<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><genre>antique_myths</genre><author><first-name>Bernhard</first-name><last-name>Hennen</last-name></author><book-title>Das Nachtvolk</book-title><annotation><p>Volker von Alzey genie�t als Barde und Minnes�nger von Worms einen besonderen Ruf. Nicht nur, da� er die sch�nsten Lieder zu singen und die unglaublichsten Geschichten zu spinnen wei� - er versteht sich auch auf das weibliche Geschlecht. Als er sich mit der Frau eines s�chsischen Gesandten einl��t, wird ihm dieser Fehltritt zum Verh�ngnis. Hagen, der �ber alle Dinge am K�nigshofe wacht, weist ihn aus der Stadt. Volker soll die Nichte K�nig Gunthers wiederfinden, die in geheimnisvollen S�mpfen Aquitaniens lebt. Dort soll, so lautet eine Sage, das verwunschene Nachtvolk hausen, das von keinem menschlichen Heer zu besiegen ist. Keine Frage, da� Volker die Herausforderung annimmt, doch schon bald steckt er in Schwierigkeiten, die er sich auch mit seiner bl�henden Phantasie nicht ausmalen konnte.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Nibelungen" number="4"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-22">22 April 2012</date><id>223404F0-9AE2-430A-8F67-F6C530C71F31</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>ECON Verlag</publisher><city>D�sseldorf</city><year>1997</year><isbn>ISBN 3-612-27413-9</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><strong>Volker der Spielmann und das Geheimnis der Feen </strong></p><empty-line/><p>Volker der Spielmann ist der gr��te Barde von Worms. Er versteht es aber nicht nur, mit der Laute umzugehen, sondern auch die Edelfrauen zu umgarnen. Leider wird ihm seine Vorliebe f�r das sch�ne Geschlecht zum Verh�ngnis. Als der undurchsichtige Hagen ihn bei einer s�chsischen Edeldame erwischt, schickt er Volker auf eine d�stere Mission. Der Spielmann soll Gunbrid, K�nig Gunthers verschwundene Nichte, an den Hof zur�ckbringen. Gemeinsam mit seinem treuen Knappen Golo zieht Volker zu den fernen S�mpfen, in denen Gunbrid zuletzt gesehen wurde. Doch schon nach wenigen Meilen haben sie sich verirrt und drohen zu versinken. Bis eine seltsame Frau auftaucht, die behauptet, die K�nigin der Feen zu sein. Volker soll ihr Gemahl werden und dem Grab der Verhei�ung entsteigen.</p><empty-line/><p>Bernhard Hennen hat sich als Autor von historischen Romanen einen Namen gemacht. In diesem gro�en Nibelungen-Roman erz�hlt er die abenteuerliche Geschichte, wie Volker von Alzey ein verwunschenes Volk entdeckt und zu retten sucht.</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>ECON Unterhaltung </strong></p><empty-line/><p><strong>Die Nibelungen: </strong></p><p>Kai Meyer, <strong>Der Rabengott </strong>(TB 27410)</p><p>Alexander Nix, <strong>Das Drachenlied </strong>(TB 27411)</p><p>Jana Held, <strong>Die Flammenfrau </strong>(TB 27412)</p><p>Bernhard Hennen, <strong>Das Nachtvolk </strong>(TB 27413)</p><p>J�rg Kastner, <strong>Das Runenschwert</strong> (TB 27414)</p><p>Martin Eisele, <strong>Der Feuerstern </strong>(TB 278415)</p><empty-line/><p>Volker von Alzey genie�t als Barde und Minnes�nger von Worms einen besonderen Ruf. Nicht nur, da� er die sch�nsten Lieder zu singen und die unglaublichsten Geschichten zu spinnen wei� - er versteht sich auch auf das weibliche Geschlecht. Als er sich mit der Frau eines s�chsischen Gesandten einl��t, wird ihm dieser Fehltritt zum Verh�ngnis. Hagen, der �ber alle Dinge am K�nigshofe wacht, weist ihn aus der Stadt. Volker soll die Nichte K�nig Gunthers wiederfinden, die in geheimnisvollen S�mpfen Aquitaniens lebt. Dort soll, so lautet eine Sage, das verwunschene Nachtvolk hausen, das von keinem menschlichen Heer zu besiegen ist. Keine Frage, da� Volker die Herausforderung annimmt, doch schon bald steckt er in Schwierigkeiten, die er sich auch mit seiner bl�henden Phantasie nicht ausmalen konnte.</p><empty-line/><p>Bernhard Hennen, Jahrgang 1966, studierte Germanistik, Geschichte und Altertumskunde. Er lebt in K�ln und ist freier Schriftsteller und Journalist. Von ihm sind bei ECON erschienen: �Der Fl�tenspieler� (TB 25123) und �Der Tempelmord� (TB 25155).</p><empty-line/><p><strong>Bernhard Hennen </strong></p><empty-line/><p><strong>Das Nachtvolk </strong></p><empty-line/><p>Roman</p><empty-line/><p>Der Romanzyklus �Die Nibelungen� entstand nach einer Idee von Kai Meyer</p><empty-line/><p>Konzeption: Kai Meyer/Reinhard Rohn</p><empty-line/><p><strong>ECON Taschenbuch Verlag </strong></p><empty-line/><p>Ver�ffentlicht im ECON Taschenbuch Verlag</p><p>Originalausgabe</p><p>Der ECON Taschenbuch Verlag ist ein Unternehmen der</p><p>ECON &amp; List Verlagsgesellschaft</p><p>� 1997 by ECON Verlag GmbH, D�sseldorf</p><p>Umschlaggestaltung: Init GmbH, Bielefeld</p><p>Titelabbildung: Agentur Schl�ck</p><p>Lektorat: Reinhard Rohn</p><p>Gesetzt aus der Goudy, Linotype</p><p>Satz: Josefine Urban - KompetenzCenter, D�sseldorf</p><p>Druck und Bindearbeiten: Ebner Ulm</p><p>Printed in Germany</p><p>ISBN 3-612-27413-9</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>PROLOG</strong></p></title><empty-line/><p>Was f�r eine Nacht! Es schien, als wolle der Winter gar kein Ende mehr nehmen. Der Schnee war zwar schon vor zwei Wochen geschmolzen, doch dann kehrte die K�lte noch einmal zur�ck. Der junge Knecht blickte zu dem erleuchteten Turmfenster. Die Welt war ungerecht! Warum lag sein Herr jetzt dort oben in einem warmen Bett, und er mu�te hier unten zwischen den B�schen des Kr�utergartens kauern, um das Tor zur Festhalle zu beobachten? Das Jahr hatte ohnehin schlecht angefangen. Am Neujahrstag waren diese Sachsen angekommen. Wie ein Rotte Wilds�ue hatten sie ausgesehen mit ihren dicken Pelzen, und dann dieser protzige Schmuck. Sogar die Krieger trugen goldene Ketten und Armreife. Barbaren! Golo sch�ttelte den Kopf. Er hatte nicht verstehen k�nnen, warum K�nig Gunther ihnen Einla� gew�hrte. Dieses Pack! Allesamt geb�rdeten sie sich, als seien sie F�rsten und K�nige. Sogar die Pferdeknechte der Sachsen hielten sich f�r was Besseres!</p><p>Golo rieb sich die klammgefrorenen Finger. Sein Herr ging da ganz anders mit diesen Barbaren um. Er wu�te, wie man sie treffen konnte! Einen Bastard w�rde er diesem hochn�sigen F�rsten Horsa unterschieben!</p><p>Von der Festhalle erklang lautes L�rmen. Die gro�e T�r �ffnete sich, und ein breiter Streifen goldenen Lichts fiel auf den Hof. Sie kamen fr�her zur�ck, als er erwartet h�tte. Verfluchte Sachsen! Golo formte seine H�nde zu einer hohlen Kugel und blies durch den schmalen Spalt, der zwischen den beiden Daumen blieb. Ein leises und ziemlich unechtes <emphasis>Schuhu </emphasis>erklang. Golo fluchte leise. Sie hatten vereinbart, da� er seinen Herren mit dem Ruf eines K�uzchens warnte, wenn die Gesandten zur�ckkamen. Und jetzt das! Er versuchte es noch einmal, doch der zweite K�uzchenruf klang noch kl�glicher.</p><p>Golo blickte zu dem erleuchteten Turmfenster. Nichts! Sein Mund war jetzt so trocken, als h�tte man ihm eine Handvoll Mehl zu essen gegeben. Er mu�te irgend etwas unternehmen! Sie durften seinen Herren nicht dort oben erwischen! Nicht auszudenken, wenn Horsa, der Leiter der s�chsischen Gesandtschaft...</p><p>Golo formte seine H�nde zu einem Trichter und stie� ein schauriges Geheul aus. Er hatte schon lange keinen Wolf mehr geh�rt, doch war er mit sich zufrieden. Im Geiste malte er sich eine graue Bestie mit fingerlangen F�ngen und blutunterlaufenen Augen aus. Das war nicht irgendein Wolf, den er da nachahmte. So heulte ein Leitwolf oder vielleicht gar Fenris, der G�tterwolf, von dem die Heiden manchmal sprachen. Noch einmal stie� der Knecht ein langes, klagendes Heulen aus. Wahrscheinlich w�rde den Sachsen gerade das Blut in den Adern gefrieren, und sie riefen ihre ewig betrunkenen G�tter um Schutz an.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Euer Haar leuchtet wie das Licht der Sommersonne und k�ndet von der reichen Ernte der Liebe, die Eure wohlgeformten Schenkel versprechen.�</p><p>Amalasfrida l�chelte und strich ihm mit einer ihrer goldenen Locken durchs Gesicht. �Ein freches Mundwerk habt Ihr, Herr Volker. Und doch ist es erbaulich, Euch zu lauschen. Ihr versteht es, sch�nere Worte f�r mich zu finden als jeder andere Mann, den ich kenne. Die Barden, die unsere H�fe besuchen, singen nur vom Krieg und von den Alten G�ttern...�</p><p>�Dabei verdient es eine so sch�ne Frau, wie Ihr es seid, unabl�ssig besungen zu werden.� Er beugte sich herab und k��te ihre Br�ste. �Wei� wie Milch ist Eure Haut, und seht nur die kleinen Knospen, wie sie sich mir begierig entgegenrecken, so wie sich die Knospen des Rosenbusches zur Fr�hlingssonne strecken...�</p><p>Amalasfrida zog ihn zu sich hinab und k��te ihn. Ihre H�nde tasteten �ber seinen R�cken, glitten tiefer... Was f�r ein Weib! Die Sachsen mochten ungewaschene Barbaren sein, doch die Frau des Herzogs vermochte jeden Mann die K�lte der letzten Winterabende vergessen zu lassen. Manchmal war sie leidenschaftlich und dabei so wild wie ein gereizter Eber, doch schon im n�chsten Augenblick konnte sie wieder zahm und z�rtlich sein. Nach seiner ersten Nacht mit ihr hatte sich Volker gef�hlt, als habe er eine Schlacht geschlagen, und er wu�te nicht zu sagen, ob er gewonnen oder verloren hatte. Sein R�cken war mit langen, blutigen Striemen �berzogen, und �berall auf seinem Leib hatten ihre leidenschaftlichen K�sse Spuren hinterlassen. Aber was bedeutete das schon im Vergleich zu einer Liebesnacht in ihren Armen!</p><p>�Habt Ihr das geh�rt?�</p><p>Volker blinzelte verschlafen. �Wovon sprecht Ihr, Liebste?�</p><p>�Da war ein Heulen, so als streiche ein halb verhungerter, alter Wolf um die Mauern der Burg.�</p><p>�Ein Wolf? So nah bei der Stadt hat sich im ganzen Winter noch kein Wolf blicken lassen. Vielleicht war es einer der Jagdhunde und...� Jetzt h�rte auch der Spielmann das kl�gliche Geheul.</p><p>Amalasfrida richtete sich auf ihrem Lager auf. �Klingt irgendwie merkw�rdig. Es scheint recht nahe zu sein. Fast, als w�re der Wolf schon innerhalb der Burgmauern.�</p><p>Volker schluckte. Sollte das etwa... Er warf die schwere Wolldecke zur Seite und griff nach seinen Beinkleidern.</p><p>�Was habt Ihr, Herr Volker?�</p><p>�Ich mu� hinunter, nach dem Rechten sehen. Manchmal streift K�nigin Ute noch zu sp�ter Stunde durch den Kr�utergarten. Wenn wirklich ein Wolf innerhalb der Mauern heruml�uft, ist sie vielleicht in Gefahr...�</p><p>�Ein Weib, das sich von einem Wolf rei�en l��t, hat nicht den Titel K�nigin verdient!� Sie l�chelte. �Ich habe selbst einmal einen erlegt... mit einer Saufeder.�</p><p>Volker streifte seine Tunika �ber, griff nach dem G�rtel und nach seinem roten Wollumhang. �Nun, unsere K�nigin spaziert nur selten durch ihren Kr�utergarten...� Mit einem Schritt war er beim Fenster und sp�hte in die Finsternis. Zwischen den B�schen war niemand zu sehen. Ein Ger�usch ert�nte an der T�r. Volker dr�ckte das Licht der Kerze aus.</p><p>Eine riesige Gestalt beugte sich unter dem niedrigen T�rsturz. �Ich sehne mich nach deinen Krallen, meine kleine Wildkatze, und... Bei Wotan! Wer steht da am Fenster?�</p><p>Volker machte einen Satz in die Tiefe. Er ha�te es, wenn ein kultivierter Abend ein solches Ende nahm. Barbarenpack! Federnd landete er auf dem hartgefrorenen Boden und fluchte. Er hatte seine Stiefel oben vergessen! Geduckt rannte der Spielmann zwischen den B�schen hindurch in Richtung der Stallungen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Golo hatte sich auf dem Heuboden �ber den Pferdest�llen verkrochen. Hier f�hlte er sich dem Sommer n�her. Es duftete nach Erntedankfest und Pferdemist. In eine alte Decke gewickelt, hatte er sich ein Nest gebaut wie die V�gel in den B�umen. Es war sicher sch�n, ein Vogel zu sein. Frei durch die L�fte zu ziehen und keinen Herren zu haben, der einen dauernd mit allem m�glichen Unsinn drangsalierte. Golo wu�te nicht, wohin die V�gel im Herbst flogen, aber er war sich sicher, da� sie einen besseren Platz gefunden hatten als das verschneite Worms.</p><p>�Wir sollten einmal �ber K�uzchenrufe reden, mein Freund!�</p><p>Golo lugte �ber den Rand seines Heunestes hinweg. Wie hatte Volker ihn hier oben finden k�nnen? �Ich, �hm... Ich habe noch zugesehen, wie Ihr ihnen gl�cklich entkommen seid, Herr. Hattet Ihr einen sch�nen Abend bei der Dame?�</p><p>�Wenn ich es nicht besser w��te, w�rde ich denken, du willst mich foppen, Kerl! Mach Platz! Ich kriech� bei dir unter. Die Sachsen rennen immer noch wie aufgescheuchte H�hner durch den Burghof und suchen nach einem Fl�chtling ohne Schuhe.�</p><p>�Ohne Schuhe?� Golos Blick fiel auf Volkers nackte F��e. �Das mu� ja gr��lich kalt sein.�</p><p>Statt zu antworten, bedachte der Spielmann ihn mit einem b�sen Blick. �Warum hast du nicht das vereinbarte Signal gegeben? Wolltest du mitansehen, wie sich dein Herr auf einem Sachsenschwert macht? Hab� ich dich vielleicht nicht immer gut behandelt? Welcher Diener bekommt von seinem Herren schon einmal ein ganzes Huhn geschenkt und...�</p><p>�Ich m�chte nicht widersprechen, aber das mit dem Huhn war auf dem letzten Osterfest. Es ist schon fast ein Jahr her und...�</p><p>�Unterbrich mich nicht!� Volker packte ihn beim Wams. F�r einen Spielmann war er recht stark, und wenn er nicht gerade mit Damen zu tun hatte, konnte er obendrein noch recht r�pelhafte Manieren an den Tag legen. Er sah zwar gut aus mit seinem langen, blonden Haar und den blauen Augen, doch wenn er schlechte Laune hatte, dann konnte man ihn eher f�r einen Halsabschneider als f�r einen Dichter halten, dem die Damen zu F��en liegen. Golo hatte ohnehin nie begriffen, was man an den verdrehten Wortspielen finden konnte, mit denen sein Herr die Herzen aller Weiber eroberte.</p><p>�Warum hast du mich da oben ins Messer laufen lassen?� grollte Volker finster. �Was sollte dieses kl�gliche Wolfsgeheul?�</p><p>�Ich... Mir war pl�tzlich der Mund so trocken, als ich diese Sachsen gesehen hab�, und ich... ich konnte einfach keinen K�uzchenschrei nachmachen. Ich wu�te nicht...� Volker stie� ihn ins Heu und hob drohend die F�uste.</p><p>�Ich will die Wahrheit! Das gibt es doch gar nicht, da� du keine Vogelstimmen nachahmen kannst. Willst du mir etwa erz�hlen, du w�rst nicht als kleiner Junge mit deinen Freunden in den Wald gelaufen, um dort allerlei Schabernack zu treiben? So etwas lernt man doch nebenbei, genauso wie reiten und...�</p><p>�Erinnert Ihr Euch noch an den Tag, an dem ich zum ersten Mal auf Eurem Pferd gesessen habe, Herr?�</p><p>Volker grinste breit und setzte sich neben ihm ins Heu. �Nat�rlich! War ein toller Spa� zuzusehen, wie Lanzenbrecher dich in den Schlamm geworfen hat.�</p><p>�Hmm... stimmt. Mein Hintern erinnert sich noch heute an diesen tollen Spa�. Ich bin damals im Schlamm gelandet, weil ich noch nie auf einem Pferd gesessen hatte. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch, Herr, ich bin der Sohn eines armen Bauern! Im ganzen Dorf hat es kein Pferd gegeben. Ich habe nie reiten gelernt, bis Ihr es mir beigebracht habt. Und ich bin auch nicht mit Freunden durch den Wald getollt. Ich habe G�nse geh�tet, Pilze und Reisig gesucht, meinem Vater bei der Ernte oder beim Pfl�gen geholfen und...�</p><p>�Mir kommen die Tr�nen, Golo.� Volker kratzte sich am Kinn. Eine Zeitlang sa�en sie einander schweigend gegen�ber. Golo �berlegte, ob er vielleicht etwas Falsches gesagt hatte. Dieses Schweigen beunruhigte ihn. Es w�re besser, wenn Volker fluchte und tobte. Schlechtgelaunte Adlige und Kirchenm�nner, das war etwas, was er von Kindesbeinen an kannte. Aber ein Ritter, der einfach nur dasa� und einen anstarrte... Das war unheimlich. Ob der Spielmann wohl dar�ber nachdachte, ihn anzuklagen? Golo schluckte. Das war Unsinn! Volker konnte es nicht riskieren, �ber diese Angelegenheit �ffentlich zu reden. Wenn ruchbar wurde, wer das Lager mit der Sachsenf�rstin geteilt hatte, dann...</p><p>�Vielleicht habe ich dir Unrecht getan. Ich werde bei Gelegenheit dar�ber nachdenken. Auf jeden Fall werde ich dich den Ruf des K�uzchens lehren. Du bist als Knecht f�r mich v�llig unbrauchbar, wenn du nicht einmal solche einfachen Kleinigkeiten erledigen kannst. Ich meine, es wird noch �fter geschehen, da� ich einer Dame meine Aufwartung mache, und m�glicherweise wird es auch wieder vorkommen, da� du darauf achten mu�t, wann der betreffende Ehemann zur�ckkehrt. Und noch etwas! Falls du es wieder mal vermasseln solltest... Versuche bitte nicht, einen Wolf nachzuahmen! Das war das j�mmerlichste Wolfsgeheul, das ich jemals geh�rt habe. Ich hab� schon drei Tage alte Hundewelpen gesehen, die bedrohlicher knurren konnten, als du das Geheul eines Wolfes nachmachst.�</p><p>�Aber ich...�</p><p>�Man widerspricht seinem Herren nicht, Knecht! Und man f�llt ihm auch nicht ins Wort. Im �brigen denke ich, da� ich davon absehen werde, dir das Fell zu gerben. Ich h�tte eben mit deiner Dummheit rechnen m�ssen. Das war mein Fehler.�</p><p>Golo blickte zu Boden. So kannte er sie, die Adligen! Es war besser, darauf nicht zu antworten. Bis heute abend hatte er sich gefreut, in Volker einen Herren zu haben, f�r den er nicht allzuviel tun mu�te... Manchmal hatte der Dienst bei ihm sogar Spa� gemacht. Es war im letzten Winter gewesen, als Volker in Golos Heimatdorf geritten kam, das zum Lehen der Herren von Alzey geh�rte. Er hatte sich die jungen M�nner angesehen und schlie�lich ihn ausgew�hlt, mit auf die K�nigsburg nach Worms zu kommen. Er sollte sein Diener und Waffenknecht werden. Er bekam eine Stute und t�glich eine Stunde Unterricht im Schwertkampf. Davon abgesehen mu�te er sich um die Pferde k�mmern und daf�r Sorge tragen, da� die Kleider seines Herren immer in einem guten Zustand waren. Verglichen mit der harten Feldarbeit im Dorf war das eine Kleinigkeit. Das einzige, was Golo beunruhigte, war die Tatsache, da� es Volker offensichtlich unm�glich war zu akzeptieren, da� sch�ne Frauen gelegentlich bereits verheiratet waren. Wenn es um Weiber ging, kannte der Spielmann keine Scham. Ein paar Tage war es erst her, da� Volker ihm voller Stolz erz�hlt hatte, da� es ihm sogar schon einmal gelungen sei, eine �btissin zu verf�hren. Mochte der liebe Herrgott seiner Seele gn�dig sein!</p><p>�Was br�test du vor dich hin? Freust du dich nicht, da� ich dich nicht bestrafen werde?�</p><p>�Selbstverst�ndlich, Herr!� Golo nickte pflichtbewu�t. �Sagt, wie habt Ihr mich eigentlich so schnell gefunden? Ihr k�nnt doch nicht gesehen haben, wie ich auf den Heuboden gestiegen bin.�</p><p>Der Spielmann lachte leise. �Ein guter Herr wei� stets, wo sich seine Knechte und Dienstm�gde herumtreiben. Ein Stallbursche hat mir verraten, da� du dich gelegentlich hier oben verkriechst. �brigens habe ich gerade beschlossen, da� es doch nicht weise ist, dich v�llig ungestraft davonkommen zu lassen. Immerhin hat mich deine Dummheit heute abend ein Paar fast neue Reitstiefel gekostet.�</p><p>Golo zuckte innerlich zusammen. �Aber Ihr sagtet doch...�</p><p>�Ich hab�s mir anders �berlegt. Gib mir deine Schuhe!�</p><p>�Meine Schuhe?�</p><p>�Glotz mich nicht an wie eine Kuh und tu endlich, was ich dir befehle. Ich habe nicht vor, die Nacht hier in einem Heuhaufen zu verbringen. Im Sommer und mit einem h�bschen M�dchen im Arm mag das seinen Reiz haben, aber im Moment ist es entschieden zu ungem�tlich in einem Stall. Im Burghof laufen wahrscheinlich immer noch ein paar aufgebrachte Sachsen herum und suchen nach einem Mann, der in dieser Eisesk�lte barfu� unterwegs ist. Wahrscheinlich helfen ihnen mittlerweile sogar schon die Wachen K�nig Gunthers. Deine Schuhe sind zwar meinem Stand nicht ganz angemessen, aber in der Dunkelheit wird das schon keinem auffallen.�</p><p>Golo l�ste die Lederriemen seiner Bundschuhe. Diese Sache hatte doch einen Haken! �Wie soll ich denn zu meinem Schlafplatz in der K�che gelangen, wenn Ihr jetzt...�</p><p>Der Spielmann grinste. �Es ist sicher keine gute Idee, in den n�chsten Stunden barfu� �ber den Burghof zu spazieren. Du wei�t ja, diese Barbaren... Aber hier ist es ja auch ganz gem�tlich. Du hast eine Decke und das warme Heu. Ich finde, f�r einen Knecht ist das eine ganz gute Unterkunft.� Volker war in die Bundschuhe geschl�pft und verneigte sich mit gro�er Geste. �Du entschuldigst mich jetzt. Ich brauche meinen Schlaf. So wie die Dinge stehen, wird morgen bei Hof einiger Aufruhr herrschen...�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker war �berrascht vom Geschick, mit dem die Barbaren die Ereignisse der vorangegangenen Nacht verschleierten. �berall bei Hof war die Rede von einem tollk�hnen Dieb, der an der Mauer des Turms hinaufgeklettert sein mu�te, um den Schmuck der Prinzessin Amalasfrida zu stehlen. Damit wurde die Angelegenheit nun wiederum im h�chsten Grade peinlich f�r K�nig Gunther, der, so wie es schien, nicht einmal innerhalb der Mauern seiner Burg das Zepter in der Hand hielt. Beinahe w�re es schon am fr�hen Morgen zu einem Duell zwischen Gernot und einem der Sachsen gekommen, weil die Gesandten keine Gelegenheit auslie�en, von der Schw�che des K�nigs zu t�nen, und in ihrer Impertinenz forderten, da� der Schuldige bis zum Mittag des kommenden Tages gefunden und zur Rechenschaft gezogen werden sollte.</p><p>Mit schlechtem Gewissen h�rte Volker dem Gerede zu und begann dar�ber nachzudenken, ob er sich nicht stellen sollte, um den Ruf seines K�nigs zu retten. Amalasfrida und Horsa waren zum Mittagsmahl gemeinsam an der k�niglichen Tafel erschienen, und nichts deutete darauf hin, da� sich die beiden im Streit befanden. Zum ersten Mal fragte sich der Spielmann, ob es wirklich nur seine sch�nen Worte waren, denen die Prinzessin verfallen war. Sie hatte recht schnell seinem Werben nachgegeben... War er es am Ende, der zum Opfer einer Intrige geworden war? Suchten die Sachsen einen Anla�, um den Krieg mit Burgund fortzuf�hren? Und hatte er ihnen diesen Anla� nun geliefert?</p><p>Er mu�te die Ehre seines K�nigs reinwaschen! Er konnte nicht einfach tatenlos bei diesem Intrigenspiel der Barbaren zusehen. Gerade wollte er sich erheben und in die Mitte des Saales treten, als Hagen hinter seinen Stuhl trat.</p><p>�Folgt mir auf den Hof, Herr Volker!� Die Worte waren nur gefl�stert, doch in einem Tonfall, der Volker kalte Schauer �ber den R�cken laufen lie�. Der gro�e, hagere Mann hatte immer etwas Unheimliches, und die meisten bei Hof mieden ihn. Doch sie beide hatten bislang stets ein gutes Verh�ltnis zueinander gehabt. Hagen hatte ihn im Schwertkampf unterrichtet und ihm oft mit weisem Rat zur Seite gestanden. Das Wort des dunklen Kriegers galt ihm mehr als selbst das seines leiblichen Vaters. In gewisser Weise sah er in dem Tronjer seinen Mentor. Auch wenn das d�stere, melancholische Wesen des Recken seinem eigenen Charakter v�llig zuwiderlief.</p><p>Einen Augenblick lang blickte der Spielmann Hagen unschl�ssig nach. Wie stets trug er seinen langen schwarzen Umhang, einen schwarzen Waffenrock und darunter sein geschw�rztes Kettenhemd. Auch hatte er sein Schwert umgeg�rtet, und er sah aus wie ein Mann, der in den Krieg ziehen wollte.</p><p>Ungeduldig drehte sich Hagen nach ihm um. Offensichtlich war es kl�ger, den Tronjer nicht warten zu lassen. Er stand jetzt in einer Nische des gro�en Festsaals, wo er vor den Blicken der meisten G�ste verborgen blieb. Vor allem die Sachsen am Kopf der Tafel konnten ihn dort nicht sehen. Volker erhob sich und entschuldigte sich mit ein paar h�flichen Floskeln bei den Damen, die an seiner Seite sa�en. Dann verlie� er gemessenen Schrittes den Saal, so als w�rde er einem tiefen, inneren Drang folgen, um sich von den Zinnen der Burgmauer herab zu erleichtern.</p><p>Vor dem Festsaal erwartete ihn Hagen bereits. �Wenn es nach mir ginge, w�rde ich diese s�chsischen Bastarde von unseren Wachen noch in dieser Stunde hinrichten lassen und ihre K�pfe auf Lanzen gespie�t vor dem Burgtor aufstellen. Es ist mir unertr�glich zuzusehen, wie sie unseren K�nig dem�tigen. Wie steht Ihr dazu, Herr Volker?�</p><p>�Wenn Ihr mein Schwert fordert, stehe ich Euch jederzeit zur Verf�gung.�</p><p>Hagen l�chelte schief. Er hatte die Doppeldeutigkeit der Worte verstanden. �Wir haben zuwenig M�nner unter Waffen, um uns auf einen Krieg mit den Sachsen einlassen zu k�nnen. Horsa wei� das genau, und deshalb dem�tigt er unseren K�nig. Was Euch angeht, Herr Volker, denke ich, da� wohl niemandem geholfen ist, wenn Ihr bereit seid, Euer Leben in einem Duell mit mir zu verschenken. Ich sch�tze Eure Kunst und den leichten Ton, mit dem Ihr diesen Hof selbst in den dunkelsten Stunden zu bezaubern wi�t. Euren Lebenswandel jedoch werde ich niemals begreifen. Warum bei den G�ttern mu�tet Ihr mit der S�chsin buhlen? Seid Ihr nicht mehr bei Sinnen?�</p><p>Der Spielmann schluckte. �Ich... Ich glaube, ich war verliebt.�</p><p>Hagen sch�ttelte den Kopf. �Wenn ich Euch das glauben k�nnte, mein Freund, dann st�nden wir jetzt nicht hier. Wi�t Ihr, Ihr seid entschieden zu oft verliebt...�</p><p>�Woher wi�t Ihr eigentlich, da� ich in der letzten Nacht in der Turmkammer war? Nicht, da� ich es leugnen wollte, doch...�</p><p>Hagen �ffnete die kleine, lederne Geldkatze an seinem G�rtel und zog einige scharlachrote Wollf�den heraus. Er hielt sie an den Umhang des Spielmanns. �Die Farbe stimmt, nicht wahr? Es gibt keinen au�er Euch, der einen Mantel in dieser pr�chtigen Farbe besitzt. Die Wollf�den habe ich im Geb�sch unter dem Turmfenster gefunden. Damit steht f�r mich au�er Zweifel, was sich in der letzten Nacht in der Kemenate dieser S�chsin ereignet hat!�</p><p>Volker versteifte sich. �Ich bin selbstverst�ndlich bereit, die Verantwortung f�r meine Taten zu tragen. Ich werde vor den Hof treten und erkl�ren, wie sich die Dinge in Wahrheit zugetragen haben. Und ich...�</p><p>�Und dann? Damit wird die Situation doch nicht besser! Gunther wird Euch f�r den Frevel am Weib eines Gesandten hinrichten lassen oder zumindest auf immer vom Hof verbannen m�ssen. Ich habe einen anderen Plan. Morgen werde ich verk�nden lassen, da� der Dieb gefa�t ist. Auf dem Marktplatz der Stadt werde ich einen Mann h�ngen lassen. Er wird zwar bis zuletzt behaupten, da� er unschuldig ist, aber das tun sie ja alle...�</p><p>�Das ist Unrecht, Herr Hagen! Der Mann ist unschuldig! Ich habe Euch doch gerade erkl�rt, da� es niemals einen Diebstahl gegeben hat und da� ich bereit bin, f�r die Konsequenzen dessen, was tats�chlich geschehen ist, einzustehen.�</p><p>Der Tronjer l�chelte k�hl. �Ich m�chte Euch nicht verlieren, Freund Volker. Der Kerl, den ich h�ngen lasse, ist ein Raubm�rder. Um ihn ist es nicht schade. Im Gegenteil, durch seinen Tod hat er vermutlich das einzige Mal in seinem Leben Gelegenheit, seinem K�nig einen Dienst zu erweisen. Gunther wird die Sachsen f�r den Verlust des Schmuckes reichlich entsch�digen, und das einzige, was bleibt, ist eine b�se Geschichte dar�ber, da� G�ste des Burgundenreichs nicht einmal in der K�nigsburg vor R�ubern sicher sind. Was Euch aber angeht, Herr Volker, so m�chte ich sicher sein, da� es f�r die restliche Zeit, die die Gesandtschaft bei Hofe weilt, nicht mehr zu weiteren Verwicklungen wie in der letzten Nacht kommt. Ich habe bereits mit dem K�nig gesprochen, und auch wenn er nicht wei�, was sich in der Kemenate Amalasfridas wirklich zugetragen hat, h�lt er es f�r eine gute Idee, Euch an den Hof seiner Nichte in Aquitanien zu schicken. Seit ihrer Hochzeit mit dem Baron Rollo von Marans hat man nichts mehr von ihr geh�rt, und sie wird sicherlich sehr einsam sein. Reist also nach Marans und leistet ihr den Sommer �ber Gesellschaft. Ich bin sicher, da� sich alle bei Hof freuen werden, wenn wir Euch zum Christfest wiedersehen, Herr Volker.�</p><p>�Aber... Das ist fast ein Jahr. Ihr k�nnt mich doch nicht ein ganzes Jahr lang in die Fremde schicken!�</p><p>Hagen runzelte die Stirn. �Ich kann morgen einen Unschuldigen f�r Eure Taten h�ngen lassen. Reden wir lieber nicht dar�ber, was ich sonst noch alles kann. Packt Eure Sachen und macht Euch zur Abreise bereit. Wenn sich morgen abend die Raben auf den Schultern des Geh�ngten niederlassen, solltet Ihr schon ein gutes St�ck des Wegs gekommen sein. Versteht mich nicht falsch! Ich m�chte Euch nicht verlieren, doch wenn ich bef�rchten mu�, da� Ihr dem K�nig durch Euer Ungest�m in Herzensangelegenheiten noch weitere Schwierigkeiten bereiten werdet, k�nnte ich vielleicht gezwungen sein, zu Mitteln zu greifen, die eine Reise nach Aquitanien noch vergleichsweise angenehm erscheinen lassen. Auch wenn wir gute Freunde sind, Herr Volker, gilt meine Treue doch zuallererst dem K�nig!�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>1. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Golo hatte die beiden Pferde trockengerieben und ging vom Stall zur Schenke. Was f�r ein Sauwetter! Seit drei Tagen regnete es. Wohin man sah, war Wasser. Die d�rftigen Stra�en bildeten eine einzige Pf�tze, daneben Kan�le und bis zum Horizont Sumpf. Seine Kleider waren von oben bis unten mit Schlamm bespritzt, und er hatte keinen trockenen Faden mehr am Leib. Das war keine Jahreszeit, um zu reisen! Sie h�tten jetzt auf der sch�nen, warmen Burg bei Worms sitzen k�nnen. Aber sein Herr mu�te ja unbedingt dieser verfluchten S�chsin nachstellen. Volker sprach zwar nicht gerne dar�ber, doch ahnte Golo, da� sie der Grund f�r ihre �berst�rzte Reise gewesen war. So war das Leben als Knecht! Die Herren begingen eine Torheit, und wer mu�te daf�r zahlen? Ihre Knechte! Und jetzt auch noch das Spielchen mit dem Duell. Drei Tage lang hatte er Ruhe gehabt, doch es gab Ger�chte �ber R�uberbanden und Unholde aus den Mooren, die diese Gegend unsicher machten. Deshalb hatte Volker beschlossen, da� es heute wieder soweit sei. Golo blickte fl�chtig auf den Platz in der Mitte des kleinen Dorfes. Hier mitten im Morast w�rde der Kampf stattfinden. W�tend spuckte der Diener aus und trat dann durch die niedrige T�r in die Schenke.</p><p>�Gott zum Gru�, Fremder. Habt Ihr die Tiere versorgt? Ein verfluchtes Wetter heute, nicht wahr?� Auf einem Stuhl neben dem Feuer hockte der hagere Schankwirt und blickte grinsend von dem Fisch auf, den er ausnahm.</p><p>Golo schaute ihn verdrie�lich an. �Ich hab� schon Fl�sse gesehen, die weniger Wasser f�hrten als Eure Stra�en.�</p><p>Der Wirt lachte. �Ihr m��t auch die guten Seiten sehen. Hier gibt es jede Menge Fische. Ich bring� Euch �nen Teller Suppe, und nach �nem Schluck Branntwein, wenn Ihr erst einmal wieder warm geworden seid, sieht alles schon ganz anders aus. Den Rest des Tages werdet Ihr Euch den Regen von hier im Trocknen anschauen k�nnen. In drei Stunden beginnt es zu d�mmern. Ihr werdet doch gewi� nicht mehr weiterreiten wollen.�</p><p>Golo schnallte den Schwertgurt ab und legte die Waffe vor sich auf den Tisch. Dann z�ckte er den L�ffel, den er seitlich im Stiefel stecken hatte, und blickte erwartungsvoll zu dem gro�en, dampfenden Topf, der �ber dem Feuer hing. Au�er dem Wirt waren nur noch drei Bauern in der Schenke. Es war besser, jetzt schon mit dem Spiel anzufangen. Bei dem Regen w�rde es sicher nicht mehr lange dauern, bis Volker auftauchte.</p><p>�Ist sicher besser, noch ein paar Meilen zu reiten, bis es dunkel wird. Sollte schauen, da� ich weiterkomme. Bis zu den Mauren wird er mir vielleicht nicht folgen.�</p><p>Der Wirt stellte eine Sch�ssel voll dampfender Fischsuppe vor ihm auf den Tisch. Golo r�mpfte die Nase. Er ha�te Fischsuppe! �Wer soll Euch nicht bis zu den Mauren folgen, Herr?�</p><p>Schl�rfend begann der Knecht, die Suppe auszul�ffeln. �Habt Ihr noch ein St�ck Brot?�</p><p>�Erz�hlt mir Eure Geschichte und was drau�en in der Welt so vor sich geht, und ich schenk� Euch ein Brot. Wi�t Ihr, nach hier verirrt sich nur selten jemand. Wir haben schon lange keine Neuigkeiten mehr geh�rt.�</p><p>Golo blickte von der Suppe auf. �Ihr seid doch ein gottesf�rchtiger und ehrbarer Mann, nicht wahr?�</p><p>Der Wirt nickte eifrig. �Nat�rlich. Frag nur den Pfaffen nach mir. Es gibt kaum eine fr�mmere Seele als mich hier im Dorf.�</p><p>Das Gespr�ch der Bauern am anderen Tisch verstummte. Golo sa� mit dem R�cken zu ihnen, doch er konnte f�rmlich sp�ren, wie sie jetzt die H�lse reckten und ihre Ohren spitzten.</p><p>�Wi�t Ihr, Freund, ich bin auf der Flucht. Ohne mein eigenes Verschulden hat der Himmel mich mit einem gro�en Unheil gestraft. Kurz nach dem Christfest war ich in Worms am K�nigshof der Burgunden. Ich hatte dort ein Gesch�ft zu t�tigen. Hab� ein bi�chen Vieh verkauft... K�nig Gunther bewirtete ein paar s�chsische Gesandte, und ich sag� Euch, die Kerle haben ihm f�rmlich die Haare vom Kopf gefressen. Jeden Tag gab es einen Ochsen am Spie� und noch viel mehr. Nun, wie ich so auf dem Hof der Burg stehe, kommt ein h�bsches Fr�ulein vorbei und verliert ein T�chlein, das sie im �rmel ihres Gewandes getragen hatte. Sie hat�s offensichtlich nicht bemerkt, und so beuge ich mich hinab, hebe das T�chlein auf und reiche es ihr. Sie bedankte sich recht artig und ging ihrer Wege. Als ich dann zum Schlachtmeister gehen wollte, um mit ihm zu besprechen, ob er noch mehr fette Ochsen gebrauchen kann, kommt pl�tzlich so ein junger Ritter auf mich zu. Ich sag� Euch, seine Augen funkelten wie geschliffene Dolche. Er packt mich am Wams und zerrt mich in einen Stall, wo wir allein sind, und dort f�ngt er an zu schreien wie ein Eber auf dem Sauspie�. Behauptet, ich h�tte ihn und seine Dame beleidigt, und ich h�tte meine ungewaschenen Finger von dem T�chlein lassen sollen. Da� sie es habe fallen lassen, sei ein Zeichen nur f�r ihn gewesen, und dadurch, da� ich es aufgehoben h�tte, sei nun alles verdorben. Am Ende forderte der Kerl mich zum Duell heraus. Er meinte, die Ehre seiner Dame k�nne nur mit meinem Blut wieder reingewaschen werden. Zum n�chsten Morgengrauen sollte ich bei einer Kapelle im Wald auf ihn warten.� Golo brach ein St�ck von dem Brotlaib, den die Frau des Wirtes inzwischen gebracht hatte, und wischte damit die Suppensch�ssel aus.</p><p>�Und dann? Habt Ihr etwa den Ritter im Zweikampf besiegt? Wie geht die Geschichte weiter?�</p><p>Der Knecht ma� den Wirt mit einem abf�lligen Blick. �Sehe ich vielleicht aus, als sei ich verr�ckt? Ich bin doch kein Krieger! Ich habe die Zeit, die mir noch blieb, genutzt, meine Sachen gepackt und bin auf und davon. Wi�t Ihr, ich habe mich erkundigt, wer dieser Ritter war. Volker von Alzey hei�t er, und man sagte mir, er sei der beste Schwertk�mpfer im Burgundenreich. Selbst den m�chtigen Hagen k�nne er besiegen. Was soll ich mich mit so jemandem schlagen? Der schlitzt mir den Bauch auf, noch bevor ich blank gezogen habe. Nein, nein! Ich bin zwar nur ein einfacher Mann, aber dumm bin ich nicht!�</p><p>Golo r�lpste und blickte nachdenklich auf den kleinen Zinnbecher, den er w�hrend des Mahls geleert hatte. Der Wirt f�llte ihm nach.</p><p>�Nun, ich war noch keine drei Tage unterwegs, als ein H�ndler, den ich des Weges traf, mich warnte. Er war am Vorabend einem furchterregenden Ritter mit langem, blondem Haar begegnet, der nach mir suchte. Dieser verfluchte Herr von Alzey hatte sich auf meine Spur gesetzt. Erst vorgestern habe ich wieder Reisende getroffen, die ihn gesehen haben. Er mu� wie von Sinnen sein. Sie berichteten mir, da� er bei Martinopolis eine Bande von f�nf R�ubern erschlagen hat, die sie bedrohte. Er soll wie ein Wilder und ohne Gnade gefochten haben. Deshalb, Freunde, bin ich in gro�er Sorge. Was mag diesen Mann nur dazu treiben, mich wegen des T�chleins einer Dame so unbarmherzig zu verfolgen? Einmal soll er sogar ein Haus angez�ndet haben, in dem ich n�chtigte. Sagt selbst, Herr Wirt, mu� man da nicht verr�ckt sein?�</p><p>�Nun ja, wer versteht sie schon, die adligen Herren und...� Drau�en auf dem Marktplatz ert�nte lautes Geschrei.</p><p>�Golo von Worms! Wo steckst du Bastard! Ich werde dir das Herz herausrei�en!�</p><p>Der Knecht zuckte zusammen und griff nach seinem Schwert. Jetzt kam es darauf an, den Schlu�akt �berzeugend zu spielen. �Bitte, Herr Wirt, versteckt mich! Dieser Wahnsinnige wird mich ermorden!�</p><p>Die Bauern waren aufgestanden und sp�hten durch die T�r, die sie einen Spaltbreit ge�ffnet hatten. �Ich...� Der Wirt erhob abwehrend die H�nde. �Ich habe kein Kloster. Sucht woanders Unterschlupf. Ich will nicht, da� er auch mir den roten Hahn aufs Dach setzt. Mach, da� du hier wegkommst, Kerl.�</p><p>�Nun, Ihr habt also meinen Tod beschlossen. So sei es! Meine Flucht wird heute ein Ende haben!� Golo stand auf und trat zur T�r. Die Bauern wichen zur Seite. Der Knecht konnte seinen Herren jetzt sehen. Volkers Auftritt war eindrucksvoll wie immer. Auf seinem wei�en Hengst mit dem weiten scharlachroten Umhang und dem wei�en Waffenrock sah er aus wie ein Recke aus den Liedern der Spielleute. Das blanke Schwert in der Hand, lie� er sein Pferd steigen und trieb es dann in Richtung der Schenke. �berall vor den armseligen H�usern des Dorfes hatten sich Schaulustige versammelt.</p><p>Golo stie� die T�r des Wirtshauses auf. �Wohlan denn, Herr von Alzey. La�t uns unseren Zwist zu Ende bringen!� Wenigstens hatte es inzwischen aufgeh�rt zu regnen.</p><p>�Endlich ist die Stunde der Rache gekommen, du Wicht! F�nfhundert Meilen bin ich dir gefolgt!� Der Spielmann schwang sich aus dem Sattel und trat mit gesenktem Schwert auf ihn zu. �Nimm das!� Mit kraftvollem Sto� versuchte er, dem Knecht die Waffe in den Leib zu rammen. Wohl hundertmal hatten sie dieses Spiel auf ihrer Reise geprobt, doch Golo hatte stets Angst davor. Er machte einen Schritt zur Seite und lie� die Klinge des Ritters an seiner Waffe abgleiten. Volker setzte nach und stie� ihm den Ellenbogen in die Rippen. Wie �blich war der Treffer auch diesmal heftiger als vereinbart, und Golo ging st�hnend in die Knie.</p><p>�Komm hoch, du elender Wurm, und wehr dich.�</p><p>Der Knappe blieb in der T�r am Boden hocken und rieb sich �ber die Rippen. Er ha�te diese Auftritte!</p><p>�Es ist eine Schande, wenn ich meine Klinge mit deinem Blut besudle, Bastard. Du f�hrst dein Schwert wie einen Besenstiel.�</p><p>Golo konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie einige der Bauern grinsten. F�r sie war das Schauspiel eine unterhaltsame Abwechslung im t�glichen Einerlei.</p><p>�Du wei�t, da� man mich den besten Schwertk�mpfer von Burgund nennt, obwohl meine Bescheidenheit es mir verbietet, diesen Titel anzuerkennen. Wenn ich also unter diesen Umst�nden gegen dich k�mpfen w�rde, so k�nnte man mich zu Recht einen M�rder nennen. Damit auch dir die Hoffnung bleibt zu obsiegen, werde ich nun meine Augen verbinden und blind gegen dich weiterk�mpfen. Das Duell endet, wenn einer von uns beiden in seinem Blute am Boden liegt.�</p><p>Golo k�mpfte sich mit einem Seufzer auf die Beine. �Ihr seid von Sinnen, Herr. Wer vermag es schon, sich mit verbundenen Augen zu wehren.� Der Knecht konnte h�ren, wie die Bauern hinter ihm wetteten, wer den Zweikampf gewinnen w�rde. �rgerlicherweise setzte kaum jemand auf ihn.</p><p>�Schweig, du Rattengesicht!� t�nte Volker, dem seine Rolle stets gro�es Vergn�gen bereitete. �Was wei�t du schon von Ritterlichkeit und Schwertkunst? Glaube nicht, da� dein Sieg schon gewi� ist.�</p><p>�Wohlan, bringen wir unseren Streit zu Ende! M�ge der Herr Eurer Seele gn�dig sein.�</p><p>�Du!� Der Spielmann zeigte auf das h�bscheste unter den jungen Bauernm�dchen, die dem Spektakel zusahen. �Komm zu mir und verbinde mir mit dem Tuch, das du um den Hals tr�gst, die Augen. Und schenk mir ein Gebet, auf da� du nicht zur Nacht mein Blut aus dem Stoff waschen mu�t.� Es wurde schlagartig still auf dem Platz. Unruhig blickte sich Golo um. F�r gew�hnlich konnte man an dieser Stelle den einen oder anderen der Zuschauer h�misch grinsen sehen. Das M�dchen mit dem Tuch war leichenbla� geworden. Sie schlug ein Kreuz und bewegte die Lippen, als spreche sie tats�chlich ein leises Gebet.</p><p>�Deine Sorge um mich ehrt dich, Kleine. Doch sei gewi�, da� mir kein Ungl�ck widerfahren wird. Ich habe noch niemals ein Duell verloren. Herr Golo, macht Euren Frieden mit Gott.�</p><p>Volker kniete nieder, damit das M�dchen ihm die Augen verbinden konnte. Nat�rlich dachte er nicht daran, seinen Waffenrock zur Seite zu schlagen oder einfach nur sein Haupt zu beugen. Er mu�te den Dreck ja nicht auswaschen! Mindestens hundertmal hatte Golo schon versucht, ihm auszureden, w�hrend der Reise das wei�e Gewand zu tragen. Jeden Schlammspritzer sah man darauf! Der Knecht packte sein Schwert fester und ging auf den Dorfplatz hinaus.</p><p>Das M�dchen hatte dem Spielmann inzwischen die Augen verbunden. Die Klinge leicht angehoben, wartete er auf Golo. �Gut, Herr, Ihr habt es so gewollt!� Golo ber�hrte mit seiner Waffe die Spitze von Volkers Schwert. �Bringen wir es hinter uns!� Mit drei schnellen Schl�gen er�ffnete der Knecht das Gefecht. Volker parierte die Angriffe m�helos.</p><p>Golo machte einen Satz zur�ck und rutschte dabei fast im Schlamm aus. Torkelnd gewann er sein Gleichgewicht. Irgendwo hinter ihm lachte jemand. W�tend bi� der Knecht die Z�hne zusammen. Er war bei diesem Schauspiel stets der Dumme.</p><p>�Nun, versuchst du etwa, mir davonzulaufen?� Das war das Stichwort f�r den n�chsten Angriff. Golo wu�te, da� der Spielmann jetzt stumm bis sechs z�hlen w�rde, um dann herumzuschnellen. Mit ein paar schnellen Schritten umrundete er den blinden Ritter und gelangte so in dessen R�cken. Auch er z�hlte leise mit. Bei sechs sprang er vor und holte zu einem m�rderischen Schlag aus, der auf den Kopf des Spielmanns zielte.</p><p>�Hinter Euch, Herr Ritter�, schrie das M�dchen, das Volker sein Tuch gegeben hatte. Der Spielmann fuhr herum und ri� sein Schwert hoch. Mit lautem Klirren schlugen die beiden Klingen aufeinander. Nun ging der Ritter zum Angriff �ber. Mit ein paar w�tenden Schl�gen trieb er Golo zur�ck und prellte dem Knecht zum Schlu� mit einer gewandten Drehung die Waffe aus der Hand. Dann zielte er mit der Schwertspitze auf die Brust des Dieners und l�ste mit der Linken die Augenbinde.</p><p>�Nicht einmal so seid Ihr ein w�rdiger Gegner! Wollt Ihr mich um Gnade bitten?�</p><p>�Ja, Herr!� Mit flehend erhobenen Armen kniete Golo nieder und achtete darauf, sich nicht allzu schmutzig zu machen. �O m�chtigster aller Schwertk�mpfer, jeder wei�, da� Ihr der edelste Ritter unter Gottes Sonne seid und Eure Gnade nur von Eurer...�</p><p>��bertreib nicht so!� zischte der Spielmann leise. �Du verdirbst noch den ganzen Auftritt.� Dann fuhr er lauter fort: �Ich werde dir dein Leben schenken, Golo, doch um die Kr�nkung meiner Ehre zu s�hnen, sollst du mir ein Jahr und einen Tag lang als Diener folgen.�</p><p>�Ich werde alles tun, was Ihr wollt, Schwertmeister!�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker war in allerbester Stimmung, als er mit seinem Waffenrock �ber dem Arm in den Stall trat. Golo war gerade damit besch�ftigt, Lanzenbrecher zu striegeln. Er zog ein Gesicht, als h�tte man ihn gezwungen, faule Eier zu fr�hst�cken.</p><p>�Nun, mein Freund! Was ist los mit dir? Man hat uns doch freundlich aufgenommen. Der Wirt hat eine gute K�che, und sein Gastzimmer m�ssen wir offenbar nicht mit Fl�hen teilen... Was will man mehr?�</p><p>�Ich finde, da� es nicht n�tig war, schon wieder dieses Spektakel aufzuf�hren, Herr Volker. Ihr seid ein Ritter, ein Mann von Stand! So ein Schauspiel ist unter Eurer W�rde!�</p><p>�Es ist jetzt drei oder vier Tage her, da� wir unser kleines Spektakel zum letzten Mal gezeigt haben. Unser Ruf hat sich bestimmt noch nicht bis hierher herumgesprochen. Es war an der Zeit, etwas zu tun. Der Winter ist vorbei, und die Vorr�te sind �berall fast aufgebraucht. Es ist eine Zeit, in der Bauern auf dumme Gedanken kommen k�nnen. Mit dem Gold, das man f�r unsere Waffen und Pferde bekommen kann, k�nnte man ein Dorf wie dieses hier ein ganzes Jahr lang durchf�ttern. Die Versuchung w�re gro�, uns einen Hinterhalt zu legen. Wir sind zwei Fremde, die niemand vermissen wird. Nach dem Auftritt vorhin wird sich die Geschichte um meine Schwertkunst wie ein Lauffeuer verbreiten, und mit jedem Bauern, der sie weitererz�hlt, wird sie noch ein wenig eindrucksvoller werden. Das hei�t, wir k�nnen in den n�chsten Tagen wieder sicher reisen. Jeder Strauchdieb wird einen weiten Bogen um uns machen.�</p><p>�Aber Ihr seid doch ein Ritter, Herr! Was k�nnten Euch ein paar schlechtbewaffnete Bauern schon antun?�</p><p>Volker lachte bitter. �Auch mich vermag ein Pfeil im Hals oder ein Speer, der mich hinterr�cks trifft, zu t�ten. Au�erdem macht es mir keine Freude, ein paar Hungerleider abzuschlachten, die dumm genug sind, um mich mit Kn�ppeln und Dolchen zu �berfallen. Ich habe meine Waffenkunst nicht erlernt, um mich mit solchem Pack zu messen.� Der Spielmann legte den Waffenrock �ber ein leeres Fa�. �Sieh zu, da� du den Rock s�uberst. Irgendwie habe ich mich w�hrend des Kampfes mit Schlamm besudelt.� Er zuckte mit den Schultern. �Ich habe mich diesmal wirklich in acht genommen.�</p><p>�Gewi߫, knurrte Golo leise.</p><p>Volker seufzte. Es war wirklich nicht leicht, die st�ndige schlechte Laune seines Reisegef�hrten zu ertragen. Golo sollte froh und dankbar sein! Er war der Sohn eines Leibeigenen. H�tte er ihn nicht als seinen Knecht auserw�hlt, w�re er ein Leben lang hinter einem Pflug hergelaufen. Er h�tte niemals fremde L�nder zu sehen bekommen und Abenteuer an der Seite eines Ritters erlebt. Es gab genug junge Burschen, die ihre rechte Hand opfern w�rden, um derart vom Schicksal beg�nstigt zu werden.</p><p>�Der Wirt sagt, da� der Waschplatz eine halbe Meile n�rdlich vom Dorf liegt. Dort verl�uft ein kleiner Flu�, in den ein flacher Felsen hineinragt. Angeblich gibt es dort Feenwesen, die gar nicht gut auf Menschen zu sprechen sind. Baron Rollo hat vorgestern eigenh�ndig eine Eiche in einem heiligen Hain gef�llt, um gegen den Aberglauben der Bauern und Fischer vorzugehen. Jetzt fl�stern sie, da� eine Fee namens Morrigan kommen wird, um ihn zu holen. Nach Dunkelheit wird sich keiner mehr vor die T�r wagen. Sieh also zu, da� du beizeiten zur�ck bist. Ich werde heute abend in der Schenke zur Laute singen. Daf�r sind das Zimmer und das Essen frei. Schlag dir den Bauch voll! Man hat ein Zicklein f�r uns geschlachtet.�</p><p>�Jawohl, Herr Ritter!� Golo verbeugte sich �bertrieben unterw�rfig.</p><p>��brigens, unser Quartier wirst du in der Nacht wohl f�r dich alleine haben. Es sieht so aus, als habe die Kleine, die mir die Augen verbunden hat, ein Herz f�r arme Spielleute, die sich mit griesgr�migen Dienern herumschlagen m�ssen. Solltest du also jemanden finden, der mit dir das Lager teilen will... Nur zu! Und jetzt zieh los. Um Lanzenbrecher k�mmere ich mich.�</p><p>Golo verlie� den Stall, ohne auch nur ein Wort zu verlieren. Volker blickte ihm eine Weile nach. Dummer Bauerntrampel! Wenn der Junge erst einmal einen Feind mit herausquellenden D�rmen vor seinen F��en verrecken gesehen h�tte, w�rde er vielleicht anders �ber ihr kleines Duell denken. Wem schadete dieser Betrug? Die Bauern hatten ein Schauspiel, und sie beide konnten sicher sein, ihre Reise ein St�ck weit unbehelligt fortzusetzen. Offenbar hatte Golo die sch�nen Lieder �ber Helden zu ernst genommen. Das Leben sah anders aus! Volker lachte leise. Er jedenfalls w�rde einen Abend mit einem Bauernm�dchen im Arm jederzeit einer Schlacht vorziehen.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>2. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Nach der Nacht im Dorf hatte es aufgeh�rt zu regnen. Endlich schien der endlose Winter vor�ber zu sein. Zum ersten Mal fielen Golo Blumen am Wegesrand auf. Er mu�te oft an die Geschichten �ber die Fee Morrigan denken, die er im Dorf geh�rt hatte. Angeblich war sie die Herrscherin der S�mpfe und regierte in einem verwunschenen K�nigreich, das jenseits der Nebel lag, die morgens �ber das brackige Wasser zogen. Seitdem er diese Geschichte kannte, sah er die Landschaft mit anderen Augen. Aufmerksam beobachtete er den Sumpf. Er wu�te genau, da� er mit keinem anderem Menschen als Volker durch diese Landschaft reiten w�rde.</p><p>Die Methoden des Spielmanns mochte er immer noch nicht guthei�en, doch mu�te er sich eingestehen, da� sie auf ihrer ganzen Reise noch keine Begegnung mit R�ubern hatten. Vielleicht w�rde er die Sache mit den fingierten Duellen auch eher akzeptieren k�nnen, wenn Volker nicht jedes Mal noch die Gelegenheit dazu nutzen w�rde, die Dorfsch�ne zu verf�hren. Wenn er an ihren Abschied vor anderthalb Tagen dachte, wurde ihm ganz schlecht. Rosanne hie� das M�dchen. Die Kleine hatte drei Meilen hinter dem Dorf an einem Wegkreuz auf sie gewartet. Neben ihr hatte ein kleines B�ndel gelegen. Sie schien tats�chlich geglaubt zu haben, Volker sei genauso unsterblich verliebt wie sie und w�rde sie auf seiner Reise mitnehmen, so wie es die Ritter in den Liedern der S�nger manchmal taten. Der Spielmann konnte ihr sehr wortgewandt erkl�ren, warum das unm�glich war. Sie hatte ihn mit gro�en Augen angesehen und zu jedem seiner herzlosen Argumente artig genickt. Ihr rannen dabei Tr�nen �ber die Wangen, doch das Schluchzen hatte sie mit zusammengekniffenen Lippen unterdr�cken k�nnen. Golo h�tte seinen Herren in dem Moment am liebsten geohrfeigt. Wie brachte Volker es nur fertig, so ergreifend von der Liebe zu singen und doch selbst so ohne Gef�hl zu sein?</p><p>Der Knecht ballte seine H�nde zu F�usten. Er w�rde seinen Kopf darauf verwetten, da� die Kleine noch Jungfrau gewesen war. Ob sein Herr sich �berhaupt im klaren war, was das f�r das M�dchen bedeutete? Sie w�rde keinen Mann mehr finden in ihrem Dorf. Wahrscheinlich hatte sie ihr B�ndel genommen und war die Stra�e entlanggezogen. Sie w�rde eine Dirne, eine Schankmaid oder Baderin werden...</p><p>�Siehst du den Rauch dort vorne?� Volker hatte sein Pferd gez�gelt und wies nach Westen. �Das ist doch die Richtung, in der das Gut des Barons liegt!�</p><p>�Das mag wohl sein�, brummte Golo einsilbig.</p><p>�Ich reite voraus. Vielleicht braucht man unsere Hilfe. Komm mit dem Packpferd so schnell wie m�glich nach.� Volker gab seinem Hengst die Sporen und galoppierte davon.</p><p>Der Knecht blickte zu der Rauchs�ule. Es mu�te sich um ein gro�es Feuer handeln! Als er noch ein Kind war, hatte er einmal von weitem eine brennende Scheune gesehen. Damals war es ihm so vorgekommen, als wollten die Flammen bis in den Himmel schlagen, doch dieses Feuer schien noch gr��er zu sein. Es war windstill, und die Rauchwolke erhob sich wie ein riesiger, grauschwarzer Turm �ber die Sumpflandschaft. Da� es ausgerechnet an dem Tag ihrer Ankunft in der N�he des Rittergutes brannte, w�rde man sicher als ein b�ses Omen betrachten. Und dort mu�ten sie den Sommer verbringen...</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Schon von weitem konnte Volker erkennen, da� das gro�e Rittergut nicht mehr zu retten war. Die Geb�ude standen in lichten Flammen, und noch bevor er den Landsitz erreichte, brach der hohe Bergfried mit Get�se in sich zusammen. In weitem Abstand um die brennenden Geb�ude standen Bauern und Knechte. Keiner von ihnen unternahm etwas, um die Flammen zu bek�mpfen. Volker fluchte. Wie konnten diese Trottel nur tatenlos zusehen, wie die kleine Burg abbrannte? Er gab dem Hengst die Sporen und jagte in halsbrecherischem Galopp den schmalen Kn�ppeldamm entlang, der durch den Sumpf f�hrte.</p><p>Der Herrensitz lag auf einem kleinen H�gel, der sich aus der Sumpflandschaft erhob. Bis dicht unter die Mauern der Burg reichten Felder, und die Gegend rings um den H�gel war mit zahlreichen Entw�sserungsgr�ben durchzogen. Die Grenze zum Sumpf markierte ein Dickicht aus m�chtigen, alten Weiden, deren d�rre �ste bis ins faulige Wasser hinabhingen.</p><p>Am Fu� des H�gels z�gelte Volker den Hengst, sprang aus dem Sattel und lief auf die Bauern zu. �Was im Namen des Herren ist hier geschehen? Warum steht ihr tatenlos herum, statt das Feuer zu l�schen?�</p><p>�Das Feuer ist zu gro߫, erkl�rte ein kleiner, untersetzter Mann. �Au�erdem wollen wir nicht so enden wie der Baron. Wir wissen, da� man das Nachtvolk nicht reizen darf. Der Normanne hat durch seine Taten Macha herbeigerufen. Siehst du die Pf�hle dort hinten bei den Weiden? Das geschieht allen, die die K�nigin im Federkleid beleidigen.� Der Mann wies auf einen Kreis aus Pf�hlen im Schatten einiger m�chtiger Weiden. Dort waren die K�pfe von Erschlagenen aufgespie�t worden.</p><p>�Willst du sagen, da� keiner von euch geholfen hat, den Baron zu verteidigen?�</p><p>Der kleine Mann lachte. �Du bist hier genauso fremd wie der Baron. Jeder, der bei den S�mpfen wohnt, wei�, da� es sinnlos ist, gegen das Nachtvolk zu k�mpfen. Genausogut k�nntest du versuchen, in der D�mmerung mit dem Schwert in der Hand den Nebel in die S�mpfe zur�ckzutreiben. Man kann sie nicht mit Waffen besiegen. Sieh dich um! Rollos normannische Waffenknechte haben gek�mpft letzte Nacht. Siehst du auch nur einen toten Feenritter? Wir sind in unseren H�tten geblieben und haben T�ren und Fenster verriegelt. Letzte Nacht, kurz nach der D�mmerung, hat es angefangen. Im Nebel erklang der L�rm ihrer H�rner. Es war ein Get�se, als wolle ein Schwarm w�tender Drachen �ber uns herfallen. Dann kam das Feenvolk aus dem Sumpf. Erst waren Schreie und Waffenl�rm zu h�ren, doch bald schon erklangen nur noch Schreie.�</p><p>�Wer von euch ist hier der Anf�hrer?