<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><FictionBook xmlns="http://www.gribuser.ru/xml/fictionbook/2.0" xmlns:l="http://www.w3.org/1999/xlink"><description><title-info><genre>sf_fantasy</genre><genre>antique_myths</genre><author><first-name>J�rg</first-name><last-name>Kastner</last-name></author><book-title>Das Runenschwert</book-title><annotation><p>Siegfried von Xanten gilt in der weltber�hmten Nibelungen-Saga als der blonde Held, dem nur eine geheime Intrige den Untergang bringen kann. Eine ganz andere Geschichte �ber den Recken Siegfried wird in diesem Band erz�hlt. Der junge Prinz soll seiner Mutter Sieglind als Regent zur Seite stehen. Siegmund, sein Vater, ist angeblich im Kampf gegen die Friesen gefallen. Sein magisches Runenschwert hat ihn in der Schlacht zum Berserker gemacht, der, ohne auf seine ritterliche Ehre zu achten, alles vernichtete, was ihm in den Weg kam. Nach der d�steren Schlacht blieb das Runenschwert verschwunden. Nun, wenige Tage vor seiner Schwertleite, sucht Siegfried nach dem Schwert, denn erst mit der magischen Waffe in den H�nden glaubt er die Nachfolge seines Vaters antreten zu k�nnen.</p></annotation><date/><coverpage><image l:href="#cover"/></coverpage><lang>de</lang><sequence name="Die Nibelungen" number="5"/></title-info><document-info><author><first-name/><last-name/></author><program-used>perl v5.14.2, poppler 0.19, FictionBook Editor Release 2.6, fb2cut 2.5.4, fb2cut 2.6.2</program-used><date value="2012-04-22">22 April 2012</date><id>DBC2ABCE-BE31-40D5-9851-15F8DE4A056C</id><version>1.0</version></document-info><publish-info><publisher>ECON Verlag</publisher><city>D�sseldorf</city><year>1997</year><isbn>ISBN 3-612-27414-7</isbn></publish-info></description><body><section><empty-line/><p><image l:href="#cover"/></p><empty-line/><p><strong>Siegfried und der dunkle Runenzauber </strong></p><empty-line/><p>Siegfried, der Prinz von Xanten, soll zum Ritter geschlagen werden. Doch jede Waffe, die der junge Recke f�r seine Schwertleite schmiedet, zerbricht. Da erf�hrt Siegfried von dem sagenumwobenen Runenschwert, das sein Vater Siegmund einst im Kampf gegen die Friesen f�hrte. Seit dieser blutigen Schlacht gilt Siegmund als tot und das magische Schwert als verschollen. Siegfried macht sich auf die Suche. Er wei� nicht, da� zerst�rerische, dunkle Kr�fte im Reich mit der Magie des Schwertes eine andere, heidnische Zeit heraufbeschw�ren wollen.</p><empty-line/><p>J�rg Kastner ist mit dem Bestseller �Thorag oder die R�ckkehr des Germanen� bekannt geworden. In diesem Nibelungen-Roman beschreibt er den gef�hrlichen Weg, den der junge Held Siegfried nehmen mu�, um die dunklen M�chte am K�nigshof zu �berwinden.</p><empty-line/><empty-line/><p><strong>ECON Unterhaltung </strong></p><empty-line/><p><strong>Die Nibelungen: </strong></p><p>Kai Meyer, <strong>Der Rabengott </strong>(TB 27410)</p><p>Alexander Nix, <strong>Das Drachenlied </strong>(TB 27411)</p><p>Jana Held, <strong>Die Flammenfrau </strong>(TB 27412)</p><p>Bernhard Hennen, <strong>Das Nachtvolk </strong>(TB 27413)</p><p>J�rg Kastner, <strong>Das Runenschwert </strong>(TB 27414)</p><p>Martin Eisele, <strong>Der Feuerstern </strong>(TB 27415)</p><empty-line/><p>Siegfried von Xanten gilt in der weltber�hmten Nibelungen-Saga als der blonde Held, dem nur eine geheime Intrige den Untergang bringen kann. Eine ganz andere Geschichte �ber den Recken Siegfried wird in diesem Band erz�hlt. Der junge Prinz soll seiner Mutter Sieglind als Regent zur Seite stehen. Siegmund, sein Vater, ist angeblich im Kampf gegen die Friesen gefallen. Sein magisches Runenschwert hat ihn in der Schlacht zum Berserker gemacht, der, ohne auf seine ritterliche Ehre zu achten, alles vernichtete, was ihm in den Weg kam. Nach der d�steren Schlacht blieb das Runenschwert verschwunden. Nun, wenige Tage vor seiner Schwertleite, sucht Siegfried nach dem Schwert, denn erst mit der magischen Waffe in den H�nden glaubt er die Nachfolge seines Vaters antreten zu k�nnen.</p><empty-line/><p><emphasis>J�rg Kastner, </emphasis>Jahrgang 1962, lebt als freier Autor in Hannover. Er hat bisher mehrere genau recherchierte Historienromane ver�ffentlicht; u.a. erschien von ihm �Die Fl�gel des Poseidon�, ein Roman �ber die olympischen Spiele der Antike.</p><empty-line/><p><strong>J�rg Kastner </strong></p><empty-line/><p><strong>Das Runenschwert </strong></p><empty-line/><p>Roman</p><empty-line/><p>Der Romanzyklus �Die Nibelungen� entstand nach einer Idee von Kai Meyer</p><empty-line/><p>Konzeption: Kai Meyer/Reinhard Rohn</p><empty-line/><p><strong>ECON Taschenbuch Verlag </strong></p><empty-line/><p>Ver�ffentlicht im ECON Taschenbuch Verlag</p><p>Originalausgabe</p><p>Der ECON Taschenbuch Verlag ist ein Unternehmen der ECON &amp; List Verlagsgesellschaft.</p><p>� 1997 by ECON Verlag GmbH, D�sseldorf</p><p>Umschlaggestaltung: Init GmbH, Bielefeld</p><p>Titelabbildung: Agentur Schl�ck</p><p>Lektorat: Reinhard Rohn</p><p>Gesetzt aus der Goudy, Linotype</p><p>Satz: Josefine Urban - KompetenzCenter, D�sseldorf</p><p>Druck und Bindearbeiten: Ebner Ulm</p><p>Printed in Germany</p><p>ISBN 3-612-27414-7</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Prolog</strong></p></title><empty-line/><p>Die Nacht der Rache, die Nacht der Zerst�rung war gekommen...</p><p>Die stolze K�nigsstadt streckte sich unter einem finsteren, Sternenlosen Himmel am Ufer des Rheins aus, und auch das Stift lag in Dunkelheit und Ruhe. Die M�nche hatten ihr Nachtgebet schon vor Stunden gesprochen und sich zur Ruhe begeben. Bis zur Mette, dem Nachtgottesdienst, blieb den frommen Br�dern noch �ber eine Stunde Schlaf - so glaubten sie.</p><p><emphasis>Fromme Br�der?</emphasis></p><p>�Verfluchtes Christengez�cht!� fl�sterte fast unh�rbar, aber mit vor Ingrimm bebenden Lippen die dunkle Gestalt, die an der kalten Au�enmauer des Dormitoriums lehnte. Gro�e, kr�ftige H�nde verkrallten sich im groben Stein, als wollten sie die starke Mauer durchbrechen. Die Finger kratzten ha�erf�llt �ber die Fugen, und in winzigen St�cken rieselte der alte, ausgetrocknete M�rtel zu Boden.</p><p>Dicht �ber dem kapuzenverh�llten Kopf des R�chers g�hnte eins der scheibenlosen Fenster, die in regelm��igen Abst�nden die Wand des Schlafsaals durchbrachen. Er h�rte den vielfachen Atem der schlummernden M�nche, ihr zufriedenes Schnarchen, dann auch im Schlaf hervorgebrachtes Gemurmel, das wie Latein klang - wie ein Gebet!</p><p>Die Worte schmerzten in seinen Ohren, ekelten ihn an wie der widerliche Geruch von Weihrauch, der in seine Nase stach und den er im Mund f�hlte wie den bitteren Geschmack verdorbenen Gerstenbiers.</p><p>Voller Ha� auf den Geschmack, den Geruch, die Gebete, die M�nche und das gro�e Geb�ude ihres Stifts stie� sich der R�cher von der Mauer ab und schlich zu dem niedrigen Anbau der Vorratskammer, die das Dormitorium mit dem Speisesaal verband. Das Dach der Kammer war im Gegensatz zu den anderen Geb�uden nicht abgeschr�gt, sondern lag flach hinter niedriger Br�stung, etwa in doppelter Mannesh�he. Wieder griffen die H�nde des R�chers in die M�rtelrillen, dann auch die F��e, die in dunklen Lederstiefeln steckten. Geschickt wie eine Eidechse erkletterte die Gestalt die Mauer, packte schlie�lich �ber die Steinbr�stung und schwang sich ohne gro�e M�he aufs Dach.</p><p>Zufrieden �ber den gelungenen ersten Teil seines Unternehmens starrte er auf den Klosterhof mit dem gepflegten Garten hinab. Der fahle, kaum wahrnehmbare Schein des hinter den Wolken verborgenen Vollmonds gen�gte dem R�cher. Seine Augen waren wie die einer Raubkatze oder eines Waldkauzes: Er war ein J�ger der Nacht.</p><p>Die Fenster�ffnungen des rundum f�hrenden Kreuzgangs waren genauso dunkel wie alle anderen im Monasterium. Das Stift lag unter dem d�steren Nachthimmel und wartete auf seinen Untergang - ahnungslos und wehrlos.</p><p>Der R�cher l�ste das Seil, das er um seine H�ften gebunden hatte. Geschickt knotete er ein Ende um eine der niedrigen Zinnen, die das Flachdach umgaben. Das andere Ende lie� er in den Klosterhof fallen und kletterte, schnell und leise, hinab.</p><p>Der Hof lag so still und leer, wie es vom Dach aus den Anschein gehabt hatte. Der R�cher warf nur einen kurzen Blick hin�ber zur Kirche mit dem hohen Glockenturm, der die Welt der Menschen mit dem Reich des verha�ten Gottes verbinden sollte. Beim Gedanken an diesen Gott spie der R�cher ver�chtlich aus.</p><p>Er lief zu den Stallungen, quer �ber den Hof. Es war Zeitverschwendung, sich im Schatten der Geb�ude und B�ume zu halten, so dunkel und so verlassen, wie es hier war.</p><p>Als er zu einer Gruppe hochwuchernder Holunderstr�ucher kam, erkannte er seinen Irrtum, seinen verfluchten Leichtsinn, geboren aus dem brennenden Verlangen nach Rache. Das leise Knacken von Zweigen in seinem R�cken warnte ihn. Er blieb stehen und fuhr herum.</p><p>Zwischen den Str�uchern stand eine Gestalt derart im Schatten, da� selbst die an Finsternis gew�hnten Augen des R�chers sie nicht zu erkennen vermochten.</p><p>�Wer bist du, Bruder?� fragte eine rauhe Stimme.</p><p><emphasis>Ein M�nch! </emphasis>scho� es dem R�cher bei der Anrede �Bruder� durch den Kopf. Aber warum schlief der verw�nschte Pfaffe nicht?</p><p>Der R�cher trat langsam auf die Holunderstr�ucher zu, w�hrend seine Rechte nach der Lederscheide an seiner H�fte tastete.</p><p>�Gib dich zu erkennen, Bruder!� verlangte der Mann im Schatten des Holunders.</p><p>�Warum nennst nicht zuerst du deinen Namen?� erwiderte der R�cher.</p><p>�Weil ich annehme, als Propst dieses Klosters �ber dir zu stehen, Bruder.�</p><p>Der Propst also!</p><p>Da erkannte der R�cher auch schon die hagere Gestalt und das l�ngliche, jetzt verwirrt und ver�rgert wirkende Gesicht von Bruder Donatus. Was immer der hochgestellte M�nch um diese Zeit auch im Klostergarten wollte, es war eine ungl�ckliche F�gung, die ihn hergef�hrt hatte.</p><p>Wirklich?</p><p>Die Hand des R�chers war �ber die Lederscheide zum Hirschhorngriff gelangt, und pl�tzlich erf�llte ihn das unerwartete Auftauchen des Propstes mit tiefer Zufriedenheit.</p><p>�Weshalb antwortest du nicht?� fragte Donatus ver�rgert. �Wie lange soll ich mich in Geduld �b...�</p><p>Mitten im Wort brach er ab. Die hohe Stirn kr�uselte sich in Falten der Verwunderung.</p><p>�Du bist kein Bruder aus dem Stift!�</p><p>�Nein�, sagte der R�cher gleichm�tig und schlug mit der Linken seine Kapuze zur�ck. Er stand nur noch eine halbe Arml�nge von Donatus entfernt, nah genug, da� der Propst auch in dieser finsteren Nacht das Antlitz des Eindringlings erkennen konnte.</p><p>�Ihr seid es, Herr?� kr�chzte der erstaunte Donatus. �Was sucht Ihr hier, um diese Stunde?�</p><p>�Bu�e�, antwortete der R�cher in d�sterem Ton.</p><p>�Ihr wollt Bu�e tun, Herr?�</p><p>�Nein, du wirst b��en, Christenhund, du und deine frommen Br�der!�</p><p>Bei diesen Worten fuhr die rechte Hand des R�chers vor und jagte die schlanke, zweischneidige Dolchklinge in die Brust des Propstes. Aber der Stahl drang nicht durch, sondern rutschte an einer Rippe ab.</p><p>R�chelnd, mit entsetztem Gesichtsausdruck, taumelte Donatus zur�ck. Die starken Holunderzweige fingen ihn auf. Er pre�te die H�nde gegen seine Kutte. Die Wunde konnte nur oberfl�chlich sein, der Schreck war wohl gr��er als der Schmerz.</p><p>Der Mund des Propstes �ffnete sich, aber kein Wort kam �ber seine Lippen. Der R�cher war schneller, und diesmal fand seine Klinge sicher ihr Ziel.</p><p>Donatus sackte auf die Knie, w�hrend das Blut in wahren Str�men an seinem Leib hinunterrann und die dunkle Kutte tr�nkte. Bis zu dem Moment, als er b�uchlings vor die F��e des anderen fiel, lag Unverst�ndnis in seinen aufgerissenen Augen.</p><p>�Das erste Opfer f�r die wahren G�tter, viele werden noch folgen�, sprach der R�cher befriedigt und b�ckte sich, um seinen blutigen Stahl an der M�nchskutte zu reinigen. Doch eine Bewegung, die er aus den Augenwinkeln wahrnahm, lie� ihn erstarren.</p><p>Er blickte auf und sah in ein rundes, fleischiges Gesicht, das ebenso verwirrt dreinsah wie zuvor der Propst. Die von langen braunen Haarstr�hnen umspielten Wangen waren ger�tet. Vergebens versuchte das dralle M�dchen, seinen �ppigen K�rper mit dem einfachen Kleid zu bedecken. Sie hatte das Kleid nicht an, sondern dr�ckte es nur gegen seinen splitternackten Leib. Jetzt wu�te der R�cher, welches ganz und gar nicht fromme Verlangen den Propst aus dem Schlafsaal getrieben hatte.</p><p>�Das also ist eure tiefe Fr�mmigkeit, Christenpack!� fl�sterte er.</p><p>Der Blick des M�dchens kreuzte sich mit seinem. Eine Magd, wie es aussah, derb und willig. Der R�cher kannte das Gesch�pf nicht. Aber das M�dchen mochte ihn kennen, so wie auch der Propst ihn erkannt hatte. Das zitternde Ding durfte nicht erz�hlen, was sich hier zugetragen hatte!</p><p>Der R�cher richtete sich zu seiner ganzen beeindruckenden Gr��e auf. Des M�dchens Blick glitt an ihm entlang und blieb an der Rechten mit der blutigen Klinge haften. Aus Verwirrung wurde Erkenntnis, was die Angst in ihrem rosigen Gesicht noch verst�rkte.</p><p>�Bitte, Herr, nicht!� flehte die Magd und stand wie gel�hmt unter dem Holunder, w�hrend der R�cher auf sie zuschritt. �Ich habe nichts B�ses getan!�</p><p>�Glaubst du an den Christengott?� fragte der R�cher leise. �Glaubst du daran, da� du nach deinem Tod in den Himmel hinauff�hrst?�</p><p>Das M�dchen antwortete z�gernd: �Ich... wei� nicht...�</p><p>�Gleich wirst du es wissen!�</p><p>Wieder zuckte der Stahl vor und fuhr m�helos durch die Kehle der Unbekannten. Tot sank sie vor die F��e des R�chers. Dann steckte er die Klinge zur�ck ins Leder, zog die Kapuze �ber und setzte seinen Weg zu den Stallungen fort, ohne die beiden Toten noch eines Blickes zu w�rdigen. Sie k�mmerten ihn nicht. Der Propst als Anbeter des Christengottes war sein Feind gewesen, und das M�dchen war ohne jede Bedeutung.</p><p>Der Viehstall war zwar verriegelt, aber nur gegen den Ausbruch der Tiere, nicht zum Schutz gegen Eindringlinge. M�helos verschaffte der R�cher sich Einla� und blieb vor einem Strohkasten stehen. Aus einem Beutel an seinem Lederg�rtel nahm er einen Feuerstein und einen handlangen Eisenstab, mit dem er �ber der Kiste auf den Flint schlug, immer und immer wieder.</p><p>Winzige Funken spr�hten ins Stroh, endlich qualmte es, dann schlug Feuer hoch, leckte mit gierigen Zungen nach seinen H�nden. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelte sich der gro�e Strohk�sten in eine einzige Lohe.</p><p>�So ist es gut�, seufzte der R�cher.</p><p>Er packte brennende Strohb�ndel und warf sie in den Stall hinein.</p><p>Der Hunger der Flammen kannte keine Grenzen. Je st�rker sie sich ausbreiteten, desto mehr verschlangen sie, bald nicht mehr nur Stroh und Holz, sondern auch lebendes Fleisch. Die Schreie der K�he, Esel und Ziegen erweichten das Feuer ebensowenig wie den R�cher, der keine Gnade kannte.</p><p>Er lief hinaus, an den beiden Leichen vorbei, und erkletterte am Seil die Vorratskammer. Auf dem Dach zog er das Seil ein, befestigte es an der anderen Seite und stieg hinunter.</p><p>Wieder blieb er vor den Fenstern des Dormitoriums stehen und lauschte auf die Schlafger�usche der Christenm�nche. Ihr friedlicher Schlummer w�rde nicht mehr lange w�hren...</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>In der folgenden Nacht hatten sich die Wolken verzogen. Mond und Sterne warfen ihr bla�gelbes Licht auf das Land am Niederrhein, doch hier im K�nigswald herrschten die Schatten. Der R�cher l�chelte, als er an das verzweifelte L�uten der Stiftskirche dachte und an das vergebliche Bem�hen der M�nche, die Flammen zu l�schen. Auch die zu Hilfe eilenden Kaufleute aus der nahen Siedlung brachten keine Rettung. Sie kamen viel zu sp�t. Die Flammen fra�en den Viehstall, die anliegenden Ger�teschuppen, und griffen dann auch auf das Geb�lk der steinernen Geb�ude �ber. M�nche, Kaufleute und Knechte arbeiteten die ganze Nacht hindurch, sch�tteten Eimer auf Eimer ins Flammenmeer. Der Feuerschlund trank das Wasser voller Gier.</p><p>Der R�cher stand nicht weit entfernt unter dem Vordach eines Lagerhauses, lauschte dem Glockengel�ut, den Schreien und dem Prasseln der Flammen, deren zuckender Schein die Nacht zum Tage werden lie�. Am Morgen standen nur noch verkohlte Mauern und der verfluchte Glockenturm. Es hie�, er sei nicht mehr zu benutzen und k�nne jeden Augenblick zusammenst�rzen.</p><p>Sollte er doch einst�rzen! Der R�cher w�rde ein Freudenlied darauf singen.</p><p>Er war l�ngst abgestiegen und f�hrte den Rapphengst am Z�gel durchs dichte Unterholz. Die Waldgeister eroberten das einst vom Menschen gerodete Land schnell zur�ck. Warum auch nicht, die Menschen hatten es aufgegeben, als sie ihre G�tter verrieten. Und die Burg, einst Stammsitz m�chtiger K�nige, war nur noch eine verfallene Ruine.</p><p>Im Mondlicht schimmerten die br�ckelnden Mauern, Zinnen und T�rme bleich wie die Knochen eines riesigen Tieres. Die eines jener Drachen vielleicht, die ebenso verschwunden schienen wie die alten G�tter.</p><p>Der R�cher blieb am Rand der einst viel gr��eren Lichtung stehen und lie� den Anblick auf sich wirken.</p><p>Er erf�llte ihn mit Stolz auf die Vorfahren, die diese Burg errichtet hatten, im Glauben an die G�tter.</p><p>Gleichzeitig �berfiel ihn Trauer �ber die neue Zeit, die angebrochen war und die Herzen der Menschen ver�ndert hatte. Sie glaubten jetzt an einen Gott der Liebe und Vers�hnung. Doch sie f�hrten noch immer Kriege gegeneinander. Sp�rten sie nicht, da� dieser angebliche Liebesgott sie nur benutzte, um seine Macht zu st�rken und seinen falschen Ruhm in immer weitere Gefilde zu tragen?</p><p>Der R�cher w�rde dem ein Ende bereiten!</p><p>Er schritt auf das Tor zu und zerrte das unruhig werdende Pferd mit eiserner Hand hinter sich her. Die Zugbr�cke war heruntergelassen, der Wassergraben l�ngst ausgetrocknet. Die morschen Bohlen hallten dumpf unter den Schritten von Mann und Tier.</p><p>Er band den �ngstlich schnaubenden Rappen an einer Brunnenumfriedung im Hof fest. Das Gestein schien stark genug, um dem nerv�sen Zerren des Hengstes standzuhalten.</p><p>Der Mann ging weiter und betrat den �berdachten Gang, der zur Eichenhalle f�hrte, dem Mittelpunkt der K�nigsburg. Staubwolken wirbelten unter seinen Stiefeln auf. Mehrmals mu�te er Spinnweben aus seinem Gesicht wischen.</p><p>Und hinter ihm wieherte kl�glich das Pferd. Er blieb nicht stehen, drehte sich nicht um, kehrte nicht zur�ck. Fest entschlossen, wie er war, gab es keine Umkehr. Nicht f�r ihn - den R�cher der G�tter!</p><p>Erst beim Anblick des Kinderbaums blieb er stehen. Wie gerade, stolz und m�chtig sich der Stamm in den Himmel reckte!</p><p>Der Mann legte den Kopf in den Nacken und sah zu der riesigen Krone hinauf, die das Dach der Eichenhalle war. Schwindel packte ihn.</p><p>Daran war weniger die ungeheure Gr��e der Eiche schuld als der Gedanke, wie lange der Baum hier stand. Es hatte ihn schon gegeben, als die Urv�ter die Burg errichteten, rings um den Baum der G�tter - den Kinderbaum.</p><p>Mit seinen Gl�ck spendenden Fr�chten r�ucherte man bei Entbindungen. An seinem Stamm klammerten sich die Geb�renden fest, um die Kraft der G�tter zu sp�ren. Auf diese Weise waren m�chtige Recken zur Welt gekommen, K�nige!</p><p>Es war l�ngst vorbei.</p><p>So wie die Zeit, in der die Menschen an ihre wahren G�tter glaubten und sie ehrten, wie es ihnen geb�hrte.</p><p>Ehrf�rchtig schritt der Mann zwischen den halb zu Staub zerfallenen Tafeln und B�nken hindurch, bis er so dicht an dem m�chtigen Stamm stand, da� er nichts anderes sah. Er atmete tief durch und pre�te seine Handfl�chen gegen die rissige Borke.</p><p>Der Stamm der alten Eiche f�hlte sich k�hl wie die Erde an, doch gleichzeitig ging ein Brennen durch seine H�nde, die Arme, den ganzen Leib, und erfa�te sein Herz. Er f�hlte, da� hier seine Heimat war, nicht in den Kirchen des Christen.</p><p>Nur widerwillig lie� er den Baum los und nestelte mit zitternden Fingern den Lederbeutel auf, der an seinem G�rtel gehangen hatte. Er b�ckte sich und sch�ttete den Inhalt auf das feste Erdreich, zwischen die mehr als beinstarken Wurzeln des Kinderbaums. Es war grauschwarzer Staub.</p><p>�Dies ist Asche vom Haus des falschen Gottes�, sagte der R�cher feierlich. �In der letzten Nacht brachte ich ihm den Flammentod, dir zu Gefallen, m�chtiger Feuergott. Du siehst, ich habe deine Rufe erh�rt.�</p><p>Er blickte an dem Stamm hinauf zur Baumkrone, die den Himmel fast g�nzlich verdeckte.</p><p>Doch die erhoffte Antwort blieb aus.</p><p>Da zog er den Dolch und stie� ihn tief ins Erdreich, mitten in die Asche.</p><p>�Und dies ist die Klinge, die einem Christenpriester das Leben raubte, gef�hrt von meiner Hand, m�chtiger Gott der Flammen. Er soll nur der erste sein von vielen, die ihren falschen Glauben und ihren Verrat an dir elend b��en!�</p><p>Die Augen des R�chers weiteten sich, als mit dem Dolchstahl eine seltsame Ver�nderung vor sich ging. Er begann zu gl�hen, erst nur schwach, schlie�lich so stark, da� die Hitze den Mann schwitzen machte. Und die Asche zerflo�, wurde zu einer roten Lache.</p><p><emphasis>Zu Blut!</emphasis></p><p>Langsam streckte der Mann seine Hand aus und ber�hrte das Blut. Es war hei�, gl�hend hei�. Und doch verbrannte es seine Hand nicht. Es schien durch die Haut hindurchzugehen, geradewegs in seinen Leib, der den roten Saft aufsog, bis die Lache verschwunden war und nur noch der Dolch im Boden steckte.</p><p>Das Gl�hen war in dem Mann, lie� ihn eins werden mit dem Feuergott, dessen Namen er wieder und wieder in die Nacht hinausschrie. Die Schreie �bert�nten das hysterische Gewieher des Rappen, der wie von Sinnen an den Z�geln zerrte. Doch er kam nicht los von dem alten Brunnen und sprang in Todesangst hin und her, hin und her...</p><p>Sein Reiter beachtete das Tier nicht, h�rte nicht einmal sein Wiehern. F�r ihn z�hlte nur die Macht, die ihn erf�llte: die Macht des Feuergottes!</p><p>Er war eins mit dem m�chtigen Gott. Oder war er nur sein Werkzeug?</p><p>Machte das �berhaupt einen Unterschied? Wichtig war nur, da� durch seine H�nde - die H�nde des R�chers - die Macht der alten G�tter zur�ckkehren w�rde.</p><p>Die Zeit der Rache, die Zeit der Zerst�rung war gekommen!</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 1</strong></p></title><empty-line/><p>�Ja, das Eisen mu� gl�hen, hei� sein wie der Tod im letzten Augenblick des Menschenlebens!�</p><p>Graf Reinhold von Glander, Schmied mit Leib und Seele, stie� die Worte mit Inbrunst hervor, w�hrend er sein hageres, grobknochiges Gesicht ungeachtet der aufstiebenden Funken �ber die Esse beugte, in der die gro�e Klinge gl�hte. Auch der hochgewachsene J�ngling, dessen in ledernen Handschuhen steckende H�nde den Knauf des neuen Schwertes hielten, trotzte der atemraubenden Hitze und blickte mit zusammengekniffenen Augen in die rotgelbe Glut. Wieland hatte die H�nde um die beiden Griffe des gro�en, zweifachen Blasebalgs gelegt und entfachte den Brand der Kohlen mit jedem Druck seiner muskelbepackten Arme aufs neue.</p><p>Noch roter als die Kohlen gl�hte das Eisen, das Siegfried hielt. Fast schien es, als wolle es schmelzen und im gro�en Becken der Esse zerlaufen.</p><p>�Jetzt, Meister?� fragte der junge Schmiedebursche mit vor Erregung zitternder Stimme. Es war beileibe nicht das erste Schwert, das er schmiedete, aber bei weitem das wichtigste.</p><p>�Noch nicht�, erwiderte Reinhold mit einer Ruhe, die Siegfried unbegreiflich war.</p><p>�Aber das Eisen gl�ht dunkelrot, genau in der richtigen F�rbung, um es abzuschrecken!�</p><p>�Noch nicht�, wiederholte der erfahrene Schmied, dessen Augen starr auf die hei�e Klinge gerichtet waren.</p><p>Mit jedem Druck Wielands flogen neue Funken auf. Gerade �ffnete Siegfried den Mund, um seinen Meister zu fragen, wie lange die Klinge noch gl�hen m�sse, da befahl Reinhold: �Abschrecken, jetzt!�</p><p>Siegfried zog das Schwert aus dem Feuer und tauchte es in den Bottich, der auf den ersten Blick klares Wasser enthielt. Doch es war mit Zutaten angereichert, die nur die Schmiede kannten und die dem Stahl besondere H�rte verliehen. Dampf quoll unter lautem Zischen auf und vermischte sich mit dem Qualm, der von der Esse aufstieg, zu einer grauen Fahne, die zum Abzugsloch im Schr�gdach wehte.</p><p>�Heraus mit dem Eisen!� rief Reinhold und legte seine Hand auf Siegfrieds Schulter.</p><p>Der junge Xantener ri� augenblicklich die Klinge aus dem Bottich und legte sie auf den Stahlblock. Aus dem gl�henden Dunkelrot war ein helles Gelb geworden.</p><p>�Du kannst das Schwert ruhig loslassen, Siegfried�, bemerkte Reinhold mit mildem Spott. �Wie du es umklammerst, kriegst du noch einen Krampf in den Armen.�</p><p>Siegfrieds ganze Aufmerksamkeit galt dem Eisen, dessen Gelb langsam eine dunklere F�rbung annahm. Nur z�gernd l�ste er seine H�nde vom Schwertgriff. Er wollte nichts falsch machen, nichts verderben an seinem K�nigsschwert.</p><p>Schon einmal hatte er geglaubt, die richtige Klinge f�r seine bevorstehende Schwertleite in H�nden zu halten. Reinhold hatte sie geschmiedet und Siegfried mit der Bemerkung �berreicht, er solle sie ruhig nach Herzenslust pr�fen. Das hatte der K�nigssohn getan und auf einer nahen Waldlichtung die Klinge gef�hrt, immer wieder auf B�ume eingeschlagen - bis der Stahl zerbrach.</p><p>Reinhold hatte sein ergrauendes Haupt gesch�ttelt. �Du bist der kr�ftigste Schmiedebursche, den meine Augen jemals sahen�, hatte er zu Siegfried gesagt und hinzugef�gt: �Ich glaube, nur du selbst kannst ein Schwert schmieden, das deinen Kr�ften standh�lt. Ich werde dir dabei helfen!�</p><p>Dieses Schwert lag nun auf dem Stahlblock und wechselte die Farbe seiner Klinge vom Dunkelgelben ins Blaue. W�rde es das Schwert eines jungen K�nigs sein? Die Schwertleite sollte Siegfried zum Mann machen, und dann w�rde er an der Seite seiner Mutter Sieglind �ber die Niederlande herrschen, bis er eines Tages ganz allein das Erbe des toten Vaters antrat.</p><p>�Das �l, Otter!� rief Reinhold. �Du mu�t es eingie�en!�</p><p>Der schlanke, dunkelh�utige Junge nickte und go� den Inhalt zweier Tonkr�ge in einen hohen Eiseneimer. Als sich die beiden Fl�ssigkeiten trafen, sch�umten sie kurz auf. Reinholds H�rte�l war weithin ber�hmt. Otter trug schwer an dem Eimer, und Wieland half ihm, damit er nichts versch�ttete. Sie stellten das �l neben den Stahlblock.</p><p>Siegfried nahm das nur aus den Augenwinkeln wahr. Seine volle Aufmerksamkeit galt der noch immer hei�en Klinge, die braun geworden war und sich allm�hlich erhellte, bis sie die Farbe von Honig annahm.</p><p>�Ins �l, Meister?� fragte Siegfried, und Reinhold nickte. Der K�nigssohn ergriff das Schwert und steckte die Klinge ins H�rte�l. Diesmal stiegen schwarze Schwaden auf, die aussahen - und stanken - wie H�llend�mpfe.</p><p>�R�hren�, sagte der Schmied. �Beweg dein Schwert!�</p><p>Und Siegfried f�hrte mit gleichm��igen Bewegungen die erkaltende Klinge im �l, um den Stahl gleichm��ig zu h�rten, wie er es bei Reinhold gelernt hatte. Der Schmied und die beiden Gehilfen standen dicht neben ihm. Ihre Augen folgten jeder Bewegung Siegfrieds, als er die Klinge langsam aus dem Eimer zog und hochhielt, bis die Glut der Esse sich in dem blauen Stahl spiegelte.</p><p>�Ah, das ist harter Stahl�, stellte Reinhold nach pr�fendem Blick fest. �Sind die Schneiden erst gesch�rft, wirst du das beste Schwert im ganzen Land f�hren, Siegfried.�</p><p>�Wirklich?� fragte Siegfried leise und dachte an die andere Klinge, die er zerbrochen hatte.</p><p>�Du glaubst mir nicht?� Reinhold klang emp�rt. �Dann erprobe die H�rte. Schlag zu, auf was du willst!�</p><p>Siegfried betrachtete die Klinge und dann den Stahlblock, auf dem sie nach dem Abschrecken gelegen hatte. Pl�tzlich kam Bewegung in seinen sehnigen K�rper, und er lie� Stahl auf Stahl niederfahren.</p><p>W�re Otter nicht von �bermenschlicher Gewandtheit gewesen, h�tte die Schwertspitze das Findelkind durchbohrt. Sie brach ab, wie ein d�nner Ast unter dem Druck einer kr�ftigen Hand zerbrach, und flog durch den Raum. So schnell, da� ein menschliches Auge ihr kaum folgen konnte. Doch der wendige Otter tauchte zur Seite, und der Stahl bohrte sich mit der Spitze in den eichenen R�sterblock, auf dem der schwere Ambo� ruhte, und blieb dort federnd stecken. Vier Augenpaare starrten ungl�ubig auf den gro�en Holzblock und dann auf das halbe Schwert, das noch in Siegfrieds H�nden lag.</p><p>�Ich dachte, wir sind gute Kameraden, Siegfried�, durchbrach Otter in seiner launigen Art die beklommene Stille. �Bis heute wu�te ich nicht, da� du mich auf solch drastische Art t�ten willst.�</p><p>Als niemand lachte, mu�te Otter einsehen, da� seine Scherze diesmal nicht halfen. Die Mienen von Siegfried und Reinhold wirkten vor Grimm versteinert, w�hrend der klobige Wieland einfach nur grenzenlos verbl�fft dreinschaute. Endlich l�ste der Schmied seine Augen von dem zerst�rten Schwert.</p><p>�Ich hatte in all den Vielen Jahren noch keinen Schmiedeburschen mit solchen Muskeln wie Wieland�, sprach Reinhold nachdenklich. �Aber deine Kraft, Siegfried, �bertrifft die seine noch!� Anerkennung schwang in dieser Feststellung mit.</p><p>�Was nutzt es mir, wenn ich jedes Schwert zerbreche, statt es zu f�hren?�</p><p>Achtlos lie� Siegfried die Schwerth�lfte fallen und verlie� die Schmiede. Er ging hinunter zum Flu�, dessen Fluten im hellen Licht der Sommersonne silbrig schimmerten, und setzte sich auf einen Felsblock.</p><p>Die Werkst�tten lagen in seinem R�cken, und das H�mmern und Zischen war wie der Klang aus einer anderen Welt. Die Schwertburg beherbergte die gr��te Waffenschmiede am Rhein, und die hier gefertigten Schwerter, Lanzen und �xte waren weithin ber�hmt. So ber�hmt, da� der Waffenschmied Reinhold von Glander l�ngst zum allseits geachteten F�rsten aufgestiegen war.</p><p>Zur gro�en Schwertleite kamen viele Ritter nach Xanten. Reinholds M�nner arbeiteten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, um eine m�glichst gro�e Zahl der begehrten Waffen absetzen zu k�nnen. Das f�rderte Reinholds Ruhm und nicht weniger seinen Reichtum.</p><p>�Betrachte das zerbrochene Schwert nicht als Ungl�ck, Siegfried, sondern als Beweis deiner St�rke!�</p><p>Reinhold stand neben ihm und blickte mit der Anteilnahme auf ihn herab, wie sie ein Vater f�r den Sohn versp�ren mochte. Tats�chlich war der Graf von Glander f�r Siegfried, dessen Vater auf dem Feldzug gegen die Friesen gefallen war, ein v�terlicher Freund. Siegfried, damals keine zehn Jahre alt, hatte seine Trauer und Wut an allem und jedem ausgelassen, ungestraft, wie es nur ein K�nigssohn tun konnte. Als seine Mutter sich nicht mehr zu helfen wu�te, hatte sie Reinhold zum Zuchtmeister ihres einzigen Sohnes erkoren. An Esse und Ambo� sollte der Zorn des jungen Prinzen verrauchen; von Reinhold sollte er alles lernen, was ein Vater dem Sohn beibringen konnte: die Kunst der Jagd und des Krieges, den Umgang mit Pferden und vor allem den mit Menschen.</p><p>Reinhold hatte weder Sieglind noch ihren Sohn entt�uscht. Fast bereute Siegfried, da� seine Zeit auf der Schwertburg in wenigen Tagen vorbei sein sollte.</p><p>�Die Schwertleite�, sagte der J�ngling leise und blickte auf den Rhein, auf dem in diesen Tagen noch mehr Boote als sonst verkehrten; die meisten wollten zur K�nigsstadt Xanten. �Ich h�tte es gern gesehen, wenn Ihr mich mit einem ganz besonderen Schwert umg�rtet, Reinhold. Mit einem, das dem Sohn Siegmunds w�rdig ist.�</p><p>�Es gibt viele prachtvolle Schwerter, Siegfried�, antwortete der ber�hmte Waffenschmied und lie� sich neben seinem Ziehsohn nieder. Mit einem heiseren Lachen f�gte er hinzu: �Niemand wei� das besser als ich, denn die meisten kommen aus meiner Schmiede.� Er r�usperte sich. �Jedenfalls wirst du dich des Schwertes nicht zu sch�men brauchen, das ich dir am Tag deiner Mannbarkeit �berreiche. Und du wirst auch noch lernen, die Klinge zu f�hren, ohne sie beim ersten Schlag zu zertr�mmern.�</p><p>Siegfried sp�rte W�rme und Zuneigung in Reinholds Worten. Aber es vertrieb nicht die Schatten, die auf seinem Gem�t lagen. �Das wei� ich, Reinhold, und daf�r danke ich Euch. Trotzdem h�tte ich gern ein einzigartiges Schwert gehabt, eins, das dem Prinz von Xanten nicht weniger gut zu Gesicht steht als meinem Vater das...�</p><p>�Das Runenschwert?� beendete Reinhold den Satz des verstummten J�nglings.</p><p>�Ja�, best�tigte Siegfried leise und dachte an das legend�re Schwert seines Vaters, das Siegmund zum unbesiegten Recken gemacht hatte. Wodan selbst sollte es geschmiedet haben, und es trug magische Runen. So erz�hlte man, wenn die Christenpriester nicht hinh�rten.</p><p>�Du wei�t, da� Siegmund selbst es zerbrochen hat, bevor er starb.�</p><p>Siegfried nickte nur und blickte seinen Ziehvater fragend an.</p><p>�Der Krieg gegen die Friesen war grausam, unw�rdig eines Ritters�, erz�hlte Reinhold, der als vielger�hmter Recke selbst an jenem gro�en Feldzug teilgenommen hatte. �Erspare mir die Einzelheiten. Was man sich in Schenken und an Lagerfeuern dar�ber erz�hlt, ist bestimmt nicht �bertrieben. Als dein Vater die t�dliche Verwundung empfing, begriff er, da� er die Macht des Runenschwertes mi�braucht und Wodan deshalb seine sch�tzende Hand von ihm genommen hatte. Deshalb zerbrach er die Waffe und befahl, die beiden H�lften an unzug�nglichen Orten zu verstecken.�</p><p>�Warum lie� er es nicht ganz zerst�ren?�</p><p>�So darf man nicht mit einem Geschenk des G�ttervaters umgehen, der zugleich Stammvater des eigenen Geschlechts ist. Kann es nicht sein, da� er dereinst befiehlt, das Runenschwert wieder gegen den Feind zu f�hren?�</p><p>Siegfried sah ungl�ubig drein und meinte nach einigem �berlegen: �Ich dachte, die alten G�tter h�tten sich von uns zur�ckgezogen. Bischof Severin sagt, es hat sie nie gegeben, sie seien blo� ein Aberglaube.�</p><p>�Aberglaube ist nur das, was von den M�chtigen dazu erkl�rt wird�, erwiderte Reinhold d�ster. �Das Runenschwert ist Vergangenheit und wird bald nur noch Legende sein. Gewi�, es w�re ein angemessenes Schwert f�r den Prinzen von Xanten, aber da es unerreichbar ist, nutzt dir diese Erkenntnis nichts.�</p><p>�Unerreichbar?� wiederholte Siegfried. �Jemand mu� doch wissen, wo es versteckt wurde.�</p><p>�Die beiden M�nner, die es versteckten.�</p><p>�Der eine ist wohl Grimbert�, meinte Siegfried und dachte an seinen wunderlichen Oheim.</p><p>�Ganz recht.�</p><p>�Und wer ist der andere?�</p><p>�Das bin ich�, sagte Reinhold.</p><p>�Ihr?�</p><p>�Warum so erstaunt?� fragte der Schmied. �Schlie�lich habe ich im vordersten Treffen gegen die Friesen gefochten, Seite an Seite mit deinem Vater. Wir waren gute Waffengef�hrten, und in uns beiden flie�t das Blut der alten G�tter.�</p><p>Siegfried f�hlte sich bei diesen Worten von neuer Lebenskraft beseelt. Wie hatte der Graf doch zu ihm gesagt: Das Runenschwert w�re ein angemessenes Schwert f�r den Prinzen von Xanten!</p><p>�Wo ist das Runenschwert?� brach es aus Siegfried hervor.</p><p>Reinhold musterte ihn zweifelnd. �Es ist an Orten aufbewahrt, die jedem Sterblichen den Tod bringen.�</p><p>�Warum lebt Ihr und Grimbert dann noch?�</p><p>�Weil die Orte damals noch nicht so unzug�nglich waren.�</p><p>Siegfried besann sich auf etwas, das Reinhold ihm beigebracht hatte: <emphasis>Wenn du den Gegner nicht durch Kraft besiegen kannst, dann versuch es mit einer List!</emphasis></p><p>Also sagte er: �Wenn sie so unzug�nglich sind, k�nnt Ihr sie doch ruhig nennen!�</p><p>Aber Reinhold durchschaute ihn und l�chelte. �Die Gerissenheit mu�t du von deinem Vater geerbt haben.�</p><p>�Vielleicht war es Vaters Wunsch, da� sein Sohn auch das Runenschwert erbt.�</p><p>Reinhold blickte lange auf den Flu�, wo ein Lastkahn arg mit einem Strudel zu k�mpfen hatte. Nur mit M�he kamen die Schiffer nach dem Einsatz langer Staken wieder frei. Der Schmied sprang mit einer Behendigkeit auf, die erstaunlich war f�r einen Mann, dessen Jugend schon lange zur�cklag.</p><p>�Lassen wir die d�steren Gedanken und das Gerede �ber G�tter und Runenmagie. Die Zeiten sind vor�ber. Komm mit, mein Sohn, ich werde dir ein Geschenk machen, das du nicht so einfach zerbrichst!�</p><p>�Ein Geschenk?� fragte Siegfried hellh�rig. Sein jungenhafter Geist hatte die Gedanken an das Runenschwert rasch verdr�ngt. Ein Geschenk war immer ein Grund zur Freude und, wenn es von Reinhold kam, gewi� nicht von geringem Wert. �Was ist es?�</p><p>�Etwas, das ich dir eigentlich am Tag der Schwertleite geben wollte. Aber heute ist eine ebensogute Gelegenheit.�</p><p>Reinhold f�hrte ihn nicht zur�ck zur Schmiede, sondern zu den Weiden am Flu�. Edle Pferde grasten hier, G�tterpferde. So wurden sie genannt, weil der alte Glaube auch ihre Existenz auf die G�tter zur�ckf�hrte. Dunkel erinnerte sich Siegfried an die Sage, nach der Loki sich, als Stute verwandelt, mit dem Hengst des Riesenbaumeisters gepaart hatte, um das Tier von der Arbeit abzuhalten. Dieser Verbindung war der Dahingleitende entsprungen, Wodans ber�hmtes achtbeiniges Ro�.</p><p>�Auf dieser Weide findest du nur hervorragende Pferde�, sagte Reinhold und zeigte auf die sanft abfallende Wiese, die geradewegs zum Rhein f�hrte. �Such dir das beste aus!�</p><p>Siegfried �berlegte nur kurz, dann lief er mit lautem Geschrei und ausgebreiteten Armen auf die Weide und trieb die Pferde in den Flu�, der an dieser Stelle von nicht geringer Str�mung war. Unter lautem Gewieher sprangen die meisten Tiere sofort wieder aus den Fluten, schlugen einen weiten Bogen um den St�renfried und kehrten auf die Wiese zur�ck. Nur ein gro�er grauer Hengst stemmte sich gegen die Fluten, blieb ruhig stehen und erwiderte Siegfrieds Blick mit stolz erhobenem Kopf.</p><p>�Das ist mein Pferd!� sagte Siegfried.</p><p>�Graufell?� fragte Reinhold. �Weshalb er?�</p><p>�Weil er der Gefahr nicht weicht, sondern ihr mutig trotzt. Wer sich vor dem m�chtigen Rhein nicht f�rchtet, wird mich auch in der Schlacht nicht im Stich lassen.�</p><p>�Eine gute Wahl�, befand Reinhold mit anerkennendem L�cheln.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Warm war die Nacht, fast schw�l, und die sich ausbreitenden Wolkenschleier boten gute Aussicht auf ein Sommergewitter. Donar, der Donnergott, jagt durch die Nacht, h�tten die Menschen fr�her gesagt.</p><p>Mond und Sterne verschwanden immer wieder hinter den dunklen Schlieren. Dann verlor der gro�e Strom seinen Silberglanz und flo� in unheimlicher, bedrohlicher Schw�rze dahin. Auf Siegfried wirkte er wie die riesige Schlange, die sich nach altem Glauben um die ganze Welt wand. Er sa� fast an derselben Stelle wie am Tage, als er hier mit Meister Reinhold gesprochen hatte. Aber jetzt war er allein. Er kam oft hierher, wenn er seine Gedanken ordnen wollte. Der Flu� schien ihm dabei zu helfen, vielleicht weil er Siegfried mit denen verband, die ihm nahestanden und doch so fern waren. Mit seiner Mutter Sieglind in Xanten. Und vielleicht auch mit seinem toten Vater Siegmund, dessen Leichnam im Land der Friesen geblieben war. Siegfried war traurig, da� Reinhold ihm die Orte verschwiegen hatte, an denen die H�lften des Runenschwertes lagen. Mit dem magischen Schwert in seinen H�nden h�tte er wenigstens mehr als eine Erinnerung von seinem Vater gehabt.</p><p>Lautes Pl�tschern im nahen Ufergew�sser erregte seine Aufmerksamkeit. Es �bert�nte das Rauschen des breiten, kraftvollen Stroms. Siegfried sp�hte ins Dunkel. Er konnte kaum etwas erkennen, so dicht hatte sich die Wolkendecke schon zusammengezogen. Flu�abw�rts konnte er noch die ungef�hren Umrisse der Rheinfeste ausmachen. So wurde eine befestigte Insel an einer engen Stelle des Flusses genannt. Jetzt war sie unbemannt. Aber in Kriegszeiten, wenn Feinde aus dem Norden �ber den Rhein vorr�ckten, fiel den M�nnern der Schwertburg die Aufgabe zu, die gegnerischen Schiffe an der Rheinfeste zur�ckzuhalten. Wie tot lag der wuchtige Felsen im Strom. Die dunklen Zinnen und T�rme verschmolzen mit dem Nachthimmel.</p><p>Ein kalter Schauer lief �ber Siegfrieds nackte Arme, die das lederne Wams unbedeckt lie�. Aber schuld war nicht die Nacht, sondern der Gedanke an die unbekannten Tiefen des Rheins.</p><p>Mochten die Christenpriester auch dar�ber zetern und spotten, aber kaum jemand, der am Flu� lebte, war frei von dem Glauben an Wassergeister. Siegfrieds alte Amme hatte ihrem kleinen Sch�tzling erz�hlt, da� die Seelen Ertrunkener in den Fluten gefangen waren. Und von einem m�chtigen, b�sen Flu�d�mon hatte sie gesprochen, dem Siebenschl�fer.</p><p>Er warf einen raschen Blick �ber die Schulter. Weit entfernt ragten in dunklen Umrissen die Mauern der Schwertburg auf, wurden fast aufgesogen von der Finsternis. Die meisten Menschen in der Burg schliefen bereits, und auch in den Werkst�tten waren der Schlag der H�mmer, das Prasseln der Feuer und das Zischen der Blaseb�lge l�ngst verklungen. Nur die Wachen auf den T�rmen und Wehrg�ngen durften ihre Augen nicht schlie�en, auch wenn sie sich nicht immer daran hielten.</p><p>Falls im Flu� ein Geist lauerte - ein Hakemann vielleicht, darauf aus, Siegfried mit seinem langen Haken einzufangen und f�r ewig in den Rhein zu ziehen -, w�rde niemand dem jungen Xantener zu Hilfe kommen. Man w�rde sein Ungl�ck nicht einmal bemerken.</p><p>Da, wieder dieses Pl�tschern!</p><p>Laut und schwer klang es. Wie ein sehr gro�er Stein, der ins Wasser geworfen wurde und �ber den anfangs flachen, absch�ssigen Flu�boden rollte. Oder wie ein massiges Tier, das sich dort bewegte. Vielleicht ein Fisch, sagte sich Siegfried, ein Hecht, ein Barsch oder eine �sche.</p><p>Gebannt starrte Siegfried auf das Wasser. Der Mond schickte seine Strahlen durch eine L�cke im Wolkengespinst, tauchte das linke Rheinufer, an dem Siegfried sa�, in molkiges Licht.</p><p>Die Wasseroberfl�che brach auf, und etwas tauchte daraus hervor. In den milchigen Strahlen des Mondes war es nicht genau zu erkennen. Aber es sah aus wie ein Wesen, das halb Mensch und halb Tier war!</p><p>Ger�uschlos, wie Reinhold es ihm beigebracht hatte, glitt Siegfried hinter den gerundeten Steinblock, auf dem er gesessen hatte. Er wagte nicht, den Kopf zu erheben, um nach dem seltsamen Wesen zu sehen.</p><p>Was war es?</p><p>Ein Wassermann?</p><p>Ein Seeungeheuer?</p><p>Ein ruchloser Sendbote des Siebenschl�fers?</p><p>All dies scho� Siegfried durch den Kopf, und es erschien ihm keineswegs unglaublich. In einer solchen Nacht, an einem solchen Ort erwachten alte M�ren zum Leben, kehrten die Geister zur�ck, die ein Christenpriester leichtfertig zum Aberglauben erkl�rte.</p><p>Konnte ein Aberglaube, ein Hirngespinst, eine M�r Ger�usche verursachen?</p><p>Siegfried glaubte nicht, da� die Schritte seiner Einbildung entsprangen. So ging jemand, der dem Wasser entstieg, bei jedem Schritt mit einem leisen Platschen der nassen F��e.</p><p>Aber was immer es war, es kam zielstrebig n�her. Genau auf die Gruppe niedriger Felsen zu, hinter denen Siegfried verborgen lag.</p><p>Er packte den Dolchgriff an seiner H�fte, zog die Klinge aus der Lederscheide und spannte s�mtliche Muskeln. Gleichzeitig hielt er den Atem an.