<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><author><first-name>Wolfgang</first-name><last-name>Hohlbein</last-name></author><book-title>Die R�ckkehr der Templerin</book-title><annotation><p>Zwei lange Jahre ist Robin das Gl�ck verg�nnt, mit ihrem geliebten Salim, dem Sohn des Alten vom Berge, in der Abgeschiedenheit der Assassinen-Festung Masyaf in Frieden zusammenzuleben. Doch als sie den Menschen eines Fischerdorfes gegen Pl�nderer zur Seite steht, sp�ren sie Templer unter dem Befehl des grausamen Dariusz auf. Zum Gl�ck hat sie ihr Templergewand �bergestreift, sodass sie Dariusz in der Gestalt des Tempelritters Robin von Tronthoff entgegentreten kann. Diese Rolle erfordert es jedoch von ihr, dass sie gemeinsam mit den Templern in den Kampf gegen Saladin zieht, der K�nig Balduin und der gesamten Christenheit den Kampf angesagt hat.</p><p>Bei den Templern freundet sich Robin mit dem jungen Rother an, anfangs noch ohne zu ahnen, dass Dariusz ihn auf sie angesetzt hat. Rother, trotz Dariusz� Anweisung Robin nicht ganz abgeneigt, st�rzt in einen Gewissenskonflikt, als er zu begreifen glaubt, dass der Tempelritter Robin von Tronthoff ein Verh�ltnis mit dem Assassinen Salim hat. Bevor ihn Robin beruhigen kann, ziehen die Templer und ihre Verb�ndeten unter K�nig Balduins F�hrung gegen Saladins m�chtiges Heer in die Schlacht. Am Rande des Schlachtfelds entdeckt Robin eine dunkle, unter einem Pferd begrabene Gestalt: K�nig Balduin! Sie rettet ihn - und begreift pl�tzlich, dass es Attent�ter aus den eigenen Reihen auf ihn abgesehen haben. Ehe sie sichs versieht, steht sie pl�tzlich im Mittelpunkt einer todbringenden Intrige.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Templerin" number="3"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-17">17 April 2012</date><id>904D1578-76C1-4623-A97A-D89E41F80DEB</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>Wilhelm Heyne Verlag</publisher><city>M�nchen</city><year>2004</year><isbn>ISBN 3-453-87919-8</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><strong>Wolfgang Hohlbein </strong></p><empty-line/><p><strong>Die R�ckkehr der </strong></p><p><strong>Templerin </strong></p><empty-line/><empty-line/><p>scanned 05-2005/V1</p><p>corrected by ch</p><empty-line/><empty-line/><p>Fr�hjahr 1179 im Heiligen Land: Um ihr eigenes Leben zu retten, sieht sich Robin noch einmal gezwungen, das Schwert zu ergreifen und f�r die Sache der Templer zu k�mpfen. W�hrend das Heer der Kreuzfahrer in Aufl�sung begriffen ist, rettet sie Balduin, dem K�nig von Jerusalem, das Leben und wird Zeugin eines heimt�ckischen Mordanschlags.</p><p>ISBN: 3-453-87919-8</p><p>Verlag: Heyne</p><p>Erscheinungsjahr: 2004</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!! </strong></p><empty-line/><empty-line/><p><emphasis><strong>Buch</strong></emphasis></p><p>Zwei lange Jahre ist Robin das Gl�ck verg�nnt, mit ihrem geliebten Salim, dem Sohn des Alten vom Berge, in der Abgeschiedenheit der Assassinen-Festung Masyaf in Frieden zusammenzuleben. Doch als sie den Menschen eines Fischerdorfes gegen Pl�nderer zur Seite steht, sp�ren sie Templer unter dem Befehl des grausamen Dariusz auf. Zum Gl�ck hat sie ihr Templergewand �bergestreift, sodass sie Dariusz in der Gestalt des Tempelritters Robin von Tronthoff entgegentreten kann. Diese Rolle erfordert es jedoch von ihr, dass sie gemeinsam mit den Templern in den Kampf gegen Saladin zieht, der K�nig Balduin und der gesamten Christenheit den Kampf angesagt hat.</p><p>Bei den Templern freundet sich Robin mit dem jungen Rother an, anfangs noch ohne zu ahnen, dass Dariusz ihn auf sie angesetzt hat. Rother, trotz Dariusz� Anweisung Robin nicht ganz abgeneigt, st�rzt in einen Gewissenskonflikt, als er zu begreifen glaubt, dass der Tempelritter Robin von Tronthoff ein Verh�ltnis mit dem Assassinen Salim hat. Bevor ihn Robin beruhigen kann, ziehen die Templer und ihre Verb�ndeten unter K�nig Balduins F�hrung gegen Saladins m�chtiges Heer in die Schlacht. Am Rande des Schlachtfelds entdeckt Robin eine dunkle, unter einem Pferd begrabene Gestalt: K�nig Balduin! Sie rettet ihn - und begreift pl�tzlich, dass es Attent�ter aus den eigenen Reihen auf ihn abgesehen haben. Ehe sie sichs versieht, steht sie pl�tzlich im Mittelpunkt einer todbringenden Intrige.</p><empty-line/><p><emphasis><strong>Autor</strong></emphasis></p><p>WOLFGANG HOHLBEIN, 1953 in Weimar geboren, hat sich mit seinen Romanen aus den verschiedensten Genres - Thriller, Horror, Science-Fiction und historischer Roman - eine gro�e Fangemeinde erobert und ist einer der erfolgreichsten deutschen Autoren �berhaupt. Im Heyne Verlag zuletzt erschienen: Der Ring des Sarazenen (2002). Wolfgang Hohlbein lebt mit seiner Familie in der N�he von D�sseldorf.</p></section><section><title><p>1. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Robins Welt war wieder kleiner geworden. Auch wenn sie im Grunde ungleich gr��er war als das kleine friesische Dorf, in dem sie geboren und aufgewachsen war, ja, selbst gr��er als die Welt, die ihr Salim, Bruder Abb� und all die anderen gezeigt hatten, die w�hrend der zweiten H�lfte ihres Lebens zu ihren Wegbegleitern und Freunden geworden waren, so war sie im Augenblick doch zu einem Kreis von gerade einmal acht Schritten Durchmesser geschrumpft, den man in den Sand gezeichnet hatte. Die Linie, die diesen Kreis markierte, war l�ngst nicht mehr zu sehen, denn der noch vor wenigen Minuten glatte Boden war nun aufgew�hlt von ihren Schritten, fehlgegangenen Schwerthieben und Paraden, und wenn sie nicht acht gab oder Jehova, Allah oder wer auch sonst immer im Moment �ber diesen gottverlassenen Winkel der Erde herrschte, des Spiels �berdr�ssig wurde, dann w�rde sich der Sand m�glicherweise bald rot von ihrem Blut f�rben. H�tte sie sich doch niemals auf diesen Kampf eingelassen!</p><p>Als h�tte er ihre Gedanken gelesen, t�uschte ihr Gegner in diesem Moment einen geraden Schwertstich an, wartete, bis Robin dazu ansetzte, ihn zu parieren, und verwandelte seine Bewegung in einen blitzartigen, halbkreisf�rmig nach oben gef�hrten Hieb. Robin wich im allerletzten Moment aus, aber die Schneide des Sarazenenschwertes schrammte trotzdem, so pr�zise und sicher gef�hrt wie die Klinge eines Feldschers und so kraftvoll geschlagen wie der Hammer eines Schmieds, �ber ihr Kettenhemd, sodass sie den Hieb nicht nur bis in die letzte Faser ihres K�rpers sp�rte, sondern der Stahl tats�chlich <emphasis>Funken </emphasis>aus ihrer R�stung schlug. Und h�tte sie nicht buchst�blich im allerletzten Moment doch noch reagiert und sich nach hinten geworfen, dann h�tte sie m�glicherweise nicht einmal mehr das fein gewobene Kettenhemd gesch�tzt, das sie unter ihrem einfachen dunkelblauen Gewand trug. Robin kannte Waffen wie die, die ihr Gegner f�hrte, zur Gen�ge, und sie ahnte, dass sie selbst ein Kettenhemd durchschlagen konnten, wenn der Hieb nur entschlossen genug gef�hrt wurde.</p><p>Robin zog sich zur�ck, wenn auch nicht so weit, wie es n�tig gewesen w�re, und nicht einmal so weit, wie sie eigentlich wollte. Trotz allem waren ihr die Regeln in diesem Kampf klar. Wenn sie mit dem Fu� auch nur einen Zoll weit aus dem Kreis heraustrat, hatte sie verloren - und Robin hatte noch nie den Gedanken akzeptiert, einen Kampf zu <emphasis>verlieren. </emphasis>Ganz besonders nicht diesen.</p><p>Ohne ihren Gegner, der sie mit der Leichtigkeit einer Gazelle umkreiste, auch nur einen Herzschlag lang aus den Augen zu lassen, versuchte sie aus den Augenwinkeln heraus die Reaktionen der Zuschauer dieses unw�rdigen Kampfes zu erkennen. Sie wirkten angespannt; braun gebrannte Gesichter, vom Wind und vom Salz des Meeres gegerbt, von der H�rte eines Lebens gezeichnet, das Robin nur zu gut nachempfinden konnte, denn das Schicksal dieser M�nner w�re um ein Haar auch das ihre geworden. Sie warteten darauf, dass sie fiel, begriff sie.</p><p>Der Gedanke machte sie nicht nur zornig, er verletzte sie auch. Unter dem guten Dutzend M�nner war nicht einer, dem sie nicht schon einmal geholfen h�tte, dem sie nicht schon einmal ein St�ck Brot oder die eine oder andere kleine M�nze zugesteckt h�tte, mit dessen Kindern sie nicht schon gespielt oder dessen Frau sie nicht beigestanden h�tte, wenn es um die Pflege eines kranken Kindes, das Einfangen einer fortgelaufenen Ziege oder den Verlust eines Familienmitglieds ging. Es war ungef�hr ein Dutzend M�nner, und sie h�tte zu jedem einzelnen eine Geschichte erz�hlen k�nnen, die fast ausnahmslos darauf hinausgelaufen w�re, dass er auf die eine oder andere Art in ihrer Schuld stand. Und doch warteten sie jetzt auf ihre Niederlage.</p><p>Robin konnte es ihnen noch nicht einmal wirklich verdenken. Es hatte nichts mit ihr - Robin - zu tun. Es hatte mit der <emphasis>Frau </emphasis>zu tun, die nicht nur ein Schwert f�hrte, sondern damit auch noch besser umzugehen vermochte als die allermeisten M�nner, die sie je getroffen hatte, und das war etwas, was einfach nicht in die Ordnung ihrer Welt passte.</p><p>Was nichts daran �nderte, dass Robin sich ma�los �ber das �rgerte, was sie in den Gesichtern der Zuschauer sah. Sowie dieser Kampf vor�ber war, w�rde sie sich mit dem einen oder anderen von ihnen eingehend unterhalten, und sie war ziemlich sicher, dass ihm das Gespr�ch nicht gefallen w�rde.</p><p>Vorausgesetzt, sie �berlebte den Irrsinn, auf den sie sich eingelassen hatte - was ihr im Moment gar nicht so sicher schien. Ihr Gegner st�rmte erneut vor und t�uschte zwei, drei blitzartige Hiebe in ihre Richtung an. Keiner davon kam auch nur in Robins N�he, aber sie reagierte jedes Mal mit einer - viel zu hastigen - Bewegung mit ihrem eigenen Schwert, was sie wertvolle Kraft kostete. Es kam ihr so vor, als habe ihr Gegner ihr Schwert verzaubert, denn es schien jedes Mal schwerer geworden zu sein, wenn sie es f�r eine Parade oder einen Angriff hob.</p><p>�Willst du nicht endlich aufgeben?� Der verschleierte Krieger auf der anderen Seite des in den Sand getrampelten Kreises hatte seine Waffe sinken lassen und stand in fast l�ssiger Haltung da. Sein Gesicht war fast zur G�nze hinter einem Tuch verborgen, das je nachdem, wie die Sonne darauf fiel, dunkelblau oder in einem matten Schwarz schimmerte, sodass sie wenig mehr als seine Augen erkennen konnte. Aber das war auch nicht n�tig. Sie h�tte das sp�ttische Funkeln in seinem Blick selbst dann wahrgenommen, wenn sie ihn nicht direkt angesehen h�tte.</p><p>Statt zu antworten, griff Robin an.</p><empty-line/><p>Sie konnte nicht sagen, ob ihr Gegner sein �berhebliches Spiel nur auf die Spitze trieb oder ihn das Ungest�m ihres pl�tzlichen Angriffes tats�chlich �berrascht hatte - so oder so, es gelang Robin, ihn mit drei, vier wuchtigen Schwertschl�gen vor sich her und fast bis zur gegen�berliegenden Grenze des Kreises zu treiben, bis er in seinen gewohnten Rhythmus zur�ckfand. Robin deckte ihn mit einem Hagel von Hieben ein, die er nur mit M�he parieren konnte, doch dann machte er eine pl�tzliche, blitzschnelle Bewegung, die Robin um ein Haar das Schwert aus der Hand geprellt h�tte, und nun war <emphasis>sie </emphasis>es, die haltlos Schritt f�r Schritt vor ihrem in dunkelblaues Tuch gekleideten Gegner zur�ckwich und sich dem Rand des Kreises bedrohlich n�herte.</p><p>Die Schwerthiebe ihres Gegners wurden nun h�rter. Er versuchte nicht mehr, ihre Deckung zu durchbrechen oder sie mit irgendeiner heimt�ckischen Bewegung zu treffen, sondern hatte sich offensichtlich entschlossen, seine �berlegenen K�rperkr�fte zum Einsatz zu bringen und das zu tun, was Robin schon w�hrend ihrer Zeit in der Komturei bei mehr als einem Mann beobachtet und was sie stets aus tiefstem Herzen verachtet hatte: Ihr Gegen�ber k�mpfte pl�tzlich nicht mehr wie ein Ritter, der sein Schwert mit Kunstfertigkeit und Geschick f�hrte, sondern drosch einfach auf sie ein, versuchte ganz gezielt nichts anderes als ihr Schwert zu treffen und mit jedem Hieb, den sie m�hsam abwehrte, ihre Kr�fte weiter zu ersch�pfen.</p><p>Diese barbarische Art des Zweikampfes, der zweifellos die tiefste Verachtung jedes Ritters verdiente, war ungl�ckseligerweise aber auch sehr effektiv, wenn sich das Kr�fteverh�ltnis so ungleich darstellte wie jetzt. Robin war f�r eine Frau erstaunlich stark, aber der andere war einen guten Kopf gr��er als sie und wog mindestens drei�ig oder vierzig Pfund mehr. Und dazu kam, dass Robin allm�hlich begriff, dass ihr Gegner ihre beste Waffe - den unbedingten Willen zu siegen - in diesem Kampf mindestens genauso gut einzusetzen verstand wie sie selbst.</p><p>Robin blieb keine Zeit, hinter sich zu sehen, um sich davon zu �berzeugen, wie nahe sie dem Rand des Kampfplatzes bereits war. Aber es konnten h�chstens noch ein paar Schritte sein; ein letzter, wuchtig gef�hrter Schwerthieb ihres Gegners, dessen furchtbare Kraft sie einfach �ber die in den Sand gezeichnete Linie hinwegstolpern lie� und den Kampf beenden w�rde, und pl�tzlich sp�rte sie, wie die Anspannung der Zuschauer eine neue Qualit�t erlangte. Sie hatte nicht einmal mehr diesen einen Schritt.</p><p>Als das Schwert des Angreifers das n�chste Mal herabsauste, fing sie es zwar mit ihrer eigenen Klinge ab, versuchte aber gar nicht erst, sich der Kraft des Schlages zu widersetzen, sondern lie� sich nach hinten und gleichzeitig zur Seite kippen und nutzte im allerletzten Moment den Schwung ihrer eigenen Bewegung, um sich herumzuwerfen und mit einer komplizierten seitlichen Rolle wieder in den Kreis zur�ckzukehren.</p><p>Die Zuschauer johlten begeistert, und noch w�hrend Robin herumrollte und dabei zugleich wieder auf die F��e zu kommen versuchte, registrierte sie eine schattenhafte Bewegung aus den Augenwinkeln und warf sich instinktiv abermals herum. Das Schwert des Angreifers lie� den Sand aufspritzen wie Wasser, in das jemand einen Stein geworfen hatte, genau dort, wo sie einen Herzschlag zuvor noch gewesen war, was die Zuschauer mit begeistertem Johlen und H�ndeklatschen kommentierten. Robin versuchte verzweifelt, sich abermals herumzuwerfen, doch diesmal geriet die Bewegung zu nichts anderem als einem hilflosen Stolpern, an dessen Ende sie ausgestreckt zu Boden fiel.</p><p>H�tte ihr Gegner in diesem Moment nachgesetzt, der Kampf w�re vor�ber gewesen, denn Robin hatte nicht nur Mund und Nase voller Sand, der sie nahezu blind machte und dar�ber hinaus sein M�glichstes tat, sie zu ersticken, sie hatte auch pl�tzlich das Gef�hl, jedes bisschen Kraft w�re aus ihren Gliedern gewichen. Das Kettenhemd, das sie trug, schien Zentner zu wiegen, und selbst das Schwert in ihrer Hand f�hlte sich pl�tzlich so schwer an, als h�tte es sich auf magische Weise in die Streitaxt eines Nordmannes verwandelt.</p><p>Aber nat�rlich verzichtete ihr Gegen�ber darauf, den Kampf auf <emphasis>diese </emphasis>Weise zu gewinnen. Vermutlich w�re es ihm zu einfach erschienen; ein Sieg, an dem er keine Freude gehabt h�tte.</p><p>Robin hatte, was das anging, weit weniger Skrupel. Sie nutzte ganz im Gegenteil diese offensichtliche Schw�che ihres Gegners aus, um noch zwei oder drei Herzschl�ge l�nger, als n�tig gewesen w�re, reglos liegen zu bleiben und sich unn�tig umst�ndlich (und Zeit schindend) in die H�he zu stemmen und zu ihm umzudrehen. Die Augen �ber dem schwarzblauen Tuch funkelten sie noch immer sp�ttisch an, und f�r einen Moment wusste Robin nicht, wor�ber sie sich mehr �rgern sollte: �ber die �berheblichkeit in den dunklen Augen oder �ber ihre eigene Schw�che, die noch dazu ganz allein ihre Schuld war. In den letzten Monaten hatte sie ihre Waffen�bungen viel zu sehr vernachl�ssigt. Das Schwert lag vielleicht noch immer so leicht und vertraut in ihrer Hand, wie sie es gewohnt war, aber sie hatte schon auf dem Weg hierher gemerkt, wie unangenehm das Gewicht des Kettenhemdes war und dass ihr auch der Ritt deutlich mehr M�he bereitet hatte, als er gedurft h�tte. V�llerei und ein ausschweifendes Leben, dachte sie sp�ttisch. Manche S�nden schien Gott der Herr tats�chlich sehr schnell zu bestrafen.</p><p>Was nichts daran �nderte, dass sie diesen Kampf <emphasis>schnell </emphasis>zu Ende bringen musste, wollte sie auch nur noch die Spur einer Chance haben, ihn zu gewinnen.</p><p>Oder wenigstens zu �berleben.</p><p>Robin taumelte in einer Bewegung �bertrieben gespielter Ersch�pfung zur�ck, hob das Schwert ein wenig an und lie� den Arm dann wieder sinken, als w�re das Gewicht der Waffe pl�tzlich zu viel f�r sie. Sehr weit von dieser T�uschung war sie tats�chlich nicht entfernt, aber doch weit genug, dass ihr Gegner darauf hereinfiel. M�glicherweise war er des Spiels, das sie spielten, auch einfach nur �berdr�ssig. Er st�rmte heran, deckte sie abermals mit einem wahren Hagel von Schl�gen ein, die Robin nur mit immer gr��erer M�he noch parieren konnte, und trieb sie zudem auch noch so vor sich her, dass er pl�tzlich mit dem R�cken zur Sonne stand und sie nicht nur durch den grellen Feuerball geblendet wurde, der pl�tzlich hinter seinem Kopf loderte und den schwarzblauen Turban in einen flirrenden Heiligenschein zu verwandeln schien, sondern sie auch f�r einen winzigen Moment hoffnungslos verbl�ffte.</p><p>Genau einen Moment zu lange.</p><p>Sie sah den Hieb kommen und schaffte es irgendwie noch, ihre eigene Klinge zwischen sich und den niedersausenden Krumms�bel des Angreifers zu bringen, nicht aber, die n�tige Kraft in die Bewegung zu legen. Diesmal schlugen die beiden Schwerter nicht Funken spr�hend aufeinander. Robins Waffe wurde ihr einfach aus der Hand geprellt und flog davon, um irgendwo weit au�erhalb des Kreises in den Sand zu fallen, und sie selbst taumelte mit einem unterdr�ckten Schmerzenslaut zur�ck und fiel auf die Knie. Ihre rechte Hand f�hlte sich an, als h�tte sie ein Ochse getreten, und der Arm war f�r einen Moment vollkommen taub. Pl�tzlich f�hlte sie sich so schwach, dass das Gewicht des Kettenhemdes allein schon auszureichen schien, sie endg�ltig zu Boden zu ziehen. Die Gestalt ihres Gegners ragte wie ein riesenhafter, verzerrter Schatten �ber ihr empor, und das Glitzern in seinen Augen schien ihr mit einem Male nicht mehr sp�ttisch, sondern von einem Ausdruck gnadenloser H�rte und Entschlossenheit erf�llt.</p><p>�Gibst du endlich auf?�, fragte er. �Ich will gerne zugeben, dass du dich gut geschlagen hast, f�r eine Frau. Aber nun ist es genug. Wenn du mich um Gnade bittest, lasse ich dich vielleicht gehen.�</p><p>�Und wenn nicht?�, fragte Robin. Sie erschrak �ber den Klang ihrer eigenen Stimme. Sie zitterte vor Schw�che, und es war etwas darin, was nicht hineingeh�rte.</p><p>�Dann m�sste ich dir vielleicht sehr wehtun�, antwortete der andere.</p><p>�Ja�, antwortete Robin. �Irgendwie habe ich nichts anderes erwartet.� Sie seufzte tief, sank dann, wie von einem pl�tzlichen Schw�cheanfall gepackt, nach vorne und fing ihren Sturz im letzten Moment mit den H�nden ab. Jedenfalls musste der andere es glauben. In Wahrheit grub sie die Finger in den Boden, lie� sich dann blitzschnell zur Seite fallen und schleuderte dem Angreifer eine Hand voll Sand ins Gesicht. Offensichtlich hatte er mit dieser Bewegung gerechnet, denn er schloss blitzartig die Augen und wich ebenso rasch einen halben Schritt zur�ck, aber <emphasis>das </emphasis>wiederum hatte Robin vorausgesehen. Sie fiel nicht wirklich, sondern rollte sich blitzschnell �ber die Schulter und die linke Hand ab, rammte den Fu� in die Kniekehle des Angreifers und stie� ihm gleichzeitig den anderen Fu� gegen den Kn�chel, und das war selbst f�r ihn zu viel. Mit einem eher zornigen als �berraschten Laut warf er die Arme in die Luft und k�mpfte mit wild rudernden Bewegungen um sein Gleichgewicht, aber es war ein Kampf, den er verlor.</p><p>Hilflos st�rzte er nach hinten, und Robin war �ber ihm, bevor er ganz in den Sand gefallen war. In ihrer Hand blitzte pl�tzlich ein winziger, spitzer Dolch, den sie noch in der Bewegung unter dem Gewand hervorgezogen hatte. Die messerscharfe Klinge zerteilte den schwarzblauen Stoff vor dem Gesicht des Angreifers so m�helos, als schnitte sie durch d�nnes Reispapier, glitt an seiner Kehle entlang und fand mit t�dlicher Sicherheit die pochende Ader an der rechten Seite seines Halses. Ein einzelner, sonderbar heller Blutstropfen quoll aus der winzigen Wunde und zog eine d�nne Spur in den staubverklebten Schwei� auf seiner Haut, und die Gestalt erstarrte. Die Augen �ber dem dunklen Schleier weiteten sich, und ein Ausdruck zwischen �berraschung und Zorn erschien darin; aber auch eine ganz schwache Spur von Furcht, die ihr Besitzer m�hsam niederzuringen versuchte, ohne dass es ihm wirklich gelang. F�r die Dauer eines einzelnen, schweren Herzschlags schien die Zeit stehen zu bleiben.</p><p>Dann wechselte Robin, blitzschnell und ohne die Klinge aus t�dlichem Damaszenerstahl auch nur einen Deut zur�ckzuziehen oder gar loszulassen, den Dolch von der rechten in die linke Hand, griff mit dem frei gewordenen Finger zu und riss den Schleier mit einem Ruck zur Seite. Darunter kam ein edel geschnittenes, noch erstaunlich jugendlich wirkendes Gesicht zum Vorschein, dessen Haut die Farbe von dunklem Kupfer hatte. Auf den ersten Blick h�tte man es f�r das Gesicht eines Jungen halten k�nnen, gleichzeitig aber auch f�r das eines K�nigs oder eines Kriegers. Die scharf geschnittene Nase passte nicht zu den ansonsten eher orientalischen Z�gen, wirkte aber nicht st�rend, sondern verlieh ihm im Gegenteil etwas Edles, und die Augen waren gerade eine Spur zu hell, um nicht in diesem sonderbaren, nicht ganz arabisch wirkenden Gesicht aufzufallen.</p><p>�So�, sagte Robin schwer atmend. �Du schl�gst also gerne Frauen?�</p><p>�Warum auch nicht?�, antwortete der andere. �Wenn meine einzige Wahl darin besteht, ansonsten von ihnen geschlagen zu werden?�</p><p>Noch immer, ohne den Dolch zur�ckzuziehen, beugte sich Robin vor und war ihm so nah, dass sich ihre Lippen fast ber�hrt h�tten und es wohl nur dem warnenden Funkeln in seinen Augen zu verdanken war, dass sie sich nicht weiter vorbeugte, um ihn zu k�ssen. Trotz der unausgesprochenen Warnung in seinen Augen, den Bogen nicht endg�ltig zu �berspannen, stie� er sie nicht zur�ck, und gerade als Robin sp�rte, wie sich seine H�nde aus dem Sand l�sten und nach ihr griffen, zog sie den Kopf zur�ck und setzte sich auf; wenn auch nicht sehr weit.</p><p>�Wenn das allerdings der Preis ist, dann sollte ich mich vielleicht �fter von dir besiegen lassen�, sagte Salim atemlos.</p><p>�Besiegen <emphasis>lassen?�, </emphasis>wiederholte Robin. Die Messerspitze ber�hrte immer noch seine Halsschlagader, und die hellrote Spur, die sich �ber seine Haut zog, war sogar ein wenig breiter geworden.</p><p>�Also gut, du <emphasis>hast </emphasis>mich besiegt.� Salim verzog in einem Ausdruck �bertrieben geschauspielerter Zerknirschung das Gesicht, hob vorsichtig die Hand und deutete mit Zeige- und Mittelfinger auf den Dolch. �K�nntest du vielleicht jetzt freundlicherweise ...?�</p><p>�Was?�, fragte Robin mit einem zuckers��en L�cheln.</p><p>�Dein Dolch�, antwortete Salim. Sein L�cheln wirkte mittlerweile ein bisschen gequ�lt. �Nur, falls es dir entgangen sein sollte - ich verblute allm�hlich.�</p><p>�So schnell geht das nicht�, behauptete Robin. �Au�erdem hat man mir gesagt, dass es ein sehr angenehmer Tod sein soll. Ganz schmerzlos - und wenn ich es mir richtig �berlege, dann gef�llst du mir eigentlich genau so, wie du gerade bist.� Sie runzelte �bertrieben die Stirn und tat so, als m�sste sie angestrengt �ber etwas nachdenken. �Da f�llt mir ein: Du hast mir immer noch nicht geantwortet, was die Kleider angeht, die der Tuchh�ndler letzte Woche aus Byzanz gebracht hat.�</p><p>�Das ist nicht mehr witzig, Robin�, sagte Salim. �Die M�nner sehen uns zu.�</p><p>�Und das verletzt dich zutiefst in deiner Ehre, nehme ich an�, sagte Robin. �Von einer Frau besiegt zu werden.�</p><p>�Allah sei Dank, wei� es ja niemand�, antwortete Salim - was eine glatte L�ge war. Jedermann hier wusste, was sich unter dem schlichten schwarzen Gewand eines Assassinenkriegers verbarg, mit dem Salim vermeintlich gek�mpft hatte.</p><p><emphasis>M�nner!, </emphasis>dachte sie ver�chtlich.</p><p>Sehr viel langsamer, als notwendig - oder Salim gar recht - gewesen w�re, zog sie den Dolch zur�ck, stand mit einer flie�enden Bewegung auf und riss sich noch in der gleichen Bewegung Schleier und Turban vom Kopf. In Salims Augen erschien einen winzigen Moment lang ein Ausdruck, der an pures Entsetzen grenzte, als Robins Haar in ungeb�ndigten, goldenen Wellen bis auf ihre Schultern hinabfiel. Sie hielt ihn weiter im Auge und am�sierte sich unverhohlen �ber die Mischung aus Entsetzen und Resignation, die sich allm�hlich auf seinem Gesicht auszubreiten begann und die noch zunahm, als ihre hastige Bewegung ihren Mantel auseinander fallen lie�, sodass f�r einen winzigen Moment das verr�terische Wei� und Rot des vollkommen anderen Gewandes aufblitzte, das sie darunter trug, aber ihr entging auch die Reaktion der anderen M�nner nicht, die dicht au�erhalb des imagin�ren Kreises standen, in dem sie gek�mpft hatten.</p><p>Mehr als einer von ihnen fuhr erschrocken zusammen, sie h�rte ein ged�mpftes Murren und Zischen, und mindestens einer der M�nner drehte sich um und ging mit schnellen Schritten davon. Salim sagte nichts, sondern stemmte sich mit �bertrieben umst�ndlichen Bewegungen in die H�he, ma� sie aber mit einem ebenso besorgten wie strafenden Blick. Robin bedauerte ihre vorschnelle Reaktion schon fast selbst. All diese M�nner hier waren zweifellos ihre Verb�ndeten, ja, vermutlich sogar das, was au�erhalb von Salims Festung dem Begriff <emphasis>Freunde </emphasis>noch am n�chsten kam - aber sie waren auch strenggl�ubige Muslime, und sie waren in einer Welt und mit Regeln aufgewachsen, die Robin trotz allem bis zum heutigen Tage nicht v�llig verst�ndlich waren.</p><p>Zu ihrer �berraschung sagte Salim jedoch nichts dazu, sondern stemmte sich nun endg�ltig in die H�he, klopfte sich mit der linken Hand den W�stensand vom Mantel und griff mit der rechten nach seinem Hals. Als er die Hand wieder zur�ckzog, waren seine Fingerspitzen rot.</p><p>�Das war nicht besonders ritterlich�, sagte er, w�hrend er stirnrunzelnd das Blut auf den Fingerspitzen betrachtete. Er klang ein bisschen verstimmt.</p><p>Robin machte ein zerknirschtes Gesicht. �Du hast Recht, Gebieter. Mein Kampfstil muss wohl ein wenig darunter gelitten haben, dass ich in letzter Zeit zu viel Umgang mit Assassinen hatte.�</p><p>�Offensichtlich nicht genug�, erwiderte Salim mit einem Blick und in einem Ton, von dem Robin gerade <emphasis>nicht </emphasis>sagen konnte, ob der m�hsam zur�ckgehaltene Zorn darin nun gespielt war oder nicht. �Sonst h�ttest du dir vielleicht abgew�hnt, immer noch diese alberne R�stung zu tragen.� Er sch�ttelte heftig den Kopf, als Robin widersprechen wollte. �Die Gazelle kann dem L�wen vielleicht davonlaufen, aber kaum, wenn sie einen Zentner Eisen unter ihrem Fell tr�gt.�</p><p>�Wer sagt, dass ich davonlaufen <emphasis>wolltet�, </emphasis>erkundigte sich Robin. �Au�erdem dachte ich bisher, ihr Assassinen liebt es geradezu, euch zu verkleiden.�</p><p>�Verkleiden trifft es schon ganz gut�, antwortete Salim. �Mir ist immer noch nicht klar, wie ihr Christen jemals auch nur einen Kampf gewinnen konntet, mit einer solchen Masse an Eisen auf dem Leib.�</p><p>Um ein Haar h�tte Robin geantwortet: <emphasis>Weil Gott auf unserer Seite steht, </emphasis>nicht, weil sie das etwa wirklich glaubte, sondern einfach nur, um ihn zu �rgern. Aber sie schluckte die Worte im letzten Moment hinunter. Es war eine Sache, Salim manchmal ganz bewusst zur Wei�glut zu treiben, einfach nur, weil sie es konnte, und eine ganz andere, ihn unn�tigerweise hier und in aller �ffentlichkeit zu br�skieren. Sie bedauerte bereits, ihren Turban abgesetzt zu haben. Salim war nicht nur seit zwei Jahren ihr Mann und der Mensch, den sie auf der ganzen Welt am allermeisten und vorbehaltlos liebte, er war auch - und au�erhalb der Burg <emphasis>vor allem - </emphasis>der Sohn des Alten vom Berge, des Obersten der Assassinen. Obwohl sie sich tief in sich selbst niemals wirklich damit abgefunden hatte, so hatte sie doch irgendwann zumindest akzeptiert, dass er sein Gesicht wahren musste. Manchmal war es schwer, in zwei Kulturen gleichzeitig zu leben - auch wenn sie sich im Grunde gar nicht so sehr unterschieden, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mochte.</p><p>Sie verscheuchte den Gedanken und wollte sich nach Salims Schwert b�cken, das sie ihm mit ihrer letzten, zugegeben tats�chlich nicht besonders ritterlichen Aktion aus der Hand geprellt hatte, aber der Kampf hatte sie doch mehr angestrengt, als sie selbst zugeben wollte. Ihr wurde leicht schwindlig, und sie musste einen raschen, halben Schritt nach vorne machen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Salim blickte weiter abwechselnd sie und das Blut auf seinen Fingerspitzen an, und auf seinem Gesicht war keine Reaktion auf ihre scheinbare Ungeschicklichkeit zu erkennen.</p><p>Dennoch meinte sie eine Spur von Sorge in seinem Blick auszumachen, und das allein war f�r sie Grund genug, die Bewegung nun doch fortzusetzen und den Krumms�bel aufzuheben, um ihn Salim mit dem Griff voran zu reichen. Schweigend nahm er die Waffe entgegen und schob sie in die schmucklose Scheide, die unter den lose fallenden Falten seines blau-schwarzen Gewandes verborgen war. Sein Blick formulierte eine lautlose besorgte Frage, die Robin jedoch ebenso ignorierte wie das meiste von dem, was er zuvor gesagt hatte. In den mittlerweile un�bersehbaren Ausdruck von Sorge in seinen Augen mischte sich ein leiser �rger, doch er schwieg auch jetzt, deutete nur ein Achselzucken an und beschattete die Augen mit der Hand, w�hrend er sich halb umdrehte und zu den sanft ansteigenden, mit kr�nklich wirkendem Gr�n gesprenkelten D�nen hinaufsah, die den Strand s�umten.</p><p>Robin folgte seinem Blick und konnte Salims Reaktion auf die schmachvolle Niederlage, die sie ihm zugef�gt hatte, nun noch ein bisschen besser verstehen. Auch dort oben hatte es Zuschauer gegeben. Drei, vier Reiter auf schwarzen Pferden und in den schlichten, ebenfalls schwarzen Burnussen, wie sie typisch f�r Salims Krieger waren. Sie standen vollkommen reglos da, und obwohl sie in ihrer dunklen Kleidung und auf den gewaltigen, schwarzen Schlachtr�ssern vor dem fast wei�en Hintergrund der W�ste eigentlich so gut wie un�bersehbar h�tten sein m�ssen, fiel es Robin doch sonderbar schwer, sie mit Blicken zu fixieren.</p><p>Auch wenn sie den Anblick mittlerweile zur Gen�ge kannte, l�ste er doch noch immer ein kurzes, eisiges Fr�steln in ihr aus. Diese M�nner waren ihr vertraut. Sie hatte zwar nicht den Namen jedes einzelnen Kriegers parat, kannte sie aber doch zumindest alle vom Sehen, und sie wusste auch, dass jeder einzelne dieser M�nner, ohne zu z�gern, sein Leben geopfert h�tte, um sie zu besch�tzen. Und dennoch hatte sie in all den Monaten, die sie nun hier war, ihre instinktive Furcht vor den ber�chtigten Assassinen nicht vollends �berwinden k�nnen. Das war absurd. Streng genommen war sie eine von ihnen.</p><p>Salim hob die Hand und winkte. Einer der Reiter l�ste sich von seinem Platz und kam die D�ne herabgaloppiert, und die Bewegung lie� ihn endg�ltig zu einem Schemen werden, an dem ihr Blick abzugleiten schien wie die Hand an einem glitschigen Fisch unter Wasser. Erst als er die halbe Entfernung zur�ckgelegt hatte, sah Robin, dass er noch ein zweites, ebenfalls schwarzes Pferd am Z�gel mit sich f�hrte. �rgerlich runzelte sie die Stirn.</p><p>�Was ...?�, begann sie.</p><p>�Ich bleibe nicht lange weg�, fiel ihr Salim ins Wort. �Ich will nur schnell nach dem Rechten sehen.� Er l�chelte beil�ufig, aber es wirkte nicht wirklich echt. �Du wei�t ja, wie sie sind - kaum f�hlen sie sich unbeobachtet, l�sst die Disziplin nach, und sie tun alles, nur nicht das, was man von ihnen erwartet.�</p><p>Robin sagte nichts dazu - schon, weil Salim am besten wissen musste, was f�r einen Unsinn er redete. Wenn sie jemals M�nnern begegnet war, auf die immer und unter allen Umst�nden Verlass gewesen w�re, dann die Krieger aus Salims Leibgarde. Diese dumme Ausrede war ihm zweifellos im gleichen Augenblick eingefallen, in dem er sie aussprach. Das konnte nur eines bedeuten: Salim wollte ganz gewiss nicht nur <emphasis>nach dem Rechten </emphasis>sehen, und was immer er vorhatte, er wollte sie nicht dabeihaben; vielleicht einfach deshalb, um den stolzen Assassinen zu zeigen, dass er seine temperamentvolle Frau weitaus besser im Griff hatte, als es der Ausgang des Schaukampfes hatte vermuten lassen. H�tte sie ihn nicht gerade schon mehr gedem�tigt, als sie gewollt hatte, so h�tte sie ihn mit dieser plumpen L�ge niemals davonkommen lassen, sondern ganz im Gegenteil darauf bestanden, ihn zu begleiten.</p><p>So aber deutete sie nur ein Nicken an und sagte mit finsterem Gesicht: �Dann warte ich im Haus auf dich. Bleib nicht zu lange.�</p><p>Schon diese kleine Bemerkung schien Salims Unmut zu erregen, denn zwischen seinen Augenbrauen entstand eine steile Falte, und einen halben Atemzug sah es so aus, als w�rde er ihr einen strengen Verweis erteilen, dann aber drehte er sich mit einer raschen Bewegung um und ging dem Reiter die letzten Schritte entgegen.</p><p>Robin sah Salim wortlos und mit gemischten Gef�hlen nach. Sie war leicht ver�rgert, aber da sie den Grund f�r sein pl�tzlich so harsches Benehmen kannte, galt dieser �rger zumindest im gleichen Ma�e auch ihr selbst.</p><p>Au�erdem konnte sie nicht anders, als die geschmeidige Leichtigkeit seiner Bewegungen zu bewundern. Auch wenn der spielerische Kampf zwischen ihnen nicht ernst und schon gar nicht wirklich gef�hrlich gewesen war, so musste er doch auch f�r ihn ungemein <emphasis>anstrengend </emphasis>gewesen sein, doch Salim bewegte sich mit der selbstverst�ndlichen Geschmeidigkeit einer Raubkatze, flie�end, l�ssig und mit fast spielerischer Eleganz. Und doch t�dlich.</p><p>Robin machte sich nichts vor. W�re der Kampf gerade wirklich auf Leben und Tod gegangen, so h�tte ihr auch der heimt�ckisch verborgene Dolch nichts mehr genutzt. Sie wusste nicht genau, wie alt Salim war. Sie hatte ihn nie gefragt, und sie war sogar ziemlich sicher, dass er es selbst nicht ganz genau wusste. Er konnte die zwanzig noch nicht allzu lange hinter sich haben, doch sie wusste, dass er mindestens f�nfzehn dieser zwanzig Jahre mit dem Studium verschiedenster Kampfk�nste verbracht hatte. Unter dem lose fallenden Mantel, der ihn weit massiger erscheinen lie�, als er war, und dem m�chtigen Turban mit dem schwarzen Gesichtstuch verbarg sich ein schlanker, auf den ersten Blick fast knabenhaft wirkender K�rper, der jedoch von einem Herzschlag auf den anderen regelrecht explodieren konnte. Robin hatte mehr als einmal erlebt, wie er es mit Gegnern aufgenommen hatte, die doppelt so schwer und mindestens ebenso gut im Umgang mit ihren Waffen waren wie er. Pl�tzlich �berkamen sie doch Zweifel an ihrem Sieg. Hatte Salim sie etwa tats�chlich gewinnen lassen?</p><p>Die Antwort - auch wenn sie ihr nicht gefiel - war ein ganz eindeutiges <emphasis>ja. </emphasis>Was er nicht hatte voraussehen k�nnen, war ihre kleine List mit dem Messer gewesen, doch mit einem Mal war sie nicht mehr stolz darauf, sondern sch�mte sich fast, so heimt�ckisch gewesen zu sein. Er hatte Recht: Es war nicht ritterlich gewesen. Aber auf eine ganz andere Art, als sie bisher geglaubt hatte.</p><p>Salim schwang sich mit einer flie�enden Bewegung in den Sattel, und kaum hatte er es getan, da schien auch er zum Schatten zu werden und verwandelte sich endg�ltig in einen Assassinen. Irgendwann, das nahm sie sich vor, w�rde sie diesem Geheimnis auf den Grund gehen. Aber nicht heute.</p><p>Die beiden Reiter wendeten ihre Tiere und preschten die D�ne hinauf. Auch die M�nner, die oben auf Salim warteten, lie�en ihre Pferde nun antraben, sodass sie fast gleich schnell ritten, als Salim und seine Begleiter bei ihnen ankamen, und im n�chsten Augenblick schien es, als w�ren sie einfach verschwunden. Robin blickte noch einen Moment in die Richtung, in der die hitzeflimmernde Luft �ber der W�ste das halbe Dutzend schwarzer Gespenster aufgesogen hatte, dann drehte sie sich mit einem Ruck um und hob noch in der Bewegung ganz automatisch die Hand, um den Turban wieder aufzusetzen.</p><p>Sie h�tte es auch getan, w�re ihr Blick nicht dem der M�nner begegnet, die noch immer in einem lockeren Dreiviertelkreis dastanden und sie anstarrten, als h�tten sie noch nicht ganz begriffen, dass das Schauspiel vor�ber war. Sie drehten ausnahmslos den Kopf, wenn sich ihre Blicke begegneten, und einige von ihnen hatten es pl�tzlich sehr eilig, sich umzudrehen und zu gehen. Aber Robin h�tte schon blind sein m�ssen, um nicht trotzdem zu begreifen, was in ihnen vorging. Sie hatte keine Bewunderung erwartet, nicht einmal Anerkennung f�r ihre Leistung - so gut sie auch gewesen sein mochte -, aber nun erblickte sie Best�rzung, ja, sogar Entsetzen in einigen Gesichtern, und hier und da m�hsam unterdr�ckten Zorn. Ja, bei mindestens einem Mann war sie sich sogar sicher, dass er sich nur noch mit aller M�he beherrschen konnte, nicht einfach auf sie zuzutreten und sie zu schlagen.</p><p>Die Erkenntnis machte sie w�tend und traurig zugleich. Die meisten dieser M�nner hier waren ihre Freunde. Viele - wenn nicht alle - hatten sie vorhin w�hrend des Kampfes mit johlendem H�ndeklatschen angefeuert, aber pl�tzlich wurde ihr klar, dass sie es in dem sicheren Wissen getan hatten, einem Spiel zuzusehen, allerdings einem g�nzlich anderen Spiel, als Robin geglaubt hatte. F�r diese M�nner hatte festgestanden, dass Salim sie eine Weile gew�hren lassen und mit ihr spielen w�rde wie die Katze mit einer Maus, um sie dann niederzuwerfen. Schlie�lich war er ein Mann - ein Krieger! - und sie nur eine Frau. M�glicherweise h�tte man ihr sogar noch verziehen, ihn besiegt zu haben, denn ihre letzte Attacke war tats�chlich alles andere als fair gewesen und konnte durchaus als weibliche Heimt�cke gewertet werden. Was diese M�nner jedoch nicht verzeihen konnten, das war die Tatsache, dass sie aus etwas, was jedermann <emphasis>wusste, </emphasis>etwas gemacht hatte, was jedermann <emphasis>sah.</emphasis></p><p>Statt also zu tun, was ihr ihre Vernunft riet - n�mlich ihr Haupt wieder zu bedecken und das schwarze Tuch erneut vor ihrem Gesicht zu befestigen -, wickelte sie den Turban ganz auf, indem sie das Tuch wie eine Peitsche knallen lie�, warf es sich mit einer trotzigen Bewegung �ber die Schulter und fuhr sich gleichzeitig mit den gespreizten Fingern der anderen Hand durchs Haar. Ihr war klar, dass sie sich ziemlich dumm benahm. Ob ihr nun gefiel oder nicht, was sie sah, die Welt war nun einmal so, und sie w�rde sie nicht �ndern; schon gar nicht durch solche dummen, trotzigen Aktionen. Salim w�rde ihr Vorhaltungen machen und ziemlich �rgerlich sein, wenn er davon erfuhr (und es bestand kein Zweifel daran, <emphasis>dass </emphasis>er davon erfuhr), und Robin belegte sich selbst in Gedanken mit einigen wenig schmeichelhaften Bezeichnungen, denn sie wusste auch, wie schwer sie es Salim und auch seinem Vater mit einem solchen Benehmen machte.</p><p>Niemand hatte es bisher laut ausgesprochen. Niemand wagte es, sich auch nur irgendwas anmerken zu lassen, aber Robin war klar, dass Salim weder sich selbst noch seinem Vater einen Dienst erwiesen hatte mit der Wahl seiner Gemahlin. Salim war nicht <emphasis>irgendein </emphasis>Krieger, so wenig wie Sheik Raschid Sinan <emphasis>irgendein </emphasis>F�rst war. M�glicherweise h�tte man es ihm verziehen, sich ein h�bsches Christenm�dchen, �ber das er auf eine seiner zahlreichen Reisen gestolpert war, mitzubringen und in seinen Harem aufzunehmen. Robin war ganz gewiss nicht die einzige Christin gewesen, der ein solches Schicksal widerfuhr. Aber Salim hatte sie nicht als Beute mitgebracht, und sein Harem bestand ganz genau aus einer Person: aus ihr selbst. Er hatte sie <emphasis>geheiratet.</emphasis></p><p>Robin verscheuchte auch diesen Gedanken, warf noch einen trotzigen Blick in die Runde, der unerwidert blieb, denn es war niemand mehr da, der sie h�tte ansehen k�nnen, und ging die paar Schritte zum Strand hinunter. Ihr Haus lag in der anderen Richtung. Wenn sie der Wasserlinie folgte, um es zu erreichen, bedeutete das einen gro�en Umweg. Aber das Schwindelgef�hl war immer noch da, wenn auch nicht mehr so schlimm wie zuvor, und ihr war mit einem Mal unter der doppelten Schicht von Kleidung, die sie trug, entsetzlich hei�. Zwar langsamer werdend, aber ohne anzuhalten, sch�ttelte sie die Stiefel von den F��en, hob sie im Vor�bergehen hoch und atmete h�rbar auf, als die erste Welle �ber ihre nackten F��e leckte. Das Wasser war warm, kam ihr in der Gluthitze des Tages aber eiskalt und unglaublich erfrischend vor, und Robin musste sich wirklich beherrschen, um sich nicht den Mantel und auch noch die Kleider, die sie darunter trug, vom Leib zu rei�en und sich in die eisigen Fluten zu st�rzen.</p><p>Einen Moment sp�ter l�chelte sie �ber ihre eigenen Gedanken. Das war vollkommen verr�ckt. Selbst Salim und sein Vater konnten sie nicht mehr besch�tzen, wenn sie etwas so Dummes tat, und ganz davon abgesehen w�rde sie es nicht einmal dann tun, w�re sie ganz allein an diesem Strand. Was war nur mit ihr los? Irgendein Teil von ihr schien regelrecht versessen darauf zu sein, etwas Verr�cktes zu tun.</p><p>Vielleicht wollte sie einfach herausfinden, wie weit sie gehen konnte.</p><p>Obwohl in dem kleinen, aus nur einer Hand voll H�user bestehenden Fischerdorf jetzt keine Menschenseele mehr zu sehen war, sp�rte Robin doch genau, dass sie beobachtet wurde, w�hrend sie der vor- und zur�ckweichenden Flutlinie folgte und sich dem ehemaligen Haus des Dorfvorstehers n�herte, das nun leer stand und f�r die gelegentlichen Besuche von ihr und Salim reserviert war. Ein seltsames Gef�hl �berkam sie. Dieser kleine Ort hatte in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt, und sie hatte all ihren Einfluss in die Waagschale geworfen, all ihre �berredungskunst aufgewandt, um ihn wieder zu dem zu machen, was er vor jenem schicksalhaften Tag gewesen war.</p><p>Und dennoch war sie pl�tzlich nicht mehr sicher, ob es nicht ein Fehler gewesen war, hierher zur�ckzukehren. Auf ihr Dr�ngen hatte Sheik Sinan den �berlebenden Dorfbewohnern die R�ckkehr in ihre Heimat erm�glicht und einige sogar aus der Sklaverei zur�ckgekauft - und dennoch waren die meisten Menschen, die heute hier lebten, Fremde f�r sie. Was sie gerade in den Gesichtern der M�nner gelesen hatte, h�tte sie nicht �berraschen d�rfen. Der ehemalige Bewohner des Hauses, das sie ansteuerte, war ebenso tot wie die H�lfte aller anderen hier, und auch wenn ihr die �berlebenden noch so oft und glaubhaft versicherten, ihr dankbar zu sein und niemals zu vergessen, dass sie ihr, der Fremden, ihr Leben und ihre Freiheit verdankten (was die Wahrheit war), so begann sich Robin doch allm�hlich einzugestehen, dass sie sie niemals wirklich akzeptieren w�rden. Das konnten sie nicht.</p><p>Robin trat ein paar Schritte tiefer ins Meer hinein, bis ihr das Wasser fast zu den Knien reichte, aber die Erleichterung, auf die sie wartete, kam nicht. Ganz im Gegenteil. Die Hitze schien noch unertr�glicher geworden zu sein, und auch das Schwindelgef�hl hatte sich zwar ein wenig gelegt, war aber nicht wirklich verschwunden.</p><p>Da sie pl�tzlich das Gef�hl hatte, unter dem schweren schwarzen Mantel nicht mehr atmen zu k�nnen, zog sie ihn kurz entschlossen aus und warf ihn sich wie eine Decke �ber den linken Arm. Das strahlend wei�e Gewand mit dem roten Tatzenkreuz, das sie darunter trug, musste nicht nur meilenweit zu sehen sein, sondern auf die M�nner, die sie gerade beobachtet hatten, auch ungef�hr die Wirkung einer schallenden Ohrfeige haben, aber das war ihr mittlerweile gleich. Sie hatte an diesem Tag schon so viel falsch gemacht, dass es darauf vermutlich auch nicht mehr ankam.</p><p>Ungl�cklicherweise half es auch nichts. Ihr war noch immer hei�. Um sich wirklich Linderung zu verschaffen, h�tte sie schon den Wappenrock und vor allem das zentnerschwere <emphasis>Kettenhemd, </emphasis>das sie darunter trug, abstreifen m�ssen, was ohne weiteres m�glich gewesen w�re, denn sie trug auch darunter noch ein dickes, baumwollenes Kleid, um sich die Haut nicht an den groben eisernen Maschen des Kettenhemdes wund zu scheuern (und sie wunderte sich, dass ihr hei� war?), aber nach dem, was Salim gerade �ber ihre R�stung gesagt hatte, lie� es ihr Stolz nicht zu.</p><p>Sie ging in die Knie, sch�ttete sich zwei Hand voll des erfrischenden Salzwassers ins Gesicht und machte dann kehrt, um mit pl�tzlich schnellen Schritten auf das einzeln dastehende Geb�ude am Dorfrand zuzugehen. Das gro�e, eingeschossige Haus - das einzige Geb�ude hier mit festen Mauern - war grob mit abbr�ckelndem Lehm verputzt und hatte das typische, von einer brusthohen Mauer umgebene Flachdach, �ber dem sich die ausladenden �ste eines etwas windschiefen Aprikosenbaums erhoben. Sie waren schwer von Fr�chten. Die ersten davon waren bereits goldgelb, und der Anblick lie� Robin das Wasser im Mund zusammenlaufen, obwohl es noch keine zwei Stunden her war, dass sie ausgiebig und fast schon zu gut gefr�hst�ckt hatte. Salim hatte zwar nichts dazu gesagt, aber ihr waren weder seine Blicke noch sein bezeichnendes Stirnrunzeln entgangen. In letzter Zeit entwickelte sie einen gesunden Appetit, und auch, wenn sie es emp�rt von sich gewiesen h�tte, so wusste sie doch, dass sie etliche Pfunde zugenommen hatte.</p><p>Robin fragte sich, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Hunger war ihr nicht fremd. Er geh�rte zu den ersten Erinnerungen ihres noch jungen Lebens, und er war vielleicht in all den Jahren, die seither vergangen waren, ihr treuester Begleiter gewesen. Selbst in der Komturei Bruder Abb�s und sp�ter, als sie mit den Tempelrittern von Friesland aus in Richtung Italien gezogen war - und erst recht auf dem Schiff -, hatte es l�ngst nicht jeden Tag satt zu essen gegeben. Den unbeschreiblichen Luxus, sich keine Gedanken �ber die n�chste Mahlzeit machen zu m�ssen und es als ganz selbstverst�ndlich hinzunehmen, dass sie es am n�chsten Tage ebenso wenig musste wie an dem danach und dem darauf folgenden, hatte sie erst kennen gelernt, seit sie Salims Frau war und in der Burg seines Vaters lebte. Wahrscheinlich, dachte sie, war es ein schlechtes Zeichen.</p><p>Das bequeme Leben in reinem Luxus, das sie an Salims Seite f�hrte, begann unaufhaltsam seinen Preis zu fordern. Das spielerische Kr�ftemessen, zu dem Salim sie vorhin herausgefordert hatte, war das erste seit Wochen gewesen, und ganz offensichtlich hatte sie sich damit schon selbst �berfordert, denn das Schwindelgef�hl verschwand nun tats�chlich, machte daf�r aber einer leisen �belkeit Platz, die in ihren Eingeweiden rumorte und sich langsam auf den Weg nach oben begab.</p><p>Mit purer Willensanstrengung k�mpfte Robin das Gef�hl nieder. Ihr Verstand sagte ihr ganz genau, was mit ihr los war: Sie hatte sich �ber die Ma�en verausgabt, und das ihr eiskalt erscheinende Wasser hatte ein �briges dazu getan, ihren Kreislauf bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit zu fordern. Vern�nftig w�re es, sich jetzt zu schonen, zumindest aber langsamer zu gehen. Aber wann hatte es sie je interessiert, was vern�nftig war? Schon aus purem Trotz beschleunigte sie ihre Schritte noch mehr, warf den Kopf in den Nacken, sodass ihr Haar abermals flog (die Bewegung musste auf jeden heimlichen Beobachter wie eine herausfordernd geschwenkte Fahne wirken, wie sie sich schmerzhaft klar machte), und erreichte, zwar beinahe mit letzter Kraft, dennoch aber stolz aufgerichtet und mit festen Schritten das Haus. Vielleicht hatte sie gestern etwas Falsches gegessen, was ihr jetzt zus�tzlich aufstie�.</p><p>Nach der schier unertr�glichen Gluthitze drau�en kam es Robin hier drinnen nur im allerersten Moment angenehm k�hl vor. Dann schlug das Gef�hl wohltuender Erleichterung urpl�tzlich in K�lte um. Ein eisiger Schauer rann ihr �ber den R�cken. Sie lie� den Mantel fallen, der ihr pl�tzlich so schwer vorkam, als w�re auch er aus Eisen geflochten, und registrierte beil�ufig, dass das Kleidungsst�ck im Grunde nur noch aus Fetzen bestand - Salims Klinge hatte den Stoff an mindestens einem Dutzend Stellen zerschnitten. Als h�tte es des Anblickes bedurft, sp�rte sie pl�tzlich auch jeden einzelnen Hieb, den das Kettenhemd aufgefangen hatte; sp�testens morgen fr�h w�rde sie eine h�bsche Sammlung blauer Flecken und Striemen auf Brust, R�cken und Oberarmen aufweisen. Sie konnte sich jetzt schon vorstellen, dass Salim nicht nur jede dieser Erinnerungen an den heftigen Kampf ausgiebig erkunden, sondern auch zu jeder einzelnen einen sp�ttischen Kommentar abgeben w�rde - aber selbst diese am�sante Vorstellung nutzte nichts. Das Gef�hl von Schw�che wurde im Gegenteil immer schlimmer.</p><p>Jetzt, wo sie allein im Haus und sicher vor neugierigen Augen war, streifte sie auch die �brige Kleidung ab, bis sie nur noch das schwere baumwollene Unterhemd trug. Sie hatte jetzt nicht mehr das Gef�hl, ein totes Pferd mit sich herumzuschleppen, das ihr jemand heimlich auf den R�cken gebunden hatte, daf�r war in ihrem Mund pl�tzlich ein Geschmack, als h�tte sie ihre Z�hne in ein solches geschlagen.</p><p>Allm�hlich wurde Robin w�tend auf sich selbst; auf die Unzul�nglichkeit ihres K�rpers, der sie so schm�hlich im Stich lie�, aber auch auf sich, die Schw�che, die sie in den letzten Monaten zugelassen hatte. Zum wiederholten Male nahm sie sich fest vor, gleich am n�chsten Tag wieder damit zu beginnen, regelm��iger zu trainieren. Auch wenn ihr vollkommen klar war, was Salim dazu sagen musste - von seinem Vater gar nicht zu reden -, so w�rde sie sich einige der zuverl�ssigsten M�nner aus seiner Leibgarde heraussuchen, um mit ihnen regelm��ige Waffen�bungen zu absolvieren.</p><p>Was leider nichts daran �nderte, dass sie sich noch immer hundsmiserabel f�hlte. Und pl�tzlich, obwohl sie noch vor ein paar Augenblicken das Gef�hl gehabt hatte, vor Hitze sterben zu m�ssen, hielt sie es in der K�lte des schattigen Zimmers nicht mehr aus. Mit schnellen Schritten (deren leichtes, aber dennoch un�bersehbares Wanken sie geflissentlich ignorierte) durchquerte sie den Raum und trat wieder in die kochende Nachmittagshitze hinaus, die den kleinen, an allen Seiten ummauerten Innenhof in einen flirrenden Glutofen verwandelte. Als Robin das erste Mal hier gewesen war, hatte sie zusammen mit Saila m�hsam Erde herbeigeschafft und einen kleinen Blumengarten angelegt, der dem tristen Ocker des gemauerten Gevierts ein wenig Farbe und Freundlichkeit verleihen sollte. Mittlerweile waren die Beete in der Sommerhitze verbrannt und die Erde zu braunem Staub verdorrt, den der Wind nur deshalb noch nicht davongetragen hatte, weil ihn die drei Meter hohen Mauern zuverl�ssig abwehrten.</p><p>Wie immer, wenn Robin hierher kam (was in letzter Zeit viel zu selten geschah), erf�llte sie der Anblick mit einer sonderbaren Mischung aus Trauer und Melancholie. Sie hatte auch oben in Raschids Burg einen kleinen Blumengarten angelegt, der pr�chtig gedieh und dem gemauerten Gebirge aus gewaltigen Felsquadern einen Hauch von Wohnlichkeit verlieh, aber sie hatte bisher stets die Augen davor verschlossen, wie viel Anstrengung und M�he es ihren Dienern abverlangte, dieses winzige St�ckchen Erde am Leben zu halten. Hier, in diesem zumeist leer stehenden Geb�ude, hatte sich die Natur unbarmherzig zur�ckerobert, was Saila und sie ihr so m�hsam abgerungen hatten. Das einzige Zeichen von Leben, das es hier gab, war der uralte Aprikosenbaum, dessen knorriges Wurzelwerk sich wie die versteinerten Finger einer bizarren, vor Urzeiten gestorbenen Kreatur aus dem Boden erhob.</p><p>Sie hatte noch keine drei Schritte auf den Hof hinaus gemacht, als die W�rme bereits ihre Wirkung zeigte. Zwar wurde ihr nicht wieder �bel, doch das Schwindelgef�hl kehrte zur�ck, und ihre Schritte wurden noch unsicherer. Mehr wankend als gehend erreichte sie den Baum, lehnte sich mit der Schulter dagegen und schloss mit einem ersch�pften Seufzer die Augen. Hitze und K�lte liefen abwechselnd und in immer schnellerer Folge �ber ihren R�cken, und sie sp�rte, wie ihre H�nde und Knie zu zittern begannen. Wie von weit her, als h�re sie das Ger�usch durch einen Vorhang aus flie�endem Wasser, registrierte sie leichte Schritte, die sich ihr n�herten, f�r einen Moment stockten und dann direkt auf sie zukamen. Mit mehr M�he, als sie sich eingestehen wollte, �ffnete sie die Augen und erblickte Saila, ihre Dienerin, die in den zur�ckliegenden Monaten viel mehr zu ihrer Freundin geworden war, als sie beide zuzugeben bereit waren. Saila kam mit schnellen Schritten und eindeutig besorgtem Gesichtsausdruck auf sie zu. Sie trug ein langes, schlichtes schwarzes Kleid und ein schwarzes Kopftuch, hatte aber hier drinnen im Haus den Schleier abgelegt, sodass Robin den Ausdruck von Schrecken auf ihren so zerbrechlich wirkenden Z�gen genau erkennen konnte.</p><p>�Herrin?�, murmelte Saila, als sie einen Schritt vor ihr stehen blieb. �Ist alles in Ordnung?�</p><p>�Ja�, log Robin - offensichtlich alles andere als �berzeugend, denn Saila sch�ttelte nur den Kopf, zauberte ein feuchtes Tuch unter ihrem Gewand hervor und begann ihr damit fast z�rtlich die Stirn abzutupfen.</p><p>�Es ist heute unertr�glich hei߫, murmelte Robin. �Oder ich habe mir irgendwo ein Fieber geholt.�</p><p>�Sicher�, sagte Saila. Irrte sie sich, oder klang ihre Stimme sp�ttisch? �Was soll es sonst sein?�</p><p>Saila tupfte ihr unger�hrt weiter mit dem nassen Tuch �ber die Stirn. Die Ber�hrung tat ungemein wohl, aber der rasche Wechsel von Hitze und K�lte wurde eher noch schlimmer, statt nachzulassen. �Du bist in der Tat so bleich wie das Gewand, das du so gerne tr�gst.� Saila tastete mit den Fingerspitzen �ber Robins Stirn und Schl�fen, dann �ber ihren Hals und l�chelte.</p><p>�Du treibst deine Scherze mit mir, nicht wahr?�</p><p>Robin f�hlte sich viel zu elend, um zu scherzen. Sie verstand nicht, was Saila an der Situation so komisch fand.</p><p>Als h�tte sie ihre Gedanken gelesen - und Robin war nicht sicher, ob sie das in diesem Moment auf eine geheimnisvolle Art nicht tats�chlich getan hatte -, l�chelte Saila geheimnisvoll. �Du hast tats�chlich keine Ahnung, was dir fehlt?�</p><p>Robin sch�ttelte matt den Kopf. �Vielleicht der Kampf in der Hitze. Die schwere R�stung. Die letzten Wochen haben mich schwach gemacht. Ich muss ... h�ufiger �ben.�</p><p>Saila runzelte die Stirn und schnalzte mit der Zunge. �Du bist ein Weib.�</p><p>�Und was genau soll mir das sagen?�</p><p>Diesmal wirkte Sailas Kopfsch�tteln fast ver�rgert. �Wenn du dir unbedingt in den Kopf gesetzt hast, dich wie ein Mann mit Schwertern zu schlagen, dann ist es vielleicht auch besser, wenn du so unwissend wie ein Mann bleibst.�</p><p>Fast emp�rt drehte sich Saila um und wollte den Innenhof verlassen, stockte aber dann wieder im Schritt, als Nemeth hereinkam. Viel st�rker noch als sie hatte sich das M�dchen ver�ndert. Sie trug jetzt eine weite, rote Hose und dar�ber ein dunkelblaues Kleid, das sie wie eine kleine Erwachsene h�tte aussehen lassen, w�ren ihre Haare nicht zu einem Dutzend lustiger Z�pfe geflochten. Robin hatte fast einen halben Tag damit zugebracht, und die andere H�lfte des Tages hatte Saila gebraucht, um sich auf- und wieder abzuregen und es ihrer Herrin zu verzeihen, ihre Tochter derart verunstaltet zu haben.</p><p>�Sie hat Salim besiegt!�, jubelte das M�dchen. Ihr Gesicht gl�hte vor Aufregung. �Du h�ttest Robin sehen sollen! Sie k�mpft wie ein Dschinn!�</p><p>�Ja, das ist offensichtlich die Aufgabe, die Allah uns Frauen zugedacht hat�, antwortete Saila sp�ttisch. Der Blick, den sie Robin dabei zuwarf, wirkte allerdings fast w�tend.</p><p>�Aber Robin hat doch nur ...�</p><p>�Genug!�, unterbrach sie Saila in pl�tzlich gar nicht mehr sp�ttischem, sondern ganz im Gegenteil so scharfem Ton, als k�nnte sie sich gerade noch zusammenrei�en, um ihre Tochter nicht anzuschreien. Sie griff nach Nemeths Z�pfen und tat so, als wolle sie sie daran ins Haus zur�ckschleifen. �Ich glaube, es ist an der Zeit, dir zu zeigen, was das Tagwerk einer Frau sein sollte, damit unsere Herrin dich nicht auf noch mehr dumme Gedanken bringt. Ich m�chte nicht, dass du so endest wie sie.�</p><p>Nemeth wirkte erschrocken und zugleich durch und durch verst�rt, und Sailas letzte Worte hatten Robin verletzt. Dennoch warf sie dem M�dchen ein verschw�rerisches Augenzwinkern zu, bevor es zusammen mit seiner Mutter im Haus verschwand. F�r eine Frau, die in dieser Welt mit ihren komplizierten und gerade f�r Frauen manchmal entw�rdigend erscheinenden Regeln und Verhaltensweisen aufgewachsen war, benahm sich Saila manchmal �berraschend aufgeschlossen und fortschrittlich, aber sie konnte auch nicht aus ihrer Haut.</p><p>Und Robin war nicht sicher, ob sie ihr einen Gefallen damit t�te, sie dazu zu zwingen. Auch wenn sie sich im Moment kein anderes Leben vorstellen konnte, so war ihr doch klar, dass sie m�glicherweise nicht in dieser Gegend bleiben w�rde; Saila und ihre Tochter aber sehr wohl. Die vermeintliche Freiheit des Denkens, die sie dem M�dchen in den letzten Monaten beizubringen versucht hatte, mochte sich durchaus als Fluch erweisen, statt als Geschenk, wenn sie irgendwann einmal nicht mehr hier war, um sie zu besch�tzen.</p><p>Robin f�hlte sich mittlerweile besser. Das verh�ltnism��ig k�hle Wasser - vor allem aber das Gespr�ch mit Saila und der Anblick ihrer Tochter - hatten ihr gut getan. Daf�r breitete sich eine sonderbare Melancholie in ihr aus. Entspannt an den Baum gelehnt blieb sie stehen und beobachtete nachdenklich das Spiel von Licht und Schatten in der tausendfingrigen Baumkrone. Der Anblick erschien ihr wie die Versinnbildlichung des Wort Gottes, die Welt sei ein Spiel von Licht und Schatten, die best�ndig ineinander flie�en und oft genug in einem Lidschlag ihre Pl�tze tauschen.</p><p>Sie fragte sich, welchen Platz <emphasis>sie </emphasis>in dieser Welt wohl hatte. War sie Licht oder Schatten, oder hatte Saila vielleicht Recht, und sie hatte sich gegen Gottes Willen vergangen, indem sie nicht nur k�mpfte, sondern die meiste Zeit auch <emphasis>lebte </emphasis>wie ein Mann? Vielleicht war es ihr auf Sheik Sinans Burg einfach zu gut gegangen. Sie war so gl�cklich wie niemals zuvor in ihrem Leben gewesen, und verliebt. So verliebt, dass sie selbst das f�r die Christenheit so wichtige Osterfest vergessen hatte, wie sie sich mit einem leisen Gef�hl von schlechtem Gewissen eingestehen musste. Es war Salim, der Heide, gewesen, der sie an die Bedeutung dieses Tages hatte erinnern m�ssen.</p><p>Nein, sie war niemals eine <emphasis>fanatische </emphasis>Christin gewesen, und jetzt war sie vielleicht auch keine <emphasis>gute </emphasis>Christin mehr. Vielleicht gar keine, tief in sich drinnen. M�glicherweise war das sogar der Grund, aus dem sie darauf bestanden hatte, hierher ins Dorf zur�ckzukehren, wo das Leben um so vieles einfacher war. Fast so einfach wie in ihrem Dorf in Friesland, das eine halbe Welt und ein ganzes Leben entfernt lag.</p><p>M�de drehte sie den Kopf und sah in die Richtung, in der Nemeth und ihre Mutter verschwunden waren. Die k�hlen Schatten im Inneren des Hauses hatten die beiden l�ngst aufgesogen, sodass sie sie nicht mehr sehen konnte, aber sie erblickte etwas Wei�es, das drinnen auf dem Boden lag und ihr sp�ttisch zuzuwinken schien. Den wei�en Ordensrock der Tempelritter mit dem roten Tatzenkreuz.</p><p>Vielleicht, dachte sie, und ein neuerlicher, eisiger Schauer, der nichts mit ihrer Schw�che oder der Hitze des Tages zu tun hatte, lief ihr �ber den R�cken, trug sie ihn ja nur noch, weil sie darin wenigstens noch wie eine Christin aussah.</p></section><section><title><p>2. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Robin erwachte vom Duft frisch gebackenen Fladenbrotes. Noch bevor sich ihre Gedanken vollends kl�rten und sie die letzten Fesseln des Schlafes abstreifte, der ihre Erinnerungen festzuhalten versuchte wie klebriger Altweibersommer, der sich auf das Gesicht eines Spazierg�ngers niedergelassen hat und sich beharrlich weigert, sich wegwischen zu lassen, lief ihr das Wasser im Munde zusammen, und sie h�rte, wie ihr Magen leise knurrte. Das Gef�hl war mit einem leichten Erschrecken verbunden, das ihr im ersten Moment grundlos erschien, doch dann lauschte sie in sich hinein und stellte mit einem deutlich st�rkeren Gef�hl von Erleichterung fest, dass sowohl die Schw�che als auch die latente �belkeit, mit der sie eingeschlafen war, nicht mehr da waren.</p><p>Behutsam setzte sie sich auf, blinzelte aus noch immer leicht schlaftrunkenen Augen in das Halbdunkel des kleinen Zimmers, das sie umgab, und nahm erneut und dieses Mal mit sp�rbarem Hunger den Duft frisch gebackener Brote wahr. Gleich drei davon lagen auf einem h�lzernen Teller, den Saila hereingebracht haben musste, w�hrend sie schlief. Daneben stand ein einfacher Tonkrug und ein ebenso schmuckloser Becher.</p><p>Robins Lippen verzogen sich zu einem fl�chtigen, aber sehr warmen L�cheln, w�hrend sie aufstand und zu dem kleinen Tisch neben der T�r ging, um sich Wasser einzugie�en und einen gro�en Schluck davon zu trinken. Ihrem Ansehen und Stand w�ren Kr�ge und Trinkgef��e aus Gold oder anderen, edlen Metallen angemessen gewesen, und wenn sie sich mit Salim oder seinem Vater zu einem offiziellen Anlass zusammenfand, pflegte sie solcherlei auch zu benutzen, aber Saila kannte sie mittlerweile gut genug, um zu wissen, wie zuwider Robin derartige Standessymbole waren.</p><p>Sosehr sie das Leben in Luxus und Sicherheit auch genoss, das sie an Salims Seite auf der Burg seines Vaters f�hrte, hatten sie die Jahre bei den Tempelrittern und noch viel mehr ihre Jugend in der Armut eines einfachen Fischerdorfes Demut und die Vorz�ge eines einfachen Lebens gelehrt. Es war nichts dagegen zu sagen, Wasser aus einem goldenen, mit Edelsteinen verzierten Becher zu trinken; aber es schmeckte nicht besser als aus einem einfachen irdenen Krug, und sie war zu vielen begegnet, die irgendwann darauf bestanden hatten, von goldenen Tellern zu essen und aus silbernen Bechern zu trinken, und die zu sp�t begriffen hatten, welche Gefahr in einem solchen Leben lauerte. Manche hatten es erst gesp�rt, als einfacher, geschmiedeter Stahl in ihr Fleisch schnitt.</p><p>Robin verjagte den Gedanken. Einen Teil von ihr haderte offensichtlich immer noch mit dem Schicksal und vor allem mit ihrer eigenen, vermeintlichen Schw�che. Sie brach ein St�ck des kleinen Brotes ab, kaute genie�erisch darauf herum und sp�lte es mit einem Schluck des eiskalten, ganz leicht nach Anis schmeckenden Wassers herunter, als ihr etwas auffiel.</p><p>Etwas stimmte nicht.</p><p>Robin lie� den Becher sinken, sah sich - von einer pl�tzlichen Unruhe ergriffen - aufmerksam im Halbdunkel des Zimmers um und lauschte.</p><p>Sie h�rte nichts.</p><p>Aber gerade das war es, was nicht stimmte.</p><p>Es war nicht der Duft der Fladenbrote gewesen, begriff sie, der sie geweckt hatte. Es war zu still. Nichts r�hrte sich. Keine Stimme war zu h�ren, nicht der mindeste Laut, abgesehen vom monotonen Rauschen der Brandung, die durch das einzige, schmale Fenster hereindrang, und dem Wispern des Windes in den d�rren �sten des Aprikosenbaums im Innenhof.</p><p>Fast behutsam, als w�re etwas in ihr pl�tzlich �ber die Ma�en darauf bedacht, ja kein verr�terisches Ger�usch zu verursachen, stellte sie den Becher auf den Tisch zur�ck, ging zum Fenster und blickte hinaus. Das grelle Sonnenlicht des Nachmittags stach ihr im allerersten Moment schmerzhaft in die Augen, sodass sie blinzeln musste und sich mit dem Handr�cken die Tr�nen fortwischte, aber auch nachdem sie sich an den unbarmherzigen Schein gew�hnt hatte, sah sie nichts Auff�lliges. Zumindest auf dem schmalen Abschnitt des Strandes, den sie von hier aus �berblicken konnte, regte sich nichts. Robin blieb fast eine Minute so stehen, blickte auf das Meer hinaus, das von der allm�hlich tiefer sinkenden Sonne in einen riesigen, azurblau und kupfern schimmernden Spiegel verwandelt wurde, und lauschte angestrengt.</p><p>Nichts. Und genau das war es.</p><p>Es war tats�chlich <emphasis>zu </emphasis>still.</p><p>Robin lie� noch einen weiteren, allerletzten Moment verstreichen, dann aber drehte sie sich rasch um, verlie� das Zimmer und eilte leichtf��ig die Treppe hinunter. Sie wartete darauf, dass Saila ihr entgegenkam oder dass sie Nemeths glockenhelles Lachen aus einem anderen Teil des Geb�udes h�rte, vielleicht auch die Stimme ihrer Mutter, die sie wieder einmal wegen irgendeiner Kleinigkeit schalt; aber die Stille hielt an und bekam etwas Bedrohliches.</p><p>Auch der gro�e Raum unten war leer. Saila hatte ihre Kleider ordentlich zusammengefaltet auf die Bank neben der T�r gelegt. Rasch schl�pfte Robin in ihr Kettenhemd - es kam ihr jetzt noch schwerer vor als vorhin, so als h�tte sich das Kleidungsst�ck gleich ihrem Ordensrock und dem schwarzen Mantel mit Wasser voll gesogen -, wollte ganz automatisch auch das wei�e Templergewand �berziehen und zog die Hand dann, einem Gef�hl folgend, wieder zur�ck. Stattdessen band sie sich den Schwertgurt um und zog nur den schwarzen, zerfetzten Mantel dar�ber, den Saila, so gut es ging, vom gr�bsten Schmutz befreit hatte. Flickzeug, um die Risse zu flicken, hatte sie nicht mitgebracht. Als Letztes raffte sie ihre Haare zu einem Knoten zusammen und band, so gut es ging, den schwarzen Turban um ihren Kopf.</p><p>Sie eilte zur T�r, machte dann noch einmal kehrt und verschenkte eine weitere Minute, die sie brauchte, um in die Stiefel zu schl�pfen. Bevor sie das Haus endg�ltig verlie�, �berzeugte sie sich davon, dass unter dem Mantel weder von ihrem Schwertgurt noch von dem Kettenhemd etwas zu sehen war. Die Risse bereiteten ihr ein wenig Sorge. Aber auch das musste sie riskieren. Alt und matt, wie das Kettenhemd war, mochte es zumindest beim fl�chtigen Hinsehen nicht auffallen.</p><p>W�hrend sie das Haus verlie�, wunderte sie sich ein wenig �ber sich selbst. Ihre Umsicht war nur zu verst�ndlich, h�tte sie sich auf einen Kampf vorbereitet. Was aber nicht der Fall war. Sie lebten in gef�hrlichen Zeiten und in einem noch gef�hrlicheren Landstrich, doch dieses kleine Dorf stellte - ebenso wie eine Hand voll anderer D�rfer und Ansiedlungen im Umkreis eines halben Tagesrittes - eine Ausnahme dar. Niemand, der nicht entweder vollkommen verr�ckt oder lebensm�de war, w�rde es wagen, die Hand gegen einen seiner Bewohner zu erheben. Mochten die Assassinen unter Sheik Sinans F�hrung auch �berall in der Welt gef�rchtet und ber�chtigt sein, hier war die unmittelbare N�he ihrer Burg der sicherste Garant f�r das Wohlbefinden und die Freiheit ihrer Bewohner. Der Letzte, der es gewagt hatte, gegen dieses ungeschriebene Gesetz zu versto�en, war Omar gewesen, der Sklavenh�ndler, der letzten Endes auch Robin gefangen und verschleppt hatte zusammen mit den Bewohnern genau dieses Dorfes; und er hatte einen so furchtbaren Preis daf�r bezahlt, dass es seither nicht einmal mehr die gef�rchteten t�rkischen Piraten gewagt hatten, sich der K�ste auch nur auf Sichtweite zu n�hern.</p><p>Nein, es musste eine andere Erkl�rung geben, dachte Robin, w�hrend sie mit schnellen Schritten die schmale Gasse zwischen den �rmlichen H�tten zum Dorfplatz hinabeilte.</p><p>Es gab sie nicht.</p><p>Obwohl Robin instinktiv so gehandelt hatte, als h�tte sie gewusst, was sie zu sehen bekommen w�rde, verbl�ffte sie der Anblick doch so sehr, dass sie mitten im Schritt verhielt und fast ungl�ubig die Augen aufriss.</p><p>Auf dem kleinen Dorfplatz schienen s�mtliche Bewohner zusammengekommen zu sein. Aber allem Anschein nach nicht freiwillig, und sie waren auch nicht allein. Inmitten des lockeren Kreises, den das knappe Hundert M�nner, Frauen und Kinder bildete und der sie pl�tzlich auf unbehagliche Weise an den improvisierten Kampfplatz weiter unten am Strand erinnerte, auf dem Salim und sie vorhin so spielerisch ihre Kr�fte gemessen hatten, hatte ein Trupp Bewaffneter Halt gemacht. Robin z�hlte sie hastig und kam auf elf; abgerissene Gestalten, die drei elende, halb verhungerte Klepper als Lasttiere mit sich f�hrten. Sowohl die Pferde als auch ihre Herren wirkten heruntergekommen und verwahrlost; unter den viel zu schwer beladenen Satteltaschen der Pferde stachen deutlich die Rippen durch die Haut, und in die Gesichter der M�nner hatten Hunger, Entbehrungen und �berstandene Strapazen ihre Spuren gegraben. Sie waren in wenig mehr als Lumpen gekleidet, und etliche von ihnen trugen Kleidungsst�cke, die ihnen zu gro� oder auch zu klein und ganz offensichtlich nicht f�r sie angefertigt worden waren.</p><p>Doch so abgerissen und verdreckt die Kleider und Waffenr�cke der M�nner auch sein mochten - ihre <emphasis>Waffen </emphasis>und R�stungsteile waren gut gepflegt. Hinter Robins Stirn begann sofort eine Alarmglocke zu l�uten. Sie hatte M�nner wie diese oft genug gesehen, um zu wissen, womit sie es zu tun hatte. S�ldner, wahrscheinlicher aber die Pl�nderer, von denen Salim vorhin gesprochen hatte.</p><p>Sie �berwand endlich ihre Verbl�ffung und ging weiter. Ihre Hand wollte fast ohne ihr Zutun unter den Mantel und zum Griff des Schwertes gleiten, doch dann brach sie die Bewegung im letzten Moment ab und versuchte stattdessen, m�glichst unauff�llig wenigstens den schlimmsten Riss in dem schwarzen Stoff zuzuhalten. Irgendeinem unbedarften Reisenden, dem sie begegnete, mochte das Kettenhemd vielleicht nicht auffallen, das sie unter dem schlichten, schwarzen Mantel trug. Diesen M�nnern aber w�rde es nicht entgehen, sobald sie ihr mehr als nur einen fl�chtigen Blick zuwarfen.</p><p>Robin n�herte sich dem Dorfplatz und der versammelten Menge langsam, aber auch ganz bewusst nicht so langsam, dass es aufgefallen w�re. Irgendetwas Ungutes ging hier vor, und niemand w�re in dieser Situation gem�chlich herangeschlendert, als h�tte er gerade nichts Besseres zu tun. Einen Moment lang �berlegte sie sogar, umzukehren und sich erst einmal aus sicherer Entfernung einen �berblick zu verschaffen, aber es war zu sp�t. Einer der Fremden hob gerade in diesem Moment den Kopf und blickte genau in ihre Richtung; nicht lange genug, als dass sie dieser Blick beunruhigt h�tte, aber eindeutig zu lange, als dass sie nicht aufgefallen w�re, h�tte sie pl�tzlich wieder kehrtgemacht. Sie beschleunigte ihre Schritte um eine Winzigkeit, h�tete sich aber, zu schnell zu werden.</p><p>Als Robin n�her kam, drehte sich einer der Dorfbewohner um, vielleicht durch den Blick des Fremden aufmerksam geworden, und ein eisiger Schrecken durchfuhr sie, als sie sah, wie er dazu ansetzte, etwas zu sagen; und ein noch gr��erer Schrecken, als sie den un�bersehbaren Ausdruck von Erleichterung in seinen Augen gewahrte. Hastig signalisierte sie ihm mit Blicken, still zu sein, senkte ein wenig das Haupt und dr�ngte sich zwischen den dicht an dicht stehenden M�nnern und Frauen hindurch, so unauff�llig sie konnte.</p><p>Gerade als sie den Platz erreichte, stie� einer der M�nner einen Speer in den Boden und zog dann mit der Spitze seines Schwertes einen Strich in den Sand. �Wenn der Schatten des Speeres die Linie erreicht�, sagte er, �dann habt ihr hundert Silberst�cke aufgetrieben und die anderen Waren, die wir euch genannt haben.�</p><p>�Niemand hier hat so viel Geld, Herr�, sagte eine Stimme. Sie klang leicht hysterisch.</p><p>Der Mann sah mit einem Ruck auf und suchte mit finsterem Gesicht nach dem Sprecher, konnte ihn aber offensichtlich nicht entdecken, und dessen Mut reichte auch nicht aus, die Worte zu wiederholen. Robin wusste, dass er die Wahrheit gesagt hatte. Nicht einmal das ganze Dorf zusammen w�re in der Lage gewesen, auch nur einen Bruchteil dieser Summe aufzubringen.</p><p>�Dann werden sich meine M�nner wohl jedes Haus vornehmen m�ssen�, sagte der Pl�nderer, �und glaubt mir - sie werden bestimmt nicht nur in Kisten und T�pfen nach Sch�tzen suchen, sondern auch unter den R�cken eurer Frauen oder T�chter.�</p><p>Robin musste sich beherrschen, um nicht vorzutreten und etwas zu tun oder zu sagen, was sie bestimmt bereuen w�rde. Sie blieb weiter mit leicht gesenktem Kopf stehen, eine in unauff�lliges Blauschwarz gekleidete Gestalt zwischen zahlreichen anderen, die ihnen auf den ersten Blick zum Verwechseln �hnelte, und versuchte sich unter halb geschlossenen Lidern hervor unauff�llig einen genaueren Eindruck von den M�nnern zu verschaffen. Sie war jetzt sicher, dass ihr allererster Gedanke richtig gewesen war und sie somit auch richtig gehandelt hatte. Diese M�nner mochten heruntergekommen und halb verhungert sein, doch allein die Art, wie sie die Dorfbewohner musterten und viel mehr noch die vollkommene Abwesenheit von Furcht oder auch nur �bertriebener Vorsicht machten ihr klar, dass diese M�nner nicht nur mit ihren Waffen umzugehen wussten, sondern sich ihrer St�rke auch bewusst waren. Und dass sie sie r�cksichtslos einsetzen w�rden, wenn es sein musste.</p><p>Vielleicht auch, wenn es <emphasis>nicht </emphasis>sein musste.</p><p>Robins Gedanken begannen sich zu �berschlagen. Sie traute sich ohne weiteres zu, es mit einem oder auch zwei dieser abgerissenen Gestalten aufzunehmen, aber ganz gewiss nicht mit nahezu einem Dutzend. Was sollte sie tun?</p><p>So bitter Robin der Gedanke in diesem Moment auch selbst erschien, sie wusste, dass es im Grunde nur eine einzige M�glichkeit gab: Sie musste versuchen, m�glichst unauff�llig von hier zu verschwinden und das Dorf zu verlassen, um nach Salim und seinen Begleitern zu suchen. Salim und das halbe Dutzend Assassinen, das er anf�hrte, w�rden es mit Leichtigkeit mit diesem Haufen Verlorener aufnehmen. Allein hatte sie keine Chance.</p><p>Sie zerbrach sich den Kopf dar�ber, wie sie ebenso unauff�llig das freie St�ck zwischen dem Marktplatz und den ersten H�usern �berwinden konnte, doch es war bereits zu sp�t. Pl�tzlich dr�ngte sich der Mann, der sie gerade schon erkannt hatte, unmittelbar neben ihr hindurch, verschr�nkte herausfordernd die Arme vor der Brust und funkelte den Anf�hrer der Pl�nderer an. �Ihr solltet euch lieber davonmachen, solange ihr es noch k�nnt�, sagte er.</p><p>Nicht nur durch die Reihen der M�nner und Frauen ging ein ebenso erschrockenes wie ungl�ubiges Murmeln und Raunen, auch der Anf�hrer der Pl�nderer riss verbl�fft die Augen auf und starrte den Sprecher an, als k�nne er nicht glauben, was er da gerade geh�rt hatte. �Was hast du gesagt?�, fragte er.</p><p>�Ihr k�nnt uns nicht einsch�chtern�, beharrte der Mann. Robin verdrehte innerlich die Augen. Sie h�tte ihm den Hals umdrehen k�nnen. Wenn sie diesen Moment �berlebte (was ihr mit jedem Herzschlag, der verging, weniger wahrscheinlich erschien), w�rde sie sich eingehend mit diesem dummen Schw�tzer unterhalten.</p><p>�Wir sind keine wehrlosen Fischer und Bauern�, fuhr der Bursche fort. �Verschwindet von hier, oder ihr werdet es bereuen.�</p><p>Obwohl Robin wusste, wie sinnlos es war, versuchte sie noch einmal, m�glichst unauff�llig einen Schritt zur�ckzuweichen, aber der Mann schien nicht der einzige Dummkopf unter den Dorfbewohnern zu sein. Vielleicht machte es ihnen auch nur die Angst unm�glich, k�hl abzuw�gen. Zwei oder drei weitere M�nner, die sie erkannt hatten, wandten ihre Blicke in ihre Richtung, und der Anf�hrer der Banditen h�tte schon blind und dumm auf einmal sein m�ssen, um nicht zu begreifen, was diese Blicke bedeuteten.</p><p>�Ach, so ist das�, murmelte er. Er schob das Schwert, mit dem er die Linie in den Sand gezeichnet hatte, mit einer demonstrativ beil�ufigen Bewegung in die zerschrammte Lederscheide zur�ck, die an seinem G�rtel hing, starrte einen Moment den Sand vor seinen Stiefelspitzen an und sah ihr dann ganz langsam und mit einem Ausdruck ins Gesicht, der Robins Unbehagen augenblicklich in blanke Furcht umschlagen lie�, was sich wohl auch ganz deutlich auf ihrem Gesicht abzeichnete.</p><p>�Ich verstehe�, sagte er. �Dieses Dorf hat einen Besch�tzer. Nun - warum trittst du nicht vor und wirst deiner Rolle gerecht, mein Freund?�</p><p>Einen einzigen, aber qu�lend langen Atemzug lang war Robin der Panik nahe. Ganz ernsthaft erwog sie den Gedanken, einfach herumzufahren und davonzurennen, so schnell sie nur konnte, verwarf ihn aber auch fast augenblicklich wieder. Selbst wenn es ihr gelungen w�re, den M�nnern zu entkommen - was sie bezweifelte -, so w�rden die Dorfbewohner daf�r bezahlen m�ssen. Und abgesehen von einem einzigen g�nnte sie das keinem.</p><p>Vielleicht war es ja auch ihre eigene Schuld; wenigstens zum Teil. Schlie�lich hatte sie in den letzten Monaten keine Gelegenheit verstreichen lassen, allen hier zu demonstrieren, dass sie mit dem Schwert ebenso gut umzugehen verstand wie jeder Mann.</p><p>Entschlossen trat sie zwei Schritte vor, hob den Kopf und musterte den Anf�hrer der Pl�nderer k�hl. Es war ein hoch gewachsener, sehr schlanker junger Mann, bei dessen Anblick Robins Unbehagen noch weiter stieg. Er war nicht ann�hernd in so guter Verfassung, wie etwa Salim es war, doch allein seine Bewegungen machten Robin klar, wie gef�hrlich es w�re, ihn zu untersch�tzen. Sein Gesicht wurde von schwarzen Bartstoppeln beherrscht, und als er sie herausfordernd angrinste, entdeckte sie hinter seinen Lippen nichts als br�unlich verfaulte Zahnstummel. Er stank nach Schwei�, s�uerlichem Wein und Zwiebeln. In seinen Augen war keine Spur von Furcht zu erkennen, aber sehr wohl mehr als nur eine <emphasis>Spur </emphasis>von Vorsicht. Ohne Robin l�nger als einen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen, suchte sein Blick gleichzeitig die H�user in ihrem R�cken ab, als erwarte er dort das verr�terische Blitzen blank gezogener Waffen.</p><p>Robin beschloss, alles auf eine Karte zu setzen - welche andere Wahl hatte sie auch schon? Rasch, aber ohne Hast ging sie auf den R�uber zu, trat so wuchtig vor den Speer, dass er umfiel und mehrere Schritte weit davonschlitterte, und zwang das ver�chtlichste L�cheln auf ihre Lippen, das sie zustande brachte. �Du hast Recht�, sagte sie. �Dieses Dorf <emphasis>hat </emphasis>einen Besch�tzer.�</p><p>Auf dem Gesicht ihres Gegen�bers machte sich ein Ausdruck ehrlicher Verbl�ffung breit. �Du ... du bist ja noch ein halbes Kind�, murmelte er. Dann verd�sterte sich sein Blick. �Ich wei� nicht, was dieses Spiel soll, mein Junge. Aber ich habe heute meinen gro�m�tigen Tag. Wenn du sofort verschwindest und dich hinter den Rocksch�rzen deiner Mutter versteckst, dann lasse ich dich am Leben. Wenigstens�, f�gte er nach einer winzigen Pause hinzu, �genauso lange wie die anderen.�</p><p>Robin zuckte mit den Schultern, �ffnete ihren Mantel, sodass man das Kettenhemd darunter erkennen konnte, und zog in der gleichen Bewegung ihr Schwert. Die Augen des Pl�nderers wurden ein winziges bisschen gr��er, aber Robin vermochte nicht einmal genau zu sagen, ob sein Erstaunen nun der Tatsache galt, dass sie bewaffnet und ganz offensichtlich auch willens war, sich ihm zu stellen, oder dem Anblick der Waffe selbst. So, wie sie allen Einw�nden und Argumenten Salims zum Trotz ihr Templergewand behalten hatte, trug sie auch nicht den in diesem Teil der Welt allgemein verbreiteten Krumms�bel, sondern eine Waffe, die der nachempfunden war, wie sie in ihrer Heimat auf der anderen Seite des Meeres �blich war. Auch wenn die Klinge so schwer aussah wie das wuchtige Bastardschwert, das sie von Bruder Abb� erhalten hatte, so war es doch ungleich leichter und vor allem auch sch�rfer.</p><p>�Auch ich habe heute meinen gro�m�tigen Tag�, antwortete sie. �Mir ist nicht nach Blutvergie�en. Deshalb will ich euch Gelegenheit geben, euren unversch�mten Auftritt zu entschuldigen und zum Zeichen eures guten Willens eines eurer Maultiere zur�ckzulassen - o ja, und alles Gold und Silber, das ihr bei euch tragt, versteht sich.�</p><p>Robin w�nschte sich, sie h�tte das wei�-rote Templergewand doch �bergestreift, bevor sie das Haus verlie�. M�glicherweise h�tte allein der Anblick des gef�rchteten Tatzenkreuzes der Tempelritter die M�nner eingesch�chtert. Ihre herausfordernden Worte und die Waffe in ihrer rechten Hand allein w�rden es bestimmt nicht tun.</p><p>Ihr Gegen�ber antwortete fast zu ihrer �berraschung nicht auf diese Provokation, sondern leckte sich unruhig die Lippen. Sein Blick huschte immer noch nerv�s �ber die H�user rings um den Platz. Er argw�hnte ganz offensichtlich eine Falle. Robin h�tte in diesem Moment ihre rechte Hand daf�r gegeben, w�re es so gewesen. Aber die einzige Falle, die es hier gab, war die, in die sie sich selbst hineinman�vriert hatte.</p><p>Sie sah aus dem Augenwinkel, wie sich einer der Pl�nderer ein wenig umdrehte. Ihr Mut sank, als sie die gespannte Armbrust erblickte, mit der er wie beil�ufig auf sie zielte. Salim hatte ihr gezeigt, wie man selbst auf k�rzere Entfernung noch einem heranfliegenden Pfeil ausweichen oder ihn zur Not beiseite schlagen konnte; bei dem viel schnelleren Armbrustgeschoss war das nicht m�glich, und gegen die heimt�ckischen, mit furchtbarer Wucht abgeschossenen Bolzen w�rde ihr auch das Kettenhemd nichts mehr nutzen.</p><p>Als h�tte er ihre Gedanken gelesen, wurde das h�ssliche Grinsen des Anf�hrers der Pl�nderer noch breiter. �Aber dein Vorschlag gef�llt mir, Junge. Dein Kettenhemd und die prachtvolle Waffe, die du da tr�gst, sollten uns als Tribut f�r dieses Dorf gen�gen. Mehr hat dieses arme Pack wahrscheinlich ohnehin nicht zu bieten.� Sein L�cheln erlosch wie abgeschaltet und machte einer nur umso gr��eren H�rte Platz, die in seinen Augen erschien. �Der Bastard ist allein. Erschie� ihn, Marco.�</p><p>Vielleicht war es einzig dieser letzte Befehl, der Robin letztendlich das Leben rettete. Und ein schier unglaubliches Gl�ck. Die Armbrust bewegte sich noch ein winziges St�ckchen weiter nach oben, und Robin st�rmte warnungslos vor, schlug im allerletzten Moment einen Haken und sprang auf den Armbrusttr�ger zu. Der Mann war f�r den Bruchteil eines Lidschlages irritiert, und die heimt�ckische Waffe in seiner Hand zitterte ganz leicht. Dann dr�ckte er ab.</p><p>Aber Robin war bereits nahe genug. Was sie tat, war der pure Wahnsinn, aber vielleicht gerade deshalb ihre einzige Chance, am Leben zu bleiben. Blitzschnell riss sie das Schwert hoch und herum, brachte die breite Klinge in eine Linie mit der Armbrust, die jetzt genau auf ihr Gesicht zielte, und schrie im n�chsten Moment vor Schmerz auf, als ein peitschendes Ger�usch erklang und ihr Schwertarm mit grausamer Wucht zur�ckgerissen wurde. Die Klinge entglitt ihren Fingern, die pl�tzlich - ebenso wie ihr ganzer Arm - so taub und nutzlos waren wie ein St�ck Holz. Aber das Schwert st�rzte nicht zu Boden. Noch bevor es fallen konnte, griff Robin mit der anderen Hand zu, war mit einem blitzschnellen Ausfallschritt ganz bei dem Armbrustsch�tzen, der sie mit offen stehendem Mund und vollkommen fassungslos anstarrte, und zersplitterte den h�lzernen Bogen der Armbrust mit einem einzigen, wuchtigen Hieb.</p><p>Der Mann taumelte mit einem Schrei zur�ck, und Robin drehte sich, die Wucht ihres eigenen Schlages ausnutzend, auf der Stelle um und war mit einem zweiten, noch schnelleren Schritt wieder bei dem Stoppelb�rtigen. Ihre Schwertspitze schlitzte den schmuddeligen Gambeson des Anf�hrers auf und kam einen Fingerbreit unter seinem stoppelb�rtigen Kinn zum Stehen. Eine feine, blutrote Linie, aus der in fast regelm��igen Abst�nden winzige, hellrot schimmernde Tr�pfchen quollen, markierte die Spur, die die Schwertspitze von seiner Brust �ber den Hals und seine Kehle bis unmittelbar hinauf unter sein Kinn genommen hatte. Ein einzelner, hellrot schimmernder Tropfen rann die Blutrinne des Schwertes hinab und blieb in der Delle liegen, die der abprallende Armbrustbolzen in die Klinge geschlagen hatte. Robin starrte auf die Waffe in ihrer Hand und begriff erst jetzt, was f�r ein unvorstellbares Gl�ck sie gehabt hatte. Ihr rechter Arm bis hinauf zu Schulter war noch immer taub.</p><p>�Beim Kopf des T�ufers�, keuchte der Stoppelb�rtige. �Wer bist du, Kerl? Der Teufel?�</p><p>�Nein, aber du wirst ihm vielleicht gleich begegnen.� Robin dr�ckte die Schwertspitze noch ein wenig fester unter das Kinn des Pl�nderers, sodass er gezwungen war, den Kopf noch weiter in den Nacken zu legen, wollte er sich nicht selbst die Kehle durchschneiden, und ein weiterer, gr��erer Tropfen lief durch die Blutrinne der Klinge. Aber es war nicht nur blo�e Grausamkeit, die Robin den Druck auf die Waffe sogar noch einmal verst�rken lie�, sodass der Mann mittlerweile in fast grotesk zur�ckgebeugter Haltung dastand und all seine Muskeln anspannen musste, um nicht hinten�ber zu fallen. Sie wollte nicht, dass irgendjemand sah, wie stark ihre Hand zitterte. Das Schwert kam ihr mit jedem Atemzug schwerer vor, und ihre rechte Hand begann allm�hlich zu kribbeln, als das Leben in ihre Glieder zur�ckkehrte.</p><p>�Ich erkl�re dich hiermit zu meinem Gefangenen�, sagte sie, so fest sie konnte. Gleichzeitig schickte sie ein Sto�gebet zum Himmel, dass sie die Einzige hier war, der das Zittern ihrer Stimme auffiel. �Danke Gott oder Allah - oder an wen auch immer du glaubst - daf�r, dass ihr bisher kein Blut vergossen habt.�</p><p>�Was nicht ist, kann ja noch werden�, presste der Pl�nderer m�hsam hervor. Robin war nicht ganz sicher, ob sie seinen Mut bewundern oder �ber seine Dummheit den Kopf sch�tteln sollte. Sie verst�rkte den Druck auf ihre Klinge noch einmal um eine Winzigkeit, und aus den vereinzelten Tropfen, die bisher durch die kleinfingerbreite Rinne des Schwertes gelaufen waren, wurde ein d�nner, aber fast best�ndiger Strom. �So etwa?�, fragte sie.</p><p>Neben ihr lie� der Armbrustsch�tze seine nutzlos gewordene Waffe fallen und wich instinktiv einen Schritt zur�ck, aber ein anderer R�uber zog sein Schwert und kam mit langsamen Schritten n�her. Er hatte langes, verfilztes blondes Haar, und sein Gesicht war vermutlich einmal recht h�bsch gewesen, bevor jemand versucht hatte, es mit einer Axt oder einem �hnlich groben Instrument in zwei H�lften zu teilen. �Du wirst mehr als <emphasis>ein </emphasis>Wunder brauchen, Bursche, um diesen Tag zu �berleben�, sagte er. �Du kannst ja offensichtlich ganz gut mit dem Schwert umgehen, aber hat man dich auch das Z�hlen gelehrt? Wir sind <emphasis>elf!�</emphasis></p><p>�Lass den Unsinn, Berengar�, keuchte der Stoppelb�rtige. Sein Blut hatte mittlerweile die kleine Delle in Robins Schwert gef�llt und tropfte an beiden Seiten am Griff der wuchtigen Klinge herab und besudelte ihre Hand.</p><p>Der Blonde l�chelte fast sanft. �Du warst ein guter Anf�hrer, Guy. Wir werden auf dich trinken - und wenn es dir ein Trost ist, dann verspreche ich dir, dass ich den Sch�del dieses frechen Burschen als Becher benutzen werde.� Der Blondschopf machte eine rasche Geste, und die �brigen M�nner begannen Robin einzukreisen.</p><p>Ein Stein verfehlte nur knapp den Kopf des neuen Wortf�hrers und landete mit einem dumpfen Laut im Sand. Der Blonde fuhr w�tend herum und suchte aus t�ckischen Augen nach demjenigen, der den Stein nach ihm geworfen hatte, und ein zweites, besser gezieltes Geschoss flog heran und prallte so wuchtig von seiner Schulter ab, dass er zur�cktaumelte und um ein Haar seine Waffe fallen gelassen h�tte. Sein Gesicht verzerrte sich vor Schmerz und Wut.</p><p>Und pl�tzlich wurde es totenstill. Die Pl�nderer hatten ihre Waffen gehoben und sich zu einem engen Kreis um Robin und ihren Anf�hrer zusammengeschlossen, aber niemand regte sich, niemand sagte auch nur ein Wort. Die Spannung war fast mit H�nden zu greifen. Robin sah, dass immer mehr und mehr D�rfler sich b�ckten, um Steine aufzuheben, und einige wenige hatten auch Kn�ppel oder lange Messer unter ihren Gew�ndern hervorgezogen, mit denen sie normalerweise die gefangenen Fische ausnahmen.</p><p>�Es ist immer noch nicht zu sp�t, Guy�, sagte Robin. Ihre rechte Hand schmerzte mittlerweile fast unertr�glich. �Gib deinen M�nnern Befehl, die Waffen zu senken, und niemand muss sterben.�</p><p>Ganz im Gegenteil richteten sich mindestens zwei Schwerter und eine Speerspitze nun direkt auf sie, aber es blieb bei dieser Drohgeb�rde. Die M�nner z�gerten. Robin konnte ihre pl�tzliche Unsicherheit sp�ren. Ihnen war ebenso klar wie ihr selbst, dass sie sie binnen eines Herzschlages t�ten konnten, und sp�testens die Worte des Blonden hatten ihr gezeigt, die wenig R�cksicht sie auf ihre Geisel nehmen w�rden - aber sie mussten auch wissen, dass ein Kampf danach fast unvermeidlich war und dass vielleicht nicht alle von ihnen ihn �berleben w�rden.</p><p>�Verdammtes Pack!�, zischte Berengar, der noch immer die Hand gegen die rechte, schmerzende Schulter presste. �Ihr wollt Blut? Ihr k�nnt es bekommen!�</p><p>Und damit fuhr er mit einer unglaublich schnellen Bewegung herum, riss das Schwert in die H�he und ergriff es noch in der Drehung mit beiden H�nden, um einen Hieb auszuf�hren, der Robin enthaupten und vermutlich auch noch seinen bisherigen Anf�hrer treffen musste.</p><p>Ein Pfeil zischte heran, durchbohrte seinen Hals und riss ihn mitten in der Bewegung hinten�ber. Zwei, drei Pl�nderer prallten erschrocken zur�ck, und einer von ihnen machte Anstalten, Robin seinen Speer in die Seite zu sto�en, und ein zweiter, mit ebenso t�dlicher Pr�zision gezielter Pfeil bohrte sich in seinen R�cken und lie� ihn mit einem gurgelnden Laut zusammenbrechen. Das alles geschah in weniger als einem Herzschlag.</p><p>Robin atmete innerlich auf. Salim war gekommen! Doch so unendlich dankbar sie ihm auch war, sie nahm sich fest vor, ein ausgiebiges Gespr�ch �ber sein Zeitgef�hl und sein Empfinden f�r Dramatik mit ihm zu f�hren, sobald sie wieder zur�ck in der Burg waren. Er h�tte wirklich keinen Atemzug sp�ter eingreifen d�rfen!</p><p>Unendlich erleichtert trat sie zur�ck, lie� das Schwert sinken und drehte sich herum. Die Pl�nderer wichen erschrocken vor ihr zur�ck, und ihr Anf�hrer taumelte zwei Schritte nach hinten, sank auf die Knie und schlug beide H�nde gegen den blutenden Hals.</p><p>Robin blieb aufmerksam, denn sie wusste, wie unberechenbar Menschen in Panik waren, wandte sich aber trotzdem weiter um und suchte den D�nenkamm hinter dem Dorf mit Blicken ab. Eine flirrende Staubwolke hatte sich �ber der W�ste erhoben, und jetzt h�rte sie auch den dumpfen Hufschlag rasch n�her kommender Pferde. Sehr vieler Pferde, dachte sie verwirrt. Oben auf dem H�gelkamm erhoben sich drei nur schattenhaft gegen die grelle Sonne zu erkennende Reiter, doch irgendetwas an ihnen erschien ihr nicht so, wie es sein sollte. Dann tauchte eine wehende Fahne �ber der D�ne auf, und Robins Augen wurden gro�, als sie das blutrote Tatzenkreuz auf wei�em Grund erkannte.</p><p>Es war nicht Salim, der gekommen war.</p><p>Die drei Reiter wichen zur Seite, um der Spitze einer ganzen Kolonne Platz zu machen, die �ber die D�ne herangesprengt kam und in scharfem Tempo auf das Dorf zuhielt. Immer mehr und mehr von ihnen erschienen �ber dem H�gelkamm, schwer gepanzerte Reiter in langen Kettenhemden, Turkopolen - leichtere Reiter in Gambesons - und M�nner in schlichten, wei�en Gew�ndern, die ihre Pferde mit nur einer Hand lenkten und B�gen mit schussbereit aufgelegten Pfeilen in der anderen hielten. Der Mann neben dem Banner machte eine winkende Geste, und der Trupp teilte sich und begann das Dorf einzukreisen.</p><p>Nicht nur Robin war beunruhigt - auch wenn sie der Anblick der Fahne noch immer viel zu sehr verwirrte, als dass sie dieses Gef�hl wirklich gesp�rt h�tte -, und unter den Dorfbewohnern begann sich eine immer st�rkere Unruhe breit zu machen. So unendlich erleichtert sie alle �ber diese Rettung im letzten Moment auch gewesen sein mochten, der Anblick der neu aufgetauchten Reiter konnte diese M�nner und Frauen nicht wirklich beruhigen.</p><p>Es waren Templer. Angeh�rige des wohl gef�rchtetsten Kreuzfahrerordens, der dieses Land jemals heimgesucht hatte. Es mochte sein, dachte Robin beunruhigt, dass sie den Teufel gegen den Beelzebub eingetauscht hatte. Etliche M�nner lie�en ihre improvisierten Waffen fallen und wichen in ihre H�user zur�ck, die anderen dr�ngten sich instinktiv enger zusammen, und auch Robin trat den Reitern zwar entgegen, behielt das Schwert aber fest in der Hand und blieb auf der Hut. Die M�nner mussten die Szene zweifellos beobachtet haben, und die beiden Pfeile hatten bewiesen, dass sie die Situation wohl auch richtig eingesch�tzt hatten. Aber der Feind ihres Feindes musste nicht automatisch ihr Freund sein. Letzten Endes trug sie immer noch die Kleidung der Einheimischen.</p><p>Robin warf einen raschen, beruhigenden Blick in die Runde und wechselte das Schwert von der linken wieder in die rechte Hand, die zwar immer noch kribbelte und wehtat, die sie jetzt aber wieder einigerma�en benutzen konnte. Gleichzeitig machte sie mit dem frei gewordenen Arm eine entsprechende Geste zu den D�rflern.</p><p>Langsam, aber mit festen Schritten ging sie dem Anf�hrer des Reitertrupps entgegen, der sein Tier nun endlich z�gelte und sich ihr auf dem letzten St�ck in gem��igtem Tempo n�herte, statt in wildem Galopp heranzupreschen. Zwei Schritte vor ihr brachte er sein Tier endg�ltig zum Stehen, und auch Robin hielt an, legte den Kopf in den Nacken und beschattete die Augen mit der freien Hand. Der Reiter hatte genau so angehalten, dass er die Sonne im R�cken hatte und sie ihn eigentlich nur als gro�en, sonderbar verzerrten und bedrohlich wirkenden Umriss erkennen konnte, was zweifellos kein Zufall war. Dennoch konnte sie sehen, dass er eine geraume Weile vollkommen reglos im Sattel sitzen blieb und mit schr�g gehaltenem Kopf auf sie herabblickte.</p><p>�Du hast dich tapfer geschlagen�, sagte er schlie�lich. Seine Stimme drang nur verzerrt und dumpf unter dem schweren Topfhelm hervor, der sein Gesicht auch dann vor ihren Blicken verborgen h�tte, w�re nicht der grelle Feuerball der Sonne in seinem R�cken gewesen, und dennoch kam sie Robin auf eine sonderbare Weise bekannt vor. Auf eine sonderbar <emphasis>unangenehme </emphasis>Weise.</p><p>Sie nickte, wenn auch mit einiger Versp�tung, und der Reiter lie� sich mit jenen gleichzeitig bed�chtig wie auch irgendwie unaufhaltsam wirkenden Bewegungen aus dem Sattel gleiten, wie sie wirklich <emphasis>starken </emphasis>M�nnern zu Eigen sind. Er machte einen Schritt zur Seite, sodass Robin jetzt nicht mehr geblendet die Augen zusammenkneifen musste, um ihn anzusehen, hob dann beide H�nde an den Kopf und streifte den klobigen Helm ab. Das Gesicht, das darunter zum Vorschein kam, trug die Spuren fast ebenso gro�er Entbehrungen, wie sie sie in denen der Pl�nderer gelesen hatte, war aber weitaus beeindruckender und wurde von grauem Haar und einem kurz geschnittenen, ebenfalls grau melierten Bart beherrscht.</p><p>Robins Atem stockte, als sie es erkannte. �Bruder ... Dariusz?�, murmelte sie fassungslos.</p><p>Der hoch gewachsene, grauhaarige Tempelritter nickte. In seinen Augen erschien etwas, von dem Robin nicht ganz sicher war, ob es sich wirklich um ein L�cheln handelte. �Ich war nicht ganz sicher, ob du mich noch erkennst, Bruder Robin�, sagte er. In ganz leicht ver�ndertem, unangenehmerem Ton fuhr er fort: �Um offen zu sein, war ich auch nicht ganz sicher, was Euch anging. Ihr habt Euch ver�ndert, Bruder. Aber mit dem Schwert k�nnt Ihr offensichtlich immer noch so gut umgehen wie fr�her. Wenn nicht besser.�</p><p>Er wartete einen Moment lang vergeblich auf eine Antwort, dann runzelte er kurz die Stirn, fuhr sich mit dem schweren Kettenhandschuh m�de �ber das Gesicht und machte aus der gleichen Bewegung heraus eine fragende Geste in Richtung der Pl�nderer. �Wer ist der Anf�hrer dieser Bande?�</p><p>Robin deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf Guy, der immer noch auf den Knien lag und die H�nde an seinen blutenden Hals presste. Sie musste ihn schwerer verletzt haben, als sie es wollte, denn zwischen seinen Fingern sickerte hellrotes Blut in einem best�ndigen Strom hervor.</p><p>Dariusz winkte zwei seiner Turkopolen heran. �Hinrichten!�, sagte er knapp.</p><p>Die beiden M�nner wollten sich gehorsam entfernen, um Dariusz� Befehl auszuf�hren, doch Robin hielt sie mit einer raschen Geste zur�ck. �Das ist nicht n�tig�, sagte sie hastig.</p><p>�Mir ist der Anblick von Anf�hrern solcherart Diebespacks zuwider�, antwortete Dariusz ver�chtlich, gab den beiden M�nnern aber zugleich einen Wink, noch einen Moment zu warten. Sein Blick wurde fast lauernd, als er sich wieder zu Robin umdrehte. �Gerade h�tte Euch dieser Bursche noch, ohne zu z�gern, die Kehle durchgeschnitten, Bruder�, sagte er. �Woher diese pl�tzliche Sympathie?�</p><p>Robin sch�ttelte heftig den Kopf und bedauerte die Bewegung fast augenblicklich wieder, als sie sp�rte, wie ihr nur nachl�ssig gebundener Turban zu verrutschen drohte. Erst jetzt, als sie den ersten Schrecken �berwunden hatte, kam ihr zu Bewusstsein, wie gef�hrlich die Situation war, in der sie sich befand. M�glich, dass das un�bersehbare Misstrauen in Dariusz� Augen einen g�nzlich anderen Grund hatte, als sie annahm. Sie kannte Bruder Dariusz nicht nur als fanatischen Tempelritter und gnadenlosen K�mpfer, er war auch Bruder Abb�s eingeschworener Feind - und somit ganz automatisch auch der ihre. Wenn er ihr Haar sah, das in den letzten beiden Jahren lang bis �ber ihre Schultern hinuntergewachsen war, w�rde er begreifen, was sie wirklich war. Und das w�re ihr sicheres Todesurteil und vermutlich noch nicht einmal nur das ihre.</p><p>�F�r heute ist schon genug Blut geflossen, meine ich�, sagte sie. �Braucht das K�nigreich Jerusalem nicht jeden k�mpfenden Mann? Nehmt sie mit und gebt ihnen Gelegenheit, sich im Kampf f�r die Christenheit zu bew�hren. Hinrichten k�nnt Ihr sie immer noch, wenn sie Euch entt�uschen sollten.�</p><p>Ein lauernder Ausdruck erschien in Dariusz� Blick. Unschl�ssig sah er abwechselnd die Pl�nderer, deren Anf�hrer und Robin an, dann rang er sich ein widerwilliges Nicken ab und machte eine entsprechende Geste zu seinen M�nnern. Mittlerweile waren gute zwei Dutzend Templer von ihren Pferden gestiegen und hatten die Pl�nderer entwaffnet und bereits sicher ergriffen. Einer nach dem anderen wurden sie nun auf die Knie gezwungen und ihre H�nde hinter den R�cken gefesselt. Robin fragte sich, ob sie nicht gerade einen schweren Fehler begangen hatte. Diese M�nner waren zweifellos M�rder und Diebe, die keinen Moment z�gern w�rden, einem anderen f�r ein St�ck Brot, eine Silberm�nze oder auch nur so die Kehle durchzuschneiden, und w�ren Dariusz und seine M�nner nicht im allerletzten Moment aufgetaucht, dann w�re sie jetzt tot und vermutlich auch eine Menge anderer - und doch str�ubte sich etwas in ihr dagegen, einfach tatenlos zuzusehen, wie sie hingerichtet wurden. Es war genau so, wie sie gerade gesagt hatte: F�r heute war hier genug Blut geflossen.</p><p>Trotzdem hatte sie das Gef�hl, ihre Entscheidung noch bedauern zu m�ssen.</p><p>�Ich werde heute Abend besonders inbr�nstig zu Gott dem Herrn beten und eine Kerze zum Dank anz�nden, Euch lebend wiedergesehen zu haben�, sagte Dariusz, sch�ttelte dabei aber den Kopf und musterte sie nur mit noch gr��erem Misstrauen.</p><p>�Manchmal l�sst der Herr Zeichen und Wunder geschehen. Ich ging davon aus, dass Ihr seinerzeit in der Seeschlacht ertrunken w�rt. Wir alle haben das geglaubt.�</p><p>Robin rettete sich in ein angedeutetes Schulterzucken. Wollte er ihr eine Falle stellen? Sie �berlegte, dass die �berzeugendsten L�gen stets die waren, die sich so dicht an der Wahrheit hielten, wie es gerade noch ging. Mit wenigen, betont beil�ufigen Worten erz�hlte sie, wie sie w�hrend der K�mpfe �ber Bord gegangen und sp�ter von den Fischern aus genau diesem Dorf hier aus dem Meer gezogen worden war. Wenig sp�ter, berichtete sie - und auch das war die Wahrheit, wenigstens bis zu einem gewissen Punkt -, war der Ort von Sklavenh�ndlern �berfallen worden und sie selbst in Gefangenschaft geraten und an einen reichen Tuchh�ndler verkauft worden. Als ihr neuer Herr dann erkannte, wer sie war, habe er Kontakt zu den Assassinen aufgenommen, von denen bekannt war, dass sie ein B�ndnis mit den Tempelrittern hatten, und so sei sie schlie�lich freigekauft worden.</p><p>Dariusz blieb misstrauisch. �Und dann seid Ihr hierher zur�ckgekommen?�, fragte er, wobei er wenig Zweifel daran lie�, f�r wie unglaubw�rdig er ihre Erkl�rung hielt. �Nur aus reiner Dankbarkeit, weil diese Heiden Euch das Leben gerettet haben?�</p><p>Robin sch�ttelte den Kopf. �Ich bin nicht allein hergekommen�, sagte sie. �Es war Sheik Sinan selbst, der mich aus der Sklaverei freigekauft hat.�</p><p>�Der Alte vom Berge?�, entfuhr es Dariusz. Es gelang ihm nicht ganz, den sachten Schrecken zu verhehlen, mit dem ihn die Erw�hnung dieses Namens erf�llte.</p><p>�Seine Burg ist nicht sehr weit entfernt von hier�, best�tigte Robin. �Wir waren auf der Suche nach diesen M�nnern.� Sie machte eine Kopfbewegung auf die Pl�nderer. �Leider haben wir wohl in der falschen Richtung gesucht. Aber Gott hat Eure Schritte ja noch im richtigen Moment hierher gelenkt.�</p><p>�Ja, Gottes Wege sind manchmal wundersam�, erwiderte Dariusz lauernd. �Wundersam genug, einen einzelnen Ritter sein Leben riskieren zu lassen, nur um ein paar Heiden zu retten. Ihr m�sst den Leuten hier wirklich sehr dankbar f�r Eure Errettung sein, Bruder Robin.�</p><p>Abermals sch�ttelte Robin heftig den Kopf. �Wo immer ein Templer ist, gilt auch das Recht des Tempels�, sagte sie. �Und das Recht des Tempels reicht so weit, wie seine Schwerter reichen.�</p><p>Dariusz wirkte �berrascht, aber dann begann er zu lachen.</p><p>�Bruder Robin, Ihr seid wahrlich der Letzte, von dem ich eine solche Antwort erwartet h�tte�, bekannte er. �Mir scheint, Ihr habt Euch sehr ver�ndert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.�</p><p>Er trat einen Schritt zur�ck, befestigte den Helm am Sattel seines Pferdes und hob in einer raschen, befehlenden Geste die Hand. �berall rings um sie herum begannen Templer und Turkopolen aus den S�tteln zu steigen, Bogensch�tzen lie�en ihre Waffen sinken und steckten die Pfeile in die K�cher zur�ck, Schwerter wurden eingesteckt, Speere gesenkt. Die Stimmung begann sich sp�rbar zu entspannen. �Tr�nkt die Tiere�, befahl er.</p><p>�Aber sattelt sie nicht ab. Wir reiten in einer Stunde weiter.�</p><p>Robin nutzte die Gelegenheit, sich die M�nner in Dariusz� Begleitung genauer anzusehen. Der Trupp bestand aus sicherlich hundert, wenn nicht mehr Berittenen, und ein �berraschend gro�er Anteil davon trug die Kettenhemden und Wappenr�cke der Templer. Sie f�hrten schwer beladene Maultiere und Esel mit sich, und als Robin genauer hinsah, fiel ihr auf, dass es unter der bunt gemischten Begleittruppe der Templer etliche Verletzte gab, M�nner mit schmutzigen Verb�nden um Kopf und Glieder, einer mit einem geschienten Bein und mindestens zwei oder drei weitere, die sich nur noch mit M�he im Sattel zu halten schienen. Abgesehen von Dariusz selbst, der schon immer einen fast �bertrieben gro�en Wert auf seine Kleidung und deren Sauberkeit gelegt hatte, wirkten sowohl die Templer als auch die weltlichen Ritter und ihre Waffenknechte kaum weniger heruntergekommen und mitgenommen als das knappe Dutzend Pl�nderer, das zwischen ihnen im Sand kniete. Sie fragte Dariusz nicht, woher er kam, aber es war klar, dass er und seine kleine Armee Schlimmes hinter sich hatten.</p><p>Ihr Blick l�ste sich von den Tempelrittern und ihren Begleitern und irrte wieder die D�ne hinauf. Mehr denn je w�nschte sie sich, Salim k�me zur�ck. Aus ihrer anf�nglichen Erleichterung, dem schon sicher geglaubten Tod doch noch entkommen zu sein, war l�ngst wieder Sorge geworden, vielleicht sogar so etwas wie Angst. Die Situation war keinen Deut besser geworden, und die Gefahr, in der sie schwebte, vielleicht nicht mehr ganz so unmittelbar, daf�r aber eher noch gr��er. Der grauhaarige Tempelritter hatte gerade den Tod eines Menschen befohlen, einfach nur, weil ihm <emphasis>Anf�hrer zuwider waren; </emphasis>h�tte er auch nur eine <emphasis>Ahnung, </emphasis>wer <emphasis>Bruder Robin </emphasis>wirklich war, dann w�re ihr nicht nur der Tod gewiss, sondern auch allen, die um ihr Geheimnis wussten und sie in den letzten Jahren durch ihr Schweigen gesch�tzt hatten. Robin war sicher, dass nicht einmal mehr Salim und sein Vater sie vor dem heiligen Zorn des Tempelritters und seiner Br�der besch�tzen konnten, sollte ihr Geheimnis jemals aufgedeckt werden.</p><p>Und diese Gefahr war entsetzlich gro�. Jedermann hier im Dorf wusste, wer sie war. <emphasis>Was </emphasis>sie war. Ein einziges unbedachtes Wort, eine winzige Nachl�ssigkeit, eine falsche Geste, und alles war vorbei. Vielleicht, dachte sie, sollte sie sich nicht einmal w�nschen, dass Salim zur�ckkam. Er und das halbe Dutzend Assassinen in seiner Begleitung waren dieser kleinen Armee von Templern und ihren Hilfstruppen nicht gewachsen, und doch w�rde er keine Sekunde z�gern, ihr beizustehen, und damit auch sein eigenes Leben verwirken.</p><p>Hinter ihr wurden pl�tzlich aufgeregte Stimmen laut, dann der L�rm eines kurzen, aber heftigen Kampfes. Robin fuhr herum und sah, dass sich Guy und zwei oder drei seiner Begleiter loszurei�en versucht hatten. Nat�rlich hatten die Templer sie sofort niedergerungen, und sie waren dabei offensichtlich nicht �berm��ig sanft vorgegangen, denn einer der Pl�nderer lag reglos am Boden und blutete heftig aus dem Kopf, doch zumindest ihr Anf�hrer b�umte sich noch immer w�tend auf und schrie und trat um sich, obwohl er von gleich drei M�nnern niedergehalten wurde.</p><p>Robin warf Dariusz einen raschen Blick zu und registrierte ohne �berraschung, dass der Tempelritter der Szene mit einem leicht am�sierten L�cheln auf den Lippen und einem daf�r umso grausameren L�cheln in den Augen folgte. Er sagte auch dann noch nichts, als sich einer der Turkopolen auf Guys Brust kniete und langsam und auf eine fast mechanisch anmutende Weise mit den F�usten in sein Gesicht zu schlagen begann.</p><p>�H�rt auf damit!�, rief sie.</p><p>Es war unm�glich, dass der Mann ihre Worte nicht geh�rt hatte. Aber er schlug dem Pl�nderer trotzdem abwechselnd und mit gro�er Kraft die rechte und die linke Faust ins Gesicht, und Guys verzweifelte Gegenwehr wurde immer schw�cher. Er w�rde ihn t�ten, wenn er nur auch noch ein paar Augenblicke so weitermachte. Aber Dariusz r�hrte immer noch keinen Finger, um ihn zur�ckzuhalten.</p><p>�Aufh�ren, habe ich gesagt!� Robin war mit zwei, drei schnellen Schritten bei dem Turkopolen, packte seinen zum Schlag erhobenen Arm und riss ihn mit solcher Kraft zur�ck, dass der Mann das Gleichgewicht verlor und von Guy herunter und auf den R�cken fiel. Mit einem w�tenden Knurren und einer unglaublich flie�enden Bewegung kam er praktisch sofort wieder auf die F��e und fuhr mit leicht ausgebreiteten Armen herum, wie um sich auf sie zu st�rzen. Erst im allerletzten Moment schien er sie zu erkennen und lie� die Arme wieder sinken, wenn auch mit allen Anzeichen von Widerwillen. Robin nahm an, dass er es nur tat, weil er einen entsprechenden Blick von Dariusz aufgefangen hatte, widerstand aber dem Impuls, sich zu dem Templer umzudrehen. Stattdessen wandte sie sich mit einer befehlenden Geste an die drei anderen Turkopolen, die Guy immer noch niederhielten. �Lasst ihn los, habe ich gesagt!�</p><p>Wieder vergingen endlose Augenblicke, bevor die M�nner reagierten, und diesmal war Robin sicher, dass Dariusz ihnen hinter ihrem R�cken einen entsprechenden Wink gegeben hatte. Sie drehte sich auch jetzt nicht zu ihm um, sondern lie� sich neben dem halb bewusstlosen Pl�nderer auf ein Knie herabsinken und sah fast besorgt in sein Gesicht. Obwohl es vollkommener Unsinn war, f�hlte sie sich irgendwie f�r das verantwortlich, was ihm zugesto�en war.</p><p>�Ist alles in Ordnung mit dir?�, fragte sie.</p><p>Sie hatte kaum damit gerechnet, aber der stoppelb�rtige Mann drehte m�hsam den Kopf und blickte aus blutunterlaufenen Augen zu ihr hoch, von denen eines bereits zuzuschwellen begann.</p><p>�O ja, vielen Dank�, presste er hervor. �Ich habe mich selten besser gef�hlt, edler Ritter.� Offensichtlich war ihm das, was Dariusz und sie miteinander geredet hatten, nicht verborgen geblieben. In seinen Augen blitzte ein Ausdruck auf, den Robin nicht beschreiben konnte, der ihr aber einen eiskalten Schauer �ber den R�cken laufen lie�. �Und das alles habe ich nur dir zu verdanken, du verdammter ...�</p><p>Sein Angriff kam selbst f�r Robin zu schnell. Unbeschadet der Tatsache, dass ihn die M�nner halb tot geschlagen hatten, stemmte er sich blitzartig hoch, grub die H�nde in Robins Mantel und warf sich mit solcher Kraft auf sie, dass sie nach hinten st�rzte und sich pl�tzlich unter ihm wiederfand. Die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst, und ein gr�sslicher Schmerz durchzuckte ihren R�cken, als sie genau auf einen Stein fiel.</p><p>Dennoch reagierte sie blitzartig: Guy war trotz seines Zustandes noch immer viel st�rker als sie, viel schwerer, und die Mischung aus Verzweiflung, Todesangst und blanker Wut, die sie in seinen Augen las, verlieh ihm noch zus�tzliche Kr�fte. Sie versuchte nicht, sich gegen seinen Angriff zu stemmen, sondern grub ganz im Gegenteil selbst die H�nde in den gesteppten Stoff seines Gambeson, zerrte dar�ber hinaus noch zus�tzlich an ihm und wandte Guys eigene Kraft gegen ihn selbst, indem sie blitzartig die Knie anzog und den Schwung seiner eigenen Bewegung benutzte, um ihn �ber sich hinwegzuschleudern, sodass pl�tzlich <emphasis>er </emphasis>es war, der mit einem keuchenden Laut und so wuchtig auf dem R�cken landete, dass man meinen konnte, seine Knochen knirschen zu h�ren.</p><p>Robins H�nde hielten sein Kleid eisern fest, und sie wurde herum und in die H�he gewirbelt, und nur einen halben Herzschlag sp�ter war sie es, die auf seiner Brust kniete und ihn niederhielt. Ihre Knie pressten ihm die Luft aus den Lungen, und Robin mobilisierte all ihre Kr�fte, um seine Schultern gegen den Boden zu dr�cken. Bisher hatte keiner der anderen Ritter in den Kampf eingegriffen, aber das w�rde gewiss nicht lange so bleiben. Ganz egal, wie Dariusz pers�nlich zu ihr stand - er war ein Templer, und wenn er sah, dass ein anderer Templer in Gefahr war, w�rde er kompromisslos und mit aller H�rte eingreifen.</p><p>�H�r endlich auf, du verdammter Narr!�, zischte sie, so leise, wie sie es gerade noch f�r m�glich hielt, damit er die Worte �berhaupt verstand. �Willst du unbedingt sterben?�</p><p>Wie zur Antwort b�umte sich Guy abermals auf, aber Robins Knie pressten seine Rippen weiter unbarmherzig zusammen. Ihre F�uste verkrampften sich so im Klammergriff um den Kragen seines Gambesons, dass ihre Kn�chel ihm zus�tzlich den Atem abschn�rten. Vielleicht keine sehr ritterliche Art, einen Gegner niederzuhalten, daf�r aber eine umso wirkungsvollere. Guy keuchte und schnappte so verzweifelt wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. In einer schw�chlichen Abwehrbewegung hob er die Arme und presste die H�nde gegen ihre Brust, um sie von sich herunterzusto�en. Seine Kraft reichte nicht einmal ann�hernd - aber pl�tzlich weiteten sich seine Augen, und ein neuer, ungl�ubig-�berraschter Ausdruck trat in seinen Blick.</p><p>Robin hatte das Gef�hl, die Zeit w�re stehen geblieben, als sie begriff. Guy presste beide H�nde gegen das graue Eisengeflecht ihres Kettenhemdes, und trotz des harten Metalls, trotz seiner Ersch�pfung und Furcht musste er einfach erkennen, dass das, was er darunter sp�rte, nicht die gest�hlte Brust eines Mannes war!</p></section><section><title><p>3. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>�Aber das ist doch ... unm�glich�, murmelte er fassungslos. �Du bist eine ...?�</p><p>Robin hatte keine andere Wahl mehr. Ihr blieb keine Zeit, den Dolch zu ziehen oder den Pl�nderer auf eine andere Weise zum Schweigen zu bringen. Mit einer Bewegung, in die sie jedes bisschen Kraft legte, das sie noch in sich fand, lie� sie seinen Kragen los, rammte ihm den Ellbogen gegen den Adamsapfel und zermalmte ihn. Guys Worte endeten in einem gr�sslichen Gurgeln. Seine Augen wurden noch gr��er, und eine Art von Entsetzen erschien darin, wie Robin es selten zuvor erblickt hatte.</p><p>Er starb, aber er starb nicht schnell. Robin lie� ihn endg�ltig los, stand mit einer flie�enden Bewegung auf und wich zugleich zwei Schritte vor ihm zur�ck. Guy rang mit gr�sslichen, w�rgenden Lauten nach Luft, b�umte sich auf und schlug beide H�nde gegen die Kehle, versuchte mit verzweifelter Anstrengung zu atmen und konnte es nicht.</p><p>Er begann mit den Beinen zu strampeln. Immer gr�sslichere, w�rgende Laute kamen �ber seine Lippen, w�hrend sich sein Gesicht allm�hlich blau f�rbte und seine Bewegungen schw�cher zu werden begannen. <emphasis>Stirb endlich!, </emphasis>dachte Robin fast verzweifelt. <emphasis>Warum stirbst du nicht? </emphasis>Sie hatte seinen Tod nicht gewollt. Sie wollte ihn nicht einmal jetzt, aber - zumindest in diesem Moment - war der Anblick seiner schrecklichen Todesqual fast schlimmer als der Gedanke, ihn get�tet zu haben. Wahrscheinlich ging es in Wahrheit recht schnell; wenige Augenblicke, bevor Guys Bewegungen endg�ltig erlahmten, sein Kopf zur�cksank und seine Augen brachen. Robin kam es vor wie eine Ewigkeit. Und sie fragte sich, ob sie den Ausdruck auf seinem Gesicht jemals wieder ganz vergessen konnte.</p><p>�Eine saubere Arbeit�, sagte eine Stimme hinter ihr. Robin drehte sich langsam um und sah, wie Dariusz fast gem�chlich herbeigeschlendert kam. Er hatte die Handschuhe ausgezogen und applaudierte sp�ttisch. �Eine etwas eigenwillige Methode, einen Mann zu t�ten, aber eine sehr effektive, wie ich zugeben muss. Allem Anschein nach habt Ihr doch das eine oder andere von Euren neuen Freunden gelernt, Bruder Robin.�</p><p>�Wie meint Ihr das?