�</p><p>Der Mann fuhr sich �ber sein stoppeliges Kinn. �Es gibt jetzt keinen Baron und keinen Vogt mehr. Wenn wir Rat suchen, fragen wir den alten Jean. Er steht dort dr�ben, bei den Pf�hlen. Der Mann mit dem kurzgeschorenen wei�en Haar.�</p><p>Volker stieg den flachen H�gel hinab. Die Bauern senkten den Blick, als er an ihnen vor�berging. Er konnte nicht begreifen, was sie so sehr in Schrecken versetzte. Feenritter, so ein Unsinn!</p><p>Der Alte kniete neben den Pf�hlen, und es schien, als bete er. Erst als er bis auf zwei Schritt an den Bauern heran war, konnte Volker die Worte des Bauern verstehen. �... Herrin auf den schwarzen Schwingen. Vergib uns unsere Schuld und sei gn�dig zu denen, die deine Kinder mit sich genommen haben. Es war nicht unsere Schuld. Der Baron war ein Fremder, der taub war f�r die Gesetze unseres Landes... Wir hatten ihn gewarnt, nachtschwarze Herrin des Todes.�</p><p>Volker betrachtete die K�pfe der Toten auf den blutverkrusteten Pf�hlen. Es waren nur M�nner. Manche der Gesichter waren zu gr��lichen Grimassen verzogen, so als h�tten sie tats�chlich im Augenblick ihres Todes etwas gesehen, das ihre Herzen zu Eis erstarren lie�.</p><p>Der Alte hatte inzwischen sein Gebet beendet. Auf seinen krummen Stab gest�tzt richtete er sich auf und blickte Volker mit tr�ben grauen Augen an. Er reichte dem Spielmann nur bis zur Brust. Der Bauer trug einen einfachen Kittel aus grobem, hellbraunen Stoff. Sein Gesicht war verwittert wie ein alter Fels, und die Jahre hatten tiefe Furchen in sein Antlitz geschnitten. �Hat K�nig Eurich Euch geschickt, Herr? Ist die Kunde von der letzten Nacht schon bis zu ihm gedrungen?�</p><p>�Ich kam, um Gunbrid, der Nichte des Burgundenk�nigs, meine Aufwartung zu machen. Was ist hier geschehen, Jean? Warum mu�te Rollo sterben?�</p><p>Der Greis sch�ttelte den Kopf. �Der junge Herr wollte nicht auf mich h�ren. Ich hatte ihn gewarnt. Er hat uns gezwungen, D�mme zu bauen und Kan�le auszuheben. Er wollte sein Land vergr��ern und hat dabei an den Besitz der Feenk�nigin ger�hrt. Der Sumpf ist ihr Land. Und vor drei Tagen dann ist er zum heiligen Hain geritten. Das ist ein kleiner Wald, in dem die Menschen, die am Rande des Sumpfes leben, schon seit uralten Zeiten den �lteren G�ttern opfern. Wir tun dies, um Frieden mit den Feen zu wahren. Rollo hat es uns verboten, und um sein Verbot noch zu unterstreichen, hat er eine der Eichen im Hain gef�llt. Ich selbst habe neben ihm gestanden und ihn angefleht, den Baum zu schonen, doch er war wie von Sinnen. Er hatte eine Reise nach Martinopolis gemacht. Dort haben ihm die M�nche viele Geschichten �ber ihre Heiligen und deren Wunder erz�hlt. Seitdem war der junge Herr besessen von der Idee, den alten Glauben auszurotten. Ihr m��t nicht glauben, da� wir hier keine guten Christenmenschen w�ren, Fremder, doch wir wissen auch, da� uns die Feen und die alten G�tter hier am Rand der S�mpfe n�her sind als der Gottessohn, der im fernen Jerusalem gestorben ist.�</p><p>�Und was ist mit dem Gesinde und den Dienern aus der Burg geschehen?�</p><p>Der Alte schluckte. �Sie haben sie mit sich in die S�mpfe genommen... Macha hat nur die Normannen t�ten lassen. Seht Euch die K�pfe an, Herr. Es ist keiner der Einheimischen dabei. Nur die Fremden. Unsere Leute haben sie als Sklaven genommen. Sie werden am Hof der Feenk�nigin dienen.� Er wischte sich mit dem �rmel seines Kittels die Nase. �Meine Enkeltochter geh�rt auch zu den Gefangenen. Aber sicher wird es ihr dort dr�ben in der anderen Welt gut ergehen. Die Feen haben sie gemocht. Wi�t Ihr, Herr, sie wurde mit einer Gl�ckshaut auf dem Kopf geboren. Das geschieht nur sehr selten. Solche Kinder werden oft von den Feen geholt. Aber es geht ihnen gut...� Jean blickte auf den Sumpf hinaus.</p><p>�Und ihr tut nichts? Was hindert dich daran, in den Sumpf zu gehen und sie zur�ckzuholen?�</p><p>�Der Sumpf gibt nichts mehr zur�ck, was er sich einmal genommen hat�, entgegnete der Alte. Seine Stimme klang hohl und tonlos. �Ihr seid nicht von hier, Herr. Ihr k�nnt das nicht verstehen. Wie ist Euer Name?�</p><p>�Man nennt mich Volker von Alzey. Ich geh�re zu den Edlen des Hofes von Burgund, und ich bin gekommen, um die Nichte meines K�nigs zu sehen. Nichts wird mich davon abhalten! Morgen gehe ich in die S�mpfe und hole sie zur�ck. So wie es scheint, geh�rt sie ja nicht zu den Toten, obwohl sie nicht hier geboren wurde.�</p><p>Jean nickte. �Die junge Herrin war eine gute Frau. Nicht so ungest�m wie Rollo. Sie wollte ihn davon abhalten, den Hain zu sch�nden. Die Baronin hatte begriffen, was es hie�, die Feen zu reizen. Sie war auch gut zu den Bauern und Fischern. Ihr werdet hier keinen finden, der schlecht von ihr spricht. Meine Enkeltochter hatte die Ehre, ihr als Kammerfrau zu dienen. Doch ich sage Euch, Herr Volker, wenn Ihr in die S�mpfe geht, dann seid Ihr des Todes.�</p><p>Der Spielmann lachte. �Man hat mir schon oft mit dem Tod gedroht, mein Freund, doch wie du siehst, hat sich bislang noch keiner gefunden, der in der Lage war, seinen Worten auch Taten folgen zu lassen. Ich f�rchte mich vor keinem Gespenst oder was immer deine Macha auch sein mag. Und nun hilf mir, die K�pfe herunterzunehmen. Es ziemt sich nicht f�r Christenmenschen, eine solche Barbarei zu dulden. Wir wollen die K�rper der M�nner suchen und ihnen ein anst�ndiges Begr�bnis geben.� Mit einem Ruck zog Volker den Kopf des Barons von dem Pfahl, vor dem er stand. Im selben Augenblick erhob sich ein gro�er Rabe aus dem Ge�st der Trauerweide. Mit schrillem Kr�chzen flog er zum Sumpf hinaus.</p><p>�Beim Blute Marias, was habt Ihr getan, Herr?� Jean hob abwehrend die H�nde. �Der Rabe wird Macha von Eurer Tat k�nden! Ihr seid verloren! H�ngt den Kopf zur�ck. Vielleicht werden die Feen Euch dann einen schnellen Tod schenken?�</p><p>�Dein Gewinsel widert mich an, Alter. Mach, da� du mir aus den Augen kommst, oder ich werde dir einen schnellen Tod schenken. Ich verachte dich und die Deinen! Ihr habt euren Herren verraten und die Baronin Gunbrid, die du selbst eben noch gro�herzig genannt hast. Ich werde tun, was meine Pflicht ist, Alter, und versuche nicht, mich daran zu hindern.� Volker legte die Linke auf den Knauf des Schwertes an seiner Seite. �Ich kann nicht nur bei Nacht und Nebel unangenehm werden.�</p><p>Jean spuckte vor ihm aus. �Jetzt nehmt Ihr den Mund noch voll, Herr, doch wartet nur bis zum n�chsten Morgengrauen. Dann wird Euer Kopf auf einem der Spie�e stecken, und ich bin es, der Euch dann verh�hnt.� Schwer auf seinen Stab gest�tzt, humpelte der Bauer davon.</p><p>W�tend blickte Volker ihm nach. Wie konnte man nur so dumm und verbohrt sein! Feen! Der Spielmann schnaubte ver�chtlich. Er wu�te nur zu gut, wie solche Geschichten zustande kamen. Ein M�dchen ertrank in einem Waldsee, und man erfand eine Geschichte dazu. Irgendein b�ser Wassergeist, der am Grunde des dunklen Pfuhls hauste. Sein Blick wanderte �ber die weite Sumpflandschaft. Wer hier seinen Weg verlor, war des Todes. Sicher war schon mancher Reisende in den Schlamml�chern verschwunden, und bestimmt erwischte es auch hin und wieder einen der Bauern und Fischer. Kein Wunder, da� es Geschichten um Feen und b�se Geister gab! Wahrscheinlich sa� dort drau�en in Wahrheit eine R�uberbande, die sich den Aberglauben dieser T�lpel zunutze machte. Und die Frauen und Kinder hatte man nicht aus Barmherzigkeit verschont, sondern um sie als Sklaven an die Mauren zu verkaufen. Aber er w�rde mit diesem Schwindel aufr�umen! Volker zog sein Schwert und kniete nieder. Mit der Stirn ber�hrte er das Heft seiner Waffe. �Ich schw�re bei meinem Herren, Christus, da� ich dich retten werde, Gunbrid, wo immer du jetzt auch sein magst!�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Golo warf eine letzte Schaufel voll Erde in das Loch und schlug dann ein Kreuzzeichen. Endlich waren diese gr��lichen K�pfe verschwunden! Sie hatten bei einem der Bauern Hacke und Spaten geholt, eine Grube ausgehoben und die Sch�del bestattet.</p><p>Der Knecht blickte �ngstlich zum Sumpf, wo hinter den schwarzen Weiden die Sonne versank. Die Bauern hatten ihm zugefl�stert, was geschehen war. Ein Rachezug der Feen... Er legte den Kopf schief und blickte zu seinem Herren. Und Volker hatte nat�rlich nichts Besseres zu tun gehabt, als sich mitten in den �rger zu st�rzen. Warum nur hatte ihn Gott mit einem solchen Herren gestraft? Die ganze Reise �ber war der Spielmann jedem Kampf aus dem Weg gegangen, und jetzt das! Selbst wenn er recht haben sollte und es tats�chlich nur eine Bande von R�ubern gewesen war, die den Landsitz gepl�ndert hatte, war sein Plan, sie zu verfolgen, der schiere Wahnsinn. Diese Halsabschneider hatten siebzehn normannische Waffenknechte und ihren Herren get�tet. Was sollten sie zu zweit gegen eine solche Bande ausrichten? Es war v�llig verr�ckt...</p><p>Auf der Weide hinter dem Pfahlkreis hatten sich einige Raben niedergelassen. Es schien, als beobachteten die V�gel sie. Golo lief ein kalter Schauer �ber den R�cken. Die Bauern behaupteten, die schwarzen V�gel seien die Boten der Todesg�ttin Macha.</p><p>Volker schien ganz in ein stummes Gebet versunken. Er hatte den Kopf geneigt und starrte auf das halb zugesch�ttete Loch zu seinen F��en.</p><p>�Wollen wir nicht gehen, Herr? Ich glaube, die m�gen uns hier nicht besonders. Noch ist es Zeit zu verschwinden.�</p><p>�Von diesem Bauernpack wird uns keiner ein Leid zuf�gen. Sobald es dunkel ist, werden sie sich in ihren armseligen H�tten verkriechen. Und was die R�uber aus den S�mpfen angeht... Sie werden gewi� nicht wiederkehren. Hier gibt es nichts Lohnendes mehr f�r sie zu holen.�</p><p>�Und wenn es doch Feen waren...�</p><p>�F�ngst du jetzt auch schon an?� zischte der Ritter w�tend. �Wenn es dich beruhigt, werde ich die Nacht �ber wachen, du Hasenherz!�</p><p>Das haben die Waffenknechte dem toten Baron gewi� auch versprochen, dachte Golo. Die Sonne war untergegangen. Die Wolken im Westen glommen im letzten Abendrot. Sie waren von dunklem Rot... Fast wie frisch vergossenes Blut. Von Osten her zogen d�nne Nebelschleier �ber das Moor.</p><p>Irgendwo hinter den Wolken mu�te das Meer liegen. Er hatte noch nie einen Ozean gesehen... So wie die Dinge standen, w�rde es wohl auch nicht mehr dazu kommen.</p><p>Sicher lauerten die Feen schon im Nebel und warteten nur noch darauf, da� es v�llig finster wurde!</p><p>Vom Sumpf her erklang der klagende Schrei einer Eule. Das war kein gutes Omen!</p><p>�Wir werden in den Ruinen der Burg unser Lager aufschlagen. Dort sind wir ein wenig gesch�tzt, falls das Wetter umschl�gt.�</p><p>Die Feuer dort waren mittlerweile fast verloschen. Nur in den Tr�mmern von Palas und Burgfried schwelten noch einige der eingebrochenen Deckenbalken. Mi�mutig blickte Golo den H�gel hinauf. Das war gewi� ein verfluchter Ort! So viele M�nner waren dort gestorben. Wahrscheinlich w�rden ihre Geister sie heimsuchen. Die Hand des Knechts glitt zu dem Schwert an seiner Seite. Er w�rde sein Leben teuer verkaufen! Und falls Volker doch einschlafen sollte, k�nnte er sich vielleicht davonschleichen. Sein Herr konnte nicht von ihm verlangen, da� er ihn auf diese vollkommen aussichtslose Suche in die S�mpfe begleitete. Dort w�rden sie nichts als den Tod finden...</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>3. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Um Morgen war Jean zu ihrem Lager heraufgestiegen. Der alte Bauer hatte ihnen ein pr�chtiges Fr�hst�ck gebracht. Frisch gebackenes Brot, drei H�hnereier, einen gebratenen Fisch und etwas Pflaumenmus vom Vorjahr. Der Dorf�lteste wollte ihnen sogar zehn Silberst�cke anbieten, wenn sie nur wieder die Ruinen verlie�en und sich auf die Reise zur�ck nach Worms begaben. Er war der festen �berzeugung, da� sie der kleinen Siedlung Ungl�ck bringen w�rden, wenn sie noch l�nger verweilten. Volker hatte das Silber in der Rechten abgewogen... Er war sich sicher, da� dies nicht die gesamten Ersparnisse des Dorfes waren. So arm sahen die Leute nicht aus. Er hatte den kleinen Lederbeutel genommen, zus�tzlich noch Proviant f�r drei Reisetage verlangt, und so waren sie sich handelseinig geworden.</p><p>L�nger an diesem Ort zu verweilen machte ohnehin keinen Sinn. Mit jeder Stunde, die sie noch blieben, vergr��erte sich nur der Abstand zu den R�ubern. Vermutlich waren die Pl�nderer auf dem Weg zur K�ste, um dort die Gefangenen an einen maurischen Sklavenh�ndler zu verkaufen.</p><p>Volker hatte Jean nach dem k�rzesten Weg zur K�ste gefragt, und der Bauer gab ihm eine sehr ausf�hrliche Beschreibung. Der Spielmann fluchte leise. Wie hatte er diesem durchtriebenen Alten nur glauben k�nnen? Der Tag war grau und nebelig gewesen. Schon um die dritte Stunde hatte es begonnen zu regnen. Das Wasser rings um sie herum begann zu steigen. Den ganzen Morgen �ber hatte Golo auf seine griesgr�mige Art geschwiegen. Der Knecht war dagegen gewesen, in den Sumpf zu reiten. Er hatte der tr�gerischen Sicherheit des Kn�ppeldamms nicht getraut.</p><p>Volker hob den Arm und gab Golo ein Zeichen anzuhalten, dann sprang er vom Pferd und sp�hte �ber das dunkle Wasser. Kurz vor ihnen senkte sich der Damm ein wenig und verschwand dann in den dunklen Fluten. Hier weiterzureiten w�re Selbstmord. Volker ballte w�tend die F�uste. Er war sich immer sicher gewesen, in einer Schlacht sein Ende zu finden... Einen Heldentod an der Seite seines K�nigs oder wenigstens umgeben von treuen Waffenbr�dern. Aber von einem Sumpfloch verschluckt zu werden... Nein, das konnte nicht das Ende sein! �Wir m�ssen zur�ck. Der Weg ist hier �berflutet. Es geht nicht weiter.�</p><p>�Hinter uns ist es auch nicht besser. Wir sitzen hier fest. Am besten ist wahrscheinlich, wenn wir uns nicht von der Stelle bewegen.�</p><p>�Du meinst, wir sollen hier im Regen stehen und zusehen, wie das Wasser langsam steigt?�</p><p>�Habt Ihr einen besseren Vorschlag, Herr? Ich f�rchte, das wird nur eine kurze Suche.� Golos Wallach schnaubte unruhig. �Hat Euch dieser Bauer nicht eine Flasche Branntwein mitgegeben? Vielleicht sollten wir das gute Tr�pfchen vernichten. Ich meine, es macht doch keinen Sinn, wenn wir mit einer Feldflasche voller Schnaps versinken...�</p><p>�Wenn dir das Sterben betrunken leichter f�llt...� Volker l�ste die strohumwickelte Tonflasche von seinem Sattelgurt und warf sie dem Knecht zu. Er konnte nicht begreifen, wie man in dieser Lage daran denken konnte, sich zu betrinken. Es mu�te einen Ausweg geben! Der Spielmann schirmte die Augen mit der Hand gegen den Regen ab und sp�hte �ber die grauschwarze Wasserfl�che. Doch es gab nichts au�er ein paar Schilfinseln und einigen flachen Erhebungen, auf denen Weiden und niedrige B�sche wuchsen.</p><p>Das Wasser reichte ihm jetzt halb zur Wade hinauf. Seine F��e f�hlten sich an wie zwei Eisklumpen. Vielleicht sollte er das n�chste Mal auf Golo h�ren... Der Knecht lehnte an seinem Pferd und trank mit gierigen Schlucken aus der Flasche. Als er bemerkte, da� Volker ihn anstarrte, setzte er die Flasche ab. �Auch �nen Schluck? Schmeckt teuflisch gut, Herr. Bei allem, was recht ist, Schnaps brennen k�nnen die Fischk�pfe aus dem Dorf.�</p><p>Der Spielmann nickte und nahm dankbar die Flasche in Empfang. Wie fl�ssiges Feuer rann der klare Branntwein die Kehle hinab, und eine wohlige W�rme begann sich in seinem Bauch auszubreiten. Er nahm noch einen zweiten Schluck, verschlo� die Flasche und h�ngte sie wieder an seinen Sattel.</p><p>�Ich k�nnte noch was vertragen�, maulte Golo.</p><p>�Wir werden jetzt weitergehen. Schnall meine Lanze von dem Packpferd. Ich werde sie nutzen, um nach festem Grund zu tasten. Halt dich ein paar Schritt hinter mir. Falls mir was passieren sollte, bleibst du am besten einfach stehen und betest, da� der Regen aufh�rt.�</p><p>�Worauf Ihr Euch verlassen k�nnt, Herr. Aber sagt, warum bleiben wir nicht gleich hier stehen?�</p><p>�Wie f�hlen sich deine F��e an?�</p><p>�Eiskalt und na�. Warum fragt Ihr?�</p><p>Volker l�chelte freudlos. �Wir werden hier nicht ertrinken, so hoch wird das Wasser nicht steigen, doch wenn wir still stehen bleiben, wird uns die K�lte umbringen. Verstehst du... Wir werden nicht erfrieren, doch unsere Kr�fte zehren mehr und mehr aus. Wir werden Kr�mpfe in den Beinen bekommen. Der Kampf kann sich �ber ein bis zwei Tage hinziehen. Irgendwann brichst du ersch�pft zusammen. Dann erst wirst du ertrinken. Noch habe ich die Freiheit, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ich werde mich mit Hilfe der Lanze vorw�rtstasten. Vielleicht haben wir Gl�ck und schaffen es bis zu einer der flachen Inseln. Wenn wir dort ein Feuer entfachen k�nnen, sind wir gerettet. Gib mir jetzt die Lanze!�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Golo konnte sich nicht erinnern, da� ihm jemals zuvor in seinem Leben so kalt gewesen war. Seine H�nde waren ganz steif, und klappernd schlugen seine Z�hne aufeinander. Noch immer tastete Volker sich mit der Lanze vorw�rts. Bislang war es ihnen ganz gut gegl�ckt, auf dem Weg zu bleiben. Ein bi�chen bewunderte Golo sogar den Mut und die Ausdauer des Spielmanns. Nicht einmal hatte er �ber die K�lte geklagt!</p><p>Aber jetzt wurde es dunkel, und ein eisiger Wind wehte von Westen her �ber die Sumpflandschaft. Mit jedem Herzschlag schien es k�lter zu werden. Es war sinnlos, sich noch etwas vorzumachen. Es gab keinen Ausweg. Sie w�rden den Sonnenaufgang nicht mehr erleben!</p><p>�He, bleib nicht zur�ck!� Volker hatte sich umgedreht und winkte ihm, mit den Pferden zu folgen. �Du darfst nicht lange an einer Stelle stehenbleiben und dich deinen Gedanken hingeben. Das ist nicht gut! Die K�lte wird dich dann schneller besiegen.�</p><p>�Ist es nicht egal, ob ich jetzt oder in ein paar Stunden sterbe?�</p><p>�Sag so etwas nicht. Dort hinten habe ich eine Insel gesehen, die etwas gr��er ist. Dort ist ein Licht. Wenn wir es bis dahin schaffen, sind wir gerettet. Dort mu� ein Feuer sein!�</p><p>Golo kniff die Augen zusammen und sp�hte in die Finsternis. �Ich kann nichts sehen! Ihr macht mir etwas vor!�</p><p>�Bei meiner Ehre als Ritter, ich l�ge nicht! Es war eine T�r, die f�r einen Moment lang ge�ffnet wurde. Deshalb sehen wir es jetzt nicht mehr.�</p><p>Der Knecht dachte an die Geschichten, die er �ber die Feen geh�rt hatte. Angeblich lebten sie nicht in dieser Welt. Man mu�te geheimnisvolle Pforten passieren, um in ihre K�nigreiche zu gelangen. Ob es eines dieser Tore war, das Volker gesehen hatte? Golo rieb sich die Arme. Gleichg�ltig, wohin dieses Tor auch f�hren mochte. Es war dort sicher angenehmer als hier drau�en im Schlamm. Angeblich feierten die Feen jede Nacht Feste, und ihre Tafeln bogen sich unter der F�lle erlesenster Speisen. Bestimmt f�hrte die Pforte sie in einen Feenpalast! Welcher Mensch w�re schon so verr�ckt, hier mitten im Sumpf zu leben?</p><p>Volker blieb pl�tzlich stehen. Er stocherte mit der Lanze im Wasser herum und sch�ttelte schlie�lich den Kopf. �Wenn wir weiter dem Kn�ppeldamm folgen, entfernen wir uns von der Stelle, an der ich das Licht gesehen habe. Abseits des Dammes werden wir aber keinen festen Boden mehr unter den F��en haben. Was sollen wir tun?�</p><p>Golo fuhr sich �ber sein stoppeliges Kinn. �Wenn wir auf die Insel zugehen, haben wir wenigstens ein Ziel. Dieser Damm scheint mir ins Nichts zu f�hren. Versuchen wir das St�ck durch den Sumpf zu kommen!�</p><p>�Und was ist, wenn wir in der Finsternis die Richtung verlieren?�</p><p>�Ihr denkt zuviel, Herr. So viele M�glichkeiten haben wir letzten Endes nicht. Entweder bleiben wir auf dem Damm und frieren uns die Seele aus dem Leib, oder wir wagen uns �ber das unsichere Wegst�ck. Wir werden entweder versinken oder aber in einer Stunde vor einem warmen Feuer sitzen. Vielleicht solltet Ihr ein Signal mit Eurem Horn geben. Egal, wer dort hinten auch haust, wenn er ein Herz im Leib hat, wird er uns ein Zeichen geben, damit wir die Richtung halten k�nnen.�</p><p>�Wie du meinst!� Der Spielmann schnallte das Horn von seinem Sattel und setzte es an die Lippen. Dreimal stie� er hinein, dann machte er eine kurze Pause und wiederholte das Signal. Hinter ihnen platschte etwas ins Wasser und entfernte sich rasch. Golo schluckte.</p><p>�Sicher nur eine Ratte oder ein Biber.�</p><p>Der Knecht nickte. �Bestimmt habt Ihr recht, Herr.� Vielleicht war es doch nicht so klug gewesen, solchen L�rm zu machen. Golo dachte an die Worte des alten Bauern. Indem sie die K�pfe der Normannen bestatteten, hatten sie angeblich den Zorn der Feenk�nigin erweckt. Vielleicht streiften ihre Ritter oder irgendwelche unheimlichen Gesch�pfe, die in ihren Diensten standen, durch den Sumpf und waren jetzt auf sie aufmerksam geworden. W�ren sie nur niemals in dieses verfluchte Land gekommen! Im Geiste malte sich Golo schon aus, wie auch sein Kopf auf einem Pfahl steckte. Ihn w�rde bestimmt niemand erretten. Die Raben w�rden kommen und ihm das Fleisch vom Sch�del picken.</p><p>�Wir sind sicher noch zu weit weg�, murmelte der Spielmann halblaut. �Wir m�ssen n�her an die Insel kommen. Dann versuche ich es noch einmal.� Erneut stocherte er mit der Lanze im dunklen Wasser herum, dann verlie� er den Weg.</p><p>Golo z�gerte. Leise betete er zur Jungfrau Maria und folgte dem Ritter.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker wu�te mittlerweile nicht mehr, in welche Richtung sie gingen. Ein Dutzend Mal oder noch �fter hatten sie Umwege machen m�ssen, um Schlamml�chern auszuweichen. Eine Orientierung war unm�glich. Der Himmel war von dunklen Wolken verhangen, und nicht einmal der Mond war noch zu sehen. Sie bewegten sich durch absolute Finsternis! Der Spielmann war sich inzwischen sicher, da� sie innerhalb der n�chsten Stunden den Tod finden w�rden. Es gab kein Entkommen aus dieser Falle, in die sie Jean geschickt hatte. Er h�tte den Bauern besser behandeln sollen!</p><p>Fast wie H�nde griff der weiche Schlamm nach Volkers F��en. Er stand knietief im Wasser, und mit jedem Schritt fiel es ihm schwerer, sich der kalten Umklammerung des Moors zu erwehren.</p><p>Noch einmal setzte er das Horn an die Lippen und blies sein Signal, doch glaubte er nicht mehr daran, da� sie gerettet w�rden. Vielleicht hatte er sich das Licht auf der Insel auch nur eingebildet, oder sie gingen l�ngst in eine falsche Richtung und entfernten sich mit jedem Schritt weiter von sicherem Grund.</p><p>Hinter ihm ert�nte ein Schrei. Erschrocken fuhr er herum. Golo steckte bis weit �ber die H�ften im Schlamm. Mit rudernden Bewegungen versuchte er sich zu befreien. Volker schien es, als w�rde der Knecht mit jedem Atemzug ein St�ck weiter versinken.</p><p>�Halt dich fest.� Er reichte ihm das stumpfe Ende der Lanze. �Ich zieh� dich heraus. Keine Sorge!�</p><p>Ein breiter Streifen goldenen Lichts fiel auf das Wasser. �Geh zwei Schritt zur Seite, Ritter. Auch du stehst nicht auf sicherem Grund. Und sag deinem Freund, er soll sich ganz still verhalten, sonst wird er nur um so schneller versinken.� Volker blickte �ber seine Schulter. Keine zehn Schritt hinter ihm stand eine hochgewachsene, schlanke Frau vor einer T�r aus verwittertem, grauen Stein.</p><p>Der Ritter tat wie ihm gehei�en, und tats�chlich war der Boden, auf dem er nun stand, so fest wie gewachsener Fels. �Hast du geh�rt, Golo? Zapple nicht wie ein Fisch auf dem Trockenen!�</p><p>�Ihr habt gut reden!� fluchte der Knecht. �Ich m�chte Euch einmal sehen, wenn Ihr das Gef�hl habt, tausend kleine Teufel ziehen an Euren F��en.�</p><p>�Nur mit der Ruhe, gleich bist du da heraus.� Der Ritter zog nach Leibeskr�ften an der Lanze, doch schien sich Golo keinen Zoll bewegt zu haben. Die steifgefrorenen Finger des Knechtes fanden keinen richtigen Halt am glatten Schaft der Lanze.</p><p>�Ich werde ein Seil holen�, rief die Frau auf der Insel und verschwand in der Finsternis.</p><p>�Bei allen Heiligen, ich schw�re, da� ich nie wieder fluchen oder einen Schluck Branntwein anr�hren werde. Ich will auch nicht mehr l�gen und...�</p><p>�H�r endlich auf, so herumzustrampeln, du Trottel!� fluchte Volker. �Dann werden die Heiligen dich vielleicht auch erh�ren!�</p><p>�Das Seil, Herr Ritter.� Wie ein Geist stand die Frau vom Ufer pl�tzlich hinter Volker. Einen Atemzug lang starrte er sie wie gebannt an. Sie war nicht sehr gro� und ungew�hnlich bla�. Langes braunes Haar fiel ihr in Locken bis zu den Schultern hinab. �Macht es am Sattel Eures Hengstes fest. Nur er wird die Kraft haben, Euren Diener aus dem Sumpf zu holen.�</p><p>Der Krieger nickte stumm. Er kn�pfte eine Schlinge in das Seil und warf es Golo zu. �Schling dir das um den Leib! Dann kannst du weiterbeten.�</p><p>Der Spielmann ging zu seinem Schlachtro� und strich dem Tier beruhigend �ber die N�stern. �Nur ein kleines St�ck noch, Lanzenbrecher, dann sind wir wieder auf festem Boden, und ich werde dich trockenreiben. Leg dich ins Zeug, mein Starker. Ich wei�, da� du es schaffen wirst.� Volker schlang das Seil um das Sattelhorn und nahm die Z�gel des Pferdes. �Komm jetzt!�</p><p>Die Muskeln des gro�en Hengstes spannten sich. Leise knirschte das Sattelzeug. Wasser perlte vom gestrafften Seil. Der Knecht st�hnte. �Das Seil dr�ckt mir die Luft ab.�</p><p>�Komm schon, Lanzenbrecher!� Volker griff jetzt auch nach dem Seil und zog nach Leibeskr�ften.</p><p>Golo stie� einen schrillen Schrei aus. �Etwas hat nach meinem Fu� gegriffen! Eine Klauenhand! Heilige Jungfrau Maria, hilf. Die Teufel sind gekommen, um mich in das Reich Luzifers zu zerren.�</p><p>�Vorw�rts, Lanzenbrecher!� Volker gab dem Hengst einen Klaps auf die Hinterhand. Wiehernd b�umte er sich auf. Seine Hufe lie�en das faulige Wasser aufspritzen. Es gab einen Ruck im Seil, und Golo war frei.</p><p>�Die Hand! Sieh nur her! Er hat die Hand abgerissen!� schrie der Knecht hysterisch und deutete auf seinen rechten Fu�. Etwas Dunkles, Armlanges hing daran.</p><p>Volker schlug ein Kreuz und kniete nieder. Dann lachte er laut auf. �Deine Hand ist nichts weiter als eine vermoderte Astgabel, an der du h�ngengeblieben bist.�</p><p>Golo starrte ungl�ubig auf das schwarze Holz. �Das kann nicht sein. Ich habe genau gef�hlt, wie es zugegriffen hat. Das ist Zauberwerk der Feen! Ich bin mir sicher, da� es eine Hand war. Es hat sich in dem Augenblick verwandelt, in dem Ihr danach gegriffen habt, Herr.�</p><p>Volker lachte. �Hol dein Pferd und das Packtier. Wir sind gerettet.� Der Spielmann erhob sich und strich sich etwas verlegen �ber seine schmutzige Hose. In bester h�fischer Manier verbeugte er sich vor seiner Retterin. Sie trug ein schlichtes, graues Leinenkleid, das am Saum mit zwei gr�nen Flicken ausgebessert war. �Meine Dame, ich wei� nicht, wie ich Euch danken kann. Ohne Eure Hilfe w�ren mein Knecht und ich sicherlich im Sumpf zugrunde gegangen. Ich schulde Euch mein Leben.�</p><p>Die Frau nickte. �Was Eure Schuld angeht, Herr Ritter, so w��te ich sehr wohl, wie Ihr sie abtragen k�nntet. �berla�t mir das Packpferd.�</p><p>Der Spielmann schluckte. Mit derart unbescheidener Gier h�tte er nicht gerechnet. Er musterte die Frau. Ihr Gesicht war schmal, die Lippen zusammengepre�t. Sie hielt seinem Blick stand. Ihre gro�en, graugr�nen Augen wirkten freundlich. Ihre ganze Erscheinung stand in krassem Gegensatz zu dieser ma�losen Forderung. Volker hatte gehofft, seine Schuld mit ein wenig charmanter Plauderei und ein paar Liedern vorm Kaminfeuer begleichen zu k�nnen.</p><p>�Wir haben den Geistern der S�mpfe ein Leben gestohlen�, erkl�rte sie leise. �Wir m�ssen ihnen daf�r ein anderes zur�ckgeben, oder sie werden beim n�chsten Mal die Schuld doppelt und dreifach eintreiben.�</p><p>�Was sagt Euer Pfaffe zu solch G�tzendienst?�</p><p>�Ich beuge mein Haupt nicht vor den Priestern des Zimmermannssohns. �ber ihn gibt es nur Worte. Die alten G�tter aber kann ich sp�ren. Sie sind um mich herum, in den B�umen und im Wind. Einmal bin ich im Sumpf sogar der Morrigan begegnet. Diese G�tter sind mehr als nur Geschw�tz. Genauso wie die Geister des Sumpfes.�</p><p>�Wohlan denn, meine Dame. Ich bin Ritter, und ich stehe zu meinem Wort. Ihr m�gt das Packpferd haben. Wieviel haben wir zu zahlen, wenn Ihr uns f�r eine Nacht Unterschlupf gew�hrt? Wir m�ssen unsere Kleider trocknen und...�</p><p>�Ihr habt nichts begriffen! Ich will das Pferd nicht f�r mich. Der Sumpf fordert es! Die Gesetze der Gastfreundschaft verbieten mir, f�r ein Nachtquartier eine Belohnung zu verlangen, und Euer Angebot beleidigt mich, Edelmann!�</p><p>�K�nnten wir dar�ber vielleicht vor dem Feuer in Eurer H�tte weiterreden�, mischte sich Golo ein und rieb sich zitternd die Arme. �Ich bin na� wie ein Fisch und obendrein halb verhungert.�</p><p>Die junge Frau deutete zur T�r. �Entschuldigt, es war unh�flich, Euch nicht hereinzubitten.�</p><p>�Ich werde erst die Pferde absatteln und trockenreiben. Dann m�gt Ihr den Lohn f�r Eure freundliche Hilfe erhalten�, entgegnete Volker k�hl.</p><p>�Habt Dank, Herr Ritter, aber es ist Eure Aufgabe, das Pferd in den Sumpf zu treiben. Nicht ich bin in Gefahr, sondern Ihr. Behaltet das Tier und fordert Euer Schicksal heraus. Mir ist gleich, was Ihr tut.� Ihre Retterin drehte sich um und verschwand durch die niedrige T�r.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>4. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Mit gro�en Augen musterte Golo das Innere der kleinen H�tte. Schr�g gegen�ber der T�r gab es einen m�chtigen, gemauerten Kamin, in dem eiserne Haken f�r T�pfe und einen Bratspie� hingen. Die W�nde waren mit Regalen bedeckt, in denen Hunderte kleiner Tongef��e und Tiegelchen standen. Es roch wie in einem Kr�utergarten. Von der ru�geschw�rzten Decke hingen dichte B�ndel von Kr�utern.</p><p>Ein grauer Hund, der ein wenig wie ein Wolf aussah, be�ugte den Knecht mi�trauisch und knurrte leise, als Golo an den Kamin treten wollte.</p><p>�Ruhig, Ragnar. Er ist mein Gast. Mach Platz f�r ihn!� Der Hund sprang auf und kam auf Golo zu.</p><p>�W�rde es Euch etwas ausmachen, ihn zur�ckzurufen�, fl�sterte der Knecht leise, w�hrend er steifbeinig einen Schritt zur�ck machte.</p><p>�Er wird dir nichts tun.� Sie l�chelte. �Jedenfalls nicht, solange ich in der N�he bin. Er h�rt recht gut.�</p><p>Ragnar strich schnuppernd um Golos Beine. Dann verkroch er sich hinter einem Stapel aus Fellen, der offenbar als Nachtlager diente. Auf einem grob gezimmerten Tisch in der Mitte des Raumes standen eine Holzsch�ssel mit Suppe und ein angeschlagener Tonkrug.</p><p>�Du solltest deine Kleider ablegen, sonst wird dir niemals warm werden.�</p><p>�Ja... Herrin.� Golo blickte sich ein wenig verlegen um. Er war es nicht gewohnt, sich in Gegenwart fremder Frauen auszuziehen. Seine Gastgeberin schien sein Unbehagen zu bemerken und musterte ihn eindringlich.</p><p>�Ich sehe nichts, wof�r du dich sch�men m��test. Also zier dich nicht! Ich habe schon mehr als einen nackten Mann in meinem Leben gesehen.� Sie ging zu ihrem Lager und zog zwischen den Fellen ein altes, zerschlissenes Kleid hervor. �Das kannst du nehmen, um dich abzutrocknen. Drau�en vor der T�r ist ein Wassertrog. Wasch dich dort. Du siehst aus wie ein Kobold! Danach kannst du dich hiermit trockenreiben.� Sie legte das Kleid neben die Sch�ssel auf den Tisch. �Ich werde sehen, da� ich f�r euch beide noch was Warmes zu essen zustande bringe. Du nimmst dir am besten eines der Felle und hockst dich auf den Schemel vor das Feuer.�</p><p>�Danke, Herrin. Ihr seid sehr freundlich.�</p><p>�Aber nicht mehr lange, wenn du mich noch l�nger Herrin nennst, so als sei ich eine hochn�sige Hofdame. Mein Name ist Niamh.�</p><p>�Ja, Her... Niamh!� Golo lachte. �Entschuldigt, ich... �brigens, mein Name ist Golo.�</p><p>Die junge Frau nickte.</p><p>Der Knecht trat zur T�r und drehte sich noch einmal zu ihr um. �Verzeiht meinem Herrn, er ist ersch�pft. Sonst ist er ganz anders. Er kann sehr gro�m�tig und charmant sein... Vor allem bei so sch�nen Frauen, wie Ihr es seid.�</p><p>�So? Das sollte mich �berraschen, bislang halte ich ihn vor allem f�r dickk�pfig und dumm.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker �rgerte es, da� ihre Gastgeberin seinen Knecht so viel freundlicher behandelte als ihn. Sie war eine h�bsche Frau. Er war zwar schon sch�neren Damen begegnet, doch ein solches Gesch�pf hier inmitten des Sumpfes zu finden war so ungew�hnlich wie ein pr�chtiger Edelstein, den ein Schmied nur in einen Bronzering eingefa�t hatte.</p><p>Er griff nach der Laute, die er in die N�he des Feuers gestellt hatte. Vielleicht vermochte er mit ein paar Liedern die Gunst ihrer Gastgeberin zur�ckzugewinnen. Bislang hatte er fast jede Frau zu erobern vermocht, die ihn singen geh�rt hatte. Doch er brauchte nur einmal �ber die Saiten zu streichen, um zu wissen, da� es noch Stunden dauern w�rde, bis er auf dem Instrument wieder spielen konnte. Obwohl er die Laute in gefettetes Leder eingeschlagen hatte, war sie in den S�mpfen feucht geworden.</p><p>So schnitt er eine m�rrische Grimasse und stellte die Laute ein wenig vom Feuer entfernt wieder ab. Wenn sie zu schnell trocknete, w�rde das Holz vielleicht Risse bekommen.</p><p>�Ihr seid ein Troubadour?�</p><p>Volker l�chelte. �Ich verstehe mich ein wenig darauf, die Laute zu schlagen, und vermag ein paar Lieder zu singen. Nichts Nennenswertes.�</p><p>�Wie schade, da� Euer Instrument nicht mehr brauchbar ist. Habt Ihr noch einmal dar�ber nachgedacht, auf Euer Packpferd zu verzichten? Mir erscheint dies ein kleiner Preis f�r ein Menschenleben.�</p><p>�Das Packpferd zu t�ten w�rde bedeuten, da� wir einen gro�en Teil unserer Ausr�stung nicht mehr mitnehmen k�nnten.� Volker musterte sie aus den Augenwinkeln. W�hrend er die Pferde trockenrieb, hatte er dar�ber nachgedacht, was Niamh damit bezwecken mochte, das Packpferd zu verlangen. Vielleicht spekulierte sie auf die G�ter, die sie dann zur�cklassen mu�ten.</p><p>�Was treibt einen Ritter eigentlich hier in die S�mpfe, edler Herr?�</p><p>Ihre Stimme klingt stets ein wenig sp�ttisch, wenn sie mit mir spricht, dachte Volker ver�rgert. Mit Golo redete sie ganz anders.</p><p>�Ich suche eine Dame, die angeblich von den Feen entf�hrt wurde. Wi�t Ihr etwas �ber das Nachtvolk?�</p><p>�Etwas wissen?� Sie machte eine weit ausholende Geste. �Es gibt Hunderte Geschichten �ber die Feen. Sie sind die Herren des Sumpfes und aller angrenzenden Gebiete. Sie waren schon immer hier. Die schwarze Morrigan, die Hohe K�nigin der Feen, und ihre drei Schwestern sind die Herrscherinnen am Feenhof. Man sagt, die Mauern ihres Schlosses, das jenseits der gro�en Nebelwand liegt, seien aus schneewei�em Marmor und die D�cher der T�rme aus lauterem Gold. Doch niemals kam ein Sterblicher zur�ck, um von dort zu berichten, denn was einem Menschen wie ein Fest, das nur eine einzige Nacht w�hrt, erscheint, mag ein ganzes Leben lang dauern. Morrigan verl��t niemals ihren Palast.</p><p>Ganz anders hingegen sind ihre Schwestern. Sie alle haben gro�e Zaubermacht, und manchmal verwandeln sie sich in Raben, um durch den Nebel in die Welt der Menschen zu reisen. Sie fressen dann von dem fauligen Fleisch jener K�pfe von Frevlern, die ihre Feenkrieger der Morrigan zu Ehren auf h�lzerne Pf�hle gespie�t haben. Doch ich vergehe mich an den Gesetzen der Alten. Man sollte nie �ber die G�tter reden, ohne seinen G�sten ein wenig Bier oder Honigmet anzubieten.� Niamh erhob sich, holte einen Krug aus einem ihrer Regale und stellte ihn mit zwei Tonbechern auf den Tisch. Noch bevor sie einschenkte, go� sie ein paar Tropfen des goldenen Mets auf den Boden der H�tte.</p><p>Volker kannte diesen Brauch. Auch der d�stere Hagen pflegte seinen nordischen G�ttern heimlich Trankopfer zu bringen.</p><p>Ihre Gastgeberin hatte inzwischen die beiden Becher gef�llt und war zu ihrem Lager aus Fellen hin�bergegangen, hinter dem ein leises Knurren erklang. Sie b�ckte sich und schien nach etwas zu suchen.</p><p>Volkers Zunge glitt �ber seine Lippen. Niamh war wirklich sehr h�bsch. Ihr Rock hatte sich verschoben, so da� er ihre schlanken Fesseln sehen konnte. Warum nur lebte eine solche Frau allein mitten in den S�mpfen? �Seid Ihr nicht manchmal sehr einsam hier drau�en?�</p><p>Niamh antwortete ihm darauf nicht. Als sie sich aufrichtete, hielt sie eine kleine Harfe in den H�nden. �Die alten Geschichten mu� man bei Musik erz�hlen.� Ihre Finger glitten �ber die Saiten. Sie spielte eine kurze, melancholische Melodie und stimmte das Instrument.</p><p>Golo, der neben dem Kamin fast eingeschlafen war, hob blinzelnd den Kopf und blickte wie verzaubert zu Niamh. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend fragte sich Volker, ob die junge Frau vielleicht eine Hexe war. Das w�rde vieles erkl�ren! Er w�rde auf alle F�lle wachsam bleiben.</p><p>Ihre Gastgeberin hatte sich inzwischen wieder an den Tisch gesetzt. �Du willst also in das Land der Feen reisen, Ritter. Heute hast du lernen m�ssen, da� der Weg durch den Sumpf dir nur den Tod bringen wird. Versuchst du es ein zweites Mal, so werdet ihr beide gewi� sterben.� Niamh begleitete ihre Worte mit einer Melodie, die wie das Wispern des Windes in den Weiden klang. �Wenn du zur Morrigan gelangen willst, so mu�t du den Weg des K�nigs beschreiten. Einen halben Tagesritt von hier gibt es eine Stelle, wo ein Wald aus dichten Eichen steht. Ganz am Ende des schmalen Pfades, der durch den Wald f�hrt, findest du einen Kreis aus Pf�hlen. Dort stecken die K�pfe jener, die es nicht wert waren, zum K�nig der Feen zu werden. Es sind viele Ritter! Solange man hier in den S�mpfen zur�ckdenken kann, ist noch jeder gescheitert, der diesen Weg eingeschlagen hat.</p><p>Von einer Eiche dicht am Wasserh�ngen die Waffen der Toten herab. Dort findest du ein Horn, in das du dreimal sto�en mu�t. Dies ist das Zeichen daf�r, da� einer gekommen ist, den K�mpfer der Morrigan zu fordern. Wann immer das Horn geblasen wird, beginnt es zu st�rmen! Schlagartig verfinstert sich der Himmel, und dichter Nebel wird aus dem Sumpf steigen. Wenn das Ungewitter vor�berzieht, erheben sich die Feen aus den S�mpfen. Du mu�t den Streiter der Hohen K�nigin bezwingen. Gelingt dir dies, so wirst du ihr Gemahl und damit zum Herrscher in den S�mpfen. Doch solange die Menschen zur�ckdenken k�nnen, hat niemand den auserw�hlten Krieger bezwingen k�nnen.</p><p>Man sagt, die Kraft der alten G�tter flie�e durch seine Adern. So ist dieser Weg letztlich genauso t�dlich wie ein Ritt in den Sumpf hinein. Wenn du klug bist, Ritter, dann opfere morgen dein Packpferd und kehre zu den Deinen zur�ck. Du hast bereits bewiesen, da� es dir nicht an Mut fehlt. Verschenke dein Leben nicht bei einer so sinnlosen Suche.�</p><p>Volker hatte Niamhs Worten gebannt gelauscht. �Deine Sorge um mich ber�hrt mein Herz, Niamh. Doch werden mich all deine Worte nicht daran hindern, meinen Weg zu gehen. Ich habe geschworen, die Nichte meines K�nigs zu retten, und ich habe noch niemals meinen Eid gebrochen. Gibt es vielleicht nicht noch eine andere M�glichkeit, in das Reich der Feen zu gelangen?�</p><p>Niamh l�chelte traurig. �Du hast also beschlossen zu sterben, Ritter. Und dein Diener, wirst du ihn mit dir in den Tod nehmen?�</p><p>Volker blickte zu Golo. Der Knecht war wieder eingeschlafen. Es stimmte, er hatte kein Recht, von ihm zu verlangen, da� er mit ihm ging. Golo war fast noch ein Knabe. Er w�rde ihn fortschicken, bevor sie den Eichenhain erreichten. �Du hast meine Frage nicht beantwortet, sch�ne Bardin. Gibt es noch einen dritten Weg in das Feenreich?�</p><p>�Die Wege in die Andere Welt sind so zahlreich und verschlungen wie die Fl�sse und B�che, die dem Meer entgegenstreben. Man sagt, es gibt Orte, von denen man mit nur einem einzigen Schritt in die Pal�ste der Feen gelangen kann. Doch ich kenne keines dieser verwunschenen Tore, und selbst wenn ich eines w��te, w�rde dir das nicht weiterhelfen, denn man sagt, da� ein Sterblicher diese Pforten nur dann passieren kann, wenn die Unsterblichen es w�nschen.�</p><p>Volker f�llte seinen Becher noch einmal mit Met. Der Kopf wurde ihm schwer von dem Honigwein, und die beschwerliche Reise durch den Sumpf hatte an seinen Kr�ften gezehrt, doch noch k�mpfte er gegen die M�digkeit an. �Wer ist diese Macha, von der die Bauern und Fischer erz�hlen?�</p><p>Niamhs Finger strichen wieder �ber die Harfensaiten. Diesmal klang die Melodie wild und kriegerisch. �Morrigan hat drei Schwestern, von denen eine jede gro�e Zauberkraft besitzt. Macha ist die �lteste der drei. Sie gilt als die Herrin der Schlachtfelder und liebt den Krieg. Ihr zu Ehren errichten die Feenkrieger jene Pfahlkreise, die du schon gesehen hast, Ritter. Man nennt sie auch die Masten der Macha. Zur Nacht verwandelt sie sich in einen Raben und kommt, um von dem Fleisch der Toten zu fressen. Bei Tage hat sie die Gestalt einer hochgewachsenen, sch�nen Frau mit langem schwarzen Haar. Sie tr�gt einen Umhang, der aus Hunderten von Rabenfedern gefertigt ist. Manchmal schreitet sie durch die Reihen ihrer Krieger, wenn die Feen f�r sie k�mpfen, und sie gibt den Wankelm�tigen neues Vertrauen.�</p><p>Heulend pfiff der Wind �ber das Moor und r�ttelte mit seinen eisigen Fingern an der T�r der kleinen H�tte. Volker zog den Pelz, den ihm Niamh geliehen hatte, ein wenig enger um seine Schultern und r�ckte etwas n�her an das Feuer.</p><p>�Die zweite der Schwestern wird Babd genannt. Sie hat die Gestalt einer Riesin und tr�gt ein wei�es Gewand. Ihr Haar ist rotgolden, so wie ein Sonnenaufgang. Es hei�t, da� jene, die sterben werden, sie am Morgen vor ihrer letzten Schlacht als W�scherin sehen, die blutige Gew�nder in die Fluten eines kristallklaren Flusses taucht. Sie ist die K�nderin des Unheils. Von Neman, der dritten der Schwestern, berichten die Alten, sie sei unbest�ndig wie der Wind. Sie wurde aus den Schreien der Sterbenden und der Klage von Witwen und Waisen geboren. Mutter der Trauer wird sie genannt, und sie ist eine Dichterin. Ihr Klagegesang weist die Geister der Toten zu ihrer endg�ltigen Heimstatt, und wenn die Raben �ber den Schlachtfeldern kr�chzen, dann ist auch Nemans Stimme zu h�ren.�</p><p>Volker war gegen die Wand gesunken. Niamhs Stimme und das leise Fl�stern ihrer Harfe woben ihm ein Schlaflied, und bald tr�umte er von einem raucherf�llten Himmel �ber einem brennenden H�gel. Weit im Westen stand eine bla�rote Sonne nur eine Handbreit �ber dem Horizont, und von dort kamen drei gro�e Raben auf ihn zugeflogen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Golo sp�rte, da� ihm irgend jemand folgte. Er war in einem Wald, und dichte Nebelschwaden trieben zwischen den m�chtigen, schwarzen Baumst�mmen. In der Ferne ert�nte leise Harfenmusik. Er wu�te nicht genau, wie er an diesen Ort gekommen war. Das letzte, woran er sich deutlich erinnern konnte, war, wie Niamh sie aus dem Sumpf gerettet hatte.</p><p>Ganz in der N�he knackte ein d�rrer Ast. Gehetzt blickte der Knecht sich um. Nichts! Doch in dem Nebel w�rde er nicht einmal auf f�nf Schritt einen ausgewachsenen Drachen erkennen.</p><p>Es war gewi� kl�ger, nicht allzu lange an einem Ort zu verweilen. Was immer ihn auch verfolgte, es durfte ihn auf gar keinen Fall einholen! Dem Sumpf war er entronnen, doch er ahnte, da� im Nebel noch eine ungleich t�dlichere Bedrohung lauerte. Warum war Volker nicht bei ihm? F�r einen Augenblick war er versucht, den Namen des Ritters zu rufen, doch damit w�rde er nur seine Verfolger auf sich aufmerksam machen. Er mu�te auf sich allein gestellt entkommen!</p><p>Etwas raschelte im Unterholz. Golo begann zu laufen. Mit einem Sprung setzte er �ber einen gest�rzten Baumstamm hinweg. Dahinter schien ein Wildpfad zu beginnen. Oder wichen die B�sche vor ihm zur�ck...</p><p>Er rannte, bis jeder Atemzug wie Messer in seine Kehle stach. Sein Weg war von hohen Dornenranken ges�umt. Einmal glaubte er, zwischen den B�schen ein Kind gesehen zu haben. Doch als er kurz verharrte, um genauer hinzuschauen, waren dort nur noch tanzende Nebelschwaden. Golo hatte jetzt das Gef�hl, da� sein Herz so laut wie eine Trommel schlug.</p><p>Hinter dem Dornengestr�pp ert�nte leises Kichern. Waren das die Feen? Trieben sie ihren Schabernack mit ihm? Oder verfolgten ihn irgendwelche anderen Waldgeister?</p><p>Vor ihm lichtete sich der Nebel. In einer weiten Spirale waren Pf�hle aufgestellt, auf denen Hunderte von Sch�deln steckten. Erschrocken wich er zur�ck.</p><p>�Du wirst deinem Schicksal nicht entkommen, Fremder!� ert�nte eine Frauenstimme hinter ihm. Der Hohlweg zwischen den Dornenranken war verschwunden. Statt dessen stand dort eine riesige Eiche, hinter der sich eine nebelverhangene Sumpflandschaft erstreckte. Aus der Rinde des Baums heraus l�ste sich eine Gestalt! Eine Frau in braunem Kapuzenmantel mit einem pr�chtigen Schwert in der Hand. Sie breitete die Arme aus und blickte zum Ge�st der Eiche hinauf. �Sieh die Troph�en meiner Siege. Schon morgen wird ein neues Schwert von diesen �sten h�ngen.�</p><p>Jetzt erst bemerkte Golo den eigent�mlichen Schmuck des Baumes. An Seilen hingen Schwerter, Morgensterne und Streitkolben. Selbst die Waffenkammer in der Burg K�nig Gunthers war nicht so gut best�ckt wie die Sammlung dieses d�monischen Weibes. Eine ganze Armee k�nnte man damit ausr�sten.</p><p>Vom Sumpf her kam Wind auf, und die Klingen der Schwerter schlugen leise klirrend aneinander. �Hast du... all diese Krieger erschlagen?�</p><p>Die Frau l�chelte und strich sich eine Str�hne wei�en Haars zur�ck, das unter ihrer Kapuze hervorgequollen war. Der Wind bauschte ihren Mantel auf, und ein Wicht mit einer Haut wie Eschenrinde kroch unter dem Saum hervor. �Niemals wird ein Sterblicher in den Landen der Feen regieren!� kr�chzte er mit heiserer Stimme und lachte. Es war dasselbe Lachen, das Golo hinter den Dornenhecken geh�rt hatte.</p><p>�Du bist gekommen, um unseren Frieden zu st�ren, nicht wahr?� Das L�cheln war aus dem Gesicht der Frau verschwunden. �Du bist gef�hrlicher als die Ritter, denn du willst nicht k�mpfen...�</p><p>�Ihr irrt Euch...� stammelte Golo und wich zur�ck. �Ich will nur fort aus den S�mpfen. Niemals hatte ich vor, K�nig an Eurer Seite zu werden, und mir gen�gt es...�</p><p>�Holt ihn!� Die Frau wies mit ausgestrecktem Arm auf den Knecht, und hinter ihr erhoben sich Dutzende der Wurzelm�nnchen aus dem Sumpf.</p><p>Golo rannte auf das Labyrinth der Sch�delstangen zu. Selbst die Toten lachten ihn aus und klapperten mit ihren bleichen Kiefern. Manche der Sch�del schnappten nach ihm. Er hob sch�tzend die Arme vors Gesicht. �La�t mich in Frieden! Ich will doch nichts von Euch...�</p><p>Wurzeln wuchsen aus der Erde und griffen nach seinen Beinen. Golo strauchelte und schlug wild mit den Armen um sich. Dann griff er nach seinem Dolch. Er w�rde sein Leben so teuer wie m�glich verkaufen!</p><p>Etwas packte ihn bei den Armen. Er wurde gesch�ttelt.</p><p>�Ganz ruhig. Das war nur ein Traum. Es ist alles gut.�</p><p>Blinzelnd �ffnete er die Augen. Das Gesicht einer alten Frau, gerahmt von str�hnigem grauem Haar, beugte sich �ber ihn. �Niemand wird dir hier etwas tun�, fl�sterte sie beruhigend. �Du hast nur zuviel vom Met meiner Enkeltochter getrunken. Das gibt einen schweren Kopf und �ble Tr�ume. Setz dich an den Tisch und i�. Ich hab� etwas Suppe warm gemacht und werde dir einen Kr�utersud kochen, der deine Kopfschmerzen vertreibt.�</p><p>Noch halb in seinen Tr�umen gefangen, starrte Golo die Alte an. Woher kam sie? Warum war sie in der letzten Nacht nicht in der H�tte gewesen? Mi�trauisch blickte er sich um. Niamh war nicht zu sehen. Auch ihr Hund war verschwunden.</p><p>Unter der T�r schimmerte ein Streifen grauen Morgenlichts. M�de reckte der Knecht seine Glieder. Volker lag dicht neben dem Feuer. Er hatte sich in ein Fell eingerollt. Das Gesicht des Kriegers war entspannt. Er wurde offensichtlich nicht von Alptr�umen geplagt. Golo reckte sich, wickelte sich eine Decke um die H�ften und trat an den Tisch, auf den die Alte inzwischen eine Suppensch�ssel gestellt hatte. Beim Anblick des Essens wurde ihm �bel. Fischsuppe! Das war das letzte, was er jetzt brauchen konnte.</p><p>�Geht es dir nicht gut?� Das alte Weib hielt ihm einen Becher mit einer duftenden Fl�ssigkeit hin.</p><p>Golo bi� die Z�hne zusammen. �Entschuldige, aber ich glaube, ich mu�...� Er st�rzte zur T�r.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>5. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Volker verneigte sich vor der Alten. �Habt Dank f�r das Fr�hst�ck und den Proviant, den Ihr uns �berlassen habt. Seid Ihr sicher, da� Eure Enkeltochter nicht doch bald aus den S�mpfen zur�ckkehren wird?� Das Weib sch�ttelte den Kopf. �Sie kommt immer erst in der Abendd�mmerung, wenn sie Kr�uter sucht. Ich werde ihr einen Gru� von Euch ausrichten, edle Ritter.�</p><p>�Nun...� Der Spielmann z�gerte. Dann griff er nach der Geldkatze an seinem G�rtel. �Sie hat meinem Diener das Leben gerettet. Seid so gut und gebt ihr das hier als Zeichen meines Dankes. Das ist alles Geld, das ich besitze.�</p><p>Die Alte sch�ttelte erneut den Kopf. �Niamh wird Euer Silber nicht annehmen. Was sie f�r Euch tat, geschah nicht um einer Belohnung willen. Wenn Ihr Euch wirklich als dankbar erweisen wollt, dann treibt das Packpferd in die S�mpfe.�</p><p>Volker seufzte. Er musterte das alte Weib eindringlich. Die Frau hatte dieselben graublauen Augen wie ihre Enkelin. Man sah ihr deutlich an, da� sie mit Niamh verwandt war. Ihr Gesicht war von feinen Falten durchfurcht, doch ihre Augen gl�nzten und waren voll jugendlicher Kraft. Obwohl sie wohl mindestens schon sechzig Sommer erlebt hatte, hielt sie sich noch v�llig gerade. �Ich habe Niamh erkl�rt, warum ich nicht auf das Pferd verzichten kann. Ohne ein Packpferd m��ten wir unsere Reise abbrechen und zur n�chsten Stadt reiten.�</p><p>�Vielleicht w�re es auch das kl�gste.�</p><p>�Das m�gt Ihr so sehen�, entgegnete der Spielmann gereizt. �Doch gestattet, da� ich anderer Meinung bin.� Er wollte sich schon umdrehen und zu den Pferden gehen, als die Alte ihn am Arm festhielt.</p><p>�La�t mich Eure Hand sehen, Herr Ritter. Ich m�chte wissen, ob Ihr es seid?�</p><p>�Wer soll ich sein?�</p><p>Sie l�chelte. �Vielleicht der Auserw�hlte der Hohen K�nigin. Dies ist doch wohl das Schicksal, das Ihr sucht.� Sie nahm seine Hand und fuhr mit den Fingern dar�ber. �Eure Lebenslinie ist sehr kurz, Herr. Ihr werdet den Tod finden, den Ihr Euch w�nscht, doch das Leben, von dem Ihr tr�umt, wird Euch stets verwehrt bleiben. Ihr seid ein Wanderer, und ganz gleich, wohin Ihr Euch wendet, das Schicksal wird Euch wiedereinholen. Ihr werdet nicht erleben, da� Eure eigenen Kinder auf Euren Knien sitzen, und doch werdet Ihr weiterleben. Auch wenn das Reich der Burgunden l�ngst nur noch eine ferne Erinnerung ist, wird man noch immer Eure Lieder kennen. Doch die Geschichte ist ungerecht. Eure Kunst wird man einem anderen Dichter zuschreiben.�</p><p>Volker zog seine Hand zur�ck. �Genug. Mehr schlechte Nachrichten m�chte ich nicht h�ren. Ich bin selbst meines Gl�ckes Schmied, und mein Schicksal steht nirgends geschrieben! Am allerwenigsten in meiner Hand. Zeig mir meine Lebenslinie!�</p><p>Die Alte fuhr mit ihrem d�rren Zeigefinger �ber seine Hand. �Hier. Euer Leben wird weniger als vierzig Sommer w�hren.�</p><p>Der Spielmann lachte und zog einen Dolch aus seinem G�rtel. �Sieh her, t�richtes Weib. Dies ist die Linie?� Er setzte das Messer an und schnitt sich in die Handfl�che. �Mein Leben wird jetzt fast doppelt so lange w�hren.� Dunkles Blut tropfte von seiner Hand.</p><p>Die Frau blickte ihn traurig an. �Niemand kann sein Schicksal �ndern, nicht einmal Ihr, Herr Volker.� Sie trat zur�ck und ging zu Golo. Der Spielmann wischte sein Messer an der Satteldecke sauber und steckte es in den G�rtel zur�ck. Er leckte das Blut von seiner Hand. Die Wunde war nicht sonderlich tief. Es w�rde nicht einmal eine Narbe zur�ckbleiben. Er hatte die Alte nur erschrecken wollen. Sie stand jetzt neben dem Jungen und musterte dessen Hand. Pl�tzlich schlug sie danach, machte einen Satz zur�ck und spuckte vor Golo aus. Das Pferd des Knechtes scheute. Er hatte alle M�he, es unter Kontrolle zu halten. Mit gro�en Schritten eilte die Frau auf die H�tte zu.</p><p>Volker zog sich in den Sattel und grinste. Diese Verr�ckte schien Golo wahrhaft erschreckt zu haben. Der Junge war leichenbla�.</p><p>�Ich w�nschte, ihr w�ret in den S�mpfen verreckt!� keifte das Weib. Sie stand jetzt in der T�r ihrer H�tte und drohte ihnen mit erhobener Faust. �Ihr Bastarde! M�gen Morrigans Raben das Fleisch von euren Knochen picken!�</p><p>Volkers Blick fiel auf die beiden gr�nen Flicken am Saum des grauen Leinenkleides der Frau. Es war das Gewand, das Niamh letzte Nacht getragen hatte! Wer war sie? Sollte etwa... Nein! Die beiden Frauen mu�ten die Kleider getauscht haben!</p><p>Krachend wurde die T�r der H�tte zugeschlagen. Lanzenbrecher schnaubte unruhig, und Volker strich dem Hengst �ber die M�hne. Er wendete das Pferd und ritt an Golos Seite. �Was hat die verr�ckte Alte zu dir gesagt?�</p><p>Der Junge wirkte v�llig verst�rt. �Sie hat behauptet, der Tod st�nde in meinem Schatten, und ich sei der Verderber der Vergangenheit. Dann verfluchte sie den Leib meiner Mutter und den Samen meines Vaters.�</p><p>Volker lachte, doch es klang nicht so unbeschwert wie sonst. �Die Einsamkeit hat ihr den Verstand verwirrt. Gib nichts auf ihre Worte. Dein Schicksal steht nicht in den Linien deiner Hand. Allein der Herr, unser Gott, wei� um unsere Zukunft, und nicht irgendeine dahergelaufene Vettel. La� uns aufbrechen und diesen unfreundlichen Ort hinter uns lassen.