<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Azrael: Die Wiederkehr</book-title><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Azrael" number="2"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-15">15 April 2012</date><id>74E4827E-4E70-4C53-BDE7-87DA1D4BE54E</id><version>1.1</version></document-info><publish-info><publisher>Wilhelm Heyne</publisher><city>M�nchen</city><year>2000</year></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><p>WOLFGANG HOHLBEIN</p><empty-line/><p><strong>AZRAEL: </strong></p><p><strong>DIE WIEDERKEHR</strong></p><empty-line/><p><emphasis>Roman </emphasis></p><empty-line/><p>Originalausgabe</p><empty-line/><p><image l:href="#0"/></p><p>�Scan by redpoint7�</p><empty-line/><p><image l:href="#1"/></p><empty-line/><p>WILHELM HEYNE VERLAG</p><p>M�NCHEN</p><p>HEYNE ALLGEMEINE REIHE</p><p>Besuchen Sie uns im Internet: <strong>http://www.heyne.de </strong></p><empty-line/><p>4. Auflage</p><p>Redaktion: Dieter Winkler</p><p>Copyright � 1998 by Wolfgang Hohlbein</p><p>Wilhelm Heyne Verlag GmbH &amp; Co. KG, M�nchen</p><p>Printed in Germany 2000</p><p>Umschlagillustration: Kazuhiko Sano</p><p>Umschlaggestaltung: Nele Sch�tz Design, M�nchen</p><p>Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin</p><p>Druck und Bindung: Eisnerdruck, Berlin</p></section><section><title><p>1</p></title><empty-line/><p>Der erste Hieb war ins Leere gegangen, aber der n�chste hatte seine linke Schulter getroffen und bis auf den Knochen hinab zerfleischt.</p><p>Wenigstens nahm er das an. Er hatte bisher nicht den Mut aufgebracht, einen Blick auf seine Schulter zu werfen, um sich von der Schwere seiner Verletzung zu �berzeugen, aber sein linker Arm hing so nutzlos wie ein St�ck totes Holz an seiner Seite, und seine Jacke war na� und schwer von Blut. Obwohl der Regen immer heftiger str�mte und er l�ngst bis auf die Haut durchn��t war, sp�rte er, wie ein z�hfl�ssiges, warmes Rinnsal an seinem Arm hinablief und sich �ber der Handwurzel teilte, um an den Fingern entlang zu Boden zu tropfen. H�tte es nicht geregnet, h�tte er eine gewundene Spur aus unterschiedlich gro�en Tropfen und Pf�tzen hinterlassen, die die Stationen seiner Flucht markierten. Er wu�te nicht einmal mehr genau, wie viele. Sein unheimlicher Verfolger hatte ihn drei- oder auch viermal gestellt, aber es war ihm jedesmal gelungen, ihn noch einmal abzusch�tteln.</p><p>Die Frage war nur: Wie oft noch? Trotz der Schmerzen, der atemabschn�renden Furcht und der immer st�rker werdenden Ersch�pfung war er noch nicht so sehr in Panik, da� sein logisches Denken vollends ausgeschaltet gewesen w�re. Der Angreifer hatte ihn mindestens einmal ganz bewu�t entkommen lassen; wahrscheinlich sogar<emphasis> jedes </emphasis>Mal. Er spielte mit ihm.</p><p>Und Rosen hatte nicht vor, dieses Spiel zu verlieren. Seine Chancen standen nicht einmal schlecht. Sicher, er war verletzt, er wu�te nicht, mit wem er es zu tun hatte, und er befand sich in einer Gegend der Stadt, in der er sich �berhaupt nicht auskannte. Aber er war z�h. Die Verletzung war zwar schmerzhaft, aber wahrscheinlich nicht t�dlich, und er hatte noch nicht einmal angefangen, sich ernsthaft zur Wehr zu setzen.</p><p>Der Regen lie� f�r einen Moment nach; nicht vollkommen, und bestimmt auch nicht auf Dauer. Es war nur ein kurzes Atemholen, dem ein vermutlich noch intensiverer Gu� folgen w�rde - aber f�r Rosen stellte diese Ruhepause eine neue, noch gr��ere Gefahr dar. So qu�lend der Eisregen sein mochte, war er bisher doch sein einziger Verb�ndeter gewesen. Das seidige, leise Rauschen hatte das Ger�usch seiner Schritte ebenso zuverl�ssig verschluckt wie die silbernen Schleier seine Gestalt. Nichts, was weiter als sechs oder sieben Meter entfernt war, war in den niederst�rzenden Wassermassen noch zu erkennen. So wenig, wie er seinen Verfolger sehen konnte, konnte dieser ihn im Auge behalten. Und die wenigen Stra�enlaternen, die in unregelm��igen Abst�nden brannten, machten es eher schlimmer: Statt die Dunkelheit zu vertreiben, verwandelten sie den Regen vollends in einen dicht gewobenen Vorhang aus Quecksilberf�den. Wenn der Regen jetzt nachlie� - oder gar ganz aufh�rte -, dann war er seinem Verfolger wie auf dem Pr�sentierteller ausgeliefert.</p><p>Rosen nahm all seine Kraft zusammen, um abermals seine Schritte zu beschleunigen. Er wu�te, da� es jetzt auf jede Sekunde ankam. Und auch darauf, seine Taktik zu �ndern: Er rannte jetzt nicht mehr nur stur geradeaus, sondern in einem geschwungenen Zickzack, mit dem er den Stra�enlaternen und ihrem verr�terischen Licht auswich, das pl�tzlich zu einer Gefahr zu werden drohte. Sich auf sein Gl�ck zu verlassen, bedeutete nicht, seinen Verstand auszuschalten oder die grundlegendsten Vorsichtsma�nahmen zu vergessen.</p><p>Seine Schritte erzeugten jetzt, da das Ger�usch des Regens nicht mehr jeden anderen Laut �bert�nte, ein h�rbares Platschen in den flachen Pf�tzen, die die Stra�e wie Millionen asymmetrischer Spiegelscherben bedeckten. Das Wasser war eisig und drang bei jedem Schritt schmerzhaft in seine Schuhe ein. F�r zwei, drei Augenblicke versuchte er, diesen Pf�tzen auszuweichen, gab es aber praktisch sofort wieder auf; es war l�cherlich, sich wie ein Kind zu bewegen, das Hinkelk�stchen spielte - und au�erdem nicht schnell genug. Der Regen lie� weiter nach. Es war jetzt nicht mehr ann�hernd so dunkel wie noch vor Augenblicken Wenn sein Verfolger ihn �berhaupt jemals aus den Augen verloren hatte, dann w�rde er ihn in sp�testens f�nf bis zehn Sekunden wieder sehen, wenn er auf dieser Stra�e blieb.</p><p>Wenn er wenigstens gewu�t h�tte, wo er war! Die Situation kam Rosen mit einem Male vollkommen grotesk vor, wenn auch kein bi�chen komisch: Er befand sich in einer der gr��ten St�dte des Landes, einer Metropole mit mehreren Millionen Einwohnern, aber die Stra�en, �ber die er sich bewegte, waren nicht nur menschenleer, sondern schienen niemals Leben beherbergt zu haben. Abgesehen von den wenigen noch funktionierenden Stra�enlaternen, die aussahen, als stammten sie noch aus dem vergangenen Jahrhundert, brannte nirgendwo Licht. Vor ihm erstreckte sich eine scheinbar endlose, aber auch real sicher noch zwei Kilometer lange Stra�e, die von heruntergekommenen braunen und grauen Backsteingeb�uden flankiert wurde. Es gab sehr viele Mauern ohne Fenster, und sehr wenige Fenster, in denen noch Glas war. Offensichtlich befand er sich in einem aufgegebenen Industriegebiet; einem jener Viertel der Stadt, in denen das Versprechen auf eine neue Freiheit und den damit verbundenen Wohlstand nicht eingel�st worden war.</p><p>Hinter ihm polterte etwas. Rosen drehte im Laufen den Kopf und stie� einen leisen, abgehackten Schrei aus, als die pl�tzliche Bewegung einen rasenden Schmerz durch seine Schulter jagte. F�r einen Moment glaubte er eine Bewegung zu erkennen: Ein m�chtiges, gleitendes Flie�en und Wogen inmitten der Dunkelheit, als verberge sich etwas darin, das noch dunkler war als die vollkommene Schw�rze, die die Stra�e hinter ihm erf�llte.</p><p>Im ersten Moment schrieb er diesen Eindruck dem Zustand zu, in dem er sich befand: Er war vollkommen ersch�pft, halb verr�ckt vor Angst und fror wie noch nie zuvor im Leben. Und er hatte eine Menge Blut verloren. Vielleicht begann man zu halluzinieren, wenn man genug Blut verloren hatte.</p><p>Dann begriff er, da� es keine Halluzination war. Hinter ihm herrschte tats�chlich vollkommene Dunkelheit.</p><p>Und das war unm�glich. Er war noch vor Sekunden dem Licht der Laternen ausgewichen.</p><p>Noch w�hrend er diesen Gedanken dachte, erlosch eine weitere Laterne hinter ihm. Die Dunkelheit folgte ihm. Vielleicht war <emphasis>sie </emphasis>sein eigentlicher Feind. Nicht das, was sich darin verbarg.</p><p>Mit nach hinten gedrehtem Kopf zu rennen, ist nicht besonders vorteilhaft. Rosen kam aus dem Tritt, versuchte mit einer ungeschickt hastigen Bewegung sein Gleichgewicht wiederzufinden und machte es dadurch nur noch schlimmer. Er fiel der L�nge nach hin und beging einen zweiten, gr��eren Fehler, indem er beide Arme nach vorne ri�, um dem erwarteten Aufprall die schlimmste Wucht zu nehmen. Seine verletzte Schulter protestierte mit einem w�tenden Schmerz gegen die pl�tzliche Bewegung.</p><p>Im n�chsten Sekundenbruchteil verlor er fast das Bewu�tsein. Der Schmerz war unvorstellbar: Er explodierte zuerst in seinen Handgelenken, raste in schnellen, sich oszillierend aufbauenden Wellen durch seine Arme, ri� seine Ellbogengelenke in St�cke und verwandelte seine linke Schulter in einen durchgehenden Nuklearreaktor. Es war so schlimm, da� er nicht einmal mehr schreien konnte. Mehr durch ein Wunder als durch die Kraft seines Willens gelang es ihm, bei Bewu�tsein zu bleiben. Er konnte immer noch nicht schreien, aber erst jetzt registrierte er, da� er auch nicht mehr atmen konnte. Er lag mit dem Gesicht nach unten in einer Pf�tze, und sein Mund und seine Nase hatten sich mit brackigem, nach Benzin schmeckendem Wasser gef�llt.</p><p>Seine Kraft reichte nicht, sich sofort wieder zu erheben. W�rgend stemmte er sich auf die Knie hoch - diesmal war er klug genug, seinen linken Arm nicht zu belasten - spuckte Wasser und Schleim aus und rang verzweifelt nach Luft.</p><p>Der Schmerz in seiner Schulter verebbte nur ganz allm�hlich und er konnte sp�ren, da� die Wunde nun sehr viel heftiger blutete. St�hnend schlo� er die Augen, wartete darauf da� die Dunkelheit hinter seinen Lidern aufh�rte, sich wie wild im Kreis zu drehen, und versuchte sich gleichzeitig weiter aufzurichten. Sein Verfolger war noch immer hinter ihm. Wenn er ihn hier erwischte, mitten auf der Stra�e und in seinem momentanen Zustand, dann war es vorbei Er hatte nicht einmal mehr die Kraft, sich zu wehren. Rosen �ffnete die Augen, und sein Herz setzte f�r eine Sekunde aus.</p><p>Sein Gesicht spiegelte sich verzerrt und in tausend Streifen zerbrochen in der Pf�tze, in der er vor Augenblicken noch fast ertrunken w�re. Dar�ber h�tte der Himmel sichtbar sein m�ssen.</p><p>Aber das war er nicht. Der Verfolger hatte ihn eingeholt. Er stand unmittelbar hinter ihm. Seine Gestalt ragte als riesiger, grotesk verzerrter Schatten �ber ihm empor, viel zu gro� f�r den eines Menschen und auf unheimliche Weise verdreht und mi�gestaltet, wie etwas, das vielleicht ein Mensch hatte werden wollen, es aber nicht geschafft hatte, sondern in einer fr�heren, unfertigen Entwicklungsphase steckengeblieben war. Rosen fuhr mit einem Schrei herum, sprang auf die F��e und stolperte zur�ck, ri� die unverletzte Hand vor das Gesicht und erstarrte zum zweiten Mal innerhalb weniger Sekunden.</p><p>Er war allein. Hinter ihm war niemand.</p><p>Die Dunkelheit war ihm weiter gefolgt. Auch die beiden Lampen, an denen er gerade vorbeigelaufen war, waren jetzt erloschen, und er war nun sicherer denn je, da� sich etwas in dieser Finsternis bewegte, etwas Riesiges, Groteskes, das da in der Schw�rze stand und ihn anstarrte. Es h�tte ihn erledigen k�nnen. Er hatte mit Sicherheit zehn oder mehr Sekunden hilflos dagelegen, mehr als genug Zeit f�r dieses unfa�bare Wesen, ihn einzuholen und zu Ende zu bringen, was es begonnen hatte, aber es stand einfach nur da und starrte ihn an, wie ein schwarzer D�mon, der sich von seiner Furcht n�hrte.</p><p>Rosen begriff pl�tzlich die neue, vielleicht noch viel gr��ere Gefahr, die er diesmal selbst heraufbeschwor: Indem er den schwarzen Umri� in der Dunkelheit<emphasis> Es </emphasis>nannte, verlieh er ihm eine Macht, die ihm nicht zustand. Es war kein Es, sondern ein <emphasis>Er. </emphasis>Irgendein Mistkerl, der gekommen war, um eine alte Rechnung zu begleichen - oder weil ihn jemand daf�r bezahlte. Vielleicht nicht einmal das. Vielleicht war es einfach nur ein Verr�ckter, und er hatte das Pech gehabt, ihm im falschen Moment �ber den Weg zu laufen.</p><p>Der Schatten bewegte sich. Er machte nicht wirklich einen Schritt, sondern schien auf ihn ... zuzugleiten, wie ein k�rperloser Schemen, der ein winziges St�ck �ber dem Boden schwebte, statt ihn zu ber�hren, und im gleichen Moment begann auch die Laterne unmittelbar neben Rosen zu erl�schen. Sie ging nicht einfach aus. Ihr Licht wurde blasser. Rosen konnte sehen, wie sich der warme gelbe Schein lautlos zur�ckzog, als fliehe er vor der Dunkelheit, die im Gefolge der unheimlichen Gestalt kam.</p><p>Eingebildet oder nicht, der Anblick war so entsetzlich, da� Rosen mit einem Schrei herumfuhr und davonst�rzte. Seine Schulter reagierte mit einer neuen, w�tenden Schmerzattacke auf die pl�tzliche Bewegung, aber er achtete gar nicht darauf. Hinter ihm kam die Dunkelheit n�her, schnell und lautlos, und die Pf�tzen, an denen er vorbeirannte, waren voller verzerrter schwarzer Schatten.</p><p>Trotz der Gefahr, ein zweites Mal zu st�rzen, sah er sich noch einmal nach dem unheimlichen Verfolger um. Die Schw�rze raste heran, nicht ganz, aber doch <emphasis>fast </emphasis>so schnell wie er, und inmitten dieser D�sternis bewegte sich etwas Riesiges, Formloses, etwas, das eher zu flattern als zu laufen schien, und dessen blo�e Anwesenheit Licht und Ger�usche in eine Dimension der Dunkelheit verbannte, so als verl�ren die Gesetze der Welt ihre G�ltigkeit dort, wo der Unheimliche entlangglitt.</p><p>Rosen begriff, da� er in Gefahr war, erneut zu stolpern, und wandte sich hastig wieder nach vorne. Das Ende der Stra�e war immer noch unendlich weit entfernt, und auch dahinter lag nichts als weitere Dunkelheit. Das hell erleuchtete, pulsierende Herz der Stadt schien unendlich weit entfernt; Lichtjahre, wie es ihm vorkam. Er hatte keine Chance, es zu erreichen. Und selbst wenn - was, wenn das unheimliche <emphasis>Ding </emphasis>ihm auch dorthin folgte, einfach alles Licht und jedes Leben ausl�schte, bis er in einem Universum aus Schw�rze und Leblosigkeit gefangen war?</p><p>Rosen rief sich in Gedanken ein zweites Mal zur Ordnung, und obwohl er selbst kaum damit gerechnet hatte, gelang es ihm tats�chlich, die Panik noch einmal niederzuk�mpfen. Seine Lage war auch so schon schlimm genug, ohne da� er seinem Verfolger �bernat�rliche Kr�fte zusprach. Der Schmerz in seiner Schulter war zu einem h�mmernden Pochen im Rhythmus seiner Schritte geworden, und der Blutverlust begann nun sp�rbar an seinen Kr�ften zu zehren. Selbst wenn er vor Entkr�ftung nicht einfach zusammenbrach, w�rde er das Tempo nicht mehr lange durchhalten. Er brauchte ein Versteck. Wenn der Kerl ihn einholte, war er tot. Er war nicht in der Verfassung, sich gegen einen auch nur halbwegs ernst gemeinten Angriff zu verteidigen.</p><p>Sein Blick irrte �ber die H�user vor ihm. Auf der linken Seite erhoben sich nur gleichf�rmige, rotbraune Ziegelsteinmauern. Die wenigen Fenster, die er sah, waren vernagelt oder auf andere Weise verschlossen. Der Anblick auf der rechten Seite unterschied sich kaum von dem auf der linken, aber in drei�ig oder auch vierzig Meter Entfernung entdeckte er ein rostiges Tor aus Wellblech, das einen Spalt offenstand. Er wu�te nicht, was dahinter lag, aber alles war besser als diese unendliche, deckungslose Stra�e, auf der ihn die Dunkelheit verfolgte.</p><p>Rosen mobilisierte noch einmal alle Kraft seines geschundenen K�rpers, steuerte eines der Geb�ude auf der linken Stra�enseite an und �nderte seinen Kurs dann abrupt um fast neunzig Grad nach rechts. In einem letzten, verzweifelten Spurt raste er auf das Tor zu. Er wagte es nicht, hinter sich zu blicken - wie er sich selbst einredete aus Angst, m�glicherweise gerade dadurch den einen entscheidenden Sekundenbruchteil zu verlieren, der zwischen Tod und Rettung lag, in Wahrheit aber wohl eher weil er den Anblick der flatternden Dunkelheit nicht mehr ertrug, denn sie weckte eine uralte Furcht in ihm, die alle Barrieren aus Logik und Willenskraft einfach mit sich fortri�.</p><p>Er hatte sich get�uscht. Das Tor stand zwar eine Handbreit offen, war aber mit einer massiven Kette und einem Vorh�ngeschlo� von der Gr��e einer Untertasse gesichert. Er rannte trotzdem weiter, so schnell er konnte, spielte eine halbe Sekunde lang mit dem Gedanken, �ber das Tor hinwegzuklettern und entschied sich dann dagegen. Mit seiner verletzten Schulter hatte er keine Chance, dieses Kunstst�ck zu schaffen, ganz abgesehen davon, da� ihm vermutlich nicht einmal genug Zeit daf�r blieb. Die Dunkelheit war hinter ihm. Nah. So entsetzlich <emphasis>nah.</emphasis></p><p>Rosen setzte alles auf eine Karte, drehte sich im letzten Moment zur Seite und rammte die unverletzte Schulter mit der ganzen Kraft seines Anlaufs gegen das Tor.</p><p>Die linke H�lfte seines K�rpers explodierte einfach. Der Schmerz war nicht einmal so furchtbar, wie er erwartet hatte, aber er sp�rte, wie nunmehr auch noch der letzte Rest von Kraft aus seiner Schulter und dem Arm wich. Das Tor dr�hnte wie ein riesiger, falsch gestimmter Gong. Rosen wurde zur�ckgeschleudert und fand nur durch Gl�ck sein Gleichgewicht wieder, und ein winziger, verbliebener Rest seines Selbsterhaltungstriebes lie� ihn noch einmal nach vorne und auf das Tor zutaumeln.</p><p>Sowohl die Kette als auch das Schlo� hatten dem Anprall standgehalten, aber die schiere Wucht des Sto�es hatte das morsche Tor halb aus den Angeln gerissen. Der Spalt zwischen den beiden H�lften war deutlich breiter geworden. Vielleicht breit genug, um sich hindurchzuquetschen. Das Ergebnis entsprach ganz seinen Erwartungen. Seine Schulter verwandelte sich in reinen Schmerz. Das rostige Metall zerri� seine Kleidung und f�gte ihm eine Anzahl neuer, tiefer Schnitt- und Sch�rfwunden zu, und sein Arm und die linke H�fte weigerten sich jetzt einfach, seinen Befehlen weiter zu gehorchen. Verzweifelt griff er mit der rechten Hand zu, stemmte den Fu� gegen den Boden und schob und zerrte zugleich mit aller Kraft. Rostiges Eisen bi� wie mit gl�henden Z�hnen in seine Schulter. Er br�llte vor Schmerz. Er konnte kaum noch sehen. Alles war rot und schwarz, und der Geschmack in seinem Mund war eine Mischung aus Erbrochenem und Blut. Trotzdem k�mpfte er mit der absoluten Kraft schierer Todesangst weiter.</p><p>Mit einem Ruck kam er frei. Fetzen seiner Kleidung blieben an den beiden Torh�lften zur�ck, und diesmal versuchte er erst gar nicht, seinen Sturz aufzufangen, drehte sich aber instinktiv auf die rechte Seite, so da� er zwar erneut gequ�lt aufschrie, wenigstens aber nicht wieder an den Rand einer Bewu�tlosigkeit schlitterte. Wimmernd stemmte er sich auf eine Hand und beide Knie hoch, schrie abermals, als sich eine Glasscherbe tief in seine Handfl�che bohrte und kroch ein paar Schritte vom Tor fort. Keine Sekunde zu fr�h.</p><p>Das Licht auf der anderen Seite des Tores erlosch. Etwas traf die beiden Fl�gel aus verrostetem Wellblech und schleuderte sie davon wie zerfetztes Papier, und etwas Riesiges, Schwarzes raste durch die gewaltsam geschaffene �ffnung herein, streifte Rosen beinahe fl�chtig und schmetterte ihn erneut zu Boden. Er hatte einen blitzartigen Eindruck von gigantischen Schwingen aus geronnener Dunkelheit und Klauen aus rasiermesserscharfem Stahl. Dann knallte er mit dem Hinterkopf so wuchtig gegen den Boden, da� er nun tats�chlich das Bewu�tsein verlor. Wenn auch wahrscheinlich nur f�r eine oder zwei Sekunden.</p><p>Als er die Augen wieder �ffnete, stand der Gigant �ber ihm. Es war kein Mensch.</p><p>Es war zu gro�. Seine Schultern waren zu breit. Sie h�rten nicht dort auf, wo sie es sollten. Sie wuchsen weiter zu einem Paar gigantischer, schwarzer Fl�gel aus geh�mmertem Stahl. Seine H�nde waren grauenerregende gebogene Klauen mit zu vielen Fingern. Und wo das Gesicht sein sollte, war nur wogende Schw�rze. Es war das Ding, das er in der Pf�tze gesehen hatte.</p><p>Kein <emphasis>Er. Es. </emphasis>Rosen wimmerte vor Angst und kroch r�cklings von der furchtbaren Erscheinung weg.</p><p>Zu langsam. Der schwarze Kolo� folgte ihm, lautlos, ein St�ck der Nacht, das zu gr��lichem Leben erwacht war. Eine der furchtbaren Krallen hob sich.</p><p><emphasis>Zu leicht,</emphasis> wisperte eine lautlose Stimme hinter seiner Stirn. <emphasis>Nicht genug.</emphasis></p><p>Die Klaue senkte sich wieder. Der schwarze Engel zog sich auf die gleiche, lautlose Weise wieder zur�ck, auf die er herangekommen war.</p><p>Er schlug erst zu, als sich Rosen in die H�he stemmte und davonlaufen wollte.</p><p>Seine Kralle traf Rosens R�cken und ri� ihn von den Schulterbl�ttern bis zur H�fte hinab auf.</p><p>Rosen kreischte in schierer Agonie, torkelte hilflos zwei Schritte nach vorne und prallte gegen etwas Hartes, etwas mit Spitzen und scharfen, rei�enden Kanten. Er fiel, sprang wieder hoch und taumelte weiter. Sein R�cken war eine einzige, blutende Wunde. Er konnte die Quellen der einzelnen Schmerzen nicht mehr lokalisieren. Er hatte auch nicht mehr die Kraft zu schreien, sondern brachte nur noch eine Mischung aus Wimmern und Schluchzen zustande, w�hrend er haltlos weitertaumelte. Der schwarze Engel war hinter ihm, riesig, kalt, t�dlich. Er konnte regelrecht sp�ren, wie sich die m�rderischen Klauen zu einem weiteren, vielleicht dem letzten Hieb hoben.</p><p><emphasis>Nicht genug. </emphasis>Der Hieb h�tte seinen Sch�del zertr�mmern k�nnen, aber er streifte seinen Hinterkopf nur. Trotzdem ri� er Rosens Skalp bis auf den Knochen auf, zerfetzte seinen Nacken und ritzte die Halsarterie an der rechten Seite. Nicht tief genug, um ihn auf der Stelle zu t�ten, <emphasis>zu leicht, </emphasis>aber weit genug, um einen neuen Ausgang zu erschaffen, aus dem das Leben warm und klebrig aus ihm herausstr�mte.</p><p>Er fiel nicht, sondern taumelte blind weiter. Trotz allem registrierte er, da� er sich auf einer Art Schrottplatz zu befinden schien, vielleicht auch nur auf einem mit Unrat und Schrott �bers�ten Fabrikhof. Auf dem Boden schimmerten Glasscherben und scharfkantiges Metall. Links von ihm war etwas Gro�es, Gl�nzendes, vielleicht eine Wand aus Glas, vielleicht auch ein Block aus massivem Metall. Der Todesengel war noch immer hinter ihm. Gigantische Schwingen wie geschliffener Stahl durchschnitten die Luft <emphasis>zu leicht </emphasis>und ber�hrten fast sanft seine Oberschenkel <emphasis>zu leicht </emphasis>und �ffneten sein Fleisch zu einem weiteren Paar blutiger Lippen.</p><p>Rosen schrie. In seinen Beinen war jetzt keine Kraft mehr. Nirgends in seinem K�rper war noch Platz f�r irgendein anderes Gef�hl als Pein oder Angst.</p><p>Er fiel, prallte gegen etwas Hartes und zugleich Nachgiebiges und krallte sich instinktiv fest. D�nne, rote Linien aus Schmerz schnitten in seine H�nde <emphasis>zu leicht, </emphasis>und nur ein kleiner Teil von ihm war noch klar genug und zu logischem Denken f�hig. Dieser winzige Teil jedoch empfand nichts anderes als Erstaunen. Er h�tte nicht mehr am Leben sein d�rfen. Jede einzelne der grauenhaften Verletzungen, die ihm der schwarze Titan zugef�gt hatte, h�tte ihn t�ten m�ssen. Und wenn schon nicht das, so doch der Blutverlust. Der Schrottplatz schwamm in einem Meer aus dampfendem Rot. Trotzdem lebte er noch, vielleicht nur, weil er in diesem Moment dem Tod so nahe war wie niemals zuvor, und weil er pl�tzlich mit unersch�tterlicher Sicherheit <emphasis>wu�te, </emphasis>was auf der anderen Seite auf ihn wartete. Der Tod war keine Erl�sung. Er war nur das Tor in eine andere, unvorstellbare Welt, ein Universum voller endloser Qual und immerw�hrender Furcht.</p><p><emphasis>Zu leicht. </emphasis>Der n�chste Hieb traf ihn nicht mit der rei�enden Kante, sondern mit der ganzen Breite der eisernen Schwinge. Rosen wurde mit furchtbarer Gewalt in die H�he und nach vorne geschleudert, sp�rte, wie mindestens sechs oder sieben R�ckenwirbel splitterten und seine H�fte brach und f�hlte zugleich ein geometrisches Muster aus neuem, blendendwei�em Schmerz auf Gesicht und H�nden. Er schrie, schluckte sein eigenes Blut und erstickte beinahe daran. Trotzdem begriff er, da� er gegen einen Maschendrahtzaun geschleudert worden war, einen Zaun aus gl�hendem, rasiermesserscharfem Draht, der sein Gesicht und seine H�nde zerfetzte und dem Wort<emphasis> unertr�glich </emphasis>eine neue, nie gekannte Dimension verlieh.</p><p>Seine Muskeln versagten ihm endg�ltig den Dienst. Hilflos sackte er am Zaun entlang zu Boden, klammerte sich mit blutigen, verheerten Fingern in den rei�enden Stahl und war nicht mehr in der Lage, seinen Griff wieder zu l�sen. Sein K�rper wurde mit einem so brutalen Ruck herumgerissen, da� er sich die Schulter auskugelte, aber er hatte nicht mehr die Kraft f�r mehr als ein gequ�ltes Wimmern. Es spielte <emphasis>zu leicht </emphasis>keine Rolle mehr. Der Dunkle Engel stand �ber ihm. Seine eisernen Klauen glitzerten.</p><p><emphasis>Zu leicht. </emphasis>Diesmal zielte er auf Rosens Augen.</p></section><section><title><p>2</p></title><empty-line/><p>Es war noch immer das Haus der Pein. Der Mann, der diesen Namen ersonnen hatte, lebte schon lange nicht mehr, genau wie die meisten anderen, die in diesen Mauern gearbeitet und gelitten hatten, und obwohl er diese Bezeichnung nur f�r sich allein gew�hlt und mit keinem anderen Menschen dar�ber geredet hatte, war dieser Name irgendwie geblieben; als h�tte er in den uralten Mauern Substanz gewonnen, die sich hinter wei�er T�nche und modernem Kunststoff verbargen. Vielleicht war es aber auch genau anders herum: Vielleicht war dieses ganze Geb�ude nur entstanden, um seinem Namen einen K�rper zu verleihen.</p><p>F�r Bremer jedenfalls war es so. Er verkn�pfte mit diesem Geb�ude - vor allem mit dem, was darin <emphasis>geschehen </emphasis>war - nichts anderes als unangenehme Erinnerungen. Er hatte sich, lange nachdem alles vorbei war, �ber dieses Haus erkundigt und herausgefunden, da� seine Geschichte �ber Jahrhunderte hinweg tats�chlich eine Geschichte des Leides und der Pein gewesen war. Die Mauern des ehemaligen Klosters hatten mehr Schreie der Verzweiflung geh�rt und Tr�nen des Kummers gesehen als jedes andere von Menschenhand geschaffene Geb�ude dieser Stadt, und in seinen Katakomben und Gew�lben war mehr Blut vergossen worden als auf so manchem Schlachtfeld. Nichts von alledem war in b�ser Absicht geschehen. Die Menschen, die in diesem Geb�ude gelebt und gewirkt hatten, hatten stets in bestem Willen gehandelt, und doch schien es, als ob dieser Ort alles verdrehte, Licht zu Dunkelheit und Gutes zu Schlechtem werden lie�. Es war ein <emphasis>b�ser</emphasis> Ort.</p><p>Und Bremer war hier geboren. Zum zweiten Mal, um genau zu sein. Der Tag seiner ersten Geburt lag mittlerweile gute f�nfzig Jahre zur�ck, aber sein zweites, neues Leben hatte hier begonnen, nicht nur in diesem Geb�ude, sondern tats�chlich in dem<emphasis> Zimmer, </emphasis>in dem er sich jetzt befand, m�glicherweise sogar auf der lederbezogenen Liege, auf der er lag. Er hatte nie danach gefragt. Als sie ihn hereingebracht hatten, war er tot gewesen. Als er die Klinik drei Monate sp�ter wieder verlie�, da...</p><p>�Sie k�nnen sich jetzt wieder anziehen, Herr Bremer.� Dr. Mecklenburgs Stimme ri� Bremer in die beruhigende Wirklichkeit des Untersuchungszimmers zur�ck. Er brauchte eine halbe Sekunde, um zu begreifen, da� die Worte ihm galten, und die zweite H�lfte, um ihren Sinn zu erfassen und darauf zu reagieren. Dann hob er - entschieden zu hastig - die H�nde, fummelte die vier oberen Kn�pfe seines Hemdes zu und stopfte den Rest unordentlich in die Hose, w�hrend er bereits den G�rtel schlo� und von der Kante der Ledercouch glitt; alles in einer einzigen, kompliziert ineinander �bergehenden Bewegung.</p><p>Mecklenburg sch�ttelte den Kopf. �Zirkusreif�, sagte er sp�ttisch. �Irre ich mich, oder haben Sie es ziemlich eilig von hier zu verschwinden?�</p><p><emphasis>Und ob, </emphasis>dachte Bremer. <emphasis>Ich h�tte gar nicht erst kommen sollen. </emphasis>Laut sagte er: �Nein. Ich hasse es nur, Zeit zu verschwenden.�</p><p>�Ein Besuch bei einem Arzt ist niemals Zeitverschwendung�, belehrte ihn Mecklenburg - allerdings nur, um praktisch in der gleichen Sekunde schon den Kopf zu sch�tteln und seine eigene Behauptung zu relativieren: �Obwohl ich gestehen mu�, da� das in Ihrem Fall vielleicht nicht ganz zutrifft. F�r einen Mann Ihres Alters sind Sie in einer geradezu unversch�mt guten Verfassung. Hat man Ihnen das eigentlich schon einmal gesagt?�</p><p>�Mehrmals.� Bremer griff nach seiner Jacke. �Es gibt da einen gewissen Arzt, der es mir alle drei Monate wieder versichert.� Er seufzte. �Im Ernst: Wie lange wollen wir dieses Theater noch treiben? Wir verschwenden nicht nur meine Zeit, sondern auch Ihre. Haben Sie nichts Besseres zu tun, als einen vollkommen gesunden Mann zu untersuchen?�</p><p>�Kein Arzt auf der Welt hat etwas Besseres zu tun, als einen Urenkel von Lazarus zu untersuchen und sein Geheimnis zu ergr�nden�, antwortete Mecklenburg. �Ich bekomme den Nobelpreis, wenn ich erkl�ren kann, wieso Sie noch leben. Glauben Sie etwa, diese Chance lasse ich mir entgehen?� Er grinste, lehnte sich nachl�ssig gegen die Schreibtischkante und sah mit beinahe wissenschaftlichem Interesse zu, wie Bremer seinen �blichen Kampf mit dem Krawattenknoten aufnahm und wie gewohnt verlor.</p><p>�Was machen die Alptr�ume?� fragte er nach einer Weile. Bremer zog eine Grimasse und ri� den Schlips mit einem Ruck herunter, um ihn in die Jackentasche zu stopfen, verlor endg�ltig die Geduld und warf ihn auf die Liege hinter sich.</p><p>�Danke der Nachfrage�, sagte er. �Sie entwickeln sich pr�chtig.�</p><p>Mecklenburg grinste weiter, aber das sp�ttische Funkeln in seinen Augen war nicht mehr da.</p><p>�Sie sollten vielleicht doch mit meinem Kollegen reden�, sagte er. �Ich kann ihn anrufen. Es macht keine M�he. Ich vereinbare gerne einen Termin f�r Sie.�</p><p>�Wenn ich einen Gehirnklempner brauche, sage ich Ihnen Bescheid�, antwortete Bremer. Die Worte klangen sogar in seinen eigenen Ohren sch�rfer, als sie es sollten. Einen Sekundenbruchteil lang �berlegte er, sie mit einer entsprechenden Bemerkung ein wenig zu mildern, tat es aber dann doch nicht. Sie hatten dieses Gespr�ch schon so oft gef�hrt, da� selbst Mecklenburg mit seiner berufsm��igen Sturheit eigentlich begriffen haben sollte, da� er nicht mit einem Psychologen reden <emphasis>wollte. </emphasis>Er hatte Alptr�ume - und?</p><p>Nach dem, was er durchgemacht hatte, hatte er jedes verdammte Recht dazu!</p><p>Mecklenburg sah ihn eine Sekunde lang entt�uscht an, dann zuckte er mit den Schultern und schwang sich mit einer �bertrieben heftigen Bewegung von der Schreibtischkante.</p><p>�Ganz wie Sie meinen�, sagte er. �Sollten Sie es sich anders �berlegen, meine Nummer haben Sie ja. Wir sehen uns dann in drei Monaten.�</p><p>Soviel zu der Frage, wie lange diese Zeitverschwendung noch andauern sollte. Bremer sparte sich die Energie, noch einmal darauf einzugehen, sondern verabschiedete sich mit einem knappen Nicken von Mecklenburg und verlie� den Untersuchungsraum. Nach zwei Schritten blieb er wieder stehen, versenkte die rechte Hand in die Tasche und machte ein �rgerliches Gesicht, noch bevor er sie leer wieder herauszog. Er hatte seine Krawatte auf der Liege vergessen. Nicht, da� ihm viel daran lag. Bremer <emphasis>ha�te </emphasis>Krawatten. Aber sie geh�rte nun einmal dazu, und das Ding hatte fast hundert Mark gekostet; f�r das Gehalt eines kleinen Polizeibeamten entschieden zu viel, um mit reinem Achselzucken darauf zu verzichten. Resignierend drehte er sich um und ging noch einmal zur�ck.</p><p>Er trat ein, ohne anzuklopfen. Mecklenburg hatte seinen Platz auf der Tischkante aufgegeben und sa� hinter seinem Schreibtisch und telefonierte. Als Bremer eintrat, lie� er den H�rer erschrocken sinken und deckte die Muschel automatisch mit der linken Hand ab. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war fast entsetzt.</p><p>Bremer zuckte die Achseln, kniff die Lippen zur Karikatur eines entschuldigenden L�chelns zusammen und deutete auf den zusammengekn�llten Schlips, der auf der Couch lag. In der ersten Sekunde begriff Mecklenburg sichtlich gar nicht, was er meinte, dann nickte er auffordernd, und Bremer durchquerte mit schnellen Schritten das Zimmer, raffte die Krawatte an sich und stopfte sie unordentlich in die Tasche. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich wieder um und ging. Im Vorbeigehen streifte sein Blick die Akte, die vor dem Arzt auf dem Tisch lag. Sie war zugeklappt, aber Bremer konnte seinen eigenen Namen deutlich auf dem Deckblatt lesen. Nein, Mecklenburg hatte ganz eindeutig<emphasis> nicht </emphasis>vor, ihn in absehbarer Zeit aus seiner Patientenkartei zu streichen.</p><p>Wie �blich, durchquerte er den kurzen Gang und die dahinter liegende gro�e Halle mit so schnellen Schritten, da� er gerannt w�re, h�tte er sein Tempo auch nur noch um eine Winzigkeit gesteigert. Die k�hle Sachlichkeit des Behandlungszimmers hatte ihm f�r einen kurzen Moment Schutz geboten, einen Halt, an den er sich klammern konnte, um nicht wieder in den bodenlosen Abgrund zu st�rzen, der sich hinter der Fassade aus scheinbarer Normalit�t und dezentem Luxus verbarg, mit dem die Privatklinik ihre Besucher empfing. Aber dieser Schutz w�rde nicht ewig halten. Nicht einmal besonders lange. Obwohl er wahrscheinlich besser als jeder andere wu�te, da� von diesem Geb�ude keine Gefahr mehr ausging, waren die Gespenster der Vergangenheit hier noch h�chst lebendig.</p><p>Und das vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes. Hinter dem an einen Hoteltresen erinnernden Empfang hielten sich im Moment drei junge Frauen auf. Wie der gr��te Teil des Personals hier trugen sie keine Kittel oder irgendeine andere Art von Krankenhausuniform, sondern schmucke Kost�me, die entweder eine Menge �ber ihre Geh�lter verrieten, oder vermuten lie�en, da� die Klinik ihrem Personal ein gro�z�giges Kleidergeld zahlte, und selbstverst�ndlich waren alle drei jung und �u�erst attraktiv; Bremer war sicher, da� das Personal hier mindestens ebenso nach seinem Aussehen wie nach seinen fachlichen Qualifikationen ausgesucht wurde.</p><p>Eine der drei jungen Frauen kannte er. Sie hatte sich das Haar gef�rbt und zu einem modischen Kurzhaarschnitt frisieren lassen, und sie war ein wenig �lter geworden - nein, nicht �lter: <emphasis>erwachsener. </emphasis>Bremer erkannte sie trotzdem sofort und ohne den leisesten Zweifel wieder. Es war nicht nur eine zuf�llige �hnlichkeit. Die junge Frau...</p><p>...hob in diesem Moment den Kopf und sah so direkt in seine Richtung, als h�tte sie seinen Blick gesp�rt oder seine Gedanken gelesen, und f�r den zeitlosen Augenblick eines Gedankens sah sie ihm direkt in die Augen. Aus �hnlichkeit wurde Identit�t, begleitet von einem Gef�hl ungl�ubigen Entsetzens, denn das, was er sah, war vollkommen unm�glich. Dann blinzelte er, und die Vision zerplatzte; er blickte in ein immer noch attraktives, aber vollkommen fremdes Gesicht.</p><p>Jemand rempelte ihn an. Bremer machte einen hastigen Schritt zur Seite, holte Luft zu einer �rgerlichen Bemerkung und machte sich gerade noch im letzten Moment klar, da� es seine Schuld gewesen war. Schlie�lich hatte er mitten in seinem Sturmschritt angehalten. Statt also eine seiner gef�rchteten sarkastischen Bemerkungen anzubringen, murmelte er ganz im Gegenteil eine Entschuldigung und ging weiter, ohne sich auch nur umzudrehen. Einen Augenblick sp�ter verlie� er die Klinik und rannte beinahe die Treppe hinunter.</p><p>Es regnete immer noch leicht, so da� er einen Vorwand hatte, die hundert Meter zum Parkplatz nun endg�ltig im Laufschritt zur�ckzulegen. Der Regen war nicht sehr heftig, aber eiskalt; zu kalt f�r die Jahreszeit. Seine Finger waren klamm und zitterten, als er den Schl�ssel aus der Tasche zog; er brauchte Sekunden, um ihn ins Schlo� zu fummeln, und noch einmal endlos, um die T�r aufzubekommen und sich hinter das Lenkrad fallen zu lassen.</p><p>Wenigstens redete er sich ein, da� es die K�lte war, die seine H�nde zittern lie�.</p><p>Er hatte sich dieses<emphasis> Deja-vu </emphasis>nicht nur eingebildet. Was andererseits nat�rlich nicht stimmte. Die junge Frau, deren Gesicht er zu sehen geglaubt hatte, war vor f�nf Jahren gestorben, und im Gegensatz zu ihm war sie <emphasis>nicht </emphasis>von den Toten wieder auferstanden. Es war eine Halluzination gewesen, ein b�ser Streich, den ihm sein Unterbewu�tsein gespielt hatte, mehr nicht. <emphasis>Mehr nicht. </emphasis>Aber sie war so unglaublich realistisch gewesen.</p><p>So, wie Halluzinationen nun einmal waren? Bremer schenkte seinem eigenen Konterfei im Innenspiegel ein schiefes Grinsen. Sein Gesicht war na� und sehr bleich. <emphasis>Nat�rlich </emphasis>war es eine Halluzination, ausgel�st durch die Klinik und die gr��tenteils unangenehmen Erinnerungen, die er mit diesem Ort verband. Was ihn erschreckte, das war auch gar nicht der Zwischenfall selbst. Vielmehr die Intensit�t, mit der er darauf reagiert hatte.</p><p>Er sch�ttelte den Kopf, zog mit der linken Hand die T�r zu und schob mit der anderen den Z�ndschl�ssel ins Schlo�. Der Motor sprang wie �blich erst beim dritten oder vierten Versuch an, aber diesmal gestattete Bremer es sich ganz bewu�t, sich dar�ber zu �rgern. Der Wagen war kein Jahr alt, aber sobald der Wetterbericht auch nur Regen<emphasis> ank�ndigte, </emphasis>hatte er Startschwierigkeiten. Er war mit dieser verdammten Karre schon ein halbes Dutzend Mal in der Werkstatt gewesen, ohne da� sie den Fehler gefunden hatten. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, warum er sich diese Unversch�mtheit eigentlich gefallen lie�.</p><p>Der Trick mit der Ablenkung funktionierte. Als der Motor schlie�lich ansprang und stotternd auf Touren kam, �rgerte er sich zwar immer noch, aber die irrationale Furcht, die sich f�r einen Moment in seinen Gedanken ausgebreitet hatte, war wie fortgeblasen. Es lag einzig und allein an diesem verdammten Monstrum von Haus, in dem es zwar so wenig spukte wie in irgendeinem anderen Geb�ude auf der Welt, mit dem er aber zu viele unangenehme Erinnerungen verband. So simpel war die Erkl�rung.</p><p>Bremer balancierte vorsichtig mit Kupplung und Gaspedal, damit der Motor nicht sofort wieder ausging - er wu�te aus leidvoller Erfahrung, da� er danach f�r mindestens zwanzig Minuten gar nicht mehr anspringen w�rde - und nahm sich zum ungef�hr zwanzigsten Mal vor, bei der n�chsten Gelegenheit in die Werkstatt zu fahren und diesmal Tacheles mit den Burschen zu reden. �Die tun was�, knurrte er. �Freunde, ihr werdet euch wundern, was<emphasis> ich </emphasis>tue, wenn ihr diesen Schrotthaufen nicht bald hinkriegt!� Der Motor stotterte zur Antwort und lief ein wenig ruhiger, wenn auch noch immer nicht so rund, da� Bremer es wagte, schon loszufahren. Mit einem �rgerlichen Kopfsch�tteln lie� er sich im Fahrersitz zur�cksinken. Auf ein paar Augenblicke mehr oder weniger kam es jetzt auch nicht mehr an. Ganz im Gegenteil - vielleicht sollte er die wasserscheue Elektronik als seine Verb�ndete betrachten, statt sich �ber sie zu �rgern. Im B�ro wartete nur ein Schreibtisch voller langweiliger Arbeit auf ihn. Manchmal fragte er sich, warum er sich um alles in der Welt das eigentlich noch antat.<emphasis> N�tig </emphasis>hatte er es wei� Gott nicht. Sein Blick fiel auf das Display des Handys, das sich automatisch eingeschaltet hatte, als er den Schl�ssel herumdrehte. Das Ger�t zeigte die Kleinigkeit von zehn Anrufen in Abwesenheit auf - vermutlich mehr; so viel Bremer wu�te, war zehn die maximale Anzahl von Nummern, die der Apparat speichern konnte. Bremer zerbrach sich ein paar Sekunden lang vergeblich den Kopf, welche Tasten er nun in welcher Reihenfolge dr�cken mu�te, um die Nummern der Anrufer auf dem Display erscheinen zu lassen, und gab es dann auf. Der Verk�ufer, der ihm das Ding aufgeschwatzt hatte, hatte ihm versichert, da� die Bedienung kinderleicht w�re. Er hatte beim Einbau nur vergessen, das passende Kind mitzuliefern.</p><p>Die Anzeige im Display erlosch und machte dem Wort <emphasis>Anruf </emphasis>Platz, eine halbe Sekunde, bevor das Ding klingelte. Bremer dr�ckte die Sprechtaste und sagte: �Ja?�</p><p>�Bremer?� N�rdlingers Stimme war verzerrt und so laut, da� Bremer hastig nach dem Lautst�rkeregler griff und ihn herunterdrehte.</p><p>�Ja�, antwortete er. �Oder wer sonst sollte sich unter meiner Nummer melden?� Aus irgendeinem Grund hatte er stets Hemmungen, sich am Autotelefon mit seinem Namen zu melden; eine kleine Marotte, die N�rdlinger eigentlich akzeptieren sollte.</p><p>Er tat es nicht. �Dann melden Sie sich gef�lligst mit Ihrem Namen�, knurrte er. �Ich versuche seit einer Stunde, Sie zu erreichen. Wo zum Teufel waren Sie?�</p><p>�Beim Arzt�, antwortete Bremer. Er schluckte alles, was ihm sonst noch auf der Zunge lag, herunter. Es war eine Menge. N�rdlinger konnte ihn weder leiden, noch machte er einen Hehl daraus, und er w�rde den Teufel tun und dem Kerl auch noch Munition liefern. �Die �bliche Routineuntersuchung.�</p><p>�Mit dem �blichen Ergebnis, nehme ich an�, sagte N�rdlinger. �Dann f�hlen Sie sich doch jetzt bestimmt in der Lage, Ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Fahren Sie zur Baldowstra�e. Sie sehen dann schon, wo. Und wenn Sie das n�chstemal zum Arzt oder sonstwohin gehen, dann nehmen Sie Ihr Handy gef�lligst mit. Deswegen hei�en die Dinger Handys. Weil man sie in die Hand nehmen kann. Nicht, damit man sie im Wagen liegen l��t.�</p><p>�In der Klinik sind sie verboten, soviel ich wei߫, antwortete Bremer. �Baldowstra�e, sagten Sie?� Er versuchte sich zu erinnern, wo die Baldowstra�e lag. Er war nicht ganz sicher, glaubte aber, da� es irgendwo im Ostteil war. Ganz eindeutig nicht ihr Revier.</p><p>�Soll ich Ihnen einen Stadtplan faxen?� fauchte N�rdlinger. �Es geht um einen alten Freund von Ihnen. Sie werden schon sehen. Und jetzt beeilen Sie ich bitte. Die Kollegen warten schon.� Bremer schaltete ab, ohne sich mit irgendeiner H�flichkeitsfloskel aufzuhalten, schnitt dem Handy eine Grimasse und schaltete gleichzeitig Licht und Scheibenwischer ein. Der Motor lief jetzt sauber und rund. Er konnte es wagen, loszufahren.</p><p>Als er den Mondeo vom Parkplatz lenkte, glitt ein Schatten wie von etwas Riesigem, Gefl�geltem �ber den regennassen Asphalt.</p><p>Bremer weigerte sich, hinzusehen. Er f�delte den Wagen in den flie�enden Verkehr ein, fuhr mit zu schnellen achtzig Stundenkilometern stadteinw�rts und lenkte sich mit der Frage ab, welchen Sonderauftrag N�rdlinger heute wieder f�r ihn haben mochte. <emphasis>Kriminalrat </emphasis>N�rdlinger war �u�erst einfallsreich darin, unangenehme Besch�ftigungen f�r diejenigen seiner Mitarbeiter zu finden, die er nicht leiden konnte; eine illustre Auswahl, auf deren Liste der Name Bremer zweifellos ganz oben stand. Seit N�rdlinger seinen Dienst angetreten hatte (gro�er Gott, war das wirklich erst ein Jahr her? Bremer kam es vor wie zehn) hatte er keinen Zweifel daran aufkommen lassen, da� er erst zufrieden sein w�rde, wenn Bremer die gro�z�gige Vorruhestandsvereinbarung annahm, die man ihm angeboten hatte - oder einen Fehler beging, der es ihm erm�glichte, ihn zu feuern. Beides war nicht sehr wahrscheinlich. Bremer f�hlte sich mit noch nicht einmal f�nfzig Jahren entschieden zu jung, um in Rente zu gehen und den Rest seiner Tage mit Zeitunglesen und der Pflege seiner Kakteenzucht zu fristen, und er war in seinem Job einfach zu gut, als da� ihm ein Fehler unterlaufen w�rde, der schwerwiegend genug war, ihm das Genick zu brechen. Au�erdem war es ein unfairer Kampf. N�rdlinger war trotz allem ein sehr f�higer Mann - w�re er das nicht, dann s��e er schon lange nicht mehr auf dem Stuhl, auf dem er sa� -, aber er war auch ein Mann mit einem unersch�tterlichen Glauben an Autorit�t und Regeln. Bremer hingegen war bis zu einer gewissen - sehr hoch angesetzten - Grenze <emphasis>Persona non grata,</emphasis> und als solcher<emphasis> mu�te </emphasis>er einem Mann wie N�rdlinger ein Dorn im Auge sein. Es war nicht etwa so, da� Bremer die Tatsache, praktisch unangreifbar zu sein, jemals ausgenutzt h�tte. Aber die blo�e M�glichkeit, da� er es konnte, war wohl schon mehr, als N�rdlinger ertrug. Er brauchte sehr viel l�nger als die veranschlagte halbe Stunde, um sein Fahrtziel zu erreichen. Trotz der noch fr�hen Stunde erstickte die Innenstadt schon fast im Verkehr. Das Gebiet rings um das neue Regierungsviertel war eine einzige Baustelle, und das w�rde sie Bremers Meinung nach auch noch mindestens f�nf oder sechs Jahre lang bleiben, allen vollmundigen Versprechungen der Politiker zum Trotz. Erst, als er in den Ostteil (<emphasis>den alten Ostteil, </emphasis>verbesserte er sich in Gedanken. Daran w�rde er sich wohl nie gew�hnen) kam, wurde es ein wenig besser. Um das Ma� vollzumachen, verfuhr er sich auf dem letzten St�ck auch noch, so da� er nach dem Weg fragen mu�te und es beinahe elf war, ehe er den Wagen - nachdem er den dritten Passanten nach dem Weg gefragt hatte - endlich um die letzte Biegung lenkte und sah, was N�rdlinger gemeint hatte. Das Handy hatte in dieser Zeit dreimal geklingelt und h�tte es wohl noch �fter getan, h�tte er es nicht irgendwann kurzerhand ausgeschaltet. Ein Hoch auf die Technik.</p><p>Die Stra�e war heruntergekommen und mu�te fr�her, noch zu DDR-Zeiten, so etwas wie ein bescheidenes Industriegebiet gewesen sein. Jetzt standen die meisten Geb�ude leer und waren dem Verfall anheim gegeben. An einem normalen Tag traf man hier zusammengenommen vermutlich nicht einmal ein Dutzend Menschen.</p><p>Jetzt sah Bremer auf Anhieb gut die doppelte Anzahl von Autos; die - obligate - Menge von Neugierigen versuchte er erst gar nicht zu sch�tzen. Er hatte es schon vor Jahren aufgegeben, sich �ber Gaffer zu �rgern, die prinzipiell aus dem Nichts aufzutauchen pflegten und immer neue und erstaunlichere Ideen entwickelten, um Polizei, Feuerwehr und Not�rzte an ihrer Arbeit zu hindern.</p><p>Er lenkte den Ford in scharfem Tempo auf die Menschenansammlung am Ende der Stra�e zu, brachte ihn im buchst�blich letzten Moment mit quietschenden Bremsen zum Stehen und quittierte die zornigen Blicke, die ihn trafen, mit einem schadenfrohen Grinsen. Ein weiterer Minuspunkt in seiner Personalakte, falls sich jemand seine Nummer merkte und ihn meldete. Es war ihm gleich. Mit etwas mehr als der notwendigen sanften Gewalt bahnte er sich einen Weg durch den Auflauf. Er kassierte und verteilte eine Anzahl derber Rippenst��e, Tritte gegen die Waden und auf die Zehen, aber der Saldo fiel eindeutig zu seinen Gunsten aus.</p><p>Der Grund des Menschenauflaufs befand sich nahezu am Ende der Stra�e und bestand aus zwei quer gestellten Streifenwagen und einem RTW der Berufsfeuerwehr. Dahinter erhob sich ein rostzerfressenes Wellblechtor, das ganz so aussah, als w�rde es nur noch von guten W�nschen und verkrustetem Staub vor dem Umfallen bewahrt. Ein leicht genervt wirkender Streifenpolizist hielt davor Wache, lie� ihn aber problemlos passieren, noch bevor er seinen Dienstausweis z�cken mu�te. Entweder kannte der Mann ihn, oder N�rdlinger hatte sein Kommen ausf�hrlich genug angek�ndigt. Bremer quetschte sich durch den schmalen Spalt zwischen den beiden Torfl�geln. Beil�ufig registrierte er das eingetrocknete Blut, das an dem Metall klebte.</p><p>Dahinter lag etwas, das Bremer auf den ersten Blick an eine Mischung aus einem Schrottplatz und einem aufgegebenen Fabrikhof erinnerte: Zerlegte Maschinen, Kisten, Metallschrott, halb ausgeschlachtete Autowracks, zerbrochenes Mobiliar und ganz ordin�rer M�ll bildeten ein einziges, ausuferndes Chaos. Ein halbes Dutzend Beamter stand tatenlos herum, und ein weiteres halbes Dutzend war mit Dingen besch�ftigt, deren Sinn sich nur dem Eingeweihten offenbarte. Bremer wu�te sofort, da� er sich am Schauplatz eines Verbrechens befand. Die Kollegen von der Spurensicherung waren damit besch�ftigt, jeden rostigen Nagel zu katalogisieren und jeden Stein umzudrehen. Der Hof wurde an drei Seiten von sch�bigen Geb�uden mit vernagelten Fenstern und T�ren flankiert, nur direkt gegen�ber des Tores gab es einen engen, mit einem Maschendraht verschlossenen Durchgang. Unmittelbar davor lag ein schmaler, mit einer schwarzen Plastikplane zugedeckter K�rper. Ein Toter. N�rdlinger h�tte ihn nicht herbestellt, wenn es kein Toter w�re.</p><p>Bremer stockte zum ersten Mal, seit er aus dem Wagen gestiegen war, f�r einen kurzen Moment im Schritt, als er N�rdlinger sah.<emphasis> Das </emphasis>war wirklich ungew�hnlich. Kriminalrat N�rdlinger besuchte <emphasis>niemals </emphasis>einen Tatort, es sei denn in Begleitung eines Staatsanwalts oder eines Fernsehteams. Von beidem war weit und breit nichts zu sehen.</p><p>�Das hat lange gedauert�, sagte N�rdlinger, ohne sich mit einer Begr��ung aufzuhalten. �Hatten Sie M�he, die Adresse zu finden?� Bremer verzog die Lippen zu etwas, das N�rdlinger f�r ein Grinsen halten konnte, wenn ihm danach war, und z�ndete sich eine Zigarette an. Er hatte gar keine Lust auf eine Zigarette, aber N�rdlinger war der militanteste Nichtraucher, der ihm jemals begegnet war, und das allein war Grund genug. �Was ist passiert?� N�rdlinger ma� die Zigarette zwischen seinen Lippen mit einem angeekelten Blick, dann deutete er ein Achselzucken an und lie� die Bewegung in ein auf den zugedeckten Leichnam deutendes Nicken �bergehen. Bremer trat an ihm vorbei, ging in die Hocke und streckte die Hand nach der Plastikfolie aus, und N�rdlinger sagte: �Ich hoffe doch, Sie haben nicht zu ausgiebig gefr�hst�ckt.� Es war albern. Bremer verfluchte sich im stillen daf�r, aber er z�gerte tats�chlich einen Moment, die Plane zur�ckzuziehen. Als er es dann doch tat, geschah es zu schnell und mit viel zuviel Kraft.</p><p>Der Anblick war nicht so schlimm, wie er nach N�rdlingers Worten erwartet hatte, aber schlimm genug. Bremer erstarrte f�r eine oder zwei Sekunden.</p><p>�Rosen�, sagte N�rdlinger. �Ich hatte auch ein paar Schwierigkeiten, ihn wiederzuerkennen, aber er ist es.� Er atmete h�rbar ein, zu tief und zu lange, als brauche er zus�tzlichen Sauerstoff, um eine �belkeit zu unterdr�cken, und lie� sich dann neben Bremer in die Hocke sinken. Seine Kniegelenke knackten wie d�nne, zerbrechende �ste. �Sehen Sie sich seine H�nde an.� Bremer zog die Plane noch ein St�ck weiter zur�ck. Er sah sofort, was N�rdlinger meinte. Rosens Gesicht bot einen erschreckenden Anblick, aber seine H�nde sahen noch viel schlimmer aus. Fast alle seine Fingern�gel waren abgebrochen und blutig gesplittert. Mindestens zwei Finger mu�ten gebrochen sein, wahrscheinlich mehr, und seine Handfl�chen wiesen ein geometrisches Muster sich kreuzender Schnitte auf, die bis auf die Knochen hinab reichten. Das Muster in Rosens H�nden pa�te zu dem Maschendrahtzaun, vor dem man ihn gefunden hatte. Bremer brauchte nur eine Sekunde, um die dazugeh�rigen Blutspuren auf dem Draht zu finden.</p><p>�Was ist ... mit seinen Augen passiert?� fragte Bremer m�hsam. Unter seiner Zunge begann sich bittere Galle zu sammeln. Er schluckte sie hinunter, warf die Zigarette neben sich auf den Boden und trat sie mit dem Absatz aus, ohne noch einmal daran gezogen zu haben.</p><p>�So, wie es aussieht, hat er sie sich ausgekratzt�, sagte N�rdlinger. Bremer starrte ihn an, und N�rdlinger nickte zwei- oder dreimal hintereinander, um seine Behauptung zu unterstreichen. �Wir m�ssen nat�rlich das endg�ltige Ergebnis der gerichtsmedizinischen Untersuchung abwarten, aber bisher deutet nichts auf Fremdeinwirkung hin.�</p><p>�Sie meinen, er hat sich das alles ... <emphasis>selbst angetan!�</emphasis></p><p>�Er - oder jemand, der keinerlei Spuren hinterlassen hat.� N�rdlinger erhob sich ebenfalls, wobei seine Gelenke erneut und noch lauter knackten, beugte sich dann aber noch einmal vor und schlug die Plane wieder �ber Rosens Gesicht. Es nutzte nicht viel. Bremers Magen revoltierte noch immer. �Jedenfalls keine, die wir gefunden haben.�</p><p><emphasis>Oder wenigstens keine, die noch da w�ren, </emphasis>f�gte Bremer in Gedanken hinzu. Er sprach es nicht laut aus. Es w�re nicht fair, und es w�re vor allem nicht wahr. N�rdlingers Anruf lag fast eine Stunde zur�ck, und wahrscheinlich hatte die Spurensicherung den Hof schon abgesucht, lange bevor N�rdlinger �berhaupt eingetroffen war. Es geh�rte zwar nicht viel dazu, dachte er sp�ttisch, aber selbst die Berliner Polizei war besser als ihr Ruf. Wenn N�rdlinger sagte, da� keine Spuren da waren, dann waren keine Spuren da. �Vielleicht hat man ihn woanders umgebracht und die Leiche dann hierhergeschafft.�</p><p>�Ja. Vielleicht. Und dann ist der Tote aufgestanden und hat mit solcher Kraft am Draht ger�ttelt, da� er sich die H�nde daran aufgeschnitten hat.� N�rdlinger sch�ttelte den Kopf. �Bevor oder nachdem er sich die Augen aus dem Kopf gerissen hat, was meinen Sie? Er ist hier gestorben. Die Frage ist nur, wie. Und warum.�</p><p>�Vielleicht, weil es doch so etwas wie eine h�here Gerechtigkeit gibt�, murmelte Bremer. Er hatte nicht vorgehabt, so laut zu sprechen, da� N�rdlinger es h�rte, aber N�rdlinger <emphasis>hatte </emphasis>es geh�rt, und als Reaktion verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck noch mehr.</p><p>�Sparen Sie sich solche Spr�che bitte, Herr Bremer�, sagte er steif. �Vor allem, wenn jemand in der N�he ist, der sie falsch verstehen k�nnte.�</p><p>�Ist denn jemand in der N�he?� Die Frage war �berfl�ssig. Die �rtlichen Gegebenheiten waren ausnahmsweise einmal auf ihrer Seite. Die Mauern und das Wellblechtor hielten nicht nur zuverl�ssig die Gaffer fern, sondern ihnen - bisher jedenfalls - auch die Presse vom Hals. Sehr lange w�rde das wahrscheinlich nicht mehr so bleiben. N�rdlinger w�rdigte ihn nicht einmal einer Antwort.</p><p>Bremer kratzte all seinen Mut zusammen, lie� sich noch einmal in die Hocke sinken und zog mit spitzen Fingern die Plane vom Gesicht des Toten. Diesmal war er auf den Anblick vorbereitet. Sein Magen rebellierte zwar noch immer, versuchte aber wenigstens nicht mehr, aus seinem Hals herauszuspringen. Er hatte schon Tote gesehen, die schlimmer zugerichtet waren.</p><p>�Keine sch�ne Art, zu sterben�, sagte N�rdlinger leise.</p><p>Bremer zuckte die Schultern. �Ein paar von seinen Opfern sahen schlimmer aus.�</p><p>N�rdlinger schenkte ihm einen verwirrten Blick, belie� es aber bei einem Achselzucken. Vermutlich verstand er nicht einmal, was Bremer meinte. Auf den ersten Blick bot Rosens Gesicht einen Anblick, das an Grauen kaum noch zu �bertreffen war. Es waren nicht einmal die fehlenden Augen. Jemand hatte seine Lider geschlossen, aber das machte es beinahe noch schlimmer. Die Aug�pfel dahinter waren nicht mehr da. Wo sich die Haut �ber sanfte Rundungen spannen sollte, waren eingesunkene L�cher. Rosens Wangen und Kinn waren von tiefen Kratzern und Rissen zerfurcht, die zum Teil bis auf den Knochen hinabreichten. Er mu�te unvorstellbar gelitten haben, bevor sein Herz endlich ausgesetzt hatte. Keines seiner Opfer war so zugerichtet gewesen. Bremer hatte sie alle gesehen. Trotzdem war ihr Anblick schlimmer gewesen. Es war der<emphasis> Ausdruck </emphasis>auf den Gesichtern der Kinder. Keines seiner Opfer hatte auch nur ann�hernd solche Qualen erlitten, wie sie Rosen ausgestanden haben mu�te. Verglichen damit hatte er seinen Opfern ein gn�diges, schnelles Ende bereitet. Wovon Bremer gesprochen hatte, war jedoch nicht der Ausdruck k�rperlicher Qual. Es war das Entsetzen.</p><p>Die vollkommene, hilflose Fassungslosigkeit, das unbeschreibliche Gef�hl, ausgeliefert zu sein, und diese eine, niemals beantwortete Frage, die er in ihrer aller Augen gelesen hatte: <emphasis>Warum ich?</emphasis></p><p>Er sch�ttelte den Gedanken ab. �Wann ist es passiert?�</p><p>�Irgendwann zwischen Mitternacht und drei�, antwortete N�rdlinger. �Soweit man das bisher sagen kann. Der Nachtw�chter hat ihn heute morgen gegen sechs gefunden.� Bremer sah auf die Uhr. Es war fast Mittag. Er fragte sich, warum man den Toten noch nicht weggebracht hatte, stellte die Frage aber nicht laut. N�rdlinger w�rde seine Gr�nde haben. Und wenn nicht, dann ging es ihn nichts an.</p><p>�Und was habe <emphasis>ich </emphasis>damit zu tun?�</p><p>�Sie machen mir Spa߫, sagte N�rdlinger. �Wenn ich richtig gez�hlt habe, ist das Nummer vier auf Ihrer Liste.�</p><p>Bremer sah auf. �Vier?�</p><p>�Halbach, Belozky, Lachmann - und jetzt Rosen.� N�rdlinger hielt die gleiche Anzahl Finger in die H�he und sch�ttelte den Kopf. �Keine schlechte Bilanz, in vier Monaten.�</p><p>�Was soll das hei�en?� Bremers Stimme war jetzt eine Spur sch�rfer, aber N�rdlinger zeigte sich vollkommen unbeeindruckt. Nach einer oder zwei Sekunden g�nnte er Bremer sogar eines seiner seltenen L�cheln.</p><p>�Gar nichts�, sagte er. �Ich z�hle nur zwei und zwei zusammen - bevor es jemand anderes tut. Glauben Sie denn wirklich, ich w�re der einzige, der da gewisse Zusammenh�nge erkennt?�</p><p>�Das einzige, was ich erkenne, ist ein toter Kinderm�rder.� Bremer stand auf. �Vielleicht hat er in einem klaren Moment ja begriffen, was er f�r ein Ungeheuer ist, und sich aus lauter Entsetzen dar�ber selbst umgebracht.� N�rdlinger wiederholte sein Kopfsch�tteln, trat an Bremers Seite und versuchte mit der Schuhspitze die Plane wieder �ber Rosens Gesicht zu schieben. Ohne Erfolg.</p><p>�Verstehen Sie mich doch nicht falsch, Bremer�, sagte er. �Mein Mitleid mit diesem Kerl h�lt sich genauso wie Ihres in Grenzen. Und das gilt f�r die drei anderen genauso. Aber ich habe heute morgen schon eine Menge unangenehmer Fragen beantworten m�ssen, und ich f�rchte, ich werde noch sehr viel mehr davon h�ren, bis ich heute abend nach Hause gehe. Ich hatte gehofft, da� Sie ein paar Antworten f�r mich haben.� Die Ungeheuerlichkeit, die sich hinter diesen Worten verbarg, kam Bremer erst nach ein paar Sekunden<emphasis> wirklich </emphasis>zu Bewu�tsein. Zu seiner eigenen �berraschung wurde er aber nicht einmal w�tend. Nicht wirklich. Was N�rdlinger gerade angedeutet hatte, war so bizarr, da� er f�r einen Moment ... gar nichts empfand.</p><p>�Ich habe f�r die Zeit zwischen Mitternacht und drei kein Alibi, wenn Sie das meinen�, sagte er spr�de. �M�chten Sie meinen Dienstausweis und meine Waffe?�</p><p>�Seien Sie nicht albern�, antwortete N�rdlinger. �Niemand verd�chtigt Sie, oder wirft Ihnen irgend etwas vor. Als Halbach starb, waren Sie nicht einmal in der Stadt, nicht wahr? Ich sage das nur, weil es da gewisse ... Parallelen gibt.�</p><p>�Sie sind alle drei tot, das stimmt�, sagte Bremer feindselig.</p><p>�Und?� N�rdlinger zuckte unger�hrt mit den Schultern. �Wenn sie mir aufgefallen sind, k�nnten sie auch anderen auffallen.�</p><p>�Ich...�</p><p>�Ich erwarte Sie in zwei Stunden in meinem B�ro�, fuhr N�rdlinger fort, noch immer ruhig, jetzt aber in ver�ndertem, dienstlicherem Tonfall, der einen Befehl aus ihnen machte und die Diskussion gleichzeitig beendete.</p><p>�Soll ich eine Zahnb�rste mitbringen?�</p><p>N�rdlinger verdrehte die Augen. �Bremer - tun Sie mir und vor allem sich selbst einen Gefallen und strapazieren Sie meine Geduld nicht noch mehr. Ich erwarte ein paar konstruktive Vorschl�ge von Ihnen, keine dummen Spr�che. In zwei Stunden.� Er ging. Bremer starrte ihm w�tend nach. N�rdlinger hatte es wieder einmal geschafft, ihn aus der Ruhe zu bringen. Das gelang ihm beinahe jedesmal. Sie gingen sich aus dem Weg, so gut es ging, aber immer war das nun einmal nicht m�glich, und wenn es �berhaupt etwas gab, das Kriminalrat N�rdlingers Pedanterie noch �bertraf, dann war es seine F�higkeit, seinen Gespr�chspartner mit ein paar gezielten Bemerkungen auf die Palme zu bringen.</p><p>Vor allem, wenn dieser Gespr�chspartner Bremer hie�. Vielleicht, �berlegte er, war er ja nur deshalb so w�tend, weil er immer wieder darauf hereinfiel. Dabei w�re es gar nicht n�tig gewesen. Er war ziemlich sicher, da� er N�rdlinger gewachsen war, wenn es ihm nur einmal gelang, Ruhe zu bewahren. In zwei Stunden, wenn sie sich wiedersahen, w�rde er sich einfach zusammenrei�en. Und sei es nur, um N�rdlinger nicht zwei Triumphe an einem Tag zu g�nnen. Einer war genug. Mehr als genug, wenn man es genau nahm.</p><p>Bremer versp�rte ein unangenehmes Kratzen im Hals. Er unterdr�ckte ein Husten und kramte in seinem Mantel nach einem Taschentuch, als sich ein Kribbeln in der Nase hinzugesellte. Er fand keines, hob im letzten Moment den Handr�cken unter die Nase und nieste so kr�ftig, da� seine Trommelfelle knackten.</p><p>�Hier ... bitte.� Jemand hielt ihm ein offenes P�ckchen Tempo hin. Bremer putzte sich ausgiebig die Nase, nickte dankbar und r�usperte sich mehrmals hintereinander und �bertrieben, damit das Kratzen in seinem Hals aufh�rte. Es half allerdings nicht viel. Offensichtlich hatte er sich irgendwo eine Erk�ltung eingefangen.</p><p>Erst dann drehte er sich zu dem Mann herum, der ihm das Taschentuch gegeben hatte. Er erwartete, einen seiner Kollegen zu sehen, vielleicht jemanden von der Spurensicherung, oder auch einen uniformierten Beamten. Statt dessen blickte er in das Gesicht eines vielleicht drei�igj�hrigen, dunkelhaarigen Mannes, der einen f�r die Witterung viel zu d�nnen schwarzen Sommeranzug trug, dazu ein ebenfalls schwarzes Hemd - und einen wei�en Priesterkragen.</p><p>�Danke�, sagte er �berrascht. �Was ... was tun Sie hier?�</p><p>�Nehmen Sie ruhig das ganze P�ckchen�, sagte der andere l�chelnd. �Sie h�ren sich an, als k�nnten Sie es gebrauchen.� Bremer griff fast automatisch zu und steckte die Taschent�cher ein. Gleichzeitig sah er sich verwirrt um. Er hatte sich zwar in den letzten Minuten intensiv mit N�rdlinger besch�ftigt, aber er war auch vollkommen sicher, ganz bestimmt <emphasis>keinen </emphasis>Geistlichen gesehen zu haben, als er vorhin gekommen war.</p><p>�Was tun Sie hier?� wiederholte er. �Wer sind Sie?�</p><p>�Mein Name ist Thomas�, antwortete der andere. �Vater Thomas - aber vergessen Sie den Vater ruhig. Niemand nennt mich so. Ist er das? Sie gestatten doch.� Er deutete auf Rosens Leichnam und lie� sich daneben auf ein Knie herabsinken, ohne Bremers Antwort abzuwarten. W�hrend er mit der rechten Hand ein winziges Silberkreuz an einer Kette unter dem Hemd hervorzog, entfernte er mit der anderen die schwarze Plane von Rosens Gesicht. Auf seinen Z�gen zeigte sich nicht die geringste Reaktion, als sein Blick in Rosens zerst�rtes Gesicht fiel. Er tat alles so schnell und mit einer solchen Selbstverst�ndlichkeit, da� Bremer nicht einmal auf die Idee kam, ihn davon abzuhalten, sondern die kniende Gestalt vor sich nur mit einer Mischung aus �berraschung und Staunen anstarrte. Es dauerte Sekunden, bis er seine Fassung wiederfand.</p><p>�Bitte ... entschuldigen Sie�, sagte er. Keine Reaktion. �Thomas?�</p><p>Er sprach den<emphasis> Vater </emphasis>tats�chlich nicht aus, wenn auch weniger, weil Thomas es ihm angeboten hatte. Er w�re sich albern dabei vorgekommen, einen Mann Vater zu nennen, der jung genug war, um sein Sohn zu sein. Und den er vielleicht in der n�chsten Minute verhaften mu�te.</p><p>Es vergingen noch einmal Sekunden, bevor Thomas reagierte. Er hatte die Augen geschlossen und Zeige- und Mittelfinger der linken Hand auf die Stirn des Toten gelegt. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Nachdem er sein stummes Gebet zu Ende gesprochen hatte, hob er das kleine Kreuz an die Lippen, k��te es fl�chtig und verbarg es dann wieder unter seinem Hemd. Erst dann stand er auf und wandte sich wieder zu Bremer um.</p><p>�Bitte verzeihen Sie�, sagte er, �aber...�</p><p>Bremer unterbrach ihn. �Was suchen Sie hier?� fragte er, in ganz bewu�t nicht mehr allzu freundlichem Ton. �Wer hat Sie hier hereingelassen?�</p><p>�Ihr Kollege am Tor war so freundlich, mich einzulassen�, antwortete Thomas. Bremer wandte den Kopf und warf dem Mann einen �rgerlichen Blick zu, aber Thomas sch�ttelte rasch den Kopf und zog seine Aufmerksamkeit mit einer entsprechenden Geste wieder auf sich.</p><p>�Nehmen Sie es ihm nicht �bel�, sagte er l�chelnd. �Ich wei�, da� er es wahrscheinlich nicht gedurft h�tte. Aber nicht jeder kann sich der Autorit�t eines Priesterkragens widersetzen.�</p><p>�Da haben Sie verdammt recht�, sagte Bremer. �Er h�tte Sie nicht hereinlassen d�rfen. Wir sind hier am Tatort eines Verbrechens. Kannten Sie den Toten?�</p><p>Thomas verneinte. �Ich bin nur zuf�llig vorbeigekommen. Als ich h�rte, was geschehen war, habe ich Ihren Kollegen gebeten, mich einzulassen. Bitte, bereiten Sie ihm deswegen keine Schwierigkeiten. Es w�re mir unangenehm.�</p><p>�Wieso?� fragte Bremer. �Warum wollten Sie hier herein?�</p><p>�Um dem Toten die Sakramente zu geben�, antwortete Thomas.</p><p>�Die Sakramente?� Bremer legte den Kopf schr�g. �Um ehrlich zu sein, habe ich mit der Kirche nicht viel am Hut. Aber trotzdem ... erteilt man die Sterbesakramente nicht eigentlich, <emphasis>bevor </emphasis>jemand stirbt?�</p><p>�Wenn die Zeit daf�r reicht, ja�, sagte Thomas. �Leider kommen wir nicht immer rechtzeitig.�</p><p>�Das stimmt�, antwortete Bremer. �In diesem Fall kommen Sie ungef�hr vierzig Jahre zu sp�t.� Thomas' Blick nach zu schlie�en, verstand er nicht, was Bremer damit meinte - und wie auch? Bremer machte jedenfalls keinen Versuch, seine Worte irgendwie zu erkl�ren, sondern fuhr mit einer unwilligen Geste zum Tor hin fort: �Ich mu� Sie bitten, jetzt wieder zu gehen. Die Spurensicherung ist noch nicht fertig. Sie behindern uns bei unserer Arbeit.�</p><p>�Gleich.� Thomas drehte sich wieder zu dem Toten herum. �Ich m�chte nur noch...� Bremer ergriff ihn am Arm. �Nein, <emphasis>Vater�, </emphasis>sagte er betont. �Jetzt. Es sei denn, Sie k�nnten mir vielleicht irgend etwas �ber den Toten erz�hlen, was ich noch nicht wei�.�</p><p>�Ich m�chte Sie wirklich nicht behindern�, sagte Thomas. Er l�chelte noch immer, und aus irgendeinem Grund<emphasis> wu�te </emphasis>Bremer einfach, da� es ein echtes L�cheln war, kein berufsm��ig aufgesetztes. �Es ist auch nicht meine Aufgabe. Ich bin nur f�r das Seelenheil dieses Mannes verantwortlich.�</p><p>�Machen Sie sich darum keine Sorgen�, sagte Bremer. �Es sei denn, Sie glauben wirklich an ein Leben nach dem Tod.�</p><p>�Ich w�re nicht hier, wenn ich das nicht t�te, Herr Bremer�, antwortete Thomas ernst. �Sie tun es doch auch.�</p><p><emphasis>Und ob, </emphasis>dachte Bremer. <emphasis>Ich k�nnte dir eine Menge dar�ber erz�hlen, mein Freund. Ich bin nur nicht sicher, ob es dir gefallen w�rde. </emphasis>Er sagte das nicht laut. Es geh�rte nicht hierher. Und dazu kam noch etwas: Er konnte es nicht begr�nden, aber dieser junge Geistliche ... verunsicherte ihn. W�re er sich bei dem Gedanken nicht so albern vorgekommen, dann h�tte er gesagt: Er war ihm unheimlich. Statt dessen sagte er: �Manchmal w�nschte ich es mir. Wenn es so w�re, dann k�nnte ich wenigstens sicher sein, da� dieser Kerl f�r alle Zeiten in der H�lle brennt.�</p><p>Thomas sah ihn fast best�rzt an. Sein L�cheln erlosch. Nein: Es erlosch nicht. Es wurde traurig. �Ha� ist keine gute Kraft, Herr Bremer�, sagte er. �So wenig wie Rache.�</p><p>�Das mag sein.� Bremer lie� endlich Thomas' Arm los und zog eine Grimasse. �Aber manchmal hilft es.�</p><p>�Niemandem ist damit geholfen�, widersprach Thomas. �Rache macht die Opfer dieses Mannes nicht wieder lebendig.�</p><p>�Woher wissen Sie, da� er Opfer hatte?� fragte Bremer blitzschnell. Sein latentes Mi�trauen wurde schlagartig zu der Gewi�heit, da�<emphasis> Vater Thomas</emphasis> ihm bisher nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte.</p><p>�Ich habe geh�rt, wie sich die Leute drau�en �ber ihn unterhalten haben�, antwortete Thomas. �Das ist Rosen, nicht wahr? Stefan Rosen.�</p><p>�Sie kennen ihn?�</p><p>�Ich lese Zeitung�, erwiderte Thomas. �Und ich habe einen Fernseher.�</p><p>�Dann werden Sie um so besser verstehen, da� ich nicht unbedingt vor Mitgef�hl zerflie�e�, sagte Bremer. Er sch�ttelte fast zornig den Kopf. �Also meinetwegen. Geben Sie ihm die letzte �lung, oder was immer Sie auch tun m�ssen. Und dann gehen Sie. Aber vorher haben Sie noch die G�te, meinem Kollegen vorne am Tor, der Sie so gro�z�gig eingelassen hat, Ihre Personalien zu geben.�</p><p>�Darf ich fragen, warum?� Thomas wirkte jetzt doch ein wenig verunsichert. Offenbar, dachte Bremer schadenfroh, war ein wei�er Priesterkragen nicht das einzige, was eine gewisse Autorit�t ausstrahlte.</p><p>�Reine Routine, Vater. Reine Routine.�</p><p>Erst eine gute Viertelstunde sp�ter, als er schon wieder im Wagen sa� und sich auf dem Weg nach Hause befand, fiel ihm etwas auf, was er die ganze Zeit �ber unbewu�t gesp�rt hatte, ohne es pr�zisieren zu k�nnen. Thomas hatte ihn zweimal mit seinem Namen angesprochen. Aber er hatte seinen Namen gar nicht genannt.</p></section><section><title><p>3</p></title><empty-line/><p>Bremer fuhr nicht direkt ins Pr�sidium, obwohl er alles hatte - nur keine Zeit. Auf seinem Schreibtisch stapelte sich die Arbeit, und er war ziemlich sicher, da� der Leichenfund von heute morgen den Berg noch weiter anwachsen lassen w�rde; N�rdlinger hatte ihn bestimmt nicht zu sich bestellt, um ein wenig zu plaudern.</p><p>Trotzdem fuhr er zuerst nach Hause. Er hatte M�he, den Weg zu finden und noch mehr M�he, ihn unfallfrei zur�ckzulegen. Bremer war innerlich nicht halb so ruhig, wie er sich �u�erlich gegeben hatte, als er den verkommenen Hinterhof verlie�. Ganz im Gegenteil. Die Ruhe, die er empfand, war mehr ein Schock als alles andere; eine Art von L�hmung, die weniger seinen K�rper oder den logischen Teil seines Denkens befallen hatte, wohl aber seine Emotionen. Sein Bewu�tsein hatte eine Mauer um einen bestimmten Teil seiner Erinnerungen errichtet, durch die kaum noch etwas hindurchkam, aber er<emphasis> wu�te, </emphasis>was dahinter lag, und dieses Wissen allein war schon fast mehr, als er ertragen konnte. Bremer f�hlte sich, als h�tte jemand sein Gehirn in Watte gepackt: Alles war d�ster, dumpf, als fehle eine ganze Facette der Realit�t. Trotzdem: Auch wenn er normalerweise nichts davon hielt, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschlie�en: In diesem Moment war er froh, da� diese Mauer da war.</p><p>Rosen. Wenn es in Bremers beruflichem Leben einen Alptraum gab, dann hie� er Stefan Rosen. Bremer hatte ihn das letztemal vor gut drei Jahren gesehen, und er hatte darum gebetet, ihn niemals wiedersehen zu m�ssen - es sei denn als Leichnam -, aber es hatte in diesen drei Jahren nicht einen Tag gegeben, an dem er nicht mindestens einmal an Rosen <emphasis>gedacht </emphasis>h�tte.</p><p>Er parkte den Ford verkehrswidrig auf einem der beiden Behindertenparkpl�tze vor dem Haus, in dem er wohnte, fuhr mit dem Aufzug in die f�nfte Etage hinauf und warf in einer einzigen, tausendfach ge�bten Bewegung die T�r hinter sich zu, seinen Mantel in Richtung Garderobe und die Autoschl�ssel auf die Couch. Das Display des Anrufbeantworters blinkte. Bremer l�schte die eingegangenen Anrufe, ohne sie abgeh�rt zu haben, schaltete das Ger�t aus und zog nach kurzem �berlegen den Stecker aus der Dose. Er f�hlte sich noch immer wie in Trance, gefangen in einem b�sen Traum, in dem ein geistesgest�rter Serienkiller nicht nur die Haupt-, sondern auch die einzige Rolle spielte und in dem die Wirklichkeit zu einer blo�en Kulisse verkommen war; Staffage, die nur dem einzigen Zweck diente, dem Monster eine angemessene B�hne f�r seinen gro�en Showdown zu bieten. Er h�tte es nicht ertragen, jetzt eine menschliche Stimme zu h�ren. Nicht einmal vom Tonband. Es war seltsam. Seit drei Jahren, seit dem Tag, an dem er den Gerichtssaal verlassen und Rosens triumphierendem Grinsen begegnet war, hatte er von diesem Moment getr�umt: von dem Augenblick, in dem er neben Rosens Leichnam stehen und sich endlich sagen w�rde, da� die Gerechtigkeit am Ende doch gesiegt hatte. In manchen dieser Tagtr�ume hatte er einfach Rosens Leichnam gefunden, so wie es vor einer Stunde tats�chlich passiert war, in manchen hatte er ihn selbst get�tet, in den meisten hatte er einfach tatenlos zugesehen, wie er in t�dlichem Morast versank, von einem tollw�tigen Hund zerrissen oder von seinen eigenen Opfern hingerichtet wurde, die aus ihren Gr�bern wieder auferstanden waren - infantile Rachefantasien, die ihm manchmal selbst peinlich gewesen waren, von denen die Psychologen aber immerhin behaupteten, da� sie n�tzlich seien, um Spannungen abzubauen und Schmerz zu verarbeiten. Bremer bezweifelte das. Aber n�tzlich oder nicht: <emphasis>Wenn </emphasis>es einen Menschen gab, dessen Tod er sich ehrlich gew�nscht hatte, dann war es dieses Monster gewesen.</p><p>Wieso war er dann nicht erleichtert? Wieso, verdammt, empfand er nichts von alledem, was er sich vorgestellt hatte? Weder Erleichterung noch Triumph oder Befriedigung. Rosen war tot. Ganz eindeutig. Die gute Sache hatte am Ende doch gesiegt, und Bremer hatte wieder einmal einen Beweis f�r seine tiefempfundene �berzeugung erhalten, da� es eine h�here Gerechtigkeit im Leben <emphasis>gab.</emphasis></p><p>Und er f�hlte sich so niedergeschlagen und mies wie schon seit langer Zeit nicht mehr. Es hie�, da� jeder Sieg auch einen schalen Beigeschmack hinterlie�. Wenn das stimmte, dachte er, dann mu�te er an diesem Morgen einen<emphasis> gewaltigen </emphasis>Sieg errungen haben.</p><p>Als er in die K�che ging, um sich einen Kaffee aufzubr�hen, zitterten seine H�nde so heftig, da� er mehr Wasser neben als in die Maschine sch�ttete und beide H�nde brauchte, um den Kaffee in den Filter zu bekommen.</p><p>Bremer streckte die Hand nach dem Schalter aus, schlo� dann die Augen und blieb fast zehn Sekunden reglos und mit angehaltenem Atem stehen, ehe er die Bewegung zu Ende f�hrte. Als er die Lider wieder hob, ging es ein wenig besser. Seine Hand zitterte immer noch, jetzt aber wenigstens nicht mehr so stark, da� er Gefahr lief, die ganze Maschine von der Anrichte zu werfen, und auch sein Atem hatte sich ein wenig beruhigt. Ein wenig. Nur ein wenig. Bremer fuhr sich nerv�s mit dem Handr�cken �ber das Gesicht und sp�rte kalten, klebrigen Schwei�. Sein Puls jagte. Statt sich zu beruhigen, begann sein Nervenkost�m immer heftiger zu flattern. Er kam sich vor wie eine Maschine, die au�er Kontrolle geraten war und nun immer schneller und schneller lief, ohne da� irgend jemand in der Lage war, sie anzuhalten. Vielleicht sollte er einfach hei� duschen, um sich zu beruhigen.</p><p>Er verlie� die K�che, durchquerte mit schnellen Schritten (und starr vom Telefon abgewandtem Blick) das Wohnzimmer und verteilte den Gro�teil seiner Kleider schon auf dem Weg ins Bad auf dem Fu�boden. Das war einer der wenigen wirklichen Vorteile, die es mit sich brachte, als Single zu leben, dachte er sp�ttisch. Man konnte nach Herzenslust Unordnung und Chaos verbreiten, ohne da� es jemanden st�rte.</p><p>Bremer drehte die Dusche auf, hielt die linke Hand in den Wasserstrahl, um die Temperatur zu pr�fen und �berlegte es sich dann anders. Er zitterte noch immer leicht am ganzen Leib, und auch wenn er sich jetzt wieder besser in der Gewalt zu haben glaubte, sp�rte er doch gleichzeitig die brodelnde Unruhe tief in sich. Jenseits der Mauer war etwas erwacht. Etwas, das herauswollte. Kratzte. Mit langen, eisenharten Krallen den M�rtel zwischen den Steinen herauszuscharren begonnen hatte und...</p><p><emphasis>Schlu�. </emphasis>Er hatte sich lange genug von den Gespenstern aus seiner Vergangenheit qu�len lassen. Und schlie�lich hatte er gewu�t, da� er extrem reagieren w�rde, wenn er Rosen wiedersah. Er hatte gar kein Recht, so darauf zu reagieren. Vielleicht war er einfach nur �berrascht, da� die Reaktion so schnell kam. Und so <emphasis>anders </emphasis>war. Statt unter die Dusche zu treten, drehte er den Hei�wasserhahn der Badewanne auf, schleuderte Socken und Boxershorts davon und stieg in die Wanne. Bremer sog vor Schmerz die Luft ein, so hei� war das Wasser, aber er drehte den Kaltwasserhahn trotzdem nicht auf, sondern lie� sich mit zusammengebissenen Z�hnen vollends in die Wanne sinken und schlo� die Augen.</p><p>Es wirkte. Das Wasser stieg allm�hlich h�her, so hei�, da� es wirklich<emphasis> weh </emphasis>tat, aber indem er sich auf den Schmerz konzentrierte und ihn mit zusammengebissenen Z�hnen und geballten F�usten unter Kontrolle zu halten versuchte, h�rte auch das Kratzen und Scharren in seinem Inneren auf. Vielleicht auch nicht. Vielleicht h�rte er es auch nur nicht mehr so deutlich. Aber das spielte keine Rolle. Das Ergebnis z�hlte: Das hei�e Wasser wirkte entspannend. Seine H�nde h�rten auf zu zittern, und sein Atem ging zwar immer noch schnell, jetzt aber wohl mehr als Reaktion auf die Ro�kur, die er seinem Kreislauf zumutete. Sein Puls raste, und er begann da, wo er noch nicht im Wasser lag, zu frieren.</p><p>Nach einer Weile gestand er sich widerwillig ein, da� er auf die f�nfzig zuging und seinem K�rper vielleicht nicht mehr die gleichen Dinge antun sollte wie vor drei�ig Jahren: Er hob den Fu� aus dem Wasser, drehte mit den Zehen die Kaltwasserzufuhr auf und geno� das Gef�hl, als seine Haut, von den F��en aufw�rts beginnend, nicht mehr vor Hitze spannte und weh tat. Als das Wasser endlich eine wieder halbwegs ertr�gliche Temperatur erreicht hatte, griff er nach Seife und Waschlappen und begann sich gr�ndlich abzuschrubben, obwohl er erst am Morgen geduscht hatte. Das tat er oft; manchmal zwei-, wenn nicht dreimal am Tag. W�hrend seiner Rekonvaleszenz waren Hygiene und schon fast �bertriebene K�rperpflege lebensnotwendig gewesen, und er hatte diese Angewohnheit beibehalten. Bremer liebte es, manchmal eine Stunde unter dem dampfenden Strahl der Dusche zu verbringen, oder auch zwei oder drei in einer hei�en Badewanne, wo er sich entspannen und ebenso gr�ndlich abschalten und neue Kraft sch�pfen konnte wie andere vielleicht bei einem ausgiebigen Spaziergang im Wald oder einem faulen Abend vor dem Fernseher.</p><p>Heute hatte er einen anderen Grund. Er f�hlte sich schmutzig. Besudelt. Er<emphasis> war </emphasis>schmutzig. Aber es war ein Schmutz, der sich mit Wasser und Seife nicht so einfach abwaschen lie�. Er f�hlte sich leer und unrein. Er hatte Rosen nicht einmal<emphasis> ber�hrt, </emphasis>aber seine blo�e N�he schien schon ausgereicht zu haben, einen Teil seiner Seele zu besudeln; als h�tte er in �belriechenden Teer gegriffen, der nun an seinen Fingern klebte, und den er einfach nicht abwischen konnte, ganz egal, wie angestrengt er es auch versuchte.</p><p>Bremer versuchte den Gedanken ebenso abzusch�tteln wie alles andere zuvor, aber es gelang ihm nicht. Ganz im Gegenteil - er f�hlte sich pl�tzlich in die Rolle des Zauberlehrlings versetzt, der die Geister, die er gerufen hat, nicht mehr los wird, sondern hilflos mit ansehen mu�, wie sie zu immer beunruhigenderem Eigenleben erwachten. Das Wasser schien pl�tzlich wieder w�rmer geworden zu sein und nun tats�chlich die Konsistenz von Teer zu haben. Ja, er glaubte es sogar zu<emphasis> riechen: </emphasis>jenen typischen, nicht einmal wirklich unangenehmen Geruch, der an einem besonders hei�en Tag von der Stra�e aufsteigt, oder manchmal fl�chtig durch ein Fenster hereinweht, wenn man an einer Autobahnbaustelle vorbeif�hrt.</p><p>Was m�glicherweise daran lag, da� in der Badewanne kein Wasser mehr war.</p><p>Im ersten Moment f�hlte er den Unterschied nur, nicht psychisch, sondern ganz banal k�rperlich. Das Wasser wurde w�rmer, f�hlte sich auf seltsame Weise ... <emphasis>schwerer </emphasis>an und ver�nderte seine Konsistenz.</p><p>Dann wurde es schwarz.</p><p>Bremer starrte ungl�ubig auf die z�hfl�ssige, schwarzbraune Br�he, in der er von einem Sekundenbruchteil auf den anderen sa�.</p><p>Nein. Nicht <emphasis>sa�.</emphasis> Zu sitzen <emphasis>glaubte. </emphasis>Was er sah, war nicht real. Es <emphasis>konnte </emphasis>nicht real sein. Dinge ver�ndern sich nicht von einer Sekunde auf die andere. Nicht so. Es war eine Halluzination. Die zweite an diesem Tag, und diesmal eine von einem ganz anderen, reichlich unangenehmen Kaliber. Es mu�te so sein. Bremers Gedanken rasten, kreisten immer schneller und schneller und versuchten, mit dem h�mmernden Rhythmus seines eigenen Pulsschlages Schritt zu halten. Er konnte kaum noch atmen. Auch die Luft im Bad hatte sich ver�ndert. Sie roch jetzt schwer und s��, das brackige Aroma eines Modersumpfes, in dem Dinge starben und verwesten.</p><p>Bremer versuchte noch immer mit verzweifelter Kraft, die Bilder, Ger�che und Gef�hle zu verleugnen, die auf ihn einst�rmten. Es gelang ihm nicht. Die Logik, sein einziger Verb�ndeter in diesem aussichtslosen Kampf, kapitulierte kurzerhand. Es spielte keine Rolle, ob die groteske Ver�nderung seines Universums nun eingebildet war oder real, wenn die Einbildung so realistisch war, da� die Wirkung auf ihn gleich blieb. Seine letzte Verteidigungslinie fiel, und Bremer b�umte sich schreiend auf und versuchte, sich aus dem �belriechenden braunen Morast herauszuziehen, in dem er gefangen war.</p><p>Nicht einmal das gelang ihm. Der schwarze Morast hielt ihn fest, umschlang seine Glieder wie z�her, schon halb erstarrter Teer und verbr�hte gleichzeitig seine Haut. Bremer strampelte verzweifelt mit den Beinen, suchte nach Widerstand, irgendeinem Halt, an dem er sich absto�en konnte, aber da war nichts, und schlimmer noch: Er sp�rte, wie sich unter ihm, tief, unendlich<emphasis> tief </emphasis>unter ihm, etwas bewegte. Hysterie �berschwemmte seine Gedanken. Bremer ri�, mit der absoluten Kraft, die nur schiere Todesangst hervorbringen konnte, den rechten Arm aus dem Morast und versuchte sich am Rand der Badewanne festzuklammern. Seine Finger, glitschig vom Morast, glitten von dem glatten Emaille ab. Zwei, vielleicht drei seiner Fingern�gel brachen ab, was entsetzlich weh tat, aber der Schmerz verschmolz in diesem Moment einfach mit der roten Lohe, die seine Gedanken �berschwemmte. Seine Hand klatschte in den Morast zur�ck. Trotz der pochenden Schmerzen versuchte er sofort, sie wieder zu heben, aber diesmal gelang es ihm gar nicht mehr: Ein Gespinst schwarzer, gummiartiger F�den umschlang seine Hand und die Finger, d�nn wie Nervenf�den, aber so unzerrei�bar wie Stahl. Seine Kraft reichte nicht, sie zu bewegen.</p><p>Der schwarze Morast �ber seinen F��en begann zu brodeln. Kleine, kreisf�rmige Wellen bildeten sich, liefen nach au�en und wurden ersetzt, bevor sie ganz verebben konnten, dann stiegen z�he Blasen an die Oberfl�che des Morasts, zerplatzten, erschienen erneut und ...<emphasis> und etwas tauchte an die Oberfl�che empor.</emphasis></p><p>Bremer wu�te, was es war, noch bevor es wirklich Gestalt annehmen konnte. Aus einem perfiden Grund war ihm sogar klar, da� das <emphasis>Ding </emphasis>aus keinem anderen Grund erschien als dem, weil <emphasis>er </emphasis>es wollte. Etwas<emphasis> in ihm</emphasis> gebar dieses Monster, aber nicht einmal dieses Wissen half ihm jetzt noch. Die Grenze zwischen Realit�t und Wahnsinn war endg�ltig niedergerissen, und die Natur der Lawine zu erkennen, sch�tzte ihn nicht davor, von ihr �berrollt zu werden.</p><p>Der Titan tauchte aus einer brodelnden schwarzen Flut empor, ein gigantischer, schwarzer Kolo� mit Klauen aus rasiermesserscharfem Stahl und gewaltigen Schwingen aus schwarzem Eisen. Bremer schrie, b�umte sich auf und warf sich verzweifelt zur�ck, aber er war zu langsam, gefesselt von dem gleichen, klebrigen Morast, aus dem das Ungeheuer entstanden war.</p><p>Der Kolo� beugte sich vor. Seine gewaltigen Schwingen entfalteten sich, bis sie den Raum fast zur G�nze ausf�llten, und seine t�dlichen Krallen n�herten sich Bremers Gesicht, langsam, auf eine fast schon laszive Art, als genie�e er jeden Sekundenbruchteil dieses Augenblickes; getrieben von einer unaufhaltsamen, unbarmherzigen und in letzter Konsequenz m�rderischen Energie.</p><p>Ihre Ber�hrung war beinahe sanft. Bremer sp�rte nicht den mindesten Schmerz, als der Stahl in seine Haut eindrang und sie ritzte. Trotzdem schrie er in purer Agonie auf, warf sich noch einmal und mit noch verzweifelterer Kraft zur�ck und geriet mit dem Gesicht unter Wasser.</p><p>Z�her, faulig schmeckender Morast f�llte seinen Mund. Er versuchte zu atmen und konnte es nicht. Die st�hlerne Klaue bedeckte sein Gesicht fast vollkommen und dr�ckte ihn tiefer immer tiefer unter Wasser. Seine Lungen schrien nach Luft. Er schluckte den Morast herunter, der in seinem Mund war, versuchte verzweifelt, irgendwo in seinem Rachen noch ein paar Sauerstoffmolek�le zu finden und begriff dann schlagartig und mit entsetzlicher Klarheit, da� er sterben w�rde. Jetzt. Nicht irgendwann. Nicht in jenem schwammigen wann-auch-immer Augenblick, in den der Gedanke an den Tod immer eingebettet war, sondern <emphasis>jetzt. </emphasis>In einer oder zwei Sekunden.</p><p>Er hatte nicht einmal Angst. Alles, was er empfand, war eine immer st�rker werdende Emp�rung, ein w�tender Zorn dem Schicksal gegen�ber, das ihn all diese schrecklichen Dinge hatte �berstehen lassen, nur damit man ihn am n�chsten Morgen ertrunken in seiner Badewanne fand.</p><p>Die t�dliche Klaue zog sich zur�ck. Statt dessen sp�rte er pl�tzlich die Ber�hrung schmaler, aber erstaunlich kr�ftiger Finger, die sich kurzerhand in sein Haar gruben und ihn mit einem Ruck aus dem Wasser zogen.</p><p>Bremer rang qualvoll nach Luft, stemmte sich instinktiv und aus eigener Kraft noch ein St�ck weiter in die H�he und st�rzte halb �ber den Badewannenrand. Das Luftholen war immer noch eine Qual. Er hatte versucht, Wasser zu atmen, und sein K�rper pr�sentierte ihm die Rechnung. Sein Kehlkopf hatte sich zu einem Klumpen aus reinem Schmerz und verkrampften Muskeln zusammengezogen, der sich einfach weigerte, seinen Befehlen zu gehorchen. Zwei, drei Sekunden lang war er fest davon �berzeugt, trotz allem immer noch ersticken zu m�ssen, dann gelang ihm ein erster, qualvoller Atemzug. Er hustete, spuckte Wasser und bitteren Schleim und f�llte seine Lungen mit tiefen, gierigen Atemz�gen. Alles drehte sich um ihn. Sein eigenes Herz pochte so laut in seinen Ohren, da� jedes andere Ger�usch verschluckt wurde. Er begann am ganzem Leib zu zittern.</p><p>�Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Soll ich einen Arzt rufen?� Die Stimme hatte etwas so Unwirkliches, da� er sie im ersten Augenblick nicht einmal zur Kenntnis nahm. Sie war nur Teil eines anderen Alptraums. Seine Fantasie begann zu allem �berflu� auch noch schlampig zu werden. �Herr Bremer! Verstehen Sie mich?� Offenbar war es eine ziemlich hartn�ckige Vision. Au�erdem bekam sie Gesellschaft: Er erinnerte sich pl�tzlich wieder an die Hand, die ihn unsanft an den Haaren gepackt und aus dem Wasser gerissen hatte. Bremer hob m�hsam den Kopf, hustete, versuchte die grauen Schleier vor seinen Augen wegzublinzeln und fuhr schlie�lich mit der Hand dar�ber. Hinterher konnte er kaum besser sehen, aber daf�r meldeten sich seine abgebrochenen Fingern�gel schmerzhaft zur�ck.</p><p>Immerhin konnte er jetzt ein Gesicht vor sich erkennen; nicht ganz klar, denn sein Blick war immer noch verschwommen, aber eindeutig ein Gesicht, das ihm nicht bekannt war.</p><p>Und so ganz nebenbei nicht hierhergeh�rte. Nicht, wenn er wirklich erwacht und aus dem Alptraum in die Realit�t zur�ckgekehrt war.</p><p>�Ich glaube, ich hole doch lieber einen Arzt. Sie sind verletzt.�</p><p>Bremer kniff die Augen zusammen. Es kostete ihn fast seine ganze Willenskraft, aber als er die Lider nach ein paar Sekunden wieder hob, war sein Blick wieder klar. Er blickte in das Gesicht einer dunkelhaarigen, h�chstens f�nfundzwanzigj�hrigen Frau, die ihn besorgt, alarmiert, vor allem aber durch und durch <emphasis>hilflos </emphasis>ansah. �Keine Angst�, brachte er m�hsam hervor. �Das ist ... nur ein ... Kratzer.� Sein Atem ging noch immer so schnell, da� er kaum sprechen konnte, und er zitterte nach wie vor am ganzen Leib. Au�erdem war ihm erb�rmlich kalt. Das Wasser, in dem er lag, war eisig.</p><p>Bremer st�tzte sich mit beiden Handfl�chen auf dem Badewannenrand ab, um sich vollends in die H�he zu stemmen, aber dann wurde er sich der Situation bewu�t, in der er sich befand. �Sie k�nnen sich aussuchen, was Sie zuerst wollen�, sagte er. �Mir meinen Bademantel geben, oder mir sagen, wer Sie sind und wie Sie in mein Badezimmer kommen.� Die junge Frau sah ihn noch eine geschlagene Sekunde auf die gleiche, irritiert-hilflose Weise an, dann stand sie mit einer flie�enden Bewegung auf und nahm den schlichten wei�en Frotteemantel von seinem Haken neben der T�r. Bremer beobachtete sie sehr aufmerksam, w�hrend sie die wenigen Schritte tat. Sie war nicht besonders gro�, aber sehr schlank, fast schon d�nn. Trotzdem wirkten ihre Bewegungen auf eine schwer zu beschreibende Art<emphasis> weiblich.</emphasis> Aber vielleicht lag das schon an dem ganz profanen Grund, da� sie kaum weniger na� war als er selbst. Die wei�e Bluse klebte an ihrer Haut und hatte sich so verhalten, wie es wei�e Seidenblusen immer zu tun pflegten, wenn sie na� wurden: Sie strengte sich mit Erfolg an, durchsichtig zu werden.</p><p>Gottlob, dachte Bremer sp�ttisch, sa� er ja in einer Badewanne mit<emphasis> eiskaltem </emphasis>Wasser. Er wartete, bis sie zur�ckkam und den Mantel mit ausgebreiteten Armen vor sich hielt, dann stand er mit einiger M�he auf, stieg aus dem Wasser und schl�pfte hinein. Er ballte die rechte Hand zur Faust, w�hrend er den Arm durch den �rmel schob. Trotzdem zuckte ein neuer, scharfer Schmerz durch seine Hand, und ein einzelner roter Blutstropfen quoll zwischen seinen Fingern heraus und fiel zu Boden. Als Bremers Blick dem Tropfen folgte, stellte er fest, da� das gesamte Bad fast fingertief unter Wasser stand. Was zum Teufel...?</p><p>�Danke�, sagte er, schlo� - nur mit der linken Hand, um den Bademantel nicht zu allem �berflu� auch noch mit Blut zu versauen - den G�rtel und drehte sich herum. �Und jetzt Frage Nummer zwei: Wer sind Sie?�</p><p>Die junge Frau trat einen halben Schritt zur�ck - er war sicher, sie w�re ihm noch weiter ausgewichen, w�re das Bad dazu nicht einfach zu klein gewesen -, griff in die Ges��tasche ihrer Jeans und zog einen in Plastik eingeschwei�ten Dienstausweis hervor. �Kriminalobermeister Angela West�, sagte sie. �Ich bin Ihre neue Partnerin.� Sie streckte den Ausweis fast wie eine Waffe in seine Richtung. Ihre Hand zitterte ein ganz kleines bi�chen. Von ihrer - ohnehin nur geschauspielerten - Selbstsicherheit war nichts mehr geblieben. Den Namen auf ihrem Ausweis konnte er �brigens nicht entziffern, denn er stand auf dem Kopf.</p><p>Wortlos nahm er ihr das Plastikk�rtchen aus den Fingern, drehte es herum und sagte: �Ich arbeite nie mit einem Partner, und das Foto wird Ihnen nicht gerecht.�</p><p>West nahm ihren Dienstausweis wieder entgegen und warf einen verst�rten Blick auf das Foto. �Es ist ... keine drei Wochen alt�, sagte sie.</p><p>�Genau wie der ganze Ausweis, nehme ich an�, sagte Bremer. �Trotzdem - in einer nassen Bluse sehen Sie entschieden besser aus.�</p><p>West starrte ihn eine halbe Sekunde lang an, dann blickte sie an sich herab und fuhr sichtbar zusammen.</p><p>�Keine Angst�, fuhr Bremer fort. �Das Wasser war kalt genug. Die zweite T�r links ist das Schlafzimmer. Ganz oben im Schrank finden Sie ein paar Sachen, die eigentlich passen m��ten. Und beeilen Sie sich. Mir ist kalt.�</p><p>Sie setzte zu einer Antwort an, drehte sich aber dann sehr hastig um und rannte beinahe aus dem Bad. Bremer sah ihr kopfsch�ttelnd nach, aber sein L�cheln erlosch, kaum da� sie den Raum verlassen hatte. Es war ihm nicht nach L�cheln zumute. Ganz und gar nicht. Er f�hlte sich miserabel. Er fror noch immer erb�rmlich. Seine rechte Hand klopfte immer heftiger, und dieser verr�ckte Alptraum oder diese Fieberfantasie oder was immer es auch gewesen sein mochte, hatte ein heilloses Chaos in seinen Empfindungen hinterlassen. Er konnte nicht klar denken, so als w�re er gar nicht wirklich wach, sondern nur von einem Alptraum in den n�chsten geglitten.</p><p>Z�gernd - und mit mehr Unbehagen, als er sich eingestehen wollte - drehte er sich herum und blinzelte in die Badewanne hinab. Das Wasser darin war Wasser, nicht mehr und nicht weniger, und wenn man genau hinsah, konnte man einen ganz leichten rosafarbenen Schimmer erkennen. Blut. Er mu�te wirklich heftig geblutet haben - oder wirklich<emphasis> lange. </emphasis>Trotzdem - es war nicht mehr als Wasser. Kein Morast. Keine schleimigen F�den, die ihn festhielten und in die Tiefe zu zerren versuchten. Und schon gar kein schwarzer Engel.</p><p>Aus keinem anderen Grund als dem, die unheimlichen Bilder endg�ltig aus seinem Kopf zu verjagen, beugte er sich vor und tauchte die unverletzte Hand ins Wasser. Es war tats�chlich so kalt, wie er geglaubt hatte. Eisig. Dabei hatte er es so hei� einlaufen lassen, wie er es gerade noch ertrug. Er mu�te eine Stunde in dieser Wanne gelegen haben, bevor West ihn fand, wenn nicht l�nger. So unwahrscheinlich ihm selbst diese Erkl�rung auch vorkam, er mu�te wohl in der Wanne eingeschlafen sein. Wie es aussah, hatte die Kleine ihm das Leben gerettet. Das beantwortete zwar noch immer nicht die Frage, wo sie herkam, stimmte ihn aber ein wenig vers�hnlicher. Vielleicht sollte er ihr - und vor allem sich selbst - einfach noch ein bi�chen Zeit lassen, um sich zu sammeln.</p><p>Er wartete, bis er sie drau�en wieder aus dem Schlafzimmer kommen h�rte, dann ging er selbst hin, schlo� sorgsam die T�r hinter sich ab (wobei er sich ein ganz kleines bi�chen albern vorkam...) und zog sich an.</p><p>Bremer lie� sich eine Menge Zeit damit. Seine abgebrochenen Fingern�gel erleichterten ihm die Aufgabe nicht unbedingt, auch wenn sie jetzt wenigstens aufgeh�rt hatten zu bluten, und die Zeit, die er im eisigen Wasser gelegen hatte, hatte ausgereicht, ihn wirklich bis auf die Knochen ausk�hlen zu lassen. Seine Bewegungen waren weniger zielgerichtet als �blich, und nicht ann�hernd so pr�zise.</p><p>Als er das Schlafzimmer verlie�, war das erste, was ihm entgegenschlug, der Geruch von frisch aufgebr�htem Kaffee. Er folgte ihm, ging in die K�che und fand West am Herd stehend, wo sie hei�es Wasser aus dem Kessel in einen Filter go�.</p><p>Er hatte geglaubt, sich lautlos bewegt zu haben, aber West sagte ohne sich herumzudrehen: �Entschuldigen Sie, da� ich mich in Ihrer K�che breitgemacht habe, aber ich dachte, Sie k�nnten einen hei�en Kaffee jetzt gut gebrauchen.�</p><p>�Das stimmt. Aber ich habe eine Kaffeemaschine. Warum benutzen Sie nicht die?� Er wollte noch hinzuf�gen: <emphasis>Das ist einfacher, </emphasis>aber dann fiel sein Blick auf die Kaffeemaschine, und er ersparte sich den Rest. Die Maschine war noch eingeschaltet, aber jemand - West, wer denn sonst? - hatte den Stecker herausgezogen. Die Glaskanne war leer, doch auf ihrem Boden hatte sich ein Ring aus schwarzer Schmiere festgesetzt. Der Geruch nach verbranntem Kaffee war selbst jetzt noch deutlich zu sp�ren, obwohl West keine zwei Meter daneben frischen aufbr�hte.</p><p>�Also zum dritten Mal�, sagte er. �Wer sind Sie, und was tun Sie hier?�</p><p>West go� das restliche Wasser in den Filter, stellte den Kessel auf den Herd zur�ck und schaltete sorgsam die Platte ab, bevor sie sich zu ihm herumdrehte und antwortete:</p><p>�Mein Name ist...�</p><p>�...Angela West, ich wei�.�<emphasis> Angela? </emphasis>Wenn das ein Witz sein sollte, war es kein besonders guter. �Aber was <emphasis>tun </emphasis>Sie hier, verdammt? Und bevor Sie sich die M�he machen: Ich will keine Antworten in der Preisklasse: Ich habe Ihnen das Leben gerettet, oder ich koche Kaffee.�</p><p>�Aber das<emphasis> habe </emphasis>ich�, antwortete sie mit einem treuen Augenaufschlag. Bremer starrte sie nur an, und West wurde sofort wieder ernst und fuhr fort: �Kriminalrat N�rdlinger hat mich geschickt. Ich habe geklingelt, aber niemand hat aufgemacht.�</p><p>�Brechen Sie immer in fremde Wohnungen ein, wenn Sie klingeln und niemand aufmacht?� fragte Bremer.</p><p>�Ich bin nicht<emphasis> eingebrochen�, </emphasis>antwortete sie betont. �Die T�r war nicht abgeschlossen. Ich habe verd�chtige Ger�usche geh�rt, also bin ich reingekommen.�</p><p>�Verd�chtige Ger�usche?�</p><p>Die junge Frau machte ein �rgerliches Gesicht. �Zum Teufel, was soll das? Ich will ja nicht darauf herumreiten, aber wenn ich mich nicht sehr irre, dann habe ich Ihnen gerade<emphasis> wirklich </emphasis>das Leben gerettet. Bedanken Sie sich immer daf�r, indem Sie ihren Lebensretter einem hochnotpeinlichen Verh�r unterziehen?�</p><p>�Nein�, antwortete Bremer. Ihr aufm�pfiger Ton sollte ihn w�tend machen, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Sie stimmte ihn nicht nur milder, sondern weckte auch sein schlechtes Gewissen. Sie hatte n�mlich recht.</p><p>�Entschuldigen Sie�, sagte er. �Ich bin wohl ... ein bi�chen durcheinander.�</p><p>�Das kann ich mir vorstellen.� West fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das Haar, und pl�tzlich wurde ihm bewu�t, wie nahe er ihr war. N�her noch als gerade im Bad, obwohl hier viel mehr Platz war. Er wich einen halben Schritt zur�ck, dann noch einen ganzen.</p><p>�Was war denn �berhaupt los?� fragte sie.</p><p>�Ich ... wei� es nicht�, gestand Bremer. �Ich mu� wohl eingeschlafen sein.�</p><p>�Und im Schlaf haben Sie mit Ihrer Badewanne geboxt?� West machte eine Kopfbewegung in Richtung seines Gesichts. �Und wie es aussieht, hat sie sich ganz sch�n gewehrt.� Bremers Finger folgten ihrer Geste, und er sp�rte vier d�nne, aber sehr lange, parallel verlaufende Kratzer, die �ber seine rechte Wange verliefen. Sie taten nicht weh, deshalb hatte er sie bisher gar nicht bemerkt.</p><p>�Sie haben ... Ger�usche geh�rt?� fragte er. Er hatte keine Lust, auf eine Frage zu antworten, deren <emphasis>wirkliche </emphasis>Antwort er gar nicht h�ren wollte. �Was f�r Ger�usche?�</p><p><emphasis>Woher um alles in der Welt hatte er diese Kratzer? Er konnte sich erkl�ren, wie und wo er sich die Fingern�gel abgebrochen hatte. Aber die Kratzer?</emphasis></p><p>�Ger�usche eben�, sagte sie achselzuckend. �Ein Platschen ... glaube ich.�</p><p>�<emphasis>Glauben </emphasis>Sie?�</p><p>�Als ob jemand in der Badewanne ausgerutscht w�re. So etwas in der Art. Ehrlich gesagt, ich habe gar nicht lange nachgedacht, sondern bin einfach losgelaufen.� Der letzte Satz war wahrscheinlich der einzig ehrliche, den sie bisher gesprochen hatte. Der Rest klang zu sehr nach einer Ausrede, um irgend etwas anderes zu sein.</p><p>�Gott sei Dank sind Sie das�, sagte Bremer. �N�rdlinger hat Sie hergeschickt, sagen Sie? Warum?�</p><p>�Ich habe Ihnen doch gesagt: Ich bin Ihre neue Partnerin. Er war ziemlich verstimmt - um es vorsichtig auszudr�cken. M�chten Sie h�ren, was genau er gesagt hat?�</p><p>�Nein.� Bremer grinste. Die Vorstellung, da� er N�rdlingers Blutdruck in die H�he getrieben hatte, vers�hnte ihn schon wieder halbwegs. �Ich trinke meinen Kaffee �brigens mit viel Zucker und noch mehr Milch.� Er ging zum Tisch, setzte sich und nahm zum ersten Mal all seinen Mut zusammen, um seine verletzte Hand zu betrachten. Sie schmerzte noch immer heftig, sah aber nicht ann�hernd so schlimm aus, wie er erwartet hatte. Drei N�gel waren abgebrochen, und wie es aussah, hatte er sich den kleinen Finger verstaucht. Nichts, wor�ber er sich Sorgen machen mu�te. In den n�chsten Tagen w�rde er ein paar Schwierigkeiten haben, seine Berichte zu tippen, das war alles.</p><p>�Das sieht h��lich aus.� West setzte sich, schob seinen Kaffee �ber den Tisch und beugte sich neugierig vor.</p><p>�Ein Kratzer.�</p><p>�Ein <emphasis>h��licher </emphasis>Kratzer�, beharrte sie. �Ich w�rde Ihnen ja vorschlagen, Ihre Hand zu verbinden, aber ich kann kein Blut sehen. Wahrscheinlich m��ten <emphasis>Sie mich</emphasis> hinterher versorgen. Wie ist das passiert?�</p><p>�F�r jemanden, der gerade frisch von der Polizeischule kommt, sind Sie ziemlich neugierig�, sagte Bremer. �Warum finden Sie es nicht heraus? Sie sind doch Polizistin.�</p><p>�Nicht so eine Polizistin�, antwortete West. �Mein Hauptfach war �ffentlichkeitsarbeit.�</p><p>Bremers Gesicht verd�sterte sich schlagartig. �Ich glaube, jetzt verstehe ich�, sagte er. �Was genau sollen Sie sein - meine Partnerin? Oder mein Wachhund?�</p><p>�Wau, wau�, machte West. �Lassen Sie das�, sagte Bremer ruhig. �Und wenn Sie sich selbst und mir einen Gefallen tun wollen, dann trinken Sie jetzt Ihren Kaffee aus, fahren zu N�rdlinger zur�ck und sagen ihm, da� ich niemanden brauche, der darauf achtet, was ich der Presse sage und was nicht. Ich rede prinzipiell nicht mit Journalisten.�</p><p>�Das sollten Sie aber�, antwortete West. �Es ist immer noch besser, sie verdrehen Ihnen die Worte ein bi�chen, als da� sie sie sich ausdenken. Und was Ihren Vorschlag angeht: keine Chance. Kriminalrat N�rdlinger war sehr deutlich. Ich soll Sie zu ihm bringen.�</p><p>�Tot oder lebendig?�</p><p>�Davon hat er nichts gesagt�, antwortete sie. �Aber ich glaube, ob verletzt oder unverletzt, w�re ihm egal.�</p><p>Bremer hob die rechte Hand. �Sie haben ein Alibi. Ich werde ihm morgen fr�h einfach sagen, das waren Sie.�</p><p>West leerte wortlos ihren Kaffee, stand auf und deutete mit einer Kopfbewegung zur T�r. �W�re es hilfreich, wenn ich an Ihr Mitgef�hl appelliere? Heute ist mein erster Tag. Ich w�rde ihn wirklich nicht gerne damit beenden, gleich meinen ersten Auftrag in den Sand zu setzen.� Wie sch�n, da� sie wenigstens nicht von einem Schlag ins Wasser gesprochen hatte, dachte Bremer sarkastisch. Er sagte nichts, sondern trank nur einen gro�en Schluck Kaffee, stand auf und wandte sich zur T�r. Wests Appell an sein Mitgef�hl ber�hrte ihn nicht im mindesten, aber in einem Punkt hatte sie recht, auch wenn sie es gar nicht so rigoros ausgedr�ckt hatte: Er w�rde nichts besser machen, wenn er noch l�nger herumtr�delte. N�rdlinger war nicht f�r seine �berm��ige Geduld bekannt. Es machte zwar prinzipiell Spa�, ihn zu reizen, aber Bremer wu�te nat�rlich auch, da� er den Bogen nicht �berspannen durfte. N�rdlinger mochte es hinnehmen, sich in ein Nagelbrett zu setzen, das Bremer ihm untergeschoben hatte - aber ganz bestimmt nicht, wenn er das Gesicht dabei verlor.</p><p>Als sie das Wohnzimmer durchquerten, fiel sein Blick auf die Uhr. Er erschrak. Das eiskalte Wasser und der festgebrannte Satz auf dem Boden der Kaffeekanne hatten ihn vorgewarnt - aber die Zeiger der Uhr standen auf<emphasis> sechs. </emphasis>Was zum Teufel war mit ihm passiert? Ihm fehlten ganze vier Stunden!