�, erkundigte sich Robin. Der Klang ihrer eigenen Stimme schien wie die einer Fremden in ihren Ohren. Sie hatte M�he, �berhaupt zu sprechen, geschweige denn, sich auf Dariusz� Worte zu konzentrieren. Alles in ihr war in hellem Aufruhr. Fast beil�ufig sp�rte sie, dass ihr Turban verrutscht war, aber nicht einmal dieser Gedanke drang wirklich in ihr Bewusstsein. Sie f�hlte sich unendlich schuldig. Der Pl�nderer war gewiss nicht der erste Mann, den sie get�tet hatte, und er geh�rte ebenso gewiss zu jenen, die es wahrscheinlich am meisten verdient hatten - und doch: Sie kam sich wie eine M�rderin vor. Und zumindest in ihren eigenen Augen war sie es auch, denn es gab einen Unterschied zwischen dem Tod dieses Mannes und dem aller anderen, die bisher von ihrer Hand gefallen waren. Es waren Feinde gewesen. Feindliche Soldaten, Attent�ter oder M�rder, M�nner, die ihr in einer Schlacht gegen�bergetreten waren oder ihr selbst nach dem Leben getrachtet hatten. Sie hatte jeden Einzelnen von ihnen t�ten m�ssen, um selbst am Leben zu bleiben. Diesen Mann hatte sie get�tet, um ihn <emphasis>zum Schweigen zu bringen, </emphasis>nicht, um unmittelbar ihr Leben zu verteidigen. Und auch Dariusz� Worte bekamen in ihren Ohren einen vollkommen neuen, grausamen Sinn. Robin versp�rte ein einziges Fr�steln, als ihr erst jetzt klar wurde, wie kalt, pr�zise und berechnend sie den Pl�nderer get�tet hatte.</p><p>�Aber Ihr habt mir doch selbst erz�hlt, dass Ihr Gast auf der Burg des Assassinenf�rsten seid�, antwortete Dariusz in einem Tonfall leiser �berraschung, von dem Robin nicht sicher sein konnte, ob er echt oder geschauspielert war. �Und man sagt doch, dass die Assassinen Meister in der Kunst sind, lautlos und ohne Waffen zu t�ten.�</p><p>Robin hob wortlos die Schultern und wandte sich wieder zu Guy um. Seine weit offen stehenden, leeren Augen schienen sie noch immer vorwurfsvoll anzustarren. Nein, dachte sie, sie w�rde diesen Blick niemals mehr vergessen.</p><p>�Ich h�tte ihn nicht t�ten m�ssen, h�ttet Ihr Eure M�nner nicht zur�ckgehalten�, sagte sie bitter. Es war nur ein Schuss ins Blaue, doch Dariusz versuchte erst gar nicht, irgendetwas zu leugnen.</p><p>�Aber ich bitte Euch, Bruder Robin�, antwortete er, nun mit �berhaupt nicht mehr sanftem, sondern ganz eindeutig bei�endem Spott in der Stimme. �Ein so gut ausgebildeter und kampferprobter Ritter wie Ihr wird doch wohl keine Probleme haben, mit einem dahergelaufenen St�ck Dreck fertig zu werden. Ich wollte Euch nicht beleidigen.�</p><p>�Er war ein Mensch, Bruder Dariusz�, sagte Robin leise. �Kein St�ck Dreck.�</p><p>�Ganz, wie Ihr meint�, sagte Dariusz ver�chtlich. �Und wie es aussieht, sogar ein Christ. Wenngleich einer von denen, auf die ein wahrer Christenmensch gewiss nicht stolz ist. Dennoch wollen wir ihm ein anst�ndiges Begr�bnis gew�hren.� Er winkte den M�nnern zu, die den Pl�nderer zuvor niedergehalten hatten.</p><p>�Verbrennt ihn. Und die beiden anderen Leichen gleich mit.�</p><p>Robin fuhr abermals herum und sog scharf die Luft ein. Lodernde Wut explodierte regelrecht in ihr, und vielleicht h�tte sie etwas sehr Dummes getan, wenigstens aber gesagt, w�re nicht in diesem Moment vom anderen Ende des Dorfplatzes her ein schriller Schrei erklungen. Robin drehte erschrocken den Kopf, und ihr Herz machte einen Satz in ihrer Brust, als sie Nemeth erkannte, die mit weit ausgreifenden Schritten und schreckensbleichem Gesicht auf sie zugerannt kam. Ihre Mutter lief mit wehenden Kleidern hinter ihr hier, aber sie war viel zu langsam, um das M�dchen einzuholen.</p><p>�Robin!�, schrie Nemeth. Ihre Stimme �berschlug sich fast.</p><p>�Hat er dir etwas getan?�</p><p>�Eine Freundin von Euch?�, fragte Dariusz am�siert.</p><p>Robin verschwendete keine Zeit damit, ihm zu antworten, sondern eilte Nemeth und ihrer Mutter so schnell entgegen, wie es gerade noch ging, ohne wirklich zu rennen. Sie h�rte, wie Dariusz ihr folgte, aber langsamer, und beschleunigte ihre Schritte noch einmal. Ihr Herz raste. Nemeth schrie immer noch aufgeregt ihren Namen und rannte auf sie zu, wild mit beiden Armen fuchtelnd und die blanke Angst im Gesicht. Verzweifelt versuchte sie, Nemeth mit Blicken zu signalisieren, dass sie um Himmels willen den Mund halten sollte, aber das M�dchen war viel zu aufgeregt, um ihre Blicke auch nur zur Kenntnis zu nehmen.</p><p>�Hat er dir etwas getan?�, sprudelte Nemeth hervor. �Ich habe alles gesehen! Er hat nicht fair gek�mpft! Er h�tte dich beinahe ...�</p><p>�Jetzt ist es aber genug!� Endlich war Saila heran, und sie fackelte nicht lange, sondern zerrte Nemeth grob an der Schulter zur�ck und fuhr ihr in scharfem Ton �ber den Mund, noch bevor Nemeth auch nur ein weiteres Wort sagen konnte: �Du dummes Kind! Was f�llt dir ein, so respektlos mit unserem Herrn zu sprechen? Wie oft habe ich dir gesagt, dass du nur mit ihm zu reden hast, wenn er dich direkt anspricht? Willst du uns alle ins Ungl�ck st�rzen? Unser Herr hat wahrlich Besseres zu tun, als sich mit dem Geschw�tz eines dummen Kindes zu besch�ftigen!�</p><p>Nemeth blinzelte und sah ihre Mutter einen Moment lang vollkommen verst�ndnislos an, aber Robin warf ihr einen raschen, dankbaren Blick zu. Sie verbiss es sich, auch nur ein einziges Wort zu sagen, aber Saila musste ihr die Erleichterung deutlich ansehen, denn sie signalisierte ihr ein rasches, lautloses Nicken und fuhr dann in unver�ndertem Ton an ihre Tochter gewandt fort: �Geh ins Haus, und zwar sofort! Bereite eine Mahlzeit f�r den Herrn und seine G�ste vor, und untersteh dich, nicht nur das Beste aufzutragen!�</p><p>�Aber ich wollte doch nur ...�, begann Nemeth verdattert, kam aber auch diesmal nicht dazu, ihren Satz zu Ende zu bringen.</p><p>�Hast du mich nicht verstanden?�, fuhr sie Saila an. �Mach, dass du ins Haus kommst! �ber deine Strafe sprechen wir sp�ter!�</p><p>Einen Herzschlag lang starrte das M�dchen seine Mutter noch vollkommen fassungslos an, aber in deren Augen war pl�tzlich ein so zorniges Funkeln, dass sie es nicht mehr wagte, auch nur noch einen Laut von sich zu geben, sondern Robin nur noch einen hilflosen Blick zuwarf und sich dann wie der ber�hmte gepr�gelte Hund trollte. Saila sah ihr einen Moment lang mit perfekt geschauspielerter Strenge nach, ehe sie sich mit dem�tig gesenktem Kopf wieder zu Robin umdrehte.</p><p>�Ich bitte Euch, verzeiht das ungeb�hrliche Benehmen meiner Tochter�, sagte sie leise. �Sie ist ein Kind und wei� es nicht besser.�</p><p>�Schon gut�, antwortete Robin. �Ich bin sicher, es war nur die Sorge um mich, die sie ihr gutes Benehmen vergessen lie�.� Sie machte eine �bertrieben verzeihende Geste. �Jetzt geh und hilf deiner Tochter. Ich bin tats�chlich ein wenig hungrig, und wir haben hohe G�ste.� Sie wandte sich zu Dariusz um, der in zwei Schritten Entfernung stehen geblieben war und die Szene mit undeutbarem Gesichtsausdruck verfolgte. �Ihr bleibt doch zum Essen? Ihr m�sst einen anstrengenden Weg hinter Euch haben.�</p><p>�Und einen noch anstrengenderen vor uns�, sagte Dariusz.</p><p>�Aber unsere Zeit ...�</p><p>�... ist knapp bemessen, ich wei߫, unterbrach ihn Robin. Sie l�chelte fl�chtig. �Aber ich wei�, wie die Feldrationen aussehen, und ich wei� noch besser, wie sie <emphasis>schmecken.� </emphasis>Ohne Dariusz� Antwort abzuwarten, wandte sie sich mit einer entsprechenden Geste an Saila. �Geh jetzt. Und mach uns keine Schande.�</p><p>�Wie Ihr befehlt, Herr�, sagte Saila. R�ckw�rts gehend und mit gesenktem Kopf entfernte sie sich ein paar Schritte, ehe sie sich umdrehte und dann mit schnellen Schritten davoneilte.</p><p>Dariusz sah ihr mit gerunzelter Stirn nach. �Ein h�bsches Weib�, sagte er kopfsch�ttelnd. �Wer ist sie?�</p><p>�Niemand�, antwortete Robin betont gleichg�ltig. �Nur eine Dienerin.�</p><p>�Eure Dienerin?�</p><p>�Zumindest so lange, wie ich Sheik Sinans Gast bin�, erwiderte Robin.</p><p>�Und ich nehme an, sie liest Euch jeden Wunsch von den Lippen ab�, f�gte Dariusz mit einem fl�chtigen, aber unverhohlen schmutzigen L�cheln hinzu.</p><p>�Wie es einer guten Dienerin eben ansteht�, sagte Robin unger�hrt. �Aber nun kommt, Bruder Dariusz. Auch wenn Ihr wenig Zeit habt, so ist es doch sicher auch f�r Euch angenehmer, sie in der K�hle des Hauses und bei einer guten Mahlzeit zu verbringen.� Sie sch�ttelte rasch und heftig den Kopf, bevor Dariusz auch nur die Gelegenheit fand zu antworten. �Ich werde ein Nein nicht akzeptieren, Bruder Dariusz. Nach allem, was Ihr f�r mich und die guten Leute hier im Dorf getan habt, ist eine kr�ftige Wegzehrung wohl das Mindeste, was ich Euch als Dank anbieten kann.�</p><p>Dariusz sah sie auf sonderbare Weise nachdenklich an, eine Art der Nachdenklichkeit, die Robin nerv�s machte. Sie konnte es sich nicht wirklich erkl�ren, hatte aber dennoch das nahezu sichere Gef�hl, schon wieder einen Fehler gemacht zu haben.</p><p>Der grauhaarige Tempelritter lie� weitere, endlose Sekunden verstreichen, in denen er sie unverwandt und auf dieselbe, seltsame Art ansah, aber schlie�lich nickte er. �Warum eigentlich nicht�, murmelte er. �Gott wird es mir kaum als s�ndhafte V�llerei auslegen, endlich einmal wieder an einem richtigen Tisch zu sitzen und von einem richtigen Teller zu essen. Doch wir m�ssen in l�ngstens einer Stunde aufbrechen, Bruder Robin. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.�</p><p>�Eine Stunde gen�gt�, behauptete Robin. �Ihr werdet sehen, dass Saila eine wahre K�nstlerin der Improvisation ist. Sie zaubert in einer Stunde ein Festmahl, das andere nicht an einem Tag fertig bringen.� Sie l�chelte, doch als sie Dariusz� Blick begegnete und das irgendwie verwirrt wirkende Stirnrunzeln auf seinem Gesicht sah, erlosch ihr L�cheln wie eine Kerze, die von einem Luftzug ausgeblasen wird, und sie wandte sich fast hastig um und deutete in die Richtung, in der Saila und ihre Tochter verschwunden waren. Sicher war es nur Einbildung. Sie war �bernerv�s, und Dariusz� fragender Blick mochte tausend andere Gr�nde haben - und dennoch nahm sie sich vor, in seiner N�he nicht mehr so oft zu l�cheln.</p><p>Unter dem Turban war von ihrem Gesicht nicht allzu viel zu erkennen, und es war zudem lange her, dass Dariusz sie das letzte Mal gesehen hatte. Robin hatte sich in der Zwischenzeit deutlich ver�ndert. Es kam selten vor, dass sie sich selbst im Spiegel oder auf einer spiegelnden Wasseroberfl�che sah, doch in letzter Zeit fielen ihr die Ver�nderungen immer deutlicher auf. Sie war �lter geworden; deutlich �lter, als es allein anhand der verstrichenen Monate der Fall h�tte sein d�rfen. Ihre Haut hatte einen dunkleren, fast schon ein wenig kupferfarbenen Ton angenommen, und die leise Strenge, die immer in ihren Z�gen gelegen hatte, hatte sich im Nachhinein als die Spur der Entbehrungen und Strapazen herausgestellt, aus denen ihr Leben vor ihrer Ankunft in diesem Land bestanden hatte.</p><p>W�hrend der Monate, die sie zusammen mit Dariusz, Bruder Abb� und den anderen Tempelrittern durch Europa bis Genua geritten war, war sie als sehr junger Mann mit sehr weichen Z�gen durchgegangen; eine Rolle, die sie perfekt zu spielen gelernt hatte - schlie�lich hatte ihr Leben davon abgehangen, dass niemand ihre Maske durchschaute - und die sie zudem durch ein entsprechendes, manchmal bewusst r�des Auftreten noch glaubhafter gestaltet hatte.</p><p>Aber seither war Zeit vergangen. Das gute Leben, das sie f�hrte, hatte die Spuren des Hungers, der K�lte und der �berm��igen k�rperlichen Anstrengungen und schweren Arbeit fast vollkommen aus ihrem Gesicht getilgt. Robin machte sich klar, dass sie es einzig Dariusz� Erinnerung zu verdanken hatte, dass er in ihr immer noch den jungen Mann sah, als den er sie kennen gelernt hatte. W�ren sie sich nicht auf dem Weg nach Italien und auf dem Schiff begegnet, er h�tte m�glicherweise sofort die Frau in ihr gesehen. Vielleicht zweifelte er schon jetzt. Und sie erinnerte sich pl�tzlich zu gut an die vielen Gelegenheiten, bei denen Salim nicht m�de geworden war, ihr zu versichern, wie sehr er ihr L�cheln liebte und wie sch�n er sie in diesen Momenten fand.</p><p>�Ihr sagt, Ihr seid auf Sheik Sinans Burg gewesen?�, erkundigte sich Dariusz, w�hrend sie gemessenen Schrittes nebeneinander hergingen.</p><p>Robin war sich sicher, dass diese Frage nicht blo�e Konversation war. Dariusz wollte auf etwas ganz Bestimmtes hinaus. �Ja�, sagte sie. �Seit einigen Monaten bereits. Warum fragt Ihr?�</p><p>Obwohl sie nicht in seine Richtung sah, blieb ihr Dariusz� Schulterzucken nicht verborgen. �Ich frage mich�, antwortete Dariusz, �warum Ihr nicht l�ngst mit uns Kontakt aufgenommen habt, Bruder.�</p><p>�Manchmal frage ich mich das selbst�, gestand Robin und versuchte ihrerseits, ein verlegenes Achselzucken zu schauspielern. Ihre Gedanken �berschlugen sich. Dariusz fragte ganz bestimmt nicht nur aus purer Neugier. Er <emphasis>wollte </emphasis>auf etwas Bestimmtes hinaus. �Sheik Sinan ist ein au�ergew�hnlich gro�z�giger Gastgeber�, sagte sie betont vorsichtig. �Und ich war in keinem besonders guten Zustand, als er mich aus der Sklaverei freigekauft hat. Um ehrlich zu sein - ich war mehr tot als lebendig. Es hat lange gedauert, mich von den Strapazen zu erholen.�</p><p>�Die Gastfreundschaft des Alten vom Berge sch�tzen zu lernen ging ganz offensichtlich schneller�, antwortete Dariusz.</p><p>�Oder liegt es an Eurer ... <emphasis>Dienerin?�</emphasis></p><p>Robin �berh�rte den anz�glichen Ton in seiner Stimme ganz bewusst und wurde ein wenig langsamer; schon um Saila Gelegenheit zu geben, noch einmal mit ihrer Tochter zu reden. Dabei wusste Robin durchaus, dass Nemeth ihre kleinste Sorge darstellte. Das M�dchen war intelligent und alt genug, um die Situation zu begreifen, und Robin war sich nur zu bewusst, dass sie sich auf ihre Verschwiegenheit verlassen konnte. Aber inwieweit galt das f�r alle anderen Einwohner des Dorfes? Jedermann hier wusste, dass sich unter dem Kettenhemd, das sie trug, eine <emphasis>Frau </emphasis>verbarg, auch wenn sie sich nur zu oft einen Spa� daraus machte, sich wie ein Mann zu benehmen. Und Dariusz hatte �ber hundert Begleiter mitgebracht. Wenn auch nur ein einziger von ihnen mit den D�rflern redete, auch nur eine einzige, falsche Frage stellte, dann war alles vorbei.</p><p>Saila trat ihnen aus dem Halbdunkel entgegen, als sie das Haus betraten. Von Nemeth war keine Spur zu sehen, was Robin trotz allem bedauerte, und die dunkelhaarige Dienerin hatte ihr Kopftuch abgelegt, sodass man ihr langes, bis weit �ber die Schultern fallendes, schwarzes Haar sehen konnte. Robin musste sich bek�mmert eingestehen, dass Dariusz vollkommen Recht hatte. Beileibe nicht zum ersten Mal fiel ihr auf, was f�r eine wirklich sch�ne Frau Saila war.</p><p>�Ich habe den Tisch f�r Euch und Euren hohen Gast im Hof gedeckt, Herr�, sagte Saila mit einem angedeuteten Kopfnicken und einer einladenden Geste. �Meine Tochter wird Euch gleich zu trinken bringen.�</p><p>�Gut�, antwortete Robin. �Aber danach lasst uns bitte allein. Bruder Dariusz und ich haben sicherlich eine Menge zu besprechen.�</p><p>Saila nickte noch einmal, wiederholte ihre einladende Geste und entfernte sich dann mit schnellen Schritten. Dariusz sah ihr eindeutig bewundernd hinterher.</p><p>�Ich muss Euch Abbitte tun, Bruder Robin�, sagte er. �Habe ich vorhin gesagt, sie w�re h�bsch? Das stimmt nicht. Sie ist eine wahre Blume des Orients.� Sein L�cheln wurde wieder ganz eindeutig anz�glich. �Sheik Sinan wei� tats�chlich, was er seinen G�sten schuldig ist.�</p><p>Robin blickte ihn so k�hl an, wie sie konnte. �Ich verstehe nicht genau, was Ihr meint, Bruder.�</p><p>Dariusz� Grinsen wurde nur noch breiter. Saila hatte das Zimmer mittlerweile verlassen, und er drehte sich einmal um sich selbst und sah sich dabei unverhohlen neugierig um. �Es scheint Euch ja nicht schlecht gegangen zu sein, in den letzten Monaten, Bruder�, sagte er. �F�r einen freigekauften Sklaven.�</p><p>�Das hier ist nicht mein Haus�, antwortete Robin, nun in ganz leicht ver�rgertem Ton. �Es geh�rt Sheik Sinan. Die Dorfbewohner halten es bereit, falls er oder einer seiner M�nner hierher kommen.�</p><p>�Und wo sind sie jetzt?�, fragte Dariusz.</p><p>�Wer?�</p><p>�Sinans M�nner�, antwortete der Tempelritter. �Ihr habt mir gerade erz�hlt, Ihr w�rt zusammen mit ihnen auf der Suche nach den Pl�nderern gewesen. Ich war der Meinung, sie hier anzutreffen.�</p><p>�W�ren Sinans Assassinenkrieger hier gewesen�, antwortete Robin fast sanft, �so h�ttet Ihr und Eure M�nner nicht eingreifen m�ssen, Dariusz. Sechs von ihnen sind mehr als genug, um mit einem Dutzend dieser Halsabschneider fertig zu werden.�</p><p>�Das beantwortet nicht meine Frage�, sagte Dariusz. �Wo sind sie?�</p><p>�Sie sind den Spuren der Pl�nderer in die W�ste hinaus gefolgt�, antwortete Robin. �Vielleicht eine Stunde, bevor Ihr und die Euren gekommen seid.�</p><p>�Ohne Euch?�</p><p>�Ich wollte sie begleiten�, antwortete Robin. �Aber mein Pferd hat gelahmt.� Sie hob die Schultern und deutete ein verlegenes L�cheln an. �Dar�ber hinaus muss ich gestehen, dass ich wohl auch mit einem gesunden Pferd M�he gehabt h�tte, mit ihnen mitzuhalten. Die Assassinen reiten wie der Teufel.�</p><p>�Ja�, antwortete Dariusz. �Das hat man mir auch erz�hlt. Umso mehr erstaunt es mich, dass Ihr Euch mit ihnen eingelassen habt.�</p><p>�Von ihnen gekauft zu werden, Bruder Dariusz�, antwortete Robin �rgerlich, �ist wohl kaum das, was man unter <emphasis>Sich-mit-jemandem-Einlassen </emphasis>versteht.�</p><p>Einen Herzschlag lang war sie sicher, den Bogen �berspannt zu haben. Trotz des schwachen Lichts hier drinnen konnte sie sehen, wie sich Dariusz� Gesicht verfinsterte und es in seinen Augen w�tend aufblitzte. Dann aber riss er sich sichtbar zusammen und sch�ttelte nur den Kopf. �Ich vermute, es war keine sehr angenehme Erfahrung. Aber das ist ja nun vorbei.� Er sah sich weiter unverhohlen neugierig in dem kaum m�blierten, aber gro�z�gigen Raum um, und schlie�lich blieb sein Blick auf Robins Wappenrock h�ngen, der sauber zusammengefaltet auf der Bank neben der T�r lag. �Ich sehe, dass Ihr die Insignien unseres Ordens immer noch in Ehren haltet. Das freut mich. Trotzdem frage ich mich, warum Ihr den Rock vorhin nicht getragen habt, sondern die Kleider der Einheimischen vorzieht.�</p><p>�Weil sie sehr praktisch sind�, antwortete Robin. Sie f�hlte sich immer unsicherer. Obwohl sie auf der einen Seite der Meinung war, bisher alles richtig gemacht zu haben, hatte sie gleichzeitig das Gef�hl, sich mit jedem Wort tiefer in ein Gespinst aus Halbwahrheiten, L�gen und durchsichtigen Ausfl�chten zu verstricken, das Dariusz einfach durchschauen <emphasis>musste. </emphasis>Vielleicht hatte er es l�ngst. Vielleicht hatte er die Wahrheit schon vor seinem Eintreffen hier gewusst und spielte nur ein grausames Spiel mit ihr. �Und ich war etwas in Eile, als ich das Haus verlie߫, f�gte sie, nun bewusst leicht sp�ttisch, hinzu.</p><p>�Ja, das kann ich verstehen�, antwortete Dariusz im selben Ton. �Aber das beantwortet nicht die Frage, warum Ihr den Rock �berhaupt ausgezogen habt.� Er sah kurz Robin an, dann etwas l�nger in die Richtung, in der Saila verschwunden war.</p><p>�Ich war schwimmen�, antwortete Robin k�hl. �Ich wei� ja nicht, wie Ihr es haltet, Bruder Dariusz, aber ich pflege nicht in voller R�stung ins Meer zu steigen. Es schwimmt sich schlecht mit einem Zentner Eisen am Leib.�</p><p>Einen Moment lang starrte Dariusz sie so unverhohlen misstrauisch an, dass Robin fast in Panik zu geraten drohte. Dann aber lachte er. �Ihr habt nat�rlich Recht, Bruder. Und wer bin ich, Euch Vorw�rfe oder gar Vorschriften machen zu wollen?� Er wedelte mit der Hand, wie um jedem denkbaren Widerspruch schon von vornherein zuvorzukommen. �Aber lassen wir das. Nun habe ich Euch ja wiedergefunden. Wie war das mit Eurer Einladung zum Festmahl?�</p><p>Robin deutete auf den Durchgang zum Hof. Saila hatte in den wenigen Minuten, die ihr geblieben waren, tats�chlich so etwas wie ein kleines Wunder vollbracht. Im Schatten des Aprikosenbaumes stand jetzt ein niedriger Tisch, auf dem h�lzerne Teller und Schalen voller Fladenbrot, Fisch und Oliven, Gem�se und Obst arrangiert waren, dazu ein gewaltiger Krug, in dem sich vermutlich der stark verd�nnte Wein befand, den man hierzulande G�sten anbot, und zwei einfache, schmucklose Becher. Saila hatte sogar noch die Zeit gefunden, ein St�ck Segeltuch als Schutz vor den immer noch unbarmherzig herabbrennenden Strahlen der Sonne �ber den Tisch zu spannen, und Dariusz nickte nicht nur anerkennend, sondern lie� sich mit einem deutlich h�rbar erleichterten Seufzer auf einen der beiden St�hle sinken. Das M�belst�ck �chzte unter dem Gewicht seiner massigen Gestalt, was Dariusz aber nicht weiter zu st�ren schien. Er lehnte sich im Gegenteil zur�ck und streckte die Beine aus. �Das tut gut. Ich habe schon fast vergessen, wann ich das letzte Mal auf einem Stuhl gesessen habe und nicht im Sattel eines Pferdes oder auf nacktem Boden.�</p><p>�Wie lange seid Ihr jetzt unterwegs?�, erkundigte sich Robin. Es interessierte sie nicht im Mindesten. Aber die Stunde, von der Dariusz gesprochen hatte, war noch lange nicht vorbei, und eine Stunde war eine entsetzlich lange Zeit, um Fragen zu stellen und die falschen Antworten darauf zu geben. Vielleicht war es besser, wenn sie <emphasis>ihn </emphasis>fragte, statt ihrerseits <emphasis>seine </emphasis>Fragen zu beantworten. Robin verfluchte sich jetzt schon in Gedanken f�r die Geschichte, die sie ihm gerade aufgetischt hatte. Sie hielt sich zwar �ber weite Strecken an die Wahrheit, entfernte sich aber zugleich auch viel zu weit von ihr, als dass sie sich ernsthaft einbilden konnte, auf Dauer damit durchzukommen.</p><p>�Viel zu lange�, seufzte Dariusz. �Nur gut, dass wir den gr��ten Teil der Strecke jetzt hinter uns haben.� Er richtete sich wieder auf, goss sich einen Becher Wein ein und leerte ihn mit einem einzigen, gierigen Zug fast zur H�lfte. Bevor er ihn wieder auf den Tisch zur�ckstellte und mit der anderen Hand nach dem Fladenbrot griff, um sich ein gewaltiges St�ck davon abzubrechen, f�llte er ihn erneut. �Nun�, begann er, �Ihr habt nat�rlich Recht, Bruder Robin. Ich bin es Euch wohl schuldig, Euch �ber den Grund unseres Hierseins aufzukl�ren.�</p><p>Robin nickte stumm. Ihr ungutes Gef�hl verst�rkte sich.</p><p>�Meine Begleiter und ich haben uns mit einer Gesandtschaft des Ordens in Latakia getroffen�, begann Dariusz und sah sie zugleich fragend an. Robin kramte einen Moment lang in ihrem Ged�chtnis und nickte dann. Sie hatte dieses Wort zumindest schon einmal geh�rt. �Bohemund, der F�rst von Antiochia, hatte sich als Vermittler in unserem Streit mit den habgierigen Johannitern angeboten.�</p><p>�Dieser alberne Streit ist immer noch nicht beigelegt?�, erkundigte sich Robin fast beil�ufig.</p><p>Dariusz sch�ttelte den Kopf und biss fast w�tend in das Brot.</p><p>�Nein�, antwortete er kauend. �Und ich f�rchte, es wird auch noch eine Weile dauern, bis wir uns darum k�mmern k�nnen. Die Verhandlungen hatten noch nicht einmal begonnen, als uns Herzog Ferdinand von Falkenberg die Nachricht von einem �berfall der Sarazenen auf den K�nig zukommen lie�.�</p><p>Robin musste ihr Erschrecken nicht einmal schauspielern.</p><p>�K�nig Balduin?�</p><p>Dariusz nickte bek�mmert. �Ja. Es war eine Falle. Der K�nig w�re gewiss in Gefangenschaft geraten, aber Gott war auf seiner Seite.�</p><p>�Gott, oder ...?�, fragte Robin.</p><p>�In Gestalt Humfried von Toron�, best�tigte Dariusz mit einem angedeuteten L�cheln, �der gerade im rechten Moment erschien und ihn tapfer verteidigte. Seither belagert Saladin Humfrieds Burg an der Jakobsfurth, und K�nig Balduin hat alle Ritter des K�nigreiches und der F�rstent�mer Tripolis und Antiochia aufgerufen, sich unter unserer Fahne zu versammeln, um gegen Saladin zu ziehen.� Er sah Robin mit schlecht gespieltem Erstaunen an. �Ich bin ein wenig �berrascht, dass Ihr nichts davon geh�rt habt, Bruder.�</p><p>Robin blickte Dariusz alarmiert an. Sie sp�rte, dass er nun zum Thema kam. �Sinans Burg liegt ...�, sie suchte einen Moment nach Worten, �... vielleicht nicht unbedingt im Brennpunkt des politischen Geschehens.�</p><p>�Aber man sagt doch, dass es die gr��te St�rke des Alten vom Berge ist, �ber alles und jeden informiert zu sein�, gab Dariusz zur�ck. Jede Spur von Freundlichkeit war aus seiner Stimme gewichen.</p><p>�Gewiss trifft das auf Sinan zu�, pflichtete ihm Robin ruhig bei. �Aber das gilt nicht unbedingt und zwangsl�ufig auch f�r seine G�ste.�</p><p>Der Templer brach ein weiteres St�ck Brot ab, das er mit einem noch gr��eren Schluck Wein heruntersp�lte, aber Robin zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass er das nur tat, um Zeit zu gewinnen. �Nun�, sagte er schlie�lich, �das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Ihr k�nnt aufatmen, Robin. Ihr braucht die Gastfreundschaft des Sheiks nicht l�nger in Anspruch zu nehmen.�</p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Robin alarmiert.</p><p>Dariusz sah sie vieldeutig an. �Was auch immer Euch in dieses Fischerdorf verschlagen hat, Bruder�, antwortete er, �ich habe den direkten Befehl unseres Gro�meisters Odo, jeden Tempelritter und jeden Vasallen des K�nigs von Jerusalem mitzubringen, auf den ich auf dem R�ckweg sto�e.�</p><p>�Auf dem R�ckweg?� Robin versteifte sich ein wenig. Ihr Herz begann zu klopfen. �Wohin?�</p><p>�Wir sollen uns in der Burg Safet einfinden�, antwortete Dariusz. �Ich und die M�nner in meiner Begleitung sind nicht die einzigen. Ein gro�es Heer hat sich dort bereits versammelt. Wir werden den Hund Saladin durch die W�ste bis nach Damaskus zur�ckpr�geln und ihn am Tor seines eigenen Palastes aufkn�pfen zur Warnung an alle anderen Ungl�ubigen und Barbaren, nicht noch einmal die Hand gegen unseren K�nig zu erheben.�</p><p>�Ich ... soll Euch begleiten?�, murmelte Robin.</p><p>�So lauten jedenfalls der Befehl des K�nigs und der ausdr�ckliche Wunsch unseres Gro�meisters�, best�tigte Dariusz. Mit einem angedeuteten, eindeutig b�sen L�cheln f�gte er hinzu:</p><p>�Auch wenn es mir fast schwer f�llt, es zu formulieren. Zweifellos brennt Ihr bereits darauf, endlich wieder zu uns zur�ckzukehren und nicht l�nger bei diesen primitiven Heiden leben zu m�ssen.�</p><p>Robin antwortete nicht. Bei den Menschen, die Dariusz als Heiden und Primitive bezeichnete, hatte sie eine Gastfreundschaft, eine W�rme und Liebensw�rdigkeit kennen gelernt, die sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal f�r m�glich gehalten h�tte. Sie hatte auf Sinans Felsenburg Kunstwerke von solcher Pracht und solch unbeschreiblicher Sch�nheit gesehen, dass selbst die gr��ten Sch�tze aller Kirchen, die sie kannte, dagegen verblassten, und trotz aller Grausamkeit, die den Assassinen zu Recht nachgesagt wurde, hatte sie ausgerechnet in einem von ihnen den Menschen gefunden, den sie nicht nur am meisten liebte, sondern der auch so sanftm�tig, verzeihend und gro�herzig sein konnte wie kein anderer auf der Welt.</p><p>Sie ballte unter der Tischplatte die H�nde so fest zu F�usten, dass sich ihre Fingern�gel schmerzhaft in die Handfl�chen gruben, damit Dariusz ihre wahren Gef�hle nicht etwa auf ihrem Gesicht ablesen konnte. Vermutlich tat er es trotzdem. Robin hatte gelernt, ihre wirklichen Empfindungen zu verbergen und stets eine Maske zu tragen, aber in diesem Moment sp�rte sie, wie diese Maske zu zerbr�ckeln begann. Sie f�hlte sich �berfordert, allein gelassen und verzweifelt. Was sollte sie nur tun?</p><p>�Ja, es ist sicherlich ein erfreulicher Gedanke, wieder zu unseren Br�dern zur�ckkehren zu d�rfen�, antwortete sie mit wenig �berzeugung in der Stimme. �Dennoch sollte ich vielleicht zuerst mit Sinan reden. Immerhin bin ich ...�</p><p>�Das wird nicht n�tig sein�, unterbrach sie Dariusz. �Ich werde einen Boten zu seiner Burg schicken, um ihn davon in Kenntnis zu setzen, dass Ihr mit uns geritten seid, und ihm meinen Dank f�r Eure Errettung �berbringen. Macht Euch keine Sorgen. Die Assassinen sind schlie�lich unsere Verb�ndeten.�</p><p>�Ja�, murmelte Robin einsilbig. �Das ist wohl wahr.�</p><p>Dariusz st�rzte seinen dritten Becher Wein hinunter und knabberte mit sichtlichem Genuss an einem gebratenen H�hnerschenkel herum. �Nehmt es mir nicht �bel, Robin�, sagte er mit vollem Mund, �aber Ihr macht mir keinen sehr ... erfreuten Eindruck.�</p><p>�Unsinn�, antwortete Robin hastig und mit einem d�nnen, vollkommen verungl�ckten L�cheln. �Es kam nur so ... �berraschend. Nach all der Zeit hatte ich die Hoffnung schon fast aufgegeben, jemals wieder von hier wegzukommen.�</p><p>�Die Hoffnung auf ein g�tiges Schicksal aufzugeben hei�t, den Glauben an Gott aufzugeben�, antwortete Dariusz, entsch�rfte seine eigenen Worte aber sofort wieder, indem er l�chelte und hinzuf�gte: �Aber ich glaube, das geh�rt zu den kleinen Schw�chen, die unser Herr uns nur zu gerne vergibt.�</p><p>Er f�llte seinen Becher zum vierten Mal, betrachtete die goldgelb schimmernde Fl�ssigkeit darin dann einen Moment lang stirnrunzelnd und setzte ihn wieder ab, ohne getrunken zu haben. Fast in der gleichen Bewegung stand er auf. �Aber nun m�sst Ihr mich entschuldigen, Bruder. Ich will nach den M�nnern sehen. Unser Aufbruch muss vorbereitet werden. Und ich nehme an, dass Ihr Euch noch von Eurer Dienerin und deren entz�ckenden Tochter verabschieden wollt. Ein wirklich h�bsches Kind. Ich warte dann unten am Dorfplatz auf Euch. Und sorgt Euch nicht wegen des lahmenden Pferdes. Wir werden sicherlich noch ein Ersatzpferd f�r Euch auftreiben.�</p><p>Robin h�tte nicht einmal antworten k�nnen, wenn sie es gewollt h�tte. Sie sa� einfach nur da und starrte Dariusz fassungslos an, und sie hatte mit jedem Moment mehr das Gef�hl, den Boden unter den F��en zu verlieren. Pl�tzlich war ihr klar, dass nichts von dem, was Dariusz gerade gesagt oder getan hatte, kein Wort, kein Blick, keine noch so winzige und bedeutungslos erscheinende Geste, in irgendeiner Form Zufall gewesen war. Und es war auch kein Zufall, dessen war sie sich jetzt vollkommen und absolut sicher, dass er und seine Begleiter ausgerechnet hierher, in dieses winzige, bedeutungslose Fischerdorf gekommen waren. Ganz pl�tzlich begriff sie, dass er sie <emphasis>gesucht </emphasis>hatte. All seine vermeintliche Freundlichkeit, sein ganz genau dosiertes Misstrauen hatten nur der Vorbereitung auf diese letzte Er�ffnung gedient.</p><p>Robin starrte die T�r immer noch an, auch als Dariusz schon l�ngst gegangen war. Ihre H�nde begannen zu zittern. Ihr Herz klopfte pl�tzlich so stark, dass es ihr fast den Atem nahm, und der Innenhof drehte sich immer schneller und schneller um sie. H�tte sie nicht ohnehin auf dem Stuhl gesessen, sie h�tte vielleicht wirklich den Boden unter den F��en verloren und w�re gest�rzt. Dariusz wollte sie mitnehmen? Nein - sie korrigierte sich in Gedanken. Er <emphasis>w�rde </emphasis>sie mitnehmen. Er war aus keinem anderen Grund hergekommen.</p><p>�Herrin?�</p><p>Robin schrak heftig zusammen, als eine Stimme in ihre Gedanken drang. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass ihre Dienerin zu ihr auf den Hof getreten war. M�hsam und erst nach endlosen Sekunden riss sie den Blick von der T�r los, durch die Dariusz verschwunden war, und drehte sich, wie gegen einen unsichtbaren Widerstand ank�mpfend, zu ihr um. Saila sah sie aus aufgerissenen Augen an, die dunkel vor Furcht waren. �Ist alles ... in Ordnung?�, erkundigte sie sich.</p><p>Die Frage erschien Robin so grotesk, dass sie beinahe laut aufgelacht h�tte. �Nein�, antwortete sie mit flacher, tonloser Stimme. �Es ist ... nichts in Ordnung. Dariusz ...�</p><p>�Ich habe alles geh�rt�, unterbrach sie Saila. �Verzeiht, dass ich Euch belauscht habe, aber ...�</p><p>�Das macht nichts�, unterbrach sie Robin. Nerv�s fuhr sie sich mit dem Handr�cken �ber das Kinn. Ihre Gedanken jagten sich noch immer. Sie hatte M�he, sich darauf zu konzentrieren, Saila zu antworten. �Dariusz war ja auch laut genug.�</p><p>�Was werden wir jetzt tun?�, fragte Saila.</p><p>�Wir?� Robin sch�ttelte den Kopf. �Ich f�rchte, es gibt nicht viel, was <emphasis>wir </emphasis>tun k�nnen�, murmelte sie. Ein Teil von ihr weigerte sich immer noch zu glauben, was gerade geschehen war. Es konnte nur ein Albtraum sein. M�hsam stand sie auf.</p><p>Ihre Bewegungen mussten unsicherer sein, als ihr selbst klar war, denn Saila steckte pl�tzlich die H�nde aus, wie um sie aufzufangen, sollte sie st�rzen, dann fuhr sie fast unmerklich zusammen, wich einen halben Schritt zur�ck und sah gleicherma�en betroffen wie erschrocken aus. �Ihr m�sst fliehen, Herrin. Ich habe Nemeth schon losgeschickt, um Euer Pferd ...�</p><p>�Ich f�rchte, das geht nicht�, unterbrach sie Robin. Sie schluckte, um den bitteren Geschmack loszuwerden, der pl�tzlich in ihrem Mund war. Ein Teil von ihr lauschte mit einer Art hysterischen Entsetzens ihren eigenen Worten, aber da war noch ein anderer Teil, der sich der Ausweglosigkeit ihrer Situation vollkommen klar war und sie fast schon unnat�rlich ruhig weitersprechen lie�. �Du hast Dariusz geh�rt. Er ist auf Befehl des K�nigs und unseres Gro�meisters hier. Er wird nicht ohne mich abziehen.�</p><p>�Aber Ihr k�nnt doch nicht wirklich mit ihm reiten!�, antwortete Saila ungl�ubig. �Nicht in Eurem ...�</p><p>�Ich muss�, unterbrach sie Robin. Sie sch�ttelte ein paar Mal hintereinander den Kopf und versuchte, Saila beruhigend zuzul�cheln, sp�rte aber selbst, wie kl�glich es misslang. �Ich kenne diesen Mann von fr�her, Saila. Er wartet nur auf einen Vorwand, mich in Ketten von hier wegzubringen.�</p><p>�Aber Salim wird bald zur�ck sein�, sagte Saila. Sie klang pl�tzlich hilflos. Fast so hilflos und verst�rt, wie Robin selbst sich f�hlte. �Er wird niemals zulassen, dass dieser schreckliche Mann Euch mitnimmt.�</p><p>�Und ganz genau darum muss ich mit ihm gehen�, antwortete Robin. �Ich kann nur hoffen, dass Salim und seine M�nner nicht zur�ckkommen, bevor wir aufgebrochen sind. Dariusz w�rde ihn t�ten.�</p><p>�Ein Grund mehr, zu fliehen�, beharrte Saila. Ihre Stimme klang jetzt fast panisch. �Das Pferd steht hinter dem Haus bereit. Und es ist schnell. Auf der Burg unseres Herrn seid Ihr in Sicherheit.�</p><p>Aber nicht einmal dessen war sich Robin wirklich sicher. Sheik Sinan w�rde niemals zulassen, dass Dariusz sie gegen ihren Willen zwang, ihn und seine M�nner zu begleiten, aber sie vermochte einfach nicht zu beurteilen, wie Dariusz� Reaktion darauf ausfallen w�rde. Sie traute diesem Fanatiker durchaus zu, seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen - oder es wenigstens zu versuchen. Dariusz hatte nie zu denen geh�rt, die das B�ndnis zwischen den Tempelrittern und den Assassinen billigten, und er hatte niemals einen Hehl daraus gemacht.</p><p>�Nein�, sagte sie noch einmal, und jetzt mit ruhiger, fester Stimme. �Ich muss sie begleiten.�</p><p>�Dann komme ich mit�, sagte Saila bestimmt.</p><p>Robin l�chelte. �Ich wusste, dass du das sagen w�rdest. Aber es geht nicht. So gerne ich dich bei mir h�tte, eine Frau bei den Tempelrittern ist ... undenkbar.�</p><p>�So?�, fragte Saila. Ihr Blick blieb ernst, aber der Tonfall, in dem sie dieses eine Wort ausgesprochen hatte, war beredt genug.</p><p>�Mach dir keine Sorgen�, sagte Robin. �Ich bin diese Rolle gewohnt. Ich habe sie jahrelang mit Erfolg gespielt, es wird mir auch noch f�r einige wenige weitere Tage gelingen.� Sie sch�ttelte rasch den Kopf, als sie sah, dass Saila abermals widersprechen wollte, und machte eine zus�tzliche, fast befehlende Geste.</p><p>�Ich brauche dich hier, Saila.�</p><p>�Wozu?�, erkundigte sich Saila verwirrt.</p><p>�Du musst auf Salim warten�, antwortete Robin. �Erz�hle ihm, was geschehen ist. Und ich flehe dich an, Saila - sorg daf�r, dass er keine Dummheiten macht. Du wei�t, was ich meine?�</p><p>Saila nickte wortlos. Ihr Gesicht war ein einziger Ausdruck der Qual.</p><p>�Und danach m�sst ihr zur�ck zur Burg reiten und Salims Vater berichten, was passiert ist. Er darf auf gar keinen Fall etwas Un�berlegtes tun, hast du das verstanden? Macht euch keine Sorgen um mich. Ich finde schon einen Weg, um zur�ckzukommen. Wahrscheinlich�, f�gte sie mit einem diesmal fast �berzeugenden L�cheln und in einem Ton der Zuversicht, die sie ganz und gar nicht empfand, hinzu, �werde ich schon in ein paar Tagen zur�ckkommen. Ich werde bei der ersten sich bietenden Gelegenheit fliehen.�</p><p>�Die erste Gelegenheit w�re jetzt�, antwortete Saila.</p><p>Robin sch�ttelte nur erneut den Kopf. �Das ist viel zu gef�hrlich�, beharrte sie. �Du kennst Dariusz nicht. Ich bin lange genug mit diesen M�nnern geritten, um zu wissen, wozu sie imstande sind. Er w�rde das ganze Dorf b��en lassen. Er w�rde es niederbrennen und jeden Mann und jede Frau und jedes Kind t�ten, glaub mir. Und selbst wenn ich es bis zur Burg schaffe, w�rde er sie m�glicherweise belagern, nur um meiner wieder habhaft zu werden.�</p><p>Saila widersprach zwar nicht, aber sie sah sie so un�bersehbar zweifelnd an, das Robin sich fast gen�tigt f�hlte hinzuzuf�gen:</p><p>�Dariusz ist ein Fanatiker, Saila. Wenn es etwas gibt, was er noch mehr hasst als Saladin und seine Verb�ndeten, dann sind es Tempelritter, die gegen ihren Eid versto�en. Er w�rde eher einen Krieg vom Zaun brechen, als einen Verr�ter aus seinen eigenen Reihen davonkommen zu lassen. Und ganz genau daf�r w�rde er mich halten, wenn ich jetzt fliehe.�</p><p>�Aber das habt Ihr doch schon l�ngst, Herrin�, sagte Saila leise. Robin sah sie fragend an, und die Dienerin f�gte hinzu: �Den Eid gebrochen.�</p><p>Nicht wirklich, dachte Robin. Sie hatte ihn nie geleistet. Sie hatte diese lebensgef�hrliche Scharade niemals spielen wollen, zu der sie jahrelang gezwungen gewesen war, und sie verfluchte sich in Gedanken daf�r, nicht nach ihrer Errettung genau das getan zu haben, worum Salim sie so oft gebeten hatte, n�mlich das wei�e Ordensgewand endg�ltig abzulegen und zu verbrennen, und auch dem Kettenhemd, dem Schwert und dem Schild abzuschw�ren und einfach nur Salims <emphasis>Frau </emphasis>zu sein, die an seiner Seite lebte und herrschte. Ganz pl�tzlich begriff sie, auf welch entsetzliche Weise sich Salims Worte zu bewahrheiten begannen.</p><p>Was sie so lange Zeit f�r nichts anderes als ein Spiel gehalten hatte, ein harmloses Kokettieren mit einer Vergangenheit, die sie endg�ltig hinter sich gelassen zu haben glaubte, das war von einem Herzschlag auf den anderen zu einer Gefahr l�ngst nicht nur f�r <emphasis>ihr </emphasis>Leben geworden. Warum war sie in R�stung und Waffenrock hergekommen? Sie war sicher, dass Dariusz sie nicht einmal <emphasis>erkannt </emphasis>h�tte, h�tte sie die seidenen Gew�nder und kostbaren T�cher getragen, in denen Salim sie so gerne sah, und einen Strau� Blumen oder einen Korb mit Fr�chten in der Hand gehalten statt eines Schwertes.</p><p>Aber es war noch niemals Robins Art gewesen, mit dem Schicksal zu hadern. Sie musste einfach akzeptieren, was geschehen war, und versuchen, das Beste daraus zu machen - auch wenn sie sich sehr wohl bewusst war, dass sie die Situation in Wahrheit noch nicht einmal ansatzweise begriffen hatte.</p><p>Leichte Schritte n�herten sich, dann trat Nemeth zu ihnen heraus. Auch das M�dchen war schreckensbleich. Es zitterte am ganzen Leib, und Robin musste nicht fragen, um zu wissen, dass auch Nemeth ihr Gespr�ch mit Dariusz belauscht hatte; vermutlich auch das mit ihrer Mutter. Bevor Nemeth jedoch auch nur ein Wort sagen konnte, machte Robin eine Kopfbewegung zum Ausgang hin. �Geh zur T�r�, sagte sie, �und pass auf, dass uns niemand st�rt.�</p><p>�Aber ...�, begann Nemeth.</p><p>Robin unterbrach sie sofort. �Schnell. Es ist wichtig, Nemeth. Wir verlassen uns auf dich.�</p><p>Das M�dchen sah sie noch einen Moment lang aus gro�en, furchterf�llten Augen an, aber dann wandte es sich um und verschwand mit schnellen Schritten im Haus, und Robin drehte sich wieder zu Saila um und streifte gleichzeitig mit einer entschlossenen Bewegung den Turban ab. �Eines musst du noch f�r mich tun, Saila�, sagte sie.</p><p>�Herrin?� Saila wirkte unsicher, fast erschrocken.</p><p>�Hol das sch�rfste Messer, das du in der K�che findest�, sagte Robin schweren Herzens. �Und dann schneide mir das Haar.�</p></section><section><title><p>4. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>�Bruder Robin?� Jemand sch�ttelte sie sanft an der Schulter. Robin schob die Hand weg, nuschelte verschlafen irgendetwas in sich hinein und drehte sich auf die Seite, wobei sie mit der Hand nach einer Decke tastete, die es gar nicht gab. Die Stimme, die ihren Namen genannt hatte, wiederholte sich nicht, aber die Hand war wieder da und r�ttelte noch einmal und diesmal deutlich kr�ftiger an ihr. Widerwillig �ffnete Robin die Augen, blinzelte verst�ndnislos in ein schmutziges, von einem unordentlich gestutzten Bart eingerahmtes Gesicht und versuchte vergeblich, sich zu erinnern, wo sie war.</p><p>�Es ist Zeit, Bruder�, sagte der B�rtige. Er fl�sterte fast; dennoch entging Robin der missbilligende Unterton in seinen Worten nicht. Sie hatte auch das Gef�hl, den Grund f�r seinen leisen �rger kennen zu m�ssen, aber sie war einfach noch nicht richtig wach. Dennoch deutete sie eine Bewegung an, die der B�rtige zumindest als zustimmendes Nicken auslegen konnte, wenn er es denn wollte, presste f�r einen Moment die Lider so fest aufeinander, dass bunte Lichtblitze vor ihren Augen flimmerten, und stemmte sich zugleich auf beide Ellbogen hoch. Dem B�rtigen schien das als Antwort zu gen�gen, denn er warf ihr zwar noch einen halb strafenden, halb aber auch verzeihenden Blick zu, sagte aber nichts mehr, sondern drehte sich wortlos um und ging. Robin stemmte sich ein kleines St�ckchen weiter in die H�he und unterdr�ckte nur noch mit M�he ein G�hnen. Im allerersten Moment hatte sie immer noch M�he, sich zu erinnern, wo sie war. Ihr K�rper begann vielleicht allm�hlich zu erwachen, aber ihre Gedanken und erst recht ihre Erinnerungen schienen gr��ere Schwierigkeiten damit zu haben. Ihre Umgebung hatte jedenfalls alle Voraussetzungen, geradewegs aus einem Albtraum stammen zu k�nnen, dessen Nachhall sie noch sp�rte, ohne sich wirklich daran zu erinnern. Es war ein einfacher, niedriger Raum in einem engen Turm, dessen W�nde aus unverputzten Ziegeln bestanden und der von einer einzelnen, schon fast heruntergebrannten Kerze nur unzureichend erhellt wurde, sodass sie kaum mehr als die dunklen Schatten einiger M�nner wahrnahm, die sich rings um sie herum allm�hlich zu r�hren begannen. Es war stickig, und es stank. Der zerschlissene Strohsack, auf dem sie sich zum Schlafen ausgestreckt hatte, musste unter ihrem Gewicht aufgeplatzt sein, denn sie sp�rte mindestens ein Dutzend trockener Halme, die in ihrem Nacken kitzelten und stachen, und der Geruch des schon halb in F�ulnis �bergegangenen Strohs war noch beinahe der angenehmste hier drinnen.</p><p>Das war etwas, was sie in der Zeit mit Salim schlichtweg vergessen hatte. Die Tempelritter mochten gef�rchtete Krieger sein, tapfere und - zumindest zum gr��ten Teil - aufrechte M�nner, die tats�chlich an das glaubten, wof�r sie standen, aber eines waren sie gewiss nicht: reinlich. Robin musste sich keine Sorgen darum machen, dass ihr Geheimnis sp�testens beim ersten gemeinsamen Bad entdeckt w�rde. Die Tempelritter badeten nie. Einige wenige, allen voran zweifellos Dariusz, bildeten da vielleicht eine Ausnahme, doch Robin hatte weder damals in ihrer Zeit in der Komturei noch auf dem Schiff w�hrend der �berfahrt oder jetzt eine Ausrede ben�tigt, um sich in ihrem langen Unterkleid oder auch gleich komplett angezogen zum Schlafen auszustrecken. Sie war sicher, dass etliche der M�nner, die rings um sie herum allm�hlich erwachten oder auch noch lautstark vor sich hin schnarchten, ihre Kleidung seit Jahren nicht mehr abgelegt hatten.</p><p>Dennoch waren die letzten N�chte, die sie gemeinsam mit den Rittern verbracht hatte, N�chte voller Angst gewesen, in denen sie kaum zum Schlafen gekommen war; und wenn, dann war es ein unruhiger, von Albtr�umen und Furcht heimgesuchter Schlaf gewesen, aus dem sie nicht wirklich ausgeruht wieder erwacht war. Sie war es gewohnt, in einem eigenen Zimmer zu schlafen und in einem Bett, das ann�hernd so gro� war wie dieser ganze Raum, in dem sich ein gutes Dutzend M�nner dr�ngte, und sie hatte allein zwei N�chte gebraucht, um eine Stellung zu finden, in der sie auch nur einzuschlafen gewagt hatte. Eine fl�chtige Ber�hrung, und ihr Geheimnis w�re keines mehr. Es kam Robin schon jetzt fast wie ein kleines Wunder vor, dass bisher noch keiner dieser M�nner misstrauisch geworden war.</p><p>Vielleicht lag es einzig daran, dass jeder einzelne von ihnen mindestens genauso ersch�pft und m�de war wie sie selbst. Nicht wenige von ihnen schafften es abends gerade noch mit letzter Kraft, sich zu ihrem Schlafplatz zu schleppen, und schliefen ein, noch bevor ihre K�pfe die zerschlissenen Strohs�cke oder auch den nackten Boden ber�hrt hatten, und Robin war auch nicht die Einzige, die M�he hatte, sich nach den immer k�rzer werdenden Pausen wieder zu erheben. Nach dem f�nf lange Tage w�hrenden erbarmungslosen Ritt entlang der Mittelmeerk�ste, vorbei an den bl�henden G�rten von Tripolis, deren Farbenpracht und Schatten ihnen unter ihren schweren R�stungen wie der blanke Hohn vorgekommen waren, vorbei an schattigen Hainen und endlosen Feldern mit goldenem Korn und Anpflanzungen mit Hunderten von Obstb�umen und Str�uchern, immer in Sichtweite des Paradieses und doch geradewegs durch die H�lle, hatten sie gestern Abend erst nach Sonnenuntergang die Tore von Tyros erreicht.</p><p>Die Pl�nderer hatten sie dem gro�en Gefolge weltlicher Ritter �berlassen, dem sie vor zwei Tagen begegnet waren. Das kleine Heer, das von einer gewaltigen Anzahl nicht berittener Waffenknechte begleitet wurde, kam nur langsam voran, war aber auf dem gleichen Weg, den auch Dariusz und seine Begleiter eingeschlagen hatten: dem Weg zur Templerfestung Safet, in deren N�he sich das Heerlager des K�nigs befand. Obwohl Robin gesp�rt hatte, dass sie in Tyrus nicht unbedingt willkommen waren und die Angst der Einwohner vor den Tempelrittern ihre Ehrerbietung und Gastfreundschaft eindeutig �berwog, hatte man Dariusz und seinen Begleitern ein Lager in einem der Festungst�rme �berlassen - auch wenn sich diese scheinbare Gro�z�gigkeit sp�testens auf den zweiten Blick ins Gegenteil verkehrt hatte. Robin hatte Verlie�e gesehen, die bequemer und wohnlicher waren als diese stickigen, engen Kammern.</p><p>Ihre H�nde zitterten nicht nur vor Benommenheit, als sie sich endg�ltig aufsetzte und den gef�tterten Gambeson �berstreifte. Das Kleidungsst�ck stank nach Schwei� und anderen, noch unangenehmeren Dingen, nach den Ausd�nstungen ihres Pferdes und hei�em Sand, und Robin h�tte ihren rechten Arm f�r ein St�ck wohlriechender Seife oder einen einzigen Spritzer des Parf�ms gegeben, das sie bisher so selbstverst�ndlich benutzt hatte.</p><p>Nachdem sie das Kleidungsst�ck �bergestreift hatte, wurde die Hitze schier unertr�glich. Es war schon warm hier drinnen gewesen, als sie die Augen aufgeschlagen hatte. Sie war schwei�gebadet erwacht, und allein die Vorstellung, das schwere Kettenhemd �berzustreifen, nahm ihr schier den Atem.</p><p>Dennoch z�gerte Robin nur einige Augenblicke, sich zu Ende anzuziehen. Rings um sie herum taten ihre neuen Weggef�hrten dasselbe, und abgesehen von einem gelegentlichen Klirren, dem Knarren von Leder, manchmal einem scharfen Atmen oder einem Husten oder R�uspern geschah alles in fast unheimlicher Stille.</p><p>Niemand rings um sie herum sprach. Die Ritter hielten sich eisern an das Schweigegel�bde, das den Templern verbot, auf Reisen miteinander zu reden, wenn sie nicht etwas wirklich Wichtiges auszutauschen hatten, oder um Gott zu preisen. Auch das war etwas, was sie schlichtweg vergessen hatte wie so vieles. Abb� war mit dieser Ordensregel immer recht locker umgegangen, Dariusz hingegen achtete streng auf die Einhaltung dieser wie auch s�mtlicher anderen Vorschriften.</p><p>Mit einem (lautlosen) Seufzen streifte sie das schwere, knielange Kettenhemd �ber und musste tats�chlich die Z�hne zusammenbei�en, um unter seinem Gewicht nicht aufzust�hnen. Es war nicht ganz klar, ob Schmerzenslaute oder ein Seufzen und St�hnen schon gegen das Schweigegel�bde versto�en w�rden, aber sie wollte sich vor den anderen auf keinen Fall eine Bl��e geben. Auch wenn es bisher niemand laut gesagt hatte, so waren ihr die verwirrten und �berraschten Blicke, mit denen sie die M�nner selbst jetzt, nach einer f�nft�gigen Reise, noch immer dann und wann ma�en, doch nicht entgangen. Niemand hier argw�hnte, dass sie eine Frau war - schon weil dieser Gedanke so absurd war, dass ein Tempelritter ihn gar nicht denken <emphasis>konnte -,</emphasis> aber sie sah auch ganz und gar nicht aus wie die zumeist hoch gewachsenen, breitschultrigen und kr�ftigen M�nner in ihrer Begleitung, sondern allenfalls wie ein etwas zart geratener, noch immer bartloser J�ngling, und vermutlich lag es einzig an dem Schweigegel�bde, dass die M�nner nicht bereits offen �ber sie zu tuscheln begonnen hatten.</p><p>Was nichts daran �nderte, dass sich sicherlich der eine oder andere seinen Teil dachte. Sie musste vorsichtig sein. Schw�che war gleich nach Gottlosigkeit und Ketzerei diejenige Eigenschaft, die Tempelritter am meisten verachteten.</p><p>Sie war dennoch die Letzte, die den wei�en Waffenrock mit dem roten Kreuz �berstreifte und das Schwert umg�rtete. Die anderen Ritter waren bereits fertig ger�stet, manche starrten sie schweigend an, und auf dem einen oder anderen Gesicht glaubte sie deutliche Spuren von Missbilligung zu erkennen. Robin b�ckte sich nach dem wei�en Mantel, der allein den Rittern im Orden vorbehalten war, und befestigte ihn mit einer schweren, silbernen Fibel an der Schulter. Fast hastig griff sie als Letztes nach dem Schild und klemmte sich den schweren Topfhelm unter den anderen Arm.</p><p>Schweigend verlie�en die Ritter den Turm. Drau�en war es noch dunkel, und trotzdem glaubte sie die Hitze des bevorstehenden Tages schon zu sp�ren. Hintereinander und schnell, dennoch aber mit den leicht schleppenden Bewegungen von M�nnern, die am Ende ihrer Kr�fte angelangt waren, bewegte sich die schweigende Prozession eine schmale Stiege an der Stadtmauer hinab. Nur hier und da brannte bereits ein Licht hinter den schmalen Fenstern der Stadt, aber es war dennoch fast unheimlich still. Tyros lag noch in tiefem Schlaf. Nur einsam und blechern ert�nte irgendwo in der N�he der Klang einer kleinen Glocke, Vom Meer her wehte ein k�hler Wind �ber die Stadt. Robin drehte fast ohne ihr Zutun das Gesicht in die entsprechende Richtung, um den milden Hauch zu genie�en; vielleicht das letzte Mal an diesem Tag, dass sie etwas wie K�hle sp�ren w�rde. Sie st�hnte innerlich schon jetzt unter dem Gewicht der R�stung und dachte voller Schrecken an den Tag, der ihnen bevorstand. Ein weiterer, endloser Tag in voller R�stung durch die Gluthitze des Orients, ein weiterer Tag, der jedem von ihnen wieder etwas von ihrer Kraft und Ausdauer nehmen w�rde, ein weiterer Tag, dessen Hitze, Durst und Anstrengungen die kleine Armee, die auf ihrem Weg nach Osten best�ndig anwuchs, weiter zerm�rbte. Robin fragte sich, in welchem Zustand diese M�nner sein mochten, wenn sie sich Safet und damit K�nig Balduins Heerlager n�herten. Gewiss nicht in einem Zustand, in dem sie eine Schlacht schlagen konnten, und <emphasis>ganz gewiss nicht </emphasis>in dem Zustand, sie zu <emphasis>gewinnen.</emphasis></p><p>Irgendwo in dem Durcheinander aus Dunkelheit und allm�hlich heller werdenden Schatten vor ihnen bewegte sich eine Gestalt. Irgendein Einwohner der Stadt, den es fr�h aus dem Haus getrieben hatte, vielleicht ein Bediensteter, ein Handwerker oder einer der zahllosen H�ndler, die immer wieder versuchten, ihnen ihre Ware anzupreisen, obgleich sie im Grunde genau wussten, wie fruchtlos diese Versuche bleiben mussten. Aber m�de, wie sie immer noch war, erlag sie f�r einen winzigen Moment einer Vision. Einen einzelnen, schweren Herzschlag lang war sie sicher, die Gestalt zu erkennen, sah sie das schmale und doch kraftvolle Gesicht unter dem schwarzbraunen Tuch und begegnete dem Blick von Salims Augen.</p><p>Das Trugbild erlosch, aber was zur�ckblieb, war ein bitterer Geschmack auf ihrer Zunge. Sie f�hlte sich schuldig. Sie wusste nicht, wann sie aufgeh�rt hatte, an Salim zu denken - am zweiten Tag ihres Rittes, vielleicht auch erst am dritten -, aber irgendwann hatte sie ihn einfach <emphasis>vergessen.</emphasis></p><p>So wie alles andere. Sheik Sinans Burg, Saila, all die Wochen und Monate, die sie auf der Festung der Assassinen verbracht hatte; selbst Salims K�sse und Liebkosungen begannen allm�hlich zu verblassen, kamen ihr schon jetzt beinahe wie die Erinnerungen einer Fremden vor, die sich nur durch einen Zufall in ihren Kopf verirrt hatten. Der unbarmherzige Gewaltmarsch, zu dem Dariusz die M�nner zwang, forderte nicht nur k�rperlich seinen Preis. Abgesehen von den wenigen kostbaren Augenblicken gleich nach dem Erwachen und den vielleicht noch k�rzeren Momenten vor dem Einschlafen hatte sie irgendwie aufgeh�rt zu denken. Die Vergangenheit spielte ebenso wenig eine Rolle wie die Zukunft.</p><p>Alles, was z�hlte, alles, worauf sie sich noch konzentrieren konnte, war die Gegenwart, der n�chste Augenblick, der n�chste Schritt, zu dem sie ihr Pferd zwang, das ebenso sehr unter der Hitze und dem Gewicht seiner Schabracke und des gepanzerten Reiters litt wie sie, der n�chste Atemzug, mit dem sie die gluthei�e Luft in die Lungen sog. H�tte sie noch die Kraft daf�r gehabt, sie h�tte das Schicksal und vielleicht sogar Gott verflucht f�r das, was ihr angetan worden war. Als Dariusz so urpl�tzlich vor ihr aufgetaucht war, da hatte sie nicht nur jemanden wieder getroffen, den sie nie mehr im Leben zu sehen w�nschte. Ihre Vergangenheit hatte sie eingeholt, und sie war mit der Wucht einer Naturkatastrophe �ber sie gekommen und hatte ihr Leben nicht blo� ver�ndert, sondern zerschmettert. Robin war in der H�lle. Ganz gleich, was die Zukunft noch bringen mochte, es konnte nicht mehr schlimmer werden.</p><p>Und dennoch geschah etwas Sonderbares mit ihr, w�hrend sie im Gleichtakt der gepanzerten Schritte ihrer Ordensbr�der einherschritt. Es war nicht das erste Mal, dass es geschah, aber vielleicht das erste Mal, dass es ihr auffiel. Die wei�en M�ntel der Ritter wippten im Rhythmus ihrer Schritte. Sie sahen ... <emphasis>erhaben </emphasis>aus, die Verteidiger der Christenheit, edel und gut, so wie sie selbst sich als kleines M�dchen immer einen Ritter vorgestellt hatte. Auch dieser Teil ihrer Vergangenheit war pl�tzlich so deutlich und mit solcher Intensit�t wieder da, dass sie pl�tzlich erschauderte. So absurd es ihr auch selbst vorkommen mochte - ein Teil von ihr war trotz allem von einem unb�ndigen Stolz erf�llt, ein Tempelritter zu sein.</p><p>Aber vielleicht war sie auch einfach nur m�de.</p><p>Die Ritter bogen um die Ecke und in eine schmale Gasse. Vor ihnen lag eine winzige Kirche, aus deren offen stehender T�r ein dreieckiger Keil aus gelbem Kerzenlicht fiel, der verblasste, je weiter er sich von der T�r entfernte; wie um die Vergeblichkeit des Menschen zu symbolisieren, die Dunkelheit endg�ltig zu besiegen. Der blecherne Klang der Glocke, die sie gerade schon einmal geh�rt hatte, hob unter dem Dach der Kirche erneut an und rief nach ihnen. Als sie das enge Kreuzschiff betraten, h�rte der Glockenhall auf, und die nachfolgende Stille erschien doppelt tief und auf eine sonderbare Weise beinahe bedrohlich.</p><p>Der Vormarsch der Ritter kam ins Stocken. Die M�nner bewegten sich immer nur einen Schritt vor, blieben einen Moment stehen und gingen dann weiter, und schlie�lich war auch Robin an dem kleinen Marmorbecken nur ein St�ck hinter der Eingangst�r angelangt, das mit dem gesegneten Wasser des Jordans gef�llt war. Mit einem sonderbar frommen Schaudern, das sie selbst verwirrte, gegen das sie aber auch hilflos war, dachte sie daran, dass dieser heilige Fluss keine zwei Tagesritte entfernt lag. Noch zwei Tage, zweimal endlose Stunden voller unertr�glicher Hitze, gl�hend hei�em Sand, der in Augen, Nase und Mund drang und ihre Haut wund scheuerte, dann w�rde auch sie an den Ufern dieses heiligen Flusses stehen, und aus einem Grund, den sie sich selbst nicht erkl�ren konnte, erf�llte sie dieser Gedanke mit einem Stolz und einer Zuversicht, die sie beinahe erschreckte. Sie hatte so oft an ihrem Glauben gezweifelt, dass sie fast erstaunt war, noch einen - �berraschend gro�en - Rest davon in sich zu finden. Gerade nach dem, was hinter ihr lag, sollte sie jeden Grund haben, Gott zu hassen oder zumindest an seiner angeblichen Liebe zu allen Menschen zu zweifeln, denn es waren M�nner gewesen, die in seinem Auftrag handelten, die ihr alles genommen hatten.</p><p>Und dennoch war es m�glicherweise gerade dieser Glaube gewesen, der ihr �berhaupt die Kraft gegeben hatte, die letzten Tage durchzustehen. Vielleicht, �berlegte sie, war sie auf das Geheimnis jeglichen Glaubens gesto�en. Vielleicht spielte es gar keine Rolle, an welchen Gott oder welche �bergeordnete Macht man glaubte, vielleicht war es einfach wichtig, <emphasis>dass </emphasis>man glaubte.</p><p>Fast erschrocken verscheuchte sie den Gedanken, Laut ausgesprochen h�tte er gereicht, sie auf dem n�chsten Scheiterhaufen enden zu lassen. Es war Ketzerei. Nicht mehr und nicht weniger. Auch wenn es vielleicht die Wahrheit war.</p><p>Die Reihe der schweigenden Gestalten r�ckte langsam weiter. Die Kirche war sehr schmal. Abgesehen von dem einfachen Jesusbildnis �ber dem Altar, mit D�monenfratzen geschm�ckten S�ulenkapitellen und dem silbernen Pokal, der auf dem Altar stand, gab es keinerlei Schmuck, und es brannten auch nur zwei einzelne Kerzen, deren Licht ihr nur so hell erschienen war, weil drau�en nahezu vollkommene Dunkelheit herrschte.</p><p>Bruder Dariusz stand hoch aufgerichtet vor dem Altar. Der breitschultrige, hoch gewachsene und in jeder Beziehung imposant wirkende Ritter hatte den Waffengurt abgeschnallt und das Schwert schr�g gegen den gelblich-wei�en Altarstein gelehnt. Sein Helm lag nur eine Handbreit neben dem Pokal, und er hatte ihn so umgedreht, dass die schmalen Sehschlitze die versammelten Ritter argw�hnisch anzublicken schienen. Robin versp�rte bei diesem Anblick ein eisiges Fr�steln. Die Tempelritter nannten sich nicht umsonst <emphasis>Soldaten Christi. </emphasis>Sie waren Krieger, M�nner der Waffen und der Gewalt. Und dennoch erschien ihr die brachiale Symbolik des Anblickes in diesem Moment fast gottesl�sterlich.</p><p>�Lasset uns die <emphasis>Prima, </emphasis>die erste Stunde des neuen Tages, die Stunde des Sonnenaufganges, in feierlichem Gebet begr��en�, unterbrach Dariusz die fast feierliche Stille, die in der kleinen Kirche herrschte.</p><p>Robin, aber Dariusz nicht mitgez�hlt, waren sie zu zw�lft; alle anderen Mitglieder der kleinen Armee, die in Tyros angekommen war, waren nur Waffenknechte oder weltliche Ritter. Zw�lf M�nner, dachte Robin, so wie einst Jesus von zw�lf J�ngern begleitet worden war, und ebenso wie er befanden sie sich auf dem Weg nach Galil�a, wo auch der Heiland einst seine J�nger um sich selbst versammelt hatte. Seltsam, dachte sie, welche fast fremdartigen Gedanken ihr pl�tzlich durch den Kopf schossen. Noch vor einer Woche h�tte sie die blo�e Vorstellung, so etwas zu denken, in schallendes Gel�chter ausbrechen lassen. Aber diese Woche lag nicht nur geraume Zeit, sondern ein ganzes Leben zur�ck.</p><p><emphasis>�Pater noster ...� </emphasis>Robin betete leise das Vaterunser nach, das Dariusz vorgab, und das Echo der anderen Stimmen klang zw�lffach in ihren Ohren nach. Die Tempelritter knieten in einem Halbrund um den Altar, ihre Helme neben sich auf dem Boden, die K�pfe in tiefer Ergebenheit geneigt, und vielleicht war es einfach die Monotonie der Worte, vermengt mit ihrer noch immer nicht ganz �berwundenen M�digkeit und der Schwere ihrer Glieder, die sie die fast magische Kraft dieses Gebetes sp�ren lie�. Dreizehnmal wiederholten die Ritter das Vaterunser, um ihre Schuld zu begleichen. Dariusz hatte auf die Gebete zur Mitternacht verzichtet, damit sie zumindest ein Minimum an Schlaf bekamen, um Kr�fte f�r den n�chsten Tag zu sammeln. In Kriegszeiten war es den Rittern des Ordens gestattet, das n�chtliche Gebet ausfallen zu lassen.</p><p>Nachdem Robin das dreizehnte Vaterunser gesprochen hatte, verharrten sie alle noch einen Moment still und mit gesenkten K�pfen, und Dariusz gab ihnen Zeit f�r ein pers�nliches, stummes Gebet. Robin betete nicht. Sie dachte an Salim, aber die Kraft und Zuversicht, die ihr diese Gedanken spenden sollten, kehrten nicht ein. Vorhin hatte sie geglaubt, in dem Schatten drau�en Salim zu erkennen, nun musste sie sich voller Schrecken eingestehen, dass es einer bewussten Anstrengung bedurfte, sich �berhaupt an sein Gesicht zu erinnern. Sie war fast dankbar, als Dariusz sich als Erster erhob und damit das Zeichen f�r die anderen gab, es ihm gleichzutun.</p><p>�ber den Gipfeln des Libanongebirges erschien ein erster, grauer Schimmer, als sie die Kirche verlie�en. Der erste Gru� des neuen Tages, noch vor dem Morgenrot. Schweigend begaben sie sich zur�ck zu dem Turm, in dem sie �bernachtet hatten.</p></section><section><title><p>5. KAPITEL</p></title><p>Robins Magen knurrte vernehmlich, und der Mann, der neben ihr ging, warf ihr einen raschen, sp�ttischen Blick zu, in dem sie aber auch eine schwache Spur von Mitgef�hl zu erkennen glaubte, das er f�r den jungen Ritter zu empfinden schien. Sie war ihm sehr dankbar daf�r, auch wenn sie so tat, als h�tte sie seinen Blick nicht einmal bemerkt. Nach allem, was sie verloren hatte, erschienen ihr solche kleinen Gesten, denen sie zuvor vermutlich nicht einmal Beachtung geschenkt h�tte, mit einem Male ungeheuer kostbar. Zugleich war sie zornig auf ihren eigenen K�rper, der ihre Schw�che so �berdeutlich verriet. Sie war es gewohnt, bis nach Sonnenaufgang zu schlafen, in einem weichen, nach Rosenwasser und anderen kostbaren Essenzen duftenden Bett zu erwachen und eine gedeckte Fr�hst�ckstafel vorzufinden, die in ihrer Heimat eines K�nigs w�rdig gewesen w�re. Die erste Mahlzeit, die sie an diesem Tag bekommen w�rde, lag noch Stunden entfernt, und sie w�rde aus nichts anderem als dem warmen Wasser aus ihren Schl�uchen und vielleicht einem St�ck Brot und, mit viel Gl�ck, einem schmalen Streifen gesalzenen Fleisches bestehen; gerade genug, um ihren Hunger richtig anzufachen, aber keinesfalls, um ihn zu stillen. Aber das war keineswegs ihre gr��te Qual. Obwohl der Tag noch nicht einmal begonnen hatte, war sie schon jetzt durstig. Ihre Lippen waren l�ngst spr�de geworden und aufgeplatzt, und ihre Kehle f�hlte sich so rau und ausged�rrt an wie der Boden, �ber den sie seit f�nf Tagen ritten. Zumindest die M�he, die Pferde zu satteln, wurde ihnen abgenommen. Ihre Waffenknechte hatten die Tiere bereits fertig aufgez�umt und standen bereit, ihnen in die S�ttel zu helfen, und nur wenige Augenblicke sp�ter �bernahm Bruder Dariusz auf seinem prachtvollen, strahlend wei�en Hengst die F�hrung des Dutzend wei� gekleideter Reiter, das sich wie eine Abteilung zorniger Engel in Richtung des Stadttores in Bewegung setzte, um sich mit dem drau�en lagernden Heer zu vereinen. Selbst der k�hle Hauch, der sie beim Verlassen des Turms begr��t hatte, kam ihr mittlerweile stickig und schw�l vor; er brachte keine Linderung mehr, sondern erschien ihr jetzt mehr wie eine Drohung, die ihr klarzumachen versuchte, dass der bevorstehende Tag noch hei�er werden w�rde als die zur�ckliegenden. Zu allem �berfluss wurde ihr wieder �bel; wobei es vor allem das <emphasis>wieder </emphasis>war, das ihr zu schaffen machte. In den letzten Tagen hatte sie sich an die Hoffnung geklammert, sich binnen kurzer Zeit an das entbehrungsreiche Leben unter ihren ehemaligen Ordensbr�dern zu gew�hnen, aber ihr K�rper hatte sie rasch eines Besseren belehrt.</p><p>Statt sich an die Strapazen zu gew�hnen, reagierte er immer heftiger darauf. Der Moment, in dem sie es gar nicht mehr in den Sattel schaffen w�rde, war abzusehen. Vor allem die ersten ein oder zwei Stunden am Morgen waren schlimm. Manchmal schlug die Schw�che mit solcher Gewalt �ber ihr zusammen, dass sie sich nur noch mit letzter Kraft auf dem R�cken ihres Pferdes halten konnte, und gestern war ihr vor Ersch�pfung so �bel geworden, dass sie sich um ein Haar �bergeben h�tte und den bitteren Geschmack der Galle, die sie heruntergeschluckt hatte, den ganzen Tag �ber nicht mehr losgeworden war. Wenn sie Safet irgendwann erreichten und es tats�chlich zu der gro�en Schlacht gegen Saladins Truppen kam, auf die Dariusz so zu brennen schien, dachte sie sp�ttisch, w�rde es keiner feindlichen Krieger mehr bed�rfen, um sie aus dem Sattel zu werfen.</p><p>Sie mussten sich noch eine kleine Weile gedulden, bis auch die letzten Nachz�gler eingetroffen waren, aber schlie�lich brach das kleine Heer auf, um in einen neuen Tag voller Gluthitze und Entbehrungen hineinzureiten. Das Dutzend Templer unter seiner wehenden wei�-roten Fahne bildete wie immer die Spitze des Heereszuges; die Spitze des eigenen Speeres, der auf das Herz von Saladins Heer zielte, wie Bruder Dariusz es ausgedr�ckt hatte. Robins Meinung nach war es allerdings ein Speer, der mit jedem Tag ein wenig mehr an Durchschlagkraft verlor. Der Sand der W�ste, durch die sie zogen, schmirgelte seine Klinge stumpf, und die endlosen Meilen, die sie Tag f�r Tag zur�cklegten, lie�en ihn immer mehr an Schwung verlieren.</p><p>Hinter Tyros schwenkten die Reiter nach Osten ab und bewegten sich in Richtung der letzten Ausl�ufer des Libanongebirges. Es war immer noch dunkel; der silbergraue Streifen, mit dem der neue Tag sein Nahen ank�ndigte, lie� die schroffen Gipfel und Grate der Berge wie pr�zise Scherenschnitte erscheinen, spendete dar�ber hinaus aber kein Licht, sodass alles, was davor lag, nur noch dunkler erschien; ein Meer aus Schw�rze, das bereitlag, das kleine H�uflein ebenso unerschrockener wie n�rrischer Krieger zu verschlingen, das sich anma�te, es durchqueren zu wollen.</p><p>Ohne Vorwarnung und mit solcher Wucht, dass sie sich wie unter einem Hieb kr�mmte, wurde ihr �bel. Robin biss die Z�hne zusammen, um ein St�hnen zu unterdr�cken, aber sie sank nach vorn und brach beinahe �ber dem Hals des Pferdes zusammen, ehe sie sich wieder weit genug in der Gewalt hatte, sich hochzustemmen und - wenn auch deutlich sichtbar hin und her schwankend - gerade im Sattel zu sitzen. Alles drehte sich um sie.</p><p>�Ist alles in Ordnung mit Euch, Bruder?�</p><p>Es dauerte ein paar Sekunden, bis Robin �berhaupt begriff, dass die Worte ihr galten, und mindestens noch einmal so lange, bis ihr Sinn durch den Nebel aus Schw�che und �belkeit drang, der sich um ihre Gedanken gelegt hatte. M�hsam drehte sie den Kopf und fuhr leicht erschrocken zusammen, als sie in dem Mann, der sie angesprochen hatte, nicht mehr denjenigen ihrer Ordensbr�der erkannte, neben dem sie losgeritten war. Vielmehr hatte Dariusz seinen Platz mit ihm getauscht, ohne dass sie es auch nur gemerkt hatte.</p><p>�Sicher�, antwortete sie ganz instinktiv. Mit ihr war alles in Ordnung. Hitze und K�lte jagten abwechselnd und in immer rascherer Folge �ber ihren R�cken, jeder einzelne Knochen im Leib tat ihr weh, und ihr war noch immer so �bel, dass sie M�he hatte, �berhaupt zu antworten, aber sonst war alles in Ordnung mit ihr. Trotzdem f�gte sie hinzu: �Warum fragt Ihr?� <emphasis>Und was ist an meiner Befindlichkeit so enorm wichtig, dass Ihr deswegen Euer Schweigegel�bde brecht?</emphasis></p><p>�Weil Ihr nicht so ausseht, als w�re alles in Ordnung�, antwortete Dariusz im scharfen Tonfall eines Verweises. �Ihr seht im Gegenteil so aus, als h�ttet Ihr alle M�he, Euch im Sattel zu halten, <emphasis>Bruder </emphasis>Robin.�</p><p>Es war keine Einbildung, dass er das Wort <emphasis>Bruder </emphasis>auf so sonderbare Weise betonte, dachte Robin schaudernd. Und wenn sie es recht bedachte, war es auch nicht das erste Mal.</p><p>Sie sah ihn einen Moment lang pr�fend an und hob dann in einer gespielt verst�ndnislosen Bewegung die Schultern. Wenn es etwas gab, was Bruder Abb� in den Jahren ihrer Ausbildung nicht m�de geworden war, ihr immer und immer wieder einzuh�mmern, dann, dass Angriff die beste Verteidigung war. �Die letzten Tage waren nicht leicht�, sagte sie k�hl, �f�r uns alle. Warum betont Ihr das <emphasis>Bruder </emphasis>so seltsam, <emphasis>Bruder </emphasis>Dariusz?�</p><p>Einen Moment lang war sie sicher, den Bogen �berspannt zu haben. In Dariusz� Augen loderte die blanke Wut. Aber er beherrschte sich. F�r drei, vier in der Dunkelheit sonderbar lang widerhallende Hufschl�ge der gem�chlich dahintrabenden Pferde sagte er gar nichts, sondern starrte sie nur aus brennenden Augen an, dann drehte er den Kopf und sah f�r einen Atemzug in die Richtung zur�ck, aus der sie gekommen waren.</p><p>�Weil ich mich zu fragen beginne, ob Ihr es noch seid, Robin�, sagte er leise.</p><p>Pl�tzlich war sie sehr froh, dass es noch zu dunkel war, um Dariusz erkennen zu lassen, wie bleich sie wurde. �Wie ... meint Ihr das?�, fragte sie m�hsam.</p><p>�Ihr wart lange Zeit auf der Burg der Assassinen, Bruder Robin�, antwortete er. �Ich beginne mich zu fragen, ob es nicht <emphasis>zu </emphasis>lange war.�</p><p>�Was soll das hei�en?�, fragte Robin scharf. �Ich habe weder meine Gebete noch meine Exerzitien vernachl�ssigt, wenn Ihr das meint! Ganz im Gegenteil: Es war nur mein fester Glaube an Gott, der mir die Kraft gegeben hat, diese Zeit �berhaupt zu �berstehen.�</p><p>�Das glaube ich Euch gern, Bruder�, antwortete Dariusz unerwartet sanft. Im n�chsten Augenblick wurde seine Stimme daf�r umso h�rter. �Ihr seid verweichlicht, Bruder. Als ich Euch im Kampf mit den Pl�nderern am Strand sah, da war ich beeindruckt von Eurer Fertigkeit mit dem Schwert. Aber ein Schwert zu f�hren ist nicht alles! Manchmal ist es das Wenigste.� Er sch�ttelte zornig den Kopf, als Robin etwas sagen wollte. �Nein, unterbrecht mich nicht! Ich beobachte Euch jetzt seit f�nf Tagen, und ich f�rchte, ich bin nicht der Einzige, dem es auff�llt: Seht Euch doch nur selbst an! Ihr sitzt nicht im Sattel wie ein Soldat Gottes, sondern wie ein M�dchen, das zum ersten Mal auf einem Pferd hockt! Die Br�der, die neben Euch schlafen, berichten mir, dass Ihr im Schlaf wimmert und st�hnt! W�rden wir jetzt angegriffen, Ihr h�ttet nicht einmal die Kraft, Euer Schwert zu ziehen, geschweige denn, zu k�mpfen!� Er ballte die rechte Hand zur Faust. �Wir sind nicht nur hier, um zu beten und den Heiden den wahren Glauben zu bringen, Bruder Robin! Die <emphasis>Fratres Militiae Templi </emphasis>sind die Faust Gottes! Ich kann und werde nicht zulassen, dass auch nur ein Glied dieser Faust schwach wird!�</p><p>Das Schlimme war, dachte Robin, dass er Recht hatte. Sie <emphasis>war </emphasis>schwach. Es hatte eine Zeit gegeben - und sie lag noch gar nicht <emphasis>so </emphasis>lange zur�ck -, da h�tte sie trotz ihrer Jugend und der unwesentlichen Kleinigkeit, dass sie eine Frau war, spielend mit den meisten dieser M�nner mitgehalten, aber die letzten Tage hatten ihr klargemacht, was Salim ihr damals am Strand wirklich zu sagen versucht hatte. Sie befand sich in einem erb�rmlichen Zustand.</p><p>Trotzdem straffte sie demonstrativ die Schultern und funkelte Dariusz herausfordernd an. �Das wei� ich, Bruder�, sagte sie k�hl. �Und Ihr habt Recht: Ich bin in keinem guten Zustand. Der Weg macht mir zu schaffen, und es vergeht keine Stunde, in der ich Gott nicht anflehe, ihn endlich enden zu lassen. Aber so wie mir�, fuhr sie mit leicht erhobener Stimme und rascher fort, als Dariusz antworten wollte, �ergeht es mindestens der H�lfte unserer Br�der, und fast allen anderen M�nnern in unserer Begleitung. Selbst die Faust Gottes kann zerbrechen, wenn man ihr nicht dann und wann eine Erholungspause g�nnt.�</p><p>�Ihr w�nscht Euch eine Rast, Bruder Robin?�, fragte Dariusz sp�ttisch. �Vielleicht einen Tag in einer schattigen Oase, mit k�hlem Wein und frischen Datteln? Oder vermisst Ihr Eure entz�ckende Dienerin?�</p><p>Es fiel Robin schwer, die scharfe Antwort herunterzuschlucken, die ihr auf der Zunge lag. Bedachte sie den strengen Ehrenkodex des Templerordens, waren Dariusz� Anspielungen in einem Gespr�ch wie diesem weit mehr als die kleinen Sticheleien, f�r die ein Au�enstehender sie m�glicherweise gehalten h�tte, sondern eine Ungeheuerlichkeit. Dennoch verzichtete sie auf jede entsprechende Antwort. Vielleicht war es ja ganz gut, wenn sie Dariusz weiter einen Verdacht verfolgen lie�, den er niemals w�rde beweisen k�nnen.</p><p>�Ihr habt es selbst gesagt�, antwortete sie, so ruhig sie konnte. �Wir reiten in eine Schlacht. Ich habe noch nie gegen Saladins Truppen gek�mpft, aber ich habe von ihnen geh�rt, und ich habe die Assassinen k�mpfen sehen.�</p><p>�Ihr f�rchtet sie�, vermutete Dariusz.</p><p>�Ich respektiere sie�, verbesserte Robin ihn ruhig, �denn ich habe gesehen, wozu diese M�nner f�hig sind. Ihr wart beeindruckt von meiner Fertigkeit mit dem Schwert? Dann lasst Euch sagen, dass ich eine Menge davon von den M�nnern gelernt habe, die Ihr so verachtet, Bruder Dariusz. Wir werden die Schlacht verlieren, wenn Ihr die M�nner weiter so schindet. Noch ein paar Tage wie die, die hinter uns liegen, und ich bin nicht mehr der Einzige, der nicht mehr die Kraft hat, sein Schwert zu ziehen.�</p><p>Sie rechnete mit einem scharfen Verweis, zumal sie so laut gesprochen hatte, dass auch die beiden M�nner vor und hinter ihnen ihre Worte geh�rt haben mussten; und vielleicht nicht nur sie. Umso �berraschter war sie, als sich Dariusz� Gesicht pl�tzlich immer mehr verd�sterte und er mit leiser, fast um Verst�ndnis bittender Stimme antwortete: �Glaubt Ihr denn, das w�sste ich nicht? Auch ich habe Augen im Kopf. Und glaubt mir, ich <emphasis>wei�, </emphasis>wozu diese heidnischen Teufel f�hig sind!�</p><p>�Und trotzdem geht Ihr das Risiko ein, mit einem Heer aus halb toten M�nnern auf Safet zuzupreschen?�, fragte Robin. Der �berraschte Ton in ihrer Stimme galt weit mehr Dariusz� unerwartet sanfter Reaktion als dem, <emphasis>was </emphasis>er gesagt hatte, aber er antwortete trotzdem: �Es ist vor allem eine Frage der Schnelligkeit, Bruder Robin. Ihr seid noch jung, und so trefflich Ihr auch mit dem Schwert umgehen m�gt, gibt es doch Dinge, von denen Ihr noch nichts versteht - und es auch nicht m�sst.� Robin �berh�rte den sanften Tadel in seiner Stimme keineswegs, aber sie nickte ihm nur auffordernd zu. �Schlachten werden nicht nur durch das Schwert gewonnen. Manchmal z�hlen Schnelligkeit und Taktik mehr als die Anzahl der Krieger. Auch Saladin zieht seine Truppen vor Safet zusammen. Es ist von enormer Wichtigkeit, dass wir vor ihm dort sind.�</p><p>�Auch wenn die H�lfte der M�nner mehr tot als lebendig dort ankommt?�, fragte Robin.</p><p>�Gott wird uns die n�tige Kraft geben�, versicherte Dariusz. Robin h�tte gern �ber diese Worte gelacht, aber Dariusz sprach mit der Eindringlichkeit von jemandem, der tats�chlich an das glaubte, was er sagte. Mit einem angedeuteten L�cheln f�gte er hinzu: �Und je eher wir dort sind, desto eher k�nnen die M�nner rasten. Und Ihr auch, Bruder Robin.� Und damit lie� er die Z�gel knallen und setzte sich wieder an die Spitze der kleinen Kolonne.</p><p>Robin sah ihm ebenso verwirrt wie beunruhigt nach. So erleichtert sie war, Dariusz� Misstrauen zumindest f�r den Moment anscheinend zerstreut zu haben, so sehr beunruhigte sie die blo�e Tatsache, dass sie dieses Gespr�ch �berhaupt gef�hrt hatten. Dariusz nahm es mit den Regeln des Ordens sehr genau; und vor allem mit denen, die er <emphasis>selbst </emphasis>aufgestellt hatte. Er hatte sein Schweigegel�bde nicht gebrochen, um sich mit einem kleinen Schw�tzchen die Zeit zu vertreiben.</p><p>Aber warum dann?</p><p>Robin zerbrach sich eine Weile den Kopf �ber diese Frage und fand so wenig eine Antwort darauf wie auf so viele andere. Schlie�lich verscheuchte sie den Gedanken und sah wieder zu dem Streifen blasssilberner Helligkeit hin, der im Osten heraufd�mmerte. Er war weder heller noch merklich breiter geworden, allenfalls, dass sich ein zarter Hauch von Rosa hineingemischt hatte. Seltsam - sie war sicher gewesen, dass ihr Gespr�ch mit Bruder Dariusz viel l�nger gedauert hatte, aber es konnten in Wahrheit nur wenige Augenblicke gewesen sein.</p><p>Sie sch�ttelte auch diesen Gedanken ab, fuhr sich mit der Zungenspitze �ber die rissigen, aufgeplatzten Lippen und versuchte in Gedanken abzusch�tzen, wie lange es noch bis Sonnenaufgang war; vermutlich eine Stunde, wenn nicht mehr. Dariusz lie� die Truppe nicht jeden Tag zur selben Stunde losziehen, sondern machte den Zeitpunkt ihres Aufbruches abh�ngig von der Strecke, die das Heer bis zu seinem n�chsten sicheren Lagerplatz zur�cklegen musste. Am vergangenen Abend hatte ihnen Dariusz sogar gesagt, wie viele Meilen heute vor ihnen lagen, aber Robin hatte die Zahl vergessen; wie so vieles.</p><p>Bis die Sonne wirklich aufging, verging noch beinahe eine Stunde, und eine weitere, bis sie das erste Mal anhielten, um ein karges Fr�hst�ck einzunehmen: lauwarmes schales Wasser aus ihren Schl�uchen, eine Hand voll D�rrobst, mit dem sie nicht gerechnet hatte, und ein schmaler Streifen gesalzenen Fleisches, das ihren Hunger nicht stillte, ihrem Durst aber neue Nahrung gab. Sie widerstand nur mit M�he dem Wunsch, mehr zu trinken. Schon eine Stunde nach Sonnenaufgang war es unertr�glich hei�, und der Tag war noch lang und ihre Wasservorr�te begrenzt. Nach einer viel zu kurzen Rast befahl Dariusz ihnen, wieder aufzusitzen, und sie setzten ihren Weg nach Osten fort.</p><p>Sie durchquerten ein sanftes H�gelland, aus dem einzelne graubraune Felsriffe aufragten. Im Norden sah man die Gipfel der h�heren Berge, doch bereits hier machten H�gel und Talsenken das Land un�bersichtlich. Es gab viele kleine B�che, zum Teil nur schmale Rinnsale in Betten aus Felstr�mmern, an deren Ufern �ppiges Gr�n wuchs und an denen man Pappeln und dichtes Buschwerk, aber auch hohes Gras fand, wie Robin es noch nie gesehen hatte. Immer wieder sahen sie kleine Herden aus Schafen oder Ziegen �ber die H�gel ziehen, ohne dass sie allerdings auch nur eine Spur ihrer Hirten gewahrten, die vermutlich vor dem heranziehenden Heer geflohen waren.</p><p>Die Templer ritten schweigend. Dariusz klopfte sich st�ndig den Staub aus seinem wei�en Umhang, w�hrend die anderen Ritter in dieser Beziehung etwas gro�z�giger waren. Das Wei� ihrer M�ntel und Wappenr�cke strahlte schon l�ngst nicht mehr so wie am Morgen; und nicht mehr ann�hernd so sehr wie an dem Tag, an dem sich Robin Dariusz und seinen Begleitern angeschlossen hatte. Den Rittern folgten leicht bewaffnete Reiter, die lediglich einen Gambeson und Hosen aus Leinen trugen. Einige wenige hatten Helme, die meist nach orientalischer Art mit einem Tuch umwickelt waren; eine kleine Eigenm�chtigkeit der M�nner, die ganz gewiss nicht Dariusz� Beifall fand, die Hitze unter den Helmen aber wahrscheinlich ein bisschen ertr�glicher machte. Die meisten M�nner waren mit Schwertern und B�gen bewaffnet, nur einige wenige besa�en zus�tzlich auch einen Speer. Ihre Gambesons waren von einem schmutzigen Wei�, mit einem roten Tatzenkreuz �ber dem Herzen.</p><p>Auch ein Trupp Ritter in bunten Waffenr�cken und mit langen, tropfenf�rmigen Schilden hatte sich ihnen beim Aufbruch in Tyros angeschlossen. Sie sangen und lachten und hielten alles andere als eine feste Marschordnung. Der Unterschied zu den schweigsamen Templern war so gewaltig, wie er nur sein konnte.</p><p>Schon lange vor der Mittagsstunde flimmerte die Luft �ber dem H�gelland vor Hitze, und Robin k�mpfte wieder gegen die �belkeit. Streng genommen h�tte es hei�en m�ssen: immer noch. Sie war nie vollkommen verschwunden, sondern hatte die ganze Zeit am Rande ihrer Empfindungen gelauert wie ein geduldiges, lautloses Raubtier, das auf seine Chance wartet, sie anzuspringen, um sie in einem Moment der Schw�che oder auch nur der Unaufmerksamkeit zu �berw�ltigen. Robin w�rde ihr diese Gelegenheit nicht geben, aber allein ihre Anwesenheit bereitete ihr immer gr��ere Sorgen. W�hrend der beinahe zwei Jahre, die sie auf Sheik Sinans Burg gelebt hatte, hatte sie weit mehr gelernt als nur die <emphasis>Kampfkunst </emphasis>der Assassinen. Gerade von Saila hatte sie viel �ber den menschlichen K�rper und seine Funktion gelernt, und so war ihr auf beunruhigende Weise klar, was mit ihr geschah: Sie war nicht nur am Ende ihrer Kr�fte, sie lief Gefahr, unter ihrer schweren Kleidung und dem zentnerschweren Kettenhemd einen Hitzschlag zu erleiden - was sie zweifellos in �u�erste Bedr�ngnis bringen w�rde. Wenn sie aus dem Sattel fiel oder gar das Bewusstsein verlor, bestand durchaus die Gefahr, dass ihre Br�der ihr die R�stung auszogen, um ihr Linderung zu verschaffen, und dann ...</p><p>Nein, daran wollte sie lieber nicht denken.</p><p>Zur Mittagsstunde machte der Trupp Rast bei einer Ruine, die auf einem schroffen H�gelkamm lag. Robin <emphasis>fiel </emphasis>mehr aus dem Sattel, als sie vom Pferd glitt, und taumelte halb blind in den n�chstbesten Schatten. Ersch�pft sank sie zu Boden und griff mit zitternden H�nden nach ihrem Wasserschlauch.</p><p>Sie hatte ihn kaum an die Lippen gesetzt, als Dariusz vor ihr auftauchte. �Ihr seid an der Reihe, Wache zu halten�, sagte er knapp. �Ihr seid Bruder Rother zugeteilt.�</p><p>Robin sah m�de zu dem grauhaarigen Tempelritter hoch. Dariusz stand mit dem R�cken zur Sonne, sodass sie heftig blinzeln musste und den Ausdruck auf seinem Gesicht trotzdem nicht erkennen konnte. Seine Stimme jedenfalls war frei von jeglicher Emotion. Dennoch war sie ziemlich sicher, dass sie jetzt die Quittung f�r ihre despektierlichen Worte vom Morgen bekam.</p><p>Sie ersparte sich jede Antwort, sondern stemmte sich stattdessen m�hsam wieder in die H�he. Dariusz streckte die Hand aus, um ihr aufzuhelfen, aber Robin sp�rte die Falle im letzten Moment und stemmte sich aus eigener Kraft auf die Beine. Prompt wurde ihr wieder schwindelig, aber sie biss die Z�hne zusammen, antwortete nur mit einem knappen Nicken und wandte sich mit einer ersch�pften Bewegung zu dem schlanken Ritter um, der neben Dariusz stand.</p><p>Bruder Rother konnte nicht viel �lter als Salim sein, auch wenn ein Leben voller Entbehrungen und Leid deutliche Spuren in seinem Gesicht hinterlassen hatte. Aber er hatte freundliche Augen, deren unersch�tterliche Lebensfreude selbst die Jahre im Wei� und Rot des Templergewandes nicht vollkommen hatten ausl�schen k�nnen. Sein Blick schien Robin etwas signalisieren zu wollen, was sie nicht verstand, worauf sie aber trotzdem reagierte: Ohne ein weiteres Wort in Dariusz� Richtung wandte sie sich um und ging mit schleppenden Schritten in Richtung der Ruine los, auf die der Templer gedeutet hatte.</p><p>�Ihr m�sst durstig sein, Bruder�, sagte Rother - leise und erst, nachdem sie sich zuverl�ssig aus Dariusz� H�rweite entfernt hatten. Er hielt ihr seinen Wasserschlauch hin, und Robin unterdr�ckte im letzten Moment den Impuls, danach zu greifen. Sie waren aus Dariusz� H�r-, aber bestimmt nicht aus seiner Sichtweite, und der Umstand, dass sie selbst vor lauter Ersch�pfung einfach <emphasis>vergessen </emphasis>hatte, ihren eigenen Wasserschlauch mitzunehmen, war ihr einfach peinlich. Gerade nach dem Gespr�ch, das sie am Morgen mit Dariusz gef�hrt hatte, wollte sie sich in seiner Gegenwart nicht mehr das mindeste Zeichen von Schw�che erlauben.</p><p>Als h�tte er ihre Gedanken gelesen, wiederholte Rother sein Angebot nicht. Der Rhythmus seiner Schritte �nderte sich, und Robin glaubte zuerst, er w�rde schneller gehen, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Trotzdem hatte sie immer noch M�he, mit ihm Schritt zu halten, und als sie endlich die Ruine erreichten und sich im Schutz des k�mmerlichen Schattens zusammenkauerten, den die abbr�ckelnden Mauern warfen, war sie dem Zusammenbruch nahe.</p><p>�Hier.� Rother hielt ihr den Wasserschlauch hin und machte ein �rgerliches Gesicht, als Robin immer noch z�gerte, danach zu greifen. �Nehmt schon. Bruder Dariusz sieht es nicht. Und ich werde es ihm nicht sagen.�</p><p>Robin z�gerte - vollkommen widersinnigerweise - noch einmal, aber dann griff sie mit beiden H�nden zu, riss Rother den Schlauch regelrecht aus den Fingern und trank so gierig, dass ihr das Wasser am Kinn hinablief und auf ihr Gewand tropfte. Die ersten Schlucke schienen ihren Durst eher noch anzustacheln, und sie trank fast noch schneller weiter, achtete aber jetzt darauf, nichts mehr von dem kostbaren Nass zu verschwenden. Trotzdem war Rothers Schlauch mehr als zur H�lfte geleert, als sie ihn endlich absetzte und mit schlechtem Gewissen zur�ckgab. �Danke�, seufzte sie. �Ich hatte das Gef�hl zu verdursten.�</p><p>�Was nicht zu �bersehen war.� Rother machte Anstalten, seinen Schlauch wieder zu verschlie�en, deutete aber dann nur ein Schulterzucken an, forderte Robin mit einer entsprechenden Geste auf, mit den H�nden eine Schale zu formen, und goss ihr das lauwarme Wasser hinein, als sie gehorchte. Robin sch�pfte sich das Wasser ins Gesicht und rieb sich den Rest in den Nacken und auf die Schl�fen. Es tat unglaublich gut.</p><p>�Danke�, sagte sie noch einmal.</p><p>�Ihr hattet es n�tig�, antwortete Rother.</p><p>�Das stimmt - aber jetzt habt Ihr kein Wasser mehr�, sagte Robin mit einer Kopfbewegung auf Rothers Schlauch, der nun tats�chlich so gut wie leer war, �und die hei�esten Stunden des Tages stehen uns erst noch bevor.�</p><p>�Das ist nicht das Problem�, antwortete Rother mit einer wegwerfenden Handbewegung. �An Wasser herrscht hier kein Mangel.�</p><p>�Aber Bruder Dariusz will nicht, dass wir unsere Schl�uche auff�llen�, sagte Robin. Das entsprach der Wahrheit. Dariusz bestand darauf, dass sie mit dem Vorrat an Wasser auskamen, den sie in ihren Schl�uchen mit sich f�hrten; gleich, ob sie nun durch gl�hende W�ste oder durch nasses Sumpfland ritten. Zweifellos hatte er seine Gr�nde daf�r, aber Robin argw�hnte, dass sie nicht die Einzige war, die das einfach nur als unn�tige Schikane betrachtete.</p><p><emphasis>�Bruder Dariusz�, </emphasis>antwortete Rother ruhig, aber betont, �ist ein Leuteschinder.� Er l�chelte knapp. �Und er ist weit weg.� Vorsichtshalber warf er einen raschen Blick �ber die Schulter zur�ck in die Richtung, aus der sie gekommen waren, wie um sich im Nachhinein davon zu �berzeugen, dass seine Worte auch den Tatsachen entsprachen; eine winzige Geste, die ihn Robin schlagartig noch sympathischer werden lie�. �Wenigstens weit genug. Ich f�lle meinen Schlauch auf, bevor wir zu den anderen zur�ckgehen - vorausgesetzt, Ihr verratet mich nicht�, f�gte er mit einem �bertrieben verschw�rerischen Blinzeln hinzu.</p><p>�Ich denke dar�ber nach�, sagte Robin.</p><p>Rother lachte, nicht einmal besonders laut, aber es war ein so ehrliches, befreites Lachen, dass Robin nicht anders konnte, als darin einzustimmen. Es war das erste Mal, seit sie das Fischerdorf verlassen hatte, und ihr wurde auch sofort wieder schmerzlich bewusst, warum sie sich das Lachen selbst verboten hatte. Sie rettete sich in einen nicht einmal vollkommen geschauspielerten Husten und ballte die rechte Hand vor dem Gesicht, aber der Schaden war m�glicherweise schon angerichtet. Rother l�chelte weiter, aber in seinen Augen erschien pl�tzlich ein neuer Ausdruck, der Robin einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�.</p><p>�Ist auch wirklich alles in Ordnung mit Euch?�, fragte er.</p><p>�Ja.� Robin nickte m�hsam und verfluchte sich in Gedanken f�r das geschauspielerte Husten, zu dem sie Zuflucht gesucht hatte und das sich mittlerweile zu einem echten Hustenanfall gesteigert hatte. �Ich bin einfach nur ...�</p><p>�Ersch�pft?�, schlug Rother vor, als sie den Satz nicht zu Ende brachte, sondern abermals in ein qualvolles Husten ausbrach. Er nickte. �So wie wir alle.�</p><p>�Ich falle Euch zur Last, nicht wahr?�, murmelte Robin.</p><p>�Wie alt seid Ihr, Robin?�, fragte Rother, statt ihre Frage zumindest der H�flichkeit halber zu verneinen.</p><p>�Ich wei� es nicht genau�, gestand Robin - was der Wahrheit entsprach. Zeit hatte in dem kleinen friesischen Dorf, in dem sie geboren und aufgewachsen war, nicht ann�hernd eine so gro�e Rolle gespielt wie hier; vielleicht, weil die Zeit eben dieses Dorf auch fast vergessen hatte. Es war ihr peinlich, das zuzugeben, aber Rother schien keinen sonderlichen Ansto� daran zu nehmen; vielleicht, weil es auf der anderen Seite auch nicht <emphasis>so </emphasis>au�ergew�hnlich war.</p><p>�Auf jeden Fall noch sehr jung�, fuhr er mit einem neuerlichen, angedeuteten L�cheln fort. Auch dazu sagte Robin vorsichtshalber nichts, obwohl sie es gekonnt h�tte. Der dunkelhaarige Tempelritter konnte nicht sehr viel �lter sein als sie. Allenfalls in Salims Alter, wenn �berhaupt. �Man erz�hlt sich, Ihr h�ttet die letzten beiden Jahre in der Gefangenschaft der Assassinen verbracht?�</p><p>Robin �berlegte sich ihre Antwort sehr genau, und allein um Zeit zu gewinnen, fuhr sie sich mehrmals mit der Zungenspitze �ber die Lippen, die noch immer rissig und aufgeplatzt, zum ersten Mal seit Tagen aber nicht mehr so rau wie sonnenverbrannter Stein waren. Schweigegel�bde hin oder her - nat�rlich war ihr klar, dass die M�nner hinter ihrem R�cken �ber sie redeten. Sie wusste blo� nicht, was. Ganz instinktiv wollte sie Rother vertrauen, einfach seiner kleinen, menschlichen Geste von gerade wegen, und weil er ihr sympathisch war, doch sie war schon zu oft auf ein freundliches Gesicht und ein zuvorkommendes Wort hereingefallen, um sich einem Fremden �ffnen zu k�nnen. �Ich war bei den Assassinen�, antwortete sie ausweichend.</p><p>�Aber nicht als ihr Gefangener?�, vermutete Rother.</p><p>Wieder richtete sich Robin ein wenig auf, drehte sich halb um und deutete in die Richtung zur�ck, in der Dariusz und die anderen Ritter in gut einhundert Schritten Entfernung lagerten, und wieder diente diese Geste einzig dem Zweck, Zeit zu gewinnen.</p><p>�Ihr wisst, dass ich zusammen mit Bruder Dariusz in dieses Land gekommen bin, Bruder Rother?�</p><p>Der Templer antwortete mit einer Mischung aus einem Nicken und einem Kopfsch�tteln. �Rother reicht�, erkl�rte er l�chelnd.</p><p>�Dann habt Ihr vielleicht auch davon geh�rt, dass wir von Piraten �berfallen worden sind�, fuhr Robin fort, die eine H�lfte seiner Bewegung als Zustimmung deutend. �Es ist eine lange Geschichte, aber sie l�uft darauf hinaus, dass ich in Gefangenschaft geriet und als Sklave verkauft wurde. Der Herr der Assassinen hat mich freigekauft, und vielleicht bin ich tats�chlich noch so etwas wie sein Sklave. Immerhin hat er den Preis f�r mich bezahlt. Aber behandelt haben sie mich wie einen Gast.�</p><p>�Ihr wart auf seiner Burg?� Rothers Augen wurden gro�.</p><p>�Auf der Burg des Alten vom Berge?�</p><p>Robin gemahnte sich innerlich zu noch gr��erer Vorsicht.</p><p>�Ja�, sagte sie. �Aber bevor Ihr fragt Bru ... Rother�, korrigierte sie sich rasch. �Ich habe nichts von all den Wundern und himmlischen Freuden gesehen, die es dort angeblich geben soll. Aber auch nichts von den Schrecken der H�lle. Vielleicht hat man mir nicht alles gezeigt, doch soweit ich es erlebt habe, ist es nichts als eine ganz normale Burg. Wenn auch die gewaltigste, die ich jemals zu Gesicht bekommen habe.�</p><p>�Dann habt Ihr Akkon noch nicht gesehen�, gab Rother zur�ck. �Oder Kerak. Aber das ist nicht der Punkt ... Ihr wart fast zwei Jahre lang Gefangener der Assassinen, und auch wenn sie Euch als Gast behandelt haben, so seid Ihr doch in diesen zwei Jahren nicht mit uns geritten. Was Dariusz von Euch verlangt, ist unm�glich.�</p><p>Robin wollte widersprechen, aber Rother schnitt ihr mit einer raschen Bewegung das Wort ab und sah noch einmal �ber die Schulter zur�ck, bevor er weitersprach. �Ich habe geh�rt, was Ihr heute Morgen zu Dariusz gesagt habt, Robin. Und nicht nur ich. Wir alle haben es geh�rt.�</p><p>�Oh�, machte Robin betroffen. Sie sah Rother fast �ngstlich an, aber der junge Tempelritter sch�ttelte nur abermals den Kopf und zwang ein rasches, beruhigendes L�cheln auf seine Lippen, das seine Wirkung zwar hoffnungslos verfehlte, dessen gute Absicht Robin aber sp�rte. �Ihr habt Recht, Robin�, sagte er.</p><p>Robin blinzelte. �Wie?�</p><p>�Ihr seid nicht der Einzige hier, der so denkt�, best�tigte Rother. Seine Stimme wurde eine Spur leiser und unsicherer.</p><p>�Bruder Dariusz verlangt Unm�gliches, nicht nur von Euch. Wir haben noch Tage vor uns, und das schlimmste St�ck erwartet uns erst noch. Wenn es so weitergeht, wird die H�lfte der M�nner sterben, bevor wir Safet auch nur erreichen.�</p><p>�Und warum sagt ihm das niemand?�, fragte Robin.</p><p>�Weil keiner von uns den Mut hatte, so mit ihm zu sprechen wie Ihr, Robin�, antwortete Rother.</p><p>�Mut?�, wiederholte Robin mit einem d�nnen, schmerzerf�llten L�cheln. �Ich glaube, es war eher Dummheit.�</p><p>�Manchmal liegt beides dicht beieinander�, widersprach Rother. �Und manchmal entscheidet erst der Ausgang einer Geschichte, ob eine Tat unglaublich mutig oder unglaublich dumm war.�</p><p>Robin setzte zwar zu einer Antwort an, besann sich aber dann eines Besseren. Sie war mittlerweile fast sicher, Rother vertrauen zu k�nnen, aber eben nur <emphasis>fast. </emphasis>Robin war weit davon entfernt, sich bereits damit abgefunden zu haben, Salim zu verlieren, aber sie konnte - und wollte - keine Gef�hle mehr investieren; nicht in einen Menschen, nicht in das Schicksal, nicht einmal in sich selbst. Sie schwieg nur und rettete sich schlie�lich in ein neuerliches, nur angedeutetes Achselzucken, als Rother sie weiter fragend ansah.</p><p>Der junge Tempelritter wirkte entt�uscht, aber er sagte nichts mehr, und er versuchte auch nicht, weiter in sie zu dringen, sondern st�tzte die flachen H�nde auf die Oberschenkel und stemmte sich �chzend in die H�he. Robin wollte es ihm gleichtun, aber Rother winkte ab. �Bleibt hier im Schatten sitzen und ruht Euch noch ein wenig aus. Dieser Landstrich ist sicher. Es w�re wahrscheinlich nicht einmal notwendig, Wachen aufzustellen. Ich kann auf uns beide aufpassen.�</p><p>�Ihr habt schon genug f�r mich riskiert�, wandte Robin ein.</p><p>�Dann kommt es auf eine Kleinigkeit mehr oder weniger ja nicht an�, erwiderte Rother l�chelnd. �Aber wenn es Euer Gewissen erleichtert, k�nnt Ihr mich gerne sp�ter abl�sen. Ich gebe Euch Bescheid. Und keine Sorge�, f�gte er augenzwinkernd hinzu, �ich werde Euch warnen, wenn Bruder Dariusz oder einer der anderen herkommt. Ich huste einfach zweimal.�</p><p>Robin warf ihm noch einen kurzen, dankbaren Blick zu, dann lie� sie Kopf und Schultern wieder gegen den rauen Stein der Wand sinken und schloss die Augen, w�hrend Rother sich endg�ltig umwandte und zum anderen Ende des verfallenen Geb�udes ging. Dahinter erstreckte sich eine trostlose, rotbraune Ein�de, nur gelegentlich von einem Flecken kr�nklichen Gr�ns oder verdorrten Brauns gesprenkelt, und dar�ber ein schon fast unnat�rlich blauer Himmel, der so makellos war, dass schon die blo�e Vorstellung, es h�tte hier jemals eine Wolke vorbeiziehen k�nnen, geradezu absurd erschien.</p><p>Robin versuchte sich zu entspannen, gleichzeitig aber auch sorgsam darauf acht zu geben, dass sie nicht etwa einschlief und auf diese Weise Rothers Warnung �berh�rte, was schlechterdings unm�glich war. Sie schlief nicht ein, aber sie fand nat�rlich auch keine wirkliche Ruhe. Gerade, als sie die Ruine betreten hatten, war es ihr im Schatten k�hl und angenehm vorgekommen, fast schon kalt, aber nun begann sie die Hitze, die sich unter ihrem Kleid, dem schweren Kettenhemd und dem rot-wei�en Wappenrock angestaut hatte, immer qualvoller zu sp�ren. Obwohl sie reglos dasa� und sich darauf konzentrierte, m�glichst ruhig ein- und wieder auszuatmen, begann ihr Herz wieder zu klopfen, und auch ihre alte Freundin, die �belkeit, war wieder da. Sie war nicht schlimm, und das w�rde sie auch nicht werden, solange sie sich nicht bewegte, aber sie hielt an; gerade intensiv genug, um sich in Erinnerung zu bringen.</p><p>Was hatte Rother gesagt? Das schwerste St�ck liegt erst vor uns? Robin versuchte sich vorzustellen, was denn noch schlimmer werden k�nnte, aber es gelang ihr nicht. Auch wenn es zweifellos nicht an ihrer mangelnden Fantasie lag, sondern eher daran, dass sie es sich nicht vorstellen <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>Ihre Glieder wurden schwer. Pl�tzlich fand sie die Hitze, die ihr noch vor einem Moment den Atem genommen hatte, als wohltuend wie die Umschlie�ung unsichtbarer, sch�tzender Arme, und sie konnte selbst sp�ren, wie ihre Gedanken langsamer und tr�ger wurden. Sie sp�rte auch die Gefahr, doch pl�tzlich erschien es ihr als viel zu m�hsam - und warum auch? -, dagegen anzuk�mpfen. Selbst die Vorstellung, Dariusz k�nne unvermittelt neben ihr auftauchen und sie schlafend w�hrend der Wache vorfinden, schreckte sie in diesem Moment nicht mehr wirklich (auch wenn ein Dutzend Stockschl�ge auf den nackten R�cken zu Dariusz� bevorzugten Strafen geh�rte, was unzweifelhaft bedeuten w�rde, dass man sie vorher ausziehen und so ihrer blanken Brust ansichtig werden w�rde - eine Katastrophe, die ihren und den Tod aller Eingeweihten zur Folge haben musste). Unbeschadet von allem, was sie sich in den zur�ckliegenden Tagen immer und immer wieder selbst eingeredet hatte, hatte ein Teil von ihr bereits resigniert. Ihr Verstand klammerte sich noch immer an das Versprechen, das sie Saila gegeben hatte, und ersann einen verwegenen Fluchtplan nach dem anderen, den sie ebenso schnell auch wieder verwarf, und ein kleiner Teil von ihr war trotz Ersch�pfung, M�digkeit und Mutlosigkeit stets hellwach und hielt nach der besten Gelegenheit Ausschau, sich zu entfernen und die Flucht zu ergreifen, aber da war noch ein anderer, leiserer und stillerer Teil, der l�ngst aufgegeben hatte.</p><p>Es war die reine Logik, die ihr sagte, wie vollkommen unm�glich eine Flucht war. Obwohl es eigentlich gar nicht ging, lie� Dariusz sie nicht eine Minute des Tages aus den Augen, und des Nachts war sie zusammen mit einem Dutzend M�nner in einem Raum eingesperrt, in dem schon ein Husten oder eine unvorsichtige Bewegung ausreichte, sie alle zu wecken - ganz davon abgesehen, dass vor der T�r stets eine Wache postiert war - und selbst, wenn sie das Unm�gliche m�glich gemacht h�tte und irgendwie entkommen w�re ... Dariusz w�rde wortw�rtlich Himmel und H�lle in Bewegung setzen, um ihrer wieder habhaft zu werden. Sie wusste nicht, warum, aber sie sp�rte ganz genau, dass er selbst seinen Heerzug nach Safet abbrechen w�rde, um sie wieder einzufangen. Eine einzelne Frau, in einem von Krieg, fremden Besatzern, R�ubern und pl�ndernden Banden heimgesuchten Land w�rde keine f�nf <emphasis>Stunden </emphasis>�berleben, geschweige denn f�nf Tage. Nein, sie musste auf eine Gelegenheit warten, bei der Dariusz und die anderen hinl�nglich und f�r mehr als nur ein paar Minuten abgelenkt waren, und mit jeder Meile, die sie sich weiter nach Osten bewegten, erschien es ihr unwahrscheinlicher, dass sich eine solche Gelegenheit �berhaupt noch ergeben k�nnte.</p><p>Salims Gesicht tauchte vor ihr auf. Seine dunklen Augen schienen ihr zuversichtlich zuzul�cheln, aber sie verscheuchte das Bild fast erschrocken, riss die Augen auf und straffte fast trotzig die Schultern. Man h�tte meinen k�nnen, dass ihr der Gedanke an Salim Kraft gab, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Wenn sie an ihn dachte, schloss sich eine kalte Hand aus Furcht um ihr Herz. Furcht um ihn. Salim w�rde schwerlich die H�nde in den Scho� legen und gar nichts tun, aber gerade das war es, was ihr Angst machte.</p><p>Mit einem Male hatte sie das Gef�hl, die Unt�tigkeit nicht mehr auszuhalten. Obwohl ihr jede Bewegung noch immer gro�e M�he abverlangte, hatte ihr die kurze Erholungspause doch sp�rbar gut getan. Ihre Knie zitterten leicht, als sie aufstand und zu Rother hin�berging, aber zumindest die �belkeit war gr��tenteils verflogen.</p><p>Der junge Tempelritter hatte die Arme vor der Brust verschr�nkt und lehnte in nachl�ssiger Haltung an einem Mauerrest, hinter dem der H�gel wie abgeschnitten aufh�rte und gute sechs oder acht Meter weit senkrecht in die Tiefe st�rzte. Er wirkte nicht besonders aufmerksam, sondern schien im Gegenteil eher mit offenen Augen vor sich hinzud�sen, aber mehr war nach Robins Meinung auch nicht n�tig. Wenn sie jemals einen Platz gesehen hatte, der sich <emphasis>nicht </emphasis>f�r einen Hinterhalt eignete, dann diesen. Von der Kuppe des H�gels aus fiel ihr Blick �ber Meilen ungehindert �ber das weite Land mit seinen ausged�rrten H�gelr�cken und den fruchtbaren, flachen T�lern. Ab und zu gewahrte Robin zwar eine Bewegung, aber es waren nur die �blichen Herden, deren Hirten sich vor dem n�her kommenden Heer versteckt hatten. Nur ein St�ck unterhalb ihres improvisierten Aussichtsturms suchte sich ein schmales Rinnsal seinen Weg zwischen Felsen und verbranntem Erdreich hindurch, und der blo�e Anblick allein reichte schon, Robins Durst erneut zu wecken.</p><p>�Warum nutzt Ihr die Gelegenheit nicht und ruht Euch noch ein wenig aus?�, fragte Rother. Er wirkte fast ver�rgert, auf jeden Fall aber ertappt; m�glicherweise hatte er tats�chlich stehend und mit offenen Augen geschlafen, eine F�higkeit, die viele ihrer ehemaligen Ordensbr�der im Laufe der Jahre zu wahrer Meisterschaft entwickelt hatten.</p><p>�Ihr habt schon ...� Robin verbesserte sich: �DU hast schon genug f�r mich getan, Rother. Und Dariusz w�rde nur misstrauisch, wenn ich zu ausgeruht von der Wache zur�ckkehre.�</p><p>Rother sah sie an, als wisse er nicht genau, was er von diesen Worten zu halten habe, hob aber dann nur die Schultern und l�ste sich mit einem leisen Seufzen von seinem Halt. Er nahm die Arme herunter, w�hrend er sich umdrehte und aus eng zusammengekniffenen Augen zu Dariusz und den anderen Rittern zur�cksah. �Wenn du schon einmal da bist ...�</p><p>�Ja?�</p><p>Rother deutete mit einer Kopfbewegung auf den Wasserschlauch zu seinen F��en, und Robin verstand. �Geh ihn ruhig auff�llen�, sagte sie. �Ich halte inzwischen Wache.�</p><p>Der junge Tempelritter l�chelte fl�chtig, als h�tte sie einen guten Scherz zum Besten gegeben, b�ckte sich nach dem Schlauch und begann mit erstaunlichem Geschick die nahezu lotrechte Abbruchkante hinunterzuklettern. Robin folgte seinen Bewegungen aufmerksam, drehte sich zwischendurch aber auch immer wieder um und sah zu Dariusz und dem Rest des Heeres zur�ck. Die Hand voll Templer lagerte ein St�ck abseits der Haupttruppe. Die meisten M�nner hatten sich ersch�pft zu Boden sinken lassen und redeten leise miteinander; etliche stierten auch einfach nur ins Leere oder hatten versucht, sich unauff�llig in den k�mmerlichen Schatten zu setzen, den ihre eigenen Pferde warfen.</p><p>Robin fragte sich, warum Dariusz die Hand voll M�nner nicht alle hier auf die Ruine gef�hrt hatte. Das winzige Geviert aus zerfallenen Steinen war zwar nicht gro�, doch die Schatten h�tten gereicht, ihnen wenigstens die Illusion von Linderung zu vermitteln. Er gewann nichts, wenn er seine M�nner dort drau�en ungesch�tzt in der Gluthitze lagern lie�. Vielleicht war es einfach wieder eine seiner verr�ckten �bungen, mit denen er die Krieger abzuh�rten meinte. Je l�nger sie �ber den hochrangigen Tempelritter nachdachte, desto weniger verstand sie, warum er so war, wie er war. Dariusz war gewiss kein guter Mensch, er war niemand, dessen N�he sie gesucht oder dessen Freundschaft sie auch nur gewollt h�tte, aber er war auch kein Dummkopf. Robin hatte es nie endg�ltig herausgefunden - es hatte sie auch nicht wirklich interessiert -, aber sie wusste, dass Dariusz in der komplizierten Hierarchie des Ordens noch ein gutes St�ck �ber ihrem Mentor Abb� rangierte, und er w�re nicht so schnell und weit aufgestiegen, w�re er nichts weiter als ein einf�ltiger Leuteschinder.</p><p>Dennoch war ihr schon auf dem Schiff w�hrend der �berfahrt von Genua aus aufgefallen, wie unbarmherzig er seine Leute antrieb und was f�r �bermenschliche Anspr�che er an sie stellte. Der Fairness halber musste sie zugeben, dass Dariusz bei sich selbst keine anderen Ma�st�be anlegte oder wenn, dann allenfalls noch strengere. Aber das machte es eher schlimmer. Auch er musste mit seinen Kr�ften l�ngst am Ende sein. Sie verstand l�ngst nicht mehr, was ihn antrieb und warum er immer mehr und mehr von sich und den Seinen verlangte, obwohl ihm sein Verstand ganz zweifellos sagen musste, dass Willenskraft und Entschlossenheit allein nicht ausreichten, eine Schlacht zu gewinnen, wenn der Arm einfach nicht mehr die Kraft hatte, das Schwert zu f�hren. Und was sie gerade in Rothers Augen gelesen und zwischen seinen Worten geh�rt hatte, lie� sie zu der �berzeugung kommen, dass sie mit ihrer Einsch�tzung nicht allein war.</p><p>Nachdem sie sicher war, dass niemand zu ihnen kommen w�rde und sie auch vor Dariusz� neugierigen Blicken halbwegs gesch�tzt waren, wandte sie sich um und sah zu Rother hinab. Der Ritter hatte den halb ausgetrockneten Bachlauf mittlerweile erreicht und war auf ein Knie gesunken, um seinen Wasserschlauch zu f�llen. Er drehte langsam den Kopf nach links und rechts und wieder zur�ck, um seine Umgebung dabei aufmerksam zu studieren, und irgendetwas schien dabei sein Misstrauen zu erregen. Sorgf�ltig f�llte er seinen Schlauch und legte ihn neben sich auf den Boden, sch�pfte sich dann ein paar Hand voll Wasser ins Gesicht und stand auf, kehrte aber nicht sofort zur�ck, sondern drehte sich noch einmal langsam um sich selbst, wobei Robin selbst auf die gro�e Entfernung erkennen konnte, wie misstrauisch und aufmerksam sein Blick den Boden abtastete. Schlie�lich entfernte er sich ein paar Schritte, kniete erneut nieder und fuhr mit den Fingerspitzen �ber das ausged�rrte Braun und Ocker der Erde. Dann hob er den Kopf und blickte fast eine Minute lang reglos nach Osten.</p><p>Robin fragte sich, ob er etwas entdeckt hatte, und wenn ja, was. Auch sie sah in die entsprechende Richtung, aber das Bild hatte sich nicht ge�ndert: Hier und da graste eine Ziege, und in vielleicht zwei oder drei Meilen Entfernung trottete eine einsame Schafherde dahin, und nahezu am Horizont, gerade an der Grenze der Entfernung, ihn �berhaupt noch sehen zu k�nnen, schwebte ein dunkler Punkt am Himmel; vielleicht ein einsamer Falke, dessen scharfes Auge die W�ste unter ihm nach Beute absuchte.</p><p>Endlich wandte sich Rother um, hob seinen Schlauch auf und kam zur�ck. Am Fu�e des Felsabsturzes blieb er stehen, warf Robin den Schlauch zu - sie fing ihn geschickt auf, aber er war so prall gef�llt und unerwartet schwer, dass sie einen Schritt zur�cktaumelte und ihre liebe M�he hatte, nicht zu st�rzen - und begann dann mit einem Geschick, das in Robin ein heftiges Gef�hl absurden Neids hervorrief, die Wand wieder heraufzuklettern.</p><p>�Hast du irgendetwas ... entdeckt?�, fragte Robin z�gernd. Rothers Gesicht hatte einen beunruhigend ernsten Ausdruck angenommen.</p><p>Er griff nach seinem Schlauch, warf ihn sich mit einer geschickten Bewegung �ber die Schulter und drehte sich in dieselbe Richtung, in die er gerade so gebannt geblickt hatte, bevor er antwortete. �Ich bin nicht sicher�, sagte er, mehr zu sich selbst gewandt als wirklich an Robin. �Da ... waren Spuren.�</p><p>�Reiter?�, fragte Robin beunruhigt.</p><p>Wieder vergingen etliche Augenblicke, bevor Rother antwortete. �Ja. Aber sie k�nnten alt sein. Einen Tag oder auch zwei.� Er hob fast hilflos die Schultern, eine Bewegung, die durch den prall gef�llten Schlauch auf seinem R�cken sonderbar unbeholfen wirkte. �Ich bin nicht besonders gut im Spurenlesen, um ehrlich zu sein.�</p><p>�Aber hier ist doch nichts�, antwortete Robin nerv�s. �Ich meine: Niemand k�nnte sich hier ...�</p><p>�Die Sarazenen sind Meister im Verstecken und Anschleichen�, unterbrach sie Rother. Sein Blick tastete misstrauisch �ber das Muster aus Braun und blassem Gr�n, das sich unter ihnen ausbreitete wie ein zu gro� geratener Flickenteppich. �Zwischen diesen D�nen kann sich eine ganze Armee verstecken.� Er warf Robin einen fl�chtigen Blick zu, wie um sich davon zu �berzeugen, dass sie seine Worte auch verstanden hatte, dann wandte er sich wieder nach Osten, und seine Hand deutete auf die Schafherde, die Robin gerade schon beobachtet hatte; �ber die gro�e Entfernung hinweg waren es nicht mehr als einige Dutzend heller Punkte, die immer wieder mit dem fleckigen Braun der W�ste zu verschmelzen schienen oder manchmal auch wie aus dem Nichts daraus auftauchten. �Man muss die Herden beobachten�, fuhr Rother fort, noch leiser und jetzt in einem Ton, von dem Robin nicht mehr sagen konnte, ob er nachdenklich, besorgt oder vielleicht schon alarmiert klang. �Wenn sie die H�nge hinauf fliehen, k�nnte das ein Hinweis sein.�</p><p>So wie diese Herde?, dachte Robin unbehaglich. Die Tiere waren gerade ein St�ckchen zu weit weg, als dass sie sicher sein konnte. Aber gerade, als sie schon einmal zu ihnen hingesehen hatte, waren sie ihr irgendwie ... ruhiger erschienen.</p><p>�Siehst du die Staubwolke dort hinten?�, fragte Rother pl�tzlich. Seine Hand deutete jetzt auf einen Punkt ein kleines St�ckchen links neben der Schafherde. Robin strengte ihre Augen an, und tats�chlich, da war etwas - aber sie konnte beim besten Willen nicht sagen, ob es tats�chlich die Staubwolke war, f�r die Rother es zu halten schien, oder nur das Flimmern hei�er Luft �ber dem Sand.</p><p>�Besser, wir sagen Dariusz Bescheid�, entschied Rother.</p><p>Nebeneinander verlie�en sie die Ruine wieder und kehrten zu den anderen Rittern zur�ck. Als Robin aus den Schatten heraustrat, war es wie ein Schlag. Die Hitze schien sich verdoppelt zu haben, und sie hatte das Gef�hl, geradewegs in einen Backofen hineinzutreten. Augenblicklich brach ihr der Schwei� aus, und ihre H�nde begannen zu zittern. Die Gestalten der anderen Tempelritter und ihrer Pferde schienen sich in wei�e Schemen aufzul�sen, die sich in eine Richtung zu bewegen versuchten, die es gar nicht gab. Ihr Herz h�mmerte, als sie die Reiter erreichten und Dariusz sich mit einer flie�enden Bewegung erhob, um ihnen entgegenzutreten.</p><p>�Was ist geschehen?�, fragte er unwillig. �Wieso verlasst ihr euren Posten?�</p><p>Rother setzte zu einer Antwort an, aber Dariusz schnitt ihm mit einer herrischen Geste das Wort ab, bevor er auch nur einen Ton herausbringen konnte. Sein Gesicht verfinsterte sich noch weiter, w�hrend sein Blick �ber den gef�llten Schlauch �ber Rothers Schulter tastete und schlie�lich - f�r Robins Geschmack gerade einen Moment zu lange - an den dunklen Wasserflecken auf seinem Gewand h�ngen blieb.</p><p>�Ihr habt Wasser gefunden, wie ich sehe�, sagte er.</p><p>�Ein kleiner Bach, nicht weit von hier�, best�tigte Rother.</p><p>�Und dabei ...�</p><p>Abermals brachte Dariusz ihn mit einer zornigen Handbewegung zum Schweigen. Ohne ein weiteres Wort trat er auf Rother zu, nahm ihm den Schlauch von der Schulter und goss das Wasser langsam vor seinen F��en aus. Es versickerte so schnell, dass der Sand sich nicht einmal richtig dunkel f�rbte.</p><p>�Jetzt berichtet�, sagte er k�hl.</p><p>Rother starrte den leeren Schlauch vor seinen Stiefelspitzen einen Herzschlag lang finster an, doch als er wieder zu Dariusz aufsah, war ihm nicht mehr die geringste Regung anzusehen.</p><p>�Ich habe Spuren gefunden�, sagte er ruhig, �nur ein kleines St�ck hinter der Ruine. Reiter. Zwei, vielleicht drei. Aber ich kann nicht sagen, ob sie frisch sind.�</p><p>�Und eine Staubwolke�, f�gte Robin hinzu. �Im Osten.�</p><p>�Eine Staubwolke, so�, wiederholte Dariusz. �Mehr nicht?�</p><p>Robin tauschte einen unsicheren Blick mit Rother. �Es k�nnte immerhin bedeuten ...�, begann sie, wurde aber ebenfalls und fast sofort von Dariusz unterbrochen: �Ich wei� sehr wohl, was es bedeuten <emphasis>k�nnte, </emphasis>Bruder Robin. Aber das muss es nicht, oder?� Ganz offensichtlich erwartete er keine Antwort auf seine Frage, denn er fuhr mit einem Kopf sch�tteln und praktisch sofort fort: �Dieser Landstrich ist sicher. Alles, was es hier gibt, sind ein paar Banden von R�ubern und Halsabschneidern. Sie m�ssten verr�ckt sein, sich mit uns anzulegen.�</p><p>�Vielleicht sollten wir trotzdem Sp�her vorausschicken�, schlug Robin vor.</p><p>�Was f�r eine hervorragende Idee�, antwortete Dariusz sarkastisch. �Abgesehen von der Kleinigkeit, dass es der sichere Tod dieser M�nner w�re, sollten dort vorne tats�chlich Saladins Truppen auf uns warten.� Er sch�ttelte noch einmal und heftiger den Kopf. �Sollen wir uns wie ein Haufen jammernder Feiglinge benehmen, nur weil dort vorne vielleicht ein Dutzend Pl�nderer auf uns wartet?�</p><p>�Ein Dutzend Pl�nderer�, widersprach Robin, �w�rde es wohl kaum wagen, einem Heer wie dem unseren aufzulauern.�</p><p>Dariusz� Augen wurden fast schwarz vor Wut, als er sich vollends zu Robin umdrehte, aber seine Stimme klang �berraschend ruhig, als er antwortete: �Vorausgesetzt, sie sind sich dar�ber im Klaren, mit wem sie es zu tun haben, ja.�</p><p>Im allerersten Moment verstand Robin nicht, was er damit meinte - ging sein Fanatismus mittlerweile schon so weit, dass er sich einbildete, Gott h�tte ihre Gegner allesamt mit Blindheit geschlagen? -, aber dann drehte sie sich in dieselbe Richtung, in die sein ausgestreckter Arm deutete.</p><p>Die Templer hatten auf der Kuppe des H�gels Halt gemacht, unweit der Ruine, die ihnen gerade als Aussichtspunkt gedient hatte, der Gro�teil des Heeres aber an seinem gegenseitigen Fu�; bestimmt zwei- oder dreihundert Schritte entfernt. F�r jeden, der sie aus sicherer Entfernung beobachtete, musste es tats�chlich aussehen, als handele es sich lediglich um ein kleines Gr�ppchen versprengter Ritter, ein Dutzend M�nner, das sich durch die gl�hende Mittagshitze schleppte und ein leichtes Opfer f�r jeden entschlossenen Gegner abgab. Und ganz pl�tzlich war Robin fast sicher, dass auch das kein Zufall war. Bruder Dariusz f�rchtete einen �berfall nicht nur nicht - eher suchte er den Kampf und schien alles in seiner Macht Stehende zu tun, um ihn zu provozieren.</p><p>�Aber gut, Bruder Robin�, fuhr Dariusz fort, nunmehr in eindeutig sp�ttischem Ton und mit ganz leicht erhobener Stimme, gerade genug, um sicherzugehen, dass auch alle anderen Ritter seine Worte h�rten. �Wenn Ihr so sehr einen Hinterhalt f�rchtet, dann w�re es fahrl�ssig, sich nicht darauf vorzubereiten. Macht euch kampfbereit!� Die drei letzten Worte hatte er mit lauterer Stimme gerufen.</p><p>W�hrend sich die Ritter, ohne zu murren, und schnell, dennoch aber mit ersch�pft wirkenden, m�hsamen Bewegungen erhoben und noch m�hevoller in die S�ttel ihrer Pferde stiegen, wandte sich Dariusz mit einer befehlenden Geste an Rother.