</p><p>Er zweifelte nicht daran, da� ein Flu�geist gekommen war, um seine Seele, vielleicht auch seinen K�rper zu rauben. Oder sein Blut. Oft genug hatte seine Amme von Menschen erz�hlt, Fl��ern oder Waschweibern, die pl�tzlich verschwanden. Der Rhein spuckte ihre Leiber zwar wieder aus, aber ihnen fehlte all ihr Blut, bis auf den letzten Tropfen.</p><p>Etwas verdunkelte das Mondlicht, doch es waren nicht die Wolken. Ein Schatten fiel auf den Felsen und den dahinter kauernden J�ngling.</p><p><emphasis>Jetzt! </emphasis>durchfuhr es Siegfried wie ein Befehl, den er sich selbst erteilte. Er sprang hinter dem Felsen hervor, umschlang das fremde Wesen mit der Linken und ri� es zu Boden. Er sp�rte glatte Haut, die an einen Aal erinnerte.</p><p>Siegfrieds Rechte mit dem Dolch fuhr nieder, aber der Stahl traf nicht sein Ziel, sondern fuhr bis zum Heft ins Erdreich. Mit unglaublicher Gewandtheit hatte sich das Wesen Siegfrieds Griff entzogen.</p><p>Das Herz klopfte, der Atem rasselte. Die Handfl�chen waren feucht. Wasser oder Schwei�? Jeden Augenblick rechnete Siegfried damit, da� sich scharfe F�nge in seinen Nacken bohrte, da� der Haken oder das Netz des Flu�geistes ihn mit unwiderstehlicher Gewalt in den Rhein zog.</p><p>Er sprang zur Seite, um dem Feind kein sicheres Ziel zu bieten, und umklammerte den Dolchgriff so fest, da� es fast schmerzte.</p><p>�Du mu�t wirklich feindselige Gedanken gegen mich hegen, Siegfried�, sagte voller Verwunderung eine hohe Stimme. �Anders kann ich mir nicht erkl�ren, da� du heute schon zum zweitenmal versucht hast, mich mit deinem Stahl zu durchbohren!�</p><p>Keine drei Schritte vor Siegfried stand Otter, vollkommen nackt, die dunkelbraunen Augen weit aufgerissen und fragend auf den Freund gerichtet. Wassertropfen glitzerten auf seiner glatten, fast haarlosen Haut.</p><p>Verwirrt stammelte Siegfried den Namen des anderen.</p><p>�Du erkennst mich also, wie beruhigend�, meinte Otter mit einem langen Seufzer. �Oder willst du mich jetzt immer noch meucheln?�</p><p>Siegfried sch�ttelte den Kopf. �Ich... ich hielt dich f�r einen...�</p><p>�F�r einen Flu�geist?�</p><p>�Ja.� Siegfried nickte heftig.</p><p>Otters Lachen �hnelte dem Zwitschern eines Vogels. �Es ist gef�hrlich, wenn man nachts am Flu� sitzt, mein Freund. Man h�rt Stimmen, die nicht da sind. Und sieht Wesen, die es nicht gibt.�</p><p>�Und nachts im Flu� zu baden ist nicht gef�hrlich?�</p><p>�F�r mich nicht. Ich bin ein guter Schwimmer. H�tte ich gewu�t, da� du auch zum Flu� kommst, h�tte ich auf dich gewartet.�</p><p>Nicht viele wagten es, im dunklen, r�tselhaften Rhein zu baden. Schon gar nicht nachts!</p><p>W�hrend Siegfried noch den Mut des Freundes bewunderte, ging Otter zu einem der nahen Felsen und hob seine Kleider auf. Er rieb sich mit dem Hemd trocken, zog sich an und sagte nach einem heftigen G�hnen: �Ich bin m�de wie ein Ackergaul nach dem Pfl�gen. Wird Zeit, da� ich mich aufs Ohr haue. Kommst du mit?�</p><p>�Nein, ich bleibe noch ein wenig.�</p><p>�Aber nicht zu lange!� ermahnte ihn Otter. �Sonst siehst du wieder Gespenster. Einen dritten Mordanschlag �berlebe ich vielleicht nicht.� Siegfried schaute ihm nach, bis er mit der Nacht verschmolz.</p><p>Otter war ein seltsamer Mensch. Einer von Reinholds Knechten hatte ihn als kleines Kind am Rhein gefunden. Niemand vermochte zu sagen, woher er kam. Auch Otter selbst nicht. Anfangs hatte er nur sinnloses Zeug gestammelt und nur sehr langsam sprechen gelernt. Weil man ihn am Flu� gefunden hatte und weil das Schwimmen seine Lieblingsbesch�ftigung war, hatte man ihn Otter gerufen.</p><p>Hinter vorgehaltener Hand munkelte man �ber das Findelkind mit der eigenartig dunklen Haut. Viele mieden ihn aus Furcht, wie sie alles Fremde f�rchteten, f�r Teufelswerk hielten oder f�r Geisterspuk. Otter schien sich nichts daraus zu machen. Jedenfalls zeigte er es nicht. Im Gegenteil, er gab sich stets gut gelaunt und war allen, die es wollten, ein guter Freund.</p><p>Ohne ihn w�re es f�r Siegfried oft sehr einsam auf der Schwertburg gewesen. Trotz des v�terlichen Zuchtmeisters Reinhold und trotz Wieland, mit dem der junge Xantener ebenfalls Freundschaft geschlossen hatte. Der kr�ftige Sohn eines d�nischen F�rsten war ein treuer Kamerad, aber mit Otter war es etwas anderes. Der dunkelh�utige Findling war fast wie ein Bruder f�r Siegfried. Vielleicht lag es daran, da� keiner von ihnen einen Vater hatte.</p><p>Pl�tzlich vernahm Siegfried Schritte hinter sich. War Otter zur�ckgekehrt?</p><p>Er drehte den Kopf.</p><p>Das war nicht Otter. Viel zu gro� und kr�ftig wirkte der Schemen, der von der Burg zu kommen schien.</p><p>Ein Freund also? Oder die geschickte T�uschung eines Mahrs, eines Nachtd�mons?</p><p>Wieder fuhr Siegfrieds Hand zum Dolch...</p><p>�Ich h�rte schon von Otter, da� deine Klinge heute locker sitzt, Siegfried�, sagte Reinhold mit vertrauter, vollt�nender Stimme. �Der arme Junge glaubt, du trachtest ihm nach dem Leben.� Reinhold trat neben den Fels und blickte Siegfried in die Augen. �Was ist los mit dir? Warum siehst du Gespenster? Es war ein anstrengender Tag. Weshalb schl�fst du nicht l�ngst?�</p><p>�Es war vor allem ein entt�uschender Tag�, seufzte Siegfried.</p><p>�Du hast Graufell bekommen. Gef�llt er dir nicht?�</p><p>�Doch�, erwiderte Siegfried schnell. �Ich glaube, ein besseres Pferd k�nnte ich mir nicht w�nschen. Leider habe ich kein Schwert, das auch nur halb so gut ist.�</p><p>�Ja, ich verstehe�, brummte der Schmied und hockte sich neben ihn. �Du br�test immer noch �ber Siegmunds Runenschwert.�</p><p>�Ist das nicht verst�ndlich? Es ist das Erbe meines Vaters, den ich verloren habe!�</p><p>�Ich verstehe deinen Schmerz und deine Trauer. Aber vergi� nicht, wir alle trauern um K�nig Siegmund.�</p><p>Mit Reinholds faltigem, ru�gebr�untem Gesicht ging eine Ver�nderung vor. Es wurde hart, starr. Mit verlorenem Blick sah der Waffenschmied hinaus auf den Rhein, als suche er dort etwas. Vielleicht seine Frau und den Sohn, dessen Heranwachsen er niemals erleben durfte.</p><p>Siegfried kannte die Geschichte, die sich zur Zeit seiner Geburt ereignet hatte. Damals kam auch Reinholds Gemahlin nieder und schenkte ihm den lang ersehnten Sohn. Doch kurz nach der Taufe durch Bischof Severin erkrankte das Neugeborene und starb. Die Mutter verfiel in tiefe Traurigkeit und folgte dem Kind nach wenigen Wochen. Fortan war Reinhold ohne Gef�hrtin. Seine einziger Umgang waren die Schmiedeburschen und die Pferde, die er z�chtete.</p><p>�In wenigen Tagen wirst du ein Mann sein, also will ich dich auch wie einen behandeln�, sagte der Schmied endlich. �Du selbst sollst �ber dein Schicksal entscheiden.� Er zog einen Lederbeutel unter dem Wams hervor und �ffnete ihn. �Hierin liegt dein Schicksal, Siegfried. W�hle es selbst!�</p><p>�Mein Schicksal?� Verwirrt starrte Siegfried in den Beutel und erkannte rotbemalte Holzst�ckchen verschiedenster Form. Dann begriff er: �Runen!�</p><p>�Ja, es sind Schicksalsrunen, getr�nkt mit dem Blut Wodan geweihter R�sser. In alten Zeiten befragte man so die G�tter.�</p><p>�Aber das ist heidnischer Zauber!�</p><p>�Das kann man auch vom Runenschwert behaupten�, erwiderte Reinhold mit leisem Lachen. �Aber ist es nicht gleich, ob die Kraft von den Runen kommt oder vom blo�en Glauben an sie?�</p><p>�Ich wei� nicht�, gestand Siegfried, der sich dar�ber noch nie Gedanken gemacht hatte. �Wie kommt es, da� Ihr Euch so gut mit den Runen auskennt?�</p><p>�Weil in alten Zeiten ein Schmied zugleich ein Runenkundiger war. Die Runenzier der Waffen wurde von jedem hervorragenden Recken verlangt. Allerdings habe ich diesen Beutel seit vielen Jahren nicht mehr zur Hand genommen.�</p><p>�Warum jetzt?�</p><p>�Als ich zu dir kam, ahnte ich, weshalb du hier auf dem Stein hockst. Wenn du wissen willst, ob Wodans Schwert dir geb�hrt, befrage Wodans Runen.� Reinhold hielt das Leders�ckchen vor Siegfrieds Gesicht. �Greif hinein und w�hlte eine Rune aus. Sie wird dir sagen, was das Richtige ist!�</p><p>Z�gernd streckte Siegfried die Rechte in den Beutel. Eine starke Anspannung bem�chtigte sich seiner. Er f�hlte sich hin und her gerissen, als h�tten zwei unsichtbare Mahre ihn gepackt. Der eine Mahr wollte ihn dazu bringen, m�glichst rasch eine Rune zu w�hlen, um sein Schicksal zu erfahren. Der andere Mahr hielt ihn zur�ck, fl�sterte ihm zu, sein Handeln reiflich zu �berdenken. Zu �berlegen, ob es gut sei, ins eigene Schicksal zu schauen.</p><p>�Nun?� fragte Reinhold. �Was z�gerst du? Wenn du es nicht willst, dann sag�s nur.�</p><p>�Doch, ich will!�</p><p>Mit schnellem Griff zog Siegfried eines der daumenlangen Holzst�ckchen hervor. Ein mehrfach ver�stelter Zweig, hellrot vom ausgebleichten Pferdeblut. Vergebens versuchte er sich vorzustellen, bei welcher geheimen Zeremonie diese Runen Wodan geweiht worden waren. Und vergebens versuchte er, die Bedeutung der Rune zu erkennen. Er hatte Lesen und Schreiben gelernt, sogar Latein, wie es dem Prinzen von Xanten zukam, aber nicht - wie noch seine Ahnen - das Geheimnis der Runen.</p><p>�Was sagt die Rune?� fragte er mit vor Neugier zitternder Stimme.</p><p>�Das Schicksal scheint es gut mit dir zu meinen, Siegfried. Du hast die Rune Gebo gew�hlt. Sie ist ein Zeichen Wodans und verk�rpert das Schenken.�</p><p>�Was hei�t das?�</p><p>�Gebo meint den, der schenkt, aber auch den, der beschenkt wird. Du h�ltst die Rune in richtiger Stellung in deiner Hand, nicht mit der Unterseite nach oben. Wodan verhei�t gutes Gelingen. Jetzt hege ich keinen Zweifel mehr, da� der G�ttervater dich als w�rdigen Tr�ger seines Geschenks anerkennt.�</p><p>Siegfrieds Zweifel, ob Reinhold wirklich an den alten G�ttervater Wodan glaubte, wurde von fieberhafter Erregung verdr�ngt. Von der Aussicht auf Siegmunds Erbe, auf das Runenschwert.</p><p>�Hei�t das, Meister Reinhold, Ihr wollt mich in das Geheimnis einweihen?�</p><p>�Niemand hat ein solches Recht auf das Runenschwert wie du. Ich nenne dir die Verstecke im Vertrauen darauf, da� du nicht leichtfertig wie ein Junge handelst, sondern wohl�berlegt wie ein Mann.�</p><p>�Das verspreche ich!�</p><p>�Den vorderen Teil der Klinge brachten Grimbert und ich in die Schlangenh�hle, ganz tief hinein ins Felslabyrinth. Sie liegt in einer Felsspalte, tags�ber beschienen von der Sonne, nachts von Mond und Sternen, die durch eine enge Kluft im Felsen ihr Licht auf die Spalte werfen.�</p><p>Siegfried kannte den Ort, ein schlangenartig geformtes Felsgebilde in den gro�en W�ldern, s�dwestlich von Xanten. Dort, im Schlangenwald, wie das Gebiet nach der H�hle genannt wurde, gingen K�nige und Edle mit Vorliebe auf die Jagd. Aber die Schlangenh�hle wagte keiner zu betreten, aus Angst vor den Schlangen, die dort zu Hunderten nisten sollten.</p><p>�Und die andere H�lfte?� erkundigte sich der J�ngling.</p><p>�Die brachten wir in die K�nigsburg und rammten die Klinge in den Stamm des Kinderbaums, um Wodan zu vers�hnen. Denn die Eiche soll von ihm selbst gepflanzt worden sein, wenn man der Sage trauen darf. Jedenfalls sollte er sein Schwert zur�ckerhalten. Und er scheint die Gabe angenommen zu haben.�</p><p>�Wieso?�</p><p>�Weil seit dieser Zeit rei�ende W�lfe die W�lder um die K�nigsburg durchstreifen und jeden anfallen, der ihr zu nahe kommt. Hast du noch nicht geh�rt, da� man diesen Ort auch die Wolfsburg nennt?�</p><p>Siegfried nickte. Gewi�, er hatte davon geh�rt.</p><p>�Mit der Schlangenh�hle soll es sich �hnlich verhalten. Mehr Schlangen als je zuvor sollen sich dort tummeln.�</p><p>�Wodans Gesch�pfe?� fragte Siegfried, erf�llt von einer Mischung aus Unglauben und wohligem Schauer.</p><p>�Vielleicht. Aber nur dann, wenn man die alten G�tter nicht zur L�ge erkl�rt.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 2</strong></p></title><empty-line/><p>�Brrr, Graufell, halt schon an!� rief der einsame Nachtreiter mit strenger, doch zugleich warmer Stimme. Der gleichm��ige Hufschlag verklang und wich einer Stille, wie sie nur in tiefer Nacht so bedrohlich wirken konnte. Auf einer Anh�he z�gelte Siegfried sein Pferd und starrte �ber das Land, das dunkel war im Schutz der Nacht. Wiesen verschmolzen mit Str�uchern, Str�ucher mit B�umen, B�ume mit Felsen, Felsen mit H�geln. Das lederne Sattelzeug knarrte, als der junge Reiter seinen gro�en, kr�ftigen K�rper reckte, sich vorbeugte und auf das d�stere Land voraus starrte, das sich in sanften Wellen hinzog, bis es irgendwo in weiter Ferne mit dem Nachthimmel verschmolz. Der J�ngling strich eine Tolle seines sandfarbenen Haares aus der Stirn und strengte die Augen an.</p><p>Da frischte der Wind auf und blies kalt �ber sein knochiges Antlitz und �ber die nackten Arme, die aus dem �rmellosen Lederwams lugten. Es schien ihm auf einmal ungew�hnlich kalt f�r diese Jahreszeit, und er verw�nschte seine Hast, in der er ohne einen Umhang losgeritten war. Seltsam: Er sp�rte die K�lte erst hier in den einsamen W�ldern. Auf der Schwertburg war es ihm wie eine laue Sommernacht erschienen.</p><p>Doch die Schwertburg lag weit zur�ck. Siegfried suchte jetzt die alte K�nigsburg, die man auch die Wolfsburg nannte, irgendwo im Westen. Doch wo war Westen in diesem Meer aus Finsternis?</p><p>Die Umrisse von Felsgruppen und W�ldern zeichneten sich deutlicher ab. Zufrieden erkannte der Reiter, da� der Wind die Wolken vertrieben hatte, die sich zwischen die Gestirne und das Land geschoben hatten wie ein Schild zwischen Leib und feindliche Klinge.</p><p>Und dann sah er auch den einzelnen m�chtigen Baum, der sich auf einem H�gel erhob, mitten aus einem gro�en Felsen wuchs, wie es schien. Aber es war kein Felsen. Der Reiter erkannte T�rme und Zinnen.</p><p>�Die Wolfsburg!� fl�sterte er and�chtig. �Wind, Mond und Sternen sei Dank!�</p><p>Schon wollte er die Fersen in die Flanken des grauen Hengstes dr�cken, da fiel ein riesiger Schatten auf Mann und Pferd. Ein Schemen, der geradewegs aus dem Himmel zu fallen schien und den fast vollen Mond verdunkelte. Als der J�ngling den Kopf in den Nacken legte, sah er die Gestalt eines Vogels - eines gro�en Raubvogels. Seine schwarzen Umrisse zeichneten sich deutlich vor der gelben Mondscheibe ab; er schien genau �ber dem Reiter zu schweben.</p><p>Reinhold hatte ihn in allen Bereichen der Jagd unterwiesen, und so erkannte der Reiter an den Fl�geln sofort den Falken.</p><p>Aber das war unm�glich!</p><p>Der Falke jagte doch bei Tag!</p><p>Au�erdem war das Tier ungew�hnlich gro�, gr��er noch als ein Steinadler! Oder war es eine T�uschung, hervorgerufen durch das unwirkliche Mondlicht?</p><p>Siegfried wischte mit dem Handr�cken �ber seine Augen und sah erneut den Mond an. Das helle Rund erstrahlte ungetr�bt.</p><p>Aber der Riesenvogel war verschwunden! Als w�re er niemals dagewesen. Vergeblich suchte der Reiter den Himmel ab.</p><p>�Vielleicht doch nur eine Wolke, vertrieben und zerfetzt vom Wind�, fl�sterte er.</p><p>Endlich trieb er sein neues Pferd an, den H�gel hinab. Wer wu�te schon, wann die n�chsten Wolken kamen und die Sicht erschwerten. Das Licht der Gestirne mu�te er ausnutzen, um den Weg durch die bewaldete Schlucht zu finden - den Weg zur Wolfsburg.</p><p>Die alten B�ume im Tal, hoch und wuchtig, hielten das Nachtlicht zur�ck. Der Reiter f�hlte sich, als z�ge er mitten durch ein Heer von Riesen, die nur darauf warteten, auf ihn einzuschlagen. Mit jedem Schritt des Pferdes kam Bewegung in die Giganten, wurden die gro�en �ste zu Keulen schwingenden Armen. Aber kein Schlag traf den Reiter, und endlich lag der H�gel mit der alten K�nigsburg vor ihm. Traurig blickten leere Fensteraugen ins endlose Waldland.</p><p>Das Gem�uer war halb zerfallen, aber auf den J�ngling wirkte es erhaben. Schlie�lich war dies der Stammsitz seines Geschlechts, wenn auch seit vielen Menschenaltern verlassen. Die Burg erweckte den Anschein, als h�tten Menschenhand und Naturgewalten bei ihrer Erbauung zusammengewirkt. Sie wuchs geradewegs aus dem Fels heraus. Kaum war zu sagen, wo das Felsgestein aufh�rte und das Mauerwerk begann. Die zerfallenen Mauern verbanden sich an den R�ndern schon wieder mit wucherndem Strauchwerk. Unbeirrbar holte sich Mutter Natur das von den Menschen geraubte Land zur�ck. Die riesige Eiche, die sich aus der Ruine in den n�chtlichen Himmel reckte, erschien ihm als Zeichen �berlegener Naturgewalt.</p><p>Es war der Kinderbaum - der Schwertbaum!</p><p>Bald w�rde er das Runenschwert in H�nden halten. Schon die Vorfreude darauf war ein gutes, erregendes Gef�hl.</p><p>Aus noch einem anderen Grund hob der Anblick seine Stimmung: Er hatte den Weg zur Wolfsburg in der Nacht gefunden - unbehelligt! So waren all die Geschichten um b�se W�lfe, die um die Burg streifen sollten, nichts als Ammenm�rchen.</p><p>Siegfried stie� ein lautes, befreiendes Lachen aus. Es tat gut, in dieser Grabesstille eine menschliche Stimme zu h�ren, auch wenn es nur die eigene war.</p><p>Sein Lachen erstarb schlagartig, als ein anderer Laut an seine Ohren drang: ein langgezogenes Heulen, das er nur zu gut kannte. Ein Wolf!</p><p>Die Hand des J�nglings umfa�te den silberbeschlagenen Dolchknauf an seiner H�fte, die einzige Waffe, die er mitgenommen hatte. Er war kein Ritter, verf�gte nicht �ber Schwert noch Lanze. Gewi�, nirgendwo in den Niederlanden fand man so viele gute Waffen wie in der Schwertburg. Aber er hatte sich beeilen m�ssen, und niemand durfte seinen n�chtlichen Ausflug bemerken. Deshalb trug er nur seinen Dolch bei sich.</p><p>Er schnalzte mit der Zunge und trieb Graufell bergan. Wenn ihn die W�lfe hier im Wald erwischten, hatte er kaum eine Aussicht, ihnen zu entkommen. Aber in der Burg mochte es M�glichkeiten zur Verteidigung geben, vielleicht sogar Waffen!</p><p>Mit klopfendem Herzen galoppierte er auf den H�gel. Ein anderes Pferd h�tte am Z�gel gef�hrt werden m�ssen, aber Graufell erkletterte die Steigung mit dem Reiter im Sattel. Er h�rte nichts au�er dem Blutpochen und dem Getrommel des schnellen Hufschlags. Erst als er �ber die alte, morsche Zugbr�cke in den Burghof ritt, stellte er fest, da� der Wolf verstummt war.</p><p>Siegfried lie� den Grauen ruhig stehen und lauschte eine ganze Weile angestrengt.</p><p>Nichts.</p><p>Also hatte das Geheul gar nicht ihm gegolten!</p><p>Beruhigt stieg Siegfried aus dem Sattel und band den Hengst an dem Brunnenger�st mitten im Hof fest. Graufell zeigte kaum Zeichen von Anstrengung. Stolz stellte der Reiter fest, da� er sich ein gutes Tier ausgew�hlt hatte.</p><p>Die Krone der m�chtigen Eiche wies ihm den Weg. Ein �berdachter Gang f�hrte zu ihr. Langsam setzte der J�ngling einen Fu� vor den anderen. Er z�gerte, weil er nicht wu�te, was ihn am anderen Ende des Ganges erwartete. Er kannte nur Geschichten, Legenden.</p><p>W�rde er wirklich seine Vergangenheit finden - und seine Zukunft?</p><p>Im letzten Drittel des Ganges hielt er pl�tzlich an. Wie aus dem Nichts war etwas vor ihm aufgetaucht.</p><p>Ein Wesen, riesenhaft, dunkel, bedrohlich.</p><p>Es verf�gte nur �ber ein einziges Auge, aber das war gro� und rot, wie von fl�ssigem Feuer erf�llt. Und es starrte Siegfried an.</p><p>Aus der Fratze des Untiers, das langsam auf ihn zuschlich, wurde vor seinem geistigen Auge das Gesicht des Schmieds. Und aus dem Feuerauge wurde die Esse mit den gl�henden Kohlen, die Reinholds eher grauen Z�gen einen r�tlichen Schimmer verliehen.</p><p>Siegfried hatte Reinhold get�uscht und betrogen, in mehrfacher Hinsicht. Er hatte sein Versprechen gebrochen, nicht nach dem Runenschwert zu suchen.</p><p>Der Mond brach durch die Wolken, und ein Gesicht tauchte auf den Wellen auf. Ein Gesicht, das ihm sehr vertraut war.</p><p>Das Gesicht seines Vaters!</p><p>Nur ein Spiel des geisterhaften Mondlichts auf den Wellen des Rheins? Oder wirklich Siegmunds Antlitz, wie Siegfried es trotz der verstrichenen Jahre gut erinnerte?</p><p>Die Lippen �ffneten sich, aber Siegfried h�rte keine Worte. Nur das Rauschen und Gurgeln des Stroms.</p><p>Er stand vom Felsen auf und lief zum Wasser, bis er mit den F��en im Flu� stand. Doch eine tiefschwarze Wolke verschluckte den Mond, und das Gesicht verschwand in den Tiefen des Rheins.</p><p>Wenn die Rune Gebo Siegfried den Weg zum Runenschwert wies, konnte auch Siegmunds Gesicht keine andere Bedeutung gehabt haben. Von diesem Gedanken beseelt, konnte Siegfried nicht anders, als heimlich Graufell zu satteln und auf Schleichwegen aus der Schwertburg zu f�hren. Mit einem Pferd wie dem Grauen mu�te es gelingen, im Schutz der Dunkelheit zur Wolfsburg und wieder zur�ck zu kommen.</p><p>Und damit hatte er noch ein Versprechen gebrochen: Er hatte Graufell, f�r den zu sorgen er versprochen hatte, in Gefahr gebracht. Zu dr�ngend war sein Wunsch, mit dem Runenschwert das Erbe seines Vaters in H�nden zu halten. Es war wenig genug, was ihm von Siegmund geblieben war.</p><p>W�rde Sieglind nicht stolz sein, wenn sie ihren Sohn mit dem ber�hmten Schwert des verstorbenen Gemahls erblickte?</p><p>Und w�re es nicht ein Beweis, da� die G�tter - welche auch immer - dem K�nig vergeben hatten?</p><p>Wenn dem so war, w�rden die G�tter nicht verhindern, da� Siegfried sich das Runenschwert holte. Er, Siegfried von Xanten, w�rde die Ehre seines Vaters wiederherstellen!</p><p>Das alles ging ihm durch den Kopf, w�hrend das Untier langsam n�herschlich - ein schwarzes Wesen in finsterer Nacht. Das gro�e rote Glutauge blickte bedrohlich.</p><p>Siegfried begann zu begreifen, da� er sich verrechnet hatte. Die schwarze Bestie durchkreuzte seine Pl�ne. Im besten Fall hielt sie ihn nur auf, im schlimmsten verhinderte sie seine R�ckkehr - f�r immer.</p><p>Sie war jetzt nah genug, da� er ihre Umrisse deutlich erkennen konnte. Eine kr�ftige Gestalt, so gro� wie ein Krieger, doch ging sie auf vier Beinen. Kleine, spitze Ohren sa�en an einem breiten, gestreckten Kopf - und das eine schr�gstehende Auge. Es sa� an der linken Seite, wuchs zur langestreckten Schnauze hin. Rechts aber, wo ein zweites Auge h�tte sein m�ssen, hing nur narbiges Gewebe unter dem dunklen Pelz. Niemals zuvor hatte Siegfried einen Wolf gesehen, der so schwarz war. Ein Wolf war es, ohne Zweifel, wenn auch gr��er und dunkler als alle anderen. Und ein�ugig.</p><p>Ein alter Einzelg�nger? Oder ein kr�ftiger Leitwolf?</p><p>Siegfried vermochte es nicht zu sagen. So sehr er sich auch bem�hte, er konnte keine weiteren Tiere hinter dem Schwarzen ersp�hen. Aber er mochte dar�ber keine Beruhigung empfinden.</p><p>Und hinter Siegfried? Lauerten dort schon weitere Tiere, bereit, ihm in den R�cken zu fallen?</p><p>Er wagte nicht, sich umzudrehen, wollte dem Schwarzen durch seine Unaufmerksamkeit keine Bl��e geben. Statt dessen versuchte er sich einzureden, da� der Ein�ugige allein war und da� Graufell ein warnendes Gewieher ausgesto�en h�tte, h�tten sich W�lfe auf dem Burghof gezeigt.</p><p>Oder hatten sie den Hengst schon gerissen, so schnell und lautlos, wie auch der Schwarze aufgetaucht war?</p><p>Der Wolf lie� keinen Laut h�ren, kein Heulen, kein Knurren, kein Bellen. Ger�uschlos wie ein Schatten glitt er auf Siegfried zu.</p><p><emphasis>Ja, weiche zur�ck, Siegfried von Xanten! Meide den Kinderbaum, fliehe die Wolfsburg! La� das Runenschwert unber�hrt!</emphasis></p><p>Siegfried h�rte die Stimme, ohne da� jemand sprach. Sie war pl�tzlich in seinem Kopf. Jetzt erst bemerkte er, da� er langsam zur�ckging, Schritt um Schritt, zur�ck zum Burghof, vom Kinderbaum fortgetrieben durch den ein�ugigen Schwarzen.</p><p>Die Stimme mu�te eine Ausgeburt seiner Furcht sein. Aber er wollte sich nicht f�rchten, wollte tapfer sein, wie es sich f�r einen K�nigssohn und einen zuk�nftigen Ritter ziemte. Also blieb er stehen, stemmte breitbeinig die F��e auf den Boden und legte die schwei�nasse Hand um den Dolchgriff.</p><p><emphasis>Fliehe die Wolfsburg, Siegfried von Xanten! F�rchte den Fluch der G�tter!</emphasis></p><p>�Nein!� stie� er laut hervor, um sich selbst Mut zu machen und die lautlose Stimme, die er seiner Angst zuschrieb, zu vertreiben. �Ich werde nicht fliehen. Ich will das Erbe meines Vaters, das Runenschwert!�</p><p>Er zog den Dolch und w�nschte gleichzeitig, einen Speer mitgenommen zu haben. Es war leichtsinnig gewesen, nur mit dem Dolch bewaffnet zur Wolfsburg zu reiten. Handelte so ein Krieger?</p><p>Der Wolf blieb stehen, spannte seine Sehnen und Muskeln an. Sein gewaltiger, kr�ftiger Leib straffte sich. Die Spitzen der Ohren kr�mmten sich nach vorn. Die Schnauze zog sich zusammen und gab lange Z�hne frei, scharf wie Reinholds beste Schwerter.</p><p>Siegfried hatte schon W�lfe gejagt und gegen sie gek�mpft; er war vorbereitet, als der Schwarze sprang. Blitzschnell warf er sich nach vorn, unter den gro�en Tierleib hinweg. Geschickt rollte er sich �ber die linke Schulter ab, sprang wieder auf die F��e und wirbelte herum.</p><p>Doch der Wolf war schneller gewesen und setzte schon zum n�chsten Sprung an. Wie ein von der Sehne gelassener Pfeil schnellte er durch die Luft.</p><p>Siegfried wollte zur Seite wegtauchen, doch diesmal war er nicht flink genug. Der Schwarze erwischte seine rechte Schulter und ri� ihn zu Boden. Es war, als h�tte Siegfried eine Kriegskeule getroffen. Vor seinen Augen drohte sich alles ausl�schende Schw�rze auszubreiten.</p><p>�Nein!� schrie Siegfried und zwang seine Sinne, ihm zu gehorchen. Die seltsame Stimme erklang wieder:</p><p><emphasis>Lauf fort, Siegfried von Xanten! Verla� diesen Ort und kehr niemals zur�ck!</emphasis></p><p>Er wollte kein Feigling sein, keine Angst haben, nicht auf diese Stimme h�ren. Er wollte ein Mann sein, stark und tapfer, w�rdig des Stolzes seines Vaters, w�re dieser noch am Leben. Und er wollte das Runenschwert.</p><p>Als das gro�e Glutauge dicht vor ihm leuchtete und der Wolf erneut das Maul aufri�, da� sein hei�er Atem Siegfried umfing, stie� der Xantener zu. Er bohrte die Dolchklinge tief in die Flanke des Untiers.</p><p>Der verletzte Riesenleib zuckte, warmes Blut lief �ber Siegfrieds Hand und Arm, und endlich lie� der Schwarze seine Stimme h�ren. Er heulte auf, und sein Geifer tropfte brennend auf Siegfrieds Gesicht.</p><p>Siegfried handelte augenblicklich, als der Druck auf ihm etwas nachlie�. Er zog die Beine an und rollte sich unter dem Wolf weg.</p><p>Das Untier reagierte schneller, als er gedacht hatte, und duckte sich zu einem neuen Sprung. Dabei entglitt der Dolchgriff Siegfrieds schwei�nasser Hand.</p><p>Der Stahl steckte in der linken Seite des Schwarzen, und der Xantener war waffenlos!</p><p>Mit blo�en H�nden wehrte er den n�chsten Angriff ab. Er umklammerte Hals und Nacken des Schwarzen, der ihn erneut zu Boden warf.</p><p>Siegfried dr�ckte mit aller Kraft zu, um der Bestie die Luft abzupressen, bevor ihre scharfen F�nge sein Gesicht und seinen Hals zerfetzten. Doch das Untier war stark und widerstand allen Bem�hungen. Fingerbreit um Fingerbreit n�herten sich die t�dlichen Z�hne, w�hrend Siegfrieds Muskeln mehr und mehr schmerzten. Nur mit �u�erster Kraftanstrengung hielt er noch stand.</p><p>Ein kalter Windsto� wehte den hei�en Wolfsatem hinweg. Das angestrengte, bedrohliche Knurren des Schwarzen verwandelte sich in ein w�tendes Geheul, als er pl�tzlich von dem Menschen ablie� und mit etwas rang, das ihn unversehens angefallen hatte.</p><p>Ein Helfer - hier?</p><p>�chzend kam Siegfried auf die Knie und zog sich an einer br�ckelnden Mauer auf die F��e. S�mtliche Glieder zitterten, Schultern und Arme schmerzten st�rker als nach einem ganzen Tag am Ambo�.</p><p>Der Schwarze und Siegfrieds so unerwartet aufgetauchter Helfer k�mpften verbissen miteinander. W�tendes Knurren und heiseres Gekreische. Pelz und Federn flogen durch den dunklen Gang.</p><p>Federn?</p><p>Siegfrieds Retter war ein Vogel, ein gro�es Tier, fast so gro� wie ein Mensch!</p><p>Das Gefieder war r�tlich, nicht grauschwarz und wei�. Und trotz der seltsamen Farbe und der ungew�hnlichen Gr��e war es unzweifelhaft ein Falke. Wo auch immer der Falke herkam - er machte dem Wolf geh�rig zu schaffen. Immer wieder rissen der gebogene Schnabel und die scharfen Krallen gro�e St�cke aus dem struppigen Pelz. Doch der Ein�ugige wehrte sich, schlug die F�nge in den Falken, und zahlreiche Federn stoben auf.</p><p><emphasis>Hilf mir, Siegfried! Nur gemeinsam k�nnen wir die schwarze Bestie besiegen!</emphasis></p><p>Wieder eine lautlose Stimme. Aber eine andere, nicht d�ster und drohend. Voller W�rme, Zutrauen - und Angst.</p><p>Die Stimme des Falken!</p><p>Jetzt wu�te Siegfried, da� vorhin nicht seine Furcht zu ihm gesprochen hatte, sondern der Wolf, das Untier.</p><p><emphasis>Ja, der b�se W�chter. Greif ein, Siegfried, t�te ihn, und der Weg zum Runenschwert ist frei!</emphasis></p><p>Siegfried warf sich nach vorn und griff nach dem Dolchknauf, dessen Silberbeschlag in der Finsternis funkelte. Er bekam ihn zu fassen, zog die blutige Klinge heraus und stie� sofort wieder zu, von unten in den Wolfshals.</p><p>Die Bestie jaulte und wand sich vor Schmerz. Der Falke verkrallte sich in dem bebenden Leib und hackte mit dem Schnabel nach dem Glutauge. Er traf mitten hinein, und das Auge flo� aus. Das Untier war blind.</p><p>Siegfried nutzte diese Schw�che zum entscheidenden Sto� ins Herz des Wolfes. Er war wie im Rausch, besessen davon, die Bestie endg�ltig zu erledigen. Er h�rte erst auf, mit dem Messer zuzustechen, als der Wolf sich schon l�ngst nicht mehr bewegte.</p><p>Ein kalter Windsto� brachte ihn zur Besinnung. Es war der Falke, der von seinem Opfer abgelassen hatte und durch den finsteren Gang flog, zur Eichenhalle.</p><p><emphasis>Komm, Siegfried, hol dir dein Erbe! Das Runenschwert!</emphasis></p><p>Mit wackligen Beinen folgte Siegfried dem Vogel, der hinaus in die gro�e Halle flog, um die m�chtige Eiche herum, h�her und h�her stieg, bis ihn das breite Astwerk verdeckte.</p><p>�Bleib!� rief Siegfried. �Wer bist du?�</p><p>Er erhielt keine Antwort. Der Fl�gelschlag verklang, und es war, als h�tte es den seltsamen Falken nie gegeben.</p><p>Etwas anderes beanspruchte Siegfrieds Aufmerksamkeit: das Runenschwert, das im Stamm des Kinderbaums steckte, so wie Reinhold es gesagt hatte.</p><p>Siegfried trat vor den Baum und streckte ganz langsam die H�nde aus, ber�hrte den vergoldeten Schwertgriff mit zitternden Fingern und umfa�te schlie�lich den Knauf.</p><p>Ein Gef�hl der W�rme glitt durch seine H�nde und breitete sich in seinem ganzen K�rper aus. Seine Muskeln schmerzten nicht l�nger, jede Schw�che war verflogen. Er betrachtete die in die Klinge eingravierten, mit Gold ausgelegten Runen. Ihre magische Kraft mu�te ihm diese St�rke verleihen.</p><p>Mit einem Blick hinauf zur Baumkrone sagte er: �Danke, Vater. Ich werde mich deines Erbes w�rdig erweisen!�</p><p>Und Siegfried von Xanten zog das Schwert heraus. Das halbe Runenschwert. Und die andere H�lfte, schwor er sich und seinem toten Vater, w�rde er sich auch noch holen!</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 3</strong></p></title><empty-line/><p>Dicht vor ihm, genau vor seinem Gesicht, �ffnete sich das h��liche Maul unter dem rotgl�henden Auge und enth�llte die scharfen Fangz�hne. Hei�er, fauliger Todesodem umwehte Siegfried. Der Schwarze war zur�ckgekehrt!</p><p>Mit einem Aufschrei warf sich der J�ngling nach vorn und umklammerte den Hals des Angreifers, wie er es in den alten Gem�uern der Wolfsburg getan hatte.</p><p>War der ein�ugige Wolf ein Geist, da� er von den Toten auferstanden war?</p><p>Geist oder nicht, Siegfried mu�te ihn aufhalten, ihn daran hindern, die Wolfsf�nge in das Fleisch des Menschen zu bohren, das Ungeheuer, wenn m�glich, t�ten!</p><p>Und Siegfried dr�ckte die H�nde zusammen, wie eine Zange, fester und fester...</p><p>�H�r auf!� kr�chzte eine entsetzte Stimme. �Du bringst mich noch um, Siegfried!�</p><p>Die h��liche Wolfsfratze wurde zu dem breiten Gesicht eines Menschen. Eines zu Tode erschrockenen Menschen.</p><p>�Wieland!� stie� Siegfried �berrascht hervor und lockerte den Griff um den breiten, kr�ftigen Nacken.</p><p>Der massige Schmiedebursche taumelte r�ckw�rts durch Siegfrieds Kammer und tastete mit zitternden Fingern nach seinem ger�teten Hals.</p><p>�Unser Freund Siegfried scheint beschlossen zu haben, uns allen den Garaus zu machen�, zwitscherte eine hohe Stimme. �Gestern schleuderte er eine Schwertspitze nach mir, und heute geht er dir an den Kragen, Wieland!� Die schlanke Gestalt Otters schob sich hinter Wielands breitem Kreuz hervor und grinste den auf seinem schmalen Bett liegenden Xantener an. �Du mu�t ja einen schrecklichen Alptraum gehabt haben.�</p><p>Otter ahnte wohl kaum, wie richtig er mit dieser Vermutung lag. Siegfried sah sich wieder in der Wolfsburg, im Kampf mit dem Schwarzen. Dann das pl�tzliche Eingreifen des Falken - und das Runenschwert!</p><p>Mit der erbeuteten Schwerth�lfte war er auf den Burghof zur�ckgekehrt, nachdem er seinen Dolch aus dem Wolfsleib gezogen hatte. Und noch einmal hatte er festgestellt, da� dies der gr��te Wolf war, den er kannte. Fast schade, da� er ihn zur�cklassen mu�te. Was f�r eine Troph�e!</p><p>Kaum sa� er im Sattel, hatte er erkannt, da� die Gefahr noch l�ngst nicht vor�ber war. Rund um die alte Burg erklang schauerliches Geheul. Also war das Untier kein Einzelg�nger gewesen, sondern der Leitwolf.</p><p>Siegfried verlie� die Burg und ritt so schnell zur�ck, wie es Walddickicht und Dunkelheit erlaubten. Immer wieder drangen die Schreie der W�lfe an seine Ohren. Dann h�rte er das Rascheln im Unterholz und sah unz�hlige gl�hende Augen in der Finsternis leuchten.</p><p>Er trieb Graufell an, und Graufell war schnell. Trotzdem schafften ein paar W�lfe den Angriff.</p><p>�ber zwei, drei Raubtiere flog Graufell mit schnellen S�tzen hinweg. Einen Wolf traf Graufells kr�ftiger Huftritt, doch ein weiterer sprang auf den Pferder�cken. Siegfrieds Dolch fra� sein Fleisch und sein Blut; mit kl�glichem Todeswinseln rutschte der Angreifer zu Boden.</p><p>Dann lag offenes Gel�nde vor Reiter und Pferd. Graufell holte noch weiter, noch schneller aus. Der K�nigswald fiel zur�ck und mit ihm die W�lfe.</p><p>Siegfried hatte dank Graufells erstaunlicher Schnelligkeit die Schwertburg noch vor dem Morgengrauen erreicht. So m�de war er gewesen, da� er dem Runenschwert kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Er verschlo� es in der Holzkiste unter seinem Bett, in der er seine pers�nlichen Sachen verwahrte.</p><p>�Schau dir das an, Wieland, der Kerl schl�ft glatt im Sitzen wieder ein!� kr�hte Otter und r�ttelte Siegfried, dem die Augen wieder zugefallen waren. �He, aufwaaacheeen!�</p><p>Siegfried verzog das Gesicht und st�hnte. Otters schlanke Hand hatte eine tiefe Kratzwunde getroffen.</p><p>Der Schmiedebursche mit der seltsam br�unlichen Hautfarbe bemerkte sein Mi�geschick und zog die Hand zur�ck. �Hast du heimlich gek�mpft?�</p><p>�Nein�, erwiderte Siegfried hastig. �Ich habe die Z�hne meines neuen Pferdes zu sp�ren bekommen.�</p><p>�Sieht nicht wie ein Pferdebi� aus�, meinte Otter.</p><p>�Ist aber einer!� entgegnete Siegfried ver�rgert.</p><p>�Sieht eher nach einer Wildkatze aus�, fuhr Otter fort, w�hrend seine dunklen Augen auf Siegfried ruhten. �Und da sind noch mehr solcher Wunden!�</p><p>�Das geht euch nichts an!� knurrte der Xantener und zog die Lammfelldecke �ber seinen nackten Oberk�rper. Er sah durch das Fenster, dessen Verschlag ge�ffnet worden war. ��berhaupt, was weckt ihr mich so fr�h am Morgen? Bis zur Arbeit hat es bestimmt noch eine Stunde!�</p><p>�Nein�, erwiderte Otter. �Du sollst dich fertigmachen, um mit Reinhold nach Xanten zu reiten. Ein berittener Bote kam im Morgengrauen und meldete das Nahen der Friesen. Eine ganze Flotte kommt den Rhein herauf, und �ber den Schiffen weht das k�nigliche Wolfsbanner.�</p><p>�K�nig Hariolf�, murmelte Siegfried. �So fr�h schon?�</p><p>�Meister Reinhold ist auch beunruhigt�, brummte Wieland, der noch immer seinen Hals rieb. �Er will in Xanten sein, noch bevor die Friesen dort ankommen. Du sollst dich beeilen. Er l��t den Grauen satteln.�</p><p>Der Graue!</p><p>Bei dem Gedanken an das tapfere Pferd f�hlte sich Siegfried gar nicht wohl. Der n�chtliche Ausflug mu�te selbst ein so kr�ftiges Tier ersch�pft haben. Sollte Siegfried seinem Ziehvater reinen Wein einschenken? Aber was war, wenn Reinhold ihm verbot, auch die zweite Schwerth�lfte zu holen?</p><p>Nachdem Otter und Wieland ihn verlassen hatten, zog er sich an und ging schlaftrunken in den Speisesaal. Trotz der n�chtlichen Aufregung versp�rte er kaum Hunger und begn�gte sich mit Brot, etwas W�rzquark und Ziegenmilch.</p><p>Seine beiden Freunde hatten sich zu ihm gesetzt, und Otter frotzelte: �Dir schmeckt die einfache Landkost wohl nicht mehr, wo du bald ein K�nig sein wirst. Tr�umst wohl schon von wohlriechenden Leckereien, von Fleischpasteten und kandierten Fr�chten.� Bei dieser Vorstellung schleckte Otters lange Zunge �ber die Lippen.</p><p>Otters Worte trafen Siegfried. Nicht, weil sie wahr gewesen w�ren. Der Prinz aus Xanten hatte sich auf der Schwertburg sehr wohl gef�hlt, das einfache Leben und die harte Arbeit hatten ihm gefallen. Was ihn bedr�ckte, war der Gedanke an den Verlust all dessen, was sein Leben in den letzten Jahren ausgemacht hatte. Der Verlust von Freunden und von jugendlicher Ungezwungenheit.</p><p>Manche Nacht hatte er mit offenen Augen in der engen Kammer gelegen und davon getr�umt, ein tapferer Ritter in strahlender R�stung zu sein, ein weiser, angesehener K�nig, fremde L�nder zu bereisen, gegen feindliche Recken und Untiere zu k�mpfen. Immer hatte er an all das gedacht, was er gewinnen wollte, nie an das, was er dabei unweigerlich verlieren w�rde: Otter, Wieland und die Tr�ume, die sich erf�llten. In gewisser Weise auch Graf Reinhold, der nicht l�nger sein Zuchtmeister, sondern sein treuer, ergebener Untertan sein w�rde.</p><p>�Was denn, warum steht ihr hier so unt�tig herum?� br�llte Reinhold.</p><p>Breitbeinig, die H�nde in die H�ften gestemmt, stand er gestiefelt und gespornt im Durchgang zum Burghof. Das seidige Hemd und das samtene Wams wollten nicht recht zu der gro�en, kr�ftigen Gestalt passen. Vielleicht hatte Siegfried diesen Eindruck auch nur, weil er Reinhold zumeist mit nackter Brust und lederner Sch�rze an seiner Esse vor sich sah.</p><p>�Komm schon, Siegfried�, mahnte Reinhold. �Graufell steht bereit.�</p><p>Schnell verabschiedete sich Siegfried von Otter und Wieland und lief hinaus. �Nur zwei Pferde?� staunte er, als er in den Hof kam, wo Graufell neben einem gro�en Rapphengst stand. �Nehmen wir kein Gefolge mit, keine Knappen, kein Gep�ck?�</p><p>�Wozu uns damit aufhalten?� entgegnete Reinhold und schwang sich in den Sattel, ohne auf die Hilfe des Reitknechts zu warten, der die Z�gel hielt. �Graufell und Nachtwind sind die schnellsten Pferde weit und breit. Alles andere w�rde uns nur aufhalten und K�nig Hariolf einen Vorsprung verschaffen.�</p><p>Auch Siegfried stieg in den Sattel. Sie verlie�en die Schwertburg und galoppierten gen S�den. Zwar lag auch Xanten am Flu�, aber die Reiter nahmen den k�rzesten Weg und folgten nicht den zahlreichen Windungen des Stroms.</p><p>Unwillk�rlich mu�te Siegfried wieder an den ein�ugigen Wolf denken und fragte sich, ob es wirklich nur ein Tier gewesen war. Es gab die alten Geschichten von Ungeheuern, die man Mannw�lfe, Nachtw�lfe oder Werw�lfe hie�. War das Wahrheit oder Aberglaube? Siegfried wu�te es nicht, doch das unbestimmte Gef�hl blieb, da� ihm eine �berirdische Macht entgegengetreten war.</p><p>Er dachte an den Falken und f�hlte sich in dieser Annahme best�tigt. St�rker noch als der Wolf hatte der gro�e Vogel in ihm die Empfindung hervorgerufen, es mit unheimlichen Kr�ften zu tun zu haben. Der Falke war sein Retter gewesen. Doch wer hatte ihn geschickt?</p><p>Wodan selbst, der g�ttliche Stammvater des Xantener K�nigsgeschlechtes? Siegmund, sein toter Vater? Oder der unheimliche Mann in Grau?</p><p>Die graue Gestalt war vielleicht das seltsamste Erlebnis dieser an Seltsamkeiten nicht armen Nacht. Am Ende des K�nigswaldes, wo die B�ume sp�rlicher wurden, hatte Siegfried pl�tzlich diesen Mann erblickt. Tief verh�llt in einen weiten grauen Mantel, eine Kapuze �ber den Kopf gezogen, stand er dort, auf einen langen Stab gest�tzt, und erhob die rechte Hand, wie eine Warnung. Dann war Siegfried auch schon an ihm vorbeigeritten, gehetzt von den wilden W�lfen.</p><p>�Haaalt!�</p><p>Reinholds langgezogener Ruf ri� Siegfried aus den Gedanken. Er mu�te Graufell z�geln, um nicht gegen Nachtwind zu prallen. Reinhold hatte seinen Rappen mitten auf dem Weg halten lassen.</p><p>�Nach links, Junge�, sagte der Schmied und deutete auf einen Durchla� zwischen hohen Brombeerstr�uchern. �Dort gibt es eine Lichtung mit einer kleinen Quelle.�</p><p>Er stieg aus dem Sattel und ging voran, f�hrte den Rappen zu der Lichtung und achtete darauf, da� Nachtwind nicht zu hastig und zuviel trank. Ebenso k�mmerte sich Siegfried um Graufell. Die Tiere begannen zu grasen.</p><p>Reinhold lehnte sich gegen den hellen Stamm einer verwachsenen Birke und zeigte auf den Grauen. �Graufell war schon einmal ausdauernder. Er ist immer wieder zur�ckgefallen. H�tte ich Nachtwind nicht dauernd gez�gelt, h�ttet ihr uns l�ngst aus den Augen verloren.�</p><p>�Graufell ist noch ersch�pft�, bekannte Siegfried, der an der Quelle kauerte und Wasser mit der Hand sch�pfte, um seinen Durst zu l�schen.</p><p>�Von deinem n�chtlichen Ausritt.�</p><p>Reinholds Worte waren keine Frage, sondern eine Feststellung. Siegfried hielt in der Bewegung inne, und das Wasser rann aus seiner hohlen Hand.</p><p>�Ihr wi�t es also, Meister Reinhold.�</p><p>Sein Ziehvater l�chelte und nickte. �Ich kann dich gut verstehen, Junge. Wenn ich ein Pferd wie Graufell h�tte, k�nnte ich auch nicht ruhig schlafen. Ein n�chtlicher Ausritt mit dem edlen Tier w�re nicht das, woran ich zuletzt d�chte.�</p><p>Siegfried war erleichtert, da� Reinhold nichts von dem Abenteuer in der Wolfsburg zu ahnen schien.</p><p>�Ja�, sagte er schnell. �Es hielt mich nicht im Bett, aber ich habe meinen Ausflug wohl etwas �bertrieben.�</p><p>�Ein weniger kr�ftiges Tier als Graufell h�tte sich heute gar nicht aus dem Stall bewegt. Und du bist in der Dunkelheit ganz h�bsch von den Zweigen zerkratzt worden.�</p><p>�Das habe ich erst bei meiner R�ckkehr bemerkt�, sagte Siegfried und f�hlte sich nicht wohl dabei, seinen Ziehvater zu hintergehen.</p><p>Reinhold erhob sich, �berquerte die Lichtung, t�tschelte liebevoll Nachtwinds Hals und stieg in den Sattel. �Ich denke, Graufell hat sich genug erholt, um es bis nach Xanten zu schaffen. Dort kann er sich an k�niglichem Hafer laben.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Sie erreichten Xanten in der Mittagszeit, noch vor der Friesenflotte. Die Kunde von K�nig Hariolfs Ankunft hatte bereits die Runde gemacht, und die gro�e Stadt am linken Rheinufer bereitete sich emsig auf seinen Empfang vor, auf Festtage voller Frohsinn und guter Gesch�fte.