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Sie waren drei Stunden geritten, als sie die Wegkreuzung erreichten, von der Niamh gesprochen hatte. Nur ein paar Schritt weiter hatte ein junger Mann im Schatten einer Weide sein Lager aufgeschlagen. Er briet ein Huhn �ber einem Feuer.</p><p>Ganz in der N�he graste ein gro�es, graues Schlachtro�. An der Weide lehnten eine Lanze und ein Schwert. Direkt daneben lagen ein Topfhelm und ein gro�er Reiterschild im Gras. Zweifellos handelte es sich bei dem Fremden um einen Ritter. Als er sie sah, richtete er sich am Feuer auf. Der Kerl war ein wahrer H�ne. Er hatte flammendrotes Haar, und so, wie er dreinschaute, w�rde es �rger geben. Golo kannte sie, die Herren Ritter. Sich zu schlagen war ihnen stets ein Vergn�gen, und dieser Kerl sah so aus, als h�tte er sich schon lange nicht mehr vergn�gt. Besorgt blickte er zu Volker. Er w�rde sicher keinem Streit aus dem Weg gehen, doch mit der Schnittwunde in der Hand war er benachteiligt. Warum hatte sein Herr auch das alte Weib aus der H�tte foppen m�ssen? Sich mit dem Messer die Lebenslinie zu verl�ngern...</p><p>Der Fremde war an den Rand des schmalen Weges getreten, der in den Wald f�hrte, in dem der Feenbaum mit dem verwunschenen Horn stehen mu�te. Vielleicht w�rde der Spielmann ja doch einen Streit vermeiden?</p><p>�Wohin f�hrt Euch die Reise? Dies ist eine einsame Gegend. Ihr seid seit zwei Tagen die ersten Menschen, die mir begegnen.� Der Ritter hatte eine vollt�nende, angenehme Stimme. Er sprach mit einem eigenartigen Akzent, wie ihn Golo noch nie geh�rt hatte. Einen Moment lang �berlegte der Knecht, ob dies vielleicht der Streiter der Feenk�nigin sein mochte, doch dann verwarf er diese Idee. Der Kerl sah daf�r einfach zu gew�hnlich aus. F�r Morrigan w�rde sich gewi� ein Riese schlagen oder eine Bestie, der H�rner aus der Stirn wuchsen und die Feuer spucken konnte.</p><p>�Wir sind auf einer Queste, die uns in diesen Wald dort f�hren wird, mein Freund. Ich hoffe, Ihr habt nicht die Absicht, uns den Weg zu verwehren, denn wir haben es eilig.� Volker sprach in einem Tonfall, als rede er mit einem einf�ltigen Bauern. Gleichzeitig �ffte er den Akzent des Fremden nach.</p><p>Golo seufzte. Er w�rde seinen Herren niemals begreifen! Da trieben sie nun wochenlang das Spiel mit dem fl�chtenden Kaufmann und dem wei�en Ritter, der selbst mit verbundenen Augen ein unbezwingbarer Schwertk�mpfer war, um unn�tigen K�mpfen aus dem Wege zu gehen, und dann provozierte Volker trotz seiner verletzten Schwerthand ein Duell.</p><p>Der fremde Ritter lief rot an. Offenbar kostete es ihn gro�e M�he, die Fassung zu bewahren und gem�� ritterlichem Ehrenkodex zu antworten. �Da ich als erster an diesen Weg gekommen bin, beanspruche ich auch das Recht, als erster in diesen Wald zu reiten. Solltet Ihr das nicht akzeptieren k�nnen, f�rchte ich, wird es sich nicht vermeiden lassen, diesen kleinen Streit mit einem Lanzengang zu kl�ren.�</p><p>Volker verneigte sich. �Es wird mir eine Freude sein, Euch hinter Eurem Pferd im Gras Hegen zu sehen. Und falls die K�fer dort unten Euch fragen sollten, wer Euch so schnell vom Pferd geholfen hat, so sagt ihnen, da� Ihr Volker von Alzey begegnet seid.�</p><p>Der Fremde lachte jetzt. �Ich nehme Euer Angebot an, Herr Volker. Solltet Ihr mit der Lanze so gewandt sein wie mit der Zunge, so m��tet Ihr wohl der gef�hrlichste K�mpe Aquitaniens sein. Da ich Euren Namen aber noch nie zuvor geh�rt habe, werde ich mir wohl keine Sorgen �ber den Ausgang unserer Auseinandersetzung machen m�ssen. Mein Name �brigens ist Gwalchmai von Kaledonien.�</p><p>�Ah, ein Krieger aus dem Volk der Zungenverdreher und Rocktr�ger. Wie ich sehe, seid Ihr noch nicht ger�stet. Darf ich Euch die Dienste meines Knechts anbieten, um Euer Panzerhemd anzulegen?�</p><p>�Vielleicht sollten wir zuallererst nach dem Huhn �ber dem Feuer sehen�, wandte Golo ein. �Wenn Ihr nicht bald den Spie� dreht, dann wird es schwarz wie ein Rabe sein.� Vielleicht w�rde es sich Volker w�hrend eines Essens mit dem Kaledonier ja noch anders �berlegen. Wenn die beiden sich die K�pfe einschlugen, bedeutete das nur jede Menge zus�tzliche Arbeit f�r ihn. Er war schlie�lich derjenige, der die Scharten aus Volkers Schwert wetzen mu�te und dem es oblag, das Kettenhemd zu flicken und eine neue Lanze zu schneiden.</p><p>�Euer Diener scheint mir ein kluger Mann zu sein, auch wenn er ein wenig vorlaut ist. Gestattet Ihr, da� ich Euch einlade, Herr Volker?�</p><p>�Es ist mir eine Ehre und ein Vergn�gen, Euch ein wenig besser kennenzulernen. Schlie�lich ist es ja nichts Pers�nliches, weswegen wir uns duellieren werden. Es geht lediglich darum zu entscheiden, in welcher Reihenfolge wir in diesen Wald reiten werden. Gestattet Ihr, da� ich meinen Diener damit beauftrage, sich um das Essen zu k�mmern, dann k�nnen wir ungest�rt plaudern.�</p><p>So liebte Golo seinen Herren. W�tend stieg er ab und schnallte die Kiste mit dem Proviant vom Packpferd. Dann ging er zur Feuerstelle, um sich um das Huhn zu k�mmern. Wahrscheinlich w�rden die beiden ihm nicht einmal einen der mageren Fl�gel �brig lassen. Obwohl... Er starrte erst auf das H�hnchen und dann auf den Weinschlauch, den er mitgebracht hatte. Wenn er das Fleisch gut mit Salz einrieb und den beiden reichlich von dem schweren Rotwein servierte, dann w�rde ihr Duell vielleicht ausfallen...</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker f�hlte sich nicht besonders wohl, als er sein Pferd bestieg. Er schwankte leicht, und im Grunde war er �berhaupt nicht in k�mpferischer Stimmung. Aber nun hatten sie sich auf dieses Duell geeinigt... Dieser Kaledonier war ein ernstzunehmender Gegner. Volker hatte ihn w�hrend des Essens unauff�llig beobachtet. Er bewegte sich gewandt und selbstsicher. Sein K�rper war stets in vollkommener Balance. Wahrscheinlich war Gwalchmai ein erstklassiger Schwertk�mpfer. Und muskul�ser war er obendrein auch noch.</p><p>Volker erschien sein Kettenpanzer heute schwerer als sonst. Ob Golo irgend etwas damit angestellt hatte? Der Ritter hob den Kopf und sp�hte durch die schmalen Sehschlitze seines Topfhelms. Er konnte nur mit M�he einen Teil des Waldweges sehen und den Kaledonier, der keine f�nfzehn Schritt entfernt mit eingelegter Lanze auf das Zeichen zum Angriff wartete.</p><p>�Meinen Speer, Knappe!� Volker streckte die Rechte aus und griff nach der Waffe. Dann pre�te er die Linke mit dem Schild eng an den K�rper und achtete darauf, den Schild leicht schr�g zu halten, damit die Lanze des Gegners gut abgleiten konnte.</p><p>Wieder blickte er zu dem Kaledonier hin�ber. Sein Grauer t�nzelte unruhig. Gwalchmai hatte einen gr�nen Waffenrock angelegt und war mit einem gr�nen Schild gewappnet, auf den ein wei�er Falke aufgemalt war. �Seid Ihr bereit, Herr Gwaldm... Gwailch... �hm, mein Freund?� Dieser Name! Wie sehr mu�te eine Mutter ihren Sohn hassen, um ihm einen Namen zu geben, den kein aufrechter Christenmensch richtig auszusprechen vermochte.</p><p>Der Kaledonier hob leicht den Schild und nickte.</p><p>�Dann los!� Volker legte die Lanze ein und gab seinem Hengst die Sporen. Mit donnernden Hufen galoppierten die beiden schweren Pferd aufeinander zu. Der Spielmann zielte auf die rechte H�lfte von Gwalchmais Schild. Wenn der Kaledonier nicht aufpa�te, w�rde es ihn aus den Sattel rei�en.</p><p>Krachend zersplitterten die beiden Lanzen. Volker erhielt einen Schlag wie ein Pferdetritt. Etwas prallte mit dumpfem Klang gegen seinen Helm. Vor ihm tauchte der Wald auf. Er ri� den Hengst herum und schwenkte den Schildarm, der vom Aufschlag der gegnerischen Lanze wie bet�ubt war. Hastig wendete er den Kopf. Der Kaledonier war nirgends zu sehen. Im Gras lag er jedenfalls nicht. Verfluchter Helm! Wenn er nur eine bessere Sicht h�tte. Volker warf den Stumpf seiner zersplitterten Lanze zur Seite, h�ngte den Schild an das Sattelhorn und hob mit beiden H�nden den schweren Topfhelm.</p><p>�Ich f�rchte, das war ein eindeutiges Unentschieden�, ert�nte seitlich von ihm die Stimme Gwalchmais. Der Kaledonier hielt seinerseits eine zersplitterte Lanze in der Hand. �Ihr sitzt recht fest im Sattel, Herr Volker. Die meisten meiner Gegner haben sich nicht so gut gehalten wie Ihr. Es wird mir eine Freude sein, mit Euch die Klinge zu kreuzen.�</p><p>Der Spielmann nickte. Die Wirkung des Weins war jetzt verflogen. Sein Haar klebte ihm schwei�na� an den Schl�fen. Er schwang sich aus dem Sattel und winkte Golo, ihm das Schwert zu bringen. Dann ballte er die Rechte zur Faust und �ffnete sie langsam wieder. Der Verband um seine Hand hatte sich rot gef�rbt. H�tte er nur auf dieses dumme Spiel mit der alten Wahrsagerin verzichtet! Er konnte sein Schwert nicht so fest halten, wie es gegen einen solchen K�mpfer notwendig gewesen w�re! �Bring mir den Bastard!� rief er Golo zu. Er konnte in diesem Duell nur durch �berlegene Technik bestehen.</p><p>Der Knecht eilte zum Packpferd und schnallte das lange Schwert vom Lastsattel. Der Griff der Waffe war so gearbeitet, da� man sie mit zwei H�nden f�hren konnte. Zugleich war das Bastardschwert aber so gut ausgewogen, da� man auch einh�ndig mit ihm k�mpfen konnte.</p><p>�Ihr gestattet, da� ich lieber mit Breitschwert und Schild k�mpfe?� Gwalchmai hatte seine Waffen bereits genommen und stand breitbeinig mitten auf dem Weg, der zum Wald f�hrte.</p><p>�Wenn Ihr glaubt, so der Niederlage entgehen zu k�nnen!� Volker w�nschte, er w�re nur halb so zuversichtlich, wie er tat. Golo reichte ihm den Bastard. Der Spielmann wog das gro�e Schwert pr�fend in der Rechten. Ein stechender Schmerz fuhr durch die verletzte Hand. Er hatte keine Wahl, er mu�te die Waffe zweih�ndig f�hren. Seine Linke m��te die Hauptlast tragen.</p><p>�Wollt Ihr den Kampf nicht aufgeben, Herr?� fl�sterte Golo leise. �Dieser Kaledonier scheint mir ein ge�bter Schl�chter zu sein. Mit Eurer Verletzung werdet Ihr einen schweren Stand gegen ihn haben.�</p><p>Volker sch�ttelte den Kopf. �Ich bin Ritter. Ich kann jetzt nicht kneifen. Das ist das Vorrecht der Knappen und Knechte. Ich bin dazu erzogen, auch dann meine Sache nicht aufzugeben, wenn es keine Aussicht auf Erfolg gibt. Wei�t du, Junge, das ist der Stoff, aus dem die Dichter Heldenepen schreiben. Setz mir den Helm auf.�</p><p>Innerlich fluchte Volker. Nat�rlich h�tte er sich gerne mit Gwalchmai geeinigt, doch dazu war es jetzt zu sp�t. Aufzugeben, hie�e, das Gesicht zu verlieren. Dann w�rde er schon lieber ein paar Prellungen einstecken. Schlie�lich k�mpften sie nicht auf Leben und Tod.</p><p>Der schwere Helm senkte sich �ber seinen Kopf, und wieder war die Welt auf zwei schmale Schlitze reduziert. Langsam ging er dem Kaledonier entgegen. Dieser st�rmte vor und er�ffnete den Kampf mit einigen schnellen Attacken, die Volker jedoch m�helos parierte. Das Bastardschwert war die einzige Waffe, mit der er es zum selben Geschick gebracht hatte wie sein Mentor und Fechtmeister, Hagen von Tronje.</p><p>Der Spielmann t�uschte einen Schlag nach Gwalchmais Helm an, f�hrte die Waffe dann geschickt um den Schild herum, den sein Gegner zur Parade hochri�, und landete mit der flachen Seite des Schwertes einen wuchtigen Treffer an der H�fte des Kaledoniers. Er konnte den Ritter kurz aufst�hnen h�ren. Gwalchmai zog sich ein St�ck zur�ck, und sie umkreisten einander eine Weile.</p><p>Wieder war es der Kaledonier, der den ersten Angriff wagte. Wie sein Wappentier, der Falke, stie� er vor und bedr�ngte Volker mit seinen Attacken. Kaum konnte er die ungest�men Schl�ge Gwalchmais abwehren. In der Hoffnung, sich Luft zu verschaffen, versuchte er einen geraden Stich, um seinen Gegner zu zwingen, in die Defensive zu gehen. Offenbar untersch�tzte der Kaledonier die Wucht des Angriffs. Denn er hob kaum seinen Schild, und die Spitze von Volkers Schwert glitt ab und fuhr Gwalchmai in den Oberschenkel. Sein Gegner fluchte lauthals. Er ging in die Knie und kauerte sich hinter seinen gro�en Schild.</p><p>Volker wollte ihm schon anbieten, den Kampf zu beenden, als der Kaledonier einen Satz nach vorne machte und den Spielmann mit seinem Schild zu Boden stie�. Volker versuchte, sich zur Seite zu rollen, doch Gwalchmai war sofort �ber ihm. Er zielte mit der Spitze seines Schwertes unter den Topfhelm und ber�hrte Volkers Hals.</p><p>�Genug!� keuchte der Spielmann. �Ihr seid der Bessere. Ich ergebe mich!� Der Kaledonier machte keine Anstalten, seine Waffe zur Seite zu nehmen. Auch er keuchte lauthals. Blut sickerte ihm durch die Panzerringe und lief das Bein hinab. Er hob die Klinge ein St�ck an, und dann stie� er zu.</p><p>Volker ri� den Kopf zur Seite. Klirrend schlug die Waffe gegen seinen Helm und glitt ab. Gwalchmai rammte sein Schwert in die Erde und trat zwei Schritte zur�ck. �Verzeiht mir! Verzeiht, Herr!�</p><p>Volker ri� sich den Helm herab. �Was sollte das? Ich hatte doch gesagt, da� ich mich ergebe!�</p><p>�Verzeiht!� Auch der Kaledonier zog jetzt seinen Helm ab. �Es war... Ich... Manchmal wei� ich nicht mehr, was ich tue. Ich will dann das Blut meines Gegners flie�en sehen. Vor allem, wenn ich verwundet werde. Man sagt, ich h�tte Wolfsblut in den Adern und sei ein Berserker. Deshalb mu�te ich auch das K�nigreich Kaledonien verlassen. Ich habe in einem Turnier den Halbbruder des K�nigs erschlagen und wurde verbannt.�</p><p>Volker stie� ebenfalls sein Schwert in die Erde und st�lpte seinen Topfhelm �ber den Griff. ��ber diese Eigenart h�ttet Ihr mich auch vor unserer Auseinandersetzung unterrichten k�nnen. Es ist schlie�lich nicht ganz belanglos, wenn Euch mitten in einem freundschaftlichen Kr�ftemessen pl�tzlich die Lust �berkommt, mich zu k�pfen.�</p><p>Gwalchmai starrte zu Boden. �Ich dachte, ich k�nnte es unterdr�cken.�</p><p>�Ihr habt gewonnen. Ihr solltet jetzt die Kettenhose ablegen, damit wir uns die Wunde an Eurem Bein ansehen k�nnen. Es tut mir leid, Euch verletzt zu haben. Ich werde Euch verbinden. Und mein Diener wird Eure R�stung reparieren und s�ubern. Es ist wahrscheinlich kl�ger, wenn wir �ber Nacht hierbleiben. Wir beide sollten bei Kr�ften sein, wenn wir uns dem Streiter der Morrigan stellen.�</p><p>�Ich f�hle mich nicht schwach!� brauste der Kaledonier auf. �Das ist nur ein Kratzer, und ich werde mir von Euch nicht vorschreiben lassen, was ich zu tun habe!�</p><p>�Und wenn ich Euch bitte?� Was f�r ein gr��liches Temperament! Wahrscheinlich flo� Barbarenblut in den Adern des Kaledoniers, und sein Gro�vater hatte noch zu jenen halbnackten piktischen R�ubern geh�rt, die sich bunt anmalten, wenn sie in den Krieg zogen. �Ich w�rde Euch gerne einladen, das Abendmahl mit mir zu teilen. Es wird meinem Diener ein Vergn�gen sein, f�r uns beide ein Essen zu bereiten. Der Kerl zieht zwar meist ein griesgr�miges Gesicht, und er h�lt ein Schwert wie eine Pfanne, doch f�r K�chenarbeit ist er wirklich zu gebrauchen.�</p><p>Gwalchmai z�gerte eine Weile. Schlie�lich nickte er. �Es w�re wohl unh�flich, diese Einladung auszuschlagen, und den K�mpen der Morrigan k�nnen wir auch morgen noch zur H�lle fahren lassen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>6. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Jetzt hatte er also zwei Herren, dachte Golo verdrie�lich und musterte die beiden Krieger, die hintereinander den schmalen Hohlweg in den Wald hineinritten. Volker lie� keine Gelegenheit aus, diesem Kaledonier mit dem unaussprechlichen Namen seine Dienste anzubieten. Gestern abend mu�te er sogar das Pferd dieses Kerls striegeln. Ganz wie sein Herr war der graue Hengst ein unberechenbares Monstrum. Zweimal hatte er versucht, Golo zu bei�en.</p><p>Fr�stelnd rieb sich der Knecht mit den H�nden �ber die Arme. Es war so kalt, als wolle der Winter zur�ckkehren. Noch vor Morgengrauen war er frierend unter seiner klammen Decke erwacht und hatte das Feuer wieder angefacht, doch richtig warm und trocken war er nicht mehr geworden. Gottverfluchte S�mpfe!</p><p>Die beiden Ritter vor ihm lachten. Ja, die Herren am�sierten sich k�stlich! Sie trugen pr�chtige, mit Fell gef�tterte Reitm�ntel, und die K�lte vermochte ihnen nicht viel anzuhaben. Wenn er fror, hie� es, er solle mehr arbeiten, dann w�rde ihm auch warm werden. Arrogantes, adeliges Pack. Allein war Volker ja ganz vertr�glich, doch wenn er mit einem Fremden zusammen war, dann glaubte er, er m�sse den Herren spielen.</p><p>Den ganzen Abend hatten die beiden dar�ber gesprochen, wie sie in die Feenburg einreiten w�rden. F�r sie schien keinen Atemzug lang ein Zweifel daran zu bestehen, da� der Kaledonier den Zweikampf mit dem Krieger der Feenk�nigin gewann. Sie hatten ausgemacht, da� Gwalchmai als erstes die gefangene Gunbrid von ihrem bitteren Schicksal erl�sen sollte. Danach erst w�rde die Hochzeit mit der Feenk�nigin stattfinden.</p><p>Mi�mutig blickte sich Golo um. Er konnte nicht glauben, da� es so einfach sein w�rde, zum K�nig der Feen zu werden. Der Wald, durch den sie ritten, erschien dem Knecht ungew�hnlich dunkel. Die kahlen �ste der Eichen waren �ber dem Weg ineinander verflochten und bildeten ein d�steres Gew�lbe. Der Himmel war mit grauen Wolken verhangen, und die Sonne hatte nicht die Kraft, die geisterhaften Nebelschwaden aufzul�sen, die �ber dem Sumpf trieben. Dies war ein Tag, wie geschaffen f�r finstere Magie und �blen Verrat! Golo dachte an seinen Traum. Er hatte versucht, Volker von seinem Vorhaben abzubringen und von der Feenkriegerin mit dem Schwert erz�hlt, doch der Spielmann hatte nur dar�ber gelacht.</p><p>Vor ihnen �ffnete sich der Weg zu einer Lichtung. Das Gespr�ch der beiden Ritter verstummte abrupt. Jetzt sah es auch Golo. Auf der Lichtung erhob sich ein Wald von Pf�hlen, jeder von einem Kopf gekr�nt. Er hatte es gewu�t. Die Visionen der vorletzten Nacht, das war mehr als nur ein Traum gewesen! �ngstlich blickte sich der Knecht um... Jeden Moment konnte die Fee mit ihren Kobolden kommen.</p><p>Volker schwang sich aus dem Sattel und f�hrte Lanzenbrecher am Z�gel auf die Lichtung. Gwalchmai folgte seinem Beispiel. Golo fluchte. Er w�rde diesen Vorhof der H�lle nicht betreten. Hinter ihm knackte es im Geb�sch. Seine Hand glitt zum Schwert. Die beiden lie�en ihn hier zur�ck! Jetzt sa� auch er ab. Vielleicht w�re er an der Seite der beiden besser aufgehoben. Immerhin hatten sie seit Kindesbeinen den Schwertkampf ge�bt. Warum war er damals nicht in seinem Dorf geblieben, als der verfluchte Spielmann kam, um sich einen Knecht zu suchen? Er hatte von Abenteuern getr�umt und davon, sich im Ruhm seines Herren zu sonnen. Pferdemist! Warum hatte ausgerechnet er einen Verr�ckten zum Herren bekommen? Als er in das Dorf geritten war, sah Volker aus wie jeder andere Ritter auch!</p><p>Golo nahm die beiden Pferde am Z�gel und folgte dem Spielmann und Gwalchmai. Die zwei waren nur noch als dunkle Schemen im Nebel zu erkennen. Die K�pfe auf den Pf�hlen mu�ten sehr alt sein! L�ngst war alles Fleisch von den Knochen verschwunden.</p><p>Etwas knackte. Erschrocken zog er seinen Fu� zur�ck. Er war auf einen Unterkiefer getreten, und der Knochen war zerbrochen. Hastig schlug Golo ein Kreuz und betete ein Vaterunser. �Vergib mir, wenn ich dich mi�achtet habe, toter Krieger. Bitte verfolge mich daf�r nicht in meinen Tr�umen. Es war keine Absicht.� �ngstlich blickte er in die leeren Augenh�hlen der Toten. Halb rechnete er damit, da� einer der Sch�del ihn mit dumpfer Grabesstimme verfluchen w�rde. Doch nichts regte sich.</p><p>Vorsichtig ging er weiter und achtete jetzt genau darauf, wohin er trat. Manche der Sch�del waren mit Helmen geschm�ckt. Sie sahen seltsam aus. Gr�n angelaufen und aus Bronze waren sie. Von einem hing ein halb verrotteter Ro�schweif herab. Ein anderer Helm hatte eine Gesichtsmaske. Sie zeigte einen Knaben mit gelocktem Haar. Was f�r Krieger mochten solche Helme getragen haben? Golo hatte so etwas noch niemals gesehen! Sahen so die R�stungen von Feen aus?</p><p>Ein leises Klirren wie von Metall lie� ihn aufschrecken. Der Baum! Mit weit ausladenden �sten erhob er sich am Ende der Lichtung. Die beiden Ritter standen davor und betrachteten die schaurige Troph�ensammlung. Es war alles genau wie in seinem Traum. Es gab fast keinen Ast, von dem keine Waffen hingen. Vor dem Baum jedoch stand ein kleiner, aus Stein gemauerter Schrein. Darin lag auf einem h�lzernen Ger�st ein mit goldenen B�ndern eingefa�tes Horn. Volker und Gwalchmai starrten ehrf�rchtig auf das kostbare Instrument.</p><p>Ein paar Herzschl�ge lang hoffte Golo darauf, da� die beiden es sich doch noch anders �berlegen w�rden. Noch gab es einen Weg zur�ck! Wenn sie jetzt einfach umkehrten, w�rde das Nachtvolk sie vielleicht verschonen. Volker konnte doch nicht wirklich so dumm sein, allein ein ganzes Feenvolk herauszufordern. Bestimmt konnte jeder einzelne der Feenritter nicht nur hervorragend fechten, sondern auch noch zaubern.</p><p>Seine Hoffnungen sollten nicht entt�uscht werden. Es war nicht Volker, sondern Gwalchmai, der seine Hand nach dem Horn ausstreckte. Fast im gleichen Moment, in dem er es von dem Holzger�st nahm, erklang in der Ferne ein Donnern. Golo begann zu beten. Warum nur hatte er nicht die Kraft, diese beiden Verr�ckten hier alleinzulassen? Sollten sie doch ohne ihn in ihr Verderben rennen!</p><p>Der Himmel wurde immer dunkler. Von Westen, dort, wo irgendwo das Meer liegen mu�te, zogen dunkle Gewitterwolken auf. Wieder zerri� ein Donnerschlag die Stille. Eisiger Wind fegte �ber das Moor. Das Klirren der Schwerter und der anderen Waffen, die im Ge�st gegeneinanderschlugen, klang fast wie der L�rm einer fernen Schlacht.</p><p>Gwalchmai setzte das Horn an die Lippen. Der Krieger beugte sich leicht zur�ck, seine Backen bl�hten sich, als sei er ein Frosch. Dann erklang ein Ton, wie ihn Golo noch nie zuvor geh�rt hatte, und er w�nschte sich, dieses Ger�usch nie wieder in seinem Leben zu h�ren. Der Knecht hatte schon viele H�rner geh�rt, doch dieses hier He� sich mit keinem von ihnen vergleichen. Fast wie ein Schrei klang es �ber die Lichtung. Golo mu�te unwillk�rlich an Raben denken. Die Pferde stiegen und wieherten schrill. Dann rissen sie sich los und flohen von der Lichtung. Ganz nahe schlug ein Blitz ein und tauchte die Szene in fahles, geisterhaftes Licht.</p><p>Ein Windsto� r�ttelte an den �sten des Troph�enbaumes. Eines der Seile, mit denen die Waffen aufgeh�ngt waren, zerri�, und ein Schwert st�rzte in die Tiefe.</p><p>�Vorsicht, Herr!�</p><p>Volker blickte nach oben. Das Schwert st�rzte genau auf ihn zu. Gwalchmai verpa�te dem Spielmann einen Sto� mit der Schulter. Nur eine Handbreit neben den Rittern bohrte sich die rostige Klinge in den weichen Waldboden.</p><p>�Das ist der Fluch der Feen!� kreischte Golo. �La�t uns hier verschwinden, oder wir sind alle des Todes. Das war die letzte Warnung. Das n�chste Mal geht es uns allen ans Leben!�</p><p>Volker packte ihn beim Wams. �Sieh her!� Der Ritter zog das Schwert aus dem Boden. �Siehst du dieses morsche, alte Seil? Der Wind hat es zerrei�en lassen. Das ist alles! Wir sind hier in einer alten, heidnischen Sch�delst�tte. Es gibt keine Feen! Sie sind nur eine Erfindung der Dichter!�</p><p>�Und was ist das dort dr�ben?� Golo deutete mit zitternder Hand auf einen Holzpflock, der keine f�nf Schritt vom Baum entfernt stand. Er war mit einem Kopf geschm�ckt, von dem verrottendes Fleisch hing. Unten an dem Pfahl lehnte ein Helm, ganz �hnlich den Topfhelmen, welche die beiden Ritter besa�en. �Das ist nicht alt! Erz�hlt mir nichts, Herr! Und habt Ihr die verbrannte Burg vergessen und die aufgespie�ten K�pfe der Normannen?�</p><p>�Das waren R�uber, die sich den Aberglauben der Bauern zunutze machen, um ihrer gerechten Strafe zu entgehen!�</p><p>Golo sch�ttelte verst�ndnislos den Kopf. �Seid Ihr denn blind f�r das Offensichtliche?�</p><p>�Nein! Ich lasse nur nicht zu, da� die Angst meinen Verstand regiert. Wir m�ssen jetzt die Pferde einfangen!�</p><p>�Ich werde hierbleiben�, sagte Gwalchmai grimmig. �Nur f�r den Fall, da� die Morrigan und ihre K�mpfer kommen. Sie sollen nicht denken, wir h�tten uns davongeschlichen.�</p><p>Volker nickte zustimmend. Wieder blitzte es, und fast augenblicklich war der Donnerschlag zu h�ren. Der Wind hatte nachgelassen. Es begann zu regnen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Mit rudernden Armen k�mpfte sich Volker durchs Dickicht. In Str�men lief ihm der Regen �bers Gesicht, und die Dornenranken zerrten an seinem Waffenrock, als seien es winzige H�nde. Golo hatte behauptet, in seinem Traum von Kobolden verfolgt worden zu sein. Bisher war fast alles Wirklichkeit geworden, was er in seiner Vision gesehen hatte. Nur Gwalchmai war ihm seltsamerweise nicht im Traum erschienen.</p><p>Ein Ast peitschte Volker ins Gesicht. Der Spielmann fluchte. Gwalchmais Streitro� hatte er schon gefunden. Der gro�e Hengst war nicht weit gelaufen. Er hatte seine Z�gel um einen jungen Baum geschlungen und sich dann weiter auf die Suche begeben. Dieses Horn! Nie zuvor in seinem Leben hatte er einen solchen Ton geh�rt. Ob es vielleicht verzaubert war?</p><p>Vom Sumpf her ert�nte ein klagendes Heulen. Das Ger�usch schien ihm vertraut, doch konnte er sich nicht mehr erinnern, wo es gewesen war. Es war ein langgezogener Laut, der weder von Menschen noch von Tieren stammte. Die Feen kamen also! Sie hatten das Signal geh�rt! Er mu�te zur�ck zu Gwalchmai.</p><p>Der Spielmann versuchte, sich zu orientieren. Die Suche nach den Pferden hatte ihn kreuz und quer durch das dichte Gestr�pp des Waldes gef�hrt. Er wu�te nicht mehr genau, in welcher Richtung er die Sch�delst�tte finden w�rde. In dem Nebel konnte er keine zehn Schritt weit sehen. Wahrscheinlich war es das kl�gste zu versuchen, seiner eigenen Spur zu folgen. Der Weg, den er sich gebahnt hatte, war fast nicht zu verfehlen.</p><p>Er war schon eine Weile gegangen, als wieder das heulende Ger�usch aus dem Sumpf erklang. Diesmal war es schon viel n�her. Wenn er nur besser sehen k�nnte! Er war dicht an den Waldrand gekommen und ging nun dort entlang. Der Baum mit den Troph�en hatte unmittelbar an der Grenze zum Sumpf gestanden. Also brauchte er nur dem Ufer zu folgen. Der Boden war hier morastig. Zweimal schon war er ausgerutscht und gest�rzt. Sein pr�chtiger wei�er Waffenrock war �ber und �ber mit Schlamm besudelt. Wenn man ihn jetzt so sehen k�nnte, mochte man denken, er sei aus den Tiefen des Moors emporgestiegen. Der Spielmann l�chelte. Er hatte sich eindeutig zu viele Spukgeschichten von Golo erz�hlen lassen! Jetzt dachte er selbst schon so wie dieser abergl�ubische Bauer.</p><p>Wieder ert�nte das merkw�rdig vertraute Heulen, und jetzt, wo es schon ganz nahe war, erkannte er das Ger�usch wieder. Er hatte es schon einmal in einer Schlacht gegen die Sachsen geh�rt. Die Feen bliesen auf Luren! Gro�en, seltsamen Trompeten. Sie ragten senkrecht empor, und ihre Trichter waren wie Wolfs- oder Drachenk�pfe geformt.</p><p>Volker begann zu laufen. Er hatte das Gef�hl, da� er Gwalchmai nicht mehr rechtzeitig erreichen w�rde. Links neben ihm erschien eine Gestalt. Durch die Regenschleier und den Dunst konnte der Spielmann nur einen Schemen erkennen, der dicht �ber dem Sumpf zu schweben schien. Also stimmten die Feengeschichten. Erschrocken duckte er sich ins Unterholz am Waldesrand. Wer auch immer dort kam, schien nicht von dieser Welt zu sein.</p><p>Volker sp�rte, wie sein Herz immer heftiger schlug. Sein Mund war trocken, seine H�nde daf�r aber schwei�na�. So hatte er sich gef�hlt, als er in der gro�en Sachsenschlacht mit nur f�nf Rittern den Feldherrnh�gel des K�nigs gegen eine �bermacht von Feinden verteidigen mu�te.</p><p>In Gedanken ermahnte sich der Spielmann, ruhig zu sein. Es war nur ein einzelner Gegner, der dort aus dem Sumpf kam. Ob der Streiter der Morrigan die Richtung verfehlt hatte? Der Troph�enbaum stand doch an ganz anderer Stelle!</p><p>Jetzt konnte er den Mann deutlicher erkennen. Erleichtert atmete der Ritter auf. Sein Feind schwebte nicht! Er stand in einem flachen Nachen und stakte mit einer langen Stange durch das brackige Wasser. Der Mann hatte langes, rotes Haar und trug eine seltsame, bunte Hose. �ber seine Schulter hing ein K�cher mit Pfeilen.</p><p>Als er fast den Waldrand erreicht hatte, sprang er aus dem kleinen Boot und zog es das Ufer hinauf. Dann nahm er einen Bogen aus dem Rumpf und blickte sich mi�trauisch um. Volker fragte sich, ob der Krieger im Nebel seinen Weg verloren hatte. Es war ein blutjunger Kerl, der h�chstens zwanzig Sommer gesehen haben mochte. Irgendwo n�rdlich ert�nte das Heulen der Luren. Sie klangen jetzt ganz nah! Auch wenn Nebel und Regen die Ger�usche d�mpften und ver�nderten, sch�tzte Volker, da� die anderen Krieger des Nachtvolks h�chstens dreihundert Schritt entfernt sein mochten.</p><p>Der junge Bogensch�tze ging ein St�ck das Ufer hinauf. F�r einen maurischen Sklavenj�ger sah er recht eigenartig aus. Wahrscheinlich war er nur ein R�uber aus der Region. Aber ein reicher R�uber! Ein dicker, goldener Reif war um seinen Hals geschlungen. Volker traute seinen Augen kaum. Wenn dieses Schmuckst�ck massiv war, dann mu�te es soviel wie ein Schlachtro� wert sein. Der Sklavenhandel schien ein eintr�gliches Gesch�ft zu sein!</p><p>Der Bogensch�tze kniete jetzt nieder und betrachtete irgend etwas im weichen Uferschlamm. Volker schluckte. Dort war er eben erst entlanggelaufen! Ob der Kerl etwa seine Fu�spuren im Schlamm gefunden hatte?</p><p>Unheimlich ert�nte das Heulen der Luren. Diesmal klang es anders, auf schwer zu beschreibende Weise majest�tischer... Ein eisiger Schauer lief Volker �ber den R�cken. Der junge Mann am Ufer sprang auf und lief in die Richtung, in die der Troph�enbaum stehen mu�te. Erleichtert atmete Volker auf. Er war davongekommen. Der Spielmann lie� einige Augenblicke verstreichen, dann erhob er sich aus seinem Versteck und trat ans Ufer. Der junge Krieger schien sich in Dunst und Regen aufgel�st zu haben. Volker warf kurz einen Blick ins Boot. Im Rumpf lag ein kurzer Jagdspeer, sonst gab es nichts Besonderes zu sehen.</p><p>In der Ferne ert�nte das Klirren von Schwertern. Der Zweikampf hatte begonnen! Ohne auch nur einen Augenblick zu z�gern, machte sich Volker auf den Weg in Richtung des Troph�enbaums. Beunruhigende Gedanken gingen ihm durch den Kopf, w�hrend er dem schmalen, schlammigen Uferstreifen folgte. Ob Golo mit seinem Aberglauben doch recht hatte? Der Spielmann blickte auf das dunkle Wasser. Er bewegte sich hier am Rand zweier Welten. Er ging genau auf der Grenze! Dort, wo sich das Wasser und die schwere, braune Erde vereinten. Es war ein tr�gerischer und unsicherer Pfad. Ein falscher Schritt, und er w�rde ausgleiten... Lag dort dr�ben im Nebel wirklich ein Feenreich? Und hatte er sich nun bis an die �u�erste Grenze seiner eigenen Welt bewegt?</p><p>Der junge Ritter sch�ttelte �rgerlich den Kopf. Das war jetzt nicht die Zeit f�r solche verr�ckten Gedanken. Wenn er zur�ck in Worms war und Gunbrid gerettet hatte, dann k�nnte er �ber diesen Unsinn weiter nachdenken! Es w�re gewi� eine sch�ne Metapher f�r ein Heldenlied. Der Spielmann grinste. Es war schon von Vorzug, wenn man in der Lage war, seine Heldenlieder selbst zu dichten. So konnte man seine eigenen Taten stets ins rechte Licht r�cken und... Ein Ger�usch in den B�schen hinter ihm lie� ihn herumfahren. Seine Hand schnellte zum Schwertgriff. Der junge Krieger aus dem Boot hatte sich hinter einem Busch erhoben. Er zielte mit gespanntem Bogen auf ihn. Volker hob die Hand vom Schwertgriff. Es war zu sp�t, um noch die Waffe zu ziehen. �Wir k�nnen �ber alles reden. Du mu�t wissen...� Der Pfeil schnellte von der Sehne. Der Spielmann versuchte, sich in Deckung zu werfen, doch er war zu langsam. Ein wuchtiger Schlag traf ihn an der Brust. Er st�rzte. Er konnte sp�ren, wie die Pfeilspitze das Kettenhemd durchdrang und sich in seinen Brustmuskel bohrte, doch f�hlte er keinen Schmerz. Noch im Fallen griff er nach dem Messer an seinem Waffengurt. Dann schlug er seitlich mit dem Gesicht in den kalten Schlamm. Er r�hrte sich nicht mehr. Vielleicht k�nnte er den jungen Krieger t�uschen. Immerhin hatte der Pfeil ihn auf H�he des Herzens getroffen.</p><p>Aus den Augenwinkeln konnte Volker beobachten, wie der Rothaarige sich n�herte. Er hielt seinen Bogen jetzt in der Linken und hatte mit der Rechten ein langes Messer aus seinem G�rtel gezogen. Vorsichtig n�herte sich der Krieger und stie� Volker mit dem Fu� an. Der Spielmann blieb reglos liegen. Mit einem triumphierenden L�cheln beugte sich der Rothaarige herab. Seine Klinge n�herte sich Volkers Hals. Im letzten Augenblick erst rollte sich der Ritter zur Seite. Seine Rechte schnellte vor, und der Dolch, auf dem er gelegen hatte, bohrte sich dem jungen Mann in den Bauch.</p><p>Der Kerl taumelte zur�ck. Die Waffen glitten ihm aus den H�nden. Er �ffnete den Mund, als wolle er schreien, doch drang nur ein leises R�cheln �ber seine Lippen. Blut tropfte ihm aus dem Mundwinkel. Er griff mit der Rechten nach dem Griff des Messers, das aus seiner Brust ragte.</p><p>Volker richtete sich auf und zog sein Schwert. Sein Gegner war inzwischen in die Knie gegangen. �Wolltest meinen Kopf, nicht wahr?� Volker schnitt eine Grimasse. Bei jeder Bewegung schmerzte die Pfeilwunde in seiner Brust. �Ist heute nicht dein Tag, Feenritter.� Er ber�hrte den Hals des Rothaarigen mit seiner Schwertspitze.</p><p>�Vielleicht sollte ich dich mitnehmen und deinem Anf�hrer einen Gefangenentausch vorschlagen? Was glaubst du, wie ihm das gefallen wird?�</p><p>Der Verwundete blickte ihn einige Herzschl�ge lang an. Er hatte gro�e, graue Augen. Pl�tzlich pre�te er die Lippen zusammen und st�rzte sich nach vorne in Volkers Schwert. Der Spielmann ri� die Waffe zur�ck, doch die scharfe Klinge hatte dem Rothaarigen den Hals aufgeschlitzt. Pulsierend sprudelte das Blut aus der t�dlichen Wunde. Der junge Mann l�chelte matt. Dann sank er zur Seite.</p><p>Der Ritter fluchte. Was f�r ein Wahnsinn! Warum hatte der Kerl das getan? Hatte er solche Angst vor dem Zorn seiner Gef�hrten gehabt? Volker kniete nieder und wischte sein Schwert an der Hose des Toten sauber. Dann l�ste er seinen Dolch aus der Wunde und reinigte auch ihn.</p><p>Noch immer hallte das Klingen von Schwertern durch den Nebel. Der K�mpfer der Morrigan mu�te gut sein, da� er sich so lange gegen Gwalchmai hatte halten k�nnen. Der Spielmann richtete sich auf. Helle Lichtpunkte tanzten ihm vor den Augen. Ihm wurde schwindelig, und er mu�te sich auf sein Schwert abst�tzen. Mit zitternden Fingern griff er nach dem Pfeil, der in seiner Brust steckte. Vorsichtig bewegte er das gefiederte Ende, und ein brennender Schmerz scho� durch seine Brust bis in den linken Arm hinauf. Das Gescho� steckte tiefer, als er zun�chst gedacht hatte. Es w�re t�richt zu versuchen, sich den Pfeil herauszuziehen. Die Wunde w�rde dann nur noch st�rker bluten.</p><p>Mit der Linken umklammerte er den Schaft des Geschosses. Er ballte die Hand zur Faust und pre�te sie auf seine Brust. Der Schmerz raubte ihm fast die Sinne. Mit der anderen Hand griff er nach dem gefiederten Ende.</p><p>�Heilige Maria, Mutter Gottes, gib mir Kraft�, fl�sterte er. Dann brach er mit einem Ruck den Pfeil durch. St�hnend ging er in die Knie. Es war, als h�tten ihm Teufel ein gl�hendes Eisen in die Brust getrieben. F�r einige Augenblicke konnte er nicht mehr klar sehen. Die B�ume schienen in wildem Reigen um ihn herum zu tanzen. Endlich lie� der Schmerz ein wenig nach. Er blickte an sich herab. Nur ein kleines St�ck des Pfeilschaftes, nicht l�nger als sein kleiner Finger, ragte jetzt noch aus der Wunde. Sein wei�er Waffenrock war �ber und �ber mit Blut bespritzt. Es mu�te auch von dem jungen Krieger stammen!</p><p>Sein Schwert als Kr�cke benutzend, k�mpfte der Spielmann sich auf die Beine. Er wollte dem Sieg Gwalchmais beiwohnen. Schweren Schrittes ging er den Wald entlang. Bald sah er etliche Boote auf dem schmalen Uferstreifen liegen. Die R�uber waren zahlreicher, als er gedacht h�tte. Vielleicht w�re es kl�ger, sich vor ihnen zu verstecken. Schemenhaft konnte er durch den Nebel zwei Krieger mit Bogen erkennen. Mit zwei Schritten hatte er den Rand des Waldes erreicht und kauerte sich hinter einen Busch. Die beiden Sch�tzen waren wieder im Nebel verschwunden. Vorsichtig arbeitete sich der Spielmann durch das Dickicht. Dornenranken zerrten an seinem Waffenrock, und es schien, als wollten die Wurzeln der B�ume nach seinen F��en greifen. Zweimal strauchelte er, und die Wunde in seiner Brust begann wieder zu bluten.</p><p>Endlich konnte er im Dunst den riesigen Troph�enbaum erkennen. Auf der Lichtung umkreisten zwei K�mpfer einander. Die Nebelschleier lie�en die Szene seltsam unwirklich erscheinen, so als sei sie ein Spuk oder ein Traumbild. Der Streiter der Morrigan war ein h�nenhafter Kerl, der Gwalchmai um mehr als Hauptesl�nge �berragte. Der Krieger war v�llig nackt. Sein K�rper war �ber und �ber mit verschlungenen blauen Mustern bemalt. Nur um den Hals trug er einen breiten, goldenen Schmuckreif. Die Haare des K�mpfers waren kurz und standen wie Stacheln von seinem Kopf ab. So wie Gwalchmai k�mpfte der Streiter der Morrigan mit Schwert und Schild. Die Mitte seines Rundschildes war mit einem gro�en, eisernen Buckel verst�rkt, und das Holz war mit gelben Spiralen auf rotem Grund bemalt.</p><p>Der Kampf wogte lange unentschieden hin und her. Die zwei Krieger waren einander fast ebenb�rtig. Beide bluteten aus mehreren leichten Wunden. Ihre Bewegungen wurden langsamer, die Attacken waren nicht mehr so ungest�m. Laut hallte ihr Keuchen �ber die Lichtung.</p><p>Etliche Bewaffnete standen am Rand der B�ume und beobachteten das Duell. Volker sch�tzte, da� es mindestens vierzig Krieger sein mu�ten, die sich dort versammelt hatten. F�r eine R�uberbande verdammt viele! Vermutlich waren auch Bauern und Fischer aus der Gegend dabei. Der Spielmann �berlegte, ob er seine Deckung verlassen sollte, doch eine innere Stimme warnte ihn. Wer wu�te, wie dieses Pack reagieren w�rde. Es war kl�ger, sich zun�chst im Hintergrund zu halten!</p><p>Gwalchmai stie� einen wilden Kampfschrei aus und holte zu einem m�chtigen Hieb aus, der auf den Kopf seines Gegners zielte. Der K�mpe der Morrigan ri� seinen Schild hoch, um den Schwertstreich abzufangen. Im gleichen Moment wechselte der Kaledonier die Schlagrichtung. Volker nickte anerkennend. Gwalchmai lernte schnell! Das war derselbe Schlag, mit dem er den Kaledonier am Vortag bezwungen hatte. Der blonde H�ne, der sich mit seinem eigenen Schild die Sicht genommen hatte, konnte das �berraschende Man�ver nicht sehen. Das Schwert des Ritters traf ihn dicht �ber der H�fte und schnitt ihm tief ins Fleisch. St�hnend taumelte der Krieger zur�ck. Der Schild entglitt seiner Hand. Er pre�te die Linke auf die stark blutende Wunde. Immer noch hielt er sein Schwert zur Abwehr bereit.</p><p>�Gib auf! Du warst ein ehrenhafter Gegner. Ich m�chte dich nicht t�ten.� Gwalchmai senkte sein Schwert. �Du kannst nicht mehr gegen mich gewinnen.�</p><p>Eine Frau mit langem, rotblondem Haar trat aus dem Nebel. Sie trug einen Umhang aus Rabenfedern, der bis auf den Boden hinabreichte, und dazu ein enganliegendes, schwarzes Kleid. Ihre Stimme klang klar und befehlsgewohnt, als sie sprach. �Schafft Arbotorix fort und versorgt seine Wunden.�</p><p>Die Krieger am Rand der Lichtung gehorchten ihr schweigend. Volker traute seinen Augen kaum. Das also war die Morrigan. Die Frau wirkte unnat�rlich bla� und sprach mit einem merkw�rdigen Akzent, wie ihn der Spielmann bei den Bauern der Region nicht bemerkt hatte. Sollten die Geschichten �ber die Fee am Ende doch wahr sein? Volker duckte sich ein wenig tiefer in die B�sche.</p><p>�Ich begl�ckw�nsche dich, Falkenritter! Du hast meinen besten Krieger besiegt. Du bist der erste, der Arbotorix �berwinden konnte. Ich nehme an, du kennst den Preis deines Triumphs.�</p><p>Gwalchmai beugte das Knie. �Es hei�t, der Sieger des Duells solle an deiner Seite K�nig im Feenreich sein, edle Morrigan.�</p><p>Sie streckte ihm die Hand entgegen. �Du knietest nieder als Ritter, nun erhebe dich als der K�nig, der hinter den Nebeln herrscht, mein Falke. Warte hier, und ich werde dir die Insignien deiner neuen Macht bringen.�</p><p>Gwalchmai erhob sich und nahm den Topfhelm ab. In breiten Str�hnen hing ihm sein schwei�nasses Haar in die Stirn. L�chelnd schob er sein Schwert in die Scheide zur�ck und blickte zu den Kriegern am Rand der Lichtung. Diese hoben langsam ihre Bogen. Augenblicklich verschwand das L�cheln aus dem Gesicht des Ritters. Best�rzt wandte er sich an Morrigan, die inzwischen den Rand der Lichtung erreicht hatte.</p><p>�Was soll das? Senkt eure Waffen! Ich bin jetzt euer Herr!�</p><p>�Du bist nun zwar K�nig, Falkenritter, doch Befehlsgewalt �ber meine Krieger hast du erst, wenn du auch die Insignien des Herrschers tr�gst. T�tet ihn!�</p><p>Gwalchmai ri� seinen Schild hoch, doch die Pfeile prasselten von allen Seiten auf ihn nieder. Sie trafen ihn in die Beine, den R�cken und die Arme. Volker konnte sehen, wie eines der Geschosse den Hals des Recken durchschlug und etliche Zoll weit aus seinem Nacken austrat. Lautlos sank der Kaledonier zu Boden. Einige Herzschl�ge lang herrschte Stille. Dann trat die Morrigan neben den Leichnam. Sie hielt ein pr�chtiges, silbern gl�nzendes Schwert in der Hand.</p><p>�Du hast tapfer gek�mpft, fremder Ritter, und ich werde mein Wort halten. Heute nacht wirst du neben mir auf dem Thron meines Palastes sitzen. Die Barden meines Volkes werden dich als den Falkenk�nig besingen und dein Kampfgeschick loben. Du wirst f�r immer in der Erinnerung der meinen leben, doch f�r das Volk diesseits des Nebels mu�test du sterben. F�r sie mu� der Recke der Morrigan als unbesiegbar gelten, damit wir weiterhin in Frieden leben k�nnen.� In silbernem Bogen sauste die Klinge hinab, und die Morrigan hob Gwalchmais abgetrenntes Haupt auf.</p><p>Zwei Krieger hatten bereits einen neuen Pfahl in die Erde gerammt, und die schwarze K�nigin spie�te das Haupt des Kaledoniers darauf. Dann wandte sie sich zu ihren M�nnern um. �Hebt ihn auf den Schild des K�nigs und legt ihm dieses Schwert in seine kalte Hand. Die Morrigan hat ihm versprochen, da� er die Insignien des Herrschers tragen w�rde, und Morrigan bricht niemals ihr Wort!�</p><p>Volker war wie gel�hmt vor Entsetzen. Unf�hig, sich zu r�hren, beobachtete er aus seinem Versteck, wie sich die blutd�rstige K�nigin und ihre Krieger zu den Booten zur�ckzogen. Erst als das leise Platschen der Ruder verklungen war, trat er auf die Lichtung. Der Ausdruck ungl�ubigen Entsetzens spiegelte sich noch immer im Gesicht Gwalchmais. Volker strich dem Toten �ber die Augenlider. �Ich werde dich r�chen�, murmelte er leise. �Die Morrigan wird f�r dich b��en.� Er strich dem Ritter das str�hnige Haar aus der Stirn und ging dann zum Ufer. Dort schleifte er den Leichnam des Bogensch�tzen zu dem flachen Nachen. Es w�re besser, wenn er den Mann verschwinden lassen w�rde. Gewi� dauerte es nicht lange, bis seine Kameraden ihn vermi�ten.</p><p>Keuchend hievte er den Toten in das Boot. �Auf dem Grund des Moores wird dich auch deine verfluchte K�nigin nicht mehr finden�, fl�sterte der Spielmann verbittert. Die Wunde in seiner Brust schmerzte, und dunkles Blut sickerte durch die Panzerringe seines Kettenhemdes. Ihm war schwindelig. Er mu�te ruhen, doch hier am Ufer konnte er nicht bleiben.</p><p>Volker blickte an seinem schmutzigwei�en Waffenrock hinab. Wenn sich der Nebel hob, w�rde man ihn damit schon von weitem erkennen k�nnen. Er mu�te das Kleidungsst�ck loswerden. Doch er konnte den linken Arm nicht mehr h�her als bis zur Brust heben. Er zog das Messer aus seinem Waffengurt und trennte die N�hte �ber den Schultern auf. Dann zog er das Kleidungsst�ck zum G�rtel hinunter und streifte es wie einen Rock ab. Er schnitt zwei breite Streifen vom Saum, die er sp�ter brauchen w�rde, um seine Wunde zu verbinden. Den Rest warf er ans Ufer, damit Golo wu�te, an welcher Stelle er in den Sumpf gestakt war. Vielleicht w�rde sein Knecht ihm ja folgen? Volker l�chelte. Nein, mit dem abergl�ubischen Kerl sollte er lieber nicht rechnen.</p><p>Schwankend erhob sich der Ritter und griff nach der Stange, die neben ihm im Boot lag. Noch einmal blickte er zu dem kleinen Wald, der Gwalchmai zum Verh�ngnis geworden war. Dann stie� er sich vom Ufer ab und steuerte auf jene Stelle zu, wo das Boot der Morrigan im Nebel verschwunden war.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>7. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Als das seltsame Heulen aus den S�mpfen erklang, war Golo tief unter einen Busch gekrochen. Sollten die beiden Ritter ihren Streit mit den Feen alleine ausfechten! Er hatte damit nichts zu tun, und wenn es nach ihm gegangen w�re, dann h�tte er auch niemals diesen verfluchten Wald betreten.</p><p>Mit klopfendem Herzen hatte der Knecht auf den Kampfl�rm gelauscht, und selbst nachdem das Klingen der Schwerter schon lange verstummt war, hatte er es nicht gewagt, sein Versteck zu verlassen. Erst als ganz in der N�he Lanzenbrecher vorbeitrottete und die wenigen gr�nen Triebe von den B�umen zupfte, kroch Golo unter den B�schen hervor. Der Hengst wirkte erfreut, als er ihn sah. Er schnaubte und kam auf ihn zu, um seinen gro�en Kopf an seiner Brust zu reiben. Der Knecht t�tschelte ihm �ber den Hals. �Jetzt ist der Spuk vorbei, nicht wahr... Willst du mit mir zu der Lichtung kommen?�</p><p>Der Schimmel spitzte die Ohren, und Golo war sich sicher, da� der gro�e Hengst ihn genau verstanden hatte. Er griff nach Lanzenbrechers Z�geln und machte sich auf den Weg. Es dauerte eine Weile, bis er den Troph�enbaum wiederfand. Fast schien es ihm, als wolle der Wald ihm jene Wege verbergen, die dorthin f�hrten, wo vor kurzem erst der Zweikampf stattgefunden hatte. Golo hatte das Gef�hl, in jedem Busch und jedem Baum die Zauberkraft der Feen zu sp�ren. Was wohl aus Volker geworden sein mochte? Ob der Ritter sich auch im Gestr�pp versteckt hatte? Wohl kaum...</p><p>Ziellos streifte Golo �ber die Lichtung und betrachtete die K�pfe auf den Pf�hlen. Manche der Sch�del schienen wissend zu grinsen. Schlie�lich fand der Knecht, wonach er gesucht hatte. Lange starrte er in Gwalchmais blasses Antlitz. �Du dummer Kerl! Du hattest doch alles, was man braucht, um gl�cklich zu sein... Wenn ich, so wie du, von edler Geburt gewesen w�re, h�tte mich das Schicksal bestimmt nicht in diesen verfluchten Wald gef�hrt. Ein h�bsches Weib h�tte ich mir genommen, einen Haufen Kinder in die Welt gesetzt und vom Zehnten meiner Bauern ein gutes Leben gef�hrt. Und was hast du daraus gemacht? Hast erreicht, da� dein K�nig dich des Landes vertreibt, bist durch die Welt gezogen und schl�gst dich f�r nichts und wieder nichts mit anderen Rittern! F�r uns Bauern ist es besser, da� es einen weniger von deiner Sorte gibt!� Verbittert wandte Golo sich ab. Er konnte sie nicht begreifen, diese Herren! War ihnen langweilig, oder was war der Grund, der sie zu diesem rastlosen Leben trieb?</p><p>Er griff nach den Z�geln von Lanzenbrecher. Es war gut, den gro�en Hengst bei sich zu haben. Mit ihm f�hlte er sich auf dieser Lichtung der Toten nicht so verloren. So wu�te er, da� er nicht das einzige Wesen aus Fleisch und Blut in diesem gottverlassenen Wald war. �Komm, wir werden jetzt deinen Herrn suchen. Wie ich ihn kenne, sitzt er hier irgendwo in einem Busch. Er hat immer Gl�ck. Irgendwie wird er den Feen entwischt sein. Nicht wahr...� Er blickte dem gro�en Hengst in die Augen, so als m�sse Lanzenbrecher ihm best�tigend zuzwinkern. Doch das Pferd tat nichts dergleichen.</p><p>�Was mach� ich hier nur?� brummte Golo mi�mutig. �Mit dir reden, als h�tte ich einen gottesf�rchtigen Christenmenschen vor mir.� Gr�belnd blickte sich der Knecht um und fragte sich, wo er wohl seinen Herren finden k�nnte. Schlie�lich entschied er sich daf�r, am Troph�enbaum vorbei zum Rand des Waldst�cks zu gehen und dort zu suchen. Falls auch Volker ihn suchte, w�rde der Spielmann dort am einfachsten den Spuren folgen k�nnen.</p><p>Golo war noch nicht weit gegangen, als er auf die breite Schleifspur stie�, die parallel zum Wasser verlief. Er beugte sich nieder, strich durch die dunklen Flecken im Schlamm und begutachtete seine Fingerkuppen. Blut! Da konnte es nicht den geringsten Zweifel geben. Aufmerksam musterte er den zerw�hlten Schlamm, doch wu�te er nicht mit Sicherheit zu sagen, wer wen verletzt hatte.</p><p>Mit langen Schritten folgte Golo der Schleifspur. Hundert Schritte entfernt entdeckte er einen hellen Gegenstand im Schlamm. Einen Umhang oder etwas �hnliches. Mi�trauisch blickte er zum Waldrand. Konnte das eine Falle sein? Aber h�tten Feen so etwas n�tig? Ihre Macht w�re doch gewi� gro� genug, ihn auch ohne eine List in ihre Gewalt zu bekommen, wenn sie es wirklich wollten. Er ging langsamer, und als er endlich erkennen konnte, was dort am Ufer lag, blieb er wie angewurzelt stehen. Volkers Waffenrock! Er war zerfetzt und mit Blut besudelt...</p><p>Sie hatten also auch seinen Herrn erwischt! Er war mithin der einzige, der noch lebte! Golo lief ein eisiger Schauer �ber den R�cken. Er mu�te jetzt einen klaren Kopf behalten! Da� er noch lebte, war ein ungeheurer Zufall. Die beiden Ritter waren wenigstens noch in der Lage gewesen, sich ihrer Haut zu erwehren. Doch er... Er hatte nicht einmal vern�nftig gelernt, mit einer Waffe umzugehen. Golo dachte daran, wie Volker und Gwalchmai erst am Vortag miteinander gek�mpft hatten. Sie waren zwei erstklassige Schwertk�mpfer gewesen, und doch hatten die Feen sie scheinbar ohne M�he bezwungen. Das war Magie! B�ser Zauber! Golo konnte f�rmlich sp�ren, wie sich sein Magen zusammenzog. Er mu�te fort von hier. Seine einzige Rettung hie� Flucht!</p><p>�Komm, Lanzenbrecher, wir haben hier nichts mehr verloren!� Er zerrte an den Z�geln, doch der Hengst r�hrte sich nicht vom Fleck. Golo verdrehte w�tend die Augen, dann hob er den blutigen Waffenrock auf und hielt ihn dem gro�en Schimmel unter die N�stern. �Sieh dir das an! Das ist alles, was von unserem Herrn noch geblieben ist. Ein St�ck blutbesudelter Stoff. Wir k�nnen nichts mehr f�r ihn tun! Jetzt gilt es, unser eigenes Fell zu retten. Und wenn du unbedingt hierbleiben willst, dann sollst du eben in den Fleischkesseln der Feen landen.�</p><p>Wieder zerrte Golo an den Z�geln, und diesmal f�gte sich der Hengst. Der Knecht legte den zerfetzten Waffenrock �ber den Sattel des Schlachtrosses und machte sich auf den Weg in den Wald. Er hatte Volker im Grunde nie sonderlich leiden k�nnen, und doch h�tte er nicht gedacht, da� ihre gemeinsamen Abenteuer ein solches Ende nehmen w�rden. Bisher hatte er immer gedacht, sein Herr sei unter einem Gl�cksstern geboren und w�rde aus jedem Schlamassel, den er sich einbrockte, auch wieder herausfinden. Daran, da� er eines Tages vielleicht einmal allein in der Fremde stehen k�nnte, hatte Golo noch nie gedacht. Sicher w�rde er auch ohne Volker den Weg zur�ck nach Burgund finden, doch es w�rde ein langer und einsamer Ritt werden.</p><p>Golo erinnerte sich an die vielen Abende, an denen er seinem Herren beim Lautenspiel gelauscht hatte. Wenn Volker es darauf anlegte, konnte er wirklich nett sein. Manches Mal hatten sie gemeinsam gelacht und... Das war vergangen! Oft genug hatte er f�r den feinen Ritter auch die Drecksarbeit erledigen m�ssen. Er sollte besser die guten Seiten an seiner jetzigen Lage sehen, statt der Vergangenheit nachzutrauern. Wenn es ihm gelang, auch die anderen Tiere noch aufzutreiben, w�re er stolzer Besitzer von vier Pferden! Das hie�, er w�re ein reicher Mann! Niemand k�nnte ihm sein Anrecht streitig machen, schlie�lich waren die wirklichen Besitzer tot. Obwohl... Nach Burgund zur�ckzukehren w�re wahrscheinlich nicht klug. Volkers Vater w�rde gewi� viele Fragen �ber das Ende seines Sohnes stellen, und zu guter Letzt w�rde er die Pferde als Eigentum seiner Familie zur�ckfordern.</p><p>Golo blieb stehen und blickte den gro�en Hengst an. Allein f�r das Silber, das ihm Lanzenbrecher einbringen w�rde, k�nnte er sich schon ein kleines Bauernhaus und gen�gend Land dazu kaufen. �Wir werden sicher einen neuen Herrn f�r dich finden, nicht wahr, mein Alter. Ein Schlachtro� wie dich findet man schlie�lich nicht alle Tage!�</p><p>Lanzenbrecher schnaubte. Ob ihn der Hengst verstanden hatte? �Bei einem neuen Herrn wirst du es gut haben. Dort kannst du gewi� den halben Sommer mit ein paar h�bschen Stuten auf der Weide verbringen. Es ist doch eine Schande, ein Pferd wie dich in den Sumpf zu schleppen. Du bist f�r Schlachtfelder geschaffen und f�r pr�chtige Turnierpl�tze. Wer, au�er einem Narren, konnte auf die Idee kommen, dich hier in diese Schlamml�cher zu zerren?�</p><p>Golo hatte den Eindruck, da� ihn das gro�e Pferd mi�billigend musterte.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker f�hlte sich mit jedem Atemzug schw�cher. Eine eisige K�lte kroch aus seinen F��en die Beine hinauf. L�ngst hatte er aufgegeben, den Nachen mit der Stange durch das Moor zu staken. Er lie� sich mit der schwachen Str�mung treiben und betete. Die Wunde in seiner Brust blutete nicht mehr, doch hatte er nicht den Mut und die Kraft, einen Versuch zu unternehmen, die Pfeilspitze aus seinem Fleisch zu rei�en. Er wu�te, da� sie ihn langsam t�ten w�rde, wenn er nichts unternahm, und doch... Er wollte ein wenig schlafen, danach w�rde er st�rker sein.