</p><p>�Kehrt zu den anderen zur�ck�, befahl er. �Die M�nner sollen uns in einigem Abstand folgen. Aber ich will nicht, dass man sie sieht.�</p><p>Rother eilte davon, und auch Robin wandte sich um und ging mit h�ngenden Schultern zu ihrem Pferd. Es schnaubte protestierend, als sie sich in den Sattel hinaufzog, wie um sich �ber die viel zu kurze Rast zu beschweren, und als sie den schweren Topfhelm �berst�lpte, hatte sie im ersten Moment das Gef�hl, ersticken zu m�ssen. Die Hitze war grausam, und ihr eigener Atem, den sie unter dem Helm einatmete, roch so schlecht, dass ihr allein davon �bel wurde.</p><p>Dariusz stieg als Letzter in den Sattel, befestigte mit einer raschen Bewegung den gro�en, dreieckigen Schild mit dem roten Tatzenkreuz der Templer am linken Arm und schloss die rechte Faust um seine Lanze, an deren Ende der wei�-rote Wimpel mit dem Symbol des Ordens flatterte. Ohne ein weiteres Wort sprengten sie los und verfielen fast sofort in scharfes Tempo. Robin wandte m�hsam den Kopf und sah, dass eines der Pferde zur�ckgeblieben war. Ihr Tempo nahm noch zu, als sie die gegen�berliegende Flanke des H�gels herabsprengten und jetzt direkt auf die Staubwolke weit vor ihnen Kurs nahmen. Robin gab die ohnehin nicht sehr realistische Hoffnung auf, dass es eine vollkommen harmlose Bedeutung f�r die Staubwolke geben k�nnte.</p><p>Daf�r begann sie allm�hlich ernsthaft an Dariusz� Verstand zu zweifeln. Wenn der Templer tats�chlich annahm, dass dort vorne zwischen den D�nen mehr als eine Herde versprengter Schafe war, die ein bisschen Staub aufwirbelten, so musste er sich und seine Begleiter wohl als K�der ansehen, der den Feind aus dem Versteck hervorlocken und binden sollte, bis die Hauptmacht heran war. Doch was n�tzte ein K�der, wenn die Falle, zu der er geh�rte, noch gar nicht aufgestellt war? Rother w�rde endlose Minuten brauchen, um das Lager des Hauptheeres zu erreichen und Dariusz� Befehle zu �berbringen, und es w�rde noch einmal und noch l�nger dauern, bevor sich die M�nner in Bewegung setzten und ihnen folgten, und das noch dazu deutlich langsamer als sie selbst. Robin ma�te sich nicht an, irgendetwas von Strategie oder Kriegsf�hrung zu verstehen, - aber das, was Dariusz nun tat, hatte nichts mit einem von beidem zu tun. Es war reine Tollk�hnheit; allerdings jene ganz besondere Art von Tollk�hnheit, durch die Schlachten nicht gewonnen wurden, sondern im Allgemeinen in einer Katastrophe endeten und �ber die auch keine Heldenlieder gesungen oder Geschichten am Lagerfeuer erz�hlt wurden.</p><p>Nachdem sie den H�gel hinter sich gebracht hatten und ihnen das Gef�lle noch mehr Schwung verlieh, fielen die Tiere in einen schnellen, gleichm��igen Galopp. Der Boden begann unter den Hufen der Pferde zu dr�hnen, und die Luft war vom aufgewirbelten Staub erf�llt, den sie wie eine gewaltige Schleppe hinter sich herzogen. Der kleine Trupp �berquerte zwei weitere felsige H�gel und sprengte durch einen Bach, dessen Wasser bis zu den Oberk�rpern der Reiter hinaufspritzte. Robin hatte mit dem Gegenteil gerechnet, aber ihre �belkeit war verflogen, und so absurd ihr das selbst beinahe vorkommen mochte, sp�rte sie, wie neue Kraft ihre Glieder durchstr�mte und sich eine sonderbare, fast erschreckende Zuversicht in ihr breit zu machen begann. Vielleicht war es dasselbe, was sie schon am Morgen gest�rt hatte: eine fast schon euphorische Stimmung, die sie glauben lie�, ihre Feinde auf jeden Fall besiegen zu k�nnen, und die sie wegen ihrer Absurdit�t erschreckte, ohne aber verhindern zu k�nnen, dass sie selbst davon mitgerissen wurde. Tats�chlich galt ihre einzige Sorge in diesen Augenblicken der Frage, ob ihre Pferde, die ebenso ersch�pft und ausgelaugt sein mussten wie ihre Reiter, die Kraft f�r eine l�ngere Verfolgung aufbringen w�rden.</p><p>W�hrend sie auf die allm�hlich deutlicher erkennbare Staubwolke zusprengten und es mehr oder weniger den Pferden �berlie�en, ihren Weg auf dem mittlerweile von Steinen und Ger�ll �bers�ten Boden zu finden, f�hlte sich Robin fast nicht mehr wie sie selbst, sondern nur noch als Teil dieses gewaltigen, unsichtbaren Heeres, dem nichts auf der Welt standhalten konnte. Das Donnern der Hufe, das Klirren der Waffen, die wehenden wei�en Umh�nge der M�nner, all das riss sie einfach mit. Vielleicht war die Zeit, die sie in Abb�s Komturei verbracht hatte, doch nicht so spurlos an ihr vor�bergegangen, wie sie bisher gemeint hatte. Sie hatte ihr Leben gedanklich zumindest damals der Aufgabe gewidmet, ein Ritter zu werden, und sie hatte dieses Ziel gegen alle Vernunft, gegen jede Logik und gegen alle noch so gewaltigen und unverbindlich erscheinenden Hindernisse erreicht, und nun lag ihre erste richtige Schlacht vor ihr. Das Massaker auf der <emphasis>Sankt Christophorus </emphasis>w�hrend der Hinfahrt in dieses Land unglaublicher Gegens�tze, in der bittere Armut und verschwenderischer Luxus, Grausamkeit und Gro�herzigkeit oft erschreckend nah beieinander lagen, hatte sie niemals als ein solches gewertet - vielleicht, weil es so gar nicht ihren Vorstellungen eines ritterlichen Kampfes entsprochen hatte, und auch den �berfall auf die Sklavenkarawane hatte sie nur als nahezu unbeteiligtes, wehrloses Opfer miterlebt. Nun w�rde sie dem Gewand, das sie trug, zum ersten Mal wirklich Ehre machen k�nnen.</p><p>Sie �berquerten einen weiteren H�gel, danach schwenkte die ganze Kolonne scharf nach links durch einen gut f�nffach mannshohen Spalt zwischen den Felsen, und als die W�nde wieder vor ihnen zur�ckwichen, lag ein lang gestrecktes, schmales Tal vor ihnen, zwischen dessen gr�n gewachsenen Flanken sich die H�user eines kleinen Dorfes erhoben. Ganz fl�chtig empfand Robin so etwas wie ein sachtes Bedauern, den Krieg nun auch in dieses kleine Dorf zu tragen, dann sah sie genauer hin und erkannte, dass er es bereits erreicht hatte.</p><p>Aus etlichen der kleinen, braun verputzten H�usern aus unterschiedlich gro�en Bruchsteinen schlugen Flammen. Was sie von weitem f�r eine Staubwolke gehalten hatte, war Rauch, der Rauch eines Feuers, das nur deshalb noch nicht den gesamten Ort verzehrt hatte, weil es in den einfachen Steinbauten und ihrer Einrichtung nicht genug Nahrung fand. Gro�e Ru�flocken trieben ihnen entgegen wie schwarzer Schnee aus den Abgr�nden der H�lle. Es stank nach brennendem Holz und �l, nach verschmortem Haar und anderen, schlimmeren Dingen, die sie nicht identifizieren wollte (obwohl etwas in ihr es sehr wohl tat), und trotz des Trommelns der Pferdehufe, das von den W�nden des schmalen Tales zur�ckgeworfen und noch verst�rkt zu werden schien, glaubte sie ein fernes Weinen und Wehklagen zu h�ren, vielleicht das Wimmern eines Kindes.</p><p>Ohne langsamer zu werden, sprengte der Trupp zwischen den H�usern dahin. Nirgendwo war ein Zeichen von Leben zu sehen.</p><p>Vor der gemauerten �lpresse, die sich in der Mitte des Dorfes erhob, lag ein erschlagener Esel unter seinem Joch, und nur wenig dahinter entdeckte sie drei tote, gro�e Hunde, die mit Pfeilen niedergestreckt worden waren, als w�re, wer immer dieses Dorf angegriffen und niedergebrannt hatte, in Raserei verfallen, die es ihm unm�glich gemacht h�tte, auch nur eine Spur von Leben zur�ckzulassen.</p><p>Doch dann wurden das Wehklagen und die Schreie lauter, und pl�tzlich senkte Dariusz, der noch immer an der Spitze des kleinen Heeres dahinpreschte, seinen Speer und deutete auf eine einfache Moschee, die das letzte Geb�ude des Ortes war und kein Minarett, wohl aber die typische, halbrunde Kuppel auf dem Dach hatte. Jemand hatte ein gro�es Holzkreuz auf dieser Kuppel errichtet und vermutlich damit das Todesurteil �ber das Dorf und all seine Bewohner gesprochen. Das Kreuz war noch vorhanden, aber es stand in hellen Flammen, und auch aus dem Inneren des kleinen Geb�udes drang schwarzer, fettiger Rauch, in dem es dann und wann dunkelrot zuckte und drohend aufblitzte. Robins Herz zog sich zusammen, als ihr Verstand ihr sagte, dass nichts und niemand in dieser Kirche �berlebt haben konnte, aber die Schreie kamen eindeutig von dort.</p><p>Erst als sie fast heran war, entdeckte sie die Frau, die an der Wand der ausgebrannten Moschee lehnte. Ihr Gesicht war blut�berstr�mt. Schleier und Kopftuch waren heruntergerissen, und aus ihrer Schulter ragte der Schaft eines abgebrochenen Pfeils. Ein in blutgetr�nkte T�cher gewickeltes, regloses Kind lag in ihren Armen. Als sie die heransprengenden Ritter gewahrte, versuchte sie sich kraftlos aufzurichten, aber es gelang ihr nicht. Zitternd sank sie abermals zur�ck und stie� einen schrillen, gepeinigten Schrei aus, deutete aber zugleich mit den Armen auf das jenseitige Ende des Tales. Robins Blick folgte der Geste, und f�r einen winzigen Moment glaubte sie wehende M�ntel, Turbane und bunte Burnusse nach Art der Heidenkrieger zu erkennen, dann waren sie verschwunden, aufgesogen von dem wirbelnden Staub, der ihren Weg markierte.</p><p>Sie war nicht die Einzige, die die M�nner gesehen hatte. Dariusz� Lanze stie� mit einer befehlenden Geste nach vorne.</p><p>�T�tet sie alle!�, schrie er. <emphasis>�Gott will es!�</emphasis></p><p>Noch einmal schneller werdend, setzten die Ritter den fliehenden Sarazenen nach. Auch Robin beugte sich tiefer �ber den Hals ihres Pferdes und versuchte, es noch einmal zu gr��erer Schnelligkeit anzuspornen. Als sie an der brennenden Moschee vorbeikam, brach die junge Frau endg�ltig zusammen. Das leblose B�ndel entglitt ihren Armen und rollte �ber den Boden, und ihr Kopf schlug schwer gegen den harten Stein des T�rrahmens. Der schwarze Rauch, der aus dem Inneren des Geb�udes drang, griff wie eine riesige Hand nach ihrem Gesicht, und Robins Herz zog sich zu einem harten Ball aus Eis zusammen. Sie lenkte ihr Pferd ein winziges St�ck zur Seite, wie um m�glichst weit an der sterbenden Frau und ihrem toten Kind vor�berzugaloppieren, und ein Gef�hl von K�lte und Entschlossenheit machte sich in ihr breit, das sie selbst erschreckte. Wenn schon nicht wegen allem anderen, was hier geschehen war, so w�rde sie die feigen M�rder allein um ihretwillen b��en lassen.</p><p><emphasis>�Gott will es!�, </emphasis>schrie Dariusz noch einmal, und diesmal stimmten alle anderen Ritter in seinen Schlachtruf ein. Rasch fielen die H�user des gesch�ndeten Dorfes hinter ihnen zur�ck, und im gleichen Ma�e schien der Abstand zwischen den Templern und der braungrauen Staubwolke, die noch immer das Ende des Tales verh�llte, zusammenzuschrumpfen. Wenn die Sarazenen �berhaupt vor ihnen flohen - und Robin war pl�tzlich gar nicht mehr so sicher, dass es tats�chlich so war -, dann nicht besonders schnell.</p><p>Dann hatten sie die Staubwolke erreicht und waren hindurch, und Robin h�tte um ein Haar aufgeschrien, als sie die Feinde erblickte. Sie begriff sofort, dass sie nicht auf einen Teil von Saladins Heer gesto�en waren, sondern dass Dariusz Recht gehabt hatte: Es war nicht mehr als eine Bande von Pl�nderern. Allerdings eine Bande von erschreckender Gr��e.</p><p>Die Zahl der M�nner, die gr��tenteils auf kleinen, sonderbar zierlich wirkenden Pferden oder auch Maultieren sa�en, musste die ihres gesamten Heeres erreichen, wenn nicht �bertreffen. Kaum einer von ihnen trug eine R�stung, einen Helm oder auch nur einen Schild, doch so weit Robin das erkennen konnte, waren sie ausnahmslos - und ausnahmslos gut! - bewaffnet, und viele von ihnen f�hrten zus�tzliche Packpferde und Mulis mit sich, deren S�ttel schwer von der Last der erbeuteten Nahrungsmittel, Kleider und anderer Sch�tze waren. Sie bewegten sich schnell - sogar schneller als sie. Der Staub hatte sich hier, zwischen den Felsen am schmalen Ausgang des Tales, gefangen und so den Eindruck erweckt, dass der Trupp nicht nennenswert von der Stelle k�me, aber ihr Abstand war mittlerweile noch weiter angewachsen, und vor ihnen lag nun ein weites, nahezu ebenes Gel�nde, in dem sie das �berlegende Tempo ihrer schlanken Tiere noch besser ausspielen konnten.</p><p>Dariusz schien das wohl im gleichen Moment zu begreifen wie sie, denn er lie� zum dritten Mal sein fanatisches <emphasis>Gott will es! </emphasis>erschallen und versuchte zugleich, sein Pferd zu noch gr��erer Schnelligkeit anzutreiben, doch es gelang ihm nicht, so wenig wie irgendeinem der anderen Ritter. Die Tiere waren an den Grenzen ihrer Kraft angelangt. Robin verfluchte Dariusz daf�r, die Reiter auf dem Weg hierher so angetrieben zu haben, dass die Pferde bereits ersch�pft waren, noch bevor sie den Feind stellen konnten, aber aller Zorn half ihr in diesem Moment nicht. Der Abstand zwischen den Sarazenen und den Rittern auf ihren gro�en, schwerf�lligen Schlachtr�ssern wuchs unerbittlich weiter.</p><p>Schlie�lich hob Dariusz seine Lanze und gab damit das Zeichen, die sinnlos gewordene Verfolgung abzubrechen. In diesem Moment geschah etwas �berraschendes, das sich allem Anschein nach nicht nur Robin im ersten Moment nicht erkl�ren konnte: Der Hauptteil der Sarazenen hielt weiter und in scharfem Tempo auf das offene Land zu, aber mindestens anderthalb oder zwei Dutzend von ihnen schwenkten pl�tzlich nach rechts und links weg und begann in einem gro�en Bogen wieder auf sie zuzureiten. Dariusz wirkte irritiert. Sie konnte sein Gesicht unter dem Helm nicht erkennen, aber sein Kopf bewegte sich immer hektischer von rechts nach links und wieder zur�ck, w�hrend er versuchte, die beiden etwa gleich gro�en Reitertrupps gleichzeitig im Auge zu behalten.</p><p>Einer nach dem anderen hielten die Templer an. Auch Robin starrte die nur langsam n�her kommenden Sarazenen an und fragte sich vergeblich nach dem Sinn dieses Man�vers. Der gesamte feindliche Trupp w�re ihnen mit Sicherheit �berlegen gewesen, aber zwei Dutzend Sarazenen ohne R�stung oder gar Schilde gegen zw�lf schwer gepanzerte Tempelritter auf ihren riesigen Schlachtr�ssern, das w�re kein fairer Kampf, sondern der pure Selbstmord.</p><p>Doch die Sarazenen hatten auch nicht vor, sich zum Kampf zu stellen. Jedenfalls nicht auf die Art, die Dariusz erwartet zu haben schien. Als sie auf vielleicht f�nfzig Schritte heran waren, beschleunigten sie ihre Pferde wieder und sprengten pl�tzlich auf sie zu, schwenkten dann aber im letzten Moment nach rechts und links, und erst jetzt gewahrte Robin die kurzen, geschwungenen B�gen, die die M�nner in den H�nden hielten.</p><p>Ihre Reaktion w�re um ein Haar zu sp�t gekommen. Im buchst�blich allerletzten Moment riss Robin den Schild in die H�he und duckte sich dahinter. Ein harter Schlag traf ihren linken Arm und lie� sie im Sattel wanken, dann schrammte ein zweiter Pfeil an ihrer Brust entlang und verletzte sie nur deshalb nicht, weil er in einem Winkel aufgeprallt war, in dem ihn das engmaschige Eisengeflecht des Kettenhemdes ablenkte.</p><p>Der Ritter neben ihr hatte weniger Gl�ck. Zufall oder nicht - auch er wurde von zwei Pfeilen nahezu gleichzeitig getroffen. Wie Robin wehrte auch er das erste Geschoss mit seinem Schild ab, der andere Pfeil aber bohrte sich tief in den Hals seines Pferdes. Der Hengst stieg mit einem schrillen Schmerzensschrei in die H�he, schlug mit den Vorderhufen aus und brach dann zusammen. Sein Reiter konnte sich im letzten Moment zur Seite werfen, um nicht unter dem st�rzenden Pferd begraben zu werden.</p><p>Dann waren die Sarazenen vorbei. Robin beobachtete mit einer Mischung aus Entsetzen und widerwilliger Bewunderung, wie sich zwei der M�nner trotz des rasenden Galopps im Sattel umdrehten und auf die nahezu wehrlosen Ritter schossen. Sie sah nicht, ob sie trafen oder nicht, doch <emphasis>was </emphasis>sie sah, reichte aus, ihr einen Schauer des blanken Entsetzens �ber den R�cken laufen zu lassen.</p><p>Der Reiter neben ihr war nicht der Einzige, der getroffen worden war. Mindestens vier oder f�nf Pferde lagen am Boden und wanden sich vor Qual oder r�hrten sich gar nicht mehr, und der Reiter, der den Abschluss der kleinen Kolonne gebildet hatte, war nach vorne gesunken und hing reglos �ber dem Hals seines Pferdes. Der gefiederte Schaft eines Pfeils ragte aus seinem R�cken.</p><p>Und es war noch nicht vorbei. Noch w�hrend die Templer versuchten, ihren Schrecken zu �berwinden und sich zu einer neuen, engeren Schlachtformation aufzustellen, machten die beiden Reitertrupps hinter ihnen kehrt und sprengten erneut und wom�glich noch schneller heran.</p><p>Diesmal waren die Templer vorbereitet - aber es nutzte ihnen nichts. Keiner der M�nner wurde getroffen, denn sie duckten sich geschickt hinter ihre gro�en Schilde oder wurden von ihren schweren R�stungen gesch�tzt, aber Robin begriff pl�tzlich und mit kaltem Entsetzen, dass die Angreifer auch gar nicht auf sie und ihre Ordensbr�der zielten. Vielmehr schossen sie auf ihre Pferde, und ihre Pfeile trafen ihr Ziel mit schon fast unheimlicher Pr�zision. Als die Reiter das zweite Mal an ihnen vor�bergaloppiert waren, waren Robin, Dariusz und ein weiterer Ritter die Einzigen, die noch im Sattel sa�en. Alle anderen Pferde waren zusammengebrochen, und mehr als eines hatte seinen Reiter dabei unter sich begraben.</p><p>Die Luft war so voller Staub, dass Robin unter dem schweren Helm kaum noch atmen konnte und qualvoll zu husten begann. Sie sah nichts mehr als wirbelnden Staub und ein Chaos aus reiner Bewegung. Irgendetwas traf ihre Seite, hart genug, um ihr auch noch das allerletzte bisschen Luft aus den Lungen zu pressen, aber nicht hart genug, um sie aus dem Sattel zu werfen.</p><p>Robin hustete noch einmal und noch qualvoller, riss sich den schweren Helm vom Kopf und rang fast verzweifelt nach Luft. Im ersten Moment schien es nichts zu nutzen. Ihre Kehle war wie zugeschn�rt, und ihr Herz h�mmerte immer schneller. W�re sie in diesem Moment angegriffen worden, sie w�re vollkommen hilflos gewesen.</p><p>Aber niemand griff sie an. Der Reitertrupp hatte in einiger Entfernung angehalten und wieder kehrtgemacht, eine doppelte Reihe lautloser schwarzer Gespenster, die mit dem braungrauen Staub zu verschmelzen schienen, als h�tte die W�ste selbst d�monische Gestalt angenommen, um die Eindringlinge zu vernichten, aber die M�nner z�gerten aus einem unerkl�rlichen Grund, ein drittes Mal anzugreifen und ihren Gegnern endg�ltig den Todessto� zu versetzen. Mit ziemlicher Sicherheit, dachte Robin bitter, war der n�chste Angriff ihr Ende. Die M�nner w�rden sich nicht auf einen Nahkampf einlassen, den sie verlieren mussten, sondern sie aus sicherer Entfernung mit ihren B�gen erledigen.</p><p>Nur, dass sie es nicht taten.</p></section><section><title><p>6. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Behutsam legte sie den Helm vor sich in den Sattel, blinzelte sich den Schwei� aus den Augen und versuchte, die Gestalten genauer zu erkennen. Das doppelte Dutzend Reiter stand noch immer vollkommen reglos da, vielleicht drei�ig, vierzig Schritte entfernt und somit in sicherer Schussweite, aber dennoch weit genug entfernt, um sofort den R�ckzug antreten zu k�nnen, sollte einer der verbliebenen Reiter vielleicht doch noch einen Angriff wagen. Und einen Moment lang sah es sogar tats�chlich so aus, als w�re Dariusz selbst jetzt noch wahnsinnig genug dazu. Sein Pferd t�nzelte so nerv�s, dass er M�he hatte, es unter Kontrolle zu halten. Obwohl die Schlachtr�sser der Templer ausgezeichnet ausgebildet waren und im Allgemeinen selbst im wildesten Kampfget�mmel noch zuverl�ssig gehorchten, musste er all seine Kraft aufwenden, um es am Ausbrechen zu hindern, als h�tte es gesp�rt, was den anderen Tieren zugesto�en war.</p><p>Dennoch zwang der Tempelritter sein scheuendes Tier, sich ein halbes Dutzend widerwilliger Schritte auf die Reihen der Sarazenen zuzubewegen, bevor er anhielt, die Lanze in den lockeren Sandboden rammte und noch in derselben w�tenden Bewegung das Schwert aus dem G�rtel riss.</p><p>�Stellt euch zum Kampf, ihr elenden Feiglinge!�, br�llte er.</p><p>�Kommt hierher! Nur ihr und ich, wenn ihr den Mut dazu habt!�</p><p>Er meinte das wirklich ernst, dachte Robin entsetzt. Und das Schlimmste war: Sie war in diesem Moment nicht einmal sicher, dass Dariusz diesen scheinbar so ungleichen Kampf tats�chlich verlieren w�rde.</p><p>Dariusz schien in diesem Moment kaum noch etwas menschliches an sich zu haben. Hoch aufgerichtet auf dem R�cken seines gewaltigen, wei� verh�llten Schiachtrosses, das Schwert hoch in die Luft gestreckt und den wehenden wei�en Mantel mit dem blutroten Tatzenkreuz um die Schultern wehend, erschien er ihr eher wie ein biblischer Racheengel, vor dessen Toben die Welt erzitterte. Und auch wenn die Sarazenen auf der anderen Seite seine Worte vermutlich gar nicht verstanden, so musste sie der Anblick des tobenden Ritters doch ebenso erschrecken. Ein einzelner Pfeil flog heran. Dariusz wischte ihn mit einer fast nachl�ssigen Bewegung seines Schildarmes aus der Luft und br�llte den Kriegern weiter seine Herausforderung entgegen, doch der Angriff wiederholte sich nicht, ja, keiner der M�nner r�hrte sich auch nur. Selbst ihre Pferde waren zu vollkommener Reglosigkeit erstarrt, als sp�rten sogar die Tiere den heiligen Zorn der riesigen, rot-wei�en Gestalt.</p><p>Dann war der fast magische Augenblick vorbei. Dariusz� Pferd b�umte sich auf und schlug mit den Vorderl�ufen in die Luft, und im gleichen Moment, in dem seine Hufe den Boden wieder ber�hrten, wandten die Sarazenen ihre Pferde einer nach dem anderen um und sprengten davon.</p><p>Endlich fiel auch die Spannung von Robin ab. Dariusz sa� noch immer reglos, das Schwert herausfordernd in die Luft erhoben, im Sattel seines nerv�s hin und her t�nzelnden Pferdes, doch sie selbst l�ste rasch den Schild vom linken Arm, lie� ihn kurzerhand fallen und glitt aus dem Sattel, noch bevor er ganz zu Boden gest�rzt war. Jetzt, wo sie ihren Blick von Dariusz und den muslimischen Reitern losgerissen hatte, bot sich ihr ein Bild des Entsetzens. Abgesehen von ihr selbst und Dariusz sa� nur noch ein einzelner Tempelritter im Sattel; alle anderen Tiere waren gest�rzt und tot oder schwer verwundet, und nur wenige Schritte neben ihr bem�hten sich zwei Ritter vergeblich, einen ihrer Br�der unter dem reglosen Leib seines Pferdes hervorzuziehen, das von gleich drei Pfeilen niedergestreckt worden war. Das hellrote Blut f�rbte den wei�en Stoff seiner Schabracke und begann die Umrisse des aufgen�hten roten Tatzenkreuzes zu verwischen.</p><p>Robin war mit zwei, drei schnellen Schritten dort und griff ebenfalls zu, doch nicht einmal ihre vereinten Kr�fte reichten aus. Erst als zwei weitere M�nner hinzutraten, gelang es ihnen, den verwundeten Tempelritter unter seinem Pferd herauszuziehen. Der Mann st�hnte vor Schmerz, und etwas schien mit seinem rechten Bein nicht zu stimmen, denn als seine Retter ihn loslie�en, brach er in die Knie und w�re augenblicklich wieder gest�rzt, h�tten die M�nner nicht rasch zugegriffen.</p><p>Und dennoch, dachte Robin schaudernd, hatten sie ein fast unvorstellbares Gl�ck gehabt. Nur ein einziger Ritter war tats�chlich von den Pfeilen der Angreifer getroffen worden, und auch er war noch am Leben und stand sogar - wenn auch schwankend - auf seinen eigenen F��en. Robin war pl�tzlich nicht einmal mehr sicher, ob der einzelne Pfeil, der seinen R�cken getroffen hatte, auch tats�chlich auf ihn gezielt gewesen war. Der Angriff hatte tats�chlich nicht ihnen, sondern ihren Pferden gegolten.</p><p>Dennoch war seine Wirkung verheerend gewesen. Ohne ihre gewaltigen Schlachtr�sser waren die Templer im Grunde nur ein Schatten ihrer selbst. H�tten die Angreifer auch nur noch eine einzige, weitere Pfeilsalve abgeschossen, so h�tten sie sie alle t�ten k�nnen, ohne sich auch nur in ihre N�he zu wagen. Robin verstand nicht wirklich, warum sie diese Gelegenheit ungenutzt hatten verstreichen lassen - bis sie sich umdrehte und wieder in die Richtung sah, aus der sie gekommen waren.</p><p>Der schmale Felsspalt, der den Ausgang des Tales bildete, war noch immer hinter einer braungrauen Staubwolke verborgen, aber nicht mehr leer. Ein gutes Dutzend Reiter, angef�hrt von einem einzelnen Tempelritter, sprengte in scharfem Tempo auf sie zu, und dahinter glaubte Robin die Umrisse zahlreicher, weiterer M�nner zu erkennen. In das Rauschen des Blutes in ihren Ohren mischte sich nun herannahender dr�hnender Hufschlag. Rother und der Rest des Heeres waren gekommen.</p><p>Robin unterdr�ckte im letzten Moment den Impuls, die Hand zu heben und dem jungen Tempelritter zuzuwinken. Stattdessen drehte sie sich um und lie� ihren Blick noch einmal �ber die schreckliche Szene schweifen. Nur ein kleines St�ck neben ihr kniete einer ihrer Ordensbr�der neben seinem gest�rzten Pferd. Er hatte den Helm abgenommen und neben sich in den Sand gelegt, und seine Hand umschloss den Griff seines Schwertes so fest, als versuche er ihn zu zerquetschen. Auf seinem Gesicht war ein Ausdruck von Schmerz zu erkennen, den Robin noch vor kurzem bei keinem dieser M�nner f�r m�glich gehalten h�tte. Das Pferd des Ritters war noch am Leben, aber es war schwer verwundet. Ein Pfeil hatte sich tief in seinen Hals gebohrt, und das Tier atmete schwer und lie� ein leises, gequ�ltes Schnauben h�ren. Seine Hinterl�ufe zuckten, sodass Robin in einem gro�en Bogen um das Pferd herumgehen musste, um nicht getroffen zu werden.</p><p>�Soll ich es tun, Bruder?�, fragte sie, leise und mit einer Kopfbewegung auf das Schwert in der Hand des Ritters.</p><p>Im ersten Moment schien es, als h�tte der Mann die Worte gar nicht geh�rt. Dann hob er langsam, so m�hevoll, als m�sse er gegen einen unsichtbaren Widerstand ank�mpfen, den Kopf und blickte sie voller Trauer und stummer Dankbarkeit an. �Nein�, fl�sterte er. �Das ist meine Aufgabe. Aber ich danke dir.�</p><p>Robin wandte sich ab, w�hrend der Ritter aufstand und das Schwert mit beiden H�nden ergriff, um das Tier von seinen Qualen zu erl�sen. In ihrem Hals war pl�tzlich ein bitterer, harter Klo�, der ihr das Atmen schwer machte.</p><p>Mittlerweile waren Rother und die anderen Ritter fast heran. Ihr Tempo war so ungest�m, dass Robin halbwegs damit rechnete, dass sie einfach weitergaloppieren und die Verfolgung der fl�chtenden Sarazenen aufnehmen w�rden, doch Dariusz machte eine befehlende Geste mit seinem Schwert, und der ganze Trupp wurde langsamer und hielt schlie�lich an. Aus der Staubwolke weit hinter ihnen tauchten nun auch die einfachen Soldaten auf, sichtlich ersch�pft und am Ende ihrer Kr�fte nach dem Gewaltritt, den Rother ihnen aufgezwungen hatte, und viel zu sp�t. Zum allerersten Mal begriff Robin wirklich, wie wichtig die Hilfstruppen waren, auf die Dariusz und die anderen mit so unverbl�mter Verachtung hinabsahen, um die Ritter in der Schlacht zu besch�tzen. Ein scharfes Schwert und eine un�berwindliche R�stung allein waren noch l�ngst kein Garant f�r den sicheren Sieg; eine Lektion, die Robin in diesem Moment begriff und deren wahre Tragweite sie in nicht mehr allzu ferner Zukunft und auf ungleich schrecklichere Weise noch kennen lernen sollte.</p><p>�Bruder Dariusz!�, schrie Rother, noch w�hrend er versuchte, sein scheuendes Pferd unter Kontrolle zu halten. �Was ist passiert? Gott im Himmel - was haben sie getan?� Er schlug hastig das Kreuzzeichen vor Stirn und Brust.</p><p>Dariusz sprang mit einer w�tenden Bewegung aus dem Sattel, rammte das Schwert in die lederne Scheide an seinem G�rtel zur�ck und starrte den jungen Tempelritter so hasserf�llt an, als w�re er ganz allein schuld an dem Debakel. �Diese feigen Hunde haben uns in einen Hinterhalt gelockt. Sie k�mpfen nicht wie M�nner, sondern wie Feiglinge! Wo seid Ihr so lange gewesen?�</p><p>Robin sah Dariusz eindeutig verwirrt an, und auch Rother schwieg einige Augenblicke �berrascht. Wenn sie ihren Vorsprung bedachte und den Umstand, dass Rother die M�nner erst hatte holen m�ssen, dann hatten er und seine Begleiter ein kleines Wunder vollbracht, sie so schnell einzuholen. Und selbst Dariusz musste doch begreifen, dass der junge Templer und seine Begleiter ihm und allen anderen hier das Leben gerettet hatten, denn es war zweifellos nur ihrem Auftauchen zu verdanken, dass die Sarazenen auf ihren letzten, entscheidenden Angriff verzichtet hatten.</p><p>�Wir sind gekommen, so schnell wir konnten�, antwortete Rother schlie�lich. �Sollen wir sie verfolgen?�</p><p>Dariusz schien tats�chlich einen Moment lang �ber diesen Vorschlag nachzudenken, auch wenn ihm zweifellos klar sein musste, dass es auch Rother und seinen Begleitern nicht anders ergehen w�rde als ihnen. Schlie�lich aber (und zu Robins unendlicher Erleichterung) sch�ttelte er w�tend den Kopf. �Nein. Lasst sie ihren feigen Sieg ruhig genie�en. Umso gr��er wird ihr Entsetzen sein, wenn wir �ber sie kommen und sie Gottes Strafe trifft.�</p><p>Robin konnte Rothers Gesicht unter dem schweren Helm nicht erkennen, aber sie sp�rte, dass er auch mit dieser Antwort nicht wirklich etwas anzufangen wusste. Einen kurzen Moment lang sah der junge Tempelritter Dariusz einfach nur wortlos an, dann schwang er sich aus dem Sattel, nahm Helm und Schild ab und ging wortlos auf den verwundeten Ritter zu, der sich mittlerweile auf einem Stein niedergelassen hatte und mit schmerzverzerrtem Gesicht und vergebens versuchte, den Pfeil zu erreichen, der aus seinem R�cken ragte. Robin wollte ihm folgen, um sich um den Verwundeten zu k�mmern, aber Dariusz befahl sie mit einer unwilligen Geste zur�ck.</p><p>�Kommt mit mir�, sagte er grob.</p><p>Robin folgte ihm, w�hrend er sich zehn oder zw�lf Schritte weit von den anderen entfernte, und aus ihrem unguten Gef�hl wurde etwas anderes, Schlimmeres, als er wieder stehen blieb und mit einer fast zornigen Bewegung zu ihr herumfuhr. �Nun?�, begann er w�tend. �Habt Ihr das bekommen, was Ihr erwartet habt?�</p><p>�Dariusz?�, erwiderte Robin hilflos. Sie verstand �berhaupt nichts.</p><p>�Das war es doch, wovor Ihr mich vorhin warnen wolltet, oder?�, erwiderte Dariusz mit einer w�tenden Handbewegung auf die toten Pferde. �Ist es das, was Ihr in den zwei Jahren bei den Assassinen gelernt habt?�</p><p>Robin verstand immer noch nicht wirklich, worauf Dariusz hinauswollte. Das hie�: Eigentlich verstand sie es schon. Nur erschien ihr der Gedanke selbst jetzt noch und selbst f�r einen Mann wie Dariusz so absurd, dass sie sich einfach <emphasis>weigerte, </emphasis>es zu glauben. �Bruder Dariusz, ich wollte doch nur ...�</p><p>�Mir ist vollkommen egal, was Ihr <emphasis>wolltet, </emphasis>Bruder Robin�, fuhr ihr Dariusz ins Wort. Seine Stimme zitterte. �Ich habe vorhin nichts gesagt, weil ich Euch nicht vor den anderen dem�tigen wollte, aber noch einmal werde ich nicht so gro�z�gig sein. Ich warne Euch, Robin. Nur dieses eine Mal. Stellt nie wieder meine Autorit�t infrage, weder, wenn wir allein sind, noch vor den anderen.�</p><p>�Das lag nicht in meiner Absicht�, antwortete Robin, so ruhig, wie sie es gerade noch vermochte. Was nicht besonders ruhig war. Jetzt, nachdem sie ihre erste �berraschung �berwunden hatte, musste auch sie sich beherrschen, den brodelnden Zorn im Zaum zu halten, der pl�tzlich in ihr hochstieg. Ganz offensichtlich suchte Dariusz einfach nach jemandem, dem er die Schuld an der Katastrophe in die Schuhe schieben konnte, in der ihr Angriff geendet hatte. Und ebenso offensichtlich kam sie ihm daf�r gerade recht. �Ich wollte lediglich darauf hinweisen ...�</p><p>�Ich wei�, was Ihr wolltet, Robin�, unterbrach sie Dariusz erneut, jetzt mit kalter, schneidender Stimme. Er trat einen Schritt auf sie zu, und Robin musste all ihre Willenskraft zusammennehmen, um nicht erschrocken um die gleiche Distanz zur�ckzuweichen. �Ich warne Euch noch einmal, Robin�, sagte er. �Ihr m�gt m�chtige Freunde haben. Ihr m�gt Euch sicher unter ihrem Schutz f�hlen, und vielleicht habt Ihr damit sogar Recht. Aber treibt es nicht zu weit. Ich werde nicht zulassen, dass Ihr unserer Sache schadet oder dem Ruf des Ordens. Ganz gleich, wer seine sch�tzende Hand �ber Euch h�lt oder auch nicht.�</p><p>Robin war nun vollends verwirrt. Sie verstand nicht einmal im Ansatz, wovon Dariusz �berhaupt sprach, aber sie begann sich zu fragen, ob sein pl�tzliches Auftauchen vor f�nf Tagen tats�chlich so zuf�llig gewesen war, wie er bisher behauptet hatte. Fast hilflos hob sie die Schultern und sagte noch einmal: �Ich verstehe nicht, was Ihr meint, Bruder.�</p><p>Dariusz� Sto� kam so unerwartet, dass sie ihn nicht einmal sah. Seine flache Hand rammte gegen ihre Schulter, brachte sie aus dem Gleichgewicht und lie� sie zwei Schritte r�ckw�rts stolpern und dann schwer zu Boden fallen. Ein scharfer Schmerz schoss durch ihren R�cken, trieb ihr fast die Tr�nen in die Augen, doch ungleich gr��er noch als der Schmerz war der Schrecken, der sie durchfuhr, als Dariusz ihr nachsetzte und breitbeinig und mit vor Wut zu F�usten geballten H�nden �ber ihr stehen blieb. Seine Augen loderten, und Robin war klar, dass er in diesem Augenblick nichts lieber getan h�tte, als sein Schwert zu ziehen und sie zu erschlagen; ganz gleich, was danach geschah.</p><p>�Zum allerletzten Mal�, zischte er. �Treibt es nicht zu weit, oder ich schw�re Euch, Robin, nicht einmal Gott selbst wird Euch vor meinem Zorn besch�tzen!�</p></section><section><title><p>7. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Die meisten Feuer waren erloschen, als Robin und die anderen ins Dorf zur�ckkehrten; nicht weil sie irgendjemand gel�scht, sondern weil die Flammen in ihrer Gier l�ngst ihre eigene Grundlage aufgezehrt hatten. Nur aus der brennenden Moschee quoll noch schwarzer Rauch. Das einfache Holzkreuz, das jemand auf ihrem Kuppeldach aufgerichtet hatte, brach just in dem Augenblick in einem Funkenschauer zusammen, in dem Robin und Rother an dem brennenden Geb�ude vor�bergingen. Der junge Ritter und sie waren abgesessen und f�hrten ihre Tiere am Z�gel hinter sich her, so wie alle anderen auch. Einzig Dariusz war wieder aufgesessen und trabte im Schritttempo zwischen den ausgebrannten Ruinen des Dorfes entlang. Obwohl der Kampf vor�ber war und trotz der Gluthitze des Tages, die sich zwischen den engen Talw�nden noch zus�tzlich zu stauen schien, hatte er den Helm wieder aufgesetzt und den Schild an seinem linken Arm befestigt; seine Rechte ruhte locker auf dem Oberschenkel, aber es war eine beil�ufige Geste, die ganz bewusst t�uschte. Unter R�stung und Helm war jeder Muskel seines K�rpers zum Zerrei�en angespannt, so als f�rchte er auch jetzt noch einen Hinterhalt.</p><p>Die Frau lag noch immer vor dem Eingang der Kirche, aber zumindest war jemand r�cksichtsvoll genug gewesen, das tote Kind fortzuschaffen. Wenigstens glaubte Robin das im ersten Moment, bis sie das blutige B�ndel nahezu auf der anderen Seite der Stra�e entdeckte, wohin es die Hufe der vor�bergaloppierenden Pferde geschleudert hatten. Robin wusste, dass sie einen gro�en Fehler beging, aber sie konnte nicht anders: Ohne ein weiteres Wort dr�ckte sie Rother die Z�gel in die Hand, ging zu dem zerfetzten B�ndel hin und hob es auf. Sie vermied es sorgsam, auch nur einen Blick unter die blutbesudelten T�cher zu werfen, sondern trug es nur ein paar Schritte weit davon, bis sie eine Stelle neben einem der H�user erreicht hatte, wo der Boden locker genug war, um mit ihrem Messer eine flache Grube auszuheben. Behutsam legte sie das tote Kind hinein, schaufelte das improvisierte Grab mit den blo�en H�nden wieder zu und murmelte ein kurzes Gebet, bevor sie das Kreuzzeichen schlug und hastig aufstand.</p><p>Als sie sich umdrehte, stand Dariusz hinter ihr. �Was f�r ein herzergreifender Anblick�, sagte er. Die Worte h�tten h�misch klingen k�nnen und hatten es zweifellos auch gesollt, w�re sein Blick nicht so hart wie geschmiedeter Stahl gewesen. �Ich hoffe doch sehr, Ihr habt das arme Kind vorher getauft, damit seine Seele auch Einlass in Gottes Himmelreich erlangt.�</p><p>Robin schwieg. Was sollte sie auch sagen?</p><p>�In diesen H�usern liegen noch mehr Leichen, Bruder Robin�, fuhr Dariusz fort. Er wirkte ver�rgert, vielleicht, weil Robin nicht geantwortet hatte. �An die drei�ig, wenn ich richtig gez�hlt habe. Ich nehme nicht an, dass Ihr sie auch alle mit Euren blo�en H�nden beerdigen wollt?�</p><p>Robin schwieg beharrlich weiter, schon weil sie sp�rte, dass Dariusz sich dar�ber mehr �rgerte als �ber alles, was sie m�glicherweise h�tte antworten k�nnen.</p><p>�Ich beginne mich zu fragen, <emphasis>Bruder </emphasis>Robin�, fuhr er nach einer abermaligen Pause fort, und wieder betonte er das Wort <emphasis>Bruder </emphasis>dabei auf eine Art, die Robin einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�, �wem Eure Sympathien in Wahrheit geh�ren. Und ob Ihr nicht vielleicht zu lange bei den Assassinen gelebt habt.�</p><p>�Weil ich ein totes Kind beerdigt habe?�, fragte Robin. �Das war nicht mehr, als ich f�r jedes Tier getan h�tte, Bruder Dariusz. Ihr nicht?� Sie sp�rte selbst, wie ver�chtlich ihre Stimme klang, aber sie konnte in diesem Moment einfach nicht anders. Ihr war sogar klar, dass Dariusz sie ganz bewusst reizte, vielleicht um zu sehen, wie weit sie gehen w�rde, aber selbst das war ihr in diesem Augenblick gleich.</p><p>�Es war aber kein totes Tier�, antwortete Dariusz kalt. �Ihr verh�hnt unsere Sitten und alle christliche Tradition, indem Ihr einem Heidenkind ein christliches Begr�bnis gew�hrt.� Er legte eine winzige Pause ein, um seinen nachfolgenden Worten die geh�rige Wirkung zu verleihen. �Von den Regeln unseres Ordens ganz zu schweigen. Was hat Euch Bruder Abb� in den Jahren Eurer Ausbildung eigentlich gelehrt?�</p><p>�Jedenfalls nicht, einer unschuldigen Kinderseele den Weg in den Himmel zu verwehren�, antwortete Robin, �nur weil es im falschen Teil der Welt geboren worden ist. Ich bin sicher, dass Gott der Herr in die Seele dieses Kindes schaut und nicht danach urteilt, ob es schon alt genug war, die heiligen Sakramente zu empfangen oder getauft zu werden.�</p><p>Dariusz� Blick verfinsterte sich noch weiter, aber zugleich glaubte sie auch etwas wie einen kurzen, b�sen Triumph in seinen Augen aufflammen und sofort wieder verschwinden zu sehen. Sie waren nicht allein, wie ihr voller Schrecken zu Bewusstsein kam. Die anderen Templer, aber auch die weltlichen Ritter aus ihrem Gefolge hatten sich �berall im Dorf verteilt, durchsuchten die H�user, durchk�mmten das Geb�sch und die Felsen auf den H�ngen auf der Suche nach eventuell versteckten Feinden oder �berlebenden oder hatten sich einfach ersch�pft irgendwo in den Schatten gehockt und versuchten, nach dem Gewaltmarsch wieder zu Atem zu kommen, aber genug M�nner standen nahe genug bei ihnen, um jedes Wort geh�rt zu haben. Mehr als ein Gesicht hatte sich in ihre Richtung gewandt, und in mehr als einem Augenpaar las sie einen Ausdruck von Schrecken und fassungslosem Unglauben. Was sie gerade gesagt hatte, das grenzte an Ketzerei, aber erst das kurze, b�se Flackern in Dariusz� Blick hatte ihr klar gemacht, dass der Tempelritter sie dazu hatte bringen wollen, ganz genau das zu tun. Robins Mut sank. Am Ende war sie Dariusz doch in die Falle getappt, und er hatte sich nicht einmal sonderlich anstrengen m�ssen.</p><p>�Ihr werdet sp�ter noch Gelegenheit haben, diese Worte zu erkl�ren�, sagte Dariusz unerwartet ruhig, zugleich aber auch laut genug, um von mindestens einem Dutzend Ohren geh�rt zu werden.</p><p>Robin antwortete mit einer scheinbaren Gelassenheit, die sie selbst vielleicht am meisten �berraschte und die in Wahrheit wohl nichts anderes als Fatalismus war. �Ich sehe keinen Grund dazu, Bruder Dariusz�, antwortete sie. �Ganz im Gegenteil: Ich beginne mich zu fragen, warum Ihr den braven Menschen hier ein christliches Begr�bnis vorenthalten wollt.�</p><p>Im allerersten Moment wirkte Dariusz einfach nur verbl�fft. Dann verd�sterte sich sein Gesicht noch weiter. �Was erdreistet Ihr Euch, Bruder Robin?�, fragte er scharf. �Diese Menschen hier sind ...�</p><p>�Christen�, unterbrach ihn Robin. �Oder habt Ihr das Kreuz auf dem Dach des Gotteshauses �bersehen, Bruder?�</p><p>Einen Herzschlag lang war sie vollkommen sicher, dass Dariusz sie abermals schlagen w�rde. Sie sah, wie sich alle seine Muskeln spannten und er dazu ansetzte, auf sie zuzutreten. Dann aber machte er mitten in der Bewegung kehrt und drehte mit einem Ruck den Kopf in Richtung der brennenden Moschee.</p><p>�Ihr meint diesen heidnischen G�tzentempel?�</p><p>Robin sch�ttelte den Kopf. Sie selbst war wohl am meisten erstaunt �ber ihren Mut, aber sie hatte nun einmal angefangen, und sie konnte jetzt nicht mehr aufh�ren, ohne alles noch viel schlimmer zu machen. �Die heidnischen Symbole wurden entfernt und das Kreuz der Christenheit auf seinem Dach aufgepflanzt�, sagte sie bestimmt.</p><p>�Ein Holzkreuz macht aus einem G�tzentempel noch keine Kirche�, antwortete Dariusz.</p><p>�Das ist seltsam�, erwiderte Robin. �Ihr habt mich gerade gefragt, was Bruder Abb� mich gelehrt hat. Nun, er hat mich gelehrt, dass Gottes Haus �berall ist, wo Menschen zu ihm beten. Sollte er sich geirrt haben?�</p><p>In Dariusz� Augen loderte jetzt die blanke Mordlust. Robin war sich vollkommen dar�ber im Klaren, wie gef�hrlich das Spiel war, das sie spielte - und doch war es vielleicht ihre allerletzte, verzweifelte Chance, es �berhaupt zu �berleben. Unter all der Wut und dem heiligen Zorn auf Dariusz� Gesicht war pl�tzlich noch etwas anderes; eine Unsicherheit, wie sie sie noch niemals an ihm bemerkt und auch niemals f�r m�glich gehalten h�tte, und dann ein Zorn g�nzlich anderer Art, der nicht einmal mehr <emphasis>ihr </emphasis>zu gelten schien. �Es liegt mir fern, Bruder Dariusz�, fuhr sie fort, �Euch zu verbessern oder gar ma�regeln zu wollen, doch ich war der Meinung, dass dieses Dorf von Christenmenschen bewohnt wird.� Sie unterstrich ihre Worte mit einer Geste auf das brennende Gotteshaus. �Warum sonst h�tten Saladins Truppen es niederbrennen und all seine Bewohner erschlagen sollen?�</p><p>Dariusz� Blick wurde lauernd. Ganz offensichtlich fragte er sich, ob Robin ihn auf diese Weise nur weiter dem�tigen oder ihm eine goldene Br�cke bauen wollte, sodass er die Situation beenden konnte, ohne das Gesicht zu verlieren. Schlie�lich antwortete er mit einem gezwungenen, abf�lligen Lachen. �Ihr seid wirklich noch jung, Bruder Robin�, sagte er ver�chtlich. �Ich frage mich, ob Ihr nicht vielleicht <emphasis>zu </emphasis>jung seid, um dieses Gewand zu tragen.� Er sch�ttelte den Kopf. �Glaubt Ihr wirklich, diese Menschen hier h�tten ihrem heidnischen Glauben abgeschworen und sich Gott zugewandt? Denkt Ihr tats�chlich, sie h�tten von heute auf morgen diesen G�tzentempel in ein Gotteshaus verwandelt und ihre Herzen dem wahren Herrn der Welt ge�ffnet?�</p><p>�Ihr nicht?�, fragte Robin.</p><p>�Ich <emphasis>m�chte </emphasis>es glauben�, antwortete Dariusz. �Gott wei�, dass ich jede Nacht darum bete, er m�ge den Geist dieser armen Menschen erhellen und sie dem wirklichen Glauben zuf�hren.�</p><p>Pl�tzlich wurde seine Stimme sanfter. �M�glicherweise habe ich Euch Unrecht getan, Bruder Robin. Wenn es so ist, dann bitte ich Euch um Vergebung. Manchmal vergesse ich, wie jung Ihr noch seid und dass auch ich einmal genauso jung war und genauso gedacht habe.� Auch er deutete auf die brennende Moschee.</p><p>�Glaubt mir, Robin, dieses Kreuz hat nichts mit ihrem wirklichen Glauben zu tun. Diese Menschen sind und bleiben Heiden. Ich habe zu oft versucht, das Gegenteil zu glauben, und ich bin zu oft entt�uscht worden. W�re unsere Aufgabe so leicht, dann w�re unsere Anwesenheit hier gar nicht vonn�ten. Sie richten vielleicht ein Kreuz auf. Sie beten und gehen zum Gottesdienst, aber ihre Herzen geh�ren ihren falschen G�ttern.�</p><p>�Und warum dann das Kreuz?�, fragte Robin.</p><p>�Weil sie vielleicht keine guten Christenmenschen sind, aber nicht dumm�, antwortete Dariusz. �Sie richten ein Kreuz �ber ihren Tempeln auf, um sich damit unter unseren Schutz zu stellen, und nur zu viele von uns sind so gutm�tig und naiv wie Ihr, Robin, und glauben ihnen.�</p><p>�Ihr glaubt, das alles w�re nur eine T�uschung gewesen?�, erwiderte Robin. Sie sch�ttelte verwirrt den Kopf. �Aber ... warum?�</p><p>�Um sich unseren Schutz zu erkaufen�, antwortete Dariusz, nun schon wieder etwas heftiger. �Das Land von hier bis an die Ufer des Nils steht unter der Kontrolle der Christenheit. Sie h�ngen ihre Fahne in den Wind, weil sie glauben, sich auf diese Weise unser Wohlwollen und damit ein besseres Leben zu erkaufen.�</p><p>Robin sagte nichts mehr dazu, sondern drehte sich halb um und blickte auf das armselige Grab hinab, das sie dem toten Kind bereitet hatte; einem Menschen, der vielleicht erst wenige Tage alt gewesen war und niemals auch nur die Chance bekommen hatte, sich zu entscheiden, an welchen Gott er glauben wollte. Das Einzige, was sich dieses Kind, seine Eltern und jede andere Seele in diesem Dorf mit dem schlichten Holzkreuz auf dem Dach der Moschee erkauft hatten, war ein grausamer Tod gewesen.</p><p>Sie h�tete sich, diesen Gedanken laut auszusprechen, doch Dariusz schien ihn deutlich ihrem Gesicht ablesen zu k�nnen, und er reagierte ganz anders darauf, als sie noch einen Augenblick zuvor erwartet h�tte. Statt sie erneut zu schelten, trat er pl�tzlich hinter sie, streckte den Arm aus und legte ihr seine schwere Hand auf die Schulter.</p><p>�Verzeiht mir meine groben Worte, Bruder Robin�, sagte er.</p><p>�Was Ihr gesagt habt, war vielleicht falsch, doch Ihr habt ein gutes Herz, und das z�hlt tausendmal mehr als ein unbedachtes Wort. Zumindest was dieses Kind anbelangt, habt Ihr Recht. Es kann nichts daf�r, was seine Eltern oder deren Vorfahren getan haben. Und ich bin sicher, Gott wird es in sein Himmelreich aufnehmen.� Er schob Robin mit sanfter Gewalt aus dem Weg, lie� sich auf das rechte Knie herabsinken und segnete das schlichte Grab, indem er mit aneinander gelegtem Zeige- und Mittelfinger das Kreuzzeichen dar�ber schlug. Seine Lippen formten lautlose Worte, und so gerne Robin sich auch in diesem Moment das Gegenteil eingeredet h�tte, sah sie doch, dass der Ausdruck von Trauer und Mitleid, der sich w�hrenddessen auf seinen Z�gen breit machte, echt war.</p><p>Schlie�lich stand Dariusz wieder auf, und noch w�hrend er sich zu ihr umdrehte, ergriff die �bliche H�rte und Unnahbarkeit von seinem Gesicht Besitz. �Jetzt geht und helft den anderen, Robin. Die Pl�nderer haben auf ihrer Flucht eine Anzahl Pferde und Ponys zur�ckgelassen. Wir m�ssen sie einfangen, um unsere verlorenen Tiere zu ersetzen.�</p><empty-line/><p>Sie brauchten nahezu den Rest des Tages, um das karge �dland zu �berqueren, �ber das die Sarazenen vor ihnen geflohen waren. Anfangs fanden sie noch Spuren des gro�en Reitertrupps: ein verlorenes Kleidungsst�ck, einen achtlos weggeworfenen leeren Wasserschlauch und einmal ein blutgetr�nktes, noch feuchtes Tuch, das bewies, dass sich die Einwohner des Dorfes nicht vollends ohne Gegenwehr in ihr Schicksal ergeben hatten. Nach und nach aber wurden diese Spuren weniger, und schlie�lich verschwanden sie ganz. Robin vermutete, dass die R�uber ihren Kurs ge�ndert hatten, was auch ziemlich nahe lag: Safet war jetzt nur noch einen knappen Tagesritt entfernt, und die Gefahr, auf weitere und vielleicht besser auf einen Kampf vorbereitete christliche Truppen zu treffen, wuchs mit jeder Meile, die sie weiter nach Osten geritten w�ren.</p><p>Dariusz blieb trotzdem wachsam. Obwohl sich das Land rings um sie herum so flach und deckungslos erstreckte, dass sie jeden Sp�her schon aus gro�er Entfernung entdeckt h�tten, bestand er nun darauf, dass sowohl sie als auch die anderen Ritter absa�en und sich in der Masse der Turkopolen und einfachen Waffenknechte weiterbewegten, um ihre wahre St�rke zu verbergen, vermutlich aber auch (auch wenn er es niemals zugegeben h�tte), um die Pferde zu schonen. Ohne auf die geharnischten Proteste der anderen Ritter zu reagieren, hatte Dariusz kurzerhand deren Pferde beschlagnahmt und ihnen die wei�en Schabracken ihrer verlorenen Tiere �bergeworfen, was wiederum dazu f�hrte, dass etliche der weltlichen Ritter, die ihnen am Morgen auf stolzen Hengsten und prachtvollen Stuten gefolgt waren, nun mit ehemaligen Packpferden, lahmen Kleppern und einige sogar mit Mauleseln vorlieb nehmen mussten. Entsprechend schlecht war die Stimmung in der Reitertruppe, die dem Dutzend Templer auch zuvor schon zwar mit gro�er Ehrerbietung, zugleich aber auch mit jener Art von Verachtung begegnet war, die aus dem Gef�hl der Unterlegenheit und Furcht geboren wird.</p><p>Zu allem �berfluss stieg auch die Hitze noch weiter unbarmherzig an, selbst als die Sonne l�ngst ihren Zenit �berschritten hatte und die Schatten, die der Trupp auf den staubigen Boden warf, allm�hlich l�nger zu werden begannen. Erst eine Stunde vor Sonnenuntergang wurde es ein wenig k�hler, und auch die Landschaft hatte ein Einsehen mit ihnen. Vor ihnen erschien ein dunkler Streifen am Horizont, der qu�lend langsam, aber best�ndig heranwuchs, und als die Sonne sank, marschierten sie nicht mehr �ber sonnenverbrannten, harten W�stenboden, sondern hatten ein sanftes, von fruchtbaren T�lern durchzogenes Bergland erreicht. Gelegentlich gab es sogar kleine Zedernw�lder mit zum Teil himmelhoch aufragenden B�umen, die sich hartn�ckig an den kargen Felsbrocken klammerten, und als die Nacht vollends hereinbrach, erreichten sie einen winzigen, von zwei Bachl�ufen gespeisten See inmitten eines dieser Haine. Dariusz gab Befehl, an seinem Ufer das Lager aufzuschlagen.</p><p>W�hrend die M�nner rings um sie herum ihre Pferde versorgten, sich aus Satteldecken oder ihren eigenen M�nteln einfache Betten errichteten oder schlichte Konstruktionen aus St�cken und Zeltplanen aufstellten, um sich vor dem Wind zu sch�tzen, der hier, in den Randgebieten der W�ste, ebenso eisig sein konnte wie die Tage hei�, lehnte sich Robin nur ersch�pft gegen die Flanke ihrer Stute, die ohne ihr Zutun zum Wasser getrabt war und lautstark schl�rfend ihren Durst stillte, und sah zu Dariusz hin. Ihre Glieder schienen mit fl�ssigem Blei gef�llt. Sie hatte gr�sslichen Durst, und alles drehte sich um sie, aber sie widerstand sogar der Versuchung, sich ebenfalls auf die Knie fallen zu lassen, um ihren Durst zu stillen, denn sie war sicher, dass Dariusz sie scharf beobachtete und sie sofort wieder zu sich befehlen und f�r die erste (oder auch f�r alle) Nachtwachen einteilen w�rde, allein, um sie f�r die Respektlosigkeit zu bestrafen, die sie sich an diesem Tag erlaubt hatte.</p><p>Dariusz �berraschte sie jedoch ein weiteres Mal. Er teilte sie weder zur Wache ein, noch lie� er sich etwas anderes einfallen, um sie zu qu�len, sondern ignorierte sie f�r den Rest des Abends. Erst am n�chsten Morgen, eine Stunde vor Sonnenaufgang und eine halbe Stunde nach ihrem Morgengebet, lie� er sie und Bruder Rother von einem seiner Turkopolen zu sich rufen.</p><p>Der Anblick, der sich ihnen bot, �berraschte Robin ein wenig. Schon nach dem Morgengebet war sie verwundert gewesen, dass sie nicht sofort wieder aufgesessen waren und ihren Weg fortgesetzt hatten. Sie wusste, dass Safet nicht mehr allzu weit entfernt sein konnte, und ganz unabh�ngig davon, dass Dariusz bisher keine Gelegenheit hatte verstreichen lassen, sie unbarmherzig anzutreiben, w�re es einfach kl�ger gewesen, die k�hle Zeit vor Sonnenaufgang zu nutzen, um ein m�glichst gro�es St�ck des verbliebenen Weges hinter sich zu bringen, statt sich wieder endlose Meilen durch die gl�hende Sonnenhitze zu qu�len. Obwohl vielleicht zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch an frischem Wasser kein Mangel herrschte und Robin mittlerweile so viel getrunken hatte, dass sie zu platzen meinte, hatte sie schon wieder das Gef�hl, durstig zu sein. Vielleicht hatte sich der Durst so sehr in ihre Kehle eingegraben, dass sie ihn nie wieder ganz loswerden w�rde, ganz egal, wie viel sie auch trank.</p><p>Dariusz machte jedoch nicht den Eindruck eines Mannes, der im n�chsten Augenblick aufbrechen w�rde. Ganz im Gegenteil. Er und eine Hand voll anderer Templer sa�en - zwar bereits wieder in Kettenhemd, Wappenrock und Mantel, aber ohne Helm oder Waffen - im Halbkreis um die Glut eines fast heruntergebrannten Feuers, dessen Licht und W�rme vergeblich gegen die K�lte ank�mpfte, die die W�stennacht �ber dem Lager zur�ckgelassen hatte. Als er Rother und sie gewahrte, winkte er sie mit einer ausholenden, fast jovialen Geste heran, machte dann jedoch eine winzige, dennoch unmissverst�ndliche Bewegung mit der anderen Hand, als Rother seine Einladung offenbar ernster nahm, als sie gemeint war, und tats�chlich Anstalten machte, sich an dem erl�schenden Feuer niederzulassen. Robin unterdr�ckte ein fl�chtiges L�cheln, als sie an ihr gestriges Gespr�ch mit dem Ritter dachte. Zumindest in dem einen oder anderen Punkt war Rother offensichtlich j�nger und naiver als sie.</p><p>�Guten Morgen, Bruder Robin, Bruder Rother�, begann Dariusz umst�ndlich. �Ich hoffe, ihr hattet einen ruhigen Schlaf und habt Gelegenheit gehabt, wieder zu neuen Kr�ften zu finden.�</p><p>Robin musste sich beherrschen, als sie Rothers �berrascht-erfreutes Kopfnicken aus den Augenwinkeln gewahrte. Anscheinend ging der junge Ritter tats�chlich davon aus, dass sich Dariusz f�r sein Befinden interessierte. Robin glaubte das nicht; und wenn, so w�rden sie die neu erworbenen Kr�fte, nach denen sich Bruder Dariusz so f�rsorglich erkundigte, wahrscheinlich bitter n�tig haben. Sie nickte nur knapp.</p><p>�Das freut mich�, fuhr Dariusz in verdrie�lichem Ton fort.</p><p>�Obwohl Ihr nicht besonders gut ausseht, wenn ich offen sein soll.� Sein Blick tastete missbilligend �ber ihre zerknitterten und schmutzigen Kleider, aber der scharfe Verweis, gegen den sich Robin innerlich wappnete, blieb aus. Stattdessen seufzte er pl�tzlich tief und sah dann kaum weniger ungl�cklich auch an sich selbst herab. �Aber das gilt wohl f�r jeden von uns, f�rchte ich. Wir haben einen langen Weg hinter uns, und man sieht es uns an.�</p><p>Robin schwieg beharrlich weiter. Dariusz wollte auf etwas Bestimmtes hinaus - Dariusz tat <emphasis>nichts </emphasis>ohne Grund -, aber sie w�rde ihm nicht die Genugtuung g�nnen, sie erschrocken zu sehen.</p><p>�Bruder ... Dariusz?�, fragte Rother in leicht verwirrtem Ton.</p><p>�Wir haben unser Ziel fast erreicht�, fuhr Dariusz fort, nunmehr direkt an Robin gewandt. �Nur noch wenige Stunden. W�rden wir sofort aufbrechen, k�nnten wir Safet noch vor der Mittagsstunde erreichen.�</p><p>�K�nnten?�, wiederholte Robin. �Bef�rchtet Ihr Schwierigkeiten, Bruder?�</p><p>Dariusz z�gerte f�r ihren Geschmack einen winzigen Moment zu lange, bevor er antwortete - mit einem Kopfsch�tteln. �Nein�, sagte er. �Und wenn, dann nicht mehr als die, die wir bisher schon �berwunden haben. Aber schaut uns an. Wir sehen aus wie die Bettler! Wollt Ihr, dass wir so unter die Augen unserer Br�der treten - oder gar die des K�nigs?� Er sch�ttelte heftig den Kopf, um seine eigene Frage zu beantworten. �Ihr werdet uns allen und auch Euch selbst die Dem�tigung ersparen, auf diesen armseligen Kleppern durch die Ordensbesitzungen zur Burg zu reiten. Ihr werdet nach Bruder Horace fragen, dem Komtur von Safet und Befehlshaber der Festung. Er wird Euch frische Pferde und angemessene Kleidung f�r uns mitgeben, damit wir dem K�nig nicht wie Fl�chtlinge unter die Augen treten m�ssen.�</p><p>�Bruder ... Horace?�, wiederholte Robin. Klang sie erschrocken? Ihr Herz begann zu klopfen.</p><p>�Ja�, antwortete Dariusz. In seinen Augen blitzte es kurz und boshaft auf. �Ihr kennt ihn. Offensichtlich habt Ihr ja doch nicht alles vergessen.� Er legte den Kopf schr�g. �Aber Ihr seht nicht besonders erfreut aus.�</p><p>�Das t�uscht�, antwortete Robin. �Ich freue mich, Bruder Horace wiederzusehen.� Sie war verwirrt, mehr noch: alarmiert. Sosehr sie der Gedanke an das bevorstehende Ende ihrer Reise auch im allerersten Moment erleichtert hatte, ebenso sehr �berraschte sie Dariusz� Ansinnen auf den zweiten Blick. Jemanden vorauszuschicken, um f�r sich und seine Begleiter neue Kleider und frische Pferde zu holen, passte durchaus zu diesem eitlen Gecken - aber ausgerechnet <emphasis>sie? </emphasis>Dariusz hatte vom ersten Moment an keinen Hehl daraus gemacht, dass er ihr misstraute. Er musste zumindest damit <emphasis>rechnen, </emphasis>dass sie die Gelegenheit nutzen w�rde, um zu fliehen.</p><p>�Dann solltet Ihr keine Zeit mehr verlieren�, antwortete Dariusz. �Es sind vier oder f�nf Stunden bis Safet und noch einmal dieselbe Zeit zur�ck. Und ich m�chte, dass wir alle die kommende Nacht in der Sicherheit der Burg verbringen.� Er winkte Rother, n�her heranzutreten, behielt Robin dabei aber fest im Auge.</p><p>�Ihr seid mir pers�nlich daf�r verantwortlich, dass Robin wohlbehalten in Safet ankommt, Bruder Rother. Gebt gut auf ihn acht. Auch auf dem letzten St�ck des Weges k�nnen durchaus noch Gefahren auf uns lauern, und er ist noch sehr jung und vielleicht manchmal etwas ungest�m.�</p><p>�Bruder Robin ist bei mir in guten H�nden�, versicherte Rother. �Ich werde ihn mit meinem eigenen Leben besch�tzen, wenn es sein muss.�</p><p>�Ich habe nichts anderes erwartet�, antwortete Dariusz, noch immer, ohne dass er Robin aus den Augen lie�, und etwas Neues erschien in seinem Blick, das Robin einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen lie�. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, aber dann erschrak sie so sehr, dass sie sich nur noch mit allerletzter Kraft beherrschen konnte. <emphasis>Er wei� es, </emphasis>dachte sie entsetzt. <emphasis>Er wei�, wer ich bin. Er wei�, </emphasis>was <emphasis>ich bin!</emphasis></p><p>Ihre H�nde begannen zu zittern. Sie ballte sie zu F�usten, damit es nicht auffiel, aber sie sp�rte auch, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich und ihr Herz wie rasend zu h�mmern begann. <emphasis>Dariusz wusste es. Er hatte vom ersten Augenblick an gewusst, wer sie wirklich war!</emphasis></p><p>Das b�se Glitzern in Dariusz� Augen nahm noch zu, und f�r einen winzigen Moment erschien ein d�nnes, b�ses L�cheln auf seinen Lippen, und der stechende Blick seiner Augen wurde noch intensiver.</p><p>�Dann geht�, sagte Dariusz. �Gebt acht, dass Robin Euch nicht abhanden kommt, Rother. Das Land ist gro�, und es lauern eine Menge Gefahren auf einen jungen Ritter ohne Erfahrung. Und eilt Euch. Jede Minute, die Ihr weiter hier vertr�delt, ist eine Minute mehr, die Ihr unter der Hitze leiden werdet.�</p><p>Rother warf Robin einen irritierten Blick zu, entfernte sich dann aber r�ckw�rts gehend und sehr hastig, ohne noch ein einziges Wort zu sagen, und auch Robin wollte gehen, aber sie war f�r den Moment wie gel�hmt. Ihr Herz h�mmerte bis zum Hals, und sie wartete darauf, dass Dariusz das aussprach, was sie in seinen Augen las; einige wenige Worte, die ihrem Leben ein Ende bereiten w�rden.</p><p>Aber er sagte nichts. Sein Blick lie� keinen Zweifel daran, dass er um ihr Geheimnis wusste, aber es war ein Blick, der nur ihr galt, und sie war die Einzige, die das b�se Versprechen darin las. <emphasis>Bald. Wenn die Zeit reif ist.</emphasis></p><p>Vollkommen verst�rt ging sie dorthin zur�ck, wo sie ihr Pferd angebunden hatte, fand das Tier aber bereits fertig aufgez�umt und gesattelt vor. Gerade als sie hinzutrat, befestigte einer der anderen Templer einen prall gef�llten Wasserschlauch am Sattel. Rother, der bereits aufgesessen war, streckte den Arm aus, um Robin aufs Pferd zu helfen, aber sie ignorierte ihn, schwang sich mit einer fast schon zornig wirkenden Bewegung in den Sattel und bedeutete Rother mit einer abgehackten Geste vorauszureiten. Der junge Templer wirkte ein bisschen verletzt, dass Robin seine freundliche Geste so derb zur�ckwies, hob aber dann nur die Schultern und ritt los.</p><p>Robin folgte ihm in einigem Abstand, und dieser Abstand vergr��erte sich sogar noch, als sie an der Stelle vorbeikamen, wo Dariusz und die anderen noch immer um das erl�schende Feuer herumsa�en. Beinahe ohne ihr Zutun wurde Robin noch einmal langsamer, und ihr Herz h�mmerte bis in ihre Fingerspitzen hinein. Dariusz sah sie mit vollkommen ausdrucksloser Miene an, aber sie h�tte den b�sen Triumph in seinem Blick selbst dann noch gesp�rt, wenn sie nicht einmal in seine Richtung gesehen h�tte. <emphasis>Er wusste es. Er hatte es die ganze Zeit �ber gewusst, von Anfang an. Aber warum hatte er nichts gesagt? Warum sagte er </emphasis>jetzt <emphasis>nichts?</emphasis></p><p>Sie war vollkommen �berzeugt davon, dass Dariusz sie passieren lassen und gerade lange genug warten w�rde, um sie in Sicherheit zu wiegen, ganz genau lange genug, damit sie neue Hoffnung sch�pfen konnte, um sie dann zur�ckzurufen und vor aller Augen ihr Geheimnis zu l�ften.</p><p>Aber er tat es nicht. Er tat es jetzt so wenig, wie er es gestern getan hatte oder Tage zuvor oder in dem Moment, in dem sie sich an der K�ste wiedergesehen hatten. Unbehelligt passierte sie die Lagerstatt, lenkte ihr Pferd in westliche Richtung und schloss allm�hlich wieder zu Rother auf. Erst als der junge Ritter nahezu neben ihr war, wurde ihr klar, dass gar nicht sie schneller, sondern Rother langsamer geworden war. Er sah sie auf eine sehr sonderbare Weise an, aber er sagte nichts, sondern drehte nur fl�chtig den Kopf, sah auf die gleiche, schwer zu deutende Art in Richtung des Lagers zur�ck, das bereits hinter ihnen in der Dunkelheit verschwunden war, obwohl sie sich gerade einmal wenige hundert Schritte von ihm entfernt hatte, und blickte dann wieder nach vorne. Erst nachdem sie eine geraume Weile schweigend nebeneinander her den Bergen entgegengeritten waren, hinter denen in einer Stunde die Sonne aufgehen w�rde, fragte er, leise, und ohne sie dabei anzusehen: �Darf ich dir eine Frage stellen, Robin?�</p><p>�Gern�, antwortete Robin, aber sie war nicht sehr erstaunt, dass es eine Weile dauerte, bis Rother fortfuhr - selbst bei diesem einen Wort hatte ihre Stimme so abweisend, ja, fast feindselig geklungen, dass sie an Rothers Stelle vielleicht gar nicht weitergesprochen h�tte.</p><p>�Du musst nichts sagen, wenn du meinst, es ginge mich nichts an�, sagte Rother. Sein Blick war noch immer starr geradeaus gerichtet, und seine Stimme klang ein ganz klein bisschen unsicher. Es musste ihm mindestens so schwer fallen, seine Frage zu stellen, wie ihr, sie zu beantworten. �Was ist das zwischen Bruder Dariusz und dir?�</p><p>Robin war nicht im Geringsten �berrascht. Rother und die anderen Ritter h�tten schon blind und taub auf einmal sein m�ssen, nicht zu begreifen, dass es zwischen Dariusz und ihr nicht zum Besten stand. Es �berraschte sie allenfalls ein wenig, dass Rother diese Frage stellte. Trotzdem antwortete sie: �Ich verstehe nicht genau, was du meinst.�</p><p>�Du willst nicht dar�ber reden�, seufzte Rother. �Das verstehe ich. Verzeih, dass ich gefragt habe.�</p><p>�Nein - ich verstehe wirklich nicht, wovon du sprichst�, behauptete Robin, auch wenn sie dabei fast selbst das Gef�hl hatte, sich l�cherlich zu machen. �Wir kennen uns von fr�her, das ist richtig. Aber zwischen uns ist nichts Au�ergew�hnliches vorgefallen, wenn du das glaubst.� Sie lachte leise und nicht besonders �berzeugend. �Jedenfalls hat er mich nicht schlechter behandelt als alle anderen - was immer auch das hei�t.�</p><p>Rother sah sie nun doch an und verzog fl�chtig die Lippen, aber sein Blick blieb ernst und wurde noch nachdenklicher. Sie sp�rte, wie schwer es ihm fiel weiterzusprechen, aber seine Neugier war ganz offensichtlich gr��er als seine Scheu und sein (falls es �berhaupt vorhanden war) schlechtes Gewissen, das Schweigegel�bde so grob zu verletzen. �Ihr kennt euch schon lange?�, vergewisserte er sich.</p><p>Robin nickte zwar, doch sie lie� ganz bewusst einige Augenblicke verstreichen, bevor sie antwortete. �Ich beantworte gerne alle deine Fragen, Rother�, sagte sie dann, �aber dazu musst du sie auch stellen.�</p><p>Diesmal war es Rother, der verunsichert war und sie fast erschrocken ansah. Dann l�chelte er erneut, und diesmal wirkte es echt. �Niemand von uns wei� viel �ber Bruder Dariusz�, bekannte er schlie�lich. �Man erz�hlt sich das eine oder andere ...�</p><p>�Und was?�, fragte Robin.</p><p>�Ger�chte�, erwiderte Rother und hob die Schultern. �Du wei�t, wie es ist. Man reitet wochenlang durch die W�ste, und es gibt nicht viele Ablenkungen. Man f�ngt eben an zu erz�hlen. Und sich seine Gedanken zu machen.�</p><p>�Was bei einem Mann wie Bruder Dariusz nicht besonders schwer f�llt�, pflichtete ihm Robin bei. �Aber ich kann dir nicht helfen. Ich war zusammen mit Dariusz auf den Schiffen, die uns von Genua aus hergebracht haben. Aber wir waren nicht einmal auf demselben Schiff. Wir haben uns nur ein paar Mal gesehen, das ist alles.� Sie schwieg einen Moment und fragte dann in leicht ver�ndertem Ton: �Was f�r Ger�chte erz�hlt man sich denn �ber ihn?�</p><p>�Ger�chte eben�, antwortete Rother ausweichend. �Das �bliche dumme Zeug. Du hast Recht - bei einem Mann wie Bruder Dariusz f�llt es leicht, sich das Schlimmste vorzustellen.� Er r�usperte sich ebenso gek�nstelt wie unbehaglich. �Wir sollten schneller reiten. Ich stimme Dariusz ja ungern zu, aber in einer Hinsicht hat er Recht. Jede Meile, die wir vor Sonnenaufgang zur�cklegen, ist eine Meile weniger in der Gluthitze des Tages.�</p><p>Er lie� sein Pferd ein wenig schneller ausgreifen, und Robins Stute passte sich dem Tempo des anderen Tieres ohne ihr Zutun an, als h�tte sie genau verstanden, was Rother meinte und w�rde seine Meinung teilen. Robin nahm das Gespr�ch nicht wieder auf, obwohl sie Rothers Frage zutiefst verwirrt hatte. Dass er und die anderen Ritter die Spannung gesp�rt hatten, die zwischen Dariusz und ihr herrschte, verwunderte sie kein bisschen. Aber sie hatte das Gef�hl, dass der junge Ritter auf etwas ganz Bestimmtes hinauswollte und ihn nur im allerletzten Moment der Mut verlassen hatte, seine Frage wirklich auszusprechen. Und dass es sich m�glicherweise als sehr wichtig f�r sie erweisen k�nnte, mehr �ber die Natur der Ger�chte zu erfahren, die �ber Dariusz und sie unter den Rittern kursierten.</p><p>Dennoch sagte sie nichts mehr, sondern lie� ihr Pferd nun ganz bewusst ein paar Schritte zur�ckfallen, um Rother auf diese Weise die M�glichkeit zu nehmen, das Gespr�ch ganz beil�ufig und wie durch Zufall fortzuf�hren. Obwohl sie die Neugier des jungen Ritters durchaus verstand und auf ihre Wiese teilte, gab es doch andere Dinge, um die sie sich Gedanken machen sollte.</p><p>So erleichtert sie war, dass Dariusz ihr Geheimnis letzten Endes doch nicht gel�ftet hatte, wuchs ihre Besorgnis doch zugleich stetig. Es war gewiss kein Zufall gewesen, dass Dariusz sich ihr ausgerechnet heute offenbart hatte - aber sie verstand den Grund nicht. Im allerersten Moment hatte sie es f�r eine Drohung gehalten; aber Dariusz war kein Mann, der Drohungen nicht sehr genau auf den Punkt zu bringen verstand. Und genau das hatte er nicht getan.</p><p>Eine gute halbe Stunde lang ritten sie schweigend nebeneinander her. Rother warf ihr dann und wann einen fast scheuen Blick zu, aber er versuchte nicht noch einmal, sie anzusprechen, wof�r ihm Robin im Stillen dankbar war; aber zugleich ertappte sie sich selbst ein paar Mal dabei, den Abstand zu ihm wieder zu verringern, als w�re da etwas in ihr, das fast verzweifelt seine N�he suchte oder einfach die N�he <emphasis>irgendeines </emphasis>Menschen.</p><p>Dennoch stand ihr Entschluss fest. Sie hatte auf eine Gelegenheit zur Flucht gewartet, und der Weg, der noch vor Rother und ihr lag, war die beste Gelegenheit, die sie bekommen w�rde, schon weil es die <emphasis>einzige </emphasis>Gelegenheit war. Wenn sie Safet und damit Balduins Heer erst einmal erreicht hatten, war es vorbei. Sobald sich die Gelegenheit ergab, w�rde sie fliehen.</p></section><section><title><p>8. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Die Chance, auf die sie gewartet hatte, kam eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang. Sie hatten trotz allem ein scharfes Tempo vorgelegt und einen deutlich gr��eren Teil der Strecke nach Safet zur�ckgelegt, als Robin auch nur zu hoffen gewagt h�tte - oder zu f�rchten, je nachdem. Rother ritt mittlerweile wieder fast direkt neben ihr, und sie hatten seit dem verungl�ckten Beginn ihres Gespr�ches am Morgen keine drei S�tze mehr miteinander gewechselt. Robin behielt den jungen Tempelritter dennoch aufmerksam im Auge, und so war ihr nicht entgangen, dass er sich schon seit einer geraumen Weile immer unbehaglicher im Sattel hin und her bewegte. Schlie�lich lie� er sein Pferd anhalten und deutete mit einer Kopfbewegung nach rechts. Links und hinter ihnen erstreckte sich das Land flach und nahezu vollkommen eben bis zum Horizont, rechterhand jedoch erhoben sich gleichf�rmige, gelbbraune Sandd�nen, die gute f�nf oder auch sechs Meter hoch sein mussten. Dahinter erhoben sich die K�mme weiterer, h�herer D�nen, und dahinter wiederum h�here, eine zu Sand erstarrte Brandung, die vom Landesinneren kommend gegen die Ebene anrannte und sie vielleicht in gar nicht allzu ferner Zukunft verschlingen w�rde.</p><p>�Ich f�rchte, ich muss kurz hinter dieser D�ne verschwinden�, begann er unbehaglich, �um ...�</p><p>�Dann hast du heute Morgen wohl mehr getrunken, als du ausschwitzen konntest�, bemerkte Robin. �Ich verstehe. Geh ruhig. Ich halte so lange dein Pferd.� Sie streckte auffordernd die Hand aus und schickte gleichzeitig ein stummes Sto�gebet zum Himmel, dass Rother ihr ihre Erleichterung nicht zu deutlich ansehen mochte. Wenn sie die verbliebene Entfernung richtig �berschlagen hatte, konnten es allerh�chstens noch zwei oder drei Stunden bis Safet sein, und sie hatte sich schon zu fragen begonnen, ob der junge Ritter eigentlich nie ein menschliches Bed�rfnis versp�rte.</p><p>�Wenn du zur�ck bist, machen wir es anders herum�, f�gte sie hinzu, als Rother aus irgendeinem Grund z�gerte. Offensichtlich war sie nicht die Einzige gewesen, der Dariusz� sonderbare Worte zu denken gegeben hatten.</p><p>Rother z�gerte auch jetzt noch, rang sich aber schlie�lich zu einem - widerwilligen - Nicken durch, kletterte steifbeinig aus dem Sattel und reichte Robin die Z�gel. Sie wich seinem Blick aus, w�hrend sie sie entgegennahm, und obwohl sie innerlich jubilierte, meldete sich zugleich ihr schlechtes Gewissen heftig zu Wort. M�glicherweise w�rde Dariusz Rother hart bestrafen, wenn er zur�ckkam und ihm beichten musste, dass ihm Robin <emphasis>abhanden gekommen </emphasis>war. Aber darauf konnte sie keine R�cksicht nehmen. Sobald ihr Vorsprung gro� genug war, w�rde sie sein Pferd freilassen und darauf hoffen, dass das Tier mit ein bisschen Gl�ck zu seinem Herrn zur�ckfand. Mehr konnte sie nicht f�r ihn tun.</p><p>Rother versuchte die D�ne hinaufzueilen, hatte dabei aber unerwartet gro�e Schwierigkeiten, denn der lockere Sand gab immer wieder unter seinen F��en nach, sodass er ein paar Mal fast um die gleiche Distanz zur�ckrutschte, die er gerade m�hsam erklommen hatte, und einmal sogar auf H�nde und Knie hinabfiel. Oben angekommen, richtete er sich m�hsam auf und warf ihr ein verlegenes Grinsen zu, bevor er auf der anderen Seite der D�ne verschwand.</p><p>Robin musste sich beherrschen, um nicht auf der Stelle loszugaloppieren. Sie hatte hinl�nglich Zeit. Rother w�rde einige Augenblicke brauchen, um auf der anderen Seite wieder hinabzuklettern, und wenn sie Gl�ck hatte, dann dr�ckte ihn ja nicht nur das <emphasis>Wasser, </emphasis>das er am Morgen getrunken hatte - die Ordensbr�der waren untereinander nicht so schamhaft, dass er <emphasis>das </emphasis>nicht einfach in ihrer Gegenwart erledigt h�tte, wodurch sie schon mehr als einmal in eine peinliche Situation geraten war. Sie hatte Zeit genug, das Pferd lautlos umzudrehen und sich ebenso lautlos ein paar Dutzend Schritte zu entfernen, statt einfach loszusprengen und ihn durch den Hufschlag fr�hzeitig zu alarmieren.</p><p>Im allerersten Moment weigerte sich das Pferd, ihr zu gehorchen, und warf nicht nur den Kopf zur�ck, sondern versuchte sogar nach ihr zu bei�en, dann aber beruhigte es sich schlagartig und lie� sich gehorsam in einem engen Halbkreis herumf�hren. Robin atmete innerlich auf. Es h�tte ihr zutiefst widerstrebt, dem Pferd die Kehle durchzuschneiden, aber sie h�tte es tun m�ssen, denn auf ein Wettrennen mit Rother konnte sie sich auf keinen Fall einlassen - und schon gar nicht auf einen Kampf. Sie war sehr erleichtert, das Tier nicht t�ten zu m�ssen, dessen einziges Verbrechen darin bestand, seinem Herrn treu ergeben zu sein.</p><p>Bei diesem Gedanken musste sie an Guy denken, und ein so intensives Gef�hl von Schuld ergriff von ihr Besitz, dass es fast k�rperlich wehtat. Sie sch�ttelte die Erinnerung mit einiger M�he ab und ergriff den Z�gel fester, und auf dem D�nenkamm �ber ihr rief Rother: �Robin!�</p><p>Robin h�tte vor Entt�uschung am liebsten laut aufgeschrien. Jetzt w�rde sie doch mit Rother k�mpfen m�ssen. Sie wusste, dass sie ihn ohne M�he besiegen konnte, aber sie <emphasis>wollte </emphasis>ihn nicht verletzen. Ihn von allen M�nnern aus Dariusz� Begleitung am allerwenigsten. Dennoch lie� sie den Z�gel los und senkte die Hand auf den Schwertgriff, w�hrend sie sich langsam im Sattel umdrehte.</p><p>Rother sah jedoch noch nicht einmal in ihre Richtung, sondern hatte sich halb in die Hocke sinken lassen und deutete mit ausgestrecktem Arm nach Westen, in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Mehr �berrascht als erleichtert folgte Robins Blick der Geste. Sie nahm die Hand nicht vom Schwert.</p><p>Es vergingen noch einige Augenblicke, aber dann sah sie es auch: �ber der Ebene war eine Anzahl winziger Punkte erschienen, die sich in der hitzeflimmernden Luft in best�ndiger zitternder Bewegung zu befinden schienen. Es war schwer, ihre genaue Anzahl zu sch�tzen; es konnte ein halbes Dutzend sein, aber auch doppelt so viele. W�re Rother nicht auf die D�ne hinaufgestiegen, h�tte er sie wohl kaum bemerkt.</p><p>�Ich sehe sie auch�, sagte sie. �Kannst du erkennen, wer es ist?�</p><p>Rother beschattete die Augen mit der Hand und konzentrierte sich, sch�ttelte aber dann nur den Kopf und begann wortlos die D�ne wieder herunterzulaufen. Er sah besorgt aus, und Robin erging es nicht viel anders. Auch wenn die Gebiete von hier bis Akkon unter christlicher Verwaltung und der Herrschaft der verschiedenen christlichen Orden standen, so befanden sie sich doch <emphasis>de facto </emphasis>in Feindesland, wie der Vorfall von gestern nur zu deutlich bewiesen hatte. Fremde waren hier mit �u�erster Vorsicht zu genie�en.</p><p>�Wir reiten besser weiter�, sagte Rother. Er hatte sie mittlerweile schon fast erreicht, verhielt einen Moment im Schritt und runzelte fragend die Stirn, als er sah, in welche Richtung sie die Pferde gedreht hatte, ging jedoch nicht weiter darauf ein, sondern stieg mit einer raschen Bewegung in den Sattel und deutete nach Osten. Ohne ein weiteres Wort sprengten sie los.</p><p>Rother legte von Anfang an ein scharfes Tempo vor, was seine Behauptung, er wisse nicht, um wen es sich bei ihren vermeintlichen Verfolgern handelte, in einem anderen Licht erscheinen lie�. Sie ritten zu schnell, als dass sie eine entsprechende Frage stellen konnte, aber Robin machte sich ihre Gedanken; und vor allem auch �ber die Frage, wieso Rother eigentlich so schnell zur�ck gewesen war. Die Antwort, auf die sie kam, gefiel ihr nicht.</p><p>Sie ritten eine geraume Weile weiter geradeaus in �stlicher Richtung. Ihre Pferde griffen kr�ftig aus, sodass sie z�gig von der Stelle kamen und die Schemen ihrer Verfolger schon nach kurzer Zeit hinter ihnen zur�ckfielen, aber Robin machte sich nichts vor: Die Staubwolke, die sie hinter sich herzogen, musste �ber viele Meilen hinweg zu sehen sein, und ihre Pferde w�rden das Tempo nicht mehr lange durchhalten. Es waren kr�ftige, z�he Tiere, aber die zur�ckliegenden Tage waren auch an ihnen nicht spurlos vor�bergegangen. Von den Lefzen ihrer Stute tropfte bereits flockiger wei�er Schaum, und ihr Atem ging scharf und rasselnd, und auch Rothers Tier befand sich in keinem wesentlich besseren Zustand. Auf diese Weise w�rden sie ihre Verfolger ganz bestimmt nicht absch�tteln k�nnen.</p><p>Rother musste wohl zu demselben Schluss gekommen sein, denn er sprengte zwar noch einige weitere Minuten in unver�ndertem Tempo dahin und versuchte sogar, es noch einmal zu steigern, gab es aber schlie�lich auf und hielt an. Sein Pferd t�nzelte nerv�s auf der Stelle, und Robin h�tte nicht sagen k�nnen, wessen Atem schneller ging - seiner oder der seines Reiters.</p><p>�Das hat keinen Zweck�, sagte er, nachdem auch Robin ihr scheuendes Tier neben ihm zum Stehen gebracht hatte. �Wir brauchen ein Versteck.�</p><p>�Es kann nicht mehr weit sein bis Safet�, antwortete Robin nerv�s. �Vielleicht eine Stunde oder zwei.� Sie drehte sich im Sattel um und suchte nach ihren Verfolgern, aber alles, was sie sah, war hitzeflimmernde Luft und eine Sonne, die so grell war, dass es fast in den Augen schmerzte, auch nur in ihre <emphasis>Richtung </emphasis>zu sehen.</p><p>�Eher drei�, antwortete Rother ernst und sch�ttelte zugleich den Kopf. �So lange halten die Pferde nicht mehr durch. Wir brauchen ein Versteck.� Er sah sich suchend um und deutete schlie�lich auf einen verschwommenen Schatten irgendwo vor ihnen. �Dort vorne scheint ein Wald zu sein oder eine Oase.�</p><p>�Und genau dort werden sie uns zuerst suchen�, antwortete Robin.</p><p>Rother hob die Schultern. �Wir haben keine Wahl. Hier auf der Ebene haben wir gar keine Chance.�</p><p>Robin fragte sich fl�chtig, warum Rother eigentlich so selbstverst�ndlich davon ausging, dass die Reiter hinter ihnen ihre <emphasis>Feinde </emphasis>waren, aber sie kam nicht dazu, den Gedanken weiterzuverfolgen, denn Rother lie� die Z�gel knallen und ritt weiter. Robin folgte ihm, aber nicht ohne sich noch einmal in Richtung ihrer Verfolger umgedreht zu haben. Irgendwo hinter ihnen schien eine gr��ere Reitergruppe n�her zu kommen, aber sie war nicht sicher.</p><p>Sie galoppierten weiter. Ihre Pferde gaben ihr Bestes, aber die Kr�fte der Tiere lie�en sp�rbar nach; Robins Stute stolperte mehr dahin, als sie lief, und auch Rothers Tier geriet mehr als einmal aus dem Tritt; und je m�hsamer sich ihr Vorw�rtskommen gestaltete, desto weiter schien sich ihr Ziel von ihnen zu entfernen. Endlich aber wurden aus Schatten Umrisse und aus Schemen klar erkennbare Konturen. Rother hatte Recht gehabt: Vor ihnen lag ein ausgedehnter Zypressenhain, durch dessen Unterholz es hell und silbern aufblitzte. Dort vorne waren nicht nur B�ume, sondern auch Wasser.</p><p>Die Tiere schienen die N�he des Wassers zu sp�ren, denn sie verfielen auf dem letzten St�ck ganz von selbst in einen schnelleren Trab, auch wenn Robin das Gef�hl hatte, dass dies Rother gar nicht so recht war. Die letzten drei�ig oder vierzig Schritte flogen sie regelrecht dahin, und auch als sie den kleinen Zypressenhain erreichten, wurden sie nicht merklich langsamer, sondern fielen ganz im Gegenteil auf dem letzten St�ck in einen leichten Galopp; vielleicht einfach, weil sie die N�he des Wassers sp�rten. Robin rechnete fest damit, dass Rother den kleinen See im Herzen des Haines einfach ignorieren und so schnell daran vor�bergaloppieren w�rde, wie er nur konnte, aber er brachte sein Tier ganz im Gegenteil mit einem vollkommen �berfl�ssig harten Ruck am Zaumzeug unmittelbar am Ufer des kleinen Sees zum Halten - er war so erb�rmlich, dass er diesen Namen eigentlich gar nicht verdiente; mehr eine schlammige Pf�tze, von der ein nicht besonders einladender Geruch aufstieg - und glitt mit einer flie�enden Bewegung aus dem Sattel, noch bevor das nerv�s t�nzelnde Tier vollends zum Stehen gekommen war. Hastig gestikulierte er ihr zu, es ihm gleichzutun, und griff sogar nach ihrem Arm, als sie der Aufforderung f�r seinen Geschmack ganz offensichtlich nicht schnell genug nachkam.</p><p>�Was soll denn das?�, beschwerte sich Robin lautstark, wurde aber sofort und mit einer noch energischeren Geste von Rother zum Schweigen gebracht. W�hrend er mit der linken Hand vor ihrem Gesicht in der Luft herumfuchtelte, griff seine andere bereits nach dem Schwert und zog es.</p><p>�Daf�r ist jetzt keine Zeit!�, fuhr er sie an. �Wir m�ssen uns verstecken! Lauf in die D�nen!�</p><p>Robin starrte ihn im ersten Moment nur verst�ndnislos an, aber dann fuhr sie trotzdem auf dem Absatz herum und lief mit wehendem Mantel auf die ockergelbe, haushohe Wand zu, die das k�mmerliche W�ldchen an einer Seite begrenzte. Sie verstand den Grund f�r Rothers un�bersehbare Furcht nicht, doch was sie in seinen Augen gelesen hatte, das machte ihr klar, dass er es ernst meinte. Wer immer die Reiter waren, die sie verfolgten, Rother wusste ganz offensichtlich mehr �ber sie, als er bisher zugegeben hatte. Die Erkenntnis �rgerte Robin, aber jetzt war auch gewiss nicht der richtige Moment, ihn zur Rede zu stellen.</p><p>So schnell sie konnte, durchquerte sie das kleine W�ldchen, nutzte ihren eigenen Schwung, um die erste der Sandd�nen zu erklimmen und begann lauthals zu fluchen, als der lockere Sand unter ihren schweren Stiefeln nachzugeben begann und sie mehr und mehr Kraft darauf verwenden musste, ihr Gleichgewicht zu bewahren und nicht etwa schneller zur�ckzurutschen, als sie die D�ne erklomm. Dennoch legte sie das letzte St�ck auf H�nden und Knien kriechend zur�ck, und oben angekommen, war sie nicht nur schon wieder in Schwei� gebadet, sondern auch vollkommen und hoffnungslos au�er Atem. Ersch�pft sank sie auf dem Kamm der D�ne zusammen, tat eine geschlagene halbe Minute nichts anderes, als wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft zu schnappen und dem rasenden H�mmern ihres eigenen Herzens zu lauschen, und brachte erst dann die Energie auf, sich wieder aufzurichten und in der gleichen Bewegung halb umzudrehen.</p><p>Was sie sah, war auch nicht gerade dazu angetan, sie in irgendeiner Art fr�hlicher zu stimmen. Die Reiter waren noch ein gutes St�ck entfernt - sicher zehn Minuten, selbst wenn sie ihre Tiere erbarmungslos antrieben -, doch sie konnte sie von ihrer erh�hten Position aus nun weitaus besser erkennen. Sie hatte sich nicht get�uscht, was ihre Zahl anging: Es mussten zwischen acht und zehn sein, und sie waren ausnahmslos dunkel gekleidet und trugen ausnahmslos Turbane, und ganz offensichtlich waren sie ebenso ausnahmslos bewaffnet, denn das Sonnenlicht spiegelte sich immer wieder auf blankem Stahl und lie� grelle goldfarbene und silberne Lichtblitze �ber die n�her kommenden Gestalten tanzen. Pl�tzlich verstand sie Rothers Besorgnis um einiges besser. Wenn ihnen diese M�nner tats�chlich feindselig gesinnt waren, dann taten sie wirklich gut daran, ihnen aus dem Weg zu gehen. Rother war ein hervorragender Schwertk�mpfer, und auch sie hatte es bislang mit nahezu jedem Gegner aufnehmen k�nnen, auf den sie getroffen war, doch diese �bermacht war einfach zu gro�; und vermutlich auch die Verlockung, die von den beiden Tempelrittern ausging, die leichtsinnig genug gewesen waren, sich ganz allein von ihrem Heer zu entfernen.</p><p>Mit einiger M�he riss sie ihren Blick von dem n�her kommenden Reitertrupp los und suchte nach Rother, konnte ihn zu ihrer �berraschung aber nicht mehr entdecken.</p><p>Von hier oben aus betrachtet wirkte der Zypressenhain noch kleiner und erb�rmlicher. Er bestand aus kaum zwei Dutzend der Robin immer noch fremdartig anmutenden B�ume, von denen mindestens die H�lfte nicht so aussah, als w�rden sie nach dem n�chsten Sandsturm noch stehen. Es gab kaum Unterholz, und der See sah nicht einmal mehr aus wie eine Pf�tze, sondern allenfalls wie etwas, das ihre Stute im Sand hinterlassen hatte. Weder von Rother noch von den beiden Pferden war noch etwas zu sehen. Robin konnte ihre Spuren noch ein kurzes St�ck weit verfolgen, bevor sie sich auf der anderen Seite des W�ldchens wieder im Sand der W�ste verloren.</p><p>Daf�r sah sie ihre eigenen Spuren umso deutlicher.</p><p>Ihr Herz zog sich vor Schrecken zusammen, als sie die breite Spur erblickte, die sie bei ihrer ungeschickten Kletterpartie die D�ne hinauf im Sand hinterlassen hatte. Ihre Verfolger mussten wahrlich keine ge�bten F�hrtenleser sein, um sie hier oben aufzusp�ren. Ganz im Gegenteil, dachte Robin finster: Sie h�tten schon mit Blindheit geschlagen sein m�ssen, um sie <emphasis>nicht </emphasis>zu sehen.</p><p>Robin blickte noch einmal zu den n�her kommenden Reitern hin - die Distanz zwischen ihnen und dem Hain schien sich halbiert zu haben, seit sie das letzte Mal zu ihnen hingesehen hatte, und dass sie sich selbst sagte, dass dieser Eindruck nur von ihrer eigenen Nervosit�t kam, machte es keinen Deut besser - und kam dann zu einem Entschluss. Mit ausgebreiteten Armen auf ihrer eigenen Spur zur�ckbalancierend, schlitterte sie die D�ne wieder hinab, riss sich den Mantel von den Schultern und sank in die Hocke. Indem sie den Mantel mit regelm��igen Bewegungen nach beiden Seiten �ber den Sand gleiten lie�, versuchte sie ihre Spuren zu verwischen, w�hrend sie abermals, diesmal r�ckw�rts und in der Hocke gehend, ihrer eigenen Spur zum H�gelkamm hinauf folgte.</p><p>�Eine interessante Technik�, sagte eine Stimme hinter ihr.</p><p>Robin h�tte um ein Haar laut aufgeschrien. Sie fuhr in der Hocke herum und griff in der gleichen Bewegung nach dem Schwert, aber das einzige Ergebnis dieser viel zu hastigen Bewegung war, dass sie das Gleichgewicht verlor und hinten�ber die D�ne hinabgest�rzt w�re, h�tte Rother nicht blitzschnell zugegriffen und sie am Arm festgehalten.</p><p>�Lernt man so etwas bei den Assassinen?�, griente er, w�hrend er sie mit einem kraftvollen Ruck endg�ltig auf den D�nenkamm hinauf- und auf der anderen Seite ein kleines St�ck wieder an sich heranzog.</p><p>Robin landete unsanft auf dem Bauch, schlitterte ein gutes St�ck die D�ne hinab und bremste ihren Sturz mit mehr Gl�ck als wirklichem Geschick ab. Sie setzte zu einer w�tenden Entgegnung an, bekam prompt den Mund voller Sand und hatte einige Augenblicke lang das Gef�hl, ersticken zu m�ssen. Statt Rother zu sagen, was sie von seinem Sinn f�r Humor wirklich hielt, spuckte sie den Sand aus, hustete qualvoll und widerstand mit einiger M�he der Versuchung, den restlichen Sand in ihrer Kehle herunterzuschlucken, was alles nur noch viel schlimmer gemacht h�tte. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die speziellen Atem�bungen, die Salim ihr beigebracht hatte, und nach einigen Sekunden wurde es tats�chlich besser; das qu�lende Brennen in ihrer Kehle verschwand nicht ganz, sank aber auf ein halbwegs ertr�gliches Ma� herab. Sie hatte nicht mehr das Gef�hl, Glassplitter zu atmen, sondern nur noch gl�henden Sand.</p><p>M�hsam richtete sie sich auf, wischte sich mit dem Handr�cken den Sand aus den Augen und kroch auf H�nden und Knien zu Rother zur�ck. Sie konnte sogar selbst sp�ren, wie finster ihr Gesichtsausdruck war, was Rother aber nicht daran hinderte, sie nur umso breiter und mit unverhohlener Schadenfreude anzugrinsen. Robin ersparte sich jeden Kommentar, kroch neben ihn und riss mit einer zornigen Bewegung ihren Mantel an sich. Rothers Grinsen wurde noch breiter, w�hrend sie sich neben ihm im Sand ausstreckte und mit klopfendem Herzen �ber den D�nenkamm blickte.</p><p>Zu ihrem gro�en Verdruss musste sie sich eingestehen, dass Rothers Spott nicht so unberechtigt war, wie sie es gerne gehabt h�tte. Sie hatte ihre Spur tats�chlich verwischt, aber nicht ann�hernd gut genug. Man sah jetzt vielleicht nicht mehr, dass ein <emphasis>Mensch </emphasis>die D�ne hinaufgelaufen war, sehr wohl aber, <emphasis>dass </emphasis>etwas hier heraufgekommen war, und das vor noch nicht allzu langer Zeit. Immerhin, dachte sie sp�ttisch, mussten ihre Verfolger jetzt nicht mehr blind sein, um ihre Spuren zu �bersehen. Es reichte vollkommen, wenn sie schlecht sahen. <emphasis>Ziemlich </emphasis>schlecht.</p><p>Ihr Blick suchte die Reiter. Sie <emphasis>waren </emphasis>n�her gekommen, und diesmal war es kein b�ser Streich, den ihr ihre Nerven spielten.</p><p>�Wo sind die Pferde?�, fragte sie.</p><p>�Du hast geglaubt, dass ich dich im Stich lasse, wie?�, fragte Rother, ohne ihre Frage zu beantworten - und �brigens auch, ohne sie dabei anzusehen. Sein Blick war wie gebannt nach S�den gerichtet.</p><p>�Nein�, antwortete Robin wahrheitsgem��. �Wo sind die Pferde?�</p><p>�Fort�, antwortete Rother. �Ich habe sie weggejagt.� Er hob rasch die Hand, als sie auffahren wollte. �Keine Angst. Mein Hengst ist gut trainiert. Er wird eine Weile herumlaufen und genug Spuren hinterlassen, um jeden zu verwirren, und dann zur�ckkommen.�</p><p>�Wie sch�n, wenn dein Hengst zur�ckkommt�, sagte Robin sarkastisch, und Rother fuhr in unver�ndertem Ton fort: �Und deine Stute wird ihm folgen. So ist das. Stuten folgen immer dem Hengst.�</p><p>Robin schenkte ihm einen giftigen Blick, verbiss sich aber jeden Kommentar und sah stattdessen wieder zu den Reitern hin. Sie waren mittlerweile nahe genug herangekommen, um Robin erkennen zu lassen, dass die M�nner nicht nur alle in Schwarz gekleidet waren, sondern auch ausnahmslos nachtschwarze Pferde ritten. Das war nicht das einzig Au�ergew�hnliche an ihnen. Robin konnte nicht genau sagen, was es war - aber irgendetwas kam ihr an dieser Reitertruppe auf ebenso unheimliche Weise vertraut vor, wie es sie zugleich erschreckte. Wer waren diese M�nner?</p><p>�Das m�ssen dieselben sein, die das Dorf �berfallen haben�, murmelte Rother, fast nur zu sich selbst gewandt, aber dennoch so, als h�tte sie ihre Frage laut ausgesprochen und nicht nur gedacht.</p><p>�Wie kommst du darauf?�, gab Robin zur�ck. Sie wusste, dass Rother sich irrte. Sie wusste nicht, wer diese M�nner waren; aber etwas in ihr wusste ganz genau, was sie <emphasis>nicht </emphasis>waren.</p><p>�So viele R�uberbanden gibt es hier nun auch wieder nicht�, antwortete Rother achselzuckend. �Vielleicht haben sie uns sogar die ganze Zeit �ber beobachtet, um sich an uns zu r�chen.�</p><p>Robin sah ihn zweifelnd an, und Rother zuckte mit den Schultern und f�gte, nach ein paar Augenblicken und in fast entschuldigendem Tonfall, hinzu: �Dariusz hat eine entsprechende Vermutung ge�u�ert.�</p><p>�Wann?�, fragte Robin.</p><p>�Gestern Abend�, antwortete Rother.</p><p>�Und trotzdem hat er uns allein vorausgeschickt?�, fragte sie.</p><p>Der junge Tempelritter hob abermals die Schultern. �Es war ja nur eine Vermutung.� Sein Blick blieb weiter unverwandt auf die n�her kommenden Reiter gerichtet. �Au�erdem h�tte ich nicht geglaubt, dass sie den Mut haben w�rden, uns offen anzugreifen.�</p><p>Robin fragte sich, was Rothers Meinung nach so mutig daran war, wenn acht oder zehn M�nner Jagd auf zwei einzelne Ritter machten. Aber sie stellte diese Frage nicht laut, sondern warf Rother nur noch einen weiteren, unsicheren Blick zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder nach S�den wandte, den schwarz gekleideten Reitern zu. Im n�chsten Moment riss sie ungl�ubig die Augen auf und fragte sich, wie sie nur so blind hatte sein k�nnen.</p><p>Es war nicht weiter verwunderlich, dass ihr etwas an diesen M�nnern so vertraut erschienen war.</p><p>Es waren Assassinen.</p><p>�Still jetzt�, fl�sterte Rother, obwohl sie nicht den geringsten Laut von sich gegeben hatte. �Und keine Bewegung!�</p><p>Robin h�tte nicht einmal etwas sagen k�nnen, wenn sie es gewollt h�tte. Ihr Herz h�mmerte pl�tzlich, als wollte es im n�chsten Moment zerspringen. Ihre H�nde begannen zu zittern. Assassinen! Das waren Assassinen! Salims M�nner waren gekommen, um sie zu retten! Endlich!</p><p>�Da stimmt doch etwas nicht�, murmelte Rother. �Das sind ...� Er brach mit einem erschrockenen Laut ab, und obwohl Robin nicht einmal in seine Richtung sah, konnte sie h�ren, wie heftig er zusammenfuhr.</p><p>Sie selbst hatte immer gr��ere M�he, ihre Erregung unter Kontrolle zu halten. Alles in ihr schrie danach, einfach aufzuspringen und diesen M�nnern zuzuwinken, loszust�rmen und den Reitern entgegenzurennen. Es war nicht Salim. Nat�rlich war Salim selbst nicht bei ihnen. Obwohl die Gesichter der M�nner hinter schwarzen T�chern verborgen und sie alle auf die gleiche Weise gekleidet waren, h�tte sie ihn erkannt. Aber es waren seine M�nner, und es konnte kein Zufall sein, dass sie ausgerechnet jetzt und ausgerechnet hier erschienen!</p><p>Die Reiter kamen ganz allm�hlich n�her. Sie wurden tats�chlich langsamer, je mehr sie sich dem kleinen Zypressenhain n�herten, und hielten schlie�lich ganz an. Robin presste sich fester gegen den hei�en Sand der D�ne, und sie konnte sp�ren, wie sich auch Rother neben ihr spannte. Ihr Herz h�mmerte immer schneller. Warum sprang sie nicht auf? Warum gab sie sich nicht zu erkennen? Salims M�nner waren endlich gekommen, um ihr Martyrium zu beenden. Sie musste nur den Arm heben und winken, und der Albtraum w�rde ein Ende haben.</p><p>Stattdessen glitt sie behutsam ein weiteres St�ck zur�ck, presste sich noch fester gegen den Boden und hielt schlie�lich sogar den Atem an, w�hrend sich die Reiter wieder in Bewegung setzten und ganz langsam auf sie zur�ckten. Ein Teil in ihr wollte nichts mehr, als aufzuspringen und den M�nnern zuzuwinken, sich ihnen zu erkennen zu geben, um dem Albtraum ein Ende zu machen und endlich wieder in Salims Umarmung zur�ckzukehren. Doch sie tat nichts von alledem. Sie lag nur wie gel�hmt da, starrte den Reitern mit klopfendem Herzen entgegen und war vollkommen unf�hig, auch nur einen Finger zu r�hren.</p><p>Nur zwei der Reiter sa�en ab, als sie den See erreichten, der Rest blieb nicht nur in den S�tteln, sondern nahm auch in einem lockeren Dreiviertelkreis Aufstellung, die H�nde locker auf den Waffen und in vermeintlich entspannter Haltung, die Robin aber keinen Moment lang t�uschte. Die M�nner waren wachsam und angespannt. Ihnen entging nichts. Schon gar nicht die Spur, die sie auf der D�ne hinterlassen hatte ...</p><p>Neben ihr bewegte sich Rother unruhig. Obwohl ihr Blick die schwarz gekleideten Reiter keinen Moment loslie�, bemerkte sie doch aus den Augenwinkeln, wie Rothers Hand zum G�rtel glitt und sich um den Schwertgriff darin schmiegte. Sein Atem ging pl�tzlich schneller. Sie sp�rte seine Erregung - seine Furcht! -, und sie sp�rte ebenso deutlich, wie dicht er davor stand, etwas wirklich Dummes zu tun. Erschrocken wandte sie den Kopf und setzte dazu an, ihm warnend zuzuwinken, doch dann erstarrte sie mitten in der Bewegung.</p><p>Sie hatte sich get�uscht. Rothers Hand war zum G�rtel geglitten, aber seine Finger hatten sich nicht um den Griff des Schwertes geschlossen, sondern um den des schmalen Dolches, den er daneben trug. Und sein Blick war nicht auf die Assassinen unter ihnen gerichtet, sondern auf sie. Und was Robin darin las, das lie� ihr einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen.</p><p>F�r einen Moment war es, als w�re die Zeit stehen geblieben. Sie konnte die eisige Entschlossenheit in seinem Blick sehen, aber sie sp�rte auch die Qual, die sich dahinter verbarg, und den stummen, verzweifelten Kampf, den er nicht erst seit diesem Moment mit sich ausfocht. Seine Finger hatten sich so fest um den Griff des Messers geschlossen, dass das Blut aus ihnen wich und seine Haut so bleich wie die eines Toten aussah, und der Schwei�, der auf seinem Gesicht und seiner Stirn perlte, hatte seine Ursache nicht nur in der gl�henden Sonne am Himmel �ber ihnen.</p><p>�Warum wartest du nicht einfach noch einen Moment, Rother?�, fragte sie leise. �Vielleicht bemerken Sie uns ja gar nicht.�</p><p>Rother starrte sie weiter mit diesem sonderbar gequ�lten Ausdruck an. Er sagte nichts, aber er bewegte sich auch nicht und machte auch keine Anstalten, seine Waffe endg�ltig zu ziehen, und schlie�lich lie� Robin seinen Blick los und wandte sich wieder den Reitern unter ihnen zu. Wenn Rother jetzt sein Messer zog und das tat, was Bruder Dariusz ihm mit Sicherheit aufgetragen hatte, dann war sie vollkommen wehrlos. Er war st�rker als sie, hatte seine Waffe praktisch schon gezogen und befand sich in einer viel vorteilhafteren Lage; sie w�rde vermutlich nicht einmal merken, was geschah, bevor es zu sp�t war. Robin wusste das alles, und sie glaubte Salims tadelnden Blick regelrecht zu sehen und seine besorgt-sp�ttische Stimme zu h�ren, die ihr klar zu machen versuchte, dass sie zu vertrauensselig war und ihr unersch�tterlicher Glaube an das Gute im Menschen sie irgendwann einmal das Leben kosten w�rde. Sie wusste auch, dass er Recht hatte. Und doch sah sie nicht einmal mehr in Rothers Richtung. Sie war des K�mpfens m�de. Vielleicht nicht einmal so sehr des K�mpfens. Sie war es m�de, Menschen zu misstrauen. Sie wollte nicht mehr hinter jedem freundlichen Gesicht einen Verr�ter, hinter jedem belanglosen Wort eine Falle und hinter jeder gro�z�gigen Geste Verrat wittern.</p><p>Die beiden Reiter, die aus dem Sattel geglitten waren, hatten sich mittlerweile zum Ufer des kleinen Wasserloches begeben. Einer hatte sich auf die Knie herabsinken lassen und tastete mit den Fingerspitzen �ber die Spuren, die Rother, sie selbst und ihre Pferde im aufgeweichten Boden am Ufer hinterlassen hatten, der andere stand hoch aufgerichtet da und schien reglos ins Leere zu starren. Schlie�lich, nach einer kleinen Ewigkeit, wie es Robin vorkam, wandte er den Kopf nach links, dann nach rechts, und Robins Herz machte einen erschrockenen Sprung und h�mmerte doppelt schnell und hart weiter, als sein Blick �ber die Sandd�ne glitt und schlie�lich an der nur unzureichend verwischten Spur h�ngen blieb, die sie darin hinterlassen hatte.</p><p>Neben ihr sog Rother scharf die Luft zwischen den Z�hnen ein, und Robin konnte h�ren, wie die Messerklinge aus ihrer ledernen Scheide glitt. Robin schloss die Augen, z�hlte in Gedanken langsam bis drei und stand auf.</p><p>�Bruder Robin ...!�, sagte Rother gequ�lt.</p><p>�Tu einfach, was du glaubst, tun zu m�ssen�, antwortete Robin. Sie sah Rother bei diesen Worten nicht an, sondern hob den linken Arm und winkte den M�nnern unter ihnen zu. Nur einer von ihnen reagierte �berhaupt auf ihre Geste, die anderen blieben sorglos wie lebensgro�e Statuen in den S�tteln sitzen. Sie zeigten keinerlei �berraschung �ber ihr pl�tzliches Auftauchen. Sie hatten die ganze Zeit �ber gewusst, wo Rother und sie waren.</p><p>�Bruder Robin, bitte!�, flehte Rother. �Ich muss ...�</p><p>�Tun, was du tun musst�, unterbrach ihn Robin. �Ja, ich wei�.� Sie nickte dem Assassinen unter sich langsam, aber mit schon fast �bertriebener Gestik zu und wandte sich dann ebenso langsam zu Rother um. Auch er hatte sich auf die Knie erhoben, aber er sa� in einer Haltung da, als m�sse er sich gegen unsichtbare Ketten stemmen, die ihn zur�ckzuhalten versuchten. Seine Hand umklammerte noch immer den Dolch, und sein Gesicht war ein einziger Ausdruck von Qual, w�hrend sein Blick abwechselnd �ber Robins Gesicht und das hinter schwarzem Tuch verh�llte Antlitz des einzelnen Assassinenkriegers glitt, der sich von seinem Platz am Ufer des kleinen T�mpels gel�st hatte und nun langsam, aber ebenso leichtf��ig wie zielstrebig zu ihnen heraufkam.</p><p>Robin hob die Hand, und der Krieger hielt mitten im Schritt inne und blieb auf halber Strecke stehen. Rothers Kiefer begannen zu mahlen. Unter der Sonnenbr�une verlor sein Gesicht auch noch das allerletzte bisschen Farbe, und seine Hand schloss sich jetzt so fest um den Dolch, dass tats�chlich Blut unter seinen Fingern�geln hervorquoll. Und dann - endlich - lie� er den Dolch los und stie� ein halblautes, fast gequ�lt klingendes Seufzen aus.</p><p>�Nein�, fl�sterte er. �Ich kann es nicht.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Robin ernst. �Und ich bin froh, dass du dich so entschieden hast. Um deinetwillen.�</p><p>Rother sah sie fragend an, und Robin deutete mit einer Kopfbewegung auf einen Punkt hinter dem jungen Tempelritter. Rother starrte sie noch einen Atemzug lang verst�ndnislos an, dann stemmte er sich umst�ndlich vollends in die H�he und drehte sich erst dann und ebenso umst�ndlich herum, um ihrem Blick zu folgen.</p><p>Er wirkte nicht einmal wirklich erschrocken. Vielleicht war er nicht mehr in der Verfassung, ein so komplexes Gef�hl wie Schrecken zu empfinden. Eine kleine Ewigkeit lang stand er einfach nur da und starrte die drei in der Farbe der Nacht gekleideten Gestalten an, die auf dem Kamm der n�chsten D�ne standen und mit ihren kurzen, geschwungenen B�gen auf ihn zielten, und schlie�lich drehte er sich ebenso langsam wieder zu Robin um und ma� sie mit einem Blick, von dem sie nicht genau wusste, ob sie ihn deuten konnte oder es auch nur <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>�Also doch�, murmelte er.</p><p>�Nein�, antwortete Robin. �Ich glaube nicht, dass du es wirklich verstehst. Aber ich bin froh, dass du dich richtig entschieden hast. Bitte mach jetzt keinen Fehler.�</p><p>Rother schwieg, aber der Blick, mit dem er sie nun ma�, traf Robin h�rter als alles, was er h�tte sagen k�nnen. In seinen Augen waren weder Zorn noch Verachtung oder gar Hass - das alles kannte sie zur Gen�ge, und sie hatte in ihrem kurzen Leben so viel davon erfahren, dass es sie nicht mehr wirklich zu verletzen vermochte. <emphasis>Was </emphasis>sie dagegen in seinen Augen las und was sich wie die Klinge eines d�nnen, aber gl�henden Dolches in ihr Herz bohrte, das waren Entt�uschung und Trauer.</p><p>Robin brach den Gedanken mit einiger Anstrengung ab und wandte sich wieder dem Assassinen zu. Der Krieger ging im gleichen Moment weiter, in dem sich ihre Blicke trafen, und blieb zwei Schritte unter dem D�nenkamm stehen; ganz gewiss nicht durch Zufall gerade so, dass sich sein Gesicht eine Winzigkeit unter dem ihren befand und sie auf ihn hinabsehen konnte. Zu ihrer Erleichterung sagte er kein Wort, sondern bekundete ihr seine Ehrerbietung nur durch ein angedeutetes Nicken. Aber selbst das war schon fast mehr, als ihr in Rothers Gegenwart recht war.</p><p>Sie erwiderte seinen stummen Gru� auf die gleiche Art und wandte sich noch einmal um. Zwei der drei Assassinen auf dem anderen D�nenkamm hatten ihre B�gen sinken lassen, und auch der dritte hatte seine Sehne entspannt, und der Pfeil deutete nur noch nachl�ssig in Rothers Richtung, wovon sich Robin aber keine Sekunde lang t�uschen lie�. Sie wusste, wie perfekt diese M�nner ihre Waffen beherrschten. Das waren keine dahergelaufenen Pl�nderer wie die M�nner, mit denen sie es gestern zu tun gehabt hatten, und selbst diese hatten schon hervorragend mit Pfeil und Bogen umzugehen verstanden. Die Assassinen aber waren nicht nur in der Lage, auf eine gr��ere Entfernung ein Pferd zu treffen, sondern ihm auch mit einem gezielten Schuss ein Auge auszuschie�en, wenn es sein musste. Wenn Rother auch nur die winzigste falsche Bewegung machte, w�rde er nicht einmal mehr lange genug leben, um das Ger�usch der Bogensehne zu h�ren. Sie betete, dass er sich ruhig verhielt, doch sie sah ihn ganz bewusst nicht an, sondern drehte sich mit einer abrupten Bewegung wieder um und wandte sich an den Assassinen.</p><p>�Schickt dich Salim?�, fragte sie.</p><p>Der Mann nickte. Er schwieg, beinahe als h�tte er ihre Gedanken gelesen, und Robin begann vorsichtige Hoffnung zu sch�pfen. Entweder Salim hatte ihn ausgezeichnet instruiert, oder es war in diesem Moment tats�chlich so leicht, in ihrem Gesicht zu lesen. Das Ergebnis blieb sich gleich. Vielleicht hatte Rother doch noch eine Chance, am Leben zu bleiben.</p><p>�Welche Befehle hat er euch gegeben?�, fragte sie.</p><p>Der Mann z�gerte einen winzigen Moment, nicht weil er die Antwort auf ihre Frage nicht kannte, sondern viel mehr, weil er sich zu wundern schien, warum sie sie �berhaupt stellte.</p><p>Robin versuchte sein Gesicht zu erkennen, aber alles, was davon sichtbar war, war ein schmaler Streifen �ber Nasenwurzel und Augen. Dennoch trafen sich f�r einen Moment ihre Blicke, und Robin las die stumme Frage in den Augen des Assassinen und beantwortete sie auf die gleiche, lautlose Art. Sie fragte sich, ob Rother das stumme Zwiegespr�ch bemerkte.</p><p>�Wir sollen Euch zu ihm bringen�, antwortete der Krieger.</p><p>Ein Teil von ihr jubilierte. Es war vorbei. Der Albtraum hatte ein Ende. Salims M�nner waren gekommen, um sie zu holen, und alles war - endlich! - vorbei. Sie w�rde zur�ckkehren auf die Burg seines Vaters, zur�ck in ihre stillen, k�hlen Gem�cher, in denen es stets nach Rosen und kostbaren Essenzen roch, zur�ck in seine Umarmung und den Schutz, den seine blo�e N�he verhie�. Alles war vorbei. Bruder Dariusz, die Hitze, der Krieg und die Entbehrungen, das alles geh�rte von diesem Moment an der Vergangenheit an.</p><p>Ebenso wie Rother.</p><p>�Wo ist er jetzt?�, fragte sie.</p><p>Sie las Verwirrung in den Augen des Mannes, aber auch eine Spur von �rger. Dann erkannte sie ihn. Sie erinnerte sich nicht an seinen Namen, aber es war ein Mann aus Salims pers�nlicher Leibwache - und somit auch ihrer -, und Robin sp�rte ihr schlechtes Gewissen; immerhin lebte sie nicht nur seit ann�hernd zwei Jahren mit diesen M�nnern zusammen, sondern hatte es bisher auch als ganz selbstverst�ndlich hingenommen, dass jeder einzelne dieser M�nner, ohne zu z�gern, sein Leben hingegeben h�tte, um sie zu besch�tzen.</p><p>�Salim erwartet Euch in seinem Zelt vor Safet�, antwortete der Assassine endlich. �Wir sollen Euch zu ihm bringen.�</p><p>�Nach Safet?�, wiederholte Robin �berrascht. �Salim ist in ...?�</p><p>�Safet�, best�tigte der Assassine, als sie nicht weitersprach, sondern ihn nur �berrascht ansah. �Er erwartet Euch in seinem Zelt.�</p><p>Zwei, drei, schlie�lich zehn endlose, schwere Atemz�ge lang blickte der Assassine sie ebenso durchdringend wie erwartungsvoll an, w�hrend Robins Gedanken sich wie durch z�hen Teer bewegten. Was er gesagt hatte, war nicht das, was seine Worte bedeuteten. Sie h�tte nicht einmal in die dunklen Augen �ber dem schwarzen Tuch blicken m�ssen, um das zu begreifen.</p><p>�Ich verstehe�, sagte sie leise. �Dann reitet voraus und sagt <emphasis>meinem Herrn, </emphasis>dass ich zu ihm kommen werde, sobald ich meinen Auftrag erf�llt habe.�</p><p>Der Assassine zog - leicht verst�rt, wie es ihr vorkam - die Augenbrauen zusammen. Ihm war nicht entgangen, auf welch sonderbare Weise sie die Worte <emphasis>meinem Herrn </emphasis>betont hatte, und Robin konnte nur hoffen, dass er begriff, was sie ihm damit hatte sagen wollen. Einen winzigen Augenblick lang blickte er fragend in Rothers Richtung, und Robin sch�ttelte kaum merklich den Kopf. Etwas im Ausdruck der dunklen Augen �nderte sich. Sie h�tte nicht genau sagen k�nnen, was es war, aber sie hatte das Gef�hl, dass sie f�r diesen Moment (der Schw�che?) noch w�rde bezahlen m�ssen.</p><p>�Der Auftrag unseres Herrn lautete ...�, begann der Krieger dann auch prompt.</p><p>�Ich wei�, wie sein Auftrag lautet�, unterbrach ihn Robin k�hl. �Doch im Moment diene ich einem h�heren Herrn. Ich bin sicher, Salim wird das verstehen. Also reitet weiter und richtet ihm aus, dass er sich keine Sorgen um mich zu machen braucht. Ich werde mich bei ihm melden, sobald es mir m�glich ist.�</p><p>Vielleicht war dies der gef�hrlichste Moment �berhaupt. Robin versuchte vergeblich, in den Augen ihres Gegen�bers zu lesen. Der Mann war zutiefst verwirrt, aber das war es nicht allein. Zweifellos hatte Salim ihm und den anderen ganz klare Befehle erteilt, und ebenso zweifellos widersprach das, was sie gerade gesagt hatte, diesen Befehlen. Robin wagte nicht vorherzusagen, was er tun w�rde. Diese Situation war neu, sowohl f�r sie als auch f�r ihn. Trotz all der Zeit, die sie nun mit diesen M�nnern verbracht hatte, trotz all der - vermeintlichen - Vertrautheit, die sich zwischen ihnen entwickelt hatte, hatte es niemals einen Augenblick wie diesen gegeben, in dem sie sich zwischen dem Gehorsam ihrem Herrn gegen�ber und dem Respekt vor seiner Gemahlin entscheiden mussten.</p><p>Robin glaubte den inneren Kampf zu sp�ren, den der Assassine ausfocht, und sie fragte sich ganz fl�chtig, ob sie wirklich ermessen konnte, was sie von ihm verlangte. Diese M�nner hatten Salim und seinem Vater Treue und Gehorsam bis in den Tod geschworen, doch sie war Salims Frau, und somit wog ihr Wort fast ebenso schwer wie das seine. Wie sich seine Entscheidung - ganz gleich, wie sie ausfallen mochte - f�r ihn auswirken musste, das vermochte sie nicht einmal zu erahnen, aber vielleicht war sie ja dramatischer, als sie bisher angenommen hatte. Es war so viel, was sie bisher als ganz selbstverst�ndlich hingenommen hatte, obwohl es sich in Wahrheit vielleicht um die Entscheidung �ber Leben und Tod oder doch zumindest das Schicksal eines ganzen Menschenlebens handelte.</p><p>�Und richtet Salim Folgendes aus�, f�gte sie hinzu, wobei sie versuchte, gerade Verst�ndnis heischend genug zu klingen, ohne den Unterschied im Rang zwischen ihnen vollkommen zu verwischen. �Ich will weder seinem Befehl trotzen noch das Wort meines neuen Herrn �ber das seine stellen. Doch es w�re unklug, meinen Auftrag nicht zu Ende zu f�hren. Seine Erf�llung ist auch in Salims Sinne und in dem seines Vaters.�</p><p>�Bitte ... verzeiht�, antwortete der Assassine; leise, erst nach einer geraumen Weile und in fast gequ�ltem Tonfall. �Aber der Auftrag unseres Herrn lautete ganz eindeutig ...�</p><p>�Mich sicher und unversehrt zu ihm zu bringen�, unterbrach ihn Robin, nunmehr eine Spur lauter und in ganz leicht sch�rferem Ton; l�ngst noch nicht in dem eines Befehls oder gar Verweises, doch auch nicht mehr um Verst�ndnis bettelnd. �Du kannst ja einen Mann vorausschicken und Salim meine Worte ausrichten lassen. Und wenn du dich so um unsere Sicherheit sorgst, dann folgt uns meinetwegen in geb�hrendem Abstand.�</p><p>Der Blick ihres Gegen�bers machte ihr klar, was er von dem Wort <emphasis>unsere </emphasis>in ihrer Antwort hielt, und noch einmal, f�r einen allerletzten, winzigen, aber schlimmen Moment war Robin fast sicher, dass er nunmehr zu dem Entschluss gekommen war, ihre Weigerung zu ignorieren und wortw�rtlich das zu tun, was Salim ihm aufgetragen hatte. Doch dann senkte er fast dem�tig den Blick und machte einen einzelnen Schritt r�ckw�rts die D�ne hinab, bevor er tief das Haupt beugte und fl�sterte: �Wie Ihr befehlt.�</p><p>Robin atmete innerlich auf. Sie wagte es nicht, sich ihre Erleichterung zu deutlich anmerken zu lassen, doch sie wusste, wie schmal der Grat gewesen war, auf dem sie sich bewegt hatte. Sie hatte m�glicherweise mehr von diesem Mann verlangt, als ihr zustand. Dennoch wurde ihre Stimme eher noch k�hler, als sie nach einigen Augenblicken fortfuhr: �Es ist gut. Jetzt nimm deine Kameraden und geh. Richte Salim meine Botschaft aus.�</p><p>Der Mann entfernte sich r�ckw�rts gehend und mit gesenktem Haupt, und Robin sah ihm ebenso wort- wie reglos nach, bis er am unteren Ende der D�ne angekommen war, wo er sich umdrehte und mit schnellen Schritten zu den anderen M�nnern zur�ckging. Sie r�hrte sich auch dann noch nicht, sondern blieb schweigend und reglos stehen, bis der Mann wieder im Sattel sa� und sich zusammen mit seinen Kameraden in dieselbe Richtung entfernte, aus der sie gekommen waren. Als sie sich umdrehte, war auch der Kamm der gegen�berliegenden D�ne leer. Die drei Assassinen waren ebenso lautlos und schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren; wie schwarze Gespenster, die die Nacht ausgespien und im n�chsten Lidschlag wieder in ihr schweigendes Reich zur�ckgeholt hatte. Mit einem Gef�hl, von dem sie selbst nicht genau sagen konnte, ob darin nun Verwirrung oder Furcht �berwog, stellte Robin fest, dass sie nicht einmal Spuren im Sand hinterlassen hatten.</p><p>Rother starrte sie aus gro�en Augen an, als sie sich wieder zu ihm umdrehte. Robin verstie� bewusst gegen ihre eigene, eiserne Regel, indem sie ihm beruhigend zul�chelte, aber er schien es nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen. In seinen Augen war etwas, das weit �ber blo�e Verwirrung und Furcht hinausging.</p><p>�Also doch�, murmelte er.</p><p>�Also doch - <emphasis>was?�, </emphasis>fragte Robin. Der sonderbare Unterton in seiner Stimme verwirrte sie im ersten Moment, dann �rgerte er sie. Begriff dieser Dummkopf eigentlich nicht, dass sie ihm gerade das Leben gerettet hatte?</p><p>Verletzt durch seine vermeintliche Undankbarkeit wandte sie sich br�sk ab und starrte einen Moment lang in die Richtung, in der die Reiter verschwunden waren, bevor sie ihre Frage noch einmal und in h�rbar sch�rferem Ton wiederholte: �Also doch <emphasis>was, </emphasis>Rother?�</p><p>�Das waren ... Assassinen, nicht wahr?�, entgegnete der junge Tempelritter. �Die M�nner des Alten vom Berge.�</p><p>�Und wenn?�, fragte Robin spr�de und noch immer, ohne ihn anzusehen. Ihr Blick tastete unstet �ber die Ebene, auf der die Reiter verschwunden waren. Seit ihrem Aufbruch waren erst - sehr wenige - Augenblicke vergangen, und es gab weit und breit nichts, was den M�nnern als Versteck h�tte dienen k�nnen. Sie h�tte sie unbedingt sehen m�ssen - aber sie waren ebenso spurlos und schnell verschwunden wie die Assassinen hinter ihnen. Robin versp�rte ein kurzes, aber eisiges Fr�steln. Obwohl sie nun schon so lange mit diesen M�nnern zusammen war, versetzte sie ihre F�higkeit, sich so lautlos und schnell wie Schatten zu bewegen, immer noch in Erstaunen; und zugleich machte sie ihr auch ein wenig Angst. Sie hatte Salim einmal gebeten, sie in dieser Kunst zu unterrichten, die auch er perfekt beherrschte, doch das hatte er rundheraus abgelehnt, und er hatte dabei so erschrocken und zugleich fast zornig geklungen, dass Robin es nicht gewagt hatte, ihre Bitte noch einmal zu wiederholen.</p><p>Nach einer Weile fiel ihr auf, dass Rother nicht auf ihre Frage geantwortet hatte. Erzwungen und deutlich langsamer, als ihr zumute war, drehte sie sich wieder zu ihm um, aber die scharfen Worte, die ihr auf der Zunge lagen, kamen ihr nicht �ber die Lippen. Rother starrte sie noch immer auf eine Art an, die sie einfach nicht deuten konnte oder <emphasis>wollte. </emphasis>In seinem Blick war alles oder auch nichts zu lesen, vor allem aber eine best�rzte Verwirrung, die in Robin etwas ausl�ste, dem sie einfach nicht erlauben durfte, Gestalt anzunehmen.</p><p>�Du hast noch niemals einen von Sheik Raschids M�nnern gesehen?�, vermutete sie.</p><p>�Ich habe von ihnen geh�rt�, antwortete Rother.</p><p>�Und ich kann mir ungef�hr vorstellen, was�, sagte Robin d�ster. �Du solltest vielleicht nicht alles glauben, was man sich abends an den Lagerfeuern erz�hlt. Die H�lfte dieser Geschichten ist sicherlich hoffnungslos �bertrieben.� <emphasis>Und �ber die andere H�lfte werde ich dir bestimmt nichts erz�hlen, </emphasis>f�gte sie in Gedanken hinzu.