</p><p>Schuster, Waffen- und Kunstschmiede, B�cker, Wein- und Fischh�ndler bauten ihre St�nde auf. Seilt�nzer und Schlangenmenschen f�hrten Kunstst�cke vor. Spielleute buhlten mit den lauten, oft schr�gen Melodien von Fl�te, Trommel, Drehleier oder Rebec um die Gunst des Publikums. Bettler streckten ihre Schalen und Beutel aus, baten darum, da� man sie an diesen fr�hlichen Tagen nicht vergessen m�ge.</p><p>�ber allem lag ein seltsamer Geruch, ein Gemisch aus dem Duft s��er Speisen und dem Schwei�, den Mensch und Tier bei der Arbeit vergossen.</p><p>�Gut, da� wir ohne Gefolge und ohne gro�en Pomp kommen�, bemerkte Reinhold, w�hrend Nachtwind und Graufell sich einen Weg durch die vollen Stra�en bahnten. �Schon der edle Herr und sein Knappe, f�r die man uns h�lt, werden von reichlich Bettlern und Gauklern aufgehalten. W�rden die Leute den K�nigssohn erkennen, g�be es f�r uns kein Durchkommen mehr.�</p><p>Siegfried wollte ihm recht geben, aber seine Antwort blieb ihm im Halse stecken.</p><p>Die Gestalt dort zwischen all den Bettlern!</p><p>Sie geh�rte nicht dazu, trotz der grauen Kutte und der Kapuze. Sie dr�ngte sich nicht vor, schrie nicht nach M�nzen und Barmherzigkeit.</p><p>Stand nur aufrecht da.</p><p>Wie in der Nacht.</p><p>Grau.</p><p>Geisterhaft.</p><p>�Pa� auf, sonst reitest du das Pack noch �ber den Haufen!� warnte ihn Reinhold und griff in Siegfrieds Z�gel. Gerade noch rechtzeitig, sonst h�tten Graufells Hufe eine warzige Alte getroffen, die auf dem Boden hockte und apathisch eine br�chige Tonschale hochhielt. �Wo hast du deine Augen, Junge? War der Nachtritt so anstrengend, da� du jetzt im Sattel einschl�fst?�</p><p>�Verzeiht�, murmelte Siegfried und warf einen verstohlenen Blick �ber die Schulter.</p><p>Der Graue Geist war verschwunden.</p><p>Sie n�herten sich dem Dom, der an der Stelle des vor einigen Jahren niedergebrannten Stiftes entstand. Einige Geb�ude waren bereits fertig, andere noch im Bau. Die Steinmetze, M�rtelmischer, Maurer, Zimmerleute und Dachdecker schufteten hier wie jeden Tag, ohne R�cksicht auf den Besuch des Friesenk�nigs.</p><p>�Der Herrgott hat seine Gl�ubigen gut im Griff�, meinte Reinhold sp�ttisch, w�hrend er beobachtete, wie vier kr�ftige M�nner in einem Tretwerk schwei�na� auf der Stelle liefen, um einen m�chtigen Steinquader auf das Bauger�st zu hieven. �Jedesmal, wenn ich nach Xanten komme, entdecke ich eine neue Kapelle oder einen neuen Turm. Wenn Bischof Severins Leute so weitermachen, wird bald ganz Xanten mit Kirchenbauten �berzogen sein.�</p><p>�Die Burg gewi� nicht�, sagte Siegfried. Er sprach v�llig ernst und ging nicht auf Reinholds Spott ein. Sein Blick ruhte auf den T�rmen, Zinnen und langgestreckten Wehrmauern der Burg, die sich am Rheinufer erhob. �ber ihr, auf dem Burgfried, wehte das k�nigliche Banner im Wind.</p><p>Hier war Siegfried aufgewachsen. Von hier w�rde er bald �ber die Niederlande herrschen. Dieser gewaltige Klotz, zusammengesetzt aus unz�hligen dicken, festen Steinen, war ihm schon als Kind wie das gr��te Bauwerk auf Erden erschienen. Der Dom wuchs zwar, aber konnte er jemals die Xantener K�nigsburg �bertreffen?</p><p>Unm�glich!</p><p>Auch zur Landseite hin sch�tzten die Wasser des Rheins das Bollwerk. Erm�glicht wurde das durch breite Gr�ben rings um die Burg. Aber heute waren alle Zugbr�cken heruntergelassen. Emsige Betriebsamkeit herrschte auch hier. Herolde und Dienstmannen ritten ein und aus. Beladene Wagen und Maulesel zogen in den Burghof, brachten Vorr�te, um die hohen G�ste aus dem Norden angemessen zu bewirten.</p><p>Die beiden staubbedeckten Reiter wurden erst erkannt, als sie das gro�e Torhaus erreicht hatten. Ein Diener wollte sie zur K�nigin f�hren, aber Reinhold meinte, er und Siegfried sollten sich erst frischmachen. Sie beeilten sich mit dem Bad in der dampfstickigen Badestube, die an diesem Tag so �berf�llt war, da� sie sich einen der gro�en Fichtenholzzuber teilen mu�ten.</p><p>Sie trafen K�nigin Sieglind im gro�en Festsaal, wo sie dem K�mmerer, dem Mundschenk und dem Truchse� Anweisungen f�r die bevorstehende Empfangsfeier gab. Sieglind war eine beeindruckend sch�ne Frau, obwohl ihre Kleidung schlicht und schwarz war wie immer seit jenem Tag, als die heimkehrenden Recken ihr die Kunde von K�nig Siegmunds Tod gebracht hatten. Viele F�rsten hatten seitdem um sie geworben, aber seltsam, Sieglind schien ihrem Gemahl die Treue bis �ber den Tod hinaus zu halten. Oft sprach sie gar von ihm, als lebe er noch.</p><p>Ein L�cheln zog �ber ihr ebenm��iges Gesicht, als Reinhold und Siegfried auf sie zuschritten. Siegfried wollte die ehrf�rchtige Verbeugung seines Zuchtmeisters nachahmen, aber Sieglind streckte die Arme aus und zog den Sohn an sich.</p><p>�Gro� und stark bist du geworden, wie dein Vater�, sagte sie anerkennend. �Fr�her h�tte dein Kopf an meiner Brust geruht, jetzt mu� ich zu dir aufsehen, wenn ich mit dir spreche.�</p><p>Siegfried f�hlte sich ein wenig verlegen. Er wu�te nicht, ob er sich gegen�ber der Mutter als Edelmann oder als Sohn verhalten sollte, hier, vor aller Augen.</p><p>Die K�nigin wollte den Truchse� beauftragen, den G�sten Speise und Trank zu bringen, als ein Bote meldete, da� die friesischen Schiffe vor Xanten erschienen waren. �Jetzt werdet ihr K�nig Hariolf mit knurrenden M�gen empfangen m�ssen�, seufzte Sieglind und strich dem Sohn z�rtlich �ber das Haar. �Aber du solltest dich umziehen, Siegfried. Dein ledernes Wams und die einfache Hose m�gen einem Schmied gut zu Gesicht stehen, aber der zuk�nftige K�nig der Niederlande sollte ruhig ein wenig prunken.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Als er zu seiner Mutter und einer Anzahl edler Herren auf einen der Rheint�rme stieg, trug Siegfried ein golddurchwirktes Gewand aus feinstem friesischem Tuch, das Sieglind f�r ihn mit R�cksicht auf die G�ste ausgesucht hatte. Seinen Umhang zierte das Wappen des Xantener K�nigshauses: auf blauem Grund ein roter Falke, der seine Schwingen sch�tzend �ber den g�ldenen Zinnen einer Feste ausbreitete. Man nannte Siegfrieds Geschlecht auch die Falken vom Rhein.</p><p>Zu denen, die von hier oben die Ankunft der Friesen beobachteten, geh�rten Reinhold und Severin, der kugelb�uchige Bischof von Xanten. Alle starrten gebannt �ber die Zinnen des Wehrturms auf den Flu� hinunter, wo sich mit kr�ftigen Riemenschl�gen eine nicht enden wollende Reihe von Schiffen gegen die Str�mung voranschob. Die Flotte sah aus wie ein sagenhafter Lindwurm, der aus Holz und Segeltuch bestand. �ber jedem Schiff wehte das Banner des Friesenk�nigs im frischen Wind, der die Kommandos der Schiffsf�hrer und Steuerer bis auf den Wehrturm trug.</p><p>�Eine ordentliche Streitmacht, mit der Hariolf da anr�ckt�, brummte Reinhold mit deutlicher Mi�billigung. �Das will mir gar nicht gefallen!�</p><p>�Der Krieg mit den Friesen ist seit f�nf Jahren vorbei, Graf Reinhold�, belehrte ihn Sieglind.</p><p>�Aber wir haben nur Waffenstillstand geschlossen, keinen formellen Frieden�, wandte der ber�hmte Waffenschmied ein, der neben K�nig Siegmund und Graf Grimbert der wichtigste Heerf�hrer im Friesenfeldzug gewesen war.</p><p>�Eben deshalb haben wir K�nig Hariolf eingeladen�, sagte die K�nigin, und ihre Miene verd�sterte sich. �Vielleicht k�nnen wir endlich die gro�e Schuld abtragen, die wir vor f�nf Jahren auf uns genommen haben.�</p><p>Niemand erwiderte etwas. Betretenes Schweigen und angestrengte Blicke hinunter zum Flu�, wo die ersten Friesenschiffe Anker warfen. Am Hof von Xanten sprach man nicht gern �ber den Friesenfeldzug und �ber das, was zu K�nig Siegmunds Tod gef�hrt hatte.</p><p>In ihrer w�sten Raserei hatten die niederl�ndischen Recken alles niedergebrannt, nicht nur Burgen, auch St�dte und sogar Kl�ster. In einem Nonnenkloster, das unter Siegmunds F�hrung gepl�ndert und gebrandschatzt wurde, starb K�nig Hariolfs Gemahlin, K�nigin Amata.</p><p>So ausf�hrlich hatte niemand die Geschichte Siegmunds Sohn erz�hlt. Er hatte sie sich selbst zusammengesetzt, aus Bruchst�cken und Andeutungen. Und er wollte nicht glauben, da� sein Vater so gegen alle Ritterlichkeit versto�en hatte. Er wu�te nicht, was schlimmer war, die Schande oder der Tod des Vaters.</p><p>�Die Grenzstreitigkeiten, die damals zum Krieg mit Friesland f�hrten, sind noch nicht beigelegt�, brach Reinhold das Schweigen.</p><p>�Dann werden wir sie beilegen!� erkl�rte Sieglind mit Nachdruck.</p><p>Reinhold sah sie entsetzt an. �Wollt Ihr etwa nachgeben, K�nigin, und auf unsere Grenzmarken verzichten? Auf das, wof�r wir so hart gek�mpft haben, wof�r so viele Recken gestorben sind? Das k�nnt Ihr nicht tun!�</p><p>�Ich kann es tun�, entgegnete Sieglind mit ruhiger Bestimmtheit. �Denn wie Ihr eben sagtet, Graf Reinhold, ich bin die K�nigin!�</p><p>�Ihr habt recht, hohe Frau�, mischte sich Severin ein. �Der Friede ist mehr wert als ein paar L�ndereien.�</p><p>�Zumindest dann, wenn es nicht das Land der Kirche ist�, schnaubte Reinhold und erntete einen erbosten Blick des Bischofs.</p><p>Am Ufer formierte sich der Zug der G�ste in Richtung Burg. Pferde wurden �ber wacklige Planken an Land gef�hrt. Krieger und Dienstmannen nahmen in geordneten Reihen Aufstellung.</p><p>�Wir sollten hinunter in den Burghof gehen�, sagte Sieglind. �Es macht einen schlechten Eindruck, wenn wir K�nig Hariolf von hier oben begr��en - wie die neugierigen V�gel, die wir in Wahrheit sind.� Wieder strich sie �ber Siegfrieds Haar. �Sch�n, da� du rechtzeitig gekommen bist, Siegfried. So ist unsere kleine Familie zum Empfang beisammen.�</p><p>�Nicht ganz�, warf Bischof Severin ein. �Der g�tzendienerische Ketzer Grimbert fehlt wie immer.� F�r diese Worte bedachte die K�nigin ihn mit einem strafenden Blick. Schamhafte R�te �berzog das runde Bischofsgesicht. �Verzeiht, hohe Frau, das ist mir so entfahren!�</p><p>Mit knappem Nicken ging Sieglind an ihm vorbei, hinunter in den Burghof.</p><p>�Mu�tet Ihr Grimbert erw�hnen?� fuhr Reinhold den Bischof leise an.</p><p>Grimbert war Sieglinds �lterer Bruder, er hatte ihr stets als treuer Besch�tzer zur Seite gestanden und h�tte als Siegfrieds Oheim nach alter Sitte die Erziehung des Prinzen �bernehmen sollen. Aber nach dem Friesenfeldzug, auf dem er Seite an Seite mit K�nig Siegmund und Graf Reinhold gek�mpft hatte, war er wie verwandelt und k�mmerte sich kaum noch um seine Aufgaben am Hofe. Dem Christengott hatte er noch nie viel abgewonnen. Nun aber l�sterte Grimbert �ffentlich wider ihn. Immer �fter zog er hinaus in die W�lder, und man munkelte, er bete an geheimen Orten die alten G�tter an. Ein Runenkundiger sollte er sein, ein Seher und Zauberer. Je seltener er sich in Xanten zeigte, desto wilder wucherten die Ger�chte. Seit zwei Jahren schien er g�nzlich verschollen, und die von seinem Tod geh�rt haben wollten, mehrten sich.</p><p>Posaunengeschmetter begleitete den Einzug der Friesen in die K�nigsburg. Der Xantener Hof bildete ein weites Halbrund, um die G�ste zu begr��en.</p><p>Siegfried, der neben seiner Mutter stand, erkannte K�nig Hariolf sofort, obgleich er ihn niemals zuvor gesehen hatte. Ein nicht �berm��ig gro�er, aber kr�ftiger und stolzer Mann auf einem edlen Rappschecken. Ein lockiger Bart, rotbraun wie das Haar, zierte Wangen und Kinn, lie� aber die Oberlippe frei. Das Gesicht war von tiefen Linien durchzogen, und jede stand f�r mehr als ein erlittenes Leid.</p><p>Es sah so aus, als wolle er die K�nigin der Niederlande beleidigen und sie vom Pferd aus, von oben herab, begr��en. Aber dann schlo� er die schon ge�ffneten Lippen wieder und stieg zur allgemeinen Erleichterung des Xantener Hofstaates aus dem silberbeschlagenen Sattel. Er verbeugte sich vor Sieglind und gr��te sie als hohe Frau und gn�dige K�nigin.</p><p>Sie erwiderte den Gru�, hie� den Gast willkommen und stellte ihm ihre wichtigsten Berater und ihren Sohn vor. Die Reihe war wieder an Hariolf, der seine Kinder mitgebracht hatte, Sohn und Tochter.</p><p>Prinz Harko, der sein Ritterschwert noch nicht lange tragen konnte, war eine j�ngere Ausgabe des Vaters, mit fast gleicher Haar- und Barttracht. Die fehlenden Furchen der Lebenserfahrung machte er durch die Arroganz wett, mit der er den Xantenern gegen�bertrat. Siegfried mochte ihn vom ersten Augenblick an nicht.</p><p>Ganz anders verhielt es sich mit Prinzessin Amke, die ein oder zwei Jahre j�nger als Siegfried war. Ihr offenes, von ein paar kecken Sommersprossen gesprenkeltes Gesicht mit den leuchtenden Augen, die alles begierig in sich aufnahmen, zog Siegfried fast magisch an. Ihre freundlichen Z�ge waren wie eine w�rmende Sonne, die alle K�lte ausglich, die von ihrem Vater und ihrem Bruder ausging.</p><p>Geheimnisvoll und vollkommen unnahbar wirkte der Mann, den K�nig Hariolf als seinen wichtigsten Ratgeber vorstellte: Markgraf Onno.</p><p>Alles an ihm war rot, feuerrot: das Haar, die blutunterlaufenen Augen und das bartlose, von dicken Narben gr��lich entstellte Gesicht. Er trug einen roten Umhang und ritt einen Rotfuchs von kr�ftiger Farbe. Seine Gestalt war gro� und hager, da� Siegfried glaubte, jeden einzelnen Knochen unter der Haut z�hlen zu k�nnen. Langgezogen und schmal war auch das Gesicht, das mit der langen, h�ckrig-krummen Nase an einen Raubvogel gemahnte.</p><p>Siegfried f�hlte sich bei Onnos Anblick an den roten Falken erinnert.</p><p>Sieglind und Hariolf f�hrten die Gesellschaft zur Burg, in den gro�en Festsaal. Musikanten spielten auf, und die Edlen nahmen an den Tafeln Platz. Siegfried kam es sehr gelegen, da� er neben der lieblichen Amke sa�. Sie verstanden sich gut, und Amke lie� ihn mit keinem Wort und keiner Geste sp�ren, da� Siegfrieds Vater ihre Mutter auf dem Gewissen hatte.</p><p>Auch Sieglind schien das bemerkt zu haben und sagte abends in trauter Zweisamkeit zu ihrem Sohn: �Hariolf und sein Sohn wirken auf mich wie zwei Eisbrocken, die tagelang in der Sonne liegen mu�ten, um aufzutauen. Amke dagegen ist ein sehr liebreizendes Gesch�pf, nicht wahr?�</p><p>�Ja�, antwortete Siegfried knapp, nicht wissend, worauf seine Mutter hinauswollte.</p><p>Sieglind l�chelte. �Ich glaube, die beste Sicherheit f�r einen dauerhaften Frieden zwischen den Niederlanden und Friesland w�re eine Verbindung zwischen unseren K�nigsh�usern.�</p><p>�Eine Verbindung?� wiederholte Siegfried verst�ndnislos.</p><p>�Eine Ehe�, pr�zisierte Sieglind und l�chelte erneut.</p><p>Als Siegfried begriff, was sie meinte, zog Schamr�te auf seine Wangen. �Aber Mutter, Amke ist doch noch ein Kind!�</p><p>�Erstens war ich das auch, als ich mit deinem Vater verm�hlt wurde. Und zweitens hatte ich vor wenigen Stunden noch den Eindruck, da� du sie gar nicht wie ein Kind anschaust.�</p><p>Mit einem seltsamen Gef�hl im Bauch ging Siegfried zu Bett - und tr�umte von Amke. Sie l�chelte ihn an, und ihre Arme umfingen ihn.</p><p>Es war ein h�chst angenehmer Traum.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 4</strong></p></title><empty-line/><p>Xanten feierte die Ankunft des Friesenk�nigs bis sp�t in die Nacht. Aber irgendwann erstarb die letzte Fl�te, war der letzte Becher Wein getrunken, die letzte Pastete verzehrt. Ruhe kehrte ein. Die halbfertigen T�rme, von verwegenen Ger�stbauten umrankt, ragten wie versteinerte Riesen in den Nachthimmel, gro� genug, um jeden Menschen unbedeutend erscheinen zu lassen.</p><p>Zufrieden schritt der Pr�lat Aurelius �ber die verlassene Baustelle. Der Mensch sollte vor dem Haus Gottes ebensolche Ehrfurcht empfinden wie vor Gott selbst. Deshalb bauten sie den neuen Dom mit den hohen, himmelst�rmenden T�rmen. Das Sprichwort, die Kathedralen seien die Bibeln des armen Mannes, hielt Aurelius f�r �u�erst passend.</p><p>Aber diese Kathedrale war auch die Bibel des gebildeten Pr�laten, nicht nur weil Bischof Severin ihn zum Aufseher �ber die Bauarbeiten bestimmt hatte. In dieser Stellung hatte Aurelius zwei Gr�nde, nachts zwischen Bauh�tten, halbfertig zusammengezimmerten Bogenger�sten und riesigen Steinbl�cken in den verschiedensten Stadien der Bearbeitung hindurchzuwandern. Er �berpr�fte die Baustelle und konnte sich dabei ganz nah bei seinem Gott f�hlen.</p><p>Pl�tzlich nahm Aurelius eine Bewegung wahr. Er blieb stehen und wandte den Kopf. Vor ihm schien eine der steinernen Statuen zum Leben erwacht zu sein.</p><p>Das Gesicht war noch unbehauen. Ohne Augen, Nase, Mund. Einfach nur eine halbrunde Fl�che. Aber das Ding bewegte sich...</p><p>Es lebte!</p><p>Ging langsam auf Aurelius zu.</p><p>Erleichtert stie� er den angehaltenen Atem aus, als er die Wahrheit erkannte. Es war keine zum Leben erwachte Statue, sondern ein Mensch. Ein Steinmetz, der seine Maske aus feinem Drahtgeflecht trug, als Schutz gegen Staub und Gesteinssplitter. Nat�rlich, die Gestalt, die im Mondlicht nur undeutlich zu sehen war, kam von der Bauh�tte der Steinmetzen. Das mu�te Meister Bertram sein.</p><p>�So sp�t noch bei der Arbeit, Meister Bertram?� rief der Pr�lat. �Oder findet Ihr auch keinen Schlaf?�</p><p>Er erhielt keine Antwort. Der Maskierte ging einfach weiter, war nur noch drei Schritte vom Pr�laten entfernt.</p><p>�Wenn Ihr unter der Maske nicht gut sprechen k�nnt, nehmt sie doch ab!�</p><p>Der Maskierte hatte Aurelius erreicht, blieb dicht vor ihm stehen und zog das Drahtgeflecht �ber den Kopf.</p><p>�Na also, Meister...� Der Pr�lat stockte, und seine Augen weiteten sich, als er in das Gesicht sah. �Ihr seid es, Herr? Was hat das...�</p><p>Diesmal verstummte er nicht freiwillig. Scharfer Stahl, der mit stechendem Schmerz in seine linke Brust fuhr, brachte ihn zum Schweigen. Er kr�mmte sich, w�hrend der andere die Klinge wieder aus seinem Leib zog. Dann fiel Aurelius in den Staub. Noch war ein Funke Leben in ihm. Er dachte an den Brand des Monasteriums vor f�nfzehn Jahren und an die beiden Leichen, die man am n�chsten Tag gefunden hatte: eine Dirne und den Propst - erstochen. Den M�rder hatte man nie gefa�t, zum Ungl�ck und Schrecken f�r alle Geistlichen Xantens.</p><p>Immer wieder hatte der Unbekannte zugeschlagen. Manchmal lag mehr als ein Jahr zwischen den Morden. Aber wieviel Zeit auch vergehen mochte, man konnte sicher sein, irgendwann wieder einen ermordeten M�nch oder Priester in den Stra�en der Stadt zu finden.</p><p>So wie man Aurelius finden w�rde. Er kannte jetzt die Person des M�rders.</p><p>Zu sp�t...</p><p>Ein kr�ftiger Schnitt durch seine Kehle l�schte seine Erkenntnis und sein Leben aus.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Mit einem h�hnischen L�cheln starrte der R�cher auf den ausblutenden Leib unter ihm und auf den blutigen Dolch in seiner Rechten. Es war derselbe Dolch mit dem Hirschhorngriff, mit dem er damals den sittenlosen Propst get�tet hatte. Sein rasselnder Atem beruhigte sich. Wieder hatte er einen Pfaffen der gerechten Strafe zugef�hrt. Und ausgerechnet den Pr�laten, der den Dombau leitete. Das w�rde ein schwerer Schlag f�r den fetten Severin sein!</p><p>Der R�cher reinigte seine Klinge am Gewand des Toten. Er wollte sich schon abwenden, da kam ihm ein Einfall: War es ein Zeichen, da� in dieser Nacht ausgerechnet Aurelius sein Opfer geworden war? Wollte der Feuergott seinem Diener einen Hinweis geben?</p><p>Warum sollte er mit dem gro�en Feuer warten, bis der Dom fertig war? Warum sollte er es �berhaupt zulassen, da� sich eine Kathedrale des falschen Gottes �ber Xanten erhob?</p><p>Diese Nacht war die Nacht des Feuergottes, die Nacht der Rache, des gro�en Feuers!</p><p>Suchend blickte er sich um und ersp�hte die Bauh�tte des Schmieds, der die Werkzeuge f�r die Bauarbeiten fertigte und ausbesserte. Das Mondlicht fiel auf den klobigen Hammer, der als Zeichen der Schmiedekunst �ber dem Eingang hing.</p><p>Die klapprige T�r aufzubrechen war f�r den R�cher ein Kinderspiel. Als er zur Esse ging, sp�rte er die aufsteigende W�rme der Glut im Kohlebecken. Er streckte die flache Hand aus und hielt sie dicht �ber die Kohlen. Die Glut war nur schwach, aber sie w�rde ausreichen!</p><p>Der R�cher trat an den gro�en Blasebalg. Mit raschen, aber gleichm��igen Bewegungen blies er Luft zwischen die Kohlen, entfachte er die Glut aufs neue.</p><p>Er sp�rte ihre W�rme, die zur Hitze wurde. Sah mit lustvoll geweiteten Augen auf das Rot, das sich ausbreitete, als wolle der Feuergott die ganze Welt verschlingen.</p><p>So war es auch damals gewesen, als der Feuergott zum erstenmal zu dem R�cher gesprochen hatte. Aus den Flammen hatte ihn das Gesicht angestarrt: schrecklich und zornig und gebieterisch. Und dann erklang die dr�hnende Stimme in seinem Kopf:</p><p><emphasis>Warum duldest du, ein Abk�mmling meines Geschlechts, da� die Menschen dem falschen Christengott huldigen? Unternimm etwas dagegen! Sei mein Arm, mein Schwert! Vernichte den falschen Gott und alle, die ihm dienen! Bring das Feuer �ber die Welt!</emphasis></p><p>Dann war die Nacht gekommen, in der er das Stift niederbrannte - seine �Feuerprobe�. In der n�chsten Nacht, als er die Asche zur alten K�nigsburg brachte und das Blut des Feuergottes in seinen Adern aufnahm, wu�te er, da� er wirklich der Auserw�hlte war.</p><p>Mit einer Schaufel gl�hender Kohlen verlie� der R�cher die Schmiede, lief zur n�chsten H�tte und schleuderte die Glut auf das Holzschindeldach.</p><p>Es knisterte, knackte - und die ersten Flammen schlugen empor.</p><p><emphasis>Weiter! </emphasis>dr�ngte die Stimme in seinem Kopf. <emphasis>Brenne nicht nur die H�tten nieder, zerst�re auch das Haus des falschen Gottes!</emphasis></p><p>Er hetzte zur Schmiede zur�ck, schob neue Kohlen auf die Schaufel, rannte wieder hinaus - und blieb vor der Schmiedeh�tte stehen. Unter lautem Geschrei rannten Menschen auf die brennende Bauh�tte zu. M�nche oder Laienbr�der, er konnte es nicht erkennen. Es war auch gleichg�ltig. Wichtig war nur, da� seine Tat entdeckt war.</p><p>Zu fr�h!</p><p>Aber andere N�chte w�rden kommen. Und der R�cher w�rde wieder zuschlagen. Mit einer Waffe, die viel wirksamer war als Dolch und Feuersbrunst. And�chtig fl�sterte er: �Siegfried!�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�W�ren nicht zuf�llig ein paar Laienbr�der von einem ausw�rtigen Besuch zur�ckgekehrt, h�tte das Feuer nicht so schnell gel�scht werden k�nnen�, berichtete aufgeregt Bischof Severin und verschwieg, da� diese weibstollen Kerle ein Hurenhaus aufgesucht hatten. �Aber f�r den armen Aurelius kam leider jede Hilfe zu sp�t!�</p><p>�Dann besteht kein Zweifel, da� es derselbe Kerl war, der damals das Stift in Brand gesteckt hat�, stellte Reinhold von Glander fest. �Der M�nchsm�rder hat wieder zugeschlagen.�</p><p>�Kann man denn nichts gegen ihn unternehmen?� fragte Sieglind.</p><p>Reinhold runzelte die Stirn. �Niemand wei�, wann er zuschl�gt. Vielleicht schon heute nacht wieder oder erst in einem Jahr.�</p><p>Sieglind sch�ttelte den Kopf. �Aber warum ausgerechnet in der letzten Nacht, als Xanten feierte?�</p><p>�Vielleicht war das der Grund�, meinte der Bischof und rieb �ber seine vor Aufregung ger�teten Wangen. �Vielleicht wollte er den Trubel ausnutzen, um ungesehen zu verschwinden.�</p><p>�Oder er wollte Aufregung in die Friedensverhandlungen bringen�, meinte Reinhold.</p><p>Sieglind sah ihn an. �Ihr meint, um den Frieden zu st�ren?�</p><p>Reinhold hob die Schultern. �Ich wei� es nicht, leider.� Sein Blick glitt zu Siegfried und Amke hin�ber, die in einer anderen Ecke des gro�en Burgsaales �ber einem Schachbrett hockten. �Vielleicht w�re es kl�ger, wenn Hariolfs Tochter von unserem Gespr�ch nichts erf�hrt. Es k�nnte zur Beunruhigung unseres Gastes f�hren.�</p><p>�Ein guter Rat, Graf Reinhold�, sagte Sieglind und ging zu den beiden hin�ber. �Das gro�e Fest geht weiter. Wollt ihr euch den Trubel nicht ansehen? Eure Schachpartie k�nnt ihr am Abend beenden!�</p><p>Siegfried f�hlte sich wohl in Amkes N�he, und ihr schien es mit ihm genauso zu gehen. Sie liefen durch die Stra�en von Xanten, sie lachten viel und tanzten, tranken Honigwasser und probierten alle m�glichen K�stlichkeiten. Doch einmal brach Siegfrieds lautes Gel�chter �ber die Possen eines zwergw�chsigen Spa�machers abrupt ab.</p><p>�Was hast du?� fragte Amke. �Der Kerl ist doch lustig!�</p><p>�Der Graue Geist!� fl�sterte Siegfried, w�hrend er zu der seltsamen Gestalt weit hinten in der Zuschauermenge blickte.</p><p>�Was meinst du, Siegfried?�</p><p>�Ach, nichts�, seufzte er und l�chelte Amke an. �Ist schon vorbei.� Und wirklich: Bei seinem n�chsten Blick �ber die K�pfe der Menge war der gespenstische Unbekannte verschwunden.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 5</strong></p></title><empty-line/><p>Tief �ber den Pferdehals gebeugt, lie� Siegfried den grauen Hengst weit ausgreifen. Die Hufe schienen durch die Luft zu fliegen und den Waldboden kaum zu ber�hren. Da� sie es doch taten, zeigten die Abdr�cke, die Graufell hinterlie�.</p><p>Und die Siegfried seinem Verfolger verrieten! Deshalb war es trotz Graufells Schnelligkeit unm�glich, den anderen Reiter abzusch�tteln. Als der junge Xantener das erkannte, �nderte er seinen Plan: Er mu�te den Abstand zu seinem Verfolger so weit vergr��ern, da� er ihm eine Falle stellen konnte. Der dichte Wald, in den er sein Tier lenkte, schien ihm die beste Gelegenheit zu bieten.</p><p>Immer wieder streiften �ste und Zweige Pferd und Reiter. Siegfried ritt langsamer, er wollte nicht riskieren, da� der wertvolle Hengst �ber gef�hrliche Baumwurzeln stolperte und sich verletzte. Gewaltig wie Bergfriede erhoben sich hier die B�ume, uralt mit ihren verwitterten Borken, d�ster und geheimnisvoll.</p><p>Aber zur Linken schimmerte etwas hell. Neugierig ri� Siegfried den Grauen herum und hielt auf das Licht zu. Die B�ume wurden sp�rlich, wichen Str�uchern und Farnen, die eine gro�e gr�ne Lichtung mitten im d�steren Wald bildeten. Nur ein Baum erhob sich hier, eine von Bienen umschw�rmte Buche mit m�chtigem Stamm.</p><p>Das Gras, das sich auf der Lichtung ausbreitete und sich bis in die Ausl�ufer des Waldes erstreckte, brachte Siegfried auf eine Idee. Graufells Hufspuren waren hier nicht so deutlich zu erkennen. Siegfried stieg vom Pferd. Am Z�gel f�hrte er den Grauen am Rand der Lichtung entlang und dann wieder in den Wald hinein. Nach etwa zwanzig Schritten hielt er unter einer Eiche mit starken, weitausladenden �sten an. Von der Lichtung aus war er hier nicht zu sehen.</p><p>Nur kurz zog er in Erw�gung, sich heimlich abzusetzen. Die Neugier war st�rker. Er wollte herausfinden, wer ihn verfolgte. Als er aus dem Lager geschlichen war, hatte er sich sicher gef�hlt, denn alle Recken waren auf der Jagd gewesen. Doch schon nach kurzer Zeit hatte er den hartn�ckigen Verfolger bemerkt.</p><p>�Sei ruhig, Graufell!� ermahnte er den Grauen und strich ihm sanft �ber Nase und N�stern. �Gib keinen Laut von dir, was immer auch geschieht!�</p><p>Bei einem anderen Pferd h�tte er sich kaum darauf verlassen k�nnen. Aber Graufell war ein besonderes Tier: verl��lich in jeder Hinsicht. Als Siegfried die Eiche erkletterte und den Hengst nur lose angebunden unter sich zur�cklie�, zweifelte er nicht daran, da� Graufell ihn verstanden hatte und seinen Befehl befolgen w�rde.</p><p>Siegfried kletterte, bis er freien Ausblick auf die Lichtung hatte. Er machte es sich auf einem dicken, gegabelten Ast bequem, den R�cken an den Stamm gelehnt. Pl�tzlich blieb sein schweifender Blick an einem gro�en, gewundenen Felsgebilde h�ngen.</p><p>Die Schlangenh�hle!</p><p>Wie eine gl�ckliche F�gung war es ihm erschienen, als seine Mutter und ihre Ratgeber beschlossen, die friesischen G�ste auf eine gro�e Jagd einzuladen - in den Schlangenwald. Reinhold von Glander war auf die Idee gekommen, den begeisterten J�ger Hariolf dadurch freundlich zu stimmen.</p><p>Zwar hatte Siegfried die Tage in Xanten genossen, das Wiedersehen mit seiner Mutter und nicht minder das Zusammensein mit Prinzessin Amke. Siegfried hatte das Friesenm�dchen in fast jede Ecke seiner Vaterstadt gef�hrt. Insgeheim jedoch hatte er nach der unheimlichen grauen Gestalt Ausschau gehalten.</p><p>Aber als Siegfried die Gelegenheit kommen sah, auch die zweite H�lfte des Runenschwertes zu holen, war ihm dies noch wichtiger als die liebliche Amke. Es war wie ein Lockruf, dem er folgte, um das Erbe seines Vaters anzutreten.</p><p>Ger�usche, erst leise, dann immer lauter, lenkten seine Aufmerksamkeit wieder auf die Lichtung. Zweige brachen, und ein Pferd schnaubte ersch�pft.</p><p>Ein Schatten fiel aus dem Waldunkel: das Pferd, schlank und lichtbraun, mit dunkler M�hne und dunklem Schweif. Selbst auf diese Entfernung erkannte Siegfried das Tier und auch die Reiterin im goldverzierten Damensattel. Vornehm war ihre Haltung und liebreizend der Anblick des offenen Gesichts.</p><p>Was trieb Amke hierher? Warum verfolgte sie ihn?</p><p>Langsam ritt sie auf die Lichtung; sie hielt ihre Stute zwischen Farnen und Brombeerstr�uchern an und schaute sich suchend um. Zum Schutz gegen die grelle Mittagssonne beschirmte sie ihre sch�nen Augen mit der flachen Hand.</p><p>Siegfried l�chelte. Das Versteckspiel begann ihm Spa� zu machen. So sehr, da� der Gedanke an die Schlangenh�hle und ihr wertvolles Geheimnis in den Hintergrund trat. Er geno� es, vor Amkes Blicken verborgen, das M�dchen in Ruhe zu betrachten. Es trug zwar teure, aber in gedeckten Farben und ohne aufwendige Stickereien gefertigte Kleider. Einmal mehr bewunderte er die Friesin. Obwohl jung an Jahren, beherrschte sie die h�fischen Sitten und wirkte dennoch nicht �berheblich oder altklug. Hing es mit dem fr�hen Tod ihrer Mutter zusammen, da� sie so schnell erwachsen geworden war?</p><p>Amke, die sich langsam im Sattel gedreht hatte, erstarrte pl�tzlich und blickte angestrengt zum Waldrand. Aber nicht in die Richtung, wo Siegfried auf der Eiche kauerte. Ein zottiger B�r trottete im schaukelnden Gang auf die Lichtung und w�lzte dabei m�helos Farn und Strauchwerk nieder. Siegfrieds Herz raste, als er erkannte, da� der B�r genau auf die Reiterin zuhielt. Am liebsten h�tte er einen Warnschrei ausgesto�en. Doch er bef�rchtete, da� ein lauter Ruf Amke, ihr Pferd und auch den B�ren �ber Geb�hr erschreckte.</p><p>Die Stute schien ohnehin geh�rig erregt. Sie mochte ein redliches Tier sein, aber f�r die Jagd war sie nicht ausgebildet. Mit jedem Schritt, den der gewaltige B�r n�her kam, stieg ihre Unruhe. Laut schnaubend t�nzelte sie hin und her, so da� Amke M�he hatte, sich im Sattel zu halten.</p><p>Nur noch zehn Schritte von der Reiterin entfernt blieb der B�r stehen. Sein Vorderleib mit dem klobigen Sch�del pendelte hin und her, w�hrend er Amke und die Stute betrachtete. Siegfried, der schon mit Reinhold auf die B�renjagd gegangen war, kannte dieses Verhalten. Der B�r war sich unschl�ssig, ob er es mit einem Freund oder Feind zu tun hatte. Wenn er kein ver�rgerter Einzelg�nger war und keine B�rin, die ihren Nachwuchs sch�tzen wollte, w�rde er keinen Reiter angreifen. Seine Beute waren eher die Brombeeren auf der Lichtung.</p><p>Amkes Stute wurde immer aufgeregter. Sie wieherte laut und stieg auf die Hinterbeine, als der bepelzte Gigant noch einen Schritt n�her trat. Amke verlor den Halt, stie� einen spitzen Schrei aus und st�rzte aus dem Sattel, mitten in die gro�en Farnwedel.</p><p>Siegfried hielt die Luft an. Es sah so aus, als w�rde die zu Tode erschrockene Stute ihre Reiterin zertreten.</p><p>Dann aber jagte das Tier quer �ber die Lichtung, schlug einen Haken, um dem B�ren nicht zu nahe zu kommen, und preschte ins Unterholz des Waldes. �ste zerbrachen. Das Pferd stie� ein lautes Wiehern aus, bevor es im Zwielicht des Dickichts verschwand.</p><p>Und Amke?</p><p>Siegfried beugte sich so weit vor, da� er fast von seinem Ast st�rzte. Doch so sehr er seine Augen auch anstrengte, von der Friesin konnte er nicht mehr erkennen als einen dunklen Fleck, ein Teil ihres erdfarbenen Gewands. Sie schien vollkommen still zu liegen.</p><p>Wollte sie den B�ren t�uschen? Oder konnte sie sich nicht bewegen, weil... Er weigerte sich, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Pl�tzlich begriff er, wieviel ihm Amke bedeutete.</p><p>Der B�r stie� ein lautes Schnauben aus, das zu einem wilden Heulen wurde. Er stieg auf seine Hinterbeine und richtete sich auf wie ein Mensch. Jetzt erst erkannte Siegfried die volle beeindruckende Gr��e des B�ren.</p><p>In den Farn kam Bewegung. Die Bl�tter schwankten wie die Lanzen eines im Galopp angreifenden Reitertrupps. M�hsam kam Amke auf die Beine. Siegfried fiel ein M�hlstein vom Herzen. Hatte das erregte Geheul des B�ren Amke aus der Benommenheit gerissen?</p><p>Amke sah den Riesen, der noch immer auf seinen Hinterbeinen stand. Sie begann zu laufen, stolperte, als sich ein Fu� im Brombeergestr�pp verfing, sprang auf und lief weiter, um im Schatten der Buche Schutz zu suchen.</p><p>Der B�r sank wieder auf die Vorderbeine. Dann stie� er ein w�tendes Schnaufen aus und trottete langsam auf die Buche zu. Das Gl�ck schien Amke verlassen zu haben. Sie hatte genau das Falsche getan, als sie zur Buche lief. Der Baum bot ihr keineswegs Schutz. Der B�r vermochte ihn schneller zu erklettern als ein Mensch. Das Bild der ver�ngstigten Friesin vor Augen, die sich an den Stamm der Buche pre�te, sprang Siegfried von der Eiche herab. Unten l�ste er Graufells Z�gel vom Astwerk und zog den Hengst zur Lichtung, wo er sich in den Sattel schwang.</p><p>Dann ri� er den Spie� hervor, den er Graufell hinter dem Sattel aufgebunden hatte. Mit der Rechten umklammerte er den dicken Eichenholzschaft. Die Stahlspitze gl�nzte silbrigblau im Sonnenlicht, als Siegfried auf die Lichtung galoppierte.</p><p>Amke stand noch eng an die Buche gepre�t, starr wie ein Fels. Entweder hatte sie erkannt, da� jede Bewegung den B�ren noch mehr reizen w�rde, oder die Angst hielt sie im l�hmenden Griff. Nur noch f�nf Schritte, und der B�r hatte sie erreicht.</p><p>�Holla, Meister Petz, dreh dich um!� schrie Siegfried aus voller Kehle. �Die Maid kann dir nicht gef�hrlich werden, mein Spie� aber schon.�</p><p>Ungelenk wandte der w�tende B�r sich um und richtete seine Aufmerksamkeit nicht l�nger auf Amke, sondern auf den schnell heranpreschenden Reiter.</p><p>Die Friesin hatte Siegfried mittlerweile ersp�ht. �Siegfried, nein!� brach es aus ihr hervor. �Greif nicht an! Der B�r wird dich t�ten!�</p><p>Ihr Ruf kam zu sp�t, schon war Siegfried herangest�rmt. Auch der B�r bewegte sich jetzt viel schneller, als es seine gewaltige Leibesmasse und sein beh�bigtapsiges Auftreten vermuten lie�en. Er spannte die Muskeln unter dem dunkelbraunen Fell, um dem Reiter in die Flanke zu fallen.</p><p>Siegfried ri� Graufell im letzten Augenblick zur�ck und entging dem Schlag der krallenbewehrten Pranke. Aber sein Gegenangriff fiel kl�glich aus. Der Xantener schaffte es nicht, die Stahlspitze ins Fell des B�ren zu bohren. Es langte nur zu einem kr�ftigen Hieb mit dem Spie�, mitten auf die gro�e schwarze B�rennase. Zu Siegfrieds �berraschung jedoch stie� der B�r einen lauten Schrei aus und vollf�hrte eilends zwei, drei lange S�tze von der Buche weg.</p><p>�Der Schlag mit dem Spie� scheint dir nicht gefallen zu haben, Meister Petz!� rief Siegfried. Vielleicht lie� sich der B�r vertreiben, ohne da� Siegfried sein Blut vergo�. Denn war das Tier erst verwundet, konnte es leicht vom Schmerz rasend werden und ohne R�cksicht auf Verluste angreifen.</p><p>�Ho, Graufell!� Siegfried schlug die Fersen in die Flanken des Pferdes. �Besorgen wir es dem Brummb�ren, bevor er merkt, da� eine schmerzende Nase nicht so schlimm ist, wie sie sich anf�hlt!�</p><p>Als das gro�e Tier Siegfried anreiten sah, richtete es sich halb auf und fuchtelte mit einer Pranke in der Luft herum, wie um den Reiter von sich fernzuhalten. Aber Siegfried mu�te mit seinem Spie� gar nicht so nah herankommen. Wieder schlug er zu.</p><p>Der B�r sprang erneut erschrocken zur�ck. Sein Vorderleib pendelte hin und her. Das Tier schien abzusch�tzen, ob sich der Kampf lohnte. Erst war nur Amke dagewesen, dann pl�tzlich Siegfried. Konnten noch weitere Feinde im Dickicht lauern?</p><p>Siegfried g�nnte dem B�ren keine Pause. Unter lautem Geschrei f�hrte er den n�chsten Angriff, den Spie� zum neuen Schlag erhoben. Doch der B�r hatte offensichtlich genug. Er wandte sich um, hetzte in schnellen S�tzen �ber die Lichtung und brach ger�uschvoll in das Dickicht.</p><p>Als das Tier nicht mehr zu sehen war, ritt Siegfried zur Buche, sprang aus dem Sattel und rammte den Spie� mit der Spitze in den Erdboden. Ehe er noch etwas sagen konnte, lag Amke in seinen Armen und nahm dann sein Gesicht in ihre H�nde, um ihn erst auf die Wangen und dann auf den Mund zu k�ssen.</p><p>Eine nie gekannte W�rme erf�llte Siegfried. Die sanfte Ber�hrung ihrer weichen, warmen Lippen lie� ihn die eben noch t�dliche Gefahr vergessen. Und sogar die Schlangenh�hle und das Runenschwert waren nicht wichtig in diesen sch�nen, viel zu kurzen Augenblicken, in denen nichts zwischen dem Xantener und der Friesin zu stehen schien. Kein ruhmloser Feldzug, kein vergossenes Blut, kein Wort und kein Gedanke.</p><p>Doch viel zu bald l�ste sich Amke von ihrem Retter, trat zwei Schritte zur�ck und dankte ihm mit einfachen, von Herzen kommenden Worten.</p><p>�Mir ist nur ein wenig schwindlig�, erkl�rte Amke mit einem fast entschuldigenden L�cheln.</p><p>Das Blut auf ihrer Stirn und der linken Wange stammte zum Gl�ck nur von leichten Sch�rfwunden. Siegfried reinigte die Wunden mit Wasser aus seinem ledernen Schlauch. Amke hielt still und stie� nicht den kleinsten Schmerzenslaut aus. Siegfried bewunderte ihre Tapferkeit. Sorgf�ltig verschlo� er den Wasserschlauch. �Die Sache ist noch einmal glimpflich ausgegangen. Zum Gl�ck war ich in der N�he.� Da� er Amke von der Eiche aus beobachtet hatte, verschwieg er lieber. �Du solltest nicht allein durch den Wald reiten, Amke!�</p><p>�Ich war nicht allein. Ich habe alles versucht, dich nicht aus den Augen zu verlieren. Auch wenn du eher um das Gegenteil bem�ht warst!�</p><p>Siegfried war �ber diesen Vorwurf erbost. �Du hast mich also verfolgt?�</p><p>�Ich habe dich nicht verfolgt!� entgegnete sie in beleidigtem Tonfall. Trotz schlich sich in ihr sch�nes Antlitz.</p><p>�So, was dann?�</p><p>Er sah Amke an, wie angestrengt sie �berlegte. Schlie�lich verschwanden Trotz und Strenge aus ihrem Gesicht und machten einem nachgiebigen L�cheln Platz.</p><p>�Also gut, ich bin dir aus Neugier nachgeritten, als ich gesehen habe, wie du dich heimlich aus dem Lager geschlichen hast, nachdem der Jagdtrupp aufgebrochen war. Ich h�rte von deinem verstauchten Fu� und fand es merkw�rdig, da� du trotzdem einen Ausflug unternimmst. �brigens merkt man dir gar nicht an, wie sehr dein Fu� schmerzt!�</p><p>�Es war nur eine Ausrede, um allein losreiten zu k�nnen.�</p><p>�Warum? Was hast du vor?�</p><p>Siegfried zwang sich, nicht nach Westen zu sehen, zur Schlangenburg. Mit einem k�hlen Unterton erwiderte er: �Das ist nicht von Belang.�</p><p>Amke seufzte ergeben und meinte: �Du brauchst es mir nicht zu sagen, ich werde es ja sehen.�</p><p>�Wieso?� fragte er und legte den Kopf schief.</p><p>�Weil wir zusammen zu deinem geheimnisvollen Ziel reiten werden. Goldflimmer ist in den Wald geflohen. Willst du mich hier ohne Pferd und Schutz zur�cklassen?�</p><p>Um �u�ere Ruhe bem�ht, stie� Siegfried einen stummen Fluch aus. H�tten seine Mutter oder Bischof Severin die Ausdr�cke geh�rt, w�re eine Beichte mit einer saftigen Bu�e f�llig gewesen. Mindestens drei N�chte durchbeten und eine Woche fasten!</p><p>Verzweifelt suchte Siegfried nach einer L�sung. Zur�cklassen konnte er Amke tats�chlich nicht. Wenn er sie mitnahm, w�re sein Geheimnis gel�ftet. Brachte er sie aber zur�ck ins Lager, w�rde das einigen Aufruhr verursachen, und er w�rde sich kaum ein zweites Mal heimlich davonmachen k�nnen.</p><p>�Vielleicht ist dein Pferd noch in der N�he�, sagte er hoffnungsvoll und rief laut nach dem Tier - vergebens. �Versuch du es!�</p><p>Amke rief Goldflimmers Namen in alle Himmelsrichtungen, aber auch sie erhielt keine Antwort.</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich Goldflimmer jemals wiedersehe�, meinte sie traurig. �Sie hatte solche Angst vor dem B�ren, da� sie bestimmt bis ans Ende der Welt l�uft.�</p><p>�Sie war kein gutes Jagdro�.�</p><p>Der Trotz kehrte in Amkes Stimme zur�ck: �Das war auch nicht Goldflimmers Aufgabe!�</p><p>�Vielleicht kann uns Graufell helfen.�</p><p>Siegfried veranla�te seinen Hengst, laut zu wiehern, und lauschte angestrengt nach einer Antwort. Wenn das ver�ngstigte Pferd noch in der N�he war, w�rde es Graufells Ruf beantworten. Doch kein Laut war zu h�ren. �Dein Pferd kehrt nicht zur�ck�, sagte Siegfried mi�mutig.</p><p>�Graufell scheint stark genug, uns beide zu tragen.�</p><p>�Gewi߫, verk�ndete er nicht ohne Stolz. �Aber ich kann dich nicht mitnehmen. Es ist zu gef�hrlich - und au�erdem ein Geheimnis.�</p><p>Amke lachte pl�tzlich. �Ich wei� doch l�ngst, was du vorhast!�</p><p>Ein beklemmendes Gef�hl erfa�te Siegfried. Seine Kehle war pl�tzlich wie zugeschn�rt. Er bekam kaum noch Luft. Wie war Amke ihm auf die Spur gekommen? Und wenn sie von seinem Geheimnis wu�te, wer noch?</p><p>�Der Spie�, den du bei dir f�hrst, hat dich verraten, Siegfried�, fuhr Amke fort. �Du bist allein losgeritten, weil du ein ganz besonderes Tier erlegen willst. Niemand sollte es vor dir sehen und dir zuvorkommen. Damit wirst du alle beeindrucken, die wackeren Recken, deinen Lehrmeister Graf Reinhold und auch deine Mutter. Ist es nicht so?�</p><p>Siegfried war erleichtert, da� Amke sein Geheimnis nicht kannte. L�chelnd antwortete er: �Ja, so �hnlich verh�lt es sich.�</p><p>�Was f�r ein Tier ist es?� fragte Amke voller Neugier. �Ein gro�er B�r wohl kaum, den h�ttest du eben erlegen k�nnen. Ein wilder Eber vielleicht?�</p><p>�Es ist ein Geheimnis�, wiederholte Siegfried und kam zu einer Entscheidung. Er durfte diese Gelegenheit, sich die zweite H�lfte des Runenschwertes zu holen, nicht verspielen. Daher sagte er: �Ich werde dich mitnehmen, aber nur unter drei Bedingungen!�</p><p>�Drei?� staunte Amke. �Das mu� aber ein sehr geheimes Geheimnis sein, das du h�test. Also gut, nenne mir deine Bedingungen!�</p><p>�Erstens: Du gehorchst mir aufs Wort, was auch geschieht. Zweitens: Du stellst keine Fragen. Drittens: Du bewahrst �ber alles Stillschweigen, auch deinem Vater und deinem Bruder gegen�ber.�</p><p>Sie �berlegte eine kurze Weile und fragte dann: �Was ist, wenn ich nicht darauf eingehe? Reitest du dann ohne mich fort?�</p><p>Siegfried antwortete nicht, sondern sah fest in ihre gr�nblauen Augen.</p><p>�Also gut�, seufzte Amke unter seinem beschw�renden Blick. Ein kecker Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. �Ich hoffe doch sehr, du wirst mein Versprechen nicht zu unritterlichen Taten mi�brauchen.�</p><p>Siegfried l�chelte und erwiderte zweideutig: �Ich bin noch kein Ritter, edle Frau.�</p><p>�Und ich noch keine Frau�, sagte Amke in demselben neckischen Ton, als Siegfried ihr aufs Pferd half.</p><p>Er band den Spie� wieder auf Graufells R�cken, stieg vor Amke in den Sattel und riet ihr, sich an ihm festzuhalten. Er geno� ihre N�he, die Ber�hrung ihrer H�nde und ihres Leibes, den er mit jedem Schritt Graufells an seinem R�cken sp�rte.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 6</strong></p></title><empty-line/><p>�Was ist das?