</p><p>�Ich mu� zu Mecklenburg�, seufzte er. �Ich habe zwar keine Ahnung, wer das ist, aber im Moment m�ssen Sie vor allem zu Kriminalrat N�rdlinger�, sagte West. Sie hob den Arm - Bremer war felsenfest davon �berzeugt, in keiner anderen Absicht, als ihn an der Schulter zu packen und einfach vor sich herzuschieben -, besann sich dann aber eines Besseren und belie� es bei einer verungl�ckten und dadurch irgendwie ungelenk wirkenden Geste zur T�r. Bremer schluckte alles herunter, was ihm auf der Zunge lag. Ihm war klar, da� ihre na�forsche Art nichts anderes als �berspielte Unsicherheit war; und das nicht einmal besonders gut. Aber es lohnte sich nicht, ihr den Kopf zu waschen. Was immer N�rdlinger ihr auch gesagt hatte, dieses Kind w�rde ganz bestimmt <emphasis>nicht </emphasis>seine Partnerin werden.</p><p>W�hrend West unaufgefordert - eben ganz der beflissene Schutzengel, der zu sein sie sich offenbar einbildete - zu seinem Schreibtisch ging und zuerst das Telefon und dann den Anrufbeantworter wieder einschaltete, ging Bremer zur Garderobe und nahm seine Jacke vom Haken. Er konnte sich nicht erinnern, sie aufgeh�ngt zu haben. Nein - er war sogar <emphasis>sicher, </emphasis>sie <emphasis>nicht </emphasis>aufgeh�ngt zu haben. Wahrscheinlich hatte West das getan. Wof�r hielt sie sich eigentlich, verdammt?</p><p>Aber wahrscheinlich war diese Frage falsch formuliert, dachte er. Korrekt m��te sie lauten: Was <emphasis>hatte N�rdlinger ihr erz�hlt?</emphasis></p><p>�K�nnen wir?� West trat an ihm vorbei, �ffnete die T�r und wartete mit der Hand auf der Klinke, bis Bremer die Wohnung verlassen hatte. Allm�hlich begann sich Bremer �ber sich selbst zu wundern. Normalerweise h�tte er ein solches Benehmen niemals geduldet, sondern w�re nach sp�testens drei Minuten explodiert, erster Arbeitstag hin oder her. Offensichtlich hatte er doch noch nicht wieder ganz zu sich selbst zur�ckgefunden.</p><p>Aber was nicht ist, konnte ja noch werden. Und vielleicht war es ja ganz interessant, zu beobachten, wie weit sie noch gehen w�rde, um sich bei ihm einzuschmeicheln. Bremer wollte sich zum Aufzug herumdrehen, aber West sch�ttelte energisch den Kopf und deutete in Richtung Treppenhaus. �Mein Wagen steht auf der anderen Seite�, sagte sie. �Es ist vielleicht besser, wenn wir den Hinterausgang nehmen.�</p><p>�Und was spricht dagegen, den Aufzug zu benutzen?�</p><p>�Nichts�, sagte West. �Ich dachte nur, Sie reden nicht gerne mit Journalisten. Ich kann mich ja irren, aber ich bin fast sicher, dort unten mindestens drei Burschen gesehen zu haben, die ihre Seele f�r die Titelseite der morgigen Zeitung verkaufen w�rden.�</p><p>�Reporter? Hier?�</p><p>�Was haben Sie gedacht?� fragte West. �Sie sind ein Star, Herr Bremer. Die halbe Stadt kennt mittlerweile Ihr Gesicht. Obwohl Ihnen das Foto nicht gerecht wird. Sie sehen heute besser aus als vor f�nf Jahren.�</p><p>�Was soll der Unsinn?� Trotz seines gereizten Tones setzte sich Bremer gehorsam in Richtung Treppenhaus in Bewegung, ertappte sich aber dabei, vorher noch einen schnellen, nerv�sen Blick zum Aufzug zu werfen.</p><p>�Ich habe nur den Auftrag, Sie ins Pr�sidium zu bringen. Und daf�r zu sorgen, da� Sie der Presse nicht in die H�nde fallen. Mehr wei� ich auch nicht.� West zog die T�r zum Treppenhaus auf, warf einen raschen Blick durch den Spalt und nickte zufrieden, als der Raum dahinter offensichtlich leer war. �Ich habe mich nicht darum gerissen, wenn es Sie beruhigt. Und es w�re auch nicht n�tig gewesen, wenn Sie Ihr Telefon nicht ausgeschaltet h�tten.�</p><p>Bremer sp�rte, da� das Gespr�ch erneut in eine Richtung abzudriften begann, die ihm nicht gefiel, und verbi� sich die Antwort, die ihm auf der Zunge lag. Statt dessen sagte er: �Tun Sie mir einen Gefallen, Frau West. H�ren Sie auf, so zu reden, als w�ren wir hier in einem schlechten Fernsehkrimi. Das ist weder besonders originell, noch sammeln Sie damit Pluspunkte bei mir.� Nicht, da� das n�tig w�re. Er w�rde gute Miene zum b�sen Spiel machen und sich von seinem selbsternannten Cherubim zum Pr�sidium fahren lassen, und das war es dann auch schon. Ihre Partnerschaft w�rde ein ziemlich abruptes Ende finden.</p><p>�Ganz wie Sie w�nschen, Herr Bremer�, antwortete sie k�hl, aber eigentlich ohne irgendeinen verletzten oder gar beleidigten Unterton in der Stimme. Er h�tte mit Leichtigkeit noch einmal nachlegen k�nnen, aber wozu?</p><p>Schweigend gingen sie nebeneinander die Treppe hinunter und verlie�en das Haus durch den Hinterausgang. Bremer sah nicht einmal den Schatten einer Kamera, geschweige denn eines Reporters, aber er zweifelte Wests Worte trotzdem nicht an. Er hatte genug Erfahrungen mit der Presse, um diesen Kanalratten buchst�blich <emphasis>alles </emphasis>zuzutrauen. Er verstand nur nicht, warum sie es jetzt schon wieder auf ihn abgesehen hatten. Aber er stellte auch keine entsprechende Frage; wenigstens nicht an West.</p><p>N�rdlinger w�rde es ihm schon sagen. Fr�her oder sp�ter.</p></section><section><title><p>4</p></title><empty-line/><p>Es mu�te zehn Jahre her sein, da� er das letztemal in einer Kirche gewesen war. Fast auf den Tag genau, wenn er es recht bedachte. Sein j�ngster Sohn war vor drei Wochen zehn geworden, und sie hatten ihn damals - auf Wunsch seiner Frau, ganz bestimmt nicht auf sein eigenes Betreiben hin! - kirchlich taufen lassen, und Marc hatte vor einer Woche seinen zehnten Geburtstag gefeiert. Seither hatte er keine Kirche mehr von innen gesehen. Und w�re es nach ihm gegangen, dann w�rde es auch die n�chsten zehn Jahre lang so bleiben. Und die n�chsten. Und auch die darauf folgenden n�chsten.</p><p>Leider ging es nicht nach ihm. Strelowsky versuchte das Stra�enschild an der n�chsten Ecke zu erkennen, aber es huschte zu schnell vorbei. Der str�mende Regen verwandelte die Windschutzscheibe in ein Kaleidoskop aus blitzenden Farben und ineinanderflie�enden Schlieren. Automatisch stellte er den Scheibenwischer schneller, kniff die Augen zusammen und drehte das Lenkrad eine Winzigkeit nach links, um einem Wagen auszuweichen, der am Stra�enrand geparkt war; selbstverst�ndlich unter der einzigen Laterne, die<emphasis> nicht </emphasis>funktionierte. Strelowsky sch�ttelte den Kopf, g�nnte sich aber trotzdem den Luxus eines fl�chtigen L�chelns. Der Besitzer des Wagens war vielleicht ein Idiot, aber trotzdem ein potentieller Mandant. Solange die Welt voller Idioten war, war seine Zukunft gesichert.</p><p>Er konzentrierte sich wieder auf die Stra�e. Die Gegend war ihm vollkommen unbekannt, aber trotz allem wu�te er nat�rlich wenigstens ungef�hr, wo er war. Berlin war zwar gro�, aber nicht <emphasis>so </emphasis>gro�, da� er sich hoffnungslos verirrt h�tte. Die zweite oder dritte Stra�e rechts, und er war da. Und dann?</p><p>Strelowsky fragte sich, was er hier �berhaupt tat. Es war nicht seine Art, auf anonyme Anrufe zu reagieren. Und schon gar nicht <emphasis>auf solche. </emphasis>Aber irgend etwas war an diesem Anruf anders gewesen als an den anderen - von denen er mehr als genug bekam. Berufsrisiko. Es geh�rte zu seinem t�glich Brot, angefeindet, beschimpft, bedroht, diffamiert oder auch (was tats�chlich schon vorgekommen war) mit Fl�chen belegt zu werden. Er nahm so etwas normalerweise nicht ernst. Hunde, die bellten, pflegten im allgemeinen tats�chlich nicht zu bei�en.</p><p>Diesmal jedoch... Er sah den Fu�g�nger im buchst�blich allerletzten Moment, trat mit aller Kraft auf die Bremse und ri� gleichzeitig das Lenkrad nach links. Eine dieser beiden Reaktionen mu�te wohl falsch sein, denn der Wagen brach aus und schlitterte, ABS hin oder her, auf blockierenden R�dern so knapp an dem Passanten vorbei, da� Strelowsky seine Augenfarbe h�tte erkennen k�nnen, w�re er nicht voll und ganz damit besch�ftigt gewesen, mit dem bockenden Lenkrad zu k�mpfen, um die Kontrolle �ber den Mercedes irgendwie zur�ckzuerlangen. Der Wagen schlitterte weiter, vollendete seine begonnene Drehung und kam mit einem Ruck zum Stehen, als die beiden R�der auf der linken Seite mit der Bordsteinkante kollidierten.</p><p>Der Anprall war so hart, da� er eine Sekunde lang ernsthaft f�rchtete, die Airbags w�rden ausl�sen, was ihn nicht nur in eine peinliche Situation bringen, sondern auch eine h�bsche Stange Geld kosten w�rde. Statt dessen ging nur der Motor aus. Auf dem Armaturenbrett leuchtete eine Anzahl gr�ner und roter Lichter auf, und der Bordcomputer qu�kte ihm mit seiner synthetischen Stimme irgendeine Warnung zu, die er zwar nicht verstand, nichtsdestotrotz aber am liebsten mit einem Fu�tritt beantwortet h�tte. Eine Hupe schrillte. Rasch hintereinander tasteten drei, vier Scheinwerferpaare �ber den Wagen und tauchten sein Inneres in fast schon grelles Licht, und Strelowsky wurde sich des Umstandes bewu�t, da� aus seiner kleinen Unachtsamkeit vielleicht doch noch ein ausgewachsener Unfall werden konnte, wenn er nicht bald etwas tat; der Wagen stand auf der falschen Stra�enseite, und <emphasis>seine </emphasis>Scheinwerfer konnten den Fahrer eines entgegenkommenden Fahrzeuges schlie�lich ebenso blenden, wie es ihm gerade umgekehrt erging. Ein selbstverschuldeter Autounfall, m�glicherweise mit Verletzten, Sachschaden und einer fetten Strafanzeige: genau das, was er jetzt noch brauchte. Mit Fingern, die weitaus heftiger zitterten, als ihm selbst bewu�t war, drehte Strelowsky den Z�ndschl�ssel und wurde mit einem gehorsamen Aufheulen des Motors belohnt. Durch die regennasse Frontscheibe konnte er den Passanten sehen, den er um ein Haar �berfahren h�tte. Der Mann hatte bis jetzt wie zur Salzs�ule erstarrt dagestanden und ihn mit offenem Mund angestarrt; jetzt setzte er sich z�gernd, aber schneller werdend in Bewegung. Strelowsky konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber er hatte eine ziemlich klare Vorstellung davon, was sich in diesem Moment darauf abspielte: Nachdem der Schrecken �berwunden und die Erleichterung dar�ber, noch am Leben zu sein, verdaut war, machten sich Emp�rung und gerechter Zorn auf seinen Z�gen breit. Er kannte diese Verwandlung von jedem dritten Mandanten, der ihm gegen�bersa�. Menschen, die sich im Recht w�hnten, waren schlimm; solche, die sich im Recht<emphasis> und </emphasis>dazu ungerecht behandelt f�hlten, waren eine Pest.</p><p>Er h�mmerte den Gang hinein, wartete eine L�cke im entgegenkommenden Verkehr ab und fuhr mit viel zuviel Gas los. Unter den Hinterr�dern des Benz spritzen zwei glitzernde Wasserfont�nen hoch und vereinigten sich pr�zise vor dem Gesicht des ungl�ckseligen Fu�g�ngers zu einer einzigen. Diesmal versuchte Strelowsky erst gar nicht, ein schadenfrohes Grinsen zu unterdr�cken, vor allem nicht, als der Wagen auf der Stelle herumschleuderte und er im R�ckspiegel den drohend in seiner Richtung emporgereckten Mittelfinger des Burschens sah. Tausend Mark, dachte er. Zwei, wenn er den richtigen Richter fand. Die Zeiten, in denen der Stinkefinger ein billiges Vergn�gen war, waren schon lange vorbei.</p><p>Aber der Typ hatte Gl�ck. Er war heute nicht hier, weil er auf der Jagd nach einem Mandanten war, oder jemanden suchte, der ihm Grund zu einer Abmahnung gab.</p><p>Strelowsky nahm ein wenig Gas zur�ck, schaltete in den n�chsth�heren Gang und verlagerte seine Aufmerksamkeit wieder von der durchn��ten Gestalt im R�ckspiegel auf die Stra�e vor sich. Wenn er bei seinem kleinen Dreher nicht vollends die Orientierung verloren hatte, dann konnte es jetzt nicht mehr sehr weit sein. Die n�chste oder �bern�chste Stra�e. <emphasis>St. Peter. Sie erkennen es dann schon.</emphasis></p><p>Woran zum Geier erkannte man eine Kirche? Etwa am Glockenturm?</p><p>Es war nicht die �bern�chste Stra�e, sondern die danach. Obwohl Strelowsky weit mehr auf die Stra�enschilder als auf den Verkehr achtete, h�tte er die Einm�ndung um ein Haar doch noch verpa�t. Er mu�te hart bremsen, rutschte trotzdem noch ein gutes St�ck weiter und mu�te f�nf oder sechs Meter zur�cksetzen, um �berhaupt abbiegen zu k�nnen. Seine Laune sank noch weiter. Der zweite Fehler, den er auf dem Weg hierher beging - und wenn er ehrlich war, wahrscheinlich eher der zweiundzwanzigste. Er fuhr unkonzentriert wie schon seit langem nicht mehr. Dieser omin�se Anruf besch�ftigte sein Unterbewu�tsein offensichtlich weit mehr, als er zugeben wollte.</p><p>So weit das Wetter diese Beurteilung zulie�, befand er sich in einer ziemlich heruntergekommenen Gegend. Etliche H�user schienen leer zu stehen - entweder das, oder ihre Bewohner hatten gleich etagenweise vers�umt, die Stromrechnungen zu bezahlen. Am Stra�enrand waren nur sehr wenige Wagen geparkt, darunter ein paar Prachtst�cke notd�rftig nachlackierter Trabbis, ein mindestens f�nfzehn Jahre alter Golf und ein leibhaftiger Wartburg, der wahrscheinlich schon wieder einen gewissen Liebhaberwert hatte... Wann war er das letztemal in einer Gegend wie dieser gewesen? Er wu�te es nicht, aber es war l�nger <emphasis>her </emphasis>als sein letzter Besuch in einer Kirche, und es war ungef�hr genau so freiwillig geschehen.</p><p>Strelowsky fuhr langsamer, schaltete die Scheibenwischer auf die h�chste Geschwindigkeitsstufe und reduzierte sein Tempo noch einmal. Der Mercedes, der wahrscheinlich mehr gekostet hatte als die meisten H�user, an denen er vorbeifuhr, bewegte sich jetzt kaum noch schneller als ein Fu�g�nger.</p><p>Trotzdem w�re er um ein Haar an seinem Ziel vorbeigefahren. <emphasis>Sie sehen es dann schon. </emphasis>Quatsch! Er h�tte ihm lieber sagen sollen, da� er eben <emphasis>nichts </emphasis>sehen w�rde. Das Grundst�ck lag ein gutes St�ck von der Stra�e zur�ck versetzt und war nicht beleuchtet. Trotzdem konnte er seine enorme Gr��e erkennen. Die Kirche selbst nahm nur einen kleinen Teil des vorhandenen Platzes ein; den Rest beanspruchte eine seltsame Mischung aus Friedhof und Park. Das Gel�nde mu�te selbst in diesem Teil der Stadt noch Millionen wert sein. Strelowsky wunderte sich fl�chtig, da� dieser Schatz noch keine Grundst�cks-spekulanten angezogen hatte.</p><p>Er hielt an, stieg im str�menden Regen aus und schlug den Jackenkragen hoch, ehe er die T�r zuschlug und sorgsam abschlo�. Die Gegend war ihm nicht geheuer. Der Umstand allein, da� er vor einer Kirche parkte, w�rde einen potentiellen Autodieb vermutlich nicht davon abhalten, den Wagen zu stehlen. Die Welt war voller potentieller Diebe. Potentieller Mandanten, sozusagen, die daf�r sorgten, da� er nicht arbeitslos wurde. Diesmal am�sierte ihn der Gedanke nicht ann�hernd so sehr wie noch vor ein paar Minuten.</p><p>Strelowsky drehte das Gesicht aus dem Regen und lief mit weit ausgreifenden Schritten und schr�g nach vorne gebeugt auf das offenstehende Tor in dem geschmiedeten Zaun zu. Es wurde immer k�lter. Obwohl er vor nicht einmal einer Minute aus dem beheizten Wagen ausgestiegen war, zitterte er schon vor K�lte. Der Regen fiel jetzt fast waagerecht, und die Tropfen stachen wie winzige, spitze Nadeln in sein Gesicht. Seine Schuhe - Timberland, Wildleder, der Gegenwert einer mittleren Scheidung oder drei, wenn nicht vier Verfahren wegen Trunkenheit am Steuer - platschten in kn�cheltiefem Wasser. Mit ein bi�chen Pech konnte er sie als Totalverlust abschreiben. Allm�hlich begann dieses Unternehmen ziemlich teuer zu werden, dachte Strelowsky mi�mutig. Und dabei hatte es noch nicht einmal richtig angefangen.</p><p>Als er sich der eigentlichen Kirche n�herte, begriff er zumindest, was die Stimme am Telefon gemeint hatte, als sie sagte, er w�rde es dann schon sehen. Bei Dunkelheit und str�mendem Regen war St. Peter nichts mehr als ein buckeliger Schatten, der wohl bedrohlich gewirkt h�tte, w�re er in der Stimmung gewesen, auf Stimmungen zu achten. Tags�ber und bei entsprechender Beleuchtung mu�te sie einen beeindruckenden Anblick bieten. Die Kirche war nicht sehr gro�, schien aber bei der herrschenden Beleuchtung (oder sollte er lieber sagen: Nicht-Beleuchtung?) nur aus gotischen Spitzb�gen, S�ulen und Pilastern zu bestehen, auf denen pausb�ckige Gargoylen mit Fl�geln und Krallen hockten. �ber den drei ineinandergeschachtelten B�gen des gro�en Portals schwebte ein steinerner Engel. Der str�mende Regen versilberte seine Fl�gel und erweckte das halb zerfallene Gesicht auf unheimliche Weise zum Leben.</p><p>Strelowsky verscheuchte den Gedanken und beschleunigte seine Schritte noch mehr. Das waren alberne Gedanken, kindisch und vor allem eines Mannes in seiner Position einfach nicht w�rdig. Er war jetzt seit einer Minute in diesem Regen, und offensichtlich fantasierte er bereits schon; vielleicht im Vorgriff auf das Fieber, das er sich mit diesem Schwachsinnsunternehmen garantiert einhandeln w�rde.</p><p>Trotzdem ertappte er sich dabei, noch einmal einen raschen Blick zu dem steinernen Cherubim �ber dem Eingang zu werfen, als er die Treppe hinauf st�rmte. Genau in dem Sekundenbruchteil, in dem er es tat, zuckte ein Blitz �ber den schwarzen Himmel. Der Wolkenbruch mauserte sich zu einem Gewitter. Das grelle Licht l�schte f�r einen Sekundenbruchteil alle Schatten aus und ersetzte sie durch bodenlose, schwarze Abgr�nde, die in der Wirklichkeit klafften.</p><p>Ein zweiter Blitz loderte �ber den Himmel. Er l�schte die unheimlichen Schatten aus und lie� die Konturen der Grabsteine und Statuen auf dem Friedhof als schwarze Umrisse aus der Nacht auftauchen und ebenso schnell wieder damit verschmelzen. Aber vielleicht gerade, weil die Schatten nur f�r einen Sekundenbruchteil aufblitzten, erweckte einer davon Strelowskys besondere Aufmerksamkeit: Es war ein steinerner Engel, lebensgro� und uralt, vielleicht sogar das Gegenst�ck dessen, der �ber dem Portal schwebte. Etwas daran ... beunruhigte Strelowsky. Nat�rlich war er sich auf der einen Seite vollkommen, zweifelsfrei und �berhaupt <emphasis>hun-dert-pro-zen-tig </emphasis>dar�ber im klaren, da� es vollkommener Unsinn war, unm�glich und ganz und gar ausgeschlossen, aber leider gab es da noch eine andere Seite, eine neue, unbekannte, aber leider auch �u�erst hartn�ckige Stimme in ihm, und <emphasis>diese </emphasis>Seite seines visuellen Wahrnehmungsverm�gens behauptete steif und fest, da� sich der steinerne Engel gerade vor seinen Augen <emphasis>bewegt </emphasis>hatte; auf eine unheimliche und gleichsam bedrohliche Art. Vielleicht nicht einmal wirklich bewegt. Vielmehr war es ihm, als ob er ... <emphasis>die Absicht einer Bewegung gesp�rt </emphasis>hatte. Verr�ckt. Nicht nur unlogisch, sondern vollkommen widersinnig. Der Gedanke ergab nicht einmal den Hauch eines Sinns. Was war mit ihm los?</p><p>�Herr Strelowsky?� Strelowsky fuhr erschrocken zusammen und drehte sich so schnell herum, da� er auf den nassen Steinstufen beinahe das Gleichgewicht verloren h�tte. In dem geschnitzten Portal vor ihm hatte sich eine schmale T�r ge�ffnet, in der sich eine schattenhafte Gestalt abzeichnete, ein schwarzer Scherenschnitt, wahrscheinlich nicht einmal so gro� wie er, und doch erschien er ihm f�r einen einzelnen, gr��lichen Moment wie ein bedrohlicher, steinerner Riese, ein Gigant mit Fl�geln und toten Augen aus Marmor, die ihn gnadenlos anstarrten und...</p><p>�M�chten Sie dort drau�en stehenbleiben und sich eine Erk�ltung holen, oder ziehen Sie es vor, zu mir hereinzukommen. Ich wei�, da� Sie kein gro�er Kirchg�nger sind, aber hier drinnen ist es w�rmer.� Der Mann machte einen Schritt zur�ck und gab damit nicht nur den Eingang frei, sondern wurde von einer Alptraumgestalt auch wieder zu einem ganz normalen Menschen.</p><p>Einem nicht einmal besonders beeindruckenden Menschen, um genau zu sein. Selbst Strelowsky, der alles andere als ein Riese war, mu�te ihn noch um einige Zentimeter �berragen, und die schwarze Soutane verlieh ihm keine Autorit�t, sondern lie� ihn eher noch verwundbarer erscheinen. Strelowsky konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen; seine Brille war na�, und als er endlich aus seiner Erstarrung erwachte und mit einem umst�ndlichen Schritt durch die schmale T�r trat, beschlugen die Gl�ser praktisch sofort.</p><p>�Sie ... sind doch Herr Strelowsky, oder?�</p><p>�Werfen Sie mich wieder raus, wenn ich nein sage?� fragte Strelowsky, sch�ttelte aber gleichzeitig den Kopf. �Ich bin es. Und Sie sind...?�</p><p>�Thomas�, antwortete der andere. �Vater Thomas. Aber auf den <emphasis>Vater </emphasis>k�nnen wir gerne verzichten.�</p><p><emphasis>Warum sagst du es dann erst? </emphasis>dachte Strelowsky. Er antwortete nicht, sondern nahm seine Brille ab, fuhr sich mit der anderen Hand �ber das nasse Gesicht und tat dann so, als suche er in seiner Jacke nach einem Taschentuch. In Wirklichkeit tastete er nach dem kleinen Kassettenrecorder, den er eingesteckt hatte, bevor er das Haus verlie�. Seine Finger waren klamm und hatten ein wenig M�he, den winzigen Aufnahmeschalter zu dr�cken, dann fragte er: �Sie haben mich angerufen?�</p><p>�Wir haben telefoniert�, best�tigte Thomas. �Ich freue mich, da� Sie kommen konnten.� Das Ger�t begann ganz sanft in seiner Hand zu vibrieren. Es lief. Das dazugeh�rige Mikrofon hing als Krawattennadel getarnt an Strelowskys Schlips. Er hoffte, da� die empfindliche Elektronik die kalte Dusche unbeschadet �berstanden hatte, war sich aber im Grunde dessen ziemlich sicher. Schlie�lich war das verfluchte Ding teuer genug gewesen.</p><p>Er zog die Hand - zusammen mit einem Tempo - aus der Tasche und begann seine Brillengl�ser trockenzureiben. Seine H�nde zitterten noch immer, aber er war jetzt sicher, da� es nur noch die K�lte war. Eine Minute klang wenig, war aber verflucht viel, wenn man sie im str�menden Regen verbrachte und noch dazu bis zu den Kn�cheln in eiskaltem Wasser stand. Kein Wunder, da� seine Fantasie Amok lief und er anfing, Gespenster zu sehen. Hier drinnen f�hlte er sich schon sicherer.</p><p>Vielleicht war es auch nur der Recorder in seiner Tasche. Das sachte Vibrieren des Ger�tes erf�llte ihn mit einem Gef�hl der St�rke, das f�r einen Moment fast so intensiv war wie die - ebenso unbegr�ndete - Furcht, die ihn drau�en gequ�lt hatte.</p><p>Umst�ndlich setzte er seine Brille wieder auf, kn�llte das Taschentuch zu einem Ball zusammen und wollte es achtlos hinter sich werfen, steckte es dann aber statt dessen ein; ganz bewu�t <emphasis>nicht </emphasis>in die Tasche, in der er den Recorder trug.</p><p>�Also, <emphasis>Vater </emphasis>Thomas�, begann er. �Wie Sie selbst gerade festgestellt haben - ich konnte kommen. Ich hoffe, es ist wichtig. Ich bin ein vielbesch�ftigter Mann, m�ssen Sie wissen. Ich habe nicht sehr viel Zeit.�</p><p>�Es <emphasis>ist </emphasis>wichtig�, versicherte ihm Thomas. �Vielleicht das wichtigste Gespr�ch, das Sie jemals in Ihrem Leben gef�hrt haben. Ist Ihnen jemand gefolgt?� Ohne seine Antwort abzuwarten, trat Thomas an ihm vorbei und schlo� die T�r. Aber nicht sofort. Bevor er es tat, z�gerte er - f�r Strelowskys Geschmack gerade einen Sekundenbruchteil zu lange - und sah in den str�menden Regen hinaus.</p><p>�Gefolgt?� Strelowsky blinzelte. �Ich f�rchte, ich ... verstehe nicht ganz, was Sie meinen, Vater.�</p><p>�Ein Wagen.� Thomas drehte sich zu ihm herum und machte eine wedelnde Geste mit beiden H�nden. �Jemand, den Sie nicht kennen. Ich ... wei� nicht. Ich habe nicht viel Erfahrung in solchen Dingen, wissen Sie? Ich habe keine Ahnung, worauf man in einer solchen Situation achten mu�.�</p><p>�In was f�r einer<emphasis> Situation!�</emphasis> fragte Strelowsky betont. �Worum geht es �berhaupt? Wieso bin ich hier?�</p><p>�Das ist nicht so einfach zu erkl�ren�, antwortete Thomas ausweichend. �Ich schlage vor, wir ... gehen vielleicht in mein B�ro hinauf. Dort ist es w�rmer. Und es redet sich auch leichter.�</p><p>�Nein�, entschied Strelowsky. Es hatte schon immer zu seinen eisernen Regeln geh�rt, da�<emphasis> er </emphasis>das Schlachtfeld bestimmte. Manchmal reichte das schon, um den Kampf zu gewinnen.</p><p>�Wie Sie wollen.� Thomas zuckte mit den Schultern, aber er sah nicht besonders gl�cklich dabei aus. <emphasis>Gut.</emphasis></p><p>�Was ich<emphasis> will, </emphasis>Vater�, sagte Strelowsky ungeduldig, �ist zu wissen, warum ich hier bin.�</p><p>�Es geht um Rosen�, sagte Thomas.</p><p>Strelowsky starrte ihn eine geschlagene Sekunde lang fassungslos an. Dann packte ihn Zorn. �Wie bitte?�</p><p>�Stefan Rosen�, wiederholte Thomas. �Sie erinnern sich doch?� Aus Zorn wurde Wut. Strelowsky mu�te sich wirklich beherrschen, um den Geistlichen nicht entweder anzuschreien oder sich auf dem Absatz herumzudrehen und wieder aus der Kirche zu st�rmen. Hatte ihn dieser Verr�ckte tats�chlich <emphasis>deshalb </emphasis>hierhin bestellt? Thomas hob hastig die H�nde. Offenbar war es nicht besonders schwer, in seinem Gesicht zu lesen. Strelowsky gab sich auch keine gro�e M�he, seine wahren Gef�hle zu verhehlen. �Es ist nicht, was Sie jetzt denken�, sagte Thomas rasch. �Bitte h�ren Sie mir einfach zu. Es ist wichtig. Sie haben Rosen damals verteidigt, nicht wahr?�</p><p>�Ich bin Rechtsanwalt�, antwortete Strelowsky. �Es ist meine Aufgabe, Menschen zu verteidigen, die vor Gericht stehen.� Er fragte sich, warum er eigentlich noch so ruhig blieb. �Nicht, �ber sie zu urteilen.�</p><p>�Auch wenn sie schuldig sind?� fragte Thomas.</p><p>�Mein Mandant...�</p><p>�Wurde freigesprochen, ich wei߫, unterbrach ihn Thomas. �Deshalb sind Sie hier.�</p><p>Strelowsky schlo� die Augen, z�hlte in Gedanken sehr langsam bis drei und sagte so ruhig, wie er konnte: �Vater Thomas, ich stehe kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Und glauben Sie mir, das passiert mir �u�erst selten. Was soll das hier? Es ist jetzt fast sieben Uhr. Ich habe meine Kanzlei eine Stunde fr�her geschlossen, um hierher zu kommen, und meine Frau und die Kinder warten jetzt wahrscheinlich schon mit dem Abendessen auf mich. Ich habe zwei Klienten weggeschickt, die wirklich dringend Hilfe brauchen, und seit heute mittag habe ich mich mit ungef�hr einer halben Million Irrer unterhalten, die von mir wissen wollten, was ich zu Rosens Tod zu sagen habe. Ich hoffe doch, da� Sie nicht in die gleiche Kategorie geh�ren.� Sogar ihm selbst fiel auf, da� er ziemlich zusammenhangloses Zeugs redete. Diesen Teil der Aufnahme w�rde er bearbeiten m�ssen, falls er das Band irgend jemandem vorspielte. Aber wahrscheinlich w�rde er das sowieso nicht. Dieser Thomas war nur ein weiterer Verr�ckter, der glaubte, das Recht auf Moralpredigten gepachtet zu haben, nur weil er eine schwarze Kutte trug.</p><p>�Sie mi�verstehen mich, Herr Strelowsky�, sagte Thomas leise. In seiner Stimme war eine Eindringlichkeit, die Strelowsky gerne ignoriert h�tte. �Ich habe Sie nicht zu mir gebeten, um �ber Sie zu richten.�</p><p>�Ja, das wird ein anderer tun, ich wei߫, sagte Strelowsky sp�ttisch. �Was wollen Sie von mir?� Er sah demonstrativ auf die Uhr. �Sie haben noch eine Minute.�</p><p>�Ich will Sie warnen, Herr Strelowsky�, sagte Thomas ernst.</p><p>�Ach?� machte Strelowsky sp�ttisch. �Wie originell. Ziehen Sie sich eine Nummer.�</p><p>�Ich meine es ernst�, beharrte Thomas. Was war das nur in seinem Blick, in der <emphasis>Art, </emphasis>auf die er redete, da� seine Worte ein solches Gewicht bekamen? War es wirklich nur seine Kleidung und diese Umgebung? Vielleicht h�tte er doch seiner Einladung folgen und mit ins Pfarrhaus gehen sollen. �Sie wu�ten, da� Rosen schuldig war, nicht wahr?�</p><p>�Es ist nicht meine Aufgabe, jemanden zu...�, begann Strelowsky.</p><p>�Sie haben gewu�t, da� er diese f�nf Kinder umgebracht hat�, fuhr Thomas fort, noch immer auf die gleiche, irritierende Art, aus der nicht die mindeste Spur irgendeines Vorwurfes herauszuh�ren war, und die Strelowsky vielleicht gerade deshalb so sehr erschreckte. �Ich meine, Sie haben es schon vorher gewu�t. Als Sie ihn das erste Mal im Gef�ngnis besucht haben. Haben Sie ihm das falsche Alibi besorgt?�</p><p>�Was f�llt Ihnen ein?� fragte Strelowsky. Sein Herz jagte. Er kochte innerlich immer noch vor Wut, aber es war ein sehr seltsamer Zorn; ein Gef�hl, das irgendwie nicht richtig an die Oberfl�che drang, so da� er es zwar fast wie einen k�rperlichen Schmerz in den Eingeweiden sp�rte, sein Herz pochte und seine H�nde wieder zu zittern begannen. Aber die Kraft, die er normalerweise aus diesem Gef�hl sch�pfte, wollte sich nicht einstellen. Sogar in seinen eigenen Ohren klang seine Antwort j�mmerlich.</p><p>�Sie mi�verstehen mich immer noch�, seufzte Thomas. �Das tut mir leid. Wirklich. Ich ... verurteile Sie nicht. Wie k�nnte ich das? Bitte glauben Sie mir, da� mir nichts ferner liegt. Aber es ist wichtig, da� Sie mir diese Frage beantworten. Und wenn nicht mir, dann wenigstens sich selbst. Ihr Leben k�nnte davon abh�ngen.� Und pl�tzlich wurde Strelowsky ganz ruhig. Der Zorn erlosch, als h�tte jemand irgendwo in seinen Gedanken einen Schalter umgelegt. Buchst�blich von einem Sekundenbruchteil auf den n�chsten war er wieder er selbst; der immer beherrschte, �berlegende Anwalt, der gelernt hatte, Emotionen von Fakten zu trennen und L�ge von Wahrheit zu unterscheiden.</p><p>�Erkl�ren Sie mir das�, sagte er.</p><p>Thomas sch�ttelte den Kopf. �Ich f�rchte, das ist nicht so einfach�, sagte er. �Nicht, bevor Sie meine Frage beantwortet haben. Es ist ... nicht so einfach zu erkl�ren.�</p><p>�Versuchen Sie es�, sagte Strelowsky. �Ich habe Zeit.� Als Thomas ihn fragend ansah, f�gte er mit einem d�nnen Anwaltsl�cheln hinzu: �Sie haben es selbst gesagt: Mein Leben k�nnte davon abh�ngen. Also sollte ich mir die Zeit nehmen.� Seine Gedanken arbeiteten jetzt wieder ganz mit der gewohnten, fast mathematischen Pr�zision. Er wu�te immer noch nicht genau, was hier gespielt wurde, aber er h�tte schon blind und taub sein m�ssen, um nicht zu wissen, was Rosen zugesto�en war. Die Zeitungen waren voll davon. Bei achtzig Prozent der Gespr�che, die er heute gef�hrt hatte, war es um Rosen gegangen. Und achtzig Prozent der Besucher, die heute in seine Kanzlei gekommen waren, waren Journalisten gewesen, die versucht hatten, sich ein Interview zu erschleichen; oder wenigstens etwas, das sie ein bi�chen verdrehen und am n�chsten Tag ohne sein Einverst�ndnis als Statement verkaufen konnten.</p><p>�Etwas hat Rosen get�tet�, sagte Thomas ernst. �Und nicht nur ihn. Und ich f�rchte, wenn Sie wissen, da� er schuldig war, dann sind auch Sie in Gefahr. Deshalb ist es wichtig, da� Sie sich diese Frage ehrlich beantworten.�</p><p>�Es spielt keine Rolle, was ich...�, begann Strelowsky. Erst, als er den Satz schon halb zu Ende gesprochen hatte, stockte er, trat einen halben Schritt zur�ck und fragte: �Verzeihung ... sagten Sie: <emphasis>Etwas?� </emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Sie wu�ten es, nicht wahr?� beharrte Thomas. Er sah jetzt beinahe traurig aus. �Aber es war Ihnen gleich. Warum? Ging es Ihnen um das Geld? Oder um den Ruhm?�</p><p><emphasis>Geld? </emphasis>Fast h�tte Strelowsky gelacht. Rosen hatte in seinem ganzen Leben nicht einmal genug auf einmal besessen, um den Anzug zu bezahlen, den er im Augenblick trug. Auf die H�lfte der Rechnung wartete er heute noch.</p><p>�Das ist mir zu dumm�, sagte er kalt. �Ich gehe jetzt.�</p><p>�Beantworten Sie meine Frage�, sagte Thomas stur. �Wie standen Sie zu Rosen?�</p><p>�Das geht Sie nicht das geringste an, glaube ich�, antwortete Strelowsky. Er griff in die Tasche und schaltete das Aufnahmeger�t ab, und gleichzeitig h�rte er sich fast zu seiner eigenen �berraschung fortfahren: �Aber wenn Sie es wirklich wissen wollen, <emphasis>Vater: </emphasis>Meiner Meinung nach hat dieses kranke Schwein genau das bekommen, was es verdient. Von mir aus kann er in der H�lle braten. Wahrscheinlich werden Sie das nicht verstehen, aber so funktioniert unser Rechtssystem nun einmal: Jeder hat das Recht auf einen Verteidiger, ganz egal, ob er nun ein Heiliger oder ein Monster ist. Und wenn dieser Verteidiger besser ist als der Ankl�ger...� Er zuckte mit den Schultern. �Rosen war nicht der erste Verbrecher, den ich verteidigt habe. Und er wird auch nicht der letzte bleiben. Wenn Ihnen das System nicht gef�llt, w�hlen Sie eine andere Partei. Aber Sie werden kein besseres finden.�</p><p>�Darum geht es nicht�, sagte Thomas.</p><p>Nat�rlich ging es nicht darum. Strelowsky wu�te genau, was Thomas meinte. Nat�rlich hatte er gewu�t, da� Rosen log. Er hatte es vermutet, als er seine Akten las, und er hatte es <emphasis>gewu�t, </emphasis>als er ihm das erste Mal gegen�bersa�. Strelowsky erkannte einen Verbrecher, wenn er ihm in die Augen blickte. Jeder wirklich gute Anwalt verf�gte �ber diese F�higkeit; ebenso wie �ber die, dieses Wissen zu ignorieren. Ohne die eine konnte man in diesem Beruf nicht gut sein, und ohne die andere konnte man ihn nicht lange genug ertragen, um Erfolg zu haben. Er hatte in jeder einzelnen Sekunde gewu�t, da� Rosen ein geistesgest�rter Irrer war, der sich nur als normaler Verbrecher tarnte. Als er ihm nach der Urteilsverk�ndung die Hand sch�ttelte und ihm zu seinem Freispruch gratulierte, da hatte er selbst nicht genau gewu�t, welches Bed�rfnis st�rker gewesen war: das, diesem kranken Mistkerl einfach den Sch�del einzuschlagen, oder sich mitten in sein �berhebliches Grinsen zu �bergeben. <emphasis>Nat�rlich hatte er es gewu�t! </emphasis>Aber wie konnte er<emphasis> diese </emphasis>Frage beantworten? Und was verdammt noch mal ging es Thomas an?</p><p>Das einzig Vern�nftige, was er in diesem Moment tun konnte: sich auf der Stelle herumzudrehen und nach Haus zu fahren, seiner Frau von einem weiteren Verr�ckten zu erz�hlen, der ihm eine unwiederbringliche Stunde seines Lebens gestohlen hatte. Und nicht einmal das. Er sollte nach Hause gehen und diesen Idioten einfach vergessen. Statt dessen zog er Zigaretten und Feuerzeug aus der Tasche, z�ndete sich eine Camel an und g�nnte sich eine Sekunde lang den infantilen Spa�, sich an Thomas' vorwurfsvollem Blick zu erg�tzen. Die Zigarette war na� geworden und schmeckte nicht. Trotzdem nahm er einen so tiefen Zug, da� ihm fast schwindelig wurde, ehe er weitersprach.</p><p>�Also gut�, sagte er. �Ich bin nun einmal hier. Auf zwei Minuten mehr oder weniger kommt es wahrscheinlich auch nicht mehr an. Also werde ich die gute Tat der Woche tun und Ihnen erkl�ren, warum es Anw�lte gibt. Unser Beruf hat nichts mit Schuld oder Unschuld zu tun: Es spielt keine Rolle, wen wir verteidigen, Vater. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob sie schuldig sind oder nicht.�</p><p>�F�r Sie schon�, sagte Thomas.</p><p>�F�r mein Seelenheil, ja.� Strelowsky nahm einen zweiten, noch tieferen Zug aus seiner Zigarette, aber diesmal stellte sich das ersehnte Schwindelgef�hl nicht ein. Er seufzte. �Aber f�r mehr auch nicht, f�rchte ich. Sie wollen wissen, ob ich ihn f�r unschuldig gehalten habe?� Er sch�ttelte den Kopf. �Keine Sekunde lang.�</p><p>�Und trotzdem haben Sie ihn verteidigt... Weil es Ihr Beruf ist? Oder weil es Ihnen egal war?�</p><p>�Wo ist der Unterschied?� wollte Strelowsky wissen. �Wollen Sie wissen, wem ich mein Gewissen geopfert habe - meiner Berufsehre oder meiner Gier?�</p><p>Es h�tte sp�ttisch klingen sollen, aber das tat es nicht. Nicht im geringsten. Thomas sah ihn lange und wieder auf diese unangenehme, Strelowsky immer nerv�ser werden lassende Art an, dann sch�ttelte er traurig den Kopf, drehte sich herum und faltete die H�nde vor der Brust. Aber nicht, um zu beten, wie Strelowsky im ersten Moment annahm. Er sah eher aus wie ein Mann, der mit sich rang. Worum? �Sie m�ssen gehen�, sagte er schlie�lich. �Gehen Sie fort. Schnell. So weit Sie k�nnen. Ich wei� nicht, ob es etwas nutzt. Vielleicht gibt es keinen Ort auf der Welt, an dem Sie vor ihm sicher sind, aber vielleicht hilft es. Setzen Sie sich in Ihren Wagen und verlassen Sie die Stadt. Sie sind verdammt. Ich kann Sie nicht besch�tzen.�</p><p>�Vor wem?� fragte Strelowsky sp�ttisch. Er lachte. �Oh, ja, das h�tte ich ja fast vergessen: Vor diesem <emphasis>Etwas, </emphasis>das heruml�uft und Charles Bronson Konkurrenz macht, nicht wahr? Wie hei�t dieses St�ck? Ein Geist sieht rot?�</p><p>Thomas atmete h�rbar ein, nahm die H�nde herunter und hob gleichzeitig den Kopf. Aber er sah nicht Strelowsky an, sondern das einfache Holzkreuz, das an der Wand hinter dem Altar hing. �Gehen Sie�, sagte er. �Bitte! Es ... es war ein Fehler, Sie herzurufen. Es tut mir leid.�</p><p>Strelowsky nahm einen weiteren Zug aus seiner Zigarette, stellte fest, da� sie noch immer genauso widerw�rtig schmeckte wie am Anfang und warf sie zu Boden, um sie mit dem Absatz auszutreten. �Wissen Sie, Thomas�, sagte er, �ich bin Ihnen nicht einmal b�se. Ich sollte es wahrscheinlich sein, aber ich bin es nicht. Sie glauben das alles, nicht wahr? Ich meine, Sie glauben wirklich, da� es eine Art h�herer Gerechtigkeit in der Welt gibt, nicht? Und wissen Sie was? Ich glaube das auch.� Thomas drehte sich �berrascht zu ihm herum, und Strelowsky fuhr mit einem bekr�ftigenden Nicken fort: �Aber sie hat nichts mit Geistern zu tun, oder irgendwelchen mythischen D�monen, die durch die Nacht schleichen und die B�sen bestrafen. Jemand hat Rosen erledigt, und<emphasis> das </emphasis>ist es, was ich ausgleichende Gerechtigkeit nenne. Zufall. Statistische Wahrscheinlichkeit ... nennen Sie es, wie Sie wollen. Meinetwegen auch Gott. Aber wenn er dahintersteckt, dann kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, da� er heruml�uft und alle Verbrecher erledigt, die ihrer gerechten Strafe entgangen sind - samt ihrer Anw�lte. Ich f�rchte, er h�tte ziemlich viel zu tun.� Er wartete auf eine Antwort, bekam keine und drehte sich schlie�lich achselzuckend herum, um zu gehen. Als er die Hand nach dem T�rgriff ausstreckte, kam Thomas ihm nach und hielt ihn am Arm zur�ck.</p><p>�Bitte!� sagte er. �H�ren Sie auf mich! Verlassen Sie die Stadt! Gehen Sie weg, so weit Sie nur k�nnen. Vielleicht h�rt <emphasis>es </emphasis>auf. Vielleicht ... kann ihn jemand stoppen. Wenn Sie hierbleiben, werden Sie sterben!� Es h�tte eine Menge gegeben, was Strelowsky darauf hatte antworten k�nnen - aber wozu? Er seufzte nur abermals, griff nach der Hand des Geistlichen und l�ste sie mit sanfter Gewalt von seinem Arm. Ohne ein weiteres Wort �ffnete er die T�r und verlie� die Kirche.</p><p>Der Regen hatte noch zugenommen, und aus den vereinzelten Blitzen war ein wahres Feuerwerk gezackter, blauwei�er Risse geworden, die so rasch hintereinander aufzuckten, als versuche jemand, den Himmel �ber dem westlichen Teil der Stadt in St�cke zu spalten. Strelowsky lief mit gesenkten Schultern und weit ausgreifenden Schritten auf das Tor zu, w�hrend er bereits mit der linken Hand in der Jackentasche nach dem Autoschl�ssel grub. Seine Finger waren noch immer so klamm, da� er ihn um ein Haar fallengelassen h�tte. Ungeschickt fummelte er ihn ins Schlo�, ri� die T�r auf und warf sich hinters Steuer. Kaum zwei Sekunden sp�ter startete er den Motor und schaltete hintereinander die Scheibenwischer und - vor allem! - die Heizung ein, fuhr aber noch nicht los.</p><p>Seine H�nde zitterten immer noch, aber er war jetzt gar nicht mehr so sicher, ob es einzig an der K�lte lag. Dieser Thomas hatte ihn verunsichert, obwohl er sich nicht erkl�ren konnte, warum. Sein Geschwafel von einer h�heren Macht und diesem Etwas, das seiner Meinung nach wohl eine Art himmlischer Vendetta ausgerufen zu haben schien, geh�rte bestenfalls in die Preisklasse des Voodoo-Zaubers, mit dem ihn einer seiner Mandanten vor Jahren einmal belegt hatte. Unsinn. Haneb�chener Unsinn. Ganz bestimmt nicht mehr.</p><p>Er nahm die Brille ab, zog das zusammengekn�llte Papiertaschentuch hervor, mit dem er sie schon einmal ges�ubert hatte, und rieb die Gl�ser sorgf�ltig zwischen Daumen und Zeigefinger trocken. Als er sie wieder aufsetzte, fiel sein Blick auf einen Wagen, der schr�g gegen�ber auf der anderen Stra�enseite parkte. Motor und Scheibenwischer liefen. Die Scheinwerfer waren auf Standlicht heruntergeschaltet, und er glaubte zwei schemenhafte Gestalten hinter der beschlagenen Windschutzscheibe zu erkennen. Thomas' Warnung fiel ihm ein, und er erschrak. Aber nicht einmal f�r eine Sekunde, dann sch�ttelte er �ber seinen eigenen Gedanken den Kopf. Biblische Racheengel pflegten bestimmt nicht in 7er-BMWs herumzufahren, w�hrend sie ihre Opfer suchten.</p><p>Strelowsky schaltete seinerseits die Scheinwerfer ein und streckte die Hand nach dem Ganghebel aus. Hinter ihm raschelte etwas. Ein Ger�usch wie Stein, der �ber eine weiche Unterlage rieb. Oder Leder, das sich entfaltete. Strelowsky hob den Kopf, sah in den Innenspiegel und begriff den entsetzlichen Fehler, den er begangen hatte.</p><p>Aber da war es bereits zu sp�t.</p></section><section><title><p>5</p></title><empty-line/><p>Auch wenn er N�rdlinger nicht so gut gekannt h�tte, w�re Bremer klar gewesen, da� die Szenerie sorgsam einstudiert war. Trotz aller unbestrittener Intelligenz war N�rdlinger ein Mensch, der leicht zu durchschauen war; und ein Mensch mit einem starken Hang zur Theatralik.</p><p>Was er im Moment tat, war regelrecht albern. N�rdlinger sa� hinter seinem riesigen, vollkommen leeren Schreibtisch, hatte beide H�nde auf die Armlehnen seines ledernen Drehsessels gelegt und schien vor kurzem einen Besenstiel verschluckt zu haben. Beides - Stuhl und Tisch - waren eine Spur zu gro� f�r ihren Besitzer, und beides sah aus, als w�re es vor ungef�hr einer Stunde angeliefert und frisch ausgepackt worden. Dabei wu�te Bremer, da� die M�bel gut und gerne f�nfzehn Jahre auf dem Buckel hatten. N�rdlingers Blick - Bremer war ziemlich sicher, da� er nicht ein einziges Mal geblinzelt hatte, seit West und er hereingekommen waren - wanderte mit der Regelm��igkeit eines Metronoms zwischen ihm und dem Zifferblatt der Standuhr in der gegen�berliegenden Ecke des Zimmers hin und her, und er hatte bisher nicht nur nicht mit der Wimper gezuckt, sondern auch kein einziges Wort gesprochen. Sie waren seit ungef�hr einer Minute hier. Vielleicht l�nger.</p><p>Wahrscheinlich, dachte Bremer, baute er darauf, da� sein beharrliches Schweigen die Autorit�t des leeren Schreibtisches und die unbehagliche Stille unterstrich, um Bremer auf diese Weise noch mehr einzusch�chtern, aber das passierte nicht. M�glicherweise dachte er ja auch, da� er in irgendeiner Form beeindruckend oder gar ehrfurchtgebietend wirkte, wie er so stocksteif auf seinem Thron hockte und ihn anstarrte. Bremer fand sein Benehmen einfach nur kindisch.</p><p>Schlie�lich beendete er die groteske Performance, indem er sich seinerseits im Sessel herumdrehte und auf die Uhr sah.</p><p>�Es ist viertel nach sieben�, sagte N�rdlinger, noch bevor er sich wieder herumgedreht hatte.</p><p>�Eben�, best�tigte Bremer. �Ich vers�ume das Gl�cksrad im Fernsehen. Das ist meine Lieblingssendung.� Es gelang ihm ebensowenig, N�rdlinger mit dieser dummen Bemerkung aus der Fassung zu bringen, wie N�rdlinger umgekehrt ihn mit seinem Benehmen beeindruckte. Und sie war auch nicht sonderlich intelligenter. �Sie wollten mich sprechen?�</p><p>�Sch�n, da� Sie sich wenigstens<emphasis> daran </emphasis>erinnern�, sagte N�rdlinger. �Ich wollte Sie tats�chlich sprechen. Wenn ich mich richtig erinnere, so gegen vierzehn Uhr. Das war vor f�nf Stunden.�</p><p>�Ich ... wurde aufgehalten�, antwortete Bremer. Er konnte gerade noch den Impuls unterdr�cken, einen Blick in Wests Richtung zu werfen; das h�rbare Stocken in seinen Worten nicht. Bremer verfluchte sich daf�r innerlich. Das alberne Machtspielchen, das N�rdlinger und er seit Jahren spielten, verlief nach komplizierten Regeln, die zwar niemals explizit aufgestellt worden waren, von ihnen beiden aber sorgsam eingehalten wurden. Mit diesem kurzen Z�gern in seiner Antwort hatte er diese Runde eindeutig verloren. N�rdlinger sp�rte das. Er verbi� sich ein triumphierendes L�cheln, aber Bremer konnte es regelrecht sp�ren.</p><p>�Ich sage es Ihnen jetzt zum wirklich allerletzten Mal�, fuhr er fort. �Sie sind Polizist, Herr Bremer, kein Postbote. Auch wenn Sie nicht im Dienst sind, sind Sie im Dienst. Ich verlange, da� Sie erreichbar sind. Haben Sie das jetzt verstanden?� Fast zu seiner eigenen �berraschung antwortete Bremer nur mit einem einfachen �Ja� auf diese Frage, und beinahe noch �berraschender war, da� N�rdlinger ausnahmsweise einmal nicht auf seinem kleinen Etappensieg herumritt, sondern es bei einem knappen Kopfnicken belie�. Einen Teil des Besenstiels, den er heruntergeschluckt hatte, schien er wohl mittlerweile verdaut zu haben, denn er gab seine steife Haltung auf, beugte sich vor, st�tzte die Ellbogen auf der Tischplatte auf und verschr�nkte die H�nde unter dem Kinn.</p><p>�Also gut�, begann er, �dann k�nnen wir uns ja jetzt vielleicht wichtigeren Dingen zuwenden. Ich habe zwar Wichtigeres zu tun, als dieses ... Gl�cksrad im Fernsehen zu sehen, aber selbst jemand in meiner Position kennt die Bedeutung des Wortes Feierabend, ob Sie es glauben oder nicht.� Er deutete auf West. �Ihre neue Kollegin haben Sie ja bereits kennengelernt, wie ich sehe.�</p><p>�Ja�, antwortete Bremer. �Deshalb bin ich hier. Sie wissen, da� ich nicht mit einem Partner zusammenarbeite.�</p><p>�Haben Sie etwas gegen die Kollegin West?�</p><p>�Darum geht es nicht�, erwiderte Bremer kopfsch�ttelnd. Nein, er w�rde sich<emphasis> nicht </emphasis>von N�rdlinger provozieren lassen. �Ich arbeite am besten allein. Ich kann nicht st�ndig auf jemanden R�cksicht nehmen.�</p><p>�Sehen Sie - genau so geht es mir auch�, sagte N�rdlinger. Offensichtlich hatte er sich gut auf dieses Gespr�ch vorbereitet. �Und ich habe auf Sie und Ihre sonderbare Arbeitsauffassung bisher mehr R�cksicht genommen als auf irgendeinen anderen Ihrer Kollegen, Herr Bremer. Und ich glaube, das wissen Sie auch sehr gut. Ich wei�, da� Sie hier eine Art Sonderstatus genie�en, und Sie wissen, wie sehr mich das �rgert. Aber in diesem Fall lasse ich nicht mit mir reden, ganz gleich, was Sie auch tun und wen immer Sie auch anrufen werden, sobald Sie dieses B�ro verlassen haben. Warum sparen wir uns also nicht ein weiteres, �berfl�ssiges Gespr�ch und reden gleich �ber den Fall?� Zu sagen, da� Bremer sprachlos war, w�re �bertrieben gewesen. Aber doch ein wenig �berrascht. N�rdlinger hatte mit jedem Wort recht. Aber Bremer hatte bisher geglaubt, da� sie sich auf eine Art Status quo geeinigt h�tten, an dem keiner von ihnen ohne wirklich zwingenden Grund r�ttelte. <emphasis>Hatte </emphasis>N�rdlinger einen zwingenden Grund?</p><p>�Au�erdem war es nicht meine Idee, Ihnen einen Maulkorb zu verpassen�, fuhr N�rdlinger fort. �Die Weisung kommt direkt aus dem Rathaus. Offensichtlich ist Ihr Name dort noch in guter Erinnerung,<emphasis> Herr </emphasis>Bremer. Um es ganz deutlich zu sagen: Es ist Ihnen nicht gestattet, Interviews zu geben oder auch nur ein einziges Wort mit der Presse zu reden. Mit niemandem, zumindest nicht, ohne es mit mir oder Kollegin West vorher abzustimmen. Haben Sie das verstanden?�</p><p>Verstanden schon, aber: �Warum?�</p><p>N�rdlinger seufzte. �Wo waren Sie den ganzen Tag, Bremer? Auf dem Mond? Die ganze Stadt spricht �ber nichts anderes als �ber Rosen - und die anderen. W�rden wilde Spekulationen bezahlt, w�re Berlin mittlerweile die Stadt mit dem h�chsten Pro-Kopf-Einkommen des Landes. Die Leute reden �ber nichts anderes mehr als �ber den Racheengel, der heruml�uft und Bremers Liste abhakt.�</p><p>�<emphasis>Bremers Liste?� </emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Der Ausdruck stammt nicht von mir.� N�rdlinger nickte grimmig, zog eine Schublade in seinem Schreibtisch auf und nahm eine zusammengefaltete Zeitung heraus. Schwungvoll lie� er sie �ber die Tischplatte schlittern und fuhr fort, noch bevor Bremer sie auffangen konnte: �Die Abendpost von heute. Ein Vorabexemplar, mit freundlichen Gr��en und ohne Wissen der Redaktion. Wenn Sie dieses Geb�ude wieder verlassen, hat jeder Dummkopf in der Stadt ein Exemplar davon in der Hand.� Bremer faltete die Zeitung auseinander und erblickte genau das, was N�rdlinger vorhergesagt hatte. Die Schlagzeile, die sich quer �ber die komplette Titelseite zog und tats�chlich gr��er war als der Artikel darunter, lautete schlicht BREMERS LISTE. Darunter prangte ein mindestens zehn Jahre altes Foto von ihm und ein noch �lteres Bild von Rosen. Der Artikel selbst war keiner. Bremer ben�tigte ungef�hr eine Sekunde, bis er begriff, da� der Buchstabensalat unter den Fotos ein Blindtext war.</p><p>�Der Text war bei diesem Andruck noch nicht fertig�, sagte N�rdlinger. �Aber ich glaube, wir beide wissen ziemlich genau, was da stehen wird.�</p><p>�Und was?� wollte West wissen.</p><p>N�rdlinger sah unwillig auf. Bremer war fest davon �berzeugt, da� er sie anraunzen oder ihre Frage einfach �bergehen w�rde. Aber dann antwortete er doch. �Die Details kann Ihnen Kollege Bremer nachher in Ruhe erz�hlen, Frau West. Die Kurzfassung lautet, da� er vor vier Jahren ein etwas ... verungl�cktes Interview gegeben hat, in dem...�</p><p>�Es <emphasis>war </emphasis>kein Interview�, unterbrach ihn Bremer gereizt. �Ich wu�te nicht einmal, da� ich mit einem Journalisten rede, verdammt noch mal! Und ich habe das, was da stand, so nie gesagt.�</p><p>�Das glaube ich Ihnen sogar�, antwortete N�rdlinger. �Leider �ndert es nichts an dem, was am n�chsten Tag in der Zeitung stand. Ihr Kollege hat die Namen einiger Verd�chtiger aufgez�hlt, in deren Fall die Justiz seiner Meinung nach versagt hat. Die Liste war ziemlich lang. Und unter anderem waren darauf die Namen Halbach, Lachmann und Rosen zu finden.�</p><p>�O�, sagte West. �Das wu�te ich nicht.�</p><p>�Ich habe damit nichts zu tun!� verteidigte sich Bremer. �Als Halbach umgebracht wurde, war ich nicht einmal in der Stadt!�</p><p>�Wen interessiert das?� seufzte N�rdlinger. �Irgend jemand hat dieses verdammte Interview von damals ausgegraben, und was <emphasis>dort </emphasis>steht, ist alles, was interessiert.�</p><p>�Vielleicht ist es ja gar nicht einmal so weit hergeholt�, sagte West nachdenklich. Sie hob die Hand, als sich Bremer zu ihr herumdrehte und etwas sagen wollte. �Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wei�, da� Sie nichts damit zu tun haben. Aber vielleicht hat sich irgendein Verr�ckter tats�chlich Ihre ... <emphasis>Liste </emphasis>genommen und arbeitet sie der Reihe nach ab.�</p><p>�Bl�dsinn!� protestierte Bremer. �Wir sind hier in Berlin, nicht in Hollywood!�</p><p>�Ja, und die Kriminalit�tsrate Berlins ist mittlerweile h�her als die von Los Angeles�, f�gte N�rdlinger d�ster hinzu. Gleichzeitig aber sch�ttelte er den Kopf und wandte sich dann mit einem Blick direkt an West. �Au�erdem wurde keiner der drei tats�chlich <emphasis>umgebracht. </emphasis>Ich dachte, Sie h�tten die Akten gelesen, die ich Ihnen geschickt habe?�</p><p>West sagte nichts, sondern l�chelte nur verlegen, und Bremer sagte: �Es war eindeutig Selbstmord. In allen drei F�llen. Wenn auch ziemlich bizarre Selbstmorde.� Er hob die Schultern. �Ich k�nnte auch nicht unbedingt sagen, da� mir einer der drei Kerle besonders leid tut.�</p><p>�So etwas will ich nicht h�ren�, sagte N�rdlinger scharf.</p><p>�Warum?� erwiderte Bremer. �Bedauern Sie, was Halbach zugesto�en ist? Oder hat Ihnen der Anblick von Rosens Leichnam das Herz gebrochen?�</p><p>�Was ich denke oder f�hle, steht hier nicht zur Debatte�, erwiderte N�rdlinger. �Ebensowenig wie Ihre Gef�hle, Herr Bremer. Bemerkungen wie diese sind genau der Grund, aus dem wir jetzt mehr �rger am Hals haben, als wir wahrscheinlich schon selbst wissen. Was ist, wenn Kollegin West recht hat, und dort drau�en wirklich irgendein Verr�ckter heruml�uft, der glaubt, unsere Arbeit tun zu m�ssen, und Leute umbringt? M�chten Sie die Verantwortung f�r sein Handeln �bernehmen?�</p><p>�Habe ich die nicht schon?� murmelte Bremer.</p><p>Die Worte waren gar nicht f�r N�rdlinger bestimmt gewesen, aber er hatte sie trotzdem geh�rt und antwortete:</p><p>�Nein. Jedenfalls nicht, so weit es mich angeht. Ich wei�, wie gerne Sie den M�rtyrer spielen und jedem erz�hlen, wie ungerecht ich Sie doch behandele. Aber Tatsache ist, da� ich Sie bisher nach Kr�ften besch�tzt habe - und sei es nur aus Eigennutz. <emphasis>Ich </emphasis>werde n�mlich durchaus f�r <emphasis>Ihre </emphasis>Handlungen verantwortlich gemacht, wissen Sie? Au�erdem stehe ich prinzipiell hinter meinen Leuten - auch, wenn ich sie nicht mag.� Dieser letzte Nebensatz war �berfl�ssig, dachte Bremer. Aber er h�tete sich, das laut auszusprechen, oder sich seine wahren Gef�hle auch nur anmerken zu lassen. N�rdlinger hatte ihm immer noch nicht verraten, warum er eigentlich hier war. Und er hatte das sichere Gef�hl, da� im Laufe dieses Gespr�ches vielleicht noch die eine oder andere unangenehme Neuigkeit auf ihn wartete.</p><p>�Ich habe eine Sonderkommission gebildet, die sich um den Fall k�mmert�, fuhr N�rdlinger fort.<emphasis> �Sie </emphasis>haben damit nichts zu tun. Um das Ganze klarzumachen, Herr Bremer: Ich gebe Ihnen nicht nur einen anderen Fall, ich untersage Ihnen ausdr�cklich, sich in irgendeiner Form um diese Geschichte zu k�mmern. Weder dienstlich noch privat.�</p><p>Das war die normale Verfahrensweise, die Bremer nicht �berraschte. Trotzdem fragte er mit einer Kopfbewegung zu West: �Und wozu dann mein Schutzengel?�</p><p>�Weil ich leider nicht die Macht habe, die Presse zum Schweigen zu bringen�, antwortete N�rdlinger offen. �Und auch nicht, die Leute auf der Stra�e am Spekulieren zu hindern. Ginge es nach mir, w�rde ich Sie f�r die n�chsten zwei Wochen vom Dienst suspendieren, oder Sie auf eine Dienstreise zum Nordpol schicken. Leider geht es nicht nach mir.�</p><p>�Sondern?�</p><p>N�rdlinger ignorierte die Frage. �Ich m�chte auf jeden Fall, da� Sie sich da raushalten, Bremer. Im Klartext: Ich will weder irgendwelche Interviews mit Ihrem Namen darunter lesen, noch Statements oder auch nur eine �u�erung aus einer Bierlaune heraus in irgendeinem Revolverblatt zitiert finden.� Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. �Wenn Sie zu Rosen oder einem der anderen befragt werden, dann werden Sie auf der Stelle vergessen, da� Sie jemals Sprechen gelernt haben. Habe ich mich deutlich genug ausgedr�ckt?�</p><p>�Ich glaube schon�, sagte Bremer. Er f�hlte sich immer noch wie bet�ubt, ausgelaugt von dem Erlebnis in dem Badezimmer und unwohl angesichts der schwachen Position, in die ihn N�rdlinger bugsiert hatte.</p><p>�Das glaube ich nicht�, antwortete N�rdlinger. �Sie klingen nicht so, als h�tten Sie mich verstanden, Herr Bremer. Vielleicht glaube ich Ihnen auch nur einfach nicht, weil ich Sie kenne. Ich m�chte es deshalb ganz klar und vollkommen unmi�verst�ndlich ausdr�cken: Ich will nicht sehen, erleben, lesen oder auch nur <emphasis>h�ren, </emphasis>da� Sie mit einem Journalisten auch nur reden. Wenn mir zu Ohren kommt, da� Sie auch nur auf der gleichen Stra�enseite mit einem Reporter gesehen worden sind, kontrollieren Sie am n�chsten Morgen wieder Parkuhren. War das deutlich genug?�</p><p>�Was soll das?� fragte Bremer. Er warf einen fl�chtigen Blick in Wests Richtung und wandte sich dann wieder an N�rdlinger. �Halten Sie mich f�r dumm?�</p><p>�Bestimmt nicht�, antwortete N�rdlinger. Schon die Schnelligkeit, mit der diese Antwort kam, machte Bremer klar, da� er auch mit dieser Reaktion gerechnet hatte. Wie vermutlich <emphasis>mit jeder</emphasis> Reaktion. Er nahm sich vor, nicht mehr allzu viel zu sagen. Diese Runde ging an N�rdlinger. Er konnte nichts gewinnen, wenn er sich auf diesen unfairen Kampf einlie�.</p><p>N�rdlinger wartete sichtbar darauf, da� Bremer weiter sprach und ihm Gelegenheit gab, eine seiner vermutlich hundert sorgsam zurechtgelegten Antworten loszuwerden. Als dies nicht geschah, faltete er die H�nde unter dem Kinn auseinander und lie� sich im Sessel zur�cksinken, um zwei oder drei weitere Sekunden verstreichen zu lassen.</p><p>�Ich halte Sie ganz im Gegenteil f�r einen verdammt guten Polizisten, Herr Bremer�, sagte er schlie�lich. �Das ist der einzige Grund, aus dem Sie jetzt noch hier sitzen. W�re es anders, h�tte ich mich schon vor f�nf Jahren von Ihnen getrennt, ganz egal, �ber was f�r m�chtige Freunde Sie auch verf�gen, glauben Sie mir. Aber es geht nicht darum; Es geht um nichts von alledem.�</p><p>�Worum dann?� fragte Bremer.</p><p>�Verstehen Sie das wirklich nicht?� fragte N�rdlinger. �Vielleicht ist das alles nur Hysterie. Vielleicht ist es tats�chlich nur eine Verkettung von nahezu unglaublichen Zuf�llen, und diese drei<emphasis> Verd�chtigen </emphasis>haben tats�chlich Selbstmord begangen. Aber das glaube ich nicht. Und Sie glauben es auch nicht. Ich glaube, da� wir es hier mit dem Schlimmsten zu tun haben, was wir uns �berhaupt denken k�nnen. Mit Selbstjustiz. Irgendwo in dieser Stadt l�uft jemand herum, der sich f�r den Terminator h�lt, oder einen Batman f�r Arme.� West lachte leise, und in N�rdlingers Augen blitzte es zornig auf. �Das ist nicht komisch, Frau West!� sagte er. Seine Stimme klang pl�tzlich so spr�de und kalt wie Glas. Wests Lachen verstummte, und nur den Bruchteil einer Sekunde darauf verschwand auch der dazugeh�rige Ausdruck von ihrem Gesicht und machte dem einer tiefen Verunsicherung Platz.</p><p>�Sie kommen frisch von der Polizeischule�, fuhr N�rdlinger fort. �Vielleicht sollte ich deshalb ein wenig r�cksichtsvoller sein. Vielleicht sollte ich auch besonders kleinlich sein. Hat man Ihnen nicht beigebracht, was Selbstjustiz bedeutet? Den Anfang vom Ende, Frau West. Es gibt eine Institution, die f�r die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung zust�ndig ist, sie allein und sonst niemand. Und diese Institution sind<emphasis> wir. </emphasis>Wir k�nnen nicht zulassen, da� die Leute anfangen, das Recht in die eigenen H�nde zu nehmen - und wenn wir hundertmal im stillen der Meinung sind, da� sie recht haben. Es spielt keine Rolle.�</p><p>�Ich wei߫, sagte West, doch N�rdlinger hatte sich zu sehr in Rage geredet, um jetzt einfach wieder das Thema zu wechseln. Das Telefon klingelte, aber N�rdlinger sah nicht einmal in seine Richtung.</p><p>�Ganz offensichtlich wissen Sie es nicht�, sagte er. Seine Finger begannen einen hektischen Takt auf der Schreibtischplatte zu trommeln, der sich dem Takt des immer noch klingelnden Telefons anpa�te. �Ich wei�, da� es in letzter Zeit chic geworden ist, so zu denken. Diese ganze ... Video-Gesellschaft dort drau�en ist offensichtlich der Meinung, da� die einzige Gerechtigkeit die des alten Testaments ist. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und da� man lieber einen oder zwei Unschuldige opfern als einen Schuldigen entkommen lassen sollte. Wissen Sie, was passiert, wenn wir so etwas einrei�en lassen? Was das Ergebnis w�re? Anarchie! Glauben Sie denn, all diese Schlagzeilen und Fernsehberichte heute w�ren ein Zufall? Das sind sie nicht. Die Leute warten auf jemanden, der sich als Racheengel aufspielt. Sie wollen jemanden, der auf ganz altmodische brachiale Art f�r Recht und Ordnung sorgt - oder das, was sie daf�r halten.�</p><p>�Vielleicht w�re das nicht so, wenn wir etwas effektiver arbeiten w�rden�, antwortete Bremer.</p><p>N�rdlinger starrte ihn an. �Wie bitte?�</p><p>�Wir fangen diese Kerle doch mittlerweile nur noch ein, damit irgendein �berliberaler Richter sie gleich wieder auf freien Fu� setzen kann!� sagte Bremer. Seine innere Stimme warnte ihn, nicht weiterzureden. Das, was er auf N�rdlingers Gesicht las, riet ihm, es nicht zu tun, und seine eigene Logik sagte ihm, da� das Kl�gste, was er jetzt noch sagen konnte, gar nichts war. Er hatte schon viel zuviel gesagt. Und trotzdem wedelte er mit der Hand, die die Zeitung hielt, und fuhr fort: �Wundern Sie solche Schlagzeilen wirklich? Mittlerweile werden die Verbrecher in diesem Land doch besser behandelt als die Opfer! Wem sollen die Leute dort drau�en noch vertrauen, wenn sie wissen, da� die M�rder ihrer Kinder vielleicht schon wieder frei sind, bevor die Opfer unter der Erde sind?�</p><p>N�rdlinger sagte nichts. Er starrte ihn nur mit steinernem Gesicht an, dann hob er ganz langsam die linke Hand und legte sie auf das Telefon, aber nicht, um den H�rer abzuheben. Dann sagte er, sehr leise und sehr ruhig: �Das war's dann, Herr Bremer. Ich suspendiere Sie mit sofortiger Wirkung vom Dienst.�</p><p>�Warum?� fragte Bremer.</p><p>N�rdlinger nahm den Telefonh�rer nun doch ab und legte die rechte Hand �ber die Sprechmuschel, bevor er antwortete.</p><p>�Das wei� ich noch nicht. Rufen Sie mich morgen fr�h an. Bis dahin habe ich Zeit genug, mir einen Grund einfallen zu lassen. <emphasis>Ja?!�</emphasis> Das letzte Wort hatte er beinahe ins Telefon geschrien. Bremer konnte sich die �berraschung des Teilnehmers am anderen Ende der Leitung lebhaft vorstellen. Solange er sich erinnerte, hatte er N�rdlinger noch niemals schreien h�ren. Vermutlich hatte das niemand. Bremer hatte bis zu diesem Moment noch nicht einmal gewu�t, da� Kriminalrat N�rdlinger �berhaupt schreien<emphasis> konnte.</emphasis> Er schrie auch nicht weiter. Einige Sekunden lang sagte er gar nichts, aber daf�r war der Ausdruck auf seinem Gesicht um so beredter. F�r einen Moment erstarrten seine Z�ge einfach. Dann schien jede Kraft aus seinen Gesichtsmuskeln zu weichen. Der so seltene Zorn verrauchte buchst�blich von einem Augenblick auf den anderen, und Bremer war sicher, da� das, was sich nun auf N�rdlingers Gesicht spiegelte, ein Gef�hl war, das ziemlich nahe an Entsetzen grenzte.</p><p>�Nummer vier?� fragte er, nachdem N�rdlinger ohne ein weiteres Wort eingeh�ngt hatte.</p><p>�Strelowsky�, antwortete N�rdlinger. �Sie haben ihn gerade in seinem Wagen gefunden. Tot.�</p><p>�Wo?� fragte Bremer.</p><p>�Strelowsky?� wollte West wissen. �Wer ist das?�</p><p>�Einer der schlimmsten Rechtsverdreher der Stadt�, sagte Bremer. N�rdlingers Blick wurde noch h�rter, und Bremer schluckte den zweiten Teil seiner Antwort herunter. <emphasis>Ist nicht besonders schade um ihn.</emphasis> Statt dessen sagte er: �Und rein zuf�llig Stefan Rosens Rechtsanwalt. Er hat ihn damals rausgeholt.�</p><p>�Und jetzt ist er tot.� West sch�rzte die Lippen.</p><p>�Was f�r ein Zufall.�</p><p>�Was ist passiert?� wollte Bremer wissen. �Wieder ein bizarrer Selbstmord?�</p><p>�Er ist tot�, antwortete N�rdlinger, �mehr wei� ich auch nicht. Und mehr m�ssen <emphasis>Sie </emphasis>auch nicht wissen.� Er gab sich einen sichtbaren Ruck, streifte das Telefon noch einmal mit einem sonderbaren Blick, fast, als mache er den Apparat f�r die schlechten Nachrichten verantwortlich, und fuhr dann in ver�ndertem Ton und wieder direkt an Bremer gewandt fort: �Ich habe Sie vor zwei Minuten vom Dienst suspendiert, haben Sie das bereits vergessen?�</p><p>�Aber das ... das war doch wohl nicht ernst gemeint, oder?� murmelte Bremer. �Ich meine...�</p><p>�Hatten Sie jemals den Eindruck, da� ich mit solchen Dingen scherze?� fragte N�rdlinger. �Sie sind raus, Bremer. Raus aus diesem Fall und zumindest f�r den Rest der Woche raus aus dem Polizeidienst.� Er stand auf. �Bis nicht wenigstens<emphasis> etwas </emphasis>Gras �ber diese leidige Angelegenheit gewachsen ist, m�chte ich Sie nicht mehr sehen. Nicht in diesem Geb�ude, und erst recht nicht in der N�he irgendeines der an diesem Fall Beteiligten.�</p><p>�Ist das schon alles?� fragte Bremer.</p><p>�Beinahe�, antwortete N�rdlinger. �Ob ich Sie mit oder ohne Ihre Bez�ge suspendiere, das h�ngt von den n�chsten S�tzen ab, die ich von Ihnen zu h�ren bekomme.�</p><p>�Dann w�re es vielleicht das Kl�gste, wenn ich jetzt �berhaupt nichts mehr sage�, murmelte Bremer verst�rt.</p><p>�Das scheint mir auch so�, sagte N�rdlinger. �Ich w�nsche Ihnen ein sch�nes Wochenende, Herr Bremer. Ich melde mich n�chste Woche bei Ihnen - falls Ihr Telefon eingeschaltet ist, hei�t das.� Bremer suchte eine oder zwei Sekunden lang nach einer passenden - oder wenigstens <emphasis>originellen -</emphasis> Antwort, aber schlie�lich sah er ein, da� die einzig vern�nftige Antwort in diesem Fall keine Antwort war. Er stand auf, drehte sich ohne ein weiteres Wort herum und ging.</p><p>Erst, als er das B�ro und auch N�rdlingers Vorzimmer durchquert hatte, blieb er wieder stehen. Seine H�nde begannen zu zittern, und sein Puls beschleunigte sich schlagartig. Zu sagen, da� diese Runde an N�rdlinger gegangen war, w�re die Untertreibung des Jahres gewesen. Es war ein klarer, technischer K.O. - und er wu�te nicht einmal, warum. Bremer kam erst jetzt zu Bewu�tsein, da� N�rdlinger ihm den eigentlichen Grund ihres Gespr�ches nicht einmal genannt hatte. Er hatte ihn bestimmt nicht um diese Zeit hierherbestellt, nur um ihn rauszuschmei�en.</p><p>Seine H�nde begannen fast ohne sein Zutun in den Jackentaschen zu graben. Er hatte das Rauchen vor drei Jahren aufgegeben und seit mehr als einem Jahr keinen Appetit mehr auf Nikotin versp�rt; jetzt h�tte er f�r eine Zigarette einen Mord begangen. Alles, was er fand, waren seine Autoschl�ssel und eine halb aufgeweichte Tankquittung. Und ein St�ck rostiger Draht, etwas k�rzer als sein kleiner Finger und mit einer dunkelbraunen Verf�rbung an einem Ende. Es dauerte eine Sekunde, bis er sich wieder erinnerte, woher dieses St�ck Altmetall kam. Er hatte es am Morgen auf dem Hinterhof aufgehoben, auf dem sie Rosens Leiche gefunden hatten. Warum er ihn eingesteckt hatte, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Vielleicht, weil es sich bei der h��lichen Verf�rbung an seinem Ende um Rosens Blut handelte? Seltsam. Ganz abgesehen davon, da� er damit ein Beweisst�ck vom Tatort entfernt hatte (N�rdlinger h�tte seine helle Freude daran gehabt, dachte er sarkastisch) war es eigentlich nicht seine Art, Troph�en zu sammeln. Schon gar nicht <emphasis>solche.</emphasis></p><p>Blut. An dem winzigen, verbogenen Draht klebte Blut. Vielleicht auch nicht. Vielleicht war es auch nur eine zuf�llig Verf�rbung, die er nur daf�r hielt. Es spielte keine Rolle. Etwas daran war wichtig. Und gef�hrlich. Es war die L�sung, der geheime Plan, auf dem die genaue Position jedes einzelnen Teiles dieses bisher scheinbar so sinnlos anmutenden Puzzles verzeichnet war, eingeschlossen all derer, die sie bisher noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatten. Er sch�ttelte den Gedanken beinahe w�tend ab, warf das kleine Drahtst�ck in den n�chsten Papierkorb und ging mit schnellen Schritten zum Aufzug. Etwas stimmte nicht mit ihm, und man mu�te weder Doktor der Tiefenpsychologie noch der legitime Nachfolger Sherlock Holmes' sein, um zu wissen, was. Es hatte am Morgen angefangen, als er Rosens Leichnam gesehen hatte, und der Zwischenfall in seinem Bad und seine selbstzerst�rerische Reaktion auf N�rdlingers Gardinenpredigt waren nur die konsequente Fortsetzung. Er konnte nicht einmal sagen, von <emphasis>was. </emphasis>Nur, da� er diesen Weg zu Ende gehen mu�te.</p><p>Der Aufzug lie� auf sich warten. Bremer dr�ckte den Rufknopf mit wachsender Ungeduld drei-, viermal, obwohl er wu�te, wie sinnlos es war. Irgend jemand blockierte weiter unten die T�ren. Er konnte den verdammten Knopf dr�cken, bis ihm der Fingernagel abfiel, ohne die Sache damit irgendwie zu beschleunigen. Aber er wollte auch nicht einfach stehenbleiben und warten, bis der Lift irgendwann einmal kam. Fr�her oder sp�ter w�rden N�rdlinger oder West aus der T�r hinter ihm treten, und das wirklich letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war einem von ihnen zu begegnen. Also ging er bis zum Ende des menschenleeren Korridors und �ffnete die Glast�r zum Treppenhaus. Seine Begeisterung, die acht Etagen zu Fu� nach unten zu gehen, hielt sich in Grenzen, aber er konnte auch nicht einfach hierbleiben und warten. Eine seltsame Unruhe hatte ihn ergriffen. Es war nicht allein der unbehagliche Gedanke, N�rdlinger oder West wiederzusehen. Etwas w�rde passieren. Er konnte es beinahe k�rperlich f�hlen; so wie die ver�nderte Elektrizit�t in der Luft, die man manchmal vor einem besonders schweren Gewitter sp�rt.</p><p>Die T�r fiel mit einem lauten Knall hinter ihm ins Schlo�, und das Licht flackerte. Als es wieder richtig brannte, war das Treppenhaus nicht mehr das Treppenhaus.</p><p>Vor ihm lag ein schmaler, schwindelerregend steil in die Tiefe f�hrender Schacht mit nackten Betonw�nden. Ausgetretene Zementstufen hatten die Stelle des billigen Marmor-Imitats eingenommen, und unter der Decke brannten keine kalten Neonleuchten mehr, sondern mattgelbe Gl�hbirnen in kleinen Drahtk�rbchen. Rauch trieb in faserigen grauen Schwaden durch die Luft, und er h�rte das Prasseln von Flammen, begleitet von einer fast regelm��igen Abfolge dumpfer, polternder Laute, die nicht zusammenhingen, trotzdem aber irgendwie zusammenzugeh�ren schienen.</p><p>Die Vision - diesmal war er<emphasis> sicher, </emphasis>da� es sich um eine solche handelte - war noch nicht ganz perfekt. Hier und da schimmerte die Wirklichkeit noch hindurch, als h�tte man einen Film genau im Augenblick der �berblendung angehalten. Und es nutzte nichts, zu wissen, da� er einer Halluzination erlag. Ganz im Gegenteil schien dieses Wissen den Sturz hin�ber in die Unwirklichkeit noch zu beschleunigen; so wie das Wissen um die vermeintliche Gefahr einen Nichtschwimmer in h�fthohem Wasser ertrinken lassen konnte. Bremer war sich jenseits allen Zweifels dar�ber im klaren, da� das, was er zu erleben meinte, nicht wahr war, sondern nur <emphasis>(Erinnerung?) </emphasis>eine Ausgeburt seiner Fantasie. Und doch war er unf�hig, dieses Wissen zu seinem Vorteil einzusetzen, oder auch nur zu seinem Schutz. Er versuchte, sich an den verblassenden Resten der Wirklichkeit festzuklammern, aber auch dieser Versuch scheiterte kl�glich. Nach ein paar Sekunden fand er sich endg�ltig und hoffnungslos gefangen in der surrealen Alptraumwelt einer weiteren, noch schlimmeren Vision wieder.</p><p>Der Treppenschacht hatte Substanz gewonnen, dabei aber nichts von seiner erschreckenden Unwirklichkeit verloren. Flackernder roter Feuerschein drang aus seiner Tiefe zu Bremer hoch, gefiltert von immer dichter werdendem, braunem und grauem Rauch, durch den zuckende Bewegung und flackernde Lichtblitze drangen, Schreie, hektische Bewegung und Sch�sse, das Wogen eines riesigen, gefl�gelten Schattens.</p><p>Der zeitliche Ablauf der Vision stimmte nicht. Es war auch keine Vision.</p><p>Es war Erinnerung. Pure, brutale Erinnerung, und sie kam schlagartig und parallel, so da� er gleichzeitig erlebte, was geschehen war, was geschah und was geschehen w�rde.</p><p>Bremer versuchte einen Schritt zur�ckzuweichen, aber es ging nicht. Seine Umgebung war real geworden, gehorchte aber immer noch den Gesetzm��igkeiten eines Alptraumes. Es gab nur eine einzige Richtung, in die er sich bewegen konnte. Das Prasseln der Flammen wurde st�rker, war nun das Ger�usch von brennendem Fleisch, die Schreie wurden zu den Schreien brennender Menschen.</p><p>Dann sp�rte er, wie der Schatten hinter ihm entstand. Gefangen in seiner Vision, war er immer noch nicht in der Lage, auch nur einen Muskel zu r�hren, geschweige denn, sich herumzudrehen, aber wie zum Ausgleich daf�r schien sich sein Wahrnehmungsverm�gen auf fast magische Weise erweitert zu haben. Der Schwarze Engel entstand unmittelbar hinter ihm, als w�re er nicht mehr als sein eigener Schatten, der auf gespenstische Weise Gestalt und Substanz angenommen hatte, entfaltete seine gewaltigen schwarzen Schwingen und glitt dann einfach durch ihn hindurch. Seine Ber�hrung war das kalte Feuer der H�lle. Bremer schrie wie unter Schmerzen - oder <emphasis>h�tte </emphasis>geschrien, w�re er dazu in der Lage gewesen -, aber was er in Wahrheit empfand, das war etwas ungleich Schlimmeres als k�rperlicher Schmerz. Die rauchigen Schwingen des Todesengels ber�hrten etwas tief in ihm. Nichts K�rperliches. Nicht einmal etwas wirklich<emphasis> Psychisches, </emphasis>sondern etwas weit jenseits davon, vielleicht sein Menschsein selbst. Und diese Ber�hrung war das Grauenhafteste, was Bremer jemals erlebt hatte. H�tte er die Wahl gehabt, zu sterben oder die Ber�hrung der schwarzen Fl�gel auch nur noch eine einzige Sekunde l�nger zu ertragen, er h�tte den Tod gew�hlt.</p><p>Der Schwarze Engel tobte weiter und raste die Treppe hinab. Seine gespreizten Fl�gel schlugen Funken aus den W�nden des schmalen Schachtes, und seine blo�e Ber�hrung reichte aus, um die M�nner, die unter ihm standen und verzweifelt ihre Waffen auf ihn abfeuerten, zu zerschmettern und brennend die Treppe hinunterst�rzen zu lassen. Einige von ihnen lebten noch. Sie schrien verzweifelt um Hilfe, bettelten um Gnade, aber welche Hilfe gab es gegen die M�chte der H�lle? Und <emphasis>Gnade </emphasis>geh�rte nicht zum Wortschatz des Kolosses, der gekommen war, um das zu Ende zu bringen, was hinter der brandgeschw�rzten Metallt�r am unteren Ende der Treppe vor so langer Zeit seinen Anfang genommen hatte. Es spielte keine Rolle, da� sie unschuldig daran waren. Auch das Wort <emphasis>Schuld </emphasis>geh�rte nicht zum Vokabular des gefl�gelten Giganten.</p><p>Er tobte weiter die Treppe hinab. Die eisernen Krallen an den Enden seiner Fl�gel rissen fingertiefe Furchen in den Beton, und unter seinen Schritten bebte die Erde. Die Schreie wurden lauter, verzweifelter, hoffnungsloser und brachen dann ab, und das Schweigen, das ihnen folgte, war auf unheimliche Weise vielleicht noch schlimmer.</p><p>Bremer sp�rte, wie die Spannung in ihm weiter und weiter wuchs, die Grenzen des Ertr�glichen erreichte, schlie�lich die Grenzen des �berhaupt Vorstellbaren, und noch immer weiter und weiter anstieg. Etwas in ihm w�rde zerbrechen, wenn er dieser f�rchterlichen Vision nicht entging, nicht irgendwann, nicht bald, sondern<emphasis> jetzt. </emphasis>Aber er konnte ihr nicht entkommen. So wenig, wie er diese Vision heraufbeschworen oder sich ihr freiwillig hingegeben hatte, stand es in seiner Macht, sie zu beenden. Er mu�te sie ertragen oder daran zerbrechen.</p><p>Weder das eine noch das andere geschah. Pl�tzlich war der Schwarze Engel wieder da, und etwas hatte sich ver�ndert.</p><p>Bremer war vom Zuschauer zum Akteur geworden; vielleicht auch zum Opfer. Aus Erinnerung wurde Hier und Jetzt.</p><p>Der Gigant stand wie aus dem Boden gewachsen vor ihm. Die schwarze Fl�che, die dort war, wo sein Gesicht sein sollte, starrte auf Bremer herab, und etwas dahinter erwachte zu grausigem Leben. Bremer sp�rte, wie ihm<emphasis> Etwas </emphasis>seine Aufmerksamkeit zuwandte, wie das gigantische, tr�ge Auge eines Gottes, dessen fl�chtiges Blinzeln schon ausreichen mu�te, ihn zu Asche zu verbrennen. Bremer schrie. Er<emphasis> wollte </emphasis>schreien, aber auch sein Kehlkopf war gel�hmt. Er taumelte zur�ck, als der Gigant die Hand nach ihm ausstreckte, aber seine Bewegung war zu langsam, kraftlos. Bremer prallte gegen die Wand, sank hilflos wimmernd in die Knie und hatte nur noch die Kraft, die Arme �ber den Kopf zu heben, wie ein Kind, das sich hilflos unter dem Angriff eines Erwachsenen kr�mmt. Er konnte sich nicht wehren. Er<emphasis> wollte </emphasis>sich nicht wehren. Es war sinnlos. Azrael war zur�ckgekommen, um es endlich zu Ende zu bringen, und auf eine resignierende Art war er froh dar�ber. Die Hand <emphasis>des </emphasis>Giganten n�herte sich seinem Gesicht, aber dann ergriff sie nur seine Schulter und r�ttelte daran. Einmal, zweimal, dann ein drittes Mal, und so heftig, da� sein Kopf unsanft nach hinten geworfen wurde und gegen die Wand prallte. Dieser ganze profane, k�rperliche Schmerz brach den Bann. Nicht nur ohne, sondern schon beinahe <emphasis>gegen </emphasis>seinen Willen griff er nach dem Handgelenk des Riesen, versuchte es zu packen und sp�rte, wie er statt dessen selbst gepackt und grob in die H�he gerissen wurde. Der Schmerz in seiner Schulter war so schlimm, da� er st�hnte und f�r eine Sekunde nur noch bunte Lichtblitze und Farben sah.</p><p>Als sich sein Blick wieder kl�rte, war aus dem schwarzen Todesengel ein dunkelhaariges, schlankes M�dchen geworden, das schr�g und mit gespreizten Beinen vor ihm stand. Ihre linke Hand hatte sein rechtes Handgelenk gepackt und hielt es mit eiserner Kraft fest, und ihr Daumen dr�ckte seine Hand direkt zwischen den Ballen so fest zur�ck, da� es weh tat. Die andere hatte sie in einer Haltung vor die Brust gehoben, �ber die er lieber nicht nachdachte.</p><p>�Alles wieder in Ordnung?� fragte West.</p><p>Bremer antwortete nicht - er konnte es gar nicht, denn seine Hand tat wirklich <emphasis>weh </emphasis>-, aber etwas in seinem Blick schien ihm diese M�he abzunehmen, denn West blieb nur noch eine knappe halbe Sekunde so stehen, dann lie� sie abrupt seinen Arm los, trat einen weiteren halben Schritt zur�ck und entspannte sich. Zumindest k�rperlich. Ihr Blick blieb weiter und sehr aufmerksam auf Bremers Gesicht geheftet.</p><p>�Was ist passiert?� fragte sie.</p><p>Bremer nahm vorsichtig die rechte Hand herunter und begann das Gelenk mit der anderen zu massieren. Seine Hand prickelte. Wests Daumen mu�te einen Nerv erwischt haben. �Sie haben mir fast die Hand gebrochen, das ist passiert�, sagte er. �Bezahlt N�rdlinger Sie eigentlich daf�r, mich zu qu�len?�</p><p>�Sie haben geschrien�, sagte West. Sie warf einen raschen Blick die Treppe hinauf, dann in die entgegengesetzte Richtung. �Ich wundere mich eigentlich, da� nicht das ganze Haus zusammengelaufen ist. Was war los?�</p><p>�Nichts�, antwortete Bremer. �Ich war ... einen Moment weggetreten.� Er h�rte auf, seine Hand zu massieren, und lie� den Arm sinken. Die Finger seiner rechten Hand prickelten bis in die Fingerkuppen hinein. �Ich hoffe, das wird nicht zu einer schlechten Angewohnheit.�</p><p>�Da� Sie f�r einen Moment wegtreten?�</p><p>�Da� Sie mir st�ndig das Leben retten.�</p><p>West blieb ernst. �Meinen Sie nicht, da� Sie mir eine Erkl�rung schuldig sind?� fragte sie.</p><p>�Nein�, antwortete Bremer. �Das meine ich nicht. Danke.�</p><p>�Danke? Das ist alles?�</p><p>�Das ist alles�, antwortete Bremer. �Was erwarten Sie noch? Da� ich Ihnen s�mtliche finsteren Geheimnisse meines Lebens beichte?�</p><p>�So, wie ich Sie einsch�tze, haben Sie keine�, antwortete West. �F�r den Anfang w�rde es mir schon reichen, wenn Sie mir einen Kaffee spendieren. Oder ist das auch zu viel verlangt?�</p></section><section><title><p>6</p></title><empty-line/><p>Es war gerade acht; eigentlich noch nicht allzu sp�t, vor allem f�r einen Mittwoch. Trotzdem wirkte die Cafeteria wie ausgestorben. Der hintere, weitaus gr��ere Teil des Raumes lag im Dunkeln, und die Panoramafront, die auf den Parkplatz im Innenhof hinausf�hrte, hatte sich in einen kupferfarbenen Spiegel verwandelt.</p><p>Bremer sa� an einem der billigen Plastiktische direkt an der Grenze zwischen dem beleuchteten und dem im Dunkeln daliegenden Teil des Raumes und starrte sein eigenes Spiegelbild an. Es kam ihm fremd vor; und ein bi�chen erschreckend. Sein Gesicht war bleich wie die sprichw�rtliche Wand, und wenn er seine H�nde nicht damit besch�ftigt h�tte, seit mindestens zehn Minuten in einem Kaffee zu r�hren, in dem sich nicht einmal die Spur von Zucker befand, dann h�tte man ihr Zittern sehen k�nnen. Bremer schrieb die unnat�rliche Bl�sse seines Gesichts wenigstens zum Teil der farbenver�nderten Wirkung des Spiegelglases zu. Bei seinen zitternden Fingern galt diese Ausrede nicht mehr - und schon gar nicht bei dem Ausdruck in seinen Augen. Er war seinem eigenen Blick nur f�r Sekundenbruchteile begegnet und hatte den Kopf dann hastig wieder gesenkt. Aber dieser winzige Moment hatte gereicht. Irgend etwas war in seinen Augen, das ihn entsetzte. Sie hatten etwas gesehen, was kein Mensch jemals sehen sollte. Ein leises Klimpern ri� ihn aus seinen Gedanken. Bremer sah auf und erblickte West, die mit einer Tasse Kaffee in der einen und einem Teller mit einem St�ck K�sekuchen in der anderen Hand heranbalanciert kam. Bremer versuchte sich zu erinnern, ob es das zweite oder dritte St�ck Kuchen war, das sie sich geholt hatte, war sich aber nicht sicher.</p><p>�Das dritte�, sagte West, als h�tte sie seine Gedanken gelesen. Sie lud ihre Last scheppernd auf den Tisch ab, zog sich mit der Fu�spitze einen Stuhl heran und setzte sich.</p><p>�Wie bitte?�</p><p>�Es ist das dritte St�ck K�sekuchen�, sagte sie. �Man konnte die Frage deutlich auf Ihrem Gesicht lesen. Au�erdem fragt sich das jeder, fr�her oder sp�ter. K�sekuchen ist mein gro�es Laster. Ich bin s�chtig danach. Versto�e ich damit gegen irgendein Gesetz?�</p><p>�Solange man es Ihnen nicht ansieht, nicht�, antwortete Bremer lahm. Er h�rte endlich auf, in seinem Kaffee zu r�hren, nahm den L�ffel heraus und legte ihn mit einer bed�chtigen Bewegung auf die Untertasse. Dabei brachte er sogar das Kunstst�ck fertig, da� seine H�nde nicht zitterten.</p><p>�Im Moment jedenfalls noch nicht.� West schaufelte sich eine gewaltige Ladung K�sekuchen in den Mund und fuhr kauend und an der Grenze des Unverst�ndlichen fort: �Wahrscheinlich werde ich in zehn Jahren jeden einzelnen Bissen bereuen. Aber das ist mir ehrlich gesagt egal.�</p><p>�Interessiert Sie Ihre Zukunft nicht?�</p><p>�Wei� ich, ob ich in zehn Jahren noch lebe?� West grinste und sah dadurch noch j�nger aus, als sie war. �Au�erdem bin ich in zehn Jahren vermutlich verheiratet und habe die statistischen anderthalb Kinder, einen Hund und ein Reihenhaus, an dem ich bis kurz vor meiner Pensionierung abbezahle. Wenn ich dann dick und fett bin, ist das eher das Problem meines Mannes.�</p><p>�Gibt es einen solchen?� fragte Bremer.</p><p>�Nicht einmal in spe�, antwortete West und rammte ihre Gabel zum drittenmal vehement in den Kuchen. Ihre E�manieren lie�en zu w�nschen �brig, dachte Bremer. Was jetzt noch auf ihrem Teller lag, sah eher nach etwas aus, was nach einem Fl�chenbombardement �briggeblieben war als nach etwas E�barem. �Aber rein statistisch wartet er nat�rlich schon auf mich ... irgendwo dort drau�en.� Bremer l�chelte fl�chtig und nippte an seinem Kaffee. Er hatte so lange darin ger�hrt, da� er mittlerweile kalt war, stellte sie mit den gleichen behutsamen Bewegungen, mit denen er schon den L�ffel gehandhabt hatte, auf die Untertasse zur�ck und sah West an. Die junge Frau schien voll und ganz auf ihren Kuchen konzentriert zu sein, und sein Blick irrte f�r einen Moment ab und traf die Fensterscheibe hinter ihr. Seine eigene und Wests Gestalt spiegelten sich als verzerrte Schatten mit unscharfen R�ndern darauf, und f�r einen ganz kurzen Moment, vielleicht nur den Bruchteil einer Sekunde, glaubte er noch einen dritten, gewaltigen Umri� dahinter zu erkennen, der riesig und gefl�gelt �ber ihnen emporragte. Er wu�te, da� er nicht wirklich da war. Es war nicht einmal eine Halluzination, sondern nur ein b�ser Streich, den ihm seine Nerven spielten. Trotzdem kostete es ihn beinahe seine gesamt Kraft, sich nicht herumzudrehen und sich davon zu �berzeugen, da� er auch tats�chlich allein war.</p><p>�Geht es Ihnen wieder besser?� fragte West unvermittelt. �Als ich Sie vorhin da oben ... aufgelesen habe, sahen sie ganz sch�n fertig aus.� Bremer runzelte die Stirn. Er wu�te nicht genau, was er von diesen Worten halten sollte; so wenig, wie er eigentlich wu�te, was er von West halten sollte. Vielleicht war sie einfach nur nerv�s und plapperte drauflos, weil die Situation ihr mindestens genauso unangenehm war wie ihm. Vielleicht aber auch nicht.</p><p>�Es geht mir wieder gut�, sagte er und verfluchte sich praktisch im gleichen Moment selbst f�r diese Antwort. Wieder bedeutete, da� es ihm gerade nicht gut gegangen war. Aber das abzustreiten, w�re sowieso ziemlich albern. �Und um eines klarzustellen�, fuhr er fort. �Sie haben mich nicht <emphasis>aufgelesen. </emphasis>Ich hatte einen kleinen Schw�cheanfall. So etwas kommt vor. Sie haben mich vor einer peinlichen Situation bewahrt, und daf�r bin ich Ihnen dankbar. Das ist aber auch schon alles. Ich bin Ihnen nichts schuldig. Und ich werde gewi� nicht mein ganzes Leben vor Ihnen ausbreiten.�</p><p>�Vor allem nicht, weil wir uns erst seit ein paar Stunden kennen�, pflichtete ihm West bei. �Ich an Ihrer Stelle w�rde wahrscheinlich auch nicht anders reagieren. Aber das meiste davon wei� ich sowieso schon.� Sie stand auf. �Ich hole mir noch ein St�ck Kuchen. Darf ich Sie auch zu einem einladen?� Bremer sch�ttelte den Kopf, und West schnappte sich mit einem wortlosen Achselzucken ihren Kuchenteller und marschierte zur Theke hin�ber. Bremer blickte ihr mit gemischten Gef�hlen nach. Er sollte w�tend sein, aber er war einfach nur ... verwirrt.</p><p>Vielleicht lag es schlicht daran, da� West ihm gefiel, auf eine schwer in Worte zu fassende, direkte Art. Ihre Art, sich zu bewegen, war �u�erst anmutig, selbst bei einer so banalen T�tigkeit wie dem Hochheben eines Tellers. Und ihm gefiel auch ihre Art, wie sie sich gab.</p><p>Vielleicht, weil er sp�rte, wie verunsichert und verletzbar sie hinter der aufgesetzten Extrovertiertheit war, hinter der sie sich versteckte. Au�erdem hatte er das Gef�hl, da� sie eine sehr kluge Person war.</p><p>Und da� sie - wenn er noch zwei Minuten so weiter machte - zumindest in seiner Vorstellung zu einer Mischung aus Brigitte Nielson, Claudia Schiffer und einem weiblichen Albert Einstein mutieren w�rde. Was war mit ihm los? Er war doch wohl nicht etwa dabei, sich in dieses halbe Kind zu verlieben? Gro�er Gott, sie war jung genug, um seine Tochter sein zu k�nnen!</p><p>Die T�r ging auf, und eine kleine Gruppe M�nner kam herein: zwei, drei Streifenpolizisten in schwarzen Lederjacken, begleitet von Meiler und V�rgels. Bremer kannte beide und verstand sich mit beiden nicht besonders, aber das traf auf die meisten seiner Kollegen zu. Er hatte keine wirklichen <emphasis>Feinde </emphasis>hier im Pr�sidium, aber auch nur sehr wenige wirklich <emphasis>Freunde. </emphasis>Zur letzteren Kategorie geh�rten Meiler und sein schwuler Partner ganz gewi� nicht.</p><p>Trotzdem wartete er gerade lange genug ab, bis sich die beiden gesetzt hatten, dann stand er auf und steuerte ihren Tisch an.</p><p>�Hallo, Bremer�, begr��te ihn Meiler. �Was machst du denn noch hier? Ich dachte, N�rdlinger h�tte dich gefeuert.�</p><p>Bremer blieb mitten in der Bewegung stehen. �Suspendiert�, sagte er. �Schlechte Nachrichten sprechen sich offenbar ziemlich schnell herum.�</p><p>�Gute noch viel besser�, sagte V�rgels und z�ndete sich eine Zigarette an.</p><p>�N�rdlinger hat uns angerufen�, sagte Meiler hastig. Er warf seinem Partner einen strafenden Blick zu und fuhr an Bremer gewandt und mit einer einladenden Geste auf einen der beiden freien St�hle an ihrem Tisch fort: �Keine Angst. Die Neuigkeit steht noch nicht am Schwarzen Brett, und wir werden es auch nicht herumerz�hlen.�</p><p>�Aber ihr wi�t nat�rlich mal wieder alles.� Bremer blieb stehen, ohne seiner Einladung zu folgen.</p><p>�N�rdlinger hat uns telefonisch genau informiert�, antwortete Meiler. �Vor zehn Minuten. Wir waren n�mlich gerade vor dieser Kirche und haben Strelowskys �berreste aus seinem Wagen gekratzt. N�rdlinger scheint dir nicht zu vertrauen, wei�t du? Er hat uns in allen Einzelheiten erkl�rt, wohin sich unsere berufliche Laufbahn entwickeln k�nnte, wenn wir dir auch nur ein Sterbensw�rtchen verraten. Ich wu�te gar nicht, da� Kriminalrat N�rdlinger ein so fantasievoller Mensch ist.�</p><p>�Kirche?� fragte Bremer. Irgend etwas klingelte bei diesem Wort in ihm, aber er wu�te nicht, was. �Was f�r eine Kirche?�</p><p>�Keine Chance�, antwortete Meiler. �N�rdlinger meint es wirklich ernst. Und er hat recht, wei� du? La� die Finger von dem Fall.� Er lachte, leise, nerv�s und unecht. �Setz dich, ich spendiere dir ein Bier. Du bist ja jetzt nicht mehr im Dienst.� Die letzte Bemerkung, fand Bremer, h�tte er sich auch verkneifen k�nnen. Er glaubte aber nicht, da� Meiler ihn damit wirklich verletzen wollte. Wie leider Gottes viel zu viele geh�rte auch Meiler zu den Menschen, die nur zu oft erst redeten und dann ihr Gehirn einschalteten. Keine besonders gute Eigenschaft f�r einen Polizisten. Er sch�ttelte nur den Kopf, drehte sich mit einem Achselzucken herum und ging zu seinem Tisch zur�ck.</p><p>West sa� bereits wieder an ihrem Platz und war mit gro�em Enthusiasmus damit besch�ftigt, ihr viertes St�ck K�sekuchen zu massakrieren. Ohne auch nur zu ihm aufzublicken, fragte sie: �Abgeblitzt?�</p><p>�Was ... meinen Sie damit?� fragte Bremer.</p><p>Noch immer ohne aufzublicken, machte West eine Kopfbewegung in Richtung des Tisches, an dem Meiler und V�rgels sa�en. �Die beiden da. Sie haben Ihnen nichts gesagt, stimmt's?�</p><p>�Sie haben mir nichts gesagt.� Bremer setzte sich.</p><p>�Und bevor Sie jetzt anfangen, sich ernsthaft zu fragen, ob ich Gedanken lesen kann�, sagte West, �verrate ich Ihnen mein Geheimnis. Ich war dabei, als N�rdlinger Kommissar Meiler angerufen hat. Er schien ziemlich sicher zu sein, da� Sie sich<emphasis> nicht </emphasis>an seine Anweisung halten w�rden, Ihre Finger von dem Fall zu lassen.� Bremer sah sie einen Moment lang nachdenklich an. Dann befeuchtete er die Kuppe des Mittelfingers mit der Zunge, langte �ber den Tisch und angelte einen Kr�mel ihres Kuchens von ihrem Teller. Sie hatte recht: Er schmeckte ausgezeichnet. Nicht s�chtig machend, wie sie behauptet hatte, aber viel besser, als er erwartet hatte.</p><p>�Was haben Sie eigentlich gemeint, als Sie vorhin gesagt haben, da� Sie das meiste �ber mich sowieso schon wissen?� fragte er.</p><p>�Das w�re nicht fair�, sagte West.</p><p>�Was?�</p><p>�Wenn ich diese Frage beantworte, habe ich Ihnen schon zwei Antworten gegeben, und Sie mir noch gar keine�, sagte sie. �Das ist gegen die Spielregeln.�</p><p>�Ich kann mich gar nicht daran erinnern, da� wir welche aufgestellt h�tten�, sagte Bremer. Er legte ganz bewu�t einen sch�rferen Ton in seine Stimme, als n�tig gewesen w�re. Der Gedanke, da� er sich in dieses Kind verliebt haben k�nnte, hatte sich mittlerweile als so l�cherlich entlarvt, wie er auch war, aber Angela West war ihm sympathisch. Vielleicht reagierte er deshalb aggressiver, als ihm selbst angemessen schien. Er seufzte.</p><p>�So, und jetzt Schlu� mit dem Unsinn, Frau West.�</p><p>�Angela�, sagte West. �Oder Angie, wenn Ihnen das lieber ist.�</p><p>�Sie haben mich nicht zuf�llig gerade im Treppenhaus gefunden�, fuhr er fort. �Und Sie haben N�rdlingers Gespr�ch mit Meiler auch nicht zuf�llig mit angeh�rt. Sie haben mich gesucht.�</p><p>�W�re es Ihnen lieber,<emphasis> er </emphasis>h�tte Sie gefunden?� Angela deutete in Meilers Richtung, aber Bremer ignorierte auch diese Frage.</p><p>�N�rdlinger hat Sie auf mich angesetzt, stimmt's? Es reicht ihm nicht, mich kaltzustellen. Er will ganz sicher gehen. Was hat er von Ihnen verlangt? Da� Sie sich in mein Vertrauen schleichen und aufpassen, da� ich auch wirklich ein lieber Junge bin?�</p><p>Angela lie� ihre Gabel sinken. Sie l�chelte weiter, aber der fr�hliche Glanz in ihren Augen wurde matter. �Das war jetzt nicht fair�, sagte sie.</p><p>�Was Sie tun, auch nicht�, antwortete Bremer grob.</p><p>�Sind Sie sicher? Ich meine: Haben Sie schon einmal die M�glichkeit in Betracht gezogen, da� N�rdlinger es wirklich gut mit Ihnen meint?�</p><p>�Keine Sekunde lang�, antwortete Bremer ehrlich.</p><p>�Ich glaube das aber�, sagte Angela. �Ich hatte ein ziemlich langes Gespr�ch mit ihm. Heute nachmittag, bevor ich zu Ihnen gekommen bin. Er macht sich Sorgen um Sie, und das meine ich ernst.�</p><p>�N�rdlinger? Um mich? Er kann mich nicht leiden.�</p><p>�Das stimmt�, gestand Angela unumwunden. �Aber es �ndert nichts. Sie geh�ren zu seinen Leuten, und Kriminalrat N�rdlinger ist ein ziemlich altmodischer Mensch. Er steht zu seinen Leuten, ob er sie nun pers�nlich mag oder nicht. Wollen Sie wissen, was er von Ihnen h�lt?�</p><p>�Nein�, sagte Bremer.</p><p>�Ein guter Polizist�, fuhr sie fort. �Aber leider auch ein Eigenbr�tler. Ein wortkarger Einzelg�nger mit einem starken Hang zum Selbstmitleid.�</p><p>�Danke�, knurrte Bremer. �Genau das habe ich jetzt gebraucht.�</p><p>�Das sind nicht meine Worte�, erwiderte West gelassen. �Aber ich sch�tze, da� er der Wahrheit damit ziemlich nahe kommt. Er hatte gar keine andere Wahl, als Sie von diesem Fall abzuziehen. Sie haben heute ja offenbar weder Zeitung gelesen noch das Radio eingeschaltet, aber glauben Sie wirklich, da� ich Sie aus Langeweile wie Mata Hari aus Ihrem eigenen Haus geschmuggelt habe? Bestimmt nicht. Wenn Sie auch nur die Nase ins Freie stecken, dann wird sich die gesamte Presse dieser Stadt auf Sie st�rzen und Sie in kleine St�cke rei�en. Deshalb bin ich hier. Um zu verhindern, da� ganz genau das geschieht.�</p><p>�Wie r�hrend�, sagte Bremer sp�ttisch.</p><p>�Keineswegs�, antwortete Angela. �Wie gesagt: Er versucht nur, seine Leute zu sch�tzen.�</p><p>�Und Sie helfen ihm dabei.�</p><p>�Ich mache meine Arbeit�, sagte Angela. �Ich bin Ihre Partnerin. In guten wie in schlechten Zeiten.�</p><p>�Sie verwechseln da etwas�, sagte Bremer. �Und ich arbeite nicht mit einem Partner.� Angela zuckte mit den Schultern. Ihr Spiegelbild auf der Fensterscheibe vollzog die Bewegung getreulich mit, und irgend etwas jenseits dieses Spiegelbildes schien mit einem tr�gen, sehr machtvollen Wogen darauf zu reagieren, wie ein zum eigenen Leben erweckter Schatten, der sich aus der gemeinsamen Bewegung l�st, um fortan ein gespenstisches Eigenleben zu f�hren.</p><p>Bremer schlo� mit einem Ruck die Augen. Vielleicht sollte er aufh�ren, sich Gedanken �ber N�rdlinger oder irgendwelche Journalisten zu machen. M�glicherweise war der einzige Feind, �ber den er sich ernsthafte Sorgen machen sollte, seine eigene Fantasie.</p><p>�Ist das Verh�r jetzt vorbei?� fragte Angela nach einer Weile. Sie l�chelte noch immer, aber ihre Stimme klang ein bi�chen spr�de. �Wenn ja, dann h�tte ich n�mlich auch eine Frage.�</p><p>�Eine�, sagte Bremer. �Mehr nicht. Ohne Garantie, da� ich sie beantworte.�</p><p>�Azrael�, sagte Angela. �Was bedeutet das?�</p><p>Bremer starrte sie an. F�nf Sekunden. Zehn. Drei�ig. Er wartete darauf, da� seine H�nde zu zittern begannen oder sein Herz raste, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Er f�hlte sich wie bet�ubt. Selbst das Sprechen bereitete ihm pl�tzlich M�he. �Woher ... kennen Sie diesen Namen?� fragte er stockend.</p><p>�Von Ihnen�, antwortete Angela. �Sie haben ihn gemurmelt. Vorhin, als ich Sie oben auf...� Sie verbesserte sich. �Als ich Sie im Treppenhaus getroffen habe. Azrael... Es klingt seltsam. Was bedeutet es?�</p><p>�Nichts�, antwortete Bremer. Pl�tzlich schien alles gleichzeitig auf ihn einzust�rmen. Die Erinnerungen waren da, schlagartig und ohne Wenn und Aber, als h�tte sie die magische Macht dieses Namens, hier in der Wirklichkeit ausgesprochen, heraufbeschworen. Er stand auf.</p><p>�Nichts�, sagte er noch einmal. �Es bedeutet nichts. Und es geht Sie auch nichts an.�</p></section><section><title><p>7</p></title><empty-line/><p>N�rdlingers Hand zitterte noch immer, obwohl es mehr als eine Minute her sein mu�te, da� er den Telefonh�rer aufgelegt hatte. Seine Finger prickelten, und er hatte den H�rer so fest umklammert gehalten, da� das Blut unter seinen Fingern�geln gewichen war und sie jetzt so wei� wie die eines Toten aussahen.</p><p>Er konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor so ... <emphasis>emp�rt </emphasis>gewesen zu sein. Sein Puls h�mmerte, und auf seiner Zunge war ein bitterer Kupfergeschmack, der sich einfach nicht herunterschlucken lie�; vielleicht der Geschmack der Niederlage.</p><p>�Nun?� Der Mann auf der anderen Seite des Schreibtischs gab sich weder M�he, das h�mische Glitzern aus seinen Augen zu verbannen, noch den s�ffisanten Ton aus seiner Stimme. Er deutete mit einer Kopfbewegung auf das Telefon, und der Ausdruck h�hnischer Befriedigung verlie� seine Augen und breitete sich auf seinem ganzen Gesicht aus. �Nachdem wir die Pr�liminarien hinter uns gebracht haben, darf ich dann jetzt auf Ihre volle Unterst�tzung z�hlen, Herr Kriminalrat?�</p><p>�Wenn Sie aufh�ren, wie ein Idiot zu reden, ja�, antwortete N�rdlinger. Noch vor zehn Minuten h�tte er es nicht einmal f�r m�glich gehalten, sich selbst einmal so reden zu h�ren. Nicht mit diesen Worten, und schon gar nicht in diesem<emphasis> Ton. </emphasis>Jetzt h�tte er am liebsten noch ganz andere Sachen gesagt (gesagt? <emphasis>Getan!), </emphasis>aber die Person, mit der er vor einer Minute telefoniert hatte, war ziemlich eindeutig gewesen.</p><p>�Na, das ist doch schon einmal eine Basis.� Der Mann grinste noch breiter, griff �ber den Tisch nach dem ehrfurchtgebietenden Dienstausweis, mit dem er sich N�rdlinger vorgestellt hatte - der (zweifellos falsche) Name darauf lautete Braun - und steckte ihn ein.</p><p>�Ich wei� nicht, was Sie �berhaupt noch von mir wollen�, sagte N�rdlinger unwirsch. �Ich habe alles getan, was in meiner Macht steht. Ich habe Bremer nicht nur von diesem Fall abgezogen, ich habe ihn sogar f�r eine Woche vom Dienst suspendiert. Was soll ich noch tun? Ihn einsperren?� Braun lie� sich in seinem Sessel zur�ckfallen und schlug die Beine �bereinander. Die Bewegung sollte vermutlich Gelassenheit demonstrieren, wirkte aber einfach nur affektiert. Nichts an Braun, �berlegte N�rdlinger, wirkte irgendwie echt.</p><p>�Das ist zumindest eine M�glichkeit, die wir in Betracht ziehen m�ssen�, sagte er. �Aber im Moment w�re das wahrscheinlich �bertrieben. Was ist mit der Kleinen, die ihn begleitet? Ist sie eingeweiht?�</p><p>�Frau West?� N�rdlinger sch�ttelte den Kopf und zuckte praktisch in der gleichen Bewegung mit den Achseln. �Woher soll <emphasis>ich </emphasis>das wissen? Ich dachte, Sie h�tten sie geschickt.�</p><p>�Seit wann lassen wir Kinder f�r uns arbeiten?�</p><p><emphasis>Vielleicht, seit euch die Idioten ausgegangen sind, </emphasis>dachte N�rdlinger w�tend. �Sie kommt frisch von der Polizeischule�, sagte er. �Ich dachte, ihr h�ttet sie geschickt, um ein Auge auf Bremer zu werfen. Ich kann sie nat�rlich...�</p><p>�Lassen Sie sie, wo sie ist�, unterbrach ihn Braun. �Vielleicht ist es sogar ganz gut so. M�glicherweise kann sie uns sogar von Nutzen sein.�</p><p>�Sie meinen, falls Sie jemanden brauchen, dem Sie die Schuld in die Schuhe schieben k�nnen, falls dieser ganze Irrsinn schiefgeht?�</p><p>�Nein�, antwortete Braun ruhig. �Daf�r haben wir Sie.� N�rdlinger bi� sich auf die Unterlippe. Braun wollte ihn provozieren, das war klar, und er stand kurz davor, sein Ziel zu erreichen. Er schwieg.</p><p>��berpr�fen Sie sie noch einmal�, fuhr Braun fort, als er ihm nicht den Gefallen tat, zu explodieren oder auch nur �berhaupt zu antworten. �Aber lassen Sie sie, wo sie ist. Und was Bremer angeht, verlassen wir uns darauf, da� Sie ihn im Auge behalten. Die Operation tritt sozusagen in die kritische Phase. Wir k�nnen uns keine Fehler erlauben.� N�rdlinger starrte ihn finster an und schwieg beharrlich weiter. Sein Blick tastete �ber das knappe Dutzend roter Schnellhefter, das vor ihm auf dem Tisch lag. Auf jedem einzelnen prangte der leuchtendrote Stempelabdruck VERTRAULICH - das beste Mittel, neugierige Blicke auf Bestimmtes zu ziehen, dachte er sp�ttisch. Dazu dann noch gleich der �berdeutliche Hinweis, was sich in den Schnellheftern verbarg: �ber postkartengro�en Portr�tfotos standen die dazugeh�rigen, in schwarzen Druckbuchstaben geschriebenen Namen: Sendig, Sillmann, Hansen, Bremer ... die meisten dieser Namen hatte er bis vor zehn Minuten noch nicht einmal geh�rt. Und wenn das, was Braun und die k�rperlose Stimme am Telefon ihm erz�hlt hatten, der Wahrheit entsprach - woran er keine Sekunde lang zweifelte -, dann war Bremers Personalakte die einzige hier auf dem Tisch, die zu einem<emphasis> lebenden </emphasis>Menschen geh�rte. Mehr noch: N�rdlinger war ziemlich sicher, da� er eine gewaltige �berraschung erleben w�rde, sollte er etwa versuchen, seine nicht unbetr�chtlichen M�glichkeiten dazu einzusetzen, um etwas �ber eine dieser Personen herauszufinden. Sie existierten praktisch nicht mehr. Jemand hatte sich gro�e M�he gegeben, alle Spuren zu tilgen, die ihre Leben hinterlassen hatten; in elektronischen Datenbanken, in Karteik�sten und Melderegistern, in den Patientenkarteien von Krankenh�usern und den Akten des Finanzamts, ja, selbst im Ged�chtnis der Menschen, die sie gekannt oder mit ihnen gearbeitet hatten. Es <emphasis>war </emphasis>m�glich, einen Menschen auf diese Weise praktisch auszul�schen. Es war sehr aufwendig, sehr zeitraubend und sehr m�hsam, aber es ging. Es war nicht das erstemal, da� N�rdlinger so etwas erlebte. Er fragte sich, ob vielleicht irgendwann einmal eine Akte mit <emphasis>seinem </emphasis>Foto auf dem Deckel auf dem Schreibtisch irgendeines hochgestellten Staatsdieners landen w�rde, um auf diese Weise gel�scht zu werden.</p><p>Sehr leise sagte er: �Das ist doch vollkommener Wahnsinn! H�tte ich vorher gewu�t, worauf ich mich da einlasse...�</p><p>�...dann<emphasis> h�tten </emphasis>Sie sich nicht darauf eingelassen, ich wei߫, unterbrach ihn Braun. �Sehen Sie, und das ist genau<emphasis> der </emphasis>Grund, aus dem Sie es nicht gewu�t haben. Glauben Sie mir: Unwissenheit ist manchmal der beste Schutz, den man haben kann.�</p><p>�Gilt das auch f�r Sie?� fragte N�rdlinger. Braun blickte fragend, und N�rdlinger fuhr fort: �Ich meine Sie und die Leute, f�r die Sie arbeiten - wissen Sie wirklich, worauf Sie sich einlassen? Reicht Ihnen die Katastrophe nicht, die damals beinahe geschehen w�re?� Er machte eine zornige Geste auf die Akten, die vor ihm auf dem Tisch ausgebreitet waren. �Von all diesen Leuten ist nicht <emphasis>einer </emphasis>am Leben! Und Sie wollen das alles noch einmal wiederholen?�</p><p>�Das sind noch nicht einmal alle�, sagte Braun ruhig. �Ich kann Ihre Bedenken verstehen. Es hat wirklich eine Menge Opfer gegeben, damals. Opfer, die nicht n�tig gewesen waren. Diesmal wird die Sache anders ablaufen.�</p><p>�Ach?� sagte N�rdlinger sp�ttisch.</p><p>�Wir sind keine Dummk�pfe�, antwortete Braun scharf. �Und auch keine Selbstm�rder. Es werden Fehler gemacht, aber wir haben daraus gelernt.�</p><p>�Darf ich das zitieren?� fragte N�rdlinger. �Ich meine: Falls ich eine passende Inschrift f�r ein paar Grabsteine brauche?�</p><p>Braun z�ndete sich eine Zigarette an. Normalerweise w�re das f�r N�rdlinger Grund genug gewesen, ihn aus seinem B�ro zu werfen, aber jetzt freute ihn der Anblick fast. Brauns aufgesetzte Selbstsicherheit begann zu br�ckeln. Ganz offensichtlich war es N�rdlinger nun umgekehrt gelungen,<emphasis> ihn </emphasis>aus der Ruhe zu bringen.