</p><p>�Man sagt, sie w�ren mit dem Teufel im Bunde und verst�nden sich auf die schwarzen K�nste�, antwortete Rother.</p><p>�Unsinn!�, erwiderte Robin. �Sie sind sicherlich f�hige Krieger und wahrscheinlich die schlimmsten Gegner, die du dir nur vorstellen kannst. Aber sie sind weder mit dem Teufel im Bunde, noch k�nnen sie zaubern, glaube mir.�</p><p>Rother sah sie auf eine Art an, die ihr unzweifelhaft klar machte, dass er ihr <emphasis>nicht </emphasis>glaubte. Er starrte sie nur an. Nicht der geringste Laut kam �ber seine Lippen, doch in seinem Gesicht arbeitete es, und als Robin eine winzige Bewegung machte, wie um auf ihn zuzutreten, sog er scharf die Luft ein und prallte ein kleines St�ck zur�ck. Allm�hlich wurde Robin w�tend. Sie hatte kaum erwartet, dass Rother ihr vor lauter Dankbarkeit um den Hals fiel, aber er f�hrte sich auf, als st�nde er dem Teufel pers�nlich gegen�ber! �Was hat dir Dariusz �ber mich erz�hlt?�, fragte sie scharf.</p><p>��ber dich?� Rother wich ihrem Blick aus. �Nichts�, behauptete er. �Nur, was jedermann wei�.�</p><p>�Und was w�re das?�, beharrte Robin.</p><p>Es war zumindest mehr als <emphasis>nichts, </emphasis>wie sie deutlich auf Rothers Gesicht ablesen konnte. Es fiel ihm immer schwerer, ihrem Blick standzuhalten, und schlie�lich gab er auch auf, es �berhaupt versuchen zu wollen. Robin, die immer �rgerlicher wurde, setzte dazu an, ihn in scharfem Ton zur Rede zu stellen, besann sich aber dann im allerletzten Moment eines Besseren und drehte sich stattdessen mit einem Ruck weg. Ein unbehagliches, lastendes Schweigen begann sich zwischen ihnen auszubreiten.</p><p>Schlie�lich r�usperte sich Rother unecht und wartete, bis Robin ihren gekr�nkten Stolz so weit �berwunden hatte, sich zu ihm umzudrehen und ihn anzusehen. �Wir sollten ... nach den Pferden suchen�, sagte er unbehaglich. �Es ist noch ein sch�nes St�ck Weg bis Safet. Und ... danke�, f�gte er nach einer h�rbaren Pause hinzu.</p><p>�Wof�r?�</p><p>Rother begann sich unter ihrem Blick immer unbehaglicher zu f�hlen, was Robin ihm in diesem Moment jedoch von Herzen g�nnte. �Du ... hast mir das Leben gerettet�, gestand er fast widerwillig.</p><p>�Ach? Habe ich das?�</p><p>�Die Assassinen h�tten mich get�tet, wenn du mit ihnen gegangen w�rst�, vermutete Rother.</p><p>Robin schwieg. Sie h�tte ihm gerne widersprochen, aber sie musste sich eingestehen, dass Rother die Lage durchaus richtig eingesch�tzt hatte: Salims M�nner pflegten keine Spuren zu hinterlassen; weder im Sand noch solche auf zwei Beinen. Sie hob nur die Schultern. Ihr Blick tastete �ber seine Gestalt und blieb f�r einen winzigen Moment am Griff des Dolches h�ngen, der aus seinem G�rtel ragte. Rother fuhr leicht zusammen und sah sie - nun eindeutig schuldbewusst - an, dann fragte er: �Warum hast du es nicht getan?�</p><p>�Was?�</p><p>�Sie begleitet�, antwortete Rother. Robin suchte einen Moment nach Worten, doch Rother hob die Hand, machte eine erkl�rende Geste in die Richtung, in der die Reiter verschwunden waren, und fuhr fort: �Sie h�tten dich mitgenommen. Du w�rst frei.�</p><p>�Frei?�, wiederholte Robin �berrascht. �Was bringt dich auf die Idee, dass ich zu ihnen zur�ck will?�</p><p>�Nichts�, sagte Rother ernst. �Ich wei� nicht, ob du dich wieder den Assassinen anschlie�en willst. Aber ich wei�, dass du nicht bei uns sein willst.�</p><p>�Du ...�</p><p>�Mach mir nichts vor�, unterbrach sie Rother kopfsch�ttelnd.</p><p>�Und vor allem dir selbst nicht. Ich habe dich beobachtet, Robin. Ich wei�, du gibst dir M�he, es dir nicht anmerken zu lassen. Die anderen m�gen darauf hereingefallen sein, aber ich sehe dir an, dass du ungl�cklich bist.� Er sch�ttelte den Kopf. �Warum tust du dir das an, Bruder Robin?�</p><p>�Was?�, fragte Robin.</p><p>�Du geh�rst nicht zu uns�, sagte Rother geradeheraus.</p><p>�Ja, der Meinung ist Bruder Dariusz auch�, sagte Robin mit einem gequ�lten Grinsen, aber Rother blieb ernst.</p><p>�Das meine ich nicht�, sagte er. �Du bist nicht gl�cklich bei uns. Vielleicht f�llt es den anderen nicht auf, aber ich sehe dir an, wie du leidest.�</p><p>�Du bist ein guter Beobachter, wie?�, fragte Robin. <emphasis>Zumindest, was mich angeht, </emphasis>f�gte sie in Gedanken hinzu. Rother schwieg, und Robins Blick suchte erneut nach dem Dolch in seinem G�rtel. �Hat Dariusz dir aufgetragen ...?�</p><p>�Darauf zu achten, dass du in Safet ankommst - oder nirgendwo?� Rother nickte. �Ja.�</p><p>Robin war nicht �berrascht. �Und warum hast du seinen Befehl nicht befolgt?�</p><p>Rother hob nur die Schultern. Er schwieg.</p><p>�Dann sind wir ja quitt�, sagte Robin achselzuckend. �Was mich angeht, m�ssen Dariusz und die anderen nichts von diesem Treffen erfahren.�</p><p>�Ich verstehe�, sagte Rother. �Ich soll nicht nur seinen Befehl missachten, sondern ihn auch noch bel�gen.�</p><p>�Etwas <emphasis>nicht </emphasis>zu sagen ist nicht unbedingt eine L�ge�, stellte Robin richtig, aber sie hatte die Worte noch nicht einmal ganz ausgesprochen, als ihr auch schon klar wurde, dass auch sie schon wieder falsch gewesen waren.</p><p>�Eine L�ge wegzudiskutieren macht sie noch lange nicht zur Wahrheit�, widersprach Rother.</p><p>Er klang traurig; irgendwie verletzt, fand Robin. Sie verzichtete darauf, irgendetwas von alledem zu sagen, was sie zu diesem Thema - vor allem im Zusammenhang mit Bruder Dariusz - h�tte sagen k�nnen, sondern sah Rother nur noch einen Moment lang schweigend an und balancierte dann mit vorsichtig ausgebreiteten Armen die D�ne hinunter, um sich auf die Suche nach ihren Pferden zu begeben.</p></section><section><title><p>9. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Der Ritt nach Safet dauerte noch gute drei Stunden. Rother sprach in dieser Zeit kein einziges Wort mehr mit ihr, und auch der Abstand, in dem er sein Pferd neben ihrer Stute hertraben lie�, war deutlich gr��er als vor ihrem Zusammentreffen mit den Assassinen. Robin war nicht ganz sicher, ob sie das als Zeichen seiner Verletztheit oder des genauen Gegenteils deuten sollte - sp�testens Rothers verr�terischer Griff nach dem Dolch hatte ihr klar gemacht, dass Dariusz dem jungen Ritter ganz eindeutige Befehle erteilt hatte, was sie anging; aber sie hatte ihre Chance gehabt, genau das zu tun, was Dariusz offenbar vorausgesehen hatte, und sie hatte darauf verzichtet, sie zu ergreifen. Warum also sollte er sie weiter bewachen?</p><p>Robin sp�rte dennoch, dass das nicht die alleinige Erkl�rung daf�r war, dass Rother jetzt nicht nur einen sehr viel gr��eren Abstand zu ihr einhielt, sondern auch ihrem Blick auswich. Die wenigen Male, die sich ihre Blicke zuf�llig begegneten, las sie eine sonderbare Mischung aus Verachtung und einem Gef�hl tiefer Entt�uschung in seinen Augen, die sie sich zwar nicht erkl�ren konnte, die aber schmerzte. Sie versuchte sich damit zu beruhigen, dass Rother erstens ein vollkommen Fremder f�r sie war und er zweitens in wenigen Tagen ebenso rasch und spurlos wieder aus ihrem Leben verschwinden w�rde, wie er darin aufgetaucht war, und es ihr gleich sein konnte, was Rother �ber sie dachte - aber es wollte ihr nicht recht gelingen. Der junge Tempelritter bedeutete ihr mehr, als sie sich selbst eingestehen wollte. Unter all den M�nnern, mit denen sie zusammen gewesen war, seit sie das kleine Fischerdorf und ihr altes Leben hinter sich gelassen hatte, war Rother vielleicht der, auf den der Begriff <emphasis>Freund </emphasis>noch am ehesten zutraf; und Freundschaft war ein zu kostbares Gut, als dass Robin bereit war, es so einfach aufzugeben. Rother war ganz eindeutig nicht in der Stimmung, mit ihr zu reden. Aber sie nahm sich fest vor, es bei der ersten Gelegenheit nachzuholen, die sich ihr bot.</p><p>Nun aber - endlich - kam Safet in Sicht. Die Ordensfestung lag auf einem flachen H�gel, der das ebene Land ringsum trotzdem weit �berragte und der darauf errichteten Festung eine hervorragende strategische Position verlieh. Auch die Festung selbst, ein dem H�gel angepasstes, lang gezogenes Rechteck mit soliden Wehrt�rmen, auf denen die Banner des Ordens wehten, war nicht besonders gro�, verglichen mit vielen anderen Burgen, in denen sie gewesen war, doch was f�r den H�gel galt, das traf auf den aus gelblich-braunem Sandstein errichteten Bau noch viel deutlicher zu: In einem Land, in dem schon ein H�gel zum Berg wurde, wirkte auch ein kleines Kastell wie eine m�chtige Trutzburg.</p><p>Genau genommen war Safet weder das eine noch das andere, sondern schien irgendwo dazwischen angesiedelt zu sein; so, wie sich Robin auch nicht wirklich entscheiden konnte, ob die dazugeh�rige Ansammlung von Geb�uden nun ein besonders gro�es Dorf oder eine zu klein geratene Stadt darstellte. Die Siedlung schmiegte sich unterhalb der eigentlichen Burg an den Berg; ein wahres Sammelsurium der unterschiedlichsten Baustile und Architekturen, als h�tte jeder einzelne der zahllosen Herren, die Safet in den zur�ckliegenden Jahrhunderten gehabt hatte, fast schon eifers�chtig versucht, der Stadt das Antlitz seiner eigenen Kultur und Weltanschauung zu verleihen. Etliche der Geb�ude waren so alt, dass der Verfall schon sichtlich an ihnen nagte und sie - zumindest aus der Entfernung betrachtet - kaum noch mehr als Ruinen zu sein schienen, aber es gab auch gr��ere, fast schon prachtvolle Geb�ude und auf halber Strecke zur Festung hin einen Komplex, der f�r sich allein genommen schon beinahe so etwas wie eine kleine Burg darstellte.</p><p>Die meisten Geb�ude waren auf typisch maurische Art errichtet, aber es gab auch einige, die ganz eindeutig abendl�ndischen Schnittes waren, und zwei oder drei, die Robin gar nicht einordnen konnte. Genau aus dem Zentrum der Stadt stach die spitze Nadel eines Minaretts in den Himmel, und der momentane Stadthalter der Burg war zumindest umsichtig genug gewesen, <emphasis>kein </emphasis>christliches Kreuz auf ihrem golden schimmernden Kuppeldach zu errichten, sondern es bei den Fahnen des Templerordens zu belassen, die trotzig �ber den Zinnen und Wehrt�rmen der Burg wehten. Robin fragte sich mit einem Gef�hl leiser Sorge, wie lange das noch so bleiben w�rde. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Bruder Dariusz ein solches Symbol heidnischer G�tzenverehrung auch nur einen Tag in einer Stadt dulden w�rde, �ber die ein <emphasis>christlicher </emphasis>Herrscher gebot.</p><p>Dann fiel ihr noch etwas auf.</p><p>�Wo ist ... das Heer?�, fragte sie �berrascht.</p><p>Die Frage galt eigentlich nur ihr selbst, nachdem Rother w�hrend des gesamten restlichen Rittes so beharrlich geschwiegen hatte, aber der junge Ritter richtete sich dennoch ein wenig im Sattel auf und deutete mit ausgestrecktem Arm zur Burg hoch.</p><p>�Dort oben. Die Zelte. Siehst du sie nicht?�</p><p>Am Fu� der Mauern waren tats�chlich zahlreiche bunte Zelte aufgeschlagen, die Robin allein durch ihre schiere Zahl und die bunte Farbenvielfalt beinahe als Allererstes aufgefallen waren; gleich nach der goldenen Kuppel der Moschee. Es <emphasis>war </emphasis>ein Heerlager; ein ziemlich gro�es sogar. Nie zuvor hatte Robin so viele pr�chtige Zelte beieinander gesehen - es mussten �ber hundert Zelte unterhalb der Burg aufgeschlagen sein, und dazwischen bewegten sich zahllose, ger�stete Gestalten. Und trotzdem hatte sie nach Dariusz� Worten eindeutig <emphasis>mehr </emphasis>erwartet. Es war schwer, die Anzahl der Ritter und Waffenknechte zu sch�tzen, die dieses Zeltlager beherbergte, aber Robin glaubte nicht, dass es mehr als tausend waren. Und das sollte das gewaltige Heer sein, mit dem der K�nig Saladins vereinte Armeen schlagen wollte?</p><p>Sie kleidete ihren Gedanken in Worte, schon um das bedr�ckende Schweigen nicht wieder Gewalt �ber sie gewinnen zu lassen. Rother sah sie einen Moment lang nachdenklich an, und irgendwie brachte er selbst dabei das Kunstst�ck fertig, ihrem Blick auszuweichen, obwohl er ihr zugleich fest in die Augen sah. Schlie�lich hob er die Schultern und machte eine vage Kopfbewegung in n�rdlicher Richtung.</p><p>�Das Hauptlager liegt einen halben Tagesritt entfernt, bei Toron�, antwortete er. �Wir weiden sp�ter zu den anderen sto�en, sobald Dariusz und unsere Br�der eingetroffen sind.�</p><p>�Und sich Bruder Dariusz umgezogen und seine Waffen und seinen Helm auf Hochglanz poliert hat, meinst du�, fragte Robin l�chelnd.</p><p>Rother blieb ernst. �Nach all der Zeit und all den Anstrengungen und Entbehrungen freue ich mich ebenfalls darauf, mir den Staub der Reise von der Haut zu waschen und ein sauberes Kleid anzuziehen.� Mit einem fast sch�chtern wirkenden L�cheln, das ihn f�r einen Moment noch j�nger aussehen lie� - vielleicht zum ersten Mal so jung, wie er tats�chlich war, dachte Robin -, f�gte er hinzu: �Und vielleicht sogar eine Nacht in einem richtigen Bett.�</p><p>Nun war Robin ehrlich �berrascht. Nach allem, was sie - nicht nur in diesem Land, sondern auch zu Hause und auf dem Weg hierher - mit ihren Ordensbr�dern erlebt hatte, war <emphasis>Sauberkeit </emphasis>so ziemlich das Letzte, was sie auf Rothers - oder der Wunschliste irgendeines anderen Tempelritters - erwartet h�tte; Bruder Dariusz vielleicht einmal ausgenommen.</p><p>Rother wollte weiterreiten, aber Robin beugte sich rasch im Sattel vor und griff nach dem Zaumzeug seines Pferdes.</p><p>�Warte.�</p><p>Der Hengst warf mit einem �rgerlichen Schnauben den Kopf zur�ck und versuchte sogar nach ihr zu bei�en, fast als h�tte er ihre Gedanken vom Vormittag gelesen und ihr noch immer nicht endg�ltig verziehen, dass sie auch nur mit dem <emphasis>Gedanken </emphasis>gespielt hatte, ihn zu t�ten, und auch Rother sah sie fast schon erschrocken an.</p><p>�Eine Frage noch�, sagte Robin - nachdem sie hastig die Hand zur�ckgezogen und dem Hengst einen irritierten Blick zugeworfen hatte. Rother legte fragend den Kopf auf die Seite.</p><p>�Vorhin�, sagte Robin. �Salims M�nner ... ich muss einfach wissen, ob du Dariusz alles haarklein erz�hlen willst.�</p><p>Sie konnte Rother ansehen, in welche Verlegenheit sie ihn mit dieser Frage st�rzte, aber er w�rde sie so oder so beantworten m�ssen - entweder jetzt und ihr oder sich selbst und sp�ter, wenn er Dariusz gegen�bertrat. Er antwortete auch nicht gleich, sondern z�gerte gerade lange genug, um ihrer nagenden Sorge neue Nahrung zu geben, und schlie�lich fragte er: �Warum bist du nicht mit ihnen gegangen?�</p><p>�H�ttest du es denn zugelassen?�</p><p>Sie bedauerte augenblicklich, die Frage �berhaupt gestellt zu haben. Sie kannte die Antwort darauf. Rother h�tte sie schwerlich einfach gehen lassen, aber er h�tte sie auch nicht zur�ckhalten k�nnen. H�tte sie sich entschieden, den Assassinen zu folgen, so w�re ihm nur die Wahl geblieben, die Achtung vor sich selbst zu verlieren oder sich von Salims M�nnern umbringen zu lassen.</p><p>�Es macht keinen so gro�en Unterschied mehr�, sagte sie, als Rother auch darauf nicht antwortete. �Du hast geh�rt, was die M�nner gesagt haben: Salim erwartet mich in seinem Zelt vor der Stadt. Wir werden tun, was Dariusz uns aufgetragen hat, und dann werde ich zu ihm gehen.�</p><p>�Warum?�, fragte Rother.</p><p>Robin wollte ganz impulsiv antworten, aber dann las sie etwas tief in seinen Augen, was ihr sagte, dass von ihrer Antwort m�glicherweise mehr abhing, als ihr bewusst war, und so formulierte sie ihre Worte �u�erst sorgf�ltig. �Immerhin hat Sheik Sinan mich aus der Sklaverei freigekauft. Streng genommen bin ich sein Eigentum - zumindest nach seinen Wertvorstellungen.� Sie hob rasch die Hand, als sie sah, wie Rother auffahren wollte, und fuhr mit einem Kopfsch�tteln und der Spur eines angedeuteten L�chelns fort: �Ich wei�, was du sagen willst, Rother. Kein Christenmensch kann der Sklave eines Heiden sein, und ein Bruder unseres Ordens schon gar nicht. Aber ich habe dem Alten vom Berge meine Freiheit zu verdanken und vielleicht sogar mein Leben. Und sie haben mich gut behandelt. Ich habe ihm mein Wort gegeben, nicht zu fliehen.�</p><p>�Er ist ein Heide�, sagte Rother. �Du bist nicht an das Wort gebunden, das du ihm gegeben hast. Schon gar nicht unter Druck.�</p><p>�Das mag sein�, antwortete Robin ruhig, obwohl ihr danach zumute war, etwas g�nzlich anderes zu sagen. �Und Sheik Sinan ist ein vern�nftiger Mann, der das wohl ebenso sehen wird. Aber er ist auch ein Mann, der gro�en Wert auf Ehre und die Einhaltung seiner Regeln legt. Und die Assassinen sind unsere Verb�ndeten. Es w�re dumm, dieses B�ndnis ohne Not zu gef�hrden. Ich bin sicher, Bruder Dariusz und er werden eine L�sung finden.�</p><p>Rother starrte sie an. In seinem Gesicht arbeitete es, und Robin konnte ihm regelrecht ansehen, dass er nach einem Fehler in ihrer Argumentation suchte, irgendeiner Ungereimtheit, mit der er sie der L�ge �berf�hren konnte. Seine Antwort fiel auch entsprechend aus. �Und das ist dann auch wirklich alles?�</p><p>�Was sollte es denn noch sein?�, fragte Robin. Rother schwieg, nicht weil er die Antwort nicht wusste, sondern weil sie ihm sichtlich unangenehm war, und nach ein paar Augenblicken fuhr Robin fort: �Was ist, Rother?� Sie machte eine ausholende Handbewegung in die Richtung, aus der sie gekommen waren.</p><p>�Du hast schon einmal eine solche Andeutung gemacht. Was sind das f�r <emphasis>Ger�chte, </emphasis>die man sich �ber mich erz�hlt?�</p><p>Es war ein Schuss ins Blaue. Genau genommen drehten sich die Ger�chte, von denen Rother ihr erz�hlt hatte, um Bruder Dariusz, nicht um sie. Aber sie erkannte an seiner Reaktion, dass sie ihn getroffen hatte.</p><p>�Also?�</p><p>Rother wich ihrem Blick aus. �Dieser ... Salim, von dem die Assassinen vorhin gesprochen haben ...�</p><p>�Sinans Sohn.�</p><p>�Der Sohn des Alten vom Berge, ja�, best�tigte Rother. �Man erz�hlt sich, er ... er w�re nicht nur den Frauen zugeneigt.�</p><p>Robin starrte ihn verbl�fft an. Es dauerte einige Augenblicke, bis ihr der Sinn von Rothers Worten wirklich bewusst wurde - und dann wusste sie nicht, ob sie emp�rt reagieren oder lauthals loslachen sollte. �Salim und ...?� Robin konnte ein Grinsen nicht mehr ganz unterdr�cken, das allerdings weitaus mehr Rothers Reaktion galt als dem, was er gesagt hatte. Unter der Sonnenbr�une und all dem Schmutz auf seinem Gesicht lief der junge Tempelritter tats�chlich rot an. �Ganz bestimmt nicht.�</p><p>�Man sagt, es g�be einen jungen Tempelritter, mit dem Sinans Sohn das Zelt teilt�, antwortete er. �Und nicht nur das.�</p><p>Robin fand es beinahe r�hrend, dabei zuzusehen, wie Rother von etwas zu reden versuchte, woran er seiner Auffassung nach vermutlich nicht einmal <emphasis>denken </emphasis>durfte, ohne mit mindestens einem Jahrhundert Fegefeuer bestraft zu werden. Und schlie�lich konnte sie nicht mehr anders, als vor Lachen laut herauszuplatzen.</p><p>�Was ist so komisch?�, erkundigte sich Rother in beleidigtem Ton.</p><p>�Du�, antwortete Robin, nachdem sie sich wieder halbwegs beruhigt hatte, aber immer noch mit einem breiten Grinsen. �Ihr alle, Rother. Ich dachte immer, dass nur die Waschweiber Klatsch und Tratsch verbreiten, aber meine eigenen Ordensbr�der scheinen schlimmer zu sein.�</p><p>�Diese Ger�chte ...�</p><p>�... stimmen�, fiel ihm Robin ins Wort. Ihr Grinsen wurde noch breiter, w�hrend sie sich unverhohlen an dem Ausdruck wachsender Fassungslosigkeit weidete, der von seinem Gesicht Besitz ergriff. Schlie�lich fuhr sie leise lachend fort: �Dieser junge Tempelritter, �ber den ihr euch offensichtlich trotz Bruder Dariusz� Schweigegel�bde die M�uler zerrissen habt, bin ich.�</p><p>Rother wurde kreidebleich. �Du?!�</p><p>�Ich <emphasis>habe </emphasis>das Zelt mit ihm geteilt�, best�tigte Robin gen�sslich, �und oft genug auch sein Gemach in der Burg seines Vaters. Salim und ich sind gute Freunde geworden.� Sie lachte laut auf, als sich der Ausdruck von Fassungslosigkeit auf Rothers Z�gen in etwas verwandelte, das sie nur noch als blankes Entsetzen bezeichnen konnte, warnte sich aber zugleich selbst in Gedanken, den Bogen nicht zu �berspannen.</p><p>�Und gerade deshalb kann ich dir eines versichern, Rother�, fuhr sie fort. �Salim ist ganz gewiss nicht dem m�nnlichen Geschlecht zugetan. Ganz im Gegenteil.�</p><p>Rother fuhr sich nerv�s mit dem Handr�cken �ber das Kinn. Das Gespr�ch wurde ihm immer peinlicher. Er wich ihrem Blick aus. �Ich ... glaube nicht, dass ich Einzelheiten h�ren will�, sagte er unbehaglich.</p><p>�Ich hatte auch nicht vor, sie vor dir auszubreiten�, antwortete Robin am�siert. �Es sei denn, du bestehst darauf.�</p><p>Rother funkelte sie an, dann zwang er seinen Hengst mit einem schon fast brutalen Ruck am Z�gel herum und ritt weiter. Robin sah ihm kopfsch�ttelnd und immer noch breit grinsend nach, und sie lie� ihm auch ganz bewusst zwanzig oder drei�ig Schritte Vorsprung, ehe sie ihm folgte. Sosehr sie der kleine Zwischenfall - und vor allem Rothers Reaktion - auch am�siert hatte, machten ihr die Worte des jungen Ritters doch klar, wie d�nn das Eis war, auf dem sie sich bewegte. Rother hatte sich das nicht ausgedacht. Es <emphasis>gab </emphasis>diese Ger�chte, und sie kamen der Wahrheit n�her, als ihr lieb sein konnte. Robin hatte bisher geglaubt, in Sinans Bergfestung nicht nur am Ende der Welt, sondern auch mehr oder weniger von ihr vergessen zu sein, aber es schien wohl doch eher <emphasis>weniger </emphasis>gewesen zu sein. So unterschiedlich sie auch sein mochten, in diesem Punkt unterschieden sich ihre Heimat und dieses fremde Land nicht sonderlich: Auch hier hatten Ger�chte Fl�gel, und sie wurden gr��er, je absurder die aufgestellten Behauptungen waren.</p><p>Eines aber verstand sie nun umso weniger: Ganz zweifellos mussten diese Ger�chte auch Bruder Dariusz zu Ohren gekommen sein. Warum hatte er nicht darauf reagiert? Bewiesen oder nicht, dieser Verdacht allein h�tte ihm jeden Vorwand geliefert, sie in Ketten zu legen oder auch gleich zu t�ten. Das war etwas, was sie im Auge behalten - und wor�ber sie vor allem mit Salim reden - musste, sobald sie sich wiedersahen.</p><p>Salim ...</p><p>Ein Gef�hl warmer Vorfreude begann sich in ihr auszubreiten, als sie an Salim dachte. Seit dieser Albtraum angefangen hatte, hatte sie ihn ganz bewusst aus ihren Gedanken verbannt, denn es gab keine gr��ere Qual als entt�uschte Hoffnung, aber nun gab es keinen Grund mehr daf�r. Bald, vielleicht in wenigen Stunden schon, w�rde sie ihn wiedersehen, und es war nicht nur die Erinnerung an seine starke Umarmung und seine sanften K�sse, die aus dem blo�en Gedanken an ihn ein ungeduldiges, warmes Kribbeln werden lie�, das sich langsam in ihrem ganzen K�rper ausbreitete. Selbst der Gedanke an Dariusz und das, was er m�glicherweise (nein: bestimmt!) plante, vermochte sie nicht mehr zu erschrecken. Salim war hier, und er w�rde sie besch�tzen, vor Bruder Dariusz, vor diesen dummen Ger�chten, und wenn es sein musste, vor der ganzen Welt.</p></section><section><title><p>10. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Sie brauchten noch eine gute halbe Stunde, um den Fu� des H�gels und damit die Stadt zu erreichen. Schon von weitem drangen ihnen L�rm und ein aufgeregtes Durcheinander von Stimmen und Rufen entgegen, und der Weg hinauf zur eigentlichen Burg war gedr�ngt voll. Es gab schwerf�llige Ochsenkarren, Esel, Kamele und Maultiere, die mit Vorr�ten, Zelten, Tonkr�gen, F�ssern und Kisten beladen waren und sich in einer schier endlosen Kolonne die grob gepflasterte Stra�e zur Festung hinaufqu�lten. Das Stimmengewirr wurde so laut, dass sie nicht einmal mehr dann mit Rother h�tte reden k�nnen, wenn sie es gewollt h�tte, und ein paar Mal wurden sie in dem Gewimmel aus Menschen, Tieren und hoch beladenen Fahrzeugen voneinander getrennt. Niemand nahm Notiz von ihnen. So auff�llig ihre wei�en M�ntel bisher gewesen waren, so normal war der Anblick bewaffneter christlicher Ritter hier offensichtlich. Beim Ritt durch die Siedlung bemerkte Robin, dass auf die meisten H�user mit roter Farbe das Tatzenkreuz der Templer aufgemalt war. Sie geh�rten dem Orden. Safet mochte als Sammelpunkt f�r die verschiedenen christlichen Heere dienen, aber diese <emphasis>Stadt </emphasis>stand ganz eindeutig unter dem Befehl der Templer. Die H�user waren hellbraun verputzt, doch da, wo dieser Putz abbr�ckelte, sah man denselben Naturstein, aus dem auch die Burg gebaut war.</p><p>Vom Zeltlager her wehte Bratengeruch her�ber, der Robin das Wasser im Mund zusammenlaufen lie�. Ihr Magen knurrte h�rbar und erinnerte sie daran, dass sie seit Tagen von nichts anderem als abgestandenem Wasser und schmalen Rationen lebte, die selbst ohne den anstrengenden Ritt kaum ausgereicht h�tten, ihren Hunger zu stillen.</p><p>Eine h�lzerne Br�cke f�hrte �ber einen Graben, der vor dem Burgtor in den nackten Fels geschlagen worden war. Hinter dem Fallgatter bog der Torweg scharf nach rechts ab, ein Anblick, der Robin auf schon fast unheimliche Art an den Zugang zu Sinans Bergfestung erinnerte. Der Weg f�hrte parallel zum Burggraben wie ein Tunnel durch die meterdicke Mauer der Festung; ein gemauerter Tunnel, in dem nur tr�bes Zwielicht herrschte. Wie Speere aus Licht stachen einige Sonnenstrahlen durch das Dunkel. Sie fielen durch faustgro�e L�cher hoch �ber ihnen in der gew�lbten Decke, vermutlich Pechnasen, um Angreifer, die durch den Tunnel st�rmten, mit siedendem �l zu begie�en. Der Hufschlag ihrer Pferde hallte laut im Tunnel wider, und nach der Hitze des Mittags war es hier drinnen angenehm k�hl. Nach allem, was sie auf dem Weg hierher erlebt hatten, h�tte sich Robin in dieser uneinnehmbar scheinenden Festung sicher f�hlen m�ssen, aber das genaue Gegenteil war der Fall: Sie f�hlte sich eingesperrt und gefangen, so sehr, dass sie das Gef�hl hatte, kaum noch atmen zu k�nnen. Als Robins Augen sich an die Dunkelheit gew�hnt hatten, bemerkte sie W�chter in wei�en Waffenr�cken, die in den Nischen des Tunnels auf gemauerten B�nken kauerten. Die meisten schenkten den beiden Reitern mit den wei�en M�nteln kaum Aufmerksamkeit, was sie im ersten Moment erleichterte; aber nur im wirklich <emphasis>allerersten </emphasis>Moment. Danach war sie ersch�ttert, wie leicht es in dieser Gewandung war, alle Wachen zu passieren und die Festung zu betreten.</p><p>Nach kaum drei�ig Schritten machte der Tunnel eine scharfe Biegung und �ffnete sich auf den Burghof. Das helle Tageslicht blendete Robin. Knechte eilten herbei, um ihr und Rother aus den S�tteln zu helfen und ihre Pferde zu versorgen, aber Robin sah im allerersten Moment nur verschwommene Schemen. Jemand sprach sie an, wandte sich dann aber mit einem wortlosen Achselzucken ab, als sie nicht antwortete, und Robin blinzelte ein paar Mal und fuhr sich schlie�lich mit dem Handr�cken �ber die Augen, um die Tr�nen fortzuwischen. Sie sp�rte, wie sie dabei auch den Schmutz und Staub auf ihrem Gesicht noch weiter verschmierte, tr�stete sich aber damit, dass der Unterschied wahrscheinlich kaum noch auffiel.</p><p>Der Hof war voller Menschen. Gesinde, M�nner in leinenen Bu�gew�ndern und barfuss, Ritter und Turkopolen, Waffenknechte in Waffenr�cken aller Farben. Auf der linken Seite des Hofes lagen die Stallungen. Eine breite Treppe f�hrte hinauf zum �stlichen Wehrgang. Genau gegen�ber des Ausgangs aus dem Tortunnel lag eine kurze Treppe, die hinauf zum mit pr�chtigen Steinmetzarbeiten versehenen Torbogen des Hauptportals des Palas f�hrte, dem Wohnbereich der Burg.</p><p>Besonders ins Auge sprang Robin jedoch eine S�nfte aus dunklem Holz, die mit scharlachroten Vorh�ngen verh�ngt war. Eine Gruppe junger, ausnehmend sch�ner M�nner sa� in der N�he auf dem nackten Boden oder den Treppenstufen. Sie trugen W�mser, auf die das goldgelbe Kreuz des K�nigreichs Jerusalem gestickt war. Dicht bei der S�nfte standen Ritter in voller Montur - langes Kettenhemd, schwarzer Schild, schwarzer Waffenrock. Ihre Gesichter waren verdeckt durch ein feinmaschiges, ebenfalls schwarzes Kettengeflecht, das unter dem Nasenschutz ihrer normannischen Helme eingehakt war. Im allerersten Moment dachte Robin an Johanniter und wunderte sich ein wenig, diese Ordensritter inmitten einer Templerburg zu sehen. Dann bemerkte sie, dass die Ritter kein wei�es Kreuz auf dem Waffenrock trugen, wie es bei den Johannitern �blich war. Auch schien sich niemand in die N�he dieser schwarzen Ritter oder der S�nfte zu wagen. Knechte wie Ritter machten einen weiten Bogen um die Schwarzgewandeten, wenn ihr Weg sie �ber diesen Teil des Hofs f�hrte.</p><p>Rother warf ihr einen warnenden Blick zu, auf den sie aber nur mit einem hilflosen Schulterzucken antworten konnte. Sie wusste nicht, wer diese M�nner waren, aber ganz offensichtlich gefielen sie ihm ebenso wenig wie ihr. Rother wirkte weiter unschl�ssig, w�hrend Robin ihr Unbehagen absch�ttelte - schlie�lich waren sie hier in einer Ordensburg! - und den Fremden neugierig entgegenging, als der Vorderste pl�tzlich herumfuhr, mit einer h�lzernen Rassel heruml�rmte und mit heiserer Stimme �Unrein! Unrein!� rief.</p><p>Erschrocken zuckte Robin zur�ck. Die rechte Hand des Ritters war mit Verb�nden umwickelt und wirkte unf�rmig, als w�ren die Finger unter dem schmutzigen Stoff deutlich dicker als die der anderen Hand oder als h�tte er <emphasis>mehr </emphasis>Finger, als er haben sollte ... Seine Rassel war mit einer groben Schnur an der Hand festgebunden. Das Gesicht des schwarzen Ritters war nicht zu sehen, denn er trug einen Gesichtsschutz aus Kettengeflecht, der nur die Augen freilie�.</p><p>Eine Hand griff nach Robins Schulter. Sie wurde ruckartig zur�ckgezogen und h�tte um ein Haar das Gleichgewicht verloren. Mit hastig rudernden Armen fand sie ihre Balance wieder, fuhr noch in der gleichen Bewegung heraus auf dem Absatz herum und wollte w�tend auffahren, machte aber dann nur ein �berraschtes Gesicht. Es war niemand anderer als Rother, der sie so unsanft zur�ckgerissen hatte. �Was ...?�</p><p>�Du solltest diesen Rittern besser nicht zu nahe kommen�, sagte Rother rasch. Er zog die Hand zur�ck; so hastig, als w�re es ihm unangenehm, sie ber�hrt zu haben, und wich rasch um einen weiteren Schritt zur�ck.</p><p>�Was soll das?�, fragte Robin ver�rgert. �Wer sind diese M�nner? Und wieso glauben sie, ich w�re <emphasis>unrein?�</emphasis></p><p>Rother l�chelte fl�chtig. �Nicht du�, sagte er. �Sie sind unrein. Niemand darf ihnen nahe kommen. Sie wollten dich warnen.�</p><p>�Warnen?� Robin sah verwirrt �ber die Schulter zu dem Ritter in Schwarz zur�ck, der seinen Weg unbeeindruckt fortsetzte.</p><p>�Wovor?�</p><p>�Das sind Ritter vom Orden des Heiligen Lazarus�, antwortete Rother. �Du hast noch nie von ihnen geh�rt?� Robin verneinte, und Rother fuhr mit einer erkl�renden Geste - und einem �bertrieben geschauspielerten Schaudern und einer entsprechenden Grimasse - fort: �Sie alle haben die Lepra. Du darfst ihnen nicht nahe kommen. Alles, was sie ber�hren, wird unrein.�</p><p>Robin wollte antworten, doch in diesem Augenblick �ffnete sich das hohe Tor des Palas. Eine Gruppe M�nner kam die Treppe herab, angef�hrt von einer schlanken Gestalt in einem prachtvollen roten Waffenrock, den zwei Ritter vom Orden des Heiligen Lazarus st�tzen mussten.</p><p>�Wer ist das?�, fragte Robin stirnrunzelnd. �Noch ein leprakranker Ritter?�</p><p>�K�nig Balduin�, fl�sterte Rother. Seine Stimme bebte vor Ehrfurcht.</p><p>Robin fuhr �berrascht zu ihm herum. Ihr Blick irrte unstet zwischen Rother und der ausgemergelten Gestalt zwischen den beiden Lazarusrittern hin und her. �K�nig Balduin?�, wiederholte sie ungl�ubig. <emphasis>Diese Jammergestalt? </emphasis>Sie war trotz ihrer �berraschung klug genug, diese letzten beiden Worte nicht laut auszusprechen, aber irgendwie schien Rother sie trotzdem zu h�ren, denn aus seinem Gesicht wich auch noch das allerletzte bisschen Farbe, und in seinem Blick erschien ein Ausdruck puren Entsetzens. Er sagte kein Wort, aber er blickte Robin fast flehend an, nicht weiterzusprechen. Als Robin sich wieder zur Treppe umwandte, sah sie aus den Augenwinkeln, wie sich Rother auf das linke Knie hinabsinken lie� und dem�tig das Haupt senkte; und nicht nur er. Rasch und so gut wie lautlos sank - mit Ausnahme der Ritter in den schwarzen R�stungen - jedermann auf dem Hof auf die Knie, bis sie selbst praktisch die Einzige war, die noch aufrecht stand.</p><p>Hastig holte sie ihr Vers�umnis nach, aber m�glicherweise doch nicht schnell genug, denn nicht nur Rother starrte sie weiter beinahe verzweifelt an. Hier und da drehte sich ein Kopf in ihre Richtung. Stirnen wurden strafend gerunzelt, und Robin glaubte die missbilligenden Blicke, die sie in den R�cken trafen, beinahe k�rperlich zu sp�ren. Und das Schlimmste war, dass auch die ausgemergelte Gestalt in dem roten Wappenrock den Kopf drehte und kurz in ihre Richtung sah. Ihr Gesicht war durch einen Schleier verh�llt, sodass Robin nur einen schmalen Streifen seiner Stirn erkennen konnte, die blass wie Marmor war. Dennoch glaubte sie seinen Blick durch den feinmaschigen Stoff des Schleiers hindurch zu sp�ren, und f�r einen winzigen Moment war sie vollkommen sicher, dass Balduin seinen Weg unterbrechen und sie ansprechen w�rde. Aber der K�nig ging an ihr vor�ber, ohne auch nur im Schritt zu stocken, und Robin schalt sich in Gedanken eine N�rrin. Sie nahm sich eindeutig zu wichtig. F�r den K�nig war sie nur ein Ritter unter Dutzenden hier auf dem Hof, wenn nicht Hunderten. Warum sollte er sie ansprechen?</p><p>Der K�nig und seine beiden Begleiter waren nicht allein aus dem Haus gekommen. In einigem Abstand folgten ihnen eine Gruppe weltlicher Ritter in bunten Waffenr�cken sowie einige Templer in vollem Ordensornat, bei deren Anblick Robins Herz unwillk�rlich schneller zu schlagen begann.</p><p>Rother nickte verstohlen in Richtung des vordersten Templers, eines hoch gewachsenen Mannes mit asketischem, fast schon ausgezehrt wirkendem Gesicht, dessen schwarzes Haar an den Schl�fen bereits grau zu werden begann. �Odo von Saint-Amand�, fl�sterte er. �Unser Gro�meister. Und der grimmig Blickende hinter ihm ist Gerhard von Ridefort, der Ordensmarschall.�</p><p>Also hatte Dariusz nicht �bertrieben, dachte Robin. Ganz offensichtlich war die gesamte F�hrungsspitze des Ordens hier zusammengekommen; und wohl nicht nur des Templerordens.</p><p>Ein Ritter im gelben Waffenrock, dessen Wappen eine zersprengte Kerkerkette zeigte, lachte schallend auf, als h�tte er ihre Verbl�ffung bemerkt und am�siere sich k�stlich dar�ber. Was nat�rlich der pure Unsinn war. Robin sa� mittlerweile wie alle anderen auf ein Knie herabgesunken und mit gesenktem Haupt da und beobachtete ihn und die anderen Ritter verstohlen aus den Augenwinkeln. Dennoch fiel ihr auf, wie sehr sich dieser Ritter von den meisten M�nnern hier unterschied. Nahezu alle anderen Gesichter (einschlie�lich ihres eigenen, wie sie vermutete) waren verh�rmt und ausgezehrt, von den Spuren �berstandener Strapazen gezeichnet oder vernarbt. Sie sah nirgendwo ein L�cheln oder auch nur einen Ausdruck wirklicher Zuversicht - au�er auf dem Gesicht dieses Mannes. Es war nicht nur sein Lachen, das auf dem pl�tzlich so still gewordenen Burghof ungewohnt und beinahe st�rend wirkte. <emphasis>Er selbst </emphasis>strahlte eine Zuversicht und Kraft aus, die Robin selbst �ber die Entfernung hinweg sp�rte.</p><p>�Wer ist das?�, fragte sie im Fl�sterton.</p><p>�Rainald de Ch�tillion�, antwortete Rother ebenso leise.</p><p>�F�rst von Oultrejourdain und sicher einer der tapfersten Ritter des K�nigreichs. Kaum jemand hat so viele Heiden erschlagen wie er.� Obwohl er fl�sterte, konnte Robin deutlich die Begeisterung in seiner Stimme h�ren, die Rother allein beim Klang dieses Namens versp�rte. Und auch wenn sie selbst noch nie von diesem angeblich so tapferen Recken geh�rt hatte, glaubte sie Rother fast zu verstehen.</p><p>Rainald de Ch�tillion war ihr praktisch auf Anhieb sympathisch - was sie fast ebenso unmittelbar mit einem heftigen schlechten Gewissen erf�llte. Er war von stattlicher Statur und hatte schulterlanges, hellblondes Haar, das im hellen Licht der Nachmittagssonne fast wei� schimmerte, und alles an ihm schien pure Lebenskraft und Energie auszustrahlen. Er war nicht einmal wirklich so gro�, wie Robin im allerersten Moment geglaubt hatte, aber die unb�ndige Kraft, die er ausstrahlte, lie� jeden anderen Mann in seiner N�he seltsam klein wirken. Seinem wettergegerbten Gesicht sah man deutlich an, dass er schon lange unter der Sonne des Orients lebte.</p><p>Abermals meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Auch wenn es ihr selbst fast albern vorkam, so hatte sie doch das absurde Gef�hl, sich irgendwie gegen Salim zu vers�ndigen, wenn sie diesen gut aussehenden jungen Ritter auch nur zu lange ansah. Und au�erdem war da noch Rother. Auch wenn Robin nicht einmal in seine Richtung sah, konnte sie seine Blicke doch fast k�rperlich sp�ren. Auch wenn er sich mit ihrer Erkl�rung �ber ihre Beziehung zu Salim zufrieden gegeben hatte, so war sein Misstrauen doch noch lange nicht endg�ltig zerstreut. Besser, sie lie� ihn nicht <emphasis>zu </emphasis>deutlich sehen, wie sehr sie einen <emphasis>Mann </emphasis>bewunderte ...</p><p>Als sie wieder in Richtung der S�nfte blickte, stemmten die h�bschen J�nglinge die S�nfte des K�nigs gerade in die H�he, und der Zug verlie�, begleitet von den unheimlichen schwarzen Rittern des Lazarusordens, den Burghof. Robin atmete innerlich auf, auch wenn sie die Erleichterung, die sie beim Anblick der abziehenden Ritter �berkam, selbst nicht ganz verstand. Sie hatte das unheimliche Gef�hl gehabt, dass etwas Schreckliches geschehen w�rde, wenn sie noch lange in der N�he des K�nigs und seiner unheimlichen Begleiter bliebe.</p><p>�Wir m�ssen Bruder Horace suchen.� Rothers Stimme holte sie in die Wirklichkeit zur�ck, w�hrend er �chzend aufstand und sich den Staub vom Knie klopfte; was angesichts seines vollkommen verdreckten Aufzuges einigerma�en l�cherlich wirkte. �Wir haben schon viel zu viel Zeit verloren. Bruder Dariusz wartet auf die Pferde und saubere Kleider.�</p><p>�Das w�re ja fast ein Grund, sich erst einmal in aller Ruhe die Burg anzusehen�, antwortete Robin, wurde aber sofort wieder ernst, als sie Rothers Blick begegnete. Sie deutete auf den Torbogen, durch den der K�nig verschwunden war.</p><p>�Was ist mit ihm?�</p><p>�Mit wem?�</p><p>�Balduin�, antwortete Robin. �Der K�nig. Was fehlt ihm?�</p><p>Der Ausdruck von Verst�ndnislosigkeit auf Rothers Gesicht nahm eher noch zu. �Du ... wei�t nicht, dass der K�nig krank ist?�</p><p>Robin sch�ttelte den Kopf. �Ich war in den letzten beiden Jahren ... anderweitig besch�ftigt�, sagte sie. Und in der Zeit davor hatte sie sich wenig f�r den K�nig interessiert; so wenig, wie sie es auch im Grunde jetzt noch tat. Die K�nige von Outremer wechselten so schnell, dass es sich kaum lohnte, sich ihre Namen zu merken. Dennoch hatte sie geh�rt, dass es um K�nig Balduins Gesundheit nicht zum Besten stand. Nicht umsonst nannte man ihn auch (hinter vorgehaltener Hand) �berall den <emphasis>kranken K�nig. </emphasis>Aber das ...</p><p>�Du wei�t es wirklich nicht�, sagte Rother, der nun ehrlich verbl�fft klang. Er senkte die Stimme. �Der K�nig hat Lepra.�</p><p>Robin riss ungl�ubig die Augen auf. �K�nig Balduin ist auss�tzig?�, entfuhr es ihr.</p><p>Rother gestikulierte ihr hastig zu, leiser zu sprechen. �Du solltest dieses Wort vielleicht besser nicht verwenden.� Er fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen und wich ihrem Blick aus. �Sprich mit Bruder Dariusz dar�ber, wenn du willst, aber jetzt lass uns unseren Auftrag erf�llen.�</p><p>Sie betraten den Palas �ber die Au�entreppe. Rother bewegte sich schnell und so sicher, dass Robin nicht daran zweifelte, dass er den Weg kannte. Er war nicht zum ersten Mal hier. Robin wurde mehr und mehr bewusst, wie wenig sie im Grunde �ber den jungen Tempelritter wusste. Sie hatte nie dar�ber nachgedacht, warum Dariusz ausgerechnet Rother und sie nach Safet vorausgeschickt hatte, immerhin die beiden j�ngsten und unerfahrensten Mitglieder seiner kleinen Truppe, aber zumindest was Rother anging, hatte sie nun die Antwort. Rother war nicht nur eindeutig schon einmal hier gewesen, sondern kannte sich ganz offensichtlich aus; die Schritte, mit denen er vorauseilte, waren die selbstverst�ndlichen, zielsicheren Bewegungen eines Menschen, der sich auf vertrautem Terrain bewegt. Robin fragte sich, ob das nur auf die Baulichkeiten zutraf.</p><p>Im Inneren des Geb�udes war es k�hl und so dunkel, dass Robin ohne Rothers F�hrung vollkommen hilflos gewesen w�re. Die Ritter, die ihnen entgegenkamen - ausnahmslos Templer - trugen hier drinnen weder Kettenhemden noch Wappenr�cke, sondern schlichte, lange Gew�nder, mit einer groben Schnur anstelle eines G�rtels. Sie sahen eher aus wie M�nche. Keiner von ihnen war bewaffnet.</p><p>Als sie das Treppenhaus erreichten, stieg Essensduft von unten zu ihnen herauf. Robins Magen knurrte erneut und diesmal so laut und nachhaltig, dass Rother im Gehen �ber die Schulter zur�cksah und ihr einen am�sierten Blick zuwarf.</p><p>�Nicht mehr lange�, sagte er. �Wir reden mit Bruder Horace und �berbringen ihm Dariusz� W�nsche, und danach wird man uns sicher etwas zu essen geben.<emphasis>�</emphasis></p><p>Robin l�chelte matt. �Sieht man es mir so deutlich an?�</p><p>�Dass du Hunger hast?� Rother sch�ttelte den Kopf und verlangsamte seine Schritte gerade weit genug, damit sie zu ihm aufschlie�en konnte. �Nein. Aber du hast in den letzten Tagen noch viel weniger gegessen als ich. Und <emphasis>ich </emphasis>sterbe vor Hunger.�</p><p>Robin sah ihn nachdenklich an. �Du hast mich ziemlich aufmerksam beobachtet, wie? Hat Bruder Dariusz dir den Auftrag dazu erteilt?�</p><p>�Jedem von uns wird ein anderer Bruder zugewiesen, den er im Auge beh�lt�, sagte Rother ausweichend.</p><p>�Das ist keine Antwort�, sagte Robin.</p><p>�Und wenn?�, fragte Rother trotzig.</p><p>Diesmal war es Robin, die ihm die Antwort schuldig blieb. Vielleicht wollte sie sie gar nicht wissen. Von allen, die sie seit ihrem Weggang aus dem Fischerdorf getroffen hatte, war Rother der Einzige, f�r den sie so etwas wie Sympathie empfand, und vielleicht sogar ein bisschen mehr, denn er war zugleich auch der Einzige, der ihr nicht mit Misstrauen oder unverhohlener Verachtung begegnet war. Der Gedanke, dass sein freundliches Verhalten nichts anderes als Kalk�l gewesen sein sollte, schmerzte sie mehr, als sie sich eingestehen wollte.</p><p>Endlich erreichten sie einen schmalen Gang mit Schie�scharten auf der einen Seite und drei T�ren auf der anderen. Rother klopfte an eine dieser T�ren. Eine Stimme drang dumpf durch das dicke Holz. Robin konnte die Worte nicht verstehen, und sie bezweifelte auch, dass Rother es tat. Dennoch schien ihm diese Antwort zu gen�gen, denn er schob den Riegel zur�ck und trat, ohne zu z�gern, in den dahinter liegenden Raum. Robin folgte ihm.</p><p>Genau zwei Schritte weit, bevor sie so pl�tzlich stehen blieb, als w�re sie gegen ein unsichtbares Hindernis gelaufen. Ihr Atem stockte, und sie konnte selbst sp�ren, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich, w�hrend sie den Komtur von Safet anstarrte, der in einem hochlehnigen Stuhl hinter einem niedrigen Tisch sa� und ihr ruhig entgegensah.</p><p>Wie oft hatten Bruder Dariusz und Rother den Namen des Komturs von Safet genannt und wie oft hatte sie ihn geh�rt und - obwohl er ungew�hnlich genug war - nicht verstanden?</p><p>�Bruder ... Horace ...?�, murmelte sie fassungslos. Ihr Herz begann zu klopfen.</p><p>�Das ist richtig�, antwortete Horace. Sein Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos, und selbst in seinen Augen zeigte sich allenfalls eine Spur vager Neugier, w�hrend er den Kopf auf die Seite legte und sie mit einem raschen Blick von Kopf bis Fu� taxierte. Robin suchte vergeblich nach irgendeiner Spur von Erkennen in seinem Blick. �Und Ihr seid ...?�</p><p>�Ich bin Bruder Rother�, antwortete Rother, bevor Robin Gelegenheit fand, selbst etwas zu sagen. Mit einer entsprechenden Handbewegung (und einem raschen, deutlich verwirrten Blick in Robins Richtung) f�gte er hinzu: �Das ist Bruder Robin.�</p><p>Horace blickte Robin noch einen halben Herzschlag lang mit unver�nderter Miene an, bevor er sich mit deutlicher Anstrengung von ihrem Anblick losriss und zu Rother umdrehte. Ein fast nur angedeutetes Stirnrunzeln erschien auf seinem Gesicht, und auch der Tonfall seiner Stimme schien sich um eine Winzigkeit zu �ndern und klang nun ganz leicht missbilligend. �Und was f�hrt Euch zu mir, Bruder?�</p><p>Rother wirkte im allerersten Moment fast hilflos. Ganz offensichtlich hatte er eine andere Begr��ung erwartet, und ebenso offensichtlich war er nicht nur verst�rt �ber Horaces Reaktion, sondern auch ein wenig ver�rgert. Er sah noch einmal rasch zu Robin hin (war das Vorwurf, was sie pl�tzlich in seinen Augen las?), bevor er sich wieder an den Komtur wandte und mit einer tiefen, dennoch aber nicht �berm��ig respektvoll wirkenden Verbeugung fortfuhr. �Verzeiht, dass wir Euch ohne Anmeldung st�ren. Ich wei�, dass Ihr ein viel besch�ftigter Mann seid, und im Augenblick wohl noch mehr als sonst. Aber ich habe eine pers�nliche Botschaft von Bruder Dariusz f�r Euch.�</p><p>�Dariusz?� In Horaces Augen leuchtete nun doch ein schwaches Interesse auf. Er beugte sich leicht in seinem Stuhl nach vorn und legte den Kopf auf die andere Seite. Wieder streifte sein Blick fl�chtig Robins Gesicht, und diesmal war sie vollkommen sicher, nicht die mindeste Spur von Wiedererkennen oder irgendeinem anderen Gef�hl darin zu lesen. Konnte es sein, dass Horace sie nicht erkannte? Das konnte sich Robin nur schwer vorstellen. Sie selbst hatte im allerersten Moment alle M�he gehabt, sich ihre �berraschung - und ihre Wiedersehensfreude! - nicht zu deutlich anmerken zu lassen, und vermutlich h�tte Rother beides dennoch bemerkt, h�tte er ihr in diesem Moment direkt ins Gesicht geblickt. Sicher, es war gute zwei Jahre her, dass Horace und sie sich das letzte Mal gegen�bergestanden hatten. Seit dem Gefecht auf der <emphasis>Sankt Christophorus </emphasis>hatte Robin ihn nicht mehr gesehen; so wenig wie irgendeinen anderen der Ritter, die zusammen mit ihr in Genua an Bord des Schiffes gegangen waren. Er war deutlich �lter geworden; viel mehr als die zwei Jahre, die seither ins Land gegangen waren. Sein Gesicht war schmaler geworden und wirkte nun wie das eines Raubvogels. Er hatte graue Schl�fen bekommen, und viel von der W�rme und Herzlichkeit, die Robin fr�her in seinen Augen gelesen hatte, war nun etwas anderem gewichen, von dem sie gar nicht so genau wissen wollte, was es war.</p><p>Dennoch zweifelte sie nicht einen Moment lang daran, dass er sie ebenso erkannt hatte wie sie umgekehrt ihn. Was ging hier vor?</p><p>�Bruder Dariusz, ja�, best�tigte Rother, der seine gewohnte Ruhe und Selbstsicherheit nun rasch wiederfand. �Er befindet sich zusammen mit einem kleinen Heer weltlicher Ritter und freiwilliger K�mpfer auf dem Weg nach Safet. Sie sind noch einen halben Tagesritt entfernt.�</p><p>Horace hob die Hand und unterbrach ihn. �Lasst mich raten, Rother. Er hat Euch vorausgeschickt, um f�r ihn und Eure Br�der frische Kleider zu holen und alles f�r ihr Eintreffen hier vorzubereiten.�</p><p>Rother wirkte ein ganz kleines bisschen verwirrt. �Ja�, best�tigte er, �aber hier ...�</p><p>�Wenn das so ist, muss ich Euch entt�uschen�, fiel ihm Horace erneut ins Wort. Er l�chelte d�nn, sch�ttelte zugleich aber auch den Kopf. �Ich f�rchte, uns stehen weder die Mittel noch das Personal zur Verf�gung, Bruder Dariusz den Empfang zu bereiten, der ihm und seinen Begleitern zweifellos geb�hrt. Dariusz wird das verstehen, wenn er erst einmal hier eingetroffen ist.�</p><p>Rother wand sich wie ein getretener Wurm. �Verzeiht, Bruder Horace�, sagte er fast gequ�lt. �Aber das ist es nicht allein.�</p><p>�Nein?� Horaces linke Augenbraue rutschte ein St�ck weit an seiner Stirn nach oben. Sein Gesicht blieb weiterhin vollkommen unbewegt. �Sondern?�</p><p>�Ich f�rchte, ich muss Euch um ein Dutzend Pferde f�r Dariusz und den Rest unserer Br�der bitten�, antwortete Rother voll un�bersehbaren Unbehagens. Sein Blick wanderte unstet �ber den Boden, den Tisch, selbst die Armlehnen des Stuhles, auf dem Horace sa�, h�tete sich aber, dem Blick des hochrangigen Tempelritters zu begegnen. �Bruder Robins Stute und mein Hengst waren die einzigen Pferde, �ber die wir noch verf�gten.�</p><p>�Was ist geschehen?�, erwiderte Horace, zwar noch immer mit unger�hrtem Gesicht, aber nun in h�rbar interessierterem, vielleicht alarmiertem Ton.</p><p>�Ein Hinterhalt�, antwortete Rother. Robin hatte M�he, ihn nicht �berrascht anzusehen, und Horace zog zweifelnd die Augenbrauen zusammen.</p><p>�Ein Hinterhalt?�, wiederholte er. �Es f�llt mir schwer zu glauben, dass ein Mann wie Dariusz in einen Hinterhalt reitet. Berichtet, Bruder.�</p><p>Rother gehorchte. Mit wenigen Worten erz�hlte er, was sie in dem niedergebrannten Dorf vorgefunden hatten und was danach geschehen war. Zu Robins nicht geringer �berraschung hielt er sich dabei Wort f�r Wort an die Wahrheit, auch wenn Dariusz bei dieser Schilderung vielleicht nicht so gut wegkam, wie er es sicherlich gerne gehabt h�tte. Sie hatte fest damit gerechnet, dass Rother das Verhalten seines Ordensbruders in einem besseren Licht schildern w�rde, aber er blieb bei den Tatsachen, und er lie� auch seine (und Robins) pers�nliche Einsch�tzung am Schluss nicht aus, dass sie es einzig purem Gl�ck und dem verfr�hten Eintreffen der Nachhut zu verdanken hatten, dass die improvisierte Schlacht nicht einen noch viel schlimmeren, blutigen Ausgang f�r die Tempelritter genommen hatte. Horace h�rte schweigend zu, aber sein Mienenspiel und sein Blick, der sich mit fast jedem Wort, das ihm zu Geh�r kam, weiter verfinsterte, lie� keinen Zweifel daran, was er von Dariusz� wenig weitsichtiger Strategie hielt. Als Rother zu Ende gekommen war, schwieg er eine geraume Weile, und f�r dieselbe Zeit schien sein Blick geradewegs durch den jungen Tempelritter hindurchzugehen und sich auf einen Punkt irgendwo im Nichts zu richten. Schlie�lich seufzte er tief, r�usperte sich und lie� sich wieder in seinen Stuhl zur�cksinken. Das schwere M�belst�ck aus uraltem Holz �chzte h�rbar.</p><p>�Ja, das klingt ganz nach meinem alten Freund Dariusz�, sagte er. �Ich danke Euch, dass Ihr Euch bei der Schilderung der Ereignisse an die Wahrheit gehalten habt, Bruder Rother - auch, wenn Dariusz Euch zweifellos aufgetragen hat, es damit in diesem einen Fall vielleicht einmal nicht ganz so genau zu nehmen.�</p><p>Er hob die Hand, als Rother widersprechen wollte. �Nichts anderes als das, was Ihr mir gerade berichtet habt, h�tte ich geglaubt, Rother. Und nun verlangt Dariusz selbstverst�ndlich nach frischen Pferden und sauberen M�nteln f�r seine M�nner. Ein Mann wie er kann schwerlich auf einem Maultier in die Burg einreiten, und noch dazu in einem zerrissenen Mantel.� Er sch�ttelte seufzend den Kopf. �Obwohl ich versucht bin, ihn genau das tun zu lassen. M�glich, dass er danach ein wenig �ber die Bedeutung des Wortes <emphasis>Hochmut </emphasis>nachdenkt.� Er seufzte erneut. �Aber keine Sorge, Rother. Nat�rlich werde ich es nicht tun. Und ich werde ihm auch nichts von unserem Gespr�ch berichten, sondern mir seine Version der Geschehnisse anh�ren. Macht Euch keine Sorgen.�</p><p>�Das ist sehr freundlich von Euch, Bruder�, begann Rother, �aber ich ...�</p><p>Horace unterbrach ihn abermals, indem er mit einer unerwartet raschen Bewegung aufstand. �Nun gut�, seufzte er. �Dann geht hinunter zum Stallmeister, Rother. Sagt ihm, dass er Euch so viele Pferde geben soll, wie Ihr braucht. An frischer Kleidung herrscht im Moment leider ein gewisser Mangel. Daf�r gibt es umso mehr blutige M�ntel, die auf einen neuen Besitzer warten.�</p><p>Sein Blick wurde hart, und auch wenn diese H�rte ganz gewiss nicht Rother galt, schien der junge Ritter darunter doch sichtlich zusammenzuschrumpfen. �Bruder Dariusz wird die Schmach �berstehen, so in die Stadt einzureiten, als k�me er vom Schlachtfeld.� Er wedelte, pl�tzlich fast ungeduldig, mit der Hand. �Du bist entlassen, Bruder Rother. Geh und richte dem Stallmeister meine Worte aus, und danach fragst du nach Marius, meinem pers�nlichen Mundschenk. Er soll dir und Bruder Robin so viel zu essen geben, wie ihr wollt. Ich bin sicher, ihr habt einen anstrengenden Ritt hinter euch.�</p><p>Rother schien noch etwas sagen zu wollen. Einen Moment lang rang er sichtlich mit sich selbst, dann aber nickte er nur knapp, verbeugte sich tief und entfernte sich r�ckw�rts gehend. Als er bei der T�r angekommen war und sich umwandte, wollte auch Robin folgen, aber Horace hielt sie mit einer raschen Geste zur�ck.</p><p>�Bruder Robin - bleibt.�</p><p>Robin sah ihn �berrascht an, und auch Rother hielt mitten in der Bewegung inne und blickte irritiert �ber die Schulter zur�ck. Diesmal war sie sicher, sich das misstrauische Funkeln in seinen Augen nicht nur einzubilden.</p><p>�Ich habe noch einige Fragen an dich, bevor uns die Glocke zum Gebet ruft�, sagte Horace.</p><p>Rother starrte ihn und Robin noch immer abwechselnd und mit immer gr��er werdender Verwirrung an, bis Horace demonstrativ den Kopf wandte und ihm einen kurzen, aber eisigen Blick zuwarf. Dann f�hrte er seine unterbrochene Bewegung hastig zu Ende, trat aus dem Zimmer und zog die T�r hinter sich zu. Robin wollte etwas sagen, doch Horace gebot ihr mit einer raschen Geste, still zu sein, war mit drei schnellen Schritten an der T�r und �ffnete sie einen Spaltbreit. Wie eine K�chenmagd, die sichergehen will, nicht beim neuesten Klatsch und Tratsch belauscht zu werden, lugte er auf den Gang hinaus, schloss die T�r erst nach einer geraumen Weile wieder und sehr leise und legte den Riegel vor. Einen Moment lang blieb er vollkommen reglos stehen, bevor er sich umdrehte und sie mit einem ebenso langen wie undeutbaren Blick ma�.</p><p>�Bruder Robin�, murmelte er. �Oder sollte ich besser sagen ... <emphasis>Schwester?�</emphasis></p><p>�Horace?�, murmelte Robin verst�ndnislos.</p><p>Horace seufzte. �Wenn man ein Unheil nicht ausmerzt, dann wird es einen immer wieder einholen�, sagte er kopfsch�ttelnd.</p><p>�Bruder Abb� hatte Recht.�</p><p>�Bruder Horace?�, fragte Robin erneut; und mittlerweile vollkommen verst�rt. Sie wusste einfach nicht mehr, was sie von Horaces sonderbarem Benehmen halten sollte.</p><p>Der Komtur deutete durch nichts an, ob er Robins Verwirrung bemerkte oder nicht. Robin vermochte seinem Blick nicht standzuhalten. �Ich habe behauptet, du h�ttest den Anstand gehabt, zusammen mit der <emphasis>Sankt Christophorus </emphasis>unterzugehen�, sagte er. �Er beharrte darauf, du w�rdest das nicht tun.� Er seufzte. �Er hatte Recht.�</p><p>�Bruder Horace?�, murmelte Robin zum dritten Mal. Ihre Stimme zitterte. Ihr Blick glitt mit wachsender Verunsicherung �ber Horaces Gesicht und blieb schlie�lich an seinen so gnadenlos erscheinenden, durchdringenden Augen h�ngen, in denen noch immer nicht das geringste Gef�hl zu erkennen war. �Ich ... ich verstehe nicht ...�</p><p>�Was?�, unterbrach sie Horace. Sein Gesicht blieb vollkommen starr und unbewegt. �Wenn sich jemand einen Spa� mit dir macht?� Und pl�tzlich begann er zu lachen, trat auf sie zu und schloss sie so ungest�m in die Arme, dass ihr die Luft wegblieb.</p><p>Robin stand ein paar Augenblicke lang wie gel�hmt da, bis Horace sie wieder loslie� und hastig einen Schritt zur�ckwich. Augenscheinlich war ihm seine kleine Entgleisung peinlich, denn er trat einen Moment lang unbehaglich von einem Bein auf das andere und wich ihrem Blick aus, aber Robin sah trotzdem, dass die H�rte aus seinem Blick verschwunden war und einem am�sierten Funkeln Platz gemacht hatte; und einem Ausdruck so tiefer Erleichterung und Freude, wie sie es bei diesem unerbittlichen Mann niemals erwartet h�tte.</p><p>�Bitte verzeih�, sagte er und r�usperte sich unbehaglich. �Ich war ...�</p><p>��berrascht?�, schlug Robin vor, als Horace nicht weitersprach.</p><p>Der Tempelritter sch�ttelte den Kopf. �Unendlich erleichtert, dich lebend wiederzusehen�, sagte er, �und allem Anschein nach zumindest �u�erlich unversehrt. Du bist doch unversehrt, oder?�</p><p>Robin hatte nicht das Gef�hl, dass Horace tats�chlich eine Antwort auf diese Frage erwartete, und selbst wenn es so gewesen w�re - sie h�tte in diesem Moment gar nichts sagen k�nnen. Ihre Verwirrung hatte ein Ausma� erreicht, das ihr fast k�rperlich den Atem nahm. Sie deutete nur ein Nicken an, das Horace aber als Antwort vollkommen zu gen�gen schien, denn der Ausdruck von Verlegenheit wich nun endg�ltig von seinen Z�gen.</p><p>�Das ist gut�, sagte er. �Ich danke Gott, dass er so gut auf dich acht gegeben hat.� Er schlug das Kreuzzeichen vor Brust und Stirn. �Wir alle waren in gro�er Sorge, als wir h�rten, dass du dich in der Gewalt des Alten vom Berge befindest.�</p><p>Robin starrte ihn an. Es dauerte einen Moment, bis ihr wirklich klar wurde, was Horace da gerade gesagt hatte. �Ihr ... ihr habt gewusst, dass ich noch lebe?�</p><p>Nun trat ein fast am�siertes Funkeln in die Augen des hoch gewachsenen Tempelritters. �Gott achtet auf jedes einzelne seiner Sch�fchen�, antwortete er. �Und wir auch.�</p><p>�Seit wann?�, entfuhr es Robin. Dann wurde ihr klar, wie leicht es w�re, diese Frage falsch zu verstehen, und sie f�gte fast hastig hinzu: �Ich meine: Seit wann habt ihr es gewusst?�</p><p>�Wir haben nach dir gesucht�, antwortete Horace. �H�tte dieser Sklavenh�ndler dich nicht weggeschafft, w�ren wir zwei Tage sp�ter bei dir gewesen. Als uns zu Ohren kam, dass seine Karawane von Assassinen �berfallen worden ist, haben wir schon das Schlimmste bef�rchtet.� Sein Blick wurde ganz leicht sp�ttisch.</p><p>�Aber wie es aussieht, hat sich ja alles zum Besten gewendet.�</p><p>Robin schwieg eine geraume Weile, in der sie Horace nur ansah. Als sie schlie�lich weitersprach, war ihre Stimme leiser, gefasst, aber nicht ganz frei von Vorwurf. �Ich nehme an, es hat ganz gut in Eure Pl�ne gepasst, den Sohn des Alten vom Berge mit einer Christin verheiratet zu sehen?�</p><p>Sie bedauerte die Worte augenblicklich, aber es war zu sp�t.</p><p>Horace l�chelte unersch�tterlich weiter, aber es war ein L�cheln, das nun um mehrere Grade k�hler wirkte. �Es hat ganz gut in unsere Pl�ne gepasst�, antwortete er, �dich am Leben und in Sicherheit zu wissen. Was Bruder Abb� damals getan hat, war ein schwerer Fehler, der nicht nur ihn, sondern den ganzen Orden in gro�e Gefahr h�tte bringen k�nnen. Zugleich war es vor Gott richtig, denn das Leben jedes einzelnen Menschen ist heilig, und es steht auch dem M�chtigsten unter uns nicht zu, es gegen Argumente der Politik aufzuwiegen.�</p><p>Und so etwas sagte ein Mann, dachte Robin verst�rt, der gerade im Begriff stand, das Leben <emphasis>Tausender </emphasis>zu opfern, nur aus Gr�nden der Politik und des Machterhalts heraus?</p><p>�Und was das Verheiratetsein angeht�, fuhr Horace fort, �so wurde euer Bund nicht nach den Gesetzen der Christenheit und schon gar nicht vor Gott geschlossen, wenn ich richtig informiert bin.�</p><p>Auch dar�ber w�rde sie nachdenken m�ssen, dachte Robin, von allem, was er bisher gesagt hatte, vielleicht sogar am intensivsten. Bei aller Wiedersehensfreude, die sie empfand, sollte sie nicht vergessen, wie m�chtig und auch gef�hrlich dieser Mann war. Horace hatte zweifellos die Wahrheit gesagt - er w�rde niemals so weit gehen, sie zu t�ten, um diesen Schandfleck vom ohnehin alles andere als bl�tenwei�en Gewand des Templerordens zu tilgen, aber es gab andere Wege, einen Menschen unsch�dlich zu machen. Zugleich hatte sie das sichere Gef�hl, dass er ihr mit diesen Worten eine Frage gestellt hatte, auf die er eine Antwort erwartete. Stattdessen stellte sie selbst eine.</p><p>�Wenn ihr all das gewusst habt, warum habt ihr niemals einen Boten zu mir geschickt? Wieso ist keiner von euch gekommen?�</p><p>Seinem weiter abk�hlenden L�cheln nach zu urteilen, war dies eine Frage, die ihr ganz eindeutig nicht zustand. Er beantwortete sie trotzdem. �Warum sollten wir? Es war alles gut so, wie es gekommen ist. Und es w�re auch weiter gut geblieben, h�tte dieser Narr Dariusz einfach getan, was man ihm aufgetragen hat.�</p><p>�Und was w�re das gewesen?�, fragte Robin.</p><p>Horaces Blick verd�sterte sich, doch sie sp�rte auch, dass sein Zorn nicht ihr galt. �Nichts anderes, als seine M�nner hierher zu f�hren, ohne nebenbei seine eigenen Pl�ne und Absichten zu verfolgen.� Er sch�ttelte zornig den Kopf. �Wenn es wahr ist, was Rother gerade berichtet hat ...�</p><p>�Es ist wahr�, sagte Robin.</p><p>Horace fuhr mit einem �rgerlichen Stirnrunzeln fort. �... dann hattet ihr mehr Gl�ck als Verstand. W�ren es Krieger gewesen, auf die ihr in diesem Dorf gesto�en seid, und nicht feige Wegelagerer und Banditen, dann w�re jetzt keiner von euch noch am Leben. Wir brauchen die M�nner f�r die bevorstehende Schlacht gegen Saladins Truppen, und nicht, um ein paar Halsabschneider und Tagediebe zu jagen.�</p><p>Anscheinend, dachte Robin, hatte Horace doch nicht wirklich zugeh�rt. Die M�nner, gegen die sie gek�mpft hatten, mochten Pl�nderer gewesen sein, aber es konnte durchaus sein, dass sie sich in dem bevorstehenden Kampf Saladins Truppen anschlossen. Aber sie ersparte es sich, darauf hinzuweisen. �Ist Bruder Abb� ... auch hier?�, fragte sie stattdessen.</p><p>�Ja�, antwortete Horace. �Du wirst sp�ter Gelegenheit haben, mit ihm zu reden. Doch wir sollten unser kleines Gespr�ch nicht zu lange fortsetzen, um nicht das Misstrauen deines kleinen Freundes zu erregen.�</p><p>�Rother?�, fragte Robin. Ohne dass sie selbst genau h�tte sagen k�nnen, warum, war es ihr unangenehm, dass Horace Rother als ihren <emphasis>Freund </emphasis>bezeichnete.</p><p>�Ja.� Horace nickte. �Er ist ohnehin schon misstrauisch geworden. Ich nehme an, Dariusz hat ihm aufgetragen, dich ganz genau im Auge zu behalten.�</p><p>Eine Erinnerung schoss Robin durch den Kopf: Sie sah Rothers Hand, die nach dem Dolch in seinem G�rtel tastete. Sie h�tete sich, Horace davon zu erz�hlen, doch m�glicherweise schwieg sie einen Moment zu lange, und wahrscheinlich spiegelte ihr Gesicht in diesem Moment sehr deutlich das wider, was sie empfand, denn Horace nickte, so als <emphasis>h�tte </emphasis>sie seine Frage beantwortet, und fuhr in k�hlerem Tonfall fort: �Ja, das habe ich mir gedacht. Wir m�ssen �berlegen, wie wir weiter mit Rother verfahren.�</p><p>�Wie meint Ihr das?�, fragte Robin erschrocken.</p><p>Ein fl�chtiges L�cheln huschte �ber Horaces Lippen. �Vielleicht gibt es ja eine wichtige Nachricht, die sofort nach Jerusalem gebracht werden muss oder zu einem noch viel weiter entfernten Ort. Und vielleicht muss sie auf den Weg gebracht werden, bevor Dariusz und die anderen hier eintreffen.�</p><p>Robin dachte einen Moment lang �ber seine Worte nach, dann sch�ttelte sie den Kopf. �Nein�, sagte sie. �Bitte, tut das nicht.�</p><p>Alles in allem w�rde sie Rother damit keinen Gefallen erweisen, das wusste sie. Dariusz w�re nicht Dariusz, w�rde er nicht seine Schl�sse aus dem pl�tzlichen Verschwinden des jungen Tempelritters ziehen, und wie sie selbst schmerzhaft hatte erfahren m�ssen, war er kein Mann, der verga� oder gar <emphasis>vergab. </emphasis>Und sein Arm reichte weit.</p><p>�Dir liegt eine Menge an diesem Jungen, nicht wahr?�, fragte Horace.</p><p>�Rother ist kein Junge�, erwiderte Robin, aber Horace wischte ihre Worte mit einer Bewegung fort, als wolle er ein l�stiges Insekt verscheuchen.</p><p>�Er ist ein Kind�, sagte er. �Er mag aussehen wie ein Mann und sich zumindest einbilden, sich wie ein solcher zu benehmen, aber er bleibt ein Junge.� Er sch�ttelte den Kopf, und sein Blick verd�sterte sich noch weiter. Seine Stimme wurde leiser. �Wie die meisten. Gott m�ge uns verzeihen, aber wir schicken eine Armee von Kindern in den Krieg.�</p><p>Robin wusste nicht genau, was sie darauf sagen sollte, doch Horace schien auch keine Antwort zu erwarten. Er starrte noch einen Moment ins Leere, dann seufzte er tief, gab sich einen sichtbaren Ruck und ging mit schnellen Schritten um den Tisch herum. Er lie� sich schwer in seinen Sessel fallen, bevor er mit ver�nderter, nunmehr rein sachlicher Stimme fortfuhr: �Wie wird sich dein Schwiegervater in dem Krieg verhalten, der dem K�nig von Jerusalem droht?�</p><p>Robin fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen. Die Stimmung hatte sich von einem Augenblick auf den anderen ge�ndert, und ihr war, als w�re die Temperatur im Raum pl�tzlich um mehrere Grade gefallen. Sie �berlegte fast verzweifelt, wie sie Zeit gewinnen konnte, um sich eine Antwort auf diese unerwartete Frage zurechtzulegen. Sie hatte keine Ahnung, was Sheik Raschid al-Din Sinan plante. Bis vor wenigen Tagen hatte sie ja noch nicht einmal etwas von der bevorstehenden Schlacht geahnt.</p><p>�Ich ... wei� es nicht�, gestand sie schlie�lich und rettete sich in ein Schulterzucken und ein verlegenes L�cheln. �Salim hat nie mit mir �ber Politik gesprochen.�</p><p>�Das wundert mich�, sagte Horace. �Bruder Abb� r�hmt dich als einen der kostbarsten Spitzel unseres Ordens, <emphasis>Bruder. </emphasis>Sollte er sich so in dir get�uscht haben?�</p><p>�Salim hat nie mit mir �ber Politik gesprochen�, sagte Robin noch einmal. �So wenig wie sein Vater.�</p><p>�Du warst zwei Jahre lang bei ihnen�, beharrte Horace. �Nicht als Gefangene oder als Gast, sondern als Eheweib seines Sohnes.�</p><p>�Mit dem er so wenig �ber Politik und seine Pl�ne gesprochen hat, wie es ein christlicher K�nig mit dem Weib seines Sohnes t�te�, antwortete Robin.</p><p>Horace seufzte. Seine Fingerspitze malte unregelm��ige Kreise auf dem verwitterten Holz der Tischplatte. �Verzeih die Wahl meiner Worte, Robin�, sagte er nach einer Weile, und ohne sie direkt anzusehen. �Sie war ungeschickt. Ich wollte dich nicht beleidigen. Aber es w�re von gro�er Bedeutung f�r uns alle, zu wissen, wo Sinan steht.�</p><p>Robin war entt�uscht. Nach der ehrlichen Wiedersehensfreude, die sie in Horaces Augen gelesen hatte, tat der Gedanke doppelt weh, dass sie auch f�r Abb� und Horace am Ende nichts weiter als ein n�tzliches Werkzeug war. Dennoch �berlegte sie einen Moment lang angestrengt. �Ich wei� es nicht�, sagte sie schlie�lich. �Aber so, wie ich Raschid kennen gelernt habe, wird er abwarten, bis sich zeigt, wer der St�rkere ist - und dann den Schw�cheren unterst�tzen.�</p><p>Horace hob �berrascht den Blick. �Ich w�sste nicht, dass jemand den Alten vom Berge jemals f�r einen Einfaltspinsel gehalten h�tte.�</p><p>�Ich wei� nicht, was Ihr mit diesem Wort ausdr�cken wollt�, antwortete Robin steif. �Sheik Sinan ist ein Mann von gro�em Ehrgef�hl und mit einem ausgepr�gten Sinn f�r Gerechtigkeit.�</p><p>�Sheik Raschid al-Din Sinan?�, vergewisserte sich Horace.</p><p>�Der Alte vom Berge? Wir sprechen von demselben Mann? Dem Obersten der Assassinen? Dem Herrn der Meuchelm�rder und Attent�ter und Giftmischer?�</p><p>Robin gemahnte sich zur Vorsicht, als sie den lauernden Unterton wahrnahm, der pl�tzlich in Horaces Stimme war. Zweifellos hatte Horace sogar Recht, von seinem Standpunkt aus - aber wo war letzten Endes der Unterschied, ob man einen Attent�ter oder ein ganzes Heer aussandte, um seine Feinde zu t�ten?</p><p>Als h�tte er ihre Gedanken gelesen, sagte Horace: �Ich beginne mich zu fragen, ob du nicht vielleicht zu lange Zeit bei den Assassinen verbracht hast.�</p><p>Robin zuckte die Achseln. �Ihr wolltet meine Einsch�tzung h�ren, Bruder Horace. Ich kann Euch nicht mehr sagen als das, was ich gesehen habe. Wenn Sheik Sinan etwas zutiefst verabscheut, dann ist es die Willk�r des Starken dem Schw�cheren gegen�ber.�</p><p>Das war ganz und gar nicht das, was Horace hatte h�ren wollen, das sah sie ihm an, aber Robin war es leid zu l�gen, ganz davon abgesehen, dass es ihr vermutlich nichts genutzt h�tte. In einem gewissen Sinne schien Horace tats�chlich ihre Gedanken zu lesen.</p><p>�Gottes Wege sind wahrlich sonderbar�, seufzte der Tempelritter schlie�lich. �Als wir h�rten, dass Dariusz dich ausfindig gemacht hat und zusammen mit dir auf dem Weg hierher ist, waren wir in gro�er Sorge. Und doch scheint es mir, dass unser g�tiger Herr den richtigen Moment erw�hlt hat, dich zu uns zur�ckzubringen.�</p><p>�In Sorge?�, fragte Robin. �Weshalb?�</p><p>Ein L�cheln huschte �ber das Gesicht des Komturs. �Du hast vorhin gefragt, warum sich keiner von uns bei dir gemeldet oder wir dir nicht wenigstens eine Nachricht gesandt haben. Ich will dir deine Frage beantworten: Wir hielten es nicht f�r n�tig. Gott hat dich damals in Abb�s Komturei gesandt, um uns alle vor einer gro�en Gefahr zu warnen, und er hat dich auf Raschids Burg geschickt, solange du dort sicher warst. Aber das bist du nun nicht mehr.�</p><p>�Wieso?�, erkundigte sich Robin alarmiert. �Gibt es denn nicht ein B�ndnis zwischen den Assassinen und uns?�</p><p>Horace nickte, sch�ttelte aber gleich darauf den Kopf. Sein Zeigefinger fuhr fort, kleine, unregelm��ige Kreise auf die Tischplatte zu zeichnen. �Der Einfluss des Ordens ist leider nicht so gro�, wie es gut w�re, und auch nicht so gro�, wie manche von uns glauben. Jerusalem missbilligt unser B�ndnis mit den Assassinen schon seit langem, und es gibt auch innerhalb des Ordens mehr als eine Stimme, die dagegen ist, dass sich Gottes Krieger mit dem Herrn der Diebe und Meuchelm�rder einlassen.� Robin wollte protestieren, doch Horace hatte dies offensichtlich vorausgesehen und hob abwehrend die Hand, noch bevor sie �berhaupt etwas sagen konnte. �Das sind nicht meine Worte, Kind. Ich kenne Raschid. Ich wei�, dass er ganz genau der Mann ist, als den du ihn mir gerade geschildert hast. Doch meine Stimme allein z�hlt nicht. Nein.� Er seufzte tief. �Ich f�rchte, ganz gleich, ob nun Saladin obsiegt oder unsere Truppen triumphieren - wer immer die Vormacht in Galil�a und den Ebenen bis Damaskus erringt, der wird als N�chstes die Assassinen vertreiben.�</p><p>�Aber ... warum?�, murmelte Robin hilflos.</p><p>�Vielleicht gerade weil Raschid Sinan der Mann ist, als den du ihn kennen gelernt hast. Wir leben in schlimmen Zeiten, mein Kind. Und schlimme Zeiten sind schlechte Zeiten f�r aufrechte M�nner.�</p><p>�Und was ... bedeutet das?�, fragte Robin leise. Ihr Herz begann zu klopfen.</p><p>Bevor Horace antworten konnte, drang ein helles Glockengel�ut durch das schmale Fenster herein, und er erhob sich mit einem Ruck und so schnell, als h�tte er nur auf dieses Zeichen gewartet, um nicht antworten zu m�ssen. �Kommt mit mir, <emphasis>Bruder�, </emphasis>sagte er, mit sonderbarer Betonung und einem angedeuteten L�cheln. �Die Stunde des mitt�glichen Gebetes ist gekommen. Die Zeit, dem Herrn f�r all das zu danken, was er uns in seinem Land so �berreich beschert.�</p><p>Robin fragte sich, wie Horace diese Worte wohl meinte. Eigentlich war er kein Mann, der Andeutungen oder Ironie sch�tzte, doch in diesem Moment war sie sich dessen ganz und gar nicht mehr sicher.</p></section><section><title><p>11. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Goldenes Licht stach in langen Strahlen durch die schmalen Fenster des Refektoriums der Burg herab, in dem sich die Tempelritter zum Mittagsmahl versammelt hatten. Robin f�hlte sich unbehaglich. Ihr Magen knurrte h�rbar, und angestachelt durch den intensiven Essensgeruch, der in der Luft lag, und unter dem allgegenw�rtigen Hunger, der in ihren Eingeweiden w�hlte und den weder der Duft nach gebratenem Fleisch noch der Geruch von ged�nstetem Gem�se und frischem K�se, der �berm��ig in der Luft lag, zu bes�nftigen vermochten, begann eine andere, Robin auf h�chst unwillkommene Art bekannte �belkeit zu rumoren. W�hrend der letzten zwei oder drei Tage hatte sie dieses Gef�hl fast vergessen, und sie hatte schon Hoffnung gesch�pft, es w�re ganz vorbei; aber offensichtlich zu fr�h. W�hrend Robin auf den freigebliebenen Stuhl direkt neben Horaces Platz zuging, den der Komtur ihr angewiesen hatte, versuchte sie, m�glichst tief und ruhig zu atmen, um ihre revoltierenden Eingeweide zu beruhigen. Sie f�hlte sich in Gegenwart all dieser hochrangigen Tempelritter und F�rsten ohnehin unwohl, und sie sp�rte durchaus die Gefahr, dass sich ihre �belkeit bis zum Erbrechen steigern k�nnte. Auch wenn ihr allein der Essensgeruch in der Luft das Wasser im Munde zusammenlaufen lie�, so nahm sie sich doch vor, nur sehr wenig zu essen, und auch das nur mit �u�erster Vorsicht. Die Vorstellung, sich auf die F��e des Komturs von Safet zu erbrechen - wenn nicht gleich in den Scho� des Gro�meisters -, war nicht besonders erbaulich.</p><p>Horace, der ganz offensichtlich um ihr Ged�chtnis besorgt zu sein schien, denn er hatte ihr auf dem Weg von der Kapelle hier herauf noch einmal in aller Nachdr�cklichkeit eingesch�rft, sich streng an die Ordensregel zu halten und kein Wort zu reden, es sei denn, sie w�rde direkt von einem h�herrangigen Ritter angesprochen, sprach ein kurzes Gebet und gab ihr dann mit einem verstohlenen Nicken zu verstehen, dass sie Platz nehmen solle. F�r einen Moment wich die fast atemlose Stille in dem gro�en Speisesaal einem hektischen St�hler�cken und Scharren, als die gut siebzig Ritter, die hier zusammengekommen waren, Platz nahmen. Robin sah sich unauff�llig um, und ihr Unbehagen wuchs noch weiter, als sie feststellte, dass es tats�chlich ausnahmslos <emphasis>Ritter </emphasis>waren, keine Waffenknechte oder Knappen.</p><p>An der Spitze der langen Tafel, nur zwei St�hle links von Horace und drei von ihr, sa� Odo von Saint-Amand, der Gro�meister des Ordens, den sie schon vorhin unten im Hof gesehen hatte. Zu seiner Rechten hatte Ridefort Platz genommen, der Ordensmarschall, und auch die �brigen St�hle an diesem Ende des Tisches waren mit Edelleuten besetzt, deren Namen ihr Horace zugeraunt hatte, als sie hereingekommen waren. Robin war viel zu aufgeregt gewesen, um sich auch nur einen davon zu merken, und ihre Aufregung legte sich keineswegs, sondern wurde nur noch st�rker, als sie den Blick des Gro�meisters f�r einen kurzen Moment auf sich sp�rte. Hastig, aber nicht so schnell, dass es wie ein Zeichen von schlechtem Gewissen aussah, senkte sie den Kopf und begann die Lippen zu bewegen, als fl�sterte sie ein lautloses Gebet. Sie wusste nicht, ob sie damit Odos Wohlgefallen errang, wohl aber, dass nicht einmal der Gro�meister des Templerordens es wagen w�rde, einen seiner Br�der zu unterbrechen, w�hrend er in stummem Zwiegespr�ch mit Gott versunken war.</p><p>�Lasset uns beten�, sagte Horace. Robin faltete die H�nde �ber der Tischplatte und senkte das Haupt noch ein wenig weiter, und auch die anderen Ritter taten es ihr nach. F�r eine geraume Weile war nichts anderes zu h�ren als das ged�mpfte Murmeln aus drei�ig Kehlen, die die vorgeschriebenen sechzig Vaterunser - dreimal zehn f�r die lebenden Ordensbr�der und noch einmal so viele f�r die toten - aufsagten, und kaum war das letzte Wort verklungen, da gingen die T�ren auf, und Bedienstete in einfachen braunen Kutten begannen das Essen aufzutragen. Robins Eingeweide revoltierten noch heftiger, und sie sp�rte, wie sich saurer Speichel unter ihrer Zunge zu sammeln begann. Sie schluckte ihn herunter, machte es damit aber nur noch schlimmer. Und als w�re das allein noch nicht genug, knurrte ihr Magen nun so laut, dass nicht nur Horace ihr einen missbilligenden Blick zuwarf, sondern auch Odo selbst den Kopf wandte und sie stirnrunzelnd und eindeutig l�nger musterte, als ihr lieb war. Robin versuchte beharrlich, weiter so zu tun, als bemerke sie seine Blicke nicht, aber sie sp�rte auch selbst, von wie wenig Erfolg dieser Versuch gekr�nt war.</p><p>�Wer ist dieser junge Ritter neben Euch, Bruder Horace?�, fragte Odo.</p><p>Horace fuhr leicht zusammen und gab sich keinerlei M�he, den missbilligenden Ausdruck von seinem Gesicht zu verbannen, der ganz offensichtlich der Tatsache galt, dass niemand anderes als der Gro�meister selbst das noch immer geltende Schweigegel�bde brach. Er antwortete trotzdem. �Bruder Robin, Odo. Er und Bruder Rother ...�, er machte eine Handbewegung zum anderen Ende der Tafel, wo Rother Platz genommen hatte und sich ganz offensichtlich kaum noch beherrschen konnte, nicht nach einem der Tabletts mit dampfend hei�en Speisen zu greifen, die die Bediensteten vor�bertrugen, �geh�ren zu Bruder Dariusz. Sie wurden vorausgeschickt, um frische Pferde f�r ihn und die Seinen zu holen.�</p><p>�Ah ja, Dariusz�, antwortete Odo mit einer Betonung, die so sonderbar war, dass sich Robin beherrschen musste, ihn nicht �berrascht anzusehen. �Ich habe davon geh�rt. Er ist in einen Hinterhalt geraten.� Er runzelte die Stirn. �Bruder Robin? <emphasis>Der </emphasis>Bruder Robin, der im Gefolge Bruder Abb�s gereist ist?�</p><p>Etwas an seinem Tonfall lie� Robin einen eisigen Schauer �ber den R�cken laufen. Sie gab das Versteckspiel auf und sah Odo nun - wenn auch scheu - ins Gesicht. Der Gro�meister musterte sie interessiert, aber kalt. Wusste er etwas?</p><p>Horace bejahte seine Frage. �Sind Gottes Wege nicht manchmal wundersam, Bruder? Nach dem Untergang der <emphasis>Sankt Christophorus </emphasis>hielten wir ihn alle f�r tot. Und doch hat es Gott in seiner unergr�ndlichen Weisheit gefallen, ihm ein neues Leben zu schenken.�</p><p>�Als Sklave der Assassinen, wie mir zu Ohren gekommen ist�, sagte Odo. Robin wollte den Blick senken, doch er hob die Hand und bedeutete ihr mit einer Geste, ihn direkt anzusehen.</p><p>�Wie ist es dir in der Gefangenschaft der Heiden ergangen, Bruder?�, fragte er.</p><p>Des warnenden Blickes, den Horace ihr verstohlen zuwarf, h�tte es nicht bedurft, damit sich Robin ihre Antwort ganz genau �berlegte. �Sie haben mich gut behandelt�, sagte sie bed�chtig.</p><p>�Mehr wie einen Gast als einen Gefangenen.�</p><p>Odos Augen wurden schmal. �Dann hast du sicher auch Raschid Sinan selbst gesehen?�</p><p>�Er selbst war es, der mich aus der Gewalt des Sklavenh�ndlers befreit hat�, antwortete Robin.</p><p>�Warum?� Es war Ridefort, der diese Frage stellte, nicht Odo, und sie kam schnell und scharf wie ein Peitschenhieb.</p><p>Robin suchte fast verzweifelt nach einer Antwort, doch Horace kam ihr zuvor. �Vermutlich ist ihm zu Ohren gekommen, dass sich einer der Unseren unter den Sklaven befindet�, sagte er.</p><p>�Immerhin gibt es ein B�ndnis zwischen uns und den Assassinen. M�glich, dass er geglaubt hat, es w�re von Vorteil f�r ihn, einen gefangenen Ordensbruder aus der Gewalt der Sklavenh�ndler zu befreien.�</p><p>Ridefort sah ihn eindeutig ver�rgert an, doch Horace zeigte sich wenig beeindruckt. Der Marschall stand in der Hierarchie des Ordens eindeutig �ber Horace, was diesen - zumal als Komtur und damit Hausherr dieser Burg - aber nicht im Geringsten zu beeindrucken schien. �Das klingt einleuchtend�, gestand er schlie�lich. �Doch ich frage mich, warum er Bruder Robin dann nicht sofort zu uns geschickt, sondern ihn volle zwei Jahre auf seiner Burg festgehalten hat.�</p><p>Horace zuckte betont gelangweilt mit den Schultern. �Wer wei� schon, was im Kopf eines Heiden vorgeht? Bruder Robin ist in den Scho� des Ordens zur�ckgekehrt, und das allein z�hlt. Wir sollten Gott daf�r danken.�</p><p>Robin h�tte schon blind sein m�ssen, um nicht zu sehen, wie es pl�tzlich hinter der Fassade von Rideforts m�hsam aufrechterhaltener Selbstbeherrschung brodelte, doch der scharfe Verweis, mit dem sie fest rechnete, kam nicht. Stattdessen deutete Ridefort nur ein Nicken an und belie� es mit einem abschlie�enden, eindeutig drohenden Blick in Robins Richtung, dann lehnte er sich in seinem Stuhl zur�ck und winkte einem der Bediensteten, das Essen zu bringen. Robin atmete insgeheim auf, auch wenn sie wusste, dass die Angelegenheit damit noch ganz und gar nicht erledigt war.</p><p>Immerhin nahmen weder Odo noch der Marschall das Thema wieder auf, sondern wandten sich stattdessen den Speisen zu, die aufgetragen wurden. Robin tat dasselbe, auch wenn sie im ersten Moment die Z�hne zusammenbei�en musste, um ihre �belkeit zu unterdr�cken. Auf den einfachen Holztellern, die die Diener vor ihnen abstellten, befanden sich Hammelfleisch mit einer dicken, w�rzig riechenden So�e, k�stlich duftendes Brot, Gem�se und Obst, und jeder einzelne dieser Bissen f�r sich war schon mehr, als sie sich in den letzten Tagen auch nur zu tr�umen gewagt hatte. Ihr Magen knurrte noch einmal und jetzt so laut, dass Ridefort sie missbilligend und Odo mit einem fast schadenfroh anmutenden, breiten Grinsen ansahen.</p><p>�T�usche ich mich, Bruder Horace, oder hat Bruder Dariusz seine alte Angewohnheit immer noch nicht abgelegt, seine M�nner zu schlecht zu verk�stigen?�</p><p>�Ich werde mit ihm dar�ber reden�, sagte Horace. �Bescheidenheit mag eine gottgef�llige Eigenschaft sein, doch der Arm, der ein Schwert schwingt, braucht auch die Kraft, es zu halten.�</p><p>�Wohl gesprochen�, sagte Odo. �Und wo wir schon einmal dabei sind - wie viele M�uler habt ihr hier auf Safet zu stopfen?�</p><p>�Mehr als eintausenddreihundert�, antwortete Horace. Er klang ein bisschen besorgt, fand Robin, und schon seine n�chsten Worte machten ihr auch klar, warum. �Ihr habt die Ochsenkarren, Esel und Kamele gesehen, die unentwegt zur Burg heraufkommen. Und doch f�rchte ich, werden unsere Vorratskammern bald wieder leer sein. Die Burg ist nicht f�r eine so gro�e Anzahl von M�nnern gebaut.�</p><p>Robin erschrak. Eintausenddreihundert M�nner? Die Zahl allein war mehr, als sie sich vorstellen konnte. Safet war gro�, aber nicht <emphasis>so </emphasis>gro�. Dazu kam, dass sich hier im Speisesaal allerh�chstens siebzig Ritter aufhielten, und unter ihnen waren noch etliche G�ste aus dem Gefolge des Gro�meisters. Es fiel ihr schwer, zu glauben, dass f�r die Burg und die angrenzenden L�ndereien so viele Knechte arbeiten und so viele Soldaten vorhanden sein sollten. Von der Stadt unten am Fu�e der Burg ganz zu schweigen.</p><p>�Wir werden Eure Gastfreundschaft nicht mehr lange strapazieren m�ssen�, sagte Odo. �Schon in den n�chsten Tagen werden die letzten Truppen eintreffen. Der Augenblick der Schlacht ist nicht mehr weit.�</p><p>In seiner Stimme schwang eine Begeisterung mit, die Robin erschauern lie�, aber sie unterdr�ckte den Impuls, erschrocken zu ihm aufzusehen, sondern beugte sich nur noch ein St�ckchen tiefer �ber ihren Teller und begann vorsichtig zu essen. Als sie den ersten Bissen kaute, wurde ihr tats�chlich �bel. Sie musste all ihre Willenskraft aufbieten, um das Essen im Mund zu behalten, und als sie den Bissen herunterschluckte, schien es, als wollte er mit aller Macht wieder hinaus. Irgendwie gelang es ihr, des Brechreizes Herr zu werden, und sie brachte sogar das Kunstst�ck fertig, sich zu einem zweiten Bissen zu zwingen; danach wurde es tats�chlich besser.</p><p>Robins Blick tastete verstohlen die lange, �berreich gedeckte Tafel ab. In ihren Eingeweiden w�hlte noch immer die �belkeit, zu der sich nun ein dumpfer Schmerz gesellte, aber ihr war zumindest nicht mehr spei�bel, und mit jedem Bissen, den sie nahm, schmeckte das Essen besser. Auch wenn es nicht so war, so hatte sie doch das Gef�hl, sich kaum noch erinnern zu k�nnen, wann sie das letzte Mal so gut gegessen hatte; geschweige denn, so <emphasis>reichlich. </emphasis>Ganz leise meldete sich ihr schlechtes Gewissen, als sie an die M�nner dachte, die bei Dariusz zur�ckgeblieben waren, was ihrem Appetit aber keinen wirklichen Abbruch tat. Ein gutes Gewissen war eine Sache, aber ein knurrender Magen eine ganz andere. Sie tr�stete sich damit, dass Bruder Horace zweifellos Recht hatte: Der Arm, der ein Schwert f�hrte, brauchte auch die Kraft, es zu halten. Rother schien das wohl ganz �hnlich zu sehen, denn er griff mit so un�bersehbarem Appetit zu, dass ihm die Ritter neben ihm immer am�siertere Blicke zuwarfen.</p><p>Robin riss sich mit einiger M�he vom Anblick des jungen Tempelritters los und lie� ihren Blick �ber die Gesichter der anderen M�nner beiderseits der langen Tafel schweifen. Einige von ihnen kannte sie - es waren M�nner, die sie unten im Burghof oder auf dem Weg hierher getroffen hatte -, die meisten aber waren ihr fremd, und das eine Gesicht, nach dem sie suchte, war nicht dabei. Bruder Horace hatte ihr gesagt, dass sich Abb� ebenfalls hier auf Safet aufhielt, und er hatte auch gesagt, dass sich <emphasis>alle </emphasis>anwesenden Tempelritter zu diesem gemeinsamen Mittagsmahl versammelt hatten. Wo also war er?</p><p>Sie wagte es nicht, nach ihm zu fragen, aber ihre suchenden Blicke blieben weder Horace noch Odo oder dem Ordensmarschall verborgen. Ridefort verzog abf�llig die Lippen, w�hrend Horace ihr fast verzweifelt etwas mit Blicken zu signalisieren versuchte, was sie nicht verstand. Sie f�hlte sich in die Enge getrieben, so hilf- und wehrlos wie eine Spielfigur auf dem Schachbrett, die weder wei�, wie der n�chste Zug des Spiels ausfallen w�rde, noch in der Lage war, ihn irgendwie zu beeinflussen.</p><p>Ein einzelner Ritter stand auf und ging zu einem niedrigen Schreibpult, auf dem eine aufgeschlagene Bibel lag, und begann daraus zu lesen.</p><p><emphasis>�Seht, der Tag des Herrn kommt, voll Grausamkeit, Grimm und gl�hendem Zorn�, </emphasis>begann er mit ruhiger, aber sonderbar durchdringender Stimme, <emphasis>�und er wird die Erde zur W�ste machen und die S�nder von ihrem Antlitz tilgen. Und ich werde auf der Erde die Bosheit heimsuchen und �ber die Gottlosen Gericht halten.�</emphasis></p><p>�Das Buch Jesaja�, sagte Odo und nickte Horace anerkennend zu. �Eine gute Wahl, Bruder Horace. Ich bin sicher, dass die Heiden, die ins K�nigreich gekommen sind, um zu pl�ndern, schon nur allzu bald zerschmettert sein werden, so wie zu Jesajas Zeiten Babylon durch Gottes Willen ein schreckliches Strafgericht fand.�</p><p><emphasis>�Und wer schuldig gefunden wird, soll durchbohrt werden, und wer fl�chtig ergriffen wird, soll durchbohrt werden�, </emphasis>fuhr der Ritter fort. <emphasis>�Vor ihren Augen werden ihre Kinder zerschmettert, ihre H�user gepl�ndert, ihre Frauen gesch�ndet. Wilde Hunde werden in ihren Pal�sten heulen und Schakale in den Schl�ssern der Lust. Und seine Zeit steht nahe bevor, und nicht verl�ngert sollen seine Tage sein.�</emphasis></p><p>Horace reagierte nicht auf die Worte des Gro�meisters, sondern machte im Gegenteil keinen Hehl aus seiner Missbilligung dar�ber, dass Odo das von ihm selbst aufgestellte Schweigegel�bde weiter so beharrlich missachtete. Schlie�lich gab es der Gro�meister auf und konzentrierte sich wieder ganz auf seine Mahlzeit, doch an seiner Stelle ergriff Ridefort das Wort.</p><p>�Sagt, Bruder Horace, wo ist Bruder Abb�?� Sein Blick streifte Robin, und das abf�llige Glitzern darin nahm eine andere, beunruhigende Qualit�t an. �Ich h�tte erwartet, dass er herbeieilt, um das Mysterium von Bruder Robins wundersamer Errettung mit uns zu feiern.�</p><p>Deutlicher, dachte Robin, ging es wohl kaum noch. Sie war selbst ein wenig erstaunt, wie gut es ihr gelang, ihr Erschrecken �ber die Worte des Marschalls zu verbergen, doch Horace reagierte eindeutig nerv�s. Einen Moment lang sah er Ridefort beinahe hilflos an, bevor er sich in ein noch viel hilfloseres L�cheln rettete.</p><p>�Zweifellos w�re er gerne hier, um Bruder Robin willkommen zu hei�en�, antwortete er. �Doch er f�hrt einen Trupp Sp�her an, um die Pl�nderer zu verfolgen, auf die Dariusz gesto�en ist. Sie versuchen ihr Hauptlager aufzusp�ren. Wir k�nnen es M�nnern wie ihnen nicht erlauben, ihr Unwesen direkt vor unserer Haust�r zu treiben. Wie k�nnen wir erwarten, dass die Menschen sich in diesem Land zum wahren Glauben bekennen, wenn wir sie nicht einmal vor ein paar dahergelaufenen Banditen besch�tzen k�nnen?�</p><p>Ridefort entging der kaum verhohlene Tadel in diesen Worten keineswegs. In seinen Augen blitzte es w�tend auf, und seine Lippen wurden f�r einen Moment zu einem d�nnen, blutleeren Strich. Mit einem w�tend-herausfordernden Blick wandte er sich an den neben ihm sitzenden Odo, erntete aber nur ein sp�ttisches L�cheln. �Ja, da m�gt Ihr wohl Recht haben, Horace�, antwortete er daraufhin mit geheuchelter H�flichkeit, �und doch frage ich mich, ob das wirklich eine Aufgabe f�r einen Mann wie Abb� ist.�</p><p>�Zweifelt Ihr an Abb�s Mut, Bruder?�, erkundigte sich Horace.</p><p>�Nein�, antwortete Ridefort. �Jeder hier wei�, dass Bruder Abb� einer der Tapfersten von uns ist. Doch er ist kein junger Mann mehr, und ich frage mich, ob sein unbestritten scharfer Verstand f�r uns hier in Safet nicht von weit gr��erem Nutzen ist, als sein Schwert im Kampf gegen ein paar Wegelagerer.�</p><p>�Warum stellt Ihr ihm diese Frage nicht selbst, sobald er zur�ck ist?�, fragte Horace k�hl.</p><p>Ridefort wollte auffahren, aber Odo brachte ihn mit einer raschen Handbewegung zum Schweigen. Statt sich an einen der beiden Kampfh�hne zu wenden, suchte sein Blick den Robins.</p><p>�Du kennst Bruder Abb� von uns allen vielleicht am besten, Robin�, sagte er. �Immerhin hast du mehr Zeit mit ihm verbracht als irgendein anderer hier im Raum. Glaubst du auch, er w�re zu alt, um es mit einer R�uberbande aufzunehmen?�</p><p>�Es ist ... lange her, dass ich Bruder Abb� das letzte Mal gesehen habe�, erwiderte Robin ausweichend. Sie versuchte, in Odos Augen zu lesen, um herauszufinden, was er von ihr erwartete - ob er einfach nur neugierig war oder von ihr erwartete, Partei f�r Horace auf der einen oder Ridefort auf der anderen Seite zu ergreifen. Schlie�lich sp�rte sie selbst, dass ihr Schweigen zu lange wahrte, und fuhr mit einem unschl�ssig wirkenden Achselzucken fort. �Ich war fast noch ein Kind, als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Damals hat er mich beeindruckt.�</p><p>�Damals?�, hakte Ridefort nach.</p><p>�Ebenso wie sp�ter�, sagte Robin. Sie wich dem Blick des Marschalls aus und sah stattdessen dem Gro�meister fest in die Augen. �Ich habe fast alles, was ich wei�, von Bruder Abb� gelernt. Er mag ein alter Mann sein im Vergleich mit Euch, aber er schwingt das Schwert besser als so mancher halb so alte Mann, den ich getroffen habe. Als die Piraten die <emphasis>Sankt Christophorus </emphasis>angegriffen haben, ist mehr als einer von ihnen unter seiner Klinge gefallen.�</p><p>Ridefort funkelte sie eindeutig feindselig an, doch bei Odo - und zu ihrer �berraschung auch Horace - war es ihr unm�glich zu entscheiden, ob sie ihre Worte billigten oder vielleicht eher das Gegenteil zu h�ren erwartet hatten. Schlie�lich hob sie abermals die Schultern und schloss: �Das ist alles, was ich Euch sagen kann.�</p><p>�Und du, Bruder?�, fragte Odo.</p><p>�Ich?�, murmelte Robin verst�rt. �Was ... meint Ihr?�</p><p>Odo l�chelte d�nn. �Nun, immerhin warst du fast zwei Jahre lang des Sheik Sinans Gast. Man erz�hlt sich ja wahre Wunderdinge von seinen Assassinen.�</p><p>�Es hei�t, sie k�nnten sich selbst im hellen Sonnenlicht lautlos und unsichtbar wie die Schatten bewegen�, pflichtete ihm Ridefort mit einem Nicken bei. Auch er sah Robin an, doch wo der Blick des Gro�meisters einfach nur neugierig war, meinte Robin in seinen Augen etwas Lauerndes zu bemerken, als warte er nur darauf, dass sie die falsche Antwort gab.</p><p>�Davon wei� ich nichts�, sagte sie ausweichend. �Wie Ihr selbst gesagt habt, Bruder - ihre herausragendste Eigenschaft ist es wohl, sich unsichtbar zu machen. Ich habe jedenfalls nur sehr wenige von ihnen zu Gesicht bekommen.�</p><p>Ridefort japste h�rbar nach Luft, und sie bemerkte aus den Augenwinkeln, wie auch Horaces Gesicht jede Farbe verlor. Erst da wurde ihr klar, welche Antwort sie dem zweitwichtigsten Mann des Templerordens gerade gegeben hatte. Sie erschrak so tief, dass ihre H�nde zu zittern begannen. F�r einen einzelnen, aber schier endlosen Moment schien die Zeit anzuhalten ... und dann begann Odo schallend zu lachen.</p><p>Horace sah f�r einen Moment regelrecht konsterniert aus, und auch �berall am Tisch hoben sich K�pfe, blickten Gesichter fragend in ihre Richtung, erschien ein best�rzter Ausdruck auf dem einen oder anderen Antlitz oder auch ein unverhohlen missbilligendes Stirnrunzeln. Nichts von alledem schien Odo zu irritieren. Er lachte nur noch lauter, warf schlie�lich den Kopf in den Nacken und schlug dem neben ihm sitzenden Marschall die flache Hand zwischen die Schultern. Ridefort sah f�r einen Moment aus, als h�tte ihn nicht nur im wortw�rtlichen, sondern auch im �bertragenen Sinne der Schlag getroffen. Er sog scharf die Luft zwischen den Z�hnen ein, und was Robin f�r einen halben Herzschlag in seinen Augen las, das war nichts anderes als blanke Mordlust. Dann aber zwang er sich zu einem gequ�lten L�cheln.</p><p>�Nun, ich glaube, das habt Ihr Euch redlich verdient, Bruder�, sagte der Gro�meister, immer noch leise lachend und mit einem Blick in Robins Richtung. �Was habt Ihr erwartet von einem jungen Ritter wie Bruder Robin? Dass er seinen Lehrmeister einen Schw�chling und alten Mann nennt?�</p><p>�Wohl kaum�, gestand Ridefort. Sein L�cheln wirkte immer noch verkrampft. Robin empfand pl�tzlich den intensiven Wunsch, auf die Gr��e einer Maus zusammenzuschrumpfen, um sich irgendwo in einer Fu�bodenritze verstecken zu k�nnen, und sie sah auch Horace an, dass er sich in diesem Moment weit, weit weg w�nschte.</p><p>�So Gott will�, sagte Horace mit einem angedeuteten, nerv�sen L�cheln in Odos Richtung, �wird Bruder Abb� schon sehr bald Gelegenheit haben, uns seine F�higkeiten unter Beweis zu stellen.�</p><p>�Und das vielleicht eher, als Ihr jetzt noch glaubt�, f�gte Ridefort hinzu. Horace sah ihn mit einem Ausdruck leiser Verwirrung an, und Ridefort fuhr fort: �Mit ein wenig Gl�ck - und Gottes Hilfe - werden die letzten Truppen schon morgen hier eintreffen. Der Moment, in dem wir Saladin stellen, ist nicht mehr fern.�</p><p>Unbeschadet dessen, was er noch vor einem Atemzug selbst gesagt hatte, wirkte Horace nicht unbedingt begeistert. �So schnell?�, fragte er. �Sind die Truppen denn bereit f�r die Schlacht?�</p><p>�So bereit, wie sie nur sein k�nnen�, erwiderte Ridefort gro�spurig. �Dieses Heidenpack wird dem Schwert der Christenheit nicht widerstehen.�</p><p>�Dieses ... Heidenpack�, erwiderte Horace vorsichtig, �ist uns zahlenm��ig immer noch weit �berlegen.� Er warf Odo einen Beifall heischenden Blick zu, doch der Gro�meister des Templerordens sch�ttelte nur heftig den Kopf.</p><p>�Wir stehen nicht Saladins gesamtem Heer gegen�ber ...�, begann er. �... was auch keinen Unterschied machen w�rde�, f�gte Ridefort hinzu, und Odo fuhr unger�hrt fort: �... sondern weniger als der H�lfte seiner Truppen. Unsere Sp�her berichten, dass er sein Heer geteilt hat. Saladin selbst hat sich mit dem Hauptteil seiner Truppen nach Damaskus zur�ckgezogen. Sein Neffe Faruk-Schah f�hrt den Rest des Heeres an - eine Bande von Tagedieben und M�rdern, die �berf�lle auf die Herden und D�rfer zwischen Sidon und Beirut ausf�hren, weil sie zu feige sind, sich zum offenen Kampf zu stellen.� Er l�chelte abf�llig.</p><p>�Auch wenn ich Bruder Rideforts Meinung nicht immer teile, was die Schw�che der Muselmanen angeht, so muss ich ihm in diesem Falle doch beipflichten. Gott hat es so eingerichtet, dass wir Saladin im Moment �berlegen sind, sowohl an Zahl als auch an Entschlossenheit.�</p><p>Horace wirkte z�gerlich. �Das Gel�nde ist ung�nstig�, gab er zu bedenken. �In diesem bewaldeten Bergland ist es leicht, eine Falle zu stellen.� Er machte eine Kopfbewegung auf Robin. �Vergesst nicht, was Bruder Dariusz und den Seinen passiert ist.�</p><p>�Einem Dutzend Ritter!�, sagte Ridefort. �Keinem Heer.�</p><p>�Einem Dutzend unserer Besten. Vielleicht sollten wir Gott danken, dass es nur ein Dutzend Ritter war, und es als Warnung betrachten�, beharrte Horace. �Es k�nnte sich wiederholen, nur in weit gr��erem Ma�stab. Was einer Hand voll Pl�nderern einf�llt, das kann einem Mann wie Saladin erst recht in den Sinn kommen. Das Gebirge ist kein guter Platz, um die �berlegenheit der schweren Reiterei auszuspielen.�</p><p>Robin folgte dem Gespr�ch mit einer Mischung aus Unbehagen und morbider Faszination. Die Erinnerung an die Katastrophe, der sie um Haaresbreite entgangen waren, war noch zu frisch in ihr, als dass ihr die Aussicht, in eine offene Feldschlacht zu ziehen, irgendetwas anderes als blanke Furcht einjagen konnte - und zugleich empfand sie eine sonderbare Erregung bei genau diesem Gedanken. Auch wenn sie selbst nicht wirklich verstand, warum. Sie w�nschte sich, das Essen w�re bald vorbei.</p><p>Horace und der Gro�meister debattierten noch eine Weile weiter �ber die bevorstehende Schlacht und ihre unterschiedlichen Auffassungen �ber die besten Strategien, doch Robin h�rte nicht mehr wirklich hin. Ihre eigene Situation kam ihr immer unwirklicher vor - sa� sie, ein einfaches M�dchen aus Friesland, dem das Leben als einzig Au�ergew�hnliches einen fremdartigen Namen mitgegeben hatte, den Namen eines Vaters noch dazu, den sie niemals in ihrem Leben kennen gelernt hatte, tats�chlich hier, in einem Land am anderen Ende der Welt, zusammen mit den wichtigsten M�nnern der Christenheit und unterhielt sich mit ihnen fast wie mit Gleichgestellten? Und als w�re das noch nicht genug, hatte sie soeben den Marschall des Templerordens beleidigt, und vermutlich hatte sie diese Beleidigung aus dem einzigen Grund nicht sofort mit dem Leben bezahlt, weil sich der einzige noch m�chtigere Mann im Raum �ber den un�bersehbaren �rger am�sierte, den Ridefort �ber ihre Worte empfand.</p><p>�Bruder Robin?�</p><p>Robin fuhr erschrocken zusammen, als der Klang von Odos Stimme in ihre Gedanken drang, hob rasch den Kopf und erschrak dann noch einmal und deutlich heftiger, als sie Odos Blick begegnete und ihr der Ausdruck in seinen Augen klar machte, dass er sie nicht zum ersten Mal angesprochen hatte.</p><p>�Bruder ... Odo?�, fragte sie nerv�s. Sie bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Horace die Augen verdrehte und pl�tzlich so aussah, als wollte er am liebsten im Boden versinken, doch das am�sierte Glitzern in Odos Augen nahm eher noch zu. Nach allem, was sie bisher �ber den Gro�meister des Templerordens geh�rt hatte, h�tte sie eine solche Reaktion von ihm als Allerletzten erwartet, aber Odo schien an diesem Tag in ganz besonders gro�z�giger Stimmung zu sein.</p><p>�Zweifellos warst du gerade in stummer Zwiesprache mit Gott�, sagte er am�siert. �Ich habe gefragt, ob du es warst, den Bruder Abb� damals in seiner Komturei auf den Spion des Alten vom Berge angesetzt hat.�</p><p>Einen Herzschlag lang sah Robin den schmalgesichtigen Ritter nur mit einem Ausdruck vollkommener Verst�ndnislosigkeit an. Sie war so sehr in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie sich f�hlte, als erwache sie aus einem tiefen, von Albtr�umen heimgesuchten Schlaf, und es ihr im ersten Moment vollkommen unm�glich war, diesen Worten irgendeinen Sinn abzugewinnen. �Sein ... Spion?�</p><p>�Sein Name war Saled�, f�gte Ridefort hinzu.</p><p>�Salim�, berichtigte ihn Horace, betont beil�ufig, zugleich aber auch mit einem raschen, beinahe beschw�renden Blick in Robins Richtung. �Ja, das ist richtig. Bruder Abb� hat Robin damals den vermeintlichen Sklaven als Leibdiener und Knappen zugewiesen.� Er l�chelte d�nn. �Wie ich das alte Schlitzohr kenne, wird er heute behaupten, schon damals gewusst zu haben, dass dieser Heide in Sinans Auftrag gekommen ist, uns auszuspionieren. Aber wenn Ihr mich fragt, war es wohl reiner Zufall.�</p><p>�Vermutlich�, sagte Odo nickend.</p><p>�Oder Gottes F�gung�, f�gte Ridefort hinzu. Seine Stimme nahm wieder jenen lauernden Ton an, der Robin schon mehrmals darin aufgefallen war. �Wisst Ihr, wo sich der Heidenhund heute aufh�lt?�</p><p>�In einem Zelt weniger als eine Stunde von hier�, sagte Horace. Nicht nur Ridefort sah ihn �berrascht an, sondern auch Odo wandte mit einem Ruck den Kopf und runzelte fragend die Stirn, und Robin fuhr so heftig zusammen, dass sie um ein Haar ihren Trinkbecher umgeworfen h�tte. Salim war also tats�chlich hier!</p><p>�Dieser Spion besitzt die Dreistigkeit ...�, begann Ridefort.</p><p><emphasis>�Dieser Spion�, </emphasis>unterbrach ihn Horace betont, �ist als offizieller Vertreter Raschid Sinans hier - unseres Verb�ndeten.�</p><p>�Der in der Wahl seiner Botschafter vielleicht etwas sorgf�ltiger sein sollte�, sagte Ridefort.</p><p>Horace hob die Schultern. �Vielleicht. Ungl�ckseligerweise ist dieser Salim Sinans Sohn - jedenfalls ist es mir so zu Ohren gekommen.�</p><p>�Sein Sohn?�, fragte Odo. Wieso sah er Robin dabei an?</p><p>Ridefort schnaubte. �Der Bastard eines Heidenf�rsten, der durch Mord und Intrigen an die Macht gekommen ist�, sagte er abf�llig, �Vermutlich hat er f�nfzig S�hne. Oder hundert.�</p><p>�Salim�, sagte Odo noch einmal. Er klang nachdenklich, und sein Blick, der weiterhin beharrlich auf Robins Gesicht lastete, wurde noch nachdenklicher. �Ich habe eine Geschichte geh�rt, �ber diesen ... Salim. Es hei�t, er h�tte eine Christenfrau geheiratet. Wei�t du etwas dar�ber, Bruder Robin? Es hei�t, es h�tte in Sinans Felsennest Masyaf ein gro�es Fest gegeben, zu dem auch ein Bruder unseres Ordens geladen war. Als Ehrengast, wie man mir berichtet hat.�</p><p>Robin war am Rande der Panik. Was sollte sie sagen? Sie konnte Odo die Antwort auf seine Frage nicht einfach schuldig bleiben, aber sie hatte zugleich das schreckliche Gef�hl, dass sich einfach <emphasis>alles, </emphasis>was sie sagen konnte, gegen sie wenden w�rde. Wussten die beiden Templer um ihre wahre Identit�t und spielten nur ein grausames Spiel mit ihr?</p><p>�Davon ... wei� ich nichts�, antwortete sie ausweichend. �Ich habe davon geh�rt, dass es ein gro�es Fest gegeben haben soll, aber ich selbst ...� Sie schwieg einen Moment. Ihre Gedanken �berschlugen sich. �Vielleicht war es in der Zeit, in der ich krank war.�</p><p>�Krank?�, fragte Ridefort misstrauisch. �Davon hat uns niemand etwas gesagt.�</p><p>�Es war nicht der Rede wert�, erwiderte Robin rasch. Sie sah den Marschall nicht an. �Ich wurde verletzt, als die Assassinen die Sklavenkarawane angegriffen haben, und musste mehrere Wochen das Bett h�ten.�</p><p>�Aber du hast Salims Frau gesehen�, beharrte Ridefort. �Du musst wissen, ob sie eine Christin ist.�</p><p>�Ich habe sie gesehen�, best�tigte Robin, w�hrend sie sich zugleich beinahe selbst f�r diese Worte verfluchte. Horace warf ihr mittlerweile fast verzweifelte Blicke zu, und damit hatte er nur zu Recht. Sie lief mit jedem Wort gr��ere Gefahr, sich in Widerspr�che und Ungereimtheiten zu verstricken. Ob sie Gerhard von Ridefort nun mochte oder nicht, eines war er ganz gewiss nicht: ein Dummkopf. Noch ein paar geschickte Fragen - und ein paar etwas weniger geschickte Antworten von ihr -, und er w�rde zwei und zwei zusammenz�hlen und zum richtigen Ergebnis kommen.</p><p>Falls das nicht schon l�ngst geschehen war.</p><p>�Und?�, fragte Odo. �Ist es wahr? Ist sie eine Christin?�</p><p>�Und eine ausgesprochen h�bsche dazu?�, f�gte Ridefort hinzu.</p><p>Robin ignorierte ihn. �Das wei� ich nicht�, erwiderte sie, an Odo gewandt und mit leiser, aber fester Stimme. �Ich habe ihr Gesicht nie gesehen.�</p><p>�Ihr kennt die Sitten dieser Heiden�, sagte Horace rasch. �Sie verh�llen die Gesichter ihrer Frauen. Wahrscheinlich h�tte es Robin das Leben gekostet, h�tte er ihr Gesicht gesehen.�</p><p>Rideforts Z�ge verh�rteten sich. �Dennoch muss er ...�</p><p><emphasis>�Dennoch�, </emphasis>fiel ihm Horace betont ins Wort, �sollten wir das Gespr�ch zu einem sp�teren Zeitpunkt fortf�hren, und an einem anderen Ort. Und vielleicht zusammen mit Bruder Abb�.�</p><p>Robin hielt die Luft an. Es war nicht das, <emphasis>was </emphasis>Horace gesagt hatte, sondern die Art, <emphasis>wie </emphasis>er es gesagt hatte. Wenn Robin jemals so etwas wie einen scharfen Verweis geh�rt hatte, dann jetzt. Rideforts Miene verd�sterte sich noch weiter, aber auch jetzt war es wieder der Gro�meister, der zu Robins �berraschung Horaces Partei ergriff.</p><p>�Bruder Horace hat Recht�, sagte er. �Wie k�nnen wir von unseren Br�dern erwarten, dass sie sich an unsere Regeln halten, wenn wir selbst nicht mit gutem Beispiel vorangehen?� Er nickte in Horaces Richtung. �Ich danke Euch, Bruder Horace, dass Ihr uns auf unseren Fehler aufmerksam macht.� Er faltete die H�nde �ber der Tischplatte. �Lasset uns beten und Gott f�r alles danken, was er uns in seiner unermesslichen G�te zuteil werden l�sst.�</p></section><section><title><p>12. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Sie erwachte schwei�gebadet, mit einem �blen Geschmack im Mund und so heftig klopfendem Herzen, dass es ihr fast den Atem nahm. Ihr war entsetzlich �bel, und in ihrem Scho� w�hlte ein dumpfer Schmerz, der ihr fremd war und sie vielleicht gerade deshalb erschreckte. Ein schriller, rhythmisch an- und abschwellender Ton marterte ihr Ohr, und als sie die Augen zu �ffnen versuchte, gelang es ihr im ersten Moment nicht. Ihre Lider waren verklebt, und es tat ihr regelrecht weh, sie zu heben. Nat�rlich tat sie es trotzdem.</p><p>Der Schmerz war nicht so schlimm, wie sie erwartet hatte; eigentlich war das Gef�hl allenfalls unangenehm, aber daf�r stach das Licht der einzelnen Kerze, die in ihrem Gemach brannte, wie mit d�nnen rot gl�henden Nadeln in ihre Augen. Robin stemmte sich unsicher auf die Ellbogen hoch, unterdr�ckte mit einiger M�he ein G�hnen - was einigerma�en absurd war, denn sie war v�llig allein in der sch�bigen Kammer, die Horace ihr zugewiesen hatte - und blinzelte verschlafen in die Runde. Viel gab es allerdings nicht zu sehen. Die Kammer, deren W�nde aus unverputztem braunem Sandstein bestanden, bot gerade Platz f�r die schmale, mit einem viel zu d�nnen Strohsack gepolsterte Bettstatt und einen dreibeinigen Schemel, auf dem die mittlerweile fast heruntergebrannte Kerze stand. Die Flamme bewegte sich unruhig in der Zugluft, die durch das schmale Fenster hereinpfiff, und nicht zum ersten Mal wurde sich Robin schmerzhaft der Tatsache bewusst, wie bitterkalt die N�chte in diesem tags�ber von der Sonne verbrannten Land werden konnten.</p><p>W�hrend sie sich schlaftrunken aufsetzte und fr�stelnd den Mantel enger um die Schultern zog, folgte ihr Blick dem Spiel von Licht und Schatten, die lautlos �ber die W�nde tanzten. F�r einen Moment schienen sie sich zu nerv�sen Szenen zu gruppieren; winzige Schattenkrieger, die einander hetzten und umschlichen, lautlose Heere, die beh�big zur Schlacht aufmarschierten und wieder verschwanden, J�ger und Beute, die in rasendem Wechsel die Pl�tze tauschten, und dann, f�r einen Moment, glaubte sie ein Gesicht in den Schatten zu erkennen.</p><p>Aber es war nur Einbildung. Salim war nicht hier.</p><p>Das Schrillen in ihren Ohren hielt an. Robins Benommenheit war mittlerweile weit genug verflogen, dass sie das Ger�usch erkannte: Es war die Glocke, die zum Matutin rief, dem mittern�chtlichen Gebet, und sie hatte sie nicht nur aus tiefstem Schlaf gerissen, sondern auch aus den Klauen eines ebenso wirren wie beklemmenden Albtraumes befreit. Robin erinnerte sich nicht genau, was sie getr�umt hatte, aber es war schlimm gewesen. Nicht einmal mehr im Schlaf schien sie Frieden zu finden.</p><p>Das Schrillen der Glocke schien nun ungeduldiger zu klingen. Robin sch�ttelte den Rest ihrer Benommenheit ab, schwang die Beine aus dem Bett und biss mit einem scharfen Laut die Z�hne zusammen, als ihre nackten Fu�sohlen den eiskalten Boden ber�hrten. Sie sollte sich besser beeilen. Odo w�rde es ganz gewiss nicht positiv vermerken, wenn sie zu sp�t zum Matutin - oder gar �berhaupt nicht! - kam, und was Gerhard von Ridefort anging ... Nein, Robin zog es vor, lieber nicht dar�ber nachzudenken, in welchem Ma�e sie sich den Groll des Ordensmarschalls zugezogen haben mochte. Horace jedenfalls hatte mehr als besorgt ausgesehen, als er sie nach dem Essen hier herunterbegleitet hatte. Robin hatte eine entsprechende Frage gestellt, doch der Komtur hatte sie so derb angefahren, dass sie es nicht gewagt hatte, ihre Frage zu wiederholen.</p><p>Rasch schl�pfte sie in ihre Stiefel, wobei sie sich vielleicht zu schnell oder auch zu weit vorbeugte, denn ihr wurde prompt wieder �bel, sodass sie weitere, kostbare Augenblicke damit verlor, reglos und mit zusammengebissenen Z�hnen dazusitzen und darauf zu warten, dass ihr Magen seine Versuche einstellte, ihre Kehle heraufzukriechen. Robin vertrieb sich die Zeit damit, lautlos auf die Unzul�nglichkeit ihres eigenen K�rpers zu fluchen, der sie in letzter Zeit immer schm�hlicher im Stich lie�. Sie verfluchte sich selbst daf�r, auf Salim geh�rt und nicht mehr mit ihren Waffen ge�bt zu haben. Die zwei Jahre, die sie mit kaum etwas anderem verbracht hatte, als eine Frau zu sein, r�chten sich nun bitter. Sie war verweichlicht, und ihr K�rper pr�sentierte ihr unerbittlich die Rechnung f�r all die Monate, die sie in �berfluss und Bequemlichkeit verbracht hatte.</p><p>Endlich h�rte ihr Magen auf zu revoltieren, sodass sie aufstehen und ihre Kammer verlassen konnte. Das L�uten der Glocke brach ab, als sie die schwere Holzt�r hinter sich schloss, aber Robin wandte sich trotzdem hastig um und lief so schnell den nur von wenigen, heftig ru�enden Fackeln erhellten Gang hinab, wie sie gerade noch konnte, ohne wirklich zu rennen. Gottlob hatte sie sich den Weg zum Hof hinab gr�ndlich eingepr�gt, sodass sie nicht Gefahr lief, sich in den labyrinthischen G�ngen und Tunnelgew�lben der Festung zu verlaufen.</p><p>Dennoch war sie die Letzte, die - gerade noch mit dem allerletzten Schlag der Glocke - in die kleine Kapelle trat. S�mtliche Templer waren hier versammelt - Odo, Horace und Ridefort standen ganz vorne in der rechten der beiden sich an den L�ngsseiten der Kapelle gegen�berstehenden Bankreihen -, und Robin fuhr leicht erschrocken zusammen, als sie sah, dass sie als Einzige barh�uptig eingetreten war. Hastig schloss sie die T�r hinter sich, schlug in der gleichen Bewegung die Kapuze ihres Mantels hoch und kniete in der letzten Bankreihe nieder; gerade noch im letzten Moment, bevor die Messe begann.</p><p>Robin hatte M�he, dem Zeremoniell zu folgen. Ihre Lippen bewegten sich, ohne die lateinischen Worte des Gebetes wirklich zu formen, und es wurde noch schlimmer, als die Ritter im Wechselspiel der beiden Seiten zu singen begannen. Pl�tzlich war sie sehr dankbar f�r die weit nach vorne gezogene Kapuze ihres Mantels, die ihr Gesicht fast vollkommen verbarg, sodass ihr kleiner Betrug wenigstens nicht auf den ersten Blick auffiel. Sie hatte so vieles vergessen und so vieles erst gar nicht gewusst. W�hrend ihrer Zeit in der Komturei in Friesland hatte Abb� sie so manches gelehrt, ihr aber vor allem beigebracht, m�glichst glaubw�rdig den <emphasis>Anschein </emphasis>zu erwecken, sich in den komplizierten Riten und Zeremoniellen des Templerordens auszukennen. Niemals hatte sie vorgehabt, tats�chlich bei den Templern zu <emphasis>leben, </emphasis>und schon gar nicht hier, im innersten Zirkel der Macht. Sie fragte sich, wie lange diese Maskerade wohl noch gut gehen w�rde, bevor sie einen entscheidenden Fehler machte und ihr ganzes L�gengeb�ude zusammenbrach.</p><p>Ein d�nner, aber rot gl�hender Schmerz bohrte sich erbarmungslos in ihren Leib, und Robin kr�mmte sich und konnte gerade noch einen Schmerzenslaut unterdr�cken. Der Moment ging so schnell vor�ber, wie er gekommen war, aber vielleicht trotzdem nicht schnell genug, denn der Ritter neben ihr unterbrach f�r einen Augenblick sein gemurmeltes Gebet und sah sie ebenso aufmerksam wie alarmiert an. Er sagte nichts, doch sein Blick wurde so durchdringend, dass Robin schon wieder beinahe in Panik zu geraten drohte. Ihr war klar, dass man auf der Burg ohnehin �ber sie redete; Schweigegel�bde hin oder her. Und auch das war etwas, was sie dank der unbarmherzigen Knute, unter der Dariusz seine M�nner hielt, beinahe vergessen hatte:</p><p>Gerade <emphasis>weil </emphasis>das Leben der Tempelritter so hart und entbehrungsreich war, achteten die M�nner aufeinander. Das Mitleid eines ihrer Ordensbr�der zu erregen konnte sie sich ebenso wenig leisten wie sein Misstrauen. Auch wenn sich die Krieger Gottes Askese, Entbehrung und H�rte sich selbst gegen�ber in gro�en Lettern auf die Fahnen geschrieben hatten, so gab es auch �rzte unter ihnen, und so wenig, wie sie sich eine schwere Verletzung erlauben konnte, konnte sie es sich leisten, etwa in den Verdacht zu geraten, krank zu sein. Solange sie Wappenrock und R�stung der Tempelritter trug, mochte sie als Mann unter M�nnern durchgehen, aber ein Arzt w�rde sie auf den ersten Blick enttarnen.</p><p>Im Grunde lief es immer wieder auf dasselbe hinaus, dachte sie niedergeschlagen. Sie h�tte niemals herkommen sollen. Aber da das nun einmal geschehen war, durfte sie keine Stunde l�nger auf Safet verbringen, als unbedingt n�tig war.</p><p>Robin verfluchte sich selbst in Gedanken daf�r, heute Morgen auf ihren Verstand und nicht auf die Stimme ihres Herzens geh�rt zu haben, als sie vor der Entscheidung stand, den Assassinen zu folgen oder Rothers Leben zu retten. Vielleicht h�tten die M�nner ihn gar nicht get�tet. Vielleicht - nein, sicher! - h�tte ein einziges Wort von ihr gen�gt, und sie h�tten ihn verschont, und h�tte sie auch nur einen einzigen Moment nachgedacht, statt einem ebenso sentimentalen wie sch�dlichen Gef�hl nachzugeben, so k�nnte sie jetzt schon wieder bei Salim sein, in seinen Armen liegen und die kostbarsten Speisen und das Gef�hl des edelsten Stoffes auf der Haut genie�en, statt mit schmerzenden Knien auf hartem Steinboden zu hocken, zu frieren und dem Knurren ihres Magens zu lauschen, dem die Mahlzeit vom Mittag l�ngst nicht gereicht hatte, ihn alle �berstandenen Entbehrungen der letzten Tage vergessen zu lassen.</p><p>Unter dem weit nach vorne gezogenen Rand ihrer Kapuze hervor suchte sie nach Rother, der sich irgendwo hier in der Kirche befinden musste. Sie sah ihn nicht, doch pl�tzlich blieb ihr Blick an einer knienden Gestalt in einer der vorderen Bankreihen auf der anderen Seite h�ngen. F�r einen winzigen Moment hatte der Ritter den Kopf gehoben, um das Kreuzzeichen zu schlagen und den Blick dem einfachen Altar an der Stirnseite der Kirche zuzuwenden, und Robins Atem stockte, als sie sein Gesicht im Profil sah. Der Augenblick ging zu schnell vor�ber, um mehr als einen fl�chtigen Eindruck zu gewinnen, und doch: Sie war beinahe sicher, unter dem kaum noch vorhandenen Haar das rundliche Gesicht Bruder Abb�s erkannt zu haben.</p><p>Konnte es sein?, dachte sie aufgeregt. Sicher, Bruder Horace hatte gesagt, Abb� befinde sich auf einer Mission au�erhalb der Burg, aber er hatte nicht gesagt, wann mit seiner R�ckkehr zu rechnen w�re. Und seither waren Stunden vergangen.