</p><p>Matt hob er den Kopf und blickte zum Bug. Am Horizont erstreckte sich eine hohe, wei�e Mauer. War das der Palast der Morrigan? Irgend etwas stimmte mit der Mauer nicht... Ein unangenehmes Prickeln lief durch seine Waden. Die K�lte fra� sich die Oberschenkel hinauf. Ihm klapperten die Z�hne. Eine innere Stimme warnte ihn einzuschlafen. Er f�rchtete, da� er nicht mehr erwachen w�rde. Volker bi� sich auf die Lippen. Lange w�rde er diesen Kampf nicht f�hren k�nnen. Immer wieder fielen ihm die Augen zu.</p><p>Stetig glitt er der wei�en Wand entgegen. Sie f�llte jetzt fast den ganzen Horizont. Einen Moment lang hatte er die groteske Vorstellung, da� nicht sein Boot, sondern die Mauer sich bewegte, da� sie �ber das Wasser hinweg auf ihn zuglitt, um ihn zu verschlingen. War dies das Ende? Sah so der Tod aus? Wahnvorstellungen... Hatte er sich geirrt? Gab es wirklich Feen und griffen sie nun mit all ihrer Zaubermacht nach seiner Seele? Leise murmelte er ein Vaterunser. Das war ein Kampf, der nicht mit Waffen entschieden w�rde. Wieder und wieder fl�sterte Volker das Gebet...</p><p>Etwas Warmes, Feuchtes streifte seine Wange. Erschrocken schlug er die Augen auf. Er war eingeschlafen! Um ihn herum trieben dichte, wei�e Nebelschwaden. Sie waren warm. Die K�lte war aus seinen Beinen gewichen. Volker hob die Hand und streckte sie �ber den Rand des flachen Nachens. Auch das Wasser war warm. Wohin mochte er getrieben sein, oder war er vielleicht... Er blickte an sich hinab. Noch immer ragte der abgebrochene Pfeilschaft aus seiner Brust. Sein Kettenhemd war von Blut und Schmutz verkrustet. Nein, so w�rde er nicht ins Himmelreich auffahren. Da� er nach seinem Tod irgendwo anders hingelangen konnte, war v�llig unm�glich. Er war stets ein treuer und aufrechter Diener Gottes gewesen! Also mu�te er noch leben.</p><p>Sein Boot glitt noch immer mit einer sanften Str�mung. Ganz in der N�he ert�nte ein beunruhigendes Pl�tschern, so als w�rde sich etwas Gro�es durchs Wasser bewegen. Ein Drache vielleicht... �ngstlich griff er nach seinem Schwert. Seine Arme waren so kraftlos, da� er kaum die Waffe zu heben vermochte.</p><p>Ein Ruck ging durch das Boot. Es h�rte auf, sich weiter zu bewegen. In seiner Vorstellung sah Volker, wie ein riesiger Drache den kleinen Nachen ergriffen hatte. Das geifernde Maul herabgebeugt, wartete die Bestie darauf, ihre Beute zu verschlingen. Aber so leicht w�rde er nicht zum Opfer eines Ungeheuers, dachte der Spielmann grimmig. Vorsichtig zog er den Dolch aus seinem G�rtel, holte aus und schleuderte ihn mit aller Kraft in den Nebel, dorthin, wo er den Kopf des Drachen vermutete. Einen Herzschlag lang war es still. Dann h�rte er ein scharfes Klirren, so als sei der Stahl der Waffe auf Stein getroffen.</p><p>Volker schluckte. Sein Dolch mu�te den Kopf des Ungeheuers verfehlt haben. Oder... Er atmete tief durch. Ein stechender Schmerz zuckte durch seine linke Seite, als sich sein Brustkorb hob und senkte. Hatte er sich den Drachen vielleicht nur eingebildet? Er war entkr�ftet und ersch�pft. Spielten seine Sinne ihm einen Streich?</p><p>Wom�glich war sein Boot an ein fremdes Ufer gesp�lt worden, das der Nebel vor seinen Blicken verborgen hielt? Neue Hoffnung keimte in ihm auf. Der Spielmann kroch zum Bug des Nachens, beugte sich �ber die Bordwand und tastete mit seinem Schwert nach festem Grund. Er mu�te sich nicht tief hinunterbeugen, um mit der Klinge auf Widerstand zu sto�en. Das Wasser war hier weniger als eine Elle tief. Er war dem Sumpf ein zweites Mal entkommen! Hier an Land konnte er sich einen Lagerplatz suchen und ein Feuer machen! Er w�rde ein paar Tage hierbleiben, und wenn seine Kr�fte zur�ckgekehrt waren, dann w�rde er sich erneut an die Verfolgung der Feen machen.</p><p>Vorsichtig lie� er sich �ber den Rand des Bootes gleiten. Seine Beine hatten kaum die Kraft, ihn zu tragen, und er mu�te sein Schwert als St�tze nutzen. Wie ein alter Bettler kam er das Ufer hinauf. Der Boden war steinig. Nur hier und dort wuchsen einige B�schel welken Grases. Der Nebel schien noch dichter zu sein als im Sumpf. Kaum konnte man die Hand vor Augen sehen.</p><p>Humpelnd k�mpfte Volker sich voran. Das Ufer stieg sanft an. Ein eigenartiger Stein sch�lte sich vor ihm aus dem Dunst. Der Felsblock war vielleicht einen Schritt breit, daf�r aber fast so hoch wie zwei M�nner. Verschlungene Spiralenmuster waren tief in seine verwitterte Oberfl�che eingekerbt. War dies ein Grenzstein, der den �bergang zur Feenwelt markierte?</p><p>Volker schluckte. Er mu�te sich gegen solch dummen Aberglauben verschlie�en! Wahrscheinlich war dieser Stein nichts weiter als ein Relikt aus den Zeiten der Heiden.</p><p>Es begann wieder zu regnen. Er sollte sich schleunigst nach einem Unterschlupf umsehen! Wenn die K�lte in seine Knochen zur�ckkehrte, w�re er verloren. Humpelnd plagte er sich weiter den flachen H�gel hinauf. Der felsige Untergrund wich weichem Torfboden. Er traf auf einen Weg, der in die sanften H�gelflanken einschnitt. Der Pfad war so schmal, da� dort kaum zwei M�nner aneinander vorbeigekommen w�ren.</p><p>Je weiter er vorw�rtsging, desto h�her stiegen rechts und links die H�gelflanken. Fast schien es, als habe ein Riese mit einem Schwerthieb den Weg mitten zum Herzen des H�gels getrieben. Schlie�lich stand der Spielmann vor einem niedrigen H�hleneingang, der mit m�chtigen, grauen Steinen eingefa�t war. Auch hier fanden sich wieder verschlungene Muster, so wie auf dem Grenzstein.</p><p>Der Regen wurde heftiger. Wenn er der N�sse entkommen wollte, blieb ihm keine Wahl. Vorsichtig betrat er die dunkle H�hle. Seine Glieder schienen wie aus Blei gegossen. Schleppend tastete er sich an der Wand der H�hle entlang. Die Finsternis hier war vollkommen.</p><p>Der Spielmann wu�te nicht, wie lange er dem Pfad tiefer ins Innere des H�gels gefolgt war, als er strauchelte. Er hatte keine Kraft mehr, sich zu erheben, und die K�lte kehrte zur�ck. Seine F��e f�hlten sich wie zwei Eiskl�tze an. Ein dumpfes Pochen breitete sich von der Wunde in seiner Brust aus. Er mu�te ein Feuer entz�nden! Seine H�nde glitten �ber den Boden. Er bekam einen d�nnen, von Wind und Wasser glattpolierten Stock zu fassen. Sein Messer... Er brauchte es, um Funken aus dem Feuerstein zu schlagen, den er in einem Lederbeutel an seinem G�rtel trug. Es lag irgendwo drau�en vor der H�hle!</p><p>Jetzt half nur noch zu beten. Er wu�te, da� er die H�hle nicht mehr verlassen konnte. Nun lag es bei Gott, ob er weiterleben oder hier in einem Erdloch am Ende der Welt sterben w�rde.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>8. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Zufrieden blickte Golo zu den vier Pferden, die nur ein paar Schritt entfernt angebunden waren. Sie waren seine Zukunft, die Garanten f�r viele fette Jahre! Wenn nur dieser verdammte Regen nicht w�re.</p><p>Er war zu der Weggabelung vor dem Wald zur�ckgekehrt, wo er in der letzten Nacht noch gemeinsam mit den beiden Rittern gelagert hatte. So ohne Begleitung in der Wildnis zu sein war ihm unheimlich. Morgen w�rde er dem Pfad folgen, den Gwalchmai gekommen sein mu�te. So w�rde er diesem verfluchten Sumpf entkommen.</p><p>W�hrend er im Wald die Pferde suchte, hatte er Pl�ne gemacht. Zun�chst w�rde er sich auf den Weg nach Niort begeben, jener ber�hmten Stadt der Troubadoure, in der er mit Volker Unterkunft genommen hatte, bevor sie die ungl�ckselige Reise in die S�mpfe antraten. Dort w�rde er mit Leichtigkeit ein bequemes Quartier finden. Wenn das Wetter besser w�rde, k�nnte er dann nach Norden reiten. Die Landschaft bei Troyes hatte ihm recht gut gefallen. Vielleicht w�rde er sich dort Land kaufen. Ein ansehnlicher Teil der Reisekasse befand sich in einer verborgenen Tasche, die in den Packsattel des Lastpferdes eingearbeitet war. So brauchte er sich um Geld zun�chst einmal keine Sorgen zu machen. Auch im Gep�ck des toten Kaledoniers hatte er einen reichen Vorrat an Silberm�nzen gefunden. Einen Teil davon w�rde er aufwenden, um f�r die beiden toten Ritter gleich in der Wallfahrtskirche von Niort Messen lesen zu lassen. Schlie�lich wollte er nicht, da� ihre rachs�chtigen Geister ihm in seinem weiteren Leben nachstellten.</p><p>Auch heute abend hatte er bereits f�r Volker und Gwalchmai gebetet. Golo starrte in das kleine Feuer, das er entfacht hatte, und versank in dumpfes Br�ten. In wie kurzer Zeit sich sein Leben doch vollst�ndig ver�ndert hatte! Ob man ihm glauben w�rde, da� die Schlachtr�sser ihm geh�rten? In Niort hatte man ihn zusammen mit Volker gesehen. Was w�rde geschehen, wenn ihn ein eifers�chtiger Wirt bei den Stadtherren als M�rder und Dieb anzeigte? Vielleicht war es doch kl�ger, eine andere Route einzuschlagen als jenen Weg, den er gemeinsam mit seinem Herren genommen hatte. Und was war mit den Geistern der beiden Ritter? W�rden sie ihm seinen neuen Wohlstand g�nnen, oder erwarteten sie von ihm, da� er ihren Tod s�hnte? Doch was konnte er schon tun? Er war ein Bauernsohn ohne Macht und Einflu�, und obendrein war er noch v�llig allein in einem fremden Land.</p><p>Golo seufzte. Das Leben als ein freier und reicher Mann war anstrengender, als er gedacht hatte. Dann grinste er. Sobald er sich einen Hof gekauft hatte, w�rde er sich einen Knecht zulegen. Endlich k�nnte er dann einmal anderen sagen, was zu tun sei. Er w�rde morgens noch faul im Bett neben seinem h�bschen Weib liegen, w�hrend der Knecht in den Stall ging, um die Tiere zu versorgen.</p><p>Er war nicht sonderlich ansehnlich, das wu�te Golo genau, doch sein Geld w�rde ihn in den Augen der Bauernm�dchen von Troyes so h�bsch wie einen Prinzen erscheinen lassen. Er w�rde sich eins nehmen, das einen reichen Vater hatte. So konnten sie nach dessen Tod die beiden G�ter vereinigen. Ja, so w�rde er es machen! Wenn eines Tages die Zeit gekommen w�re, seine letzte Reise anzutreten, dann w�rde er soviel Land wie ein Baron besitzen!</p><p>Golo rollte sich vor dem Feuer zusammen, zog sich Volkers warmen Reitmantel bis zum Kinn und gab sich seinen s��en Zukunftstr�umen hin.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Als Volker erwachte, schien ein blasses Gesicht �ber ihm in der Finsternis zu schweben. Rotgoldene Locken rahmten das feingeschnittene Antlitz. Das mu�te eine Fee oder ein Engel sein. Der Spielmann schluckte. Sein Hals war wie ausged�rrt. Die K�lte war aus seinen Gliedern gewichen. Er fieberte, und pochender Schmerz pulsierte in der Wunde an seiner Brust. Er wollte sich aufst�tzen, doch die Fremde legte ihm sanft eine Hand auf den Arm. �Bleib liegen, fremder Krieger, der du zwischen den Gebeinen der toten Helden erstanden bist. Ich m�chte nicht auch dein Klagelied singen.�</p><p>Volker verstand den Sinn ihrer Worte nicht, doch versuchte er zu nicken. Die Fremde war gewi� eine Fee. W�re er im Himmel, dann w�rde es nicht so finster wie in einem Grab sein. Nur ein kleines �ll�mpchen, das in einer Nische in der Wand stand, erhellte die Dunkelheit. Jetzt konnte sich der Spielmann wieder erinnern, wo er war. Eine H�hle, tief im Herzen der Erde, die Insel... Wie Ausschnitte eines Gobelins tauchten Bilder der vergangenen Tage in seiner Erinnerung auf, doch gab es auch viele L�cken, so als seien St�cke aus dem Wandteppich herausgeschnitten.</p><p>�Ich habe hier einen Sud aus L�wenzahn, Klette und Holunderbeeren bereitet. Dieser Trunk wird dein Blut s�ubern.� Sie half ihm, seinen Kopf ein wenig aufzurichten, und setzte ihm die Schale an die Lippen. �Es ist auch ein wenig Milch aus Mohnkapseln beigemischt. Du wirst gut davon schlafen und die Schmerzen vergessen.�</p><p>Volker trank gierig den Kr�utersud. Er war bitter wie Galle, doch vertrieb er die K�lte. �Danke. Wer... Wer bist du?�</p><p>�Man nennt mich die wiedergeborene G�ttin.� Die Fremde hatte die Schale zur Seite gestellt und musterte ihn eindringlich.</p><p>Ihr Blick war Volker unheimlich. Sie hatte kalte, gr�ne Augen, und er hatte das Gef�hl, als w�rde sie durch ihn hindurchsehen. Angeblich mochten die Feen Troubadoure und Spielleute. Er sollte versuchen, ihr Interesse zu gewinnen, sonst w�rde diese G�ttin ihm wom�glich, sobald er gesund war, den Kopf abschneiden, um ihn auf einen Pfahl zu stecken. Gwalchmai hatte Volker am Lagerfeuer mit seiner rauhen Kriegerstimme ein Lied vorgesungen, das von den K�sten des fernen Inber Colptha stammte. Vielleicht w�rde es der Fremden gefallen.</p><p>�Ich bin der Wind auf dem Meer... Ich bin eine Welle des Ozeans... Ich bin ein Tosen auf der See... Ich bin...� Seine Stimme erstarb zu einem Fl�stern.</p><p>Die Fee strich ihm sanft �ber die Stirn. �Bist du ein Barde?� Sie blickte ihn mitleidig an. �Schone deine Kr�fte, sch�ner Fremder. Ich f�rchte, ich werde dir Schmerzen bereiten... Du mu�t dieses Kettenhemd ablegen, damit ich deine Wunde behandeln kann.� Sie l�ste das Wehrgeh�nge von seinen H�ften und schob den Kettenpanzer vorsichtig h�her.</p><p>�Nimm jetzt deine Arme hoch, sonst kann ich das Kettenhemd nicht �ber deinen Kopf ziehen.�</p><p>Volker f�gte sich ihren Worten, doch sobald er versuchte, den linken Arm anzuheben, wurde der Schmerz in der Brust unertr�glich. Die Fremde schien pl�tzlich ungeduldig. �Ich kann nicht mehr lange bleiben!� Sie packte seinen Arm und zog ihn mit sanfter Gewalt zur�ck. Der Spielmann schrie vor Schmerz. Unbarmherzig zog sie nun das Kettenhemd hoch. Die eisernen Ringe rutschten �ber den abgebrochenen Pfeilschaft. Grelle Lichter tanzten Volker vor den Augen. Er hatte das Gef�hl zu st�rzen...</p><p>Als er erwachte, war er allein. In der Felsnische stand noch immer die kleine �llampe. Die Fee hatte ihm einen Umhang aus grauer Wolle zur�ckgelassen. Ihm war so hei�, als l�ge er auf einem Lager aus gl�henden Steinen.</p><p>Dicht neben ihm standen eine Schale mit einem St�ck Brot und ein Becher. Er war zu schwach, um zu essen. Wie ein zweites Herz pochte seine Wunde in der Brust. Es roch nach Verwesung in der H�hle. Direkt ihm gegen�ber konnte er eine l�ngliche H�hlung erkennen, in der ein Skelett lag. Volker keuchte, als er begriff... Er war nicht in irgendeiner H�hle. Er lag in einem Grab!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Zufrieden blickte Golo auf die Reste des Mahls. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er einen ganzen Salm f�r sich allein gehabt. Es war ein harter Kampf gewesen, den gro�en Fisch ohne fremde Hilfe zu verschlingen. Zwischendurch hatte er den Schwertgurt l�sen m�ssen und die Waffe neben sich an den Tisch gelehnt. Jetzt war ihm sogar die Verschn�rung seines Lederwamses zu eng.</p><p>Ersch�pft brach er ein St�ck von dem frischen Brot ab, das zu seinem Festmahl serviert worden war, und tunkte es in die helle So�e, die noch immer in kleinen Pf�tzen auf dem gro�en h�lzernen Tablett stand, auf dem der Wirt den Salm serviert hatte. Es w�re eine Schande, etwas verkommen zu lassen. Der Sud war mit wei�em Wein vermengt worden, und die K�chenmagd hatte noch M�hren und Zwiebeln hineingegeben. Es waren jedoch die Kr�uter, die diese So�e zu einer K�nigin unter ihresgleichen machten. Sie war fein abgeschmeckt mit Thymian, Kerbel und Dill.</p><p>Ganz langsam kaute Golo auf der Kruste des dunklen Brotes, um das Aroma der So�e bis zur Neige genie�en zu k�nnen. Dann f�llte er seinen Becher mit frischem Landwein nach, der in einem gro�en Krug auf dem Tisch stand. In Volkers Diensten war ihm nie ein solches Festmahl aufgetragen worden. Es war die erste in einer langen Reihe von k�niglichen Schlemmerorgien, die er sich auf seiner Reise nach Troyes g�nnen w�rde.</p><p>�Darf ich Euch noch etwas nachreichen, edler Herr? Vielleicht ein wenig K�se oder frisches Zimtgeb�ck. Auch s��e Eierkuchen k�nnten wir f�r Euch bereiten.�</p><p>Golo r�lpste zufrieden und gab der Magd einen Klaps auf den Hintern. �Etwas Fleisch k�me mir ganz gelegen, falls ich zur Nacht verweilen sollte.� Er war ein wenig entt�uscht, sie nicht einmal err�ten zu sehen. Statt dessen beugte sie sich vor, so da� er tief in ihr gro�z�gig geschnittenes Mieder blinken konnte. �Nehmt oben das Zimmer am Ende des Ganges! Dort steht das beste Bett des Hauses. La�t eine Kerze brennen, wenn Ihr mich zur Nacht noch erwartet, Herr! Ich werde kommen, wenn der Wirt die Schenke verriegelt und sich zur Ruhe begeben hat.�</p><p>�Ich werde dir beweisen, wie gut sich ein Ritter aufs Lanzenstechen versteht. Das wird was anderes werden als die Hurerei mit einem Bauernt�lpel auf dem Heuboden.� Golo grinste anz�glich. Jetzt endlich zeigte sich ein leichtes Err�ten auf den Wangen der Magd. Er w�rde seine Reisepl�ne �ndern und hierbleiben. Er sah ihr nach, wie sie zur Feuerstelle am anderen Ende der Schenke zur�ckging, um den Bratspie� zu drehen und in dem Kessel mit dem Eintopf zu r�hren, von dem den �rmeren Reisenden serviert wurde. Die Kleine hatte �ppige H�ften und ein prallgef�lltes Mieder. Als Nachtmahl w�re sie sicher nicht zu verachten.</p><p>Mit einem Seufzer lehnte sich der Knecht auf dem bequemen Stuhl zur�ck und strich sich �ber den Bauch. Er hatte ein wenig von Volkers Garderobe aus den Kisten auf den Packpferden geholt. Die Kleider seines Herren pa�ten ihm recht gut. Man f�hlte sich gleich ganz anders in einem solchen Gewande. Der Wirt hatte ihn als Ritter angesprochen, als er in die Schenke getreten war. Was ein besticktes Wams und ein pelzgef�tterter Reitmantel doch ausmachten! Nat�rlich hatte Golo dem Mann nicht widersprochen und es genossen, sich hofieren zu lassen, als sei er der Sohn eines Grafen. Er nahm noch einen Schluck vom Wein und blickte wieder zur Magd. Er sollte sich ein paar Stunden zur Ruhe legen, damit die Zeit bis zur Nacht schneller verstrich. Noch war es heller Nachmittag. Zuerst m��te er jedoch kl�ren, da� seine Pferde versorgt wurden. Er hatte darauf verzichtet, sie in den Stall zu bringen, und sie drau�en vor der Schenke angebunden. Urspr�nglich wollte er nur f�r ein kurzes Mittagsmahl hier einkehren, um dann sogleich seine Reise nach Norden weiter fortzusetzen. Aber jetzt auf ein Pferd zu steigen hie�e, dem k�stlichen Mahl Gewalt anzutun. Was machte es schon, wenn er zur Nacht hierblieb. Er hatte schlie�lich keine Eile.</p><p>Der Knecht leerte den Weinbecher und orderte einen frischen Krug von dem k�stlichen Wei�en. Ein Fisch mu�te schlie�lich schwimmen!</p><p>Krachend flog die T�r der Schenke auf, und ein hochgewachsener Mann mit kurzgeschorenem, eisgrauem Haar trat ein. Zwei Waffenknechte folgten ihm auf dem Fu�. Der Fremde trug den purpurnen Ornat eines Bischofs, doch unter dem Saum des geistlichen Gewandes lugte ein kn�chellanges Kettenhemd hervor. Auch war der eigenartige Geistliche mit einem Schwert geg�rtet. Wie ein Falke blickte er sich in der Schenke um. Die leisen Gespr�che der Bauern waren verstummt, und buckelnd kam der Wirt zur T�r geeilt.</p><p>�Womit kann ich Euch zu Diensten sein, Eure Erhabenheit?�</p><p>�Wo steckt der Ritter, dem das wei�e Schlachtro� vor deiner T�r geh�rt?�</p><p>Golo schluckte und setzte sich gerade auf seinen Stuhl. Jetzt erkannte er den Kerl. Volker hatte von ihm erz�hlt. Als Golo in Martinopolis nach einer geeigneten Schenke gesucht hatte, war ein Bischof an seinen Herrn herangetreten und hatte versucht, dem Spielmann sein Schlachtro� abzukaufen. Volker hatte ihm hinterher lachend erz�hlt, wie er den Bischof erst ein wenig geneckt hatte und dann einen Preis forderte, der so hoch war, da� selbst ein Kirchenf�rst ihn nicht zu zahlen vermochte.</p><p>Der Wirt deutete in seine Richtung. Golo w�nschte sich, er h�tte Wasser statt Wein getrunken. Dieser Bischof roch nach �rger! Er m��te sich als Ritter oder vielleicht besser als Knappe von edler Abstammung ausgeben. Wenn der Bischof durchschaute, da� er nur ein Knecht war, aber die Kleider eines Edelmannes trug, dann lie� er ihm wahrscheinlich gleich drau�en bei der Dorfeiche einen Hanfkragen anlegen. Was er jetzt brauchte, war eine tolldreiste L�gengeschichte, um seinen Kopf zu retten!</p><p>�Woher hat Er dieses Pferd?� Der Bischof hatte sich inzwischen vor ihm aufgebaut, so als st�nde er in der Kanzel einer Kathedrale, um eine ganze Stadt wegen ihrer Verderbtheit zu gei�eln. �Der Burgunde, dem es geh�rt, hat mir erst vor zwei Wochen erkl�rt, er w�rde lieber seine linke Hand als diesen Hengst hergeben.�</p><p>Golo r�usperte sich. �Die Reise zur sch�nen Gunbrid, der Nichte unseres K�nigs, hat ihn in der Tat mehr als seine linke Hand gekostet.�</p><p>Auf der Stirn des Bischofs zeigte sich direkt �ber der Nase eine steile Zornesfalte. �Wie meint Er das? Spreche Er nicht in R�tseln zu mir!�</p><p>�Mein Fechtmeister, der Herr von Alzey, ist vom Feenvolk in den S�mpfen bei Marans ermordet worden, als er versuchte, die sch�ne Gunbrid aus den H�nden dieser Unholde zu befreien. Ich bin auf der Reise zum Hof des K�nigs Eurich, um dort Klage wegen des Todes meines Herrn zu erheben!�</p><p>�Seines Herrn? Wer ist Er? Reist mit vier Pferden, als sei Er ein Baron, und hat doch zugleich keinerlei Diener oder Knechte um sich. Auch sieht Er nicht aus, als sei Er von hoher Geburt. Man mag Ihn vielmehr f�r einen Pferdedieb und Halsabschneider halten.�</p><p>Golo erhob sich leicht schwankend von seinem Stuhl. �Ihr seid gewi� von hohem Stand, Herr Bischof, doch gibt Euch das kein Recht, einen Mann von edler Geburt zu schm�hen! Mein Vater, der Herr von Zeilichtheim, hat mich als Edelknappen in die Obhut des Herren von Alzey gegeben, damit dieser mich die Tugenden des Rittertums lehren konnte. Indem Ihr mich beleidigt, schm�ht Ihr auch ihn, dessen blutbefleckten Waffenrock ich als Zeugnis des feigen Mordes zu Eurem K�nig tragen werde.� Golo blickte den Bischof offen an und hoffte, den richtigen Ton getroffen zu haben. Er hatte zwar oft zugeh�rt, wenn Volker sich mit anderen Adeligen in der gestelzten Hofsprache unterhielt, doch ihm selbst fehlte darin jede �bung.</p><p>�Zeige Er mir doch einmal diesen Waffenrock und erkl�re Er mir, warum Er noch lebt, w�hrend Sein Waffenmeister tot ist.�</p><p>�Nun, Volker hat gefochten, als sei er der Erzengel Gabriel selbst und...�</p><p>Der Bischof packte ihn am Wams und fauchte erbost: �H�te Er sich, den Namen eines Engels so leichtfertig und l�sterlich auszusprechen! Hinaus mit Ihm, und zeige Er mir nun diesen Waffenrock!� Der Kirchenmann versetzte Golo einen groben Sto�, so da� er quer durch die Schenke zur T�re taumelte.</p><p>Flankiert von den S�ldlingen des Geistlichen wurde der Knecht zu den Pferden gef�hrt. Mit zitternden Fingern hantierte er an dem schweren Packsattel herum und zog schlie�lich aus einer der Taschen den Waffenrock seines Herren. Triumphierend hielt er ihn dem Bischof hin. �Hier, gen�gt Euch das als Beweis f�r die Wahrheit meiner Worte?�</p><p>Der Kirchenmann betrachtete das Kleidungsst�ck kurz und zeigte dann auf den Schild, der auf dem Packsattel befestigt war. �Er sagte doch, Sein Herr sei in einem Zweikampf ermordet worden, nicht wahr?�</p><p>Golo nickte eifrig.</p><p>�Wie kommt es dann, da� auf Seinem Schild nicht eine Schramme zu sehen ist? War der Herr von Alzey etwa ein so schlechter Fechter, da� die Feen sofort seine Deckung zu durchbrechen vermochten? Schildere Er mir doch einmal diesen Kampf.�</p><p>Golo sp�rte, wie ihm kalter Angstschwei� den R�cken hinabrann. Dieser Bischof wollte seinen Kopf und sich dann die Pferde nehmen! Wenn ihm jetzt auch nur der kleinste Fehler unterlief, dann w�rde er binnen einer Stunde an einem der ausladenden Zweige der Dorfeiche baumeln!</p><p>�Nun... Meinem Herrn war f�r den Zweikampf die Wahl der Waffen �berlassen worden, und er entschied sich f�r sein Bastardschwert, so da� er keine Hand mehr frei hatte, um noch einen Schild zu f�hren. Wie ein Erz... ich meine wie ein... aufrechter Ritter es tun sollte, focht er mit allem Mut und gro�er Tollk�hnheit. Er brachte den Feenritter in arge Bedr�ngnis. Als dieser schon zu unterliegen drohte, kamen zwei weitere Ritter auf den Kampfplatz und stachen den Herrn Volker hinterr�cks nieder. Er war sofort tot. Dann drangen die Feen auf mich ein, doch zum Gl�ck sa� ich noch im Sattel und konnte den M�rdern mit unseren Pferden entkommen.�</p><p>Der Bischof r�mpfte die Nase. �Seine Geschichte stinkt zum Himmel! Wie kommt es, da� das Bastardschwert Seines Herrn dort dr�ben am Packsattel festgeschnallt ist, wenn der Herr von Alzey mit dieser Waffe in der Hand gestorben sein soll und Er hier vorgibt, vor den Feen geflohen zu sein? Und wie ist Er in den Besitz des blutigen Waffenrocks gekommen?�</p><p>Golo r�usperte sich. �Das kann ich alles erkl�ren. Ich...�</p><p>�Genug! Schnall Er den Schild vom Sattel, und dann folge Er mir in die Scheune dort dr�ben!�</p><p>Ohne zu widersprechen, folgte der Knecht dem Befehl des Bischofs. Was wollte dieses Rauhbein von ihm? H�tte er nur nie bei diesem Wirtshaus angehalten! Das Schicksal meinte es schlecht mit ihm! Er h�tte seinen Herrn nicht allein lassen d�rfen.</p><p>Als Golo die Scheune betrat, verschlo� der Normanne das hohe Tor hinter ihm. �H�re Er mir gut zu! Ich bin Jehan de Thenac, der Bischof von Saintes. Mein Gro�vater war noch ein gef�rchteter normannischer Pirat, der die K�sten von Ulaid bis hin zum Land der Lotophagen unsicher machte. Mein Vater hat mit seinen Kriegern die Franken aus diesem Landstrich vertrieben, und ich habe zehn Jahre Krieg gef�hrt, um das Poitou von maurischen Banditen zu s�ubern. Ich stamme aus einem Geschlecht von Kriegern, und selbst wenn ich das Gewand eines Bischofs trage, hei�t das nicht, da� ich nicht genauso dreinschlagen k�nnte wie meine Vorfahren!� Jehans Hand glitt zum Schwert, und er zog blank. �Na los, hebe Er Seinen Schild!�</p><p>Krachend sauste die Klinge auf die Kante von Volkers Wappenschild und grub sich tief ins Holz. Golo wollte nach seinem Schwert greifen, doch der Bischof verpa�te ihm einen Sto�, der ihn zur�cktaumeln lie�. �Er wird doch nicht etwa gegen einen Mann der Kirche Sein Schwert ziehen wollen, oder ist Er ein verdammter Heidensohn, der keinen Respekt vor den Dienern des Herrn hat?�</p><p>�Bitte, Herr, haltet ein! Ich m�chte keinen Streit mit Euch.� Wieder traf ein Schlag den Schild.</p><p>�Er m�chte keinen Streit! Dann soll Er sich nicht so auff�hren, als sei ich ein Trottel. Oder glaubt Er, nur weil ich das Gewand eines Kirchenmannes trage, k�nne ich eine L�ge nicht mehr von der Wahrheit unterscheiden? Heraus mit der Sprache! Was ist mit Seinem Herrn geschehen?�</p><p>�Bitte, glaubt mir doch...� Das Schwert des Bischofs sauste nieder und trennte die linke Kante von dem dreieckigen Reiterschild. Dieser Kerl mu�te verr�ckt sein! Und er schlug drein wie ein Berserker! �Mein Herr, Volker von Alzey, wurde von den Feen ermordet! Sie haben die Burg bei Marans zerst�rt, und er folgte ihnen in die S�mpfe.�</p><p>�Und warum lebt Er noch, wenn Sein Herr in einen Hinterhalt geraten ist? �berhaupt, wer ist Er? So wie Er diesen Schild h�lt, k�nnte Er sich auch mit einem K�chenbrett verteidigen.� Der Bischof machte einen Ausfall und trieb Golo vor sich her, bis der Knecht mit dem R�cken zum Tor stand.</p><p>�Ich gestehe, da� ich nur ein Diener bin und kein Adliger. Doch der Rest meiner Geschichte ist wahr! Ich schw�re bei Gott!�</p><p>�Er sollte den Namen des Herrn nicht leichtfertig in den Mund nehmen!� Jehan hatte das Schwert mit beiden H�nden gefa�t und zu einem vernichtenden Streich �ber den Kopf erhoben.</p><p>�Bitte Herr, glaubt mir doch, ich...�</p><p>Der Bischof stie� einen w�tenden Schrei aus und lie� die Waffe niedersausen. Golo duckte sich zur Seite weg, und die Klinge bohrte sich in das massive Holztor.</p><p>Jehan lachte. �Nun sch�n, soll Er Sein Leben behalten. Er kann mir n�tzlich sein. Wir werden zum Hof des K�nigs Eurich reiten, und ich werde Ihm auf dem Weg erkl�ren, was ich f�r Pl�ne mit Ihm habe. Sollte sich alles zu meiner Zufriedenheit entwickeln, so wird Sein Herr ger�cht sein, ich werde meine L�ndereien um ein betr�chtliches St�ck erweitern, und am Ende mag Er mit Seinen Pferden unbescholten das Weite suchen. Wird Er sich dem f�gen?�</p><p>�Sicher, Herr. Es ist mir eine Freude, Euch zu dienen und...�</p><p>�Genug! Ich sch�tze Schmeicheleien nicht! Knie Er nieder und k�sse Er zum Zeichen Seiner Unterwerfung meinen Ring.�</p><p>Golo tat, wie ihm gehei�en. Er streifte den schweren Schild von seinem Arm und k��te den goldgefa�ten Bischofsring.</p><p>Jehan warf einen Blick auf Volkers Wappenschild und nickte zufrieden. �Nun sieht er aus, als habe sein Ritter ihn wirklich in seinem letzten Kampf getragen. So wollte ich es haben! K�nig Eurich hat seine Hauptstadt Tolosa verlassen und reist nach Martinopolis. Wir werden dort seinen Hof besuchen, und wir werden gro�e Dinge in Bewegung bringen!�</p><p>Golo verstand nicht, was Jehan mit dieser Bemerkung meinte, doch wer begriff schon die Adligen.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>9. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Ein schweres Fieber hatte Volker gepackt. Unf�hig, sich zu bewegen, lag er in der Grabh�hle, und sp�ter wu�te er nicht mehr zu sagen, was von dem, was sich bis zu seiner Genesung ereignete, wirrer Fiebertraum und was Wirklichkeit war. Einmal hockte ein gro�er, schwarzer Rabe auf seiner Brust, der gierig nach dem brandigen Fleisch pickte, dann wieder sah er eine Frau in einem Umhang aus Rabenfedern neben sich knien.</p><p>Die Gebeine der Toten erhoben sich aus den Grabnischen und tanzten um ihn. Allen fehlte der Sch�del, und doch konnten sie zu ihm sprechen und fl�sterten ihm, da� er schon bald zu ihnen geh�ren w�rde.</p><p>Einmal erwachte er und sah, �ber sich gebeugt, die Frau, die ihm die Decke gebracht hatte. Jetzt hielt sie ein Messer in der Hand. Sie schnitt das schw�rende Fleisch aus der Wunde auf seiner Brust und legte ihm dann einen Verband an, der nach Essig und nach Kr�utern duftete. Er hatte keine Kraft, sie anzusprechen. Nicht einmal die Augen konnte er bewegen. Es war, als habe ein Zauber sie in den H�hlen festwachsen lassen.</p><p>Das faulige Fleisch und die eitergetr�nkten Verb�nde legte die Fremde in eine flache Schale aus Ton, und Volker begriff, da� nicht die Toten es waren, von denen der Verwesungsgeruch ausging. Die sch�ne Heilerin hatte indessen ein Pulver in einen kleinen Becher aus Silber gesch�ttet und hielt nun ihre H�nde dar�ber.</p><empty-line/><p><emphasis>�O Schattenverschlinger, der aus der Grube hervorgeht, </emphasis></p><p><emphasis>ich habe kein Unrecht getan und meine Reinheit bewahrt. </emphasis></p><p><emphasis>O Schreckgesicht, das aus Rasetjau hervorgeht, </emphasis></p><p><emphasis>ich habe keinen Menschen get�tet und meine Reinheit bewahrt.</emphasis></p><p><emphasis>O Knochenzerbrecher, der du aus den alten St�dten hervorgehst,</emphasis></p><p><emphasis>ich habe keine Nahrung gestohlen und meine Reinheit bewahrt.</emphasis></p><p><emphasis>O Schlangendrachen, der aus der Schlachtst�tte hervorgeht, </emphasis></p><p><emphasis>ich habe nicht den </emphasis>Mann <emphasis>einer anderen Frau beschlafen und meine </emphasis></p><p><emphasis>Reinheit bewahrt.</emphasis></p><p><emphasis>O Gro�e Mutter, die du die Fruchtbarkeit bringst, </emphasis></p><p><emphasis>ich habe mich allein dir geschenkt und meine Reinheit bewahrt. </emphasis></p><p><emphasis>O G�tter des Himmels, der Erde, des Feuers und der See, </emphasis></p><p><emphasis>leiht mir Eure Kraft, auf da� ich vermag, meine Reinheit in diesem </emphasis></p><p><emphasis>Trunk aufgehen zu lassen. </emphasis></p><p><emphasis>O G�tter des Himmels, der Erde, des Feuers und der See, </emphasis></p><p><emphasis>nehmt das Gift aus der Wunde des Fremden und la�t es in den </emphasis></p><p><emphasis>grauen Stein flie�en, in dem das B�se gefangen ist.�</emphasis></p><empty-line/><p>Die Fee st�tzte Volkers Kopf und setzte ihm den Becher an die Lippen. Der Spielmann bem�hte sich zu schlucken. S��er Wein f�llte seinen Mund und tropfte ihm auf die Brust. Erst als er den Becher bis zur Neige geleert hatte, lie� die Fee sein Haupt wieder zur�cksinken. Aus einem kleinen bestickten Beutel an ihrem G�rtel holte sie einen grauen Stein, durch den ein Loch gebohrt war, und schob ihn zwischen die Verb�nde auf seiner Brust.</p><p>Wohlige W�rme durchstr�mte Volkers K�rper, so als habe er einen starken Branntwein getrunken. Er beobachtete, wie die Fee ein kleines Feuer in einer kupfernen Schale entfachte und dann Kr�uter in die Flammen warf, deren Duft den Geruch des fauligen Fleisches vertrieb. Langsam wurden ihm die Augenlider schwer. Wie von Ferne erklang leises Harfenspiel, und er konnte die melancholische Stimme einer Frau h�ren, die ein Lied sang, dessen Worte er nicht verstand. Dennoch war er sich sicher, da� es die Klage um einen Toten sein mu�te, und er fragte sich, ob sie wohl f�r ihn sang.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Sie erreichten Martinopolis an einem strahlenden Nachmittag. An einer kleinen, steinernen Br�cke �ber die Cisse legte die kleine Gruppe eine letzte Rast ein, bevor der Bischof und sein Gefolge in die Stadt einritten. Von dort konnte man weit �ber das Land sehen. Der Flu� erschien wie ein breites, silbernes Band, an dem sich zahllose Seen aufreihten. Die Felder entlang des Wassers waren von zartem Gr�n, durchsetzt mit bunten Tupfen. Der Fr�hling hatte hier schon Einzug gehalten. M�chtig erhoben sich die W�lle der Stadt �ber den Flu�. Viele Bollwerke und Schanzen verst�rkten die dicken Festungsmauern. Dahinter streckten sich die kantigen T�rme der Kirchen zum Himmel, �berragt von der m�chtigen Kathedrale Saint-Gatien.</p><p>Sie waren durch das Portal des Kreuzes in die Stadt eingeritten, vorbei an der Abtei Marmoutier und der alten, aus groben Felsbl�cken gemauerten Siebenschl�fer-Kapelle. Durch die engen Gassen der Weber und Tuchh�ndler f�hrte sie ihr Weg zur Burg, die nahe dem Ufer der Loire lag. Die Banner des K�nigs und seiner bedeutendsten Herz�ge wehten von den Zinnen. Golo war �berrascht, wie schnell man den Bischof in die Festhalle durchlie�. Jehan war nicht nur der geistliche Herr von Saintes, sondern auch der Graf von Niort. Einst war er nur der dritte von vier Br�dern, und damit es keine Streitigkeiten um die Erbfolge gab, hatte man ihn und seinen j�ngeren Bruder in Kl�ster gesteckt, w�hrend die beiden �lteren Br�der auf die Herrschaft vorbereitet wurden. Jehan war ein geistlicher F�rst geworden, so wie es seiner edlen Geburt anstand, doch hatte er sich stets mehr zu den Turnierpl�tzen der Adelssitze als zu den Bibliotheken der Kl�ster hingezogen gef�hlt. Seine beiden �lteren Br�der waren gestorben, bevor sie einen Nachkommen zeugen konnten, und daher hatte er den Grafentitel angenommen, ohne deshalb auf seine Bischofsw�rde verzichten zu m�ssen. So war er zu einem der m�chtigsten M�nner Aquitaniens geworden.</p><p>Jehan trug ein pr�chtiges Gewand aus Gold und Purpur, dazu den breitkrempigen Bischofshut, als er vor seinen K�nig trat. Wie stets hatte er ein Schwert umgeg�rtet, und statt leinener Unterkleider, so wie sie einem Geistlichen anstanden, hatte er ein Kettenhemd angelegt. Das L�rmen in der gro�en Festhalle verstummte fast augenblicklich, als er eintrat und mit festem Schritt auf die erh�hte Tafel des K�nigs zuhielt. Dicht hinter ihm folgte Golo, der den Schild Volkers und dessen blutbesudelten Waffenrock auf den Armen trug. Der Knecht war in die Gew�nder seines Herren gekleidet und so pr�chtig herausgeputzt, als sei er selbst ein Mann von Stand. Vier Krieger in roten Waffenr�cken bildeten ihre Eskorte.</p><p>�Mein K�nig, man verh�hnt Euch�, rief Jehan mit donnernder Stimme. Alle Blicke richteten sich auf den Bischof. Es war jetzt so still, da� man das Knistern der Holzscheite in dem gro�en Kamin am Ende des Saales h�ren konnte. �In den S�mpfen bei Marans haben sich Rebellen gegen Eure Herrschaft emp�rt. Sie haben die Burg des jungen Barons Rollo niedergebrannt und ihn zusammen mit all seinen Bewaffneten hingerichtet. Sie sch�nden die Kirchen entlang des Sumpfes und zwingen die Bauern dazu, wie in alten Zeiten zu B�umen und Waldgeistern zu beten. Wer sich ihnen widersetzt, dem schlagen sie den Kopf ab und spie�en ihn zu Ehren der blutr�nstigen Heideng�ttin Morrigan auf einen Pfahl. Inmitten der S�mpfe herrscht ein Weib, das sich den Titel einer K�nigin gegeben hat, und die Bauern dort bringen ihr mehr Ehrfurcht entgegen als Euch, mein Herr.�</p><p>Ein Mann mit aschblondem Haar und kurzgeschorenem Bart erhob sich. Er trug einen schmalen Goldreif �ber der Stirn. Seine Augen funkelten sp�ttisch. �Und woher wi�t Ihr all dies, Bischof Jehan? Wenn ich mich recht erinnere, liegt Saintes ein gutes St�ck von den S�mpfen entfernt. Und warum wendet Ihr Euch an mich? In Gottes Namen habt Ihr meine Erlaubnis, ein paar Rebellen zu jagen, wenn es Euch Freude bereitet, und sie an ihren heiligen B�umen aufzukn�pfen.�</p><p>�Mein Herr, Ihr verkennt die Lage. Das sind nicht nur ein paar mit Kn�ppeln bewaffnete Leibeigene, die sich dort erhoben haben. Sie haben eine Burg gebrandschatzt, die von mehr als zwanzig erfahrenen Kriegern verteidigt wurde. Aber das ist nicht genug. Erinnert Ihr Euch daran, da� der junge Baron Rollo die Nichte des Burgundenk�nigs Gunther geheiratet hatte? Dieses Weib wurde als Sklavin in die S�mpfe verschleppt. Gunther hat bereits einen seiner besten Ritter geschickt, um mit den Rebellen �ber ihre Freilassung zu verhandeln.�</p><p>Golo konnte beobachten, wie sich die H�nde des K�nigs zu F�usten ballten. �Der Burgunde hat einen Ritter zu den Rebellen geschickt und nicht an meinen Hof! Glaubt er, ich sei nicht mehr Herr in meinem K�nigreich?�</p><p>�Es kommt noch schlimmer, mein K�nig. Jener Edle, Volker von Alzey gehei�en, wurde von den Rebellen heimt�ckisch ermordet. Nur sein Gef�hrte, Golo von Zeilichtheim, konnte dem feigen Anschlag entgehen. Er focht wie ein L�we, um seinen sterbenden Herrn aus der Gewalt der Sumpfleute zu befreien. Tretet vor, Golo, und legt dem K�nig die Beweise f�r das Schicksal Eures Herrn vor.�</p><p>Golo w�nschte, er h�tte niemals sein Dorf verlassen. Mit weichen Knien trat er vor die Tafel des K�nigs und legte den zerschlagenen Schild und den blutbesudelten Waffenrock Volkers nieder. Der Bischof hatte ihm genau eingesch�rft, was er nun zu sagen hatte. Golo begriff zwar nicht, worauf die Intrige Jehans abzielte, doch war ihm klar, da� es ihn seinen Kopf kosten w�rde, wenn er sich nicht f�gte. �Ich fordere Rache f�r meinen toten Freund und f�r die Nichte meines K�nigs, die verschleppt wurde. Mein Herr...� Golo stockte f�r einen Herzschlag der Atem. Pl�tzlich hatte er das Gef�hl, da� ihm jeder der hohen Herren ansehen mu�te, da� er nicht wirklich von Stand war. �Mein Herr...�</p><p>�Nun, was ist mit Seinem Herrn?� Die Stimme des K�nigs war tief und klang machtbewu�t. Es war, als wollten ihn die Worte zu Boden dr�cken. Golo sp�rte, wie ihm die Knie zitterten.</p><p>�Mein Herr, Gunther von Burgund... Er wird entsetzt sein... Ich meine, er ist mit Sicherheit erz�rnt... wenn er... wenn ich ihm Kunde vom Schicksal seiner Nichte bringe... und von einem seiner liebsten Ritter.�</p><p>�Will Er mir drohen?� K�nig Eurich beugte sich vor, und Golo w�re am liebsten im Boden versunken, um dem Blick des Herrschers zu entkommen. �Was sollte mich daran hindern, Ihn auf immer in den Kerkern dieser Stadt verschwinden zu lassen? Wenn Sein K�nig nicht um das Schicksal der Verlorenen wei�, so wird er mir auch nicht z�rnen.�</p><p>�Mit Verlaub, Eure Majest�t�, mischte sich der Bischof ein. �Jeder wei� um Eure edle und ritterliche Gesinnung. Sicher h�ttet Ihr die Macht, diesen jungen und in seinen Worten unbedachten Edelmann in den Kerker zu werfen, doch widerspr�che das nicht dem Geist, der an Eurem Hofe herrscht? Die Burgunden sind Opfer einer Bande von heidnischen Aufr�hrern geworden. Wollt Ihr dieses �bel nicht mit Feuer und Schwert ausmerzen und so der Welt beweisen, da� nichts, was Euren Zorn erweckt, von Bestand sein kann?�</p><p>�Ihr versteht es, die Worte wohl zu setzen, Jehan de Thenac. Doch nun sagt mir frei heraus, was Ihr von mir wollt. Ich bin des Wortgepl�nkels mit Euch m�de, und meinen G�sten wird es sicherlich nicht anders gehen.�</p><p>Der Bischof fuhr sich unruhig mit der Zunge �ber die Lippen. �Nun, Herr, ich werde so offen sprechen, wie Ihr es w�nscht. Ich kann es nicht l�nger ertragen, mitanzusehen, wie Eure Herrschaft in den S�mpfen verh�hnt wird. Die Bauern glauben, da� die Macht der alten G�tter wieder erstarkt und da� eine K�nigin aus alter Zeit zur�ckgekehrt sei, die sie f�r die rechtm��ige Herrin Aquitaniens halten. Sie sind �berzeugt, da� keiner Eurer Ritter die Streiter dieser K�nigin bezwingen kann, und sie schlagen den Aufrechten, die Euren Namen nicht verleugnen wollen, die K�pfe ab, um sie nach Heidenbrauch zu Sch�delst�tten zu tragen. Die Brut des B�sen hat in den S�mpfen Unterschlupf gefunden, und ich schw�re bei Gott, da� ich nicht ruhen werde, bevor dieses �bel ausgerottet ist. Seit Jahren herrscht Frieden in Eurem Reich, doch nun ist es an der Zeit, da� Eure Ritter zu den Waffen greifen, denn was heute nur ein Funke ist, der in den S�mpfen schwelt, mag morgen schon zu einem verzehrenden Feuer werden, das ganz Aquitanien in Flammen setzt. Ich bitte Euch, mein K�nig, gestattet mir, ein Heer auszuheben und die Ritterschaft Eures Reiches zu den Waffen zu rufen, um den Aufruhr zu beenden und den Tod eines der Unseren, des Barons Rollo von Marans, zu r�chen.�</p><p>Der K�nig runzelte die Stirn. Einen Moment lang schien es, als h�tten die Worte des Bischofs ihn ver�rgert, doch dann spielte ein zynisches L�cheln um die Lippen des Herrschers. �Ihr denkt also, da� es eine K�nigin in den S�mpfen gibt, die mir mein Anrecht auf diesen Thron abspricht. Nun, mein Freund, ich werde Euch erlauben, den Heerbann auszurufen.� Er wandte sich an die anderen Adligen im Festsaal. �Das Fr�hjahr hat begonnen. Eine gute Zeit f�r einen Kriegszug! Versammelt Euch bis zum Pfingstfest in Saintes. Jehan de Thenac, ich ernenne Euch hiermit zu meinem Heerf�hrer. Wenn Ihr ein K�nigreich in den S�mpfen findet, so m�gt Ihr die Baronie Marans und das Sumpfland Euren L�ndereien einverleiben. Die Beute der K�nigsstadt aber soll meinen Edlen und der Krone zufallen. Steckt hinter all dem, was Ihr hier vorgetragen habt, aber nur eine R�uberbande und macht Ihr meinem Namen Schande, indem Ihr mit einer Armee auszieht, um ein paar Halsabschneidern das Handwerk zu legen, so fordere ich Eure Grafschaft als Wiedergutmachung, und Ihr sollt jedem meiner Ritter, der Euch begleitete, hundert Goldst�cke zahlen, um ihn zu entsch�digen.�</p><p>Golo konnte beobachten, wie alle Farbe aus dem Gesicht des Bischofs wich. Doch verzog Jehan keine Miene. Schlie�lich kniete er nieder und neigte dem�tig sein Haupt. �Ich unterwerfe mich Euren Forderungen, mein K�nig. Mein Herz und mein Schwert geh�ren Euch.�</p><p>�Jehan von Thenac, Ihr knietet nieder als der Graf von Niort und Bischof von Saintes, erhebt Euch nun als der Herzog der Sumpflande. Dieser Titel sei Euch bis zum Weihnachtsfest gew�hrt, damit Ihr meine Grafen befehligen k�nnt, ohne da� Streit um das Kommando bei diesem Feldzug aufkommt. M�ge Gott Euch auf Eurem Weg zur Seite stehen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>10. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>�Wer bist du, Fremder? Ich habe die Knochen und die Runen nach dir befragt, habe der Stimme des Waldes gelauscht und dem Fl�stern des Meeres, doch voller Widerspr�che ist, was ich �ber dich erfahren habe. Wegen einer Frau hat man dich versto�en, und eine Frau war es, die du in diesem Land gesucht hast. Du betest den toten Zimmermannssohn als deinen Gott an, und doch war dein Lehrer ein Mann, der um die wahren G�tter wei�. Im Fieber hast du manchmal Verse von Liedern und Epen dahergesagt, so als seiest du ein Barde, doch deine rechte Hand tr�gt die Schwielen eines Kriegers, und an deiner Seite lag ein Schwert, als ich dich gefunden habe. Erkl�re mir diese R�tsel! Wie bist du in das Grab der toten Helden gelangt? Es gibt keinen Pfad, der durch die S�mpfe zu dieser Insel f�hrt, und ich habe kein Boot finden k�nnen, mit dem du an dieses Ufer gelangen konntest. Fast scheint es, als h�tten Graberde und Dunkelheit dich gezeugt und dir die Gestalt eines Mannes gegeben, damit du bereit bist, die Nachfolge der alten K�nige anzutreten.�</p><p>�Das sind viele Fragen, sch�ne Herrin.� Volker legte den Kopf in den Nacken und blickte zum Himmel. Es war das erste Mal, da� er den Grabh�gel verlassen hatte. Gest�tzt auf die Heilerin war er bis zum Ufer der kleinen Insel gelangt. Er sa� auf einem umgest�rzten Stein, der mit Spiralmustern geschm�ckt war. Nur ein paar Schritt entfernt brach eine hei�e Quelle aus dem Fels hervor. Ein schwacher Westwind spielte mit den dichten Dampfschwaden, die aus dem Wasser aufstiegen, und trieb sie in den Sumpf hinaus.</p><p>Frisches Gras wuchs zwischen den Felsen, und dicht hinter der Quelle erhob sich ein bl�hender Ginsterbusch. W�hrend der Zeit, die er in der Grabh�hle verbracht hatte, war der Fr�hling gekommen.</p><p>�Nun, willst du mir nicht antworten?� Die Fee blickte ihn forschend an. Bislang hatte sie ihm keine Fragen gestellt. Sie hatten kaum miteinander gesprochen. Manchmal jedoch, wenn sie glaubte, da� er schlief, war sie vor die H�hle getreten und hatte auf ihrer Harfe gespielt. Volker lauschte gerne ihrer Stimme. Sie war von kristallener Klarheit, ein wenig zu melancholisch vielleicht, doch das mochte auch an den Liedern liegen, die sie sang. Nicht ein einziges Mal hatte er sie eine fr�hliche Melodie spielen h�ren.</p><p>Die Wahrheit konnte er seiner unbekannten Retterin nicht sagen. Sie w�rde ihn an die Ritter der Morrigan ausliefern m�ssen, wenn sie erfuhr, mit welcher Absicht er in die S�mpfe gekommen war. Er l�chelte. Eine sch�ne Geschichte zu erfinden w�rde ihm nicht schwerfallen. �So wie Areion, der einst am Hofe des K�nigs Periandros lebte, bin ich ein Barde, der die Menschen mit seinem Spiel erfreut. Ich vermag zwar nicht wie Orpheus die wilden Tiere mit meiner Stimme in meinen Bann zu schlagen, doch gibt es am Rhein viele F�rstenh�fe, an denen ich ein gerngesehener Gast bin. Selbst an die Tafel von K�nigen war ich schon geladen, und sie haben mir meine Kunstfertigkeit mit Gold entlohnt. Doch mein Gl�ck war mir zu Kopf gestiegen. Ich versuchte mich in Gesch�ften, die ich nicht erlernt hatte. So fuhr ich ins Land der Mauren und beschlo�, dort f�r mein Gold kostbares Handelsgut zu kaufen, um meinen Reichtum noch zu vermehren. Weihrauch aus Arabia Felix habe ich dort erworben und lauteres Silber aus dem fernen Baktria. Auch bunte Seide aus einem K�nigreich, das so weit im Osten liegt, da� ein Mann auf einem Pferd wohl ein ganzes Jahr lang reiten m��te, um es zu erreichen. W�re ich mit diesen G�tern nach Worms gelangt, so h�tte mein Reichtum wohl den des K�nigs �bertroffen, doch es war mein Schicksal zu scheitern, so wie einst auch Areion scheiterte. Wir hatten die S�ulen des Herakles passiert, als unser Schiff in einen schrecklichen Sturm geriet und weit nach Westen abgetrieben wurde.� Volker seufzte und legte mit Bedacht eine kleine Pause ein. F�r einen Moment lang war er pl�tzlich unsicher, ob er mit seiner Erz�hlung vielleicht zu sehr �bertrieben hatte. Aus den Augenwinkeln betrachtete er seine Retterin. Gebannt hing sie an seinen Lippen. Sie schien Geschichten aus fernen L�ndern zu m�gen. Nun, die konnte sie haben.</p><p>�Es mu� vor der K�ste von Kernow gewesen sein, da� herulische Piraten mein Schiff angriffen. Sie erschlugen meine M�nner und warfen ihre Leichen in die See. Auch ich wurde in dem Kampf von einem Pfeil verwundet, doch schonten sie mein Leben, als ich erkl�rte, da� ich ein ber�hmter Barde sei und da� sie L�segeld f�r mich erhalten k�nnten. Ich mu�te wilde Kriegslieder f�r sie singen, um sie zu unterhalten. Zugleich mit ihrem erfolgreichen Raubzug schien sie das Gl�ck verlassen zu haben. Der Sturm war abgeflaut, doch trieb uns ein ung�nstiger Westwind immer weiter von ihrem Versteck an der K�ste von Dyfneint ab. Meine Wunde entz�ndete sich, und ich begann zu stinken wie ein Leichnam. Ich konnte h�ren, wie sie fl�sterten, da� sie mich ins Meer werfen wollten. Doch einen Barden zu t�ten hei�t, den Zorn der alten G�tter herauszufordern. Schlie�lich beschlossen sie, mich in einem kleinen Boot auszusetzen und mein Schicksal den Wellen zu �berlassen. So wurde ich an diese K�ste getrieben. Ich hatte schweres Fieber und wei� nicht mehr, wie ich hierher gelangt bin. Ich erinnere mich, wie mein Boot in dichten Nebel getrieben wurde und wie sein Rumpf �ber Felsen schrammte. Ich stieg ins Wasser und watete zu den Felsen, die ich als dunkle Schatten erkennen konnte. Dort suchte ich Schutz vor dem eisigen Regen und glaubte, eine H�hle gefunden zu haben. So gelangte ich an jenen Ort, an dem ihr mich gefunden habt, Herrin.�</p><p>Die Fremde legte den Kopf schief. Einen Herzschlag lang f�rchtete Volker, er k�nne sich durch irgendeine Kleinigkeit als L�gner entlarvt haben, doch dann nickte die Fee. �Die S�mpfe m�nden ins Meer. Die Flut treibt das Seewasser bis weit in die Marschen hinein. So mu� dein Boot hierhergelangt sein, und da du vers�umt hast, es aufs Land zu ziehen, wurde es abgetrieben.�</p><p>Der Spielmann nickte erleichtert. �Ja, so mu� es gewesen sein. Ich verdanke Euch mein Leben. Man nennt mich Volker von Alzey. Mein Vater ist ein reicher Adliger, und so kommt es, da� meine Hand die Schwielen eines Kriegers tr�gt. Von Kindesbeinen an wurde ich im Gebrauch der Waffen unterrichtet, doch abends, wenn mein Vater mit seinen Freunden in der Halle unserer Burg feierte, lehrte meine Mutter mich das Lautenspiel. Daher r�hrt es, da� zwei Herzen in meiner Brust schlagen und ich oft im Zweifel bin, in welche Welt ich geh�re. Zu den fahrenden S�ngern oder unter die Ritterschaft meines K�nigs. So will ich meine Laute und mein Schwert in Eure Dienste stellen, sch�ne Herrin, um meine Schuld bei Euch zu begleichen. Doch sagt, wie ist Euer Name? Ich m�chte ein Lied f�r Euch dichten und von Eurer Sch�nheit und Eurem Edelmut singen. In meinen Fiebertr�umen glaubte ich manchmal, Harfenklang zu h�ren. Seid Ihr eine Bardin?�</p><p>Sie sch�ttelte den Kopf. Pl�tzlich wirkte sie traurig, so als habe er mit seinen Worten an eine alte Wunde ger�hrt. �Ich bin die wiedergeborene G�ttin. Man nennt mich Neman, die Totenkl�gerin. Mit meinen Schwestern herrsche ich �ber Thirfo Thuinn, das versunkene Land. Ich komme hierher, um den Toten zu singen, und du bist der erste Mann, der diese Grabh�hlen lebend betreten hat. Meine Schwester Macha w�rde deinen Kopf nehmen, wenn sie von dir w��te. Darum h�te dich, wenn ich nicht bei dir bin. Manchmal kommt auch sie zur Insel, doch sie betritt niemals das Grab. Sie ist eine gro�e Kriegerin und w�rde dich erschlagen, wenn sie dich hier entdeckte. Doch du mu�t leben! Es scheint, als seist du der Mann, den uns die Alten verhei�en haben. Der S�nger, der sich aus den Gr�bern der toten Helden erhebt.�</p><p>Volker nickte. Er hatte das unbestimmte Gef�hl, da� es besser sei, ihr nicht zu widersprechen. Auch wenn sie seltsam war und sich f�r eine G�ttin hielt, hatte sie zweifellos Macht. Vielleicht war sie sogar eine Magierin. Nur zu deutlich konnte er sich erinnern, wie sie den Bannspruch auf den Trunk legte, der das Gift in seinem Leib besiegt hatte. Sie zu reizen w�re gef�hrlich. Er mu�te auf sie eingehen... Letzten Endes war auch sie nur eine Frau. Wenn er es richtig anfing, w�rde sie sich in ihn verlieben, und das w�re der Schl�ssel zu seiner Flucht. Sie konnte ihn zu Gunbrid f�hren. Doch zun�chst m��te er seine Kr�fte wiedergewinnen. Die Krankheit hatte das Fleisch von seinen Knochen geschmolzen. Er war hager und kraftlos geworden. Ohne ihre Hilfe w�rde er nicht einmal bis zur Grabh�hle zur�ckkehren k�nnen.</p><p>Neman hatte sich auf einem Stein nahe der hei�en Quelle niedergelassen. Gedankenverloren blickte sie in den wirbelnden Nebel, der �ber das Wasser glitt. Sie war sch�n. Nicht gro� gewachsen und von zierlicher Statur. Das Gesicht feingeschnitten, vielleicht ein wenig zu l�nglich, doch unterstrich das ihre melancholische Ausstrahlung. Ihre schlanken Finger glitten �ber die Saiten der Harfe, und sie spielte eine Melodie voller Schmerz und Sehnsucht.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Mit einem wuchtigen Hieb schlug der Bischof Golo das Schwert aus der Hand. �Zum Teufel mit dir!� fluchte er und ri� sich den Helm vom Kopf. �Du h�ltst dein Schwert immer noch wie eine Mistforke. Aus dir wird nie ein Ritter werden, du Bauerntrampel.� �rgerlich winkte er einem Diener, der dicht bei der T�r stand, und lie� sich einen Becher voller Wein bringen.</p><p>�Schon am K�nigshof h�ttest du dich beinahe verraten. Und sieh mir gef�lligst in die Augen. In unserer Geschichte bist du ein Mann von Stand und kein Pferdedieb. Ein Adliger blickt seinem Gegen�ber in die Augen. Er ist zu stolz, um vor jemandem den Blick zu senken, und sei es selbst der Leibhaftige! Ist das klar?