ngte. Mark keuchte wie unter einem grausamen Schmerz, �ffnete die Augen und ri� sich mit einem Ruck aus seiner Umklammerung los.</p><p><emphasis>�Bremer!� </emphasis>schrie Sendig. <emphasis>�Halten Sie ihn fest!�</emphasis></p><p>Bremer versuchte es, aber er hatte keine Chance. Mark trat einen Schritt auf seinen Vater und Sendig zu. Bremer griff nach ihm, aber Mark schlug seine Hand einfach beiseite, mit einer fast beil�ufigen Bewegung und so schnell, da� Bremer es nicht einmal wirklich sah, aber zugleich so hart, da� er mit einem Schmerzensschrei gegen die Wand taumelte und die Hand an den Leib pre�te.</p><p>Sendig wirbelte herum. Er ri� die Pistole hoch, und diesmal <emphasis>wu�te </emphasis>Bremer, da� er schie�en w�rde, aber er hatte ebensowenig eine Chance wie er. Mark ergriff mit dem verletzten Arm sein Handgelenk, drehte es herum und dr�ckte so kraftvoll zu, da� Sendig die Waffe fallen lie� und Bremer h�ren konnte, wie seine Knochen knackten.</p><p>Mark schleuderte ihn achtlos zur Seite und bewegte sich weiter. Sein Vater war stehengeblieben und sah ihm aufmerksam entgegen. Auf seinem Gesicht lag noch immer diese unheimliche Mischung aus Furcht und Entschlossenheit, die Bremer schon vorhin beobachtet hatte.</p><p>�Mark�, sagte er. �Komm zu mir. Es wird alles gut, das verspreche ich dir.�</p><p>Mark ging langsam weiter. Er bewegte sich wie in Trance, zugleich aber auch sehr sicher und auf eine schwer in Worte zu fassende Weise <emphasis>unaufhaltsam. </emphasis>Sein Arm blutete wieder und hinterlie� eine d�nne Tropfenspur auf dem Boden, die sich mit dem eingetrockneten Blut der Toten vermischte. <emphasis>Er stirbt,</emphasis> dachte Bremer. Er mu�te verbluten. Er hatte zu viel Blut verloren. Das Mittel, das Sendig ihm gespritzt hatte, spiegelte seinem K�rper vielleicht noch einmal die Illusion von Kraft vor, und sie und der unglaubliche Wille dieses Jungen gaben ihm noch irgendwie die Energie, sich zu bewegen. Aber irgendwann w�rde sein K�rper einfach aufgeben wie eine ausgebrannte Maschine.</p><p>Und vielleicht war das das Schlimmste, was ihnen passieren konnte. Instinktiv sah er zur T�r. Der schwarze Engel war noch nicht da. Aber er kam n�her. Bremer konnte seine N�he mit k�rperlicher Intensit�t sp�ren.</p><p>Als er sich herumdrehte, hatte sich Sendig auf H�nde und Knie erhoben, und Mark hatte seinen Vater fast erreicht. Er hob die Arme und streckte sie in seine Richtung aus <emphasis>(um ihn zu umarmen oder zu erw�rgen?), </emphasis>und in Sillmanns Augen erschienen Tr�nen.</p><p>�Mark�, sagte er. �Komm her. Ich kann dir helfen.�</p><p>Mark ging weiter. Seine H�nde ber�hrten das Gesicht seines Vaters, strichen fast liebkosend dar�ber und schmiegten sich um seinen Hals. Bremer sah, wie sich seine Finger mit gnadenloser Kraft um Sillmanns Kehle schl�ssen und zudr�ckten.</p><p>Sillmann versteifte sich. Er versuchte nicht, sich zu wehren. Er stand einfach da und sah Mark in die Augen. Auf seinem Gesicht erschien ein schwaches Echo des k�rperlichen Schmerzes, den er sp�ren mochte, aber kein Entsetzen oder Zorn. Vielleicht war er aus diesem einzigen Grund hierhergekommen, dachte Bremer - um zu bezahlen.</p><p>Sekunden verstrichen. Sillmanns Gesicht f�rbte sich blau, und er begann zu zittern, Marks H�nde schl�ssen sich immer fester um seine Kehle, und der gro�e Mann begann ganz langsam in die Knie zu sinken. Das Buch, das er in der Hand hielt, polterte zu Boden und klappte auf.</p><p>Pl�tzlich scho� Sillmanns Hand aus der Manteltasche. Sie hielt etwas Kleines, Silbernes, das er mit aller Kraft von unten gegen Marks Arm rammte. Mark taumelte. Seine Arme begannen zu zittern. Vielleicht noch eine halbe Sekunde lang blieben seine H�nde um den Hals seines Vaters gelegt, dann �ffnete sich sein Griff. Er wankte. Mit einem Ausdruck vollkommener Verbl�ffung sah er auf seinen linken Arm herab, aus dem eine winzige, verchromte Spritze ragte. Zitternd hob er die andere Hand, zog die Nadel aus seinem Arm und sah seinen Vater an, der keuchend und m�hsam nach Luft ringend vor ihm kniete. Seine Lippen bewegten sich, aber er brachte keinen Laut hervor.</p><p>Mark taumelte. Er lie� die Spritze fallen, die klirrend zerbrach.</p><p>Dann erlosch das Leben in seinen Augen, und er st�rzte. Sein Vater versuchte ihn aufzufangen, aber er war noch zu schwach, um ihn zu halten. Mark begrub ihn unter sich.</p></section><section><title><p>53. Kapitel</p></title><p>Hintereinander st�rmten sie die Treppe hinab. Weiter oben war das Haus noch eine Mischung aus B�ro und altem Bauernhof gewesen, aber hier unten bot sich ihnen ein g�nzlich anderes Bild: Der Gang, der sich an die steile Holztreppe anschlo�, trennte ein halbes Dutzend ultramodern eingerichteter Laborr�ume voneinander, in die gro�e Scheiben aus entspiegeltem Sicherheitsglas einen fast vollkommenen Einblick gew�hrten. Obwohl sie menschenleer waren, schienen sie nicht wirklich verlassen: Hier und da arbeitete ein flei�iger Computer, drehte sich eine Zentrifuge oder h�pften gr�n leuchtende Lichtpunkte �ber Bildschirme, und in der Luft lag ein gesch�ftiges Raunen und Wispern, wie das Fl�stern unsichtbarer Kinder, fast wie Gel�chter. Darunter, noch leiser, aber deutlich h�rbar, schien etwas wie ein Herzschlag zu pochen: das Ger�usch gr��erer Maschinen, die irgendwo in einem anderen Teil der Fabrik arbeiteten.</p><p>Aber das war nicht alles.</p><p>Au�er ihm und den beiden anderen Agenten war kein Mensch hier, und trotzdem war etwas da. Etwas war mit ihnen hereingekommen, etwas T�dliches und Gewaltiges, und Haymar konnte fast k�rperlich sp�ren, wie sich eine d�stere Kraft rings um sie herum zusammenballte, wie unsichtbare Energielinien, die Luft durchzogen und ein Netz bildeten, dessen Maschen immer enger wurden. Es war dasselbe Etwas, das Brauss get�tet und den Wagen zum Explodieren gebracht hatte. Es war vielleicht nicht m�chtig genug, sie alle auf einmal zu erwischen, aber es holte sie einen nach dem anderen, und es war schnell. Vielleicht spielte es sogar nur mit ihnen.</p><p>Haymar war nicht der einzige, der es sp�rte. Auch Andres und Lech sahen sich �fter um, und Lechs Zeigefinger strich immer nerv�ser �ber den Abzug seiner UZI, was Haymar instinktiv dazu brachte, etwas weiter hinter ihn zur�ckzufallen. Er hatte wenig Lust, vor dem Lauf seiner Waffe zu stehen, wenn dem Kerl die Nerven durchgingen.</p><p>�Was... was ist das hier?� fragte Andres nerv�s.</p><p>Im ersten Moment kam Haymar die Frage ziemlich dumm vor, dann fiel ihm ein, da� er und Berger ja die einzigen waren, die damals dabeigewesen waren - die einzigen, die noch lebten, hie� das. Vielleicht galt das sogar nur noch f�r ihn. �Sillmanns Labor�, sagte er knapp. �Das meine ich nicht�, sagte Andres nerv�s. �Irgend etwas... geht hier vor.�</p><p><emphasis>Sie sp�rten es also auch, </emphasis>dachte Haymar. Er wu�te nicht, ob er �ber diese Erkenntnis wirklich erleichtert sein sollte. Sie bewies ihm zwar, da� er nicht verr�ckt war - aber sie machte das unsichtbare Etwas, das sie verfolgte, auch ein ganzes St�ck realer. �Das ist der Junge�, sagte er.</p><p>�Der Junge? Sillmann?�</p><p>�Berger, dieser Idiot�, murmelte Haymar. �Ich habe ihm damals schon gesagt, er soll dieses Monsterbaby erledigen. Aber er hat nicht auf mich geh�rt.� Wir <emphasis>werden das nachholen, </emphasis>f�gte er grimmig in Gedanken hinzu. <emphasis>Jetzt.</emphasis></p><p>Er ignorierte Andres' verwirrte Blicke, eilte rasch an ihm und Lech vorbei und erreichte als erster die wei�lackierte T�r am anderen Ende des Korridors. Sie war so schwer, da� er beide H�nde zu Hilfe nahmen mu�te, um sie zu �ffnen. Dahinter begann eine weitere, steil nach unten f�hrende Treppe. Sie war von zwei Neonleuchten erhellt, deren untere jedoch einen defekten Starter zu haben schien, denn sie ging immer wieder aus. Trotzdem konnte Haymar die Eisent�r erkennen, die sich am unteren Ende der Treppe befand. Das flackernde Licht und die unheimlichen Ger�usche, die sie umgaben, verliehen der Szenerie zus�tzlich etwas Gespenstisches.</p><p>�Also gut�, sagte er. �H�rt mir zu: Gebt auf den Jungen acht - er ist die gr��ere Gefahr. Wenn er irgend etwas tut, und wenn er nur hustet, dann schie�t!�</p><p>�Berger hat gesagt, er w�re tabu�, erinnerte Andres. �Au�erdem ist er fast noch ein Kind.�</p><p>�Berger ist mit ziemlicher Sicherheit tot�, antwortete Haymar grimmig. �Und dieser Junge ist alles andere als ein <emphasis>Kind,</emphasis> glaub mir. Er ist ein Killer. Wenn Berger noch lebt, bringen wir ihn hier raus. Wenn nicht, erschie�t den Jungen und die beiden Bullen, und dann verschwinden wir. Los!�</p></section><section><title><p>54. Kapitel</p></title><p>Sillmann weinte. Er tat es lautlos und nicht so, wie andere es vielleicht getan h�tten - sein Gesicht war eine steinerne Maske, und er vergo� nicht eine einzige Tr�ne, und trotzdem konnte Bremer den unvorstellbaren Schmerz sp�ren, den dieser gro�e, massige Mann empfand, w�hrend er seinen sterbenden Sohn in den Armen wiegte.</p><p>Bremer wu�te nicht, ob Mark bereits tot war oder im Sterben lag, aber wenn das �berhaupt ein Unterschied war, dann war er nur in Sekunden zu messen. Im Augenblick, in dem Mark gest�rzt war, hatte er zur T�r gesehen, und er war vollkommen davon �berzeugt gewesen, da� der Schatten erscheinen mu�te. F�r einen Moment hatte er sich sogar eingebildet, ihn zu <emphasis>sehen - </emphasis>aber diesmal war es tats�chlich nur Einbildung gewesen. Von drau�en drang L�rm herein - Ger�usche, die wie Schreie klangen, vielleicht auch wie Sch�sse -, aber das alles war bedeutungslos. Vielleicht hatten sie sich get�uscht, und mit Marks Tod war wirklich alles vorbei.</p><p>Er h�rte, wie Sendig sich erhob und mit schleppenden Schritten n�her kam, und sah auf. Was er erblickte, erschreckte ihn. Sendigs Gesicht war das eines Wahnsinnigen: eine verzerrte Grimasse mit brennenden Augen und hektisch ger�teten Wangen. Speichel lief aus seinen Mundwinkeln, und er knirschte mit den Z�hnen. Er hatte seine Waffe wieder aufgehoben. Ihre M�ndung schwankte zwischen Sillmann, seinem Sohn und Bremer hin und her.</p><p>�Ist er... tot?� fragte er. �Ist es vorbei?�</p><p>Sillmann hob den Kopf. Seine Hand strich immer wieder �ber Marks Wangen und Stirn, als hielte er ein fieberndes Baby in den Armen, das er tr�sten wollte, und in den unsagbaren Schmerz in seinen Augen mischte sich - vielleicht zum letzten Mal - noch einmal eine Empfindung, die er so lange und so perfekt gespielt hatte. �Nein�, sagte er. �Er lebt. Aber er wird sterben.� Er machte eine Kopfbewegung auf die Waffe in Sendigs Hand. �Das ist nicht mehr n�tig.�</p><p>�Sie wissen nicht, was Sie da reden!� keuchte Sendig. Die Pistole richtete sich zitternd auf Marks Stirn, und sein Finger kr�mmte sich um den Abzug. Bremer spannte sich. �Er wird uns alle umbringen!�</p><p>�Er stirbt, Sendig!� sagte Bremer. �Sehen Sie das denn nicht!