</p><p>Robins Herz begann aufgeregt zu klopfen, und sie faltete die H�nde fester, damit der Mann neben ihr, der sie noch immer insgeheim aus den Augenwinkeln beobachtete, wie sie sehr wohl merkte, das Zittern ihrer Finger nicht sah. Die Kapelle war nur schlecht beleuchtet. Es brannten nur einige wenige Kerzen, die deutlich mehr Schatten als Licht in den Raum brachten, und der Ritter hatte das Haupt nun wieder gesenkt, sodass sie nur noch seine Kapuze sah. Trotzdem ... er war nicht sehr gro�. Unter dem schmutzigen Stoff seines Mantels spannten sich breite, fleischige Schultern, und selbst im Knien war ihm seine Leibesf�lle durchaus anzusehen. Aber wenn es Abb� war - warum war er dann nicht schon l�ngst zu ihr gekommen?</p><p>Die Messe schien kein Ende zu nehmen. Nie waren ihr die Lieder so lang, die Gebete so endlos und die Predigt, die Odo selbst hielt, so erm�dend und unendlich vorgekommen. Als der Gro�meister schlie�lich ein letztes Gebet sprach und sie mit seinem Segen entlie�, hatte sie das Gef�hl, stundenlang auf dem harten Steinboden gekniet und auf das Ende des Gottesdienstes gewartet zu haben.</p><p>W�hrend die Ritter einer nach dem anderen und in Anbetracht ihrer gro�en Zahl erstaunlich lautlos aufstanden, um die Kapelle zu verlassen, versuchte sie einen unauff�lligen Blick unter die Kapuze des Mannes zu erhaschen, in dem sie Bruder Abb� erkannt zu haben glaubte, doch es gelang ihr nicht. Wie fast alle anderen ging er mit gebeugten Schultern und dem�tig gesenktem Haupt, die H�nde auch jetzt noch im Gebet vor der Brust gefaltet, und da sich die Ritter schnell und sehr diszipliniert bewegten, wagte es Robin nicht, einfach stehen zu bleiben und zu warten, bis er n�her heran war. Doch allein die Art, wie sich der Mann bewegte, machte ihren Verdacht beinahe zur Gewissheit. Es <emphasis>war </emphasis>Bruder Abb�. Aber er musste doch wissen, dass sie hier war! Er musste doch mit Horace gesprochen haben!</p><p>Auch drau�en auf dem Hof wurde es nicht besser. Die Ritter stellten sich in zwei pr�zise ausgerichteten Reihen vor der kleinen Kapelle auf und marschierten dann schweigend �ber den verlassenen Hof. Es war ihr vollkommen unm�glich, sich ihrem alten Lehrmeister zu n�hern, ohne die Ordnung zu st�ren und damit die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.</p><p>Erst als sie den Palas erreicht hatten und die Ritter in verschiedenen Richtungen davongingen, um zu ihren Schlafquartieren zu eilen, l�ste sich die allgemeine Ordnung auf. Noch immer sprach niemand, doch die M�nner hatten es nun sehr eilig. In wenigen Stunden schon w�rde die Glocke wieder zum Morgengebet rufen, und die viel zu wenigen Augenblicke Schlaf, die ihnen bis dahin verg�nnt waren, waren zu kostbar, um sie mit etwas so Banalem wie Reden zu vergeuden; selbst wenn es ihnen gestattet gewesen w�re.</p><p>Auch Robin schlug den Weg zu ihrem Quartier ein, ging aber ein wenig langsamer als die anderen und blieb nach wenigen Schritten stehen, um so zu tun, als m�sse sie etwas an ihrem Stiefel richten. Was die anderen Ritter anging, so schien ihre Einsch�tzung richtig gewesen zu sein: Niemand nahm Notiz von ihr. Die M�nner strebten rasch an ihr vor�ber, um dem einzigen Feind zu entgehen, der vielleicht noch schlimmer und auf jeden Fall hartn�ckiger als die allgegenw�rtige Hitze war: der M�digkeit. Unter dem Rand ihrer Kapuze hervor beobachtete sie, wie der vermeintliche Abb� durch eine T�r am anderen Ende des Ganges verschwand. Langsamer, als n�tig gewesen w�re, aber nicht so langsam, dass es auffiel, richtete sie sich wieder auf, setzte ihren Weg fort und machte kehrt, als sie endlich allein war.</p><p>Mit wenigen, weit ausgreifenden Schritten erreichte sie die T�r, durch die Abb� verschwunden war, z�gerte noch einen allerletzten Moment und zuckte dann in Gedanken resignierend mit den Schultern. Wenn sie irgendeiner der anderen Templer beobachtete oder ansprach, dann war sie verloren, aber dieses Risiko w�rde sie einfach eingehen m�ssen. Wenn es sich bei dem Mann tats�chlich um Abb� handelte (und sie war sich dessen mittlerweile sicher), dann <emphasis>musste </emphasis>sie mit ihm reden. Falls irgendetwas Unvorhergesehenes geschah, konnte sie immer noch versuchen, aus Safet zu fliehen und sich zu Salim durchzuschlagen. Robin hatte die Hoffnung, die sie insgeheim gehegt hatte, n�mlich, dass sich auch hier in der Templerburg M�nner Salims oder seines Vaters aufhielten, mittlerweile aufgegeben, doch sie war zugleich auch sicher, dass die Burg aufmerksam von seinen Assassinen beobachtet wurde.</p><p>Hinter der T�r begann eine schmale, in engen Windungen in die Tiefe f�hrende Treppe, deren ausgetretene Stufen so schmal waren, dass Robin sich mit den flachen H�nden rechts und links an den W�nden abst�tzte, um auf dem spiegelglatten Stein nicht den Halt zu verlieren. Es war nahezu vollkommen dunkel. Nur aus der Tiefe drang ein schwacher, r�tlicher Lichtschein zu ihr herauf, der ihr zumindest die Richtung wies. Sie versuchte die Stufen zu z�hlen, kam aber schon nach einem knappen Dutzend durcheinander und gab es auf. In ihrem Kopf begann eine leise, aber penetrante Stimme zu fl�stern, die ihr zu erkl�ren versuchte, was f�r ein Wahnsinn dieses Unternehmen sei. Sie hatte M�he gehabt, den Weg aus ihrer Kammer heraus zum Hof zu finden, obwohl sie ihn sich vorher extra eingepr�gt hatte, und sie lief mehr als nur Gefahr, sich zu verlaufen. Dennoch beschleunigte sie ihre Schritte nur noch, als sie endlich am Fu� der Treppe angelangt war, wo sie sich in einem niedrigen, von einer heftig ru�enden Fackel erhellten Gew�lbe wiederfand.</p><p>Es gab nur eine einzige T�r, die noch dazu halb offen stand, sodass ihr die Wahl nicht schwer fiel, dahinter schlossen sich eine Art Vorratsraum und eine weitere Treppe an, die in ebenso engen und Schwindel erregenden Windungen wieder nach oben f�hrte wie die, die sie gerade erst herabgestiegen war. Nach einem oder zwei Dutzend Stufen passierte sie ein schmales Fenster, durch das eisiger Wind hereinpfiff, und warf einen fl�chtigen Blick hindurch. Die Nacht war so vollkommen schwarz, als h�tte der Himmel den Mond und einen Gro�teil der Sterne verschluckt, aber sie erkannte dennoch, dass sie sich in einem der T�rme der Burg befinden musste. Sie z�gerte einen kurzen Moment weiterzugehen. Wenn Abb� die Treppe ganz hinaufgegangen war, dann war ihre Verfolgung hiermit zu Ende. Dort oben gab es Wachen, an denen sie sich ganz bestimmt nicht unbemerkt vorbeischleichen konnte.</p><p>Aber sie hatte keine Wahl. Ohne auf die immer lauter werdende Stimme ihrer Vernunft zu h�ren (h�tte sie das jemals getan, dann w�re sie jetzt nicht hier, sondern tausend Meilen entfernt in einem kleinen Fischerdorf an der friesischen K�ste), setzte sie ihren Weg fort und erreichte nach einer Weile einen Treppenabsatz, von dem aus eine T�r tiefer ins Innere des Turms f�hrte. Sie stand offen. Blassroter Lichtschein fiel auf die Treppe heraus, und Robin glaubte Ger�usche zu h�ren. Stimmen?</p><p>Lauschend legte sie das Ohr an den T�rspalt. Die Stimmen wurden lauter, leider aber nicht deutlicher. Sie konnte h�ren, dass es zwei M�nner waren, die miteinander redeten - vielleicht stritten -, und ihr Herz schlug noch einmal schneller, als sie nun ganz eindeutig die Stimme Bruder Abb�s identifizierte. Ganz egal, wie gro� das Risiko auch sein mochte - sie musste einfach weitergehen.</p><p>So leise, wie es �berhaupt nur m�glich war, �ffnete sie die T�r gerade weit genug, schl�pfte durch den entstandenen Spalt und sah sich rasch nach rechts und links um. Sie befand sich in einem niedrigen, fensterlosen Gang. Das d�sterrote Licht, das sie gesehen hatte, aber auch die Stimmen kamen von links. Zu sehen war niemand. Lautlos n�herte sie sich der Abzweigung, blieb einen halben Schritt davor stehen und lauschte mit angehaltenem Atem, w�hrend sie sich unendlich behutsam weiter nach vorne schob in dem Versuch, um die Ecke zu sp�hen.</p><p>Ihr Atem stockte endg�ltig, als sie die beiden M�nner sah, die nur wenige Schritte entfernt dastanden. Beide hatten ihre Kapuzen zur�ckgeschlagen. Einer der M�nner wandte ihr den R�cken zu, sodass sie nur seinen dunklen Haarschopf sehen konnte, doch daf�r erkannte sie das Gesicht des anderen umso deutlicher.</p><p>Es war Bruder Abb�.</p><p>Er war �lter geworden. Ganz wie auch bei Horace schienen die Jahre, die seit ihrem letzten Treffen vergangen waren, ein Mehrfaches ihrer Last auf seinen Schultern abgeladen zu haben. Sein Gesicht war noch immer rundlich und wollte nicht so recht zu einem Mann passen, der ein Leben in Enthaltsamkeit und Demut zu f�hren gelobt hatte, aber es wirkte auf eine schwer zu beschreibende Weise zugleich auch ausgezehrt und verh�rmt. Die unersch�tterliche Fr�hlichkeit, die Robin stets in seinen Augen gelesen hatte, war einer neuen Bitterkeit gewichen, die ihr einen kalten Schauer den R�cken hinabrieseln lie�. Dar�ber hinaus flammten seine Augen im Moment vor Wut. Robin konnte immer noch nicht verstehen, was Abb� und der andere Ritter miteinander redeten, denn sie bedienten sich einer Sprache, die Robin zwar kannte - des Franz�sischen -, deren sie aber nicht m�chtig war. Allerdings begriff sie auch so, dass sie Zeuge eines heftigen Streits wurde, und als sie den Namen Rainald de Ch�tillion herauszuh�ren glaubte, zuckte sie unwillk�rlich zusammen.</p><p>Abb� machte eine zornige Handbewegung und drehte sich gleichzeitig halb herum, und Robin prallte hastig zur�ck, um nicht gesehen zu werden. Abb� war einer der wenigen Menschen auf der Welt, denen sie vorbehaltlos vertraute, und dennoch sp�rte sie, dass es im Moment gef�hrlich f�r sie w�re, von ihm hier entdeckt zu werden. Sie war nicht sicher, ob er tats�chlich noch derselbe Mann war, den sie das letzte Mal auf dem Deck der sinkenden <emphasis>Sankt Christophorus </emphasis>gesehen hatte. Bei diesem Gedanken �berkam sie eine Mischung aus Bitterkeit und Zorn, der keinem speziellen Ziel galt, sondern einem Schicksal, das ihr nun offensichtlich auch noch das Letzte nahm, was ihr geblieben war.</p><p>Die Stimmen auf der anderen Seite des Ganges brachen pl�tzlich ab, und dann war das Ger�usch hastiger Schritte zu h�ren, die sich schnell entfernten. Eine T�r schlug. Robin war f�r einen Moment vollkommen verwirrt - hatte sie ein Ger�usch gemacht und sich damit verraten?</p><p>Abermals h�rte sie das Ger�usch von Schritten; aber diesmal war es hinter ihr! Erschrocken fuhr sie herum, und ihr Herz begann schon wieder wie wild zu klopfen, als sie die hoch gewachsene, in ein schmuckloses, kn�chellanges Kettenhemd geh�llte Gestalt sah, die aus der Dunkelheit des Ganges hinter ihr aufgetaucht war. Der Mann schien im allerersten Moment mindestens genauso verbl�fft zu sein, sie zu sehen, wie sie umgekehrt ihn, doch er fand seine Fassung weitaus schneller wieder als sie. Mit einem herausfordernden Schritt trat er auf sie zu und blieb gerade dicht genug vor ihr stehen, dass es ihr unangenehm war. �Halt!�, sagte er mit fordernder, scharfer Stimme. �Wer seid Ihr?�</p><p>Robin starrte den Mann einen halben Atemzug lang einfach nur verst�rt an. Ihre Gedanken �berschlugen sich, schienen sich zugleich aber auch so tr�ge zu bewegen, als w�re ihr Kopf mit halb geschmolzenem Pech gef�llt. Der Mann - zweifellos ein Wachtposten auf seiner Runde - war einen guten Kopf gr��er als sie und mindestens dreimal so alt. Sein stoppelb�rtiges Gesicht war von den endlosen Jahren verbrannt, die er es in die unbarmherzige Sonne des Orients gehalten hatte, und allein der Klang seiner Stimme machte Robin klar, wie wenig er sich von ihrem wei�en Templergewand beeindrucken lie�. Er trug nur das kn�chellange Kettenhemd und nicht einmal Schuhe, hatte aber einen Schild am linken Arm befestigt, einen Speer in der rechten Hand und ein wuchtiges Schwert in einer ledernen Scheide am G�rtel, dessen deutliche Abnutzungsspuren am Griff verrieten, dass er die Waffe nicht nur zur Zierde mit sich f�hrte. Sein mehr als schulterlanges, grau gewordenes Haar lugte in Str�hnen unter einem verbeulten Helm hervor, der ihm nicht nur um mindestens eine Nummer zu gro� war, sondern auch nicht so recht zum Rest seiner Ausr�stung passen wollte. Vermutlich ein Beutest�ck, das seinem fr�heren Besitzer wenig Gl�ck gebracht hatte.</p><p>�Was Ihr hier sucht, habe ich gefragt�, wiederholte er scharf, als Robin nicht sofort antwortete, sondern ihn nur weiter verwirrt ansah.</p><p>Sie sagte auch jetzt noch nichts, sondern zog sich rasch einen halben Schritt von dem Mann zur�ck. Er hatte die Distanz, in der sie die N�he irgendeines anderen Menschen - mit Ausnahme Salims vielleicht - ertrug, eindeutig unterschritten, und er stank nach Knoblauch, Schwei� und anderen, schlimmeren Dingen.</p><p>Robin geriet endg�ltig in Panik. Alles, was sie gelernt hatte, schien vergessen, alles, was Bruder Abb�, Salim und seine Assassinen ihr beigebracht hatten, z�hlte nicht mehr. Ohne dass es einen wirklichen Grund daf�r gegeben h�tte, sp�rte sie nichts anderes als nackte Angst vor diesem Mann. Und es wurde schlimmer. Ihre Reaktion war so falsch, wie sie nur sein konnte, und aus dem Misstrauen in seinem Blick wurde etwas anderes, weit Gef�hrlicheres.</p><p>�Bruder Robin! Da bist du ja! Endlich!�</p><p>Robin fuhr abermals und vielleicht noch erschrockener zusammen, und auch der Wachtposten runzelte �berrascht die Stirn und drehte sich dann mit einer schnellen Bewegung herum, als die Stimme hinter ihm erklang. Eine weitere Gestalt trat aus den nachtschwarzen Schatten heraus, die den Gang erf�llten, und Robin riss erstaunt die Augen auf, als die Gestalt mit einer beidh�ndigen raschen Bewegung die Kapuze zur�ckschlug und Rothers Gesicht darunter zum Vorschein kam.</p><p>�Und ich dachte schon, ich w�rde dich gar nicht mehr finden�, fuhr Rother mit einem leisen Lachen fort. Sein Blick streifte betont beil�ufig das Gesicht des W�chters, bevor er kopfsch�ttelnd und in gutm�tig-sp�ttischem Ton fortfuhr: �Ich glaube, du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der es auch noch fertig bringt, sich in seinem eigenen Quartier zu verlaufen. Habe ich dir nicht gesagt, du sollst immer dicht hinter mir bleiben?�</p><p>Robin schwieg. Sie war immer noch v�llig verst�rt, und ihr Herz klopfte bis zum Hals. Der Blick des Wachtpostens irrte misstrauisch zwischen ihrem Gesicht und dem Rothers hin und her, und er wirkte nicht unbedingt �berzeugt von dem, was er geh�rt hatte. �Wer ...?�</p><p>�Ihr m�sst Bruder Robin sein Verhalten nachsehen�, sagte Rother, nunmehr direkt an den Posten gewandt. �Es ist nicht das erste Mal, dass er sich verl�uft.� Er seufzte. �Bruder Horace wird dich f�nfhundert Ave Maria aufsagen lassen, wenn er davon h�rt, Robin. Warum bist du nicht einfach bei mir geblieben, wie ich es dir gesagt habe?�</p><p>�Ich wollte nur ...�, begann Robin, wurde aber sofort wieder von Rother unterbrochen, �... wieder einmal falsch abbiegen, ich wei߫, sagte er kopfsch�ttelnd. �Irgendwann einmal wirst du den Unterschied zwischen rechts und links noch begreifen, hoffe ich.�</p><p>Endlich verstand Robin. Sie warf Rother einen raschen, dankbaren Blick zu, der dem Wachtposten gottlob entging, denn er hatte sich nun vollends zu dem jungen Tempelritter umgewandt und musterte ihn um keinen Deut weniger misstrauisch als sie zuvor. �Und wer seid Ihr?�, fragte er. �Ihr habt in diesem Teil der Burg ...�</p><p>�... nichts zu suchen, ich wei߫, unterbrach ihn Rother, zwar mit ganz leicht erhobener Stimme, aber auch einem offenen, um Verzeihung bittenden L�cheln. �Ich werde Bruder Horace Meldung machen, wie aufmerksam du auf deinem Posten bist.� Er wandte sich direkt an Robin. �Komm jetzt. Oder m�chtest du, dass aus den f�nfhundert Ave Maria tausend werden?�</p><p>Rasch und mit gesenktem Blick trat Robin an dem Wachtposten vorbei, und auch Rother drehte sich um und machte einen einzelnen Schritt, blieb dann aber noch einmal stehen und sah �ber die Schulter zur�ck. �Ich wei�, dass es mir nicht zusteht�, begann er, �aber darf ich dich trotzdem um etwas bitten?�</p><p>Der Posten starrte ihn mit steinernem Gesicht an. Erst nach etlichen Augenblicken nickte er.</p><p>�W�rdest du davon absehen, Bruder Horace Meldung von diesem Zwischenfall zu machen?�, fuhr Rother fort. �Ich wei�, dass es eigentlich deine Pflicht ist, aber du w�rdest Bruder Robin eine Menge �rger ersparen. Er ist ein tapferer Ritter und einer der gottesf�rchtigsten unter uns, aber mit seiner Orientierung steht es leider nicht zum Besten.�</p><p>Wieder lie� der Mann deutlich mehr Zeit verstreichen, als Robin lieb war, doch schlie�lich rang er sich zu einem abermaligen, abgehackten Nicken durch. �Gut�, sagte er. �Aber gib acht, dass er nicht in die falsche Richtung l�uft, wenn Ihr gegen die Muselmanen zieht.�</p><p>Wahrscheinlich waren diese Worte nur scherzhaft gemeint, doch Rothers Blick verd�sterte sich schlagartig weiter, und auch seine Stimme klang h�rbar k�hler, als er mit unbewegtem Gesicht antwortete: �Das werde ich. Und habt Dank.�</p><p>Sie setzten ihren Weg fort. Rother ging an der T�r vorbei, durch die Robin hereingekommen war, eilte trotz der mittlerweile vollkommenen Finsternis mit traumwandlerischer Sicherheit voraus und machte sich dann lautstark an einem h�lzernen Riegel zu schaffen, der nach einem Augenblick scharrend zur�ckglitt. Eisige Nachtluft und blasses Sternenlicht schlugen ihnen entgegen, als er eine T�r �ffnete und mit einer einladenden Geste beiseite trat, um Robin vorbeizulassen. Sie gehorchte und fand sich unversehens auf einem schmalen h�lzernen Absatz au�erhalb des Turms wieder, von dem aus etwas in die Tiefe f�hrte, wovon sie nicht ganz sicher war, ob es eine besonders steile Treppe oder vielleicht doch nur eine mit einem Gel�nder versehene Leiter war. Rother zog die T�r hinter sich wieder ins Schloss, und sie stieg rasch nach unten, ohne auf eine weitere Aufforderung zu warten.</p><p>Sie befanden sich jetzt wieder im Innenhof. Der weite, gepflasterte Platz lag vollkommen leer und dunkel vor ihnen, aber Robin hatte trotzdem das intensive Gef�hl, beobachtet zu werden. Vielleicht war der Posten ihnen gefolgt, um sich davon zu �berzeugen, dass sie auch wirklich zu ihren Quartieren zur�ckgingen.</p><p>Sie wartete, bis Rother an ihre Seite getreten war, und setzte dazu an, etwas zu sagen, doch er brachte sie mit einer fast erschrockenen Geste und einem eindeutig beschw�renden Blick zum Schweigen, machte eine Kopfbewegung zum Palas und eilte los. Erst als sie den Hof �berquert und das wuchtige Hauptgeb�ude der Burg betreten hatten, blieb er wieder stehen und wandte sich zu ihr um. Der Blick, mit dem er sie bedachte, war alles andere als freundlich. �Ich hoffe, dir ist klar, dass der Mann Meldung machen wird�, sagte er. �Besser, du denkst dir schon einmal eine gute Geschichte aus, wenn Bruder Horace dich fragt, was du in diesem Turm gesucht hast.�</p><p>Eigentlich hatte Robin sich bei ihm bedanken wollen. Sie wagte es nicht einmal, sich auszumalen, was geschehen w�re, w�re Rother nicht im letzten Moment aufgetaucht und h�tte den Posten einfach �berrumpelt. Aber sein tadelnder Ton machte sie zornig. �Vielleicht wird Bruder Horace dich ja fragen, warum du f�r mich gelogen hast�, sagte sie anstelle der Worte, die sie sich eigentlich zurechtgelegt hatte. �Oder was <emphasis>du </emphasis>dort oben gesucht hast.� Sie legte den Kopf auf die Seite, und ihre Augen wurden schmal. �Spionierst du mir nach?�</p><p>Sie bedauerte die Worte, noch bevor sie sie ganz ausgesprochen hatte, denn Rother wurde keineswegs w�tend - womit sie gerechnet h�tte -, sondern wirkte einen Moment lang vollkommen hilflos, und dann zutiefst verletzt. Im n�chsten Moment breitete sich auch schon ein Ausdruck von Trotz auf seinem Gesicht aus.</p><p>�Und wenn es so w�re?�, fragte er patzig.</p><p>�Dann w�rde ich mich fragen, warum�, gab Robin zur�ck. Sie versuchte sich selbst in Gedanken zur Ordnung zu rufen. Ganz egal, warum - Rother hatte sie aus einer zumindest unangenehmen Situation gerettet, und sie dankte es ihm, indem sie ihn attackierte! Was sie tat, war zumindest unfair. Und trotzdem h�rte sie sich beinahe zu ihrem eigenen Entsetzen fortfahren: �Bruder Dariusz scheint eine sichere Hand in der Wahl seiner Spione zu haben. Berichte ihm ruhig, was du gesehen hast. Aber vergiss dabei nicht zu erz�hlen, dass ich dir das Leben gerettet habe.�</p><p>Rother blickte sie jetzt nicht mehr mit einem Ausdruck von Verletztheit an. Es war viel schlimmer. Einen kurzen Moment lang sah er entsetzt aus, und f�r einen noch k�rzeren Augenblick hatte Robin das sichere Gef�hl, dass er nur noch mit allerletzter Anstrengung die Tr�nen zur�ckhielt. Dann verh�rteten sich seine Z�ge. Er ballte die H�nde zu F�usten, fuhr auf dem Absatz herum und st�rmte mit wehendem Mantel davon.</p><p>Robin blickte ihm hilflos nach. Sie streckte den Arm aus, wie um ihn zur�ckzuhalten, und alles in ihr schrie danach, ihm zuzurufen, dass sie es nicht so gemeint hatte, dass es ihr Leid t�te, aber ihre Kehle war zugleich auch wie zugeschn�rt. Vollkommen reglos stand sie da und sah ihm nach, w�hrend er durch die Halle lief und schlie�lich wieder auf dem Hof verschwand, und sie blieb auch dann noch eine geraume Weile in unver�nderter Haltung stehen und fragte sich vergebens, warum sie das gesagt hatte. Es war nicht das erste Mal, seit dieser Irrsinn begonnen hatte, dass sie etwas sagte oder auch tat, was sie nicht wollte; als w�re da pl�tzlich ein Teil in ihr erwacht, der mit aller Macht an ihrer eigenen Zerst�rung arbeitete.</p><p>Aber vielleicht war auch das nur eine billige Ausrede, um sich nicht selbst eingestehen zu m�ssen, dass sie sich wie eine hysterische N�rrin verhalten hatte.</p><p>Niedergeschlagen und den Tr�nen nahe, wandte sie sich um und kehrte in ihr Quartier zur�ck. Unterwegs begegnete ihr niemand, auch wenn sie das bedr�ckende Gef�hl, beobachtet zu werden, nicht f�r einen Moment absch�tteln konnte.</p><p>Die T�r zu dem winzigen Zimmer, das ihr Horace zugewiesen hatte, stand offen. Seltsam - sie war fast sicher, sie vorhin trotz der Eile, in der sie gewesen war, hinter sich geschlossen zu haben. Aber wahrscheinlich war sie nicht mehr in der Verfassung, ihren eigenen Erinnerungen trauen zu k�nnen.</p><p>Robin trat geb�ckt ein. Die Kerze, die auf dem dreibeinigen Schemel neben dem Bett stand, war nahezu heruntergebrannt, und die Flamme flackerte bedrohlich in dem Luftzug, den sie mit ihrer eigenen Bewegung verursachte. Ohne hinzusehen, griff sie nach dem schlichten Holzregal neben der T�r, auf dem Horace ihr eine Anzahl weiterer Kerzen zur�ckgelassen hatte, entz�ndete den Docht an der fast heruntergebrannten Flamme und besch�tzte das noch winzige Fl�mmchen mit der hohlen Hand, w�hrend sie das Ende der frischen Kerze in das geschmolzene Wachs dr�ckte.</p><p>Erst als sie sich wieder aufrichtete, sah sie den Stoffstreifen, der auf ihrem Bett lag.</p><p>Robin erstarrte mitten in der Bewegung.</p><p>Sie hatte sich nicht get�uscht. Jemand war hier gewesen.</p><p>Einen halben Atemzug lang starrte sie das kleine St�ck aus harmlosem Leinenstoff vollkommen reglos an, dann prallte sie so abrupt zur�ck, als h�tte sie an seiner Stelle einen Skorpion oder eine giftige Spinne auf ihrem Bett entdeckt, und ihre Hand schloss sich ohne ihr Zutun, ja beinahe ohne dass sie es �berhaupt registrierte, um den Schwertgriff an ihrem G�rtel. Sie hatte die Waffe schon zu einem Drittel gezogen, als ihr klar wurde, wie albern sie sich benahm. Trotzdem schob sie das Schwert nicht wieder in seine Scheide zur�ck, sondern warf einen raschen, nerv�sen Blick durch die offen stehende T�r auf den Gang hinaus, bevor sie die Waffe g�nzlich zog und den Stoffstreifen fast behutsam mit der Spitze des Schwertes ber�hrte.</p><p>Nichts geschah.</p><p>Robin sagte sich zum zweiten Mal, dass sie sich wie eine komplette N�rrin benahm, aber sie trat trotzdem nicht n�her an das Bett heran, sondern schob die Schwertklinge nur behutsam unter den Leinenstreifen und hob ihn dann mit einem Ruck an.</p><p>Darunter kam nichts Bedrohliches zum Vorschein; weder eine Spinne, noch ein Skorpion oder eine Schlange oder irgendein anderes, giftiges Getier. Aber sie sah, dass auf der R�ckseite des kaum handgro�en Stofffetzens etwas geschrieben stand.</p><p>Endlich schob Robin das Schwert in die Scheide zur�ck, ging zur T�r und legte mit einer fast unbewussten Bewegung den Riegel vor, bevor sie sich umdrehte und mit klopfendem Herzen zum zweiten Mal ans Bett herantrat. Ihre Finger zitterten leicht, als sie den Fetzen aufhob und ihn so ins schwache Kerzenlicht hielt, dass sie die Schrift darauf erkennen konnte.</p><p>Im allerersten Moment erschienen ihr die zwar in sichtlicher Hast, dennoch kunstvoll hingekritzelten Buchstaben und Worte keinen Sinn zu ergeben. Die Tinte war noch frisch. Als Robin mit dem Daumen dar�ber rieb, blieb ein schmieriger schwarzer Streifen auf ihrer Haut zur�ck, und eines der Worte wurde g�nzlich unleserlich.</p><p>Robin ging neben dem Schemel in die Knie und brachte den Stoff n�her an die Kerze heran. Das flackernde Licht schien die Buchstaben zu unheimlichem Leben zu erwecken, als versuchten sie aus dem Stoff herauszuspringen, um ihr ihre Botschaft zu �bermitteln. Nachdem sie sie einige Augenblicke lang angestrengt angestarrt hatte, wurde ihr zumindest klar, dass die Worte in lateinischer Schrift geschrieben waren. Vor mehr als zwei Jahren, in einer anderen Welt und einem anderen Leben, hatte Bruder Abb� versucht, ihr zumindest die Grundz�ge dieser Sprache beizubringen, und obwohl er es irgendwann aufgegeben und bei einer sp�ttischen Bemerkung der Art belassen hatte, dass es wohl einfacher sei, einem Ochsen das Tanzen beizubringen als einem Bauerntrampel die Sprache der Gelehrten, hatte Robin doch mehr Worte behalten, als ihr bis zu diesem Moment selbst klar gewesen war. Es war ihr nicht m�glich, die Botschaft wortw�rtlich und ganz genau zu �bersetzen, aber es war ihr auch ebenso unm�glich, sie <emphasis>nicht </emphasis>zu verstehen.</p><p>Was dort in einer hastigen, aber trotzdem gestochen scharfen Handschrift stand, die in ihrer energischen Art auf eine fast schon Angst machende Weise als die einer hochgestellten Pers�nlichkeit erkennbar war, das bedeutete sinngem�� nichts weniger als eine Warnung.</p><p>Eine Warnung, dass sie besser daran t�te, sich aus der bevorstehenden Schlacht herauszuhalten, wenn sie keine Katastrophe heraufbeschw�ren wollte.</p></section><section><title><p>13. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Es war das gr��te Heerlager, das sie jemals gesehen hatte, und h�tte man ihr in diesem Augenblick erz�hlt, es sei das gr��te, das es jemals gegeben hatte, sie h�tte sogar das geglaubt. Selbst jetzt, in der hereinbrechenden, kurzen D�mmerung des Orients, wirkte es gewaltig. In den wenigen Augenblicken, in denen Tag und Nacht miteinander rangen und die Schatten so schnell l�nger zu werden schienen, dass selbst ein galoppierendes Pferd M�he haben musste, ihnen zu folgen, erschien es Robin beinahe noch beeindruckender als vor einer Stunde, als der gewaltige Tross hier an den Ufern des Litani Halt gemacht und die M�nner damit begonnen hatten, das Lager aufzuschlagen; ein Lager, das das letzte vor der bevorstehenden Schlacht und f�r nur zu viele von ihnen wohl das letzte �berhaupt werden w�rde. Die bunten Zelte der Ritter, in denen Kerzen oder �llampen brannten, leuchteten in der blasser werdenden D�mmerung wie riesige, farbenfrohe Laternen.</p><p>Robin wusste nicht, wie viele M�nner aus Safet aufgebrochen waren und wie viele sich unterwegs noch zu ihnen gesellt hatten. Es mussten Tausende sein, aber diese Zahl war im Laufe des Tages bedeutungslos geworden. Zum allerersten Mal befand sich Robin inmitten eines wirklichen Heeres, nicht eines kleinen Tr�ppchens, das sich nur mit diesem Wort schm�ckte. W�hrend sie mit Dariusz und seinen M�nnern nach Osten gezogen war, hatte sie geglaubt, Teil einer gewaltigen Armee zu sein, doch schon der erste Blick, den sie am Morgen in die Ebene hinabgeworfen hatte, als sie neben Horace aus dem Tor der Templerburg geritten war, hatte sie eines Besseren belehrt. Die Zahl der Reiter und Fu�truppen, die in gewaltigen, unordentlich wirkenden Bl�cken am Fu�e des Festungsberges Aufstellung genommen hatten und auf die Templer, die Ritter des Lazarusordens und vor allem den K�nig warteten, sprengte ihr Vorstellungsverm�gen. Es blieb sich gleich, ob sie Hunderte, Tausende oder noch mehr z�hlten - es waren unendlich <emphasis>viele.</emphasis></p><p>Und es waren mehr geworden, je weiter sie sich nach Osten bewegten. Jetzt, am fr�hen Abend, hatten sich die Truppen mit dem Heer K�nig Balduins vereinigt und Lager hier am Ufer dieses schmalen, schlammigen Flusses aufgeschlagen, und obwohl sie seit mehr als einer Stunde besch�ftigt waren, war ein Ende immer noch nicht abzusehen, wuchs das Heerlager noch immer in alle Richtungen und breitete sich entlang des Flussufers aus wie ein riesiger, bunter Flickenteppich, in dem sich zahllose Gl�hw�rmchen verfangen hatten.</p><p>Robin streifte seit nahezu einer Stunde ziellos durch das Lager, zerrissen von den unterschiedlichsten Fantasievorstellungen und Gef�hlen. Das in Latein verfasste Geschmiere auf dem Stoffstreifen, das sie in ihrer Kammer in Safet vorgefunden hatte, rumorte in ihr wie ein St�ck nicht mehr ganz frischen Fleisches, das einem auch nach einem Tag noch sauer aufsto�en kann. Doch sosehr sie sich auch den Kopf zerbrach: Sie kam nicht im Geringsten darauf, wer es verfasst haben k�nnte. Bruder Horace und Bruder Abb� fielen ihr als Verd�chtige genauso ein wie Rother; aber vielleicht war es auch irgendein anderer Templer gewesen, der sich von ihr herausgefordert f�hlte oder einen Grund hatte, ihr eine gut gemeinte Warnung zukommen zu lassen. In jedem Fall gedachte sie nicht daran, ihr nachzugeben. Ganz im Gegenteil, sie hatte ihren Trotz geweckt.</p><p>Und das war beileibe noch nicht alles, was ihre Gef�hle in Wallung brachte. Auch wenn sie bislang nirgends eine Spur von Salim und den Assassinen hatte ausmachen k�nnen, war sie sicher, dass er schon ungeduldig auf sie warten w�rde. Ihr Herzschlag, der sich bei dem Gedanken an ihn sp�rbar beschleunigte, verriet, wie sehr sie sich nach Salims Umarmungen und seinen leidenschaftlichen K�ssen sehnte. Doch das musste warten, sie konnte und wollte die Templer nicht vor der Schlacht verlassen; vielleicht weniger, weil sie sich auf eine morbide Art ihnen noch immer zugeh�rig f�hlte, sondern vielmehr, weil es ihr - besonders jetzt - wie die feige Flucht vor dem anstehenden Waffengang vorgekommen w�re.</p><p>Das alles trug nicht gerade zur Verbesserung ihrer Stimmung bei. Sie war m�de wie ganz gewiss jeder einzelne Mann hier, denn der Tag war lang und grausam hei� gewesen, und Balduin und seine Ritter hatten dem Heer nur eine einzige, viel zu kurze Rast geg�nnt, aber sie sp�rte zugleich auch, dass sie jetzt noch keine Ruhe finden w�rde. In ihrer zerrissenen Stimmung konnte sie trotz ihrer M�digkeit und Ersch�pfung auch nicht im Entferntesten an Schlaf denken, und sie musste nur einen einzigen Blick in die Runde werfen, um zu begreifen, dass es den meisten anderen hier wohl ebenso erging; wenn auch mit Sicherheit sonst niemand die Sehnsucht nach <emphasis>seinem </emphasis>Liebsten verzehrte.</p><p>Ansonsten war hier alles so vollkommen anders, als sie es sich vorgestellt h�tte. Sie hatte geglaubt, dass die Stimmung in einem Heerlager, noch dazu am Vorabend einer gro�en Schlacht, deren Ausgang nicht ann�hernd so gewiss war, wie Odo und Ridefort am vergangenen Tag behauptet hatten, niedergeschlagen, gedr�ckt und vielleicht sogar �ngstlich w�re, doch das genaue Gegenteil war der Fall. Sah sie einmal von dem kleinen Geviert ab, in dessen unsichtbaren Grenzen die Templer ihre Zelte aufgeschlagen hatten, so wurde fast �berall gelacht und fr�hlich geschw�tzt. Aus manchen Zelten drang Musik, an mehr als einem Lagerfeuer wurden Schl�uche herumgereicht, in denen sich vermutlich <emphasis>kein </emphasis>Wasser befand, es roch nach gebratenem Fleisch und frisch gebackenem Brot, und hier und da sah sie auch einen Weiberrock in einem Zelt verschwinden oder auch die Hand eines Ritters ganz unverbl�mt sich unter einen solchen schieben.</p><p>Sie h�rte das heisere Kreischen von Wetzsteinen, die �ber Klingen gezogen wurden, das Scheppern von Metall, wo ein Schild ausgebeult oder ein zerschlagener Helm gerichtet wurde, das Peitschen von Bogensehnen, die ein letztes Mal pr�fend gespannt und losgelassen wurden, das erleichterte Schnauben von Pferden, die nach einem langen erm�denden Tag endlich vom Gewicht ihres Sattelzeugs und der Schabracken befreit waren. Musik drang in schrillen, misst�nenden Fetzen an ihr Ohr, und einmal blieb sie eine Weile stehen und beobachtete einen Knappen, der ein sch�biges kleines Fass scheinbar ziellos mit dem Fu�e hin und her rollte. Erst nach einer geraumen Weile wurde ihr klar, dass sich darin feiner Sand und das Kettenhemd eines Ritters befanden, das auf diese Weise effektiv vom letzten St�ubchen Flugrost gereinigt wurde. Auch das geh�rte zu den viel zu vielen Dingen, die Bruder Abb� und die anderen ihr beigebracht und die sie wieder vergessen hatte.</p><p>Robin fragte sich mit einem ihr selbst nicht ganz verst�ndlichen Gef�hl von Trauer, wie viele es noch sein mochten. Nachdem sie Salims Frau geworden war, hatte sie geglaubt, sich von ihrem alten Leben, das doch im Grunde aus nicht sehr viel mehr als einer Aneinanderreihung von Entbehrungen, Erniedrigungen, Schmerzen, Dem�tigungen und L�gen bestanden hatte, ohne allzu gro�e Wehmut oder gar Trauer verabschieden zu k�nnen, und die Monate, die sie auf Masyaf verbracht hatte, schienen ihr Recht zu geben. Nur sehr selten hatte sie an diese Zeit zur�ckgedacht, und noch sehr viel seltener hatte sie dabei das Gef�hl gehabt, tats�chlich etwas verloren zu haben, irgendetwas oder irgendjemandem nachtrauen zu m�ssen. Vielleicht Bruder Abb�, der ihr nicht nur das Leben gerettet hatte, sondern - mit Ausnahme ihrer Mutter - vielleicht bis dahin der einzige Mensch gewesen war, der es ganz selbstlos wirklich gut mit ihr gemeint hatte, der ihr einfach geholfen hatte, ohne etwas zu verlangen. Nun aber begann sie sich zu fragen, ob sie sich nicht vielleicht die ganze Zeit �ber etwas vorgemacht hatte. All das hier war noch immer ein Teil ihres Lebens, und vielleicht ein gr��erer, als sie sich selbst hatte eingestehen wollen.</p><p>Vielleicht h�tte sie noch l�nger dagestanden und dem Jungen zugesehen, der mit missmutigem Gesicht sein Fass �ber den sandigen Boden trat und immer �fter �rgerliche Blicke in ihre Richtung warf, h�tte sie nicht pl�tzlich wieder das Gef�hl gehabt, angestarrt zu werden. Hier in diesem Lager war das eigentlich nichts Au�ergew�hnliches. Obwohl das Heer Tausende und Abertausende z�hlte, stellte der wei�e Mantel eines Tempelritters doch noch immer etwas ganz Besonderes dar, das ganz nat�rlich neugierige Blicke auf sich zog, zumal wenn er von einem Ritter getragen wurde, der kaum dem Knabenalter entwachsen zu sein schien. Dieses Gef�hl aber war anders. Unangenehm.</p><p>Robin drehte sich um und stellte ohne �berraschung zweierlei fest: Sie hatte sich nicht get�uscht, und es war kein Fremder, der sie beobachtete.</p><p>�Du musst nicht dort dr�ben im Schatten stehen und mich anstarren, Rother�, sagte sie kopfsch�ttelnd. �Komm ruhig her zu mir. Vielleicht entgeht dir sonst am Ende noch ein verr�terisches Wimpernzucken oder ein s�ndiger Blick, von dem du Dariusz berichten kannst.�</p><p>Einen Moment lang geschah nichts. Der junge Tempelritter blieb einfach weiter reglos im Schatten eines gro�en, nur nachl�ssig aufgebauten Zeltes stehen, das ein wenig windschief wirkte, und obwohl Robin in dem rasch nachlassenden Licht sein Gesicht nicht erkennen konnte, kam er ihr in diesem Moment vor wie ein Kind, das sich bei einer Missetat ertappt f�hlte und einfach die Augen schloss und hoffte, nicht gesehen zu werden, solange es die anderen nicht bemerkten. Der Gedanke erschien ihr absurd, zauberte aber schon im n�chsten Moment ein fl�chtiges L�cheln auf ihre Lippen, als ihr klar wurde, dass sie sich an eine Begebenheit aus ihrer eigenen Jugend erinnerte. Sie selbst war es gewesen, die im Spiel das Gem�sebeet einer Nachbarin zertrampelt und ganz genau so reagiert hatte.</p><p>Rother gab sein albernes Verhalten schlie�lich auf und kam mit langsamen Schritten auf sie zu. Sein Blick streifte den Knappen mit dem Fass, und er sch�rzte kurz und fast ver�chtlich die Lippen. Ganz offensichtlich hielt er nicht viel von solcherlei kleinen Tricks, so n�tzlich sie auch sein mochten. Wahrscheinlich, dachte Robin, teilte er Dariusz� Meinung, dass ein Ritter, der diese Bezeichnung wirklich verdiente, es gar nicht erst so weit kommen lassen w�rde, dass seine R�stung Rost ansetzte.</p><p>�Warum bist du nicht in deinem Zelt?�, fragte er.</p><p>�Weil es mir niemand befohlen hat�, antwortete Robin sp�ttisch. Rother sah sie leicht verwirrt an, und Robin rang sich zu einem entschuldigenden L�cheln durch und f�gte mit einer entsprechenden Geste und ver�nderter, vers�hnlicher Stimme hinzu: �Du hast v�llig Recht, Rother. Ich sollte die Zeit nutzen und schlafen. Aber ich finde keine Ruhe.�</p><p>Rothers Blick wurde f�r einen Moment absch�tzend. Wahrscheinlich, dachte Robin, fragte er sich, ob diese freundlichen Worte nur der Vorbereitung einer neuen, gezielten Attacke dienten, und wahrscheinlich hatte sie genau das verdient. Obwohl es ihr schwer fiel, sprang sie innerlich �ber ihren Schatten und fuhr fort: �Gehen wir ein St�ck gemeinsam? Nicht, dass ich mich am Ende verirre und du mich abermals suchen musst.�</p><p>Auch diese Worte konnte er sehr wohl falsch verstehen, das war ihr klar.</p><p>Er hob jedoch nur die Schultern und deutete aus der gleichen Bewegung ein Nicken an. Vielleicht war er es einfach m�de, mit ihr zu streiten. �Dann gehen wir ein St�ck�, sagte er in einem Ton, als w�re es sein Vorschlag gewesen. Ohne Robins Antwort abzuwarten, ging er an ihr vorbei und ein paar Schritte weit so schnell voraus, dass sie beinahe rennen musste, um ihn wieder einzuholen. Als sie zu ihm aufgeschlossen hatte, ging er wieder langsamer und sah fast ein bisschen verlegen aus.</p><p>�Morgen ist der Tag, auf den wir schon so lange warten�, sagte Rother, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren.</p><p>Robin sah ihn fragend an.</p><p>�Ich habe vorhin ein Gespr�ch zwischen Odo und Gerhard von Ridefort mit anh�ren k�nnen�, erkl�rte Rother. �Die Sp�her sind zur�ck. Wir werden sp�testens morgen Abend auf Faruks Heer treffen. Vielleicht schon eher.�</p><p>In seiner Stimme schwang ein vollkommen unangemessener Unterton von Begeisterung mit, fand Robin. �Du klingst, als ob du dich darauf freust.�</p><p>�Du nicht?� Rother klang ehrlich verwundert.</p><p>Robin �berlegte sich ihre Antwort sehr genau. �Morgen werden viele gute M�nner sterben.�</p><p>�Wenn es Gottes Wille ist.� Rother schien sogar selbst zu merken, wie sich seine Worte anh�ren mussten, denn er rettete sich in ein verlegenes Schulterzucken und senkte den Blick, w�hrend er mit langsamen Schritten neben ihr herging. �Ja, du hast Recht. Viele gute M�nner werden morgen sterben. Vielleicht auch ich.� Er warf ihr einen fast scheuen Seitenblick zu. �Vielleicht auch du.�</p><p>�Vielleicht�, sagte Robin einsilbig.</p><p>�Hast du Angst?�, fragte Rother.</p><p>�Zu sterben?� Robin dachte einen Moment lang ernsthaft �ber diese Frage nach und nickte schlie�lich. �Ja. Du nicht?�</p><p>�Ich wei� es nicht�, gestand Rother. Er sch�rzte fast trotzig die Lippen. �Ja, du hast Recht. Es werden eine Menge guter M�nner sterben. Zu viele. Aber sie werden nicht umsonst sterben. Wenn die Sonne das n�chste Mal aufgeht, geh�rt das Heilige Land endg�ltig uns.�</p><p>�Wie meinst du das?�</p><p>�Wir werden die Schlacht gewinnen�, sagte Rother �berzeugt.</p><p>�Saladin h�tte seine Armee niemals teilen d�rfen. Selbst seinem ganzen Heer w�ren wir �berlegen - seine halbierte Armee ist kein Gegner f�r uns!�</p><p>�Bruder Horace schien mir da anderer Meinung zu sein�, sagte Robin.</p><p>Rother machte ein abf�lliges Ger�usch. �Bruder Horace ist ein alter Mann. Vielleicht einer unserer besten, aber dennoch ein alter Mann, dem es an Zuversicht und Gottvertrauen mangelt.�</p><p>Robin schluckte die Antwort herunter, die ihr auf der Zunge lag. Vielleicht hatte Rother ja sogar Recht. �Immerhin sind uns selbst Faruks Truppen zahlenm��ig �berlegen�, gab sie zu bedenken.</p><p>�Saladins <emphasis>Neffe!� </emphasis>Rother spie das Wort aus wie eine Obsz�nit�t. �Ein Kuhhirte! Seine Heldentaten bestehen aus �berf�llen auf wehrlose Frauen und Kinder und alte M�nner. Selbst die Pl�nderer, auf die wir vor zwei Tagen gesto�en sind, lachen �ber ihn.�</p><p>�Du meinst die M�nner, die uns alle beinahe get�tet h�tten?�, fragte sie sanft.</p><p>Rother wurde w�tend. Er blieb mit einer abrupten Bewegung stehen, ergriff sie grob an der Schulter und machte mit der anderen Hand eine ausholende, fast w�tend-deutende Geste in die Runde. �Sieh dich doch um! Sieh dir diese M�nner an! Glaubst du wirklich, Saladins Schafhirten und Kameltreiber w�ren diesem Heer gewachsen?� Er beantwortete seine eigene Frage mit einem heftigen Kopfsch�tteln. �Das hier ist die Faust Gottes, Bruder Robin! Sie wird die Heiden zerschmettern!�</p><p><emphasis>Und das glaubst du wirklich?, </emphasis>dachte Robin traurig. Sie warf nur einen einzigen Blick in Rothers Augen und beantwortete ihre eigene Frage selbst, ja. Er glaubte es.</p><p>Ihre zweifelnden Blicke blieben Rother nicht verborgen. Mit einer fast w�tenden Bewegung ergriff er sie abermals am Arm, zerrte sie grob herum und deutete heftig gestikulierend mit der freien Hand auf einen H�gel nur ein Dutzend Schritte entfernt am Rande des Lagers. Bevor das Heer gekommen war, hatte es dort Gras und einiges k�rgliche Buschwerk gegeben; jetzt war es zertrampelt, und der Wind trug die d�nne Krume in Form von wehenden graubraunen Staubwolken davon. Der Anblick stimmte Robin traurig. In diesem sonderbaren, verbrannten Land war jedes St�ck fruchtbarer Boden kostbar, jede Pflanze, die sie zu Hause achtlos zertreten h�tte, ein unersetzlicher Schatz. Unz�hlige Jahre musste die Natur gebraucht haben, der W�ste dieses kleine St�ck Gr�n abzutrotzen, und sie hatten nur wenige Augenblicke ben�tigt, das Werk von Jahrhunderten zu zerst�ren. Und es war nicht nur dieser H�gel. Das Heer hatte eine breite Spur der Verw�stung durch das Land gezogen, die seinen Weg vielleicht noch eine Generation sp�ter markieren w�rde. Obwohl es eigentlich gar nicht ihre Art war, solcherlei Gedanken zu denken, machten sie Robin traurig und w�tend zugleich.</p><p>Es war jedoch nicht dieser Anblick gedankenloser Zerst�rung, den Rother ihr hatte zeigen wollen. Robin glaubte nicht, dass er jemals auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet hatte. Seine ausgestreckte Hand deutete auf einen in eine schlichte, in der D�mmerung schwarz erscheinende Kutte gekleideten Geistlichen, der hoch aufgerichtet auf dem h�chsten Punkt des flachen H�gels stand und eine flammende Predigt hielt. Sie waren zu weit entfernt und der L�rm des Lagers ringsum zu laut, als dass Robin die Worte h�tte verstehen k�nnen, aber das musste sie auch nicht. Der Ausdruck heiligen Zorns auf dem Gesicht des Predigers und seine ausgreifenden, fordernden Gesten verrieten ihr auch so, welcher Art die Predigt war, die er einem guten Dutzend prachtvoll gekleideter Ritter hielt, die im Halbkreis am Fu�e des H�gels knieten und ihm mit verz�ckten Gesichtern lauschten. �Siehst du diese M�nner?�, fragte Rother. Auch er schrie fast.</p><p>Robin nickte.</p><p>�Es sind die edelsten der Edlen�, fuhr Rother erregt fort. �Aber siehst du auch ihre F��e? Wei�t du, warum sie die Stiefel ausgezogen haben und barfuss beten?�</p><p>Robin sah genauer hin. Rother hatte Recht - die M�nner hatten ihr Schuhwerk ausgezogen und knieten barfuss im warmen Sand. Sie nickte und sch�ttelte praktisch in der gleichen Bewegung den Kopf.</p><p>�Weil Gottesfurcht und das Vertrauen in seine F�hrung die sch�rfste Waffe im Kampf gegen die Heiden sind!�, antwortete Rother. �Du kennst die Geschichte vom Kampf der barf��igen Ritter um Jerusalem!�</p><p>Robin sch�ttelte abermals den Kopf, was Rother zu einem neuerlichen, ebenso �berraschten wie fast ver�rgerten Stirnrunzeln veranlasste. Offensichtlich hatte er vorausgesetzt, dass sie wusste, wovon er sprach. �Es ist fast hundert Jahre her�, sagte er.</p><p>�Gottes Krieger hatten Jerusalem schon lange und vergebens belagert. Am Abend vor dem letzten Sturm befahl ihr Heerf�hrer ihnen, barfuss und mit unbedeckten H�uptern betend um die Stadtmauern zu ziehen, w�hrend sie von ihren Feinden auf den W�llen verspottet und mit Unrat und Abf�llen beworfen wurden. Doch am Tag darauf ist mit Gottes Hilfe und gegen jede vern�nftige Chance der Sturmangriff auf Jerusalem gegl�ckt, und die Heiden wurden aus der Stadt des Herrn verjagt!�</p><p>�Aha.� Robin machte sich mit sanfter Gewalt aus Rothers Griff los und sah ihn fragend an. �Und? Willst du mir damit sagen, dass wir Faruks Truppen morgen barf��ig gegen�bertreten sollen?�</p><p>Sie bedauerte die Worte augenblicklich, aber das war etwas, woran sie sich in Rothers Gegenwart allm�hlich zu gew�hnen begann. Anscheinend war es ihr Schicksal, dem jungen Tempelritter gegen�ber mit untr�glicher Sicherheit immer den falschen Ton anzuschlagen.</p><p>Fast zu ihrem Erstaunen blieb Rother jedoch ruhig. �Nein�, sagte er. �Ich will damit sagen, dass es nicht die Anzahl der Krieger ist, die �ber den Ausgang einer Schlacht entscheidet. Es ist allein Gottes Wille. Wenn ihm unser Tun gef�llig ist, dann wird er uns den Sieg schenken.�</p><p>�Und wenn nicht?�, fragte Robin.</p><p>�Dann haben wir es wohl nicht anders verdient�, antwortete Rother ernst. Dann l�chelte er. �Aber wir werden siegen. Ich sage nicht, dass es leicht sein wird, aber der Sieg ist uns gewiss. Gott will es.�</p><p>Das Schlimme war, dachte Robin traurig, dass er das wirklich glaubte. Es h�tte so vieles gegeben, was sie darauf h�tte erwidern k�nnen, aber sie sprach nichts von alledem aus. Es w�re sinnlos gewesen. Rother <emphasis>konnte </emphasis>sie nicht verstehen, und sie wollte ihn nicht noch mehr verletzen, als sie es ohnehin schon getan hatte.</p><p>Sie wurde einfach nicht schlau aus diesem jungen Ritter. Von allen M�nnern in Dariusz� Begleitung war er der einzige, zu dem sie so etwas wie Zutrauen gefasst hatte, und sie sp�rte auch, dass es Rother umgekehrt ganz genau so erging, und dennoch gelang es ihr nicht, wirklich zu ihm durchzudringen. Hinter seinem freundlichen L�cheln und seinem scheinbar so zug�nglichen Wesen verbarg sich etwas, von dem sie nicht wusste, ob es Angst oder vielleicht etwas ganz anderes war.</p><p>�Vielleicht ... hast du Recht�, sagte sie ausweichend. �Es ist sp�t. Wir sollten schlafen. Morgen wird ein sehr anstrengender Tag.�</p><p>�Ein sehr <emphasis>wichtiger </emphasis>Tag�, verbesserte sie Rother. Wollte er ihr ein Gespr�ch aufzwingen?</p><p>�Ja, das sicher auch�, antwortete sie mit einem Achselzucken. Sie hatte nicht einmal die Unwahrheit gesagt - sie <emphasis>war </emphasis>m�de. Auf jeden Fall zu m�de, um sich mit Rother auf ein theologisches Streitgespr�ch einzulassen. Und schon gar nicht durfte sie sich dazu verf�hren lassen, ihm mit einem unbedachten Wort zu verstehen zu geben, dass sie beinahe mehr an Salim als an die morgige Schlacht dachte.</p><p>�Dann begleite ich dich zu deinem Zelt�, sagte er. �Bevor du dich am Ende tats�chlich noch verl�ufst.�</p><p>Robin seufzte resignierend. �Ich kann dich ja wahrscheinlich sowieso nicht davon abhalten.�</p><p>�Das Lager ist gro߫, sagte Rother anstelle einer direkten Antwort.</p><p>�Und Bruder Dariusz� Arm reicht weit�, f�gte Robin hinzu.</p><p>�Was hat er dir angedroht, f�r den Fall, dass du mich nicht jede Minute des Tages im Auge beh�ltst?�</p><p>�Bruder Dariusz hat nichts damit zu tun�, antwortete Rother ernst. Robin hatte damit gerechnet, dass er w�tend werden oder auch wieder verletzt reagieren w�rde, aber er blieb ganz ruhig.</p><p>�Ich bin kein Spion wie deine Freunde, die Assassinen.�</p><p>Robin beschloss, den letzten Teil seiner Antwort zu ignorieren.</p><p>�Den Eindruck hatte ich gestern nicht.�</p><p>�Bruder Dariusz hat mir aufgetragen, daf�r zu sorgen, dass du sicher in Safet ankommst. Seine anderen Anweisungen habe ich wohl nicht ganz richtig verstanden�, antwortete Rother.</p><p>Robin sp�rte, dass er es ehrlich mit ihr meinte. �Warum l�ufst du mir dann st�ndig nach?�, fragte sie dennoch.</p><p>�Das tue ich nicht�, behauptete Rother, nur, um praktisch im gleichen Atemzug hinzuzuf�gen: �Ich mache mir Sorgen um dich, Bruder Robin. Etwas stimmt nicht mit dir. Du verbirgst ein Geheimnis.�</p><p>Sah man es ihr so deutlich an?, fragte sich Robin erschrocken, nur um sich ihre eigene Frage gleich selbst zu beantworten. Selbstverst�ndlich sah man es ihr an. Im Grunde war es schon fast ein Wunder, dass es nicht auch alle anderen l�ngst gemerkt hatten.</p><p>Aber vielleicht hatten sie es ja, und Rother war nur der Einzige, der ehrlich - oder dumm - genug war, sie ganz offen darauf anzusprechen.</p><p>�Das Wesen eines Geheimnisses ist es, Rother�, sagte sie, �dass es nur so lange eines bleibt, wie man nicht dar�ber spricht.�</p><p>�Und das Wesen unserer Gemeinschaft ist es�, antwortete Rother, �dass wir keine Geheimnisse voreinander haben.�</p><p>�Ich habe ja auch nicht gesagt, dass ich ein Geheimnis h�tte�, sagte Robin. �Wenn ich mich richtig erinnere, hast <emphasis>du </emphasis>das gesagt.�</p><p>Rothers Miene verfinsterte sich. �Du hast eine flinke Zunge, Bruder Robin. Aber das �ndert nichts daran, dass du etwas vor uns verbirgst.�</p><p>�Dann nehme ich an, dass du mich doch nicht zu meinem Zelt zur�ckbegleiten willst�, vermutete Robin k�hl. Rother starrte sie noch einen Herzschlag lang beinahe w�tend an, dann fuhr er auf dem Absatz herum und st�rmte mit wehendem Mantel davon. Robin sah ihm kopfsch�ttelnd nach - und mit einem heftigen Gef�hl von schlechtem Gewissen. Auch wenn Rother sie mit jedem Moment mehr verwirrte, so sp�rte sie doch zugleich auch, dass er es gut mit ihr meinte. Aber vielleicht war gerade das das Problem. Bruder Abb� hatte vor langer Zeit einmal zu ihr gesagt, dass es kaum etwas Schlimmeres g�be als Menschen, die es gut mit einem meinen, aber sie begann erst jetzt allm�hlich zu begreifen, was er wirklich damit hatte ausdr�cken wollen.</p><p>Sie sch�ttelte den Gedanken ab und sah sich rasch und fast verstohlen nach beiden Seiten um. Ihr kleiner Disput mit Rother war nicht unbemerkt geblieben. Hier und da war ein Gespr�ch unterbrochen worden, ein Gesicht in ihre Richtung gedreht oder eine Stirn gerunzelt worden, und sie bemerkte sehr wohl die schadenfrohen Blicke, auch wenn die meisten M�nner rasch die K�pfe senkten, sobald sie in ihre Richtung sah. So viel zu ihrem Vorsatz, nicht aufzufallen. Sie war sicher, dass Horace auch von diesem Zwischenfall Kenntnis erlangen w�rde.</p><p>Mit einem resignierenden Seufzer schob sie auch diesen Gedanken von sich und setzte ihren Weg fort. Ziellos wanderte sie weiter durch das Lager. Sie hatte ihr Zelt nicht nur verlassen, um sich umzusehen oder sich lediglich die Zeit zu vertreiben. Genau genommen hielt sie nach Bruder Abb� Ausschau. Den ganzen Tag �ber hatte sie insgeheim unter den Tempelrittern nach ihm gesucht, ohne ihn allerdings zu entdecken, und mehr als einmal waren ihr Zweifel gekommen, ob sie ihn am vergangenen Abend <emphasis>wirklich </emphasis>gesehen hatte oder vielleicht nur einer T�uschung aufgesessen war, die ihren Ursprung einfach in dem <emphasis>Wunsch </emphasis>gehabt hatte, ihn zu treffen.</p><p>Zugleich war sie sicher, sich <emphasis>nicht </emphasis>get�uscht zu haben. Sie hatte das Gesicht unter der Kapuze nur f�r den Bruchteil eines Atemzuges aufblitzen sehen, und nicht einmal deutlich, aber wer Bruder Abb� einmal zu Gesicht bekommen hatte, der verga� ihn nicht. Und diese sonderbare Nachricht ... sie <emphasis>kannte </emphasis>diese Handschrift, auch wenn ihr ihre Bedeutung noch immer nicht g�nzlich klar war. Eine freundliche Warnung von Abb� oder Horace? Eine Drohung von Feinden innerhalb des Templerordens? Auch das war m�glich, aber wenn - von wem?</p><p>Sie dachte an die merkw�rdigen Anspielungen des Gro�meisters, dass sie auf Masyaf, der Festung des Alten vom Berge, Ehrengast bei einer Hochzeit gewesen war, was stimmte. Und sie konnte nur hoffen, dass Odo nicht wusste, dass es sich dabei um <emphasis>ihre eigene </emphasis>Hochzeit gehandelt hatte ...</p><p>Und sie dachte erneut an Salim, und dieser Gedanke wurde von einem d�nnen, tief gehenden Schmerz begleitet, der sich wie ein gl�hender Dolch in ihr Herz bohrte. Wie sehr sie ihn vermisste!</p><p>In den letzten Tagen war es ihr immer wieder gelungen, ihn f�r eine kurze Zeit aus ihren Gedanken zu verbannen. Oh, sie <emphasis>hatte </emphasis>an ihn gedacht - immer wieder hatte es seit jenem schicksalhaften Moment in dem kleinen Dorf am Ufer des Mittelmeeres Momente gegeben, in denen sie an ihn gedacht, sein Gesicht vor sich gesehen oder sich nach dem sanften Klang seiner Stimme zur�ckgesehnt hatte. Dennoch war es ihr gelungen, es bei einer blo�en Erinnerung zu belassen; Bilder und Ger�usche, voller Schmerz und Wehmut, aber dennoch blo�e Erinnerungen. Sie hatte den Schmerz und das Gef�hl, etwas unbeschreiblich Wertvolles verloren zu haben, bis zu diesem Abend nicht wirklich an ihr Herz herangelassen. Nun aber wurde ihr klar, dass diese vermeintliche H�rte sich selbst gegen�ber nichts anderes als ein Schutz gewesen war. Und dass diese letzte Mauer, die sie um ihr Herz errichtet hatte, zunehmend zu br�ckeln begann. Die M�nner, auf die Rother und sie in der W�ste getroffen waren, als sie sich auf dem Ritt nach Safet befanden, hatten gesagt, Salim erwartete sie in seinem Zelt ganz in der N�he der Kreuzfahrerburg. Doch sie hatte nirgends ein Assassinenzelt entdecken k�nnen, und sie hatte es nicht gewagt, danach zu fragen. Morgen, dachte sie matt. Sp�testens morgen, wenn sich die unterschiedlichen Heere trafen und miteinander vereinigten, w�rde sie Salim wiedersehen. Und dann ...</p><p>Nein. Robin gestattete sich nicht, diesen Gedanken weiterzudenken. Sie wusste einfach nicht, was geschehen w�rde. Sie wusste, was sie tun <emphasis>wollte, </emphasis>aber sie war ganz und gar nicht sicher, was sie wirklich tun <emphasis>w�rde.</emphasis></p><p>Ohne dass sie es selbst gemerkt h�tte, hatten sie ihre Schritte immer weiter ins Zentrum des Heerlagers gef�hrt. Die Nacht war l�ngst hereingebrochen, doch es brannten so viele Lagerfeuer, Kochstellen und Fackeln, dass es fast ebenso hell wie am Tage war. Die Luft war erf�llt vom bei�enden Rauch des brennenden Holzes, dem Geruch nach gebratenem Fleisch und Fisch, dem Schwei� von Mensch und Tier, einem ganzen Chor der unterschiedlichsten Ger�usche und Laute und dem roten Licht der Feuer. Nachdem die Sonne untergegangen war, h�tte es deutlich k�lter werden m�ssen, doch Robin hatte ganz im Gegenteil das Gef�hl, dass die Hitze noch zugenommen hatte. Zusammen mit dem flackernden roten Feuerschein, dem L�rm, dem Lachen und Rufen aus unz�hligen, rauen Kehlen, dem Wiehern der Pferde und dem Klirren von Metall und Fetzen misst�nender Musik, die manchmal an ihr Ohr drangen, hatte die Szene f�r sie pl�tzlich etwas infernalisches.</p><p>Wenn man bedachte, was diesen M�nnern am n�chsten Tag bevorstand, dann waren diese Augenblicke vielleicht die letzten Momente des Friedens, die viele von ihnen erleben mochten, doch die allgemeine Stimmung schien Robin nun auch jeden Rest von �ngstlichkeit und stiller Andacht verloren zu haben. Sie wirkte ganz im Gegenteil beinahe schon aufgekratzt; und dennoch hatte sie pl�tzlich das unheimliche Gef�hl, durch den Vorhof der H�lle zu schreiten. Und zumindest einen Moment lang kam es ihr tats�chlich so vor, als w�re diese Vision weit mehr als ein Trugbild, mit dem sie ihre eigenen Nerven narrten. Direkt vor ihr, vielleicht noch ein Dutzend Schritte oder weniger entfernt, erhob sich ein gewaltiges, rundes Zelt von blutroter Farbe. Ein gutes Dutzend vermummter, schwarz gekleideter Gestalten, die so reglos wie lebensgro�e unheimliche Statuen dastanden, umgab dieses Zelt und schien allein durch seine Anwesenheit daf�r zu sorgen, dass es niemand wagte, sich ihm weiter als bis auf ein Dutzend Schritte zu n�hern, und selbst das allgemeine Lachen und Musizieren und L�rmen schien in der unmittelbaren Umgebung leiser zu klingen.</p><p>Auch Robin stockte ganz instinktiv im Schritt. Doch fast im selben Moment wurde ihr klar, dass an diesem Zelt rein gar nichts Mystisches oder gar Teuflisches war, ebenso wenig wie an dem Dutzend Ritter, die es bewachten. Sie h�tte das Wappen �ber dem Eingang nicht einmal mehr sehen m�ssen, um zu wissen, dass es das Zelt K�nig Balduins war, dessen rote Farbe nur von den zahllosen flackernden Feuern ringsum zu vermeintlichem Leben erweckt wurde, und die scheinbaren D�monen, die es bewachten, niemand anderes als die Ritter des geheimnis-umwitterten Lazarusordens - obwohl sie sich bei ihnen ganz und gar nicht sicher war, ob es sich tats�chlich noch um Menschen handelte. Jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem sie das Wort bisher benutzt hatte.</p><p>Robin n�herte sich mit klopfendem Herzen dem Zelt und blieb dann endg�ltig stehen. Es war nicht ausdr�cklich verboten, dem K�nig nahe zu kommen, aber sie wusste nat�rlich, dass niemand es wagte, sich ihm ohne seine ausgesprochene Einladung oder Erlaubnis zu n�hern oder ihn gar anzusprechen. Es h�tte auch keinen Grund f�r sie gegeben, so etwas zu tun; ganz im Gegenteil - schon am vergangenen Morgen hatte sie der Anblick des kr�nklichen, geschlagenen K�nigs erschreckt, und obwohl sie sein Gesicht noch nie gesehen hatte, jagte ihr schon der blo�e Gedanke, einen Blick hinter seinen Schleier zu werfen, einen eisigen Schauer �ber den R�cken.</p><p>Sie wollte sich gerade umdrehen und m�glichst unauff�llig wieder davongehen, als der undeutliche Klang erhobener Stimmen aus dem Zelt zu ihr herausdrang. Sie konnte weder h�ren, was gesprochen wurde, noch erkannte sie eine dieser Stimmen, aber ihr Tonfall war scharf, zum Teil regelrecht w�tend, sodass sich Robin in ihrem Entschluss nur best�rkt sah, m�glichst ebenso schnell wieder von hier zu verschwinden, wie sie gekommen war. Vermutlich waren etliche der Lazarusritter ohnehin schon auf sie aufmerksam geworden, und sie konnte nur hoffen, dass die M�nner ihr Gesicht in dem unsicheren Licht nicht zu deutlich erkannten oder sich vielleicht auch gar nicht die M�he machten, es sich zu merken. Nach dem gestrigen Tag hatte sie wahrlich keine Lust, nach den Fragen des Gro�meisters auch noch die des K�nigs beantworten zu m�ssen.</p><p>Gerade als sie sich umdrehte, wurde die Plane vor dem Eingang zum Zelt zur�ckgeschlagen, und Robin erschrak nun <emphasis>wirklich, </emphasis>als sie niemand anderen als Odo von Saint-Amand und den Ordensmarschall Gerhard von Ridefort herauskommen sah. Odos Gesicht war wie eine zu Stein erstarrte Maske des Zorns, und Ridefort gestikulierte aufgeregt mit beiden H�nden, wobei er ununterbrochen weiter auf den Gro�meister einredete. Es war nicht zu �bersehen, dass beide au�er sich vor Wut waren.</p><p>Aber sie kamen aus dem Zelt des K�nigs!, dachte Robin verwirrt. Was sollte es dort drinnen zu besprechen geben, das diese beiden M�nner so in Wut versetzte? Sie waren Verb�ndete!</p><p>Obwohl der Marschall und Odo nicht so aussahen, als ob sie in ihrem Zorn noch von irgendetwas anderem rings um sich herum Notiz nehmen konnten, wich Robin vorsichtshalber einige weitere Schritte zur�ck und in den Schatten eines der gr��eren Zelte, die die unsichtbare Linie rings um das Zelt des K�nigs markierten, die keiner der gemeinen Soldaten und Ritter zu �berschreiten wagte. Ohne dass es ihr selbst bewusst gewesen w�re, bewegte sie sich dabei ebenso rasch wie lautlos und auf eine Art, die sie, h�tte sie sich selbst beobachten k�nnen, auf schon fast erschreckende Weise an die Art der Assassinen erinnert h�tte: Auf eine schwer in Worte zu fassende Weise und trotz ihrer auff�lligen, wei�en Kleidung schien sie f�r einen Moment selbst zum Schatten zu werden, den man sah und trotzdem nicht bemerkte und an den sich schon einen Lidschlag sp�ter niemand mehr wirklich erinnern w�rde.</p><p>Vermutlich w�re ihre kleine Flucht ohnehin �berfl�ssig gewesen. Ridefort und Odo kamen zwar im Sturmschritt aus dem Zelt heraus, wandten sich aber in die entgegengesetzte Richtung, und es war so, wie Robin vermutet hatte: Sie waren so aufgebracht, dass sie niemanden mehr zu sehen schienen. Um ein Haar w�re Ridefort mit einem der reglos dastehenden Lazarusritter zusammengeprallt, und der Umstand, dass Odo ihn im letzten Moment am Arm ergreifen und zur�ckrei�en musste, weil der Ritter keinerlei Anstalten machte, ihm aus dem Weg zu gehen, sch�rte seinen Zorn nur noch.</p><p>In einigem Abstand und deutlich ruhiger folgte ihnen ein dritter, grauhaariger Tempelritter, den Robin mit einer Mischung aus Erleichterung und Sorge als Bruder Horace erkannte, den Komtur von Safet. Er ging nicht nur allein und deutlich langsamer als die beiden anderen, er wirkte auch sehr viel ruhiger. Beinahe kam es ihr vor, als spiele etwas wie ein L�cheln um seine Lippen, aber die Entfernung war zu gro� und das Licht der flackernden Lagerfeuer und Fackeln zu ungewiss, als dass sie wirklich sicher sein konnte.</p><p>Vorsichtshalber zog sie sich noch einen weiteren Schritt in den Schatten des Zeltes zur�ck, doch diesmal kam ihre Bewegung zu sp�t. Horace war nicht nur deutlich ruhiger als die beiden anderen, sondern auch um einiges aufmerksamer. Nach ein paar Schritten blieb er wieder stehen, legte fragend den Kopf auf die Seite und blickte aus eng zusammengekniffenen Augen direkt in ihre Richtung, sodass sie sich zwar noch f�r die Dauer eines Herzschlages an die Hoffnung klammern konnte, es k�nne blo�er Zufall sein, aber selbst wusste, dass das nicht stimmte.</p><p>�Bruder Robin?�, fragte er. �Seid Ihr das?�</p><p>F�r einen noch k�rzeren Augenblick spielte Robin ganz ernsthaft mit dem Gedanken, sich einfach umzudrehen und davonzulaufen. In dem Gewirr aus Zelten, Lagerfeuern und Menschen w�re es ihr vermutlich ein Leichtes gewesen, zu verschwinden, und Horaces Frage machte ihr klar, dass er sie offensichtlich nicht ganz genau erkannt hatte. Doch sie verwarf diesen Gedanken auch ebenso schnell wieder, wie er ihr gekommen war. Mit einem resignierenden, lautlosen Seufzer und m�glichst unbewegtem Gesicht trat sie wieder aus dem Schatten des steilwandigen Zeltes heraus und deutete ein Nicken an, w�hrend sie sich dem Komtur n�herte.</p><p>Der Ausdruck, der von Horaces Gesicht Besitz ergriff, als sie n�her kam, spiegelte deutlich mehr Ver�rgerung als �berraschung. �Was tut Ihr hier?�, fragte er.</p><p>�Nichts�, behauptete Robin. Sie ging bewusst langsam auf Horace zu, und es kostete sie tats�chlich k�rperliche �berwindung, dabei zwischen zwei der schwarz gekleideten Lazarusritter hindurchzuschreiten; fast als g�be es da tats�chlich eine unsichtbare, sehr wohl aber vorhandene Barriere, die das gemeine Volk vom K�nig und seinem engsten Gefolge trennte.</p><p>�Nichts?�, wiederholte Horace mit einem fragenden Hochziehen der Augenbrauen. �Das ist vielleicht nicht gerade die Antwort, die ich von einem Ritter Eures Standes erwartet h�tte, Robin�, fuhr er fort. �Falls ich Euch tats�chlich darauf aufmerksam machen muss: T�tet Ihr wirklich <emphasis>nichts, </emphasis>w�rt Ihr schwerlich hier.�</p><p>�Ich war ... unruhig�, sagte Robin mit einem angedeuteten Schulterzucken. �Ich konnte nicht schlafen, also wollte ich mir das Lager ansehen. Und die M�nner.�</p><p>Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gef�hl, dass diese Antwort Horace eher noch mehr verstimmte, aber er sagte nichts dazu, sondern ging weiter und gab ihr mit einer ebenso beil�ufigen wie befehlend wirkenden Geste zu verstehen, dass sie ihm folgen sollte. Erst als sie sich mehr als ein Dutzend Schritte vom Zelt des K�nigs und aus der H�rweite seiner Wachen entfernt hatten, und ohne sie dabei anzusehen, fragte er: �Hattest du bei diesen <emphasis>M�nnern </emphasis>eine bestimmte Person im Auge?�</p><p>Robin w�re um ein Haar erschrocken zusammengefahren. Horace war von all den M�nnern, die ihr in den letzten Tagen begegnet waren, der einzige, der <emphasis>wirklich </emphasis>wusste, wer sie war - er konnte doch unm�glich so leichtsinnig sein, dieses Geheimnis um einer ironischen Bemerkung willen aufs Spiel zu setzen!</p><p>�Ich verstehe nicht ganz ...�, begann sie.</p><p>Horace beschleunigte seine Schritte ein wenig, bis sie ebenso schnell gingen wie Odo und der Marschall, die schon einen geh�rigen Vorsprung vor ihnen gewonnen hatten, ohne dabei allerdings wirklich zu ihnen aufzuschlie�en, bevor er antwortete.</p><p>�Man hat mir berichtet, dass du vergangene Nacht in einem Teil der Burg gesehen worden bist, der weit entfernt von deinem Quartier liegt.�</p><p>Robin seufzte. �Ich wusste, dass sich Rother nicht an das Schweigegel�bde h�lt. Aber ich wusste nicht, dass er ein Plappermaul ist.�</p><p>T�uschte sie sich, oder huschte ein kurzes, aber sehr ehrliches L�cheln �ber Horaces Gesicht, als er sie fl�chtig von der Seite her musterte? Seine Stimme zumindest klang ernst. �Vielleicht solltest du froh sein, dass er nur zu mir gekommen ist. Es gibt einige unter uns, die selbst eine so kleine Verfehlung hart bestrafen w�rden.�</p><p>�Und Ihr geh�rt nicht dazu?�</p><p>�Zumindest nicht an einem Tag wie diesem�, antwortete Horace. �Wir werden morgen jedes bisschen Kraft brauchen, das wir aufbringen k�nnen. Eine Stunde auf den Knien und frische Narben auf dem R�cken sind der Kampfkraft eines Ritters nicht unbedingt zutr�glich.�</p><p>�Wie schade, dass nicht jeder unserer Br�der dieser Meinung ist�, antwortete Robin. �Viele von uns w�rden sonst morgen wesentlich kraftvoller in die Schlacht reiten k�nnen.�</p><p>Horace sah sie auf eine sonderbare Weise an, ein wenig irritiert, aber auch nachdenklich. Dabei fragte sich Robin selbst, warum sie das eigentlich gesagt hatte. Sie verstie� damit nicht nur gegen das Schweigegel�bde, das - obgleich es hier offensichtlich von kaum jemandem ernst genommen wurde - immer noch galt, sondern erz�hlte Horace auch wahrlich nichts Neues. Schon w�hrend der �berfahrt auf der <emphasis>Sankt Christophorus </emphasis>war sie Zeugin mehr als eines Streites zwischen ihm und Dariusz geworden, bei dem es um ganz genau dieses Thema gegangen war. Sie gestand sich ein, dass sie einfach plapperte, um Horace vielleicht davon abzubringen, eine andere Frage zu stellen, deren Beantwortung ihr sehr viel unangenehmer gewesen w�re.</p><p>Nat�rlich tat er es doch, und nat�rlich tat er es auch genau in diesem Moment, fast als h�tte er ihre Gedanken gelesen. �Nun, um bei Eurer wenig ritterlichen Art der Sprache zu bleiben, Bruder Robin - man hat mir tats�chlich zugetragen, dass Ihr neugierig seid und viele Fragen stellt. Und mir selbst ist aufgefallen, wie aufmerksam Ihr die Gesichter unserer Br�der studiert habt.�</p><p>Er l�chelte. �Ihr habt Euch von der Kolonne entfernt, nicht wahr?�</p><p>Robin gab auf. Horace verf�gte offensichtlich nicht nur �ber eine Menge neugieriger Augen und gro�er Ohren, die ihm alles zutrugen, sondern war dar�ber hinaus auch selbst ein aufmerksamer Beobachter, dem kaum etwas entging. Schon gar nicht das, was er eigentlich nicht sehen sollte.</p><p>�Ihr habt Recht�, gestand sie, wobei sie den zerknirschten Ton in ihrer Stimme nicht einmal zu spielen brauchte. �Ich habe ...�</p><p>Sie fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen, die pl�tzlich so trocken und spr�de geworden zu sein schienen, dass sie kaum noch weitersprechen konnte, und setzte neu an.</p><p>�Gestern Nacht, w�hrend des Matutin ... ich dachte, ich h�tte Bruder Abb� gesehen.�</p><p>�Und Ihr wart auf der Suche nach ihm?�, fragte Horace, ohne dabei auch nur mit einer Silbe auf ihre eigene Frage einzugehen. �Warum seid Ihr nicht einfach zu mir gekommen?�</p><p>Robin sah ihn einen Moment lang fast hilflos an und musste sich dann eingestehen, dass sie es nicht wusste. Die Wahrheit war, dass sie gar nicht auf diese Idee gekommen war.</p><p>�Abb� ist nicht hier�, fuhr Horace fort. Robin sagte auch dazu nichts. Sie hoffte, dass sie ihre Z�ge diesmal besser unter Kontrolle hatte als gerade. So unglaublich es ihr selbst erschien - sie sp�rte, dass Horace log. Au�erdem war sie mittlerweile <emphasis>sicher, </emphasis>Abb� gestern Abend erkannt zu haben.</p><p>�Und w�re er hier�, fuhr Horace fort, nachdem er etliche Schritte schweigend neben ihr einhergegangen war und vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte, �so h�tte er Besseres zu tun, als das Wiedersehen mit Euch zu feiern, <emphasis>Bruder </emphasis>Robin.�</p><p>Die sonderbare Art, in der er das Wort <emphasis>Bruder </emphasis>betonte, war kein Zufall, das war Robin klar. Er wollte ihr damit etwas ganz Bestimmtes sagen, aber sie wusste nicht, was. Sie reagierte auch darauf nicht, und zu ihrer Erleichterung schien sich Horace damit zufrieden zu geben, denn er verfolgte das Thema nicht weiter. Eine ganze Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, und Robin fiel abermals auf, wie streng Horace darauf zu achten schien, den Abstand von guten drei�ig oder vierzig Schritten, die sie zu Odo und Ridefort einhielten, nicht kleiner werden zu lassen. Sie musste an das Streitgespr�ch in dem Zelt denken, dessen Ohrenzeuge sie geworden war, und an den Ausdruck unverhohlener Wut auf den Gesichtern der beiden hochrangigen Tempelritter, als sie herausgekommen waren. Schlie�lich hielt sie es nicht mehr l�nger aus und kleidete ihre Neugier in eine Frage.</p><p>Fast zu ihrer �berraschung beantwortete Horace sie. �Unser Gro�meister und der Marschall sind ver�rgert�, r�umte er unverbl�mt ein.</p><p>�Aber sie kamen von einer Audienz des K�nigs�, sagte Robin verwundert. �Ich dachte bisher, unser Orden genie�t sein ganz besonderes Vertrauen und sein besonderes Wohlwollen.�</p><p>Horace bem�hte sich, ein zerknirschtes Gesicht zu machen, aber wieder hatte Robin das sichere Gef�hl, die Andeutung eines L�chelns �ber seine Lippen huschen zu sehen, als er antwortete.</p><p>�Ja, das dachten Odo und Marschall Ridefort bis zum heutigen Abend wohl auch.�</p><p>�Was ist geschehen?�, fragte Robin.</p><p>�Mir scheint, K�nig Balduin wird allm�hlich erwachsen�, erwiderte Horace. Nicht, dass Robin mit dieser Antwort irgendetwas anfangen konnte.</p><p>�Haben wir uns ... durch irgendetwas seinen Unmut zugezogen?�, fragte sie z�gernd.</p><p>Diesmal war das L�cheln, das Horaces Kopfsch�tteln begleitete, mehr als nur angedeutet. �Nein. Es ist wohl eher so, dass er nicht mehr auf alles h�rt, was ihm jemand mit einem beeindruckenden Titel und einer langen Liste vermeintlicher oder auch wirklicher Heldentaten r�t. Ich habe Odo gewarnt, aber er hat meine Worte in den Wind geschlagen. Er h�lt Balduin f�r krank - er ist es - und schwach - er ist es nicht - und scheint nicht begreifen zu wollen, dass er in wachsendem Ma�e die Tugenden eines wirklich gro�en Herrschers entwickelt. Gro�mut, Klugheit und Willensst�rke.�</p><p>�Und was bedeutet das?�</p><p>�Zum Beispiel, dass K�nig Balduin den Gro�meister und den Marschall unseres Ordens br�skiert hat, indem er uns und unsere Br�der morgen nicht im Herzen der Schlacht haben will.�</p><p>Nun war Robin ehrlich �berrascht. Auch wenn sie noch niemals eine <emphasis>richtige </emphasis>Schlacht erlebt hatte, so wusste sie doch, dass die Templer traditionell die Speerspitze eines Angriffes bildeten, und das nicht nur, weil ihr Glaube es von ihnen verlangte oder sie �berheblich genug waren, sich als unbesiegbar zu f�hlen. In gewissem Ma�e waren sie es sogar. Selbst die tapfersten und st�rksten muslimischen Reiter konnten dem Anprall einer Hundertschaft schwer gepanzerter Tempelritter auf ihren gewaltigen Schlachtr�ssern nicht widerstehen.</p><p>�Unsere Aufgabe morgen ist es lediglich, die Flanken des Heeres zu sichern�, fuhr Horace fort. �Eine sehr wichtige Aufgabe, wenn du mich fragst. Mehr als eine Schlacht ist schon entschieden worden, weil ein kluger Feldherr daf�r gesorgt hat, dass Flanken und R�cken des Heeres gedeckt sind.�</p><p>�Aber Odo sieht das anders�, vermutete Robin.</p><p>�Ja�, seufzte Horace. �Um es mit deinen Worten auszudr�cken: Er und Ridefort sch�umen vor Wut. Sie f�hlen sich zu reinen Zuschauern degradiert.� Er lachte ganz leise. �Ich f�rchte, sie werden in dieser Nacht nicht besonders gut schlafen.�</p><p>�Aber Ihr schon�, vermutete Robin. In ihrer Stimme war ein leicht vorwurfsvoller Ton, der sie selbst �berraschte und auch erschreckte, denn erst er machte ihr klar, dass ein Teil von ihr den Zorn und die Entt�uschung der beiden Tempelritter nicht nur verstand, sondern auch teilte. Auf eine v�llig absurde, widersinnige Art f�hlte sie sich um ihre erste gro�e Feldschlacht betrogen - als ob sie jemals vorgehabt h�tte, wirklich daran teilzunehmen!</p><p>Horace musste auffallen, dass sie nicht unbedingt seiner Meinung war. Er ma� sie mit einem eindeutig tadelnden Blick. �Diesmal wird unseren Br�dern, den Johannitern, die Ehre zuteil, als Erste auf die Armeen Saladins zu treffen.�</p><p>�Oh�, machte Robin nur. Auch wenn sie den Grund daf�r niemals wirklich verstanden hatte, so wusste sie nat�rlich um die uralte Rivalit�t zwischen dem Templer- und dem Johanniter-orden. Mit einem Male konnte sie den Zorn des Gro�meisters noch besser verstehen. Nicht unmittelbar an der Schlacht teilnehmen zu d�rfen, musste ihn verletzt und vielleicht in seiner Ehre gekr�nkt haben, diesen Platz jedoch an die alten Rivalen des Johanniterordens abtreten zu m�ssen, musste f�r ihn wie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein.</p><p>�Und was k�nnen sie besser, was wir nicht k�nnen?�, fragte sie.</p><p>�Nichts�, antwortete Horace. Er gab sich jetzt keine M�he mehr, seine wahren Gef�hle zu verhehlen. Warum auch immer, irgendetwas an der Situation schien ihn �ber die Ma�en zu am�sieren. �Politik, Robin. Es ist nichts als Politik.�</p><p>�Politik?�</p><p>�Du wei�t nicht viel �ber den K�nig und den Hof in Jerusalem, nicht wahr?�, erkundigte er sich.</p><p>Robin sch�ttelte den Kopf. Sie war auch nicht sicher, ob sie wirklich viel mehr dar�ber wissen <emphasis>wollte, </emphasis>als sie in den letzten Stunden und Tagen erfahren hatte.</p><p>�Seit Balduin den Thron von Jerusalem bestiegen hatte�, begann Horace, �hat in Wahrheit seine Mutter regiert, Agnes von Courtenay, eine Schlampe, die mit jedem Mann ins Bett h�pft, weshalb sie auch von Balduins Vater Amalrich versto�en wurde.�</p><p>Robin sah ihn leicht verwundert an. Horace war normalerweise kein Mann, der �ber solcherlei Dinge sprach, schon gar nicht in diesem Ton.</p><p>�Ungl�ckseligerweise hat Agnes beste Verbindungen zu den Templern und zu Rainald de Ch�tillion, dem Grafen von Oultrejourdain, und etlichen anderen wichtigen Adeligen, mit denen sie vermutlich das Lager geteilt hat oder die hoffen, dass sie es tun wird, wenn sie ihr nur lange genug zu Gefallen sind. Sie pl�diert f�r eine radikale Kriegspolitik gegen Saladin, und solange Balduin ihre gehorsame Marionette war und getan hat, was sie von ihm verlangte ...� Er hob mit einem leisen Seufzen die Schultern und fuhr kopfsch�ttelnd und in ver�ndertem und noch am�sierterem Ton, wie es Robin schien, fort: �Auf der anderen Seite steht Maria Komnena, die Stiefmutter Balduins, eine byzantinische Prinzessin und eine sehr kluge Frau. Zusammen mit den Johannitern und nicht wenigen F�rsten aus der n�rdlichen H�lfte des K�nigreiches ist sie f�r ein friedliches Nebeneinander mit den Heiden, zum Wohle aller.�</p><p>Sein Blick streifte fl�chtig Robins Gesicht, als wolle er auf diese Weise unh�rbar hinzuf�gen, dass sie selbst, Robin, schlie�lich der lebende Beweis daf�r war, dass diese vermeintliche H�resie sehr wohl funktionieren konnte. �Beide, Mutter und Stiefmutter, wirken st�ndig auf Balduin ein. Selbst ein gesunder junger Mann k�nnte dabei in tiefste Verwirrung gest�rzt werden.�</p><p>�Aber Balduin ist alles andere als gesund�, stellte Robin fest.</p><p>Horace nickte bek�mmert. �Leider nicht. Gerade jetzt, da er endlich zu einem eigenen Willen findet und sich den Einfl�sterungen seiner falschen Berater entzieht und Dinge selbst entscheidet, wird die Krankheit schlimmer.�</p><p>�Vielleicht ist es ein Zeichen Gottes�, murmelte Robin.</p><p>Horace ignorierte die Bemerkung. �Er tut mir Leid�, sagte er, leise und in einem sehr ehrlich bek�mmert klingenden Ton. �Er l�dt Sternendeuter und muslimische Wunder�rzte an seinen Hof in Jerusalem ein, und er vertraut immer mehr und mehr den Rittern und Priestern des Lazarusordens.�</p><p>�Und was hat das damit zu tun, dass er uns nicht in die Schlacht ziehen l�sst?�, fragte Robin.</p><p>�Balduin st�rkt die Flanken, weil er ein kluger Mann ist. Ein weiser Feldherr h�lt seine st�rkste Waffe stets in Reserve. Sollte sich die Schlacht ung�nstig entwickeln, k�nnen seine besten Ritter das Blatt vielleicht doch noch einmal wenden. Verl�uft die Schlacht hingegen g�nstig, wirft er seine Auserw�hlten in den Kampf, wenn die Reihen der Gegner zu wanken beginnen, und versetzt ihnen so den Todessto�. Odo und Gerhard sind zweifelsohne tapfere Ritter, aber in ihrem Ungest�m vergessen sie manchmal Ma� und Ziel. Odo versteht einfach nicht, dass unser Orden durch Balduins Entschluss geehrt und nicht etwa zur�ckgesetzt wurde.�</p><p>�Das ist eine Art von Ehre, die ich nicht ganz verstehe�, bekannte Robin.</p><p>�Das habe ich auch nicht erwartet�, erwiderte Horace. �Du wirst es verstehen, sp�ter. Und vielleicht sorgt das, was der K�nig an diesem Abend entschieden hat, daf�r, dass du auch lange genug lebst, um es verstehen zu k�nnen.�</p><p>Robin wollte abermals widersprechen, doch mittlerweile hatten sie das kleine Zeltlager der Templer inmitten des gr��eren Lagers fast erreicht, und Horace machte eine knappe Geste.</p><p>�Genug�, sagte er. �Es spielt auch keine Rolle, ob du oder ich es verstehen oder irgendjemand hier mit Balduins Befehl einverstanden ist oder nicht. Es ist der Wille des K�nigs. Auch unser Gro�meister und der Marschall werden sich ihm beugen, keine Sorge.� Er wiederholte seine abwehrend-befehlende Geste, obwohl Robin gar nichts gesagt hatte. �Und nun geh in dein Zelt. Wir alle sollten uns fr�hzeitig zur Ruhe begeben, um morgen bei Kr�ften zu sein. F�r heute wurde uns das Gebet zum Matutin erlassen. Wir werden uns erst zur Prima wieder zum gemeinsamen Gebet versammeln. Ruh dich aus, Robin. Morgen wird ein harter Tag. Auch f�r dich.�</p><p>Gerade die letzte Bemerkung verstand Robin nicht, bekam aber auch keine Gelegenheit mehr, noch eine weitere Frage zu stellen. Horace deutete nur noch einmal knapp auf das etwas kleinere, einzeln stehende Zelt ganz am Rande des Lagers, das er ihr zugewiesen hatte, und wandte sich dann mit einer schon fast br�sken Bewegung um und ging.</p><p>Robin blieb v�llig verst�rt zur�ck. Immer intensiver hatte sie das Gef�hl, dass Horace ihr etwas ganz Bestimmtes hatte mitteilen wollen und es im allerletzten Moment doch nicht getan hatte. Aber was?</p><p>Obwohl sie sp�rte, dass sie noch immer viel zu aufgew�hlt war, um auch nur an Schlaf zu denken, wandte sie sich gehorsam um und ging zu ihrem Zelt, schon um sich nicht endg�ltig Horaces Unmut zuzuziehen, wenn ihm zu Ohren kam, dass sie seinen nur als guten Rat getarnten Befehl abermals missachtet hatte. K�rperlich m�de, innerlich aber zitternd vor Anspannung, lie� sie sich auf die schmale Pritsche sinken, die die gesamte Einrichtung des kleinen Zeltes darstellte. Anders als alle anderen Ritter hier im Lager hatte Robin ein Zelt f�r sich ganz allein. Sie vermutete, dass Horace ihr dieses Privileg verschafft hatte, was au�er ihm allenfalls noch Odo und dem Ordensmarschall zustand, aber sie fragte sich dennoch, wie er diese Sonderbehandlung wohl begr�nden w�rde, sollte ihn einer der anderen Ritter danach fragen. W�hrend sie Kettenhemd und Gambeson ablegte, fragte sie sich besorgt, wie lange sie ihr Geheimnis wohl noch wahren konnte, wenn sie so auff�llig beg�nstigt wurde.</p><p>M�de und nur noch mit einem d�nnen Hemd bekleidet, streckte sie sich auf ihrer Lagerstatt aus und l�schte mit den Fingern die Flammen der kleinen �llampe, die daneben auf dem Boden stand.</p><p>Sie schlief ein, noch bevor die Dunkelheit g�nzlich �ber ihr zusammenschlagen konnte.</p></section><section><title><p>14. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Es war noch dunkel in ihrem Zelt, als Robin erwachte. Etwas hatte sie aus ihren Tr�umen geschreckt, aber sie war deswegen nicht b�se, denn es waren keine angenehmen Tr�ume gewesen; wirres Zeug zum gr��ten Teil, an das sie sich nicht wirklich erinnerte und es auch nicht wollte, bis auf einen einzelnen kurzen Part unmittelbar vor dem Erwachen: Sie hatte getr�umt, ein Schatten w�re in ihr Zelt eingedrungen, und wahrscheinlich war es auch genau dieses Gef�hl gewesen, das sie letztendlich geweckt hatte. Robin lauschte noch einen Moment mit geschlossenen Augen in sich hinein, und sie sp�rte zweierlei: zum einen, dass es noch tiefste Nacht war, Stunden, bis die kleine Glocke, die Horace eigens zu diesem Zweck mitgebracht hatte, zur Prima - dem Morgengebet in der ersten Stunde des Tages - rief, und zum anderen, dass sie keinen Schlaf mehr finden w�rde. Sie hatte sich in dem sicheren Gef�hl niedergelegt, vor lauter Nervosit�t und Anspannung ohnehin nicht einschlafen zu k�nnen, und ihr K�rper hatte sie eines Besseren belehrt. Nun aber war sie wieder wach, die Anspannung war noch immer da - sogar gr��er als zuvor -, und sie sp�rte, dass jeder Versuch, sich zum Einschlafen zu zwingen, es nur noch schlimmer machen w�rde. Robin seufzte lautlos in sich hinein. Sie hatte sich in den letzten Tagen so oft den Kopf �ber die Frage zermartert, wer denn nun ihr Freund und wer ihr Feind sei, dass sie m�glicherweise das N�chstliegende �bersehen hatte. Vielleicht war die Einzige, vor der sie sich <emphasis>wirklich </emphasis>in acht nehmen musste, sie selbst ...</p><p>Behutsam stemmte sie sich auf beide Ellbogen hoch und blinzelte aus noch immer vom Schlaf verquollenen Augen in die Runde. Es war nicht ganz so dunkel in dem winzigen Zelt, wie es ihr im allerersten Moment vorgekommen war. Matt drang das Licht eines nahen Lagerfeuers durch das Tuch der Zeltwand, und sie h�rte Ger�usche: das dumpfe Raunen und Wispern des Lagers selbst, das fast wie das Ger�usch einer fernen, aber ungeheuer machtvollen Meeresbrandung klang, nur dann und wann unterbrochen vom einsamen Wiehern eines Pferdes oder einem einzelnen, metallenen Klang. Nicht weit entfernt klangen manchmal regelm��ige langsame Schritte auf und verschwanden dann wieder, wenn sich der Posten auf seiner Runde dem Zelt n�herte und dann weiterging. Obwohl sie sich inmitten eines der gr��ten Heere befanden, das die Kreuzfahrer jemals zusammengezogen hatten, hatten die Templer trotzdem die n�tige Vorsicht walten lassen und ausreichend Wachen aufgestellt. Nicht weit entfernt schnarchte ein Mann so laut, dass das Ger�usch ohnehin jeden anderen Laut bis hin zum Dr�hnen einer n�her kommenden Reiterarmee �bert�nt h�tte.</p><p>Ihre Unruhe kehrte zur�ck. Eigentlich war sie niemals weg gewesen. Robin fragte sich erneut, was sie eigentlich geweckt hatte. Sie blinzelte in die Finsternis und lauschte noch einmal und noch konzentrierter, aber es blieb dabei: Sie war allein. Robin schalt sich in Gedanken eine hysterische Gans und wollte sich schon entspannt zur�cksinken lassen, als sie eine Bewegung unter der Decke sp�rte.</p><p>Es war nicht einmal wirklich eine Bewegung, sondern kaum mehr als der Hauch einer Ber�hrung, aber es <emphasis>war da, </emphasis>und es war etwas, das dort aber auch rein gar nichts zu suchen hatte. Etwas schob sich an ihrem Oberschenkel hinauf unter ihr Hemd. Stumpfe Krallen tasteten zitternd �ber ihre Haut. Etwas, fast so gro� wie eine Hand, kroch an ihr hoch.</p><p>Robins Herz begann zu klopfen. Sie wagte es nicht, sich zu bewegen oder auch nur laut zu atmen. Sie sp�rte, wie ihr der Schwei� aus allen Poren rann, w�hrend das Kratzen und Schaben winziger harter Klauen auf ihrer Haut anhielt.</p><p>�R�hr dich nicht! Atme nicht einmal!�</p><p>Die Stimme erklang irgendwo neben und hinter ihr in der Dunkelheit. Sie h�rte ein leises, eisernes Scharren, und Metall blitzte rot in dem schwachen Licht, das durch die Zeltbahn drang. Jemand war doch hier drinnen, und sie hatte sogar das Gef�hl, die Stimme der in heiserem Fl�sterton hervorgesto�enen Worte kennen zu m�ssen, war aber zugleich viel zu aufgeregt, um den Gedanken weiterzuverfolgen. Ihr Herz h�mmerte immer lauter. Sie konnte nun sehen, wie sich etwas unter der d�nnen Leinendecke bis hinauf zu ihrem Bauch schob und schlie�lich dort verharrte. Eine flache W�lbung unter der Decke ... Angst tobte in immer heftigeren Wellen durch ihre Adern und begann sich wie eine gro�e, stachelige Faust in ihrem Magen zusammenzuballen. Ein Skorpion. Aber er musste viel gr��er als alle Skorpione sein, die sie bisher gesehen hatte!</p><p>Robin befolgte den Rat, den ihr der Schatten gegeben hatte, wenn auch nicht ganz freiwillig: Sie <emphasis>konnte </emphasis>gar nicht mehr atmen, denn die Angst schn�rte ihr buchst�blich die Kehle zu.</p><p>�Ganz ruhig�, fuhr die Stimme hinter ihr fort. �Es ist gleich vorbei.�</p><p>Wieder hatte Robin das Gef�hl, den Besitzer dieser Stimme kennen zu m�ssen, aber in ihrer Panik kam es ihr auch so vor, als h�re sie einen Ton boshafter Vorfreude darin. Pl�tzlich war ihr alles klar. Der Skorpion hatte sich keineswegs zuf�llig in ihr Zelt verirrt, und schon gar nicht unter ihre Decke. Jemand hatte ihn hereingebracht, und ganz offensichtlich wollte sich dieser Jemand mit eigenen Augen davon �berzeugen, dass sein feiger Mordanschlag auch von Erfolg gekr�nt wurde. Das ergab zwar �berhaupt keinen Sinn, aber Robin war in Todesangst und der Panik n�her als jemals zuvor und zu keinem klaren Gedanken mehr in der Lage.</p><p>�Noch einen Schritt, und ich schreie�, fl�sterte sie.</p><p>Der Schemen blieb tats�chlich stehen, und zu Robins nicht geringer �berraschung klang seine Stimme leicht am�siert, als er antwortete: �Aber dann w�rde dich der Skorpion stechen, und du w�rdest sterben. Ich habe geh�rt, dass es ein sehr qualvoller Tod sein soll. Es dauert sehr lange.�</p><p>Die Kreatur unter ihrem Hemd machte einen einzelnen trippelnden Schritt und erstarrte dann wieder, wie um die Drohung des Fremden noch zu unterstreichen, und Robins Herz h�mmerte mittlerweile so schnell, dass sie das Gef�hl hatte, den Skorpion tats�chlich in ihrer Kehle emporkriechen zu sp�ren. Aber der Anblick weckte auch ihren Trotz.</p><p>�Dann bleibt mir wenigstens noch Zeit genug, um zuzusehen, wie man dich t�tet�, sagte sie.</p><p>�Eine Todesdrohung als Gru� zur Nacht ...�, seufzte eine vertraute Stimme. �Ich h�tte wirklich auf meinen Vater h�ren und mich nicht mit einem Weib einlassen sollen, das sich f�r einen Ritter h�lt.�</p><p>Robin riss ungl�ubig die Augen auf. <emphasis>�Salim?!�</emphasis></p><p>�Bist du inzwischen noch eines anderen Mannes Weib, oder was soll die Frage?�, erwiderte Salim. Es <emphasis>war </emphasis>Salim, kein Zweifel! Robin h�tte ihn auch dann erkannt, wenn er nicht in diesem Moment n�her gekommen w�re, sodass das blasse Licht, das seinen Weg durch die Zeltbahn fand, auf sein Gesicht fiel. Aber wie war das m�glich? Sie befanden sich mitten im Herzen des Heerlagers, nur einen Steinwurf vom Zelt des K�nigs entfernt!</p><p>�Das ... das ist jetzt wirklich nicht die richtige Zeit f�r deine Scherze�, antwortete sie gepresst. �Auf meinem Bauch ... sitzt ... ein Skorpion.�</p><p>�Ich wei߫, antwortete Salim. �Was mich viel mehr bewegt, ist die Frage: Ist es ein <emphasis>m�nnlicher </emphasis>oder ein <emphasis>weiblicher </emphasis>Skorpion?�</p><p><emphasis>�Wie?!�, </emphasis>�chzte Robin. Sie sp�rte den gepanzerten harten Leib des Skorpions �ber ihre Haut schrammen. Etwas hatte ihn beunruhigt. Er begann sich wieder zu bewegen. Ihr Blick hing wie gebannt auf der handgro�en Beule in der Decke, die sich langsam in Richtung ihrer Br�ste vorw�rts schob. Das Gef�hl seiner winzigen harten Klauen auf der Haut war das vielleicht Gr�sslichste, was sie jemals erlebt hatte.</p><p>Salim hob unendlich langsam ein Ende der Decke an. Ein Ausdruck gr��ter Konzentration erschien auf seinem Gesicht, aber da war zugleich noch immer etwas wie ein leicht am�siertes Funkeln in seinen Augen, das Robin in einem Moment wie diesem vollkommen unangemessen schien; ganz gleich, welchen Grund es auch haben mochte.</p><p>Mit einem pl�tzlichen Ruck riss Salim die Decke herunter, und im gleichen Bruchteil eines Atemzuges wirbelte sein Schwert wie ein silberner Blitz durch die Luft. Die Klinge durchtrennte ihr Hemd, traf mit einem leisen, aber ungemein <emphasis>h�sslichen </emphasis>Knirschen auf den Panzer des Skorpions und zerschmetterte ihn. Die Beine des winzigen Ungeheuers krallten sich im Todeskampf in ihren Bauch, und f�r einen f�rchterlichen Moment war Robin sicher, den d�nnen, wei� gl�henden Schmerz zu sp�ren, mit dem sich der Stachel des sterbenden Tieres in ihre Haut bohrte, doch dann tropfte nur etwas Klebriges und auf widerw�rtige Weise <emphasis>Warmes </emphasis>auf ihre Haut.</p><p>Robin atmete unendlich erleichtert auf, w�hrend Salim das Schwert von der rechten in die linke Hand wechselte und mit den frei gewordenen Fingern vorsichtig das zerschnittene Hemd zur Seite zog. Robin senkte den Blick, und ein neuerlicher eisiger Schauer lief ihr �ber den R�cken. Salims Klinge hatte das Tier pr�zise in der Mitte durchtrennt, ohne ihre Haut auch nur zu ritzen. Einzelne Beine des Skorpions zuckten noch, und Robin hatte pl�tzlich alle M�he, ein entsetztes St�hnen zu unterdr�cken, als sie sah, wie gro� sein Stachel war.</p><p>Salim beugte sich neugierig vor, griff mit spitzen Fingern nach den beiden H�lften des zerschnittenen Tieres und hielt sie ins schwache Licht, um sie eingehend zu begutachten. Dann nickte er.</p><p>�Ein Weibchen�, sagte er. Er klang erleichtert. �Ich kann Euch beruhigen, holde Jungfer. Eure Tugend war keinen Moment in Gefahr. Und meine Ehre auch nicht.�</p><p>Robin fand das nicht witzig. Besorgt sah sie zu, wie Salim mit dem mehr als fingerlangen Schwanz des riesigen schwarzen Skorpions spielte. �Sei vorsichtig�, sagte sie mit belegter Stimme. �Das Gift ...�</p><p>Salim fuhr leicht erschrocken zusammen, lie� die <emphasis>vordere </emphasis>H�lfte des Skorpions fallen und betastete mit der Fingerspitze den Stachel des toten Tieres. Dann zuckte er erneut zusammen, hob die Hand vor die Augen und runzelte die Stirn, w�hrend er den einzelnen Blutstropfen musterte, der aus seiner Fingerspitze quoll. �Tats�chlich�, sagte er. �Spitz wie eine Nadel.�</p><p>Robin schlug mit einem entsetzten Keuchen die Hand vor den Mund. �Salim! Dein Finger!�</p><p>�Ich habe mich gestochen, ja�, sagte Salim. �Das kommt davon, wenn man leichtsinnig ist.� Er lie� den toten Skorpion fallen, steckte den blutenden Finger in den Mund und fuhr leicht nuschelnd fort: �Was das angeht, sind sich Allah und euer Christengott ziemlich �hnlich. Kleine S�nden bestrafen sie manchmal sofort.�</p><p>�Aber das Gift!�, keuchte Robin.</p><p>�Was f�r ein Gift?�, fragte er. �Diese Sorte hat kein Gift.�</p><p>Robin starrte ihn an. �Wie bitte?�</p><p>�Sie ist so gro�, dass sie es nicht braucht�, erkl�rte Salim. Er b�ckte sich nach dem Kelch, aus dem sie am vergangenen Abend getrunken hatte, tauchte einen Zipfel seines Gewandes hinein und begann mit dem nassen Stoff Blut und Schleim des toten Skorpions von ihrem Bauch zu wischen. Robin sog scharf die Luft zwischen den Z�hnen ein, als sie die Ber�hrung seiner Finger auf der Haut sp�rte.</p><p>�Du hast das gewusst�, sagte sie anklagend.</p><p>�Was?�, fragte Salim.</p><p>�Das mit dem Skorpion�, antwortete sie. �Dass er nicht giftig ist.�</p><p>Salim fuhr fort, mit dem feuchten Tuch �ber ihren Leib zu wischen, obwohl auf ihrer Haut l�ngst nichts mehr war, was er h�tte wegwischen k�nnen. Seine Ber�hrung war auf eine sonderbare Weise nicht einmal angenehm, aber sie lie� Robin trotzdem erschauern.</p><p>�Aber woher h�tte ich das wohl wissen sollen?�, fragte er mit fast �berzeugend gespieltem Erstaunen. Er lie� den Tuchzipfel fahren, zog die Hand aber keineswegs zur�ck, sondern fuhr nun sacht mit den Fingerspitzen �ber ihren Bauch. Ganz instinktiv griff Robin nach seiner Hand, um sie wegzuschieben oder wenigstens festzuhalten, aber sie konnte weder das eine noch das andere.</p><p>�Du <emphasis>hast </emphasis>es gewusst�, beharrte sie. Ihr Atem ging ein wenig schneller, und statt seine Hand zur Seite zu sto�en, was in diesem Moment das einzig Vern�nftige gewesen w�re, hielt sie sie einen Atemzug lang fest und schob sie dann ein kleines St�ck weiter nach oben. Salim zog fragend die Augenbrauen hoch, l�chelte aber dann und lie� seine Finger von sich aus weiter in dieselbe Richtung wandern. Robin wartete, bis sie ihr Ziel fast erreicht hatten, dann umschlang sie mit den Fingern sein Handgelenk, hielt es fest und schob ihn mit der anderen Hand ein kleines St�ck weit von sich weg. �Hast du, oder hast du nicht?�</p><p>Salim verdrehte die Augen. �Also gut�, seufzte er, �ich gebe mich geschlagen. Ich habe es gehofft.�</p><p>�Gehofft?�, �chzte Robin. �Du hast es <emphasis>gehofft?!�</emphasis></p><p>�Ich war sogar ziemlich sicher�, antwortete Salim. �Es gibt nur eine einzige Sorte Skorpione, die so gro� werden, und die sind nicht giftig.�</p><p>�Und du hast es nicht f�r n�tig befunden, es mir zu sagen?�, grollte Robin. �Ich hatte Todesangst!�</p><p>�Ich war ja nicht ganz sicher�, antwortete Salim mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt. Dann grinste er pl�tzlich.</p><p>�Au�erdem sagt man, dass so ein kleiner Schrecken dann und wann ungemein anregend sein soll.�</p><p>�Du elender Schuft�, grollte Robin. �Wei�t du, was ich dich k�nnte?�</p><p>Salims Grinsen wurde nur noch breiter. �Da w�rde mir schon das eine oder andere einfallen. Aber glaubst du wirklich, jetzt w�re der richtige Moment daf�r? Ich meine: Es k�nnte jeden Moment jemand hereinkommen. Andererseits ...� Er seufzte, sch�ttelte dann jedoch pl�tzlich den Kopf und streifte dann in einer einzigen raschen Bewegung Turban und Mantel ab. Darunter trug er nur ein schlichtes, schwarzes Hemd.</p><p>Robin riss die Augen auf. �Was tust du da?�</p><p>�Wenn du es schon selbst sagst ...� Salim glitt mit einer so raschen Bewegung neben sie auf die Liege, dass Robin kaum begriff, was er tat, bevor er sie auch schon mit den Armen umschlang und ihre Lippen mit einem Kuss verschloss. Im allerersten Moment wehrte sie sich ganz instinktiv, aber ihr Widerstand schmolz so schnell dahin wie eine Schneeflocke am hei�esten Tag des Jahres in der W�ste. Nach einem einzigen Atemzug erwiderte sie seine Umarmung nicht nur, sondern zog ihn mit aller Kraft an sich. Wie sehr, wie unendlich schmerzhaft hatte sie ihn vermisst, und wie sehr hatte sie sich nach diesem Augenblick gesehnt! Robin hatte das Gef�hl, vor lauter Gl�ck, vor lauter Gl�ckseligkeit zerspringen zu m�ssen, w�hrend sie seinen warmen Atem an ihrem Hals sp�rte und er mit halb erstickter Stimme all die Kosenamen fl�sterte, die sie so sehr vermisst hatte. Seine Hand kroch unter ihr zerrissenes Hemd und erkundete jene Bereiche ihres K�rpers, die sie sonst so sorgsam vor jedem neugierigen Blick verbarg. Die Ber�hrung seiner Finger schien ihre Haut in Flammen zu setzen. Sie verzehrte sich vor Sehnsucht nach ihm.</p><p>Dennoch legte sie ihm nach wenigen weiteren Augenblicken die Hand auf die Brust und schob ihn sanft, aber nachdr�cklich von sich weg. �Das ... das d�rfen wir nicht, Salim�, fl�sterte sie mit bebender Stimme.</p><p>�Wieso nicht?� Salims Lippen fuhren z�rtlich an ihrem Hals empor und suchten nach ihrem Mundwinkel, und Robin musste sich mit aller Kraft beherrschen, um nicht laut aufzust�hnen.</p><p>�Nat�rlich d�rfen wir das�, fl�sterte er. �Wir sind schlie�lich Mann und Frau.�</p><p>�Aber es ist viel zu gef�hrlich�, keuchte Robin. �Wenn uns jemand �berrascht, sind wir beide verloren.�</p><p>�Da hast du Recht�, entgegnete Salim und k�sste sie erneut und noch z�rtlicher, und Robin gab auf. Sie hatte ohnehin nicht wirklich vorgehabt, sich zu wehren.</p></section><section><title><p>15. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, es nicht dazu kommen zu lassen, war sie eingeschlafen, nachdem sie sich geliebt hatten, und sie erwachte nicht auf ihre gewohnte, rasche Art, sondern d�mmerte ganz allm�hlich aus der Umarmung eines Schlafes, der zum ersten Mal seit einer Ewigkeit nicht mit Albtr�umen und Angst �ber sie gekommen war, in eine andere, h�chst <emphasis>reale </emphasis>Umarmung hin�ber, die sie mit einem Gef�hl von Geborgenheit und W�rme erf�llte, das sie schon beinahe vergessen glaubte. Ein wohliger Schauer rann ihr �ber den R�cken, und sie lauschte noch einmal in sich hinein, wie um die Erinnerung noch einmal zur�ckzuzwingen. Nicht nur ihre Gedanken erinnerten sich, sondern auch ihr K�rper. Auf ihren Lippen war noch immer der Geschmack seiner Haut, und ihr Scho� gl�hte von der Inbrunst, mit der sie ihn in sich gesp�rt hatte. Salim hatte sie zweimal genommen, das erste Mal wild und ungest�m und schnell, das zweite Mal so z�rtlich und sanft, dass sie das Gef�hl hatte, es h�tte Stunden gedauert - und es musste Stunden gedauert haben, denn drau�en war es bereits hell!</p><p>Robin fuhr mit einer fast entsetzten Bewegung hoch oder wollte es zumindest, aber das einzige Ergebnis ihres Versuches war ein scharfer Schmerz, der durch ihre Schulter schoss, und ein harter Ruck, mit dem sie zur�ckgerissen wurde. Salim lag auf ihrem Arm, und der klare Blick seiner Augen, mit dem er sie ebenso z�rtlich wie besorgt musterte, sagte ihr, dass es nicht erst ihre hektische Bewegung war, die ihn geweckt hatte.</p><p>�Hast du schlecht getr�umt?�, fragte er.</p><p>�Wir m�ssen auf!�, sagte Robin alarmiert. �Es ist bereits hell, und ...�</p><p>�Nein, das ist es nicht�, unterbrach sie Salim. �Es ist noch fast eine Stunde bis zu eurem Morgengebet.�</p><p>�Aber es ist ...� Robin brach verwirrt ab und betrachtete das rote Licht, das durch die d�nnen W�nde ihres Zeltes drang. Salim hatte Recht. Das rote Licht, das das Zelt nun viel intensiver erf�llte als vorhin, war der flackernde Schein von Lagerfeuern und Fackeln, nicht die Glut des Sonnenaufgangs. Ganz leise und weit entfernt h�rte sie Stimmen.</p><p>�Anscheinend bist du nicht die Einzige hier, die keine sehr ruhige Nacht hat�, sagte Salim am�siert. Das rote Licht, das durch die Zeltbahn drang, floss wie fl�ssiges Feuer �ber seine nackte Brust und verwandelte seine Haut nicht nur in geschmolzenes Kupfer, sondern lie� auch die W�rme aus Robins Scho� ausbrechen und sich in kribbelnden Wellen in ihrem ganzen K�rper ausbreiten. Nur mit M�he widerstand sie der Versuchung, seinen K�rper nicht nur mit Blicken zu liebkosen.</p><p>�Du musst jetzt wirklich gehen, Liebster�, fl�sterte sie.</p><p>�Muss ich das?� Salim k�sste sie z�rtlich auf die Stirn, verzog aber dann in �bertrieben gespieltem Misstrauen das Gesicht.</p><p>�Wieso? Erwartest du jemanden? Einen deiner Ordensbr�der vielleicht?�</p><p>�Ich hatte gehofft, dass Bruder Dariusz noch zu mir kommt, um mir seinen Segen zu erteilen�, antwortete sie ernsthaft, �aber ich f�rchte, er hat es bisher nicht geschafft, zu uns zu sto�en.�</p><p>�Dariusz ist hier�, antwortete Salim. �Sein Zelt ist nur ein paar Schritte entfernt. Wenn du willst, kann ich ihn holen. Er hat gleich als Erstes nach dir gefragt, kaum dass er angekommen war.�</p><p>�Dariusz ist hier?�, wiederholte Robin alarmiert.</p><p>�Wir sind nahezu gleichzeitig hier eingetroffen�, best�tigte Salim. �Wir h�tten sogar ein gutes St�ck des Weges gemeinsam reiten k�nnen, aber ich f�rchte, dein Freund ist kein sehr geselliger Mensch.�</p><p>Robin blieb ernst. �Wenn Dariusz hier ist, solltest du erst recht verschwinden. Er darf dich auf gar keinen Fall auch nur in meiner <emphasis>N�he </emphasis>sehen. Er ist ohnehin schon misstrauisch. Und er ist der Schlimmste von allen.�</p><p>�Der Schlimmste von allen?�, wiederholte Salim. �Bist du sicher?�</p><p>Robin �berlegte einen Moment lang ernsthaft, dann sch�ttelte sie den Kopf. �Nein.�</p><p>�Ich auch nicht.� Salim setzte sich mit einer flie�enden Bewegung auf und griff nach seinem Hemd, zog es aber nicht an, sondern hielt es nur in der Hand und sah �ber die Schulter zur�ck und auf eine Art auf sie herab, die aus dem blo�en Kribbeln in ihrem Leib etwas anderes machte.</p><p>Aber er belie� es bei diesem Blick. Statt irgendetwas von dem zu tun, was sie in diesem Moment ebenso sehr herbeisehnte wie f�rchtete, b�ckte er sich pl�tzlich und hob etwas auf, was Robin nach einigen Augenblicken - und zu ihrer nicht geringen �berraschung - als den Kadaver des toten Skorpions erkannte.</p><p>�Das ist seltsam�, sagte er in nachdenklichem Ton.</p><p>�Was ist seltsam?�</p><p>Salim wedelte mit dem halbierten Skorpion. �Ich hatte Recht, wei�t du? Das hier <emphasis>ist </emphasis>die ungiftige Art, f�r die ich sie gehalten habe.�</p><p>�Soll das hei�en, dass du bisher nicht ganz sicher warst?�, fragte Robin. Ein ganz leiser Unterton von Hysterie schwang in ihrer Stimme mit.</p><p>Salims Antwort bestand nur aus einem neuerlichen Grinsen, und Robin zog es vor, nicht weiter �ber die Bedeutung dieser Geste nachzudenken. �Und ... was ist daran so seltsam?�, fragte sie stockend.</p><p>�Dass diese Sorte Skorpion gar nicht in dieser Gegend vorkommt�, antwortete er. �Eigentlich gibt es sie nur in der Negevw�ste s�dlich von Jerusalem oder den W�sten des Sinai.�</p><p>�Anscheinend wohl doch nicht�, erwiderte Robin nerv�s.</p><p>�Oder der da hat sich ziemlich weit verlaufen.�</p><p>�Das dachte ich auch�, antwortete Salim stirnrunzelnd.</p><p>�Manchmal verirren sie sich unter eine Decke oder in das Bett eines Menschen. Die N�chte hier sind sehr kalt, und sie suchen die W�rme. Aber dieses Tier ...� Er sch�ttelte nachdenklich den Kopf. �Es d�rfte nicht hier sein.�</p><p>�Da kann ich dir nur beipflichten�, sagte Robin mit einem �bertriebenen Schaudern, aber Salim blieb ernst. Er betrachtete den Kadaver des Skorpions noch einen Moment lang nachdenklich, dann lie� er ihn zu Boden fallen, sah sich aufmerksam im Inneren des Zeltes um und war dann mit einem einzigen, nicht einmal sehr gro�en Schritt an der R�ckwand, wo er sich wieder in die Hocke sinken lie�.</p><p>�Das habe ich mir gedacht�, murmelte er.</p><p>Robin betrachtete fasziniert das Spiel von Licht und Schatten auf seiner Haut und seinem schlanken und doch muskul�sen R�cken. Das warme Gef�hl in ihrem Leib nahm zu, und es fiel ihr pl�tzlich schwer, weiter ruhig liegen zu bleiben oder sich auch nur auf seine Worte zu konzentrieren. �Was?�, fragte sie m�hsam.</p><p>Salim warf ihr einen strafenden Blick zu. �Das.� Er deutete auf einen Schatten in der R�ckwand des Zeltes, von dem sie selbst jetzt erst auf den zweiten oder dritten Blick bemerkte, dass es gar kein Schatten war, sondern ein gut handlanger, gerader Schnitt, offenbar mit einer sehr scharfen Klinge ausgef�hrt.</p><p>�Dieses Tier ist <emphasis>nicht </emphasis>zuf�llig hier hereingekommen. Es ist unter deine Decke gekrochen, weil es deine K�rperw�rme gesp�rt hat, aber zuvor hat es jemand hier hereingesetzt.� Ein d�nnes, freudloses L�cheln spielte f�r einen Moment um seine Lippen und erlosch beinahe schneller wieder, als es gekommen war. �Du bist wirklich gut darin, dir innerhalb k�rzester Zeit t�dliche Feinde zu machen, habe ich dir das eigentlich schon einmal gesagt?�</p><p>�Nein�, antwortete Robin. �Nicht einmal. Tausendmal, wenn nicht mehr.�</p><p>�Aber ganz offensichtlich noch nicht oft genug.� Ein Ausdruck ehrlicher Sorge erschien auf seinem Gesicht, w�hrend er sich wieder aufrichtete und zu ihr zur�ckkam. �Wie hast du es nur geschafft, dir innerhalb einer knappen Woche schon wieder einen Todfeind zu machen?�</p><p>�Vielleicht hatte ich ihn schon vorher�, sagte Robin in nachdenklichem Tonfall.</p><p>Salim sah stirnrunzelnd auf sie herab. �Dariusz?� Er setzte dazu an, sein Hemd �berzustreifen, aber Robin ergriff rasch seinen Arm und hielt ihn fest.</p><p>�Ich glaube, er ... wei� es�, sagte sie. �Zumindest hat er einen Verdacht. Er hat mir nicht wirklich geglaubt.�</p><p>�Soll ich ihn t�ten?�, fragte Salim.</p><p>Robin dachte tats�chlich einen Moment �ber diesen Vorschlag nach, aber dann erschrak sie �ber ihre eigenen Gedanken. Sie w�rde Dariusz keine Tr�ne nachweinen, sollte ihm etwas zusto�en, aber �ber seine <emphasis>Ermordung </emphasis>nachzudenken? Wie weit war es mit ihr gekommen?</p><p>�Das w�rde es nur schlimmer machen�, sagte sie kopfsch�ttelnd. �Au�erdem bin ich nicht einmal sicher, dass er wirklich dahinter steckt.� Sie wiegte nachdenklich den Kopf und erz�hlte ihm dann mit wenigen, m�glichst sachlichen Worten, was seit ihrer Ankunft in Safet - aber auch auf dem Weg dorthin - geschehen war. Salim h�rte ihr schweigend zu, aber vor allem in dem Teil, in dem sie von ihrem Gespr�ch mit Odo und dem Ordensmarschall berichtete, verd�sterte sich sein Gesicht zusehends.</p><p>�Du l�sst wirklich keine Gelegenheit aus, dir neue Freunde zu suchen�, sagte er mit einem sp�ttischen Kopfsch�tteln. �Mein Vater wird h�chst irritiert sein zu h�ren, wie seine angeblichen <emphasis>Freunde </emphasis>�ber ihn reden, wenn er nicht dabei ist.�</p><p>�Genau genommen�, verbesserte ihn Robin, �haben sie �ber <emphasis>dich </emphasis>gesprochen.�</p><p>Salim schoss einen giftigen Blick in ihre Richtung ab und zog es dar�ber hinaus vor, ihre Bemerkung zu ignorieren. �Ich erweitere mein Angebot gern auf euren Gro�meister und Ridefort. Vielleicht sollte ich sie auch umbringen.�</p><p>�Warum nicht gleich den gesamten Orden?�, fragte Robin.</p><p>�H�tten sie dir auch nur ein Haar gekr�mmt�, sagte Salim sehr ernst, �dann h�tte ich es getan. Du bist mein Weib. Niemand bedroht meine Frau. Und einen Mordanschlag auf sie nehme ich pers�nlich �bel.�</p><p>�Aus Sorge um mich�, fragte Robin, �oder weil es gegen deine Ehre geht?� Salim wollte auffahren, doch Robin fuhr mit leicht erhobener Stimme, aber trotzdem eher nachdenklichem Ton fort: �Ich bin nicht einmal wirklich sicher, dass es ein Mordanschlag gewesen ist.�</p><p>�Und wof�r h�ltst du das?� Salim blickte fragend auf den toten Skorpion hinab.</p><p>Robin musste wieder an die sonderbare Nachricht denken, die sie auf ihrem Bett gefunden hatte. �Vielleicht eine Warnung?�</p><p>�Eine Warnung?� Salim lachte. �Ja, von einem guten Freund, den du im Orden hast, wie? Aber wer immer es war, hat in der Wahl seines Botschafters keine gute Hand bewiesen.� Er stupste den toten Skorpion mit dem Fu� an und lachte dann leise. �Es muss wohl stimmen, was ihr Christen �ber die �berbringer schlechter Nachrichten sagt.�</p><p>Robin blieb ernst. �Und wenn er es gewusst hat?�</p><p>�Was?�</p><p>�Dass der Skorpion nicht giftig ist.�</p><p>�Du meinst, jemand wollte dir nur einen Schrecken einjagen?�</p><p>�Wenn ja, dann ist es ihm gelungen�, antwortete Robin, zuckte mit den Schultern und sch�ttelte fast in der gleichen Bewegung den Kopf. �Es h�tte in den letzten Tagen genug Gelegenheiten gegeben, mich zu t�ten. Gar nicht zu reden von der bevorstehenden Schlacht. Ein verirrter Pfeil, ein fehlgeleiteter Schwerthieb ...�</p><p>Salim schien einen Moment lang ernsthaft �ber diese M�glichkeit nachzudenken, aber schlie�lich machte er eine wegwerfende Geste. �Ihr Christen seid mir zu kompliziert. Au�erdem spielt es keine Rolle mehr.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Du hast mich noch gar nicht gefragt, warum ich eigentlich hergekommen bin�, sagte Salim, ohne ihre Frage damit zu beantworten.</p><p>Robin l�chelte schelmisch. �Ich dachte, das w�sste ich schon. Zweimal, wenn ich mich richtig erinnere.�</p><p>�Ach, das.� Salim machte eine wegwerfende Geste. �Ich wollte lediglich etwas ausprobieren, was mir eine der neuen nubischen Sklavinnen meines Vaters gezeigt hat, und ...�</p><p>Robin knuffte ihn in die Rippen, und Salim verzog mit einem �bertrieben gespielten Keuchen das Gesicht und tat so, als kr�mme er sich vor Schmerz, und Robin nutzte die Gelegenheit, seine H�nde zu ergreifen und ihn mit einem �berraschenden Ruck zu sich herunterzuziehen.</p><p>�L�gner�, keuchte sie, nachdem sich ihre Lippen wieder voneinander gel�st hatten und sie wenigstens halb wieder zu Atem gekommen war. �Dein Vater hat keine nubischen Sklavinnen.�</p><p>�Nat�rlich nicht.� Salims H�nde strichen sanft �ber ihren R�cken. �Jetzt nicht mehr. Ich habe ihn gebeten, sie mir zu schenken. Das kannst du doch verstehen, oder? Ich meine: Du warst nicht da, und ich bin ein Mann mit gewissen Bed�rfnissen.�</p><p>�Aber nat�rlich�, antwortete Robin. �Nur eins verstehe ich nicht: Wenn sie dir wirklich etwas Neues gezeigt hat, warum beh�ltst du es dann f�r dich?�</p><p>Salims H�nde h�rten f�r einen Moment auf, sanft �ber ihren R�cken zu streichen. �Ich h�tte dich doch bei dem Sklavenh�ndler lassen sollen.�</p><p>�Stimmt�, antwortete Robin. �Ich bin sicher, �ber kurz oder lang h�tten wir uns aneinander gew�hnt. Im Grunde war er ein sehr gut aussehender Mann.�</p><p>�Er lebt noch�, sagte Salim. �Ich glaube, ich habe ihn vor kurzem gesehen, als ich unten in den Kerkern meines Vaters war. Die zwei Jahre dort haben ihm m�glicherweise nicht besonders gut getan, aber wenn du ihn richtig pflegst ... soll ich meinen Vater bitten, ihn dir zu schenken?�</p><p>�Warum nicht?�, sinnierte Robin. �Die M�he k�nnte sich lohnen. Ich wollte schon immer wissen, wie es mit einem richtigen Mann ist.�</p><p>Salim lachte zwar, aber Robin sah auch das warnende Glitzern in seinen Augen und sp�rte, dass sie im Begriff war, eine Grenze zu �berschreiten, die sie besser nicht �berschreiten sollte. F�r einen Mann seines Volkes - noch dazu einen Mann mit <emphasis>Macht - </emphasis>lie� er ihr ungew�hnlich viel durchgehen, aber er konnte letzten Endes nicht aus seiner Haut. Und vielleicht war es auch gut so. Was sie vor Wochenfrist �ber Saila und ihre Tochter gedacht hatte, das galt vielleicht ebenso - vielleicht noch viel mehr - f�r sie selbst. Solange sie unter Salims Schutz stand, konnte sie sich beinahe jede Freiheit herausnehmen, aber sie tat ihm damit keinen Gefallen und sich selbst auch nicht.</p><p>�Hast du vorhin die Wahrheit gesagt �ber Dariusz?�, fragte sie. �Er ist wirklich hier?�</p><p>�Wir sind praktisch zusammen hier eingetroffen�, best�tigte Salim noch einmal, �wenn auch nicht gemeinsam. Sein wei�er Mantel ist nun wirklich nicht zu �bersehen. Er leuchtet meilenweit durch die Nacht. Wie eine Zielscheibe.�</p><p>�Du wirst ihm nichts tun�, sagte Robin ernst.</p><p>�Weil du so sehr um sein Wohl besorgt bist?�</p><p>�Weil ich nicht will, dass er <emphasis>ermordet </emphasis>wird�, sagte Robin ernst.</p><p>�Und das sagt die Schwiegertochter des Mannes, dem man nachsagt, er w�re Herr der Meuchelm�rder und Attent�ter?�</p><p>Robin schwieg dazu, aber sie wusste, dass dem nicht so war. Man sagte viel �ber Raschid Sinan, den Alten vom Berge, und manches davon mochte wahr sein. Manches kam der Wahrheit vermutlich nicht einmal nahe. Aber eines war er gewiss nicht: ein M�rder.</p><p>�Mach dir keine Sorgen�, sagte Salim und k�sste sie erneut, lange und sehr z�rtlich. �Ich bringe dich hier weg. Noch bevor es hell wird.�</p><p>Robin schob ihn �berrascht ein kleines St�ck von sich weg und versuchte sich unter ihm aufzurichten, aber Salim war zu schwer. Er st�tzte sich rechts und links von ihr mit den Ellbogen auf und lie� ihr gerade genug Raum, Hinterkopf und Schultern eine Winzigkeit von ihrem harten Lager zu erheben, r�hrte sich aber ansonsten nicht.</p><p>�Heute noch?�, fragte sie zweifelnd. �Noch vor der Schlacht?�</p><p>�Ganz bestimmt <emphasis>vor der Schlacht�, </emphasis>antwortete Salim, betont und mit einem sonderbaren Blick. �Ich bin wie der Teufel geritten, um dich hier wegzubringen, bevor dieser Irrsinn beginnt.�</p><p>Robin antwortete auch darauf nicht, und was h�tte sie denn auch sagen sollen? Auch wenn sie das Gef�hl bisher mit mehr oder weniger Erfolg unterdr�ckt hatte, so hatte sie doch tief in sich drinnen furchtbare Angst vor dem gehabt, was morgen geschehen w�rde. Trotzdem schob sie Salim abermals von sich, als er sie k�ssen wollte.</p><p>�Aber das geht nicht�, sagte sie fast erschrocken. �Ich kann nicht einfach am Morgen vor der Schlacht verschwinden! Alle werden glauben, ich w�re feige davongelaufen!�</p><p>�W�re das denn so falsch?�, fragte Salim, hob aber rasch die Hand, als sie etwas sagen wollte, und schnitt ihr mit einer energischen Bewegung das Wort ab. Einen Moment lang blickte er noch ebenso nachdenklich wie ver�rgert auf sie herab, dann setzte er sich mit einem Ruck auf, schwang die Beine von der schmalen Pritsche und b�ckte sich nach seinem Hemd, das er vorhin fallen gelassen hatte, zog es aber noch nicht an, sondern sah nur �ber die Schulter auf eine so sonderbar absch�tzende Art auf sie herab, dass Robin sich - absurd genug - pl�tzlich ihrer Nacktheit sch�mte und in einer fast unbewussten Bewegung die zerschlissene Decke, die zerkn�llt und von ihrer beider Schwei� getr�nkt neben ihr lag, fast bis zu den Schultern hochzog.</p><p>�Du hast Angst, dass man Bruder Robin einen Feigling nennen wird, der vor der Schlacht geflohen ist�, fuhr Salim fort.</p><p>�Niemand wird das tun.�</p><p>�Und wenn doch?�, h�rte sich Robin fast zu ihrer eigenen �berraschung antworten. �Die Templer vergessen nicht. Ich m�chte nicht, dass sie mich als Feigling in Erinnerung behalten.�</p><p>�Niemand wird sich an dich erinnern�, widersprach Salim ruhig. �Sie werden sich an <emphasis>Bruder </emphasis>Robin erinnern, einen jungen Ritter, der als Proteg� eines alten Mannes in den Orden aufgenommen wurde und ein paar Jahre mit ihnen geritten ist. Vielleicht werden sie ihn einen Feigling nennen, aber das glaube ich nicht einmal. Sie werden ihn vergessen. Er wird ebenso spurlos wieder verschwinden, wie er aufgetaucht ist. F�r immer.�</p><p>Robin wollte auffahren, doch Salim brachte sie abermals und mit einer diesmal eindeutig �rgerlichen Geste zum Verstummen.