�</p><p>Golo nickte stumm. Sein Leben hatte sich von Grund auf ge�ndert in den letzten Wochen. Seit sie den Hof in Martinopolis verlassen hatten, verfolgte der Bischof das Ziel, aus ihm einen Ritter zu machen. Jeden Morgen schickte Jehan ihn mit zwei seiner Vertrauten aus der Stadt. Die beiden sollten ihm das Reiten beibringen, weil er sich angeblich wie ein nasser Sack im Sattel hielt. Auch unterwiesen sie ihn im Kampf zu Pferde. Ihr Erfolg war allerdings alles andere als �berragend und ihre Lehrmethoden nicht gerade feinf�hlig. Sein K�rper war mit Prellungen und Quetschungen �bers�t, und manchmal hatte Golo das Gef�hl, da� sogar Lanzenbrecher seinen Spa� daran hatte, wenn er aus dem Sattel st�rzte. H�tte er nur niemals sein Dorf verlassen! Er dachte daran, wie die jungen M�dchen w�hrend der Erntezeit in den Feldern mitgeholfen hatten. An ihre hochgesteckten R�cke, den silbrigen Schwei� auf ihrer Haut und die lachenden, sommersprossigen Gesichter.</p><p>�Nun, Ritter, was br�test du vor dich hin?�</p><p>�Ich habe mir Gedanken �ber die Minne gemacht und da� ich mir das Leben als ein Adliger anders vorgestellt hatte.�</p><p>Der Bischof gab seinem Diener den Becher zur�ck und grinste breit. �M�chtest wohl in die warmen Betten der Edelfr�ulein steigen? Macht es dir Freude, dir vorzustellen, wie du vor ihnen mit deinem Bauernschwanz wedelst und sie dich f�r einen Ritter halten? Ohne mich w�rest du niemals soweit gekommen, vergi� das nicht! Und jetzt m�chte ich deine ganze Hingabe beim Schwertkampf wissen! Bei deiner j�mmerlichen Deckung wirst du nicht einmal deine erste Schlacht �berleben, du Hundsfott. Sei gewi�, da� ich daf�r sorgen werde, da� du dich zuerst in einer Schlacht bew�hrst, bevor du ein Weib von edlem Blut bekommst.� Jehan setzte seinen Helm auf und zog sein Schwert.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>So wie die Strahlen der Sonne jeden Tag an Kraft gewannen, so f�hlte auch Volker sich zunehmend st�rker. Neman besuchte ihn nur unregelm��ig, und manchmal geschah es, da� er f�r mehrere Tage alleine war. Sie brachte ihm reichlich Nahrung und gelegentlich auch trockenen Torf, mit dem er ein kleines Feuer unterhalten konnte.</p><p>Je st�rker er sich jedoch f�hlte, desto unruhiger wurde er. Der Grabh�gel war ein Ort, der ihm Angst einfl��te. Obwohl sein Fieber verflogen war, qu�lten ihn nachts noch immer unheimliche Tr�ume. Er sah, wie sich die Toten aus ihren Gr�bern erhoben und ihn umringten. Sie nahmen ihn in ihre Mitte und dr�ngten ihn, immer tiefer in den H�gel hinabzusteigen. Volker versuchte, sich ihnen zu widersetzen. Er zog sein Schwert und k�mpfte. Doch wo er eines der kopflosen Skelette in St�cke hieb, erhoben sich sofort zwei neue. Immer dichter wurde die Wand aus lebendigem Gebein um ihn herum, bis sie schlie�lich zu einer regelrechten Mauer aus �bereinandergeschichteten Knochen anwuchs. Der Traum hatte immer dasselbe Ende. Seine Kr�fte erlahmten. Er gab auf und folgte dem Dr�ngen der Toten. Sie brachten ihn tief in die Erde, bis zu einer steinernen Pforte. Unheimliche Worte in einer l�ngst vergessenen Sprache ert�nten. Das Tor �ffnete sich, doch bevor er die Schwelle �berschreiten konnte, erwachte er.</p><p>Um den Tr�umen zu entgehen, floh Volker aus dem d�steren Grab. Er mi�achtete die Warnungen Nemans. Erst wagte er sich nur bis zum Eingang des Grabh�gels, doch dann lockte ihn die Sonne, und er unternahm den ersten Streifzug �ber die kleine Insel.</p><p>Das Reich, in dem er gefangen war, war winzig. Nach Norden hin ma� die Insel dreihundert Schritt. Von Ost nach West waren es nicht einmal hundertf�nfzig. Sie bestand fast v�llig aus kargem, grauen Fels. Den Grabh�gel in ihrer Mitte hatte man aus Torfplatten errichtet, die aus dem Moor gestochen worden waren. Eine gewaltige Arbeit. An seiner h�chsten Stelle ragte das Grabmal fast zehn Schritt in die H�he, und Volker sch�tzte, da� es einen Durchmesser von mehr als vierzig Schritt haben mu�te. Auf dem H�gel wuchsen Gras und einige Blumen. Wind und Regen hatten dem Berg von Menschenhand zugesetzt. An manchen Stellen war Torf herausgesp�lt worden und hatte sich zwischen den zerkl�fteten Felsen der Insel abgelagert. Auch dort wuchs Gras, und wie gr�ne Adern erstreckten sich die Streifen des Schwemmgrundes bis hin zu dem dunklen Wasser, das statt einer Mauer Volkers Kerker umgab.</p><p>An den ersten beiden Tagen, an denen er sich hinauswagte, geno� er es, der Dunkelheit der H�hle entkommen zu sein. Doch nur allzubald vermochten ihm auch diese Ausfl�ge aus dem Totenreich keine Freude mehr zu bereiten. Im Gegenteil, sie vertieften nur seine Einsamkeit und seine Verzweiflung. Nicht nur seinen K�rper hatte man eingekerkert! Obwohl ihn drau�en auf dem H�gel keine Mauern umgaben, war es unm�glich, den Blick �ber die Weite der Landschaft wandern zu lassen und so wenigstens dem Geiste seine Freiheit zu lassen. �berall zwischen den Felsen der Insel brachen warme Quellen hervor. Wie ein Ring umgaben sie das kleine Eiland, und der dichte Wasserdampf wurde zu einer wei�en Mauer. An warmen, windstillen Tagen stieg der Dunst fast senkrecht �ber der Insel auf. Dann konnte Volker wenigstens ein St�ck des blauen Himmels �ber sich sehen und den Lauf der Sonne beobachten. Doch sobald sich nur der leiseste Luftzug regte, wurde der Nebel in dichten Schwaden �ber die Felsen getrieben, und man vermochte kaum noch die Hand vor Augen zu erkennen.</p><p>Gleichzeitig mit dem Blick schien ihm auch sein Geist gefangen. Er hatte kaum die Kraft, an Flucht auch nur zu denken. Einmal umrundete er die Insel und versuchte abzusch�tzen, von welcher Stelle aus die besten Aussichten bestanden, schwimmend zu entkommen. Doch nirgends war der Schatten eines anderen Ufers auszumachen. Ins Wasser zu gehen hie�e, sein Leben dem Schicksal anzuvertrauen. Obendrein war er auch kein sonderlich guter Schwimmer und noch immer durch seine Verwundung geschw�cht. Weit w�rde er also nicht kommen. Er war nie ein Mensch gewesen, der gro�e Pl�ne machte. Seine Entscheidungen traf er oft aus einer Laune heraus. Doch wurde ihm auch klar, wie wichtig f�r all sein Handeln ein �u�erer Anreiz war. Eine Frau, die ihn entz�ckte, eine Stadt, die er sehen wollte, ein fernes Land, von dem man ihm Wunderdinge erz�hlte und das er bereisen wollte. All dies fehlte hier. Seine Welt war im gleichen Ma�e geschrumpft, wie seinem Bewegungsdrang und vor allem seiner Sicht Grenzen gesetzt waren. Immer besser konnte er die Neugier verstehen, mit der Neman seinen Geschichten von fernen L�ndern lauschte. Ihre einzige M�glichkeit zu reisen war, auf den Fl�geln der Phantasie und geleitet durch die Worte eines Barden zu den Wundern fremder L�nder zu fliegen.</p><p>Was am schwersten auf Volkers Gem�t dr�ckte, war die Angst um seine Seele als Christenmensch. Mit der Zeit war er sich nicht mehr sicher, ob die Geschichten �ber die Feen aus den S�mpfen wirklich nur M�rchen waren, wie er bislang immer geglaubt hatte. Eines war jedenfalls gewi�. Neman war nicht die Anf�hrerin einer R�uberbande. Und doch hatte sie in einem ihrer wenigen Gespr�che angedeutet, da� ihre Schwester Macha erst vor kurzem viele Sklaven gefangen hatte. Was den Spielmann ebenfalls verunsicherte, war die Art, wie Neman sich selbst als eine wiedergeborene G�ttin bezeichnete. Was f�r eine infame Ketzerei! Und doch lie� sich nicht leugnen, da� sie �ber ungew�hnliche Kr�fte verf�gte. Sie hatte ihn geheilt und den Wundbrand besiegt, dabei h�tte kein Medicus, den er kannte, f�r sein Leben noch einen Pfifferling gegeben. Eine G�ttin war Neman sicherlich nicht, doch daf�r gewi� eine m�chtige Magierin.</p><p>Volker war den Grabh�gel hinaufgestiegen, w�hrend er seinen dunklen Gedanken nachhing. Als er den Zenit erreichte, lie� er sich ermattet ins hohe Gras sinken und blickte zur Sonne hinauf, die nur als blasse, gelblichwei�e Scheibe hinter den treibenden Nebelschleiern zu sehen war. Sie nannte ihn den S�nger, der sich aus den Gr�bern der toten Helden erhebt. Der Spielmann hatte versucht, von ihr zu erfahren, was sie damit meinte, doch seine Heilerin war allen Fragen ausgewichen. Bei ihrem n�chsten Besuch hatte sie ihm allerdings eine Laute mitgebracht. Es war ein grobes Instrument, das sich seiner Kunst widersetzte und offenbar nur schiefe T�ne von sich geben mochte. Dennoch war die Fee mit seiner Kunst zufrieden gewesen und hatte ihm geraten, er solle sich in Spiel und Gesang �ben. Vielleicht sollte er ein Lied f�r Neman dichten. Die meisten Frauen waren anf�llig f�r derlei Schmeicheleien. Noch hatte sein Charme auf die Fee zwar keinerlei Wirkung gezeigt, doch das w�rde sich �ndern! Wom�glich war sie noch eine Jungfrau und wu�te nicht recht, was mit M�nnern anzufangen war. Volker l�chelte. Er w�rde sie schon noch in die K�nste der Liebe einf�hren!</p><p>Eine Weile hing er seinen Gedanken nach, bis ein eigenartiges Ger�usch ihn aufhorchen lie�. Es war ein Klatschen, so als krieche ein gro�es Tier aus dem Sumpf an Land. Volker tastete nach dem Schwert an seiner Seite. Was im Namen des Herren war da auf seiner Insel? Das Ger�usch klang jetzt fast rhythmisch. Ganz langsam erhob sich der Spielmann und sp�hte in die treibenden Nebelschwaden. Was f�r eine Kreatur war da nur gekommen, um ihn heimzusuchen? Bislang hatte er noch keinen Gedanken daran verschwendet, da� der Sumpf au�er den Feen vielleicht noch andere, gr��lichere Gesch�pfe ausspucken k�nnte.</p><p>Vorsichtig schlich er den Hang hinab und duckte sich immer wieder in das kniehohe Gras. Es schien, als bewege sich das Gesch�pf, das diese eigenartigen Laute verursachte, nicht von der Stelle. Volker zog sein Schwert. Vielleicht konnte er das Ungeheuer �berraschen?</p><p>Er mu�te schon fast das Ufer erreicht haben. Das Ger�usch kam ihm auf unbestimmte Art vertraut vor. Er hatte es schon einmal geh�rt, wu�te aber nicht zu sagen wo.</p><p>Pl�tzlich sah er eine kauernde Gestalt vor sich. Ein Frau mit langem Haar kniete auf einem Felsen am Ufer und schlug ein zusammengekn�lltes Kleidungsst�ck gegen den Stein. Dann tauchte sie es wieder in Wasser und rieb es am Felsen entlang. Eine W�scherin! Volker atmete auf und schob sein Schwert in die Scheide zur�ck. Auf welchem Weg sie wohl hierher gelangt war? Gab es am Ende doch eine M�glichkeit, ohne ein Boot die Insel zu verlassen?</p><p>Einige Atemz�ge lang beobachtete er die Frau. Der Nebel verbarg sie halb vor seinen Blicken, so da� er sie nicht genau erkennen konnte. Schlie�lich fa�te er sich ein Herz und trat auf den flachen, vorspringenden Fels, auf dem sie kauerte. �Seid mir willkommen auf meiner Insel, sch�ne Fremde, und...�</p><p>Mit einem spitzen Schrei sprang die W�scherin auf. Das nasse Kleidungsst�ck entglitt ihren Fingern. Sie machte einen Satz zur�ck, so da� sie bis zu den Knien im Wasser stand. �Komm mir nicht n�her! Mich zu sehen hei�t zu sterben! Ich bin Babd, die Ungl�cksbotin!�</p><p>Volker breitete die Arme aus. �Ich wollte Euch nicht erschrecken. Verzeiht.�</p><p>�Du kannst mich nicht erschrecken! Ich habe deine N�he gesp�rt, doch h�tte ich nicht gedacht, da� du so t�richt w�rst, zu mir auf meinen Felsen zu kommen. La� mich ziehen! Meine Arbeit ist getan... Noch ist es dir nicht verhei�en, mein Antlitz zu sehen. Dir ist es bestimmt zu leben!� Sie legte den Kopf in den Nacken und stie� einen Laut aus, der an das Kr�chzen eines Raben erinnerte.</p><p>Der Spielmann trat einen Schritt vor. �Was tut Ihr da?�</p><p>�Dich retten, du Tor! Weiche von mir!�</p><p>Ein Windsto� zerri� die Nebelschleier, und einen Atemzug lang konnte Volker die Gestalt der Frau deutlich erkennen. Sie trug ein langes, wei�es Kleid ohne �rmel. Pr�chtige Goldreifen wanden sich schlangengleich um ihre Arme. Es war Neman! Seine Retterin! Sie war zwar anders gekleidet und trug ungew�hnlichen Schmuck, doch konnte es keinen Zweifel geben! Fast augenblicklich ri� die Fee ihre Arme hoch und bedeckte ihr Gesicht. �Komm nicht n�her, du Narr! Zur�ck in den Nebel mit dir!�</p><p>�Mit wem sprecht Ihr, Herrin?� ert�nte eine dunkle M�nnerstimme.</p><p>�Es sind die Geister der toten Helden. Sie sind unruhig, so als w�rden sie sp�ren, da� Arbotorix sich bald zu ihnen gesellen wird.� Die W�scherin kniete nieder und griff rasch nach dem zerkn�llten Kleidungsst�ck, das vor ihr im Wasser trieb. Hinter ihr tauchte der Schatten eines Bootes auf. Undeutlich konnte Volker einen Mann mit einer langen Stange erkennen, der im Heck stand.</p><p>�Warte, Neman!� Volker versuchte, nach ihrem Arm zu greifen, doch die Heilerin war mit einem Satz im Boot, und der F�hrmann stakte es sofort vom Ufer fort.</p><p>�Nehmt mich mit! La�t mich nicht hier auf dieser verfluchten Insel!�</p><p>Volker konnte h�ren, wie der Mann etwas murmelte. Die Fee jedoch schwieg. Schnell war das Boot im Nebel verschwunden.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>11. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>An das Gewicht der R�stung hatte Golo sich immer noch nicht gew�hnt. Wie konnte man sich nur freiwillig in solche Mengen von Metall zw�ngen? Sein Kettenhemd sa� schlecht. Es zwickte und zwackte �berall. Und erst der Topfhelm! Sein ehemaliger Besitzer war vom Pferd gest�rzt und so ungl�cklich gefallen, da� er zun�chst kein Glied mehr zu r�hren vermochte und drei Tage nach dem Unfall verstarb. Leider hatten es die Fl�he im Strohpolster des Helms ihrem ehemaligen Herren nicht gleichgetan. Sie hatten den Sturz offenbar unversehrt �berstanden.</p><p>Der Blick des Knappen wanderte �ber die gro�e Wiese vor der Stadtmauer. Durch die schmalen Sehschlitze des Topfhelms hatte er keinen sonderlich guten �berblick. Aber Lanzenbrecher w�rde schon wissen, wohin er sich halten mu�te. Unsicher blickte der Knecht nach rechts und links. Wenn die edlen Herren an seiner Seite w��ten, wer er war, sie w�rden ihn zweifellos in St�cke rei�en. Ein Unfreier, der sich erdreistete, eine R�stung anzulegen und an einem Turnier teilzunehmen! Sein Schild und sein Waffenrock waren wei� und trugen kein Wappen. Ein Zeichen daf�r, da� er zum ersten Mal in einem Turnier focht. Golo w�re es lieber, wenn ihn der Bischof niemals zu dieser Scharade gezwungen h�tte. Doch Jehan bestand darauf, das betr�gerische Spiel fortzusetzen, das sie in Martinopolis am K�nigshof begonnen hatten.</p><p>Lanzenbrecher schnaubte. Der gro�e Hengst schien sich auf den bevorstehenden Kampf zu freuen. Fast hundert Ritter aus Aquitanien und den angrenzenden K�nigreichen hatten sich zum Pfingstturnier eingefunden. Sie waren in zwei Gruppen aufgeteilt worden, die nun an den gegen�berliegenden Enden einer gro�en Wiese Aufstellung genommen hatten. Alle warteten sie nur noch auf das Signal der Hornisten, die vor der Ehrentrib�ne des Bischofs standen. Die Ritterschar auf der feindlichen Seite bot einen eindrucksvollen Anblick. Die meisten hatten nach der neuen Mode aus Outremer ihren R�ssern bunte T�cher in den Farben ihrer Wappenschilde und Waffenr�cke �bergeworfen. Einige hatte sogar ihre Lanzen bunt anmalen lassen und trugen auf ihren Helmen so seltsamen Schmuck wie Pferdek�pfe, Adlerfl�gel oder Greifen. Alle waren mit Kettenhemden ger�stet, die in der Sonne des Pfingstmorgens wie lauteres Silber gl�nzten. Golo grinste. Auch er hatte einen Diener des Bischofs gestern abend damit beauftragt, f�r ihn das Kettenhemd zu polieren. Ohne Zweifel hatte es auch seine Vorteile, sich wie ein Adliger auff�hren zu d�rfen. Wenn er nur nicht gezwungen w�re, an diesem Turnier teilzunehmen!</p><p>Der Ritter zu seiner Rechten trug ein rotes Tuch aus feinem Leinenstoff um seinen Oberarm gewickelt. Das Liebespfand einer Dame. Was ihn anging, so gab es keine h�bsche Maid, die ihn mit Herzklopfen beobachtete, dachte der Knecht bitter. Nach den Drohungen des Bischofs hatte er sogar darauf verzichtet, mit den K�chenm�gden anzubandeln. Seit Wochen lebte er wie ein M�nch! Dabei hatte Saintes durchaus h�bsche Weibsbilder zu bieten.</p><p>Golo packte die Lanze fester. Wenn nur endlich das Signal zum Angriff k�me! Diese elende Warterei machte ihn noch ganz verr�ckt. Sechs Wochen lang hatte ihn der Bischof und sein R�stmeister im Schwertkampf und im Lanzenreiten ausgebildet. Doch was bedeutete das schon? Die meisten Ritter hier auf dem Feld waren gewi� von Kindesbeinen an in den Waffenk�nsten unterwiesen worden. Wahrscheinlich durfte er froh sein, wenn es ihm gelang, die Turnierbahn ohne gebrochene Knochen zu verlassen.</p><p>Hinter der Absperrung und auf den Trib�nen rings herum dr�ngelten sich Hunderte von Zuschauern aus der Stadt und den nahegelegenen D�rfern. Auch die Krieger aus der Armee, die der Bischof in den letzten Wochen aufgestellt hatte, waren unter den Zuschauern. Es hatten sich S�ldner aus aller Herren L�nder unter dem Banner des Bischofs von Saintes versammelt. Fr�nkische Axtk�mpfer, Schleuderer von den Balearen, eine Schar leichter Reiter vom Hof des Hunnenk�nigs Etzel, normannische Ritter aus Armorika, Spie�tr�ger aus Spanien und aus dem K�nigreich der Langobarden. Sogar ein paar Alchemisten aus dem goldenen Byzanz waren gekommen, und man munkelte, da� Jehan sie sogar besser bezahlte als einen voll gepanzerten Ritter, der mit eigenem Gefolge in die Schlacht zog. Aus Aquitanien waren ungef�hr sechzig Ritter dem Heerbann gefolgt. Jeder von ihnen hatte einen kleinen Trupp Fu�soldaten und Bogensch�tzen mitgebracht, so da� das Heer, das sich vor Saintes versammelt hatte, mittlerweile mehr als zweitausend K�pfe z�hlte. Golo hatte noch nie zuvor so viele Bewaffnete an einem Ort gesehen und war der festen �berzeugung, da� keine Macht der Welt dieser Armee widerstehen k�nnte. Nicht einmal das Nachtvolk aus den S�mpfen!</p><p>Das Hornsignal hallte �ber das Feld. Der Knecht klemmte sich die Lanze fest unter die Achsel, so wie er es in den letzten Wochen gelernt hatte. Lanzenbrecher setzte sich von ganz alleine in Bewegung. Hunderte Hufe zerw�hlten donnernd das frische Gr�n der Pfingstwiese. Die beiden Reiterformationen trafen aufeinander. Lanzen splitterten, Pferde wieherten, und die Schreie Verletzter ert�nten. Golos Gegner war ein Mann in einem roten Waffenrock. Er hatte den Kerl noch nie zuvor gesehen. Der Knecht zielte mit seiner Lanze in die rechte H�lfte des gegnerischen Schildes. Ein Schlag wie von der Faust eines Riesen traf ihn. Der andere Ritter wankte im Sattel. Dann st�rzte er. Lanzenbrecher st�rmte weiter. Halb benommen erreichte Golo das andere Ende der Turnierwiese. Er hatte gewonnen! Er, ein Knecht, hatte einen dieser stolzen, �berheblichen Ritter ins Gras geschickt. Er konnte es kaum glauben.</p><p>Ohne sein Zutun ordnete sich Lanzenbrecher in die Formation der Reiter ein, die wieder nebeneinander in einer langen Reihe Aufstellung nahmen. Waffenknechte und Diener eilten auf den Turnierplatz, um jenen Rittern zu helfen, die sich nicht mehr aus eigener Kraft erheben konnten. Pferde wurden weggef�hrt, und junge Schildknappen r�umten zersplitterte Lanzensch�fte und zerbrochene Wappenschilde vom Feld. Dann ert�nte erneut das Hornsignal vor der Trib�ne des Bischofs, und wieder preschten die Reihen der Reiter aufeinander zu. Golo sah sich einem Ritter gegen�ber, der so wie er ganz in Wei� gekleidet war. Noch ein K�mpfer, der sein erstes Turnier bestritt. Offenbar hatte der andere ihn ausgesucht, weil er in ihm leichte Beute vermutete. Der Knecht pre�te grimmig die Lippen aufeinander. Dem Kerl w�rde er es zeigen! Seine Lanze traf genau ins Zentrum des gegnerischen Schildes. Golo hielt seinen Schild leicht zur Seite geneigt, so da� die gegnerische Waffe fast wirkungslos an ihm entlangschrammte. Einen Lidschlag lang bog sich seine eigene Lanze bedrohlich unter dem Druck des Aufpralls. Dann st�rzte sein Gegner! Noch ein Sieg. Golo schrie vor Freude. Er war nicht schlechter als diese Adligen. Sicher gab es manches Edelfr�ulein, das sich jetzt fragte, welcher unbekannte Held sich hinter dem wei�en Wappenschild verbergen mochte.</p><p>Wieder wurde der Kampfplatz ges�ubert. Es gab einen kurzen Zwischenfall. Ein Ritter in rotem Waffenrock lag leblos am Boden. Der Medicus des Bischofs wurde hinzugewunken. Auch zwei andere Ritter knieten nun neben dem Mann. Als sich der Arzt endlich erhob, sch�ttelte er den Kopf. Ein wei�es Leinentuch wurde �ber den Ritter gebreitet. Dann hob man ihn auf eine Trage und schaffte ihn von der Wiese.</p><p>Golo hatte pl�tzlich einen Klo� im Hals. Wer dieser Krieger gewesen sein mochte? Heute morgen war er gewi� noch voller Hoffnung auf den Siegeslorbeer in dem Turnier gewesen. Jetzt hatte der ungl�ckliche Sturz seine Tr�ume auf immer beendet. Der Knappe hatte bislang keinen Gedanken daran verschwendet, wie viele M�glichkeiten es gab, bei einem Turnier zu sterben. Eine Lanze, die den Schild verfehlte... Ein schweres Schlachtro�, das �ber einen hinwegtrampelte...</p><p>Wieder ert�nte das Hornsignal vor der Trib�ne, und diesmal zitterte Golos Hand, als er sich die Lanze unter die Achsel klemmte. Ein Ritter mit einem schwarzen Drachen auf rotem Schild hielt diesmal auf ihn zu. Der Knappe keuchte. Er kannte dieses Wappen! Es war der Anf�hrer der normannischen Ritter aus Armorika, Berengar von Broceliande, der dort auf ihn zukam. Ein ber�hmter Krieger, der schon unz�hlige Turniere gewonnen hatte. Golo begann zu beten. W�re nur schon alles vorbei!</p><p>Die Lanze des Gegners traf ihn mit voller Wucht. Als erfahrener K�mpfer hatte Berengar auf die rechte H�lfte von Golos Schild gezielt, so da� die Spitze der Waffe nicht so leicht abgleiten konnte. Der Knappe wurde in seinem Sattel nach hinten gedr�ckt. Seine Schenkel verkrampften sich um Lanzenbrechers Leib. Golo f�hlte, wie sich sein rechter Fu� im Steigb�gel verfing. Dann gab es einen Knall. Splitter schlugen gegen seinen Helm. Berengars Lanze war zerbrochen! Sie mu�te bei einem der vorangegangenen K�mpfe Schaden genommen haben. Augenblicklich war der Druck verschwunden. Die beiden Ritter passierten einander. Atemlos erreichte Golo das rettende Ende des Turnierplatzes.</p><p>Bei allen Heiligen! Er war gegen einen der ber�hmtesten Ritter der Christenheit angetreten und im Sattel geblieben. Gewi� war ein wenig Gl�ck dabei im Spiel, doch war ihm nun endg�ltig klar, da� diese Ritter auch nur M�nner aus Fleisch und Blut waren und es mit ihrer Waffenkunst nicht so weit her war, wie er immer geglaubt hatte. Man konnte sie besiegen! Selbst die besten unter ihnen!</p><p>Der Knecht blickte die Reihe der Reiter entlang, die am anderen Ende des Feldes erneut Aufstellung nahm. Es waren vielleicht noch f�nfzehn Krieger. Auf ihrer Seite sah es gewi� nicht besser aus. Der Ritter mit dem Drachenschild rief nach einem seiner Knappen. Man brachte ihm eine neue Lanze. Berengar zeigte mit der Waffe herausfordernd zu ihm her�ber. Golo nickte. Er w�rde annehmen. Diesmal sollte der Kerl vor ihm im Dreck liegen!</p><p>Das Feld war schnell ger�umt. Wieder ert�nte das Angriffssignal. Diesmal sp�rte Golo keine Angst mehr. Er hielt den Blick starr auf den Ritter mit dem Drachenschild gerichtet. Fast gleichzeitig senkten sie beide die Lanzen. Es war, als ob ein Feenzauber �ber dem Turnierplatz l�ge. Die Bewegungen Berengars erschienen dem Knecht unnat�rlich langsam. So blieb ihm Zeit, mit seiner eigenen Lanze sorgf�ltig auf die Mitte des gegnerischen Schildes zu zielen. Kurz vor dem Aufprall korrigierte er mit einem leichten Schwenk noch ein letztes Mal die Richtung. Dann traf die Spitze krachend auf den schwarzen Drachen. Der Normanne neigte den Schild zur Seite. Golo fluchte. Er konnte sehen, wie seine Turnierlanze an der Schr�ge abglitt. Sein eigener Schild wurde ihm nun mit Wucht gegen die Brust gepre�t. Helle Lichter tanzten in seinem Helm. Pl�tzlich sah er nur noch das Blau des Himmels. Einen Herzschlag lang f�hlte er sich, als treibe er im Wasser eines langsam dahinflie�enden Stroms. Dann schlug er hart auf den Boden, und ihm wurde schwarz vor Augen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker war auf die Begegnung mit der W�scherin nie zu sprechen gekommen. Neman schien nichts davon zu wissen, und er hatte beschlossen, da� es kl�ger sei, die schweigsame Heilerin nicht zu fragen. �berhaupt vermied er alles, wovon er bef�rchtete, da� er damit die junge Frau erz�rnen k�nnte. Statt dessen lie� er seinen Charme spielen und versuchte die Unnahbare zu verf�hren oder wenigstens f�r sich zu gewinnen. Niemals zuvor hatte er eine Frau getroffen, die so kalt war. Nie sah er sie von Herzen lachen, und wenn sie l�chelte, blieb sie dabei doch stets melancholisch. Vergeblich versuchte er, sie dazu zu bringen, von sich zu erz�hlen. Er erfuhr lediglich, da� sie sich selbst f�r eine G�ttin hielt und noch zwei Schwestern hatte.</p><p>Ihre einzige Schw�che war die Liebe f�r Geschichten aus fernen L�ndern. Und so verbrachte Volker die vielen einsamen Stunden, die er allein auf der Insel war, damit, stets neue, farbenfrohe Erz�hlungen von fremden L�ndern zu ersinnen. Er erz�hlte von den Lotusbl�tenessern, von denen Homer berichtet, und von jenem Volk kranichk�pfiger Menschen, das der verbannte Herzog Ernst besuchte. Von den Heiligenlegenden der christlichen Kirche wollte Neman nichts wissen. Sie war zutiefst in ihrem Heidentum verwurzelt, und Volker gab es schnell auf, ihre Seele retten zu wollen, indem er sie zum wahren Glauben bekehrte. Oft, wenn er allein auf dem Grabh�gel sa� und in den Nebel starrte, br�tete er dar�ber nach, was diese unnahbare Frau f�r ihn bedeutete. Urspr�nglich hatten seine Bem�hungen einzig das Ziel, mit ihr gemeinsam die Insel zu verlassen und so vielleicht eine Gelegenheit zur Flucht zu erhalten. Doch diese Gedanken traten mit der Zeit mehr und mehr in den Hintergrund. Sehns�chtig fieberte er ihren Besuchen entgegen und geno� es, wenn sie vor ihm sa� und mit gro�en Augen seinen Geschichten lauschte. Er war sich allerdings nicht sicher, ob es die Einsamkeit war, die ihn so f�hlen lie�, oder ob er tats�chlich begann, sich in seine Lebensretterin zu verlieben. Im Grunde hielt er nichts von jener Form der Minne, die ihre Erf�llung in der Anbetung einer Dame fand. Eine Liebe, die nur im Geiste vollzogen wurde, war noch nie sein Ideal gewesen.</p><p>Seine Wunde war fast v�llig verheilt, und endlose Tage waren verstrichen, seit er auf dem einsamen Eiland gestrandet war, als eines Nachmittags Neman in heller Aufregung zu ihm kam. Er sa� im Eingang der Grabh�hle und starrte wie so oft in den wirbelnden Nebel der nahegelegenen Quelle, als sich ihre vertraute Gestalt aus dem wei�en Dunst sch�lte. Es war das erste Mal, da� ihr das Haar, das sonst stets gek�mmt und wohlgeordnet war, in wirren Str�hnen ins Gesicht hing. Atemlos kam sie auf ihn zugelaufen.</p><p>�Der Streiter der Morrigan ist heute morgen gestorben. Er war nicht mehr in der Lage, das Beltaine-Feuer zu entz�nden. Das ist ein b�ses Omen. Wenn das Licht, das die Dunkelheit vertreiben soll, nicht entz�ndet wird, dann m�ssen die Ernten auf den Feldern verrotten, und das Vieh wird unfruchtbar bleiben. Nach Sonnenuntergang werde ich mit meinen Jungfern dem Toten das letzte Geleit zu diesem Sidh geben, dem H�gel der toten Helden. Krieger werden bis zum Eingang des Grabes mit uns kommen, und es wird kein Versteck f�r dich geben, in dem du unentdeckt bleiben kannst.�</p><p>Volker stutzte einen Moment und sah sie fragend an. �Du willst mich also von hier fortbringen?� Einer der wenigen Fortschritte der letzten Wochen bestand darin, da� sie es duldete, da� er sie mit dem vertrauteren Du ansprach.</p><p>Die junge Frau sch�ttelte energisch den Kopf. �Nein! Ich habe lange �ber dich nachgedacht, und ich glaube, da� du tats�chlich jener S�nger bist, von dem die alten Geschichten erz�hlen. So wie es verhei�en ist, hast du dich aus den Gr�bern der toten Helden erhoben. Man sagt, da� der S�nger Ungl�ck und Ver�nderung bringen wird. Dazu passen der Tod des Streiters der Morrigan und die nicht entz�ndeten Beltaine-Feuer. Es scheint, als sei ich lange blind f�r das Offensichtliche gewesen, und auch die anderen werden nichts begreifen k�nnen, wenn ich ihnen nicht zeige, was sie sehen wollen.�</p><p>Volker hatte keines ihrer Worte verstanden, doch setzte er eine ernste Miene auf und nickte zustimmend. Neman griff nach der �llampe, die im Eingang der Grabh�hle stand, und winkte ihm zu. �Folge mir! Ich mu� dich nun auf verbotenen Grund f�hren. Nur dort werden meine Jungfern in dir den erkennen k�nnen, der du wirklich bist.�</p><p>Der Spielmann hoffte, da� dies nicht der Fall sein w�rde, und folgte Neman. Zun�chst glaubte er, sie wollte ihn nur ein St�ck tiefer in den gewunden Gang f�hren, um ihm eine Nische zu zeigen, wo er vor den Blicken der anderen Priesterinnen verborgen sein w�rde, doch als ihr Weg sie immer weiter ins Innere der Erde brachte, begann er unruhig zu werden. Die Bilder seiner Alptr�ume standen ihm wieder lebhaft vor Augen. Die tanzenden Toten, die ihn ins Verderben ziehen wollten. Die Mauer aus lebendigem Gebein...</p><p>�Wohin bringst du mich, Neman?�</p><p>�An den Ort deiner Fleischwerdung, S�nger. Du m�chtest doch von hier entfliehen. Dies ist der Weg! Wenn du tust, was ich dir sage, so wirst du noch vor Sonnenaufgang der K�nig meines Volkes sein. Sie wissen S�nger zu sch�tzen, doch mu�t du ihnen in dieser Nacht als das erscheinen, was sie in dir sehen wollen, sonst bist du des Todes!�</p><p>Eine Weile gingen sie schweigend weiter. Das flackernde Licht der Lampe warf geisterhafte Schatten auf die W�nde des Ganges. �berall gab es Nischen, in denen Skelette lagen. Hier und da schimmerte gr�n angelaufene Bronze und das Braun lange verrosteter Klingen. Es schienen nur Krieger in diesen Gr�bern zu liegen, und allen war gemein, da� sie keinen Kopf hatten. Betrieben die Feen etwa auch mit ihren eigenen Helden diesen gr��lichen Troph�enkult? Volker hatte sich das in den letzten Wochen schon oft gefragt, doch wagte er es nicht, Neman darauf anzusprechen.</p><p>Warmer Schwei� lief dem Spielmann �bers Gesicht. Es schien immer w�rmer zu werden, je tiefer sie kamen. Oder war es seine Angst...</p><p>Pl�tzlich blieb Neman unvermittelt stehen und hob die Lampe. Ein gro�er, grauer Stein verschlo� den Gang. Es war der Fels, den Volker aus seinen Tr�umen kannte. Keuchend atmete der Spielmann aus. Er w�nschte, er w�re wieder in jener verzweifelten Schlacht, in der er allein mit einer Handvoll Rittern den K�nig verteidigt hatte. Jener laue Sommertag, an dem er dem Tod so nahe wie nie zuvor gewesen war, erschien ihm jetzt, in der Erinnerung, vergleichsweise angenehm. Er hatte das Gef�hl, an der Pforte zur H�lle angelangt zu sein.</p><p>Neman drehte sich um und hielt ihm die �llampe hin. �Halt das!� befahl sie knapp und wandte sich wieder dem Felsen zu. Ihre blassen, schlanken H�nde glitten �ber die rauhe, mit fremdartigen Bildern geschm�ckte Oberfl�che des Steins. Sie murmelte etwas in einer Sprache, die der Spielmann noch nie zuvor geh�rt hatte. Dann dr�ckte sie gegen den Fels, und mit dumpfem Dr�hnen rollte der gewaltige Stein zur Seite.</p><p>Volker starrte die zierliche Frau mit weit offenem Mund an. Es h�tte seiner Meinung nach mindestens der Kraft eines Riesen bedurft, um diese Pforte zu �ffnen. Doch die Heilerin machte kein Aufhebens darum. Ohne ein Wort nahm sie ihm die Lampe aus der Hand und trat in die niedrige Kammer hinter dem Tor.</p><p>Der Spielmann pre�te die Lippen zusammen. Sie war nur ein Weib, und wie er war auch sie nur aus Fleisch und Blut. Wenn sie sich dort hineinwagte, dann w�rde er ihr folgen! Die Kammer, die er betrat, war vielleicht acht Schritt lang und h�chstens f�nf Schritt breit. Die Decke war so niedrig, da� er den Kopf einziehen mu�te. Ein muffiger Geruch nach Staub und Verwesung lag in der Luft. Decke und W�nde waren mit dicken, grob bearbeiteten Holzbalken verschalt. Die Kammer lag voller Ger�mpel, das er in dem schwachen Licht nicht recht zu erkennen vermochte. An einer der W�nde lehnten hohe Karrenr�der. Dicht daneben schien ein Thron aus geh�mmerter Bronze zu stehen, dazu ein eigenartiges, schmales Bett, das auf einer L�ngsseite mit einer hohen, sanft geschwungenen Lehne versehen war. Zwischen dem Ger�mpel lagen Skelette. Manchen hatte man Schwerter und Speere auf die letzte Reise mitgegeben. Auch ein gro�er Bronzeschild lehnte an einem hohen Kessel, dessen Rand mit L�wenfig�rchen geschm�ckt war. Neman ging zu einem St�nder, in dem eine halb verkohlte Fackel steckte, und z�ndete sie mit dem Docht der �llampe an. Dann wandte sie sich zu Volker um. �Zieh dich aus!�</p><p>Der Spielmann starrte sie fassungslos an. Im Grunde war es das, was er seit Wochen wollte, doch an diesem Ort und...</p><p>�Du kannst nicht in deinen Kleidern auferstehen. Man sieht ihnen zu deutlich an, da� sie aus der Welt jenseits des Nebels kommen.�</p><p>Volker r�usperte sich. �Was soll ich hier unten? Ich meine, das ist kein sonderlich romantischer Ort, und es k�nnte vielleicht...�</p><p>�Was glaubst du eigentlich, was ich von dir will?� zischte die Heilerin gereizt.</p><p>�Nun, dein Befehl l��t doch wohl nichts an Deutlichkeit zu w�nschen �brig...�</p><p>�Dann befolge ihn!�</p><p>Volker blickte ihr in die Augen. Das Gesicht der Heilerin war eine Maske. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Angst vor einer Frau. Seine H�nde glitten zur Schnalle seines Wehrgeh�nges. Er l�ste den G�rtel und lie� die Waffe zu Boden gleiten. Dann �ffnete er sein von dunklem Blut verkrustetes Wams. Als n�chstes streifte er die Tunika ab und lie� zuletzt seine Beinlinge zu Boden gleiten.</p><p>Neman zeigte auf seine leinene Bruech. �Ich meine alles, Spielmann. Keiner meiner Krieger tr�gt so etwas.�</p><p>Volker �ffnete den G�rtel der knapp geschnittenen Leinenhose, und die Heilerin l�chelte zufrieden. �Kommen wir nun zum n�chsten Teil.� Sie nestelte ein kleines Gef�� mit einer breiten �ffnung aus einem der Lederbeutel an ihrem G�rtel. �Du mu�t aussehen wie ein K�mpfer, der bereit ist, in die Schlacht zu ziehen.� Die Heilerin tauchte ihren rechten Zeigefinger in das Gef��. Als sie ihn wieder hervorzog, war er mit einer blauen Paste verschmiert. Sie trat dicht vor Volker, so da� er jetzt ihren warmen Atem auf dem Gesicht sp�ren konnte. Er f�hlte, wie sich regte, was die Bruech vor den Blicken Nemans h�tte verbergen sollen. Ihr Zeigefinger strich sanft �ber seine linke Wange. Dann tauchte sie ihn erneut in das kleine Gef��.</p><p>Volker r�usperte sich leise. Sein Mund war staubtrocken. �Was... was machst du da?�</p><p>�Ein gro�er Krieger mu� auch die Zeichen eines Kriegers tragen. Ich habe das Rabensymbol auf deine Wange gemalt. Es besagt, da� du ein Auserw�hlter der Morrigan bist. Die Schlangenlinien und die Spirale darunter verraten den Kundigen, da� du bereits viele Feinde get�tet hast. Doch das ist nicht genug. Ich werde dich noch weiter bemalen. Du wei�t nicht, wie ein <emphasis>Ritter </emphasis>der Morrigan aussieht. Seine Haut ist wie eine Schriftrolle, auf der er seine Geschichte tr�gt. Die Narbe auf deiner Brust ist ein Teil davon, und auch die anderen Narben werde ich in deine Geschichte einbeziehen.�</p><p>Volker verschwieg ihr, da� er sehr wohl wu�te, wie ein solcher Ritter aussah. Der Gedanke daran, nach dem Vorbild des nackten Kriegers hergerichtet zu werden, den er vor dem Troph�enbaum gesehen hatte, behagte ihm nicht. Den heidnischen Kulten zu nahe zu kommen mochte ihn sein Seelenheil und seinen Platz im himmlischen Paradies kosten.</p><p>Als Neman endlich fertig war, hatte sie ihn von Kopf bis Fu� mit ihren Zeichen bemalt. Danach hob sie einen eigenartigen Bronzehelm aus einem Haufen von Knochen auf und reichte ihm das alte R�stungsst�ck. Der Helm hatte breite Wangenklappen, und ein pr�chtiger Drache mit ausgebreiteten Fl�geln erhob sich auf seinem Kamm. Es war eine meisterhafte Handwerksarbeit.</p><p>�Nimm das! Damit wirst du glaubw�rdiger aussehen. Dein Schwert magst du behalten. F�r einen Krieger ist es immer besser, die Waffe an seiner Seite zu tragen, mit der er vertraut ist. Das lederne Wehrgeh�nge ist deine einzige Kleidung.� Sie b�ckte sich und wischte mit der flachen Hand ein wenig Staub zusammen. Dann h�ufte sie ihn auf ihren Handteller und erhob sich. F�r einige Herzschl�ge musterte sie ihn mit gerunzelter Stirn. Schlie�lich nickte sie. �Du siehst schon fast �berzeugend aus.� Sie hob die flache Hand und blies ihm den Staub ins Gesicht.</p><p>Fluchend wedelte Volker den feinen Schmutz zur Seite. Seine Augen brannten wie Feuer. �Was soll das, verdammt?�</p><p>�Du sollst der S�nger sein, der sich aus den Gr�bern der toten Helden erhoben hat. Es steht dir an, ein wenig mit Leichenstaub bedeckt zu sein. So siehst du glaubw�rdiger aus.�</p><p>Volker schluckte. An die Herkunft des Staubes hatte er noch gar keinen Gedanken verschwendet.</p><p>�Du wirst dich zwischen den Gebeinen der Toten verstecken und warten. Wenn ich mit meinen Jungfern zur�ckkehre, um den Streiter der Morrigan hier zu seiner letzten Ruhe zu betten, dann pa�t du einen g�nstigen Moment ab, um dich zu erheben. Versetze die Weiber in Angst und Schrecken! Sprich mit hohler Stimme und behaupte, du seiest auferstanden, um dein Volk vor gro�em Elend zu bewahren. Erz�hl eine d�stere Geschichte! Das kannst du ja recht gut...�</p><p>�Und was ist, wenn ich einen Fehler mache? Ich meine, ich wei� fast nichts �ber diesen S�nger.�</p><p>�Niemand wei� viel �ber ihn. Die Legende sagt nur, da� er kommen wird, um unserem Volk in gro�er Not beizustehen. Du sagtest, du h�ttest an F�rstenh�fen gespielt... Dies wird der wichtigste Auftritt deines Lebens. Wenn du nicht �berzeugend bist, werde ich dich als Betr�ger entlarven, und du wirst einen grausamen Tod sterben.�</p><p>�Ich k�nnte verraten, da� du mir das Leben gerettet hast.�</p><p>Das Gesicht der Heilerin blieb regungslos. �Niemand w�rde dir glauben. Ich bin die wiedergeborene G�ttin. Mein Wort ist �ber jeden Zweifel erhaben. Ich werde deine Kleider und deinen Kettenpanzer im Sumpf versenken. Sie passen nicht zu deiner Rolle und d�rfen nicht auf der Insel gefunden werden. Au�erdem werde ich oben im Grab und auf der Insel alle Spuren beseitigen, die auf dich hindeuten k�nnten. So wirst du sicher sein.�</p><p>Volker �berlegte einen Moment lang, ob er jetzt seine Begegnung mit Babd erw�hnen sollte. Doch wenn die W�scherin bis jetzt geschwiegen hatte, warum sollte er dann reden?</p><p>Neman hatte seine Kleider aufgehoben und war zum Eingang der Grabkammer getreten. �L�sche das Licht der Fackel, wenn ich gegangen bin. Und...� Zum ersten Mal spielte der Hauch eines L�chelns um ihre Lippen. �Viel Gl�ck! Ich w�rde dich nur ungern verlieren, mein sch�ner Fremder.�</p><p>Mit dumpfem Knirschen rollte der T�rstein, der wie der Mahlstein einer M�hle aussah, vor die Pforte der Totenkammer. Volker l�schte das Licht und blieb allein mit seiner Angst und der Dunkelheit.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>12. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Als Golo erwachte, hatte er das Gef�hl, ein Stier m��te �ber ihn hinweggetrampelt sein. Jeder Knochen in seinem Leib schmerzte.</p><p>�Dem Himmel sei Dank, Herr! Ihr seid wieder bei Euch!� Das Gesicht eines jungen Knappen beugte sich �ber ihn. �Soll ich den Medicus des Bischofs rufen lassen?�</p><p>Golo versuchte st�hnend, sich zu erheben, gab aber auf halbem Weg wieder auf und lie� sich zur�cksinken. Er lag in einem roten Zelt auf einer Bettstatt aus Kissen und Pelzen. Ob dem Knappen seine Betroffenheit ernst war? Vermutlich war er nur ein Heuchler. Golo wu�te nur zu gut, wie Diener �blicherweise von ihren Herren dachten.</p><p>�Hol mir lieber einen Priester�, r�chelte er leise. Schlagartig wich dem Jungen alle Farbe aus dem Gesicht. �Nein, Herr... Ihr werdet doch nicht!� Der Knappe wollte schon zum Eingang des Zeltes laufen, als Golo ihn gerade noch an einem Zipfel seines Gewandes packen konnte.</p><p>�War nur ein Spa�... Vergi� es. Mir geht es... gut. Aber la� mich... jetzt in Ruhe. Ich will allein sein.�</p><p>Der Junge blickte ihn einen Moment lang verwundert an, dann gehorchte er. St�hnend richtete sich Golo auf. Es hatte ihn nicht so schlimm erwischt, wie er gedacht hatte. Schlie�lich war er nicht zum ersten Mal von einem Pferd gefallen. Seine R�stung hatte den Sturz allerdings keineswegs angenehmer werden lassen. Ihm war jetzt klar, da� das Leben als Ritter nichts f�r ihn war. Sicher hatte es Spa� gemacht, die edlen Herren von ihren R�ssern zu sto�en, doch welchen Preis hatte er daf�r gezahlt! Er mu�te an den Ritter im roten Waffenrock denken, den man tot vom Turnierplatz getragen hatte. Nein, so wollte er nicht enden! Auch wollte er nicht l�nger in die Intrige des Bischofs verwickelt sein. Das konnte nicht gutgehen, wenn er sich inmitten eines Heeres streits�chtiger Normannen als Adliger ausgeben mu�te. Irgendwann w�rde ihnen auffallen, da� er in Wahrheit nur ein Knecht war, und sie w�rden ihn in St�cke rei�en.</p><p>Golo streifte den Waffenrock ab und k�mpfte sich m�hsam aus dem schweren Kettenhemd. Als er sich endlich entbl��t hatte, betrachtete er sein Hinterteil. Durch den Sturz hatten sich dort dunkelrot die Ringe des Kettenhemdes abgemalt. Zu reiten w�rde in den n�chsten Tagen die reine H�lle sein. Der Knappe humpelte zu der Kleidertruhe, die dicht neben dem Eingang stand. Dort suchte er einige schlichte Kleidungsst�cke zusammen, in denen man ihn f�r einen Pagen halten mochte. W�hrend des Durcheinanders des Turniers war die beste Gelegenheit zu fliehen. Er w�rde die Mauern von Saintes schon weit hinter sich gelassen haben, bevor der Bischof �berhaupt bemerkte, da� er verschwunden war. Golo �berpr�fte den Sitz seiner neuen Kleider und war zufrieden.</p><p>Wenn Jehan de Thenac geglaubt hatte, er lie�e sich einfach so herumschubsen, dann hatte er sich geirrt. Er w�rde jetzt seine Pferde holen und Aquitanien auf immer den R�cken kehren. Wenn er abwechselnd auf den beiden m�chtigen Streitrossen ritt, dann w�rde er jedem Verfolger mit Leichtigkeit entkommen. Ein Leben lang zu l�gen und auf die Gnade dieses tyrannischen Bischofs angewiesen zu sein, das war nichts f�r ihn! Er dachte wieder an Troyes und daran, wie er schon im n�chsten Jahr eine Handvoll Knechte haben w�rde, die f�r ihn die Drecksarbeit auf seinem Gutshof erledigten. So wollte er sein Leben fristen!</p><p>Vorsichtig schob Golo die Plane am Eingang des Zeltes ein wenig zur Seite und sp�hte nach drau�en. Es mu�te sp�ter Nachmittag sein. Er hatte offenbar f�r eine ganze Weile das Bewu�tsein verloren. Das Leben im Lager ging seinen gewohnten Gang. Knappen eilten im Auftrag ihrer Herren umher. Ein Stallbursche striegelte ein Pferd. Hier und dort lungerten ein paar Waffenknechte herum. Entschlossen trat Golo vor das Zelt. Er hatte seine kurzen Haare unter einer Kappe versteckt und humpelte, so schnell es ihm seine geschundenen Knochen erlaubten, zu den Pferdekoppeln. Nur vor dem K�chenzelt des Bischofs machte er kurz Halt, um sich ein frisches Brot und ein St�ck K�se einzustecken.</p><p>Lanzenbrecher war inzwischen l�ngst abgesattelt worden, und ein Knecht hatte ihm einen Hafersack umgeh�ngt. Neben dem Schimmel waren das Schlachtro� Gwalchmais und die anderen Pferde angepflockt. Sein Verm�gen wartete darauf, da� er es wieder in Besitz nahm! Golo wollte schon zu dem Pferdeknecht her�bergehen, als zwei Soldaten in den Waffenr�cken des Bischofs erschienen. Die Krieger gingen geradewegs zu den Pferden. Sie tauschten ein paar Worte mit dem Knecht, der daraufhin nickte.</p><p>Was zum Henker mochte dort vor sich gehen? Golo hatte sich hinter ein Zelt zur�ckgezogen und beobachtete die drei. Sollte der Bischof etwa schon erfahren haben, da� er versuchte, aus dem Lager zu fliehen? Aber wer k�nnte ihn verraten habe? Etwa der junge Knappe aus seinem Zelt? Ob der Kerl am Ende beobachtet hatte, wie er verkleidet aus dem Zelt herausgekommen war? Golo leckte sich nerv�s die Lippen. Er mu�te seine Pl�ne �ndern! Vielleicht sollte er sich unter die Zuschauer des Turniers mischen und erst bei Nacht wiederkommen, um seine Pferde zu holen. Doch dann m��te er an den Wachen des Lagers vorbei, und das waren allesamt M�nner des Bischofs, die ihn zumindest vom Sehen her kannten. �rgerlich sch�ttelte er den Kopf. Ohne die Pferde hatte es keinen Sinn zu fliehen! Sie waren seine Zukunft!</p><p>Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. �Herr von Zeilichtheim, habe ich Euch endlich gefunden!�</p><p>Erschrocken drehte Golo sich um. Er hatte sich immer noch nicht richtig an seinen falschen Namen gew�hnt, und manchmal passierte es ihm, da� er gar nicht reagierte, wenn er mit dem Adelstitel angesprochen wurde. Es war einer der Diener des Bischofs, der ihn aufgesp�rt hatte.</p><p>�Ich war bereits in Eurem Zelt. Es freut mich, Euch nach dem schweren Sturz so wohlauf zu sehen.�</p><p>Golo war sich nicht sicher, ob sein Gegen�ber die letzte Bemerkung ironisch gemeint hatte. Zumindest verzog der Kerl keine Miene dabei. Jetzt waren auch noch die beiden Wachen beim Pferdeknecht auf ihn aufmerksam geworden und kamen her�ber. Ob Jehan geahnt hatte, da� er fliehen wollte? Wie sonst hatten ihn diese Kerle so schnell gefunden? Und was mochte der Bischof von ihm wollen?</p><p>�Was f�r eine eigenartige Gewandung tragt Ihr nur? Ihr werdet Euch neu kleiden m�ssen, bevor Ihr vor den Herzog der Sumpflande tretet, Herr Golo.�</p><p>�Zu welchem Anla� w�nscht der Herr de Thenac mich denn zu sehen?� fragte der Knecht m�glichst unverf�nglich. �Nur wenn ich das wei�, vermag ich mich wirklich angemessen zu gewanden.�</p><p>�Der Herzog der Sumpflande pflegt mich nicht �ber seine Absichten aufzukl�ren�, entgegnete der Diener steif. �So wie es mir scheint, wird dies in Anbetracht der Ereignisse dieses Tages wohl ein Gespr�ch unter vier Augen werden.�</p><p>Golo schluckte. Also doch... Jehan hatte ihn beobachten lassen und wu�te um seine Fluchtpl�ne. Der Knecht atmete tief durch. Nun galt es, die Haltung zu wahren und alles entschieden zu leugnen. Der Bischof war kein Mann, der Spa� verstand, wenn jemand versuchte, seine Pl�ne zu durchkreuzen.</p><p>�Ich wollte mich nur davon �berzeugen, da� mein Schlachtro� im Turnier nicht verwundet worden ist�, murmelte Golo gepre�t.</p><p>�Nat�rlich�, entgegnete der Diener des Bischofs gelassen.</p><p>Klang ein Hauch von Ironie in seiner Stimme, oder bildete er sich das ein? Der Knecht sp�rte, wie ihm kalter Schwei� den R�cken hinablief. Solche Intrigenspiele waren nichts f�r ihn. Er liebte es, wenn die Dinge klar und unmi�verst�ndlich waren. �K�nnen wir nun zu Eurem Zelt gehen, Herr? Der Herzog der Sumpflande besteht sehr dringlich darauf, Euch zu sehen.�</p><p>�Selbstverst�ndlich!�</p><p>Die drei M�nner geleiteten ihn bis zum Zelt, und w�hrend die beiden Waffenknechte drau�en Posten bezogen, folgte der Diener Golo sogar bis ins Innere und lie� ihn auch, w�hrend er sich neu ankleidete, nicht aus den Augen.</p><p>�Wo soll ich den Herrn Herzog denn treffen?�</p><p>�In der kleinen Kapelle unten am Flu�. Er hat sich dort zum stillen Zwiegespr�ch mit dem Herrn eingefunden. Dort ist es ruhig. Niemand wird uns st�ren.�</p><p>Der Knecht schluckte. Genau das hatte er bef�rchtet. Er kannte den Ort, und f�r seinen Geschmack war es dort entschieden zu ruhig. Ein kleiner, sehr dichter Wald schirmte die Kapelle gegen den Turnierplatz ab. Sie stand auf einer Lichtung, die zwar nahe am Wasser lag, doch vom Flu� aus nicht einzusehen war. Ein Ort, wie geschaffen dazu, um ihn ermorden zu lassen. Golo griff nach seinem Schwert und g�rtete es um seine H�ften. Er wu�te zwar, da� er gegen Jehan und vermutlich auch gegen die beiden Waffenknechte nicht im Schwertkampf bestehen konnte, aber so blieb ihm zumindest die Illusion, sich verteidigen zu k�nnen. Er war sich sicher, da� der Bischof und seine Spie�gesellen ihn dort auf der Lichtung ermorden w�rden. Seine Leiche w�rden sie in den Flu� werfen oder im Wald unter einem Haufen alten Laubes verbergen. Er hatte seine Schuldigkeit getan. Jehan brauchte ihn nun nicht mehr weiter. Ja, nach diesem Fluchtversuch bestand f�r den Bischof keinerlei Anla� mehr, ihm zu vertrauen.</p><p>�Seid Ihr bereit, Herr?� Der Diener sah ihn fragend an.</p><p>Golo straffte sich und erwiderte den Blick. Dies war der letzte Weg, den er in seinem Leben machen w�rde. Er w�rde sich dabei nicht wie ein Feigling verhalten! �Gehen wir!� Seine Stimme klang nicht ganz so fest, wie er gehofft hatte.</p><p>Drau�en vor dem Zelt schlossen sich ihnen sofort wieder die beiden Waffenknechte an. F�r einen Beobachter, der nicht wu�te, was geschah, mochte es so aussehen, als sei Golo eine besonders wichtige Pers�nlichkeit, die von einer Ehrengarde eskortiert wurde.</p><p>Schnell hatten sie den Turnierplatz hinter sich gelassen. Es war sp�ter Nachmittag. Der Tag war ungew�hnlich hei� gewesen. Am Himmel gab es kaum Wolken. Der Sommer k�ndigte sich an. Die ausladenden �ste der hohen Buchen, die den schmalen Weg durch den Wald flankierten, spendeten angenehmen Schatten. Gierig sog Golo die w�rzige Waldluft ein und blickte den kleinen V�geln nach, die durch das dichte Laubdach segelten. Ein St�ck vor ihnen erhob sich eine Elster keckernd vom Waldweg. Warum hatte er nicht in seinem Zelt bleiben k�nnen? H�tte er diesen idiotischen Fluchtversuch nicht gewagt, h�tte der Bischof sicher noch eine Zeitlang sein Spiel mit ihm getrieben. Golo seufzte. Ihm war ein wenig schwindelig, und sein Kopf brummte, als suchten Hunderte w�tender Bienen nach einem Weg aus seinem Sch�del heraus.</p><p>�Ist Euch nicht wohl, Herr?� Der Diener war stehengeblieben und musterte ihn besorgt.</p><p>�Das mu� wohl der Sturz sein... Ich glaube, ich habe mir ziemlich den Kopf angeschlagen.�</p><p>Der Mann nickte. �In der Kapelle ist es k�hl. Das wird Euch sicher guttun. Ihr sitzt fest im Sattel. Beinahe h�ttet Ihr es geschafft, den Herren Berengar von Broceliande in den Staub zu schicken.�</p><p>Was nutzte ihm dieser zweifelhafte Ruhm, dachte Golo. Morgen schon w�rde niemand mehr davon sprechen. Der Knecht taumelte ein wenig. Mit einem raschen Schritt war der Diener an seiner Seite und st�tzte ihn. �Es ist nicht mehr weit.� Er gab den beiden Waffenknechten einen Wink, und sie nahmen Golo in ihre Mitte.</p><p>Dem Knecht war hundeelend. Er hatte keine Kraft mehr. Die B�ume schienen um ihn herum zu wirbeln...</p><p>Halb benommen merkte er, wie er durch ein Portal gezerrt wurde. Es war hier dunkler und k�hler.</p><p>�Ah, da erscheint ja endlich auch der ehrenwerte Herr von Zeilichtheim!� Jehans Gesicht erschien vor ihm. Der Bischof trug liturgische Gew�nder und war auf das Pr�chtigste herausgeputzt. Fl�chtig konnte Golo ein paar andere Gestalten hinter dem hohen Herren erkennen.</p><p>�Ihr habt Euch heute auf dem Turnier hervorgetan, mein lieber Freund. Mit dem Schwert m�gt Ihr nicht der Beste sein, doch habt Ihr alle �berzeugt, da� Ihr es versteht, mit der Lanze Hervorragendes zu leisten. Der Herr Berengar kam nach dem Gestech zu mir und erkl�rte, er sei froh, da� er nicht zu einem dritten Durchgang gegen Euch antreten mu�te. F�r diese herausragende Leistung habt Ihr Euch die Sporen der Ritterschaft verdient.� Der Bischof beugte sich ein wenig tiefer und fl�sterte nun leise. �Wenn du erst einmal in aller �ffentlichkeit zum Ritter geschlagen bist, wird niemand mehr deinen Stand anzweifeln k�nnen. Die Zeremonie wird morgen im alten R�mertheater stattfinden, und die ganze Armee wird zugegen sein, um deiner Schwertleite beizuwohnen. Danach wirst du noch einmal erz�hlen, auf welch heimt�ckische Weise diese Bastarde aus den S�mpfen deinen Freund Volker ermordet haben. Ist das klar?�</p><p>�Mir ist schlecht...� murmelte Golo.</p><p>�Rei� dich zusammen! Mit dir werden noch zwei andere Edle in den Ritterstand erhoben. Zieh dich jetzt aus. Ihr werdet in den Flu� steigen und baden, um gel�utert zu sein, wenn ihr morgen zum Ritter werdet. Nach dem Bad sollt ihr in frische Gew�nder aus neuen Linnen geh�llt werden und �ber Nacht in dieser Kapelle wachen.�</p><p>�Ich kann nicht...�</p><p>Der Bischof erhob sich. Er sprach nun wieder so laut, da� ihn alle in der Kapelle verstehen konnten. �Mich d�nkt, der Herr von Zeilichtheim hat sich noch nicht ganz von seinem Sturz erholt. Helft ihm, seine Kleider abzulegen!�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker kam es so vor, als habe er schon eine Ewigkeit zwischen den Gebeinen der toten Helden des Feenvolkes gelegen. Zeit genug jedenfalls, um von immer qu�lenderen Gedanken heimgesucht zu werden. Was w�rde geschehen, wenn er einen Fehler machte? W�rde Neman wirklich zusehen, wie man ihn ermordete? Er hatte sein Schwert. Mit ein paar Priesterinnen m��te er doch fertigwerden... Er dachte eine Weile dar�ber nach und kam so auf jenen Gedanken, der ihn wesentlich mehr �ngstigte als die Aussicht, mit einem Schwert in der Hand einer �bermacht von Feinden gegen�ber zu stehen. Was war, wenn Neman ihn hinters Licht gef�hrt hatte? Vielleicht war sein Tod f�r sie schon l�ngst beschlossene Sache? Wom�glich hatte sein Sterben sogar schon begonnen. Er lag in einer Grabkammer, tief unter der Erde, die mit einem massigen Felsrad verschlossen war, von dem er nicht wu�te, wie man es von der Stelle bewegte. Vielleicht hatte die Fee ihn betrogen! Was war, wenn der Streiter der Morrigan noch lebte und es niemals ein Begr�bnis geben w�rde? Dann w�re er es, den sie in dieser Nacht zu Grabe gelegt hatte! Er w�rde hier unten verdursten.</p><p>Das konnte nicht sein! Er sollte so etwas nicht einmal denken! Warum sollte sie das tun? Vielleicht weil du wieder genesen bist und sie deine L�gengeschichten durchschaut hat, meldete sich eine Stimme in seinem Inneren. Jetzt bist du stark genug, um sie zu �berw�ltigen, falls es dir in den Sinn kommen sollte, auf diesem Wege die Flucht zu versuchen.</p><p>Aber warum h�tte sie ihn auf so umst�ndliche Weise ermorden sollen? Warum eine so aufwendige Geschichte? Es h�tte doch gereicht, das Essen zu vergiften, das sie ihm regelm��ig brachte.