�</p><p>�Nein!� keuchte Sendig. �Er lebt noch! Er lebt, und solange er am Leben ist, kann er <emphasis>uns </emphasis>umbringen. Er mu� -�</p><p>�Aber er ist doch schon tot�, sagte Sillmann beinahe sanft. �Sein K�rper lebt noch, aber das ist auch alles.� Er deutete auf die zerbrochene Spritze am Boden. �Ich habe ihn umgebracht, Sendig. Zum zweiten Mal.�</p><p>Bremers Blick folgte der Geste. Langsam streckte er die Hand aus, aber er wagte es nicht, die Spritze zu ber�hren. Irgend etwas sagte ihm, da� er Sillmann damit verletzt h�tte, und trotz allem wollte er ihm nicht weh tun. Jetzt nicht mehr. Fragend sah er Sillmann an.</p><p>�Ich bin zu sp�t gekommen�, fl�sterte Sillmann. �Zu sp�t. Ich h�tte ihn nicht wegschicken d�rfen. Ein Vater sollte nie seinen Sohn wegschicken, ganz gleich, was er getan hat.� Pl�tzlich hob er mit einem Ruck den Kopf und starrte Bremer an, und jetzt f�llten sich seine Augen mit Tr�nen.</p><p>�Ich h�tte ihn retten k�nnen. Wenn ich ihn nicht weggeschickt h�tte, h�tte ich ihn retten k�nnen. Wir haben es schon einmal getan, und wir h�tten es wieder tun k�nnen.�</p><p>Die Worte l�sten etwas in Bremer aus, eine Erinnerung an ein Gesicht, das er vergessen hatte. Er sah zu dem Mann hinter Sillmann, und jetzt wu�te er, wer er war.</p><p>�Erz�hlen Sie es mir�, sagte er leise.</p><p>�Petri hatte mich gewarnt�, fl�sterte Sillmann. �Er hatte immer gesagt, da� es passieren wird. Das Mittel wirkt nicht auf Dauer. Wir wu�ten, da� es geschieht, aber wir... mein Gott, ich wu�te doch nicht, da� es so schlimm wird. Wir konnten es doch nicht wissen!�</p><p>Bremer sah auf die zerbrochene Spritze herab. �Haben Sie <emphasis>damit </emphasis>seine Erinnerungen ausgel�scht?�</p><p>�Wir wu�ten doch nicht, was wir taten!� st�hnte Sillmann. �Begreifen Sie denn nicht? Es... es war die ganze Zeit in ihm. Wir haben es nur bet�ubt, nicht get�tet. Und es ist st�rker geworden!�</p><p>Mark st�hnte leise. Er bewegte die H�nde, drehte den Kopf und erschlaffte wieder, aber seine linke Hand zuckte immer heftiger. Es war unvorstellbar, aber in diesem zerschlagenen, vergifteten, ausgebluteten K�rper war noch immer etwas, das sich mit verzweifelter Kraft an das Leben krallte.</p><p>�H�ren Sie mir zu�, sagte Bremer. �Ich verspreche Ihnen etwas, Sillmann. Ich werde jetzt hinaufgehen und einen Krankenwagen rufen, und wenn es irgendwie m�glich ist, werden wir Ihren Sohn am Leben erhalten. Wir lassen ihn nicht sterben. Aber Sie m�ssen uns alles sagen. Wir m�ssen alles wissen, um uns zu sch�tzen - und um ihn vor sich selbst zu sch�tzen. Verstehen Sie das?�</p><p>Das war eine L�ge. Bremer wu�te, da� Mark die n�chsten Minuten nicht �berleben konnte. Aber wenn er starb, bevor Sillmann ihnen die <emphasis>ganze </emphasis>Geschichte erz�hlt hatte, w�rden sie die volle Wahrheit vielleicht nie erfahren. Und er w�rde niemals wissen, ob er in Sicherheit war.</p><p>�Versprechen Sie mir das?� fl�sterte Sillmann.</p><p>Bremer nickte. �Ja�, sagte er ernst. �Sie haben mein Wort. Was haben Sie ihm gegeben?�</p><p>�Dasselbe wie vor sechs Jahren�, sagte Sillmann leise. �Petri... Petri hat es entwickelt. Ein Psychopharmakon, das seine Erinnerungen blockiert. Es ist verboten, aber wirksam. Wir dachten, da� es ihm hilft, alles zu vergessen, aber... mein Gott, wir,.. wir <emphasis>wu�ten es doch nicht!�</emphasis></p><p>�Was wu�ten Sie nicht, Sie Narr?� fragte Sendig. �Da� Sie aus Ihrem eigenen Sohn ein Ungeheuer gemacht haben? Da� Sie sich an Dingen vergangen haben, mit denen niemand herumspielen darf? Wissen Sie �berhaupt, was Sie getan haben?�</p><p>�Ja�, antwortete Sillmann. Sendigs scharfer Ton war eindeutig der falsche gewesen. Er weckte nur seinen Trotz. �Wir wu�ten es, damals. Wir wollten etwas erschaffen. Etwas Gro�es und Einmaliges, das ein Segen f�r die gesamte Menschheit h�tte werden k�nnen?�</p><p>�Ein Monster?� fragte Sendig. �Sie... Sie haben Monster aus diesen Kindern gemacht! Ungeheuer, die mit der blo�en Kraft ihrer Gedanken t�ten k�nnen! <emphasis>Aus Ihren eigenen Kindern!�</emphasis></p><p>Sillmann lachte. �Sie wissen ja nicht einmal, wovon Sie reden�, sagte er. �Ich habe den ersten Menschen auf dieser Welt erschaffen, der sein geistiges Potential wirklich nutzen kann! Er w�re ein �bermensch geworden! Vielleicht ein neuer Messias! Vielleicht der erste <emphasis>wirkliche </emphasis>Messias!�</p><p>�Und warum hat es nicht funktioniert?� fragte Sendig h�misch.</p><p>Sillmann sah ihn sekundenlang voller Trauer und Schmerz an, und deutete dann auf das Buch, das zwischen ihnen auf dem Boden lag.</p><p>�Deshalb�, sagte er.</p></section><section><title><p>55. Kapitel</p></title><p>Haymar betrat die Treppe als erster. Die Stufen waren so ausgetreten und glatt, da� er nicht so schnell laufen konnte, wie er es wollte - ein einziger Fehltritt auf dieser Treppe konnte fatale Folgen haben, und ein gebrochenes Genick war schlie�lich auch t�dlich. Trotzdem brauchte er nur wenige Augenblicke, um die Grenze zwischen gleichm��iger und flackernder Helligkeit zu erreichen, die die Treppe in zwei ungleiche H�lften teilte. Er sah zur�ck, um nach Andres und Lech Ausschau zu halten. Lech war dicht hinter ihm, w�hrend Andres ein gutes St�ck zur�ckgefallen war und immer langsamer ging.</p><p>In der T�r �ber ihm erschien ein Schatten. Er war eigentlich viel zu gro�, um in die T�r hineinzupassen: ein Riese von mehr als zwei Metern, die noch einmal um ein gutes St�ck vom gewaltigen Schwingenpaar �bertroffen wurden, das sich �ber seinen Schultern spannte, aber er stand trotzdem dort oben, aller Logik zum Spott. Er war vollkommen dunkel, nicht schwarz, sondern dunkel, wie ein Wesen, das nicht in dieses Universum geh�rte und von dessen Licht nicht erhellt werden konnte.</p><p>Lech sah das <emphasis>Ding </emphasis>im gleichen Augenblick wie er und schrie entsetzt auf, ri� aber zugleich auch seine Waffe in die H�he. Haymar wollte sie beiseite schlagen, aber der Anblick des gefl�gelten Kolosses dort oben lahmte ihn f�r einen Sekundenbruchteil. Seine Bewegung kam zu sp�t. Lech ri� den Abzug durch, und der Feuersto� jagte heulend und nur um Haaresbreite an Andres vorbei. Mindestens eine der Kugeln traf ihn, denn er schrie ebenfalls auf und taumelte gegen die Wand, w�hrend die �brigen Geschosse rechts und links des schwarzen Ungeheuers gegen den Stein prallten und Funken schlugen. Falls das Monstrum getroffen worden war, zeigten diese Treffer nicht die mindeste Wirkung.</p><p>Andres begann an der Wand zusammenzusacken, aber bevor er den Boden erreicht hatte, hob der schwarze Riese den Arm und streckte die Hand in einer zornig deutenden Bewegung nach ihm aus, und pl�tzlich erstrahlte die Treppe in loderndem Feuerschein. Eine glei�ende Lohe h�llte Andres ein, ri� ihn in die H�he und schleuderte ihn brennend und mit weit ausgebreiteten Armen in die Tiefe.</p><p>Haymar warf sich entsetzt zur Seite, als Andres wie ein lebendes Feuerkreuz auf ihn zuflog, prallte gegen die Wand und ri� die Arme vor das Gesicht. Etwas Weiches, unglaublich <emphasis>Hei�es </emphasis>streifte seine H�fte und ri� ihn von den Beinen. Er fiel, h�rte Lech schreien und sah aus den Augenwinkeln, wie Andres' Leichnam weit unter ihnen auf den Treppenstufen aufschlug und brennend weiterrollte. Seine Arme und Beine pendelten wie die Glieder einer Stoffpuppe, was f�r einen Moment den grauenhaften Eindruck erweckte, als lebe er noch. Aber er <emphasis>konnte </emphasis>nicht mehr leben. Lechs Sch�sse mu�ten ihn get�tet haben, und wenn nicht sie, dann sp�testens der f�rchterliche Aufprall auf der Steintreppe. Er <emphasis>durfte </emphasis>nicht mehr leben. Haymar gestattete sich nicht, diesen Gedanken auch nur zu <emphasis>denken.</emphasis></p><p>Keuchend stemmte er sich hoch und sah nach oben. Der Schatten war verschwunden, die T�r wieder nichts als ein helles, von wei�em Licht erf�lltes Rechteck. W�re da nicht der Feuerschein gewesen, der Andres' brennenden Leichnam umgab, h�tte alles nur ein Alptraum sein k�nnen.</p><p>�Haymar!� wimmerte Lech. �Was... was war das? Was ist das f�r ein Ding?�</p><p>Er war am Ende seiner Kraft. Wie Haymar war er an der Wand zu Boden gesunken. Er zitterte am ganzen Leib, und in seinen Augen flackerte etwas, das fast so hei� und verzehrend war wie das Feuer unter ihnen.</p><p>�Rei� dich zusammen!� fuhr Haymar ihn an. �Es ist der Junge, verstehst du? Wir m�ssen ihn erwischen! Wir m�ssen ihn umbringen, <emphasis>oder er t�tet uns!�</emphasis></p><p>Die letzten Worte hatte er geschrien, aber er war nicht sicher, ob Lech sie �berhaupt geh�rt hatte. Er hockte noch immer zitternd am Boden und starrte aus weit aufgerissenen Augen dorthin, wo der schwarze Engel gestanden hatte.</p><p>Haymar versuchte nicht noch einmal, ihn aus seiner Erstarrung zu rei�en. So schnell er konnte, richtete er sich auf, fuhr herum und begann die Treppe hinunterzurennen.</p></section><section><title><p>56. Kapitel</p></title><p>Bremer starrte fassungslos auf das Buch. Es war an der Stelle aufgeklappt, an der es jahrelang aufgeschlagen irgendwo hier gelegen haben mu�te, ohne da� irgend jemand es bemerkte oder begriff, was er da sah. Bremer begriff es nur zu gut.</p><p>Die Zeichnung zeigte den Engel. <emphasis>Seinen </emphasis>Engel. Den schwarzen Giganten, den er gesehen und der ihn gejagt hatte. Es mu�te ein Holzstich aus dem Mittelalter sein, oder zumindest eine sehr geschickte Kopie, denn das Bild wirkte auf jene Weise zugleich ungelenk und grob wie auch ungemein dynamisch und lebendig, wie es manchen dieser alten Stiche eigen war. Eine hochgewachsene, dunkle Gestalt mit Klauenh�nden und riesigen schwarzen Fl�geln, die wie aus Stahl geschmiedet aussahen, eher Klingen als Federn. Sie trug ein bodenlanges Gewand, das nur die nackten F��e sichtbar lie�, und das Gesicht war nicht zu erkennen. In kalligraphischen, geschwungenen Buchstaben stand darunter: AZRAEL.</p><p>�Der biblische W�rgeengel�, fl�sterte er ersch�ttert.</p><p>�Er mu� dieses Buch in meiner Bibliothek gefunden haben�, sagte Sillmann leise. Er lachte bitter. Es h�rte sich an wie ein erstickter Schrei. �Ist das nicht eine besondere Ironie? Es ist sehr wertvoll, und deshalb habe ich ihm immer verboten, es anzufassen. Aber irgendwann hat er es doch getan und dieses Bild entdeckt.�</p><p>�Sie... haben es ihm gesagt?� fragte Bremer ungl�ubig. �Er <emphasis>wu�te, </emphasis>da� Sie mit ihm experimentieren?�</p><p>Sillmann sch�ttelte den Kopf. �Es war ein Spiel�, sagte er. �F�r ihn und die anderen war es nichts als ein Spiel. Sie hatten Tr�ume. Wundersch�ne Tr�ume. Aber er... er wu�te den Namen des Medikaments.�</p><p>�Der Droge�, verbesserte ihn Sendig.</p><p>Sillmann h�rte es nicht einmal. �Er ist mir einmal herausgerutscht. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Warum auch? Aber dann... dann hat er dieses Buch gefunden und dieses Bild, und... Verstehen Sie denn nicht? Sie waren <emphasis>Kinder! </emphasis>Sie hatten Tr�ume, das war alles.