</p><p>�Die Situation war damals ganz anders�, sagte Braun, nachdem er einen ersten, verr�terisch tiefen Zug aus seiner Zigarette genommen hatte. �Wir wu�ten nicht, womit wir es zu tun hatten. Sillmann und seine sogenannten Helfer waren St�mper, die mit Dingen herumgespielt haben, die sie nicht einmal begriffen.�</p><p>�Aber Sie begreifen sie?� fragte N�rdlinger sp�ttisch.</p><p>�Ich?� Braun sch�ttelte heftig den Kopf. �Gott bewahre! Ich <emphasis>will </emphasis>von diesem ganzen esoterischen Firlefanz auch nichts verstehen. Ich mu� ja schlie�lich auch nicht wissen, wie ein Atomkraftwerk funktioniert, um den Stecker meiner Kaffeemaschine in die Steckdose zu schieben. Wir haben Spezialisten f�r so etwas. Glauben Sie mir, die wissen, was sie tun.�</p><p>�Und wenn nicht, sind wir die ersten, die es merken.�</p><p>Braun machte ein ver�rgertes Gesicht. �Jetzt h�ren Sie doch endlich auf...�</p><p>�Nein�, unterbrach ihn N�rdlinger. �Jetzt h�ren <emphasis>Sie </emphasis>endlich auf, so zu tun, als w�re alles in Ordnung! Ich habe bereits vier Tote!�</p><p>�Vier?�</p><p>�Haben Sie Strelowsky vergessen?� fragte N�rdlinger. �Oder arbeiten Ihre Informanten vielleicht doch nicht so gut?�</p><p>�Der hat damit gar nichts zu tun�, behauptete Braun. Er klang nicht sehr �berzeugt. Wenn �berhaupt, dann nur trotzig.</p><p>�Wollen Sie behaupten, es w�re ein Zufall?�</p><p>�Wer sich in Gefahr begibt, kommt nun einmal darin um�, antwortete Braun achselzuckend. �Dieser Kerl hat sich mit so vielen zwielichtigen Elementen abgegeben, da� es ihn irgendwann einmal erwischen mu�te. Wahrscheinlich hat einer seiner unzufriedenen Mandanten ein bi�chen zu fest hingelangt. Und erz�hlen Sie mir nicht, da� es schade um diesen Kerl ist.�</p><p>�Es reicht, Braun�, sagte N�rdlinger spr�de. �Sie haben gesagt, weshalb Sie hergekommen sind, und jetzt sollten Sie besser wieder gehen. Ich habe auch noch eine Menge zu tun.� Braun wirkte regelrecht verdutzt. Sein Gesichtsausdruck erinnerte N�rdlinger an den eines Boxers, der einen Kampf �ber zehn Runden hinweg souver�n gef�hrt hatte und in der elften pl�tzlich ein paar Hiebe einstecken mu�te, die vielleicht nicht wirklich gef�hrlich waren, aber<emphasis> weh </emphasis>taten. Dann lachte er; ziemlich nerv�s, wie N�rdlinger fand.</p><p>�Irgendwie werde ich das Gef�hl nicht los, da� Sie mich nicht leiden k�nnen.�</p><p>�Ich mag die Art nicht, in der Sie �ber Menschenleben reden�, sagte N�rdlinger. �Und ich mag die Art nicht, in der Sie glauben, mich herumkommandieren zu k�nnen.�</p><p>�<emphasis>Ich glaube </emphasis>es nicht�, sagte Braun betont, und N�rdlinger unterbrach ihn erneut und f�hrte den Satz zu Ende:</p><p>�Ja, ja, Sie <emphasis>k�nnen </emphasis>es, ich wei�. Und jetzt gehen Sie bitte.� F�r einen Moment sah es so aus, als h�tte er den Bogen �berspannt.</p><p>Braun nahm die Zigarette aus dem Mund und starrte ihn aus Augen an, in denen nicht einmal mehr die Spur eines L�chelns zu erkennen war, aber auch nichts mehr von dem �berheblichen Funkeln, das er noch vorhin darin gelesen hatte. Dann aber stand er nur mit einem Achselzucken auf und deutete auf die Akten, die vor N�rdlinger auf dem Tisch lagen. �Lesen Sie das bis morgen durch. Und geben Sie acht, da� sie nicht in falsche H�nde geraten. Sie wissen, was diese Unterlagen anrichten k�nnen.� Er ging ohne ein weiteres Wort.</p><p>N�rdlinger starrte die geschlossene T�r hinter ihm noch zwei oder drei Sekunden lang an, dann griff er mit einer w�tenden Bewegung nach dem erstbesten Hefter, der vor ihm auf der Tischplatte lag, und schlug ihn auf. Die Bl�tter, die darin abgeheftet waren, waren karmesinrot, und die Schrift darauf nicht schwarz, sondern ebenfalls rot, wenn auch von einem sehr viel dunkleren Farbton. Das w�rde es schwierig machen, sie zu lesen, machte es zugleich aber auch fast unm�glich, sie zu kopieren; zumindest auf einem herk�mmlichen Fotokopierer. N�rdlinger war jedoch nicht in der Verfassung, auch nur eine der Akten zu lesen. Seine H�nde hatten wieder zu zittern begonnen. Er hatte erwartet, da� er sich beruhigen w�rde, sobald Braun gegangen war, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Jetzt, als er allein war, schien sich seine Erregung erst richtig bemerkbar zu machen. Er starrte abwechselnd die T�r an, durch die Braun verschwunden war, und das Telefon auf seinem Schreibtisch, und es fiel ihm jedesmal schwerer, den Apparat nicht einfach zu nehmen und gegen die T�r zu werfen. Vielleicht sollte er es tun, �berlegte er. Es w�rde zwar �berhaupt nichts �ndern, geschweige denn irgend etwas besser machen, aber vielleicht w�rde es ihn erleichtern.</p><p>Statt dessen griff er nach einer Weile wieder nach der Akte, die er gerade schon aufgeschlagen hatte, und begann zu lesen.</p></section><section><title><p>8</p></title><empty-line/><p>Die Vorh�nge waren zugezogen, und s�mtliche Lampen im Raum ausgeschaltet. Das einzige Licht war ein matter Schein, der von dem kleinen Computermonitor auf dem Schreibtisch kam. Der unsichere Schein reichte gerade aus, die Tastatur und einen kleinen Teil der Schreibtischplatte davor zu erhellen, und nicht einmal das richtig. Die meisten Buchstaben waren mehr zu erahnen als zu erkennen. Bremers Finger huschten trotzdem mit traumwandlerischer Sicherheit �ber die Tasten, und der kleine Cursorblock auf dem Bildschirm verwandelte seine Befehle im gleichen Tempo in eine Abfolge von Zahlen und Buchstaben. Kriminalrat N�rdlinger w�re vermutlich h�chst erstaunt gewesen, h�tte er Bremer in diesem Moment sehen k�nnen. Aber da� er der modernen Kommunikationstechnik nicht gestattete, absolute Macht �ber sein Leben zu erlangen, bedeutete nicht, da� er nicht damit umgehen konnte.</p><p>Er schaltete das 56k-Modem ein, wartete, bis die winzige Leuchtdiode auf seiner Vorderseite von Rot auf Gr�n umsprang und dr�ckte die ENTER-Taste des Computers. Eine Folge leiser, unmelodischer T�ne erklang. Nur wenige Augenblicke sp�ter stand die Leitung zum Zentralrechner im Keller des Polizeipr�sidiums, und auf dem Bildschirm vor Bremer erschien das Startmen�, ziemlich bunt und ziemlich einfallslos. Bremer tippte sein Pa�wort ein, bet�tigte erneut die ENTER-Taste und wartete, da� ihm der elektronische Wachhund an der Pforte zum Allerheiligsten Einla� gew�hrte. Nichts geschah. Zwei Sekunden verstrichen, dann f�nf, dann wurde der Bildschirm dunkel, und eine gr�ne Leuchtschrift erkl�rte ihm:</p><p>PASSWORT FALSCH: BITTE RICHTIGES PASSWORT EINGEBEN:</p><p>Bremer runzelte die Stirn. Er war ziemlich sicher, das richtige Pa�wort eingegeben zu haben. Selbst die Berliner Polizei hinkte nicht so weit hinter der technischen Entwicklung hinterher, da� die Computer nicht schon vor Jahren Einzug in ihre Arbeit gehalten h�tten. Bremer hatte seinen Zugangscode in den letzten drei Jahren so oft eingegeben da� er sich schon gefragt hatte, wann er wohl das erstemal versehentlich damit unterschrieb. Es war praktisch unm�glich, da� er sich vertippt hatte.</p><p>Er gab den Code ein zweites Mal ein. Diesmal sah er hin und tippte sehr langsam. Erneut vergingen vier oder f�nf Sekunden, dann erkl�rte ihm der Computer:</p><p>PASSWORT FALSCH: BITTE RICHTIGES PASSWORT EINGEBEN:</p><p>Nur ein Sekunde lang war Bremer verwirrt, dann �bernahm Zorn die Stelle dieses Gef�hls. An der Situation war ganz und gar nichts R�tselhaftes. Er war hundertprozentig sicher, seinen Zugangscode richtig eingegeben zu haben. Trotzdem funktionierte er nicht. Also hatte ihn jemand au�er Kraft gesetzt. So einfach war das. N�rdlinger hatte wirklich schnell reagiert. Bremer hatte zwar damit gerechnet, da� das geschehen w�rde, aber nicht, da� es so<emphasis> schnell </emphasis>passierte. N�rdlinger hatte ihn gegen sieben vom Dienst suspendiert, und soviel er wu�te, gingen die Operator im Rechenzentrum um f�nf nach Hause. N�rdlinger mu�te entweder Himmel und H�lle in Bewegung gesetzt haben, um sein Pa�wort sperren zu lassen - oder es war schon vorher geschehen. <emphasis>Bevor </emphasis>Bremer so freundlich gewesen war, ihm einen Vorwand zu liefern, um ihn kaltzustellen. Bremer tippte sein Pa�wort noch einmal ein, hielt aber nach dem vorletzten Buchstaben inne, l�schte die Eingabe und unterbrach nach kurzem Z�gern die Verbindung. Der Computer w�rde die Leitung nach der dritten falschen Pa�worteingabe sowieso von sich aus kappen, aber Bremer war nicht sicher, ob dieser unberechtigte Zugriffsversuch nicht irgendwo registriert wurde, vermutlich samt seiner Telefonnummer. Er mu�te N�rdlinger ja nicht auch noch freiwillig <emphasis>noch mehr</emphasis> Munition liefern. Er schaltete den Rechner ab, vergrub f�r einen Moment das Gesicht in den H�nden und versuchte, in dem Durcheinander hinter seiner Stirn irgendwie wieder Ordnung zu schaffen. Er dachte nicht daran, so einfach aufzugeben. Vielleicht sollte er damit aufh�ren, sich �ber N�rdlinger zu �rgern, und seine Energie lieber darauf verwenden, seine Probleme zu l�sen. Genug davon hatte er schlie�lich. Bremer schaltete den Computer wieder ein, wartete voller Ungeduld, bis das Ger�t gebootet hatte, und w�hlte ein zweites Mal die Nummer des Polizeirechners. Bremer war weit davon entfernt, ein Hacker zu sein, oder auch nur wirklich zu wissen, was solche Leute eigentlich taten, aber man mu�te ja auch nicht alles unn�tig verkomplizieren. Er kannte die Pa�w�rter einiger seiner Kollegen; darunter auch das Meilers. Er hatte es irgendwann durch Zufall aufgeschnappt und notiert, eigentlich ohne besonderen Grund. Man konnte schlie�lich nie wissen.</p><p>Bremer zog eine Schublade in seinem Schreibtisch auf, nahm sein Notizbuch heraus und suchte nach der Seite, auf der er Meilers Pa�wort notiert hatte. Er fand sie nicht auf Anhieb. Das schwache Licht vom Computerbildschirm reichte nicht aus, um seine winzige Handschrift zu entziffern.</p><p>Er stand auf, schaltete das Licht ein und ging zum Schreibtisch zur�ck. Als er die Seite mit Meilers Pa�wort gefunden hatte, klingelte es an der T�r.</p><p>Bremer hielt �berrascht mitten in der Bewegung inne. Es war fast Mitternacht. Und er kannte in dieser ganzen Stadt niemanden, der ihn um diese Zeit besuchen w�rde. Zumindest nicht, ohne vorher anzurufen. Wer zum Teufel...? Es klingelte wieder. Diesmal hielt der n�chtliche St�renfried den Finger gute drei�ig Sekunden lang auf dem Klingelknopf, um seiner Bitte um Einla� den geh�rigen Nachdruck zu verleihen. Bremer sch�ttelte verwirrt den Kopf, trat vom Schreibtisch zur�ck und machte sich auf den Weg zur T�r. Er hatte kein gutes Gef�hl, aber er mu�te wohl oder �bel aufmachen, bevor dieser Irrsinnige dort drau�en das ganze Haus wachklingelte. Vermutlich handelte es sich um einen Journalisten. Er hatte zwar auf dem Weg hierher nicht einen einzigen Vertreter der gewaltigen Reporter-Heerschar gesehen, die West mit so eindringlichen Worten heraufbeschworen hatte, zweifelte aber trotzdem keine Sekunde daran, da� sie da war. Sollte dort drau�en wirklich irgendwo ein hoffnungsvoller junger Nachwuchsreporter stehen, der glaubte, ihn �berrumpeln zu k�nnen, um sich auf diese Weise ein Exklusivinterview zu erschwindeln, dann w�rde er sein blaues Wunder erleben.</p><p>Mit einer w�tenden Bewegung ri� er die T�r auf, und West sagte: �Wissen Sie, da� Sie beschattet werden?� Bremer war im ersten Moment so perplex, da� er nichts anderes tun konnte, als dazustehen und sie mit offenem Mund anzustarren. Angela hatte weit weniger Hemmungen. Sie hob die Hand, schob die T�r hinter ihm vollends auf und ging ohne zu z�gern an ihm vorbei in die Wohnung. Erst als sie die Diele schon fast durchquert hatte, �berwand Bremer seine �berraschung und drehte sich herum.</p><p>�He!� rief er. �Moment mal! Was ... was soll denn das?� Angela reagierte genau so auf seine Worte, wie er erwartet hatte - n�mlich gar nicht -, sondern beschleunigte ihre Schritte nur noch mehr und verschwand im Wohnzimmer. Bremer warf mit einem gemurmelten Fluch die T�r zu - laut genug, um nun auch noch den letzten Bewohner auf dieser Etage aufzuwecken - und folgte ihr.</p><p>�Frau West! Ich habe Sie etwas gefragt! Was soll das? Haben Sie den Verstand verloren?� Er war wirklich w�tend. Es interessierte ihn nicht, warum West gekommen war. Es gab ein gewisses Ma� an Unversch�mtheit, das er akzeptierte, ja, mittlerweile fast schon von ihr erwartete, aber jetzt war sie eindeutig zu weit gegangen.</p><p>�Angela�, antwortete Angela. �Das Frau West haben wir doch wohl hinter uns, oder?� Sie stand am Fenster und blickte auf die Stra�e hinab. Bremer registrierte beil�ufig, da� sie so dastand, da� sie von der Stra�e aus vermutlich nicht zu sehen war. �Sie sind da unten, sehen Sie? Der dunkle Wagen auf der anderen Stra�enseite.� Bremer kochte immer noch innerlich vor Zorn, aber das hinderte ihn nicht daran, mit zwei schnellen Schritten hinter sie zu treten und in die Richtung zu blicken, in die ihr ausgestreckter Arm wies. Er sah sofort, was Angela meinte. Der Wagen stand nicht direkt auf der gegen�berliegenden Stra�enseite, sondern gute f�nfzig Meter versetzt, so da� er ihn nicht sofort entdeckt h�tte, wenn er zuf�llig aus dem Fenster sah. Trotzdem konnte man aus dem Wagen heraus sowohl seine Wohnung als auch die Haust�r genau im Auge behalten. Die M�nner dort unten im Wagen waren gut.</p><p>Aber so gut vielleicht nun auch wieder nicht. Hinter der get�nten Frontscheibe glomm ein winziger roter Lichtpunkt auf und erlosch wieder. Einer der M�nner rauchte. Bremer h�tte seinen Partner massakriert, h�tte er sich w�hrend einer Observierung eine Zigarette angez�ndet. Ganz davon abgesehen, da� man in einem geparkten Wagen sp�testens nach der zweiten Zigarette zu ersticken begann, machte sich kaum jemand eine Vorstellung davon, wie weit die Glut einer Zigarette nachts zu sehen war.</p><p>�Kollegen von Ihnen?� fragte Angela. �In so einem Wagen?� Bremer sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Wir sind ja schon froh, da� wir nicht wieder mit Fahrr�dern auf Streife gehen m�ssen. Der Staat hat kein Geld.� Aber West hatte etwas angesprochen, was ihr selbst wahrscheinlich gar nicht bewu�t war. Irgend etwas war an diesem Wagen. Etwas ... Wichtiges. Bremer hatte das Gef�hl, da� er die Antwort praktisch auf der Zunge hatte. Es war ein sehr gro�er, sehr <emphasis>teurer </emphasis>Wagen, ein schwarzer oder vielleicht auch dunkelblauer oder -gr�ner BMW, und irgend etwas daran...</p><p>�Nein�, murmelte Bremer. �So dumm k�nnen sie nicht sein.� Er bekam keine Antwort - wie auch? Angela trat zur Seite und machte einen Schritt zur�ck, wodurch er einen etwas besseren Ausblick auf die Stra�e hatte. Jetzt, da das Licht brannte, mu�te sich seine Silhouette deutlich hinter dem Fenster abzeichnen. Es war ihm egal. Er beobachtete den Wagen noch einige Sekunden lang weiter, dann lie� er seinen Blick aufmerksam in beiden Richtungen die Stra�e entlangwandern. Soweit er das beurteilen konnte, gab es kein zweites Team, das ihn observierte. Wozu auch? Es gab ja nicht einmal f�r dieses eine Team einen Grund, hier zu sein.</p><p>�Wie haben Sie es gemerkt?� fragte er.</p><p>�Da� sie da sind?� Angela lachte leise. �Weibliche Intuition.�</p><p>Ihre Stimme war weiter entfernt, als sie sollte. Bremer sah �ber die Schulter zur�ck und stellte fest, da� sie nicht mehr hinter ihm stand, sondern an seinen Schreibtisch getreten war und mit der gr��ten Selbstverst�ndlichkeit der Welt in seinem Notizbuch bl�tterte. Er mu�te f�r eine Sekunde die Augen schlie�en und in Gedanken bis drei z�hlen, um nicht einfach loszubr�llen.</p><p>Statt dessen lie� er mit �bertrieben schnellen Bewegungen die Jalousien herunter, trat dann mit einem einzigen Schritt neben sie und klappte das Notizbuch zu. �W�rden Sie mir verraten, was Sie da tun?� fragte er.</p><p>Angela deutete auf den Computer. �Das ist keine gute Idee�, sagte sie.</p><p>�Was?�</p><p>�Das Pa�wort eines Ihrer Kollegen zu benutzen, um in das System zu kommen�, antwortete sie. �Es w�rde wahrscheinlich funktionieren, aber genauso gut k�nnen Sie N�rdlinger auch gleich anrufen und ihm sagen, was Sie vorhaben. Das System protokolliert nicht nur alle Zugriffe, sondern registriert auch die Telefonnummern, von denen aus sie erfolgen. Wenn sie nicht mit der des legitimen Besitzers des Pa�wortes �bereinstimmen, dann schreien all die kleinen Bits und Bytes da drinnen ganz laut Alarm.� Das hatte Bremer nicht gewu�t. Er wu�te auch nicht, ob es stimmte, aber die Worte erf�llten eindeutig ihren Zweck: Seine Wut verrauchte und machte einer Mischung aus Verwirrung und Best�rzung Platz. Er schwieg.</p><p>�Ich sch�tze, ich komme in das System rein, wenn Sie mir sagen, wonach Sie suchen�, fuhr Angela fort. �Soll ich?� Nun war Bremer vollends verwirrt. Er war noch immer nicht ganz sicher, ob Wests ganzes aufdringliches Benehmen nicht in Wirklichkeit nur diesem einen Zweck diente, n�mlich ihn zu verunsichern und ihm so jede M�glichkeit zu nehmen, sich gegen sie zu Wehr zu setzen. Wenn ja, hatte sie Erfolg. Statt zu antworten, beugte er sich vor und schaltete den Computer aus.</p><p>�Das sollten Sie nicht tun�, sagte Angela tadelnd. �Ihr ganzes System kann zusammenbrechen, wenn Sie es nicht ordnungsgem�� herunterfahren.�</p><p>�Es reicht�, sagte Bremer. Seine Stimme zitterte ganz leicht, war aber auch sehr leise. Er konnte nur fl�stern - oder sie anschreien, und so weit war er noch nicht - wobei die Betonung auf dem<emphasis> noch </emphasis>lag. �Ich schlage vor, Sie erkl�ren mir jetzt, wie Sie hierherkommen und was Sie von mir wollen, oder Sie gehen. Am besten beides.�</p><p>�In welcher Reihenfolge?� fragte Angela.</p><p>Bremer zog scharf die Luft ein, und Angela hob hastig die H�nde und fuhr fort: �Entschuldigung. Das war albern. Ich bin eigentlich nur gekommen, um Ihnen etwas zu erz�hlen, von dem ich dachte, da� es Sie interessiert.�</p><p>�Was soll das sein?� fragte Bremer. �Da� Sie mit Computern umgehen k�nnen? Oder da� Sie eine etwas abenteuerliche Dienstauffassung haben? Stellen Sie sich vor, beides ist mir bereits aufgefallen.�</p><p>Angela seufzte. �Sie machen es mir wirklich nicht leicht, wissen Sie das? Ich stehe auf Ihrer Seite. Sie haben N�rdlinger doch geh�rt - wir beide sind ein Team, ob es uns nun gef�llt oder nicht. Also sollten wir auch zusammenhalten, oder?� Bremer wu�te wirklich nicht mehr, ob er lachen oder einfach losbr�llen sollte. Er konnte auch beim besten Willen nicht mehr sagen, ob West all diesen Unsinn nun wirklich ernst meinte, oder ob das nur ihre ganz spezielle Art war, ihn auf den Arm zu nehmen.</p><p>�Sie haben zu viele amerikanische Krimiserien gesehen Kindchen�, sagte er. �So funktioniert die Wirklichkeit nicht. Und Sie sind mir auch nichts schuldig, nur weil wir beide zuf�llig den gleichen Beruf haben. Also h�ren Sie mit dem Quatsch auf.�</p><p>�Wollen Sie �berhaupt nicht wissen, was ich herausgefunden habe?� fragte Angela.</p><p>�Ich will...� Bremer brach ab, ballte die H�nde zu F�usten und seufzte tief. �Was?�</p><p>�Es geht um diesen Anwalt�, sagte Angela. �Streblowski, oder wie er hei�t.�</p><p>�Strelowsky�, korrigierte sie Bremer. �Was ist mit ihm?�</p><p>�Interessiert es Sie, zu erfahren, <emphasis>wie </emphasis>er gestorben ist?�</p><p>Angela stie� sich mit einer schwungvollen Bewegung von der Schreibtischkante ab und ging in Richtung K�che. Bremer fragte erst gar nicht, was sie nun schon wieder vorhatte, sondern f�gte sich mit einem lautlosen Seufzen in sein Schicksal und folgte ihr. Angela schaltete das Licht ein, ging zum Herd und f�llte Wasser in den Kessel. Der Gedanke erschien Bremer fast absurd, aber sie hatte ganz offensichtlich vor, Kaffee zu kochen!</p><p>�Der genaue Obduktionsbefund wird nat�rlich erst morgen im Laufe des Tages vorliegen�, fuhr sie fort, �aber so, wie es bis jetzt aussieht, ist er wohl ertrunken.�</p><p>�Ertrunken?� Bremer versuchte sich an das zu erinnern, was er von Meiler geh�rt hatte. �Ich dachte, man h�tte ihn in seinem Auto gefunden?�</p><p>�Das hat man auch.� Angela schaltete die Herdplatte ein und drehte sich zu ihm herum. �Er sa� hinter dem Steuer. In einem tadellos geb�gelten, trockenen Anzug, perfekter Frisur und einer brennenden Zigarette in der rechten Hand. Und mit den Lungen voller Wasser. Also wenn das kein bizarrer Selbstmord ist, dann wei� ich nicht.�</p><p>Bremer fragte sich, warum er eigentlich nicht �berrascht war. Vielleicht, weil er sich mittlerweile in einem Gem�tszustand befand, in dem ihn im Grunde <emphasis>nichts </emphasis>mehr �berraschen konnte. �Woher wissen Sie das?� fragte er. �Auch wieder weibliche Intuition?�</p><p>�Weibliche �berredungskunst�, sagte sie. �Ich habe mich ein bi�chen mit Ihrem Kollegen unterhalten. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht allzu �bel, aber ich mu�te ein paar h��liche Worte �ber Sie verlieren, bis er gespr�chig wurde. Sie trinken Ihren Kaffee mit Zucker und Milch?�</p><p>Sie drehte sich wieder um und wollte die Schrankt�ren �ffnen, aber Bremer war mit einem Schritt bei ihr, dr�ckte die T�ren mit der linken Hand wieder zu und schaltete mit der anderen den Herd aus.</p><p>�Nein�, sagte er. �Und ich will jetzt auch keinen Kaffee trinken. Ich will jetzt endlich wissen, was dieses ganze Theater soll!� Er stand Angela jetzt ganz dicht gegen�ber, vielleicht weniger als zehn Zentimeter, und vielleicht als Reaktion auf diese unmittelbare N�he, vielleicht auch aus Schrecken �ber irgend etwas, was sie vielleicht auf seinem Gesicht las, hob sie in einer abwehrenden Bewegung die Arme, und Bremer griff ebenso instinktiv zu und hielt ihre Handgelenke fest.</p><p>Er h�tte es besser nicht getan. Ihre Ber�hrung war wie ein elektrischer Schlag, der kribbelnd durch seinen gesamten K�rper fuhr. Pl�tzlich, von einem Sekundenbruchteil auf den anderen, war er sich ihrer N�he mit fast schmerzhafter Intensit�t bewu�t, der Tatsache, wie weich ihre Haut war, und wie schmal und zerbrechlich sich ihre Handgelenke in seinen F�usten anf�hlten.</p><p>Und wie sehr sie ihn faszinierte. Es hatte keinen Zweck, sich etwas vorzumachen. Angela war mehr f�r ihn als eine x-beliebige Fremde, und schon gar nicht die freche G�re, als die er sie gerne gesehen h�tte. Er f�hlte sich zu ihr hingezogen, auch und vielleicht sogar vor allem k�rperlich. Dabei war sie nicht einmal sein Typ. Die fast magische Sekunde verging, und pl�tzlich wurde sich Bremer der fast peinlichen Situation bewu�t, in der sie dastanden.</p><p>Hastig lie� er ihre Handgelenke los und trat rasch einen Schritt zur�ck.</p><p>�Entschuldigung�, murmelte er. �Ich... Es tut mir leid. Ich habe die Beherrschung verloren.�</p><p>�Das wundert mich nicht�, antwortete Angela. �Schon eher, da� es nicht schon viel fr�her passiert ist. Sie wollen wirklich keinen Kaffee?�</p><p>�Nein!� sagte Bremer gereizt.</p><p>�Gut. Dann ... sehe ich einmal nach, ob unsere Freunde noch da sind.� Sie drehte sich herum und ging mit schnellen Schritten aus dem Zimmer. Bremer vermied es ganz bewu�t, ihr nachzublicken. Er hatte den Schock, den ihre Ber�hrung bei ihm ausgel�st hatte, noch lange nicht �berwunden; im Gegenteil. Seine in Aufruhr geratenen Emotionen nahmen nur eine andere Qualit�t an. Nicht, da� es dadurch irgendwie besser wurde...</p><p>Mit klopfendem Herzen wartete er darauf, da� sie zur�ckkam, aber die Sekunden verstrichen, ohne da� er mehr als ged�mpfte Laute aus dem Wohnzimmer h�rte. F�r einen kurzen Moment war er sogar nahe daran, ihr nachzugehen. Zugleich aber wagte er es nicht.</p><p>Statt dessen tat er etwas ziemlich Widersinniges: Er schaltete die Herdplatte wieder ein und kochte Kaffee. Er hatte immer noch keinen Appetit darauf, aber er mu�te einfach irgend etwas tun, um seine H�nde zu besch�ftigen. Er war verunsichert und verst�rt wie nie zuvor, und das lag l�ngst nicht nur an Angela. Irgend etwas war an diesem Tag geschehen, was ihn gr�ndlich aus der Bahn geworfen hatte. Und das Schlimmste daran war, da� er im Grunde ganz genau wu�te, was es war. Er gestattete sich nur noch nicht, den Gedanken konsequent bis zum Ende zu denken.</p><p>Angela kam erst zur�ck, als er den Kaffee fertig und zwei Tassen eingegossen hatte. Sie ma� die beiden Tassen mit einem mi�billigenden Blick, ersparte sich aber jeden Kommentar, sondern setzte sich einfach und trank einen gro�en Schluck, ehe sie sagte: �Sie sind noch da.�</p><p>�Haben Sie etwas anderes erwartet?� Bremer r�hrte in seinem Kaffee. Er brachte es nicht fertig, sie anzusehen, und nat�rlich war ihm klar, da� sie seine Unsicherheit bemerken mu�te.</p><p>Statt seine Frage zu beantworten, sagte sie: �Ich bin �brigens im Computersystem - keine Angst, es wird keine Spuren geben, die zu Ihrem Computer zur�ckf�hren. Wir sollten die Leitung aber vielleicht nicht allzu lange blockieren. Es ist zwar unwahrscheinlich, aber es<emphasis> k�nnte </emphasis>ja immerhin sein, da� der legitime Besitzer des Pa�worts versucht, sich in den Computer einzuloggen. Er w�re erstaunt, festzustellen, da� er schon drin ist.�</p><p>�Meiler?� fragte Bremer. Immerhin wu�te er jetzt, was <emphasis>sie </emphasis>die ganze Zeit im Wohnzimmer gemacht hatte.</p><p>Angela sch�ttelte den Kopf. �Kriminalrat N�rdlinger�, antwortete sie. �Es ist ziemlich witzlos, eine T�r aufzubrechen, wenn man den Generalschl�ssel hat, finde ich.�</p><p>�Sie haben N�rdlingers Pa�wort?� �chzte Bremer.</p><p>�Nein�, antwortete Angela. �Aber der Computer glaubt, da� ich es habe. Versuchen Sie erst gar nicht, es zu verstehen. Es ist sehr kompliziert.� Sie stand auf. �Jubeln wir Ihre Telefonrechnung noch ein bi�chen in die H�he, oder betreiben wir ein wenig Datenklau?�</p><p>�Sie wissen, da� ich Sie jetzt eigentlich verhaften m��te�, sagte Bremer ernst.</p><p>�Sparen Sie sich die M�he�, antwortete Angela. �Ich k�nnte jederzeit beweisen, da� ich in diesem Moment an einem Bankautomaten am anderen Ende der Stadt Geld abgehoben habe. Oder, am Frankfurter Kreuz durch eine Radarfalle gerast bin - samt Beweisfoto.� Zumindest<emphasis> das </emphasis>hielt Bremer f�r �bertrieben. Aber er sah auch keinen Sinn darin, die Diskussion weiter fortzusetzen, also folgte er ihr. Was sie taten - was<emphasis> er </emphasis>tat! - war �u�erst unvern�nftig, mehr noch: Es war kriminell, im wortw�rtlichen Sinne. Angela mochte ja tats�chlich von dem �berzeugt sein, was sie sagte, aber das allein reichte nicht. Bremer selbst hatte schon eine Menge Leute verhaftet, die felsenfest davon �berzeugt gewesen waren, da� man ihnen nicht auf die Schliche kommen konnte. Die Jungs und M�dels im Rechenzentrum des Pr�sidiums waren keine Dummk�pfe.</p><p>Trotzdem begleitete er sie widerspruchslos. Er war mittlerweile in einer Verfassung, in der ihm im Grunde alles egal war.</p><p>Angela hatte sich tats�chlich bereits in die Datenbank des Pr�sidiums eingeklinkt und nahm mit einer schwungvollen Bewegung vor dem Monitor Platz. �Also?� fragte sie. �Was wollen wir wissen?�</p><p>�Ich�, korrigierte sie Bremer. �Sie sind gar nicht hier. Sie heben gerade Geld an einer Radarfalle in Frankfurt ab, schon vergessen?� Er machte eine Handbewegung auf den Monitor. �Strelowsky. Drucken Sie mir alles aus, was der Computer �ber seinen Tod wei�. Tatort, Uhrzeit, Zeugen...� Angelas Finger flogen �ber die Tastatur, und nur ein paar Sekunden sp�ter begann der Drucker zu summen. Parallel dazu erschienen die gleichen Daten auf dem Monitor. Bremer war ein bi�chen entt�uscht. Zumindest bis jetzt wu�te der Computer weniger �ber Strelowskys Tod, als er von Angela erfahren hatte. Mit einer Ausnahme. �Stop!� sagte er. �Das da! Was ist das?� Angelas Zeige- und Mittelfinger, die �ber der ENTER-Taste schwebten, um ein weiteres Datenpaket Informationen an den Drucker zu senden, erstarrten mitten in der Bewegung, aber Bremers eigene Erinnerung beantwortete seine Frage, bevor sie es tun konnte. Die Zeile, auf die er gedeutet hatte, beinhaltete die Stra�e, in der man Strelowskys Wagen gefunden hatte. Bremer machte sich nicht einmal die M�he, sie sich zu merken; er wu�te, da� Angela es tun w�rde, ganz davon abgesehen, da� sie jeden Buchstaben ausdruckte, den sie der Datenbank entlocken konnte. Aber da war noch etwas in dieser Adresse, eine unterschwellige Botschaft, auf die er im ersten Moment nicht einmal bewu�t reagiert hatte; unbewu�t aber daf�r um so heftiger.</p><p>�Pfarrei St. Peter�, las Angela stirnrunzelnd vor. Dann nickte sie. �Stimmt. Meiler hat erw�hnt, da� der Wagen in der N�he einer Kirche gefunden wurde. Aber das mu� nichts bedeuten. Es gibt wahrscheinlich tausend Kirchen in Berlin. Mindestens.� Bremer beugte sich �ber ihre Schulter und bet�tigte die ENTER-Taste, in dem er ihre Finger darauf dr�ckte. Der Drucker begann zu summen.</p><p>�Rosen�, sagte er. �Ich brauche das Protokoll von heute vormittag. Schnell�.</p><p>Angela sah ihn fragend an, h�mmerte aber auch zugleich schon gehorsam auf die Tastatur ein, und auf dem Bildschirm begann sie das Tatortprotokoll des heutigen Morgens abzuspulen. Die Kollegen, die Rosens Tod protokolliert hatten, waren offenbar sehr viel gr�ndlicher gewesen als Meiler und V�rgels. Der Computer h�rte gar nicht mehr auf, Informationen auszuspucken, als h�tte er die l�ckenlose Lebensgeschichte jeder einzelnen Schraube gespeichert, die auf dem improvisierten Schrottplatz gelegen hatte. Wie um alles in der Welt sollte er in diesem Wust von Informationen das eine Puzzleteil finden, nach dem er suchte? Sie w�rden Stunden brauchen, selbst wenn Angela eine Hardcopy machte und sie sich die Arbeit teilten.</p><p>Er dachte ein paar Augenblicke angestrengt nach, dann sagte er: �Thomas. Lassen Sie das Ding nach dem Begriff Thomas suchen. <emphasis>Vater </emphasis>Thomas.�</p><p>Angela tippte den Begriff gehorsam ein. Als sie die ENTER-Taste dr�ckte, flackerte der Bildschirm, kaum sichtbar und vielleicht nur f�r eine Zehntelsekunde. Bremer hielt es allenfalls f�r eine Auswirkung des Suchbefehls, den sie eingegeben hatte, aber Angela runzelte die Stirn, warf einen raschen, fragend-verwirrten Blick in Richtung der heruntergelassenen Jalousien und stand dann auf. Bremer beachtete sie kaum. Der Computer hatte mittlerweile den gesuchten Begriff gefunden, und er war viel zu aufgeregt, um in diesem Moment auch nur einen Gedanken an irgend etwas anderes zu verschwenden.</p><p>�Volltreffer�, murmelte er. �Vater Thomas. B�rgerlicher Name Thomas Wellinghaus, Pfarrei St. Peter! Wenn das ein Zufall ist, arbeite ich ab sofort freiwillig wieder bei der Verkehrspolizei!�</p><p>�Falls Sie noch Gelegenheit dazu haben�, sagte Angela. Etwas in ihrer Stimme alarmierte Bremer. Er hob den Kopf und sah, da� sie wieder ans Fenster getreten war und mit der linken Hand die Lamellen der Kunststoffjalousie ein Paar Zentimeter weit auseinandergebogen hatte. �Sie haben uns erwischt, verdammt!�</p><p>�Erwischt? Was soll das hei�en?� Bremer sah verwirrt auf den Schirm, fast als erwarte er, pl�tzlich N�rdlingers Gesicht anstelle der sauber geordneten Datenkolonnen zu erblicken. Dann stand er auf und ging mit schnellen Schritten zu Angela hin�ber. Kurz bevor er sie erreichte, machte sie eine warnende Geste, und er ging langsamer. Schlie�lich blieb er in einiger Entfernung vom Fenster stehen und sah, was sie gemeint hatte.</p><p>Die Zigarettenglut hinter der Windschutzscheibe des BMW war erloschen. Der rote Lichtpunkt bewegte sich jetzt in der Hand des Mannes, der den Wagen verlassen hatte und zusammen mit seinem Begleiter auf das Haus zukam. Es war zu dunkel, als da� Bremer die beiden deutlicher denn als Schatten erkennen konnte, aber er hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was er sehen w�rde, wenn die beiden n�her kamen: Sie w�rden zwischen drei�ig und vierzig Jahre alt sein, sportlich und durchtrainiert und elegant, aber nicht zu auff�llig gekleidet. Au�erdem w�rden die beiden M�nner bewaffnet sein und ziemlich wenig Skrupel haben, diese Waffen im Notfall auch einzusetzen.</p><p>�Der Computer�, murmelte Angela. �Sie haben gemerkt, was wir tun. Aber ich verstehe das nicht!� Bremer schon. Er verstand h�chstens Angelas �berraschung nicht. Bildete sie sich wirklich ein, sie w�re die erste, die versucht hatte, mit einem gestohlenen Pa�wort ins Computersystem der Polizei einzudringen?</p><p>�Wir m�ssen weg�, sagte er. �Steht Ihr Wagen unten?�</p><p>�Um die Ecke�, antwortete Angela. �Was sind das f�r Kerle? Die sind doch nicht von unserer Truppe!�</p><p>Bremer empfand ein absurdes Gef�hl von Erleichterung, da� Angela offenbar doch nicht<emphasis> alles </emphasis>wu�te. �Wenn wir nicht selber die Polizei w�ren, dann w�re das jetzt der richtige Moment, sie zu rufen�, knurrte Bremer. �Obwohl es wahrscheinlich nichts nutzen w�rde. Los, weg hier.� Er drehte sich herum und streckte die Hand nach dem Computer aus, um ihn abzuschalten, aber Angela hielt ihn mit einer raschen Bewegung zur�ck.</p><p>�Drei�ig Sekunden�, sagte sie. �Soviel Zeit mu� sein.�</p><p>Bremer war in diesem Punkt entschieden anderer Meinung - aber er kannte Angela mittlerweile gut genug, um zu wissen, da� er die drei�ig Sekunden so oder so verlieren w�rde, entweder in dem er sie gew�hren lie�, oder in dem er genau diese Zeit sinnlos mit ihr diskutierte, um ihr dann doch ihren Willen zu lassen. Also lie� er sie in Ruhe und nutzte die Zeit, um seine Jacke zu holen. Dann eilte er zum Schreibtisch zur�ck, kramte seinen Schl�sselbund aus der Tasche und �ffnete die linke untere Schublade; die, in der seine Dienstwaffe lag. Zwei Sekunden sp�ter schlo� er sie wieder, ohne das Schulterhalfter mit der 9-mm-Pistole auch nur anger�hrt zu haben.</p><p>�Fertig.� Angela schaltete den Computer ab. �Wenn sie jetzt versuchen, herauszubekommen, welche Dateien wir uns angesehen haben, erleben sie eine bittere �berraschung.�</p><p>�Es sei denn, sie sehen im Drucker nach�, sagte Bremer. Angela machte ein betroffenes Gesicht, griff aber sehr hastig nach dem Papierstapel im Ausgabeschacht des Druckers und stopfte ihn in ihre Handtasche, w�hrend Bremer noch einmal zum Fenster eilte und hinaussah. Die beiden M�nner hatten die Stra�e �berquert und verschwanden gerade im toten Winkel unter dem Fenster. Sie hatten nicht mehr sehr viel Zeit.</p><p>�Ich wiederhole meine Frage�, sagte Angela, als sie das Zimmer verlie�en und auf die T�r zusteuerten. �Wer sind diese Kerle?�</p><p>�Wenn ich das w��te, w�ren wir ein gutes St�ck weiter�, antwortete Bremer. �Ich habe es nie herausgefunden. Ich wei� nur, da� mit ihnen nicht zu spa�en ist.� Er schaltete das Flurlicht aus, bevor er den letzten Schritt zur T�r zur�cklegte. Eine vern�nftige Vorsichtsma�nahme, angesichts der Situation, in der sie sich befanden, aber trotzdem ein Fehler, denn in der Dunkelheit lauerte die Erinnerung.</p><p>Sein Herz begann augenblicklich zu rasen. Sein Puls erreichte eine Frequenz, die kaum noch zu messen war, und er konnte <emphasis>riechen, </emphasis>wie ihm kalter Angstschwei� ausbrach. Seine tastenden Finger stie�en gegen das Holz seiner eigenen Wohnungst�r. Dahinter, im Hausflur, schien kein Licht zu brennen; es war jedenfalls kein verd�chtiger Lichtschein unter der T�r zu entdecken. Seine Hand glitt lautlos an der T�r hinab und legte sich auf die Klinke.</p><p>Es gelang ihm nicht, sie herunterzudr�cken. Sie war weder abgeschlossen, noch klemmte sie, und doch war es ihm nicht m�glich, sie auch nur einen Millimeter zu bewegen. Weder durch das Schl�sselloch noch unter der T�r hindurch drang Licht. Auf der anderen Seite wartete die Dunkelheit auf sie, und die Dunkelheit war <emphasis>seine </emphasis>Heimat, seine ureigenste Welt, das Element, aus dem er erschaffen war. Er konnte diese T�r nicht �ffnen, selbst wenn es um sein Leben ging.</p><p>Angela nahm ihm die Entscheidung ab, in dem sie ihre Hand auf seine legte und die T�rklinke auf diese Weise herunterdr�ckte. Die T�r schwang nahezu lautlos auf, und die Dunkelheit dahinter explodierte f�r einen Moment zu reiner Panik.</p><p>Azrael war nicht da. Der Hausflur hinter der T�r war nichts als ein dunkler Hausflur, in dem Angela ihn mit schon deutlich mehr als sanfter Gewalt hineinschob.</p><p>Zum Gl�ck war der Hausflur nicht stockdunkel. Durch das Milchglasfenster am anderen Ende des langen, schlauchf�rmigen Raumes drang ein mattgrauer Schimmer, der Umrisse, aber keine Farben in der Dunkelheit erweckte, und zumindest hinter einer Wohnungst�r brannte noch Licht. Unter dem dumpfen H�mmern seines eigenen Herzens konnte er das Murmeln eines Fernsehers h�ren. Und als h�tte seine Fantasie im Moment nichts Besonderes zu tun, identifizierte er sogar die Stimme des Nachrichtensprechers und sah das passende Gesicht vor seinem inneren Auge.</p><p>Er ging mit schnellen Schritten zum Fahrstuhl, �berlegte es sich dann aber anders. Der Aufzug konnte sie zwar auf dem schnellsten Weg in die Freiheit bringen, sie andererseits aber auch geradewegs in die Arme ihrer Verfolger ausspucken. Wenn sie ihn mieden, waren sie flexibler.</p><p>�Wir bleiben besser im Treppenhaus�, fl�sterte er. �Das ist sicherer.�</p><p>Angela schien ihn sofort zu verstehen. �Nach oben?� fragte sie.</p><p>�Vorerst�, antwortete Bremer. Er versuchte abzusch�tzen, wieviel Zeit verstrichen war, seit sie die Wohnung verlassen hatten. Nicht mehr als ein paar Sekunden, aber vielleicht trotzdem genug, um die beiden das Haus erreichen zu lassen. Aber das Risiko mu�ten sie eingehen. Ohne zu z�gern, machte er sich auf den Weg nach oben.</p><p>Unten im Treppenhaus wurde eine T�r ge�ffnet, und dieses Ger�usch, zusammen mit Angelas scharfem Einatmen, ri� ihn f�r einen Moment noch einmal in die Wirklichkeit zur�ck. Wahrscheinlich nicht auf Dauer. Vielleicht nicht einmal f�r lange. Der Schwarze Engel faltete seine Schwingen wieder zusammen und trat lautlos in die Schatten zur�ck, aus denen er gekommen war, aber die T�r in sein finsteres Schattenreich blieb ge�ffnet.</p><p>Die T�r, die sie geh�rt hatten, fiel nicht wieder ins Schlo�, und sie h�rten auch keine Schritte, und es wurde auch kein Licht gemacht. Trotzdem war Bremer sicher, da� unter ihnen jemand war. <emphasis>Er </emphasis>w�re so vorgegangen, w�re er an der Stelle der beiden gewesen, und er zweifelte nicht daran, da� die beiden ihren Job verstanden.</p><p>Angela war so dicht hinter ihm, da� er ihre N�he k�rperlich sp�ren konnte, und er h�rte nun deutlich das Ger�usch des Aufzugs, der sich aus dem Parterre in Bewegung setzte. Ein kalter Schauer lief ihm bei dem Gedanken �ber den R�cken, was passiert w�re, w�ren sie ohne nachzudenken in die Kabine getreten und nach unten gefahren: Sie h�tten nach dem Aufgleiten der Aufzugst�r wahrscheinlich in die M�ndungen zweier Pistolen geblickt.</p><p>Aber da war noch eine andere Frage, auf die er sich konzentrieren mu�te, und die ihm dennoch immer aus dem Zipfel seines Bewu�tseins zu rutschen drohte: War vielleicht einer auf dem Weg �ber die Treppe auf dem Weg nach oben, w�hrend nur der andere den Aufzug benutzte? Er zumindest h�tte es so gemacht. Aber obwohl es wichtig war, bekam er den Gedanken nicht richtig zu fassen. Daf�r hatte die Vergangenheit die Klauen wieder nach ihm ausgestreckt. Seine Beine, die sich Schritt f�r Schritt nach unten tasteten, kamen ihm meilenweit entfernt und wie aus Watte vor. Sein Denken und F�hlen glitt aus der Realit�t in die Vergangenheit. Er war gleichzeitig wieder in einem anderen, vor Jahren f�r ihn zum Alptraum gewordenen Treppenhaus, in dem er vor einem riesigen, gefl�gelten Schatten geflohen war, einem Schatten, der zwar nur in seiner Fantasie und sonst nirgendwo existiert hatte, und der ihm trotzdem bedrohlicher als jede andere nur vorstellbare Gefahr erschienen war.</p><p>Sie hatten das n�chste Stockwerk fast erreicht. Noch vier, vielleicht f�nf Stufen, sch�tzte Bremer. Es war zu dunkel, um es zu erkennen, aber sehr viel mehr konnten es nicht sein. Er griff vorsichtig nach hinten, tastete nach Angelas Hand und versuchte gleichzeitig, den rechten Fu� so lautlos wie m�glich auf die n�chste Stufe zu setzen. Seine Jacke raschelte. Das Ger�usch war unter Garantie nicht weiter als zwei oder drei Meter zu h�ren, aber in Bremers Ohren klang es, als schl�gen F�uste auf Tafeln aus d�nnem Blech. Die n�chste Stufe. Sein Herz h�mmerte mittlerweile so laut, da� man es auf der anderen Stra�enseite h�ren mu�te, und die Luft, die er atmete, schmeckte scharf nach Angst. Sie waren nicht mehr allein. Der schwarze Engel hatte sein Versteck in den Schatten wieder verlassen. Und war eins mit der Dunkelheit geworden, die sie umgab. Er war da, so, wie er immer dagewesen war, seit jenem schrecklichen Tag in einem Keller am Ende eines anderen Treppenschachtes, an dem er ihm das erste Mal ins Antlitz geblickt hatte. Unter ihnen war ein Ger�usch. Bremer konnte nicht sagen, ob es das Flattern gewaltiger krallenbewehrter Schwingen oder das unvorsichtige Scharren eines Fu�es war, aber es mu�te sich wohl um ein Ger�usch aus der normalen, fa�baren Welt der Realit�t handeln, denn Angela zuckte ein ganz kleines bi�chen zusammen. Sie blieben beide f�r zwei oder drei Sekunden stehen und lauschten mit gehaltenem Atem, aber das Ger�usch wiederholte sich nicht. Nach einem Augenblick gingen sie weiter und erreichten den n�chsten Treppenabsatz.</p><p>Obwohl er nicht den mindesten Laut von sich gegeben hatte, legte Angela pl�tzlich die Hand auf seine Schulter und zischte: �Still!�</p><p>Sekunden vergingen. Bremer lauschte auf zahllose eingebildete Ger�usche, aber dann h�rte er tats�chlich, wie der Aufzug im Stockwerk unter ihnen anhielt und jemand aus der Kabine trat. Er ging aber nur zwei oder drei Schritte weit und blieb dann stehen. Es verging beinahe eine Minute, bis er auch das Ger�usch der Treppenhaust�r h�rte und dann die Schritte eines zweiten Mannes. Ihm war nie zuvor aufgefallen, wie hellh�rig das Haus war, in dem er immerhin seit �ber zehn Jahren lebte. Aber seine Sinne arbeiteten im Moment wahrscheinlich auch mit f�nfhundert Prozent Leistung. Gut genug jedenfalls, um ihn erkennen zu lassen, da� sich die beiden M�nner nun seiner Wohnung n�herten und sich vermutlich an der T�r zu schaffen machten. Dann war ein leises schabendes Ger�usch zu h�ren und ein kaum h�rbares, doch nicht zu verkennendes Klicken: Das mu�te seine Wohnungst�r sein, die vorsichtig ins Schlo� gezogen wurde.</p><p>�Los jetzt�, sagte Angela. �Bis sie merken, da� wir weg sind, sind wir �ber alle Berge.� Sie zog ihn fast gewaltsam mit sich und begann die Treppe hinunterzust�rmen. Bremer folgte ihr beinahe willenlos. Seine Gedanken waren noch immer in hellem Aufruhr. Er hatte M�he, sich darauf zu konzentrieren, in der Dunkelheit keinen Fehltritt zu tun.</p><p>Angela legte ein Tempo vor, als h�tte sie Katzenaugen, und gab sich jetzt auch keine M�he mehr, leise zu sein. Erst als sie das Erdgescho� erreicht hatten, blieb sie wieder stehen und machte eine Geste zu Bremer, wieder voraus zu gehen. Jedenfalls nahm er es an. Es war so dunkel, da� er sie nur als Schemen sah.</p><p>Vorsichtig �ffnete er die T�r und sah genau das, was er insgeheim erwartet hatte: eine verschwommene Silhouette die sich auf der anderen Seite der verglasten Haust�r abzeichnete. Den Hinterausgang konnte er von seiner Position aus nicht sehen, aber er war sehr sicher, da� er dort dasselbe gesehen h�tte.</p><p>�Mit wem zum Teufel haben Sie sich angelegt?� fl�sterte Angela. �Mit der Russen-Mafia?�</p><p>Bremer dr�ckte die T�r lautlos wieder ins Schlo�. Seine Gedanken rasten, aber diese neuerliche, ganz greifbare Gefahr bewirkte etwas vollkommen Unerwartetes: Die Panik verging, und er beruhigte sich zusehends. Ihre Lage war kritisch, aber die Gegner, mit denen sie es jetzt zu tun hatten, waren wenigstens greifbar.</p><p>�Der Keller. Wir verstecken uns dort unten. Ich kann mir nicht vorstellen, da� sie das ganze Haus durchsuchen.� Er beschlo�, das Risiko einzugehen und schaltete die Treppenhausbeleuchtung ein. Angela blinzelte. Im grellen Neonlicht sah ihr Gesicht blasser aus, als er erwartet hatte. Und er sah sehr deutliche Spuren von Furcht darin. Er war nicht sehr �berrascht. Angela West war nicht die erste seiner Kolleginnen, die am eigenen Leib erfuhr, wie gro� der Unterschied zwischen Theorie und Praxis manchmal war.</p><p>�Kommen Sie�, sagte er aufmunternd. �Spielen wir ein bi�chen Verstecken.�</p></section><section><title><p>9</p></title><empty-line/><p>Der Raum war objektiv gesehen gro�, aber so hoffnungslos vollgestopft, da� er winzig wirkte, und Mecklenburg sich manchmal fragte, wie er und seine Kollegen eigentlich das Kunstst�ck fertigbrachten, sich darin zu bewegen und zu arbeiten, ohne sich ununterbrochen gegenseitig auf die F��e zu treten oder sich die Ellbogen in Rippen oder Gesichter zu sto�en. Manchmal wurde das Gef�hl von Enge so schlimm, da� er sich fast einbildete, nicht mehr richtig atmen zu k�nnen - was nat�rlich Unsinn war. Die Klimaanlage sorgte nicht nur f�r gleichm��ige einundzwanzig Grad Celsius, sondern auch f�r einen best�ndigen Zustrom frischer, sauerstoffreicher Luft. Diese F�rsorge galt zwar sehr viel mehr den s�ndhaft teuren elektronischen Ger�ten, mit denen das Labor ausgestattet war als seinem lebenden Inventar, wurde aber vielleicht gerade deshalb peinlich genau eingehalten.</p><p>Was nichts daran �nderte, da� es Mecklenburg manchmal schwerfiel, seine Klaustrophobie weit genug im Zaum zu halten, um sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Es gab Tage, an denen glaubte er, das Gewicht der ungez�hlten Tonnen Erdreich und Stein direkt k�rperlich zu f�hlen, die auf der Gew�lbedecke lasteten, und unabh�ngig von allem, <emphasis>was </emphasis>er sah und wu�te, sp�rte er ganz deutlich, da� die Luft mit jedem Atemzug w�rmer und sauerstoff�rmer wurde.</p><p>Heute war einer dieser Tage. Seine H�nde zitterten ganz leicht, w�hrend er die Feinjustierung eines der zahlreichen Kontrollger�te �berpr�fte, die seinen Arbeitsplatz einrahmten und ihm manchmal das Gef�hl gaben, sich in der Kulisse eines aufwendigen Science-fiction-Films zu befinden, nicht in einem geheimen Forschungslabor drei�ig Meter unter den Stra�en Berlins! Seine Augen brannten, und er hatte M�he, frei zu atmen, Klimaanlage und computer�berwachter Sauerstoffgehalt hin oder her. Einer der Gr�nde daf�r war zweifellos, da� Professor Dr. Hermann Mecklenburg tats�chlich unter einer milden Form von Klaustrophobie litt, der andere war h�chst profan: Er war vollkommen �berm�det und am Ende seiner k�rperlichen und geistigen Kr�fte. Es war sechsunddrei�ig Stunden her, da� er das letztemal geschlafen hatte, und er wagte nicht einmal dar�ber nachzudenken, wie lange es noch dauern w�rde.</p><p>�Es geht wieder los.�</p><p>Mecklenburg ben�tigte eine geschlagene Sekunde, um zu begreifen, da� die Worte seines Assistenten ihm galten, und eine zweite, um darauf zu reagieren. Es gab allerdings nicht allzu viel, was er tun konnte, abgesehen vielleicht von einem fast resignierenden Blick �ber die vielf�ltige Anordnung von Monitoren und �berwachungsinstrumenten vor sich. Er seufzte. Computer waren ja eine wundersch�ne Sache, eine Erfindung, die sein und die Leben all seiner Kollegen um so vieles leichter gemacht hatte. Aber selbst diese Wundermaschinen hatten ihre Grenzen. Und die hatten sie offensichtlich erreicht.</p><p>Er lie� seinen Blick zum zweitenmal �ber die Computermonitore und Skalen schweifen, kam zu dem gleichen Ergebnis wie beim erstenmal, n�mlich, da� nichts von dem, was er sah, auch nur die Spur von Sinn zu ergeben schien, und stand auf. Sein R�cken tat weh. Obwohl sich die Gew�lbedecke gute zwei Meter �ber seinem Kopf befand, hatte er das Gef�hl, sich nicht ganz aufrichten zu k�nnen, und die Luft, die er einatmete, <emphasis>war </emphasis>w�rmer geworden, ganz egal, was das Thermometer behauptete. Au�erdem hatte er leichte Kopfschmerzen.</p><p>Mecklenburg reckte sich ausgiebig, massierte einige Sekunden lang mit Fingerspitzen und Daumen seine verspannten Nackenmuskeln und schl�ngelte sich dann aus dem Kommandopult heraus. Der schmale Gang, auf den er trat, bot kaum mehr Bewegungsfreiheit. Er warf seinem Assistenten - einem von vieren, die momentan zusammen mit ihm hier unten arbeiteten - einen fragenden Blick zu, erntete ein ebenso wort- wie hilfloses Achselzucken und drehte sich dann in die entgegengesetzte Richtung. Die Wand, auf die er nun blickte, bestand als einzige hier unten nicht aus einem �berladenen Durcheinander aus Monitoren, Aufzeichnungs- und �berwachungsger�ten, Schalttafeln und Skalen, sondern einer fast deckenhohen Glasscheibe.</p><p>Der Raum dahinter war das genaue Gegenteil des vollgestopften Labors, in dem Mecklenburg und seine vier Assistenten arbeiteten. Die Beleuchtung war auf ein Minimum reduziert, so da� sich die Scheibe aus drei Zentimeter dickem Panzerglas in einen schwarzen, halb durchsichtigen Spiegel verwandelt hatte, aus dem Mecklenburg sein eigenes Konterfei entgegenblickte. Er sah so aus, wie er sich f�hlte: bleich und hohlwangig, mit dunklen Ringen unter den Augen und str�hnigem Haar. Mecklenburg kannte den Raum hinter der Scheibe jedoch so gut, da� er kein Licht brauchte, um jedes noch so winzige Detail zu sehen Der Raum war fast so gro� wie das Labor, aber nahezu leer. Die W�nde bestanden aus einem glatten wei�en Kunststoffmaterial, das um etliches widerstandsf�higer als Stahl war, und die einzige T�r, die in die Isolationskammer hineinf�hrte, h�tte dem Beschu� eines Schiffgesch�tzes standgehalten. Der Raum konnte auf Knopfdruck wahlweise mit Giftgas geflutet, binnen zehn Sekunden auf achthundert Grad Celsius erhitzt oder luftleer gepumpt werden, und Mecklenburg war ziemlich sicher, da� dasselbe auch f�r das Labor galt, in dem er und seine Mitarbeiter sich aufhielten - auch wenn die Leute, f�r die sie arbeiteten, das nicht zugaben. Niemand konnte ihnen vorwerfen, da� sie nicht alle erdenklichen Vorsichtsma�nahmen getroffen h�tten.</p><p>Und trotzdem fragte er sich immer �fter, ob sie auch wirklich ausreichten.</p><p>Er blieb so dicht vor der Scheibe stehen, da� er den k�hlen Hauch auf dem Gesicht sp�ren konnte, der von dem molekularverst�rkten Glas ausging, z�gerte einen Moment und ber�hrte dann einen Schalter an der Wand neben der Scheibe. Sein Spiegelbild erlosch, als die Leuchtelemente den Raum auf der anderen Seite des Glases in schattenloses, gelbes Licht badeten. Die Lampen sollten angeblich perfekt das Sonnenlicht imitieren, aber Mecklenburg fand, da� sich ihr Schein in letzter Zeit ver�ndert hatte. Die Farbe erinnerte ihn mehr an brennenden Schwefel.</p><p>Nat�rlich war das Unsinn. Mecklenburg rief sich in Gedanken zur Ordnung. Das Licht dort dr�ben sah so aus, wie es immer ausgesehen hatte. Das einzige, was sich hier ver�ndert hatte, war <emphasis>er.</emphasis></p><p>Er h�rte Schritte und erkannte an ihrem Rhythmus, da� es Grinner war, ohne den Blick von dem schwarzen Sarkophag auf der anderen Seite der Scheibe nehmen zu m�ssen. �Irgend etwas Neues?�</p><p>�Unver�ndert�, antwortete Grinner. �Wenn ich es nicht besser w��te, w�rde ich sagen, da� er sich in einer sehr tiefen REM-Phase befindet. Aber die Werte stimmen einfach nicht. Ich versteh' das nicht!�</p><p>�Da befinden Sie sich in guter Gesellschaft, Matthias�, antwortete Mecklenburg. �Ich verstehe es ebenso wenig. Niemand versteht es. Aber aus diesem Grund sind wir ja hier, nicht wahr? Um das R�tsel zu l�sen.� Grinner schnaubte zur Antwort, versenkte die rechte Hand in die Kitteltasche und zog sie dann leer wieder heraus. Mecklenburg l�chelte, nahm seine eigenen Zigaretten aus der Tasche und wartete, bis sein Assistent sich bedient hatte, ehe auch er sich eine Zigarette anz�ndete und den Rauch ganz bewu�t in Richtung des Schildes RAUCHEN VERBOTEN blies, neben dem er stand. Manchmal hatte es eben doch seine Vorteile, Chef zu sein.</p><p>�Seine H�mostaphin-Werte sind schon wieder gestiegen�, sagte Grinner nach einer Weile. �Wenn die Steigerungsrate so bleibt, bekommen wir bald ernsthafte Probleme. Ich kann den Ascarin-Anteil nicht beliebig weiter rauffahren. Fr�her oder sp�ter bringt ihn das um.�</p><p><emphasis>Vielleicht w�re das das Beste, was uns passieren kann, </emphasis>dachte Mecklenburg. Nat�rlich h�tete er sich, den Gedanken laut auszusprechen - auch wenn er fast sicher war, da� Grinners Gef�hle in eine �hnliche Richtung gingen. Das ... <emphasis>Ding </emphasis>da dr�ben machte ihm angst. Und nicht nur ihm. Und er war nicht einmal mehr sicher, ob sie Haymar wirklich t�ten konnten. Er war ja nicht einmal mehr sicher, ob das, was in dem zweieinhalb Meter langen, schwarz verchromten Sarkophag auf der anderen Seite der Glasscheibe lag, wirklich noch ein Mensch war.</p><p>Mecklenburg begriff die Gefahr, die in diesem Gedanken lag, und bem�hte sich mit aller Kraft, ihn zu durchbrechen. Allerdings mit wenig Erfolg. Ganz im Gegenteil begannen seine Gedanken auf immer sonderbareren Wegen zu wandeln, und auch das nicht zum erstenmal.</p><p>Noch vor einem Jahr h�tte er �ber das, was ihm jetzt immer �fter durch den Kopf ging, laut gelacht, oder aber verst�ndnislos den Kopf gesch�ttelt. Aber vor einem Jahr war er auch noch ein anderer Mensch gewesen. Damals hatte er noch geglaubt, Dinge zu wissen. Jetzt...</p><p>Professor Mecklenburg war eine Koryph�e auf seinem Gebiet. Er war nicht einfach nur gut; er war der Beste, und er war sich dieser Tatsache auch stets bewu�t gewesen, ohne irgendeine Spur von Arroganz oder �berheblichkeit. Aus keinem anderen Grund hatte man ihm diese Arbeit angeboten. Es war eine Aufgabe, die schlichtweg den Besten erforderte, und eine Herausforderung, der er sich damals nicht hatte entziehen k�nnen.</p><p>Aber statt zu lernen, hatte er zu zweifeln begonnen. Es war, als ginge er den Weg des Wissenschaftlers in genau umgekehrter Richtung. Mit jedem Tag, den er hier unten verbrachte, schien sein Wissen ein winziges bi�chen <emphasis>abzunehmen, </emphasis>statt zu wachsen, und gleichzeitig wurde sein Verst�ndnis f�r Zusammenh�nge und Kausalit�t geringer. Die M�nner, die ihn hierhergebracht hatten (und die ihn f�r seine Arbeit unglaublich gut bezahlten, nebenbei bemerkt), erwarteten keine Wunder von ihm, aber Antworten. Doch alles, was er ihnen sagen konnte war, da� mit Haymar irgend etwas geschah. Und da� sie vielleicht gut daran t�ten, Angst davor zu haben.</p><p>Er konnte sich nicht vorstellen, da� Braun oder Treblo - oder wie auch immer er wirklich hie� - sich auf Dauer mit dieser Art von Antwort zufriedengeben w�rde. Wahrscheinlich nicht einmal mehr sehr lange. Mecklenburg brach den Gedanken mit einer neuerlichen, noch bewu�teren Anstrengung ab, nahm einen letzten Zug aus seiner Zigarette und trat den Stummel mit der Schuhspitze aus. Er unterdr�ckte ein G�hnen, w�hrend er auf die Armbanduhr sah.</p><p>�Es ist nach eins, Professor�, sagte Grinner �berfl�ssigerweise. �Warum legen Sie sich nicht wenigstens eine oder zwei Stunden hin? Niemandem ist damit gedient, wenn Sie zusammenklappen. Ich rufe Sie sofort, wenn sich hier irgend etwas Au�ergew�hnliches tut. Selbst wenn er nur hustet.�</p><p>Das w�re in der Tat etwas Au�ergew�hnliches, dachte Mecklenburg sp�ttisch. Der Mann in dem st�hlernen Sarkophag hatte vor einem halben Jahr das letztemal <emphasis>geatmet. </emphasis>�Sie haben recht, Matthias�, sagte er - fast gegen seinen Willen. Aber Grinners Worte hatten seine M�digkeit erst richtig geweckt, und in einem Punkt hatte er vollkommen recht: Niemandem war damit gedient, wenn er im entscheidenden Moment vor Ersch�pfung aus den Latschen kippte. �Ich gehe nach nebenan und lege mich hin. Aber Sie rufen mich, sobald irgendeines dieser Ger�te hier auch nur piep macht.�</p><p>�Versprochen�, sagte Grinner. Im gleichen Moment, in dem sich Mecklenburg auf dem Absatz umwandte, um zur T�r zu gehen, drehten s�mtliche Computer im Labor zugleich durch.</p></section><section><title><p>10</p></title><empty-line/><p>�Ich finde das entw�rdigend�, sagte Angela. Sie sa� auf einem Stapel s�uberlich zusammengeschn�rter Zeitschriften, die wahrscheinlich �lter waren als sie selbst, baumelte mit den Beinen und sah immer wieder nerv�s zu der rostigen Feuerschutzt�r, durch die sie hereingekommen waren.</p><p>�Was?� fragte Bremer.</p><p>�Da� wir uns hier im Keller verkriechen�, antwortete sie. Ihre Abs�tze stie�en gegen den Papierstapel und wirbelten eine trockene Staubwolke auf. Die Streifen aus schr�g hereinfallendem Mondlicht, die durch das winzige Fenster unter der Decke drangen, lie�en die Staubpartikel wie Silber gl�nzen, aber die Luft roch auch bereits so durchdringend nach altem Papier, da� Bremer allm�hlich das Atmen schwer wurde. Er h�tte sich gew�nscht, da� sie damit aufh�ren w�rde.</p><p>�Wir sind die Polizei�, fuhr Angela in fast quengeligem Ton fort, als er nichts sagte, sondern sie nur weiter fragend ansah. �Die Exekutive! Die Ordnungsmacht in diesem Staat!<emphasis> Sie </emphasis>sollten sich verstecken, w�hrend <emphasis>wir </emphasis>nach ihnen suchen!�</p><p>Bremer seufzte und sog dadurch noch mehr trockene, zum Husten reizende Luft in seine Lungen. �Man merkt, da� Sie frisch von der Polizeischule kommen�, sagte er.</p><p>�Weil ich so viele Fremdworte kenne?�</p><p>�Weil Sie noch Illusionen haben�, antwortete Bremer. �Wir sind nicht die Polizei. Ich bin ein Bulle, der bereits die Monate bis zu seiner Pensionierung z�hlt, und Sie sind ein Gr�nschnabel, der keine Ahnung vom wirklichen Leben hat.�</p><p>�Oh, danke�, sagte Angela. Er konnte ihr Gesicht im Dunkeln nicht erkennen, aber sie klang eindeutig beleidigt. �Ich w�rde Sie ja fragen, wo Sie Ihre Dienstwaffe haben, aber zuf�llig wei� ich es. Sie liegt oben in Ihrem Schreibtisch.�</p><p>�Seit zehn Jahren�, best�tigte Bremer. �Ich finde, sie liegt dort gut.�</p><p>�Ja, selbstverst�ndlich�, sagte Angela sp�ttisch. �Ich meine: Was sollen wir auch mit einer Waffe. Da drau�en schleichen drei, wenn nicht vier Kerle herum, die Ihnen offensichtlich eine Heidenangst einjagen, aber wir brauchen keine Pistole!�</p><p>�Um was zu tun?� fragte Bremer. �Einen oder zwei von ihnen zu erschie�en, oder am besten gleich alle vier?�</p><p>�Sagen Sie mir wenigstens, wer sie sind�, verlangte Angela, ohne auf seine Frage einzugehen. �Ich finde, das sind Sie mir schuldig.� Bremer ging zur T�r, pre�te das Ohr gegen das kalte Metall und lauschte ein paar Sekunden angestrengt, ehe er antwortete. Auf der anderen Seite war alles still. Sie befanden sich jetzt seit guten zwanzig Minuten in diesem Keller. Mehr als genug Zeit f�r die beiden Kerle, herunterzukommen und an allen T�ren zu r�tteln, falls sie das wirklich vorhatten. Vermutlich waren sie l�ngst weg.</p><p>�Ich bin Ihnen gar nichts schuldig, Angela�, sagte er, so ruhig, aber auch so nachdr�cklich, wie er konnte. �Ich habe Sie nicht gebeten, hierherzukommen. Ganz im Gegenteil. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich Ihnen nahegelegt sich um Ihre eigenen Angelegenheiten zu k�mmern. Und ich habe Sie schon gar nicht gebeten, gegen die eindeutige Anweisung Ihres Vorgesetzten zu versto�en.�</p><p>�Na prima�, sagte Angela giftig. �Gleich werden Sie mir erkl�ren, da� diese Kerle �berhaupt nur meinetwegen hinter Ihnen her sind.�</p><p>�Strenggenommen stimmt das sogar�, antwortete Bremer. �Bevor Sie gekommen sind, haben Sie mich nur beobachtet. Sie sind erst aktiv geworden, nachdem Sie sich in N�rdlingers Computer gehackt haben.� Angela sagte nichts mehr, aber er konnte regelrecht sp�ren, da� sie ihn mit offenem Mund anstarrte. Seine Worte klangen selbst in seinen eigenen Ohren grotesk, und seine Vorw�rfe verliehen dem Wort<emphasis> unfair </emphasis>eine vollkommen neue Qualit�t. Ganz genau das war seine Absicht gewesen. Er<emphasis> wollte </emphasis>sie vor den Kopf sto�en. Sobald sie hier heraus waren, w�rden sie sich voneinander trennen, und er mu�te irgendwie daf�r sorgen, da� sie nicht einmal auf die Idee kam, noch einmal freiwillig in seine N�he zu kommen. Wenigstens nicht, bis das alles hier vorbei war. Bremer wu�te selbst noch nicht wirklich, was eigentlich geschah und wohin die Dinge sich entwickeln w�rden, aber eines war ihm vollkommen klar: Die Situation war l�ngst eskaliert, und sie w�rde weiter eskalieren, solange er nicht bereit war, sich brav in eine Ecke zu setzen und sich mucksm�uschenstill zu verhalten. Selbst wenn er es gewollt h�tte (er wollte es nicht): Er h�tte es gar nicht mehr gekonnt. Nicht nach dem, was heute mittag in seiner Badewanne und vorhin im Treppenhaus passiert war. Und wenn die M�nner tats�chlich die waren, f�r die er sie hielt, dann konnte eine Begegnung mit ihnen durchaus t�dlich enden. Diesem Risiko konnte und wollte er Angela nicht aussetzen; daf�r bedeutete sie ihm zuviel.</p><p>�Ich glaube, wir k�nnen es jetzt riskieren�, sagte er. �Sie sind wahrscheinlich nicht mehr da.�</p><p>Angela h�llte sich weiter in beleidigtes Schweigen, glitt jedoch mit einer flie�enden Bewegung von ihrem Zeitungsstapel herunter und trat neben ihn, als er die T�r �ffnete. Der Raum dahinter war noch dunkler als der Keller, in dem sie die letzten zwanzig Minuten verbracht hatten, ein schmaler an beiden Seiten von Lattenverschl�gen begrenzter Gang, der an einer weiteren Eisent�r endete. Bremer hatte ein Holzst�ck so vor die T�r gelehnt, da� es umfallen mu�te, falls jemand die T�r von au�en �ffnete, als sie gekommen waren. Es lag noch in der gleichen Position da. Niemand war hier unten gewesen, um nach ihnen zu suchen. Das hatte Bremer auch nicht erwartet. H�tten die M�nner diese T�r ge�ffnet, um nachzusehen, dann w�ren sie auch in den n�chsten Keller gekommen.</p><p>Trotzdem �ffnete er die T�r �u�erst behutsam und blieb fast eine Minute reglos stehen, um zu lauschen, ehe er es wagte, die T�r ganz zu �ffnen und hinaus zu treten. Der Hausflur lag vollkommen still �ber ihnen.</p><p>Sie gingen die Treppe hinauf. Bremer wies Angela mit Gesten an, zur�ckzubleiben, schlich allein zur Haust�r und �ffnete sie einen Fingerbreit.</p><p>Der BMW war noch da. Er parkte unver�ndert an der gleichen Stelle, an der er ihn von seinem Fenster aus gesehen hatte. Bremer konnte nicht erkennen, ob jemand darin sa�, aber die M�nner w�rden ihren Wagen kaum stehengelassen haben, um zu Fu� nach Hause zu gehen. Es sah so aus, als ob er Angelas Hilfe doch noch einmal in Anspruch nehmen mu�te. Aber zum unwiderruflich letztenmal. Er dr�ckte die T�r wieder ins Schlo�, schlich zu ihr zur�ck und machte eine Kopfbewegung auf den Hinterausgang. �Sie sind noch da�, sagte er.</p><p>�Und was geht mich das an?� fragte sie schnippisch. Bremer ignorierte die Frage ebenso wie den Tonfall, in dem sie gestellt worden war.</p><p>�Wo steht Ihr Wagen?�</p><p>�An der gleichen Stelle wie heute nachmittag.�</p><p>�Dann lassen Sie uns gehen. Und seien Sie vorsichtig. Es w�rde mich nicht wundern, wenn auf der R�ckseite auch einer von diesen Kerlen herumlungert.� Er war sogar fast sicher, da� es so war. Aber er zweifelte auch nicht daran, da� es ihm gelingen w�rde, einen Verfolger abzusch�tteln wenn ihm nicht gerade ein Hubschrauber oder eine Hundestaffel zur Verf�gung standen. Er wohnte seit f�nfzehn Jahren in der Gegend und kannte buchst�blich jedes Haus. Wenn es ihm gelang, Angela in Sicherheit zu bringen, hatte er so gut wie gewonnen.</p><p>Als sie das Haus verlie�en, sagte er: �Wenn ich Ihnen ein Zeichen gebe, rennen Sie einfach los. Und sollte ich die Richtung �ndern, ohne etwas zu sagen, gehen Sie einfach ganz ruhig weiter, steigen in Ihren Wagen und fahren los.�</p><p>Sein Blick tastete mi�trauisch �ber den still daliegenden Hinterhof. Hier kannte er buchst�blich jeden Quadratmeter - oder sollte ihn jedenfalls kennen. Aber die Nacht - und vermutlich auch seine eigene Aufregung - ver�nderte die Dinge. Sie lie� die Schatten tiefer erscheinen, als sie waren, vergr��erte Umrisse und erschuf Bewegung, wo keine war. Der Hof war nicht leer, sondern wurde von den Bewohnern der umliegenden H�user auf die verschiedenste Weise genutzt. Und eben leider nicht nur zum Lustwandeln und als Kinderspielplatz, wie es seine Erbauer irgendwann einmal vielleicht vorgesehen hatten, sondern auch als Parkplatz, kostenloser Lagerraum und vor allem als Abstellplatz f�r allen m�glichen Krempel; vornehmlich solchen, den keiner mehr haben wollte. Es sah nicht so chaotisch aus wie der, auf dem sie Rosen gefunden hatten, war aber auch weit davon entfernt, ordentlich oder gar �bersichtlich zu sein. Zwischen all den Schatten und ineinanderflie�enden Umrissen konnte sich eine ganze Armee verstecken. Bremer wu�te im gleichen Moment, in dem sie das Haus verlie�en, da� es ein Fehler gewesen war, nicht den Vorderausgang genommen zu haben. Er konnte die Falle regelrecht riechen. Aber jetzt war es zu sp�t.</p><p>Er deutete auf das aus groben Steinen gemauerte Torgew�lbe auf der anderen Seite, und sie gingen los. Ohne da� er es ihr extra sagen mu�te, wich Angela dem un�bersichtlichsten Gerumpel aus und schlug auch einen Bogen um die beiden mannshohen Stapel mit Sperrm�ll, die allm�hlich �ber den Hof wucherten. Vielleicht eine normale Vorsichtsma�nahme, vielleicht sp�rte sie aber auch genau wie er, da� hier etwas nicht stimmte. Sie wurden beobachtet. Man konnte es f�hlen.</p><p>Sie hatten etwas mehr als die H�lfte der Strecke bew�ltigt, als Bremer ein Ger�usch hinter sich h�rte. Er wandte im Gehen den Blick und sah eine hochgewachsene Gestalt aus dem Haus treten. Selbst ihrem Schatten war anzusehen, da� sie einen eleganten Anzug trug.</p><p>In der rechten Hand des Mannes glomm eine brennende Zigarette. Als er sie zum Mund hob, gl�hte sie f�r eine Sekunde auf wie ein vergehender Stern und sank dann wieder zu einem d�ster roten Glimmen herab. Der Kerl gab sich nicht einmal mehr M�he, unauff�llig zu bleiben. Ganz im Gegenteil: Er wollte, da� sie ihn sahen.</p><p>Wahrscheinlich hatten die Agenten die ganze Zeit �ber gewu�t, wo sie waren, dachte Bremer d�ster, und in ihrem gem�tlichen Wagen gesessen und sich einen Ast gelacht, w�hrend sie unten im Keller hockten und fast erstickten.</p><p>Ein zweiter Mann erschien in der Haust�r. Der andere schnippte seine Zigarette davon und wartete noch, bis sie funkenspr�hend auf dem Hof explodiert war. Dann setzten sich beide in Bewegung.</p><p>Als sie auf den Hof hinaustraten, schienen sie gleicherma�en mit der Dunkelheit zu verschmelzen, aber an ihrem Ziel bestand kein Zweifel. Und auch nicht daran, da� sie es nicht besonders eilig zu haben schienen. Die Konsequenz, die sich aus dieser Erkenntnis ergab, war nicht besonders beruhigend.</p><p>�Was meinen Sie, wie viele am Tor auf uns warten?� fl�sterte Angela.</p><p>�Vermutlich die beiden anderen�, murmelte Bremer. <emphasis>Ich h�tte meine Pistole vielleicht doch mitbringen sollen, </emphasis>f�gte er in Gedanken hinzu. <emphasis>Und sei es nur, um nicht damit zu schie�en. </emphasis>Nat�rlich wu�te er, <emphasis>wie </emphasis>naiv dieser Gedanke war. Er hatte mehr als genug arme Schweine verhaftet, die eine Waffe mit dem festen Vorsatz eingesteckt hatten, sie<emphasis> nicht </emphasis>zu benutzen. Der gef�hrliche Moment war nicht der, in dem man eine Waffe zog. Es war der, in dem man sie einsteckte.</p><p>�Was tun wir?� fragte Angela. Bremer lauschte vergeblich auf einen Unterton von Angst in ihrer Stimme. Alles, was er h�rte, war eine deutliche Anspannung. �Werden Sie mit einem von ihnen fertig?�</p><p>�Wenn Sie die drei anderen �bernehmen�, sagte Bremer sp�ttisch. Die ehrliche Antwort auf ihre Frage w�re ein klares Nein gewesen. Bremer war weder ein Schw�chling noch in schlechter k�rperlicher Verfassung. Aber diese M�nner waren Profis, und au�erdem um etliches j�nger als er. Au�erdem machte es ihnen vermutlich Spa�, Leute zu verpr�geln.</p><p>Er mu�te eine Entscheidung treffen. Sie waren noch zehn Schritte vom Tor entfernt. Alles, was hinter dem gemauerten Bogen lag, war in vollkommener Dunkelheit verborgen. Selbst das jenseitige Ende der Durchfahrt war nichts als ein dunkelgrauer Fleck in unbestimmbarer Entfernung. Aber er f�hlte die Bewegung, die dazwischen war.</p><p>�Wir k�nnten schreien�, sagte er.</p><p>�Schreien?�</p><p>Bremer nickte. Alles, was ihre Verfolger verwirrte, half ihnen.</p><p>�Auf der rechten Seite ist eine T�r�, fl�sterte er. �Ungef�hr auf halber Strecke. Sie ist fast immer offen. Sobald wir im Schatten sind, rennen wir los.� Sie waren noch f�nf oder sechs Schritte von der Toreinfahrt entfernt, und Bremer mu�te all seine Kraft aufbieten, um sich nicht nach ihren Verfolgern umzudrehen. Vermutlich waren sie n�her gekommen, aber noch nicht allzu sehr. Er h�tte geh�rt, wenn sie gerannt w�ren.</p><p>Mit jedem Schritt, den sie sich dem Tor n�herten, schien die Dunkelheit darin massiver zu werden. Etwas lauerte darin. Nicht jemand. Etwas. Noch zwei oder drei Schritte, aber er mu�te bereits jetzt all seine Kraft aufbieten, um �berhaupt weiterzugehen. So absurd ihm der Gedanke auf der einen Seite auch selbst vorkam: Er hatte pl�tzlich Angst vor der Dunkelheit.</p><p>Angela verschwand hinter der imagin�ren Grenze zwischen D�mmerung und absoluter Finsternis und begann augenblicklich zu rennen, und im gleichen Moment st�rmte auch Bremer los. Der gemauerte Tunnel fing das Ger�usch ihrer trappelnden Schritte auf und warf es gebrochen und zigfach verst�rkt zur�ck; ihre Verfolger h�tten schon taub sein m�ssen, um es nicht zu h�ren und augenblicklich zu begreifen, was es bedeutete. Die Sekunde, die er jetzt gewann, konnte vielleicht die entscheidende sein. Seine Angst explodierte zu schierem Grauen, als er in die k�rperliche Finsternis hineinst�rmte. Es war nicht einfach nur Dunkelheit. Die Schw�rze hatte Substanz. Er konnte ihre Ber�hrung wie kaltes Glas auf der Haut f�hlen, und er sp�rte auch, wie sich etwas darin bewegte.</p><p>Panik �berschwemmte seine Gedanken. Er stolperte mehr, als er lief, kam aus dem Tritt und fing den begonnenen Sturz im letzten Moment mit weit vorgestreckten Armen auf. Er schrammte sich beide Handfl�chen an der rauhen Ziegelsteinmauer auf, und sein ohnehin verletzter Fingernagel protestierte mit pochenden Schmerzen. Trotzdem stie� sich Bremer mit aller Kraft ab und taumelte weiter. Ein hoher, unheimlich widerhallender Laut marterte sein Geh�r, und er kam abermals aus dem Tritt, schrammte mit der rechten Schulter an der Wand entlang und scheuerte sich auch noch das Gesicht blutig. Die Dunkelheit zog sich immer dichter um ihn zusammen, schn�rte ihm den Atem ab und gerann zu etwas Riesigem, Grauenerregendem. Schwarzes Licht schimmerte auf m�rderischen Krallen. T�dliche F�nge blitzten. Er sp�rte den hei�en, trockenen Atem der Bestie auf dem Gesicht, und in seinen Ohren war noch immer dieses schrille, an- und abschwellende Ger�usch, das er jetzt als nichts anderes als seine eigenen Schreie identifizierte. Er konnte kaum noch atmen. Sein Herz trommelte so schnell, da� es weh tat.</p><p>Die T�r! Wo war die T�r? Angela rannte dicht vor ihm, ein wei�er Schatten, der immer wieder in der Dunkelheit zersplitterte, und es kam ihm so vor, als ob sie schon seit Stunden durch einen Tunnel aus Schw�rze rasten. Seine Kehle schmerzte von seinen eigenen, gellenden Schreien, und hinter ihnen war pl�tzlich das Ger�usch rhythmisch h�mmernder, schneller Schritte.</p><p>Jemand schrie seinen Namen, und dann h�rte er einen einzelnen, peitschenden Knall; einen Schu�. Ganz sicher einen Schu�, denn nur den Bruchteil einer Zehntelsekunde sp�ter stoben wei�e und orangefarbene Funken aus der Decke f�nf Meter �ber seinem Kopf. In dem unendlich kurzen, grellen Aufblitzen glaubte er einen gigantischen, grotesk verzerrten Schatten zu sehen, etwas Riesiges, mit Klauen, Fl�geln und grausamen schwarzen Augen. Dann erlosch der Lichtblitz, und praktisch im gleichen Sekundenbruchteil verschwand auch Angela. Die Dunkelheit hatte sie verschlungen. Azrael hatte sein erstes Opfer geholt, und nun war er an der Reihe.</p><p>Alles ging unglaublich schnell, aber zugleich schien die Zeit auch beinahe stillzustehen, weil sich Bremers Gedanken pl�tzlich mit hundertfacher Geschwindigkeit zu bewegen schienen. Mit einemmal sah er mit furchtbarer Klarheit voraus, was geschehen w�rde. Azrael war wieder auferstanden. Das Ungeheuer, das all die Jahre �ber unbemerkt und geduldig in ihm gelauert hatte, war endlich aus seinem Versteck gebrochen. Er hatte Angela geholt, und nun w�rde es ihn holen. Er wollte sich herumwerfen, verzweifelt von diesem Ding davonst�rzen, das ein Grauen brachte, das hundertmal schlimmer war als der Tod, aber er konnte es nicht. Seine Gedanken waren zu schnell f�r seinen K�rper. Er rannte dem Ungeheuer direkt entgegen.</p><p>Eine Hand griff aus der Dunkelhit nach ihm, krallte sich in seinen Arm und ri� ihn mitten im Lauf herum. Er wurde zur Seite geschleudert, verlor endg�ltig die Balance und torkelte in einer ungeschickten Dreiviertel-Pirouette durch die T�r, in die Angela ihn hineinzerrte. Aber in dieser einen Sekunde, die diese Bewegung beanspruchte und in der er sich fast einmal um seine eigene Achse drehte, offenbarte sich ihm ein Bild unvorstellbaren Terrors.</p><p>Die beiden M�nner waren ihm gefolgt. Trotz der fast vollkommenen Dunkelheit, die in der Tordurchfahrt herrschte, konnte er deutlich sehen, da� sie ihre Waffen gezogen hatten und damit in seine Richtung zielten.</p><p>Und der Todesengel kam �ber sie. Es war, als faltete sich die Dunkelheit auseinander, um die Schw�rze der H�lle zu geb�ren. Seine gewaltigen Schwingen f�llten den Gang auf ganzer Breite aus, schlugen in einer schweren, ungeheuer <emphasis>kraftvollen </emphasis>Bewegung aufeinander zu und verschlangen einen der beiden M�nner.</p><p>Als der erste Schu� fiel, ri� Angela ihn endg�ltig ins Haus und schmetterte die T�r hinter ihm ins Schlo�. Bremer taumelte ungeschickt noch einen Schritt weiter, fiel auf ein Knie herab und versuchte sich irgendwie aufzufangen, machte es damit aber nur schlimmer. Er st�rzte der L�nge nach zu Boden, schlitterte gute zwei Meter weit �ber rauhen Stein und schlug sich schmerzhaft den Sch�del an, als ein unsichtbares Hindernis seiner Rutschpartie ein unsanftes Ende setzte. Er h�rte einen dumpfen Knall, als Angela sich mit der Schulter gegen die T�r warf und gleichzeitig den Riegel vorlegte.</p><p>Auf der anderen Seite der T�r fiel ein weiterer Schu�, dann noch einer, und noch einer und noch ein weiterer. Er h�rte Schreie, unmenschliche, spitze Schreie, ein furchtbares Bersten und Krachen, Schl�ge, wieder ein Schu� und eine Reihe gr��licher, rei�ender Laute... Etwas traf die Wand hinter Angela so hart, da� Staub aus den Fugen wirbelte.</p><p>Sein erster Versuch, sich wieder aufzurichten, scheiterte kl�glich. Er hatte sich die Stirn angeschlagen. Warmes Blut lief �ber sein Gesicht. Er sp�rte �berhaupt keinen Schmerz, aber seine Handgelenke hatten auch nicht mehr die Kraft, das Gewicht seines K�rpers in die H�he zu stemmen. M�hsam w�lzte er sich auf die Seite, setzte sich schwankend hoch und wischte sich mit dem Handr�cken das Blut aus den Augen.</p><p>Der L�rm drau�en hatte abgenommen, war jedoch noch nicht ganz verstummt. Er h�rte jetzt keine Sch�sse mehr, aber immer noch dieses furchtbare Rei�en und Krachen, und darunter groteske, unglaublich laute Fre�ger�usche. Dann h�rte es auf. Der Boden, auf dem er lag, begann zu zittern.</p><p><emphasis>�Pa� auf!�</emphasis> br�llte Bremer. Angela konnte unm�glich verstehen, was er meinte. Aber sie reagierte augenblicklich. Wahrscheinlich rettete es ihr das Leben.</p><p>Sie warf sich ansatzlos und mit einer schier unvorstellbar schnellen Bewegung zur Seite und herum, landete mit einer eleganten Judorolle auf dem Boden und katapultierte sich noch aus der gleichen Bewegung heraus wieder in die H�he.</p><p>Noch bevor sie den Boden ber�hrte, erbebte die T�r unter einem berstenden Schlag, und ein gebogener, rostfarbener Dorn von der L�nge eines Fingers bohrte sich durch das morsche Holz. Ein schriller, kreischender Laut erklang, das Ger�usch einer Kreiss�ge auf Stein, und die Kralle wurde zur�ckgerissen und fetzte Splitter und kleine Holzst�ckchen aus der T�r.</p><p>Bremer wartete nicht ab, ob sie zu einem zweiten Hieb ausholte. Das absolute Grauen, das ihn gepackt hatte, verlieh ihm neue Kraft. Er sprang in die H�he, wirbelte herum und ri� Angela mit sich, ehe sie auch nur richtig begriff, wie ihr geschah. Sie rasten los.</p><p>Angela schrie irgend etwas, was er nicht verstand, dann erscholl hinter ihnen ein schrilles, ungeheuer <emphasis>zorniges </emphasis>Br�llen, und er konnte h�ren, wie die T�r unter einem gewaltigen Hieb zersplitterte.</p><p>Angela schrie erneut. Bremer sah aus den Augenwinkeln, da� sie den Kopf gedreht hatte und zu dem <emphasis>Ding </emphasis>zur�cksah, das sich stets mit der gleichen Geschwindigkeit bewegte wie er, und in dem er sicher war, solange er sich nur nicht zu dem Ding herumdrehte, nur, da� es kein Traum war, sondern alptraumhafte Realit�t, und da� er <emphasis>wu�te, </emphasis>da� die Chim�re ihn vernichten w�rde, wenn er sich ihr zuwandte, nicht weil sie ihn einholte, sondern weil ihr blo�er <emphasis>Anblick </emphasis>ausreichen w�rde, ihn zu t�ten.</p><p>Er rannte noch schneller, zerrte Angela so r�cksichtslos hinter sich her, da� sie kaum noch mit ihm Schritt halten konnte und st�rzte blindlings durch die n�chste T�r. Er machte sich nicht die M�he, sie zu �ffnen, sondern sprengte sie einfach in vollem Lauf mit der Schulter aus dem Rahmen; ein Kraftakt, den er unter normalen Umst�nden niemals bewerkstelligt h�tte. Jetzt sp�rte er ihn kaum. Er st�rmte einfach weiter. Ein harter Ruck ging durch seinen linken Arm, an dem er Angela hinter sich herzerrte. Sie schrie, als sie gegen den T�rrahmen, vielleicht auch die Wand prallte, aber der Laut ging in einem weiteren, noch lauteren Splittern und Brechen unter, als sich der Kolo� mit r�cksichtsloser Gewalt hinter ihnen hindurchzw�ngte. Seine Pr�senz f�llte den Raum aus wie ein erstickender, klebriger Geruch, schien Bremer zu ersticken, drang wie ein t�dliches Gift durch jede Pore seines K�rpers. Er konnte regelrecht f�hlen, wie nicht etwas aus, sondern die Dunkelheit selbst materialisierte, um zu etwas Neuem und zugleich Uraltem, durch und durch B�sem zu werden.</p><p>Blind vor Angst stolperte er weiter. Vor ihnen lag jetzt ein heruntergekommener, schmaler Hausflur, der nur von einer einzelnen nackten Gl�hbirne erhellte wurde. Ein halbes Dutzend sch�biger Wohnungst�ren nahm die rechte Seite ein; Bremer ertappte sich bei der geradezu absurden �berlegung, da� die Appartements dahinter kaum gr��er als Schuhkartons sein konnten, so dicht, wie die T�ren beieinanderlagen - als ob das in einem Moment wie diesem irgendeine Rolle spielte!</p><p>Trotzdem beeinflu�te dieser Gedanke seine weiteren Handlungen. Statt weiter durch den Flur und auf die Treppe an seinem gegen�berliegenden Ende zuzust�rmen, was sein allererster, instinktiver Impuls gewesen w�re, machte er abrupt auf der Stelle kehrt, wodurch Angela endg�ltig das Gleichgewicht verlor und so wuchtig auf ein Knie herabfiel, da� ein lautstarkes Knirschen erklang und ihr erschrockenes Keuchen in einen Schmerzenslaut �berging. Bremer st�rmte weiter, ri� sie mit nun eindeutig brutaler Kraft wieder in die H�he und zerrte sie einfach hinter sich her. Er wu�te nicht, ob sie lief, stolperte oder er sie vielleicht einfach hinter sich herschleifte. Er mu�te aus diesem Haus heraus, das war der einzige Gedanke, der z�hlte, fort von diesem Ort des Grauens, weg von diesem Ungeheuer, das gekommen war, um seinen einzigen Daseinszweck zu erf�llen: zu t�ten.</p><p>Als h�tte sie seine Gedanken gelesen (Nat�rlich hatte sie es. Sie war <emphasis>ein Teil </emphasis>seiner Gedanken!), stie� die Bestie hinter ihm ein w�tendes, markersch�tterndes Gebr�ll aus. Das Haus erbebte unter ihren Schritten. Holz und Stein zerbarsten unter Krallenhieben und dem Schlagen gewaltiger, stachelbewehrter Schwingen. Bremer sah sich nicht um. Er stolperte weiter, zerrte Angela r�cksichtslos hinter sich her, ohne auf ihre Schreie und ihre mittlerweile fast verzweifelte Gegenwehr zu achten. Wie in einem Rausch gefangen, taumelte er auf die Haust�r zu, sprengte sie wie die andere mit der Schulter auf und registrierte einen dumpfen, bet�ubenden Schmerz irgendwo am Rande seines Bewu�tsein, w�hrend er haltlos ins Freie torkelte. Er fiel, lie� endlich Angelas Hand los und rollte zwei-, dreimal �ber das nasse Stra�enpflaster. Die Dunkelheit st�rzte sich auf ihn wie ein Raubtier, das auf ihn gelauert hatte, und der Schmerz in seiner Schulter kroch endlich aus seinem Versteck heraus und breitete sich qualvoll und bet�ubend in seiner ganzen rechten K�rperh�lfte aus.</p><p>Und pl�tzlich war es Angela, die ihn in die H�he ri� und einfach vor sich herstie�. In seinen Ohren pochte das Blut. Er h�rte Schreie, sinnlose, durcheinanderhallende Laute, aber er konnte nicht sagen, ob es seine eigenen Schreie waren oder die Angelas, das Br�llen des Ungeheuers oder nur pure Einbildung. Haltlos taumelte er vor Angela her, drohte immer wieder zu st�rzen und schaffte es irgendwie, auf den Beinen und in Bewegung zu bleiben. Vielleicht war Bewegung ihre einzige Chance, denn Bewegung war Leben, w�hrend die Dunkelheit und Stille den Tod brachten. Er humpelte weiter und brachte jetzt zum erstenmal den Mut auf, einen Blick �ber die Schulter zur�ckzuwerfen. Sie waren gute zwanzig, vielleicht schon drei�ig Meter von der T�r entfernt. Von ihrem unheimlichen Verfolger war noch nichts zu sehen, und mit Ausnahme der Treppenhausbeleuchtung blieb das Haus weiter vollkommen dunkel; dabei hatten sie im wahrsten Sinne des Wortes genug L�rm gemacht, um Tote aufzuwecken. Hier und da in den H�usern ringsum gingen Lichter an, und er konnte h�ren, wie ein oder vielleicht auch zwei Fenster ge�ffnet wurden. Alles<emphasis>, </emphasis>was sich in dem Hausflur bewegte, waren Schatten; als h�tte die blo�e Anwesenheit des<emphasis> Dings </emphasis>schon ausgereicht, um alles Leben in dem Geb�ude zum Erl�schen zu bringen. Angela versetzte ihm einen weiteren Sto�, als er langsamer zu werden drohte. Bremer stolperte weiter, prallte (nat�rlich mit seiner ohnehin geprellten Schulter) gegen einen Wagen, der am Stra�enrand geparkt war, und begriff erst durch ihr heftiges Gestikulieren, da� es sich um Angelas gr�nen Fiat handelte. Sie lie� endlich seine Schulter los, hetzte mit kleinen, aber rasend schnellen Schritten um den Wagen herum und zerrte rasch im Laufen den Schl�sselbund aus der Tasche.</p><p>Bremer starrte mit klopfendem Herzen zum Haus zur�ck. Der Schwarze Engel<emphasis> (Engel?!) </emphasis>war immer noch nicht zu sehen, aber der infernalische Tanz der Schatten hatte zugenommen. Hinter der ge�ffneten Haust�r zuckten schwarze Blitze hin und her, als beobachte er den Veitstanz eines h�llischen Schattenspielers.</p><p>Der Fiat zitterte, als Angela sich hinter das Lenkrad fallen lie�, den Schl�ssel ins Z�ndschlo� rammte und sich praktisch gleichzeitig �ber den Beifahrersitz warf, um die T�r auf Bremers Seite aufzusto�en. Bremer verlor eine weitere, kostbare Sekunde, weil er den T�rgriff bereits aufzog und das Schlo� auf diese Weise blockierte.</p><p>�La� los!� schrie Angela. Bremer ri� die Hand fast erschrocken zur�ck, und die T�r flog mit einem Ruck auf. Hastig warf sich Bremer auf den Beifahrersitz, und Angela rammte den Gang hinein und trat das Gaspedal r�cksichtslos bis zum Boden durch. Der Uno scho� mit durchgedrehten Reifen und protestierend aufheulendem Motor los, noch ehe Bremer Gelegenheit fand, die T�r zu schlie�en. Der Ruck, mit dem der Wagen lospreschte, lie� sie mit einem Knall zufallen, und Bremer fand gerade noch Gelegenheit, seine Hand zur�ckzuziehen, ehe ihm die Finger abgequetscht wurden.</p><p>W�hrend Angela hektisch schaltete und den Motor erbarmungslos bis �ber seine Grenzen hinaus belastete, drehte sich Bremer im Sitz herum. Das Haus und die offene T�r, hinter der sich Licht und Schatten noch einen erbitterten Zweikampf lieferten, fielen rasch hinter ihnen zur�ck. Niemand verfolgte sie. Trotzdem lie� Angela den Uno in einem fast perfekten Powerslide um die n�chste Biegung schlittern, schaltete auf eine Art herunter, die das Getriebe ihres Wagens mindestens ein Jahr Lebenszeit kostete, und lie� den Motor noch schriller aufheulen. Bremer wurde zur Seite und mit dem Kopf gegen das Fenster geschleudert, klammerte sich instinktiv irgendwo fest und konnte gerade noch verhindern, da� er zur anderen Seite kippte, wodurch er unweigerlich auf Angela gest�rzt w�re und sie m�glicherweise die Gewalt �ber den Wagen verloren h�tte.</p><p>�Schnall dich an!� sagte Angela hektisch. Sie fuhrwerkte wie wild mit dem Ganghebel herum, kurbelte mit der anderen Hand am Lenkrad und lie� den Wagen in die entgegengesetzte Richtung schleudern. Bremer wurde zum zweitenmal gegen die T�r geworfen, aber diesmal war er darauf vorbereitet und konnte sich rechtzeitig festhalten. Wortlos griff er nach dem Sicherheitsgurt und lie� den Verschlu� einrasten. Seine H�nde zitterten so heftig, da� er drei Versuche brauchte.</p><p>�Verdammt noch mal, was war das?� fragte Angela. �Was zum Teufel <emphasis>war </emphasis>das?� Sie nahm ein wenig Gas weg, was allerdings nur dazu f�hrte, da� sich der Motor des Wagens jetzt nicht mehr anh�rte wie eine �berdrehte K�chenmaschine; nicht, da� der Fiat deutlich langsamer wurde. Immerhin schaltete sie das Licht ein, nahm die rechte Hand vom Lenkrad und angelte ungeschickt nach ihrem eigenen Sicherheitsgurt. Als er immer noch nicht antwortete, warf sie ihm einen b�sen Blick zu und sagte: �Meinst du nicht, da� du mir allm�hlich eine<emphasis> gottverdammte Antwort schuldig bist?!�</emphasis> Die letzten vier Worte hatte sie fast geschrien. Bremer nahm sie trotzdem kaum wahr.</p><p>�Es ist kein Engel�, fl�sterte er. �Gro�er Gott. Es ist kein Engel. Es ist ein ... ein D�mon!�</p><p>Angela sah ihn verst�rt an. Ihr Blick flackerte. �Wovon sprichst du?� fragte sie.</p><p>�Es ist kein Engel mehr�, murmelte Bremer. Die unmittelbare Gefahr war vorbei, und trotzdem schlug die Angst jetzt erst richtig zu. Nach einem Moment zitterten nicht nur seine H�nde. Er zitterte am ganzen Leib. �Es ist kein Engel -�</p><p>�Azrael.� Angela schaltete herunter und trat behutsam auf die Bremse. Sie fuhren noch immer schnell genug, um jeden Wagen zu �berholen, der vor ihnen auftauchte, verloren aber weiter an Geschwindigkeit. �Ich glaube, wir m�ssen uns unterhalten�, sagte sie grimmig.</p></section><section><title><p>11</p></title><empty-line/><p>�Was zum Teufel war jetzt schon wieder los?� Brauns Stimme war nur noch einen Deut davon entfernt, in ein l�cherlich-hysterisches Quietschen umzuschlagen und ihre Lautst�rke h�chstens noch ein halbes Dezibel davor, wirklich zu schreien. Er st�rmte mit gesenkten Schultern und kampflustig vorgerecktem Kinn herein und versuchte, die T�r hinter sich zuzuwerfen, vermutlich um seinem Auftritt auf diese Weise noch mehr Nachdruck zu verleihen. Da die T�r aus zw�lf Zentimeter dickem Panzerstahl bestand und ann�hernd eine Tonne wog, mi�lang der Versuch kl�glich - Braun wurde von seiner eigenen Kraft zur�ckgerissen und st�rzte mehr ins Labor hinein, als er ging, bevor es ihm gelang, sein Gleichgewicht mit einem raschen Schritt zur�ckzuerlangen. W�re die letzte halbe Stunde nicht gewesen, h�tte es absolut l�cherlich ausgesehen.</p><p>Weder Mecklenburg noch seinen beiden Assistenten war im Moment allerdings zum Lachen zumute.</p><p>�Verdammt noch mal!� polterte Braun weiter. �Mu� ich hier wirklich alles selbst machen? Kann man euch nicht einmal einen einzigen Abend allein lassen, ohne da� sofort eine Katastrophe losbricht?!� Er redete Unsinn. Mecklenburg wu�te es, und Braun wu�te nat�rlich auch, da� Mecklenburg es wu�te. Braun war so nerv�s (und erschrocken) wie sie alle. Sein Wutausbruch war eben nur seine ganz pers�nliche Art, mit dem Schrecken fertig zu werden. Was es allerdings kein bi�chen leichter machte, ihn zu ertragen. Mecklenburgs Assistenten zogen erschrocken die K�pfe ein und taten ihr M�glichstes um auf der Stelle unsichtbar zu werden, und selbst Mecklenburg fiel es schwer, Brauns Blick standzuhalten. Offensichtlich bekam er an diesem Abend nicht nur eine Lektion �ber die Grenzen seiner F�higkeiten als Wissenschaftler, sondern auch als Mensch. Noch vor einer Stunde hatte er geglaubt, Braun trotzen zu k�nnen. Schlie�lich war er sein Auftraggeber, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das war die Theorie. In der Praxis war es ein ziemlich beunruhigendes Gef�hl, einem Mann gegen�berzustehen, der nicht nur buchst�blich Macht �ber Leben und Tod hatte, sondern von dem er auch wu�te, da� ihm ein Menschenleben nicht besonders viel galt. Der lebende Beweis<emphasis> (lebend?) </emphasis>daf�r befand sich in dem schwarz verchromten Sarkophag auf der anderen Seite der Glasscheibe.</p><p>Braun gab es endlich auf, eine T�r zuknallen zu wollen, die sich nicht zuknallen lie�, fuhr mit einer w�tenden Bewegung auf dem Absatz herum und sah sich kampflustig um. �Also?!�</p><p>�Es ist ... alles wieder in Ordnung.� Es war schon fast grotesk: Mecklenburg brauchte fast eine Sekunde, um zu begreifen, da� es nicht seine Stimme war, die geantwortet hatte, sondern die Grinners.</p><p>Braun schien es wohl �hnlich zu ergehen, denn er w�rdigte ihn nicht einmal eines Blickes, sondern fuhr direkt an ihn gewandt und in kaum weniger scharfem Ton fort: �Ich habe nicht gefragt, was jetzt los ist. Ich habe gefragt, was <emphasis>war.� </emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Das wissen wir nicht.� Mecklenburg kam zu dem Schlu�, da� er nur eine einzige Wahl hatte, n�mlich die, in die Offensive zu gehen. Er stand auf, konnte gerade noch dem Wunsch widerstehen, sich zu r�uspern, um seiner Stimme mehr Sicherheit zu verleihen, und schlug mit der flachen Hand wahllos auf einen der Computerbildschirme vor sich. �Wir werten noch die Daten aus. Eine <emphasis>Menge </emphasis>Daten. Es wird eine Weile dauern.� Braun war nicht in der Stimmung f�r Wortklauberei. Er mu�te es nicht sagen. Sein Blick sprach B�nde. �Es hat vor zwanzig Minuten angefangen.� Grinner verbesserte sich. �F�nfundzwanzig. Seine zerebralen Aktivit�ten sind pl�tzlich angestiegen.� Das war die Untertreibung des Jahres, dachte Mecklenburg. Ebensogut h�tte man sagen k�nnen, da� es auf der Sonne warm w�re. Er kam nicht dazu, Grinner zu korrigieren (Er w�rde den<emphasis> Teufel </emphasis>tun, verdammt noch mal!), aber Brauns Aufmerksamkeit verlagerte sich endlich von ihm zu seinem ungl�ckseligen Assistenten - der ganz offensichtlich keine Ahnung hatte, worauf er sich einlie�. Es gab Menschen, deren Aufmerksamkeit man besser nicht weckte, und Braun geh�rte dazu. Er f�hrte diese Spezies<emphasis> an. </emphasis></p><p>�Was genau soll das hei�en: <emphasis>Pl�tzlich angestiegen?�</emphasis> Braun sah sich kampflustig um, konzentrierte seine Aufmerksamkeit aber praktisch sofort wieder auf Grinner. �Nur damit wir uns richtig verstehen: Der Mann da drinnen hat vor anderthalb Jahren den letzten Atemzug aus eigener Kraft getan. Medizinisch gesehen ist er <emphasis>tot.�</emphasis> Er ging mit schnellen Schritten auf die Trennscheibe zu, blieb in einem guten Meter Abstand davor stehen und lie� zwei oder drei weitere Sekunden verstreichen, ehe er fortfuhr: �Jedenfalls haben <emphasis>Sie </emphasis>mir das gesagt, Doktor Mecklenburg.�</p><p>�Ich habe nichts dergleichen gesagt�, murmelte Mecklenburg. Jedenfalls<emphasis> wollte </emphasis>er es murmeln.</p><p>Offensichtlich hatte er aber doch laut genug gesprochen, um verstanden zu werden, denn Braun antwortete: �Ich darf zitieren, Doktor? Ein lebender Leichnam, Herr Braun - wobei ich das<emphasis> lebend </emphasis>nicht unbedingt unterschreiben w�rde. Strenggenommen sind es zweihundert Pfund biologischer Abfall, die nur von unserer Technik vor dem Verfall bewahrt werden.� Mecklenburg war verbl�fft. Das war nicht nur sinngem��, sondern wortw�rtlich das, was er zu Braun gesagt hatte; und das vor etlichen Monaten. Braun mu�te entweder �ber ein fotografisches Ged�chtnis verf�gen, oder seine Worte hatten ihn mehr beeindruckt, als Mecklenburg seinerzeit klar gewesen war. Er hatte sie eigentlich nur so daher gesagt, ohne sich viel dabei zu denken. Sie waren nicht einmal hundertprozentig korrekt gewesen.</p><p>�Nun, Doktor?� fuhr Braun fort, als Mecklenburg auch nach einigen Sekunden noch nicht antwortete.</p><p>�Das ist nicht so einfach zu erkl�ren�, sagte Mecklenburg. �Ich wei� nicht, was passiert ist. Noch nicht. Vielleicht hat es gar nichts zu bedeuten.�</p><p>�Gar nichts?� Braun fuhr mit einer so abrupten Bewegung herum, da� Mecklenburg erschrocken zusammenzuckte und nur noch mit M�he den Impuls unterdr�cken konnte, einen Schritt vor ihm zur�ckzuweichen. Braun sagte nichts weiter. Er erkl�rte seinen pl�tzlichen Ausbruch nicht, und er hatte sich in der n�chsten Sekunde auch schon wieder in der Gewalt. Aber die Art, auf die er auf Mecklenburgs einfach so dahingeworfene Bemerkung reagiert hatte, machte diesem zweifelsfrei eines klar: Irgend etwas war passiert. Braun war nicht nur so w�tend gewesen, weil sie ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geholt hatten. Ja, er war pl�tzlich sicher, da� sein n�chtlicher Anruf nicht einmal der <emphasis>Grund</emphasis> f�r Brauns Gereiztheit war. Irgend etwas war passiert. Etwas, von dem Mecklenburg keine Ahnung hatte - und das Braun bis ins Mark ersch�ttert haben mu�te und ihn fast wahnsinnig vor Angst werden lie�.</p><p>Braun sprach nichts davon aus. Er gab sich sogar mit Erfolg M�he, sich nichts von seinen Gef�hlen anmerken zu lassen. Aber Mecklenburg begriff das alles in der einzigen Sekunde, in der sich ihre Blicke begegneten. Dann hatte sich Braun auch mit den Dingen, die er <emphasis>nicht </emphasis>aussprach, wieder vollkommen unter Kontrolle, und der verr�terische Ausdruck in seinen Augen erlosch. Was in Mecklenburg zur�ckblieb, war tiefe Verunsicherung. Ein sehr unangenehmes Gef�hl. Er war nicht wirklich erschrocken, aber er ahnte, da� er jeden Grund gehabt h�tte, erschrocken zu sein, wenn er nur die ganze Wahrheit gewu�t h�tte.</p><p>Die Stille begann unangenehm zu werden. Mecklenburg r�usperte sich und setzte dazu an, etwas zu sagen, und der �bereifrige Grinner ergriff die Gelegenheit beim Schopf, sich wieder in den Vordergrund zu spielen - diesmal sogar in ganz k�rperlichem Sinne: Er trat mit einem schnellen Schritt zwischen Braun und Mecklenburg, so da� er den Blickkontakt zwischen ihnen unterbrach, und sagte: �Was Professor Mecklenburg sagen will, ist, da� wir noch nicht genau wissen, was dieser Zwischenfall zu bedeuten hat. Vielleicht nichts, vielleicht eine Menge. Vergleichen Sie ihn mit einem Menschen, der sehr tief schl�ft. Die meiste Zeit liegt er vollkommen ruhig da. Man mu� schon sehr genau hinsehen, um festzustellen, da� er �berhaupt noch am Leben ist. Aber manchmal regt er sich eben. Wahrscheinlich hat er nur einen Alptraum gehabt. Die ersten Male war es nicht so schlimm wie heute, aber...�</p><p>�Die ersten Male?� Braun zog die linke Augenbraue hoch. �Soll das hei�en, das ist schon einmal passiert?� Grinner tauschte einen verwirrten Blick mit Mecklenburg, erntete aber nur einen stoischen Gesichtsausdruck. Mecklenburg w�rde den Teufel tun und sich einmischen. Er hatte in seinem Leben genug Erfahrungen mit hoffnungsvollen jungen Wissenschaftlern gemacht, deren Ehrgeiz in keinem guten Verh�ltnis mit ihren F�higkeiten stand, um zu wissen, was jetzt in Grinner vorging. Er nahm es ihm nicht �bel. Er war ein wenig entt�uscht, aber nicht w�tend. Grinner hatte ja keine Ahnung, worauf er sich da einlie�.</p><p>�Also?� fragte Braun ungeduldig.</p><p>�Es ist ... zwei- oder dreimal passiert�, sagte Grinner, und Braun unterbrach ihn sofort und in h�rbar sch�rferem Ton:</p><p>�Was denn nun? Zweimal oder dreimal?�</p><p>�Dreimal�, antwortete Grinner. �Glaube ich.�</p><p>�So, glauben Sie�, sagte Braun. �Ich bezahle Sie nicht daf�r, Dinge zu glauben, Herr...?�</p><p>�Ich habe nicht immer Dienst!� verteidigte sich Grinner, wobei er Brauns unausgesprochene Frage nach seinem Namen vorsichtshalber �berging. Mecklenburg konnte zusehen, wie seine Nervosit�t wuchs, was ihn eigentlich mit einer gewissen Schadenfreude h�tte erf�llen m�ssen, es aber nicht tat. Grinner machte in diesem Moment eine wichtige Erfahrung, und Mecklenburg hoffte nur, da� er auch wirklich etwas daraus lernte.</p><p>�W�hrend ich hier war, ist es dreimal passiert. Aber es war noch nie so schlimm wie heute.�</p><p>�Es?� Grinner sah weg, und Braun wandte sich wieder an Mecklenburg: �Wieso wei� ich nichts davon?�</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete Mecklenburg k�hl. �Es waren vier solcher Zwischenf�lle, um genau zu sein. Vielleicht sogar f�nf. Bei einer Gelegenheit ... waren wir nicht ganz sicher. Und es steht alles in den Berichten, die ich Ihnen t�glich per E-Mail zukommen lasse. Sie sollten Ihren Computer ab und zu auch einmal einschalten.� Es h�tte Brauns �rgerlichen Stirnrunzelns nicht bedurft, um ihm klarzumachen, da� er mit der letzten Bemerkung einen Schritt zu weit gegangen war. Sie war vor allem <emphasis>nicht n�tig </emphasis>gewesen. Irgend etwas ging hier vor. Etwas, das nicht gut war. Sie taten besser daran, ihre Kr�fte aufzusparen, statt sie in sinnlosen Grabenk�mpfen untereinander zu vergeuden.</p><p>Braun kam wohl zu demselben Schlu�, denn er ging nicht auf seinen herausfordernden Ton ein, sondern starrte ihn nur an und drehte sich nach einer oder zwei Sekunden wieder zu der Glasscheibe um. Der st�hlerne Sarkophag auf der anderen Seite war nur als unsicherer Schemen zu erkennen, und vermutlich nicht einmal das; Mecklenburg sah ihn wahrscheinlich nur, weil er <emphasis>wu�te, </emphasis>da� er da war. Das Licht in dem Raum auf der anderen Seite war ausgeschaltet, und die Scheibe hatte sich in einen Spiegel verwandelt.</p><p>Die Wirkung war jedoch genau anders herum als sonst. Normalerweise war Mecklenburg um jede Sekunde froh, die er den Stahlsarg<emphasis> nicht </emphasis>ansehen mu�te. Sein Anblick beunruhigte ihn, denn er erf�llte ihn nicht nur mit unerfreulichen Assoziationen und d�steren Vorahnungen, sondern erinnerte ihn auch daran, was sie <emphasis>getan hatten. </emphasis>Jetzt war es genau anders herum. Es war die Dunkelheit auf der anderen Seite der Barriere, die ihn erschreckte. Sie hatte eine neue, beunruhigende Qualit�t, war zu einem Versteck f�r etwas geworden, etwas, das bisher in dem st�hlernen Sarkophag gefangen gewesen war und nun hinaus wollte. Alles, was er sah, waren sein eigenes und Brauns Spiegelbild, aber durch diese vertrauten Gesichter hindurch schien sie noch etwas anzugrinsen; uralt, h�hnisch, b�se und durch und durch gnadenlos. Das Gef�hl war so intensiv, da� er nicht anders konnte, als mit zwei schnellen Schritten an Braun vorbeizugehen und den Schalter an der Wand zu ber�hren, der das Licht aktivierte. Aus dem farbenfressenden Spiegel wurde wieder eine Glasscheibe, die den Blick in den dahinter liegenden Raum freigab. Zwei oder drei Sekunden lang sog Mecklenburg jedes Detail der Kammer fast gierig in sich auf, erst dann gestattete er sich ein Gef�hl - vorsichtiger - Erleichterung. Der st�hlerne Sarg war nicht mehr als eben ein st�hlerner Sarg, ein technisches Wunderwerk, der tats�chlich ein wenig an die goldenen Sarkophage erinnerte, wie man sie in �gyptischen Pharaonengr�bern gefunden hatte. Aber auch nicht mehr. Der Raum enthielt nichts, wovor er sich h�tte f�rchten m�ssen. Nicht mehr. Das Licht hatte die Schatten vertrieben, und mit ihnen auch alles, was sich darin verborgen gehalten hatte.</p><p>Aber es w�rde wiederkommen, sobald das Licht gegangen war.</p><p>Mecklenburg wu�te es, und als er den Kopf drehte und in Brauns Gesicht sah, da begriff er, da� Braun es genauso wu�te.</p></section><section><title><p>12</p></title><empty-line/><p>�Hier. Trink!� Bremer hatte noch nie viel davon gehalten, Alkohol zu trinken, um sich zu beruhigen, oder �berhaupt mit irgendeinem Problem fertig zu werden. Er wu�te, da� es nicht funktionierte. Aber er hatte einfach nicht die Energie, Angela zu widersprechen, oder gar eine end- und sinnlose Diskussion �ber den Nutzen oder Schaden von Alkohol zu beginnen. Au�erdem brauchte er irgend etwas, um seine H�nde zu besch�ftigen. So griff er nach dem Glas, das sie ihm �ber den Tisch hinweg zugeschoben hatte, setzte es an und leerte es mit einem einzigen Zug. Er wu�te selbst hinterher nicht, was er getrunken hatte. Es schmeckte wie etwas mit einer Konzentration jenseits von Salzs�ure, das brennend seinen Hals hinablief. Als es seinen Magen erreichte, verwandelte sich das Brennen in intensive W�rme, die sich rasch in seinem Leib ausbreitete. Das Zittern seiner H�nde beruhigte es nicht.</p><p>�Noch einen?� fragte Angela. Sie setzte schon dazu an, aufzustehen und zur Theke zu gehen, um ein zweites Glas Was-auch-immer zu holen, aber Bremer sch�ttelte den Kopf, und sie lie� sich wieder zur�cksinken. �Ist vielleicht auch besser so�, sagte sie. �Wir beide m�ssen uns unterhalten. So etwas geht besser mit einem klaren Kopf.�</p><p>�Unterhalten?� Bremer hob mit einiger M�he den Kopf und versuchte, Angela mit Blicken zu fixieren. Es mi�lang. Sein Inneres war so sehr in Aufruhr, da� es ihm nicht m�glich schien, seine Gedanken l�nger als eine Sekunde auf einen bestimmten Punkt zu konzentrieren. Geschweige denn seinen Blick. Mit noch mehr M�he sch�ttelte er den Kopf und f�gte schleppend hinzu: �Ich w��te nicht, wor�ber.�</p><p>Angelas Blick machte sehr deutlich, was sie von dieser Antwort hielt. H�tten sie sich an irgendeinem anderen Ort aufgehalten, w�re ihre Reaktion vermutlich auch etwas lautstarker ausgefallen. Zu Bremers Gl�ck waren sie das aber nicht. Angela hatte irgendwann - vielleicht nach zehn Minuten, vielleicht nach einer Stunde, er hatte nicht die geringste Ahnung - angehalten und ihn fast gewaltsam aus dem Wagen gezerrt. Jetzt befanden sie sich in einer ziemlich kleinen, ziemlich heruntergekommenen und vor allem beinahe<emphasis> leeren </emphasis>Kneipe. Es gab nur ein halbes Dutzend Tische, die allesamt leer waren. Au�er Angela und ihm selbst befanden sich nur noch der Wirt und zwei weitere G�ste hier, die an der Bar sa�en und sich mit gesenkten Stimmen unterhielten. Bremer war klar, da� sie f�r ein gewisses Aufsehen sorgten. Er hatte keine Ahnung, wo sie waren, und Angela wahrscheinlich auch nicht. Er war ziemlich sicher, da� sie diese Kneipe nur deshalb ausgew�hlt hatte, weil sie trotz der vorger�ckten Stunde noch auf war. Aber es war weder eine Gegend noch die Art von Gastwirtschaft, in der er normalerweise verkehrte. Und Angela schon gar nicht.