</p><p>�Es ist vorbei, Robin. <emphasis>Bruder </emphasis>Robin ist tot. Er ist gestorben, gerade jetzt, in diesem Moment.�</p><p>Nat�rlich hatte er Recht, dachte Robin. Seit sich Dariusz� und ihre Wege wieder gekreuzt hatten, hatte sie sich nichts sehnlicher gew�nscht, als dass dieser Albtraum endlich ein Ende haben w�rde, als dass sie wieder an Salims Seite, in den Schutz seiner starken Arme und die Sicherheit und das angenehme Leben in seiner Bergfestung Masyaf zur�ckkehren k�nnte. Und doch ... warum erf�llte sie der Gedanke, einfach davonzulaufen, mit einer so sonderbaren Bitterkeit?</p><p>�Morgen zu dieser Stunde�, fuhr Salim fort und machte eine ausholende Bewegung mit der Hand, die die H�lfte des Lagers jenseits der Zeltplanen einschloss, �wird die H�lfte dieser M�nner dort drau�en tot sein und die andere H�lfte verwundet. Zu welcher H�lfte m�chtest du geh�ren?�</p><p>�Ich habe einen Eid geschworen�, sagte Robin, ohne seine Frage damit direkt zu beantworten. Was h�tte sie auch sagen sollen?</p><p>�Nein, das hast du nicht�, antwortete Salim heftig. <emphasis>�Bruder Robin </emphasis>hat diesen Eid geschworen. Aber damit ist es jetzt aus. Ich habe diesen Unsinn lange genug geduldet, doch jetzt ist es genug.�</p><p>�Unsinn?�, fragte Robin. �Was genau meinst du mit <emphasis>Unsinn?�</emphasis></p><p>�Deine Ritterspielchen�, erwiderte Salim. Seine Stimme wurde keinen Deut lauter, aber merklich sch�rfer. Von einem Atemzug auf den anderen war aus dem berauschenden Moment ihres Wiedersehens etwas geworden, das Robin fast Angst machte. Es schien dunkler im Zelt zu werden. Und k�lter.</p><p>�Spielchen�, wiederholte sie. �War es das, was ich die ganze Zeit f�r dich war? Ein Spielzeug?�</p><p>Blanke Wut blitzte in seinen Augen auf, aber er beherrschte sich. Nicht einmal seine Stimme wurde lauter. �Nein�, behauptete er, obwohl Robin in seinen Augen las, wie nahe sie der Wahrheit - zumindest in einem gewissen Sinne - damit gekommen war. Ein bitterer Geschmack war mit einem Mal in ihrem Mund.</p><p>�Nicht du. Aber das, was du tust. Ich habe dich bisher gew�hren lassen, weil ich wei�, wie viel dir dieser alberne Wappenrock und ein Schwert bedeuten. Und ich wei�, wie gut du mit einer Waffe umzugehen verstehst. Besser als so mancher Mann, den ich kenne. Die H�lfte meiner Assassinen w�re dir nicht gewachsen. Aber in dieser irrsinnigen Schlacht, in die euer K�nig euch heute f�hrt, z�hlen ein Kettenhemd und ein gutes Schwert nicht viel. Viele M�nner werden heute sterben, M�nner, die st�rker sind als du, tapferer und ebenso ge�bt mit ihren Waffen. Es ist eine Sache, deine Klinge in einen freundschaftlichen Kampf mit mir zu kreuzen oder auch einem einzelnen Mann in einem fairen Duell gegen�berzutreten, aber eine ganz andere, sich zehntausender Lanzenreiter gegen�berzusehen oder einem Hagel von Pfeilen. Selbst ich w�re ganz und gar nicht sicher, die Schlacht zu �berleben oder auch nur ohne schwere Verwundungen davonzukommen. Ich werde nicht zulassen, dass du dein Leben wegen eines albernen Schwurs riskierst.�</p><p>Er sch�ttelte noch einmal und noch heftiger den Kopf. Seine Stimme wurde eine Spur lauter. �Ich bin hergekommen, um dich zu holen, und ganz genau das werde ich jetzt tun. Wir werden dieses Lager und diesen Landstrich verlassen und nach Masyaf zur�ckkehren, und es wird keinen Bruder Robin mehr geben.�</p><p>Es fiel Robin immer schwerer, sich zu beherrschen. Nat�rlich hatte er Recht, mit jedem Wort, das er gesagt hatte. Und dennoch erf�llte sie der blo�e Gedanke, einfach davonzulaufen, mit einem Gef�hl von Scham, das fast k�rperlich wehtat. Hatten sie die Jahre, die sie mit Bruder Abb� verbracht hatte, so ver�ndert? Obwohl sie das Leben bei den Templern - zumindest bis zu ihrer Ankunft in diesem Land - geliebt hatte und obwohl sie fr�hzeitig hatte lernen m�ssen, sich ihrer Haut zu wehren und ihr Leben auch mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, blieb sie doch eine Frau, die das T�ten hasste und Gewalt und Kampf aus tiefstem Herzen verabscheute; gerade <emphasis>weil </emphasis>sie so oft erlebt hatte, welch unendliches Leid und wie viele bittere Tr�nen und tiefen Schmerz ein beil�ufig erteilter Befehl, eine unbedachte Bewegung oder eine blo�e taktische Entscheidung verursachen konnten. Vielleicht, dachte sie, hatte Salim ja gerade eine Wahrheit ausgesprochen, vor der sie bisher stets die Augen verschlossen hatte. Vielleicht war alles, was bisher geschehen war, f�r sie im Grunde nichts weiter als ein Spiel gewesen. Ein Spiel mit dem Feuer, das mehr als einmal lebensgef�hrlich geworden war, aber trotzdem nicht mehr als ein Spiel.</p><p>�Ich habe drau�en einen Beutel mit Kleidern versteckt�, fuhr Salim fort, nachdem er eine Weile vergebens darauf gewartet hatte, eine Antwort von ihr zu bekommen. �Du wirst dich umziehen.�</p><p>Robin blickte an sich herab. Sie trug nichts au�er der zerschlissenen d�nnen Decke. Die scherzhafte Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag, schluckte sie jedoch vorsichtshalber herunter, als sie Salims Blick begegnete.</p><p>�Deine R�stung und dein Schwert nehmen wir mit�, fuhr Salim fort, �damit dein Verschwinden nicht sofort auff�llt. Sp�ter k�nnen wir sie irgendwo vergraben. Meinetwegen kannst du sie auch behalten und dir als Andenken an die Wand deines Zimmers h�ngen, aber du wirst diese Kleider nie wieder tragen.�</p><p>Robin wagte nicht, zu widersprechen. Salim war nicht wirklich lauter geworden, auch nicht wirklich sch�rfer, doch in seiner Stimme war mit einem Male etwas, das jeden Gedanken an Widerspruch von vornherein ausschloss. Und er hatte ja Recht, dachte sie traurig. Sie hatte sich auf ein gef�hrliches Spiel eingelassen, und eigentlich grenzte es jetzt schon fast an ein Wunder, dass sie �berhaupt noch lebte.</p><p>Salim nickte noch einmal, um seine Worte zu bekr�ftigen, dann setzte er dazu an, sein Hemd �berzustreifen, und genau in dem Moment, in dem er die Arme �ber den Kopf hob, wurde die Zeltplane vor dem Eingang zur�ckgeschlagen, und Rother kam herein.</p><p>F�r einen Moment war es Robin, als w�re die Zeit stehen geblieben. Der junge Ritter machte einen einzelnen, geb�ckten Schritt in das Zelt, hob dann den Kopf und erstarrte mitten in der Bewegung. Trotz des nur blassen Lichtes konnte Robin sehen, wie alle Farbe aus seinem Gesicht wich und seine Augen gro� wurden. �Also doch ...�, fl�sterte er.</p><p>Salim fuhr so heftig zusammen, dass das Hemd seinen Fingern entglitt und zu Boden fiel. Seine Hand zuckte zur H�fte, wo er normalerweise sein Schwert trug, und er sprang in der gleichen Bewegung auf die F��e. Rother keuchte, prallte zur�ck und war dann ebenso schnell wieder aus dem Zelt verschwunden, wie er aufgetaucht war, und Salim setzte mit einem w�tenden Knurren dazu an, ihm hinterherzust�rmen.</p><p>�Salim! Nicht!�, keuchte Robin.</p><p>Salim machte einen weiteren Schritt und war schon fast aus dem Zelt heraus, prallte aber dann zur�ck und sah einen Moment lang so w�tend aus, wie sie ihn noch nie zuvor erblickt hatte; aber auch unendlich verwirrt und hilflos.</p><p>�Was?� Seine Stimme war schrill. �Ich muss ihn aufhalten!�</p><p>�So?� Robin machte eine sprechende Kopfbewegung, und der Ausdruck von Hilflosigkeit auf Salims Gesicht nahm noch zu, als sein Blick ihrer Geste folgte und er an sich herabsah. Er war vollkommen nackt.</p><p>�Aber er hat uns gesehen!�, murmelte er. �Wenn er Alarm schl�gt ...!�</p><p>Robin setzte sich mit einem Ruck auf. Die Decke glitt an ihr herab, aber sie zog sie mit einer instinktiven Bewegung wieder hoch; nur, um sie im n�chsten Moment erneut fallen zu lassen. Rasch erhob sie sich von ihrer Lagerstatt und b�ckte sich nach ihrem Kleid.</p><p>�Verschwinde von hier�, sagte sie. �Schnell, bevor er tats�chlich Alarm schl�gt und die anderen hier sind!�</p><p>Salim r�hrte sich nicht. Er sah sie nur fast erschrocken an.</p><p>�Bist du verr�ckt?�, murmelte er. �Wir m�ssen weg. Sofort!�</p><p>Robin schl�pfte mit einer raschen Bewegung in das grobe, baumwollene Unterkleid, das ihr gerade bis zur Mitte der Oberschenkel reichte, beugte sich hastig vor und strampelte ihre Beine in die knielangen Leinenhosen und verknotete den einfachen, wei�en Strick, der als G�rtel diente. �Verdammt!�, keuchte sie.</p><p>�Zieh dich endlich an und verschwinde von hier! Wenn er mit Verst�rkung zur�ckkommt, haben wir sowieso keine Chance zu entkommen. Das ganze Lager wird uns suchen. Du kannst dich vielleicht in einen Schatten verwandeln, aber kannst du dich auch unsichtbar machen?�</p><p>Salim sah sie einfach nur weiter fassungslos an. Sie hatte ihn noch nie so hilflos und zornig zugleich wie jetzt erlebt. Auch Robin war der Panik nahe, schl�pfte aber dennoch mit einer sehr schnellen Bewegung in die beiden eng anliegenden Beinlinge, die sie �ber die Waden bis zum Oberschenkel hochzog. Um ihr Leibchen mit dem G�rtel der Hose zu verknoten, musste sie noch einmal ihr Hemd anheben. �Salim!�, sagte sie beschw�rend.</p><p>�Du kannst nicht hier bleiben�, murmelte Salim. �Er hat uns gesehen.�</p><p>Er hatte weit mehr als das, dachte Robin betr�bt. Er hatte Salim gesehen, einen Mann, den er zwar nicht von Angesicht kannte, aber da er nackt und breitbeinig auf ihrer Lagerstatt gesessen hatte, ganz eindeutig ein <emphasis>Mann, </emphasis>und er hatte auch sie eindeutig mit nichts als einer d�nnen Decke bekleidet hinter ihm liegen gesehen. Vielleicht war es ja zu dunkel f�r seine Augen gewesen, um zu erkennen, was sie wirklich war, doch Robin h�tte in diesem Moment nicht sagen k�nnen, welcher der beiden Eindr�cke, die Rother gewonnen haben musste, in seinen Augen der schlimmere war. Vermutlich spielte es auch keine Rolle.</p><p>Sie angelte nach ihrem Kettenhemd, hielt aber dann mitten in der Bewegung inne und warf Salim einen weiteren, flehenden Blick zu, und endlich erwachte er aus seiner Erstarrung. Rasch b�ckte er sich nach seinem Hemd, streifte es �ber und wollte gerade nach seinem Mantel greifen, als von drau�en schnelle, schwere Schritte n�her kamen. Salim sah erschrocken zum Eingang hin - und war dann einfach verschwunden.</p><p>Obwohl Robin schon mehr als einmal erlebt hatte, wie schnell und lautlos er sich bewegen konnte, war sie f�r die Dauer eines Atemzuges so �berrascht, dass sie einfach erstarrt dasa� und die Stelle anblickte, wo er gerade noch gewesen war. Etwas raschelte ganz leise, als Salim durch den Schnitt in der R�ckwand des Zeltes verschwand, durch den ihr der unbekannte Attent�ter in der Nacht den Skorpion hereingeschoben hatte. Sie h�rte das Ger�usch von rei�endem Stoff, dann war er endg�ltig verschwunden, zusammen mit seinem Mantel, seinem Schwert und den Sandalen. Robins Herz machte einen erschrockenen Sprung in ihrer Brust, als sie sah, dass er seinen Turban zur�ckgelassen hatte. Hastig wollte sie sich danach b�cken, doch es war zu sp�t. Die Plane vor dem Eingang wurde mit einem Ruck zur�ckgeschlagen, und zwei Gestalten betraten das Zelt. Bei einem der M�nner handelte es sich um Rother, und Robin h�tte um ein Haar laut aufgest�hnt, als sie den anderen erkannte.</p><p>�Ihr werdet zu sp�t zum Morgengebet kommen, Bruder Robin�, sagte Dariusz. �Habt Ihr den Weckruf nicht geh�rt?�</p><p>Robin sp�rte, wie sie zur Antwort den Kopf sch�ttelte, doch die Bewegung erfolgte nahezu ohne ihr Zutun. Dariusz! Wieso war er hier? Was wollte er? Sie hatte keinen Weckruf geh�rt, und es hatte auch keinen gegeben, und selbst wenn - ein Mann wie Dariusz w�rde ganz gewiss nicht durch die Zelte gehen und jeden einzelnen Ritter wecken, damit er das Gebet nicht vers�umte. Ihr Herz begann zu h�mmern. Pl�tzlich zitterten ihre H�nde so heftig, dass das Kettenhemd in ihren Fingern leise klirrte, und sie hatte M�he, sein Gewicht �berhaupt noch zu halten.</p><p>Dariusz� Blick glitt misstrauisch durch das Zelt, dann �ber ihr Gesicht und - f�r Robins Geschmack eindeutig zu lange und zu aufmerksam - �ber ihren K�rper. Blieb er einen Herzschlag lang auf ihren Br�sten h�ngen? Sie trug nur das d�nne Leinenkleid, unter dem sich ihr K�rper viel zu deutlich abzeichnete, und mit einem Male fiel ihr siedend hei� ein, dass sich Salim in den letzten Wochen mehr als einmal lobend dar�ber ge�u�ert hatte, wie voll und weiblich ihre Br�ste geworden waren.</p><p>�Worauf wartet Ihr?�, fragte Dariusz grob. �So langsam, wie Ihr Euch ankleidet, Bruder, k�nnte man glauben, uns bliebe noch alle Zeit der Welt. Der Gro�meister selbst wird heute Morgen die Prima leiten. Ihr wisst, wie streng die Strafen sind, wenn man zu sp�t erscheint? Schert Euch das gar nicht?�</p><p>Wieder tastete sein Blick aufmerksam �ber ihre Gestalt, und diesmal war Robin sicher, dass er l�nger als notwendig an ihrer Brust h�ngen blieb. Er <emphasis>musste </emphasis>es einfach sehen. Es war dunkel im Zelt, aber l�ngst nicht dunkel genug.</p><p>Endlich l�ste sie sich aus ihrer Erstarrung und drehte sich m�glichst unauff�llig ein St�ck zur Seite, damit sie die Bewegung nicht endg�ltig verriet, mit der sie die Arme hob und in das schwere Kettenhemd schl�pfte. Als ihr Blick wieder in Dariusz� Gesicht fiel, war sie sicher, es in seinen Augen sp�ttisch aufblitzen zu sehen. Er sagte nichts, aber Robins Verdacht, dass er es wusste, begann sich zur Gewissheit zu verdichten.</p><p>Und Rother? W�hrend sie aufstand und sich hastig nach dem Gambeson b�ckte, versuchte sie unauff�llig, einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen. Es gelang ihr nicht wirklich. Er stand halb hinter Dariusz und wich ihrem Blick aus, aber sie glaubte zu erkennen, dass er noch immer sehr bleich war.</p><p>Dann tat er etwas Sonderbares. M�glichst unauff�llig schob er sich hinter Dariusz entlang, blieb wie durch Zufall dicht neben ihm stehen, und Robins Herz machte schon wieder einen erschrockenen Schlag und schien zu einem harten Klo� in ihrer Kehle zu erstarren, als sie das schwarze Tuch sah, das unmittelbar neben Rothers Fu� lag. Salims Turban! Vielleicht hatte Rother bisher geschwiegen, weil er nicht sicher war, wem Dariusz glauben w�rde, wenn sie einfach abstritt, was er gerade mit eigenen Augen gesehen hatte. Nun aber lag der Beweis direkt vor ihm.</p><p>Doch statt sich danach zu b�cken und ihr Schicksal damit endg�ltig zu besiegeln, stie� Rother das Tuch mit einer raschen und doch unauff�lligen Bewegung seines linken Fu�es zwischen ihre Lagerstatt und die Zeltwand. Robin war so �berrascht, dass sie sich nur noch mit M�he beherrschen konnte und nicht einmal ganz sicher war, dass es ihr wirklich gelang.</p><p>�Soll Bruder Rother Euch beim Ankleiden helfen?�, fragte Dariusz sp�ttisch.</p><p>Robin verzichtete vorsichtshalber auf eine Antwort und beeilte sich, auch noch den Rest ihrer Kleidung anzulegen. Nachdem Dariusz ihren entsprechenden, fragenden Blick mit einem angedeuteten Kopfsch�tteln beantwortet hatte, verzichtete sie darauf, auch Schild, Helm und Schwertgurt mitzunehmen, und so vergingen nur mehr wenige Augenblicke, bis sie hinter ihm und Rother aus dem Zelt trat. Rings um sie herum flackerten offene Feuer und Fackeln, und sie sah, dass die meisten ihrer Br�der tats�chlich schon wach und angekleidet waren und sich einige von ihnen bereits, wenn auch ohne Hast, in Richtung des kleinen Platzes in der Mitte des Lagers bewegten, auf dem die Morgenmesse stattfinden sollte.</p><p>Nachdem Dariusz gerade so sehr zur Eile gedr�ngt hatte, wurden nun auch seine Schritte langsamer, kaum dass sie das Zelt verlassen hatten. Nach ein paar Schritten schlenderte er geradezu dahin, und Robin hatte das Gef�hl, sie m�ssten nur noch eine Winzigkeit langsamer gehen, um vollends stehen zu bleiben. Sie wagte es nicht, eine entsprechende Bemerkung zu machen oder gar eine Frage zu stellen, aber sie versuchte, Rother einen fragenden Blick zuzuwerfen. Der junge Ritter antwortete mit einem nur mit den Augen angedeuteten Kopfsch�tteln, das Robin aber eher verwirrte, als ihr irgendwie weiterzuhelfen. Sie verstand einfach nicht, warum er Dariusz bisher so ganz offensichtlich noch nicht Bericht erstattet hatte; und sie verstand noch sehr viel weniger, warum er das verr�terische Tuch weggesto�en hatte. Damit hatte er ihr nicht nur das Leben gerettet, sondern sich auch selbst in h�chste Gefahr gebracht. Robin zweifelte nicht daran, dass sie sich noch vor Beginn der Schlacht nebeneinander auf demselben Scheiterhaufen wiedergefunden h�tten, h�tte Bruder Dariusz es gesehen und das Tuch gefunden und die richtigen Schl�sse daraus gezogen. Ob Rother auch nur ahnte, welches Risiko er eingegangen war?</p><p>�Du wirst dich sicher fragen, warum ich dich angetrieben habe, wo wir doch so sichtlich viel Zeit bis zur Prima haben�, sagte Dariusz pl�tzlich und von einem Moment auf den anderen zum vertraulichen <emphasis>Du </emphasis>wechselnd.</p><p>Robin schwieg. Wenn Dariusz irgendein grausames Spiel mit ihr spielen wollte, so konnte sie ihn nicht daran hindern, aber sie w�rde gewiss nicht auch noch freiwillig dabei mitmachen.</p><p>�Ich will es dir sagen, Bruder Robin�, fuhr Dariusz fort und blieb nun endg�ltig stehen. �Ich habe es getan, um dir all das hier zu zeigen.�</p><p>Robin schwieg beharrlich weiter.</p><p>�All diese M�nner hier�, fuhr Dariusz mit einer deutenden Geste in die Runde fort. �All unsere Br�der, all die weltlichen Ritter und Gefolgsleute, all die freiwilligen K�mpfer, ob Ritter oder der niedrigste Schildknappe, haben sich in der vergangenen Nacht auf die Schlacht vorbereitet. Viele haben gebetet. Manche haben getrunken, und manche haben ges�ndigt und sich der fleischlichen Lust hingegeben. Ein jeder auf seine Art. Hast du das ebenfalls getan, Bruder Robin?�</p><p>Robin erschrak bis ins Mark. �Was?�, fragte sie mit belegter Stimme. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Wusste Dariusz doch Bescheid und war des grausamen Spiels �berdr�ssig geworden?</p><p>�Dich auf die Schlacht vorbereitet und Gott um Beistand und Schutz gebeten�, antwortete Dariusz.</p><p>�Selbstverst�ndlich�, sagte Robin rasch. Dariusz� Augen wurden schmal, und Robin lie� einen kurzen Moment verstreichen und f�gte mit einem leicht verlegenen L�cheln hinzu: �Nun, um ehrlich zu sein: Ich habe gebetet, aber vielleicht nicht so viel, wie ich gesollt h�tte. Ich war sehr m�de und habe geschlafen, um Kraft f�r den heutigen Tag zu sammeln.�</p><p>�So?�, fragte Dariusz. �So ausgeruht siehst du aber gar nicht aus.�</p><p>�Ich habe nicht besonders gut geschlafen�, r�umte Robin ein.</p><p>�Am Abend vor einer Schlacht ist das nur verst�ndlich�, sagte Dariusz, �Hast du Angst?�</p><p>�Nein�, antwortete Robin. In diesem Moment war das nicht einmal gelogen. Sie war einfach nur verwirrt.</p><p>�Dann bist du ein Dummkopf�, sagte Dariusz. �Keiner dieser M�nner hat in der vergangenen Nacht gut geschlafen, aus Angst vor dem, was heute geschieht. Auch ich habe Angst. Es ist nicht schwer, Mut zu zeigen, wenn man keine Angst kennt.�</p><p>Robin sah ihn fragend an, schwieg aber immer noch. Worauf wollte Dariusz hinaus?</p><p>�Es wird deine erste gro�e Feldschlacht, habe ich Recht?�, fuhr Dariusz fort.</p><p>Robin nickte.</p><p>�Was w�rdest du darum geben, nicht daran teilhaben zu m�ssen?�, fragte Dariusz.</p><p>�Bruder?�, murmelte Robin.</p><p>�Die H�lfte der M�nner hier hat Gott den Herrn in dieser Nacht insgeheim angefleht, diesen Kelch an ihnen vor�bergehen zu lassen�, sagte Dariusz geradeheraus. �Ich vermute, selbst einige unserer eigenen Br�der, und ich kann es ihnen nicht einmal verdenken. Angst ist nichts Verwerfliches, Bruder Robin. Gott hat uns die Angst gegeben, um unsere Leben zu besch�tzen.�</p><p>Robins Verwirrung wuchs mit jedem Wort, das sie h�rte. War das wirklich derselbe Dariusz, den sie kannte? Nein. Es <emphasis>musste </emphasis>eine Falle sein! Aber sie verstand einfach nicht, worauf er hinauswollte.</p><p>Dariusz ging weiter, und Robin folgte ihm. Als Rother sich ihnen anschlie�en wollte, scheuchte Dariusz ihn mit einer fast unwilligen Geste fort und wartete, bis er au�er H�rweite war. Robin fiel allerdings auch auf, dass er ihnen trotzdem folgte, wenn auch nun in gr��erem Abstand.</p><p>�Du hast noch nie zuvor eine wirkliche Schlacht erlebt, nicht wahr?�, fuhr Dariusz fort, aber er erwartete nicht wirklich eine Antwort, denn er redete praktisch sofort weiter. �Den L�rm. Den Gestank nach Blut und Schwei�. Die angreifenden Feinde. Die Schreie und der Anblick der sterbenden Freunde. Die Angst. All das ist grauenhaft, Bruder Robin. Manchmal frage auch ich mich, warum Gott der Herr ein solch gewaltiges Opfer von uns verlangt.�</p><p>�Worauf wollt Ihr hinaus, Bruder Dariusz?�, fragte Robin leise. �Warum erz�hlt Ihr mir das alles?�</p><p>Dariusz blieb abermals stehen. �Du bist noch sehr jung, Robin. Ich wei�, wie gut du mit Schwert und Speer umzugehen verstehst und was f�r ein ausgezeichneter Reiter du bist. Aber dein Leben hat gerade erst begonnen. Es w�re eine S�nde, es wegzuwerfen.�</p><p>�Ich verstehe nicht genau, worauf Ihr ...�</p><p>�Du musst heute nicht mit uns reiten, Bruder Robin�, sagte Dariusz. �Ich kann dich mit einer dringenden Botschaft zur�ck nach Safet schicken. Einer Botschaft, die zu wichtig ist, um sie irgendeinem beliebigen Soldaten anzuvertrauen.�</p><p>�Dann schickt Rother�, antwortete Robin in sch�rferem Ton, als sie selbst beabsichtigt hatte. �Er hat sich Eures Vertrauens doch schon in der Vergangenheit als w�rdig erwiesen, wenn ich mich nicht t�usche.�</p><p>Sie war zu weit gegangen. In Dariusz� Augen blitzte es w�tend auf, und einen Moment lang war sie vollkommen sicher, dass er sie schlagen w�rde. Aber dann gewann er seine Fassung zur�ck und nickte nur.</p><p>�Er k�nnte dich begleiten, wenn du so sehr um sein Wohl besorgt bist�, sagte er gepresst. �Ein Schwert mehr oder weniger wird den Ausgang der Schlacht kaum ver�ndern. Vor allem jetzt nicht�, f�gte er finster hinzu, �wo man uns praktisch zu Zuschauern der Schlacht degradiert hat.�</p><p>Robins Verwirrung stieg ins Unermessliche. Dariusz hatte ihr gerade mehr oder weniger angeboten, ihr die Flucht zu erm�glichen. Aber warum um alles in der Welt sollte er das tun? <emphasis>Ausgerechnet Dariusz?</emphasis></p><p>�Was soll das?�, fragte sie. �Noch vor einer Woche ...�</p><p>�Vor einer Woche�, fiel ihr Dariusz ins Wort, �wusste ich noch nicht, was f�r m�chtige Freunde du hast.�</p><p>�Wie?�, machte Robin verst�ndnislos.</p><p>�Jemand h�lt seine sch�tzende Hand �ber dich�, antwortete Dariusz. �Ich kann dir nicht sagen, wer es ist, doch es gibt jemanden, der nicht will, dass du zu Schaden kommst. Du wirst das Lager gleich nach der Prima verlassen und nach Safet reiten. Ob du Bruder Rother mit dir nimmst oder nicht, ist deine Entscheidung, doch du wirst gehen, noch bevor die Sonne aufgeht. Und nun komm, bevor wir noch tats�chlich zu sp�t zum Gebet kommen.�</p></section><section><title><p>16. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Die Zahl der Tempelritter war gestiegen. Als sie Safet verlassen hatten, waren sie siebzig gewesen. Jetzt waren es an die zweihundert M�nner, die im Kreis um Odo von Saint-Amand niedergekniet waren und mit ehrf�rchtig gesenkten H�uptern seinen Worten lauschten. Auch Robin kniete mit gebeugtem Nacken und gefalteten H�nden da, aber sie lauschte nicht, und als die M�nner rings um sie herum zu singen begannen, bewegten sich zwar ihre Lippen, doch sie h�tte nicht einmal sagen k�nnen, welches Lied es war.</p><p>Robin war noch immer vollkommen verwirrt. Dariusz� Worte hatten einleuchtend geklungen, und sie hatte seine Wut gesp�rt, sich einem Befehl beugen zu m�ssen, der ihm so zuwider war - und doch sp�rte sie zugleich, dass etwas an seiner Geschichte nicht stimmte. Dariusz war kein Mann, der sich so ohne weiteres erpressen lie� oder zu irgendetwas zwingen. Aber warum sollte ausgerechnet er daf�r sorgen wollen, dass ihr nichts geschah?</p><p>Sosehr sie sich auch den Kopf �ber diese Frage zerbrach, sie fand keine Antwort, und sie war so sehr in ihre Gedanken versunken, dass sie nicht einmal merkte, als die Prima zu Ende ging und der Gro�meister die Krieger Gottes mit seinem Segen entlie�. Sie war die Letzte, die sich erhob, und selbst das nur, weil sie die missbilligenden Blicke der anderen rings um sich herum sp�rte. Rasch sprang sie auf, rief sich in Gedanken zur Ordnung und sp�rte selbst, wie wenig dieser Versuch fruchtete; ganz im Gegenteil schien ihre Nervosit�t eher noch anzuwachsen, und als sie sich umdrehte und die H�nde dabei weiter gefaltet vor der Brust hielt, tat sie es nicht, um stumm weiterzubeten, wie manche der M�nner hier, sondern einzig, damit man ihr Zittern nicht sah.</p><p>Verstohlen suchte sie nach Rother. Er war ganz in ihrer N�he niedergekniet, um zu beten, und er folgte ihr auch jetzt in nur wenigen Schritten Abstand, doch er wich ihren Blicken so beharrlich aus, dass Robin den Gedanken verwarf, ihn anzusprechen.</p><p>Bruder Dariusz wartete am Rande des freigebliebenen Platzes im Herzen des Lagers, auf dem sie sich zum Gebet versammelt hatten. Robin zerbrach sich einen Moment lang fast panisch den Kopf dar�ber, wie sie ausweichen k�nnte, ohne dass es auffiel oder er Gelegenheit fand, sie zur�ckzurufen, aber nat�rlich lie� Dariusz es gar nicht erst so weit kommen. Sie war noch gute zehn oder zw�lf Schritte von ihm entfernt, als er auch schon die rechte Hand hob und sie zu sich befahl; in der anderen hielt er etwas Kleines, Wei�es, das Robin im noch immer schwachen Licht des Morgens nicht richtig erkennen konnte; wahrscheinlich die Nachricht, von der er gesprochen hatte. Robin bezweifelte, dass auf dem eng zusammengerollten Pergament irgendetwas von Wichtigkeit stand, falls �berhaupt etwas. Gerade wollte er sie ansprechen, als hinter ihr eine scharfe, leicht ver�rgert klingende Stimme ihren Namen rief.</p><p>Robin z�gerte, und aus ihrem unguten Gef�hl wurde etwas anderes, als sie den halb erschrockenen, halb auch ver�rgerten Ausdruck auf Dariusz� Gesicht gewahrte, als auch dieser den Blick hob und nach dem Rufer Ausschau hielt. Mit klopfendem Herzen drehte sie sich um.</p><p>Niemand anderes als Odo von Saint-Amand und der Ordensmarschall selbst kamen mit raschen Schritten auf sie zu. Odo sah m�de aus. In seinem ohnehin abgespannt wirkenden Gesicht waren neue, tiefe Linien erschienen, und seine Schritte wirkten ein ganz kleines bisschen schleppend, als tr�ge er eine unsichtbare Last auf den Schultern. Vermutlich hatte er in dieser Nacht nicht besonders viel geschlafen. Auch Ridefort wirkte auf die gleiche Art ersch�pft, viel mehr jedoch noch ver�rgert.</p><p>�Bruder Robin�, begann der Ordensmarschall. �Was ist das? Eine Herausforderung oder nur Nachl�ssigkeit?�</p><p>Robin verstand nicht einmal, wovon er sprach, doch sie w�re auch nicht dazu gekommen, zu antworten, denn Ridefort blieb zwei Schritte vor ihr stehen, machte eine herrische Handbewegung und fuhr in noch sch�rferem, lauterem Ton fort: �Wo sind Euer Schwert und Helm? Wieso erscheint Ihr barh�uptig und ohne Waffen zur Messe?�</p><p>Robin drehte sich verwirrt zu Dariusz um. Erst jetzt, im Nachhinein, fiel ihr auf, dass sie tats�chlich die Einzige unter allen M�nnern hier war, die weder ihren Helm noch ihre Waffen mitgebracht hatte. Sie warf Dariusz einen fast flehenden Blick zu - schlie�lich war er es gewesen, der sie angewiesen hatte, beides in ihrem Zelt zur�ckzulassen, wenn auch nicht mit Worten -, den der grauhaarige Tempelritter jedoch ignorierte. Um ein Haar h�tte sie das, was sie nur dachte, laut ausgesprochen, schluckte die Worte jedoch im letzten Moment herunter. Dariusz die Schuld an ihrem Fehler zu geben (auch, wenn es die Wahrheit war) h�tte es nur schlimmer gemacht.</p><p>Unsicher drehte sie sich wieder zu Ridefort und dem Gro�meister um. In Rideforts Augen brodelte die blanke Wut, eine Wut, von der Robin schwerlich glauben konnte, dass ihr Grund einzig die kleine Verfehlung war, deren sie sich schuldig gemacht hatte, w�hrend Odo sie kalt, aber auf eine Art ma�, die fast schlimmer erschien als die Blicke, mit denen Ridefort sie aufzuspie�en versuchte.</p><p>�Mir scheint, Ihr seid mit Euren Gedanken nicht ganz bei der Sache, Bruder Robin�, sagte der Marschall. �Ihr werdet Euch nach der Schlacht bei mir melden, um Eure gerechte Strafe in Empfang zu nehmen.�</p><p>�Ich bitte Euch, seid nicht zu streng mit Bruder Robin.�</p><p>Robin drehte sich abermals �berrascht zu Dariusz um, und sie bemerkte aus den Augenwinkeln, wie auch Ridefort den Kopf wandte und fragend die Stirn in Falten legte. Anscheinend war sie nicht die Einzige, die es immer noch zutiefst verwirrte, ausgerechnet von Dariusz in Schutz genommen zu werden.</p><p>�Es war wohl meine Schuld�, fuhr Dariusz fort. �Ich bin vor der Messe in Bruder Robins Zelt gewesen, um eine wichtige Angelegenheit mit ihm zu besprechen. Bei allem muss er vergessen haben, sein Schwert umzubinden. Ich h�tte es merken m�ssen. Wenn Ihr jemanden f�r dieses Vers�umnis bestrafen wollt, dann mich.�</p><p>�Und was gab es so Wichtiges zu besprechen, dass Bruder Robin dar�ber sogar seine Pflichten vergisst?�, fragte Ridefort.</p><p>�Ich habe Bruder Robin gebeten, f�r mich einen wichtigen Botenritt zur�ck nach Safet zu erledigen�, antwortete Dariusz.</p><p>�Einen Botenritt?�, wiederholte Ridefort, als w�re er nicht sicher, Dariusz tats�chlich richtig verstanden zu haben. �Zur�ck nach Safet? Einen Tagesritt? Jetzt?�</p><p>�Es handelt sich um eine Nachricht von �u�erster Dringlichkeit�, antwortete Dariusz und wedelte mit einem zusammengebundenen Pergament, an dem Robin jetzt ein schmales Samtband und ein Siegel aus rotem Wachs erkannte, das im blassen Licht der heraufziehenden D�mmerung wie geronnenes Blut aussah.</p><p>�Bruder Robin hat sich schon einmal als verl�sslicher Bote erwiesen, und von allen hier ist er aufgrund seiner Jugend vielleicht der, den wir am leichtesten entbehren k�nnen.�</p><p>Robin schien in diesem Moment nicht die Einzige hier zu sein, der es schwer fiel, diese Erkl�rung zu glauben. Ridefort schwieg eine geraume Weile, in der er das Papier in Dariusz� Hand so durchdringend anstarrte, dass Robin fast sicher war, er w�rde im n�chsten Augenblick die Hand ausstrecken und fordern, die Botschaft lesen zu k�nnen. Schlie�lich jedoch sch�ttelte er nur den Kopf, und ein d�nnes, fast abf�lliges L�cheln erschien auf seinen Lippen. �Ich f�rchte, ich muss Eure Bitte abschl�gig bescheiden, Bruder. Auch wenn der K�nig in seiner unermesslichen Weisheit entschieden hat, uns heute aus dem Schlachtgeschehen herauszuhalten, so wei� man doch nie, was der Tag bringt. Es mag sein, dass wir doch k�mpfen m�ssen, und sollte es dazu kommen, so kann es sehr wohl sein, dass wir jedes einzelne Schwert brauchen, selbst das eines so jungen Ritters. Zumal man mir berichtet hat, was f�r ein ausgezeichneter K�mpfer Robin trotz seiner Jugend bereits ist.�</p><p>�Aber ...�, protestierte Dariusz, doch diesmal war es Odo selbst, der ihn zum Schweigen brachte.</p><p>�Bruder Dariusz�, sagte er. �Ihr habt den Ordensmarschall geh�rt. Wollt Ihr mich zwingen, aus seiner Erkl�rung einen Befehl zu machen? Schickt einen anderen Mann mit Eurer Nachricht zur�ck nach Safet. Oder �berbringt sie selbst, sobald die Schlacht vor�ber ist. Sp�testens beim n�chsten Sonnenaufgang werden die Heiden besiegt und wir schon wieder auf dem R�ckweg sein.�</p><p>Dariusz� Gesicht schien f�r einen Moment zu Stein zu erstarren. Seine Finger schlossen sich so fest um die Pergamentrolle, dass er sie zerknitterte, und Robin w�re nicht besonders �berrascht gewesen, h�tte er selbst dem Gro�meister widersprochen. Dann aber deutete er nur ein Nicken an und trat respektvoll einen Schritt zur�ck. �Ganz, wie Ihr w�nscht, Bruder.�</p><p>�Es ist schon erstaunlich, wie viele sich um das Wohl dieses jungen Ritters sorgen�, stellte Ridefort fest. �Vor allem solche, von denen man das am allerwenigsten erwartet h�tte.�</p><p>�Was ... wollt Ihr damit sagen?�, erkundigte sich Dariusz.</p><p>�Nun, Ihr seid nicht der Erste, der an diesem Morgen mit dem Wunsch zu uns gekommen ist, Bruder Robin aus dem Schlachtgeschehen herauszuhalten�, antwortete Ridefort. Er machte eine unwillige Handbewegung hinter sich, und Robins Blick folgte der Geste. Im ersten Moment sah sie nichts au�er Tempelrittern in wei�en M�nteln, die sich rasch in alle Richtungen entfernten, dann gewahrte sie jedoch eine einzeln stehende Gestalt, die ganz am Rande des Gebetsplatzes stand und in ihrem schwarzen Mantel nahezu mit der Dunkelheit der Nacht verschmolz. Ihr Herz schlug schneller, als ihr klar wurde, <emphasis>um wen </emphasis>es sich handelte.</p><p>�Wer ist das?�, fragte Dariusz. Er klang verst�rt.</p><p>Ridefort lachte leise. �Einer unserer Verb�ndeten vom Berg Masyaf�, sagte er ver�chtlich.</p><p>�Ein ... Assassine?�, vergewisserte sich Dariusz.</p><p>�Ein Bote des Alten vom Berge, ja�, best�tigte Ridefort. Odo schwieg noch immer, doch obwohl Robin es sorgsam vermied, auch nur in seine Richtung zu blicken, konnte sie sp�ren, wie durchdringend er sie anstarrte. Salim? Salim war gekommen, um mit dem Gro�meister selbst zu sprechen? Er musste den Verstand verloren haben!</p><p>�Leider ist er nicht gekommen, um die versprochenen Krieger zu schicken�, fuhr Ridefort fort, �sondern um etwas von uns zu verlangen.�</p><p>�Was?�, fragte Dariusz.</p><p>�Sheik Raschid Sinan fordert sein Eigentum zur�ck�, spie Ridefort regelrecht heraus. Er deutete anklagend auf Robin.</p><p>�Unser junger Bruder hier muss ihn �ber die Ma�en beeindruckt haben, als er sein Gast war. Er verlangt, dass er unverz�glich ausgeliefert und zur�ck nach Masyaf gebracht wird.�</p><p>�Mit welchem Recht?�, fragte Dariusz scharf. War das ein Unterton von Panik, den sie in seiner Stimme wahrnahm?</p><p>Ridefort lachte. �Mit keinem. Jedenfalls mit keinem, das f�r uns G�ltigkeit h�tte.�</p><p>�Vielleicht sollten wir nicht zu vorschnell mit unserem Urteil sein, Bruder�, wandte Odo ein. Seine Stimme klang so m�de, wie sein Gesicht aussah, doch als Robin ihren Blick endlich von Salims schattenhafter Gestalt auf der anderen Seite des Platzes losriss und sich vollends zu ihm und dem Marschall umwandte, erkannte sie nicht die geringste Spur von Schw�che in seinen Augen.</p><p>�Ihr wollt doch dieser unversch�mten Forderung nicht etwa nachgeben?�, fragte Ridefort.</p><p>�Nat�rlich nicht�, antwortete Odo. Er ma� Robin mit einem raschen, seltsamen Blick. �Auf der anderen Seite sollten wir nicht vergessen, dass die Assassinen seit vielen Jahren unsere treuen Verb�ndeten sind. �beraus wichtige Verb�ndete. Vielleicht w�re es unklug, sie unn�tig zu ver�rgern.� Er seufzte. �Sinan betrachtet Bruder Robin noch immer als sein Eigentum. Schlie�lich hat er ihn von einem Sklavenh�ndler gekauft.�</p><p>�Kein Christenmensch kann das Eigentum eines Heiden sein�, antwortete Dariusz zornig. �Und erst recht keiner, der das Kreuz unseres Ordens tr�gt. Ihr k�nnt nicht ernsthaft in Erw�gung ziehen, einen der Unseren auszuliefern wie ein St�ck Vieh, das dieser Heide auf dem Markt gekauft hat!�</p><p>Odos Gesicht verd�sterte sich, und auch Ridefort wirkte ver�rgert von dem �bertrieben scharfen Ton, den Dariusz angeschlagen hatte; nur noch einen Deut davon entfernt, tats�chlich zu schreien. Trotzdem wandte er sich nach einem Moment mit einem zustimmenden Nicken an Odo.</p><p>�Ich h�tte es vielleicht in andere Worte gefasst als Bruder Dariusz�, sagte er, �aber er hat Recht. Was w�rden die anderen dazu sagen, wenn sie davon erf�hren? Wir k�nnen keinen der Unseren in die Sklaverei ausliefern. Fragt diesen Heiden, welchen Preis sein Herr f�r Bruder Robin bezahlt hat, und gebt ihm das Doppelte, bevor Ihr ihn zur�ckschickt.� Odo wirkte unentschlossen. Auch er drehte sich um und musterte die dunkle Gestalt auf der anderen Seite des Platzes nachdenklich, bevor er einen leisen, aber fast resignierend klingenden Seufzer ausstie�. �Ja, so soll es geschehen�, sagte er. �Aber erst, wenn alles vorbei ist. Ich traue diesen Assassinen nicht. Sie sind nicht umsonst f�r ihre Verschlagenheit und Heimt�cke bekannt.� Er seufzte noch einmal und fuhr dann mit finsterer Stimme und direkt an Dariusz gewandt fort: �Nehmt Euch einige M�nner und setzt diesen Assassinen gefangen. Kr�mmt ihm kein Haar, aber tragt Sorge daf�r, dass er das Lager nicht verl�sst, bevor wir zur�ck sind. Danach gebt ihm, was seinem Herrn zusteht. Ich werde ihm einen pers�nlichen Brief an den Alten vom Berge mitgeben, in dem ich ihm meinen Standpunkt erkl�re, und ich bin sicher, er wird ihn verstehen.�</p><p>Dariusz starrte ihn und Ridefort einen Moment lang abwechselnd und mit steinernem Gesicht an, doch dann wandte er sich mit einem gehorsamen Nicken um und eilte davon, um Odos Befehl auszuf�hren.</p><p>Robin sah ihm mit klopfendem Herzen nach. Ihre Kehle war wie zugeschn�rt, als sie beobachtete, wie er auf Salim zuging und dabei Rother und drei weiteren Rittern mit einer Geste bedeutete, ihm zu folgen, und pl�tzlich sp�rte sie, wie kalt der Morgen noch immer war. Sie hatte Angst. Entsetzliche Angst.</p><empty-line/><p>Obwohl die Schlacht meilenweit entfernt war, lie� ihr Echo die Erde erzittern und dr�hnte wie Donnerhall in Robins Ohren. Der Tag war so hei� geworden wie alle anderen zuvor, und obwohl Hunderte von Pferdehufen und Tausende von F��en den Staub rings um sie herum in dichten Wolken hochwirbeln lie�en, schien die Luft zugleich von einer seltenen Klarheit, sodass der Blick zumindest von Robins erh�hter Position aus ungehindert meilenweit reichte - oder es jedenfalls getan h�tte, w�re er nicht kurz vor der Spitze des Heereszuges von den steil emporstrebenden, mit kr�nklich aussehendem, d�rrem Gras und vereinzelten, sonderbar verbrannt wirkenden B�umen bewachsenen H�ngen des Tales aufgehalten worden. Trotz des Schlachtenl�rms, der �ber die H�gel heranwehte, schien gleichzeitig eine fast unheimliche Stille zu herrschen, als w�ren alle anderen Laute einfach erloschen, um dem Dr�hnen der aufeinander prallenden Heere, dem Klirren von Stahl, den Todesschreien von Mensch und Tier Platz zu machen.</p><p>Robin fuhr sich m�de mit dem Handr�cken �ber das Gesicht und versuchte den Schwei� wegzublinzeln, der ihr immer wieder in die Augen lief und sie brennen lie�. Es war ein unheimlicher, fast bizarrer Anblick, der sich ihr und den anderen Tempelrittern bot, die auf Balduins Befehl hin in diesem schmalen Tal nordwestlich des eigentlichen Schlachtfelds Aufstellung genommen hatten. Ihr Auftrag - so hatte ihr Dariusz erkl�rt - lautete, den Truppen Faruk Schahs den R�ckweg abzuschneiden, sobald es dem Hauptheer der Barone und Grafen sowie den Johannitern gelungen war, ihren Widerstand zu brechen und sie in die Flucht zu schlagen. W�re es nach Dariusz� vollmundigen Worten gegangen, so h�tte dies schon l�ngst passiert sein m�ssen. Die Schlacht tobte jetzt seit einer guten Stunde, und obwohl immer wieder Reiter mit Nachrichten von der Schlacht �ber die H�gel zu ihnen gekommen waren, die nichts anderes besagten, als dass es genau so kam wie von Balduin und den Johannitern vorausgesehen. Die Sarazenen waren an allen Fronten geschlagen worden, aber trotzdem waren ihre Reihen offensichtlich doch noch nicht ganz zusammengebrochen. Trotz der schrecklichen Verluste, von denen Dariusz mit leuchtenden Augen berichtete, hatten sie sich zumindest bisher noch immer nicht zur Flucht gewandt, sondern hielten dem christlichen Heer wider aller Erwartung stand.</p><p>W�hrend der letzten Zeit war Dariusz zusehends unruhiger geworden. Seine Finger spielten immer nerv�ser abwechselnd mit den Z�geln seines Pferdes und dem Schwertgriff in seinem G�rtel, und er bewegte sich unruhig im Sattel. Sein Blick wanderte unstet zwischen den H�ngen rechts und links und dem schmalen Ausgang des Tales eine halbe Meile vor ihnen hin und her, und auf seinem Gesicht hatte sich ein Ausdruck zwischen Nervosit�t und Ungeduld ausgebreitet, der mit jedem Moment st�rker wurde. H�tte irgendein anderer Mann als Dariusz neben ihr auf dem gewaltigen Schlachtross gesessen, Robin w�re sicher gewesen, dass er einfach unter der Hitze litt. Aber es war Dariusz, und Robin wusste, dass er eher sterben w�rde, bevor er sich anmerken lie�, dass ihm die Hitze ebenso sehr zu schaffen machte wie allen anderen hier. Was es ihm unm�glich machte, still im Sattel sitzen zu bleiben, das war das Wissen um die Schlacht, die auf der anderen Seite der H�gel tobte und an der er nicht teilhaben durfte. Sein Schwert gierte nach dem Blut der Feinde, und der blo�e Gedanke, dass kaum mehr als eine Meile entfernt in diesem Moment eine Schlacht geschlagen wurde, die m�glicherweise das Schicksal der gesamten Christenheit entscheiden konnte und er nicht daran teilhaben durfte, musste f�r ihn vollkommen unertr�glich sein.</p><p>Robin hatte sich geh�tet, noch einmal auf das Thema einzugehen, doch je l�nger sie Dariusz betrachtete, desto sicherer war sie, dass er sie am Morgen mit der Behauptung angelogen hatte, die Angst vor einem Waffengang ebenfalls zu kennen. Wenn Dariusz �berhaupt wusste, was das Wort Angst hie�, so hatte es f�r ihn eine vollkommen andere Bedeutung als f�r sie und jeden einzelnen Mann hier.</p><p>Das Tal wurde vor ihnen schmaler, zugleich wuchsen seine W�nde weiter an, sodass es auf den letzten f�nfzig Schritten beinahe zu einer lotrechten Schlucht wurde, ganz �hnlich der, hinter deren Biegung sie damals auf die vermeintlichen Pl�nderer gesto�en waren. Nach weiteren zwanzig oder drei�ig Schritten machte der Canyon einen scharfen Knick, sodass sie nicht sehen konnten, was dahinter lag, und vielleicht war das der simple Grund, aus dem sie der Anblick mit einem so unguten Gef�hl erf�llte. Die Bilder waren sich zu �hnlich und die Erinnerung an die Beinaheniederlage, die sie an einem fast identischen Ort erlitten hatten, noch zu frisch in ihrem Ged�chtnis.</p><p>Robin versuchte sich selbst damit zu beruhigen, dass es diesmal anders kommen w�rde. Sie waren keine Hand voll Reiter, die unter dem Kommando eines hei�bl�tigen Fanatikers einfach lospreschen w�rden, sondern eine ganze Armee, wenn auch nur einen Bruchteil so stark wie das Hauptheer des K�nigs, das auf der anderen Seite der H�gel mit den Sarazenen focht, so doch das gewaltigste Heer, das Robin jemals gesehen hatte. Zu den gut zweihundert berittenen Templern hatte sich ein vielfach gr��eres Kontingent weltlicher Ritter unter dem Befehl Graf Raimunds gesellt, und dazu kamen Hunderte und Aberhunderte von Fu�truppen, deren Speere wie ein Wald aus scharf geschliffenem eisernem Schilf �ber die Wolke aus flirrendem Staub emporragten, durch den sich der Tross langsam weiter auf das Ende des Tales zubewegte.</p><p>Odo, der Ordensmarschall, und Dariusz bildeten die Spitze der Templer, die sich zu so etwas wie einer kleinen Armee innerhalb einer Armee zusammengeschlossen hatten, und nicht nur zu Robins Verwunderung hatte Dariusz darauf bestanden, dass auch sie selbst und Bruder Rother direkt neben ihm Aufstellung nahmen; eine Position, die weder ihr noch dem jungen Ritter aufgrund ihrer Stellung innerhalb des Ordens zukam. Dariusz hatte jedoch darauf bestanden, und da weder der Gro�meister noch Ridefort - obwohl sie einen �berraschten Blick getauscht hatten - Einw�nde erhoben hatten, hatte es Robin nicht gewagt, diese Entscheidung zu hinterfragen. Vermutlich musste sie sich aber keine Sorgen machen. Wenn die Schlacht tats�chlich so lief, wie die Meldereiter berichteten, w�rde Raimunds Ersatzheer erst gar nicht zum Einsatz kommen.</p><p>Der grauhaarige Tempelritter neben ihr drehte pl�tzlich den Kopf und beschattete die Augen mit der linken Hand, um in Richtung eines einzelnen Reiters zu blinzeln, der in scharfem Tempo �ber die flachen H�gel zur Rechten herangesprengt kam. Der zweifarbige Wimpel an seiner Lanze identifizierte ihn als Meldereiter, und obwohl er direkt aus der Sonne herauskam und somit kaum deutlicher denn als schwarze Silhouette zu sehen war, glaubte Robin Wappenrock und Mantel eines Johanniters zu erkennen.</p><p>Ein so hochrangiger Ritter, der die einfache Aufgabe eines Boten �bernahm?, dachte Robin �berrascht. Das bedeutete entweder etwas ganz besonders Gutes oder etwas au�ergew�hnlich Schlechtes.</p><p>Sowohl Dariusz als auch Ridefort und der Gro�meister schienen wohl zu demselben Schluss gelangt zu sein, denn die drei Ritter setzten sich wie ein Mann in Bewegung, um dem Boten entgegenzureiten, und auch Robin und Rother schlossen sich ihnen an, obwohl es unter normalen Umst�nden ein schweres Vergehen war, seinen Platz in der Schlachtordnung ohne ausdr�cklichen Befehl zu verlassen. Aber Dariusz hatte sie schlie�lich strengstens angewiesen, immer und unter allen Umst�nden in seiner N�he zu bleiben, selbst - und sogar ganz besonders! - wenn es wider Erwarten doch zum Kampf kommen sollte.</p><p>Nicht zum ersten Mal fragte sich Robin, warum eigentlich. Sie fand auch nicht zum ersten Mal keine Antwort darauf, aber die Frage beunruhigte sie jedes Mal, wenn sie sie sich stellte, ein wenig mehr. Dariusz tat nichts ohne Grund, und es fiel Robin ziemlich schwer, etwa daran zu glauben, dass er sein ungerechtes Verhalten ihr gegen�ber bedauerte und die pl�tzliche Besorgnis vielleicht seine Art war, ihr Abbitte zu tun. Vielleicht hoffte er insgeheim ja immer noch, dass sie in die Schlacht eingreifen w�rden. Wenn es dazu kam, w�rde sich Robin zweifellos im Zentrum der schwersten K�mpfe wiederfinden, und sie war ganz und gar nicht sicher, ob sie dem Geschehen in ihrem R�cken dann nicht ebenso viel Aufmerksamkeit schenken musste wie dem, was vor ihr geschah ...</p><p>Sie dachte einen Moment lang ernsthaft dar�ber nach, ob sie Dariusz einen heimt�ckischen Mord zutraute, und kam fast zu ihrem eigenen Erstaunen zu dem Ergebnis: nein. Trotz allem war Dariusz ein Mann, dem seine Ehre wichtiger war als sein Leben, m�glicherweise sogar wichtiger als sein Glaube. Aber dieser Gedanke war nicht wirklich beruhigend. Dariusz w�rde sie niemals hinterr�cks ermorden, aber er w�rde ohne M�he einen Weg finden, sie zu beseitigen, der zu seinen verqueren Begriffen von Ehre und Gottesfurcht passte. Besser, sie blieb auf der Hut.</p><p>Robin schrak aus ihren Gedanken hoch, als die drei Reiter vor ihr pl�tzlich langsamer wurden und sie einen Deut zu sp�t reagierte. Um ein Haar w�re sie mit Dariusz zusammengeprallt, dem ihr Missgeschick nat�rlich nicht entging, der es aber erneut bei einem blo�en, �rgerlichen Blick bewenden lie�. Entweder, dachte Robin, er sammelte Punkte f�r eine lange Liste von Verfehlungen, die er ihr nach der Schlacht pr�sentieren w�rde, oder mit dem grauhaarigen Tempelritter war etwas geschehen, was ihn tats�chlich vollkommen ver�ndert hatte. Robin konnte sich allerdings nichts Geringeres als das Erscheinen der Heiligen Jungfrau Maria pers�nlich vorstellen, was in der Lage gewesen w�re, das zu bewerkstelligen.</p><p>Die drei Tempelritter vor ihr waren langsamer geworden, um Platz f�r zwei weitere Berittene zu machen, die sich ihnen dabei anschlossen, dem Boten entgegenzureiten. In einem von ihnen erkannte Robin �berrascht niemand anderen als Graf Raimund selbst, den anderen kannte sie nicht, doch er trug eine prachtvolle R�stung und einen mit goldenen und silbernen Motiven bestickten Mantel in k�niglichem Rot, woraus sie schloss, dass es sich ebenfalls um einen hochrangigen Adeligen handeln musste. Odo tauschte nur ein k�hles Kopfnicken mit dem Grafen aus, w�hrend es Ridefort und Bruder Dariusz vorzogen, so zu tun, als h�tten sie die beiden Neuank�mmlinge gar nicht bemerkt; ein Verhalten, das mehr �ber die wahren Gef�hle der Tempelritter aussagte, als ihnen vielleicht selbst bewusst war.</p><p><emphasis>�Sieg! Sieg!�, </emphasis>schrie der n�her kommende Reiter. Er hatte die Z�gel seines Pferdes losgelassen, schwenkte die Lanze mit dem flatternden Wimpel an der Spitze und riss nun auch die andere Hand in einer triumphierenden Geste �ber den Kopf. <emphasis>�Sieg!�</emphasis></p><p>Graf Raimund z�gelte sein Pferd, und Robin konnte sehen, wie er �berrascht den Kopf auf die Seite legte, als m�sse er sich lauschend davon �berzeugen, tats�chlich richtig geh�rt zu haben. Der Bote kam noch immer n�her, wurde aber nun deutlich langsamer. Obwohl die M�nner vor ihm hastig auseinander zu weichen versuchten, um ihm Platz zu machen, standen sie doch einfach zu dicht gedr�ngt, um schnell genug zur�ckzuweichen. Er schrie noch immer seine Botschaft, die aus einem einzigen Wort bestand, und nach und nach nahmen immer mehr Stimmen dieses Wort auf, bis das ganze Tal von Triumphgebr�ll aus Tausenden Kehlen widerzuhallen schien.</p><p>Graf Raimund drehte sich halb im Sattel um und machte eine Geste mit der linken Hand. �Wartet hier�, sagte er, sowohl an seine Begleiter als auch an die drei Tempelritter gewandt. Praktisch gleichzeitig lie� er die Z�gel knallen und sprengte los, sodass sich etliche M�nner vor ihm gerade noch mit hastigen Spr�ngen in Sicherheit bringen oder ihre Pferde mit einer fast entsetzten Bewegung herumrei�en mussten, um nicht einfach niedergeritten zu werden. Ridefort und der Gro�meister tauschten einen zornigen Blick aus, und Robin konnte Dariusz ansehen, dass er den Befehl des Grafen einfach ignoriert h�tte, w�re es nach ihm gegangen. Auch Odo und Ridefort fiel es sichtbar schwer, zu tun, was Raimund ihnen befohlen hatte, doch sie beherrschten sich.</p><p>W�hrend sich Graf Raimund und der Botenreiter - von dem Robin nun sah, dass es sich tats�chlich um einen Johanniter handelte - mit immer mehr M�he durch das Gew�hl von M�nnern und Pferden aufeinander zubewegten, sah sich Robin mit einer Mischung aus vorsichtiger Erleichterung und einem absurderweise gleichzeitig immer intensiver werdenden, unguten Gef�hl um. Die Aufregung, die von dem n�her kommenden Johanniter ausging, erfasste das Heer wie die Wellen eines ins Wasser geworfenen Steines. Jubelrufe wurden laut, hier und da hatten M�nner sogar ihre Posten verlassen oder ihre Speere gesenkt, um sich jubelnd zu umarmen oder gegenseitig auf die Schultern zu klopfen. Robin hatte es l�ngst aufgegeben, die Zahl der M�nner zu sch�tzen, inmitten derer sie sich befand. Es mussten Tausende sein, die Fu�truppen, Waffenknechte und freiwilligen K�mpfer mitgerechnet, die sich ihnen auf dem Weg ins Tal von Mardsch Ayun, dem Tal der Quellen zwischen dem Litanifluss und dem oberen Jordan, angeschlossen hatten. Obwohl sie sich von ihrer Position an der Spitze des Heeres entfernt hatten, waren es noch immer gr��tenteils Tempelritter, die sie umgaben, so weit ihr Blick reichte, und wieder ertappte sie sich dabei, nach einem ganz bestimmten Gesicht in der Menge zu suchen. Da der Kampf bisher nicht unmittelbar bevorgestanden hatte und der Tag unertr�glich hei� war, hatten nur die wenigsten ihrer Ordensbr�der ihre Helme aufgesetzt, und Robin hatte auf dem Weg hierher jede Gelegenheit genutzt, einen Blick in ihre Gesichter zu werfen. Das, nach dem sie suchte, war nicht dabei. Vielleicht, dachte sie, hatte sie sich ja wirklich get�uscht. Vielleicht war Bruder Abb� tats�chlich nicht hier.</p><p>Statt endlich das Gesicht ihres alten Mentors zu gewahren, begegnete sie dem Blick Bruder Rothers, der sein Pferd nur eine halbe Mannesl�nge hinter ihr angehalten hatte. Auch er war bleich vor Anstrengung und M�digkeit, sein Gesicht gl�nzte vor Schwei�, aber ihn schien weder der n�her kommende Bote noch seine Siegesnachricht zu interessieren. Robin versp�rte ein kurzes, eisiges Fr�steln, als sie den Ausdruck in seinen Augen bemerkte. Mit einem leichten Schenkeldruck brachte sie ihr Pferd dazu, einen Schritt zur�ckzugehen, sodass sie nun unmittelbar neben ihm stand. Selbst wenn die M�nner in ihrer N�he nicht voll und ganz damit besch�ftigt gewesen w�ren, dem Johanniter zuzujubeln und ihre Freude herauszuschreien, h�tte jetzt niemand mehr ihre Worte h�ren k�nnen. �Ich habe dir noch gar nicht gedankt�, sagte sie.</p><p>Sie hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass Rother ihr antworten w�rde, und er tat es auch nicht. In seinem Gesicht r�hrte sich kein Muskel. Er starrte sie nur kalt und mit einem Ausdruck von Verachtung in den Augen an, der vielleicht mehr schmerzte, als jedes Wort es gekonnt h�tte. Trotzdem fuhr sie nach einem Moment und mit einem angedeuteten L�cheln fort:</p><p>�Beantwortest du mir eine Frage?�</p><p>Rother reagierte immer noch nicht, aber sie deutete sein Schweigen als Zustimmung. �Warum hast du nichts gesagt?�</p><p>�Wor�ber?�, fragte er. Sein Blick wurde wom�glich noch k�lter.</p><p>��ber das, was du heute Morgen gesehen hast�, antwortete sie.</p><p>�Woher willst du das wissen?�, gab Rother kalt zur�ck. �Vielleicht habe ich es ja gesagt.�</p><p>Robin sch�ttelte entschieden den Kopf. �Ich w�re jetzt nicht mehr am Leben, h�ttest du es getan, Rother. Und auch wenn ich wei�, dass du mir wahrscheinlich nicht glaubst: Ich schw�re dir, dass du nicht das gesehen hast, das gesehen zu haben du glaubst.�</p><p>Rothers Antwort bestand nur aus einem ver�chtlichen Verziehen der Lippen, das sich wie ein d�nner, hei�er Schmerz in ihre Brust bohrte. Aber was hatte sie erwartet?</p><p>�Ich wei� nicht, warum ich Bruder Dariusz nichts gesagt habe�, antwortete er schlie�lich. �Vielleicht, weil ...� Er brach ab, biss sich auf die Unterlippe und schien einen Moment krampfhaft nach Worten zu suchen. Sein Blick ging dabei geradewegs durch sie hindurch, und in seinen Augen erschien ein Ausdruck von Qual, der Robin fast noch unertr�glicher war als die Verachtung, die sie gerade darin gelesen hatte. Schlie�lich hob er die Schultern und fuhr in ver�ndertem, noch k�lterem Tonfall fort. �Was immer du angeblich getan hast, Bruder, w�hrend ich etwas anderes gesehen habe - mach es mit deinem Gewissen und mit Gott aus. Ich bin sicher, sie werden die gerechte Strafe daf�r finden.�</p><p>�Rother, ich ...� Robin sprach nicht weiter, nicht nur weil Rother mit einem demonstrativen Ruck den Kopf zur Seite drehte und sie auf diese Weise sp�ren lie�, dass er nichts mehr h�ren wollte. Sie h�tte es gar nicht mehr gekonnt. Ihre Kehle war wie zugeschn�rt. Rother war viel mehr als irgendein beliebiger Ordensbruder f�r sie, und unendlich schlimmer als das, was er gesagt hatte, schmerzte sie die Verachtung, die sie in seinen Augen las. F�r einen Moment musste sie mit aller Macht gegen die Tr�nen ank�mpfen, die pl�tzlich ihre Augen f�llten.</p><p>Sie verlor diesen Kampf und hob rasch den Arm, um sich mit dem Handr�cken �ber das Gesicht zu fahren. Niemand bemerkte es, denn es war eine Geste, die jeder einzelne Mann hier an diesem Tag schon zahllose Male gemacht hatte; die Mittagsstunde war l�ngst vorbei, doch die Hitze schien mit jeder Minute, die sich die Sonne auf ihrem Weg zum Horizont dem Abend n�herte, noch zuzunehmen. Einzig Dariusz sah sie einen Moment lang nachdenklich an, drehte sich dann aber wieder im Sattel nach vorne, ohne sich irgendeine Reaktion anmerken zu lassen, und Robin blinzelte noch einmal, presste die Augenlider f�r einen Moment so fest zusammen, dass bunte Lichtblitze �ber ihre Netzh�ute huschten, und wandte sich dann ebenfalls demonstrativ wieder im Sattel nach vorne.</p><p>Graf Raimund hatte den Boten mittlerweile erreicht. Robin sah, wie er sich gestenreich mit ihm unterhielt und er und der Johanniter dabei abwechselnd mit dem Arm zum vorderen Teil des Tales deuteten; dorthin, wo sich die sanften H�nge pl�tzlich in eine steilwandige Schlucht verwandelten, hinter der sich der Ausgang zum Flusstal des Jordan auftat. Es vergingen nur wenige Augenblicke, bis der Johanniter das Gespr�ch mit einem abschlie�enden Nicken beendete, von dem Robin selbst �ber die gro�e Entfernung hinweg sehen konnte, wie wenig echter Respekt in dieser Bewegung lag, sein Pferd auf der Stelle herumzwang und dann, schneller werdend, wieder in die gleiche Richtung zur�ckritt, aus der er gekommen war. Auch Raimund machte kehrt und kam zur�ck.</p><p>�Was ist geschehen?�, begr��te ihn Odo. �Wir haben gesiegt? Ist Faruk gefallen?�</p><p>�Seine Truppen wurden geschlagen�, antwortete Raimund.</p><p>�Was von ihnen noch �brig ist, befindet sich in wilder Flucht. Balduin und das Heer verfolgen sie. Der K�nig ist sicher, sie am Flussufer stellen und endg�ltig aufreiben zu k�nnen.�</p><p>�Dann m�ssen wir ihnen zu Hilfe eilen�, sagte Dariusz.</p><p>�Unsere Befehle lauten ...�</p><p>�... genau hier zu warten und daf�r Sorge zu tragen, dass keiner von Faruk Schahs M�nnern entkommt�, unterbrach ihn Raimund.</p><p>F�r einen Moment wirkte nicht nur Dariusz v�llig verst�rt. Auch Odo und der Marschall sahen nicht nur �berrascht, sondern nach einem Herzschlag der Verbl�ffung regelrecht w�tend aus.</p><p>�Aber der Schlachtplan des K�nigs sah vor ...�, begann Ridefort, wurde jedoch sofort wieder von Raimund und in diesmal sch�rferem Ton unterbrochen.</p><p>�Offensichtlich wurde der Plan ge�ndert�, sagte Raimund.</p><p>�Der Johanniter hat einen direkten Befehl des K�nigs �berbracht, und es steht weder mir noch Euch zu, ihn zu kritisieren. Einen sehr klugen Befehl, wie ich hinzuf�gen m�chte.�</p><p>�Was ist klug daran, wie Feiglinge dazustehen und auf ein paar Versprengte zu warten, die uns in die Speere laufen?�, fragte Dariusz.</p><p>In Raimunds Augen blitzte es kurz und w�tend auf, aber seine Stimme klang erstaunlich beherrscht, als er antwortete.</p><p>�Faruk Schah mag der Neffe Saladins sein, aber das gleiche Blut zu teilen bedeutet nicht, auch automatisch ein ebenso begnadeter Feldherr zu sein. Faruk Schah hat den entscheidenden Fehler gemacht, Balduins Truppen viel zu lange trotzen zu wollen. Sein Heer existiert praktisch nicht mehr. Was noch davon �brig ist, ist verwundet oder befindet sich in wilder Flucht. Balduins Reiter treiben sie vor sich her und werden sie am Ufer des Jordan in die Zange nehmen. Dieses Tal stellt den einzigen Fluchtweg dar, den es noch f�r sie gibt. Ihr werdet Euren Kampf bekommen, Tempelherr, keine Sorge. Balduins ausdr�cklicher Befehl lautet, keinen der Sarazenen entkommen zu lassen. Wir machen keine Gefangenen. Faruk Schahs Heer soll nicht geschlagen, sondern bis auf den letzten Mann aufgerieben werden.� Er sch�ttelte den Kopf und schwieg einen winzigen Moment, doch was in diesem Augenblick auf seinem Gesicht vorging, machte wohl nicht nur Robin klar, was er von diesen Befehlen hielt.</p><p>Dennoch klang seine Stimme vollkommen unger�hrt, als er fortfuhr: �Man mag davon halten, was man will, doch auf die Sarazenen - und vor allem die M�nner, die Saladin anf�hrt - wird diese Nachricht eine vernichtende Wirkung haben.� Er hob m�de die Hand. �Und nun sollten wir alle auf unsere Posten zur�ckkehren. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die ersten Sarazenen hier auftauchen, und Ihr wollt doch nicht den Anfang der Schlacht vers�umen, mein Freund, oder?�</p><p>Dariusz� Lippen wurden zu einem d�nnen, blutleeren Strich, doch er fing im allerletzten Moment einen warnenden Blick aus Odos Augen auf und schluckte alles hinunter, was ihm so sichtbar auf der Zunge gelegen hatte. Statt zu antworten, zwang er sein Pferd mit einem schon fast brutalen Ruck herum und ritt los. Robin, aber auch Rother und die beiden anderen Tempelritter hatten fast M�he, mit ihm Schritt zu halten, als sie ihre Positionen an der Spitze des kleinen Templerheeres wieder einnahmen.</p><p>Robin war entsetzt von dem, was sie gerade geh�rt hatte. Ihre vorsichtige Erleichterung, der H�lle der bevorstehenden Schlacht vielleicht doch noch entrinnen zu k�nnen, begann dem dumpfen Begreifen zu weichen, dass nun nicht nur das genaue Gegenteil der Fall sein w�rde, sondern ihnen auch noch der allerschlimmste Teil in diesem gr�sslichen Geschehen zugedacht worden war. Sie konnte kaum glauben, was Raimund berichtet hatte. Sie <emphasis>wollte </emphasis>es nicht glauben.</p><p>Robin wusste wenig �ber K�nig Balduin und noch weniger �ber die Johanniter, und doch konnte sie sich einfach nicht vorstellen, dass er tats�chlich den Befehl erteilt haben sollte, das Heer der Sarazenen bis auf den letzten Mann auszul�schen. Keine Gefangenen? Das widersprach nicht nur allem, was selbst Dariusz �ber Gnade und die ritterlichen Tugenden immer wieder sagte, das war auch schlichtweg <emphasis>dumm. </emphasis>Selbst Robin, die herzlich wenig von Taktik und milit�rischen Dingen verstand, war klar, wie Saladin darauf reagieren musste - n�mlich keineswegs voller Schrecken, sondern schlichtweg indem er dasselbe tat. Krieger, die sich auf der Flucht befanden oder sich gar ergeben wollten, wie Vieh zu schlachten, w�rde den Krieg nur auf eine neue, noch blutigere Stufe heben.</p><p>Sie hatten ihre Positionen an der Spitze des Heeres wieder erreicht. Raimund und sein Begleiter sprengten in scharfem Tempo an ihnen vorbei und schwenkten dann nach links, um sich ihren eigenen Truppen anzuschlie�en, w�hrend Dariusz streng darauf achtete, dass sie ihre Positionen in der vorderen der beiden aus je gut hundert Reitern bestehenden Reihen aus wei� und rot gepanzerten Tempelrittern exakt wieder einnahmen. Der Schlachtenl�rm, der bisher wie ferner Donner �ber die H�gel herangerollt war, schien Robin nun deutlich n�her gekommen zu sein. Nerv�s blickte sie nach vorne. Vorhin, als sich das Heer langsam auf den Ausgang des Tales zubewegt hatte, hatte ein Trupp von gut f�nf- oder sechshundert Lanzentr�gern die Spitze der Armee gebildet, der traditionelle, lebende Schutzschild, den jede Reiterarmee in einer offenen Feldschlacht vor sich herschob, um den verwundbarsten Teil eines Ritterheeres - die Schlachtr�sser, wie Robin vor einigen Tagen schmerzhaft selbst in Erfahrung hatte bringen m�ssen - zu sch�tzen. Nun wichen die M�nner rasch nach rechts und links auseinander, sodass die beiden Reihen aus Tempelrittern tats�chlich die Spitze des Heeres bildeten.</p><p>�Euer Helm, Bruder Robin�, sagte Dariusz scharf.</p><p>Robin fuhr leicht zusammen, als ihr klar wurde, dass sie tats�chlich mittlerweile die Einzige war, die ihren Helm noch nicht aufgesetzt hatte. Hastig holte sie das Vers�umte nach und hatte eine Sekunde lang das Gef�hl, unter dem schweren eisernen Topfhelm ersticken zu m�ssen. Das trockene Stroh, mit dem er ausgestopft war, stach wie ein Kissen aus d�nnen, hei�en Nadeln in ihre Kopfhaut, und das Eisen selbst schien zu gl�hen. Die Welt vor ihren Augen schrumpfte zu einem kaum fingerbreiten Strich aus glei�ender Helligkeit zusammen, und die Luft, die sie atmete, verwandelte sich in ihrer Kehle zu geschmolzenem Blei, an dem sie zu ersticken glaubte. Robin musste drei- oder viermal tief und langsam ein- und wieder ausatmen, bis sie wieder zu sich kam, und ihr Herz begann wie verr�ckt zu schlagen. Trotzdem senkte sie die Hand auf das Schwert, zog sie dann - um ein Haar h�tte sie schon wieder einen Fehler gemacht - hastig wieder zur�ck und l�ste die leichte Angriffslanze mit der doppelseitig geschliffenen Eisenspitze vom Sattelgurt. Am Morgen, als sie die Waffe befestigt hatte, hatte sie ihr Gewicht kaum gesp�rt. Nun schien sie eine Tonne zu wiegen.</p><p>Dariusz beugte sich leicht im Sattel zur Seite, und Robin war sicher, dass er ihr einen neuen, scharfen Verweis erteilen w�rde. Den sie verdient h�tte. Was war nur mit ihr los? Einen guten Teil ihres Lebens hatte sie mit nichts anderem zugebracht als damit, genau das, was sie nun tat, immer und immer wieder zu �ben. Odo hatte ihr keineswegs schmeicheln wollen, als er noch am Morgen gesagt hatte, wie gut sie trotz ihrer Jugend bereits mit ihren Waffen umzugehen verstand. Nun schien es, als w�rde sie alles falsch machen, was sie nur falsch machen konnte, als h�tte sie alles vergessen.</p><p>Sie erlebte eine �berraschung. Dariusz wollte sie keineswegs ma�regeln. �Du weichst keinen Schritt von meiner Seite, Robin�, drang seine Stimme dumpf und verzerrt unter dem schweren Helm hervor. �Was immer auch geschieht, du bleibst bei mir. Hab keine Furcht. Ich werde darauf achten, dass dir nichts geschieht.�</p><p>Robin starrte ihn fassungslos an. Wollte sich Dariusz �ber sie lustig machen, sie verh�hnen?</p><p>�Sollte ich verwundet oder wir getrennt werden�, fuhr Dariusz fort, �dann fliehst du. Versuche nicht, mich zu retten oder den Helden zu spielen. Bring dich in Sicherheit und warte sp�ter im Lager auf mich.�</p><p>�Aber ...�, begann Robin verwirrt, doch Dariusz fiel ihr sofort in noch sch�rferem Ton ins Wort: �Das ist ein Befehl. Du wirst gehorchen.�</p><p>Er beendete das Gespr�ch, indem er sich wieder aufrichtete und seine eigene Lanze vom Sattelgurt l�ste, um sie mit einer tausendfach ge�bten Bewegung unter den rechten Arm zu klemmen und anzulegen. Neben ihm kam f�r einen kurzen Moment Unruhe in die ansonsten wie erstarrt dastehenden Reihen aus wei� gekleideten Rittern, als sich ein weiterer Reiter zu ihnen gesellte, der eine deutlich l�ngere Lanze mit einem gro�en, in schlichtem Schwarz und Wei� gehaltenem Wimpel trotzig in die Luft reckte, dem <emphasis>Baussant, </emphasis>dem heiligen Banner des Templerordens, unter dem sie in jede Schlacht zogen.</p><p>Robin �berkam ein sonderbares Gef�hl von Ehrfurcht, als sie das schlichte Banner betrachtete, ein Gef�hl, das sie im ersten Moment zutiefst verwirrte, weil sie es niemals bei sich selbst erwartet h�tte. Ihren Ordensbr�dern war dieses Banner heilig. Dem Ritter, der es in die Schlacht tragen durfte, wurde eine besondere Ehre zuteil, und es war ihm bei schwerer Strafe verboten, die Fahne zu senken, um sie etwa im Angriff wie eine Lanze zu verwenden, obgleich auch sie von einer messerscharf geschliffenen Klinge gekr�nt wurde. Tat er es doch, verlor er f�r ein Jahr und einen Tag den wei�en Mantel des Ritters und damit alle seine Privilegien, musste im Speisesaal auf dem nackten Boden sitzen, um zu essen, und war nicht nur gezwungen, die niedersten Arbeiten zu verrichten, sondern auch die Verachtung und den Hohn und Spott seiner Br�der zu ertragen. Robin hatte Geschichten von unglaublichen Heldentaten geh�rt, die vollbracht worden waren, nur um diese Fahne zu retten, und sie hatte sie nie wirklich verstanden. F�r sie war das Baussant bis jetzt nichts weiter als ein Fetzen Stoff gewesen, ein Zeichen, unter dem sich die Ritter versammelten oder an dem sie sich orientierten, aber nicht mehr. Doch pl�tzlich glaubte sie zu verstehen, was hinter diesen Geschichten steckte. Es war nichts Heiliges an diesem Stoff. Was sie f�r einen Moment fast vor Ehrfurcht erschauern lie�, das war der Gedanke daran, was im Namen dieses Banners getan worden war und wozu sein blo�er Anblick und das Wissen darum, wof�r es stand, M�nner bef�higt hatte.</p><p>M�hsam riss sie ihren Blick von der schwarzwei�en Fahne los und sah wieder nach vorne. In dem schmalen Ausschnitt des Tages, zu dem der Sehschlitz ihres Helmes die Welt verwandelte, kam ihr der Ausgang aus dem Tal pl�tzlich dunkler vor, gef�hrlicher und vor allem schmaler. Ihr Herz klopfte noch immer so hart, dass sie jeden einzelnen Schlag in der Kehle sp�rte, und sie versuchte vergeblich, sich selbst einzureden, dass es nur an der Hitze lag, unter der sie immer noch litt.</p><p>Wieder lie� sie ihren Blick �ber die Reihen der wie erstarrt dastehenden Tempelritter schweifen; wei�e Gespenster, deren M�ntel mit Blut bemalt waren und die sich in der hitzeflimmernden Luft des Nachmittags aufzul�sen schienen. Nichts r�hrte sich. Es war fast unheimlich still. Sie hatte entsetzliche Angst.</p><p>Dann, nach einer schieren Ewigkeit, wie es ihr vorkam, erschienen die ersten Reiter hinter der Biegung des schmalen Tales. Es waren nicht viele; eine Hand voll, f�nf oder sechs, und es waren genau die M�nner, die sie erwartet hatten: Gestalten mit Turban und in langen, dunklen M�nteln, die Speere und Rundschilde trugen und die hier typischen kleinen, z�hen Pferde ritten, aber sie <emphasis>benahmen </emphasis>sich nicht so, wie sie sollten. Robin konnte den Unterschied nicht in Worte fassen - jedenfalls nicht sogleich -, und doch wusste sie sofort und mit unersch�tterlicher Sicherheit, dass dies nicht die Reiter Faruk Schahs waren, die sich auf der verzweifelten Flucht vor dem nachr�ckenden Heer des K�nigs befanden. Die Sarazenen ritten schnell, aber sie <emphasis>flohen </emphasis>nicht.</p><p>Robin beobachtete am linken Rand des schmalen Ausschnittes der Welt, den sie durch den Sehschlitz ihres Helmes �berblicken konnte, wie Raimund den linken Arm hob; nicht zu einer Geste des Angriffes, sondern dem genauen Gegenteil. Niemand r�hrte sich. Irgendwo schnaubte unruhig ein Pferd, ein anderes Tier scharrte nerv�s mit den Hufen �ber den steinigen Boden, als w�re es genau wie sein Reiter begierig darauf, sich endlich dem Feind entgegenzuwerfen. Die Sarazenen galoppierten noch ein kurzes St�ck in scharfem Tempo weiter auf sie zu, als w�rden sie vom Schwung ihrer eigenen Bewegung mitgerissen, z�gelten aber dann ihre Pferde und wurden langsamer, kurz bevor sie den schmalen Teil der Schlucht hinter sich gebracht hatten.</p><p>Sie waren viel zu weit entfernt, als dass ihre Gesichter mehr als helle Flecke unter den schwarzen Turbanen gewesen w�ren, und trotzdem glaubte Robin f�r einen Moment den Ausdruck ma�losen Entsetzens zu erkennen, der von ihren Z�gen Besitz ergriff. Pl�tzlich wurde ihr klar, wie erb�rmlich ihre eigene Angst war. Diese M�nner dort vorne waren gerade dem sicheren Tod entkommen, und nun, als sie im buchst�blich allerletzten Moment und wahrscheinlich gegen alles, was sie selbst zu hoffen gewagt hatten, einen Ausweg gefunden zu haben glaubten, sahen sie sich einer zweiten, noch dazu ausgeruhten Armee von Feinden gegen�ber. Sie konnte das Entsetzen des halben Dutzend Reiter fast k�rperlich nachempfinden.</p><p>Odo machte eine schnelle, weit ausholende Geste mit dem linken Arm, der den Schild hielt, und eine rasche Bewegung lief durch die Reihen der Tempelritter. Robin war nach wie vor nicht in der Lage, sich zu r�hren. Ihre Gedanken drehten sich immer schneller im Kreis. Sie hatte all das hundertfach ge�bt, kannte jedes Man�ver, jeden Befehl wie im Schlaf, und doch wusste sie pl�tzlich nicht mehr das Geringste. Es war ihr Pferd, das reagierte, nicht sie, als sich die Templer in einer raschen, fast spielerisch anmutenden Bewegung umgruppierten. Aus zwei Reihen gepanzerter Schlachtr�sser wurden vier, als die M�nner ihre Aufstellung �nderten, denn das Tal vor ihnen war viel zu schmal, um hundert Reitern nebeneinander Platz zu bieten. Die Reiter hielten jeweils einen Abstand von gut drei Pferdel�ngen zueinander, damit die nachr�ckenden Reiter Zeit hatten, zu reagieren, wenn der Mann vor ihnen st�rzte oder ein anderes, unvorhergesehenes Man�ver machte. Sie standen jetzt so dicht beieinander, dass sich ihre Knie ber�hrten. Robin roch den scharfen Schwei� der Pferde, lauschte dem Klopfen ihres eigenen, immer schneller schlagenden Herzens und versuchte ruhiger zu atmen. Es ging nicht. Unter dem Helm war es so hei�, dass sie hecheln musste, um �berhaupt noch Luft zu bekommen.</p><p>Die Sarazenen hatten ihre Tiere mittlerweile vollkommen zum Stehen gebracht, und Robin sah, wie sie sich heftig gestikulierend miteinander unterhielten. Seltsam - sie hatte nicht den Eindruck, dass sie Angst hatten. Jedenfalls nicht so viel, wie sie haben sollten.</p><p>Rechts von ihnen hob Odo abermals den linken Arm mit dem Schild, und auf der anderen Seite sagte Raimund rasch und mit scharfer, weithin verst�ndlicher Stimme: �Bleibt, wo Ihr seid, Odo! Ihr kennt den Befehl des K�nigs!�</p><p>Der Gro�meister des Templerordens senkte langsam, widerwillig, wie es Robin erschien, den Arm, und erneut lief eine kaum sp�rbare Welle der Bewegung durch die nun vier Reihen in Eisen und strahlendem Wei� gepanzerten Reiter. Ein winziger Teil der Anspannung, den Robin bisher gef�hlt hatte, wich. Aber nicht viel.</p><p>�Was tut dieser Feigling?�, murmelte Dariusz neben ihr. Er sprach nicht laut, und sein Helm d�mpfte und verzerrte seine Worte zus�tzlich, aber Robin war ihm nahe genug, um sie trotzdem zu verstehen. �Wir k�nnen sie ... sie nicht einfach entkommen lassen.�</p><p>�Niemand r�hrt sich!�, rief Graf Raimund noch einmal und noch lauter. Seine Stimme bebte vor Anspannung, auch wenn Robin ganz und gar nicht sicher war, wem diese Anspannung tats�chlich galt.</p><p>Die Sarazenen sa�en noch immer gute hundertf�nfzig oder zweihundert Schritte vor ihnen reglos in den S�tteln ihrer Pferde. Sie hatten aufgeh�rt, miteinander zu debattieren, und starrten f�r endlose Sekunden einfach nur zu ihnen hin. Dann, so pr�zise, als beobachtete Robin einen tausendfach einge�bten Tanz, rissen sie alle im gleichen Bruchteil eines Lidschlages ihre Pferde herum und sprengten in die Richtung zur�ck, aus der sie gekommen waren.</p><p>Vielleicht war es gerade diese eine, eigent�mliche Bewegung, die die Katastrophe ausl�ste. Robin sollte noch oft und vergebens dar�ber nachdenken, was es gewesen war, Absicht, ein blinder Reflex, vielleicht der Wille des Schicksals oder einfach nur Dummheit ... alles ging unglaublich schnell, und nachdem es einmal begonnen hatte, w�re vielleicht niemand mehr in der Lage gewesen, es noch aufzuhalten.</p><p>�Nein�, sagte Dariusz mit zitternder Stimme. �Das wird nicht geschehen!� Und damit riss er seine Lanze in die H�he, schwenkte sie so m�helos wie ein anderer Mann sein Schwert hoch �ber dem Kopf in der Luft und schrie mit vollem Stimmaufwand: <emphasis>�Gott will es!�</emphasis></p><p>Gleichzeitig sprengte er los. Robin bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Graf Raimund beinahe entsetzt mit beiden Armen zu gestikulieren begann, und sie glaubte auch seine Stimme zu h�ren, wie sie sich schrill und beinahe �berschlagend vergebens bem�hte, gegen den L�rm von achthundert Pferdehufen anzukommen, die praktisch gleichzeitig losgaloppierten.</p><p>Nichts davon zeigte irgendeine Wirkung. Auch Robins Pferd setzte sich vollkommen ohne ihr Zutun in Bewegung und fiel in den schnellen, kr�ftesparenden Trab, den Dariusz und die anderen einschlugen, und falls Odo und Ridefort vorgehabt hatten, ihren �bereifrigen Bruder zur�ckzuhalten, so gingen ihre Befehle im Dr�hnen der Hufschl�ge und dem <emphasis>Gott will es! </emphasis>unter, das die zweihundert Reiter aufnahmen und wie einen lauter und lauter werdenden Schlachtruf wiederholten, als sie, allm�hlich schneller werdend, auf den schmalen Ausgang des Tales zuritten. Die senkrecht aufstrebenden Felsen hallten wider vom Dr�hnen der Pferdehufe, dem Klirren von Stahl und dem an- und abschwellenden Schlachtruf.</p><p>Pl�tzlich schien f�r Robin alles unwirklich zu werden. Die Hitze unter dem Helm wurde immer unertr�glicher, ihr Herz h�mmerte wie verr�ckt, und sie versp�rte eine Furcht wie niemals zuvor im Leben, und dennoch erschien ihr all dies pl�tzlich sonderbar irreal, als w�re sie unversehens in einen Traum geraten, der sie einfach mit sich riss und aus dem aufzuwachen ihr vollkommen unm�glich war. Die W�nde des Tales flogen nur so an ihnen vor�ber, obwohl die Pferde noch l�ngst nicht ihr volles Tempo entwickelt hatten, dann hatten sie die Biegung erreicht, preschten herum - und aus dem Albtraum wurde etwas anderes, viel, viel Schlimmeres.</p><p>Nur ein Dutzend Schritte vor ihnen erweiterte sich der schmale Spalt im Felsen zu einer weiten, zum Flussufer hin sanft abfallenden Ebene, auf der es keine Felsen, sondern nur d�rres, von der Sonne verbranntes Gras und ein wenig k�rgliches Buschwerk gab.</p><p>Sie war schwarz von Reitern.</p><p>Robin h�tte vor Entsetzen beinahe laut aufgest�hnt. Sie hatte eine Hand voll sich in kopfloser Flucht befindender, geschlagener M�nner erwartet, doch was sich da vor ihnen befand, das war ein gewaltiges, nach Tausenden z�hlendes Reiterheer, und es befand sich nicht in kopfloser Aufregung und auf der Flucht, sondern ganz im Gegenteil in milit�risch pr�ziser Ausrichtung und bewegte sich <emphasis>direkt auf sie zu! </emphasis>Ihre Anzahl musste das Zehnfache ihrer eigenen betragen, wenn nicht mehr.</p><p>Hinter ihnen wurde eine schrille Stimme laut. Ohne langsamer zu werden, drehte Robin den Kopf und gewahrte einen einzelnen Reiter, der weit im Sattel nach vorne gebeugt herangeprescht kam und wie von Sinnen mit dem linken Arm gestikulierte. Es war Graf Raimund.</p><p><emphasis>�Odo von Saint-Amand!�, </emphasis>schrie er. <emphasis>�Ich befehle Euch, haltet ein! Zieht Euch zur�ck!�</emphasis></p><p>Robin glaubte nicht, dass der Gro�meister den Befehl des Grafen absichtlich missachtete. Viel mehr war sie nahezu sicher, dass er Raimunds Worte so wenig geh�rt, wie er ihn gesehen hatte, zumal Dariusz genau in diesem Moment eine weitere, befehlende Geste mit seiner Lanze machte, woraufhin die Templer abermals ihre Formationen �nderten und nun wieder in zwei hintereinander gestaffelten Reihen ritten und gleichzeitig schneller wurden. Raimund gestikulierte immer verzweifelter mit den Armen, versuchte mit aller Gewalt, schneller zu werden und w�re um ein Haar von der sich auseinander faltenden Schlachtreihe der Templer niedergeritten worden. Das Letzte, was Robin von ihm sah, war sein nerv�s zur Seite t�nzelndes Pferd, das ihn um ein Haar abgeworfen h�tte.</p><p><emphasis>�Gott will es!�, </emphasis>br�llte Dariusz und senkte seine Lanze.</p><p>Gleichzeitig wechselten die Pferde von schnellem Trab in einen rasenden Galopp, und das Reiterheer der Sarazenen schien ihnen regelrecht entgegenzuspringen.</p><p>Vielleicht einen halben Atemzug, bevor die beiden ungleichen Heere aufeinander prallten, sah Robin noch etwas anderes: Von rechts, aus der Richtung, aus der seit einer Stunde der Kampfl�rm zu ihnen gedrungen war, n�herten sich weitere Reiter. Es waren viele, wenn auch nur ein Bruchteil der gewaltigen Armee, der sie sich entgegenwarfen, und <emphasis>sie </emphasis>befanden sich in kopfloser panischer Flucht, verfolgt von einer ungleich gr��eren Anzahl bunt gekleideter, gepanzerter Reiter, die unter den wehenden Fahnen und Bannern der Christenheit heranst�rmte. Balduins Heer, das Faruk Schahs geschlagene Truppen vor sich herjagte. Wer aber waren die Krieger, auf die <emphasis>sie </emphasis>gesto�en waren?</p><p>Robin kam nicht dazu, sich diese Frage noch einmal zu stellen. Sie hatten die Sarazenen erreicht. Instinktiv senkte sie ihre Lanze und hielt sie mit aller Kraft fest, w�hrend sie gleichzeitig den linken Arm mit dem Schild h�her hob, die F��e in die Steigb�gel stemmte und sich gegen den erwarteten Anprall wappnete.</p><p>Irgendetwas traf ihren Schild und prallte mit einem h�sslichen Ger�usch, das sich als vibrierender Schmerz durch ihren Arm bis in die Schultern hinauf fortpflanzte, von dem harten Holz ab. Gleichzeitig sp�rte sie, wie ihre Lanze auf Widerstand stie�, mit solcher Kraft, dass sich das harte Holz durchbog und den Bruchteil eines Atemzuges sp�ter einfach zersplitterte.</p><p>Um ein Haar h�tte sie schon dieser allererste Zusammenprall aus dem Sattel geworfen. Es war einzig ihr Pferd, das sie weiterriss, und kaum mehr als schieres Gl�ck, dass die Schlacht f�r sie nicht schon in den ersten Sekunden zu Ende war.</p><p>Fast h�tte sie sich gew�nscht, sie w�re es.</p><p>Das Templerheer war auf breiter Front in die Flanke der Sarazenen geprallt, und es war, als w�re der Sturm in ein Kornfeld gefahren. Die Reihen der Sarazenen wankten nicht - sie zerbarsten einfach wie der aus Pergament gefertigte Spielzeugschild eines Kindes unter dem Hieb eines Panzerhandschuhs. Im ersten Moment nahm nicht einmal ihr Tempo merklich ab. Die kaum gepanzerten Sarazenen auf ihren kleineren und leichteren Pferden hatten keine Chance gegen die Tempelritter auf ihren gewaltigen Schlachtr�ssern. Sie wurden einfach niedergeritten. Rings um sie herum b�umten sich Pferde auf, st�rzten M�nner aus den S�tteln oder brachen mit ihren Tieren zusammen, und mehr als ein Sarazene wurde einfach unter den Hufen der gewaltigen Schlachtr�sser zu Tode getrampelt.</p><p>Und w�hrend die Speerspitze der christlichen Reiter tiefer und tiefer in das muselmanische Heer eindrang und dabei immer noch nicht sp�rbar an Tempo verlor, ging eine fast unheimliche Ver�nderung mit Robin vonstatten.</p><p>Ihr linker Arm schmerzte noch immer, und ihr Herz schlug schneller und h�rter als zuvor, aber pl�tzlich hatte sie keine Angst mehr. �berall rings um sie herum tobten erbitterte K�mpfe, schlug Stahl auf Stahl oder Fleisch, starben M�nner und Tiere, und sie war sich vollkommen der Gefahr bewusst, in der sie schwebte, und dennoch f�hlte sie sich zugleich auf eine sonderbare Weise fast unverwundbar. Es war, als w�re sie nicht mehr allein nur noch sie selbst, sondern zugleich Teil von etwas anderem und Gr��erem. Sie waren die Speerspitze des Christentums, die Faust Gottes, die die Feinde der Christenheit zerschmettern w�rde, ganz gleich, wie fanatisch sie sie auch zu bek�mpfen versuchten.</p><p>Dann traf ein furchtbarer Schlag ihren Schild und lie� sie vor Schmerz aufschreien. Robins Pferd b�umte sich auf, und ein zweiter, noch h�rterer Schlag traf ihren Schild und spaltete ihn, ohne dass er tats�chlich in St�cke brach. Aus dem Schmerz, der ihren Arm ergriffen hatte, wurde ein Gef�hl dumpfer Bet�ubung, das alle Kraft aus der linken Seite ihres K�rpers zu saugen schien, und prompt und selbstverst�ndlich im unpassendsten aller nur denkbaren Augenblicke meldete sich eine gute alte Bekannte zur�ck: die �belkeit. Robin wankte im Sattel, sah einen verschwommenen, riesigen Umriss neben sich aufragen und wartete auf den dritten Hieb, der alles beenden w�rde. T�dlicher Stahl zuckte in einer rasend schnellen Bewegung auf sie herab. Irgendwie gelang es ihr trotz allem noch einmal, den linken Arm in die H�he zu rei�en, aber sie wusste auch, dass der zerbrochene Schild sie nicht mehr sch�tzen konnte.</p><p>Und dann war pl�tzlich ein zweiter, riesiger Reiter neben ihr. Stahl prallte auf Stahl. Funken stoben, als Dariusz� Schwert gegen die Klinge des Sarazenen prallte und sie beiseite schlug. Praktisch im gleichen Augenblick stie� er auch mit dem linken Arm zu. Sein Schildschlag schleuderte den Angreifer aus dem Sattel und war sogar noch wuchtig genug, selbst sein Pferd straucheln zu lassen.</p><p>�Alles in Ordnung, Bruder Robin?�</p><p>Robin brachte nicht mehr als ein angedeutetes Kopfsch�tteln zustande, aber das schien Dariusz vollkommen zu gen�gen, denn er zwang sein Pferd mit einem brutalen Ruck herum und st�rzte sich mit hoch erhobenem Schwert erneut in den Kampf, und auch Robin sch�ttelte ihre Benommenheit m�hsam ab. Selbst die �belkeit legte sich, auch wenn sie nicht ganz verschwand, und ein bitterer Geschmack nach Galle und Blut blieb auf ihrer Zunge zur�ck.</p><p>Mittlerweile hatte der Angriff der Templer doch an Schwung verloren, und �berall waren erbitterte Einzelgefechte ausgebrochen, bei denen sich ihre Ordensbr�der nur zu oft gegen zwei, drei oder gar vier Feinde gleichzeitig verteidigen mussten, und es w�ren wahrscheinlich noch mehr gewesen, h�tte der Platz dazu nur gereicht. Dennoch gewannen die Tempelritter nahezu jedes Duell. Ihre Gegner k�mpften ebenso verbissen wie tapfer, aber ihre Krumms�bel und Speere schienen fast wirkungslos von den schweren R�stungen der christlichen Ritter abzuprallen, w�hrend die breiten Klingen der Templer grausam unter ihren Feinden w�teten, deren einfache M�ntel und Burnusse ihnen praktisch keinen Schutz vor den m�chtigen Schwertern der Templer boten; ebenso wenig wie ihre runden Schilde, die meist schon unter dem ersten ernst gemeinten Hieb zerbrachen. Robin gewahrte nur ein einziges, reiterloses Pferd im Wei� und Rot der Tempelritter.</p><p>Und dennoch: Ihr Vormarsch war zum Stehen gekommen, und ihre Br�der fielen m�glicherweise nur vereinzelt unter den Hieben der Sarazenen - aber sie <emphasis>fielen, </emphasis>und die �bermacht der Feinde war gewaltig.</p><p>Irgendetwas prallte gegen ihr Bein. Es war kein Angriff, sondern nur ein hochgewirbelter Stein oder Erdbrocken. Es tat nicht einmal weh, aber der Schlag riss Robin endg�ltig in die Wirklichkeit zur�ck. Obwohl sie sich noch immer fast an vorderster Front des Templerheeres befand, hatte sie doch in den letzten Augenblicken niemand angegriffen - zu ihrem Gl�ck. W�re es geschehen, w�re sie jetzt tot.</p><p>Aber das w�rde nicht mehr allzu lange so bleiben, wie sie voller Entsetzen begriff. Der Angriff der Templer war nicht nur zum Stillstand gekommen. Die Sarazenen griffen nun ihrerseits an, und obwohl die Schwerter der Kreuzritter weiter grauenhaft unter ihnen w�teten, st�rmte doch Welle auf Welle heran, und die Reihen der Templer begannen allm�hlich unter dem unbarmherzigen Druck zu wanken. Noch hielten sie stand - aber wie lange noch?</p><p>Robin lie� die zerbrochene Lanze fallen, die sie nach wie vor in der rechten Hand hielt, und zog stattdessen das Schwert. Die Waffe kam ihr doppelt so schwer vor wie noch am Morgen, als sie sie eingesteckt hatte, und die Luft unter dem Helm war so hei�, dass sie zu ersticken glaubte. Die Atemnot sch�rte ihre Angst noch. Wieder griff Panik nach ihrem Herzen. Sie wollte nicht k�mpfen. Sie wollte nicht <emphasis>t�ten, </emphasis>und sie wollte auch nicht get�tet werden. Wo war Dariusz? Warum war Salim nicht hier, um sie zu besch�tzen?</p><p>Sie sah keinen von beiden, doch daf�r gewahrte sie nicht weit von sich entfernt das flatternde schwarzwei�e Baussant, und unmittelbar daneben Marschall Ridefort, der wie ein Berserker focht und sich gegen eine erdr�ckende �bermacht von Angreifern hielt. Von Odo war keine Spur zu sehen, und auch Dariusz war irgendwo im Kampfgew�hl verschwunden. Daf�r schienen immer mehr und mehr Sarazenen auf Ridefort und seinen Begleiter einzudringen, als h�tten sie das heilige Banner der Templer erkannt und versuchten nun, es um jeden Preis zu erobern.</p><p>Und schlie�lich kam es, wie es kommen musste. Das schwarzwei�e Banner wankte, als der Reiter unter dem Anprall von gleich zwei Feinden erzitterte. Ridefort l�ste sich von dem Gegner, mit dem er gerade focht, und schlug einen der M�nner mit einem wuchtigen Hieb aus dem Sattel. Der andere senkte seine Lanze und rammte sie mit aller Gewalt gegen die Brust des Bannertr�gers. Der Wappenrock des Ritters hing schon lange in Fetzen, doch das schwere Kettenhemd, das er darunter trug, fing den t�dlichen Sto� ab. Der Reiter wankte im Sattel, aber die Lanze vermochte das engmaschige Kettengeflecht nicht zu durchdringen. Stattdessen brach ihre Spitze ab. Der Speer schrammte mit einem h�sslichen Laut �ber das Kettenhemd nach oben, fand - ob gezielt oder durch einen grausamen Zufall - den schmalen Spalt zwischen Kettenhemd und Helm und bohrte sich hinein. Der Reiter kippte im Sattel nach hinten. Ein Sturzbach von sonderbar hellrotem Blut ergoss sich unter dem Rand seines Helmes hervor und besudelte sein zerrissenes Gewand. Einen Moment lang klammerte sich seine Hand noch im Todeskampf an das Sattelhorn, dann verlie�en ihn seine Kr�fte, er kippte zur Seite und lie� das Banner fallen.</p><p>Ridefort schrie auf, als h�tte der Speer ihn selbst durchbohrt, und warf sich mit einer fast verzweifelt wirkenden Bewegung vor, um das st�rzende Banner aufzufangen, und beinahe h�tte er es sogar geschafft. Seine Finger verfehlten die Lanze, die der Hand des sterbenden Ritters entglitt, nur um Haaresbreite, aber sie <emphasis>verfehlten </emphasis>sie. Die Lanze st�rzte, und das Baussant flatterte noch einmal wie ein Fanal des Untergangs und verschwand dann hinter dem pl�tzlich reiterlosen Pferd seines bisherigen Tr�gers.</p><p>Ridefort schrie noch einmal und noch gellender auf, war mit einem gewaltigen Satz aus dem Sattel und auf der anderen Seite des bockenden Pferdes und fiel auf die Knie, um das Banner aufzuheben, doch der Zwischenfall war nicht unbemerkt geblieben. Pl�tzlich drangen von �berall her Sarazenen auf ihn ein, um ihm die heilige Fahne des Templerordens zu entrei�en. Ridefort verschaffte sich mit zwei, drei wuchtigen Schwerthieben Luft, und auch einige andere Templer lie�en von ihren Gegnern ab, um dem Marschall und vielmehr noch dem Baussant zu Hilfe zu eilen, doch das Banner flatterte ein zweites Mal zu Boden, bevor Ridefort es endg�ltig ergreifen und festhalten konnte, und aus den Reihen der Sarazenen erhob sich ein tausendstimmiges Triumphgeheul.</p><p>Sp�ter sollte Robin klar werden, dass dies der Moment war, in dem der Angriff endg�ltig zusammenbrach. Es gab keinen Grund daf�r. Ridefort hatte das Banner l�ngst wieder ergriffen und reckte es trotzig in die H�he, aber die Sarazenen hatten es zweimal fallen sehen, und dieser Anblick schien sie mit neuer, wilder Kraft zu erf�llen. Robin konnte <emphasis>sp�ren, </emphasis>wie der Ansturm des Templerheeres erlahmte wie eine Welle, die sich unversehens an einem Felsen brach, und das gesamte Heer dann wie ein einziger, riesiger K�rper erzitterte, als sich die Sarazenen zu Tausenden gegen sie warfen. Wieder hielten die gewaltigen Schwerter der Tempelritter furchtbare blutige Beute unter den Angreifern, doch die feindliche �bermacht war einfach zu gro�. Ein Ritter nach dem anderen fiel aus dem Sattel oder wurde mitsamt seinem Pferd niedergeworfen, und f�r jeden Gegner, den sie erschlugen, schienen drei neue wie aus dem Nichts aufzutauchen.</p><p>�Haltet stand�, schrie Ridefort und schwenkte fast verzweifelt seine Fahne. �F�r Gott und den K�nig! Weicht nicht zur�ck! <emphasis>Gott will es!�</emphasis></p><p>Aber vielleicht h�tte nicht einmal mehr Gott selbst die Niederlage abwenden k�nnen. Wenn er tats�chlich in diesen Kampf eingriff, dann tat er es auf der falschen Seite. So unaufhaltsam, wie die st�hlerne Faust der Tempelritter vor wenigen Augenblicken unter die Sarazenen gefahren war, so unaufhaltsam wurden sie nun zur�ckgetrieben. Und als h�tte das Schicksal entschieden, dass ihre Atempause schon viel zu lange gew�hrt hatte, fand sich auch Robin pl�tzlich im schlimmsten Kampfget�mmel wieder.</p><p>Vielleicht �berlebte sie die folgenden Minuten nur, weil es eben kein ritterlicher Kampf Mann gegen Mann war, wie sie ihn erwartet hatte, sondern ein brutales, blutiges Gemetzel ohne Regeln oder Plan, ein w�stes Hauen und Stechen, bei dem jeder gegen jeden k�mpfte und Hiebe, Stiche und St��e nahezu ziellos austeilte. Robin erinnerte sich hinterher nicht mehr wirklich an Einzelheiten, und sie h�tte es auch nicht gewollt. In ihrer Erinnerung verschmolzen die Minuten, in denen der Angriff des Templerheeres endg�ltig zusammenbrach und aus dem Stolz der Christenheit ein zerschlagener Haufen fl�chtender, verzweifelter M�nner wurde, der ums nackte �berleben k�mpfte, zu einem einzigen Albtraum aus L�rm und Schmerz und Gestank und Furcht, aus tanzenden Schatten und blitzendem Metall, aus sterbenden M�nnern und zusammenbrechenden Pferden und dem Gestank von Blut.</p><p>Robin schlug und hackte verzweifelt um sich, traf und wurde getroffen. Etwas schrammte an ihrem R�cken entlang und konnte ihr Kettenhemd zwar nicht durchdringen, hinterlie� aber dennoch eine Linie aus brennendem Schmerz, der ihr die Tr�nen in die Augen trieb. Ein harter Schlag warf sie um ein Haar aus dem Sattel. Robin fing sich im letzten Moment wieder, zwang ihr Pferd herum und sah sich unversehens einem riesigen Krieger mit wehendem Mantel und einem blitzenden kupferfarbenen Pickelhelm gegen�ber, dessen Krumms�bel auf ihren Hals zielte. Verzweifelt versuchte sie, ihr eigenes Schwert in die H�he zu rei�en, und sp�rte, dass sie nicht schnell genug sein w�rde, aber im allerletzten Moment kam irgendwo aus dem Kampfget�mmel hinter ihr ein Speer herangeflogen und durchbohrte den Sarazenen. Der Krieger warf die Arme in die Luft und kippte r�cklings aus dem Sattel, und Robin riss ihr Pferd herum und sprengte los, ohne weiter als ein halbes Dutzend Schritte zu kommen.</p><p>Erneut prallte irgendetwas so hart gegen sie, dass sie sich nur noch mit verzweifelter Kraft im Sattel halten konnte. Ihr Pferd b�umte sich auf und h�tte sie zus�tzlich beinahe abgeworfen. Die tobende Gewalt, die �berall rings um sie herum explodierte, die Schreie und der Gestank nach Blut und Tod machten das Tier fast wahnsinnig. �berall wurde gek�mpft und starben Menschen, aber sie wusste nicht mehr, wer gegen wen k�mpfte oder warum, wer Freund oder Feind war. Pl�tzlich war alles sinnlos geworden. Sie wollte nicht mehr k�mpfen. Sie <emphasis>konnte </emphasis>nicht mehr k�mpfen. Sie wollte kein Ritter mehr sein. Sie wollte nur noch hier weg. Panik griff nach ihren Gedanken und fegte auch noch den allerletzten Rest von Vernunft davon. Sie sprengte blindlings los und prallte so wuchtig gegen einen Sarazenen, dass dessen Tier strauchelte und seinen Reiter abwarf. Er stand nicht wieder auf, sondern wurde zu Tode getrampelt, und auch Robin h�tte um ein Haar den Halt verloren und w�re gest�rzt, was auch f�r sie einem sicheren Todesurteil gleichgekommen w�re. Wer in diesem Zusammenprall zweier gewaltiger Reiterheere vom Pferd fiel, bekam nie wieder Gelegenheit aufzustehen.</p><p>Aber auch so rechnete sie sich kaum noch Chancen aus, das Schlachtfeld lebend zu verlassen. Warmes Blut lief �ber ihren R�cken und ihre Schulter. Sie war verletzt, sie wusste nicht, wie schlimm, und seltsamerweise hatte sie keine Schmerzen, aber sie sp�rte, wie ihre Kr�fte immer mehr und mehr schwanden. Wenn sie das n�chste Mal angegriffen wurde, w�rde sie vielleicht nicht einmal mehr die Kraft haben, ihr Schwert zu heben. Sie wusste nicht einmal, ob sie es wollte. Vielleicht war der Tod die schnellste M�glichkeit, dieser H�lle zu entkommen. Das war nicht die heroische Schlacht, die sie sich vorgestellt hatte. Es war einfach nur Wahnsinn. Ihre Angst war so schlimm geworden, dass sie k�rperlich wehtat. Es musste doch irgendwann einmal <emphasis>vorbei </emphasis>sein!</p><p>Doch es war nicht vorbei. Robin wurde ganz im Gegenteil wieder angegriffen, und diesmal von zwei Reitern zugleich. Fast zu ihrem eigenen Erstaunen gelang es ihr, das Schwert hochzurei�en und nicht nur den Speer beiseite zu schlagen, mit dem einer der M�nner nach ihr stocherte, sondern ihn auch aus der gleichen Bewegung heraus schwer genug zu treffen, um ihm die Lust auf einen weiteren Angriff zu nehmen, aber praktisch im gleichen Moment landete der andere einen f�rchterlichen Schwerthieb gegen ihren Hinterkopf. Die Klinge vermochte den schweren Eisenhelm nicht zu durchdringen, aber der Schlag war so gewaltig, dass Robin nach vorne geworfen wurde und ihr das Blut aus Nase und Mund schoss. Sie hatte noch immer keine Schmerzen, doch ihr Sch�del dr�hnte, als wolle er zerplatzen, und auch der letzte Rest von Kraft wich aus ihren Gliedern. Hilflos brach sie �ber dem gepanzerten Hals ihres Pferdes zusammen. Das Schwert entglitt ihren Fingern und fiel zu Boden, und alles begann vor ihren Augen zu verschwimmen. Dennoch sah sie, wie der Sarazene zu einem zweiten und diesmal mit Sicherheit t�dlichen Hieb ausholte. Sie hatte keine Kraft mehr, sich zu wehren, aber sie war trotz allem zu stolz, um die Augen zu schlie�en und auf den Tod zu warten.</p><p>Gerade als sie sicher war, mit dem n�chsten Atemzug die Antwort auf die Frage zu bekommen, ob es Gott nun gab oder nicht, tauchte ein weiterer Sarazene hinter dem Angreifer auf und stie� ihm sein Schwert in den R�cken. Der Mann kippte wie vom Blitz getroffen aus dem Sattel, und Robin starrte aus fassungslos aufgerissenen Augen zu der vollkommen in Schwarz gekleideten Gestalt hoch, die sie im allerletzten Moment gerettet hatte. Sie verstand nicht, was sie sah. Es war unm�glich, und es machte keinen Sinn.</p><p>Der Reiter verharrte einen Moment vollkommen reglos und starrte auf sie herab, dann zwang er sein Pferd mit einem raschen Schenkeldruck herum und ritt an ihre Seite. Noch immer vollkommen verst�ndnislos sah Robin zu, wie er sich im Sattel vorbeugte und das Schwert aufhob, das sie fallen gelassen hatte.</p><p>�Das war jetzt das zweite Mal, kleines M�dchen�, sagte er, w�hrend er ihr die Waffe mit dem Griff voran reichte. �Vielleicht gestehst du dir allm�hlich ein, dass ein Schlachtfeld kein Spielplatz ist. Ich werde vielleicht nicht immer da sein, um dir das Leben zu retten.�</p><p>Robin griff ganz instinktiv nach der Waffe, aber sie registrierte die Bewegung kaum. Ihr Blick saugte sich am schmalen Ausschnitt des Gesichtes des Sarazenen fest, den sie erkennen konnte; ein kaum fingerbreiter Streifen �ber Nasenwurzel und Augen. Augen, die ...</p><p>Aber das war doch unm�glich! �Salim?�, murmelte sie. �Aber wie ...?�</p><p>�Verschwinde endlich!�, unterbrach sie Salim. �Ich versuche, dich zu decken, aber selbst den Zauberkr�ften eines Assassinen sind Grenzen gesetzt.�</p><p>Robin richtete sich taumelnd im Sattel auf und versuchte ganz instinktiv, sich mit dem Handr�cken �ber das Gesicht zu fahren, um das Blut wegzuwischen, das noch immer aus ihrer Nase lief, doch ihr Kettenhandschuh scharrte nur nutzlos �ber den eisernen Helm. �Salim?�, murmelte sie abermals. �Aber wieso ...�</p><p>Sie richtete sich mit einem Ruck endg�ltig auf. �Komm mit mir!�</p><p>Salim lachte rau. �Was f�r eine gro�artige Idee. Damit wir uns aussuchen k�nnen, welche von beiden Seiten uns umbringt?� Er machte eine zornige Handbewegung. �Jetzt reite endlich! Wir treffen uns im Lager. Falls genug von euch �brig bleiben, um ein Lager aufzuschlagen, hei�t das.�</p><p>Robin verstand das so wenig wie das meiste andere, was er ihr in den letzten Augenblicken gesagt hatte, doch Salim lie� ihr keine Zeit, eine weitere Frage zu stellen, sondern riss sein Pferd herum und war im n�chsten Moment im Schlachtget�mmel verschwunden. Robin starrte ihm noch einen Herzschlag lang wie gel�hmt nach, aber dann zwang sie ihr Pferd herum und tat, was er ihr geraten hatte.</p><p>Sie floh.</p></section><section><title><p>17. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Noch vor einer Stunde h�tte sie den blo�en Gedanken emp�rt von sich gewiesen, feige davonzurennen, aber sie war nicht die Einzige; aus dem widerwilligen Zur�ckweichen der Templer war l�ngst eine planlose Flucht geworden, die allm�hlich auch vom Rest der christlichen Truppen Besitz ergriff. Robin konnte nicht sagen, wer zuerst gewichen war, Raimunds Reiterei oder die Templer, aber es spielte auch keine Rolle: Die Schlacht war entschieden, und nicht nur Odos Truppen wichen zur�ck. Nur eine Hand voll Unbelehrbarer hatte sich um Ridefort geschart, der noch immer unersch�tterlich das Baussant in die H�he reckte, und so gewaltig die �bermacht auch war, an dieser Stelle zumindest hielten sie stand. Fahne und Reiter ragten wie ein Fels aus blutbeflecktem Wei� und besudeltem Silber aus einem kochenden Meer schwarzer M�ntel und Turbane und blitzender Pickelhauben und Speere, und �ber ihnen flatterte trotzig das schwarzwei�e Banner im Sturm, das die Schlacht entfesselt hatte.</p><p>Einen ganz kurzen Moment lang �berlegte Robin sogar ernsthaft, sich ihnen anzuschlie�en, und m�glicherweise h�tte sie es sogar getan, w�re es nicht ausgerechnet Ridefort gewesen, der das H�ufchen Unerschrockener anf�hrte. Aber sie verwarf diesen Gedanken fast ebenso schnell wieder, wie er ihr gekommen war. Er war nur noch ein schwaches Echo von etwas gewesen, woran zu glauben man sie gelehrt hatte; Gewohnheit, keine �berzeugung mehr. Salim hatte Recht gehabt, dachte sie bitter. Trotz allem, was sie zu wissen geglaubt hatte, hatte sie die bevorstehende Schlacht vor allem als gro�es, aufregendes Abenteuer gesehen. Aber an diesem Grauen erregenden Gemetzel war nichts Abenteuerliches. Die Welt, in der sie noch vor einer Stunde gelebt hatte, hatte nichts mehr mit der gemein, durch die sie nun torkelte. Nichts war so, wie es sein sollte. Alles, woran sie je geglaubt hatte, was ihr je wichtig gewesen war, war zerbrochen, in St�cke gerissen und mit den Schreien der Sterbenden verweht. <emphasis>... </emphasis>Sie wollte nur noch weg hier.</p><p>Aber wohin? Je weiter sie sich dem Rand des Schlachtfeldes n�herte, desto auswegloser erschien ihr ihre Lage. Die Schlacht hatte l�ngst um sich gegriffen wie ein Feldbrand, der au�er Kontrolle geraten war.</p><p>Die fl�chtenden Truppen waren auf das siegreiche Heer Balduins gesto�en und rissen es einfach mit sich, und die Sarazenen setzten nach und l�sten das ganze Heer der Christen im Chaos auf. Robin hatte l�ngst die Orientierung verloren. �ber dem Schlachtfeld brodelte der Staub so heftig, als ritte sie durch dichten Nebel, und die k�mpfenden Gestalten ringsum schienen sich mehr und mehr in unheimliche Schatten zu verwandeln, die wie Gespenster aus den wirbelnden Schwaden auftauchten und wieder darin verschwanden. Robins Nase blutete noch immer und machte ihr das Atmen schwer, und Staub und Schwei� brannten in ihren Augen und machten sie fast blind. Zum Feldlager, hatte Salim gesagt. Aber in welcher Richtung lag es? Pl�tzlich wurde ihr klar, dass sie sich inmitten der beiden ineinander verkeilten Heere hoffnungslos verirrt hatte. Sie wusste nicht mehr, wo sie war, und noch viel weniger, wohin sie sich wenden sollte. Ringsum herrschte unbeschreiblicher L�rm. Fliehende jammerten in Panik, Ritter versuchten Befehle zu br�llen, die niemand mehr h�rte, Verwundete und Sterbende schrien ihr Leid heraus, ver�ngstigte Pferde wieherten. �berall ert�nte Schwertergeklirr, und die Luft war br�tend hei� und dazu so voller Staub, dass sie kaum noch atmen konnte.</p><p><emphasis>�Bruder Robin! Hier!�</emphasis></p><p>Im gleichen Moment, in dem die Stimme verzerrt und schrill durch das Schreien und den Schlachtenl�rm an ihr Ohr drang, prallte irgendetwas mit einem dumpfen Schlag gegen ihre Seite. Robin wischte den Pfeil weg, der sich im Geflecht ihres Kettenhemdes verfangen hatte, ohne es durchdringen zu k�nnen, und hielt, von einer wilden Hoffnung erf�llt, nach dem Besitzer der Stimme Ausschau, die ihren Namen gerufen hatte. Etwas Wei�es und Silbernes blitzte irgendwo links von ihr auf und verschwand wieder, und noch einmal glaubte sie zu h�ren, wie ihr Name gerufen wurde.</p><p>Ein zweiter, diesmal besser gezielter Pfeil flog so dicht an ihrem Helm vorbei, dass sie tats�chlich das Ger�usch h�ren konnte, mit dem sein gefiedertes Ende an dem Eisen vorbeistrich. Robin duckte sich, zwang ihre scheuende Stute herum und sprengte auf die Insel aus aufblitzendem Wei� und schimmerndem Metall zu, die inmitten des Chaos vor ihr brodelte.</p><p>Es war nicht Salim. F�r einen winzigen, von wilder Hoffnung erf�llten Moment glaubte sie eine gedrungene Gestalt zu erkennen, die ein m�chtiges Bastardschwert schwang, dann riss der Vorhang aus Staub und tanzenden Schatten auf, und eine eisige Hand schien nach Robins Herz zu greifen und es zusammenzudr�cken, als sie erkannte, dass es auch nicht Bruder Abb� war, der ihren Namen gerufen hatte. Vor ihr erhob sich eine Festung aus lebenden K�rpern und Eisen, �ber der trotzig ein schwarzwei�es Banner flatterte. Im allerersten Moment dachte sie, es w�re Ridefort gewesen, der sie erkannt und ihren Namen gerufen hatte, dann jedoch erblickte sie die riesige, breitschultrige Gestalt, die unmittelbar neben dem Ordensmarschall im Sattel eines gewaltigen Streitrosses sa� und ihr zuwinkte. Dariusz?, dachte sie verwirrt. Ganz egal, was auch immer er ihr zu Beginn der Schlacht gesagt hatte: Warum sollte sich <emphasis>Dariusz </emphasis>in einem solchen Moment wie diesem um sie sorgen?</p><p>Die Reihen der Templer teilten sich, als sie n�her kam, um sie hindurchzulassen, und Robins Pferd griff fast ohne ihr Zutun schneller aus. Keuchend vor Ersch�pfung und nicht mehr in der Lage, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen, langte sie neben Dariusz� und dem Marschall an und starrte verst�ndnislos in die dunklen Augen des grauhaarigen Tempelritters, die sie durch den schmalen Sehschlitz seines Helmes mit einem Ausdruck wirklicher Sorge musterten. Robin versuchte erst gar nicht, dieser Erkenntnis irgendeinen Sinn abzugewinnen - aber Dariusz� Blick machte ihr klar, dass er tats�chlich <emphasis>Angst </emphasis>um sie gehabt hatte und nun sehr erleichtert war, sie lebend und unversehrt wiederzusehen. Sie wollte etwas sagen, doch Dariusz schnitt ihr mit einer groben Bewegung das Wort ab und bedeutete ihr mit einer zweiten, eindeutig befehlenden Geste, hinter ihm und Ridefort Aufstellung zu nehmen. Als sie gehorchte und ihr Pferd an ihm vorbeilenkte, griff er wortlos zu und pfl�ckte zwei abgebrochene Pfeile aus ihrem Kettenhemd; Robin hatte nicht einmal bemerkt, dass sie getroffen worden war.</p><p><emphasis>�Bleib hinter mir!�, </emphasis>schrie Dariusz. <emphasis>�Ganz egal, was passiert!�</emphasis></p><p>Robin h�tte gar nicht anders gekonnt, als seinem Befehl Folge zu leisten. Es mochten gute zwei Dutzend Ritter sein, die sich um Ridefort und das Baussant geschart hatten, und der Druck der von allen Seiten auf sie einst�rmenden Angreifer wurde so gro�, dass sich ihre Pferde kaum noch bewegen konnten, selbst wenn sie es gewollt h�tten.</p><p>Dennoch wurden sie Schritt f�r Schritt zur�ckgedr�ngt. Robin duckte sich, als sie einen Schatten aus den Augenwinkeln heraus auf sich zufliegen sah. Der Speer verfehlte sie, traf den Ritter hinter ihr und prallte wirkungslos an seiner R�stung ab; dennoch war seine Wucht so gewaltig, dass der Mann taumelte und aus dem Sattel gest�rzt w�re, w�re er nicht gegen den Reiter neben sich geprallt und von diesem aufgefangen worden. Und immer mehr und mehr Sarazenen st�rmten heran. Die Templer in ihren schweren R�stungen und auf ihren gepanzerten Pferden bildeten ein nahezu un�berwindliches Hindernis, an denen sich die Flut der s�belschwingenden Angreifer brach wie Meeresbrandung an einem un�berwindlichen Riff, und kaum einer der Angreifer �berlebte auch nur den ersten Zusammenprall. Doch ihre Zahl schien unersch�pflich, und statt sie einzusch�chtern oder gar in die Flucht zu schlagen, schien ihnen der Anblick der flatternden schwarzwei�en Fahne nur immer mehr Kraft und Kampfeswillen zu verleihen. Langsam, aber unbarmherzig, Schritt f�r Schritt und eine schreckliche Spur aus toten und sterbenden M�nnern und verwundeten Tieren und zerbrochenen Waffen und blutgetr�nkten Kleidern zur�cklassend, wurden Ridefort und sein kleines H�ufchen unerschrockener Verteidiger zur�ckgedr�ngt. Auch ihre Zahl schmolz zusammen. Ganz langsam nur, aber sie wurden weniger.</p><p>Und schlie�lich zerbrach auch die lebende Festung, inmitten derer sich Ridefort, Dariusz und sie selbst befanden. Es war ein einzelner Reiter, der die Katastrophe ausl�ste. Robin sah, wie er zwei, drei wuchtige Schwerthiebe mit einem besonders hartn�ckigen Angreifer austauschte, der mit zwei Schwertern gleichzeitig und ohne Schild k�mpfte; eine Technik, die sie ein paar Mal auch bei Salim beobachtet hatte, und ihr Herz machte einen erschrockenen Sprung in ihrer Brust, als sie sah, dass der Reiter ganz in Schwarz geh�llt war und sich auch sein Gesicht hinter einem schwarzen Tuch verbarg, dann aber wurde ihr klar, dass er viel gr��er und deutlich �lter war als Salim. Der Tempelritter trieb den schwarz gekleideten Sarazenen, r�cksichtslos darauf vertrauend, dass seine schweren R�stungen die Schwerthiebe abwehren w�rde, vor sich her und verlie� dabei die geschlossene Reihe, die die gepanzerten Pferde bisher gebildet hatten.</p><p>Es war nicht nur sein Todesurteil.</p><p>Der brutalen Kraft seiner Hiebe hatte der Sarazene nichts entgegenzusetzen. Mit seinen beiden Schwertern gelang es ihm, die ersten zwei oder drei Schl�ge noch abzuwehren, dann zerschmetterte ein Hieb des gewaltigen Breitschwerts nicht nur seine Klinge, sondern grub sich auch tief in seine nur von d�nnem Stoff gesch�tzte Schulter. Der Mann st�rzte t�dlich getroffen vom Pferd, doch auch um den Ritter war es geschehen. Nicht mehr inmitten seiner Kameraden, war er dem Angriff von nahezu einem Dutzend Kriegern zugleich schutzlos ausgeliefert. Der Reiter verschwand einfach unter einer Flut heranst�rmender Gegner, und noch bevor er zusammenbrach, dr�ngten weitere Sarazenen heran und versuchten die L�cke zu verbreitern, die der Reiter in der Verteidigungslinie der Templer hinterlassen hatte. Mit dem Mut der Verzweiflung warfen sich die Ritter den Angreifern entgegen, doch diesmal nutzte ihnen alle Tapferkeit nichts mehr. Die L�cke verbreiterte sich, und die gesamte Formation begann zusammenzubrechen.</p><p>�Zur�ck!�, schrie Ridefort. �Zieht euch zur�ck! Alles zu mir! Verteidigt die Fahne!�</p><p>Seine M�nner versuchten es, aber die Formation, einmal im Auseinanderbrechen begriffen, war nicht mehr zu halten. Aus der lebenden Festung, als die er und seine Hand voll verbliebener Getreuer dem Ansturm des Sarazenenheeres bisher noch getrotzt hatten, wurde ein heilloses Durcheinander. Die bisher nahezu un�berwindliche geschlossene Formation zerfiel in Dutzende erbitterter Einzelk�mpfe und Handgemenge, in denen sich die erdr�ckende �berzahl der Gegner nun endg�ltig durchzusetzen begann.</p><p>Dennoch z�gerte Dariusz, seinem Befehl zu folgen. Sein Pferd t�nzelte so nerv�s auf der Stelle, dass er es mit einem brutalen Ruck am Zaumzeug zur Ruhe bringen musste. �Fliehen?�, keuchte er. �Wir sollen wie die Feiglinge vor diesen Heiden davonlaufen? Das kann nicht Euer Ernst sein, Marschall.�</p><p>�Das ist nicht nur mein Ernst, Bruder Dariusz�, antwortete Ridefort gereizt. �Das ist ein Befehl! Gehorcht!�</p><p>Dariusz riss sein Pferd herum, allerdings nur, um den Angriff eines Sarazenenkriegers abzuwehren, dem es gelungen war, die Reihen der Templer zu durchbrechen.</p><p>�Ich werde nicht feige davonlaufen!�, schrie er, noch bevor der getroffene Krieger vollends aus dem Sattel gesunken war. �Unsere Regeln ...�</p><p>�Unsere Regeln�, unterbrach ihn Ridefort, und seine Augen blitzten so w�tend auf, dass Robin es selbst hinter den schmalen Sehschlitzen seines Helmes noch erkennen konnte, �verbieten es uns nicht, unser Leben zu retten, wenn ein Kampf keine Aussicht auf Erfolg mehr hat, Bruder Dariusz! Im Gegenteil! Ich werde nicht die Leben tapferer M�nner sinnlos opfern, die wir sp�ter noch bitter brauchen! Begreift Ihr denn nicht, Ihr Narr?� Ridefort machte eine w�tende Geste mit dem Baussant in die Runde.</p><p>�Das sind nicht Faruk Schahs fl�chtende Truppen! <emphasis>Das ist Saladins ganzes verdammtes Heer! </emphasis>Sie haben uns eine Falle gestellt, und wir sind blind hineingerannt!�</p><p>Er wiederholte seine w�tende Bewegung mit der Lanze, an deren Ende das Banner flatterte. �Wir ziehen uns ins Tal zur�ck. Dort k�nnen wir uns zu einem neuen Angriff sammeln. Gehorcht Ihr, oder soll ich Euch Eures Kommandos entheben?�</p><p>Die Situation kam Robin mit jedem Atemzug bizarrer und unwirklicher vor. Sie befanden sich inmitten einer tobenden Schlacht, und diese beiden Ritter hatten nichts Besseres zu tun, als �ber die Auslegung ihrer Ordensregel zu streiten?</p><p>Und doch, so absurd es ihr auch vorkam, es vergingen noch einmal zwei oder drei endlose schwere Herzschl�ge, bis Dariusz schlie�lich sein Schwert senkte und widerwillig nickte. Doch obwohl sie sein Gesicht hinter dem schweren Helm nicht erkennen konnte, sp�rte sie doch, dass die Angelegenheit f�r ihn damit noch lange nicht erledigt war.</p><p>�Los!�, fuhr Dariusz sie an. �Du hast den Marschall geh�rt!�</p><p>Sie geh�rten mit zu den Letzten, die vor den heranst�rmenden Sarazenen zur�ckwichen. Obwohl sie nur ein kleines Gr�ppchen waren, eine Hand voll Reiter in einem Heer berittener Gestalten, erhob sich doch aus den Reihen der Sarazenen ein johlendes Triumphgeschrei, als das Baussant endlich herumschwenkte und sich dann zur�ckzog, und f�r einen winzigen Moment verstand Robin Dariusz beinahe. Es spielte keine Rolle, ob ein Dutzend Reiter mehr oder weniger auf dem Schlachtfeld war, doch das heilige Banner der Tempelritter zur�ckweichen zu sehen musste den Sarazenen ebenso viel Kraft geben, wie es den Templern und ihren Verb�ndeten nahm. Dennoch war Rideforts Entscheidung die einzig richtige gewesen. Aller Tapferkeit und Kraft zum Trotz h�tten sie dem Ansturm so oder so nur noch wenige Augenblicke standhalten k�nnen, und das Baussant <emphasis>fallen </emphasis>zu sehen h�tte eine noch ungleich verheerendere Wirkung auf die Kampfmoral der Truppen gehabt.</p><p>Falls es in dem nahezu in Aufl�sung begriffenen Heer noch so etwas wie Kampfmoral gab. Robin tat, was Dariusz ihr befohlen hatte, und versuchte sich m�glichst in seiner N�he zu halten, und nachdem die kleine Schlacht um das Baussant innerhalb der gro�en Schlacht vor�ber war, gesellten sich immer mehr und mehr Reiter zu ihnen, um ihren R�ckzug zu decken, doch sie hatte l�ngst den �berblick nicht nur �ber ihre eigene Lage, sondern auch den Verlauf der Schlacht verloren. So etwas wie eine Ordnung oder nach strategischen Gesichtspunkten vorgehende Truppenteile schien es nicht mehr zu geben. Es wurde einfach �berall rings um sie gek�mpft, und Robin konnte selbst nicht mehr sagen, welche Seite im Moment im Vorteil war oder ob �berhaupt eine. Sie glaubte zu sp�ren, dass es um die Sache der Christen nicht gut bestellt war, doch es konnte ebenso gut genau anders herum sein. Das Gel�nde zwischen dem Flussufer und dem Tal, in dem der so katastrophal beendete Angriff seinen Anfang genommen hatte, brodelte einfach vor Menschen. Hier und da bildeten sich kleine Inseln versprengter Fu�soldaten, die der Flut der Feinde standzuhalten - oder einfach ihr Leben zu retten - versuchten, indem sie sich R�cken an R�cken gegenseitig Deckung gaben oder in kleinen Gruppen zusammenfanden, um sich gegen den �berm�chtigen Feind zu stemmen, und zumindest um diese M�nner stand es tats�chlich nicht gut. Wer nicht einfach niedergeritten wurde, der wurde von den Sarazenen mit Schwertern, Keulen oder Speeren niedergemacht oder ging unter einem Hagel von Pfeilen zu Boden, und nur zu oft sah sie berittene Gestalten mit spitzen Helmen und runden Schilden, die fl�chtende Krieger wie die Tiere hetzten.</p><p>Sie erblickte jedoch auch immer wieder einzelne, gepanzerte Ritter, die sich gegen eine drei-, vier- oder auch f�nffache �bermacht hielten. Die meisten von ihnen fielen letztendlich doch, aber ihre schweren Waffen und die R�stungen, Helme und Schilde verlangten ihren Feinden einen f�rchterlichen Blutzoll ab. Wie immer die Schlacht letzten Endes auch ausgehen mochte, der Preis, den die Sarazenen daf�r bezahlen mussten, w�rde ungleich h�her sein als der ihrer Gegner.</p><p>Auch Robin wurde ununterbrochen angegriffen, und mindestens zweimal sp�rte sie einen harten Schlag, wenn ein weiterer Pfeil von ihrer R�stung abprallte. Vermutlich hatte sie es nur Dariusz zu verdanken, dass sie den R�ckweg zum Tal �berhaupt �berlebte; warum auch immer - er griff mindestens zweimal ein, um ihr beizustehen, als sie in Bedr�ngnis geriet, und vermutlich sogar �fter, ohne dass sie es bemerkte. In Robins Kopf �berschlugen sich die Gedanken viel zu sehr, als dass sie tats�chlich dar�ber nachdenken konnte, doch es schien, als h�tte sie in dieser Schlacht nicht einen, sondern gleich zwei Schutzengel.