�</p><p><emphasis>Ja, </emphasis>dachte Bremer. <emphasis>Und dann hat er dieses Bild gesehen und das Wort gelesen, und bei seinem n�chsten Traum </emphasis>war <emphasis>er Azrael. </emphasis>Der Todesengel. Er sagte nichts. Nach allem, was bisher geschehen war, hatte er geglaubt, da� ihn nichts mehr ersch�ttern k�nnte, aber das war nicht die Wahrheit. Gab es eine schlimmere Strafe als das, was Sillmann zugesto�en war?</p><p>�Wir wu�ten, da� sie sich manchmal heimlich trafen�, fuhr Sillmann leise fort. �Ich war dagegen, aber L�bach hat es zugelassen, und ich habe mich nicht gegen ihn durchsetzen k�nnen. In dieser Nacht haben sie sich wieder getroffen, und Mark hat das Buch mitgebracht. Ich habe es hier gefunden. Ebensogut h�tte ich ihn selbst erschie�en k�nnen. Ihn und alle anderen. Mein Gott, was habe ich getan?�</p><p>�Was Sie getan haben?� Sendig schnaubte. �Das haben Sie immer noch nicht begriffen, Sie Narr?� Er versetzte dem Buch einen Fu�tritt, der es davonschlittern lie�.</p><p>�Wissen Sie, wie viele Menschen gestorben sind, nur <emphasis>deswegen? </emphasis>Sie... Sie haben etwas in ihm geweckt, das nicht geweckt werden darf. Und bei alledem hatten Sie noch Gl�ck, da� Ihr Sohn halbwegs normal ist. Was glauben Sie, w�re passiert, wenn das Zeug in die H�nde eines echten Psychopathen geraten w�re? Besser gesagt, in seinen Geist!�</p><p>Sillmann sah ihn verwirrt an, und Sendig fuhr fort: �Sie wissen es nicht, wie?�</p><p>�Was?�</p><p>�Es betrifft nicht nur ihn oder Sie und uns und L�bach�, antwortete Sendig erregt. Er deutete heftig gestikulierend auf Mark hinab. �Er hat angefangen, sich zu r�chen. Er hat in den letzten vierundzwanzig Stunden alle get�tet, die irgendwie mit der Sache von damals zu tun hatten. Einfach, weil er es <emphasis>wollte.�</emphasis></p><p>�Aber das... das ist unm�glich�, sagte Sillmann verwirrt. �Das ist vollkommen ausgeschlossen! Er... er hat nur Einflu� auf Menschen, die ebenfalls AZRAEL genommen haben.�</p><p>�Ach?� fragte Sendig h�misch. �Wie auf L�bach, meinen Sie?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Sie irren sich�, sagte Sendig. �Sie sind alle tot. Mogrod - der Fotograf, der damals �berall herumgeschn�ffelt hat -, der Pathologe, der die Leichen untersucht hat, ein paar unserer Kollegen, Artner... und wahrscheinlich noch viele mehr.�</p><p>�Ich sp�re es auch�, sagte Bremer leise. Er deutete auf das Buch, das zwar weiter entfernt, aber noch immer auf die gleiche Weise aufgeschlagen da lag. �Ich habe ihn gesehen.�</p><p>Sillmann erbleichte. Seine Lippen begannen zu zittern. �Mein Gott�, sagte er. �Das... das kann nicht sein. Petri hatte recht.�</p><p>�Womit?� fragte Bremer.</p><p>�Aber das ist unm�glich�, fl�sterte Sillmann. �Das <emphasis>darf</emphasis> nicht sein!�</p><p>�Was?� fragte Bremer noch einmal. Er mu�te sich pl�tzlich mit aller Kraft beherrschen, um Sillmann nicht am Kragen zu packen und zu sch�tteln. �Wovon reden Sie?�</p><p>�Petri�, antwortete Sillmann mit bebender Stimme. �Er... er hat uns gewarnt. Er hat gesagt, es konnte sich... ausbreiten.�</p><p><emphasis>�Ausbreiten?� </emphasis>wiederholte Bremer. �Wie meinen Sie das?�</p><p>�Es... es ist im Blut�, stammelte Sillmann. �Verstehen Sie doch! Gro�er Gott, er hatte recht. Es... es wirkt wie eine Infektion. Es ist im Blut, und es... es breitet sich aus.�</p><p>�Moment mal!� sagte Sendig. Er schluckte h�rbar und tauschte einen entsetzten Blick mit Bremer. �Sie meinen, wie... wie Aids?�</p><p>�Schlimmer�, antwortete Sillmann. �Aber das kann nicht sein. Es ist unm�glich, verstehen Sie! Es ist eine Droge, keine Krankheit. Es <emphasis>kann nicht so wirken!�</emphasis></p><p>Aber das war die Antwort, dachte Bremer ersch�ttert. Die Erkl�rung - die <emphasis>einzige </emphasis>Erkl�rung, die Sinn machte. Sie alle waren irgendwie mit Marks Blut in Ber�hrung gekommen, oder dem eines anderen AZRAEL-J�ngers. Mogrod, der damals hier herumgeschn�ffelt und alles angefa�t und fotografiert hatte. Der Pathologe, der die Leichen untersuchte. L�bach sowieso. Artner, der mit Claudia L�bach geschlafen hatte, wie die Videos bewiesen, die sie in seinem Schrank gefunden hatten.</p><p>Und es bedeutete noch etwas.</p><p>Langsam hob er den Kopf und sah zu Sendig hoch. �Sie d�mlicher Idiot�, sagte er ganz ruhig. �Sie waren niemals in Gefahr, verstehen Sie?�</p><p>�Was?� fragte Sendig.</p><p>�Es ist sein Blut gewesen�, sagte Bremer. �Das und das der anderen. Hansen hat praktisch darin gebadet, als L�bach uns vor die F��e gesprungen ist, und ich habe wohl auch etwas abbekommen, ohne es zu merken. Deshalb ist es bei mir nicht so schnell gegangen. Und deshalb haben <emphasis>Sie </emphasis>nichts gemerkt.�</p><p>Er stand auf. Sendig wich instinktiv einen halben Schritt vor ihm zur�ck und richtete die Waffe auf ihn, aber das ignorierte Bremer. �Deshalb wollten Sie doch, da� ich in Ihrer N�he bleibe, nicht wahr?� fragte er. �Nicht, weil Sie mich <emphasis>brauchten. </emphasis>Weil Sie mich <emphasis>beobachten </emphasis>wollten.�</p><p>Sendig starrte ihn an. Er verlor jetzt immer schneller die Fassung, und in immer gr��erem Ausma�. Zitternd drehte er sich im Kreis, starrte auf die Toten am Boden herab und schlie�lich auf die Waffe in seiner Hand. Er wimmerte leise. �Mark�, stammelte er. �Was... was habe ich... er ist...�</p><p>�Es war alles umsonst�, sagte Bremer. �Sie waren nie in Gefahr.� Er versuchte Sendig zu hassen, aber er konnte es nicht. Nicht einmal das. Alles, was er f�r Sendig jetzt noch empfand, war blo�e Verachtung. Langsam drehte er sich wieder zu Sillmann herum. �Bin <emphasis>ich </emphasis>in Gefahr?� fragte er.</p><p>�Nein�, antwortete Sillmann leise. �Ich glaube nicht. Es �ndert nicht den Charakter. Er ist kein M�rder. Er war nur ein Kind, das nicht wu�te, was es tat.�</p><p>�Aber ich habe es auch, nicht wahr?� fragte Bremer.</p><p>Sillmann antwortete nicht, aber das brauchte er auch nicht. Ob das, was er ihnen gerade �ber AZRAEL erz�hlt hatte, die Wahrheit war? - Und verdammt noch mal, es <emphasis>war </emphasis>die Wahrheit, das sp�rte Bremer, denn <emphasis>das </emphasis>war es, was er die ganze Zeit �ber in seinem Innern gef�hlt hatte: nicht die Gespenster, die Mark ihm schickte, sondern die Gespenster seiner eigenen Seele, die Ungeheuer, die in <emphasis>ihm </emphasis>lauerten und die die Droge nun allm�hlich entfesselte. Und mit ebensolcher Gewi�heit sp�rte er, da� es l�ngst nicht damit aufh�ren w�rde. Sillmann und L�bach waren m�glicherweise die Erfinder der Droge, aber sie hatten selbst nicht geahnt, was sie da schufen. Er hatte es <emphasis>gesehen. </emphasis>Das Ding in der Gasse war <emphasis>Realit�t </emphasis>gewesen, keine Halluzination. Ebensowenig wie das M�dchen. Seine Macht beschr�nkte sich l�ngst nicht mehr darauf, Bilder zu erschaffen. Sillmann hatte die Wahrheit ausgesprochen, ohne es zu wissen. Er <emphasis>hatte </emphasis>etwas wie einen neuen Messias erschaffen, einen sterblichen, verwundbaren Gott, aus Fleisch und Blut vielleicht, und doch ein Wesen mit der Macht der Sch�pfung. Er hatte den Menschen wiedererschaffen, den er auf der ganzen Welt am meisten geliebt hatte. Was, dachte Bremer schaudernd, wenn diese ungeheure Macht tats�chlich in die H�nde eines Wahnsinnigen geriet, wie Sendig es gerade gesagt hatte?</p><p>Was, wenn <emphasis>er </emphasis>dieser Wahnsinnige war? Die Ver�nderung hatte schon eingesetzt. Nicht lange, vielleicht nur mehr wenige Jahre, vielleicht sehr viel k�rzer, und er w�rde �ber die gleiche Macht zum Sch�pfen und Zerst�ren verf�gen wie dieser sterbende Junge da?</p><p>Aber er wollte kein Gott sein.</p><p>Mark bewegte sich. Irgend etwas <emphasis>geschah </emphasis>mit ihm, etwas Unvorstellbares, das viel st�rker zu f�hlen als zu <emphasis>sehen </emphasis>war. Er schrie auf, schleuderte seinen Vater mit einer einzigen, zornigen Bewegung seiner Arme von sich und rollte �ber den Boden. Seine Glieder zuckten. Blutiger Schaum erschien vor seinem Mund, seine Augen verdrehten sich und wurden pl�tzlich <emphasis>schwarz.</emphasis></p><p>Bremer prallte entsetzt zur�ck. Mark schrie immer lauter. Seine Glieder zuckten wie unter gewaltigen Stromst��en, und sein Kreischen hatte nichts Menschliches mehr. Sein K�rper schien zu kochen. Gro�e, pulsierende Blasen bildeten sich auf seiner Haut und vergingen wieder, seine Arme und Beine verbogen sich auf unm�gliche Weise, und sein ganzer K�rper wirkte mit einem Male deformiert, als beg�nne er den Halt zu verlieren.</p><p>Es war das Entsetzlichste, was Bremer jemals gesehen hatte. Und die Ver�nderung hielt an. Mark h�rte auf zu schreien, aber sein K�rper... <emphasis>verwandelte </emphasis>sich.</p><p>Bremer wich einen weiteren Schritt zur�ck. Irgend etwas klirrte, und als er den Blick senkte, sah er die Splitter der zerbrochenen Spritze unter seinem Schuh. Das Bild f�hrte zu einer blitzartigen Assoziation. Er sah die Nadel in Marks Arm - aber mit einem Male war es nicht mehr sein Vater, der sie hielt, sondern Sendig, und in der Vision war Mark auch nicht mehr in diesem Keller, sondern oben im Krankenwagen. Dann sah er ein weiteres Bild: Sendig, gestern nacht, der etwas aus L�bachs K�hlschrank nahm und in der Tasche verschwinden lie�.</p><p>Und dann wu�te er es.</p><p>Entsetzt drehte er sich zu Sendig herum. �Was haben Sie getan?� fragte er. Seine Stimme brach fast. �Was... was haben Sie ihm gegeben?�</p><p>Sendig starrte nur abwechselnd ihn und das zuckende, zerflie�ende <emphasis>Etwas </emphasis>auf dem Boden an, aber Bremer h�tte ihm gar keine Zeit gelassen, zu antworten. Blitzartig packte er ihn an den Aufschl�gen seines Mantels und sch�ttelte ihn wild. Sendigs Pistolenlauf bohrte sich unter sein Kinn, aber das ignorierte er. In diesem Moment h�tte er sich fast gew�nscht, da� er abdr�ckte.</p><p><emphasis>�Sie haben ihm die Droge gespritzt!� </emphasis>schrie er. �<emphasis>SIE WAHNSINNIGER HABEN IHM AZRAEL GESPRITZT!�</emphasis></p><p>Sendig stie� ihn mit erstaunlicher Kraft von sich. Bremer fiel, schlitterte ein St�ck �ber den Boden und sprang sofort wieder hoch. Er erstarrte, als sein Blick auf Mark fiel. Auf das, was einmal Mark gewesen war.</p><p>Er war kein Mensch mehr. Sein K�rper war zu einem schwarzen, zuckenden Etwas geworden. Vielleicht lag es an der �berdosis, die Sendig ihm gegeben hatte, vielleicht an der Kombination der beiden Mittel, die in seinen Adern pulsierten, vielleicht erlebten sie auch nur das Endstadium der unheimlichen Ver�nderung, die sein Vater und L�bach vor so vielen Jahren eingeleitet hatten - <emphasis>Mark verwandelte sich. </emphasis>Das schwarze, brodelnde Etwas zuckte, zog sich zusammen - und dann erschienen die Spitzen zweier gewaltiger, aus geh�mmertem Stahl bestehender Fl�gel dar�ber, gefolgt von einem massigen Sch�del und ungeheuer breiten Schultern. Langsam, wie ein schwarzer D�mon, der aus einem Teersee emportaucht, stieg das Ungeheuer weiter, wuchs und gewann an Form und Festigkeit.