� fragte Amke in einer Mischung aus Verwunderung und Ehrfurcht, als ihr Blick auf einen langgestreckten Felsen fiel. Auf seiner ganzen beeindruckenden L�nge von Wald ges�umt, lag er wie ein erschlagener Lindwurm im warmen Sonnenlicht und schimmerte seltsam bl�ulich, als sei er nicht aus Stein, sondern aus Eisen.</p><p>�Unser Ziel�, antwortete Siegfried unbestimmt und ritt an dem schlangenartigen Felsen entlang, bis er das gr��ere Ende erreichte: das Schlangenmaul.</p><p>In alten Erz�hlungen hatte Siegfried geh�rt, da� sich hier der Eingang zur H�hle befinden sollte. Er mu�te Graufell nah an den Fels treiben, bevor er den engen Durchla� sah. Gebannt starrte er auf den schwarzen Eingang und wartete tats�chlich darauf, da� pl�tzlich mit erregtem Zischeln eine lange Schlangenzunge hervorz�ngelte.</p><p>Als nichts dergleichen geschah, stieg Siegfried ab und half Amke vom hohen R�cken Graufells.</p><p>Sie betrachtete interessiert den Schlangenkopf und meinte: �Hier wollen wir also hinein.�</p><p>�Wir?� Er sch�ttelte energisch den Kopf. �Davon kann keine Rede sein. Ich gehe hinein, du wartest hier.�</p><p>�Warum?�</p><p>�Weil ich es so bestimme. Erinnere dich an die erste Bedingung, Amke!�</p><p>�Ich meinte, warum du in die Schlangenh�hle willst.�</p><p>�Keine Fragen, das ist die zweite Bedingung�, ermahnte Siegfried seine Begleiterin. �Halte dich daran und...� Er hielt inne. Pl�tzlich begriff er, da� sie eben die Schlangenh�hle bei ihrem Namen genannt hatte.</p><p>�Du... du wei�t, wo wir uns aufhalten?�</p><p>�An der Schlangenh�hle.�</p><p>Er legte die H�nde auf ihre Schultern, so fest, da� Amke zusammenzuckte. �Woher wei�t du das?� rief er unbeherrscht. �Woher kennst du diesen Ort?�</p><p>Amke schlug seine H�nde beiseite. �Ich kenne die H�hle nicht, aber deine Xantener Recken haben erz�hlt, da� es zur Jagd in den Schlangenwald geht. Als ich einen Diener nach dem seltsamen Namen fragte, erz�hlte er mir von dem Felsen, nach dem er benannt ist.�</p><p>�Und woher wei�t du, da� es dieser Felsen ist?�</p><p>�Ich bin nicht blind, Siegfried!� Sie deutete auf den gewundenen Felsen. �Wenn jemals ein Ort den Namen Schlangenh�hle verdient hat, dann dieser. Der Fels sieht so aus, als sei er wirklich einmal eine lebende Schlange gewesen.� Leiser, fast and�chtig f�gte sie hinzu: �Eine unheimlich gro�e Schlange!�</p><p>�Ja�, sagte Siegfried gedankenverloren. �Es mu� wahrlich ein Riese gewesen sein, der sie versteinerte.�</p><p>�Gibt es eine Geschichte zu diesem Ort?� fragte Anke.</p><p>Siegfried nickte. �In fernen Zeiten, als Xanten noch ein unber�hrter Flecken und der Heiland noch nicht geboren war, soll die Riesenschlange die ganze Umgegend in Schrecken versetzt haben. Immer wieder �berfiel sie Siedlungen. Je mehr Opfer sie verspeiste, desto gr��er und hungriger wurde sie. Schlie�lich fiel sie sogar �ber die Riesen her, die wegen ihrer Kraft und Gr��e bislang von der Schlange verschont geblieben waren. Sie t�tete alle Riesen bis auf einen. Er war der angesehenste, gr��te und st�rkste Riese des Dorfes. Als er von seiner Jagd zur�ckkehrte, schwor er der Schlange bittere Rache. Er fand sie und k�mpfte mit ihr, aber beider Kraft war gleich, und niemals schien es einen Sieger geben zu k�nnen. Da kam der Riese auf den rettenden Einfall: Er bewarf die Schlange mit gro�en Felsen und deckte sie vom Kopf bis zum Schwanz damit zu, bis sie sich nicht mehr bewegen konnte. So lag sie reglos, viele Jahre lang, und versteinerte.�</p><p>Amke sch�ttelte sich, w�hrend sie auf den Schlangenkopf starrte. Als s�he sie tats�chlich ein Ungeheuer vor sich.</p><p>Siegfried nahm den Spie� und den Packen mit seiner Ausr�stung von Graufell und wickelte eine der Fackeln aus. Dann sch�ttete er Zunder auf den mit Werg umwickelten und in Harz getr�nkten Kienspan, den er aufrecht in den felsigen Boden gerammt hatte. Schlie�lich nahm er einen kantigen Feuerstein und ein handliches Schlageisen zur Hand. Genau �ber dem Fackelkopf lie� er das Eisen auf den Flint treffen, immer wieder, bis die Funken spr�hten, im Zunder zu Flammen wurden und die Flammen den Fackelkopf umleckten. Sorgf�ltig verstaute er Flint und Eisen wieder in dem gro�en Ledersack, den Graufell zuvor getragen hatte. Siegfried band ihn auf seinen R�cken und zurrte die Riemen fest.</p><p>Als er Fackel und Spie� zur Hand nahm, bat Amke: �Geh nicht, Siegfried!�</p><p>�F�rchtest du dich? Wenn Gefahr droht, nimm Graufell und reite heim zum Jagdlager. Er wird den Weg finden.�</p><p>�Ich habe keine Angst um mich, sondern um dich, Siegfried!�</p><p>Tief in seinem Innern hatte er gehofft, da� sie so etwas sagen w�rde. Es schmeichelte ihm. Da� Amke sich um ihn �ngstigte, bedeutete, da� er ihr nicht gleichg�ltig war.</p><p>�Ich werde zur�ckkommen�, sagte er und bem�hte sich, m�glichst zuversichtlich zu klingen. �Solltest du allein ins Lager zur�ckreiten, verrate niemandem, wo ich bin. Denke immer an die drei Bedingungen!�</p><p>Er wollte sich umwenden, um zum Schlangenmaul zu gehen.</p><p>�Warte!� rief Amke, trat dicht vor ihn und gab ihm einen Ku� auf die Stirn. �Das soll dir Gl�ck bringen.�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Tief gebeugt arbeitete sich Siegfried durch den engen Eingang ins Innere der H�hle vor. Die Felsen waren gezackt und scharfkantig. Wie Z�hne eines Untiers schnappten sie nach ihm. Sein Leib und die Beine waren durch festes Rindsleder gesch�tzt, ebenso die F��e, die in kniehohen Stiefeln steckten. Er war froh, diese einfache Kleidung gew�hlt zu haben. Die edlen Stoffe, die er am Xantener Hof getragen hatte, w�rden jetzt schon in Fetzen an ihm herunterh�ngen.</p><p>Endlich konnte er sich aufrichten. Er reckte die Arme hoch und streckte seinen ganzen Leib. Die Fackel in seiner Rechten warf trotzig ihren flackernden Schein in den finster g�hnenden Felsschlund.</p><p>Und Siegfried erschrak...</p><p>Er sah Schlangen. Nichts als Schlangen. Schlangen von der Gr��e eines Riesen.</p><p>Von der zerkl�fteten Decke lie�en sie sich herunter, bereit, sich auf den Eindringling zu st�rzen. Und vom Boden reckten sie sich zu ihm empor.</p><p>Hunderte von Schlangen hatten ihn eingekreist!</p><p>Er fa�te den Spie� fester und wu�te doch, da� ihm dies kaum helfen w�rde. Er konnte vielleicht ein, zwei Schlangen durchbohren, aber gleichzeitig w�rden ihn hundert andere anfallen. Er hatte Amke nicht die ganze Geschichte erz�hlt. Es hie�, als die Riesenschlange unter den Steinen zur Reglosigkeit verurteilt war, verwandelte sich ihr Leib in unz�hlige kleine Schlangen. Diese Schlangen hausten fortan in dem H�hlenlabyrinth.</p><p>Und wie Schlangen aus Stein wirkten die Tiere, die Siegfried umgaben.</p><p>Er h�rte kein Schaben, als ihre Leiber �ber den Stein krochen. Kein Zischeln ihrer ruhelosen Zungen.</p><p>Die einzigen Ger�usche waren sein heftiges Atmen und das Knistern der Fackel, die grauschwarzen Rauch und bei�enden Gestank verstr�mte.</p><p>Dann begriff er, da� es tats�chlich nur Gestein war, auf das er blickte. Schlangen aus Stein. Oder Felsnadeln, die Schlangen �hnelten. Sie wuchsen von der Decke und aus dem Boden. Im flackernden, verzerrenden Schein der Fackel hatte es ausgesehen, als bewegten sie sich.</p><p>Siegfried lehnte den Spie� an eine Felswand und wischte mit dem Handr�cken �ber seine feuchte Stirn. Er schalt sich einen Narren, da� er auf das Schattenspiel hereingefallen war. Wie gut, da� Amke ihn nicht so gesehen hatte. Den tapferen B�renbezwinger, der sich vor ein paar Felsnadeln f�rchtete!</p><p>W�tend �ber seine Furchtsamkeit griff er nach dem Spie� und setzte seinen Weg fort. Oft standen die Felsnadeln so dicht, da� er sich m�hevoll zwischen ihnen hindurchquetschen mu�te. Dann wieder mu�te er sich b�cken und sogar auf allen vieren kriechen, um weiterzukommen.</p><p>Wo genau sein Ziel lag, wu�te er nicht. Reinhold hatte von einer tief in der H�hle verborgenen Spalte gesprochen, auf die bei Tag das Sonnenlicht fiel. Nun, die Sonne drau�en schien glei�end hell. Gab es diese Spalte, so mu�te er sie entdecken. Also begab er sich immer tiefer in den Leib der steinernen Schlange hinein.</p><p>Ab und an bemerkte er zur Linken oder zur Rechten Abzweigungen. Da sie zumeist zu eng waren, schenkte er ihnen kaum Beachtung.</p><p>Je weiter er in die H�hle eindrang, desto zuversichtlicher wurde er. Bis jetzt hatte er noch keine Schlange entdeckt. Vielleicht w�rde es einfacher werden als in der Wolfsburg! Doch kaum hatte er diesen Gedanken gefa�t, sp�rte er, wie etwas seine F��e streifte. Siegfried sprang zur�ck und schwenkte die Fackel nach unten.</p><p>Die Tiere, die um seine F��e huschten, waren so gro� wie eine M�nnerhand, mit langen Schw�nzen. Er sah hinab auf braungraues Fell, kleine Spitzohren und krallenbesetzte Pfoten.</p><p>�Ratten!� stie� er ein wenig erleichtert hervor. Drei�ig oder vierzig. Hatten sie ihn f�r eine lohnende Beute gehalten? Dicht �ber dem Boden schwenkte er die Fackel. Die Hitze trieb die gefr��igen Nager vier, f�nf Schritte zur�ck. Au�erhalb dieses Kreises hockten die H�hlenratten und belauerten Siegfried.</p><p>W�hrend er sich noch �ber die m�gliche Gef�hrlichkeit der Ratten Gedanken machte, verschwanden sie so pl�tzlich, wie sie aufgetaucht waren. Sie bewegten sich so flink, da� Siegfrieds Augen ihnen kaum folgen konnten, und fanden Schlupfl�cher, wo der Xantener nur Gestein sah.</p><p>Eine Ratte aber war nicht schnell genug; sie wurde von dem Feind gestellt, der die anderen Nager verjagt hatte.</p><p>Eine Schlange.</p><p>Ihr kr�ftiger Leib sa� zwischen einem kurzen, d�nnen Schwanz und einem flachen, dreieckigen Kopf. Sie hatte fast dieselbe braungelbe F�rbung wie das Fell der Ratten. Nur am Kopf war das Tier anders gezeichnet: Es sah aus wie ein schiefes Kreuz.</p><p>Eine Kreuzotter, zweifellos.</p><p>Aber mit ihrer L�nge von fast zwei Schritten war sie viel gr��er als jede Kreuzotter, die Siegfried bisher gesehen hatte.</p><p>Blitzschnell bewegte sich die Schlange und stie� vor, den Rachen aufgerissen und die beiden gro�en, nadelspitzen Giftz�hne entbl��t. Das Schlangenmaul packte die Ratte, und die Giftz�hne bohrten sich in den Leib des Nagers. Die Ratte quiekte wie von Sinnen. Ihr Schwanz peitschte wild herum. So rasch, wie sie das Opfer ergriffen hatte, lie� die Otter auch wieder von ihm ab. Siegfried hatte dieses Verhalten schon bei anderen Ottern beobachtet. Sie warteten darauf, bis die t�dliche Wirkung des Giftes eintrat, um ihre Opfer anschlie�end zu verschlingen. Die H�hlenratte schaffte keine zwei Schritte, bevor sie ermattet zu Boden fiel und in heftigen Zuckungen verendete.</p><p>Die Schlange sperrte erneut ihr Maul weit auf und begann, die Beute in aller Ruhe zu verschlingen, St�ck f�r St�ck: Kopf, Vorderleib, Hinterleib und schlie�lich auch den Schwanz. Siegfried beobachtete, wie die Verdickung im Schlangenleib allm�hlich in Richtung Schwanz wanderte. Seine Vermutung hatte sich durch den schnellen Tod der H�hlenratte best�tigt: Diese Schlange war nicht nur gr��er als gew�hnliche Kreuzottern, sondern auch giftiger!</p><p>Reinholds Warnung, als er von der Schlangenh�hle erz�hlte, klang ihm noch in den Ohren: <emphasis>Mehr Schlangen als je zuvor sollen sich dort tummeln, vor allen Dingen gef�hrlichere. </emphasis>Schon der Bi� einer Kreuzotter von gew�hnlicher Gr��e konnte einem Mann gef�hrlich werden. Dieses Riesentier aber w�rde selbst einen H�nen wie Siegfried t�ten.</p><p>Siegfried sprang vor und schwang den Spie�, lie� die Stahlspitze hinter dem flachen Kopf in den Schlangenleib fahren. Es war ein kr�ftiger, gezielter Schlag. Der Kopf mit dem Kreuzmal wurde vom Leib getrennt und rollte quer �ber den Boden. Der Rest der Schlange wand sich in heftigen Zuckungen. Ein Teil des Rattenschwanzes lugte heraus und fiel in den Todestanz ein, als freue sich der Nager, da� seine M�rderin ihn nicht lange �berlebt hatte.</p><p>Siegfried sprang �ber die verendende Otter und setzte seinen Weg fort, noch vorsichtiger als zuvor. Er leuchtete mit seiner Fackel auf den Boden und in jede gr��ere Spalte, um nicht von einer Schlange angefallen zu werden. Schlangen liebten die W�rme, wie er wu�te. Man fand sie vornehmlich an sonnigen Pl�tzen. Aber in einer d�steren H�hle? Andererseits war es hier drin ziemlich warm, w�rmer, als er vermutet hatte.</p><p>Erst als Siegfrieds Wachsamkeit ein wenig nachlie�, griffen die Schlangen an. Als h�tten sie nur auf diesen Augenblick gewartet...</p><p>Die erste mu�te �ber ihm in einer Felsnische gelauert haben. Sie fiel auf seine rechte Schulter und ri� den Rachen auf.</p><p>Er sah die drohenden Z�hne - und stie� zu.</p><p>Die Spie�spitze drang in den gedrungenen Leib ein und ri� das Tier von seiner Schulter. Mit einer heftigen Bewegung schleuderte er es zur Seite. Es gab ein h��liches, lautes Ger�usch, als es gegen eine dicke, aus dem Boden ragende Felsnadel prallte. Etwas stie� gegen seinen linken Unterschenkel. Eine weitere Kreuzotter hatte sich in seinem Stiefel verbissen und versuchte vergeblich, das feste Leder mit ihren langen Giftz�hnen zu durchdringen.</p><p>Siegfried holte mit der Fackel aus und versengte den schwarzgezackten Leib. Es stank nach verbranntem Fleisch, doch die Otter schaffte es, die Flucht zu ergreifen. Mit einer weitausholenden Bewegung des rechten Arms lie� er die Fackelflamme �ber den Boden streichen. Gleichzeitig drehte er sich, um mit der Fackel einen Kreis zu ziehen. Pl�tzlich erkannte Siegfried, da� er von Schlangen umgeben war. Von �berm��ig gro�en, giftigen Kreuzottern!</p><p>Als er die Fackel wieder hob, sah er einen Ausweg. Zur Linken verlief ein schmaler Weg um eine Barriere aus Felsnadeln herum. Wenn Siegfried Gl�ck hatte, f�hrte der Gang wieder auf den Hauptweg. Also lief er schnell nach links, bevor die Ottern einen neuen Angriff wagten.</p><p>Er glaubte sich schon in Sicherheit, als der Boden unter seinen F��en nachgab; ein br�chiges Loch im ansonsten festen Fels.</p><p>Siegfried versuchte vergeblich, sich durch einen raschen Sprung zu retten. Er st�rzte in ein Loch, das so tief war, da� nur noch sein Kopf herausschaute.</p><p>In dem Bestreben, sich festzuhalten, hatte er Fackel und Spie� fallenlassen. Sie lagen vor ihm, so dicht, da� er sie mit einem Griff h�tte erreichen k�nnen - w�ren seine Arme nicht eingeklemmt gewesen.</p><p>So steckte er in dem Loch und sah mit schreckgeweiteten Augen, wie die Schlangen aus dem Dunkel kamen. In aller Ruhe. Sie schienen es nicht eilig zu haben, ihn zu t�ten. Hilflos mu�te Siegfried mit ansehen, wie sie auf ihn zukrochen...</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Amke wu�te nicht, wie lange sie auf das finstere Loch gestarrt hatte. L�ngst waren Siegfrieds Schritte verklungen; es war auch nichts mehr vom tanzenden Schein seiner Fackel zu sehen.</p><p>Sie f�hlte sich einsam und m�de. Sie ging zu Graufell, dessen Z�gel Siegfried locker um einen Heidelbeerstrauch geschlungen hatte, so da� der pr�chtige Hengst ausreichend Platz zum Grasen fand. Au�erdem konnte er die saftigen schwarzblauen Beeren pfl�cken, die zwischen den r�tlichgr�nen Bl�ten hervorstachen. Aber seltsam, obwohl er zwei Menschen getragen hatte, schien er nicht hungrig zu sein. Unruhig pendelte sein Kopf zwischen dem Schlangenmaul und dem Waldrand hin und her.</p><p>Eine Bewegung, die Amke an den gro�en B�ren erinnerte. Und an Siegfrieds mutiges Eingreifen. Als er pl�tzlich auf die Lichtung galoppierte, war alle Angst um ihr Leben verflogen; sie hatte nur noch um den jungen Xantener gebangt, der ihr in den vergangenen Tagen so sehr ans Herz gewachsen war.</p><p>Doch durfte das sein? Durfte sie ihr Herz an den Sohn des Mannes vergeben, der ihre Mutter get�tet hatte? Gewi�, ihr Vater war nach Xanten gekommen, um endlich Frieden zu schlie�en. Aber das bedeutete nicht Vers�hnung, schon gar nicht Vergebung. Amke wu�te, da� K�nig Hariolf tief in seinem Herzen einen gro�en Ha� auf das Xantener K�nigshaus empfand. Nicht anders war es mit ihrem Bruder Harko und Markgraf Onno, der im Krieg gegen die Niederlande nicht nur seine Familie verloren hatte, sondern dessen Gesicht auch entstellt worden war.</p><p>Amke streichelte den Hengst und legte ihre Wange auf das samtene Fell. Sie geno� die W�rme, die sie sp�rte. Seit dem Tod der Mutter war ihr nur noch wenig W�rme zuteil geworden.</p><p>Ihre sanften Ber�hrungen beruhigten Graufell nicht. Er zerrte so stark an den Z�geln, da� Beeren und Bl�ten abrissen und zu Boden fielen. Mit gespitzten Ohren blickte er unverwandt zum Waldrand. Amke war alarmiert. Sie wu�te, da� Pferde Gefahren wahrnehmen konnten, die ein Mensch weder sah noch h�rte. Dann sp�rte sie es selbst, ganz nah, im Wald...</p><p>Sie versuchte, ihre Erregung nicht zu zeigen, und streichelte weiter Siegfrieds Pferd. Aber heimlich glitten ihre Augen �ber Gras und Strauchwerk zu den Eichen, Buchen, Kiefern und Tannen, die vereinzelt in die Lichtung ragten. Als sie den grauen Schemen bemerkte, verlor sie jede Zur�ckhaltung und starrte offen zu der Gruppe dunkler Tannen. Doch die Gestalt verschwand, ehe Amke sie noch richtig wahrnehmen konnte.</p><p>Hatte der B�r sie verfolgt?</p><p>Amke versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, da� es vielleicht Goldflimmer war, die den Weg zu ihrer Herrin gefunden hatte. Aber warum war die Stute dann nicht auf die Lichtung gekommen? Nein, es mu�te ein anderes Wesen sein, das sie beobachtet hatte.</p><p>Amke fr�stelte pl�tzlich, trotz der Sonne am wolkenlosen Himmel. Sie hatte Angst vor der unheimlichen Gestalt, die ihr auflauerte. Auch wenn sie das Wesen nicht sah, wu�te sie, da� es noch dort war, verborgen im Dunkel und Dickicht des Waldes.</p><p>Der Wunsch, nicht hier allein zu sein, wurde �berm�chtig. H�tte sie das Jagdlager doch niemals verlassen!</p><p>Sie dachte an Siegfrieds Rat, bei Gefahr mit Graufell zu fliehen, und l�ste die Z�gel des Pferdes...</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Siegfrieds H�nde kratzten �ber den harten Boden, verzweifelt bem�ht, das enge Loch zu erweitern, damit er aus seinem Verlies klettern konnte, bevor die Armee der Schlangen ihn erreichte. Wenn er doch nur die Arme bewegen und aus dem Loch strecken k�nnte, um sich herauszuziehen! Aber so sehr er sich auch anstrengte, er war derart eingezw�ngt, da� er seine gro�en K�rperkr�fte nicht entfalten konnte.</p><p>Vor ihm schienen die Schlangen einen bedrohlichen Tanz aufzuf�hren. Nur vor der zitternder Flamme der Fackel zuckten die Kreuzottern zur�ck. Keine von ihnen war klein, die meisten gr��er als �blich. Und alle waren giftig.</p><p>Pl�tzlich hielt das Otterngez�cht inne. Die z�ngelnde Brut teilte sich und machte eine Gasse frei f�r eine Schlange, die viel gr��er war als alle anderen. Die Ottern schienen ihr Achtung zu erweisen wie Menschen ihrem K�nig. Im Fackelschein bemerkte Siegfried die Kopfzeichnung der gro�en Otter. Unter dem Kreuz setzte sich das Muster in einem Gebilde fort, das tats�chlich einer Krone �hnelte. Ein Schlangenk�nig oder eine Schlangenk�nigin? Siegfried verblieb keine Zeit, dar�ber nachzudenken. Die gro�e Schlange hatte ihn fast erreicht. Sie hob den Vorderleib und den Kopf, wie um ihm in die Augen zu sehen. Die d�nne, in zwei Spitzen auslaufende Zunge schnellte hervor und ber�hrte seine Wange, ganz leicht nur und auf eine schreckliche Weise z�rtlich.</p><p>Siegfried zog den Kopf zur�ck. Ein nutzloses Unterfangen. Die K�nigsschlange streckte ihren Leib ein wenig vor, und schon fuhr ihre Zunge erneut �ber sein Gesicht. Als wolle sie mit ihrem Opfer spielen, bevor sie es t�tete. Pl�tzlich ri� die Bestie ihr Maul auf und entbl��te die fingerlangen Giftz�hne. Der Feuerschein verlieh ihnen einen r�tlichen Schimmer.</p><p>Siegfried wagte nicht, mit den Augen zu zwinkern. Er konnte sich nicht wehren und die Schlange nicht daran hindern, ihn zu t�ten, wann immer sie es wollte. Aber er glaubte, da� die K�nigsschlange nicht zustie�, solange er ihren starren Blick erwiderte. Und so hielt er seinen Kopf reglos, sah in ihre roten Augen mit den l�nglichen, senkrechten Pupillen. Wie schwarze Schlitze wirkten sie. Wie Boote, die in einem Blutmeer schwammen. Und Siegfried versp�rte den Drang, sich in dieses Meer zu st�rzen, sich in ihm zu verlieren, Erl�sung zu finden... Die K�nigsotter bewegte sich. Doch nicht mit der Schnelligkeit eines zur Erde fahrenden Blitzes, wie es die Ottern beim Angriff taten. Qu�lend langsam kam ihr Kopf n�her. Dicht vor seinen Augen schwebte das graue Band ihres Leibes mit dem Muster aus dicken schwarzen Zacken. Wie das verzauberte Kopfband einer eitlen Frau, das sich, von Geisterhand bewegt, um seine Stirn legen wollte.</p><p>Er h�rte ein scharfes Zischeln an seinem linken Ohr, als der Kopf der Schlange sein Gesichtsfeld verlie�. Er wagte nicht, das Haupt zu drehen, traute sich auch nicht die kleinste Bewegung. Es w�re ihm wie das Zeichen seiner Unterlegenheit erschienen. Wie die Bitte an die Otter, ihn endlich zu erl�sen - mit dem Tod!</p><p>Die Schlange ber�hrte sein Haar. Wie das sanfte Streicheln seiner Mutter, dachte Siegfried und wehrte sich gegen das angenehme, wohlige Gef�hl. Er durfte der t�ckischen Schlange nicht trauen. Sie mochte ihm W�rme und Z�rtlichkeit vorgaukeln, aber sie wollte seinen Tod. Er hielt still. Es war wie ein Pakt, den er mit der Otter geschlossen hatte. Sie lie� ihn leben, solange er sich nicht r�hrte und eins war mit dem Fels, der ihn umschlo�.</p><p>Ihr Kopf erschien vor seinem rechten Auge und hielt inne. Ganz nah beieinander, starrten Mensch und Schlange Auge in Auge. Die fadend�nne Zunge scho� vor, traf Siegfrieds Auge. Er widerstand dem Drang, es zu schlie�en, den Kopf j�h zur Seite zu wenden, um die Bestie von sich abzusch�tteln.</p><p>Die Zunge zog sich von seiner Pupille zur�ck, fuhr �ber Nase und Wange. Die Otter schien dieses grausame Spiel zu genie�en, schien jeden Fingerbreit von Siegfrieds Gesicht erkunden zu wollen. Er sp�rte ihren Leib auf seiner Wange, nicht kalt und glitschig, sondern trocken und angenehm warm.</p><p>Tr�gerisch angenehm!</p><p>Die Zunge leckte an Siegfrieds Lippen wie zu einem unanst�ndigen, widernat�rlichen Ku�. Er konnte nicht l�nger an sich halten und �ffnete den Mund, wollte die Lippen vor der Schlangenzunge retten. Darauf hatte die Otter nur gewartet. Erst nur mit der Zunge, dann mit ihrem Kopf, drang sie in seinen Mund ein. Wollte sie sich mit ihrem ganzen Leib in den Menschen schl�ngeln?</p><p>Siegfried versp�rte einen starken W�rgereiz, als die fremde Zunge in seinen Rachen vorstie�. Dann bi� er zu.</p><p>Mit aller Kraft.</p><p>Knirschend durchtrennten seine Z�hne Schuppen, Haut und Fleisch. Nur f�r einen winzigen Augenblick. Dann �ffnete Siegfried eingedenk des t�dlichen Giftes schnell den Mund und spie den Kopf der Otter aus.</p><p>Das Schlangenhaupt war nicht ganz vom Leib abgetrennt. Die K�nigsotter lebte noch und wand sich schmerzerf�llt. Die �brigen Ottern wichen zur�ck, als wollten sie ihrer Herrscherin im Tod nicht zu nahe kommen.</p><p>Die Zuckungen der K�nigsschlange wurden schw�cher, und schlie�lich lag sie reglos am Rand der Grube. Erregt und erleichtert atmete Siegfried tief durch. Mit jedem kr�ftigen Atemzug pumpte er neues Leben in seinen Leib. Es war ein gutes, euphorisches Gef�hl, den gef�hrlichen Gegner trotz seiner hilflosen Lage besiegt zu haben. Doch es w�hrte viel zu kurz...</p><p>Die Ottern schl�ngelten wieder auf die Grube zu. Unz�hlige. Aus allen Richtungen. Sie kamen, um den Tod der K�nigsschlange zu r�chen. Die ersten Tiere hoben ihre Leiber, machten sich zum Todessto� bereit.</p><p>Da sprang eine Gestalt aus dem Dunkel hervor, griff mit einer flinken Bewegung nach Siegfrieds Fackel und strich den qualmenden, stinkenden Brand dicht �ber den Boden. Gierig fra� das Feuer die Schlangenleiber. Erschrocken von dem neuen, unerwartet in ihrem R�cken aufgetauchten Gegner, zog sich die Schlangenbrut rasend schnell in ihre Schlupfl�cher zur�ck. Binnen weniger Augenblicke war keine einzige Otter mehr im Umfeld der Grube zu sehen.</p><p>Froh �ber seine Rettung und gleichzeitig �berrascht starrte Siegfried in Amkes besorgtes Gesicht. Geb�ckt stand sie vor ihm und hielt die Fackel dicht �ber den Boden, bereit, sich und Siegfried gegen einen neuen Angriff zu verteidigen. Wie eine W�lfin, die ihren Wurf besch�tzte.</p><p>Aber die Schlangen kehrten nicht zur�ck; sie waren in die Flucht geschlagen - oder warteten auf eine g�nstigere Gelegenheit.</p><p>�Die Grube!� stie� Siegfried hervor und unterdr�ckte die dr�ngende Frage, wie Amke hergekommen war. �Sie ist zu eng, ich komme nicht hinaus. Du mu�t mir helfen. Nimm den Spie� und verbreitere das verfluchte Loch!�</p><p>Amke legte die Fackel an den Grubenrand, so nah, da� sie jederzeit danach greifen konnte, um die Schlangen in die Flucht zu schlagen. Dann nahm sie den Spie� auf und stie� ihn in das Loch. Gr��ere Brocken aus Gestein oder Erdreich l�sten sich und rieselten an Siegfried hinab.</p><p>�Ja, mach weiter!� feuerte er die Friesin an.</p><p>Amke arbeitete ohne Unterla�, bis Siegfried glaubte, da� es genug sei. Er pre�te s�mtliche Luft aus seinen Lungen, machte sich so d�nn wie m�glich und zog die Arme hoch. Wieder ri� scharfkantiger Stein seine Haut auf, aber es gelang. Erst kam der linke, dann auch der rechte Arm frei. Siegfried st�tzte sich mit den H�nden auf und kletterte mit Amkes Hilfe aus der beinahe t�dlichen Falle.</p><p>Vor seinen F��en lag die K�nigsotter. Ihr Leib zitterte leicht.</p><p>Sie war noch immer nicht tot!</p><p>Er erinnerte sich an das entw�rdigende Gef�hl, ausgeliefert zu sein. Von Abscheu und Zorn gepackt, trat er zu, hieb den Stiefelabsatz immer wieder auf den gemusterten K�rper, zertrat ihn, bis der Schlangenkopf endg�ltig vom Leib getrennt war.</p><p>Die Wut lie� nach, aber nicht der Widerwille, den er beim Anblick der toten Otter empfand. Er sp�rte einen pl�tzlichen Druck in der Magengegend. Mit vorgekr�mmtem Leib, die Rechte an eine Felsnadel gest�tzt, �bergab er sich, bis er nur noch gr�nliche Galle erbrach.</p><p>Als es vorbei war, drehte er sich mit versch�mtem Blick zu Amke um. Sich eine solche Bl��e gegeben zu haben war, eines Mannes unw�rdig.</p><p>�Du warst sehr tapfer, Siegfried�, sagte Amke. �Ich habe gesehen, wie du... zugebissen hast. Ich glaube, ich an deiner Stelle w�re vor Angst gestorben.�</p><p>�Das w�re ich auch fast�, erwiderte er leise, ohne sie anzuschauen.</p><p>�Du bist der tapferste Recke, den ich kenne�, erkl�rte sie mit ehrlicher Bewunderung. �Du w�rst gewi� nicht aus Angst vor einem Geist von der Lichtung geflohen.�</p><p>Siegfried verstand den Sinn ihrer Worte nicht und bat Amke um Erkl�rung.</p><p>Sie berichtete von der geisterhaften Gestalt, die sie gesehen hatte und die sie inzwischen nur noch f�r eine Einbildung hielt, f�r einen Lichtreflex vielleicht.</p><p>Amke hatte keine Fackel bei sich gehabt. H�tte sie all das Getier gesehen, das um ihre F��e strich, h�tte sie sich vielleicht aus Furcht auf einen erh�hten Felssims verkrochen. So aber war sie weitergelaufen, von der Hoffnung beseelt, m�glichst bald auf Siegfried zu treffen. Bis sie den Fackelschein sah, nicht vor sich auf dem Hauptweg, sondern von links kommend. Z�gernd war sie ihm gefolgt und hatte Siegfried in dem Augenblick erreicht, als er die K�nigsotter zerbi�.</p><p>�Jetzt bin ich also hier�, seufzte sie. �Und wegen meiner dummen Furcht habe ich Graufell losgebunden. Er ist wohl schon weit fort, und wir m�ssen zu Fu� zum Lager zur�ckkehren.�</p><p>�Das wird sich finden�, erwiderte Siegfried nachdenklich. �Erst einmal m�ssen wir entscheiden, was wir mit dir machen.�</p><p>�Mit mir?� Amke verzog das Gesicht vor Verwunderung. �Ich dachte, wir kehren jetzt gemeinsam zur�ck.�</p><p>�Ich bin noch nicht am Ziel, Amke.�</p><p>�Du meinst, du willst noch weiter in die H�hle hinein?�</p><p>Er nickte.</p><p>Amke sah auf die tote Schlange und auf die Grube. �Was auch immer du hier suchst, ich hoffe, es lohnt sich und ist mindestens so wertvoll wie der Nibelungenhort.�</p><p>�Der Nibelungenhort?� Siegfried horchte auf.</p><p>Amke zuckte mit den Schultern. �Nur eine alte Geschichte von einem unerme�lich gro�en und kostbaren Schatz. Als ich klein war, hat meine Mutter manchmal davon erz�hlt. Wenn ich aus Versehen etwas kaputt gemacht hatte, sagte sie manchmal, man m��te den Hort der Nibelungen finden, um sich ein Kind wie mich zu leisten.�</p><p>�Den Hort der Nibelungen�, wiederholte Siegfried leise, fast and�chtig. �Schade, da� es nur eine Geschichte ist.�</p><p>�Ja, schade�, stimmte Amke zu und fragte dann: �Gehen wir weiter?�</p><p>Er sah sie forschend an. �Du willst wirklich mitkommen?�</p><p>�Ja. Und ich verspreche, keine Fragen zu stellen.�</p><p>Siegfried �berlegte. Jetzt, wo er schon so weit vorgedrungen war, h�tte es ihn schwer getroffen, umkehren zu m�ssen. Und er konnte Amke schlecht allein zur�ckschicken oder gar bei den Schlangen zur�cklassen. Au�erdem schien es ihm drau�en auf der Lichtung nicht mehr sicher zu sein. Zwar hatte er sich bei Amkes Erz�hlung nichts anmerken lassen, aber er hielt die seltsame graue Gestalt keineswegs f�r eine Sinnest�uschung. Schon im K�nigswald und in Xanten hatte er selbst den Unheimlichen erblickt, den Grauen Geist!</p><p>Wer war er? Suchte er auch nach dem Runenschwert? Wollte er Siegfried daran hindern, das Erbe seines Vaters anzutreten?</p><p>�Also gut�, sagte er. �Ich nehme dich mit, in der Hoffnung, da� du dich nicht als Last erweist.�</p><p>�Als Last?� rief sie emp�rt. �War ich etwa eine Last, als ich die Schlangen vertrieb und dir aus der Grube half?�</p><p>�Nein, verzeih. Ich schulde dir mein Leben.�</p><p>�Nein, du hast auch mein Leben gerettet�, entgegnete Amke und dachte an den B�ren. �Welchen Weg nehmen wir?�</p><p>�Wir versuchen es mit dem Hauptgang. Wenn der Boden hier an mehreren Stellen br�chig ist, k�nnte es �bel enden.�</p><p>�Sind im Hauptgang keine Schlangen?�</p><p>�Nicht, wenn die furchterregende Walk�re Amke sie vertrieben hat�, erwiderte Siegfried mit einem L�cheln. �Und wenn doch, m�ssen wir uns auf die Fackeln verlassen.�</p><p>Er zog eine zweite Fackel aus seinem Gep�ck, entz�ndete sie an der ersten und reichte sie Amke. Dann kehrten sie zum Hauptgang zur�ck. Sie gingen langsam und beleuchteten sorgf�ltig Boden, W�nde und Decke. Au�erdem stie� Siegfried mit dem stumpfen Spie�ende bei jedem Schritt vor sich auf den Boden, um eine neue Falle rechtzeitig zu bemerken.</p><p>Tiefer und tiefer drangen sie in den Leib der steinernen Riesenschlange ein. Sie wurden nicht mehr von Schlangen angegriffen. Die einzigen Wesen, denen sie begegneten, waren Ratten, Schnecken, handgro�e Spinnen und Flederm�use, die mit dem Kopf nach unten an der Decke hingen, ihren pelzigen K�rper zum Schlafen mit den lederartigen Fl�geln bedeckt, so da� nur die spitzen Schnauzen herausschauten.</p><p>Die Fackeln beleuchteten den Weg, doch auf einmal wurde es vor ihnen heller. Kein r�tlich tanzendes Licht wie das der Fackeln, sondern ein nat�rlicher Schein, den Strahlen der Sonne �hnlich.</p><p>Es war tats�chlich Sonnenlicht!</p><p>Sie waren dem Ziel nahe, und Siegfried beschleunigte seine Schritte. Er verga� vor Aufregung sogar seine Vorsicht und tastete den H�hlenboden nicht l�nger mit dem Spie� ab.</p><p>�So warte doch!� rief Amke hinter ihm. �Siegfried, was hast du denn?�</p><p>�Da vorn mu� es sein!� antwortete er �ber die Schulter.</p><p>�Was?�</p><p>Ohne zu antworten, bog er um eine Reihe grober Felsnadeln - und blieb stehen, gebannt von dem Schauspiel, das sich ihm darbot.</p><p>Vor ihm erstreckte sich ein unterirdischer Teich, fast schon ein See, aus dessen Mitte eine gro�e Felsnadel ragte. Viele Ver�stelungen erhoben sich �ber das gr�nblau schimmernde Wasser. Das alles sah Siegfried �berdeutlich, weil durch einen fast mannsbreiten Schacht das Sonnenlicht einfiel. Zu eng, um hindurchzuklettern, aber breit genug, den Felsen im See zu beleuchten.</p><p>Siegfried wunderte sich, da� Reinhold nichts von dem Gew�sser erz�hlt hatte. Der Boden vor Siegfried mu�te absch�ssig sein und hatte sich aus einem unbekannten Grund in den vergangenen Jahren mit Wasser gef�llt.</p><p>Und das Runenschwert?</p><p>Siegfried schritt an den Rand des Gew�ssers und suchte den zerkl�fteten Felsen sorgsam mit den Augen ab. Da, in einer Spalte, blinkte etwas im Sonnenlicht. Er strengte seine Augen an und erkannte blitzenden Stahl.</p><p>�Da ist es!� stie� er hervor.</p><p>�Meinst du das Leuchten in dem Felsen?� fragte Amke, die neben ihn getreten war. �Sieht aus wie ein Dolch.�</p><p>�Eine Schwertspitze!�</p><p>�Seltsam�, meinte die Friesin. �Wie kommt die hierher?� Als sie seinen d�steren Blick bemerkte, seufzte sie: �Was willst du jetzt unternehmen?�</p><p>�Ich werde mir den Stahl holen! Deshalb sind wir hier.�</p><p>Seines Wamses und der Stiefel ledig, schwamm Siegfried mit kr�ftigen Z�gen durch das �berraschend warme Wasser. Fast wie in einer Badestube. Es lag wohl an der Sonne, die den See den ganzen Tag lang beschien. Siegfried hatte seine Ausr�stung bei Amke zur�ckgelassen, bis auf den Dolch an seiner Seite und den ausgeleerten Ledersack auf seinem R�cken, in dem er seine Beute verstauen wollte.</p><p>Er w�hnte sich schon im Besitz der zweiten Schwerth�lfte und achtete auf nichts anderes, sah nur das verlockende Blitzen in fast greifbarer N�he. Schneller und schneller wurden die Schwimmbewegungen seiner Arme und Beine, um endlich des kostbaren Stahls habhaft zu werden.</p><p>Bis er etwas h�rte. Ein Ger�usch �bert�nte das Pl�tschern des Wassers.</p><p>Ein schriller, langgezogener Schrei.</p><p>So schnell er konnte, drehte er sich im Wasser und sah Amke am Ufer stehen. Sie wedelte mit den Armen und rief nach ihm. Doch verstand er den Grund nicht. Er sah kein anderes Wesen in der H�hle, konnte keine Bedrohung ausmachen. Pl�tzlich deutete Amke auf das Wasser. Siegfried wandte den Kopf und erstarrte. Etwas war aus dem Wasser aufgetaucht. Nein, es tauchte immer noch auf und wuchs mit jedem Augenblick. Eine Schlange richtete sich dort auf, gr��er noch als die K�nigsotter!</p><p>Die Wasserschlange war nicht gemustert, sondern tiefschwarz. Der einzige Farbtupfer war das stechend rote Auge an der linken Kopfseite. Sie hatte nur dieses eine Auge. An der Stelle des anderen war eine gro�e, h��liche Narbe zu sehen.</p><p>Unwillk�rlich dachte Siegfried an den ein�ugigen Wolf, gegen den er in der alten K�nigsburg gek�mpft hatte. Da h�rte er auch schon die unheimliche lautlose Stimme:</p><p><emphasis>Versuche die G�tter nicht, Siegfried von Xanten! F�rchte den Fluch des Runenschwertes! Kehre um und verla� diesen Ort!</emphasis></p><p>Siegfried warf einen besorgten Blick �ber die Schulter. Er w�rde es nicht bis zur Felsinsel schaffen. Die riesige Wasserschlange war schneller als er und glitt mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen �ber das Wasser wie �ber festen Boden.</p><p><emphasis>Schwimm zur�ck, Siegfried! H�re auf das Wort der G�tter!</emphasis></p><p>Er drehte sich im Wasser um. Doch er verdr�ngte die Stimme, die ihn verwirren wollte, zog seinen Dolch und bereitete sich auf den Kampf mit der schwarzen Schlange vor.</p><p>Als nur noch zwei Arml�ngen Mensch und Untier trennten, erhob die Schlange ihren Vorderleib. Siegfried wartete den Vorsto� des Ungeheuers nicht ab, sondern tauchte, schwamm unter Wasser auf die Schlange zu und stie� die Klinge tief zwischen ihre dunklen Schuppen. Mit beiden H�nden hielt er den Dolchgriff fest, als die Schlange sich vor Schmerzen wand. Blut trat in gro�er Menge aus und bildete eine dunkle Wolke, die sich im Wasser ausbreitete.</p><p>Siegfried zerrte an dem Messer, um es der Schlange aus den Leib zu rei�en. Die Bestie versuchte anzugreifen und sich um Siegfried zu winden. Endlich, mit letzter Kraft bekam er das Messer frei. Er wollte erneut zusto�en, doch die Schlange war schneller und schlang ihren kr�ftigen, langen Leib um seinen K�rper. Dr�ckte seine Arme so fest an ihn, da� er sie kaum noch bewegen konnte. Der Dolch, den er krampfhaft mit der Rechten umklammerte, schien vollkommen nutzlos.</p><p><emphasis>Kehre um, Siegfried! Versprich, das Runenschwert nicht wieder zusammenzuf�gen!</emphasis></p><p>�Nein!� schrie er und versuchte unter Aufbietung aller Kr�fte, den rechten Arm mit dem Dolch freizubekommen. Allm�hlich verschwamm alles um ihn herum. Der schillernde See, der ungew�hnlich geformte Felsen und das Ufer mit Amke, deren Schreie er kaum mehr wahrnahm.</p><p>Ein kalter Hauch streifte ihn und weckte noch einmal seine erlahmenden Lebensgeister. Pl�tzlich schien der Druck um seinen Leib nachzulassen. Eine Einbildung, sagte er sich. Doch immer mehr belebende Luft str�mte in seine Lungen.</p><p>Siegfried war frei!</p><p>Die Wasserschlange k�mpfte - aber nicht l�nger gegen ihn. Ein Vogel hatte sich in ihren Leib verkrallt und ri� mit seinem spitzen Schnabel immer neue Fleischfetzen heraus.</p><p>Es war der riesenhafte rote Falke!</p><p>Diese Erkenntnis lie� alle Furcht von Siegfried abfallen. Der Falke hatte ihm schon einmal geholfen. Er war f�r ihn fast wie ein Freund, ein Besch�tzer.</p><p>Woher das geheimnisvolle Tier kam, war in diesem Augenblick gleichg�ltig. Wichtig war nur, da� es auf Siegfrieds Seite stand. Gemeinsam hatten sie den ein�ugigen Wolf besiegt. Gemeinsam w�rden sie auch die ein�ugige Wasserschlange �berwinden!</p><p>Siegfried steckte den Dolch in die Scheide und schwamm zum Ufer, wo ihm eine erleichterte Amke entgegenlief.</p><p>�Den Spie�!� keuchte er. �Schnell, wirf ihn mir zu!�</p><p>Sie verstand und schleuderte den Spie� ins Wasser. Siegfried ergriff ihn und schwamm zur�ck zu den beiden gro�en, heftig miteinander ringenden Tieren. Es sah so aus, als w�rde die Schlange die Oberhand gewinnen. Sie schl�ngelte sich um den Falken, um den Vogel unter Wasser zerren.</p><p>Siegfried erhob seinen Oberk�rper aus dem Wasser, holte aus und schleuderte den Spie�. Der lederumwickelte Schaft mit der st�hlernen Spitze fuhr mitten in das Durcheinander aus dem peitschenden Schlangenleib, wild flatterndem Gefieder und aufspritzendem Wasser. Doch der Stahl fand sein Ziel. Tief drang er in das einzige Auge der Schlange. Verzweifelt wand sich die Bestie; ihr blieb keine Wahl, sie mu�te den Falken loslassen.</p><p>W�hrend der Raubvogel sich erneut in der Schlange verkrallte und auf sie einhackte, tauchte Siegfried auf die k�mpfenden Tiere zu und zog seinen Dolch. Vor ihm schimmerte der schwarze Schlangenleib im Wasser. Dann stie� Siegfried mit der Klinge zu.</p><p>Die Kraft der Schlange erstarb, und sie sackte ganz unter Wasser. Reglos. Immer tiefer. Dabei schaukelte ihr geschundenes Haupt und drehte sich dem Xantener zu. Fast schien es Siegfried, als blicke ihn das tote oder sterbende Tier vorwurfsvoll an, obwohl es doch kein Auge mehr besa�.</p><p>Siegfrieds Lungen gierten nach Luft. Er tauchte auf, atmete tief durch und suchte nach dem Falken. Doch alles, was er sah, waren ein paar rote Federn, die auf dem Wasser trieben.</p><p>�Wo ist der Falke?� rief er zu Amke.</p><p>�Er ist durch den Schacht geflogen.�</p><p>Ungl�ubig legte er den Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Das Sonnenlicht schillerte wie ein Regenbogen. Trotzdem erkannte Siegfried, wie eng der Schacht war.</p><p>�Ich konnte es auch nicht glauben!� erriet Amke seine Gedanken. �Es sah aus, als w�rde der Falke schrumpfen. Und pl�tzlich war er fort, wie vom Sonnenlicht verschluckt!�</p><p>Offenbar war der rote Falke ein ebenso hilfreicher wie geheimnisvoller Retter in der Not. Zwar h�tte Siegfried gern mehr �ber das Tier erfahren, doch das schien ihm in seiner Lage ein ziemlich hoffnungsloses Begehren zu sein. Also schwamm er zur Felsinsel. Er zog sich auf das Gestein und starrte aufs Wasser. Die Wogen hatten sich wieder gegl�ttet. Friedlich und bet�rend sch�n anzusehen, lag der See im hellen Licht. Er hob sich von der d�steren H�hle ab wie ein Smaragd in dunkler Fassung. W�ren nicht die paar Federn auf dem Wasser getrieben, h�tte man das schreckliche Abenteuer f�r einen Alptraum halten k�nnen.</p><p>Siegfrieds Kr�fte kehrten allm�hlich zur�ck. Er kletterte h�her auf die schroffe, zerkl�ftete Felsnadel. Endlich hatte er das schimmernde Schwertst�ck erreicht und streckte langsam die Hand aus. Noch bevor er den Stahl ber�hrte, sp�rte er das seltsame, warme Kribbeln in seinen Fingerspitzen. Es schien durch seinen ganzen Leib zu flie�en, als er endlich die Spitze des Runenschwertes in den H�nden hielt. Jegliche Schw�che verlie� ihn. Er f�hlte sich frisch und kr�ftig, so, als k�nne er es augenblicklich mit einer weiteren Wasserschlange aufnehmen.</p><p>Vorsichtig, damit er sich nicht an dem scharfen Stahl verletzte, zog er ihn aus der Felsspalte und hielt die Klinge in den H�nden.</p><p>Wie prachtvoll sie war!</p><p>Siegfried stellte sich vor, wie K�nig Siegmund mit dem Runenschwert Sieg um Sieg erk�mpft und zahllosen Gegnern Blut und Leben genommen hatte. Er sehnte sich danach, es ihm gleichzutun. Am liebsten h�tte er das Runenschwert sofort gegen einen Feind gef�hrt.</p><p>Erst nach einer ganzen Weile bemerkte er, da� Amke ihn rief. �rgerlich wandte er den Blick von seiner Beute.</p><p>�Ich dachte schon, du w�rst im Stehen eingeschlafen!� rief Amke �ber das Wasser. �Willst du in der H�hle bleiben, bis es Nacht wird?�</p><p>Sie hatte recht. Die Kraft der durch den Schacht einfallenden Sonnenstrahlen lie� nach. Mi�mutig verstaute Siegfried den Stahl in seinem Ledersack, den er wieder sorgf�ltig auf seinen R�cken band.</p><p>Als er in den See stieg, blickte er sich forschend um. Jetzt schien ihm ein zweites Ungeheuer gar nicht mehr so verlockend. Zum Gl�ck war alles ruhig. Auf dem k�rzesten Weg schwamm er zur�ck und erreichte unbehelligt das Ufer.</p><p>�Hat es sich gelohnt?� fragte Amke, w�hrend sie besorgt auf seinen zerschundenen Leib blickte.</p><p>�Gewi�.� Er klopfte auf den Ledersack. �Ich habe, was ich wollte.�</p><p>�Zum Gl�ck, es war gef�hrlich genug.�</p><p>Siegfried l�chelte. �Um das Schwert zu bekommen, h�tte ich auch einen Drachen erschlagen.�</p><p>�Es gibt keine Drachen�, belehrte ihn Amke. �Au�er in den M�rchen.�</p><p>�Fr�her soll es welche gegeben haben.� Siegfried sah auf den Ledersack mit seiner Beute und stellte sich vor, wie es sein w�rde, das Runenschwert im Kampf zu f�hren - unbesiegbar zu sein. �Falls es noch einen Drachen gibt, werde ich ihn aufsp�ren und t�ten!�</p><p>�Ja, gewi߫, erwiderte Amke; es klang eher belustigt als �berzeugt. �Darf ich das so wertvolle St�ck einmal aus der N�he sehen?�</p><p>�Nein!� antwortete er schroff und pre�te den Sack an seinen Leib. Er las in Amkes Gesicht Entt�uschung �ber sein Mi�trauen. Es schmerzte ihn, aber dann gewann der Gedanke an sein Geheimnis die Oberhand. Er durfte es mit niemandem teilen, jedenfalls jetzt noch nicht. Erst, wenn er beide Schwerth�lften zusammengeschmiedet hatte.</p><p>Wenn er, Siegfried von Xanten, der Herr des Runenschwertes war!</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 7</strong></p></title><empty-line/><p>�Da ist er ja!