</p><p>Auch daf�r gibt es einen ganz einfachen Grund, entgegnete die kalte Stimme des Zweifels. H�tte sie dich vergiftet, w�rde deine Leiche irgendwo auf der Insel herumliegen. Manchmal kommen auch andere Feengestalten hierher. Denk nur an die W�scherin! Neman ist gezwungen, deine Leiche verschwinden zu lassen. Dich wegzutragen w�re schwere Arbeit... Du wei�t, sie ist zierlich gebaut. Also hat sie dich hierher gebracht, an einen Ort, an dem ein Toter mehr nicht auffallen wird. So mu�te sie dich nicht tragen.</p><p>Sie ist nicht so, versuchte sich Volker einzureden. Er dachte an all die Stunden, die sie zusammen verbracht hatten. Gewi�, sie war anders als andere Frauen. Auf ihre Art scheu und zur�ckhaltend... Oder war alles nur Kalk�l gewesen? Hatte sie von Anfang an mit ihm gespielt? So wie sie hatte sich noch nie eine Frau seinem Charme widersetzt. Sie war unempf�nglich f�r Schmeicheleien, und da� er recht attraktiv war, schien sie auch zu ignorieren. Hatte sie ihn also benutzt? Aber wozu?</p><p>Ein Ger�usch schreckte den Spielmann aus seinen Gedanken. Es klang wie fernes Fl�tenspiel. Dann h�rte er auch Trommeln. Volker verharrte still und lauschte. Bald schon konnte es keinen Zweifel daran geben, da� sich die Musik n�herte. Neman hatte ihn nicht belogen! Der Leichenzug kam. Hoffentlich w�rde es gelingen, die Priesterinnen zu t�uschen. Jetzt konnte er auch schrille Stimmen h�ren. Das Geschrei von Klageweibern.</p><p>Rumpelnd rollte der Verschlu�stein am Eingang zur Seite. Flackerndes Fackellicht fiel in die Grabkammer. Zwei Frauen in wei�en Gew�ndern traten ein und stie�en merkw�rdig trillernde Schreie aus. Die eine von ihnen trug eine Fackel, die andere eine flache Tonschale, aus der duftender Rauch aufstieg. Ihnen folgte eine Gruppe von sechs Frauen, die in wei�e, bodenlange Gew�nder gekleidet waren. Volker stockte der Atem. Eine der Totentr�gerinnen war Gunbrid! Was hatten die Feen mit ihr gemacht? Wie hatten sie die Christin dazu gebracht, an einem heidnischen Ritual teilzunehmen?</p><p>Die sechs Priesterinnen trugen ein gro�es Leinentuch, in dem der Leichnam des Kriegers ruhte. Jetzt betrat auch Neman die Kammer. Wie die anderen Priesterinnen war sie in ein wei�es Gewand von schlichtem Schnitt geh�llt. Doch trug sie dazu pr�chtigen Schmuck. Schwere, goldene Armreifen, eine breite, emaillierte Kette und goldene Haarnadeln, mit der eine komplizierte Frisur aus Z�pfen, frischen Bl�ten und kleinen �sten zusammengehalten wurde. Ihre Wangen waren mit wei�em Puder eingerieben, die Lippen mit dem Saft von Waldbeeren rot bemalt und die Augen von schmalen, mit Holzkohle gezogenen Linien gerahmt. Fasziniert starrte der Spielmann aus seinem Versteck zwischen den Gebeinen zu der Priesterin. Sie war von atemberaubender, barbarischer Sch�nheit.</p><p>Zwei Priesterinnen begannen, die Knochen von der bronzenen Liege auf ein wei�es Leintuch zu r�umen, das sie auf dem Boden ausgebreitet hatten. Offenbar sollte der Streiter der Morrigan diesen Ehrenplatz erhalten. Aus dem Gang hinter dem Felstor erklang noch immer Trommelschlag und Fl�tenspiel. Die Priesterinnen, welche die Gebeine umbetteten, murmelten leise Zauberformeln, w�hrend eine andere Frau R�ucherwerk entz�ndet hatte und damit �ber den bleichen Knochen hin und her wedelte, so als wolle sie auf diese Weise den Geist des Verstorbenen bes�nftigen.</p><p>Als der letzte Knochen von der bronzenen Liege entfernt war, begann Neman ein Lied in einer fremden Sprache anzustimmen, w�hrend die Priesterinnen den K�rper des toten Kriegers auf seine letzte Ruhestatt hoben und dann das Leintuch unter ihm hinwegzogen. Der Mann war enthauptet worden. Sein K�rper war ausgezehrt. Fl�chtig konnte Volker die tiefe Wunde �ber der H�fte sehen, die Arbotorix, dem Recken der Morrigan, den Tod gebracht haben mu�te.</p><p>Ob jetzt der Zeitpunkt war, sich zu erheben? Gott allein wu�te, wie lange die Priesterinnen noch in der Grabkammer bleiben w�rden. Wie mochte er dieses Schauspiel am eindrucksvollsten gestalten? Sollte er sich mit einem Schrei erheben? Nein! Er sollte ein S�nger sein... Er erinnerte sich an einige Verse eines traurigen Liedes, das Neman einmal gesungen hatte. Er w�rde sie leicht �ndern. Sein neues Leben sollte mit einem Lied beginnen. So ziemte es sich f�r einen Spielmann. Die ersten Worte hauchte er nur leise, doch dann wurde seine Stimme immer lauter.</p><empty-line/><p>�<emphasis>Das Mark in meinen Knochen schmerzt mich,</emphasis></p><p><emphasis>Neman!</emphasis></p><p><emphasis>Das Blut in meinen Adern ist eine bitterwilde Flut,</emphasis></p><p><emphasis>Neman!</emphasis></p><p><emphasis>Es ist dein Herz, das ruft und das ich h�re,</emphasis></p><p><emphasis>Neman!�</emphasis></p><empty-line/><p>Die Stimmen der Priesterinnen waren verstummt, und die jungen Frauen waren totenbla�, als Volker sich zwischen den Gebeinen erhob. In der Rechten hielt er sein Schwert, und er konnte an den Gesichtern der Frauen ablesen, da� jede ihn f�r einen Krieger hielt, der aus dem Totenreich zur�ckgekehrt war.</p><empty-line/><p>�<emphasis>Ist es der Wind im Wald,</emphasis></p><p><emphasis>ist es Brandung, die am Fels zerbricht,</emphasis></p><p><emphasis>oder spricht die Stimme deines Herzens zu mir,</emphasis></p><p><emphasis>Neman</emphasis></p><p><emphasis>und ruft mich aus dem Grab zur�ck. </emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Meine G�ttin mit den wei�en Br�sten, </emphasis></p><p><emphasis>meine G�ttin mit dem kupfernen Haar </emphasis></p><p><emphasis>und den Lippen, so rot wie Vogelbeeren, </emphasis></p><p><emphasis>Neman!</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Wo ist der Schwan, der wei�er ist als du, </emphasis></p><p><emphasis>wo die Woge der See, die sich bewegt wie du, </emphasis></p><p><emphasis>Neman!</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Kein Grab ist so tief,</emphasis></p><p><emphasis>keine Zeit so weit,</emphasis></p><p><emphasis>da� ich die Stimme deines Herzens nicht zu h�ren verm�chte,</emphasis></p><p><emphasis>Neman!�</emphasis></p><empty-line/><p>Die wiedererstandene G�ttin schritt an der Totenliege vorbei und trat vor ihn hin. Vorsichtig und langsam streckte sie die Hand aus und strich ihm �ber die Wange. �Bist du der Mann, den uns unsere Ahnen verhei�en haben? Bist du der S�nger, der sich aus den Gebeinen der toten Helden erhebt?�</p><p>�Ich bin jener, den die Stimme seines Herzens aus dem Grab befreit!� Volker konnte sehen, wie sich eine steile Zornesfalte auf der Stirn der Hohepriesterin zeigte. Er sollte seine Worte mit mehr Bedacht w�hlen!</p><p>�Der Streiter der Morrigan ist von uns gegangen�, erkl�rte Neman mit fester Stimme. �Folge uns aus dem Grab, S�nger. Die Krieger von Tirfo Thuinn erwarten dich. M�gen sie entscheiden, ob du ihr neuer Herr sein magst. Folge mir!� Neman drehte sich um und trat zu der steinernen Pforte der Grabkammer. Volker fluchte innerlich. Sie hatte sich mit keinem Wort eine Bl��e gegeben. Er war davon ausgegangen, mit seinem Auftritt nur ein paar Priesterinnen beeindrucken zu m�ssen. Er brauchte sich nur umzublicken, um zu sehen, da� ihm dies gelungen war. Mit den Kriegern war das etwas anderes. Sie w�rden ihn nicht zwischen den Knochen aufstehen sehen und w�rden gewi� sofort seinen Akzent bemerken. Volker war sich bewu�t, da� er, so sehr er sich auch bem�hen mochte, den merkw�rdigen, altert�mlichen Dialekt der Feen nicht nachahmen konnte. Wollte Neman ihn ans Messer liefern? Doch dann h�tte sie schon hier unten gegen ihn sprechen k�nnen. Nein, sie war lediglich nicht bereit, auch nur das geringste Risiko einzugehen. Keinen Schritt w�rde sie ihm entgegenkommen. Entweder schaffte er es, die Krieger dort oben zu �berzeugen, oder er war ein toter Mann, und die Frau, die ihn �ber Wochen gesundgepflegt hatte, w�rde zusehen, ohne nur mit der Wimper zu zucken.</p><p>Er folgte der wiedergeborenen G�ttin in den langen Gang, der sie hinaus in die Nacht f�hren w�rde. Hinter ihm erklangen die leisen Schritte der anderen Priesterinnen. Volker ging mit hoch erhobenem Haupt und festem Schritt. Er durfte nach au�en nicht die kleinste Schw�che zeigen. Jeder, der ihn sah, mu�te davon �berzeugt sein, da� er gekommen war, um zu herrschen, und nicht den geringsten Zweifel an seiner Bestimmung hegte!</p><p>Dem Spielmann war �bel. Er f�hlte sich so wie an jenem Tag, als er zum ersten Mal am Hof des K�nigs in Worms aufgetreten war. Sein Magen drohte zu rebellieren, seine Beine wollten ihm den Dienst versagen. Jedesmal, wenn er einen Auftritt hatte, der ihm besonders wichtig war, kehrte dieses Gef�hl zur�ck. Er hatte keine Erkl�rung daf�r. Selbst wenn er v�llig gesund war, f�hlte er sich bei solchen Gelegenheiten wie ein Siecher, der dem Ende nahe war. Ein alter Troubadour hatte ihm einmal erkl�rt, dies sei die Bardenkrankheit, und es gebe kein Mittel dagegen. Der Mann hatte auch behauptet, sie sei ein gutes Zeichen, denn an dem Tag, an dem man sich zum ersten Mal nicht mehr so elend f�hle und keine Angst mehr habe, vor seinen Zuh�rern zu versagen, h�re man auf, ein wirklicher Barde zu sein.</p><p>Volker verzog die Lippen zu einem zynischen L�cheln. Vielleicht war er schon sehr kurz davor, f�r immer von der Bardenkrankheit befreit zu werden. Was sie wohl mit seinem Kopf machen w�rden? Ob er auf einem Pfahl stecken w�rde? Vielleicht w�rde er von den w�tenden Kriegern auch einfach nur in St�cke gerissen werden. Er seufzte. Er sollte diese Gedanken aus seinem Kopf verbannen. Sie raubten ihm nur Kraft!</p><p>Sie traten aus dem Eingang des Grabes. Die laue Luft des warmen Fr�hlingsabends war wie Balsam nach den Stunden in der stickigen Gruft. Doch das war der einzige Genu�! Der Rest erschien ihm mehr wie ein Alptraum. An den Flanken des Grabh�gels und bis hinab zum Wasser standen Hunderte von M�nnern. Viele waren im Nebel verborgen, und man nahm nur das Licht ihrer Fackeln wahr. Die Krieger sahen aus, als h�tten die Pforten der H�lle sie ausgespien. Alle erschienen sie Volker ungew�hnlich gro� und kr�ftig. Sie hatten Schnauzbarte, deren Enden hochgezwirbelt oder zu d�nnen Z�pfen geflochten waren. Viele waren nackt oder trugen nur Beinkleider. Ihre K�rper waren mit blauen T�towierungen geschm�ckt oder wenigstens mit blauer Farbe bemalt. Einige hatten etwas in ihre Haare geschmiert, so da� sie ihnen wie Stacheln vom Kopf abstanden. Fast alle Krieger waren mit langen Schwertern bewaffnet. Mit den bunt bemalten Schilden und ihren phantastischen Helmen sahen sie aus, als ob sie bereit seien, in die Schlacht zu ziehen.</p><p>Wie Pfeile trafen ihn die Blicke der M�nner. Hilfesuchend blickte sich Volker nach Neman um, doch die Hohepriesterin war verschwunden. Wie eine eisige Hand griff die Angst nach ihm. Was zum Henker hatte das zu bedeuten? Eben erst hatte die Priesterin doch noch neben ihm gestanden! Nerv�s fuhr er sich mit der Zunge �ber die Lippen. Abgesehen vom Knistern der Fackeln und dem leisen Gluckern der Quellen war es totenstill. Volker wu�te, da� er etwas sagen mu�te. Nur noch wenige Herzschl�ge, und er h�tte den Zeitpunkt verpa�t, an dem er die Dinge noch zu seinen Gunsten wenden konnte. Je l�nger das Schweigen andauerte, desto verzweifelter w�rde seine Lage.</p><p>�Dort, Macha ist zu uns gekommen!� schrie ein Mann nur ein paar Schritt von Volker entfernt und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf etwas, das sich hinter Volkers R�cken befinden mu�te. Erschrocken drehte sich der Spielmann um. Flankiert von zwei Fackeltr�gerinnen trat eine Frau, geh�llt in einen langen, schwarzen Umhang, aus dem Eingang des Grabes. Ihr Gesicht glich dem Nemans so sehr, als sei sie ihre Zwillingsschwester, doch waren ihre Z�ge h�rter. Ein grausames L�cheln spielte um ihre blutroten Lippen. Auch sie hatte wei� geschminkte Wagen, und um ihre Augen war so viel Ru� aufgetragen, da� es schien, als ruhten ihre Aug�pfel in tiefen, schwarzen H�hlen. In ihrem Haar steckten zwei Rabenschwingen, und als sie mit ihren Armen den Umhang weit auseinandersteckte, sah es aus, als habe sie an Stelle menschlicher Glieder zwei Fl�gel. Volker schluckte. Im Fackellicht konnte er sie nicht richtig erkennen. Etwas stimmte mit dieser Frau nicht! Ihre Arme! Sie waren zu lang! So weit, wie Macha ihren Umhang auseinanderstreckte, mu�ten ihre Arme mindestens einen halben Schritt l�nger sein, als dies bei normalen Sterblichen der Fall war.</p><p>�Sag uns, wer du bist, Fremder!� ert�nte die dunkle Stimme der Kriegerg�ttin.</p><p>Volker atmete tief ein. Neman hatte davon gesprochen, da� die M�nner von Tirfo Thuinn Krieger und Barden seien. Er w�rde versuchen, ihre Herzen mit ein paar abgewandelten Strophen aus einem alten Kriegslied seiner Heimat zu gewinnen.</p><empty-line/><p><emphasis>�Ich bin der Sturmwind,</emphasis></p><p><emphasis>der das Gras beugt!</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin die Flamme,</emphasis></p><p><emphasis>die die Scheiterhaufen entz�ndet!</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin der Schnitter,</emphasis></p><p><emphasis>der in die Reihen der Feinde f�hrt!</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin der S�nger,</emphasis></p><p><emphasis>der sich aus den Gebeinen der Toten erhoben hat,</emphasis></p><p><emphasis>um an der Seite der wiedergeborenen G�ttin zu stehen!</emphasis></p><p><emphasis>Ich bin der Todbringer</emphasis></p><p><emphasis>f�r jeden, der Zweifel im Herzen tr�gt!�</emphasis></p><empty-line/><p>Gespannt beobachtete der Spielmann die Reaktion seiner Zuh�rer. Viele der Krieger hatten ihre Waffen sinken lassen. Er schien sie mit seinen Worten erreicht zu haben. Doch in den Gesichtern mancher M�nner konnte er noch immer die Zweifel lesen.</p><p>�Wie kommt es, da� du mit dem Dialekt der Leute jenseits der Nebel sprichst, wenn du unser Kriegerk�nig sein willst? Wie willst du �ber uns herrschen, wenn du nicht einmal unsere Sprache beherrschst?� rief einer der M�nner, und zustimmendes Gemurmel machte sich breit.</p><p>�Nicht euch zu beherrschen ist mein Ziel! Ihr seid freie M�nner! Doch wenn ich eure Feinde vernichten will, dann mu� ich sie kennen, mu� wissen, wie sie denken und welche Entscheidungen ihre Feldherren treffen werden. Ich mu� in ihnen aufgehen k�nnen, um sie dann mit eurer Hilfe um so leichter zu besiegen. Mancher von euch wird ein J�ger sein, und wer auf die Pirsch geht, der wird wissen, da� derjenige der beste J�ger ist, der denken kann wie ein Hirsch oder ein Reh, und seine Beute erlegt, weil er schon im voraus wei�, wie sich die Tiere verhalten werden.�</p><p>�Und warum sollten die Krieger von jenseits der S�mpfe kommen und uns angreifen? Keiner kennt dort unsere Stadt, und jene, die am Rand des Moors leben, f�rchten das Nachtvolk.�</p><p>�Sie werden kommen, weil sich die Zeiten ge�ndert haben. Die Normannen herrschen in Aquitanien, und sie brachten die Priester des Zimmermannssohnes. Die Priester aber wollen die heiligen Haine fallen sehen, weil sie keine anderen G�tter neben ihrem Herren akzeptieren werden.� Volker hoffte inst�ndig, da� ihn diese Worte nicht ins ewige Fegefeuer bringen w�rden, doch wenn er hier lebend herauskommen wollte, mu�te er die Barbarenkrieger mit seiner Rede �berzeugen. �Als der Winter zu Ende ging, habt ihr die Burg eines normannischen Barons niedergebrannt, der eines eurer Heiligt�mer gesch�ndet hat. Die Normannen sind ein Volk von Eroberern, die auf ihren Schiffen aus einem kalten, unwirtlichen Land hoch im Norden gekommen sind. Sie werden es nicht dulden, da� einer der Ihren get�tet wurde. Sie werden kommen und blutige Rache f�r den Baron nehmen.� Der Spielmann war sich zwar durchaus nicht sicher, da� K�nig Eurich sich darum scherte, da� einer seiner Lehnsm�nner ermordet worden war, doch konnten die Sumpfm�nner nicht wissen, wie die Dinge in Aquitanien standen. Nach dem wenigen, was Volker von Neman �ber das Volk von Tirfo Thuinn erfahren hatte, lebten sie sehr zur�ckgezogen und interessierten sich nicht sonderlich f�r die Dinge, die jenseits der Nebelwand geschahen. Das galt jedenfalls so lange, wie sie nicht direkt betroffen waren, wie es bei Baron Rollos Versuch, den heiligen Hain zu sch�nden, geschehen war.</p><p>Unter den Kriegern erhob sich unruhiges Gemurmel. Es schien, als habe er eine Mehrheit der M�nner mit seinen Worten �berzeugt.</p><p>Macha war an Volkers Seite getreten. Mit gro�er Geste schwang sie ihren Mantel auf und umfing ihn mit ihrem weiten Umhang. Dann legte sie ihren Kopf an seine Brust und verharrte so einen Augenblick lang. Der Spielmann sp�rte, wie ihm das Herz bis zum Halse schlug. Nemans Schwester war ihm unheimlich. Eine Mauer von K�lte schien sie zu umgeben. Ihr Umhang aus schwarzer Wolle war mit Hunderten von Rabenfedern geschm�ckt, und ein s��licher Verwesungsgeruch, wie ihn der Spielmann von Schlachtfeldern kannte, ging von ihr aus.</p><p>�Es schl�gt das Herz eines Barden in seiner Brust�, verk�ndete die schwarze Macha schlie�lich mit lauter Stimme und entlie� ihn aus ihrer unheimlichen Umarmung. �Neman hat mir berichtet, wie er sich vor den Augen der Priesterinnen aus den Gebeinen der toten Krieger erhoben hat. Vielleicht ist er der S�nger, von dem die alten Legenden k�nden. Ich werde ihn mit nach Galis nehmen. Soll dort die Morrigan �ber sein Schicksal entscheiden!�</p><p>Zwischen den Kriegern �ffnete sich eine Gasse, die zum Ufer der Insel f�hrte. Keiner der M�nner wagte es, seine Stimme gegen den Entscheid der schwarzen Macha zu erheben.</p><p>�Folge mir!� murmelte die Rabenfrau halblaut und ging mit gemessenem Schritt zum Ufer hinab. Im Nebel eingeh�llt wartete dort eine schwarze Barke. Undeutlich konnte Volker auch die Schemen anderer Boote erkennen.</p><p>Kaum war er an Bord gekommen, da wurde die Barke vom Ufer abgesto�en. Die Kraft von mehr als zwanzig Ruderern lie� sie schnell in die Finsternis gleiten.</p><p>Mit gemischten Gef�hlen blickte Volker in den wirbelnden Nebel. Endlich war er der Gefangenschaft auf der Grabinsel entkommen. Doch was war Galis? Ein Dorf, eine Burg? Wohin w�rde ihn diese dunkle Hohepriesterin bringen?</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>13. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Seit dem Pfingstfest waren zwei Wochen vergangen, als der Bischof und seine Reiter das kleine Dorf bei der niedergebrannten Burg des Barons von Marans erreichten. Die Bauern und Fischer waren aufgeregt herbeigelaufen gekommen, als sich die gewaltige Reiterkolonne �ber den Kn�ppeldamm n�herte. Jehan gab Befehl, vor der ru�geschw�rzten Ruine das Heerlager aufzuschlagen. Um schneller in die S�mpfe vorzur�cken, hatte er sein Heer zweigeteilt. Die Reiter und ein Tro� aus berittenen Knechten und Packpferden waren auf dem Landweg vorger�ckt, w�hrend sich die Fu�soldaten in Saintes eingeschifft hatten, um die Charente hinabzusegeln und dann vom Meer her in das Sumpfland vorzusto�en.</p><p>Schon vor dem Pfingsttag hatte der Bischof etliche Sp�her ausgeschickt, um die St�rke der feindlichen Truppen auszukundschaften. Die meisten von ihnen waren nicht zur�ckgekehrt. Einer jedoch hatte berichtet, eines Nachts eine gro�e Versammlung von Kriegern mit Fackeln beobachtet zu haben.</p><p>Seitdem der Bischof diese Nachricht bekommen hatte, war er deutlich besserer Laune. Nun bestand Gewi�heit, da� sie nicht nur gegen eine etwas gr��ere R�uberbande ins Feld zogen. Was auch immer in den Nebeln der S�mpfe verborgen lag, es mu�te eine lohnende Beute sein, wenn es von so vielen K�mpfern verteidigt wurde. F�r ihn schien es nicht den geringsten Zweifel daran zu geben, da� der Feldzug ein Erfolg sein w�rde und er damit auf Dauer das Recht auf den Titel eines Herzogs erlangte. Mit den L�ndereien, die er dazugewinnen w�rde, w�re er nach dem K�nig der zweitm�chtigste Mann in Aquitanien.</p><p>Golo konnte diese Euphorie nicht teilen. Mit jedem Schritt, der ihn tiefer in die Marschen brachte, waren Erinnerungen an seinen toten Herrn verbunden. Wohl tausendmal hatte er jene Nacht verflucht, die der Spielmann in der Kemenate der s�chsischen Prinzessin verbracht hatte und die der Ausgang ihrer tragischen Reise geworden war. Jeden Abend schlo� er seinen toten Herren in seine Gebete mit ein, und er hoffte aufrichtig, da� er f�r seine Art, mit den Weibern umzugehen, Vergebung gefunden hatte.</p><p>Die Sumpflandschaft hatte sich in den letzten Monaten sehr ver�ndert. �berall wogte mannshohes Schilf im Wind und versperrte die Sicht. Der Kn�ppeldamm erschien ihm wie ein Hohlweg, und wann immer er an den Troph�enbaum und die bewaldete Halbinsel inmitten des Moors dachte, beschlich ihn ein ungutes Gef�hl. Es w�rde nicht so einfach werden, die Feen zu besiegen, wie sich der Bischof das vorstellte. Sie waren keine Krieger aus Fleisch und Blut. Mit Schrecken dachte Golo an den Tag, an dem Volker und Gwalchmai gestorben waren. Manchmal verfolgte ihn das gr��liche Geheul, das �ber den S�mpfen erklungen war, in seinen Tr�umen. Die beiden Ritter waren gute K�mpfer gewesen, doch hatten sie es nicht vermocht, den Streiter der Morrigan zu t�ten. Was geschah, wenn die Feen nicht durch Waffen verletzt werden konnten, die von Menschenhand geschmiedet waren? Die Bauern hatten erz�hlt, die Morrigan sei eine m�chtige Zauberin. Vielleicht lie� sie das ganze Heer in Schlaf versinken, so da� die Feen ihnen nur noch die Kehlen durchschneiden mu�ten.</p><p>Golo sch�ttelte sich. Er sollte sich nicht von solch finsteren Gedanken mitrei�en lassen. Man mochte �ber den Bischof denken, wie man wollte, eins war jedenfalls gewi�: Er war ein m�chtiger Kirchenmann! Er w�rde seine M�nner mit der Kraft seines Glaubens besch�tzen!</p><p>Der ehemalige Knecht hielt sich ganz in der N�he des Bischofs. Jehan traute ihm nicht. Stets waren ein paar seiner S�ldner an Golos Seite. Dabei hatte er den Gedanken an eine Flucht l�ngst aufgegeben. Der Bischof war sein G�nner. Er hatte ihn in den Ritterstand erhoben, und wer wei�, mit welchen Ehren der Kirchenf�rst ihn noch �bersch�tten w�rde, wenn es tats�chlich gelang, das K�nigreich der Feen zu erobern.</p><p>Jehan ritt auf einem schwarzen Hengst durch das Lager und wies die Knechte an, wo welche Zelte aufzuschlagen waren. Er trug einen pr�chtigen roten Umhang und das goldbestickte Bischofsgewand. Dazu ein langes Kettenhemd. Er hatte f�r sich einen ganz besonderen Topfhelm fertigen lassen, auf dem eine holzgeschnitzte Mitra thronte. St�ndig war ein Diener in seiner N�he, der den Helm auf einem Kissen vor sich her trug, und der Bischof erschien in seinem Aufzug wie ein Mann, der stets bereit war, in die Schlacht zu ziehen. Unter den S�ldnern und Rittern war er sehr beliebt. Jeden Abend war er der letzte, der sich zur Ruhe legte, und morgens war er stets als erster wieder auf den Beinen. Es schien ganz so, als k�nne ihn nichts ersch�pfen, und er hatte eine Aura, die au�er Golo wohl niemanden im Heerzug daran zweifeln lie�, da� der Krieg gegen das Nachtvolk kurz und erfolgreich sein w�rde.</p><p>Jehan hatte seinen Dienern den Befehl gegeben, sein pr�chtiges Zelt direkt unter der Ruine des Bergfrieds aufschlagen zu lassen. Dann sprang er aus dem Sattel und trat in die zerst�rte Burg. Pr�fend blickte er sich um und gab dann Golo einen Wink, an seine Seite zu eilen.</p><p>�Wo waren die K�pfe des Barons und seiner Krieger aufgepflanzt?�</p><p>Der ehemalige Knecht wies auf die Weiden, die dicht beim Wasser standen. �Dort dr�ben, Herr. Wir haben sie hier nahe bei dem Festungsturm beerdigt.�</p><p>Der Bischof strich sich nachdenklich �ber sein kantiges Kinn und blickte auf das Moor hinaus. �Es soll der Heidenbrut genauso ergehen wie dem armen Baron Rollo. Jeden, den wir zu packen bekommen, werde ich enthaupten lassen. Wir werden alle paar Schritt entlang des Kn�ppeldamms einen Pfahl mit einem Kopf darauf aufstellen, damit die abergl�ubischen Bauern hier in der Gegend endlich lernen, da� nichts und niemand gegen die Ritter der Christenheit bestehen kann!�</p><p>Das Poltern eines Steins lie� Golo zu den Ruinen blicken. Hinter einer zerborstenen Mauer trat Jean, der Dorf�lteste, hervor. Er trug einen schmutzigen Kittel und hielt einen alten Strohhut in der Hand. Mit gesenktem Haupt trat er vor den Bischof.</p><p>�Herr, ohne Euch belauschen zu wollen, wurde ich Zeuge Eurer Worte. Ihr d�rft das nicht tun. Zieht Euch zur�ck, bevor Ihr den Zorn der alten G�tter auf Euch ladet. Schon einmal hat die Morrigan ein ganzes Heer vernichtet, das gekommen war, um Ihr Volk zu versklaven. Nicht einer der Krieger kehrte aus den S�mpfen zur�ck.� Jean hob den Kopf und deutete auf Golo. �H�tet Euch vor diesem Mann! Er hat schon seinem letzten Herren das Verderben gebracht. Mag er jetzt auch die Gewandung eines Ritters tragen, so erkenne ich ihn dennoch wieder. Damals war er wie ein Knecht gewandet.�</p><p>�Schweig!� Der Bischof hatte den alten Fischer bei seinem Kittel gepackt. �Du warnst mich vor einem meiner Edlen und vor einer heidnischen G�ttin! Bist du noch bei Sinnen, Mann? Ich bin der Bischof von Saintes! Gott selbst hat mich hierher gef�hrt, damit ich das Heidentum in diesem K�nigreich vernichte! Es ist meine heilige Pflicht, daf�r zu sorgen, da� solche T�lpel wie du endlich begreifen, da� die G�tzen der Vergangenheit nicht vor Christus bestehen k�nnen.�</p><p>�Die G�tter, von denen Ihr sprecht, Herr, sind so alt wie dieses Land. Sie haben die R�mer, die Goten und die Franken kommen und vergehen sehen. Sie werden auch dann noch �ber die S�mpfe gebieten, wenn ihr Normannen nur noch eine ferne Erinnerung seid.�</p><p>�Das ist Ketzerei, du Lump!� Jehan wandte sich zu den beiden Waffenknechten, die ihn stets begleiteten. �Packt den Kerl! Wollen wir doch mal sehen, ob ihn seine alten G�tter vor dem Zorn eines Kirchenf�rsten bewahren k�nnen!�</p><p>Die zwei Krieger taten, wie ihnen gehei�en. Der alte Fischer leistete keinen Widerstand. �La�t das Heer zusammenrufen und bringt die Bauern aus dem Dorf herbei! Ich will an diesem Heiden ein Exempel statuieren.�</p><p>Golo trat dem Bischof in den Weg. �La�t ihn, Herr! Er ist doch nur ein verwirrter Alter. Er wei� nicht, was er redet.�</p><p>�Ich denke, da� du diese Sache zu leicht nimmst! Hast du nicht geh�rt, wie er mir gedroht hat? Ich kann seine Frechheiten nicht hinnehmen! Au�erdem kennt er dich und wei�, wer du bist�, f�gte er leiser hinzu. �Auch das ist ein Grund, warum er sterben mu�. Es w�re nicht gut, wenn er durch das Lager liefe und jedem erz�hlen w�rde, da� du erst vor wenigen Wochen noch ein ungewaschener Pferdeknecht gewesen bist.�</p><p>Golo zuckte mit den Schultern. �Wer w�rde ihm schon glauben? Alle in diesem Lager haben gesehen, wie Ihr mich in Saintes zum Ritter geschlagen habt.�</p><p>Jehan l�chelte abf�llig. �Du bist naiv, mein junger Freund. Unter den Adligen gibt es jede Menge Neider, die keine Gelegenheit auslassen werden, meinen Namen zu beschmutzen. Zum Dreik�nigsfest war ich nur ein Bischof und ein Graf, dessen L�ndereien weit verstreut lagen. Jetzt bin ich ein Herzog, und wenn der Feldzug zu Ende ist, werde ich mehr Land als selbst der K�nig besitzen. Glaubst du, das freut sie? Was denkst du, warum ich so viele S�ldner angeworben habe? Ihnen kann ich eher trauen als der aquitanischen Ritterschaft. Jeder von diesen feinen Herren hofft darauf, da� ich in den K�mpfen fallen werde. Deshalb habe ich lieber meine S�ldner um mich, wenn ich in die Schlacht ziehe. Sie haben nur so lange einen gef�llten Geldbeutel, wie ich lebe. Bei ihnen brauche ich nicht zu f�rchten, da� mich in der Schlacht wom�glich ein Dolchsto� in den R�cken trifft.�</p><p>Golo blickte zu den pr�chtigen Zelten des Heerlagers hinab. Die meisten der Ritter mochte er nicht sonderlich. Sie waren eingebildet und �berheblich. Aber waren es wirklich M�rder? Ein Hornsignal erklang, und er konnte beobachten, wie sich eine Gruppe Bewaffneter auf den Weg zum Dorf machte.</p><p>Es dauerte nicht lange, bis sich das Heer vor den Ruinen der Burg versammelt hatte. Ein wenig abseits und umgeben von Berengars Rittern aus Armorika standen die Bauern und Fischer. Von einer der Zinnen der Burgmauer hing ein Seil herab, dessen Ende zu einer Schlinge gekn�pft war. Der alte Jean stand auf einem Fa�. Er war v�llig ruhig. Zuversichtlich blickte er zum Moor, so als erwarte er, da� die G�ttin selbst erscheinen werde, um ihn zu retten.</p><p>�Ich beschuldige Jean, den Fischer, der Ketzerei und der G�tzenverehrung. Er hat den Namen des K�nigs und meine Ritterschaft beleidigt und weigerte sich, im Namen des Herren um Vergebung zu verbitten. Seine Reden beweisen, da� er ein Freund der Aufr�hrer in den S�mpfen ist. Da er keine Reue zeigt und sich weigert, den alten G�ttern abzuschw�ren, verurteile ich ihn kraft der mir durch den K�nig verliehenen Gerichtsgewalt in den Sumpflanden zum Tode durch den Strang. Wenn du noch etwas zu sagen hast, Jean, so sprich jetzt. Ich biete dir noch ein letztes Mal an, den alten G�ttern abzuschw�ren. Bist du gef�gig, so schenke ich dir dein Leben.�</p><p>Jean blickte zu den D�rflern und sprach so laut und deutlich, als sei er ein Mann in den besten Jahren und kein zahnloser Greis. �Ich habe keine Kinder und keine Enkel. Der Tod hat keine Schrecken f�r mich. Meine einzige Enkeltochter ist der Morrigan gefolgt. Sie ist die Herrin der S�mpfe. Verge�t das nie, meine Freunde! Sie bestimmt �ber unser aller Wohlergehen, denn sie ist ewig, so wie die S�mpfe. Den Namen Jehan de Thenac wird bald schon niemand mehr kennen, denn er und die Seinen sind dem Untergang geweiht. Sie haben den Zorn der G�ttin herausgefordert, und noch bevor der Sommer vor�ber ist, werden die Raben der Morrigan ihnen ihr fauliges Fleisch von den Knochen picken.�</p><p>�Fahr zur H�lle, Ketzer!� Der Bischof schwang sich aus dem Sattel und trat das Fa� zur Seite, auf dem der Alte stand. Mit einem Ruck straffte sich das Seil.</p><p>Golo, der nur wenige Schritt entfernt stand, konnte das trockene Knacken h�ren, mit dem das Genick des Fischers brach. Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Tote �ber ihre K�pfe hinweg zum Sumpf. Das Seil pendelte leicht hin und her. Es war v�llig still, als pl�tzlich in der Ruine des Bergfrieds ein schrilles Kr�chzen erklang. Ein gro�er Rabe flog auf und kreiste �ber ihren K�pfen.</p><p>�T�tet das Mistvieh!� br�llte der Bischof �rgerlich, doch keiner seiner S�ldner hob seine Waffe. Golo schlug hastig ein Kreuzzeichen, und aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie es viele der Ritter und S�ldner ihm gleichtaten.</p><p>Jehan war zu einem seiner M�nner getreten und ri� ihm den Bogen aus den H�nden. W�tend zog er die Sehne der Waffe bis weit hinter sein Ohr zur�ck und schickte dem Raben einen Pfeil hinterher. Doch das Gescho� verfehlte sein Ziel. Noch einmal zog der schwarze Vogel einen Kreis �ber dem Heer und kr�chzte schrill, so als wolle er sie herausfordern. Dann flog er nach Westen, dorthin, wo der Wald mit dem Troph�enbaum lag.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Volker lehnte an der Br�stung der innersten Umwallung und blickte auf die Stadt hinab, die sich inmitten des Nebels verbarg. Zun�chst hatte er geglaubt, er sei tats�chlich in eine andere Welt gelangt, jenes Reich der Feen, von dem die Troubadoure berichteten, so fremd und andersartig erschien ihm hier alles. Doch nachdem er jetzt schon zwei Wochen unter dem Nachtvolk gelebt hatte, wu�te er, da� auch sie nur ganz gew�hnliche Sterbliche waren. Jedenfalls die meisten von ihnen...</p><p>Die Stadt lag auf einem langgezogenen H�gel und war durch vier Mauerringe untergliedert. Die erste Schutzmauer, vor der ein tiefer, mit zugespitzten Pf�hlen gespickter Graben verlief, wand sich auf halber H�he um den H�gel und beschirmte das Viertel der Bauern und Fischer. Ihre H�user aus Holz und Lehm standen auf Terrassen, die k�nstlich angelegt worden waren. Die D�cher der einfachen Behausungen waren mit dem gelben Schilf der S�mpfe gedeckt. In den meisten dieser H�user gab es nicht einmal eine gemauerte Feuerstelle. Der Boden bestand aus festgestampfter Erde. Die runden H�user hatten nur einen einzigen Raum, in dessen Mitte oft eine Feuergrube lag, deren Rauch durch eine �ffnung im Dach abzog.</p><p>Die zweite Wallanlage umgab das abgeflachte Plateau, das die H�gelkrone bildete. Hier hatten die Handwerker ihre H�user. Sie waren solider gebaut, aus Holz und Stein. Manche hatten sogar ein zweites Gescho�. Die D�cher waren aus Holzschindeln oder aus Sumpfgras.</p><p>Am hinteren Ende des Plateaus gab es eine Erhebung, auf der eine Art Burg lag. Einige auserw�hlte Krieger sowie die Priesterinnen und Priester lebten dort. Die H�user in der Festung sahen sehr fremdartig aus. Es waren gro�e, steinerne Kegel. Manche der Priesterinnen lebten auch in H�hlen, die in die Erde gegraben waren.</p><p>Auf dem h�chsten Punkt des H�gels, noch einmal von einer eigenen Mauer umgeben, lag schlie�lich das Heiligtum der Morrigan. Die Bewohner von Galis benutzten den Namen anders als die abergl�ubischen Bauern am Rand der S�mpfe. F�r das Nachtvolk war Morrigan die Bezeichnung der Hohepriesterin, die den drei G�ttinnen Macha, Babd und Neman diente. Eine solche Priesterin hatte er bislang aber noch nicht zu sehen bekommen. �berhaupt war der Tempelbezirk sehr eigenartig gestaltet. Es gab dort mehrere steinerne Tore, die v�llig vereinzelt standen, ohne da� sie von Mauern umgeben waren. In die Pfeiler, welche die Abschlu�steine st�tzten, waren Nischen geschlagen, in denen Sch�del lagen. Es waren die K�pfe der gro�en Helden des Nachtvolks und besonders ruhmreicher Gegner. Hinter den Toren lagen zwei Kreise aus aufrechtstehenden Steinen. Welche Bedeutung sie hatten, konnte Volker noch nicht erfahren. Einmal hatten sich dort nachts die Priesterinnen der Morrigan versammelt, doch ihm war es verboten gewesen, das Heiligtum zu betreten.</p><p>Vor drei Tagen war er in einer Vollmondnacht mit Neman verm�hlt worden. Es war eine heidnische Zeremonie, die f�r einen guten Christen nat�rlich nicht bindend war. Der Vollmond hatte hoch am Himmel gestanden, als die Priesterinnen ihn geholt hatten und hinauf zu dem Heiligtum brachten. Au�er ihm war kein einziger Mann bei dieser Zeremonie zugegen gewesen. Anschlie�end hatte es in der tiefer gelegenen Burg ein gro�es Festessen gegeben, doch als Volker Neman in sein Gemach tragen wollte, hatte sie sich ihm verweigert. Sie hatte entschieden darauf bestanden, da� sie bestimmen w�rde, wann sie beide sich vereinten.</p><p>Volker hatte den Rest der Hochzeitsnacht damit verbracht, einen m�glichst gro�en Teil der Vorr�te an Met zu vernichten, und schlie�lich war er es, der in seine Kammer getragen werden mu�te. Wo hatte man so etwas schon geh�rt! Da� die Braut das Recht hatte, sich in der Nacht ihrer Verm�hlung zu verweigern!</p><p>Etwas Gutes hatte dieses Fest jedoch, �berlegte Volker. Seitdem war er von den Kriegern der Stadt akzeptiert. Er durfte sich frei bewegen und �berall hingehen, au�er in das Heiligtum oberhalb der Burg. Die Stadt des Nachtvolks lag in einem von hohen Deichen gesch�tzten Gebiet inmitten der S�mpfe. Die hei�en Quellen rings herum verbargen die Siedlung hinter Nebelw�nden. N�rdlich der Stadt erhob sich ein dichter, uralter Wald, der nach ein paar Meilen auch wieder in Sumpf �berging. Dort sollte es angeblich noch eine zweite, kleinere Insel geben.</p><p>Seit zwei Tagen schon beobachtete Volker verstohlen die Priesterinnen. Bisher hatte er noch keine Gelegenheit gefunden, allein mit Gunbrid zu sprechen. Er fragte sich, womit man der Baronin gedroht haben mochte, damit sie sich dem Kult der G�tzendienerinnen anschlo�. Aber was immer es auch gewesen sein mochte, er w�rde sie hier herausholen. Vor einer Stunde war sie durch das n�rdliche Tor gegangen, um im Wald Kr�uter zu sammeln. Man hatte ihr keine Bewachung mitgegeben, so als vertrauten die anderen Priesterinnen ihr, da� sie zur�ckkommen w�rde. Volker hatte sich auch nach Sklaven umgesehen, doch schien es, als seien die Bewohner, die man aus Marans entf�hrt hatte, nicht als Sklaven, sondern als Diener und Knechte unter dem Nachtvolk aufgenommen worden. Sie wurden gut behandelt und erhielten reichlich zu essen.</p><p>Der Spielmann hatte mit einem der entf�hrten M�nner reden k�nnen. Das Gespr�ch hatte ergeben, da� die Entf�hrten es als Ehre betrachteten, den Feen zu dienen. Auch hatte der junge Mann deutlich durchblicken lassen, da� es ihm hier besser ging als in der Leibeigenschaft eines normannischen Adligen. Sie dazu zu bewegen, sich gegen ihre neuen Herren aufzulehnen, war vollkommen aussichtslos.</p><p>Volker verlie� seinen Platz auf der Mauer und ging zum Tor der Festung hinab. Es war jetzt genug Zeit verstrichen, seit Gunbrid in den Wald gegangen war. Niemand w�rde argw�hnen, da� er unterwegs war, um sie zu suchen, wenn er jetzt die Stadt verlie�. Sollten die dummen Sumpfbauern hier gl�cklich werden! Bei Gunbrid standen die Dinge anders. Sie war eine Adlige, die Nichte des K�nigs Gunther. Sie w�rde bei Hofe allen nur erdenklichen Luxus genie�en k�nnen. Gunbrid hier herauszuholen w�re eine edle und ritterliche Tat. Sicherlich hatte sie schon jede Hoffnung auf Rettung fahren lassen.</p><p>Der Spielmann war schon eine ganze Weile durch den Wald gestreift, als er schlie�lich das helle Kleid der Priesterin durch die B�ume schimmern sah. Gunbrid sa� inmitten einer Lichtung auf einem Felsblock. Vor ihr lagen Kr�uter ausgebreitet, die sie mit bunten Wollf�den zu kleinen B�scheln zusammenschn�rte.</p><p>Der Spielmann hatte die Lichtung kaum betreten, als Gunbrid von ihrer Arbeit aufsah und ihn anl�chelte. �Ich habe mich schon gefragt, wie lange es noch dauern w�rde, bis Ihr kommt, Volker von Alzey.�</p><p>�Ihr wu�tet, da� ich komme?� Der Recke blieb verdutzt stehen. Dann lachte er. �Ihr habt mich vortrefflich get�uscht, Frau Gunbrid.�</p><p>�Es geh�rt schon mehr dazu, als sich mit blauen Linien zu bemalen und sich das Haar zu zerzausen, um die Sch�nheit jenes Mannes zu verbergen, in den wohl die H�lfte aller jungen M�dchen am Hof meines Onkels verliebt war. Ich habe Euch schon bei der Zeremonie der heiligen Hochzeit erkannt, Herr Volker, obwohl ich gestehen mu�, da� ich zun�chst meinen Augen nicht trauen mochte. Erst als Ihr ein Lied zum Klang der Laute gesungen habt, war ich mir ganz sicher, da� wirklich Ihr es wart.�</p><p>�Eure Worte schmeicheln mir, edle Dame, bin ich doch nur ein einfacher Rittersmann, wohingegen Ihr von k�niglichem Gebl�t seid.�</p><p>Das L�cheln auf Gunbrids Antlitz erstarb. �Es ist nicht das Blut, das einen Menschen ausmacht. Allein seine Taten sind das Ma�, nach dem man urteilen soll. Freilich sollte man dort auch noch nach dem H�rensagen und dem selbst Erlebten unterscheiden. W�rde ich mich nach dem Ruf richten, den Ihr genie�t, Herr Volker, dann w�re es meiner Reputation wohl kaum zutr�glich, mich mit Euch allein auf einer einsamen Waldlichtung zu treffen.�</p><p>Der Spielmann r�usperte sich verlegen. �Nun, wie Ihr schon sagt, die Leute reden viel... Doch werde ich allen Ger�chten energisch entgegentreten, die besagen m�gen, da� ich mich Euch auf unserer Reise zur�ck nach Worms in unziemlicher Weise gen�hert haben k�nnte. Es ist mir nichts mehr als Euer Wohlergehen am Herze gelegen und...�</p><p>�Wenn Ihr die Wahrheit sprecht, Herr Volker, dann verge�t Eure Reisepl�ne.�</p><p>�Was?� Der Ritter war inzwischen an Gunbrids Seite getreten und starrte die Edeldame verst�ndnislos an. �Wie meint Ihr das?�</p><p>�Ich m�chte diesen Ort nicht verlassen. Sicher hat man mich gegen meinen Willen hierher gebracht. In jener Nacht, als mein Gatte, Baron Rollo, get�tet wurde, verfluchte ich die Feen und h�tte sie alle get�tet, h�tte Gott mir die Macht dazu verliehen. Mit der Zeit jedoch lernte ich verstehen. Ihr m��t wissen, Herr Volker, da� Rollo ein grausamer Mann war und nicht Liebe uns zusammenf�hrte, sondern der Wille meines Onkels Gunther, der nach einem festeren Bund mit den Normannen Aquitaniens suchte. So wurde ich zum Pfand seiner Politik. Auch Rollo hat mich nicht wirklich begehrt. Er nahm meinen K�rper, und als er begann, meiner �berdr�ssig zu werden, gab er sich nicht einmal mehr die M�he, seine Gespielinnen, die er als M�gde in unseren Haushalt aufnahm, vor mir zu verbergen. Er war rachs�chtig und grausam. Rollo machte gro�e Pl�ne. Er wollte den Sumpf entw�ssern und die heiligen Haine des Nachtvolks zerst�ren. Die Morrigan lie� ihm eine Warnung zukommen, da� er sich auf einen gef�hrlichen Weg begeben habe. Doch Rollo lachte dar�ber. Drei N�chte sp�ter kamen sie. Ich wei� nicht, wie sie in die Burg gelangten. Geschrei weckte mich in der Nacht des �berfalls. Sie hatten es geschafft, das Tor zu �ffnen. Aus dem Hof ert�nte Schwerterklirren. Dann brach das Feuer aus. Sie schienen �berall zu sein. Ein Mann kam und zerrte mich aus meinem Schlafgemach. Vor der Burg hatten sie das Gesinde zusammengetrieben. Es regnete, und trotzdem griffen die Flammen immer gieriger nach dem Geb�lk des kleinen Palas und des Bergfrieds. Jemand gab mir einen Umhang. Wir wurden zum Ufer gebracht, wo etliche Boote lagen. Als wir schon eine Weile unterwegs waren, n�tigte man mich, etwas aus einem alten Holzbecher zu trinken. Auch die M�nner und Frauen des Gesindes mu�ten von diesem Trank kosten. Bald danach �bermannte mich die M�digkeit. Als ich wieder zu mir kam, war ich in dieser verwunschenen Stadt. Eine Frau fragte mich freundlich nach meinen Begabungen, und als ich erkl�rte, da� ich ein wenig in der Kr�uterkunde bewandert sei, brachte man mich zu den Priesterinnen.�</p><p>Gunbrid griff nach einem der Kr�uterb�ndel vor ihr und hielt es Volker hin. �Seht Ihr dies? Man nennt es Eisenkraut. Als Sud wirkt es gegen Fieber, und wenn man es im Rachen gurgelt, so rei�t es den eitrigen Schorf von Wunden. Im Heiligtum wurde ich nach der heilenden Wirkung verschiedener Kr�uter befragt, und man war offenbar sehr zufrieden mit meinen Antworten. Man bot mir an, mich unter die Priesterinnen aufzunehmen, wenn dies mein Wunsch sei. Damals war ich noch verbittert und voller Trauer. Man begegnete mir sehr freundlich und zur�ckhaltend. Die Priesterinnen der Morrigan lie�en mir Zeit mit meinem Kummer. Auch zu den M�nnern und Frauen meines Gesindes war man sehr freundlich. Ein jeder wurde nach seinen F�higkeiten gefragt und dann entsprechend seinen Begabungen eingesetzt. Nicht einen Tag lang gab man uns das Gef�hl, Sklaven oder Gefangene zu sein. Ich glaube, die Krieger des Nachtvolkes haben uns nur deshalb mitgenommen, weil wir sie gesehen hatten. Wir sollten den Dorfbewohnern nicht erz�hlen k�nnen, da� die Feenritter der S�mpfe nur ganz normale Menschen sind. Einige von ihnen sind beim Kampf in der Burg sogar get�tet worden. Wer immer ihnen mit einer Waffe in der Hand entgegentrat, den haben die Feenritter niedergemacht. Doch sie haben kein unschuldiges Blut vergossen.</p><p>Es vergingen einige Wochen, bis Zorn und Angst von mir ablie�en. Gewi� sind sie keine Christenmenschen, doch obwohl ich nun zu ihren Priesterinnen geh�re, gestatten sie mir weiterhin, zu meinem Gott zu beten. An manchen Abenden kommen sogar einige meiner alten Dienstm�gde und zwei Stallburschen zu mir, um mit mir, so gut dies ohne Priester geht, die heilige Messe zu feiern. Dies, Herr Volker, sind die Gr�nde, warum ich die Stadt Galis und das kleine Reich des Nachtvolkes nicht mehr verlassen m�chte. Ich habe hier meinen Seelenfrieden gefunden. Man hat mir eine Aufgabe gegeben und begegnet mir als Heilerin mit gro�er Achtung. Ich lerne von einigen der alten Priesterinnen, und auch sie nehmen Wissen von mir an.�</p><p>�Aber Ihr seid von edler Geburt! Wie k�nnt Ihr unter diesen Barbaren leben? Habt Ihr nicht Angst um die Reinheit Eurer Seele? Und was ist mit den M�nnern? Wer soll Euch sch�tzen, wenn es eine dieser Sumpfkreaturen nach Eurem Leib gel�stet?� Volker war au�er sich. Insgeheim glaubte er, da� man Gunbrid ein Gift gegeben haben mu�te, das ihren Verstand verwirrte. Vielleicht war sie auch in jener Nacht der Schrecken, als die Burg des Barons Rollo niedergebrannt wurde, wahnsinnig geworden?</p><p>Gunbrid neigte den Kopf und l�chelte schelmisch. �Sagt, wenn ich mich irre, Herr Volker, aber ist es nicht so, da� Ihr durch die Zeremonie der heiligen Hochzeit mit Neman zu so etwas wie dem K�nig dieser Barbaren geworden seid? Was also sollte ich bef�rchten?�</p><p>Der Spielmann machte eine �rgerliche Geste, als wolle er ihre Worte mit der Hand beiseite wischen. �Das war der einzige Weg f�r mich, hierher zu kommen. Sie halten mich f�r eine Gestalt aus alten Legenden. Doch das tut nichts zur Sache. Was ich will, ist, Euch zu retten und zu meinem Herren und K�nig, Eurem Onkel, Gunther von Burgund, zur�ckzubringen!�</p><p>Gunbrids Gesicht verfinsterte sich. �Und warum wollt Ihr das tun? Ist es Ritterlichkeit? Oder steht hinter Eurem vermeintlichen Edelmut nicht allein die Absicht, in der Gunst meines Onkels zu steigen und den Geschichten um Euren Heldenmut eine weitere hinzuzuf�gen? Ich sage Euch noch einmal in aller Deutlichkeit, Herr Volker, ich w�nsche nicht, diesen Ort zu verlassen. Der Hof von Worms wird mir nur Trauer und Schande einbringen. Egal wie freundlich man mich auch aufnimmt, hinter vorgehaltener Hand wird man mich stets die Frau nennen, die von den Feen geholt worden ist. Man wird mich meiden und mir Hexerei unterstellen, wenn ich mich weiterhin mit der Kr�uterkunde besch�ftige. Wi�t Ihr nicht, wie die Menschen sind, Herr Volker? Was ich tun kann, ist, in meiner Kemenate zu sitzen und zu sticken oder kostbare T�cher zu weben. Eines Tages dann wird mein Onkel kommen und mir verk�nden, er habe einen neuen Mann f�r mich gefunden. Einen zweiten Rollo vielleicht, einen Mann, der mich nicht liebt, sondern nur deshalb heiratet, weil er auf dieses Weise mit dem K�nigshof von Worms verbunden sein wird. Begreift Ihr nun, warum ich nicht mehr nach Worms zur�ckkehren kann? Ich werde niemandem verraten, da� Ihr beabsichtigt, die Hohepriesterin zu t�uschen, um von hier zu fliehen, doch bitte ich Euch, macht mich nicht zum Opfer falsch verstandener Ritterlichkeit. Wenn Ihr mich von hier fortbringt, dann werdet Ihr mein Leben zerst�ren, und ich verspreche Euch, noch bevor wir den Hof von Worms erreichten, w�rde ich einen Weg finden, meinem Leben ein Ende zu bereiten, denn die Schande und die Heuchelei, die mich dort erwarten w�rden, vermag ich nicht zu ertragen.�</p><p>Volker starrte die Edeldame fassungslos an. Mit der einen oder anderen ihrer Bef�rchtungen w�rde sie wom�glich recht behalten, doch als Nichte des K�nigs war es ihre Pflicht, nach Worms zur�ckzukehren. Aber jetzt w�re der falsche Zeitpunkt, ihr dies zu erl�utern. Vielleicht hatten die Priesterinnen einen Zauber um sie gewoben, der Gunbrid Angst vor der Welt jenseits des Nebels machte. Es war gewi� das kl�gste, zun�chst auf ihre W�nsche einzugehen.</p><p>So verbeugte sich Volker. �Eure Worte sind mir ein Befehl, Herrin. Niemals w�rde ich gegen Euren Willen handeln oder etwas tun, aus dem Euch Schaden erwachsen k�nnte.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>14. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Krachend fuhr die Axt tief ins helle Holz des riesigen Baums. Zwei Knechte hatten die Eiche so vorbereitet, da� nur noch wenige Axthiebe n�tig waren, um den Baum st�rzen zu lassen. Rauschend fing sich der Wind im Wipfel der Eiche. Der Baum begann sich zu neigen. Mit einem raschen Schritt zur Seite brachte sich der Bischof in Sicherheit.</p><p>Dann st�rzte der Baumriese und tauchte in den Schlamm des Sumpfes. Triumphierend ri� Jehan die Axt �ber den Kopf. �So wie hier werde ich den Aberglauben der Heiden �berall ausrotten, wo ich ihn antreffe. Unser Freund, Golo von Zeilichtheim, hat mir erkl�rt, da� es �blich ist, die K�nigin des Nachtvolks zu fordern, indem man in das Horn bl�st, das in dem Schrein vor der Eiche lag. Nun, was mich angeht, ich brenne darauf, diesen G�tzendienern, die den Baron von Marans ermordet haben, den Sch�del einzuschlagen! Aber wie steht es mit euch? Habt ihr den Mut, mir zu folgen und den Dienern der H�lle ins Gesicht zu spucken, wenn sie aus den S�mpfen gekrochen kommen?�</p><p>Berengar von Broceliande, der Anf�hrer der Ritter aus Armorika, trat vor die Front der Krieger und ri� sein Schwert hoch. �Ich folge dir, Jehan. Selbst wenn du den Leibhaftigen pers�nlich an seinem Bart packen willst, werde ich an deiner Seite stehen und im Glauben an Gott mein Schwert f�hren, so wie es sich f�r einen christlichen Ritter geziemt. Wer mit mir ziehen will, der m�ge vortreten!�</p><p>Die Ritter aus Armorika waren die ersten, die der Aufforderung ihres Anf�hrers folgten. Wie alle anderen beeilte sich auch Golo, nicht hinter der Gefolgschaft Berengars zur�ckzustehen. Mit blankem Schwert in den H�nden stimmte er in das Jubelgeschrei ein, das sich allenthalben im Heerlager erhob.</p><p>Der Bischof breitete seine Arme aus. �Ich wu�te, da� ich auf euren Mut vertrauen kann, meine Freunde. Doch die Schlacht, die es heute zu schlagen gilt, ist nicht wie die K�mpfe, die ihr kennt. Wir werden gegen Zauberer antreten und vielleicht sogar gegen M�nner, die von Teufeln besessen sind. Nicht die Kraft unserer Schwerter wird dieses Gefecht entscheiden, sondern unser fester Glaube an Gott, denn keine h�llische Macht ist stark genug und kein Zauber so niedertr�chtig, da� wahrer Glaube nicht zu triumphieren vermag. Die Frevler haben ihr Versteck irgendwo hier in den S�mpfen, keine zwanzig Meilen von der Via Turonensis, der gro�en Pilgerstra�e, entfernt, die zum Grab des heiligen Jacobus von Compostella f�hrt. So wollen wir unseren Feldzug unter den Schutz dieses Weggef�hrten Christi, des Apostels Jacobus, stellen und ihm zu Ehren ein gemeinsames Gebet anstimmen, das unseren Glauben st�rken wird.�</p><p>Der Bischof kniete nieder und ber�hrte mit seiner Stirn die Parierstange seines Schwertes, als sei sie der Querbalken eines Kreuzes. Dann begann er mit lauter Stimme ein altes Jakobspilgerlied zu singen.</p><empty-line/><p><emphasis>�Herrn Sanctiagu, got Sanctiagu </emphasis></p><p><emphasis>e ultreya e sus eia </emphasis></p><p><emphasis>Deus aia nos...</emphasis></p><empty-line/><p><emphasis>Herr Santiago, guter Santiago </emphasis>-</p><p><emphasis>vorw�rts</emphasis>, <emphasis>wohlan und aufw�rts, </emphasis></p><p><emphasis>helfe uns Gott...�</emphasis></p><empty-line/><p>Die anderen Ritter folgten seinem Beispiel, und bald hatten sich alle Krieger und Knechte des Heerlagers auf die Knie niedergelassen und sangen voller Inbrunst das Pilgerlied. Zum ersten Mal seit Tagen glaubte auch Golo wieder, da� der Bischof das Nachtvolk besiegen w�rde. W�hrend das Lied, gesungen von mehr als f�nfhundert rauhen M�nnerkehlen, zum Himmel stieg, vermeinte der fr�here Knecht zu sp�ren, wie ihm seine Seele leichter wurde. Nie zuvor in seinem Leben hatte er sich Gott so nahe gef�hlt.</p><p>Er hatte Bischof Jehan lange f�r einen machtbesessenen Mann gehalten, doch nun erkannte er das wahre Wesen des Adeligen. Jehan war von Gott auserw�hlt und hatte die Last einer gewaltigen Aufgabe zu tragen. Es war dem Bischof bestimmt, Aquitanien von den Heiden zu befreien, und vielleicht w�rde der Kirchenf�rst danach die Ritter der Christenheit vereinen. Golo seufzte voller Verz�ckung. Auch sein eigenes Schicksal war fest mit dem Weg des Bischofs verwoben. Er, ein Unfreier, war zum Ritter aufgestiegen und durfte als einziger Burgunde an diesem gro�en Werk Anteil haben.</p><p>Golos Blick schweifte zu dem Scheiterhaufen, der inmitten der Lichtung vor dem gef�llten Troph�enbaum brannte. Dort schwelten die Pf�hle, auf denen die K�pfe all der Opfer des Nachtvolkes gesteckt hatten. Die Sch�del waren in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt worden, und der Bischof hatte einige Handwerker, die dem Tro� angeh�rten, damit beauftragt, dort ein gro�es Steinkreuz zu errichten.</p><p>Inzwischen war das Pilgerlied verklungen. Jehan de Thenac hatte sich erhoben und nahm einem der M�nner, die in seiner N�he standen, einen Wurfspie� ab. Dann hob er die Waffe hoch �ber den Kopf. �Hundert Jahre und l�nger haben die Heiden diese sch�ne Lichtung f�r ihre gottlosen Rituale genutzt. Diese Zeit ist nun f�r immer vorbei!� Er rammte den Speer mit aller Kraft vor sich in den Boden. �Dies soll der letzte Spie� sein, auf den hier ein Haupt gesteckt wird. Er ist dem Kopf der Zauberin vorbehalten, welche die Heiden Morrigan nennen. Und noch bevor der Sommer vor�ber ist, werde ich diesen Eichenschaft mit ihrem Haupte kr�nen. Nun reicht mir das Horn, das wir in dem Schrein gefunden haben.�</p><p>Jehan winkte einem seiner Waffenknechte, und der Mann brachte das mit goldenen B�ndern geschm�ckte Signalhorn. Ohne zu z�gern, setzte er das Instrument an die Lippen. Golo hatte ihn vor der unseligen Wirkung dieses Horns gewarnt, und so waren alle Pferde aus dem Tro� von der Lichtung fortgef�hrt worden.</p><p>Obwohl der ehemalige Knecht den gr��lichen Mi�ton schon kannte, lie� ihn auch diesmal der Ruf des Signalhorns erschauern. Gespannt wartete er, ob auch diesmal ein Unwetter vom Meer aufziehen w�rde. Doch der Himmel blieb klar. Nur weit im Moor konnte man eine blasse Nebelwand erkennen. Wohl jeder auf der Lichtung blickte gespannt nach Westen, und manche der Ritter hatten ein Gebet auf den Lippen. Wie lange w�rde es wohl dauern, bis die Heerscharen der Morrigan in ihren Booten das Ufer erreichten? Mit dem Hornsto� war die dunkle G�ttin herausgefordert. Von nun an w�rde es kein Zur�ck mehr geben.