</p><p>, Es war das Monstrum aus seiner Vision, Azrael, der Racheengel, der gekommen war, um biblische Gerechtigkeit zu �ben.</p><p>Sendig schrie - ein einziges Mal, hoch, spitz und hysterisch - und verstummte dann wieder. Sillmann sagte nichts. Er gab keinen Laut von sich, sondern stand einfach da und blickte den schwarzen Engel an, und pl�tzlich ging auch mit ihm eine Ver�nderung vor sich, die Bremer vielleicht nicht so spektakul�r, aber fast ebenso dramatisch erschien. Er konnte sehen, wie alle Angst, alle Verzweiflung und alle Schuld von ihm abfielen. Eine Sekunde bevor Azrael ihn erreicht hatte, begann er zu l�cheln, und zum allerersten Mal, seit Bremer ihn kannte, sah er <emphasis>gl�cklich </emphasis>aus.</p><p>Dann erreichte ihn der schwarze Gigant, ergriff ihn auf eine fast behutsame Art mit beiden H�nden und ri� ihn in zwei St�cke.</p><p>Sendig schrie auf, kr�mmte sich auf der Stelle und �bergab sich, w�hrend Bremer wie von einem Hammerschlag getroffen zur�cktaumelte und gegen die Wand fiel. Alles drehte sich um ihn. Er h�rte einen furchtbaren <emphasis>doppelten </emphasis>Aufprall, Sendigs w�rgende Ger�usche, die sich mit seinen Schreien mischten, und dann eine andere Stimme, die gellend aufschrie.</p><p>Als er die Augen �ffnete, stand Azrael hoch aufgerichtet zwischen ihm und Sendig. Seine H�nde waren rot von Sillmanns Blut, und er hatte die Schwingen gespreizt, so da� die rasiermesserscharfen Klingen an ihren Enden beinahe die W�nde ber�hrten. Er war ungeheuer <emphasis>gro�. </emphasis>Der Blick der schwarzen Augen richtete sich auf ihn, und Bremer hatte das Gef�hl, innerlich zu verbrennen. Bremer kr�mmte sich, als er die unvorstellbare Macht sp�rte, die dieses Wesen ausstrahlte, eine Macht, der keine Grenzen gesetzt waren, zu erschaffen, aber auch zu verheeren.</p><p>Aber er sp�rte auch, da� er nicht in Gefahr war. Das Gesch�pf war nicht gekommen, um ihn zu vernichten. Es war gekommen, um Rache zu �ben, und es hatte seine Aufgabe erf�llt.</p><p>Wieder h�rte er einen Schrei. Bremer fuhr herum und sah zwei M�nner in dunklen Anz�gen unter der T�r stehen, die die schwarze Gestalt fassungslos anstarrten. Beide waren mit unterschiedlich gro�en Maschinenpistolen bewaffnet, die sie auf die riesige Engelsgestalt gerichtet hatten. Dann erkannte Bremer einen von ihnen wieder - es war der Bursche, den Sendig und er �berw�ltigt hatten.</p><p>�Nein!� schrie Sendig. �Nicht! <emphasis>Tut es nicht!�</emphasis></p><p>Es war zu sp�t. Sein eigener Schrei hatte den Bann gebrochen, unter dem die M�nner standen. Die Waffen hoben sich, aber noch bevor sie abdr�ckten, ri� Sendig seine eigene Pistole in die H�he und scho� dem einen in die Brust. Der Mann st�rzte nach hinten und war auf der Stelle tot, aber der andere schwenkte seine Waffe herum und ri� den Abzug durch. Die Salve traf Sendig aus unmittelbarer N�he und zerschnitt ihn fast in zwei H�lften, aber der Mann h�rte nicht auf zu schie�en. Ohne den Finger vom Abzug zu nehmen, schwenkte er die MPi herum und feuerte auf den schwarzen Engel.</p><p>Der Raum schien unter dem L�rm der MPi-Salve zu explodieren. Querschl�ger heulten davon und schlugen Funken aus den W�nden, aber die meisten Geschosse trafen ihr Ziel. Der schwarze Gigant taumelte.</p><p>Aber er fiel nicht.</p><p>Der Agent jagte Schu� auf Schu� in die riesige gefl�gelte Gestalt, aber der Gigant bewegte sich trotzdem weiter. Langsam, aber auch unaufhaltsam, trat er auf den Mann zu. Seine Arme hoben sich, furchtbare Krallen streckten sich nach dem Mann mit der MPi aus. Seine Schwingen schlugen, so da� Bremer sich ducken mu�te, um nicht getroffen und wahrscheinlich ebenfalls get�tet zu werden.</p><p>Der Hammer der MPi schlug pl�tzlich klickend ins Leere. Das Magazin war verschossen. Der Agent schrie vor Angst und Zorn, tauchte unter den Klauen des Riesen hinweg und versuchte die Waffe seines toten Kollegen zu erreichen. Es gelang ihm, aber gleichzeitig traf ihn auch ein furchtbarer Hieb. Die kleine UZI in beiden H�nden haltend, rollte er quer durch den Keller, prallte gegen die jenseitige Wand und blieb einen Moment benommen liegen.</p><p>Als er sich aufrichtete, war der Todesengel �ber ihm. Seine H�nde schl�ssen sich um seine Kehle, und dann falteten sich die gewaltigen Schwingen wie ein riesiger schwarzer Vorhang um sein Opfer zusammen. Bremer h�rte ein furchtbares, knirschendes Ger�usch, wie von Knochen, die zermalmt wurden.</p><p>Aber es war nicht vorbei. Pl�tzlich h�rte er das H�mmern der MPi wieder, leiser und ged�mpfter diesmal, aber auch viel n�her. Der Engel b�umte sich auf. Seine Fl�gel schlugen, w�hrend er zur�cktaumelte und gegen die Wand fiel. Und der Agent feuerte noch immer, jagte Dutzende von Geschossen aus allern�chster N�he in seinen K�rper, und diesmal zeigten sie Wirkung. Es war so, wie Bremer vermutet hatte: Er war eine Art Gott, aber er war sterblich.</p><p>Der Mann scho� seine Waffe komplett leer, sprang zur�ck und nestelte mit zitternden Fingern ein neues Magazin aus der Jackentasche, das er hastig gegen das verbrauchte austauschte, ehe er die MPi wieder auf seinen Gegner richtete.</p><p>Er mu�te nicht mehr schie�en.</p><p>Der Engel starb. Seine Schwingen falteten sich ein letztes Mal auseinander und sanken dann kraftlos herab. Er brach in die Knie. Einen Moment lang blieb er fast reglos so sitzen, dann sank er ganz langsam zur Seite, und w�hrend er fiel, verwandelte er sich wieder und wurde wieder zu dem Menschen, als der er geboren worden war. Was auf dem Kellerboden aufschlug, das war kein Todesengel mehr, sondern es waren die zerrissenen �berreste eines Menschen, der wahrscheinlich niemals mehr in seine urspr�ngliche Gestalt zur�ckkehren wollte.</p><p>Bremer starrte das entsetzliche Bild an. Er versuchte vergeblich, irgend etwas anderes als Furcht zu empfinden. Aber es war keine Furcht vor dem Anblick absoluten Terrors, der sich ihm bot. Er hatte keine Angst mehr vor dem Tod, vor Blut oder Schmerzen oder dem Sterben. Er trauerte nicht einmal um Mark. Er sah nur den Mann aus der Gasse an.</p><p>Der Agent stand schwer atmend �ber den Toten gebeugt da. Er zitterte am ganzen Leib, und er bot einen kaum weniger furchteinfl��enden Anblick als Marks zerschossener Leichnam. Sein K�rper war �ber und �ber mit Blut besudelt, von dem wahrscheinlich das Wenigste von ihm selbst stammte. Und pl�tzlich bekam Bremers Furcht eine neue, noch viel gr��ere Dimension. Es war nicht vorbei. Vielleicht begann es erst.</p><p>Er griff in die Tasche. Sie war leer. Er war unbewaffnet gekommen. Sein Blick irrte suchend durch den Raum und blieb schlie�lich an Sendigs Leiche h�ngen und der Pistole, die sie noch immer in der Hand hielt.</p><p>Als h�tte er seine Gedanken gelesen, drehte sich der Agent in diesem Moment herum und sah ihn an. Sein Gesicht war eine dunkelrote, glitzernde Maske, in der die Augen wie zwei leuchtende Wunden aussahen.</p><p>�Versuch es nicht�, sagte er. �Mit dir habe ich nichts zu tun.�</p><p>�Ich wei߫, sagte Bremer. Eine pl�tzliche kalte Ruhe hatte ihn ergriffen, und alle Gef�hle fielen von ihm ab. Er hatte keine Chance, aber er mu�te es wenigstens versuchen.</p><p>Bremer sprang mit weit vorgestreckten Armen los, prallte zwei Meter von Sendig entfernt auf den Boden und schlitterte das letzte St�ck �ber den rauhen Stein. Seine H�nde schl�ssen sich um die Pistole.</p><p>Das letzte, was er in seinem Leben h�rte, war das Rattern der MPi-Salve, mit der Haymar ihn erscho�, aber w�hrend er starb, empfand er nichts als eine tiefe, unendlich tiefe Erleichterung, da� er es wenigstens als Mensch hatte tun k�nnen.</p></section><section><title><p>57. Kapitel</p></title><p>Der Fabrikhof war von loderndem Feuerschein erf�llt, als Haymar aus dem Haus taumelte. �berall standen Polizei-, Feuerwehr- und Krankenwagen, und der Platz vor dem Laborgeb�ude wimmelte von Uniformierten.</p><p>Jemand schrie erschrocken auf, als er ihn bemerkte, und drei oder vier M�nner rannten gleichzeitig auf Haymar zu. Er hatte nicht mehr die Kraft, ihnen entgegenzugehen, sondern sank ersch�pft auf die Knie. Stimmen und L�rm und Licht wurden zu einem irrsinnigen Kaleidoskop, das immer schneller und schneller um ihn kreiste, und er sp�rte, wie er ber�hrt und angefa�t wurde und schlie�lich hochgehoben. Er wehrte sich nicht dagegen, sondern sehnte sich statt dessen danach, endlich das Bewu�tsein zu verlieren, diese f�rchterlichen Bilder endlich vergessen zu k�nnen, die er unten in diesem Alptraumkeller gesehen hatte.</p><p>Aber irgend etwas sagte ihm, da� das nie wieder im Leben der Fall sein w�rde. Und auch die Gnade einer Bewu�tlosigkeit wurde ihm nicht zuteil. Er glitt f�r eine nicht me�bare, aber auch nicht allzu lange Zeit an ihrem Rand entlang, aber statt in die erl�sende Dunkelheit hihabzutauchen, wurde es allm�hlich wieder hell um ihn, und die Dinge bekamen wieder erkennbare Konturen, blo�e Laute wurden zu verst�ndlichen Worten.</p><p>Er lag in einem Krankenwagen. Ein Arzt in einem wei�en Kittel beugte sich �ber ihn und stach gerade ziemlich unsanft eine Nadel in seine Vene, und irgend jemand war dabei, ihm die Schuhe auszuziehen. Er hatte Schmerzen.</p><p>Der Arzt zog �berrascht die Brauen zusammen, als er sah, wie Haymar die Augen �ffnete. �Sie sind wach!� sagte er. �Bewegen Sie sich nicht. Haben Sie Schmerzen?�</p><p>�Es... geht�, sagte Haymar m�hsam. Um ihn herum drehte sich noch immer alles, und in den tanzenden Lichtern waren noch andere Dinge: schwarze, gr��liche Dinge mit Klauen und rei�enden Krallen. Er st�hnte.</p><p>�Sie werden gleich schlafen�, sagte der Arzt. �Machen Sie sich keine Sorgen. Sie sahen f�rchterlich aus, aber ich glaube, Sie sind nicht lebensgef�hrlich verletzt. All dieses Blut... das ist doch nicht Ihres, oder?�</p><p>Haymar h�tte den Kopf zur Verneinung gesch�ttelt, h�tte er die Kraft dazu gehabt. So deutete er die Bewegung nur mit den Augen an.</p><p>�Was ist denn da unten nur passiert?� fragte der Arzt, und von der T�r her sagte eine Stimme: �Das m�chte ich auch gerne wissen. Lassen Sie uns einen Moment allein, Doc.�</p><p>Der Arzt fuhr ebenso erschrocken wie erbost herum, und auch Haymar kratzte irgendwie noch die Kraft zusammen, den Kopf zu drehen.</p><p>Unter der offenstehenden Heckt�r des Krankenwagens war ein schlanker, dunkelhaariger Mann in einem blauen Ma�anzug erschienen. Er musterte den Arzt auf eine Weise, auf die ein anderer vielleicht einen l�stigen Hund betrachtet h�tte, ehe er ihm einen Tritt gab, dann kam er n�her, schob ihn einfach zur Seite und beugte sich �ber Haymar.</p><p>�Was f�llt Ihnen ein?� fragte der Arzt. �Machen Sie, da� Sie hier rauskommen. Sofort!