� stie� Siegfried �berrascht hervor, als er sich durch das enge Loch zw�ngte und, geblendet vom Tageslicht, mit zusammengekniffenen Augen ins Freie trat. Unbeschadet hatten sie den beschwerlichen R�ckweg durch die Schlangenh�hle hinter sich gebracht, ohne da� sich auch nur eine Schlange gezeigt h�tte. �Wer?� fragte Amke, die ihm folgte. Siegfried deutete auf den Hengst, der zwischen den Heidelbeerstr�uchern stand und von den kleinen Fr�chten naschte. �Ich dachte, du h�ttest ihn zur�ckgeschickt.�</p><p>�Nicht zur�ckgeschickt, nur losgebunden.�</p><p>Achtlos lie� Siegfried seine Fackel auf einen Felsen fallen und lief auf die Lichtung, zu seinem Pferd, das sich �ber seine Liebkosungen freute. Die Z�gel waren um einen Heidelbeerstrauch geschlungen. �Du mu�t dich irren, Amke. Graufell ist fest angebunden!�</p><p>Die Friesin lief zu ihm. Sie mu�te zugeben, da� Siegfried recht hatte. �Aber ich wei� genau, da� ich seine Z�gel von dem Strauch gel�st habe. Ich habe doch �berlegt, ob ich zur�ck ins Lager reiten soll.�</p><p>�Vielleicht warst du so aufgeregt, da� du nur gedacht hast, du h�ttest Graufell losgemacht�, mutma�te Siegfried.</p><p>Amke war fast geneigt, ihm recht zu geben, da schnippte sie pl�tzlich mit den Fingern. �Ich habe mich nicht get�uscht! Ein anderer mu� Graufell festgemacht haben. Denn dies war nicht der Strauch, an den du ihn gebunden hast, Siegfried. Dieser hier ist viel h�her!�</p><p>Er mu�te zugeben, da� sie die Wahrheit sprach. Aber wer hatte das Pferd wieder angebunden?</p><p>Der Graue Geist? Aus welchem Grund?</p><p>Der Falke? Wohl kaum. Er mochte ein ebenso kluges wie starkes Tier sein, aber zum Anbinden eines Pferdes ebensowenig in der Lage wie Graufell selbst. Oder war der Falke gar kein Tier? War es kein Zufall, da� er und der Graue Geist hier und an der Wolfsburg gemeinsam auftauchten? Gab es ein menschen�hnliches Wesen, das die Gestalt eines Vogels annehmen konnte?</p><p>Diese �berlegungen waren so verwirrend und beunruhigend, da� Siegfried froh war, als Amke ihn ablenkte. Sie wollte auf der Lichtung und im Wald ein paar Kr�uter suchen, um seine Wunden zu behandeln.</p><p>�So etwas kannst du?� fragte er erstaunt.</p><p>Amke antwortete mit einem koketten Augenaufschlag. �Bei uns Friesen lernt eine vornehme Frau nicht nur sticken. Man sagt, nur ein Friesenm�dchen k�nne eines wackeren Recken Weib sein.�</p><p>�So viele Friesenm�dchen wird es kaum geben, leider.� Er warf einen mi�trauischen Blick zum Waldrand und sagte: �Geh nicht zu weit in den Wald. Und falls du etwas Ungew�hnliches bemerkst, ruf mich sofort!�</p><p>�Ganz wie Ihr befehlt, werter Ritter�, lachte sie und lief �ber die Wiese.</p><p>Siegfried sah ihr nach. Warum mu�te sie ausgerechnet K�nig Hariolfs Tochter sein?</p><p>Als sie zur�ckkam, hatte er mehrere Handvoll Heidelbeeren gepfl�ckt. Er f�tterte abwechselnd sie und sich selbst mit den Beeren, w�hrend Amke ihm Kr�uterverb�nde anlegte. Sie ri� dazu Stoffstreifen aus ihrem Kleid. Siegfried f�hlte sich wohl in ihren H�nden und w�nschte sich, es k�nnte immer so sein. Viel zu schnell mu�ten sie die Lichtung verlassen. Aber der Tag neigte sich der Abendd�mmerung zu. Als Graufell mit seinen beiden Reitern in den Wald eintauchte, herrschte zwischen den B�umen schon ein Ungewisses Halbdunkel.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Das Jagdlager konnte nicht mehr weit sein, als dumpfer Hufschlag, der nicht von Graufell stammte, auf dem weichen Waldboden erklang. Aus der D�sternis l�ste sich ein gro�er Schatten. Zwischen hohen Tannen hielt der Fremde an.</p><p>Siegfried z�gelte sein Tier und zog den Dolch aus der Scheide. Jetzt vermi�te er den Spie�, der irgendwo auf dem Grund des H�hlensees lag. W�re Amke nicht bei ihm gewesen, h�tte er sich nicht so gro�e Sorgen gemacht. Solange sie hinter ihm sa�, w�rde er sich nur schwer verteidigen k�nnen.</p><p>Leise raunte er ihr zu: �Wenn ich dir ein Zeichen gebe, springst du vom Pferd!�</p><p>�Was fl�stert Ihr?� erscholl eine fremde Stimme. �Nennt lieber Euren Namen!�</p><p>�Nennt Euren zuerst, Fremder!� erwiderte Siegfried mit ebenso lauter, herrischer Stimme.</p><p>�Das ist Harko!� rief Amke.</p><p>�Amke?� fragte der Schattenreiter.</p><p>Er setzte sein Pferd in Bewegung. Es war ein kr�ftiger, stark-knochiger Mausfalbe. In dem wuchtigen, schwarzledernen Sattel sa� Prinz Harko im vollen Jagdgewand, an der H�fte ein Schwert, den Schild an den Sattel geh�ngt und einen Spie� in der Rechten.</p><p>�Endlich habe ich dich gefunden, Amke! Wir haben uns gro�e Sorgen um dich gemacht, als dein Pferd ohne dich ins Lager zur�ckgekehrt ist.�</p><p>�Goldflimmer?� rief Amke erfreut aus.</p><p>�Das Tier war v�llig ver�ngstigt und zerschunden. Seitdem suchen wir dich �berall.�</p><p>�Ich war bei Siegfried.�</p><p>�Das sehe ich�, stie� der Friesenprinz mi�mutig hervor. �Aber es bereitet meinen Augen keine Freude. Es schickt sich nicht f�r die Prinzessin von Friesland, sich allein mit einem Jungen im Wald herumzutreiben!�</p><p>�Wir haben uns nicht herumgetrieben!� rief Amke w�tend.</p><p>�Wieso seht ihr so mitgenommen aus?�</p><p>�Siegfried... er hat mich vor einem B�ren gerettet. W�re Siegfried nicht gekommen, h�tte der B�r mich get�tet!�</p><p>�Wo ist denn dieser gef�hrliche B�r? Habt Ihr Eure Beute nicht mitgebracht, edler Siegfried?�</p><p>�Ich pflege lebende B�ren nicht an der Leine spazierenzuf�hren. H�tte ich gewu�t, da� ich auf Euch treffe, Prinz Harko, h�tte ich es gewi� getan.�</p><p>�Wieso lebt der B�r noch, wenn Ihr gegen ihn gek�mpft habt?� fragte Harko.</p><p>�Weil er vor mir geflohen ist�, erkl�rte Siegfried.</p><p>Harko stie� ein lautes, abgehacktes Lachen aus. �Mir scheint, der einzige B�r, mit dem wir es hier zu tun haben, ist der, den Ihr und meine Schwester mir aufbinden wollt!�</p><p>Siegfried konnte kaum noch an sich halten. Bisher hatte er alles geschluckt: Harkos �berheblichen Tonfall und die unterschwelligen Unterstellungen, aber Amke und ihn offen als L�gner hinzustellen, das ging gegen seine Ehre.</p><p>�W�re Eure Schwester nicht bei mir, w�rde ich Euch ganz etwas anderes aufbinden, Friese!�</p><p>Das aufgesetzte Lachen verschwand schlagartig aus Harkos Gesicht. Er stie� den Speer mit der Spitze ins Erdreich und stieg aus dem Sattel. �Nur zu, la�t Euch durch Amke nicht st�ren, Niederl�nder!�</p><p>Noch bevor Amke ihn zur�ckhalten konnte, war auch Siegfried vom Pferd gestiegen.</p><p>�Ich sehe, da� Ihr noch kein Schwert tragt, also wollen wir ganz ohne Waffen k�mpfen!� Harko legte sein Wehrgeh�nge ab.</p><p>Auch Siegfried nahm den Dolch aus der Scheide und rammte die Klinge in den Boden. Bevor er sich aufgerichtet hatte, war Harko schon heran und ri� ihn um. Erst als Siegfried st�rzte, vernahm er Amkes warnenden Ruf. Sie warnte ihn, nicht ihren Bruder!</p><p>Siegfried schleuderte Harko �ber sich hinweg und sprang auf die F��e. Ein wenig benommen plagte sich auch der Friese wieder auf. Er mochte sehr kr�ftig sein, war aber anscheinend nicht so flink und gewandt wie Siegfried.</p><p>Der Xantener st�rmte auf Harko zu, verlangsamte aber pl�tzlich seinen Lauf und erkannte, da� sein Gegner sich nach links abducken wollte. Also warf sich Siegfried in dieselbe Richtung und ri� Harko mit sich.</p><p>Amkes Bruder lag unter ihm und versuchte vergebens, Siegfrieds gro�e, kr�ftige F�uste abzuwehren. Immer wieder trafen sie das Gesicht des Friesen. Blut flo� aus Harkos Nase.</p><p>Amke war l�ngst abgestiegen und zerrte an Siegfrieds Schultern, flehte ihn an, von ihrem Bruder abzulassen. Vergebens. Er h�rte ihre Worte nicht. Es war wie ihm Rausch. Er f�hlte in sich dieselbe Kraft wie in der Schlangenh�hle, als er die Spitze des Runenschwertes in H�nden gehalten hatte.</p><p>Amke wollte Siegfrieds Leib umfassen, seine Arme festhalten. Er schleuderte sie mit solcher Gewalt zur�ck, da� sie stolperte und zu Boden st�rzte.</p><p>Erneut schlug er auf Harko ein, wieder und wieder. Der Friese wehrte sich kaum noch, war halb besinnungslos. Aber Siegfried h�rte nicht auf, konnte es nicht...</p><p>Bis ihn etwas mit schmerzvoller H�rte an der Schulter traf. Er verlor das Gleichgewicht und st�rzte neben Harko auf den Waldboden. �ber sich sah er einen Reiter, der sich rot gegen den dunkelblauen Abendschimmer abzeichnete. Rot schimmerte die Kleidung, rot das Pferd und rot das narbige Raubvogelgesicht.</p><p>�Seid Ihr ein Prinz oder ein M�rder, Siegfried von Xanten?� fragte Markgraf Onno und blickte aus dem Sattel seines Rotfuchses auf den Xantener hinab. �Wi�t Ihr nicht, wann ein Recke den Kampf einzustellen hat, will er nicht seine Ehre verlieren?�</p><p>Siegfried antwortete nicht. Sein Blick wanderte von Onno �ber den blutenden, reglosen Harko bis zu Amke, die am Boden kauerte und ihn anstarrte. Er las in ihren Augen Vorwurf und, fast noch schlimmer, Unverst�ndnis. Sie waren sich heute so nahe gewesen, und jetzt sah Amke ihn wie einen Fremden an.</p><p>Der friesische Markgraf stieg vom Pferd und kniete sich neben Harko. Einen Augenblick lang sah sich Siegfried versucht aufzuspringen, Harkos im Boden steckenden Spie� zu greifen und ihn zwischen Onnos Schultern zu jagen. Wenn er Onno und Harko t�tete, war das nicht eine angemessene Rache f�r K�nig Siegmunds Tod im Friesenland? Schon im n�chsten Augenblick sch�mte er sich f�r diesen Gedanken. Einen Mann hinterr�cks zu t�ten, der das Gastrecht in den Niederlanden geno�! Wie konnte er �berhaupt an so etwas denken?</p><p>�Harko kommt langsam wieder zu sich�, brummte Onno. �Ich wei� nicht, worum Euer Streit ging, Prinz Siegfried. Aber Ihr und Harko solltet Euch hier und jetzt vers�hnen oder zumindest einen Waffenstillstand schlie�en. K�nig Hariolf setzt auf seinen Besuch ebensogro�e Hoffnungen wie Eure Mutter, die K�nigin Sieglind. Ihr w�rdet beide arg entt�uschen.�</p><p>Siegfried sah ein, da� der Markgraf recht hatte. Gleichzeitig �rgerte es ihn, da� er sich von einem Friesen �ber sein Verhalten belehren lassen mu�te. Mi�mutig kehrte er mit Onno, Harko und Amke ins Jagdlager zur�ck.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�ber den Feuern briet das Fleisch der erlegten Tiere, und �berall duftete es nach frischem Brot und deftigen Pasteten. Wein, Met und Bier flossen in Str�men. Doch all das verga�en die von den Tafeln aufspringenden Edelleute, als sie den kleinen Reitertrupp ersp�hten.</p><p>Nachdem sich die Aufregung um Amkes Verschwinden und ihre sp�te R�ckkehr gelegt hatte, erz�hlten die vier Heimkehrer eine Geschichte, die aus Dichtung und Wahrheit bestand. Der Streit zwischen Siegfried und Harko wurde ebenso verschwiegen wie das Abenteuer in der Schlangenh�hle, daf�r wurde Siegfrieds Kampf mit dem B�ren ausgeschm�ckt, um seinen arg zerschundenen Leib zu erkl�ren. Prinz Harko dagegen mu�te sich mit einem simplen Sturz vom Pferd bescheiden, was ihn sichtlich erz�rnte. Markgraf Onno achtete darauf, da� keine offene Mi�stimmung zwischen Friesen und Niederl�ndern auftrat.</p><p>Endlich war alles erkl�rt. Siegfried, Amke, Harko und Onno setzten sich zu K�nig Hariolf, Graf Reinhold, Bischof Severin und anderen hochstehenden Herren an die Tafel der K�nigin. Das kr�ftige Holz bog sich fast unter dem reichlichen Mahl, das die Aufw�rter um immer neue K�stlichkeiten erg�nzten.</p><p>Aber Siegfried a� kaum etwas. Er dachte an das Runenschwert und an die Entt�uschung, die er jedesmal zu sehen bekam, wenn sein Blick den von Amke kreuzte. In ihm wollte keine rechte Freude dar�ber aufkommen, da� ihm jetzt auch die zweite H�lfte der magischen Waffe geh�rte. Er fragte sich, ob er an diesem aufregenden Tag mehr verloren als gewonnen hatte.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 8</strong></p></title><empty-line/><p>Nach altem Brauch sollte Siegfried die letzten Tage vor seiner Schwertleite in Abgeschiedenheit verbringen, um sich unter der Aufsicht seines Zuchtmeisters auf das bedeutsame Fest vorzubereiten. Er w�rde nicht nur in den Kreis der waffenf�higen Recken aufgenommen, sondern zugleich zum Nachfolger Siegmunds ernannt werden. Sieglind w�rde fortan nicht mehr die f�hrende Rolle im Reich der Niederlande spielen, sie w�rde allm�hlich an Einflu� verlieren und ihrem Sohn bald nur noch eine Ratgeberin sein.</p><p>Obgleich es die Trennung von Amke und seiner Mutter bedeutete, f�hlte sich Siegfried erleichtert, als er mit Reinhold zur Schwertburg zur�ckkehrte. Die gro�e Stadt Xanten war ihm nach der R�ckkehr von der Jagd beklemmend eng erschienen. Vielleicht lag es an den unangenehmen Blicken, die ihn trafen: Ha�erf�llt begegnete ihm Harko, vorwurfsvoll und traurig Amke.</p><p>Er ging allen aus dem Weg, bis er endlich mit Reinhold zur Schwertburg reiten durfte. Das alte, vom Rhein umsp�lte Gem�uer war ihm in den letzten Jahren eine zweite Heimat geworden, nicht weniger vertraut als die K�nigsburg von Xanten. Hier war er zum Mann gereift und hatte Freunde gefunden, die wiederzusehen er sich freute: Otter und Wieland.</p><p>Sobald Siegfried und Reinhold mit kleiner Bedeckung Xanten verlassen hatten und im lockeren Trab zwischen Feldern und Weiden dahinritten, f�hlte Siegfried einen stechenden Schmerz in seinem Herzen. Er bedauerte, ohne ein kl�rendes Wort von Amke fortgeritten zu sein. Wenn er ein Mann sein wollte, mu�te er k�mpfen, nicht nur um Gold und Ehre, sondern auch um die Frau, die er liebte. Aber es war noch nicht zu sp�t, beruhigte er sich. Er w�rde bald in die K�nigsstadt zur�ckkehren und dann ein Mann sein, ein Recke, der Tr�ger des Runenschwertes!</p><p>Als Siegfried auf der Schwertburg seine Kammer betrat, um die Schwertspitze der anderen H�lfte beizuf�gen, war seine Erregung so gro�, da� seine Glieder zu zittern begannen. Nach einem pr�fenden Blick zur T�r und der erleichternden Feststellung, da� sie verschlossen war, zog er die schwere Holzkiste unter dem Bett hervor. Mit fliegenden Fingern griff er in den Lederbeutel an seinem G�rtel, der den eisernen Schl�ssel enthielt.</p><p>Siegfried schlo� den Kasten auf - und z�gerte pl�tzlich, den Deckel aufzuklappen. Was, wenn der Schwertgriff verschwunden war?</p><p>Unsinn! sagte er sich.</p><p>Mit einer entschlossenen Bewegung schlug er den Deckel hoch und sah das Wolltuch, in das er die in der Wolfsburg erbeutete Schwerth�lfte gewickelt hatte. Hastig zog er das Tuch auseinander - und blickte auf den Schwertgriff, erleichtert und aufgew�hlt zugleich.</p><p>And�chtig, beinah z�rtlich strich er �ber den vergoldeten Griff und die mit Gold verzierten Runen, bevor er die Spitze danebenlegte. St�rker als je zuvor sp�rte er den seltsamen Zauber, der von dem Schwert ausging. Die Schwertmagie schien auf ihn �berzugehen, w�hrend er gleichzeitig die Magie beeinflu�te. Mensch zu Stahl und Stahl zu Mensch. So f�hlte er, w�hrend seine H�nde wieder und wieder �ber die Waffe strichen. Er stellte sich vor, wie begl�ckend es erst sein mu�te, wenn das Schwert wieder zusammengef�gt war, eine unschlagbare Waffe in seinen H�nden!</p><p>Aber wie sollte er die Teile zusammenschmieden?</p><p>Die Schwertleite fand schon in f�nf Tagen statt. Wenig Zeit f�r Siegfried, heimlich aus dem zerbrochenen Schwert ein ganzes zu schmieden. Gewi�, Reinhold hatte ihn die Schmiedekunst gelehrt. Aber was war, wenn Siegfried einen Fehler beging? Wenn er die Magie des Runenschwertes f�r immer zerst�rte?</p><p>Dieser Gedanke hielt Siegfried davon ab, in der Nacht in die Schmiede zu schleichen und ganz allein die Schwerth�lften zu vereinen. Er ben�tigte Hilfe, die Hilfe des besten und erfahrensten Schmieds im ganzen K�nigreich. Die Hilfe Reinholds!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Im Durchgang zum Speisesaal der Schwertburg, wo er Reinhold zu finden hoffte, schlugen Siegfried Gel�chter und Gesang entgegen, der von Leiermusik begleitet wurde. Es hatte einen fahrenden S�nger auf die Burg verschlagen, einen noch sehr jungen Burschen, den sie Volker riefen.</p><p>Alle Holzb�nke war voll besetzt. Einige Burgbewohner hockten sogar auf dem nackten Steinboden und hatten bei den niedrigen Tafeln keine Schwierigkeiten, die Speisen zu erreichen. Zwischen den Tafeln und B�nken eilten die Aufw�rter mit gro�en Kr�gen und Platten umher, auf denen sich Fleisch, Fisch und K�se h�uften. �Wer auf der Schwertburg lebt, arbeitet wie ein Knecht�, pflegte man zu sagen, �aber er tafelt wie ein K�nig.�</p><p>Siegfried erhaschte die Blicke von Otter und Wieland, die an der Tafel der Schmiedeburschen sa�en. Wieland sah nur kurz auf und widmete sich dann wieder der klobigen H�hnerkeule in seinen vor Fett triefenden H�nden. Otter aber stellte den irdenen Bierkrug beiseite und schaute neugierig zu seinem k�niglichen Freund, der nach einw�chiger Abwesenheit zur�ckgekehrt war und noch keine f�nf Worte mit ihm gewechselt hatte. Auch jetzt stand Siegfried nicht der Sinn nach einer Unterhaltung mit dem Findeljungen.</p><p>Der Xantener tat, als wische er sich etwas aus den Augen, um den Blicken Otters auszuweichen. Dann entdeckte er die Tafel der Schmiede, an der Reinhold sa�. Seine dr�hnende Stimme verstummte nur, wenn er von einer gro�en Pastete abbi� oder das silberbeschlagene Trinkhorn zum Mund f�hrte.</p><p>W�hrend Siegfried noch �berlegte, ob es klug war, mit seinem geheimnisvollen B�ndel unter dem Arm durch den Speisesaal zu gehen, stand Reinhold pl�tzlich auf, wischte mit einem fleckigen Tuch �ber seinen Mund und kam auf ihn zu. Unwillk�rlich trat Siegfried ein, zwei Schritte zur�ck in den halbdunklen Steinbogen des Durchgangs.</p><p>�Lauf nicht fort, Siegfried!� rief Reinhold. �Meine Beine sind nicht mehr so jung, und ein Wettlauf w�re nach dem reichlichen Mahl f�r mich eine doppelt schwere Probe. Du bist doch gekommen, um mich zu sprechen, nicht wahr?� Er postierte sich vor Siegfried und h�llte ihn mit dem Geruch von s��lichem Met und einer w�rzigen Schinken-Zwiebel-Pastete ein.</p><p>�Ja, Meister Reinhold. Aber woher wi�t Ihr...�</p><p>�Ich habe es gelesen.�</p><p>�Gelesen?� wiederholte Siegfried, ohne zu begreifen. In wenigen Tagen wollte er ein Mann sein, doch gegen�ber Reinhold kam er sich oft noch wie ein dummer Junge vor.</p><p>�In deinen suchenden, fragenden Augen las ich es�, erkl�rte Reinhold. �Den Blick eines anderen zu lesen ist ebenso wichtig, wie Latein und Franz�sisch zu verstehen. Zuweilen, besonders wenn es auf Leben und Tod geht, noch wichtiger.�</p><p>Siegfried nickte und sagte: �Ich will Euer Mahl nicht st�ren, aber ich m�chte Euch etwas zeigen, Graf Reinhold.�</p><p>Der Waffenschmied deutete auf das zusammengelegte Wolltuch, das Siegfried bei sich trug.</p><p>Siegfried trat einen Schritt zur Seite, um Reinholds Stallmeister samt Frau und Kindern in den Speisesaal zu lassen, bevor er antwortete: �Bitte nicht hier, Meister. Ich m�chte das P�ckchen gern unter vier Augen �ffnen.�</p><p>�Klingt geheimnisvoll�, brummte Reinhold mit leicht gerunzelter Stirn und l�chelte dann. �Ich bin ges�ttigt, und die D�mmerstunde ist die rechte Zeit f�r ein solches Unterfangen. Geh also voran, ich folge dir!�</p><p>Erleichtert wandte sich Siegfried um und schritt hinaus auf den Burghof, der im bl�ulichen Abendd�mmer lag. Aus einigen Fenster�ffnungen drang Kerzenschimmer, der sich im Zwielicht des schwindenden Tages verlor. Knechte und M�gde liefen �ber den Hof, brachten Vorr�te in die K�che oder versorgten die Tiere in den Stallungen. Das Meckern der Ziegen, das Bl�ken der Schafe und Rinder sowie Pferdegewieher bildeten einen eigenartigen Kontrast zu der Musik im Speisesaal.</p><p>Siegfried eilte weiter, auf der Suche nach einem verlassenen, ruhigen Ort. Die Schmiedeh�tten, die am Rand der Burganlagen einen hufeisenf�rmigen Hof bildeten, lagen schweigend und dunkel. Unter der alten Linde, die dem Schmiedehof ein nat�rliches Dach schenkte, hielt Siegfried an und blickte sich um.</p><p>�Au�er uns ist niemand hier.� Reinhold wirkte belustigt. �Oder soll ich noch Wachen aufstellen, damit keiner den Hof betritt?�</p><p>Siegfried sch�ttelte den Kopf. Er kniete sich hin und wickelte das Tuch auseinander, das er auf den Boden unter der Linde legte. Der Himmel warf noch genug Licht, um die beiden Schwerth�lften deutlich hervorzuheben. So deutlich, da� es wirkte, als leuchte das Runenschwert, als gehe ein unwirklicher blauer Schimmer von ihm aus.</p><p>Reinhold lie� sich langsam neben seinem Ziehsohn auf die Knie sinken und betrachtete schweigend und mit ungl�ubig aufgerissenen Augen den Stahl. Auf dem Schmiedehof war es so still, da� Gel�chter, Gesang und Musik aus dem Speisesaal deutlich zu vernehmen waren. Reinholds Lippen �ffneten sich und sprachen lautlose Worte. Selten hatte ihn Siegfried so fassungslos erlebt.</p><p>Der Schmied r�usperte sich, ri� seinen Blick von dem zerbrochenen Schwert los und wandte sich seinem Sch�tzling zu: �Du hast es also wirklich getan!� Seine Stimme zitterte. In den Worten schwang eine Vielzahl von Gef�hlen mit: �berraschung, Anerkennung, aber auch ein deutlicher Vorwurf. �Hattest du mir nicht versprochen, dir alles gut zu �berlegen?�</p><p>�Mir wurde klar, da� ich das Erbe meines Vaters nicht verleugnen darf. Was f�r ein K�nig w�re ich, h�tte ich nicht versucht, das Runenschwert zu erlangen?�</p><p>�Die Worte eines Mannes�, seufzte Reinhold, w�hrend er abwechselnd Siegfried und das Schwert betrachtete. �Allm�hlich beginne ich zu verstehen. Ich nehme an, da� dein Ausflug am Jagdtag dich zur Schlangenh�hle gef�hrt hat?�</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>�Und Prinzessin Amke?�</p><p>�Ich mu�te sie mitnehmen, nachdem ihr Pferd vor dem B�ren geflohen war. Aber sie wei� nichts von dem Schwert.�</p><p>�Das ist auch besser so�, sagte Reinhold leise. �Die Friesen haben keine gute Erinnerung an das Runenschwert und an den Feldzug, auf dem K�nig Siegmund die magische Klinge f�hrte.� Er l�chelte pl�tzlich. �Die Wolfsburg hast du vermutlich in der Nacht besucht, bevor wir nach Xanten aufgebrochen sind?� Siegfried nickte eifrig und wollte von seinen unglaublichen Abenteuern erz�hlen.</p><p>�Nicht hier�, ermahnte ihn Reinhold. �Auch wenn der Hof verlassen scheint, kann hinter vielen Ecken ein heimlicher Lauscher verborgen sein. Gehen wir in die Schmiede!�</p><p>Sorgsam legte Siegfried sein B�ndel zusammen und nahm es auf, bevor er Reinhold in eine der Schmiedeh�tten folgte. Der Schmied verschlo� hinter ihm die T�r und schlug auch die Klappen der scheibenlosen Fenster zu. Das blauschwarze Himmelslicht, das durch den Rauchabzug einfiel, war kaum noch wahrzunehmen. Daf�r lag auf dem ganzen Raum ein r�tlicher Glanz, den die noch glimmenden Kohlen in der Esse ausstrahlten.</p><p>Reinhold griff nach der klobigen, ru�geschw�rzten Laterne, die an einer Deckenverstrebung hing. Er l�ste sie vom Haken und ging mit ihr zur Esse. Er nahm eine der unz�hligen Zangen, die an einem dicken Draht vor der Esse aufgeh�ngt waren, und griff damit ein rotgl�hendes Kohlenst�ck, das er so lange an das Lampen�l hielt, bis es sich entz�ndete. Als er die Laterne an ihren angestammten Platz zur�ckh�ngte, verbreitete sich ein seltsamer Geruch in der Schmiede. Es roch nach Wald, nach den Beeren, aus denen das �l gewonnen war.</p><p>�Jetzt berichte�, sagte Reinhold. Er setzte sich auf einen wuchtigen R�sterblock, lehnte den R�cken gegen den Ambo� und sah seinen Sch�ler neugierig an.</p><p>Siegfried blieb stehen. Er legte sein B�ndel auf eine steinerne Werkbank und erz�hlte von seinen Abenteuern in der Wolfsburg und in der Schlangenh�hle, von dem ein�ugigen Wolf und der ein�ugigen Wasserschlange, von der K�nigsotter, von dem roten Falken und auch von der schemenhaften Gestalt, dem Grauen Geist. Sogar von dem Streit mit Prinz Harko berichtete er.</p><p>�Bei allen G�ttern der Alten!� rief Reinhold aus, als Siegfried geendet hatte. �Selbst unser wackerer Spielmann h�tte kaum eine unglaublichere Geschichte erz�hlen k�nnen.�</p><p>�Ihr glaubt mir nicht?� fragte Siegfried entt�uscht.</p><p>�Doch, jedes Wort. Der Beweis liegt dort auf der Werkbank. Trotzdem sind es erstaunliche Abenteuer, die du bestanden hast. Fast noch erstaunlicher ist es, da� du noch lebst! Deine Mutter h�tte mich im Rhein ers�ufen lassen, h�tten die Bestien dir etwas angetan!�</p><p>�Es waren wirklich seltsame Bestien. Ich m�chte wissen, ob es nur Tiere waren. Und warum erschien zweimal der rote Falke, um mir zu helfen?�</p><p>�Tiere k�nnen manchmal mehr als Tiere sein, so wie Menschen zuweilen mehr als Menschen sind�, lautete Reinholds r�tselhafte Erwiderung. �Vielleicht war der Falke nur ein Vogel und hatte trotzdem den Auftrag, dich zu sch�tzen.�</p><p>�Einen Auftrag.� Siegfried �berlegte. �Ja, so schien es tats�chlich. Aber wer hat ihm den Auftrag erteilt?�</p><p>Reinhold blickte auf das P�ckchen mit dem Runenschwert und sagte: �Vielleicht...� Dann erstarb seine Stimme, seine Stirn umw�lkte sich, und er sch�ttelte den Kopf.</p><p>�Was wolltet Ihr sagen, Meister?�</p><p>�Mir kam da eben ein Gedanke. Aber das ist nat�rlich Unsinn. Aberglaube, w�rde Bischof Severin sagen.�</p><p>�Vieles, was ich in den letzten Tagen erlebt habe, w�rde der Bischof nicht verstehen.�</p><p>�Da hast du wohl recht, Siegfried.� Reinholds Schmunzeln galt offenbar der Vorstellung, wie der Bischof von Xanten auf die Geschichte von Siegfrieds Abenteuern reagiert h�tte. �Mein Gedanke allerdings w�rde Seine Eminenz zutiefst erschrecken. Ich dachte daran, da� der rote Falke das Wappentier des Xantener K�nigshauses ist. Und mir fiel der Glaube der Alten ein, die Seelen Verstorbener k�nnten in Tiere fahren.�</p><p>�Die Seelen Verstorbener...� Siegfried sprach die Worte leise und nachdenklich mit nach innen gekehrtem Blick. Als er die Bedeutung von Reinholds �u�erung erkannte, zerri� der Schleier, der sich auf seine Augen gelegt hatte. Er starrte den Lehrmeister an, als habe sich dieser in ein Untier verwandelt, in den Riesenwolf oder die Wasserschlange. Oder in den roten Falken! �Ihr wollt damit doch nicht sagen, da� mein Vater den Falken gesandt hat?�</p><p>�Das war meine heidnische �berlegung. Gewi� ein Frevel in den Augen eines Christen. Allerdings ist auch die Heilige Schrift voll von Wundern.�</p><p>�Habt Ihr Beweise f�r Eure Annahme?� Erregt ging Siegfried zwischen Esse und Werkbank hin und her.</p><p>�Das ist keine Sache des Beweises, sondern des Glaubens und F�hlens. Und nicht auf mich kommt es dabei an, sondern ganz allein auf dich, Siegfried. Wenn du glaubst, da� der Falke ein Bote von K�nig Siegmund war, da� dein Vater dir sein Erbe anvertrauen will, dann solltest du das Runenschwert tragen. Andernfalls h�ttest du die Schwerth�lften besser in der Wolfsburg und in der Schlangenh�hle gelassen.�</p><p>Zwar war Siegfried von der Offenheit �berrascht, mit der Reinhold �ber Dinge sprach, die von der Kirche als Heidentum verteufelt wurden. Aber insgeheim hatte der junge Xantener �hnliche �berlegungen �ber den roten Falken angestellt. Wenn der Raubvogel ein Freund und Retter war, warum dann nicht ein Bote des Vaters? Hatte Siegfried an dem Abend, als er zur Wolfsburg ritt, nicht geglaubt, K�nig Siegmunds Gesicht in den Wassern des Rheins zu sehen?</p><p>Er erz�hlte Reinhold, wie er dar�ber dachte.</p><p>�Ich halte deine Gedanken f�r weise, Siegfried. Die G�tter sind mit dir.�</p><p>�Wirklich?� fragte er zweifelnd. �Was ist mit dem grauen Schemen, den ich mehrmals sah, dem Grauen Geist?�</p><p>�Vielleicht war es nur eine Ausgeburt deiner Phantasie.�</p><p>�Aber auch Amke hat ihn an der Schlangenh�hle gesehen.�</p><p>�Auch sie kann sich get�uscht haben. Wenn dort aber tats�chlich etwas war, einem Menschen �hnlich, aber doch keiner, so w�rde ich dabei an den Falken denken. Wer ihn geschickt hat, hat wissen wollen, ob der Vogel dir wirklich Rettung brachte.�</p><p>Ein seltsames Gef�hl ergriff von Siegfried Besitz. Als w�re er eingeh�llt von W�rme und Zuneigung. Niemals in den f�nf Jahre seit dem Friesenfeldzug hatte er sich seinem toten Vater so nah gef�hlt.</p><p>�Wir wollen uns an die Arbeit machen�, rief Reinhold und ging zur Werkbank.</p><p>�In der Nacht?� fragte Siegfried.</p><p>�Die beste Zeit, um ungest�rt zu arbeiten.� Reinhold schlug das Tuch auseinander und ber�hrte das zerbrochene Schwert, ganz vorsichtig, als k�nne er sich daran die Finger verbrennen. Er umfa�te den vergoldeten Griff, hob ihn an und strich �ber die goldausgelegten Runen am oberen Ende der Klinge. �Diese Runen sind wahrlich ein Geschenk der G�tter!�</p><p>Siegfried trat zu ihm und fragte: �Was bedeuten sie?�</p><p>�Es sind die beiden ersten Buchstaben des Futharks, des Runenalphabets.� Reinhold zeigte auf die erste der Goldfiguren, die aus einer senkrechten Linie mit zwei aufw�rts gebogenen, nach rechts f�hrenden Ver�stelungen bestand. �Dies ist die Rune Fehu.�</p><p>�Das klingt wie Vieh�, wunderte sich Siegfried.</p><p>�Das hei�t es auch und vieles mehr. Fehu symbolisiert die Kraft der Rinder, die sich auf die Menschen �bertr�gt und zugleich die Kraft der G�tter ist. Fehu beinhaltet die Macht, alles zu erreichen, und das Feuer der Sch�pfung und Zerst�rung.�</p><p>�Und diese Rune?� Siegfried deutete auf die andere Klingenseite, die ein hufeisen�hnliches Zeichen zierte.</p><p>�Das ist Uruz, Fehus Gegenst�ck, die Rune des m�chtigen Urs, des Auerochsen. Auch Uruz steht f�r die Urkraft und die Macht des Feuers. Wo Fehu und Uruz sich mit dem Segen der G�tter verbinden, entsteht eine un�berwindliche Kraft.�</p><p>Lange starrte Siegfried auf die Runen, gewi� zwei sch�ne Verzierungen, die jedem Schmied zur Ehre gereichten. Aber konnten davon wirklich magische Kr�fte ausgehen? Er fragte Reinhold, ob er daran glaube.</p><p>�Das ist nicht wichtig, Sohn. Nur der mu� daran glauben, der das Schwert der G�tter f�hrt.�</p><p>�Wenn es wirklich von den G�ttern stammt, kann es auch magische Kr�fte besitzen�, stellte Siegfried z�gernd fest. Er war sich unsicher, ob es richtig war, die alten G�tter neben den Allm�chtigen zu stellen. �Aber kann dieses Schwert nicht ebenso von Menschenhand geschmiedet sein?�</p><p>�Nat�rlich kann es das, jedenfalls ist es sehr alt. Aber wenn es ein Mensch war, k�nnen doch die G�tter seine Hand gef�hrt haben. Deine V�ter glaubten jedenfalls, Wodan selbst habe das Runenschwert dem Stammherrn deines Geschlechts �berreicht.�</p><p>�Erz�hlt mir die Geschichte!� bat Siegfried.</p><p>�Gern, wenn du derweil das Feuer in der Esse sch�rst.�</p><p>Eifrig machte sich der junge Xantener an die Arbeit, blies mit dem doppelten Blasebalg die Glut der Kohlen an, sch�ttete neue Kohlen aus einem gro�en Eimer hinzu und verteilte sie mit dem Sch�rhaken.</p><p>�Das Runenschwert soll den K�nigen von Xanten schon geh�rt haben, als sie noch keine K�nige und Xanten ein unbedeutender Marktflecken war�, begann Reinhold seine Erz�hlung. �Damals waren die Niederlande noch unter verschiedene St�mme aufgeteilt, und der Stammvater deines Geschlechts war ein H�uptling unter vielen. Als er eines Abends mit seinen Unterf�hrern bei Wildbret und Met sa�, ritt ein heruntergekommener Mann auf einer �rmlichen grauen M�hre ins Lager und erflehte seinen Schutz vor Verfolgern, die ihm ans Leben wollten. Diese waren die besten Krieger eines benachbarten Stammes, und die Unterf�hrer rieten deinem Ahnherrn ab, zur Waffe zu greifen. Warum sollte man einen Krieg riskieren wegen eines fremden Bettlers! Als der Fremde aber erz�hlte, da� er von den Verfolgern heimt�ckisch �berfallen worden sei, z�gerte dein Ahne nicht l�nger, f�hrte seine Mannen gegen die anst�rmenden Nachbarn in den Kampf und schlug sie in die Flucht. Der Fremde bedankte sich, bevor er weiterritt, mit der einzigen Kostbarkeit, die er bei sich trug, dem Runenschwert. Der tapfere und rechtschaffene H�uptling und seine Nachfahren sollten es immer zum Kampf f�r die rechte Sache f�hren, lauteten die Worte des Fremden. Erst sp�ter d�mmerte deinem Vorfahren, da� er keinem Menschen geholfen hatte, sondern einem der G�tter, die damals noch in Menschengestalt auf Erden wandelten: dem Herrn der Runen selbst, Wodan. Das Schwert erwies sich als unbesiegbar, f�hrte dein Geschlecht von Sieg zu Sieg und schlie�lich auf den K�nigsthron.�</p><p>�Und Vater hat es zerbrochen�, rief Siegfried kopfsch�ttelnd, w�hrend er einen Moment innehielt, den Blasebalg zu bedienen. �Warum blo� hat er es entweiht?�</p><p>Reinhold �ffnete die Lippen zu einer Antwort, schwieg aber und legte den Kopf auf die Seite. Er schien zu lauschen. Ehe Siegfried eine Frage stellen konnte, legte der Schmied den Zeigefinger an die Lippen. Er griff nach einem schweren Hammer, schlich zur T�r, ri� sie auf und sprang nach drau�en.</p><p>Siegfried h�rte Stimmen, unterdr�cktes St�hnen und ein paar dumpfe Schl�ge. Dann kehrte Reinhold zur�ck, in einer Hand seinen Hammer, die andere fest um den Arm eines schlanken Jungen gekrallt.</p><p>�Otter!� staunte Siegfried. �Was suchst du hier?�</p><p>�Dich und Meister Reinhold�, �chzte Otter. �H�tte ich geahnt, da� ich verpr�gelt werde, w�re ich nicht gekommen.�</p><p>�Warum bist du �berhaupt gekommen?� fragte Reinhold mit harter Stimme.</p><p>�Ich sah Euch und Siegfried zur Schmiede gehen und bemerkte den aufsteigenden Rauch. Ich dachte, ihr k�nntet Hilfe gebrauchen. Ihr m��t eine dringende Arbeit verrichten, wenn ihr die Nacht daf�r opfert.�</p><p>�Wir schaffen es schon allein�, sagte Reinhold abweisend. �Geh jetzt zur�ck zur Burg, auf der Stelle! Und plappere nicht herum!�</p><p>�Lieber versiegele ich meine Lippen, ehe ich mir von Euch die Z�hne ausschlagen lasse, Meister Reinhold.� Anscheinend hatte Otter seinen Humor schnell wiedergefunden. Er w�nschte dem Freund und dem Lehrmeister gutes Gelingen und lief hinaus, zur�ck zur Burg.</p><p>�Ich mag keine Spione!� stie� Reinhold hervor, als er die T�r wieder schlo�.</p><p>�Ich glaube nicht, da� Otter spionieren wollte. Er ist ein guter Freund.�</p><p>�Wenn du ein guter K�nig sein willst, solltest du dir eins merken, Siegfried: Trau keinem, der sich als dein Freund ausgibt. Besonders dann nicht, wenn du nicht wei�t, wer er ist und woher er stammt.�</p><p>�Aber Otter wei� es selbst nicht.�</p><p>�Das spricht nicht f�r, sondern eher gegen ihn�, brummte Reinhold und blickte zur Esse. �Das Feuer ist hei� genug. Nun wollen wir unsere Kunst versuchen. Jeder erhitzt eine Schwerth�lfte. Vergi� nicht, auf was du zu achten hast!�</p><p>�Das Wichtigste beim Feuerschwei�en ist die richtige Hitze�, wiederholte Siegfried, was er einst von Reinhold gelernt hatte. �Bringt man die beiden Eisen nicht in die richtige Hitze, verschmelzen sie nicht. Macht man sie zu hei�, brennen sie.�</p><p>�Und wie erkennt man, wann die Eisen die richtige Hitze erreicht haben?�</p><p>�Wei� mu� ihr Gl�hen sein, und die ersten Funken m�ssen aufstieben wie die liebestollen M�nnchen der Gl�hw�rmchen.�</p><p>�Gut�, l�chelte Reinhold und zog grobe Lederhandschuhe �ber seine H�nde. �Lassen wir die Gl�hw�rmchen tanzen!� Er nahm die Schwertspitze und trat an die Esse.</p><p>Auch Siegfried zog Handschuhe an und holte dann die zweite Schwerth�lfte.</p><p>�Achte darauf, da� wir die Eisen gleichm��ig erhitzen�, sagte Reinhold. �Das beste Wei�gl�hen nutzt nichts, wenn ein Eisen sp�ter als das andere ergl�ht.�</p><p>Zur gleichen Zeit schoben sie die abgebrochenen Enden der Eisen ins Feuer. Einer achtete auf die Eisenglut des anderen. Hin und wieder gab Reinhold kurze Anweisungen, wie Siegfried sein Eisen halten sollte.</p><p>Siegfrieds Spannung war gro� und wuchs noch, als die Eisen wie Feuer zu gl�hen begannen. Das st�hlerne Feuer wurde wei�, und dann spritzten die ersten Funken davon.</p><p>�Es ist soweit!� rief Siegfried.</p><p>�Bei mir noch nicht�, erwiderte Reinhold. �Zieh dein St�ck ein wenig aus der Kohlenglut!�</p><p>Siegfried befolgte die Anweisung augenblicklich, und nur noch wenige Funken stoben von seinem Eisen.</p><p>�Jetzt tanzen auch meine Gl�hw�rmchen�, sagte Reinhold zufrieden und nahm das Eisen aus der Esse. �Los, mein Sohn, auf den Ambo�!�</p><p>Beide legten ihre Schwertteile auf den gro�en Ambo� in der N�he der Esse. Und schon schwang Reinhold den Hammer. Kr�ftige, schnelle Schl�ge verformten das gl�hende Eisen. Immer wieder traf der klobige, schwere Kopf die beiden Schwerth�lften und trieb sie ineinander.</p><p>Reinhold arbeitete wie ein Besessener. Schwei�tropfen flogen von seiner Stirn, rannen an seinem Gesicht entlang, liefen in seine Augen - es st�rte ihn nicht. Erst als er sich aufrichtete und den Hammer an den R�stblock lehnte, wischte er mit dem ru�igen Hemds�rmel �ber seine Stirn.</p><p>�Das war�s�, keuchte er und starrte auf das Schwert, das wieder eins war. �Die Gabe der G�tter ist nicht l�nger zerbrochen. Jetzt m�ssen wir die Klinge nur wieder in die richtige Form bringen, h�rten und sch�rfen.�</p><p>Was Reinhold so beil�ufig aufz�hlte, w�hrte den Rest der Nacht. Er und Siegfried gaben sich M�he wie niemals zuvor. Besonders Reinhold fand immer noch etwas zu verbessern. Er gl�ttete Stellen, deren Unebenheit Siegfried gar nicht aufgefallen war. Wieder und wieder fuhr der Daumen des Schmieds pr�fend an den Schneiden entlang. Endlich war er zufrieden. Durch den Rauchabzug schimmerte schon bla�rot die Morgend�mmerung. V�gel zwitscherten jenseits der steinernen W�nde. In der Schmiedeh�tte war es stickig. Siegfried schmeckte den Ru� auf seiner Zunge. Er und Reinhold waren vollkommen verschwitzt und hundem�de. So m�de, da� Siegfried es kaum genie�en konnte, als er das Runenschwert in der Hand hielt. Zweifel �berfielen ihn.</p><p>�Traust du unserer Arbeit nicht?� Reinhold schaute ihn fragend an.</p><p>�Ich denke an die Schwerter, die ich zerbrach.� Mi�trauisch blickte Siegfried zu dem Abk�hlblock, an dem seine Klinge zerschellt war.</p><p>�Wenn wir gut gearbeitet haben, h�lt das Runenschwert auch dem Stahl des Blockes stand�, erriet Reinhold seine Gedanken. �Wenn nicht, sollten wir es m�glichst bald feststellen. Also versuche es, Junge! Aber f�hre das Schwert der G�tter nicht voller Zweifel, sondern mit Vertrauen!�</p><p>Der junge Xantener sp�rte das schon bekannte Gef�hl der W�rme, das von seinem gesamten K�rper Besitz ergriff. Diesmal war es st�rker als je zuvor. Wie ein Feuer brannte es in ihm, als w�rde Siegfried mit dem Runenschwert verschmelzen.</p><p>Er �ffnete die Augen, trat zum Abk�hlblock, hob das Schwert und lie� es auf den Stahlklotz niederfahren. Der Block wurde sauber in zwei H�lften zerteilt. Das Runenschwert war durch den Stahl hindurchgegangen wie durch ein St�ck K�se.</p><p>Siegfried starrte auf die Klinge. Sie war nicht zerbrochen, zeigte noch nicht einmal eine Schramme.</p><p>�Vollkommen unversehrt�, sagte er. �Das ist unm�glich!�</p><p>�Nein�, belehrte ihn Reinhold. �Das ist die Macht der G�tter, die Kraft der Runen. Unsere Schmiedekunst hat allerdings auch einen bescheidenen Beitrag geleistet.� Zufrieden fuhr seine Hand �ber die Klinge. �Hart wie ein Fels, scharf wie Wodans Speer.�</p><p>Er zupfte einen Wollfaden aus seiner Hose und hielt ihn mit spitzen Fingern hoch. �Halte das Schwert gerade, mit einer Schneide nach oben!�</p><p>Siegfried gehorchte, und sein Lehrmeister lie� den Wollfaden los. Sanft wie eine Schneeflocke schwebte er herab und ber�hrte die mehrfach geschliffene Schwertschneide. Wie von selbst teilte sich der Faden in zwei H�lften, die zu beiden Seiten der Klingen entlangglitten und dann weiter zu Boden schwebten.</p><p>�Bei Wodan, das ist die sch�rfste Klinge, die ich jemals sah. Du kannst stolz auf deine Waffe sein!�</p><p>�Ja�, sagte Siegfried lahm und wunderte sich, warum er nicht die angemessene Begeisterung aufbringen konnte. Es mu�te an der verfluchten M�digkeit liegen.</p><p>Reinhold lachte. �Ein hungriger Krieger ist wie ein rei�ender Wolf, ein m�der Krieger wie eine zahnlose Vettel. Leg dich schlafen, Siegfried. Heute bist du von allen Verpflichtungen befreit.�</p><p>�Und das Schwert?�</p><p>�Nimm es mit, wenn du m�chtest. Aber wickle es wieder ein, wenn du die �berraschung nicht verderben willst.�</p><p>Das Gesinde schlurfte bereits durch die G�nge der Schwertburg, um das Fr�hst�ck vorzubereiten. Aber die meisten Menschen schliefen noch. Er war froh, niemandem zu begegnen.</p><p>Ru�ig und verschwitzt fiel er auf die schmale Bettstatt und legte das Tuch mit dem Runenschwert darunter. Kaum hatte er sich hingelegt, da tr�umte er schon von den Heldentaten, die er mit dem Runenschwert vollbringen w�rde. Von f�rchterlichen feuerspeienden Drachen, die er erschlug. Und von funkelnden Sch�tzen, die er erbeutete.</p><p>Und er sah sich an der Seite einer wundersch�nen Frau. Seiner Gemahlin? Er wu�te es nicht; er konnte sich sp�ter nicht einmal an das Gesicht erinnern. Nur daran, da� es eine K�nigstochter war.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 9</strong></p></title><empty-line/><p>Siegfried erwachte gegen Mittag.</p><p>Er hatte in der Nacht die Fensterl�den nicht geschlossen, daher fielen warme Sonnenstrahlen auf ihn und stachen f�rmlich in seine blinzelnden Augen. Unruhig w�lzte er sich hin und her und drehte sich schlie�lich auf den Bauch, um nicht l�nger das st�rende Licht auf seinem Gesicht zu sp�ren. Der Himmel mu�te wolkenlos sein, die Strahlen der Sonne glei�end. Wahrscheinlich war es drau�en so gl�hend wie in der Nacht die Eisen, als sie von Reinhold zusammengeschmiedet wurden.</p><p><emphasis>Das Schwert!</emphasis></p><p>Pl�tzlich war Siegfried hellwach. Ein Arm hatte �ber die Bettkante gehangen, hatte im ruhelosen Halbschlaf den harten Boden bef�hlt und die Holzkiste unter dem Bett ertastet. Aber nicht das Tuch mit dem Schwert, obwohl es doch vor der Kiste gelegen hatte. Er sprang aus dem Bett und kniete sich auf den Boden. Die Schatztruhe stand unver�ndert da, aber das Schwert samt Tuch war fort.</p><p>Hatte er alles nur getr�umt? Die Nacht in der Schmiede, den gl�henden Stahl, das zusammengef�gte Schwert?</p><p>Verwirrt sch�ttelte er den Kopf und schalt sich einen t�richten Narren. Ein Blick auf seine schwarze Kleidung und die schmutzigen H�nde und Arme h�tte ihm sagen m�ssen, da� er wirklich in der Schmiede gearbeitet hatte.</p><p>Gr�ndlich durchsuchte er die kleine Kammer bis in den letzten Winkel, schaute ins Bett und unter die einfache Matratze, einen strohgef�llten Leinensack. Das Runenschwert blieb verschwunden! Sollten all die M�hen, Abenteuer und Gefahren vergebens gewesen sein?</p><p>Mit klopfendem Herzen sprang Siegfried hoch, ri� die T�r auf und prallte gegen eine kr�ftige Gestalt: Reinhold.</p><p>�Heiliger Wodan!� rief der Waffenschmied. �Ich w�hnte dich schlafend, und jetzt h�pfst du herum wie ein Tollw�tiger.�</p><p>�Das Schwert!� stie� Siegfried hervor und zeigte in seine Kammer. �Es ist verschwunden!�</p><p>�Weil ich es habe.� Reinhold streckte ihm das mit dem Tuch umwickelte Schwert entgegen.</p><p>�Aber... ich habe es doch mit in die Kammer genommen...�</p><p>�Und ich habe es wieder herausgeholt. Ich fand keinen Schlaf und habe deshalb noch ein paar Verbesserungen an der Klinge vorgenommen.�</p><p>�Verbesserungen?� rief Siegfried erstaunt. �Aber das Schwert war doch perfekt.�</p><p>�<emphasis>Jetzt </emphasis>ist es perfekt!� erkl�rte Reinhold und reichte Siegfried das schwere B�ndel. �Nutze den Rest des Tages, um dich an deine neue Waffe zu gew�hnen. Am besten an einem abgelegenen Ort. Die Haselwiese w�re wohl geeignet.