</p><p>Als sie antwortete, tat sie es jedenfalls leise, mit einem Achselzucken und in einem Ton, der zumindest beil�ufig klingen <emphasis>sollte, </emphasis>ohne es wirklich zu tun. �Oh, zum Beispiel �ber die Frage, warum ich pl�tzlich von Typen gejagt werde, die ich bis gestern nur aus amerikanischen Agentenfilmen kannte. Oder warum ich vorhin geglaubt habe, etwas zu sehen, von dem ich ganz sicher bin, da� ich es gar nicht gesehen haben kann... Und was es mit Azrael auf sich hat.� W�re die winzige Pause zwischen den beiden S�tzen nicht gewesen, dann h�tte ihre Frage vielleicht wirklich so beil�ufig geklungen, wie sie sollte. So machte sie Bremer endg�ltig klar, da� sie sehr viel mehr �ber die ganze Sache wu�te, als sie eigentlich konnte.</p><p>Bremer schwieg. Angela starrte ihn herausfordernd an, aber Bremer schwieg beharrlich weiter. Es blieb dabei: Er wollte sie nicht mit in die Sache hineinziehen - f�r seinen Geschmack steckte sie schon viel zu tief drin -, aber der haupts�chliche Grund f�r seine momentane Schweigsamkeit war ein durch und durch alberner: Er wu�te nicht, wie er sie ansprechen sollte. Bremer hatte sich stets schwer damit getan, Menschen zu duzen, und andere ihn duzen zu lassen; nicht aus �berheblichkeit oder gar Arroganz - beides traf in keinster Weise auf ihn zu -, sondern weil das f�rmliche Sie ihm immer noch eine gewisse Distanz zu seinem Gegen�ber verschaffte, die f�r ihn sehr wichtig war. Bremer war alles andere als kontaktscheu. Er mochte Menschen, und er liebte es, in Gesellschaft ganze N�chte durchzureden oder auch einfach nur herumzualbern. Trotzdem hatte er eine genau definierte Fluchtdistanz festgelegt, die niemand unterschreiten durfte, weder k�rperlich noch mit Worten, ohne da� er in Panik geriet. Angela mit ihrer schon fast aufdringlichkumpelhaften Art hatte diese Fluchtdistanz eindeutig unterschritten, aber er wu�te nicht, wie er es ihr beibringen sollte, ohne sich l�cherlich zu machen. Nicht nach dem, was sie gerade gemeinsam erlebt hatten. Also zog er es vor, gar nichts zu sagen.</p><p>�Also gut�, sagte sie, als das Schweigen weiter anhielt und ihr klar wurde, da� er es von sich aus auch nicht brechen w�rde; wenn auch bestimmt nicht, warum. �Dann fange ich eben an. Irgendeiner mu� den ersten Schritt machen. Ich wei�, da�...�</p><p>�Nein�, unterbrach sie Bremer.</p><p>Angela blinzelte. �Nein? Aber du wei�t doch noch gar nicht, was ich sagen wollte.�</p><p>�Das ist auch �berhaupt nicht n�tig�, sagte Bremer. �Diese ganze Geschichte geht nur mich etwas an, und im Grunde nicht einmal das. Nur, da� mich leider niemand gefragt hat.�</p><p>�Genauso wenig wie mich�, antwortete Angela. Sie klang ein bi�chen ver�rgert, aber Bremer war nicht sicher, ob dieser Eindruck echt oder beabsichtigt war, um Punkte zu sammeln. �Mich nicht mit hineinziehen zu wollen, ist ja vielleicht eine noble Idee, aber sie kommt ein bi�chen zu sp�t. Ich stecke n�mlich schon drin. Ich h�tte nur gerne gewu�t, worin eigentlich. Ich dachte, Sendig und seine ganze Bagage w�ren damals endg�ltig aus dem Verkehr gezogen worden.� Jetzt war Bremer an der Reihe, ehrlich �berrascht zu sein.</p><p>�Wie?�</p><p>�Ich sagte doch, da�<emphasis> ich </emphasis>damit anfange, mit offenen Karten zu spielen.� Angela gab sich keine besondere M�he, ihren Triumph zu verhehlen. �Ich wei� nicht alles, aber doch so <emphasis>ziemlich </emphasis>alles �ber die Geschichte von damals. Und bevor du fragst: Es ist kein Zufall, da� N�rdlinger mich dir zugeteilt hat. Ich habe daf�r gesorgt.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Weil du mich fasziniert hast.� Angela l�chelte. �Nicht <emphasis>du</emphasis>. Deine Geschichte. Das, was damals passiert ist. Ich wei� fast alles dar�ber.�</p><p>�Diese Informationen sind streng geheim�, sagte Bremer. Das war untertrieben. Selbst N�rdlinger wu�te nicht, was damals wirklich geschehen war. Es ging ihn auch nichts an.</p><p>Angelas L�cheln wurde zu einem breiten Grinsen. �Ein Hoch auf die moderne Technik�, sagte sie. �Gottlob gehen selbst die Beh�rden manchmal mit der Zeit. Alles, was �ber die Geschichte damals bekannt ist, ist in der einen oder anderen Datenbank gespeichert. Und es gibt fast keinen Computer, der mir widerstehen kann. Ich gebe zu, ich habe ein bi�chen Datenklau betrieben.�</p><p>�Das ist strafbar�, sagte Bremer.</p><p>�Leute gegen ihren Willen als Versuchskaninchen zu benutzen auch�, sagte Angela achselzuckend. �Und sie umzubringen erst recht. Du kannst mich ja anzeigen, wenn du willst.�</p><p>Bremer schwieg ein paar Sekunden. Dann sagte er, sehr leise und sehr ernst: �Vielleicht sollte ich das tun. Eine Gef�ngniszelle ist im Moment wahrscheinlich ein sehr viel sichererer Ort als meine N�he.�</p><p>Angela wollte antworten, aber in diesem Moment trat der Wirt an ihren Tisch und sagte: �Feierabend, Leute, Sperrstunde.� Angela seufzte, griff in die Tasche, zog ihren Dienstausweis hervor und reichte ihn dem Wirt. �Nicht f�r uns.� Der Mann nahm den Ausweis entgegen, begutachtete ihn ausgiebig und unterzog seine Besitzerin anschlie�end einer noch ausgiebigeren Inspektion, bevor er ihn zur�ckgab.</p><p>�Das ist wirklich beeindruckend�, sagte er, �aber es bleibt dabei. Ich mache Schlu�.� Angela wollte auffahren, doch diesmal war Bremer schneller.</p><p>�Schon gut�, sagte er. �Sie ist neu und kennt die Spielregeln noch nicht. Bringen Sie uns noch zwei Kaffee, und wir r�umen friedlich das Feld, einverstanden?� Der Mann sah ganz und gar nicht einverstanden aus, aber die Art, auf die Bremer das Wort <emphasis>friedlich </emphasis>ausgesprochen hatte, schien ihn wohl �berzeugt zu haben, da� es besser war,<emphasis> nicht </emphasis>herauszufinden, was im anderen Fall geschehen w�rde.</p><p>�Also gut�, brummelte er. �Ich mu� noch Kasse machen. Das dauert zehn Minuten. Aber danach verschwindet ihr.� Er ging. Angela blickte ihm zornig nach und wandte sich dann mit nicht weniger ver�rgertem Gesicht an Bremer.</p><p>�Vielen Dank f�r die Anf�ngerin.�</p><p>�Das hat er sowieso gemerkt�, sagte Bremer. �Niemand benimmt sich so, au�er vielleicht im Fernsehen. Bringt man euch auf der Polizeischule heutzutage nicht mehr bei, da� man seinen Dienstausweis nicht benutzt, um Leute einzusch�chtern?�</p><p>�Mein Hauptfach war Informatik�, sagte Angela �rgerlich.</p><p>�Ich dachte, �ffentlichkeitsarbeit?�</p><p>�Das eine funktioniert nicht ohne das andere�, antwortete Angela. �Lenk nicht ab. Wir waren bei der Azrael-Geschichte. Ich dachte, nach Sillmanns Tod h�tte der Spuk ein Ende gehabt. Jedenfalls steht es so im Computer.�</p><p>�Das dachte ich auch, bis vor ein paar Stunden�, sagte Bremer. �Verdammt, ich wei� nicht, was los ist! Mark Sillmann war das letzte, in dessen Blut dieses Schei�zeug war. Nach seinem Tod h�tte es aufh�ren m�ssen.�</p><p>�Azrael�, erkl�rte Angela, �ist die Abk�rzung von Amphetamin Z 7 Reciprocal Ascarin Ethylmescalin Lophophinderivat.� Bremer war ein wenig �berrascht, wie leicht ihr dieses komplizierte Wortungeheuer von den Lippen ging, und Angela grinste erneut. �Ich habe meine Hausaufgaben gemacht�, sagte sie. �Die Datenbanken des BKA sind wirklich sehr ergiebig.�</p><p>�Aber offenbar nicht unbedingt auf dem letzten Stand�, f�gte Bremer hinzu. �Jedenfalls nicht, wenn die Kerle von vorhin wirklich die sind, f�r die ich sie halte.�</p><p>�Wof�r h�ltst du sie denn?� wollte Angela wissen.</p><p>Statt zu antworten, reagierte Bremer mit einer Gegenfrage: �Was sagt der Computer, wer sie sind?�</p><p>�Aber Herr Bremer!� Angela drohte ihm sp�ttisch mit dem Finger. �Ich mu� mich doch sehr wundern! Diese Informationen sind streng geheim. Allein diese Frage zu stellen, ist schon illegal. Sie wollen mich doch nicht etwa zu einer Straftat anstiften?� Bremer schwieg, und nach ein paar Augenblicken erlosch Angelas Grinsen. Sie zuckte mit den Schultern. �In diese Dateien konnte ich nicht eindringen.�</p><p>�Ach? Und ich dachte, es g�be keinen Computer, der der K�nigin der Hacker standh�lt.�</p><p>�Ich h�tte ihn knacken k�nnen�, antwortete Angela beleidigt. �Aber ich war nicht ganz sicher, da� ich keine Spuren hinterlassen w�rde. Das Risiko wollte ich nicht eingehen.� Der Wirt kam und brachte den bestellten Kaffee. Sie schwiegen, bis er wieder au�er H�rweite war, dann fuhr Angela fort: �Eins habe ich nicht verstanden... Wieso ein Engel?�</p><p>�Es war nicht irgendein Engel�, antwortete Bremer. �Azrael war der Todesengel des alten Testaments. Der himmlische Sendbote, der geschickt wurde, um Dinge zu Ende zu bringen. Marc hat ein Bild dieses Engels in einer alten Bibel gesehen, als er ein Kind war. Sp�ter, unter dem Einflu� der Droge, hat sein Unterbewu�tsein dann genau dieses Bild heraufbeschworen. So einfach war das.�</p><p>�Einfach?� Angela nippte an ihrem Kaffee und sch�ttelte sich. �Es klingt eher fantastisch. Im Sinne von <emphasis>wenig glaubw�rdig.�</emphasis></p><p>�Ich w�rde es auch nicht glauben�, best�tigte Bremer. �Aber ich habe es selbst gesehen. Ich bin kein Wissenschaftler. Ich verstehe nicht einmal etwas von Drogen. Soweit ich die Sache damals verstanden habe, bewirkte die Azrael-Droge eine Art kollektiver Halluzination.�</p><p>�Das hei�t, eine ganze Gruppe nimmt gemeinsam die Droge...�</p><p>�...und erlebt den gleichen Trip, ja�, best�tigte Bremer. �Das war jedenfalls die Grundidee. Was Sillmann und L�bach nicht ahnten, das war, da� ihr kleiner Drogencocktail noch viel weiter ging. Offensichtlich verursachte er nicht nur eine Kollektivhalluzination, sondern sorgte auch f�r eine Art telepathischer Verbindung zwischen allen Teilnehmern des Trips, wobei die st�rkste Pers�nlichkeit sozusagen die F�hrung �bernahm.�</p><p>�Sillmanns Sohn.�</p><p>�Marc, ja.� Bremer trank ebenfalls einen Schluck Kaffee und kam zu dem Schlu�, da� Angelas Sch�tteln gerade nicht auf seine Worte zur�ckzuf�hren war, sondern auf das Gebr�u, das der Wirt ihnen gebracht hatte. Der Kaffee war nur noch lauwarm und schmeckte, als h�tte er mindestens zwei oder drei Stunden auf der Warmhalteplatte gestanden. Er stellte ihn zur�ck, ohne mehr als ein paar Tropfen getrunken zu haben. �Er konnte nicht wissen, da� der Junge ein ausgewachsener Psychopath war.�</p><p>�Marc Sillmann? Der Computer sagt etwas anderes.�</p><p>�Der Computer war nicht dabei�, antwortete Bremer heftig. Er sp�rte die Gefahr, in die er sich selbst hineinman�vrierte. Seine Worte beschworen Bilder und Erinnerungen herauf, die besser da bleiben sollten, wo sie waren. Er hatte sich nicht umsonst jahrelang gro�e M�he gegeben, jene schrecklichen Stunden zu vergessen. Aber er sp�rte auch zugleich, da� er jetzt gar nicht mehr aufh�ren konnte. Einmal geweckt, begann seine Erinnerung rasch ein Eigenleben zu entwickeln, gegen das er machtlos war. �Der arme Junge konnte wahrscheinlich gar nichts daf�r. Sein Vater hat zuerst seine Mutter ins Irrenhaus gebracht und dann seinen eigenen Sohn als Versuchskaninchen mi�braucht. Die Sache konnte nicht gutgehen. Marcs ... <emphasis>Halluzination </emphasis>hat erst alle anderen umgebracht und am Schlu� ihn selbst.�</p><p>�Und wenn es mehr war als nur eine Halluzination?� Bremer sah sie einen Moment lang verst�ndnislos an. Es<emphasis> war </emphasis>mehr gewesen als eine Halluzination. Er hatte das Ding<emphasis> gesehen, </emphasis>das die Droge ins Marcs Blut hatte entstehen lassen. Trotzdem sch�ttelte er nach einigen Augenblicken den Kopf und griff wieder nach seiner Kaffeetasse. Allerdings nicht, um zu trinken, sondern nur, um etwas zu haben, womit er seine H�nde besch�ftigen konnte.</p><p>�Es ist vorbei�, sagte er. �Sillmann hat die Formel f�r die Herstellung der Droge vernichtet, und sein Sohn war der letzte, der sie in sich trug.�</p><p>�Ich hatte nicht den Eindruck, da� es <emphasis>vorbei </emphasis>ist�, sagte Angela. �Jedenfalls nicht vor einer halben Stunde.�</p><p>Bremer sch�ttelte beharrlich den Kopf. �Das war kein Engel� sagte er. �Es war ein...� Ein D�mon? Der Gedanke kam ihm so grotesk vor, da� er es nicht wagte, das Wort auch nur laut auszusprechen. Er war auch nicht sicher, ob er das ... <emphasis>Ding, </emphasis>das er gesehen hatte, richtig beschrieben hatte. Er hatte es ja auch nur f�r den Bruchteil einer Sekunde wirklich gesehen: Ein riesiges, groteskes Gesch�pf mit Krallen und Z�hnen und gewaltigen zerfetzten Schwingen wie die ledrigen Fl�gel einer riesigen Fledermaus. Er wu�te nicht, was er gesehen hatte. Im Grunde wu�te er nicht einmal, ob er �berhaupt etwas gesehen hatte.</p><p>�So oder so, es <emphasis>kann </emphasis>kein Zufall sein�, sagte Angela kopfsch�ttelnd. �Daf�r sind sich die Ereignisse zu �hnlich.�</p><p>�<emphasis>�hnlich?�</emphasis> kr�chzte Bremer. Angela nickte heftig. �Damals begann es mit diesem Artner, nicht wahr? Ein Arzt, der ein sexuelles Verh�ltnis zu einer seiner Patientinnen unterhielt. Ein Journalist, der Informationen gef�lscht und Leute erpre�t hat. Der Arzt, der Sillmann geholfen hat, seine Frau in die Klapsm�hle zu bringen...� Sie sch�ttelte ein paarmal den Kopf. �Das klingt nach biblischer Gerechtigkeit. Vielleicht auf eine ziemlich naive Art, aber trotzdem... Jemand hat den Racheengel geschickt. Und jetzt Belozky, Lachmann, Halbach und Rosen. Er ist wieder unterwegs.� Ihre Worte waren von einer so simplen und zugleich zwingenden Logik, da� er sich selbst l�cherlich dabei vorkam, zu widersprechen. Trotzdem tat er es.</p><p>�Es ist unm�glich. Marc Sillmann ist tot. Ich war dabei, als er starb. Und die Azrael-Formel wurde vernichtet.�</p><p>�Was einmal entwickelt worden ist, kann auch ein zweites Mal entwickelt werden�, beharrte Angela. �Und was den Tod angeht...� Sie legte den Kopf schr�g. �Warst du das nicht auch? Klinisch tot, meine ich?�</p><p>�Und?� Bremer machte eine wegwerfende Geste. �So etwas kommt alle Naselang vor. Die �rzte holen andauernd Leute zur�ck ins Leben, die klinisch tot sind.� Das war die �bertreibung des Tages. Menschen, die nicht nur im Koma lagen, sondern tats�chlich klinisch tot waren, holte man nicht nach drei Tagen so einfach zur�ck. Nach allem, was er wu�te, lag der Weltrekord bei etwas �ber einer Stunde, und alle au�er ihm, die l�nger als zwanzig Minuten lang weg gewesen waren, waren als sabbernde Wracks wieder aufgewacht, atmende, essende und verdauende Fleischklumpen mit dem Intelligenzquotienten einer Bratkartoffel. Die man besser da gelassen h�tte, wo sie waren. Trotzdem w�rde man seinen Fall vergebens im Guinness-Buch der Rekorde suchen.</p><p>�Du hast drei Kugeln aus einer Maschinenpistole abbekommen�, fuhr Angela fort. �Die �rzte m�ssen mehr als ein Wunder vollbracht haben.�</p><p>�Der BKA-Computer ist wirklich nicht auf dem neuesten Stand�, antwortete Bremer. �Es waren f�nf. Und ich habe pers�nlich schon Leute gesehen, die schlimmer zugerichtet waren und durchgekommen sind. Der menschliche K�rper ist eine seltsame Maschine. Manchmal reicht eine Kleinigkeit, um sie anzuhalten, aber manchmal ist sie auch unglaublich z�h.�</p><p>�Wie ist das?� fragte Angela geradeheraus. �Tot zu sein?�</p><p>�Was ist denn das f�r eine Frage?�</p><p>�Wahrscheinlich die einzige, die sich jeder Mensch auf der Welt schon einmal gestellt hat�, antwortete Angela. In ihre Augen trat ein Ausdruck, der Bremer nicht gefiel. �Und jetzt sag nicht, du h�ttest es nicht auch getan. Vorher, meine ich.� Das Gespr�ch begann sich immer mehr in eine Richtung zu verschieben, die ihm nicht behagte. Trotzdem antwortete er.</p><p>�Nat�rlich habe ich das. Aber ich kann leider nicht mit einer Antwort auf die Frage nach der himmlischen Gl�ckseligkeit dienen. Ich erinnere mich an nichts. Ich wurde angeschossen, verlor das Bewu�tsein und wurde im Krankenhaus wieder wach, und das war alles.� Womit die Abteilung L�gen- und Fantasiegeschichten endg�ltig er�ffnet war. Er h�tte eine Menge dar�ber erz�hlen k�nnen, was<emphasis> danach </emphasis>kam, aber er wollte es nicht. Mit manchen Erinnerungen wurde man vielleicht fertig, wenn man sich ihnen stellte, aber manche lie� man besser, wo sie waren.</p><p>�Das ist ... schade�, sagte Angela. Sie klang ehrlich entt�uscht. �Ich dachte, ich k�nnte auf diese Weise vielleicht mehr dar�ber erfahren. Aus erster Hand, sozusagen.�</p><p>�Das kommt schon noch fr�h genug�, murmelte Bremer. �Ich f�r meinen Teil wei� noch viel zu wenig �ber das Leben, um mich f�r den Tod zu interessieren.�</p><p>�Wie philosophisch�, parierte Angela sp�ttisch. �Von wem ist dieser Satz?�</p><p>�Von mir�, antwortete Bremer. �Und jetzt schlage ich vor, da� wir das Thema wechseln.� Er wies mit einer Kopfbewegung zur Theke. �Und vor allem das Lokal. Der Wirt hat mir zu gro�e Ohren.�</p><p>�Gute Idee�, sagte Angela. �Gehen wir zu dir oder zu mir?�</p><p>�Bitte nicht�, seufzte Bremer. �Ich bin wirklich nicht in der Stimmung f�r solche Scherze.�</p><p>�Wer sagt, da� ich scherze?� fragte Angela. �Wir haben wirklich ein Problem. Wir k�nnen nicht in deine Wohnung. Selbst wenn es dort noch nicht von unseren Freunden wimmelt, beobachten sie garantiert den ganzen Block. Und dasselbe gilt wahrscheinlich f�r meine Wohnung. Vorausgesetzt, sie haben mich erkannt - aber wir gehen besser davon aus, da� sie es haben. Hast du irgendwelche Freunde, zu denen wir k�nnten?� Bremer sch�ttelte den Kopf. Er hatte eine Anzahl Bekannter, aber niemanden, den er wirklich als Freund bezeichnet h�tte. Und h�tte es einen solchen gegeben, h�tte er den Teufel getan, und ihn in diese Geschichte hineingezogen.</p><p>�Kollegen?�</p><p>Darauf antwortete er gar nicht.</p><p>Angela seufzte. �Dann bleibt uns nur ein Hotel. Ich bin erst seit ein paar Tagen in der Stadt. Ich kenne hier noch niemanden.� Sie lachte. �Ist das nicht komisch? Noch vor ein paar Stunden wolltest du mich auf der Stelle zum Teufel jagen. Und jetzt verbringen wir schon unsere erste Nacht zusammen im Hotel.�</p><p>�Nein�, antwortete Bremer betont, �das ist<emphasis> nicht </emphasis>komisch Und wir werden es auch nicht tun.<emphasis> Ich </emphasis>verbringe die Nacht in einem Hotel (Er hatte nicht vor,<emphasis> das </emphasis>zu tun, aber je weniger sie wu�te, desto sicherer war sie vermutlich), und du f�hrst nach Hause. Oder sonstwohin. Das hier geht nur mich etwas an.�</p><p>�Beeindruckend�, sagte Angela. �Dabei gibt es nur ein Problem: Ich habe die Autoschl�ssel. Und ich verleihe meinen Wagen prinzipiell nicht.�</p><p>�Es gibt f�nftausend Taxen in Berlin�, antwortete Bremer und stand auf. �Mit ein bi�chen Gl�ck werde ich vielleicht eine davon ergattern.�</p><p>�Aber...�</p><p>�Nichts aber.� Bremer hatte die Stimme weit genug erhoben, da� sowohl der Wirt als auch die beiden G�ste an der Theke, die trotz der angeblichen Sperrstunde noch dasa�en, und ihr Bier tranken, die K�pfe hoben und zu ihnen her�bersahen. �Ich danke Ihnen f�r Ihre Hilfe, Frau West. Aber alles, was jetzt noch kommt, erledige ich besser allein.�</p><p>�Frau West?� Angela klang verletzt, und genau das sollte sie auch, gerade<emphasis> weil </emphasis>sie ihm nicht gleichg�ltig war. Ihre Worte hatten eine viel nachhaltigere Wirkung auf ihn ausge�bt, als ihr selbst klar sein mochte. So unterschiedlich die Voraussetzungen auch waren, die Ereignisse von damals und die von heute �hnelten sich in einem ganz bestimmten Punkt zu sehr, um es als blo�en Zufall abzutun. Es hatte wieder angefangen. Vor f�nf Jahren hatte es mit dem Tod beinahe aller Beteiligten geendet, und allein das war mehr als Grund genug f�r ihn, sich von ihr zu trennen. �Das ist ... ein bi�chen billig�, murmelte Angela, als er nicht antwortete.</p><p>Bremer zuckte mit den Schultern. �So bin ich nun einmal�, sagte er grob.</p><p>Bevor sie die Gelegenheit fand, etwas zu erwidern, drehte er sich um und ging.</p></section><section><title><p>13</p></title><empty-line/><p>Cremer w�re um ein Haar eingeschlafen, und das war nicht gut. Aus zwei Gr�nden: Der eine war, da� Braun es nicht besonders sch�tzte, wenn seine Leute w�hrend eines Einsatzes schliefen - selbst wenn dieser Einsatz nur darin bestand, eine menschenleere Stra�e zu bewachen, einen Friedhof und eine Kirche, die so aussahen, als w�re selbst Gott vor ungef�hr f�nfhundert Jahren daraus ausgezogen. Der andere - irrational, aber im Moment mindestens ebenso gewichtig - war, da� Cremer im Verlauf des Abends schon mehrmals kurz eingenickt <emphasis>war </emphasis>und w�hrend dieser stets nur Sekunden dauernden Schlafphasen Fetzen eines Alptraumes erlebt hatte, die �bel genug waren, ihm keinen Appetit auf eine Fortsetzung zu machen.</p><p>Er sah auf die Uhr. Noch gute vier Stunden, bis sie abgel�st wurden. Eine Ewigkeit, aber auch wieder nicht so lange, da� sie nicht durchzustehen waren.</p><p>Cremer griff in die Tasche, tastete nach seinen Zigaretten und zog die Hand dann wieder zur�ck. Er hatte schon entschieden zuviel geraucht. Die Luft im Wagen war zum Schneiden dick, und selbst ihm als Kettenraucher fiel der �ble Geruch auf, der sich in den Polstern eingenistet hatte. Au�erdem hatte er ein unangenehmes Kratzen im Hals und leichte Kopfschmerzen. Wahrscheinlich war der �berm��ige Nikotinmi�brauch auch der Grund f�r seine Alptr�ume.</p><p>Er lie� das Seitenfenster des BMW weiter herunterfahren und atmete die kalte Nachtluft in tiefen, schon fast gierigen Z�gen ein. Es half nicht viel. Der dumpfe Druck zwischen seinen Schl�fen blieb, und er begann zus�tzlich noch zu frieren. Cremer zog eine Grimasse, schlo� das Fenster wieder und griff nun doch nach seinen Zigaretten. Als er das Feuerzeug aus der Tasche zog, wurde die Beifahrert�r aufgerissen, und Reinhold kam zur�ck. Er hatte eine Pinkelpause gemacht, die neunte oder zehnte in dieser Nacht. Entweder, dachte Cremer sp�ttisch, hatte er noch einen Nebenjob, von dem niemand wu�te, oder er sollte dringend einen Urologen aufsuchen.</p><p>�Mu� das sein?� n�rgelte Reinhold, als er die Zigarettenpackung in Cremers Hand sah. �Hier drin stinkt's sowieso schon wie in einer Bahnhofskneipe.� Unter normalen Umst�nden w�re allein diese Bemerkung f�r Cremer Anla� genug gewesen, sich jetzt erst recht eine Zigarette anzuz�nden; zumal er Reinhold sowieso nicht leiden konnte. Irgendwie waren die Umst�nde in dieser Nacht aber nicht normal. Er war in au�ergew�hnlich vers�hnlicher Stimmung, und das leise, aber permanente H�mmern zwischen seinen Schl�fen gab Reinhold zus�tzlich recht. Er sah ihn nur eine Sekunde stirnrunzelnd an, dann zuckte er mit den Schultern und steckte Zigaretten und Feuerzeug wieder ein.</p><p>Als er es getan hatte, tauchte das Scheinwerferpaar eines Wagens im R�ckspiegel auf. In einer gottverlassenen Gegend wie dieser war das allein schon etwas Besonderes. Seit Reinhold und er ihre Wache angetreten hatten, hatten sie kaum mehr als ein Dutzend Fahrzeuge gesehen. Sie waren allesamt vorbeigefahren.</p><p>Dieser nicht. Der Wagen wurde langsamer, n�herte sich dem rechten Stra�enrand und verlor noch weiter an Geschwindigkeit, so da� Cremer schon glaubte, er w�rde unmittelbar hinter ihnen anhalten. Seine Gedanken begannen pl�tzlich zu rasen. Er w�re kein bi�chen �berrascht, wenn es Braun selbst w�re, der zu einer unangemeldeten Stippvisite vorbeikam. Braun war daf�r bekannt, seine Leute manchmal in den unm�glichsten Augenblicken zu kontrollieren. Rasch lie� er seinen Blick �ber das Armaturenbrett vor sich streifen. Alles war in Ordnung. Das Funkger�t war auf Empfang geschaltet, Fernglas und Kamera lagen griffbereit da. Er hatte sich nichts vorzuwerfen.</p><p>Als er den Blick wieder hob, hatte sich das Scheinwerferpaar bis auf zehn Meter gen�hert. Im buchst�blich letzten Moment machte der Wagen einen Schlenker nach links und fuhr so dicht an ihnen vorbei, da� Cremer nicht �berrascht gewesen w�re, h�tten sich ihre Spiegel ber�hrt. Neben ihm sog Reinhold erschrocken die Luft durch die Z�hne und lie� sich im Sitz nach unten sinken, und Cremer reagierte blitzschnell (und wahrscheinlich trotzdem zu sp�t) und tat dasselbe. Seine Knie stie�en schmerzhaft gegen das Lenkrad, und noch w�hrend er nach unten glitt, konnte er sehen, da� es sich bei dem anderen Wagen um ein Taxi handelte. Die Innenbeleuchtung war eingeschaltet, und der einzige Fahrgast sa� vorne neben dem Fahrer und hatte das Gesicht in ihre Richtung gedreht.</p><p>�Schei�e!� fluchte Reinhold. �Wenn das unser Freund war, dann hat er uns erkannt.� Cremer h�tte ihm gerne widersprochen, aber er konnte es nicht. Zum einen hatte Reinhold vollkommen recht, und zum anderen hing er in einer so unbequemen Lage im Sitz, da� er kaum noch Luft bekam.</p><p>Mit einiger M�he arbeitete er sich wieder hoch, warf Reinhold einen zwar grundlosen, aber nichtsdestoweniger w�tenden Blick zu und konzentrierte sich dann wieder auf den anderen Wagen. Das Taxi war mittlerweile mit permanent aufleuchtenden Bremslichtern weitergerollt und hatte sich bereits gute zwanzig Meter entfernt. Reinhold hatte recht, dachte er. Wenn Bremer in dem Taxi sa�, dann<emphasis> mu�te </emphasis>er sie einfach erkannt haben. Der BMW hatte get�nte Scheiben, durch die man selbst bei Tageslicht nur schwer hindurchsehen konnte, aber allein der Wagen selbst fiel in einer Gegend wie dieser auf wie der sprichw�rtliche bunte Hund. Braun w�rde toben.</p><p>Das Taxi rollte immer langsamer werdend weiter, machte einen pl�tzlichen Schlenker nach rechts, der sein Vorderrad garantiert unsanfte Bekanntschaft mit der Bordsteinkante schlie�en lie�, und wendete dann. Augenblicke sp�ter hielt der Wagen vor dem schmiedeeisernen Tor auf der anderen Stra�enseite an. Die Beifahrert�r ging auf.</p><p>Wieder reagierte Reinhold schneller als er. Er griff nach dem Feldstecher, schaltete den Rotlichtverst�rker ein und setzte das Glas an, noch w�hrend Cremer sich mit dem sinnlosen Versuch abm�hte, den Mann, der aus dem Taxi stieg, mit blo�em Auge identifizieren zu wollen. Zwei oder drei Sekunden verstrichen, dann sagte Reinhold: �Volltreffer. Mach Meldung.� Der Kerl sammelte allm�hlich gewaltig Minuspunkte, dachte Cremer. W�tend griff er nach dem Funkger�t, l�ste das Mikrofon aus seiner Halterung und dr�ckte die Sprechtaste.</p><p>Das Schicksal meinte es an diesem Abend nicht gut mit ihm. Braun selbst war am anderen Ende der Leitung, und er meldete sich so schnell, als h�tte er mit der Hand auf dem Sprechknopf auf seinen Anruf gewartet. Cremer blieb nicht einmal Zeit, sich ein paar wohlklingende Worte zu �berlegen, um Braun sanftm�tig zu stimmen. Verdammt, schlief dieser Kerl eigentlich nie?</p><p>�Ja?�</p><p>�Einheit vier�, sagte Cremer unbehaglich. �Das Zielobjekt ist gerade eingetroffen.� Er kam sich albern dabei vor. Seine Meldung entsprach den Vorschriften, war aber trotzdem ziemlich idiotisch. Die Frequenz, auf der sie redeten, war praktisch abh�rsicher. Wer immer sich die M�he machte, Technik im Wert von einer halben Million und genug Know-how aufzubieten, um der NASA Konkurrenz zu machen, nur um sie abzuh�ren, der w�rde auch wissen, wor�ber sie sprachen.</p><p>�Sind Sie sicher?� fragte Braun. Cremer nickte; keine besonders effiziente Antwort, wenn man ein Mikrofon in der Hand hielt. Nach einer Sekunde f�gte er ein hastiges �Ja� hinzu.</p><p>�Erstaunlich�, sagte Braun. �Ich h�tte nicht zu hoffen gewagt, da� er es uns so leicht macht. Was tut er?�</p><p>�Er hat gerade das Taxi bezahlt und geht jetzt auf die Kirche zu�, antwortete Cremer. �Sehr langsam. Anscheinend ist er sich nicht sicher. Das Taxi f�hrt ab.�</p><p>�K�nnen Sie die Nummer erkennen?�</p><p>Reinhold richtete sein Nachtsichtger�t auf das Taxi, folgte ihm f�r zwei oder drei Sekunden und sagte: �Siebenundf�nfzig, neunzehn.� Cremer wiederholte die Nummer. F�r eine oder zwei Sekunden herrschte Schweigen im Funkger�t, eine so vollkommene, totale Stille, da� sich Cremer nicht zum erstenmal die altmodischen analogen Ger�te zur�ckw�nschte, bei denen man wenigstens noch ein statisches Knistern h�rte, nicht diese unheimliche, digitale Stille. Nat�rlich wu�te er, was Braun in diesen zwei Sekunden tat. Er sorgte daf�r, da� es morgen fr�h ein Taxi weniger in Berlin geben w�rde.</p><p>�Er geht hinein�, sagte Reinhold. �Ich kann nicht erkennen, ob ihm jemand aufgemacht hat. Er ist drinnen.� Cremer gab die Meldung an Braun weiter. Nach einer Sekunde des Z�gerns (f�r die er sich selbst verfluchte) f�gte er hinzu: �...noch etwas. Ich f�rchte, er hat uns entdeckt.� Womit immer er gerechnet hatte, es geschah nicht.</p><p>Braun schwieg nur eine oder zwei qu�lende Sekunden, dann sagte er: �Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Bleiben Sie, wo sie sind. Ich bin auf dem Weg zu Ihnen. Wenn er die Kirche verl��t, bevor ich eintreffe, setzen Sie ihn fest.�</p></section><section><title><p>14</p></title><empty-line/><p>Von den f�nftausend Taxen, die es Bremers Behauptung nach in Berlin gab (er hatte die Zahl in genau dem Moment erfunden, in dem er sie ausgesprochen hatte), hatte sich kein einziges in die Gegend verirrt, in der die Kneipe lag, und die einsame Telefonzelle, die er am Ende der Stra�e entdeckte, war ein Opfer von Vandalen geworden: Jemand war dem Apparat mit einer Brechstange zu Leibe ger�ckt, um an den M�nzspeicher zu kommen, und der H�rer war abgerissen. Bremer blieb keine andere Wahl, als auf gut Gl�ck loszumarschieren und darauf zu hoffen, da� irgendwann ein Taxi vorbeikommen oder er in eine etwas belebtere Gegend gelangen w�rde.</p><p>Er mu�te gute zehn Minuten in strengem Tempo marschieren, ehe der Verkehr auf den Stra�en allm�hlich wieder zunahm, und noch einmal f�nf, bis er das erste Taxi sah. Das gelbe Schild auf seinem Dach war eingeschaltet, und er war auch ziemlich sicher, da� der Fahrer sein hektisches Winken bemerkte. Trotzdem hielt er nicht an, sondern beschleunigte ganz im Gegenteil, als Bremer auf die Stra�e treten wollte, um ihn auf diese Weise zum Anhalten zu zwingen. Bremer schickte einen w�tenden Blick und einen gedanklichen Fluch hinterher, sagte sich aber gleichzeitig auch, da� er den Fahrer fast verstand. Die Gegend war in den letzten zehn Minuten ein wenig besser geworden, aber wirklich nur ein wenig. Und auch er selbst bot keinen sehr vertrauenerweckenden Anblick. Angela und er hatten seine Wohnung ziemlich �berhastet verlassen, so da� er trotz der K�lte nur ein d�nnes Jackett trug, und es hatte wieder leicht zu nieseln begonnen. Seine Kleider klebten ihm na� am K�rper, und das Haar hing ihm in langen, nassen Str�hnen ins Gesicht. Vermutlich h�tte er sich selbst auch nicht mitgenommen.</p><p>Das zweite Taxi fuhr ebenso vorbei wie das erste; beim dritten Mal versuchte Bremer erst gar nicht, den Wagen auf normale Weise anzuhalten, sondern trat mit einem pl�tzlichen Schritt auf die Stra�e hinaus und hob erst dann den Arm.</p><p>Bremsen quietschten. Der Wagen kam zwischen zwei hoch aufschie�enden Wasserfont�nen unmittelbar vor ihm zum Stehen, und Bremer eilte so schnell um die K�hlerhaube herum und ri� die Beifahrert�r auf, da� dem Fahrer nicht einmal Zeit blieb, seinen Schrecken zu �berwinden. Seiner Gesichtsfarbe und den entsetzt aufgerissenen Augen nach zu schlie�en, mu�te er gewaltig gewesen sein.</p><p>Bremer lie� sich auf den Beifahrersitz fallen, knallte die T�r hinter sich zu und zog in der gleichen Bewegung den <emphasis>Zettel </emphasis>aus der Tasche, auf dem Angela ihm Vater Thomas' Adresse ausgedruckt hatte.</p><p>�Wissen Sie, wo das ist?� fragte er.</p><p>Der Taxifahrer w�rdigte das Papier nicht einmal eines Blickes, sondern starrte Bremer weiter aus entsetzt aufgerissenen Augen an. �Sind ... Sie wahnsinnig?� stammelte er. �Um ... um ein Haar h�tte ich Sie �berfahren!�</p><p>�Haben Sie aber nicht, oder?� Bremer wedelte ungeduldig mit dem Blatt Papier. �Fahren Sie los, bitte.� Als der Mann immer noch z�gerte, lie� er den Ausdruck sinken und zog statt dessen seinen Dienstausweis aus der Jackentasche. �H�ren Sie, mein Freund. Ich wei�, da� ich wahrscheinlich einen komischen Eindruck auf Sie mache, aber die Angelegenheit ist wirklich wichtig. Ich kann es Ihnen jetzt nicht erkl�ren, aber ich bin nicht das, wof�r Sie mich halten.� Der Taxifahrer wirkte kein bi�chen weniger verst�rt als zuvor, nachdem er Bremers Ausweis in Augenschein genommen hatte, aber er legte immerhin den Gang ein und fuhr los. Bremer mu�te an das denken, was er Angela vor einer Viertelstunde �ber den Umgang mit ihrem Dienstausweis erz�hlt hatte, und unterdr�ckte ein L�cheln. Manchmal �nderten sich die Dinge schneller, als man ahnte.</p><p>�Wie lange werden wir ungef�hr brauchen?� fragte er nach einer Weile.</p><p>Der Fahrer zuckte unmerklich zusammen und schaltete sein Taxameter ein, ehe er antwortete. �Nicht lange�, sagte er. �Zehn Minuten. Vielleicht f�nfzehn. Um diese Zeit ist nicht viel Verkehr.� Bremer versuchte sich den Stadtplan in Erinnerung zu rufen. Wenn er nicht v�llig danebenlag, dann waren es von hier bis zur Baldowstra�e, wo sie Rosen gefunden hatten, eine gute halbe Stunde Fahrt, selbst um diese Uhrzeit. Vater Thomas' Kirche lag eindeutig nicht in der N�he des heruntergekommenen Fabrikhofs.</p><p>�Darf ich Ihnen einen Frage stellen?� fragte er.</p><p>�Ich dachte, das w�re Ihr Job�, sagte der Taxifahrer. Er sah Bremer nicht an. Sein Blick blieb starr auf die Stra�e gerichtet.</p><p>�Vorhin, als Sie mich gesehen haben�, fuhr Bremer fort, �Sie wollten nicht anhalten, habe ich recht? Ich meine: Ihr gelbes Licht war an, und ich nehme nicht an, da� Sie aus purer Langeweile nachts durch Berlin fahren, sondern wohl eher, weil Sie auf der Suche nach Fahrg�sten sind Trotzdem w�ren Sie weitergefahren, wenn ich Ihnen nicht quasi vor den K�hler gesprungen w�re. Warum?�</p><p>�Was soll das?� fragte der Fahrer. Er sah Bremer immer noch nicht an, sondern blickte weiter starr geradeaus, aber seine Nervosit�t nahm sp�rbar zu. �Ich habe Sie...�</p><p>�Ganz deutlich gesehen�, fiel ihm Bremer ins Wort. �Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will Ihnen keinen �rger machen. Ich habe einen ganz bestimmten Grund f�r diese Frage. Ihre beiden Kollegen, die ich vorher anhalten wollte, h�tten mich um ein Haar �ber den Haufen gefahren, und Sie h�tten es am liebsten auch getan. Ich m�chte nur wissen, warum. Antworten Sie ehrlich - auch wenn es noch so verr�ckt klingt.�</p><p>Der Mann schaltete die Scheibenwischer ein und fummelte ein paar Augenblicke an seinem Funkger�t herum, um Zeit zu gewinnen. Er versuchte, Bremer anzusehen, drehte dann aber hastig wieder den Kopf weg, als sich ihre Blicke begegneten. �Ich ... hatte so ein Gef�hl�, sagte er ausweichend.</p><p>�Ein Gef�hl?�</p><p>Der Taxifahrer zuckte mit den Schultern. Seine H�nde schlossen sich so fest um das Lenkrad, da� der Lederbezug knirschte. �Da� es besser w�re, nicht anzuhalten�, sagte er. �Ich wei�, es klingt komisch. Aber ich ... <emphasis>wollte </emphasis>nicht anhalten.� Er zuckte erneut mit den Schultern. �Sie haben gefragt.� Und er wollte auch nicht mit ihm reden. Wenn Bremer eines deutlich sp�rte, dann, wieviel Unbehagen es dem Mann bereitete, seine Fragen zu beantworten; vielleicht sogar schon, seine blo�e Gegenwart zu ertragen. Nun, es war, wie der Mann gesagt hatte: Er hatte gefragt und eine Antwort bekommen. Er hatte kaum das Recht, sich dar�ber zu beschweren.</p><p>Der Rest der Fahrt verlief in unangenehmem, fast schon �ngstlichem Schweigen. Bremer tat es dem Fahrer gleich und blickte starr auf die Stra�e hinaus, aber ihm entging nat�rlich nicht, da� der Mann ihn manchmal verstohlen aus den Augenwinkeln musterte, und er konnte die Anspannung, unter der er stand, fast k�rperlich greifen. Sie brauchten tats�chlich nur gute zehn Minuten, um die Pfarrei St. Peter zu erreichen, aber Bremer war sicher, da� es dem Mann vorkam wie zehnmal so lange.</p><p>Als sie in die Stra�e einbogen, in der die Kirche lag, erlebte er die n�chste, unangenehme �berraschung: Zwanzig oder drei�ig Meter entfernt und auf der anderen Stra�enseite parkte ein dunkelblauer oder schwarzer BMW der Luxusklasse. Die get�nten Scheiben waren von innen beschlagen, und gerade, als sie in die Stra�e einbogen, l�ste sich eine schattenhafte Gestalt aus einer Toreinfahrt in der N�he und stieg auf der Beifahrerseite in den Wagen. Da� er auf dieser Seite einstieg bedeutete, das noch ein anderer, der BMW-Fahrer, im Auto sa�.</p><p>Er fragte sich, wieso er eigentlich �berrascht war. Er hatte kein Recht dazu. Offensichtlich hatte er eine der Grundregeln der Polizeiarbeit vergessen: prinzipiell davon auszugehen, da� die andere Seite mindestens genau so gut informiert war wie man selbst, und im Zweifelsfall nicht d�mmer, sondern schlauer agierte.</p><p>Der Taxifahrer hatte bereits Tempo weggenommen und einen Gang heruntergeschaltet, aber ihm mu�te Bremers Reaktion wohl aufgefallen sein, denn er fragte: �Kollegen von Ihnen?� Ohne seine Antwort abzuwarten, bremste er weiter ab und machte Anstalten, unmittelbar hinter dem BMW anzuhalten.</p><p>�Nein�, antwortete Bremer. �Nicht unbedingt. Halten Sie auf der anderen Seite. Direkt vor dem Tor.� Das Taxi beschleunigte wieder und passierte den anderen Wagen so dicht, da� wahrscheinlich nicht einmal mehr der ber�hmte Bierdeckel dazwischen gepa�t h�tte. Als sie auf gleicher H�he waren, drehte Brenner den Kopf zur Seite und versuchte, einen Blick in das andere Fahrzeug zu erhaschen; allerdings ohne Erfolg. Die get�nten Scheiben machten es unm�glich, irgend etwas dahinter zu erkennen.</p><p>Sie fuhren ein kleines St�ck weiter, wendeten und hielten vor einem �berdimensionalen geschmiedeten Metalltor an. Das Geb�ude dahinter war nur als Schemen zu erkennen, wirkte aber vielleicht gerade deshalb unheimlich, auf eine schwer in Worte zu fassende Weise fast lebendig. Die Kirche war nicht beleuchtet - was erwartete er, um zwei Uhr nachts? - und eine Sekunde lang fragte er sich, was zum Teufel, er hier eigentlich tat. Er wu�te noch nicht einmal, ob dieser sonderbare Geistliche tats�chlich hier wohnte. Das Pfarrhaus konnte ebenso gut einen Block entfernt sein, oder auch zehn.</p><p>�Soll ich auf Sie warten?� fragte der Taxifahrer. Bremer zog seine Brieftasche hervor und z�hlte den Fahrpreis ab, den das Taxameter angab, einschlie�lich eines wirklich gro�z�gig bemessenen Trinkgeldes. Seine impulsive Antwort auf die Frage des Mannes w�re ein klares Ja gewesen - es war gut m�glich, da� er an eine verschlossene T�r klopfte, und in dieser Gegend ein neues Taxi zu bekommen, war so gut wie ausgeschlossen. Aber dann sah er hoch und blickte wieder den Wagen auf der anderen Stra�enseite an, und das erleichterte ihm die Entscheidung.</p><p>�Nein�, sagte er. �Fahren Sie ruhig. Und ... noch etwas. Sind Sie verheiratet?�</p><p>�Wie?�</p><p>�Wenn Sie es sind, dann nehmen Sie Ihre Familie und fahren ein paar Tage weg.� Bremer griff erneut in die Brieftasche, nahm einen Hunderter und nach kurzem Z�gern noch einen zweiten heraus und gab sie dem Fahrer. Damit war er so gut wie pleite, aber das machte nichts. Geld war vermutlich das letzte, was er in den n�chsten Tagen brauchte.</p><p>�Sie ziehen mich doch da nicht in eine krumme Geschichte hinein?�</p><p>�Machen Sie sich einfach ein paar sch�ne Tage�, sagte Bremer. Angesichts der Summe, die er dem Mann gegeben hatte, ein l�cherlicher Vorschlag, aber mehr hatte er nicht. �Falls jemand kommt und sich nach mir erkundigt, sagen Sie die Wahrheit.�</p><p>�Was f�r eine Wahrheit?� fragte der Fahrer. �Ich wei� doch gar nichts.�</p><p>�Eben.� Bremer stieg aus, warf die T�r sehr viel heftiger ins Schlo�, als n�tig gewesen w�re, und wartete, bis der Wagen abgefahren war. Dabei hielt er den BMW auf der anderen Stra�enseite aufmerksam im Auge. Nichts r�hrte sich. Zumindest fuhren sie nicht gleich hinterher, um den armen Kerl aus dem Verkehr zu ziehen.</p><p>Wahrscheinlich sah er zu schwarz, versuchte er sich zu beruhigen. Seine Verfolger hatten anderes zu tun, als einen harmlosen Taxifahrer zu jagen. Sie w�rden ihm maximal ein paar Fragen stellen und es damit gut sein lassen. Sie w�ren d�mlich, mehr zu tun. Einen Menschen einfach verschwinden zu lassen, wirbelte viel zuviel Staub auf. Trotzdem blieb er reglos stehen und wartete, bis der Wagen hinter der n�chsten Biegung verschwunden war. Erst dann drehte er sich herum, �ffnete das Tor und trat hindurch. Augenblicklich verga� er den Taxifahrer, die M�nner im blauen BMW und auch alles andere. Die Szenerie, die sich vor ihm ausbreitete, war durch und durch gespenstisch. Sie h�tte aus einem Hammer-Film aus den F�nfzigern stammen k�nnen, abgesehen davon vielleicht, da� ihr die r�hrende Naivit�t jener Szenarien fehlte. Trotzdem wirkte sie genau so unwirklich - und auf eine ganz und gar nicht schwer in Worte zu fassende Weise furchteinfl��end.</p><p>Die Kirche war �berraschend gro� und wirkte dadurch, da� sie vollkommen allein auf dem weitl�ufigen Grundst�ck stand, noch gr��er; ein gotischer Prachtbau, der zu DDR-Zeiten bewu�t dem Verfall anheim gegeben worden war und sich diesem mit der Beharrlichkeit wirklich<emphasis> alter </emphasis>Geb�ude widersetzt hatte. Auf der linken Seite des Grundst�ckes erstreckte sich das, was einmal ein Friedhof gewesen war: Einige zum Teil vollst�ndig umgest�rzte Grabsteine, und zwei oder drei lebensgro�e Statuen, die vielleicht Engel darstellen mochten. Bremer h�tete sich, genau hinzusehen. Es gab Dinge, die man schon durch Blicke wecken konnte - vor allem solche, die in einem selbst waren. Sehr viel h�tte er ohnehin nicht erkennen k�nnen. Trotz des noch immer anhaltenden leichten Nieselregens war Nebel aufgekommen, der nicht sehr dicht war, trotzdem aber alles ineinanderflie�en lie�, was weiter als zwanzig oder drei�ig Schritte entfernt lag. Au�erdem hatte er die unangenehme Eigenschaft, den Eindruck von Bewegung zu erwecken, wo keine war. Und in dem Zustand, in dem sich Bremer befand, tat er vielleicht gut daran, seiner Fantasie nicht noch mehr Nahrung zu geben.</p><p>Er beschleunigte seine Schritte, eilte die breite Treppe zum Kirchenportal hoch und vermied es dabei ganz bewu�t, das Geb�ude zu genau zu betrachten. Rechts und links, aber auch �ber dem Portal, starrten ihn d�monenk�pfige Wasserspeier und verschn�rkelte Gargoylen an; noch mehr Futter f�r seine Fantasie, das er in Moment nun wirklich nicht gebrauchen konnte.</p><p>Trotzdem blieb er noch einmal stehen und sah sich um, ehe er die Hand nach dem T�rgriff ausstreckte. Wenn es so etwas wie ein Pfarrhaus gab, dann lag es entweder genau auf der anderen Seite oder war hinter den immer dichter werdenden Nebelschwaden verborgen. H�chstwahrscheinlich gab es keines.</p><p>Bremer gestand sich ein, da� er alles andere als professionell vorging. Von dem Moment an, in dem er Angela in seine Wohnung gelassen hatte, hatte er so ziemlich alles falschgemacht, was man nur falsch machen konnte. Aber schlie�lich hatte ihn auch niemand auf eine<emphasis> solche </emphasis>Situation vorbereitet.</p><p>Er verscheuchte den Gedanken, streckte die Hand aus und dr�ckte die schwere Klinke nach unten. Wenn er Vater Thomas nicht antraf, dann hatte er wenigstens ein trockenes Pl�tzchen, an dem er den Rest der Nacht zubringen konnte. Vielleicht fand er sogar ein paar Stunden Schlaf. Er war sehr m�de. Die Zeiten, in denen er ganze N�chte durchmachen und am n�chsten Morgen unbeeindruckt weitermachen konnte, als w�re nichts geschehen, waren schon lange vorbei.</p><p>Die T�r war sehr schwer, aber nicht verschlossen, und als Bremer sich mit immer noch h�llisch schmerzender Schulter dagegen stemmte und sie aufschob, sah er, da� dahinter noch Licht brannte, auch wenn es sich nur um einen blassen, r�tlich gelben Schimmer handelte. Er trat nicht gerade durch die T�r, sondern schraubte sich mit einer Dreihundertsechzig-Grad-Drehung hindurch, um noch einen letzten Blick auf den Wagen auf der anderen Stra�enseite zu werfen. Hinter den get�nten Scheiben r�hrte sich immer noch nichts, aber f�r einen kurzen Moment, vielleicht nur den hundertsten Teil einer Sekunde, glaubte er einen hektischen Tanz der Schatten zu beobachten, als h�tten sich tausende rauchiger Nebelfalter aus ihrem Versteck jenseits der Wirklichkeit gel�st und umkreisten das Fahrzeug.</p><p>Bremer blinzelte, und die Vision verschwand. Offenbar begann er allm�hlich <emphasis>wirklich </emphasis>zu halluzinieren. Es wurde Zeit, da� er ein wenig Schlaf bekam.</p><p>Er schlo� die T�r, machte einen Schritt in die Kirche hinein und blieb wieder stehen, um sich umzusehen. Im ersten Moment war er verwirrt. Vor ihm erstreckte sich nur ein gutes Dutzend wuchtiger Bankreihen, vor denen sich ein unerwartet schlichter Altar unter einem gewaltigen Holzkreuz erhob. Offenbar hatten die Architekten des Geb�udes zu einem optischen Trick gegriffen, der es von au�en sehr viel gr��er erscheinen lie�, als es war. Das einzige Licht kam von zwei ungleich heruntergebrannten Kerzen auf dem Altar, die viel mehr Schatten als Helligkeit entstehen lie�en. Und auch mit der Akustik hier drinnen stimmte etwas nicht. Als Bremer weiterging, erzeugten seine Schritte lang nachhallende, hohle Echos, als bef�nde er sich tats�chlich in einer Kathedrale, nicht in einer Kirche, die eher das Attribut <emphasis>klein </emphasis>verdiente. W�hrend er langsam zwischen den Bankreihen hindurchging, lie� er seinen Blick nach rechts und links schweifen. Es war allerdings m��ig. Das Licht der beiden Kerzen reichte nicht aus, die Abgr�nde zwischen den schweren Eichenb�nken zu erhellen. Die Vorstellung, was sich alles in diesen schwarzen Schluchten verbergen mochte, h�tte ihn mit Unbehagen erf�llt, h�tte er sich solche Gedanken gestattet.</p><p>Er tat es nicht, aber ein anderer, ebenso unheimlicher Gedanke �berkam ihn, w�hrend er sich dem Altar n�herte. Bremer bezeichnete sich selbst als religi�s - in seinem ganz privaten Sinne -, hatte aber nie viel mit der Kirche am Hut gehabt. Er verabscheute jede Art von Zwang, und Reglementierungen im vielleicht privatesten aller Bereiche, der Frage nach Gott oder einem gleich wie gearteten h�heren Wesen, erst recht. Trotzdem hatte er Kirchen stets als einen Ort der Zuflucht empfunden, einen Platz, der Vertrauen und Geborgenheit ausstrahlte, und der offen f�r die war, die keinen anderen Ort mehr hatten, an den sie gehen sollten.</p><p>Diese Kirche war das genaue Gegenteil. Alles hier verstr�mte Furcht, schlimmer noch:<emphasis> Ablehnung. </emphasis>Er sollte hier nicht sein. Niemand sollte hier sein. Die Schatten, jeder Quadratzentimeter des Bodens, jeder Stein, jedes Molek�l der Luft schrien ihm zu, da� er gehen sollte, von diesem Ort fliehen, der ein Hort der Schatten und der Angst war, kein Platz f�r Menschen. Bremer versuchte, auch diesen Gedanken zu verscheuchen, aber es gelang ihm nicht. Vielleicht, weil es sich dabei nicht<emphasis> nur </emphasis>um Einbildung handelte.</p><p>Hinter ihm raschelte etwas.</p><p>Das Ger�usch war sehr leise, in der vollkommenen Stille hier drinnen aber ganz deutlich zu vernehmen. Bremer fuhr erschrocken herum, ri� die Augen auf und versuchte die Schw�rze hinter sich mit Blicken zu durchdringen. Sein Herz pochte. Ohne es zu wollen, wich er einen Schritt zur�ck und prallte schmerzhaft mit den Nieren gegen die steinerne Kante des Altars.</p><p>Der pl�tzliche, heftige Schmerz stach wie ein Leuchtfeuer durch die Unwirklichkeit, die ihn umgab. Weil er so unerwartet kam, empfand Bremer den Schmerz als doppelt schlimm. F�r einen Moment wurde ihm schwindelig. Er st�hnte, pre�te die linke Hand in die Nierengegend und blinzelte ein paarmal, um klarer sehen zu k�nnen.</p><p>Das Rascheln wiederholte sich. Es war lauter, und diesmal konnte Bremer die Richtung orten, aus der es kam: rechts von ihm, und hinter der dritten oder vierten Bankreihe. Bremer starrte so konzentriert in diese Richtung, da� seine Augen weh taten. Er sah nichts. Die Dunkelheit schien nur noch tiefer zu werden, f�llte sich mit etwas, das vielleicht keinen K�rper, sehr wohl aber Substanz hatte. Das Rascheln und Schleifen erklang zum drittenmal, und diesmal h�rte es nicht wieder auf, sondern hielt an und wurde zugleich lauter, und dann richtete sich ein Schatten zwischen den Bankreihen auf, riesig, verzerrt und schwarz, wuchs weiter und weiter und weiter und...</p><p>...wurde zu einem Menschen. Bremer konnte nicht sagen, wer �berraschter war - Thomas oder er. Der Geistliche blinzelte ihn aus Augen an, die noch tr�b und verquollen vom Schlaf waren. Sein Gesicht war unnat�rlich bla�, und der Umstand, da� er mit Ausnahme seines wei�en Priesterkragens vollkommen schwarz gekleidet war, lie� es scheinbar schwerelos im Nichts schweben. Bremer erkannte ihn sofort und ohne den geringsten Zweifel, obwohl er ihn nur ein einziges Mal gesehen hatte, und auch das nur f�r wenige Minuten. Trotzdem beruhigte sich sein h�mmernder Puls nicht, sondern raste nur noch schneller, und sein Atem ging so schnell, da� er kurz davor stand, zu hyperventilieren.</p><p>�Herr ... Bremer?� Thomas blinzelte ein paarmal und hob eine ebenfalls geisterhaft im Nichts schwebende Hand, um sich schlaftrunken damit �ber die Augen zu fahren. Ganz offensichtlich hatte er lang ausgestreckt auf der Bank gelegen und geschlafen.</p><p>�Vater Thomas.� Bremer hustete, um sein Keuchen zu �berspielen. �Es tut mir leid, wenn ich...�</p><p>�Sie haben mich nicht gest�rt. Im Gegenteil.� Thomas stand auf. Die Muskeln an seinem Hals traten sichtbar hervor, als er ein G�hnen unterdr�ckte, und seine ganze Haltung wirkte entspannt. W�re er allein gewesen, dann h�tte er sich jetzt herzhaft gereckt. W�hrend er sich mit kleinen ungelenk wirkenden Schritten zwischen den Bankreihen ins Freie schob, fuhr er fort: �Ich mu� mich entschuldigen Ich wollte nicht einschlafen. Aber ich war m�de, die Zeit verging...� Er zuckte mit den Schultern und l�chelte verlegen. �Manchmal ist das Fleisch eben doch st�rker als der Geist.� Er kam langsam auf Bremer zu und g�hnte nun doch, ungeniert und mit weit offenem Mund. Zumindest hatte er jetzt wieder einen K�rper. Die Schw�rze hinter ihm war dunkelgrau geworden, so da� sich seine Gestalt deutlich davor abhob. Bremer ertappte sich dabei, Thomas' Schultern einer ganz besonders eingehenden Musterung zu unterziehen. Wonach suchte er eigentlich? Nach Fl�geln? L�cherlich!</p><p>Thomas schob umst�ndlich den �rmel hoch und sah auf die Uhr. �Sie kommen sp�t.�</p><p>�Sagen Sie nicht, Sie h�tten mich erwartet�, sagte Bremer. �Vor einer Stunde wu�te ich selbst noch nicht, da� ich herkommen w�rde.� Wenn er ganz ehrlich war, dann wu�te er auch jetzt noch nicht genau, warum er eigentlich hier war. Vielleicht nur aus einem Gef�hl heraus. Und vielleicht dem Umstand, da� Vater Thomas die einzige, j�mmerliche Spur war, die er in dieser Geschichte hatte.</p><p>�Sollte ich Sie lieber fragen, warum Sie hier sind - mitten in der Nacht?� fragte Thomas l�chelnd. Er sch�ttelte den Kopf. Es war fast unheimlich: Bremer konnte regelrecht sehen, wie die M�digkeit aus seinem Gesicht verschwand. F�r eine Sekunde �berkam ihn ein vollkommen absurder Neid auf Thomas' Jugend und die Energie, die noch in seinem K�rper steckte. �Wir beide wissen, warum Sie hier sind. Ich habe Sie erwartet - oder vielleicht sollte ich besser sagen: Ich habe bef�rchtet, da� Sie kommen.� Seine Worte hatten eine seltsame Wirkung auf Bremer: Einerseits jagten sie ihm schon wieder einen eisigen Schauer �ber den R�cken, aber andererseits begann er sich auch ganz ernsthaft zu fragen, ob wirklich so viel dahinter steckte, wie es schien, oder ob es sich nicht vielmehr um pure Effekthascherei handelte. Thomas redete, ohne wirklich etwas zu sagen. M�glicherweise mit Absicht.</p><p>Sein Atem hatte sich wieder soweit beruhigt, da� er zumindest seine Stimme unter Kontrolle hatte, als er antwortete. �Ich bin hier, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen.�</p><p>�Um diese Zeit?�</p><p>Bremer hob die Schultern. �Der eine arbeitet nachts um halb drei, der andere schl�ft in seiner Kirche. Wie es scheint sind wir beide in der gl�cklichen Lage, uns unsere Arbeitszeit frei einteilen zu k�nnen.�</p><p>Thomas l�chelte weiter, aber es wirkte jetzt nicht mehr ganz echt, und in seinen Augen erschien ein fragender, ganz leicht beunruhigter Ausdruck. Bremer kannte diesen Blick gut genug, um zu wissen, da� er auf dem richtigen Weg war.</p><p>�Was haben Sie gestern morgen in der Baldowstra�e gemacht?� fragte Bremer. �Und jetzt sagen Sie mir nicht, da� Sie zuf�llig vorbeigekommen sind. Ich glaube nicht an Zuf�lle. Und ganz davon abgesehen ist die Gegend eine halbe Stunde von hier entfernt.�</p><p>�Ich habe einem Menschen die Sterbesakramente gegeben�, antwortete Thomas, immer noch l�chelnd, aber in ver�ndertem Ton. Er war verunsichert und bereits in der Defensive, was Bremer ein wenig erstaunte. Er hatte nicht damit gerechnet, so leichtes Spiel mit dem Geistlichen zu haben. Bekamen Sie nicht Unterricht in Rhetorik und Diskussionstechniken? �Ist dagegen etwas zu sagen?�</p><p>�Das kommt vielleicht immer auf den Menschen an�, antwortete Bremer. �Aber es beantwortet nicht meine Frage: Was haben Sie dort gesucht? Es war kein Zufall.�</p><p>�Und wenn doch?� Thomas klang jetzt trotzig. Seine Verteidigung brach sozusagen mit Lichtgeschwindigkeit zusammen. Gut. Statt sich weiter langsam an ihn heranzupirschen und seine Verteidigung zu unterminieren, beschlo� Bremer, zum Frontalangriff �berzugehen.</p><p>�Dann war es auch Zufall, da� Strelowsky keine zw�lf Stunden sp�ter praktisch vor Ihrer Haust�r tot aufgefunden wurde?�</p><p>�Rosens Rechtsanwalt?� Thomas nickte. �Der war hier. Gestern abend.�</p><p>�Hier? Bei Ihnen? Meine Kollegen haben gesagt, Sie h�tten nichts geh�rt und nichts gesehen.�</p><p>�Ihre Kollegen h�tten das nicht verstanden�, antwortete Thomas. �Ich hielt es f�r besser, nichts zu sagen. Dies ist keine Polizeiangelegenheit, Herr Bremer.�</p><p>�Sie wissen, da� Sie sich damit strafbar gemacht haben�, sagte Bremer ernst. �Ich k�nnte Sie auf der Stelle verhaften ... eigentlich m��te ich es sogar.�</p><p>�Wollen Sie das Schicksal verhaften?� fragte Thomas sp�ttisch.</p><p>Nein, er w�rde sich nicht auf dieses pseudoesoterische Gerede einlassen. �Sie sind nicht das Schicksal, Thomas�, sagte Bremer ernst. �So, wie ich das sehe, sind Sie nur jemand, der sich ganz toll dabei vorkommt, die graue Eminenz im Hintergrund zu mimen. Sind Sie es? Oder sind Sie nur ein Wichtigtuer?�</p><p>�In beiden F�llen m��ten Sie mich verhaften, nicht wahr?�</p><p>�Vielleicht sind Sie ja einfach nur jemand, der Informationen zur�ckh�lt, die zur Aufkl�rung eines Verbrechens n�tig sind�, antwortete Bremer k�hl. �In diesem Fall <emphasis>werde </emphasis>ich Sie verhaften, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.�</p><p>�Verhaften? Haben Sie denn gar keine Angst vor der Macht, der ich diene?�</p><p>Bremer lachte. �Nehmen Sie es mir nicht �bel, Hochw�rden - aber Sie haben anscheinend die letzten zwanzig Jahre verschlafen, nicht nur ein paar Stunden. Niemand hat mehr Angst vor der Kirche. Im Gegenteil. Heutzutage gilt es als chic, sich mit ihr anzulegen.�</p><p>�Ich habe nicht von der Kirche gesprochen�, sagte Thomas ernst. Er seufzte. �Warum lassen wir das nicht? Sie sind nicht hierhergekommen, und ich habe nicht auf Sie gewartet, nur damit wir uns gegenseitig bedrohen k�nnen. Ich kann Ihnen sagen, was Sie wissen wollen, aber es wird Ihnen nicht gefallen. Und ich glaube, im Grunde wissen Sie es auch bereits.�</p><p>�Sie wissen, wer Rosen get�tet hat.�</p><p>�Und alle anderen, ja. Und wer weiter t�ten wird.�</p><p>�Wer?� fragte Bremer.</p><p>Die Schatten hinter Thomas begannen sich zu bewegen, ballten sich zusammen und trieben wieder auseinander, einen unendlich kurzen Moment, bevor sie wirklich Gestalt annehmen konnten. Diesmal.</p><p>�Sie werden keinen Erfolg haben, wenn Sie nach einem M�rder aus Fleisch und Blut suchen, Herr Bremer�, antwortete Thomas. �Rosens Obduktion hat ergeben, da� er Selbstmord begangen hat, so wie alle anderen auch, habe ich recht?�</p><p>Bremer wu�te es - zumindest in Rosens Fall - nicht einmal genau, aber er nickte trotzdem. �Wollen Sie mir erz�hlen, da� es ein ... Geist war?� fragte er. Die beiden letzten Worte hatten sp�ttisch klingen sollen, aber er h�rte selbst, da� seine Stimme einfach nur schrill wurde. Hysterisch.</p><p>�Geist... Das ist ein so gro�es Wort.� Thomas sch�ttelte den Kopf, kam auf ihn zu und schmiegte beide H�nde um die Kante des Altars. Als er weitersprach, war sein Blick starr auf das schmucklose Holzkreuz dar�ber gerichtet, aber Bremer war nicht sicher, da� der Geistliche wirklich dasselbe sah wie er. �Wie definieren Sie es? Als reine Energie, die einen Klumpen Fleisch und Fl�ssigkeiten zum Leben erweckt? Als g�ttlichen Funken? Oder vielleicht als eine Art Wesen aus einer anderen Dimension?�</p><p>�Woher soll ich das wissen?� fragte Bremer grob. �F�r solche Fragen sind Sie doch wohl eher zust�ndig.�</p><p>Thomas lachte; sehr leise und ohne Humor. �Es gab eine Zeit, da war ich derselben Meinung, Herr Bremer. Sie ist lange vorbei.�</p><p>�Und was glauben Sie heute?� fragte Bremer. Er versuchte sich dagegen zu wehren, aber erfolglos: Thomas' Worte erf�llten ihn mit einem eiskalten Fr�steln. Vielleicht, weil sie eine Wahrheit enthielten, die er tief in seinem Inneren schon lange erkannt hatte.</p><p>Endlose Sekunden verstrichen, reihten sich zu einer Minute und vielleicht noch einer, ehe Thomas antwortete, und als er es tat, da war seine Stimme sehr leise und ging mit keinem Wort auf Bremers Frage ein.</p><p>�In gewissem Sinne haben sie sich selbst get�tet, Herr Bremer. Das Wesen, �ber das wir reden, hat nur Macht �ber die Schuldigen. Ihnen gegen�ber aber ist es gnadenlos.�</p><p>�Das ... Wesen?� Bremer nahm keine R�cksicht mehr darauf, was er wem und wann versprochen hatte. Es spielte keine Rolle. Jetzt nicht mehr. Thomas' Worte hatten einen Schrecken heraufbeschworen, den er noch gar nicht ganz erfassen konnte, der aber ungeheuerlich war. �Das ist unm�glich, Thomas. Azrael existiert nicht mehr. Er ist zusammen mit Marc gestorben!�</p><p>�Wie kann etwas sterben, was nie gelebt hat?� Thomas ri� seinen Blick endlich von dem h�lzernen Kruzifix los und sah Bremer an. Seine Augen brannten. �Sie sollten doch am besten wissen, da� der Unterschied zwischen Leben und Tod nicht so endg�ltig ist, wie die meisten Menschen glauben.�</p><p>�Was soll das hei�en?� fragte Bremer.</p><p>�Das Wesen, �ber das wir reden, ist nicht aus dieser Welt�, antwortete Thomas. �Oh, es ist aus Fleisch und Blut, wenn Sie das meinen. Es hat einen K�rper, und es kann t�ten, und ich bete zumindest darum, da� es auch get�tet werden kann. Es lebt in den Schatten, aber es wittert die S�nde wie ein Raubfisch das Blut im Wasser, und wenn es ans Licht tritt, dann ist es erbarmungslos.�</p><p>�Woher ... wissen Sie das alles?� fragte Bremer stockend. Die Angst war wieder da. Eine immer st�rker werdende, irrationale Furcht, mit der ihn Thomas' Worte erf�llten, so unglaublich sie auch klingen mochten. Sie taten es nicht einmal. Sie <emphasis>sollten </emphasis>es, aber sie weigerten sich einfach, es zu tun. Gro�er Gott, er war ein moderner, rational denkender Mensch, der in wenigen Monaten den Schritt ins einundzwanzigste Jahrhundert tun w�rde, der als Jugendlicher die erste Mondlandung im Fernsehen beobachtet hatte und der tagt�glich und mit der gr��ten Selbstverst�ndlichkeit mit einer Technik umging, die es noch vor zwanzig Jahren nur in Science-fiction-Romanen gegeben hatte. Und er stand hier und redete �ber Geister und D�monen, �ber Geschichten, mit denen man allenfalls kleine Kinder erschrecken konnte, und wahrscheinlich nicht einmal mehr das. Und trotzdem kr�mmte sich in ihm etwas vor Angst. Etwas, das jenseits aller Zweifel einfach <emphasis>wu�te, </emphasis>da� all diese Geschichten wahr waren. Sie und noch andere, schlimmere.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Thomas. �Vielleicht hatte ich eine Vision. Vielleicht hat...�, er sah das Kreuz �ber sich an, �...Gott mit mir gesprochen. Vielleicht war es auch etwas anderes. Ich wei� nur, da� wir es aufhalten m�ssen, denn es wird nicht von selbst aufh�ren. Es wird weiter t�ten und weiter t�ten.�</p><p>�Solange es Schuldige findet?�</p><p>Thomas wurde zornig. �Und wer von uns ist ohne Schuld?� bellte er. �Wer von uns hat noch nie etwas getan, das er bereut h�tte? Wer hat noch nie etwas getan, dessen er sich gesch�mt h�tte, noch nie einem anderen Leid zugef�gt, ihm Unrecht getan? Wo ist die Grenze? Wer hat den Tod verdient? Rosen, der unschuldige Kinder get�tet hat, weil er krank war und nicht anders konnte? Der Anwalt, der die Gesetze so weit gebeugt hat, bis er freigelassen werden mu�te? Die falschen Zeugen, die ihm ein Alibi verschafft haben? Der Richter, der seine Freilassung unterschrieben hat, obwohl er ganz genau wu�te, da� er schuldig war? Sie, weil Sie nicht genug Beweise zusammengetragen haben, um ihn endg�ltig dingfest zu machen? Sagen Sie mir, wann es genug ist! Wer leben darf, und wer nicht!�</p><p>Bremer war regelrecht sprachlos. Thomas hatte sich so in Rage geredet, da� er die letzten S�tze beinahe geschrien hatte und seine Worte als vielfach gebrochenes Echo von den gotischen Spitzbogen �ber ihren K�pfen widerhallten, verzerrt und mit gefl�sterten, unheimlichen Kommentaren versehen, als wisperten die Schatten ihre Zustimmung.</p><p>�Finden Sie das komisch?� fragte Thomas.</p><p>Bremer wurde erst jetzt klar, da� sich seine Lippen zu einem schmalen L�cheln verzogen hatten, und er sch�ttelte hastig den Kopf. �Nein�, sagte er. �Ganz und gar nicht. Ich mu�te nur an N�rdlinger denken. Meinen Chef. Es ist erst ein paar Stunden her, da hat er mir einen Vortrag �ber Selbstjustiz gehalten. Ich meine ... Sie und er haben verschiedene Worte benutzt, aber im Grunde haben Sie dasselbe gesagt. Obwohl der eine �ber g�ttliche und der andere �ber irdische Gerechtigkeit gesprochen hat.�</p><p>�Vielleicht ist der Unterschied gar nicht so gro�, wie Sie glauben�, meinte Thomas.</p><p>�Und wenn doch?� Bremer deutete auf das Kreuz, aber Thomas wu�te so gut wie er, was er wirklich meinte. �Wenn das, was wir erleben, gerade g�ttliche Gerechtigkeit ist?�</p><p>�Dann diene ich dem falschen Gott�, sagte Thomas hart.</p><p>�Das k�nnte man als Gottesl�sterung auslegen�, sagte Bremer.</p><p>�Kaum.� Thomas machte eine wegwerfende Geste. �Ich wei�, da� es nicht so ist. Gott ist nicht so grausam. W�re er es, dann h�tte er die Menschheit schon vor langer Zeit ausgel�scht.�</p><p>�Vielleicht die andere Seite?�</p><p>�Satan?� Thomas sch�ttelte energisch den Kopf. Dann lachte er. �Glauben Sie an Gott, Herr Bremer? Ich meine an einen alten Mann mit wei�em Haar und einem langen Bart, der auf dem Himmelsthron sitzt und den Engeln beim Harfespielen zusieht?�</p><p>�Nat�rlich nicht.�</p><p>�Wieso stellen Sie sich Satan dann als blutr�nstiges Ungeheuer mit H�rnern auf dem Kopf vor, das seine d�monischen Diener ausschickt, um Menschen zu t�ten?� wollte Thomas wissen. �Ich wei�, da� es das B�se in der Welt gibt, aber es ist nicht so leicht zu erkennen. Es w�re sch�n, w�re es so.�</p><p>�Ich habe das Ding gesehen, Thomas�, fl�sterte Bremer. Er war fast selbst �berrascht, sich diese Worte reden zu h�ren. Bisher hatte er nicht einmal sich selbst gegen�ber zugegeben, die ... <emphasis>Kreatur </emphasis>wirklich gesehen zu haben, und jetzt vertraute er sich einem quasi vollkommen Fremden an.</p><p>�Was?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand Bremer. �Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen. Ich wei� nicht, was es war. Aber es war grauenhaft. Ein Ungeheuer. Zu nichts anderem gut, als zu t�ten.�</p><p>�Dieses Gesch�pf hat nichts mit Gott oder dem Teufel zu tun�, behauptete Thomas. �Es wurde von Menschen erschaffen, glauben Sie mir. Und was Menschen erschaffen haben, das k�nnen Menschen auch wieder zerst�ren.�</p><p><emphasis>Ja,</emphasis> dachte Bremer. <emphasis>Wenn es vorher nicht sie zerst�rt.</emphasis></p><p>Das Gespr�ch hatte sich in eine vollkommen andere Richtung entwickelt, als er erwartet hatte - obwohl er im Grunde gar nichts erwartet hatte -, und er f�hlte sich nun auf eine vollkommen andere Art unbehaglich als noch vor wenigen Minuten. Die Kirche hatte alles Gespenstische verloren. Statt eines Hortes unheimlicher Schatten und unausgesprochener Bedrohungen sah Bremer sie nun nur noch als das, was sie auch war: ein Haufen alte Steine und morsches Holz, in den sich Feuchtigkeit und K�lte eingenistet hatten; und vermutlich ganze Heerscharen von Ungeziefer. Obwohl sie in den letzten zehn Minuten mehr und intensiver �ber Geister, Gott, D�monen, den Teufel und allen anderen metaphysischen Humbug geredet hatten, als Bremer es jemals zuvor im Leben getan hatte, und obwohl er nach diesem Gespr�ch einfach nicht mehr umhin kam, die Existenz solcherlei Dinge zumindest in Betracht zu ziehen, schien ihr Gespr�ch die Bedrohung, der er sich ausgesetzt sah, trotzdem greifbarer gemacht zu haben. Sie sprachen �ber etwas, das er in Ermangelung eines besseren Wortes als D�mon bezeichnete. Gut. Wenn er noch immer nicht daran glauben wollte, da� es sich tats�chlich um einen solchen handelte, dann war es seine Aufgabe, eine andere Erkl�rung zu finden. Dinge zu erkennen, die nicht das waren, was sie zu sein vorgaben, war schlie�lich sein Job. Und er war ziemlich gut darin.</p><p>�Was werden Sie jetzt tun?� fragte Thomas nach einer Weile.</p><p>�Einer von uns sollte vielleicht beten�, antwortete Bremer mit einem schiefen Grinsen.</p><p>�Eine gute Idee�, sagte Thomas. �Und was tun Sie?�</p><p>Bremer lachte kurz. �Ich mu� herausfinden, was damals wirklich passiert ist�, sagte er. �Bisher war ich der Meinung, da� nach Sillmanns Tod alles zu Ende gewesen w�re. Ich wei� im Moment nur noch nicht, wie.�</p><p>Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Er hatte zumindest zwei Punkte, an denen er ansetzen konnte. Der eine befand sich am anderen Ende der Stadt und schlief im Moment wahrscheinlich tief, aber der andere war nur ein paar Meter entfernt auf der anderen Stra�enseite. Bei dem blo�en Gedanken str�ubten sich ihm zwar die Haare, aber andererseits rechneten die Agenten wahrscheinlich mit allem - nur nicht damit, da� er zum Angriff �berging.</p><p>�Sie haben nicht zuf�llig eine Waffe, die Sie mir leihen k�nnten?� fragte er.</p><p>Thomas starrte ihn nur an, und Bremer hob seufzend die Schultern.</p><p>�Es war ja nur eine Frage. Aber Sie k�nnen mir doch wenigstens zeigen, wie ich ungesehen hier herauskomme, oder?�</p></section><section><title><p>15</p></title><empty-line/><p>Look war so betrunken, da� er den Schl�ssel erst beim dritten oder vierten Versuch ins Schlo� bekam und dann eine geschlagene Minute damit verschwendete, herauszubekommen, in welche Richtung er ihn drehen m��te, um die T�r aufzubekommen. Als er es endlich geschafft hatte, fiel er der L�nge nach in den Hausflur und schlug sich die Nase blutig.</p><p>Das Gl�ck des Betrunkenen war trotzdem auf seiner Seite: Einen Schritt weiter nach links, und er w�re genau in den Kinderwagen gest�rzt, den die bl�de Kuh aus dem dritten Stock wieder einmal dort abgestellt hatte, und dabei h�tte er sich <emphasis>wirklich </emphasis>�bel verletzen k�nnen. Der Buggy stand nicht nur entgegen der Hausordnung und ungeachtet aller Proteste der anderen Hausbewohner da, sondern bestand; aus ehemals plastikgesch�tzten, mittlerweile aber unverkleideten Metallspitzen und -kanten, die geradezu zum Augenausstechen und Schlagaderaufschlitzen einluden.</p><p>Wieso <emphasis>Madam-ich-habe-ein-Baby-und-schere-mich-deshalb-einen-Dreck-um-alle-anderen</emphasis> ihr ununterbrochen pl�rrendes Balg nicht schon vor Monaten daran aufgespie�t hatte, war Look ein R�tsel. Vielleicht w�rde er das ja nachholen, wenn er ihr das n�chstemal begegnete.</p><p>Er arbeitete sich mit einiger M�he in die H�he, fuhr sich mit dem Handr�cken �ber das Gesicht und betrachtete sekundenlang verst�ndnislos das Blut, das daran klebte. Es war nicht viel, nur ein paar Tropfen, und erst jetzt sp�rte er auch den brennenden Schmerz in seiner Oberlippe. Look fuhr sich vorsichtig mit der Zungenspitze �ber die Z�hne, stellte erleichtert fest, da� sie noch alle da waren und keiner wackelte, und wischte sich die Hand an der Hose sauber. Der brennende Schmerz sorgte daf�r, da� sein Geist f�r einen Moment aus dem Alkoholnebel auftauchte, den er im Laufe des Abends m�hsam dar�ber gelegt hatte, und er wieder fast klar denken konnte. Nicht, da� ihm das gefiel. Er hatte sich mit voller Absicht betrunken, aus keinem anderen Grund als dem, am Ende dieses Tages so abgef�llt zu sein, da� er sich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern konnte, geschweige denn an irgend etwas anderes. Aber es hatte sowieso nicht funktioniert. Der Schei�-Alkohol hatte zwar daf�r gesorgt, da� er zu voll war, um die T�r aufzuschlie�en und dabei auf die Fresse fiel, aber die Erinnerung hatte er nicht bet�ubt. Irgendwie tat er das nie. Daf�r w�rde er sich morgen fr�h gotterb�rmlich f�hlen. Look rappelte sich endg�ltig hoch, versetzte dem Kinderwagen einen Tritt, der ihn zwei Meter auf die Kellertreppe zuhoppeln lie� (leider nicht weit genug, da� er die Stufen hinunterfiel und dabei in St�cke brach, wie er es sich gew�nscht hatte) und wankte zum Lichtschalter, erwischte ihn jedoch nicht gleich, so da� er einen Moment ziellos im Dunkeln herumtasten mu�te, um den klobigen Schalter zu finden. Das bl�de Ding befand sich nicht dort, wo es eigentlich sein sollte, n�mlich in Griffweite neben der Haust�r, sondern an der gegen�berliegenden Wand, und zwar anscheinend jedesmal an einer anderen Stelle. Aber in diesem verdammten Haus war ja nichts so, wie es sein sollte. In diese Bruchbude zu ziehen, war die zweitd�mmste Idee seines Lebens gewesen.</p><p>Anstelle des Lichtschalters ertasteten seine zitternden Finger etwas Kleines, Hartes mit zu vielen Beinen, das blitzschnell davonhuschte, als er es ber�hrte. Look zog angeekelt die Hand zur�ck, wartete, bis sich sein trommelnder Herzschlag wieder einigerma�en beruhigt hatte und versuchte es dann erneut. Diesmal setzte er die Hand mit gespreizten Fingern auf dem rissigen Putz auf und lie� sie wie eine f�nfbeinige Spinne auf den Lichtschalter zuwandern, um jedem anderen Bewohner der Wand Gelegenheit zu geben, sich in Sicherheit zu bringen. Diese verdammte Bruchbude hatte mehr Kakerlaken und Spinnen als er Haare auf dem Kopf.</p><p>Schlie�lich ertasteten seine Finger das spr�de gewordene Bakelit und legten den Schalter mit einem schweren<emphasis> Klack </emphasis>um. Augenblicklich erf�llte tr�bes Zwielicht den Hausflur, und der Drei-Minuten-Automat begann mit seinem hektischen Klickern. Diese drei Minuten waren �brigens gelogen. Wahrscheinlich hatte der Hausmeister ihn aus purem Geiz auf drei�ig Sekunden eingestellt - aus dem gleichen Geiz heraus, aus dem er immer nur eine zwanziger Birne in die Treppenhauslampe schraubte. Es war Look jedenfalls noch nie gelungen, seine Wohnung im vierten Stock zu erreichen, bevor das Schei�ding abgelaufen war. Nicht einmal n�chtern - was allerdings selten vorkam.</p><p>Look bedachte den Aufzug mit einem schr�gen Blick und wandte sich dann m�hsam in die entgegengesetzte Richtung. Als er eingezogen war - vor sechs Jahren! - hatte ein Schild an den Aufzugt�ren gehangen: AUSSER BETRIEB. Das Schild war irgendwann einmal entfernt worden, aber der Aufzug nie repariert. Er hatte einmal gelesen, da� es eine Bauvorschrift in dieser Stadt gab, nach der jedes Geb�ude �ber vier Stockwerke �ber einen Aufzug verf�gen mu�te. Anscheinend stand in dieser Vorschrift nichts davon, da� dieser Aufzug auch funktionieren mu�te. Er beeilte sich, um wenigstens die erste Etage zu erreichen, bevor das Licht ausging, und um ein Haar h�tte er es sogar geschafft. Leider entfaltete der Alkohol seine Wirkung jetzt schneller, als seine Beine ihren Dienst versahen: Auf der vorletzten Stufe stolperte er, st�rzte nach vorne und prellte sich schmerzhaft beide Handgelenke, als er versuchte, seinen Sturz abzufangen. Diesmal tat es einfach nur weh, aber sein Kopf wurde kein bi�chen klar. Dann ging das Licht aus.</p><p>Und Look sp�rte, da� er nicht mehr allein war. Das Gef�hl war so intensiv, da� er im ersten Moment tats�chlich glaubte, jemand h�tte ihn ber�hrt. Er stie� einen kleinen, keuchenden Schrei aus, wirbelte herum und verlor dadurch endg�ltig den Halt: Er fiel auf die Seite, rutschte zwei, drei Stufen weit wieder hinab und schrammte an jeder einzelnen schmerzhaft mit dem H�ftknochen entlang, ehe er zur Ruhe kam.</p><p>Diesmal machte ihn der Schmerz wach. Schlagartig und f�r einige Sekunden war er vollkommen klar. Aber das Gef�hl, da� noch jemand <emphasis>(Etwas) </emphasis>mit ihm hier drinnen war, blieb.</p><p>Look sah sich aus weit aufgerissenen Augen um. Er war von vollkommener Dunkelheit umgeben. Das Licht, das durch die Haust�r hereinfiel, reichte nicht bis hierher, und er sah nicht einmal die sprichw�rtliche Hand vor Augen. Aber er<emphasis> sp�rte, </emphasis>da� er nicht allein war. Irgend etwas war da, ganz in seiner N�he. Etwas Gro�es. Etwas Gef�hrliches. Etwas, das ihn belauerte.</p><p>�Ist da jemand?� fragte Look. Er bekam keine Antwort, aber nun glaubte er, etwas wie ein Atmen zu h�ren. Vielleicht auch nicht wirklich ein Atmen. Eher das Ger�usch, das entstehen mochte, wenn ein gigantisches Insekt Luft durch seine Tracheen pumpte. �Ist da jemand?� fragte Look noch einmal. Er schrie fast. Sein Herzschlag begann zu rasen, und er sp�rte, wie eiskalte Panik in ihm emporkroch. Er bekam noch immer keine Antwort, aber die unheimlichen Atemger�usche schienen lauter zu werden. N�her zu kommen?</p><p>Look wollte aufspringen und davonst�rzen, aber die Furcht nagelte ihn fest. Er begann am ganzen Leib zu zittern, und vor seinem inneren Auge nahmen alle nur vorstellbaren Schrecken (und ein paar unvorstellbare) in der Dunkelheit vor ihm Gestalt an, und diese grauenhaften Tracheenger�usche waren nun eindeutig n�her gekommen. Look wehrte sich verzweifelt und vergebens gegen die Vorstellung eines gigantischen, rasiermesserscharfen Mandibelpaares, das dicht vor seinem Gesicht auseinanderklappte und auf seine Kehle zuschrammte.</p><p>�ber ihm wurde eine T�r aufgerissen, und einen Augenblick sp�ter flammte die Treppenhausbeleuchtung mit ihren ganzen gewaltigen zwanzig Watt auf. Die Treppe vor ihm war leer. Keine Riesenkakerlake. Kein Schatten. Kein Atmen. Look war allein.</p><p>�Was zum Teufel ist denn hier los?!� keifte eine Stimme �ber ihm. Look drehte mit einiger M�he den Kopf und blickte in ein pausb�ckiges Gesicht, aus dem ihn ein Paar winziger boshafter Augen voller Zorn anfunkelten. Neben der militanten Babymutter aus dem Dritten war Frau <emphasis>Ich-bin-ja-so-wichtig </emphasis>die Person, die Look im Haus am allerwenigsten leiden konnte. Im Moment allerdings vermochte er sich kaum einen sch�neren Anblick vorzustellen als ihr Gesicht. Er stemmte sich halb in die H�he und setzte dazu an, etwas zu tun, was ihr vermutlich vor lauter Unglauben einen Schlaganfall beschert h�tte - n�mlich sich bei ihr zu entschuldigen -, aber sie kam ihm zuvor.</p><p>�Ach ja, das h�tte ich mir ja denken k�nnen!� keifte sie. �Dieses versoffene St�ck nat�rlich. Reicht es Ihnen noch nicht, jeden Abend zu randalieren? M�ssen Sie jetzt auch noch mitten in der Nacht L�rm genug machen, um das ganze Haus zu wecken? Sie haben damit ja nicht viel zu schaffen, aber es gibt Leute, die ihren Schlaf brauchen, weil sie tags�ber arbeiten m�ssen!�</p><p>In diesem Haus jedenfalls w�rde morgen niemand ausgeschlafen sein, dachte Look. Frau Blockwart keifte laut genug, um auch den letzten aus dem Schlaf zu rei�en. Er verga� alle Nettigkeiten, zu denen er sich gerade hatte aufraffen wollen, zog sich am Treppengel�nder vollends in die H�he und r�lpste lautstark. Das Gesicht unter dem altmodischen Haarnetz, durch das die Stacheln billiger Plastiklockenwickler lugten, verlor alle Farbe, aber seine Besitzerin wich auch vorsichtshalber wieder einen Schritt weit in die Sicherheit ihrer Wohnung zur�ck.</p><p>�Glauben Sie blo� nicht, da� ich mir das gefallen lasse�, keifte sie. �Ich werde gleich morgen einen Brief an den Hausbesitzer schreiben. So geht das nicht!� Und damit knallte sie die T�r zu.</p><p>Sollte sie, dachte Look. Die alte Vettel mu�te ohnehin schon ein Verm�gen an Briefmarken ausgegeben haben, so oft, wie sie sich �ber alles M�gliche beschwerte.</p><p>Er wollte weitergehen, als sein Fu� gegen ein Hindernis stie�, das raschelnd davonschlitterte. Look sah nach unten und erkannte, da� es sich um die Zeitung handelte, die ihm aus der Jackentasche gefallen war. Er sollte das Schei�ding liegen lassen. Schlie�lich war es schuld daran, da� er sich so miserabel f�hlte. Andererseits hatte er gutes Geld daf�r bezahlt. Und die Zeitung wegzuwerfen, �nderte nichts an ihrem Inhalt.</p><p>Look b�ckte sich danach, verlor das Gleichgewicht und plumpste unsanft auf den Hintern. So war das mit dem Alkohol. Dieser Teufel tat zwar nie das, was er sollte, aber man konnte sich mit ziemlicher Sicherheit darauf verlassen, da� er sich stets im unpassendsten Moment zur�ckmeldete.</p><p>Betrunken mit dem Oberk�rper hin und her wankend, faltete er die Zeitung auseinander und las zum zwanzigsten Male an diesem Abend den Artikel, der ihn so in Aufruhr versetzt hatte. Er las ihn nicht wirklich. Dazu war er nicht mehr in der Lage. Die Buchstaben bildeten ein einziges, schwarzes Gewusel vor seinen Augen; wenn er zu lange hinsah, dann w�rde ihm h�chstens schlecht werden. Aber es war auch nicht n�tig, den Artikel zu lesen, denn er kannte ihn auswendig. Es ging um seinen alten Freund Kifi (Diesen Spitznamen hatten sie ihm schon w�hrend der Berufsschule verpa�t. Uneingeweihten n�tigte er nur ein verst�ndnisloses Stirnrunzeln ab, bis sie erfuhren, wof�r Kifi stand = Kinderficker), Rosen und seinen Rechtsverdreher Strelowsky. Look kannte Kifis Anwalt nicht ann�hernd so gut wie Kifi selbst, aber er hatte ihn trotzdem in lebhafter Erinnerung behalten. Genauer gesagt, den Briefumschlag voller Geld, den er nach ihrem letzten Zusammentreffen mit nach Hause genommen hatte. Er hatte gehofft, niemals wieder von einem der beiden zu h�ren.</p><p>Wenn er der Zeitung glauben durfte, w�rde das auch nicht passieren. Jemand hatte die beiden ausgeknipst. Die Zeitungsfuzzys schrieben zwar etwas von Selbstmord, aber Look glaubte nicht an diese Version. Strelowsky hatte nicht den leisesten Grund, sich selbst umzubringen, und Kifi Rosen fehlte die grundlegende Voraussetzung, um auch nur an so etwas wie Selbstmord zu denken: ein Gewissen. Viel wahrscheinlicher war, da� die beiden ein krummes Ding zuviel gemeinsam gedreht hatten und dabei dem Falschen auf die Zehen gestiegen waren.</p><p>Look verstand nicht, warum ihn der Artikel so beunruhigte. Das genaue Gegenteil sollte der Fall sein. Meineid war kein Kavaliersdelikt, und solange Kifi und Strelowsky am Leben gewesen waren, hatte stets die Gefahr bestanden, da� eines Tages jemand an seine T�r klopfte und ihn fragte, woher er eigentlich damals die f�nfzigtausend Mark bekommen hatte.</p><p>Diese Gefahr war vorbei. Er sollte<emphasis> froh </emphasis>�ber diesen Artikel sein. Statt dessen fl��te er ihm regelrechte Todesangst ein.</p><p>Und er wu�te nicht einmal, warum.</p><p>Die drei Minuten waren vorbei. Das Licht ging aus. Look lie� die Zeitung sinken, hob mit einem Ruck den Kopf und sah sich um.</p><p>Nichts. Kein Tracheenatmen. Keine Schatten. Er war allein. Er lie� die Zeitung fallen (noch etwas f�r deine Beschwerdeliste, alte Kuh), zog sich schwankend am Treppengel�nder in die H�he und torkelte los. Der Alkohol entfaltete mittlerweile eine sonderbare Wirkung: Er f�hlte sich halbwegs n�chtern, aber sein K�rper war es nicht. Er war nicht mehr in der Lage, geradeaus zu gehen, sondern scho� in einem willk�rlichen Zickzack auf die Wohnungst�r zu und schlug mit der flachen Hand dagegen, ehe er beim dritten Versuch den Lichtschalter erwischte.</p><p>Hinter dem Spion in der T�r bewegte sich ein Schatten. Wahrscheinlich stand<emphasis> Igelkopf Ohne-mich-geht-nichts </emphasis>hinter dem Spion und f�hrte pedantisch Buch �ber jeden R�lpser, den er tat. Sollte sie.</p><p>Look taumelte weiter, schleppte sich die n�chsten f�nf oder sechs Stufen hinauf und merkte pl�tzlich, da� er es nicht mehr schaffen w�rde, seine Blase lang genug unter Kontrolle zu halten. Trotzdem zweifelte er daran, den Weg bis zu seiner Wohnung im f�nften Stock noch zu schaffen.</p><p>Au�erdem hatte er gar keine Lust, sich den Schwanz zwischen die Beine zu klemmen und mit seiner Blase um die Wette zu laufen.</p><p>Look blieb stehen, grinste und drehte sich schwankend herum. Wenn Frau<emphasis> Ich-wei�-was </emphasis>schon einen Beschwerdebrief schrieb, konnte er ihr auch gleich einen vern�nftigen Grund liefern. Schlie�lich w�re es doch schade um die sch�ne Briefmarke.</p><p>Er wankte die Treppe wieder hinab, blieb vor ihrer T�r stehen und grinste den Schatten hinter dem Spion an, w�hrend er seinen Hosenschlitz �ffnete. Hinter der T�r erklang ein schrilles Kl�ffen. Look grinste noch breiter, als er an den Hund der Dicken dachte, ein undefinierbares Etwas von der Gr��e einer Ratte. Vorhin hatte er ihn nicht gesehen. Wahrscheinlich hatte sie das Mistvieh extra geweckt, um Beistand gegen den gro�en b�sen Mann vor der T�r zu haben. Gut. Falls sie den Fehler beging, die T�r aufzumachen, hatte er wenigstens ein Ziel.</p><p>Der Druck auf seiner Blase war mittlerweile fast unertr�glich geworden, und Look gab ihm endlich nach. Er h�rte, wie der Strahl gegen die T�r pl�tscherte und sich am Boden ausbreitete, und noch bevor er den Blick senken und nachsehen konnte, ob seine Schuhe in Gefahr waren, wurde die T�r aufgerissen, und Igelkopf starrte ihn an.</p><p>�Was erdreisten Sie sich jetzt...� Ihre Stimme versagte, als sie den Blick senkte und sah was er tat. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Sie stie� ein leises, fast komisch klingendes Quieken aus. Zwischen ihren F��en erschien eine haarige Rattenschnauze und kl�ffte sich die Seele aus dem Leib.</p><p>Look kicherte, trat einen halben Schritt zur�ck und drehte sich leicht zur Seite. Er hatte perfekt gezielt. Aus dem Kl�ffen wurde ein �berraschtes Winseln, als der Strahl den Hund zielsicher auf die Nase traf, und dann flitzte der K�ter wie ein ge�lter Blitz davon.</p><p>Seine Besitzerin wurde kreidebleich. Ihre Augen quollen so weit aus den H�hlen, da� Look fast damit rechnete, da� sie herausfielen. �Was...?� stammelte sie ununterbrochen. �Was...?�</p><p>�Erinnerschlich noch daran, wie?� lallte Look mit schwerer Zunge. �Aber du ... kriegsch esch nisch. Auch weenus gene ... h�ttesch.� Frau Blockwart kreischte - schrill, aber so leise, da� es kaum zu h�ren war, und Look konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihr auch noch auf die Pantoffeln zu pinkeln, ehe sie endlich zur�ckprallte und die T�r zuwarf. Schade. Er h�tte gerne auch noch ihr Nachthemd verziert. �Pi�nelke!� kicherte Look. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie sie jetzt in ihrer Wohnung Amok lief. Vielleicht w�rde sie sogar die Polizei anrufen. Sollte sie. Sie konnte von Gl�ck sagen, da� er nur pinkeln mu�te, und keinen anderen Drang versp�rte!</p><p>Look erleichterte sich zu Ende, sch�ttelte dreimal (mehr war Selbstbefriedigung, wie Kifi immer gesagt hatte) und zog den Rei�verschlu� wieder hoch. Dann drehte er sich m�hsam um und wankte zum zweitenmal die Treppe hinauf. Diesmal kam er fast bis zur Mitte, ehe das Licht ausging - Und das Atmen begann.</p><p>Look erstarrte mitten in der Bewegung. Das Ger�usch war zu deutlich, um es zu ignorieren, oder als blo�e Sinnest�uschung abzutun. Es entstand in der Dunkelheit hinter ihm; nicht <emphasis>unmittelbar </emphasis>hinter ihm, aber doch nahe genug, um ihm einen eisigen Schauer �ber den R�cken zu jagen. Er hatte jetzt zwei M�glichkeiten: Er konnte davonrennen und in seine Wohnung st�rmen und sich unter seiner Bettdecke verkriechen, ein probates Mittel gegen eingebildete Ungeheuer und zu lebhafte Alptr�ume, wie ihm nicht nur Millionen von Kindern in aller Welt, sondern auch mindestens ebenso viele Erwachsene h�tten best�tigen k�nnen, oder er konnte sich herumdrehen und sich der Bedrohung stellen, die wahrscheinlich sowieso nur eingebildet war. Look �berlegte blitzschnell - und entschied sich f�r eine L�sung, die f�r ihn im Grunde vollkommen atypisch war: Er drehte sich herum und stellte sich dem Ding, das die Dunkelheit ausgespien hatte. Diese Entscheidung kostete ihn das Leben, aber im Grunde spielte das keine Rolle mehr. Die andere Alternative h�tte es ihm nicht gerettet, sondern h�chstens um ein paar Augenblicke verl�ngert. Und vielleicht nicht einmal das.</p><p>Auf Anhieb sah er nicht mehr als auch beim erstenmal. Tief - im Grunde<emphasis> viel zu</emphasis> tief - unter ihm schimmerte ein asymmetrischer Fleck bla�grauer Helligkeit, wo das Licht der Stra�enlaterne durch die Haust�r fiel, und aus dem Spion in der Wohnungst�r drang ein gelbliches Funkeln. Aber seine Augen schienen sich bereits an die ver�nderten Lichtverh�ltnisse gew�hnt zu haben, denn er sah das Treppenhaus dazwischen nicht mehr als einheitliche Fl�che aus tiefstem Schwarz, sondern als regelm��iges Muster aus Grau- und verschiedenen Anthrazitt�nen. Irgendwo auf halber H�he schimmerte ein verwaschener heller Fleck; die Zeitung, die er fallen gelassen hatte.</p><p>Das Ger�usch schien von dort zu kommen. Vielleicht bewegte einfach Luftzug das Papier, und das war schon die ganze Erkl�rung.</p><p>Look war gerade soweit, diese simple Erkl�rung nicht nur glauben zu<emphasis> wollen, </emphasis>sondern es auch tats�chlich zu <emphasis>tun, </emphasis>als sich die Zeitung zu bewegen begann.</p><p>Sie faltete sich auseinander, ordnete sich neu, und zugleich begannen auch die acht Zentimeter gro�en Lettern der Schlagzeile wild durcheinanderzuwirbeln und sich dann zu einem neuen Sinn zu gruppieren. Trotz der Entfernung und des praktisch nicht vorhandenen Lichts konnte Look die Worte deutlich lesen. Er h�tte es wahrscheinlich auch gekonnt, wenn sie nicht dagestanden h�tten.</p><p>Als er die Zeitung fallen gelassen hatte, hatte die Schlagzeile gelautet: BIZARRER SELBSTMORD.</p><p>Jetzt lautete sie: DREI WEITERE OPFER. Look war jetzt schlagartig und vollkommen n�chtern. Er st�hnte. Seine Kiefer pre�ten sich so fest zusammen, da� sein Zahnfleisch zu bluten begann, ohne da� er es auch nur bemerkte. Nat�rlich wu�te er, da� diese drei Worte dort nicht standen. Sie konnten nicht dort stehen, denn es gab nur zwei Menschen auf der Welt, die wu�ten, was sie bedeutet h�tten, und einer davon war seit heute morgen tot. Aber sie h�tten dort stehen <emphasis>sollen, </emphasis>denn es war die Wahrheit, sein ganz pers�nliches, finsteres Geheimnis, das ihn zum Trinken gebracht und sein Leben zerst�rt hatte: Kifi Rosen war seinem Spitznamen noch dreimal auf f�rchterliche Weise gerecht geworden, nachdem er mit Hilfe seines Rechtsanwaltes und Looks gekaufter Falschaussage der Klapse und anschlie�ender lebenslanger Sicherheitsverwahrung entgangen war. Er war sehr viel geschickter vorgegangen als vor seiner Verhaftung, hatte Jahre verstreichen lassen, in denen er ein musterg�ltiges Leben gef�hrt hatte, und war selbst dann vorsichtig geblieben, als seine kranken Triebe wieder die Oberhand �ber sein Handeln gewonnen hatten. Diesmal hatte er kein falsches Alibi gebraucht, denn er hatte einfach keine Spuren hinterlassen. Nicht einmal Leichen.</p><p>Aber er hatte es Look gesagt.<emphasis> Und was willst du tun, Arschloch? Mich bei den Bullen anzeigen? Nur zu. Vielleicht kriegen wir ja eine gemeinsame Zelle. Dann wird es nicht so langweilig, wei�t du?</emphasis></p><p>Das Insektenatmen wurde lauter. Die Zeitung h�rte auf, sich zu bewegen und zu rascheln, und dann gerann die Schw�rze auf der Treppe zu einem riesigen, mehr als zwei Meter gro�em Umri�, kein K�rper, sondern einfach ein scharf umrissener Fleck des tiefsten Schwarz, das Look jemals gesehen hatte. Die Gestalt h�tte ein Mensch sein k�nnen, ein Vampir aus einem alten Horrorfilm mit Boris Karloff, der sich in seinen Mantel geh�llt hatte, aber auch ein aufrecht stehender, �bermannsgro�er K�fer. Unsichtbare Augen starrten Look voller absoluter Gnadenlosigkeit an. Look konnte sie sowenig sehen wie das Gesicht, zu dem sie geh�rten, aber ihr Blick war wie S�ure.</p><p>Eine sonderbare Art von Ruhe �berkam Look. Er hatte Angst, unendlich gro�e Angst, aber es war keine Angst vor dem ... <emphasis>Ding </emphasis>da unter ihm, von dem er nur wu�te, da� es nichts anderes als eine Ausgeburt seiner Fantasie war. Er wu�te sogar ziemlich genau, was mit ihm passierte. Delirium tremens, so nannte man es wohl. Er hatte geahnt, da� es eines Tages geschehen w�rde. Schlie�lich hatte er lange genug darauf hingearbeitet. Er hatte nur nicht gedacht, da� es so sein w�rde.</p><p>Die groteske Kreatur regte sich, faltete raschelnd das auseinander, was er f�r einen Mantel gehalten hatte, und darunter kam tats�chlich etwas zum Vorschein, was wie eine Kreuzung aus einem Insekt und ... <emphasis>irgend etwas</emphasis> aussah: schlank, riesig, schimmernd wie braunrotes Chitin und mit einem gewaltigen, dreieckigen Sch�del, der ganz von einem Paar grausamer Augen beherrscht wurde. Zitternde F�hler tasteten in seine Richtung, als das <emphasis>Ding </emphasis>Witterung aufnahm.</p><p>Look sah mit fast wissenschaftlichem Interesse zu, wie die Kreatur eines ihrer grotesk d�rren Beine ausklappte und einen einzelnen, staksenden Schritt in seine Richtung tat. Er war ziemlich �berrascht, wozu seine eigene Fantasie imstande war. Mit Willenskraft h�tte er sich eine so bizarre Kreatur niemals vorstellen k�nnen. Sie wirkte so unglaublich <emphasis>echt.</emphasis></p><p>Was dann geschah, das h�tte ihn unter allen anderen denkbaren Umst�nden vor Lachen einfach losbr�llen lassen. Und selbst jetzt beinahe. Aber eben nur beinahe. Und auch das nur im ersten Moment.</p><p>Die Wohnungst�r flog auf, und Frau Blockwart <emphasis>Hier-regiere-ich-und-sonst-keiner </emphasis>st�rmte heraus, gefolgt von einem kl�ffenden, nassen Fellb�ndels von der Gr��e eines Hausschuhs. Der Anblick war trotz allem einfach absurd, denn die H�terin des Hauses hatte sich tats�chlich mit einem <emphasis>Teppichklopfer </emphasis>bewaffnet, um wieder Ruhe und Ordnung in ihr Reich zu bringen! Ihr Gesicht war dunkelrot vor heiligem Zorn, und ihre vollgepinkelten Hausschuhe erzeugten quatschende Ger�usche, w�hrend sie schnaubend auf ihn losst�rmte. Obwohl das Licht, das aus ihrer Wohnung drang, direkt auf das Ungeheuer fiel, nahm sie es nicht einmal zur Kenntnis, sondern st�rmte schnaubend an ihm vorbei, gefolgt von ihrem kl�ffenden K�ter. Look beobachtete die absurde Szene mit einer Mischung aus Unglauben, hysterischer Heiterkeit und der allm�hlich aufd�mmernden Erkenntnis, das er gleich mit einem Teppichklopfer verpr�gelt werden w�rde.</p><p>Und es kam noch schlimmer. Die Dicke w�lzte sich schnaubend die Treppe hinauf, wobei sie ihr K�rpergewicht immer mit einer Hand auf dem Knie abst�tzte, w�hrend sie das andere Bein in die H�he stemmte. Ihr K�ter versuchte ihr zu folgen, aber das Vieh war so d�mlich, da� es nicht auf, sondern mit voller Wucht<emphasis> vor </emphasis>die erste Treppenstufe sprang, und mit einem Quieken zur�ckfiel.</p><p>Als er sich wieder aufrichten wollte, streckte das Ungeheuer einen seiner d�rren Arme aus und ri� ihm den Kopf ab.</p><p>Looks Herz setzte f�r einen Schlag aus. Dann noch einen. Und noch einen. Als es weiterh�mmerte, geschah es mit zehnfacher Schnelligkeit und so hart, da� er schlagartig am ganzen Leib zu zittern begann. Er wartete darauf, da�<emphasis> die </emphasis>Angst zuschlug, aber das geschah nicht. Sein K�rper reagierte schneller auf den Schock als sein Geist. Er empfand ... nichts.</p><p><emphasis>Die </emphasis>Dicke war mitten im Schritt stehengeblieben und hatte sich herumgedreht, als sie das erschrockenen Fiepen ihres kleinen Lieblings h�rte. F�r eine oder zwei Sekunden stand sie wie zur Salzs�ure erstarrt da und starrte auf das blutende, kopflose Fellb�ndel herab, das am Fu�e der Treppe lag. Dann hob sie unendlich langsam den Kopf.</p><p>Das Ungeheuer war n�her gekommen und stand jetzt unmittelbar vor der Treppe, drei Stufen unter ihr. Trotzdem befanden sich ihre Gesichter nahezu auf gleicher H�he. Look konnte nicht erkennen, was sich auf dem der Dicken abspielte, und die braunrote Chitinmaske des Ungeheuers war zu keiner Regung f�hig.</p><p>Die Dicke sagte kein Wort. Sie gab nicht einmal mehr dieses komische Quietschen von sich, das Look vorhin geh�rt hatte. Aber nach ein paar Sekunden streckte das Ungeheuer die Klaue aus, die den abgerissenen Hundesch�del hielt, und dr�ckte ihn der Dicken in die Hand. Sie ergriff ihn, blickte darauf hinab und fiel in Ohnmacht.</p><p>Der dumpfe Laut, mit dem sie r�cklings auf der Treppe aufschlug, ri� Look endlich aus seiner Erstarrung. Er schrie gellend auf, wirbelte auf der Stelle herum und raste los. Hinter ihm stie� das Ungeheuer ein rasselndes Tracheenatmen aus und setzte mit staksigen, aber ungeheuer <emphasis>schnellen </emphasis>Bewegungen zur Verfolgung an.</p><p>Look rannte so schnell wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er wu�te, da� er keine Chance hatte, dem <emphasis>Ding </emphasis>zu entkommen, denn es war keine Halluzination, keine Ausgeburt seiner alkoholkranken Fantasie, sondern grauenhafte Wirklichkeit, und es war<emphasis> schnell, </emphasis>aber dieses Wissen spornte ihn nur zu noch gr��erer Schnelligkeit an. Er raste, immer zwei, manchmal drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf, erreichte das n�chste Stockwerk und jagte den Flur entlang, um die n�chste Treppe zu erreichen. Hinter sich h�rte er das trockene Lederger�usch riesiger Fl�gel, - die sich entfaltet h�tten, h�tte der Platz dazu gereicht -, das Scharren chitingepanzerter Gelenke und das Klacken stahlharter Klauen auf dem Boden. Er rannte noch schneller, schrie, kreischte, erreichte die n�chste Treppe und katapultierte sich selbst am Gel�nder in die H�he. Eine rasiermesserscharfe Klaue ri� ein St�ck von der Gr��e einer Hand aus dem Treppengel�nder, genau dort, wo vor einem Sekundenbruchteil noch seine Finger gewesen waren, dann traf irgend etwas seinen R�cken, ri� die Jacke, das Hemd und auch das Fleisch darunter auf und schleuderte ihn nach vorne. Wie durch ein Wunder st�rzte er nicht, sondern wurde durch die schiere Wucht des Hiebes im Gegenteil noch einmal beschleunigt und gelangte so wieder aus der Reichweite der Bestie. Er hatte keine Schmerzen. Warmes Blut lief seinen R�cken hinunter und tr�nkte seine Hose. Er sollte Schmerzen haben. Doch alles, was er f�hlte, war Angst; eine Furcht, die vielleicht einfach zu gewaltig war, als da� sie noch irgendein anderes, selbst k�rperliches Gef�hl zugelassen h�tte.</p><p>Er erreichte die n�chste Etage, fand irgendwo in seinem K�rper noch einmal ein bi�chen Kraft und st�rmte die n�chste Treppe hinauf. �ber und unter ihm begann das Haus allm�hlich zu erwachen, geweckt von seinen Schreien und dem L�rm der gnadenlosen Jagd. Zornige Stimmen wurden laut, T�ren aufgerissen und hastig wieder zugeschlagen, aber Look nahm nichts davon noch wirklich zur Kenntnis. Seine Kr�fte begannen zu erlahmen. Er war jetzt in der vierten Etage, und irgendwie brachte er es fertig, seine Beine immer noch einmal zu einem weiteren Schritt zu zwingen, aber er sp�rte auch, wie seine Kraftreserven mehr und mehr dahinschmolzen. Die beiden letzten Hiebe des Ungeheuers hatten ihn verfehlt, aber der n�chste w�rde ihn treffen. Sp�testens der �bern�chste.</p><p>Es <emphasis>war </emphasis>der �bern�chste. Look hatte die f�nfte Etage erreicht, die rettende T�r zu seiner Wohnung lag vor ihm. Er war nicht in der Verfassung, sich Gedanken dar�ber zu machen, da� das d�nne Holz nicht einmal einem ernstgemeinten Fu�tritt Stand halten w�rde, geschweige denn dem Ding hinter ihm. Im Laufen versuchte er, den Schl�ssel aus der Tasche zu ziehen, f�hlte einen Luftzug hinter sich und in der n�chsten Sekunde einen grausamen, knochenbrechenden Schlag, der sein linkes Schulterblatt zertr�mmerte und ihn quer durch den Flur und gegen seine eigene Wohnungst�r schleuderte. Look wimmerte vor Pein, arbeitete sich in eine halb kniende Position hoch und versuchte, den Schl�ssel ins Schlo� zu schieben.</p><p>Eine gigantische Klaue zischte an seinem Kopf vorbei und stanzte drei fingerlange, dreieckige L�cher in das Holz der T�r unmittelbar neben seinem Gesicht. Look lie� den Schl�ssel fallen, drehte sich wimmernd herum und ri� die rechte Hand in dem vollkommen sinnlosen Versuch hoch, sein Gesicht zu sch�tzen. Den linken Arm konnte er nicht mehr bewegen. Seine Schulter bestand nur noch aus tobendem Schmerz, Blut und wei�en Knochensplittern, die durch den blutgetr�nkten Stoff seiner Jacke stachen. Der t�dliche Hieb kam nicht. Noch nicht. Das <emphasis>Ding </emphasis>spielte nur mit ihm, als h�tte es ihm noch nicht genug Angst eingejagt, noch nicht genug Schmerz zugef�gt. Statt sein Gesicht zu zerschmettern, was es ohne Probleme gekonnt h�tte, packte es mit seiner f�rchterlichen Klaue nur seine Hand (wobei es ihm v�llig unabsichtlich drei Finger brach), ri� ihn in die H�he und schmetterte ihn mit solcher Wucht gegen das Treppengel�nder, da� das morsche Holz krachte; von dem, was in seinem R�cken geschah, gar nicht zu reden. F�r einen schrecklichen Moment drohte er das Gleichgewicht zu verlieren und hinten�ber in die Tiefe zu st�rzen. Er k�mpfte instinktiv um seine Balance und gewann, aber eigentlich ohne zu wissen, warum. Ein Sturz in die Tiefe w�re wahrscheinlich gn�dig gegen das, was ihn hier erwartete.</p><p>Die Kreatur stand reglos vor ihm, zwei Meter entfernt, womit er sich noch in Reichweite ihrer gr��lichen Klauen befand, machte aber keine Anstalten, ihn anzugreifen. Sie h�tte ihm spielend den Sch�del einschlagen, ihm das R�ckgrat brechen oder ihm wahrscheinlich auch den Kopf abrei�en k�nnen, wie sie es mit dem Hund der dicken Frau getan hatte. Look hatte die f�rchterliche Kraft, die in diesen nur scheinbar so d�nnen Gliedern wohnte, schlie�lich am eigenen Leib gesp�rt. Aber sie r�hrte sich nicht. Ihre Arme bewegten sich ruckartig und ziellos, wie die Vorderl�ufe einer Gottesanbeterin, aber sie stand einfach nur da und starrte ihn an - als wartete sie auf etwas. Worauf? Da� er sich wehrte, zu fliehen versuchte vielleicht, damit sie ihr grausames Spiel fortsetzen konnte?</p><p>�Was ... was willst du?� stammelte Look. �Was willst du von mir? Wer hat dich geschickt?� Die Kreatur antwortete nicht. Sie konnte es nicht. Sie hatte keine Sprechwerkzeuge.</p><p>Und h�tte sie sie besessen, h�tte sie trotzdem nicht geantwortet. Es war kein Gesch�pf, das zum<emphasis> Reden </emphasis>geschaffen war. Aber Look las die Antwort auf seine Frage �berdeutlich in seinen schwarzen seelenlosen Augen.</p><p>�Es ... es war nicht meine Schuld�, stammelte er. �Was h�tte ich denn tun sollen? Ich konnte nichts machen! Ich ... ich w�re doch selbst gekascht worden!� Das Gesch�pf hob langsam den Arm. Seine rasiermesserscharfen Klauen glitten �ber Looks Brust und schlitzten seine Kleider auf, ohne die Haut darunter auch nur zu ber�hren, setzten ihren Weg fort, ber�hrten sein Kinn, seinen Mund und seine Wangen so sanft wie Schmetterlingsfl�gel und tupften seine Augenlider, um sich dann wieder zur�ckzuziehen. Aber dieses Gesch�pf war nicht gekommen, um Gnade walten zu lassen. Diesen Begriff kannte es nicht einmal. Es zeigte ihm, was kommen w�rde.</p><p>�Aber es war doch nicht meine Schuld!� wimmerte Look. �Was sollte ich denn tun? Ich ... ich wollte doch nicht in den Bau! <emphasis>Bitte!�</emphasis> Er wimmerte, flehte, bettelte um sein Leben, aber er wu�te auch, da� es vergebens sein w�rde. Die Kreatur hob erneut ihre f�rchterliche Klaue, und diesmal teilte sich sein Fleisch, und warmes, rotes Blut lief �ber seinen Bauch und seine Lenden. Look kreischte vor Schmerz, warf sich nach hinten und kippte mit weit ausgebreiteten Armen �ber das Treppengel�nder.</p><p>Er st�rzte f�nf Etagen weit in die Tiefe und landete genau auf dem Kinderwagen, den er vorhin selbst an die richtige Stelle bef�rdert hatte, und dessen Kanten und Spitzen nun endlich etwas zum Aufspie�en gefunden hatten. Der Krankenwagen, den ein aufgeregter Hausbewohner gerufen hatte, kam acht Minuten sp�ter, und die entsetzten Rettungssanit�ter mu�ten feststellen, da� der Mann in dem zertr�mmerten Kinderwagen nicht nur noch am Leben, sondern bei vollem Bewu�tsein war.</p><p>Der Transport ins n�chste Krankenhaus nahm weitere elf Minuten in Anspruch, und es vergingen noch einmal vier Minuten, ehe zwei leichenblasse Krankenpfleger das wimmernde B�ndel auf einen OP-Tisch legten, wo es endlich seinen letzten Atemzug tat.</p><p>Die alttestamentarische Gerechtigkeit, die der Seele Azraels eingehaucht war, hatte Genugtuung erfahren.</p></section><section><title><p>16</p></title><empty-line/><empty-line/><p>Der Regen hatte aufgeh�rt, als er die Kirche verlie�, aber daf�r war der Nebel dichter geworden. Thomas hatte ihn durch die Krypta ins Freie geleitet, so da� die M�nner in dem Wagen auf der anderen Stra�enseite nichts bemerkten, und ihm erkl�rt, wie er das Grundst�ck verlassen und den Block ungesehen umgehen konnte - was theoretisch ganz einfach war, sich in der Praxis jedoch durch den immer dichter werdenden Nebel als mittlere Odyssee erwies. Der Friedhof - Thomas behauptete, nicht zu wissen, wann er aufgegeben worden war, auf jeden Fall aber lange vor seiner Zeit - hatte weder Wege noch so etwas wie einen Trampelpfad, sondern erwies sich als eine einzige, von kn�chelhohem Unkraut �berwucherte Wildnis, �ber der Nebel lag wie eine vom Himmel herabgesunkene Wolke. Hier und da ragten Grabsteine oder zerborstene Skulpturen wie bizarre Artefakte einer vor Jahrtausenden untergegangenen Kultur aus der grauen Masse, das meiste aber war hinter faserigen Nebelschleiern verborgen, die im Grunde nicht einmal besonders dicht waren, es aber trotzdem unm�glich machten, weiter als ein oder zwei Dutzend Schritte zu sehen. Nach dem fl�chtigen Eindruck, den er von seiner Ankunft her hatte, konnte das umfriedete Kirchengrundst�ck kaum gr��er sein als sechzig oder siebzig Meter, aber was er <emphasis>sah, </emphasis>schien das genaue Gegenteil zu beweisen. Bremer tastete sich fast blind durch den Nebel. Der Zaun konnte zehn Meter entfernt sein; genauso gut aber auch am anderen Ende der Welt liegen. W�re er noch in jener sonderbaren, verwundbaren Stimmung gewesen, in der er die Kirche betreten hatte, h�tte ihn diese Umgebung vielleicht in den Wahnsinn getrieben, denn sie <emphasis>war </emphasis>eindeutig unheimlich.