�</p><p>�Gleich�, antwortete der Fremde - der er allerdings nur f�r den Arzt war. F�r Haymar nicht. Er kannte ihn. Sein Name war Treblo, und er war nicht wesentlich j�nger, als Berger es gewesen war, und ein wom�glich noch unangenehmerer Chef. Jetzt, nach Bergers Tod, sogar sein <emphasis>unmittelbarer </emphasis>Vorgesetzter. Irgend etwas an diesem Gedanken entsetzte Haymar fast, aber zugleich hatte er auch das absurde Gef�hl, da� dieses Entsetzen unbegr�ndet war. Er sah Treblo aus Augen an, aus denen das Bewu�tsein nun doch allm�hlich zu schwinden begann, und er w�nschte sich, da� er, wenn er jetzt schlief, wieder seinen Lieblingstraum tr�umen w�rde, der, in dem er der Chef war und alle anderen ihm gehorchten und in dem er es ihnen allen zeigen konnte.</p><p>�Was ist da unten passiert, Haymar!� fragte Treblo herrisch.</p><p>Er bekam keine Antwort. Haymar schlief noch nicht ganz, aber er war auch nicht mehr wach genug, um zu reden. Das Medikament tat jetzt rasch seine Wirkung.</p><p>�Lassen Sie den Mann gef�lligst in Ruhe!� sagte der Notarzt. �Sie sehen doch, da� er nicht antworten kann. Sie k�nnen morgen fr�h mit ihm sprechen, im Krankenhaus.�</p><p>Treblo starrte noch eine Sekunde auf den bewu�tlosen Agenten, dann sch�ttelte er den Kopf, zuckte mit den Achseln und drehte sich von der Liege weg. Wahrscheinlich hatte der Arzt recht.</p><p>�Okay�, sagte er. �Bringen Sie ihn ins Krankenhaus. Und machen Sie ihn sauber. Der Kerl sieht ja aus, als h�tte er in Blut gebadet.�</p></section></body><binary id="cover" content-type="image/jpeg">/9j/2wBDAAUDBAQEAwUEBAQFBQUGBwwIBwcHBw8LCwkMEQ8SEhEPERETFhwXExQaFRERGCEYGh0dHx8fExciJCIeJBweHx7/2wBDAQUFBQcGBw4ICA4eFBEUHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh4eHh7/wAARCAHbAS8DASIAAhEBAxEB/8QAHAAAAAcBAQAAAAAAAAAAAAAAAAIDBAUGBwEI/8QAWxAAAQIEBAQCBgYFBggMAwkAAQIDAAQFEQYSITEHEyJBUWEIFCMycYEVM0JSkaFicrHB8BYkgpKz8RclNENTotHhCRhUY2Rlc5OjssLSREW0JicoNVVWdISk/8QAGwEAAQUBAQAAAAAAAAAAAAAAAAECAwQFBgf/xAA2EQACAgEDAgUBBgUEAwEAAAABAgADEQQSITFBBRMiUWFxMoGRobHBBhQjQvAVJNHhM1Lxcv/aAAwDAQACEQMRAD8AwcXGsdUb/GEwVd4MlKzdQSogbm2gjO7TszVzDogfjeOt3IJANhubaCFClfZp0+YQYM5lZhhukTBMH2FxHQDlzZVZQbE5Y6EKUkqAJSNyBoIaTIm6wl/GOKsTaOqQoHqCk+FxaOltdh0quduneDmJgQhAjhzDtCgZWBmU24B4lJEdtewTcnwh2YdI3UTHBCrqClRStKgfAi0EuBtCAyZTxwISxjlyIPmjkOjgT3E4IBjojhgBxHjOYIEdtHbQbouDCEntDeYfaR7ytfCHBGhEMJphq+ZarjwiRMSrq9wHpjSanSFWQLjxhnMKJUHFQ5nGkNIzX1EQNQn8x5fh4RZUTDtc59UPUJsKBCDeEJNkvOpJ1hipROsTtBTmCSYcZAoDNxF8glWSq1ogZ2ZcfdOc9MWWurQJYo+1aKmo6kGEHMdaNpxCR28C0ch0inSY5HbRyCEECBAghBAgQIIQQIECCEECBAghNTvljeuCNCnsR+j3jukUxLBnpipMcourCE6csm6jtoDGD5c0aVgvFtGpnA3GOFZmYcRVapOMuSrYbUQpKS2SSoaD3TGepwZ2GrXcoA9x+ol7YwRXMFejhxARXGpPNMuSqmVMPpd2cQDe23aL1XjxQGEMGHAdRp0pL/QcuZgTK2klSuWm1s+/yjAsJ4rpNN4L43wrNzLwqlWXLLk0ctSkqCFAq6hoNu8XTFtT4R42oWFlVzFtVp07SaOxIuIYpy3ElSUjNunxvEm4Y4mc1LhsPzye2ew7RLg1iJvEUziDhfjGaby4ifdclXso9hOlVzl7WKtRbS+n2o7xQUxwv4aSnDOQeQqsVQidrjyBcgX6WvgR+Sf0oyuiTFPpPEORnGpxUzTJCrNuJmCjKtbKHQQvL2JSL2iU421+mYo4qViv0h1x2QmVNKaUtBSTZtAOh1GoMM3cSw2mJtHPz94/z8p6B4+0mRxbhN6iSbaW6/QKY1VGso1mJZQIcT/q7fqwugN/4VuDyQE60BVxb/moy3FvFSnnjBQMW4cfdflZORZlptlbRRzmhcOt673H52i14g4s4Dd4xYNxBS5h5mj0mRfYd/ma08vNolOW1/wh5YGUf5axRgj3/HEYce5ziuigVgV6qUt3Dq57I0yythTmXmdHujNp3iE4AYfkKXSapxWxEwmZp1FTaVlUdSnH+yra6C9hfvr2iB4ks8L5xmqVigYvrU5VX5gvNyjsgW2iVruoZinsCe/aGnBDHycE199qptmZw9Um+RUpfJnzJ7KCe9rnTuCYbkbsyx5LeSVA/LEqeKMRVLFeIp6uVZ3PNzLhUsAWSnwSn9ECwHwiJiZxc1QGsSTYwxOLmqSTeXW40ttYSfskK1JG1+8Q0NzNBEAPAnI7AuIFxBFCkwQIBgCCGwwQLwIFoMRQDBvtEbV5liXTmUeqF6lOtyLRW4e2gij1WpOzrxUelHYRNSh6mZfiOpUHavWOalU1OgpQdIiScy7mOA23gDe8WQJgsxY+qDbaJ6glQCTaINCSoxYZBSWZZNxraA9I6vG7iHqzRdSVlWsV99ASbmJSffOW6TEY6skXVAIWHLZiJEcjsAwsZORwx2BBCFgQIEEIIECBBCCBAgQQggQIEEJquUpEAamJlySZtax/GCeosnusRi+as70Xp7SJSCDsYCgbRMfRre+dcFNPbJsSoweegiG6uQ+Ug9oGt7RMrpzFrgH8YTVTARdKoVb0PSJ59ZGZFWN+8C5vYw/ckHG03zAw1KCDqIkDgyRdrDIiZjgg+WBlhMx/lQschTLAyw4GHlwhMcvCmSOFELmAqELeOEwbJBg3BmO8sCEOiYTUTl0hVaTCT6w2iHrKWq4XOcCU7E4cDnW7eIIWB1iXr2Zxy5QbxE2N9RF9eBOMtOXzCmDBItHAkmFWk30MLI4rJCx0GsSBWptGY7wlJJbQc/aCT7xWejaEjhxCOuoFrGGrnUvSCk3O8DOErELGwyG1KWRBVtlJMHS9ZZIhJa1KJghOQWBAghBAgQaCELAgQIIQQIECCEECBAghN95N1XJg6WSruNIdIQQq6hpCiyyke9aORDkTsmjTkkJ1gvJHeHJW2qwDkdcCbaGDcTI9hMa8on4RxUuoEKCrJG4h0gJJAEKljMFA94UPg4gRt6yJedabSpXvabREKGZSja2aJOoSyGicqjmvqIYpbUdk3MXqWPea2nqVV3DvEBLHQgWEHKAhBtDoomS2BybCEW2ZhRIDcSblbvJevUxopI8Y5l08YdrlHcwKtBCvqt0XSdYXeo7x2V7RiUjS8cUi50h4ZUEpGaA7KlIOUwocAxQVMZ8vzgnMKQQDCymlIIKoaTDyEBXTEmA3SQ6iwVLk8Q3MCkkbGGc8UoQSo3NoQnZhwps30eGsM3UTbqCSCF20udIt1145nNavWCzKqMyMqkwhRIKYhHMuckqsImZuTfNypOsRTzDiVnMmwiyDMKz3jdBtpHblOsBWh2gi1XhZHFA8pAsISUtRN7xw3gbwQnQYOADCUd1ghDKAgkd1gWghOQIECCEECBAghBAgQIIQQIECCEECBAghN6dqAI3hD10GIUrUe8dSoxhDTKJ6IdNtk21MhSgTD4TTSk2JittrhxJtvTc4xKS6M7z6w22kqAuomw1OkMOlrI6RjafnMsTcwwjL+jBvXBEn/gm4l8vOnC0za2/Nbt+OaKZVJeoUyoPU6dQWpuXVkebuDlV4XBIMV1qRvstIFqSw4VgZOqcYW5rHTyAqIEJnxIfSHqkx6nzOV6xl9nntfLfxtDijtz1WqLNPkGudMvqytozBOY69zp2hxox3k4pwOsmVNNEfxpBORZPSQBFhXw04jtM81eGpltAF8xdbt/5ooy6k5fl2UTewCdSTEYrDcyOsl+FIMezTORQzRwpBR02iwMYDxhMSzL83IMU1D31RqU41LFfwStWb8oY4rwXirC7KZis0l5qWX7sy0oOtH+kgkD52ha156ydbk4XIz9ZElQQO0NnnrmGa5gqICdb+9FzlOFfEGelkTUrhqYeZX7qm3mj2v96LB21jLGTs1dQy5x9ZTnVqV7osPOGTxSDoATFgxhhPEOFjLjEUiuTVMFXKQpxCjpa+iSSNxvEPISrs/UJaQlGOZMTLgaaTmtmUTYanQfOLKEHnMbZtuTIAx+MYOIQQUlA1hu6Et3VewSI0SY4LcTlpzs4Vmij73Nbt+OaGbnA/ii5p/JiYUTsA82f/AFRLXeuOT+c5vVW1hjsAPzM7emmlJI5YV5xCz4bUSbX8on8U4Tq+Ga9MUStyRk5+XCS40tQJGYBQ2v2N4iFyTky+0xKS6nnnV5EoSCVE3toLaxeTHUTGtbf1lfmFX7Q2y3MamOCePkstrqEjTqSXb8sVOqS8qo/0XFhX5QliTgZxNoFKcq05h9MxINIzrfkppuYQE/euhR0gGorPGRKpBma8vSEoWK+0JRLGwHaOWPhFixDh6t0CnUifqtOVLytYlPW5FaiPat5iL+W34EQwklA83/s4VcMMiEjIEX3CXCfHuL6UaphrDr9Rlc5Rnbdbvcfo5r/lFPrNKn6PVZml1OWclZ2VcLbzLgspCgbEGGqyk4Bi4jEQYRJ4coc9iCqtUultpenHr8tsrSnNYEnUkDtF+Po/8XUtc44MmQ3a+fnNW/HPA1iLwxxADMy2BDmdl35OdfkphvI+w4ptxNwcqgbEaecS2EMH4jxZPepYapE1U5gGy0tI0R5qV7oHmSIcSAMmJICBGpSPAbiDOu+ryrdBem/+SIrkoX/6nMvFdx9w7xlgRTKcVUKZp/PUQytRStDlt7KSSNIjFyFtoIz9YpEpsCBAh8SCBAgQQmuZRAsI6BHVCMz0z1vygYAnSOFPfWB3joUbww8RhpxPQXB96Yxl6OmMMFmcfL8nLuKYIV1oQU50J+GZChbw0jzm20GcoCikDe57xtHon1kUjiOunP6tVmVUwR+knqH5BQ+cVGrYNcPGeawUhJyqrXISPBkquFfJBvFMOamdOvQzD0610a1weARkfvNblcHMTHonTNNbN6vLywrEyyPeQ4vrQCPNuPOCvaWQi5B00j0TwRxg3WuPOK6c71Uyttql5dn7IRL+zbHzbjJU4UdleMf8i1JsE1f1X+gFXzf1NYSl9pYH6/8AP4SHw651dxZ/d6h9JNca6lNtYVwLw99cmAiRpKZ+dRmN1uue4lX6ovofKJvANLleHXCOd4pT8u1M1R1aZehMvozJSpRsHP1tFn4J84zvibW28R8R6/W2P8nemVIY/wCzRZCfySI2v0opRNM4N4FozH1Dc2z+Uqv/AN0DvyKyOP8ACZVepq6E28NYc/8AU85VB2fq04qo1iadqM+8bvPPqNz8I03gHjX+TGJ5fD8+6XsN1Zz1eYkXlZmkKXoFpvtdVgRsQYzjl21cMduGXEuNlSFIOZKknUEWMXLkG0nOBN9/CaDXsVfvmhce8DowLjkyci0RSJ1ovyh+5tmb/ok/gRF29DhbrVUxKy26vlJk0OBsm6QvN734RK+lm79IcPMH1NX1rkxr/TZBP7IifQ7BFZxQP+hI/bGd5jW6LLHk/wDMyCRf4exbqvH6TAnELfnnpt5anH33FrecUq5UoqJJ/ODOAgBJP4QZrRSx+mr9scQRmSg6mND+85mvpKD/ACqgDsP0m54XeePoaYtYLzh5TxQ2cxulJca0+HUfxjAKamapk2zPUuemZObZUFtutOqCkkdxrHozhzSXKz6LmKaa1NycmqYmykPTjvLZRZTRupVtBpFLwHwemKjianS05jLBzsut9PNZlanzXXEg3KUpsLkjSIKLhWG9szlLAi3uG+JS+K1fOM8dJryFF5+bp8mJvoy3mENZFjbx8I0vEskzwM4aSJpKQriBiAKSZtQv6ix/nOX4W6U+Z1irYfpki56RopKWOXJs4iU2G7dOVDpOUeXTaLN6Zi3HeKtMad0aZo6S2PAqdXf9giQWE2JWenX8Iy2hCVrT+6ebqxIPzEy5Nzr783MOnM4664VKWrxJO8XngFj97Cs/UsK1KqmVw5XZKZlZjmm6GHVNKyOW+z1WBPcHyiEnmwpopSCpXYAXMVWepc6t1RFPnDruJdf+yNTi1cNM/U6fyThZCdsoF7HeJ/AdBmcU4zpGHJNIL9QmkMpuNACeon4C5+URS5WallqQ4wtChrlUmxjSuDjZoNGxZxDylp6kU/1WQzjecm/Zpy/BvmmJbHwuRKYE270opLD+M/R5oWMMLJJlMOTy6eg209XCuT+1LdvjHkaUVYua6ZY9Q+iC+jGvCnHHCqeWeXNMmYlAVWsVCyvwWGzHmZ6kTrM1MSzjXLcYWpC0k7FJsRFXRDZvqJ6H8jJH7GXT0dK1UaNxrwmunTLkuqaq0tKvZFWC2nXAhaSO9wqN/wDSowFSuIGFneK2BW/WJ6SU5K1plPvqSycpVl++jLr4p+UecOCDTrfGnBWn/wA/kf7dEatwe4qq4dcdMRU6pv3w5V6u81PJOzSy4Ql34C9leXwiLV1t5gsTqB+PxBenM86W6texjcsR4sqL3oeUKj+sOZP5SPS5ObXkoa5iW/1Qpw6R30reE6MC4k/lHQGScMVk82WUNQy6dVN/A+8nyNu0VaoG/oz0a/8A+7Jr/wCmbifetyow94zGOJG8DcBzfEjiPIYbYWW2lkvTjx/zbCbZz8dQB5kRf/SSxvLSFXe4W4GP0ThGjexeZY6VTsz9tbp3XbbXwv4RoH/B4STAqWK6iADMJaYZHkklSj+OUfhHljET7s5X6hOvrUt96ZcccUTuSokwxX8zUNnouPxMUjaIwKltuBaVKSsHRQOsazjLiG/i/gNSaHW6kZit0es+yLhutyVUwbH5KTY+WWMrlpWZmiQzLuukb5Ek2hRVLqQBJkJuw78lX+yLTKGIJ7RoMYwIB0NjAh8SCBAgQQmugWjsHUIJ3jJ3T1wBoLQINaCK3hRzEKlpLYSrC6FiqlVdB/yKcaeV+oFDMPmNI9CcY5NGH8c1TiWz7jmHVequ/wDTF+xb/wBVV/gI8yvNkKuDqqNT4u8RWa5wcwLhuXnW3ZtIz1Vse+jkZUN3/WzZvlFW/T5sU9uc/TrOf8XpcMjV/wB3H4zP+HlYVh/FFJqxuFScyh5du6cwzJ+YJj0Nxbowo2N6txOYBDKMOLWy94zirMNf6iwflHmUdZuNEqjVeKPEUV3ghhDCjE8HJ/n3qSPtBEv0t/1ug/IwXVf1AffOfpG+J6R08s1/SZNKMqRKBsm6iP8AfHpri6j+W/ox0bEMoS8ulLYmZjxGRKmXfwJv8BHmsnJljROD3E6YwLNO06flfpTD9SFpuU7oJ+2i+huNCnv8obfXZawKCWfENHZ5VbIMlMTOxawAheVQqdmWGJW5fmHktNptuomw/Mxfq9grB9QmlVHA2O6CqReN0ydTmvVpiX/R6gLgfxeO0GZwVw7nvpqpVSUxNX2UkyNOkFcyWadtYLcd2Nt7JiUMxONsn/1Wpqt6nJ9u+ZbfS0rDSJvCmC2TrT5UzUyfA2yI/EJUYceh+LVnE57epI/bGFzs/Vq1UJzEFdmVzM/OrLrq17AdkgdkgaAdhG6cB61gPATdTmcQ45pIen2kNpbZ5iuWBc9XRvr+UVb6ttexOZmPWdNoGSz7TH9xMDbGZxdvvq/bDxilzT8lNT7KVKl5It+sLFrIzkhAPxIP4Rb5zC2BjMr+i+LGHxKlxSkqdl3guxOgtl7eMSOMprAshw9o+DcKYqlKjPz9US/VZ4pUhCMqcqc3TcIurTc94ub1c5X7+DxLA8TRaq1Tk8DEsWHQv/icYzv9X6yr/wAzUYRTw3SKnI1KSZSiYlZhuYbI06kKCh+Yj0JSaxw5pPBCs8PZ/iPR0z1SKnOahtxSG1HLZPu6+7v5xhlflZOmTKWZas0+qoKbh6TK1IHkbpBH4QzRggkDPft1HEyFKvY7MO/Ef0TFj0pxJRjCdaaaKqqJ5xDZ6E5nLr31ta8a56acjzJrDeMJb2slNsqk+YNv9Ij8QVR56dPsbn+P48Y1DAHFqjnCD3D7iRTn6rhd36iba1mJI+I/RT2I1G2oiWyhxYtta5x1HxKmoco6kHpMcdqrrEwiYlH1sPNrCkLQbFJBuCD4x6m9DPiDi3EUjjFnEFcmaq3TWW3ZRUzZa0EhV+q2vu94wms8L6VMOLmMH8S8H1eScPT61O+pPNj9JDg0/GNK4D1vAfBih19WKcc0ufnqshDIlaQlU3y8oVqVpGU+949ok1qq9RCDJ4xxz1/KZrOzNljPOVcxFWsRVR+tYgqMxUp99VlvPrKlWGw8gOwjZKliyr8HeFmFKDSUU81SvtKr1QTNyaH+hzplx1fopPaM24U0PDFbxADivFNPoNHl5hKn+fn5r6CSSlsJSew1J2uIvXpWP4TxNikYowzjelVaWTLsyrNPbDiHmEpFukFGXKPiPhFmwBnFbDj6cfAkIPGZYeBfH/FD3EuhMV9FAYpc3NCTmVS9KaYX7TRJzJGwVlJ8rxSvS+wwrDHHGr8sH1epkVJk9jzdVj5LzRRcISDE/OMsvVuUouRYdE3M5sqLHtlB18I9J+kzUuFvE/D9HmabxIorOIKUyWs7zbyG5hKgnMPc06hceF4jdBRepUcHg4EXqJ574HOOu8a8Ej/r+Q/t0RFcT9OI+Jh/1tNf2qovvo50zCUljik4uxbjqkUqVpc0HxKWcW+4pCunQIIAv3vtDfj/AEPCUxiysYqwjjmlVaTnp1T4lLOJmEKcVdWhQEkXO99osbwbunb943tNd9GTHVM4iYEmeCmOCl0+rH6MfUbqUn7tz9tF7p8vhGf8Z8EVfh7wjk8NVhJK2cWzS2Hk/VvtGWayrT8e/ncdoxiiVGfotXlarTJpctOSjqXWXUGxSpJuCI3j0i+LVK4ocH8HO85DVelJt0VKU7oVktzE/oK3Hht2is1DVXAr9knn4MN3EmP+D/xLK0/H1aw4+crlUlkuSx+8prMSn+qSflGLcacNO4S4qYhoTgIRLzi1NX7tr60H8FCK5QKtUKFWJarUqaclZ2VcDjLrarFJEegMYY44c8dqNIfyrmWcGY2lG+X9IlpSpKaT91WW5SPC+3iRD2Q06g3YyGGD8EdDFByMTCcL4qxLhSbXOYbrc7Sn1gBa5V0oKgDcA23j1tx9x3i3/ioYLr0tV3pWdrQYE6+weWpd21E6jxKdbR55e4RzKHyP5e4CMrv6x9Mpy5fG1r/lGiekBjjA0zwMwpw3w9iIVuoUXkFyYl5VaGTlbIVqrfU6WhNQi2OhAzzEXgGebVXubm5gCBa0C8XoyC0cjpEcghNmDZO8dLWkPMgjhRGEGxPZtkZFs3joa8Yd5RAyX2h5szAoYxS26r6y0G5Q8IdlCjF24WUfB2KMRSWHq43WmZqbUUsvy76OXnsTlKctxoN7mGtcUUkCV9S6VIXcZA9pnyb2y5ITDCc2YojSOMFDwTg3EsxheiNVucqzCUKdcfmE8lvOkKAtlurQg7jeKbSTSpWaC6tJzcxJn6xMq4lCx81Aj8oFvYjOMZkdGpr1FZsUEj6SLLSDsiOctZ91EbfijBPC6icNZLG5XiSZl59bbUrLoW3zFuKv02yaWyqufKMXmHmBOOmQYclpZblmmnFcxYHYFQABPyENS1nBJGIzSa+rVkrUCcdeI2dlW1dS2c3wgNyzQtZq1ov6cH0nDWH5WvY7qUxKme6pKlSo/nUwn7xJ9xPnYwjSMRcNJh9ErU8IVumyqjZc6zUue4j+gUAH5RIttrDhTiVbNfo0YlVyR1IEpakpWLJ6oIWR9pIHxEaBxG4bfyZpkrXqNUTV8OTmrE632vsF/sv46aHSKtRP5Py7ylV+UqMzLEJAMm8lC0G+psoEK+GkIt6k4U