�</p><p>Siegfried kannte den Ort, eine gro�e Lichtung, die etwa eine Reitstunde in Richtung Xanten lag. Ihren Namen verdankte sie den Haselstr�uchern, die sich in ihrer Mitte wie eine Burg erhoben.</p><p>�Ja.� Er nickte und wollte nach dem Runenschwert greifen, aber Reinhold entzog es seinen zupackenden H�nden.</p><p>�Nicht sofort!� sagte der Schmied mi�billigend. �Zuerst solltest du dir ein Bad g�nnen und dann ein ordentliches Mahl einnehmen. Danach ist noch Zeit genug f�r einen Ausflug zur Haselwiese.�</p><p>�Und das Schwert?�</p><p>�Ich werde schon darauf achtgeben�, antwortete Reinhold mit einem verst�ndnisvollem L�cheln.</p><p>Wenig sp�ter stand Siegfried in der Badestube vor einem gro�en Bottich, aus dem ihm ein w�rziges Gemisch entgegendampfte. Es roch wie in einer k�niglichen Apotheke.</p><p>Udalrich, der kahlk�pfige Bader, begann seine �blichen, langatmigen Erkl�rungen: �Ich habe so ziemlich alles ins Wasser gesch�ttet, was einem Kranken guttut: braunen Fenchel, Johanniskraut, Tausendg�ldenkraut, Spitzwegerich, Kamille, Malve, Mauerkraut, Stockrose, Sellerie, Nelkenwurz und Grindkraut.�</p><p>�Das ist kein Bad, sondern eine Suppe�, meinte Siegfried, w�hrend er aus seinen Kleidern stieg.</p><p>Anfangs meinte Siegfried, er k�nne es nicht einen Augenblick in dem hei�en, auf angenehme Weise streng duftenden Bad aushalten. Er wollte aufspringen, als ihn tausend gl�hende Nadeln zwickten. Aber Udalrich dr�ckte ihn unbarmherzig zur�ck.</p><p>Als er endlich aus dem Bad stieg, f�hlte er sich nicht erfrischt, sondern wohlig m�de.</p><p>Beim Essen leistete Reinhold seinem Ziehsohn Gesellschaft. Das ins Tuch geh�llte Runenschwert lag zwischen all den Speisen auf der Tafel, und keiner der Aufw�rter schenkte ihm Beachtung.</p><p>Anschlie�end gingen Reinhold und Siegfried in den Pferdestall, wo der gesattelte Graufell von einem Knecht vorgef�hrt wurde. Der Bedienstete reichte dem Grafen einen edelsteinbesetzten Ledergurt, den Reinhold an Siegfried weitergab. Ein pr�chtiges Wehrgeh�nge! Die lange Schwertscheide war mit Leder umkleidet und ebenfalls mit funkelnden Steinen besetzt.</p><p>�Das ist f�r dich, Siegfried. Ich habe es schon ausprobiert, die Klinge pa�t genau hinein.� Augenzwinkernd und im fl�sternden Verschw�rerton f�gte Reinhold hinzu: �Eigentlich darfst du erst auf deiner Schwertleite das Wehrgeh�nge mit dem Schwert tragen, aber auf der Haselwiese wird dich niemand sehen.�</p><p>Siegfried war �berw�ltigt von dem kostbaren Geschenk und bedankte sich. Wie er bef�rchtete, nur h�chst unzul�nglich. Aber er gierte danach, endlich ungest�rt mit dem Runenschwert zu �ben.</p><p>Als Graufell ihn aus der Schwertburg gebracht hatte, hieb er dem Tier die Fersen in die Flanken und trieb es zu gr��erer Schnelligkeit an, so stark, da� der Hengst vor Schmerz wieherte.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Siegfried und das Schwert waren eins!</p><p>Die Kraft, die er aus der Waffe bezog, mu�te wirklich Magie sein. Andernfalls h�tten seine Muskeln schon schmerzen, h�tte er schon ersch�pft und v�llig au�er Atem sein m�ssen. Doch Stunde um Stunde verging, und der Xantener wurde nicht m�de. Manchmal war Siegfried, als schwinge er nicht das Schwert, sondern die Waffe f�hre ihn.</p><p>Graufell, trotz seiner Ausdauer und Kraft nach dem au�ergew�hnlich scharfen Ritt ersch�pft, hatte seinem Herrn eine Weile mehr gelangweilt als interessiert zugesehen. Dann hatte er sich einen Wildbach mit einem saftigen Grasstreifen gesucht und k�mmerte sich nicht weiter um Siegfrieds Attacken gegen eingebildete Fabelwesen und harmlose B�ume und Steine.</p><p>Deshalb war Siegfried �berrascht, als schneller Hufschlag an seine Ohren drang. Es war nicht Graufell, sondern ein kr�ftiger Mausfalbe, der von seinem Reiter auf die Lichtung getrieben wurde.</p><p>Dicht vor Siegfried z�gelte Prinz Harko von Friesland sein Tier und blickte den Xantener finster an. �Sieht aus, als h�tte hier ein ganzer Trupp Berserker gew�tet. Habt Ihr wieder mal einen B�ren in die Flucht geschlagen, edler Siegfried?�</p><p>So h�hnisch wie die Worte war auch Harkos Gesichtsausdruck. Die Lippen zuckten belustigt, doch hingen die Mundwinkel griesgr�mig herab. Die immer ein wenig tr�b blickenden Augen sahen den Xantener hart, ja ha�erf�llt an.</p><p>Siegfried �rgerte sich, da� der Friese ihn bei seinen �bungen st�rte. Und noch mehr �ber Harkos offene Herablassung, die er sich vielleicht gegen�ber einem Bauern oder einem Knecht erlauben konnte, aber nicht gegen�ber dem zuk�nftigen K�nig der Niederlande.</p><p>Daher antwortete Siegfried in scharfem Ton: �Ob ich B�ren jage oder nicht, geht Euch nichts an, Harko. Ich wei� auch nicht, was Ihr hier zu suchen habt!�</p><p>Deutlicher konnte er dem Friesen kaum sagen, da� er unerw�nscht war. Aber Harko traf keine Anstalten, die Lichtung zu verlassen. Vielmehr lehnte er sich zu Siegfried vor, st�tzte den Ellbogen auf den versilberten Sattelknauf und erkl�rte: �Geh�ren solch dreiste Reden zu Eurer Art der Gastfreundschaft?�</p><p>�Ihr m�gt Gast meiner Mutter sein, der meine seid Ihr bestimmt nicht!�</p><p>�Weshalb habt Ihr mich herbestellt, wenn Euch meine Gesellschaft nicht behagt?�</p><p>�Ich habe Euch herbestellt?� Siegfried lachte trocken. �Da m��t Ihr schlecht getr�umt haben!�</p><p>�Treibt keine Sp��e mit mir!� zischte Harko zornig. �Ich bin nicht �ber zwei Stunden geritten, um mich zum Narren halten zu lassen. Euer Bote sagte, ich solle sofort aufbrechen, um Euch hier zu treffen. H�tte er mich nicht hergebracht, h�tte ich die Lichtung gar nicht gefunden.�</p><p>�Ich habe Euch niemals einen Boten gesandt, Harko. Aus welchem Grund auch?�</p><p>�Um ein Gespr�ch unter vier Augen mit mir zu f�hren, wie Euer Bote mir mitteilte. Ich h�tte ihn nicht kurz vor dieser Lichtung davonreiten lassen, h�tte ich gewu�t, da� Ihr den Narren spielt. Er h�tte Euch der L�ge �berf�hrt.� Harkos d�nne Brauen zuckten vor Ungeduld. �Also, redet, Niederl�nder!�</p><p>�Ich habe Euch nicht herbestellt�, erwiderte Siegfried br�sk.</p><p>Mit deutlich vernehmbarem Ger�usch zog Harko die Luft ein. �Das also ist Eure kindische Art, sich auf Kosten anderer einen Spa� zu erlauben. Mag sein, da� in wenigen Tagen Eure Schwertleite stattfindet, Siegfried, gleichwohl solltet Ihr keinen t�dlichen Stahl in H�nden halten, sondern besser ein Schwert aus Holz. Regiert kein Land, sondern baut lieber Burgen aus Sand und schlagt Schlachten mit Rittern aus Ton!�</p><p>Die Beleidigungen verwandelten Siegfrieds unterschwellig brodelnde Wut in kochenden, �bersch�umenden Zorn. Der Prinz von Xanten mu�te sich so etwas nicht anh�ren, von niemandem! Schon gar nicht von einem Friesen, einem Prinzen des Volkes, das Siegfrieds Vater auf dem Gewissen hatte.</p><p>Harko richtete sich im Sattel auf und wendete schon den Mausfalben, da rammte Siegfried die Klinge des Runenschwertes in den Boden und st�rmte los. Er bekam den Friesen an der Schulter zu fassen. Harko stie� einen erstickten Schrei aus. Ebenso �berrascht wie sein Reiter war der Mausfalbe. Er bockte und warf Harko samt Siegfried auf die blumengesprenkelte Wiese.</p><p>W�hrend das Pferd bis zum Waldrand lief, um aus sicherem Abstand zu den beiden unberechenbaren Menschen her�berzuschauen, w�lzten sich die beiden Kontrahenten durch Gr�ser, Kr�uter und Blumen. Wieder gewann der Xantener die Oberhand, und seine F�uste rissen die kaum verheilten Wunden in Harkos Gesicht wieder auf. Das Blut des Friesen f�rbte Siegfrieds H�nde rot. Doch der Friese gab sich nicht so schnell geschlagen. Er bekam einen Stein zu fassen, der irgendwo auf dem Boden lag, und schlug zu. Siegfried sp�rte einen furchtbaren, stechenden Schmerz. Er versuchte gegen die Schw�rze anzuk�mpfen, die ihn zu �bermannen drohte.</p><p>Als er aus seiner leichten Ohnmacht erwachte, sp�rte Siegfried einen Druck an seinem Hals. Dicht unter seinen Augen glitzerte gef�hrlicher Stahl. Schwer atmend und mit blutverschmiertem Antlitz stand Harko �ber ihm und dr�ckte die Spitze seines Schwertes gegen Siegfrieds Hals. So fest, da� ein d�nner Blutfaden unter das Hemd des Xanteners rann.</p><p>�Ihr k�nnt Euch pr�geln wie ein Bauer, das habt Ihr zweimal bewiesen�, schnaubte Harko, w�hrend Blut aus seiner Nase tropfte. �Aber mit dem Schwert k�nnt Ihr wohl nur gegen Geister k�mpfen, <emphasis>Ritter </emphasis>Siegfried!�</p><p>Siegfried, der noch im Gras lag, sah zum Runenschwert, das zehn Schritte entfernt im Boden steckte.</p><p>�Ich habe mein Schwert nicht zur Hand, sonst w�rde ich Euch das Gegenteil beweisen.�</p><p>�Es ist unehrenhaft f�r einen Ritter, sich mit einem Jungen zu schlagen. Damit Ihr nicht noch mehr Unheil anrichtet, werde ich Euer Schwert mitnehmen. Ich werde es Eurer Mutter �berreichen und ihr sagen, sie soll besser darauf achten, womit ihr Kind spielt.�</p><p>Der Gedanke, das Runenschwert zu verlieren, machte Siegfried rasend. Sein rechter Fu� trat gegen Harkos Schwert und h�tte dem Friesen fast die Klinge aus der Hand gerissen. Siegfried sprang auf, versetzte dem �berraschten Gegner einen Sto� und rannte �ber die Wiese zu seiner Waffe. Als er seine H�nde um den Griff legte, f�hlte er, wie das Runenschwert Macht �ber ihn gewann. Der Wunsch, den Friesen zu besiegen, wurde so �berm�chtig wie Siegfrieds Verlangen nach Rache f�r den toten Vater. Er ri� die Klinge aus dem Erdreich und wandte sich um. Harko hielt seine Waffe in beiden H�nden und schien zu z�gern, ob er angreifen oder Siegfrieds Attacke abwarten sollte. Als er den Stahl in den H�nden des Xanteners sah, hob er sein Schwert und st�rmte vor. Geschickt wich Siegfried dem Schlag des Friesen mit einem Sprung zur Seite aus, wirbelte herum und schlug selbst zu.</p><p>Harko konnte sein Schwert noch zur Abwehr hochrei�en, aber es zerbarst unter dem niederfahrenden Runenstahl. Siegfrieds Klinge durchschnitt Harkos Schwert, Harkos Arm und dann Harkos Kehle. Der Friese fiel erst, als sein Haupt schon l�ngst am Boden lag.</p><p>Ungl�ubig starrte Siegfried auf den abgeschlagenen Kopf. Er wehrte sich gegen die Erkenntnis, diese Tat ver�bt zu haben. Er hatte dem Friesen doch nur eine Lektion erteilen, aber ihn nicht t�ten wollen! Am Runenschwert klebte Harkos Blut. Als er das sah, rammte Siegfried die Klinge schnell in den Boden.</p><p>Nachher konnte Siegfried nicht mehr sagen, wie lange er so �ber dem zerst�ckelten Leichnam stand. Kampfeswut und Rachedurst waren erloschen und unendlicher Trauer gewichen. Noch immer wollte er das Unbegreifliche nicht wahrhaben.</p><p>Vielleicht h�tte er bis in die Nacht dort gestanden, w�ren nicht sieben Reiter auf der Lichtung erschienen, friesische Ritter, angef�hrt von Markgraf Onno. Ihre Gesichter waren finster und feindseliger als ein Gewittersturm.</p><p>Als Siegfried sie bemerkte, war sein erster Impuls, nach dem Schwert zu greifen und es der Friesenbrut zu zeigen. Dann sah er wieder auf Harkos Leichnam und lie� es bleiben. Er hatte das Gef�hl, Strafe verdient zu haben.</p><p>Aber Onno griff ihn nicht an, bestrafte ihn nicht. Er redete, doch seine Worte blieben nur verschwommen in Siegfrieds Erinnerung. Onno hatte von der geheimnisvollen Verabredung im Wald geh�rt, er hatte einen Hinterhalt vermutet und war dem Prinzen mit einer Handvoll Ritter gefolgt. Und zu sp�t gekommen, wie der narbengesichtige Markgraf bitter feststellte.</p><p>�Jetzt ist alles dahin, wof�r sich die weisesten K�pfe unserer beiden Reiche lange eingesetzt haben�, sagte er leise. �K�nig Hariolf wird keinen Frieden schlie�en, ganz im Gegenteil!�</p><p>Mit diesen d�steren Worten ritten die Friesen zur�ck nach Xanten, brachten den toten Harko zu seinem Vater und zu seiner Schwester.</p><p>Siegfried blieb zur�ck, allein mit seiner Schuld und dem blutbefleckten Runenschwert.</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 10</strong></p></title><empty-line/><p>Am schlimmsten war, da� Amke ihn nur stumm anstarrte. H�tte sie ihren Blick ganz von Siegfried abgewendet oder h�tte sie ihm, schreiend oder weinend, Vorw�rfe gemacht, h�tte er es wohl einfacher ertragen.</p><p>Siegfried hatte nicht mit ihr gesprochen; er h�tte auch kaum gewu�t, was er h�tte sagen sollen. Wie sollte er Amke erkl�ren, was er getan hatte, wenn er es selbst nicht verstand!</p><p>Dann wieder, besonders in Augenblicken, wenn er seine Hand auf das Schwert legte, sagte er sich, da� Harko sein Schicksal herausgefordert hatte. Dieser eitle K�nigssohn hatte wegen seiner beleidigenden Reden eine Bestrafung verdient! Und hatte Harko sein Schwert nicht zuerst gegen Siegfried gerichtet?</p><p>Hin- und hergerissen zwischen widerstreitenden Gef�hlen stand Siegfried auf einem Wehrturm der Xantener Burg und sah zu, wie die Friesen zum Hafen zogen. Im Gegensatz zu ihrer Ankunft war es eine stumme, traurige Prozession, ohne Fanfarenklang und wehende Fahnen. Der Leib des toten Prinzen war mit einem gro�en Tuch bedeckt, der friesischen K�nigsflagge: Ein schwarzer Wolf mit goldener Krone sprang auf rotem Feld.</p><p>Viele Betrachter mochten beim Anblick des Wappens an die R�ckkehr der Friesen denken, nicht als G�ste, sondern als bis an die Z�hne bewaffnete, mordende, brandschatzende R�cher. So hatte es K�nig Hariolf an diesem Morgen verk�ndet, nachdem er die ganze Nacht am aufgebahrten Leichnam seines einzigen Sohnes gewacht hatte. Unter den Xantener Edelleuten waren Stimmen laut geworden, die Hariolf und seinen Anhang festsetzen wollten. Der K�nig sei die beste Geisel gegen seine eigene Rache, argumentierten sie. Aber K�nigin Sieglind hatte sich strikt dagegen gewandt, das heilige Gastrecht zu verletzen. Die Friesen standen unter ihrem pers�nlichen Schutz, bis sie das Gebiet der Niederlande verlassen hatten.</p><p>Dennoch bereiteten sich die Falken vom Rhein auf den Krieg mit den friesischen W�lfen vor. Sieglind hatte ihren erfahrensten Recken, Graf Reinhold von Glander, zum Kriegsherrn ernannt. Er sollte die Grenzbefestigungen verst�rken und das Land auf den bevorstehenden Kampf vorbereiten. Noch im Morgengrauen war Reinhold zur Nordgrenze des Reiches aufgebrochen. Siegfried empfand dar�ber gro�e Erleichterung. Die vorwurfsvollen Blicke Amkes und seiner Mutter waren schwer genug zu ertragen. Er wollte nicht st�ndig Reinhold, seinem Zuchtmeister, in die Augen schauen, ohne erkl�ren zu k�nnen, weshalb er das Runenschwert entweiht hatte.</p><p>Die Spitze des langen Friesenzuges hatte den Hafen erreicht. K�nig Hariolf, seine Tochter und Markgraf Onno bestiegen das k�nigliche Schiff, eins der gr��ten in der friesischen Flotte. Siegfried z�hlte zwanzig Rojerpl�tze an jeder Seite. Aber die Rojer wurden nur ben�tigt, um das Schiff nach dem Einholen des Ankers zur Flu�mitte zu bringen. Dann �bernahmen die Str�mung und ein g�nstiger Wind die Arbeit, der das gro�e rote Segel mit dem schwarzen K�nigswolf bauschte und das Schiff den Rhein hinabtrieb, gefolgt von all den anderen.</p><p>Siegfried glaubte noch, Amkes kummervollen, trostlosen Blick zu sp�ren, als das K�nigsschiff l�ngst hinter einer Flu�biegung verschwunden war. Gleichwohl sah er ihr sch�nes, ernstes Gesicht, vom Schmerz gezeichnet und doch unf�hig zu weinen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Die Tr�nen kamen erst, als sich die gro�e Burg am linken Rheinufer in den bew�lkten Himmel reckte. Amke wu�te, da� es die Schwertburg war. Siegfried hatte ihr viel von dem Ort erz�hlt, an dem er die letzten Jahre verbracht hatte. Jahre, in denen er den Schmerz �ber den Verlust des Vaters �berwunden und gelernt hatte, ein Mann zu sein.</p><p>Ihr Vater stand mit versteinertem Gesicht am Bug und blickte flu�aufw�rts, nach Norden. Im Geiste sammelte er wohl schon seine Ritter und Kriegsvasallen zum Rachezug gegen die Niederlande. Gegen die Falken vom Rhein, die erst Hariolfs Weib und jetzt seinen Sohn erschlagen hatten.</p><p>Amke bemerkte ihre eigenen Tr�nen erst, als die Schwertburg vor ihren Augen verschwamm. Seltsam: Als sie von Harkos Tod erfuhr, hatte sie nicht weinen k�nnen. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie keine Tr�ne mehr vergossen. Warum ausgerechnet jetzt, beim Anblick dieser Burg? Wegen Siegfried? Schmerzte sie sein Verlust mehr als der Tod Harkos?.</p><p>Eine andere Burg erschien vor dem Bug des Schiffes, die kleiner war und mitten im Flu� lag. Auch ihren Namen kannte Amke von Siegfried: die Rheinfeste. Der Steuerer lenkte das Schiff nach backbord, weil das Fahrwasser dort tiefer war. Hinter dem K�nigsschiff teilte sich die Flotte. Die gro�en und schweren Schiffe hielten nach backbord, die anderen nach steuerbord, um die Rheinfeste m�glichst schnell zu passieren. Trotzdem verlangsamte sich die Fahrt der Flotte. Zu eng waren die Fahrrinnen zwischen Rheinfeste und den beiden Ufern. Die Schiffsf�hrer riefen knappe Befehle. Die Rojer h�ngten sich an die Riemen und minderten die Geschwindigkeit.</p><p>Das K�nigsschiff dagegen glitt mit unverminderter Geschwindigkeit an der Rheinfeste vorbei. Schon lag die Bastion hinter Hariolfs Schiff, da fielen die Feuersterne. �berall am Himmel flammten sie auf und zogen �ber den Friesenschiffen ihre gl�hende Bahn. Sternschnuppen des Tages, die einen Feuersschweif hinter sich herzogen. Zischend verloschen sie in seinen Fluten, oder aber sie trafen ihr Ziel: die friesischen Schiffe.</p><p>Sie durchschlugen die Segel. Gierig fra� sich das Feuer durch Segelt�cher, die sofort in Brand gerieten. Andere Feuersterne entz�ndeten Ladung, Holz oder den Kalfaterteer. Die Fahrzeuge hinter dem K�nigsschiff standen in Flammen. Und einige der Flammenpfeile bohrten sich auch in Menschenleiber. Schreiend gingen Friesen �ber Bord. Einige fielen t�dlich verletzt ins Wasser. Andere sprangen hinein, um die Glut zu l�schen.</p><p>Die Flammenpfeile wurden von den Bogensch�tzen abgefeuert, die in langen Reihen am Uferstreifen und auf den Wehrg�ngen der Rheinfeste aufgetaucht waren. Zwischen jeweils zweien stand ein Fackeltr�ger, an dessen Flamme die Sch�tzen immer neue Brandpfeile entz�ndeten, um sie einen Augenaufschlag sp�ter von den Sehnen schnellen zu lassen. Das schrille, d�nne Pfeifen, wenn die Flammenpfeile die Luft durchschnitten, klang wie teuflisches Gekicher.</p><p>Panische Schreie drangen auf Amke ein: �Eine Falle, ein �berfall!� - �Schneller, an der Feste vorbei, schneller!� - �An die Riemen, wendet das Schiff!� Amke sah, da� das Feuer immer mehr Schiffe man�vrierunf�hig machte. Wurden die Steuerer von den Flammenpfeilen oder vom brennenden Segeltuch getroffen, gerieten die Schiffe au�er Kontrolle und kamen zu dicht ans Ufer oder an den Felsen im Flu�. Die Riemen, die nicht schnell genug eingezogen wurden, zersplitterten wie d�nne �ste im Sturmwind. Das Rudergeschirr brach auseinander. Voller Panik sprangen die M�nner �ber Bord, um schwimmend das nahe Land zu erreichen.</p><p>Die Schiffsf�hrer riefen ihre M�nner zur Ordnung. Sie sollten die aufgelaufenen oder hilflos im Strom treibenden Schiffe durch den Einsatz von Staken wieder flottmachen. Oft kamen alle Bem�hungen zu sp�t, war das Feuer schneller als die verzweifelten M�nner. Oder nachfolgende Schiffe, die in den engen Fahrrinnen nicht abdrehen konnten und auf die anderen prallten. Dann bohrte sich Holz auf Holz, verbogen und zersprangen die Planken, fand das willige Feuer neue Nahrung.</p><p>Als K�nig Hariolf seine brennende Flotte sah, stie� er einen Wutschrei aus, mehr Wolfsgeheul als menschlicher Laut. Er lief zum Schiffsf�hrer, einem Mann namens Ulerk, und befahl ihm, sofort zu wenden. �Ich mu� zu meinen M�nnern!�</p><p>�Nein!� fuhr Markgraf Onno dazwischen, bevor Ulerk den Befehl des K�nigs weitergeben konnte. �Wir bleiben auf Kurs. Die M�nner sollen sich in die Riemen legen!�</p><p>�Wie k�nnt Ihr wagen, meinen Befehl zu widerrufen, Markgraf?� tobte der K�nig. �Ich mu� zu meinen M�nnern. Sie stecken in einer t�dlichen Falle. Wir k�nnen sie nicht im Stich lassen, nur weil wir den Brandpfeilen durch Gottes F�gung entgangen sind!�</p><p>�Nicht durch die F�gung Gottes, sondern durch die der verr�terischen Niederl�nder!� erwiderte Onno und streckte den Arm aus. �Dort kommen sie, um Euch zu holen, mein K�nig. Und wenn sie Euch haben, haben sie auch Friesland in der Hand!�</p><p>Hariolf entdeckte ein halbes Dutzend Schiffe auf Gegenkurs. Sie hatten keine Segel gesetzt, nicht einmal Masten waren zu sehen. Die Rojer pullten aus Leibeskr�ften und trieben die Schiffe gegen die Str�mung voran. Auf den Schiffen dr�ngten sich die Bewaffneten. Speere, Schwerter und Schilde blinkten selbst im schwachen Licht dieses tr�ben Tages. Die niederl�ndischen Schiffe hielten in zwei Reihen auf Hariolfs Schiff zu.</p><p>�Wir m�ssen so schnell wie m�glich sein und die Kraft unserer Rojer mit der des Windes und der Str�mung vereinen!� stie� Onno laut hervor. �Nur dann k�nnen wir die feindlichen Reihen durchbrechen.�</p><p>�Aber meine M�nner...� versuchte der K�nig mit matter Stimme zu erwidern.</p><p>�Wir k�nnen ihnen nicht helfen�, sagte der Markgraf hart. �Wir k�nnen sie nur r�chen. Aber dazu m�ssen wir aus diesem feigen Hinterhalt entkommen!�</p><p>Hariolf sah es ein und nickte widerstrebend.</p><p>�Ulerk.� Onno wandte sich an den Schiffsf�hrer. �Alle M�nner an die Riemen. Sie sollen um ihr Leben pullen.�</p><p>Onno und Ulerk riefen die M�nner zusammen, die sich �ber Reling und Heck beugten und machtlos zusahen, wie die anderen Schiffe ihrer Flotte unter dem Hagel aus Feuerpfeilen vergl�hten.</p><p>Die Friesenschiffe, die weiter flu�aufw�rts schwammen, noch im sicheren Abstand zur Rheinfeste, wurden von niederl�ndischen Schiffen angegriffen. Und an den Ufern waren Berittene und Fu�soldaten aufmarschiert, um an Land fl�chtende Friesen festzusetzen oder niederzumetzeln.</p><p>Die Rojer des K�nigsschiffes sprangen auf ihre B�nke und schoben die Riemen durch die kleinen L�cher in den Bordw�nden. Kaum war das geschehen, z�hlte Ulerk schon einen schnellen Takt, und die Riemenbl�tter schlugen ins Wasser.</p><p>Hariolf, Onno und die Wachen griffen zu den Waffen, w�hrend die Zofen Amke unter Deck brachten, in den engen dunklen Verschlag, der streng nach Teer und Holz roch. Und nach Tod. Amke lag gleich neben der Bahre mit ihrem toten Bruder.</p><p>�Das ist doch Reinhold von Glander!� schrie Onno, als er den Mann mit den ergrauenden Haaren erkannte, der am Bug des gr��ten niederl�ndischen Schiffes stand und immer wieder kurze Rufe ausstie�, um seine Rojer anzutreiben. �Der niederl�ndische Kriegsherr selbst f�hrt den Angriff!�</p><p>�Das war auch nicht anders zu erwarten�, knurrte Hariolf, w�hrend er Schwert und Schildgriff fest umfa�te. �Wer sonst h�tte wagen k�nnen, das Gastrecht zu brechen und noch auf niederl�ndischem Boden die Klinge gegen uns zu f�hren?�</p><p>Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, als ein Pfeilregen auf das Friesenschiff prasselte. Scharfkantige Stahlspitzen bohrten sich in Holz und Menschenfleisch.</p><p>Die friesischen Krieger rissen abwehrend die Schilde hoch. Die Rojer machten sich m�glichst klein, zogen die K�pfe fast zwischen die Schultern.</p><p>�Pullt, M�nner, pullt!� br�llte Ulerk. �Nur das kann uns retten!�</p><p>Dann waren die beiden vordersten Feindschiffe heran. Ein Drei�ig-Riemen-Schiff mit Reinhold von Glander an Bord und ein Vierundzwanzigriemer. Ulerk rief dem Steuerer einen Befehl zu. Er hoffte, sein Schiff mit einer winzigen Kurskorrektur zwischen den beiden Angreifern hindurchzuman�vrieren.</p><p>Reinhold von Glander schien dieses Man�ver vorauszuahnen. Jedenfalls rief er seiner Besatzung etwas zu, und der Drei�ig-riemer drehte sich quer, auch wenn dadurch die Bordwand des niederl�ndischen Schiffes von dem friesischen Bug, dessen massiver Vordersteven in einem schwarzen Wolfskopf mit aufgerissenem Maul auslief, gespalten wurde. Es sah aus, als wolle der h�lzerne Wolf das Feindschiff zerrei�en.</p><p>Die Niederl�nder z�gerten nicht. Sie sprangen an Bord des K�nigsschiffes, Graf Reinhold allen voran. Schwerter, Speere und Schilde stie�en gegeneinander.</p><p>�Unser Schiff scheint weitgehend unbesch�digt�, rief Onno zu Ulerk. �Seht zu, da� ihr es freibekommt, w�hrend wir das Xantener Pack zur�ckwerfen! Wir k�nnen diesen Kampf nicht gewinnen, wir k�nnen uns nur retten!�</p><p>Im Kampfl�rm ging Ulerks Antwort unter. Onno sah nur noch aus den Augenwinkeln sein knappes Nicken und warf sich schon in die Schlacht, die am Bug des eigenen Schiffes entbrannt war. Vergeblich suchte er Reinhold, den hinterlistigen Verr�ter. War der Kriegsherr schon gefallen?</p><p>Doch Onno mu�te zun�chst Hariolf zur Hilfe eilen. Der K�nig wurde von drei Gegnern gleichzeitig bedroht. Er hatte seinen Schild verloren und hieb mit seinem gro�en Schwert um sich, um die gegnerischen Klingen von sich fernzuhalten. Gleichwohl blutete er schon aus mehreren Wunden.</p><p>Onno sprang zum Bug und bohrte seine Klinge von hinten gegen den Hals eines Niederl�nders. Mit solcher Wucht, da� die Eisenringe der Br�nne zerbrachen. Mit gurgelndem Laut brach der Niederl�nder zusammen. Onno zog die blutige Klinge heraus. Er sah sofort mit der Erfahrung vieler Schlachten, da� ein zweiter Sto� nicht n�tig war. Der Getroffene kr�mmte sich zu seinen F��en; er w�rde nie mehr eine Waffe f�hren.</p><p>Das r�chende Schwert eines anderen Niederl�nders krachte auf Onnos reflexartig hochgerissenen Schild. Mit kreischendem Ger�usch fuhr der niederl�ndische Stahl �ber den friesischen Eisenbeschlag und zerkratzte Onnos Wappen, ein rotes Schwert �ber einem fliegenden Vogel gleicher Farbe. Aber der Schild hielt, und der Markgraf dr�ngte den Angreifer ab.</p><p>Onno selbst schlug zu, und diesmal fing der Niederl�nder mit seinem Schild den Schlag auf. Doch Onno hatte so wuchtig zugehauen, da� der Gegner taumelte, das Gleichgewicht verlor und ins Wasser fiel.</p><p>Ihm folgte gleich noch ein Niederl�nder unter f�rchterlichem Gebr�ll: der dritte Angreifer, dem Hariolfs Klinge zwischen die Augen gefahren war.</p><p>Weitere Niederl�nder formierten sich, um K�nig Hariolf zu bedr�ngen.</p><p>Onno stand an der Seite seines Lehnsherrn und keuchte: �Ich weiche nicht von Euch, mein K�nig. Sie werden Euch nicht bekommen!�</p><p>�Nicht lebend!� zischte Hariolf und hob das Schwert zum n�chsten Streich.</p><p>Da ging ein heftiger Ruck durch das Friesenschiff. Ulerk war es gelungen, das Schiff durch den Einsatz von Staken freizubekommen. Ein ganzer Trupp Niederl�nder fiel in den Flu�. Nur noch wenige ihrer Kameraden befanden sich an Bord des rasch an Fahrt gewinnenden K�nigsschiffes. Sie fielen schnell unter den Hieben der w�tenden Friesen.</p><p>Ulerk rief mit dr�hnender Stimme seine Kommandos. In schneller Fahrt scho� sein Schiff zwischen den niederl�ndischen Fahrzeugen hindurch. Die Angreifer hatten nicht damit gerechnet, da� das K�nigsschiff so schnell freikommen w�rde. Als es die Feindschiffe erst einmal hinter sich gelassen hatte, konnten die Niederl�nder es nicht mehr einholen. Jetzt fehlten ihnen die an Land gelassenen Segel, um die Kraft des Windes zu nutzen.</p><p>�Wir haben es geschafft!� jubelte Hariolf mit grimmiger Freude. �Wir sind den gottlosen Angreifen entwischt!�</p><p>�Nicht alle, mein K�nig�, rief eine d�nne Stimme vom Heck. Es war eine von Amkes Zofen. �Sie... sie haben die Prinzessin verschleppt!�</p><p>Hariolf ri� die Augen auf und starrte die Ungl�cksbotin ungl�ubig an.</p><p>�Wer?� fragte Onno.</p><p>�Der Graf mit seinen Leuten�, antwortete die Zofe, die aus einer Stirnwunde blutete. �Sie haben Prinzessin Amke auf ihr Schiff geholt.�</p><p>Onnos Blick schien die �ngstliche Frau zu durchbohren. �Graf Reinhold von Glander?�</p><p>�Ja, Herr.�</p><p>In hilfloser Wut krampften sich Onnos H�nde um Schwert und Schild, die jetzt nutzlos waren.</p><p>Hariolf dagegen wirkte seltsam ruhig. Sein Blick wanderte rheinaufw�rts. �Ich werde zur�ckkehren und Xanten dasselbe Schicksal bescheren, das diese Hunde �ber meine Flotte gebracht haben. Die K�nigsstadt wird brennen! Kein Haus wird dort mehr stehen, wenn ich mein Werk vollbracht habe!� Noch leiser und wie einen unverbr�chlichen Schwur f�gte er hinzu: �Ich werde meine Frau r�chen, meinen Sohn und meine Tochter!�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 11</strong></p></title><empty-line/><p>�Amke hat Euch nichts getan! Wie konntet Ihr Euch an ihr vergreifen? Und warum habt Ihr das heilige Gastrecht gebrochen?� Siegfried schrie es durch den d�mmrigen Festsaal der Xantener K�nigsburg Graf Reinhold von Glander entgegen, der noch die blutbefleckte R�stung trug. Nur die flackernden Lichter der Kerzen zauberten Bewegung auf Reinholds harte Gesichtsz�ge. Er stand stocksteif, eine Hand auf den Schwertknauf gelegt, als wolle er deutlich machen, da� in Zeiten wie diesen Worte nicht mehr z�hlten, sondern nur noch die st�hlerne Sprache der Waffen.</p><p>Drau�en in den Stra�en begann das Volk zu feiern, als sei der Krieg gegen die Friesen gewonnen. Die Nachricht von Graf Reinholds siegreichem Angriff auf die Friesenflotte und von der Gefangennahme Prinzessin Amkes hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet.</p><p>Reinhold war von Siegfrieds Wutausbruch g�nzlich unbeeindruckt. �Du hast in zwei Punkten recht, Siegfried: Amke hat mir nichts getan, und ich habe das Gastrecht gebrochen. Aber die Prinzessin ist das beste Unterpfand, das wir bekommen konnten, ausgenommen K�nig Hariolf selbst. Ich habe sie nicht gern gefangengesetzt, und es fiel mir auch nicht leicht, das Gastrecht zu brechen. Aber zu beidem, zorniger Siegfried, hast du selbst mich gezwungen!�</p><p>�Ich?�</p><p>Reinhold nickte d�ster. �H�ttest du Harko nicht get�tet, w�re all das nicht geschehen. Dann h�tten wir vielleicht schon den lang ersehnten Frieden mit K�nig Hariolf geschlossen. Jetzt haben wir statt eines neuen Verb�ndeten einen erbitterten Feind.�</p><p>Die eilig zusammengekommenen Edelleute nickten und machten beif�llige Bemerkungen.</p><p>�Eure Rede mag wahr sein, Graf Reinhold�, erkl�rte K�nigin Sieglind, die neben Bischof Severin an der Tafel sa�. �Dennoch k�nnt Ihr kaum leugnen, da� Ihr gegen meinen Befehl handeltet, als Ihr durch den Angriff das Gastrecht gebrochen habt.�</p><p>�Doch, das leugne ich entschieden!� erwiderte Reinhold laut und vernehmlich.</p><p>Viele der Edlen hielten den Atem an. Entsetzte Blicke trafen den Grafen. Severin sprang trotz seiner Leibesf�lle so hastig auf, da� sein klobiger Stuhl umst�rzte.</p><p>��berlegt Euch Eure Worte, Graf Reinhold!� mahnte der Bischof mit best�rztem Gesicht. �Wollt Ihr unsere allergn�digste K�nigin der L�ge zeihen?�</p><p>�Ich stelle nur richtig, was richtiggestellt werden mu߫, entgegnete Reinhold und verneigte sich vor Sieglind. �Und wenn ich Euch beleidigt habe, meine K�nigin, bitte ich untert�nigst um Vergebung. Aber verge�t nicht, da� Ihr mich zum Kriegsherrn der Niederlande ernannt habt. Damit liegen alle Entscheidungen �ber die Kampfhandlungen gegen K�nig Hariolf bei mir. Ich konnte nicht gegen Euren Befehl versto�en, hohe Frau, weil nur ich Befehle �ber Kriegshandlungen geben kann. Solltet Ihr mit meiner Vorgehensweise nicht einverstanden sein, so ernennt einen anderen Recken zum Kriegsherrn, und ich werde mich ihm unterordnen.�</p><p>�Ihr habt gut reden!� schnaubte der Bischof; seine fleischigen Wangen zitterten vor Erregung. �Nicht Ihr allein m��t leiden, wenn K�nig Hariolf pl�ndernd und mordend Rache f�r das Unrecht sucht. Wir alle werden uns ihm stellen m�ssen, jeder Edle hier im Saal und jeder einfache Handwerker und Bauer da drau�en!� Mit unruhiger Hand deutete er zu einem der gro�en Fenster, in denen seltenes, teures Glas sa�.</p><p>�Hariolf hatte seine Rache schon beschworen, bevor er Xanten verlie߫, erinnerte Reinhold. �Jetzt haben wir zumindest eine Geisel in der Hand. Au�erdem haben die Friesen so viele Schiffe verloren, da� sie kaum einen Angriff auf dem Rhein wagen werden.�</p><p>�Dann werden sie �ber Land kommen�, brummte Severin. �Wo ist der Unterschied?�</p><p>�Im Schiffskampf sind die Friesen erfahrener als wir�, erkl�rte der Kriegsherr. �Auf dem Land haben wir gute Aussichten, sie zu schlagen.�</p><p>In der Versammlung begann ein heftiger Streit �ber die Frage zu entbrennen, ob Reinhold recht gehandelt hatte. Einige forderten seine Absetzung als Kriegsherr, andere schlugen sich auf seine Seite.</p><p>Sieglind stand auf, woraufhin alle Anwesenden verstummten. Sie rief mit fester Stimme: �Ich habe Graf Reinhold zum Kriegsherrn der Niederlande ernannt. Er hat mit K�nig Siegmund gefochten und geno� sein bedingungsloses Vertrauen. Deshalb habe ich meinen Sohn Siegfried in seine Zucht gegeben, und deshalb wei� ich, da� er der beste Mann ist, die Friesengefahr von uns abzuwenden.�</p><p>Damit war es entschieden, und pl�tzlich fanden alle, da� es die richtige Entscheidung war. Nur Severin murmelte unwillig vor sich hin, w�hrend er seinen massigen K�rper auf den von einem Diener aufgerichteten Stuhl zur�cksinken lie�.</p><p>�Wo haltet Ihr Amke gefangen?� fragte Siegfried, der sich durch die Rede seiner Mutter ein wenig beruhigt hatte.</p><p>�Hier in der Burg�, antwortete Reinhold. �In der Kemenate, die sie bis heute morgen als Gast bewohnt hat.� Er sagte es ohne jedes erkennbares Gef�hl und fuhr mit langem Blick auf seinen Sch�tzling fort: �Es wird f�r sie gesorgt, aber sie steht unter strenger Bewachung.�</p><p>Siegfried hielt dem Blick stand und erkl�rte: �Ich m�chte zu ihr.�</p><p>�Nein�, lehnte Reinhold ab. �Sie darf nur mit den Dienern verkehren.�</p><p>�Warum?� fragte Siegfried.</p><p>�Ich mu� meine Befehle nicht begr�nden!� versetzte Reinhold scharf.</p><p>Sieglind l�chelte ihren Kriegsherrn an. �Eurer K�nigin gegen�ber w�rdet Ihr sie aber gewi� erkl�ren, nicht wahr, Graf Reinhold?�</p><p>�Gewi߫, sagte Reinhold. �Ich will verhindern, da� Prinzessin Amke zuviel von unseren Pl�nen erf�hrt. Falls wir sie gegen ein anderes Pfand an die Friesen zur�ckgeben, k�nnte uns alles, was sie aufgeschnappt hat, in gro�e Schwierigkeiten bringen.�</p><p>�Ich bin kein Verr�ter!� rief Siegfried voller Zorn.</p><p>�Das habe ich auch nicht behauptet. Aber du stehst der Prinzessin nahe, wie man wohl sagen darf. Du k�nntest unabsichtlich etwas ausplaudern.� Reinholds Blick glitt von Siegfried zur K�nigin. �Au�erdem w��te ich im Augenblick nicht, was f�r einen Vorteil uns ein Besuch Siegfrieds bei der Gefangenen bringen k�nnte.�</p><p>�Ihr habt recht�, erkl�rte Sieglind nach kurzem Nachdenken und wandte sich an ihren Sohn. �Siegfried, du wirst Amke nicht sehen, bis Reinhold es dir gestattet. In allen Fragen, die den bevorstehenden Kampf gegen die Friesen betreffen, ist seinen Anordnungen unbedingt Gehorsam zu leisten!�</p><p>Der letzte Satz betraf nicht Siegfried allein, sondern die ganze Versammlung.</p><p>Siegfried f�hlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Die Worte seiner Mutter empfand er als Verrat; sie vertraute Reinhold mehr als ihrem eigenen Fleisch und Blut! Und auch von Reinhold war er entt�uscht. Der Mann, der fast eines Vaters Stelle bei Siegfried eingenommen hatte, war ihm auf einmal fremd. Es mu�te der Krieg sein, der Reinhold so ver�nderte. Schlimmer als alles andere aber wog die Erkenntnis, Amke als Gefangene zu wissen. Er konnte an nichts anderes mehr denken, konnte der Diskussion der Edelleute �ber die Kriegsvorbereitungen nicht folgen und bat seine Mutter, sich auf seine Kammer zur�ckziehen zu d�rfen.</p><p>Im halbdunklen Gang vor dem Festsaal blieb er stehen, pre�te die pochende Stirn gegen die wohltuend k�hle Steinmauer und dachte nach. Er mu�te mit Amke sprechen, m�glichst rasch, um ihr zu erkl�ren, da� er nichts von dem �berfall auf die Friesenflotte gewu�t hatte. Und da� er Harkos Tod nicht gewollt hatte, nicht wirklich, nur in diesem einen, verh�ngnisvollen Augenblick seiner Raserei.</p><p>Aber noch war es zu fr�h. Zu viele Menschen waren noch auf den Beinen, und zu aufmerksam waren die W�chter. Er w�rde es sp�t in der Nacht versuchen, wenn auch gute Soldaten m�de wurden. Mit diesem halbwegs beruhigenden Gedanken zog er sich auf seine Kammer zur�ck - und hielt pl�tzlich inne, als er ein s�uberlich gefaltetes Pergament sah. Es lag auf dem Tisch unter dem bronzenen Kandelaber, dessen vier Kerzen brannten. Ein Diener hatte die Kerzen in Siegfrieds Abwesenheit entz�ndet. Hatte er auch das Pergament unter den Kandelaber geschoben? Oder war es einer der vielen anderen Menschen in der Burg gewesen?</p><p>Siegfried fand den Gedanken pl�tzlich erschreckend, wie viele Menschen Zugang zu seiner Kammer hatten. Er lief zu der gro�en Eichentruhe mit seinen besten Kleidern und anderen Kostbarkeiten. Das Schlo� war unversehrt. Trotzdem �ffnete Siegfried die Truhe und war erst beruhigt, als seine Hand �ber das Runenschwert glitt. Und �ber das Wehrgeh�nge, das Reinhold ihm geschenkt hatte.</p><p>Der Gedanke an Reinhold, der ihm den Zugang zu Amke verweigerte, entfachte pl�tzlich gro�e Wut in Siegfried. Seine Rechte umklammerte den Schwertgriff, w�hrend er daran dachte, mit der Waffe zur�ck in den Festsaal zu st�rmen und Reinhold zum Zweikampf zu fordern. Sollte der blanke Stahl entscheiden, ob Siegfried zu Amke durfte oder nicht!</p><p>Kaum hatte seine Hand das Schwert losgelassen, erkannte er, wie n�rrisch der Gedanke war. So handelte kein Mann, nur ein dummer Junge. Er gab sich einen Ruck und klappte den schweren Deckel der Truhe wieder zu. Aber er verschlo� die gro�e Kiste nicht. Er hatte ein unbestimmtes Gef�hl, da� er das Runenschwert in dieser Nacht noch brauchen w�rde.</p><p>Das Pergament!</p><p>In seinem pl�tzlich aufgewallten Ha� gegen Reinhold hatte er es fast vergessen. Er ging zum Tisch und zog es unter dem Kandelaber hervor. Es war glatt und doch recht fest, fast ein wenig wie Samt. Wahrscheinlich aus Kalbshaut hergestellt und daher sehr teuer. Dunkle Tinte schimmerte im Kerzenlicht. Wer immer ihm eine Botschaft sandte, mu�te eine wohlhabende, hochstehende Pers�nlichkeit sein.</p><p>Als Siegfried das Pergament auseinanderfaltete, blickte er auf lateinische W�rter, fehlerfrei geschrieben. Die Nachricht war knapp und n�chtern:</p><p><emphasis>Nur Du kannst einen Krieg mit dem K�nigreich Friesland verhindern, Siegfried. Ich helfe Dir dabei. Komme um Mitternacht in den �Blauen Schwan�. Zu niemandem ein Wort. Und bringe das Runenschwert mit. - Vagabundus.</emphasis></p><p>Voller Erstaunen starrte Siegfried auf die d�rren Worte. So kurz und einfach die Botschaft war, so sehr verwirrte sie ihn. Wer war dieser Vagabundus, da� er den Prinzen von Xanten so vertraulich ansprach? Was wu�te er von dem Runenschwert? Wie sollte Siegfried den drohenden Krieg verhindern k�nnen? Und was machte dieser mysteri�se Vagabundus im �Blauen Schwan�? Die Kaschemme lag in der verrufensten Gegend des Xantener Hafens. Das pa�te �berhaupt nicht zu dem feinen Pergament, der gestochen scharfen Schrift und dem perfekten Latein.</p><p>Nat�rlich dachte Siegfried an eine Falle. Aber was trieb den Unbekannten, ihn so offensichtlich in einen Hinterhalt zu locken?</p><p>Unwillk�rlich wanderte Siegfrieds Blick durch den Raum und blieb an der mit Bronze verzierten Truhe h�ngen. <emphasis>Und bringe das Runenschwert mit.</emphasis></p><p>Gab es jemanden, der sich das magische Schwert aneignen wollte? Aber wenn er von dem Schwert wu�te, warum hatte er es nicht gestohlen?</p><p>Nur kurz zog Siegfried in Erw�gung, seine Mutter oder Reinhold einzuweihen. Wieder sah er auf das Pergament. <emphasis>Zu niemandem ein Wort.</emphasis></p><p>Siegfried wollte nichts verderben. Er mu�te jede noch so kleine M�glichkeit nutzen, einen Krieg zwischen den Niederlanden und Friesland zu verhindern. Seit dem blutigen Handstreich auf dem Rhein traute Siegfried seinem Zuchtmeister alles zu. Auch da� Reinhold Amkes Leben opferte, um die Friesen zu besiegen. F�r Siegfried gab es nur einen Weg, wenn er auch riskant war: Er mu�te der geheimnisvollen Einladung dieses Vagabundus folgen - mit dem Runenschwert!</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Wer seid Ihr? Und wohin des Wegs?�</p><p>Der Wachhabende an dem kleinen Nordtor, das nur Lieferanten und Dienstboten benutzten, schnarrte es monoton heraus, fast ohne nachzudenken. Er war ein hagerer, trief�ugiger Mann mit stoppeligem Kinn. In g�nzlich unsoldatischer Haltung lehnte er mit dem R�cken am dicken Mauerwerk. Seine beiden Kameraden lungerten �hnlich gelassen herum, unterhielten sich leise und stie�en hin und wieder ein heiseres Lachen aus. Die Unterhaltung drehte sich offenbar um Huren, die vor einiger Zeit nach Xanten gekommen waren.</p><p>�Ich mu� in die Stadt�, erklang eine Stimme hinter dem Umhang, den die Gestalt kapuzenartig um den Kopf gelegt und so weit �ber das Kinn gezogen hatte, da� nur die Augen zu sehen waren.</p><p>�Das m��te ich auch�, kicherte der Wachhabende. �Hab� dort eine h�bsche Maid, die Tochter eines Korbflechters. Die wird zwischen ihren drallen Schenkeln feucht wie�n Wasserfall, wenn sie einen Mann nur vor�m Haus vorbeigeh�n h�rt, was?� Er blickte seine Kameraden an, und sie fielen in sein Gekicher ein. Der Wachhabende r�usperte sich und fuhr fort: �Aber ich kann leider nicht weg. Wachverst�rkung, wegen dieser fischfressenden Friesenbande, die uns den Krieg erkl�rt hat. <emphasis>H�chste Aufmerksamkeit </emphasis>hat Graf Reinhold geboten. Und die wird Euch jetzt zuteil, Euer Merkw�rden. Also nennt Euren Namen und zeigt Euer Gesicht, oder seid Ihr gar ein friesischer Spion?�</p><p>�Wohl kaum�, erwiderte leise der Vermummte und lie� den Umhang so weit fallen, da� sein Gesicht zu sehen war.</p><p>Sofort verschwand der sp�ttische Ausdruck aus dem unrasierten Gesicht des Wachhabenden. Er bem�hte sich um eine stramme Haltung, w�re dabei fast gest�rzt und konnte gerade noch von einem Kameraden aufgefangen werden. Der unerwartete k�rperliche Einsatz f�hrte bei dem Wachhabenden zu einem lauten, langen R�lpser, der stark nach gew�rztem Met roch.</p><p>�Prinz Siegfried!� stie� der Mann �berrascht hervor. �Was tut Ihr hier zu so sp�ter Stunde?�</p><p>�Wie ich gerade sagte, ich will in die Stadt.�</p><p>�Ich... ich wei� nicht, ob... ich das gestatten kann�, stammelte der Hagere.</p><p>�Wieso nicht?� fragte Siegfried streng. �Seit wann bedarf der Sohn der K�nigin der Erlaubnis einfacher Wachen, wenn er seine Burg verlassen will?�</p><p>Der Wachhabende rieb verlegen sein spitzes Kinn. �Vielleicht, seitdem wir Krieg mit den Friesen haben. Ich sollte wohl besser Graf Reinhold fragen.�</p><p>�Graf Reinhold schl�ft und will nicht gest�rt werden�, erwiderte Siegfried. �Es war ein anstrengender Tag f�r ihn. Man vernichtet nicht jeden Tag eine feindliche Flotte.�</p><p>�Nein, gewi� nicht�, meinte der Hagere in dem leutseligen Ton, in dem auch der Prinz von Xanten zuletzt gesprochen hatte.</p><p>�Die ganze Stadt hat gefeiert. Ihr wohl auch, wie?�</p><p>�Was meint Ihr, Herr?� fragte der Wachhabende.</p><p>�Na, den Met, den ihr intus habt. Riecht ja, als w�rde das f�r eine ganze Armee reichen.�</p><p>�Ja, ich habe ein wenig getrunken�, ging der Hagere auf Siegfrieds vertraulich klingende Worte ein. �Das haben ja alle heute.