</p><p>Vielleicht war der Bischof zu leichtfertig gewesen. Nur ein Drittel seines Heeres war bereits versammelt. Die anderen M�nner w�rden auf den flachen Schiffen der Nordm�nner durch die Marschen kommen. Doch bislang hatten sie von ihnen noch keine Nachricht erhalten.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Ein leichter Ostwind trieb den Dampf, der aus den hei�en Quellen aufstieg, �ber die gro�e Insel und h�llte Galis in dichten Nebel. Seit Tagen hatte Volker Neman nicht mehr gesehen. Nur die kriegerische Macha hatte das Heiligtum �ber der Burg verlassen, um mit ihm und den Anf�hrern unter den Kriegern der Stadt zu sprechen. Am Morgen war ein Sp�her mit beunruhigenden Nachrichten aus den S�mpfen gekommen. Angeblich marschierte ein gro�es Heer �ber die Kn�ppeld�mme, und es schien, als sei das Ziel dieser Ritter die verborgene Stadt.</p><p>Volker blickte zu dem Heiligtum. Es lag auf dem n�rdlichsten Ausl�ufer des H�gels. Der Kamm hatte dort einen leichten H�cker, und auf dessen Spitze lag der ummauerte Kultplatz. Wenn man nicht den schmalen Weg nahm, der dort hinauff�hrte, mu�te man ein paar Schritt die B�schung erklimmen und dann die Mauer aus groben, unbehauenen Steinen hinaufklettern. Ein letztes Mal musterte der Spielmann den Platz inmitten der Festungsanlage, doch im Nebel war niemand zu sehen. Dann schlich er zur B�schung. Er hatte nun lange genug auf Neman gewartet. Er w�rde herausfinden, wo die Priesterin steckte. Vielleicht hatte Macha sie beseitigt, um an Einflu� zu gewinnen. Die Rabenpriesterin brannte gewi� darauf, gegen die Ritter dort drau�en auf dem Kn�ppeld�mmen in die Schlacht zu ziehen.</p><p>An der B�schung sah er sich erneut um. F�r einen Moment glaubte er, ein verd�chtiges Ger�usch im Nebel geh�rt zu haben. Ganz so wie eine Ledersohle, die �ber einen vorstehenden Stein des Pflasters geschrammt war. Doch jetzt war alles still. Vielleicht war es nur ein Mann, der den Platz �berquert hatte, um einen der Wachtposten am Tor abzul�sen. Volker wartete noch einen Augenblick, dann begann er die steile, grasbewachsene B�schung hinaufzuklettern. Durch den Nebel war das Gras na� und rutschig geworden. Es schien dem Spielmann eine Ewigkeit zu dauern, bis er endlich den Fu� der Mauer erreichte. Oben aus dem Heiligtum erklangen Trommelschlag und Fl�tenspiel. Irgend etwas ging dort vor sich. Doch das war nur gut so! Die Priesterinnen waren jetzt abgelenkt, und er hatte es leichter einzudringen. Wachen brauchte er nicht zu bef�rchten. Dort oben wurden w�hrend der Zeremonien, welche die Morrigan abhielt, keine M�nner geduldet.</p><p>Die Mauer zu erklettern war kaum schwerer, als die B�schung hinaufzukommen. Man hatte keinen M�rtel benutzt, sondern die Steine einfach nur aufeinandergeschichtet. Hier und dort ragten die Enden von Balken aus dem Mauerwerk und boten gute Griffe. Schlie�lich erreichte der Spielmann die Br�stung und versteckte sich auf dem Wehrgang. Sein Schwert hatte er in seinem Gemach zur�ckgelassen. Die Scheide w�re nur klappernd gegen das Mauerwerk geschlagen und h�tte ihn verraten. Als einzige Waffe trug er einen schmalen Dolch bei sich.</p><p>Geduckt schlich er an der Br�stung entlang, bis er eine Rampe erreichte, die zum Innenhof hinabf�hrte. Die Musik klang mittlerweile lauter und bedrohlicher. Wartend verharrte der Spielmann an der Rampe. Der Nebel war so dicht, da� man keine zehn Schritt weit sehen konnte. Die doppelt mannshohen Steine, die dort unten standen, erschienen nur noch als verschwommene, graue Schemen. Es schien sich etwas zwischen ihnen zu bewegen.</p><p>Volker wartete noch einen Augenblick, bis er meinte, da� niemand in seine Richtung kam. Dann ging er die Rampe hinunter und lief �ber den Hof bis hin zum Steinkreis. Mit klopfendem Herzen pre�te er sich gegen den kalten Fels und sp�hte um die Ecke. Innerhalb des Steinkreises waren Feuerbecken aufgestellt worden, und der Duft schwelender Kr�uter zog mit dem Nebel. Die flachen Metallbecken ruhten auf h�fthohen, dreibeinigen St�ndern. Hinter jeder Feuerstelle war eine Priesterin plaziert, die in unregelm��igen Abst�nden R�ucherwerk auf die gl�henden Kohlen warf. Die Frauen trugen lange, dunkle Gew�nder und weite graue Umh�nge, die sie fast mit Rauch und Nebel verschmelzen lie�en.</p><p>Wenn er sehen wollte, was im inneren Steinkreis vor sich ging, w�rde er sich weiter nach vorne wagen m�ssen. Z�gernd nagte der Ritter an seiner Unterlippe. Er war hierher gekommen, um Neman zu sehen. Angeblich w�rde sie w�hrend des Rituals tanzen. Wenn er jetzt wieder zur�ckging, h�tte er genausogut unten in der Festung bleiben k�nnen! Der Nebel w�rde ihn schon sch�tzen. Noch einmal sp�hte er um die Ecke des Felsblocks, und als er sicher war, da� keine der Priesterinnen in seine Richtung blickte, eilte er mit einigen schnellen Schritten zum inneren Steinkreis.</p><p>Von dort konnte er die Musikantinnen beobachten. Sie standen auf den Innenseiten der Felsbl�cke und spielten f�r eine Frau, die in wirbelnden Kreisen �ber den Platz in der Mitte des Heiligtums tanzte. Es war Neman! Sie trug ein wei�es Gewand und drehte sich so schnell, da� ihr weit geschnittener Rock wie ein Wagenrad von ihren H�ften abstand. Das rotblonde Haar leuchtete wie eine Flamme um ihr blasses Gesicht. Sie schien in Trance zu sein. Ihre Augen blickten starr ins Leere. Schwei� rann ihr �ber die Stirn. Zweimal kam sie so dicht an Volkers Versteck vorbei, da� er sie mit ausgestrecktem Arm h�tte greifen k�nnen.</p><p>Pl�tzlich verstummten alle Instrumente, und Neman blieb wie versteinert stehen. Ganz leise erklang in der Ferne ein Horn. Die Ritter... Sie mu�ten zum Troph�enbaum gezogen sein! Die T�nzerin stie� einen wimmernden Laut aus und ging in die Knie. Zwei Priesterinnen eilten zu ihr und legten einen weiten, schwarzen Umhang �ber ihre Schultern. Dann traten sie hastig zur�ck.</p><p>Neman schien von Kr�mpfen gesch�ttelt zu sein. Zun�chst h�rte man noch ein Schluchzen. Sie zog den Mantel enger um ihre Schultern. Mit einem w�tenden Schrei erhob sie sich und breitete den Umhang aus, als sei er ein schwarzes Fl�gelpaar. �Sie haben mich gefordert! Ich werde ihre K�pfe holen, und meine Raben werden ihnen das faulige Fleisch von den Rippen picken!� Die Hohepriesterin blickte in Volkers Richtung, und der Spielmann trat erschrocken einen Schritt zur�ck. Neman hatte sich ver�ndert. Ihr Gesicht wirkte noch blasser und hatte einen grausamen Zug angenommen. Ihre Augen funkelten und schienen tiefer in den Sch�del gesunken zu sein. Auch wirkte ihr Gesicht jetzt l�nger... Was war das f�r ein b�ser Zauber? Blut tropfte von ihren Lippen auf ihr wei�es Gewand. Macha sah der T�nzerin Neman zwar noch �hnlich, und doch stand dort ein anderer Mensch in dem Steinkreis. Selbst ihre Stimme war dunkler geworden.</p><p>�Ruft die Krieger zusammen und bringt mir meine Waffen! Wir wollen den Tod in das Heerlager der Eindringlinge tragen.�</p><p>Volker duckte sich und schlich zum �u�eren Steinkreis zur�ck. Er mu�te von hier verschwinden! Die Priesterinnen w�rden nach ihm suchen. Auch er geh�rte jetzt zum Rat, und vielleicht w�rde seine Stimme in der Versammlung der Krieger sogar den Ausschlag geben. Wenn die Kunde der Boten tats�chlich stimmte und ein ganzes Heer am Rand der S�mpfe aufmarschiert war, dann w�re es Wahnsinn, die Festung zu verlassen und anzugreifen. Gegen Hunderte ausgebildeter und bestens bewaffneter Ritter k�nnten die wilden Krieger aus den S�mpfen niemals bestehen. Sie w�rden von den Normannen niedergem�ht wie der Sommerroggen vom Schnitter.</p><p>Hastig eilte er die Rampe hinauf. Hinter ihm hallten Schritte durch den Nebel. Ohne sich umzublicken, lief er zur Br�stung der Mauer und kletterte �ber sie hinweg. Seine F��e tasteten �ber die Wand und suchten nach einem Halt. Endlich f�hlte er eine Fuge zwischen den Bruchsteinen, die breit genug war, um seinen Fu� halb hineinzuschieben. Er lie� die Br�stung los und tastete nach einem neuen Griff an der Wand. Den linken Fu� setzte er auf einen der Holzbalken, die aus der Mauer ragten. So arbeitete er sich langsam tiefer. Der Abstieg kam ihm wie eine Ewigkeit vor, und er hoffte inst�ndig, da� sich niemand �ber die Br�stung beugen w�rde, um an der Mauer hinabzublicken.</p><p>Der Wind hatte gedreht und kam jetzt vom Meer. Schon wurden die Nebelschwaden, zwischen denen die Stadt des Nachtvolks verborgen lag, lichter. Er mu�te schneller vorankommen. Nicht mehr lange, und man k�nnte ihn vom Hof der Burg aus sehen. Die grasbewachsene H�gelflanke lag nur noch zwei Schritt tiefer. Entschlossen stie� er sich von der Wand ab, landete federnd auf dem Rasen und rollte sich �berschlagend die B�schung hinab, bis die steinerne R�ckwand eines Lagerhauses seinen Sturz bremste. Benommen versuchte er, wieder auf die Beine zu kommen, als neben ihm eine Stimme erklang.</p><p>�Wi�t Ihr nun, was Euch keine Ruhe lie�?�</p><p>Volker kniff die Augen zusammen, um die grellen Lichtpunkte zu vertreiben, die vor ihm durch die Luft zu tanzen schienen. Neben ihm stand ein Mann mit schulterlangem, wei�en Haar und einem kurz geschorenen Vollbart. Er trug ein wei�es Gewand und einen roten Umhang, der an der Schulter von einer goldenen Schlangenfibel zusammengehalten wurde. Der Spielmann hatte ihn schon mehrmals in der Burg gesehen. Er geh�rte zu einer kleinen Gruppe von Priestern, die den Dienerinnen der Macha untergeordnet zu sein schienen.</p><p>Fieberhaft �berlegte Volker, wie er dem Alten erkl�ren konnte, was er an der Mauer gemacht hatte, ohne dabei preiszugeben, da� er heimlich in das Heiligtum eingedrungen war.</p><p>�Ich... ich war an der Mauer und h�rte von oben seltsame Ger�usche. Wie das Schnauben eines Tieres. Ich dachte, die Priesterinnen seien vielleicht...�</p><p>Der Priester schnitt ihm mit einer �rgerlichen Geste das Wort ab. �Ich glaube nicht, da� du der S�nger bist, von dem unsere Legenden kunden, und die Art, wie du sprichst, deutet darauf hin, da� du aus einem der K�nigreiche aus dem Osten kommst. Glaube nicht, da� ich nicht w��te, was in der Welt geschieht. Ich habe mit den neuen Dienern gesprochen, und manchmal verlasse ich auch die S�mpfe... Ich wei�, mit welchem Feuereifer die Diener des neuen Gottes die alten Heiligt�mer zerst�ren. Oft haben sie sogar die Frechheit, ihre Kirchen auf den Ruinen der alten Tempel zu errichten, obwohl sie gar nicht mehr wissen, warum diese Orte ausgesucht worden sind und welche Kr�fte der Kundige dort zu wecken vermag. Doch lassen wir das... Ich m�chte von dir wissen, was du gesehen hast!�</p><p>Der Spielmann hatte den Eindruck, da� der Alte genau wu�te, was sich oben im Heiligtum ereignet hatte. Wahrscheinlich wollte der Priester ihn auf die Probe stellen, um zu sehen, ob er ihn bel�gen w�rde. Oder t�uschte er sich in dem Kerl? Volker musterte den Alten, doch nichts deutete darauf hin, was der Priester dachte. Ruhig erwiderte er den Blick des Spielmanns. Nun gut, er w�rde ihm erz�hlen, was er gesehen hatte!</p><p>Als Volker seine Geschichte beendet hatte, sch�ttelte der Alte den Kopf. �Es war kein Zauber, den du beobachtet hast. Es ist das wahre Wesen der Morrigan. Sie ben�tigt keine Magie, um zu Macha zu werden. Sie tr�gt die Rabeng�ttin in sich.�</p><p>Der Spielmann seufzte. Der Alte hatte seine Sinne nicht recht beisammen. Vielleicht h�tte er ihn doch bel�gen sollen. �Ich rede nicht von der Morrigan. Neman hat getanzt. Sie ist durch b�se Magie verzaubert worden. Ich glaube, es war der Mantel Machas, der sie behext hat. Sie verwandelte sich erst, als ihr der Mantel mit den Rabenfedern gebracht wurde.�</p><p>Der Priester l�chelte d�nn. �Ich wei�. Du mu�t es mir nicht noch einmal erz�hlen. Neman ist die Morrigan. Morrigan ist nicht nur ein Name. Es ist der Titel, den die Hohepriesterin f�hrt. So wie die Christen dort drau�en ihren obersten Priester Papst nennen. Die Morrigan vereint die drei G�ttinnen in sich. Sie ist Macha, Babd und Neman. Man kann auch anders herum sagen, die drei G�ttinnen seien in Wirklichkeit eins, die Morrigan.�</p><p>Volker starrte den Alten an. Seine Worte waren ihm ein R�tsel. �Woher wei�t du das? Ist es dir nicht genauso wie allen anderen M�nnern verboten, den Ritualen der Priesterinnen beizuwohnen? Und wie kann eine Frau in drei zerfallen? Ich m�chte dich nicht beleidigen, alter Mann, doch ich kann in deinen Worten keinen Sinn entdecken. Macha will den Kriegsrat zusammenrufen. Ich mu� jetzt gehen.�</p><p>Der Spielmann wollte gehen, doch der Alte griff nach seinem Arm. F�r einen Mann mit wei�em Haar hatte er noch erstaunlich viel Kraft. �Bleib! Niemand geht, bevor Ambiorix seine Rede beendet hat. Ich bin der Barde von Tirfo Thuinn. Ich kenne die Geschichte meines Volkes vom Anbeginn der Zeiten bis zum heutigen Tag, und es ist meine Aufgabe, sie lebendig zu erhalten. Fast alle Geheimnisse dieses Landes sind in meiner Erinnerung lebendig. Zwanzig Sommer hat mein Lehrer mich unterrichtet, bis ich jede dieser Geschichten auswendig dahersagen konnte, ohne auch nur ein Wort der �berlieferung zu vergessen oder zu ver�ndern. Du geh�rst nicht zu uns, deshalb kann ich dir dein schlechtes Benehmen dieses Mal noch nachsehen. Doch merke dir, wenn der Barde spricht, schweigt selbst die Morrigan. Sogar wenn sie anderer Meinung ist, wartet sie, bis er seine Rede beendet hat, um ihm dann zu widersprechen.�</p><p>�Dann sag, was du mir zu sagen hast!� Volker hatte M�he, seinen Zorn zu unterdr�cken. Es gab nun Wichtigeres zu tun, als diesem verr�ckten Kerl zuzuh�ren! Wenn er nicht an der Versammlung des Kriegsrates teilnahm, w�rde Macha bestimmen, was geschehen w�rde, und er konnte sich nicht vorstellen, da� die Rabeng�ttin wu�te, wie man einem Ritterheer zu begegnen hatte.</p><p>�Ich sehe dir an, da� du mir nicht glaubst, da� die Morrigan die drei G�ttinnen in sich vereint. Dabei tr�gst auch du zwei einander widerstrebende Seelen in deiner Brust. Du bist ebensosehr ein S�nger wie ein Krieger.�</p><p>�Ich sehe nicht, was du mir damit sagen willst�, entgegnete Volker gereizt. �Es ist kein Widerspruch in dem, was ich bin. Beides ist ein Teil von mir, so wie eine M�nze zwei verschiedene Seiten hat und trotzdem eins ist. Au�erdem ver�ndere ich nicht mein Gesicht, wenn man mir einen schwarzen Mantel �ber meine Schultern legt.�</p><p>�Du magst mir erz�hlen, da� du eins mit dir bist, S�nger, doch im Grunde wei�t auch du, da� dies nicht stimmt. Bist du nie im Zweifel mit dir? Fragst du dich niemals, welches der bessere Weg ist? Wenn du das Haus eines Adligen besuchst, wei�t du, da� man dort sowohl den Barden als auch den Krieger empfangen wird. Doch man wird sie unterschiedlich behandeln. Liebt der Herr des Hauses Lieder und Geschichten, so wird der Barde der K�nig des Abends sein, wohingegen man den Krieger nur h�flich aufnimmt, weil es die Gesetze der Gastfreundschaft verlangen. Doch was ist, wenn der fremde Herr Musik nicht zu sch�tzen wei�? Dann wird der Barde am Herdfeuer beim Gesinde sitzen, wohingegen man einem Krieger vielleicht Respekt gezollt h�tte und den Ehrenplatz an der rechten Seite des Hausherren einger�umt h�tte. Du mu�t dich also entscheiden, wer du sein willst, wenn du in ein fremdes Haus kommst. Als Krieger wirst du dich vollkommen anders benehmen, ja, du wirst sogar anders sprechen als ein Barde. Auf gewisse Weise haftet dir jedoch ein Makel an. So sehr du dich auch in die Rolle des Barden begibst, wirst du doch immer wissen, da� du auch als Krieger h�ttest kommen k�nnen. Umgekehrt ist es nat�rlich genauso. Die Morrigan ist anders. Sie ist das Gef�� der drei G�ttinnen. Wenn Macha in sie einf�hrt, dann ist sie nur noch Macha. Sie hat dann die Erinnerung an alles andere verloren, und deshalb ver�ndern sich sogar ihre Gesichtsz�ge und ihr Stimme. Das gleiche gilt f�r Babd und Neman. Nur in den Augenblicken, in denen sich die Morrigan keiner der drei G�ttinnen hingegeben hat, ist sie unvollkommen, denn dann kennt auch sie den Zweifel. Dann vermag sie sich zu erinnern, wer Gwen war...�</p><p>Volker seufzte. Wenn der Alte tats�chlich ein Barde war, dann hatte er einen verdammt �blen Lehrmeister gehabt. Seine Art, Geschichten zu erz�hlen, war ebenso verwirrend wie langatmig. �Wer zum Henker ist Gwen?�</p><p>�Meine Tochter. Die alte Morrigan hat sie unter den M�dchen der Stadt auserw�hlt, um ihre Nachfolgerin zu werden. Lange Jahre ist sie von den Priesterinnen auf dieses Amt vorbereitet worden. Sie mu�te lernen, sich selbst zu vergessen, um zum Gef�� f�r die G�ttinnen werden zu k�nnen. Man hat ihr schwere Pr�fungen auferlegt und ihr Zaubertr�nke gegeben, die sie ver�ndert haben. Das alles diente dazu, die Gwen, die sie einst war, in ihr zu t�ten. Als Kind habe ich sie einmal auf eine meiner Reisen, die mich auf die andere Seite des Nebels gef�hrt hat, mitgenommen. Wir waren in Niort, und dort haben wir in einer Schenke einen M�rchenerz�hler getroffen. Die ganze Nacht lang hat die kleine Gwen ihm zugeh�rt. Sie konnte gar nicht genug bekommen von seinen Geschichten �ber Prinzessinnen, ferne K�nigreiche, Drachen und Prinzen. Ich habe den M�rchenerz�hler reichlich entlohnt, als er am n�chsten Morgen weitergezogen ist. Nie zuvor und nie wieder danach habe ich meine Tochter so gl�cklich gesehen...�</p><p>Der alte Mann k�mpfte mit den Tr�nen. Seine Lippen bebten, und es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis er sich wieder gefa�t hatte. �Meine Gwen ist jetzt schon viele Jahre tot...�</p><p>�Aber sie ist doch die Morrigan. Wenn die G�ttinnen nicht in ihr sind, dann mu� sie sich doch an dich erinnern und an ihre Kindheit.�</p><p>�Nein, S�nger.� Der Priester schniefte leise und pre�te die Lippen zusammen. �Damit sie vollkommen sein konnte, hat ihr die alte Hohepriesterin alles genommen. Gwen ist tot... Es ist eine gro�e Ehre, wenn ein M�dchen auserw�hlt wird, zur Morrigan zu werden. Verstehe mich nicht falsch... Es war schon immer so, da� es eine Hohepriesterin gegeben hat. Aber die alte Morrigan hat ihr Werk an meiner Tochter besonders gr�ndlich verrichtet. Gwen ist nur noch das Gef��. Wenn keine der G�ttinnen in ihr ist, sitzt sie nur reglos in ihrer Kammer und starrt vor sich hin. Wenn ich zu ihr spreche, scheint sie mich nicht zu h�ren. Die Priesterinnen m�ssen sie f�ttern, so als sei sie ein kleines Kind. Sie kann nicht einmal mehr einen L�ffel zum Mund f�hren, meine Gwen...�</p><p>Volker schaute betroffen zu Boden. Der Alte tat ihm leid, und doch war jetzt keine Zeit, sich seine Geschichte anzuh�ren. Der Kriegsrat hatte sich gewi� bereits im Langhaus der Burg versammelt, und sie w�rden einen Angriffsplan beschlie�en, ohne ihn geh�rt zu haben!</p><p>�Neman ist die einzige, die meiner Gwen wenigstens ein wenig �hnelt. Sie hat mir von dir erz�hlt. Sie liebt deine Geschichten, auch wenn ich glaube, da� du sie �ber deine Herkunft belogen hast.�</p><p>�Du wei�t also, da� ich nicht der...�</p><p>Der Priester l�chelte. �Ich wei�, wie Neman dich zu dem S�nger gemacht hat, der sich aus den Gr�bern der toten Helden erhebt. Es war ihr Entschlu�, da� du es sein solltest. Sie ist eine G�ttin. Sie wird wissen, was sie tut. Sie wollte dich hier haben, deshalb hat sie dich aus dem Grab geholt und die heilige Hochzeit mit dir gefeiert. Ich glaube, sie liebt dich. Nicht da� ich begreifen k�nnte, worauf sich diese Liebe begr�ndet, doch was wissen Menschen schon von G�ttern? Weil ich der Barde bin und wissen mu�, was wirklich war, wenn ich die Geschichte unseres Volkes weitererz�hlen will, hat sie mir die Wahrheit gesagt. Macha mag dich nicht. Sie h�lt dich f�r einen Betr�ger. Nimm dich vor ihr in acht! Vielleicht w�rde sie dich sogar t�ten. Babd bist du gleichg�ltig...� Der Priester l�chelte zynisch. �Doch achte darauf, da� Babd niemals eines deiner Gew�nder w�scht. Wenn du sie dabei siehst, wei�t du, da� der Tag gekommen ist, an dem du sterben wirst. Sei st�ndig auf der Hut! Wenn du mit einer der G�ttinnen zusammen bist, darfst du dich keinen Atemzug lang sicher f�hlen. Innerhalb eines Lidschlages k�nnte Neman den Leib der Morrigan verlassen, und vielleicht tritt Macha an ihre Stelle. Das war es, was du dort oben im Heiligtum beobachtet hast.�</p><p>Der Spielmann konnte dem Alten nicht glauben. Welches Ziel mochte der Priester mit dieser Geschichte verfolgen? Ob er es wagen sollte, ihn offen darauf anzusprechen? Es blieb nicht mehr viel Zeit. Vielleicht war es kl�ger, auf Intrigen und Spiegelfechterei zu verzichten? �Was willst du von mir, Ambiorix? Warum erz�hlst du mir das alles?�</p><p>�Weil du meine Tochter in deinen Armen halten wirst, wenn Neman sich entschlie�t, sich dir hinzugeben. Ihr Leib ist das einzige, was von Gwen noch �briggeblieben ist... Sei z�rtlich zu ihr...� Der Alte stockte. F�r einen Moment lang schien er um seine Fassung zu ringen. Dann sprach er leise, aber sehr eindringlich weiter. �Du geh�rst nicht hierher, S�nger. Ich habe dich beobachtet, wie du einer der Frauen, die sie aus der Burg des Normannen mitgebracht haben, in den Wald gefolgt bist. Ist sie der Grund daf�r, da� du gekommen bist? Sie hei�t Gunbrid, nicht wahr? Ist sie dein Weib?�</p><p>Volker sch�ttelte den Kopf. Ambiorix hatte ihn also tats�chlich durchschaut. �Gunbrid ist die Nichte meines K�nigs, Gunther von Burgund. Es ist wahr, ich wollte sie in ihre Heimat zur�ckbringen, aber sie hat beschlossen, bei den Priesterinnen zu bleiben.�</p><p>�Gehe zur�ck zu deinem K�nig, S�nger! Hier ist kein Ort f�r dich. Glaube mir, Macha wird dich t�ten. Nutze die n�chste Gelegenheit zur Flucht. Du kannst unsere Welt nicht verstehen. Ich sehe dir an, da� du meinen Worten kaum Glauben schenken magst, und doch sind sie wahr.�</p><p>Der Spielmann blickte Ambiorix lange in die Augen. Der Alte hielt ihm stand. Was f�r ein Spiel trieb der Priester? War er wirklich ein Freund? Oder versuchte Ambiorix, ihn zu einem Fehler zu verleiten? Als Volker gehen wollte, hielt der alte Mann ihn noch einmal zur�ck. �Wundere dich nicht �ber das, was im Kriegsrat gesprochen werden wird. Wir m�ssen die Fremden noch drau�en im Sumpf angreifen. Wir haben keine andere Wahl!�</p><p>�Das ist Irrsinn! Warum sollten wir den Vorteil einer gut befestigten Stellung aufgeben? Wenn Macha diesen Befehl gibt, werden viele M�nner aus der Stadt mit ihrem Leben daf�r zahlen m�ssen.�</p><p>Der Alte sch�ttelte �rgerlich den Kopf. �Du begreifst wirklich gar nichts. Wenn sie bis vor unsere Mauern kommen, dann ist unser Geheimnis verloren. Selbst ein Sieg w�rde uns dann nichts mehr nutzen. Sie d�rfen nicht erfahren, wo unsere Stadt liegt. Kommen sie hierher, und nur einem gelingt die Flucht, dann ist die Legende zerst�rt, da� kein Sterblicher das Reich des Nachtvolks betreten und wieder verlassen kann. Sie w�rden erkennen, was wir wirklich sind. Menschen, so wie sie. Sie w�rden wiederkehren, uns ihren Gott bringen und uns unterwerfen. Um unsere Freiheit zu behalten, m�ssen wir sie angreifen, bevor sie in den Nebel kommen. Ganz gleich, wie gro� unsere Aussichten auf einen Erfolg sind!�</p><p>Volker musterte Ambiorix mi�trauisch. Er hatte gesagt, kein Sterblicher d�rfe diese Stadt betreten und wieder verlassen. Dennoch hatte er ihm zuvor zur Flucht geraten. Es w�re wohl t�richt zu glauben, da� er lebend den Rand der S�mpfe erreichen konnte. Vermutlich w�rden ihm ein paar Bogensch�tzen folgen, sobald er die Stadt verlie�. Doch vielleicht gab es noch einen anderen Weg. Der Spielmann l�chelte h�flich. �Ich danke dir f�r deinen Rat und werde ihn beherzigen.�</p><p>Der Alte erwiderte sein L�cheln, doch wirkte es maskenhaft und nicht aufrichtig. �Du bist ein Mann meiner Zunft, S�nger. Ich bin verpflichtet, dir zu helfen.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>15. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Auf dem R�ckweg von Berengars Zelt blieb Golo an einem der gro�en Signalfeuer stehen, die am Ufer der Waldinseln entfacht worden waren. Sie sollten der Flotte, die vielleicht schon in dieser Nacht ankommen w�rde, den Weg durch die S�mpfe weisen. Mehr als drei�ig Drachenschiffe sollten Nachschub an Lebensmitteln, Waffen und Truppen bringen. Golo starrte in das gewaltige Feuer, das mit dem Holz des uralten Troph�enbaums gespeist wurde. Wie kleine Sterne stoben Funken aus der Spitze der Flamme und stiegen zum Nachthimmel auf.</p><p>Den ganzen Tag �ber hatten sie darauf gewartet, da� die Feen aus dem Sumpf kamen. Doch sie schienen zu ahnen, da� der Bischof ihnen eine Falle stellen wollte. Kein Boot hatte sich auf dem Wasser gezeigt, und es war auch kein Sturm losgebrochen wie an jenem Morgen, an dem er mit Volker und Gwalchmai hierhergekommen war. Es schien, als w�rde die Macht des Bischofs �ber die Zauberkraft des Nachtvolks triumphieren. Dennoch hatte Jehan de Thenac doppelte Wachen f�r die Nacht eingeteilt. Ob er wohl mit einem Angriff rechnete? Die gro�en Feuer waren auch eine Provokation. Sie mu�ten auf viele Meilen im Sumpf zu sehen sein.</p><p>Die Flammen warfen breite Streifen aus rotgoldenem Licht auf das Wasser. Golo dachte an das Abendessen mit Berengar. Die Diener des Anf�hrers der Ritter aus Armorika hatte gef�llte Wachteln und einen erlesenen Rotwein aufgetischt. W�hrend des Mahls hatte er mit Berengar noch einmal �ber das Pfingstturnier gesprochen, und der Recke hatte ihn lachend f�r seine Kunst im Umgang mit der Lanze gelobt. Der ehemalige Knecht seufzte. Langsam begann ihm das Leben als Ritter zu gefallen. Der Bischof hatte ihm am Nachmittag ein Rittergut hier in den S�mpfen versprochen. Vielleicht w�rde er sogar Vogt �ber die eroberten L�ndereien in den S�mpfen werden. Um seine Zukunft brauchte er sich keine Sorgen mehr zu machen! Jehan de Thenac w�rde ihn gewi� gut versorgen.</p><p>Golo blickte zum Wasser. Er glaubte, au�erhalb des Lichtkreises eine Bewegung gesehen zu haben. Ob die Schiffe sie schon gefunden hatten? Er kniff die Augen zusammen und sp�hte angestrengt in die Finsternis. Einige d�nne Baumst�mme trieben im Wasser. Dahinter konnte er schwach ein paar Kugeln, so gro� wie Kohlk�pfe, erkennen. Aber... Er fluchte. Das waren Schwimmer! Nur ein paar Schritt entfernt ert�nte ein unterdr�ckter Schrei. Dicht neben dem Feuer war ein nackter Krieger aus dem Wasser gestiegen und hatte einem W�chter mit einem breiten Messer die Kehle durchgeschnitten. Golo machte einen Satz zur�ck und zog sein Schwert. Die Feen waren also doch noch gekommen!</p><p>Hinter ihm ert�nten Alarmrufe. Feuerkugeln fielen wie Sternschnuppen aus dem Nachthimmel. Zwei Zelte gingen in Flammen auf. Jetzt konnte er auch am Waldrand nackte Krieger sehen. Sie kamen von allen Seiten! Nur ein paar Schritte entfernt trat Berengar vor sein Zelt. Er trug einen langen Reiterschild und hatte ein blankes Schwert in der Hand.</p><p>�M�nner aus Armorika, zu mir!� br�llte er �ber den Schlachtl�rm hinweg und ri� das Banner aus der Erde, das vor seinem Quartier aufgepflanzt war. Ringsherum kamen jetzt Krieger aus den Zelten gest�rmt. Doch nur die wenigsten hatten die Zeit gefunden, ihre Br�nne anzulegen. Die meisten waren halbnackt und so wie Berengar nur mit Schwert und Schild bewaffnet.</p><p>Dicht neben Golo schlug ein Pfeil in die Erde. Es war Zeit zu verschwinden. Die Schwimmer, die er beobachtet hatte, waren keine zehn Schritt mehr vom Ufer entfernt. Er drehte sich um und stand vor einem baumlangen, nackten Krieger, der sein Schwert zum Schlag erhoben hatte. Mit einem Sprung versuchte er, sich in Deckung zu bringen, doch die Scheide seines Schwertes verfing sich zwischen seinen Beinen, so da� er strauchelte. Der Sturz rettete ihm das Leben. Nur einen Finger breit verfehlte ihn die Klinge des Barbaren. Noch im Fallen ri� Golo sein Schwert hoch und stie� es seinem Gegner in den Bauch. So leicht wie ein Fleischmesser durch ein Bratenst�ck schnitt der Stahl durch das ungesch�tzte Fleisch. Der nackte Krieger stie� einen Schrei aus, der in einem Gurgeln erstickte. Blut tropfte ihm von den Lippen. Er versuchte den Arm zu heben und noch einmal anzugreifen.</p><p>Golo fluchte. Er mu�te seine Waffe wieder freibekommen! Die Bewegungen des Kriegers waren so langsam, als machten sie eine Fecht�bung, bei der er seinem Sch�ler einen neuen Schlag zeigte. Golo erinnerte sich daran, wie ihm der Bischof einmal erkl�rt hatte, was zu tun war, wenn man einem Feind die Klinge in den Leib gesto�en hatte. Er drehte die Waffe leicht zur Seite und ri� sie dann mit aller Kraft zur�ck. Sein Feind schien versteinert zu sein. Er hatte das Schwert jetzt hoch �ber den Kopf gehoben, und Golo wollte parieren, doch es kam kein Angriff. Der nackte Krieger starrte ihn mit seinen grauen Augen an. Er bewegte die Lippen, als wolle er etwas sagen, dann brach er in die Knie und kippte vorn�ber in den aufgew�hlten Uferschlamm. Dem jungen Ritter war �bel. Er hatte sich den Krieg anders vorgestellt. Golo hatte geglaubt, ein Kampf auf Leben und Tod sei ein langes Kr�ftemessen zwischen zwei Recken, in dem schlie�lich der St�rkere oder der Geschicktere triumphierte. Das hier ging so schnell. W�re ihm nicht die Schwertscheide zwischen die Beine geschlagen, dann w�rde er jetzt sterbend im Schlamm liegen.</p><p>Ein Schwimmer erreichte ein paar Schritt entfernt das Ufer und zog sein Schwert aus einem Ledergurt, den er �ber den R�cken trug. Der Kerl war am ganzen K�rper t�towiert und hatte seine Haare auf der Mitte des Kopfes zu einem Zopf zusammengebunden.</p><p>Golo begann zu laufen. Auf sich allein gestellt w�rde er in diesem Get�mmel nicht lange �berleben. Er duckte sich und lief zwischen den Zelten hindurch auf Berengar zu. An seiner Seite war er in Sicherheit. Der Ritter wu�te, wie man Schlachten �berlebte! Ein paar Recken hatten sich schon um ihn geschart.</p><p>�Hierher, Golo!� erklang eine laute Stimme, seitlich vom ihm. �Wir werden diese Heidenbrut in den Sumpf zur�cktreiben.� Es war Jehan, der ihn gerufen hatte. Der Bischof schritt aufrecht, anscheinend ohne Angst, durch das Get�mmel. Er trug weder einen Schild noch sein Panzerhemd. Ob er wohl glaubte, der Heiland w�rde ihn vor Pfeilen besch�tzen?</p><p>�Begebt Euch in Deckung, Herr!� Golo b�ckte sich nach einem Toten und zog ihm den Schild vom Arm.</p><p>�Das sind doch nur dahergelaufene Strauchdiebe! Ihnen in einer R�stung entgegenzutreten hie�e, ihnen zuviel der Ehre anzutun. Komm schon her, Junge, wir werden sie lehren, was es hei�t, sich gegen Christenmenschen aufzulehnen.� Ein Pfeil verfehlte den Bischof um eine Handbreit, doch Jehan schien das nicht zu bemerken. Er wandte sich zum Wald und fluchte gottesl�sterlich. Man mu�te wohl ein Kirchenmann sein, um bei solchen Worten nicht um sein Seelenheil bangen zu m�ssen.</p><p>�Kommt her, ihr bocksbeinigen Satansbuhlen. Ich werde jedem, der dem Gottseibeiuns den Arsch gek��t hat, sein Gem�cht abrei�en und es ihm in den Rachen stopfen, bis er daran erstickt. Wo steckt ihr? Ich war es, der ins Horn gesto�en hat! K�mpft mit mir, ihr Feiglinge!�</p><p>Wohl ein halbes Dutzend Pfeile schlug rund um den Bischof in den Boden. Ein Ritter, der zu Jehan laufen wollte, um den Kirchenf�rsten mit seinem Schild abzuschirmen, wurde von einem Gescho� ins Auge getroffen und ging zu Boden. Doch Jehan schien wie durch ein Wunder gegen die Pfeile der Heiden gefeit zu sein. Als ein zweiter Ritter, der an die Seite des Heerf�hrers eilen wollte, von einem Speer durchbohrt wurde, entschied Golo f�r sich, da� es kl�ger w�re, sich in der Schlacht nicht in Jehans N�he aufzuhalten.</p><p>Hinter seinen Schild geduckt, rannte er zu Berengar. Um den Recken hatten sich inzwischen mindestens zwanzig Ritter gesammelt und einen Kreis gebildet, so da� der Feind sie nicht im R�cken angreifen konnte. In ihrer Mitte wehte trotzig Berengars Banner. �Hierher, von Zeilichtheim!� Der gro�gewachsene Krieger winkte ihn an seine Seite, und eine L�cke �ffnete sich in der Mauer der Schilde. �Gut, dich lebend zu sehen, mein Freund! Ich f�rchte, wir haben diese Bastarde untersch�tzt. Sie m�ssen an die hundert Bogensch�tzen dort dr�ben im Wald haben. Wenn wir es nicht schaffen, unter denen aufzur�umen, dann werden wir alle uns den Sonnenuntergang von Pfahlspitzen aus ansehen. Diese Hundes�hne haben den Zeitpunkt f�r ihren Angriff verdammt gut abgepa�t.�</p><p>Golo wollte ihm etwas antworten, doch klapperten ihm die Z�hne so sehr, da� er kein Wort herausbrachte.</p><p>�Im leichten Marschtritt zum Wald�, rief Berengar, und der Schildkreis begann sich in Bewegung zu setzen.</p><p>Der Ritter verpa�te Golo einen sanften Sto� in die Rippen. �Bleib neben mir, Freund! In seiner ersten Schlacht ist es wichtig, einen erfahrenen K�mpen an seiner Seite zu haben. Ich pass� auf dich auf.�</p><p>Der ehemalige Knecht nickte dankbar. Den Schild sch�tzend vor die Brust gehoben, bem�hte er sich, im Gleichschritt mit den anderen Rittern zu bleiben. Rings um sie brannte bereits die H�lfte des Lagers. Es war taghell auf der Lichtung, der Wald aber erschien wie eine drohende, schwarze Mauer. Ein dumpfes Donnern ert�nte vor ihnen. Golo sp�rte, wie der Boden unter seinen F��en erbebte.</p><p>�Bei der Jungfrau Maria!� zischte Berengar. Dann br�llte er los. �Runter, duckt euch hinter eure Schilde und haltet die Formation, sonst sind wir alle tot!�</p><p>Jetzt konnte Golo den Ursprung des L�rms erkennen. Die Heiden hatten die Pferde aus ihrem Pferch am Wald befreit und trieben sie ihnen entgegen. Wie eine Meereswoge kamen die gro�en Schlachtr�sser auf sie zugest�rmt. Golo stie� die Spitze seines Schildes vor sich in den Boden und kauerte sich nieder. Die vorderste Front der Pferde war jetzt keine zehn Schritt mehr entfernt. Ein schwarzer Hengst kam direkt auf ihn zu galoppiert. Wiehernd warf er den Kopf in den Nacken und wich zur Seite aus, als er bis auf zehn Schritt heran war. So wie eine Woge vor einem Fels im Strom, so teilte sich die Front der Pferde, um dem Schildwall auszuweichen. Doch der Platz war zu eng. Schon wurden die M�nner an den �u�eren Enden der lebenden Mauer niedergetrampelt. Immer sp�ter wichen die Pferde zur Seite. Dann setzte der erste Hengst �ber ihn hinweg. Golo konnte sehen, wie dem Mann zu seiner Linken von einem Huf der Sch�del zerschmettert wurde. Einige Herzschl�ge lang schien die Welt nur noch aus dampfenden Pferdeleibern und aufgewirbeltem Schlamm zu bestehen. Dann war der Spuk vorbei. Doch es blieb keine Zeit zum Atemholen, denn den Hengsten folgten die Barbaren. Heulend wie W�lfe fielen die nackten Krieger �ber sie her.</p><p>�Auf die Beine�, befahl Berengar mit ruhiger Stimme. �Schlie�t die L�cken im Wall. R�ckt zusammen, und dann schickt mir diese Bastarde in die H�lle!�</p><p>Golo hatte das Gef�hl, in einem Alptraum gefangen zu sein. Dicht wie Hagelschlag prasselten die Schwerthiebe der Barbaren auf ihre Schilde. Jetzt bew�hrten sich die harten Schwert�bungen, die ihm der Bischof aufgezwungen hatte. Ohne nachzudenken, schlug er �ber den Schildrand hinweg auf die Feinde ein. Ein Speer verletzte ihn an der Wange unter seinem linken Auge, und ein Dolch schnitt ihm in den Oberschenkel. Doch der junge Ritter f�hlte keinen Schmerz. Wie eine Viper zuckte sein Schwert den Feinden entgegen, und schlie�lich zogen sich die Wilden zur�ck. Kaum war diese Gefahr �berstanden, da hagelten wieder Pfeile auf sie herab. Verzweifelt kauerte sich Golo hinter seinen Schild. Er war �berzeugt davon, da� er keine Stunde mehr zu leben hatte. Etwas Warmes lief ihm die Beine hinab. Ungl�ubig blickte er an sich hinab. Er konnte das Wasser nicht mehr halten!</p><p>Berengar, der neben ihm kauerte, folgte seinem Blick und grinste. �Mach dir nichts draus! In meiner ersten Schlacht hab� ich mir ins Kettenhemd geschissen. Das ist mindestens der H�lfte der M�nner hier passiert. Was glaubst du, wie mein Waffenknecht geflucht hat, als der sich abends um die Sauerei k�mmern mu�te!�</p><p>Golo l�chelte verlegen. �Werden wir alle sterben m�ssen in dieser Nacht?� fragte er leise.</p><p>Berengar sch�ttelte den Kopf. �Unsinn! Die Nackt�rsche haben sich gerade eine ganz sch�n blutige Nase geholt, als sie gegen unseren Schildwall angest�rmt sind. Ich bin sicher, wir haben das Schlimmste �berstanden.� Hinter ihnen erklang das Rufen vieler H�rner im Nebel. Die Barbaren schienen vom Wasser her Verst�rkung zu bekommen. Jetzt war alles vorbei!</p><p>Zwischen den brennenden Zelten formierten sich die Krieger des Nachtvolks zu einem neuen Angriff. Einen Moment lang glaubte Golo, einen Mann zwischen ihnen zu sehen, der Volker �hnelte. Er schien die Krieger zur�ckhalten zu wollen. Der ehemalige Knecht l�chelte. Was f�r ein Unsinn, sich den Herrn von Alzey als nackten Barbaren vorzustellen!</p><p>Eine Frau mit einem schwarzen Umhang war zwischen den Feenk�mpfern erschienen. Sie wies mit ihrem Schwert auf den Schildwall, und die Barbaren st�rmten los. Golo fl�sterte ein stummes Gebet. Auch in ihrem R�cken erklangen jetzt laute Kriegsschreie.</p><p>�Das sind unsere!� erklang eine schrille Stimme. Ungl�ubig blickte Golo �ber die Schulter. Ein schlanker Drachenhals schob sich aus dem Nebel am Ufer. Dann erschien ein dunkler Bootsleib. M�nner mit langen B�rten und bunt bemalten Rundschilden sprangen ins Wasser und kamen auf sie zugelaufen. Es waren die Nordm�nner, die der Bischof in seinen Sold genommen hatte! Sie waren gerettet!</p><p>Ein Hagel von Pfeilen prasselte gegen den Schildwall. Dann r�ckte die zweite Angriffswelle der Barbaren heran. Mit neuem Mut hob Golo sein Schwert. Sie w�rden nicht mehr lange durchhalten m�ssen!</p><p>�Du hattest recht, wir werden es schaffen, Berengar!� Der Ritter aus Armorika antwortete nicht. Der Knecht blickte hastig nach rechts. Die Angreifer hatten ihre Formation fast erreicht. Erschrocken erkannte Golo, da� neben ihm eine L�cke in den Wall gerissen war. Berengar lag, halb von seinem Schild bedeckt, am Boden. Ein rot gefiederter Pfeil ragte aus seiner Kehle. Mit einem weiten Schritt trat ein anderer Ritter �ber den toten Recken hinweg und schlo� die L�cke im Schildwall. Dann begann erneut das Gemetzel.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Greift an! Wir werden sie zu den Schiffen zur�cktreiben.� Macha selbst stand in der vordersten Schlachtreihe und feuerte ihre Krieger an. Doch ihr Kampf war aussichtslos. Volker packte die wiedererstandene G�ttin an der Schulter und zog sie zur�ck. �Wir m�ssen hier fort. Sie sind uns um das Doppelte �berlegen, und sie sind besser ausger�stet. Wir k�nnen diese Schlacht nicht mehr gewinnen.�</p><p>�Verr�ter�, zischte Macha w�tend. �Was wei�t du schon von den Kriegern des Sumpfvolkes?�</p><p>�Nur was ich sehe, und das gen�gt! Blick dich um! Deine Krieger sterben wie die Fliegen. Wenn du noch jemanden nach Galis zur�ckbringen willst, dann gib endlich Befehl zum R�ckzug, sonst �berl��t du die Stadt wehrlos den Normannen.�</p><p>Macha sch�ttelte den Kopf. �Das Nachtvolk ist noch niemals besiegt worden. Auch wenn wir uns zur�ckziehen, werden wir vernichtet werden und...�</p><p>Volker holte mit der Waffe aus und schlug Macha mit der flachen Seite seines Schwertes vor die Schl�fe. Die Rabeng�ttin strauchelte, und er fing sie in seinen Armen auf. �Du hast es nicht anders gewollt, t�richte N�rrin�, fl�sterte der Spielmann. Hastig blickte er sich um. Keiner der M�nner schien bemerkt zu haben, was er getan hatte, oder sie waren klug genug zu schweigen. Volker war davon �berzeugt, da� jeder der Krieger Macha bis in den Tod gefolgt w�re, doch sie mu�ten wissen, da� es ein sinnloses Opfer war. Nun hatte er das Kommando. Schlie�lich war er w�hrend der heiligen Hochzeit zum K�nig gek�rt worden.</p><p>�Zur�ck zu den Booten. Die G�ttin ist verletzt. Wir m�ssen sie nach Galis bringen!� Der Ritter hatte M�he, mit seiner Stimme den Schlachtenl�rm zu �bert�nen. Seit der Feind Verst�rkung erhalten hatte, hatten sich die Seiten verkehrt. Jetzt waren sie es, die in die Defensive gedr�ngt waren. Noch hielt die lockere Schlachtreihe gegen die w�tenden Angriffe der Normannen, doch Schritt um Schritt wichen die Krieger des Nachtvolks zum Wald hin zur�ck.</p><p>Ihre Lage wurde mit jedem Augenblick aussichtloser. Wenn er den Befehl gab, die Schlachtlinie aufzul�sen und zu den Booten zu fliehen, dann w�rde mindestens die H�lfte der Krieger auf der Flucht niedergemetzelt. Er mu�te die Formation der Normannen zerstreuen. Nur dann konnten seine M�nner einen halbwegs geordneten R�ckzug antreten.</p><p>Volker winkte einen jungen Krieger herbei. �Nimm dir ein paar Krieger und schaffe Macha zu einem der Boote! Die G�ttin mu� vor den Feinden gerettet werden.�</p><p>Der junge Mann nickte stumm. Tr�nen rannen ihm �bers Gesicht, als er Macha auf den Arm nahm und gesch�tzt durch zwei Schildtr�ger zum Wald zur�cklief. Auf der anderen Seite der Halbinsel lagen die Boote versteckt, auf denen die kleine Armee des Nachtvolks von Galis her �bergesetzt war. Volker betete stumm, da� sich keines der normannischen Drachenboote dorthin verirrt hatte. Es war nur eine Handvoll Knaben und alter M�nner zur Bewachung zur�ckgeblieben. Die Nordm�nner w�rden leichtes Spiel mit ihnen haben. Er sollte lieber erst gar nicht daran denken! Wenn sie die Boote verloren, gab es keine M�glichkeit zum R�ckzug mehr.</p><p>Fluchend griff Volker nach dem Horn an seinem G�rtel. Abgesehen von dem breiten Wehrgeh�nge um seine H�ften war auch er nackt und mit magischen Zeichen bemalt, wie die �brigen K�mpfer des Nachtvolks. Er w�rde jetzt das Zeichen geben. Wenigstens hatten diese Narren beim Kriegsrat in diesem Punkt auf ihn geh�rt. Es waren einige Hornsignale ausgemacht worden, die alle Krieger kannten. Dies war die einzige M�glichkeit, die Truppen im dichten Schlachtget�mmel noch zu lenken.</p><p>Dreimal erklang der Ruf seines Horns, dann hob Volker sein Schwert und dr�ngte sich erneut in die vorderste Schlachtreihe. Es war absurd, da� er als christlicher Ritter hier auf seiten der Heiden gegen ein christliches Heer focht. Im Grunde stand er auf der falschen Seite. Nur Gunbrid zuliebe war er in diese Schlacht gezogen. Nach dem Kriegsrat war die Nichte seines K�nigs in seine Gem�cher gekommen und hatte ihm in aller Deutlichkeit geschildert, was geschehen w�rde, wenn er sie nicht <emphasis>verteidigte. </emphasis>Gunbrid hatte schon immer eine scharfe Zunge gehabt und ihre Argumente wie Pfeile auf ihn abgeschossen! Nat�rlich wu�te Volker, was geschehen w�rde, wenn ein christliches Heer eine heidnische Stadt eroberte. Es w�rde vergewaltigt, gemordet und gebrandschatzt. Und er war zu ihrem Schutz hier.</p><p>Der Spielmann wich dem Angriff eines Axtk�mpfers aus und traf den Mann mit seinem Schwert knapp oberhalb des Knies in den Schenkel. Volker bem�hte sich, keinen der christlichen K�mpfer zu t�ten. Niemals h�tte er sich tr�umen lassen, da� diese Reise damit enden w�rde, da� er gezwungen war, gegen die rechtm��igen Herren Aquitaniens zu k�mpfen. Doch als Ritter Gunthers mu�te er dessen Nichte besch�tzen, und das konnte er nur, indem er verhinderte, da� diese Bastarde die Mauern von Galis erreichten. Verzweifelt hatte er im Kriegsrat versucht, Macha von einem direkten Angriff auf das Ritterheer abzuhalten. Doch die Rabeng�ttin hatte sich durchgesetzt. Noch nie hatten ihre Krieger eine Niederlage erlitten, und sie folgten ihr blind.</p><p>Endlich erklang vom Wald her das Ger�usch donnernder Hufe. Bei ihrem Angriff war nur ein Teil der Schlachtr�sser in das Lager der Normannen getrieben worden. Mit seinem Hornsignal hatte er den Befehl erteilt, auch die restlichen Pferde auf die Lichtung zu treiben. Nur so bestand Hoffnung, die Reihen der Feinde durcheinanderzubringen. Volker duckte sich unter dem Angriff eines h�nenhaften Normannen, der zweih�ndig eine riesige Axt f�hrte. Hastig blickte er hinter sich. Schon konnte er die ersten Pferde zwischen den B�umen erkennen. Zuerst w�rden die Tiere durch die Schlachtreihe des Nachtvolks brechen. Volker hoffte, da� nicht allzuviele seiner M�nner unter den Hufen der Schlachtr�sser sterben w�rden. Ohne schwere Kettenhemden waren sie wendiger als die Normannen und konnten den Pferden leichter ausweichen.</p><p>Der Axtk�mpfer, der eben noch auf ihn eingedroschen hatte, lie� nun seine Waffe fallen und wandte sich zur Flucht. Noch bevor die Hengste die Lichtung erreichten, zerfielen die Schlachtreihen des Nachtvolks und der Christenritter. Volker stie� sein Schwert in die Scheide zur�ck und drehte sich zu den Pferden um. Mit einem Hechtsprung wich er einem grauen Hengst aus und griff dann in die M�hne eines Rappen, um sich auf den R�cken des Pferdes zu ziehen. Hier oben war er am sichersten. Flach �ber den Hals des Pferdes gebeugt, zog er sein Horn aus dem G�rtel und gab das Signal zum R�ckzug.</p><p>So wie eine Lawine, die einen Bergwald niederrei�t, zersprengten die Pferde die Reihen der Normannen. Auf der engen Lichtung war nur wenig Platz zum Ausweichen. Schreiend liefen die Krieger und S�ldner durcheinander. Durch die M�nner von den Schiffen hatte sich die Anzahl der Soldaten, die auf der Lichtung zusammengepfercht waren, mindestens verdoppelt. Wie aufgescheuchte H�hner rannten die Normannen herum, und es war sicher kaum einer unter ihnen, der jetzt daran dachte, die fl�chtenden Heiden zu verfolgen.</p><p>Volker hieb seinem Hengst die Fersen in die Flanken und versuchte, das Pferd zum Rand des Lagers hin zu lenken. Er mu�te sehen, da� er von hier fortkam. Wenn die Pferde erst einmal begannen, sich zu beruhigen, dann sollte er besser nicht mehr inmitten des feindlichen Heerlagers sein.</p><p>Obwohl der Spielmann ein ausgezeichneter Reiter war, hatte er mit dem scheuenden Hengst einige M�he. Ohne Sattel und Zaumzeug hatte er noch nie zuvor in seinem Leben ein Pferd geritten. Ganz zu schweigen davon, da� er nat�rlich auch noch niemals nackt auf einem Hengst gesessen hatte. F�r ein Heldenlied bei Hof w�re diese Schlacht gewi� nicht geeignet, obwohl einige Damen Gefallen an solchen Geschichten finden w�rden.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>16. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Staunend und ein wenig verwundert betrachtete Golo die Stadt des Nachtvolks. Die Sp�her des Bischofs hatten sie auf einer Insel inmitten der S�mpfe entdeckt, und drei Tage nach der Schlacht am Troph�enbaum landete das christliche Heer auf dem Eiland. Der junge Ritter hatte himmelhohe, marmorne T�rme erwartet, goldene D�cher und seidene Banner, die von den Zinnen flatterten. Doch es gab nichts von alledem. Drei m�chtige Mauern aus Bruchstein umg�rteten die Stadt auf dem H�gel. Die D�cher der H�tten waren aus Schilf oder Holzschindeln. Rings um die Stadt breiteten sich �cker aus, durchzogen von einem komplizierten System von Kan�len und Deichen. Nichts erschien ihm hier zauberhaft. Es gab keine Feen! Diese Stadt war zweifellos von ganz normalen Sterblichen erbaut. So dachte jeder Soldat im Heer des Bischofs, und gierig starrten die M�nner nach den Mauern. Jehan de Thenac hatte ihnen Gold und Silber versprochen, das sich angeblich in den Tempeln der Heiden zuhauf t�rmte. Auch waren die M�nner entschlossen, Rache f�r den �berfall auf das Lager zu nehmen. Mehr als zweihundert Mann hatten in jener Nacht den Tod gefunden, und es gab noch einmal so viele Verwundete.</p><p>Mit der Niederlage schien der Wille zum Widerstand unter den Sumpfleuten gebrochen zu sein. Fast unbehelligt hatte das Heer des Bischofs den Sumpf durchquert, und auch w�hrend das Lager vor den Mauern der Stadt errichtet wurde, gab es keinen Widerstand. Die hohen W�lle schienen verlassen, und abgesehen von den wei�en Rauchs�ulen der Torffeuer, die �ber den D�chern fast senkrecht in den Himmel stiegen, gab es nicht das geringste Lebenszeichen.</p><p>Die Byzantiner, die der Bischof in seinen Sold genommen hatte, waren den ganzen Nachmittag �ber damit besch�ftigt gewesen, zwei gro�e Katapulte aus vorgefertigten Holzteilen zusammenzusetzen. Wie die L�ffel eines Riesen sahen die langen Arme der Gesch�tze aus. Die Kellen am Ende der h�lzernen Arme waren mit dicken Eisenblechen verkleidet und schimmerten matt in der Sonne. Golo, der mit einigen anderen Rittern zum Schutz der Katapulte abkommandiert war, beobachtete neugierig die Fortschritte, die die Arbeit der Griechen machte. Statt Felsbrocken schafften sie nun etliche kleine Kisten heran.</p><p>Erst als die Gesch�tze fertig zusammengebaut waren und die Byzantiner Gelehrten sie jeweils dreimal abfeuern lie�en, ohne jedoch ein Gescho� auf ihre h�lzernen L�ffel zu legen, wurde die erste der Kisten ge�ffnet. Sie enthielt einen bauchigen, fast runden Tonkrug, der mit einer Manschette aus geflochtenem Stroh umgeben war. Auch die Kiste selbst hatte man mit goldgelbem Stroh ausgepolstert, so als seien die Tongef��e von ungeheurem Wert und d�rften auf gar keinem Fall zerbrechen.</p><p>Zwischen den beiden Katapulten war eine eiserne Sch�ssel auf einem Dreibein aufgestellt worden, in der gl�hende Kohlen glommen. Zwei kleine F�sser wurden herangerollt, und man hebelte ihre Deckel auf. Sie waren bis zum Rand mit einem schwarzen, �bel stinkenden, z�hfl�ssigen Schlamm gef�llt. Einer der Byzantiner, ein �lterer Mann mit grauen Bartstoppeln auf den Wangen, gab ein Kommando, und zwei seiner Waffenknechte plazierten auf den Wurfl�ffeln der Katapulte je einen dieser merkw�rdigen Tonkr�ge.</p><p>�Die wollen die Heiden hinter ihren W�llen wohl mit griechischem Wein vergiften�, spottete einer der normannischen Ritter. Golo schmunzelte. Indessen traten zwei der M�nner, die den Aufbau der Gesch�tze beaufsichtigt hatten, an die beiden F�sser mit der stinkenden Fl�ssigkeit. Sie tauchten grobe Pinsel in den schwarzen Schlamm und bestrichen dann die Strohmanschetten um die Kr�ge damit. Anschlie�end traten sie hastig zur�ck und warfen dem Mann mit den Bartstoppeln einen erwartungsvollen Blick zu. Dieser nickte, trat an die Feuerschale und entz�ndete dort eine Fackel. Dann hielt er die Flammen an einen der Kr�ge, und augenblicklich griff die Glut auf den Schlamm �ber. Dicker, �liger Rauch stieg auf. Der Grieche br�llte einen Befehl, und einer der Waffenknechte ri� einen Hebel an der Seite des Gesch�tzes herum. Der Katapultarm schnellte hoch und schleuderte den Krug in die Luft. Das Gescho� war jetzt von einem dichten Flammenmantel umh�llt und zog einen langen Schweif aus dunklem Rauch hinter sich her. Nach kurzem Flug senkte es sich auf die Stadt herab und verschwand zwischen den H�usern. Fast im n�chsten Augenblick reckte sich eine Flammenzunge zwischen den schilfgedeckten H�userd�chern empor. Das Feuer griff auf die Dachgiebel �ber.</p><p>Der Gesch�tzmeister drehte sich zu den normannischen Rittern um und grinste �berheblich. �Wie Ihr seht, meine Herren, brennt griechischer Wein nicht nur in der Kehle.�</p><p>Seine Waffenknechte machten sich bereits an den Winden zu schaffen, mit denen das Gesch�tz erneut gespannt wurde. Einige Herzschl�ge lang geno� der Byzantiner ihr Staunen, dann wandte er sich zu seinen Gesch�tzen um und steckte das n�chste Gescho� in Brand. Eine zweite gl�hende Feuerkugel stieg in den Himmel und flog der Stadt entgegen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>In der H�lle konnte es nicht schlimmer sein, dachte Volker, w�hrend er daf�r sorgte, da� seine Krieger die Stadt unterhalb der Burg r�umten. Mehr als zwei Dutzend Br�nde gab es bereits. Das Feuer, das die Normannen in die Stadt schleuderten, lie� sich mit Wasser nicht l�schen. Der Spielmann hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Die Flammen brannten sogar auf nacktem Stein und Pf�tzen. Woher sonst als aus der H�lle konnte solches Feuer kommen!</p><p>�Treibt das Vieh aus den St�llen�, rief er einer Gruppe junger Krieger zu, die voller Entsetzen in die Flammen starrten. Sie waren noch Knaben, und wahrscheinlich hatte noch keiner von ihnen mehr als f�nfzehn Sommer gesehen. Volker fluchte. Die Lage der Stadt war verzweifelt! Er hatte nicht genug K�mpfer, um den ersten der drei Wallringe l�ckenlos zu besetzen. Wenn die Normannen von mehreren Seiten gleichzeitig angriffen, w�rden sie mit Sicherheit schon bei ihrem ersten Sturm die Verteidigungslinie durchbrechen.</p><p>Seit der Niederlage am Troph�enbaum hatten die Krieger des Nachtvolks ihn als Anf�hrer akzeptiert, doch wann immer Macha erschien, galten seine Befehle nichts mehr. Willig folgten sie den Worten der Rabeng�ttin, auch wenn offensichtlich war, da� sie die Lage der Stadt nicht richtig einzusch�tzen vermochte. H�tte dieses t�richte Weib nur auf ihn geh�rt und den Angriff auf die Normannen nach dem Anfangserfolg sofort abgebrochen! Dann st�nden sie jetzt nicht so schlecht da!</p><p>Sie war es auch, die befohlen hatte, den vordersten Wall zu verteidigen, obwohl es offensichtlich war, da� sie dazu nicht genug M�nner hatten. Volker hatte zwanzig der besten K�mpfer zu einer Gruppe zusammengefa�t und sie ein St�ck hinter den W�llen plaziert. Wann immer die Normannen an einem Mauerabschnitt durchbrachen, sollte diese Elitetruppe in die Bresche st�rmen, um die Angreifer wieder zur�ckzudr�ngen. Doch auch das w�re nur ein Tropfen auf einen hei�en Stein. Drau�en vor den Mauern hatten �ber tausend Feinde ihr Lager aufgeschlagen, und Volker hatte nicht einmal mehr hundert brauchbare K�mpfer. Selbst nachdem die Knaben und alten M�nner bewaffnet worden waren, stieg die Zahl der Verteidiger kaum �ber zweihundert. Auch wenn die M�nner des Nachtvolks wie die L�wen k�mpften und jeder von ihnen zwei oder drei Normannen erschlagen w�rde, war ihre Stadt verloren. Es gab keine Hoffnung mehr. Das einzige, was sie jetzt noch retten konnte, war ein Wunder. Doch durften Heiden in der Welt Gottes mit solcher Gnade rechnen?