</p><p>Aber die beruhigende Wirkung ihres Gespr�chs hielt noch immer an. Thomas' Worte hatten seiner Situation nicht ihren Schrecken genommen, aber sie hatten die Bedrohung von ihrer mythischen Ebene geholt. Vielleicht war es nicht mehr als eine fromme L�ge, an die er nur deshalb glaubte, weil er es wollte, aber im Moment war er der festen �berzeugung, es mit einem Feind aus Fleisch und Blut zu tun zu haben. Einem furchtbaren, gnadenlosen Feind vielleicht, aber trotzdem einem, der besiegt werden konnte. Der Weg �ber den verfallenen Friedhof erwies sich auch so als schwierig genug.</p><p>Bremer h�rte nach einer Weile auf, mitzuz�hlen, wie oft er sich Zehen und Schienbeine an Hindernissen anstie�, die unter dem Nebel verborgen waren. Zwei- oder dreimal tat es ziemlich weh, und einmal durchfuhr ihn ein eisiger Schrecken, als er sich herumdrehte und sich unversehens einem mannsgro�en steinernen Engel gegen�bersah, der ein wenig schr�g auf seinem Sockel stand, einen Fl�gel abgebrochen und mit erhobenen Armen, durch die Besch�digung und die ungew�hnliche K�rperhaltung einer Harpyie �hnlicher als einem himmlischen Sendboten. F�r einen Moment begann sein Herz wieder zu jagen, und sein Puls beschleunigte sich zu einem rasenden, harten H�mmern, das sich bis in seine Fingerspitzen hinein fortsetzte. Aber schon in der n�chsten Sekunde beruhigte er sich wieder. Nach allem, was passiert war, war es nur logisch, da� er allergisch auf alles reagierte, was mit Engeln zu tun hatte. Aber das l�hmende Entsetzen, auf das er wartete, kam nicht. Er hatte sich einfach nur erschrocken, das war alles. Azraels b�ser Zauber war gebrochen. Vielleicht f�r immer.</p><p>Bremer schenkte dem fl�gellahmen Engel ein nerv�ses L�cheln, drehte sich wieder herum und stakste vorsichtig weiter durch den Nebel. Drei angeschlagene Zehen und ein aufgesch�rftes Schienbein sp�ter erreichte er den mannshohen Zaun und wandte sich nach rechts, ziemlich wahllos. Er hatte so gr�ndlich die Orientierung verloren, da� es gleich war, in welche Richtung er sich wandte.</p><p>In einem Punkt hatte Thomas die Wahrheit gesagt: Er mu�te sich nicht damit abm�hen, umst�ndlich �ber den Zaun zu klettern. Schon nach wenigen Schritten erreichte er eine Stelle, an der es eine L�cke gab, durch die er sich mit einiger M�he hindurchzw�ngen konnte. Vor ihm lag die Stra�e, und Bremer stellte mit einem Gef�hl intensiver Erleichterung fest, da� er durch pures Gl�ck in die richtige Richtung gegangen war. Er befand sich am westlichen Ende des Friedhofs. Die Kirche lag links von ihm, fast am anderen Ende der Stra�e, und der BMW parkte ungef�hr auf halber Strecke auf der anderen Seite. Seine Insassen w�rden mit Sicherheit die Kirche beobachten, aber kaum die Stra�e hinter sich.</p><p>Trotzdem blieb er vorsichtig.</p><p>Von den Stra�enlaternen brannten weniger als die H�lfte, so da� es �berall gro�e, vollkommen finstere Bereiche gab, die ein perfektes Versteck boten. Bremer visierte eines dieser schwarzen L�cher an, huschte hin und lehnte sich schwer atmend gegen die erloschene Laterne. Sein Herz jagte noch immer, und die Luft, die er in gierigen flachen Z�gen in die Lungen sog, schmeckte scharf nach Metall. Der Weg �ber den Friedhof hatte ihn mehr Kraft gekostet, als ihm bisher bewu�t gewesen war, und die Anstrengungen des vergangenen Tages und der Schlafmangel machten sich zus�tzlich bemerkbar. Er blieb ein paar Minuten einfach so stehen, um wieder zu Atem zu kommen, und nutzte die Zeit, um die gegen�berliegende Stra�enseite und den Weg bis zu dem blauen BMW genauer in Augenschein zu nehmen.</p><p>Es sah nicht schlecht aus. Bremer beging nicht den Fehler, die M�nner zu untersch�tzen, mit denen er es zu tun hatte, aber er mu�te zugeben, da� ihr Standpunkt nicht besonders klug gew�hlt war. Aus dem Wagen heraus konnte man die Kirche und einen Gro�teil des Grundst�cks gut �berblicken, aber die Fassaden der H�user daneben lagen fast vollkommen im Dunkeln. Es gab nur zwei Stellen, an denen das blasse Licht der Stra�enlaternen bis an die H�user heranreichte, beide nicht sehr gro�, und beide in einem f�r die Insassen des Wagens ung�nstigen Winkel. Er brauchte nur ein wenig Gl�ck, um sie zu �berwinden. Sein eigentliches Problem begann erst, wenn es ihm gelang, den Wagen ungesehen zu erreichen. Bremer war fr�her einmal ein ganz passabler Boxer gewesen, aber es war Jahre her, da� er das letztemal im Ring gestanden hatte. Und selbst wenn es anders gewesen w�re, h�tte er vermutlich keine Chance, mit mehreren Gegnern gleichzeitig fertig zu werden. Au�erdem war er nicht hier, um sich in James-Bond-Manier mit den Kerlen herumzupr�geln. Bremer bedauerte es jetzt, seine Waffe nicht mitgenommen zu haben. Er w�rde bluffen m�ssen. Aber im Improvisieren war er schlie�lich schon immer gut gewesen.</p><p>Er suchte nach einer Stelle, an der er die Stra�e �berqueren konnte, tat es und pre�te sich f�r einige Sekunden in den schwarzen Schlagschatten der Hauswand. In dem BMW blieb alles still. Wie es aussah, hatte er wirklich Gl�ck.</p><p>Bremer ging vorsichtig und stets darauf bedacht, im Schatten zu bleiben, weiter. W�hrend er sich dem BMW n�herte, grub er mit den H�nden in den Jackentaschen. Alles, was er fand, waren ein Schl�sselbund, sein Dienstausweis (er war vermutlich nicht mehr das Papier wert, auf dem er gedruckt war), seine Geldb�rse und ein Labello-Stift, den er vor gut einem Jahr gekauft und niemals benutzt hatte. Keine besonders reiche Ausbeute, aber er mu�te nun einmal nehmen, was er hatte. W�hrend er sich der ersten der beiden Lichtinseln n�herte, die zwischen ihm und dem BMW lagen, verbarg er den Fettstift in der rechten Hand und legte Zeigefinger und Mittelfinger dar�ber. Wenn der Mann, den er damit zu bedrohen gedachte, zu genau hinsah, dachte er sp�ttisch, konnte er ja immer <emphasis>noch Peng, Peng </emphasis>machen.</p><p>Vor ihm lag jetzt ein ungef�hr zehn Meter gro�er Bereich, der vom Licht einer der wenigen verbliebenen Stra�enlaternen in silbernes Zwielicht getaucht wurde. Ein einziger Blick in den R�ckspiegel, und er war so deutlich sichtbar wie auf dem Pr�sentierteller. Trotzdem widerstand er der Versuchung, zu rennen, sondern ging ganz im Gegenteil langsamer weiter. Er wu�te, da� nichts so leicht Aufmerksamkeit erregte wie eine schnelle Bewegung. Einen Mann, der rannte, �bersah niemand. Jemand, der sich langsam bewegte, konnte man selbst dann �bersehen, wenn man ihn direkt ansah. Vor allem wenn man eine lange, langweilige Nachtwache hinter sich hatte.</p><p>Er erreichte wieder den sch�tzenden Schatten, blieb stehen und ging nach ein paar Sekunden weiter, als sich nichts r�hrte. Der BMW blieb so still, als w�ren die M�nner darin eingeschlafen. Vielleicht waren sie es ja.</p><p>Bremer erreichte den zweiten hellen Bereich, verfuhr auf die gleiche Weise wie beim ersten und durchquerte auch ihn unbehelligt. Er war jetzt noch ungef�hr zehn Meter von dem BMW entfernt und konnte sein Gl�ck kaum fassen - der Mann hinter dem Lenkrad lie� in diesem Moment die Scheibe herunterfahren und z�ndete sich eine Zigarette an. Zu Bremers Bedauern benutzte er dazu den Zigarettenanz�nder, kein Feuerzeug, das das Wageninnere zus�tzlich erhellte h�tte. Trotzdem: Jetzt oder nie.</p><p>Bremer �berwand die restliche Entfernung mit wenigen, schnellen Schritten, beugte sich vor und dr�ckte dem Mann das stumpfe Ende des Fettstiftes hinters Ohr. �Wenn ich Sie w�re, w�rde ich mich jetzt nicht mehr r�hren, Freundchen�, zischte er.</p><p>Der Mann erstarrte tats�chlich; allerdings nur f�r eine knappe Sekunde. Dann drehte er den Kopf - so weit es der Druck hinter seinem linken Ohr zulie� - sah Bremer �rgerlich an und hob ganz langsam die rechte Hand ans Gesicht um einen Zug aus seiner Zigarette zu nehmen. �Donnerwetter�, sagte er. �So viel Mumm h�tte ich dir gar nicht zugetraut.�</p><p>�Nicht bewegen, habe ich gesagt!� schnappte Bremer. Irgend etwas stimmte nicht. Der Mann war einfach zu cool. Niemand blieb so gelassen, wenn man ihm eine Waffe an den Kopf hielt.</p><p>Dann wurde es ihm klar: Der Sitz neben dem Fahrer war leer. Aber es waren <emphasis>zwei </emphasis>gewesen! Wo <emphasis>war der andere?</emphasis> �Du kostet mich eine Flasche Jim Beam, Bremer�, sagte der Mann �bellaunig. �Wir haben gewettet, ob du den Mumm hast, herzukommen, und ich habe gegen dich gesetzt. Ich sollte eigentlich sauer auf dich sein.�</p><p>�Nicht bewegen, habe ich gesagt!� drohte Bremer. Seine Gedanken rasten. Wo war der zweite Mann?!</p><p>�Oder was?� fragte der BMW-Fahrer.</p><p>�Oder er schmiert dich mit Fett ein�, sagte eine Stimme hinter Bremer. Womit die Frage beantwortet war, wo sich der zweite Mann aufhielt.</p><p>Der Mann im Wagen lachte, griff hinter sich und nahm Bremer den Labello-Stift aus der Hand. Nachdenklich drehte er ihn in den Fingern. �Auch noch so ein billiges Ding�, sagte er kopfsch�ttelnd. �Ein Neunundneunzig-Pfennig-Sonderangebot, wie? Also allm�hlich �berlege ich mir, ob ich ein bi�chen beleidigt sein soll. Ich dachte, ich k�nnte wenigstens ein Mindestma� an Respekt erwarten.� Er �ffnete die T�r, wartete, bis Bremer einen Schritt zur�ckgetreten war und schnippte seine Zigarette davon, w�hrend er ausstieg.</p><p>�Es ist ein Kreuz mit euch Bullen�, seufzte er. �Ihr seid so berechenbar.� Bremer tat einen weiteren Schritt zur�ck und musterte den Mann aufmerksam. Er war einen guten Kopf gr��er als er, teuer, aber nicht besonders geschmackvoll gekleidet und von durchtrainierter, sportlich-schlanker Statur. Sein hellblondes Haar war streichholzkurz geschnitten, was seinen Kopf im Verh�ltnis zu den breiten Schultern unterproportional klein erschienen lie�, und mit Ausnahme der Daumen trug er an jedem Finger einen Ring.</p><p>Vorsichtig drehte er sich herum und musterte den zweiten Mann, der hinter ihm aufgetaucht war. Er war von �hnlicher Statur, aber noch gr��er, und hatte l�ngeres dunkles Haar. �Jetzt sei nicht so unfreundlich zu unserem Gast, Cremer�, sagte er. �Immerhin hat er mir zu einer guten Flasche Scotch verholfen. Aber Sie h�tten sich ruhig ein bi�chen beeilen k�nnen, Bremer. Es ist arschkalt, wenn man hier drau�en rumsteht und wartet.�</p><p>�Woher ... wu�ten Sie...?� fragte Bremer z�gernd. Seine Gedanken �berschlugen sich. Er versuchte unauff�llig nach einem Fluchtweg Ausschau zu halten, aber es gab keinen. Cremer stand keinen Meter hinter ihm, und der Langhaarige vor ihm, und die beiden sahen ganz so aus, als ob sie die hundert Meter in weniger als zehn Sekunden laufen k�nnten: und das so oft hintereinander, wie sie wollten.</p><p>Der Langhaarige grinste und schwenkte ein Instrument, das wie eine Mischung aus einem Feldstecher und einer Polaroidkamera aussah. �Es lebe die Technik�, sagte er fr�hlich. �Mit diesem Spielzeug hier kann man zwar leider keine Musikvideos empfangen, aber daf�r prachtvoll sehen. Selbst bei vollkommener Dunkelheit. Sie hatten Gl�ck, wissen Sie das? Sie w�ren in dem Nebel da dr�ben fast in ein Loch gest�rzt. Cremer und ich haben schon geknobelt, wer Sie rausholen mu�.� Bremer war ziemlich w�tend auf sich. Da� die M�nner, mit denen er es zu tun hatte, stets mit der allerneuesten Technik ausger�stet waren, hatte er schlie�lich gewu�t. Wieso zum Teufel war er denn nicht einmal auf den <emphasis>Gedanken </emphasis>gekommen, da� sie auch �ber etwas so Simples wie ein Nachtsichtger�t verf�gten?</p><p>�Also?� fragte er. �Was wollt ihr von mir?�</p><p>�Wir?� Der Langhaarige legte �bertrieben die Stirn in Falten. �Aber ich dachte,<emphasis> Sie </emphasis>w�ren zu<emphasis> uns </emphasis>gekommen.� Sein L�cheln erlosch �bergangslos. Er warf das Nachtsichtger�t schwungvoll an Bremer vorbei in den Wagen deutete zugleich mit der anderen Hand in dieselbe Richtung.</p><p>�Jemand m�chte Sie sprechen, Herr Bremer. Steigen Sie ein.�</p><p>�Und wenn ich nicht will?�</p><p>�Steigen Sie trotzdem ein�, antwortete der Langhaarige ernst. �Nur wird es dann etwas unangenehmer f�r Sie.�</p><p>�Dann habe ich wohl keine andere Wahl�, seufzte Bremer. Und trat mit voller Wucht nach hinten aus.</p><p>Er wurde mit einem schmerzerf�llten Grunzen belohnt, verlagerte sein Gleichgewicht auf das andere Bein und scho� gleichzeitig eine blitzschnelle rechte Gerade auf das Kinn des Langhaarigen ab. Er war ein wenig erstaunt, wie leicht es ihm fiel; als h�tte er nicht vor Jahren, sondern erst gestern seine letzte Trainingsstunde gehabt. Es gibt eben Dinge, die man nie verlernte.</p><p>Der Langhaarige machte einen fast beh�bigen Schritt zur Seite, hob die linke Hand und fing Bremers Faust damit auf. Seine Finger schlossen sich mit unwiderstehlicher Kraft um Bremers Hand und dr�ckten zu. Bremer keuchte zwar vor Schmerz, schickte aber gleichzeitig einen Schlag mit der Linken hinterher, und der Langhaarige machte eine Bewegung, die noch beil�ufiger aussah, und fing auch seine andere Hand auf. Bremer versuchte ihm das Knie zwischen die Beine zu rammen, und der andere vollf�hrte eine blitzschnelle Drehung in den H�ften, so da� Bremers Sto� ins Leere ging, sein eigenes Knie aber Bremers Oberschenkel traf und das Bein nahezu l�hmte.</p><p>�Ich hatte gehofft, da� Sie das tun�, grinste der Langhaarige. Seine H�nde pre�ten Bremers F�uste immer st�rker zusammen. Bremer keuchte vor Schmerz, sank langsam auf die Knie und kr�mmte sich, aber der furchtbare Druck auf seine Finger nahm nicht ab, sondern ganz im Gegenteil immer noch weiter zu. Er glaubte, seine eigenen Knochen knirschen zu h�ren. Der Schmerz war schlimm, aber noch schlimmer waren die Erniedrigung und das Gef�hl der Machtlosigkeit.</p><p>�H�r auf, Reinhold!� sagte Cremer. �Willst du ihm die H�nde brechen? Braun will ihn in einem St�ck!�</p><p>�Davon hat er nichts gesagt�, antwortete Reinhold, trotzdem lie� er Bremers H�nde endlich los, packte jedoch praktisch im gleichen Sekundenbruchteil seine Handgelenke und ri� ihn grob in die H�he. Als er schwankend wieder auf eigenen F��en stand, boxte ihm Cremer hart in beide Nieren.</p><p>Eine Welle von mit �belkeit gemischtem Schmerz breitete sich explosionsartig in Bremers K�rper aus, seltsamerweise von seinem Magen ausgehend, nicht von seinen mi�handelten Nieren. Er sp�rte, wie alle Kraft aus seinen Beinen wich, brach hilflos in Reinholds Armen zusammen und k�mpfte verzweifelt gegen schwarze Schleier der Bewu�tlosigkeit, die seinen Geist vernebeln wollten. Es war sinnlos, sich zu wehren, aber gleichzeitig hatte er auch panische Angst davor, in Ohnmacht zu fallen, weil er nicht wu�te, was sie ihm antun w�rden, wenn er hilflos war.</p><p>�Das reicht jetzt wirklich�, sagte Reinhold. �Schaff ihn in den Wagen.�</p><p>�Der Dreckskerl hat mir einen Zeh gebrochen�, wimmerte Cremer. �Wenn Braun mit ihm fertig ist, will ich ihn wiederhaben!�</p><p>Bremer f�hlte sich gepackt und herumgerissen. Er �ffnete die Augen, sah den Wagen auf sich zufliegen und konnte gerade noch sch�tzend die H�nde vors Gesicht rei�en, ehe er mit der Dachkante kollidierte.</p><p>Ein Wagen n�herte sich. F�r eine oder zwei Sekunden wurde der BMW in blendendes wei�es Licht getaucht, dann quietschten Bremsen, und er konnte h�ren, wie eine Autot�r aufgerissen wurde.</p><p>�Was ist denn hier los?� erklang eine Stimme. Sie klang jung, energisch. Die einer Frau.</p><p>�Mist!� fluchte Cremer. �Schaff Sie uns vom Hals. Ich k�mmere mich um Bremer.� Seine Stimme wurde leiser, sch�rfer. �Wenn du auch nur ein Wort sagst, breche ich dir den Arm, verstanden?� Bremer nickte. Ihm war noch immer so �bel, da� er gar nicht antworten konnte - aber er glaubte Cremer aufs Wort Dem Kerl w�rde es Spa� machen, ihm wirklich weh zu tun. Das Ger�usch der Wagent�r erklang erneut, und schnelle, energische Schritte n�herten sich.</p><p>�Was ist hier los?� erklang die weibliche Stimme von gerade. �Was tun Sie mit dem Mann da?�</p><p>Bremer h�tte um ein Haar aufgeschrien, als er die Stimme erkannte. Er hob mit einem Ruck den Kopf, und seine schlimmsten Bef�rchtungen wurden wahr. Angelas zitronengelber Fiat Uno stand mit laufendem Motor und eingeschalteten Scheinwerfern f�nf Meter entfernt auf der Stra�e, und sie selbst kam mit kleinen, schnellen Schritten n�her. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck gerechter Emp�rung, und sie schwenkte kampflustig eine alberne kleine Handtasche.</p><p>Reinhold ging ihr l�chelnd entgegen und machte mit beiden H�nden eine beruhigende Geste. �Es ist alles in Ordnung�, sagte er. �Wirklich. Unserem Freund ist nur ein bi�chen schlecht geworden, das ist alles.� Cremer versuchte die hintere T�r des BMW aufzurei�en, hatte aber Probleme damit, weil Bremer sie mit seinem K�rper blockierte.</p><p>�Schlecht?� fragte Angela. �Lassen Sie mich nach ihm sehen. Ich bin Medizinstudentin im letzten Semester.� Sie kam weiter auf den Wagen zu. Reinhold versuchte ihr den Weg zu vertreten, aber sie glitt mit einer so grazi�sen Bewegung an ihm vorbei, als w�re sie nur ein Trugbild aus Licht und Schatten. Der Langhaarige brummte �rgerlich, machte einen schnellen, energischen Schritt und ergriff sie am Arm.</p><p>�Es ist wirklich alles in Ordnung�, sagte er. Seine Stimme klang gar nicht mehr freundlich. �Wir brauchen keine Hilfe. Unser Freund hat zuviel getrunken, das ist alles!�</p><p>�Das sieht mir aber gar nicht danach aus�, antwortete Angela. �Hier stimmt doch etwas nicht! Wenn Sie mir nicht sofort sagen, was hier los ist, rufe ich die Polizei!� Es war Cremer mittlerweile gelungen, die Wagent�r aufzubekommen, aber nicht, Bremer hineinzubugsieren. Bremer hatte noch immer M�he, sich auf den Beinen zu halten.</p><p>Er wagte es nicht, sich Cremer wirklich zu widersetzen, r�hrte allerdings keinen Finger, um ihm zu helfen.</p><p>�Verdammt noch mal!� br�llte Cremer. �Schaff endlich die Kleine weg, und dann hilf mir!� Reinhold drehte f�r einen Moment den Kopf in ihre Richtung, und das war ein Fehler. Bremer konnte nicht sehen, was Angela tat, aber der Langhaarige war pl�tzlich ... einfach verschwunden. Bremer h�rte ein �berraschtes Keuchen, das in einen schweren Aufprall �berging, und noch bevor das Ger�usch verklang, raste Angela los und st�rmte auf Cremer zu.</p><p>Cremer lie� seinen Arm los, drehte sich verwirrt herum und z�gerte. Nicht lange, vielleicht nur eine halbe Sekunde, aber lange genug. Angela st�rmte weiter heran, senkte die Schultern, als wolle sie ihm einfach wie ein Kind beim Torero-Spiel den Kopf in den Leib rammen, und warf sich im letzten Moment zur Seite. Ihr Knie kam hoch und traf mit solcher Wucht in Cremers Magen, da� es sich anh�rte wie ein Hammerschlag. Cremer japste, kr�mmte sich und schlug die H�nde vor den Leib, und Angela war mit einer unglaublich schnellen, kraftvollen Bewegung wieder in der H�he und hinter ihm, ri� ihn herum und schmetterte ihn mit solcher Kraft gegen die Beifahrert�r, da� das Glas zersplitterte. Cremer verdrehte mit einem wimmernden Laut die Augen und brach zusammen wie eine Marionette, deren F�den man durchgeschnitten hatte. Die ganze Aktion hatte weniger als zwei Sekunden gedauert.</p><p>Trotzdem vielleicht zu lange. Der zweite Mann hatte sich mittlerweile wieder hochgerappelt und kam heran, und der Vorteil der �berraschung, den Angela bisher gehabt hatte, z�hlte nun nicht mehr. Reinhold hatte gesehen, was Angela mit seinem Kameraden gemacht hatte, und w�rde sich von ihrem harmlosen �u�eren nicht mehr t�uschen lassen.</p><p>Sie versuchte, nach ihm zu treten, aber Reinhold wich der Attacke aus und schlug ihr Bein so hart zur Seite, da� Angela taumelte und um ein Haar gest�rzt w�re. Sofort setzte der Langhaarige ihr nach. Angela wich, noch immer um ihr Gleichgewicht k�mpfend, zur�ck, duckte sich unter einem Schwinger hindurch, der so schnell kam, da� Bremer ihn nicht einmal wirklich<emphasis> sah, </emphasis>und bekam daf�r Reinholds Knie ins Gesicht. Sie st�rzte nach hinten, fing den Sturz mit dem ausgestreckten rechten Arm ab und stie� das linke Bein schr�g nach oben in Reinholds Leib. Der Langhaarige grunzte, taumelte breitbeinig drei oder vier Schritte zur�ck und kr�mmte sich leicht, fiel aber nicht.</p><p>Bremer kam endlich auf die Idee, da� er ihr helfen k�nnte. M�hsam und mit zusammengebissenen Z�hnen stemmte er sich aus dem Wagen, machte einen taumelnden Schritt und blieb wieder stehen, als er ein St�hnen h�rte.</p><p>Cremer kam wimmernd zu sich. Er blutete aus einer �blen Schnittwunde auf der Stirn, und sein Gesicht war bereits jetzt angeschwollen und schillerte in allen Farben. Sp�testens in ein paar Stunden, dachte Bremer, w�rde sein Gesicht endg�ltig zu seinem Charakter passen. Der Agent blinzelte benommen zu ihm hoch. Bremer packte seinen Kopf und knallte ihn so hart mit der Stirn auf den Boden, da� er wieder still lag. Er hatte nicht die Spur von Skrupeln dabei.</p><p>Mittlerweile hatte sich Angela wieder aufgerichtet. Reinhold und sie umkreisten sich, Reinhold gr�tsch-beinig und starr, ganz geballte Kraft und h�chste Konzentration. Angela schnell, flie�end, mit fast grazilen, huschenden Bewegungen. Angelas Unterlippe war geschwollen und blutete, w�hrend der Langhaarige noch immer Schwierigkeiten beim Atmen zu haben schien. So unglaublich es Bremer auch vorkam, hatte er doch das Gef�hl, zwei absolut gleichwertige Gegner zu beobachten.</p><p>Diesmal war es Reinhold, der angriff. Er sprang vor, t�uschte einen Fu�tritt gegen Angelas Knie an und scho� im letzten Moment eine rechte Gerade auf ihr Gesicht ab. Angela wich dem Hieb aus, packte sein Handgelenk und schleuderte den Langhaarigen in einem perfekten Judowurf �ber die Schulter. Reinhold krachte schwer zu Boden, trat aber noch im Fallen aus und erwischte Angelas Wade. Sie torkelte zur�ck, st�rzte ebenfalls und kam im gleichen Moment wieder auf die F��e wie ihr Gegner. Aber irgend etwas stimmte mit ihrem linken Bein nicht. Sie knickte ein, w�re um ein Haar wieder gest�rzt und fand nur mit einem raschen Schritt nach hinten ihr Gleichgewicht wieder. Ihre Mundwinkel zuckten vor Schmerz.</p><p>Reinhold n�herte sich ihr langsam. Seine Bewegungen waren noch immer so kraftvoll und ehrfurchtgebietend wie zuvor, und doch glaubte Bremer ihnen anzumerken, da� er jetzt eine geh�rige Portion Respekt vor seiner Gegnerin versp�rte.</p><p>Als er das n�chstemal angriff, versuchte er keine T�uschungsman�ver mehr, sondern setzte ganz auf seine Kraft und seine k�rperliche �berlegenheit. Er st�rmte einfach los, nahm einen brutalen Kniesto� in die Genitalien hin und umschlang Angela mit den Armen. Sie schrie. Reinhold ri� sie in die H�he, wirbelte sie herum und dr�ckte noch fester zu, und Angelas Schrei ging in ein atemloses Keuchen �ber und verstummte dann ganz. Reinhold verst�rkte den Druck seiner Arme noch mehr. Die Muskeln und Sehnen an seinem Hals traten vor Anstrengung hervor, und Bremer glaubte Angelas Rippen und R�ckgrat krachen zu h�ren. Reinhold w�rde sie t�ten, wenn sie nicht aufgab, das begriff er pl�tzlich. Dies war kein fairer Kampf mehr, bei dem es um Sieg oder Niederlage ging. Es ging um Leben und Tod. Er wu�te, da� es vollkommen sinnlos war - ohne irgendeine Waffe gab es absolut nichts, was er gegen Reinhold unternehmen konnte. Trotzdem humpelte er los, so schnell es ging. Seine verletzten Nieren kreischten bei jedem Schritt vor Schmerz, und ihm wurde so �bel, da� er nach drei Schritten stehenbleiben mu�te.</p><p>In diesem Moment tat der langhaarige Riese etwas, was ihn <emphasis>wirklich </emphasis>�berraschte: Er lockerte seinen Griff gerade weit genug, da� Angela einen einzelnen, qualvollen Atemzug tun konnte, und sagte: �Gib auf, oder ich breche dich in zwei Teile!� Angela gurgelte irgendeine Antwort, die vollkommen unverst�ndlich blieb, ri� ihren rechten Arm aus Reinholds Umklammerung und schmetterte ihm die gestreckte Handfl�che schr�g von unten gegen die Nase.</p><p>Reinhold br�llte wie ein verwundeter Stier, taumelte zur�ck und lockerte seinen Griff noch weiter, und Angela nutzte ihre Chance, sich zwischen seinen Armen hinabgleiten zu lassen. Sie hatte nicht mehr die Kraft, sich abzurollen, und fiel schwer zu Boden, versuchte aber trotzdem noch im Fallen, nach ihrem Gegner zu treten. Sie verfehlte ihn allerdings, denn Reinhold taumelte weiter zur�ck, verlor endg�ltig das Gleichgewicht und landete unsanft auf dem Hintern. Heulend schlug er die H�nde vors Gesicht. Zwischen seinen Fingern sprudelte hellrotes Blut hervor. Angela hatte sich auf H�nde und Knie erhoben, wollte ganz aufstehen, schaffte es nicht und kroch mit hastigen, ungelenkten Bewegungen vor Reinhold davon.</p><p>Mit einemmal war Bremer klar, da� sie sich gegenseitig umbringen w�rden. Er mu�te etwas unternehmen. Er brauchte eine Waffe! Und er wu�te auch, wo er sie finden w�rde.</p><p>Noch immer halb blind vor Schmerz drehte er sich wieder herum, schleppte sich zu Cremer zur�ck und drehte ihn auf den R�cken. Cremers Waffe steckte in einem Schulterhalfter, wie erwartet, aber seine H�nde waren noch immer so taub, da� er endlose Sekunden brauchte, um sie herauszuziehen. Zitternd richtete er sich auf, hielt die Waffe in beiden H�nden und versuchte, seinen Daumen dazu zu zwingen, den Sicherungshebel umzulegen. Es gelang ihm erst beim dritten Anlauf.</p><p>Und es war sinnlos. Als er sich herumdrehte, hatten sich Angela und Reinhold wieder aufgerichtet. Reinhold stand sieben oder acht Meter vor ihm und Angela in gerader Linie dahinter. Wenn er daneben scho�, lief er Gefahr, sie zu treffen. Bremer fluchte lauthals. Er brauchte ein besseres Schu�feld. Mit zusammengebissenen Z�hnen humpelte er los. Er versuchte, einen Blick auf Angela zu werfen und w�nschte sich fast, es nicht getan zu haben.</p><p>Ihr Gesicht war schneewei�. Ihre Lippe blutete noch heftiger, was ihr etwas von einem asymmetrisch geschminkten furchteinfl��enden Clown gab, und in ihren Augen stand ein Ausdruck von gro�em Schmerz.</p><p>Ihr Gegner sah allerdings kaum besser aus. Auch sein Gesicht war blut�berstr�mt, und er schien ein bi�chen M�he zu haben, sich auf den Beinen zu halten. Der Ausdruck in seinen Augen war jedoch nicht der von Schmerz, <emphasis>wie </emphasis>Bremer best�rzt feststellte, sondern eine Mischung aus Unglauben und immer gr��er werdender Wut. Wenn �berhaupt, dann hatte Angela vor allem seinen Stolz verletzt.</p><p>�Das war nicht nett von dir, Kleines�, sagte er, w�hrend er sich mit dem Handr�cken �ber den Mund fuhr und anschlie�end stirnrunzelnd das Blut betrachtete, das auf seiner Hand gl�nzte.</p><p>Angela pre�te die linke Hand gegen die Rippen und verzog das Gesicht. �Gib auf�, sagte sie.</p><p>Reinhold blinzelte. �Wie?!�</p><p>�Du bist zu stark f�r mich, als da� ich dich schonen k�nnte�, antwortete Angela. �Gib auf.�</p><p>Reinhold lachte. Aber nur kurz; der Laut klang eher wie ein Bellen. Dann machte sich ein Ausdruck von t�dlichem Ernst auf seinem Gesicht breit. Er trat einen halben Schritt zur�ck, spreizte die Beine und breitete die Arme halb aus. Seine Schultern waren leicht nach vorne gebeugt, die H�nde zu F�usten geballt. �Dann zeig mal, was du kannst, Sch�tzchen�, sagte er.</p><p>Angela nickte sehr ernst; fast schon mit einem Ausdruck von Bedauern. Sie erblickte Bremer, sch�ttelte andeutungsweise den Kopf und wandte sich dann wieder ihrem Gegner zu.</p><p>Bremer lie� seine Waffe sinken. Er wunderte sich fast ein bi�chen selbst �ber seine Entscheidung, aber er konnte gar nicht anders, als Angelas Wahl zu akzeptieren - auch wenn er wu�te, da� die n�chste Runde m�glicherweise mit ihrem Tod enden w�rde. Er w�rde Reinhold erschie�en, falls das geschah.</p><p>Angela breitete die Arme aus und hob die H�nde, bis sie sich in Kopfh�he befanden. Ihr Oberk�rper begann sich langsam, aber schneller werdend, hin und her zu bewegen gleichzeitig verlagerte sie ihr K�rpergewicht im gleichen Takt von einem Bein auf das andere und wieder zur�ck. Ihre Bewegungen hatten jetzt wieder jene unheimliche, insektenhafte Geschmeidigkeit. Was sie tat, glich viel mehr einem Tanz als der Vorbereitung f�r einen Angriff. Bremer hatte eine solche Art, sich zu bewegen, noch nie zuvor gesehen.</p><p>Dann begriff er, was sie tat. Sie schaukelte sich auf. Ihr K�rper bewegte sich immer schneller nach rechts und links, vor und zur�ck, baute Muskelspannung auf eine Art auf, die Bremer bis zu diesem Moment nicht einmal f�r <emphasis>m�glich </emphasis>gehalten hatte und bewegte sich dabei immer schneller und schneller.</p><p>Und auch Reinhold schien zumindest zu ahnen, was kam. Auf seinem blut�berstr�mten Gesicht erschien zuerst ein Ausdruck von �berraschung, dann von ver�chtlichem Triumph. Er gab seine gr�tschbeinige Haltung auf und streckte das linke Bein nach hinten, hob gleichzeitig die F�uste vor die Brust, und Angela sprang.</p><p>Es war das Unglaublichste, was Bremer jemals gesehen hatte. So unglaublich, da� Bremer es nicht einmal glaubte, als er es <emphasis>sah.</emphasis></p><p>Angela katapultierte ihren K�rper nahezu senkrecht in die H�he, drehte sich dann um zwei Achsen zugleich und lag pl�tzlich waagerecht in der Luft, vollf�hrte eine unm�gliche, immer schneller werdende, f�nf-, sechs-, siebenfache Pirouette, w�hrend der sie sich rasend schnell auf ihren Gegner zuschraubte. Im allerletzten Moment drehte sie sich noch einmal, so da� ihre Beine nach Reinholds Gesicht stie�en. Ihr rechter Fu� schmetterte seine abwehrend hochgerissenen H�nde zur Seite. Der linke traf einen Sekundenbruchteil sp�ter sein Gesicht. Bremer konnte<emphasis> h�ren, </emphasis>wie Reinholds Kiefer brach.</p><p>Der langhaarige Agent br�llte auf, spuckte Blut und zerbrochene Z�hne und wurde von den F��en gerissen. Er flog gute zwei Meter durch die Luft, schlug mit grausamer Wucht auf dem Boden auf und blieb st�hnend liegen. Langsam hob er die H�nde und bedeckte sein blut�berstr�mtes Gesicht. Seine Beine zuckten unkontrolliert.</p><p>Bremer humpelte auf Angela zu, die ebenfalls gest�rzt war, �nderte dann aber seine Richtung, als er sah, da� sie sich schon wieder auf H�nde und Knie hochstemmte. So schnell er konnte, eilte er auf Reinhold zu und lie� sich neben ihm auf die Knie herabsinken. Noch vor ein paar Minuten h�tte der Agent ihm ohne zu z�gern den Sch�del eingeschlagen, und Bremer umgekehrt ihm auch. Jetzt wollte er nichts anderes, als ihm irgendwie helfen. Seine Verwundung hatte ihn ver�ndert; von einem Feind war er zu einem Menschen geworden, der litt, und irgendein uralter, sinnvoller Mechanismus in Bremers Seele sorgte daf�r, da� der Wunsch, dieses Leiden zu beenden, zumindest f�r den Moment st�rker war als sein Ha�.</p><p>Aber es gab nicht viel, was er f�r ihn tun konnte. Eigentlich gar nichts.</p><p>Bremer verstand nicht allzu viel von Erste Hilfe. Die Kunden, mit denen er es normalerweise zu tun hatte, ben�tigten sie im allgemeinen nicht mehr. Aber man mu�te auch kein ausgebildeter Rettungssanit�ter sein, um zu erkennen, da� es Reinhold wirklich �bel erwischt hatte. Sein Unterkiefer und m�glicherweise auch ein Teil des Oberkiefers waren zertr�mmert. Sein ganzes Gesicht wirkte deformiert, sein offenstehender Mund war schwarz vor Blut. Bremer konnte nicht sagen, ob er noch bei Bewu�tsein war oder nicht. Er st�hnte leise, und seine Atemz�ge wurden von einem schrecklichen Blubbern und Gurgeln begleitet. Bremer begriff, da� er in Gefahr war, an seinem eigenen Blut zu ersticken.</p><p>Hastig legte er die Pistole zu Boden und drehte Reinhold in eine stabile Seitenlage; alles, was er im Moment f�r ihn tun konnte. Reinhold wimmerte, spuckte Blut und Schleim und ballte die H�nde vor dem Gesicht zu F�usten. Wenn er bei Bewu�tsein war, dann in einem Zustand, der dem Koma n�her kam als irgend etwas anderes.</p><p>Er h�rte Schritte, sah aber erst auf, als Angela sich neben ihm in die Hocke sinken lie� und ihr Schatten �ber Reinholds Gesicht fiel.</p><p>�Warum hast du das getan?� fragte er.</p><p>Angela sah ihn stirnrunzelnd an. Sie hatte die Hand nach Reinholds Gesicht ausgestreckt, zog sie nun aber wieder zur�ck und fragte: �Was glaubst du, was er mit mir gemacht h�tte, h�tte ich ihn gelassen?�</p><p>Bremer <emphasis>hatte gesehen, </emphasis>was der Agent Angela um ein Haar angetan h�tte. Sein logisches Denken sagte ihm mit einer Klarheit, die keinen Widerspruch duldete, da� Angela gar keine andere Wahl gehabt hatte. Reinhold h�tte sie umgebracht, h�tte sie ihm die Gelegenheit dazu geboten. Aber das war nur die eine Seite. Daneben gab es noch eine andere, die zumindest im Moment st�rker war als jede Logik, die auf die zertr�mmerte Maske herabsah, die einmal ein menschliches Gesicht gewesen war, und die sich vor Entsetzen zusammenzog, wenn sie an die gnadenlose Brutalit�t zur�ckdachte, mit der Angela gek�mpft hatte. Sie hatte nicht gek�mpft, wie ein Mensch k�mpfen sollte. Sie hatte sich nicht einmal <emphasis>bewegt, </emphasis>wie sich ein Mensch bewegen sollte.</p><p>Angela schien zu sp�ren, da� das nicht die Antwort war, die er hatte h�ren wollen, denn ihr Blick wurde h�rter. Zwei, drei Sekunden lang sah sie ihn kalt an, dann lie� sie ihren Blick f�r die gleiche Zeit auf der Waffe ruhen, die er zwischen seinen Knien abgelegt hatte, und sagte ruhig: �Ich sch�tze, ich habe ihm das Leben gerettet.�</p><p>Bremer fand diese Antwort einfach nicht fair. Richtig, zwingend, aber einfach nicht fair.</p><p>Angela blickte ihn noch zwei oder drei Sekunden weiter auf diese schreckliche, kalte Art an, dann hob sie die Augenbrauen, als h�tte sie sich selbst in Gedanken eine Frage gestellt und zugleich auch beantwortet, und wandte sich wieder dem verletzten Agenten zu. Ihre Fingerspitzen fuhren ganz sacht �ber Reinholds Gesicht, ber�hrten sein Kinn, den zerbrochenen Kiefer und das Wangenbein und zogen sich wieder zur�ck, und etwas beinahe Unheimliches geschah: Reinhold h�rte auf zu wimmern. Sein pfeifender Atem beruhigte sich, und Bremer konnte regelrecht sehen, wie die Spannung aus seinem K�rper wich.</p><p>�Wie ... hast du das gemacht?� fragte er fassungslos.</p><p>�Ich habe heilende H�nde�, antwortete Angela. Sie seufzte. �Mehr kann ich nicht tun. Wir rufen ihm einen Krankenwagen, sobald wir unterwegs sind. Komm jetzt.� W�hrend sie sprach, hatte sich ihre Stimme ver�ndert, etwas von der alten Leichtigkeit war jetzt wieder darin, auch wenn sie Bremer im Moment ziemlich unpassend erschien. Sie stand auf, und auch Bremer erhob sich und steckte in der gleichen Bewegung die Waffe ein, die er Cremer abgenommen hatte. Automatisch wollte er sich nach links wenden, wo Angelas Fiat stand, aber sie sch�ttelte den Kopf und deutete auf den BMW.</p><p>�Wir nehmen den�, sagte sie. �So eine Angeberkarre wollte ich immer schon mal fahren.� Sie lief um den Wagen herum, warf sich hinter das Steuer und startete den Motor, noch bevor Bremer die Beifahrert�r �ffnen und ebenfalls Platz nehmen konnte. Ihr Fu� spielte nerv�s mit dem Gas. Die ungez�hlten PS des BMW br�llten laut genug auf, um auch noch den letzten Schl�fer im Umkreis von hundert Metern zu wecken, und Bremer beobachtete etwas, was ihm angesichts ihrer Situation einfach nur absurd vorkam: Angela hatte offensichtlich die Wahrheit gesagt, was ihre Begeisterung f�r diesen Wagen anging. Ihre Augen leuchteten, und ihre H�nde �ffneten und schlossen sich im gleichen Takt um das lederbezogene Lenkrad, in dem ihr Fu� mit dem Gas spielte. Es erschien ihm fast unglaublich, da� das die gleiche junge Frau sein sollte, die noch vor drei Minuten vor seinen Augen einen hochtrainierten Nahkampfspezialisten auseinandergenommen hatte. Was er im Moment vor sich sah, das war ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hatte, und darauf brannte, es auszuprobieren. Und es tat.</p><p>Er zog die T�r hinter sich zu, und Angela trat das Gaspedal des BMW warnungslos bis zum Boden durch und lie� zugleich die Kupplung springen. Der Wagen machte einen Satz, der ihn nicht nur bis zur Mitte der Stra�e katapultierte, sondern Bremer auch so tief in die Sitzpolster pre�te da� ihm die Luft wegblieb, und stellte sich mit durchdrehenden Hinterr�dern quer. Unter seinem Heck quoll hellgrauer Qualm hervor.</p><p>�Ups!� sagte Angela lachend. �Das war vielleicht ein bi�chen heftig. Gro�er Gott, hat die Kiste eine Power!�</p><p>Bremer arbeitete sich m�hsam wieder in die H�he und starrte sie b�se an. �Willst du zu Ende bringen, was diese beiden Idioten angefangen haben?� fragte er.</p><p>�Schnall dich an�, grinste Angela - und gab Gas.</p><p>Bremer griff hastig nach dem Sicherheitsgurt, stemmte die F��e gegen das Bodenblech und hielt den Atem an, bis der Verschlu� eingerastet war. Die Kirche war l�ngst hinter ihnen zur�ckgefallen, und einen Kilometer vor ihnen konnte Bremer ein Stopschild im Licht des Scheinwerfers erkennen. Angela gab erbarmungslos weiter Gas. Der Motor kreischte, und die H�user rechts und links der Stra�e bem�hten sich, zu ineinanderflie�enden Schemen zu werden. Selbst Bremer, der nichts von Autos verstand, begann sich zu fragen, was f�r eine Maschine unter der Haube des BMW arbeitete. Das Ding beschleunigte wie ein Flugzeug!</p><p>�Angela!� sagte er vorsichtig.</p><p>�Nimm das Handy.� Sie deutete auf den Apparat, der am Armaturenbrett befestigt war. �Ruf einen Krankenwagen f�r die beiden.� Bremer l�ste das Handy aus seiner Halterung, tippte die 110 ein und z�gerte noch einmal. Das Stopschild huschte an ihnen vorbei, ohne da� Angela auch nur den Fu� vom Gas nahm. �Soll ich gleich noch einen zweiten Krankenwagen f�r uns bestellen?� fragte er. �Das da gerade war ein Stopschild!�</p><p>�Die gelten ab drei Uhr nachts nicht mehr�, antwortete Angela grinsend. �Ruf an. Der arme Kerl braucht dringend einen Arzt.�</p><p>Bremer dr�ckte die Ruftaste. Als sich der Diensthabende meldete, bestellte er einen Krankenwagen an die Adresse der Stra�e, auf der sie gerade abgehoben hatten, ignorierte die Frage nach seinem Namen und h�ngte ein.</p><p>�Bitte fahr langsamer�, bat er. �Mir wird schlecht.� Das entsprach sogar der Wahrheit, hatte aber wohl weniger mit Angelas Fahrstil zu tun: Seine Nieren taten so erb�rmlich weh, da� er am liebsten laut losgeheult h�tte.</p><p>�Feigling!� lachte Angela. Vermutlich nur, um ihn zu �rgern, gab sie noch mehr Gas, katapultierte den Wagen mit kreischenden Reifen �ber eine rote Ampel und trat anschlie�end so hart auf die Bremse, da� Bremer in den Sicherheitsgurt geworfen wurde. Aber als er sich wieder hochrappelte, rasten sie wenigstens nicht mehr mit hundertdrei�ig Stundenkilometern durch das n�chtliche Berlin, sondern nur noch mit siebzig, vielleicht achtzig.</p><p>�Entschuldige�, sagte Angela, �aber das habe ich jetzt gebraucht. Davon habe ich schon lange getr�umt, wei�t du? Diese Dinger sind unvern�nftig, gef�hrlich und dumm - aber sie machen einfach <emphasis>Spa�!� </emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Ach?� sagte Bremer s�uerlich.</p><p>Angela warf ihm einen raschen Blick zu. Sie sagte nichts, nahm den Fu� aber weiter vom Gas, bis sie nur noch mit knapp f�nfzig Stundenkilometern dahinrollten. Bremer dankte ihr in Gedanken, drehte sich im Sitz herum und sah in die Richtung zur�ck, aus der sie gekommen waren.</p><p>�Was ist mit deinem Wagen?� fragte er.</p><p>�Jemand wird ihn schon finden und abschleppen lassen�, antwortete Angela achselzuckend. �Und wenn nicht, melde ich ihn eben als gestohlen... Ich kenne da einen Polizisten, der mir bestimmt bei den Formalit�ten helfen wird.�</p><p>�Ex-Polizisten�, verbesserte sie Bremer. �Jedenfalls bald.�</p><p>Angela ging vorsichtshalber nicht darauf ein. �Wie geht es deinen Nieren?� fragte sie.</p><p>Bremer fragte sich, woher sie von seinem Problem wu�te. Sie war erst aufgetaucht, nachdem Cremer ihn zusammengeschlagen hatte. �Danke�, sagte er. �Sie tun ziemlich weh. Vor allem, wenn mich jemand daran erinnert.�</p><p>Angela l�chelte. �Ich sehe sie mir nachher an�, sagte sie. �Du wei�t ja, ich habe heilende H�nde.� Sie verzog das Gesicht, betastete mit spitzen Fingern ihre geschwollene Unterlippe und drehte den R�ckspiegel so, da� sie sich selbst darin betrachten konnte. Wenn sie jetzt noch einen Lippenstift aus der Handtasche zieht, dachte Bremer, dann w�re das typische Klischee von der Frau am Steuer perfekt. Statt dessen stie� Angela einen wenig damenhaften Fluch aus und knetete weiter ihre Unterlippe. �Verdammt, noch mal!� schimpfte sie. �Jetzt schau dir an, was der Kerl mit mir gemacht hat! Sp�testens morgen fr�h werde ich aussehen wie der Gl�ckner von Notre-Dame! Ich h�tte diesem Mistkerl noch ein paar Z�hne mehr ausschlagen sollen!�</p><p>�Ich bin nicht ganz sicher, ob er noch welche �brig hatte�, antwortete Bremer. �Deine H�nde k�nnen offensichtlich nicht nur heilen.�</p><p>�Ich habe ihn gewarnt�, sagte Angela. �Er h�tte auf mich h�ren sollen. Einen schwachen Gegner zu schonen ist leicht. Er war nicht schwach.� Ihre Worte jagten Bremer einen eisigen Schauer �ber den R�cken, und f�r einen Moment sah er Angela wieder als das, was sie auch war: Ein ... <emphasis>Ding, </emphasis>das so schnell und gnadenlos t�ten konnte wie eine Spinne, die lautlos in ihrem Netz lauerte. Er verscheuchte das Bild. Es gefiel ihm nicht.</p><p>�Das, was du vorhin angewendet hast�, begann er vorsichtig. �Diese Kampftechnik. Was war das?�</p><p>�So etwas lernt man im ersten Semester auf der Schule f�r Schutzengel�, antwortete Angela sp�ttisch. �Nur f�r den Fall, da� man starrsinnigen alten M�nnern den Hals retten mu�, die glauben, sich ganz allein mit dem Rest der Welt anlegen zu k�nnen. So etwas soll vorkommen, wei�t du?�</p><p>�Ich meine es ernst�, sagte Bremer.</p><p>Angela sah ihn stirnrunzelnd an. �Warum interessiert dich das?�</p><p>�Ich habe fr�her einmal geboxt�, antwortete Bremer. �Und in meiner Jugend war ich ein gro�er Bruce-Lee-Fan. Ich kenne alle seine Filme auswendig, und die mit Chuck Norris auch. Aber so etwas habe ich noch nie gesehen.�</p><p>�Und es hat dich beeindruckt�, vermutete Angela.</p><p>�Es hat mich <emphasis>erschreckt�, </emphasis>korrigierte sie Bremer.</p><p>�Weil es so effektiv war?�</p><p>�Weil es so grausam war.�</p><p>Angela seufzte. Sie konzentrierte sich weiter auf die Stra�e, aber Bremer sah, da� der Ausdruck von Spott auf ihrem Gesicht erlosch. �Du verwechselst Grausamkeit mit Kompromi�losigkeit�, sagte sie. �Wie die meisten. Was du gesehen hast, war nicht grausam. Es war konsequent.�</p><p>�Es war...�</p><p>�Du hast noch niemals wirklich gek�mpft, habe ich recht?� unterbrach ihn Angela.</p><p>�Ich dachte, ich h�tte dir gerade erz�hlt...�</p><p>�Da� du fr�her einmal geboxt hast, ja.� Da� sie ihn zum zweitenmal innerhalb weniger Sekunden unterbrach, sagte mehr �ber ihre Verfassung aus, als ihr vermutlich bewu�t war. Von ihrem L�cheln oder gar dem Spott in ihrer Stimme war nichts mehr geblieben. �Das habe ich nicht gemeint. Das ist ein Spiel. Manchmal tut ihr euch dabei weh. Manchmal wird sogar jemand verletzt, aber es bleibt ein Spiel. Du hast niemals wirklich gek�mpft, habe ich recht?� Bremer schwieg, und Angela sagte nach einer Sekunde noch einmal und in ver�ndertem, bitterem Tonfall: �Du hast niemals wirklich gek�mpft. Du wei�t nicht einmal, was das ist. Ich schon. Ich habe es gelernt. Du greifst an, der andere verteidigt sich, du greifst h�rter an. So einfach ist das. Es ist nicht wie in deinen Boxk�mpfen. Und auch nicht wie in deinen Filmen, wei�t du? Es geht nicht um Fairne� oder Anstand, sondern nur um Leben oder Tod.� Es h�tte eine Menge gegeben, was er darauf h�tte sagen k�nnen, aber er schwieg. Angelas Worte hatten ihn auf eine seltsame Weise ber�hrt. W�re sie nur ein paar Jahre j�nger gewesen, h�tte er sie einfach als l�cherlich empfunden; genau die Art von pseudointellektuellem Geschwafel, mit dem man pickelgesichtige F�nfzehnj�hrige beeindrucken konnte. W�re sie mehr als nur ein paar Jahre �lter gewesen, dann h�tten ihn diese Worte vielleicht beeindruckt. So ... verunsicherten sie ihn. Obwohl er noch das Gef�hl hatte, einen Dialog aus einem billig heruntergedrehten und noch schlampiger synchronisierten Eastern zu lauschen, enthielten sie trotzdem ein Quentchen Wahrheit, das ihm unangenehm war.</p><p>Aus keinem anderen Grund als dem, das Thema<emphasis> zu </emphasis>wechseln, r�usperte er sich ein paarmal und fragte dann:</p><p>�Woher wu�test du �berhaupt, wo ich bin?�</p><p>�Ich wu�te es nicht�, antwortete Angela offen heraus �Ich habe dich beschattet.�</p><p>�Die ganze Zeit?� Er hatte nichts davon bemerkt, was bedeutete, da� sie sich zumindest nicht allzu ungeschickt angestellt hatte.</p><p>�Beinahe die ganze Zeit. Nachdem du in der Kirche verschwunden warst, habe ich die beiden Kerle in dem BMW beschattet. Was hattest du eigentlich vor?�</p><p>�Vor?�</p><p>�Wenn es dir gelungen w�re, sie zu �berrumpeln.�</p><p>Bremer hob die Schultern. �Ehrlich gesagt, wei� ich es nicht. So weit habe ich nicht geplant.�</p><p>�Ich verstehe�, grummelte Angela. �Du legst dich immer mit hochtrainierten Profischl�gern an, ohne einen Plan zu haben.�</p><p>�Kein Plan ist oft der beste�, antwortete Bremer ver�rgert. Angelas �berheblichkeit �rgerte ihn - vor allem, weil sie berechtigt war. �Eigentlich solltest du das wissen, wo du doch so auf fern�stliche Kampfkunst stehst. Keine Strategie �bersteht den ersten Kontakt mit dem Feind.�</p><p>�Also ist es nur konsequent, erst gar keine zu haben.� Angela sch�ttelte seufzend den Kopf. �Wie alt bist du eigentlich?�</p><p>�Auf jedem Fall alt genug, um dein Vater sein zu k�nnen�, sagte Bremer zornig. �Was soll das?�</p><p>�Oh, nichts�, antwortete Angela achselzuckend. �Ich frage mich nur, wie du mit dieser Einstellung so alt geworden bist. Die beiden h�tten dich fertiggemacht, selbst wenn du eine richtige Waffe gehabt h�ttest.�</p><p>�Woher wei�t du das?� fragte Bremer rasch.</p><p>�Was?�</p><p>�Da� ich keine richtige Waffe hatte. Du warst nicht einmal in der N�he!�</p><p>�Deine Pistole liegt immer noch in deinem Schreibtisch�, antwortete Angela. �Und ich glaube nicht, da� dir Vater Thomas mit einer Schu�waffe aushelfen konnte. Also mu�test du bluffen. Was hast du benutzt? Einen Stock?�</p><p>�Einen Labello-Stift�, gestand Bremer. Er glaubte ihr kein Wort. Ihre Erkl�rung klang einleuchtend und logisch, und trotzdem �berzeugte sie ihn nicht.</p><p>Das Telefon schrillte. Bremer hob ganz automatisch die Hand, um danach zu greifen, aber Angela sch�ttelte rasch den Kopf und schaltete das Ger�t aus.</p><p>�Warum hast du das getan?� fragte Bremer.</p><p>�Man kann die Dinger anpeilen�, antwortete Angela. �Ich h�tte gleich daran denken sollen. Meine Schuld ... oder erwartest du zuf�llig einen dringenden Anruf?� Bremer runzelte �rgerlich die Stirn. Angelas Stimme hatte wieder den flapsigen Ton angenommen, den er von ihr gewohnt war. Aber jetzt, wissend, wozu sie in der Lage war, funktionierte er einfach nicht mehr. Wahrscheinlich w�rde er sie nie wieder so sehen k�nnen, wie er es bisher getan hatte.</p><p>�Also gut�, sagte er. �Jetzt, nachdem wir daf�r gesorgt haben, da� uns niemand aufsp�ren kann: Wohin fahren wir?�</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete Angela. �Ich bin nur das mobile Einsatzkommando. <emphasis>Du </emphasis>bist der Pfadfinder.�</p><p>Und damit war er wieder so schlau wie vor einer Stunde.</p></section><section><title><p>17</p></title><empty-line/><p>Das Heulen der Krankenwagensirene war in den letzten Minuten best�ndig lauter geworden, ohne wirklich n�her gekommen zu sein. Hinter zahlreichen Fenstern auf beiden Seiten der Stra�e war Licht angegangen, und ein- oder zweimal hatte sich sogar eine T�r ge�ffnet, ohne da� allerdings irgend jemand herausgekommen w�re. Selbst die Schatten hinter den Fenstern waren nur manchmal zu sehen, fast als sp�rten die Menschen, da� unten auf der Stra�e noch mehr war als die beiden reglosen Gestalten, die ausgestreckt im Scheinwerferlicht des mit laufendem Motor dastehenden Fiat dalagen; etwas Gef�hrliches, wom�glich T�dliches, dessen N�he sie besser mieden.</p><p>Das Gesch�pf hatte begonnen, aus den Schatten zu materialisieren, kaum da� der BMW abgefahren war. Es stand einfach da, reglos, schweigend, und starrte die beiden bewu�tlosen Gestalten an. Manchmal bewegten sich seine grausamen H�nde, und manchmal, noch seltener, raschelte eine seiner riesigen ledrigen Schwingen, scharrte eine Klaue �ber Asphalt. Es wartete.</p><p>Das Ger�usch des Krankenwagens kam nun endg�ltig n�her. Am westlichen Ende der Stra�e erschien ein Scheinwerfer unter einem zuckenden Blaulicht, und gleichzeitig begann sich aus der entgegengesetzten Richtung eine andere, hellere Sirene zu n�hern.</p><p>Die Kreatur drehte den Kopf und starrte das n�herkommende Blaulicht an. Die hektisch zuckenden Reflexe spiegelten sich auf seinen Augen und erf�llten sie f�r einen Moment mit der Illusion von Leben, das niemals darin gewesen war.</p><p>Dann zog sie sich lautlos und schnell wieder in die Dimension zur�ck, aus der sie gekommen war, als w�re sie wirklich nicht mehr als ein Schatten gewesen.</p></section><section><title><p>18</p></title><empty-line/><p>Braun schaltete das Handy aus, betrachtete den Apparat einen Moment lang nachdenklich und lie� ihn dann mit einem angedeuteten Achselzucken in der Jackentasche verschwinden. Cremer antwortete nicht; das war �rgerlich, aber nicht einmal besonders au�ergew�hnlich. Cremer geh�rte nicht unbedingt zu seinen zuverl�ssigsten Mitarbeitern. Es kam oft vor, da� er sich nicht sofort meldete, weil er nicht an seinem Platz war oder auch einfach keine Lust hatte. Cremer geh�rte zu jenen M�nnern, die insgeheim nach Autorit�t suchten, sich aber trotzdem schwer damit taten, sie anzuerkennen, und deshalb immer wieder im kleinen den Aufstand probten. Solange er es dabei bewenden lie�, dann und wann auf einen Anruf versp�tet zu reagieren oder einen Befehl ein wenig gro�z�gig zu interpretieren, lie� ihm Braun diese kleinen revolution�ren Anwandlungen. Heute war er allerdings zu weit gegangen. Er hatte sein Handy nach dem ersten Klingeln ausgeschaltet, und das w�rde Braun ihm nicht mehr durchgehen lassen. Aber heute nacht ging ja sowieso alles schief.</p><p>Braun fuhr sich mit beiden H�nden durch das Gesicht, unterdr�ckte ein G�hnen und lie� seinen Blick �ber die Schreibtischplatte vor sich schweifen. Theoretisch. Praktisch konnte er keinen Quadratzentimeter davon sehen, denn der Tisch quoll �ber von Ordnern, Computerausdrucken und Plastikschnellheftern, auf denen in feuerroten Buchstaben das Wort VERTRAULICH prangte. Der Anblick st�rte ihn in zweierlei Hinsicht. Zum einen ha�te Braun Unordnung. Er war kein wirklicher Pedant, aber doch nicht allzu weit davon entfernt, und wenn die Theorie stimmte, da� der Arbeitsplatz eines Menschen seinen seelischen Zustand widerspiegelte, dann war bei ihm wirklich<emphasis> einiges </emphasis>nicht mehr im Lot. Zum anderen - und das war weitaus schlimmer - bewies das Chaos auf seinem Schreibtisch etwas, was er schon seit einer geraumen Weile bef�rchtete: Die Sache lief aus dem Ruder. Und das gr�ndlich.</p><p>Braun nahm einen der schmalen Ordner zur Hand, schlug ihn auf und bl�tterte ziellos darin herum, ohne allerdings wirklich zu lesen. Er kannte ihn ohnehin auswendig; so, wie er <emphasis>jedes </emphasis>der Schriftst�cke auf seinem Schreibtisch auswendig kannte. Es waren eine Menge bedruckter Seiten, trotzdem auch wieder erstaunlich wenige, wenn man die Gr��e der Aufgabe bedachte, die sie sich gestellt hatten. F�nf Jahre, dachte er. F�nf Jahre lang hatte alles geklappt wie am Schn�rchen. Sie waren langsam voran gekommen, aber damit hatten sie gerechnet, trotzdem aber stetig, und sie hatten Fortschritte gemacht, mehr und gr��ere als irgendeiner der Beteiligten - ihn selbst ausgenommen - auch nur ahnte. Seit ein paar Wochen aber lief alles schief. Und er wu�te nicht einmal, warum.</p><p>Auch das war etwas, was Braun au�erordentlich �rgerte. Er h�tte es wissen m�ssen. Er war sozusagen die Schaltzentrale in dieser Geschichte, der Knotenpunkt, an dem alle Informationen zusammenliefen und sich zu einem Ganzen zusammenf�gten. Er. Sein Gehirn, nicht das Sammelsurium bedruckten Papiers vor ihm, und erst recht keine Datenbank, denen er nicht traute. Braun setzte die modernste Technik ein, wo es nur ging, aber Computerdateien mi�traute er zutiefst. Schon weil er wie kaum ein anderer wu�te, wie l�cherlich das Wort <emphasis>Datensicherheit </emphasis>im Grunde war.</p><p>Das Telefon klingelte. Braun setzte dazu an, in die Tasche zu greifen, realisierte erst dann, da� es der Apparat auf seinem Schreibtisch war, nicht das Handy, und fegte unwillig einen Hefter zur Seite, um an das Ger�t zu gelangen. Der Apparat hatte die Gr��e eines Notebooks und sah auch ungef�hr so aus. Als Braun ihn aufklappte, schaltete sich der briefbogengro�e LCD-Bildschirm darin automatisch ein, und er blickte in ein m�des Gesicht mit dunklen Tr�nens�cken unter den Augen und wirrem Haar. Die Uhrzeit, die automatisch am unteren linken Bildschirmrand eingeblendet wurde, pa�te zu der M�digkeit in diesem Gesicht. Drei Uhr zw�lf. Braun fragte sich, warum er eigentlich nicht m�de war. Er hatte vor fast sechsunddrei�ig Stunden das letztemal geschlafen.</p><p>�Ja!� sagte er knapp.</p><p>�Guten Morgen, Herr Braun�, sagte Mecklenburgs Assistent. Braun konnte sich im Moment nicht an seinen Namen erinnern. Seine M�digkeit machte sich wohl doch st�rker bemerkbar, als er angenommen hatte. �Es tut mir leid, da� ich Sie so sp�t noch einmal st�re, aber hier geht etwas vor, was Sie wissen sollten.�</p><p>�Das macht nichts�, antwortete Braun. �Ich habe nicht geschlafen. Was gibt's?�</p><p>Mecklenburgs Assistent druckste einen Moment herum wu�te augenscheinlich nicht mehr, wohin mit seinem Blick. Es war deutlich, da� er Angst vor seiner eigenen Courage hatte. Einen Entschlu� zu fassen war eben manchmal doch leichter, als ihn in die Tat umzusetzen. �Wir haben wieder ... Aktivit�ten�, sagte er schlie�lich.</p><p>�Aktivit�ten?� Braun wu�te genau, was er meinte. Er erinnerte sich jetzt auch an seinen Namen.</p><p>�Haymar�, antwortete Grinner nerv�s. �Seine ... zerebralen Werte sind mittlerweile so hoch, da� wir sie nicht mehr messen k�nnen.� Warum war Braun eigentlich nicht �berrascht?</p><p>�Was sagt Doktor Mecklenburg dazu?�</p><p>�Nichts�, antwortete Grinner. �Ich meine: Er wei� es nicht. Er ... hat sich vor einer halben Stunde hingelegt, um ein bi�chen zu schlafen.�</p><p>Und du hast es nat�rlich nicht f�r n�tig gehalten, ihn zu wecken, dachte Braun. Der erste Eindruck, den er von Grinner gehabt hatte, schien richtig gewesen zu sein. Der Mann war ein Intrigant, hatte aber nicht die Charakterst�rke, um diese Rolle mit Erfolg auszuf�llen. Er w�rde mit Mecklenburg reden. Nein. Braun korrigierte sich in Gedanken. Er w�rde h�chstpers�nlich daf�r sorgen, da� Grinner in eine h�bsche kleine Wetterbeobachtungsstation am Polarkreis versetzt wurde, sobald diese Krise hier vorbei war. �In Ordnung�, sagte er. �Ich komme nach unten. Wecken Sie den Professor.� Er klappte das Ger�t zu, stand auf und verlie� mit schnellen Schritten das Zimmer. Ein menschenleerer, nur schwach erhellter Korridor nahm ihn auf. In der Luft hing ein ganz sachter Kiefernduft, der die Stelle des Aerosol-Geruchs fr�herer Zeiten eingenommen hatte, und der teure Teppichboden d�mpfte das Ger�usch seiner Schritte fast bis zur Unh�rbarkeit. Die W�nde des langen Korridors waren mit pastellfarbenem Kunststoff verkleidet, und es gab eine Anzahl hochwertiger Kunstdrucke in teuren Rahmen. Die Architekten, die dieses Geb�ude vor f�nf Jahren renoviert hatten, hatten sich jede nur erdenkliche M�he gegeben, seine Besucher vergessen zu lassen, da� sie sich in einem Krankenhaus befanden. Braun verga� es keine Sekunde. Er hatte eine tiefsitzende Abneigung gegen Krankenh�user. Die St.-Elizabeth-Klinik mochte mit zu den teuersten und vornehmsten Privatkliniken des Landes geh�ren aber eine Klapse blieb eine Klapse, auch wenn man sie vergoldete. Braun wu�te nat�rlich, da� der Gedanke vollkommen irrational war, und er h�tte es niemals zugegeben - aber tief in sich war er der �berzeugung, da� ein Geb�ude sich stets den Menschen anpa�te, die darin lebten. All die Bekloppten, die hinter den mahagoniverkleideten Stahlt�ren sa�en und sich f�r Napoleon hielten oder versuchten, Eier zu legen, konnten nicht ohne Wirkung auf dieses Haus geblieben sein.</p><p>Braun betrat den Aufzug am anderen Ende des Ganges, dr�ckte den Knopf f�r die unterste Etage und wartete, bis sich die T�ren geschlossen hatten. Dann dr�ckte er noch dreimal hintereinander auf den Knopf und blickte eine Sekunde lang starr in den kleinen Spiegel, der in der R�ckwand der Kabine angebracht war. Die winzige Kamera dahinter tastete seine Netzhaut ab und verglich die Aufnahme mit den gespeicherten Daten. Scheinbar �nderte sich dadurch nichts, aber als das Licht f�r die Kelleretage �ber der T�r aufleuchtete, fuhr der Lift noch ein gutes St�ck weiter, bevor er endlich anhielt und die T�ren aufglitten.</p><p>Ein weiterer, sehr viel schmuckloserer Gang nahm ihn auf. Es gab nur wenige T�ren, und die W�nde bestanden aus nacktem Beton, ihr einziger Schmuck waren symmetrisch verlegte Kabelb�ndel und Rohrleitungen. Das ged�mpfte Wummern eines schweren Generators lie� die Luft erzittern. Es roch nach hei�em �l, Feuchtigkeit und Moder.</p><p>Braun ging mit schnellen Schritten bis zu der massiven Stahlt�r am Ende dieses Ganges, �ffnete sie mit Hilfe des Netzhautscanners an der Wand daneben und vertrieb sich die Wartezeit, die die Mechanik brauchte, um die halbtonnenschwere T�r zu �ffnen, mit der Frage, was eigentlich geschehen w�rde, wenn es hier unten einmal zu einem totalen Systemzusammenbruch kam. Es war unwahrscheinlich, aber langj�hrige bittere Erfahrung hatte Braun gelehrt, da� jeder Mist, der passieren konnte, auch irgendwann passierte. Die Antwort auf seine Frage war nicht besonders ermutigend. Abgesehen von ihm selbst, Mecklenburgs Team und einer handverlesenen Anzahl M�nner gab es niemanden in dieser Stadt, der auch nur wu�te, da� dieses unterirdische Labor <emphasis>existierte. </emphasis>Die Anlage war eine regelrechte Festung, und sie war vor allem darauf ausgelegt, ihre Insassen<emphasis> drinnen zu halten. </emphasis>Wenn der Strom und mit ihm s�mtliche Computer ausfielen, dann sa�en sie hier unten wie die Ratten in der Falle.</p><p>Die T�r sprang mit einem metallischen Ger�usch auf, und Braun betrat das Labor. Der Raum war taghell erleuchtet und kam ihm noch kleiner vor als sonst, obwohl sich weniger Menschen darin aufhielten. Konkret waren es nur Grinner und Mecklenburg; seine beiden anderen Assistenten hatte er vorhin auf Brauns Weisungen fortgeschickt. Grinner wirkte noch nerv�ser als vorhin am Telefon, w�hrend Mecklenburg nicht den Eindruck machte, als w�re er schon ganz wach.</p><p>�Also?� fragte er knapp.</p><p>Mecklenburg g�hnte und sah weg, und Braun h�tte auch ohne das verr�terische Funkeln in seinen Augen gewu�t, da� er nur den Ahnungslosen spielte. Er wu�te ganz genau, was vorging. Aber es war ihm entweder egal, oder er wartete in aller Ruhe ab, um seinen Assistenten im passenden Moment auflaufen zu lassen.</p><p>Braun war nicht in der Stimmung f�r Spielchen. Ganz gewi� nicht.</p><p>�Das wissen Sie doch�, sagte er. �Oder hat Ihnen Kollege Grinner noch nicht alles erz�hlt?�</p><p>Braun sah aus den Augenwinkeln, wie der junge Forschungsassistent zusammenfuhr und noch nerv�ser wurde. Normalerweise h�tte er die Situation genossen. Er liebte es, Leute fertigzumachen.</p><p>In diesem Punkt �hnelte er seinem ungeliebten Mitarbeiter Cremer (der in diesem Moment in der Notaufnahme einer Unfallklinik auf den OP gehoben wurde und wenige Augenblicke sp�ter ins Koma fallen sollte), nur, da� er dazu nicht die F�uste einsetzte sondern weitaus subtilere Methoden vorzog. Aber er war <emphasis>wirklich </emphasis>nicht in der Stimmung f�r Spielchen.</p><p>Mecklenburg schien das zu sp�ren, denn er fuhr von sich aus und in kein bi�chen verschlafenem Ton fort: �Anscheinend lieben Sie es, mich immer wieder dasselbe sagen zu h�ren. Also gut: Ich wei� es nicht. Irgend etwas geht in seinem Gehirn vor, das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Das ist vielleicht keine sehr wissenschaftliche Antwort, aber leider die einzige, die Sie von mir h�ren werden. Oder sind Sie anderer Meinung, Kollege Grinner?� Grinner antwortete nicht, sondern zog nerv�s die Unterlippe zwischen die Z�hne und drehte sich weg. Nach einer Weile fuhr Mecklenburg fort: �Wenn der Mann da drinnen schlafen w�rde, dann w�rde ich sagen, da� er den schlimmsten Alptraum aller Zeiten hat. Aber er schl�ft ja nicht.�</p><p>�Und wenn doch?� fragte Braun. Nachdenklich n�herte er sich der Panzerglasscheibe und betrachtete wieder einmal den zweieinhalb Meter langen, schwarz verchromten Sarkophag, der ganz allein in dem Raum dahinter stand.</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Wie ich es sage�, antwortete Braun. �Wir glauben, da� er tot ist. Aber was ist, wenn er noch lebt ... irgendwie?�</p><p>Mecklenburg gab ein komisches Schnauben von sich. �Falsch, Herr Braun�, sagte er. <emphasis>�Sie </emphasis>glauben, da� er tot ist. Ich <emphasis>wei�, </emphasis>da� er es ist. Der Mann ist vor �ber einem Jahr gestorben.�</p><p>�Und wieso funktioniert sein Gehirn dann noch?�</p><p>�Das tut es nicht�, behauptete Mecklenburg. �Die elektrischen Aktivit�ten, die wir messen, sind nur da, weil<emphasis> wir </emphasis>sein Gehirn damit stimulieren, um es vor dem Verfall zu bewahren. Wenn wir den Stecker herausziehen w�rden, w�re es vorbei.�</p><p>�Und trotzdem wissen Sie nicht...�</p><p>Mecklenburg unterbrach ihn gereizt. �Sie sagen es. Ich wei�<emphasis> nichts. </emphasis>Niemand wei�, was hier vorgeht! Weil niemand vorher versucht hat, das Gehirn eines Menschen so lange k�nstlich am...� Er stockte. Braun vermutete, da� er nach Worten suchte, weil er den Begriff Leben nicht verwenden wollte. Es dauerte gute drei Sekunden, bis er weiter sprach. �...am Funktionieren zu halten! Wir betreten vollkommenes Neuland. Genausogut k�nnten wir mit einem Raumschiff losfliegen und auf dem erstbesten Planeten landen, ohne vorher auch nur aus dem Fenster zu sehen! Vielleicht ist das, was im Moment in seinem Gehirn vorgeht, ganz normal. Vielleicht auch nicht. Woher zum Teufel soll ich das wissen?�</p><p>Braun hatte den Professor selten so aufgebracht erlebt. Anscheinend war er nicht der einzige, an dessen Nerven die Situation zerrte. �Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, Professor�, sagte er vers�hnlich. �Ich wollte nur...�</p><p>�Sie wollten vor allem<emphasis> nicht </emphasis>meine Meinung h�ren�, unterbrach ihn Mecklenburg. �Aber auch, wenn sie Sie nicht interessiert: Was wir hier tun, ist Wahnsinn! Es ist sinnlos, es ist unethisch und vielleicht sogar gef�hrlich. Wir sollten es beenden.�</p><p>��ber dieses Thema haben wir bereits gesprochen�, sagte Braun.</p><p>�Das haben wir nicht!� schnaubte Mecklenburg. Er war ganz offensichtlich dabei, sich in Rage zu reden. <emphasis>�Sie </emphasis>haben gesprochen, und ich habe zugeh�rt. Was ist los mit Ihnen, Herr Braun? Haben Sie pl�tzlich Gewissensbisse?�</p><p>�Warum sollte ich?� fragte Braun. �Wenn Sie recht haben, gibt es daf�r keinen Grund. Sagten Sie gerade nicht selbst, da� das da drinnen schon lange kein lebender Mensch mehr ist?�</p><p>�Und wenn ich mich t�usche?�</p><p>Das war absurd. Mecklenburg attackierte ihn mit der gleichen Frage, die er noch vor ein paar Sekunden so vehement verneint hatte. Trotzdem fuhr er fort: �Was ist, wenn ich mich irre? Wenn wir uns alle t�uschen, und das da drinnen doch mehr sind als hundertf�nfzig Pfund Fleisch, die Sie nach Belieben melken k�nnen? Denken Sie einmal <emphasis>dar�ber </emphasis>nach. Und w�hrend Sie es tun, w�nsche ich Ihnen unangenehme Tr�ume!� Er fuhr w�tend herum und stampfte zur T�r.</p><p>�Wo wollen Sie hin?� fragte Braun.</p><p>�Nach Hause�, antwortete Mecklenburg, ohne stehenzubleiben oder auch nur zu ihm zur�ckzusehen. �Ich gehe schlafen. Falls Sie Probleme haben, wenden Sie sich vertrauensvoll an Kollege Grinner. Er wei� von alledem genauso viel wie ich!�</p><p>Braun h�tte ihm befehlen k�nnen zu bleiben, aber er verzichtete darauf. Mecklenburg war m�de und nerv�s, weil er nicht verstand, was hier vorging. Er hatte dieses reinigende Gewitter gebraucht. Morgen w�rde er angekrochen kommen und ihn um Verzeihung bitten - beziehungsweise so tun, als w�re gar nichts geschehen, was seine Art von<emphasis> angekrochen kommen</emphasis> war. Braun nahm ihm diesen Ausbruch nicht �bel. Er beneidete Mecklenburg sogar ein bi�chen um die F�higkeit, seinen Gef�hlen wenigstens manchmal freien Lauf lassen zu k�nnen. Er w�nschte sich, ebenfalls dazu in der Lage zu sein.</p><p>Er drehte sich wieder herum und blickte den Stahlsarg an. Dann ging er zur anderen Seite der gro�en Scheibe, hob die Hand an die Tastatur daneben und tippte eine sechsstellige Codenummer ein. Ein helles Summen erklang, und in der Wand neben der Glasscheibe �ffnete sich eine mit spiegelndem Metall verkleidete T�r. Braun trat hindurch, wartete, bis sich die T�r hinter ihm geschlossen hatte und �ffnete dann die innere T�r der sterilen Schleuse. Das Thema<emphasis> steril </emphasis>hatte sich erledigt, als er seinen Override-Code benutzt hatte, um den Raum in seiner normalen Stra�enkleidung zu betreten, aber das spielte wahrscheinlich keine Rolle mehr. Au�erdem war es sowieso nur eine �berfl�ssige Vorsichtsma�nahme, um irgendeinem ebenso �berfl�ssigen Sicherheitsprotokoll Gen�ge zu tun. Der Sarkophag selbst war nicht nur luftdicht, sondern bestand dar�ber hinaus aus einem Material, das so gut wie allen bekannten Strahlungen standhielt und sich vom Vakuum des Weltalls ebenso wenig beeindrucken lie� wie von einem Druck in viertausend Metern Wassertiefe. Das bi�chen Stra�enstaub, das er mit hereinbrachte, war l�cherlich.</p><p>Drau�en im Labor begannen ein halbes Dutzend Computer zu lamentieren, die diesen Versto� gegen die Sicherheitsvorschriften als nicht ganz so l�cherlich erachteten, und Braun sah durch die Scheibe, da� Grinner pl�tzlich alle H�nde voll zu tun hatte, von einem Pult zum anderen zu hasten und sie zum Schweigen zu bringen. Er blieb einen Moment stehen, wo er war, dann trat er langsam an das Kopfende des Sarkophags heran. Das schwarz verchromte Metall strahlte eine f�hlbare K�lte aus, und Brauns Gesicht spiegelte sich als verzerrte bleiche Totenmaske darauf. Vielleicht war es auch gar nicht sein Gesicht. Vielleicht sah er nicht das, was wirklich da war, sondern das Gesicht, das unter den acht Schichten aus Metall und Keramik verborgen war, das Gesicht des Mannes, den sie vor f�nf Jahren lebendig in diesem Sarkophag begraben hatten, lange, bevor er wirklich gestorben war.</p><p>Haymar. Er hatte den Mann gekannt. Sie waren einmal Kollegen gewesen. Keine Freunde - Haymar hatte keine Freunde gehabt. Wer suchte schon die Freundschaft eines Psychopathen, der fast genauso verr�ckt war wie die Irren, die er jagte? Braun versp�rte keine Gewissensbisse. Wenn es einen Menschen auf der Welt gab, der es verdient h�tte, auf diese Weise zu enden, dann war es Haymar. Und sie hatten schlie�lich gar keine andere Wahl gehabt. Er erinnerte sich noch zu gut an die Frage, die Bremer Sillmann gestellt hatte, kurz bevor die Wirklichkeit in St�cke brach und der Irrsinn zu reagieren begann: <emphasis>K�nnen Sie sich vorstellen, was passiert, wenn dieses Zeug in die H�nde eines echten Psychopathen f�llt?</emphasis></p><p>Er <emphasis>konnte </emphasis>es sich vorstellen. Er hatte es erlebt. Haymar hatte das halbe Krankenhaus und zwei Drittel des Einsatzkommandos ausgel�scht, bevor sie endlich begriffen hatten, was wirklich geschehen war. H�tten sie ihn damals nicht im letzten Moment ausgeschaltet...</p><p>Nein. Braun<emphasis> wollte </emphasis>den Gedanken nicht zu Ende denken. Haymar war tot, und er hatte sich jede Sekunde des Leids, das er vorher durchstanden hatte, hundertfach verdient.</p><p>Und wenn nicht? wisperte eine Stimme in seinen Gedanken. Was, wenn er nicht tot ist? Wenn er noch lebt? Irgendwie?</p><p>Dann hatte er es genauso verdient, antwortete Braun trotzig. Und sei es nur f�r den unwahrscheinlichen Fall, da� es <emphasis>keine </emphasis>H�lle gab.</p><p>Sein Handy piepste. Braun ri� den Apparat regelrecht aus der Tasche, klappte ihn auf und dr�ckte die Sprechtaste, ohne auch nur vorher auf das Display zu schauen und die Nummer des Anrufers zu identifizieren. Er wu�te, da� es Cremer war, und er w�rde ihm geh�rig den Marsch blasen. �Habt ihr ihn endlich?� schnappte er.</p><p>Es war nicht Cremer. Die Stimme war so d�nn, da� Braun im ersten Moment M�he hatte, sie zu identifizieren. Sein Handy war ein Hochleistungsger�t, aber er befand sich unter unz�hligen Tonnen Beton, Erdreich und Metall, und selbst die modernste Technik blieb noch ungef�hr drei Lichtjahre hinter Brauns W�nschen zur�ck.</p><p>�Malchow hier�, fl�sterte eine verzerrte Stimme an sein Ohr. �Ich bin im St.-Elizabeth-Krankenhaus. Reinhold und Cremer sind gerade eingeliefert worden.�</p><p>Braun verga� schlagartig alles, was er sich zu Cremers Begr��ung zurechtgelegt hatte. Sein Gehirn schaltete von einem Sekundenbruchteil zum anderen um und arbeitete jetzt wieder so pr�zise und kalt wie ein Computer. �Was ist passiert?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Malchow.</p><p>Braun rekapitulierte blitzschnell, was er �ber den Agenten wu�te. Ein ruhiger, pr�zise arbeitender Mann, vielleicht mit einem leichten Hang zur Selbst�bersch�tzung. Sehr zuverl�ssig. Wenn er sagte, da� er nichts wu�te, konnte er sich jede Nachfrage sparen.</p><p>�Die beiden sind gerade eingeliefert worden. Die diensthabende Krankenschwester hat die Notfallnummer auf Cremers Ausweis angerufen. Cremer liegt im Koma. Eine schwere Gehirnersch�tterung, vielleicht ein Sch�delbruch. Er wird durchkommen, aber es kann Tage dauern, bis er vernehmungsf�hig ist.�</p><p>�Und Reinhold?�</p><p>�Der wird vielleicht nie wieder reden k�nnen�, antwortete Malchow. �Er sieht aus, als h�tte jemand versucht, ihn mit einem Vorschlaghammer zu rasieren. Die beiden sind �bel zusammengeschlagen worden.� F�r einen Mann wie Malchow war das eine ungew�hnliche Meldung, dachte Braun, die deutlicher als alles andere zeigte, wie sehr ihn das, was er gerade gesehen hatte, beeindruckt haben mu�te.</p><p>�Bremer?� fragte er.</p><p>�Keine Spur von ihm�, antwortete Malchow. �Aber wir haben den Wagen der Kleinen gefunden. Er stand mit laufendem Motor auf der Stra�e. Daf�r ist Cremers Wagen verschwunden.� Braun runzelte die Stirn. Was bedeutete das? Bremer h�tte gegen einen Mann wie Reinhold nicht einmal dann eine Chance, wenn dieser mit auf dem R�cken zusammengebundenen H�nden gegen ihn angetreten w�re. Innerlich aber triumphierte er. Wenn die beiden wirklich so dumm gewesen waren, Cremers BMW zu nehmen, dann h�tten sie sie.</p><p>�Okay�, sagte er knapp. �Peilen Sie den Wagen an. Ich will drei komplette Teams vor Ort haben. Aber la�t euch nicht sehen und greift nicht ein, bis ich selbst da bin. Ich bin unterwegs.� Er steckte das Handy ein und drehte sich gleichzeitig herum, um den Raum zu verlassen. Diesmal schien es Ewigkeiten zu dauern, bis sich die Sicherheitst�r �ffnete; und noch l�nger, bis er endlich durch die Schleuse hindurch war. Im Sturmschritt durchquerte er das Labor, blieb aber vor dem Ausgang noch einmal stehen und drehte sich herum. Seine Gedanken arbeiteten schnell und pr�zise wie schon lange nicht mehr. Es war zehn, vielleicht f�nfzehn Minuten her, da� jemand, von dem er nun wu�te, da� es Bremer gewesen war, Cremers Handy ausgeschaltet hatte. Und ungef�hr zur gleichen Zeit...</p><p>�Grinner?� Es dauerte eine oder zwei Sekunden, bis das bleiche Gesicht des Forschungsassistenten hinter einem Computer-Pult auftauchte.</p><p>�Herr Braun?�</p><p>�Diese ... zerebralen Aktivit�ten, oder wie Sie es nennen wollen - Sie haben doch Aufzeichnungen davon gemacht?�</p><p>�Selbstverst�ndlich.�</p><p>�Gut�, antwortete Braun. �Dann machen Sie mir einen Ausdruck. Ich will genau wissen, wie heftig sie waren. Und vor allem <emphasis>wann.�</emphasis></p></section><section><title><p>19</p></title><empty-line/><p>Sie waren eine gute Viertelstunde ziellos durch die Stadt gefahren, ehe Bremer sich endlich entschieden hatte. Angela hatte ihre Begeisterung f�r schnelle Wagen in dieser Zeit zumindest weit genug im Zaum gehalten, da� sie keiner Verkehrsstreife auffielen und wom�glich auf der Stelle verhaftet wurden, und sie hatten auch noch in anderer Hinsicht Gl�ck: Bremer lie� Angela vor einer Telefonzelle anhalten und bl�tterte das Telefonbuch durch, das er darin fand, und die Adresse, die er ihr danach nannte, war nur wenige Blocks entfernt. Trotzdem war es fast vier, als sie vor dem vierst�ckigen Appartementhaus anhielten und ausstiegen.</p><p>Angela legte den Kopf in den Nacken und blinzelte an der mit kupferfarbenem Spiegelglas verkleideten Fassade empor.</p><p>�Erstaunlich�, sagte sie.</p><p>�Was?�</p><p>�Ich h�tte mir vorgestellt, da� ein Mann wie dieser Professor Mecklenburg in einer Villa im Gr�nen wohnt�, sagte sie. �Nicht in so einem Haus.�</p><p>�Wahrscheinlich geh�rt es ihm�, antwortete Bremer achselzuckend. Er hatte ihr nicht erz�hlt, da� Mecklenburg Professor war. Er sagte nichts, notierte sich den Punkt aber auf einer l�nger werdenden Liste von Fragen, die er ihr stellen w�rde, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab. Im Moment hatten sie andere Probleme.</p><p>Bremer sah sich aufmerksam in beide Richtungen um ehe sie auf die Stra�e hinaustraten. Die Gegend war so ziemlich das genaue Gegenteil von der, in der sie auf Cremer und Reinhold getroffen waren. Die H�user waren modern und gepflegt, und s�mtliche Stra�enlaternen brannten. Mit Ausnahme des BMW stand kein einziger Wagen auf der Stra�e. Wenn sie beobachtet wurden, hatten sich ihre Verfolger gut getarnt.</p><p>Bremer sch�ttelte die Vorstellung ab. Sie wurden nicht beobachtet. Es war ihrer Sache nicht dienlich, wenn er seiner Paranoia freien Lauf lie�.</p><p>Sie �berquerten die Stra�e. Die Hausbeleuchtung ging automatisch an, als sie sich dem Eingang n�herten. Bremer musterte die Namensschildchen neben den beleuchteten Klingelkn�pfen und stellte ohne �berraschung fest, da� Mecklenburg im obersten Stockwerk wohnte. Seine Klingel war die einzige, die allein in einer Reihe stand. Vermutlich eine Penthouse-Wohnung. Vielleicht hatte er mit seiner Vermutung, da� Mecklenburg dieses Haus geh�rte, gar nicht falschgelegen.</p><p>Er wollte die Hand nach dem Klingelknopf ausstrecken, aber Angela sch�ttelte den Kopf und lehnte sich mit der Schulter gegen die Haust�r. Sie sprang mit einem kaum h�rbaren Klicken auf.</p><p>�Jemand ist sp�t nach Hause gekommen und war wohl zu m�de, um abzuschlie�en�, sagte sie.</p><p>�Woher wu�test du das?� fragte Braun mi�trauisch.</p><p>Angela schob die T�r weiter auf und deutete zugleich mit einer Kopfbewegung auf eine Spur feuchter Schuhabdr�cke, die auf dem wei�en Marmor des Hausflures gl�nzten. �Einer meiner Vorfahren hie� Sherlock Holmes�, sagte sie sp�ttisch. Sie grinste.</p><p>Bremer l�chelte nicht. Angela hatte auf scheinbar alles eine logische Erkl�rung, aber das �nderte nichts daran, da� sie ihm allm�hlich fast unheimlich wurde. Vielleicht war es auch nur seine gekr�nkte M�nnlichkeit. Wer ertrug es schon auf Dauer, mit jemandem zusammenzusein, der nur halb so alt war, das Aussehen einer Sch�nheitsk�nigin hatte, st�rker und schneller als er selbst war und noch dazu alles besser konnte?</p><p>Au�erdem f�hlte er sich immer noch zu ihr hingezogen Jetzt vielleicht st�rker denn je.</p><p>Ohne ein weiteres Wort trat er an ihr vorbei und wartete, bis sie die T�r hinter sich wieder zugeschoben hatte. Das Treppenhaus war gr��er als seine Wohnung und ganz mit wei�em Marmor und funkelnden Messing-Accessoires ausgekleidet, und der Aufzug befand sich an seinem jenseitigen Ende. Sie traten in die Kabine, und Bremer dr�ckte den obersten Knopf. Nichts r�hrte sich. W�hrend Bremer die Schalttafel noch feindselig musterte, streckte Angela die Hand aus und dr�ckte den Knopf f�r die vierte Etage, und der Lift setzte sich gehorsam in Bewegung.</p><p>Bremer ersparte sich jeden Kommentar. Wahrscheinlich handelte es sich um einen jener Aufz�ge, die direkt in die Penthouse-Wohnung hineinf�hren, und nat�rlich brauchte man einen Schl�ssel, damit er sich in Bewegung setzte. Darauf h�tte er auch von selbst kommen k�nnen. Schweigend fuhren sie in die vierte Etage hinauf und verlie�en die Kabine. Der Flur, in den sie hinaustraten, war mit dem gleichen wei�en Marmor ausgekleidet wie der Eingangsbereich unten. Es gab auf jeder Seite nur zwei T�ren, was einen gewissen R�ckschlu� auf die Wohnungen dahinter zulie�, und eine f�nfte, schmalere, an seinem anderen Ende. Angela eilte voraus, um sie zu �ffnen, und Bremer folgte ihr in einem gewissen Abstand, und langsamer.</p><p>Erneut fiel ihm auf, wie unglaublich elegant und geschmeidig sie sich bewegte. Es war ihm jetzt fast unm�glich, sie mit der gleichen Frau zu identifizieren, die vor weniger als einer Stunde mit der Kompromi�losigkeit eines Killerinsekts �ber den Agenten hergefallen war und ihn fast umgebracht h�tte. Au�erdem kam sie ihm sehr viel sch�ner vor als noch am Nachmittag, als sie sich kennengelernt hatten - war das tats�chlich erst wenige Stunden her? Ihm kam es vor wie Jahre! Sie hatte sich ver�ndert, und schien deutlich fraulicher und reifer geworden zu sein, ohne dadurch allerdings etwas von ihrer jugendhaften Unbefangenheit und Fr�hlichkeit verloren zu haben.</p><p>Nat�rlich war ihm gleichzeitig klar, da� nichts davon wirklich der Fall war. Der einzige, der sich ver�ndert hatte, war er. Er sah Angela anders. Vielleicht jetzt noch viel weniger als das, was sie wirklich war, wie am Nachmittag.</p><p>Angela �ffnete die T�r. Sie gelangten in ein schmales, im gleichen schlichten Luxus gehaltenes Treppenhaus, das in einen daf�r um so weitl�ufigeren Empfangsraum hinauff�hrte, der nur zwei weitere T�ren aufwies. Die eine bestand aus Glas und f�hrte auf einen kleinen, matt erleuchteten Dachgarten hinaus, die andere zu Mecklenburgs Wohnung.</p><p>Diesmal war Bremer als erster an der T�r und klingelte. Er h�rte nichts, aber nach kaum drei�ig Sekunden drehte sich der T�rknauf und Mecklenburg �ffnete die T�r. Er wirkte bla� und �bern�chtigt, aber keineswegs so, als h�tte ihr Klingeln ihn aus dem Schlaf gerissen. Bremer hatte pl�tzlich eine ungef�hre Ahnung, wer die feuchten Spuren unten im Treppenhaus zur�ckgelassen hatte.</p><p>Und er sah kein bi�chen �berrascht aus, Bremer mitten in der Nacht vor sich zu sehen.</p><p>Er wirkte schlichtweg <emphasis>entsetzt.</emphasis></p><p>�Was ... was machen Sie denn...?� begann er. Bremer schob ihn unsanft ein St�ck zur�ck, dr�ckte mit der anderen Hand die T�r weiter auf und trat ein. Angela huschte wortlos an ihm vorbei und verschwand in der Wohnung. Mecklenburg schien sie nicht einmal zu bemerken. Er starrte Bremer weiter an.</p><p>�Ich wei�, es ist ein bi�chen sp�t f�r einen Hausbesuch�, sagte Bremer. �Aber es handelt sich sozusagen um einen Notfall. Sie gestatten doch?� Im Vorbeigehen packte er Mecklenburg an der Schulter und zerrte ihn grob hinter sich her. Der Arzt war ein St�ck gr��er als er, daf�r aber wesentlich schlanker und mindestens zehn Jahre �lter. Er schien �berhaupt kein Gewicht zu besitzen. Bremer zog ihn halb, halb schubste er ihn in das gro�z�gige Wohnzimmer hinein, das sich an die Diele anschlo�, und sah sich rasch um. Der Raum war riesig. Zwei der vier W�nde bestanden ganz aus Glas und f�hrten auf den gepflegten Dachgarten hinaus, den er schon von der Eingangshalle aus gesehen hatte. Tags�ber oder in einer klaren Nacht mu�te die Aussicht auf die Stadt fantastisch sein.</p><p>Abgesehen von einer zierlichen Sitzgarnitur, einem �berdimensionalen Fernseher und einer kleinen Bar war der Raum praktisch leer, was den gr��ten Luxus darstellte der Bremer bisher in diesem Haus begegnet war. Er stie� Mecklenburg auf das kleinere der beiden Sitzm�bel herab und baute sich drohend vor ihm auf.</p><p>�So�, sagte er. �Und jetzt will ich ein paar Antworten.� Sein brachiales Verhalten war kein Zufall, und er hatte auch keineswegs die Nerven verloren. Ganz im Gegenteil war sein v�llig untypisches Verhalten genau kalkuliert. Bremer hatte in langen Jahren der Polizeierfahrung genug Menschenkenntnis gesammelt, um ziemlich genau zu wissen, zu welcher Art von Mensch der Professor geh�rte. Er war sicher niemand, der leicht zu beeindrucken war oder sich gar einsch�chtern lie�. Daf�r verf�gte er selbst �ber zuviel Macht und zuviel Erfahrung. Um so verheerender wirkte auf solche Menschen oft genug die Erfahrung primitiver, k�rperlicher Gewalt.</p><p>Die Rechnung ging auf. Mecklenburgs Augen quollen vor Entsetzen ein St�ck weit aus den H�hlen. Er zitterte so heftig, da� die kleine Chaiselongue, auf der er sa�, deutlich zu wackeln begann. �Bitte, Herr Bremer�, stammelte er. �Ich...�</p><p>�Sie werden mir jetzt zuh�ren!� unterbrach ihn Bremer. �Ich werde Ihnen jetzt ein paar Fragen stellen, und<emphasis> dann </emphasis>werden Sie reden!� Gleichzeitig gemahnte er sich in Gedanken aber auch selbst zur M��igung. Es hatte keinen Zweck, Mecklenburg so sehr zuzusetzen, da� er am Ende zusammenklappte. Er wollte, da� er ihm antwortete, nicht, da� er einen Herzanfall bekam. Au�erdem tat ihm der alte Mann mittlerweile ehrlich leid. Aber er hatte einfach keine Zeit, nett zu sein.</p><p>Angela kam zur�ck. �Die Wohnung ist sauber�, sagte sie. �Niemand da.�</p><p>�Ich lebe allein�, sagte Mecklenburg. �Das h�tte ich Ihnen auch sagen k�nnen. Wer sind Sie?�</p><p>�Sie geh�rt zu mir�, sagte Bremer und zog Mecklenburgs Aufmerksamkeit damit wieder auf sich. �Wer sie ist, spielt jetzt keine Rolle.�</p><p>�Bitte, Herr Bremer!� Mecklenburg fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen. Er zitterte noch immer, fand seine Fassung aber allm�hlich wieder. �Es gibt keinen Grund, grob zu werden. Ich ... bin froh, da� Sie hier sind, glauben Sie mir.�</p><p>�Nein�, sagte Bremer. �Tue ich nicht.�</p><p>�Das kann ich Ihnen nicht einmal verdenken�, antwortete Mecklenburg. �Aber ich meine es ernst, glauben Sie mir. Es tut mir aufrichtig leid. Ich wollte, ich h�tte nie etwas mit dieser Sache zu tun gehabt.�</p><p>�Ich auch�, sagte Bremer. Er setzte sich - genauer gesagt: Er<emphasis> wollte </emphasis>sich setzen. Aber als er eine entsprechende Bewegung machte, scho� ein so greller Schmerz durch seine Nieren, da� er st�hnend die Z�hne zusammenbi� und f�r einen Moment zitternd und nach vorne gebeugt dastand.</p><p>�Was haben Sie?� fragte Mecklenburg alarmiert.</p><p>�Nichts�, antwortete Bremer gepre�t. �Es geht gleich vorbei.�</p><p>�Jemand hat ihm in die Nieren geschlagen�, sagte Angela. �Ziemlich heftig.�</p><p>�Das ist nicht gut.� Mecklenburg stand auf. �Ich sehe mir das besser einmal an.�</p><p>Bremer hob abwehrend die Hand. Mit einiger M�he gelang es ihm, sich wieder aufzurichten, auch wenn er dabei das Gef�hl hatte, in der Mitte durchzubrechen und ihm der Schmerz die Tr�nen in die Augen trieb. �Das ist nicht n�tig�, sagte er. �Wenn ich Ihre Toilette benutzen darf, reicht das schon.�</p><p>�Mit so etwas ist nicht zu spa�en�, sagte Mecklenburg ernst, zuckte aber mit den Schultern und deutete nach links. �Die zweite T�r.�</p><p>�Danke.� Bremer bi� die Z�hne zusammen, damit ihm nicht ganz aus Versehen doch noch ein Schmerzenslaut entschl�pfte, und ging mit steifbeinigen, kleinen Schritten in die Richtung, die Mecklenburg ihm gewiesen hatte. Das Licht in der Toilette ging automatisch an, als er sie betrat. Bremer schlo� die T�r hinter sich, lie� sich schwer dagegen fallen und blieb l�nger als eine Minute zitternd und mit geschlossenen Augen stehen, ehe er auch nur die Kraft fand die zwei Schritte zur Klosch�ssel zu gehen. Der Schmerz in seinen Nieren wurde immer schlimmer und breitete sich allm�hlich in seinen ganzen Eingeweiden aus. Er war jetzt �berzeugt davon, da� Cremer ihn wirklich schwer verletzt hatte. Das Urinieren war eine Qual, und als Bremer hinterher ins Becken blickte, stellte er fest, da� er eine Menge Blut von sich gegeben hatte.</p><p>Ein zweiter Schw�cheanfall zwang ihn dazu, sich noch einmal gegen die Wand zu lehnen und diesmal gleich mehrere Minuten stehenzubleiben, bis der Schmerz in seinen Nieren allm�hlich abklang. Seine Knie zitterten, als er das Bad verlie� und zu Angela und Mecklenburg zur�ckging. Er erlebte eine �berraschung. Die beiden sa�en beieinander auf der Couch und tranken Kaffee, als h�tten sie Mecklenburg nicht mitten in der Nacht in seiner Wohnung �berfallen, sondern w�ren zu einem lang ersehnten Familienbesuch vorbeigekommen.</p><p>Als er n�her schlurfte, hob Mecklenburg den Kopf und fragte: �Mit oder ohne?�</p><p>�Blut.� Bremer verzog das Gesicht, lie� sich in einen der noch freien Sessel fallen und betrachtete stirnrunzelnd die Kanne mit frisch aufgebr�htem Kaffee, die auf dem Tisch stand.</p><p>�Wie lange war ich da drinnen?� fragte er.</p><p>�Der Kaffee war schon fertig�, antwortete Mecklenburg. �Ich hatte ihn gerade aufgebr�ht, als Sie so freundlich um Einla� gebeten haben. Ich bin erst vor einer Viertelstunde gekommen.�</p><p>�Und Sie trinken immer schwarzen Kaffee, wenn Sie morgens um vier von der Arbeit kommen�, vermutete Bremer. �Um besser einschlafen zu k�nnen, nehme ich an.�</p><p>�Ich hatte nicht vor, zu schlafen�, antwortete Mecklenburg.</p><p>Bremer beugte sich umst�ndlich vor, um sich eine Tasse Kaffee einzuschenken, und Angela nahm ihm die M�he ab.</p><p>Mecklenburg sagte: �Das w�rde ich nicht tun. Wenigstens nicht, bevor sich ein Arzt Ihre Nieren angesehen hat.�</p><p>�Kennen Sie einen guten, den Sie mir empfehlen k�nnten?� fragte Bremer b�se. Er h�ufte drei L�ffel Zucker in seinen Kaffee, r�hrte um und nahm einen weiteren L�ffel, nachdem er gekostet hatte. Mecklenburg schien tats�chlich nicht vorgehabt zu haben, schlafen zu gehen. Nach diesem Kaffee w�rde er ein Jahr lang nicht mehr schlafen k�nnen.</p><p>�Wahrscheinlich haben Sie recht, Doktor�, sagte er. �Aber ich f�rchte, meine Nieren sind im Moment mein kleinstes Problem.� Mecklenburg widersprach ihm nicht, was Bremer ziemlich beunruhigend fand.</p><p>�Ich habe mich ein wenig mit Ihrer Assistentin unterhalten, w�hrend Sie auf der Toilette waren�, sagte er. �Ich kann Ihren Zorn jetzt verstehen. Es ist schlimmer, als ich dachte.�</p><p>�So?� fragte Bremer. �Was?�</p><p>�Man hat Ihnen niemals die ganze Geschichte erz�hlt, nicht wahr?� fragte Mecklenburg.</p><p><emphasis>�Niemand </emphasis>hat mir<emphasis> irgendeine </emphasis>Geschichte erz�hlt�, antwortete Bremer betont. �Der einzige, der mir etwas erz�hlt hat, war mein behandelnder Arzt. Nur wei� ich nicht, ob ich ihm noch glauben kann oder nicht. Ich f�rchte, das Vertrauensverh�ltnis zwischen Patient und Arzt ist in letzter Zeit ein bi�chen ersch�ttert worden.�</p><p>�Ich verstehe, da� Sie so denken�, sagte Mecklenburg traurig. �Aber ich habe Ihnen so viel gesagt, wie ich konnte. Eigentlich schon mehr, als ich durfte.�</p><p>�Sie arbeiten f�r sie�, sagte Bremer.</p><p>�<emphasis>Sie?� </emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Ich habe keine Ahnung, wie sich der Verein nennt�, fauchte Bremer. �Wahrscheinlich hat er keinen Namen. Aber Sie wissen verdammt genau, wen ich meine! Der freundliche Herr, der mir die Nieren massiert hat, geh�rt dazu.�</p><p>�Ich wu�te nicht, da� sie so weit gehen w�rden�, sagte Mecklenburg leise. �Aber wahrscheinlich war ich ziemlich naiv.� Bremer tat ihm nicht den Gefallen, zu widersprechen. Er versuchte vergebens, irgendeine Spur von Ha� oder auch nur Zorn auf Mecklenburg in sich zu entdecken. Wenn ihm eines klar war, dann, da� Mecklenburg auch nicht mehr als ein Werkzeug in dieser Geschichte war. Aber er war auch nicht hierhergekommen, um ihm die Absolution zu erteilen.</p><p>�Sie k�nnen es wieder gutmachen�, sagte er. �Erz�hlen Sie mir, was wirklich passiert ist.�</p><p>�Sie haben die Formel verloren�, sagte Mecklenburg.</p><p>�Wie?�</p><p>�Die Azrael-Formel.� Mecklenburg trank einen Schluck Kaffee. �Sillmann hat gr�ndliche Arbeit geleistet. Sie haben jedes verdammte St�ckchen Papier unter ein Elektromikroskop gelegt, das sie in seinem Haus und in der Fabrik gefunden haben, aber ohne Erfolg. Die Formel ist weg. Ein f�r allemal.�</p><p>�Und es ist niemandem gelungen, sie zu rekonstruieren?� fragte Angela zweifelnd. �Mit all den M�glichkeiten, die Sie haben? Zahllosen Wissenschaftlern, unbegrenztes Geld, der modernsten Technik?�</p><p>�Selbstverst�ndlich�, antwortete Mecklenburg. �Wir haben die Formel im letzten Molek�l rekonstruiert. Aber sie wirkt nicht.�</p><p>�Ich habe etwas anderes erlebt�, sagte Bremer. <emphasis>�Ich erlebe es noch.� </emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Ich wei߫, sagte Mecklenburg. �Wir haben die Formel ein dutzendmal �berpr�ft. Es<emphasis> ist </emphasis>die gleiche Zusammensetzung. Aber sie wirkt nicht. Es war nicht nur die Droge, verstehen Sie? Es war...�</p><p>�Etwas in Marc Sillmanns Blut�, sagte Angela leise.</p><p>Mecklenburg nickte. �Ja. Irgendein unbekannter Faktor. Etwas, was durch die Azrael-Droge erst geweckt wurde. Weder sein Vater noch L�bach konnten es wissen, aber sie haben eine Droge zusammengemixt, die nur bei ihm gewirkt hat.�</p><p>�Weil sie Marcs Blut als Ausgangsstoff genommen haben�, vermutete Bremer.</p><p>�Ja. Azrael<emphasis> und</emphasis> irgendein unbekannter Faktor in Marcs Blut erschufen dieses ... <emphasis>Etwas.� </emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Und nach Marcs Tod gibt es keine M�glichkeit mehr, eine zweite Azrael-Droge herzustellen�, sagte Angela.</p><p>�Ich f�rchte, so einfach ist das nicht�, seufzte Mecklenburg - �Es ist ansteckend.�</p><p>�Ansteckend?� wiederholte Angela ungl�ubig. �Wie ... eine Krankheit?�</p><p>�Es �bertr�gt sich durch Blutkontakt�, sagte Mecklenburg. �Gelangt es einmal in den Kreislauf eines Menschen, dann f�ngt dieser nach einer gewissen Zeit ebenfalls an, den Azrael-Wirkstoff in seinem K�rper zu produzieren. Der Proze� ist nicht umkehrbar. Das macht diese Droge so gef�hrlich. Die M�nner, die damals hinter Marc und Herrn Bremer her waren, wu�ten das.�</p><p>�Und es war ihnen gleich?� Angela ri� die Augen auf.</p><p>�Wo denken Sie hin!� antwortete Mecklenburg. �Sie sind vielleicht gewissenlos, aber nicht dumm. Dieses Zeug ist gef�hrlicher als eine Wasserstoffbombe! Die gesamte zivilisierte Welt versucht seit zwanzig Jahren vergeblich, AIDS unter Kontrolle zu bekommen. K�nnen Sie sich vorstellen, was <emphasis>dieses </emphasis>Zeug anrichtet, wenn es unkontrolliert in Umlauf gelangt?�</p><p>�Das J�ngste Gericht�, murmelte Angela. Sie war sehr bla� geworden.</p><p>�So ungef�hr�, best�tigte Mecklenburg. �Das Aufr�umkommando war sehr gr�ndlich, das kann ich Ihnen versichern. Der Keller, in dem Marc Sillmann und sein Vater starben, wurde sterilisiert, s�mtliche Leichen an Ort und Stelle verbrannt und der einzige �berlebende unter allen nur vorstellbaren Sicherheitsvorkehrungen weggeschlossen.�</p><p>Angela sah Bremer an, sagte aber nichts dazu, sondern fragte: �Lassen Sie mich raten. Zu diesem Zeitpunkt wu�ten Sie noch nicht, da� Sie die Droge nicht rekonstruieren konnten.�</p><p>�Nein�, best�tigte Mecklenburg.</p><p>�Schade, da� ich ihre Gesichter nicht gesehen habe, als sie es begriffen haben�, sagte Angela.</p><p>�Anscheinend haben Sie mir nicht zugeh�rt�, sagte Mecklenburg ernst. �Es ist gar nicht n�tig, die Droge zu synthetisieren. Azrael ist noch da. Es gab einen �berlebenden. Er war infiziert.� Angela starrte Bremer an, und Mecklenburg sch�ttelte den Kopf. �Ich rede nicht von Herrn Bremer. Er war nicht der �berlebende.�</p><p>�Aber...�</p><p>�Ich war klinisch tot�, sagte Bremer. �Beinahe vier Tage lang.� Er wandte sich an Mecklenburg. �Dieser andere �berlebende...?�</p><p>�Sein Name war Haymar�, sagte Mecklenburg. �Einer von Sendigs M�nnern. Kannten Sie ihn?�</p><p>Bremer verneinte, und Mecklenburg fuhr fort: �Er wurde sehr schwer verletzt. Wir haben die letzten f�nf Jahre damit zugebracht, ihn irgendwie am Leben zu erhalten.�</p><p>�Wir?�</p><p>�Ich�, gestand Mecklenburg. �Ich sagte bereits, da� ich es bedaure, mich je mit ihnen eingelassen zu haben.�</p><p>�Und warum haben Sie es getan?� Bremer sah sich demonstrativ um. �Geld?�</p><p>�Nein. Ich stamme aus einer ziemlich verm�genden Familie. Geld hat mich nie interessiert. Ich glaube, es war die Herausforderung. Die Chance, vielleicht das Geheimnis des Lebens selbst zu l�ften.�</p><p>�Ist es Ihnen gelungen?� fragte Bremer.</p><p>�Moment mal�, sagte Angela. �Was soll das hei�en: Du warst vier Tage klinisch tot? Niemand ist vier Tage klinisch tot und spaziert anschlie�end wieder herum!� Sowohl Mecklenburg als auch Bremer ignorierten sie.</p><p>�Sagen Sie mir, da� das, was ich gerade geh�rt habe, nicht das bedeutet, was ich glaube�, murmelte Bremer.</p><p>�Es hat fast f�nf Jahre gedauert�, sagte Mecklenburg leise. �Aber wir standen kurz davor, den Azrael-Wirkstoff in seinem Blut zu isolieren. Nicht dieses Teufelszeug, das die Leute wahnsinnig macht, sondern das, wonach L�bach und Sillmann damals gesucht haben.�</p><p>�Das ist monstr�s�, sagte Angela. �Wie konnten Sie sich nur darauf einlassen?�</p><p>�Sie sind ziemlich naiv, mein Kind�, sagte Mecklenburg. �Haben Sie denn immer noch nicht begriffen, wor�ber wir hier reden? Wer immer diese Droge besitzt, hat die absolute Macht! Sie k�nnen Menschen beherrschen. Jeden beliebigen Menschen. Nicht durch Erpressung oder Bestechung. Wenn Sie ihn mit Azrael infizieren, dann wird er alles tun, was Sie von ihm verlangen. Und er wird nicht einmal merken, da� er manipuliert wird.�</p><p>�Und wenn er es merkt, w�re es ihm gleich�, f�gte Bremer hinzu.</p><p>�Ja�, sagte Mecklenburg, noch immer an Angela gewandt. �Es geht hier um<emphasis> Macht, </emphasis>meine Liebe. Nicht um Geld. Um Macht. Das einzige, was z�hlt.�</p><p>�War es das, was Sie auch gereizt hat?� fragte Angela ernst. �Macht �ber Leben und Tod?� Mecklenburg antwortete nicht gleich, aber Bremer las auf seinem Gesicht, da� sie mit ihrer Frage der Wahrheit ziemlich nahe gekommen sein mu�te.</p><p>�Vielleicht�, sagte er schlie�lich.</p><p>Nicht vielleicht, dachte Bremer. Die Antwort lautete eindeutig ja. Aber vermutlich war das das �u�erste Zugest�ndnis, zu dem er im Moment in der Lage war.</p><p>�Dann tun Sie mir leid�, sagte Angela. �Es gibt Dinge, an die man besser nicht r�hren sollte.�</p><p>�Als ob ich das nicht w��te!� Mecklenburg griff nach seiner Tasse, stellte fest, da� sie leer war und schenkte sich nach, lie� sich dann aber wieder zur�cksinken, ohne getrunken zu haben.</p><p>�Was ist schiefgegangen?� fragte Bremer.</p><p>�Schiefgegangen? Wie kommen Sie darauf, da� etwas schiefgegangen ist?�</p><p>�Wir w�ren jetzt nicht hier, wenn alles nach Plan verlaufen w�re, oder?� sagte Bremer.</p><p>Angela hob pl�tzlich mit einem Ruck den Kopf und lauschte. Bremer sah alarmiert zu ihr auf. �Was hast du?�</p><p>�Nichts�, antwortete Angela. �Es war ... nichts.� Diese zweifache Beteuerung hielt sie allerdings nicht davon ab mit einer flie�enden Bewegung aufzustehen und eine weitere Sekunde konzentriert und mit geschlossenen Augen stehenzubleiben. Sie drehte sich einmal um ihre Achse ging dann zum Fenster und �ffnete die Terrassent�r. Ein Schwall feuchtkalter Luft wehte zu ihnen herein und lie� Bremer schaudern, als sie auf die Dachterrasse hinaustrat. Er versuchte ihr mit Blicken zu folgen, aber es gelang ihm nicht, denn irgendwie schien ihre Gestalt schon nach wenigen Schritten mit der Dunkelheit drau�en zu verschmelzen. Bremer fragte sich, ob Angela vielleicht irgendeine Art von Ninja-Ausbildung genossen hatte. Wenn ja, schien sie zu funktionieren. Bremer hatte sich bisher immer geweigert, an solcherlei Humbug zu glauben - aber schlie�lich hatte er in den letzten vierundzwanzig Stunden eine Menge erlebt, was er noch tags zuvor f�r unm�glich gehalten h�tte.</p><p>Er schob den Gedanken von sich und wandte sich wieder an Mecklenburg. �Also?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, sagte Mecklenburg. F�r Bremers Geschmack benutzte er diese vier Worte im Verlauf ihres Gespr�ches entschieden zu oft. Bisher war er eher der Meinung gewesen, da� dieses Eingest�ndnis aus dem Munde eines Wissenschaftlers einer der sieben Tods�nden gleichkam. Aber er beherrschte sich. Er sp�rte, da� Mecklenburg jenen Punkt erreicht hatte, an dem er ganz von selbst weiterreden w�rde und Fragen eher sch�dlich waren.</p><p>�Vielleicht sind wir einen Schritt zu weit gegangen�, fuhr Mecklenburg fort. �Irgend etwas passiert. Aber ich wei� nicht was. Ich wei� nur, da� es mir angst macht. Ich glaube, wir haben etwas ... geweckt.�</p><p>Bremer lachte, leise und ohne die Spur von �berzeugung. �Sie wollen mir doch nicht erkl�ren, da� Sie pl�tzlich anfangen, an Geister zu glauben, Professor. Sie? Ein Mann der Wissenschaft?�</p><p>�Vielleicht gerade ich�, antwortete Mecklenburg. �Ich wei� genug, um zu wissen, da� ich sehr viel mehr Dinge nicht erkl�ren kann, als ich wei�. Was passiert mit unserem Bewu�tsein, wenn wir sterben, Herr Bremer? Erlischt es einfach, wie eine durchgebrannte Gl�hbirne? Ist es wirklich nur ein elektrisches Feld, das einfach aufh�rt zu existieren? Oder ist da noch mehr? Sagen Sie es mir. Sie haben es erlebt!�</p><p>Es war praktisch die gleiche Frage, die Angela ihm auch schon gestellt hatte, und er antwortete mit der gleichen L�ge: �Ich mu� Sie entt�uschen, Professor. Ich erinnere mich an nichts. Ich wurde angeschossen, und das Licht ging aus. Danach bin ich in Ihrer Klinik wieder aufgewacht. Das ist alles.�</p><p>Mecklenburgs Blick machte klar, da� er ihm nicht glaubte. Er hatte recht damit. Da <emphasis>war </emphasis>mehr gewesen. Sehr viel mehr sogar. Er erinnerte sich nicht an Details, aber im Grunde nur, weil er sich mit aller Willenskraft <emphasis>verbot, </emphasis>sich zu erinnern. Sein Unterbewu�tsein war voll von Bildern, Erinnerungen, Gef�hlen. Da war etwas gewesen; etwas Gro�es, unbeschreiblich Machtvolles. Er hatte es nur fl�chtig ber�hrt, und w�re trotzdem an diesem Hauch beinahe verbrannt. Er konnte nicht einmal sagen, ob die Macht, die er gef�hlt hatte, guter oder schlechter Natur war, oder vielleicht nichts von beiden, und er h�tete sich auch, zu genau in seinen Erinnerungen zu forschen. Er hatte einen guten Grund, all diese Dinge tief in sich begraben zu haben. Wie h�tte er weiterleben k�nnen, mit dem Wissen, da� ihn die H�lle erwartete? Und warum h�tte er weiterleben<emphasis> sollen, </emphasis>wenn es das Gegenteil war?</p><p>�Schade�, sagte Mecklenburg, als er begriff, da� Bremer nicht antworten w�rde, ganz egal, wie lange er darauf wartete. �Ich hatte gehofft, da� Sie mir diese Frage beantworten k�nnten.�</p><p>�Leider�, sagte Bremer. �Ich k�nnte Ihnen jetzt etwas von einem langen Tunnel erz�hlen und einem strahlenden Licht an seinem Ende. Aber es w�re nicht wahr.�</p><p>�Es w�re auch nicht das, was ich h�ren wollte�, antwortete Mecklenburg. �Das R�tsel des Tunnelerlebnisses ist l�ngst gel�st, glauben Sie mir. Die Antwort ist ziemlich ern�chternd. Vielleicht wollen die Leute sie deshalb nicht h�ren und klammern sich deshalb weiter an die Version von der Reise ins Licht.�</p><p>�Sehen Sie?� sagte Bremer. �Sie wissen doch mehr als ich.� Angela kam zur�ck und schlo� die Terrassent�r hinter sich.</p><p>�Was war los?� fragte Bremer.</p><p>�Nichts�, sagte Angela. �Ich dachte, ich h�tte etwas geh�rt. Aber drau�en ist alles ruhig. Ich bin wohl nur nerv�s.� Dieses Eingest�ndnis trug nicht unbedingt zu Bremers Beruhigung bei.</p><p>Er wartete, bis Angela sich gesetzt hatte, dann wandte er sich wieder an Mecklenburg. �Sie haben meine Frage nicht beantwortet�, sagte er. �Was ist schiefgegangen?�</p><p>�Doch, das habe ich. Ich wei� es nicht. Irgend etwas geht vor, das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Wir sollten dieses Experiment beenden. Aber das wird Braun nie zulassen.�</p><p>�Beenden? Sie meinen damit, Haymar zu t�ten?�</p><p>Mecklenburg gab einen seltsamen Laut von sich. �Er ist l�ngst nicht mehr am Leben.� In dieser Behauptung verbarg sich eine Frage, die Bremer fast so deutlich h�rte, als h�tte er sie tats�chlich ausgesprochen. Er ignorierte sie, und bevor das Schweigen wirklich unangenehm werden konnte, stand Angela abermals auf und ging zur T�r. Kein Zweifel: Sie<emphasis> war </emphasis>nerv�s.</p><p>�Es tut mir leid, da� ich Ihnen nicht weiterhelfen kann�, sagte Mecklenburg. �Aber ich habe Ihnen jetzt alles gesagt, was ich wei�. Wenn ich Ihnen noch einen <emphasis>Rat </emphasis>geben darf...�</p><p>�Nur zu.� Drau�en in der Diele polterte etwas. Sehr leise, aber h�rbar.</p><p>�Verlassen Sie die Stadt�, sagte Mecklenburg. �Braun ist der �berzeugung, da� Sie irgend etwas mit der Sache zu tun haben, und Sie haben ja schon erlebt, wozu er f�hig ist. Nehmen Sie Ihre kleine Freundin, und verschwinden Sie, bevor Sie ihm in die H�nde fallen. Ich kann Ihnen etwas Bargeld geben. Nicht viel, aber genug, um in die n�chste Maschine zu steigen und auf irgendeine Karibikinsel zu fliegen. Ich wei� nicht, ob Sie dort vor ihm sicher sind, aber...� Das Poltern wiederholte sich. Im n�chsten Sekundenbruchteil erklang ein abgehackter Schrei, und Angela kam im hohen Bogen durch die T�r geflogen, landete auf dem Parkettfu�boden und schlitterte ein paar Meter davon, ehe sie zur Ruhe kam. Noch bevor sie sich wieder aufrappeln konnte, traten zwei M�nner in dunklen Anz�gen durch die T�r. Jeder von ihnen hielt eine gro�kalibrige Waffe in der Hand, mit der er auf Angela zielte.</p><p>�Nein, Professor, das w�re er nicht. Es gibt keinen Ort, an dem man sich vor mir verstecken kann. Wenigstens nicht auf diesem Planeten. Ich dachte, Sie wissen das.