5l1b6L6fMT1D/O3SQq2Gs2UNp/CAuXQ3qGh+EbfxSwTwwwPhykVXnV+edrCc0iyl5CcycgXdRyG2ik/jGLh1OTmOA5b+75Q2u8t0lfTajS6pS1Yxj4xGriWyLlpJHwhFaUbNN2JjeOG+B+GON8L1StLTiKnCkoK5xDj7SgEhBXmSQjUWSYyCpVHC0xVpUUKQq/0aDZz1yYb5riP0bIsg9tQYkqtZyeOkxrNRTYxrA5/OV59pHNWpV+kW02+cQs4tTbC0o2B7bx6Rwvw84W4g4YVPG7k1iqRlaWhxU7LLebKkFCc1knJ1XBTbbePPuI5qhzrxdw9I1CVk7WyzzqVuqPckpAH4CLOlv8zIxjE5/VurkheZTXmuu9rXgOtDIIuOHm8KmoKdxZTau/JFIH+LHUtuIP3usEH4afGNh4z8LeDHDSlUOfm3MaVJustqcYDE2wmyQEm5u3+kIsNqQjBSOTMw14nmYJuQLQ/TIscgEPWMbrhLgxgrijhifqfCvEdVZq9NSS9Sq203dV/ds4iwAOoBsdd7Ri9KlpeXrTbdcYmlSzTtplphYQ7YHqSCoEA9tREldyuSB1EbjEDUkyqTILnM/SiOfZYZSfbh39GPS1G4Z8HZjglPcUL4y9Ql9HpQTbHOzcwN5b5Mu6r/CM8oqfR8nJ0NzUtxBkmFGxdLsssJ+ICb/hDRrBZnAPEcVmU55f1f2g64LmTyupOkaTx6wPQcB47TT8OTExP0hcozMtPPOJWpwOJve4AFjfTSNJ4JcJ+EfEnDFUq5msW0xykoC55lc2ysJSUqVmSQ1qLJV2G0NbUqiByOI3bk4nmU8uOdB2i515vATmJmV4ep+IfoJCrO+tTTXPmE+KbIsj5gxrsvwOwVjfg9MYu4YVKuv1eTWS/T6hyiekdTYyJHUR1J1N9t4e96oAW7xoXM832jnjaFHEKS4pCgUqBsQexjU+BdC4Y4pxBTMK4naxHJ1Ofd5KJyVmmuQpZJypKCgqT2F7nXXSHu+0ZiAZmSkHwjkalx7ofDrCOJprDGEU12ZnpCY5c1Nzcy2pq4BuhKUoBJvbW/baMwtCq+4ZgRiEgR20C0LEhTeBaOwIITfuTl0A/GOrl85BAGg2iVMqlIJJufCDIZSkW5RUrewjkku3dZ7UW7iQS5VQXpa3gYO2yQo2UPlDypKyJDaWiFrOhPeCtSTzacxFiR7o7RP5m2THlcmMVpWpXT97qi4cF2wji3hu3/Kh+wxVXULUr2WnV1xbuDTSm+L2Gs3/ACj9xhllm0Y95V1tf+2s/wDyf0hPSCI/w3YnI/6P/YoigqQsqKlOgjwtG1cZ8ezdI4qVqky+AsLVUMFm8zOymZ1eZpJ6lX1tew8hFRHEmZIPL4X4JJ//AIP++JabGFKA4BwO49pg+G62yugIKSwHeW7inf8A4p2CCN/pNi39SYiocBsMtYn4jScvMthyVk0Km30kaKCbBI/rKT8rxfOMU1MVX0cMIzqpKUkXHKqzml5VOVpv2T+iR4Q09Ed2X/l3VmVaO/R2nycReIFYrUze2f1IlPS6hqtHqWTg7j9eZnvHWtLxNxjr0y8tZTTnPUZZClXCEo963xUVH5xUGW0Bkg+9E5xDlG5XiRilLgPrH0vMW+ayf3xCBSUmxOsaNRxWAJpeHVImnU56iehPRhdksQYKxFgKpL50kEh5oODNlDlwofJQCh4ExgdVl3ZKqO095QK5Sacl1jwUhZSfzEbH6Hwvjer5D7NUjr/XFox/iJUWpzG+KlygJbcrM3kcHk4f2xVpQ+fYqfEpaTVjR6uxX+ywB++a56UrmTB/DRdv/g3f7JiMRRy3XbAi3x8Y9EcdcWnDOB+HKU4Ww/XVzdPyj6UleaGrMse74Xvr8BGWDivMhvP/AILcCb7fR3++F0mTUDj37/JmZ4br7dOGVFJGcnE0H0fw0OF3E1LZ/wDlSr/9w9GDNtNol5c8waIEeiuD2LDifhnxKzYZoFEVL0twH6Ll+Xzbsve942tp8THm+XacXT0Ep2QmH0J6rO3T9JZ8O1Zs1T2FeuPuxN24akn0WeI2gI69+/s0R59m5WYRJJEmzL82+qkJCY3zhwoD0VeJGmtl38/ZojzjWcqJVISyvN3uSmJfD1KqR8zLuuVr7XPcxWbnptiXLb6EBXdR1/ZG6emYA7hDhncBQXS1/wBmzHm50lxGWzyU+CV3j1Z6UWKJ3DWC+HPqchQ5vn0w5hUqa3NWshq2XOOnfW2+nhFu1Ql1TfX9Jk3WtZ1lU9CVo4cr+JMX1SYMhhyUpxbmJl4kIUvMlVh2Ngn4xiOJawxV8W1qsty9m6hPvzbaFH3UuOFQGnkY3vhhjjDfGptrhxxEo8vTXyP8VzFIKpVvOlPulkdBV4aW7RkvFDBExgTFs5hibeDymLLafSiwdaVqlY+I3HYgiJNNhtS5bhjjj4EhxxNfwWf/AMCGLyWh/lznQf8At2o8+Yflp6s1iXo0jT0Ozk082wwhCL51LOUDy1I/GPTvC99miehdiOoP0yRrTTM6pwyk8PYue1Z97bb47iKbwh4rYekOI1G+keF+DaWwt5LX0hKIyLlCo/Wgq8L67ad4josatrGVckE/tFPaZRieq1WqzjbFU5JepjCaajo+y10jvuNr+AEbp6JKVDh5xSJQkH6J7f8AYzEefqg42a5U1IcDgVPPm41/ziu/ePRHoo5Rw/4okDT6JH9jMRa1o/2mPp+oiryZ5dlErLbY1Ayx6C4F8QXuGXB2YrYZD0mvGMvLTrdupTCpValZfAjKD52t3jCpOYb9XZAKQco/bF7ndfRjqBGv/wBs5b/6NyH6ipWrUMOpkXQy6+ltwwprSZfixgsNTFArIQ5OCX1S26vZ0W2Svv4K+MY3wiPJ4vYPWm9jVZY/+LaNn9EniJIKTMcJsaKbmMP1gLbkzMG6W3V7tG+yV9vBXxit1zh5UuGHpDYdpBEw9SXq1LLp76wcjjfNTp4Zx3/GKFLsgal+oHHyI4jPImbcZV83i3i0/wDXMz/aqioHeLZxaH/3qYtUf/1qb/tVRVI0V+yv0EiacT5wYnSCgwCowsSFgQDAghPUyW1AKGS5tv8AOEZht1LRWnQg2F4sHJvMnpvmyjL84b1+VUy2oECwXbSPO6tVkZJnsyON4UCVmXbSXc6+pSUjKk9zeF6kpL77ZbBb6Rcdr3hKqILLSFpP2tYLKvFpjO77YLSLDuNdo0lYMgOesm53k46TrjRS2l0ozJOvnbxA7xPcGJvmcVMOgC4M2Rt90GK/Ny0xKNFxLvLbPuoz5rRI4PxrMYOeS9SaDSJyc6v5xMJXnRf5gfMC8PQJYdoOTKuvZxpnCLkkEfjxHfH8qPHDEjZuM6Zc/wDgpimyUwltsvobtfxidxrxDqeKpsv1zDlAYnVJSn1yXDgdyj+lY6aagw1pHrLM828cMtVRHL0Ym7pSP0tFJMWcGpVB5+8dvmQeF3+XogliEMuBjufpNO4prP8AxX8Grsb/AEmx+aJiKLw4xPMYRxvTqsqSmFywJam+QjMrkqtm6e9rA/KJOvcXsYvUtjD9Vwdhv6HBTypZxpzIjL7ux6bdtorE1MPrcem35VqWeWcymmFEpTfsCTfT4xAmETscjHBmX4XS9q21WqVDEnn5l59J3D3IxEzjaip9co9VbSVPtfVh8JsPkoa38YyB98mWWVSbJHc3sf8AbF3o/EevYQkFyUsiUqdFf+ups+3zWlfq7ZfgNPKGKMa0BUz6xJ8KqN6xvmXPvOtf1DYEeR0i5UXVeR+YBx+Mr1DUaKsVWLuA6Ecgy6cMKuzwv4T1vHk5JhieqY9Uo0sdFzKh9vXdIOp7WT5iMVSGvVQ45/lRTmWgL99R8fPzh5jCt1nE9dFVxDUXZ9TSOW0w2lIalk+CEWsPwg2Fqw1S58TLFCp1ceCP8nnQrT9LKggH56eUWa6tiFlPJ5+PpzKFLnz3a5AScDHfHxibF6ToIwTwrJYd0klczy9ix2EYZM+rPcy105D+MahibjNiPEEqKXWsKYbn5RlSQ0OU9dtX6PUCnTSKTLMnmNKflmLc3mcofxfy8YhobylAbqPY+/MueE+H221OpGOe/f6TWfRtB/wVcTyyyVfzFWv/APXfjBpYpdlmPbAlSBpceHhGzUXi9iagU52Qw1hXDMtKuqzOIKHDnPirq6vneKTUUSEzWZWsOYbo9MI1el2HXESz6t/dJOW+3TaFpu2u7kfaxjBz0kNOg1FeocOuB7ngf8TRuGDCv+KpxFs2V9T1j4+yR+yPPzalTjKWZlaTLkWC17ozefhGx0Djbi+jU1+h4ewvhJuUb0elENOEdXj1nNcbxV3+Jj1Inm5n/BTgVp7dC0yajY/q30h9HmB2LKMtyOZlMltTuzAheh9vy4lXxrg84SwFh6o1AFmrVlcw4GbdKJZsJSlX9JWvwjW/TIli/hPhkTsmmH+zZihYk4x1PEuIW67inClCqYZlPVpSUcbXyWOq5VlzdV9rG48okMXekXiHEskxTq/grCdTlkLHJQ5LOdB2FrK6YshLmNZ2525zz7zJciRXov4aqNT40UNyVZJRJO+tPL7IQnx+J0h36VGKaVibjPUF0l5LzMhLtSSnU+6taL57fBRI+URc1xOxk/RnqNRUUrC1OmBaYbo0oGFuj9J25Wf60UmitylPqzc0/ItVBlo3VLPqUEu/rFBB/OLn8s/n/wAw/HYCNxgYnozCqX1eg1igAX9s5/V5zRjzE4b5gDr+tG5Un0gsT0jCq6HTsGYTlqQEqb9SMs6W1JOhFs3e+sVtvidLS6lTieFOBEzA2WJJZ/aqK9Veord2KfaOeoitjjmQk5g76D4X0PEVTDrE9Xp90SLKhbPLNpGZwg+KlaEdvjG2+ig1fh7xRbb1vTEJ/wDBmIxripxIxDxHnaPMVqUpsozR0KblmZIKCQFFN9D+qIteDePdcwjSnKVhfBOGJaVdUVPANOqW8bW61KWSrvv4xJat1mm8orzn9Dn9BEUgHMxmRH8ySPBJH8eMaf8ARzx9E+emVJJScaS34erKTf8A1rRWKtiOWqtcbqTmE6JT0czO/KSQdbZe6rkZc5y/0bRex6QFZlsN/wAkxgbCZoQ19V5TmX4+9v3vvfvDr/Obb5aZ555xG4ExeZZaaWHEkpQk3Bac6wfz/bHs/gXiuhcdsC0+kYlfCcWYZmmZxLpsXHA2rpeT8R0q89fCPIuJK1JVifm6sKKxIc36tiVcUEN/JRN4HD3FtSwNiCQxNQ1luqSrl1JJ6XkH3kKHgREep0x1CezDpAtgxDi1f/Clivf/APOpz+2XFYym3umJXEtQmazXahWphhLLk/NuzKm03skrWVEAntrEaVvWtli0owoEhMTHSNRBL3OkKt2CTnhM2J6YWJOGOR2OGCE9viWS2UFKwVEXzE63iJxglGVLaVJJJzKyntEuhp5cySsKOgTa4itV0qdxAiVUhSkaBaEEZo8n0q7hjb1M9hoTDbt3QSHqstLjDzqnXbOOOoQj/m9yfyBhpLMgAc46e/k+94a+EP8AGnIZl2qmkFphxxTbjQ+997NEKfU3ZdoKDw/re728o6DTo20kLwST+Pb8pOmpUBgzckxapTDLvsUMandRzdO1tjbt38YQAa6+bb3Ff3QmTYH2fs/47mO0yWn55S0SlOmphSVWJbTdKfira/lFsbRweI8bEXczYkdUQ8+XG5dOyL7bf3xaKVPMPyocbfHNAs4L9X8XhzQqBVJZL83OJZsvo5ZcT1flY/AmG03/ACGTTTOTCXnXpk2bbkjkdR+sokAfnEVlwtXywOncY695TbUYs8w9D2OenbtOVNkzEvyP83/HiIri1ZEuyaua5Mt90dQWn5d/jaJil1ensVUy8vz51p1rlkON9bCvs+9r+ERlTZqkmw+py0pKu+z5a3NV/t1iTTptbA6e3TmN1GpJXJGG9+vEjJKnzU84Sl5kFCjdK3eoHt5fhB1yM5KKzICZpeU5+RclI76DUw3T6w2+htx9hCkE5VPE5AO2oMPZM1Rx4CSmWH1WJQ5LuAgePVb9saTE5zkAd/b8Zmh819y3b3/CV+cRUZ2YUmVUlJSLB0gXSP3w+krU1tLTSQ4/fM88tWqj8u0HmOcqY5kzyCpy5K2lXTm+6Ld4kJZuYXT/AOaU0TFtFlQuQflrD7XUKF7fHH5yvpa3rcvyW+efyjCqTLT4aK5lTZJuQhdr/wC6Gs/Vn2qiEypbBCQQspuYkTS1vILq6cGShzJZYNh567QxnKeUT7ZMugAm2ZKhqPjBWK84YAx+ptt25qJU/lCvVPEDgK5isF1Cuxbtl+EcLin6Utr11UwltwXUr3jeHyGMjQtv4XhV9kTCGi0S03zRnWGwbHxhQ9Sn7PSSNp2avDWZBHeQjLbEspPq4bQ+DcLtrHZ6YNUammpsNtvJWnK72MP25VAniy6Qq9ze1rxETbSru2TdObQxZSsWNleszLi1dfo5B4IPSRVX5UmUNn2y8t0hva3nCFPKFnmuJCEn7Ig09JKKk5c61E3AHbyhVhKEIHNGXWxA3vGxo02n1Hke85mzJt3YwP8AO8VQ5bMnKQO0N1XQ4pWSFUrKtUbX0hR1jMbpVc2i5YTYuBGNgjgTjdy2Ra14SmU2yoJsmHSR7Aa6w2mcyiEqGnjC3EFRxH2fYEZllDTyXVqPLC8xF4IieYZmC9ZaQ507+cLXafQltWYcuxOm8dnJcEICEBScyu22kVghDb0PSViSuCsbMqLjyyNbiHyS36qSUi6fzgktLIScmXrI1MKzDKRKKFigiLGnpsVWYmOAGIwqrDIlCsqUoqsSPARAqCm05rHKToTEmqZ5gsp0AA2sYbrPrzqmApKUNatjxMZTMS2WkT8mNErWpOUOKUfCHEs2tbagpJzQzStTV7KSFQZqbmU3IdEEjBiLhU06pOoMFSTfzgzjqnCVLAKoTFt+8ESdWY4mO2gWghPcF1N9v6UUszd8VF172fLfV+SSO0Xt/Kr/ANsZtWHDL4innFulBQpISlCbZ7kC2l9e8eYeFAsXAOZ7FuA6iOXZlLLL78nNgS/MPPbOXp8NwfOJQZK/gVxCEhycZbUhtdvcV2t5eHlaKhX5Rj6Qeao5LqXRd0+z977uX4aHz22hrQqxMyjjbSZh1Mt77jds2f8AMa/ONk6UsoYHGOn7Ayn5wc8D6/uRGCFGedlqMouo56wlaVdkjVX5Axe26hTHKY1T5FbUu017jF7FPfby797xBzTskuceWzV2Q7Ooa9ryuoFOb2dr9O6TfvlhCapSWB/jmdYe5rntC8x/7SDt52iXU1jVFVZiF68Z5P6cfdI1vNYLgAke+OB+PeWJVao65RJq70xyn1ZWuX7zg8TbY/n4xAzbOHZxZZpC5xp690iYAyrPgPAxE0xVGamX5een5gy5VZhUt7if0z3B/gxMTFIouRp6j4jS+8pdy2kWWB4iHGg1Hgn5PaMr1SW9fuEg35uaojjkm62UTDirdUvmUgdyFncwyqb82tkiWLoJPUUJsT53i40rEtDSp3D1apypuXW4EuTMyCpwHtkI2irYuYk5TEbsvIVFubp6QC0pm4Sn9HzIi5Q4LYI+c++fmVb9U7c4x2x7Y+IiymaTJJZdCJhbhGVZT1a9oe1j6RlJRcjOUqaL6GwWWWWMrS/FRUNxDjDEjSlkz0zMcpCBdx1xZyJPgB4+UW2XqCp1plznTEtTJU6TJTlLw7Ag7JiHU6oVHGM/JOOfaFQa0Z3Y+AM4+fiZdMCapTgQ7SHEvOAqRlNkH9whSUnJvKHZtxUurLZHLcygHwBG5i5YlrTUgw6lmQbm5ELCAvOAQrwIMQ5qlMLxdbwlT3GwjKUuLJJ8bWi3Ve1lYbZ19v8Ag9JGlC+aVZyQPfr+IkSzN1FLwmGZt5afdWhxWZKx8D384sFekyqlSfIXLh5KStTSR1WPaIOgolali6Xp8rzJWXeN1oJzlpN9hftG5SGDqN6rNvotmSAhtXdQ+Jij4lrTpnUDG6XdIabamHIUce0wliZHOKOWUrTa4WLQ4kVFmZeUc6kuKva9wI06o8M5CeeM07PvNrSR1JG8InhtSZVJdZq82pRvmCkCw+ER/wCu6UL6xg45H/caaWDbScgHg95n78tNLaU9LoUsaklKdUiK7OF1OhbeKfEp0jc6XLM0mQTJNuBbYvdSgLqv4xGVxmnPuISthtQSPeA0/KJNH42oP9Ncxmt0C2ruL4mHpdc5gUhQSpKrpzCFJ1wTkwFTDYSToSjT5xfKtTKE9MOIbYDaTqgjYCK1XaQiXc5zDpUgJ2VHRaTVJqgHXIJ95zmp0j0jG4MP87SttktpKQm4v0w7TfJe2sEDQUopUvb3RDtoNgG68thuY6Siovz0AmVVXkcGE5H80CsvUYazLSktdW8S6WmvUkKD1wYZTIZKyha7+BvFmzTqUPMuvR6Oo6e4kf6ukIUU3UVAHeOOBCWlqTmzG/fyhSceZZAGZSVq0SLQk462EtpzaqTc6ecZ+UB2kdZnOuzIEaJmnAUuqQpOY3QIXcmxMSzjy7hAFjp3hKdzctITYWO/lCM/NH1ZqWRkDW6hb3zFY2lNyZkAbAkG4BcrveFqewlxCkKBQ4Rcm/aA6gqHS3C76XUtNENFLoTpbvFXsJGBzmRrvKKNCbw3VC7zbgOukJKBtvBGzgFvGO9MHbWrlkaQQA94ITt7Ry8dUDASIIT3XoectPUr70Zrir1cYhqGR8erOoaW42W/s5kfsi9D1v1Jr/RHL+W3z+EULEjlFYxXPNVl1ttDkuphGfxV/dHlngqZL9eg6dfunrly7B1H39Pvjx+QTJpcC5RtCHlEh69insL2Hb8DHU0mnev51PyyuWglSnGcy1ED3B4ExHSGLGkU80XEEu5MKlRlS+w7cuZDpqbX8vKE6hVsPVOnmabcfL6neZYJPunsm29vGNlaL0Y9QPj/AKkJ1dL1jOCe+ef1jrFBk5XDiXQ0t2VmHcimkNJQW1nY3A38DtERhbD8mppOacSJp9wFYcQChtHiO2bz8YfVWp0xpLKZmojkrUl/lJCjmCBom23wisCqv1l1dPalucy6/wCzZbJDhCu4Og+Ii9pabGrAGRzzn/uZ19lfmtuweOMcfpGE2VNzjxLi3AtxSgpe56jB8jYKXE9PWlWbwIIt+dof4owvO4cm5VU2606JhvpyJIy2+yb72vv3iEVM59I1FK2AGtsj3EiptVM7l+4x48vlzD837q1qKiRE7Q56oUmguPu0N+YkJhzmuPh0ZVX8MuqbW3MVWaDi5ZKGjkU4tKdfCNAo9aQ+65J014Ny0sELIOzmRJHbX43B084h1QKJkru9/u+neKxV2VFbbgcff+0hGcQUsOc+lUyVl5o/5+bzTNv1ddIjsQLm/WC5XZovf6N1f1ax+jb99j4xeKrScMTMmMQSskJMtS6n5mX+xf8AVGnmNozc19RmJoSb7L0g44q0o7/5traf7oh0NnnljWp44yf0BlbUBaMeYwyecfuRD1CaXM05uXDPrHOeTzHVjMAPNXjEjOS7KZYPNEFpAtcG5uPGKxMVN+YmVZmsy1uDKAco001tpEtKtTBZTJWUCty5Pc38T4RoPTtUDOOcyHTa3FhbHbH09pofCCnyNNafxFOzQu/7FtFvsi+/xN/wi11DHMs2FiWl0pbMRdJo5foMtYH2fRyx7v8At1/2xWMX0ybk8t5daWzHKPTVqryWOCf/AJNOh3ROmcf/AGP61xHcaIyi4B1hvL8RkzDSkO6a6xmMw664taLXINhDVxLqF8va6haOiXwHT7cgTIt8Xt8wAdJt0vOJqEsXGDcnURAYkmHUtLQQdrRYuGtIvTUKcJ6kXMR3EBpEky64UjXQxzlTVrqRRR2PM3biWpLv1xM+dmeU7nz3Unt5Qyn6it5JQVXTDOWdLswp1Wql9vKAsIzHSPVfC9AioC/JnIeYz5PYwn2tI45fLrrBtySYCVAiw1jXcCtenWRZA4iyM3qyRmuLnSEZwElSc1if9kLNKHIJtY3MIulJcGlwT+6KbtkbfiLY3pC/EjlsoXmSkKST9rvaCTEtnS2CVBI+13vDpbgDlrad4ambaQ6tasxHdJjPdK14PeUWGBGNRU0hghK8qu4vrDeVWpEq1zLK16Sd4NNMKmUuTCxbp0hvT2kOcv1xwpSoGxHaKbHmQEZnHZjoWhdgSdLQzU866tIKjptCky0gPlTaipI7mCplnUtJmTYoJ3ER5jY/fm0PIyvtgKiLfRkVoNDBXFZl6qMFWTb3rwQJzChRvaDdrkwXtpvBk3BGYC0ESHQDmCiqwhYqDqFLUq5BsLRyYShDikAix2tBA4pCQEoA84IT2/MJd+i5cE62SLJ02jK+KjDi5lTy27C97kXjWG1Z20Ne8BbUxS+IspZh7IAsgkWGseUeA2bLFaet6mrzKmSZTKzGUcl/Vnmfqr/rWv8Aug063/i92epn0iZYf5Q3/m0JzfnY+Ihuem7b3vp+Eck3JmUUpUtNvNFW+RVrjwMejle4nLPgjaRx+Yj+iy1PnJGceqAfYzy6nJZy3SqyfvWt/FoqntFaJUQjTUGJys1eouYfcpj65hwLQhKVuvZr2UOhI+yNfnENLhKWA1fx/jwh1KEZOZm6p9+0Ylwkq+Z/Dn8np5llgDrl5nNdWYfeJ8drCImiyHrLjyXZ1prkG7g+2U5spyA6G2+p2hm083ZvJ2+URzk7MNz2dlwoUDunv4g+IPcbQi6cLuAOMye69V2Fj04+6aBXsAutpS25USWjqn7KvD4aeEUovVijzz8pMKVLzcuspAI1Cux87w6RivEsu01LGszLss2DlacIVb5m5iMXPzNVqS56accdcV0Fbi8yjbxPff5bdoh0lepUsLmDL2wIzV6mixV8pCrd8nMfzNaqE3JeqzU064hz3xmtb9bx/KGQ9WEID2IUeXAR7eWV7OL6oqDCjAlCy9rGy/JnVTDgdJZNgnWw2MWDCkz6zUmlvPEKVbpOt7eUVVoKQHUKOuoizYJ5AWJiYdDaGLXJ0vfX4wy9QaycQ09h8zGZ6l4dTUmiQUeWErAtcG5ERWPJiXezsoQV97KGxjMKNxdlKDNky1LE4LW6zYE+MJV7izW6kStmnSUum99BmuPCOGT+H9fZqd+3j5M6GnWUpZjd+ErOKKMKZN+vj6pfQv8AQUdvlCNApRqdYZcDIcS1Zbh7Af7YJU8Su1DOJhmXUlz3m8nSflGnYKYZVhSXP0M3TEjqWlP2lD5k/jHVanW2aHSitwM9M54kBRNRazKeOsu+ApMGYWlAzgotYadooXpBt+rUaYJGXrH7I1bhvKkzQUdAb76doofpGUwv0Kbyi9rnTXtHnvhTEeKh3/8AaXtXfvrZE/8AWedZNzI7r8vhDtI5ijlhlIM87lh55uWt9+/l4RZl/QzckG5V3O6n3l/ej3TSXtWMAZnK6dmI5PEg7AKyx0gpTYR1dlO3EBINzGuyK6bmkpVYdq6mr9rwV8EqT4XgyFZW/O8EeXqk9/CKrMq+qDNxI6bIQpRNyR2ERzgKzmVcE9odzL4XmAuFbJPcw0cJSRnuPAxg3EM8zXJJhpp8plEoQgk2teG0mlvkgOjrWCAT2jrzywx0b30vCCnXS5mbb5mUdR7RETzGFs8TjjSUslN82u4hFU4luS9VQCQpV7ntEjKJYcd6NFKTcDtEZOMFslZ+9r4Whu09RE6Rmom2gjiRbW14B0Oh0MC2XvDY2AEZr2ju+94ATfW8AqHaCE6gZrgbiAUOFOa1oCb3BCreMKJSrWy9POCE9vlyygktBJC0dWusR+I5RubbmEKTlzqOukSEwomdaVkskrHT4QhXkOvsl1HSQq4TpraPFtG2xTn+2exr1HzMLrVLmk1X1JEmsupG22YeMN6bSJydqTkm0gNPMAFSXNLxbuIUm7M1OUnlzjsqglIddGh0HSIiZ+kVNbzU8J8/VpQ8tQy5rHcfLWPR9PrVsqVs9fjvOb1OisW1hjp89oljqlM4epTVNW03MT82gqdmVKBygWuEJ+yLmwJ1NjFOlkkS5AFrbXi349limpMTSXec09Lpss+8VDfN57RVZwgS9hoY0NEc15zknkmZWsp2WsWHTt/nvGLhWFrFxDFuy5nqVZB3PeFlEqJCrqWBr4Q1lglLl7Hf3j2i8BMN3yQO0fNlJOWxtawMOGWm2stlWy/mYZsqUkpJIIV28IdoOZJJ1ELHVsMxzMISqXyggpIv84ZyYUhhSLAi+ir7GFS+lbaSAR2tDdScq7JzBJOqfOECnHMmtZS3p9oRQBus+/Dv6HqwpqKh6i8JZxeVLluk+d4v3Anh8zjGuuVKq6UmVc/75X3b+A3Pyj1MKPQ5infRq6RLeqFHLU1l6SI5bxf+KaPDrFrIye8n02gNi7mHHaeHPU+YAYfMy55ISLkx6Mqvo/001B1+TrzkrLHXkeq8xSP0c+YX8riH+HuFlGoD/NLIn5n7C30fPQA2B89bRJf/ABVpEHByZdp0VWMgzKeH/Cx6qoZrU86W2EqCgwtNiq37o2BUmyyhTbTSShIGVIGkTTrXqrZQULsRlGUaRBYlrMthyjrmZlSQ/lKktKO9u8c6NdZ4mdx5/b7pY2eV6F4H6j6yewjOsSbDYU8GnfD8hDTiMzJ1ShvtaX5a0R5jxFxUrD08tyRBPVvDMcR8XT76m3JsqTltlvGn4V/DV9Li1m5lG/xCvcVXmRlPp95l+RdcstklPT3ttBHGFNPqZWLkHcQ+kJoNVAzSUDPcKN+8T9alZSYCplDORxRvcR6DpdXZprPLt6fvKNFIdSR2lRWmxgyEkmyYczbIRckQ2QtQSTtHSK4IyY4YWHTLuNt3IGpgq0XUpRA2tCgmFLaaBBHVbWGsy8UtnQnrtpEN/lqgUQt2hRiRjstd059jraEptm5aF9VaDyhdS1LW5bUg2AhrOKUs8oKylIuVeEYliheB0me0JPsgSzaW06p0PnDQSTj73LbR7upsYkm3E+qpUq6inQmE5eZCJ3oJ84gsAAzGYyYVVK5bgDDxQoi5uIYT6ZzI6lS+YharEjTb4xZ3i1IzKXHgXQ+Li52tEDWJhK5haZYKs6dEpF7RADHugAkI6mwtaxEEFjbXfeHk3LODIojcawkqXCGAo/aOkOkBGInoBaEyLdodPNJQnp6h4w2Uo7WvBEgbBvrrHVWvqb+UcSoAbwTW8EJ7neSByTnJcCgSfG0FeczMLKvdSuxVppeGwdVkbzKBuvL8NIMrmrk1Syxo71C1tcpjxoachTiey7cMJSMeoE0cqFhSCmwSofb3B/dEViMT8zh2XnWphlLLbGYg7K1sR8b6QvjpTh5zhC7pKcha2QlItr+2IOjuumlT9DcdQW3UB6VSd05TdQ+HeO20tY8tTnkHOJkauwq7DHpIxnHeO5STk65hGTmajUUyyJcquAvw3Ait4nm8JNUv1WkSbjs0odT61ai3eA5Tpip01ErIIKn21KulLls19+mIOtYYrlKkHJ6faRLMoAFlr6lX7ARr01Vo/rcjk4GcdTxwJz+t1Fr1/wBNA3AycZ6DnkyIKlcpRzC/hCTZUAVlQKR2hUKZDROUgqHvQi6tvkBZTcd1DaNc8zm/YRR36xJ5vcftMLtnoA5kR4ea5P8AH4xKUeSXUptTcuh5x4IzBttvMT4fC8NY7RkxUGSR7wE8rJZd80OMsw6klht85dTywf3RYqfhCcplM+k6lVpOQe6krl1ozuo/5vUZbka232iwYRxTLtqlFSDjhqF+XMesL3H3Up8D5d4o6jWuASg3Y6zW02jQgCxtpPT5mmcL5UYfwtISJIDhu45v7yrKO/xjWKXNMqCmwsKvGRV0soakp9lks+P/ALfDSLVhuryxCHGllV48s8Yrs1TC1O5m+tSogrbqB+s010pLJczi5+yTf8ojphhMw4hZULp+yFfviPkasy60ohagE9wqO+uqcfSEEkHuTb8owLLK34kCUukfTSWpKVcecKFaFWU67CPIHF3E0xXa+80boabUUHXceHwj1jPzja0qZeGi0W1HjHnXivwtnFTD9WoSlPpUrMZcDqHnHa/wrq6FvIsGPY/Mraqqxqcpyfb4mNNJQRB5azb4Cdr6wQMuNqUl5KkLSqxSRsYcyrYzZiBfaPUKPtAic0FJj1haQ+2SDa4v8It8+82lJFwUkC0VFCStQSgEm1hExUc7TYC9FBIBBibU1A21sOvMuVMUBjCoPJJsBeGS3LItcQV1VjcX1hNW+4jbyQuR1jGcmLoPQj9eCPpSoLBN+vtBm7lA1Hvd4RmSerUaq+zELc4J9pC/aMm1Ntza1JN7xF1BSn3F2ORBOp8YXuAtYSfjHKm3cS6ToFeHeMtnyMHpKud0b3JluW1osH3VG1/whutYbWCpXUN7GHoLbCivIFHbUxEOKJdJKBqTtELcxvIj+rVJU0hhCWlJSkaqP+6E6cpCJ1Dq2ipNtwra3xhshCy2U6W8zAbdUyDlynSG8A5gWJkjUpllcsUt+/m/KGMytTrgDfuIT+cNVKUV3hywMqBr8YSBbM4oFQ3yjwhqsWPhDt42MIOAE3JgjYgde0Aiw0hRZ02tB0Ncwa9I8YIT2bKIStxwk9KlHL5amFGZxMu8xlSCot6g/ZBBhs47kZCgQLFQA/ZEbLv87Ip1BT0gg3jytVN2Ns9u8vOSZW8aTYmCVuWzocOY7aWsIp83OsS0xLzPMUHmyFJCRe6L6j5iJrHrydWx0pQ8TnH2tNBGf1WqiWQlKlNmbWrqQdkp2AjtfDtLurBM4/xjWipnVe00CoLUwEzrUmgofCHUqTpzkE2t8YJxSZed4cMzTyVBgzKBYa8sef7IiOHFUlq7R3KDPPrZnZFRfp6wffST1oPwOoiXp8447KTFBraVutOuBICvdy294eYiBqvKtBbsYlb/AM5UwrPVeZkAQshRBuBDeaW/mbbKSPiI1Wi8PaQ5PPOCbc9VCOZy3HPmnUbxPYhkZadn5OUeprLs+23y0OBvRDX3u2nx0A+MaVniaIwUAmYSeA3Mm9mAHbnrMfpElM1BBlZaX5j4uokJ0CR5xq3D2XpqmHGWDKIUyxmUL+1v3+MWENUCjSIp8lKMSxeylxiWOZxzUXzqO0Q1Io8mrErtRpyZgSyiAsEAlCbC4/KKN+v89Dxgf51mho9AdM64OT1P/UYyOGpibZmZor5CXiHGW31EqeSVbnXp7b+Jhh6pJYaVLzapoeuXV9ZlUjztp4eO0abVZOSU5Lyhq3q6n0qcYVmGZsJKegaa+8dvERUMT4Jklgk1FxTw1b+7/HiYrafXhziw8H2HUdOsvHw44LVDLD3OMHr0kxSsfyExJMytbblHSW1BfL/vtFnRT1yFNYmJWdDTij9W+fcjzwqXKZrMEbHYd4fMztQS8A2/MabEH3Iku/hqoj/bts+4GUv9T3f+RM446mempmcZpTzLPrDu2v2s/wC7/bE1TJ9C5JD5WArLfWMHoGJ61PUuadnplh3Ouy7nrX37C1/2nwixTGLGpTD8sErPMWiOUv8A4aRLAF+0Ov7TQOqRqgcYzNJqtZS6kZFe79skWMVWvY0YobC5maXnIFwm9rxjVd4izYR6rKOhS82xvb5XitldcxTUmWEtuzTx91ltN/neNvwz+G3pPmXPxMS3xNB6axzLfiHF2GsTzhdqWHuUsnSZYcWlavjFaqU1h6XdSKeicWe4JFh8zD+YwfiOmShcmqJOJQNyE5vyERjlDnXU8xFOmykC59ioW/KOz0tKgZrfj6zPsNj8t1lrw1O4WyO8rnetW09ZCf8AVtEPiKaHP9m5p+8xU3klo521kW/ODvTbszkzdostSQ2TKvnEcGOHnLrJSftQR0KCFKJ1hMlJOU73js2sBCkk9R2jRLKVJJiZyMRZt1PICh7uaCTTgDJI7q1hOSR/Nko7FV4EzbI4LabCISzDB+Ih95HpFys5u9yTHVgPOpCTYAWJHlDlLIUyEm2usIsoUUu5Rb7v7Ig2yEiN5hKAtShlNzrDT1ZLkxmb0SN4euS5bSLpuq2sNlFxtIITbObfCI2U55jTDOsFYDbfhrDJxkNnIq4JMTUoxyUqzKveIupqS5MFWfKG/wA4V0AGYERu+Gwm6UW+UBm+99INOyqkMXLgPzhJhYS3qLxHiNh83tCTrCTtiSq3nvC27ZITCS75NRCRYgo6bwnB1hI2MFJI2huIk9ivltAQhYJGpivzUyhiXUrmKKjcACJqamM8yyUkJSkr3+ekVep3Qxk5iU2HTfte9zHnmiqAYBZ7fZZ5dZLSpY/rXNkgtppvltGyio6knwjL31F5bjjoGZR1I/KJ3GK1TM9yWV50pdzJKdEq8zECXBzXB5kAn4x3elpFVeBPJfF9a2p1RduItSp1ynT7E7KlXNZcCgPG24japhqUnZCUq7K1rkVo5pI0J0uUj5xhycocuNNNYv8Aw1r6V0p/C8w6paCozEppc5rdSPh3iDxCrKh17S14Fq/Kc02f3dJLNTKmq0phHUXGLvj9VPTtp8fOLCiszlaKpSRDSHXWlNKeT7jSDa6lEdOlhtFSnW5SaqT04/O8tlKR7NKdQT3vvaJStYklk0FjDWH20y9OQizygNXCd9T2MZ9tC2spx6h39psi0Uo4J45wO/PsO0cYsnpOmEUmkOKmXmiDMzLhBW+vXRJHaHyp+alpSaNHQqTS8lIWobd8wTfvFaw4wJqttOqKeWy7mAt3Hb84sk5NtpmpqRE1Kt57rLbzmmu9/wAdoa1QrIGMnqfmSUAOjEnA6D4lex/V36mKc8nO76tzOkDl5VZReK61OPTXUVPfc+s/bcxO42qlMflZduQmEOFguB1dr51ZReIKktJyc1bm6umNPTqFpHGP/syNW27VHDZzjOPoIdskLyrBv28CYZTay090k+fhD/KPWOWXgRfQ9wYSnU3PLFiLa+IMW1fJlW1Mr8gyLmZtXq4SpRGp2PjFlxIX/VAyzzvqmkf6v7/OK6qVusBeouIviOVPuDyA/q/wIjtYLgympYMcyqU/BuIJmXRNNSKiyvUrWrYQ+lavO4ZK5eQKW3h76gNT840ujvBMny1EhsCwAh0/w/oVbZKnH3pd1QBJTY3jIPinJS9eJpPo61GV+1M5l+JddZsMqwe6uZpDlziZXFIsVpWnyJBiXrXBeZazu02ttKbBF23mlXHziq1jANSpSLqqEu8lR1LaSbRd02p0TnCSiwvU+qQFbqa50iacZbS4R15BYKPjbxiMYcWorsNolFSLjKk59YJMBASq4sY2QwYcSqwjRbo9YSFC0OXUIWCoaqtEc8pTkyLj7OkPZZRyEH3rRPU+7IIkaHJjxlspCRbpEEmkAAJA0Ubw5bVmbHwhJ9QUAkbpjV1NKrWDLrp6cRi6NAs3J7AfjBjlbUhCQQo/3wspOYJv23hF32a0qO0ZxTbKZGJyaUnIVZdYjJt4JABGp2h+2ha2zmByiGTksHCq97jaIrTu5EYRmCnvFDVnl5hfeI2fs7NqUFgJHaFnpZ9pstpUDfWE2GkrRdZ6toruSRtjSYk84VItcmE2lG1rQquXdSkkp0tDdOa5+ERmJF+YQLXHjCTrihpa8EUlV/lBnG1BIN+0JCJLUk7CC2J2gGOAwQnqytzS2JhQ6dNUnxik4inQXCh5aLNbgaWVFoqs6XquEOBKBzldQGoF4pOL3ZVh2fPQtxKVEKvcKN/GOS8NoG7/AD3nq/j97U08Edx+UoGIJ0OHmpuAk2iNUggDS43h2+A6SCoEb2jikHKggjXS0dUvAnlr+tsxspOZJJNgAI7Jc+Xmuc0sodaWChXhbWHsm02ph0rTsBa8OG2GVICkqANxe8KxiohHeW/6TlqjNzLzfKbmZlrI61lFgob6nsfyiLpspIzoUz64+w8kFaWgPeA3Tc6W/ZEa+6GOU9/neZn/ANtj8Ib1CZtMOTDJ5XMiutPYd5qW6wZBbkr1lsnKrIOYdakZEFgrX7Rv7WbN+Jvv+EVZ2asgpJJ6tDBJ2cZm0hxMqWnR7689wrS20MkHOnL5w6nTqgOB1OfvkGq1jWkZYHAwMDHEdjO4kXJES8sVIlgpS0m2xMQ7CyVhGW9ofzMyEISCQlI7WiRgZFSyrHqZxNyHG0lQ2UnYwVRZSj2gUM2p0iN9bKkqU22lQ7E7iDMTy35c5rgJ0KgIbt9pP/Mk/a5j55xloJUkLN9lHaHklVEtpsCi437XivLnlL9mgAgbeMMHX1JcuNSYVqtw5MgfUDss1Sn11puUyhfSVX+EWKnYkCLqzpCDbS+0YamoTLVuvTwgxrryAFFar6aA7xQ1HhddoxJ08RK9p6IqGJC7JLKXEhGU6X3iiVKvtrQpCV+HzjLncTVBwFOdSU66XhuqrzayRfSE0nhSafpGWa1W6iXCo1JlIJCwbqMQbkyXDpsREUy64+4kLvrEgGFXSEjSNmtWxgDiVHtLtAQEvAp16RD1kAm1tbwk3KqX1JOxtD5DKUKBza2i/pqGJ5HEVFOYoBlAEEdAAIMLKsbmEZhKghKj3jS1I2nA6S7ZwIVJSQe2sITz4bIuL37Xg5Iy6wg7kuM9t94rWkhc+8qN9mJGbcN7nIE7Dx8Iazs0S10rWEK3UBYCHRQ0HSpwZ/BXh4Qwmicym1vILR2QRY2ihY1mOZCSIwW64pBbNlgbW0IMIpcUhQVnJ8oUnFIJSlsEW3PjCbmVFiFBQPa20Uz15kcdPTS1NWIAiPSole/eDhRUoCBylB8ad4QnMJ1RVsICySmxjq0Lz7wmSbkXghCHQkRxIsLmFWAAFlYvBBqYIT0TilYW64FDKsLzad9Yy3EigZZxJWvMOyfdtm7xqGKWzMLaYbzpsq6lDcRm+OaY5I5ktvKUEm1zpcb7Ri+GhVUAnmd3/FAtaxnUekcSpy5slbidSTYCF3QslJHhDZDarAWIMOEqULaXIjYHWcOPs5h8qsqrKNrC4hdAUeX4JI0+EcbWkthRsLpBA8e8PpZ5n6QPOZsXVDL5X0gJkqKD3jNxLpeXmFujT70IC7MyBOHmtHRfy+18RD+rzTQecy293+lES+bueIhASREfaj8HOIpNNJlnCWpgOphOXczElJuYbFFict/hDmTU222SoZTCyLOZKsBCBdRAV4xx5Oce/ceMR5nEKcK8qT5CHLD3sSSFJv2gwZLuUzrRUtVgLW/ODutqQ2FjY7iFpdxiyEujKEjfxgqg7NqDcskqUT0pHeEJxDEh1rPrEKXUpwBKSo+AF4t2GsKCcl5t+uc2nhpzJ7RvKrN/u2t4xKyuNMOYUFsP0SXmJ0bzTozrc/8Ab8oje/acKMxoqb+7iUCcZfABVLvov95sj9oiMILirEEEdo0ircZ69P8AR9GU1De/1ZKs3jvb8ogZuuSeJH0iepMrLzyiEpelRysxPiO8CPYftLj74FVP2TK+0ygNh9adR0gfnf8AP8oCAE62iTTTFPKUwl0h1kZSPPb9x/CFKnRmpeWTlqLRd/0cTEgEZiCpm5XpE6dlV4RJWGWw8NIh5CWd9YGWYaU4B7kSMi0657W4/Ti9p2YuFXvHKcR2lAB3+EKIAI3PnHUpIveOIunvG9sNYGBLQEVVluL6E7Qg8VEq8BC4UFqQTuLfKE3hbMBvr84gtbc+DLDdIyWsdzaOPNJWhJuTY3+MJPNlKTm6jm2vteOrcDbY1FhsbxT8wEENKJaCaUS3b3QNoiQzMAqLvUtze3hEguYacI5psnbL5/3wk+ouNqTflKb3v3EUbW3GQnmRlQYUlKCE772/OGbf1hFswOwiQm5lxsJQhII7kw0UQhwupTkI1B84rtjMYYRsXULC2sHeQoPJObvBktICEnmHa+8HOX1hI36bwmIkRVoo3uYRAJubd4kXbXV7Me7faGZSchO0GIs6zYIWDrDa1ldMHZcLZUk6gwtykqQFI3MJCb3VXMswbaJUoEd73/uiq8SXUuIZKe6de9v4vFmnyh1SrK0sLW+zcRSMZv5plhnLohpJJH2ow/D0I2A9hPSf4hsX+WYjqSBKpNtLbZSWzfN1a+MNWgsArJ1MSk0jPJ5gb5b2ER7CczigdANY2hPOnXEcBDj2RxTxuEjSE3QoltSgCReFWCFuhSSMuUQnMahJCD3ggeYmlaVDVsXuI6A2Um6SDcwRN02OUi5hypvMnMFAQExo5jWYWhT1rWMIJTmWcx2hy8keGvjCCUWWCq8LGkTh8T8ocLcKZYNKBN46tDawMvaHsk0lQ5rgBSmAmOAjAP8A1o/j+DFvw2H8PD6RIBnHcnqvtPq8yf4/i8QbEvJNTnrL6eYFfUH7IUnf5RJOzCmlXfUHGTsn7ISd/lEb8x6nbF8dVuoVLkvzEy9zvqyB9T+tmTp+2KmfVz/N5k8k+LX/AKoeqY/mr7+b2Luwv9j+PKIO1zYawqV7Y1nzJGQkqKSTPVV1HwYv++D+sU6VVanF94u/6XLp/HxiMfln2Rd2EAqx0h8ZmWCXqk060XnFWUyg/tiKn5uZnHua8vVO0Ky7gMhMADXKP2w0cUO40tEhbkQ3emP6LzHakSpzRTSo5LuutvuJ5pylXjHcNi83mt9hQhq4lapvIkG94dzsH1i4wsszU26WsxUCCq14dtuJWgXJFojKelLUuG3AVKve8P0ZCi/eNbS22Adcj5k9bNjrHsuEupVY6gQll6jc6wRtWRtRTvaCJUguJSpXURD72/qCT74wfUsr6LXO94I4gBnOodXcQVTLjbiluk2uSMu/lC7q21S+dCNVWFjt5xnj1Z3SpnMjH3wpZSEaWBhNx9KkHpOmhMKv5WhmSL9jDB5wqSW0g6r3/dFZpHFirIErKQdxbxgi0N6lQOUjT4wopGdhGmqR/BgpHMbCQClDysqv0SO/zhsI1eCmlpIv5woySHQ8pOhhZbXrExmN+UNvOHbCmGlFDyElKhZHlDSIYiTbqbLWcoGwEMHnbIWyu5J1QRDmaSHVKQnKkja0NMqG2yhy5d7W7QkDEVjKR3uO0LBF20FAzkDUQmACNNIe0ZJRMrzC4t3giCbI6pJmltdyB+QipY3UEzSBsQ2APxi2JcCpt1xacpGh72t/dFQx2UB4KUbZRpbW/wDF4zNIPWZ6D45j+TYnqDIAPB0hG6d4YId6lC1oTS8oC3cwAhaAsrG/j4Ro4nAlsx9TyznKElXu6QpUGFNSilJUcxOgMNJRDirJZBLnceETDsq422hKnfWXVqA02SIGOCJMih1br/yZFU9ThB5yjltYaRY6fgyrz1OTOtuNiVWm4UNbfGI52WU2khS0JseoeMTmBcUzlEn2JcLbXT3CQWV63iG8kD0ybSV1lgLc4/Q/MRVhDlAGdqClrBscoskg/DeFzT5dm0s3LKU2kfXlX5WjS5yQpNXebZkltyk00nOGXQQFd+20QtapdQTJPvGUSiWcISpYUND8fDyjNp1xsPr4mxf4ZXUPQMzNKhR2UTRU09lBGqNTr43jks2ppCWgkuODuE6ERLzjOV0jKdNCexhLOlt9qYYXkW0dAU3vGktmRMd6MHg4kFVs4XKlo7E5vnEZNKdQ+ttJKFIUbk9wRFjeliHG1ZQWwvfzvFdrJPrhc7HaJlLAZMquuGiLKX5pSJdvMtxZsAIskjSPUB7VAcdKbnuAfKBw5kXXasmolr+bspIPncdotk8JVm0yXAlKffPkfCLlNSsNxlC3U7HxKBidAQps5TmWo6/hEMhrMhQ7gjX8Ys+JHmKm6G5MDloUer8