</p><p>Doch vielleicht war selbst das nicht genug.</p><p>Sie hatten das rettende Tal fast erreicht. Rings um sie herum wurde immer noch gek�mpft, aber l�ngst nicht mehr so heftig wie bisher, und vor ihnen lagen vielleicht noch hundertf�nfzig oder zweihundert Pferdel�ngen. Robin wollte gerade erleichtert aufatmen, als sie etwas sah, das ihr vor Entsetzen schier die Kehle zuschn�rte.</p><p>Die schmale Schlucht, die in das rettende Tal hineinf�hrte, war pl�tzlich nicht mehr leer. Reiter str�mten heraus. Hunderte, Aberhunderte von Reitern.</p><p>Aber es waren keine Templer, Johanniter oder christliche Ritter. Es waren Gestalten auf kleinen, schlanken Pferden, die spitze Helme und Rundschilde trugen und in bunte Burnusse geh�llt waren!</p><p>Neben ihr schrie Dariusz w�tend auf, und auch Ridefort br�llte irgendetwas, das sie nicht verstand, und die vielleicht sechzig oder siebzig Reiter, auf die ihre Anzahl mittlerweile wieder angewachsen war, schloss sich binnen eines einzigen Augenblickes wieder zu einer perfekt ausgerichteten, geraden Linie zusammen. Als g�be es die gewaltige �bermacht gar nicht, auf die sie zusprengten, nahmen die Reiter ihre typische Angriffsformation ein, und statt zu tun, worauf Robin instinktiv wartete, n�mlich ihre Tiere herumzurei�en und ihr Heil in der Flucht zu suchen, wurden sie pl�tzlich wieder schneller und senkten auf dem allerletzten St�ck ihre Lanzen.</p><p>Robin hatte keine Lanze mehr, und h�tte sie eine gehabt, es h�tte ihr nichts genutzt. Dariusz schlug pl�tzlich mit dem Schild zu und versetzte ihrem Pferd einen Hieb gegen den Hals, der es zwar nicht taumeln lie�, aber nachhaltig aus dem Tritt brachte, sodass sie ein kurzes St�ck zur�ckfiel und alle H�nde voll damit zu tun hatte, nicht abgeworfen zu werden, und diese winzige Zeitspanne reichte. Als Robin die Gewalt �ber ihr Tier zur�ckerlangt hatte, prallten die beiden Reitertrupps aufeinander.</p><p>Die Erde erzitterte. Es war, als f�hre ein gigantischer Hammer auf einen noch gigantischeren Amboss herab. F�r einen Moment schien die Welt aus nichts anderem als dem Krachen der aufeinander prallenden K�rper zu bestehen, und vor Robins ungl�ubig aufgerissenen Augen wiederholte sich das Wunder, dessen Zeuge sie schon einmal geworden war: Ungeachtet der gewaltigen �berzahl der Sarazenen schienen die Templer das feindliche Heer einfach zu zermalmen. Die schiere Wucht ihres Angriffes lie� die Reihen der Sarazenen einfach zusammenbrechen. Es waren <emphasis>Saladins </emphasis>Truppen, nicht die Tempelritter, die zur�ckwichen, und f�r einen ganz kurzen Moment sah es beinahe so aus, als sollte sich das Schlachtengl�ck noch einmal wenden. Und vielleicht w�re es Ridefort und seinen M�nnern tats�chlich gelungen, das Schicksal noch einmal herumzurei�en, allein durch den beispiellosen Mut seiner M�nner und ihren unbedingten Willen zu siegen, denn die Truppen, die sich ihnen entgegengeworfen hatten, wankten nicht nur, sie begannen <emphasis>zur�ckzuweichen, </emphasis>und Panik machte sich unter Mensch und Tier breit.</p><p>Pl�tzlich war es, als lege sich der Schatten einer riesigen Hand �ber das Schlachtfeld. Robin hob erschrocken den Blick. Auf den Felsen oberhalb des Talausgangs standen M�nner. Hunderte von M�nnern, die kurze, geschwungene Hornb�gen in den H�nden hielten. Und der Himmel war schwarz von Pfeilen. Ihr blieb gerade noch Zeit, den Arm mit dem zerbrochenen Schild in die H�he zu rei�en, aber nicht mehr, um wirklich zu begreifen, was geschah, bevor die Geschosse wie t�dlicher schwarzer Regen auf sie herunterzuprasseln begannen.</p><p>Keiner der aus gro�er Entfernung abgeschossenen Pfeile vermochte ihre R�stung oder ihren Helm zu durchschlagen, doch die pure Wucht der Geschosse riss ihren Arm zur�ck und warf sie im Sattel nach hinten, und so gut gesch�tzt sie auch sein mochte, ihr Pferd war es nicht. Das Tier schrie gequ�lt auf, als sich gleich vier oder f�nf Pfeile gleichzeitig durch seine Schabracke bohrten und tief und qu�lend in sein Fleisch bissen, stieg auf die Hinterl�ufe hoch und warf sie ab, und Robin konnte sich gerade noch mit einer verzweifelten Bewegung zur Seite rollen, um nicht unter dem sterbenden Pferd begraben zu werden. Seine im Todeskampf zuckenden Hufe streiften ihren Helm, und der Schlag war so gewaltig, dass ihr schwarz vor Augen wurde und sie einen Moment lang mit aller Kraft gegen die Bewusstlosigkeit k�mpfen musste.</p><p>Als sich die schwarzen und blutroten Schleier vor ihren Augen wieder verzogen, bot sich ihr ein Anblick, den sie nie wieder wirklich vergessen sollte. Sie hatte trotz allem Gl�ck gehabt. Dariusz� Sto� mit dem Schild hatte sie weit genug zur�ckgeworfen, sodass der Regen aus t�dlichen schwarzen Pfeilen sie nur gestreift hatte. Dariusz selbst und der Rest ihrer Ordensbr�der hatten weniger Gl�ck.</p><p>Hunderte, wenn nicht Tausende von Pfeilen regneten von der H�he der Felsen aus auf sie herab, trafen Ritter und Sarazenen, christliche und muslimische Pferde ohne Unterschied und verwandelte den bisher so unaufhaltsam erscheinenden Ansturm der Tempelritter in ein einziges Chaos aus zusammenbrechenden Pferden und st�rzenden Menschen. Robin beobachtete entsetzt, dass die allermeisten Pfeile Saladins eigene M�nner trafen, deren wollene M�ntel und Burnusse ihnen keinen Schutz vor dem Tod boten, der erbarmungslos aus dem Himmel auf sie herabregnete. Vielleicht blieb der Angriff der Templer einfach stecken, weil sie pl�tzlich �ber einen Berg aus zusammenbrechenden Pferden und M�nnern stolperten. Die verzweifelte Hoffnung, die sie f�r einen Moment noch gehabt hatte, wurde von einem Atemzug auf den anderen von Entsetzen und schierem Grauen abgel�st, als sich die Schlacht vor ihr in reines Chaos verwandelte.</p><p>Als der Pfeilregen nach der dritten oder vierten Salve aufh�rte, war kaum noch einer der Tempelritter im Sattel. Neun von zehn Pferden lagen tot oder sterbend am Boden, viele hatten ihre Reiter unter sich begraben, und nur einige wenige Tiere galoppierten reiterlos davon. Die Anzahl der Opfer unter Saladins Reitern musste ungleich gr��er sein, doch aus dem schmalen Tal str�mten immer noch mehr und mehr Sarazenen heran, f�r die die Templer nun, ohne ihre gewaltigen Schlachtr�sser, leichte Opfer sein mussten. Wie durch ein Wunder sah sie, wie sich Ridefort inmitten des Get�mmels aufrichtete und die schwarzwei�e Fahne der Templer schwenkte, und in der breitschultrigen Gestalt neben ihm erkannte sie niemand anderen als Dariusz, der mit einer fast trotzigen Bewegung seinen Schild hob und sich sch�tzend neben dem Ordensmarschall aufbaute.</p><p>Auch Robin taumelte m�hsam auf die F��e. Der zerbrochene Schild war beim Sturz vollends von ihrem Arm geglitten, und sie hatte auch ihr Schwert fallen gelassen. M�hsam b�ckte sie sich danach und hob es auf, und ohne wirklich zu denken, wollte sie herumfahren und zu Dariusz, Ridefort und den anderen laufen. Doch als h�tte er die Bewegung gesp�rt, drehte sich der breitschultrige Ritter neben Ridefort pl�tzlich um und machte eine winkende Bewegung mit dem Schwert in ihre Richtung.</p><p>�Robin!�, schrie er. �Flieh! Wir sehen uns in Safet!�</p></section><section><title><p>18. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Selbst �ber die gro�e Entfernung hinweg sah Robin, wie Ridefort �berrascht den Kopf wandte und erst Dariusz, dann sie und dann wieder Bruder Dariusz anstarrte, und f�r einen winzigen Moment wusste sie nicht, was sie tun sollte. Ein Teil von ihr, der immer noch Tempelritter war und sich an den Eid gebunden f�hlte, den sie vor so langer Zeit abgelegt hatte, dr�ngte danach, weiterzulaufen und ihren Platz an der Seite ihrer Ordensbr�der einzunehmen, auch wenn das vermutlich ihren sicheren Tod bedeutet h�tte, aber da war pl�tzlich noch eine andere, m�chtigere Stimme, und diese Stimme wollte nichts anderes als leben. Nicht einmal f�r sich. Sie konnte das Gef�hl nicht begr�nden - und doch <emphasis>wusste </emphasis>sie pl�tzlich einfach, dass ihr Leben nicht mehr ihr allein geh�rte, sie nicht das Recht hatte - nicht mehr! -, damit zu verfahren, wie es ihr beliebte, sondern dass da noch etwas anderes, Wichtigeres war, f�r das sie weiterleben musste. Sie machte nur noch einen einzigen, stolpernden Schritt, dann blieb sie stehen und verschwendete noch eine weitere, kostbare Sekunde damit, hilflos zu Dariusz und den anderen hinzusehen. Dann aber fuhr sie auf dem Absatz herum und st�rmte los, so schnell sie konnte.</p><p>Was nicht besonders schnell war. Dass die Pfeile ihr Kettenhemd und ihren Helm nicht durchschlagen hatten, bedeutete nicht, dass sie nicht verletzt war. Robin sp�rte, dass sie aus zahllosen Schrammen und Absch�rfungen blutete, und jeder einzelne Muskel in ihrem K�rper schien verkrampft zu sein; es bereitete ihr immer gr��ere M�he, einen Fu� vor den anderen zu setzen, und das Schwert in ihrer Hand schien pl�tzlich Zentner zu wiegen. Hinter ihr erscholl ein gewaltiges Krachen und Bersten, gefolgt von einem Chor aus Schmerz- und Wutschreien, doch Robin wagte es nicht, sich auch nur umzusehen, sondern raffte im Gegenteil all ihre verbliebene Kraft zusammen und stolperte schneller weiter.</p><p>Trotzdem h�tte sie es nicht geschafft, w�re in diesem Moment nicht ein dritter Schutzengel aufgetaucht, den ihr das Schicksal sandte. Er erschien in Gestalt eines reiterlosen Pferdes im Wei� und Rot der Tempelritter, das pl�tzlich wie aus dem Nichts neben ihr stand und sie aus gro�en, ver�ngstigten Augen anblickte.</p><p>Robin verschwendete keine Zeit damit, dar�ber nachzudenken, ob dieses neuerliche Wunder nun purer Zufall war oder Gott vielleicht tats�chlich etwas Besonderes mit ihr vorhatte. Mit dem letzten bisschen Kraft, das sie aufbringen konnte, griff sie nach dem Zaumzeug des Pferdes, langte mit der anderen Hand zum Sattelhorn und zog sich mit allerletzter Anstrengung hinauf. Das Pferd wieherte nerv�s und begann unruhig auf der Stelle zu t�nzeln, sodass sie um ein Haar sofort wieder abgeworfen worden w�re, beruhigte sich aber dann, als es das vertraute Gewicht eines Reiters auf dem R�cken sp�rte. Robin schob mit zitternden Fingern das Schwert in die Scheide, griff mit beiden H�nden nach den Z�geln und drehte sich nun doch im Sattel um.</p><p>Was sie sah, war nicht so schlimm, wie sie erwartet hatte. Es war schlimmer. Wie durch ein Wunder flatterte das Baussant immer noch �ber dem Schlachtfeld, doch von dem Mann, der es hielt, und seinen Br�dern war nichts mehr zu sehen. Der Bereich vor dem Talausgang war schwarz von Reitern, die von allen Seiten zugleich auf die Tempelritter eindrangen. Robin wusste, dass die M�nner keine Chance hatten. Sie kam sich wie eine Verr�terin vor.</p><p>Doch ihr wurde auch klar, dass sie keineswegs au�er Gefahr war. Auch wenn das letzte Gefecht der Tempelritter zwei- oder dreihundert Schritte hinter ihr stattfand, so wurde doch auch �berall rings um sie herum gek�mpft. Schon war ein weiterer Sarazene auf sie aufmerksam geworden und galoppierte, seinen Speer unter dem Arm angelegt wie ein christlicher Ritter seine Lanze, auf sie zu. Robin griff automatisch nach ihrem Schwert. Pl�tzlich waren Schmerzen und Furcht vergessen, und alles, was sie f�hlte, war eine kalte, m�rderische Entschlossenheit, auch diesen Kampf zu gewinnen.</p><p>Mit einem Mal erschien ihr dieser einzelne Krieger als alles, was noch z�hlte. All ihr Zorn, ihre Furcht und dieser neue, absolute Wille zu �berleben konzentrierten sich mit einem Mal auf ihn, irgendeinen der zahllosen Krieger aus Saladins Heer, den sie so wenig kannte wie er sie, und der trotzdem wild entschlossen war, sie zu t�ten. Es war nur ein winziger Moment, und er war fast so schnell vorbei, wie er gekommen war, und doch spielten die Schlacht, der Krieg, das gro�e, hehre Ziel der Christenheit, f�r das sie gelebt hatte, pl�tzlich gar keine Rolle mehr. F�r diesen einen Moment, in dem der Sarazene heransprengte und sie ihr Schwert aus dem G�rtel zog, um seinen Angriff abzuwehren, war es eine pers�nliche Sache zwischen ihr und ihm. Mit einer Bewegung, die ihr selbst sonderbar schwerelos vorkam, zwang sie das Pferd herum, zerschmetterte mit einem einzigen Hieb die Lanze des Sarazenen und lie� die Bewegung in einem nach oben f�hrenden Bogen enden, der die Schwertklinge diagonal �ber seine Brust f�hrte, als er an ihr vor�bergaloppierte. Der Mann kippte mit einem Schrei aus dem Sattel und warf die Arme in die Luft, bevor er auf dem Boden aufschlug, und so schnell es auch ging, sah Robin trotzdem den Ausdruck ma�loser Verbl�ffung und allm�hlich aufkeimenden Entsetzens in seinen Augen, der von einem heftigen, j�hen Schmerz hinweggefegt wurde.</p><p>Dann schlug der Reiter auf dem Boden auf und rollte davon, sein Pferd verschwand irgendwo hinter ihr, und es war vorbei. Mit einem Mal holte sie die Vergangenheit ein. Sie war wieder am Strand, kniete wieder �ber Guy und starrte ihre eigenen H�nde an, mit denen sie seinen Kehlkopf zerschmettert hatte. Pl�tzlich begann sie am ganzen Leib zu zittern. Sie hatte einen Menschen get�tet. Es war absurd - der Reiter war garantiert nicht der Erste gewesen, der in dieser Schlacht von ihrer Hand gefallen war, und sie w�rde auch nicht z�gern, es wieder zu tun, wenn es um ihr Leben ging - und doch war es ein gewaltiger Unterschied. Indem sie den Kampf mit ihm zu einer pers�nlichen Sache gemacht hatte, war er von einem feindlichen Krieger, der in der Schlacht fiel, zu einem Menschen geworden, den sie <emphasis>ermordet </emphasis>hatte. Ihr wurde �bel.</p><p>Sie lie� das Schwert fallen, dessen Klinge noch rot vom Blut des Erschlagenen war, kr�mmte sich im Sattel und schaffte es gerade noch, sich den Helm vom Kopf zu rei�en, bevor sie sich qualvoll w�rgend �bergab.</p><p>Alles drehte sich um sie. In das Get�se der Schlacht in ihren Ohren mischte sich ein immer lauter werdendes, an- und abschwellendes Rauschen und Brausen, und die �belkeit wurde schlimmer, nicht besser, und nun gesellte sich auch noch ein d�nner, aber wei� gl�hender Schmerz dazu, der sich wie ein hei�er Dolch in ihren Unterleib bohrte. Zitternd brach Robin �ber dem Hals des Pferdes zusammen, klammerte sich mit letzter Kraft an den rauen Stoff seiner Schabracke fest und �bergab sich noch einmal, so lange, bis nur bittere Galle und Blut �ber ihre Lippen kamen.</p><p>Sie sa� vielleicht zwei oder drei Minuten lang reglos �ber den Hals des Pferdes gebeugt da, und es war ein schieres, weiteres Wunder, dass sie diese Zeit �berlebte und kein anderer Feind die Gelegenheit nutzte, den so offensichtlich wehrlos dasitzenden Tempelritter anzugreifen. Vielleicht hielt man sie auch f�r tot. Irgendwann klang das W�ten in ihrem Leib ab, und auch die �belkeit verebbte, ohne ganz zu erl�schen. Taumelnd richtete sich Robin im Sattel auf, fuhr sich mit dem rauen Kettenhandschuh �ber die Lippen und blinzelte die Tr�nen weg, die ihre Augen f�llten. Rings um sie herum tobte die Schlacht mit unverminderter Wucht und H�rte weiter, aber alles kam ihr pl�tzlich irreal und ... <emphasis>falsch </emphasis>vor, als w�re sie an einem Ort, an den sie nicht geh�rte. Es war vorbei. Sie hatte einen Mann zu viel get�tet.</p><p>Angewidert von sich selbst, schnallte sie mit zitternden Fingern den Schwertgurt ab und warf ihn zu Boden, dann griff sie nach den Z�geln des Pferdes und ritt los. Diese Schlacht ging sie nichts mehr an. F�r sie war der Krieg vorbei, und sie hatte ihn verloren. Da war noch immer eine - leiser werdende - hysterische Stimme in ihrem Kopf, die ihr zuzuschreien versuchte, dass sie feige war, ihren Eid brach und ihre Br�der im Stich lie�, dass ihr Platz an der Seite der anderen war und dass sie sich so ganz nebenbei auch noch immer in Lebensgefahr befand, denn der Anblick eines waffenlos und ohne Schild und Helm dasitzenden Tempelritters musste f�r jeden von Saladins Kriegern geradezu eine Einladung darstellen, sich auf sie zu st�rzen, aber diese Stimme wurde leiser und hatte keine Gewalt mehr �ber sie. Sie w�rde nicht mehr t�ten. Sie hatte viel zu lange bei diesem Irrsinn mitgemacht. Safet, hatte Dariusz gesagt. Dort w�rde sie Salim wiedersehen.</p><p>Sp�ter, wenn sie �ber diese gr�sslichen Augenblicke nachdachte - und sie sollte es oft tun in endlosen, schlaflosen N�chten, in denen sie die furchtbaren Bilder heimsuchten -, sollte sie sich immer und immer wieder vergebens fragen, welchem Wunder sie es zu verdanken hatte, den Weg zum Fluss hinab lebend �berstanden zu haben. Niemand griff sie an, obgleich sie zwei- oder dreimal in die N�he erbitterter K�mpfe geriet, niemand stellte sich ihr in den Weg oder versuchte sie aufzuhalten, ja, es war, als wichen Freund und Feind vor ihr zur�ck, sobald sie n�her kam, als w�re da ein unsichtbarer Schutzschild, der sie umgab. Es war das Pferd, das den Weg zum Fluss hinab fand, nicht sie, vielleicht weil das Tier instinktiv den einzigen Ausweg suchte, den es aus dieser Orgie des T�tens und Mordens gab.</p><p>Auch �ber die Ufer des Litani hatte der Krieg seinen Schatten geworfen. Das Wasser des ruhig dahinflie�enden Flusses hatte sich rot vom Blut der Erschlagenen gef�rbt. Die Leichen von Menschen und Tieren trieben in seinen Fluten oder hatten sich im dichten Schilf des Ufers gefangen, und auch hier war das Klirren von Waffen und das Schreien sterbender und verwundeter M�nner der einzige Laut, den sie h�rte. Dennoch schien die Schlacht hier nahezu vor�ber zu sein.</p><p>Und nahezu verloren, wie Robin bitter begriff. Die Leichen, die mit der Str�mung vor�bertrieben, waren fast ausschlie�lich die muselmanischer Krieger, doch sie wusste auch, wie furchtbar falsch dieser Eindruck war, wurden doch die K�rper erschlagener christlicher Ritter vom Gewicht ihrer R�stungen sofort unter Wasser gezogen. Noch immer langsam reitend, waffen- und wehrlos und mit leerem Blick, erreichte sie den G�rtel aus mannshohem Schilf, der das Ufer s�umte, und hielt an.</p><p>Hier bot sich ihr ein anderer, grausam ehrlicher Anblick. �berall zwischen dem niedergebrochenen, geknickten Schilf lagen die Leichen leicht ger�steter Fu�soldaten, die keine Kettenhemden oder R�stungen getragen hatten, die sie vor den Pfeilen oder Schwertern der Sarazenen h�tten sch�tzen k�nnen. Es mussten Hunderte sein, wenn nicht Tausende, niedergestreckt wie Stroh unter der Klinge eines grausamen Schnitters, viele von ihnen noch am Leben, aber dennoch todgeweiht. Robin begriff pl�tzlich, wie schrecklich falsch der Eindruck gewesen war, den sie trotz allem bisher von der Schlacht gewonnen hatte. Inmitten der schwer gepanzerten Reiterei der Tempelritter war sie sich auch im Angesicht heranst�rmender Feinde nahezu unverwundbar vorgekommen, doch das Privileg, das f�r die Soldaten Christi galt, hatte wenig G�ltigkeit f�r die einfachen Fu�truppen und Waffenknechte gehabt. Was hier stattgefunden hatte, das war keine Schlacht gewesen, dachte sie bitter, sondern ein Massaker. Wohin sie auch blickte, sah sie verwundete und tote M�nner beider Seiten und erschlagene Pferde.</p><p>Mit einer unendlich m�den Bewegung lenkte sie ihr Pferd herum und dichter an den sumpfigen Uferstreifen heran. Blut und hochgespritztes Wasser hatten den Morast zu einem h�sslichen Rosa verf�rbt, in dem ihr Pferd immer wieder wegzurutschen drohte, und ein s��licher, ekelerregender Geruch nach Verwesung stieg ihr in die Nase und lie� sie w�rgen. Sie wusste nicht, in welche Richtung sie sich wenden sollte, wo Safet war oder das Feldlager, sondern schlug die Richtung ein, in der die K�mpfe am wenigsten schlimm schienen. Eine verwundete Gestalt stemmte sich neben ihr aus dem Morast und streckte ihr eine blutbesudelte Hand entgegen. Gesicht und Kleidung waren so voller Schlamm und Blut, dass Robin nicht erkennen konnte, zu welcher Seite er geh�rte. Spielte es eine Rolle?</p><p>Robin starrte mit leerem Blick auf ihn hinab. Ihr Pferd trabte langsam weiter, und dennoch war da eine leise Stimme in ihr, die ihr zufl�sterte, dass sie diesem Mann helfen m�sse. Er war verwundet und brauchte sie, und es spielte keine Rolle, unter welcher Fahne er gek�mpft hatte, ob es ein von einem christlichen oder einem heidnischen Hammer geschmiedetes Schwert gewesen war, das ihn verwundet hatte. Er w�rde sterben, noch bevor der Tag zu Ende war, und in derselben Erde begraben werden wie seine M�rder.</p><p>Sie ritt noch ein kurzes St�ck weiter, hielt dann doch an und drehte sich m�de im Sattel herum. Irgendetwas an dem Verletzten hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, aber sie konnte selbst nicht sagen, was. Er war nur einer von hunderten, die im zertrampelten Schilf des Ufers lagen, und doch ...</p><p>Vielleicht war es nur ihr Gewissen, das ihr zu schaffen machte. Sie hatte ein Leben genommen, und so absurd der Gedanke war, vielleicht war es einfach ihre Pflicht, ein anderes daf�r zu retten.</p><p>Es kostete sie erhebliche M�he, das widerstrebende Pferd auf der Stelle umzudrehen und wieder zu dem Verletzten zur�ckzureiten. Die Hufe des Tieres kamen nur schwer aus dem sumpfigen Boden frei und verursachten dabei schmatzende Ger�usche, als versuche der Morast mit aller Kraft, sein Opfer festzuhalten, und Robin �berlegte einen Moment ganz ernsthaft, ob sie diesen Umstand als Omen deuten und vielleicht doch weiterreiten sollte.</p><p>Nat�rlich tat sie es nicht. Sie glaubte nicht an Omen, so wenig wie an g�ttliche F�gung oder die lenkende Macht des Schicksals. Was sie in der zur�ckliegenden Stunde gesehen hatte, das hatte sie eines mit unersch�tterlicher Gewissheit begreifen lassen: Was z�hlte, das war nicht Gottes Wille oder ein �berm�chtiges Schicksal, sondern einzig das, was Menschen einander im Namen des einen oder anderen antaten.</p><p>Was sie gerade gedacht hatte, war die Wahrheit gewesen: Sie war es diesem Mann schuldig, sein Leben zu retten. Oder es wenigstens zu versuchen.</p><p>Gerade als sie ihr Pferd mit deutlich mehr Gewalt als gutem Zureden aus dem Uferschlamm herausgebracht hatte und die f�nfzehn oder zwanzig Schritte zu dem Verwundeten zur�ckreiten wollte, sprengte eine ganze Abteilung christlicher Ritter heran. Sie hielten so direkt auf den Mann zu, dass es unm�glich ein Zufall sein konnte - doch dann geschah etwas Sonderbares: Kaum war der erste nahe genug heran, um den Mann wirklich zu sehen, da riss er sein Pferd mit einer so abrupten Bewegung zur�ck, dass das Tier erschrocken scheute und ihn um ein Haar abgeworfen h�tte, und auch die anderen Reiter hielten abrupt inne. F�r einen Moment breitete sich etwas wie ein kleiner Aufruhr unter dem halben Dutzend M�nnern aus, ein heftiges Gestikulieren und Kopfsch�tteln und Deuten. Einer der Reiter l�ste eine Armbrust von seinem Sattel und steckte sie wieder weg, als einer der anderen mit einem w�tenden Kopfsch�tteln darauf reagierte. Dann riss das halbe Dutzend Reiter wie ein Mann seine Pferde herum und sprengte davon.</p><p>Robin sah ihnen verst�rt nach. Sie versuchte das Wappen zu erkennen, das auf den Schilden und M�nteln der M�nner prangte, aber ihre Kleider waren zu schmutzig und die M�nner zu schnell im Staub verschwunden. Was hatte das zu bedeuten?</p><p>Trotz allem neugierig geworden, stieg sie aus dem Sattel und bereute diese Idee sofort, denn dem Tier schien endg�ltig aufgegangen zu sein, dass es nicht sein legitimer Besitzer gewesen war, der es in diese ungastliche Umgebung gelenkt hatte; es riss sich los und sprengte mit einem protestierenden Wiehern davon. Robin sah ihm �rgerlich - auf sich selbst, nicht auf das Pferd - nach, dann wandte sie sich endg�ltig um und ging mit schnellen Schritten los.</p><p>Irgendetwas Seltsames ging hier vor, und sie w�rde herausfinden, was. Die sonderbare Stimmung, die von ihr Besitz ergriffen hatte, verflog mit jedem Schritt, mit dem sie sich dem Verwundeten n�herte, mehr. Vielleicht war das, was sie gedacht hatte, auch einfach nur melancholischer Unsinn, und die Belastung der Schlacht war einfach zu viel f�r sie gewesen. Robin beschleunigte ihre Schritte noch einmal - und blieb dann ebenso �berrascht stehen wie die Ritter gerade vor ihr.</p><p>Der Verwundete war nicht der einzige Ritter, der im blutig-rot gef�rbten Schilf des Uferstreifens lag. Robin sch�tzte die Anzahl der Erschlagenen auf mindestens ein Dutzend, und die M�nner trugen ausnahmslos nachtschwarze M�ntel, geschw�rzte Kettenhemden und Helme und dreieckige schwarze Schilde ohne Wappen oder irgendwelche Insignien.</p><p>Dennoch wusste Robin sofort, wen sie vor sich hatte.</p><p>Einem der erschlagenen Lazarusritter war der Helm vom Kopf gerutscht. Er lag mit dem Gesicht nach unten in einer Pf�tze aus brackigem Wasser, aber Robin war fast froh, ihn nicht genau erkennen zu k�nnen. Das Wenige, was sie von seiner Haut sah, war schon beinahe mehr, als sie sehen wollte. Dennoch blieb sie stehen, und f�r einen kurzen Moment fochten Neugier und Furcht einen stummen Kampf hinter ihrer Stirn aus.</p><p>Die Neugier gewann. Z�gernd lie� sich Robin in die Hocke sinken und streckte den Arm aus, um den Toten auf den R�cken zu drehen, aber dann verlie� sie im letzten Moment doch der Mut. Was sie von der Haut des Mannes sehen konnte, bot einen verheerenden Anblick. N�ssende Geschw�re und Pusteln bedeckten seine vernarbte Wange, und ein Teil seiner Unterlippe fehlte, was ihm ein schreckliches, f�r alle Zeiten erstarrtes Totenkopfgrinsen verlieh. Robin stand fast erschrocken wieder auf und legte die letzten Schritte zu dem Verwundeten beinahe rennend zur�ck.</p><p>Sie war nicht einmal wirklich �berrascht. Ob der K�nig verletzt war oder nicht, konnte sie nicht sagen, denn sein Pferd war gest�rzt und lag quer �ber seinen Beinen. Das Tier lebte noch und schnaubte leise vor Schmerz, war aber nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen. Die zersplitterten Sch�fte von gleich drei Pfeilen ragten aus seiner Flanke.</p><p>�Und ich h�tte geschworen, dass Ihr weiterreitet und mich meinem Schicksal �berlasst. Immerhin habt ihr Tempelherren allen Grund, mir zu grollen.�</p><p>Robin wappnete sich innerlich gegen den Anblick, der sich ihr bieten musste, wenn sie in Balduins zerst�rtes Gesicht blickte, doch es war wie gerade, als sie an ihm vorbeigeritten war: Sie sah auch jetzt nichts au�er einer fast konturlosen schlamm-braunen Masse, in der das einzige Lebendige ein Paar fast schon unnat�rlich klarer, stechend gr�ner Augen war, das sie ebenso aufmerksam wie besorgt, aber auch mit einem deutlichen Anteil von Spott musterte. Im allerersten Moment schn�rte ihr der Anblick die Kehle zu, denn sie glaubte, ein einziges Grauen erregendes Geschw�r zu sehen, zu dem die Krankheit sein Gesicht gemacht hatte, doch sie erkannte auch fast sofort ihren Irrtum. Balduin hatte das schwarze Kettenhemd, das er unter seinem Wappenrock trug, so weit nach oben gezogen, dass er seinen Rand am Nasenschutz des wuchtigen Helmes einhaken konnte, sodass sein Gesicht fast vollkommen bedeckt war, und in dem engmaschigen Kettengeflecht hatten sich Klumpen blutigen Morastes festgesetzt.</p><p>�Majest�t?�, fragte sie.</p><p>Der K�nig gab ein sonderbar kehliges Lachen von sich.</p><p>�Balduin reicht�, sagte er m�hsam. �Majest�t d�rft Ihr mich wieder nennen, wenn ich nicht mehr vor Euch im Schlamm liege.� Er versuchte sich hochzustemmen, aber das Gewicht seines gest�rzten Hengstes dr�ckte ihn so unerbittlich nieder, als w�re er unter Tonnen von Felsen begraben. Robin sah erst jetzt, dass das Gewicht des Tieres den K�nig schon so weit in den weichen Morast hineingepresst hatte, dass er sich mit beiden H�nden abst�tzen musste, um nicht im Schlamm zu ersticken.</p><p>�Wo wir schon einmal dabei sind ...� Balduin streckte m�hsam einen Arm in ihre Richtung, mit dem anderen st�tzte er sich am Uferschlamm ab. �Nur falls Ihr gerade nichts Dringendes vorhabt. Bruder - k�nntet Ihr mir vielleicht dabei behilflich sein, unter diesem St�ck zuk�nftigen Sauerbratens hervorzukommen?�</p><p>Robin starrte Balduins Hand an. Auch seine Finger steckten in einem feinmaschigen Kettengeflecht, von dem Schlamm und brackiges Wasser tropften.</p><p>�Keine Angst, edler Ritter�, sagte Balduin sp�ttisch, als er ihr Z�gern bemerkte. �Ich trage Handschuhe, wie Ihr seht. Au�erdem ist es nicht ansteckend. Das behaupten jedenfalls diese Quacksalber, die sich meine �rzte schimpfen.�</p><p>Robin griff hastig zu, ergriff Balduins ausgestreckten Arm und stemmte sich mit gespreizten Beinen in den Boden, w�hrend sie mit aller Kraft zerrte. Auch Balduin tat sein M�glichstes, um unter dem gest�rzten Hengst hervorzukriechen. Im allerersten Moment schien es, als reichten nicht einmal ihre gemeinsamen Kr�fte aus, um den K�nig aus seiner lebensbedrohlichen Lage zu retten, dann aber kam er mit einem so pl�tzlichen Ruck frei, dass Robin zur�ckstolperte und mit hilflos rudernden Armen der L�nge nach im Morast landete.</p><p>Balduin begann schallend zu lachen, allerdings nur f�r einen kurzen Moment; dann ging sein Lachen in ein qualvolles Husten �ber, und er lie� sich direkt neben ihr ebenfalls zu Boden sinken.</p><p>�Ich danke Euch, Bruder ...?� Er legte den Kopf auf die Seite und sah sie fragend an. �Ich m�chte ja nicht aufdringlich erscheinen, aber wenn ich mich sp�ter bei Euch bedanken will, w�re es m�glicherweise von Vorteil, Euren Namen zu kennen.�</p><p>�Robin�, antwortete Robin.</p><p>Da sie Balduins Gesicht nicht sehen konnte, war es ihr auch nicht m�glich, den Ausdruck darauf zu deuten, aber sie konnte seine �berraschung deutlich sp�ren. �Robin?�, vergewisserte er sich. �Robin von Tronthoff?�</p><p>Um ein Haar h�tte sie den Kopf gesch�ttelt. Es war so lange her, dass sie ihren - falschen - Nachnamen das letzte Mal geh�rt hatte, dass sie sich kaum noch daran erinnerte. �Ihr ... habt von mir geh�rt, Majest�t?�, fragte sie unbehaglich.</p><p>�Balduin�, verbesserte er sie. �Majest�t bin ich erst wieder, wenn ich stehe. Und: Ja, nat�rlich habe ich von Euch geh�rt, dem jungen Tempelritter, der vor zwei Jahren mit Bruder Abb� aus dem fernen Friesland gekommen ist. Ihr seid doch der junge Ritter, der zwei Jahre lang der Gefangene des Alten vom Berge war.�</p><p>�Ihr seid ... gut informiert, Maje ... Balduin�, erwiderte Robin ausweichend. Ihr Herz begann zu klopfen. Gab es denn in diesem ganzen Land eigentlich niemanden, der ihre Geschichte nicht kannte?</p><p>�Das geh�rt sich auch f�r einen K�nig�, antwortete Balduin sp�ttisch. Pl�tzlich lachte er wieder. �Und da sage noch einer, Gott h�tte keinen Sinn f�r Humor! Zehntausend M�nner sind hier versammelt, und von allen rettet mir ausgerechnet derjenige das Leben, der den wenigsten Grund dazu h�tte.�</p><p>Robin fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Z�hne. Sie hatte das fast sichere Gef�hl, dass der junge K�nig auf etwas ganz Bestimmtes hinauswollte. Beinahe nur, um Zeit zu gewinnen, fragte sie: �Was ist hier geschehen, Majest�t?�</p><p>Diesmal verzichtete Balduin darauf, sie zu verbessern. �Wenn ich das w�sste�, seufzte er. �Meine ebenso unf�higen wie inzwischen wohl ausnahmslos toten Leibw�chter und ich sind ganz harmlos des Weges geritten, als wir wohl unversehens in einen Krieg geraten sein m�ssen.� Er deutete auf sein erschossenes Pferd. �Seht Euch das an, Robin! Wenn ich nicht genau w�sste, dass es unm�glich ist, k�nnte ich auf die Idee kommen, dass jemand etwas gegen mich hat.�</p><p>Robin verbiss sich jede Antwort. W�re ihr der Gedanke nicht zu respektlos erschienen, h�tte sie fast an Balduins Verstand gezweifelt. Sie sa�en am Rande eines Schlachtfeldes, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ein paar von Saladins Reitern auf sie aufmerksam wurden oder den K�nig gar erkannten, und Balduin trieb seine Scherze? Statt etwas zu sagen, betrachtete sie Balduins totes Pferd - und runzelte pl�tzlich die Stirn.</p><p>�Das ist seltsam�, murmelte sie.</p><p>�Ah, Ihr habt also auch den Verdacht, dass es kein Versehen gewesen sein k�nnte?�, fragte Balduin.</p><p>Robin blieb ernst. Einen Moment lang blickte sie noch das tote Pferd an, dann stand sie auf, ging zu einem der erschlagenen Lazarusritter und lie� sich neben ihm auf die Knie sinken. Fast beil�ufig registrierte sie, dass nahezu alle M�nner erschossen worden waren. Sie achtete sorgsam darauf, das Gesicht des Mannes nicht anzusehen und auf keinen Fall seine Haut zu ber�hren, w�hrend sie den Pfeil aus seiner Seite zog.</p><p>�Seht Ihr das, Majest�t?�</p><p>�Ein Pfeil, in der Tat�, sagte Balduin betr�bt. �Jetzt m�sste ich allm�hlich wirklich verletzt sein. Mit einem ordin�ren Pfeil auf mich zu schie�en! Geschmolzenes Gold in die Kehle oder Diamantsplitter, die man insgeheim unter das Essen mischt, das ist ein Tod, der eines K�nigs w�rdig ist - aber ein ordin�rer Pfeil? Das ist blamabel.�</p><p>Robin ignorierte seinen sp�ttischen Ton. �Das ist kein gew�hnlicher Pfeil�, sagte sie.</p><p>�Nein?� Balduins Augen leuchteten auf.</p><p>�Er ist schwarz�, sagte Robin unger�hrt. �Ebenso wie alle anderen hier. Seht Ihr? Ein schwarzer Schaft, eine geschw�rzte Spitze und sogar schwarze Federn.�</p><p>�Und? H�ttet Ihr erwartet, dass man ihn in den k�niglichen Farben bemalt, bevor man damit auf mich schie�t?� Balduin scherzte noch immer, aber der Blick seiner durchdringenden gr�nen Augen schien pl�tzlich wacher zu werden.</p><p>�Pfeile wie diese benutzen Sheik Raschids M�nner�, fuhr Robin fort.</p><p>�Die Assassinen?�, fragte Balduin zweifelnd. �Ihr m�sst Euch irren, Robin. Der Alte vom Berge geh�rt seit vielen Jahren zu unseren treuesten Verb�ndeten.�</p><p>�Und doch ist allgemein bekannt, dass nur die Assassinen diese Art von Pfeilen benutzen�, beharrte Robin, legte eine kurze, bewusst dramatische Pause ein und fuhr dann fort: �Aber diesen Pfeil hat kein Assassine gefertigt.�</p><p>�Gerade hast du noch gesagt, dass nur die Assassinen schwarze Pfeile benutzen�, sagte Balduin. Jede Spur von Spott war aus seiner Stimme verschwunden. �Und er ist schwarz.�</p><p>�Dennoch stammt er nicht aus Masyaf�, beharrte Robin. �Die Spitze ist anders. Und auch die Form der Federn ist nicht vollkommen korrekt. Er sieht ihm �hnlich, aber er stammt nicht von den Assassinen.�</p><p>Balduin streckte die Hand aus. Robin reichte ihm den Pfeil, und Balduin drehte ihn eine geraume Weile nachdenklich in den H�nden. �Seid Ihr sicher?�</p><p>�Ihr wisst, wer ich bin�, antwortete Robin ernst. �Ich habe lange genug bei ihnen gelebt, und ich habe genug von diesen Pfeilen in der Hand gehabt. Dieser Pfeil stammt nicht von den Assassinen. Aber jemand hat sich gro�e M�he gegeben, ihn so aussehen zu lassen.� Tatsache war, dass sie zahllose Pfeile wie diesen nicht nur in der Hand gehabt, sondern selbst angefertigt hatte. Und dass sie ausgezeichnet damit umgehen konnte. H�tte sie - oder irgendein Assassine, den sie kannte - diesen Pfeil abgeschossen, w�re Balduin jetzt nicht mehr in der Lage, diese Frage zu stellen. Allerdings zog sie es vor, das nicht laut zu sagen, zumindest im Moment noch nicht.</p><p>�Das ist interessant�, murmelte Balduin. Er wandte kurz den Kopf, um in die Richtung zu blicken, in die die Reiter verschwunden waren, dann schob er den Pfeil unter seinen G�rtel und versuchte aufzustehen, sank aber mit einem schmerzerf�llten Grunzen wieder zur�ck, als er sein rechtes Bein zu belasten versuchte. St�hnend streckte er die Hand nach Robin aus. �Ich muss mich noch weiter bei Euch verschulden, f�rchte ich�, �chzte er. �Bitte helft Eurem lahmen K�nig aufzustehen. Sosehr mich unsere kleine Plauderei auch am�siert, f�rchte ich doch, dass dringende Gesch�fte auf mich warten. Ich muss noch einen Krieg verlieren.�</p><p>Robin musste gegen ihren Willen lachen. Mit einer einzigen kraftvollen Bewegung zog sie Balduin auf die F��e, und der K�nig legte ihr ohne viel Federlesens den Arm um die Schulter und st�tzte sich mit seinem ganzen K�rpergewicht auf sie. Robin �chzte, und sie redete sich sogar selbst mit Erfolg ein, dass es einzig an seinem Gewicht lag. Balduin war kaum gr��er als sie, aber er trug immerhin einen Zentner Eisen am K�rper, wenn nicht mehr.</p><p>�Ich sagte doch, es steckt nicht an�, sagte Balduin gepresst. Anscheinend bereitete ihm sein verletztes Bein gro�e Schmerzen. �Und wenn doch, mache ich Euch zum Hauptmann meiner neuen Wache.�</p><p>Robin hatte nicht einmal Luft, um zu antworten. Balduin war zweifellos verletzt, aber auch sie befand sich in keinem sehr viel besseren Zustand. Die kurze Rast am Rande des Schlachtfeldes hatte ihr gut getan, aber sie machte sich nichts vor. Weniger als eine Pfeilschussweite entfernt tobte die w�tende Schlacht mit unverminderter Heftigkeit weiter. Wenn sie kein Pferd fand, waren ihre Aussichten, lebend sicheres Gel�nde zu erreichen, gleich null.</p><p>Balduin blieb pl�tzlich stehen und sog erschrocken die Luft ein, und auch Robin sah alarmiert hoch. Gleich drei Reiter sprengten in gestrecktem Galopp auf sie zu, christliche Ritter in wehenden M�nteln und mit schweren R�stungen, in denen Robin auf den zweiten Blick Mitglieder derselben Gruppe erkannte, die gerade tatenlos davongesprengt war, statt dem K�nig zu helfen. Auch der Reiter mit der Armbrust war unter ihnen. Er hatte seine Waffe wieder gehoben und versuchte sie im Reiten zu spannen, w�hrend die beiden anderen lange B�gen hielten, auf deren Sehnen schwarze Pfeile lagen.</p><p>�Was zum Teufel ...?�, keuchte Balduin.</p><p>Hinter den drei Rittern preschte eine weitere, schlanke Gestalt heran. Sie war vollkommen in Schwarz gekleidet und hielt ebenfalls einen Bogen in der Hand, mit dem sie auf einen der Reiter schoss, scheinbar ohne auch nur gezielt zu haben. Trotzdem traf der Pfeil den vordersten Reiter mit t�dlicher Pr�zision und schleuderte ihn aus dem Sattel.</p><p>Die beiden anderen schossen im gleichen Augenblick. Der Bogensch�tze bewegte sich zu hastig und verriss seine Waffe, sodass der Pfeil sein Ziel verfehlte und harmlos meterweit entfernt in den Boden fuhr, doch daf�r zielte der andere Mann mit umso gr��erer Pr�zision. Robin sah, wie Salim herangejagt kam und seinen Bogen gegen einen blitzenden Krumms�bel austauschte, den er mit gewaltiger Kraft nach dem Sch�del des Armbrustsch�tzen schwang, und sie sah auch, dass er treffen w�rde, und dennoch war er nicht schnell genug. Der Finger des Mannes kr�mmte sich um den Abzug seiner heimt�ckischen Waffe, und Robin reagierte, ohne zu denken, und warf sich sch�tzend vor den K�nig.</p><p>Einen Pfeil h�tte das schwere Kettenhemd, das sie unter ihrem zerrissenen Wappenrock trug, vielleicht selbst auf die kurze Entfernung aufgehalten, aber es war kein Pfeil, der sie traf. Der Bolzen durchschlug ihr Kettenhemd, ihre Schulter und selbst noch die Haut in ihrem R�cken.</p><p>Aber das merkte sie schon nicht mehr.</p></section><section><title><p>19. KAPITEL</p></title><p>Eine weiche und sehr kleine Hand lag auf ihrer Stirn, als sie erwachte, und das Erste, was sie sp�rte, war, dass viel Zeit vergangen sein musste; nicht Stunden, sondern Tage, und deutlich mehr als einer oder zwei. Sie hatte schrecklichen Durst. Der schlechte Geschmack eines Fiebers, das sie noch lange nicht �berstanden hatte, war in ihrem Mund, und h�tte sie sich nicht mit aller Kraft dagegen gewehrt, dann w�ren die Bilder eines furchtbaren Albtraumes �ber sie hergefallen, den sie durchlitten hatte, w�hrend sie besinnungslos dagelegen hatte.</p><p>Ganz schien er noch nicht vorbei zu sein - auch wenn es jetzt sicherlich kein Albtraum mehr war -, denn das Erste, was sie sah, als sie die Augen aufschlug, war ein Gesicht, das es hier gar nicht geben konnte. Dar�ber hinaus handelte es sich um eine h�chst hartn�ckige Vision, denn sie weigerte sich nicht nur zu verschwinden, als sie mit den Augen blinzelte, sondern strahlte sie im Gegenteil an und sprang mit einem Satz von dem Hocker, auf dem sie bisher gesessen hatte, und st�rmte so schnell davon, dass ihre Z�pfe wild auf und ab h�pften. �Sie ist wach! Sie ist wach!�, schrie sie immer wieder. �Sie ist wach! Schnell!�</p><p>Verwirrt stemmte sich Robin auf die Ellbogen hoch, brachte die Bewegung aber nur halb zu Ende. Ihre linke Schulter schmerzte h�llisch, und als sie den Kopf drehte und an sich herabsah, erkannte sie, dass sie unf�rmig angeschwollen und so dick bandagiert war, dass sie wie eine Buckelige aussah. Auf der anderen Seite des kleinen Zimmers, in dem sie aufgewacht war, fiel eine T�r ins Schloss, aber sie h�rte Nemeths aufgeregte Stimme noch immer durch das Holz dringen.</p><p><emphasis>Nemeth? </emphasis>Aber wieso ...?</p><p>Eine wilde Hoffnung loderte in Robin auf. Sie setzte sich mit einem Ruck hoch und sah sich um, erreichte damit aber nicht mehr, als dass ihr schwindelig wurde und sie mit einem zwischen den Z�hnen hervorgepressten St�hnen wieder zur�cksank.</p><p>Mit geschlossenen Augen wartete sie, bis die Dunkelheit hinter ihren Lidern aufgeh�rt hatte, sich wild im Kreise zu drehen, bevor sie die Augen abermals aufschlug und sie sich noch einmal umsah. Ihre Hoffnung verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Das kleine Zimmer, in dem sie aufgewacht war, war praktisch leer und hatte nur ein kleines, au�erhalb ihres Gesichtsfeldes liegendes Fenster und lie� praktisch keine R�ckschl�sse auf ihren Aufenthaltsort zu, aber der graue Stein der W�nde geh�rte ganz eindeutig nicht zu den aus dem gewachsenen Fels herausgehauenen Mauern Masyafs.</p><p>Aber wenn sie nicht in Sinans Festung war, wie kam dann Nemeth hierher?</p><p>Sie f�hlte sich noch zu benommen und auf eine sonderbar unangenehme Art schlaftrunken, um wirklich �ber diese Frage nachzudenken, aber sie tr�stete sich mit dem Gedanken, dass das M�dchen schlie�lich genug L�rm machte. Zweifellos w�rde gleich jemand kommen, der all ihre Fragen beantwortete.</p><p>Sie schloss wieder die Augen und lauschte in sich hinein. Ihre Schulter tat weh, wenn auch nicht so schlimm, wie sie erwartet hatte, wenigstens solange sie sich nicht bewegte. Wo ihre Erinnerungen sein sollten, war nur ein Durcheinander aus gr��tenteils unangenehmen Bildern und aufblitzenden Impressionen, Ger�uschen und erstaunlicherweise Ger�chen, die ihr von allem vielleicht am meisten zu schaffen machten.</p><p>Auch dar�ber machte sie sich keine allzu gro�en Sorgen. Es geh�rte gewiss nicht zu ihrem Alltag, das Bewusstsein zu verlieren, aber es war auch nicht das erste Mal, und sie mutma�te, dass ihre Erinnerungen zur�ckkehren w�rden, wenn sie sich nur ein wenig Zeit lie�. Sie war nicht einmal ganz sicher, ob sie sich wirklich erinnern <emphasis>wollte. </emphasis>Sie war verletzt worden, und ...</p><p>Ein so j�her Schrecken durchfuhr sie, dass sie hochfuhr und nicht einmal den stechenden Schmerz zur Kenntnis nahm, den die unvorsichtige Bewegung in ihrer Schulter ausl�ste. Mit einem Ruck fegte sie die Decke zur Seite und atmete erleichtert auf, als sie sah, dass sie darunter wenigstens nicht nackt war, sondern ein einfaches leinenes Gewand trug. Allerdings war es eine Erleichterung, die nicht sehr lange anhielt. Sie war verletzt worden, und jemand hatte sie verbunden, und das bedeutete zwangsl�ufig, dass man sie <emphasis>ausgezogen </emphasis>hatte! War ihr Geheimnis noch gewahrt?</p><p>Sie wusste es nicht. Sie versuchte sich damit zu beruhigen, dass vermutlich schon die blo�e Tatsache, dass sie noch am Leben war, diese Frage mit einem ganz klaren Ja beantwortete. Sie war nicht in Ketten. Sie befand sich - vermutlich - nicht in einem Kerker, und der Schnelligkeit nach zu schlie�en, mit der Nemeth verschwunden war, stand vor ihrer T�r auch keine Wache - aber was besagte das schon?</p><p>Der Gedanke wollte Panik in ihr ausl�sen, doch das lie� sie nicht zu. Stattdessen zog sie die Decke wieder hoch und setzte sich auf, vorsichtig und soweit es ihre verletzte Schulter zulie�. Sie musste vor allem Ruhe bewahren, gleich, ob ihr Geheimnis nun gel�ftet war oder nicht. Sie atmete ein paar Mal gezwungen tief ein und aus und lauschte in sich hinein. Das rasende H�mmern ihres Herzens beruhigte sich wieder, und sie f�hlte sich auch sonst erstaunlich gut. Selbst der Schmerz in ihrer Schulter war nicht besonders schlimm; wenigstens so lange sie sich nicht bewegte, war es eher ein dumpfer Druck als ein w�tendes Pochen.</p><p>Als sie die Augen wieder �ffnete, flog die T�r auf, und Nemeth kam hereingest�rmt, auf dem Fu� gefolgt von einer zwanzig Jahre �lteren Ausgabe ihrer selbst, die allerdings im Gegensatz zu ihrer Tochter nicht freudestrahlend hereingeh�pft kam, sondern sich im Gegenteil bem�hte, eine m�glichst strenge Miene aufzusetzen. Auch wenn es ihr nicht wirklich gelang.</p><p>�Ja, das habe ich mir gedacht!�, begann sie in scharfem Ton, kaum dass sie sich dem Bett auf drei Schritte gen�hert hatte.</p><p>�Kaum schl�gt sie die Augen auf, hat sie auch schon wieder nur Unsinn im Kopf!�</p><p>Nemeth verdrehte die Augen und schlenkerte kurz die Hand aus dem Gelenk vor dem Gesicht, als w�re sie versehentlich mit den Fingern an einen hei�en Topf geraten. Robin blinzelte ihr verschw�rerisch zu, bevor sie sich mit einem L�cheln an Saila wandte.</p><p>�Ja, ich freue mich auch, dich zu sehen�, sagte sie. �Wie geht es dir?�</p><p>�Ganz bestimmt besser als Euch�, antwortete Saila, w�hrend sie sich neben Robins Bett aufbaute und herausfordernd die F�uste in die H�ften stemmte; eine Haltung, die m�glicherweise beeindruckend gewirkt h�tte, w�re sie drei�ig Jahre �lter und zweihundert Pfund schwerer gewesen. Es gelang ihr auch nicht ganz, den Ausdruck von Erleichterung in ihren Augen zu unterdr�cken. Dennoch fuhr sie mit einem missbilligenden Kopfsch�tteln und in noch viel missbilligenderem Ton fort: �Wollt Ihr Euch umbringen, Herrin? Ihr seid schwer verletzt, habt ein schlimmes Fieber hinter Euch - und das alles noch dazu in Eurem Zustand ...�</p><p>Robin unterbrach sie mit einer m�den, zugleich aber auch sehr entschlossenen Geste. �Mein Zustand ist nichts gegen den der meisten M�nner, die mit mir in die Schlacht geritten sind�, sagte sie. Saila sah sie so irritiert an, als h�tte sie in einer fremden Sprache geredet, sodass sich Robin gen�tigt f�hlte hinzuzuf�gen: �Immerhin lebe ich noch, was man wohl nicht von sehr vielen anderen behaupten kann. Mit dem Fieber allerdings hast du Recht, f�rchte ich.� Sie fuhr sich demonstrativ mit der Zungenspitze �ber die Lippen, was es aber eher noch schlimmer zu machen schien. Ihre Zunge war so trocken wie ein St�ck Holz. Sie wunderte sich fast, dass sie �berhaupt reden konnte. �Ein Schluck Wasser w�re nicht schlecht.�</p><p>Saila r�hrte sich nicht, aber Nemeth fuhr auf dem Absatz herum und wuselte davon, w�hrend ihre Mutter sie weiter auf eine Art ansah wie eine Lehrerin, die es mit einem ganz au�ergew�hnlich uneinsichtigen Kind zu tun hatte. Allm�hlich begann sich Robin dar�ber zu �rgern. Nat�rlich war dies eben Sailas Art, um derentwillen sie sie ja auch sch�tzte, aber manchmal kannte sie weder Ma� noch Ziel, und Robin war auch nicht in der Verfassung, allzu viel Geduld zu zeigen.</p><p>�Wie ist die Schlacht ausgegangen?�, fragte sie in merklich k�hlerem Ton, wovon sich Saila allerdings wenig beeindruckt zeigte.</p><p>�Das wei� ich nicht�, behauptete sie. �Ich bin eine Frau, und Eure Schlachten interessieren mich so wenig, wie sie Euch interessieren sollten. Habt Ihr denn wirklich nichts anderes im Sinn als Eure unw�rdigen Ritterspiele?�</p><p>Nemeth kam zur�ck und brachte ihr einen Becher Wasser, und sie gewann ein wenig Zeit damit, ihn entgegenzunehmen und einen gro�en Schluck zu trinken. Er l�schte ihren Durst nicht wirklich, l�ste aber daf�r einen heftigen Hustenanfall aus, sodass sie sich im Bett kr�mmte und die H�lfte des Wassers versch�ttete, bevor Saila ihr den Becher abnahm und sie mit einem langen und beinahe schon zufriedenen Blick ma�. Sie verkniff es sich, irgendetwas zu sagen, aber das war auch gar nicht n�tig.</p><p>�Ist es m�glich, dass Salim auch hier ist?�, fragte Robin, nachdem sie wieder halbwegs zu Atem gekommen war. Saila nickte, und Robin f�gte in griesgr�migem Ton hinzu: �Das dachte ich mir. Ich nehme an, du hast dich lange und ausgiebig mit ihm unterhalten.�</p><p>�Das war gar nicht notwendig�, erwiderte Saila schnippisch.</p><p>�Was Eure Rolle als sein Weib und die zuk�nftige K�nigin �ber Masyaf angeht, so sind wir einer Meinung.�</p><p>�Dann h�tte er vielleicht besser dich heiraten sollen�, erwiderte Robin gereizt. Ihr scharfer Ton tat ihr fast sofort wieder Leid, zumal sie sich allm�hlich wirklich miserabel zu f�hlen begann. Das Eingest�ndnis, dass Saila durchaus Recht hatte, machte es auch nicht unbedingt besser. �Dann w�re es vielleicht nett, wenn du Salim holst�, fuhr sie fort. �Ich nehme an, wenigstens er wird sich freuen, mich zu sehen.�</p><p>Saila gab ihrer Tochter einen entsprechenden Wink, aber das M�dchen z�gerte. Offensichtlich wollte es mit Robin sprechen und war nun entt�uscht, fortgeschickt zu werden.</p><p>�Hast du die Herrin nicht geh�rt?�, fuhr Saila sie an. �Geh und sag dem Herrn Bescheid!�</p><p>�Das ist nicht mehr notwendig�, sagte eine wohl bekannte Stimme von der T�r her. Robin drehte �berrascht den Kopf und h�tte beinahe vor Freude laut aufgeschrien, und Bruder Abb� kam n�her und fuhr mit einem gutm�tig-sp�ttischen L�cheln in Sailas Richtung fort: �Deine Tochter war laut genug, um im ganzen Haus geh�rt zu werden. Und ich f�rchte, nicht nur da.�</p><p>�Abb�!�, entfuhr es Robin. Sie wollte aufspringen, erinnerte sich aber gerade noch rechtzeitig genug daran, was das letzte Mal geschehen war, und belie� es dabei, sich vorsichtig ein wenig h�her aufzusetzen. Dennoch machte Abb� eine schon vorauseilend bes�nftigende Geste und verstrubbelte Nemeth im Vorbeigehen aus derselben Bewegung heraus das Haar, w�hrend er weiter auf Robin zukam. �Und ich hatte schon Angst, du w�rdest mich nicht mehr erkennen, nach all der Zeit, die vergangen ist, und allem, was du erlebt hast, meine Tochter.�</p><p>Robin riss erschrocken die Augen auf, doch Abb� kam ihrem Protest zuvor. �Keine Angst�, sagte er rasch. �Du bist hier in Sicherheit. Diese W�nde haben zwar Ohren, aber keine M�nder, um all die Geheimnisse auszuplaudern, die sie schon geh�rt haben.� Er lachte leise und sah sich bezeichnend um. �Leider, oder gottlob - das kommt wohl ganz darauf an, wen du fragst, vermute ich.�</p><p>�Wo ... sind wir hier?�, fragte Robin z�gernd. Tief verborgen hinter Abb�s L�cheln war ein Ausdruck, der sie irritierte. Der Templer verheimlichte ihr etwas.</p><p>�In Sicherheit�, antwortete Abb�, was im Grunde keine Antwort war, fuhr aber auch fast unmittelbar fort: �In diesem Haus bist du nichts als eine verwundete Frau, die von ihrer Sklavin und ein paar Freunden hergebracht wurde, um gesund gepflegt zu werden. Es wurde kein verletzter Tempelritter hergebracht.�</p><p>�Und ... Bruder Robin?�, fragte Robin. �Ist er ... tot?�</p><p>�In der Schlacht gefallen, meinst du?� Abb� sch�ttelte den Kopf. �In der Tat habe ich einen Moment ernsthaft �ber diese M�glichkeit nachgedacht. Ein eleganter Ausweg, um dieser unerquicklichen Situation zu entkommen. Leider ist uns diese M�glichkeit im Moment verwehrt.�</p><p>�Wieso?�, fragte Robin. Ihre eigene Reaktion �berraschte sie. Abb� hatte vollkommen Recht: In der Schlacht waren Hunderte von M�nnern gefallen, wenn nicht Tausende. Einer mehr oder weniger machte keinen Unterschied. Niemand w�rde sich etwas dabei denken, wenn auch Bruder Robin nicht von den Ufern des Litaniflusses zur�ckkehrte.</p><p>�Weil Bruder Robin von Tronthoff - gepriesen sei der Herr ...�, Abb� unterbrach sich, um das Kreuzzeichen zu schlagen, aber das fast jungenhafte Grinsen, das sich dabei auf seinem Gesicht ausbreitete, negierte die fromme Bewegung sofort wieder, �... weil also Bruder Robin einer h�chst wichtigen Pers�nlichkeit das Leben gerettet hat.�</p><p>�Balduin�, sagte Robin. Ihre Erinnerungen waren ohne eine Spur von �berraschung wieder da. �Ich wei�.�</p><p>�Dem K�nig�, verbesserte sie Abb�. Er klang ein bisschen d�piert.</p><p>�Nicht, solange er vor mir im Schlamm lag�, antwortete Robin kopfsch�ttelnd.</p><p>Abb� blinzelte verwirrt, ging dann aber nicht weiter auf das Thema ein, sondern setzte seine unterbrochene Rede fort: �Gott in seiner unermesslichen Weisheit hat es also gefallen, einem gewissen Bruder nicht nur dem K�nig das Leben retten zu lassen, sondern das auch dergestalt zu tun, dass er sein eigenes Leben dabei aufs Spiel gesetzt hat und schwer verwundet wurde.�</p><p>�Also ist Bruder Robin jetzt so etwas wie ein Held?�, fragte Robin. Das hatte ihr gerade noch gefehlt!</p><p>�Theoretisch ja�, antwortete Abb�. �In der Praxis ist es aber so, dass besagter Bruder ihm nicht nur das Leben gerettet hat, sondern ihm auch noch so ganz nebenbei eine Verschw�rung aufgedeckt hat.� Er wiegte den mittlerweile fast vollkommen kahl gewordenen Sch�del. �Eine Verschw�rung, die sich bis in die h�chsten Kreise am Hofe Jerusalems erstreckt, wie ich hinzuf�gen m�chte. K�nig Balduin selbst hat den Befehl erteilt, dass alles getan werden soll, um das Leben dieses tapferen jungen Bruders zu retten.�</p><p>�Oh�, machte Robin.</p><p>�Ja, genau das war auch das Erste, was mir dazu eingefallen ist�, pflichtete ihr Abb� bei. �Aber Politik ist eine sonderbare Sache, mein Kind. Aus bestimmten Gr�nden m�chte der K�nig nicht, dass der feige Anschlag auf sein Leben ruchbar wird. Jedenfalls jetzt noch nicht. Er hat also niemandem etwas gesagt, sondern diesen tapferen, schwer verletzten jungen Ordensritter in aller Heimlichkeit nach Safet gebracht und von unseren zuverl�ssigsten Rittern bewachen lassen. Sp�ter will er ihn dann zu sich rufen lassen. Ich vermute, um sich in aller Form bei ihm zu bedanken.� Er verzog fl�chtig das Gesicht. �Vielleicht mit einem Bruderkuss?�</p><p>Robin versp�rte einen kurzen Anflug von Ekel, auch wenn ihr nat�rlich klar war, dass Abb� sie nur foppen wollte. �Wie geht es dem K�nig?�, fragte sie.</p><p>�Gut�, sagte Abb�. �Jedenfalls den Teilen, die noch von ihm �brig sind.�</p><p>Robin �berging die Bemerkung, schon, um nicht vor Lachen laut herauszuplatzen, was ihr unziemlich erschienen w�re. Immerhin sprachen sie �ber den K�nig. �Wir sind also in Safet�, stellte sie fest.</p><p>�Ich sagte, <emphasis>Bruder Robin </emphasis>ist in Safet�, verbesserte sie Abb�.</p><p>�<emphasis>Wir </emphasis>sind in Jerusalem.�</p><p><emphasis>�Jerusalem?� </emphasis>Robin richtete sich kerzengerade auf, was eine neue Welle von Schmerz in ihrer Schulter ausl�ste - die sie in diesem Moment aber nicht einmal wirklich zur Kenntnis nahm. Sie waren in Jerusalem? Sie hatte alles, was hinter ihr lag, im Grunde nur auf sich genommen, um <emphasis>hierher </emphasis>zu kommen, die Heilige Stadt der Christenheit mit eigenen Augen zu sehen und �ber den gesegneten Boden zu schreiten, den Gottes Sohn selbst ber�hrt hatte!</p><p>So viel, h�rte sie eine d�nne, aber un�berh�rbar sp�ttische Stimme irgendwo in ihren Gedanken, zu ihrer eigenen Behauptung, sie w�re keine gute Christin mehr.</p><p>Sie verscheuchte den Gedanken.</p><p>�Ja�, antwortete Abb�. �Und das schon seit einer Woche.�</p><p><emphasis>�Eine Woche?�, </emphasis>wiederholte Robin ungl�ubig. �Ich habe <emphasis>eine Woche </emphasis>geschlafen?�</p><p>Abb� zog sich einen Schemel heran, auf den er sich nicht nur mit einem ersch�pften Seufzer sinken lie�, sondern der auch h�rbar unter seinem Gewicht �chzte. Robin fiel erst jetzt auf, dass der pausb�ckige Tempelritter, abgesehen von einem rapiden Verlust seiner restlichen Haare, zwar in den zur�ckliegenden beiden Jahren keinen Tag �lter geworden zu sein schien, daf�r aber geh�rig an Gewicht zugelegt hatte. Seltsam - sie h�tte das genaue Gegenteil erwartet.</p><p>�Nicht eine Woche�, antwortete er schlie�lich. �F�nfzehn Tage.�</p><p>Robin starrte ihn an.</p><p><emphasis>�Zwei </emphasis>Wochen und einen Tag�, best�tigte Abb�. �Es ist ein weiter Weg von den Ufern des Litani bis nach Jerusalem. Und den Umweg �ber Safet nicht zu vergessen, wo wir den bedauernswerten Bruder Robin abliefern mussten, um ihn in der Obhut von Bruder Horace zur�ckzulassen.�</p><p>Es fiel Robin immer noch schwer, Abb�s Worten glauben zu schenken. Vergeblich lauschte sie in sich hinein. Sie m�sste es doch sp�ren, wenn sie <emphasis>zwei Wochen </emphasis>im Fieber dagelegen h�tte!</p><p>�Wieso kann ich mich nicht erinnern?�, fragte sie schaudernd.</p><p>�Deine treue Dienerin da�, antwortete Abb� mit einer Kopfbewegung und einem strafend gespielten Blick auf Saila, �hat dir dreimal t�glich einen Trunk eingefl��t, angeblich, um deine Wunden zu heilen und dein Fieber zu bek�mpfen. W�re ich kein Mann Gottes, so w�rde ich glatt behaupten, es handele sich um ein Hexengebr�u vom Berge Masyaf. Immerhin sagt man deinem �h ... <emphasis>Schwiegervater </emphasis>nach, er w�re nicht nur der Herr der M�rder und Attent�ter, sondern auch ein gro�er Hexenmeister.�</p><p>�Und einer der wichtigsten Verb�ndeten des Ordens�, f�gte Robin hinzu.</p><p>�Und einer unserer wichtigsten Verb�ndeten�, best�tigte Abb�. �Deshalb ist es ja auch ganz und gar ausgeschlossen, dass er wirklich die schwarze Magie betreibt. W�rden wir uns sonst mit ihm einlassen?�</p><p>�Bestimmt nicht�, sagte Robin ernsthaft.</p><p>�Eben.� Bruder Abb� wandte sich zu Nemeth um. �Wie es scheint, warst du gerade doch nicht laut genug, mein Kind, auch wenn ich f�r einen Moment geglaubt habe, die Posaunen von Jericho erschallen zu h�ren. Warum gehst du nicht und suchst nach Salim, um ihn zu holen? Ich bin sicher, er kann es kaum noch erwarten, seine Gattin in die Arme zu schlie�en.�</p><p>Saila warf ihm einen strafenden Blick zu, wagte es aber nicht, auch nur ein Wort zu sagen, zumal sich Abb� nun auch an sie wandte und in nur ganz leicht, aber dennoch h�rbar k�hlerem Ton hinzuf�gte: �Und du, mein M�dchen, solltest hinab in die K�che gehen und eine kr�ftige Mahlzeit f�r deine Herrin zubereiten. Immerhin hat sie seit zwei Wochen nichts mehr gegessen.�</p><p>Robin wurde allein bei dem Gedanken an Essen schon fast �bel, aber sie schwieg, bis Saila und ihre Tochter die Kammer verlassen hatten. �Wieso schickst du sie weg?�, fragte sie dann. �Ich habe keine Geheimnisse vor ihnen. Sie wissen alles �ber mich.�</p><p>�Alles ist manchmal zu viel�, sagte Abb�. �Ich war schon immer der Meinung, dass ein Geheimnis im Grunde nur dann ein Geheimnis ist, wenn m�glichst wenige von ihm wissen.�</p><p>�Oder gar keiner?�, schlug Robin vor.</p><p>�Richtig�, antwortete Abb� unger�hrt. �Wir sollten jetzt genau �berlegen, was zu tun ist. Ich will ehrlich zu dir sein, Robin. Das Spiel, das wir gemeinsam spielen, beginnt allm�hlich gef�hrlich zu werden. Nicht nur f�r dich. Ich habe meine sch�tzende Hand �ber dich gehalten, solange ich konnte, aber auch meine Macht ist begrenzt. Vor allem jetzt, wo Odo nicht mehr da ist.�</p><p>�Der Gro�meister ist gefallen?�, entfuhr es Robin.</p><p>Abb� sch�ttelte den Kopf und schlug hastig das Kreuzzeichen.</p><p>�Gottlob nein. Aber er ist in Gefangenschaft geraten, zusammen mit nur zu vielen anderen.� Er hob die Schultern. �Das ist nicht nur f�r dich und mich ein schwerer Schlag, sondern f�r den gesamten Orden - auch wenn der eine oder andere hinter vorgehaltener Hand meint, es w�re nur Gottes gerechte Strafe, nach dem, was er getan hat.�</p><p>�Was hat er denn getan?�, erkundigte sich Robin.</p><p>�Eigentlich nichts Besonderes�, antwortete Abb�. �Au�er vielleicht, dass er den Krieg f�r uns verloren hat.�</p><p>�Er hat was?�, wiederholte Robin.</p><p>�Mancher behauptet, es w�re so�, best�tigte Abb�. �Wir h�tten die Schlacht gewinnen m�ssen, Robin. Unser Heer war ebenso stark wie das der Heiden, selbst <emphasis>mit </emphasis>Saladins so �berraschend aufgetauchten M�nnern! Wir h�tten siegen <emphasis>m�ssen, </emphasis>und wir <emphasis>h�tten </emphasis>gesiegt, ohne Odos selbstm�rderischen Angriff. Wir h�tten sie zerschmettert. Doch als das Baussant zur�ckwich, ist der ganze Angriff zusammengebrochen.� Er sch�ttelte zornig den Kopf. �Dieser Narr! Ich achte und verehre ihn als Mensch, aber er h�ngt zu sehr an den Buchstaben unserer Ordensregeln! Kein Soldat Christi weicht vor dem Angesicht des Feindes zur�ck, es sei denn, er ist in mehr als dreifacher �berzahl! <emphasis>Pah! </emphasis>Es war die <emphasis>zehnfache </emphasis>�berzahl, in diesem Moment!�</p><p>�Das konnte er nicht sehen�, antwortete Robin. �Wir befanden uns in einem Tal. Wir hatten keine Sicht auf das Schlachtfeld.�</p><p>Abb� wirkte ehrlich verbl�fft, ausgerechnet <emphasis>sie </emphasis>Odo von Saint-Amand verteidigen zu h�ren, dann aber ballte er nur umso w�tender die Faust; fast wie um ihre Worte zu packen und zwischen den Fingern zu zerquetschen. �Dann h�tte er Sp�her vorausschicken m�ssen�, beharrte er, und Robin f�gte noch leiser hinzu: �Und es war nicht er, der den Angriff befohlen hat.�</p><p>Diesmal starrte Abb� sie l�nger an. Er schwieg.</p><p>�Es war nicht Odo, der den Angriff befohlen hat�, sagte Robin noch einmal. �Es war Bruder Dariusz. Odo hat sich, im Gegensatz zu Graf Raimund, von ihm mitrei�en lassen. Das ist das einzige Vers�umnis, das Ihr ihm vorhalten k�nnt, soweit ich das beurteilen kann.�</p><p>Abb� starrte sie weiter durchdringend an. Fassungslos? �Das kann nicht sein�, sagte er schlie�lich. �Gerhard von Ridefort behauptet ebenfalls ...�</p><p>�Dann l�gt er�, unterbrach ihn Robin. Sie war selbst ein wenig �berrascht �ber die Sch�rfe in ihrer Stimme, aber sie wurde eher noch lauter, als sie fortfuhr: �Ich wei�, was ich gesehen habe!�</p><p>�Das ist eine sehr schwere Anschuldigung, die du da vorbringst, Robin�, sagte er schlie�lich. �Ist dir das klar? Nicht nur Marschall Ridefort best�tigt Dariusz� Darstellung der Dinge, sondern auch zahlreiche Ritter aus seinem unmittelbaren Gefolge.�</p><p>�Dann l�gen sie alle�, sagte Robin w�tend. �Ich wei�, was ich gesehen habe! Sagt, Bruder Abb� - wenn der Gro�meister nicht zur�ckkommt, wer wird dann sein Nachfolger?�</p><p>Abb� japste h�rbar nach Luft, und alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Doch seine Reaktion fiel ganz anders aus, als Robin erwartet hatte. �Was erdreistest du dich?�, fuhr er sie an. Seine Augen blitzten. F�r einen Moment wirkte er so w�tend, dass Robin nicht �berrascht gewesen w�re, h�tte er sie geschlagen.</p><p>�So etwas will ich nie wieder von dir h�ren, hast du mich verstanden? Nie mehr!�</p><p>�Verzeiht, Bruder�, sagte Robin steif. �Das war respektlos, und ich entschuldige mich daf�r. Aber was das andere angeht, so bleibe ich bei dem, was ich gesehen habe.�</p><p>Abb� lie� sich wieder zur�cksinken. Seine H�nde zitterten.</p><p>�Das ... das ist ungeheuerlich�, murmelte er. �Ja ... aber jetzt ergibt alles einen Sinn ...�</p><p><emphasis>�Was </emphasis>ergibt einen Sinn?�, fragte Robin.</p><p>Abb� ignorierte die Frage. �Ich glaube dir, Robin�, sagte er ernst. �Doch das allein wird uns nicht viel nutzen, f�rchte ich. Nicht, wenn Dariusz und Ridefort und so viele andere das Gegenteil behaupten.�</p><p>�Graf Raimund kann meine Darstellung best�tigen�, sagte Robin nach kurzem �berlegen. �Er hat sich fast die Kehle aus dem Leib geschrien, um uns aufzuhalten.�</p><p>Abb� sch�ttelte traurig den Kopf. �Nicht einer von Raimunds M�nnern ist aus der Schlacht zur�ckgekehrt�, sagte er. �Raimund selbst liegt schwer verwundet darnieder. Er wurde am Kopf getroffen. Niemand wei�, ob er sich je wieder erholen wird oder ob er vielleicht bl�de bleibt.� Er sch�ttelte erneut den Kopf, dann stand er mit einem Ruck auf und seufzte tief. �Umso richtiger war unsere Entscheidung, dich hier zu verstecken�, fuhr er fort, w�hrend er mit kleinen, unruhigen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen begann. �Ich werde sofort einen Reiter nach Safet schicken, um Bruder Horace Anweisungen zu erteilen.� Er blieb stehen und sah sie mit einem sonderbar freudlosen L�cheln an.</p><p>�Mein Beileid, Bruder Robin�, sagte er. �Ihr seid gerade gestorben.�</p><p>�Das ist das erste halbwegs kluge Wort, das ich von Euch h�re, Tempelherr�, sagte Salim von der T�r aus. Robin hatte weder geh�rt, wie er sie ge�ffnet hatte, noch wie und wann er hereingekommen war.</p><p>Abb� musste es wohl �hnlich ergangen sein, denn er ma� Salim mit einem nicht besonders erfreuten Blick und fragte scharf: �Wie lange steht Ihr schon da hinter der T�r und lauscht, Assassine?�</p><p>�Wie Ihr selbst sagt, Tempelherr�, erwiderte Salim ruhig, �ich bin ein Assassine. Und wir sind im Haus eines Assassinen. Glaubt Ihr wirklich, ich h�tte es n�tig zu lauschen?� Er erwartete keine Antwort auf diese Frage, sondern ging mit schnellen Schritten an ihm vorbei, und nun gab es f�r Robin kein Halten mehr. Mit einem Schrei sprang sie aus dem Bett, warf sich in Salims Arme und k�sste ihn so wild und fordernd, dass er unter ihrem Ansturm zur�cktaumelte und tats�chlich um sein Gleichgewicht k�mpfen musste. Erst als in ihren Lungen keine Luft mehr war und sie das Gef�hl hatte, im n�chsten Moment ersticken zu m�ssen, l�sten sich ihre Lippen von den seinen, aber nur ihre Lippen; als er zur�ckweichen wollte, zog sie ihn nur umso fester an sich.</p><p>�Nichts da�, sagte sie atemlos. �Ich lasse dich nie wieder gehen.�</p><p>�Das ist wahrscheinlich ein typisches Frauenversprechen�, griente Salim. �Es h�lt gerade so lange, wie man braucht, um es auszusprechen.�</p><p>Robin knuffte ihm in die Rippen und k�sste ihn wieder, diesmal nicht so st�rmisch und fordernd wie gerade, sondern sanft und z�rtlich. Neben ihr r�usperte sich Bruder Abb� �bertrieben, aber Robin ignorierte ihn einfach. Ihre Zunge tastete �ber seine Lippen und seine Z�hne, suchten den Weg dazwischen hindurch und die Ber�hrung seiner eigenen Zunge. Doch pl�tzlich zog sich Salim zur�ck und drehte den Kopf auf die Seite.</p><p>�Was?�, fragte Robin.</p><p>�Oh, �h ... nichts�, antwortete Salim, eine Spur zu hastig und nicht �berzeugend, zumal er dabei ihrem Blick auswich. �Es ist alles in Ordnung. Wirklich. Ich meine, du ... du k�sst wirklich gut ... f�r eine Tote.�</p><p>�Wie?�, fragte Robin lauernd.</p><p>Salim beeilte sich zu nicken. �Bestimmt. Das Problem ist nur, du ... du schmeckst auch ein bisschen so.�</p><p>�He!�, protestierte Robin. �Du hast mich schon an ganz anderen Stellen ...�</p><p>�Da warst du auch gewaschen und parf�miert�, antwortete Salim, �und hast nicht zwei Wochen im Fieber dagelegen und all die Zeit den Zaubertrank meines Vaters genossen. Ich meine: Er ist wirklich gut. Selbst ich verdanke ihm mein Leben. Aber das �ndert leider nichts daran, dass er schmeckt wie ein Kamel am falschen Ende.�</p><p>Wahrscheinlich hatte er damit sogar Recht, dachte Robin, w�hrend sie sich mit der Zungenspitze �ber die Z�hne fuhr. Wenn ihre K�sse so schmeckten wie das, was sie jetzt empfand, dann musste Salim sie noch weit mehr lieben, als sie bisher geglaubt hatte.</p><p>Vielleicht konnte sie ja herausfinden, wie sehr. �Wann hast du denn das letzte Mal ein Kamel am richtigen Ende gek�sst?�, fragte sie.</p><p>Salim dachte einen Moment angestrengt nach. �Vor f�nfzehn Tagen�, sagte er dann. �Oder sind es mittlerweile schon sechzehn?�</p><p>Hinter ihr r�usperte sich Abb� noch einmal und deutlich lauter, und Robin knuffte Salim abermals und diesmal so hart in die Rippen, dass er �chzend nach Luft rang. Dann aber lie� sie es gut sein. Sie h�tte zwar nicht �bel Lust gehabt, Abb� noch eine Weile in seinem eigenen Saft schmoren zu lassen (wer wei�, dachte sie sp�ttisch, vielleicht ja in wortw�rtlichem Sinne), aber die Situation war zu kompliziert, um noch mehr Zeit zu verschwenden. Sie lie� Salim zwar nicht v�llig los, lockerte ihren Griff aber ein wenig und drehte sich zu Abb� um.</p><p>�Verzeiht, Bruder�, sagte sie sp�ttisch. �Ich wollte Euch nicht in Verlegenheit bringen. Immerhin seid Ihr ein Mann Gottes und den Anblick verwerflicher fleischlicher Gen�sse nicht gewohnt.�</p><p>Abb� spie�te sie mit Blicken regelrecht auf, �berging das Thema aber ansonsten diskret und wandte sich direkt an Salim.</p><p>�Wenn Ihr schon gelauscht habt, Assassine, dann habt Ihr mir wenigstens die M�he abgenommen, alles noch einmal erkl�ren zu m�ssen.�</p><p>�Es w�re sowieso unn�tz.� Salim schlang seinen Arm um ihre Schulter und dr�ckte sie mit sanfter Kraft an sich. Die Ber�hrung tat gut und gab ihr das Gef�hl, ebenso geborgen wie sicher zu sein, aber sie hatte auch etwas fast Besitzergreifendes, das ihr nicht gefiel. Sie widerstand dem Impuls, seinen Arm abzustreifen, doch es kostete sie M�he.</p><p>�Ich bringe Robin zur�ck nach Masyaf�, fuhr Salim fort.</p><p>�Mein Vater wird in drei oder vier Tagen hier eintreffen. Wir schlie�en uns seinem Gefolge an, sobald er Jerusalem wieder verl�sst.� Seine Finger strichen z�rtlich �ber ihre Wange. �Keine Angst, Geliebte. Ich werde nicht zulassen, dass man dir noch einmal wehtut.�</p><p>Robin schob seine Hand weg, aber er nahm es gar nicht zur Kenntnis, und auch Abb� fuhr direkt an ihn gewandt fort: �Der einzig vern�nftige Vorschlag�, sagte er, wobei er gewiss nicht durch Zufall Salims eigene Worte benutzte. �Wenn Dariusz auch nur den Verdacht hat, sie k�nnte noch am Leben sein, g�be ich keinen Pfifferling mehr um ihr Leben.�</p><p>�He!�, protestierte Robin. Verwirrt und �rgerlich sah sie von Salim zu Abb� und wieder zur�ck. �H�ttet ihr vielleicht die G�te, in meiner Gegenwart nicht so �ber mich zu sprechen, als w�re ich gar nicht da?�</p><p>�Wird der K�nig nicht misstrauisch werden?�, fragte Salim.</p><p>�Er wei� immerhin, dass Robin nur an der Schulter getroffen wurde.�</p><p>�Aber er wei� nichts von den Zauberkr�ften deines Vaters, Assassine�, antwortete Abb�. �Hast du schon einmal gesehen, was der Wundbrand selbst aus einer harmlosen Verletzung machen kann?�</p><p>Salim blieb unschl�ssig. �Er hat ihr Gesicht gesehen.�</p><p>�F�r einen Augenblick, und es war gezeichnet von der Schlacht und voller Blut und Schwei�.� Abb� sch�ttelte d�ster den Kopf. �Wir werden einen Toten finden, der ihr hinl�nglich �hnlich sieht. An Leichen herrscht auf Safet im Moment wahrlich kein Mangel!�</p><p>�He!�, protestierte Robin. �Habe ich dazu vielleicht auch noch etwas zu sagen?�</p><p>�Nein�, antworteten Salim und Bruder Abb� gleichzeitig und wie aus einem Mund.</p><p>�K�nig Balduin ist nicht dumm�, versuchte sie es noch einmal.</p><p>�Er wird es merken.� Darauf antwortete Abb� erst gar nicht. Robin fuhr fast verzweifelt fort: �Aber ... aber Ihr habt geh�rt, was ich �ber Dariusz erz�hlt habe! Und die Verschw�rung gegen den K�nig! Wollt Ihr denn gar nichts dagegen tun?�</p><p>�Es war schon immer die erkl�rte Linie des Ordens�, antwortete Abb�, �sich nicht in die Politik einzumischen. K�nige kommen und gehen, aber der Orden bleibt.�</p><p>Das war haneb�chener Unsinn, das wusste Robin. Trotzdem fragte sie: �Und Dariusz?�</p><p>�Wir werden uns darum k�mmern�, sagte Abb� ernst.</p><p>�Und wenn ihr es nicht tut, dann tue ich es�, f�gte Salim hinzu.</p><p>�Das habe ich jetzt nicht geh�rt�, sagte Abb� kopfsch�ttelnd.</p><p>�Was immer Bruder Dariusz auch getan haben mag, ich kann nicht zulassen, dass er von der Hand eines gedungenen M�rders f�llt, auch wenn ich Euch gut verstehen kann. Gott wird ihn richten, und wenn nicht er, dann wir.�</p><p>Salim sagte nichts mehr dazu, aber sein Blick machte klar, dass er keinen Deut von seiner Drohung zur�ckwich. Dariusz war jetzt schon so gut wie tot, dachte sie bitter. Sie w�rde ihm keine Tr�ne nachweinen, aber wollte sie wirklich seinen Tod?</p><p>Abb� beendete das Thema mit einer bestimmenden Geste.</p><p>�Genug. Ich kann deine Gef�hle verstehen, Robin. Du bist noch immer so stolz und stur wie damals, als wir uns kennenlernten. Aber das hier ist keine Frage des Stolzes.� Er deutete auf Salim.</p><p>�Auch auf die Gefahr hin, mir damit den Hass deines Gemahls zuzuziehen, so k�nnten dich nicht einmal die Mauern Masyafs vor Dariusz sch�tzen, w�sste er, dass du am Leben bist, und auch alle seine M�nner nicht. Bruder Robin wird sterben, so oder so.�</p><p>Robin wusste ja, dass er Recht hatte. Was er sagte, blieb vermutlich noch weit hinter der Wahrheit zur�ck. Dariusz w�rde nicht zulassen, dass ein Zeuge seiner Tat zur�ckblieb. Er w�rde vielleicht nicht einmal z�gern, ihretwegen einen Krieg anzufangen.</p><p>So wenig wie Salim, �brigens.</p><p>�Und nun m�sst ihr mich entschuldigen, Kinder�, fuhr Abb� in vollkommen ver�ndertem Ton fort. �Mich rufen dringende Gesch�fte, wie ihr ja sicher verstehen k�nnt. Ich muss ein paar Briefe schreiben. Vorbereitungen treffen ... ihr wisst schon.�</p><p>Sein Grinsen wurde anz�glich. �Und ich nehme an, dass ihr euer Wiedersehen geb�hrend feiern wollt.�</p><p>Und damit verschwand er, noch bevor Robin auch nur eine weitere Frage stellen konnte.</p><p>Salim nahm den Arm von ihrer Schulter und griff in die Tasche seines schwarzen Mantels. Als er die Hand wieder hervorzog, lagen einige saftige dunkelgr�ne Bl�tter darauf.</p><p>�Was ist das?�, fragte Robin misstrauisch.</p><p>Salim grinste breit. �Eukalyptusbl�tter�, sagte er. �Gegen den Kamelgeschmack.�</p></section><section><title><p>20. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>In den n�chsten beiden Tagen sah sie Bruder Abb� gar nicht, Salim daf�r aber umso �fter wieder. Der Sohn des Alten vom Berge hatte verschiedene Pflichten, denen er in diesem Assassinenhaus inmitten von Jerusalem nachkommen musste, aber sie nahmen nur wenige Stunden am Tage in Anspruch, und seine gesamte �brige Zeit verbrachte er mit ihr.</p><p>Nat�rlich genoss sie die Zeit, die sie in seinen Armen lag oder eng an ihn gekuschelt am Fenster sa� und auf den schmalen Ausschnitt der Stadt hinuntersah, den sie von hier aus erkennen konnte. Er beantwortete all ihre Fragen �ber Jerusalem und all die Wunder, die die Mauern der Stadt beherbergten, mit gro�er Geduld und in aller Ausf�hrlichkeit. Ihre hartn�ckig vorgebrachten Bitten jedoch, sie mit hinaus in die Stadt zu nehmen, sodass sie all diese Wunder mit eigenen Augen schauen konnte, beschied er immer wieder abschl�gig; mehr noch: Robin verlegte sich schlie�lich darauf, ihn wenigstens um ein anderes Zimmer zu bitten, sodass sie einen anderen Ausschnitt der Stadt betrachten konnte, doch selbst das lehnte er ab, ohne zu erkl�ren, warum. Ob es Robin gefiel oder nicht, sie begann den Gedanken zu akzeptieren, dass sie trotz allem eine Gefangene war.</p><p>Nat�rlich gefiel ihr das nicht.</p><p>Am dritten Tag, nachdem sie in diesem Zimmer aufgewacht war, verabschiedete sich Salim mit der Er�ffnung, dass die Ankunft seines Vaters in den n�chsten Stunden erwartet wurde und es durchaus Abend werden k�nnte, bis er zu ihr zur�ckkam.</p><p>Robin verabschiedete ihn mit einem langen Kuss und einem Bedauern, das nicht vollkommen geheuchelt war. Sie hatten sich an diesem Morgen bereits zweimal geliebt, und dennoch erregte sie der Anblick seiner muskul�sen und doch schlanken Brust schon wieder. Ihre Hand kroch an seinem Bein empor, aber Salim hielt ihre Finger fest, bevor sie ihr Ziel erreichten.</p><p>�Du bist ja uners�ttlich�, sagte er mit gespielter Missbilligung.</p><p>�Du etwa nicht?�, fragte Robin mit einer Geste dorthin, wohin ihre Hand unterwegs gewesen war.</p><p>Salim folgte ihrem Blick und zog die Augenbrauen noch weiter zusammen. �Das muss an den Eukalyptusbl�ttern liegen. Sie erinnern mich an mein Lieblingskamel, wei�t du?�</p><p>�Welches Ende?�, wollte Robin wissen.</p><p>Salim lachte und k�sste sie spielerisch auf die Nase, hielt ihre Hand jedoch weiter fest und schob sie dann sogar weg, w�hrend er aufstand und sich nach seinem Hemd b�ckte. �Es tut mir Leid, aber ich muss wirklich noch eine Menge Vorbereitungen treffen, bevor mein Vater hier ist. Sp�ter, wenn wir wieder in Masyaf sind, haben wir so viel Zeit f�r uns, wie wir nur wollen. Ich gebe dir mein Wort, dass ich nie wieder von deiner Seite weichen werde. Auch�, f�gte er hinzu, w�hrend er die Arme hob und in sein Hemd schl�pfte, und seine Stimme drang dabei nur noch ged�mpft unter dem groben schwarzen Stoff hervor, �wenn ich nicht ganz sicher bin, ob ich dir auf die Dauer gewachsen sein werde.� Er streifte seinen Mantel �ber, warf ihr mit spitzen Lippen einen Kuss zu und begann noch im Hinausgehen seinen Turban zu wickeln.</p><p>Robin zog eine Schnute und lie� sich wieder in das weiche Kissen ihres Bettes zur�cksinken. Ihre Schulter schmerzte ein bisschen - das war kein Wunder, nach der letzten Stunde -, aber die Heilung machte dennoch erstaunlich gute Fortschritte. Die Salbe, die Saila ihr zweimal am Tag auftrug, wirkte wahre Wunder.</p><p>Es w�rde zwar noch lange dauern, bis sie den Arm wieder richtig benutzen konnte (davon, einen Schild zu tragen und etwa die Wucht eines Schwerthiebes damit aufzufangen, gar nicht zu reden), aber wenn Saila die Verb�nde wechselte, dann erblickte sie eine Wunde, die aussah, als w�re sie mindestens zwei Monate alt, nicht zwei Wochen.</p><p>Salims Geruch haftete noch an der Bettw�sche. Robin sog ihn tief in die Nase ein und schloss die Augen, als sich ein wohliges Kribbeln in ihrem Leib auszubreiten begann, allein ausgel�st von der Erinnerung an Salims N�he, das unbeschreibliche Gef�hl, ihn in sich zu sp�ren. Es wurde st�rker, als ihre H�nde �ber ihre Br�ste und weiter hinab zu ihrem Scho� zu wandern begannen.</p><p>Dann fuhr sie erschrocken zusammen, zog ihre Hand mit einem heftigen schlechten Gewissen zur�ck und setzte sich mit einem Ruck auf. Was war nur mit ihr los?</p><p>Gut, ihr schlechtes Gewissen hielt sich in Grenzen, aber Salims spielerischer Vorwurf war nicht ganz so aus der Luft gegriffen, wie es ihr im Grunde lieb gewesen w�re. Seit sie Salims Frau geworden war, hatte sie die Freuden dessen, was Bruder Abb� so gerne als fleischliche Gen�sse bezeichnete, kennen und in weitaus gr��erem Ma�e sch�tzen gelernt, als sie in seiner Gegenwart jemals zugegeben h�tte. Doch seit ihrer R�ckkehr hierher war sie tats�chlich fast uners�ttlich geworden. Sie brauchte Salims W�rme in sich mindestens zweimal am Tag, wenn nicht �fter - und es war dennoch, als k�nne sie einfach nicht genug bekommen. Vielleicht, weil sie sich in diesen Momenten auf unbeschreibliche Weise <emphasis>lebendig </emphasis>f�hlte.</p><p>Vielleicht hatte es mit der Schlacht zu tun, dachte sie. Ihre Gier nach allem, was Lebendigkeit verstr�mte und ihr dabei das Gef�hl gab, selbst lebendig zu <emphasis>sein. </emphasis>Vielleicht hatte sie f�r ein einziges Leben einfach zu viel Leid und Tod gesehen.</p><p>Sie streifte die Decke endg�ltig ab und schwang gerade die Beine aus dem Bett, als die T�r aufging und Nemeth hereinkam. Das M�dchen streifte sie mit einem sonderbaren Blick, und Robin fragte sich, ob sie sie belauscht oder Salim und sie gar beobachtet hatte. Das Ergebnis, zu dem sie kam, war einem Ja deutlich n�her als einem Nein, aber sie verzichtete darauf, dem M�dchen die Frage laut zu stellen. Was hatte sie davon, Nemeth in Verlegenheit zu bringen? Dar�ber hinaus war sie bald alt genug, sich mit gewissen Dingen des Lebens vertraut zu machen.</p><p>�Ben�tigt Ihr etwas, Herrin?�, fragte Nemeth. �Wasser oder etwas zu essen?�</p><p>Robin sch�ttelte stumm den Kopf und trat ebenso wortlos an das Fester heran, an dem sie in den letzten Tagen so oft gestanden und auf die Stadt hinabgeblickt hatte, der ihre ganze Sehnsucht galt und die so nahe und doch so unerreichbar fern war. Es war selbst nach all der Zeit noch immer ein faszinierender Anblick. Obwohl es noch fr�h war, sp�rte Robin schon, wie hei� der Tag wieder werden w�rde. Staub hing in der Luft und versah die Konturen der Geb�ude mit einem zweiten, flimmernden Umriss. Im Licht der noch tief stehenden Sonne sah es aus, als sei die Heilige Stadt in goldene Schleier geh�llt. Die Stadt strahlte ... <emphasis>Erhabenheit </emphasis>aus. Die T�rme zahlloser Kirchen erhoben sich aus dem Labyrinth von Stra�en und schmalen, verwinkelten G�sschen. Eine hohe Mauer umg�rtete die gesamte Stadt, von der sie allerdings von hier aus nur einen winzigen Teil sehen konnte.</p><p>Besonders eindrucksvoll erschien ihr das etwas h�her gelegene Felsplateau am �stlichen Ende der Stadt gegen�ber des �lbergs. Dort erhob sich zwischen anderen Geb�uden eine hohe Kuppel, die von einem m�chtigen Kreuz gekr�nt wurde. Der <emphasis>Templum Domini. </emphasis>Sie hatte andere Tempelritter von dem Ort erz�hlen h�ren, der unter dem besonderen Schutz ihres Ordens stand. Dort lag der Fels, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak Gott opfern wollte. Und pl�tzlich wurde sich Robin bewusst, dass Jesus selbst �ber den �lberg gekommen war, als er nach Jerusalem einzog. Seltsam, dachte sie. Sie hatte geglaubt, sich sp�testens w�hrend des Grauens der Schlacht endg�ltig von ihrem Glauben losgesagt zu haben, und doch dachte sie jetzt mehr an Gott und seinen Sohn als in all den Monaten zuvor. Vielleicht hatte sie sich ja gar nicht von Gott losgesagt, sondern nur von dem, was Menschen in seinem Namen taten.</p><p>�Eine wundersch�ne Stadt, nicht wahr?�, fragte Nemeth. Sie war lautlos neben sie getreten, und auch in ihrer Stimme meinte Robin etwas zu h�ren, das weit �ber das Ma� normalen kindlichen Staunens hinausging. �Ich wusste gar nicht, dass es so gro�e St�dte gibt. Hier m�ssen mehr Menschen leben als in einem ganzen Land!�</p><p>�Es gibt noch sehr viel gr��ere St�dte�, antwortete Robin. �Ich habe ein paar davon mit eigenen Augen gesehen. Aber Jerusalem ist schon etwas Besonderes. Es ist die heiligste Stadt der Christenheit.�</p><p>�Die heiligste Stadt der Christenheit�, wiederholte Nemeth in sonderbar nachdenklichem Ton. Sie runzelte die Stirn. �Warum liegt sie dann in unserem Land?�</p><p>Robin sah sie verst�rt an.</p><p>�Habt Ihr sie schon gesehen, Herrin?�, fuhr Nemeth unger�hrt fort. �Ich meine: Wart Ihr schon drau�en in der Stadt?�</p><p>Robins Gesicht verd�sterte sich. �Du wei�t genau, dass Salim und Bruder Abb� mich hier gefangen halten. Findest du es gut, dich auch noch �ber mich lustig zu machen?�</p><p>�Das wollte ich nicht, Herrin�, antwortete Nemeth mit einem breiten Grinsen, das so ungef�hr das genaue Gegenteil behauptete. �Ich frage mich ja nur, ob Ihr sie sehen <emphasis>wollt.�</emphasis></p><p>�Salim hat Wachen vor jede T�r aufgestellt�, grollte Robin.</p><p>�Und wie ich ihn kenne, schleichen seine Spione durch die ganze Stadt, nur f�r den Fall, dass ich trotzdem hier herausk�me.�</p><p>�Er kennt Euch eben�, feixte Nemeth.</p><p>Robin seufzte tief. �Das hier ist ein Assassinenhaus, Nemeth. Es f�hrt kein Weg hinaus.�</p><p>Nemeth schwieg. Aber sie tat es auf eine ganz bestimmte Art, die dazu f�hrte, dass Robin sich nach einem weiteren Moment vom Anblick der Stadt drau�en vor dem Fenster losriss und sie stirnrunzelnd ansah.</p><p>�Oder?�, fragte sie.</p><p>Nemeth schwieg beharrlich weiter, aber ihre Augen blitzten schelmisch.</p><p>�Du kennst einen Weg hier hinaus?�, fragte Robin.</p><p>�Meine Mutter hat mich zu Euch geschickt, Herrin�, sagte Nemeth, ohne ihre Frage zu beantworten. �Sie wird den ganzen Tag fortbleiben. Salim hat sie mitgenommen, damit sie ihm hilft. Sein Vater kommt wohl mit einem gro�en Gefolge, und es sind eine Menge Vorbereitungen zu treffen.� Sie warf Robin einen schr�gen Blick zu. �Sie werden den ganzen Tag fortbleiben, bestimmt bis Sonnenuntergang, wenn nicht l�nger.�</p><p>�Und was genau willst du mir damit sagen?�, fragte Robin.</p><p>�Ich?� Nemeth riss in gespielter Emp�rung die Augen auf.</p><p>�Aber ich w�rde doch nie ...�</p><p>�Wir m�ssten zur�ck sein, bevor Salim wieder hier ist�, fuhr Robin nachdenklich fort. �Und was ist, wenn jemand hereinkommt und sieht, dass ich nicht mehr da bin?�</p><p>�Wer au�er mir, meiner Mutter und Salim war denn bisher hier in Eurem Zimmer?�, fragte Nemeth.</p><p>Niemand, pflichtete ihr Robin in Gedanken bei. Der Grund, aus dem Salim sie hier in diesem Haus untergebracht hatte, war ja eben der, dass niemand au�er ihm selbst und Saila und ihrer Tochter sie zu Gesicht bekam. Vielleicht, �berlegte sie, war das auch der Grund, aus dem er ihr nicht gestattet hatte, auch nur dieses Zimmer zu verlassen. Wie Bruder Abb� vor ein paar Tagen gesagt hatte: Ein Geheimnis war umso besser gewahrt, je weniger um seine Existenz wussten.</p><p>Sie drehte sich wieder zum Fenster. Nat�rlich war schon die blo�e <emphasis>Idee </emphasis>verr�ckt, aber auf der anderen Seite ... sie w�rde Jerusalem in wenigen Tagen verlassen, um zusammen mit Salim und seinem Vater zum Berg Masyaf zur�ckkehren, und irgendetwas sagte ihr, dass sie vielleicht nie wieder hierher kommen w�rde. Sie konnte sich gut vorstellen, wie sie eines Tages ihren Enkelkindern davon erz�hlen w�rde. <emphasis>Oh, aber sicher war ich in Jerusalem. Eine ganze Woche. Nat�rlich habe ich die Stadt gesehen. Einen Ausschnitt von zwei Fu� Breite und vier Fu� H�he. </emphasis>Eine wunderbare Vorstellung.</p><p>�Ich br�uchte ... ein anderes Kleid�, sagte sie z�gernd. �So kann ich schlecht auf die Stra�e gehen.�</p><p>�Nicht, ohne aufzufallen�, best�tigte Nemeth. �Ihr habt fast dieselbe Statur wie meine Mutter. Ich glaube, eines von ihren Kleidern m�sste Euch passen.� Sie trat mit einem gespielten Seufzen vom Fenster zur�ck. �Es wird ohnehin Zeit, Euren Verband zu wechseln. Meine Mutter hat mir aufgetragen, es ja nicht zu vergessen. Ich bin nur immer so furchtbar ungeschickt mit der Salbe. Am Ende verderbe ich Euch noch das Kleid.�</p><p>�Dann solltest du auf jeden Fall ein Kleid zum Wechseln mitbringen�, sagte Robin ernsthaft.</p><p>�Eine gute Idee�, antwortete Nemeth. Sie ging. Robin blickte ihr l�chelnd nach, aber ihr Gesicht wurde wieder ernst, als sie sich erneut zum Fenster wandte und hinausblickte.</p><p>Also w�rde sie Jerusalem sehen. Nat�rlich war ihr klar, wie verr�ckt das war, was sie und Nemeth vorhatten. Es w�re nicht nur Wasser auf Salims M�hlen, wenn er davon erfuhr, er w�rde auch Nemeth streng bestrafen, von dem, was ihre Mutter mit ihr tun w�rde, gar nicht zu sprechen. Aber in diesem Moment f�hlte sich Robin dem M�dchen weitaus n�her als allen anderen hier. Allein der Gedanke an das, was vor ihnen lag, bescherte ihr ein kribbelndes Gef�hl, das sie allzu lange vermisst hatte. Ganz pl�tzlich f�hlte sie sich wieder wie das naive kleine M�dchen, als das sie ihr Leben vor so langer Zeit im fernen Friesland begonnen hatte, und es war ein <emphasis>gutes </emphasis>Gef�hl. O ja, Salim w�rde der Schlag treffen, wenn er davon erfuhr - aber sie freute sich schon darauf, es ihm zu erz�hlen. Sp�ter, irgendwann, wenn sie zur�ck in Masyaf waren.</p><p>Nemeth kam nach wenigen Augenblicken zur�ck. Sie brachte nicht nur Verbandszeug und Salbe, sondern auch ein schlichtes schwarzes Kleid, das ihrer Mutter geh�rte, und zwei kleine irdene T�pfe mit. W�hrend sie alles zu einem unordentlichen Stapel auf dem Fu�boden aufh�ufte, lie� sich Robin auf der Bettkante nieder, streifte ihr Kleid bis zur H�fte herunter und begann mit zusammengebissenen Z�hnen den Verband zu entfernen.</p><p>Pr�fend bewegte sie die Schulter. Es tat noch ein bisschen weh, ging aber besser, als sie erwartet hatte. Vielleicht noch zwei oder drei weitere Wochen, dachte sie, und sie w�rde die Schulter wieder ganz normal bewegen k�nnen. Raschids Salbe hatte wahre Wunder gewirkt.</p><p>Nemeth trug ihr frische Salbe auf und begann ihre Schulter dann mit erstaunlichem Geschick neu zu verbinden. Sie legte die Bandagen fester an als bisher, sodass sie Robins Bewegungen zwar deutlich mehr behinderten, unter ihrer Kleidung aber kaum noch auftragen w�rden.</p><p>Ais sie fertig war, machte Robin eine auffordernde Geste in Richtung des mitgebrachten Kleides, doch Nemeth sch�ttelte den Kopf und griff stattdessen nach den beiden kleinen Tont�pfen. �Zuerst das. Wir wollen Eure Verkleidung doch perfekt machen, oder? Hier - reibt Euch damit ein.�</p><p>Sie nahm den Deckel von einem der Tiegel, und Robin erblickte eine braune, cremige Substanz, von der ein leicht unangenehmer Geruch ausging.</p><p>�Keine Sorge�, sagte Nemeth, als sie ihren zweifelnden Gesichtsausdruck bemerkte. �Es ist nur einfache Schminke. Ihr k�nnt sie mit Wasser und Seife wieder abwaschen.�</p><p>Robin war noch nicht �berzeugt. Was sollte das? Ihre Haut war nach zwei Jahren unter der unbarmherzigen Sonne des Orients zwar immer noch nicht so dunkel wie die Nemeths oder ihrer Mutter, aber auch l�ngst nicht mehr so bleich, um sie sofort zu verraten. Nemeth bestand jedoch mit einem so hartn�ckigen Nicken darauf, dass sie die Schminke auftrug, dass Robin schlie�lich aufgab und sich das Gesicht, H�nde und Arme bis hinauf zu den Ellbogen eincremte.</p><p>Das Ergebnis war verbl�ffend. Nemeth hatte keinen Spiegel mitgebracht, sodass sie ihr Gesicht nicht sehen konnte, doch die Haut auf ihren H�nden und Unterarmen hatte nun genau denselben Farbton wie die des M�dchens.</p><p>�Sehr gut�, lobte Nemeth. �Und jetzt das Kleid.� Sie hatte sichtlich Freude daran, das Kommando zu �bernehmen, und Robin lie� sie gew�hren - auch wenn sie immer noch nicht ganz verstand, was dieser Mummenschanz eigentlich sollte. Sie kannte Orientalinnen, die einen helleren Teint hatten als sie.</p><p>Nemeth ging zur T�r, sp�hte einen Moment auf den Flur hinaus und bedeutete ihr dann mit einer verschw�rerischen Geste, ihr zu folgen, winkte aber praktisch sofort wieder ab und deutete heftig gestikulierend auf ihr Gesicht.</p><p>�Was?�, fragte Robin. Sie verstand nicht.</p><p>�Euer Kopftuch, Herrin�, sagte Nemeth. <emphasis>�Mutter, </emphasis>wollte ich sagen. Und der Schleier.�</p><p>Robin streifte das schwarze Kopftuch �ber, z�gerte aber, den Schleier vor dem Gesicht zu befestigen. Wozu hatte sie sich geschminkt, wenn sie ihr Gesicht dann nahezu vollkommen verbergen sollte? Schlie�lich aber gab sie auch diesmal auf, befestigte den Schleier und folgte Nemeth auf den Flur hinaus.</p><p>Das Haus schien leer zu sein. Von irgendwoher drangen Ger�usche an ihr Ohr, aber es war nichts Bedrohliches daran. Robin blieb trotzdem aufmerksam. Dies hier war ein Haus der Assassinen. Dass sie keine Wachen sah, bedeutete nicht, dass es keine gab.</p><p>Der Korridor besa� zwei weitere T�ren auf derselben Seite, aber kein Fenster, sodass nur ein wenig blasses Licht vom Fu�e der Treppe heraufdrang, die ins Erdgeschoss hinunterf�hrte. Irgendwo dort unten bewegte sich etwas. Sie sah das Flackern von Schatten.</p><p>�Wir m�ssen uns beeilen�, sagte Nemeth laut, als sie die aus Lehmstufen gefertigte Treppe hinabstiegen. �Es ist ein weiter Weg bis zum Basar, und wahrscheinlich werden die H�ndler wieder stundenlang feilschen und uns unn�tig aufhalten.�</p><p>Robin begann ganz allm�hlich zu d�mmern, was Nemeths sonderbares Benehmen zu bedeuten hatte - vor allem, als sie die in einen schmuddeligen wei�en Burnus geh�llte Gestalt sah, die mit l�ssig vor der Brust verschr�nkten Armen an der Wand neben der T�r lehnte und so tat, als beobachte sie gelangweilt das Treiben auf der Stra�e. Der Mann trug normale Kleidung und keine Waffen, aber Robin erkannte einen Assassinen, wenn sie ihn sah.</p><p>Sie erkannte sogar <emphasis>diesen </emphasis>Assassinen.</p><p>Sie hatte ihn ein paar Mal auf Masyaf gesehen, wenn auch nur fl�chtig, und sie konnte nur hoffen, dass es ihm umgekehrt genauso erging. Rasch senkte sie den Blick - nicht so weit, dass es auffiel - und dankte Nemeth im Stillen daf�r, dass sie auf dem Schleier bestanden hatte. Der Mann geh�rte nicht zu Salims oder Raschid Sinans Leibwache. Wenn er ihr Gesicht �berhaupt schon einmal gesehen hatte, dann allerh�chstens aus gro�er Entfernung und nur kurz. Dennoch begann ihr Herz schneller zu schlagen, als sie dicht hinter Nemeth das Haus verlie� und an dem Assassinen vorbeiging. Er r�hrte sich nicht, aber Robin glaubte den misstrauischen Blick seiner Augen regelrecht zwischen den Schulterbl�ttern zu sp�ren.</p><p>�Jetzt beeil dich schon, Mutter�, dr�ngelte Nemeth. �Immer tr�delst du herum!�</p><p>Robin versetzte ihr einen Klaps mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf, und das M�dchen verzog �bertrieben das Gesicht und beeilte sich weiterzustolpern, w�hrend sie die Hand hob und sich den Sch�del rieb. Als Robin ihr folgte, sah sie aus den Augenwinkeln, wie der Assassine fl�chtig l�chelte und seine Aufmerksamkeit dann wieder seiner eigentlichen Aufgabe zuwandte, n�mlich so zu tun, als w�re er gar nicht da.</p><p>�Wieso habt Ihr mich geschlagen?�, fragte Nemeth vorwurfsvoll, als sie au�er H�rweite des Assassinen waren.</p><p>�Weil deine Mutter es auch getan h�tte f�r diese vorlauten Worte�, antwortete Robin. �Und wir wollen doch schlie�lich kein Aufsehen erregen, oder?�</p><p>Nemeth rieb sich weiter den Sch�del, obwohl Robin ihr wirklich kaum mehr als einen freundschaftlichen Klaps gegeben hatte, belie� es aber bei einem vorwurfsvollen Blick. Am Ende der Stra�e wandte sie sich nach links, und erst jetzt, als sie sicher au�er Sichtweite des W�chters waren, wagte es Robin, vorsichtig aufzuatmen und den Kopf zu heben.</p><p>Die Stra�e, auf der sie sich nun befanden, unterschied sich in nichts von zahllosen Stra�en in zahllosen St�dten, in denen sie schon gewesen war. Nahe an der Stadtmauer gelegen, war sie weit vom Zentrum Jerusalems mit all seinen Wundern und fantastischen Kirchen, Pal�sten und anderen gro�artigen Bauwerken entfernt, und es entsprach auch ganz der Art der Assassinen, nicht in einem Palast zu residieren, sondern eher unsichtbar zu bleiben. Dennoch war sie entt�uscht. Auch wenn sie wusste, wie unsinnig es war, so hatte sie doch einfach etwas anderes erwartet. Sie wusste selbst nicht, was, aber auf jeden Fall irgendetwas, das ihrer Vorstellung von der heiligsten Stadt der Christenheit mehr entsprach.</p><p>�Wohin gehen wir zuerst?�, fragte Nemeth aufgeregt. �Die Grabeskirche? Der Palast des K�nigs? Der Tempelberg?�</p><p>�Kennst du denn all diese Orte?�, fragte Robin �berrascht.</p><p>�Nicht alle�, gestand Nemeth kleinlaut. �Aber ich habe davon geh�rt. Und der Basar ist ganz in der N�he des Tempelberges.�</p><p>Sie kicherte. �Ich habe ein wenig Geld eingesteckt. Wir k�nnten ein paar Eink�ufe erledigen. Auf diese Weise�, f�gte sie nachdenklich hinzu, �h�tten wir nicht einmal gelogen. Oder wenigstens nur ein bisschen.�</p><p>Robin musste gegen ihren Willen lachen. Das M�dchen fand offensichtlich mit jedem Moment mehr Gefallen an dem Spiel, das sie spielten - und warum auch nicht? Ihre Verkleidung war immerhin gut genug gewesen, selbst einen Assassinen zu t�uschen, und Salim hatte den Mann gewiss nicht wegen seiner Unzuverl�ssigkeit ausgew�hlt. Dar�ber hinaus wusste niemand, dass sie in der Stadt war. Genau genommen wusste nicht einmal jemand, dass es sie �berhaupt <emphasis>gab. </emphasis>Nein, versicherte sie sich noch einmal selbst in Gedanken, ihre Tarnung war perfekt. In dem schlichten schwarzen Kleid und mit ihrer dunkleren Haut w�rde sie nicht einmal Dariusz erkennen.</p><p>�Warum nicht?�, stimmte sie achselzuckend zu. �Geh voraus.�</p><p>Nichts anderes - das machte der sp�ttische Blick klar, den Nemeth ihr �ber die Schulter zuwarf, hatte das M�dchen vorgehabt. Robin sagte auch dazu nichts, nahm sich aber vor, es damit gut sein zu lassen. Nemeth war in geradezu euphorischer Stimmung, was sie ihr g�nnte, aber sie war ein Kind, und sie musste aufpassen, dass sie in ihrer Ausgelassenheit nicht sie beide in Gefahr brachte.</p><p>�Es ist ein Umweg�, sagte Nemeth, �aber wir k�nnten am gro�en Tempel vorbeigehen. W�rde Euch das gefallen?�</p><p>Robin signalisierte mit einem stummen Nicken ihre Zustimmung, und Nemeth wandte sich am Ende der Stra�e abermals nach links, sodass sie sich nun wieder in Richtung des Josefstores bewegten, durch das sie die Stadt auch betreten hatten, wie Robin von Saila erfahren hatte. Endlich aber lag der gewaltige Komplex des Templum Domini vor ihnen. Die riesige goldene Kuppel und die W�nde aus glasierten, blauen Ziegeln des Geb�udes beeindruckten Robin �ber die Ma�en, aber sie gaben ihr auch das Gef�hl, winzig und unwichtig zu sein, und das auf eine unangenehme, dem�tigende Art. Nie zuvor hatte sie ein solches Gotteshaus gesehen. An seinen wuchtigen Mauern, den kantigen Linien und den riesigen Torb�gen war etwas, das sie schaudern lie�. <emphasis>Kathedralen, </emphasis>so hatte Bruder Abb� ihr einmal erkl�rt, <emphasis>werden gebaut, um den Menschen Gottes Gr��e und Allmacht vor Augen zu f�hren. </emphasis>Das mochte ja auch die Absicht des Baumeisters gewesen sein, der <emphasis>diese </emphasis>Kirche geplant und gebaut hatte, aber das Ergebnis wirkte - zumindest auf Robin - ganz anders. Dieses Geb�ude f�hrte ihr nicht die Gr��e Gottes vor Augen, sondern die Kleinheit des Menschen. Der Gott, zu dessen Lobpreisung und Ehre dieses Monstrum von Kirche gebaut worden war, konnte sich gar nicht f�r die Schicksale der Menschen interessieren.</p><p>Am Ende des Platzes neben dem Templum Domini lag ein wuchtiger Palast, dessen Fassade von insgesamt sieben riesigen Toren gebildet wurde: das Hauptquartier der Templer, nicht nur hier in Jerusalem. Auch �ber diesem Geb�ude erhob sich eine Kuppel, die jedoch viel kleiner war als jene des Templum Domini. Robin f�hlte sich angesichts der gigantischen Abmessungen nicht nur des Platzes, sondern auch der riesigen Geb�ude ringsum verloren. Eine sonderbar gestaltlose, aber tiefe Entt�uschung begann sich in ihr breit zu machen. Sie fragte sich, warum sie �berhaupt hierher gekommen war. Als sie sich dem Tempel gen�hert hatten, da hatte sie es fast bedauert, statt des einfachen schwarzen Kleides nicht ihr Templergewand angelegt zu haben. Obwohl farbige Burnusse, Kopft�cher und Turbane auch in der heiligsten Stadt der Christenheit weit in der �berzahl waren, stellte auch der Wappenrock eines Templers oder eines anderen christlichen Ritters nichts Au�ergew�hnliches dar, und in ihrem wei�en Ordensgewand h�tte sie die Kirche ohne Probleme betreten d�rfen. Noch vor zwei Wochen h�tte sie ihr Leben f�r einen einzigen Blick in diesen heiligsten aller Orte riskiert. Jetzt war sie nicht einmal mehr sicher, ob sie ihn �berhaupt noch sehen wollte.</p><p>�Starrt den Tempel nicht so an, Herrin�, zischte Nemeth. �Ihr zieht bereits neugierige Blicke auf Euch.�</p><p>Robin h�tte beinahe widersprochen und sie angefahren, ob sie sich als Templer etwa nicht das Hauptquartier ihres eigenen Ordens ansehen d�rfe, bis ihr im letzten Moment einfiel, dass sie nicht als Tempelritter auf dem Platz stand, sondern als einfache muslimische Frau ohne Stand und Rang. Schlie�lich kannte sie ihre Ordensbr�der gut genug, um zu wissen, dass schon ein falsches Wort oder ein zu neugieriger Blick ausreichen konnte, um sie als Spionin zu verd�chtigen.</p><p>�Hast du nicht etwas ... von einem Basar gesagt?�, fragte sie stockend.</p><p>�Auf der anderen Seite des Berges�, best�tigte Nemeth. Sie sah Robin verwirrt an, denn der sonderbar niedergeschlagene Ton in ihrer Stimme war ihr keineswegs entgangen.</p><p>�Dann lass uns dorthin gehen�, sagte Robin m�de. Vielleicht waren das Stimmengewirr und Durcheinander eines orientalischen Basars ja genau das, was sie im Moment brauchte, um ihre d�steren Gedanken wenigstens etwas aufzuhellen. Nemeth warf ihr einen neuerlichen, noch verwirrteren Blick zu, deutete aber dann nur ein Schulterzucken an und ging los.</p><p>Wieder nahm sie das Labyrinth kleinerer Str��chen und Gassen auf, als sie den Vorplatz des Gro�en Tempels hinter sich lie�en. Obwohl es noch fr�h war, herrschte auf den Stra�en bereits ein reges Treiben. M�nner und Frauen, die meisten - aber nicht alle - mit verh�llten Gesichtern, gingen ihrer Wege, standen zusammen und unterhielten sich oder eilten mit verbissenen Gesichtern und weit ausgreifenden Schritten an ihr vor�ber. Eine angespannte Atmosph�re schien �ber der gesamten Stadt zu liegen, und Robin war sicher, auf mehr als einem Gesicht auch einen Ausdruck m�hsam unterdr�ckter Furcht zu erkennen.</p><p>Mehr als einmal kamen ihnen Ritter in Waffen und prachtvollen Kleidern entgegen, einmal sogar eine Gruppe von drei ihrer eigenen Ordensbr�der, denen die Einheimischen beinahe angstvoll Platz machten. Und auch die Blicke, die den in strahlendes Wei� und blutfarbiges Rot geh�llten Gestalten folgten, waren alles andere als freundlich. Robin las Furcht in den dunklen Augen der Einheimischen, aber auch Trotz, und hier und da sogar fast so etwas wie Hass. Waren ihr, wenn sie in ihrer Rolle als Tempelritter durch die Stra�en einer Stadt geschritten war, ebensolche Blicke gefolgt?</p><p>Sie wollte es nicht, aber pl�tzlich h�rte sie, so deutlich, als h�tte sie sie tats�chlich laut ausgesprochen, noch einmal Nemeths Worte von vorhin. <emphasis>Die heiligste Stadt der Christenheit. Und warum liegt sie dann in unserem Land?</emphasis></p><p>Robin verscheuchte auch diesen Gedanken und signalisierte Nemeth stumm, schneller zu gehen. Sie war nicht mehr wirklich sicher, ob es tats�chlich eine so gute Idee gewesen war, das Haus zu verlassen und hierher zu kommen.</p><p>Aber sie war nat�rlich auch viel zu stolz, um dies - schon gar nicht vor Nemeth - zuzugeben.</p><p>Sie ben�tigten eine gute halbe Stunde, um den Basar zu erreichen, der tats�chlich genau auf der anderen Seite des Tempelberges lag. Robins Blick blieb auf dem Weg dorthin mehr als einmal an der goldenen Kuppel der Grabeskirche h�ngen, die sie selbst in ihrer Verkleidung h�tte betreten d�rfen, denn sie stand allen Gl�ubigen offen, gleich welchem Glauben sie auch anhingen.</p><p>Vielleicht auf dem R�ckweg, entschied sie. Im Moment f�hlte sie sich noch nicht in der Lage, eine <emphasis>Kirche </emphasis>zu betreten, ganz gleich, zu welchem Gott darin gebetet wurde.</p><p>Der Basar lag in einer schmalen, halbdunklen Gasse, die nur auf der linken Seite von den hier typischen, eingeschossigen H�usern aus unverputzten Lehmziegeln bestand, w�hrend die rechte Seite von einer nahezu senkrecht emporstrebenden Wand aus sandfarbenem Fels gebildet wurde. Auch dort hatten H�ndler, Handwerker und Bauern ihre St�nde aufgeschlagen, einfache Konstruktionen aus Stoff und hastig zurechtgeschnittenen �sten zumeist, �ber die bunte Stoffbahnen gespannt waren, die ihren Besitzern und deren verderblichen Waren Schutz vor der unbarmherzigen Sonnenglut gew�hrten. Auf der anderen Seite gab es auch einige wenige St�nde, zum allergr��ten Teil aber wurde gleich aus den H�usern heraus verkauft.</p><p>Ein unbeschreibliches Durcheinander aus Ger�chen, Farben und L�rm drang ihr entgegen und schlug sie fast augenblicklich in seinen Bann: Sie roch frisches Fladenbrot, den exotischen Duft kostbarer Gew�rze und hei�es Fett, Schwei� und Rosen�l, zu ihrem nicht geringen Erstaunen den typischen Geruch gebratenen Fisches und hei�en Metalls, Oliven�ls und K�mmels und gebratenen Lammes, und sie h�rte das Schreien der Ausrufer, die ihre Waren priesen (nat�rlich hatte jeder das absolut beste Angebot unter dem gesamten Firmament), das Klingen von H�mmern, die Kupfer oder anderes Metall bearbeiteten, das Bl�ken eines Schafes und das Brutzeln hei�en Fettes, das Weinen eines Kindes und die schrillen Stimmen der Feilschenden, lautes Lachen und das Ger�usch harter Stiefelschritte auf dem gepflasterten Boden, und so vielf�ltig wie die Ger�usche und Ger�che waren auch die optischen Eindr�cke, die auf sie einst�rmten. Obwohl die aufgespannten Sonnensegel rechts und links der Stra�e das Tageslicht zu einem matten, sonderbar buntfarbenen Zwielicht d�mpften, hatte sie im allerersten Moment doch nur den Eindruck einer wahren Explosion von Farben, die von Kleidern, feilgebotenen Schmuckst�cken und Teppichen, blitzenden Kupferkesseln und polierten Waffen ausgingen, die von ihren Besitzern mit typisch orientalischem Stolz zur Schau getragen wurden. Es herrschte ein unbeschreibliches Gedr�nge.</p><p>�Bleibt immer dicht bei mir, Herrin�, sagte Nemeth. �Nicht, dass wir uns am Ende verlieren und ich Euch suchen muss.�</p><p>Diese Sorge mochte nicht einmal unbegr�ndet sein, aber Nemeths Worte waren trotzdem eine glatte Unversch�mtheit, die Robin f�r einen Moment die Sprache verschlug. Sie kam jedoch nicht dazu, den strengen Verweis loszuwerden, der ihr auf den Lippen lag, denn Nemeth lief unverz�glich los, und sie musste sich sputen, um sie nicht tats�chlich aus den Augen zu verlieren. Sie machte sich keine Sorgen um Nemeth. Das M�dchen konnte zweifellos ganz gut selbst auf sich aufpassen - Tatsache war, dass sie nicht wirklich auf den Weg geachtet und keine Ahnung hatte, wie <emphasis>sie </emphasis>wieder zur�ckkommen sollte.</p><p>Selbstverst�ndlich strebte Nemeth zuallererst einen Stand an, dessen Besitzer allerlei S��igkeiten und Naschwerk feilbot, und sie begann auch fast unverz�glich um ein St�ck t�rkischen Honig zu feilschen. Robin lie� sie gew�hren, aber sie fragte sich im Stillen, ob Nemeth sie nur zu dem kleinen Ausflug �berredet hatte, um sich auf diese Weise mit S��igkeiten einzudecken, die sie ohne erwachsene Begleitung nicht h�tte kaufen k�nnen und deren Erwerb ihre Mutter niemals gestattet h�tte.</p><p>Der Verdacht war so h�sslich, dass sich Robins schlechtes Gewissen wieder meldete. Fast hastig drehte sie sich um und gewahrte gerade noch ein Aufblitzen von Wei� und Rot, das zu schnell aus ihren Augenwinkeln verschwand, als dass sie sicher sein konnte. Und doch ...</p><p>�Was habt Ihr, Herrin?�, fragte Nemeth alarmiert. Offensichtlich war ihr Robins Erschrecken nicht verborgen geblieben.</p><p>�Nichts�, murmelte Robin. �Ich muss ... mich get�uscht haben.�</p><p>Sie war nahezu sicher, sich <emphasis>nicht </emphasis>get�uscht zu haben. Jemand beobachtete sie. Jetzt, im Nachhinein, wurde ihr klar, dass sie schon die ganze Zeit �ber das Gef�hl gehabt hatte, beobachtet zu werden.</p><p>�Bleib hier�, sagte sie knapp. Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sie sich um und ging mit schnellen Schritten zum Anfang der Gasse zur�ck, wo sie erneut stehen blieb und sich aufmerksam umsah.</p><p>Nichts.</p><p>Wenn sie tats�chlich beobachtet wurden, dann war ihr Verfolger �u�erst geschickt.</p><p>Aber wer sollte sie verfolgen? Niemand au�er Salim und Bruder Abb� wusste, dass sie in der Stadt war. Und wenn es Salims Assassinen waren, die sie verfolgten, h�tte sie sie nicht bemerkt.</p><p>Ganz davon abgesehen, dass sie bestimmt kein Templergewand getragen h�tten ...</p><p>Sie lie� ihren Blick trotzdem noch einmal und sehr aufmerksam �ber die Stra�e schweifen, sah aber nichts Au�ergew�hnliches.</p><p>Vielleicht war sie einfach nur hysterisch.</p><p>�Was habt Ihr?�, fragte Nemeth noch einmal, als sie zu ihr zur�ckkehrte. Sie wirkte alarmiert.</p><p>�Nichts�, wiederholte Robin. �Ich dachte, ich h�tte jemanden gesehen. Aber ich muss mich wohl get�uscht haben.� Sie wedelte mit der Hand und war pl�tzlich dankbar f�r den schwarzen Schleier vor dem Gesicht, der ihre wahren Gef�hle verbarg.</p><p>�Mach weiter.�</p><p>�Oh, ich bin schon fertig�, antwortete Nemeth. �Ich wollte nichts kaufen.�</p><p>Der H�ndler hinter seinem Stand blickte finster, und Robin fragte: �Warum hast du dann um den Preis gefeilscht?�</p><p>�Weil es Spa� macht�, antwortete Nemeth.</p><p>Robin sch�ttelte seufzend den Kopf. Vielleicht, um ihr Gewissen wegen des unfairen Verdachtes, den sie gerade gehabt hatte, zu beruhigen, wiederholte sie ihre ungeduldig-wedelnde Handbewegung und sagte: �Nimm das St�ck Honig. Ich kl�re das mit deiner Mutter. Aber gib acht�, f�gte sie mit einem finsteren Blick ins Gesicht des H�ndlers hinzu, �dass du nicht �bers Ohr gehauen wirst.�</p><p>�Ich doch nicht!�, versicherte Nemeth. Ihre Hand kam so schnell unter ihrem Kleid hervor, als h�tte sie den Betrag schon l�ngst abgez�hlt bereitgehalten, und h�ndigte ihn dem H�ndler aus. Der Mann begann zwar lautstark zu lamentieren, dass er drei Frauen und ein Dutzend hungriger Kinder zu Hause h�tte und solche Preise zweifellos der Grund f�r ihren bevorstehenden Hungertod seien, was ihn aber nicht daran hinderte, das Geld in Windeseile verschwinden zu lassen und Nemeth im Gegenzug ein rechteckiges St�ck steinharten Honigs zu geben. <emphasis>Reingelegt, </emphasis>dachte Robin. Sie nahm sich vor, Salim bei n�chster Gelegenheit nahe zu legen, Nemeth unter seine Fittiche zu nehmen. Das M�dchen war offensichtlich die geborene Intrigantin.</p><p>Nemeth begann genie�erisch an ihrem Honig zu schlecken, w�hrend sie weitergingen. Robin warf - fast gegen ihren eigenen Willen - noch einmal einen Blick �ber die Schulter zur�ck, aber sie sah auch jetzt nichts Auff�lliges.</p><p>Aus dem einfachen Grund, dass da nichts <emphasis>war, </emphasis>versuchte sie sich in Gedanken zu beruhigen. Sie war hysterisch. Es war ein Fehler gewesen, das Haus zu verlassen, und nun bezahlte sie den Preis daf�r.</p><p>Sie w�rde Salim ganz gewiss <emphasis>nichts </emphasis>von diesem Ausflug erz�hlen.</p><p>Langsam schritten sie weiter �ber den Basar. Robin versp�rte immer wieder den Wunsch, sich umzudrehen, um nach ihrem - eingebildeten - Verfolger Ausschau zu halten, aber sie gestattete sich nicht, diesem Bed�rfnis nachzugeben, und die selbst auferlegte Disziplin half. Das Gef�hl, beobachtet zu werden, war immer noch da, nun aber nur noch schwach am Rande ihres Bewusstseins. Und nach einer Weile hatte sie es beinahe ganz vergessen. Das bunte Treiben und L�rmen des Basars nahm sie wieder in Beschlag, und statt sich weiter selbst zu qu�len, konzentrierte sie sich lieber auf das, was sie sah, h�rte und roch.</p><p>Der Basar zog sich �ber ein unerwartet langes St�ck dahin, und es war nur einer von mehreren, die es hier in der Stadt gab. Die Anzahl der M�nner und Frauen, die sich auf der schmalen Stra�e dr�ngten, erschreckte Robin im ersten Moment fast, aber Jerusalem war ja auch eine gro�e Stadt, und ihr Unbehagen mochte durchaus andere Gr�nde haben. Obwohl sie seit nunmehr gut zwei Jahren im Heiligen Land lebte, war sie tats�chlich erst ein einziges Mal auf einem Basar gewesen - und da hatte sie als Sklavin auf einem Podest gestanden und war zum Verkauf feilgeboten worden.</p><p>Nicht alle Waren wurden auf der Stra�e angeboten. Zahlreiche T�ren standen offen - soweit es �berhaupt welche gab -, und �berall forderten aufgeregte Stimmen die Vor�bergehenden lautstark auf, einzutreten und einen Blick auf die besten und preiswertesten Waren diesseits des Mittelmeeres zu werfen. Handwerker arbeiteten an Tellern, Teekannen oder pr�chtigen Harnischen, der verlockende Duft frisch zubereiteter Speisen drang ihr in die Nase, und in manchen H�usern sah sie M�nner mit gro�en Turbanen und noch gr��eren Schnurrb�rten, die im Schneidersitz zusammensa�en und Tee tranken. Der eine oder andere warf ihr ein verwirrtes Stirnrunzeln zu, wenn er ihre unverhohlen neugierigen Blicke bemerkte, aber sie erntete auch mehr als ein L�cheln. Allm�hlich begann sie sich zu fragen, wie viel von diesem Land und seinen Menschen sie eigentlich kannte. Sie war jetzt seit zwei Jahren hier, doch sehr viel mehr als Omars Sklavenkerker und Raschids Bergfestung hatte sie im Grunde noch nicht gesehen.</p><p>Sie stellte sich auch noch eine weitere Frage, die ihr fast gegen ihren Willen in den Sinn kam. Nemeth und sie waren vollkommen allein hierher gekommen, eine Frau und ein M�dchen ohne die Begleitung eines Mannes, und sie versuchte sich einen Marktplatz in ihrem Heimatland vorzustellen, eine finstere Gasse irgendwo am Rande der Stadt, in der sich H�ndler, Zigeuner, fahrendes Volk und finstere Gestalten herumtrieben, und fragte sich, ob sich eine schutzlose Frau und ein Kind dort auch so sicher f�hlen w�rden wie hier.</p><p>Die Antwort auf <emphasis>diese </emphasis>Frage wollte sie gar nicht wissen.</p><p>�Was ist das hier eigentlich?�, fragte sie nach einer Weile und deutete auf die gewaltige Wand aus sandbraunem Fels, die die komplette rechte Seite der Gasse bildete.</p><p>�Der Tempelberg�, antwortete Nemeth und schleckte an ihrem Honig.</p><p>Robin blieb �berrascht stehen. �Der Tempelberg?�</p><p>�Der Al-Schadenal-Sharif, den ihr Tempelberg nennt, um genau zu sein�, best�tigte Nemeth. Sie klang ein bisschen triumphierend, als w�re ihr gerade ein besonders raffinierter Streich gelungen. �Er ist die drittheiligste St�tte des Islams. Es hei�t, dass Muhammad eine Traumreise nach Jerusalem unternahm, um hier auf den Tempelberg zu steigen und von dort den Koran zu empfangen. Und soweit ich mitbekommen habe, ist er auch f�r euch Christen von gro�er Bedeutung. Ihr wolltet doch hierher, oder?�</p><empty-line/><p>Robin nickte zwar, aber sie hatte M�he, den Worten des M�dchens zu folgen. Ihr Blick tastete staunend �ber die gut f�nf oder sechs Meter hohe Wand. �Er sieht so ... gerade aus�, murmelte sie. �Fast wie eine Mauer.�</p><p>�Manche behaupten auch, genau das w�re er�, sagte Nemeth triumphierend. Robin sah sie zweifelnd an, aber Nemeth nickte nur noch heftiger und fuhr fort: �Es gibt nicht wenige, die glauben, K�nig Salomon h�tte diesen ganzen Berg bauen lassen. Ich wei� nicht, ob das stimmt oder nicht, aber es hei�t, dass er voller G�nge und Stollen und geheimer Kammern w�re. Und es gibt sogar T�ren, die hineinf�hren. Seht Ihr?� Sie deutete mit einer weit ausholenden Geste auf eine niedrige T�r aus wuchtigen, eisenbeschlagenen Bohlen, die nur wenige Schritte entfernt tats�chlich in die braune Sandsteinmauer hineinf�hrte.</p><p>Vielleicht war ihre Bewegung etwas zu schwungvoll, denn als sie den Arm wieder zur�ckzog, streifte ihre Hand einen Mann, der gerade vor�bergehen wollte. Das St�ck Honig flog davon, und der Mann - er war nicht viel gr��er als Robin, aber mindestens doppelt so breit und dreimal so schwer - blieb mitten im Schritt stehen und blickte mit gerunzelter Stirn auf den klebrigen Honigstreifen hinab, der auf seinem Mantel zur�ckgeblieben war. Nemeth schlug erschrocken die Hand vor den Mund, b�ckte sich aber dann hastig, um ihren Honig aufzuheben, und der Dicke versetzte dem Honig einen Fu�tritt, der ihn endg�ltig davonschlittern lie�.</p><p>�He!�, protestierte Nemeth. �Mein ...�</p><p>Sie kam nicht weiter. Der dicke Mann versetzte ihr eine Ohrfeige, die sie zwei Schritte r�ckw�rts stolpern und dann auf das Hinterteil plumpsen lie�.</p><p>�Du dummes Kind�, fauchte er. �Kannst du denn nicht aufpassen? Jetzt sieh dir nur an, was du mit meinem Mantel gemacht hast!�</p><p>Nemeth presste die Hand gegen die Wange, wo sie der Schlag getroffen hatte, und starrte den Dicken aus aufgerissenen Augen an, die sich rasch mit Tr�nen f�llten. Dem Mann schien das allerdings nicht zu gen�gen, denn er trat mit einem w�tenden Grunzen auf Nemeth zu und hob den Arm, um sie noch einmal zu schlagen.</p><p>�Das gen�gt�, sagte Robin.</p><p>Sie hatte nicht einmal sehr laut gesprochen, aber ihre Stimme war von einer so schneidenden K�lte erf�llt, dass der Dicke den Arm tats�chlich wieder sinken lie� und sich zu ihr umdrehte. Im allerersten Moment wirkte er einfach nur verwirrt, dann blitzte Wut in seinen Augen auf. �Was hast du gesagt, Weib?