� Ein dritter Mann trat ins Zimmer. Er war nicht ganz so gro� wie die beiden Bewaffneten und ein wenig �lter, aber ebenso elegant gekleidet. Offenbar hatte die ganze Truppe nicht nur den gleichen Autolieferanten, sondern auch denselben Schneider.</p><p>Bremer erkannte ihn auf der Stelle wieder. Es war f�nf Jahre her, da� er ihn das letztemal gesehen hatte. Damals war er j�nger gewesen, und noch nicht der Chef, sondern ein unscheinbares Mitglied von Sendigs Schl�gertrupp, aber es gab keinen Zweifel.</p><p>�Guten Morgen, Herr Bremer�, sagte Treblo. �Ich freue mich wirklich, da� wir uns wieder einmal begegnen.�</p><p>�Treblo!� murmelte Bremer.</p><p>�Braun�, antwortete Treblo. �Sie k�nnen das nicht wissen, aber im Moment ziehe ich den Namen Braun vor. Das macht Ihnen doch nichts aus, oder?� Bremer wollte aufstehen, und in Brauns Hand erschien wie hingezaubert eine Pistole. �Bitte!� sagte er kopfsch�ttelnd. Die Waffe war gespannt. Bremer sah, da� er den Abzug bereits halb durchgezogen hatte. Braun war tats�chlich bereit, zu schie�en. Er l�chelte weiter, und sein Gesicht wirkte entspannt. Aber er hatte sich nur zu neunundneunzig Prozent in der Gewalt, nicht zu hundert. Eine Spur von Unsicherheit blieb. Auch wenn Bremer es sich nicht ganz erkl�ren konnte, wurde ihm doch schlagartig klar, da� Braun ... <emphasis>Angst </emphasis>vor ihm hatte.</p><p>Angela erhob sich vorsichtig. Die Waffen der beiden M�nner an der T�r folgten ihrer Bewegung akribisch, und Braun sagte: �Langsam, wenn ich Sie bitten darf. Ich wei�, was ihr zwei mit Reinhold und Cremer gemacht habt. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht erkl�ren, wie, aber ich bin ehrlich gesagt auch gar nicht sehr scharf darauf, es herauszufinden.� Angela f�hrte ihre Bewegung sehr viel langsamer zu Ende und hob die H�nde, und Bremer lie� sich vorsichtig wieder in seinen Sessel zur�cksinken. Brauns Waffe blieb weiter starr auf sein Gesicht gerichtet.</p><p>�Ich bin f�r klare Verh�ltnisse�, sagte Braun. �Sehen Sie auf Ihre Brust.� Bremer gehorchte. Unmittelbar �ber seinem Herzen zitterten zwei winzige, rote Lichtflecke.</p><p>�Damit das ganz klar ist�, sagte Braun. �Zwei meiner M�nner zielen vom Dach des gegen�berliegenden Geb�udes mit Pr�zisionsgewehren auf Sie. Wenn hier drinnen irgend etwas passiert, was ihnen nicht ganz koscher vorkommt, dr�cken sie ab. Nicht einmal ich kann sie daran hindern. Tun Sie also lieber nichts Un�berlegtes. Haben Sie mich verstanden?� Bremer nickte. Die Spannung wich ein wenig aus Brauns Gesicht, aber seine Waffe blieb weiter auf Bremer gerichtet, als er sich herumdrehte und an Mecklenburg wandte. �Sie entt�uschen mich, Professor�, sagte er. �Ich h�tte wirklich nicht geglaubt, da� Sie mir so in den R�cken fallen.� Er sch�ttelte den Kopf, schwenkte seine Waffe herum und scho� Mecklenburg zwischen die Augen. Mecklenburg wurde mitsamt der kleinen Couch, auf der er sa�, nach hinten gerissen und schlug mit verdrehten Gliedern auf dem Parkettfu�boden auf, und Braun richtete die Waffe wieder auf Bremer.</p><p>Angela hatte einen ungl�ubigen kleinen Schrei ausgesto�en und war in eine geduckte, sprungbereite Haltung gesunken, dann aber wieder erstarrt, als die beiden M�nner an der T�r drohend ihre Waffen hoben, und Bremer sah aus den Augenwinkeln, da� selbst sie Braun ungl�ubig und entsetzt ansahen. Bremer war ziemlich sicher, da� jeder von ihnen schon einen oder auch mehrere Menschen get�tet hatte, oder zumindest dazu bereit war, doch was Braun gerade getan hatte, war etwas anderes. Und es war vor allem so <emphasis>sinnlos.</emphasis></p><p>Fassungslos starrte er den leblosen K�rper des Professors an. �Aber ... warum?�</p><p>�Wie bereits gesagt�, antwortete Braun. �Ich bin f�r klare Verh�ltnisse. Jetzt werden Sie mir glauben, da� ich es ernst meine.�</p><p>�Das h�tte ich vorher auch�, sagte Bremer leise. �Es war nicht n�tig, diesen hilflosen alten Mann umzubringen.�</p><p>�Seltsam�, antwortete Braun. �Aber ausgerechnet aus Ihrem Mund etwas �ber den Wert eines Menschenlebens zu h�ren, finde ich eher komisch.� Er griff mit der linken Hand in die Tasche, zog ein paar Handschellen heraus und warf sie Angela zu. �W�ren Sie bitte so freundlich, sie anzulegen, meine Liebe?� fragte er.</p><p>Bremer hielt Angela aufmerksam im Auge. Sie sah einen Moment lang nachdenklich auf die Handschellen herab, und Bremer konnte regelrecht sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Er betete, da� sie keine Dummheiten machte. Er traute ihr durchaus zu, mit den beiden Agenten fertig zu werden, die auf sie angelegt hatten, vollkommen ungeachtet ihrer Waffen. Aber dann w�rden entweder Braun oder die beiden M�nner auf dem gegen�berliegenden Dach ihn erschie�en.</p><p>Angela schien wohl zu dem gleichen Schlu� zu kommen, denn nach einer Sekunde zuckte sie mit den Achseln und lie� die Handschelle um ihr linkes Handgelenk schnappen. Als sie auch die andere einrasten lassen wollte, sagte Braun:<emphasis> �Hinter </emphasis>dem R�cken.� Angela warf ihm einen zornigen Blick zu, gehorchte aber. Braun machte eine entsprechende Geste, und einer seiner M�nner ging rasch hin, �berpr�fte die Handschellen und dr�ckte die verchromten Ringe dann enger zusammen, so da� Angela vor Schmerz die Luft einsog.</p><p>�Macht es Ihnen Spa�, Menschen zu qu�len?� fragte Bremer.</p><p>�Es macht mir Spa�, am Leben zu bleiben�, antwortete Braun.</p><p>Bremer schnaubte ver�chtlich, bewegte sich unruhig in seinem Stuhl und sah zuf�llig an sich herab. Einer der beiden roten Lichtpunkte �ber seinem Herzen war verschwunden.</p><p>Braun fiel es im gleichen Moment auf wie ihm. Er runzelte die Stirn, griff in die Tasche und zog ein Handy heraus. Noch w�hrend er es ans Ohr hob, dr�ckte er eine einzelne Taste.</p><p>�Einheit drei!� schnappte er. �Was ist bei euch los?� Offensichtlich bekam er keine Antwort, denn er wiederholte seine Frage noch einmal und rammte das Handy dann regelrecht in seine Jackentasche zur�ck.</p><p>�Schwierigkeiten?� fragte Bremer.</p><p>Braun zog eine Grimasse, kam n�her und griff ein zweites Mal in die Tasche. Als er Bremer erreicht hatte, erlosch auch der zweite rote Laserpunkt auf seiner Brust. Braun fluchte, dr�ckte seine Waffe auf Bremers Stirn und zog mit der anderen Hand eine verchromte Injektionspistole aus der Tasche. Ohne viel Federlesens stie� er Bremer die Nadel durch die Jacke in den Bizeps und dr�ckte den Kolben herunter.</p><p>Bremer keuchte vor Schmerz. Er wu�te nicht, was Braun ihm gespritzt hatte, aber es brannte wie konzentrierte S�ure in seinem Arm, und es wirkte sofort. Ihm wurde schwindelig. Etwas wie ein grauer, d�mpfender Schleier legte sich �ber Bremers Sinne.</p><p>Als Braun die Nadel aus seinem Arm zog und sich aufrichtete, implodierte die Fensterscheibe, und die Wirklichkeit wurde endg�ltig zum Alptraum.</p></section><section><title><p>20</p></title><empty-line/><p>Hinter ihm hatte etwas geklappert. Nicht sehr laut, und nur f�r einen kurzen Moment, aber doch lange genug, um ihn f�r einen Moment abzulenken. Das Pr�zisionsgewehr in Ostners H�nden schwankte zwei, drei Millimeter. Kaum sichtbar, und doch heftig genug, da� der rote Punkt im Zentrum des Zielfernrohres f�r drei oder vier Sekunden nicht mehr auf Bremers Brust verharrte, sondern hektisch �ber Mobiliar, Fensterscheiben und die sorgsam gestutzten Gr�npflanzen des Dachgartens irrte, ehe es ihm gelang, die Waffe wieder fester zu ergreifen und den Laserpunkt auf sein urspr�ngliches Ziel auszurichten.</p><p>Ostner fluchte lautlos in sich hinein. Es waren nur ein paar Sekunden gewesen, und er hoffte, da� Braun es nicht bemerkt hatte, war aber in diesem Punkt nicht allzu optimistisch. Braun geh�rte zu jenen Menschen, die prinzipiell<emphasis> alles </emphasis>merkten, was sie nicht mitbekommen sollten. Au�erdem war er vollkommen unberechenbar. Ostner hatte schon erlebt, da� er manchmal wirklich schlimme Fehler vergab und mit einem Achselzucken dar�ber hinwegging. Aber auch, da� er bei einer l�cherlichen Kleinigkeit einen regelrechten Wutanfall bekam.</p><p>Seine H�nde begannen allm�hlich steif zu werden. Er hatte die Waffe nicht auf das Stativ gestellt, sondern zielte freih�ndig; bei einer Entfernung von weniger als f�nfzig Metern kein Problem. Der Laserpunkt im Zentrum des Fadenkreuzes zitterte nur ganz sacht. Die Waffe war so perfekt ausbalanciert, da� er ihr Gewicht normalerweise kaum sp�rte. Und er war ein wirklich ausgezeichneter Sch�tze. Aber es war viel k�lter, als er erwartet hatte. Der Regen hatte zwar aufgeh�rt, aber es war noch immer so feucht, da� seine Kleider bereits an seiner Haut klebten. Er w�rde diese Position nicht mehr allzu lange aushalten. Und er hatte keine Ahnung, wie lange es noch dauerte.</p><p>Er wu�te nicht einmal so ganz genau, was er eigentlich<emphasis> tun </emphasis>sollte. Brauns Anweisungen waren ungewohnt vage gewesen. Strohm und er sollten Bremer auf der Stelle erschie�en, wenn dort dr�ben irgend etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Was zum Teufel hatte er damit gemeint? Sollten sie ihn abknallen, wenn er sich am Hintern kratzte, oder doch besser abwarten, bis dort dr�ben eine Horde s�belschwingender T�rken auftauchte? Ostner verfluchte sich daf�r nicht um pr�zisere Anweisungen gebeten zu haben, sagte sich gleichzeitig aber auch selbst, da� er wahrscheinlich keine bekommen h�tte. Er hatte Braun selten so reizbar und nerv�s erlebt wie an diesem Abend. Auf jeden Fall schien die Situation dort dr�ben allm�hlich zu eskalieren. Vor zwei oder drei Minuten hatte Braun den Professor erschossen, so wie Ostner das erkennen konnte, ohne besonderen Anla�. War das<emphasis> nicht in Ordnung genug, </emphasis>um seinem Befehl nachzukommen und Bremer ins Jenseits zu bef�rdern?</p><p>Einer der beiden roten Punkte in seinem Zielfernrohr erlosch. Ostner runzelte die Stirn, bewegte ganz sacht seine Waffe, um sich davon zu �berzeugen, da� es nicht etwa sein eigener Ziellaser war, der im unpassendsten aller Momente den Geist aufgegeben hatte, und stellte fest, da� es nicht so war. Halblaut rief er Strohms Namen.</p><p>Er bekam keine Antwort, aber das Klappern hinter ihm wiederholte sich, dann h�rte er einen sonderbaren, seufzenden Laut, gefolgt von einem Ger�usch wie zerrei�endes, nasses Papier.</p><p>�Strohm?� rief er noch einmal. �Verdammt noch mal, was ist los?� Er bekam immer noch keine Antwort.</p><p>Ohne die Waffe von ihrem Ziel zu nehmen, drehte Ostner den Kopf, um nach seinem Kollegen zu sehen, der nur ein paar Meter entfernt Stellung bezogen hatte.</p><p>Und erstarrte. Im Gegensatz zu ihm hatte Strohm sein Gewehr auf ein Stativ gesetzt, um einen pr�zisen Schu� anbringen zu k�nnen. Die Waffe lag auf der Seite; eines der beiden d�nnen Metallbeine des Stativs war verbogen, und ihr Besitzer lag ein St�ck daneben auf dem R�cken und versuchte r�chelnd, Luft zu holen. Es gelang ihm nicht, denn seine Kehle war von einem Ende zum anderen aufgeschlitzt.</p><p>Das <emphasis>Ding, </emphasis>das das getan hatte, stand breitbeinig �ber ihm und schien gerade damit besch�ftigt zu sein, ihn auszuweiden. Ostner konnte nicht genau erkennen, was es tat, aber dieses schreckliche Rei�en und Fetzen hielt an, ein widerw�rtiges, feuchtes Ger�usch, das allein ihm schier das Blut in den Adern gerinnen lie�.</p><p>Er konnte auch nicht genau erkennen, um<emphasis> was </emphasis>f�r ein Gesch�pf es sich handelte. Gewi� kein Mensch. Dazu war es zu gro�, und sein Umri� stimmte nicht. Es schien<emphasis> Fl�gel </emphasis>zu haben. F�r einen Moment hatte Ostner das absurde Gef�hl, eine Art riesigen, grotesk verzerrten Engel zu sehen.</p><p>In seinem Kopfh�rer knackte es, dann ert�nte Brauns aufgeregte, verzerrte Stimme: �Einheit drei! Was ist bei euch los?� Ostner war nicht f�hig, irgendwie darauf zu reagieren. Aber die Kreatur schien die Worte geh�rt zu haben, denn sie h�rte abrupt auf, Strohms Ged�rme neu anzuordnen. Ihr Kopf flog in die H�he, und der Blick ihrer grausamen Augen bohrte sich in den Ostners.</p><p>Es war kein Engel.</p><p>�Einheit drei!� blaffte Braun. �Was zum Teufel ist bei euch los? Antwortet!�</p><p>Das Wesen richtete sich auf. Es war gr��er, als Ostner geglaubt hatte. Viel, viel gr��er. Mit einem grotesk wirkenden, staksenden Schritt trat es �ber Strohm hinweg und streckte seine d�rren Klauen aus.</p><p>Ostner erwachte endlich aus seiner Erstarrung, w�lzte sich blitzschnell auf den R�cken und versuchte seine Waffe hochzurei�en.</p><p>Es war zu sp�t. Die Kreatur ri� ihm das Gewehr aus den H�nden, brach es in zwei Teile und st�rzte sich auf ihn. Ihre Klauen blitzten auf wie Messer. Das gr��liche, rei�ende Ger�usch erklang erneut, und Ostner sp�rte eine seltsam distanzierte Art von brennendem Schmerz, der �berall zugleich in seinem K�rper aufzuflammen schien.</p><p>Das letzte, was er sah, bevor sein Sturz in den endlosen lichterf�llten Tunnel begann, war der Anblick der grotesken Kreatur, die sich neben ihm von der Dachrinne abstie� und ihre gewaltigen Schwingen ausbreitete.</p></section><section><title><p>21</p></title><empty-line/><p>Kriminalrat N�rdlinger legte die Hand auf den Telefonh�rer, strich ein paar Sekunden lang mit den Fingerspitzen �ber das k�hle, glatte Plastik und zog den Arm dann wieder zur�ck, ohne gew�hlt zu haben. Ihm gingen langsam die Argumente aus. Seine Augen brannten, und er f�hlte eine ganz leichte �belkeit; wahrscheinlich eine Folge der zahllosen Tassen Kaffee, die er im Laufe dieser Nacht in sich hineingesch�ttet hatte.</p><p>M�de sah er auf die mit Bleistift geschriebene, hastig niedergekritzelte Liste vor sich herab. Die meisten Namen waren durchgestrichen oder mit einem Haken versehen. Es nutzte nichts, die Augen davor zu verschlie�en: Ihm gingen langsam die Nummern aus, die er noch anrufen konnte.</p><p>Und die Wahrscheinlichkeit, auf ein offenes Ohr zu sto�en, sank mit jeder Minute, die verstrich. N�rdlinger kannte nicht allzu viele Menschen, die besonders am�siert darauf reagierten, nachts um vier aus dem Bett geklingelt zu werden.</p><p>Er tr�stete sich damit, da� die statistische Wahrscheinlichkeit, Erfolg zu haben, beim letzten Anruf kein bi�chen kleiner war als beim ersten, nahm den H�rer ab und begann die Nummer zu w�hlen, h�ngte dann aber wieder ein, bevor er die letzte Ziffer eingetippt hatte.<emphasis> Diese </emphasis>Nummer w�rde er in fr�hestens zwei Stunden anrufen. Ministerialrat Ewald war daf�r bekannt, alles andere als ein Fr�haufsteher zu sein; und er war dar�ber hinaus vielleicht derjenige auf N�rdlingers Liste, der ihm noch am ehesten Glauben schenken w�rde. Er w�rde den Teufel tun und diese vielleicht letzte Chance verschenken, indem er Ewald mit einem n�chtlichen Anruf ver�rgerte. Ein paar von den Leuten, die er bis jetzt angerufen hatte, hatten w�tend wieder eingeh�ngt, ohne da� er auch nur wirklich zu Wort gekommen war.</p><p>Somit blieben ihm noch drei Namen, aber N�rdlinger bezweifelte, da� einer davon ihm wirklich weiterhelfen konnte. Oder wollte. Es war zum Verr�cktwerden! Er hatte nicht erwartet, da� es leicht sein w�rde, etwas �ber diesen Braun herauszufinden - aber es war nicht nur <emphasis>nicht leicht,</emphasis> es schien vollkommen unm�glich zu sein! Braun war wie ein Gespenst, von dem noch nie jemand geh�rt hatte, das aber trotzdem jeden, den er darauf ansprach, mit Angst erf�llte. N�rdlinger selbst machte da keine Ausnahme. Der Dienstausweis, den Braun ihm pr�sentiert hatte, als er am Abend so gro�kotzig in sein B�ro marschiert kam, war geradezu ehrfurchtgebietend; einer von der Art, bei der man es sich dreimal �berlegte, ehe man jemanden anrief, um sich von der Identit�t seines Besitzers zu �berzeugen. N�rdlinger hatte es trotzdem getan und genau die Antwort erhalten, die er erwartet hatte: Braun <emphasis>war</emphasis> jemand, mit dem man sich besser nicht anlegte.</p><p>F�r N�rdlinger war das eher ein Grund, es trotzdem zu tun. Gerade weil N�rdlinger ein Mann war, der fest an den Sinn und Nutzen von Autorit�t und Rangordnungen glaubte, ging ihm ein Benehmen wie das Brauns geh�rig gegen den Strich. Braun <emphasis>durfte </emphasis>sich so benehmen, wenn er es wollte; aber er sollte es nicht. Wenn zu viele Menschen ihre Macht bis an die Grenze ausnutzten, dann war das ganze System in Gefahr, zusammenzuklappen wie ein Kartenhaus. Au�erdem hatte ihn Braun belogen.</p><p>N�rdlinger nahm das Telefon wieder auf, w�hlte aber keine Nummer von seiner Liste, sondern tippte Meilers Durchwahl - hatte Meiler Nachtschicht? - ein. An seiner Stelle meldete sich V�rfels. Er klang, wie jeder zwei Stunden vor Ende der Nachtschicht geklungen h�tte: ziemlich knurrig.</p><p>�Ja?�</p><p>�Schon etwas Neues von Bremer?� fragte N�rdlinger, ohne sich mit einer Begr��ung aufzuhalten.</p><p>�Nein�, antwortete V�rfels. �Die ganze Stadt sucht ihn. Meiler war gerade noch einmal in seiner Wohnung. Offensichtlich ist eingebrochen worden - oder Bremer lebt in dem gr��ten Saustall, den ich jemals gesehen habe.�</p><p>�Fehlt etwas?�</p><p>�Das k�nnte h�chstens Bremer selbst beantworten�, sagte V�rfels, �Aber daf�r m�ssen wir ihn erst einmal haben.�</p><p>�Sucht weiter�, sagte N�rdlinger. �Und haltet mich auf dem laufenden.� V�rfels wollte noch etwas sagen, aber N�rdlinger h�ngte ein, ehe er dazu kam. Er wu�te ohnehin was er hatte fragen wollen - das, was alle wissen wollten - Warum die gesamte Berliner Polizei in dieser Nacht einen ihrer eigenen Kollegen suchte.</p><p>N�rdlinger konnte diese Frage nicht beantworten. Er hatte die Fahndung nach Bremer herausgegeben, ohne einen Grund zu nennen - womit er sich strenggenommen nicht anders verhielt als Braun. Er nutzte seine Machtposition aus, um etwas zu tun, was er zwar durfte, aber eigentlich nicht sollte.</p><p>Aber sie<emphasis> mu�ten </emphasis>Bremer finden, bevor Braun ihn fand. Es war wichtig. F�r Bremer vielleicht lebenswichtig. Und er w�rde herausfinden, wer dieser Kerl �berhaupt <emphasis>war!</emphasis> Als er zum Telefon griff und die n�chste Nummer auf seiner Liste w�hlen wollte, schwang die T�r zur�ck und ein dunkelhaariger Mann in einem schwarzen Anzug mit wei�em Priesterkragen trat ein.</p><p>�Wer...?� begann N�rdlinger.</p><p>�Kriminalrat N�rdlinger?� unterbrach ihn der andere.</p><p>�Der bin ich�, antwortete N�rdlinger automatisch. �Aber wer zum Teufel sind<emphasis> Sie? </emphasis>Und wie kommen Sie �berhaupt hier herein?�</p><p>�Das spielt jetzt keine Rolle�, sagte der Mann im Priesterkragen. �Mein Name ist Thomas. Ich mu� mit Ihnen reden. Es ist wichtig!�</p><p>N�rdlinger stand mit einer energischen Bewegung auf. �Zuallererst einmal werden Sie mir sagen, wie Sie hier hereinkommen!� verlangte er.</p><p>�Es geht um Bremer�, sagte Thomas. �Bitte h�ren Sie mir zu! Wir haben nicht mehr viel Zeit!�</p></section><section><title><p>22</p></title><empty-line/><p>Das Fenster explodierte in einem Scherbenregen in den Raum hinein, und etwas Riesiges, Flatterndes raste �ber Bremer und Braun hinweg und ri� sie beide von den F��en. Bremer sp�rte nur einen Schlag, keinen Schmerz, aber er war heftig genug, ihn von den F��en zu heben und ihn mehr als zwei Meter weit durch das Zimmer zu schleudern.</p><p>Von dem Medikament benommen, das ihm Braun verabreicht hatte, konnte er seinen Sturz nicht auffangen und krachte mit benommen machender Wucht auf den Boden. Trotzdem registrierte er, wie der Schatten weiter durch den Raum fegte, auch noch Angela und die beiden anderen M�nner von den F��en ri� und im letzten Moment versuchte, seinen Flug abzubremsen. Viel zu sp�t. Mit fast ungebremster Wucht und wie es schien wild schlagenden Fl�geln krachte es in Mecklenburgs Bar und zertr�mmerte sie. Ein schrilles, unheimliches Kreischen mischte sich in das Ger�usch von zerbrechendem Glas und Holz; ein Laut wie das Schreien eines verletzten Vogels, aber lauter, zorniger. Auch Braun br�llte vor Schmerz. Als Bremer sich benommen aufrichtete, sah er, wie Braun in die H�he sprang und mit hektischen Bewegungen nach seinem Gesicht griff.</p><p>Ein gut zwei Zentimeter langer, gezackter Glassplitter steckte in seiner Wange. Sein Gesicht war blut�berstr�mt. Trotzdem hob er die andere Hand und gab gleichzeitig zwei Sch�sse auf die Kreatur ab. Die beiden Sch�sse fielen so schnell hintereinander, da� die Ger�usche zu einem einzigen, peitschenden Knall verschmolzen. Wieder erscholl dieses w�tende Vogelkreischen, und das Klirren von Glas wurde lauter.</p><p>Bremer wandte m�hsam den Kopf und sah wieder zu der Kreatur hin. Als die Bestie durch das Fenster hereingebrochen war, waren die meisten Lampen im Raum erloschen, so da� er kaum mehr als einen Schatten und tobende Bewegung sah.</p><p>Glas- und Holzsplitter wirbelten wie in einem Mini-Orkan davon. Der Parkettfu�boden unter ihnen zitterte. Das Ungeheuer schien sich beim Aufprall verletzt zu haben und lie� seine Wut nun an dem aus, was von der Bar noch �brig war. Vielleicht hatten Brauns Sch�sse auch getroffen.</p><p>Auch die beiden anderen M�nner begannen jetzt <emphasis>zu </emphasis>schie�en. Die peitschenden Entladungen ihrer Waffen �bert�nten f�r einen Moment sogar das Schreien des Ungeheuers, und das ununterbrochene Flackern des M�ndungsfeuers tauchte das Zimmer in gespenstisches Stroboskoplicht Die Bewegungen des Monsters wirkten pl�tzlich abgehackt und in einzelne Phasen zerlegt; ein Tanz in einer h�llischen Disco, in der der Teufel selbst am Mischpult stand.</p><p>Die M�nner feuerten, bis ihre Magazine leer waren aber das Ungeheuer starb nicht. �ber die kleine Distanz konnten sie gar nicht vorbeischie�en; Bremer konnte sogar<emphasis> h�ren, </emphasis>wie die Kugeln trafen: Dumpfe, <emphasis>fleischige </emphasis>Laute, die von einem immer schriller werdenden Schreien und Kreischen beantwortet wurden, aber die Bestie weigerte sich einfach, zu sterben. Nicht einmal ihr Toben nahm sichtbar ab.</p><p>Bremer registrierte alles das mit einer Art heiterer Gelassenheit - zweifellos eine Folge der Droge, die Braun ihm verabreicht hatte. Der Schleier �ber seinen Sinneseindr�cken war wieder weg. Es war nur die erste, schockartige Wirkung des Tranquilizers gewesen, die fast augenblicklich wieder abgeklungen war. Er sah, h�rte, roch und f�hlte jetzt im Gegenteil mit schon fast unnat�rlicher Sch�rfe. Nur, da� ihn nichts von alledem irgendwie interessierte. Auf einer tieferen, zur Rolle des stummen Beobachters verdammten Ebene seines Bewu�tseins begriff er sehr genau, in welcher entsetzlichen Gefahr er sich befand. Aber er war nicht in der Lage, aus diesem Begreifen irgend etwas zu machen; nicht einmal Furcht. Er kam sich vor, als betrachtete er einen Film, oder ein ganz besonders realistisches Theaterst�ck, in dem er zugleich Zuschauer als auch Mitwirkender war, ohne da� ihn das Ganze wirklich etwas anging.</p><p>Braun ri� endlich den Glassplitter aus seiner Wange, feuerte seine letzte Kugel auf das Ungeheuer ab und lie� das Magazin aus dem Griff der Waffe fallen. <emphasis>�Raus hier!�</emphasis> br�llte er.</p><p>Einer seiner M�nner sprang zu Angela und zerrte sie grob mit sich. Der zweite hatte seine Waffe nachgeladen und scho� wieder auf die Bestie. Auch wenn die Kugeln das Ungeheuer nicht zu t�ten vermochten, so schleuderten sie<emphasis> es </emphasis>doch immer wieder zur�ck, und der Mann schien das auch begriffen zu haben, denn er feuerte jetzt nicht mehr in einem raschen Stakkato, sondern lie� immer eine Sekunde verstreichen, bevor er wieder abdr�ckte.</p><p>Braun war mit einem Satz auf den F��en, ri� Bremer in die H�he und zerrte ihn hinter sich her. �Schnell!� br�llte er. �Laufen Sie!� Irgendwie sah Bremer den Grund daf�r nicht ein. Er mu�te Braun folgen, ob er nun wollte oder nicht, aber er tat nicht das Geringste, um ihm zu helfen. Er fand die Situation ziemlich spannend, und er war sich durchaus dar�ber im klaren, da� sie wahrscheinlich mit seinem Tod enden w�rde, aber das st�rte ihn nicht besonders. Es war eine prima Show.</p><p>Angela und der zweite Mann hatten mittlerweile die T�r erreicht und st�rzten hindurch. Eine Sekunde sp�ter stolperten Bremer und Braun hinterher, und Bremer sah, da� auch hier drau�en zwei von Brauns M�nnern standen. Beide hatten ihre Waffen gezogen und waren schreckensbleich. Neben einem von ihnen lehnte ein gro�kalibriges Gewehr an der Wand.</p><p>Braun warf die T�r hinter sich ins Schlo�, versetzte Bremer einen Sto�, der ihn hinter Angela und den zweiten Mann auf die Treppe zustolpern lie�, und raffte das Gewehr auf. Die beiden Posten wollten ihm folgen, aber Braun ri� einen von ihnen zur�ck und herrschte ihn an: �Aufhalten!� Er verurteilte den Mann damit praktisch zum Tode; ganz zu schweigen von demjenigen, den sie in der Wohnung zur�ckgelassen hatten. Braun rechnete offensichtlich nicht damit, da� die beiden es schaffen w�rden, das Ungeheuer aufzuhalten. In der Wohnung hinter ihnen peitschten noch immer Sch�sse.</p><p>Sie hetzten die Treppe hinunter. Bremer stolperte auf halber Strecke, kippte zur Seite und schlitterte schr�g gegen die Wand gelehnt vier oder f�nf Stufen weit die Treppe hinab, ehe Braun ihn wieder hochri�.</p><p>�Losmachen!� schrie Angela. �Um Gottes willen, machen Sie die Handschellen los!�</p><p>Als sie das Ende der Treppe erreicht hatten, h�rte die Schie�erei in der Wohnung �ber ihnen auf. Einen Augenblick sp�ter splitterte Holz, gefolgt von einem einzelnen Schu� und einem so gr��lichen Schrei, da� selbst Bremer erschrocken zusammenfuhr.</p><p>�Weiter!� schrie Braun. <emphasis>�Schnell!� </emphasis>Sie rasten den Korridor entlang, und Bremer registrierte mit einer Art heiterem Entsetzen, da� die Liftt�ren geschlossen waren. Der Aufzug war nicht da. Sie waren tot. Auf halber Strecke vor ihnen wurde eine Wohnungst�r aufgerissen, und ein verschlafenes Gesicht blickte zu ihnen heraus. Als der Mann jedoch die schwerbewaffneten M�nner entdeckte, die eine gefesselte Frau und einen offensichtlich Betrunkenen vor sich herstie�en, verga� er seinen Zorn und knallte die T�r hastig wieder zu.</p><p>Sie erreichten den Aufzug. Braun h�mmerte die flache Hand auf die Taste, wirbelte herum und lie� sich auf die Knie herabfallen. Sein Gewehr zielte auf die T�r am Ende des Flures. Bremer konnte h�ren, wie sich der Aufzug tief unter ihnen in Bewegung setzte und mit qu�lender Langsamkeit seinen Aufstieg begann. Er fand es ein bi�chen schade, da� niemand da war, mit dem er wetten konnte, wer eher ankam: das Ungeheuer oder der Lift. Das Ungeheuer gewann.</p><p>Die T�r am jenseitigen Ende des Ganges wurde aus den Angeln gerissen und flog wie ein St�ck zerfetzter Pappe davon. Sie zerbrach, als sie gegen die Wand prallte, und durch den leeren Rahmen quetschte sich eine Kreatur, die aus dem schlimmsten aller Alptr�ume entsprungen zu sein schien.</p><p>Bremer sah den Todesengel jetzt zum erstenmal deutlich, und er war pl�tzlich sehr froh, da� er noch immer unter dem Einflu� des Tranquilizers stand und gar nicht in der Lage war, wirklichen Schrecken zu empfinden. Angela wimmerte. Die beiden Agenten neben ihm stie�en ein erschrockenes Keuchen aus. Nur Braun reagierte gar nicht, sondern hob kaltbl�tig sein Gewehr und visierte die Kreatur an.</p><p>Was Bremer schon einmal zu sehen geglaubt hatte, bewahrheitete sich: Es war kein Engel. W�re er es gewesen, dann m��te die Bibel neu geschrieben werden.</p><p>Die Kreatur war weit �ber zwei Meter gro�, dabei aber so d�rr, da� sie schon fast l�cherlich wirkte. Ihre Fl�gel, die wie die einer Fledermaus von einem d�nnen Knochenger�st durchzogen waren, waren halb ausgebreitet und zerfetzt wie ein alter Mantel. Sein K�rper war nicht wirklich der eines Insekts, aber ganz eindeutig auch nicht der eines Menschen, sondern wirkte irgendwie ... fledermausartig; als h�tte sich eine Ameise mit einer Ratte gekreuzt. Der Kopf schlie�lich war der schiere Alptraum, ein riesiger, dreieckiger Insektensch�del mit schimmernden Facettenaugen und grauenerregenden Mandibeln, der von drahtigem, rotbraunem Fell bedeckt war.</p><p>Das Wesen war verletzt. Die meisten Risse in seinen Fl�geln schienen neu<emphasis> zu </emphasis>sein; in einigen steckten noch Glassplitter. Aus dem metallisch schimmernden Fell, das seinen dreigeteilten K�rper und seine Glieder bedeckte, tropfte hellrotes Blut. Es machte einen einzelnen, eckigen Schritt, blieb wieder stehen und sah sich um, als w�re es unschl�ssig. Benommen.</p><p>�Was ... was ist das?� stammelte einer der M�nner. �So etwas gibt es doch gar nicht! Was ist das f�r ein Ding?�</p><p>�Keine Ahnung�, antwortete Braun grimmig. �Aber es blutet. Was blutet, das kann auch sterben. Sorgen wir daf�r, da� es noch ein bi�chen mehr blutet!� Er hob sein Gewehr, zielte sorgf�ltig und scho�. In dem langen, marmorverkleideten Korridor hallte die Explosion wie ein Kanonenschu� wider, und der R�cksto� war so gewaltig, da� Braun fast von den F��en gerissen worden w�re.</p><p>Die Wirkung war verheerend. Aus der Brust des Ungeheuers explodierte ein Schwall aus zerberstendem Chitin und Blut, faustgro�e Marmorbrocken stoben aus der Wand hinter ihm, und die ganze gewaltige Kreatur wurde fast einen Meter weit zur�ckgeschleudert und fand nur im letzten Moment ihr Gleichgewicht wieder. Sie schrie in hohen qu�lend spitzen T�nen.</p><p>Braun feuerte erneut. Diesmal fetzte die Kugel ein St�ck aus der Schulter der Bestie. Der riesige Fl�gel, der daran befestigt war, h�tte eigentlich heruntersinken m�ssen, tat es aber nicht. Ebensowenig, wie die Kreatur an den beiden f�rchterlichen Verletzungen starb, die selbst einen Elefanten niedergeworfen h�tten. Ganz im Gegenteil: Sie richtete sich auf, sch�ttelte sich wie ein Boxer, der einen unerwartet heftigen Schlag abbekommen hatte, und kam mit steifen Schritten wieder auf sie zu.</p><p>�Sieht so aus, als h�tten Sie sich geirrt�, sagte Angela. �Man kann sie nicht t�ten. Man kann sie nur w�tend machen.�</p><p>Braun feuerte ein drittes Mal, und als das Donnern des Schusses in Bremers Ohren verhallte, h�rte er hinter sich ein leises �Ping.� Der Aufzug war da. Angela und die beiden Agenten zw�ngten sich in die Kabine, noch bevor sich die T�ren zur G�nze ge�ffnet hatten. Braun verpa�te dem Ungeheuer eine vierte Kugel, die es diesmal tats�chlich von den Beinen ri�, stie� Bremer in den Aufzug und sprang als letzter hinterher. Jemand hatte bereits den Knopf f�r das Erdgescho� gedr�ckt. Die T�ren glitten zu, und die Kabine setzte sich summend in Bewegung.</p><p>�Ist es tot?� keuchte Angela. �Haben Sie es erwischt?�</p><p>�Ich wei� nicht�, gestand Braun. Sein Blick schien sich an der Anzeige �ber der T�r festzusaugen. �Wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht habe ich es so schwer verletzt, da� wir eine Chance haben.�</p><p>Der Aufzug erreichte die dritte Etage und glitt weiter. Sie mu�ten den langsamsten Fahrstuhl der Welt erwischt haben, oder irgend etwas stimmte mit der Zeit nicht.</p><p>�Na wunderbar�, sagte Angela. �Dann machen Sie endlich diese verdammten Handschellen los, damit ich mich wenigstens wehren kann!�</p><p>�Wenn dieses Ding hier hereinkommt, macht das keinen Unterschied mehr�, sagte Braun. Er r�hrte keinen Finger, um Angela zu befreien. Der Aufzug glitt weiter, erreichte die zweite Etage...</p><p>...und hielt an. Die T�ren glitten auf, und sie blickten in das Gesicht eines erbosten Hausbewohners, der wahrscheinlich gekommen war, um sich nach der Ursache des L�rms zu erkundigen.</p><p>Braun gab ihm allerdings keine Gelegenheit dazu, sondern stie� ihm den Gewehrlauf mit solcher Wucht in den Leib, da� er keuchend zur�cktaumelte und an der gegen�berliegenden Wand zu Boden sank; gleichzeitig schlug er mit der Faust erneut auf den Schalter. Die T�ren begannen sich qu�lend langsam zu schlie�en.</p><p>Als sich die Kabine in Bewegung setzte, erklang im Liftschacht �ber ihnen das Ger�usch von rei�endem Metall. Alle K�pfe flogen entsetzt in den Nacken.</p><p>Eine Sekunde lang herrschte ein fast unheimliches Schweigen, in dem selbst das Summen des Liftmotors kaum noch zu h�ren war. Dann traf etwas mit so f�rchterlicher Wucht das Kabinendach, da� das Metall deutlich eingebeult wurde und sie alle gegeneinander st�rzten. Der gesamte Lift schwankte, schien f�r einen gr��lichen, endlosen Moment stillzustehen und bewegte sich dann ruckelnd und ungleichm��ig weiter. Ein schrilles, in den Ohren schmerzendes Kreischen erklang, und das Kabinendach beulte sich weiter ein. Dann krachte etwas durch das Metall, das wie eine rostige, drei�ig Zentimeter lange Sichel aussah, und ri� es im Zur�ckziehen noch weiter auf. Braun tat etwas vollkommen Wahnsinniges: Er hob sein Gewehr und scho� durch das Dach.</p><p>In der Enge der Kabine war der Knall im buchst�blichen Sinne des Wortes ohrenbet�ubend. Die beiden Agenten schrien auf und schlugen die H�nde vor die Ohren, und Angela kr�mmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht und ri� vergeblich an ihren Handschellen. Bremer sah das alles nur. Er h�rte nichts. Seine Ohren waren taub. Alles was er wahrnahm, war ein dumpfes Dr�hnen, wie das ferne Echo des Gewehrschusses, das einfach nicht aufh�ren wollte.</p><p>Auch Braun war zur�ckgetaumelt und hatte das Gesicht verzerrt, hob seine Waffe aber bereits wieder zu einem zweiten Schu�. Im Dach der Liftkabine prangte jetzt ein faustgro�es Loch mit brandgeschw�rzten R�ndern, aber Braun schien nicht getroffen zu haben: Diesmal hackten gleich drei rostige Sicheln durch das Metall und sch�lten es auf wie den Deckel einer Sardinendose.</p><p>Einer von Brauns Agenten hob seine Pistole und feuerte wieder in schneller Folge das gesamte Magazin durch das Dach, gleichzeitig machte Braun selbst Anstalten, noch einmal zu schie�en - womit er ihnen allen vermutlich endg�ltig die Trommelfelle zerrissen h�tte. Bevor er es jedoch tun konnte, hielt der Aufzug an und die T�ren glitten auf; Braun, der sich mit der Schulter dagegen gelehnt hatte, um festeren Stand zu haben, verlor das Gleichgewicht und st�rzte r�cklings aus der Kabine. Angela und die beiden Agenten flankten �ber ihn hinweg, wobei Angela trotz aller Eile der Versuchung nicht widerstehen konnte, ihm kr�ftig auf die Hand zu treten.</p><p>Bremer verlie� die Kabine als letzter, schnell, aber nicht ann�hernd so hastig wie die anderen. Braun sprang auf und schrie ihm etwas zu, was ebenso wie alle anderen Ger�usche in dem anhaltenden Rauschen in seinen Ohren unterging. Als er nicht schnell genug reagierte, packte Braun ihn an der Schulter und schleuderte ihn grob an sich vorbei. Gleichzeitig feuerte er sein Gewehr in die Liftkabine ab.</p><p>Bremer h�rte den Schu�. Sehr leise und falsch: Er klang eher wie das Knallen eines Sektkorkens als ein Gewehrschu�. Aber er konnte h�ren. Wenigstens war er nicht taub. Weitere M�nner st�rmten auf ihn zu. Braun schien eine ganze Armee mitgebracht zu haben. Bremer und Angela wurden gepackt und hastig durch den Flur geschleift, w�hrend Braun hinter ihnen offenbar ausprobieren wollte, wie viele Schrotladungen die Decke der Liftkabine aushielt. Er gab sieben oder acht Sch�sse ab, wirbelte dann herum und raste hinter ihnen her. Bremer sah, wie sich seine Lippen bewegten, h�rte aber nur ein heiseres, unverst�ndliches Fl�stern. Hinter ihm, im Inneren der Liftkabine, bewegte sjch ein Schatten.</p><p>Angela, Braun und er erreichten den Ausgang nahezu gleichzeitig und stolperten ins Freie. Braun hatte sein Gewehr weggeworfen, aber drei oder vier seiner Leute feuerten gleichzeitig auf den Schatten, der aus dem Aufzug herausdr�ngen wollte.</p><p>Drau�en vor dem Haus parkten drei gro�e Limousinen. Die Motoren liefen, Scheinwerfer und Scheibenwischer waren eingeschaltet, aber Bremer konnte durch die offenstehenden T�ren erkennen, da� niemand darin sa�. Hinter ihnen st�rmten die Agenten aus dem Haus. Der letzte Mann zog einen kleinen, dunklen Gegenstand aus der Tasche und schleuderte ihn im hohen Bogen in die Aufzugkabine. Bremer wu�te genau, was es war, aber er war immer noch zu benommen, um irgendwie zu reagieren.</p><p>Drei Sekunden sp�ter verwandelten sich die offenstehenden Liftt�ren in den Schlund eines feuerspeienden Vulkans.</p><p>Die Druckwelle lie� s�mtliche Scheiben im Erdgescho� des Hauses zerbersten und fegte sie alle von den F��en. Flammen und Tr�mmer explodierten aus dem Lift, und rings um sie herum regneten gef�hrliche Glassplitter zu Boden. Die Wagen hinter ihnen schwankten wie kleine Boote in der Brandung, und Bremer bekam f�r einen Moment keine Luft mehr. Eine Welle intensiver Hitze strich �ber sein Gesicht und lie� ihn aufst�hnen. Neben ihm schrie einer der Agenten und umklammerte sein linkes Handgelenk. Aus seinem Unterarm ragte eine gebogene Glasscherbe, von der Blut tropfte.</p><p>Bremer w�lzte sich st�hnend auf den Bauch, stemmte die Handfl�chen gegen den Boden und dr�ckte seinen Oberk�rper in die H�he. Sein H�rverm�gen kehrte immer schneller zur�ck, aber er registrierte trotzdem nichts au�er Schreien, L�rm, dem Klirren von Glas und dem Ger�usch prasselnder Flammen. Irgendwo heulte eine Sirene.</p><p>Eine Hand packte ihn an der Schulter, ri� ihn grob in die H�he und stie� ihn auf einen der wartenden Wagen zu. Bremer prallte mit der Stirn gegen die Dachkante, sank halb benommen auf den R�cksitz und bekam einen zweiten derben Sto� in die Seite, der ihn weiter in den Wagen hineinschleuderte. Nur eine Sekunde sp�ter folgte ihm Angela auf die gleiche Weise, und die T�r wurde zugeschlagen. Einen Augenblick sp�ter warf sich Braun vor ihnen auf den Beifahrersitz.</p><p>Bremer rappelte sich hoch und sah �ber Angela hinweg nach drau�en. Vor dem Haus herrschte ein einziges Chaos. Kaum einer der M�nner war ohne Schnittwunden oder andere Verletzungen davongekommen. Einige feuerten blindlings ins Haus hinein, andere hetzten auf die Wagen zu. Im Haus waren mittlerweile s�mtliche Lichter angegangen, und auch die benachbarten H�user erwachten in rascher Folge zum Leben. Hinter den zerborstenen Scheiben des Hauseinganges brodelte schwarzer, von roten und gelben Flammen durchzogener Qualm. Dahinter schien sich noch etwas zu bewegen. Etwas Riesiges, Mi�gestaltetes. Aber das war unm�glich, dachte Bremer. Das Ungeheuer<emphasis> konnte </emphasis>die Explosion nicht �berlebt haben. Er t�uschte sich.</p><p>Ein Agent mit einer h��lichen Schnittwunde auf der Stirn raste auf den Wagen zu und warf sich hinter das Steuer, und aus dem Rauch taumelte das Ungeheuer hervor. Es bot einen grauenerregenden Anblick. Sein K�rper blutete aus buchst�blich zahllosen Wunden. Das braunrote Fell war zum Gro�teil versengt oder abgerissen, und eines der riesigen, schillernden Facettenaugen war erloschen; an seiner Stelle g�hnte ein faustgro�er Krater in dem dreieckigen Insektensch�del. Einer seiner Fl�gel brannte. Es bewegte sich langsam, torkelnd, wie ein Mensch, der sich nur noch mit allerletzter Kraft auf den Beinen hielt.</p><p>Trotzdem l�ste sein Anblick unter den Agenten augenblicklich Panik aus.</p><p>Mit Ausnahme der beiden, die mit ihnen im Aufzug gewesen waren, hatte keiner der M�nner die Bestie bisher <emphasis>gesehen. </emphasis>Sie hatten nur geschossen, weil sie gesehen hatten, da� irgend etwas nicht stimmte, und Braun die anderen in kopfloser Panik aus dem Aufzug st�rzen sahen. Jetzt erblickten sie das Monster, und die Wirkung war verheerend. Zwei oder drei von ihnen warfen einfach ihre Waffen weg und st�rzten davon, die anderen begannen zu schie�en, aber wahrscheinlich nur aus einem blinden Reflex heraus, nicht, weil sie wirklich wu�ten, was sie taten.</p><p>�Worauf warten Sie?!� br�llte Braun. <emphasis>�Fahren Sie los!�</emphasis> Der Mann hinter dem Steuer legte den ersten Gang ein und warf gleichzeitig die T�r hinter sich zu, war aber so nerv�s, da� er den Motor auf der Stelle wieder abw�rgte. Der Wagen machte einen anderthalb Meter weiten Satz und blieb wieder stehen.</p><p>Im gleichen Moment ruckte der Kopf der Bestie herum, und Bremer konnte den Blick ihres einzelnen verbliebenen Auges fast wie eine k�rperliche Ber�hrung sp�ren. Sie machte einen einzelnen Schritt, blieb wieder stehen und spreizte die Fl�gel.</p><p>�Idiot!� br�llte Braun. �Fahren Sie schon los!� Der Agent drehte den Z�ndschl�ssel. Der Anlasser wimmerte, aber der Motor sprang nicht an. Das Ungeheuer knickte seine Beine ein und spreizte die Fl�gel weiter. Die Agenten feuerten immer noch, und Bremer konnte genau sehen, da� sie trafen. Die Bestie wankte, zeigte sich aber nicht weiter beeindruckt. Mit einem ungeheuer kraftvollen Satz stie� sie sich ab, breitete die Schwingen noch weiter aus und raste auf den Wagen zu. Sie flog nicht wirklich, sondern segelte eher, wie ein bizarrer pr�historischer Pterodaktylus mit brennenden Fl�geln, landete aber trotzdem nach einer Sekunde zielsicher auf der Motorhaube des BMW.</p><p>Braun schrie auf und ri� instinktiv sch�tzend die H�nde vors Gesicht, als die Windschutzscheibe zerbarst. Der Wagen schwankte unter dem Aufprall des gefl�gelten D�mons.</p><p>Endlich sprang der Motor an. Der Fahrer hatte offenbar gar nicht mehr damit gerechnet, denn das Ger�usch des Anlassers wurde pl�tzlich zum ratternden Mahlen �berlasteter Zahnr�der. Es dauerte fast eine Sekunde, bis er den Z�ndschl�ssel endlich loslie� und den Gang hineinh�mmerte.</p><p>Der BMW raste mit durchdrehenden Reifen los. Das Ungeheuer auf seiner Motorhaube kreischte, flatterte wild mit den Fl�geln und grub die Krallen in das Metall. Im n�chsten Moment warf es sich vor. Eine sichelf�rmige Klaue hackte durch das Wagendach und verfehlte den Fahrer um Haaresbreite. Der Mann schrie auf, trat so hart auf die Bremse, da� sich der Wagen querstellte, und die Bestie rutschte mit einem zornigen Pfeifen von der Motorhaube. Seine Klaue ri� das Dach dabei auf gut vierzig Zentimeter auf wie d�nnes Papier.</p><p>Der Fahrer h�mmerte den R�ckw�rtsgang hinein, gab Gas und lie� den Wagen zur�ckschie�en. Dann brachte er ihn mit einem harten Tritt auf die Bremse wieder zum Stehen, schaltete und beschleunigte erneut.</p><p>Der BMW rammte das Ungeheuer, noch bevor es sich ganz aufgerichtet hatte.</p><p>Metall barst. Beide Scheinwerfer zerbrachen, und die Insassen des Wagens wurden nach vorne geschleudert, als w�ren sie gegen eine Wand aus massivem Beton geprallt, nicht gegen ein Wesen von der Gr��e eines Menschen. Der D�mon wurde im hohen Bogen weg geschleudert und landete mit hilflos schlagenden Fl�geln auf dem Asphalt, und der Motor erstarb. Diesmal konnte Bremer h�ren, da� es endg�ltig war.</p><p>�Raus!� befahl Braun. Gleichzeitig stie� er die T�r auf und lie� sich aus dem Wagen fallen. Bremer krabbelte ungeschickt hinterher, humpelte um den Wagen herum und wollte die T�r auf Angelas Seite �ffnen, da sie mit ihren gefesselten H�nden dazu wohl kaum in der Lage war. Er kam jedoch nicht dazu, denn Braun packte ihn grob an der Schulter, stie� ihn herum und winkte gleichzeitig einen der beiden anderen Wagen heran. Der BMW hielt mit quietschenden Reifen vor ihm an. Die T�ren flogen auf, und drei der vier Insassen sprangen heraus, als Braun ihnen mit hastigen Gesten den Befehl dazu gab. Bremer h�rte das n�herkommende Heulen einer Sirene, dann wieder Sch�sse. Er kam nicht einmal dazu, sich zu dem Ungeheuer herumzudrehen, denn Braun stie� ihn grob auf den R�cksitz. Einen Augenblick sp�ter wurde Angela zu ihm hereingeschubst, und sie fuhren los.</p><p>Der Fahrer legte die ersten zwanzig oder drei�ig Meter im R�ckw�rtsgang zur�ck, so da� Bremer genau erkennen konnte, da� sich das Ungeheuer bereits wieder aufrichtete. Seine Fl�gel brannten noch immer, und allein der Aufprall des Wagens mu�te ihm alle Knochen im Leib gebrochen haben - oder was immer es auch statt dessen besitzen mochte -, aber Bremer zweifelte mittlerweile ohnehin daran, da� man dieses Ding wirklich t�ten konnte. Wahrscheinlich war es so, wie Angela gesagt hatte: Man konnte ihm weh tun und es w�tend machen, aber man konnte es nicht umbringen. Wie sollte man etwas t�ten, dessen ureigenstes Element der Tod war?</p><p>Der Wagen machte eine j�he Hundertachtzig-Grad-Drehung und beschleunigte dann wieder. Bremer wurde zum wiederholten Male an diesem Abend gegen etwas Hartes geschleudert und sah f�r einen Moment Sterne.</p><p>Als er sich wieder hochrappelte, sah er zwei Polizeiwagen mit flackerndem Blaulicht auf sie zurasen. Hastig drehte er sich herum und sah ihnen nach. Das Haus und das apokalyptische Schlachtfeld, in das sich die Stra�e davor verwandelt hatte, waren schon fast au�er Sicht geraten. Er erkannte die M�nner nur noch als schwarze Scherenschnittgestalten, die mit hektischen abgehackten Bewegungen wie Darsteller in einem uralten Stummfilm vor einem absurden Kolo� mit brennenden Fl�geln flohen. Auch der zweite, noch fahrbereite Wagen raste in diesem Moment los. Bremer glaubte nicht, da� die Zur�ckgebliebenen eine gro�e Chance h�tten. Sie alle hatten gesehen, wozu diese Ungeheuer f�hig war. Die Bremslichter der beiden Polizeiwagen leuchteten pl�tzlich grell auf, und die Fahrzeuge kamen mit kreischenden Reifen zum Stehen. Bremer versuchte erst gar nicht, sich vorzustellen, was jetzt in den M�nnern darin vorging.</p><p>Ein weiterer Streifenwagen kam ihnen entgegen, gefolgt von einem L�schzug mit heulender Sirene, den irgendeiner der Hausbewohner oder Nachbarn alarmiert haben mu�te, dann hatten sie die Kreuzzug erreicht, und der Fahrer lie� den Wagen mit quietschenden Reifen um die Kurve schlittern.</p><p>�Fahren Sie langsamer�, befahl Braun. �Sonst kriegen wir am Ende noch ein Protokoll.� Pl�tzlich packte Bremer eine rasende, fast unbezwingbare Wut, die nicht einmal das Medikament in seinem Kopf d�mpfen konnte. Er zog die Knie an und versetzte dem Sitz vor sich einen Tritt, der Braun nach vorne schleuderte und gegen das Armaturenbrett geschleudert h�tte, h�tte er sich nicht im letzten Moment mit beiden H�nden abgest�tzt. �He!� br�llte Braun. �Was soll das?! Sind Sie wahnsinnig geworden?�</p><p>�Sie Mistkerl!� fauchte Bremer. �Sie verdammtes, gewissenloses Schwein! Sie haben die M�nner zum Tode verurteilt! Das Biest hat sie umgebracht, damit Sie Ihr kostbares Leben retten konnten!�</p><p>�Und Ihres�, f�gte Braun hinzu. �Wenn ich Sie daran erinnern darf.�</p><p>Bremer machte eine Bewegung, als wollte er Brauns Antwort wie etwas Materielles beiseite fegen. �Ich habe Sie nicht darum gebeten, Sie Arschloch!�</p><p>�Ich bin zu wertvoll, um zu sterben�, sagte Braun. Seltsamerweise klang es kein bi�chen �berheblich oder gar arrogant, sondern einfach wie etwas, wovon er fest �berzeugt war.</p><p>�Wenn das wirklich so ist, dann h�tten Sie vielleicht erst gar nicht kommen sollen�, sagte Angela.</p><p>�Wie meinen Sie das?�</p><p>�Das war ganz allein Ihre Schuld!� behauptete Angela aufgebracht. �Denken Sie wirklich, dieses ... Ding w�re Ihretwegen gekommen? Wenn ja, dann leiden Sie an einer geh�rigen Selbst�bersch�tzung! Es wollte uns.� Sie verbesserte sich und deutete mit einer Kopfbewegung auf Bremer. �Ihn.�</p><p>Braun schwieg einen Moment. Dann nickte er zu Bremers ma�loser �berraschung und sagte: �Das glaube ich auch. Aber Sie t�uschen sich, meine Liebe. Es war nicht umsonst. Ihr Freund Bremer ist n�mlich noch viel wertvoller als ich.�</p></section><section><title><p>23</p></title><empty-line/><p>Die H�nde des Mannes zitterten immer noch, als er N�rdlinger den Becher zur�ckgab. Er hatte sich einen Gutteil des br�hhei�en Kaffees �ber die Finger und die Uniform gesch�ttet, anscheinend ohne es auch nur zu bemerken, und sein Gesicht hatte in den letzten Minuten noch mehr Farbe verloren, obwohl er schon kreidebleich gewesen war, als N�rdlinger ihn getroffen hatte.</p><p>Der Anblick ersch�tterte Kriminalrat N�rdlinger weit mehr, als irgendeiner der Anwesenden ahnen mochte. N�rdlinger wu�te nat�rlich sehr genau, was die meisten seiner Untergebenen von ihm dachten: Er galt als paragraphenreitender Pedant, der mit der Dienstvorschrift unter dem Kopfkissen schlief und so gut wie keine Gef�hle kannte, und er pflegte diesen Ruf, so gut es ihm m�glich war - auch wenn er nicht stimmte. So mancher seiner Leute h�tte sich gewundert, h�tte er gewu�t, wie oft er schon alle H�nde �ber sie gehalten hatte, um ihnen die gewissen Freiheiten zu erm�glichen, ohne die eine effiziente Polizeiarbeit nun einmal nicht m�glich war, und wie oft er selbst seine Dienstvorschriften schon so weit gebeugt hatte, da� es knirschte. Und er hatte Gef�hle, verdammt noch mal. Einen f�nfzigj�hrigen Mann, der zwei Drittel seines Lebens bei der Berufsfeuerwehr verbracht hatte, vor Entsetzen zitternd auf dem B�rgersteig vor sich sitzen zu sehen, das ber�hrte ihn sehr wohl. Er wu�te, was diese Leute manchmal zu sehen bekamen.</p><p>�Soll ich Ihnen noch einen Kaffee holen?� fragte er. Der Feuerwehrmann machte eine Bewegung, die N�rdlinger mit einiger Fantasie zu einem Kopfsch�tteln rekonstruierte.</p><p>�Nein�, sagte er schwach. �Es geht schon wieder. Danke.� Das war eine glatte L�ge. Dem Mann war spei�bel. Er k�mpfte nur noch mit letzter Macht um seine Beherrschung. N�rdlinger lie� es jedoch dabei bewenden, verabschiedete sich mit einem Kopfnicken und drehte den Plastikbecher unschl�ssig in den H�nden, w�hrend er sich herumdrehte. Einen Moment lang wu�te er nicht, wohin damit. Dann wurde ihm bewu�t, wo er war, und er lie� das Trinkgef�� achtlos fallen. Normalerweise widerstrebte es ihm zutiefst, Abfall einfach auf den Boden fallen zu lassen. Aber der Hausflur sah sowieso aus wie ein Schlachtfeld. Absurderweise hatte er trotzdem ein schlechtes Gewissen; um ein Haar h�tte er sich wieder geb�ckt und nach einem Abfalleimer gesucht.</p><p>Als er sich wieder herumdrehte, streifte sein Blick jedoch einen der beiden mit schwarzer Plastikfolie zugedeckten K�rper, die auf der anderen Seite des Korridors lagen. Er hatte das, was darunter lag, nur mit einem einzigen fl�chtigen Blick gestreift, und allein die<emphasis> Erinnerung </emphasis>daran reichte, um auch in seinem Magen eine leichte �belkeit wachzurufen.</p><p>Mit schnellen Schritten ging er los und steuerte den Ausgang an. Unter seinen Schuhen knirschte zerbrochenes Glas und in der Hitze spr�de gewordenes Plastik. Ein verbogenes Metallst�ck flog klappernd davon. Pl�tzlich hatte er das Gef�hl, keine Luft mehr zu bekommen. Der Geruch von verbranntem Kunststoff und verschmortem Fleisch vermengte sich zu einem Gestank, der ihm den Atem nahm. Er mu�te hier raus. Sofort. W�re er allein gewesen, w�re er gerannt.</p><p>Kriminalrat N�rdlinger war jedoch alles andere als allein. Au�er ihm und dem bedauernswerten Feuerwehrmann (der sich genau in diesem Moment w�rgend hinter ihm erbrach - soviel zu seiner Versicherung, da� alles in Ordnung sei) hielten sich im Moment zwar nur zwei weitere Feuerwehrm�nner hier drinnen auf, die die Tr�mmer beiseite r�umten und nach versteckten Brandherden suchten, aber der B�rgersteig und die Stra�e vor dem Geb�ude wimmelte nur so von Menschen: Polizeibeamten, Feuerwehrm�nnern, Rettungssanit�tern und ungef�hr zwei Dutzend Hausbewohnern, die die Feuerwehr vorsorglich evakuiert hatte, bevor klar wurde, wie schnell sie den Brand unter Kontrolle bringen w�rden. Und nat�rlich jede Menge Schaulustige.</p><p>Ein blauer Lichtblitz flammte auf, und N�rdlinger verl�ngerte seine Liste in Gedanken. Und ein paar Journalisten, wie nicht anders zu erwarten war. Man konnte einen Tatort <emphasis>zumauern, </emphasis>sie fanden immer einen Weg. Als N�rdlinger das Geb�ude verlie�, kam ihm ein uniformierter Polizeibeamter mit einem dampfenden Plastikbecher in der Hand entgegen. Ein f�rsorglicher Hausbewohner hatte Kaffee gekocht, den er jetzt verteilte. Der Mann erkannte ihn, erschrak ein ganz kleines bi�chen und �nderte dann abrupt seine Richtung. Allerdings nicht schnell genug, da� N�rdlinger nicht den Weinbrand gerochen h�tte, den der gleiche f�rsorgliche Hausbewohner offensichtlich in den Kaffee gemischt hatte. Normalerweise h�tte N�rdlinger eine solche Verfehlung nicht geduldet und w�re sofort energisch eingeschritten - aber was war an diesem Tag schon normal? Er tat so, als h�tte er nichts gemerkt und ging schnell weiter.</p><p>Seine M�nner waren damit besch�ftigt, die Hausbewohner zu vernehmen und ihre Aussagen niederzuschreiben, aber N�rdlinger glaubte nicht, da� au�er einer Menge �berfl�ssigen Papierkrams viel dabei herauskommen w�rde. Den einzigen Zeugen, der <emphasis>wirklich</emphasis> etwas gesehen hatte, hatte er selbst befragt. Und was die Besatzung der beiden Streifenwagen anging, die als erste vor Ort gewesen waren...</p><p>Nein, daran <emphasis>wollte </emphasis>er im Moment nicht denken. Morgen fr�h w�rde sich ein Polizeipsychologe mit ihnen unterhalten.</p><p>Er holte sich auch einen Kaffee (mittlerweile schien sich auch unter den Hausbewohnern herumgesprochen zu haben, wer er war: <emphasis>Sein </emphasis>Kaffee war pur), nippte daran und schlenderte fast ziellos weiter, als ihm ein Journalist den Weg vertrat. N�rdlinger h�tte die Kamera und den kleinen Kassettenrecorder gar nicht sehen m�ssen, den er ihm unter die Nase hielt, um ihn zu erkennen.</p><p>�Sie sind doch Kriminalrat N�rdlinger, nicht wahr?� fragte der Mann. �Ich erkenne Sie.� N�rdlinger nippte an seinem Kaffee und ging schweigend weiter. Nat�rlich folgte ihm der Reporter.</p><p>�Was ist hier passiert?�</p><p>�Es hat gebrannt�, antwortete N�rdlinger einseitig.</p><p>�Kommen Sie, Herr Kriminalrat!� sagte der Journalist. �Wegen eines kleinen Feuers kommt doch ein Mann wie Sie nicht morgens um f�nf hierher! Noch dazu mit der halben Berliner Polizei.�</p><p>�Also gut�, sagte N�rdlinger, �ich will Ihnen die Wahrheit sagen: Jemand hat sich hier einen besonders aufdringlichen Reporter vorgekn�pft, ihm beide Beine und Arme gebrochen, ihn in zwei St�cke geschnitten und angez�ndet. Ich wei� allerdings nicht, in welcher Reihenfolge. <emphasis>V�rfels!�</emphasis></p><p>Das letzte Wort hatte er gebr�llt. Es vergingen kaum f�nf Sekunden, bis der Gerufene vor ihm auftauchte und ihn fragend ansah. N�rdlinger deutete auf den Journalisten. �Nehmen Sie diesen Kerl fest!� sagte er.</p><p>�Warum?� fragte V�rfels.</p><p>�Keine Ahnung�, gestand N�rdlinger. �Denken Sie sich etwas aus. Und...� Er nahm dem vollkommen fassungslosen Reporter den Kassettenrecorder aus der Hand, nahm die Kassette heraus und zertrat sie mit dem Absatz. �...geben Sie ihm zwei Mark f�r eine neue Kassette.� Er ging weiter, ohne den verwirrt dreinblickenden Journalisten und den kaum weniger hilflosen V�rfels auch nur noch eines weiteren Blickes zu w�rdigen. Er wu�te selbst nicht, warum er das getan hatte. V�rfels w�rde den Mann nat�rlich nicht festnehmen, sondern ihn irgendwie beruhigen, aber darauf kam es nicht an. Er f�hlte sich einfach besser.</p><p>N�rdlinger ging langsam auf seinen Wagen zu, blieb aber zwanzig Schritte davor stehen und musterte die schattenhafte Gestalt, die auf dem R�cksitz zu erkennen war. Vater Thomas war nicht besonders begeistert gewesen, als N�rdlinger ausstieg und er feststellen mu�te, da� sich die Wagent�r nicht von innen �ffnen lie�. Er w�re wahrscheinlich noch sehr viel weniger begeistert gewesen, h�tte er gewu�t, da� er sich im Moment ihrer Ankunft hier als mehr oder weniger verhaftet betrachten konnte. Im Moment tendierte das Pendel zwar deutlich in Richtung <emphasis>weniger, </emphasis>aber N�rdlinger fand, da� er ruhig noch ein bi�chen schmoren konnte. Er hatte das Gef�hl, da� dieser komische Heilige ihm noch lange nicht alles gesagt hatte.</p><p>Er nippte wieder an seinem Kaffee, drehte sich auf dem Absatz herum und ging auf einen der drei Krankenwagen zu, die auf der anderen Stra�enseite geparkt waren. Es war der einzige Wagen, dessen Heckt�ren geschlossen waren. Ein Polizeibeamter mit einer Maschinenpistole hielt davor Wache, und die Innenbeleuchtung des Wagens brannte.</p><p>N�rdlinger �ffnete die T�r, trat geb�ckt in den Wagen und zog sie sorgsam hinter sich wieder zu, ehe er sich herumdrehte. <emphasis>In </emphasis>dem Rettungswagen hielt sich im Moment kein Rettungssanit�ter oder Arzt auf, sondern nur Meiler und ein knapp drei�igj�hriger, breitschultriger Mann, dessen linker Arm in einer Schlinge hing. Die gut vierzig Zentimeter lange, spitze Glasscherbe, die der Arzt aus seinem Unterarm gezogen hatte, lag auf einem verchromten Tablett. Der Bursche mu�te ziemlich hart sein. H�tte man N�rdlinger ein solches Ding aus dem Arm gezogen, dann w�rde er jetzt bestimmt nicht dasitzen und genervt aussehen.</p><p>�Hat er schon geredet?� fragte er. Meiler wollte antworten, aber der andere kam ihm zuvor.</p><p>�Ich habe ein Loch im Arm, nicht in der Zunge�, sagte er. �Mein Name ist J�rgen Malchow. Ich arbeite f�r die Abteilung elf des Innenministeriums, und das ist alles, was Sie von mir erfahren werden. Wenn Sie mir nicht glauben, dann rufen Sie die Telefonnummer an, die ich Ihnen gesagt habe.� N�rdlinger wu�te, da� es keine Abteilung elf des Innenministeriums gab.</p><p>�Ich hasse Telefone�, sagte er. �Warum erz�hlen Sie mir nicht einfach, wer Sie sind und was hier wirklich passiert ist?�</p><p>�Weil Sie das nichts angeht.�</p><p>�Wissen Sie, wer ich bin?� fragte N�rdlinger.</p><p>�Nein�, antwortete Malchow. �Und es interessiert mich auch nicht.�</p><p>�Das sollte es aber�, sagte N�rdlinger. �Ich kann Sie n�mlich durchaus einsperren lassen. F�r einen Tag, eine Woche, einen Monat...� Er zuckte mit den Schultern. �Es liegt ganz bei Ihnen.�</p><p>�Nein�, antwortete Malchow. �Das k�nnen Sie nicht.� Er sah N�rdlinger fest in die Augen. N�rdlinger suchte vergeblich nach einer Spur von �berheblichkeit oder Unsicherheit in seinem Blick. Da war keines von beidem. Malchow war einfach ein Mann, der wu�te, da� das, was er sagte, die Wahrheit war. N�rdlinger konnte ihm nichts tun. Er w�rde so oder so in ein paar Stunden frei sein.</p><p>N�rdlinger beschlo�, seine Taktik zu �ndern. �H�ren Sie mir zu, Herr Malchow�, sagte er. �Ich <emphasis>k�nnte </emphasis>Ihnen �rger machen, aber ich will es gar nicht. Ich will nur wissen, was hier passiert ist. Sie wissen es besser als ich.�</p><p>�Ich wei� gar nichts�, behauptete Malchow.</p><p>�Das glaube ich doch�, erwiderte N�rdlinger. Seine Stimme wurde lauter, blieb aber freundlich. �Dort drau�en liegt ein halbes Dutzend Toter! Jemand hat das halbe Haus in die Luft gesprengt, und die Zeugen erz�hlen mir eine vollkommen hirnrissige Geschichte von einer Fledermaus, die Menschen fri�t. Auf dem Pflaster liegt genug verschossene Munition, um einen Kleinlaster zu f�llen, und Sie haben eine Waffe mit leer geschossenem Magazin im Schulterhalfter! Und Sie wollen mir erz�hlen, da� Sie nicht wissen was hier passiert ist?�</p><p>�Rufen Sie die Nummer an�, sagte Malchow stur.</p><p>�Ich lasse Sie einsperren�, drohte N�rdlinger. �Bei dem, was hier passiert ist, kann Sie keine Macht der Welt davor bewahren.�</p><p>�Sie m�ssen nicht telefonieren�, sagte Malchow. �Jemand wird<emphasis> Sie </emphasis>anrufen.�</p><p>N�rdlinger seufzte. �Ich will einfach nur wissen, wo Braun ist�, seufzte er.</p><p>�Braun? Ich kenne niemanden, der so hei�t.� Malchow massierte sein linkes Handgelenk und verzog das Gesicht.</p><p>�Sollte ich jemanden treffen, der so hei�t, dann bitte ich ihn, Sie anzurufen.� N�rdlinger begriff, da� das das �u�erste Eingest�ndnis war, das er von Malchow erwarten konnte - eigentlich war es<emphasis> mehr, </emphasis>als er erwarten konnte. Er bedeutete Meiler mit Blicken, ihm zu folgen, dann verlie� er ohne ein weiteres Wort den Krankenwagen und entfernte sich ein paar Schritte. Meiler folgte ihm.</p><p>�Lassen Sie ihn noch zehn Minuten schmoren, dann kann er gehen�, sagte N�rdlinger.</p><p>�Aber...�</p><p>�Ich wei�, was Sie sagen wollen�, unterbrach ihn N�rdlinger. �Aber der Kerl hat leider recht, wissen Sie? Wir k�nnen ihm gar nichts.�</p><p>�Wir k�nnten ihn immerhin gegen Versto� gegen das Waffengesetz festnehmen�, sagte Meiler. �Er hatte einen Schalld�mpfer in der Tasche. Die Dinger sind verboten.� Das w�rde vermutlich wirklich ausreichen, um Malchow f�r einen oder zwei Tage schmoren zu lassen, �berlegte N�rdlinger. F�r ein paar Sekunden fand er genug Gefallen an dem Gedanken, um Meiler nachzugeben. Aber dann sch�ttelte er den Kopf.</p><p>�Lassen Sie ihn laufen�, sagte er. �In zehn Minuten. Oder sogar in zwanzig. Und achten Sie darauf, da� ihm der Sanit�ter kein Schmerzmittel gibt.�</p><p>Er lie� Meiler stehen und eilte mit jetzt sehr schnellen ausgreifenden Schritten auf seinen Wagen zu. Thomas spie�te ihn mit Blicken regelrecht auf, als er sich neben ihr auf den R�cksitz fallen lie�, sagte aber nichts.</p><p>�Bevor Sie irgend etwas sagen�, begann N�rdlinger �Ich will nichts von der Macht Gottes h�ren. Ich will auch nichts von der ewigen Verdammnis h�ren, von der Macht des Teufels oder himmlischen F�gungen, nichts von gottgesandten Plagen oder der Erbs�nde. Ich will einfach nur wissen, was hier los war.�</p><p>�Ich hatte nicht vor, irgend etwas von alledem zu sagen�, sagte Thomas.</p><p>N�rdlinger war ehrlich �berrascht. �Nicht?�</p><p>�Das alles hier hat nichts mit Gottes Werk zu tun�, antwortete Thomas. �Und schon gar nicht mit seinem <emphasis>Willen. </emphasis>F�r das, was hier passiert ist, sind allein Menschen verantwortlich.� N�rdlinger war verwirrt - nicht einmal so sehr �ber Thomas' Worte, sondern in weit gr��erem Ma�e �ber das, was sie in ihm ausl�sten.</p><p>�Es ... f�llt mir nicht ganz leicht, das zu akzeptieren�, sagte er. �Wir haben bisher sechs Tote gefunden, und wir sind noch nicht fertig mit suchen. Da drau�en sitzen vier gestandene Polizeibeamte, die Stein und Bein schw�ren, sie h�tten ein Ungeheuer gesehen, und einige der Leichen sehen aus, als w�ren sie von etwas angefallen worden, das ich mir nicht einmal<emphasis> vorzustellen </emphasis>wage. Und Sie wollen mir erz�hlen, das w�re alles ganz <emphasis>normal?� </emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Ich habe nicht normal gesagt.� Thomas �ffnete die T�r und stieg aus. N�rdlinger kletterte ebenfalls aus dem Wagen. Thomas hatte sich mittlerweile schon ein paar Meter entfernt und ging auf den zertr�mmerten BMW zu, der am Stra�enrand stand.</p><p>N�rdlinger hatte einen Beamten aufgestellt, um das Fahrzeugwrack zu bewachen, damit sich niemand daran zu schaffen machte. Der Mann wollte Thomas den Weg vertreten, aber N�rdlinger sch�ttelte rasch den Kopf und schickte ihn mit einer entsprechenden Geste weg.</p><p>Thomas ging um das Fahrzeugwrack herum und blieb vor der zertr�mmerten K�hlerhaube stehen. �Sehen Sie�, sagte er. Im ersten Moment sah N�rdlinger nicht, was er meinte. Die gesamte Frontpartei des BMW war zermalmt; ein einziger Wust aus geborstenem Metall, aus dem noch immer �l und K�hlmittel tropfte. Aber dann sah er es: In dem zerbeulten Metall g�hnte eine Anzahl gleichm��iger, dreieckiger L�cher, so regelm��ig angeordnet, als h�tte sie eine Maschine hineingestanzt.</p><p>�Glauben Sie, da� das ein Mensch war?� fragte Thomas, hob die Hand und deutete auf das Dach des Wagens. �Oder das?� Das Wagendach war regelrecht aufgeschlitzt; ein vierzig Zentimeter langer, drei Finger breiter Ri� mit nach au�en gebogenen R�ndern. N�rdlinger versuchte sich vorzustellen, welche Art von Unfall eine solche Besch�digung verursachen konnte, aber es gelang ihm nicht. Daf�r sp�rte er ein eisiges Fr�steln wie eine Kolonne winziger Polarameisen sein R�ckgrat hinunter laufen.</p><p>�Aber gerade haben Sie selbst gesagt...�</p><p>�Ich habe gesagt, es war Menschenwerk. Nicht, es war ein Mensch. Und das ist erst der Anfang, Herr N�rdlinger. Das ist <emphasis>nichts </emphasis>gegen das, was geschehen wird, wenn wir Braun nicht finden.�</p><p>�Wie ... meinen Sie das?� fragte N�rdlinger m�hsam. Es war l�cherlich. Thomas' Worte waren ... grotesk. Noch vor einer Stunde h�tte er dar�ber gelacht. Jetzt erf�llten sie ihn mit einer Furcht, gegen die er einfach hilflos war. �Was soll das hei�en?�</p><p>�Die Apokalypse�, antwortete Thomas. �Das j�ngste Gericht - suchen Sie sich einen Begriff aus. Keiner wird ausreichen, das zu beschreiben, was geschehen wird, wenn wir Ihn nicht rechtzeitig finden. Gott hat sich etwas dabei gedacht, als er den Menschen nicht die Macht gegeben hat, Schicksal zu spielen. Es hei�t Auge um Auge, Herr N�rdlinger - aber auch nur <emphasis>ein </emphasis>Auge f�r <emphasis>ein </emphasis>Auge, <emphasis>ein </emphasis>Leben f�r ein Leben. Nicht mehr! Das geschieht, wenn Menschen die Macht haben, alles zu tun, was sie wollen. Wir m�ssen Bremer finden, schnell! Er ist vielleicht unsere letzte Chance, eine Katastrophe zu verhindern!�</p><p>�Aber ich wei� nicht, wo er ist, verdammt noch mal!� N�rdlinger schrie fast. Dann drehte er sich langsam herum, blickte den Krankenwagen an, in dem Meiler noch f�r gut' zehn Minuten damit besch�ftigt sein sollte, Malchow schmoren zu lassen - und sch�ttelte den Kopf. Es w�rde nicht funktionieren.</p><p>�Was haben Sie?� fragte Thomas. Er schien wirklich ein ausgezeichneter Beobachter zu sein.</p><p>�Nichts�, antwortete N�rdlinger. �Ich �berlege nur, ob ich lachen soll.�</p><p>�Lachen?�</p><p>��ber einen besonders guten Scherz, den sich das Schicksal gerade mit uns erlaubt.� Er drehte sich wieder zu Thomas herum. �Es gibt jemanden, der wahrscheinlich wei�, wo wir Bremer finden.�</p><p>�Dort dr�ben?� Thomas deutete mit dem Kopf auf den Krankenwagen, sah ihn einen Moment lang an, als zweifele er an seinem Verstand und setzte sich dann mit einem energischen Schritt in Bewegung.</p><p>N�rdlinger hielt ihn am Arm zur�ck. �Das hat keinen Sinn�, sagte er.</p><p>�Aber gerade sagten Sie doch...�</p><p>�Da� es jemanden gibt, der wahrscheinlich wei�, wie wir Bremer finden, ja�, best�tigte N�rdlinger. �Aber er wird es uns nicht verraten.� Thomas sah ihn an, und pl�tzlich erschien etwas Neues in seinen Augen; etwas, das N�rdlinger um ein Haar dazu gebracht h�tte, einen Schritt vor ihm zur�ckzuweichen.</p><p>�O doch�, sagte er leise. �Das wird er.�</p></section><section><title><p>24</p></title><empty-line/><p>Erstaunlicherweise gelang es seinem K�rper relativ schnell, das Mittel abzubauen, das Braun ihm gespritzt hatte. Bremer war nie beim Drogendezernat gewesen und hatte sogar - als h�tte etwas in ihm mit einer Art erstaunlicher pr�kognitiver F�higkeit vorausgeahnt, was geschehen w�rde - stets einen Bogen um alles gemacht, was mit Drogen zu tun hatte. Trotzdem wu�te er, da� diese Art von Vorschlaghammer-Betablockern, mit der Braun ihn <emphasis>behandelt </emphasis>hatte, manchmal viele Stunden brauchte, um seine Wirkung zu verlieren; wenn nicht Tage.</p><p>Bremer f�hle sich nach kaum einer Stunde wieder topfit. Jedenfalls nahm er an, da� es eine Stunde gewesen war. Mit Ausnahme der Waffe, die er Cremer abgenommen hatte, hatten sie ihm alles gelassen, auch seine Uhr, aber Bremer hatte w�hrend ihrer verzweifelten Flucht und auch danach nat�rlich nicht auf die Uhr gesehen. Als er das erstemal auf die Idee kam, war es nach f�nf. Es konnte also nicht allzu viel Zeit verstrichen sein.</p><p>Das Mittel schien noch eine andere, h�chst erfreuliche Nebenwirkung zu haben: Im gleichen Ma�e, in dem seine Benommenheit und der dumpfe Druck hinter seiner Stirn verschwanden, l�ste sich auch seine M�digkeit auf. Seine Gedanken schienen ganz im Gegenteil mit einer seltenen Sch�rfe und Pr�zision zu funktionieren - was nun allerdings wieder eine andere, weniger w�nschenswerte Nebenwirkung hatte: Er begann unruhig zu werden und tigerte wie ein gefangenes Raubtier in seiner Zelle auf und ab. Das Zimmer sah nicht aus wie eine Zelle, sondern gab sich ganz im Gegenteil alle M�he, einen behaglichen Eindruck zu erwecken. Das Mobiliar war zwar sp�rlich, aber erlesen, wie in einem Hotelzimmer der gehobenen Mittelklasse. Es gab einen Fernseher und eine kleine, allerdings mit ausschlie�lich nichtalkoholischen Getr�nken best�ckte Minibar. Das Bett war breit genug f�r zwei, und das Fenster war nicht vergittert.</p><p>Trotzdem <emphasis>war </emphasis>es eine Zelle. Das so einladend erscheinende Fenster bestand aus unzerbrechlichem Panzerglas und lie� sich nicht �ffnen, und die T�r hatte keinen Griff an der Innenseite. Als er das Zimmer etwas eingehender betrachtete, entdeckte er eine Anzahl verr�terischer, daumennagelgro�er Linien, die dezent in Winkeln und Dach angebracht waren: Videokameras, die das Zimmer so �berblickten, da� auch nicht der kleinste tote Winkel blieb. Am Bettgestell befand sich eine dezente Vorrichtung, die anscheinend dem Zweck diente, jemanden darauf festzuschnallen Die W�nde bestanden aus Kunststoff in freundlichen Pastellfarben, waren aber so hart wie Beton.</p><p>Nachdem er eine gute Viertelstunde in seiner Zelle auf und ab gelaufen war und damit begonnen hatte, vor lauter Frust gegen das Mobiliar zu treten, ging die T�r auf und zwei von Brauns M�nnern kamen, um ihn abzuholen. Bremer hatte - neben etlichen anderen Ideen - auch den Plan erwogen, sich sofort und kompromi�los auf den ersten zu st�rzen, der die T�r aufmachte, verga� die Idee aber augenblicklich wieder, als er die beiden M�nner sah: Breitschultrige, an die zwei Meter gro�e Kleiderschr�nke, die vermutlich nicht einmal gezuckt h�tten, wenn er sie mit einem Totschl�ger attackierte. <emphasis>Er w�rde </emphasis>fliehen, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit. Aber das hier war keine. Wortlos folgte er den beiden Agenten.</p><p>Sie gingen einen langen, nur schwach erhellten Korridor entlang und betraten einen Aufzug, mit dem sie nach oben fuhren. Bremer vers�umte es, auf die Anzeige zu sehen, um festzustellen, in welcher Etage sie sich befanden, aber es mu�te wohl das Keller- oder Erdgescho� sein, denn sie fuhren ziemlich lange. Er hatte ein ungutes Gef�hl. Zwei- oder dreimal ertappte er sich dabei, einen nerv�sen Blick zur Decke hinauf zu werfen, als rechne er jeden Moment damit, das Metall zerrei�en und ... <emphasis>etwas </emphasis>hindurchbrechen zu sehen. Nat�rlich geschah das nicht. Wenn das Ungeheuer noch lebte, dann hockte es in irgendeiner finsteren Ecke des Universums und leckte seine Wunden. Trotzdem atmete er h�rbar auf, als der Lift endlich anhielt und sie die Kabine verlie�en.</p><p>Der Flur, in den sie hinaustraten, schien eher zu einem modernen B�rogeb�ude zu geh�ren als in ein Krankenhaus. Sie gingen wieder bis zu seinem jenseitigen Ende und jagten in ein typisches Direktorenvorzimmer, das allerdings ein untypisches Accessoire hatte: Einen Mann in einem dunkelblauen Anzug, der vor der gegen�berliegenden T�r stand und eine Uzi in der rechten Hand hielt. Bremer fragte sich sp�ttisch, warum es nicht gleich ein Flammenwerfer war. Der Zwischenfall in Mecklenburgs Haus schien Braun wirklich einen geh�rigen Schrecken eingejagt zu haben.</p><p>Der Gorilla trat zur Seite, als sie n�her kamen, und �ffnete gleichzeitig mit der linken Hand die T�r. Dahinter lag ein gro�z�giges, modern eingerichtetes B�ro, das sich ganz um einen �berdimensionalen Schreibtisch gruppierte. Auf der einen Seite des Schreibtisches sa� Braun, in einem frischen Anzug und mit einem gewaltigen Pflaster im Gesicht. Auf der anderen Seite sa� Angela. Braun hatte offensichtlich noch immer keine Ahnung, mit wem er es wirklich zu tun hatte, denn sie trug keine Handschellen mehr, und er war vollkommen allein mit ihr im Zimmer. Als sie hereinkamen, drehte sie den Kopf in seine Richtung und l�chelte ihm zu. Bremer reagierte nur mit einem knappen Nicken darauf. Mit einem Gef�hl leiser Verwirrung stellte er fest, da� Angelas Gesicht vollkommen unversehrt war. Die Schwellung ihrer Unterlippe war zur�ckgegangen. Selbst die Ri�wunde war nicht mehr zu sehen.</p><p>�Setzen Sie sich, Herr Bremer�, sagte Braun. Gleichzeitig deutete er auf die beiden M�nner, die zusammen mit ihm hereingekommen waren. �Brauchen wir die, oder habe ich Ihr Ehrenwort, da� Sie keine Dummheiten machen?�</p><p>�Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da� ich Sie nicht sofort umbringe�, knurrte Bremer. �Das w�re zu leicht.� Braun zuckte die Achseln und gab den beiden M�nnern einen Wink. Bremer konnte h�ren, da� sie hinter Angela und ihm Aufstellung nahmen, w�hrend er sich setzte. Angela blickte ein wenig ver�rgert. Vielleicht hatte sie vorgehabt, gleich hier einen Fluchtversuch zu unternehmen. Bremer seinerseits war trotz seiner Verwirrung vor allem erleichtert, sie unversehrt zu sehen. Ein in diesem Moment schon fast absurd erscheinendes, warmes Gef�hl von Zuneigung durchstr�mte ihn. Er mu�te sich beherrschen, um nicht die Hand auszustrecken und nach ihr zu greifen.</p><p>Offensichtlich hatte er sein Gesicht nicht so gut unter Kontrolle, wie er geglaubt hatte, denn Braun sagte sp�ttisch: �Keine Angst. Wir haben Ihrem kleinen Engel kein Haar gekr�mmt.�</p><p>�Fragt sich nur, wie lange das so bleibt�, sagte Angela.</p><p>Braun seufzte, sch�ttelte abermals den Kopf und verzog das Gesicht. Danach war sein L�cheln verschwunden. �Ganz wie Sie wollen�, sagte er. �Dann fangen wir mit Ihnen an. Wer sind Sie?�</p><p>�Wie?� fragte Angela. �Aber das wissen Sie doch.�</p><p>�Nein�, sagte Braun. �Ich wei�, wer Sie nicht sind. Und vor allem,<emphasis> was </emphasis>Sie nicht sind. Sie kommen<emphasis> nicht </emphasis>frisch von der Polizeischule, und ich nehme auch an, Ihr Name lautet nicht Angela West.� Bremer sah zuerst Braun, dann Angela verwirrt an. Angela hielt Brauns Blick gelassen stand, wirkte aber pl�tzlich ein kleines bi�chen angespannt.</p><p>�Das ist seltsam�, sagte sie. �Als ich das letztemal in meinen Dienstausweis gesehen habe, stand dieser Name darin.�</p><p>�Der ist gef�lscht�, antwortete Braun. �Perfekt, wie ich gestehen mu�. Wir k�nnen die F�lschung nicht einmal jetzt nachweisen, wo wir wissen, da� er falsch ist. Aber er ist es - genauso wie die Dienstanweisung an N�rdlinger Sie Herrn Bremer zuzuteilen und Ihre Abgangspapiere von der Polizeihochschule. Ich mu� Ihnen mein Kompliment aussprechen: Ihre Legende ist perfekt, bis hin zur letzten Computerdatei: Zeugnisse, Zwischenbewertungen, sogar die obligatorischen Krankmeldungen und Atteste ... besser h�tte ich es auch nicht hingekriegt. Nur, da� niemand auf der Schule, auf der Sie angeblich waren, sich an Sie erinnern kann. Weder die Lehrer, noch das Sekretariat, noch einer Ihrer Mitsch�ler. Es scheint, das Angela West nur im Computer existiert.�</p><p>�Und das haben Sie alles in einer Stunde herausbekommen?� Angela lachte. �Sie bluffen.�</p><p>�Ich habe ein bi�chen herumtelefoniert�, antwortete Braun, �und ein paar Leute aus dem Bett geworfen. Verschwenden Sie nicht unsere Zeit, Angela - oder wie immer Sie hei�en. Ich wei�, da� Sie l�gen. Wer sind Sie wirklich? CIA? KGB? Secret Service?�</p><p>�Sie schmeicheln mir�, sagte Angela. �Aber ich bin einfach nur jemand, der in Bremers N�he kommen wollte. Sie w�rden sich wundern, was man alles anstellen kann, wenn man sich ein bi�chen mit Computern auskennt.�</p><p>�Bl�dsinn!� Braun hob die Hand, als wolle er mit der Faust auf den Tisch schlagen, ohne es aber dann zu tun. �Ich kenne mich mit so etwas aus. Ich tue es selbst oft genug, vergessen Sie das nicht! Man mu� schon mehr sein als ein talentierter Hacker, um sich eine komplett falsche Identit�t aufzubauen - jedenfalls, wenn sie so perfekt sein soll wie Ihre! Jemand hat Ihnen geholfen! F�r wen arbeiten Sie? Die Amerikaner? Die Russen?�</p><p>�Wenn Sie so gut sind, warum finden Sie es dann nicht heraus?� fragte Angela.</p><p>�Weil ich keine Zeit daf�r habe�, antwortete Braun. �Also? Und versuchen Sie erst gar nicht, mir eine neue verr�ckte Geschichte aufzutischen. Ich finde heraus, ob sie stimmt.�</p><p>�Und Sie w�rden mir auch nicht glauben, wenn ich die Wahrheit sage�, vermutete Angela. �Warum sollte ich Ihnen also �berhaupt antworten? Au�erdem ist es doch sowieso egal, oder? Oder wollen Sie mir etwa erz�hlen, da� Sie vorhaben, mich noch einmal lebend hier herauszulassen?�</p><p>�Sie glauben, ich h�tte vor, Sie umzubringen?� Braun wirkte ehrlich �berrascht - und ein bi�chen verletzt. �Ich bitte Sie! Wof�r halten Sie mich?�</p><p>�H�tten Sie mich das vor zwei Stunden gefragt, w�re die Antwort anders ausgefallen�, sagte Angela. �Vielleicht sollte man die Frage auch besser an Dr. Mecklenburg richten - auch, wenn er sie nicht mehr beantworten kann.�</p><p>�Mecklenburg.� Braun seufzte. �Ich gestehe, das war ein Fehler. Ich habe vielleicht etwas zu ... impulsiv reagiert. Aber das wird nicht noch einmal vorkommen. Ich gebe Ihnen mein Wort, da� niemand hier vorhat, Sie umzubringen.�</p><p>�Nein, nat�rlich nicht�, sagte Angela h�hnisch. �Das ist auch gar nicht n�tig. Wir sind hier in einer Nervenklinik nicht wahr? Sie werden mich ein paar Monate hierbehalten, und wenn Sie mich entlassen, dann werde ich den Intelligenzquotienten einer Kartoffel haben und Fliegen essen!�</p><p>�Das kommt ganz auf Sie an�, sagte Braun ernst. �Wenn Sie ein wenig kooperieren, wird sich das bestimmt positiv auf Ihr weiteres Schicksal auswirken.�</p><p>�Sie k�nnen mich�, sagte Angela.</p><p>�Ein verlockendes Angebot�, grinste Braun. �Leider ist jetzt wirklich nicht der richtige Moment f�r so etwas.� Er winkte einem der M�nner hinter Bremer zu. �Bringt sie weg.�</p><p>�Warten Sie�, sagte Bremer.</p><p>Braun hielt die Agenten mit einer entsprechenden Handbewegung zur�ck. �Ja?�</p><p>Bremer warf einen raschen Blick in Angelas Gesicht. Es wirkte vollkommen verschlossen, beinahe kalt, und er drehte sich rasch wieder zu Braun um. �Tun Sie ihr nichts�, sagte er. �Ich ... werde mit Ihnen zusammenarbeiten. Ich werde Ihnen alles sagen und alles tun, was Sie wollen. Aber lassen Sie sie in Ruhe.�</p><p>�Interessant�, sagte Braun. �Sie haben also doch eine schwache Stelle. Und ich dachte schon, Sie w�ren wirklich so knallhart. Sie lieben sie, nicht wahr?� Er lachte. �Was genau sind es? Vatergef�hle? Oder sitzen sie ein wenig tiefer?�</p><p>�Sind Sie an meinem Angebot interessiert?� fragte Bremer.</p><p>�Ich wei� es nicht�, antwortete Braun. �Es klingt verlockend. Andererseits ... so wie es aussieht, habe ich im Moment alle Tr�mpfe in der Hand. Erkl�ren Sie mir, warum ich um etwas feilschen sollte, was mir bereits geh�rt?�</p><p>�Du traust ihm doch nicht etwa?� fragte Angela.</p><p>Bremer ignorierte sie. �ber die genaue Bedeutung des Wortes Vertrauen w�rden sie sich sp�ter noch einmal unterhalten m�ssen, unter vier Augen. �Wenn Sie sich da so sicher w�ren, w�rden wir jetzt nicht hier sitzen und reden�, sagte er. �Das, was vor einer Stunde passiert ist, k�nnte sich wiederholen.�</p><p>�Kaum�, antwortete Braun. �Ich habe Sorge daf�r getragen, da� es nicht geschieht.�</p><p>Er log. Bremer sp�rte genau, da� er �ber etwas sprach, was er hoffte, nicht von etwas, wovon er �berzeugt war. �Es ist Haymar, nicht wahr?� sagte er. �Er reagiert allm�hlich etwas gereizt auf das, was Sie mit ihm anstellen, habe ich recht?�</p><p>Brauns Blick verd�sterte sich. �Ich hatte recht damit, ihn zu erschie�en. Der Alte hat zuviel geredet.�</p><p>�War er es?� beharrte Bremer stur.</p><p>Braun schwieg fast zehn Sekunden. Dann �ffnete er eine Schublade in seinem Schreibtisch, zog einen Computerausdruck hervor und warf ihn schwungvoll vor sich auf den Tisch.</p><p>�Mecklenburg war ein gerissener alter Hund�, begann er. �Er hat mich in den letzten f�nf Jahren nach allen Regeln der Kunst belogen.�</p><p>�Haben Sie ihn deshalb erschossen?� fragte Bremer.</p><p>�Sie �brigens auch�, fuhr Braun unger�hrt fort. Er legte die flache Hand auf den Ausdruck vor sich. �Sie sogar ganz besonders, Herr Bremer. Was wir vorhin erlebt haben, das mu�te fr�her oder sp�ter passieren. Seien Sie froh, da� es heute passiert ist.�</p><p>�Morgen h�tte es auch schlecht in meinen Terminkalender gepa�t�, knurrte Bremer.</p><p>Braun ignorierte ihn weiter. �Heute war ich mit meinen M�nnern dabei�, sagte er. �Und auch, wenn Sie im Moment noch zu stur sind, um es zuzugeben: Das Ding war hinter <emphasis>ihnen </emphasis>her.�</p><p>�Woher wollen Sie das so genau wissen?� fragte Bremer.</p><p>Braun blickte auf die Liste vor sich. �Kurz vor Mitternacht�, sagte er. �Das war ungef�hr die Zeit, zu der es das erstemal aufgetaucht ist, nicht wahr? Ich wei� es. Es hat zwei von meinen M�nnern get�tet.� Bremer schwieg. Brauns Finger rutschte eine Zeile tiefer. �Cremer und Reinhold hat es gegen drei erwischt. Und der letzte Ausbruch war vor einer Stunde. Was passiert ist, wissen wir alle.�</p><p>�Ausbruch?� Bremer versuchte einen verstohlenen Blick auf Brauns Liste zu werfen, aber es gelang ihm nicht.</p><p>�Mecklenburg nannte es<emphasis> zerebrale Aktivit�ten�, </emphasis>antwortete Braun. �Um es mit Worten auszudr�cken, die auch ich verstehe: Irgend etwas geht in Haymars Gehirn vor. Und dieses<emphasis> Etwas </emphasis>passiert immer dann, wenn diese Bestie auftaucht und versucht,<emphasis> Sie </emphasis>zu erwischen, Herr Bremer. Mir scheint, mein Ex-Kollege Haymar hat etwas gegen Sie.�</p><p>�Wie ... kommen Sie darauf?� fragte Bremer stockend. Seine Gedanken begannen zu rasen. Etwas an Brauns Argumentation stimmte nicht. Es war nicht das Azrael-Ding gewesen, das seine beiden Agenten vor der Kirche erledigt hatte. Er konnte das nicht wissen, und Bremer w�rde sich auch h�ten, es ihm zu sagen, aber es lie� seine ganze Theorie auf t�nernen F��en stehen.</p><p>�Weil Mecklenburg mich belogen hat�, antwortete Bremer. �Uns beide. Ich war die ganze Zeit der Annahme, da� Haymar der einzige ist. Aber das stimmt nicht. Es gab einen zweiten �berlebenden.�</p><p>�Mich�, murmelte Bremer.</p><p>�Sie�, best�tigte Braun. �Sie tragen den Azrael-Wirkstoff ebenfalls in sich. Habe ich recht?�</p><p>Bremer schwieg. Nat�rlich hatte Braun recht. Und ebenso nat�rlich hatte er es die ganze Zeit �ber gewu�t, irgendwo, tief in sich. Er hatte sich nur f�nf Jahre lang mit Erfolg geweigert, dieses Wissen zu akzeptieren.</p><p>�Mecklenburg war wirklich geschickt�, fuhr Braun fort, �das mu� man ihm lassen. Er hatte tausend Erkl�rungen daf�r, warum Sie von den Toten wieder auferstanden sind - und er hatte eine Art, etwas so zu erkl�ren, da� man am Ende einfach nur froh war, wenn er endlich aufh�rte zu reden. Aber die Wahrheit ist, da� er es die ganze Zeit �ber gewu�t haben mu�. Und ich glaube, er wu�te auch, in welcher Gefahr Sie sich befinden.�</p><p>�Aber wieso ich? Ich ... ich kannte diesen Haymar doch nicht einmal!�</p><p>Braun zuckte mit den Schultern. �Woher soll ich das wissen? Fragen Sie mich nicht, was im Gehirn eines sterbenden Mannes vorgeht. Vielleicht war der Gedanke an Sie das letzte, was er mit hin�bergenommen hat. Vielleicht hat es irgend etwas damit zu tun, da� Sie beiden die einzigen sind, die diese Droge in sich tragen ... ich habe keine Ahnung.�</p><p>�Das ist doch Bl�dsinn!� sagte Bremer.</p><p>�Ungef�hr so verr�ckt wie die Vorstellung, da� es jemanden gibt, der in der Lage ist, nur kraft seines Willens dieses ... <emphasis>Ding </emphasis>zu erschaffen, das wir gesehen haben?� fragte Braun. �Wir reden �ber etwas, von dem <emphasis>niemand </emphasis>wei�, was es eigentlich ist, Bremer. Also sagen Sie mir nicht, da� es bl�dsinnig w�re!�</p><p>�Wenn es wirklich so w�re�, mischte sich Angela ein, �dann frage ich mich, warum wir hier so seelenruhig herumsitzen. Haben Sie keine Angst, da� die T�r aufgehen und ein ungebetener Gast hereinkommen k�nnte?�</p><p>�Nein�, sagte Braun. �Ich habe Sorge daf�r getragen, da� Kollege Haymar tief und fest schl�ft. Und bevor er aufwacht, werde ich das Experiment beenden.�</p><p>�Haben Sie nicht den Mut, es auszusprechen?� fragte Bremer. �Sie wollen ihn t�ten.�</p><p>�Haben Sie eine bessere Idee?� fragte Braun. Pl�tzlich wurde seine Stimme laut. �Verdammt noch mal! Die H�lfte meiner M�nner ist tot. Dieses verdammte Ding hat die halbe Stadt in Brand gesetzt, und Gott allein wei�, was es noch tun wird! Soll ich einen Mann am Leben lassen, der im Grunde schon l�ngst tot ist, und daf�r das Leben Dutzender riskieren - vielleicht Hunderter?� Es war eine Frage, die nicht beantwortet werden konnte.</p><p>Generationen kl�gerer M�nner, als Braun und Bremer es waren, hatten diese Frage diskutiert, ohne zu einer Antwort zu kommen, und nat�rlich gelang es auch Bremer nicht.</p><p>Braun ging es offensichtlich aber auch nicht darum, das Gespr�ch zu vertiefen, denn er fuhr im entschlossenen Tonfall fort: �Wir werden das Experiment beenden. Heute noch!�</p><p>�Warum auch nicht?� fragte Angela spitz. �Jetzt, wo Sie ein neues Versuchskaninchen haben.�</p><p>Braun starrte sie auf eine Art an, als frage er sich einfach, warum er sie eigentlich nicht auch erschossen hatte. Dann wandte er sich wieder an Bremer. �Das stimmt sogar. Aber Sie haben nichts zu bef�rchten.�</p><p>�So wie Ihr Kollege Haymar?�</p><p>�Das war etwas anderes�, behauptete Braun. �Haymar war praktisch schon tot, als wir ihn gefunden haben.�</p><p>�War ich das nicht auch?�</p><p>�Sie hatten drei Kugeln in der Brust, Herr Bremer�, sagte Braun. �Die Verletzungen waren nicht wirklich t�dlich. Sie hatten Gl�ck. Was Sie in einen Zustand des Scheintodes versetzt hat, das war der Schock - wu�ten Sie �brigens, da� die meisten Opfer von Schu�wunden am Schock sterben, nicht an ihren Verletzungen? Bei Haymar war das etwas anderes. Von ihm war kaum noch genug �brig, um es auf eine Bahre zu legen. Da� es Mecklenburg gelungen ist, ihn noch so lange am Leben zu erhalten, grenzt nicht nur an ein Wunder, es ist eines. Er stirbt sowieso. Der Mann stirbt seit f�nf Jahren. Glauben Sie mir: Ich tue ihm einen Gefallen, wenn ich den Stecker herausziehe.�</p><p>�Und wann gedenken Sie den Stecker bei mir herauszuziehen?� fragte Bremer.</p><p>Braun verzog das Gesicht. �Sie haben nichts zu bef�rchten�, sagte er. �Wir brauchen nur ein paar Blutproben von Ihnen, das ist im Grunde schon alles�, sagte er. �Ich will Ihnen nichts vormachen: Sie werden hierbleiben m�ssen. Wenn Sie es so sehen wollen, als unser Gefangener, obwohl mir das Wort Gast sehr viel lieber w�re.�</p><p>�Wie kommt es, da� ich Ihnen nicht glaube?� fragte Bremer.</p><p>�Weil Sie ein Dummkopf sind, Bremer�, antwortete Braun. �Ein intelligenter Mann, aber trotzdem ein Dummkopf. Sie wissen offenbar immer noch nicht, wer Ihre Freunde sind, und wer Ihre Feinde.� Das Telefon klingelte. Allein der Blick, den Braun dem Ger�t zuwarf, machte Bremer klar, da� er offensichtlich Anweisungen gegeben hatte, nur im allern�tigsten Fall gest�rt zu werden. Eine halbe Sekunde starrte er das Ger�t an, dann ri� er den H�rer regelrecht von der Gabel und blaffte ein �Ja?� hinein.</p><p>Das Gespr�ch dauerte nicht lange, h�chstens eine Minute, in der Bremer Braun keine Sekunde aus den Augen lie�. Braun sagte kein Wort, sondern h�rte nur zu, und sein Gesicht blieb in dieser Zeit vollkommen unbewegt. Trotzdem wu�te Bremer schon bevor er auflegte, da� er keine guten Neuigkeiten hatte.</p><p>�Nun?� fragte er.</p><p>Braun sah auf den Computerausdruck vor sich, ehe er antwortete. �Es gibt zwei weitere Tote�, sagte er. �Look und eine alte Frau, die in seinem Haus gewohnt hat.�</p><p>�Look?!� H�tte jemand Bremer unversehens einen Eimer mit kaltem Wasser ins Gesicht gesch�ttet, h�tte der Schock kaum gr��er sein k�nnen. �Sind Sie sicher?�</p><p>Braun nickte. Sein Blick huschte immer irritierter �ber den Computerausdruck vor ihm. Er schien etwas zu suchen. Etwas, das nicht da war. �Offensichtlich hat er Selbstmord begangen. Eigenartig, nicht? Er ist aus dem f�nften Stock im Treppenhaus gesprungen und hat sich jeden einzelnen Knochen im Leib gebrochen. Ich kann mir eine angenehmere Art vorstellen, mich umzubringen. Er hat noch eine gute Viertelstunde gelebt.�</p><p>�Und die Frau?�</p><p>�Irgendeine Hausbewohnerin�, sagte Braun achselzuckend. �Ihrem Gesichtsausdruck zufolge mu� sie sich buchst�blich zu Tode erschrocken haben. Der erste Befund des Notarztes lautet auf einen Herzinfarkt. Erinnert Sie das an etwas?�</p><p>�Wer ist dieser Look?� fragte Angela.</p><p>�Irgendeine versoffene Ratte�, sagte Braun. �Er und zwei andere haben Rosen damals ein Alibi verschafft, von dem jeder wu�te, da� es falsch war.�</p><p>�Leider konnten wir es nicht beweisen�, f�gte Bremer hinzu. In seinem Bewu�tsein wollte ein Gedanke Gestalt annehmen. Er wu�te nicht genau, welcher, aber er sp�rte, da� er wichtig war. Vielleicht lebenswichtig. Da war etwas, was er geh�rt und wieder vergessen hatte. Vor ganz kurzer Zeit erst.</p><p>�Er arbeitet Ihre Liste ab, Bremer�, sagte Braun d�ster. �Ziemlich gr�ndlich, wie es scheint. Sind Sie immer noch der Meinung, ich sollte das Experiment nicht beenden?�</p><p>Etwas stimmte nicht. Haymar war damals ein ganz normaler Agent gewesen, wie Braun. Selbst wenn er sp�ter irgendwie Kenntnis von<emphasis> Bremers Liste</emphasis> bekommen h�tte und sie jetzt <emphasis>abarbeitete, </emphasis>wie Braun es ausgedr�ckt hatte, so <emphasis>konnte </emphasis>er gar nichts von Look wissen. Allenfalls von Strelowsky, und eigentlich nicht einmal davon. Aber keinesfalls von Look und den beiden anderen falschen Zeugen, oder...</p><p>�...oder der Arzt, der das Gutachten erstellt hat, oder der Richter, der Rosen freigesprochen hat, obwohl er wu�te, da� er schuldig war�, murmelte er.</p><p>�Was sagen Sie?� fragte Braun.</p><p>Bremer sah mit einem Ruck hoch. �Gro�er Gott!� murmelte er. �Rufen Sie den Richter an!�</p><p>�Welchen Richter?�</p><p>�Den, der Rosen damals freigesprochen hat�, sagte Bremer hastig. �Und schicken Sie ein paar M�nner zu den beiden anderen Zeugen, die damals zu Rosens Gunsten ausgesagt haben - falls es noch nicht zu sp�t ist!� Aufgeregt wandte er sich an Angela. �Es ist Thomas, begreifst du nicht?� Nein, nat�rlich begriff sie nicht. Wie auch? Bremer fiel erst im nachhinein ein, da� sie diesem seltsamen Geistlichen, der in seiner Kirche schlief, ja niemals begegnet war. �Schicken Sie einen Wagen zur Kirche St. Peter!� sagte er, wieder an Braun gewandt. �Das ist dort, wo Sie Ihre beiden zusammengeschlagenen Agenten hingeschickt hatten. Sie finden dort jemanden, der sich Vater Thomas nennt. Ich wei� nicht, ob er wirklich so hei�t, oder ob es ihn �berhaupt gibt Aber wenn, dann sollten Sie verdammt vorsichtig sein! Und versuchen Sie, diesen Richter zu finden und in Sicherheit zu bringen. Am besten hierher.�</p><p>�Hierher?�</p><p>�Es ist nicht Haymar, begreifen Sie das immer noch nicht?� fragte Bremer. �Oder passen <emphasis>Ihre zerebralen Aktivit�ten </emphasis>etwa auch in Looks Selbstmord?�</p><p>Braun sah nicht einmal auf seine Liste. Das hatte er vorher schon getan. Bremer wu�te, da� darauf kein weiterer Ausbruch verzeichnet war. Nachdem er zwei oder drei Sekunden gez�gert hatte, stand er auf und ging um seinen Schreibtisch herum. �Pa�t auf die beiden auf�, sagte er, w�hrend er den Raum verlie�.</p></section><section><title><p>25</p></title><empty-line/><p>Die letzte halbe Stunde der Nachtwache, fand Schwester Inge, war immer die schwerste. Sie hatte sich vor mehr als drei Jahren freiwillig dazu entschieden, nur noch nachts zu arbeiten, und sie hatte den Entschlu� im Grunde nie bedauert - wenn man sich einmal daran gew�hnt hatte, hatte es eine Menge Vorteile -, aber sie<emphasis> bereute </emphasis>es fast jeden Morgen in der Zeit zwischen f�nf Uhr drei�ig und sechs.</p><p>Die Nacht war ziemlich ruhig gewesen. Die meisten N�chte auf der Intensivstation waren sehr ruhig - daf�r wurde es um so hektischer, <emphasis>wenn </emphasis>einmal etwas los war. Aber ihre Patienten pflegten im allgemeinen nicht alle paar Minuten nach der Bettpfanne zu klingeln, sich �ber ein geschlossenes oder offenes Fenster zu beschweren, �ber das Schnarchen des Bettnachbars oder laute Schritte auf dem Flur, die es gar nicht gab, und sie klingelten sie auch nicht um halb drei heraus, um sich zu erkundigen, was es am n�chsten Morgen zum Fr�hst�ck gab. Die einzige St�rung in dieser Nacht hatte darin bestanden, da� ein neuer Patient eingeliefert worden war, der jetzt in Zimmer 23 im Komma lag und fr�hestens in zwei oder drei Tagen aufwachen w�rde, wenn �berhaupt. Niemand hatte Schwester Inge gesagt, was dem armen Kerl zugesto�en war. Das war nicht �blich, und es war auch nicht notwendig. Nach f�nfzehn Jahren Arbeit im Krankenhaus wu�te sie, wenn sie das Opfer eines Verbrechers vor sich hatte. Jemand hatte dem Mann den Sch�del eingeschlagen.</p><p>Sie sah auf die Uhr. Noch f�nfzehn Minuten. Eigentlich h�tte ihre Abl�sung bereits da sein sollen. Eigentlich. Aber Schwester Bianca kam oft in der letzten Minute (und nur zu oft auch noch sp�ter), und sie hatte <emphasis>immer </emphasis>eine gute Ausrede parat. Inge �rgerte das mehr, als ihre Kollegin ahnen mochte. Einer der Unterschiede zwischen der normalen Arbeitszeit und permanenter Nachtschicht war, da� man lernte, mit jeder Minute zu geizen. Schwester Inge war m�de und wollte nichts mehr als nach Hause und ins Bett. Sie �berlegte einen Moment, ob sie sich noch einen Kaffee kochen sollte, entschied sich aber dann dagegen. Sie hatte in dieser Nacht schon viel zuviel Kaffee getrunken und bereits einen pelzigen Geschmack auf der Zunge. Au�erdem trank sie in letzter Zeit prinzipiell zuviel von dem Zeug und schlief daf�r um so weniger. Sie mu�te ein wenig aufpassen. Schlie�lich hatte sie keine besondere Lust, eines Tages als ihre eigene Patientin in einem der Zimmer zu landen, die sie von ihrer Glaskabine am Ende des langen Korridors aus �berblicken konnte.</p><p>Auf einem der kleinen Monochrom-Monitore vor ihr bewegte sich etwas. Schwester Inge blickte hoch und sah rasch den Flur entlang, dann senkte sie ihren Blick wieder auf die Bildschirme, die den Gang, den Bereich vor der Sicherheitst�r und in regelm��ig wechselnder Folge die acht Zimmer zeigten, die zu ihrem Reich geh�rten. F�r einen Moment hatte sie geglaubt, einen Schatten zu sehen, der rasch durch eines der Bilder huschte. Aber es mu�te wohl eine T�uschung gewesen sein.</p><p>Es <emphasis>konnte </emphasis>gar nichts anderes gewesen sein. Mit Ausnahme des Aufzuges gab es nur eine einzige T�r, die in die Station f�hrte, und die befand sich unmittelbar vor dem Bereitschaftszimmer und lie� sich zudem nur mit dem Schl�ssel oder durch einen Druck auf den T�r�ffner aufmachen, der sich unmittelbar vor ihr befand. Und ihre Schutzbefohlenen geh�rten nicht zu der Art von Patienten, die nachts (oder auch tags�ber) herumspazierten, sondern lagen zumeist in ihren Betten und waren gar nicht f�hig, sich zu r�hren: Opfer von Verkehrsunf�llen, Herzinfarkten und Schlaganf�llen, arme Schweine wie das, das sie in der vergangenen Nacht eingeliefert hatten oder Krebspatienten, die noch nicht ganz so weit waren, da� ihre liebenden Anverwandten sie in ein Sterbehospiz abschieben konnten... Die Liste der Dinge, die einem Menschen zusto�en konnten, um ihn hierher zu bringen, war ziemlich lang. Und selbst Schwester Inge lernte fast jeden Tag noch etwas dazu. Obwohl sie fast (aber eben nur<emphasis> fast) </emphasis>sicher war, sich get�uscht zu haben, huschten ihre Finger in rascher Folge �ber die Kontrolltafel der Videoanlage, so da� die Bilder auf den Monitoren wechselten, und unterzog jedes Zimmer einer schnellen, aber gr�ndlichen Kontrolle. Nichts. Sie hatte sich geirrt. M�de fuhr sie sich mit beiden H�nden �ber die Augen und g�hnte so herzhaft, da� es in ihren Ohren knackte.</p><p>Im n�chsten Moment wurde aus dem Knacken ein w�tendes Summen, als der Computer neben ihr Alarm schlug. Schwester Inge nahm die H�nde herunter und starrte eine Sekunde lang verst�ndnislos auf die gro�e, gelbe 23, die pl�tzlich auf dem Monitor flackerte. Zimmer 23 - der neue Patient, der vergangene Nacht eingeliefert worden war. Sie hatte es vor kaum einer halben Sekunde kontrolliert.</p><p>Trotzdem sprang sie augenblicklich hoch, schaltete noch in der Bewegung das Alarmsummen ab und lief mit schnellen Schritten los.</p><p>Danach ging einfach alles so schnell, da� sie zu keinem klaren Gedanken mehr kam. Sie reagierte einfach. Als sie in die Schleuse st�rmte, sah sie, da� in dem Zimmer dahinter kein Licht mehr brannte. Trotzdem glaubte sie eine Gestalt zu erkennen, die sich �ber den Patienten im Bett beugte; einen Schatten, der ihr auf sonderbare Weise falsch erschien, als tr�ge er einen zu gro�en Mantel oder eine altmodische Pelerine.</p><p>�He!� schrie sie, w�hrend sie bereits die T�r aufri� und hindurchst�rmte. �Was tun Sie da?!� Schwester Inge sah die Bewegung nicht einmal, mit der der Schatten herumfuhr und nach ihr schlug. Sie wurde halbwegs von den F��en gerissen, stolperte mit wirbelnden Armen durch das Zimmer und stolperte �ber ein Beistelltischchen mit einen Infusionsautomaten, den sie mit sich zu Boden ri�. Ihre linke Schulter, wo sie der Schlag getroffen hatte, blutete, aber sie sp�rte nur W�rme und klebrige N�sse, die an ihrer Brust hinablief, keinen Schmerz. Aber der Aufprall war so heftig, da� sie im ersten Moment v�llig benommen war und sogar f�rchtete, das Bewu�tsein zu verlieren. Wahrscheinlich war es nur die Sorge um ihren Patienten, der sie �berhaupt noch wach hielt.</p><p>Als sich die tanzenden Schleier vor ihren Augen wieder lichteten, bot sich ihr ein so gr��licher Anblick, da� sie ihn nie wieder im Leben wirklich vergessen sollte.</p><p>Der Patient lag noch in seinem Bett, aber auf der Seite. Jemand hatte den Infusionsschlauch brutal aus seinem Arm gerissen. Die Wunde in seiner Vene blutete heftig. Seine Beine zuckten unkontrolliert, und er st�hnte ganz leise, was Schwester Inge zu der f�rchterlichen Vermutung Anla� gab, da� er wahrscheinlich wach war und genau mitbekam, was mit ihm geschah.</p><p>Wenn es so war, dann mu�te er Unvorstellbares erleiden. Die linke Seite seines R�ckens war eine einzige, grauenhafte Wunde. Die Gestalt, die Schwester Inge von drau�en f�r einen Mann in einer Pelerine gehalten hatte (es war keiner) stand auf der anderen Seite des Bettes und stie� einen seltsamen, schrillen Laut aus, ein fast triumphierend klingendes Zwitschern, wie ein Ger�usch, das ein unvorstellbar gro�er Vogel verursachen mochte. Seine H�nde (H�nde. <emphasis>H�nde!!) </emphasis>waren halb erhoben und blutig.</p><p>�Nein�, wimmerte Schwester Inge. <emphasis>�Nein!� </emphasis>Der Kopf des Wesens ruckte herum, und Schwester Inge erkannte endg�ltig, da� es kein Mensch war. Das Gesicht, das sie anstarrte, war grotesk. Es h�tte einer gigantischen Spinne geh�ren k�nnen. Schwester Inges Keuchen verstummte. Sie wollte schreien, aber ihre Kehle war einfach zugeschn�rt.</p><p>Das Gesch�pf trat um das Krankenbett herum, kam mit sonderbaren, staksigen Schritten auf Schwester Inge zu und beugte sich vor. Sie sah jetzt, da� es keinen Mantel trug, sondern ein Paar gewaltiger, nachtschwarzer Fl�gel. Der K�rper darunter schien ebenfalls der eines Insekts zu sein, aber Schwester Inge war viel zu sehr von Grauen gesch�ttelt, als da� sie genau hingesehen h�tte.</p><p>Das Monster beugte sich �ber sie. Die f�rchterlichen Zangen vor seinem Gesicht klappten auseinander, und Schwester Inge fiel endg�ltig in Ohnmacht.</p><p>Sie bemerkte nicht mehr, wie sich das Ding wieder aufrichtete, ohne sie auch nur ber�hrt zu haben, an Cremers Krankenbett zur�cktrat und ihm auch noch die zweite Niere herausri�.</p></section><section><title><p>26</p></title><empty-line/><p>Bremer wartete gerade lange genug, damit Braun die T�r hinter sich schlie�en konnte, dann fuhr er so heftig in seinem Stuhl herum, da� einer der M�nner hinter ihm eine erschrockene Bewegung machte, bevor ihm klar wurde, da� Bremers Reaktion <emphasis>nicht </emphasis>der Anfang eines Fluchtversuches war.</p><p>�Wer zum Teufel bist du?� Er schrie nicht wirklich, war aber nur noch eine Winzigkeit davon entfernt. �Und versuch erst gar nicht, mir eine neue r�hrselige Geschichte zu erz�hlen, oder mich zu bel�gen, wie Braun!�</p><p>�Wie kommst du darauf, da� ich dir �berhaupt etwas sage?� fragte Angela. Sein Wutausbruch irritierte sie nicht im geringsten. Sie verdrehte die Augen, um auf die M�nner hinter sich zu deuten, und nat�rlich war Bremer klar, da� die beiden jedes Wort h�ren mu�ten. Es war ihm gleich. Vermutlich war das Zimmer sowieso mit Wanzen gepflastert.</p><p>�Ich will wissen, wer du bist�, beharrte er. �Das bist du mir schuldig.�</p><p>�Wieso?� fragte Angela. �Nur weil du dich an diesen Wahnsinnigen verkauft hast, um mich zu retten? Ich habe dich nicht darum gebeten. Au�erdem ist es sowieso sinnlos. Du glaubst doch nicht wirklich, da� er mich laufen l��t oder? Oder gar dich?� Sie sch�ttelte heftig den Kopf. �So naiv kannst du nicht sein.�</p><p>�Sag es mir�, beharrte Bremer. �Ist es so, wie Braun vermutet? Arbeitest du f�r die Amerikaner oder die Russen? Oder irgendeinen anderen Geheimdienst? Hast du mich benutzt, um an das Geheimnis heranzukommen?� Angela setzte zu einer heftigen Antwort an, �berlegte es sich dann anders und stand auf. Bremer rechnete damit, da� ihre Bewacher sie daran hindern w�rden. Als die beiden M�nner sich nicht r�hrten, stand er ebenfalls auf und folgte Angela, die mittlerweile zum Fenster gegangen war und in die Nacht hinausstarrte.</p><p>Bremer trat neben sie. Angelas Gesicht spiegelte sich verzerrt auf dem Glas der Fensterscheibe, nur ein heller Fleck auf dem schattendurchsetzten Schwarz, als das Klinikgel�nde und der Park unter ihnen lagen, und f�r einen Moment erschien ihm dieser Schemen so verletzlich, so sch�tzenswert, da� er um ein Haar den Arm um sie gelegt h�tte. Aber er wagte es nicht. Er wu�te nicht, was geschehen w�rde, wenn er sie ber�hrte.</p><p>Als h�tte sie seine Gedanken gelesen, fragte Angela: �Es ist wahr, nicht?�</p><p>�Was?�</p><p>�Was Braun behauptet hat. Du hast dich in mich verliebt.�</p><p>Warum war ihm das eigentlich peinlich? �Ich k�nnte dein Vater sein�, sagte er.</p><p>�Bist du aber nicht. Aber es h�tte keinen Zweck, glaub mir Wir sind zu verschieden. Ich mag dich auch, aber wir ... stammen aus verschiedenen Welten. Es w�rde nicht gutgehen.�</p><p>Bremer antwortete nicht, und nachdem fast eine Minute verstrichen war, sagte Angela: �Mein Name ist wirklich Angela West. Aber das ist auch so ziemlich alles, was stimmt. Ich bin keine Polizistin. Und ich arbeite auch nicht f�r den CIA oder irgendeinen anderen Geheimdienst. Ich bin ... ich war Marcs Freundin.�</p><p>�Marc...?!�</p><p>�Marc Sillmann, ja�, sagte Angela. �Wir waren auf dem gleichen Internat. Falls wir lebend hier herauskommen, kannst du dort anrufen und den Direktor nach mir fragen. Er wird sich an mich erinnern.� Sie lachte. Bitter. �Er hat mich mehr als einmal mitten in der Nacht aus Marcs Zimmer geworfen, und umgekehrt.�</p><p>�Marcs Freundin?