</p><p>Volker war allein auf einer der Stra�en der brennenden Unterstadt. Alle Zivilisten mu�ten hier unten verschwinden. Manche wollten nicht einsehen, da� der Kampf gegen das Feuer aussichtslos war. Andere versuchten verzweifelt, ihre Habe zu retten. Zu allem Ungl�ck war der Wind auch noch aufgefrischt und lie� die Flammen von Dach zu Dach springen.</p><p>Volker schlug sich den Umhang vors Gesicht. Dichter Qualm trieb durch die engen Stra�en. Seit der Niederlage in den S�mpfen trug er wieder normale Kleidung und scherte sich einen Teufel um den Brauch des Nachtvolks, nackt in die Schlacht zu ziehen.</p><p>Zwischen dem treibenden Rauch sah er ein kleines M�dchen. Sie hielt etwas eng gegen die Brust gepre�t und schien die Orientierung verloren zu haben. Ein pfeifendes Ger�usch �bert�nte das Fauchen der Flammen. Am Himmel war ein gl�hender Punkt zu sehen.</p><p>�Lauf in ein Haus! Schnell!� Volker duckte sich in einen T�reingang. Das M�dchen schien ihn nicht geh�rt zu haben. Benommen taumelte es durch den Rauch. Keine drei Schritt hinter ihr schlug eines der teuflischen Geschosse auf den Boden und zerschellte. Fl�ssiges Feuer spr�hte �ber den Weg aus festgetretenem Lehm. Flammen leckten an den Hausw�nden empor. Ein gellender Schrei erklang. Volker sprang aus seiner Deckung. Das M�dchen kam ihm entgegengerannt, das Gesicht von Schmerz und Schrecken verzerrt. Etwas von dem fl�ssigen Feuer war auf ihren R�cken gespritzt. Jetzt erkannte Volker, was sie so fest gegen ihre Brust dr�ckte. Es war eine kleine Puppe aus Stroh.</p><p>Der Spielmann ri� sich den Umhang von den Schultern. �Du mu�t dich auf den Boden werfen!� Das M�dchen h�rte ihn nicht. Es lief auf ihn zu und umklammerte schreiend seine Beine. Verzweifelt versuchte Volker, mit seinem Umhang die Flammen auf ihrem R�cken zu ersticken. Bald war das Feuer verloschen; und er ri� ihr die schwelenden Reste ihres Kleidchens vom Leib und nahm sie in die Arme. Die Kleine hatte aufgeh�rt zu schreien. Sanft strich Volker ihr �ber das versengte Haar. �Es wird alles wieder gut, meine Prinzessin. Ich bringe dich zu den Priesterinnen. Die werden deine Schmerzen wegzaubern und nach deinen Eltern suchen.�</p><p>Er blickte dem M�dchen ins Gesicht. Ihre Wangen waren ru�verschmiert. Ihre gro�en, braunen Augen waren starr vor Entsetzen. Der Spielmann wischte ihr die Tr�nen von den Wangen. Er konnte sp�ren, wie das Blut aus den Wunden auf ihrem R�cken seinen Umhang durchtr�nkte. �Ich werde dich ganz vorsichtig halten. Wenn ich dir weh tue, dann sagst du es mir, ja...�</p><p>Eine Hand griff von hinten nach Volkers Schulter. �Sie kann dich nicht mehr h�ren, S�nger.� Erschrocken drehte sich der Spielmann um. Neman stand hinter ihm. �Was wei�t du schon?� grollte er. �Du kannst zaubern! Hilf ihr, so wie du mir in der H�hle geholfen hast.�</p><p>Sie blickte ihn mitleidig an. Dann nickte sie. �Leg das Kind auf den Boden.�</p><p>Volker gehorchte. Die Arme des M�dchens hingen schlaff herab. Er griff nach ihren zierlichen H�nden und rieb sie mit seinen groben Fingern. �Die wiedergeborene G�ttin ist gekommen, um dir zu helfen�, fl�sterte er. Sein Umhang war verrutscht, so da� er ihren zarten K�rper sehen konnte. Ihre Haut war makellos wei�. Nirgends war auch nur die kleinste Brandblase zu sehen.</p><p>Neman kniete neben der Kleinen nieder. Vorsichtig strich sie ihr �ber das versengte Haar. Dann drehte sie das Kind behutsam auf die Seite. Der ganze R�cken des M�dchens war eine einzige Wunde. Hautfetzen klebten an dem blutdurchtr�nkten Umhang. �Glaubst du mir jetzt, da� sie tot ist? Keine Macht dieser Welt kann sie mehr zum Leben erwecken.�</p><p>Volker schluckte. Es war, als s��e ihm ein faustgro�er Klo� in der Kehle.</p><p>Neman streckte ihm ihre Hand entgegen. �Komm mit mir! Du hast alles getan, was in deiner Macht stand. Ich wei�, da� du in den letzten drei Tagen fast nicht mehr geschlafen hast. Du mu�t jetzt ruhen. Die Normannen werden heute nicht mehr angreifen. Wenn sie die Stadt erobern wollen, werden sie warten, bis die Flammen verloschen sind.�</p><p>�Es ist alles verloren.�</p><p>Die junge Frau sch�ttelte energisch den Kopf. �Nein, Macha wei�, wie wir siegen werden. Sie hat mir verraten, da� sie einen Plan hat. Sie sagt, da� man die, die das Feuer bringen, nur durch das Wasser besiegen kann.�</p><p>Volker nickte m�de. Er hatte nicht mehr die Kraft zu widersprechen. Was nutzte es auch? Er hatte in den S�mpfen gesehen, was von Machas Pl�nen zu halten war. Die Rabeng�ttin wu�te nicht, wann eine Schlacht verloren war. Sie w�rde die ganze Stadt opfern...</p><p>Er griff nach der Hand der Totenkl�gerin. Neman f�hrte ihn durch die rauchverhangenen Stra�en zur K�nigsburg hinauf. Hunderte Menschen dr�ngten sich auf dem Innenhof der Festung, dennoch war es unheimlich still. Schweigend machten sie der G�ttin Platz. Volker konnte die Angst in den Augen der M�nner und Frauen sehen. Sie wu�ten, da� es keine Hoffnung mehr gab.</p><p>Neman brachte ihn in sein Gemach. Es war ein kleiner Raum ohne Fenster. Zwei kleine �ll�mpchen, die in Wandnischen standen, vertrieben die Finsternis. Hier war es angenehm k�hl. Volker hatte das Gef�hl, seine Glieder seien so schwer wie Blei. M�de lie� er sich auf seinem Lager aus Pelzen und bestickten T�chern nieder. Das Zimmer war nur k�rglich eingerichtet. Es gab einen gro�en Tisch, auf dem ein Krug und eine flache Wassersch�ssel standen. Unter den Tisch waren zwei mit Schnitzereien geschm�ckte St�hle geschoben. Die schmale Nordwand wurde von einem breitem Kamin eingenommen, in dem kein Feuer glomm.</p><p>Ersch�pft lie� sich der Spielmann auf die Felle zur�cksinken. Was f�r Possen trieb das Schicksal mit ihm? Vor ein paar Wochen erst war er zum K�nig eines wunderlichen Barbarenvolkes geworden, und morgen w�rde er inmitten seiner brennenden K�nigsburg sterben. Was f�r ein Heldenlied h�tte man aus dieser Geschichte machen k�nnen! Er schmunzelte und blickte zu Neman. Die G�ttin hatte ihren Umhang �ber den Tisch geworfen. Sie �ffnete die beiden Fibeln, die ihr Kleid an den Schultern zusammenhielten. Der d�nne Stoff glitt zu Boden. Volker war wie gebannt von ihrem Anblick. Seit Wochen waren sie verheiratet, doch sie hatte nie an seiner Seite gelegen. Ihr K�rper war vollkommen. Schlank, aber nicht hager, die Br�ste wohl gerundet, doch nicht zu �ppig, ihre Haut so wei� wie Milch. Wie rotes Gold schimmerte ihr Haar, das ihr weit auf die Schultern hinabfiel. Nur die blaubraune Schwellung an ihrer Schl�fe, dort, wo sie w�hrend der Schlacht in den S�mpfen sein Schwert getroffen hatte, erinnerte daran, da� sie auch Macha, die grausame Kriegerin, sein konnte. Sie l�chelte scheu und trat an sein Lager. �Reicht deine Kraft noch, um dich zu entkleiden, oder soll ich dir helfen?�</p><p>Der Spielmann starrte sie mit gro�en Augen an. Dann nickte er. Neman lachte leise. �Was soll das hei�en? Brauchst du nun Hilfe oder nicht?�</p><p>Volker r�usperte sich. Sein Mund war staubtrocken, und zum ersten Mal in seinem Leben wu�te er nicht recht, was er sagen sollte. Er hatte nicht mehr daran geglaubt, da� sie jemals in seinen Armen liegen w�rde, und je unerreichbarer sie f�r ihn schien, desto mehr hatte er sich in Neman verliebt. Sie beugte sich jetzt �ber ihn und begann mit geschickten Fingern die Lederb�nder an seinem Wams zu l�sen.</p><p>Z�rtlich strich er ihr durch das Haar. Es war so weich wie Seide. Er zog Neman zu sich hinab und k��te sie lange und leidenschaftlich. Warme Wellen schienen seinen Leib zu umsp�len. Er f�hlte sich so leicht, als w�rde er wie eine Feder auf einem Wasserlauf treiben.</p><p>Die Hohepriesterin l�ste sich aus seiner Umklammerung. Ihre H�nde glitten zu seiner Bruech, �ffneten die B�nder der Beinlinge und streiften das leinene Kleidungsst�ck zur�ck. Jede ihrer Ber�hrungen lie� ihn auf wohlige Art erschauern. Volker hatte schon viele erfahrene Liebhaberinnen gehabt, doch bei keiner hatte er so gef�hlt. Es war fast, als sei er zum ersten Mal mit einer Frau beisammen.</p><p>Mit kundiger Hand fuhr sie seine Schenkel hinauf. Er richtete sich auf und streichelte sanft �ber ihre Br�ste. Neman st�hnte leise. Sie hockte sich auf seine Schenkel. Er sp�rte ihre W�rme. �Liebe mich�, hauchte sie leise. �Vielleicht wird dies unsere einzige Nacht sein, mein S�nger.� Ihr Blick war pl�tzlich traurig.</p><p>Volker strich ihr �ber die Lippen. �Sprich nicht davon! Es gibt N�chte, die mehr als ein Leben wert sind.� Sanft zog er ihren Kopf hinab und k��te sie. Als er in sie eindrang, schien sein ganzer Leib in Flammen zu stehen. Neman b�umte sich auf und lie� sich wieder auf seine Schenkel hinabsinken...</p><p>Zweimal liebten sie sich in dieser Nacht, bis Volker ersch�pft in den Armen der Priesterin einschlief.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>17. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Es war noch dunkel, als Golo unsanft aus dem Schlaf ger�ttelt wurde. �Es ist soweit�, fl�sterte eine Stimme dicht an seinem Ohr.</p><p>M�de streckte der junge Ritter seine Glieder und schlug die klamme Decke zur Seite. Die Feuchtigkeit war aus den S�mpfen ins Lager hinaufgezogen. Golo rieb sich mit den H�nden �ber die Arme, bis ihm ein wenig w�rmer wurde. Dann tastete er in der Finsternis nach seinen Kleidern und der R�stung.</p><p>Er war noch nicht ganz angekleidet, als die Plane des Zelts zur�ckgeschlagen wurde und eine Gestalt mit einer Blendlaterne eintrat. Bischof Jehan! Der grauhaarige Normanne l�chelte sp�ttisch. �Heute werden wir beide zu Ende bringen, was in einer Schenke begonnen hat. Wenn die Sonne untergeht, werde ich der Herrscher dieser Sumpfstadt sein. Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, Golo, und daf�r sollst du belohnt sein. Du darfst in der Schlacht heute an meiner Seite k�mpfen. Ich lasse zwei meiner Getreuen bei dir. Sie werden dich zu mir bringen, sobald du fertig ger�stet bist. Wenn du dich bei der Erst�rmung der W�lle bew�hrst und mir zeigst, da� das Zeug zu einem richtigen Ritter in dir steckt, dann werde ich dich zum Vogt dieser Stadt machen. In meinem Namen sollst du hier drau�en in den S�mpfen herrschen. Ein beachtlicher Aufstieg f�r einen Pferdeknecht, nicht wahr?�</p><p>Golo nickte ergeben. �Ich danke Euch, Herr. Eure Gro�z�gigkeit wird nur noch von Eurem Mut und Eurer Schwertkunst �bertroffen.�</p><p>Eine steile Falte zeigte sich auf der Stirn des Bischofs. �Mach keine Sp��e mit mir, Knecht! Ich habe noch zu tun. Beeile dich! In einer Stunde wird der Angriff beginnen. Ich hoffe, da� der Nebel dem Heidenpack unsere Truppenbewegungen verbergen wird und wir dieses Gesindel �berraschen.� Jehan wandte sich ab. Einer der Leibw�chter des Bischofs schlug die Zeltplane zur�ck, und der Normanne verschwand in der Finsternis. Die beiden S�ldner, die er zur�ckgelassen hatte, waren unrasierte Schl�ger. Offensichtlich hatten sie Gefallen daran, da� man ihnen ansah, da� sie bezahlte M�rder waren. Golo schluckte. Warum hatte der Bischof diese Kerle zu ihm abkommandiert und keinen Ritter? Ob Jehan plante, ihn w�hrend des Angriffs ermorden zu lassen? Immerhin war er, Golo, der einzige, der au�er dem Bischof wu�te, da� er kein Edelknappe, sondern nur ein Bauernsohn war und da� Jehan seinem K�nig eine handfeste L�gengeschichte vorgetragen hatte, als sie beide den Tod Volkers beklagt hatten.</p><p>Golo musterte seine beiden W�chter mi�trauisch. Er sollte aufpassen, da� keiner von diesen Kerlen in seinen R�cken gelangte, wenn die Schlacht erst einmal begonnen hatte.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Verschlafen tastete Volker �ber den Platz an seiner Seite. Er wollte Nemans Haar zerw�hlen, ihren zarten Hals k�ssen und... Halb benommen richtete er sich auf. Sie war nicht mehr da!</p><p>Ein leises Ger�usch lie� ihn herumfahren. Schlagartig war er jetzt hellwach. Jemand stand neben dem Tisch. Die Dochte der �llampen glommen nur noch schwach, und er konnte, die Gestalt nur undeutlich erkennen. Es war eine Frau mit langem Haar. Sie schien seine Beinlinge in H�nden zu halten und machte sich an der flachen Wassersch�ssel zu schaffen.</p><p>�Neman�, fl�sterte Volker. �Was machst du dort? Komm in meine Arme zur�ck...�</p><p>Die Gestalt am Tisch drehte sich zu ihm um. �Meine Schwester hat uns verlassen.� Die Stimme der Frau klang zu dunkel! Jetzt konnte Volker ihr Gesicht besser erkennen.</p><p>Es war Babd, die W�scherin! Mit Schrecken dachte der Spielmann an all die Geschichten, die er �ber die Ungl�cksbotin geh�rt hatte. Sah ein Krieger sie am Morgen einer Schlacht, so hie� dies, da� er sterben w�rde.</p><p>�Deine Beinlinge sind jetzt sauber, S�nger.� Babd legte die beiden Kleidungsst�cke auf den Tisch neben die Sch�ssel und strich sie glatt. �Es wird ein hei�er Tag werden. Die Normannen wappnen sich bereits zur Schlacht.�</p><p>�Neman, bitte komm zur�ck...� Volker starrte die Frau verzweifelt an. Er hoffte, der Geist der Todesbotin, oder was auch immer in den Leib der Morrigan gefahren war, w�rde vielleicht von ihr ablassen. Es war grausam, in das so vertraute Gesicht zu sehen und eine gef�hllose, kalte Stimme von den Lippen klingen zu h�ren, die er vor wenigen Stunden erst gek��t hatte.</p><p>�Ich mu� nun gehen. Wir sehen uns wieder, S�nger.� Volker fr�stelte es in dem k�hlen, fensterlosen Raum. Die Todesbotin hatte recht. Jeder Krieger des Nachtvolks w�rde ihr am Ende seines Weges begegnen. Wen sie wohl noch alles besuchen w�rde?</p><p>Der Spielmann erhob sich von seinem Lager und begann sich anzukleiden. Er war ein Christ. F�r ihn hatten die d�steren Legenden des Nachtvolks keine Bedeutung, und die G�tter des Feenvolkes hatten keine Macht �ber ihn. Trotzdem unterlie� er es, die Beinlinge anzulegen, die die Todesbotin ber�hrt hatte.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Die Krieger hatten Befehl erhalten, keine Fackeln oder Laternen zu entz�nden und sich im Schutz des dichten Nebels schweigend den Mauern zu n�hern. Bischof Jehan hatte sein Heer in zehn Gruppen unterteilt. Die Verletzten und ein Teil der Knechte blieben im Lager zur�ck. Sie sollten dort die Feuer sch�ren und soviel L�rm machen wie eine ganze Armee, die ihr Fr�hst�ck einnahm und sich auf einen neuen Belagerungstag vorbereitete.</p><p>Die hunnischen Bogensch�tzen und die Schleuderer von den Balearen waren als Sp�her vorausgeschickt worden. Sobald der Angriff auf die Mauern begann, w�rden sie den Rittern und Lanzentr�gern Deckung geben, indem sie jeden beschossen, der sich auf den Mauern zeigte. Acht Einheiten von Fu�k�mpfern w�rden die Mauern zur gleichen Zeit von acht verschiedenen Seiten angreifen. Jehan und seine Berater gingen davon aus, da� die Feen nicht mehr gen�gend Krieger hatten, um die ganze Mauer zu bemannen, so da� es ein leichtes sein w�rde, in die Stadt einzudringen, wenn man an vielen Orten zugleich angriff.</p><p>Sobald eine Gruppe innerhalb der W�lle Fu� gefa�t hatte, sollte sie versuchen, sich bis zum Stadttor durchzuschlagen, um es f�r die Reiter zu �ffnen, die als Reserve in der N�he des Lagers warteten.</p><p>Golo war von seinen W�chtern zur Einheit des Bischofs eskortiert worden. Der Trupp bestand fast ausschlie�lich aus Rittern. Sie sollten nahe dem Stadttor angreifen, und Jehan erwartete nicht weniger, als da� seine M�nner die ersten w�ren, die auf der Mauer der feindlichen Stadt stehen w�rden.</p><p>Die aufgehende Sonne tauchte den Nebel in ein unheimliches, rotes Licht. Irgendwo in den S�mpfen erhob sich laut schnatternd eine Ente zum Himmel. Golo hatte gemeinsam mit drei anderen Rittern eine Leiter geschultert. Allein ihre Gruppe f�hrte zehn Sturmleitern mit sich, und auch die anderen Abteilungen waren mit Wurfankern und Leitern ausger�stet. Dem jungen Ritter war �bel. Au�er ein paar Bissen alten Brots hatte er nichts herunterbekommen. Mi�trauisch blickte er zu seinen beiden Aufpassern, die ein wenig seitlich von ihm gingen. Vielleicht bildete er sich ja alles nur ein, und die zwei M�nner waren wirklich zu seinem Schutz abgestellt? Er w�nschte sich, Berengar w�rde noch leben. Mit dem Ritter aus Armorika an seiner Seite w�rde er sich jetzt sicherer f�hlen.</p><p>Dunkel erhob sich vor ihnen die Stadtmauer aus dem Nebel. Der Bischof zog sein Schwert und hob den Arm. Die Kolonne der Krieger kam zum Stehen. Offenbar hatten die Verteidiger sie immer noch nicht bemerkt. Der Nebel, der die Stadt f�r Jahrhunderte vor neugierigen Blicken bewahrt hatte, w�rde ihr heute morgen zum Verh�ngnis werden.</p><p>Jehan schien sich noch ein letztes Mal mit seinen Beratern zu besprechen. Qu�lend langsam ging die Zeit dahin. W�rde nur endlich der Angriff beginnen! Golo hatte das Gef�hl, er m�sse sich jeden Moment erbrechen. Verstohlen blickte er zu den anderen Kriegern hin�ber. Einige hatten sich auf den Acker gesetzt und d�sten vor sich hin. Andere wirkten unruhig und pr�ften immer wieder ihre Waffen. Ein verrutschendes Kettenhemd oder ein offener Kinnriemen an einem Helm konnten im Gefecht den Tod bedeuten.</p><p>Endlich winkte der Bischof nach seinem Hornisten. Das Angriffssignal erklang. Fast augenblicklich ert�nten auch rechts und links von ihnen Kriegsh�rner im Nebel. Dann war das Signal auf allen Seiten der Stadt zu h�ren.</p><p>Jehan hob sein Schwert zum Himmel. �Tod den Heiden�, rief er mit t�nender Stimme. Die Ritter und S�ldner nahmen seinen Schlachtruf auf. Dann begannen mehr als tausend Krieger den Angriff auf die Stadt.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Sag das noch einmal�, fauchte Volker w�tend.</p><p>Der junge Krieger wagte es nicht mehr, ihm in die Augen zu sehen. �Die zwanzig K�mpfer, die Ihr als Reserve abgestellt habt, sind nicht mehr da, mein K�nig. Macha ist diese Nacht gekommen und hat den M�nnern den Befehl gegeben, die Stadt zu verlassen. Ich wei� auch nicht, wo sie jetzt sind und was sie tun.�</p><p>Der Spielmann fa�te sich an den Kopf. Das gab es nicht! Wenn er es nicht besser gewu�t h�tte, w�rde er sagen, da� Macha es den Angreifern leichter machen wollte, �ber die Mauern zu kommen. Was zum Teufel sollte dieser sinnlose Befehl? Ohne die Verst�rkung w�rde er den ersten Mauerring nicht einmal eine halbe Stunde halten k�nnen.</p><p>�Komm mit mir! Wir sind jetzt die Reserve!� Volker hatte sich eines der wenigen Pferde besorgt, die es in der Stadt gab. Auf einer Insel inmitten der S�mpfe brauchte man keine Reittiere. So gab es nur wenige Arbeitspferde, die im Ackerbau benutzt wurden oder schwere Karren ziehen mu�ten. Auch f�r den jungen Krieger war ein Hengst vorhanden. Sie w�rden in der N�he des Tores bleiben. Dort war bereits ein wilder Kampf entbrannt, und vermutlich hatten die Normannen hier ihre besten Truppen zusammengezogen.</p><p>In regelm��igen Abst�nden hinter der Mauer hatte er Frauen plaziert, die als Botenl�uferinnen dienen sollten und die Aufgabe hatten, Verwundete aus dem Kampfbereich fortzubringen. Viele der schmalen Gassen des Stadtviertels waren mit Barrikaden unpassierbar gemacht. So w�rden die Eroberer, selbst wenn die erste Verteidigungslinie gefallen war, nicht schnell bis zur zweiten Mauer vorr�cken k�nnen. Die Verteidiger hingegen kannten genau die wenigen Fluchtwege, die noch offen waren. An einigen Stellen lehnten lange Leitern an der zweiten Mauer, so da� die Fl�chtlinge nicht zum einzigen Tor laufen mu�ten, um in den h�her gelegenen Stadtteil zu gelangen. Die Leitern wurden jedoch von zuverl�ssigen M�nnern und Frauen bewacht, und sie w�rden sofort hochgezogen, sobald sich die Normannen dem zweiten Wallring n�herten. Ruhig blickte der Spielmann zum Mauerkranz am Tor. In den letzten drei Tagen hatte er alles, was menschenm�glich war, getan, um die Stadt zur Verteidigung vorzubereiten.</p><p>Ganze Karrenladungen von Steinen waren auf den Mauern plaziert worden, um sie auf die Angreifer herabzuschleudern. Es gab Stangen und Gabeln, mit denen die Leitern zur�ckgesto�en werden konnten, und Beile, mit denen man die Seile von Wurfankern durchtrennen w�rde. Sicher w�rden sie den Normannen hohe Verluste beibringen, doch da� sie die Angreifer aufhalten k�nnten, glaubte der Spielmann nicht.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Los, hinauf mit dir! Tu etwas f�r Land und Titel! Ich werde hinter dir die Leiter hinaufkommen.� Jehan wies mit dem Schwert zur Mauerkrone. Zweimal schon hatten ein paar Ritter auf der Mauer Fu� gefa�t und waren wieder zur�ckgedr�ngt worden. Der Nebel hatte sich nun ein wenig gelichtet und verh�llte kaum noch den grausamen Anblick des Schlachtfelds. Am Fu� der Mauer lagen M�nner mit zerschmetterten Gliedern. Zwischen ihnen ragten wie Gerippe die Reste zerbrochener Leitern auf.</p><p>Ein wahrer Hagel von Steinen schlug den Angreifern entgegen. Golo hielt sch�tzend seinen Helm �ber den Kopf. Der schwere Topfhelm behinderte seine Sicht, doch im Augenblick war er sogar dankbar, nicht zu wissen, wer ihn rechts und links auf der Mauer erwarten w�rde. Hinter den angreifenden Rittern waren zwei Dutzend Bogensch�tzen in Stellung gegangen, um die Verteidiger oben auf der Mauer in Deckung zu zwingen.</p><p>Z�gernd umklammerte Gold die Sprossen der Leiter. Nur ein kleines St�ck neben ihm lag der Ritter, der den letzten Angriff angef�hrt hatte. Sein Kopf war in einem unnat�rlichen Winkel verdreht. Der Krieger war schon fast auf der Mauer angekommen gewesen, als man seine Leiter mit einer Forke zur�ckgesto�en hatte.</p><p>�F�r Burgund!� br�llte Golo aus vollem Halse. Es tat gut zu schreien. So konnte er seine Angst verdr�ngen. Ein letztes Mal pr�fte er den Sitz der Lederschlinge am Griff seines Schwertes. Sie w�rde daf�r sorgen, da� die Waffe von seinem Handgelenk hinabhing. Mit einer kleinen Drehung h�tte er das Schwert wieder in der Hand. Das war besser, als die Waffe erst noch ziehen zu m�ssen, wenn er oben auf der Mauer ankam. So behielt er die Rechte frei, um sich an den Sprossen der Leiter festzuhalten, w�hrend er nach oben st�rmte. Mit der Linken hielt er sich sch�tzend den Wappenschild �ber den Kopf. So schnell er konnte, kletterte er die Leiter hinauf.</p><p>Neben ihm ert�nten gellende Schreie und dann das Bersten von Holz. Eine der Leitern mu�te gest�rzt sein. Er w�rde jetzt nicht nach links sehen! Starr hielt er den Blick auf die Mauer vor ihm geheftet und zog sich von Sprosse zu Sprosse weiter die Leiter hinauf. Ein Stein prallte auf seinen Schild und glitt zur Seite ab. Dann erschien ein St�ck blauer Himmel �ber ihm. Er hatte es fast geschafft!</p><p>Mit der Rechten griff er nach dem Mauerkamm und zog sich hoch. Pl�tzlich stand wie aus dem Nichts ein Krieger vor ihm. Genaugenommen war es noch ein Knabe. Vielleicht war er f�nfzehn Sommer alt, vielleicht auch noch j�nger. Er holte mit einer Axt aus, um ihm den Sch�del zu zerschmettern. Golo stie� sich von der Mauer ab und duckte sich zugleich hinter seinen Schild. Er prallte gegen den Jungen, und sie beide st�rzten zu Boden.</p><p>Golo rollte sich zur Seite, und dicht neben ihn stie� klirrend ein Speer auf die steinernen Bodenplatten des Wehrgangs.</p><p>�Fahrt zur H�lle, ihr Teufel!� ert�nte der tiefe Ba� des Bischofs. Golo sah den Jungen, der ihn angegriffen hatte, mit zerschmettertem Gesicht zu Boden st�rzen.</p><p>Mit M�he kam der ehemalige Knecht wieder auf die Beine. Das verdammte Kettenhemd machte ihn langsam. Jetzt w�nschte Golo sich, er h�tte h�rter mit Jehans Waffenmeister ge�bt. Noch zwei weitere Ritter waren auf die Mauer gekommen. Schild an Schild schirmten sie das Ende der Leiter ab. Links von ihnen versuchten zwei M�nner die Leiter mit einer langen Stange von der Mauer wegzusto�en.</p><p>�Mir nach!� Jehan hatte seinen Streitkolben hoch �ber den Kopf erhoben und griff die Krieger zu ihrer Linken an. Ein Pfeil schlug krachend in Golos Schild. Der junge Ritter fluchte leise. Er kam von der anderen Seite der Mauer. Einer ihrer eigenen M�nner mu�te ihn abgeschossen haben.</p><p>Die beiden bunt bemalten Krieger lie�en jetzt die Stange fallen und zogen ihre Schwerter. Golo wartete den Angriff seines Feindes ab. In dem Moment, als die Klinge seines Gegners auf seinen Schild niederfuhr, trieb er dem Mann sein Schwert in den ungedeckten Bauch.</p><p>�Gut gemacht, Junge! Ich sehe, aus dir wird noch ein Mann und...� Der Bischof brach mitten im Satz ab und wandte sich zur Br�stung. �Bei allen Heiligen! Diese Hundes�hne! Sie m�ssen die D�mme durchstochen haben!�</p><p>Golo folgte dem Blick des Kirchenf�rsten. Es war windstill, und der Nebel war vom erstarkenden Sonnenlicht fast aufgel�st. Zum ersten Mal an diesem Morgen konnte man hundert Schritt weit sehen, und was der junge Ritter sah, lie� ihm fast das Herz erstarren. Breite Str�me von braunschwarzem Wasser ergossen sich �ber die Felder unterhalb der Mauer. Schon kippten die ersten Zelte des Heerlagers. Die Reiterreserve kam auf die Stadt zugaloppiert. Einige Pferde scheuten und warfen ihre Reiter ab. Den M�nnern, die im Lager zur�ckgeblieben waren, reichte das Wasser schon bis zu den H�ften.</p><p>Der Bischof verpa�te Golo einen Sto� mit dem Ellenbogen. �Wir m�ssen runter zum Tor. Nur wer es bis in die Stadt schafft, ist vor den Fluten sicher!� Jehan wies auf eine breite Rampe, die auf der R�ckseite der Mauer verlief.</p><p>Hinter ihnen wurden die Verteidiger langsam von der Mauer zur�ckgedr�ngt. Auch unter den Kriegern des Nachtvolks schien Verwirrung zu herrschen.</p><p>Jehan schlug eine junge Frau nieder, die sich ihnen auf der Rampe mit einem Speer in der Hand entgegenstellte. Offenbar waren die Sumpfleute entschlossen, ihre Stadt bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Ohne auf weiteren Widerstand zu treffen, erreichten sie die schmale Stra�e, die auf der R�ckseite der Mauer verlief. Das Tor war nur noch zwanzig Schritt entfernt.</p><p>Keuchend rannten die beiden am Wall entlang. Golo hatte das Gef�hl, sich jeden Schritt abzwingen zu m�ssen. Fast hatten sie das Tor erreicht, als hinter ihnen Hufschlag ert�nte. Der junge Ritter bi� sich auf die Lippen und versuchte, noch schneller zu laufen. Es waren nur noch sieben oder acht Schritt bis zum Tor. Zwei breite Querbalken verriegelten die hohe, eichene Pforte.</p><p>�Mach du das Tor auf�, rief hinter ihm Jehan. �Ich �bernehme den Reiter!�</p><p>Ohne sich umzusehen, warf sich Golo gegen die Torfl�gel. Mit der Schulter stemmte er den ersten Querbalken hoch. Von drau�en konnte er Rufe h�ren. Braunes Wasser sickerte unter dem Tor hindurch. Ein Pfeil streifte klirrend sein Kettenhemd. Dicht neben seinem Hals schlug ein zweites Gescho� ein. Mit ausgestreckten Armen griff der junge Ritter nach dem zweiten Querbalken. Einen Augenblick lang schien es, als wolle sich das schwere Kantholz nicht von der Stelle bewegen. Immer lauter t�nte das Geschrei vor dem Tor. Jetzt war auch das Wiehern von Pferden zu h�ren.</p><p>Endlich gab der Querbalken nach, rutschte aus seiner Verankerung und schlug krachend zu Boden. Hastig sprang Golo zur Seite. Quietschend schwangen die Torfl�gel auf, und ein Strom von Fl�chtlingen ergo� sich in die Stadt.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>18. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Unter ihm schlo� sich das Tor. Nachdenklich blickte Volker auf die kleine Schar der �berlebenden, die zu den Normannen hinabstieg. Es waren weniger als zweihundert. Die meisten waren Frauen, Kinder oder alte M�nner. Der Anf�hrer der Belagerer hatte ihnen ihr Leben versprochen, wenn sie sich taufen lie�en. Sie sollten unter seinen Leibeigenen aufgenommen werden...</p><p>Neman hatte den M�nnern und Frauen zugeredet zu gehen. Schlie�lich hatte sie es ihnen befohlen. Alle, die in der Festung zur�ckgeblieben waren, erwartete der Tod. Keine der Priesterinnen hatte ihrem Glauben abschw�ren wollen. Auch eine Handvoll Krieger, die zu stolz war, um sich zu ergeben, harrte noch aus. Der einzige unter den M�nnern, den Volker kannte, war Ambiorix, der Vater der Morrigan. Der alte Mann hatte sein wei�es Gewand abgelegt und trug wie die anderen Krieger Hosen aus buntem Stoff. Sein Oberk�rper war mit blauen Linien und Spiralen bemalt. Ambiorix st�tzte sich auf einen Speer und blickte zu den braunen Fluten hinab, die die Felder bedeckten.</p><p>Volker seufzte. Einen Augenblick lang hatte er das Schicksal der Stadt in H�nden gehalten. Es w�re nicht schwer gewesen, die beiden Ritter, die von der Rampe gesprungen waren, niederzureiten. Doch der Kerl, der sich ihm in den Weg gestellt hatte, trug eine geschnitzte Mitra als Schmuck auf seinem Topfhelm. Waffenrock und Schild des Mannes waren von purpurner Farbe, und als Wappen hatte er ein goldenes Kreuz gef�hrt. Der Ritter mu�te ein Bischof gewesen sein. Ein Hirt der Christenheit! Volker hatte gegen ihn nicht das Schwert ziehen k�nnen. Er h�tte damit alles verraten, was er an dem Tag geschworen hatte, als Gunther ihn zum Ritter geschlagen hatte. Es war seine Aufgabe, gute Christen vor den Schwertern der Heiden zu sch�tzen.</p><p>Der Spielmann blickte zu Gunbrid, die bei den Priesterinnen stand. Als Lehnsmann Gunthers hatte er einen Eid abgelegt, jederzeit f�r die Familie des K�nigs zu k�mpfen. Und dann war da noch Neman. Wenn sie den Normannen in die H�nde fiel, w�rde sie auf einem Scheiterhaufen enden. Wie auch immer er sich entschied, er w�rde auf jeden Fall gegen eines der Gebote des Rittertums versto�en.</p><p>Aus der Stadt erklang ein Horn. Die Krieger der Normannen begannen, sich zum letzten Sturm zu sammeln. Wahrscheinlich w�rden die da unten ihn nicht mehr sonderlich freundlich aufnehmen, wenn er jetzt noch durch das Tor kam. Damit war die Entscheidung gefallen. Er drehte sich zu den anderen um. �Wir sollten zum Heiligtum hinaufgehen.</p><p>Die H�gelb�schung und der Wall sind zu hoch, um dort mit Leitern hinaufzukommen. Hinter dem Tor gibt es einen Hohlweg. Selbst wenn sie die Torfl�gel zertr�mmert haben, werden wir uns dort noch eine Weile gegen die �bermacht halten k�nnen.�</p><p>Die �lteste der Priesterinnen trat ihm entgegen. �Neman hat mir gesagt, wer du bist. Du mu�t nicht an unserer Seite sterben, fremder Krieger. Es gibt aus dem Heiligtum einen Fluchtweg. Wenn du dich verbirgst, bis die Sonne untergegangen ist, wirst du entkommen k�nnen.�</p><p>Volker starrte die Frau ungl�ubig an. �Wir alle werden entkommen k�nnen. Vielleicht schaffen wir es, die Normannen noch bis nach Sonnenuntergang aufzuhalten. Das sind noch h�chstens zwei Stunden, und ich habe dort oben eine kleine �berraschung f�r sie vorbereitet, die sie noch f�r eine Weile aufhalten wird.�</p><p>�Wir Priesterinnen k�nnen nicht gehen, denn die Morrigan hat beschlossen zu bleiben.�</p><p>�Was soll das hei�en? Ich rede mit Neman! Sie wird niemals wollen, da� ihr alle...�</p><p>Die alte Priesterin zeigte zur anderen Seite des Platzes. Dort trat Macha aus dem Eingang des Langhauses. Sie trug ein h�ftlanges Kettenhemd und war mit zwei Kurzschwertern bewaffnet. Von ihren Schultern wehte ein langer, schwarzer Umhang.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Der Hohlweg, der hinter dem Tor zum Heiligtum durch die H�gelflanke schnitt, war so schmal, da� drei K�mpfer ihn leicht verteidigen konnten. Sie waren zu sechst. In der Mitte der vordersten Reihe stand Macha, rechts von ihr der wei�haarige Ambiorix und zu ihrer Linken Volker. Die letzten drei Krieger, die noch eine Waffe f�hren konnten, bildeten hinter ihnen eine zweite Reihe.</p><p>Volker blickte zu dem jungen Mann, der auf dem Wall oberhalb des Tores stand. Zu seinen F��en lag ein rundes Tongef�� mit einer halb zerrissenen Manschette aus geflochtenem Stroh. Das Gescho� war auf eines der Schilfd�cher geprallt und nicht zerbrochen. Heute sollten die Normannen lernen, was es hie�, wenn fl�ssiges Feuer vom Himmel fiel! Der junge Mann hielt eine Fackel bereit, um das Gescho� in Brand zu setzen, sobald die Angreifer unter ihm durch das Tor brachen.</p><p>Die schweren Eichenpforten erbebten unter den St��en eines Rammbocks, den die Belagerer aus einem halb verkohlten Giebelbalken gefertigt hatten. Schon begann das Holz zu splittern. Volker leckte sich nerv�s �ber die Lippen und umklammerte sein Schwert fester. Es war noch eine Stunde bis Sonnenuntergang.</p><p>Pl�tzlich zersplitterte das Tor. Die Bohlen und Querh�lzer fielen in den Torweg. �Tod den Heiden!� erscholl der Schlachtruf der Normannen, als sie �ber die Tr�mmer hinwegsetzten und den Hohlweg st�rmten.</p><p>Volker blickte zu dem Krieger bei dem Tongef�� und erbleichte. Den Mann hatte ein Speer in die Brust getroffen. Kopf�ber fiel er von der Mauer zwischen die Angreifer. Jetzt war alles vorbei!</p><p>Volker hob sein Schwert. Mit dem Mut der Verzweiflung hieb er auf die anst�rmende �bermacht ein. So oft er einen Gegner niederstreckte, f�llte sich augenblicklich wieder die L�cke in den Reihen der Angreifer. Schlie�lich zerschmetterte ein Axthieb seinen Schild. Der Spielmann warf die beiden nutzlosen H�lften zur Seite und packte sein Schwert nun mit beiden H�nden.</p><p>Macha an seiner Seite k�mpfte, als habe sie den Teufel im Leib. Noch nie zuvor hatte er jemanden mit zwei Schwertern gleichzeitig fechten sehen. Wie Hagelschlag prasselten ihre Hiebe auf die Angreifer. Ihre Klingen durchschnitten Kettenhemden, Schilde und Helme, als seien sie nur d�nnes Pergament. Sie war wahrlich eine Kriegsg�ttin. Ein Dutzend M�nner mu�ten schon unter ihren Klingen gefallen sein, als sie ein Speer in den Oberschenkel traf. Ihr Bein knickte zur Seite, und eine Schwertklinge durchbrach ihre Deckung und bohrte sich tief in ihre Brust. Sofort sprang einer der Krieger aus der zweiten Reihe vor, um die L�cke zu schlie�en, doch sein Geschick reichte bei weitem nicht an das Machas heran. Er f�hrte nur ein paar Hiebe, bis ihm ein Streitkolben den Sch�del zerschmetterte.</p><p>Aus den Augenwinkeln sah Volker eine wei� gewandete Gestalt auf der Mauer. Es war Gunbrid! Sie trug in der Rechten eine Fackel. Mit einem Tritt schickte sie das runde Tongef�� die Mauer hinab. Klirrend zerbrach es zwischen den Angreifern. F�r einen Herzschlag lang verstummte der Schlachtl�rm. Ein Normanne schleuderte seine Axt nach der Burgundin, doch die Waffe verfehlte sie. �F�r Macha!� rief die Priesterin und schleuderte die Fackel in das zerborstene Tor. Fauchend schlugen die Flammen bis zur Mauerkrone hinauf. Die Hitze nahm Volker den Atem. Erschrocken wich er zur�ck.</p><p>Schreiend versuchten die Normannen, durch das Tor zu entkommen. Einige von ihnen starben binnen eines Herzschlags in der Gluthitze, andere wanden sich schreiend am Boden und erlitten Qualen wie im Fegefeuer, bevor sie starben. Nur drei Krieger entkamen unverletzt der Flammenh�lle. Sie warfen ihre Waffen zu Boden und baten um Gnade, doch Ambiorix und die beiden verbliebenen K�mpfer stachen sie unger�hrt nieder.</p><p>M�de lie� Volker sein Schwert sinken. Ein letztes Mal hatten sie gesiegt. Es w�rde mindestens eine Stunde dauern, bis die Flammen verloschen und die Normannen noch einmal angreifen konnten.</p><p>Die Priesterinnen hatten Macha zu den stehenden Steinen in der Mitte des Heiligtums getragen. Volker ging zu ihnen hinauf und beobachtete, wie sie den tiefen Schnitt am Bein abbanden und versuchten, die Brustwunde zu versorgen. Noch immer steckte das Schwert des Normannen im Leib der Rabeng�ttin.</p><p>�Wir k�nnen es nicht herausziehen�, erkl�rte die alte Priesterin Volker. �Wenn wir es tun, lebt sie nur noch wenige Atemz�ge lang. Lassen wir es jedoch stecken, wird sie einen oder zwei Tage lang schreckliche Schmerzen leiden und dann sterben. Das einzige, was wir noch tun k�nnen, ist, sie nach Tire Narrt Beo, auf die Insel der Lebenden, zu bringen. Heute nacht wird der Vollmond hoch am Himmel stehen. Dann heben sich die Nebel, und der Weg dorthin wird f�r ein paar Stunden offenstehen.�</p><p>�Wo liegt diese Insel? Ist es sehr weit bis dorthin?�</p><p>Die Alte sch�ttelte den Kopf. �Weit ist es nicht, Spielmann, und doch ist die Insel unerreichbar f�r dich. Nur Priesterinnen k�nnen den Weg finden, und selbst wir k�nnen die Gestade von Tire Nam Beo nur betreten, wenn das alte Volk es w�nscht. Wir werden den Durchgang nehmen, den unsere Vorfahren durch den H�gel getrieben haben. Sie wu�ten, da� einmal der Tag kommen w�rde, an dem wir dem Sumpf das Land zur�ckgeben m��ten, das wir ihm abgetrotzt hatten. Am Ende des Tunnels gibt es eine H�hle, in der einige flache Boote liegen. Wir m�ssen eine verborgene Felspforte aufsto�en und werden dann an der Westseite des H�gels dicht �ber dem Wasser hervorkommen. Die Nacht und der Nebel sch�tzen uns vor den Normannen, jedenfalls solange hier oben noch gek�mpft wird.�</p><p>Volker nickte. �Ich habe verstanden. Nimm die Morrigan und bring sie in Sicherheit. Solange auch nur ein Funken Leben in meinem Leib ist, werde ich den Hohlweg verteidigen.�</p><p>�Du bist es w�rdig, unser K�nig zu sein, S�nger.�</p><p>�L��t du mich einen Moment mit ihr allein?� Der Spielmann blickte zur Hohenpriesterin. Die Flammen im Hohlweg warfen flackernde Schatten auf ihr Gesicht. Die Alte gab den Frauen einen Wink, sich zur�ckzuziehen, dann trat auch sie in den Kreis der stehenden Steine.</p><p>Volker kniete nieder und strich der Priesterin sanft eine blutverschmierte Haarstr�hne aus dem Gesicht. �Auf Wiedersehen, meine sch�ne Harfnerin�, fl�sterte er leise. �Wohin deine Priesterinnen dich auch bringen m�gen, ich werde dir eines Tages folgen.�</p><p>Die bleichen Lider der G�ttin zitterten. Dann schlug sie die Augen auf, und Volker wu�te, da� es Neman war, die nun vor ihm lag. �Ich habe mein Volk verraten, weil ich dich liebte. Schon seit dem ersten Augenblick in der Grabh�hle... Ich h�tte dich nicht hierher bringen d�rfen. Du bist nur mit mir gekommen... weil du fliehen wolltest...�</p><p>Der Spielmann schluckte. �Ja, so war es. Ich habe dich �ber meine Herkunft belogen und...� Er griff nach ihrer Hand und dr�ckte sie sanft. �Meine Gef�hle zu dir haben sich ge�ndert. Ich bin hiergeblieben und habe an der Seite deines Volkes gek�mpft, weil ich dich liebte. Bei dem, was gestern nacht zwischen uns war, gab es keine L�ge mehr.�</p><p>Nemans Lippen bebten, als wolle sie noch etwas antworten, doch sie hatte keine Kraft mehr, um zu sprechen. Ihre Z�ge entspannten sich, und sie sah pl�tzlich viel j�nger aus, so als w�ren die Jahre wie welkes Laub von ihr gefallen. Die kleinen Falten um ihre Augen waren verschwunden und auch die Gr�bchen in ihren Mundwinkeln.</p><p>Die alte Priesterin kehrte zur�ck. �Es ist Zeit f�r uns zu gehen, mein K�nig.� Sie beugte sich zur Morrigan herab und zuckte erschrocken zusammen. Langsam strich sie der Hohepriesterin mit ihrer Hand �ber die Stirn. Dann sch�ttelte sie den Kopf.</p><p>�Ist sie...� Volker brachte das Wort nicht �ber seine Lippen.</p><p>�Nein.� Die Stimme der Alten klang wie das Kr�chzen eines Raben. �Die G�ttinnen haben sie verlassen. Sie ist jetzt nur noch Gwen.�</p><p>�Werdet ihr sie trotzdem mit euch nehmen und versuchen, sie zu heilen?�</p><p>�Du w�rdest sonst nicht k�mpfen, nicht wahr, S�nger?�</p><p>Volker l�chelte kalt.</p><p>�Du willst dein Leben gegen das ihre tauschen? Schade, da� du ein Christ bist. Unsere G�tter h�tten Gefallen an dir gefunden. Ich schw�re bei meinem Herzen, da� ich Gwen nach Tire Nam Beo bringen werde, um dort ihr Leben zu retten.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Die Flammen im Torweg waren fast verloschen. Au�er Volker und Ambiorix waren nur noch zwei Krieger zur�ckgeblieben, um den Zugang zum Heiligtum zu verteidigen.</p><p>Gelassen blickte der Spielmann zu den Kriegern, die sich hinter dem Tor zu einem neuen Angriff formierten. In einer Stunde w�rde er tot sein, doch wenigstens starb er mit der Gewi�heit, da� die Priesterinnen entkommen waren.</p><p>�Ich bin mir jetzt sicher, da� Neman sich nicht geirrt hat�, sagte Ambiorix halblaut.</p><p>Volker sah den alten Mann verwundert an. �Was meinst du damit?�</p><p>�Ich glaube jetzt, da� du wirklich der S�nger bist, den uns unsere Ahnen verhei�en haben. Der Krieger und Barde, der aus den Gebeinen unserer toten Helden auferstanden ist.�</p><p>Dieser alte Narr. Er wu�te doch, da� dies nur eine Geschichte war, und als Barde mu�te er auch wissen, wie solche Geschichten entstanden. Trotzdem l�chelte Volker. �Danke, mein Freund. Du willst es mir ersparen, als ein L�gner zu sterben, nicht wahr?�</p><p>Ambiorix sch�ttelte energisch den Kopf. �Ich sehe hier keinen L�gner. Neben mir steht nur ein Krieger und Barde! Mit einem L�gner an meiner Seite w�rde ich nicht in meine letzte Schlacht ziehen und...� Vor dem Tor ert�nte ein Hornsignal. Ein einzelner Krieger trat in den Hohlweg.</p><p>�Mein Herr, Jehan de Thenac, Herzog der Sumpflande und Bischof von Saintes, ist von eurem Mut beeindruckt. Er bietet euch einen ehrenvollen Abzug, wenn ihr euch jetzt ergebt. Ihr seid nur noch zu viert, und es gibt f�r euch keine Hoffnung mehr auf einen Sieg.�</p><p>�Richte deinem Herren aus, da� es uns unsere Ehre verbietet, vor einem wie ihm die Waffen zu strecken�, h�hnte Ambiorix. �Au�erdem glaube ich nicht, da� er �ber genug Krieger gebietet, um diesen Hohlweg zu erobern.�</p><p>Wortlos zog sich der Unterh�ndler zur�ck und machte einer Schar Speertr�ger Platz, die durch das Tor dr�ngten.</p><p>Diesmal stand Volker in der Mitte des Hohlwegs. Er kannte den Namen des Mannes nicht, der zu seiner Rechten k�mpfte, doch es war ein tapferer Krieger. Zweimal wichen ihre Gegner zur�ck, bis ihn schlie�lich beim dritten Angriff ein Speer in den Unterleib traf. Mit einem wilden Schrei auf den Lippen st�rzte er sich in den Wall von Speerspitzen und gab so seinem Kameraden Gelegenheit, die L�cke, die durch seinen Tod entstand, zu schlie�en.</p><p>Volker blutete bereits aus vielen Wunden, als sich die Speertr�ger zur�ckzogen und einer Gruppe normannischer Ritter den Weg freigaben. Ambiorix hob seinen Schild und begann ein altes Schlachtlied zu singen. In vorderster Linie der Ritter stand ein Krieger, dessen Wappenschild ein goldenes Kreuz auf purpurnem Grund zeigte.</p><p>Der Spielmann fluchte leise. Er hatte kaum noch die Kraft, sein Schwert zu heben. Er h�tte den Bischof heute morgen t�ten sollen, als er Gelegenheit dazu gehabt hatte.</p><p>Etwas Schweres traf Volker am Kopf. Als er zu Boden ging, sah er, wie ein Ritter Ambiorix ein Schwert in den Bauch rammte, dann versank die Welt in ein Chaos aus Schreien, Waffengeklirr und einer einsamen Stimme, die ein altes Lied sang.</p><empty-line/><p><emphasis>�Liebe ist wie ein Dunst, der vom Wind verzehrt wird. </emphasis></p><p><emphasis>H�te sich ein jeder vor diesem Wind...�</emphasis></p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>19. KAPITEL</strong></p></title><empty-line/><p>Kurz vor Morgengrauen hatten die Pl�nderer die letzte Bastion der Heiden wieder verlassen. Man hatte eine der Breschen im Damm verbreitert und die Drachenschiffe bis vor die Stadt gebracht. Golo starrte den M�nnern nach, die all die Silberteller, goldenen Masken und seltsamen Kultger�tschaften davontrugen, die man im Heiligtum gefunden hatte. Trotz der reichen Beute sch�umte der Bischof vor Zorn, weil die Priesterinnen auf unerkl�rliche Weise entkommen waren. Schlie�lich lie� Jehan von zwei Vertrauten die Leiche einer Frau heranschaffen, die bei den K�mpfen in der Stadt gefallen war, schnitt ihr den Kopf ab und lie� ihn auf eine Stange stecken. Dann behauptete er, dies sei das Haupt der Hohenpriesterin, die K�nig Eurich verh�hnt und herausgefordert habe.</p><p>Als die Pl�nderer au�er Sicht waren, trat Jehan an Golos Seite und legte dem jungen Ritter seinen Arm um die Schultern. �Was denkst du, mein Freund? Du schaust so finster drein.�</p><p>�Ich freue mich, da� die K�mpfe zu Ende sind und wir gesiegt haben. Doch stimmt mich traurig, wie viele tapfere M�nner aus unserem Heer heute den Tod gefunden haben.�</p><p>�Du bist zu sentimental. Die meisten meiner M�nner, die heute gestorben sind, waren S�ldner. Der Tod ist ihr Gesch�ft... Jeder von ihnen, der heute verreckt ist, erspart mir eine betr�chtliche Summe Geld. In drei Tagen w�re die n�chste Soldzahlung f�llig gewesen. Ich werde ihnen ihren Mut entlohnen, indem ich sie bis zum Christfest in meine Gebete mit einbeziehe. So wird trotz all der Untaten, die sie begangen haben, ihr Seelenheil gerettet werden. Ich finde, da� dies eine sehr gro�z�gige Entlohnung durch mich ist.�</p><p>�Gewi�, Herr.� Golo konnte dem Bischof nicht in die Augen blicken. Er verabscheute den zynischen Kirchenf�rsten, doch hatte er zugleich auch Angst vor ihm.</p><p>�Kommen wir nun zu deiner Belohnung!� Jehan gab den beiden M�nnern, die sich bislang im Hintergrund gehalten hatten, einen Wink. Es waren die zwei Halsabschneider, die ihm schon den ganzen Tag �ber gefolgt waren.</p><p>Der junge Ritter wich ein St�ck zur�ck. �Ihr seid zu gro�m�tig, Herr. Ich erwarte keine Belohnung f�r meine Dienste.� Golos Hand zuckte zum Schwert, doch schon hatten die beiden ihn gepackt.</p><p>�Ich wei� um meinen Edelmut, mein Freund. Str�ube dich nicht dagegen. Es ist meine Natur... Ich habe dir versprochen, dich zum Vogt zu machen.� Jehan wies zum Kultplatz in der Mitte des Heiligtums. �Bindet ihn an eine der Felss�ulen.�</p><p>�Bitte, la�t mich laufen, Herr! Ich werde ein Pferd nehmen und davonreiten. Ihr werdet mich niemals wiedersehen. Niemand wird erfahren, was hier wirklich geschehen ist und da� ihr dem K�nig nicht die ganze Wahrheit gesagt habt.� Die beiden S�ldner fesselten ihn mit einem z�hen Lederseil, so da� er mit gespreizten Armen und Beinen vor dem Felsen stand. �Wenn Ihr es wollt, kann ich auch in Euren Diensten bleiben, Herr.�</p><p>�Nein, mein Freund. Ich m�chte nicht mit der Ungewi�heit leben, da� du dich vielleicht schon morgen nicht mehr an deine Versprechen erinnerst. Du wei�t einfach zuviel. Aber hab keine Angst. Ich werde dir nichts zuleide tun. Du hast sogar mein Wort, da� ich meine beiden Leibw�chter davon abhalte, dich umzubringen. M�glicherweise wirst aber auch du ein Opfer der Morrigan oder ihrer Kreaturen. Ich f�rchte, sobald wir hier fort sind, werden die Raben kommen, um ihren Leichenschmaus zu halten, und es k�nnte wohl sein, da� diese dummen V�gel in zwei oder drei Tagen nicht mehr so genau unterscheiden k�nnen, ob du nun schon verdurstet bist oder ob noch ein Rest Leben in dir steckt.�</p><p>Der Bischof stand jetzt dicht vor Golo. �Hiermit ernenne ich dich zum Vogt dieser Stadt. Es soll mir niemand nachsagen, da� ich mein Wort nicht halten w�rde. Leider sind diese Ruinen und die �berfluteten Felder rings herum nicht mehr zu brauchen. Ich f�rchte, du wirst mein einziger Untertan hier sein. Genie�e die Ruhe hier...�</p><p>�Ich verfluche dich, Jehan de Thenac. M�ge der K�nig deine L�gen aufdecken und dich in seine Kerker zerren lassen. M�ge dein Geschlecht mit dir verl�schen, du gieriger Bastard, und...�</p><p>Der Bischof sch�ttelte den Kopf. �Wie �rgerlich, da� solche Burschen wie du zum Schlu� immer ihr Empfinden f�r guten Stil verlieren. Wei�t du, es ist nichts Pers�nliches, was zwischen uns steht. Ich m�chte mir nur nicht in Zukunft jeden Morgen, wenn ich erwache, die Frage stellen m�ssen, ob dies vielleicht der Tag ist, an dem du mich verraten wirst. Du kannst sicher sein, da� ich in Zukunft auch dich in meine Gebete mit einbeziehen werde. Ich m�chte schlie�lich nicht, da� all die Verw�nschungen, die du in den n�chsten beiden Tagen noch aussto�en wirst, dein Seelenheil gef�hrden. So lebe nun wohl, Golo von Zeilichtheim, Bauernsohn, der du in nur einem halben Jahr zum Herrn einer Stadt aufgestiegen bist.� Der Bischof wandte sich ab und schritt, gefolgt von den beiden S�ldnern, durch den Hohlweg zur tiefer gelegenen Burg hinab.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Als Volker erwachte, zogen d�nne Nebelschwaden �ber ihn hinweg. Es war hell. Er hatte die Schlacht �berlebt. Doch in seinem Sch�del schien ein Specht gefangen zu sein, der unabl�ssig von innen gegen seine Stirn h�mmerte. Jeder Knochen in seinem Leib schmerzte, und er hatte das Gef�hl, eine Reiterkavalkade m�sse �ber ihn hinweggaloppiert sein.</p><p>Der Spielmann blieb lange liegen und lauschte auf die Ger�usche rings um ihn herum. Aus den Augenwinkeln sah er die dunklen Schatten von Raben, die gekommen waren, um den Toten das Fleisch von den Knochen zu picken.</p><p>Erst als Volker sicher war, da� keine Normannen in der N�he waren, richtete er sich auf. Ihm war schwindelig und �bel. Neben ihm lagen die Leichen von Ambiorix und den beiden Kriegern, die bis zuletzt mit ihm gek�mpft hatten.</p><p>Vorsichtig tastete der Ritter �ber sein Gesicht. Die rechte Seite war geschwollen und blutig. Schon die leichteste Ber�hrung lie� ihn vor Schmerz aufst�hnen.</p><p>�Geh in dein Grab zur�ck, b�ser Geist, dann werde ich dir nichts tun�, erklang eine vertraute Stimme. Volker tastete nach seinem Schwert.</p><p>�Tu mir nichts zuleide, Geist. Ich bin gefesselt! Ich w�rde von hier fortlaufen, wenn ich k�nnte. Ich m�chte dich nicht in deinem letzten Schlaf st�ren.�</p><p>Humpelnd ging der Spielmann auf den Kreis der stehenden Steine zu. Er traute seinen Augen kaum. An einen der Felsen war Golo, sein Knappe, gefesselt. Er trug ein Kettenhemd und einen Waffenrock wie ein Ritter. Sein F��e steckten in pr�chtigen Reitstiefeln.</p><p>�Was machst du hier?� Der Knappe blickte ihn verst�ndnislos an. �Erkennst du deinen Herrn nicht mehr? Hat man mich wirklich so �bel zugerichtet? Werde ich vielleicht in Zukunft kein angenehmer Anblick f�r die Damen mehr sein? Sei ganz ehrlich zu mir, Golo!�</p><p>�Bist du es wirklich, Volker?�</p><p>�Was f�llt dir ein, mich so anzureden? Ich bin dein Herr! Und wenn ich dich so ansehe, erinnere ich mich, da� du mir noch ein Paar guter Stiefel schuldest.�</p><p>�Die Jungfrau sei gepriesen, er ist es! Ich bin so froh, dich zu sehen und...�</p><p>�Und deine Manieren haben sich in den letzten Monaten nicht sonderlich gebessert, du Flegel.� Volker durchtrennte mit einem Schwerthieb die Fesseln. Im Grunde war er froh, seinen Knappen wiederzusehen, auch wenn ihn die Art, wie Golo ihn anredete - so, als seien sie vom selben Stand -, ein wenig verwirrte. Der Knappe sah ihn noch immer an, als sei er ein Gespenst.</p><p>�Warst du einer der schrecklichen Krieger, die an der Seite dieser Furie mit den zwei Schwertern gek�mpft haben? Wie kommt es, da� du noch lebst?�</p><p>Volker hockte sich ersch�pft auf den Boden. �Das ist eine lange Geschichte.� Er blickte nach Westen. Irgendwo dort lag die Insel, zu der die Priesterinnen geflohen waren. Ob sie Gwen gerettet hatten?</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>EPILOG</strong></p></title><empty-line/><p>Als sie wieder zu Kr�ften gekommen waren, zimmerten Volker und Golo ein Flo� und verlie�en das zerst�rte Galis. Bis zur Samhainnacht blieben sie in den S�mpfen und suchten nach Tire Nam Beo, der Insel der Lebenden. Doch sie fanden weder eine Spur der Priesterinnen noch das verwunschene Eiland.</p><p>Schlie�lich gaben sie auf, und mit Einbruch des Winters erreichten sie Burgund. In der Christnacht trug Volker zum ersten Mal das Epos am K�nigshof vor, das er im Herbst in den S�mpfen gedichtet hatte. Er nannte es das Lied vom Nachtvolk. Golo war durch Volkers F�rsprache unter die Ritter des K�nigs aufgenommen worden, und er sa� in jener Nacht am Ende der Festtafel und lauschte l�chelnd der Stimme des S�ngers. Nicht alles hatte sich so zugetragen, wie der Dichter es schilderte.</p><empty-line/><p><strong>ENDE </strong></p></section><section><title><p><emphasis>Chronologie</emphasis></p></title><empty-line/><p><strong>Die Nibelungen </strong></p><empty-line/><p>Die gro�e Saga �Die Nibelungen� ist keine Nacherz�hlung des weltber�hmten Nibelungenliedes. Jeder Roman erz�hlt eine neue, aufregende Geschichte um einen Helden des Epos. Gleichwohl lassen sich die Romane in die Chronologie des Liedes einordnen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p><emphasis>Chronologie</emphasis></p><p><image l:href="#2"/><strong>Die Flammenfrau </strong></p><p><image l:href="#2"/><strong>Der Rabengott</strong></p><p><image l:href="#2"/> Hagen kommt nach Worms und beginnt seinen Aufstieg zum Berater.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Runenschwert</strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried t�tet Nibelung und Schilbung. Er stiehlt Alberich die Tarnkappe.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Der Feuerstern</strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried erschl�gt den Drachen.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Drachenlied</strong></p><p><image l:href="#2"/> K�nig Dankrat von Burgund stirbt. Gunther besteigt den Thron.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Nachtvolk </strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried kommt nach Worms.</p><p><image l:href="#2"/> Die Helden reisen nach Island und k�mpfen um Brunhilds Hand.</p><p><image l:href="#2"/> Siegfried heiratet Kriemhild, Gunther verm�hlt sich mit Brunhild.</p><p><image l:href="#2"/> Hagen t�tet Siegfried und versenkt den Nibelungenhort im Rhein.</p><p><image l:href="#2"/> Kriemhild heiratet den Hunnenk�nig Etzel.</p><p><image l:href="#2"/> Die Burgunden folgen Kriemhilds Einladung zur Hunnenburg.</p><p><image l:href="#2"/> Kriemhild l��t die Burgunden von den Hunnen ermorden.</p></section></body><binary id="cover" 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