�</p><p>Siegfried nickte verst�ndnisvoll, aber dann erkl�rte er mit schneidender Stimme, ganz wie ein Befehlshaber: �Nur haben heute nicht alle Wache! Ihr wi�t doch, da� es verboten ist, betrunken Wache zu stehen, oder?�</p><p>�J-ja.�</p><p>�Und ihr kennt auch die Strafe, die darauf steht?�</p><p>�Die... St�upe�, kam die z�gerliche Antwort. �F�nfzig Schl�ge auf den nackten R�cken.�</p><p>�Das gilt nur in Friedenszeiten�, erwiderte Siegfried und l�chelte den Hageren malizi�s an. �Im Kriegsfall sind es hundert Schl�ge, in besonders schweren F�llen auch nur einer: mit dem Richtschwert auf den Nacken. Ich finde schon, da� es sich bei der Wache an der K�nigsburg um einen besonders schweren Fall handelt. Ihr nicht, Soldat?�</p><p>�Ich...� Der Mann schwitzte pl�tzlich und wischte mit dem Handr�cken �ber seine Stirn. �Prinz Siegfried, ich wollte nicht... Ich meine, es war nicht meine Absicht...� Er schien nicht mehr in der Lage, einen zusammenh�ngenden Satz hervorzubringen. Dicke Schwei�perlen traten auf seine Stirn.</p><p>�Ich schlage Euch eine Abmachung vor, Soldat. Ihr la�t mich passieren und verge�t, da� ich hiergewesen bin. Zu niemandem ein Wort, versteht Ihr? Das gilt auch f�r Eure Kameraden. Dann vergesse ich, in welchem Zustand ich Euch angetroffen habe.�</p><p>Der Wachhabende brauchte nicht zu �berlegen. Er nickte dankbar. Auch die anderen beiden W�chter schienen einverstanden. L�ngst lungerten sie nicht mehr herum, sondern standen aufrecht vor ihrem Prinzen, bem�ht, ein w�rdevolles soldatisches Bild abzugeben.</p><p>Siegfried beachtete sie nicht weiter und schritt �ber die schmale Zugbr�cke. Erst als er den tiefen Wassergraben �berquert hatte und in das H�usergewirr der Stadt eintauchte, blieb er stehen, lehnte sich gegen eine Wand und wischte mit der Kapuze den Schwei� aus seinem Gesicht. Zum Gl�ck hatte der Wachhabende in seiner Angst nicht bemerkt, da� Siegfried kaum weniger aufgeregt gewesen war als er. Er g�nnte sich nur eine kurze Pause. Der �Blaue Schwan� lag im S�dhafen. Er mu�te sich beeilen, wenn er um Mitternacht dort sein wollte. Je n�her er dem Hafenviertel kam, desto belebter wurden die engen Gassen. Schiffer, Gaukler, Bettler und jede Menge H�bschlerinnen trieben sich herum. Immer wieder wich Siegfried ausgestreckten Bettlerklauen aus oder schamlosen Huren, die sich ihm in den Weg stellten. Einige der Dirnen waren so unansehnlich, da� er nicht verstand, wie sie �berhaupt etwas verdienten.</p><p>Der �Blaue Schwan�!</p><p>Das Haus war gro�, mit mehreren Anbauten, das Hauptgeb�ude mit einem Obergescho�. Ein gro�es Schild mit einem langhalsigen blauen Holzvogel schepperte leise im Nachtwind, der �ber Xantens D�chern mit den Wolken spielte. Die Fenster waren unverh�llte L�cher, und die T�r unter dem Holzschwan stand weit auf. Es war trotz der Wolken und der sanften Brise eine schw�le Nacht. Gel�chter, Geschrei, Gesang und Musik drangen her�ber, ein w�stes, lautes Stimmengewirr.</p><p>Siegfried schob sich in die Kaschemme hinein. Unter der niedrigen Decke des gro�en Schankraums stauten sich die widerw�rtigsten Ger�che. Bier, Wein, Met und Essensd�mpfe geh�rten noch zu den angenehmsten. Siegfried wurde von der Enge und dem Gestank beinahe �bel, als er sich zum Tresen vordr�ngte. Immer wieder mu�te er die H�nde zudringlicher H�bschlerinnen abstreifen. Eins dieser Weiber ri� ihm mit einer schnellen Bewegung die Kapuze vom Kopf. Siegfried stockte der Atem, weil er bef�rchtete, erkannt zu werden. Aber die Dirne lachte rauh und lie� ihre Hand durch sein Haar fahren. �Was f�r ein h�bscher Bursche! Und noch so jung! Du solltest dein sch�nes Gesicht nicht verstecken. Ich wette, du hast auch sonst einiges zu bieten.�</p><p>Sie stand dicht vor ihm, zeigte schwarze Zahnstummel und stank nach F�ulnis und billigem sauren Wein. Siegfried stie� die Frau unsanft von sich. Sie stolperte, st�rzte zu Boden und rief ihm w�ste Beschimpfungen nach. Einiges kannte er schon von den Dienstboten auf der Schwertburg, aber vieles h�tte ihn in anderer Umgebung zum Err�ten bringen k�nnen. Hier bem�hte er sich, ruhig zu bleiben, wie ein Mann, der an so etwas gew�hnt war.</p><p>Ein heftiger Sto� brachte ihn ins Taumeln. W�re er nicht von zwei Schiffern aufgefangen worden, h�tte er sich neben der H�bschlerin am Boden wiedergefunden.</p><p>�Gut so, Arko!� keifte die grobknochige Dirne. �Zeig�s dem feinen Herrn, der sich zu gut f�r die feurige Framgard d�nkt!�</p><p>Siegfried fuhr herum und starrte in ein von Eiterbeulen �bers�tes Gesicht. Arko war ein H�ne wie Siegfried. Seine felsgro�e Rechte war zur Faust geballt. Die linke Hand fehlte. Am Armstumpf steckte eine h�lzerne Manschette, aus der eine unterarmlange Klinge mit scharfen, gebogenen Zacken ragte.</p><p>Der L�rm in der Kaschemme verstummte abrupt. Um Siegfried und Arko zogen sich die G�ste des �Blauen Schwans� zur�ck. Niemand schien Lust zu versp�ren, sich von Arko aufschlitzen zu lassen, schon gar nicht grundlos.</p><p>�Was f�llt dir ein, milchgesichtiger Bastard!� kreischte Arko mit einer Stimme, die f�r seinen m�chtigen K�rper viel zu schrill wirkte. �Niemand st��t meine Framgard zu Boden, verstanden? Ich werde dir schon feines Benehmen beibringen!�</p><p>Zur Bekr�ftigung seiner Worte spuckte Arko im weiten Bogen aus. Dann machte er auch schon einen Satz nach vorn und schlug mit der scharfzahnigen Klinge nach Siegfried. Der Prinz entging der ungew�hnlichen, aber bedrohlichen Waffe, indem er auf einen niedrigen Tisch sprang.</p><p>Arko zeigte sich nur f�r einen Augenaufschlag verbl�fft. Dann krachte seine Rechte unter die Tafelplatte und warf sie von den h�lzernen B�cken. Siegfried st�rzte zu Boden, zusammen mit unz�hligen Karaffen, Tellern und Bechern. Als ein Schatten auf ihn fiel, rollte er sich flink zur Seite. Arkos Armmesser zerhieb eine Tonkaraffe. Bier spritzte nach allen Seiten.</p><p>Siegfried sprang auf und schleuderte dem erneut angreifenden Kuppler seinen Umhang entgegen. Arko verfing sich darin wie in einem Fischernetz. Das grobe Wolltuch, das Siegfried eigens f�r dieses Unternehmen ausgew�hlt hatte, tat ihm gute Dienste. Arko tapste einen Moment wie ein blinder Tanzb�r umher. Mehr als diesen kurzen Moment brauchte Siegfried nicht. Als Arko das Tuch endlich mit w�tendem Schnauben abgestreift hatte, sp�rte er Siegfrieds Klinge an seiner Kehle. Das Runenschwert lag sicher in der Hand. Der Prinz von Xanten f�hlte sich pl�tzlich �berlegen und vollkommen Herr der Lage. Es bedurfte nur einer Handbewegung, und Arko hatte seinen letzten Atemzug getan. Alles in Siegfried gierte danach, dem Kuppler das Leben zu nehmen!</p><p>Arko stand vollkommen reglos da und wagte kaum zu atmen. Das w�tende Feuer in seinen Augen war erloschen. Pure Angst gl�nzte in ihnen, wie bei einem Tier, das erkannt hatte, da� man es zur Schlachtbank f�hrte.</p><p>�Genug Unfug!� rief eine d�nne Stimme dicht neben Siegfried. �H�rt doch auf zu streiten, Freunde. Baut die Tafel wieder auf und zecht weiter!�</p><p>Anfangs sah Siegfried niemanden, als er sich aus den Augenwinkeln umblickte. Dann erst bemerkte er eine kleine Gestalt, die ihm noch nicht einmal bis zu den Ellbogen reichte. So �hnlich mu�ten die Zwerge ausgesehen haben, von denen sich die Alten erz�hlten.</p><p>�Gebt endlich Ruhe, junger Freund�, bat das M�nnchen, das flehend zu Siegfried aufschaute. �Ich bin sicher, Arko wird sich bei Euch entschuldigen und Euch eine Karaffe vom besten Met spendieren.�</p><p>�Eine ganze Karaffe?� brummte der Kuppler. Als der warnende Blick des Kleinen ihn traf, meinte er: �Also gut, eine Karaffe. Aber nicht mehr!�</p><p>�Ich will gar nichts trinken!� sagte Siegfried, w�hrend er Arko weiterhin mit dem Runenschwert bedrohte.</p><p>�Nichts trinken?� Der Kleine schaute verwundert drein. �Ja, was sucht Ihr dann in meiner Kaschemme?�</p><p>�Du bist der Wirt?�</p><p>�In ganzer Lebensgr��e�, gackerte der Kleine. �Magnus ist mein Name.� Er gackerte noch lauter. �Das kommt aus dem Lateinischen und hei�t...�</p><p>�Ich wei�, was es hei�t�, unterbrach Siegfried den redseligen Kerl und nahm z�gernd das Schwert herunter. �Kommst du mir noch einmal zu nahe, Arko, verlierst du auch deine andere Hand - und deinen Kopf!�</p><p>Der Kuppler zog sich taumelnd zur�ck. Die feurige Framhild war inzwischen aufgestanden, aber sie begann zu keifen und wollte sich offenbar nicht damit zufriedengeben, da� Siegfried so straflos ausging. Arko versetzte ihr eine schallende Ohrfeige, die sie erneut zu Boden schickte. Die Menge lachte, und die H�bschlerin hatte genug.</p><p>�Ich suche jemanden�, sagte Siegfried zu Magnus, w�hrend er das Schwert zur�ck in die Scheide steckte. Ihm fielen die begehrlichen Blicke auf. Sie galten dem pr�chtigen Schwert und dem reichverzierten Wehrgeh�nge. Schnell nahm er seinen Umhang auf und legte ihn um die Schultern, um den Prunk vor den gierigen Augen zu verbergen.</p><p>�Hier verkehren keine reichen Herren�, erkl�rte der Wirt.</p><p>�Ich wei� nicht, ob er reich ist.�</p><p>�Ihr kennt ihn nicht?�</p><p>�Nur seinen Namen. Er nennt sich Vagabundus.�</p><p>Magnus ri� die Augen auf und fragte: �Seid Ihr ein Freund oder ein Feind von Vagabundus?�</p><p>�Das wird sich herausstellen. Du kennst ihn also, Wirt?�</p><p>Magnus nickte. �Ihr m��t der junge Bursche sein, den ich zu ihm bringen soll. Ich h�tte Euch eher erkennen sollen, aber durch den kleinen Streit war ich zu aufgeregt. Kommt mit, ich f�hre Euch zu ihm!�</p><p>Der Wirt wieselte so flink durch die G�steschar, da� Siegfried M�he hatte, ihm zu folgen. Magnus schlug eine dicke Flechtmatte beiseite und tauchte in einen engen, d�steren Durchgang ein. Siegfried mu�te sich b�cken. Vorsichtshalber legte er die Rechte auf den Schwertgriff.</p><p>Sie kamen auf einen kleinen Hinterhof, auf dem es nach Viehmist stank. �ber eine enge, morsche Au�entreppe ging es zum Obergescho�. Ein dickes Tuch hing vor einer Fenster�ffnung, und nur schwacher Lichtschein drang nach drau�en. Magnus stie� eine quietschende T�r auf, deutete eine Verbeugung an und sagte: �Vagabundus wartet auf Euch, junger Herr.�</p><p>Siegfried nickte knapp und ging an ihm vorbei. Kaum hatte er die kleine Kammer betreten, da schlug Magnus auch schon die T�r von au�en zu. Siegfried h�rte seine trippelnden Schritte auf der knarrenden Stiege.</p><p>Auf einem kleinen Tisch brannte ein klobiger Kerzenrest, dessen gelblicher Schein nicht bis in die hintersten Ecken reichte. Auch nicht bis zu der verh�llten Gestalt, die dort sa� und sich mit etwas besch�ftigte, das leise klackernde Ger�usche verursachte. Siegfried nahm an, es seien Spielw�rfel.</p><p>Er hielt sich ebenfalls au�erhalb des Lichtscheins, weiterhin die Rechte am Schwertknauf, und sagte mit bem�ht fester Stimme: �Hier bin ich, Vagabundus. Was habt Ihr mir zu sagen?�</p><p>�Ich freue mich, da� du gekommen bist, mein Sohn�, erwiderte eine tiefe Stimme.</p><p>Siegfried trat zum Tisch, nahm die Kerze auf und hielt sie so, da� ihr Schein auf die schattenhafte Gestalt fiel. �Ihr?� fragte er kopfsch�ttelnd. �Ihr seid Vagabundus?�</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Setz ab, Tiedo! Sauf uns nicht alles weg!� kr�hte der rotb�rtige Imbert und streckte seine Hand nach dem ledernen Schlauch aus. Er reckte das bartumwucherte Kinn vor und sah seinen Kameraden b�se an.</p><p>Der hagere Tiedo setzte den Metschlauch ab, stie� einen scharfen R�lpser aus und leckte die klebrigen Reste von seinen d�nnen Lippen. Selig blickten seine Triefaugen auf den Schlauch. Der Ausdruck wechselte zu Bedauern, als er den Met an den Kameraden weiterreichte, der so gierig trank, da� er sich verschluckte und in lautes Husten und Prusten ausbrach.</p><p>Osbern, der dritte Wachtposten am Nordtor, griff nach dem Schlauch, w�hrend Tiedo dem zusammengekr�mmten Rotb�rtigen kr�ftig auf den R�cken klopfte. �Schon gut, Imbert, nicht jedem bekommt der W�rzmet.�</p><p>�Vielleicht ist er Imbert nicht gut genug�, kicherte der spitzn�sige Osbern, nachdem er sich am Met g�tlich getan hatte. �Unser Freund vertr�gt vielleicht nur ganz teuren Wein, wie ihn die edlen Herren trinken.�</p><p>�Der junge Prinz trinkt bestimmt keinen Met�, meinte Imbert, der sich wieder gefangen hatte. �Dazu m��te er nicht heimlich in die Stadt schleichen.�</p><p>Osbern nickte zustimmend. �Wundert mich auch, was er dort sucht.�</p><p>�Na, was wohl?� Tiedo stie� ein heiseres Lachen aus. �Das, was er auf der Burg nicht haben kann, weil ihm da die K�nigin und sein Zuchtmeister auf die Finger sehen. Das, was jeder gesunde Mann braucht: kr�ftigen W�rzmet und die gro�en Br�ste einer H�bschlerin!�</p><p>�Hauptsache, gro�!� griente Imbert und starrte sehns�chtig �ber den Burggraben hinweg auf die H�user Xantens.</p><p>Osbern blickte den Wachhabenden ungl�ubig an. �Meinst du wirklich, Tiedo, ein feiner Herr wie unser Prinz gibt sich mit Hafenmetzen ab?�</p><p>�Auch ein feiner Herr ist ein Mann.� Wieder lachte Tiedo. �Minnesang und Liebesgedichte allein k�nnen einen Mann auf die Dauer nicht befriedigen.�</p><p>Die anderen beiden fielen in sein meckerndes Gel�chter ein, so laut, da� sie den Mann nicht h�rten, der im Schatten der Burgmauer zum Nordtor kam. Erst als er in den Schein der beiden am Torbogen h�ngenden Fackeln trat und dicht vor den l�ssig an die Wand gelehnten Wachen stand, bemerkten sie ihn. Osbern lie� vor Schreck den Metschlauch fallen.</p><p>�Wenn der Witz gut war, so m�chte ich ihn h�ren!� sagte Graf Reinhold von Glander mit einem unechten, eher bedrohlich wirkenden L�cheln. �Vielleicht heitert mich das so weit auf, da� ich davon absehe, euch dem Scharfrichter zu �berantworten.�</p><p>�Dem Scharfrichter?� Tiedos Augen weiteten sich. �Aber wieso denn, Herr?�</p><p>�Deshalb!� Reinholds Fu�, der in einem schwarzgl�nzenden Lederstiefel steckte, schnellte vor und traf den Metschlauch. Der Schlauch flog durch das offene Tor, schlitterte �ber das Holz der Zugbr�cke und fiel in die Tiefe. Es dauerte einen Moment, bis ein leises Platschen an die Ohren der M�nner drang. �Damit w�re das Beweisst�ck f�r euren Suff vernichtet�, fuhr der Kriegsherr fort. �Jetzt m��t ihr nur noch den Zeugen bestechen!�</p><p>�Welchen Zeugen?� fragte der vom Met verwirrte Wachhabende.</p><p>�Mich!� antwortete Reinhold.</p><p>Tiedo hob hilflos die H�nde, es wirkte wie ein Flehen. �Aber, Herr! Wie... wie k�nnten wir Euch bestechen? Niemand von uns besitzt soviel Geld, da� es Euch lohnenswert erschiene!�</p><p>�Ich rede nicht von Geld. Gebt mir eine Auskunft, und ich werde eure Vergehen nicht weiter ahnden.�</p><p>�Was wollt Ihr wissen, Herr?� Tiedo keuchte wie ein Ertrinkender, der im letzten Augenblick aus dem Rhein gezogen wurde.</p><p>�Hat Prinz Siegfried die Burg durch dieses Tor verlassen?�</p><p>Tiedo erschrak und bem�hte sich, sein Entsetzen vor dem Kriegsherrn zu verbergen. Er wechselte kurze Blicke mit Imbert und Osbern, aber auch die beiden wirkten ratlos. Tiedo blickte zu Boden, auf seine matten, fleckigen Stiefelspitzen. Er wagte nicht, dem hohen Herrn in die Augen zu sehen.</p><p>Die Lage war mehr als vertrackt! Gab er Reinhold die gew�nschte Auskunft nicht, w�rde der Kriegsherr Tiedo und seine beiden Kameraden dem Scharfrichter �bergeben. Verriet Tiedo aber Siegfried, w�rde der Prinz sie ebenso grausam bestrafen. Tiedo begann zu schwitzen und lockerte mit dem Finger die Halsberge seines Kettenhemdes.</p><p>�Was ist, Soldat?� fragte Reinhold barsch. �Hat der Met dir die Sprache verschlagen?�</p><p>Tiedo sch�ttelte matt den Kopf und fragte mit vor Angst bebender Stimme: �Versprecht Ihr, uns vor Strafe zu bewahren, wenn wir Euch die erw�nschte Auskunft geben?�</p><p>Reinholds Rechte zuckte vor und versetzte Tiedos Wange einen schmerzhaften Streich. Der Wachhabende zog erschrocken sein Haupt zur�ck und prallte mit dem Hinterkopf gegen die Steinmauer.</p><p>�Du Hund wagst es, mir, deinem Kriegsherrn, ein Ehrenwort abzuverlangen?� br�llte Reinhold. �F�r was h�ltst du dich? Wenn du nicht mit der Sprache herausr�ckst, werden die Folterknechte deine Zunge l�sen!�</p><p>�Ich bitte Euch um Vergebung, Herr�, keuchte Tiedo rasch. �Prinz Siegfried ist tats�chlich durch das Tor gegangen. Aber er trug uns auf zu schweigen. Nur deshalb habe ich Euch nicht gleich geantwortet, Graf Reinhold.�</p><p>�Wann ist Siegfried durch das Tor gegangen?�</p><p>�Es ist noch keine halbe Stunde her.�</p><p>�War der Prinz allein?�</p><p>�Ja.�</p><p>�Beritten?�</p><p>�Nein, Herr.�</p><p>�Was war sein Ziel?�</p><p>�Das hat er uns nicht genannt.�</p><p>�Ist euch sonst etwas aufgefallen?�</p><p>Tiedo �berlegte kurz und sagte dann: �Der Prinz wollte wohl nicht erkannt werden. Er hatte einen Umhang um seinen Kopf gewickelt.�</p><p>Reinhold schaute nachdenklich durch den Torbogen auf das H�usermeer Xantens. Ruckartig wandte er sich zum Gehen um. Tiedo wollte schon aufatmen. Da blieb der Kriegsherr abrupt stehen, drehte den Kopf und rief: �Die n�chste betrunkene Wache, auf die ich sto�e, bekommt von mir eigenh�ndig zu trinken, und zwar Rheinwasser bis zum Verrecken!�</p><p>Mit schnellen Schritten in Richtung Palas entfernte sich der Graf und wurde schlie�lich eins mit den Schatten der Nacht. Wie ein b�ser Traum, der in den dunklen Abgr�nden verschwand, aus denen er emporgestiegen war. Oder wie ein Teufel, der zur�ck in die H�lle fuhr.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Hei�es Wachs tropfte von dem Kerzenstummel auf seine Hand und erl�ste Siegfried aus der Starre, die ihn beim Anblick des geheimnisvollen Vagabundus befallen hatte. Er stellte die tropfende Kerze auf die Anrichte mit den kleinen St�ben, die er f�r W�rfel gehalten hatte. Aber es waren keine W�rfel. �hnliches hatte er schon einmal gesehen, in jener Nacht am Rhein, in Reinholds Lederbeutel: Runenst�be.</p><p>Das Kerzenlicht glitt auf die Runen und auf den Mann, der auf einer schmalen Pritsche sa� und Siegfrieds erstaunten Blick ruhig erwiderte. Sogar im Sitzen fiel sein hoher Wuchs auf. Doch war er nicht ganz so gro� wie Siegfried, weniger sehnig, daf�r etwas kr�ftiger gebaut, wie es das zunehmende Alter mit sich brachte. Aber so alt, wie er mit den grauen Haaren und dem grauen Vollbart wirkte, war er noch nicht. Als Siegfried ihn das letztemal gesehen hatte, waren die Haare noch dunkler gewesen und das Gesicht rasiert. Grau war die beherrschende Farbe an dem Mann. Grau waren seine Augen und die buschigen Brauen. Grau war auch der Umhang, der lose um seine Schultern lag.</p><p>�Deine Augen erkennen mich, Siegfried, aber dein Verstand scheint sich zu str�uben.�</p><p>�Kein Wunder�, erwiderte der Prinz mit belegter Stimme. �Manche hielten Euch schon f�r tot, f�r eine Legende oder einen Geist. Weshalb seid Ihr dann zur�ckgekehrt?� Siegfrieds Stimme klang aggressiv. Er spielte das Spiel des anderen, notgedrungen, aber es gefiel ihm nicht. Jahrelang war der Mann, der sich Vagabundus nannte, verschollen gewesen. Und jetzt tauchte er aus dem Nichts auf und bestellte Siegfried zu nachtschlafender Zeit in diese schmutzige Kaschemme!</p><p>�Ich kam her, um dich und das ganze Reich vor gr��erem Schaden zu bewahren�, erkl�rte Vagabundus und f�gte leise hinzu: �Falls es noch m�glich ist.�</p><p>�Ihr meint den Krieg mit Friesland?�</p><p>�Ganz recht.�</p><p>�Ich glaube nicht, da� Ihr noch etwas �ndern k�nnt. Zu schwer wiegen Prinz Harkos Tod und Prinzessin Amkes Entf�hrung.�</p><p>�Vielleicht k�nnen wir K�nig Hariolf doch umstimmen, wenn wir den wahren �belt�ter �berf�hren.�</p><p>�Ich verstehe Euch nicht�, bekannte Siegfried.</p><p>�Da� du Prinz Harko get�tet hast, geschah nicht durch Zufall, Siegfried. Deine Wut, die dich mit dem Schwert zuschlagen lie�, mag dir angeboren sein, aber entfacht und verst�rkt wurde sie durch den b�sen Zauber des Runenschwertes.�</p><p>�Ihr wi�t, da� ich...�</p><p>�Da� du in der Wolfsburg und in der Schlangenh�hle gewesen bist, tapferer Recke.� Vagabundus nickte. �Ich war stets in der N�he.�</p><p>�Der Graue Geist!� entfuhr es Siegfried.</p><p>Vagabundus blickte ihn fragend an, und Siegfried berichtete von der geisterhaften Gestalt, die er den Grauen Geist genannt hatte. �Jetzt wei� ich, da� Ihr es wart.�</p><p>Vagabundus nickte. �Ich ahnte das Unheil schon lange. In letzter Zeit mehrten sich die b�sen Zeichen und die schlechten Nachrichten, die mich erreichten. Ich beobachtete den Verr�ter und griff nicht ein, um seine Pl�ne g�nzlich zu erfahren. Wie es aussieht, habe ich zu lange gez�gert. Aber zumindest ist er nicht im Besitz des Runenschwertes. Gut, da� du es mitgebracht hast!�</p><p>�Woher wi�t Ihr das?� wollte Siegfried wissen. Zwar mochte ein guter Beobachter unter seinem Umhang die Umrisse der Waffe erkennen, aber nicht, da� es sich um das magische Schwert der G�tter handelte.</p><p>�Ich f�hle es�, erkl�rte Vagabundus, w�hrend er die Runenst�be in einen Leinenbeutel strich. �Und die Runen haben es angek�ndigt.� Er seufzte schwer. �Leider sprechen sie nicht immer eine so deutliche Sprache, sonst lie�e sich viel B�ses verhindern.�</p><p>�Ihr sprecht auch keine deutliche Sprache�, entgegnete Siegfried mit wachsendem Zorn. �Je mehr Ihr erkl�rt, desto weniger verstehe ich. Von welchem Verr�ter sprecht Ihr? Und warum soll das Runenschwert meine Wut entfacht haben?�</p><p>Die grauen Augen blickten Siegfried eindringlich an. �Ich sehe dir an, da� du es sp�rst, Siegfried. Tief in dir wachsen die Zweifel. Hast du noch nicht daran gedacht, da� mit dem Runenschwert das Ungl�ck �ber die Niederlande gekommen ist? Sp�rst du es nicht, wenn du das Schwert tr�gst, wenn du es ber�hrst? F�hlst du nicht die b�se Macht, die sich deiner bem�chtigt, das Gute in dir unterdr�ckt und das B�se, das Schlechte zum Vorschein holt? Ich meine Ha� und Zorn, die Quellen der Zerst�rung!�</p><p>In den Worten lag viel Wahrheit. Tats�chlich f�hlte sich Siegfried unbesiegbar, wenn er das Runenschwert in H�nden hielt. So, als k�nne er es mit der ganzen Welt aufnehmen. Aber war es nicht der Wille Wodans, da� seine Abk�mmlinge die m�chtigsten Herren wurden?</p><p>�Was dachtest du dir nur dabei, das Schwert zu bergen und zusammenzusetzen?� fragte Vagabundus kopfsch�ttelnd. �H�ltst du deinen Vater f�r einen Narren, da� er das Runenschwert zerbrach? Meinst du, ich h�tte es an so unzug�nglichen Orten verborgen, wenn ein Knabe es f�hren sollte?�</p><p>�Ich bin kein Knabe mehr!� rief Siegfried zornig.</p><p>�Ein Mann h�tte �berlegter gehandelt�, spottete Vagabundus und sch�ttelte sein graues Haupt.</p><p>Siegfried reagierte blitzschnell. Er warf den Umhang ab, zog das Schwert aus der Scheide und stie� die Klinge vor, gegen den Leib des anderen. Er versp�rte gro�e Lust, den Leib seines Gegen�ber zu durchbohren.</p><p>�Da siehst du, welche Macht das Runenschwert �ber dich besitzt�, stellte Vagabundus triumphierend fest. �Oder glaubst du wirklich, du h�ttest eine andere Waffe gegen deinen Oheim erhoben?�</p><p>Siegfrieds Rechte zitterte.</p><p>Sein Oheim!</p><p>Siegfried hatte ihn in Gedanken weiterhin Vagabundus genannt, vielleicht weil es so unglaublich war, da� er Grimbert gegen�berstand. Grimbert dem Verschollenen. Grimbert dem Wunderlichen. Grimbert dem Runenzauberer. Grimbert dem Wanderer. Vagabundus!</p><p>Erschrocken dar�ber, fast den Bruder seiner Mutter get�tet zu haben, steckte Siegfried das Schwert zur�ck in die Scheide. �Es tut mir leid�, fl�sterte er.</p><p>�Ich h�tte eher eingreifen sollen, bevor du das Schwert zusammengeschmiedet und den b�sen Zauber neu entfacht hast. Aber ich ahnte nicht, da� das Unheil so rasch �ber uns kommen w�rde.�</p><p>�Aber warum ein b�ser Zauber? Reinhold hat mir erz�hlt, Wodan habe das Runenschwert meinen Ahnen geschenkt, um Gutes damit zu tun.�</p><p>�So war es auch, bis jemand auf dem Friesenfeldzug den Zauber ins B�se wendete. Er ver�nderte die Runen. Dein Vater bemerkte es zu sp�t, als er schon blutige Schandtaten mit der Klinge ver�bt hatte. Zum Gl�ck besann er sich und zerst�rte das Schwert.�</p><p>Siegfried hatte das Gef�hl, ein gro�er Schwindel erfasse ihn und lasse seine Gedanken tanzen. So viele Dinge schienen nicht so zu sein, wie es auf den ersten Blick aussah. �Wenn Ihr soviel wi�t, Oheim, erkl�rt mir doch eins: Weshalb hat Reinhold mir das nicht gesagt, als er mir vom Runenschwert erz�hlte und mir half, aus dem zerbrochenen Schwert wieder ein ganzes zu machen?�</p><p>�Bei Wodan, Donar und der ganzen G�tterschar, hast du das wirklich noch nicht begriffen? Hast du dich nicht gefragt, wie Harko wissen konnte, da� du auf der Haselwiese warst?�</p><p>�Nein�, gestand Siegfried ein. �So vieles geschah in kurzer Zeit...�</p><p>�Dann frage dich jetzt!�</p><p>�Einer l�gt�, sprach Siegfried laut seine Gedanken aus. �Entweder Ihr, Grimbert, oder Reinhold.�</p><p>�Richtig erkannt, mein Sohn. Einer von uns hat dich belogen und betrogen, um dich f�r seine Zwecke auszunutzen.�</p><p>�Nein�, sagte Siegfried und sch�ttelte heftig den Kopf. Alles in ihm wehrte sich gegen die Erkenntnis, all die Jahre get�uscht worden zu sein. �Ihr seid der L�gner, Grimbert! Reinhold kenne ich viel zu gut. Ihr seid es, der mich betr�gen will!�</p><p>�So? Und aus welchem Grund?�</p><p>�Warum sollte Reinhold es tun?�</p><p>�Vielleicht wird er dir die Antwort selbst geben�, sagte Grimbert und sprang auf. Er zog den Wollvorhang vor dem Fenster ein wenig zur Seite. Weit genug, um nach drau�en zu sehen. Geschrei klang dumpf zu den beiden Menschen in der kleinen Kammer herauf. Laute Schritte vieler Menschen, harte Stiefeltritte. Das Klirren von Waffen.</p><p>Grimbert stie� einen Fluch aus. �Sie sind schon an der Treppe! Wirst du mit mir oder gegen mich k�mpfen, Siegfried?�</p><p>�Mit Euch zu k�mpfen hei�t, gegen Reinhold zu sein.�</p><p>Grimbert nickte und zog ein Schwert mit schmaler Klinge. �Gegen das B�se!�</p><p>Schwere, eilige Schritte erklangen auf der Treppe. Die T�r flog auf, und Bewaffnete st�rmten herein. Sie trugen die R�stungen niederl�ndischer Soldaten.</p><p>�Bleibt stehen!� rief Grimbert und nannte seinen Namen. �Ich bin der Bruder der K�nigin. Ihr habt mir zu gehorchen!�</p><p>�Wir gehorchen nur Graf Reinhold!� erwiderte einer der Eindringlinge, �ber dessen rechte Wange eine fingerlange Narbe lief. �Und der Graf hat befohlen, euch Galgenv�gel gefangenzunehmen.�</p><p>Siegfried postierte sich vor den Soldaten: �Erkennt Ihr mich etwa nicht?�</p><p>�Nat�rlich erkenne ich dich, Hochstapler. Du bist der dreiste Kerl, der in unsere Stadt gekommen ist, um sich f�r den Prinzen auszugeben.�</p><p>�Jetzt begreife ich�, knurrte Grimbert. �Der schlaue Fuchs Reinhold hat uns als Hochstapler angeschw�rzt!�</p><p>�Ihr gebt es also zu?� fragte der Soldat mit der Narbe. �Ist schon ein dreistes St�ck von euch friesischen Agenten, da� ihr euch als Bruder und Sohn unserer K�nigin ausgeben wollt, um in Xanten Verwirrung zu stiften!�</p><p>�Aber ich bin der Prinz!� schrie Siegfried.</p><p>Der Narbige lachte schrill. �Der Prinz w�rde nicht in solchen Lumpen herumlaufen und in so einer �blen Spelunke verkehren!�</p><p>Der Soldat war einen Moment unaufmerksam, und Grimbert, der alte K�mpe, wu�te den Vorteil f�r sich zu nutzen. Er zog mit einer schnellen Bewegung seine Klinge und bohrte sie in das Gesicht seines Kontrahenten. Als der Soldat auf die Knie sank, hieb Grimbert schon auf die n�chsten Gegner ein und dr�ngte zwei Mann zugleich in die Ecke. Er mochte gealtert sein, aber er war noch immer ein furchteinfl��ender Recke.</p><p>Siegfried hatte die Wahrheit erkannt. So schwer es auch fiel, alles sprach f�r Grimbert - und gegen Reinhold.</p><p>Der Prinz zog das Runenschwert und durchstie� die Halsberge eines Soldaten. Dem n�chsten zerfetzte er Br�nne und Leib. Ein weiterer Soldat zog sich zur T�r zur�ck und hob sch�tzend seinen l�nglichen Schild. Siegfrieds Schlag spaltete ihn in zwei H�lften. Mit einem entsetzten Schrei lie� der Mann den Schild fallen und lief so hastig zur Treppe, da� er stolperte und in die Arme seiner Kameraden fiel. Er ri� mehrere M�nner mit, als er in den Hof st�rzte.</p><p>�Grimbert, die Treppe ist frei!� rief Siegfried.</p><p>Mit einer schnellen, geschickten Drehung brachte sich Grimbert in den R�cken seiner beiden Gegner. Einem hieb er den Schwertknauf zwischen die Schultern, der andere erhielt einen Tritt in den R�cken. W�hrend die beiden st�hnend zu Boden gingen, lief Grimbert auch schon aus der Kammer und folgte seinem Neffen die Treppe hinunter.</p><p>Aus allen T�ren st�rzten die Soldaten. Reinhold hatte offenbar seine ganze Armee aufgeboten. Siegfried und Grimbert lie�en ihre Klingen kreisen, um sich den Weg freizuk�mpfen. Aber f�r einen gef�llten Gegner tauchten zwei neue auf.</p><p>�Das Schwert beiseite, Rasender!� h�rte Siegfried eine schneidende Stimme. �Sonst stirbt der Alte!�</p><p>Er wandte den Kopf und sah Grimbert waffenlos am Boden liegen, niedergehalten von einem halben Dutzend Soldaten. Einer dr�ckte seinen Dolch gegen Grimberts Kehle.</p><p>Sollte Siegfried das Runenschwert sprechen lassen, um seinen Oheim zu befreien? Doch falls er zu langsam war, w�rde Grimbert sterben.</p><p>Diese bittere Erkenntnis zwang Siegfried, dem Soldaten zu gehorchen. Er lie� das G�tterschwert sinken, und ein Soldat ri� es aus seiner Hand. Ein anderer nahm das kostbare Wehrgeh�nge an sich. Als seine H�nde brutal auf den R�cken gerissen wurden, um sie dort zu binden, wollte Siegfried protestieren. Er hatte kaum den Mund aufgemacht, da erhielt er einen Schlag gegen die Stirn. Er sah einen Schwertknauf in einer haarigen Hand, dann nur noch Schw�rze, dunkler als die Nacht...</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�belkeit drohte ihn zu �bermannen. Mit jedem Schaukeln, jedem Schlingern stieg sie in ihm hoch. Im ersten Augenblick meinte Siegfried, auf einem Pferd zu liegen oder auf einem Maultier. Aber er lag mit der Seite auf hartem, splittrigem Holz, die H�nde so fest auf den R�cken gebunden, da� es schmerzte. Unabl�ssig dieses Schaukeln. Er w�rgte, doch er brachte nichts aus sich heraus.</p><p>�Tu dir keinen Zwang an, Siegfried. Wir sind hier nicht in feiner Gesellschaft.� Die Stimme drang aus der Dunkelheit, ganz in seiner N�he.</p><p>�Grimbert?� fragte er z�gernd.</p><p>�Ja�, knurrte die Stimme m�rrisch. �Der Tor Grimbert liegt ganz dicht neben dir.�</p><p>�Warum nennt Ihr Euch einen Tor?�</p><p>�Weil wir dem Verr�ter Reinhold in die Falle gegangen sind, der kluge Grimbert und der tapfere Siegfried. Du warst der Lockvogel f�r mich und ich der deine. Und jetzt hat er uns beide!�</p><p>�Wo sind wir?�</p><p>�Im Frachtraum eines Schiffes. Da wir keinen Riemenschlag h�ren und trotzdem rasch vorankommen, wie du an dem starken Schaukeln merkst, wird die Fahrt wohl flu�abw�rts gehen. Ich kam wieder zu mir, als mich Reinholds Schergen wie einen Sack R�ben unter Deck warfen.�</p><p>�Flu�abw�rts�, sagte Siegfried. �Da liegt die Schwertburg.�</p><p>�Daran dachte ich auch schon. Zumindest leben wir noch, und das bedeutet Hoffnung!�</p><p>Siegfried versuchte vergeblich, sich zu bewegen. Er war mit mehreren Riemen oder Stricken zusammengeschn�rt. �Hoffnung worauf?�</p><p>�Darauf, Reinhold und damit das B�se zu besiegen.�</p><p>�Eure Zuversicht scheint gr��er als Eure Klarheit, was die Einsch�tzung unserer Lage betrifft, Oheim.�</p><p>�Ja, leider. W�re ich Reinhold schon fr�her auf die Spur gekommen, w�re Siegmund und mir vieles erspart geblieben, und wir w�ren nicht zu ruhelosen Wanderern geworden.�</p><p>�Wieso nennt Ihr meinen Vater einen Wanderer?�</p><p>�Nur eine un�berlegte Bemerkung�, erwiderte Grimbert schnell.</p><p>Siegfried sp�rte, wie die Erregung in ihm aufstieg. �Was ist mit meinem Vater?�</p><p>�Er b��t f�r seine S�nden.�</p><p>�Ihr meint, im Fegefeuer?�</p><p>�Ich meine auf dieser Welt, wenn sie auch manchmal dem Fegefeuer �hnelt.�</p><p>�Das... das bedeutet...� Es war so ungeheuerlich, da� die Worte nicht �ber Siegfrieds Lippen dringen wollten.</p><p>�Ja�, erwiderte Grimbert mit fester Stimme. �K�nig Siegmund ist nicht im Kampf gegen die Friesen gefallen. Wir, Reinhold und ich, t�uschten seinen Tod nur vor. Siegmund selbst befahl es uns. Einem lebenden K�nig der Niederlande h�tte K�nig Hariolf die Untaten niemals verziehen. Nur mit einem toten Siegmund hatte unser Land Aussicht auf Frieden.�</p><p>�Wei� meine Mutter...�</p><p>�Nein, niemand sollte es wissen. Mag sein, da� sie es ahnt. Vielleicht hat sie deshalb keinen neuen Gemahl erw�hlt.�</p><p>�Wo ist mein Vater?�</p><p>�Das wei� ich nicht. Seit damals, als er das Runenschwert zerbrach, habe ich nichts von ihm geh�rt. Er wollte als einfacher Wanderer durch die Lande ziehen, bis er ein Zeichen der Vergebung erh�lt.�</p><p>�Vergebung - von wem?�</p><p>�Von Gott vielleicht. Oder von Wodan.� Grimbert seufzte schwer, als wisse er es selbst nicht.</p><p>�An wen glaubt Ihr, Grimbert? An Gott und Jesus Christus? Oder an Wodan, den G�ttervater?�</p><p>�Das geht nur mich etwas an�, brummte Siegfrieds Oheim.</p><p>F�r eine Weile herrschte Schweigen. Man h�rte nur das Pl�tschern der Wellen, das �chzen und Knarren der Spanten und Planken. Gewi� war die Nachricht �ber K�nig Siegmund eine unglaubliche Er�ffnung. Aber in den letzten Tagen war soviel Unglaubliches geschehen, da� Siegfried nicht an Grimberts Worten zweifelte. Es gab auch keinen Grund dazu. Reinhold hatte sich als Verr�ter erwiesen, Grimbert hingegen als Freund, zumindest als Verb�ndeter. Aber wirkliche Freude, da� sein Vater noch lebte, wollte in Siegfried nicht aufkommen. Schuld daran war vielleicht seine Lage, die ihm, Grimberts Worten zum Trotz, wenig hoffnungsvoll erschien. Vielleicht war es auch das Gef�hl, den Vater verraten zu haben, als Siegfried seinem Zuchtmeister zu dem Runenschwert verhalf.</p><p>�Will Reinhold das Runenschwert f�r seine Zwecke benutzen?� fragte der junge Xantener, auch um das d�stere Schweigen zu durchbrechen.</p><p>�Ja. Erst diente es ihm, indem du es gegen Harko f�hrtest. Jetzt wird es in Reinholds H�nden noch mehr Friesen t�ten - und nicht nur Friesen.�</p><p>�Warum hat er es nicht selbst geholt? Er wu�te doch die ganze Zeit �ber, wo es war.�</p><p>�Anfangs mu�te er bef�rchten, von mir dabei ertappt zu werden. Sp�ter, als ich mich zur�ckzog, um meine Kenntnis der Runen zu vertiefen, bewachten Wodans Tiere das Schwert. Es war ungef�hrlicher f�r Reinhold, dich auszuschicken. Au�erdem brauchte er dich als S�ndenbock, um mit Harkos Tod einen Krieg auszul�sen.�</p><p>�Wodans Tiere�, fl�sterte Siegfried. Er dachte an die lautlose Stimme, die er in der Wolfsburg und in der Schlangenh�hle geh�rt hatte. In wenigen Worten berichtete er Grimbert von seinen Abenteuern.</p><p>Grimbert starrte den Prinzen finster an. �Du hast Wodans Warnungen mi�achtet und die W�chter get�tet, die er geschickt hatte, das Runenschwert zu beh�ten. Wei�t du denn nicht, da� Wodan nur ein Auge hat? Das andere opferte er, um die Weisheit der Runen zu erlangen.�</p><p>�Welches Auge ist ihm geblieben?� Siegfried dachte an den gro�en Wolf und an die Wasserschlange. �Das linke?�</p><p>�Ja, das linke.�</p><p>�Dann habe ich tats�chlich Wodans W�chter get�tet! Aber wer sandte den gro�en roten Falken?�</p><p>�Ich sandte ihn!� Mit einem lauten Quietschen wurde die Luke ge�ffnet, und diffuses Nachtlicht waberte in den Frachtraum. Helleres Licht folgte, als Reinhold mit einer Laterne in der Hand nach unten stieg. Er verschlo� die Luke wieder �ber sich. Der Graf von Glander trug das Wehrgeh�nge, das er Siegfried geschenkt hatte. In der Scheide steckte das Runenschwert. �Ich schickte den Falken aus, dir zu helfen, mein Sohn. Schlie�lich wollte ich dich wohlbehalten zur�ckhaben.�</p><p>�Mich oder das Runenschwert?�</p><p>�Damals war mir sehr an dir gelegen. Jetzt allerdings ist mir das Schwert der G�tter wichtiger.�</p><p>�Ich hatte solch einen Falken noch nie gesehen�, rief Siegfried ungl�ubig aus.</p><p>�Ich auch nicht�, erwiderte Reinhold k�hl. �Bis ich eines Nachts wieder vom Feuergott tr�umte. Als ich erwachte, sa� der Falke auf meinem Fenstersims. Ohne da� es mir jemand sagen mu�te, wu�te ich, da� er kommen w�rde, wann immer ich ihn rief.�</p><p>�Ihr seid also wirklich ein Diener des Feuergottes!� Grimbert spie vor Reinhold aus. �Ein Gott, der die anderen G�tter verr�t. Und ein Niederl�nder, der sein Reich, sein Volk und seine K�nigin verr�t.�</p><p>�Nicht ich bin der Verr�ter�, entgegnete Reinhold. �All jene sind es, die dem Christengott dienen oder helfen, seine Macht zu st�tzen. Es f�hrt zu nichts Gutem. Wer sich auf einen schwachen Gott verl��t, der ist verlassen!�</p><p>Er sprach mit wachsendem Grimm. Seine Augen flackerten unstet, die Stimme vibrierte.</p><p>�Wie kommt Ihr darauf, der Christengott sei schwach?� fragte Siegfried.</p><p>�Ich habe es selbst erfahren.� Reinhold klang jetzt d�ster. �Fr�her tauften wir unsere Kinder im Namen der alten G�tter, um ihren Schutz zu erflehen. Aber was hat der Christengott mit meinem Sohn gemacht, obwohl der Bischof selbst ihn taufte?�</p><p>�Deshalb Euer ganzer Ha�?� fragte Grimbert ungl�ubig. �Weil Euer Sohn im Kindbett starb?�</p><p>�Verge�t nicht, da� seine Mutter ihm folgte, Grimbert�, rief Reinhold. �Ich jedenfalls verstand, als mir kurz darauf der Feuergott erschien und mich aufforderte, die Macht des Christengottes auf die Probe zu stellen. Sie war nichts gegen das Feuer, das sein Haus vernichtete. Nichts gegen den Stahl, der seinen Diener fra�!�</p><p>�Das Bild f�gt sich zusammen�, sagte Grimbert ohne jede Freude �ber diese Erkenntnis. �Reinhold der Verr�ter ist zugleich der Brandstifter und der Priesterm�rder!�</p><p>�Und der R�cher!� schrie der Graf von Glander. �An der Spitze der niederl�ndischen Recken werde ich die Friesen schlagen. Der Feuergott wird �ber die beiden L�nder herrschen. Und dann werde ich den Christengott bek�mpfen, bis die Welt aus seinen Klauen befreit ist!�</p><p>�So einfach wird das nicht gehen�, pre�te Siegfried w�tend hervor. �Meine Mutter, die K�nigin, wird das nicht zulassen.�</p><p>�Die K�nigin wird nicht mehr lange K�nigin sein�, lachte Reinhold. �Ich werde ihr berichten, die Friesen h�tten ihren geliebten Sohn entf�hrt. Und sobald es in meine Pl�ne pa�t, werde ich ihr auch deine Leiche pr�sentieren. Nach dem vorgeblichen Tod ihres Mannes wird ihr dieser neuerliche Verlust das Herz brechen. Sie wird mir vollkommen freie Hand lassen und gar nicht merken, da� ich der eigentliche Herrscher der Niederlande bin.�</p><p>�Und welchen Platz habe ich in Euren finsteren Pl�nen?� erkundigte sich Grimbert.</p><p>�Vielleicht kann ich Euch noch f�r die eine oder andere Intrige gebrauchen. Bis ich dar�ber entschieden habe, genie�t Ihr meine Gastfreundschaft.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 12</strong></p></title><empty-line/><p>Was Reinhold von Glander unter Gastfreundschaft verstand, konnten Siegfried und Grimbert bald feststellen. Nicht die Schwertburg war das Ziel des Schiffes, sondern der karge Felsen im Rhein, ein kurzes St�ck weiter flu�abw�rts. Die Rheinfeste. Und der Kerker, in den der Verr�ter seine beiden Gefangenen warf. Er selbst kehrte noch in der Nacht nach Xanten zur�ck, um der K�nigin Siegfrieds Entf�hrung durch die Friesen zu melden.</p><p>Der Prinz und sein Oheim blieben zur�ck, gefangen hinter dicken Mauern, umsp�lt von den m�chtigen Fluten des Rheins und bewacht von Reinholds treuen Schergen. Siegfried hatte viele Fragen und Grimbert viel Zeit, sie zu beantworten.</p><p>Grimbert berichtete von seinem Leben als Wanderer. Von seinem Bestreben, seine Kenntnis der Runen zu vervollkommnen, um es mit den finsteren M�chten aufnehmen zu k�nnen, deren Bedrohung er sp�rte, seit K�nig Siegmund unter den b�sen Einflu� des Runenschwertes geraten war. Und er erz�hlte von dem Feldzug gegen die Friesen, der eine so schlimme Wendung genommen hatte.</p><p>�Nat�rlich war es Reinhold, der die Runen auf der Klinge ver�ndert hatte�, erkl�rte Grimbert. �Er als runenkundiger Schmied hatte die F�higkeiten dazu. Damals kam ich leider nicht darauf, weil ich den wackeren Recken f�r einen treuen Freund hielt. Doch schon in jenen Tagen verfolgte er seine d�steren Rachepl�ne und war er ein Werkzeug des Feuergottes. Er benutzte K�nig Siegmund, um den Krieg gegen die Friesen so erbarmungslos werden zu lassen, da� unsere V�lker sich zerfleischten und Reinhold die Macht �bernehmen konnte. Damals scheiterte der Plan an Siegmunds Einsicht und St�rke, jetzt liegt alles an uns.�</p><p>�Wer ist der Feuergott?� fragte Siegfried.</p><p>�Der Gott Loki in seiner schlimmsten Gestalt. Die Verk�rperung des alles verzehrenden B�sen!�</p><p>�Loki? Ist er nicht ein Freund Wodans, sein Reisegef�hrte?�</p><p>�Das war er, aber seine Boshaftigkeit brachte die G�tter immer mehr gegen ihn auf. Als sich die alten G�tter von dieser Welt zur�ckzogen, weil der Christengott ihren Platz einnahm, witterte er die Gelegenheit, sich zum m�chtigsten Gott aufzuschwingen. Mit Hilfe treu ergebener Vasallen wie Reinhold will er die Welt beherrschen!�</p><p>�Aber k�mpft er nicht f�r alle G�tter?�</p><p>�Das mag Reinhold glauben. Doch G�tter wie der d�monische Loki k�mpfen nicht f�r andere.�</p><p>Siegfrieds Sorgen wuchsen ins Unerme�liche. Das Reich war in gro�er Gefahr. Reinholds Krieg gegen die Friesen w�rde viele Unschuldige das Leben kosten. Siegfried mu�te an seine Mutter denken. Auch sie hatte sich von Reinhold t�uschen lassen. W�rde sie tats�chlich nichts von Reinholds Intrigen erahnen?</p><p>Und die Sorge um Amke trieb Siegfried um. Da� sie Reinholds Gefangene war, wog schon schwer genug. Aber was w�rde geschehen, wenn der Verr�ter die Friesen unterworfen hatte und die Prinzessin nicht mehr ben�tigte? Siegfried mochte sich gar nicht ausmalen, was Reinhold mit ihr anstellen w�rde. Da� sein Vater, K�nig Siegmund, noch am Leben war, erfreute zwar Siegfrieds Herz, aber es �nderte seine Lage keinen Deut. Grimbert und er sa�en in der Falle, ohne das Unheil, das dem Reich drohte, abwenden zu k�nnen. Nichts schien Anla� f�r Hoffnung zu geben. Die N�chte wurden zu Tagen und die Tage zu N�chten...</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Die Nacht war schw�rzer als das Reich der Toten. Dicke graue Wolken ballten sich am Himmel. Nicht ein einziger zaghafter Strahl des Mondlichts spielte mit den Wassern des Rheins, die, finster wie der Himmel, an der Felsinsel im Strom vorbeiglitten. Es war k�hler als in den vorangegangenen N�chten, aber nicht deshalb zog Ludolf die Wolldecke fester um seine Schultern. Er fr�stelte. Diese verfluchte Nacht war schuld. Und der Flu�, der im Dunkeln wie ein lebendiges Wesen wirkte.</p><p>Eine gro�e Welle klatschte an den Felsen, auf dem Ludolf stand. So stark, da� Wasser gegen seine Beine schlug. Wie die kalte Hand eines Wassergeistes, die ihn in den Flu� zerren wollte. Erschrocken sprang Ludolf einen Schritt zur�ck und stolperte �ber eine Unebenheit des Gesteins. Er w�re gest�rzt und ins Wasser gefallen, h�tte ihn nicht eine starke Hand an der Schulter gepackt.</p><p>�Was hast du?� fragte Bruno, der zusammen mit Ludolf an der Ostseite der Felsinsel Wache schob.</p><p>�Der Rhein!� Ludolf schluckte mehrmals. �Er wollte mich mit sich rei�en!�</p><p>Bruno sch�ttelte den Kopf und lachte schallend. �Du bist ein solcher Feigling; du siehst selbst im Flu� Gespenster.�</p><p>�Spotte nicht �ber die Flu�geister!