� wiederholte Bremer ungl�ubig. �Und du hast das alles einfach so geschafft? All diese Dinge herausbekommen, dir eine falsche Identit�t aufgebaut...?�</p><p>�Wer sagt, da� es einfach war?� fragte Angela. �Ich habe f�nf Jahre dazu gebraucht. Aber es war auch nicht so schwer, wie du vielleicht glaubst. Ich habe Informatik studiert. Computer waren schon immer mein Hobby, schon bevor ich Marc kennengelernt habe. Es ist nicht unbedingt leicht, hineinzukommen. Aber wenn man einmal drinnen ist, kann man fast alles tun. Sich eine neue Identit�t aufzubauen, ist eine Kleinigkeit.�</p><p>�Aber warum?�</p><p>�Warum?� Angela starrte ihn ungl�ubig an. �Weil ich ihn geliebt habe. Kannst du das nicht verstehen?�</p><p>Wenn es jemand verstehen konnte, dann er. Bitterkeit machte sich in ihm breit.</p><p>�Und wieso ich?�</p><p>�Du warst meine einzige Spur. Ich wu�te nicht, da� es noch andere �berlebende gab. Und ich wu�te erst recht Nichts von diesem ... Braun und seiner Bande.�</p><p>�Vielleicht ist es doch nicht so leicht, Polizei zu spielen�, sagte Bremer. Er war nicht sicher, ob er ihr glaubte oder nicht. Ihre Geschichte klang schl�ssig - nicht unbedingt �berzeugend, aber schl�ssig -, doch jetzt war es so, da� er ihr eigentlich nicht glauben <emphasis>wollte. </emphasis>Wenn <emphasis>diese </emphasis>Version nun die Wahrheit war, dann war sie einfach zu ern�chternd.</p><p>�Ich bin doch ziemlich weit gekommen, oder?� fragte Angela. Leiser, in einem Fl�sterton, den er kaum verstand und ohne die Lippen zu bewegen, f�gte sie hinzu: �Wir m�ssen etwas unternehmen. Schlag mich.�</p><p>�Wie?� fragte Bremer verst�ndnislos.</p><p>�Du hast mich schon verstanden, du Mistkerl!� Jetzt schrie sie fast. Bremer widerstand der Versuchung, sich zu ihren beiden Bewachern herumzudrehen, aber er sah in der Reflexion in der Fensterscheibe, wie sie zusammenfuhren und pl�tzlich aufmerksam in ihre Richtung blickten.</p><p>�Das ist doch Wahnsinn!� antwortete er, ebenfalls laut. �Du wei�t, da� das sinnlos ist!�</p><p>�Das h�ttest du dir vielleicht etwas eher �berlegen sollen!� schrie Angela. �So kommst du mir jedenfalls nicht davon!� Sie schlug nach ihm. Die Bewegung war ungelenk und langsam, verglichen mit dem, was er in der Nacht gesehen hatte, trotzdem <emphasis>objektiv </emphasis>schnell. Bremer fing ihre Hand im letzten Moment ab. Er sp�rte, da� keine Kraft hinter dem Schlag steckte.</p><p>�He, ihr zwei!� sagte einer der Agenten. �H�rt auf.� Bremer sah, wie sich einer der M�nner langsam in Bewegung setzte. Leider nur der eine.</p><p>Angela ri� ihre Hand los, schlug zugleich mit dem anderen Arm nach ihm und versuchte, ihm das Knie zwischen die Beine zu rammen. Bremer wehrte beide Angriffe ab, packte ihre Handgelenke und versetzte ihr einen leichten Sto�. Er h�tte allenfalls ausgereicht, sie zwei oder drei Schritte von sich zur�cktaumeln zu lassen, nicht mehr, aber Angela verlor auf der Stelle das Gleichgewicht, torkelte nach hinten und st�rzte schwer zu Boden.</p><p>�Schlu� jetzt!� schrie der Agent. Er rannte auf Bremer zu. Obwohl er nur drei Schritte von ihm entfernt war und Angela in diesem Moment noch am Boden lag, war sie schneller als er. Als der Agent Bremer erreichte und den Arm ausstreckte, um ihn zu packen, federte Angela mit einem einzigen Satz in die H�he und sprang ihn an. Bremers Reaktion kam zu sp�t. Trotz des Gewichtsunterschieds ri� sie den Mann nach vorne und von den F��en. Bremer wurde einfach mitgerissen, schaffte es irgendwie, <emphasis>nicht </emphasis>mit dem Kopf auf die Schreibtischkante zu knallen und sah, wie Angela und der Agent aneinandergeklammert �ber den Teppich rollten. Noch bevor er sich ganz hochgerappelt hatte, l�sten sie sich wieder voneinander. Angela sprang hoch und zur�ck ... und hielt pl�tzlich die Waffe des Agenten in den H�nden. Bremer hatte nicht einmal <emphasis>gesehen, </emphasis>wie sie sie ihm aus dem Schulterhalfter gerissen hatte.</p><p>Der Agent offenbar auch nicht, denn er machte eine Bewegung, um sich auf ein Knie und dann in die H�he zu stemmen und erstarrte dann mitten in der Bewegung, als Angela ihm seine eigene Waffe an die Stirn setzte. �Versucht es nicht�, sagte sie. �Alle beide! Ich wei�, wie schnell ihr seid. Aber ich bin schneller.� Bremer wu�te, da� das der Wahrheit entsprach, und die beiden Agenten schienen zumindest nicht ganz sicher zu sein, da� es nicht so war. Der, den Angela mit der Waffe bedrohte, wagte es nicht einmal zu atmen, und auch der andere z�gerte. Er hatte die Hand unter die Jacke geschoben, um seine Waffe zu ziehen, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende.</p><p>�H�rt mit dem Unsinn auf�, sagte er. �Ihr kommt sowieso nicht hier heraus.� Das war wohl auch der Grund, aus dem er und sein Kollege nicht allzu ernsthaft versuchten, sich ihnen zu widersetzen. Warum sollten sie auch riskieren, sich eine Kugel einzufangen, wenn das, was Bremer und Angela taten, ohnehin zum Scheitern verurteilt war?</p><p>�Nimm seine Waffe�, sagte Angela. Bremer ging um den Schreibtisch herum, aber er beging nicht den Fehler, in die Reichweite des Mannes zu kommen, sondern machte nur eine auffordernde Geste. Der Mann sah ihn eine Sekunde lang trotzig an, dann zog er seine Waffe aus dem Schulterhalfter und warf sie Bremer vor die F��e. In seinen Augen blitzte es dabei triumphierend auf, und Bremer begriff, da� ihr Fluchtversuch wahrscheinlich jetzt schon entdeckt worden war.</p><p>W�hrend er die Waffe aufhob, wich Angela rasch zwei Schritte von dem anderen zur�ck und bedeutete ihm mit einer Geste, aufzustehen. �Und jetzt nehmt eure Handschellen und kettet euch an die Heizung.� Die beiden M�nner gehorchten, wenn auch nicht ann�hernd so schnell, wie es Bremer lieb gewesen w�re. Nachdem sie sich nebeneinander in die Hocke herabgelassen und an den Heizk�rper angekettet hatten, verlangte Angela ihre Schl�ssel. Sie warfen sie ihr hin, und Angela kickte sie mit einem Fu�tritt davon.</p><p>�Und wenn ich jetzt noch eure Handys bekomme, dann bin ich schon wunschlos gl�cklich�, sagte sie.</p><p>Die beiden Telefone folgten den Schl�sseln in die entgegengesetzte Ecke des Raumes, und Angela lie� mit einem Ausdruck sichtbarer Erleichterung ihre Waffe sinken.</p><p>�Und jetzt?� fragte Bremer.</p><p>�Geh zur T�r�, befahl Angela. �Schnell.�</p><p>Bremer gehorchte. Als er den halben Weg zur�ckgelegt hatte, rief Angela: �Nach links!� und er machte einen raschen Schwenk in die angegebene Richtung. Kaum hatte er es getan, erscholl hinter ihm ein scharfer Knall. In der T�r erschien ein winziges, rundes Loch mit ausgefransten schwarzen R�ndern, und auf der anderen Seite erklang ein ged�mpftes St�hnen, gefolgt von einem dumpfen, sonderbar weichen Aufprall.</p><p>Angela st�rmte an ihm vorbei, sprengte die T�r mit einem Fu�tritt auf und quetschte sich durch den Spalt. Die T�r lie� sich nicht richtig �ffnen, denn der Mann, der auf der anderen Seite gestanden hatte, lag jetzt verkr�mmt davor und pre�te die Hand gegen die Schulter. Die Uzi war zu Boden gefallen und ein St�ck weit davongeschlittert. Angela hob sie auf, schob sie unter den G�rtel und runzelte die Stirn, als sie herausrutschte und abermals zu Boden fiel. Nachdem sie sie wieder aufgehoben hatte, behielt sie sie in der Hand und steckte statt dessen die Pistole ein. Das ging. �Hilf mir!� Gemeinsam schleiften sie den Verletzten in Brauns B�ro. Bremer sah jetzt, da� die Kugel seine rechte Schulter glatt durchschlagen hatte. Die Wunde blutete heftig, und der Mann war kaum noch bei Bewu�tsein.</p><p>�Du h�ttest ihn umbringen k�nnen�, sagte er.</p><p>�Ich habe mir gemerkt, wo er stand�, antwortete Angela. �Und wenn er sich bewegt h�tte?�</p><p>�Hat er aber nicht, oder?� Angela grub das Handy des Mannes aus, zertrat es unter dem Absatz und fesselte anschlie�end seine H�nde mit den Handschellen auf den R�cken. Dann zog sie das Hemd des Mannes unter dem G�rtel hervor, ri� ohne die geringste M�he mehrere Streifen davon ab und legte ihm einen hastigen, aber �u�erst professionell aussehenden Druckverband an.</p><p>�Hast du zuf�llig auch Medizin studiert?� fragte Bremer.</p><p>�Nein�, antwortete Angela. �Aber fern�stliche Kampfkunst. Man lernt dabei nicht nur Leute zusammenzuschlagen, wei�t du?� Sie zog den letzten Knoten fest, begutachtete ihr Werk und schlug dem Mann leicht mit der flachen Hand ins Gesicht. �Verstehen Sie mich?� Der Mann st�hnte. Vielleicht war es wirklich eine Antwort, vielleicht nur eine automatische Reaktion auf die Ber�hrung. Angela schien es jedenfalls zu gen�gen.</p><p>�Halten Sie durch�, sagte Angela. �Versuchen Sie, nicht das Bewu�tsein zu verlieren. Ich schicke Ihnen einen Arzt.� Sie nickte und f�gte an Bremer gewandt hinzu: �Schlie�lich ist das hier ein Krankenhaus.�</p><p>�Informatikstudentin, wie?� fragte Bremer. �Und was jetzt, du <emphasis>Studentin!�</emphasis></p><p>�Jetzt�, antwortete Angela und deutete nach drau�en, �kommt der richtig schwere Teil.�</p></section><section><title><p>27</p></title><empty-line/><p>Das erste, was ihm auffiel, als er das Labor betrat, war Grinners Nervosit�t. Irgend etwas war passiert.</p><p>Der junge Forschungsassistent war allein, was so ziemlich gegen alles verstie�, was Braun jemals angeordnet hatte. Im Moment war ihm dieser Umstand aber nur recht.</p><p>Bis er einen wirklich guten Nachfolger f�r Mecklenburg gefunden hatte, mu�te er eben mit diesem M�chtegern-Intriganten vorliebnehmen. Danach ... nun, er w�rde sehen.</p><p>�Was ist passiert?� fragte er �bergangslos.</p><p>�Passiert?� Grinner z�ndete sich nerv�s eine Zigarette an, sah dann erschrocken zu Braun auf und blickte sich hektisch um. Neben ihm stand ein halbvoller Kaffeebecher, in dem mindestens schon ein Dutzend Kippen schwamm. Braun winkte ab, und Grinner behielt die Zigarette im Mundwinkel und zog nerv�s daran. �Wie ... kommen Sie darauf, da� etwas passiert ist?�</p><p>�Ich kann Gedanken lesen�, sagte Braun ungeduldig. �Also?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand Grinner. �Irgendwas ... stimmt nicht.�</p><p>�Er ist wieder aktiv�, vermutete Braun.</p><p>�Ja�, sagte Grinner. �Nein ... wie man's nimmt.�</p><p>�Na, das nenne ich doch mal eine wissenschaftlich fundierte Auskunft�, sagte Braun.</p><p>Grinner wurde noch nerv�ser. �Ich wei� nicht, was es bedeutet�, sagte er. �Er ist aktiv, das ist alles, was ich sagen kann.�</p><p>�Jetzt im Moment?� Um ein Haar h�tte Braun sich erschrocken umgesehen.</p><p>�So einfach ist das nicht�, antwortete Grinner. �Was ich Ihnen vorhin gesagt habe, das war vielleicht ... nicht ganz pr�zise.� Er wu�te pl�tzlich nicht mehr, wohin mit seinem Blick, aber Braun wurde der Grund f�r seine Nervosit�t pl�tzlich um einiges klarer. �Ich habe mir die Aufzeichnungen der letzten Tage noch einmal genauer angesehen. Er ist ... strenggenommen die ganze Zeit aktiv. Ich meine, es ... <emphasis>es </emphasis>schwankt. Mal mehr, mal weniger. Aber diese erh�hten Aktivit�ten halten im Grunde nahezu zwanzig Stunden an.�</p><p>�Seit wann genau?� wollte Braun wissen.</p><p>�Seit gestern nachmittag. Es gibt immer wieder Spitzen, aber...�</p><p>Braun h�rte gar nicht mehr richtig hin. Wenn Grinner diesmal die Wahrheit sagte, dann w�rde das bedeuten, da� das <emphasis>Ding </emphasis>seit gestern nachmittag ununterbrochen aktiv war.</p><p>M�glicherweise mordete es ja nicht im Akkord, sondern brauchte Ruhepausen, um sich von der anstrengenden Arbeit des T�tens zu erholen. Vielleicht hatte es aber auch bereits eine blutige Spur durch ganz Berlin gezogen, die sie noch gar nicht richtig entdeckt hatten. Es wurde Zeit, die Sache zu Ende zu bringen.</p><p>�Erh�hen Sie die Dosis des Beruhigungsmittels�, sagte er.</p><p>Grinner erschrak. �Das ... das geht nicht!� sagte er.</p><p>�Was ist so schwer daran, ein paar Kn�pfe zu dr�cken?� fragte er. �Oder eine Spritze aufzuziehen?�</p><p>�Das meine ich nicht�, antwortete Grinner. �Aber wenn ich die Dosis weiter erh�he, dann t�te ich ihn vielleicht. Er bekommt jetzt schon viel mehr, als eigentlich zu verantworten ist.�</p><p>�Das Risiko m�ssen wir eingehen�, sagte Braun.</p><p>�Das kann ich nicht�, beharrte Grinner.</p><p>Braun sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, ihm so offen zu widersprechen.</p><p>�Nicht ohne Professor Mecklenburg.�</p><p>�Professor Mecklenburg�, antwortete Braun ruhig, �ist nicht l�nger Leiter des Projekts.�</p><p>�Professor Mecklenburg ist...�</p><p>�...aus dem Projekt ausgestiegen�, best�tigte Braun. �Ich bin eigentlich nur heruntergekommen, um Ihnen mitzuteilen, da� ich Sie zum kommissarischen Leiter des Projektes bestimmen wollte - wenigstens, bis die Frage von Mecklenburgs Nachfolge endg�ltig gekl�rt ist.�</p><p>Grinner starrte ihn geschlagene zehn Sekunden lang einfach nur an. Dann sagte er: �Ich wei� nicht, ob ich dazu qualifiziert genug bin.�</p><p>So viel Ehrlichkeit �berraschte Braun. �Ich bin sicher da� Sie es sind�, antwortete er. �Wie lange arbeiten Sie jetzt hier?�</p><p>�Seit f�nf Jahren. Von Anfang an.�</p><p>�Dann sollten Sie doch mittlerweile wissen, da� mich vor allem interessiert, was ein Mann leistet, nicht, wie viele akademische Grade er hat.�</p><p>�Aber ich habe nicht einmal...�</p><p>�Von mir aus�, unterbrach ihn Braun, �k�nnen Sie gelernter Klempner sein, oder Dachdecker. Solange Sie Ihre Arbeit gut machen, interessiert mich das nicht. Also, was ist jetzt? Wollen Sie den Job oder nicht?� Er meinte das in diesem Moment sogar ernst. Grinner war Mecklenburgs engster Mitarbeiter gewesen. Er verstand von allem hier wahrscheinlich genau so viel wie der selige Professor. Und vor allem: Er geh�rte dazu. Das Projekt war in eine Phase getreten, in der es Braun noch unangenehmer als sonst gewesen w�re, fremde Gesichter in seiner Truppe zu sehen. Jeder Neue bedeutete zugleich auch ein unkalkulierbares Risiko, und das konnte er sich im Moment einfach nicht leisten!</p><p>�Kann ich ... dar�ber nachdenken?� fragte Grinner.</p><p>�Sicher�, antwortete Braun.</p><p>�Wie lange?�</p><p>�Zehn Sekunden�, sagte Braun. �Neun ... acht...� In Grinners Gesicht arbeitete es. Braun h�tte in diesem Moment nicht mit ihm tauschen m�gen. Er konnte sich lebhaft vorstellen, was jetzt in Grinner vorging. Besser vielleicht, als der junge Forschungsassistent ahnen mochte. Vielleicht r�hrte seine Antipathie Grinner gegen�ber einfach daher, da� sie sich im Grunde sehr �hnlich waren. Braun hatte vor f�nf Jahren vor nahezu der gleichen Entscheidung gestanden wie Grinner jetzt - als Haymar praktisch die ganze Truppe ausgel�scht hatte und pl�tzlich niemand mehr da war, der ihm Befehle erteilen konnte. Er hatte die Chance ergriffen, ohne zu z�gern, aber er erinnerte sich auch noch sehr genau daran, wie lange es gedauert hatte bis er sicher war, nicht an dem Brocken zu ersticken, den er sich geschnappt hatte. Als er in seinem gedanklichen Countdown bei drei angekommen war, nickt Grinner.</p><p>�Hervorragend�, sagte Braun. �Ich wu�te, da� ich Sie richtig eingesch�tzt habe. Herzlichen Gl�ckwunsch zur Bef�rderung. Sie bekommen nat�rlich auch das gleiche Gehalt wie Mecklenburg.�</p><p>�Danke�, murmelte Grinner.</p><p><emphasis>Darum </emphasis>war es ihm offensichtlich zuallererst gegangen.</p><p>�Ich hoffe nur, der Professor...�</p><p>�Professor Mecklenburg kommt nicht wieder�, unterbrach ihn Braun. �Es gab eine ... h��liche Szene zwischen uns, aber das hat nichts mit Ihnen zu tun. Machen Sie sich keine Sorgen. Und jetzt tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe: Wir beenden das Experiment. Geben Sie dem armen Kerl da drinnen seine wohlverdiente Ruhe.� Braun lie� bewu�t ein paar Sekunden verstreichen, in denen er sich �ber das verst�rte Flackern in Grinners Blick am�sierte. Nachdem er ihn vor drei�ig Sekunden zum Leiter des Forschungsprojekts gemacht hatte, erkl�rte er ihm jetzt praktisch, da� seine erste Aufgabe darin bestand, sich selbst arbeitslos zu machen.</p><p>�Keine Angst�, sagte er, nachdem er Grinner lange genug hatte schmoren lassen. �Es geht weiter. Nur auf eine etwas ... andere Weise.� Er straffte die Schultern. �Wie lange wird es dauern?�</p><p>�Eine Stunde�, antwortete Grinner. �Vielleicht etwas weniger.�</p><p>�Dann fangen Sie an.� Braun wandte sich zur T�r. �Ich komme sp�ter noch einmal herunter. Alles andere besprechen wir dann morgen in meinem B�ro - nachdem Sie sich gr�ndlich ausgeschlafen haben.� Er verlie� das Labor, trat in den Aufzug und dr�ckte den Knopf f�r die oberste Etage. Es wurde Zeit, da� er sich um Bremer und die Kleine k�mmerte. Es war nicht gut, wenn sie zuviel Gelegenheit zum Reden bekamen. Er sch�tzte, da� er Bremer bald so weit hatte, wie er wollte, aber die Kleine war ein Problem. Das Luder war mi�trauisch, und wahrscheinlich nicht halb so harmlos, wie sie sich gab. Nat�rlich hatte er nicht vor, sie laufen zu lassen, aber solange er Bremer noch nicht ganz eingewickelt hatte, mu�te er vorsichtig sein.</p><p>Der Lift erreichte die erste Etage und hielt an. Die T�ren glitten auf, und Braun blickte in Malchows Gesicht.</p><p>Der Agent sah reichlich mitgenommen aus. Er war bla�. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe, und sein linker Arm hing in einer Schlinge vor seiner Brust. Sein ehemals wei�es Hemd war schmutzig und dunkel von eingetrocknetem Blut.</p><p>�Malchow!� Braun trat mit einem raschen Schritt aus dem Lift. �Sie haben es geschafft! Was ist mit Ihrem Arm?�</p><p>�Nichts�, antwortete Malchow. Seine Stimme verriet mehr �ber seinen Zustand, als ihm vermutlich klar war. Sie war flach und zitterte. Wahrscheinlich stand er unter dem Einflu� irgendeines Schmerzmittels. Braun unterzog ihn einer zweiten, raschen Musterung und stellte beil�ufig fest, da� sein Arm sehr professionell verbunden war. Die Schlinge, in der er hing, geh�rte zur Standardausr�stung eines Rettungswagens.</p><p>�Was ist mit den anderen?�</p><p>Malchow sch�ttelte den Kopf. �Das Biest hat sie alle erwischt�, sagte er. �Mich hat es anscheinend f�r tot gehalten.�</p><p>�Dann hatten Sie Gl�ck.� Braun sah auf die Uhr. �In einer Stunde geht der offizielle Betrieb hier los. Sp�testens dann wird hier ja wohl ein Arzt aufkreuzen, der sich um Ihren Arm k�mmern kann. Halten Sie noch so lange durch?� Malchow nickte, und Braun wollte sich umdrehen und wieder in den Lift treten.</p><p>�Da ist noch etwas�, sagte Malchow.</p><p>�Ja?�</p><p>Malchow griff mit der unverletzten rechten Hand ungeschickt in die linke Jackentasche und zog etwas heraus, das Braun in der schwachen Nachtbeleuchtung der Empfangshalle im ersten Moment nicht richtig erkennen konnte.</p><p>�Dieser N�rdlinger war da�, sagte er. �Zusammen mit einem Priester. Er hat gesagt, ich soll Ihnen das hier geben.� Braun erkannte verbl�fft, da� es sich um eine in abgewetztes schwarzes Kunstleder gebundene Bibel handelte. Ein gelber Merkzettel war zwischen die Seiten geklebt, und als Braun die entsprechende Stelle aufschlug, sah er, da� jemand eine bestimmte Stelle mit rotem Filzstift unterstrichen hatte.</p><p>�...Denn sie wissen nicht, was sie tun...�, las er vor. Verwirrt blickte er Malchow an. �Und das hat N�rdlinger Ihnen gegeben? Was wollte er?�</p><p>�Sich aufspielen�, antwortete Malchow. �Hat versucht, mich einzusch�chtern, aber ich habe nichts gesagt. Am Schlu� hat er aufgegeben und mir das da gegeben. Er meinte, Sie w��ten schon, was es zu bedeuten hat.�</p><p>�Nein zum Teufel!� sagte Braun. �Das wei� ich...� Braun stockte. Irgend etwas stimmte mit dieser Bibel nicht. Da war etwas unter ihrem Einband. Eine ganz sachte, harte Erhebung. Er drehte das Buch in den H�nden, schlug es auf und fuhr mit den Fingerspitzen �ber das hintere Schmutzblatt. Die Erhebung war hier deutlicher zu sp�ren. Das Blatt f�hlte sich ein ganz kleines bi�chen feucht an, und es war zerknittert.</p><p>So als h�tte jemand erst vor kurzem und in gro�er Hast etwas hineingeklebt...</p><p>Braun l�ste mit den Fingern�geln seinen oberen Rand. Es ging viel zu leicht ab. Darunter kam etwas von der Gr��e eines Zehnpfennigst�cks zum Vorschein, das einen zehn Zentimeter langen, geringelten Schwanz aus Kupferdraht hatte. Braun mu�te keinen Sekundenbruchteil lang dar�ber nachdenken, was es war. Und auch der Smiley und die beiden Worte, die jemand hastig mit dem gleichen roten Filzstift in Blockbuchstaben darunter gekritzelt hatte, w�ren nicht mehr n�tig gewesen: BIS GLEICH!</p><p>Braun schlo� f�r eine Sekunde die Augen. Dann ri� er den Minisender aus dem Buch, lie� ihn zu Boden fallen und zertrat ihn unter dem Absatz.</p><p>�Malchow, Sie sind ein Arschloch�, sagte er.</p></section><section><title><p>28</p></title><empty-line/><p>Der gr�ne Leuchtpunkt auf dem Display erlosch. Auf dem Bildschirm war jetzt nur noch ein digitalisierter Stadtplan der ungef�hren Gegend zu sehen, in der sie das Signal zum letztenmal gesehen hatten. V�rfels ergriff den Deckel des Notebooks, das er auf den Knien hielt, r�ttelte einen Moment lang daran und begann dann f�r drei oder vier Sekunden - N�rdlinger war sich sicher, da� er es vollkommen sinnlos und aus keinem andern Grund als dem tat, eine Show zu liefern - auf der Tastatur des Ger�ts herumzuh�mmern. Schlie�lich klappte er das Ger�t seufzend zu und drehte sich zu N�rdlinger um.</p><p>�Das war's�, seufzte er. �Sie haben den Sender gefunden - oder die Batterie ist hin�ber... Tut mir leid. F�nf Minuten l�nger, und wir h�tten sie gehabt.� N�rdlinger beugte sich auf dem R�cksitz des Wagens vor und bedeutete V�rfels mit einer Geste, den Computer noch einmal aufzuklappen. V�rfels gehorchte, und N�rdlinger blickte ein paar Sekunden konzentriert auf den winzigen, stark vereinfachten Stadtplan, der ihm von dem LCD-Display entgegenleuchtete.</p><p>�Es ist okay�, sagte er. �Ich wei�, wo sie sind.� Er wandte sich an den Fahrer. �Biegen Sie an der �bern�chsten Ampel links ab. Und dann gehen Sie auf die Autobahn Richtung Pankow. Ich sage Ihnen, wann Sie abbiegen m�ssen.� Er lie� sich wieder zur�cksinken, griff in die Manteltasche und zog sein Handy heraus. Bevor er die Nummer w�hlte, wandte er sich an Vater Thomas, der neben ihm sa�. �Ich hoffe, Sie haben mir wirklich die Wahrheit gesagt, Vater�, sagte er. �Ich m�chte nicht meine Karriere aufs Spiel setzen, weil ich einem religi�sen Spinner aufgesessen bin.�</p><p>�Wenn Sie das wirklich glauben w�rden, dann w�ren wir jetzt nicht hier, Herr N�rdlinger�, antwortete Vater Thomas ruhig. �Habe ich recht?� N�rdlinger antwortete nicht. Wozu auch? Vater Thomas wu�te so gut wie er, da� er diese Frage im Grunde nur gestellt hatte, um seine Nervosit�t irgendwie zu kompensieren. Was ihn letztlich �berzeugt hatte, das waren nicht Thomas Worte gewesen. Und auch nicht das, was er gesehen hatte. F�r alles das h�tte er eine ganz nat�rliche, rationale Erkl�rung gefunden, wenn er sich nur die M�he machte, lange genug danach zu suchen. Aber er<emphasis> sp�rte, </emphasis>da� da noch mehr war. Irgend etwas ... <emphasis>Unvorstellbares </emphasis>ging hier vor. Und ihnen blieb nicht mehr viel Zeit, es aufzuhalten. Er dr�ckte eine Taste auf seinem Telefon, und Meiler meldete sich.</p><p>�N�rdlinger hier�, begann er. �H�ren Sie mir zu. Stellen Sie keine Fragen, sondern h�ren Sie mir einfach zu. Sie werden jetzt folgendes tun...� Er sprach eine ganze Weile. V�rfels, der auf dem Beifahrersitz sa� und nat�rlich ebenso wie Meiler am anderen Ende der Leitung h�rte, welche Anweisungen N�rdlinger gab, sagte nichts, aber er wurde kreidebleich.</p></section><section><title><p>29</p></title><empty-line/><p>Bremers Nieren hatten sich den unpassendsten aller Augenblicke ausgesucht, um sich wieder daran zu erinnern, wie �bel sie behandelt worden waren. Als sie in den Korridor hinaustraten, scho� ein so grausamer Schmerz durch seinen R�cken, da� er f�r einen Moment die Augen schlo� und sich st�hnend gegen die Wand lehnte. Ihm wurde �bel.</p><p>Angela sagte etwas zu ihm, aber er verstand es erst beim zweiten Mal, nachdem er die Augen wieder ge�ffnet hatte und sie ansah.</p><p>�Alles in Ordnung?�</p><p>�Nein�, pre�te Bremer zwischen zusammengebissenen Z�hnen hervor. �Nat�rlich ist<emphasis> nicht </emphasis>alles in Ordnung�</p><p>Angela runzelte die Stirn, dann nickte sie. �Okay. Dreh dich um.� Bremer f�hlte sich viel zu mies, um zu widersprechen. Gehorsam drehte er sich herum, lehnte die Stirn gegen die k�hle Kunststoffverkleidung der Wand und sp�rte, wie Angela seine Jacke hochschlug und anschlie�end sein Hemd aus der Jacke zerrte. Ihre Finger tasteten �ber seinen R�cken und machten sich an seiner Nierengegend zu schaffen. Er hatte keine Ahnung, was sie tat, aber er erwartete instinktiv, da� es weh tun w�rde, doch ganz das Gegenteil war der Fall: Von der Stelle ausgehend, an der ihre Finger seine Haut ber�hrten, breitete sich ein prickelndes, wohltuendes Gef�hl von Bet�ubung in seinem R�cken aus. Als es seine Nieren erreichte, verschwand der Schmerz zwar nicht ganz, sank aber auf ein halbwegs ertr�gliches Ma� herab.</p><p>�So�, sagte sie. �Das mu� f�r den Moment reichen.� Ihre H�nde verschwanden von seinem K�rper, und Bremer drehte sich verbl�fft zu ihr herum.</p><p>�Wie hast du das gemacht?�</p><p>�Ich habe doch gesagt, ich habe heilende H�nde�, l�chelte Angela. Sie wurde fast sofort wieder ernst und sagte: �Es wird nicht allzu lange vorhalten. Wir sollten uns beeilen.�</p><p>Sie gingen nebeneinander den Flur entlang. Wie Brauns B�ro, erinnerte auch er viel mehr an die Verwaltungsanlage eines modernen Industrieunternehmens als an ein Krankenhaus, aber Bremer verga� trotzdem keine Sekunde, wo er war. Nur ein paar Etagen unter ihm lag eine von vermutlich sehr vielen modernen Versionen der ber�hmten Gummizellen. Er hatte sie kennengelernt. Nur f�r eine knappe Stunde, aber das war schon eine Stunde mehr, als er sich gew�nscht h�tte. Und vermutlich<emphasis> sehr viele</emphasis> Stunden weniger, als er noch darin zubringen w�rde, wenn er wirklich so dumm gewesen w�re, auf Brauns Beteuerungen hereinzufallen.</p><p>Es schien ihm selbst jetzt fast unglaublich, da� er auch nur eine Sekunde lang auf diesen Kerl hereingefallen sein sollte. Braun geh�rte zu jener Art von M�nnern, denen er normalerweise nicht einmal mit gutem Gewissen geglaubt h�tte, h�tte er ihn nach der Uhrzeit gefragt.</p><p>Sie erreichten den Aufzug. Angela ging daran vorbei, ohne auch nur im Schritt zu stocken, und �ffnete die T�r am Ende des langen Flurs. Zu Bremers Entt�uschung f�hrte sie jedoch nicht ins Treppenhaus. Dahinter verbarg sich nur eine kleine Kammer, die mit Besen, Eimern und anderen Putzutensilien vollgestopft war. Trotzdem verharrte Angela einige Sekunden lang mit der Hand auf der Klinke und machte ein nachdenkliches Gesicht.</p><p>�Willst du einen davon nehmen und davonfliegen?� Bremer deutete auf die Besen, die s�uberlich an der Wand aufgereiht waren.</p><p>�Und wie kommst du dann hier weg?� fragte Angela ernsthaft. Dann sch�ttelte sie den Kopf. �Vielleicht sollten wir uns einfach hier drinnen verstecken. Manchmal sind die simpelsten Pl�ne immer noch die besten.�</p><p>�Sie werden hier jeden Teppich hochheben und darunter sehen, wenn sie merken, da� wir weg sind�, sagte Bremer.</p><p>Angela seufzte. �Wahrscheinlich hast du recht. Komm. Irgendwo mu� dieses verdammte Treppenhaus ja sein.�</p><p>Hinter der dritten oder vierten T�r wurden sie f�ndig. Die Illusion, sich in einem supermodernen Geb�ude zu befinden, zerplatzte wie eine Seifenblase, als sie in das Treppenhaus hinaustraten. Die Renovierungsarbeiten hatten sich nicht auf diesen Teil der Klinik erstreckt. Das Treppenhaus war gro�, wie man es nur bei wirklich<emphasis> alten </emphasis>Geb�uden fand, und man sah ihm sein Alter an. W�nde und Decke waren wei� verputzt, und hier und da sah man sogar noch die Reste von Stuckarbeiten, die vor einem Menschenalter abzubr�ckeln begonnen hatten. Die Treppe selbst und das Gel�nder waren in einem h��lichen Rot gestrichen. Als Bremer seinen Fu� auf die oberste Stufe setzte, knarrte sie so erb�rmlich, da� er erschrocken zur�ckprallte.</p><p>�Los!� sagte Angela. Vollkommen �berfl�ssig f�gte sie hinzu: �Mach m�glichst wenig L�rm!� Sie selbst st�rmte los, das Bremer meinte, man m�sse das Knarren und Dr�hnen der Stufen im gesamten Geb�ude h�ren.</p><p>Sie hatten die zweite Etage fast erreicht, als �ber und unter ihnen gleichzeitig T�ren aufflogen. Aufgeregte Stimmen gellten durch das Treppenhaus. Ihre Flucht war entdeckt worden. Sp�testens jetzt begann das, was Angela als den <emphasis>richtig spannenden</emphasis> Teil bezeichnet hatte. Bremer h�tte allerdings gerne auf <emphasis>diese </emphasis>Art von Spannung verzichtet.</p><p>W�hrend er noch wie angewurzelt dastand und sich seine Gedanken zu �berschlagen begannen, �nderte Angela pl�tzlich den Rhythmus ihrer Schritte. Sie schlich nicht etwa weiter, oder versuchte wenigstens, m�glichst leise aufzutreten, wie es vermutlich jeder andere an ihrer Stelle getan h�tte - der Takt ihrer Schritte �nderte sich und pa�te sich dem der Schritte an, die von unten auf sie zukamen. Das Ger�usch verschmolz damit und wurde praktisch unh�rbar.</p><p>Sie erreichte die T�r zur zweiten Etage, �ffnete sie einen Spalt breit und drehte sich halb zu ihm herum. Ihre freie Hand gestikulierte hektisch, und ihre Lippen formten lautlose Worte, die er zwar nicht verstand, von denen er aber kaum glaubte, da� sie besonders freundlich waren.</p><p>Bremer wich lautlos bis zur Wand zur�ck, wodurch er Angela zwar f�r den Moment aus den Augen verlor, gleichzeitig aber auch nicht in Gefahr lief, entdeckt zu werden, sollte einer der M�nner, die �ber ihnen herangest�rmt kamen, einen Blick in die Tiefe werfen. Erst dann bewegte er sich weiter, so schnell er es eben konnte, ohne dabei allzu viel L�rm zu machen - was nicht eben schnell war. Die Schritte unter ihnen waren bereits unangenehm nahe herangekommen, als er Angela endlich erreichte.</p><p>Sie streckte ungeduldig den Arm aus, packte seine Handgelenke und stie� ihn so derb durch die T�r, da� er fast gest�rzt w�re. Hastig huschte sie hinter ihm auf den Flur, dr�ckte die T�r hinter sich zu und sah sich rasch nach beiden Seiten hin um.</p><p>Der Flur, in dem sie sich befanden, erinnerte schon eher an das, was man mit dem Begriff Klinik assoziieren mochte: ein langer, sehr breiter Gang, von dem in regelm��igen Abst�nden T�ren abzweigten. Ein gutes St�ck entfernt schien es auch so etwas wie ein Schwesternzimmer zu geben, das aber offensichtlich nicht besetzt war, denn hinter der mannshohen Glasscheibe in der T�r brannte kein Licht. Auch die meisten Zimmer auf diesem Flur waren dunkel, nur unter zweien oder dreien der T�ren drang ein blasser, gelber Lichtschimmer hervor. Es war fast vollkommen still. Einer der Unterschiede zwischen teuren Privatkliniken und solchen f�rs gemeine Volk schien offensichtlich darin zu bestehen, da� man die Patienten hier nicht mitten in der Nacht aus dem Bett schmi�, um das Fr�hst�ck zu bringen oder die Laken auszutauschen.</p><p>�Was sollte das gerade?� fauchte Angela. �Willst du mit Gewalt erwischt werden, oder wolltest du die Sache einfach nur ein bi�chen spannender gestalten?�</p><p>�Es ist nun mal nicht jeder ein Freizeit-Ninja�, antwortete Bremer patzig.</p><p>�Ja, leider�, maulte Angela. Sie deutete nach links, in die l�ngere H�lfte des Korridors. �Los!� Sie st�rmte voraus.</p><p>Bremer nahm an, da� sie einen anderen Ausgang aus der Etage suchte, aber sie �ffnete praktisch die erstbeste T�r, an der sie vorbeikamen, warf einen Blick hindurch und gestikulierte ihm dann hektisch zu, ihr zu folgen. Fast zu Bremers Entsetzen schaltete sie das Licht ein, als er hinter ihr ins Zimmer trat, und schlo� die T�r. Bremer wollte sich herumdrehen und die Kette vorlegen, aber Angela sch�ttelte rasch den Kopf, und Bremer mu�te - wieder einmal - zugeben, da� sie recht hatte: Wenn jemand von au�en an der T�r r�ttelte, w�rde es nur auffallen, wenn sie verschlossen war.</p><p>Er drehte sich herum und lie� seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Er hatte kein normales Krankenzimmer erwartet, aber was er sah, �bertraf seine Erwartungen bei weitem: Der Raum war mindestens drei�ig Quadratmeter gro� und so behaglich wie ein Wohnzimmer eingerichtet.</p><p>Auf dem Boden lag ein dicker, teurer Teppich, und in einer Ecke stand ein Fernseher, dessen Mattscheibe ihm gr��er vorkam als die Leinwand so manchen Kinos, in dem er gewesen war. Goldgerahmte Bilder und teure Seidentapeten an den W�nden vervollst�ndigten den Eindruck von unverbl�mt zur Schau gestelltem Luxus.</p><p>Ungl�cklicherweise war das Zimmer nicht leer. Sein Bewohner lag in einem �berdimensionalen Bett mit gedrechselten Beinen, hob genau in diesem Moment den Kopf aus dem Kissen und blinzelte verschlafen ins Licht. �Was ... was ist ... denn?� nuschelte er.</p><p>Bremer sch�tzte sein Alter auf zwanzig, vielleicht f�nfundzwanzig Jahre. Soweit das bei einem Menschen zu beurteilen war, der zugedeckt im Bett lag und sich halb auf die Ellbogen hochgestemmt hatte, schien er ungew�hnlich kr�ftig gebaut zu sein, aber das war bei Leuten mit seiner Krankheit normal, soviel Bremer wu�te: Sein Gesicht war sehr breit, und alles darin wirkte seltsam unfertig, als w�ren seine Z�ge eigentlich nur angedeutet. Er hatte eine breite Nase und geschlitzte Augen, die jetzt noch dazu vom Schlaf verquollen waren. Der Junge litt am Down-Syndrom. Ein b�sartiges Schicksal hatte seine Eltern zwar offensichtlich mit mehr Geld gesegnet, als sie ausgeben konnten, aber auch mit einem mongoloiden Sohn.</p><p>Bremer wollte sich wieder herumdrehen und das Zimmer verlassen, aber Angela hielt ihn abermals zur�ck. �Warte.� Sie wandte sich an den mongoloiden Jungen im Bett: �Wie hei�t du?�</p><p>�Albert�, antwortete der Junge. �Und wer seid ihr? Ist schon Fr�hst�ckszeit? Ich will noch nichts essen.�</p><p>�Mein Name ist Angela�, antwortete Angela. Sie warf Bremer einen raschen, mahnenden Blick zu, dann drehte sie sich wieder zu Albert herum. �Du brauchst keine Angst zu haben, Albert.�</p><p>�Das habe ich auch nicht. Ich habe vor nichts Angst, h�rst du? Vor gar nichts!� Albert setzte sich weiter im Bett auf. Die Decke rutschte herunter, und Bremer sah, da� der Mongoloide Schultern wie ein Preisboxer hatte. Er war mit einemmal nicht mehr vollkommen davon �berzeugt, da� sie hier drinnen wirklich sicher waren. Neigten Mongoloide eigentlich zu Gewalttaten? Er wu�te es nicht.</p><p>�Das ist gut�, sagte Angela. �Dann haben wir ja den richtigen ausgesucht.�</p><p>�Den richtigen ausgesucht? Wozu?� Alberts Augen wurden noch schmaler, als sie ohnehin schon waren.</p><p>�Wir spielen ein Spiel�, antwortete Angela. �Und dazu brauchen wir deine Hilfe.� Sie deutete auf die T�r hinter sich. �H�r zu, Albert. Da drau�en sind M�nner, die uns suchen. Wir haben nichts getan oder so, wir haben nur gewettet, da� sie uns nicht finden k�nnen, und die M�nner haben gewettet, da� sie es doch k�nnen. Wenn sie jetzt hier reinkommen und uns sehen, dann haben wir verloren, und das w�re ziemlich schade. Wirst du uns helfen?�</p><p>Einen Moment lang sah es ganz und gar nicht so aus, als w�re es ihr gelungen, Alberts Mi�trauen zu bes�nftigen. Aber dann hellte sich sein Gesicht auf, und er kicherte. �Das ist lustig�, sagte er. �Ich helfe euch. Das ist ein lustiges Spiel.�</p><p>�Gut�, sagte Angela. �Wei�t du ein gutes Versteck f�r uns?�</p><p>�Unter dem Bett.� Albert nickte hektisch und begann vor Aufregung auf und ab zu h�pfen, so da� das ganze Bett wackelte. �Ich verstecke mich immer unterm Bett! Niemand wird euch da finden!� Das war geradezu idiotisch, fand Bremer. Angela schien wohl zu dem gleichen Ergebnis zu kommen, denn sie ging rasch durchs Zimmer und �ffnete die beiden anderen T�ren, die es noch gab. Eine f�hrte ins Bad, die andere in einen weitl�ufigen, begehbaren Schrank.</p><p>�Das sind keine guten Verstecke�, meinte Albert. Er hatte einen tiefen, sonoren Ba�, sprach aber wie ein F�nfj�hriger. Es machte Bremer ganz kribbelig, ihm zuzuh�ren.</p><p>�Ich wei߫, seufzte Angela. Sie sah sich weitere zwei oder drei Sekunden lang um, dann ging sie zum Fenster und �ffnete es. Bremer trat rasch an ihre Seite und blickte nach drau�en.</p><p>Sofort wurde ihm schwindelig. Sie befanden sich in der zweiten Etage, also keine zehn Meter �ber dem Erdboden aber gro�e H�hen waren noch nie seine Sache gewesen Und es war drau�en immer noch so dunkel, da� er den Erdboden nicht einmal <emphasis>sehen </emphasis>konnte.</p><p>�Perfekt!� sagte Angela. Sie deutete auf einen kaum zehn Zentimeter breiten Sims, der unter dem Fenster an der Wand entlang verlief. �Los!� Ohne seine Antwort auch nur abzuwarten, schwang sie sich auf den Fenstersims hinaus, richtete sich auf und schob sich an der Wand entlang ein St�ck zur Seite. Sie bewegte sich so sicher, als st�nde sie auf einer zwei Meter breiten Br�cke, nicht auf einem Sims, der Bremer mittlerweile schmaler vorkam als sein Daumen.</p><p>�Worauf wartest du?� fragte sie.</p><p>�Da hinaus?� Bremer sch�ttelte entschieden den Kopf. �Lieber lasse ich mich erschie�en!�</p><p>�Tja, dann bleibt dir wohl wirklich nur das Bett�, sagte Angela sp�ttisch. �Aber beeil dich lieber. Sie m�ssen gleich hier sein.� Bremer drehte sich unsicher herum. Er h�rte absolut nichts Verd�chtiges, aber wenn er im Laufe der letzten vierundzwanzig Stunden etwas gelernt hatte, dann war es, auf Angelas Warnungen zu h�ren. Ihre Sinne schienen weitaus sch�rfer zu sein als seine. Kunstst�ck. Sie war ja auch h�chstens halb so alt wie er.</p><p>Er sah sich noch zwei oder drei weitere Sekunden lang unschl�ssig um, spielte einen Moment lang mit den Gedanken, sich zwischen den Kleidern im Schrank zu verstecken und entschied sich dann doch f�r das Bett. Es war ein idiotisches Versteck. Vielleicht idiotisch genug, da� sie nicht dort nachsehen w�rden.</p><p>Unter Alberts feixenden Blicken legte er sich auf den R�cken und schob sich unter das Bett. Es war zwar sehr gro�, aber so niedrig, da� er kaum darunter pa�te. Als er es endlich geschafft hatte, befand sich die Stahlmatratze nur wenige Zentimeter �ber seinem Gesicht. Wenn Albert seinen mondgro�en Hintern bewegte, w�rden die Sprungfedern einen Abdruck in Bremers Gesicht hinterlassen.</p><p>Bremer lag eine gute Minute unter dem Bett und kam sich einfach nur d�mlich vor, dann flog die T�r auf, und schwere Schritte polterten herein. M�hsam drehte Bremer den Kopf und sah ein Paar teure, auf Hochglanz polierte Schuhe, die in den Beinen ma�geschneiderter Anzugshosen endeten.</p><p>�Hallo!� sagte Albert �ber ihm. �Seid ihr gekommen, um zu spielen?�</p><p>�Bestimmt nicht�, antwortete eine Stimme. �War jemand hier? Ein Mann und eine Frau?� Das Paar Schuhe bewegte sich weiter, und Bremer konnte h�ren, wie die Schrankt�r aufgerissen wurde und Stoff raschelte. Der andere blieb, wo er war.</p><p>�Klar�, antwortete Albert. �Sie sind immer noch hier. Ihr seid die, die sie suchen, nicht wahr? Ihr spielt Verstecken.�</p><p>Bremers Herz machte einen entsetzten Sprung. Wie hatte er auch nur eine Sekunde lang diesem Verr�ckten trauen k�nnen?</p><p>�Die Frau ist aus dem Fenster gesprungen, und der andere liegt unter dem Bett�, fuhr Albert fort.</p><p>Bremer versp�rte pl�tzlich den intensiven Wunsch, aus seinem Versteck herauszust�rzen und die H�nde um Alberts Kehle zu legen. Vielleicht blieb ihm ja noch Zeit genug, den Kerl zu erw�rgen, bevor sie ihn erschossen. Er konnte sich allerdings nicht von der Stelle r�hren, denn Albert begann nun zu allem �berflu� tats�chlich im Bett auf und ab zu h�pfen, wodurch er regelrecht festgenagelt wurde und alle M�he hatte, �berhaupt noch Luft zu bekommen.</p><p>Er h�rte, wie sich schnelle Schritte dem Fenster n�herten und es aufgerissen wurde. In der n�chsten Sekunde w�rde der Mann �berrascht aufschreien, wenn er nicht gleich seine Waffe zog und Angela vom Sims herunterscho� wie einen Vogel auf der Stange. Er versuchte, an die Pistole heranzukommen, die er in seine Jackentasche gesteckt hatte, aber es gelang ihm nicht. Alberts Gewicht schien ihn regelrecht in den Boden hineinzupressen.</p><p>Der Mann auf der anderen Seite des Bettes schrie nicht auf. Er scho� auch nicht. Statt dessen schlo� er das Fenster wieder, verriegelte es sorgf�ltig und sagte: �Hier ist niemand.�</p><p>�Nat�rlich ist hier niemand�, sagte sein Kollege. �Der Bekloppte verarscht uns doch, merkst du das nicht?�</p><p>�Albert verarscht keinen!� protestierte Albert. �Der andere liegt unter dem Bett! Seht doch nach!�</p><p>�Halt die Fresse, Idiot!� murmelte der Agent. �Seht doch nach!� h�hnte Albert. �Seht doch nach! Seht doch nach!� Er begann im Takt seiner Worte im Bett auf und ab zu h�pfen, und Bremer wurde erneut und noch gr�ndlicher die Luft aus den Lungen gepre�t. Er begann Sterne zu sehen.</p><p>�Sieh unter dem Bett nach�, sagte der erste Agent. Bremer drehte mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte, den Kopf auf die Seite. Der Agent n�herte sich dem Bett und lie� sich in die Hocke herab, und Albert kr�hte noch lauter: �Seht doch nach!� und furzte so laut, wie Bremer es noch nie zuvor im Leben geh�rt hatte.</p><p>Der Agent stie� einen angewiderte Laut aus und richtete sich abrupt wieder auf, ohne unter das Bett gesehen zu haben. �Das ist ja widerlich!� keuchte er. �Ich h�tte Lust, diesem verr�ckten Idioten den Sch�del runterzuschie�en!�</p><p>�Du hast recht�, seufzte sein Kollege. �Er nimmt uns auf den Arm. Komm weiter. Wir haben noch eine Menge Zimmer zu untersuchen!� Die beiden M�nner verlie�en den Raum. Bremer wartete, bis sie die T�r hinter sich zugeworfen hatten, dann kroch er wieder unter dem Bett hervor - eine Aufgabe, die nicht gerade leicht war, weil Albert immer noch vor Vergn�gen kr�hte und im Bett auf und ab h�pfte wie auf einem Trampolin. Vollkommen au�er Atem stemmte er sich hoch, warf dem mongoloiden Jungen einen zornigen Blick zu und hetzte dann zum Fenster. Seine Finger zitterten, als er es aufri�. Hastig beugte er sich nach drau�en.</p><p>Der Sims war leer. Es war so, wie der Agent gesagt hatte. Angela war nicht mehr da.</p></section><section><title><p>30</p></title><empty-line/><p>Zehn Minuten der Stunde, von der Grinner Braun gegen�ber gesprochen hatte, waren bereits verstrichen, aber er z�gerte noch immer, die entsprechende Sequenz einzuleiten. Es gab keinen wirklichen Grund daf�r. Alles war vorbereitet, die Computer entsprechend programmiert - er mu�te jetzt nur noch die ENTER-Taste vor sich dr�cken, und die Automatik w�rde den Rest erledigen; wobei es im Grunde sehr viel mehr darum ging, Dinge<emphasis> nicht </emphasis>mehr zu tun, als Dinge zu tun. Das, was einmal ein Mensch gewesen war und was sie auf der anderen Seite der Panzerglasscheibe eingesperrt hatten, wurde ohnehin nur noch durch einen unvorstellbaren technischen Aufwand in einem Zustand gehalten, den man nur noch mit sehr viel gutem Willen als Leben bezeichnen konnte. Wenn er die Maschinen abschaltete, tat er ihm einen Gefallen.</p><p>Warum also hatte er trotzdem das Gef�hl, einen Mord zu begehen? Wenn er einen Grund hatte, Schuldgef�hle zu haben, dann wegen dem, was er in den letzten f�nf Jahren getan hatte, nicht wegen dem, was er<emphasis> jetzt </emphasis>tun w�rde. Haymar endlich sterben zu lassen, war eine Art der Barmherzigkeit.</p><p>Trotzdem dr�ckte er die ENTER-Taste nicht, sondern brach das Programm im Gegenteil ab, um es noch einmal zu modifizieren. Er brauchte kaum f�nf Minuten dazu, und als er fertig war, war der Computer bereit, f�nfundzwanzig Einheiten Morphium in Haymars Kreislauf zu pumpen. Genug, um einen Elefanten umzubringen, und mehr als genug, um Haymar auf die schmerzloseste und angenehmste Art einschlafen zu lassen. Grinner glaubte nicht, da� in dem von Drogen zerfressenen Gehirn noch so etwas wie ein Bewu�tsein war. Aber f�r den sehr, sehr unwahrscheinlichen Fall, da� es doch so sein sollte, wollte er ihm in seinen letzten Augenblicken auf keinen Fall Schmerzen zuf�gen. Als er die Hand nach der Taste ausstreckte, h�rte er ein Ger�usch hinter sich.</p><p>Grinner sah erschrocken hoch. Er war allein im Labor. W�re jemand hereingekommen, h�tte er es geh�rt. Die zentnerschwere Stahlt�r lie� sich nicht lautlos �ffnen, ganz egal, wie vorsichtig man auch war. F�r den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, einen Lichtreflex vor sich auf dem Monitor zu erkennen, als h�tte sich irgend etwas hinter ihm bewegt, doch als Grinner erschrocken im Stuhl hochfuhr stellte er fest, da� er allein war.</p><p>Was blieb, war das Gef�hl, es nicht zu sein.</p><p><emphasis>Unsinn, </emphasis>dachte Grinner. Nat�rlich war er allein. Niemand war hier, au�er ihm und dem Toten auf der anderen Seite der Glasscheibe. Was er sp�rte, war lediglich seine eigene Nervosit�t. Und eine Mischung aus M�digkeit und schlechtem Gewissen - beides in weit gr��erem Ma�e, als ihm lieb war. Er hatte den Grund dazu, m�de zu sein, und was sein schlechtes Gewissen anging... Er <emphasis>redete sich ein, </emphasis>da� es nur mit Haymar zu tun hatte, aber nat�rlich wu�te er, da� es nicht so war. Es war Mecklenburg. Unbeschadet von allem, was Braun gesagt hatte, hatte Grinner das Gef�hl, den Professor ver�rgert zu haben. Sicher, er hatte nicht wirklich etwas<emphasis> getan, </emphasis>um seinen Job zu bekommen, aber wie oft hatte er sich gew�nscht, es zu tun, und vor allem: Er war <emphasis>bereit </emphasis>dazu gewesen. Auch wenn es keinen wirklich rationellen Grund daf�r gab - Grinner kam sich wie ein Leichenfledderer vor.</p><p>Er verscheuchte den Gedanken, streckte die Hand erneut nach der Taste aus, und etwas in seinen Gedanken sagte laut und vernehmlich: <emphasis>Nein.</emphasis></p><p>Es war nicht wirklich dieses Wort. Grinner h�rte keine Stimme, und er empfing auch keine telepathische Botschaft oder so etwas. Aber das Gef�hl, da� er das, was er vorhatte, auf keinen Fall tun durfte, war so stark, da� er gar nicht anders konnte, als die Hand wieder zur�ckzuziehen. Zugleich hatte er wieder das Empfinden, nicht mehr allein zu sein, und als er sich diesmal herumdrehte, sah er, da� es auch so war.</p><p>Das Wesen stand zwei Meter hinter ihm. Es war riesig, viel gr��er, als ein Mensch, und es �hnelte nichts, was Grinner je zuvor im Leben gesehen hatte - nicht <emphasis>wirklich. </emphasis>Trotzdem wu�te er sofort, wem er gegen�berstand.</p><p>Grinner wartete auf den Tod, denn nichts anderes konnte es bedeuten, einem Gesch�pf wie diesem zu begegnen, aber er kam nicht.</p><p>Statt dessen ruhte der Blick der riesigen, von einem uralten, allumfassenden Wissen erf�llten Augen des Gesch�pfs f�r einige endlose Sekunden auf ihm, und als es sich schlie�lich herumdrehte und seine gewaltigen Fl�gel ausbreitete, um an den geheimnisvollen Ort zur�ckzukehren, von dem es gekommen war, da wu�te auch Grinner, was er zu tun hatte.</p></section><section><title><p>31</p></title><empty-line/><p>Der Sims ragte an beiden Seiten ungef�hr f�nfzehn Zentimeter �ber die Fensterbreite hinaus und endete dann abrupt. Das jeweils n�chste Fenster war mehr als zwei Meter entfernt, was selbst unter normalen Umst�nden und auf ebenem Boden wahrscheinlich mehr war, als irgend jemand - selbst jemand mit Angelas erstaunlicher K�rperbeherrschung - ansatzlos springen konnte. Von einem Fenstersims in zehn Metern H�he und vor allem mit einem<emphasis> Landeplatz, </emphasis>der nicht breiter war als eine Hand, war es ganz und gar ausgeschlossen. Wenn sie diesen Sprung gewagt hatte, dann mu�te sie abgest�rzt sein und jetzt mit gebrochenem Genick zehn Meter tiefer auf dem Asphalt liegen. Bremers Herz klopfte bis zum Hals, als er sich vorbeugte und versuchte, die Dunkelheit unter sich mit Blicken zu durchdringen.</p><p>Er sah nichts. Unter ihm war nur Schw�rze. Wenn Angela dort unten lag, dann h�tte er sie in ihrer hellen Kleidung zumindest schemenhaft erkennen m�ssen, versuchte er sich einzureden. Vielleicht hatte sie es ja geschafft. Er nahm an, da� unter dem Fenster Asphalt oder Stein war, aber vielleicht waren es ja Gras und weicher Erdboden, die ihren Sturz einigerma�en ged�mpft hatten. Zehn Meter waren eine gewaltige H�he, aber zu schaffen. Er hatte gesehen, wozu Angela f�hig war.</p><p>Er h�rte ein Ger�usch, drehte sich herum und ri� ungl�ubig Mund und Augen auf, als er Angela hinter sich aus dem Badezimmer kommen sah. �Aber...�</p><p>�Sind sie weg?� fragte Angela mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt.</p><p>Bremer nickte automatisch, drehte noch einmal den Kopf, sah aus dem Fenster und blickte dann wieder Angela an. �Aber ... aber wo ... wo bist du gewesen?�</p><p>�Was f�r eine Frage!� Angela machte eine Kopfbewegung auf die T�r hinter sich. �Geh�rt sich so etwas f�r einen Kavalier alter Schule?�</p><p>�Wo warst du?!� kr�chzte Bremer. Was er sah, war ... vollkommen unm�glich!</p><p>�Gro�er Gott - wenn du es genau wissen willst, ich war f�r kleine M�dchen.� Angela r�mpfte die Nase. �Obwohl es dort drinnen eher riecht wie f�r gro�e Jungen. Unser Albert ist ein kleines Ferkel.�</p><p>�Ja, das scheint mir auch so.� Bremer warf Albert einen raschen Blick zu und sah dann wieder Angela an. Er begriff immer noch nicht, wie sie es geschafft hatte, vom Fenstersims herunter und ins Bad zu kommen, ohne da� er es auch nur gemerkt hatte. Und hatten die beiden Agenten das Badezimmer nicht kontrolliert? Er wu�te es nicht genau.</p><p>Angela drehte sich zum Bett herum. �Das hast du gut gemacht, Albert�, sagte sie. �Die M�nner haben uns nicht gefunden. Jetzt werden wir das Spiel vielleicht gewinnen. Vielen Dank.�</p><p>�Albert hat euch geholfen!� kr�hte der Mongoloide. Er h�pfte in seinem Bett auf und ab, da� Bremer sich zu fragen begann, wie lange das M�belst�ck die grobe Behandlung noch aushalten w�rde. �Fast h�tten sie ihn erwischt. Aber dann habe ich gepupst, und sie sind wieder gegangen.� Angela sah ihn irritiert an.</p><p>�Das ... ist eine lange Geschichte�, sagte Bremer ausweichend. �Ich erz�hle sie dir sp�ter.�</p><p>Angela grinste. �Darauf wette ich. Los jetzt. Verschwinden wir von hier!� Sie traten auf den Flur hinaus, nachdem Angela einen sichernden Blick nach rechts und links geworfen hatte. Geduckt huschten sie den Weg zur�ck, den sie gekommen waren. Angela wollte die T�r zum Treppenhaus �ffnen, aber die Klinke r�hrte sich nicht. Offensichtlich hatten die Agenten die T�r hinter sich abgeschlossen, nachdem sie hereingekommen waren.</p><p>Sie verschwendete keine Zeit mit einem zweiten Versuch, sondern lief weiter und steuerte das Schwesternzimmer an. Nachdem Bremer hinter ihr hereingekommen war, schlo� sie die T�r, und kaum hatte sie es getan, da konnten sie h�ren, wie drau�en auf dem Gang eine T�r ge�ffnet wurde und schwere Schritte �ber den Boden polterten. Sekunden sp�ter h�rten sie das Ger�usch einer weiteren T�r. Offensichtlich kontrollierten die Agenten ein Zimmer nach dem anderen.</p><p>�F�r den Moment sind wir hier in Sicherheit�, sagte Angela. �Aber ich wei� nicht, wie wir hier rauskommen sollen. Sie �berwachen garantiert jeden Ausgang!�</p><p>�Warum verstecken wir uns nicht einfach?� fragte Bremer. �Es gibt kaum ein besseres Versteck als einen Ort, den sie schon durchsucht haben.�</p><p>�Und wie lange? Bis Braun in Rente geht?�</p><p>�Das hier ist ein Krankenhaus�, sagte Bremer. �Vielleicht auch Brauns Hauptquartier, aber trotzdem noch immer ein Krankenhaus. Sie haben Hunderte von Patienten, und in sp�testens einer Stunde geht hier der normale Betrieb los. Wenn wir uns so lange verstecken, haben wir vielleicht eine gr��ere Chance.�</p><p>Angela schnaubte. �Du hast es immer noch nicht begriffen, wie?� fragte sie. �Glaubst du wirklich, Braun h�tte auch nur die geringsten Hemmungen, mit einer Maschinenpistole in eine Menschenmenge zu schie�en?� Sie schwenkte die erbeutete Uzi. �Au�erdem ist da noch jemand, der wahrscheinlich schon darauf brennt, uns in die Finger zu bekommen - oder was immer er hat.� Sie sprach von dem Ungeheuer.</p><p>Aber Bremer sch�ttelte nur den Kopf. �Ich glaube nicht, da� es uns hier aufsp�ren kann�, sagte er.</p><p>�Ach? Glaubst du nicht? Und wieso, wenn ich fragen darf?�</p><p>�Weil Thomas nicht wei�, da� wir hier sind.�</p><p>�Thomas? Du meinst diesen Priester, von dem du andauernd sprichst?�</p><p>�Ich spreche nicht<emphasis> andauernd </emphasis>von ihm�, verbesserte sie Bremer betont. �Aber ich bin fast sicher, da� er der Schl�ssel ist. Frag mich nicht, wieso. Ich habe keine Ahnung. Aber er war immer in der N�he, wenn etwas passiert ist. Er ist aufgetaucht, nachdem Rosen ermordet wurde, und Strelowsky hat es genau vor seiner Kirche erwischt. Und nachdem ich bei ihm war, hat die Bestie in genau der Reihenfolge zugeschlagen, die <emphasis>er </emphasis>prophezeit hat. Glaubst du wirklich, da� das Zufall ist? Ich nicht!�</p><p>�Dann sollten wir ihm vielleicht einen Besuch abstatten�, meinte Angela.</p><p>�Um was zu tun?� fragte Bremer.</p><p>Sie schwiegen einen Moment. Dann sagte Angela: �Ich verstehe. Deshalb hast du seinen Namen Braun gegen�ber erw�hnt. Es ist bequemer, wenn er die Drecksarbeit f�r dich erledigt, wie?� Sie sah ihn auf eine sonderbare, nicht sehr angenehme Weise an. �Allm�hlich beginne ich mich zu fragen, vor wem ich mich eigentlich f�rchten soll.�</p><p>�Das ist nicht fair�, sagte Bremer.</p><p>�Und wer hat je behauptet, da� ich das bin?� fragte Angela. Sie hob die Hand. �Still!�</p><p>Bremer lauschte. Im ersten Moment h�rte er nichts, dann aber identifizierte er ein ged�mpftes Summen, dem ein leises, metallisches Schleifen folgte: Der Aufzug. In das abermalige Ger�usch der T�ren, die sich wieder schlossen, mischten sich leichte, rasch n�her kommende Schritte.</p><p>Angela warf einen raschen Blick auf den Flur hinaus und fluchte dann wenig damenhaft. �Jemand kommt.�</p><p>�Wer?�</p><p>�Woher soll ich das wissen?� fragte Angela ver�rgert. �Irgendeine �berfl�ssige Krankenschwester, nehme ich an, die es gar nicht erwarten kann, die Fr�hschicht anzutreten. Versteck dich!�</p><p>Das war leichter gesagt als getan. Soweit Bremer das bei der praktisch nicht vorhandenen Beleuchtung sagen konnte, war das Schwesternzimmer zwar recht ger�umig, bot aber so gut wie kein Versteck - es sei denn, sie w�rden sich zu zweit in die Toilette quetschen, die die Schwester m�glicherweise als erstes aufsuchen w�rde. Er duckte sich hinter den Tisch - ein Versteck, das geradezu l�cherlich war -, w�hrend Angela hinter der T�r Aufstellung nahm, was Bremer kaum weniger l�cherlich vorkam: Die T�r bestand aus Glas. Die Schritte kamen jetzt rasch n�her. Eine schlanke Gestalt betrat das Schwesternzimmer und tastete im Eintreten zielsicher nach dem Lichtschalter an der Wand, und Angela sprang lautlos aus ihrem Versteck hervor und st�rzte sich auf sie. Noch ehe die Krankenschwester auch nur richtig begriff, wie ihr geschah, schlang Angela den Arm um ihren Hals, ri� ihren Oberk�rper zur�ck und hielt ihr mit der Hand den Mund zu.</p><p>Trotzdem war ihr Angriff einen Sekundenbruchteil zu sp�t gekommen. �ber Bremers Kopf erwachte eine gro�e Zwillingsneonr�hre flackernd zum Leben. Die Schwester hatte den Lichtschalter gedr�ckt, bevor Angela sie daran hindern konnte.</p><p>Bremer war mit einem Schritt an ihr vorbei und hob die Hand, um das Licht wieder auszuschalten, und genau in diesem Moment ging drau�en auf dem Gang eine T�r auf, und sie h�rten Schritte. Angela sch�ttelte hastig den Kopf, drehte sich halb herum und rief mit lauter Stimme: �Es ist schon in Ordnung, Albert! Ich komme gleich zu dir! Ich will mich nur eben umziehen!�</p><p>Die Schritte verstummten f�r einen Moment, erklangen dann erneut, und eine Sekunde sp�ter klappte eine T�r. Angela atmete h�rbar auf.</p><p>�Albert?� fragte Bremer.</p><p>Angela hob die Schultern. �Es hat doch funktioniert, oder?� Sie wich schnell zwei, drei weitere Schritte in den Raum zur�ck, dann wandte sie sich an die Krankenschwester, die sie noch immer in einem eisigen Klammergriff hielt. Wahrscheinlich w�re es nicht einmal n�tig gewesen Die junge Frau starrte aus weit aufgerissenen Augen um sich, machte aber nicht einmal den<emphasis> Versuch, </emphasis>sich zu wehren. Sie schien buchst�blich starr vor Schreck.</p><p>�H�ren Sie mir zu!� begann Angela. Sie stockte noch einmal, beugte sich vor und �ffnete mit der linken Hand den Mantel der jungen Frau, bis sie das Namensschildchen auf der wei�en Schwesterntracht entziffern konnte, die sie darunter trug.</p><p>�H�ren Sie mir zu, Schwester Marion�, begann sie von neuem. �Sie verstehen mich doch, oder?� Marion nickte. Die Bewegung war kaum zu sehen.</p><p>�Gut�, fuhr Angela fort. �Wir wollen Ihnen nicht weh tun. Sie haben nichts zu bef�rchten. Ich habe Ihnen nur den Mund zugehalten, damit Sie nicht schreien. Versprechen Sie mir, vern�nftig zu sein, wenn ich die Hand herunternehme?� Marion nickte, wenn auch erst nach zwei endlosen Sekunden und fast noch weniger deutlich als beim ersten Mal. Angela z�gerte noch einen Moment, aber dann nahm sie die Hand herunter. Schwester Marion nahm einen h�rbaren, tiefen Atemzug.</p><p>�Sie haben nichts zu bef�rchten�, sagte Angela leise. �Wir wollen nichts von Ihnen oder Ihren Patienten. Aber wir brauchen Ihre Hilfe.�</p><p>�Wer ... sind Sie?� stammelte Marion. Ihr Blick flackerte unsicher von einem zum andern. �Was wollt ihr?�</p><p>�Wir wollen nur hier raus�, sagte Bremer. �Gibt es noch einen anderen Weg - au�er der Treppe und dem Aufzug?�</p><p>Marion sch�ttelte den Kopf und nickte im n�chsten Sekundenbruchteil. Sie begann am ganzen Leib zu zittern. �Nur den ... Personalaufzug. Er f�hrt in den Keller hinunter. In die K�che.�</p><p>�Na, das klingt ja prima�, sagte Bremer. �Zeigen Sie uns, wo er ist.� Marions Blick flackerte immer heftiger. Ihr Atem beschleunigte sich zusehends, und Bremer begriff pl�tzlich, da� sie kurz davor stand, in Hysterie auszubrechen. Um sie zu beruhigen, griff er in die Tasche und zog seinen Dienstausweis hervor.</p><p>�Es ist nicht so, wie Sie vielleicht glauben�, sagte er. �Ich habe jetzt keine Zeit f�r Erkl�rungen, aber wir beide sind Polizisten. Hier, sehen Sie?� Sie blickte den gr�nen Dienstausweis unsicher an. Drau�en auf dem Flur �ffnete sich wieder eine T�r, und Marion stie� einen gellenden Hilferuf aus.</p><p>Angela fluchte und ri� die Hand wieder hoch; wie Bremer glaubte, um Marion erneut den Mund zuzuhalten. Statt dessen ber�hrte sie einen bestimmten Punkt am Hals der Krankenschwester, und Marion seufzte noch einmal und erschlaffte in ihren Armen. Drau�en polterten Schritte heran. Angela bewegte sich pl�tzlich unglaublich schnell. Sie lie� Marion einfach fallen, so da� Bremer instinktiv zugreifen mu�te, um sie aufzufangen, wirbelte herum und ri� den erstbesten Spind auf. Noch w�hrend sie erneut herumfuhr, zerrte sie einen wei�en Kittel heraus und schl�pfte hinein. Der billige Kunststoffkleiderb�gel polterte erst zu Boden, als sie bereits die T�r �ffnete und hindurchtrat. Und pl�tzlich waren ihre Bewegungen wieder sehr ruhig. Auf ihrem Gesicht erschien das �berzeugendste L�cheln, da� Bremer sich nur vorstellen konnte.</p><p>�Es ist alles in Ordnung�, rief sie. �Da war eine eklige Spinne. Ich habe mich nur erschrocken, und...� Etwas knallte. In dem Teppichboden f�nf Zentimeter vor Angelas linkem Fu� erschien ein ausgefranstes qualmendes Loch, und praktisch gleichzeitig spritzten Putz und Farbe aus der Wand hinter ihr, und eine Stimme schrie: �Das ist sie!�</p><p>Angela verwandelte sich von einer von Spinnenphobie geplagten Krankenschwester wieder in das, was sie wirklich war (auch wenn Bremer noch keine Ahnung hatte, was): Sie sprang in eine geduckte Haltung. Ihre rechte Hand, die sie bisher hinter dem R�cken verborgen gehalten hatte, kam nach vorne, und Bremer sah erst jetzt, da� sie darin wieder die erbeutete Uzi hielt.</p><p>Die Maschinenpistole stie� einen kurzen, unerwartet leisen Feuersto� aus. Glas klirrte, und Bremer konnte h�ren wie sich die Geschosse in Putz und Holz bohrten, und ein erschrockener Schrei erklang. Aber die M�nner feuerten auch gleichzeitig zur�ck. In der Wand hinter Angela erschien ein asymmetrisches Muster faustgro�er L�cher, und die Glasscheibe des Schwesternzimmers zerbarst mit einem gewaltigen Knall und fiel in einem Scherbenregen in sich zusammen.</p><p>Bremer kam endlich auf die Idee, die bewu�tlose Krankenschwester in seinen Armen vorsichtig zu Boden sinken zu lassen und seine eigene Waffe zu ziehen. Drau�en fielen noch immer Sch�sse. Angelas Maschinenpistole ratterte erneut, und das Pistolenfeuer h�rte f�r einen Moment auf. Dann konnte er h�ren, wie mindestens zwei oder drei T�ren ge�ffnet wurden, wenn nicht mehr.</p><p>Bremer spurtete los, sprang mit eingezogenem Kopf durch die zerborstene Glasscheibe des Schwesternzimmers und sp�rte, wie etwas durch seine Jacke und tief in seine rechte Schulter bi�. Er kam ungeschickt auf, kippte nach vorne und schaffte es zumindest, seinen Sturz in eine etwas verungl�ckte Rolle umzuwandeln. W�hrend der Flur einen ruckenden Purzelbaum vor seinen Augen auff�hrte, sah er, da� Angela sich vor der gegen�berliegenden Wand zusammengekauert hatte und die Waffe nunmehr in beiden H�nden hatte. Sie scho� aber nicht.</p><p>Als Bremer herumrollte und sich auf die Knie hinaufstemmte, erkannte er auch den Grund daf�r. Nahezu jede T�r auf dem Gang war aufgeflogen, und die Bewohner der Zimmer dahinter waren herausgekommen, um nach der Ursache des L�rms zu sehen, der sie so unsanft aus dem Schlaf gerissen hatte: M�nner und Frauen unterschiedlichen Alters, die gr��tenteils gar nicht zu begreifen schienen, was los war. Zwei oder drei zogen sich hastig wieder in ihre Zimmer zur�ck, aber die meisten standen einfach nur da und glotzten. Einige klatschten Beifall. Einer davon war Albert.</p><p>�Haut ab!� schrie Bremer. Er hob seine Waffe und feuerte eine Kugel in die Decke, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, erreichte aber praktisch nichts. Daf�r hob einer der Agenten, die nebeneinander am anderen Ende des Korridors knieten, seine Waffe und legte auf ihn an. Als er abdr�ckte, schlug der andere seinen Arm beiseite. Die Kugel stanzte ein Loch in eine T�r, nur eine Handbreit neben dem Gesicht eines alten Mannes, und der Patient zog eine beleidigte Schnute, warf den Kopf in den Nacken und ging stolz erhobenen Hauptes in sein Zimmer zur�ck.</p><p>Der Agent scho� erneut. Diesmal hinderte ihn der andere nicht daran, und die Kugel ri� eine meterlange Furche in die Wand zwei Zentimeter �ber Angelas Kopf. Sie duckte sich, hob ihre eigene Waffe, wagte es aber immer noch nicht, zu schie�en. In dem Flur, in dem sich pl�tzlich mehr als ein Dutzend Menschen aufhielten, h�tte eine einzige Salve aus ihrer MP ein Blutbad angerichtet. Daf�r scho� der Agent zur�ck. Angela entging dem Tod nur, indem sie sich blitzschnell zur Seite warf und �ber den Teppich rollte, und die Kugel bohrte sich genau dort in die Wand, wo gerade noch ihr Gesicht gewesen war. Die n�chste, sp�testens �bern�chste Kugel w�rde treffen, begriff Bremer. Die M�nner schossen sich allm�hlich ein.</p><p>Er sprang auf die F��e, spurtete los und ri� Angela in die H�he und so herum, da� er sich zwischen ihr und den Agenten befand. Wenn er sich t�uschte, dann waren sie beide tot, aber das spielte jetzt wahrscheinlich auch keine Rolle mehr.</p><p>Bremer versetzte Angela einen Sto�, der sie haltlos lostaumeln lie�, und warf im Rennen einen Blick zur�ck. Auch die beiden Agenten waren aufgesprungen. Ihre Waffen wiesen in seine Richtung, aber sie wagten es nicht, abzudr�cken.</p><p>Daf�r rannten sie praktisch im gleichen Moment los, in dem Angela und er den Lift erreichten und Angelas Hand auf den Knopf h�mmerte. Die Kabine war nicht da, aber Bremer konnte h�ren, wie sie sich nur eine Etage unter ihnen in Bewegung setzte. Nur ein paar Sekunden.</p><p>Die sie nicht hatten. Ihre Verfolger st�rmten mit Riesenschritten heran und hatten sie praktisch schon erreicht. Bremer zielte mit seiner Waffe auf sie, aber pl�tzlich erging es ihm wie den Agenten gerade: Er wagte es nicht, abzudr�cken. Indem die beiden M�nner darauf verzichtet hatten ihre Waffen zu benutzen, w�re er sich wie ein M�rder vorgekommen, auf sie zu schie�en. Er mu�te die Kerle ein paar Sekunden aufhalten, egal wie.</p><p>Sein Blick irrte hilflos durch den Flur. Die Sch�sse hatten einige weitere Patienten in ihre Zimmer zur�ckgetrieben, aber l�ngst nicht alle. Albert zum Beispiel stand vor seiner T�r, h�pfte vor Aufregung auf und ab und klatschte begeistert in die H�nde. Offenbar geno� er die Show in vollen Z�gen.</p><p>�Albert!� Bremer deutete auf die beiden Agenten, die in diesem Moment an Albert vorbeist�rmten. �Das sind sie!� Der Mongoloide quietschte vor Vergn�gen, streckte blitzschnell das Bein aus, so da� einer der Agenten dar�ber stolperte und der L�nge nach hinschlug, und klatschte noch einmal in die H�nde - nur, da� sich diesmal das Gesicht des zweiten Agenten dazwischen befand.</p><p>Der Mann keuchte vor Schmerz, fuhr w�tend herum und schlug Albert die flache Hand ins Gesicht, und das war ein Fehler.</p><p>Offenbar glaubte er, da� die Sache damit erledigt sei, denn er wollte unverz�glich weiterst�rmen, aber Albert packte ihn mit erstaunlicher Schnelligkeit an der Schulter, ri� ihn herum und schlug ihm die geballte Faust mit solcher Kraft auf den Mund, da� der Mann mit hilflos rudernden Armen bis an die gegen�berliegende Wand taumelte und benommen daran zu Boden sank.</p><p>Der Aufzug kam. Die T�ren glitten auf, und Bremer blieb keine Zeit mehr, zuzusehen, was weiter geschah, als sich Albert schnaubend in Bewegung setzte und sich auf den Mann warf, der auf so gemeine Weise aus dem Spiel Ernst gemacht hatte. Au�erdem hatte sich der zweite Agent inzwischen wieder erhoben und war nur noch zwei oder drei Meter entfernt.</p><p>Bremer versetzte Angela einen Sto�, der sie in den Aufzug hineinstolpern lie�, drehte sich gleichzeitig zu dem Agenten herum und scho� ihm in den Fu�.</p><p>Er wollte es gar nicht. Die Kugel war als Warnschu�<emphasis> vor </emphasis>seine F��e gemeint, aber der Mann bewegte sich einfach zu schnell, und Bremer war noch nie ein sonderlich guter Sch�tze gewesen, und au�erdem im Moment ziemlich aufgeregt. Die Kugel stanzte ein sauberes rundes Loch in den Schuh des Agenten und bohrte sich in den Holzfu�boden darunter, und der Mann st�rzte auf die Seite, umklammerte sein Bein und w�lzte sich br�llend �ber den Teppich. Bremer wich mit einem Satz in den Aufzug zur�ck. Die T�ren schlossen sich, und Angela schlug mit der Faust auf den Knopf f�r das Kellergescho�.</p><p>�Was war das gerade?� keuchte sie. �Wolltest du dich umbringen, oder h�ltst du dich f�r kugelfest?�</p><p>�Sie schie�en nicht auf mich�, behauptete Bremer. �Ich bin viel zu wertvoll. Braun braucht mich lebend.�</p><p>�Mich anscheinend nicht.� Angela kontrollierte das Magazin ihrer Waffe und verzog das Gesicht. Ihr Blick irrte �ber die Kontrolleuchten des Aufzugs. Sie hatten den ersten Stock passiert und glitten tiefer.</p><p>�Kaum noch Munition�, murmelte sie. �Wenn sie unten auf uns warten, haben wir ein Problem.�</p><p>�Glaubst du, da� sie das tun?�</p><p>�Du kannst dich darauf verlassen, da� sie es tun�, sagte Angela. �Ich w�rde es, und ich erwarte von meinem Gegner nie, da� er d�mmer ist als ich.� Sie warteten praktisch mit angehaltenem Atem, da� die Kabine am Erdgescho� vorbeiglitt. Und Bremer war f�r einen Moment felsenfest davon �berzeugt, da� der Aufzug anhalten und die T�ren aufgehen mu�ten, um einem Dutzend von Brauns Agenten Einla� zu gew�hren. Die Kabine sank jedoch weiter in die Tiefe. Als das leuchtende EG �ber der T�r erlosch, stemmte Angela den Fu� gegen die Wand, pre�te sich mit dem R�cken gegen die gegen�berliegende Wand und begann wie ein Bergsteiger in einem Kamin in die H�he zu steigen.</p><p>�Was tust du?� fragte Bremer. �Da oben geht es nicht weiter.�</p><p>�Runter!� befahl Angela knapp.</p><p>Bremer lie� sich gehorsam auf die Knie herabsinken, und eine Sekunde sp�ter hatte der Lift sein Ziel erreicht und ging auf, und Bremer begriff pl�tzlich zweierlei: Angelas Bef�rchtungen waren nur<emphasis> zu </emphasis>berechtigt gewesen, und er hatte den Mann oben nur durch schieres Gl�ck erledigt. Er hatte die Waffe auf die T�r gerichtet und den Finger am Abzug. Bremer hatte nicht vor, wirklich zu schie�en, aber es w�re ihm vermutlich nicht einmal gelungen, wenn er es gewollt h�tte. Der Mann, der drau�en vor dem Aufzug gewartet hatte, war so blitzartig �ber ihm, da� Bremer die Bewegung nicht einmal <emphasis>sah, </emphasis>mit der er seine Waffe zur Seite schleuderte. Zugleich ri� der Agent den anderen Arm in die H�he, um ihm einen f�rchterlichen Schlag ins Gesicht zu versetzen.</p><p>Angelas Fu� sauste wie ein Fallbeil auf ihn herab, streifte seine Schl�fe und lie� ihn halb bewu�tlos zur�ck - und gegen die beiden anderen Agenten stolpern, die hinter ihm standen. Bremer sah, da� er einen davon mit sich zu Boden ri�. Der andere steppte blitzschnell zur Seite, und Bremer katapultierte sich aus dem Lift und sprang ihn an.</p><p>Der Agent empfing ihn mit einem Fausthieb, der ihm die Luft aus den Lungen trieb und ihn hilflos zur Seite torkeln lie�, aber die wenige Ablenkung hatte Angela gereicht. Sie sprang wie eine Furie aus dem Lift heraus, deckte den Mann mit einem Hagel von Schl�gen und Tritten ein, die ihn zu einem hastigen R�ckzug zwangen, und f�llte ihn schlie�lich, indem sie ihm wuchtig die Uzi gegen das Kinn schlug.</p><p>Noch bevor er zu Boden st�rzte, packte sie Bremer am Arm und wirbelte ihn herum. �Los!!� Bremer fand erst jetzt Gelegenheit, sich in ihrer neuen Umgebung umzusehen. Sie befanden sich in einer Gro�k�che die diesen Namen wirklich verdiente. Der Raum mu�te mindestens f�nfzig, wenn nicht mehr Meter lang sein und war vollgestopft mit �fen, Arbeitsplatten, riesigen Kesseln und Regalen voller Geschirr. Wie Bremer erwartet hatte, hatte das normale Tagesgesch�ft hier schon begonnen: �berall brutzelte und brodelte es, aus den meisten Kesseln quoll Dampf, und die K�chenbelegschaft war bereits in voller St�rke angetreten. Die M�nner und Frauen in ihrer unmittelbaren Umgebung lie�en erschrocken ihre Werkzeuge fallen oder starrten sie einfach nur verst�ndnislos an, aber die Panik, mit der Bremer eigentlich gerechnet hatte, war noch nicht ausgebrochen. Die meisten hier unten hatten noch nicht einmal gemerkt, was vorging. Obwohl es Bremer vielleicht l�nger vorkam, waren erst zwei oder drei Sekunden verstrichen, seit sie aus dem Lift gekommen waren.</p><p>Hinter ihnen krachte ein Schu�. Angela keuchte vor Schmerz, und Bremer drehte erschrocken im Laufen den Kopf und sah, da� sich der rechte �rmel ihres wei�en Schwesternkittels rot f�rbte. Der Schu�winkel lie� einen Streifschu� vermuten, aber er wu�te aus eigener leidvoller Erfahrung, wie sehr eine solche Wunde schmerzen konnte.</p><p>Ohne im Rennen innezuhalten, packte er Angelas unverletzten Arm, zerrte sie an sich vorbei und lief nun hinter ihr her, um einen lebenden Schutzschild zu bilden.</p><p>Wieder krachte ein Schu�. Die Kugel zertr�mmerte eine komplette, drei Meter lange Regalreihe voller Teller rechts neben ihm und �bersch�ttete Bremer und Angela mit einem Hagel scharfkantiger wei�er Splitter,<emphasis> und jetzt</emphasis> brach in der Krankenhausk�che Panik aus.</p><p>Vielleicht verschaffte ihnen gerade das die Frist, die sie brauchten. Bremer hatte den Ausgang entdeckt, aber er lag ungl�cklicherweise nahezu am anderen Ende des Raumes.</p><p>Ihre Verfolger kamen jedoch kaum voran, wie ihm ein neuerlicher rascher Blick �ber die Schulter zur�ck bewies. Nach den beiden Sch�ssen hatte sich die K�che in ein einziges Chaos verwandelt. Dutzende von M�nnern und Frauen in wei�en Kitteln versuchten den Ausgang<emphasis> zu </emphasis>erreichen, liefen einfach kopflos durcheinander, und sie behinderten dabei nicht nur sich gegenseitig, sondern vor allem die drei Agenten, die hinter Angela und Bremer her waren. Selbst wenn sie r�cksichtslos genug gewesen w�ren, ihre Waffen trotzdem abzufeuern, h�tten sie es in diesem Moment wahrscheinlich gar nicht gekonnt.</p><p>Die gro�e Schwingt�r flog auf, und zwei weitere Agenten st�rmten herein. Einen davon erkannte Bremer wieder: Es war einer der beiden M�nner, die Angela und er vorhin an die Heizung in Brauns B�ro gekettet hatten. Ihre Flucht schien wirklich nicht sehr lange unbemerkt geblieben zu sein.</p><p>Der Mann blieb breitbeinig stehen, richtete seine Waffe mit beiden H�nden auf sie, und sein Kollege schlug einen Haken, um ihm nicht in die Schu�bahn zu rennen, und jagte weiter auf sie zu. Angela fluchte und sprang so pl�tzlich nach rechts, da� Bremer beinahe einfach weitergest�rmt w�re und erst im allerletzten Moment in die gleiche Richtung schwenkte. Hinter ihnen fiel ein einzelner Schu�. Glas zerbarst, und ein gellender Schrei antwortete.</p><p>Sie rannten geduckt durch den schmalen Zwischenraum zwischen einem gewaltigen Herd, auf dessen Platten Dutzende von Spiegeleiern verbrannten, und einer f�nf Meter langen Anrichte aus spiegelndem Metall hindurch. Die Hitze war fast unertr�glich. Angela rannte trotz ihrer Verletzung schneller vor ihm her, als er es jemals gekonnt h�tte, und pl�tzlich h�rte er trappelnde, harte Schritte hinter sich. Bremer warf einen gehetzten Blick �ber die Schulter zur�ck, sah eine Gestalt in einem dunkelblauen Anzug keine zwei Meter hinter sich und scho�, ohne zu zielen. Die Kugel t�tete nicht mehr als ein Spiegelei, aber der R�cksto� brachte Bremer aus der Balance. Er stolperte, drehte sich ungeschickt halb um seine Achse und prallte (nat�rlich! Wie auch sonst!) mit den Nieren gegen die Metallkante der Anrichte.</p><p>Der Schmerz war so gr��lich, da� er ihm fast das Bewu�tsein geraubt h�tte. Seine Beine gaben unter ihm nach. Hilflos brach er in die Knie, sah wie durch einen dichten Nebelvorhang eine Faust auf sich zukommen und hatte nicht mehr die Kraft, dem Schlag auszuweichen. Der Hieb schleuderte ihn zur�ck, knallte seinen Kopf gegen die gleiche Metallkante, mit der gerade schon seine Nieren Bekanntschaft gemacht hatten, und pr�gelte ihn endg�ltig an den Rand der Bewu�tlosigkeit.</p><p>Offensichtlich nur f�r wenige Sekunden, denn das n�chste, was er wieder wahrnahm, waren eine Folge dumpfer, klatschender Laute und ein gepre�tes St�hnen. M�hsam �ffnete er die Augen, versuchte dem tanzenden Durcheinander von Schatten vor sich irgendeinen Sinn abzugewinnen und erkannte schlie�lich, da� es Angela war, die sich einen verzweifelten Kampf mit dem Agenten lieferte.</p><p>Eigentlich war es eher umgekehrt, denn der breitschultrige Kolo� hatte kaum eine Chance gegen die Frau in der wei�en Schwesterntracht. Angela deckte ihn mit einem Hagel von Schl�gen ein, die fast alle ihr Ziel trafen. Sie hatte nicht genug Bewegungsfreiheit, um ihre Beine einzusetzen, was wahrscheinlich der einzige Grund war, aus dem ihr Gegner �berhaupt noch stand, aber auch so dauerte es nur noch Sekunden. Angela deutete einen Schlag gegen seinen Magen an, ri� im allerletzten Moment die linke Hand hoch und traf den Adamsapfel ihres Gegners mit den versteiften Fingerspitzen. Der Mann keuchte, schlug beide H�nde gegen den Hals und brach verzweifelt nach Luft ringend zusammen. Angela fing ihn auf, als er mit dem Oberk�rper auf eine gl�hende Herdplatte zu st�rzen drohte, lie� ihn dann aber achtlos zu Boden fallen. Hastig lie� sie sich vor Bremer in die Hocke sinken.</p><p>�Alles in Ordnung?� fragte sie. Als Bremer nicht sofort antwortete, schlug sie ihm leicht ein paarmal mit der flachen Hand ins Gesicht und fragte noch einmal: �Alles okay?�</p><p>�Nein.� Bremer versuchte schw�chlich, ihre Hand zur Seite zu schieben. �Nichts ist in Ordnung. Ich ... kann nicht weiter. Hau ab. Bring dich in Sicherheit. Sie ... wollen nur mich.�</p><p>�Du spinnst�, antwortete Angela.<emphasis> �Dich </emphasis>wollen sie lebend, mich tot. Du bist meine Lebensversicherung. Also komm hoch, alter Mann.� Sie zerrte ihn auf die F��e, wie sie meinte, wahrscheinlich behutsam, nach Bremers Empfinden aber mehr als grob. Trotzdem konnte er sich besser bewegen, als er erwartet hatte. In seinem K�rper mu�ten sich doch noch mehr Kraftreserven befinden, als er glaubte Aber irgendwann w�rden sie aufgebraucht sein. Und er sp�rte, da� es nicht mehr sehr lange dauern konnte. Vor ihnen tauchten pl�tzlich zwei Agenten auf. Angela lie� ihre Uzi Kugeln spucken, und die M�nner brachten sich mit hastigen S�tzen in Sicherheit. Bremer glaubte nicht, da� sie einen von ihnen getroffen hatte.</p><p>Sie hetzten weiter. Rings um sie herum herrschte noch immer ein unvorstellbares Chaos, und Bremer f�hrte sich vor Augen, da� sie trotz allem noch nicht sehr viel l�nger als eine Minute hier unten sein konnten. Wie weit war es noch bis zu diesem verdammten Ausgang? Hundert Millionen Lichtjahre?</p><p>Wieder fielen Sch�sse. Aus dem Metall neben ihm stoben Funken, und Angela stie� ihn hastig in Deckung und feuerte zur�ck. Ihre MP stie� einen ratternden, viel zu kurzen Feuersto� aus, und Bremer sah, da� sich der Mann, auf den sie geschossen hatte, hastig hinter einem �berdimensionalen Herd mit zwei dampfenden Suppent�pfen in Deckung brachte. Dann schlug der Hammer der Miniaturmaschinenpistole klickend ins Leere. Das Ger�usch hallte wie metallenes Hohngel�chter in Bremers Ohren wider.</p><p>Der Agent mu�te es wohl auch geh�rt haben, denn er richtete sich vorsichtig hinter seiner Deckung auf und sp�hte �ber den Rand des Suppentopfes. Als niemand auf ihn scho�, rief er: �Geben Sie auf, Bremer. Noch haben Sie eine Chance, lebend hier herauszukommen. Und Ihre Freundin auch!�</p><p>�Bleib unten�, fl�sterte Angela. Sie hob die H�nde, wobei sie die MP am ausgestreckten Zeigefinger der Rechten baumeln lie�, und richtete sich ganz langsam auf.</p><p>Der Agent zielte mit seiner Pistole auf sie. �Ganz ruhig�, sagte er. �Wirf die Waffe her�ber!�</p><p>�Gern�, antwortete Angela und schleuderte die Uzi. Sie beschrieb eine perfekte Parabel und landete zielsicher im Suppentopf vor dem Agenten. Der Mann br�llte vor Schmerz, als ihm kochendhei�e H�hnerbr�he ins Gesicht spritzte, taumelte zur�ck und lie� seine Waffe fallen, und Angela ri� ihre Pistole unter dem G�rtel hervor und scho� ihm in den linken Oberarm.</p><p>�Puh�, murmelte Bremer. �Dich m�chte ich auch nicht zum Feind haben.�</p><p>�Wer will das schon?� grinste Angela. �Komm! Wir m�ssen...�</p><p><emphasis>�Pa� auf!!� </emphasis>Bremers Schrei kam zu sp�t. Der Agent sprang warnungslos hinter einem Regal hervor, rammte Angela das Knie in den Leib und schlug ihr den Lauf seiner Waffe in den Nacken, als sie sich kr�mmte. Angela brach in die Knie, lie� ihre Pistole fallen und versuchte ihren Sturz mit ausgestreckten Armen aufzufangen, schaffte es aber nicht ganz. W�hrend sie schwer auf das Gesicht schlug, schwenkte der Agent seine Pistole herum und richtete sie auf Bremer, der seine Waffe halb erhoben hatte, nun aber mitten in der Bewegung z�gerte.</p><p>�Tu mir den Gefallen und versuch es�, sagte der Agent. Bremer erkannte ihn. Es war einer der beiden M�nner aus Brauns B�ro.</p><p>�Sie schie�en nicht auf mich�, sagte er. �Braun braucht mich lebend.�</p><p>�Er nimmt dich auch mit einem zerschossenen Knie�, sagte der Agent.</p><p>Bremer z�gerte noch eine einzelne Sekunde, aber dann lie� er seine Pistole fallen. Der Mann meinte seine Worte bitter ernst - und wahrscheinlich hatte er sogar recht. Ein Bremer mit einem steifen Bein war Braun m�glicherweise lieber, weil er nicht mehr so gut davonlaufen konnte. Es war vorbei. Sie hatten es versucht und verloren. Eine zweite Chance w�rden sie nicht bekommen. Jetzt konnte sie nur noch ein Wunder retten. Aber er f�rchtete, da� der Vorrat an Wundern, die das Schicksal f�r sie bereithielt, allm�hlich aufgebraucht war.</p><p>Er deutete auf Angela. �La� sie laufen�, sagte er. �Sie hat nichts damit zu tun.�</p><p>�Keine Chance�, antwortete der Agent.</p><p>Hinter ihm krachten wieder Sch�sse. Ein Chor gellender, entsetzter Schreie klang auf, und irgend etwas zerbarst mit einem ungeheuren Knall. Wieder Sch�sse. Bremer fragte sich bet�ubt, wer da scho�, und auf wen. Es war doch vorbei.</p><p>Auch der Agent wandte irritiert den Blick und wich rasch zwei, drei Schritte vor ihnen zur�ck. �R�hrt euch nicht!� drohte er.</p><p>Im n�chsten Moment verschwanden seine Beine nach oben aus Bremers Gesichtsfeld. Ein gellender Schrei erklang, gefolgt von einem einzelnen, ungeheuer<emphasis> lauten </emphasis>Schu�, dann polterte seine Waffe unmittelbar vor Bremers F��en zu Boden, gefolgt von einem pl�tschernden, roten Strom, der Bremers Beine bis �ber die Knie hinauf besudelte. Aus dem Schrei wurde ein Gurgeln, dann ein Wimmern.</p><p>Ganz langsam hob Bremer den Kopf. Er wu�te, was er sehen w�rde, und er wollte es um nichts auf der Welt sehen. Er w�re lieber gestorben, als das<emphasis> Ding </emphasis>auch nur noch ein einziges Mal anzublicken. Aber er konnte nicht anders. Etwas zwang ihn mit unwiderstehlicher Macht dazu. Der D�mon stand mit weit gespreizten Fl�geln �ber ihm. Er war unversehrt. Von den schrecklichen Wunden, die er bei dem Kampf vor dem Haus davongetragen hatte, war nichts mehr geblieben, und das Blut, das von seinen Klauen und den grauenhaften Kieferzangen troff, war nicht seines. Der Blick seiner riesigen, schillernden Insektenaugen bohrte sich in den Bremers, und es war etwas darin, etwas Fremdes und Uraltes und trotzdem auf unertr�gliche Weise<emphasis> Vertrautes, </emphasis>das Bremer innerlich in Agonie aufst�hnen lie�.</p><p>Ein einzelner Schu� fiel. Der D�mon fuhr mit einem w�tenden Vogelkreischen herum, schleuderte den K�rper des toten Agenten davon wie ein Kind eine Stoffpuppe, an der es urpl�tzlich das Interesse verloren hatte, und st�rzte sich mit einem zweiten kreischenden Schrei auf den unsichtbaren Sch�tzen.</p><p>Und Bremer fuhr herum, ri� Angela mit verzweifelter Kraft auf die F��e und st�rzte davon.</p></section><section><title><p>32</p></title><empty-line/><p>Nachdem die beiden Sanit�ter Markus herausgeschafft hatten, war es in dem gro�en B�ro im f�nften Stock der St.-Elisabeth-Klinik sehr still geworden. Braun hatte die T�r hinter ihnen abgeschlossen, und jetzt stand er seit gut einer Minute da und starrte den Blutfleck an, der auf dem teuren Teppich zur�ckgeblieben war. Bei genauerem Hinsehen h�tte er entdeckt, da� der Fleck die ungef�hre Form eines Engels hatte (allerdings nur mit sehr viel Fantasie), aber Braun sah nicht genau hin.</p><p>Er empfand eine tiefe, mit Wut gepaarte Verzweiflung. Vielleicht war Verzweiflung nicht das richtige Wort. M�glicherweise war es auch nur Hilflosigkeit, das allm�hliche Begreifen, da� alles, wof�r er die letzten f�nf Jahre seines Lebens geopfert hatte, wof�r er get�tet, gelogen und betrogen hatte, scheitern w�rde.</p><p>Es war vorbei. Braun wu�te es. Noch war er nicht soweit, es wirklich zuzugeben, aber tief in sich wu�te er bereits, da� er verloren hatte. Er hatte alles genau geplant. Er war �berpenibel gewesen, hatte jede noch so unwahrscheinliche Eventualit�t ber�cksichtigt und drei - ach was!<emphasis> zehnfache </emphasis>Sicherheitsvorkehrungen getroffen, und in weniger als vierundzwanzig Stunden hatte sich sein Lebenswerk in einen Scherbenhaufen verwandelt.</p><p>Und alles nur wegen eines kleinen, schwachsinnigen Polizeibeamten, der seine Grenzen nicht kannte, und eines gr��enwahnsinnigen Teenies, die sich f�r die weibliche Re-Inkarnation von James Bond hielt! Nicht zu vergessen dieser sabbernde Tattergreis Mecklenburg, der ihn f�nf Jahre lang belogen hatte und ihm noch aus dem Grab heraus den Mittelfinger zeigte.</p><p>W�re Braun ein bi�chen weniger erregt gewesen, dann h�tte er sich vielleicht gesagt, da� er selbst nicht ganz unschuldig an seiner momentanen Situation war. Aber Braun geh�rte nicht zu jener Art von M�nnern, die einen Fehler zugaben; nicht, wenn sie keinen Nutzen daraus zogen. Und seine Situation<emphasis> war </emphasis>verzweifelt.</p><p>In seinem B�ro herrschte vollkommene Stille, aber das galt wahrscheinlich mittlerweile <emphasis>nur noch </emphasis>f�r sein B�ro. Im Rest des Geb�udes war im wahrsten Sinne des Wortes der Teufel los, und es w�rde schlimmer werden, mit jeder Minute, die verging. Es war nach sechs. Unten im Geb�ude trafen jetzt in immer schnellerer Folge Verwaltungsangestellte, K�che, Krankenschwestern, �rzte, Pfleger und Putzfrauen ein, die ganze Mannschaft eben, die n�tig war, um eine teure Privatklinik mit f�nfhundert station�ren Patienten aufrechtzuerhalten. Keiner von ihnen hatte hier etwas zu suchen - nicht <emphasis>heute, </emphasis>verdammt! -, aber er hatte einfach nicht genug <emphasis>Leute, </emphasis>um diese Armee aufzuhalten. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, ein wirklich funktionierendes Krankenhaus f�r seine eigentlichen Aktivit�ten zu benutzen.</p><p>Nun,<emphasis> wenn </emphasis>es ein Fehler gewesen war, dann nur einer in einer sehr langen Reihe von Fehlern, die sich nun allm�hlich als aufeinanderfolgende Kette verh�ngnisvoller Entscheidungen offenbarten. Es hatte wenig Sinn, �ber gemachte Fehler zu lamentieren. Er konnte nur noch versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.</p><p>Was wahrscheinlich nicht viel war. Braun verf�gte nach der verlorenen Schlacht vor Mecklenburgs Haus noch �ber zw�lf Agenten - abz�glich der, die Bremer und dieses verdammte Mistst�ck in seiner Begleitung einen nach dem anderen ausschalteten. Braun verstand einfach nicht, wieso diese beiden noch am Leben waren, geschweige denn auf freiem Fu�. Er hatte die beste Truppe des Landes, zwei Dutzend hochtrainierter, skrupelloser Killermaschinen, die auf Knopfdruck so pr�zise funktionierten wie Roboter und noch nie versagt hatten, und dieser<emphasis> Hilfspolizist </emphasis>drehte ihnen seit Stunden eine lange Nase!</p><p>Sein Handy meldete sich. Braun zog das Ger�t aus der Tasche, klappte es auf und fragte �bergangslos: �Habt ihr sie?�</p><p>�Nein�, antwortete eine kleinlaute Stimme. Braun identifizierte sie als die Malchows. Offensichtlich hatte dieser Vollidiot sich vorgenommen, heute alle schlechten Nachrichten zu �berbringen. �Aber die Lage hier unten wird allm�hlich kritisch. Die Leute lassen sich nicht wegschicken, und...�</p><p>�Ja?� fragte Braun, als Malchow nicht weitersprach. Selbst durch das Telefon konnte Braun sp�ren, wie schwer es seinem k�nftigen Ex-Agenten fiel, fortzufahren.</p><p>�N�rdlinger und dieser Pastor sind hier. Sie verlangen Sie zu sprechen.�</p><p>�In Ordnung�, seufzte Braun. �Halten Sie sie auf. Ich brauche f�nf Minuten.�</p><p>�Aber...�</p><p>Braun klappte das Telefon zu und steckte es wieder ein. Also gut. Was vorbei war, war vorbei. Es brachte nichts, mit dem Schicksal zu hadern. Er mu�te Schadensbegrenzung betreiben.</p><p>Er trat an seinen Schreibtisch, dr�ckte einen verborgenen Knopf unter der Platte, z�hlte lautlos bis drei und dr�ckte ihn noch einmal. Zwei Meter neben ihm begann sich ein St�ck des Fu�bodens zu heben. Darunter kam ein kleiner, aber �u�erst massiv aussehender Tresor zum Vorschein. Braun lie� sich auf die Knie sinken, stellte rasch die Kombination ein und �ffnete die T�r. Dahinter kam nicht das Innere des Tresors zum Vorschein, sondern eine in mattem Lindgr�n schimmernde Glasplatte. Braun legte die gespreizten Finger der linken Hand darauf und wartete, da� der Scanner seine Fingerabdr�cke und seine Handlinien abtastete. Es war kein normaler Fingerabdruckscanner, wie er schon in manchen Banken oder besonders sensiblen Milit�reinrichtungen �blich war. Das Ger�t w�re weder auf einen Kautschukabdruck seiner Hand hereingefallen noch auf irgendeinen anderen Versuch, es zu �berlisten. Selbst wenn jemand seine Hand abgeschnitten und gegen das Glas gepre�t h�tte, h�tte der Computer festgestellt, da� diese Hand nicht mehr zu einem lebenden K�rper geh�rte und den Zugriff verweigert.</p><p>Die Kehrseite der Medaille war, da� er fast zwei Minuten warten mu�te, bis das gr�ne Leuchten der Glasscheibe erlosch und der Safe endg�ltig aufsprang. Eine Ewigkeit. Das Fach, das dahinter zum Vorschein kam, war nur gut doppelt so gro� wie eine Zigarrenkiste und enthielt nichts anderes als einen flachen, schwarzen Kunststoffkasten. Braun nahm ihn heraus und �ffnete ihn. Auf dem schwarzen Samt, mit dem er ausgekleidet war, lagen drei zigarettengro�e, durchsichtige Phiolen mit einer wasserklaren Fl�ssigkeit. Die Ausbeute von f�nf Jahren Arbeit und eines Projektes, das mittlerweile eine dreistellige Millionensumme verschlungen hatte.</p><p>Und das Sch�ne daran war: Niemand au�er ihm wu�te, da� es diese drei Phiolen gab. Niemand au�er ihm und Mecklenburg - was wiederum bedeutete: Niemand au�er ihm.</p><p>Braun hatte sich vorgestellt, da� seine H�nde zitterten, w�hrend er das kleine Kunststoffk�stchen wieder zuklappte und einsteckte, aber er war vollkommen ruhig. Was er in den H�nden hielt, das bedeutete die absolute Macht - viel,<emphasis> viel </emphasis>mehr, als sie sich alle h�tten tr�umen lassen, selbst noch in der Endphase des Projekts. Azrael war nicht einfach nur eine Droge, die dem st�rksten aus einer Gruppe, die sie gemeinsam nahm, Macht �ber alle anderen verlieh, wie sie geglaubt hatten. Das allein w�re schon ein Werkzeug unvorstellbarer Macht gewesen. Aber was es wirklich bedeutete, das war mehr.</p><p><emphasis>Mehr. Unendlich viel mehr. </emphasis></p><p>Braun dachte an das ... <emphasis>Ding </emphasis>zur�ck, das sie durch das Appartementhaus gehetzt und die H�lfte seiner M�nner get�tet hatte, und ein Gef�hl unvorstellbarer St�rke durchstr�mte ihn. Es war grauenhaft gewesen, eine Kreatur, die dem tiefsten nur denkbaren Abgrund der H�lle entsprungen war, dem Unterbewu�tsein eines Menschen, der seit f�nf Jahren sterben wollte und es nicht konnte, aber zugleich auch ein Gesch�pf von unendlicher Sch�nheit und Gr��e, denn Braun hatte in ihm nicht nur gesehen, wonach es aussah und was es tat, sondern auch das, was es<emphasis> war. </emphasis>Leben, das von der blo�en Macht menschlichen Willens erschaffen worden war.</p><p>Und er hielt nun die gleiche Macht in den H�nden. Er hatte verloren, und zugleich gewonnen. Alles, was er in den letzten Jahren geschaffen hatte, zerbrach, aber ganz pl�tzlich wurde ihm klar, wie unwichtig das war. Die drei Phiolen in der Innenseite seines Jacketts �nderten alles. Ganz pl�tzlich wurde ihm klar, da� es das war, was er die ganze Zeit �ber gewollt hatte. Er h�tte es nicht im Traum zugegeben, aber das war es:</p><p>Leben erschaffen.</p><p>Gott sein.</p><p>Wenn ein krankes, zerfressenes Gehirn wie das Haymars schon in der Lage war, so<emphasis> etwas </emphasis>zu erschaffen, wozu mu�te dann ein so hochtrainierter, scharfer Intellekt wie der seine erst in der Lage sein?</p><p>Brauns Machtfantasien gingen nicht so weit, da� er davon tr�umte, die Welt zu beherrschen. Das wollte er nicht. Es gab nichts zu gewinnen, wenn er die ganze Welt unter seine Herrschaft zwang, aber alles zu verlieren - kl�gere und skrupellosere M�nner als er waren schon an dieser Aufgabe gescheitert, und Braun ma�te sich nicht an, die Brillanz oder das Format eines Napoleon Bonaparte zu haben, oder Adolf Hitlers. Nein. Braun wollte nicht die Welt. Nur ein kleines St�ck davon. F�r den Anfang.</p><p>Er schlo� den Safe, richtete sich wieder auf, ohne die H�nde zu Hilfe zu nehmen, und verlie� das B�ro. Die beiden Agenten, die drau�en auf dem Korridor Wache hielten, traten respektvoll zur Seite, als er die T�r �ffnete - fast als sp�rten sie die Ver�nderung, die mit ihm vorgegangen war, seit er die T�r das letztemal in umgekehrter Richtung durchschritten hatte.</p><p>Brauns Euphorie legte sich jedoch mit jedem Schritt, den er sich dem Aufzug n�herte, und als er in die Kabine trat, da kam er sich nicht mehr wie ein Gott vor. Es war nur ein kurzer Anflug von Gr��enwahn gewesen; nicht mehr als ein verg�nglicher Rausch, dem allerdings kein Kater folgte sondern nur eine logische Ern�chterung, ohne jegliches Gef�hl. Und warum auch nicht? Machtfantasien an sich waren nichts Verwerfliches. Die Welt w�re nicht das, was sie war, h�tte es keine M�nner und Frauen mit Machtfantasien gegeben. Wichtig war, was man daraus machte.</p><p>Nat�rlich w�rde er das Mittel nicht nehmen. Es war noch nicht getestet, und Gott allein mochte wissen, was es im K�rper eines Menschen anrichtete. Vielleicht platzte ihm der Sch�del weg wie eine �berreife Tomate in der Sonne. Vielleicht bekam er auch nur den schlimmsten Durchfall seines Lebens. Vielleicht geschah auch gar nichts - Braun versp�rte jedenfalls wenig Lust, als sein eigenes Versuchskaninchen zu fungieren. Wichtig war nur, da� er die drei Phiolen hatte. Genug f�r einen neuen Anfang. Selbst wenn er Bremer t�ten mu�te - was ihm mittlerweile unausweichlich erschien.</p><p>Er dr�ckte den Knopf f�r die Empfangshalle. W�hrend der Aufzug lautlos nach unten summte, zog er sein Handy aus der Tasche und rief im Labor an. Die Stunde, von der Grinner gesprochen hatte, war noch lange nicht vorbei, aber es war vielleicht besser, ihm noch einmal auf die Zehen zu treten.</p><p>Das Telefon klingelte zweimal, dreimal, f�nfmal. Grinner meldete sich nicht. Braun klappte das Ger�t wieder zusammen und steckte es ein. Er war nicht sonderlich beunruhigt. Vermutlich hatte Grinner getan, was er ihm befohlen hatte, und danach in voller Panik das Weite gesucht. Und wenn nicht... Vielleicht war es nicht die schlechteste aller denkbaren L�sungen, wenn er einfach abwartete, bis das Biest, das Haymar erschaffen hatte, Bremer erledigte. Danach konnte er immer noch eines der unz�hligen Computerterminals der Klinik benutzen und einen ganz bestimmten Befehl eingeben, der das unterirdische Labor samt allem, was sich darin befand, mit einer Aerosolbombe zerst�rte. Die Waffe war besonders wirkungsvoll: So leistungsstark wie eine vergleichbare kleine Nuklearbombe verursachte sie so gut wie keine harte Strahlung, und ihr Zerst�rungsradius war auf einen Bereich von weniger als zwanzig Metern begrenzt.<emphasis> Innerhalb </emphasis>dieser zwanzig Meter jedoch war die Vernichtung total. Braun hatte keinen praktischen Test dieses neuesten Streichs aus den amerikanischen Friedenforschungswerkst�tten miterlebt, aber man hatte ihm versichert, da� in ihrem Detonationsbereich Temperaturen herrschten, die denen im Inneren der Sonne um nichts nachstanden. Der Sprengkopf war unter Haymars Sarkophag im Boden der Isolierkammer angebracht. Niemand au�er Braun und den zwei Bundeswehringenieuren, die ihn eingebaut hatten, wu�te davon. Er <emphasis>konnte </emphasis>nichts verlieren.</p><p>Mit diesem beruhigenden Gedanken trat Braun aus dem Lift und in die Eingangshalle hinaus.</p><p>Das vollkommene Chaos empfing ihn. Die Halle war voller Menschen, Dutzenden von M�nnern und Frauen, die heftig gestikulierend und vor allem <emphasis>lautstark </emphasis>miteinander und besonders mit dem halben Dutzend Agenten stritt, das mit vorgehaltenen Maschinenpistolen die Treppe und die Aufzugt�ren blockierte und die Belegschaft so daran hinderte, an ihre Arbeitspl�tze zu gelangen. Wenigstens <emphasis>versuchten </emphasis>sie es, wenn auch nur mit m��igem Erfolg.</p><p>Braun lie� seinen Blick durch die Halle schweifen. Er brauchte ein paar Sekunden, bis er Malchow entdeckte. Der Agent stand unweit des Eingangs und war offensichtlich in einen heftigen Streit mit zwei M�nnern verwickelt, wie sie unterschiedlicher kaum noch sein konnten: Der eine war ein wahrer Riese, noch einen Kopf gr��er als Braun und breitschultrig. Seltsam: Als er N�rdlinger das letztemal gesehen hatte, war er ihm nicht ann�hernd so gro� vorgekommen; aber da hatte er auch hinter seinem Schreibtisch im Polizeipr�sidium gesessen, und es war immer schwer, die Gr��e eines sitzenden Menschen zu sch�tzen. Der andere war ein gutes St�ck kleiner als er, von unm�glich zu sch�tzendem Alter und trug die schwarze Kleidung eines Priesters. Das mu�te dieser Vater Thomas sein, von dem Bremer gesprochen hatte. Braun hatte einen Mann zu seiner Kirche geschickt, bisher aber noch nichts von ihm geh�rt. Kein Wunder.</p><p>N�rdlinger unterbrach seine w�tende Debatte mit Malchow, als er Braun erblickte, und wollte ihm entgegeneilen. Braun hob nur kurz die Hand, und Malchow und ein zweiter Agent vertraten dem Kriminalrat den Weg. N�rdlingers Gesicht verfinsterte sich vor Zorn, aber er war zumindest klug genug, die beiden Agenten nicht gewaltsam aus dem Weg schieben zu wollen. Braun erkannte jedoch an der Reaktion der beiden M�nner hinter N�rdlinger, da� er mindestens diese beiden als Verst�rkung mitgebracht hatte. Er hoffte nur, da� es nicht wesentlich mehr waren. Das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war eine Kraftprobe mit einem dahergelaufenen Polizeitrottel.</p><p>Vor allem, weil er nicht mehr hundertprozentig davon �berzeugt war, sie auch zu bestehen.</p><p>Seinem Gesicht war jedoch nichts von seinen wahren Gef�hlen anzumerken, als er N�rdlinger und dem Geistlichen entgegentrat. �Herr N�rdlinger�, sagte er freundlich. �Was f�hrt Sie hierher, noch dazu so fr�h? Sie sind doch nicht etwa krank?�</p><p>�Der einzige kranke Mistkerl hier sind Sie, Braun!� antwortete N�rdlinger. �Aber das wird sich �ndern. Ich bin hier, um Ihnen das Handwerk zu legen!� Brauns L�cheln erlosch wie abgeschnitten.</p><p>�Anscheinend habe ich mich gestern abend nicht deutlich genug ausgedr�ckt, Herr N�rdlinger�, sagte er kalt.</p><p>�Gestern abend�, antwortete N�rdlinger, �wu�te ich noch nicht, was hier wirklich gespielt wird.�</p><p>�Was wird denn hier <emphasis>gespielt?�</emphasis> fragte Braun betont.</p><p>�Sie wissen es selbst nicht, nicht wahr?� mischte sich der Mann in der Priesterkleidung ein. �Nicht wirklich.�</p><p>�Wer sind Sie?� schnappte Braun. �Was haben Sie �berhaupt hier zu suchen? Verschwinden Sie! Und Sie auch!� Er funkelte N�rdlinger an. �Auf der Stelle! Schieben Sie Ihren pensionsberechtigten Beamtenarsch hier raus, bevor ich endg�ltig die Geduld verliere! Sie wissen ja nicht, mit wem Sie sich hier einlassen!�</p><p>�O doch�, antwortete N�rdlinger. Pl�tzlich wurde er wieder ganz ruhig, und aus irgendeinem Grunde verunsicherte Braun das mehr als die brodelnde Wut, die noch vor ein paar Sekunden in seiner Stimme gewesen war. �Mit einem Mann, der zu weit gegangen ist. Und mit einem Verbrecher. Haben Sie Professor Mecklenburg erschossen, oder war das einer Ihrer M�nner?�</p><p>�Und wenn?� fragte Braun. �Das k�nnen Sie nie beweisen!�</p><p>�Ich denke doch�, erwiderte N�rdlinger. �Ich habe eine ziemlich gute Beschreibung von einem Mann, der mit einem Gewehr in der Hand aus der Wohnung des Professors gekommen ist. Und einen Zeugen, der ziemlich sicher ist, diesen Mann wiederzuerkennen - wissen Sie, da� Sie dem armen Kerl zwei Rippen gebrochen haben?� Braun glaubte einen Schrei zu h�ren, dann ein Ger�usch, das fast wie ein Schu� klang. Es war sehr leise. Weit entfernt.</p><p>Auch N�rdlinger schien etwas geh�rt zu haben, denn er legte f�r einen Moment den Kopf schr�g und lauschte, schien sich seiner Sache aber ebenso wenig sicher zu sein.</p><p>�Schieben Sie sich Ihren Zeugen sonstwohin, N�rdlinger�, sagte Braun. �Selbst wenn Sie eine Videoaufnahme von mir h�tten, wie ich Mecklenburg eine Kugel in den Kopf schie�e, w�rde Ihnen das nicht nutzen. Begreifen Sie endlich, da� mich Ihre kleinkarierten Gesetze nicht interessieren!� Wieder h�rte er etwas wie einen Schu�, Schreie. Diesmal h�rte es nicht auf. Der L�rm wurde nicht lauter, nahm aber zu und hielt an.</p><p>�Sie sind wahnsinnig�, sagte N�rdlinger. �V�rfels, nehmen Sie ihn fest.� Er deutete in die Richtung, aus der der L�rm kam. �Was geht da vor?� Einer der beiden M�nner war tats�chlich verr�ckt genug, einen Schritt in Brauns Richtung zu machen, blieb aber dann sofort wieder stehen, als der Agent neben Malchow seine MP hob.</p><p>�Verschwinden Sie, N�rdlinger�, sagte Braun. Seine Stimme zitterte. Er stand ganz kurz davor, die Beherrschung zu verlieren, zumal der L�rm und das Ger�usch von Sch�ssen immer lauter wurden. Seine Leute hatten Bremer offenbar endlich gestellt - aber nat�rlich im unpassendsten aller Momente. Au�erdem bemerkte er aus den Augenwinkeln noch etwas, was ihm nicht nur<emphasis> ein wenig</emphasis> seltsam vorkam: Vater Thomas hatte seine Jacke abgestreift und war gerade dabei, sich eine violette Sch�rpe mit einem verschlungenen goldenen Kreuzsymbol umzuh�ngen. Was hatte dieser Narr vor? Wollte er hier etwa einen Exorzismus abhalten?</p><p>�Nein, ich werde nicht verschwinden�, sagte N�rdlinger. �Ich nehme Sie fest, ob Ihnen das pa�t oder nicht.�</p><p>�Sind Sie verr�ckt?� fragte Braun. �Wie wollen Sie das bewerkstelligen, wenn ich fragen darf?�</p><p>�Sehen Sie nach drau�en�, sagte N�rdlinger ruhig.</p><p>Braun starrte ihn an, trat mit zwei raschen Schritten an ihm vorbei, warf einen Blick durch die gro�en Glast�ren nach drau�en - und keuchte vor �berraschung.</p><p>Vor dem Eingang war ein halbes Dutzend Kleinbusse aufgefahren, aus denen zahlreiche M�nner in schwarzen Panzerwesten sprangen. Sie trugen klobige Helme mit Nackensch�tzern und gro�e Brillen, deren Glas nicht splittern konnte, und waren mit Pr�zisionsgewehren bewaffnet.</p><p>�Sie ... Sie wahnsinniger Spinner!� keuchte er. �Sie haben ein SEK gerufen?�</p><p>�Zwei�, korrigierte ihn N�rdlinger. �Das andere steht auf der R�ckseite und wartet darauf, da� ich den Angriffsbefehl gebe. Ich r�uchere den Laden aus, Braun! Ich nehme Sie und Ihre ganze verdammte Bande hoch!�</p><p>�Das kostet Sie den Kopf�, sagte Braun. �Sie haben gerade Ihre Karriere das Klo runtergesp�lt, Sie Arschloch!�</p><p>�Das glaube ich nicht�, antwortete N�rdlinger. �Sie sind zu weit gegangen. Niemand kommt in diesem Land mit dem durch, was Sie getan haben. Sie gehen f�r den Rest Ihres Lebens in den Bau, ganz egal, was f�r einflu�reiche Freunde Sie auch haben!�</p><p>�Das werden wir sehen�, sagte Braun.</p><p>N�rdlinger wollte antworten, aber in diesem Moment flog eine T�r im hinteren Teil der Halle auf, und ein halbes Dutzend M�nner und Frauen in wei�en Kitteln und Kochm�tzen st�rmte schreiend herein.</p><p>Eine Sekunde sp�ter folgten ihnen Bremer und die Kleine. Und sie kamen nicht allein.