IZokEM0t1xOpKhr+MRsmZZU7onISoRS5lSiCSgD84YpZKiRbS8StKZdVT5oL93KP2xxCEocaRl0WDeBl5Edj0xxRmENzSCnYoMMZgBh/MB1FRh/LLCJwNtjVKdY5NttOu5kp6mybxLtzWPrHkemcQ6tIHNUArNa0PGSSgi22sRtRtyDdxOYK0A3h5SgfUgvqJMPqO18RUPMe/YzQ3P1/M/wA3/HeCzE20ynK4rKfCGKppxR6RZPjEurs6fElZ1ETfLwmAW1qUgHbvpB5l9AYKVqsexG2sJJLinyEkEHcGEZ8FIAURpvFLeecyvmKglpKQuxI11+1/dDUpUEqUFA9VxC62lFDZcB6dBCc6kNuWbt1NqNvAQ0xIg3NllKboCiEhPxF9oWAecd9XaUEpKgFHyPf5QyZTZz2iSQdolXgJeRcKU2ecy5fJNt4AMwiSHG0OqWMxbGiRCMw6WkqCglZVqn9GEA+2na+bzghmPskA33vDS2YZhlu50DYKHeG+a7uY3PjAK03I7GCoy8y2tobEjhAQllZJyqzaQZLylJ118xDdQSFDKSR5wM6rdIvrBFzNudaLqdARc3Ou8VfGDTok8oScyBlIvqoRbnZZ9Kc7lgkCwIMVnEznKlVZUhbqNQq8ZemfLcT0v+INKqaczPlAOGwFiIWYbyS6lrd6NPiISKBdQUSDrYQVGZRBWrbbwjUnmmJOSalsSzruXltnQEe8oeEGl5woKc4OW/2e584jJh11TS8rhJCrE+cKF9aG8gAJFtBuR4w3EnWzacSZqxzLacWQGyLkjsfCIibCpl5vr5TW9xsIelxDyFcwEuZQUoG1vExGvrd9YClJBSRcJHugw0COsORmaLgjEc6+zLsPyYWEnKZ69yrtZUXumVB3MuTVkfaNyWcgUi3ib7fGMJw/XpmmzBdUovD3lNJV0j5CLnJY4k1qReaXL8zRSSi1vnGTrdAzsGSbnhnidYG20yZxE03NTalyrIARpb3dfKIJyS1s8yM241sPyiXbWZhlbyFBbaj0KGxhk6yt52y12Ke+aJ6WIXaZYu0wtO5BmRM1naCTy2wykgBA7a6xCGQRNy7gfZcSE2KXB200i3zlMbWnKJnUrSr3fCL7jHhurA3DvC1ZniXPpFtZnEZ+lHTmT27o1t43icW8cTJ1ekKOA5wD3lFw0yPV2aZbkhsauffvfq+f+yKtiucM1MOS7N3WZf2Yt/nf7tosNTn2mKWPo9zI+42EJ8r9/lFdwrKGcqCWnjlTL9ZP7Pw2+MWEuZ15mS+iFVx5zn94w5DzEs08Rbme4Ph5+MSsuOdLL06On9n7oLOj1gtS7z+3h+sr+/zPhCrKSywsfZ0/ZGloxlz9JMEzEpdtCEOdJAIH74YvNOKc6CkDziTaXmZWSk7D98R0xo+Am+phbh6FiPCyLKxOZyQrTvCMwVIU6hxRBJ0Ah1KMrRPqLpKk9rQSYQkVBanVeztcCE8v+kd3HMTbiMgFLYykfCHynVS8g223qsCCSYacuoAix0h2UNkFRNyNoYq7c7eY1RzIEXeS4V3z37wqh5iXl3EnV20Lz6QAbL61R6Y9GWUwTijhZjBx3ANJlK1h+nKtUMy3lPqcYdHMs4TkUC2TptfS0VXbbG9Z5VbeVd1xftQBY276QWZSsKSSroIvaDNy7jKOrTOAQYVqXLErKOXzpOYKt42h31ic94vMTLainKu47iG77qS9nFxmFrmEGlZUBRtdXbyhWeUFsN3IA7kQEwnaelSpzI6rMGgVk/uhyuaQhJceTm5xsr4doao/m7CQlftHlanyEFqi0EAA2NtBC9IZjJ5xTzoKlkwTLbvAQAo+EKJHQbi5iOJE7awO8AxzvBCGMKD3YQJ1gwVpBCeh6iC+w620oN9ICUkbmKZiVh1lopcKFvLN8oGlo0WtSrqENOuJPSSAkDt4xTcQSpKOWy4pVkmyjvfwjnvD7Du5nr3jqrdpSg9v85maFrmMJmFEJdVcKMMny2hRZCCQbX84kquyZVJaIskXsYjAXXAALDbWOgE8lcbYoVqbuhIzG94IXClwqIKVGDSgsXgo9W94RKyq9zmV2MJG5kvLzAUhSV2Rpp5w3fdAcyKPbSGjWfMCrUgbws5k5IURYiDEXOYzSrK44DuqAlwhOVQ2jt09SjuIARfKVbLh0ZH1LqEzIvBcpMqQrwB0PxEW2RxRLupDU+nI6ftJG8UltlwuhplguK7W3iap2Ha3NkOplQ2E7F7b/d84isRccy7pLtRW/oyfjrNW4a0h3E2MKTTw2USTrwW+4d0NJ6lq/AGNqq1YHGP0ccWqST6zQaiublUd+Q0rO3+LWcecUXgxQMbTmBcW1WXYpyJ16URS6eVTSG0Fbn1ysyvBvzvdUaH6NGCcU4RrVTkq4zJJpVTkgw5yp5l3MsaAZUrzbFQ27xTUEZmlrrEsZcDkDv8AnxPKlbabcYayrcWjljME9ol+FuCK7jKsro2H2m3ZlMq5MPMJWGsxQRZOZWmlxrDDiRJT2F8d13DDxyvUqoLal12t7EKzNKt4FJB+cGwHjafwphvFLUjzWqnWZduQl51H/wAM1mPNy27qGgI2tFsCZlz7sS5SHBriO5VnGRSZJD/UG0ipypXn+7l5m++loquOMJ4lwVV00rE8iZCbWzz0oLiF5m7kZulR7iNO9EvB9Mw/T6vxkxglKafQQv1MLTqt7uofD3U+KleMZRjHE9TxvjypYrqZLb84slpKT9S2NENpPgB+esWKnZbdgkYPEmcP8Nsc1DDdRrzWGp1mjMSyppyamW+SlTaU5iU5jc6ajTWDo4V45fwG7js0Us0Jpvmhbqsr3J7Lyfd73vtrG2ejHV3DwT4iKrzk5UKZItLKpZ11VuV6sq7afAHyjAqzxh4mVKWrtFqFfmEydVSlL8snqQ02dkNj7KcthaFN5bjHSNJxIHDNPq+Iqv8ARtJkXajPLPsmWG7nL59h8TaLdjjgzxDw/hz+Us9Rm3KUn616Um0Plr9ZKTsPvC4HeFqDxIp9L4LzWBKHQlyVaqU//jKrIKQHZbfJ97bpttbWNi9D2jVtmg4xl6nKTysNTkgotpmE2YW7ZQXkvvdGW5HlEz3MNPvZQMfifqY3qZ5UlrJ8ot2FMA4oxXJrnqbLSsrT0r5YnahNIlWFL+4lSyMx+F4iuGFCdxfjShUBOiqlNIYzfdRfrV8Qm5+Ubd6SPDmv4kxe1IU3EOFKNhuiSiJOmyc1WmWi2EjrUpF8wUTqSRc6RC9uCViCYjxHwNi/AE6w3ieleqszQuy8Fcxp225StN72uO3eNz9C5Wbhpxc86Y3b/uJmCYtnsL0/0RHcB4gxph6rYhkHkOU5qQm+cU5XBYXt2SpY+Bh16HDQZ4Z8VLfapjf9hMxA3qH4fqIgnm1SQqS6h0pSM34RFVIt+qy4aFkkq3h364r1N05b6lIH3oRnEJKGxoUtpubfCLdkVzmR0wBmaKPDWHLYQ+lLWXS9yfKEUpa67rIcWdB4CHBS6l0tNosladD4DvEKxkDziHpwqASEWyo+AhtOoVzhmttDqWlAH8y0ktp1TCsy03yVLSgqXfT4Q/bmLGMq2hTKlKN7QkQFXOwESDyFLpJUhISQdbRFknLtDTxEhSY4DeDZemCgQ2E4YEAwIIT1ZUmlKk1FxV1W11OkZ1XCUPKAzJSBoYv7s1nZKFdV976RRcSIs8s2tdWojlvCvR6Z614qmaciZ9idpTjqXMwIOg8ohU5mkm5v8otWIW2uQhYOiT2T++IkJammFoUgtK7lxy9x5AR0ynieY6mr+rmQzhWklQsEqFo4ynMUi2sOlSqgUtELIC9NLQZciAh0OWSoG4JMOlXEQKcq7AkiAV3RkIg6syUpy2UbQ2cVYgKSbwsIQnWw2hVshAukqvCIN9jBgq3eCNklSq5O097mNqC/JYvFloWJJdSwl+bdZUo2A5ea5+RikNpU4sIQgqUdLCL/AMN6zQMLVNNTnMFy+JnkBK2UTU0ttMu4k90pAzdjYkxG6gyxVfYvQzTPSCKqRRcFYBKlpebpyq5UG0ki7z/up+SUqEUjAzycNYppWJGlrDsjNNPXzHTS5FvhcRMcX+LCMdzC6tO4JkadiEtoZbqLNRdNkJVeym/dVuodt4gsPzNMl32KhUMOrqSG85XLuvLYDigi91OJOuttxfziIKAMCOaxnbc3Wat6cWG2msa0XGUim8niCRAU4B9toC39ZC0/1Yyrh/g6dxhXqbh+mErcnHQgqy/VBWUqKh2ypTfzjU8ScdHsYYXYw1UuG9BnaVLpQGP8aOpLWQdOVVvgPPaK1wt4pzHDBVRn6fhqTqMxMnI2t94oWy0TcoBCTfZOum3nElIxWIzvLR6VuJ5ClSNI4N4aXalUFpDlWUk/WO26Eqt/WP6SheMfNBqNNwhTsVOISiRqU07LSgcNlr5eXOoJ+6M1r+MTk/xDwdP1Ocqk7wdlpmcnJhUxMOu1yYVnWo3J3hvxOx7NcQp+nTDlHlKLI0qS9UkpCUVdplN7m2g3sPwienI4xEUzZPR3Kv8AAFxaa/6E8f8A/Mvx8o8tVG4mBa95ltP8a+cbjgrjmnCGE5vDlK4Z0t2TnmuXPes1J1wzIKMqs2ncX/GM0xA7SavONzlNoKaG0hP+TNza3x/WXr8oWqli7N7wbk5m2YKwtTcAejF/hRlaXJ1fEs67ZlybZDzMnd/k5ghW5y6/HyixeiVW65iLEeOKnXapO1CYdpSLqfXmSjVXSkdh5Rm/CTjdM4Hw9OYUq+H2sRUF8K5co87lyFXvC6gq6e9rb6w8wv6QlWwpi5dSkMJ0iQw4ttbaqLIp5IcubpWtyxu4Nr2tbS3eBqnNJULuOeDEHWUv0aqnI0vjHhOozJyssz5bv4cxCm//AFRZvTL4eTVD4qVLEqWlqp9Y/nLTupHM2Wj4gi9vCKLijFSsWVg1RVDpFBQDaXlKXL8pCeq9ydyfM+VrbRsFB9I+ry+GBQsZ4RksYMJACHHl5Vqt98KSpKvjofjE7aV22tWuRjBH0jts810ulzk9JzE41LOrl5YpDzqUEpbzGycx7XMeo/RE04ecUx/1Wz/YzEZTxE4g1TGiUSErR6ZhbD7D3OZpFLb5bal/fdItzF272A8otPD7jMMBYamaNRuHdMmhPJSmfdfnl3mAEZdRbTdX9aIbKH8sjHMYFwZgvLKkNtNfeP7YRcd5E0tl6JzFs9JT9VcfpWHfodkgZJRqaU+EK7nMrXXwivEF+Z5xB+cJGERymXS45nT8tIkEshBCyEklNh5Qg0nnyqEGyHgLknYp8o6yUOcxpkKy2tc3uVeUPUD2igYnFLcSgapUAepQghAaYWeYSFHS8EmA2lKEKHKKQcySfePnDJCJf1e7oWTmNkpVpaEZliGPmppKpHlqZUnUi48YiUizhT32iYpiyqRWhxaUWTdNx3iM6Q8tLh1voR4w1u0I3vraCqNjCkwkJOkJQyJDGxEFGkCO2NtIIT0848CgZCVBKdbOAiKniXrqTaWw3covcDMfnEwl0ttrurMVGytAcsQ1Ss4lbiVEFOmveOZ0abXnrepbdpuZVao2k0t0rbLqQrS5trFcU+WlexSG1BOgSP3xcJxCvUnAoDUaCKiStKcyk5M6rEhY/KOgQ5nnfiVe05Eb1FTilZ1BZUBc3gPLbW1zG3QLo10vC8wsE2byJzaHvEe6pDRACswvrpEomYxiUw8orSltABtCS1jMnmXvBnXB6yFhBAtCQUVKzaQsYZzbYwUnXeOm5Nxa0FWc20ESO5WcMsbsthThvdV4dS8/OhzKw4GipJzKtl/OIpo5R5wdp4hUJiKDiWHC621TwCMiillSUlScxJ279vhEhVXgltDgNnXAGlIXspW1/wAIh8KPKRWkOJC1JShWcWuALW1I3EL1OZddqqOSSW21ApyptdOxJHc/GArE3RGRmXpJbTsspQUNCBtb98TSp2anpLklKUOg5ipO5PfzGnaIOoutN1B3lMtMXtdtrVJ/SHhfw7Wh3J1CWQ0JZ/pLey/C8PEVGhmklbeQIJAsLnxiTaZu2RmykAgj5QwfEyh4BYDQzE6RLMpuFFW1rkxa09ZY89pIsRl28jCAo3OxhJ7MNjbWFwptK8oVcXhNaQp0pvc2vFskFBJCIiyEuPDOepN7GFZ1LZayOAKvsfCE2xy5hQQoWFioHteOzTPMGVQKwo2Nu0PrVjV7mIF9MTDaUvBxXSO2lyfmIeoV7K14Ysey9l/qfvEOkntE2kO0E+8fWesVT9Zk/gwqWwOXzSP4H5QzemB6nZvmd0Z0/GDMSp5Gpbc/HMn8f98NstBcKI4uDyJGTc9yJpN281162ggS7OzbpQ1lAOkOhLNh1alG/VpDlSQlYKF5bHWM5l3WffK5GY2l/UqdndfLzuXRlCRc/ODuOpe9ukoQm2iTaCPtuPFTcuo5hstabAiGgkFtFZQOa4E3ItsfhBg+0OIzqalzCmlFhR+9bY/CI93oBKkk66jwifQ1PTMgglTSXUE2GW3yiJ5KlLWhfs3SdTaIrK2HaR4h6OyuYbWlKklA+9veI6bBTMrT3ConWEtMSfrAZUtCrpunxiBdPMmCbbwx12gCBhF3vrCZg6t7QQxFEne0GSoDeC9o5BCbezMvNrzzZ6vs6e98o7OuImVLTYgKF/AJ+UMC68pYLiiEDW5H74eS7rTqlJcunN4Rk+Xiei1WnkdjISYbU28kWUQk5j2Bv5RWqs1y33GWwpaU3Vcab+UWyazJcSQUrzXSArWw+MQmI2ihoTCNSTkVaL1bTmfEKOpHaV5wlJHM1NrwzfzLXcgWUIE0+vPlX4Q3zLsmwNhFmYRMcvJAbv5QzJJJttDtJuwrXWGhvmIG9oSNgSbCAFQVN+8AkQQnQm5g17bQQXtBmjdWsESKNLcSklNxfcgxIMvOlKVpzXbHSqIsBWa1yD2h6tPIlktpWeadVi8ESKcp4SqnOejkrPT4n4x15l31XntpAZA6wIIp8rlkSxZSEJHSU7qhFC3W0crryqOqe0JiLmOJObKVJbcPRmi006YzhxCfdtFbD4LZQuTlV6/Wk5Vj57RL0c3U5y1l3p2KcpHz2MXdLzHoY6l0hc2slJydoUZAVNKWBtoISp7zyClC0a94cgLQ7pYJMWkHpB+ZMDxGDRUufKbaZbwpUltpyEkICTuTvB2nAqfMuVJSq1wCNbQzrmQJCDqc2sIxNdThYmcQrE+S6oqSkW2PjEklJWlRO9rxWkLQj7RCQb9UWCRfcflA5oAoaCG6fUOVKmNR+YHRZCU9v3w5ZulCSrqHeGC1OFwGxIToR4GHjahyhdR+ESUnc+I9T6jGrawJohwANlWpMHdDTkyOW8laR9gjW0Ee+vShQ0vf4wBLqXNFxN0BPlraK+078fMZmcQFJVZKyUW9w6kQVSChwuJQFG2w0PwhyE5W1DYqHz+MFSoWAX7w2ix5YBxmOx7xRuxQFjML/ZPaIfE7gHT35cTvaIHE6P52APuRc1426UyWwYEjZebdcaLak5kk9u8R7ja21KzghQMS1NkkLQXHHC330jr1MmFWczJWCbamMAIWEqYkOEqIgmt7GJ6pyQlGMwTf4RDqQFN59oHUocPAriIwI4TAvEcSbG9ZbyGE72ufOHDssgqUwlyyhbbS0MWCtL6X7JNtcyj2iTWgTCBMtrShRNiO5jMdis9FrFZB5kchv1dwgjmZj9obRGVdlTtNmUqNuklGncRYH0KU2leQ9R0trEZUw4leQixA1EPqsJmbrKVXqeJm02FetpStNoSdCgogXtEnUlNInVqWLKCrCGU4oqdVYiwi8s45xiItFRFkgdRhK9lKPyhTVI1G0Jq+rB84dGwvaOWgDaOAwQnSdIMzvHEi8dPSdIIRQtrVYjLp5w9l2UvzrKTk6h1C8R4ULEBOp7xIU92UZR6wpv2idEm/eCESZStmaK2wlR2Sn70PBzA4hbzORV9vCI66uYXUqsq8ATHtDzFuL8rwRslU0591rPyEhWe4GUfsiQostONOul5BCb3HSP2RD+uMNshCJZY0vqs2/CHlJnS+t5pbdhkv7x/ZFjTn+pJF6SUlF8uZV7UOJvvDqYcSXwcpy22hnTJVCZZKGgT3JMKqX/OElRtl0tF1eKs/Ij1GBOCWZE8iYzKWsjKb7iEcTPertF0IusqASSnQQ5QQ4ttTdwCL2G4glacfXbmI5qUKHTbQw68J5RxHPxK7L/zskP7jZQ2iYoDyVMrZUSAg6fCGBkXZmY5MofV8ydW1bE+UcknFyT+oIAulQjNrIrYEyFTzJeYICFWFwD4wpJOJcauNCDrDObStaAi+W6twd4eSsvyG9SFbbRe0wJuUyVOphJwqS+AlBVfvCoUG1JK3ipW9vC8cdKhMADvC7kqkjOtN/Ejyh5BFpPzEziJhYWo28ISWknNcbDSF2lAFSSBYDQCG01oNbw52DDJEcT7xiioLDhQu4PaIyqc/1jmO+4dokqjLqfZQ637qjrCFTSJiXQ0377QinYcyMiNZZ0hAZQsBJ6gT2+MOUTLYWppbinSpNkhP7oasSQSnPMktEp6R4mDstFMyOUkWSnpPgIhBKxuY/brZZYs+m8MKnMUp+WuwxynoQfU2pj2u8R8PbUFhjrDc390Sjt/KOxzSK0SaogAzKSqb5aRqQjdRiblUWupYUELFyTpr5xT0vgOAjK0Rrr7xiQZnFmTcC3V2X7wO8UnqyJ1Ol1wQsCM/eZNvzssr2fMAWk6iImefeU7nSVJJ0zDYD4RGtkLm21c5Lbafeud4Uq1UlE6SKy87sT9gQq1bTI7PEDcrEnGDK3XGVNTmcovm1MRZUXSSE7Q+qs1NOKXzBttEWJhaAQAItjkTnbT6odxJtqYIS3lsY4SpSbkwUJBGsLGThVYaRzQEGAoWMAWsYIRRJSd44Qk31goTe2sdWnU27QQgCgnaFC5roIbptcXhw2UAKzQQh2ylWhjqUNXJUdjHE5FZLQHkpJVY7QQk49PNlSSwyVpumylweVcHOmnLjVHhsYjm1q5CVLRYWFrQ7krLS8cwsUbecSIcHbHD3j6RWoy5KioqzdjDlvkqUXHLZtLBWsRVNLbbPtSWlFR3MSlHyKacdPUM4CTvFqpshVki8xw0tIeTk7b+cNKtmLhJ77eULNkGZOXtDaurUjKT9rfyizf669/9uYrcmRhW6p3M2pGijceECR5brL3ODi+sdQ7Q2uSnQjftDulkNSzua6iVCM1eTIQMSTcYHISr3ilIsYcy5SqXTrnzJvDZL/qz7Kh1oStIU2Ykm+QpqzSQhJ7JJI2vceHwjS0ig2jMkr4YRm8jnzqW4kphvkNhuG/qhdcKC4hCUIN8yb3iWDPNRypqb9pm+wjw23vfTTbt8ImtQpcQe0RjzmRCbILiEpcSHDdWdIF4QfVLrB6xmA0sYfutMrVdSc5Asm5iPdZZbBPKQnXwiM1+X6OImMR9gWhy2Ka+ZJ2cflUpl33lcuxsptta9jvfJb5wStYYnJdyQRS0Oz5mqemec9nk9WSVKKg5qctst/NKkq72hXBlbbw/iGWqzkq7M5GHmUpQ9kUOY2pu+ax2Cr/IRKN4wanS89UaX6xNTlL+iqg6HcvrDKcvLctbpeGRIK9cwGouVKNHEBzK21gnFLi5lAaQ0qWShb6lEBKA4LN2J6cqr6KGkLVbA9eklLM/KOqWmZMmWUqBUJhOpRorpO+h0NrxN1HE8pMUidk5mUUGpqRk5CXs4CUIl15he4N1EXuBtDuZxlTJ2s1CcdpgW1UMQCrOyypm4ylBCkZgjT3ibnTtCmrENspL+DK4h2blfoxRfYYbmQouJIQysoAUSVWKbuAXHeIStUmepc7MyE9Lll+XIQtI1BBykKB7gggg+Bi+VDE1OekJpfqyUInKIijJbEwOhCXUOBQOUC/ski0VfiDVm63XPpNllMu16tLyobzgqVymUN5iQBvkBivYu2NIxKmbk2MC0GIynqjt0naI4ktuZrMtxQyqQfe+UJTlRmn0KRJrU22PeVbeE57SWFu6oesgCUeSAAAm4FoZiW0ZjnbxGDLKlkh9xRB2T4xMANtFBCb2Tt4Q3lDmDajqfGHTo9g8r7Xj84RpLQinMrlYvmCuw3iH0ym51ifngFNuXF4gXwArQQ8HiUXHqhUg5d4MDYRwbR1XuwsbCq6oIkHWOmArcQQhtRaDm2sJog/YwQiYtfWOkjWCq7R1UEIo2QAmDrUMxt3hFEHSBlVBCTdF5j7MwyOpLdgAfC8KS7S2i4UouCYYYdcWmfSkKICgMw8YnpYAIXbwP7YcnLRwGRIVgu89ywJcURYRYqe26hKkWG4UfwiHopJqoB10V+yJtBN1a+ET0L3jlGDEWnLTi3Pv/wB2vhDieaQ+0Ukdf2VeEEZ+vc+UKzMalBzW1Z6GWEUEYlXdkC2+ltt4hOYEw/akRyVFDpCgSYD/APlo+Bh7tLqt4CMxKxK4XMBZspDvMzWTlh7JAstpbKbi94bq7Q9P1LZ+P7Y0KFxcPmPUeoR24y268AXSyfvCDzLrstZJWFJ/042Px+McR9b84IpxaXVgKIGkXLvTbmMI9WYZuYaaB6s3TEZ64woqSQb3h0+hAUuyR3iISlPNOkV9Q2SDE6tFn1kIUQoAeEJS7zrgKEnY7wpUkpDatOwhtcpQ5lNttoqNwcQ7wTkulbxyzIbF/chpPPPyyzLpaDaVD6zxjtNAeknnXepYOijEVWX3nH0JW4pQA2hlqqib1inriO10GaAu2poj4wiqkzKfrVM/jEg+T9CDU/Vq/wDNFeueZuYhsFa49PUZiMCIpMN2XuzBXW7JGrXyhJW8EMVzGT//2Q==</binary>
</FictionBook>