�</p><p>Er war nicht der Einzige, der auf Robins Stimme aufmerksam geworden war. Zwei oder drei M�nner waren stehen geblieben und blickten stirnrunzelnd in ihre Richtung, und es schien leiser geworden zu sein. Nach und nach erstarben immer mehr Gespr�che in ihrer unmittelbaren Umgebung.</p><p>Robin gemahnte sich in Gedanken zur Vorsicht. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war Aufsehen.</p><p>�Ich sagte, es ist gut�, antwortete sie. �Das M�dchen war ungeschickt, und Ihr habt es daf�r gez�chtigt. Ich finde, das reicht.�</p><p>�So, findest du?�, fragte der Dicke lauernd. Er hatte jedes Interesse an Nemeth verloren, und Robin beschlich das ungute Gef�hl, dass ihre Worte vielleicht doch nicht ganz so mit Bedacht gew�hlt gewesen waren, wie sie geglaubt hatte.</p><p>�Was erdreistest du dich, mich zu ma�regeln, Weibsst�ck?�, fuhr der Dicke fort. �Wei�t du nicht, mit wem du sprichst?�</p><p><emphasis>Nein, </emphasis>dachte Robin, <emphasis>so wenig wie du. </emphasis>Laut, aber mit m�hsam beherrschter Stimme, antwortete sie: �Ich wollte Euch nicht beleidigen, Herr. Bitte verzeiht. Es ist meine Schuld. Ich wusste, wie wild das M�dchen ist und h�tte besser aufpassen m�ssen.�</p><p>Im ersten Moment war sie fast sicher, dass diese Entschuldigung dem Dicken immer noch nicht reichen w�rde. Vielleicht war er einfach auf Streit aus. Dann aber machte die Wut in seinen Augen pl�tzlicher Verachtung Platz. Wahrscheinlich hatte er eingesehen, dass es wenig Ehre einbrachte, auf eine wehrlose Frau loszugehen. �Pass in Zukunft besser auf dein Balg auf, dummes Weib�, sagte er ver�chtlich.</p><p>Robin atmete nicht nur innerlich auf, als er sich umdrehte, sondern begl�ckw�nschte sich im Stillen auch zu ihrer eigenen Beherrschung. W�re die Situation auch nur ein bisschen anders gewesen ...</p><p>Sie <emphasis>war </emphasis>anders.</p><p>Der Dicke hatte zwar von ihr abgelassen, doch als er an Nemeth vorbeiging, versetzte er ihr einen Tritt, der sie vor Schmerz aufschreien und sich kr�mmen lie�, und Robin war mit einem einzigen Schritt bei ihm und riss ihn an der Schulter zur�ck. Der Dicke sch�ttelte ihren Arm mit einem w�tenden Knurren ab, fuhr herum und holte aus, um sie zu schlagen. Robin duckte sich ohne M�he unter seinem Schlag weg, packte sein Handgelenk und benutzte die Kraft seiner eigenen Bewegung, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und von sich zu sto�en. Der Dicke stolperte mit hilflos rudernden Armen in einen Stand, der unter seinem Aufprall zerbrach und zusammen mit seinem Besitzer und ihm selbst zu Boden ging.</p><p>Der Dicke heulte auf und kam mit erstaunlicher Schnelligkeit wieder auf die Beine. Robin wich rasch zwei oder drei Schritte zur�ck, duckte sich leicht und breitete die Arme aus. Ihre Schulter schmerzte, und ihre Gedanken �berschlugen sich schier. Sie hatte alles verdorben! Wenn sie jemals eine Chance gehabt hatte, ohne allzu gro�es Aufsehen aus dieser Situation herauszukommen, dann hatte sie sie gerade selbst kaputtgemacht!</p><p>�Du verdammtes Weibsbild!�, keuchte der Dicke. �Das hast du nicht umsonst gemacht! Daf�r zahlst du!� Er hatte sich beim Sturz die Nase aufgeschlagen und fuhr sich mit dem �rmel �ber das Gesicht, um das Blut fortzuwischen, das herauslief. Trotzdem kam er n�her. Seine Augen funkelten, und Robin wich einen weiteren halben Schritt zur�ck. Sie durfte diesen Mann nicht untersch�tzen. Er war plump und schwerf�llig und wahrscheinlich ebenso langsam wie ungeschickt, aber er war auch mindestens dreimal so schwer wie sie. Wenn er sie zu fassen bekam, war sie in Schwierigkeiten.</p><p>�Daf�r bringe ich dich um!�, drohte der Dicke. Er meinte das ernst, begriff Robin.</p><p>Pl�tzlich war ihr alles egal. Was immer auch in den n�chsten Augenblicken geschah, Salim w�rde so oder so davon erfahren, und er w�rde sofort wissen, wer die unscheinbare junge Frau gewesen war, die auf dem Basar eine Pr�gelei angefangen hatte.</p><p>�Ich nehme nicht an, dass es Sinn hat, an dein Ehrgef�hl zu appellieren und dich zu fragen, ob du tats�chlich eine Frau schlagen willst�, fragte sie.</p><p>Sie bekam nicht einmal eine Antwort. Der Dicke grunzte nur, kam einen weiteren Schritt heran und hob in einer albernen Geste die F�uste vor das Gesicht.</p><p>�Dann appelliere ich eben an deinen Verstand�, fuhr Robin fort. �Wenn du mich angreifst, t�te ich dich.�</p><p>F�r einen halben Atemzug z�gerte der Dicke tats�chlich, und in die Mordlust in seinem Blick mischte sich Unsicherheit. Vielleicht begann er zu begreifen, dass diese Drohung durchaus ernst gemeint war. Dann aber br�llte er voller Wut auf und st�rzte sich mit erhobenen F�usten auf sie.</p><p>Robin machte einen halben Schritt zur Seite und tat so, als w�rde sie nach seinem Arm greifen, um ihn noch einmal auf die gleiche Weise wie gerade abzuwehren, und nat�rlich fiel der Dicke darauf herein. Er duckte sich mit selbst f�r Robin unerwarteter Geschicklichkeit, um ihrer zupackenden Hand auszuweichen, und versuchte gleichzeitig, ihr einen brutalen Faustschlag ins Gesicht zu versetzen. Robin musste nicht einmal viel tun. Der Fettsack sprang mehr in ihren Hieb hinein, als sie zuschlug, und Robin konnte ihren Sto� gerade noch im letzten Moment zur�ckhalten, um ihm die allergr��te Wucht zu nehmen. Sie wollte den Mann nicht t�ten.</p><p>Dennoch konnte Robin h�ren, wie mindestens zwei seiner Rippen brachen, als sie ihm die Faust in die Herzgrube h�mmerte.</p><p>Die Augen des Dicken quollen ein gutes St�ck weit aus den H�hlen. Einen winzigen und zugleich schier endlosen Moment lang stand er wie erstarrt da, dann torkelte er einen Schritt zur�ck, und sein Mund �ffnete und schloss sich wie der eines Fisches auf dem Trockenen, w�hrend er ebenso vergeblich wie ein solcher nach Luft schnappte. Dann kippte er stocksteif nach hinten und zertr�mmerte im Fallen noch einen weiteren Verkaufsstand. Es sah beinahe komisch aus.</p><p>Aber das war es nicht.</p><p>Ganz und gar nicht.</p><p>Pl�tzlich war es, als w�re die Zeit stehen geblieben. Es wurde still. Vollkommen still. Robin sp�rte, wie Dutzende von Augenpaaren sie anstarrten, und sie registrierte sogar, wie Nemeth hinter ihr aufsprang und hastig davonlief. Niemand hielt sie auf. Wenigstens etwas.</p><p>Das unheimliche Schweigen hielt noch eine weitere, schier endlose Sekunde an, dann sch�ttelte der erste Mann seine L�hmung ab, und die Bewegung war offensichtlich ein Zeichen f�r drei oder vier weitere, sich gemeinsam auf sie zu werfen.</p><p>Robin versuchte erst gar nicht, zu k�mpfen. Die �bermacht war einfach zu gro�. Und selbst, wenn sie mit vier Gegnern gleichzeitig fertig geworden w�re (was schlechterdings unm�glich war), w�ren sofort andere da gewesen. Der Schock, den es f�r diese M�nner bedeuten musste, eine <emphasis>Frau </emphasis>auf diese Weise k�mpfen zu sehen, w�rde nicht lange vorhalten. Als der erste Mann die Arme ausstreckte und sie zu packen versuchte, lie� sie sich einfach fallen, zog die Knie an den Leib und rollte blitzartig zwischen seinen Beinen hindurch. Ein riesiger Fu� stampfte nach ihrem Gesicht, und Robin revanchierte sich, indem sie hart nach oben austrat. Sie wurde mit einem schrillen Geheul belohnt, und dem Anblick eines d�rren Kerls, der zwei komische H�pfer machte und dann gurgelnd und die H�nde in den Scho� gekrallt in die Knie brach.</p><p>Sofort waren zwei weitere M�nner zur Stelle. Robin trat dem einen vor die Kniescheibe, was ihn prompt zu Boden schickte, doch der andere packte ihren Arm - ihren <emphasis>linken </emphasis>Arm! - und riss sie in die H�he.</p><p>Robin kreischte vor Pein. Ihre verletzte Schulter f�hlte sich an, als h�tte man ihr den Arm aus dem Gelenk gerissen, und der Schmerz war so schlimm, dass ihr �bel wurde. Alle Kraft wich aus ihrem K�rper. Sie brach in die Knie, und der Mann, der sie gepackt hatte, riss sie erneut am linken Arm in die H�he, und diesmal war der Schmerz so unbeschreiblich, dass ihr schwarz vor Augen wurde.</p><p>Als sich die Schleier vor ihren Augen wieder lichteten, hielten sie zwei kr�ftige M�nner an den ausgebreiteten Armen gepackt, und ein dritter stand vor ihr und war gerade dabei, ihr den Schleier vom Gesicht zu rei�en.</p><p>�Wer bist du, Weib?�, fuhr er sie an. Robin hatte M�he, sein Gesicht zu erkennen, und nicht nur sein Gesicht. Alles verschwamm vor ihren Augen.</p><p>�Wer bist du, Weib, dass du k�mpfst wie ein Mann?�, wiederholte er seine Frage. �Bist du �berhaupt ein Weib?� Eine harte Hand grapschte nach ihrer linken Brust und dr�ckte so fest zu, dass Robin vor Schmerz aufst�hnte.</p><p>�Ja, du bist ein Weib�, sagte er. �Aber wie kann das sein? Du k�mpfst h�rter als jeder Mann, den ich kenne, und ...�</p><p>Der Rest seiner Frage ging in einem qualvollen St�hnen unter, als Robin ihm die Stirn ins Gesicht rammte und ihm die Nase brach. Der Mann stolperte zur�ck und schlug die Hand vor das Gesicht. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor.</p><p>Robin lie� sich fallen, warf sich zur�ck und fast im gleichen Moment wieder nach vorne, und der doppelte Ruck wirkte. Der Schmerz in ihrer Schulter lie� sie gellend aufschreien, aber sie kam frei, stolperte einen Schritt nach vorn und halb blind vor Schmerz herum. Noch immer drehte sich alles um sie. Die M�nner versuchten abermals nach ihr zu greifen. Robin wich einer zupackenden Hand aus, tauchte unter einem gemeinen Fausthieb weg und schlug blindlings zur�ck. Sie hatte nicht mehr die Kraft, wirklich hart zuzuschlagen, aber der Mann stie� trotzdem keuchend die Luft zwischen den Z�hnen aus und stolperte aus dem Weg. Robin taumelte weiter. H�nde griffen nach ihr. Stoff zerriss, und Fingern�gel fuhren hei� und brennend �ber ihre Wange und ihren Hals. Jemand schrie ihren Namen.</p><p>Irgendwie gelang es ihr, sich noch einmal loszurei�en und davonzutaumeln. Schatten f�hrten einen irrsinnigen Tanz rings um sie herum auf, versuchten sie zu packen. Robin schlug zu, traf und wurde getroffen und fiel auf ein Knie herab. Eine Hand grub sich so schmerzhaft in ihre verwundete Schulter, dass ihr abermals �bel wurde. Der Ausschnitt der Welt vor ihren Augen begann kleiner zu werden. Sie sah pl�tzlich keine Farben mehr. Dunkelheit begann aus allen Richtungen auf sie zuzukriechen.</p><p><emphasis>�Robin! Hierher!�</emphasis></p><p>War das Nemeth? Robin hob m�hsam den Kopf und sah einen sonderbar verschwommenen hellen Schemen, der ihr zuzuwinken schien. Nicht weit entfernt, nur ein paar Schritte. Es musste Nemeth sein. Niemand sonst hier kannte ihren Namen. Sie stand vor der Mauer auf der rechten Seite, aber irgendwie zugleich auch darin, und winkte ihr hektisch zu.</p><p>Der Anblick gab Robin noch einmal neue Kraft. Sie taumelte auf die F��e, riss sich los und rannte auf den Schatten zu. Hinter ihr waren schwere, trappelnde Schritte, die rasend schnell n�her kamen. Sie konnte es nicht schaffen.</p><p>Aber irgendwie brachte sie das Unm�gliche fertig. Pl�tzlich lag die T�r vor ihr. Robin duckte sich unter dem kaum f�nf Fu� hohen Sturz hindurch und sp�rte, wie sich starke Finger in ihr Kleid krallten, aber dann war da pl�tzlich noch eine andere, viel st�rkere Hand, die ihren Arm ergriff und sie mit solcher Kraft nach vorne riss, dass sie hilflos stolperte und nach zwei oder drei Schritten gegen die raue Wand prallte, die den Gang auf der anderen Seite begrenzte. Hinter ihr wurde ein Chor ebenso w�tender wie entt�uschter Stimmen laut, dann h�rte sie ein dumpfes Krachen, und es wurde dunkel. Noch w�hrend sie hilflos an der Wand herab in die Knie brach, ert�nte ein schweres Scharren und Poltern; vielleicht ein Riegel, der vorgelegt wurde.</p><p>�Herrin? Ist alles in Ordnung?�</p><p>H�nde machten sich in der Dunkelheit an ihr zu schaffen, tasteten �ber ihr Gesicht und ihren Hals und zogen sich erschrocken zur�ck, als sie die frischen blutigen Kratzer sp�rten. Robin drehte sich m�hsam um. Sie f�hlte rauen Stein unter den Fingern, und ein sonderbar muffiger Geruch hing in der Luft. Es war vollkommen dunkel.</p><p>Das Klicken eines Feuersteins erscholl irgendwo links von ihr, einmal, zweimal, dreimal, dann stach ein wei�er Funke durch die Schw�rze, der sich im n�chsten Augenblick zur ruhig brennenden Flamme einer Fackel auswuchs. Ein schmales, fast jungenhaft wirkendes Gesicht erschien in der Dunkelheit �ber ihr.</p><p>�Rother?�</p><p>�Soll ich mich geschmeichelt f�hlen, dass du dich �berhaupt noch an mich erinnerst?�, fragte der junge Tempelritter. Seine Stimme troff vor Verachtung. Langsam trat er auf sie zu. Seine Augen glitzerten kalt. �Schreckst du denn vor gar nichts zur�ck? Jetzt verkleidest du dich schon als Weib, um unerkannt deinen widernat�rlichen Gel�sten nachzugehen? Ich h�tte dich t�ten sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte!�</p><p>Robin lie� sich m�hsam an der Wand herabgleiten und biss die Z�hne zusammen, um einen Schmerzenslaut zu unterdr�cken. Ihre Schulter schien in Flammen zu stehen, und sie hatte das Gef�hl, als w�re tief in ihrem K�rper irgendetwas zerbrochen.</p><p>�Warum ... tust du es dann ... nicht?�, presste sie hervor. �Die Gelegenheit ist g�nstig.�</p><p>Rothers Augen flammten auf. Er trat einen weiteren Schritt auf sie zu und riss das Schwert aus dem G�rtel. Die Klinge zitterte, als er die Spitze auf ihre Kehle richtete. �F�hre mich nicht in Versuchung�, zischte er.</p><p>�Wirst du wohl sofort mit diesem Unsinn aufh�ren, du Dummkopf!�, fuhr Nemeth ihn an. Sie schlug sein Schwert beiseite, funkelte ihn einen Moment lang herausfordernd an und lie� sich dann neben Robin auf die Knie sinken. Der Ausdruck von Zorn auf ihrem Gesicht machte Best�rzung und Sorge Platz.</p><p>�Bewegt Euch nicht, Herrin�, sagte sie. �Ich helfe Euch.�</p><p>Robin h�tte sich nicht einmal bewegen k�nnen, wenn sie es gewollt h�tte. Ihre Schulter schmerzte unertr�glich. Ein leises Wimmern kam �ber ihre Lippen, als Nemeth mit spitzen Fingern ihr Kleid zur�ckzuschlagen begann und sich vorsichtig an dem Verband zu schaffen machte. Der Stoff war dunkel und schwer von Blut.</p><p>Rother trat n�her und senkte seine Fackel. Seine Augen wurden gro�. �Aber ...�</p><p>�Halt den Mund, du Dummkopf!�, unterbrach ihn Nemeth gereizt. �Leuchte mir lieber!�</p><p>Rother war so perplex, dass er schon ganz automatisch gehorchte. Nemeth rutschte ein St�ck zur Seite, um sich nicht selbst im Licht zu sitzen, und wickelte behutsam weiter den Verband ab. Robin st�hnte, als sie sah, dass die fast verheilte Wunde darunter wieder aufgebrochen war und heftig blutete.</p><p>Rother �chzte. Die Fackel in seiner Hand begann zu zittern, und seine Augen quollen ein St�ck weit aus den H�hlen.</p><p>Aber er starrte nicht die Wunde an.</p><p>�Aber das ist doch ...�, stammelte er. �Ich meine ... aber ich dachte, du ... du ...�</p><p>�Du bist wirklich ein richtiger Mann, wie?�, unterbrach ihn Nemeth sp�ttisch. �Wenn du einen Satz mit den Worten <emphasis>ich dachte </emphasis>beginnst, dann folgt garantiert eine Katastrophe.�</p><p>Rother schien ihre Worte gar nicht zu h�ren. Er starrte Robins Br�ste an, die unter dem Kleid zum Vorschein gekommen waren. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren.</p><p>Robin hob instinktiv die Hand, um ihre Bl��e zu bedecken, f�hrte die Bewegung aber nicht zu Ende, sondern lie� den Arm kraftlos wieder sinken. Es spielte keine Rolle mehr. Alles war aus.</p><p>�Aber du ...�, stammelte Rother. �Ich meine, als ... als ich dich mit dem Sarazenen gesehen habe, da dachte ich ... ich meine ...�</p><p>�Ja, ich wei�, was du dachtest�, sagte Robin m�de.</p><p>�Du ... du bist ... <emphasis>eine Frau?�, </emphasis>�chzte Rother.</p><p>�Ein scharfsinniges B�rschchen, Euer Freund�, h�hnte Nemeth. �Seid ihr Tempelritter alle so klug? Euch entgeht aber auch wirklich nichts.�</p><p>Rother nahm sie auch weiterhin gar nicht zur Kenntnis. �Aber wie kann das sein?�, murmelte er. �Ich meine, wie ...?�</p><p>�Jetzt h�r endlich auf zu reden!�, schnappte Nemeth. �Die Wunde sieht schlimm aus. Wir m�ssen sie verbinden, oder sie verblutet!�</p><p>Sie �berlegte einen Moment angestrengt, dann griff sie kurzerhand nach Robins Kopftuch und versuchte es in Streifen zu rei�en. Ihre Kraft reichte nicht, und Rother steckte rasch sein Schwert ein und zog stattdessen einen schmalen Dolch, den er dem M�dchen reichte. Nemeth nahm ihn wortlos entgegen und zerschnitt das Kopftuch in ein halbes Dutzend handbreiter Streifen, mit denen sie - alles andere als sanft, aber sehr schnell - einen Verband �ber der Wunde improvisierte. Es tat weh, aber Robin glaubte zumindest zu sp�ren, dass die Blutung tats�chlich nachlie�. Sie glaubte nicht, dass sie wirklich in Gefahr war, zu verbluten. Nemeth �bertrieb, wie sie es gerne tat.</p><p>Und selbst wenn nicht, war es vermutlich auch egal.</p><p>Endlich h�rte Nemeth auf, an ihrer Schulter herumzuzerren und -zudr�cken, und Robin lie� mit einem erleichterten Seufzen den Hinterkopf gegen den rauen Stein sinken und schloss die Augen. Die Schmerzen verebbten allm�hlich, aber nun machte sich eine bleierne Schwere in ihr breit. Keine drohende Ohnmacht, begriff sie. Sie war schlicht und einfach dabei einzuschlafen.</p><p>Robin riss mit einem Ruck die Augen auf.</p><p>Auch Rother hatte sich mittlerweile auf die Knie niedergelassen. Er starrte jetzt nicht mehr ihre Br�ste an, sondern ihr Gesicht. Er war kreidebleich.</p><p>�Du ... du bist eine Frau�, murmelte er.</p><p>�Wie Nemeth schon sagte�, antwortete Robin mit einem d�nnen, gequ�lten L�cheln. �Du bist ein scharfer Beobachter. Dir entgeht wirklich nichts. Wo kommst du �berhaupt so pl�tzlich her? Erz�hl mir nicht, du w�rst ganz zuf�llig des Weges gekommen.�</p><p>Rother schwieg, und Robin lie� ihren Blick �ber sein Templergewand schweifen und dachte an den Schemen in Wei� und Rot, den sie vorhin auf dem Basar gesehen hatte. �Du hast uns verfolgt.�</p><p>�Ich ... wusste, dass man dich in dem Assassinenhaus untergebracht hatte�, antwortete Rother z�gernd. �Als ich das M�dchen und dich herauskommen sah, war ich zuerst nicht sicher. Aber dann dachte ich, du h�ttest dich als Frau verkleidet, und bin euch gefolgt.�</p><p>�Wer hat dir gesagt, dass ich in diesem Haus bin?�, fragte Robin.</p><p>Rother schwieg. Er wich ihrem Blick aus.</p><p>�Jemand hat dich beauftragt, mir nachzuspionieren�, beharrte Robin. �Wer war es? Bruder Dariusz? Du kannst es mir ruhig sagen. Es ist ohnehin alles vorbei. Ihr habt gewonnen.�</p><p>�Nein�, antwortete Rother, leise und noch immer, ohne sie direkt anzusehen. �Nicht Dariusz.�</p><p>�Also Abb�.� Robin seufzte. Der Gedanke h�tte sie beruhigen sollen, aber er tat es nicht. Sie f�hlte sich verraten.</p><p>Rother antwortete auch darauf nicht. Er starrte weiter an ihr vorbei ins Leere und stand dann mit einem pl�tzlichen Ruck auf. Seine Fackel flackerte.</p><p>�Wir m�ssen weg hier. Die M�nner werden Alarm schlagen, und jemand wird kommen und nach dir suchen. Eine Frau im Tempelberg, das ist unm�glich. Kannst du laufen?�</p><p>Robin versuchte es. Sie kam tats�chlich auf die F��e, aber als sie einen Schritt machen wollte, gaben ihre Knie unter dem Gewicht ihres K�rpers nach, und Rother konnte gerade noch rechtzeitig hinzuspringen, um sie aufzufangen. Wortlos ergriff er ihren Arm und legte ihn sich um die Schulter. Nemeth nahm die Fackel und ging voraus.</p><p>�Warum tust du das?�, fragte Robin. �Wenn sie dich zusammen mit mir erwischen, dann ist es auch um dich geschehen. Lass mich einfach hier und bring dich in Sicherheit.�</p><p>�Es ist nicht meine Aufgabe, dich hier zur�ckzulassen und mich in Sicherheit zu bringen�, antwortete Rother. �Und nun schweig still. Ich muss mich konzentrieren.�</p><p>�Worauf?�, wollte Robin wissen.</p><p>�Auf die Frage, wie wir lebend hier herauskommen�, antwortete er.</p></section><section><title><p>21. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Eine halbe Stunde sp�ter war auch Robin nicht mehr sicher, ob sie das Tageslicht jemals wiedersehen w�rden. Sie war auch nicht sicher, ob es wirklich eine halbe Stunde gewesen war oder vielleicht auch zwei oder ein ganzer Tag. Zeit war auf eine sonderbare Weise bedeutungslos geworden. Im flackernden roten Licht der Fackel, die Nemeth vor ihnen hertrug, wirkten die unheimlichen G�nge und Stollen, durch die sie sich bewegten, nicht nur immer fremdartiger und bizarrer, sondern auch irgendwie alle gleich. War ihr der Gro�e Tempel bedrohlich und einsch�chternd vorgekommen, so ging von diesem lichtlosen uralten Labyrinth etwas kaum in Worte zu fassendes, Atem abschn�rendes aus. Sie musste daran denken, was Nemeth �ber den Tempelberg gesagt hatte. Wenn sie die Wahrheit gesagt hatte, dann stammten diese Stollen und Treppen noch aus den Zeiten K�nig Salomons und waren �lter, als sie sich auch nur <emphasis>vorstellen </emphasis>konnte. Und sie glaubte das unglaubliche Alter dieser Mauern beinahe k�rperlich zu sp�ren, als h�tte jedes Jahr, das seit dem Tag ihrer Fertigstellung verstrichen war, irgendetwas zur�ckgelassen, das nun unsichtbar, aber wie ein k�rperlich sp�rbares Gewicht in der Luft hing.</p><p>Vielleicht fantasierte sie auch einfach nur.</p><p>Robins Schulter hatte nach einer Weile aufgeh�rt zu bluten, und auch die Schmerzen waren wieder auf ein ertr�gliches Ma� zur�ckgegangen, sodass sie endlich den Arm von Rothers Schulter nehmen und aus eigener Kraft gehen konnte. Doch auch das Fieber war zur�ckgekommen. Der schlechte Geschmack in ihrem Mund war wieder da, schlimmer denn je. Sie zitterte am ganzen Leib, und obwohl ihr kalt war, f�hlte sich ihre Stirn gl�hend hei� an. Wenn es die Wahrheit war, dachte sie, dass Gott kleine S�nden sofort bestrafte, dann konnte ihr Vergehen, sich Salims Anweisungen widersetzt zu haben, wohl nicht allzu schwer wiegen ...</p><p>Sie hatten eine weitere Abzweigung erreicht (die wievielte?, dachte sie. Die f�nfzigste? Oder war es mittlerweile schon die <emphasis>f�nfhundertste? </emphasis>Sie wusste es nicht. Sie w�re nicht einmal erstaunt gewesen herauszufinden, dass sie sich im Kreis bewegten und schon einmal hier gewesen waren. Ihrer Meinung nach hatte Rother l�ngst die Orientierung verloren - falls er sie jemals gehabt hatte), und Nemeth wollte sich nach rechts wenden, aber Rother bedeutete ihr mit einer raschen Geste, stehen zu bleiben. Nemeth gehorchte, aber sie sah ziemlich ungl�cklich dabei aus, fand Robin, und auch die Blicke, mit denen Rother abwechselnd nach rechts und links sah, wirkten alles andere als zuversichtlich.</p><p>�Dort entlang�, sagte er schlie�lich und deutete nach links. Es wirkte unentschlossen, und eigentlich h�rte es sich auch eher an wie eine Frage.</p><p>Nemeth schien das wohl ebenso zu sehen wie sie, denn sie r�hrte sich nicht, sondern betrachtete zuerst Rother und dann einen deutlich l�ngeren Moment ihre Fackel. Sie war schon mehr als zur H�lfte heruntergebrannt.</p><p>�Warum gibst du nicht einfach zu, dass wir uns verirrt haben?�, fragte sie dann.</p><p>�Ich habe mich nicht verirrt�, protestierte Rother. Nach einem Moment und in leicht verlegenem Ton f�gte er hinzu: �Na ja, wenigstens nicht richtig.�</p><p>�Und wie verirrt man sich richtig, deiner Meinung nach?�, fragte Nemeth sp�ttisch.</p><p>�Das Problem ist nicht, dass ich den Weg nach drau�en nicht kenne�, behauptete Rother. �Das Problem seid ihr.�</p><p>�Wieso?� Nemeths Augen wurden schmal.</p><p>�Weil ihr <emphasis>Frauen </emphasis>seid.� Rothers Blick streifte kurz und irritiert Robins Gesicht. Dann machte er eine fast trotzig wirkende Kopfbewegung hinter sich. �Dieser Gang f�hrt ganz offensichtlich parallel zu den Pferdest�llen.�</p><p>�Die Pferdest�lle�, wiederholte Robin. �Und?� Dann riss sie ungl�ubig die Augen auf. �Moment mal�, keuchte sie. �Willst du etwa sagen, <emphasis>K�nig Salomons </emphasis>Pferdest�lle? Sie ... sie existieren wirklich?�</p><p>Rother nickte unger�hrt. �Als ich das letzte Mal hier war, gab es sie jedenfalls noch ... gestern�, f�gte er mit einem Schulterzucken hinzu.</p><p>�Und du wei�t, wo diese Pferdest�lle sind?�, erkundigte sich Nemeth.</p><p>�Wir sind schon an drei Abzweigungen vorbeigekommen, die zu ihnen f�hren�, antwortete Rother.</p><p>�Und von da aus kommen wir nach drau�en?�, hakte Nemeth nach.</p><p>�Nein�, sagte Robin, bevor Rother antworten konnte. <emphasis>�Er. </emphasis>Nicht <emphasis>wir.</emphasis>�</p><p>�Was?�, fragte Nemeth verwirrt.</p><p>�Weil er ein Mann ist�, sagte Robin. Sie machte eine Geste auf Rothers Ordenstracht. �Und ein Tempelritter. Niemand, der nicht Mitglied des Ordens ist, hat Zutritt zum Inneren des Tempelberges. Und eine Frau schon gar nicht.�</p><p>�Dann m�ssen wir eben aufpassen, dass uns niemand sieht�, sagte Nemeth. �Ich bin richtig gut darin, mich anzuschleichen. Und Robin ist noch viel besser. Sie kann sich in einen Schatten verwandeln, wenn sie will.�</p><p>�Das glaube ich gern�, antwortete Rother, w�hrend er Robin mit einem weiteren, irritierten Blick streifte. �Trotzdem ist es unm�glich. In den St�llen ist immer jemand. Stallburschen, Knappen, Pferdeknechte ...� Er zuckte die Achseln. �Sie w�rden euch sehen, bevor ihr dem Ausgang auch nur nahe kommt. Auf der anderen Seite ...�</p><p>�Ja?�, fragte Robin, als er nicht weitersprach, sondern nur angestrengt die Stirn runzelte und einen Moment lang an ihr vorbei ins Leere starrte.</p><p>�Es w�re m�glich�, murmelte er. �Riskant, aber m�glich.�</p><p>�Dann sollten wir es versuchen�, sagte Robin. Was immer er auch meinte.</p><p>Rother sah sie noch einen Moment lang nachdenklich an, dann drehte er sich um und gab Nemeth ein Zeichen, wieder mit ihrer Fackel vorauszugehen.</p><p>Sie bewegten sich tats�chlich nur knappe zwei oder drei Dutzend Schritte den Weg zur�ck, den sie gekommen waren, dann erreichten sie eine Abzweigung und wandten sich nach links, und diesmal hatte Robin das beruhigende Gef�hl, dass er wusste, was er tat.</p><p>Sie waren einige weitere Dutzend Schritte gegangen, als Nemeths Fackel st�rker zu flackern begann. Alarmiert hielt sie an, und Rother machte eine wedelnde Handbewegung.</p><p>�Mach die Fackel aus�, befahl er.</p><p>�Aber dann sehen wir nichts mehr�, protestierte Nemeth.</p><p>�Wer werden uns im Dunkeln ...�</p><p>�Tu einfach, was er sagt�, unterbrach sie Robin.</p><p>Nemeth funkelte sie einen Moment lang trotzig an, aber dann legte sie die Fackel auf den Boden und trat sie aus. Im allerersten Moment erschien Robin die Dunkelheit, die �ber ihnen zusammenschlug, so absolut, dass sie das Gef�hl hatte, nicht mehr richtig atmen zu k�nnen. Aber dann sp�rte sie einen sachten Luftzug auf dem Gesicht, und ihre Augen begannen einen mattgrauen Lichtschimmer am Ende des Stollens wahrzunehmen.</p><p>�Keinen Laut mehr jetzt�, fl�sterte Rother. �Und bleibt immer dicht hinter mir.�</p><p>Er �bernahm die F�hrung, und Robin und Nemeth schlossen sich ihm schweigend an. Zuerst war er nicht einmal ein Schatten vor ihnen, den sie eigentlich nur sah, weil er den Lichtschimmer verdeckte. Doch das Grau wurde rasch heller. Nach wenigen Augenblicken hatten sie das Ende des Ganges erreicht, und als Rother stehen blieb und sie heranwinkte, bot sich ihr ein absolut fantastischer Anblick.</p><p>Der Gang endete in einer steilen, direkt aus dem Fels herausgemei�elten Treppe, die gute f�nfzehn oder zwanzig Stufen weit in eine gewaltige, von grauem Zwielicht erf�llte Halle hinabf�hrte. Robin versuchte erst gar nicht, ihre Gr��e zu sch�tzen - es musste der gr��te frei tragende Raum sein, den sie jemals gesehen hatte -, doch sie war gewaltig. Zahlreiche h�fthohe Mauern unterteilten sie in ein Labyrinth aus rechteckigen Abteilen. Der allergr��te Teil davon war leer. In einigen wenigen glaubte sie Stroh oder Heu auf dem Boden zu erkennen, und in noch weniger hielten sich tats�chlich Pferde auf. Der Anblick hatte etwas gleicherma�en Erhabenes wie Ern�chterndes, wobei sie weder das eine noch das andere Gef�hl wirklich in Worte fassen konnte.</p><p>�Das sind ... K�nig Salomons Pferdest�lle?�, fragte sie schlie�lich.</p><p>Rother bedeutete ihr grimassenschneidend, leiser zu sprechen, antwortete aber trotzdem. �Jedenfalls hat man mir das gesagt�, wisperte er. �Ich wei� nicht, ob es stimmt oder nicht. Aber das wollte ich dir auch nicht zeigen.�</p><p>Er hob den Arm und deutete zur Decke empor. Robins Blick folgte seiner Geste. Sie sah fast sofort, was er meinte.</p><p>Das graue Zwielicht, das den Raum erhellte, kam nicht von Fackeln oder irgendeiner anderen k�nstlichen Beleuchtung, sondern aus Dutzenden runder, vielleicht einen Fu� messender L�cher, die in fast regelm��igen Abst�nden in der H�hlendecke g�hnten und nicht nur f�r Licht, sondern vor allem f�r die Zufuhr frischer Luft unten sorgten.</p><p>�Wir sind fast genau unter dem Templum Domini�, fuhr Rother fort. �Diese Luftsch�chte m�nden direkt hinter ihm auf einen kleinen Hof, von wo aus man zur Stra�e gelangen kann, ohne gesehen zu werden.�</p><p>�Du willst ... dort hinaufklettern?�, fragte Nemeth zweifelnd.</p><p>�Es ist nicht so schwierig, wie es aussieht�, behauptete Rother.</p><p>�Die meisten Sch�chte sind viel zu eng, aber es gibt ein paar, durch die man durchaus nach oben klettern kann.�</p><p>�Und ich habe mich schon gefragt, wie es kommt, dass ein so junger und unbekannter Ordensbruder um dieses Geheimnis wei߫, sagte Robin sp�ttisch.</p><p>Rothers Blick sagte ihr, dass sie mit ihrer unausgesprochenen Vermutung der Wahrheit wohl n�her gekommen war, als er zugeben wollte. �Die Decke ist vielleicht zehn Fu� dick�, fuhr er fort. �An manchen Stellen sogar weniger. Wenn man keine Angst vorm Klettern hat, kann man es schaffen.� Sein Blick tastete kritisch �ber Nemeths Gesicht. �Glaubst du, dass du es schaffst?�</p><p>�Wenn du mir verr�tst, wie wir da hochkommen sollen�, erwiderte Nemeth stirnrunzelnd. �Fliegen kann ich n�mlich noch nicht.�</p><p>�Ich kenne eine Stelle, an der man leicht an der Wand nach oben klettern kann�, antwortete Rother. Sein Blick wurde besorgt, als er sich wieder zu Robin umwandte, und seine Augen stellten eine lautlose Frage, die sie mit einem ebenso stummen Kopfsch�tteln beantwortete. Sie musste nicht einmal in sich hineinlauschen, um zu wissen, dass sie auf gar keinen Fall in der Lage war, die Kletterpartie zu bew�ltigen, die Rother vorgeschlagen hatte.</p><p>Er schien allerdings mit genau dieser Antwort gerechnet zu haben, denn er zuckte nur fast resignierend mit den Schultern und begann seinen Schwertgurt abzuschnallen. Rasch entledigte er sich des Wappenrocks, seines Kettenhemds und auch der Stiefel. Nemeth sah ihn nur mit wachsender Verbl�ffung an, aber Robin wusste nat�rlich, was Rother von ihr erwartete. Sie fragte sich, warum sie nicht von selbst darauf gekommen war.</p><p>�Zieh das an�, sagte Rother. �Aber du solltest warten, bis das M�dchen und ich weg sind. Ich bringe Nemeth nach Hause, dann komm ich mit Hilfe zur�ck.�</p><p>�Ich lasse Robin nicht im Stich!�, protestierte Nemeth.</p><p>�Rother hat Recht�, beruhigte Robin sie. �Mach dir keine Sorgen. Mir kann gar nichts passieren. Wie sind hier im Hauptquartier des Ordens. In diesen Kleidern werde ich praktisch unsichtbar. Sobald ihr in Sicherheit seid, kann ich einfach hier hinausspazieren, und niemand wird eine Frage stellen.�</p><p>Ganz so einfach w�rde es nicht werden, das musste auch Rother klar sein, aber er fing wohl im letzten Moment Robins beschw�renden Blick auf, denn er sagte nichts Entsprechendes, sondern stimmte ihr im Gegenteil zu. �Vielleicht solltest du dich einfach eine Weile verstecken. Am Nachmittag wird mit der Ankunft einer Gruppe Reiter aus Safet gerechnet. Sicherlich zwanzig Mann, wenn nicht mehr. Sie werden ihre Pferde herunterbringen. Wenn sie den Stall verlassen, kannst du dich unauff�llig unter sie mischen. Niemandem wird es auffallen.�</p><p>�Am Nachmittag?� Das war eine lange Zeit.</p><p>Rother machte eine beruhigende Geste. �Nur f�r alle F�lle. Keine Sorge. Bis dahin bin ich l�ngst zur�ck, und du wirst sicher hier herausgebracht.�</p><p>�Warum tust du das, Rother?�, fragte Robin.</p><p>�Weil es mein Befehl ist, auf dich acht zu geben�, antwortete Rother, doch Robin sch�ttelte heftig den Kopf.</p><p>�Nein�, sagte sie. �Das ist vielleicht dein Befehl, aber nicht der Grunde, aus dem du es tust. Niemand, nicht einmal Bruder Dariusz oder Bruder Abb� und vermutlich nicht einmal der K�nig selbst k�nnten dich dazu zwingen, etwas zu tun, was du nicht wirklich willst.� Sie machte eine Kopfbewegung auf seine Kleider, die neben ihr lagen. �Das da h�tte dir ganz einfach nur nicht einzufallen brauchen, und ich w�re praktisch schon so gut wie tot. Aber es ist dir eingefallen.�</p><p>�Und was genau willst du damit sagen?� Rother sah sie mit schr�g gehaltenem Kopf an. Er wirkte angespannt.</p><p>�Fragen, Rother, nicht sagen�, korrigierte ihn Robin. �Du riskierst dein Leben f�r mich. Dabei habe ich in deinen Augen alles verraten, woran du glaubst und wof�r unser Orden steht. Warum?�</p><p>�Vielleicht, weil ich mich dasselbe frage�, antwortete Rother ernst. �Warum? Es muss einen Grund geben. Einen wichtigen Grund, denn du hast m�chtige Freunde, wie es aussieht. Vielleicht bin ich einfach nur neugierig und will wissen, was dahinter steckt.�</p><p>�Ich werde den Orden verlassen�, sagte Robin unvermittelt.</p><p>�Weil dein Geheimnis keines mehr ist?� Rother sch�ttelte den Kopf. �Ich werde nichts sagen.�</p><p>�Nein�, antwortete Robin. �Es hat nichts mit dir zu tun. Mir ist klar geworden, dass ich nicht zu euch geh�re. Nicht wirklich. Ich ... ich habe gedacht, es w�re mein gro�er Traum. Alles, wof�r ich wirklich lebe. Aber w�hrend der Schlacht am Litani habe ich begriffen, dass das nicht stimmt.�</p><p>�Es war entsetzlich�, sagte Rother mitf�hlend, aber Robin unterbrach ihn sofort wieder.</p><p>�Ich habe einen Mann get�tet�, sagte sie.</p><p>�Nur einen?�, fragte Rother. �Wei�t du, wie viele tapfere M�nner w�hrend der Schlacht den Tod gefunden haben, auf beiden Seiten?�</p><p>�Das war etwas anderes�, sagte Robin leise. �Er war ...� Die Erinnerung drohte sie zu �berw�ltigen. F�r einen Moment war sie wieder auf dem Schlachtfeld, und f�r einen schrecklichen Augenblick sp�rte sie noch einmal den ungl�ubigen Blick seiner Augen, h�rte noch einmal das schreckliche, rei�ende Ger�usch, mit dem ihre Klinge sein Gewand zerschnitt. Ihr Herz begann zu klopfen. Sie schloss f�r einen Moment die Augen, ballte die F�uste und musste all ihre Willenskraft aufbieten, um die schrecklichen Bilder zur�ckzudr�ngen. �Er war kein Krieger, Rother. Nicht f�r mich. Ich habe ihn nicht im Kampf get�tet, sondern ihn ermordet.� Sie hob die H�nde. �Damit.�</p><p>Sie hatte nicht erwartet, dass Rother verstand, wovon sie sprach, doch ein einziger Blick in seine Augen machte ihr klar, dass sie den jungen Ritter abermals untersch�tzt hatte. Er verstand sie nicht nur, er wusste ganz genau, wovon sie sprach, weil auch er es schon erlebt hatte.</p><p>�Wir versuchen jetzt unser Gl�ck�, sagte Rother mit einem unbehaglichen R�uspern und stand auf. �Nemeth?�</p><p>Das M�dchen sah Robin an und reagierte erst, als Robin zustimmend nickte, dann jedoch bewegte sie sich sehr schnell und praktisch lautlos. Sie huschte die Treppe hinab und hatte ihr unteres Ende erreicht, noch bevor Rother auch nur losgegangen war. Robin nickte auch dem jungen Ritter noch einmal auffordernd zu, und endlich setzte auch er sich in Bewegung.</p><p>Was zur�ckblieb, war ein sonderbares Gef�hl vager Entt�uschung - und eigentlich war es gar nicht so vage, wie sie es gerne gehabt h�tte. Robin hatte l�ngst begriffen, dass ihr der junge Ritter weit mehr bedeutete, als er eigentlich sollte. Sie war nur noch nicht so weit, es zuzugeben.</p><p>Sowohl Nemeth in ihrem schwarzen Gewand als auch Rother in seinem grauen Untergewand wurden vom grauen Zwielicht in den St�llen aufgesogen, kaum dass sie sich wenige Schritte entfernt hatten. Robin versuchte einen Moment lang, sie wiederzufinden, aber es gelang ihr nicht - doch das beruhigte sie eher. Wenn sie die beiden nicht sah, w�rde es auch anderen nicht gelingen.</p><p>Irgendwann am Nachmittag, hatte Rother gesagt. Das bedeutete, dass sie viele Stunden tatenlos hier warten musste. Vermutlich w�re es das Kl�gste, dachte sie, genau das zu tun, was er ihr geraten hatte, und einfach hier sitzen zu bleiben, bis er zusammen mit Bruder Abb� zur�ckkam, um sie zu holen.</p><p>Sie wusste, dass sie es nicht durchhalten w�rde.</p><p>Robin z�hlte in Gedanken langsam bis hundert, dann stand sie auf, nahm die Kleider, die Rother ihr dagelassen hatte, und zog sich ein paar Schritte weit in den Gang zur�ck, bevor sie ihr Kleid abzustreifen begann. Es fiel ihr schwer, und es tat so weh, dass sie die Z�hne zusammenbei�en musste, um ein Wimmern zu unterdr�cken. Nemeth hatte den Verband so fest angelegt, dass sie die Schulter kaum bewegen konnte. Sie war es nicht, aber sie f�hlte sich an, als w�re sie auf die Gr��e eines Fasses angeschwollen und pulsiere im rasenden Takt ihres h�mmernden Herzens.</p><p>Mit zusammengebissenen Z�hnen streifte sie ihr Kleid vollends ab, b�ckte sich nach dem Kettenhemd und konnte einen Schmerzenslaut nicht mehr ganz unterdr�cken, als sie es �berstreifte und die eisernen Kettenglieder wie tausend winzige Messerklingen in ihre Schulter bissen. Das Hemd schien eine Tonne zu wiegen.</p><p>Sie schl�pfte in die Stiefel, die ihr zu klein waren, sodass sie wahrscheinlich nur unter Schmerzen eine l�ngere Strecke darin laufen konnte, und streifte den Ordensrock �ber, doch als sie den Schwertgurt umband, begannen ihre H�nde zu zittern. Robin versuchte sich einzureden, dass es einfach am Gewicht der Waffe lag. Rothers Schwert musste sehr viel schwerer sein als ihre eigene Waffe, die einem normalen Breitschwert zwar zum Verwechseln �hnlich sah, in Wahrheit jedoch eine t�uschend �hnliche Kopie war, die Salim aus feinstem Damaszenerstahl f�r sie hatte anfertigen lassen; zehnmal so scharf wie normaler Stahl, aber nicht einmal halb so schwer.</p><p>Immerhin war es eine gute Ausrede, um sich nicht selbst eingestehen zu m�ssen, warum es ihr so schwer fiel, die Waffe umzubinden.</p><p>Minutenlang blieb sie einfach sitzen, lauschte auf das H�mmern ihres eigenen Herzens und wartete darauf, dass die Schmerzen in ihrer Schulter nachlie�en. Es wurde nicht wirklich besser, doch groteskerweise war es nun ausgerechnet das Fieber, das ihr zugute kam, denn es machte es ihr nicht nur zunehmend schwerer, klar zu denken, sondern d�mpfte auch all ihre Empfindungen. Sie schleppte sich mehr zur Treppe zur�ck, als sie ging, und sie war selbst von diesen wenigen Schritten so ersch�pft, dass sie schon wieder zu Boden sank und um ein Haar eingeschlafen w�re.</p><p>Wahrscheinlich w�re sie es sogar, h�tte sie nicht in diesem Moment donnernden Hufschlag geh�rt, der sich rasend schnell n�herte. Alarmiert richtete sich Robin wieder auf und starrte in die Halle hinab. Nichts r�hrte sich dort unten. Nicht einmal von den angeblich allgegenw�rtigen Stallburschen und Knechten, von denen Rother gesprochen hatte, war eine Spur zu sehen, und Robin w�re versucht gewesen, das Ger�usch als neuerliche Fieberfantasie abzutun, doch es wurde immer lauter und kam zugleich rasend schnell n�her, als galoppiere eine ganze Armee heran. Die Gruppe, von der Rother gesprochen hatte? Aber er hatte etwas vom Nachmittag gesagt, und bis dahin waren es noch viele Stunden. War sie vielleicht eingeschlafen, ohne es selbst <emphasis>gemerkt </emphasis>zu haben? Robin hielt das f�r unwahrscheinlich, aber fiebernd und ersch�pft, wie sie nun einmal war, konnte sie es auch nicht vollkommen ausschlie�en.</p><p>So oder so - der unterirdische Saal erzitterte mittlerweile unter dem donnernden Hufschlag von mindestens hundert Pferden. Noch waren sie nicht zu sehen, aber es konnte sich nur noch um Augenblicke handeln. Sie musste sich entscheiden.</p><p>So schnell sie konnte, stand sie auf und eilte mit einer Leichtf��igkeit die Treppe hinab, die sie fast selbst �berraschte - die aber auch durchaus angebracht war, wie sich schon im n�chsten Augenblick zeigte. Das Donnern der Pferdehufe wuchs zum Tosen eines Erdbebens heran, und dann erschienen die ersten Reiter als fahle Schemen am jenseitigen Ende des riesigen unterirdischen Raumes.</p><p>F�r einen Moment drohte Robin in Panik zu geraten. Etwas in ihr reagierte noch immer mit gewohnter Schnelligkeit, sodass sie sich blitzartig hinter eine der h�fthohen Mauern duckte und sich mit angehaltenem Atem gegen den unverputzten Stein presste. Selbst diese hastige Bewegung war schon beinahe zu viel. Ihr wurde schwindelig, und sie musste etliche Sekunden darum k�mpfen, nicht endg�ltig zusammenzubrechen.</p><p>Als die Welt aufh�rte, sich nicht nur rings um sie herum, sondern in gegenl�ufiger Richtung auch <emphasis>in </emphasis>ihrem Kopf zu drehen, war das Donnern der Pferdehufe verklungen. Nur dann und wann h�rte sie einen vereinzelten Hufschlag oder ein Wiehern, einen Wortfetzen oder auch ein erleichtertes Aufatmen. Mit klopfendem Herzen beugte sie sich zur Seite und sp�hte zu den Reitern hin.</p><p>Sie hatte sich get�uscht. M�glicherweise hatte ihr auch die Akustik des unterirdischen Stalles einen Streich gespielt - es waren nicht Hunderte von Reitern, nicht einmal Dutzende, sondern allenfalls ein knappes Dutzend. Die M�nner hatten ihre Pferde kaum zwanzig Schritte entfernt angehalten und sa�en nun gerade ab. Etliche Tiere scheuten vor Schw�che und zitterten; Schaum troff von ihren N�stern, und Robin konnte trotz des schwachen Lichtes sehen, dass sich ihre Reiter in kaum besserem Zustand befanden. Ihre Kleider waren verdreckt und zerrissen, und die meisten von ihnen zitterten vor Anstrengung und waren ebenfalls in Schwei� gebadet. Robin konnte zwar keine frischen Wunden oder Verb�nde erkennen, was bedeutete, dass die M�nner wahrscheinlich nicht in einen Kampf verwickelt gewesen waren, aber es war zugleich auch un�bersehbar, in welcher Eile sie den Weg hierher zur�ckgelegt hatten. Sie dachte an die Gluthitze drau�en und fragte sich, wie wichtig eine Nachricht sein musste, dass die M�nner eine solche Tortur auf sich nahmen.</p><p>Robin war sich vollkommen klar, welches Risiko sie einging, aber sie wusste auch, dass ihr keine andere Wahl blieb. Ihre Kr�fte lie�en jetzt immer rascher nach. Sie w�rde nicht mehr durchhalten, bis die gr��ere Kolonne kam, von der Rother gesprochen hatte. Wahrscheinlich w�rde sie nicht einmal mehr durchhalten, bis Rother mit Bruder Abb� oder Salim zur�ckkehrte. Wenn die M�nner tats�chlich so ersch�pft waren, wie sie annahm, dann hatte sie vielleicht tats�chlich eine Chance, sich ihnen unbemerkt anzuschlie�en und den Stall zu verlassen.</p><p>Sie versuchte, sich den riesigen Raum vor Augen zu f�hren, wie sie ihn von oben aus gesehen hatte. V�llig gelang es ihr nicht, aber sie hatte immerhin eine ungef�hre Ahnung, in welcher Richtung sich der Ausgang befand, und das musste gen�gen. Wenn es ihr irgendwie gelang, sich in der N�he des Ausgangs zu verstecken, dann konnte sie dort warten, bis die M�nner den Stall verlie�en, und sich ihnen anschlie�en. Robin wusste, wie l�cherlich gering ihre Aussichten waren, es zu schaffen, aber wenn sie hier blieb, dann konnte sie genauso gut Rothers Schwert ziehen und sich selbst die Kehle durchschneiden.</p><p>Vielleicht w�re das ohnehin die einfachste L�sung, dachte sie bitter. Zumindest w�re es weniger schmerzhaft als der Tod auf dem Scheiterhaufen, der ihr vermutlich bevorstand, wenn sie hier unten aufgegriffen wurde.</p><p>Der Gedanke erschreckte sie. Seit sie ihre Heimat verlassen hatte, war sie oft in Gefahr gewesen und mehr als einmal in Situationen, die eindeutig aussichtsloser erschienen waren als diese hier - und niemals hatte sie auch nur daran <emphasis>gedacht, </emphasis>ihr Leben wegzuwerfen. Vielleicht war es nichts anderes als einfacher Trotz, der ihr die Kraft gab, sich noch einmal aufzurappeln und geduckt und die Deckung der halbhohen Mauern ausnutzend in Richtung Ausgang zu schleichen.</p><p>Danach musste sie sich gedulden.</p><p>Es waren vermutlich nur wenige Minuten, doch sie schienen f�r Robin kein Ende zu nehmen. So ersch�pft und abgerissen die Reiter auch waren, verwandten sie doch gro�e Sorgfalt darauf, ihre Pferde abzuschirren und in die sonderbaren St�lle zu f�hren. Endlich aber gingen die Ritter; und zu Robins Erleichterung nicht in einer geschlossenen Gruppe, sondern einzeln und nacheinander, und anscheinend, ohne sich gegenseitig sonderliche Beachtung zu schenken. Vielleicht hatten sie dasselbe unsinnige Schweigegel�bde abgelegt, das auch Dariusz seinen M�nnern abverlangt hatte, viel wahrscheinlicher jedoch erschien es Robin, dass sie einfach zu ersch�pft zum Reden waren.</p><p>Sie wartete, bis der letzte Mann an ihrem Versteck vor�bergegangen war, dann nahm sie all ihren Mut zusammen, stand auf und schloss sich ihnen an. Auf den ersten Schritten hielt sie vor lauter Anspannung den Atem an, doch nichts von dem, womit sie fest rechnete, geschah. Genau genommen passierte gar nichts. Sie folgte dem letzten Mann in Wei� und Rot in wenigen Schritten Abstand. Er ging nicht sehr schnell, und es fiel Robin auch nicht besonders schwer, seinen schleppenden Gang und seine ersch�pfte Haltung mit den h�ngenden Schultern und dem m�de gesenkten Kopf nachzuahmen.</p><p>Nachdem sie gerade vorsichtig aufatmen wollte, h�rte sie Schritte hinter sich, ebenso schleppend und langsam wie ihre eigenen, aber schwerer. Robins Herz begann wie verr�ckt zu h�mmern, aber sie widerstand der Versuchung, sich umzudrehen, sondern ging einfach weiter. Ganz egal was auch geschah, sie konnte jetzt nicht mehr zur�ck.</p><p>Der hohe Torbogen, durch den sie gingen, f�hrte nicht nach drau�en, wie sie gehofft hatte, sondern in einen zweiten und wom�glich noch gr��eren Felsendom, in dem deutlich mehr Pferde untergebracht waren; sicherlich hundert, wenn nicht mehr. Hier sah sie auch die Stallburschen und Pferdeknechte, von denen Rother gesprochen hatte. Niemand nahm auch nur Notiz von ihren Begleitern und ihr, und warum auch? Ritter, die m�de zur�ckkehrten, nachdem sie ihre Pferde in den Stall gebracht hatten, mussten hier ein ganz normaler Anblick sein. Robin begann wieder ein wenig mehr Mut zu fassen.</p><p>Obwohl sie das Gef�hl hatte, mit jedem Schritt Kraft zu verlieren, konzentrierte sie sich doch die ganze Zeit �ber auf die Schritte des Mannes hinter ihr. Ein- oder zweimal hatte sie das Gef�hl, dass er n�her kam, und beschleunigte unauff�llig auch ihre eigenen Schritte. Auch wenn sie selbst nicht wirklich begriff, wieso, durchquerte sie auch diesen zweiten unterirdischen Saal unbehelligt und erreichte schlie�lich den Ausgang, einen guten f�nf Meter hohen und mindestens doppelt so breiten Torbogen, von dem sie beim besten Willen nicht sagen konnte, ob er aus dem Fels herausgemei�elt oder gemauert worden war. Beides erschien ihr gleich unglaublich. Aber sie konnte auch nicht wirklich verstehen, wie es ihren Ordensbr�dern gelungen war, ein solch unglaubliches Wunder all die Jahre vor der Welt verborgen zu halten. Oder gar, <emphasis>warum. </emphasis>Lag es daran, dass dieses Wunder das Werk von Menschen war, die lange gelebt hatten, bevor Gott seinen eigenen Sohn auf die Erde geschickt hatte? Wie auch immer, seit der erste christliche Ritter seinen Fu� ins Innere des Tempelberges gesetzt hatte, rankten sich unz�hlige Ger�chte um diesen heiligsten aller Orte der Christenheit. Manche behaupteten sogar, der heilige Gral selbst w�re irgendwo in den Tiefen des Tempelberges verborgen.</p><p>Robin war - trotz allem - so sehr in Gedanken versunken, dass sie die einzelne Gestalt, die den Templern auf der anderen Seite des breiten Ganges entgegenkam, beinahe zu sp�t bemerkte. Es war ein Tempelritter wie sie und alle anderen hier, nicht einmal besonders gro�, daf�r aber von umso beeindruckenderer Leibesf�lle und nahezu kahlk�pfig. Das einzig wirklich Beeindruckende an ihm war das wuchtige Bastardschwert, das er anders als die allermeisten M�nner an der rechten H�fte trug, obwohl er kein Linksh�nder war.</p><p>Bruder Abb� war endlich gekommen, um sie zu holen!</p><p>Robin atmete erleichtert auf und wollte sich gerade vorsichtig zu erkennen geben, als Abb� seinerseits den Arm hob und rief:</p><p>�Bruder Gerhard! Ihr kommt sp�t - doch ich hoffe, Ihr bringt gute Neuigkeiten.�</p><p>Robin senkte so hastig den Blick, dass es ihr selbst fast wie ein kleines Wunder erschien, dass Abb� oder der Mann in ihrem R�cken nicht sp�testens auf diese Bewegung aufmerksam wurden, aber der Angesprochene hinter ihr antwortete mit Rideforts Stimme: �Ich f�rchte, nein, Bruder Abb�.�</p><p>�Ihr habt keine Nachricht vom Gro�meister?�</p><p>Robin senkte den Blick noch weiter, behielt Abb� aber aus den Augenwinkeln weiter im Auge, w�hrend sie an ihm vor�berging. Sie passierte ihren alten Mentor in weniger als zehn Schritten Abstand. Abb� h�tte sie bemerken m�ssen, Schminke hin oder her, aber er schien geradewegs durch sie hindurchzublicken. Trotz des schwachen Lichts konnte Robin erkennen, wie bleich er war. Weshalb auch immer er hier heruntergekommen war - <emphasis>sie </emphasis>war nicht der Grund daf�r gewesen. Sie konnte h�ren, wie Abb� hinter ihr kehrtmachte und seine Schritte dann denen Rideforts anglich. Seine Stimme wurde leiser, aber er sprach jetzt in jenem gehetzterschrockenen Fl�sterton, den man fast ebenso weit h�ren konnte wie ein normal gesprochenes Wort.</p><p>�Ihr habt keine Nachricht von Odo? Aber ich dachte ...�</p><p>�Saladin hat einen Boten geschickt�, antwortete Rideforts Stimme, deutlich leiser als Abb�s und auch nicht ann�hernd so erregt. Wenn ihr �berhaupt ein Gef�hl anzuh�ren war, dann die Ersch�pfung des zur�ckliegenden Rittes. �Der Gro�meister lebt. Er ist verwundet, aber nicht sehr schlimm.�</p><p>�Worauf wir nur Saladins Wort haben�, versetzte Abb�. �Das Wort eines Heiden und Aufst�ndischen!�</p><p>�Ich glaube ihm�, antwortete Ridefort. �Er mag ein Heide sein, aber man sagt ihm dennoch nach, er w�re ein Ehrenmann.�</p><p>Robin konnte h�ren, wie sein Kettenhemd klirrte, als er seufzend den Kopf sch�ttelte. �Nur f�rchte ich, ist er nicht nur ein Ehrenmann, sondern auch ein kluger Taktiker, der um den Wert seiner Geisel wei�.�</p><p>�Was genau soll das hei�en?�, fragte Abb�. Robin hatte mittlerweile immer gr��ere M�he, die beiden Ritter zu verstehen. Abb� sprach eher noch erregter und lauter als zuvor, doch die beiden M�nner bewegten sich auch eine Winzigkeit langsamer als sie, und Robin wagte es nicht, ihrerseits langsamer zu werden, um nicht am Ende doch noch aufzufallen.</p><p>�Saladin verlangt ein L�segeld von einhundertundf�nfzigtausend Goldst�cken�, antwortete Ridefort.</p><p>�Einhundertf�nfzigtausend Goldst�cke!�, �chzte Abb�. �Heilige Mutter Gottes, das ist viel! Kann der Orden eine solche Summe aufbringen?�</p><p>�Die Frage ist nicht, ob er es kann�, antwortete Ridefort. �Die Frage ist, ob Bruder Odo m�chte, dass f�r das Leben eines einzelnen Mannes eine Summe gezahlt wird, f�r die man so viele neue Waffen und R�stungen und Pfeile kaufen kann. Saladin kann eine neue Armee aufstellen mit diesem Geld. Ist es das Leben eines einzigen Mannes wert, in der n�chsten Schlacht vielleicht tausend zu verlieren?�</p><p>�Waren das Odos Worte?�, fragte Abb� ungl�ubig.</p><p>Ridefort z�gerte einen winzigen Moment, bevor er antwortete, und Robin glaubte seine misstrauischen Blicke regelrecht zwischen den Schulterbl�ttern zu sp�ren. Seine Schritte wurden langsamer und brachen schlie�lich ganz ab. �Nein�, sagte er mit einem leisen Lachen. �Aber wir alle kennen doch Odo von Saint-Amand, oder? Eine solche Antwort w�rde durchaus zu ihm passen, ganz davon abgesehen, dass er es bestimmt emp�rt ablehnen w�rde, wie ein Sklave auf dem Markt freigekauft zu werden, und ...�</p><p>Seine Stimme wurde leiser und verklang schlie�lich ganz. Robin verstand nichts mehr, sosehr sie sich auch anstrengte, und sie verstand auch Abb�s Antwort nicht - doch sie h�rte immerhin, dass seine Stimme nicht einmal ann�hernd so emp�rt klang, wie es angemessen w�re, und vor allem, wie sie <emphasis>erwartet </emphasis>h�tte.</p><p>Ihre Gedanken �berschlugen sich. Was sie gerade geh�rt hatte, das war vielleicht noch keine wirkliche Verschw�rung, aber es grenzte daran, und allein der <emphasis>Gedanke, </emphasis>Abb� und Ridefort ein solches Gespr�ch f�hren zu h�ren, erschien ihr schier ungeheuerlich.</p><p>Sie war mittlerweile endg�ltig au�er H�rweite der beiden Ritter und schritt nun ein wenig schneller aus, um nicht den Anschluss an die anderen zu verlieren. Vor ihnen machte der Korridor eine sanfte Biegung nach links, hinter der helles Tageslicht schimmerte, aber die M�nner traten durch eine schmale Seitent�r, die nicht nur so niedrig war, dass Robin sich hindurchb�cken musste, sondern auch so schmal, dass sie sich allen Ernstes fragte, wie etwa ein Mann von Abb�s Statur hindurchpassen sollte.</p><p>Dahinter f�hrte eine steile, kaum beleuchtete Treppe in die H�he. Robin schleppte sich die Stufen mit h�ngenden Schultern und gesenktem Kopf empor. Der Stein f�hlte sich unter ihren F��en so glatt poliert wie Eis an, als h�tten ihn Tausende und Tausende und Abertausende von F��en in ebenso vielen Jahren blank gescheuert, doch die T�r, zu der die ausgetretenen Stufen hinauff�hrten, m�ndete in einen Raum von geradezu profaner Schlichtheit: braungelber Sandstein ohne den geringsten Schmuck oder Zierrat, Fu�boden und eine leicht gew�lbte Decke aus demselben Material. Helles Sonnenlicht und ein Schwall erstickender W�rme drangen durch zwei schmale Fenster auf der R�ckseite, und es gab gleich drei T�ren, die aus der Kammer herausf�hrten.</p><p>Zwei davon standen auf. Die eine f�hrte ins Freie, auch wenn Robins an das tr�be Zwielicht gew�hnten Augen kaum mehr als einen verschwommenen Fleck glei�ender Helligkeit wahrnahmen. Hinter der anderen konnte sie einen schmalen Ausschnitt eines gewaltigen, lichtdurchfluteten Raumes erkennen. �berall blitzte und schimmerte es von Gold und Silber. Prachtvolle Gem�lde und kunstvolle Schnitzereien und Skulpturen s�umten die W�nde, und Dutzende schneewei�er S�ulen trugen die hohe, reich verzierte Decke. Der Duft von Weihrauch lag in der Luft. Von der Decke hingen bunte Banner mit verschlungenen Schriftzeichen, die Fahnen der Heere der Ungl�ubigen, die von den Tempelrittern erbeutet worden waren. Sie befanden sich im <emphasis>Templum Domini. </emphasis>Vor ihr lag eines der Wunder, die zu sehen Robin vom anderen Ende der Welt hierher gekommen war.</p><p>Dennoch wandte sie sich in die entgegengesetzte Richtung.</p><p>Die meisten M�nner, die mit ihr heraufgekommen waren, betraten das Kirchenschiff, um zu beten und Gott f�r die gl�ckliche R�ckkehr von ihrer gef�hrlichen Mission zu danken, aber sie musste raus hier. Ihr Schwindelgef�hl wurde immer schlimmer. Ihr Herz pochte bis zum Hals, und im Nachhinein fragte sie sich fast selbst, wie sie es die Treppe heraufgeschafft hatte. Ihre Knie zitterten so stark, dass die Glieder ihres Kettenhemdes leise klimperten, wenn sie still stand.</p><p>Hitze und Licht trafen sie wie ein Faustschlag ins Gesicht, als sie ins Freie trat. Im allerersten Moment war sie fast blind. Die Luft, die sie atmete, brannte wie fl�ssiges Pech in ihrer Kehle, und ihre Augen drohten zu verbrennen. Alles verschwamm vor ihrem Blick. Der Platz, der sich vor ihr ausbreitete, war derselbe, vor dem sie vorhin mit Nemeth gestanden hatte, nur von der anderen Seite her betrachtet, aber er kam ihr pl�tzlich viel gr��er vor und auf unheimliche Weise verzerrt. Alles schien in best�ndiger, Schwindel machender Bewegung. Der Boden schwankte wie die Planken eines kleinen Schiffchens im Sturm. Das Schwindelgef�hl wurde st�rker, obwohl sie es noch vor einem Augenblick gar nicht f�r m�glich gehalten h�tte.</p><p>Blindlings taumelte sie los. Ihre Schulter begann wieder zu schmerzen. Pl�tzlich konnte sie sich nicht mehr erinnern, in welcher Richtung das Assassinenhaus lag oder der Basar, aber sie musste es einfach finden. Sie machte einen weiteren, taumelnden Schritt in die lodernde Mittagshitze hinaus, und ein wei� gl�hender Schmerz explodierte in ihrem Leib und lie� sie wie von einem Axthieb gef�llt zusammenbrechen.</p></section><section><title><p>22. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Der Raum, in dem sie untergebracht war (Robin vermied es sorgf�ltig, auch nur in Gedanken das Wort <emphasis>gefangen </emphasis>zu benutzen), hatte nur ein einziges, schmales Fenster, das nach Osten hinausf�hrte und selbst f�r sie zu schmal gewesen w�re, um sich hindurchzuzw�ngen, trotzdem aber zus�tzlich vergittert war. Da das Zimmer im dritten Stock des Geb�udes lag, reichte ihr Blick ungehindert �ber die D�cher der gesamten Stadt und die Mauer bis �ber den �lberg. M�de fragte sie sich, ob auch Jesus auf den �lberg blicken konnte, als er vor so langer Zeit hier eingekerkert gewesen war.</p><p>Seltsam - seit sie begonnen hatte, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass sie wohl tats�chlich ihren Glauben verloren hatte, musste sie immer �fter an Gott und seinen Sohn denken. Aber wahrscheinlich war sie einfach nur verwirrt und hatte Angst, und sie hatte auch allen Grund dazu.</p><p>Sie hatte nicht wirklich die Besinnung verloren, aber der Zustand, in dem man sie hier heraufgebracht hatte, war von einer Ohnmacht nicht mehr allzu weit entfernt gewesen; und auf eine Art vielleicht sogar noch schlimmer, denn sie hatte zwar alles gesehen und geh�rt, was rings um sie herum und vor allem <emphasis>mit </emphasis>ihr geschah, war aber vollkommen wehrlos gewesen. M�nner waren zusammengelaufen, hatten an ihrer Schulter ger�ttelt und ihren Namen gerufen, und vage glaubte sie auch, sich an Bruder Abb�s Gesicht zu erinnern, aber alles war verschwommen, unscharf und so bedrohlich wie die Bilder aus einem Albtraum, die sich in die Wirklichkeit hin�bergeschlichen hatten und sich nun mit ihr zu vermengen begannen. Irgendwann war sie von zwei M�nnern ergriffen und die drei Treppen hier heraufgezerrt worden. Seither war sie allein.</p><p>Robin wusste nicht, wie viel Zeit seither vergangen war, aber es konnte allerh�chstens eine halbe Stunde gewesen sein, wahrscheinlich weniger. Sie f�hlte sich mittlerweile wieder deutlich besser; die Schmerzen in ihrem Leib waren vollends verebbt, und auch Fieber und Schwindelgef�hl waren fast verschwunden. Selbst ihre Schulter tat nicht mehr weh, auch wenn sie den Arm inzwischen kaum noch bewegen konnte. Voller Angst fragte sie sich, was als N�chstes geschehen w�rde. Auch wenn ihr Geheimnis bisher anscheinend noch immer nicht aufgedeckt worden war, zweifelte sie doch keine Sekunde daran, dass zumindest Marschall Ridefort sie erkannt hatte, und wenn schon nicht f�r irgendetwas anderes, so w�rde sie sich doch zumindest f�r den blo�en Umstand rechtfertigen m�ssen, hier zu sein, wo sie doch angeblich schwer verletzt auf Safet im Sterben lag.</p><p>Drau�en auf dem Gang wurden Stimmen laut. Robin konnte durch das dicke Holz hindurch nicht h�ren, was gesprochen wurde, aber es h�rte sich ganz eindeutig nach einem Streit an. Nach einem Augenblick wurde die T�r ge�ffnet, und Bruder Abb� kam herein. Sein Gesicht war rot vor Zorn, und er atmete so schwer, als w�re er die drei Treppen hier herauf auf seinen kurzen Beinen gerannt.</p><p>Robin setzte dazu an, etwas zu sagen, doch Abb� brachte sie mit einer verstohlenen Geste und einem fast beschw�renden Blick zum Verstummen und wandte sich in r�dem Ton an jemanden drau�en auf dem Gang: �Schlie�t die T�r, habe ich gesagt, und untersteht euch zu lauschen, oder ich lasse euch auspeitschen! Ich gebe euch Bescheid, wenn wir bereit sind.�</p><p>Robin konnte noch immer nicht erkennen, wer sich drau�en auf dem Gang aufhielt, doch die T�r wurde geschlossen, und sie h�rte ein Ger�usch, das es ihr vollends unm�glich machte, sich <emphasis>nicht </emphasis>als Gefangene zu f�hlen: das Poltern eines schweren Riegels, der vorgelegt wurde.</p><p>�Bruder Abb�, begann sie, �ich bin ja so froh, Euch zu ...�</p><p>Abb� brachte sie mit einem abermaligen und noch erschrockeneren Gestikulieren zum Verstummen. Anscheinend war er nicht vollkommen �berzeugt davon, dass die M�nner drau�en seinen Befehl auch befolgten. �G�tiger Gott, was hast du nur wieder angestellt, du Ungl�ckskind? Was tust du hier? Willst du uns alle auf den Scheiterhaufen bringen?�</p><p>�Es tut mir ja Leid, Bruder�, sagte Robin zerknirscht. �Ich wollte wirklich nicht ...�</p><p>�Wieso bist du nicht in deinem Zimmer in Salims Haus? Ich werde diesen unf�higen W�chter auspeitschen lassen - falls wir das hier �berleben, hei�t das.�</p><p>Robin riss die Augen auf. �Was meint Ihr damit?�</p><p>�Wie oft habe ich den Tag schon bedauert, an dem sich unsere Wege gekreuzt haben�, fuhr Abb� m�rrisch fort. �Vielleicht wollte der Herr mich auf diese Weise f�r das bestrafen, was in jener Nacht geschehen ist, doch allm�hlich muss ich doch genug Bu�e getan haben!� Er sch�ttelte den Kopf, als k�nne er tats�chlich nicht verstehen, was geschehen war. �Wie stehe ich jetzt da? Noch vor einer halben Stunde habe ich Marschall Ridefort berichtet, ich h�tte Nachricht von Bruder Horace aus Safet, dass es nicht gut um Bruder Robin steht, und nur einen Augenblick sp�ter f�llst du ihm ohnm�chtig vor die F��e! Was soll ich ihm nun sagen?�</p><p>�Euch wird schon etwas einfallen�, antwortete Robin spr�de. So erleichtert sie im ersten Moment gewesen war, Abb� zu sehen, so zornig wurde sie pl�tzlich. Abb� machte sich nicht einmal die M�he, Besorgnis zu <emphasis>heucheln. </emphasis>�Ihr redet doch auch sonst gerne mit ihm.�</p><p>Abb� zog die Augenbrauen zusammen und schwieg. Seine Verwirrung war beinahe perfekt gespielt. Aber das machte Robin in diesem Moment eher noch w�tender. �Ihr macht doch nicht tats�chlich gemeinsame Sache mit Gerhard von Ridefort, um den Gro�meister zu verraten, oder?�, fragte sie.</p><p>Abb�s Augen wurden gro�. �Woher ...?�</p><p>�Ich habe Euch belauscht�, schleuderte ihm Robin entgegen. Pl�tzlich konnte sie ihre Gef�hle kaum noch im Zaum halten. Von allen Menschen auf der Welt war Abb� der letzte, von dem sie erwartet h�tte, dass er sie anlog. �Ich habe jedes Wort geh�rt!�</p><p>Abb�s Augen wurden noch gr��er. �Du ... warst unten in den St�llen?�, murmelte er.</p><p>�Keine zehn Schritte vor Euch�, antwortete Robin. �Ich habe jedes Wort geh�rt. Ihr plant tats�chlich, die Zahlung des L�segeldes zu verweigern? Ich ... ich verstehe das nicht! Ihr k�nnt doch unm�glich wollen, dass Gerhard von Ridefort neuer Gro�meister unseres Ordens wird!�</p><p>�Der Tag, an dem ein Mann wie Gerhard von Ridefort Gro�meister unseres Ordens wird, ist der Beginn unseres Untergangs�, sagte er ernsthaft. �Deine Ohren m�gen ja noch die Sch�rfe der Jugend haben, aber du urteilst vielleicht auch etwas vorschnell. Manche Worte haben mehr als eine Bedeutung, wei�t du?� Er schnitt ihr mit einer �rgerlichen Bewegung das Wort ab, als sie etwas sagen wollte. �Was um alles in der Welt hattest du im Tempelberg zu suchen? Willst du dich mit aller Gewalt ins Ungl�ck st�rzen, und uns gleich dazu?�</p><p>Robin verstand nicht, warum Abb� so �berrascht war. �Aber hat Rother Euch denn nicht gesagt, wo Ihr mich findet?�</p><p>�Rother?�, gab Abb� zur�ck. �Wer soll das sein?� Er wiederholte seine unwillige Handbewegung. �Aber egal, wir kl�ren das sp�ter. Jetzt bringe ich dich erst einmal hier heraus, und dann werde ich daf�r sorgen, dass du noch heute aus der Stadt verschwindest und ganz bestimmt niemals wieder auftauchst.�</p><p>�Und Marschall Ridefort?�, fragte Robin. �Er hat mich gesehen, oder?�</p><p>�Ich f�rchte�, sagte Abb� grimassenschneidend, �mir wird schon etwas einfallen. Notfalls kann ich ja behaupten, du h�ttest mich und meine Begleiter niedergeschlagen und w�rst geflohen. Aber auch das hat Zeit bis sp�ter. Lass uns von hier verschwinden, bevor Ridefort am Ende noch auf die Idee kommt, sich pers�nlich nach deinem Befinden zu erkundigen.�</p><p>Er schlug zweimal mit der flachen Hand gegen die T�r und setzte einen m�glichst finsteren Gesichtsausdruck auf, als ge�ffnet wurde. �Bruder Robin und ich verlassen den Tempel�, sagte er, bevor sein Gegen�ber auch nur Gelegenheit fand, einen einzigen Ton herauszubekommen. �Geht zu Marschall von Ridefort und richtet ihm aus, dass ich ihn wie besprochen zum Nachmittagsgebet in der Grabeskirche erwarte.�</p><p>Der Mann, der offenbar die undankbare Aufgabe hatte, Robin zu bewachen, kam auch jetzt nicht dazu, irgendwelche Einw�nde vorzubringen. Abb� scheuchte ihn mit einer groben Bewegung aus dem Zimmer und bedeutete ihm kaum weniger r�de, vorauszugehen. Rasch und mit dem�tig gesenktem Haupt trat Robin an ihm vorbei auf den Flur, wobei sie den Mann, der drau�en neben der T�r stand, nur aus den Augenwinkeln sah. Trotzdem war sein Unbehagen nicht zu �bersehen. Was Abb� tat, stand offensichtlich ganz und gar nicht im Einklang mit seinen Befehlen. Aber er versuchte nicht, sie aufzuhalten, sondern starrte ihnen nur finster nach, bis sie die Treppe erreicht hatten und nebeneinander die schmalen Stufen hinabzusteigen begannen.</p><p>�Irgendwann frage ich Euch einmal, wer Ihr wirklich seid, Bruder Abb�, sagte Robin leise.</p><p>�Wer ich wirklich bin?�</p><p>�Mit Sicherheit kein kleiner Ritter aus einer unbedeutenden Komturei in Friesland�, behauptete Robin.</p><p>�Aber nichts anderes bin ich�, erwiderte Abb�. T�uschte sie sich, oder klang seine Stimme leicht am�siert? �Genau so hast du mich doch kennen gelernt, <emphasis>Bruder </emphasis>Robin. Als unbedeutenden Ritter aus einer noch viel unbedeutenderen Komturei in Friesland.�</p><p>�Dem man kaum weniger Respekt entgegenbringt als dem Gro�meister und den M�nner wie Gerhard von Ridefort in wichtigen Angelegenheiten des Ordens um Rat fragen�, sagte Robin sp�ttisch. �Wie gesagt: Eines Tages werde ich Euch fragen, wer Ihr wirklich seid. Und Ihr werdet mir diese Frage beantworten.�</p><p>�Kaum�, antwortete Abb�. �Du wirst Jerusalem noch vor Ablauf der n�chsten Stunde verlassen, und wir werden uns nicht wiedersehen.�</p><p>Robin starrte ihn beinahe entsetzt an. Noch vor einem Moment war sie so w�tend auf ihn gewesen, wie selten zuvor auf irgendjemanden. Aber ihn niemals wiedersehen? Ein einziger Blick in Abb�s Gesicht machte ihr klar, dass er auf keine der tausend Fragen antworten w�rde, die ihr pl�tzlich auf der Zunge brannten. Wenigstens jetzt nicht. Schweigend legten sie den restlichen Weg nach unten zur�ck.</p><p>Als sie das Geb�ude verlassen wollten, traten ihnen zwei M�nner in wei�en Templeruniformen entgegen. Beide hatten ihre Schilde abgenommen und am linken Arm befestigt, und ihre H�nde lagen auf den Schwertern. �Ritter Robin von Tronthoff?�, sprach sie der eine an.</p><p>Robin war so �berrascht, dass sie im allerersten Moment gar nicht reagierte, sondern den Mann nur verwirrt anblickte. Er war �berdurchschnittlich gro�, und die Schultern unter dem wei�en Hemd schienen best�ndig darum bem�ht zu sein, ihr Gef�ngnis aus Stoff und Kettengewebe zu sprengen. Auch sein Begleiter war von �hnlich beeindruckendem Wuchs, und jetzt fiel Robin auch auf, dass die beiden M�nner nicht allein gekommen waren. Vier weitere Ritter, alle mit ihren Schilden an den Armen, standen wie zuf�llig ganz in der N�he, aber sie blickten bestimmt ganz und gar <emphasis>nicht </emphasis>zuf�llig in ihre Richtung.</p><p>�Was geht hier vor?�, fragte Abb� scharf. Er trat mit einem einzigen Schritt zwischen Robin und den Ritter und funkelte ihn an. Abb� reichte dem b�rtigen H�nen kaum bis zum Adamsapfel, doch es war nicht das erste Mal, dass Robin Zeuge wurde, wie der kahlk�pfige, dicke Mann andere einfach dadurch in die Flucht schlug, dass er sie anstarrte.</p><p>So weit kam es diesmal nicht, aber das herausfordernde Glitzern in den Augen des H�nen machte f�r einen Moment Verwirrung und dann deutlicher Unsicherheit Platz. �Verzeiht, Bruder Abb�, sagte er. �Ich habe Euch nicht gleich erkannt.�</p><p>�Ja, ja, schon gut�, unterbrach ihn Abb� unwillig. �Was soll das? Was f�llt Euch ein, uns aufzuhalten?�</p><p>�Es tut mir Leid, Euch Ungelegenheiten zu bereiten�, antwortete der Mann. Er f�hlte sich sichtlich mit jedem Wort weniger wohl in seiner Haut. Er wich Abb�s Blick aus, doch er sprach trotzdem weiter. �Aber ich f�rchte, wir m�ssen Bruder Robin von Tronthoff mit uns nehmen.�</p><p>�Auf wessen Anweisung?�, fragte Abb� lauernd.</p><p>�Der Befehl kommt von Ordensmarschall von Ridefort pers�nlich, Bruder Abb�. Unsere Order lautet, Robin von Tronthoff unverz�glich zu ihm zu bringen, damit Anklage gegen ihn erhoben werden kann.�</p><p>�Anklage?�, �chzte Abb�. �Weswegen?�</p><p>�Man beschuldigt ihn der Feigheit im Angesicht des Feindes�, antwortete der Ritter. �Aus diesem Grunde soll �ber ihn zu Gericht gesessen werden. Jetzt gleich.�</p></section><section><title><p>23. KAPITEL</p></title><empty-line/><p>Der Raum, in dem �ber sie geurteilt werden sollte, geh�rte zwar noch offiziell zum <emphasis>Templum Domini, </emphasis>aber gewiss nicht zu jenem Teil der ausgedehnten Tempelanlage, die jedem Besucher zug�nglich war und vermutlich nicht einmal jedem Ritter. Es war eine kleine, sch�bige Kammer abseits des Kirchenschiffes und der prachtvollen Kreuzg�nge, in die nur wenig Licht und noch weniger frische Luft gelangten. Es brannten nur einige wenige Kerzen, die ein unheiltr�chtiges, rotes Licht verbreiteten. Dar�ber hinaus war der Raum fast leer. Es gab einen hohen Lehnstuhl, in dem ein Pater des Templerordens sa�; kein Ritter, sondern ein Priester in wei�er Kutte, mit dem Tatzenkreuz �ber dem Herzen. Auf einem schmalen Tisch vor ihm lagen einige Pergamente, in denen er angelegentlich herumkramte, seit man Robin hereingef�hrt hatte. Obwohl seither mindestens eine halbe Stunde vergangen war, hatte er sie in der ganzen Zeit nicht eines einzigen Blickes gew�rdigt - obwohl Robin bezweifelte, dass seine tr�ben, von tausend winzigen F�ltchen eingerahmten Augen in dem flackernden Licht gut genug sehen konnten, um zu lesen.</p><p>Sie f�hlte sich hilflos. Hilflos und auf eine Art allein gelassen, die ihre Angst noch sch�rte. Bruder Abb� hatte nicht einmal versucht, den grotesken Vorwurf zu entkr�ften, sondern war nahezu kommentarlos verschwunden, und die sechs Ritter hatten sie hierher gebracht. Bevor sie den Raum betreten durfte, hatte man ihr befohlen, nicht nur Schwert und Ordensrock, sondern auch das schwere Kettenhemd und die Stiefel auszuziehen. Zumindest f�r das Kettenhemd war sie im Stillen dankbar. Sie wusste nicht, wie lange sie das Gewicht des eisernen Kleidungsst�cks auf ihrer Schulter noch ertragen h�tte. Aber sie f�hlte sich zugleich auch nackt und schutzlos. Au�er dem Verband trug sie jetzt nur noch das d�nne baumwollene Unterhemd �ber ihrem verr�terischen K�rper. Eine einzige unbedachte Bewegung, und sie war verloren.</p><p>Wenigstens waren sie nicht so weit gegangen, sie zu binden; zumindest nicht mit Fesseln, die man <emphasis>sah. </emphasis>Vier der sechs M�nner, die sie hierher begleitet hatten, waren sofort wieder gegangen, die beiden anderen hatten rechts und links der T�r Aufstellung genommen und schienen zu lebensgro�en Statuen erstarrt zu sein. Es gab keine St�hle oder andere Sitzgelegenheiten.</p><p>Der Pater sah f�r einen Moment von seinen Unterlagen auf, und zum ersten Mal glaubte Robin eine menschliche Regung auf seinem Gesicht zu erkennen, als er mit einem ungeduldigen Stirnrunzeln zur T�r sah. Aber sie suchte vergeblich nach einer Spur von Mitleid in seinen Augen, als sein Blick sie streifte.</p><p>Endlich wurde die T�r aufgesto�en, und Marschall von Ridefort trat ein, dicht gefolgt von Bruder Dariusz. Robin war �berrascht, den grauhaarigen Tempelritter hier zu sehen, aber auch - fast widerwillig - ein wenig erleichtert. Wenn es jemanden gab, der wusste, was sie w�hrend der Schlacht am Litani getan hatte, dann er.</p><p>�Bruder Dariusz!�, rief sie erleichtert. �Ihr ...�</p><p>�Schweigt still, Robin von Tronthoff�, fuhr sie der Geistliche an. �Als Angeklagter vor diesem Gericht habt Ihr zu schweigen, bis Ihr zum Reden aufgefordert werdet oder man Euch eine direkte Frage stellt.� Er hatte eine d�nne, schneidende Stimme, die mehr �ber sein wahres Alter verriet als sein Gesicht, aber deutlich sanfter wurde, als er hinzuf�gte: �Keine Sorge. Ihr werdet Gelegenheit bekommen, in aller Ausf�hrlichkeit zu den Vorw�rfen Stellung zu nehmen, die gegen Euch erhoben werden.�</p><p>Er seufzte tief, runzelte die Stirn und wandte sich dann mit einem Blick an Dariusz und Ridefort, in dem sehr wenig Respekt f�r die beiden hochrangigen Ritter zu erkennen war. �Und Ihr, Bruder Gerhard, Bruder Dariusz - verratet Ihr einem m�den alten Mann, weshalb Ihr in aller Eile einen Prozess von mir verlangt, der eigentlich einer tagelangen gr�ndlichen Vorbereitung bedarf, um dann zu eben jenem Prozess zu sp�t zu erscheinen?�</p><p>Dariusz wollte antworten, doch Ridefort kam ihm zuvor: �Bitte vergebt uns, Vater Johannes. Es war meine Schuld. Leider haben mich wichtige Gesch�fte daran gehindert, sofort zu erscheinen. Und ich f�rchte auch, dass ich Jerusalem noch vor dem n�chsten Sonnenaufgang verlassen muss, woraus sich die gro�e Eile dieses Prozesses ergibt.�</p><p>�So, tut es das?�, fragte Johannes. Er seufzte erneut. �Nun ja, wir werden sehen.� Er kramte einen Moment lautstark in seinen Pergamenten herum, seufzte noch einmal und sah Robin dann mit ver�ndertem Gesichtsausdruck an. �Feigheit im Angesicht des Feindes, Ritter Robin. Das ist ein sehr schwerer Vorwurf. Was sagt Ihr dazu?�</p><p>�Das ist Unsinn�, antwortete Robin, biss sich auf die Unterlippe und setzte mit einem entschuldigenden L�cheln neu an:</p><p>�Verzeiht. Ich wollte sagen: Das ist nicht wahr. Ich bin noch niemals einem Kampfe ausgewichen. Fragt Bruder Dariusz. Er wird es Euch best�tigen.�</p><p>�Bruder Dariusz, so?� Der Geistliche wirkte ehrlich verbl�fft.</p><p>�Das wundert mich, um ehrlich zu sein. Es war Bruder Dariusz, der die Anklage gegen Euch erhoben hat.�</p><p>Robin drehte mit einem Ruck den Kopf und starrte Dariusz fassungslos an. Dariusz? Ausgerechnet Dariusz brachte diese absurde Anschuldigung gegen sie vor? Was um alles in der Welt <emphasis>ging hier vor?</emphasis></p><p>Vater Johannes schien zumindest zu sp�ren, was in <emphasis>ihr </emphasis>vorging, denn er hob rasch die Hand und kam allem zuvor, was sie h�tte sagen k�nnen. �Also gut�, seufzte er. �Wenn wir schon fast alle Ordensregeln mit F��en treten, k�nnen wir auch ebenso gut weiter so verfahren. Bruder Dariusz, begr�ndet diesen schweren Vorwurf, den Ihr erhebt.�</p><p>Dariusz berichtete, wie er Robin weit entfernt von den Liegenschaften der Templer in einem kleinen K�stendorf angetroffen hatte und dass er Robin mit gro�em Nachdruck dazu bringen musste, dem Ruf des Gro�meisters zu den Waffen zu folgen.</p><p>�Aber er <emphasis>ist </emphasis>Euch gefolgt?�, vergewisserte sich Johannes und raschelte wieder mit seinen Papieren. �Ich meine: Ihr musstet ihn nicht gewaltsam zwingen oder in Ketten legen oder etwas in dieser Art?�</p><p>�Nein�, antwortete Dariusz. Er wirkte irritiert.</p><p>Vater Johannes machte sich eine Notiz und seufzte. �Fahrt fort.�</p><p>Dariusz fuhr fort. Er berichtete von dem Gefecht mit den Pl�nderern, in dem sich Robin durch gro�e Zur�ckhaltung gegen den Feind ausgezeichnet hatte - eine dreiste L�gengeschichte - und f�hrte als Beweis an, dass weder sie noch ihr Pferd verletzt wurden, weil sie sich von den Kampfhandlungen fern gehalten h�tte.</p><p>Dariusz erz�hlte weiter, wie unziemlich sie sich dem Gro�meister w�hrend des gemeinsamen Mahls in Safet aufgedr�ngt h�tte. Immer wieder h�tte sie w�hrend des Mahls das Gebot zu schweigen gebrochen. Doch ihre ganze Sch�ndlichkeit habe sich erst in der Schlacht gegen Saladin gezeigt. W�hrend die Templer in geschlossener Ordnung in das Heer Saladins eingebrochen seien, habe sie sich zur Flucht gewandt, wodurch die Schlachtreihe zerbrach und der schon sichere Sieg in einer schm�hlichen Flucht endete. Er behauptete, auch mehrere Zeugen daf�r aufbieten zu k�nnen.</p><p>�Nur die Ruhe�, sagte Johannes. �So weit sind wir noch nicht.� Er wandte sich direkt an Robin. �Ihr habt die Vorw�rfe geh�rt, die Bruder Dariusz gegen Euch erhebt. Was habt Ihr dazu zu sagen?�</p><p>�Das ... das ist nicht wahr�, stammelte Robin. �Ich ... ich habe mich in der Schlacht zur�ckgenommen, das ist wahr.�</p><p>�Er gibt es also zu�, sagte Ridefort.</p><p>�Aber nur, weil Dariusz es mir <emphasis>befohlen </emphasis>hat�, schloss Robin.</p><p>Johannes blinzelte. �Wie?�</p><p>�Albernes Gew�sch�, sagte Dariusz abf�llig. �Warum sollte ich das tun?�</p><p>Vater Johannes brachte ihn mit einer �rgerlichen Geste zum Schweigen und wandte sich wieder direkt an Robin. �Auch wenn ich es ungern tue, Bruder, so muss ich Ritter Dariusz doch Recht geben. Warum sollte er so etwas tun, mitten in einer Schlacht?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Robin m�hsam beherrscht.</p><p>�Ich habe es selbst nicht verstanden. Aber er hat mir eindeutig befohlen, kein Risiko einzugehen und immer in seiner N�he zu bleiben. Als der Angriff zusammenzubrechen begann, da hat er mir den <emphasis>Befehl </emphasis>erteilt, zu fliehen und im Feldlager auf ihn zu warten.�</p><p>�Ist das wahr?�, wandte sich Johannes an Dariusz.</p><p>Der Ritter machte sich nicht einmal die M�he zu antworten.</p><p>�Das ist in der Tat seltsam�, sagte Johannes. �Zumal es Zeugen gibt, die Bruder Robin auf dem Schlachtfeld im Kampf gesehen haben.�</p><p>�Er ist um sein Leben gerannt wie ein Hase�, sagte Dariusz ver�chtlich. �Die meisten unserer Br�der sind gefallen, als wir in den Hinterhalt gerieten. Unser Gro�meister ist in Gefangenschaft geraten. Tausende guter Christenmenschen haben an diesem Tag ihr Leben gelassen, und genug haben gesehen, wie dieser Feigling davongerannt ist!�</p><p>�Immerhin wurde Bruder Robin w�hrend der Schlacht schwer verletzt�, gab Johannes zu bedenken. Er drehte sich wieder zu Robin um. �Wie ist es zu dieser Verletzung gekommen?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, log Robin. �Ein verirrter Pfeil, nehme ich an.� Sie widerstand gerade noch im letzten Moment der Versuchung, mit den Schultern zu zucken.</p><p>�Was f�r ein Unsinn�, sagte Dariusz. �Wie schade, dass wir diesen verirrten Pfeil nicht mehr haben - es sollte mich nicht weiter wundern, wenn es einer unserer eigenen Pfeile gewesen w�re. Wie Ihr ja sicher wisst, ist es bei uns �blich, Deserteure und Fahnenfl�chtige auf der Stelle zu erschie�en.�</p><p>Robin wollte antworten, doch in diesem Moment flog die T�r auf, und eine schlanke, von Kopf bis Fu� in Schwarz gekleidete Gestalt trat ein. Sofort griffen die beiden Wachen neben der T�r nach ihren Schwertern, doch sie kamen nicht einmal dazu, ihre Waffen zu ziehen. Drei, vier weitere M�nner in schwarzen Kettenhemden, Helmen und M�nteln st�rmten herein und hielten sie mit gez�ckten Schwertern in Schach, w�hrend der zuerst eingetretene mit langsamen Schritten n�her kam.</p><p>Johannes schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass es klatschte. �Was hat das zu bedeuten?�, fragte er scharf. �Was erdreistet Ihr Euch, hier ungefragt einzudringen, noch dazu mit Waffen? <emphasis>Wachen!�</emphasis></p><p>Der Schwarzgekleidete hob rasch die Hand. �Nicht doch, Vater�, sagte er. �Das wird wohl kaum n�tig sein. Ich versichere Euch, ich bin in friedlicher Absicht gekommen. Ganz im Gegenteil kann ich vielleicht das eine oder andere zur Aufkl�rung dieser unangenehmen Geschichte beitragen.� Er hob die H�nde an den Kopf und streifte den Helm ab, doch das Gesicht, das darunter zum Vorschein kam, war dennoch nicht zu erkennen. Der Mann trug eine Art flachen Turban, an dem ein undurchsichtiges Tuch aus schwarzer Spitze befestigt war. Alles, was Robin von seinem Gesicht erkennen konnte, war ein Paar ungew�hnlich klarer, stechend gr�ner Augen.</p><p>�Baldu ...�, begann sie ungl�ubig, brach erschrocken ab und korrigierte sich dann hastig. �Majest�t?�</p><p>Balduin streifte sie mit einem kurzen, sp�ttischen Blick und drehte sich dann wieder zu Johannes um, der halb von seinem Stuhl aufgesprungen, nun aber mitten in der Bewegung erstarrt war.</p><p>�Ich muss mich noch einmal f�r die r�de Art meines Eintretens entschuldigen�, fuhr Balduin fort. �Man sagt mir einen Hang zu dramatischen Auftritten nach, und ich f�rchte fast, es ist etwas Wahres daran.�</p><p>�Majest�t?�, murmelte Johannes fassungslos.</p><p>Balduin wedelte mit der Rechten, die in einem d�nnen Handschuh aus schwarzer Seide steckte. �Nicht doch, Vater. Dies ist ein Gericht, und auf dieser Seite des Tisches sollten R�nge und Titel nicht z�hlen.�</p><p>Johannes r�usperte sich. Er fand seine Fassung zwar rasch wieder und setzte sich, rettete sich aber dann darin, wieder hektisch in seinen Pergamenten zu bl�ttern.</p><p>Nicht so Ridefort. Auch er war im allerersten Moment vollkommen perplex gewesen, fing sich aber deutlich schneller wieder als Dariusz. �Bei allem Respekt, Majest�t�, sagte er k�hl.</p><p>�Aber dies hier ist eine reine Ordensangelegenheit - und wir befinden uns im <emphasis>Templum Domini, </emphasis>dem Hauptquartier unseres Ordens.�</p><p>Balduin drehte sich betont langsam zu ihm um. �Ich f�rchte, da befindet Ihr Euch im Irrtum, mein lieber Marschall�, sagte er zuckers��. �Und das in zweierlei Hinsicht.�</p><p>�Wieso?�, fragte Ridefort scharf.</p><p>�Fangen wir mit dem zweiten Punkt an�, antwortete Balduin.</p><p>�Muss ich Euch wirklich daran erinnern, dass ich der K�nig von Jerusalem bin? Wem die Stadt geh�rt und somit auch dieser Tempel?�</p><p>�Majest�t - bitte!�, sagte Johannes.</p><p>Balduin starrte Ridefort noch einen Moment aus seinen durchdringenden gr�nen Augen an, die pl�tzlich gar nicht mehr sp�ttisch wirkten, sondern ganz im Gegenteil so kalt und hart wie geschliffener Smaragd. Dann jedoch wandte er sich wieder an Vater Johannes und deutete eine Verbeugung an. �Verzeiht, Vater. Ich habe mich hinrei�en lassen. Wie gesagt: Leider habe ich eine gewisse Schw�che f�r dramatische Situationen.�</p><p>An der T�r entstand erneut Bewegung, als zwei weitere M�nner eintraten. Im allerersten Moment konnte Robin nicht erkennen, wer es war, weil die schwarz gekleideten Lazarusritter sie fast vollkommen verdeckten, dann jedoch traten sie zur Seite, und Robins Verwirrung nahm noch weiter zu, als sie nicht nur Bruder Abb�, sondern direkt neben ihm auch Rother erkannte. Der junge Ritter trug ein frisches, bl�tenwei�es Gewand und auch wieder einen Schwertgurt, und anders als Abb� hatte er sich nicht vollkommen in der Gewalt. Er gab sich redliche M�he, aber es gelang ihm nicht wirklich, den triumphierenden Ausdruck aus seinen Augen zu verbannen.</p><p>�Darf ich fragen ...?�, begann Johannes.</p><p>�Bitte verzeiht�, sagte Balduin rasch. �Diese beiden Br�der haben mich alarmiert, hierher zu kommen, um ein gro�es Unrecht zu verhindern.�</p><p>�Majest�t?�, fragte Johannes. Ridefort wirkte pl�tzlich ein wenig nerv�s, fand Robin, w�hrend auf Dariusz� Gesicht noch immer nicht die mindeste Regung zu erkennen war.</p><p>�Ein Unrecht, das Bruder Robin droht�, fuhr Balduin fort. Er hatte tats�chlich einen gewissen Hang f�r Dramatik. �Auch wenn ich ihm den Vorwurf nicht ersparen kann, zumindest zu einem gewissen Teil selbst schuld daran zu sein.�</p><p>�Bitte verzeiht, Majest�t�, mischte sich Ridefort abermals ein, �doch es geht hier um eine Angelegenheit ...�</p><p>�... von gro�em Mut und beispielloser Tapferkeit?�, unterbrach ihn Balduin. Ridefort blickte einfach nur verwirrt, und Balduin fuhr mit einem Nicken und an Vater Johannes gewandt fort: �In der Tat, genau darum geht es. Niemals zuvor habe ich ein Beispiel von gr��erem Mut erlebt. Diesen jungen Ritter der Feigheit vor dem Feind zu bezichtigen ist aberwitzig! Der Pfeil, der ihn verletzt hat, galt mir. Er hat ihn mit seinem eigenen K�rper aufgefangen und fast mit seinem Leben daf�r bezahlt. Was f�r ein gr��eres Beispiel f�r Opferbereitschaft und Mut g�be es denn noch?�</p><p>�Ist das ... wahr?�, fragte Johannes. Ridefort sah regelrecht entsetzt aus, w�hrend Rother so aussah, als w�rde er im n�chsten Augenblick einfach in Ohnmacht fallen. Nur Dariusz starrte sie beinahe hasserf�llt an. Aber nicht nur sie.</p><p>�Ist das wahr, Bruder Robin?�, fragte Johannes.</p><p>Robin antwortete nicht gleich. Sie wollte es, aber ihre Lippen waren pl�tzlich wie ausgetrocknet. Alles, was sie fertig brachte, war ein m�hsam angedeutetes Nicken.</p><p>�Warum habt Ihr uns nichts davon gesagt?�</p><p>�Weil ich ...� Robin druckste einen Moment herum und rettete sich schlie�lich in ein hilfloses Achselzucken.</p><p>�Weil ich es ihm befohlen hatte�, sagte Balduin. Das entsprach ganz und gar nicht der Wahrheit, aber Robin war viel zu verst�rt, um irgendwie darauf zu reagieren. Ihr Blick wanderte verst�rt von Balduin zu Rother, wieder zur�ck und abermals zu Rother. Der junge Ritter grinste immer breiter, als wisse er als Einziger hier um ein Geheimnis, von dem alle anderen noch nichts wussten, und k�nne es kaum noch f�r sich behalten. Vielleicht, dachte Robin, war es aber auch gerade anders herum. Vielleicht war <emphasis>sie </emphasis>die Einzige, die es nicht kannte.</p><p>�Ihr habt ihm befohlen, zu schweigen?�, vergewisserte sich Johannes. �Warum ...�, er r�usperte sich fast erschrocken, �... wenn ich fragen darf, Majest�t.�</p><p>�Sagen wir, aus Gr�nden der Staatsr�son�, erwiderte Balduin.</p><p>�Ich habe diesem jungen Ritter mein Leben zu verdanken. Bin ich vermessen, anzunehmen, dass das diesen unsinnigen Vorwurf entkr�ften d�rfte?�</p><p>�Und was ist mit all den M�nnern, die diesen <emphasis>tapferen Ritter </emphasis>davonreiten sahen, als wir in den Hinterhalt gerieten?�, fragte Ridefort st�rrisch. �Irren sie sich alle?�</p><p>�Das wei� ich nicht�, antwortete Balduin gelassen. �Ich war nicht dabei.�</p><p>�Soll ich Ihnen vielleicht <emphasis>befehlen, </emphasis>sich geirrt zu haben?�, fragte Ridefort. Seine Augen blitzten kampflustig. War sein Respekt vor dem K�nig so gering, dachte Robin, oder sein Zorn �ber die vermeintliche Schande, in seinem eigenen Haus zurechtgewiesen zu werden, so gro�?</p><p>�Warum fragen wir nicht ...� Balduins stechend gr�ne Augen suchten Dariusz und musterten sein Gesicht ungef�hr so interessiert, wie er ein ekliges Insekt betrachtet h�tte. �Wie war noch einmal Euer Name?�</p><p>�Dariusz�, antwortete der Gefragte k�hl.</p><p>Balduin nickte. �Richtig. Fragen wir doch Bruder Dariusz�, sagte er noch einmal. �Ist es wahr, dass Ihr diesem jungen Ritter den Befehl erteilt habt, das Schlachtfeld zu verlassen und nach Safet zur�ckzukehren?�</p><p>Robin konnte Dariusz ansehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Nat�rlich w�rde er alles abstreiten, und sie musste nicht einmal in Rideforts Gesicht blicken, um zu wissen, dass es dann um sie geschehen war. Feigheit im Angesicht des Feindes war gleich hinter Ketzerei (und f�r so manchen Ordensbruder insgeheim vermutlich noch davor) das schwerste Verbrechen, dessen sich ein Tempelritter schuldig machen konnte. Vermutlich <emphasis>glaubte </emphasis>Ridefort sogar, dass es so gewesen war. Schlie�lich hatte er gesehen, wie sie davongeritten war. Und nicht nur er.</p><p>Nein, dachte sie niedergeschlagen. Wenn Dariusz bei seiner Darstellung blieb, dann w�rde sie nicht einmal die F�rsprache des K�nigs retten k�nnen.</p><p>�Ja�, sagte Dariusz schlie�lich.</p><p>Balduin zog die Brauen zusammen. �Ja - was?�</p><p>�Ja�, wiederholte Dariusz. Er klang trotzig. �Robin sagt die Wahrheit. Ich habe diesen Befehl erteilt. Aber erst nachdem ich auf alle anderen erdenklichen Arten versucht habe, Robin vom Schlachtfeld fern zu halten.�</p><p>F�r einen Moment wurde es so still, als h�tte jedermann im Raum den Atem angehalten. Robin starrte Dariusz an und fragte sich, ob sie richtig geh�rt hatte.</p><p>�Ihr habt <emphasis>was?�, </emphasis>keuchte Ridefort. Sein Gesicht verlor jede Farbe.</p><p>�Ich habe Robin von Tronthoff befohlen, das Schlachtfeld zu verlassen, um nach Safet zu fl�chten�, best�tigte Dariusz. �Aber das w�re nicht n�tig gewesen, wenn er die Warnungen, die ich ihm zuvor habe zuspielen lassen, ernst genommen h�tte. Oder wenn es mir gelungen w�re, ihn mit einem Botenritt aus dem Geschehen fern zu halten, wie ich es noch am Morgen der Schlacht versucht habe.� Seine Stimme klang ebenso trotzig, wie die Haltung aussah, die er unbewusst eingenommen hatte. Aber er hielt Balduins Blick dennoch stand und vermied es sogar, Ridefort anzusehen, dem er gerade indirekt einen Vorwurf gemacht hatte: Schlie�lich war es der Ordensmarschall h�chstpers�nlich gewesen, der ihm untersagt hatte, Robin als Bote nach Safet zur�ckzuschicken.</p><p>Wieder kehrte f�r eine kleine Ewigkeit eine schon fast unheimliche Stille ein, und Robin dachte nur eines: also doch.</p><p>Sowohl die in Latein verfasste Warnung, die sie in ihrem Zimmer in Safet vorgefunden hatte, als auch der gef�hrlich aussehende, aber ungiftige Skorpion, den man in ihr Zelt geworfen hatte, waren nichts weiter als der Versuch von Dariusz� M�nnern gewesen, ihr Angst zu machen und zu verhindern, dass sie an der Schlacht teilnahm.</p><p>�Womit Ihr mir zweifellos das Leben gerettet habt, Ritter Dariusz�, sagte Balduin schlie�lich. �Denn w�ret Ihr nicht so sehr um das Wohl Bruder Robins besorgt gewesen, dann w�re er wom�glich gefallen, bevor er mich aus meiner unw�rdigen Lage am Flussufer befreien konnte. Doch sosehr ich Euch auch zu Dank daf�r verpflichtet sein mag - w�rdet Ihr mir den Grund f�r diesen ... �h ... ungew�hnlichen Befehl verraten?�</p><p>�Nein�, antwortete Dariusz. �Bei allem Respekt, Majest�t, doch es handelt sich hier um eine reine Ordensangelegenheit, bei der ich keiner weltlichen Instanz Rechenschaft schuldig bin.�</p><p>Nicht nur Robin hielt f�r einen Moment den Atem an. Dariusz hatte ja m�glicherweise sogar Recht - aber das �nderte nichts daran, dass seine Worte eine glatte Unversch�mtheit waren.</p><p>�Wie bitte?�, fragte Balduin spr�de.</p><p>�Ich will nicht respektlos erscheinen, Majest�t�, sagte Dariusz. Er hielt Balduins Blick weiter stand, und seine Stimme verlor auch nicht an Sicherheit. Robin war noch immer zutiefst verwirrt - wie jedermann hier. Aber da war auch pl�tzlich ein neues, ungutes Gef�hl in ihr. Irgendetwas war hier nicht so, wie es schien. �Es ist nur so, dass es von existenzieller Bedeutung f�r unseren Orden war, dass ... <emphasis>Bruder </emphasis>Robin die Schlacht �berlebt und unbeschadet hierher zur�ckkehrt.�</p><p>Ein eisiger Schauer lief Robin �ber den R�cken, als sie h�rte, wie Dariusz das Wort <emphasis>Bruder </emphasis>aussprach. Auch Ridefort sah pl�tzlich zutiefst verwirrt aus und warf ihr einen raschen, verst�rten Blick zu.</p><p>�Bruder Robin?�, vergewisserte sich Balduin. �Ich habe Euch richtig verstanden, Dariusz? Wir sprechen von demselben Ritter Robin, einem Eurer j�ngsten Ordensbr�der, �ber den kaum jemand etwas wei�?�</p><p>Dariusz schwieg.</p><p>�Ich verstehe�, sagte Balduin. Er schoss einen �rgerlichen Blick in Rideforts Richtung ab, dann hob er die Arme und klatschte zweimal in die H�nde. �Alles hinaus!�, befahl er lautstark. �Lasst uns allein! Alle!�</p><p>Die M�nner des Lazarusordens gehorchten schweigend, w�hrend die beiden Tempelritter neben der T�r erst gingen, nachdem ihnen Ridefort mit einem kaum merklichen Nicken sein Einverst�ndnis signalisiert hatte. Auch Rother wollte sich umwenden, doch Abb� hielt ihn rasch am Arm zur�ck und sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Nun?�, fragte Balduin, nachdem sie allein waren. Er klang mittlerweile h�rbar ungeduldig. Als Dariusz nicht schnell genug antwortete, fuhr er mit einer �rgerlichen Bewegung zu Ridefort herum. �Marschall! W�rdet Ihr Euren sonderbaren Bruder vielleicht davon in Kenntnis setzen, dass <emphasis>ich </emphasis>hier derjenige mit einer Schw�che f�r dramatische Auftritte bin?�</p><p>�Majest�t, bitte�, sagte Dariusz mit perfekt gespielter Nervosit�t. �Ich wei�, mein Verhalten muss Euch sonderbar vorkommen, aber es ... es f�llt mir nicht leicht weiterzusprechen. Was ich Euch ...�, er wandte sich mit ernstem Gesichtsausdruck an Ridefort, �... und Euch zu sagen habe, ist fast zu ungeheuerlich, um es auszusprechen.�</p><p>�Und was sollte das Ungeheuerliches sein?�, fragte Ridefort.</p><p>Robins Herz begann immer heftiger zu klopfen. Es war alles verloren. Dariusz wusste Bescheid. Er hatte es die ganze Zeit �ber gewusst, schon bevor sie sich in dem kleinen Fischerdorf an der K�ste wiedergesehen hatten. Und er hatte bis zu diesem Moment gewartet, um ihr Geheimnis zu offenbaren. Sie warf einen stummen, flehenden Blick in Abb�s Gesicht, aber was sie sah, steigerte ihre Verwirrung eher noch. Von allen hier im Raum war Abb� der Einzige, der genauso gut wie sie wusste, worauf Dariusz hinauswollte, und doch wirkte er nicht im Geringsten beunruhigt. Im Gegenteil. Sie meinte sogar, etwas wie ein L�cheln zu erkennen, tief in seinen Augen.</p><p>Dariusz spielte weiter perfekt den Ersch�tterten. Bevor er weitersprach, drehte er sich demonstrativ zu Robin um und ma� sie mit einem langen, ebenso durchdringenden wie eisigen Blick. Dann wandte er sich wieder Ridefort und dem K�nig zu. �Bitte vergebt mir, Bruder Gerhard�, sagte er. Seine Stimme klang ruhig, aber auf jene bestimmte Art beherrscht, als brauche er seine ganze Kraft dazu. �Was ich getan habe, war falsch, das wei� ich. Und wenn Ihr mich daf�r bestrafen wollt, so werde ich klaglos jede Strafe annehmen, die Ihr aussprecht. Doch was ich getan habe, geschah nur aus dem Wunsch heraus, Schaden von unserem Orden fern zu halten.� Er atmete h�rbar ein und streifte Robin wieder mit einem kurzen, eisigen Blick. �Es ist wahr, dass ich Bruder Robin als Einzigem unter allen Tempelrittern das Privileg gew�hrt habe, die Nacht vor der Schlacht in einem eigenen Zelt zu verbringen. Und das geschah aus dem gleichen Grund, aus dem ich ihm w�hrend des gr��ten Schlachtget�mmels den Befehl erteilt habe, nicht zu k�mpfen und am Schluss zu fliehen.�</p><p>�Und warum?�, fragte Balduin.</p><p>�Weil ich auf keinen Fall zulassen konnte, dass Robin verletzt oder gar tot auf dem Schlachtfeld aufgefunden wird�, antwortete Dariusz.</p><p>Nat�rlich nicht, dachte Robin bitter. Pl�tzlich war ihr alles klar. Er hatte sie <emphasis>hier </emphasis>gebraucht. Genau hier und in dieser Situation. Panik griff nach ihr.</p><p>�Kurz vor der Schlacht�, fuhr Dariusz fort, �habe ich etwas erfahren, was auf keinen Fall allgemein bekannt werden darf. Ein Geheimnis, das durchaus die Existenz unseres Ordens bedrohen k�nnte.�</p><p>�Und welches Geheimnis w�re das?�, fragte Balduin.</p><p>Statt zu antworten, zog Dariusz seinen Dolch. Balduin wich einen halben Schritt zur�ck, und Ridefort und Abb� legten gleichzeitig die Hand auf ihre Waffen, doch Dariusz machte auch zugleich eine rasche, bes�nftigende Geste mit der freien Hand.</p><p>�Nein, keine Sorge�, sagte er. �Ich will niemandem etwas zuleide tun, das schw�re ich. Doch was ich Euch zu sagen habe, ist zu ungeheuerlich. Ihr w�rdet es mir nicht glauben. Deshalb will ich, dass ihr alle Euch <emphasis>Bruder Robin </emphasis>anseht!�</p><p>Und damit fuhr er herum, war mit einem einzigen Schritt bei ihr und schlitzte ihr Kleid vom Halsausschnitt bis zur H�fte auf.</p><p>Es ging viel zu schnell, als dass Robin noch irgendetwas tun konnte. Dariusz� Klinge zerteilte den z�hen Stoff mit einem rei�enden, seidigen Laut, ohne dass die Klinge ihre Haut auch nur ber�hrte. Der zerrissene Stoff rutschte rechts und links von ihrer Schulter, und Dariusz packte sie grob am Arm und riss sie so brutal herum, dass sie beinahe das Gleichgewicht verloren h�tte.</p><p>Die Zeit schien stehen zu bleiben. Robin erschrak nicht einmal wirklich, aber sie war wie gel�hmt. Sie wollte nach ihrem Kleid greifen und es nach oben ziehen, aber sie konnte sich nicht r�hren. Alles rings um sie herum schien zu erstarren.</p><p>Ridefort �chzte. Seine Augen quollen vor Entsetzen schier aus den H�hlen, und Robin konnte h�ren, wie Vater Johannes hinter ihr nach Luft japste. Seltsamerweise schienen Ridefort und er jedoch die Einzigen hier zu sein, die der Anblick ihrer Br�ste schockierte. Rother senkte verlegen den Blick, begann mit dem linken Fu� zu scharren und bekam tats�chlich rote Ohren. Abb� l�chelte, und der K�nig sagte: �H�bsch.�</p><p>�Sie ist eine <emphasis>Frau!� </emphasis>Das letzte Wort hatte Dariusz geschrien.</p><p>Niemand reagierte. Ridefort starrte sie weiter aus aufgerissenen Augen an, und es war klar, dass er einfach nicht begriff, was er sah, und es noch sehr viel weniger begreifen <emphasis>wollte.</emphasis></p><p>Schlie�lich kr�chzte Vater Johannes: �Bedecke deine Bl��e, Weib! Wir sind hier in einem Haus Gottes.�</p><p>Die Worte brachen den Bann. Robin riss sich los, raffte mit der linken Hand ihr zerschnittenes Kleid zusammen und war mit zwei Schritten bei Abb�, um sich an seine Brust zu werfen. Abb� legte sch�tzend den Arm um ihre Schulter.</p><p>�Was ... was hat das ... zu bedeuten?�, stammelte Ridefort.</p><p>�Das solltet Ihr vielleicht besser Bruder Abb� fragen�, sagte Dariusz ver�chtlich. Er lie� eine genau bemessene Pause folgen, dann wandte er sich wieder an den K�nig. �Unser <emphasis>Bruder Robin, </emphasis>Majest�t�, sagte er betont, �ist eine <emphasis>Frau.�</emphasis></p><p>�Aber das wusste ich doch, mein lieber Freund�, sagte Balduin sanft.</p><p>Robin hob mit einem Ruck den Kopf, und auch Ridefort fuhr herum und starrte nun den K�nig ebenso fassungslos an wie sie gerade.</p><p>�Was ... habt Ihr gesagt?�, murmelte Dariusz.</p><p>�Jedermann hier im Raum wusste es�, best�tigte Balduin und f�gte mit einem raschen, um Vergebung heischenden Blick in Rideforts Richtung hinzu: �Abgesehen von Euch, Marschall, wof�r ich Euch um Vergebung bitte. Euer Gro�meister Odo von Saint-Amand wollte Euch informieren, doch wie es scheint, hat ihm das Schicksal keine Gelegenheit mehr dazu gegeben.�</p><p>Robin blickte verwirrt von einem zum anderen. Sie verstand nichts mehr.</p><p>�Bruder Abb�?�, murmelte Ridefort hilflos.</p><p>Abb� nahm den Arm von ihrer Schulter und trat einen Schritt vor. �Es ist so, wie der K�nig sagt�, best�tigte er. �Die Geschichte ist lang und kompliziert, doch ich will versuchen, sie in wenige Worte zu fassen. Es ist wahr. Robin ist eine Frau. Um genau zu sein: Sie ist das Eheweib Prinz Salims, des Sohnes Sheik Raschid Sinans.�</p><p>�Des Alten vom Berge?�, fragte Ridefort. Er sah Robin �berrascht und mit neuem Ausdruck an.</p><p>�Ja�, best�tigte Abb�. �Er ist einer unserer wichtigsten Verb�ndeten, wie Ihr wisst. Vor f�nf Jahren �u�erte er den Wunsch, unsere Heimat kennen zu lernen, und Odo und ich kamen �berein, ihn in der Rolle eines vermeintlichen Sklaven in eine kleine Komturei nach Friesland zu schicken.� Er deutete auf Robin. �Dabei hat er sich in ein M�dchen aus dem Nachbardorf verliebt. Es war sein Wunsch, sie zum Weib zu bekommen und mit sich nach Hause zu nehmen.� Er hob die Schultern. �Ein geringer Preis f�r eine noch engere Verbindung zwischen uns und den Assassinen. Und da Robin einverstanden war, kamen der Gro�meister und ich �berein, ihm diesen Wunsch zu erf�llen.�</p><p>�Das ... das ist doch ... Unsinn�, murmelte Dariusz. Er war sehr blass geworden. �Ihr k�nnt viel behaupten, jetzt, wo Odo nicht da ist, um diese haarstr�ubende Geschichte zu best�tigen.�</p><p>�Wir hielten es f�r eine gute Idee, Robin in der Verkleidung eines jungen Ordensbruders nach Masyaf zu bringen�, fuhr Abb� unbeeindruckt fort. �Die k�nftige Schwiegertochter des Alten vom Berge w�re eine zu verlockende Geisel f�r jeden Stammesf�rsten in diesem Land gewesen. Seither ist sie die Frau Prinz Salims.�</p><p>�Das ist l�cherlich�, schnaubte Dariusz.</p><p>�Scheich Raschid Sinan befindet sich in Jerusalem�, fuhr Abb� fort, scheinbar immer noch, ohne Dariusz �berhaupt zur Kenntnis zu nehmen. �Ich habe bereits einen Mann zu ihm geschickt. Er und sein Sohn werden in K�rze hier sein, um Euch meine Worte zu best�tigen.�</p><p>�Ein Verr�ter und ein Heide�, sagte Dariusz. Seine Stimme bebte. �Was f�r hervorragende Zeugen!�</p><p>�Und ein K�nig�, wandte Balduin ein. �Nun gut - was von ihm �brig ist.�</p><p>�Ihr ... habt davon gewusst?�, murmelte Ridefort ungl�ubig.</p><p>�Und Ihr wart damit einverstanden?�</p><p>�Ich f�rchte�, seufzte Balduin. �Obwohl ich niemals zugestimmt h�tte, h�tte ich <emphasis>Bruder Robin </emphasis>damals schon gekannt.� Er lachte leise. �Dann h�tte ich sie zweifellos f�r mich beansprucht.�</p><p>Seine Augen funkelten, w�hrend er Robin ansah, und obwohl sie sein Gesicht hinter dem schwarzen Tuch nicht erkennen konnte, glaubte sie sein L�cheln regelrecht zu sp�ren. Sie empfand ein Gef�hl tiefer Dankbarkeit, aber sie fragte sich auch, warum er f�r sie log. Immerhin war er der <emphasis>K�nig.</emphasis></p><p>�Das ... das ist nicht wahr�, beharrte Dariusz. Mittlerweile klang seine Stimme fast verzweifelt. �Diese verr�ckte Geschichte k�nnt Ihr doch nicht glauben, Gerhard.�</p><p>Langsam wandte sich Abb� ganz zu ihm um. Etwas in seinem Blick erlosch. �Es war niemals geplant, Robin tats�chlich in der Rolle eines Ordensbruders auftreten zu lassen oder sie gar in den Kampf zu schicken. Und das wisst Ihr sehr wohl, Dariusz.�</p><p>�Was ... was soll das hei�en?�, fragte Dariusz. Er fuhr sich nerv�s mit der Zungenspitze �ber die Lippen.</p><p>�Ich denke, das wisst Ihr besser als ich.� Pl�tzlich war Abb�s Stimme so hart und kalt wie Glas. �Gebt Euch keine M�he, es abzustreiten, Dariusz. Wir haben den Spion gefangen, den Ihr nach Masyaf geschickt habt, und glaubt mir, Raschid Sinan kennt Mittel und Wege, einen Mann zum Reden zu bringen. Er hat uns alle Einzelheiten des feigen Mordanschlags auf den K�nig verraten - und Euer Ziel, �ber diesen Umweg in die Spitze des Ordens aufzusteigen!�</p><p>�Das ist ...�, fuhr Dariusz auf, aber Abb� unterbrach ihn mit einer kraftvollen Handbewegung. �Es ist uns dadurch mittlerweile bekannt, dass Ihr mit Herzog Ferdinand von Falkenberg gemeinsame Sache gemacht habt, der sich selbst zum Herrscher von Jerusalem und allen zugeh�rigen L�ndereien aufschwingen wollte�, fuhr er eine Spur lauter fort.</p><p>�Was soll das hei�en?�, polterte Dariusz. �Wollt Ihr mir etwa unterstellen, in ein Mordkomplott verwickelt zu sein, bei dem es um die Herrschaft in Outremer ging? Das ist l�cherlich!�</p><p>Abb� nickte grimmig. �So ungeheuerlich das klingt: Genau das will ich. Der Herzog sollte K�nig Balduin und Ihr Gro�meister Odo von Saint-Amand nachfolgen. Voraussetzung war nat�rlich, dass Ihr sowohl K�nig Balduin aus dem Weg r�umen musstet wie Odo - und auch Ordensmarschall Gerhard von Ridefort, der in der Hierarchie �ber Euch steht.� Vater Johannes fuhr so heftig in die vor ihm liegenden Pergamente, dass ein ganzer Sto� von ihnen zu Boden segelte, und Ridefort stie� ein �berraschtes Keuchen aus. Doch bevor einer von ihnen beiden etwas sagen konnte, fuhr Abb� auch schon mit schneidender Stimme fort: �Nehmt zur Kenntnis, Dariusz, dass Eure heimt�ckischen Pl�ne zur G�nze fehlgeschlagen sind. Die Attent�ter aus den Reihen der weltlichen Ritter, die den K�nig und seine Leibwache w�hrend der Schlacht t�ten sollten, haben wir bereits dingfest gemacht - genauso wie den Meuchelm�rder, den Ihr sofort nach der Euch gelegen gekommenen Gefangennahme Gro�meister Odos auf Marschall Ridefort angesetzt habt.�</p><p>�Das ist ... ungeheuerlich�, brach es aus Ridefort hervor. Sein Gesicht war bleich, und in seinen Augen funkelte ein fast unheimliches Feuer. �Dariusz, wenn das stimmt ...�</p><p>�Es stimmt�, unterbrach ihn K�nig Balduin beinahe fr�hlich, w�hrend Johannes f�r einen Moment hinter seinem Pult verschwand, um sich zu b�cken, die herabgefallenen Pergamente mit einer erstaunlich zielsicheren und raschen Bewegung aufhob und sie so kraftvoll vor sich auf den schmalen Tisch donnerte, dass Robin unwillk�rlich zusammenzuckte. �Jedes einzelne Wort von Bruder Abb� entspricht vollst�ndig der Wahrheit.�</p><p>Obwohl er nicht einmal die Stimme erhoben hatte, hallten Balduins Worte unangenehm laut in dem Raum wider. Robins Blick irrte von einem zum anderen. Schlie�lich war es Vater Johannes, der als Erster seine Sprache wiederfand. Er r�usperte sich umst�ndlich, wischte mit einer erregten Bewegung beinahe die Papiere wieder zu Boden, die er gerade erst so umst�ndlich aufgehoben hatte, ohne wohl aber dar�ber oder �ber Abb�s vernichtend vorgetragene Anklage den Sinn der eigentlichen Verhandlung aus den Augen verloren zu haben, und deutete mit einer leicht zitternden Altm�nnerhand auf Robin. �Aber was ist mit ...�, begann er mit vor Emp�rung merkw�rdig hohl klingender Stimme, �was ist mit ... mit diesem <emphasis>Frauenzimmer ...�</emphasis></p><p>�Das ist schnell erz�hlt�, sagte Abb�. Er drehte sich zu Ridefort um, deutete aber zugleich anklagend auf Dariusz. �Bruder Dariusz hat von unserem T�uschungsman�ver bez�glich des kleinen Friesenm�dchens und der anschlie�enden Heirat mit Prinz Salim erfahren, und auch von Robins Vorliebe, manchmal weiter in den Kleidern eines Ordensbruders herumzulaufen. Eine kindische Marotte, die der Prinz ihr aus Liebe durchgehen lie�. Er hat den richtigen Moment abgepasst, sie zu entf�hren, aus keinem anderen Grund als dem, sie hierher zu bringen und den Gro�meister, mich und nicht zuletzt den K�nig zu br�skieren, sollten seine anderen Pl�ne fehlschlagen.� Er wandte sich wieder zu Dariusz um, und seine Stimme wurde noch k�lter. �Bruder Dariusz, ich klage Euch des Verrates an unserem Orden und Eurem Gro�meister an.�</p><p>�Und des Hochverrats, nicht zu vergessen�, f�gte Balduin im Plauderton hinzu.</p><p>�Das ... das ist doch absurd!�, kr�chzte Dariusz.</p><p>Ridefort starrte Dariusz zwei, drei, vier endlose schwere Atemz�ge lang an. Sein Gesicht hatte jeden Ausdruck verloren. Dann klatschte er in die H�nde und rief laut: �Wache!�</p><p>Die T�r flog auf, und die beiden Templer kamen herein, auf dem Fu� gefolgt von zwei Rittern des Lazarusordens. Balduin sch�ttelte fast unmerklich den Kopf, und sie zogen sich wieder zur�ck.</p><p>Ridefort deutete auf Dariusz. �Nehmt diesen Verr�ter fest�, sagte er kalt. �Entwaffnet ihn. Und nehmt ihm das Ordensgewand ab. Er hat das Kleid des Herrn lange genug besudelt.�</p><p>Dariusz schwieg. Sein Gesicht war zu einer Maske erstarrt, und selbst aus seinen Augen schien jedes Leben gewichen zu sein. Mit steifen, umst�ndlichen Bewegungen zog er das Schwert aus dem G�rtel und reichte es einem der beiden Soldaten mit dem Griff voran. Als ihn die beiden an den Armen ergreifen wollten, riss er sich mit einer trotzigen Bewegung los und ging hoch aufgerichtet zwischen ihnen hinaus.</p><p>Ridefort sah ihm fassungslos nach. Lange Zeit stand er einfach schweigend da, dann wandte er sich mit einem knappen Nicken zuerst an Balduin, dann an Abb� und verlie� schlie�lich ohne ein weiteres Wort den Raum. Robin w�rdigte er nicht einmal eines Blickes.</p><p>Robin wartete, bis sich die T�r hinter ihnen geschlossen hatte, aber dann war ihre Kraft endg�ltig aufgebraucht. Ihre Knie wurden weich. Der ganze Raum begann sich um sie zu drehen, und pl�tzlich dr�hnten ihre eigenen Herzschl�ge wie das Trommeln einer riesigen Kesselpauke in ihren Ohren. Sie machte einen torkelnden Schritt zur Seite, streckte hilflos die Arme aus und w�re gest�rzt, w�re Abb� nicht rasch hinzugesprungen, um sie aufzufangen.</p><p>�Ganz ruhig�, sagte Abb� rasch. �Jetzt ist alles in Ordnung. Dir kann nichts mehr passieren.� Behutsam lie� er sie zu Boden sinken. �Atme einfach tief durch. Ich habe nicht allzu viel Erfahrung in solcherlei Dingen, aber man hat mir gesagt, das soll helfen.�</p><p>Robin verstand nicht, was er damit meinte, aber es interessierte sie auch nicht, nicht in diesem Moment. Wie durch einen Vorhang aus flie�endem Wasser hindurch h�rte sie, wie auch Vater Johannes und nach einem weiteren Moment der K�nig den Raum verlie�en, aber es vergingen noch einmal schwer endlose Minuten, bis das Schwindelgef�hl zwischen ihren Schl�fen so weit verebbte, dass sie wieder klar denken konnte und Abb�s Gesicht sich aus einem Wirbel ineinander flie�ender Farben wieder neu zusammensetzte.</p><p>�Es ist alles vorbei�, sagte Abb� l�chelnd. �Der Albtraum hat ein Ende. Salim ist auf dem Weg hierher. Er wird dich nach Hause bringen.�</p><p>Robin h�rte gar nicht hin. �Das ... das war doch nicht die Wahrheit, was Ihr gerade erz�hlt habt, oder?�, fragte sie stockend.</p><p>�Dass Dariusz ein Hochverr�ter ist?�, fragte Abb� und nickte.</p><p>�O doch. Dariusz hat dich aus keinem anderen Grund entf�hrt. Er wollte Odo br�skieren, und mich gleich dazu. Mach dir keine Sorgen. Du wirst ihn niemals wiedersehen.�</p><p>�Das meine ich nicht�, beharrte Robin. �Das mit Odo und eurem Plan, mich an Sheik Sinan zu verkaufen.�</p><p>Abb� grinste. �Es klang doch �berzeugend, oder?�</p><p>�Und wenn Odo zur�ckkommt und Ridefort die Wahrheit erf�hrt?�</p><p>Abb�s jungenhaftes Grinsen erlosch und machte einem Ausdruck von gro�em Ernst Platz. �Odo von Saint-Amand wird nicht zur�ckkommen�, erkl�rte er bek�mmert. �Er ist tot.�</p><p>�Aber Ihr habt doch selbst gesagt ...�</p><p>�Niemand wei� davon�, fuhr Abb� fort. �Und es w�re gut, wenn das noch eine Weile so bliebe, aus verschiedenen Gr�nden.� Er sch�ttelte den Kopf und raffte sich wieder zu einem L�cheln auf. �Aber das soll nicht mehr deine Sorge sein.�</p><p>�Aber ... aber der K�nig�, murmelte Robin. �Er wusste, dass ...�</p><p>�... du eine Frau bist?�, unterbrach sie Abb�. �Das konnte ihm schwerlich verborgen bleiben, mein Kind. Nachdem dich der Armbrustbolzen getroffen hatte, haben Salim und er eine halbe Stunde um dein Leben gerungen. So etwas ist schwer m�glich, wenn man ein Wams und ein Kettenhemd tr�gt, wei�t du?�</p><p>�Oh�, machte Robin. �Dann hat er ...?�</p><p>�... dir das Leben gerettet?� Abb� nickte. �Zug um Zug, wenn du so willst. K�nig Balduin ist ein Mann, der seine Schulden sehr schnell zahlt.�</p><p>�Aber warum hat er nichts gesagt?�, wunderte sich Robin.</p><p>�Weil K�nig Balduin nicht nur ein Mann von gro�er Ehre, sondern auch von gro�er Klugheit ist�, antwortete Abb�.</p><p>Robin versuchte aufzustehen, aber sie hatte ihre Kr�fte �bersch�tzt. Sie kam erst beim dritten Versuch und mit Abb�s Hilfe auf die F��e, und Abb� lie� ihren Arm auch nicht los, als sie stand.</p><p>�Glaubst du, dass du es alleine nach drau�en schaffst?�, fragte er besorgt.</p><p>�Kein Problem�, behauptete Robin. �Ich brauche nur ein paar Augenblicke Ruhe. Meine Schulter schmerzt.�</p><p>�Aha�, sagte Abb�.</p><p>�Und ein neues Kleid�, f�gte Rother hinzu.</p><p>Robin sah an sich hinab und stellte fest, dass ihr zerschnittenes Kleid schon wieder auseinander gefallen war und deutlich mehr von ihrem K�rper enth�llte, als es verbarg. Es war ihr nicht einmal mehr wirklich peinlich. Daf�r war sie einfach zu m�de.</p><p>�Was das angeht, kann ich vielleicht behilflich sein.� Balduin war wieder hereingekommen, ohne dass sie es �berhaupt gemerkt hatte. Er war nicht allein. Zwei Ritter im matten Schwarz des Lazarusordens standen hinter ihm. Robin konnte ihre Gesichter hinter den schwarzen Helmen nicht erkennen, doch sie glaubte ihre Blicke regelrecht zu sp�ren. Pl�tzlich war ihr ihre Nacktheit doch peinlich. Hastig raffte sie ihr Kleid �ber der Brust zusammen, doch das einzige Ergebnis, das ihre hastige Bewegung hervorbrachte, war ein leises, am�siertes Lachen, das hinter Balduins Schleier hervordrang.</p><p>�Ihr braucht keine Angst um Eure Tugend zu haben, holde Jungfer�, sagte er sp�ttisch. �Ich bin aus gewissen Gr�nden ... �h ... keine Gefahr mehr f�r eine Frau, und ich f�rchte, dasselbe gilt auch f�r meine M�nner. Doch vielleicht kann ich Euch bei einem anderen Problem behilflich sein.�</p><p>Er gab einem seiner M�nner einen Wink. Der Lazarusritter lie� sich vor ihr in die Hocke sinken und legte etwas auf den Boden, das sie erst wirklich erkannte, als er aufstand und sich r�ckw�rts gehend entfernte. Es war ein schmuckloses, schwarzes Gewand, dessen blo�er Anblick ihr einen eisigen Schauer �ber den R�cken jagte.</p><p>�Keine Sorge�, sagte Balduin sp�ttisch. �Es ist ganz neu. Keiner meiner M�nner hat es je getragen.�</p><p>Robin sah ihn weiter verst�rt an. Sie verstand nicht, worauf er hinauswollte. Mit einem Hilfe suchenden Blick wandte sie sich an Abb�, aber sie erntete auch jetzt nur ein sachtes, sp�ttisches L�cheln, in dem etwas sonderbar Wissendes war, das sie immer mehr beunruhigte.</p><p>Balduin streckte die Hand aus, und der Ritter hinter ihm reichte ihm ein gewaltiges Schwert.</p><p>�Ich bin Euch noch etwas schuldig, <emphasis>Bruder Robin�, </emphasis>sagte er sp�ttisch. �Und ich bin es gewohnt, meine Schulden zu begleichen.� Seine Stimme wurde k�hler, nahm aber zugleich auch einen offizielleren Ton an. �Kniet nieder, Robin�, befahl er.</p><p>Robin tauschte einen verwirrten Blick mit Abb�. Er nickte. <emphasis>Es ist alles in Ordnung, </emphasis>signalisierte sein Blick.</p><p>Robin lie� sich mit klopfendem Herzen auf die Knie sinken, und Balduin streckte den Arm aus und ber�hrte ihre rechte Schulter mit der Schwertklinge.</p><p>�Ritter Robin�, sagte er feierlich. �Hiermit ernenne ich Euch zum Ehrenhauptmann meiner Leibgarde und verleihe Euch den Titel <emphasis>Schwert des K�nigs.� </emphasis>Sein Schwert ber�hrte auch ihre andere Schulter, aber nur sanft, kaum mehr als ein Hauch. Dann trat er zur�ck, drehte das Schwert um und reichte ihr die Klinge mit dem Griff voran. Robin griff danach und starrte die Waffe an, ohne wirklich zu verstehen. Das Schwert war sehr gro�, daf�r aber �berraschend leicht und perfekt ausbalanciert. Eine Waffe, die zwar vollkommen aussah, in G�te und Qualit�t aber der gleichkam, die Salim f�r sie hatte anfertigen lassen. Klinge, Parierstange und Griff waren vollkommen schwarz. Der einzige Schmuck waren f�nf winzige, blass silberne Kreuze, die in den Knauf eingraviert waren; das Symbol der k�niglichen Leibgarde.</p><p>�Erhebt Euch, Ritter Robin�, sagte der K�nig feierlich. �Lasst jeden wissen, dass Ihr vom heutigen Tage an unter meinem pers�nlichen Schutz steht. Wer die Hand gegen Euch erhebt, der erhebt sie zugleich auch gegen mich. Und nun nehmt Euer Schwert, Euer Gewand und den Segen des K�nigs, Robin, und geht nach Hause.�</p></section></body><binary id="cover" 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