</p></section><section><title><p>33</p></title><empty-line/><p>Die K�che war zwar riesig, trotzdem aber ein geschlossener Raum, in dem die Schreie des Ungeheuers noch lauter und unertr�glicher widerzuhallen schienen, als sie ohnehin schon waren. Die Bestie tobte. W�hrend Bremer halb wahnsinnig vor Angst und Angela einfach hinter sich herzerrend, mit gewaltigen S�tzen auf die T�r zuraste, schien sich das Ungeheuer in einen regelrechten Tobsuchtsanfall hineinzusteigern. Seine d�rren Gliedma�en zerrissen und zerfetzten alles, was in seine Reichweite kam, und was den rasiermesserscharfen Klauen und den schnappenden Kiefern entging, das zertr�mmerten seine wild schlagenden Fl�gel. Der Agent, der auf das Ungeheuer geschossen hatte, war l�ngst tot, aber selbst dieses zweite Opfer schien den Blutdurst der Bestie nicht gestillt zu haben. Ihre gewaltigen Fl�gel schlugen, schleuderten ein zwei Meter hohes und dreimal so langes Regal voller Teller beiseite wie Papier und fegten einen Topf mit kochendem Wasser vom Herd. Einer der fl�chtenden K�chenhelfer wurde von der gewaltigen Schwinge gestreift und unmittelbar vor die F��e der Kreatur geschleudert, wo er st�hnend liegenblieb. Die Bestie beachtete ihn nicht einmal. Ihr Kopf ruckte mit rasend schnellen, vogelartigen Bewegungen hin und her. Der Blick ihrer schrecklichen Augen tastete durch den Raum. Sie suchte etwas.</p><p>Bremer prallte gegen ein Hindernis, w�re um ein Haar gest�rzt und fand im letzten Augenblick sein Gleichgewicht wieder. Hinter ihm erklang ein triumphierendes Br�llen, und er mu�te sich nicht noch einmal herumdrehen, um zu wissen, da� das Ungeheuer sein Opfer entdeckt hatte. Er versuchte noch schneller zu laufen, aber er konnte es nicht. Angela taumelte noch immer halb benommen hinter ihm her, und immer mehr Mitglieder des K�chenpersonals st�rzten in kopfloser Flucht an ihnen vorbei, so da� vor dem Ausgang ein regelrechtes Gedr�nge entstand. Bremer h�rte das Schlagen riesiger Fl�gel und glaubte einen Schatten zu erkennen, der sich �ber Angela und ihn legte, dann begann hinter ihm eine Maschinenpistole zu h�mmern, und das Schreien des Ungeheuers �nderte sich erneut. Es klang jetzt nicht mehr triumphierend, sondern w�tend und gequ�lt zugleich.</p><p>Sie hatten den Ausgang erreicht, kamen aber nicht weiter, weil er noch immer von zahlreichen Fl�chtenden blockiert wurde, die sich in ihrer Panik nur gegenseitig behinderten. Bremer sah sich verzweifelt um. Der n�chste Ausgang war gut zwanzig Schritte entfernt, und um ihn zu erreichen, h�tten sie praktisch zwischen den Beinen des Ungeheuers hindurchlaufen m�ssen. Sie hatten keine andere Wahl, als abzuwarten, bis die T�r frei war.</p><p>M�glicherweise blieb ihnen sogar noch genug Zeit dazu, denn das Monster war im Moment anderweitig besch�ftigt: Die drei �berlebenden Agenten feuerten aus drei verschiedenen Richtungen und ununterbrochen auf das Ungeheuer. Die Bestie taumelte, aber Bremer zweifelte nicht daran, da� es nur die schiere Wucht der Geschosse war, die sie wanken lie�. Ihre gewaltigen Schwingen bewegten sich, und eine der Waffen verstummte.</p><p>Bremer richtete Angela mit einiger M�he vollends auf und sch�ttelte sie, bis sie wenigstens die Augen aufschlug. �Bist du in Ordnung?� Es war eine ziemlich dumme Frage, und Angelas Antwort war die schlechteste L�ge, die er je geh�rt hatte.</p><p>Sie deutete ein Kopfsch�tteln an und murmelte: �Es geht mir pr�chtig�, aber ihr Blick blieb verschleiert, und sie hatte kaum die Kraft, sich auf den Beinen zu halten. Allm�hlich begann Bremer zu bef�rchten, da� der Agent sie ernsthaft verletzt hatte. Dar�ber hinaus hatte sie in den letzten Stunden schier Unvorstellbares geleistet. Auch ihre Kraftreserven mu�ten irgendwann einmal zu Ende gehen.</p><p>Die Fl�gel des Ungeheuers rauschten erneut, und eine zweite Waffe verstummte. Bremer sah nicht einmal hin, sondern zog Angela hinter sich her zur T�r. Es vergingen noch einmal Sekunden, bis sie endlich hindurchst�rmen konnten. Die Panik hatte gottlob keine Opfer gefordert, wie es sonst so oft der Fall war; die Menschen verga�en nur zu oft die d�nne T�nche von f�nftausend Jahren Zivilisation, wenn ihr Leben in Gefahr war. Sie mu�ten jedoch Gott sei Dank weder �ber Verletzte hinwegsteigen, noch sahen sie Menschen, die um den Ausgang k�mpften. Hinter der T�r begann eine zwei Meter breite, steil in die H�he f�hrende Treppe, auf der noch immer ein ziemliches Gedr�nge herrschte, aber niemand versuchte, sich mit Gewalt oder gar �ber die K�rper von Gest�rzten hinweg nach oben durchzuk�mpfen. Bremer scho� der Gedanke durch den Kopf, da� sie sich nunmehr genau in die entgegengesetzte Richtung zu der bewegten, die sie eigentlich angestrebt hatten - statt die Klinik durch irgendeinen Lieferanteneingang, eine Laderampe oder eine Kellert�r zu verlassen, st�rmten sie wieder nach oben, und damit mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit den M�nnern entgegen, vor denen sie eigentlich geflohen waren.</p><p>Pl�tzlich bemerkte er, da� hinter ihnen keine Sch�sse mehr fielen. Hastig sah er im Laufen zur�ck und wurde mit einem Anblick belohnt, der sein Herz abrupt schneller schlagen lie�: Der D�mon richtete sich genau in dieser Sekunde �ber seinem letzten Opfer auf, fuhr mit einer rasend schnellen Bewegung herum und stie� sich ab. Seine Fl�gel spreizten sich. F�r einen Moment sah er fast aus wie ein grotesker, ins Absurde vergr��erter Kinderdrachen, der von unsichtbaren F�den gezogen direkt auf die T�r zufegte, schnell, entsetzlich <emphasis>schnell.</emphasis></p><p>Was Bremer schon einmal beobachtet hatte, wiederholte sich: Die Kreatur war unvorstellbar stark und fast ebenso schnell, aber alles andere als klug: Sie steuerte, getrieben von einer unstillbaren Blutgier, auf die offenstehende T�r zu und kam anscheinend nicht einmal auf die<emphasis> Idee, </emphasis>da� die �ffnung m�glicherweise breit genug f�r ihren K�rper war aber ganz bestimmt nicht f�r ihre Schwingen. Die weit gespreizten Fl�gel prallten mit so ungeheurer Wucht gegen die Wand, da� das gesamte Geb�ude zu erbeben schien. Putz und Staub rieselten von der Decke, und in der Wand neben der T�r erschien ein meterlanger, gezackter Ri�. Die Ersch�tterung ri� nicht nur Angela und Bremer von den F��en, sondern schleuderte den Kolo� auch meterweit zur�ck, ehe er zu Boden fiel. F�r einen Moment verwandelte er sich scheinbar in ein einziges tobendes Chaos aus Schw�rze und flatternder Wut, dann richtete er sich wieder auf und st�rmte kreischend vor Zorn hinter ihnen her. Angela und Bremer waren vor ihm wieder auf den F��en und hetzten die Treppe hinauf. Zu Fu� war das Ungeheuer nicht ann�hernd so schnell wie in der Luft - aber trotzdem immer noch schneller als ein rennender Mensch! Seine grotesk d�rren Beine katapultierten es regelrecht die Stufen empor. Ihr Vorsprung schmolz rasend schnell dahin. Als Bremer und Angela die T�r am oberen Ende der Treppe erreichten, hatte das Ungeheuer sie fast eingeholt. Bremer warf sich mit verzweifelter Kraft nach vorne, hechtete regelrecht durch die T�r und zerrte Angela einfach mit sich. Wie durch ein Wunder st�rzten sie nicht, sondern blieben irgendwie auf den Beinen. Wenigstens so lange, bis der D�mon ihnen folgte.</p><p>Das Ungeheuer machte sich nicht die M�he, die T�r zu �ffnen. Es st�rzte einfach hindurch, zerschmetterte sie dabei und breitete mit einem befreienden Kreischen die Schwingen aus, kaum da� es aus der Enge des Treppenschachtes heraus war. Bremer versuchte sich noch zu ducken, aber es war zu sp�t. Eine gigantische Schwinge traf seine Schulter und schleuderte ihn gute zwei Meter weit durch die Luft, ehe er auf dem gefliesten Boden aufschlug und noch einmal um gut die doppelte Distanz weiterschlitterte. Angela wurde in die entgegengesetzte Richtung geschleudert und blieb benommen liegen, gute f�nf, sechs Meter entfernt. Vielleicht weit genug, da� das Ungeheuer sie nicht bemerkte, wenn es sich auf ihn st�rzte, was ohne Zweifel im n�chsten Augenblick der Fall sein w�rde. Bremer hatte nicht mehr die Kraft, noch einmal aufzustehen und davonzulaufen. Es war sinnlos. Es gab keinen Platz auf dieser Welt, an dem er sich vor diesem D�mon verstecken konnte. Das Ungeheuer w�rde ihn weiter jagen und seinen Weg durch die Welt der Menschen mit einer Spur von Blut markieren, ganz gleich, wie weit er vor ihm davonlief, und ganz gleich, wo auch immer er sich vor ihm zu verstecken versuchte. Vielleicht starben ein paar Unschuldige weniger, wenn er endlich aufgab und sein sinnloses Davonrennen beendete.</p><p>Seltsamerweise griff das Ungeheuer jedoch nicht an. Es stand nur wenige Schritte von ihm entfernt, mit halb ausgebreiteten Fl�geln, die m�rderischen Klauen erhoben. Eine einzige, ungelenke Bewegung seiner d�rren Beine h�tte gereicht, um Bremer zu erreichen und endlich zu Ende zu bringen, was es vor so langer Zeit begonnen hatte. Aber der Blick seiner riesigen irisierenden Insektenaugen suchte nicht Bremer. Er tastete durch die gro�e Halle hinter ihm und fixierte schlie�lich einen bestimmten Punkt.</p><p>M�hsam stemmte sich Bremer in die H�he und drehte den Kopf.</p><p>Die Halle war voller Menschen, und nat�rlich hatte das Auftauchen des gefl�gelten D�mons auch hier augenblicklich f�r Panik gesorgt. M�nner und Frauen rannten schreiend und kopflos davon - ganz gleich in welche Richtung, nur<emphasis> weg </emphasis>von diesem lebendig gewordenem Alptraum, der so pl�tzlich unter ihnen aufgetaucht war! - und nat�rlich entstand auch hier vor dem Ausgang ein regelrechter Tumult. Die Glast�ren waren breit genug, um ein Dutzend Menschen zugleich durchzulassen, aber Bremer hatte den Eindruck, als ob drau�en andere M�nner standen, die sie daran hinderten, das Geb�ude zu verlassen, obwohl er sich einfach nicht vorstellen konnte, warum.</p><p>Dann sah er, worauf sich der Blick des Ungeheuers gerichtet hatte.</p><p>Unweit des Ausganges befand sich eine kleine Gruppe von M�nnern, die<emphasis> nicht </emphasis>in Panik geraten waren. Bremer erkannte Braun als einen von ihnen, Vater Thomas und zu seiner ma�losen �berraschung auch N�rdlingers Sumoringer-Gestalt, V�rfels und zwei oder drei weitere M�nner, die ihrem Aufzug nach zu Brauns Schl�gertrupp geh�ren mu�ten. N�rdlinger hatte fassungslos die Augen aufgerissen und sah so aus, als w�rde er in der n�chsten Sekunde in Ohnmacht fallen, w�hrend auf Brauns Gesicht pl�tzlich ein triumphierendes, b�ses L�cheln erschien. Vater Thomas schlie�lich bot einen fast grotesken Anblick: Er hatte sich eine violette Sch�rpe umgeh�ngt und trug ein wuchtiges, drei�ig Zentimeter hohes Silberkreuz in der linken Hand. In der Rechten hielt er eine jener absurden Metallkugeln an einem Stiel, mit denen man Weihwasser verspritzen konnte und die Bremer stets an altmodische Babyrasseln erinnerten, und um das absurde Bild komplett zu machen, hatte<emphasis> er </emphasis>sich noch eine gewaltige, in gepr�gtes Leder gebundene Bibel unter den Arm geklemmt, die aussah, als w�ge sie mindestens einen halben Zentner. Seine Augen waren weit aufgerissen und starr vor Entsetzen, und seine Lippen bewegten sich ununterbrochen. Wahrscheinlich murmelte er ein Gebet.</p><p>Dann schrie das Ungeheuer erneut, und in die scheinbar mitten in der Bewegung erstarrte Gruppe kam wieder Leben. N�rdlinger ri� eine Pistole aus der Manteltasche und legte auf den D�mon an, zwei von Brauns Agenten schwenkten ihre Maschinenpistolen herum und zielten ebenfalls in seine Richtung, aber Braun hielt sie mit einer hastigen Geste zur�ck. Vater Thomas hob das Kreuz und die Babyrassel und streckte sie der Bestie entgegen, und V�rfels zog seine Pistole aus dem Schulterhalfter und fiel in Ohnmacht.</p><p>Bremer h�rte, wie das Ungeheuer hinter ihm erneut diesen kr�chzenden Vogelschrei ausstie� und sich dann in Bewegung setzte. Blitzschnell warf er sich auf die Seite, und N�rdlinger scho�. Er hatte zu hastig gezielt: Die Kugel h�tte um ein Haar Bremer getroffen statt des Ungeheuers, und die Bestie st�rzte unbeeindruckt weiter. Bremer sprang hastig auf die F��e, duckte sich im buchst�blich allerletzten Moment unter einem gewaltigen schwarzen Fl�gel hindurch und lief zu Angela hin�ber, und N�rdlinger feuerte erneut.</p><p>Er war wirklich ein miserabler Sch�tze. Seine n�chste Kugel verfehlte Bremer buchst�blich nur um Haaresbreite. Bremer duckte sich erschrocken, zerrte Angela auf die F��e und drehte sich erst dann herum, um N�rdlinger zuzuschreien, da� er auf das falsche Ziel scho�.</p><p>Mittlerweile hatte die Kreatur die Gruppe um Braun fast erreicht. Braun und seine Agenten brachten sich mit verzweifelten Spr�ngen in Sicherheit, w�hrend Vater Thomas offenbar n�rrisch genug war, sich auf den Schutz seines Silberkreuzes und der wassergef�llten Kinderrasseln zu verlassen. Der Tumult vor der T�r explodierte regelrecht, als zuerst eine und dann eine zweite der gro�en Scheiben unter dem Druck der Menge zerbarst und sich gellende Schmerzensschreie in den ohnehin schon ohrenbet�ubenden Chor der Menschenmenge mischten. Trotzdem dr�ngte der Mob sofort nach drau�en, und nun<emphasis> sah </emphasis>Bremer genau die Szenen, die er vorhin bef�rchtet hatte: M�nner und Frauen k�mpften r�cksichtslos darum, die T�r zu erreichen, nahmen Arme, Beine, Ellbogen und Knie zu Hilfe, um die vor ihnen Stehenden beiseite zu sto�en oder trampelten r�cksichtslos �ber Gest�rzte hinweg. Die verzweifelte Schlacht um die T�r forderte vermutlich mehr Opfer, als es ein Angriff der Bestie getan h�tte.</p><p>Dann sah Bremer etwas, das ihm schier das Blut in den Adern gefrieren lie�.</p><p>Der D�mon hatte N�rdlinger und Vater Thomas fast erreicht und breitete die Fl�gel aus, um die restliche Distanz mit einem einzigen Satz zur�ckzulegen. Vater Thomas ri� sein Kreuz in die H�he und begann das Vaterunser oder irgendeinen anderen Unsinn zu schreien, und N�rdlinger ergriff die Pistole mit beiden H�nden, spreizte die Beine, um festen Stand zu haben, und zielte sorgf�ltig.</p><p>Aber nicht auf das Ungeheuer. Er zielte auf <emphasis>ihn. </emphasis>F�r den Bruchteil einer Sekunde kreuzten sich N�rdlingers und Bremers Blicke, und was Bremer in diesem unendlich kurzen Moment in den Augen seines Vorgesetzten erkannte, das beseitigte jeden Zweifel. Es war ein Ausdruck unendlicher Qual und gewaltiger Verzweiflung, aber auch wilder Entschlossenheit: N�rdlinger w�rde ihn t�ten.</p><p>Eine halbe Sekunde, bevor er abdr�cken konnte, war der D�mon heran. Seine Kiefer schnappten mit einem gr��lichen Laut zu, und die Waffe polterte zu Boden.</p><p>N�rdlinger erstarrte. F�r die Dauer eines schweren Herzschlages stand er einfach da, blickte aus aufgerissenen Augen die St�mpfe seiner Arme und den sprudelnden, roten Strom an, in dem das Leben aus ihm herauslief, dann stie� er einen seltsamen, fast �berrascht klingenden Laut aus und brach in die Knie.</p><p>Das Ungeheuer fegte ihn mit einem einzigen Fl�gelschlag zu Boden und wandte sich Vater Thomas zu.</p><p>Der Geistliche hatte seine Bibel fallen lassen und bedrohte den Kolo� jetzt mit seinen verbliebenen, l�cherlichen Waffen. Seine Z�ge waren vor Angst verzerrt, Schwei� lief ihm in Str�men �ber das Gesicht, und seine Lippen formten die Worte, die im Geschrei der Menschenmenge untergingen, so schnell, da� wahrscheinlich nur noch ein unverst�ndliches Gestammel herauskam... Der D�mon n�herte sich dem Geistlichen mit einem staksenden Schritt, richtete sich zu seiner ganzen Gr��e von weit �ber zwei Metern auf und blickte mit schr�g gehaltenem Kopf auf ihn herab; Vater Thomas zitterte am ganzen Leib. Bremer konnte <emphasis>sehen, </emphasis>wie alles in ihm danach schrie, herumzufahren und davonzurennen, aber er wich nicht, sondern blieb stehen, jeden Muskel in seinem K�rper zum Zerrei�en angespannt, und schleuderte der Bestie seine heiligen Bannspr�che entgegen. Selbst in diesem Moment, in dem er es <emphasis>sah, </emphasis>kam es Bremer einfach unglaublich vor - aber es schien tats�chlich zu funktionieren. Das Ungeheuer stand auf weniger als Armesl�nge vor Thomas. Er h�tte ihn mit einer einzigen, fl�chtigen Bewegung packen und t�ten k�nnen, aber irgend etwas ... hinderte es daran. Vielleicht war ja alles, woran er zeit seines Lebens geglaubt - beziehungsweise gerade<emphasis> nicht </emphasis>geglaubt - hatte, falsch. Vielleicht war das alberne Spielzeug in Thomas' H�nden doch mehr als eine Kinderrassel, und vielleicht waren seine Worte doch mehr als abergl�ubisches Gestammel, sondern enthielten einen uralten Zauber, der das Ungeheuer bannte und es in die Welt zur�ckschicken w�rde, aus der es gekommen war.</p><p>Der D�mon starrte den Geistlichen sekundenlang aus seinen faustgro�en Augen an, dann drehte er sich mit einer auf beunruhigende Weise an ein menschliches Achselzucken erinnernden Bewegung herum und schlug Vater Thomas fast beil�ufig den Kopf von den Schultern. Der enthauptete Torso des Geistlichen blieb noch eine geschlagene Sekunde lang stehen, lie� erst den Weihwasserspender und dann das schwere Silberkreuz fallen und brach erst dann zusammen.</p><p>Bremer war vollkommen schockiert. Was ihn f�r Sekunden regelrecht l�hmte, das war nicht einmal der Tod des Geistlichen - er hatte gesehen, wie die Bestie mehr Menschen umgebracht hatte, und auf ungleich schrecklichere Weise.</p><p>Es war die Beil�ufigkeit, mit der es geschehen war; fast, als h�tte sich das Ungeheuer ganz genau �berlegt, auf welche Weise es Vater Thomas t�ten w�rde, um Bremer ein m�glichst beeindruckendes Schauspiel zu bieten. Als sich die Kreatur wieder zu ihm herumdrehte, war ihr Gesicht vollkommen starr, und anders konnte es ja auch nicht sein, aber Bremer glaubte ein b�ses, h�hnisches Gl�hen in seinen Augen zu sehen.</p><p>�Er hat auf dich gezielt�, stammelte Angela. �N�rdlinger! Er ... mein Gott, er ... er wollte dich erschie�en!�</p><p>�Ich wei߫, murmelte Bremer. Seine Gedanken hatten sich in einen klebrigen Sumpf verwandelt, in dem jeder Versuch, eine logische Erkl�rung zu finden, hoffnungslos versank. Er starrte die Bestie an, und das Ungeheuer starrte ihn an, und etwas au�erhalb von Bremers Begreifen schien in diesem Moment miteinander zu kommunizieren.</p><p>Ein Schu� fiel. Chitinsplitter und Blut eruptierten aus dem Sch�del des D�monen. Der Kolo� wankte, drehte sich mit einer blitzartigen Bewegung herum und stie� ein zorniges Kreischen aus, auf das zwei oder drei weitere Sch�sse antworteten. In den weit gespreizten Schwingen des Titanen prangten pl�tzlich zwei gewaltige L�cher.</p><p>Die fl�chtenden Menschen hatten mittlerweile die Halle verlassen, aber in der zerborstenen Glast�r waren andere M�nner aufgetaucht, M�nner in Kleidung und mit Waffen, die Bremer sofort erkannte: N�rdlinger war nicht allein gekommen, sondern hatte eine komplette Abteilung des SEK mitgebracht. F�r ihn selbst kam diese Hilfe zu sp�t, aber Angela und ihm rettete es vielleicht noch einmal das Leben. Nur zwei oder drei der M�nner schossen auf das Ungeheuer. Einige weitere waren damit besch�ftigt, Verwundete aus dem Haus zu zerren, aber die meisten waren einfach wie vom Donner ger�hrt stehengeblieben und starrten die Alptraumkreatur an. Selbst f�r die hartgesottenen Burschen war der Anblick des D�monen offensichtlich zu viel, um ihn so einfach wegzustecken.</p><p>Angela ri� sich los - und tat etwas, was Bremer vor Entsetzen aufst�hnen lie�. Sie rannte nicht davon und nutzte die Chance, die ihnen das Schicksal noch einmal geschenkt hatte, sondern <emphasis>lief auf den D�mon zu,</emphasis> schlug im letzten Moment einen Haken und n�herte sich N�rdlinger! In vollem Lauf fiel sie auf die Knie, schlitterte die letzten zwei Meter wie eine Eiskunstl�uferin am Ende eines Kunstsprunges auf den Knien �ber den Boden und prallte gegen den Kriminalrat. Sie nutzte den Schwung ihrer eigenen Bewegung, um N�rdlinger auf den R�cken zu drehen, und begann sich mit fliegenden Fingern an seinen Armst�mpfen zu schaffen zu machen. Bremer konnte nicht genau erkennen, was sie tat, aber es dauerte nur wenige Sekunden, dann sprang sie wieder in die H�he und rannte zu ihm zur�ck. Ihre ehemals wei�e Schwesterntracht gl�nzte jetzt in einem dunklen, nassen Rot. Sie war quer durch die gewaltige Blutlache geschlittert, die sich dort gebildet hatte, wo N�rdlinger und Vater Thomas lagen.</p><p>�Braun!� schrie sie. �Er entkommt!� Bremer sah in die Richtung, in die ihr ausgestreckter Arm wies. Braun und die Handvoll M�nner, die ihm geblieben waren, verschwanden in diesem Moment in einer T�r am anderen Ende der Halle.</p><p>Aber auch der D�mon hatte auf Angelas Worte reagiert. Die M�nner des SEK schossen noch immer auf ihn. Er wankte unter den Kugeln, die ihn in immer rascherer Folge trafen, aber Bremer wu�te, da� sie ihn nicht wirklich verletzen konnten. Sein Kopf drehte sich unabl�ssig, und sein Blick irrte zwischen Angela und den M�nnern an der T�r hin und her, als �berlege er, ob sie es �berhaupt wert waren, sie anzugreifen. Dann drehte er sich beh�big herum und machte einen schwerf�lligen Schritt in Angelas Richtung.</p><p>Zwei Geschosse gleichzeitig trafen seinen Sch�del und rissen die H�lfte davon weg. Diesmal konnte Bremer sehen, wie sich die grauenhafte Wunde schlo�. Die Bestie wankte, drehte sich erneut zu den M�nnern unter der T�r herum - und stie� sich mit einem w�tenden Kreischen ab. Mit weit gespannten Fl�geln landete sie inmitten der M�nner. Ihre Krallen und Kiefer schnappten zu. Die riesigen Schwingen schleuderten die M�nner gleich Spielzeugen durch die Luft und zertr�mmerten auch noch das, was von der Glast�r bisher �briggeblieben war. Trotzdem hatte Bremer den Eindruck, da� die Kreatur l�ngst nicht mit der gnadenlosen Wildheit k�mpfte, die er bisher beobachtet hatte. Es war, als wolle sie die M�nner nicht t�ten, sondern begn�gte sich damit, sie zur�ckzutreiben.</p><p>Er verschwendete allerdings keine Sekunde darauf, sich von dieser aberwitzigen Theorie zu �berzeugen, sondern wirbelte herum und rannte los, als Angela ihn erreicht hatte. �Was sollte das gerade?� schrie er. �Wolltest du dich umbringen?!�</p><p>�Ich konnte ihn nicht einfach so sterben lassen!� schrie Angela zur�ck. Ihr Atem ging schnell und pfeifend.</p><p>Bremer hatte M�he, die Worte �berhaupt zu verstehen. Er sah ihr an, da� sie ihre unwiderruflich letzten Kraftreserven brauchte, um �berhaupt noch mit ihm Schritt zu halten.</p><p>�Lauf!� keuchte sie. �Wir m�ssen ... Braun ... einholen.�</p><p>�Wozu denn, um Gottes willen?�</p><p>�Weil er der einzige ist, der uns zu Haymar f�hren kann!� keuchte Angela.</p><p>Sie hatten die Halle fast durchquert. Die M�nner an der T�r hatten aufgeh�rt zu schie�en und krochen in verzweifelter Hast vor dem Ungeheuer davon, das seine Fl�gel wie Dreschflegel einsetzte und alles von den F��en ri�, was in seine Reichweite kam. Bremer sah, da� seine erste Beobachtung richtig gewesen war, so unglaublich es ihm auch immer noch erschien. Es w�rde reichlich Knochenbr�che und Prellungen geben, aber keine Toten. Warum auch immer: Die Kreatur schonte die M�nner.</p><p>Sie hatten das Ende der Halle erreicht. Angela ri� im vollen Lauf die T�r auf, st�rzte hindurch, und Bremer begriff zu sp�t, da� sie einem verh�ngnisvollen Irrtum erlegen waren.</p><p>Braun stand auf der anderen Seite der T�r, hielt seine Pistole in der Hand und scho� Angela aus allern�chster N�he ins Gesicht.</p><p>Der Knall war ohrenbet�ubend. Angela wurde wie von einem Faustschlag zur�ckgerissen, drehte sich halb um ihre Achse und prallte wuchtig gegen Bremer. Die zweite Kugel, die Braun auf Bremers Kopf abfeuerte, verfehlte ihr Ziel und durchbohrte statt dessen seine Schulter.</p><p>Die schiere Wucht des Treffers schleuderte ihn gegen die Wand. Sein Hinterkopf prallte mit solcher Gewalt gegen Stein oder Metall, da� seine Beine unter ihm nachgaben und er benommen zu Boden glitt. Seine Schulter war taub. Er sp�rte nicht den geringsten Schmerz, aber er konnte f�hlen, da� die Wunde heftig blutete.</p><p>Als sich das dumpfe H�mmern in seinem Sch�del so weit gelegt hatte, da� er wieder sehen konnte, lag Angela ausgestreckt auf dem Boden vor ihm. Sie lag auf dem Bauch, so da� er ihr Gesicht nicht sehen konnte, aber das kurzgeschnittene Haar auf ihrem Hinterkopf begann sich rasch dunkel zu f�rben, und unter ihrem Gesicht bildete sich eine gro�e, dunkelrote Lache.</p><p>Bremer stemmte sich halb in die H�he, lie� sich dann wieder nach vorne und auf die Knie sinken und streckte die H�nde nach ihr aus. Aber er f�hrte die Bewegung nicht zu Ende. Er wagte es nicht, sie herumzudrehen. Er wu�te, was die Kugel ihrem Gesicht angetan hatte, und er wollte sie so in Erinnerung behalten, wie sie gewesen war.</p><p>Angela war tot. Braun hatte sie umgebracht.</p><p>Bremer f�hlte keinen Schmerz, keine Verzweiflung, nicht einmal Trauer. Wahrscheinlich war der Schmerz zu gewaltig, um ihn ertragen zu k�nnen. Er f�hlte sich einfach nur leer.</p><p>Angela war tot. Braun hatte sie kaltbl�tig erschossen. Und daf�r w�rde er ihn t�ten.</p><p>Bremer stand auf, drehte sich langsam in die Richtung, in der Braun und seine Agenten verschwunden waren, und ging los.</p><p>Hinter ihm begann die Bestie zu toben.</p></section><section><title><p>34</p></title><empty-line/><p>N�rdlinger hatte noch niemals zuvor wirkliches <emphasis>Entsetzen </emphasis>in der Stimme eines Arztes geh�rt, aber f�r alles gibt es ein erstes Mal, und was er jetzt h�rte, das <emphasis>war </emphasis>Entsetzen. Absoluter, vollkommener Terror. Er war allerdings ziemlich sicher, da� es nicht der Anblick der Wunde war, die den Arzt so schockierte. Der Mann mu�te Schlimmeres gewohnt sein. Aber der Mann hatte zu denen geh�rt, die die Mitglieder des SEK aus dem Haus geschafft hatten. Er hatte <emphasis>gesehen, </emphasis>wie es passiert war. N�rdlinger selbst f�hlte sich ... seltsam. Ihm fiel kein besseres Wort ein, um seinen Zustand zu beschreiben. Er sollte Schmerzen haben.</p><p>Er hatte keine. Er sollte Angst haben. Er hatte keine. Er sollte verdammt noch mal wenigstens schockiert sein, w�hrend er abwechselnd seine Arme und seine H�nde betrachtete, denn seine H�nde lagen einen guten halben Meter neben ihm auf einer goldschimmernden Isolierfolie, und V�rfels war gerade damit besch�ftigt, Eisw�rfel darauf zu h�ufen, die er wei� Gott wo aufgetrieben hatte.</p><p>Aber alles, was er f�hlte, war eine seltsame Gelassenheit, als st�nde er unter dem Einflu� irgendeines Bet�ubungsmittels, was jedoch nicht der Fall war. Der Arzt, dessen H�nde so zitterten, da� N�rdlinger es sich unter normalen Umst�nden dreimal �berlegt h�tte, sich in seine Behandlung zu begeben, zog zwar in genau diesem Moment eine Injektionsnadel aus seiner Vene, aber so schnell wirkte das Schmerzmittel nun auch wieder nicht. Es war vielmehr, als w�re irgend etwas tief in ihm hundertprozentig davon �berzeugt, da� er nicht in Gefahr war.</p><p>Es hatte begonnen, als West ihn ber�hrt hatte. Das hie� - er war nicht ganz sicher, da� es West gewesen war. N�rdlinger war zu<emphasis> diesem </emphasis>Zeitpunkt tats�chlich halb wahnsinnig vor Schmerzen gewesen, und hoffnungslos von Panik gesch�ttelt. Er hatte sie kaum erkannt. Trotzdem war sie ihm auf sonderbare Weise ... ver�ndert vorgekommen. Und kaum hatte sie ihn ber�hrt, da waren sowohl die Schmerzen als auch die Todesangst verschwunden.</p><p>�Wie f�hlen Sie sich?� fragte der Arzt. �Haben Sie gro�e Schmerzen?�</p><p>��berhaupt keine�, antwortete N�rdlinger. �H�tte ich welche, w�rde ich die Frage danach auch nicht besonders erfreulich finden.� Diese Antwort trug nicht gerade dazu bei, die Irritation des Arztes zu mildern.</p><p>�Das mu� der Schock sein�, sagte er. �So etwas kommt vor. Seien Sie froh.�</p><p>N�rdlinger fand, da� es sich wie eine Entschuldigung anh�rte. Als t�te dem Mann leid, da� er keine Schmerzen hatte.</p><p>�Machen Sie sich keine Sorgen�, fuhr der Arzt fort. �Das wird wieder. Wenn Sie schnell genug ins Krankenhaus kommen, kann man die H�nde wieder ann�hen - ich wei�, da� Sie das im Moment wahrscheinlich kaum glauben werden, aber mit ein bi�chen Gl�ck k�nnen Sie Ihre H�nde nach einer Weile wieder ganz normal bewegen.�</p><p>�Nach einem Jahr, nehme ich an�, murmelte N�rdlinger. Darauf antwortete der Arzt vorsichtshalber nicht.</p><p>�Der Hubschrauber ist schon unterwegs�, sagte V�rfels hastig. �Keine Angst, Chef. Das kommt schon wieder in Ordnung.� N�rdlinger w�rdigte ihn nicht einmal einer Antwort.</p><p>�Wer hat die Blutung gestoppt?� fragte der Arzt.</p><p>N�rdlinger sah ihn nur verst�ndnislos an, und der Mann fuhr fort. �Das war absolut professionelle Arbeit. Besser h�tte ich es auch nicht machen k�nnen. Sie hatten verdammtes Gl�ck. Eigentlich h�tten Sie daran verbluten m�ssen. Vor allem unter diesen ... Umst�nden.�</p><p>N�rdlinger begann schl�frig zu werden. Das Mittel, das ihm der Arzt gespritzt hatte, wirkte offensichtlich sehr schnell. Aber er durfte nicht schlafen. Noch nicht. Er hatte noch etwas Bestimmtes zu erledigen, und es war einfach zu wichtig.</p><p>�V�rfels!� murmelte er.</p><p>�Chef?� V�rfels beeilte sich, sich �ber ihn zu beugen, wobei er sich gro�e M�he gab, �berallhin zu sehen, nur nicht zu N�rdlingers Armst�mpfen hinab.</p><p>�Holen Sie mir den Chef des SEK�, befahl N�rdlinger. �Schnell.�</p><p>V�rfels verschwand wie der Blitz, und der Arzt sagte: �Lassen Sie sich einfach fallen. Es wird alles gut.�</p><p>Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis V�rfels in Begleitung eines vielleicht drei�igj�hrigen Mannes im Kampfanzug des Sondereinsatzkommandos zur�ckkam: olivgr�ne Hosen und Jacke, dar�ber eine wuchtige Panzerweste und einen klobigen Helm, der durch die nach oben gehobene Schutzbrille noch klobiger wirkte, und ein Gesicht, das so wei� wie die sprichw�rtliche Wand war.</p><p>N�rdlinger hatte mittlerweile M�he, die Augen offenzuhalten. �H�ren Sie mir zu�, begann er. �Es ist wichtig.�</p><p>Der Mann nickte. Er wirkte sehr nerv�s. �Das Ding ist ... weg, Herr Kriminalrat�, sagte er stockend. �Sollen wir es verfolgen?�</p><p>Die Frage war so �berfl�ssig wie ein Kropf, fand N�rdlinger. Unter normalen Umst�nden h�tte der Mann, der immerhin eine Spezialeinheit der Polizei kommandierte, was zumindest bewies, da� er keine vollkommene Pfeife war, nicht eigens einen Befehl abgewartet, um einen Angreifer zu verfolgen, der die H�lfte seiner Mannschaft zu Klump geschlagen hatte.</p><p>�Verluste?� fragte N�rdlinger.</p><p>Der Mann nickte und sch�ttelte gleichzeitig den Kopf. �Ein paar gebrochene Rippen, und vielleicht ein Arm oder ein Bein. Nichts Ernstes ... aber es wird den Steuerzahler ein paar Mark kosten. Was ... was um Gottes willen war das f�r ein Ding?�</p><p>�Das spielt jetzt keine Rolle�, sagte N�rdlinger. Er mu�te mit immer gr��erer Willenskraft gegen die grauen Schleier ank�mpfen, die seine Gedanken einzuwickeln versuchten, und er sp�rte, da� es ein Kampf war, den er verlieren w�rde. Die gebietende Kraft, die ihn bisher bei Bewu�tsein gehalten hatte, versiegte immer rascher. �H�ren Sie mir zu! Fragen Sie nicht, sondern tun Sie einfach, was ich Ihnen sage.�</p><p>Der Mann nickte, aber N�rdlinger entging keineswegs der rasche, nerv�se Blick, den er V�rfels zuwarf. Ebenso wenig wie das hilflose Achselzucken, mit dem dieser darauf reagierte.</p><p>�Nein, ich bin<emphasis> nicht </emphasis>verr�ckt�, sagte er betont, und so laut, wie er es gerade noch fertigbrachte. �Und ich liege auch nicht im Koma oder fantasiere, wenn Sie das meinen! Aber ich habe nicht mehr ... viel Zeit. Also h�ren Sie mir zu, verdammt noch mal, und tun Sie gef�lligst, was ich Ihnen sage! Und wenn nicht, dann beten Sie darum, da� ich nicht mehr aus dem Koma aufwache, in das ich vermutlich gleich fallen werde, weil ich Ihnen n�mlich sonst den Arsch aufrei�e, da� Ihnen H�ren und Sehen vergeht! Habe ich mich jetzt klar genug ausgedr�ckt?�</p><p>Der Mann nickte. Er war noch blasser geworden, aber er hatte begriffen.</p><p>Wahrscheinlich w�re er ziemlich erstaunt gewesen, h�tte er in diesem Moment N�rdlingers Gedanken lesen k�nnen. Kriminalrat N�rdlinger hatte n�mlich nicht die geringste Ahnung, warum er das sagte.</p><p>Da war noch etwas, das er diesem Mann mitteilen mu�te, etwas von ungeheurer Wichtigkeit, aber er wu�te nicht einmal, was. Die Worte nahmen erst in dem Moment in seinem Kopf Gestalt an, in dem er sie aussprach, ohne da� es eines vorherigen Wissens bedurft h�tte. N�rdlinger war fast selbst neugierig auf das, was er als n�chstes sagen w�rde. Er lauschte auf seine Worte, aber sie klangen in seinen eigenen Ohren wie die eines Fremden. Trotzdem war es ihm unm�glich, <emphasis>nicht </emphasis>weiterzusprechen.</p><p>�Evakuieren Sie das Geb�ude�, sagte er. �Sofort. Vergessen Sie dieses verdammte Biest und schaffen Sie die Leute hier heraus. Es ist mir egal, wie Sie es machen, aber tun Sie es. Jeder, der in f�nfzehn Minuten noch in diesem Geb�ude ist, stirbt.�</p></section><section><title><p>35</p></title><empty-line/><p>Er war irgendwo vor ihm. Bremer konnte Brauns N�he regelrecht sp�ren, wie ein Raubtier, das die Witterung seiner Beute aufgenommen hatte und ihr unerbittlich folgte, ganz egal, welche Tricks sich sein Opfer einfallen lie�, um es abzusch�tteln. Brauns Vorsprung konnte noch nicht besonders gro� sein, zwei, vielleicht vier Minuten, keinesfalls mehr.</p><p>Und Bremer glaubte nicht, da� er sich schneller bewegte als er.</p><p>Bremer bewegte sich so schnell und selbstverst�ndlich durch den Flur, als w�re seine linke Schulter nicht taub und als hinge der linke Arm nicht so starr und nutzlos wie ein St�ck Holz an seiner Seite herab. Er sp�rte keinen Schmerz, keine Schw�che, ja, nicht einmal Zorn, sondern allenfalls eine kalte, durch nichts aufzuhaltende Entschlossenheit, den Mann zu t�ten, der ihm das einzige genommen hatte, was ihm jemals in seinem Leben <emphasis>wirklich </emphasis>etwas bedeutet hatte. Braun hatte Angela get�tet, und daf�r w�rde er Braun t�ten, so einfach war das. Er empfand und dachte eine Menge in diesem Augenblick, aber er f�hlte - nichts. Nur K�lte.</p><p>Trotzdem w�re er vermutlich zutiefst erschrocken, h�tte er sich in diesem Augenblick selbst sehen k�nnen.</p><p>Bremer bewegte sich tats�chlich wie ein Raubtier den Korridor entlang. Sein linker Arm hing steif und nutzlos an seinem K�rper herab, aber die andere Hand war halb erhoben und wie zu einer Kralle verkr�mmt. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt, und seine Nasenfl�gel bl�hten sich im Rhythmus seiner schweren Atemz�ge, als n�hme er wirklich Witterung auf. Er zog eine d�nner werdende Blutspur hinter sich her - d�nner werdend nicht, weil die Schu�wunde in seiner Schulter aufgeh�rt h�tte zu bluten, sondern weil seine Schritte mit jedem Meter, den er zur�cklegte, ein wenig schneller wurden, bis er schlie�lich rannte.</p><p>Er sah Braun wieder, als dieser am Ende des schmalen Korridors in einen Aufzug trat und die Hand nach dem Tastenfeld ausstreckte.</p><p>Braun war nicht allein. Nicht weniger als f�nf seiner M�nner waren bei ihm. Einer davon war verletzt und trug einen Arm in einer Schlinge, sein Gesicht kam Bremer vage bekannt vor, aber er war nicht mehr in einem Zustand, in dem sein Ged�chtnis noch allzu gut funktioniert h�tte. Es spielte auch keine Rolle. Wenn sie ihm aus dem Weg gingen, gut. Wenn er diese f�nf M�nner mit blo�en H�nden umbringen mu�te, um an Braun heranzukommen, auch gut. Es war ihre Entscheidung. Bremer f�hlte sich von der vielleicht st�rksten aller Empfindungen besucht, die es gab: Rache. Man hatte ihm ein Leben genommen, und er wollte ein Leben daf�r haben.</p><p>Braun entdeckte ihn fast im gleichen Moment wie Bremer umgekehrt ihn. F�r eine Sekunde breitete sich ein Ausdruck ma�loser �berraschung auf seinen Z�gen aus, der aber fast sofort von Zorn und einer kalten Entschlossenheit verdr�ngt wurde. Er hob den Arm, und der Mann mit der Schlinge und ein zweiter Agent traten wieder aus dem Aufzug heraus und gingen Bremer entgegen. Fast im gleichen Moment begannen sich die Aufzugt�ren zu schlie�en. Bremer stie� ein gequ�ltes Heulen aus und versuchte schneller zu laufen, aber es ging nicht. Sein geschundener K�rper war einfach nicht mehr in der Lage, weitere Kraftreserven zu mobilisieren.</p><p>Es h�tte ihm auch nichts genutzt. Der Aufzug hatte sich bereits geschlossen, und die beiden Agenten traten ihm entgegen. Bremer attackierte den Mann mit dem verletzten Arm mit w�tender Entschlossenheit und begriff sp�testens in diesem Moment, da� K�rper und Geist nicht immer dasselbe waren. Er war entschlossen, es mit der gesamten Welt aufzunehmen, wenn es sein mu�te, um Braun zu bekommen, aber sein Faustschlag war so kraftlos wie der eines Kindes. Der Agent machte sich nicht einmal die M�he, ihm auszuweichen, sondern schlug seine Hand fast beil�ufig zur Seite und schickte Bremer mit einer Bewegung zu Boden, die mehr ein Schubsen als ein Hieb war. Sofort versuchte Bremer wieder auf die F��e zu kommen. Der Mann versetzte ihm mit der flachen Hand einen Sto� vor die Brust, der ihn erneut nach hinten schleuderte, und diesmal blieb Bremer liegen. Er wollte sich abermals hochstemmen, aber er konnte es nicht mehr.</p><p>Der Agent stand breitbeinig �ber ihm. Seine unverletzte Hand war abwehrbereit erhoben, nur f�r den Fall, da� Bremer noch irgend etwas Unerwartetes versuchen sollte, aber Bremer las in seinen Augen, da� er nicht ernsthaft damit rechnete. Der Mann hatte genug Erfahrung, um<emphasis> zu </emphasis>wissen, wann sein Gegner besiegt war.</p><p>�Worauf wartest du?� fragte sein Kollege. �Bring es zu Ende.�</p><p>�Das arme Schwein ist doch schon so gut wie tot�, sagte der Mann mit dem verbundenen Arm. �Sieh ihn dir doch an!�</p><p>�Braun hat gesagt, da� wir ihn erledigen sollen�, sagte der andere. �Willst du ihm vielleicht erkl�ren, warum...� Er brach mitten im Satz ab. Seine Hand glitt unter die Jacke, vermutlich um die Waffe hervorzuziehen, die er in seinem Schulterhalfter darunter trug, und sein Blick bohrte sich in das Halbdunkel des Korridors hinter Bremer. Er schien jedoch nichts zu entdecken, worauf zu schie�en sich gelohnt h�tte, denn nach zwei oder drei Sekunden zog er die Hand wieder heraus, ohne da� sie eine Waffe hielt.</p><p>�Was hast du?� fragte sein Kollege.</p><p>�Nichts�, antwortete der Agent. �Ich dachte, ich h�tte etwas...�</p><p>Er kam nicht mehr dazu, das �geh�rt� auszusprechen. Ein dumpfer, sonderbar weicher Laut erklang. Die Augen des Agenten wurden gro�, und er gab einen erstickten Seufzer von sich. Aus seiner Brust ragten pl�tzlich drei fingerlange, gebogene Klauen.</p><p>Der zweite Mann prallte entsetzt zur�ck. Seine unversehrte Hand glitt unter die Jacke und zerrte die Waffe hervor, aber er kam nicht einmal mehr dazu, sie zu ziehen. Der D�mon trat mit einem ungelenk wirkenden Schritt vollends aus dem d�steren Schattenreich hervor, das seine Heimat war, packte ihn mit beiden H�nden und warf ihn mit unvorstellbarer Gewalt gegen die Aufzugt�ren. Noch bevor der Mann vollends zu Boden sacken konnte, war das Ungeheuer �ber ihm. Seine schwarzen Schwingen schlossen sich �ber seinem Opfer wie die H�lften eines unheimlichen, flatternden Mantels, und Bremer h�rte eine Reihe gr��licher, rei�ender Laute.</p><p>St�hnend w�lzte er sich herum, kroch auf H�nden und Knien ein St�ck weit von der Kreatur davon und richtete sich auf. Er sah nicht zur�ck, aber das Rei�en und Fressen hinter ihm hielt an. Solange der D�mon mit seinem letzten Opfer besch�ftigt war, hatte er vielleicht noch einmal eine Chance zu entkommen. Pl�tzlich erschien ihm das wieder sehr wichtig. Noch vor wenigen Minuten war er bereit gewesen, einfach aufzugeben, aber mit einemmal gab es nichts Wichtigeres, als am Leben zu bleiben. Er <emphasis>mu�te </emphasis>es schaffen, weil er Braun sonst nicht erwischen w�rde. Bremer taumelte bis zur n�chsten Abzweigung, lie� sich blindlings nach rechts und gegen die Wand sinken und schlo� f�r einen Moment die Augen. Alles drehte sich um ihn. Sein K�rper begann mittlerweile massiv gegen ihn zu arbeiten. Die Wunde in seiner Schulter blutete noch immer, und auch wenn er immer noch kaum Schmerzen versp�rte, so konnte er doch f�hlen, wie das Leben mit jedem Herzschlag ein kleines bi�chen mehr aus ihm herausstr�mte. Er wu�te, da� er es nicht schaffen w�rde.</p><p>Braun hatte letzten Endes doch gewonnen. Die Kugel, die er ihm verpa�t hatte, hatte ihn umgebracht. Nicht so schnell und dramatisch wie Angela, aber am Ende doch. Er w�rde verbluten, innerhalb der n�chsten Minuten.</p><p>Bremer hob m�hsam die Hand und pre�te sie gegen das daumennagelgro�e Einschu�loch in seiner Schulter. Es gelang ihm tats�chlich, den Blutstrom ein wenig zu stoppen, aber die ungleich gr��ere Austrittswunde �ber seinem linken Schulterblatt blutete weiter. Wie viele Liter Blut hatte ein Mensch? F�nf? Acht? Er wu�te es nicht, aber er mu�te die H�lfte davon bereits verloren haben. Es kam ihm selbst fast wie ein Wunder vor, da� er noch bei Bewu�tsein war, aber dieser Zustand w�rde nicht mehr allzu lange anhalten. Seine Gedanken begannen sich mehr und mehr zu verwirren.</p><p>Bitterkeit �berkam ihn. Es war ... nicht fair! Er hatte den gr��ten Kampf seines Lebens gek�mpft, war vielleicht der furchtbarsten Kreatur entronnen, mit der es jemals ein Mensch zu tun gehabt hatte, und nun sollte er ganz banal verbluten, an einer l�cherlichen Schu�wunde! Und als w�re dies noch nicht ironisch genug, starb er inmitten eines Krankenhauses, umgeben von der modernsten und aufwendigsten Technik, die Menschen jemals geschaffen hatten, um Leben zu retten.</p><p>Es tat ihm leid, da� Angela tot war. Es tat ihm leid, da� Braun am Ende doch davonkommen sollte, und es tat ihm vor allem leid, da� es so endete. Bremer hatte Geschichten ohne Happy-End immer gemocht, aber nun, als er selbst die Hauptperson einer solchen Geschichte sein sollte, fand er sie nicht mehr so gut.</p><p>Sein Blick begann sich zu verschleiern. Der Korridor vor seinen Augen verzerrte sich, schien jetzt l�nger und schmaler zu werden und wurde zu einem wabernden Tunnel, an dessen Ende ein strahlendes Licht lockte, unendlich weit entfernt, aber glei�end hell. Nun hatte er das Tunnelerlebnis, von dem alle gesprochen hatten. Er bedauerte es, da� er Angela nicht mehr davon erz�hlen konnte, empfand aber gleichzeitig eine sachte Neugier, was ihn wohl in dem Licht dort hinten erwarten mochte. Er starb, aber der Tod war angenehm, s��, ohne Schmerzen und nicht mit der mindesten Spur von Angst.</p><p>Das Licht am Ende des Tunnels wurde heller und kam gleichzeitig n�her. Im ersten Moment dachte Bremer, da� sich etwas darin bewegte, dann erkannte er, da� es das Licht selbst war. Es wogte, ballte sich zusammen und nahm Form an, und dann sah Bremer, wie eine riesige, strahlende Lichtgestalt auf ihn zutrat. Er halluzinierte, aber es war eine wunderbare Halluzination. Wenn die Agnostiker recht hatten, die behaupteten, da� nach dem Sterben nichts mehr kam, so hatte die Natur zumindest daf�r gesorgt, da� der Weg hin�ber in dieses Nichts unbeschreiblich sch�n war...</p><p>Die Lichtgestalt kam n�her, streckte einen Arm aus, der aus nichts anderem als milder, wei�er Helligkeit bestand, und ber�hrte seine Schulter. Der Blutstrom versiegte, und eine neue Form von milder Schwere und Taubheit breitete sich in seinem K�rper aus.</p><p>Dann h�rte die Gestalt auf zu leuchten, nahm wieder ein menschliches Aussehen und Angelas Gesicht an und sagte: �La� dir blo� nicht einfallen, jetzt zu sterben, alter Mann. Die Show ist noch nicht vorbei.�</p><p>Bremer starrte sie an. Seine Umgebung schnappte mit einem furchtbaren Ruck wieder in die normalen Formen der Wirklichkeit zur�ck. Aus dem Tunnel wurde wieder der kaum beleuchtete Krankenhausflur, und er selbst war kein spirituelles Wesen auf dem Weg zu Wolke sieben, sondern sa� ganz k�rperlich auf dem Boden, beide Beine in stumpfem Winkel von sich gestreckt und mit dem R�cken gegen eine Wand gelehnt, die na� und klebrig von seinem eigenen Blut war.</p><p>�Du bist tot�, murmelte er.</p><p>Angela sch�ttelte heftig den Kopf und verzog gleich darauf das Gesicht. �Bin ich nicht�, antwortete sie. �Aber ich w�nschte mir fast, ich w�re es, so wie mein Sch�del dr�hnt. Falls wir Braun zu fassen kriegen, dann untersteh dich, ihn anzur�hren. Ich will den Kerl selbst umbringen.�</p><p>�Aber ... aber du ... du mu�t tot sein�, beharrte Bremer stur. �Braun hat dir in den Kopf geschossen.�</p><p>�Entschuldige bitte, da� ich noch lebe�, sagte Angela spitz. �Es tut mir ja leid, dich entt�uschen zu m�ssen, aber Braun ist ein noch miserablerer Sch�tze als N�rdlinger.� Sie hob die Hand und deutete auf eine fingerbreite, gut zehn Zentimeter lange Wunde �ber ihrer linken Augenbraue. �Kannst du aufstehen?� fragte sie.</p><p>Bremer versuchte es, und fast zu seiner eigenen �berraschung kam er sogar auf die F��e, wenn auch mit Angelas Hilfe. Er f�hlte sich sehr matt, aber er war eindeutig <emphasis>nicht </emphasis>tot. Und seine Schulter blutete nicht mehr. �Wie hast du das gemacht?� fragte er.</p><p>Angela grinste. �Du wei�t doch, ich habe...�</p><p>�...heilende H�nde, ja ich wei߫, unterbrach sie Bremer. �Ich meine es ernst, verdammt noch mal!� Was sie getan hatte, war unm�glich. Er war im Begriff gewesen <emphasis>zu </emphasis>sterben, und jetzt f�hlte er sich, als brauchte er nicht mehr als zw�lf Stunden Schlaf, um wieder v�llig der Alte zu sein. Und er hatte <emphasis>gesehen, </emphasis>wie Braun ihr in den Kopf geschossen hatte! Bremer wu�te zwar, wie heftig selbst relativ harmlose Wunden im Kopfbereich bluteten aber aus einem Meter Entfernung h�tte nicht einmal ein Blinder danebengeschossen! Was ging hier vor?</p><p>Angela verdrehte die Augen. �Und du glaubst, jetzt w�re der richtige Moment, um dar�ber zu diskutieren, ja?� fragte sie. �Wenn wir das hier �berleben sollten, dann gebe ich dir vielleicht einen Crash-Kurs in fern�stlicher Heilkunst, aber im Moment haben wir Wichtigeres zu tun. Soll ich Braun ganz allein erledigen, oder m�chtest du mir vielleicht dabei helfen? Nat�rlich nur, wenn es dir nicht allzu viel ausmacht.�</p><p>�Ich wei� nicht, wo er ist�, gestand Bremer. �Er ist im Aufzug verschwunden. Ich konnte ihn nicht aufhalten.�</p><p>�In welchem Aufzug?�</p><p>�Das hat doch gar keinen Sinn�, sagte Bremer niedergeschlagen. �Ich wei� nicht einmal, in welche Etage er gefahren ist.�</p><p>�Zeig ihn mir�, beharrte Angela.</p><p>Bremer sch�ttelte noch einmal den Kopf, drehte sich dann aber gehorsam um und schlurfte voraus. Es war nicht besonders schwer, den Aufzug wiederzufinden, aber nicht einfach, ihn zu erreichen. Was von den beiden Agenten �brig war, war �ber die H�lfte des Korridors verteilt. Das Ungeheuer hatte sich nicht damit zufriedengegeben, die beiden M�nner einfach zu t�ten.</p><p>Angela verzog entsetzt das Gesicht, w�hrend Bremer sich rasch und eindeutig erschrocken umsah.</p><p>�Keine Angst�, sagte Angela. �Unser Freund ist im Moment anderweitig besch�ftigt. Als ich ihn das letztemal gesehen habe, war er gerade dabei, Hasch-mich mit Brauns Pr�gelknaben zu spielen.�</p><p>Bremer gefiel ihre Wortwahl nicht, aber er nahm an, da� sie diesen flapsigen Ton ganz bewu�t anschlug, um mit dem Grauen fertig zu werden, mit dem sie der Anblick erf�llen mu�te. Tod war nicht gleich Tod.</p><p>Bremer dr�ckte den Knopf neben dem Aufzug, und Angela und er traten in die Kabine, nachdem die T�ren aufgeglitten waren. Angela bedeutete ihm mit Gesten, wieder einen halben Schritt zur�ckzutreten, um die Lichtschranke zu unterbrechen und begann sich sehr aufmerksam in der kleinen Kabine umzusehen. Sie untersuchte sehr aufmerksam das Tastenfeld neben der T�r und runzelte schlie�lich fragend die Stirn.</p><p>�Seltsam�, sagte sie. �Kein Schlo�.�</p><p>�Was f�r ein Schlo�?�</p><p>�Brauns kleine Frankenstein-Kammer ist bestimmt nicht so einfach mit dem Aufzug zu erreichen�, antwortete Angela. �Oder glaubst du, er w�re scharf darauf, da� Albert pl�tzlich vor ihm steht? Ich h�tte damit gerechnet, da� er einen Schl�ssel hat oder...� Sie sprach nicht weiter, sondern drehte sich ein zweites Mal im Kreis und unterzog die Kabine dabei einer neuerlichen, noch aufmerksameren Musterung. Schlie�lich blieb ihr Blick auf einem kleinen Spiegel an der R�ckwand haften. Wortlos zog sie die Pistole unter dem G�rtel hervor, drehte sich herum und schmetterte den Kolben wuchtig gegen das Glas.</p><p>Der Spiegel zerbrach, aber dahinter kam nicht die Kabinenwand zum Vorschein, sondern ein kleiner Hohlraum, aus dem sie die Linse einer winzigen Kamera anstarrte.</p><p>�Das habe ich mir gedacht�, sagte Angela stirnrunzelnd.</p><p>�Was? Eine Video�berwachung?�</p><p>Angela sch�ttelte hastig den Kopf. �So leicht ist es nicht. Das da d�rfte ein Retina-Scanner sein.�</p><p>�Aha�, sagte Bremer. �Und was bedeutet das?�</p><p>�Das kleine Mistst�ck da l��t niemanden passieren, der nicht �ber Brauns Netzhautabdr�cke verf�gt�, antwortete Angela. �Falls du also nicht zuf�llig eines seiner Augen in der Tasche hast, haben wir ein Problem.�</p><p>�Kannst du das Ding �berlisten?�</p><p>�Nicht von hier aus�, sagte Angela. Sie drehte sich herum, sah ihn eine Sekunde lang nachdenklich an und trat dann mit einem pl�tzlich sehr schnellen Schritt an ihm vorbei. �Komm mit.�</p><p>Bremer w�re ihr sowieso gefolgt. Er h�tte den Teufel getan, allein mit den beiden Toten hier zur�ckzubleiben, oder gar im Lift. Angela eilte mit schnellen Schritten den Flur hinab, �ffnete jede einzelne T�r, an der sie vorbeikamen und schaltete die Beleuchtung in dem dahinter liegenden Raum ein. Sie machte sich nicht die M�he, Bremer zu erkl�ren, was sie suchte, und Bremer machte sich nicht die M�he, sie danach zu fragen.</p><p>Sie hatte auf diese Weise fast ein halbes Dutzend T�ren ge�ffnet, als Angela endlich f�ndig wurde. <emphasis>Diesen </emphasis>Raum verlie� sie nicht mehr, sondern trat mit einem zufriedenen Laut vollends hinein. Als Bremer ihr folgte, sah er, da� sie einen unordentlichen Schreibtisch ansteuerte, auf dem ein Computerterminal stand. Sie nahm rasch davor Platz, schaltete den Rechner ein und machte eine flatternde Geste in seine Richtung.</p><p>�F�nf Minuten�, sagte sie. �Such dir was zu lesen, oder nimm ein Bad.�</p><p>Bremer ersparte sich jede Antwort. Er hoffte, da� Angela auch wirklich f�nf Minuten meinte, und nicht das, was Computerfreaks manchmal darunter verstanden, wenn sie sich an ihr Lieblingsspielzeug setzten und sagten, es dauere nur einen Augenblick.</p><p>Ziellos begann er im Raum auf und ab zu gehen und trat schlie�lich ans Fenster. Es f�hrte auf die R�ckseite des Geb�udes hinaus, und der Anblick unterschied sich radikal von dem, der sich ihm geboten hatte, als er das letztemal aus Alberts Fenster zwei Stockwerke h�her auf den Garten hinausgeblickt hatte.</p><p>Es war nicht mehr v�llig dunkel, sondern hatte zu d�mmern begonnen. In dem grauen Licht, das sich wie eine tr�ge Fl�ssigkeit �ber das Klinikgel�nde ergo� und alle Konturen aufzuweichen begann, konnte er erkennen, da� der Park von Menschen nur so wimmelte. M�nner in den Kampfanz�gen des SEK, uniformierte Polizisten, aber auch zahlreiche M�nner und Frauen in wei�er Krankenhauskluft oder Schlafanz�gen und Morgenm�nteln. Im ersten Blick begriff er nicht, was er da sah, aber dann sagte er: �Sie evakuieren die Klinik!�</p><p>�Die erste vern�nftige Idee, die deine Kollegen heute hatten�, sagte Angela vom Computer aus. �Ich hoffe, sie schaffen es noch rechtzeitig.�</p><p><emphasis>Bevor was geschieht! </emphasis>dachte Bremer.</p><p>Er sah Angela einen Moment lang nachdenklich an, dann drehte er sich wortlos wieder zum Fenster und blickte hinaus. Soweit er das beurteilen konnte, ging die Evakuierung z�gig vonstatten. Eine Anzahl Krankenwagen und Mannschaftstransporter der Polizei war auf dem Gel�nde aufgefahren und nahm die Patienten auf, die noch immer in rascher Folge aus dem Geb�ude gebracht wurden. Wenn die R�umung auf der anderen Seite ebenso rasch und reibungslos vonstatten ging, hatten sie eine gute Chance, die gesamte Klinik in wenigen Minuten zu leeren. Gottlob waren die wenigsten Patienten hier weder Liegendkranke noch transportunf�hig.</p><p>Bremer hoffte nur, da� das, was er sah, nicht die Vorbereitungen f�r einen Sturmangriff waren. N�rdlinger h�tte so etwas Irrsinniges niemals getan, aber N�rdlinger war tot oder zumindest nachhaltig au�er Gefecht gesetzt, und er hatte keine Ahnung, wer an seiner Stelle die Leitung des Einsatzes �bernommen hatte. Hoffentlich nicht Meiler, oder gar V�rfels. Diesem Idioten war jede Hirnrissigkeit zuzutrauen, wenn er die Chance sah, sich zu profilieren.</p><p>Die f�nf Minuten, von denen Angela gesprochen hatte, waren noch nicht einmal vorbei, als sie aufstand und in triumphierendem Tonfall sagte: �Das war's. Braun, zieh dich warm an. Wir kommen!�</p><p>�Du hast das System �berlistet?� fragte Bremer.</p><p>�Kein Problem�, antwortete Angela gro�spurig. �Programmierer sind Trottel. Sie lassen sich<emphasis> immer </emphasis>eine Hintert�r offen, sogar wenn sie selbst nicht genau wissen warum. Wenn man wei�, wonach man zu suchen hat, ist es meistens nicht besonders schwer, sie zu finden.�</p><p>Bremer bedachte den Computer mit einem zweifelnden Blick. Er hatte ja schon erlebt, wozu Angela an einer Tastatur f�hig war, aber es fiel ihm trotzdem schwer zu glauben da� ein so hochsensibles Projekt wie das Brauns so schlecht gesch�tzt sein sollte.</p><p>Er kam nicht dazu, eine entsprechende Frage zu stellen, denn Angela verlie� das Zimmer bereits wieder und eilte zum Aufzug zur�ck. Als er sie einholte, hatte sie den Knopf bereits gedr�ckt, und die T�ren glitten auf. Angela trat in die Kabine, wartete ungeduldig, bis Bremer ihr gefolgt war, und dr�ckte den Knopf f�r das Kellergescho�. Die T�ren schlossen sich, und die Kabine setzte sich summend in Bewegung.</p><p>Bremers Blick saugte sich an der Leuchtanzeige �ber der T�r fest.</p><p>Der Lift erreichte das Kellergescho�, und die entsprechende Anzeige leuchtete f�r einen kurzen Moment auf und erlosch dann wieder.</p><p>Sie sanken weiter in die Tiefe.</p></section><section><title><p>36</p></title><empty-line/><p>Braun war verletzt. Er hatte keine allzu starken Schmerzen, aber sein rechtes Bein blutete stark; das Biest mu�te seinen Wadenmuskel erwischt haben, denn sein Bein hatte immer gr��ere M�he, das Gewicht seines K�rpers zu tragen. Schwer atmend lie� er sich gegen die Labort�r sinken und schlo� f�r einen Moment die Augen. In seinen Ohren gellten noch immer die Schreie der M�nner, und sein Herz jagte so schnell, da� er fast M�he hatte, zu atmen. Es war nur Einbildung. Die drei Agenten waren l�ngst tot. Die Bestie war wie aus dem Nichts aufgetaucht und mit Klauen und Kieferzangen �ber sie hergefallen, m�rderisch und so unvorstellbar<emphasis> schnell, </emphasis>da� nicht einer von ihnen auch nur Zeit gefunden h�tte, seine Waffe zu ziehen. Und selbst wenn einer von ihnen noch am Leben sein sollte, so h�tte die halbe Tonne Stahl, an der er lehnte, zuverl�ssig jeden Laut verschluckt.</p><p>Braun war hier drinnen in Sicherheit. Der Angriff des D�mons hatte nicht ihm gegolten, sondern ihn wahrscheinlich nur ganz aus Versehen getroffen. Braun nahm mit ziemlicher Sicherheit an, da� er der letzte auf seiner Liste war. Es <emphasis>w�rde </emphasis>ihn umbringen, o ja, ganz gewi�, und der Tod, den es ihm zugedacht hatte, war mit Sicherheit qualvoll und langsam, aber er war erst dann an der Reihe, wenn auch der letzte seiner Agenten tot war; und vermutlich auch Grinner und s�mtliche Forschungsassistenten und Techniker, die an diesem Projekt beteiligt gewesen waren. Braun hatte mittlerweile eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, was die kranke Ausgeburt von Haymars Hirn tat.</p><p>Sie nahm Rache. Der D�mon t�tete gnadenlos jeden, der irgendwie mit dem f�nfj�hrigen Martyrium seines Sch�pfers zu tun hatte. Es waren eine Menge Leute. Die Bestie w�rde im Akkord morden m�ssen, und er, Braun, war zweifellos der letzte auf ihrer Liste.</p><p>Aber so weit w�rde es nicht kommen. Er brauchte zwei Minuten, plus noch einmal zehn, um einen gewissen Sicherheitsabstand zwischen sich und diesen Keller zu bringen.</p><p>Braun bi� die Z�hne zusammen, zwang sein schmerzendes Bein, sich zu bewegen und humpelte auf eines der computerbest�ckten Pulte zu, die dem Labor das Aussehen einer futuristischen Filmkulisse verliehen.</p><p>Als er es fast erreicht hatte, h�rte er ein St�hnen und blieb wieder stehen.</p><p>Aufmerksam sah er sich um. Sein Herz klopfte. Der Laut wiederholte sich nicht, und soweit er das erkennen konnte, war er auch allein im Labor. Seine Nerven spielten ihm einen Streich. Das war ja auch kein Wunder.</p><p>Braun humpelte weiter, erreichte das Pult und st�tzte sich schwer mit beiden H�nden darauf. Sein Puls jagte. Von seinem verletzten Bein tropfte Blut zu Boden, und er brauchte all seine Willenskraft, um �berhaupt die Hand zu heben und den Computer einzuschalten.</p><p>W�hrend er darauf wartete, da� das Programm das Sicherheitsprotokoll durchlief, glitt sein Blick �ber die Glasscheibe im hinteren Teil des B�ros. Grinner hatte das Licht in der Isolierkammer brennen lassen, so da� er den schwarzen Stahlsarkophag darin deutlich erkennen konnte. Schatten schienen sich an der Wand dahinter zu bewegen, wie k�rperlose Wesen aus einer anderen Dimension, die gegen die Mauern der Wirklichkeit anrannten, ohne sie vollends �berwinden zu k�nnen. Er fragte sich, ob Haymar wu�te, was gleich geschehen w�rde. Wahrscheinlich nicht. Nein:<emphasis> Ganz bestimmt nicht. </emphasis>Allein die Tatsache, da� Braun jetzt hier stehen konnte und sich diese Frage stellte, war ein unwiderruflicher Beweis daf�r.</p><p>Der Computer meldete sich mit einem melodischen Laut betriebsbereit, und Braun tippte mit sorgf�ltigen Bewegungen eine achtstellige Ziffer in die Tastatur, best�tigte sie und gab sie dann noch einmal und in umgekehrter Reihenfolge ein.</p><p>Der Bildschirm wurde gr�n. Braun wandte seinen Blick der kleinen Kamera links neben dem Monitor zu, legte die flache Hand auf die Metallscheibe und sagte langsam und sehr deutlich: �Autorisation Braun 7947. Selbstzerst�rungsprogramm aktivieren.�</p><p>Einige Sekunden lang geschah gar nichts. Dieser Computer hier war noch kleinlicher als der elektronische Zerberus, der den Safe in seinem B�ro �berwachte. Er kontrollierte und verglich nicht nur seine Fingerabdr�cke, sondern auch seinen Netzhautscan und sein elektronisches Stimmprofil, und au�erdem die vierstellige Codenummer. H�tte auch nur einer dieser drei Faktoren nicht gestimmt, so h�tte Braun keinen zweiten Versuch gehabt. Der Computer h�tte nicht nur das Programm abgebrochen, sondern auch den Sprengk�rper unter dem Metallsarg auf eine Weise entsch�rft, da� selbst ein Spezialist Stunden brauchen w�rde, um ihn wieder einsatzbereit zu machen.</p><p>Der Computer akzeptierte seinen Code. Der Bildschirm wurde wieder schwarz, und als Braun die Hand zur�ckzog, sagte eine elektronische Frauenstimme: �Das Selbstzerst�rungsprogramm wurde aktiviert. Bitte Zeitverz�gerung eingeben.�</p><p>�Zehn Minuten�, antwortete Braun, dann verbesserte er sich: �F�nfzehn.�</p><p>�Der Countdown startet jetzt�, best�tigte die Stimme �Sie k�nnen ihn jederzeit durch einen Druck auf eine beliebige Taste abbrechen.� Auf dem Bildschirm erschien eine sechsstellige Anzeige, die Minuten, Sekunden und Zehntelsekunden darstellte. Das letzte Zahlenpaar wurde rasend schnell kleiner.</p><p>Braun drehte sich herum, und ein Schemen in einem wei�en Kittel sprang ihn an und ri� ihn von den F��en. Braun fiel, prallte mit der Schl�fe gegen das Metallbein eines Schreibtisches und keuchte vor Schmerz, als sich ein Knie in seinen Leib bohrte. Gleichzeitig trafen zwei, drei harte Schl�ge sein Gesicht mit solcher Kraft, da� er fast Angst hatte, das Bewu�tsein zu verlieren. Trotzdem schlug er instinktiv zur�ck, traf etwas Weiches und f�hlte, wie sich die erstickende Last von ihm l�ste. Ein schmerzhaftes Keuchen erklang, aber es war nicht seine Stimme.</p><p>Hastig w�lzte er sich herum und erkannte zu seiner ma�losen Verbl�ffung, da� niemand anders als Grinner ihn attackiert hatte. Der junge Forschungsassistent richtete sich umst�ndlich neben ihm auf, drehte sich herum und streckte die Hand nach der Tastatur des Computers aus, zweifellos aus keinem anderen Grund, als den, den Countdown zu unterbrechen, und Braun trat ihm vor den Kn�chel.</p><p>Grinner br�llte vor Schmerz und kippte zur Seite. Seine ausgestreckten H�nde verfehlten die Tastatur um Millimeter und schlugen mit solcher Kraft auf die Schreibtischkante, da� er sich vermutlich ein paar Finger brach.</p><p>Noch bevor er ganz zu Boden st�rzen konnte, war Braun �ber ihm, ri� ihn an den Haaren wieder in die H�he und schmetterte ihm die Faust ins Gesicht. Dann packte er seinen linken Arm, wirbelte Grinner herum und lie� ihn mit solcher Wucht wieder los, da� Grinner hilflos durch das Labor stolperte und r�cklings gegen die Glasfront der Isolierkammer prallte.</p><p>Braun zog seine Waffe und scho� ihm zwei Kugeln in die Brust.</p><p>Mindestens eines der Geschosse mu�te Grinners K�rper durchschlagen haben, denn die Glasscheibe hinter ihm zerbarst wie unter einem Hammerschlag. Eingeh�llt in einen Hagel explodierender Scherben brach Grinner zusammen und kippte halb in die Isolierkammer hinein.</p><p>Braun �berzeugte sich mit einem hastigen Blick davon, da� der Countdown noch weiterlief. Die Zahlen rasten unbeeindruckt der Null entgegen. Es war Grinner nicht gelungen, das Programm zu unterbrechen. Die Digitalanzeige verriet Braun sogar, da� der heimt�ckische Angriff nicht einmal eine halbe Minute gedauert hatte.</p><p>Er trat um das Pult herum, humpelte auf Grinner zu und scho� ihm eine weitere Kugel in den Leib.</p><p>�Du verdammter, undankbarer Hurensohn!� br�llte er. �Was hast du dir dabei gedacht?! Ist das der Dank f�r das, was ich f�r dich getan habe?!� W�hrend er auf Grinner zuhumpelte, feuerte er wieder, und wieder, und noch einmal. Schlie�lich hatte er ihn erreicht, beugte sich �ber ihn und setzte die Waffe direkt �ber seinem Nasenbein auf. Er wollte <emphasis>sehen, </emphasis>wie Grinners Geist aus seinem bl�den verr�terischen Hirn spritzte.</p><p>�D�mliches Arschloch!� sagte er und dr�ckte ab. Der Hammer schlug klickend ins Leere, und synchron zu diesem Ger�usch hob Grinner die Lider und starrte ihn an.</p><p>Eine Mischung aus Unglauben und eisigem Entsetzen durchfuhr Braun. F�r eine halbe Sekunde konnte er einfach nicht glauben, was er sah, und f�r die zweite H�lfte derselben Sekunde war er einfach unf�hig vor Schrecken, sich zu r�hren. Dann sp�rte er den Schmerz.</p><p>Ganz langsam senkte Braun den Blick und sah an sich herab. Grinner hatte eine blutige Hand gehoben und eine zwanzig Zentimeter lange, gekr�mmte Glasscherbe ergriffen, die er ihm langsam, aber mit unwiderstehlicher Kraft in den Leib bohrte.</p></section><section><title><p>37</p></title><empty-line/><p>Das erste, was sie sahen, als sie aus dem Aufzug traten, war die Leiche eines von Brauns Agenten. Ein zweiter, regloser K�rper lag nur ein kleines St�ck entfernt. Der Boden und die W�nde waren voller Blut, und der Zustand der beiden Leichen lie� keinen gro�en Zweifel daran aufkommen, wem sie zum Opfer gefallen waren.</p><p>Bremer machte einen schnellen Schritt aus dem Aufzug heraus, gab Angela mit einer Geste zu verstehen, da� sie zur�ckbleiben sollte (Er kam sich selbst dabei l�cherlich vor, aber f�nfzig Jahre alte Reflexe lie�en sich nun einmal nicht so schnell absch�tteln) und sah sich mit klopfendem Herzen um. Wenn ihn seine Erinnerung nicht t�uschte, dann hatte Braun <emphasis>f�nf </emphasis>Agenten bei sich gehabt, als er ihn das letztemal gesehen hatte. Zwei davon hatte der D�mon oben im Flur erledigt, und zwei weitere lagen hier. Wo war der f�nfte Mann?</p><p>Als h�tte sie seine Gedanken gelesen, ber�hrte ihn Angela in diesem Moment an der Schulter und deutete gleichzeitig mit der anderen Hand den Gang hinab. In dem kalten Neonlicht, das hier unten herrschte, konnte Bremer erkennen, da� er nach einem knappen Dutzend Schritten vor einer massiven Stahlt�r endete. Brauns letzter Agent hockte auf den Knien vor dieser T�r und hatte die zu Krallen verkr�mmten H�nde gegen das Metall geschlagen. Sein Kopf fehlte.</p><p>Wortlos gingen sie weiter. Die T�r hatte keinen Griff oder irgendeinen anderen sichtbaren �ffnungsmechanismus, aber es gab eine kleine Zifferntastatur an der Wand daneben. W�hrend Bremer vorsichtig den toten Agenten zur Seite schleifte, machte sich Angela mit geschickten Bewegungen daran zu schaffen.</p><p>Nach ein paar Sekunden sagte sie: �Sesam, �ffne dich!� und die T�r sprang mit einem Summen zwei Fingerbreit auf.</p><p>Bremer hielt den Atem an. Nichts geschah. Braun scho� nicht durch den T�rspalt auf sie, und es lauerte auch kein D�mon in der Dunkelheit. Er atmete h�rbar aus, stemmte sich mit der unverletzten Schulter gegen die T�r und dr�ckte sie mit einiger Anstrengung auf. Hinter ihm zog Angela ihre Waffe, wartete, bis der entstandene Spalt breit genug war, und schl�pfte dann mit einer Drehbewegung hindurch. Bremer selbst wartete noch zwei, drei Sekunden. Als weder Sch�sse fielen, noch sonst etwas geschah, folgte er ihr auf die gleiche Art.</p><p>Angela hatte sich bereits hinter einem massiven Pult in der N�he der T�r verschanzt. Er huschte geduckt zu ihr, kauerte sich hinter die gleiche Deckung und warf ihr einen fragenden Blick zu, aber Angela deutete nur ein Achselzucken an. Sie lauschten, h�rten aber nichts anderes als das leise Summen der Klimaanlage und ihre eigenen Atemz�ge.</p><p>Angela atmete tief ein, wieder aus und dann noch einmal ein und sprang dann mit einem Ruck in die H�he. Die Waffe in ihren weit nach vorne gestreckten H�nden beschrieb einen rasenden Dreiviertelkreis durch den Raum und bewegte sich dann etwas langsamer noch einmal zur�ck. Dann lie� sie mit un�berh�rbarer Erleichterung die Arme sinken und sagte: �Es ist alles in Ordnung. Du kannst aufstehen. Es ist vorbei.�</p><p>Bremer erhob sich langsam und sah sich um. Der Raum, in dem sie sich befanden, �berraschte ihn. Er hatte so etwas wie ein Labor erwartet, vielleicht wirklich die moderne Ausgabe von Frankensteins Turmkammer, aber hier sah es eher aus wie in der Kommandozentrale eines supermodernen Unterseebootes. Die W�nde waren mit Instrumenten und Monitoren in allen nur vorstellbaren Gr��en und Formen gepflastert, und der Raum dazwischen wurde fast vollkommen von einem halben Dutzend gro�er Pulte beansprucht, auf denen sich ebenfalls Instrumente und Computer t�rmten und zwischen denen nur schmale Laufg�nge blieben. Auf der linken Seite schien es einen zweiten Raum zu geben, der im Gegensatz zu diesem nahezu leer war. In seiner Mitte stand etwas Gro�es, Dunkles, das Bremer nicht genau erkennen konnte. Die Kammer war offensichtlich einmal mit einer Glasscheibe abgetrennt gewesen, die jetzt aber zerbrochen und in Milliarden Scherben zersprungen auf dem Boden lag. Braun und ein zweiter Mann in einem blutdurchtr�nkten wei�en Kittel lagen inmitten der Scherben. Bremer konnte nicht sagen, was mit dem anderen Mann war, aber Braun war mit ziemlicher Sicherheit tot. Eine handbreite Glasscherbe ragte aus seinem Bauch. Die Spitze war dicht neben seinem R�ckgrat wieder herausgetreten.</p><p>Angela bewegte sich vorsichtig auf die beiden M�nner zu. Sie schien nicht ganz so �berzeugt von Brauns Tod zu sein, denn sie bewegte sich sehr langsam, und ihre Waffe deutete ununterbrochen auf Braun.</p><p>Bremer sah sich unterdessen erneut in dem vollgestopften Raum um. Etwas wie eine huschende Bewegung zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Er sah genauer hin und identifizierte es als das Flackern einer roten Ziffernkolonne auf einem Bildschirm. Langsam trat er n�her.</p><p>Was er sah, war eine Zeitanzeige. Die beiden ersten Ziffern lauteten 09. Danach folgte eine 17 und als drittes eine Zahlengruppe, die so schnell kleiner wurde, da� er ihr kaum folgen konnte. Noch w�hrend er an den Bildschirm herantrat, wurde aus der 17 eine 16. Eine eisige Hand schien nach seinem Herz zu greifen und es ganz langsam zusammenzudr�cken, als ihm klar wurde, was er da sah. Einen Countdown.</p><p>Und es war nicht besonders schwer zu erraten, was an seinem Ende geschehen w�rde.</p><p>�Angela�, sagte er.</p><p>Angela war mittlerweile zwischen Braun und dem zweiten Mann niedergekniet und untersuchte sie fl�chtig. �Er ist tot�, sagte sie.</p><p>Bremer wu�te nicht, ob sie Braun oder den Mann in dem wei�en Kittel damit meinte, vermutete aber, da� es beiden galt. Angela hatte auf jedem Fall ihre Waffe eingesteckt.</p><p>�Vielleicht solltest du dir ... das hier einmal ansehen�, sagte er stockend.</p><p>Angela sah auf, runzelte die Stirn und kam dann mit schnellen Schritten zu ihm her�ber. Ihre linke Augenbraue rutschte ein St�ck weit ihre Stirn hinauf, als ihr Blick auf den Bildschirm fiel.</p><p>�O�, sagte sie.</p><p>�K�nntest du dich ... darum k�mmern?� fragte Bremer nerv�s.</p><p>�Kein Problem�, antwortete Angela. Aber auch sie klang eine Spur zu nerv�s, als da� Bremer ihr hundertprozentig glaubte. Vor allem nicht, als sie nach einer Sekunde hinzuf�gte: �Aber fa� blo� nichts an, kapiert.�</p><p>Bremer h�tete sich, irgend etwas anzur�hren. Er hob erschrocken die H�nde und machte Angela sehr hastig Platz.</p><p>�Okay�, sagte sie und fuhr sich nerv�s mit dem Handr�cken �bers Kinn. �Geh spielen oder tu sonst was. Ich ... mache das hier schon.�</p><p>Bremer hoffte es. Er hoffte sogar <emphasis>sehr, </emphasis>da� Angela wu�te, was sie tat. Sie hatten jetzt noch acht Minuten und siebenundf�nfzig Sekunden, bevor sie herausfinden w�rden, wozu dieser Computer eigentlich da war.</p><p>�Also, wenn ich diesen Computer programmiert h�tte, dann h�tte ich daf�r gesorgt, da� es <emphasis>Bumm </emphasis>macht, sobald jemand die falsche Taste ber�hrt�, murmelte Angela.</p><p>�Und welches ist die falsche Taste?� fragte Bremer.</p><p>Angela zuckte mit den Schultern und sah stirnrunzelnd auf den Computer herab. �Die Frage ist glaube ich eher, welches ist die <emphasis>richtige.�</emphasis></p><p>Warum hatte er auch fragen m�ssen. Bremer drehte sich mit einer nerv�sen Bewegung wieder herum und entfernte sich ein paar Schritte.</p><p>Fast ohne sein Zutun fiel sein Blick wieder auf den dunklen Umri� hinter dem leeren Fensterrahmen. Er hatte eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, worum es sich dabei handelte, und er wollte im Grunde nichts auf der Welt <emphasis>weniger, </emphasis>als jetzt dort hin�berzugehen und dieses ... Ding aus der N�he zu sehen...</p><p>Aber schlie�lich waren sie aus keinem anderen Grund hier heruntergekommen. Und nicht nur, um es <emphasis>anzusehen.</emphasis></p><p>�Ups!� sagte Angela hinter ihm.</p><p>Bremer fuhr wie von der Tarantel gestochen herum und starrte den Monitor an. �Was ist passiert?�</p><p>�Nichts.� Angela deutete grinsend auf den Schirm. Die Zahlen hatten aufgeh�rt, sich zu bewegen. �Ich habe die richtige Taste gefunden, glaube ich.�</p><p>Bremer stie� h�rbar die Luft zwischen den Z�hnen aus. �Manchmal habe ich M�he, mich an deine Art von Humor zu gew�hnen, wei�t du das?�</p><p>�Das kommt schon noch.� Angela dr�ckte die ENTER-Taste, und der Countdown auf dem Schirm lief weiter; und wie es Bremer vorkam, deutlich <emphasis>schneller. </emphasis>Bevor er auch nur wirklich Zeit fand, zu erschrecken, ber�hrte sie irgendeine andere Taste, und der Countdown hielt wieder an.</p><p>�Ach, so funktioniert das�, sagte sie.</p><p>�Was ... was machst du da eigentlich?� fragte Bremer nerv�s.</p><p>�Ich versuche, dieses Ding zu<emphasis> entsch�rfen�, </emphasis>antwortete Angela. �Es bringt nicht viel, den Countdown nur anzuhalten und darauf zu warten, da� irgendein Dummkopf hereinkommt und auf den falschen Knopf dr�ckt. Ich f�hle mich erst sicher, wenn er ausgeschaltet ist.�</p><p>Das sah Bremer ein. Aber der Anblick der rotleuchtenden Ziffern machte ihn nerv�s. Der Countdown war bei 06:43:12 stehengeblieben. �Also gut. Aber ... versuch es nicht zu oft, ja?�</p><p>�Ich werde mein Bestes tun�, versicherte Angela. �Du bist der erste, der merkt, wenn ich einen Fehler mache.�</p><p>Bremer ging endg�ltig.</p><p>Mit fast schleppenden Schritten n�herte er sich dem Raum hinter der zerborstenen Glasscheibe.</p></section><section><title><p>38</p></title><empty-line/><p>Wie jeder Mensch hatte sich auch Braun schon die Frage gestellt, wie es sein mu�te, zu sterben. Und wie jeder Mensch hatte er versucht, es sich auf die eine oder andere Art vorzustellen, auch wenn er tief in seinem Inneren davon �berzeugt war, da� es schlie�lich doch vollkommen anders sein w�rde.</p><p>Wenigstens in diesem Punkt hatte er recht gehabt. Es<emphasis> war </emphasis>anders.</p><p>Es war durch und durch entsetzlich. Braun war noch zu einem winzigen Teil bei Bewu�tsein. Er hatte unbeschreibliche Angst, und noch unbeschreiblichere Schmerzen. Sein ganzer K�rper schien in Flammen zu stehen, wobei die Wunde, die Grinner ihm zugef�gt hatte, noch fast am wenigsten schmerzte. Er starb, aber er wollte nicht sterben, denn noch mehr Angst als vor dem Vorgang des Sterbens an sich und dem, was danach kommen mochte oder auch nicht, hatte er vor dem Gedanken, versagt zu haben. Es durfte nicht umsonst gewesen sein. Sie waren dem gr��ten aller nur denkbaren Geheimnisse auf der Spur gewesen, und sie hatten es<emphasis> gel�st, </emphasis>verdammt noch mal. Es konnte nicht scheitern. Nicht so kurz vor dem Ziel!</p><p>Seine linke Hand bewegte sich. Die Finger auch nur den Bruchteil eines Zentimeters zu heben, kostete ihn schon unvorstellbare Anstrengung, aber er zwang seine Hand, sich weiter zu bewegen, Millimeter f�r Millimeter, so langsam, da� selbst jemand, der ihn in diesem Moment beobachtet h�tte, die Bewegung nur mit gro�er M�he �berhaupt registriert h�tte. Aber er zwang sie weiter, Zentimeter um Zentimeter, St�ck f�r St�ck, bis sie schlie�lich in seine Tasche kroch und das schmale Kunststoffk�stchen erreichte, in dem die drei Glasphiolen waren. Dreimal Leben. Dreimal Unsterblichkeit.</p><p>Er wollte so gerne ausruhen. Sich ein wenig Pause g�nnen, f�r den letzten, schwersten Teil der Aufgabe. Aber er durfte es nicht. Das Leben wich jetzt immer schneller aus ihm. Wenn er aufh�rte, sich zu bewegen, dann f�r immer. Irgendwie gelang es ihm, das K�stchen zu �ffnen und die drei winzigen Glasr�hrchen herauszusch�tteln. Seine Finger tasteten blind �ber den schwarzen Samt, der darunter lag, krallte sich mit den N�geln hinein und zogen ihn heraus. Darunter befand sich eine schmale Vertiefung, in der eine verchromte Spritze mit einer nur drei Zentimeter langen Nadel lag. In ihrem Inneren befand sich eine vierte Phiole mit dem Azrael-Serum.</p><p>Brauns Gedanken verschleierten sich. Alles wurde wattig, unwirklich, grau. Er konnte sp�ren, wie seine Kraft versiegte. Wie er <emphasis>starb.</emphasis></p><p>Mit einer unvorstellbaren Willensanstrengung zog Braun die Spritze aus dem K�stchen heraus und dr�ckte den Kolben um wenige Millimeter herunter. Ein ganz leises Knacken drang aus seiner Tasche. Seine Handfl�che wurde feucht, als die gl�serne Schutzmembran im Inneren der Phiole zerbrach und zwei oder drei Tropfen der kostbaren Fl�ssigkeit aus der Nadel quollen.</p><p>Noch einmal. Eine allerletzte, verzweifelte Anstrengung, in die er alle Kraft legte, die er noch hatte, die Energie seines unwiderruflich letzten Atemzuges. Braun trieb die Nadel in seinen Handballen und dr�ckte den Kolben herunter, und sein Herz tat noch einen einzigen, schweren Schlag und verstummte dann.</p></section><section><title><p>39</p></title><empty-line/><p>Der Sarkophag war zweieinhalb Meter lang, einen Meter breit und bestand aus einem Material, das wie Chromstahl ausgesehen h�tte, w�re es nicht vollkommen schwarz gewesen. Trotz seiner eigentlich schlanken Form wirkte er �u�erst massiv; man sah ihm irgendwie an, da� es nicht viel gab, was dieses Gebilde ernsthaft besch�digen konnte, und vielleicht <emphasis>nichts, </emphasis>was in der Lage w�re, es wirklich zu zerst�ren.</p><p>Bremer trat mit klopfendem Herzen n�her. Es war ein Sarkophag, das wu�te er. Das Gebilde �hnelte tats�chlich jenen S�rgen, die man in den Gr�bern alt�gyptischer K�nige gefunden hatte, war aber sehr viel schlichter. Das Material, aus dem es bestand, schien das darauf fallende Licht zu schlucken, und als Bremer vorsichtig die Hand ausstreckte und es ber�hrte, sp�rte er, wie k�hl und glatt es sich anf�hlte, nicht wie Metall oder Glas, sondern wie eine geheimnisvolle, temperatur- und reibungsfreie Legierung, die vielleicht von einem anderen Planeten stammen mochte. Im oberen Drittel des Sarkophags war eine f�nf mal f�nf Zentimeter gro�e Taste angebracht, die in einem dunklen, br�unlichen Glanz schimmerte; wenn auch nur so bla�, da� man sehr genau hinsehen mu�te, um sie zu erkennen. Bremer streckte die Hand nach dieser Taste aus, z�gerte dann aber und sah noch einmal zu Angela her�ber. Sie stand mit konzentriertem Gesichtsausdruck vor dem Computer. Ihre Lippen bewegten sich, fast als w�rde sie mit dem Ger�t <emphasis>reden. </emphasis>Es war besser, wenn er sie nicht st�rte. Au�erdem war er nicht einmal sicher, ob er wollte, da� sie herkam. Dies hier war ganz allein seine Sache.</p><p>Wieder streckte er die Hand aus, und wieder z�gerte er. Er glaubte ein Wispern zu h�ren, als unterhielten sich lautlose Stimmen in den Schatten, und als er den Blick hob, da meinte er f�r einen ganz kurzen Moment tats�chlich eine huschende Bewegung zu erkennen, gerade au�erhalb des Bereiches, in dem er wirklich scharf sehen konnte.</p><p>War es die Kreatur, die gekommen war, um ihren Herrn zu besch�tzen?</p><p>Nein. W�re sie es, dann w�re er jetzt schon nicht mehr am Leben. Was immer die Aufgabe des D�mons war, den Haymar erschaffen hatte, sie bestand nicht darin, ihn zu t�ten. Dazu h�tte sie ein dutzendmal Gelegenheit gehabt. Vielleicht war es genau umgekehrt. Vielleicht hatte ihre Aufgabe nur darin bestanden, ihn hier herunter zu bringen, damit er die arme, leidende Seele in dem schwarzen Sarkophag endlich erl�sen konnte.</p><p>Bremer streckte mit einem Ruck den Arm aus und dr�ckte die Taste.</p><p>Ein leises Klicken erscholl. Einige Sekunden herrschte Stille, dann h�rte Bremer ein dunkles, allm�hlich lauter werdendes Summen, und im gerade noch so fugenlos erscheinenden Metall erschien ein haarfeiner Ri�, der das obere Drittel des Sarkophags in zwei symmetrische H�lften teilte, die langsam auseinanderglitten. Zischend entwich eiskalter, nach einem scharfen Desinfektionsmittel riechender Dampf aus dem Beh�lter, und unter der Decke des Raumes begann eine rote Warnleuchte zu blinken.</p><p>Bremer wich einen Schritt zur�ck und sah automatisch wieder zu Angela hoch, konnte sie aber durch die immer dichter werdenden Dampfschwaden nicht erkennen. Zu dem flackernden roten Licht gesellte sich jetzt noch ein mi�t�nendes Hupen. Offensichtlich war in den Computerprogrammen, die den lebenden Leichnam in dem Sarkophag bewachten, nicht vorgesehen, da� jemand die Glaswand der Isolierkammer einschlug und dann den Sarg �ffnete. Bremer wartete, bis der Strom aus eisigem Dampf allm�hlich schw�cher wurde, und trat dann mit klopfendem Herzen an den offenstehenden Sarkophag heran. �ber dem Beh�lter lag noch immer eine Schicht aus faserigem grauem Dunst, so da� er im ersten Moment noch immer nicht genau erkennen konnte, was darin lag.</p><p>Vielleicht war es auch gut so. Vielleicht h�tte er den Anblick sonst nicht ertragen. Und vielleicht ertrug er ihn noch nicht einmal jetzt, obwohl ihn die ganz allm�hlich auseinandertreibenden grauen Schwaden noch einige wertvolle Sekunden lie�en, um sich daran zu gew�hnen.</p><p>Das erbarmungsw�rdige ... <emphasis>Etwas, </emphasis>das einmal ein Mensch gewesen war, lag auf der golden schimmernden Isolierfolie, mit der das gesamte Innere des Sarkophags ausgekleidet war. Sein K�rper war auf die Masse eines Skeletts abgemagert, �ber das sich graue, an zahllosen Stellen aufgerissene Totenhaut spannte. Bremer sch�tzte, da� der Mann zu Lebzeiten an die zwei Meter gro� und au�ergew�hnlich kr�ftig gewesen sein mu�te. Jetzt konnte er kaum noch mehr als f�nfzig Kilo wiegen. <emphasis>Wenn </emphasis>es ein Mann gewesen war. Sein Geschlecht war praktisch nicht mehr zu erkennen, obwohl seine gesamte K�rperbehaarung verschwunden war. Jemand hatte seine linke Hand entfernt. Wo sie gewesen war, m�ndete jetzt ein B�ndel von Schl�uchen, d�nnen Rohrleitungen und verschiedenfarbigen Kabeln in seinen Armstumpf, ein komplettes Ver- und Entsorgungssystem, mit dem sein K�rper �berwacht und gegen seinen Willen dazu gezwungen wurde, am Leben zu bleiben.</p><p>Den schrecklichsten Anblick aber bot sein Gesicht. Seine Lippen waren zu einem f�rchterlichen Totenkopfgrinsen zur�ckgewichen, das noch grauenhafter wirkte, weil er so gut wie keine Z�hne mehr hatte; Bremer konnte bis weit hinter seinen ausgetrockneten, riesigen Kehlkopf sehen. Die Haut, die sich pergamenttrocken �ber den Sch�delknochen spannte, war �ber Wangen, Schl�fen und Nasenbein gerissen, so da� der kranke Knochen zum Vorschein kam. Seine Augen waren entfernt worden. Unter den eingesunkenen Lidern schl�ngelten sich zwei durchsichtige Plastikschl�uche hervor, in denen eine wasserklare Fl�ssigkeit zirkulierte.</p><p>Und das Allerschlimmste war, da� sich die Brust der ausgemergelten Gestalt in einem ganz flachen, langsamen Rhythmus senkte und hob.</p><p>Der Mann <emphasis>lebte! </emphasis>Bremer stand mehrere Minuten lang einfach nur da und starrte in den schwarzen Chromsarg hinab. Er wu�te nicht, was er in diesem endlosen Augenblick empfand: Schmerz, Wut, und eine so gro�e, vollkommene Ersch�tterung, da� Worte nicht mehr ausreichten, um sie zu beschreiben. Er hatte diesen Mann gekannt. Sie waren keine Freunde gewesen, oh nein, ganz gewi� nicht. Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen vor gut f�nf Jahren hatten sie mehrmals versucht, einander umzubringen, und keiner von beiden h�tte auch nur einen Sekundenbruchteil gez�gert, es auch zu tun. Aber kein Mensch, ganz egal, was er getan hatte, <emphasis>kein Mensch </emphasis>hatte ein solches Schicksal verdient. Und es war das gleiche Schicksal, das Braun ihm zugedacht hatte.</p><p>Bremer st�hnte. Seine H�nde �ffneten und schlossen sich ununterbrochen, ohne da� er es auch nur merkte, und die Wunde in seiner Schulter brach wieder auf und begann zu bluten. Einige einzelne rote Tropfen liefen an seinem Arm hinab und fielen auf Haymars Gesicht herab. Es sah aus, als h�tte er blutige Tr�nen geweint.</p><p>Er mu�te diese arme, geschundene Kreatur erl�sen. Bremer hatte nicht den Mut, die H�nde um den Hals des Mannes zu legen und zuzudr�cken, was wahrscheinlich die barmherzigste L�sung gewesen w�re, und er wu�te auch noch viel weniger, wie man die Maschinen abschaltete, die diesen lebenden Leichnam zwangen, zu atmen und Pein zu ertragen, aber er konnte etwas anderes tun.</p><p>Er beugte sich vor, griff nach dem B�ndel von Schl�uchen und Leitungen, das sich aus Haymars Armstumpf ringelte, und begann einen nach dem anderen zu l�sen. Blut und andere, hellere K�rperfl�ssigkeiten tropften auf die goldene Isolierfolie herab, und vielleicht f�gte er Haymar auf diese Weise noch gr��ere Schmerzen zu, aber wenn, dann waren sie nur von kurzer Dauer. Sobald er die Verbindung zwischen Mensch und Maschine getrennt hatte, w�rde der geschundene K�rper endg�ltig aufh�ren zu funktionieren.</p><p>Als er die H�lfte der Kabel- und Schlauchverbindungen gel�st hatte, erschien der Schatten hinter ihm.</p><p>Bremer wu�te, was er sehen w�rde, noch bevor er sich herumdrehte und dem Blick der faustgro�en Insektenaugen begegnete, die aus mehr als zwei Metern H�he auf ihn herabstarrten.</p><p>Er las keine Feindseligkeit darin. Da war kein Ha�. Keine Wut. Kein Versprechen auf Tod. Sie waren niemals darin gewesen.</p><p>W�hrend er dastand und den zwei Meter hohen, gefl�gelten Kolo� anstarrte, begriff er endg�ltig, wie sehr er sich get�uscht hatte.</p><p>Dieses Gesch�pf war niemals sein Feind gewesen. Es hatte niemals seinen Tod gewollt. Ganz im Gegenteil: Es hatte ihn <emphasis>besch�tzt, </emphasis>vom ersten Moment an. Selbst dieser Gedanke erschreckte ihn. Die Vorstellung, einen solchen Verb�ndeten zu haben, war fast mehr, als er ertragen konnte.</p><p>Hinter ihm erklang ein ged�mpftes Seufzen, gefolgt von einem halblauten, sonderbar weichen Aufprall.</p><p>Bremer fuhr herum. Sein erster Blick galt Angela, aber sie war nicht mehr da. Der Platz hinter dem Computer war leer. Dann sah er zu Braun hin.</p><p>Und auch er war nicht mehr da. Eine breite, glitzernde Blutspur f�hrte von der Stelle aus, an der er gelegen hatte, zur�ck ins Labor und verschwand zwischen den Computerpulten, und noch bevor Bremer wirklich begriff, was er da sah, geschahen zwei Dinge praktisch gleichzeitig: Braun richtete sich hinter dem Computerpult auf, hinter dem Angela vor wenigen Minuten gestanden hatte, und der D�mon stie� einen gellenden Schrei aus und st�rzte an Bremer vorbei. Nur den Bruchteil einer Sekunde darauf, prallte er gegen Braun, ri� ihn mit sich und schmetterte ihn mit unvorstellbarer Wucht gegen die T�r.</p><p>Bremer rannte los, flankte mit einem einzigen Schritt �ber die Reste der zerbrochenen Scheibe und den blut�berstr�mten Leichnam dahinter und war mit zwei, drei Schritten hinter dem Pult, hinter dem er Angela das letztemal gesehen hatte. Dabei streifte sein Blick die rote Digitalanzeige auf dem Monitor. Der Countdown war bei 01:07:01 stehengeblieben.</p><p>Er erwartete, Angela tot oder schwer verletzt am Boden zu finden, aber sie war nicht da. Bremer fuhr herum, hetzte auf die andere Seite des Tisches, fand sie aber auch dort nicht. Hinter ihm schrie der D�mon, und auch Braun br�llte. Er h�rte Schl�ge, ein f�rchterliches Rei�en und Splittern, das Ger�usch zerbrechender Knochen und splitternden Chitins, sah sich aber nicht einmal nach den K�mpfenden um. Er g�nnte Braun jede einzelne Sekunde, die er noch lebte.</p><p>Statt dessen flankte er �ber das Pult und suchte verzweifelt nach Angela. Er fand sie nicht, fuhr abermals herum und blickte hinter jedes Pult, jeden Schreibtisch, aber sie war nicht mehr da.</p><p>Hinter ihm erklang ein gellendes, schmerzerf�lltes Kreischen, und als Bremer herumfuhr, bot sich ihm ein ganz und gar unglaubliches Bild: Braun und das Ungeheuer rangen mit verzweifelter Kraft miteinander. Die Bestie hatte Braun eine ganze Anzahl grauenhafter Verletzungen zugef�gt, von denen jede einzelne h�tte t�dlich sein m�ssen, aber der Mann stand seinem h�llischen Gegner in Nichts nach. Auch das Ungeheuer wankte. Einer seiner riesigen Fl�gel war gebrochen und hing nutzlos herab, und sein stahlharter Chitinpanzer war an zahlreichen Stellen unter Brauns Fausthieben gesplittert und geborsten. Die beiden Gegner waren sich nicht wirklich ebenb�rtig: Der Mensch w�rde den Kampf verlieren, das sah Bremer. Aber nur knapp.</p><p>Und das war ganz und gar unm�glich. Bremer taumelte fassungslos zur�ck, prallte gegen ein Instrumentenpult und sp�rte, wie sein Fu� gegen etwas stie�, das klirrend davonrollte. Er senkte den Blick, sah etwas kleines, Schimmerndes und hob es auf.</p><p>Es war eine Spritze. Die Injektionsnadel war nur drei oder vier Zentimeter lang und verbogen, als w�re sie mit gro�er Kraft in etwas hineingesto�en worden, und in der kleinen Glasphiole in ihrem Inneren glitzerten noch einige Tropfen einer hellen Fl�ssigkeit.</p><p>Bremer wurde klar, was Braun getan hatte. Langsam hob er den Blick und sah zu Braun und dem D�mon hin�ber. Braun lag am Boden, der Kampf war so gut wie vorbei, aber auch der gefl�gelte Kolo� taumelte. Braun hatte ihn furchtbar verletzt. H�tte er sterben k�nnen, h�tte auch er den Kampf nicht �berlebt.</p><p>Er sp�rte, wie etwas hinter ihm materialisierte, drehte sich herum, und Angela stand hinter ihm. Braun erkannte sie sofort und ohne den geringsten Zweifel wieder, obwohl das Gesch�pf, dem er gegen�berstand, ihr nicht einmal �hnelte.</p><p>Es war �ber zwei Meter gro�, strahlendwei� und schien unter einem sanften, inneren Licht zu ergl�hen. Seine Z�ge waren die eines Menschen, zugleich aber auch mehr, unendlich viel mehr. Bremer konnte nicht sagen, ob es Mann oder Frau war, Kind oder alt; es wirkte alterslos, nein, mehr: Zeitlos, unbefangenes Kind und uraltes abgekl�rtes Wesen zugleich. Sein langes, wei�es Haar fiel bis weit �ber den R�cken herab, und seine gewaltigen Schwingen standen denen des D�mons um nichts nach, waren aber vom gleichen, von innen heraus leuchtenden Wei� wie sein K�rper.</p><p>�Angela, wie?� fragte Bremer leise. �Ich wu�te, da� es ein Witz war.�</p><p>�Aber ein guter, das mu�t du zugeben�, antwortete er/sie/es. �Immerhin bist du darauf hereingefallen.�</p><p>�Warum ... hast du es mir nicht gesagt?� fragte Bremer.</p><p>�Ich war gespannt darauf, wie lange du brauchst, bis du von selbst darauf kommst�, antwortete der Engel. �Eigentlich warst du ganz gut - f�r einen Menschen.�</p><p>Bremer war ein wenig irritiert. Schlie�lich stand er einem<emphasis> Engel </emphasis>gegen�ber. Er h�tte erwartet, da� ein solches Wesen vollkommen anders war, friedfertiger, durchgeistigter ... und vor allem und auf keinen Fall so kriegerisch. Andererseits - was h�tte er erwarten k�nnen? Schlie�lich hatte er dieses Wesen erschaffen. In einem gewissen Sinne.</p><p>�Kein Wunder, da� ich mich in dich verliebt habe�, murmelte er. �Ich wu�te gar nicht, da� ich so narzi�tisch veranlagt bin.�</p><p>Der Engel legte den Kopf auf die Seite und sah ihn an. Er schwieg, aber in seinen uralten, weisen Augen glomm ein sanftes L�cheln auf.</p><p>Bremer hatte pl�tzlich das intensive Bed�rfnis, ihn zu ber�hren, aber zugleich wagte er es auch nicht. Er wu�te, da� er sterben w�rde, wenn er es t�te. �Haben wir euch erschaffen?� fragte er z�gernd. �Haymar und ich?�</p><p>�Erschaffen?� Der Engel schwieg einen Moment, als m�sse er erst �ber den Sinn dieser Frage nachdenken, bevor er imstande war, sie zu beantworten. Dann sch�ttelte er den Kopf.</p><p>�Nein�, sagte er. �Nur einer ist imstande, Leben zu erschaffen. Ihr seid nur dazu f�hig, es zu zerst�ren. Obwohl ich zugeben mu�, da� ihr gut darin seid.�</p><p>�Aber wie...?�</p><p>�Manche von euch sind in der Lage, uns zu rufen�, unterbrach ihn der Engel, bevor er seine Frage zu Ende formulieren konnte. �Manche kraft der Reinheit ihres Geistes - wenn du diesen hochtrabenden Ausdruck entschuldigst, aber mir f�llt im Moment kein passender ein - manche auf ... anderem Wege.�</p><p>Einige Sekunden vergingen, bis Bremer begriff, was das Gesch�pf gerade gesagt hatte. �Dann ... dann bist du ein <emphasis>wirklicher </emphasis>Engel?� keuchte er.</p><p>�In dem Sinne, in dem ihr das Wort benutzt ... ja�, antwortete die Lichtgestalt. �Aber es ist viel komplizierter, als du denkst. Und zugleich einfacher.�</p><p>�Wer bist du?� fragte Bremer. Er f�hlte sich wie erschlagen.</p><p>�Mein Name ist Azrael�, antwortete der Engel. �Aber das wei�t du doch.�</p><p>�Azrael?� kr�chzte Bremer. Ein noch schwacher, aber durch und durch grauenhafter Verdacht begann in ihm aufzukeimen, aber der Gedanke war so furchterregend, da� er ihn hastig erstickte, bevor er vollends Gestalt annehmen konnte. �Der ... der Todesengel?�</p><p>�Das ist meine Aufgabe�, best�tigte die Lichtgestalt. �Wir sind Gottes Krieger. Das waren wir immer. Nur habt ihr irgendwann beschlossen, das zu vergessen.�</p><p>�Aber ... aber ich dachte...�, stammelte Bremer. Er drehte sich hilflos herum und deutete auf den spinnenk�pfigen D�mon. Der gefl�gelte Todesbringer war neben seinem Opfer auf die Knie gesunken und wimmerte leise. �Ich dachte, da�<emphasis> er </emphasis>es ist!�</p><p>�Auch er ist Azrael�, sagte der Engel. �Ich bin immer das, was ihr in mir sehen wollt.� Er deutete auf den D�mon. �F�r dich bin ich er. F�r einen anderen bin ich das, was du siehst.�</p><p>�Er ist mein Abbild?� Bremer starrte den D�mon an. <emphasis>Seinen h�llischen Schutzengel. �Er?!�</emphasis></p><p>Azrael nickte. Er/sie/es schwieg. Ein Ausdruck sanfter Trauer erschien in den unergr�ndlichen Augen des Wesens.</p><p>Und Bremer stie� einen lautlosen, gedanklichen Schrei aus. Es war zu viel, um es zu ertragen. Zu viel. <emphasis>Zu viel!</emphasis></p><p>�Er war immer dein Gesch�pf�, fuhr Azrael erbarmungslos fort. �Du hast dich entschieden, ihn zu rufen, und er hat getan, was du von ihm verlangt hast. Dein Wille geschehe -<emphasis> Mensch.� </emphasis></p><p><emphasis>�</emphasis>Dann habe ich sie get�tet�, murmelte Bremer. �Rosen. Strelowsky. Halbach. Lachmann.�</p><p>�Und all die anderen�, best�tigte Azrael. Das L�cheln in den Augen des Lichtgesch�pfes war erloschen und hatte einer H�rte Platz gemacht, die ebenso gewaltig und grenzenlos war wie die G�te, die er noch vor Sekunden darin gelesen hatte. �Es ist so, wie Vater Thomas gesagt hat: Das ist es, was geschieht, wenn Menschen die Macht bekommen, alles zu tun, was sie wollen. Und am Ende hast du auch ihn get�tet.�</p><p>�Aber ich wollte das nicht!� wimmerte Bremer. �Ich wollte nicht, da� all diese Menschen sterben!�</p><p>�Doch�, antwortete Azrael. �Tief in dir drinnen wolltest du es. Es war dein Wille. Wir waren nur die Vollstrecker.�</p><p>�Aber ... aber wenn ich dieses<emphasis> Ding </emphasis>erschaffen habe�, st�hnte Bremer; er starrte den D�mon an, und das Wesen erwiderte seinen Blick aus seinen kalten, grundlosen Augen, �wer hat dann dich gerufen?�</p><p>Azrael l�chelte wieder. �F�r den einen ist der Tod ein Werkzeug�, sagte er/sie/es. �F�r den anderen eine lang ersehnte Erl�sung. Ich bin nicht nur eine Waffe, wei�t du?�</p><p>Bremer starrte die Isolierkammer und den jetzt offenstehenden Sarkophag darin an. Er wu�te, da� der Engel die Wahrheit sprach, ganz einfach, weil das Wesen ja gar nicht imstande war, zu l�gen, und doch kamen ihm seine Worte wie der Gipfel der Ironie vor. Er, ein v�llig normaler, allenfalls ein wenig selbstgef�lliger, aber im Grunde seines Herzens trotzdem <emphasis>gerechter </emphasis>Mann, hatte dieses Ungeheuer geschaffen, ein ... <emphasis>Ding, </emphasis>von dessen Klauen noch immer das Blut seines letzten Opfers tropfte, und das zum T�ten und nur zum T�ten und zu nichts anderem gut war, w�hrend diese strahlende Lichtgestalt hinter ihm dem Geist eines Menschen entsprungen war, der endlose Ewigkeiten des Martyriums hinter sich hatte. Der nichts anderes mehr wollte, als endlich zu sterben.</p><p>�Dann ist es endlich, endlich vorbei�, sagte er leise.</p><p>Azrael sch�ttelte den Kopf. �Es ist nie vorbei.�</p><p>Bremer verstand im ersten Moment nicht einmal wirklich, was der Engel meinte. Oder doch. Vielleicht <emphasis>wollte </emphasis>er es nur nicht verstehen. Dann aber blickte er wieder seinen eigenen, teuflischen Cherubim an. Das Gesch�pf richtete sich langsam, zitternd und noch unsicher auf. Seine furchtbaren Wunden waren verheilt, aber seine Kraft war noch nicht zur G�nze zur�ckgekehrt. Der Anblick machte Bremer auf subtile Weise klar, da� auch diese Gesch�pfe sterblich waren, auf eine bestimmte Weise. Ihre Kraft war unvorstellbar, aber endlich.</p><p>Auch Braun - oder in was auch immer er sich zu verwandeln begonnen hatte - begann sich zu erheben. Sein Fleisch begann dort, wo es von den Klauen und Kiefern des D�mons aufgerissen worden war, zu brodeln und zu zerflie�en, wie kunstvoll geformtes Wachs, das zu lange in der Sonne gelegen hatte. Doch nachdem die Wunden sich geschlossen hatten, sah er nicht mehr aus wie vorher. Als er sich wieder aufrichtete, schien er gr��er geworden zu sein, und zugleich muskul�ser, wirkte aber zugleich auch mi�gestaltet und verzerrt, als h�tte jemand alle Teile seines K�rpers genommen und nicht richtig wieder zusammengesetzt und zus�tzlich noch etwas hinzugef�gt. Der Azrael-Wirkstoff tat auch bei ihm seinen Dienst, genau wie bei Bremer und Haymar. Es waren niemals <emphasis>nur </emphasis>Angelas heilende H�nde gewesen, die ihm geholfen hatten, all das zu �berleben, was man seinem K�rper in den letzten vierundzwanzig Stunden angetan hatte, so wenig, wie es niemals <emphasis>nur </emphasis>die Maschinen gewesen waren, die den Mann in dem offenstehenden schwarzen Sarkophag zwangen, weiter am Leben zu bleiben.</p><p>Bremer blickte die Kreatur an, in die Braun sich immer schneller zu verwandeln begann, und fragte sich, ob es �berhaupt noch m�glich war, sie zu vernichten. Haymar hatte ihm ein furchtbares Geschenk hinterlassen. Braun hatte die Unsterblichkeit bekommen, nach der er sich gesehnt hatte, aber um den Preis seiner Menschlichkeit. Er wagte nicht einmal, sich vorzustellen, welche Art von Ungeheuer er rufen w�rde, sollten sich seine F�higkeiten im gleichen Ma�e entwickeln wie die Haymars und seine eigenen.</p><p>�K�nnt ihr ... es besiegen?� fragte er. �Was immer <emphasis>er </emphasis>rufen wird?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete der Engel. Seine gewaltigen Fl�gel raschelten leise. �Es gibt Feinde, die auch wir f�rchten.� Er sah Bremer an. �Und du? Kannst du <emphasis>ihn </emphasis>besiegen?� Er deutete auf den D�mon. Das gefl�gelte Ungeheuer und das, was einmal Braun gewesen war, begannen sich zu umkreisen. Diesmal war der Ausgang des Kampfes vollkommen ungewi�, denn nun waren sich beide Gegner ebenb�rtig.</p><p>�Wenn du mir hilfst�, murmelte er.</p><p>�Das steht nicht in meiner Macht�, antwortete Azrael. Er seufzte. Ein fl�chtiges L�cheln huschte �ber seine unertr�glich edlen Z�ge und gaben ihm f�r einen Moment wieder etwas mehr von einem Menschen. Nicht viel.</p><p>Braun und der gefl�gelte D�mon prallten br�llend aufeinander und tauschten die ersten Hiebe aus.</p><p>�Es ist wohl so, wie ihr Menschen sagt�, seufzte Azrael. �Wenn du willst, da� etwas getan werden soll, dann tu es selbst. Entschuldige mich bitte - ich mu� meinem Kollegen unter die Arme greifen.� Lautlos und mit schlagenden Fl�geln st�rzte sich der Todesengel in die Schlacht.</p><p>Und w�hrend Gottes Krieger und der Diener des H�llenf�rsten Seite an Seite antraten, um gegen einen Feind zu k�mpfen, den menschlicher Gr��enwahn und Ignoranz erschaffen hatten, drehte sich Bremer herum, trat an den Computer und l�chelte traurig, als sein Blick auf die rotleuchtende Digitalanzeige auf dem Bildschirm fiel. Azrael hatte gesagt, da� er ihm nicht helfen k�nnte, aber das stimmte nicht.</p><p>Er hatte es bereits getan. Der Countdown war bei 00:00:01 stehengeblieben. Engel konnten offensichtlich doch l�gen. Bremers Finger senkten sich auf die Taste.</p></section><section><title><p>40</p></title><empty-line/><p>�Wenn wir jetzt nicht starten, dann �bernehme ich keine Garantie mehr!� N�rdlinger hatte M�he, die Worte des jungen Arztes �ber dem Ger�usch der Turbine zu verstehen. Der Hubschrauber vibrierte leicht, und der Pilot in der nach hinten offenen Kanzel drehte den Kopf und nickte, um die Worte des Arztes zu unterstreichen.</p><p>�Das ist unverantwortlich!� fuhr der Arzt fort, br�llend, um den L�rm der Rotoren zu �bert�nen. �Sie spielen nicht nur mit Ihrer Gesundheit, Herr N�rdlinger, sondern auch mit Ihrem Leben!� Er wandte sich an den Piloten. �Starten Sie! Jetzt!�</p><p>�Das verbiete ich!� sagte N�rdlinger. �Es ist<emphasis> meine </emphasis>Gesundheit, oder?�</p><p>�Und Sie sind mein Patient�, antwortete der Arzt. �Ich werde Ihren Protest in meinem Bericht vermerken. Los!� Das letzte Wort galt wieder dem Piloten, der zwar noch einmal eine Sekunde z�gerte, dann aber nach den Kontrollen der Maschine griff. Der Rettungshelikopter hob ab und stieg f�nfzig oder sechzig Meter weit senkrecht in die H�he, ehe er sich auf der Stelle zu drehen begann, wobei er immer noch weiter an H�he gewann.</p><p>N�rdlinger sparte es sich, zu protestieren. Es h�tte keinen Zweck gehabt, und es war auch nicht n�tig. Die Evakuierung war abgeschlossen. Hundert oder mittlerweile auch schon mehr Meter unter ihnen fuhr in diesem Moment der letzte Krankenwagen ab, mit dem die Patienten der St.-Elisabeth-Klink in andere Krankenh�user der Stadt verlegt wurden, und die M�nner des<emphasis> SEK. </emphasis>und ihre freiwilligen Helfer hatten das Geb�ude schon vor f�nf Minuten verlassen. Was getan werden mu�te, war getan.</p><p>N�rdlinger f�hlte es, als es geschah. Zum Entsetzen des Arztes stemmte er sich auf der schmalen Pritsche in die H�he, um einen Blick aus dem Fenster werfen zu k�nnen.</p><p>Die Klinik lag tief unter ihnen, wie ein kunstvoll gestaltetes, bis ins letzte Detail ausgearbeitetes Spielzeuggeb�ude. Pl�tzlich leuchtete es hinter den Fenstern in den untersten Stockwerken grell auf. Das ganze Geb�ude schien sich f�r einen Moment aufzubl�hen, auf das Anderthalbfache seiner Gr��e anzuwachsen und dann wieder zusammenzuschrumpfen. Aus s�mtlichen Fenstern im Geb�ude explodierte das Glas wie feiner, glitzernder Staub, gefolgt von einer Lohe unertr�glicher, wei�er Helligkeit, die f�r den Bruchteil eines Augenblicks anhielt und dann von normalen, brodelnden Flammen abgel�st wurde.</p><p>Der Helikopter bebte, als ihn die Druckwelle traf, aber sie waren bereits hoch genug, um nicht wirklich in Gefahr zu sein. Der Pilot fluchte wie ein Rohrspatz, fing die Maschine aber ohne besondere M�he ab und drehte die Nase gleichzeitig nach Norden.</p><p>Als sie zu beschleunigen begannen, lie� sich N�rdlinger wieder zur�cksinken. Er sp�rte eine gro�e, unendlich tiefe Erleichterung. Er schlo� die Augen, �ffnete sie dann wieder und hob die Arme, um die fachgerecht daran angelegten Verb�nde zu betrachten. In einer halben Stunde oder weniger w�rde er auf einem Operationstisch liegen, und dann w�rde sich erweisen, ob die moderne Chirurgie tats�chlich imstande war, all die Wunder zu vollbringen, die man ihr zusprach.</p><p>N�rdlinger war in diesem Punkt ziemlich optimistisch. Er empfand ein etwas mulmiges Gef�hl dabei, wieder ins Krankenhaus zu m�ssen, auch wenn es eines war, in dem mit Sicherheit niemand ein Tor zur H�lle aufgesto�en hatte, und er war auch ziemlich sicher, da� sich das nicht mehr �ndern w�rde, ganz gleich, wie lange er noch lebte.</p><p>Aber wenn das der ganze Preis war, den er bezahlen mu�te, dann war er nicht sehr hoch.</p><p>Er schlo� die Augen und �ffnete sie dann noch einmal, als er einen ganz sachten Luftzug im Gesicht sp�rte.</p><p>Eine einzelne, wei�e Feder tanzte vor ihm durch die Luft und senkte sich dann langsam auf seine Brust herab.</p><p>N�rdlinger l�chelte. Alles war gut.</p></section></body><binary id="cover" 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