� mahnte Ludolf im Fl�sterton und warf einen sorgsamen Blick aufs Wasser. �Sie werden es sonst b�se vergelten!�</p><p>�Dir haben sie es schon vergolten�, erwiderte Bruno. �Indem sie deinen Verstand vernebelt haben.� Er nahm seinen Speer und den Schild auf, die an einer Felsmauer lehnten. �Ich mache mal einen kleinen Rundgang, um die K�lte aus meinen Knochen zu vertreiben. Kommst du mit?�</p><p>Ludolf sch�ttelte den Kopf. �Nein, nicht bei dieser Dunkelheit. Der Fels ist na� und rutschig. Man kann zu leicht in den Flu� fallen.�</p><p>�Ja, wenn man vor Angst nicht mehr richtig seine F��e zu setzen versteht.�</p><p>Ludolf schickte dem sich entfernenden Kameraden ein paar w�ste Verw�nschungen nach, doch Bruno h�rte ihn nicht oder gab nichts auf seine Worte. Er ging die langgezogene Ostseite der Felsinsel nach S�den ab, flu�aufw�rts, zwischen dem rei�enden Wasser und den Mauern der Rheinfeste.</p><p>Ludolf dachte an die beiden Gefangenen, die seit neun N�chten hinter den Felsmauern sa�en. Ihr Gef�ngnis lag ganz in der N�he, an der Ostmauer der Feste. Es waren die beiden friesischen Spione, die sich f�r Prinz Siegfried und Graf Grimbert ausgegeben hatten. Die Soldaten munkelten hinter vorgehaltener Hand, da� es sich wirklich um Siegfried und Grimbert handeln mochte. Aber selbst wenn es der Wahrheit entsprach, w�rde Reinhold einen guten Grund haben, die beiden einzusperren. Seine M�nner waren dem Grafen treu ergeben. Er sorgte f�r sie und zahlte einen guten Sold. Andererseits konnte er sehr streng sein, und so wagte niemand, dem Herrn unbequeme Fragen zu stellen.</p><p>Als Ludolf wieder nach Bruno ausschaute, war sein Gef�hrte verschwunden. Gewi�, die Nacht war finster wie die Seele eines Vaterm�rders, aber Bruno konnte sich noch nicht so weit entfernt haben, da� Ludolf nicht einmal mehr seine Umrisse sah. Ein wissendes L�cheln umspielte Ludolfs Lippen, als er das Spiel seines Kameraden zu durchschauen glaubte. Halblaut rief er in die Nacht: �Du brauchst dich nicht l�nger zu verstecken, Bruno. Mir kannst du keine Angst einjagen. Da mu� schon ein richtiger Wassergeist kommen!�</p><p>Keine Antwort. Nur das Rauschen und Gurgeln des Flusses. So sehr Ludolf sich auch bem�hte, er vermochte keine Regung um sich wahrzunehmen. Noch einmal rief er nach dem Kameraden und forderte ihn auf, das kindische Spiel zu lassen.</p><p>Pl�tzlich erhob sich eine Gestalt in der Finsternis und winkte ihm zu. Also hatte der vermaledeite Bruno sich doch einen Spa� mit ihm erlaubt!</p><p>�Ist es dir auf dem Felsboden zu kalt geworden?� fragte Ludolf und sp�rte, wie erleichtert er war.</p><p>Doch statt zu antworten, war Bruno aufs neue verschwunden. Er schien sich hinter einem Felsen zu verstecken.</p><p>�Jetzt ist meine Geduld zu Ende�, knurrte Ludolf und setzte sich in Bewegung. Etwas riet ihm, nicht weiterzugehen. Vielleicht gab es doch irgendwo Wassergeister, die dem Flu� entstiegen waren. Aber seine Neugier war gr��er. Hinter einem kaum kniehohen Felsen entdeckte er Bruno reglos am Boden.</p><p>�He, such dir eine bequemere Schlafstatt!� rief Ludolf und stie� den Kameraden mit der Stiefelspitze an. Bruno r�hrte sich nicht. Voller Zorn �ber die Narretei seines Gef�hrten stie� Ludolf noch einmal zu. Als Bruno sich immer noch nicht regte, begannen erste Zweifel an ihm zu nagen, ob alles mit rechten Dingen zuging. Vorsichtig beugte er sich vor. Um sich abzust�tzen, griff seine Hand nach einem Felsen, und da sp�rte er etwas Klebriges. Seine Hand zuckte zur�ck. Blut klebte an ihr.</p><p>Wie um Ludolf zu verh�hnen, zeigte sich in diesem Augenblick ein Ri� in der Wolkendecke. Nur ein winziger Strahl Mondlicht drang hindurch, doch er gen�gte, Ludolf das Schreckliche zu offenbaren: Bruno lag in einer gro�en Blutlache, die Augen vor Schreck geweitet, der Blick gebrochen. Jemand hatte seine Halsberge zerrissen und Brunos Kehle grausam zerfleischt. Noch nie hatte Ludolf eine so gr��liche Wunde gesehen, wie von einem tollw�tigen Wolf gerissen. Er war fast froh, als sich der Wolkenvorhang wieder schlo� und sich gn�dige Finsternis �ber der Rheinfeste ausbreitete.</p><p>Hinter sich vernahm er pl�tzlich ein Ger�usch: ein Pl�tschern, als steige etwas aus den Fluten hervor. Ludolf bereute, da� er Speer und Schild nicht mitgenommen hatte. Er wollte das Schwert aus der Scheide ziehen, doch die eng umgelegte Wolldecke behinderte ihn dabei. �rgerlich streifte er sie ab. Als er sich dann umwandte, begriff er in einem langen schrecklichen Augenblick, da� er Bruno in den Tod folgen w�rde. Ein Schatten glitt schneller als jeder Blitz �ber die Felsen. Ludolf wurde umgerissen. Er sp�rte noch, wie sich etwas in seiner Halsberge verkrallte und sie mit erschreckender Leichtigkeit zerri�. Ein stechender Schmerz umfing ihn, als scharfe Z�hne seine Kehle zerfetzten. Dann h�llte ihn ein warmes, t�dliches Dunkel ein.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�Die neunte Nacht�, sagte Siegfried leise, fast tonlos, so da� seine Stimme nichts �ber seine Gem�tslage verriet.</p><p>Grimbert h�rte trotzdem die Klage und die schwindende Hoffnung, die in den wenigen Worten mitschwang. Er f�hlte sich kaum anders.</p><p>Sie hockten in ihrer engen, fensterlosen Kerkerzelle. Durch das kleine Loch in der schweren Eichenholzt�r fiel etwas Fackelschein vom Gang ein und sorgte f�r einen tr�gerischen Hauch von W�rme. Auch Grimberts Hoffnung schwand, was er gegen�ber Siegfried allerdings zu verbergen suchte. Der alte Recke hatte zu oft erlebt, wie Mutlosigkeit und Hoffnung zur Panik gerieten.</p><p>Aus der Finsternis klang wieder Siegfried Stimme: �Warum glaubt Ihr, da� Loki B�ses will, Oheim? Kann es nicht sein, da� Wodan und die anderen G�tter hinter ihm stehen?�</p><p>�Das war einmal. Aber mit Balders Tod kam die Finsternis �ber die G�tter. Und das Band zwischen Wodan und Loki zerbrach.�</p><p>�Balder ist der Gott des Lichts�, erinnerte sich Siegfried. Er mu�te das Gerede �ber die alten G�tter irgendwo beim Gesinde aufgeschnappt haben.</p><p>�Balder war es, doch jetzt ist er tot.�</p><p>�Hat Loki ihn get�tet?�</p><p>�Nicht mit eigener Hand, und doch tr�gt Loki alle Schuld.�</p><p>Siegfried atmete tief durch. �Ich habe mal geh�rt, Balder sei unverwundbar. Wie kann man ihn da t�ten?�</p><p>�Niemand ist unverwundbar, und niemand ist unsterblich. Die alten Sagen berichten von Recken, die in Drachenblut badeten und so ihre Unverwundbarkeit erlangten. Aber auch sie fanden irgendwann den Tod - so wie Balder. Der Lichtgott ahnte sein d�steres Schicksal in b�sen Tr�umen voraus. Seine Eltern, Wodan und Frija, nahmen allen Lebewesen und sogar den Steinen das Versprechen ab, Balder nicht zu verletzen. Fortan galt er als unverwundbar, und die anderen G�tter machten sich einen Spa� daraus, ihn mit Steinen und Speeren zu bewerfen. Nur H�der, Balders Bruder, nahm an diesem Spiel nicht teil, weil er blind war. Eines Tages trat Loki der Mi�g�nstige, neidisch auf Balders Unverwundbarkeit, an H�der heran, dr�ckte ihm einen Speer in die Hand und versprach, ihm die Wurfrichtung zu zeigen. Was H�der nicht wu�te, Loki der Hinterlistige aber wohl: Der Speer war aus dem Holz der Mistel geschnitten, die Wodan und Frija nicht um einen sch�tzenden Eid f�r Balder gebeten hatten, weil die Mistel damals noch jung war und zu unbedeutend erschien.�</p><p>�Und der Speer t�tete Balder?� fragte Siegfried, der Grimberts Erz�hlung mit wachsender Spannung gelauscht hatte.</p><p>�Ja, Balder war auf der Stelle tot und ging ein ins Reich der Toteng�ttin Hel. Balders Bruder Hermod wagte den Ritt in ihr finsteres Land und bat um Balders R�ckkehr zu den Lebenden. Hel sagte zu, unter der Bedingung, da� alle Lebewesen den Lichtgott beweinten. So sollte es geschehen, doch eine mi�g�nstige Riesin versagte sich die Tr�nen. Balder blieb im Reich der Toten. Die hartherzige Riesin aber war niemand anderes als der verkleidete Feuergott - Loki!�</p><p>�Jetzt verstehe ich, weshalb die G�tter nicht mehr zu Loki stehen�, sagte Siegfried und blickte seinen Oheim an, dessen Gesicht im Fackelschein etwas �bernat�rliches, fast schon D�monisches hatte. �Ihr kennt Euch gut mit den alten G�ttern aus, Grimbert.�</p><p>�Das mu� ich, will ich gegen Reinhold bestehen.�</p><p>�Nur deshalb?�</p><p>Grimbert schwieg eine Weile. Dann sagte er: �Wir leben im Zeitalter des Christengottes, unter seinem Kreuz. Wem ich Treue schw�re, dem diene ich treu. Aber ich mu� ihn nicht lieben, mag er sich auch Gott der Liebe nennen.�</p><p>In seine letzten Worte fiel ein laut gellender Schrei, ganz in der N�he ausgesto�en. Ein Schrei, der durch Mark und Bein ging. Er brach so pl�tzlich ab, wie er erklungen war.</p><p>Ein dumpfes Ger�usch folgte, dann ein leises Klirren. Und Schritte, die sich n�herten.</p><p>Grimbert schnellte hoch und dr�ckte das Gesicht gegen die T�r, sp�hte durch das kleine Loch, das Luft und Licht einlie�.</p><p>�Bei Wodan!� keuchte er.</p><p>�Was ist?� fragte Siegfried, der ebenfalls aufgesprungen war.</p><p>Ein lautes Kratzen ert�nte. Er kannte das Ger�usch. Die Kerkert�r wurde ge�ffnet.</p><p>�Wir werden befreit!� Grimbert trat von der T�r zur�ck und f�gte nach einem kurzen Z�gern hinzu: �Von einem seltsamen Retter!�</p><p>Auch Siegfried traute seinen Augen nicht. Seltsam war dieser Retter in der Tat - und doch kannte er kaum einen Menschen besser als ihn: Otter trug nur einen ledernen Schurz um die H�ften. Seine glatte Haut glitzerte seltsam. Siegfried brauchte einen Moment, um zu erkennen, da� es zahllose winzige Wassertropfen waren. An Otters H�nden klebte Blut. Er machte ein ernstes, finster entschlossenes Gesicht.</p><p>�Kommt schnell!� zischte der Schmiedebursche. �Leider konnte der W�chter um Hilfe rufen, als ich ihm die Schl�ssel abnahm. Falls andere Wachen den Schrei geh�rt haben, ist gr��te Eile geboten!�</p><p>�Wie kommst du hierher, Otter?� fragte Siegfried.</p><p>�Erst mit einem Boot, und dann bin ich geschwommen.�</p><p>�Das also ist Otter, von dem du erz�hlt hast�, stellte Grimbert fest und betrachtete den geschmeidigen Jungen pr�fend. Dann sah er zu dem kr�ftigen W�chter, der auf dem Gang in seinem Blut lag. �Kaum glaublich, da� so ein schmaler Bursche den S�ldner get�tet hat!�</p><p>�Glaubt es oder glaubt es nicht�, fl�sterte Otter. �Doch kommt endlich!�</p><p>Sie liefen aus der engen Zelle. Grimbert beugte sich �ber den Toten, um ihm die Waffen abzunehmen. Die aufgerissene Kehle war kein sch�ner Anblick. Siegfried warf Otter einen verst�rten Blick zu. Der geheimnisvolle Findeljunge jedoch achtete nicht darauf.</p><p>�Ich nehme das Schwert�, sagte Grimbert und reichte Siegfried den Speer des Toten. �F�r dich ist der Dolch, Otter.�</p><p>�Ich brauche keine Waffe�, erwiderte Otter.</p><p>Grimbert zuckte mit den Schultern und gab den Dolch Siegfried, der ihn in den G�rtel schob. Sie schlichen durch den von wenigen Fackeln kaum erhellten Gang.</p><p>�Das ist nicht der Weg hinauf zur Festung!� sagte Grimbert, als Otter sich in einen engen Nebengang dr�ckte.</p><p>�Nein, das ist nicht unser Weg�, erwiderte der fast nackte Junge. �Zu viele Wachen�, f�gte er wie zur Erkl�rung hinzu.</p><p>�Sie kommen schon!� warnte Siegfried, der Stimmen und Schritte vernommen hatte. �Wahrscheinlich haben sie den Schrei doch geh�rt.�</p><p>�Kommt weiter!� verlangte Otter und huschte voran.</p><p>Der steinerne Boden fiel stetig ab. Hier gab es keine Fackeln, nur Finsternis. Und Wasser. Erst pl�tscherte es nur um die F��e der drei Fl�chtenden, dann umspielte es die Kn�chel, die Beine.</p><p>�Bald m�ssen wir schwimmen�, knurrte Grimbert.</p><p>�Ihr habt es erfa�t, Graf�, erwiderte Otters helle Stimme aus dem Dunkeln. �Es ist ein Kanal, der ins Freie f�hrt.�</p><p>�Woher wu�test du davon?� fragte Grimbert mi�trauisch.</p><p>�Ich habe ihn fr�her einmal entdeckt. Ich schwimme manchmal nachts ihm Rhein.�</p><p>�Niemand schwimmt nachts im Rhein!� erwiderte Grimbert. �Schon gar nicht zu dieser Insel, die von rei�ender Str�mung umpeitscht wird!�</p><p>�Ich schon�, entgegnete Otter. Es klang weder eitel noch triumphierend, sondern wie eine Selbstverst�ndlichkeit.</p><p>Er warf sich ins Wasser. Sie vernahmen nur ein dumpfes Ger�usch. Siegfried folgte ihm, dann Grimbert. Der Kanal war eng. So eng, da� Siegfried den Speer und Grimbert das Schwert fallenlassen mu�te. Manchmal sp�lten die Wasser des Rheins bis an die Felsdecke, und sie mu�ten tauchen. Nach einer Weile waren sie im Freien angelangt.</p><p>�Bis zum Flu� sind es nur wenige Schritte�, erkl�rte Otter, w�hrend er aus dem Wasser stieg und voranging.</p><p>Sie stie�en auf zwei weitere W�chter. Beide waren ebenfalls tot und entsetzlich verst�mmelt.</p><p>�Warst du das, Otter?� fragte Siegfried.</p><p>�Es mu�te sein�, antwortete sein Freund knapp. Er steckte Daumen und Zeigefinger in den Mund und stie� einen schrillen Pfiff aus. Als nichts geschah, lie� er weitere Pfiffe folgen. �Der Wind ist stark, aber er weht in die falsche Richtung, uns entgegen. Wieland h�rt mein Zeichen nicht. Wartet hier, ich werde ihn holen.�</p><p>Ohne zu z�gern, glitt Otter ins Wasser; er schien fast mit dem feuchten Element zu verschmelzen und verschwand in der Dunkelheit.</p><p>�Du hast einen seltsamen Freund�, bemerkte Grimbert nachdenklich, w�hrend er Otter nachsah.</p><p>Siegfried mu�te seinem Oheim recht geben. Otter schien ihm r�tselhafter, unheimlicher als je zuvor. Und doch vertraute Siegfried ihm.</p><p>Ged�mpfter L�rm und Schreie klangen gegen den Wind. Offenbar geriet die Festung in Aufruhr: Man hatte ihre Flucht entdeckt.</p><p>Das schnelle Pl�tschern der Riemenbl�tter k�ndigte ein Ruderboot an. Der muskul�se Wieland bediente die Riemen. Ein B�ndel lag neben ihm, Otters Kleider. Otter kauerte am Heck und hielt das Au�enruder. Kurz vor der Insel sprang er ins Wasser und hielt das Boot im Uferbereich fest.</p><p>Siegfried und Grimbert stiegen hinein. Otter versetzte dem Kahn einen Sto�, bevor auch er sich an Bord schwang. Siegfried setzte sich neben Wieland auf die Ruderbank und �bernahm einen Riemen.</p><p>�Tut mir leid, da� ich euch nicht geh�rt habe�, sagte Wieland. �Die Str�mung hatte mich zu weit abgetrieben.�</p><p>Das Boot rauschte mit dem Stromlauf an der Insel entlang. Otter ri� das Steuer herum und lenkte das kleine Gef�hrt quer zur Str�mung, dem linken Ufer entgegen. Sie glitten an der Nordspitze der Rheinfeste vor�ber. Pl�tzlich ging �ber der Insel ein hell leuchtender Stern auf, er schien sich unbemerkt durch die Wolkendecke geschmuggelt zu haben. Doch das Licht entstammte nicht g�ttlicher Kraft, sondern Menschenhand.</p><p>�Das Leuchtfeuer!� stie� Wieland hervor. �Sie geben Alarm. Auf der Schwertburg wird man das Feuer sehen und wissen, da� die Gefangenen entflohen sind. Bald wird man das ganze Ufer absuchen. Vielleicht sollten wir zum anderen Ufer fliehen.�</p><p>�Du vergi�t, da� unsere Pferde am linken Ufer stehen�, ermahnte Otter den Gef�hrten. �Rudert lieber schneller!� Siegfried und Wieland taten, was in ihren Kr�ften stand.</p><p>�Ihr habt sogar an Pferde gedacht?� staunte Grimbert.</p><p>�Vier gute Tiere�, verk�ndete Otter stolz und grinste. �Sie stammen aus Reinholds Zucht.�</p><p>�Wie kamt ihr dazu, uns zu befreien?� fragte Grimbert. �Ausgerechnet in dieser Nacht? Immerhin stecken wir schon eine ganze Weile in Reinholds Kerker.�</p><p>�Erst war es nur ein Ger�cht, da� ihr auf der Rheinfeste seid�, antwortete Otter. �Aber bei seinem letzten Besuch auf der Schwertburg habe ich Reinhold belauscht, der sich mit Udalrich unterhielt. Sie sprachen dar�ber, wie Siegfried und Grimbert gefa�t wurden und wie sie K�nigin Sieglind entmachten wollen. F�r Wieland und f�r mich stand fest, da� wir euch helfen mu�ten. Ich h�tte auch so unbemerkt zur Insel schwimmen k�nnen, aber f�r das Boot ben�tigten wir eine vollkommen finstere Nacht.�</p><p>�Der Bader Udalrich ist also auch in das Komplott verwickelt�, sagte Siegfried finster und erinnerte sich an das Bad, bevor er zur Haselwiese ritt.</p><p>Als er davon erz�hlte, meinte Grimbert: �Es sollte mich nicht wundern, wenn Udalrich dem Bad geheime Kr�uter zugesetzt hat, um dir die Sinne zu verwirren.�</p><p>�Ich werde diesem gemeinen Verr�ter den kahlen Sch�del einschlagen!� zischte Siegfried. �Und Reinhold soll es nicht besser ergehen!�</p><p>�Falls wir noch rechtzeitig kommen�, meinte Otter. Er berichtete mit wenigen Worten, da� die Schlacht gegen das Friesenheer kurz bevorstand. K�nig Hariolfs Truppen hatten bereits ein paar Grenzburgen �berrannt und waren auf niederl�ndisches Gebiet vorgedrungen. Diese Vorst��e sch�rten die Wut der Niederl�nder und ihre Kriegslust. Reinhold hatte leichtes Spiel, die Waffenpflichtigen zusammenzurufen.</p><p>Siegfried erkundigte sich nach seiner Mutter und nach Amke. Sieglind trat seit Siegfrieds r�tselhaftem Verschwinden kaum noch in Erscheinung, sie hatte jede Verantwortung in Reinholds H�nde gelegt. �ber Amke wu�ten Otter und Wieland nichts Neues zu berichten. Sie war noch immer Gefangene auf der Xantener K�nigsburg. F�r Siegfried war es schon eine Beruhigung, da� sie und seine Mutter noch lebten.</p><p>Immer wieder drohte der Rhein das kleine Boot abzutreiben oder umzuwerfen. Aber Otter verstand es, das Boot zu man�vrieren, fast wie ein F�hrmann oder ein Fl��er. Dank seiner Anweisungen umfuhren sie Strudel und Stromschnellen und erreichten schlie�lich das waldges�umte Ufer.</p><p>�Sehr gut�, meinte Otter und stieg auf dem Uferstreifen in seine Kleider. �Die Pferde stehen ganz in der N�he.�</p><p>�Ich �bernehme jetzt die F�hrung!� sagte Grimbert, als er sich auf einen gro�en Fliegenschimmel schwang. �Wir m�ssen zu einem bestimmten Ort, wenn wir Reinholds Pl�ne durchkreuzen wollen.�</p><p>�Was ist das f�r ein Ort?� fragte Siegfried.</p><p>Mit einem matten L�cheln antwortete sein Oheim: �Eine Schmiede.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Kapitel 13</strong></p></title><p>Der Zufluchtsort, den sie im Morgengrauen erreichten, war nicht nur eine Schmiede, sondern eine kleine Burg. Sie lag auf einem Plateau am Ende eines unzug�nglichen Tals, im Nordosten des K�nigswaldes. Hier lebten M�nner, Frauen und Kinder, die Grimbert froh und erleichtert begr��ten. Sie dankten Wodan f�r die Rettung ihres Herrn. Eine Kapelle entdeckte Siegfried nicht und auch keinen Priester.</p><p>Als sie von den Pferden stiegen, klagte Wieland �ber Schmerzen und M�digkeit. Auf seine Frage nach einem Schlafplatz sch�ttelte Grimbert den Kopf.</p><p>�Jetzt bleibt keine Zeit zum Schlafen!� sagte er ernst. �Wir m�ssen uns auf den Kampf mit Reinhold vorbereiten.� Er deutete auf einen l�nglichen Anbau. �Dort ist die Schmiede. Da treffen wir uns, sobald ich meine Boten und Kundschafter ausgesandt habe.�</p><p>Neugierig ging Siegfried mit seinen beiden Gef�hrten in die Schmiede. Verwirrt �berlegten sie, was sie hier sollten.</p><p>�Waffen f�r den Kampf schmieden�, meinte Wieland. �Schwertklingen und Speerspitzen.�</p><p>�Das glaube ich nicht�, entgegnete Siegfried, denn in Grimberts Worten meinte er einen geheimnisvollen Klang vernommen zu haben. �Es mu� um etwas anderes gehen, etwas Besonderes.�</p><p>Otter gab ihm recht.</p><p>Schlie�lich erschien Grimbert mit einem gro�en Rautenschild. Doch der Schild war unvollst�ndig, zwar aus zwei Schichten Lindenholz gefertigt und mit Leder �berzogen, aber bar jeder Verzierung.</p><p>�Der Schild mu� beschlagen werden, mit dem h�rtesten Stahl, den ihr schmieden k�nnt.�</p><p>�Aber dann wird er sehr schwer�, wandte Wieland ein.</p><p>�Das schadet nichts�, erkl�rte Grimbert. �Siegfried ist kr�ftig. Sein Arm wird nicht so leicht erlahmen, nicht wenn es gegen Reinhold geht.�</p><p>�Der Schild ist f�r mich?�</p><p>Grimbert nickte seinem Neffen zu. �Nur du kannst es schaffen, den guten Runenzauber gegen den schlechten zu f�hren. Du bist ein Abk�mmling Wodans, Prinz von Xanten. Falls der G�ttervater sich in die Schlacht wirft, dann f�r dich!�</p><p>�Was sollte ihn dazu veranlassen?� fragte Otter zweifelnd.</p><p>�Der Runenzauber, mit dem ich den Stahl versehen werde.� Grimbert legte den Schild auf einen gro�en Holztisch. �Und nun an die Arbeit!�</p><p>Der Blasebalg pumpte, die Kohlen gl�hten, das Feuer knisterte. F�r Siegfried war es fast, als h�tte es die letzten Tage nicht gegeben. Als sei er noch immer der J�ngling in Reinholds Schmiede, der seiner Schwertleite entgegenfieberte. Wie unwichtig dieses Ereignis doch geworden war! Dabei hatte Siegfried es lange Zeit f�r den bedeutendsten Tag in seinem Leben gehalten. Aber jetzt ging es um so viel mehr. Er mu�te f�r die Menschen k�mpfen, die ihm am Herzen lagen.</p><p>Wieland verga� seine M�digkeit. Wenn die Kr�fte der M�nner doch zu erlahmen drohten, heiterte Otter alle durch seine Scherze auf. Vergessen war das Blut, das an seinen H�nden geklebt hatte.</p><p>Grimbert gab seine Anweisungen und wirkte erst zufrieden, als der harte Stahl geformt und von ihm mit drei Runen versehen war. Zwei davon erkannte Siegfried: Fehu und Uruz, die auch das Runenschwert schm�ckten. Die dritte f�hrte in schlangen�hnlichen Windungen zwischen ihnen hindurch.</p><p>�Das ist Sowilo, die Sonnenrune�, erl�uterte Grimbert. �Sie verk�rpert die Kraft der Sonne, die den Sieg bringen soll. Und sie ist die Rune Balders. Wenn Wodan den Mord an seinem Sohn noch nicht vergessen hat, wird er dem Tr�ger dieses Schildes, dem Nachkommen der Wodanssippe, gegen Lokis Verb�ndeten beistehen!�</p><p>�Dann ist der Schild fertig?� fragte Siegfried.</p><p>�Nein, erst morgen. In dieser Nacht mu� ich ihn den G�ttern weihen.�</p><p>Niemand fragte, was er damit meinte. Alle waren zum Umfallen m�de. Sie sanken auf einige Heuballen in der Schmiede und fielen in einen tiefen Schlaf, w�hrend ein einsamer Grimbert mit dem Runenschild von der Burg fortritt und in den finsteren Nachtwald eintauchte.</p><p>Siegfried tr�umte schlecht in dieser Nacht. Sieglind und Amke erschienen im Traum. Sie waren nicht mehr in Xanten, sondern in einem d�steren unterirdischen Labyrinth gefangen - im Reich der Toteng�ttin.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Grimbert kehrte am Morgen nicht allein zur�ck. In seiner Begleitung waren drei Reiter, die er unterwegs getroffen hatten. Boten, die schlechte Kunde brachten. Dieser Tag sollte die Entscheidungsschlacht zwischen Friesen und Niederl�ndern sehen. Reinhold zog mit einem gro�en Heer gen Norden, um sich K�nig Hariolf zu stellen. Aus allen Richtungen str�mten dem niederl�ndischen Kriegsherrn Waffenf�hige zu. Sie glaubten, f�r ihr Land und f�r ihre K�nigin zu k�mpfen, nicht f�r einen b�sen Gott. Wie konnten sie die Wahrheit auch ahnen, befand sich doch die im ganzen Reich beliebte K�nigin bei ihrem Heer! Ja, Reinhold schien mit seinen d�steren Pl�nen ernst zu machen. Er hatte die K�nigin und Amke mitgenommen. Amke sollte sein Faustpfand sein, f�r den Fall, da� die Friesen die Oberhand gewannen.</p><p>�Wenn K�nig Hariolf nicht nachgibt, wird seine Tochter sterben�, verk�ndete einer der Boten.</p><p>�Und meine Mutter?� fragte Siegfried. �Weshalb hat Reinhold sie mitgenommen?�</p><p>�Sollte Reinholds Heer in Bedr�ngnis geraten, wird er es durch ein Ereignis anstacheln, das keinen Niederl�nder kaltl��t.�</p><p>�Durch den Tod der K�nigin�, fl�sterte Siegfried, erschrocken �ber diesen Gedanken, der aber der Wahrheit sehr nahekam.</p><p>Grimbert nickte. �Man wird meine Schwester von einem friesischen Pfeil oder einem friesischen Speer durchbohrt finden. Und niemand wird danach fragen, ob die t�dliche Waffe von niederl�ndischer Hand gef�hrt wurde.�</p><p>Siegfried sah den Oheim hilfesuchend an. �Was k�nnen wir tun?�</p><p>�Wir reiten sofort!� entschied Grimbert.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Am fr�hen Nachmittag kehrten die Sp�her, die K�nig Hariolf ausgesandt hatte, mit alarmierenden Nachrichten zur�ck: Die Niederl�nder waren ihnen entgegengezogen und erwarteten sie am Rand einer gro�en Schlucht.</p><p>�Endlich�, sagte der K�nig. �Ich habe lange auf diesen Augenblick gewartet. Wei� man, wer sie anf�hrt?�</p><p>Die Sp�her berichteten, sie h�tten Reinhold von Glanders Wappen gesehen.</p><p>�Graf Reinhold selbst, der Verr�ter und M�dchenr�uber. Besser h�tte es nicht kommen k�nnen.� Er wandte sich an den Recken, der an seiner Seite ritt. �Meint Ihr nicht auch, Markgraf?�</p><p>Onno nickte, wenn auch z�gernd. �Wenn wir Reinhold t�ten oder fangen k�nnen, ist dem niederl�ndischen Kampfesmut die treibende Kraft genommen. Aber wir sollten Reinhold von Glander nicht untersch�tzen und uns vor allem nicht zu sinnloser W�terei anstacheln lassen.�</p><p>W�hrend der verunstaltete Markgraf sprach, hatte sich Hariolfs Gesicht mehr und mehr verfinstert. Er hatte von seinem treuesten Gefolgsmann weniger Bedenken und gr��eren Kampfgeist erwartet. Doch der K�nig kam nicht mehr dazu, eine geharnischte Erwiderung anzubringen. Eine lange Reihe von Hornsignalen ert�nte �ber dem Tal.</p><p>Hariolf lauschte ihnen und sagte aufgeregt: �H�rt nur, Onno, h�rt! Die Niederl�nder greifen an! Reinhold kennt nicht solch zahlreiche Bedenken wie Ihr. Die Ritter sollen antraben, die Lanzentr�ger sich zum Eingreifen bereithalten, die Sch�tzen Stellung beziehen! Befehl an die Hornisten: Gebt das Signal zum Gegenangriff!�</p><p>Des K�nigs berittene Boten stoben davon, um seine Befehle an die Truppenf�hrer zu �bermitteln. Friesische Hornsignale erklangen.</p><p>Dann ritten die Friesen an. Tausende Hufe lie�en das Tal erzittern, �ber dem sich eine dunkle Wolkenfront zusammenbraute. An der Spitze ritten Hariolf und Onno unter dem K�nigsbanner, dem springenden schwarzen Wolf im roten Feld.</p><p>Auch von der S�dseite dr�ngten die Ritter ins Tal. �ber ihnen wehte der Xantener Falke. Schneller und schneller wurden die Pferde.</p><p>Als die vordersten Reihen aufeinandertrafen, grollte Donner zwischen den Kampfl�rm, Blitze zuckten zur Erde nieder und schwerer Regen fiel. Das Wasser weichte den Boden auf. Die Pferde gerieten ins Rutschen. Reiter st�rzten und kamen in ihren schweren R�stungen nur schwer wieder auf die Beine. Wenn sie es schafften und nicht vorher vom Feind get�tet wurden, k�mpften sie als Fu�soldaten weiter.</p><p>�ber eine Stunde traf Stahl auf Stahl und vermengte sich Blut mit dem st�rzenden Regen, ohne da� sich eine Entscheidung abzeichnete. Doch in der zweiten Stunde schienen die Niederl�nder allm�hlich die Oberhand zu gewinnen.</p><p>Graf Reinhold verstand es, seine M�nner mitzurei�en. Er focht stets im ersten Treffen und schwang sein Schwert wie von Sinnen. Mehrmals st�rzte das Pferd unter ihm. Sofort sprang ein Ritter an seiner Seite aus dem Sattel und half Reinhold hinein. Und der Graf von Glander focht weiter, schlug immer gr��ere L�cken in die Reihen der Friesen.</p><p>Hariolf und Onno beobachteten den Verlauf der Schlacht. �ber dem Get�se des Kampfes rief der K�nig seinem Markgraf zu: �Wir m�ssen Reinhold t�ten, sonst ist die Schlacht verloren!�</p><p>Onno nickte und ri� auch schon seinen Rotfuchs herum. Er br�llte seinen Recken den Befehl zu, ihm und ihrem K�nig zu folgen, auf Gedeih und Verderb. Mit aller Gewalt schlugen sie sich durch die feindlichen Haufen und kamen Reinhold von Glander n�her und n�her.</p><p>Hariolf trieb seinen Rappen noch st�rker an, als er Reinhold inmitten der Schlacht ausmachte. Doch dann z�gerte er. Von Osten sprengte ein Reitertrupp heran, um in die Schlacht einzugreifen. Es waren nicht viele Recken, keine f�nfzig, aber ihre Gesichter waren wild entschlossen.</p><p>Onno kniff die Augen zusammen und rief dann �berrascht: �Der H�ne an ihrer Spitze ist Siegfried von Xanten!�</p><p>�Siegfried, der M�rder Harkos?� Hariolf war zutiefst �berrascht. �Es hie� doch, er sei verschwunden. War es eine Kriegslist?�</p><p>�So sieht es aus�, brummte Onno nerv�s.</p><p>Die Friesen fanden keine Zeit mehr, sich um Siegfried zu k�mmern. Reinhold griff mit seinem Haufen an und verwickelte Hariolfs Krieger in ein erbittertes Gefecht. Immer n�her kamen sich der Friesenk�nig und der niederl�ndische Kriegsherr.</p><p>�Das Schwert!� stie� Onno hervor, nachdem er einen gegnerischen Ritter aus dem Sattel geschlagen hatte. �Reinholds Schwert!�</p><p>�Was ist mit dem Schwert?� fragte Hariolf und hielt sein unruhiges Tier nur mit M�he an Onnos Seite.</p><p>�Ich h�tte es schon damals auf der Lichtung bemerken m�ssen, als ich Harkos Leiche fand. Reinhold f�hrt das Schwert, mit dem Siegfried Harko erschlug. Es ist K�nig Siegmunds unbesiegbare Waffe.�</p><p>�Das Runenschwert?�</p><p>Onno nickte.</p><p>�Die G�tter sind gegen uns�, fl�sterte Hariolf betroffen. �Wir werden in diesem Tal untergehen.�</p><p>�Auch G�tter sind nicht unfehlbar!� knurrte der Markgraf und trieb seinem Hengst die Sporen in die Flanken. Der Rotfuchs sprang vor, geradewegs auf Reinhold zu. �F�r den Wolf von Friesland!� br�llte Onno und schwang sein Schwert gegen den Kriegsherrn der Niederlande.</p><p>Funken stoben davon, als Onnos Klinge auf Reinholds Schild traf. Der Niederl�nder wankte im Sattel. Onno holte zum vernichtenden Schlag aus. Doch Reinhold schleuderte seinen Schild und zwang Onno, sich zu ducken. Als sich der Markgraf wieder im Sattel aufrichtete, fuhr Reinholds Klinge auf ihn herab. Das Runenschwert spaltete Helm und Kopf.</p><p>Der tote Onno st�rzte in den Schlamm, unter die Hufe der Pferde.</p><p>Hariolf verfolgte Onnos Untergang mit Schrecken, doch dann siegte seine Wut, als Reinhold auf ihn zuhielt.</p><p>�Komm nur, Verr�ter!� br�llte der Friesenk�nig und hob sein Schwert.</p><p>Reinhold preschte heran. Sein Pferd setzte �ber gefallene Menschen und Tiere hinweg. Seine Augen waren starr auf Hariolf gerichtet. Des K�nigs Rappe t�nzelte unruhig; er schien die drohende Gefahr zu sp�ren. Hariolf zwang ihn mit eiserner Hand, auf dem Fleck zu stehen, bis Reinhold fast herangest�rmt war. Erst dann lie� er den Rappen springen, ri� ihn herum und brachte sich auf geschickte Weise in Reinholds R�cken.</p><p>Schon fuhr Hariolfs Waffe auf den Feind nieder, der keinen Schild mehr hatte, den Schlag abzuwehren.</p><p>Reinhold lie� sich aus dem Sattel fallen, und Hariolfs Klinge durchschnitt pfeifend die Luft. Der Graf von Glander kam blitzschnell wieder auf die Beine und stie� seine Klinge in die Flanke von Hariolfs Rappen. Das Pferd sank nach vorn und schleuderte den Reiter in den Schlamm. Der Friese w�lzte sich herum - dann sah er das Runenschwert, das auf seinen Kopf zuflog...</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>Der Regen peitschte gegen das gro�e Zelt, das in einem kleinen Seitental stand, bewacht von ausgesuchten M�nnern, Kriegern, denen Reinhold unbedingtes Vertrauen schenkte. Sie gingen f�r den Grafen von Glander durchs Feuer und stellten sich f�r ihn sogar gegen die K�nigin. Starr wie Felsen standen sie im dichten Regen, rund um das Zelt verteilt, und bewachten die wichtigen Gefangenen. Und sie erkannten nicht, wie nahe sie dem Verderben waren.</p><p>Der Feind lauerte in den dichten Regenschwaden. In diesem engen Tal bildeten sich Windb�en und trieben den Regen vor sich her. Doch die Gestalten, die heranschlichen, wu�ten sich die schlechte Witterung zunutze zu machen.</p><p>Die ersten W�chter starben lautlos. Als schlie�lich ein Wachtposten einen Warnruf aussto�en konnte, war es schon zu sp�t. Die Angreifer hatten bereits die Oberhand gewonnen. Ihre Klingen fuhren in das Fleisch von Reinholds M�nnern.</p><p>Nur einer benutzte keine geschmiedete Waffe, sondern seine Z�hne. Otter war froh, da� ihn niemand sah, wie er voller Lust die Kehlen der M�nner durchbi�. Er h�tte sich vor anderen gesch�mt, wie er sich vor sich selbst sch�mte. Aber er konnte nicht gegen seine Natur versto�en. Als alle Feinde get�tet waren, hob er das blutverschmierte Gesicht in den Himmel und wartete geduldig, bis der Regen ihm das Blut abwusch. Er sah Grimberts gro�e Gestalt, die am Zelteingang den letzten Wachtposten niederrang. Dann lief der graub�rtige Recke ins Zelt. Otter folgte ihm, befriedigt und von sich selbst angeekelt zugleich.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p>�M�gen die G�tter mit mir sein!� schrie Siegfried, als er sein Pferd gegen Reinhold lenkte. Er wu�te, da� es um winzige Augenblicke ging, wollte er Hariolf noch vor der vernichtenden Kraft des Runenschwertes retten.</p><p>Eine Menge Recken waren an Siegfrieds Seite gefallen, als sie sich durch das Heer der Niederl�nder k�mpften. Auch durch friesische Klingen, deren Besitzer nicht glauben mochten, da� der Prinz von Xanten auf ihrer Seite focht. Von den �ber vierzig Recken, die Grimbert ihm an die Seite gestellt hatte, sa�en nur noch die H�lfte in den S�tteln. Grimbert selbst war mit einem Trupp, zu dem auch Otter und Wieland geh�rten, aufgebrochen, um Sieglind und Amke zu befreien.</p><p>Siegfried gab seinem Pferd verzweifelt die Sporen. Der Braune sprang zwischen Reinhold und Hariolf. Die magische Klinge traf das Pferd an der Kruppe. Der Braune jaulte vor Schmerz auf und sackte auf die Hinterl�ufe. Siegfried sprang aus dem Sattel und stellte sich seinem Kontrahenten.</p><p>�Du?� Reinholds Gesicht verd�sterte sich. Siegfried konnte sich nicht erinnern, seinen Zuchtmeister einmal so verbl�fft gesehen zu haben.</p><p>�Ja, Verr�ter.�</p><p>�Wirf die Waffen weg!� schrie Reinhold. �Dann verschone ich dich. Wir k�nnten Seite an Seite regieren.�</p><p>�Warum, wenn Ihr allein die Macht haben k�nnt?�</p><p>�Der Name des Xantener K�nigshauses hat einen guten Klang. Viele w�rden Euch blind folgen, <emphasis>K�nig </emphasis>Siegfried.�</p><p>�Ihr wolltet mich nur benutzen!� erkannte Siegfried, und als Reinhold nichts erwiderte, fragte er: �Warum das alles? Bedeutet Euch der Feuergott so viel?�</p><p>�Meine Vorfahren stammen von ihm ab, so wie die deinen Wodan ihren Ahnherrn nennen.�</p><p>W�hrend er noch sprach, griff Reinhold an. In einer hastigen Bewegung ri� Siegfried sein Schwert hoch, um Reinholds Attacke abzuwehren. Siegfrieds Klinge war aus gutem Stahl, doch das Runenschwert zerbrach sie.</p><p>�Ein Hieb f�r dein Schwert, der zweite f�r dein Leben!� schrie Reinhold und schwang das Runenschwert.</p><p>�Rune gegen Rune, und Gott gegen Gott!� stie� Siegfried hervor und hob mit beiden H�nden den rautenf�rmigen Schild.</p><p>Er sp�rte eine ungeheure Kraft, die aus dem Runenschild str�mte und ihn erfa�te. Die Wucht von Reinholds Schlag zwang Siegfried in die Knie. Aber sein Schild - der Runenschild - hielt stand.</p><p>Reinhold stie� einen wilden Schrei aus; ein Laut des Unglaubens und des Zorns, als er auf sein Schwert starrte. - Das Runenschwert war wieder in zwei H�lften geteilt!</p><p>�Der Zauber ist gebrochen.� Siegfried erhob sich und starrte Reinhold an. �Ich rief ihn, und ich bannte ihn - mit der Hilfe Wodans!�</p><p>�Die Runen!� Reinhold hielt seinen Blick auf den Schild gerichtet. �Das ist Grimberts Werk!�</p><p>�Allerdings�, schnaufte Siegfried. Er sprang vor und schlug seinen Schild gegen Reinholds Sch�del.</p><p>Der Graf sank zu Boden, und Siegfried warf sich auf ihn. Vielleicht hatte der Prinz die gr��ere Kraft; vielleicht war es die Wut, die ihn au�er sich geraten lie�. Er sa� schlie�lich rittlings auf Reinhold, und seine F�uste schlugen das Leben aus dem Verr�ter heraus.</p><p>Bis ein Schatten auf Siegfried fiel und ihn von dem Gegner ri�. Kr�ftige, scharfe Klauen hielten ihn gepackt. Ein spitzer Schnabel hackte, bohrte sich schmerzhaft in sein Fleisch.</p><p>Der rote Falke war zur�ckgekehrt!</p><p><emphasis>Gib auf, Siegfried von Xanten! </emphasis>dr�hnte die unheimliche Stimme in seinem Kopf. <emphasis>Du kannst nicht gegen den Feuergott bestehen. Kein Mensch kann das!</emphasis></p><p>�Kein Mensch, aber ein Gott�, st�hnte Siegfried. �Wodan!�</p><p>Er schaffte es, seinen Dolch zu ziehen und in den Falken zu rammen. Mit kr�ftigen Fl�gelschl�gen flatterte das Tier auf, die Klinge steckte noch in seinem Leib. Der Falke sch�ttelte sich in der Luft, und die Waffe fiel zu Boden.</p><p>Siegfried warf sich herum, als der Falke erneut angriff. Das Tier rauschte dicht �ber ihn hinweg. Die scharfen Krallen verfehlten ihn nur knapp. Der Xantener kroch zu seinem Dolch und hob ihn auf, doch da kehrte der Falke schon zur�ck. Er stie� einen gellenden, durchdringenden Schrei aus. Siegfried hatte es f�r einen Angriffsruf gehalten. Aber es war der Todesschrei. Der gro�e Vogel st�rzte zu Boden. In seiner Kehle steckte der Bolzen einer Armbrust.</p><p>Siegfried blieb keine Zeit aufzuatmen. Reinhold hatte sich erholt und griff wieder an. Er schwang eine Kette mit einer spitzenstarrenden Eisenkugel �ber seinem Haupt. Ein Morgenstern! Siegfried konnte sich durch einen Sprung vor dem ersten Schlag in Sicherheit bringen. Doch der Graf setzte ihm nach und schwang die f�rchterliche Waffe erneut. Der Prinz von Xanten fa�te den Dolch an der Spitze und warf ihn, wie Reinhold es ihm beigebracht hatte. Die Klinge fuhr durch das rechte Auge des Angreifers. Reinhold fiel auf die Knie und lie� den schweren Holzgriff des Morgensterns los. Das Leben verlie� ihn.</p><p>�Mich hast du get�tet, Siegfried�, r�chelte er. �Aber die Macht des Feuergottes wirst du nicht brechen. Der Krieg wird weitergehen. Friesen und Niederl�nder werden sich abschlachten, wie es bald alle Christenhunde tun werden...� Seine Stimme wurde schw�cher.</p><p>�Nein!� sagte jemand dicht hinter Siegfried. �Wir werden nicht l�nger gegeneinander k�mpfen, nicht jetzt, wo ich die Wahrheit kenne!�</p><p>Es war K�nig Hariolf.</p><p>Neben ihm erschien ein Reiter mit einer abgeschossenen Armbrust in der Hand: Grimbert.</p><p>Reinhold sank leblos herab. Sein Kopf fiel in den Schlamm. Noch im Tod wirkte er wie ein grausamer ein�ugiger R�cher.</p><p>Erst jetzt bemerkte Siegfried, da� der Kampfl�rm abgeebbt war. Nur der Regen trommelte unabl�ssig auf den mit Wasser und Blut getr�nkten Boden.</p><p>�Es ist vorbei�, sagte Grimbert. �Wir haben K�nigin Sieglind und Prinzessin Amke befreit. Niederl�nder und Friesen k�mpfen nicht mehr.�</p><empty-line/></section><section><title><p><image l:href="#1"/></p><p><strong>Epilog</strong></p></title><empty-line/><p>Die Wolken hatten sich schon seit Tagen verzogen, und der Rhein funkelte im Sonnenlicht. Siegfrieds Blick glitt �ber das silberblaue Wasser und �ber die gr�nen W�lder an den Ufern. Hier waren sie vollkommen allein. Kein Schiff in der N�he, kein Fischer, kein F�hrmann und kein Fl��er. Nur die kleinen Boote mit Siegfried und Grimbert.</p><p>Nach den �berstandenen Gefahren, dem Tod Reinholds und dem wiederhergestellten Frieden h�tte sich Siegfried erleichtert f�hlen m�ssen. Doch dem war nicht so.</p><p>Frieden herrschte zwar zwischen den beiden K�nigreichen, aber keine Freundschaft. K�nig Hariolf hatte erkl�rt, keinen Krieg zu f�hren gegen den Mann, der ihm das Leben gerettet hatte, aber der Friese mochte auch keine Freundschaft schlie�en mit dem M�rder seines Sohnes. L�ngst waren die Friesen in ihr Land heimgekehrt. Und mit ihnen Amke. Obwohl sie es einander nicht gestanden hatten, war der Abschied f�r Amke wie f�r Siegfried schmerzvoll gewesen. Beide hatten gewu�t, da� es f�r sie keine gemeinsame Zukunft gab. Wozu es noch durch Worte erschweren? Die Blicke gen�gten. Nie w�rde Siegfried Amkes Augen vergessen.</p><p>Siegfried richtete sich im Boot auf und wickelte das Tuch auseinander. Lange blickte er auf das zerbrochene Schwert. Dann packte er den goldenen Griff. Er sp�rte nichts mehr von der unheimlichen Kraft.</p><p>Grimbert hatte die Runen ver�ndert und ihnen den Zauber genommen. Aber das hatte Siegfried nicht gen�gt.</p><p>�Ich danke dir, Wodan�, fl�sterte er und schleuderte das halbe Schwert im weiten Bogen aus dem Boot.</p><p>Der Rhein verschluckte es. Hier war der Flu� sehr tief. Er w�rde das Schwert nie wieder hergeben.</p><p>Die zweite Schwerth�lfte verschwand ebenfalls im Wasser. Siegfried starrte lange auf den Flu�, bevor er sich wieder setzte.</p><p>Er hatte nicht nur das Schwert im Flu� versenkt; er wollte auch die Erinnerung an den Mann ausl�schen, den er einmal f�r seinen Freund gehalten und der ihn so sehr get�uscht hatte. Es gab keinen Reinhold von Glander mehr. Der Verlust des v�terlichen Freundes mochte schmerzen, doch das Wissen, die Welt von dem r�cksichtslosen, grausamen Diener Lokis befreit zu haben, wog den Schmerz mehr als auf.</p><p>Grimbert legte eine Hand auf Siegfrieds Schulter. �Ich bin stolz auf dich, Siegfried, und dein Vater Siegmund w�re es auch. Du hast gehandelt wie ein K�nig - wie ein Mann.�</p><p>�Noch bin ich keiner.� Siegfried l�chelte ein wenig verloren. �Meine Schwertleite wurde durch einen unerwarteten Krieg verhindert.�</p><p>�Sie wird bald nachgeholt, und dann wirst du ein neues Schwert an deiner Seite tragen!�</p><p>�Ich wei� nicht, ob ich mir das w�nschen soll.�</p><p>�Aber ein Mann braucht ein gutes Schwert!�</p><p>�Ist jemand, der das braucht, wirklich ein Mann?� fragte Siegfried.</p><p>Grimbert musterte ihn eingehend. �Du erstaunst mich, Junge. Manch einer ben�tigt ein ganzes langes Leben, um solche Gedanken zu fassen. Hast du noch mehr kluge Erkenntnisse?�</p><p>�Ja�, sagte Siegfried und l�chelte pl�tzlich. �Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, da� wir endlich rudern sollten. Nach Hause, nach Xanten!�</p></section><section><title><p><emphasis>Chronologie</emphasis></p></title><p><strong>Die Nibelungen </strong></p><empty-line/><p>Die gro�e Saga �Die Nibelungen� ist keine Nacherz�hlung des weltber�hmten Nibelungenliedes. Jeder Roman erz�hlt eine neue, aufregende Geschichte um einen Helden des Epos. Gleichwohl lassen sich die Romane in die Chronologie des Liedes einordnen.</p><empty-line/><subtitle><image l:href="#2"/></subtitle><empty-line/><p><emphasis>Chronologie</emphasis></p><p><image l:href="#2"/><strong>Die Flammenfrau </strong></p><p><image l:href="#2"/><strong>Der Rabengott</strong></p><p><image l:href="#2"/> Hagen kommt nach Worms und beginnt seinen Aufstieg zum Berater.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Runenschwert</strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried t�tet Nibelung und Schilbung. Er stiehlt Alberich die Tarnkappe.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Der Feuerstern</strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried erschl�gt den Drachen.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Drachenlied</strong></p><p><image l:href="#2"/> K�nig Dankrat von Burgund stirbt. Gunther besteigt den Thron.</p><p><image l:href="#2"/><strong>Das Nachtvolk </strong></p><p><image l:href="#2"/> Siegfried kommt nach Worms.</p><p><image l:href="#2"/> Die Helden reisen nach Island und k�mpfen um Brunhilds Hand.</p><p><image l:href="#2"/> Siegfried heiratet Kriemhild, Gunther verm�hlt sich mit Brunhild.</p><p><image l:href="#2"/> Hagen t�tet Siegfried und versenkt den Nibelungenhort im Rhein.</p><p><image l:href="#2"/> Kriemhild heiratet den Hunnenk�nig Etzel.</p><p><image l:href="#2"/> Die Burgunden folgen Kriemhilds Einladung zur Hunnenburg.</p><p><image l:href="#2"/> Kriemhild l��t die Burgunden von den Hunnen ermorden.</p></section></body><binary id="cover" 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